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Aeschbacher Ferdinand, 1893-1950, und das Friedensabkommen
Ferdinand Aeschbachers schicksalhaftes Leben war zuerst ein stetiger Aufstieg vom Arbeiterkind zum Gewerkschaftssekretär und zum Nationalrat. Durch eigenes Verschulden folgte dann ein jäher Absturz wieder in die Armut.
Ferdinand Aeschbacher erblickt in Bern am 11. November 1893 das Licht der Welt. Seine Eltern, Ulrich und Maria Aeschbacher-Merz, arbeiten in der Spinnerei Felsenau. Schon früh, Klein-Ferdinand war erst zweieinhalb Jahren alt, verliert er den Vater. Seine Mutter verheiratet sich zwei Jahre später mit dem Witwer und Zylindermacher Viktor Magnus Cornelius Iten aus Unterägeri (ZG). Die fünfköpfige Familie wohnte in einer fabrikeigenen Siedlung, welche die Fabrikbesitzer 1866 bis 1868 erstellen liessen und die neun Mehrfamilienhäuser umfasste. Jedes Haus hatte fünf Dreizimmerwohnungen, zwei Dachkammern und einen Keller. Die Mieten waren zwar günstig, aber die Wohnungseinrichtung liess selbst für die damaligen Verhältnisse zu wünschen übrig. Die Räume waren klein, Badezimmer gab es keine, und das Wasser musste an einem der Brunnen ausserhalb der Häuser geholt werden.
Die kargen Wohngelegenheiten wurden beispielhaft als goldene Fesseln an den Fabrikpatron missbraucht. So sollten die Arbeiterfamilien in den Fabrikwohnungen ihre Kinder nach Abschluss der Schulzeit als Hilfsarbeitskräfte in die Spinnerei schicken. Ansonsten wurde der Mietzins erhöht. Darum ist anzunehmen, dass auch Ferdinand Aeschbacher, der bis zu seinem 18. Lebensjahr mit Mutter und Stiefvater in der Fabrikwohnung lebte, als Fabrikarbeiter in der Spinnerei gearbeitet hatte. Die Frauen machen rund 60 Prozent der Belegschaft aus. 1903/1904 organisierte Margarethe Faas-Hardegger die Berner Textilarbeiter gewerkschaftlich und legt sich, in einer grossen öffentlichen Auseinandersetzung, mit der Direktion der Felsenau an. Ferdinand Aeschbacher, dessen Leben wenig dokumentiert ist, bekam dadurch bereits früh gewerkschaftliche Auseinandersetzungen mit. Dies sollte auch sein Leben prägen.
Aeschbacher zog 1911 nach Genf und hatte dort vermutlich die Branche gewechselt und das Elektroschweissen gelernt. 1914 kam er in den Kanton Zug, nach Baar, wo er 1915 Ida Zürcher von Menzingen heiratete. Der Schritt vom Spinnerei- zum Metallarbeiter ist innerhalb der Industriearbeiterschaft ein klarer Aufstieg.
Die Schweiz, die nach dem Generalstreik 1918 und einer ersten Nachkriegskrise gerade ein wirtschaftliches Zwischenhoch erlebte, wurde bald von der heftigen Krise von 1921/22 getroffen. Die Unternehmer, die nach dem Generalstreik verängstigt gewisse Zugeständnisse gemacht hatten, haben Tritt gefasst und wollten in der Maschinen- und Metallindustrie 1922, diktiert vom Arbeitgeberverband der schweizerischen Maschinen- & Metall-Industrie (ASM), einen generellen Lohnabbau von zehn Prozent vornehmen. Gleichzeitig waren sie bestrebt, die auf 48 Wochenstunden verkürzte Arbeitszeit wieder zu verlängern. Gegen den Lohnabbau startete der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) eine gesamtschweizerische Bewegung. Eine Umfrage in den Betrieben ergab, dass Winterthur für eine Aktion nicht in Frage kam. Bei Sulzer beteiligten sich an der Abstimmung über die Ablehnung der Lohnreduktion und Kampferklärung nur rund 20 Prozent der Arbeiter und in den übrigen Winterthurer Betrieben etwa 40 Prozent. Bei Sulzer arbeiteten, nach rund 1000 Entlassungen, 2/3 mit stark reduzierter Arbeitszeit. Das erschwerte eine Aktion.
In Winterthur wurde 1922 also nicht gestreikt, dafür umso ausgiebiger bei der Metallwarenfabrik Zug. Die Metallwarenfabrik sei wirtschaftlich nicht gezwungen, einen Lohnabbau vorzunehmen, heisst es vor Streikausbruch in der Schweizerischen Metallarbeiter-Zeitung. Aber die Arbeiterschaft war gewillt, den ihr aufgezwungenen ‹Hosenlupf› zu wagen. Und sie bewies Durchhaltevermögen, dauerte die Bewegung doch bei der Metallwarenfabrik am längsten. Nach fünf Wochen Ausstand errangen die Arbeiter einen unbestreitbaren Erfolg. Die 48-Stunden-Woche war gesichert, und statt des vorgesehenen allgemeinen zehnprozentigen Lohnabbaus erfolgte eine Reduktion von sechs Prozent, abgestuft bis auf zwei Prozent. Alle Arbeiter wurden wieder eingestellt. In dieser Zeit begann im Kanton Zug die Karriere des Gewerkschaftsfunktionärs Ferdinand Aeschbacher, die sich später in Winterthur fortsetzte.
Ein Jahr vor seiner Ankunft in Baar war dort der Sozialdemokratische Parteiverein gegründet worden. Bei den Gemeinderatswahlen 1926 kam die SP in Baar auf einen Anteil von 22,2 Prozent. Das reichte für einen Sitz, neben vier CVP- und zwei FDP-Vertretern. 1927 bis 1930 hiess der SP-Gemeinderat Aeschbacher. In den SMUV – dieser organisierte die Arbeiter der Metallwarenfabrik gegen Kriegsende - trat der Schweisser und nachmalige Arbeiterkommissionspräsident Aeschbacher 1918 ein. 1923 bis 1930 vertrat er die SP im Kantonsrat, und zudem präsidierte er die Kantonalpartei der SP. In Baar wurden 1917, 1921 und 1930 auch die drei Kinder von Aeschbacher geboren.
Ferdinand Aeschbacher zog 1930 nach Winterthur. Neuer Arbeitgeber war der SMUV. Aeschbacher hatte sich gegen 29 andere Bewerber durchgesetzt, die frei gewordene Stelle des Sektionssekretärs zu bekommen. Diese Wahl erfolgte durch die Generalversammlung der Sektion, was die Winterthurer Arbeiterzeitung die Erwartung formulieren lässt, «dass die Winterthurer Metallarbeiter eine tüchtige Kraft erhalten werden». Aeschbacher sei in Zug in der Gewerkschaftsbewegung «an erster Stelle» tätig gewesen. «Mit Herr Aeschbacher scheidet ein angesehener und ruhiger Vertreter der Sozialdemokratischen Partei aus der zugerischen Politik aus», verabschiedet ihn in Zug das freisinnige Zuger Volksblatt, wobei es die Arbeiterzeitung zitierte.
In Winterthur erwartete Aeschbacher eine schwierige Situation. Das zeigt sich bereits an einer Versammlung Ende Oktober 1930. Da musste der neue Sekretär den Vertrauensmännern eine Erhöhung der Beiträge an die Arbeitslosenkasse des Verbands schmackhaft machen. In fünf Jahren verloren in Winterthur ein Drittel der Arbeiter und Angestellten die Arbeit. In der Winterthurer Maschinen- und Metallindustrie schrumpfte die Zahl der Beschäftigten von Mitte August 1929 bis Mitte August 1934 von 10 358 auf 6621. Unternehmen, Gewerkschaften und Stadt waren gleichermassen gefordert. «Winterthur ist einer der grössten Krisenherde in unserem Lande», stellte der Jahresbericht 1934 des SMUV Winterthur fest. In diesem Umfeld setzte sich Aeschbachers persönlicher Aufstieg fort: Bei der erstbesten Gelegenheit, 1931, wurde er in den Grossen Gemeinderat gewählt, wo die SP mit 28 von 60 Sitzen beinahe die Hälfte der Mandate hält. Er wurde schnell ein wichtiger Sprecher der Arbeiterschaft, und als SMUV-Sekretär war er die Schaltstelle für die Bewegungen in der Maschinen- und Metallindustrie. 1932–1934 und 1939/40 sitzt Aeschbacher auch im Zürcher Kantonsrat. Nach einiger Zeit zieht er mit seiner Familie von Töss, wo er an der Eichliackerstrasse 29 an der Bahnlinie nach Zürich gewohnt hatte, an eine etwas bessere Lage in Veltheim, an die Sommerhaldenstrasse 24.
Die Firma Sulzer, die in der Krise mit Entlassungen, Kurzarbeit und Lohnkürzungen reagiert hatte, schrieb 1936 nach vier Verlustjahren erstmals wieder einen Gewinn. Die Belegschaft verlangte eine Lohnerhöhung und drohte mit Kampfmassnahmen. Gleichzeitig liefen seit einiger Zeit die Bemühungen von SMUV-Zentralpräsident Konrad Ilg (1877–1954), ein Vertragswerk zustande zu bringen, das künftig Streiks und Aussperrungen überflüssig machen sollte. Am 25. Mai 1937 traf sich vormittags um 10 Uhr im Sitzungszimmer des Verbands an der Dufourstrasse 1 in Zürich eine Delegation des Arbeitgeberverbands schweizerischer Maschinen- und Metall-Industrieller (ASM) mit einer SMUV-Delegation unter Führung von Ilg, um diesem Gelegenheit zu geben, die Wünsche und Vorschläge des SMUV hinsichtlich des Abschlusses eines allgemeinen Abkommens zur Sicherung des Arbeitsfriedens in unserer Industrie näher darzulegen. Ferdinand Aeschbacher begleitete die SMUV-Koryphäen Konrad Ilg und Arthur Steiner an das Treffen. Neben Verbandspräsident Ernst Dübi (Generaldirektor bei Von Roll) war von Sulzer Heinrich Wolfer, an der Besprechung anwesend. ASM-Präsident Ernst Dübi (1884–1947) stiess mit seinem Wohlwollen gegenüber Ilgs Vorstoss bei seinen Verbandsmitgliedern auf Skepsis, gerade bei den Vertretern von Sulzer. Der ASM-Ausschuss wollte diese Annäherung aber nicht einfach ablehnen. Er führte aus, es handle sich auf alle Fälle um einen Versuch. Der Ausschuss beschloss, «trotz gewisser Bedenken auf die Angelegenheit einzutreten», setzt für die weiteren Verhandlungen mit dem SMUV aber klare Leitplanken. Konrad Ilg auf der andern Seite konnte auf keinen Fall einen Streik brauchen, wenn er das Rahmenabkommen zustande bringen wollte. Die SMUV-Zentrale setzte in der Folge denn auch alles daran, einen Konflikt in Winterthur zu verhindern, und die Zentralsekretäre entfalteten eine rege Reisetätigkeit.
Schliesslich entwickeln sich die Verhältnisse turbulent. Mitte Juni streikten die Dreher der Loki und schlossen ihre Aktion mit Erfolg ab. Bei Sulzer fand am 26. Juni 1937 eine gemäss SMUV-Protokoll denkwürdige Betriebsversammlung statt. Konrad Ilg konnte nicht einmal sein Referat beenden, während dem man dem evangelischen Sekretär, der sich mit seinen paar Männlein auf die Seite der Streikbefürworter stellte, zujubelte. Die SMUV-Leitung erlitt zunächst eine Niederlage, der Wille zur Kampfaufnahme war, so die Winterthurer Arbeiterzeitung, fast 100prozentig vorhanden. Ein aus der Mitte der Versammlung gestellter Antrag, die Arbeit nicht mehr aufzunehmen, vereinigte mehr als 90 Prozent sämtlicher Anwesenden auf sich. Vorangegangen waren erfolglose Verhandlungen zwischen der Geschäftsleitung und der Arbeiterkommission. Zwei Tage später wird auf schweizerischer Ebene die vom Arbeitgeberverband vorgelegte Fassung des Abkommens vom SMUV gutgeheissen.
In Winterthur bestätigte eine Urabstimmung den Streikbeschluss, und die Arbeiterkommission sowie die SMUV-Vertrauensleute lehnten den Vorschlag der Firma, den Entscheid über die Lohnforderungen einem unabhängigen Schiedsgericht zu unterbreiten, ab. Schliesslich fand am 2. Juli 1937 nochmals eine SMUV-interne Sitzung statt, die bis morgens 4 Uhr dauerte. Die Gewerkschafter kamen der Firma insofern entgegen, als doch noch die Belegschaft zur Frage des Schiedsgerichts Stellung nehmen soll. Deshalb wurde von der Firma Sulzer verlangt, dass am Samstagmorgen um 10 Uhr [also während der Arbeitszeit] auf der Schützenwiese eine Betriebsversammlung stattfinden müsse. Die Firma nutzte diese letzte Chance und fing die Forderung geschickt auf, indem zwar eine Versammlung stattfinden soll, aber eine gemeinsam veranstaltete in der Montagehalle (wo heute der Superblock steht) des Betriebs. Und hier gelang es den Vertretern von Sulzer im Verbund mit Konrad Ilg, Ferdinand Aeschbacher und Arbeiterkommissionspräsident Emil Krebs (1889–1959), den Streik im letzten Moment abzuwenden. Das äusserst knappe Ergebnis von 1150 gegen 1138 Stimmen fürs Schiedsgericht und gegen den Streik kam aber nur zustande, weil der (ländliche) Betrieb Bülach sich mit erdrückender Mehrheit gegen den Streik ausgesprochen hatte. An der Versammlung traten seitens der Konzernleitung Robert Sulzer (1873–1953) und Heinrich Wolfer (1882–1969) auf. Robert Sulzer, Chef über die Werkstätten, fährt eine eher weiche Linie und ist bei den Arbeitern beliebt. Er appellierte an die Sulzeraner, dass bei Sulzer nicht gestreikt, sondern verhandelt werde. Wolfer hingegen war der scharfe Hund. Die Winterthurer Arbeiterzeitung vermutete trotzdem, dass gerade Wolfers Aussage, dass die Firma die fünf Rappen Lohnerhöhung anstandslos bezahlen werde, wenn das Schiedsgericht so entscheide, viele Arbeiter bewogen hatte, für das Schiedsgericht zu stimmen. Dieses Schiedsgericht unter der Leitung von Hans Widmer, Stadtpräsident, entschied später dann auch in diesem Sinne.
Das freisinnige Neue Winterthurer Tagblatt, jubelte am Montag darauf: «Heute Morgen um 6.50 Uhr verkündeten die Sirenen der Sulzerwerke an der Zürcherstrasse und in Töss: Es wird gearbeitet.» Hans Sulzer blieb bei den Auseinandersetzungen im Hintergrund, spielt aber in den Reihen des ASM eine wichtige Rolle und wird jedenfalls in der Rückblende– auf dem Weg zur Mythologisierung der Vereinbarung– als wichtiger Mitschöpfer des Friedensabkommens bezeichnet. «Zum Arbeitsfrieden in dieser Branche hatte die einsichtsvolle Haltung seiner Persönlichkeit massgebend beigetragen», stellte die Neue Zürcher Zeitung nach seinem Tod fest. Auch der Präsident der Arbeiterkommission, Kaspar Hefti, pries Sulzer in seiner Ansprache an der Trauerfeier als Förderer des Vertragsgedankens und damit eines guten Verhältnisses zu den Arbeitern. Und Friedrich Oederlin (1880–1968), hochrangiger Mitarbeiter von Sulzer in Washington und bei Gebrüder Sulzer bis in die Unternehmensleitung aufgestiegen, betont ebenfalls die Bedeutung von Sulzer in diesem Prozess. Am 9. Juli 1937 billigte der Arbeitgeberverband die Vereinbarung, und am 19. Juli 1937 wurde sie von den Vertragspartnern unterzeichnet. Es handelte sich um ein Rahmenabkommen, welches lediglich das Verfahren im Konfliktfall regelte. Das Abkommen enthielt keine normativen Bestimmungen, überlässt die konkrete Ausgestaltung der Beziehungen den Arbeiterkommissionen und Geschäftsleitungen der Unternehmen und verlangte die absolute Friedenspflicht der Partner. Darum wurde es bald Friedensabkommen genannt. In der Winterthurer Arbeiterschaft blieb es noch lange umstritten. «Man sollte die Arbeiterschaft besser kennen und uns nicht in aller Stille den Streik entziehen», antwortete zum Beispiel an der Vertrauensmännerversammlung vom 10. August 1937 ein Gewerkschafter, nachdem ein Referent sein Loblied auf das Abkommen gesungen hatte.
Ferdinand Aeschbacher hatte in dieser schwierigen Zeit immer in der ersten Reihe der Arbeitnehmer gestanden. Er hatte, als Befürworter des Friedensabkommens, die nicht einfache Aufgabe dieses zu vertreten ohne bei seinen eigenen Kollegen ins Abseits zu gelangen. Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens standen Aeschbacher zunächst noch zwei Erfolgserlebnisse bevor. 1938 wird er, völlig unbestritten, mit 54 von 59 Stimmen zum Präsidenten des Grossen Gemeinderats gewählt. Seine Antrittsrede war sehr konsensorientiert und von keinerlei Klassenkampfrhetorik geprägt. Im Herbst 1939 gelingt es den Winterthurern, Ferdinand Aeschbacher auf der SP-Liste für die Nationalratswahlen unterzubringen, und zwar bei den kumulierten Kandidaten, die das Ticket nach Bern praktisch auf sicher hatten. «Schon im Frühjahr meldeten wir zwei Mandate in Zürich an, weil wir glaubten, dass die Stadt der Arbeit ein Anrecht darauf besitzt; dabei mussten wir recht vorsichtig sein, um nicht alles Porzellan zu zerschlagen», erklärt Präsident Alfred Stähli an einer Versammlung der Bezirkspartei im September. Aeschbachers Glück währte jedoch nicht lange. Nach einer einzigen Session musste er zurücktreten. Der SMUV entzog ihm das Vertrauen, weil finanzielle Unregelmässigkeiten mit Verbandsgeldern zum Vorschein kamen. Zur Deckung des Schadens wurden Aeschbachers Pensionskassengelder herangezogen. Auf eine Klage verzichtete der SMUV.
Aeschbacher war trotzdem hart bestraft. Er hatte seine Arbeit verloren und auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen, weil er seine ganze Karriere innerhalb des SMUV gemacht hatte. Er musste nicht nur sein eben erworbenes Nationalratsmandat, sondern auch seine Ämter als Gemeinde- und Kantonsrat abgeben. In der Folge war Ferdinand Aeschbacher mit Überlebensfragen konfrontiert. Bei seiner Entlassung als SMUV-Sekretär war er 46 Jahre alt. Er hatte zwei Töchter und einen Sohn, wobei die ältere Tochter bereits verheiratet, die jüngere erst 9-jährig war. Die Tat hatte Aeschbacher nicht nur seine Stelle gekostet, «sondern auch ihn und seine Familie ruiniert», lautete das Fazit der SMUV-Zentrale. Aeschbacher habe «wenig Aussicht, irgendwo gut unterzukommen», erklärte Zentralpräsident Konrad Ilg anlässlich der Diskussionen über den gestrauchelten Sekretär. Nach ein paar Jahren zog Aeschbacher nach Zürich und von dort, ohne seine Familie, nach Adliswil. Ende Februar 1946 wurde seine Ehe geschieden. Aeschbacher arbeitete wieder als Elektroschweisser, sein letzter Arbeitgeber war das Kantonale Tiefbauamt. Am 7. Januar 1950 starb Aeschbacher, einst höchster Winterthurer und SP-Nationalrat, als vereinsamter und ziemlich mittelloser Mann.
Diesem Glossar-Artikel liegt ein Text von Adrian Knoepfli zu Grunde. Knoepfli arbeitet als Wirtschaftsjournalist und Wirtschaftshistoriker in Zürich. Wir bedanken uns dafür sehr herzlich.
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