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Zur Bestimmung der privaten Bildungsrendite wird üblicherweise gemessen, wie sich ein Jahr zusätzliche Ausbildung auf den späteren Lohn auswirkt.[1] Weil jedoch viele Studierende ihre Ausbildung nicht im vorgesehenen Zeitraum abschliessen und gewisse Diplome («Credentials») keine einheitlichen Renditen aufweisen, können Berechnungen aufgrund der Anzahl Ausbildungsjahre irreführend sein. In den meisten Arbeiten wird die Rendite nach Ausbildungsstufe betrachtet.[2] Hingegen stellen nur wenige Studien die Frage, ob die Bildungsrenditen innerhalb einer Stufe variieren, d. h. von Person zu Person verschieden sind.
Uneinheitliche Renditen der universitären Ausbildung
Anerkannte Arbeiten aus dem Bereich der Bildungsökonomie kommen zum Schluss: Bei der Entscheidung für oder gegen den Besuch einer nächsthöheren Ausbildungsstufe ist der danach zu erwartende Lohn massgebend.[3] Einen Einfluss auf den Lohn haben aber auch Faktoren wie die angeborenen Fähigkeiten und die Situation der Eltern. Gemäss dem Prinzip der komparativen Vorteile wählen sogenannt privilegierte Personen (d. h. solche mit guten kognitiven Fähigkeiten oder Eltern mit hohem Bildungsniveau, finanziellem Wohlstand oder gesellschaftlichem Ansehen) die längsten Ausbildungen, die auf dem Arbeitsmarkt die höchsten Renditen einbringen.[4]
Gewisse Studien liessen jedoch Zweifel daran aufkommen, dass Bildungsentscheidungen aufgrund rationaler Kriterien getroffen werden. Betroffene entscheiden demnach nicht allein aufgrund finanzieller Kriterien, sondern auch aufgrund ihrer Kultur, ihres Umfelds oder anderer Gegebenheiten.[5] Ausserdem ist es auch möglich, dass Jugendliche aus weniger privilegierten Verhältnissen ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status verbessern wollen. Ein Universitätsabschluss ermöglicht es ihnen unter gewissen Umständen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt im Vergleich zu privilegierteren Personen, die auch ohne gleichwertige Ausbildung Zugang zu qualifizierten Stellen haben können, zu verbessern. Die bisherigen Arbeiten zu dieser Frage haben noch zu keinem Konsens geführt (siehe Kasten 1).
Ziele der Studie
Das Ziel der vorliegenden Studie besteht darin, die Rendite eines Universitätsabschlusses in der Schweiz zu schätzen. Dazu wurden die Studierenden in Gruppen eingeteilt, in Gruppen eingeteilt, die auf ihrer Neigung beruhen, mit der sie aufgrund ihrer familiären Herkunft eine Universitätsausbildung abschliessen. Personen mit Universitätsabschluss (Bachelor, Lizenziat oder Master) bilden die Experimentalgruppe, jene mit einer gymnasialen Maturität (die nicht mehr in Ausbildung sind) die Kontrollgruppe. Weshalb sich die Situation in der Schweiz besonders gut eignet, wird im Kasten 2 besprochen.
Das eigentliche Studienziel besteht darin, in Erfahrung zu bringen, ob der Erwerb eines Universitätsabschlusses die sozioökonomischen Ungleichheiten im Zusammenhang mit der familiären Herkunft verstärkt oder verringert. Die empirische Analyse soll somit den Zusammenhang aufzeigen zwischen Bildungsniveau, familiärer Herkunft und Lohn und es ermöglichen, geeignete wirtschaftspolitische Massnahmen zu treffen. Wenn nämlich die am wenigsten privilegierten Studierenden am meisten von einer Universitätsbildung profitieren, bedeutet dies, dass ein solcher Studienabschluss es ermöglicht, die sozioökonomische Kluft zwischen zwei Generationen zu verringern. Falls hingegen ein Universitätsabschluss für die privilegiertesten Studierenden die höchste Rendite abwirft, würde dies bedeuten, dass die akademische Bildung die Chancenungleichheiten verstärkt und ein einfacherer Zugang zu den Universitäten insgesamt nicht unbedingt zu Effizienzgewinnen führt.
Empirische Analyse
Die empirische Analyse basiert auf Daten des Schweizer Haushalt-Panels, einer seit 1999 jährlich durchgeführten Umfrage bei den Privathaushalten in der Schweiz. Diese Umfrage beinhaltet Variablen zu den sozioökonomischen Merkmalen und zur Nationalität der Befragten im Alter von 15 Jahren. So werden etwa Bildungsstand, wirtschaftliche Situation, sozialer Status oder Nationalität der Eltern aufgelistet. Weitere Daten betreffen den Arbeitsmarkt: Stellenwechsel im Vorjahr, Berufserfahrung in Jahren, Beschäftigungsgrad oder Lohn.
Der gewählte methodische Ansatz ist relativ intuitiv und eignet sich ideal, um die Rendite der Ausbildung in den verschiedenen Teilgruppen zu ermitteln. Die Methode der mehrstufigen Schichtung („stratification-multilevel method“) besteht darin, Schichten mit Personen basierend auf deren Neigung zu bilden, mit denen diese aufgrund ihrer Herkunft einen Universitätsabschluss erwerben („propensity score matching“). Mit diesen Schichten lassen sich Umfang und Trend der entsprechenden Bildungsrenditen messen.[6]
Eine logistische Regression zur Bestimmung der Studierneigung zeigt: Der gesellschaftliche Status der Eltern (nach der Prestige-Skala von Treiman) hat einen signifikanten Einfluss auf den Zugang zur Universität – sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Die Personen wurden, basierend auf Ihrer Studierneigung, in drei Schichten (sowie nach Geschlecht) gruppiert. Abbildungen 1 und 2 zeigen, dass die am wenigsten privilegierten Personen die höchsten Renditen erzielen und die Männer grössere Renditen erreichen als die Frauen.[7]
Abb. 1: Bildungsrendite und Wahrscheinlichkeit eines Universitätsabschlusses
Quelle: Perini / Die Volkswirtschaft
Nur bei einer einzigen Spezifikation – bei Männern mit Berücksichtigung der Variablen zum Arbeitsmarkt – resultiert eine signifikant negative Korrelation zwischen der Bildungsrendite und der Studierneigung (lineare Trendkurve).[8] Mit einem Universitätsabschluss verbessern sich somit die Verdienstmöglichkeiten für Männer aus bescheidenen Verhältnissen signifikant, und es resultiert eine jährliche Rendite von über 30%.[9] Bei den Frauen resultieren relativ homogene Werte über alle Schichten hinweg, kein Trendkoeffizient ist signifikant. Schliesslich ist anzumerken, dass die Originalstudie ergänzende Analysen beinhaltet, welche die Ergebnisse der Schichtungsmethode bestätigen.
Diskussion
Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass der Entscheid zugunsten einer universitären Ausbildung in der Schweiz nicht dem Prinzip der komparativen Vorteile folgt. Männer, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft eine starke Neigung haben, einen Universitätsabschluss zu erlangen, erzielen nämlich nicht die grössten Lohngewinne. Unter Berücksichtigung der Berufserfahrung ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn es gelingt, Personen aus weniger privilegierten Verhältnissen für eine akademische Berufslaufbahn zu motivieren, könnte dies somit nicht nur die sozioökonomischen Unterschiede zwischen den Generationen verringern, sondern auch die Effizienz der höheren Bildung in der Schweiz verbessern.
Somit sind Massnahmen zu fördern, die den Zugang zur Universität erleichtern. Die seit dem 1. März 2013 geltende Interkantonale Vereinbarung zur Harmonisierung von Ausbildungsbeiträgen ist ein vielversprechender Schritt in diese Richtung, da sie insbesondere darauf abzielt, Ungleichheiten beim Bildungszugang abzubauen. Gleichzeitig sollte die Chancengleichheit möglichst früh gefördert werden, beispielsweise auf Vorschulstufe. Zu begrüssen sind daher die kürzliche Einführung des Harmos-Konkordats (je nach Kanton obligatorischer Kindergarten ab 4 Jahren) sowie die Schaffung zahlreicher Betreuungsplätze für Kleinkinder. Von Interesse könnten auch Ansätze wie Bildungsgutscheine sein.
Grenzen der Studie
Die Ergebnisse der Studie sind mit Vorsicht zu interpretieren, da die Analyse gewisse ökonometrische Grenzen aufweist. Erstens berücksichtigt die gewählte Methode nur die beobachteten Variablen (Hypothese der bedingten Unabhängigkeit), nicht aber die nicht erhobenen Variablen, was in der Analyse zu gewissen Verzerrungen führen kann. Zweitens lässt sich aufgrund der verfügbaren Daten nicht im Detail bestimmen, welche Kriterien bei Ausbildungsentscheidungen eine Rolle spielen (Motivation für ein Studium, Unterstützung durch die Eltern usw.) und welche kognitiven Fähigkeiten die Studierenden mitbringen (Prüfungsergebnisse). Schliesslich beschränkt die relativ kleine Stichprobengrösse die Aussagekraft der empirischen Analyse.
Abgesehen von diesen methodologischen Problemen müssten künftige Forschungsarbeiten die Analyse ergänzen, indem sie das Augenmerk auf weitere Auswirkungen eines Studiums legen, beispielsweise dessen Einfluss auf den sozialen Status oder die Gesundheit. Ebenfalls interessant wäre eine Analyse, die zwischen verschiedenen Universitätsabschlüssen unterscheidet, z. B. Bachelor oder Master, oder andere Ausbildungen der Tertiärstufe einbezieht (Fachhochschulen oder höhere Berufsbildung).
- Die private Bildungsrendite bezieht sich auf den Lohn. Andere Aspekte sind die gesellschaftliche oder die steuerliche Rendite. Für weitere Einzelheiten zu diesem Thema siehe Weber und Wolter (2005).
- Psacharopoulos und Patrinos (2004), Wolter und Weber (2005).
- Becker (1964), Willis und Rosen (1979), Willis (1986), Card (1999, 2001).
- Carneiro, Heckman und Vytlacil (2003, 2007), Heckman, Urzua und Vytlacil (2006).
- Coleman (1988).
- Diese Methode berücksichtigt die Dimension der Längsstudie nicht. In der Stichprobe werden nur die aktuellsten Angaben zu einer Person verwendet.
- Die jährliche durchschnittliche Rendite ohne Schichtung beträgt 11,9% für die Männer und 6,2% für die Frauen mit durchschnittlich vier Jahren Studium.
- Die Korrelation ist nur signifikant, wenn bei den Lohnberechnungen die Berufserfahrung berücksichtigt wird.
- Siehe Halvorsen und Palmquist (1980) zur Interpretation der Koeffizienten der dichotomischen Variablen in einer semi-logarithmischen Gleichung.