Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/1955

Das amerikanische Projekt namens Wissard (Whillans Ice Stream Subglacial Access Research Drilling) soll schon bald mit den Bohrungen in einen etwa 800 Meter unter dem Whillans Gletscher liegenden See beginnen und die Proben noch direkt vor Ort analysieren. Mit den Veröffentlichungen von Resultaten wird schon in einigen Wochen gerechnet. John C. Priscu von der Montana State Universität, der Leiter des Projekts, sagte, es gäbe keine Garantie. «Wir wissen nicht, wie es herauskommt; es wird Überraschungen geben», meinte er im Rahmen einer Pressekonferenz im Dezember mit zwei anderen Mitgliedern des Exekutivkomitees des Projekts, Ross D. Powell von der Northern Illinois Universität und Slawek Tulaczyk von der Universität von Kalifornien, Santa Cruz. Dr. Priscu und Dr. Tulaczyk machten sich danach bereit nach McMurdo Station zu fliegen, wo sie von Dr. Powell empfangen würden. Er sei optimistisch, sagte Dr. Priscu, aufgrund der Tatsache, dass 10 Jahre gründlicher Beweise darauf hindeuten, dass es dort eine lebendige Mikrobengesellschaft gibt, die in der Dunkelheit und Kälte gedeiht. Neben der Suche nach Leben beschäftigt sich das Projekt auch damit, wie der Wasserabfluss unter den Gletschern in den südlichen Ozean funktioniert und mit der Schmelzgeschwindigkeit des antarktischen Eises, was wichtige Daten zum Klimawandel und seinen Auswirkungen liefern könnte.
Das britische Projekt hatte auch im Sinn, Wasserproben für spätere Studien aus dem Ellsworth-Sees zu entnehmen, musste jedoch aufgrund technischer Probleme für diese Saison abgebrochen werden. Das russische Team, welches am Vostok-See bereits bis zum See vorgedrungen war, aber wegen schlechten Wetters abbrechen musste, ist wieder zurück und entnimmt nun Proben, die sie aber erst in Russland analysieren können. Das amerikanische Projekt ist in mehreren Punkten anders. Der Whillans-See ist kleiner und nicht so tief und erhält schneller Wasser von anderen Quellen unter dem Schelfeis. Es ist ein Bassin in einem subglazialen Fluss, wo sich Wasser angesammelt hatte und einen See bildete, aber trotzdem ein Abfluss ins Meer besitzt. Dr. Priscu meint, dass das Wasser im Vostok-See sich alle rund 10'000 Jahre erneuert, während es im Ellsworth-See rund alle 700 Jahre ist und nun im Whillans-See sogar nur etwa alle 10 Jahre stattfindet.
Der wissenschaftliche Ansatz ist auch anders als bei den beiden anderen Projekten. Das Wissard-Projekt sieht den Einsatz eines ferngesteuerten, torpedo-förmigen Unterwassergefährts vor. Es wird an einer rund 2 Kilometer langen Leine operieren und soll den Seeboden dreidimensional kartographieren, inklusive die Zu- und Abflüsse. Dr. Tulaczyk erklärte, dass das Verständnis der Form des Sees und wie das Wasser dorthin und abfliesst wichtig dafür sei, wie und warum die Gletscher über diese Seen fliessen und warum einige Stellen in der Antarktis abschmelzen, während andere Teile zulegen. Die Gletscherforscher hätten eine klare Vorstellung, wie sich die Gletscher an der Oberfläche der Antarktis bewegen, meint er weiter, aber die rund 400 bekannten, darunterliegenden Seen würden die Bewegungen beeinflussen. Sie können als eine Art Schmiermittel zwischen den Bergen und Tälern der antarktischen Landmasse und den darüber liegenden riesigen Mengen von Eis dienen. Das Wissard-Team wird auch Proben aus den Sedimenten des Seebodens nehmen, um dort nach Mikroben oder chemischen Beweisen einer vergangenen Aktivität zu suchen. Subglaziale Mikroben können beispielsweise die Mineralzusammensetzung des Wassers verändern durch das Freisetzen von Eisen welches dann in den Ozean fliesst (und dort als Dünger für die Primärproduktion dient, Anm. d. Red.).
Auf der technischen Seite beinhaltete das Projekt nicht nur die Entwicklung und das Testen einen Heisswasser-Bohrsystems mit einer Filteranlage des Seewassers, sondern auch den Transport des Bohrers, zusammen mit dem Unterwassergefährt, und einem Feldlabor, welches fähig sein soll, Wasser- und Sedimentproben direkt vor Ort zu untersuchen. Dreizehn Traktoren haben das gesamte Equipment über die Strecke innerhalb von zwei Wochen gezogen und kamen am 12. Januar 2013 bei der Bohrstelle an. Dr. Priscu erklärte, dass innerhalb der nächsten Tage danach mit Flugzeugen die Wissenschaftler, die Bohrleute und die übrigen Teammitglieder zur Bohrstelle geflogen werden sollen. Es sei geplant, um den 21. Januar herum mit der Bohrung zu beginnen und bis dahin müssten insgesamt 50 Leute an der Stelle sein. Bis anhin hat die Kälte keine logistischen Probleme bereitet. Im Gegenteil, für die Jahreszeit ungewöhnlich warmes Wetter hatte die Flugpisten aufgeweicht, so dass Flugzeuge mit Rädern nicht abheben können, sondern die Flugzeuge mit Kufen ausgestattet werden mussten.
Quelle: www.nytimes.com