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- Herve Dewintre |
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Ian Rogers sieht, wie fast alle Silicon Valley-Insider, aus wie ein ewiger Teenager. Selbst wenn er einen maßgeschneiderten Anzug trägt, erinnert der aus Indiana stammende Liebhaber von Hip-Hop, Punk und Rock aus wie ein Computer-Nerd. Er legte damals weite Wege zurück, um in Ann Arbor nach Lust und Laune zu Skateboarden, ohne sich den kritischen Blicken der Leute aus Gosers, dem kleinen industriellen Städtchen mit 20.000 Einwohnern auszusetzen, aus dem er stammt. Ich war überrascht, als ich hörte, dass Ian Rogers über vierzig Jahre alt ist. Seine Tattoos beinhalten das lächelnde Gesicht von Sly Stone, das NeXT Logo (Die Computerfirma, die Steve Jobs 1985 gründete) und die Namen seiner beiden Töchter. Er sticht aus der Gruppe der üblichen Executives von LVHM heraus, und ebenso sein Lebenslauf.
1993, lange vor iTunes, gründete er eine der ersten Musikwebsites, die der Arbeit der Beastie Boys gewidmet war. Damals hatten noch sehr wenige Menschen vom “World Wide Web” gehört. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde er zum Orakel einer zögerlichen Musikindustrie, indem er ein ‚Pay-what-you-like‘-System einführte. Laut ihm ist es nur vernünftig, den Fans den Zugang zur Musik zu ermöglichen, („Die Fans sind bereit, zu bezahlen“), während die großen Unternehmen bösartige Software und unnötig komplizierte Totgeburten wie CDs und Minidisk auf den Markt brachten, um die Verkäufe physischer Tonträger am Laufen zu halten. Auch wenn die Musikindustrie unter dem digitalen Wandel litt, so war Ian Rogers doch immer davon überzeugt, dass am Ende ein neuer Wert für die Industrie entstehen würde. „Als ich CEO bei Topsin war (ein Unternehmen, dass Künstlern half, direkt mit ihren Zuhörern in Kontakt zu treten) benutzen die Pixies beispielsweise die Software der Company, um die E-Mail-Adressen ihrer Fans zu sammeln, sie anhand von Postleitzahlen zu identifizieren und eine ganze Tour durch bisher übergangene Städte auszurichten. Es war eine gigantische Innovation für die Künstler,“ so Rogers.
Eine positive Einstellung, viel Erfahrung und die Fähigkeit, Gegensätze miteinander in Einklang zu bringen, sowie die Reibung, die mit einer Revolution einher geht, aushalten zu können - es ist verständlich, dass Unternehmen wie Yahoo, dann Beats Music (gegründet von Dr Dre), dann Apple und nun LVMH sich dieses Talent unter den Nagel reißen wollten. Seit Oktober 2015 ist Ian Rogers Digital Chief Officer der einflussreichen französischen Luxusgruppe LVMH. Bernard Arnault rekrutierte ihn höchstpersönlich auf Anraten seines Sohns Alexandre. Rogers ist jetzt verantwortlich für die digitale Transformation von insgesamt siebzig LVMH-Marken, jede mit einer starken eigenen Identität. Sechs Produktuniversen, darunter Lederwaren, Parfüms, Schmuck, selektive Distribution, Weine und Spirituosen.
„Zu einer Zeit grenzenloser Auswahl ist es die Qualität der Produkte, die den Unterschied macht.“
Eines der ersten sichtbaren Ergebnisse seiner Arbeit war der Launch der Plattform 24Sevres.com im vergangenen Juni, die die Marken von LVMH vereint, ebenso wie den ikonischen Department Store Le Bon Marché. Die Plattform, die von Eric Goguey geleitet wird, unterscheidet sich von anderen durch ihre redaktionelle Qualität, Merchandising, exklusive Kollaborationen und Services. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ian Rogers blickt bereits weiter nach vorne. Er steht an der Frontlinie des digitalen Wandels, den die Branche zu erwarten hat. Im Rahmen der zweiten Ausgabe der Viva Technology Messe im vergangenen Juni im Paris Nord Villepinte Exhibition Centre hörte Emmanuel Macron mit sichtlichem Vergnügen den Ausführungen des CDO zu, der über die Startups des LVMH Innovation Award referierte. Der Gewinner war eine Deep Learning Company, die eine Software geschaffen hatte, die soziale Netzwerke und E-Merchants miteinander verbindet.
Der privilegierte Umgang mit der neuen Riege an Entscheidern scheint Rogers nicht zu sehr zu beeindrucken: Um seine Vision für die Zukunft zu definieren, blickt er auf die Geschichte zurück. „Fortschritt hat immer zwei Seiten: Wenn man einen Backstein hat, kann man damit Fenster einwerfen, oder man kann Häuser bauen. Das Internet hat unsere Kommunikation fundamental verändert, ebenso wie das Lernen, Entertainment und den Konsum. Es handelt sich um eine kulturelle Revolution, und die zieht unweigerlich Spannungen nach sich.“ Aus Unordnung kommt Fortschritt? „Wir haben heute uneingeschränkten Zugang zu Wissen. Das verändert unsere Beziehung mit der Welt, aber es präsentiert auch neue Herausforderungen, insbesondere für unsere politischen Systeme. Ob Brexit oder die Wahl Trumps, beides hängt mit dem Internet zusammen. Auf der anderen Seite haben wir ein Meer an neuen, nie dagewesenen und stimulierenden Möglichkeiten, die uns offen stehen. Augmented Reality zum Beispiel. Wir stehen ganz am Anfang.”.
Warum dauerte es so lange, bis das Netz ikonische Modefirmen überzeugt hatte? „Es gab eine Internetblase in den späten 1990ern. Das lag nicht daran, dass das Versprechen des Internets falsch war, aber es mangelte an entscheidenden Grundsteinen, die die Innovation zum Publikum bringen konnten: das Smartphoen und mobile Breitband-Netzwerke. Wenn man einen Vergleich anstellen will: Wir befanden uns in der selben Misere, die die Lumière-Brüder einst hatten. Damals wusste man, wie man eine Sequenz an Bildern aufnehmen konnte, aber noch nicht, wie man sie auf den großen Screen projizieren konnte. Heute haben wir Online-Commerce, aber Luxus-Commerce existiert noch nicht, es muss noch erfunden werden.“ Das Ende des Marketing, wie man es eins kannte? „Wir haben uns von einer Welt, in der eine kleine Gruppe an Menschen die ganze Macht hatte, zu einer Welt entwickelt, in der die Machtstrukturen viel offener sind und potenziell jeder Zugang hat. Ich halte das für eine sehr positive Entwicklung. In einer Zeit der endlosen Wahlmöglichkeiten, ist es die Qualität eines Produkts, die den Unterschied macht.“
Geschrieben von Hervé Dewintre for FashionUnited.fr. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Russ.
Fotos: LVMH, Viva Technology dr