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Zu Zeiten des Diktators Stalin trieb ein Pseudowissenschaftler namens Trofim Lyssenko sein Unwesen. Er behauptete, Eigenschaften von Lebewesen und Pflanzen würden nicht durch Gene, sondern durch die Umwelt bestimmt.
Ein Irrweg und nachweislich falsch. Aber da der Scharlatan das Wohlwollen Stalins genoss und seine Behauptungen mit der Ideologie des dialektischen Materialismus übereinstimmten, beherrschte Lyssenko die Forschung.
Womit die damalige UdSSR um Jahrzehnte in der Biologie zurückgeworfen wurde, bis Lyssenko lange nach Stalins Tod endlich entmachtet wurde.
Schöne Geschichte, aber wo ist ihr Aktualitätsgehalt? In der Modern Monetary Theory, kurz MMT. Angeführt von der US-Professorin Stephanie Kelton postuliert die MMT, dass Staaten im Prinzip nicht pleite gehen können, da die von ihnen kontrollierte Notenbank als Geldschöpfungsmaschine unkaputtbar sei.
Statt in den Auffassungen des längst vergangenen Gold-Standards hängenzubleiben, könne und solle der Staat massiver durch eine Ausgabenpolitik die Wirtschaft steuern, wobei er keine Angst vor Defiziten oder galoppierender Inflation haben müsse.
Es ist natürlich kein Wunder, dass eine solche Theorie dem demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders sehr zupass kommt. Denn diese Theorie würde es ermöglichen, beliebig Sozialprogramme und andere Massnahmen zu finanzieren, ohne dass dafür die Steuern gewaltig angehoben werden müssten.
Gesichertes und bedingungsloses Grundeinkommen für alle, Gesundheitsversorgung, der „Green New Deal“ des linken Superstars der Demokraten Alexandria Ocasio-Cortez, die Beendigung des Klimanotstands, endlich scheint eine Antwort auf die Frage gefunden zu sein: Wer soll das alles bezahlen?
Oder wie das Kelton in einem Interview formuliert: „Es könnte billiger sein – etwa 1 Dollar ausgeben, aber nur 50 Cents wieder einzahlen. Wir könnten unsere Wirtschaft besser auslasten, ohne dass wir die ganze Zeit mit Steuern, Steuern, Steuern drohen.“
Endlich scheinen alle feuchten Träume der Linken wahr zu werden. Schon der grosse Ökonom John Maynard Keynes postulierte, dass der Staat in Krisenzeiten Geld ausgeben und Defizite hinnehmen solle, um die Konjunktur wieder anzukurbeln. Dieser Teil seiner Theorie wurde eifrig befolgt. Der andere Teil, dass in konjunkturell guten Zeiten der Staat das Defizit wieder herunterfahren müsse, allerdings nicht.
Aber inzwischen scheint Abhilfe nahe: Defizite sind gar kein Problem, denn schliesslich „können die USA nicht pleite gehen“, behauptet Kelton. Eine hohe und konstante Staatsverschuldung würge weder die Konjunktur ab, noch führe sie zu einer galoppierenden Inflation; das beste Beispiel dafür sei Japan.
Gute Nachrichten für alle Etatisten, Umverteiler und Befürworter von kostenintensiven Sozialprogrammen oder Umweltschutzmassnahmen. Was den Alchemisten über Jahrhunderte nicht gelang, den Vertretern der MMT ist’s geglückt: Nicht im Internet stehen die Gelddruckmaschinen, wie man bis zur Dotcom-Blase meinte. Mehrwert entsteht auch nicht aus derivativen Ableitungen von Werten, ihre Verwandlung in Wettscheine.
Und nicht unbedingt durch gesellschaftliche Wertschöpfung, die in Form von Steuern abgeschöpft und wieder verteilt wird. Sondern ganz einfach, indem ohne schädliche Folgen die Notenpresse angeworfen wird.
Alles eine Frage der richtigen Sichtweise. Behaupten die Anhänger der MMT. Nur: Ihre Theorie ist genauso falsch wie die Theorie Lyssenkos. Natürlich wehren sich Verfechter der MMT dagegen, dass man ihre Theorie zu Hilfe nimmt, um jede Form von Staatsausgaben zu rechtfertigen. So sei das nicht gemeint.
Aber wie auch immer es gemeint ist, es ist falsch und gefährlich. Zunächst unterläuft der MMT der Grundlagenirrtum, dass Staaten nicht pleite gehen könnten. Passiert ständig, alleine in Europa in den letzten Jahrhunderten Dutzende von Malen.
Griechenland ist das Paradebeispiel dafür. Seit der Staatsgründung in seiner heutigen Form im Jahre 1830 – notabene aus einer Pleite heraus – war Griechenland häufiger und länger insolvent als zahlungsfähig. Staatspleiten pflastern seinen Weg, wie auch bei Frankreich, Spanien, Deutschland, und so weiter.
Dass die schon jetzt ungesunde Aufblähung der Bilanzen der wichtigsten Notenbanken der Welt, die Herstellung von Neugeld wie Heu und der Aufkauf von Staatsschulden nach der Devise „linke Hosentasche, rechte Hosentasche“ noch nicht zu üblen Verwerfungen oder einer galoppierenden Inflation geführt hat, ist zwar eine Tatsache.
Daraus zu schliessen, dass das auch nicht passieren wird, ist ungefähr so dumm, wie im Frühling am Fuss eines schneebedeckten Abhangs zu stehen und zu sagen: Seht her, keine Lawinengefahr.
Inzwischen schwappt die MMT auch auf Europa über. Nachdem Pikettys Wälzer „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ als Begründung für Umverteilung abgedankt hat, auch diesem Autor gravierende Fehler nachgewiesen werden konnten, marxistische Wirtschaftsüberlegungen zwar immer wieder aufgenommen werden, aber keine wirkliche Wirkung erzielen, kommt nun MMT.
Die Theorie hat den Charme eines attraktiven Namens, ihre eloquenten Vertreter treffen auf die ökonomische Unkenntnis der Medien, während die Aussagen der MMT von allen begierig aufgenommen werden, die sich damit endlich der unangenehmen Frage entledigen wollen, woher denn das Geld für ihre Träumereien kommen solle. Aus einer Traumtheorie natürlich.