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Fabrizio Gilardi, Prof für Policy-Analyse, erzählt aus seiner Studienzeit.
Meine zwei Mitbewohner und ich kamen Ende Oktober 1994 in Genf an. Das war zwei Wochen nach Vorlesungsbeginn und direkt nach der Rekrutenschule. Meine allererste Vorlesung war eine Einführung in das Verfassungsrecht.
Der Dozent verlangte, dass wir allfällige Fragen eine Woche im Voraus schriftlich einreichen. Im Rückblick muss er sehr unsicher gewesen sein, weil er anscheinend keine Fragen ohne Vorbereitung beantworten wollte. Für uns war er einfach der Professor im Vorlesungsraum. Bei Paul Bairoch hatten wir Wirtschaftsgeschichte. Er war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, der die Vorlesung zum letzten Mal vor seiner Pensionierung unterrichtete. Davon war er sichtlich berührt. Aber für uns war auch er einfach ein Professor. Nach den Vorlesungen mussten wir oft noch einkaufen: meistens Pasta und Tomatensauce.
Mein Schlafzimmer war das grösste von allen, weil ich die Auslosung gewonnen hatte. Dort gab es eine Ecke, in welche das alte Bett meiner Grossmutter perfekt hineinpasste. Zwar brach ein Bettpfosten nach einem Monat ab, aber ich konnte ihn mit einer Schnur reparieren, sodass meine Matratze nicht mehr so stark durchhing. Das war zwar bequem, doch ich musste es alle zwei Wochen erneuern. Unter meinem Fenster verlief die laute Rue de Lyon. Aber ich liebte den Lärm von Autos am Morgen. Es klang nach Freiheit.