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von Brian Cardini
Bisherige Forschung konnte zeigen, dass Personen empathischer (sprich: einfühlsamer) sind, wenn sie gebeten werden, andere Personen zu imitieren. Ausserdem ist bereits bekannt, dass empathischere Menschen mehr prosoziales Verhalten zeigen (sprich: Verhalten, das primär dem Wohlergehen anderer dient). In der vorliegenden Studie wurde dieser Zusammenhang aus einem etwas anderen Blickwinkel untersucht: Die Forschenden Axel Franzen und Sebastian Mader von der Universität Bern und Fabian Winter vom Max-Planck-Institut in Bonn wollten herausfinden, ob der Zusammenhang zwischen Imitation und prosozialem Verhalten auch dann besteht, wenn die Personen nicht gezielt aufgefordert werden, andere Personen zu imitieren.
Die Forschenden fokussierten dabei auf die Imitation eines spezifischen Gesichtsausdrucks: das «ansteckende Gähnen». Genauer untersuchten die Forschenden den Einfluss von «ansteckendem Gähnen» auf die Empathie-Fähigkeit und das prosoziale Verhalten. Dabei stellten die Autoren drei Hypothesen auf: Die erste Hypothese diente als Replikation früherer Ergebnisse, wonach Empathie positiv mit prosozialem Verhalten zusammenhängt. Die zweite Hypothese lautete, dass die Empathie-Fähigkeit unterschiedlich stark in Personen ausgeprägt ist und dass «ansteckendes Gähnen» eine Ausdrucksform von Empathie darstellt. Die dritte Hypothese besagte, dass Personen, die mehr «ansteckendes Gähnen» zeigen, auch eine höhere Tendenz zu prosozialem Verhalten aufweisen.
Um diese Hypothesen zu testen, führten die Autoren zwei Laborstudien durch. In Studie 1 wurden 171 Studierende der Universität Bern gebeten, unter Einhaltung der Anonymität einen Betrag von 10 Schweizer Franken in einer beliebigen Kombination auf sich selber und eine/n andere/n zufällig ausgewählte/n Studierende/n aufzuteilen. Die Höhe des an die andere Person gespendeten Geldbetrags diente als Mass für prosoziales Verhalten. In einem nächsten Schritt sahen die Teilnehmenden ein dreiminütiges Video, das verschiedene gähnende Gesichter unterschiedlichen Alters und Geschlechts zeigte. Dabei wurden die Teilnehmenden mit einer Videokamera aufgenommen, um im Nachhinein messen zu können, ob und wie oft sie während des Videos gegähnt hatten. Schliesslich füllten die Teilnehmenden einen Fragebogen zur Empathie-Fähigkeit aus.
41 von den 171 Teilnehmenden (24%) gähnten mindestens einmal während des Videos. Wichtigerweise gelang es den Autoren, das Gähnen auf das Betrachten des Videos, nicht aber auf die Schläfrigkeit oder Langeweile der Teilnehmenden, zurückführen. Somit handelte es sich laut Autoren auch wirklich um "angestecktes Gähnen." Die Gähnenden zeigten eine höhere Empathie-Ausprägung als die Nicht-Gähnenden. Allerdings unterschieden sich die beiden Gruppen nicht signifikant in der Höhe des an die andere Person gespendeten Geldbetrags (Mittelwert der Gähnenden: 3.59 von 10 Franken; Mittelwert der Nicht-Gähnenden: 2.95 von 10 Franken). Schliesslich konnten die Autoren den positiven Zusammenhang zwischen Empathie und prosozialem Verhalten replizieren: Je höher die allgemeine Empathie-Fähigkeit einer Person, desto höher der gespendete Geldbetrag.
Studie 2 adressierte einige Limitationen von Studie 1. Zusätzlich zu den gähnenden Gesichtern zeigten die Autoren in dieser Studie auch Gesichter mit anderen Ausdrücken: Solche, die sich an der Nase kratzen und lachende Gesichter. Hiermit wollten die Autoren überprüfen, ob das Imitieren anderer Gesichtsausdrücke ebenfalls ein Indikator für Empathie ist. Weiter führten die Autoren eine Kontrollgruppe ein, die im Video nur die kratzenden und lachenden Gesichter, nicht aber die gähnenden Gesichter, sah. Im Gegensatz dazu sahen Personen in der Experimentalgruppe alle drei Gesichtsausdrücke. Weiter benutzten die Autoren eine andere Messung für das prosoziale Verhalten: Den Teilnehmenden wurde die Möglichkeit gegeben, den vollen Betrag oder einen Teil ihrer Studienvergütung (20 Schweizer Franken) an eine Hilfsorganisation ihrer Wahl zu spenden.
Insgesamt nahmen 333 Studierende der Universität Bern an Studie 2 teil. 40 von 183 Personen in der Experimentalgruppe (22%) mussten ein oder mehrmals gähnen. Dagegen gähnten lediglich 5 von 150 Personen aus der Kontrollgruppe (3.3%). Die Autoren werteten dies als Zeichen, dass das herbeigeführte Gähnen in der Experimentalgruppe tatsächlich auf die gähnenden Gesichter in den Videos zurückzuführen ist. Interessanterweise kratzten sich 22.4% der Personen in der Experimentalgruppe auch an der Nase und 60.1% lachten bei den lachenden Gesichtern mit. In der Kontrollgruppe waren es 28.7% bzw. 56%. Auch in dieser Studie bestätigte sich, dass die Gähner aus der Experimentalgruppe signifikant höhere Empathie-Werte berichteten als die Nicht-Gähner. Allerdings fanden die Autoren keinen Zusammenhang zwischen Kratzen oder Lachen und Empathie. Wie in Studie 1 zeigte sich auch in dieser Studie kein Zusammenhang zwischen ansteckendem Gähnen und prosozialem Verhalten: Die Gähner und Nicht-Gähner spendeten in etwa gleich viel Geld an die Hilfsorganisationen.
Personen, die sich öfters vom Gähnen anderer Personen anstecken lassen, tendieren dazu, höhere Empathie-Werte zu berichten. Dabei scheint insbesondere das ansteckende Gähnen und weniger das Imitieren von Kratzbewegungen oder Lachen ein wichtiger Indikator für Empathie zu sein. Die Autoren diskutieren, dass ansteckendes Gähnen einen evolutionären Vorteil für soziale Spezies wie Primaten (Affen, Menschenaffen, Menschen) gehabt haben könnte, z. B. dadurch, dass die Schlafgewohnheiten der eigenen Gruppe aufeinander abgestimmt werden. Weshalb aber konnten die Autoren keinen Zusammenhang zwischen Gähnen und prosozialem Verhalten finden? Die Autoren schlussfolgern, dass die verwendeten Messungen von prosozialem Verhalten zu allgemein gefasst waren und eine direktere Erfassung des Verhaltens (z. B. prosoziales Verhalten gegenüber einer Person aus dem eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis) einen stärkeren Zusammenhang mit Gähnen gezeigt haben könnte. Allerdings bleiben diese Vermutungen der Autoren ungewiss, bis zukünftige Studien diese wissenschaftlich belegen oder widerlegen können.
Literaturangaben:
Franzen, A., Mader, S., & Winter, F. (2018). Contagious yawning, empathy, and their relation to prosocial behavior. Journal of Experimental Psychology: General. Advance online publication. http://dx.doi.org/10.1037/xge0000422
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