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Ganze elf Jahre des Lebens von uns Schweizerinnen und Schweizern nennen sich obligatorische Schulzeit. Anders gesagt handelt es sich dabei um rund sechs Millionen Minuten oder die Zeitdauer, in welcher wir etwa 120 Millionen Atemzüge machen. Eine lange Zeit. Immerhin gehen wir gerne zur Schule und freuen uns auf die Bildung. Oder etwa nicht? Betrachten wir die Schule nicht neutral als eine Lernanstalt, in welcher Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden? Wenn ja, wieso löst der Begriff Schule verschiedene Emotionen in uns aus?
Der Ursprung der Schule
Um diese Frage zu beantworten, beginne ich mit dem Ursprung der Schule. Die Etymologie des Wortes Schule legt uns dazu die Fährte. «scholḗ» ist griechisch und bedeutet so viel wie Innehalten, beispielsweise bei der Arbeit. Ich bitte alle noch schulpflichtigen Leser – auch wenn ich euch verstehen kann – die Augen wieder zurückzudrehen und weiterzulesen, denn es wird noch interessanter. In Olympia, einem Dorf in Griechenland, wurden die ursprünglichen Olympischen Spiele ausgetragen. Die Athleten legten zwischen den harten Trainings Pausen im Schatten der Olivenbäume ein. Dort unter diesen Bäumen erzählten sich die jungen Herren Geschichten und philosophierten über das Leben. Dieses Innehalten der sportlichen Arbeit begründete den Ursprung der heutigen Schule, welche ich jeweils eher als ein Innehalten der Freizeit als der Arbeit wahrnahm.
Schule bei den Römern
Im römischen Reich gingen nur die Knaben reicher Eltern in die Schule oder erhielten einen Hauslehrer. Sie lernten in der Grundschule das Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Schüler mussten viel auswendig lernen und wurden, wenn nötig mit einem Stockschlag bestraft. Ohne eine Befragung der damaligen Schüler durchgeführt zu haben, würde ich behaupten, dass der Unterricht für die männlichen Schulkinder ein Privileg gegenüber den Mädchen gewesen ist. Wer würde sich nicht als etwas Besseres fühlen, wenn er anstelle der Arbeit mit einem Gebildeten seine Zeit verbringen dürfte?
Schule in Entwicklungsländern
Da die Schule nicht wie die Dinosaurier ausgestorben ist, gehen ich ebenfalls auf die aktuelle Situation ein. Entwicklungsländer sind per Definition weniger weit fortgeschritten in ihrer Entwicklung als beispielsweise die europäischen Industriestaaten. Somit zeigen sie uns auf, wie es auch bei uns noch vor einiger Zeit gewesen ist. Häufig steht die Möglichkeit eine Schule zu besuchen für die Kinder in Zusammenhang mit dem Reichtum und der Situation der Familie und dem eigenen Geschlecht. Während bei uns die Mädchen ihren ersten Schultag nur durch einen Tränenschleier wahrnehmen, da sie nun ihrer Pflicht folgend alleine in die Schule müssen, sind Mädchen in Entwicklungsländern teilweise eine Familienfrau. Da beispielsweise ihre Mutter bei der Geburt des jüngsten Kindes gestorben ist, muss das Mädchen zuhause sein und die jüngeren Geschwister versorgen, damit der Vater etwas Geld verdienen kann. Sie steckt ihr Bedürfnis nach mehr Selbstständigkeit, was sie mit Bildung erreichen könnte, zurück, um ihrer Familie zu helfen. Ich denke, der Begriff Schule löst in ihr eine Sehnsucht, aber auch eine Verletzung durch die Ungerechtigkeit aus.
Schule in Krisengebieten
In Krisengebieten ist es ähnlich. Das Land konzentriert sich auf den Krieg und nebenbei ist nur noch für die absoluten Grundbedürfnisse Platz. Die Schule ist weder überlebensnotwendig noch bringt sie einen Vorteil für den Krieg mit sich. Somit wird die Schule während der Krise unterbrochen, da weder die wie aus der Pistole geschossene Kopfrechenantwort noch der messerscharfe Verstand eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Rüstungsindustrie ist.
Schule in der heutigen Schweiz
Bei uns in der Schweiz ist es heute etwas anders. Wir sind über das «alle-dürfen-in-die-Schule» hinaus und haben eine generelle Schulpflicht erstellt. Die obligatorische Schulzeit ist bei uns für Privatpersonen gratis und kann somit jedem vorgeschrieben werden. Diese Pflicht führt dazu, dass der Anreiz der Schule verloren geht. Während ein Mädchen in einem Entwicklungsland glücklich in der Schule sitzen würde und gut aufpassen würde, um möglichst viel vom Unterricht zu profitieren, ist es bei uns anders. Die Schüler sitzen zeichnend oder tagträumend im Unterricht und hoffen, dass sie der Lehrer möglichst wenig stört bis sie wieder nach Hause in die Freiheit können. Deshalb ist es nicht weit hergeholt, dass Unterricht als das Phänomen, wenn alles schläft und einer spricht, bezeichnet wird.
Schule für unsere Eltern
Gehen wir nach Hause und beschweren uns Mitgefühl erhoffend über die Schule, erhalten wir nicht die gewünschte Reaktion von unseren Eltern. Sie versuchen uns umzustimmen und argumentieren damit, dass die Bildung sehr wichtig sei und dass man zur Schule gehen muss, da sonst nichts aus einem werden kann. Der Schüler könnte sich diese Reaktion damit erklären, dass die Eltern, Tanten und Grosseltern die Zeit des Traumas schon länger hinter sich gelassen und somit verarbeitet haben. Sie scheinen die negativen Aspekte – welche sicherlich auch für sie überwiegend waren – verdrängt zu haben. Wenn sie den Begriff Schule hören, erinnern sie sich an die Freundschaften, die Pausenplatzspiele und die sorglose Zeit, aber alles andere schieben sie ins Unbewusste ab.
Erfahrungen sind gebunden an Vorwissen
Schlussfolgernd kann ich sagen, dass die Erfahrungen und Wahrnehmungen nicht alleine vom Begriff selbst abhängig sind. Es scheint einen persönlichen Einfluss zu geben. Während ich beispielsweise die Namen der Bäume lerne, beschäftigt sich mein Kollege am Morgen mit den Pflanzen. Am Nachmittag gehen wir gemeinsam in den Wald spazieren. Obwohl wir beide die gleichen Reize haben, werden unsere Eindrücke und unsere Wahrnehmung sich unterscheiden. Erfahrungen stehen also in Verbindung mit dem Vorwissen. Dies kann auf die Schule übertragen werden und erklärt somit, wieso ich negativere Emotionen mit dem Begriff Schule verband als ein Mädchen in einem Entwicklungsland.
Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird: www.freiburger-nachrichten.ch/zig-blog