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Katzen sind raffiniert. So raffiniert, dass sie jeden rumkriegen. Aber wehe, die Katzenliebe endet. Dann beginnt, wie Simon Libsig weiss, der grosse Katzenjammer.
Ruedi weiss selber nicht mehr so genau, weshalb er das getan hat. Er war einsam. Zu einsam, wahrscheinlich.
Eines Tages kaufte er einen Fressnapf und Katzenfutter und begann, die Katze der Meiers anzulocken. Ja, jeden Tag klopfte er vor seiner Haustüre mit dem Fressnapf auf den Boden und machte: «Chum mizmizmiz, chum busibusibusi, chum mizmizmiz.» Bis die Katze dann tatsächlich einmal auftauchte. Sie frass, leckte sich das Fell sauber und
leistete Ruedi etwas Gesellschaft.
Die Katze war eigentlich ein Kater und hiess «Schnurrli». Da Ruedi dies aber nicht wusste, nannte er sie einfach «Miezi». Ja, und so begann diese Katze schliesslich ein perfides Doppelleben zu führen. Sie tingelte zwischen den Meiers und Ruedi hin und her, liess sich doppelt füttern, doppelt streicheln, und am einen Ort war sie Schnurrli und am anderen Miezi. Natürlich merkten die Meiers, dass ihr Schnurrli etwas dicker wurde, aber das schoben sie erst auf die Kastration und dann auf das Winterfell ab.
Lange ging alles gut. Bis Schnurrli, also Miezi, damit begann, Ruedi jeden Tag ein Geschenk mitzubringen. Meistens eine Spitzmaus. Ab und zu ein Vögelchen. Aber immer lebten die noch, so halbpatzig. Und dann quälten sie sich röchelnd und fiepend durch die Wohnung, und Ruedi musste hinterher, und ja, musste sie dann erlösen.
Da die Katze über alle Massen gütig war, gingen Ruedi einzelne Geschenke jedoch schlicht und einfach durch die Lappen. Die lagen dann in irgendeiner Ecke, hinter dem Sofa oder unter dem Bett oder im Wäschekorb, und verwesten vor sich hin. Die Luft in Ruedis Wohnung, nun ja, also, durchlüften brachte da nichts mehr.
Und plötzlich fand Ruedi die Katze etwas weniger süss. Wie viele Haare die verlor! Manchmal kötzelte sie einen ganzen Knäuel davon aus, nach einer dieser fast unanständigen Leckorgien. Oder sie strich mit ihrer feuchten Schnupfnase an Ruedis Beinen entlang. Ekelhaft! Er konnte ja noch nicht mal mehr in die Ferien fahren! Also, konnte er schon, er musste einfach jemanden finden, der die Katze versorgte, während er weg war. Denn jeden Tag um die Mittagszeit und dann nochmals kurz vor der Tagesschau stand die Katze vor Ruedis Haustüre, miaute und kratzte lustige Muster ins Holz.
Nein, so hatte Ruedi sich das nicht vorgestellt. So weit hätte diese Beziehung nie gehen sollen! Er kam nicht drum herum: Er musste handeln.
Nach zwei grossen Dosen Bier und einem Klaren holte Ruedi seine Lederhandschuhe aus dem Schrank und zwängte seine Metzgerfinger hinein. Miezi drehte den Kopf und blinzelte ihm vom Sofa her zu. Dann nahm er die Schere. Sie war einigermassen stumpf. Ganze 20 Minuten brauchte er! Und Miezi lag einfach da. Es war ein Schlachtfeld. Schnippschnippschnipp! Ruedi schnippelte aus alten Zeitungen und Fernsehheftchen Buchstaben aus, grosse, kleine, farbige, schwarze, und klebte sie in anderer Reihenfolge mit einem Leimstift auf ein weisses Blatt Papier. Dieses Papier liess er schliesslich, als es stockdunkle Nacht war, bei den Meiers durch den Briefkastenschlitz gleiten.
«Ihr Lieber Schatz geht fremd!!» stand auf dem Blatt Papier. Ruedi machte sich keine Vorstellung davon, was diese Nachricht bei Herr und Frau Meier noch alles auslösen sollte.
Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch
Foto: Pascal Meier, Illustration: Rahel Blaser