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Das Aufeinandertreffen des alteingesessenen romanischen Volkes mit den alamannischen Zuwanderern und die Ausstrahlung der deutschen Verwaltungs- und Machtzentren schufen hier einen Zustand der Zweisprachigkeit, der mit der Zeit die ganze Bevölkerung erfasste. Abgesehen vom deutschen Adel, der gemäss dem Zeugnis des Engadiner Humanisten Durich Chiampell das «Wälsche» als «barbarisch» einstufte und sich dessen kaum je bedient haben wird (so Perret 1957, 120), darf angenommen werden, dass der Prozess der sprachlichen Annäherung beide Seiten erfasste, dass also zu einer gewissen Zeit auch die alamannische Siedlergruppe im Verkehr mit den Romanen sich deren Mundart mehr oder weniger aneignete. Allerdings bestand infolge der politisch-wirtschaftlichen Vorherrschaft des deutschen Bevölkerungsteils kein Gleichgewicht zwischen den beiden Sprachgruppen; vielmehr sah sich das Romanische seit dem Beginn der Auseinandersetzung in die Defensive gedrängt.
Der von den Zentren ausgehende deutsche Einfluss eroberte sich so nach und nach auch die abgelegeneren Winkel der einzelnen Talschaften und stiess als Folge des zunehmenden Verkehrs auch auf den Hauptachsen immer weiter vor. So bildete sich zwischen dem 9. und dem 15. Jh. schliesslich die reiche mundartliche Vielfalt unseres heimatlichen Tales und ganz Unterrätiens heraus. Wir können uns den Zustand der langsam verklingenden Zweisprachigkeit (wie er in Unterrätien im Hochmittelalter erreicht war) am besten vorstellen, wenn wir uns etwa das Sprachleben im Domleschg oder im Oberengadin seit 1850 vergegenwärtigen.
Die Verdeutschung Unterrätiens in ihren Stossrichtungen (Pfeile) und Etappen (Querbalken) mit zeitlichen Schätzungen. - Hans Stricker, 1974.
Es war ein langwieriger und komplexer sprachlicher Übergang, der neben der allmählichen Verdeutschung der alteinheimischen Romanen auch immer wieder neue Impulse empfing durch alamannische Neuzuzüger, die zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gegenden zuwanderten. Die altansässige romanische Bevölkerung ist also von den Alamannen nicht etwa aus ihren Wohnsitzen vertrieben worden; vielmehr hat sie sich im Lauf der Jahrhunderte den neuen Verhältnissen mehr und mehr angepasst und die alte Landessprache schliesslich aufgegeben.
Die letzte bekannte rätoromanische Urkunde aus Unterrätien ist nach Bilgeri 1976, 149 in einem Urkundenregister des Klosters St.Johann im Thurtal als undatierter, verkürzter Auszug erhalten. Sie scheint aus der Zeit von 1140 bis 1200 zu stammen, war «zum tail latinisch, zum tail chuerer wältsch» abgefasst. Das Register, ein Papierheft in Pergament, liegt im Stiftsarchiv St.Gallen (RR 2 G 15). Auf den letzten beigehefteten Blättern dieses Hefts bemerkt der mit der Abschrift der Urkunden befasste Schreiber in der Schrift des 15. Jhs. (auf S. 21): «Nun volget wältsch oder so böss Latin hernach das Ich nit achten daz kain latinischer clarlich Tütschen müg ...» (Bilgeri 1976, 323, Anm. 27); also: 'Nun folgt (Chur)wälsch oder so schlimmes Latein, dass ich nicht glaube, dass ein Lateinkundiger es klar verdeutschen könne'. Offensichtlich war mittlerweile niemand mehr in der Lage, den zwei oder drei Jahrhunderte zuvor geschriebenen romanischen Text zu verstehen.
Zusammenfassend sind im Rahmen des Verdeutschungsvorgangs zu unterscheiden:
a) der Sprachwechsel zum Deutschen seitens der altansässigen räto- bzw. keltoromanischen Bevölkerung in den dichtbesiedelten Gebieten Unterrätiens (in den tiefen Lagen von Südvorarlberg, Liechtenstein, Werdenberg und dem Sarganserland) einerseits, und
b) die zusätzliche Erschliessung von noch siedlungsleeren voralpinen Räumen durch die ausgedehnte Rodungstätigkeit der Alamannen seit dem frühen Mittelalter anderseits (etwa im untersten linksseitigen Rheintal bis in den Raum Altstätten herauf, dann im Bregenzerwald, in Appenzell und Toggenburg), wobei hier auch die walserische Kolonisation des Hochmittelalters einzuschliessen ist.
Es wird angenommen, dass im Obertoggenburg bis ins 12. Jh. die alamannische Landnahme noch nicht über den Raum Nesslau hinaufreichte. Wenn sich dort eine Reihe vordeutscher Alp- und Bergnamen (in einer heute sonst rein alemannisch geprägten Namenlandschaft) findet, wie Flis, Gamplüt, Tesel (alle Wildhaus), Selun, Iltios (beide Alt St.Johann), so erklärt sich dies damit, dass die Alpweiden der Churfirsten von den Romanen aus dem Raum Grabs/Gams schon vorher längst bestossen wurden. Gleichzeitig war das ebenfalls im 12. Jh. gegründete Kloster St.Johann im Thurtal mit dem Rodungsausbau im Gebiet zwischen Nesslau und Speergebiet beschäftigt. Das junge Kloster war in seiner Gründungszeit stark nach dem romanischen Vorarlberg orientiert, und aus dem Umstand, dass die Rodungsgebiete Perfiren und Speer romanische Namen erhielten, ist zu ersehen, dass in seiner Anfangszeit im Bereich dieses Klosters auch das Romanische noch lebte (siehe dazu Hilty 1992, 696).
Auch die weitläufigen walserisch besiedelten Räume lassen schon aufgrund ihres Flurnamenbildes (mit einer älteren Schicht romanischer Namen) auf vorangehende landwirtschaftliche Nutzung durch die Romanen aus den tieferen Zonen schliessen.
Aber auch seit dem Abschluss der Verdeutschung ist das Sprachleben nicht stehengeblieben. Insbesondere hat der Rhein, der das alte Unterrätien der Länge nach durchfliesst, in neuerer Zeit sprachlich grenzbildend gewirkt, verlief hier doch seit dem Schwabenkrieg (Ende des 15. Jhs.) politisch und bald auch noch konfessionell ein tiefer Graben.
Das durch diese Abschliessung geförderte sprachlich-kulturelle Eigenleben der kleineren Gebietsverbände vermochte allerdings nicht die mundartlichen Gemeinsamkeiten hüben und drüben ganz zu verwischen, reichen diese doch in die Anfangszeit der alamannischen Epoche mit deren gemeinsamen Vorbedingungen zurück; diese sind bei allen jüngeren Unterschieden dennoch bis heute leicht herauszuhören. Nicht umsonst ist der Verfasser dieser Zeilen aufgrund seiner Werdenberger Mundart in Zürich schon gefragt worden, ob er Vorarlberger sei ...
Der aus Frastanz stammende Grazer Germanist Prof. Leo Jutz (1889-1962) hat in einer meisterhaften Analyse Sprachlandschaft und Sprachstruktur von Südvorarlberg und Liechtenstein dargestellt (Jutz 1925). Die Mundartlandschaft des Sarganserlandes hat im Glarner Sprachwissenschaftler Dr. Rudolf Trüb (1922-2010, Redaktor am Schweizerischen Idiotikon und Mitherausgeber des Sprachatlasses der deutschen Schweiz [SDS]) ihren scharfsinnigen Bearbeiter gefunden (Trüb 1951).
Dagegen fehlt leider im linksrheinischen Raum zwischen Hirschensprung und Schollberg, also in der Region Werdenberg, bis heute eine entsprechende Untersuchung. Sie wäre in diesem klein gekammerten, interessanten Übergangsraum sehr zu begrüssen - auch mit Blick auf die noch allgemein wenig beachteten sprachlichen Bezüge über den Rhein. Erfreulicherweise hat der Autor des Vorarlberger Sprachatlasses (VALTS), Prof. Eugen Gabriel, auch die wortgeografischen Verhältnisse der angrenzenden St.Galler Gemeinden aufmerksam in seine Betrachtung mit einbezogen.