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Dreikönigsspiele
In den D. wird die Geschichte der drei biblischen Sterndeuter-Könige (Matth. 2, 1–12) auf ihrer Reise aus dem Osten nach Jerusalem und zur Krippe nach Bethlehem dargestellt, oft in Verbindung mit anderen Themen des Weihnachtsfestkreises.
Spätestens seit dem 10./11. Jahrhundert ist die Darstellung fundamentaler Ereignisse der christlichen Heilslehre (Ostern und Weihnachten) innerhalb des liturgischen Gottesdienstes verbreitet. Frühe Textzeugnisse für lateinische Feiern, bei denen am 6. Januar die Dreikönigsgeschichte von Geistlichen auf einfache Weise szenisch repräsentiert wurde (Kernszenen: die vom Stern geführte Reise nach Bethlehem und die Huldigung Jesu), belegen eine lange Tradition im gesamten europäischen Raum. An diese Tradition anknüpfende D. sind namentlich aus dem französisch- und dem deutschsprachigen Raum bekannt. In Struktur, Inhalt und Länge können sie stark differieren.
D. in der Schweiz
Der gesamteuropäisch häufiger vorkommende, umfangreichere und entwickeltere Typus lateinischer Texte für die liturgische Feier am Dreikönigstag ist in der Schweiz nur mit einem frühen Fragment aus Einsiedeln belegt, datiert auf das 11./12. Jahrhundert. Der kürzere, einfachere Typus ist insbesondere aus Sitten (13.–15. Jahrhundert), Genf (14.–15. Jahrhundert) und Freiburg (15.–19. Jahrhundert) bekannt. Daneben hat sich eine Tradition volkssprachlicher religiöser D. entwickelt, die manchmal über lange Zeit neben der lateinischen liturgischen Form bestanden. Die D. sind den liturgischen Texten zwar durch die Wahl des Themas verbunden, aber von diesen weit gehend unabhängig entstandene Werke. Auf Deutsch begegnet man den drei Königen erstmals im so genannten St. Galler Weihnachtsspiel. Die erhaltene Abschrift entstand zwischen 1437 und 1450. Darin kommen die drei Könige neben alttestamentlichen Propheten und einigen anderen Sprechrollen zu Wort. Aufführungen dieses Spiels sind keine belegt. In einer um 1500 angelegten Sammlung aus Neuenburg findet sich ein eigenartiges französischsprachiges Spiel, das "Offertorium Magorum". Obwohl das Spiel fast zur Hälfte aus einem Hirtenspiel, also aus anderen Szenen des Weihnachtsgeschehens besteht, waren doch die Magier-Könige titelgebend. Die Spieltradition in der Neuenburger Kirche dauerte möglicherweise bis zur Reformation 1530. Trotz lateinischer Elemente (Titel, Gesänge) lässt sich für dieses Neuenburger Spiel keine direkte Abhängigkeit von bekannten liturgischen D. nachweisen. Dies gilt auch für die jüngeren Texte aus Luzern, Vevey, Biel, Solothurn und Lungern. In Luzern traten die drei Könige jeweils am ersten Tag des grossen →Luzerner Osterspiels (1538–1616) zu Pferd und in pompösem Aufzug auf, begleitet von einem exotischen Tross mit Attrappen eines Kamels, eines Elefanten und eines Dromedars. Aus der Westschweiz (möglicherweise aus Vevey) sind Fragmente mit Textteilen der Rollen von Balthasar und der Jungfrau Maria aus der grossen französischen Passion von Arras überliefert. Die Abschrift entstand um 1520, Aufführungen sind jedoch keine belegt. Dem Typus des spätmittelalterlichen Schultheaters oder →Fastnachtspiels zuzurechnen sind das weihnachtliche Spiel "Von der Empfängnis und Geburt Christi" von →Jakob Funckelin, das 1553 und erneut 1554 in Biel von Lateinschülern aufgeführt wurde, sowie das Solothurner Magier- oder Dreikönigsspiel von →Hanns Wagner, für das eine Aufführung im Jahr 1561 belegt ist. Das Solothurner Spiel, in dem die drei Könige nur eine Nebenrolle spielen, weist einen ganz ungewohnten Aufbau und eine unübliche Szenenauswahl auf. Eher zum Typus des burlesken Volksschauspiels zählt dagegen das von Johannes Peter Spichtig verfasste D. von Lungern (verfasst um 1658).
Das Freiburger Dreikönigsspiel
Das berühmteste D. ist zweifellos jenes von Freiburg, das mit einer bemerkenswerten Mixtur von kirchlichen und militärischen Elementen in einer mehr als 400-jährigen, ununterbrochenen Tradition am Dreikönigstag im Freien und innerhalb der kirchlichen Messfeier aufgeführt wurde. Darsteller der Könige waren dabei ausschliesslich Geistliche; eigentlicher Publikumsmagnet war aber das Gefolge der Könige, je eine Kompanie Soldaten, die vor den Spielszenen auf dem Liebfrauenplatz ein rund zweistündiges Manöver veranstalteten. Danach formierten sich die Darsteller und Zuschauer zu einer grossen Prozession und folgten dem an einem Seil über den Platz gezogenen Stern in die Stiftskirche St. Niklaus. Dem Spiel schloss sich ein Volksfest mit teilweise fastnachtsähnlichen Zügen an. Im Gegensatz zu den anderen volkssprachlichen D. entwickelte sich das Freiburger Spiel aus einer der erwähnten lateinischen liturgischen Feiern (seit 1425 belegt). Gleichzeitig weist es Elemente des älteren, regional verbreiteten Brauchs der Dorf- und Stadtkönige, der so genannten Königreiche oder Royaumes, auf. Dieser Brauch bestand aus einem Umzug bewaffneter Männer, Pfeifer, Trommler und dem aus dem Kreis der Bürger für den Dreikönigstag gewählten König sowie einer anschliessenden Bewirtung der am Fest Teilnehmenden. Der Einbezug des Militärs ist für das Freiburger Spiel spätestens seit 1507 nachweisbar. Im Laufe des 16. Jahrhunderts kam ein kurzer volkssprachlicher Spieltext dazu, der damaligen Amtssprache der Stadt entsprechend auf Deutsch. Der erste erhaltene Gesamttext entstand um 1594. Das jährlich stattfindende D. wurde mit zunehmendem Aufwand sogar in Kriegs- und Pestzeiten aufgeführt, als militärische und gesellschaftliche Selbstdarstellung der Stadtrepublik. Ab 1578 gab es einen festen Turnus, der die aufwändige Organisation und die entstehenden Kosten auf verschiedene Träger verteilte: alle sieben Jahre mussten so der Freiburger Rat, die wichtigsten Zünfte oder Bruderschaften und einige vornehme Familien die Finanzierung von je einem der drei Königreiche übernehmen. Kirchliche Kreise stiessen sich immer wieder an der Verweltlichung des Festes und unternahmen 1580–94 energische Reformversuche; gleichzeitig fand eine Revision des Spieltextes statt, an der unter anderen →Johann Fridolin Lutenschlager beteiligt war. An der etablierten Tradition des Spiels vermochten diese Anstrengungen aber nichts Wesentliches zu ändern. Erst nach dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen 1798 verschwand das grosse städtische Schauspiel, während noch bis 1825 eine einfache Form innerhalb des Gottesdienstes nachweisbar ist. Am 23.1.1993 wagte die Freiburger Stadtschützengesellschaft/St.-Sebastian-Bruderschaft anlässlich ihres 500-jährigen Jubiläums noch einmal eine grosse Aufführung des historischen D., erstmals in französischer Übersetzung, wobei die Rolle des Königs Caspar auf Deutsch belassen wurde, um der Zweisprachigkeit der Stadt zu entsprechen. Die Resonanz verdeutlichte, dass ein derartiges religiös-militärisches Spektakel heute wohl nicht mehr zeitgemäss ist. Mit Freiburg vergleichbare, aber kürzere und schlichtere Spieltraditionen, in denen das Militär eine Rolle spielte, sind für weitere kleine Städte der Region belegt, namentlich für Romont (Aufführungen 1589 sowie 1615–1756), Châtel-Saint-Denis (Aufführungen 1654–1756 sowie 1782–1805) und Greyerz (Aufführungen 1643–1756). An allen diesen Orten ging das ältere Stadtkönigsbrauchtum voraus und existierte später neben dem D. weiter. Erhalten ist ein einziger Spieltext in französischer Sprache in einer späten Abschrift aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Bezeichnenderweise wurde dieser "Discour pour le Jour des Roys" im 17. Jahrhundert vom damaligen Stadtpfarrer von Greyerz verfasst, wohl mit dem Ziel, das örtliche Brauchtum samt dem militärischen Aufzug enger an den kirchlichen Sinn des Dreikönigsfestes anzubinden.
D. im 20. und 21. Jahrhundert
Bis heute sind die Figuren der drei Könige vor allem im Kinder- und Schultheater gegenwärtig geblieben. Dafür besteht ein reiches internationales Angebot an modernen Stücken. In der Schweiz dürfte das Dialekt-Singspiel "D’Zäller Wienacht" von →Paul Burkhard (1960; mit späteren Übersetzungen namentlich ins Hochdeutsche, Rätoromanische und Englische) am bekanntesten sein. Die drei Könige – an den fast kanonisch gewordenen Namen Kaspar, Melchior und Balthasar erkennbar – eröffnen hier das Spiel mit dem traditionellen Hinweis auf den Stern von Bethlehem. Gewichtiger ist ihre Rolle im Oberuferer Weihnachtsspiel. Dieser alte, dem Volksschauspiel des 17.–19. Jahrhunderts zugehörige und ursprünglich im niederösterreichisch-slowakisch-ungarischen Grenzgebiet beheimatete Text wurde von →Rudolf Steiner aufgegriffen und kam so in Deutschland und in der Schweiz zu einer neuen, kontinuierlichen Aufführungspraxis. Ab 1910 ist dieser Text in Berlin, seit 1915 in Dornach und in der Folge regelmässig auch an anderen Rudolf-Steiner-Schulen gespielt worden. Für das rätoromanische Schultheater hat Leonard Solèr mit seiner "Representaziun dils Sogns Retgs" (1931) ein eigenständiges Stück verfasst. Hinzuweisen ist ebenfalls auf den verbreiteten Brauch des Sternsingens, der meist von Jugendlichen ausgeführt wird und wo gelegentlich theatralische Elemente dazukommen können (namentlich in Graubünden). Heute hat sich dieser Brauch über die traditionellen Gebiete hinaus verbreitet und ist mit seiner lebendigen Darstellung der drei Könige zum überregionalen, nicht mehr konfessionsgebundenen Erfahrungsschatz vieler Jugendlicher geworden.
Literatur
- King, Norbert: Mittelalterliche D., 1979.
- Giraud, Yves/King, Norbert/Reyff, Simone de (Hg.): Trois Jeux des Rois, 1985.
- Schärmeli, Yvonne: Königsbrauch und D. im welschen Teil des Kantons Freiburg, 1988.
- Krieger, Dorette: Die mittelalterlichen deutschsprachigen Spiele und Spielszenen des Weihnachtsstoffkreises, 1990.
- Gemmingen, Hubertus von: "Ein Brücklin by unser Frowenkilchen": Der Liebfrauenplatz. Theaterspielorte und Theaterbauten in der Stadt Freiburg (I). In: Freiburger Geschichtsblätter 71/1994.
Autor/in: Norbert King/Christine Wyss
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
King, Norbert/Wyss, Christine: Dreikönigsspiele, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 488–490.