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Das Ego in der Gleichung - Daniel Craig als 007
Freelancer Giancarlo Schwendener schaut auf die 007-Ära von Daniel Craig zurück. Was machte seinen Bond in fünf Filmen aus und was waren die Unterschiede gegenüber seinen Vorgängern?
Im Oktober 2005 fuhr Daniel Craig in einem breiten Boot die Themse hoch und stellte sich der Presse als neuer Darsteller von James Bond vor. Viele rümpften die Nase. Einige hielten ihn sogar für ein Weichei, weil er eine Schwimmweste trug. Ein blonder Bond, der grimmig und verkrampft wirkte? Das gefiel vielen Leuten gar nicht. Wenig später sah ich Munich, den Film von Steven Spielberg im Kino. Daniel Craig spielte mit und ich konnte mir diesen Mann nur schwer als James Bond vorstellen.
Der Rest ist Geschichte. Mit Casino Royale konnten die Produzenten den letzten noch nicht von der offiziellen Bond-Reihe adaptierten Roman von Ian Fleming verfilmen. Endlich war es ihnen gelungen, sich die Verfilmungsrechte zu sichern, die eine jahrelange Odyssee hinter sich hatten. 1954 war der Stoff als Episode der TV-Serie Climax! erschienen und danach 1967 als trashige Parodie mit Kultcharakter. Die Ausgangslage war dankbar. Der erste Fall von James Bond und ein neuer Schauspieler erschlossen Michael G. Wilson und Barbara Broccoli neue Wege, um die Figur zu entwickeln.
Als Casino Royale Ende 2006 in die Kinos kam, verstummten die kritischen Stimmen. Die ganze Welt war vom neuen James Bond begeistert. Eines der besten Drehbücher der Serie, das Comeback von Michael Campbell (GoldenEye) auf dem Regiestuhl und Eva Green als Vesper Lynd sind nur einige der Mosaiksteine, die Daniel Craig diesen sensationellen Einstand ermöglichten.
Nach 16 Jahren und fünf Filmen im Dienste Ihrer Majestät geht Daniel Craig in den filmischen Agentenruhestand. Was hat er James Bond gebracht? Den Geheimagenten als Berufseinsteiger zu zeigen, eröffnete ihm viele neue Möglichkeiten. Als unbändiger Junior-Agent ging Daniel Craig in Casino Royale im wahrsten Sinn des Wortes mit dem Kopf durch die Wand.
James Bond war auf seiner Zeitreise in guter Gesellschaft. Judi Dench spielte als M weiterhin die Vorgesetzte von 007, nachdem sie die Rolle schon mit Pierce Brosnan gespielt hatte. Sie sagt in Casino Royale einen Satz, der das Leitmotiv von allen fünf Bond-Filmen mit Daniel Craig ist: «Ich möchte, dass sie ihr Ego aus der Gesamtgleichung streichen und die Situation leidenschaftslos beurteilen.» Genau daran scheitert Craigs Bond nicht nur einmal. Wenig später im Film kommt er mit Vesper Lynd im Hotel Casino Royale in Montenegro an. Sie echauffiert sich und steigt alleine in den Lift: «Nehmen sie den nächsten. Hier ist nicht genug Platz für mich und ihr Ego.»
James Bond mit einem Egoproblem. Das hatte es vorher noch nie gegeben. Nicht einmal bei George Lazenby war es der Fall gewesen, obwohl der Schauspieler selbst ein paar grosse Allüren hatte. Als James Bond musste er die letzte Szene von On Her Majesty's Secret Service nochmals drehen, weil er zuvor dabei eine Träne verdrückt hatte.
Daniel Craig hat der Rolle eine emotionale Tiefe gegeben, die eine ganz neue Seite von James Bond auslotet. Alle fünf Filme mit Daniel Craig sind miteinander verbunden und in sich stimmig. Das mag nicht allen gefallen, aber die Geschichte funktioniert. Der Erfolg gibt Daniel Craig und den Produzenten Recht. Wieso war 007 zuvor der Inbegriff von Lockerheit, Charme und Gelassenheit gewesen? Die Darsteller vor Daniel Craig hatten sich alle daran orientiert, aber in den Romanen von Ian Fleming hatte die Figur durchaus auch mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Wieso aber nicht auf der grossen Leinwand?
Während des Castings für die Rolle mochte Produzent Harry Saltzman damals einfach, wie Sean Connery sich bewegte. Er hatte ein Selbstverständnis in die Rolle mitgebracht. Woher kam das?
Das American Film Institute zeichnete Sean Connery 2006 für sein Lebenswerk aus. In seiner Dankesrede sagte er: «Meine Kindheit war alles andere als vielversprechend. Als ich aber jung war, wussten wir nicht, dass uns etwas fehlte, denn wir hatten nichts, mit dem wir es vergleichen konnten. Darin liegt eine Freiheit.» Er hatte von Kindesschuhen an verinnerlicht, was wirklich zählt. Das machte ihn so gelassen.
Daniel Craig bleibt sich selbst treu und treibt seine Interpretation der Rolle gemeinsam mit dem Regisseur und den Produzenten auf die Spitze. In No Time To Die geht er den eingeschlagenen Weg weiter auf der Suche nach sich selbst. Schon in Casino Royale quittierte James Bond den Dienst, um schon wenig später wieder zurückzukommen. Am Anfang von No Time To Die möchte er mit Madeleine Swann den Ruhestand geniessen und seine Vergangenheit hinter sich lassen. Sie holt ihn aber ein weiteres Mal mit grosser Wucht ein und James Bond wirft alles in die Waagschale, um dieser Flutwelle beizukommen.
In Casino Royale verlässt er den MI6 mit der bisschen Seele, die ihm übrigbleibt. Es will ihm aber einfach nicht gelingen. In Quantum of Solace ist er von seinem Auftrag motiviert und nicht von seiner Überzeugung. Am Ende des Films lässt er Vesper Lynds Halskette in den Schnee fallen und stapft davon. Er lässt sie nun auch symbolisch hinter sich.
Als James Bond am Anfang von Skyfall von einer Kugel getroffen in den Fluten eines Flusses verschwindet, hält der MI6 ihn für tot. Er könnte fortan mit seiner Geliebten in seiner Strandhütte bleiben und jeden Abend in der nahen Bar Trinkspiele mit Skorpionen machen. Im TV sieht er dann aber, dass die Zentrale des MI6 in die Luft geflogen ist. Er hätte keinen Grund, um nach London zurückzukehren. M hatte ihn durch den Schussbefehl fallengelassen. James Bond schuldet M nichts, aber er geht trotzdem zurück. Er hatte im Strandhaus an jenem fernen Meer keine Erlösung gefunden.
Am Ende von Spectre fährt er mit Madeleine Swann abermals davon, um seinen Job hinter sich zu lassen. Am Anfang von No Time To Die ist James Bond mit ihr in Matera. Er verabschiedet sich dort ein letztes Mal von Vesper Lynd an ihrem Grab, um seine Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Nach fünf Jahren Ruhestand in Jamaika kommt Felix Leiter auf ihn zu. Er braucht seine Hilfe. Abermals hat James Bond die Möglichkeit, die Finger davon zu lassen, aber irgendwie kann er nicht anders. Wohin führt das? Nicht nur einmal hat er die Möglichkeit, davonzulaufen.
Daniel Craigs James Bond ist ein Getriebener. Es ist der James Bond, der sich am meisten angestrengt hat und sich am meisten im Grenzbereich bewegt hat. Leicht ist ihm aber nichts gefallen. Er suchte stets sich selbst.