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Im Fokus: berufliche Vorsorge
Lesezeit: Minuten
Brigitte Zulauf
Leading Partner Treuhand
Brigitte Zulauf
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Dr. Marcel Widrig
Partner, Steuer & Rechtsberatung
Dr. Marcel Widrig
Partner, Steuer & Rechtsberatung
Das Dreisäulenmodell der Schweizer Vorsorge dient der finanziellen Absicherung im Alter und der Risikovorsorge bei Unfall, Krankheit und Tod. Die erste Säule besteht aus der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Dazu zählen auch die Invalidenversicherung (IV), der Erwerbsersatz während des Militärdienstes und bei Mutterschaft (EO) sowie die Arbeitslosenversicherung (ALV). Alle Sozialwerke der ersten Säule sind obligatorisch und sollen ein Existenzminimum sichern. Die zweite Säule umfasst die «Berufliche Vorsorge» und basiert auf dem «Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge» (BVG). Sie ist ebenfalls obligatorisch. Sie deckt die Risiken von Tod und Invalidität und beinhaltet darüber hinaus ein Ansparen von Alterskapital, das die Fortsetzung des gewohnten Lebensstils nach der Pensionierung garantieren soll. Die dritte Säule beruht einerseits auf einer steuerlich privilegierten freiwilligen Vorsorge, andererseits auf einem individuellen Sparen ohne steuerliche Begünstigung.
Das Dreisäulenmodell schafft eine hohe soziale Sicherheit und beeinflusst den Arbeitsfrieden positiv. Im internationalen Vergleich ist es teuer. Südostasiatische und südamerikanische Länder verfügen über keine oder nur bescheidene Vorsorgeeinrichtungen. Nur die Mehrheit der west- und nordeuropäischen Länder und Staaten wie Kanada oder Australien, die zum britischen Commonwealth gehören, sichern ihre Bürger im Alter ähnlich gut ab wie die Schweiz.
1948 wurde die AHV eingeführt, 1960 die IV. Damals befand sich Europa im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Menschen erinnerten sich lebhaft an die schlechten Erfahrungen mit totalitären politischen Bewegungen in der Zwischenkriegszeit. Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft, das den freien Wettbewerb mit sozialer Absicherung ergänzt, fand breite Zustimmung.
Die AHV wird durch Beitragszahlungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanziert. Diese machen heute zusammen mehr als 10 Prozent des Bruttolohnes aus. Die Arbeitgeber werden durch die erste Säule leicht stärker belastet als die Arbeitnehmer. Sie müssen allein für die Verwaltungskosten aufkommen, wobei die verrechneten Aufwendungen je nach Ausgleichskasse unterschiedlich hoch ausfallen. Die Arbeitgeber müssen auch die Beiträge an die Familienausgleichskassen berappen. Deren Leistungen werden an Familien mit Kindern ausgerichtet. Auch hier variieren die Beiträge je nach Kanton und Kasse.
Bis heute ist die AHV-Rente in den Augen der meisten Schweizerinnen und Schweizer eine wohlverdiente Belohnung für geleistete Arbeit. Existenzsicherung und Solidarität sind weitere Grundgedanken der ersten Säule. In der Vergangenheit führte das zu einem wiederholten Ausbau. Wenn Renten und übrige Einkommen nicht die minimalen Lebenskosten decken, besteht ein rechtlicher Anspruch auf Ergänzungsleistungen.
Die in der AHV verankerte Solidarität ist doppelt ausgeprägt. Zum einen finanziert die aktive Generation die Renten der älteren Generation und vertraut darauf, dass nachkommende Generationen dasselbe tun werden. Zum anderen unterstützen Besserverdienende schlechter gestellte Arbeitnehmer, indem sie erheblich mehr in die AHV einzahlen, als sie zur eigenen Rentenbildung benötigen würden.
Daran dürfte sich in naher Zukunft nichts ändern. Falls aber die Dienstleistungsbranche aufgrund der Digitalisierung in den kommenden Jahren Arbeitsstellen im ähnlichen Umfang abbaut wie die Industrie in den vergangenen Dekaden, werden die gegenwärtigen AHV-Beitragssätze nicht mehr genügen. Um das heutige Rentenniveau zu halten, müssen entweder das Pensionierungsalter und die Beiträge erhöht oder die Leistungen gekürzt werden.
Als Folge des Strukturwandels könnte die AHV mit der Zeit den Charakter eines Mindesteinkommens annehmen. Sollte dies tatsächlich eintreffen, dürfte die Solidarität strapaziert werden. Die AHV-Beitragssätze sind für alle Arbeitseinkommen gleich hoch. Die maximale aktuelle AHV-Rente für Nichtverheiratete hingegen beläuft sich auf 28'200 und für Ehepaare auf 42'300 Schweizer Franken pro Jahr. Viele Gutverdienende – insbesondere auch Ausländer, die nur vorübergehend in der Schweiz arbeiten – betrachten die erste Säule schon heute als zusätzliche Einkommenssteuer.
Die berufliche Vorsorge soll die existenzielle Grundsicherung durch AHV und IV ergänzen. Ziel ist es, dass die Betroffenen ihren gewohnten Wohlstand auch im Alter sowie bei Krankheit, Invalidität oder bei Tod des Familienernährers beibehalten können.
Die berufliche Vorsorge wird durch ein sogenanntes Kapitaldeckungsverfahren finanziert. Arbeitnehmer, die ein Jahreseinkommen zwischen 21'150 und 84'600 Schweizer Franken erzielen, das 17. Altersjahr überschritten und das Rentenalter noch nicht erreicht haben, sind im Rahmen des BVG obligatorisch versichert. Wer mehr als 84'600 Schweizer Franken Jahreseinkommen bezieht, kann sich überobligatorisch versichern lassen, sofern der Arbeitgeber eine entsprechende Versicherung abschliesst (vgl. Handlungsspielraum trotz Regulierung).
Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen im obligatorischen Bereich meistens gleich hohe Beiträge in die Pensionskassen ein. Diese Beitragssätze steigen im Laufe des Berufslebens in vier Stufen an. In Kombination mit der ersten Säule decken die Leistungen bei Alleinstehenden bis zu 60 Prozent des letzten Lohnes und bei Verheirateten bis zu 75 Prozent.
Die berufliche Vorsorge ist seit 1985 obligatorisch und hat mittlerweile eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung. Die in der zweiten Säule angehäuften Gelder sind um ein Vielfaches höher als jene in der ersten Säule. Die Pensionskassen gehören heute zu den finanzkräftigsten Investoren des Landes.
1993 füllte das Schweizer Parlament eine bis dahin klaffende Lücke in der beruflichen Vorsorge: Es ergänzte das BVG mit dem «Bundesgesetz über die Freizügigkeit in der beruflichen Alters-, Hinterbliebenen- und Invalidenvorsorge» (FZG). Seither haben Arbeitnehmer Anspruch auf volle Freizügigkeit bei einem Stellenwechsel. Sie können ihre Altersguthaben ohne finanzielle Nachteile in die Vorsorgeeinrichtung des neuen Arbeitgebers transferieren lassen. Mit dem FZG lösten sich die «goldenen Fesseln», die manchen Arbeitnehmer an seinen bisherigen Job banden. Vor der Einführung des neuen Gesetzes hatten die einbezahlten Gelder beim Austritt eines Mitarbeiters entweder gar nicht oder nur teilweise zur Verfügung gestanden, je nach Dauer der Firmenzugehörigkeit und der Ausgestaltung des Pensionskassenplans.
Jüngere Arbeitnehmer, die oft noch wenig verdienen, betrachten die berufliche Vorsorge häufig mit Skepsis. Sie zweifeln, ob die vom Gesetz erzwungenen Rücklagen gewinnbringend oder zumindest werterhaltend in ihr Alter investiert sind. In der momentanen Tiefzinslage nehmen die Bedenken zu. Das BVG bietet Spielraum für individuelle Anpassungen, vor allem im überobligatorischen Bereich. So steht es den Arbeitgebern frei, ihren Mitarbeitern eine weniger ausgebaute BVG-Lösung anzubieten, dafür Risiken wie Krankheit, Unfall, Invalidität oder Tod mit einer Zusatzversicherung abzudecken. In der Praxis gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle. Dabei werden aufgrund der Alters- und Einkommensstruktur der Arbeitnehmer sowie der Unternehmensphilosophie die anfallenden Zusatzkosten entweder ganz, teilweise oder gar nicht vom Arbeitgeber übernommen.
Für Versicherte im überobligatorischen Bereich kann die zweite Säule sehr attraktiv sein. Mit steigendem Einkommen erhöhen sich die verfügbaren Mittel für die Pensionskassenbeiträge. Diese können von der Einkommens- und Vermögenssteuer vollumfänglich abgesetzt werden. Absolute Spitzenverdiener sind in der Lage, im Laufe ihres Berufslebens mehrere Millionen Schweizer Franken zurückzulegen. Wenn die Beiträge zu einem Steuersatz von 40 Prozent abzugsfähig waren und eine Rente oder Kapitalleistung im Zeitpunkt der Auszahlung tiefer besteuert wird, sind über die gesamte Dauer der Erwerbstätigkeit erhebliche Steuereinsparungen möglich.
Das BVG bietet Arbeitnehmern mit Deckungslücken in der beruflichen Vorsorge die Chance, steuerfreie Einkäufe zu tätigen. Solche Lücken tun sich beispielsweise auf, weil Mitarbeiter in frühen Berufsjahren ein tiefes und heute ein hohes Einkommen erzielen oder weil sie aufgrund von Auslandsaufenthalten oder beruflichen Unterbrechungen eine gewisse Zeit lang keine Beiträge an die berufliche Vorsorge leisteten. Wer mit einem freiwilligen Einkauf Steuervorteile nutzen möchte, sollte bedenken, dass bis anhin flüssige Mittel ab Einzahlung gebunden sind.
Die dritte Säule gliedert sich in die Teilsäulen a und b. Säule 3a ist steuerbegünstigt, sofern die Beiträge an eine anerkannte Vorsorgeform entrichtet werden. Die jährlichen Steuerfreibeträge steigen im Gleichschritt mit der jeweiligen Erhöhung der AHV-Maximalrenten. Arbeitnehmer, die über eine zweite Säule verfügen, können 2016 den Betrag von 6'768 Schweizer Franken einzahlen und von den direkten Steuern abziehen. Selbständige, die keiner Pensionskasse angehören, können maximal das Fünffache steuerfrei zurücklegen. Das sind 33'840 Schweizer Franken, wobei die tatsächliche Einzahlung nicht mehr als 20 Prozent des Nettoeinkommens betragen darf. Die Auszahlung des in der Säule 3a gesparten Geldes richtet sich nach den Regeln, die für die zweite Säule gelten.
Viele Einzelunternehmer verfügen über keine ausgebaute Vorsorge. Sie stellen sich auf den Standpunkt, dass sozusagen ihr Betrieb ihre Vorsorgeeinrichtung sei. Seit 2011 ist es aufgrund der Unternehmenssteuerreform II möglich, ein Geschäftsvermögen steuerprivilegiert zu liquidieren. Fielen vor 2011 bei der Auflösung von Unternehmensaktiven Steuern von weit über 50 Prozent an, so ist heute die fiskalische Belastung ähnlich hoch wie bei einem Kapitalbezug im Rahmen der beruflichen Vorsorge.
Für freiberuflich Tätige wie Anwälte oder Ärzte, die über kein grosses Anlagevermögen verfügen, ist die Vorsorge im Rahmen der Säule 3a unattraktiv. Sie haben jedoch meistens die Alternative, sich einer Vorsorgeeinrichtung ihrer Berufsorganisation anzuschliessen. Damit profitieren sie von den gleichen Steuerprivilegien wie die unselbständig Erwerbenden.
Die Säule 3b besteht aus individuellem Sparen über Bargeld, Aktienbesitz und andere Vermögenswerte. Sie ist eine freie und individuelle Vorsorge, die jederzeit aufgelöst werden kann und steuerlich nicht privilegiert ist.
Das Dreisäulensystem hält die Sozialpartner auf dem Schweizer Arbeitsmarkt zusammen, hat jedoch auch seinen Preis: Die obligatorischen Vorsorgebeiträge aus erster und zweiter Säule machen rund 20 bis 30 Prozent der Bruttoeinkommen aus. Die hohen Lohnnebenkosten behindern die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, fördern die Automatisierung und den Abbau von Arbeitsplätzen. Mit der Digitalisierung des Tertiärsektors dürfte sich diese Tendenz noch verstärken.
Der Administrationsaufwand für die erste und zweite Säule ist hoch. Die Unternehmen müssen für ihre Mitarbeiter geeignete Versicherungslösungen evaluieren, Ein- und Austritte sowie Absenzen korrekt erfassen, Beiträge abrechnen und Versicherungsleistungen abwickeln. Abrechnungen im Rahmen der ersten Säule sind auf den ersten Blick einfach. Doch die Komplexität steigt, vor allem bei Beiträgen für Mitarbeiter mit flexiblen Beschäftigungs- und Teilzeitverhältnissen. Noch komplizierter wird es bei der zweiten Säule: das BVG bietet viele individuelle Alternativen. Grosse Mühe bekunden manche Firmen bei der Bestimmung des massgebenden Lohns für die Sozialversicherungsbeiträge.
Die Vorteile des Dreisäulensystems heben dessen Nachteile auf: Die Schweizer Alters- und Risikovorsorge gewährleistet eine soziale Sicherheit, wie sie in kaum einem anderen Land erreicht wird. Das Vorsorgesystem fördert den Arbeitsfrieden in der Schweiz, und es kann flexibel auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Darum sollten wir ihm Sorge tragen.