Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03124.jsonl.gz/730

Wovon hängt die Lebenszufriedenheit im Alter heute ab? Was wünschen sich Frauen und Männer in der Schweiz? Gibt es eine Zauberformel? Die Grenze zum Alter wird immer undeutlicher. Die Autorin Elena Mayorova schlägt neue Horizonte vor und schildert den Werdegang eines alten Schweizers in Haiti.
Auch im höheren Alter strebt man nach Glück und erfülltem Leben. Die Strategien «to be well» und «to be happy» verweisen auf verschiedene Szenarien, beinhalten aber ähnliche Komponenten. Die meisten Definitionen beschreiben Lebensqualität als eine Kombination aus objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Wohlbefinden. Zu den objektiven Lebensbedingungen gehören Ressourcen wie Einkommen, intakte Umwelt, Gesundheitssystem, Zugang zur Bildung sowie die Freiheit, aus diesen Ressourcen den eigenen Lebensstil frei wählen zu können. So hat sich der 83-jährige Otto Hegnauer aus der Schweiz entschlossen, nach Haiti auszuwandern und seine AHV-Rente für eine Schule auszugeben. Von einem der reichsten Länder der Welt ins Armenhaus der Welt. Dazu behauptet er, dort sei er glücklicher. Kann man in diesem Fall von Lebensqualität sprechen? Ist das kein Paradox?
Ein «reicher Schweizer» in Haiti
Otto Hegnauer war nicht immer dieser bescheidene weise Mann. Er war ein «typischer Schweizer» mit einer aussergewöhnlichen Karriere, die ihn bis ins Kader einer der grössten Schweizer Firmen gebracht hatte, wo er für Neues zuständig war. Irgendwann reizte ihn das nicht mehr und er verschwand nach Afrika, wo er zum Beispiel Touristen ins Paradies führte, genauer: nach Sansibar und Tansania. Er begann eine klassische Aussteigerkarriere. Schliesslich wanderte er nach Haiti aus. Auf einem kleinen Hügel baute er ein Traumhaus mit allem Luxus. Er bepflanzte den Hügel mit den schönsten Blumen aus aller Welt. Sein Haus war weit herum bekannt, sogar im Ausland. Ein kleines Paradies mit allen Annehmlichkeiten. Er hat sich einen Traum erfüllt, um restlos glücklich zu sein. Seine AHV und Kaderpension machten ihn in diesem armen Land zu einem reichen Mann.
Das Erdbeben als Einschnitt
2010: Das grosse Erdbeben vernichtet alles. Das Epizentrum schien direkt unter seinem Haus zu sein, denn alles, was darin war, schleuderte in die Luft und war im Umkreis von Kilometern verteilt. Otto war auf den Hügeln von Port-au-Prince bei einer Freundin zuhause. Die gesamte Stadt, ja fast das gesamte Land lag in Trümmern. Die Häuser auf den anderen Hügeln blieben unversehrt, nur einige Fenster zerbrachen.
Ottos Leben war vor dem Nichts. Er hatte alles verloren. Er kam zum Entschluss, diesen Ort, der ihm ein zweites Leben gab, nicht mehr zu verlassen. Er verzichtet auf alles: die Kaderpension gab er seiner Frau und die AHV seiner Freundin Melissa, bei der er zum Zeitpunkt der Erdbebens war. Unter der Bedingung, sie solle ihn ernähren und unterbringen. Mit dem Rest beschloss Melissa, eine Schule zu gründen, in den Armenviertel, in dem sie lebten. Zugang zu Bildung war praktisch unmöglich, denn sie war kostenlos nicht erhältlich. Heute bietet die Schule, die hauptsächlich aus Ottos AHV finanziert wird, 300 Schülern eine kostenlose Bildung.
Schule: eine Alternative zur Kindersklaverei
In Haiti leben gemäss Schätzungen der UNICEF mindestens 125 000 Kinder in der Sklaverei. Aus purer Armut werden die Kinder von ihren Eltern an Vermögende oder Bessergestellte abgegeben, wo die «Viaweks» oder «Restavecs», wie sie genannt werden, ohne Rechte 15 Stunden am Tag die Hausarbeit erledigen. Die Schule gibt den Familien eine Perspektive, welche die Kinder vor diesem Schicksal verschont. In der Schule gibt es neben Bildung auch Essen. Otto und Melissa leben ärmlich, aber glücklich. Otto, weit und breit der einzige Weisse, ist in allen Gesellschaftsschichten ein anerkannter Mann.
Lebensphilosophie des Glücks im Sein
Otto Hegnauer erinnert mehr an Ghandi als an einen Schweizer Manager. Sein einziger materieller Besitz ist sein Computer, mit dem er täglich festhält, was in der Schule und im Armenviertel vor sich geht. Inzwischen geht er am Stock die steinigen Wege hoch und herunter. Aber auch das nimmt er gelassen hin. Nie hat man gehört, dass er sich über irgendetwas beschwert hätte. Er führt auch leidenschaftliche Gespräche über den Einsatz der Geldmittel in der Schule, wie und wo diese ausgebaut werden sollte. Entscheiden lässt er aber andere. Er hat sich zurückgenommen, aber nicht aufgegeben. Er ist Zuschauer und nicht mehr Macher, er erfreut sich am Lachen, Singen und Spielen der Kinder. Er sagt, er sei in Haiti in Armut glücklicher als in der Schweiz. Dabei empfindet er sich nicht als arm. Er habe früher alles gehabt, was man zum Glücklichsein brauchen würde. Otto sagt, er sei 83, das sagt er aber schon seit sechs Jahren. Spielt Alter eine Rolle? Glück sei bedingungslos, meint er. Erst wenn du dein Glück nicht mehr von zukünftigen Ereignissen oder von Besitz abhängig machst, kannst du wirklich glücklich sein. Nicht, wenn das erreicht ist, bin ich glücklich, sondern das pure Sein ist Glück, sagt ein Mann, der schon alles erlebt hat.
Ist es wirklich so? Gemäss vielen Einschätzungen findet man das Glück im Alter eher in Europa, sicher nicht im Armenhaus Haiti, und doch haben wir mit Otto Hegnauer ein prächtiges Beispiel für das Gegenteil. Das Vorhandensein eines Lebenssinns, die Erfahrung der eigenen Nützlichkeit und in diesem Fall wahrscheinlich hedonistisches Erleben der Einfachheit des Lebens schaffen positive Emotionen, die den Platz für das Glück schaffen.
Möchten Sie mehr dazu lesen?
Ein Essay von Elena Mayorova: Lebenszufriedenheit im höheren Alter: Wo findet man das Glück? (PDF, 204 KB)