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Der Jamaikaner Usain Bolt ist der schnellste Mensch der Welt. Für 100 Meter benötigte der Ausnahmesprinter nur gerade 9,58 Sekunden. Könnte er noch schneller rennen?
Seit 1995 stand Dave Dollé ganz oben auf der Liste der Schweizer 100-Meter-Rekordhalter. Seine Zeit – 10,16 Sekunden – blieb Jahre nach seinem Rücktritt unerreicht. Erst am 6. Juli 2013 ging die Ära Dollé zu Ende: Mit 10,12 Sekunden unterbot Alex Wilson Dollés Bestzeit. «Alex hat die hervorragenden Bedingungen in Bulle ausgenutzt und ist eine fantastische Zeit gelaufen», sagt Peter Haas, Chef Leistungssport bei Swiss Athletics. «Fantastisch» bezieht sich allerdings nur auf die Schweizer Sprintwelt: Auf der internationalen Bühne stieg man mit Wilsons Zeit in den 1950er-Jahren das letzte Mal auf das Podest. Dass die 10,12 Sekunden erneut unterboten werden, scheint klar. Wenn Usain Bolt die 100 Meter in 9,58 Sekunden abspulen kann, wird irgendwann auch ein Schweizer Sportler auf der Rennbahn stehen und eine neue Bestzeit aufstellen. Rekorde können aber nicht ewig fallen. Das theoretische Limit liegt bei 0 Sekunden, aber die Theorie für dieses Limit ist schwer zu verteidigen, ohne auf übermenschliche Kräfte und Verschwörungstheorien zurückzugreifen. Für Haas liegt es weit höher. «Ich halte es für unwahrscheinlich, dass jemand die 100 Meter unter neun Sekunden laufen wird.» Mit dieser Schätzung reiht er sich in den Konsens ein.
John Brenkus rechnet in seinem Buch «The Perfection Point» ein Limit von 8,99 Sekunden vor. Er unterteilt Bolts 9,69-Lauf von 2008 in drei Blöcke – Start, Beschleunigung, Tempo halten – und optimiert ihn auf die regulatorischen Bedingungen. Minus 0,07 Sekunden für Bolts «langsame» Reaktion beim Start, minus 0,10 Sekunden mit stärkerem Rückenwind, minus 0,06 Sekunden für einen höher gelegenen Austragungsort und noch einmal 0,10 Sekunden weniger, wenn Bolt seine Topgeschwindigkeit von knapp 45 Kilometer pro Stunde über die volle Länge durchzieht. Dann sind wir knapp über neun Sekunden. Brenkus erklärt diese Hürde als psychologisch wichtig, subtrahiert weitere 0,02 Sekunden und landet bei 8,99 Sekunden. Mit seinem Baukastenansatz kommt er auf eine Bestzeit weit unter den 9,45 Sekunden, die Mathematiker und Statistiker für den 100-Meter Lauf derzeit propagieren. Doch deren Vorhersagen sind auch nicht fehlerfrei: So hätte Bolts Rekord von 2008 laut Modell erst 2030 kommen sollen. Entweder sind die Modelle falsch kalibriert, oder Bolt rennt mit mehr als nur Chicken Nuggets im Magen. Die neusten Dopingfälle von Starsprintern Tyson Gay und Asafa Powell geben Skeptikern Rückenwind. Tim Montgomerys 9,78-Sekunden-Rekord von 2002 kam laut Modellen ebenfalls vor der Zeit, wurde 2005 wegen Dopings aber wieder aberkannt. John Hutchinson von der University of London glaubt, dass es unmöglich bleiben wird, die Untergrenze akkurat vorherzusagen – zu viele Variabeln. Werden die Regeln zu Rückenwind oder Reaktionszeit beim Start geändert? Wird das Material noch besser, die Trainingseinheiten noch raffinierter? Wird Gentherapie die Karten neu mischen? Es bleibt spannend: Fernseher einschalten und dranbleiben.