Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03248.jsonl.gz/278

Stefan Hotz
Seit 2007 wird der Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) ausgewiesen. Er bildet nicht die Belastung durch den Lärm ab, sondern beziffert die Anzahl Personen, die durch den Fluglärm belästigt oder im Schlaf gestört werden. Diese Zahl sollte den politisch festgelegten Richtwert von 47\'000 nicht überschreiten. Gemäss dem am Montag veröffentlichten neusten ZFI-Bericht beläuft sie sich für das Jahr 2011 jedoch auf 53\'700.
94 Prozent sind Zürcher
Damit wird der Monitoring-Wert nach 2008 und 2010 bereits zum dritten Mal überschritten (Grafik links). 2011 hat er gegenüber dem Vorjahr um 6 Prozent zugenommen. Von den 53\'700 Personen wohnen 94,1 Prozent im Kanton Zürich, weitere 5,6 Prozent im Aargau. In Süddeutschland und im Kanton Schaffhausen leben nur 2, beziehungsweise 1 Promille der Betroffenen.
Die jüngste Zunahme ist ausschliesslich auf die Zahl der tagsüber stark belästigten Personen zurückzuführen, die um 3000 auf 35\'700 anstieg. Die in der Nacht stark gestörten Personen hingegen blieben im Vergleich mit dem Vorjahr mit 18\'000 konstant.
Deutlich niedriger als 2000
Gegenüber dem nachträglich ausgerechneten Referenzwert für 2000, das Jahr mit dem dichtesten Flugverkehr, ist der Wert derzeit um rund 10 Prozent niedriger. Der ZFI berücksichtigt neben der Entwicklung des Fluglärms auch die Bevölkerungsentwicklung und die Massnahmen für den Schallschutz an den Häusern.
Seit dem Jahr 2000 hätte allein der Bevölkerungszuwachs in der Flughafenregion einen Anstieg des ZFI um 14 Prozent bewirkt. Dies wurde durch Verbesserungen im Flugbetrieb, das heisst die Modernisierung der Flugzeuge, geänderte Flugrouten und das verlängerte Nachtflugverbot, mit minus 23 Prozent mehr als kompensiert.
Schallschutz braucht Zeit
Eine Begrenzung der Flugbewegungen (2011 insgesamt 279 000) ist nicht vorgesehen, da gemäss Flughafengesetz erst bei 320 000 Starts und Landungen darüber zu befinden ist. Gemäss ZFI-Bericht verspricht sich der Kanton eine weitere Verbesserung, wenn ab 2014 die Regionalflotte der Swiss mit modernen Maschinen ausgerüstet wird.
Auf lange Sicht sollen Schallschutzmassnahmen an den Wohnbauten in der Flughafenregion die Anzahl der in der Nacht stark gestörten Personen um 80 Prozent senken. Die für den Flughafen zuständige Volkswirtschaftsdirektion hält im Bericht aber fest, dass sich erst mittelfristig messbare Resultate abzeichnen werden.
Zaungast am Flughafen
Kommentar
Die Diagnose ist paradox, aber eindeutig: Die Flughafenregion ist als Wohngegend so beliebt, dass der Richtwert des Zürcher Fluglärmindexes (ZFI) mit kurzfristigen Massnahmen nicht einzuhalten ist – obwohl es am Himmel im Vergleich zum Referenzjahr 2000 bedeutend leiser geworden ist. Dieses Fazit lenkt den Blick auf einen Geburtsfehler des im Jahr 2007 eingeführten ZFI. Bestimmt wird er nicht nur durch die Auswirkungen des Flugbetriebs, sondern auch von der Bevölkerungsentwicklung. Würden allein die Flugemissionen berücksichtigt, läge der ZFI 2011 zwei Prozent unter dem Richtwert. Tatsächlich aber ist nun ein Negativrekord zu vermelden.
Die ursprüngliche Absicht der Regierung war, mit dem ZFI ein Instrument zu schaffen, das bei rund 320\'000 Flugbewegungen jährlich einen Marschhalt nötig macht. Nun greift der ZFI-Mechanismus wegen des Booms vor allem im Glatttal bereits bei 280\'000 Flugbewegungen. Der Ruf nach weiteren Beschränkungen des Flugbetriebs zielt vor diesem Hintergrund ins Leere. Richtigerweise lehnt die Regierung eine Plafonierung der Zahl der Flugbewegungen zur Stabilisierung des ZFI ab.
Konsequent wäre allerdings, die paradoxe Konstellation beim Namen zu nennen, einzuräumen, dass die überdurchschnittliche Bevölkerungszunahme in der Flughafenregion unterschätzt wurde – und eine Anpassung des Indexes in die Diskussion zu bringen. Ohne eine Justierung bleibt nur eine unbefriedigende Alternative: den Ruf nach Beschränkungen abprallen zu lassen und verschämt darauf hinzuweisen, dass das Bevölkerungswachstum auch in den nächsten Jahren alle betrieblichen Verbesserungen und alle Schallschutzmassnahmen zunichte machen wird.
Die Regierung bevorzugt diesen Weg. Das zeugt nicht vom Willen, im Fluglärm-Dossier das Zepter zu übernehmen – lieber ist sie Zaungast und wartet ab, wie der Konflikt mit Deutschland ausgehen und welche langfristigen Flugkonzepte der Bundesrat verabschieden wird. Dabei böte gerade der ZFI Möglichkeiten, um forschen Forderungen nach einer Fluglärmverteilung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das Zürcher Stimmvolk will möglichst wenig Menschen mit Fluglärm belasten. Der ZFI-Bericht stützt die Aussage des Bundesamtes für Zivilluftfahrt, dass dieses Ziel ausserhalb der Sperrzeiten am besten mit dem Ostanflugkonzept zu erreichen ist. Mit anderen Worten: Wer Ja sagt zum ZFI, sagt Ja zum Pistenausbau.