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Der Begriff Politik geht auf die griechische Wurzel Polis zurück, also auf die Stadt, die sich erst später zum Stadtstaat entwickelte. Staaten ohne Städte sind historische Sonderfälle. Die Urschweiz war kein Staat, sondern ein Bündnis. Sehr häufig aber haben Stadtgründungen später zu Staatsgründungen geführt, ein Vorgang, der nur selten ohne Machtanwendung und Blutvergiessen verlief. Während die Stadt dem Geist der gemeinsamen Defensive und des wechselseitigen Tauschens entsprang, sind die entstehungsgeschichtlichen Wurzeln des Staates häufig weniger friedlich. Der österreichische Sozialökonom Franz Oppenheimer ging sogar so weit, den Staat, den er als das «politische Mittel» bezeichnete, als Resultat einer erfolgreichen und relativ dauerhaften Unterwerfung friedlicher Sesshafter durch kriegerische Eroberer zu deuten, als Sieg der Politik und der militärischen Macht über Ökonomie und Kultur. Regierungen sind aus dieser Sicht jene Organisationen, mit deren Hilfe eine ursprüngliche Minderheit über eine Mehrheit dauerhaft zu herrschen versucht. Jede Herrschaft wird so zur Fremdherrschaft. Dieses Geschichtsbild der Staatswerdung ist möglicherweise einseitig und übertrieben, aber realistischer als die Theorie vom Gesellschaftsvertrag. Es setzt eine gesunde Portion von Herrschaftsskepsis frei und leistet damit einen Beitrag zur Entgiftung von politischer Macht. Der antietatistische Austro-marxist Oppenheimer kann also durchaus als Vorläufer der heutigen Libertären angesehen werden. Wenn der Nationalstaat derart trübe Ursprünge hat, erlangt auch der Ruf nach «weniger Staat» einen zukunftsweisenden Sinn.
Der Nationalstaat ist aber nicht nur das Resultat erfolgreicher Machtausübung und -stabilisierung; unter dem Schutz seiner Institutionen sind auch Rechtsstaat und Demokratie entwickelt worden, die beide im Dienst der Machtkontrolle stehen. Der Nationalstaat kann also nicht einfach als menschheitsgeschichtliches Unheil abgebucht werden. Er gehört zu den Potenzen der Weltgeschichte, deren Bilanz positive und negative Posten enthält und wohl kaum je definitiv abgeschlossen werden kann. Entscheidend ist, dass die positiven Errungenschaften (die man nicht überschätzen sollte) auch in ein post-nationalstaatliches Zeitalter hinübergerettet werden können. Lassen sich heute die Errungenschaften des gezähmten Nationalstaates wieder in städtische Strukturen eingliedern? Könnte der City-State die positiven Elemente von Stadt und Staat zu einer neuen Synthese zusammenfügen?
Wenn es die Instrumente der Machtausübung und der Machtbeschränkung sind, die das Wesen des Staates bestimmen, was ist dann das Wesen der Stadt? Was nennt man eine Stadt, und macht es Sinn, auch grosse Metropolitanregionen, die von einem Netzwerk historischer Städte gebildet werden, einfach «Stadt» zu nennen, oder eben «City-State»?
Im fünften Akt der «Libussa» hat Franz Grillparzer im Dialog zwischen Primislaus, dem Stadtgründer, und der zaubermächtigen Libussa die positiven Motive einer Stadtgründung Zweifeln hinsichtlich einer Verstädterung der Menschen gegenübergestellt.
«Libussa: Sag mir, was nennt ihr eine Stadt?
Primislaus: Wir schliessen einen Ort in Mauern ein / Und sammeln die Bewohner rings der Gegend / Dass hilfreich sie und wechselseitig fördernd / Wie Glieder wirken eines einz’gen Leibs.
Libussa: Und fürchtest Du nicht, dass Deine Mauern, / Den Menschen trennend vom lebend’gen Anhauch / Der sprossenden Natur, ihn minder fühlend / Und minder einig machen mit dem All?
Primislaus: Gemeinschaft mit den wandelbaren Dingen, / Sie ladet ein zum Fühlen und Geniessen. / Man geht nicht rückwärts, lebt man mit dem All; / Doch vorwärts schreiten, denken, schaffen, wirken / Gewinnt nach innen Raum wenn eng der Äussere.»
Der Dialog kann gleichzeitig als Rechtfertigung und als Infragestellung der City-State-Idee von Konrad Hummler herangezogen werden. Die Mauern sind ein Charakteristikum der Stadt. Gibt es Städte ohne das gleichzeitig schützende und trennende Element der Mauern, das heisst ohne die Definition von Eingrenzung und Ausgrenzung, von fremd und eigen? Es ist kein Zufall, dass die Idee «Schweiz als City-State» im Vorfeld der Abstimmung über die Grenzöffnung im Rahmen des Schengen-Abkommens lanciert wurde, als es um die Relativierung und teilweise Abschaffung der Grenzkontrollen ging, die ja dann schliesslich von…