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Theaterhaus Gessnerallee, Zürich ZH
Gastspiel- und Koproduktionsbetrieb für freies Theaterschaffen, alle Sparten
Ab 1970 fanden in der Militärreithalle, welche →Christoph Vitali von der Präsidialabteilung der Stadt Zürich (später: Präsidialdepartement) für Aufführungen von Luca Ronconis "Orlando Furioso" als Spielstätte entdeckt hatte, sporadisch Gastspiele international bedeutender Inszenierungen statt, etwa von →Peter Stein (1972 Ibsens "Peer Gynt" und 1975 Gorkis "Sommergäste") und Peter Brook (1975 Shakespeares "Timon d’Athène"). Nach dem Auszug des Militärbetriebs entstand in den achtziger Jahren auf Initiative des Leitungsteams des →Zürcher Theaterspektakels und der Präsidialabteilung das Projekt einer Spielstätte für freie Theatergruppen, welches am 2.11.1988 vom städtischen Parlament gutgeheissen wurde. Nach geringfügigem Umbau wurde das T. vom 13. bis 15.10.1989 mit einem Fest, einer Revue freier Theater- und Musikgruppen sowie der Premiere von Claire Bretéchers "Die Frustrierten" als dreijähriger Versuchsbetrieb eröffnet. Nach zweijähriger Verlängerung des Provisoriums stimmte die Stadtzürcher Bevölkerung am 28.11.1993 dem definitiven Betrieb des T. sowie einem Kredit für den Erwerb der Liegenschaft vom Kanton und für die Sanierung des Gebäudes zu. Rechtsträger des T. ist der als Verein konstituierte Theaterrat Gessnerallee. Nach einer Strukturreform setzt sich das Gremium seit 2000 aus elf Vertreterinnen und Vertretern der wichtigsten Verbände des nationalen und lokalen Tanz- und Theaterschaffens, des Präsidialdepartements, des Kantons Zürich, des Publikums- und Fördervereins "Verein Theaterhaus Gessnerallee" sowie einer unabhängigen Person zusammen. Als oberstes beschliessendes Organ ernennt der Theaterrat die Theaterleitung, er besitzt jedoch keinen direkten Einfluss auf die Programmgestaltung. Das T. hat mehrere Aufgaben: Es bietet einzelnen freien Schweizer Gruppen (hauptsächlich aus Zürich) die Infrastruktur (Proberäume, Werkstätten, Administration, dramaturgische Begleitung) zur Erarbeitung von Inszenierungen und präsentiert als Veranstalter ein breites Spektrum von freien Zürcher und Schweizer Produktionen sowie Gastspielen ausländischer Truppen aus den Bereichen Sprech-, Musik- und Tanztheater. Beherbergt und in das Programm integriert werden zudem Gastveranstalter wie etwa das Festival Jazznojazz, das Zürcher Theaterspektakel, das Kinder- und Jugendtheaterfestival →Blickfelder sowie das Tanzfestival →Steps. Das T. wird von der Stadt Zürich subventioniert. Für gewisse Produktionen erhält es zudem Beiträge des Kantons Zürich sowie verschiedener Stiftungen und Sponsoren. Unter der Leitung von Hildegard Kraus, →Christoph Meury, Ruedi Schärer und Jürg Woodtli (1989–97) etablierte sich das T. innerhalb weniger Jahre als eine der wichtigsten Spielstätten für das freie Theater in der Deutschschweiz und für Gastspiele ausländischer Theaterproduktionen in der Schweiz. Gezeigt wurden unter anderem Produktionen und Gastspiele der Schweizer Gruppen →Theater Coprinus, →Vaudeville Theater, →Compagnie Muriel Bader, →Il Soggetto, →Opera Factory, →Freies Theater M.A.R.I.A., →Theater Club 111, →Klara Theaterproduktionen und Jaccard/Schelling/Bertinelli (→Compagnie Drift). Aus dem Ausland gastierten beispielsweise das Théâtre Repère (Quebec), Peter Brook (Paris), Rosas (Brüssel), das Théâtre de Complicité und das DV8 Physical Theatre (beide: London). 1997–2004 wurde das T. von →Jean Grädel und Armin Kerber geleitet, welche zusammen mit der Dramaturgin Barbara Riecke verstärkt auf Koproduktionen und Kooperation mit in- und ausländischen Gruppen, Bühnen, Veranstaltern sowie verschiedenen kulturellen Institutionen setzten und die Einbindung des T. in ein internationales Netzwerk des freien Theaters förderten. Grädel/Kerber verliehen dem Spielplan – etwa durch thematische Veranstaltungsreihen sowie Rahmenprogramme – mehr Profil und öffneten das T. einer neuen Generation von Theaterschaffenden. Sie initiierten zusammen mit dem →Theater Neumarkt das Nachwuchsfestival "Hope & Glory" (erstmals 1998), führten einen jährlichen Block von Tanzgastspielen ein ("Tanzjanuar") und beteiligten sich an den Zürcher Festspielen. Zu den Schweizer Gruppen und Theaterschaffenden, mit denen das T. regelmässig Koproduktionen erarbeitete, gehörten die →Off Off Bühne, Klara Theaterproduktionen, →Mass & Fieber sowie Barbara Weber und Barbara-David Brüesch mit ihren Ensembles. Das grösste Projekt der Direktion Grädel/Kerber war mit über hundert Mitwirkenden die Rauminstallation "Bad Hotel", welche 2002/03 während des durch die Bauarbeiten für das Parkhaus Gessnerallee eingeschränkten Spielbetriebs stattfand. Als internationale Gastspiele gezeigt wurden im T. unter anderem Inszenierungen von Nicolas Stemann, Thomas Ostermeier, Peter Brook, Luk Perceval sowie Produktionen von →Anna Huber, She She Pop und Albrecht Hirche/Kathrin Krumbein. Mit ihrem auch ästhetisch profilierten Programm, das nur dank eines hohen Anteils an eingeworbenen Drittmitteln (Eigenfinanzierungsgrad von über vierzig Prozent) realisiert werden konnte, steigerten Grädel/Kerber die Zahl der Vorstellungen sowie der Zuschauerinnen und Zuschauer wesentlich und machten das T. zu einem renommierten nationalen und internationalen Koproduktionszentrum der freien Szene. Mit der Spielzeit 2004/05 übernahm Niels Ewerbeck die künstlerische Leitung des T. Die seit der Entstehung des T. geplante "mittlere Bühne" für 150–200 Zuschauer sowie eine möglicherweise damit verbundene Änderung des Betriebskonzepts befinden sich in der Projektphase.
Spielstätte
Gessnerallee 8, 8001 Zürich. Ehemalige Militärreithalle mit Annexbauten, 1857/58 von Johann Caspar Wolff erbaut. Seit 1974 unter Denkmalschutz. 1988/89 Umbau zum Theater (durch Ueli Schweizer und Walter Hunziker). Schliessung von Juni 1995 bis April 1996 wegen Umbau und Sanierung (unter anderem neues Foyer, Unterkellerung der Bühne, Stahlträgerkonstruktion im Dach zum Aufhängen von Lasten). Wiedereröffnung: 18.5.1996. Einheitshalle: 18,8 m breit, 7,5 m hoch, 37,3 m tief. Platzkapazität: flexible Zuschauertribüne, maximal 400 Plätze. Bühnenraum: flexibel, in der Regel 18,8 m breit, 15 m tief. 1998 Eröffnung des Proberaums "P 3" als zweite Spielstätte. Einheitshalle mit mehreren Stützsäulen: 9,9 m breit, 3,8 m hoch, 14,6 m lang. Platzkapazität: variabel, maximal 50 Plätze.
Literatur
- T. Zürich (Hg.): Dokumentationsbroschüre T. Zürich, 1993.
- Müller, Peter: Kulturleichen leben länger. Das Zürcher T. feiert sein elfjähriges Jubiläum. In: Theater der Zeit 6/2000.
- T. Zürich (Hg.): Perlen vor die Freunde. Sieben Jahre Gessnerallee 97–04. Ein Lesebuch, 2004.
Autorin: Tanja Stenzl
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Stenzl, Tanja: Theaterhaus Gessnerallee, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1869–1870, mit Abbildung auf S. 1869.