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Frage: Was sind Visionen, Szenarien und Leitbilder und welche Funktionen haben sie?
Kurz gesagt:
Ein erster Meilenstein eines LA21-Prozesses ist die Entwicklung einer gemeinsamen Vision für die Zukunft der Gemeinde. Die Vision muss mit breiter Beteiligung der Bevölkerung erarbeitet werden. Auf der Basis der Vision können Leitbilder entwickelt werden, die die Rolle eines Regierungsprogramms einnehmen. Leitbilder steuern den Strategiebildungsprozess, der schliesslich in den Aktionsplan für das 21. Jahrhundert (also die LA21) mündet.
Vision
Die Entwicklung einer Gemeinde wird in wesentlichem Mass durch die Handlungen und Einstellungen ihrer Bevölkerung geprägt. Zwei Entwicklungsprinzipien können unterschieden werden: a) eine Gemeindeentwicklung, die von Visionen, Zielen und Strategien geleitet ist, und b) ein natürliches Entwicklungsprinzip, bei welchem immer wieder verschiedene Problemlösungsvarianten ausprobiert und die bewährten Lösungsansätze im politischen System verankert werden.
In einem LA21-Prozess ist vorwiegend eine zielgerichtete Entwicklung mit klaren Visionen und Leitbildern angesprochen. Eine solche Vorgehensweise erlaubt, Erwartungen hinsichtlich der Zukunft aktiv im Planungsprozess berücksichtigen zu können, anstatt nur reaktiv auf Probleme reagieren zu müssen.
Ein erster Meilenstein eines LA21-Prozesses ist demnach eine gemeinsame Diskussion über Visionen, wohin die Entwicklung der Gemeinde führen soll. Die gemeinsam erarbeitete Vision soll ein konkretes Zukunftsbild beschreiben, welches längerfristig realisierbar ist und die Begeisterung für die Gestaltung einer neuen, gewünschten Wirklichkeit wecken kann.
Die zwei wesentlichen Fragen für die Visionsentwicklung im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung sind:
„Welche Zukunft streben wir an?“
„Erfüllt das angestrebte Zukunftsbild das Ziel der Nachhaltigkeit?“
Die Vision soll
eine Aufbruchstimmung wecken, eine Fahrt zu neuen Ufern signalisieren
einen hohen Aufforderungscharakter besitzen
der Entwicklung der Gemeinde eine klare Richtung geben
die erwünschten und die unerwünschten Verhaltensweisen definieren.
Der normative Rahmen der Visionsentwicklung ist die Idee der nachhaltigen Entwicklung mit den international vorgegebenen Zielen (>> Ziele einer nachhaltigen Entwicklung). Dies bietet den Vorteil, dass die Denkrichtung im Grossen und Ganzen schon vorgespurt ist. Da jede Gemeinde ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Rahmenbedingungen hat, wird das, was „Nachhaltigkeit in der eigenen Gemeinde“ konkret bedeutet, und somit auch die Vision für jede Gemeinde, selbstverständlich unterschiedlich aussehen.
Rolle von Szenarien
Visionen lassen sich häufig einfacher herleiten, indem von verschiedenen möglichen gesellschaftlichen Entwicklungspfaden ausgegangen wird. Szenarien beschreiben eine hypothetische Abfolge kausal verbundener Ereignisse. Sie gehen auf zukünftige Rahmenbedingungen ein, die die Realisierung einer Vision wesentlich beeinflussen können. Somit zeigen sie mögliche Entwicklungen innerhalb und im Umfeld der Gemeinde auf und geben Antwort auf die Frage: Was wäre wenn? Szenarien fördern eine vorausdenkende Gemeindepolitik und legen deren Annahmen transparent dar. Zudem tragen sie dazu bei, dass erwünschte oder unerwünschte Entwicklungsprozesse rechtzeitig erkannt und gesteuert werden können.
Ein Szenario beschreibt jeweils einen klaren Ausgangspunkt, einen definierten Endzustand und die Entwicklung über einen bestimmten Zeitraum hinweg unter gewissen Annahmen. Mehrere Szenarien sind geeignet, um alternative Entwicklungspfade zu erforschen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Szenarien lediglich mögliche Entwicklungen aufzeigen – sie sind keine Prognose dessen, was sein wird. Vielmehr geben sie eine Vorstellung über den möglichen Entwicklungsspielraum.
Szenarien eignen sich besonders dafür, die vielfältigen und vernetzten Prozesse in einer Gemeinde zu umschreiben. Für die Entwicklung von Szenarien kann auf bestehende Vorstellungen über Veränderungsprozesse in der Gesellschaft zurückgegriffen werden. Beispielsweise können Basisszenarien entwickelt werden, indem auf die folgenden Fragen unterschiedliche Antworten gesucht werden:
Wie sollen die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung erreicht werden – durch Verhaltensänderung oder technologische Lösungen?
Wer ist verantwortlich für welche Problembereiche – das Individuum, der Staat, die Wirtschaft oder eine Kombination daraus?
Aus der Bewertung und Ergänzung verschiedener Szenarien der Gemeindeentwicklung lässt sich eine Vision für die Gemeinde herleiten. Szenarien dienen somit der Entwicklung dieser Vision. Sie suchen Antworten auf die Frage: Was ist möglich? Davon ausgehend beschäftigt sich die Vision mit der Frage: Was wollen wir?
Leitbilder
Leitbilder nehmen für die Gemeinden die Rolle eines Regierungsprogramms ein – in Form von Massnahmen werden darin die wichtigsten Stossrichtungen der verschiedenen Politikbereiche festgeschrieben.
Visionen sind den Leitbildern übergeordnet, haben einen längerfristigen Charakter und unterscheiden sich von den Leitbildern durch eine geringere Handlungsnähe. Ein Leitbild hält diejenigen Handlungen und Entscheidungen fest, die in naher Zukunft im Hinblick auf die Vision angestrebt werden sollen. Leitbilder enthalten die tatsächlich angesteuerten, aber noch nicht konkretisierten Ziele, die als Grundlage für aktuelle Entscheidungen dienen. Sie sind auf die spezifischen Rahmenbedingungen einer Gemeinde abgestimmt.
Leitbilder erlauben es, hinreichend konkrete Ziele abzuleiten und haben einen ganzheitlichen Ansatz. Die Behörden müssen sich mit dem Leitbild identifizieren können.
Von der Vision bis zum Aktionsplan
Vision und Leitbild sowie Strategie und Aktionsplan unterscheiden sich durch ihre unterschiedlichen Zeithorizonte (vgl. Abb.). Die Handlungs- und Gestaltungsräume der Behörden werden mit zunehmendem Planungshorizont unbestimmter.
Das Leitbild steuert den Strategiebildungsprozess. In einer Strategie werden strategische Ziele und Wege mit möglichen Massnahmen bestimmt (>> Instrumente und Massnahmen auswählen). Ein strategisches Ziel ist eine Aussage über eine Absicht. Das Ziel bleibt solange bestehen, bis die Absicht erfüllt ist oder bis sie sich geändert hat. Strategische Ziele dienen der Präzisierung der Vision und des Leitbilds.
Im Aktionsplan schliesslich wird die Strategie durch operative Ziele und die zu ergreifenden Massnahmen konkretisiert. Ein operatives Ziel beschreibt ganz konkret eine beabsichtigte Leistung, ein Resultat. Das operative Ziel ist kurzfristig erreichbar, es ist messbar und zeitlich festgelegt. (>> Ziele formulieren)
Die Entwicklung von Strategien für eine nachhaltige Entwicklung in der Gemeinde beginnt bei der Vision und endet beim Aktionsplan für das 21. Jahrhundert, also der LA21, die fortlaufend durch den Politikbildungsprozess aktualisiert wird.
Abbildung 1: Von der Vision zum Aktionsplan – Meilensteine eines LA21-Prozesses
Partizipation bei der Entwicklung von Visionen und Leitbildern
Die Entwicklung einer Vision für die Gemeinde muss unter einer breiten Beteiligung der Bevölkerungsschichten erfolgen. Ziel dieser Partizipation ist ein Konsens über die entwickelte Vision als Grundlage für die Leitbild- und Strategieformulierung. Es gibt verschiedene partizipative Verfahren, die heute für die Entwicklung von Visionen eingesetzt werden, beispielsweise die „Europäische Szenariowerkstatt für Bewusstseinsbildung (EASW)“, die Zukunftswerkstatt, die Zukunftskonferenz, die Perspektivenwerkstatt oder die Szenario-Werkstatt. (>> Partizipation planen und umsetzen, >> Partizipative Verfahren bestimmen)
Bei der Entwicklung von Leitbildern gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie werden in den herkömmlichen politischen Gremien erarbeitet, wie dies in der Regel der Fall ist, oder sie kommen ebenfalls unter Beteiligung der breiten Bevölkerung zustande. Wichtig ist in jedem Fall, dass sich die Gemeindebehörden mit dem Leitbild identifizieren können.
EXKURS (Autorin Heidi Hofmann, 20.04.2010)
Praxisbeispiele:
Zielformulierung im „Aktionsplan Umwelt und Gesundheit“ (kurz APUG)
Die Leitidee des APUG Programms (>> Ziele einer nachhaltigen Entwicklung) war die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden in einer gesunden Umwelt. Der APUG konzentrierte sich dabei auf die drei Themenschwerpunkte „Mobilität und Wohlbefinden, „Wohnen und Wohlbefinden“ und „Natur und Wohlbefinden“. Im Zentrum des Aktionsprogramms stand als Ziel die Verbreitung der übergeordneten Botschaft, dass umwelt- und gesundheitsgerechtes Denken und Handeln sich gegenseitig beeinflussen und fördern. Für die Umsetzung dieses übergeordneten Zieles wurde in drei ausgewählten Pilotregionen (Crans-Montana, Telli-Aarau, Thal) themenspezifische Botschaften benannt und entsprechende Ziele formuliert.
Formulierung von Leistungs- und Wirkungszielen
Im Rahmen des APUG formulierte das Bundesamt für Gesundheit mit jeder der drei Pilotregion in einem Rahmenvertrag (>> Prozessmanagement) sog. Leistungs- und Wirkungsziele: in den Leistungszielen wurden die Aktivitäten/Leistungen, welche die Pilotregionen zur Umsetzung ihres Schwerpunkthemas erbringen wollten, festgehalten: z.B. die Durchführung einer Anzahl konkreter Projekte im Bereich Mobilität und Wohlbefinden. In den Wirkungszielen wurde formuliert, welche Wirkungen mit diesen Aktivitäten/Leistungen angestrebt werden: z.B. soll die Bevölkerung wissen, dass die Fortbewegung aus eigener Kraft und mit öffentlichen Verkehrsmitteln positiv auf Umwelt und Gesundheit wirkt.
Botschaft und Zielformulierung in der Pilotregion Crans-Montana
Die Pilotregion Crans-Montana formulierte zu ihrem Themenschwerpunkt „Mobilität und Wohlbefinden“ die Botschaft „Die Fortbewegung aus eigener Kraft und mit öffentlichen Verkehrsmitteln wirken positiv auf Umwelt und Gesundheit“.
Dazu wurden folgende (Wirkungs-)Ziele festgelegt:
Die Bevölkerung weiss, dass die Fortbewegung aus eigener Kraft und mit öffentlichen Verkehrsmitteln positiv auf Umwelt und Gesundheit wirkt.
Der Anteil der Bevölkerung, der sich auf dem Arbeitsweg, beim Einkauf und in der Freizeit zu Fuss und mit dem Fahrrad fortbewegt, nimmt zu.
Der Anteil der Gäste, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Ferienregion anreist, nimmt zu.
Die Infrastruktur für Fussgängerinnen und Radfahrer (Fahrradwege, Fussgängerzonen und Tempo-30-Zonen) verbessert sich.
Als Leistungsziel wurde die Durchführung von Projekten im Bereich Mobilität und Wohlbefinden vereinbart.
Botschaft und Zielformulierung in der Pilotregion Aarau-Telli
Unter dem Programm „allons-y Telli!“ formulierte die Pilotregion Aarau-Telli zum Themenschwerpunkt „Wohnen und Wohlbefinden“ die Botschaft „Ein qualitativ gutes Wohnumfeld sowie Innenräume mit guter Luftqualität wirken positiv auf Umwelt und Gesundheit“. Dazu wurden folgende (Wirkungs-)Ziele festgelegt:
Die Siedlung Telli bietet ein attraktives Wohnumfeld und eine gute Wohn- und Lebensqualität (>> Lebensqualität).
Die Bewohnerinnen und Bewohner wissen, dass die Förderung der Gesundheit (>> Gesundheit) und einer intakten Umwelt eine zentrale Voraussetzung des Wohlbefindens darstellt. Die Bewohnerinnen und Bewohner gestalten ihr Quartier aktiv mit. Dabei setzten sie ihr Wissen im Bereich Gesundheit und Umwelt in die Tat um.
Die Bewohnerinnen und Bewohner finden sich in der ganzen Siedlung gut zurecht, erleben ihre Wohnsituation als beeinflussbar und bringen ein Engagement für die Erhaltung der Wohnqualität auf. Dadurch entsteht ein lebendiges Quartierleben.
Als Leistungsziel wurde die Durchführung von Projekten im Bereich Wohnen und Wohlbefinden vereinbart.
Botschaft und Zielformulierung in der Pilotregion Thal
Unter dem Programm „viTHAL“ formulierte die Pilotregion Thal zum Themenschwerpunkt „Natur und Wohlbefinden“ die Botschaft „Eine ausgewogene Ernährung mit saisonal und regional produzierten Lebensmitteln wirkt positiv auf Umwelt und Gesundheit. Besonders umweltschonend ist die Wahl biologisch produzierter Lebensmittel“.
Dazu wurden folgende (Wirkungs-)Ziele festgelegt:
Die Bevölkerung ernährt sich ausgewogen.
Die Bevölkerung bevorzugt regionale, saisonal und ökologisch produzierte Lebensmittel.
Die Bevölkerung und Gäste nutzen umweltschonende Erholungs- und Bewegungsangebote.
Als Leistungsziel wurde die Durchführung von Projekten im Bereich Natur und Wohlbefinden vereinbart.
Die Pilotregion Thal führte zu diesen Zielen viele Projekte (>> Förderung von Naherholungsmöglichkeiten).
ENDE DES EXKURSES
Linkverzeichnis
http://web.archive.org/web/20041011053841/http://www.proregio-ev.de/ leitbilder.html Auf dieser Seite von Pro Regio werden kurz das Leitbild, die Vorteile und die fünf Phasen der Leitbildentwicklung für eine Region beschrieben. Hinweis zur Verlinkung: Da die ursprüngliche Website nicht mehr verfügbar ist, wird auf das Archiv www.archive.org verwiesen. Die Darstellung der verlinkten Seite kann vom Original abweichen und die Vollständigkeit des ursprünglichen Inhalts ist nicht in jedem Fall gegeben.
Literaturverzeichnis
Ringland, Gill (2002): Scenarios in Public Policy. Chichester: Wiley. Dieses Buch illustriert anhand von Beispielen die Rolle von Szenarien für die öffentliche Politik- und Strategiebildung. Es gibt konkrete Handlungsanweisungen, worauf man bei der Arbeit mit Szenarien achten muss. Insbesondere wird die Bedeutung der Partizipation für die Szenarien- und Strategieentwicklung betont. Es ist eines der wenigen Bücher, welche spezifisch für öffentliche Organisationen die Rolle von Szenarien im Politikbildungsprozess beschreibt.
Wiener, Daniel (2001): Wir sind die Stadt. Das Beispiel Werkstadt Basel. Basel: Christoph Merian Verlag. Verschiedene Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Bevölkerung, Wirtschaft, Wissenschaft erläutern unterschiedliche Aspekte des Stadtentwicklungsprozesses „Werkstadt Basel“ und beschreiben kurz ihre „Visionen für Basel“. Ein schönes Beispiel dafür, dass Visionen sehr unterschiedlich sein können.
Rüttgers, Martin & Schwarz, Michael (2001): Leitbildentwicklung in bundesdeutschen Großstädten. Recherche und Prozeßanalyse im Hinblick auf Mindestanforderungen und Erfolgsfaktoren. Köln. Unter diesem Link findet man einen 40 Seiten starken Bericht über eine Studie über Prozesse von Leitbildentwicklung in acht bundesdeutschen Grossstädten. Der Bericht gibt auch eine Einführung zu Begriff, Funktion und Typologie von Leitbildern.
»Download Rüttgers_Schwarz_2001.pdf (pdf; 515kB)