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Richmonds Vater wurde auf tragische Weise ermordet, als er 8 Jahre alt war. Danach wuchs er in einem der schlimmsten Armenviertel Ugandas auf und kämpfte jeden Tag ums Überleben. Heute ist er Pastor und Leiter einer Organisation, die tausende Pastoren in Ostafrika ausbildet.
Richmond, welchen Traum verfolgst du?
Mein Traum für mein Land ist, dass es sich in eine Nation mit guten Führungskräften verwandelt. Menschen, die Entscheidungen zum Wohle des Volkes treffen. Aber auch Menschen, die Gott fürchten und das Gute lieben.
Mein Traum für die Kirche ist, dass jeder Pastor und jede Pastorin in meinem Land eine theologische Ausbildung erhält, was heute noch lange nicht der Fall ist.
Mein Traum für meinen Stadtteil Kireka ist, dass er sich von einem Ort der Verzweiflung und absoluter Armut zu einem Beispiel für andere Stadtteile und Dörfer in meinem Land verwandelt.
Mein persönlicher Traum ist, dass ich durch Gottes Gnade weiterhin mein Leben dem Dienst an Gott widmen und einen Beitrag für die Zukunft meines Landes leisten kann.
Mein Traum für mein Patenkind Benjamin in Tansania ist, dass er zu einem integren Erwachsenen heranwächst, der Jesus nachfolgt und ohne Einschränkungen seine Träume leben kann. Wenn es sein Traum ist, eine Führungsperson zu werden, soll er das werden können. Wenn er davon träumt, ein Familienvater und Landwirt zu werden, soll er das werden können. Mir ist es wichtig, dass er alles hat, was er braucht, um das zu werden, was er werden möchte.
Dein Leben hat gut angefangen. Nach der Ermordung deines Vaters bist du in die Armut gerutscht. Später hat dein Leben durch die Patenschaft wieder eine Wendung genommen. Wärst du ein anderer Mensch ohne diese beiden Lebensabschnitte?
Ja, ich wäre eindeutig ein anderer Mensch. Aber Leiden hilft dir, eine aussergewöhnliche Stärke zu entwickeln. Leiden sagt dir, was im Leben wichtig ist. Es reinigt dich von Ablenkungen. Es reinigt die Person, wie Gold durch Feuer.
Wenn wir die richtige Brille aufsetzen, um das Elend zu sehen, können wir neue Gaben in uns entdecken. Wenn nicht, wird uns das Leid zerstören. Deshalb sind Mentoring, Ermutigung und Training so wichtig; sie verändern unsere Perspektive. Wenn dir niemand sagt, dass du es schaffen kannst, können Armut und Leid dich umbringen.
Was hat in deinem Leben konkret einen Unterschied bewirkt?
Ich bin sehr dankbar, dass ich einen geistlichen Vater, einen Mentor, hatte. Peter nannte mich seinen Sohn und behandelte mich auch so. Immer wenn ich entmutigt wurde, sprach er mir neuen Mut zu.
Ich weiss, dass ich Glück hatte. Es gibt einige Kinder in Armut, auch Patenkinder, die diese Stimme der Ermutigung nicht hören und sich der Armut ergeben. Der Schmerz und das Leid sind manchmal einfach zu gross.
Ich fühle mich privilegiert. Ich besuche heute noch regelmässig die Kinderzentren von Compassion, um die Kinder zu ermutigen und ihnen zu sagen, dass sie durchhalten sollen.
Was mich betrifft, so wäre ich nicht hier, wenn Compassion nicht in mein Leben gekommen wäre. Viele Freunde haben es nicht geschafft. Daniel, mein Freund aus Kindertagen, war intelligent. Seine Eltern starben. Und er hatte keine Paten.
Er schlief oft unter einer Brücke und eines Nachts wurde er dort nach einem Sturm vom angestiegenen Fluss mitgerissen und starb.
Was hast du durch die Patenschaft gelernt?
Eine einzelne Entscheidung kann das Leben eines Kindes verändern. Eine Patenschaft hat mein Leben verändert. Es braucht nicht viel, um das Leben eines Kindes zu verändern. Einem Kind zu ermöglichen, seine Kindheit zu erleben, ist leicht zu erreichen.
Natürlich ist es eine Entscheidung, die man treffen muss. Die Mitarbeitenden in den Kinderzentren sind wirklich bewundernswert. Selbst an ihren freien Tagen suchen viele die Patenkinder auf und ermutigen sie und ihre Familien. Sie verdienen meine Hochachtung.
Compassion kämpft gegen extreme Armut durch Kinderpatenschaften. Ist das ein wirkungsvoller Weg?
Davon bin ich aus drei Gründen überzeugt. Der erste ist, dass ich selbst ein Beweis für die Effektivität von Patenschaften bin. Der zweite ist, dass Patenschaften erfolgreich sind, weil sie langfristig und beständig sind. Sie begleiten ein Kind über lange Zeit, damit es sein Potential entwickeln kann. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass NGOs, die mit kurzfristigen Projekten arbeiten, dazu neigen, die Armut nur noch schlimmer zu machen. Wenn du einem Kind im Alter von 6 bis 12 Jahren hilfst und dich dann aus seinem Leben zurückziehst, ist das Risiko eines Schulabbruchs sehr hoch. Compassion setzt sich dafür ein, dem Kind eine schulische und berufliche Ausbildung zu ermöglichen und es ganzheitlich zu unterstützen. Der dritte ist, dass wir nebst der individuellen Begleitung und Förderung auch Strukturen im Umfeld der Kinder schaffen, durch die sie geschützt werden können. Und da die Unterstützung langfristig erfolgt, kann auch die Infrastruktur gut weiterentwickelt und gepflegt werden.
Compassion arbeitet ausschliesslich mit lokalen Kirchen zusammen. Welche Vorteile bringt diese Zusammenarbeit?
Die Kirche ist in der Gesellschaft präsent. Die Leute kennen die Pastoren. Und diese kennen das soziale Gefüge, die Menschen, die Familien und die lokale Kultur. Armut ist kompliziert. Man muss Armut auf lokaler Ebene verstehen.
Die meisten NGOs verstehen ihr Engagement als Arbeit. Die Kirchen sehen ihre Partnerschaft mit Compassion als eine gemeinsame Mission. In einem oft korrupten Kontext bleibt die Kirche auch eine ehrlichere und zuverlässigere Partnerin als andere Organisationen.
Glaubst du, dass es möglich ist, extreme Armut zu beenden?
In meinem Armenviertel lebten 19‘000 Familien von weniger als einem Dollar pro Tag. Malaria war ein ständiges Risiko. So bin ich aufgewachsen. Einige Jahre später haben wir begonnen, die Strassen zu reinigen, die Bevölkerung in guten Hygienepraktiken zu schulen und in Sexualprävention zu unterrichten. Wir haben Infrastruktur gebaut.
Jetzt gerade im Mai haben wir den Abschluss von 21 ehemaligen Prostituierten als Köchinnen und Coiffeusen gefeiert.
Ja, es ist möglich, die Armut zu überwinden. Als ehemaliges Patenkind ist dies ein Engagement, das mir besonders am Herzen liegt.
Aber ist das möglich, ohne von Hilfeleistungen abhängig zu werden?
Die Gefahr, in Abhängigkeit zu geraten, besteht bei kurzfristiger Entwicklungshilfe. Sie befähigt weder den Einzelnen noch die Bevölkerung. Wenn ich aber in wirtschaftlichen, sozialen, ingenieurtechnischen Fähigkeiten etc. geschult werde, dann wachse ich so in die Unabhängigkeit.
Du hast im Mai zwei Wochen lang Vorträge in der Schweiz gehalten. Was hast du beobachtet und was möchtest du den Schweizerinnen und Schweizern sagen?
Ich habe gesehen, dass euer Land gesegnet ist. Und ich möchte euch sagen, dass ihr zählen sollt, wieviel Gott euch segnet: benennt eins nach dem anderen.
Ausserdem möchte ich euch daran erinnern, dass es schon lange nicht mehr eine so kritische Zeit gab wie heute, wenn wir über Kinder sprechen, die in Armut leben. Die Pandemie hat die Ärmsten noch weiter geschwächt. Viele Menschen in der Schweiz können ein Kind mit einer Patenschaft unterstützen. Wenn es dir möglich ist, dann entscheide dich noch heute dazu. Morgen kann es für viele Kinder zu spät sein.
Interview von Christian Willi