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Am letzten Sonntag war die Kirche der Abtei St-Maurice voll von Bischöfen, Kardinälen, amtierenden und Alt-Bundesräten, amtierenden und Alt-Staatsräten des Kantons Wallis und viel katholischem Fussvolk. Die Abtei St-Maurice feierte ihr 1500-jähriges Bestehen. Am Montag wurden die Gebeine des Märtyrers Mauritius und seiner thebäischen Legion in vergoldeten Sarkophagen durch das Unterwalliser Städtchen St-Maurice getragen. Zum Gedenken an die Märtyrer, die laut der Legende um 290 n. Chr. den Militärdienst in der römischen Armee verweigert hatten und hingerichtet wurden, weil sie nicht auf Christen schiessen wollten.
Ende der platonischen Akademie
Über den Gräbern der Märtyrer gründete der Burgunderkönig Sigismund im Jahr 515 das Kloster St-Maurice. Sigismund liess zur Stabilisierung seiner Macht seinen eigenen Sohn umbringen und wurde später heilig gesprochen. Mit dem oströmischen Kaiser Anastasios I., der mit Gewalt gegen Nicht-Christen vorging, unterhielt er gute Beziehungen und bekam von ihm den Ehrentitel Patricius geschenkt.
Auch Anastasios Nachfolger Kaiser Justinian I. bekämpfte die Nicht-Christen. Im Jahr 529 liess er die platonische Akademie in Athen schliessen, die zuvor fast tausend Jahre Bestand hatte und die für die abendländische Kultur wegweisend war. Die Mitglieder der Akademie galten als Kritiker des Christentums. Sie mussten fliehen. Kaiser Justinian liess die heidnischen Bücher öffentlich verbrennen. Das Wissen von tausend Jahren antiker Wissenschaft wurde ein Raub der Flammen. Symbolhaft für den Niedergang der antiken Hochkultur wurde im Jahr der Schliessung der platonischen Akademie das Kloster Montecassino in Italien gegründet. Anstelle eines Apollo-Tempels.
«Bildungstragödie führte zu einem Desaster»
Gleichzeitig mit der Gründung von Klöstern ab dem fünften Jahrhundert kam es in Europa zu einem folgenschweren Kulturbruch, wie der Althistoriker Rolf Bergmeier in seinem Buch «Schatten über Europa» eindrücklich darstellt. Mitten «im Hochsommer spätantiker Bildung» sei «der Frost» eingebrochen: «Die Schulen schliessen, Bibliotheken veröden, Tempel werden zu Steinbrüchen, Theater zu Lagerräumen und die Bürger verlernen das Schreiben.» Nach tausend Jahren geistiger Hochblüte sei der Analphabetismus wieder zur Normalität geworden und das breit ausgebaute römische Schulsystem zerstört worden. Das immense, wissenschaftliche und philosophische Angebot der Bibliotheken sei grösstenteils vernichtet und durch eine kümmerliche Anzahl von Büchern der christlichen Dogmatik ersetzt worden. Bergmeier spricht von einer «Bildungstragödie», die in den folgenden Jahrhunderten zu «einem Desaster und Wirtschaftsfiasko» auswuchs.
Arabische Gelehrte stellten die Weichen
Erst in der Renaissance, tausend Jahre nach dem Kulturbruch, begann sich Europa von dieser beispiellosen, geistigen Askese zu erholen und erinnerte sich an die griechisch-römische Hochkultur. Weil die katholische Kirche zusammen mit den weltlichen Herrschern das Wissen der Antike fast gänzlich getilgt hatte, musste sich Europa bei seinem Prozess des Wiedererinnerns vor allem auf die arabischen Quellen stützen. Während nämlich Europa im Schatten der klösterlichen Askese und Dogmatik dahindümpelte, herrschte im arabischen Raum laut Bergmeier «eine zweite Blütezeit der Künste und Wissenschaften». Arabische Gelehrte in Bagdad und Córdoba übersetzten die Werke der Antike und retteten sie damit über die Zeit.
Damit schufen sie die Grundlage für Renaissance und Humanismus, Aufklärung und Wissenschaft, Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechte. Während die arabischen Gelehrten die Weichen für unsere heutige Kultur stellten, war laut Bergmeier im christlichen Mitteleuropa «die Vernichtung missliebiger Bücher bereits weitgehend abgeschlossen» und «die Klosterbibliotheken mit ‚heiligen‘ Schriften zugestellt». Mit der Renaissance und der Aufklärung verflogen allmählich die Schatten der christlichen Dunkelkammer. Der Siegeszug der Wissenschaften liess sich nicht mehr aufhalten, auch wenn die katholische Reaktion immer wieder versuchte, sie zu knebeln.
Was hätte aus Europa werden können?
Angesichts der realen Geistesgeschichte des Abendlandes und der ursprünglichen Wurzeln in der griechisch-römisch-arabischen Kultur ist es immer wieder verblüffend, wie dreist sich die katholische Kirche und ihre Klöster als Begründer der abendländischen Kultur feiern lassen und wie wenig Gegenrede von den Historikern zu vernehmen ist.
Bergmeier stellt am Schluss seines Buches die rhetorische Frage: Was hätte aus Europa werden können, wenn sich damals das antike Wissen durchgesetzt hätte, wenn sich statt der weltabgewandten Klöster die platonischen Akademien in Europa verbreitet hätten oder wenn der humanistische, römische Denker Seneca gesiegt hätte und nicht die beiden fanatischen, zum Christentum bekehrten Heiden, Paulus und Augustinus?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Kurt Marti ist Journalist und wohnt in Brig-Glis. Er ist mit dem Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti nicht verwandt.