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Leider sind Tierversuche (noch) nicht verschwunden und weltweit leiden jedes Jahr Hunderte Millionen Tiere in Laboren. Das gilt sowohl für Sicherheitstests (z. B. für Inhaltsstoffe von Chemikalien, Medikamenten und Kosmetika) als auch für experimentelle wissenschaftliche Forschung. Im Jahr 2021 wurden in Grossbritannien über 3 Millionen Tiere für Experimente genutzt und weltweit werden jedes Jahr 192 Millionen Tiere eingesetzt1. Diese Zahl ist eine Schätzung, da viele Länder die genaue Zahl der von ihnen verwendeten Tiere nicht veröffentlichen (oder gar zählen).
Ein grosses Problem in der EU sind zwei widersprüchliche Gesetze. Im Jahr 2013 wurde mit der Kosmetikrichtlinie ein Verbot von an Tieren getesteten Kosmetika eingeführt, was sehr zu begrüssen ist. Allerdings wurde dieser Fortschritt durch die REACH-Verordnung (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) unterbrochen.
REACH trat 2007 in Kraft und verlangt seither, dass Unternehmen, die Chemikalien herstellen oder nach Europa importieren, per Gesetz bestimmte Kriterien erfüllen müssen. Es gibt also einen Prozess, dem man folgen muss:
➜ Inhaltsstoffe müssen zunächst bei der European Chemical Agency registriert werden
➜ Dann müssen ausführliche Sicherheitsdaten über den Inhaltsstoff vorgelegt werden
➜ Wenn Sicherheitsdaten fehlen, kann dies bedeuten, dass Tierversuche durchgeführt werden müssen, wenn keine andere Methode zur Verfügung steht.
Obwohl Tierversuche im Rahmen von REACH nur als letztes Mittel eingesetzt werden sollen, haben Tierschutzorganisationen geschätzt, dass seit Einführung der Verordnung Versuche an 2,6 Millionen Tieren im Rahmen von REACH durchgeführt2 wurden.
Beim grössten Teil der Tierversuche handelt es sich jedoch um keine behördliche Prüfung, sondern “Grundlagen-” oder experimentelle Forschung, für die nur sehr selten (wenn überhaupt) die Genehmigung verweigert wird und für die stattdessen neue, tierversuchsfreie Methoden besser erprobt werden könnten.
3. Tradition und Routine, nicht Wissenschaft
Oft wird der Einsatz von Tieren aufgrund von Konventionen, Traditionen oder schlichtweg Gewohnheit fortgesetzt. Die Forschung setzt oftmals weiterhin auf Tiere, obwohl es eine gesetzliche Verpflichtung gibt, wo immer möglich tierversuchsfreie Methoden einzusetzen. Die Voreingenommenheit gegenüber Tierversuchen ist so gross, dass Forscher*innen, die neue, für den Menschen relevante Methoden vorschlagen, oft gesagt wird, sie sollen sie an Tieren durchführen.
4. Es beweist nicht die Sicherheit
Wenn es darum geht, die Gesundheit und Sicherheit von Menschen vorherzusagen, sind Tierversuche kaum besser, als eine Münze zu werfen. Tierversuche können mit der riesigen Menge an neuen Chemikalien, die getestet werden müssen, nicht Schritt halten, und bei Tausenden von Chemikalien sind die Risiken trotz jahrzehntelanger Tierversuche immer noch unbekannt3.
90 % der neuen Medikamente scheitern in den (klinischen) Versuchen am Menschen, nachdem sie zuvor (präklinische) Tests bestanden haben, die grösstenteils auf Tierversuchen basieren. Umgekehrt können Tiere auf eine Art und Weise reagieren, wie es Menschen nicht tun würden, z. B. auf Produkte, die bei uns sicher und wirksam sein könnten, aber aufgrund der Tierversuche abgelehnt werden4.
5. Tierversuche sind unzuverlässig
Tiere sind schlechte Modelle für Menschen und leiden oft nicht an menschlichen Krankheiten.
Das ist in der Wissenschaft wohlbekannt. Deshalb werden jedes Jahr Millionen von Tieren routinemässig gentechnisch verändert, um Krankheiten beispielsweise Parkinson, Organversagen oder Krebs künstlich zu erzeugen. Gentechnisch veränderte Tiere sind heute ein grosses Geschäft, und viele Labore auf der ganzen Welt haben sich darauf spezialisiert.
6. Tierversuche sind zeitaufwändig und teuer
Ein einziger Test mit einer Chemikalie, bei dem geprüft werden soll, ob sie Krebs verursachen kann, kann zwei Jahre dauern, 860 Nagetiere benötigen, zwischen 2 und 4 Millionen Dollar kosten und insgesamt fünf Jahre für die Planung, Durchführung und Auswertung der Ergebnisse in Anspruch nehmen5. Neue Testmethoden haben stattdessen das Potenzial, schneller, billiger und zuverlässiger zu sein.
Da die durchschnittlichen Kosten für die Zulassung eines neuen Medikaments über 2 Milliarden Dollar betragen und 10-12 Jahre dauern, bedeutet dies, dass Unternehmen unter Umständen Milliarden von Dollar verschwenden. In einer aktuellen Studie von Thomas Hartung und dem Team des Centre for Alternatives to Animal Testing (CAAT) heisst es: “Viele Tierversuche sind einfach zu kostspielig, dauern zu lange und liefern irreführende Ergebnisse”, während tierversuchsfreie Methoden – sogenannte New Approach Methodologies (NAMs) – effizienter, kostengünstiger und vor allem genauer in Bezug auf die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind, denn “die Leistung der neuen tierversuchsfreien Ansätze ist oft so hoch, dass sie Tierversuche überflüssig gemacht haben.”
7. Nahezu jede Tierart wird für Tests verwendet
Die meisten genutzten Tierarten sind Mäuse, Ratten, Vögel und Fische. Affen und Hunde werden ebenfalls routinemässig für Medikamententests verwendet, aber auch fast jede andere Tierart wird in irgendeiner Form eingesetzt. So ziemlich jedes Tier, das man sich vorstellen kann, kommt in der Laborforschung zum Einsatz.
Und ein Test ist nicht gleichbedeutend mit einem einzigen Tier … Für einen chemischen Test (z.B. auf Fortpflanzungsschäden) können 3200 Tiere zum Einsatz kommen.
8. Dieselben Arten von Tierversuchen werden wiederholt
Diese gängigen Arten von Tierversuchen werden oft als “bewährte Modelle” bezeichnet, bei denen dieselben Verfahren wiederholt werden. Dabei kann es sich um experimentelle Studien oder Tests für dieselben Chemikalien handeln, die immer wieder durchgeführt werden. Eine Analyse von EU-Chemikaliendaten ergab zum Beispiel, dass für zwei Chemikalien dieselben grausamen Augentests an Kaninchen 90 Mal durchgeführt wurden6.
9. Eine bessere Wissenschaft steht uns zur Verfügung
Die überwiegende Mehrheit der Tierversuche dient angeblich dem Nutzen für den Menschen, ist aber nicht für den Menschen relevant. Stattdessen sind viele neue Methoden auf dem Vormarsch, bei denen in vitro (menschliche Zellen, Gewebe, Miniorgane und “Chips”) und in silico (modernste Computertechniken und künstliche Intelligenz) kombiniert werden und mehr für den Menschen relevante Ergebnisse liefern.
10. Neue Ansatz-Methoden scheitern an einem Regulierungssystem, das nicht für sie ausgelegt ist
Bevor eine Methode für behördliche Zwecke verwendet werden kann, muss sie validiert und in die offiziellen Testrichtlinien aufgenommen werden … Die Aufsichtsbehörden akzeptieren nur Tests, die nach diesen international anerkannten Methoden durchgeführt wurden, um sicherzustellen, dass die von den Unternehmen eingereichten Daten konsistent sind und einem hohen Standard entsprechen. Aber das Verfahren für die Zulassung neuer Methoden ist quälend langsam. Die Tests müssen validiert werden und nachweisen, dass die Ergebnisse konsistent sind und mit den Ergebnissen aus Tierversuchen übereinstimmen. Dadurch wird ein fehlerhaftes System aufrechterhalten. Stattdessen sollen neue, tierversuchsfreie Methoden nicht die unzuverlässigen Tierversuche imitieren, sondern fortschrittlichere wissenschaftliche Erkenntnisse liefern, die für die Sicherheitsprüfung und die Forschung am Menschen relevant sind. Besser für die Tiere und besser für uns!
Referenzen:
1: An Estimate of the Number of Animals Used for Scientific Purposes Worldwide in 2015 – Katy Taylor, Laura Rego Alvarez, 2019 ➜
2: Chemical & Engineer News: Can Europe replace animal testing of chemicals ➜
3: Translating Clinical Findings into Knowledge in Drug Safety Evaluation – Drug Induced Liver Injury Prediction System (DILIps) … – z.B. erkennen Nagetiere die Lebertoxizität von Arzneimitteln beim Menschen nur in 50% der Fälle ➜
4: Accelerating the Growth of Human Relevant Life Sciences in the United Kingdom ➜
5: Recommended approaches in the application of toxicogenomics to derive points of departure for chemical risk assessment ➜
6: Toxicological Sciences | Oxford Academic (oup.com) Machine Learning of Toxicological Big Data Enables Read-Across Structure Activity Relationships (RASAR) Outperforming Animal Test Reproducibility ➜