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Mit seiner Philip-Roth-Verfilmung reist Arnaud Desplechin zurück in analoge Zeiten – sehr analoge Zeiten. Trotzdem ist sein Film sehr aktuell.
Philip ist Schriftsteller. Durch eine Affäre mit einer Engländerin findet der renommierte amerikanische Autor, der in England lebt, neue Inspiration. Doch nicht alle freuen sich über seine Kreativität: es wird ihm Misogynie vorgeworfen, und seine Frau treibt er naturgemäss in die Verzweiflung.
Episodenhaft erzählt Regisseur Desplechin Roths Roman; der Film spielt in England und der Tschechoslowakei, gesprochen wird französisch und tschechisch. Desplechin hat soeben eine frankophone Adaptation von Tony Kushners Theaterstück «Angels in America» vorgelegt: er hat offenbar eine Vorliebe für angloamerikanische Stoffe. Was aber nicht heisst, dass die Sprache Molières nicht zu ihrem Recht kommt.
Wobei die Sprache hier durchaus zu einer gewissen Verfremdung führen könnte, schliesslich redet eigentlich niemand französisch – von der Logik des Stoffs her. Doch wie in der starken, ebenfalls französischen Verfilmung von «Lady Chatterley’s Lover» («Lady Chatterley», 2006), ist dies nie der Fall.
Zwar hat die Sprache hier sicher einen wichtigen Stellenwert, schliesslisch ist es eine Literaturverfilmung, und Philip wird namentlich von der Sprache seiner Geliebten inspiriert. Und doch lenkt die Sprache nie vom Inhalt ab – schliesslich ist das kein Béla-Tarr-Film, in dem Tilda Swinton eine Korsin spielt …
Der Film heisst zwar «Tromperie», aber er sagt uns exakt, was Sache ist: über ein Leben der Untreue, über einen Schriftsteller, der seiner Frau untreu ist und seine Inspiration gerade daraus zieht. Der in der Tschechoslowakei den Humor schätzt und in England die Frauen. Der vor einem weiblichen Tribunal vorgeführt wird – in einer Szene, die klar macht, dass eben vielleicht alles doch nicht so klar ist.
Wenn Philip seiner Frau sagt, dass es keine Liebhaberin gibt – dass alles erfunden ist – dann stellt das dann schliesslich doch alles infrage. Und es stimmt ja auch: auch wenn alles autobiografisch sein mag – es ist eben doch auch alles Fiktion.
Natürlich ist dies für die Menschen, die in einem Kunstwerk vorkommen, nicht genug: da kommt Judy Davis als Lucy in den Sinn, die in «Deconstructing Harry» den «black magician» Harry (Woody Allen) umbringen will, der aus den Leiden der realen Menschen «literary gold» macht. Oder die deutsche Dichterin Birgit Kempker, die ihren Gedichtband einstampfen liess, weil ein gewisser Hieronymus Busch nicht einverstanden war mit seinem literarischen Ruhm.
Diese Doppelung ist es, was diesen Film ausmacht: gut gespielt, schön komponiert, zum Denken anregend. Absolut sehenswert!
«Tromperie». Frankreich 2021. Regie: Arnaud Desplechin. Mit Denis Podalydès, Léa Seydoux, Emmanuelle Devos, Anouk Grinberg, Madalina Constantin, Miglen Mirtchev u. a. Deutschschweizer Kinostart am 9. Juni 2022.
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