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Das „Märchen“ vom Suworow vom Haus
Vom heutigen Stand des Irrtums
Nahe der Löntschbrücke in Riedern - Kt. Glarus, steht ein Haus an welchem eine Gedenktafel darauf hinweist, dass hier General Suworow am 1. Oktober 1799 sein Quartier hatte. Das Haus ist eines der bekannten Suworow Häuser und nur wenige dürften am Sachverhalt gezweifelt haben. Die berechtigen Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Geschichte, werden nun ausgerechnet vom Hauseigentümer und Gründer des einzigen Suworow Museums der Schweiz, (heute in Altdorf UR) Walter Gähler geäussert.
So hatte er das Ziel, das Haus nach den Vorgaben der Denkmalpflege zu renovieren und darin ein Suworow Museum einzurichten.
Wären ihm da nicht nach dem Kauf einige Ungereimtheiten aufgefallen, welche eine genauere Forschung verlangte. So stellt er heute die Frage, ob das Haus zu recht diesen Namen trägt?
Was spricht für das Suworow Haus?
Im Buch; Riedern einst und jetzt, von Ruedi Stüssi-Dürst, 1998, Seite 68, steht: „ General Suworow schlug sein Hauptquartier zuerst in Riedern, dann im Mart'ischen Landhäuschen auf der Höhe zwischen Netstal und Glarus auf, welches seither Suworow Häuschen genannt wird.“ Zwei Fotos dokumentieren das Haus.
In der Gemeindegeschichte von Netstal, Paul Thürer 1920 steht: „Suworoff hatte anfänglich sein Hauptquartier in Riedern. Dann verlegte er es in das bekannte kleine Häuschen rechts an der Landstrasse halbwegs zwischen Netstal und Glarus. Hierher berief er am 2. Oktober , mittags 11 Uhr, die Generale zu einem Kriegsrat.“ Aus diesen Schilderungen geht nicht hervor, wo Suworow übernachtet hat.
Konkreter wird nun der Glarner Historiker, Hans Thürer in Glarnerland/Walensee 1967, Seite 14: „...Unter schweren Verlusten erreichten sie am Abend am 1. Oktober Riedern.... Als der russische Heerführer am Abend in Riedern Quartier bezog..... Suworows Unterkunft in dem kleinen, westlich von der Löntschbrücke gelegenen Bauernhaus war recht dürftig. ....Wenn der russische Oberbefehlshaber anderntags dennoch seinen Kommandoposten ins Lusthäuschen des Glarner Arztes Dr. Johannes Marti, zwischen Glarus und Netstal verlegte...“.
Hans Thürer war offensichtlich überzeugt, dass Suworow in Riedern geschlafen hatte. Walter Gähler hatte ihn noch persönlich kennengelernt und an seinen Aussagen als Glarner Historiker nicht gezweifelt.
Im Heft 9: Militärgeschichte zum anfassen, Militärische Führungsschule Au. Fred Heer und Hans Rudolf Fuhrer, 1999 steht, Seite 31: „ 1.Oktober, ...Suworow nimmt sein Quartier in einem Haus bei der Löntschbrücke in Riedern. .. 2. bis 4. Oktober... Sein Hauptquartier ist das kleine Landhaus westlich der Kantonsstrasse zwischen Glarus und Netstal. (Suworow-Häuschen.)“
Es gibt noch weitere derartige Schilderungen. Aus all diesen Beschreibungen, ist die Behauptung entstanden, Suworow habe in Riedern übernachtet. Was auch die landläufige Meinung im Glarnerland ist. Dies wird auch teils in russischen Büchern geschrieben, welche das Hauptquartier in Riedern bezeichnen. Doch stimmt das wirklich? Wann war Suworow im Haus in Riedern, ja war er überhaupt jemals in diesem Haus?
Was spricht gegen das Suworow Haus in Riedern?
Hier muss beachtet werden, dass die Gedenktafel erst im Jahr 1900 montiert wurde.
In: Der Zug Suworoff's durch die Schweiz, Rudolf von Reding-Biberegg 1895,steht auf Seite 127; „ ....Hauptquartier Glarus“
Seite 130: .“.. hatte Suworoff im Lager von Riedern und Glarus, mit Vorposten bei Netstal, also da wo er am Abend des 1. Oktober bereits eingetroffen, die Tage vom 2. bis 3. Oktober zugebracht...“
Das weist auf das andere Suworow Häuschen hin.
Richtig interessant, wird es aber im Begleitheft Atlas Suworow, Die Gefechtsberichte des Atlas Suworow, Arthur Dürst - Irina O. Garkuscha – Jürg Stüssi-Lauterburg, Erscheinungsjahr 2000, Seite 103: (1. Oktober) „..Zur Zeit des Gefechtes befand sich Suworow östlich von Riedern auf einem Hügel über dem Tal, das sich zwischen dem Löntsch und der Linth ausdehnt.... Am Abend verliess er seinen Beobachtungspunkt und begab sich zur Netstaler Brücke.... Aber Grossfürst Konstantin liess dies nicht zu und befahl zwei Offizieren, den Feldmarschall nach Riedern zu geleiten. In diesem Dorf, oder besser gesagt an dessen Nordrand, im alleinstehenden Haus von Landammann B. Tschudi.... wurde Suworows Hauptquartier eingerichtet... 2. Oktober... in diesem Haus in Riedern des Landammanns Tschudi.....
Seite 106: 4. Oktober ..“um 22 Uhr passierten sie Riedern, aus dem um dieselbe Zeit auch Suworow abzog, um nach Glarus ins Quartier des Grossfürsten Konstantin überzuwechsleln...“
Seite 121: „...D.A. Miliutin schreibt, dass dieser Kriegsrat in Glarus einberufen wurde, aber gemäss den Aufzeichnungen des Generals N. I. Lawrow, .... wird mit aller Bestimmtheit gesagt, dass Suworow in Riedern tagte. Gemäss Lawrow, der im Jahre 1799 in Suworows Hauptquartier diente, verliess der Feldmarschall vom Abend des 1. Oktobers bis zum 4. Oktober das Haus von Landammann Tschudi nicht. Nach seiner Behauptung war es in jenem Hause, wo sich am 2. Oktober um 11 Uhr morgens die russischen Generäle zur Besprechung versammelten...“
Hier wird auch auf das Buch von E. Gachot, La Campagne d'Helvetie, Paris 1904, verwiesen. Bei Seite 400, ist auch das Häuschen als Maison Tschudi a Riedern abgebildet. Klar wird beim Studium, dass offensichtlich der Ort Riedern verwechselt wurde, das Landhäuschen als in Riedern verortet wurde. Gachot erwähnt, kein weiteres Haus in Riedern, obwohl die Gedenktafel beim Erscheinens seines Buches bereits 4 Jahre hing.
Wie kommt das Suworow Haus Riedern zu seinem Namen?
Vor 10 Jahren hatte Walter Gähler vom Suworow Spezialisten Oscar Wüest, Abschriften der Briefe des Jahres 1900, von Dr. Ernst Buss, Präsident der Glarner Kunstvereins an Baron Engelhard, erhalten. Buss half Engelhard bei der Dokumentation, dem Erwerb von Objekten aus dem Suworow-Häuschen, der Errichtung der Gedenktafeln und der Feststellung der Suworow Quartiere im Kt. Glarus. Die Briefe befinden sich im Suworow Museum in St. Petersburg.
Folgendes hat Ernst Buss an Engelhardt geschrieben:
„.. Glarus 12. Dez. 1899: Von den noch stehenden Gebäuden, in denen Suwarof Quartier genommen, sind meines Wissens nur noch zwei vorhanden, das kleine Feldhäuschen, hier in Glarus, .... das andere in Elm....“
In einem Brief ohne Datum, (ab April 1900) schreibt E. Buss: „.... Dieser Tage bin ich auf eine neue Spur gekommen. S. soll die erste Nacht in Riedern genommen haben, und es wird dort ein Haus, das allerdings seither umgebaut worden ist, als das betreffende bezeichnet. Ein hiesiger Offizier, der kürzlich in der Glarner Offiziersgesellschaft einen Vortrag über S.s. Zug durch die Schweiz gehalten, hat es mir bestätigt, es sei ihm schon in seinen Kinderjahren ein gewisses Haus in Riedern unter Hinweis auf diese Erinnerung gezeigt worden. Ich forsche nun der Sache noch näher nach, u. wenn ich etwas Zuverlässiges ermitteln kann, werde ich Ihnen wieder schreiben.
Dieser Brief ist der einzige Hinweis auf das Suworow Haus in Riedern. Interessant auch, dass man Buss, erst 4 Monate nach Beginn der Recherchen, auf das Haus in Riedern aufmerksam machte. Das Haus dürfte daher noch nicht Suworow Haus geheissen haben.
Im Jahrbuch 97. des Historischen Vereins des Kt. Glarus 2017 schreibt Oscar Wüest: Baron Engelhardt und General Suworow – Geburt einer Erinnerungskultur: „...Buss recherchierte die Übernachtungsorte von Suworow im Glarnerland, wobei er sich beim Haus in Riedern nicht festlegen konnte....“
Fazit
Bei den heutigen Recherchen konnte kein Beweis zum Suworow Haus Riedern erbracht werden. Wäre dem Glarner Offizier gesagt worden, dass Suworow am Nachmittag des 1. Oktober kurz Halt machte, wäre es glaubwürdiger gewesen. Die Aussagen von General Lawrow sind jedoch zu eindeutig. Es ist also anzunehmen, dass Suworow nicht in Riedern übernachtet hat. Auch ein längerer Aufenhalt, wäre nicht logisch gewesen, da er vom Haus in Riedern keinen Überblick ins Kampfgeschehen hatte. Er hätte nämlich abends am 1. Oktober von der Linthbrücke Netstal, zurück nach Riedern und am andern Tag ins Suworow Häuschen gehen müssen. Vielleicht hat Suworow im Haus auch nur ein Vesper gegessen, wir wissen es nicht.
In Riedern soll es gemäss dem verstorbenen Polizisten Sepp Meier, hinter dem „Edelweiss“ ein weiteres Haus mit einer Gedenktafel gegeben haben, dort seien Offiziere untergebracht worden. Dieses Haus wurde vor vielen Jahren (mind. 40 Jahre) anlässlich einer Feuerwehrübung „Heiss abgebrochen“. In Riedern kann sich niemand an dieses Haus erinnern, auch E. Buss kannte das offensichtlich nicht, es gibt keine Fotos davon.
Offenbar hat man im Jahr 1900, trotz der unklaren Lage, an dem Haus in Riedern, eine Gedenktafel mit Quartier General Suworow 1. Oktober 1799, angebracht. So trägt das Gebäude auch den Namen Suworow Haus. Von da an ging es auch richtig los, in vielen Veröffentlichungen ist das Haus abgebildet.
Der Sinn dieser Arbeit ist die Authentizität des Suworow Hauses Riedern festzustellen, da es verkauft werden soll. Ist es ein echtes Suworow Haus, sollte es natürlich dementsprechend seiner Bedeutung, bei einer Renovation gewürdigt werden.
Ein Suworow Haus zu besitzen, könnte der Stolz eines neuen Eigentümers werden.
Ist es kein Suworow Haus, wird das für den heutigen Eigentümer, Walter Gähler, einen riesigen Wertverlust darstellen. Einem künftigen Käufer müssen diese Aufzeichnungen vorgängig übergeben werden, da sonst die Verheimlichung von Forschungsergebnissen angelastet werden könnte. Auch die Kantonale Denkmalpflege, welche derzeit den Schutzstatus überprüft, dürfte das interessieren.
Der Untertitel dieses Berichtes heisst: Vom heutigen Stand des Irrtums!
Es kann also durchaus sein, dass auch das hier dargelegte, ein weiterer Irrtum ist.
Gesucht sind nun ganz klare Hinweise, für oder gegen das Haus, welche vor 1900 erschienen sind.
Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.
Riedern den 30.09. 2022
Walter Gähler