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Die steigende Lebenserwartung führt zwangsläufig zu einer Zunahme der Zahl von entweder gesunden oder kranken alten Menschen (ab 65 ist man medizinisch alt, ab 75 sehr alt).
Subjektiver Gesundheitszustand: Die grosse Mehrheit der über 65-jährigen Personen in der Schweiz fühlt sich gesund. Von den 65- bis 74-Jährigen nehmen 73% ihre Gesundheit als gut wahr und nur 4,6% als schlecht. Bei den Personen ab 75 Jahren nehmen 62% ihre Gesundheit als gut und 8% als schlecht wahr.
Lebenserwartung in guter Gesundheit: In der Schweiz ist die Anzahl der gesunden Lebensjahre, die weitgehend ohne funktionale Einschränkungen und Behinderungen verbracht werden, zwischen 2008 und 2012 schneller angestiegen als die Lebenserwartung. Gegenwärtig können Personen im Alter von 65 Jahren noch durchschnittlich 14,2 (Frauen) beziehungsweise 13,6 (Männer) gesunde Lebensjahre erwarten.
Häufigste Haupttodesursachen in der Schweiz von Personen ab 65 Jahren
• Herz-Kreislauf-Erkrankungen (37%)
• Krebs (23%)
• Demenz (10%)
• Atemwegserkrankungen (7%)
• Diabetes (2%)
Führt das Gesundheitswesen zu Kompression oder Expansion von Krankheiten? Die WHO hat für Europa die Situation angeschaut und kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:
• Längere Lebensdauer kann auf zusätzliche Lebensjahre zurückzuführen sein bei guter oder schlechter Gesundheit oder in irgendeiner Kombination verbracht werden der beiden.
• Die „Gesundheit“ älterer Menschen lässt sich an vielen Methoden messen, einschließlich der Verwendung von Daten zur Krankheitsprävalenz oder zum selbst berichteten Gesundheitszustand, aber es wird vielleicht am besten erfasst durch Maßnahmen zur Behinderung oder Funktionsbeeinträchtigung.
• Einschätzungen, ob Menschen in Europa länger bei besserer oder schlechterer Gesundheit leben, hängen von der Messmethode ab
• Die meisten Umfragen zum Altern messen die funktionale Unabhängigkeit in Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs) und instrumental Aktivitäten des täglichen Lebens (IADLs), die dann verwendet werden, um
Gesundheitszustände zu quantifizieren und Veränderungen im Laufe der Zeit zu messen.
• Studien mit Vergleichsdaten aus der Umfrage von Gesundheit, Altern und Ruhestand in Europa (SHARE)
finden je nach Land in einigen Fällen vermehrte Funktionseinschränkungen, in anderen Ländern sinken diese.
• Ein übergreifendes Ergebnis ist, dass spätere Kohorten älterer Menschen viel bessere kognitive Funktionen als frühere Kohorten haben.
• Es bestehen große gesundheitliche Ungleichheiten im höheren Alter und innerhalb von Ländern.
• Während eine definitive Antwort darauf, ob ältere Menschen in Europa in einem besseren oder schlechteren Gesundheitszustand haben, ist noch unklar, klar ist aber, dass Gesundheitssysteme wichtig sind als
Beitrag zur Erhöhung der Lebenserwartung, Abnahme von schwerer Behinderung und besseres Bewältigen und Funktionieren mit chronische Erkrankung.
Fazit: 1. Gesundheitssysteme erhalten Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung in hohem Masse, sie fördern die Krankheitskompression und sind damit auch für sehr alten Menschen kosteneffektiv. 2. Eine Strategie, welche auf eine Abnahme der Gesundheitsleistungen ab 65 Jahren abzielt, um Kosten zu sparen, ist bis zum Beweis des Gegenteils das Gegenteil von kosteneffektiv, es treibt die Kosten (und das Leiden) in die Höhe.
Kräfte im Hintergrund: Selbstverständlich haben Institutionen, welche die Kosten des Gesundheitsversorgung von alten Menschen bezahlen, hier einen Interessenskonflikt. Sie wollen schliesslich das durch Prämien eingenommene Geld möglichst gut bewirtschaften, also möglichst wenig bezahlen, damit für diese Institutionen möglichst hohe Gewinne herausschauen. Zu diesen Institutionen gehören die Krankenkassen, die Pensionskassen, die Invalidenversicherung, die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA und die AHV. Die Assekuranz ist in der Summe ein wichtiger finanzieller und politischer Stakeholder in der Schweiz und hat durchaus das Potential, mit erfolgreichen Hinterzimmeraktivitäten das Narrativ der Krankheitsexpansion zu fördern, um damit Kosten zu sparen. Sie übernehmen dabei das Gruenberg Narrative aus dem Jahre 1977, welches besagt, dass die Medizin durch Krankheitsexpansion Opfer ihres eigenen Erfolgs wurde, weil sie mit jedem Erfolg noch mehr Krankheit erzeugt.
Ethische Positionierung: Jede Institution, welche mit den Kosten des Gesundheitswesens irgendwie verbunden ist, sollte offenlegen, ob sie Anhängerin von Krankheitskompression oder Krankheitsexpansion ist. Diese Disclosure ist von zentraler Bedeutung, damit die Bevölkerung erkennt, welche Kräfte wegen Krankheitsexpansion Versorgungskosten einsparen möchten.