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Ein neues Buch beleuchtet fünfzig Jahre Schweizer Entwicklungspolitik.
Die beiden Autoren Jürg Bürgi und Al Imfeld untersuchen in ihrem Buch «Mehr geben, weniger nehmen» die Schweizer Entwicklungspolitik von ihren Anfängen in den fünfziger Jahren bis heute. Ein besonderes Augenmerk richten sie auf die Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung. Jürg Bürgi war langjähriger Schweizer Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel», bevor er 1999 von der Novartis-Stiftung den Auftrag erhielt, eines ihrer Landwirtschaftsprojekte in Kenia publizistisch zu begleiten. Al Imfeld ist Afrikakenner und Publizist. Er hat für die WOZ zahlreiche Artikel verfasst.
«Pfadfinderhafte» Hilfe
Im ersten Teil des Buches zeichnen die Autoren die verschrobene Entstehungsgeschichte der Entwicklungshilfsorganisationen nach und fügen Kurzbiografien der wichtigsten AkteurInnen bei. Gemäss den Autoren ist die erste Phase der Schweizer Entwicklungshilfegeschichte «geprägt vom Glauben an die nachholende Entwicklung». Ziel sei es gewesen, dass die armen Länder des Südens möglichst schnell die Entwicklung des reichen Nordens nachholen können. Darüber hinaus sollte die Entwicklungshilfe «die kommunistische Gefahr» eindämmen, die den Ländern des Südens drohe. Die Form der Hilfe sei zudem oft «pfadfinderhaft» gewesen. Das Schweizerische Hilfswerk für aussereuropäische Gebiete – die heutige Helvetas – etwa sprach von «unabhängigen, uneigennützigen Pionieren», die in die Dritte Welt fahren, um dort mit der lokalen Bevölkerung «für eine bestimmte Zeit eine geschlossene Schicksalsgemeinschaft einzugehen». Einen ähnlichen Ansatz verfolgte zu Beginn auch das Schweizer Aussenministerium. Ein weiterer Beweggrund der früheren Entwicklungshilfe waren die von verschiedenen Industriellen erhofften neuen Absatzmärkte, die sich so erschliessen liessen.
Mit dem weltweiten politischen Aufbruch 1968 veränderten sich Tonlage und Aktivitäten der Hilfswerke. Die Autoren schreiben von einem Generationenkonflikt, der innerhalb der entwicklungspolitischen Szene tobte. Neue Organisationen wie die Erklärung von Bern entstanden, die hinter der Ungleichheit politische Gründe sahen und vehement auf Gerechtigkeit pochten. Entwicklungshilfe sollte primär den ärmsten Ländern der Welt zugute kommen und einhergehen mit gerechtem Handel. Dieser wurde mit Aktionen wie «Jute statt Plastik» und Direktverkauf von Bananen und Kaffee gefördert. Ausserdem hatten sich nun Schweizer Konzerne wie Nestlé öffentlich zu verantworten, denen Profitgier auf Kosten der Ärmsten vorgeworfen wurde.
In den achtziger Jahren überdachten die meisten grossen Hilfswerke ihre Projektarbeit und konzentrierten sich verstärkt darauf, die Eigeninitiative der HilfsempfängerInnen zu fördern. Zudem gewannen ökologische Aspekte der Hilfe an Bedeutung. Die Schweizer Exportrisikogarantie für fragwürdige Staudammprojekte stand zunehmend in der Kritik. In den neunziger Jahren machen die Autoren eine «Entideologisierung» der Hilfe aus. Die Erkenntnis habe sich durchgesetzt, dass «globale Entwürfe nicht zum Ziel führen».
Im zweiten Teil des Buches wird die Entstehungsgeschichte der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung beleuchtet. Die Autoren zeichnen zwar nicht unkritisch diverse Fehlschläge der Stiftung nach, stellen ihr jedoch ein insgesamt hervorragendes Zeugnis aus. Es gebe weltweit nichts Vergleichbares zu dieser Stiftung, die konsequent mit lokalen Partnerorganisationen zusammenarbeite und diese als «wirkliche Partner und nicht als Auftragnehmer» behandle. Sie sei auch kein Feigenblatt für den Pharmakonzern Novartis, der jährlich mehrere Milliarden Franken Reingewinn verbucht und der Stiftung zehn Millionen im Jahr zukommen lässt. Prophetisch schreiben sie, dass die Stiftung ihre Arbeit auch im gleichen Stil weiterführen werde: «Nie denselben Fehler zweimal machen, aus Erfahrungen lernen und immer etwas Neues probieren.»
In diesem Teil des Buches fehlt es den Autoren an kritischer Distanz und Nüchternheit. Es scheint, als hätten sie sich etwas stark vom Präsidenten der Novartis-Stiftung, Klaus Leisinger, beeinflussen lassen, der auch das Vorwort zum Buch schrieb und von dem ein Text im Anhang steht. Novartis wird als Konzern charakterisiert, der «dank seiner Lernfähigkeit und seinem Engagement für unternehmensethische Verpflichtungen zunehmend weniger offensichtliche Angriffsflächen bietet».
Sehr pauschal
Dabei blenden die Autoren den zentralen Widerspruch aus, den es in der Frage des geistigen Eigentums zwischen den Entwicklungsländern und einem Konzern wie Novartis gibt. Auch halten sich die Autoren beim Thema Gentechnologie zurück. So propagierte Leisinger offensiv die Anwendung der Gentechnologie in der Landwirtschaft – was im Interesse der Basler Chemiekonzerne liegt. Entwicklungshilfsorganisationen wie Swissaid dagegen, deren Entstehungsgeschichte das Buch im ersten Teil dokumentiert, kritisieren die Anwendung dieser Technologie sehr scharf; nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern weil sie zur Industrialisierung der Landwirtschaft führt und damit zur Landflucht und Verarmung der ländlichen Bevölkerung.
Doch für die Autoren ist eine solche Argumentation offenbar ideologisch und damit ein Rückfall in die achtziger Jahre. Sehr pauschal fertigen sie denn auch die aktuelle Politik der Erklärung von Bern ab. Dieser unterstellen sie, sie habe aufgrund der veränderten Weltlage ihr Feindbild «neu justiert» und sich mit der «Fixierung auf ein paar Schlagworte» auf Gen- und Globalisierungskritik verlegt.