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Nummer 101:
Ich weiß zwar inzwischen, welche Themen meine Followers entzücken und an welchen sie sich wenig erwärmen, aber da ich, einschließlich dieser Nummer, nur noch vier Amuse-Bouche schreiben werde, will ich doch noch ein paar Randgebiete der Linguistik wenigstens streifen, die wohl keine Begeisterungsstürme auslösen werden.
Eine der unangenehmsten Situationen, in die man in einer Diskussion geraten kann, ist bestimmt jene, in der man jemandem, der oder die an sich dieselbe Meinung vertritt wie man selbst, ein einzelnes, bestimmtes Argument widerlegen muss. Freilich kann man versuchen, mit einer prophylaktischen Eileitung wie «Ich teile, vertrete selbst und unterstütze deine Ansicht, aber deine Argumentation ist nicht richtig», die Vermutung zu zerstreuen, man sei zum Gegner übergelaufen. — Allein, es wird nichts nützen; man wird in der Regel augenblicklich alle — Befürworter und Gegner der Sache! — gegen sich haben. Nicht selten solidarisieren sich dann plötzlich sogar die verfeindeten Parteien gegen den vermeintlichen Verräter. Doch selbst wenn dies nicht der Fall ist, wenn man mit einem Mal die Unterstützung und den Applaus vom eigentlichen Gegner bekommt, ist es auch nichts Erfreuliches.
Ich versuche jetzt trotzdem dem zu erwartenden Missverständnis vorzubeugen: Wenn ich sage, dass die Höflichkeitsform nichts ‹Natürliches› ist und dass sie nicht dazu dient, höflich zu sein, meine ich nicht, dass ich mir wünsche, dass man die Höflichkeitsform abschafft und dass sich alle duzen!
Zuerst sollten wir klären, wovon genau wir reden: Ich halte zwar viel von Wikipedia und bin selbst Mitarbeiter, aber der Artikel ‹Höflichkeitsform›, besonders Punkt 3 ‹Höflichkeitsform in anderen Sprachen› ist äußerst irreführend, weil der Eintrag Höflichkeitsform und Höflichkeit gleichsetzt. Da werden respektvolle Anreden, emphatische Metaphern und Schmeicheleien aufgelistet, die nichts mit der eigentlichen grammatikalischen Form zu tun haben, die das Ersetzen von Pronomen und das Anpassen der Konjugation betrifft! — Ich rede also vom Unterschied zwischen der Du-Form ‹Das war unvorsichtig von dir, tuʼs nicht wieder› und der Höflichkeitsform ‹Was fällt Ihnen eigentlich ein! Sie müssen in der Schule einen Fensterplatz gehabt haben! Wenn es Ihnen auch nur ein einziges Mal wieder passiert, sehen wir uns vor Gericht!› — Warum ich behaupte, dass die Höflichkeitsform nicht der Höflichkeit dient, muss ich wohl nicht mehr erläutern. — Das Verständnisproblem ist weitgehend darauf zurückzuführen, dass auf Deutsch ‹höflich› und ‹freundlich› zu Synonymen konvergiert haben, während zum Beispiel Italienisch ‹cortese› und ‹amichevole› fast Antonyme sind. Zu dem Zweck ist die Höflichkeitsform, die man besser höfische Form nennen sollte, in einigen Ländern im Frühmittelalter, in anderen erst im Hoch- oder Spätmittelalter am Hofe der Adeligen entstanden: um Distanz und Distanziertheit zu unterstreichen und dass Freundschaftlichkeit und Freundlichkeit nur unter raren Voraussetzungen zugelassen werden konnten. — Zur Entstehung der Höflichkeitsform gäbe es noch sehr viel zu sagen, aber ich will nun zu meiner zweiten Behauptung springen, nämlich dass sie nichts ‹Natürliches› ist.
Die meisten Leute — vor allem Einsprachige — neigen dazu, die Strukturen der eigenen Sprache als natürlich anzusehen, nicht selten sogar, sie als logisch zu bezeichnen. Wäre aber die Höflichkeitsform etwas Naturgegebenes, hätten nicht viele Sprachen gar keine: Altgriechisch, Latein, Germanisch, Gotisch, Arabisch, Polnisch, Finnisch, alle mir bekannten präkolumbischen Sprachen und viele mehr. Und einige asiatische Sprachen haben, um Distanziertheit auszudrücken, eine völlig entgegengesetzte grammatikalische Lösung erfunden: Statt das Du durch Sie oder Ihr zu ersetzen, ersetzen sie das Ich. Nicht das Pronomen für die angesprochene Person wird ersetzt, sondern jenes der sprechenden. Etwas Analoges ist in modernen indoeuropäischen Sprachen das (inzwischen veraltete) Pluralis modestiae (Bescheidenheitsmehrzahl), das etwa in wissenschaftlichen Publikationen und von Dienern, Buttlern, Hoflieferanten gepflegt wurde: ‹Wir stehen stets zu Diensten, gnädige Frau.›, ‹Es ist uns gelungen, den Erreger der Krankheit zu isolieren.› oder ‹Das Gewitter hat uns überrascht und wir haben die Hecke leider noch nicht fertig schneiden können.›
Noch interessanter ist, welche Bedeutung durchaus analoge Höflichkeitsformen in verschiedenen Sprachräumen oder sogar in verschiedenen Regionen innerhalb eines Sprachraums haben können. Im deutschen Sprachraum ist das Siezen fast immer symmetrisch. Nur Kinder duzt man, während man von ihnen erwartet, dass sie siezen. In Italien jedoch ist es (oder war es — denn die Gepflogenheit beginnt auch dort zu bröckeln) üblich, dass ein Rektor die Lehrerschaft duzte, von ihr jedoch gesiezt wurde, der Bischof duzte den Pfarrer, der Offizier den Soldaten, der Arzt die Pflegerin und den Pfleger, der Bauer und die Bäuerin duzten Knecht und Magd. Und man darf nicht vergessen, dass dies in viel stärkerem Maß von den Geduzten als von den Duzenden gewünscht wurde. (In der Literatur und im Film gibt es zahllose Beispiele von Figuren, die einer rangtieferen befehlen, sie zu duzen, diese jedoch bittet, weiterhin Sie sagen zu dürfen.) — In der englischen Sprache ist das ‹You› (2. Plural) immer häufiger und situationsunabhängig verwendet worden, sodass es das ‹thou, thee, thine, thy› vollkommen verdrängt hat. Heute wird das ‹You› gar nicht mehr als Höflichkeitsform empfunden, was zur paradoxen Situation führt, dass das englische Du (thou) nur noch in schnulzigen anachronistischen Gedichten verwendet werden darf, also höfischer ist als das Ihr. — Für Deutschsprachige ist es auch merkwürdig, dass man auf Italienisch die Sie-Form nur verwendet, wenn man zu einer einzelnen Person spricht; spricht man zu mehreren, duzt man sie, obwohl es eigentlich eine Höflichkeitsform im Plural gibt. Diese wird jedoch nur von Kammerdienern in synchronisierten Schwarzweiß-Filmen und von Fremdsprachigen benützt, die einen Italienischkurs gemacht haben und stolz sind auf ihr B2-Zertifikat. Lächerlich wirkt es freilich auch bei ihnen. — Zudem darf man auf Italienisch nur jemanden Bestimmtes siezen: eine bestimmte Person, der man wenigstens vorgaukeln kann, dass man sie ehrt. Das heißt: Eine Hinweistafel, die jeden und jede meint, ein Werbeplakat, ein Dialogfenster eines Computers, die Gebrauchsanleitung der Mikrowelle und so weiter haben keine Legitimation, die Höflichkeitsform zu verwenden. — Und wenn man dies merkwürdig findet, ist es vielleicht gut zu wissen, dass es Deutsch bis vor nicht allzu langer Zeit genau gleich war. Überbleibsel davon findet man noch in den Hinweisen an die Lesenden etwa in Nachschlagewerken: ‹siehe auch…›, ‹vergleiche…›, ‹sprich…›
Dass in Texten, die ins Italienische übersetzt werden, immer häufiger groteske Verwendungen der Höflichkeitsform zu lesen sind, liegt in den wenigsten Fällen an den Übersetzerinnen und Übersetzern! Leider ist es oft so, dass von den Übersetzerinnen und Übersetzern explizit verlangt wird, dass sie die Flausen und Schrullen eines Auftraggebers umsetzen, der selbst 0.3 Sprachen beherrscht. — Mir wollte ein international tätiges Paketversand-Unternehmen die Übersetzung eines umfangreichen Reglements nicht bezahlen, weil ich mich weigerte, meine Arbeit auf das geistige Niveau des Auftraggebers zu senken. Das Geld habe ich dann dank eines Briefes meines Anwalts ohne Gerichtsverhandlung bekommen. Ob das Reglement gedruckt worden ist, wie die sprachliche Korrektheit und ich es wollten, hatte ich zu überprüfen den Mut nicht.
Nummer 102:
Seit ungefähr der Nummer 30 wollte ich dieses Amuse-Bouche schreiben. Ich habe dafür immer den richtigen Moment abgewartet. Nun ist es vielleicht nicht die richtige, aber die letztmögliche Gelegenheit, also ergreife ich sie: Ich will endlich über den unsäglichen Begriff ‹Mittelalter› etwas sagen und über die Gemeinplätze und Irrtümer, die aus ihm noch immer keimen, ohne mir einzubilden, wirksam etwas gegen deren Blüten und Früchte ausrichten zu können.
Das Mittelalter nannte sich selbstverständlich nicht Mittelalter, genauso wenig nannte die Antike sich Antike, genauso wenig weiß die jetzige Zeit, wie man sie dereinst nennen wird. Wenn man sich fragt, in welcher Zeit die Leute denn zu leben glaubten, muss man aber zuerst klären, von welchen Leuten überhaupt die Rede ist. Der Niedergang des Weströmischen Reiches wird für den Orient und für Afrika kaum eine Bedeutung gehabt haben, die eine Bezeichnung für ein Zeitalter erfordert, erst recht nicht für Indien, noch weniger für China, ganz zu schweigen von den amerindischen und ozeanischen Völkern, die uns noch gar nicht entdeckt hatten. — Wenn der Begriff ‹Mittelalter› für uns Westeuropäer also bloß unbrauchbar ist, ist er für die Welt völlig unsinnig.
Einer der Ersten, die sich darüber Gedanken machten, war Gioacchino da Fiore, ein kalabresischer Gelehrter des 12. Jahrhunderts. Er glaubte aus der Bibel errechnen zu können, dass es ein Zeitalter gebe, das er ‹aetas christiana› (christliches Zeitalter) nannte und das von Christi Geburt bis 1260 (???) geht, darauf würde die ‹Zeit des Geistes› folgen. — Na ja, von der Zeit können wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass sie ausgeblieben ist.Der Begriff ‹medium aevum› (mittleres Zeitalter) wurde im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten eingeführt, die dachten, die Epoche der ‹Wiedergeburt der Antike› (Renaissance) einzuläuten, was allerdings noch zweihundert Jahre auf sich warten ließ. — Jedenfalls war und ist niemandem klar, von wann bis wann das Mittelalter gedauert haben soll. Vorschläge für den Anfang waren: Christi Geburt, Ende des weströmischen Kaisertums im Jahr 476, das Jahr 500, das Jahr 568 (angebliches Ende der Völkerwanderung), das Jahr 622 (Hidschra), das Jahr 632 (Beginn der arabischen Expansion). — Vorschläge für das Ende waren: die Erfindung des Buchdrucks (um 1450), die Eroberung Konstantinopels (1453), die Entdeckung der Europäer durch die amerikanischen Ureinwohner (1492), der Beginn der Reformation (1517), der große Bauernkrieg (1525). Der französische Mediävist Jacques Le Goff schlägt das 19. Jahrhundert vor, und als Studentinnen und Studenten Umberto Eco fragten, bis wann seiner Meinung nach das Mittelalter gedauert habe, fragte er verblüfft zurück: «Habe ich etwas verpasst? Ist es schon fertig?»
Das sind aber alles irgendwie bürokratische Probleme, über die man sich nicht wirklich ärgern kann. Ärgerlicher ist, dass man zehn Jahrhunderte, die weder kulturell, noch sprachlich, noch philosophisch, noch politisch irgendeine Gemeinsamkeit aufweisen, in einen Topf zu pferchen versucht!Nehmen wir an, ich würde mit einer Zeitmaschine zuerst ins 9. Jahrhundert zu einem Gelehrten am Hofe Karls des Großen, dann ins 13. Jahrhundert zu einem Florentiner reisen und ich würde ihnen beiden folgende Geschichte erzählen: «Heute Morgen ging ich kurz an die Universität, dann war ich beim Optiker, um mir meine Brille richten zu lassen, anschließend machte ich auf der Bank eine Überweisung für meinen Schwager in Deutschland, danach kochte ich mir einen Teller Penne, rieb etwas Parmesan darüber und aß auf dem Balkon, bevor mein Freund kam, um eine Partie Schach mit mir zu spielen.» — Beide wären natürlich entsetzt über mein erbärmliches Latein, aber der Erste würde von meiner Geschichte soviel verstehen wie Tutanchamun, Julius Cäsar oder Boethius, nämlich nichts! Der Zweite würde mich vielleicht fragen: «Wer hat die Schachpartie gewonnen?» Was eine Universität ist, eine Brille, eine Bank, eine Überweisung, Penne und geriebener Parmesan, dass man gern auf dem Balkon isst und Schach spielt, wäre ihm so klar wie uns heute!Das Ärgerlichste ist aber, dass der völlig untaugliche Begriff ‹Mittelalter› sogar in Köpfen von Gebildeten zum Synonym von Rückständigkeit, Verklemmtheit, Rechtlosigkeit, Aberglauben, Misogynie verkommen ist und nicht auszurottende irrige Meinungen generiert hat! — Man müsste ein ganzes Buch schreiben, um alle verbreiteten Irrtümer über das Mittelalter überhaupt zu erwähnen, und ein zweites, um sie dann zu berichtigen, was ich vielleicht einmal tun werde. Hier werde ich nur ein paar wenige erwähnen und alle Amuse-Bouche-Leserinnen und -Leser bitten, meine Behauptungen zu prüfen, die ich hier nur deshalb nicht ausführlich begründe, weil der Artikel sowieso schon länger wird, also ich wollte.
Die Hexenverfolgung ist kein Phänomen des Mittelalters — schon gar nicht des Früh- und Hochmittelalters. Sie beginnt im ausgehenden Mittelalter, wütet in der Moderne und verzeichnet den erschütternden numerischen Rekord an Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen in den Vereinigten Staaten von Amerika!
Die ‹Ius primae noctis›, das angebliche Recht eines Herrn, mit der Braut eines Untertanen in der ersten Ehenacht zu schlafen und sie zu deflorieren, hat es nie und nirgendwo gegeben, auch in Katalonien nicht, für diejenigen, die jetzt an ‹La catedral del mar› denken!) Den Begriff ‹tributum primae noctis› hat’s freilich gegeben: Es war eine Gebühr für den Eintrag ins Register (wie die Handwechselsteuer oder die Gebühr für die Eröffnung eines Betriebs).
Die Folter war zwar eine übliche, routinemäßig angewandte Methode aller gerichtlichen Untersuchungen, der nicht bloß der Angeklagte, sondern auch die Zeugen unterzogen wurden, nahm jedoch während des Mittelalters gegenüber der Antike deutlich und stetig ab. Die ersten Staaten weltweit, die (wenigstens zeitweise) die Folter als gerichtliches Vorgehen abschafften, waren einzelne italienische Herzogtümer und Republiken während des Spätmittelalters. Allerdings wurde die Praktik überall auch schnell wieder eingeführt und in der Moderne fortgesetzt, verfeinert und intensiviert.
Wer glaubt, wir hätten heute ein freieres, ungezwungeneres Verhältnis zur Sexualität, tut gut daran, ‹Le roman de la rose› von Guillaume de Lorris (1237), ‹Il decameron› des katholischen Priesters Giovanni Boccaccio (1349) und ‹The Canterbury Tales› von Geoffrey Chaucer (1388) zu lesen, die sehr populär waren und in von Gemeinden organisierten öffentlichen Lesungen vorgetragen wurden, bis sie dann alle drei während der Aufklärung (!) verboten wurden.Das Fundament des modernen Rechts aller europäischen Staaten (im Wesentlichen auch des angelsächsischen Rechts) entstand im 14. Jahrhundert an der Universität Bologna unter Bartolo da Sassoferrato.
Die mechanische Uhr entstand um 1300 und blieb mehr als dreihundert Jahre lang die mit Abstand komplexeste Maschine.Dass die Menschen im Mittelalter glaubten, die Erde sei flach, ist ein historischer Irrtum, der durch die Erzählung ‹Das Leben und die Reisen des Christoph Columbus› von Washington Irving (1828) in die Welt gesetzt wurde.Wendungen wie ‹tiefstes Mittelalter›, ‹düsteres Mittelalter›, ‹Rückfall ins Mittelalter›, ‹zurück ins Mittelalter›, ‹mittelalterliches Denken›… sind nicht nur falsch — sie sind hohl und aushöhlend.
Nachtrag zu 102:
Da ich in Nummer 102 offenbar nicht hinreichend klar gemacht habe, was meine Überlegungen zum Begriff ‹Mittelalter› mit Sprache und mit Linguistik zu tun haben, ist — nicht völlig zu Unrecht — beanstandet worden, der Artikel sei eine falsch deklarierte Kritik an der Nomenklatur, also an einem Instrument einer anderen Wissenschaft, nämlich der Historie.
Hier möchte ich nun also den Fokus allein auf die Sprache und auf den sprachlichen Aspekt meiner Überlegungen richten, denn einzig und allein darum geht es mir: und zwar sowohl auf die Geisteshaltung, die zu der problematischen Wortschöpfung geführt hat, als auch auf die Auswirkung, die ein von vornherein konditioniertes und konditionierendes Wort auf die Rezeption, die Wahrnehmung, Empfindung und auf dessen spätere Verwendung hat.
Das Wort ‹Mittelalter› bezeichnet nicht zufällig vielmehr das Davor und das Danach als sich selbst! Es ist genau aus diesem Grund und in dieser Absicht so, mit dieser Struktur und mit dieser Bedeutung geprägt worden: ‹medium aevum› (ein Zeitalter dazwischen), ein Zeitalter zwischen einem Davor, zwischen etwas Ruhmreichem, was vergangen, verloren, durch Barbaren vernichtet, leider gestorben ist, und einem Danach, etwas, was die Hoffnungen neu aufleben lässt, was die ruhmreiche Zeit fortsetzen wird und die beweinte Antike wiedergebiert. Die einzige Hoffnung, die dem Wort ‹Mittelalter› innewohnt, ist also, dass es zu Ende geht; es muss bloß ausgestanden, hinter sich gebracht, erlitten und dereinst überwunden werden! Dieser intentional zugefügte Beigeschmack wird dadurch noch verstärkt, dass die fundamentalistischen Züge, die das Christentum seit den Kreuzzügen immer stärker angenommen hatte — und der Begriff wurde ja erst am Ende des zu benennenden Zeitalters überhaupt ausgedacht —, im irdischen Dasein ohnehin nur eine Übergangszeit sah, etwas ohne eigenen Wert, ein Jammertal, etwas, was seinen Sinn und Zweck allein im Jenseits, in der Wiedergeburt des Fleisches hatte — und das nützte die Bezeichnung der folgenden Epoche mit List und Berechnung aus: Rinascimento, Renaissance, Wiedergeburt.
Wenn Wörter vor der Kulisse des Geistes, der sie erschaffen hat, auf der Bühne der Kommunikation, also ihres Gebrauchs, ihrer Verwendung auftreten, werden sie jede Botschaft, die zu vermitteln sie eingesetzt werden, stets vor diesem negativen Hintergrund ausdrücken, den sie niemals ausblenden können.
Jeder Satz, in dem das Wort ‹Mittelalter› vorkommt, wird folglich, unweigerlich und stets von einer Patina jener Verachtung umhüllt sein, die ihm von den Schöpfern des Wortes aufgedampft worden ist. ‹Mittelalter› wird immer als etwas klingen oder gelesen werden, das man hinter sich bringen muss und, Gott sei Dank, inzwischen hinter sich gebracht hat.
Daher ist es leicht erklärbar, warum sich alles Üble, Verwerfliche, Hässliche, was wir sowieso lieber der Vergangenheit und noch lieber der Vergessenheit überantworten möchten, in unserem Wunschdenken im Mittelalter abgespielt hat, warum sich gerade in dieser Epoche die in 102 aufgezählten historischen Irrtümer häufen: Scheiterhaufen und Folterknechte passen eben besser in ein dunkles, düsteres Zeitalter als in ein klares, leuchtendes, helles, wie das erhellende ‹illuminisme› (die Aufklärung).
Es ist das Schicksal vieler negativ konnotierter Wörter — ‹primitiv›, ‹Hure›, ‹Macho›, ‹arm›, ‹krank›, ‹Niederlage› und andere —, dass ihr Bedeutungsfeld immer negativer wird, weil sie gewissermaßen Negativität wie ein trockener Schwamm aufsaugen.
Nummer 103:
Die nächste und letzte Nummer habe ich schon vor längerer Zeit geschrieben. Ich verspreche für die Nummer 104 keine wirklich überwältigende, aber doch eine kleine Überraschung. — Also sitze ich jetzt unschlüssig vor meinen Themen-Notizen, gezwungen, ein letztes Mal, aus den vielen noch nicht verwendeten, die Zutaten zu wählen, um daraus das zweitletzte Amuse-Bouche zuzubereiten.
Amuse-Bouche sind ja Appetiser, Stuzzichini, Tapas, Häppchen. Sie wollten und wollen eigentlich nur Appetit anregen. Nach 102 Häppchen werden nun die einen schon satt sein, andere bereits bei der Magenverstimmung, andere jedoch — so hoffe ich — bereit für den Hauptgang. Und der Hauptgang, der ist schon aufgetragen: der ist in der Welt der Sprachfamilien, der fremden Sprachen und vertrauten Dialekte, der Wörter und Grammatiken, ihrer Vielfalt und Wandelbarkeit, ihres Gebrauchs und Missbrauchs, der linguistischen Werkzeuge, um sie zu erforschen, der seriösen und unseriösen Bücher, die verlässliche oder bloß erheiternde Erklärungen liefern. Wenn es mir gelungen ist, bei einigen, und seien es noch so wenige, die Lust zu wecken, das zerfledderte Französischbuch wieder einmal in die Hand zu nehmen, sich zu fragen, warum Oma etwas anders nannte als wir, warum unsere türkischen Freundinnen und Freunde die Artikel oft weglassen, die Speisekarte der griechischen Taverne nicht auf Englisch zu lesen, ein mittelhochdeutsches Gedicht auswendig zu lernen, den armenischen Taxifahrer zu fragen, wie man sich in seiner Sprache bedankt, von einem chinesischen Schriftzeichen auch bloß die Schönheit zu bestaunen, sich für die Erkenntnis zu öffnen, dass die Weise, wie unsere Sprache uns zu denken zwingt, bloß eine von Tausenden von Möglichkeiten ist, die Welt und das Leben zu beschreiben und zu erleben, dann braucht es keine Amuse-Bouche mehr, dann ist der Tisch für alle schon gedeckt.
Was ich aus meinen Notizen jetzt noch mache, ist eine Liste von Themen, die ich nicht mehr behandeln werde — gewissermaßen als Lunchpaket für unterwegs:
Nicht alle Sprachen unterscheiden Einzahl und Mehrzahl; genau genommen tun es die meisten nicht. Wenn es erstaunt, denke man daran, dass viele Wörter unserer Sprache auch ohne Plural auskommen: Obst, Milch, Regen, Schnee, Liebe… — Befremdlicher ist, dass einige Sprachen eine Dualform kennen: also Singular für eins, Dual für zwei und erst ab drei zum Plural übergehen. Einzelne Sprachen unterscheiden sogar zwei Dualformen: eine für zwei beliebige Sachen, eine für Dinge, die paarig sind: Schuhe, Hände, Hörner etc.
Dialekte sind entweder Primärdialekte oder Sekundärdialekte. Primärdialekte sind zum Beispiel die deutschen Dialekte, aus denen vor allem Martin Luther später eine Standardsprache gebildet hat. Sekundärdialekte haben sich aus einer einheitlichen Standardsprache (zum Beispiel Spanisch in Südamerika) nach und nach zu Varianten differenziert.
Kreolsprachen sind Sprachen, die aus mehreren Sprachen entstanden sind und deren Wortschatz und Grammatiken zu einem neuen System verschmelzen. Viele Kreolsprachen sind im Kontext der europäischen Kolonialisierung im 17. und 18. Jahrhundert und dem damit einhergehenden Sklavenhandel entstanden. Pidgin-Sprachen sind reduzierte Sprachen, die verschiedensprachigen Personen in bestimmten Situationen zur Verständigung — zum Beispiel zwischen Matrosen und Hafenpersonal — verwenden. Eine Pidgin-Sprache ist, im Gegensatz zu einer Kreolsprache, nie eine Muttersprache. Ein Beispiel ist das in großen Seehäfen gesprochene Portitañol (Mischung aus Portugiesisch, Italienisch und Spanisch). Auf Pidgin kann keine Unterhaltung über ein Thema geführt werden, das außerhalb des Bereiches liegt, für den es entstanden ist.
Worüber ich vielleicht doch noch irgendwann einen Post schreiben werde, ist der erstaunliche Dienst, den die Informatik der Linguistik leistet. Auf einer Insel zwischen Italien und Griechenland ist eine Tempelruine, an deren Säulen rundherum kleine Löcher zu sehen sind. Durch diese Löcher waren einst metallene Buchstaben befestigt, die ‹litterae aureae›. Das weiß man seit mehr als hundert Jahren. Mit Hilfe des Computers hat man 2013 allein aufgrund der Anordnung der Löcher den gesamten Text rekonstruieren können.
Wenn eine Sprache stirbt, kann sie zwar, wie Altgriechisch oder Latein, zu bestimmten Zwecken als tote Sprache weiterhin verwendet werden. Muttersprachige wird es jedoch keine mehr geben; mit einer Ausnahme: Hebräisch war 1948 eine tote Sprache, heute leben in Israel gut acht Millionen Muttersprachige.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in fast allen europäischen Ländern einen Mangel an jungen Männern und fast überall waren amerikanische Soldaten stationiert. Europäerinnen und Amerikaner gingen in allen Ländern Beziehungen ein. Paul Watzlawick untersuchte deren Dauerhaftigkeit und machte eine erstaunliche Feststellung: die Beziehungen waren umso kurzlebiger, je näher die Sprache der Frau dem Englischen verwandt ist. Die Beziehungen, die am schnellsten in Brüche gingen, waren die zwischen Britinnen und Amerikanern.
Nummer 104:
Es ist immer dieselbe Faszination: Ob man aus wenigen Knochen und Werkzeugen, die man in einer bestimmten geologischen Ablagerungsschicht findet, durch eine endlose Kette an Folgerungen eine Vermutung über die Lebensweise von Frühmenschen aufstellt, daraus schließt, dass, wenn die Überlegung stimmt, man etwas anderes Bestimmtes finden müsste, gezielt danach sucht, die Theorie eines Tages verifizieren oder falsifizieren kann und das Zusammenbauen von Puzzle-Steinchen von vorn beginnt, oder ob man aus Phänomenen, die man bei der Kollision von Elementarteilchen registriert, in einer noch längeren Kette an Folgerungen auf die Beschaffenheit von Raum und Zeit schließen kann, oder ob Pollen in Ötzis Darm Aufschluss über die damalige Alpenflora ergeben, auf die man dann auch durch andere Daten anderer Wissenschaften schließen kann — es ist das allen Wissenschaften gemeinsame Prinzip: die Beobachtung, die Deutung, die Vermutung, die Erklärung, die Theorie, dann die daraus folgenden Vorhersagen, die Überprüfung, die Falsifikation oder die Verifikation (eigentlich ist eine Verifikation immer nur das vorläufige Ausbleiben einer Falsifikation). Es ist immer dieselbe berauschende Ästhetik des Verstehen-Wollens: Was alles aus einer Bach-Fuge erklingt, wie es zur Entstehung der Schwermetalle in einer Supernova kommt, warum ein Kind, das mich weinend anschaut, traurig ist, warum eine Tomate zur Reife errötet, während die andere noch grün vor Neid von einem Pilz befallen wird, was in Picassos Guernica zu lesen ist, warum wir so viel über die Sprache der Indoeuropäer wissen, die vor sechstausend Jahren lebten und noch Jahrtausende lang nichts aufschreiben würden… es ist der allerschönste Thriller, den selbst die raffinierteste Krimi-Autorin sich nicht ausdenken kann: die Kunstwerdung der Wissenschaft, die Wissenschaftswerdung der Kunst, die Menschwerdung des Menschen. (Vielleicht klingt es pathetisch, aber es liegt am Sachverhalt, nicht an der Wortwahl.)
Erstaunlich ist nicht nur, dass wir so viel über die Sprache der Indoeuropäer wissen, sondern wie viel wir über einzelne und wie wenig wir über andere Wörter wissen! Eine der Wurzeln, die wir am weitesten zurückverfolgen können, ist ‹*ant-s›, was ‹Vorderseite, Stirn, Gesicht, Fassade, Eingang einer Behausung› bedeutete. — Daraus entstand die griechische Vorsilbe ‹ἀντί-› (antí- = gegen, entgegen, entgegengesetzt), die wir in ‹Antidot›, ‹Antipathie›, ‹Antipode›, ‹Antigen, ‹Antimaterie›, ‹Antiphon› (Gegengesang in Beantwortung des Vorsängers in der alten Kirchenmusik), ‹Antarktis› (der Arktis entgegengesetzt), aber auch ‹antik›, ‹Antike› sowie das Lateinische ‹ante› (davor, zuvor), also auch ‹antipasto› (was in einer Amuse-Bouche nicht unerwähnt bleiben soll!), und das A in der angelsächsischen Zeitangabe ‹a.m.› (ante meridiem = vor der Mittagszeit). — Aber auch ohne Umweg über das Lateinische hat ‹*ant-s› in den germanischen Sprachen eine ganze Menge generiert: ‹Antlitz› (‹*ant-s› bedeutete ja auch Gesicht!), ‹Antwort› (mit den Ableitungen wie ‹verantworten›, ‹Verantwortung› etc), und jetzt wirdʹs spannend: die Vorsilbe ‹ent-›, die wir in Dutzenden von Wörtern finden wie ‹entgegen›, ‹entfernt›, ‹entlarvt›, ‹entzückt›, ‹entstellt›, ‹entsinnen›, ‹entlöhnen›, ‹entheben›…, sogar die deutsche Konjunktion ‹und›, die englische ‹and›, die französische und lateinische ‹et›, die italienische ‹e›, letztlich auch die spanische ‹y›, die mittelhochdeutsche ‹unde› und die althochdeutsche ‹enti› gehen auf die wundersame Wurzel ‹*ant-s› zurück, vor der selbst Ginseng den Hut zieht!
Ich schließe die Amuse-Bouche-Reihe deshalb mit einem Etymon, das zu den ältesten und ursprünglichsten gehört, weil ich schon früh in meiner Arbeit daran dachte, welches das letzte Wort der Amuse-Bouche sein müsste. Ich dachte, dass keines den Bogen harmonischer schließen würde, als ein Wort, das ebenfalls aus dem ur-, ur-, uralten ‹*ant-s› abgeleitet ist, nämlich: Ende.