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Ernährungsweise unserer Tagraubvögel
Liest man die Beutereste im Horst oder in dessen unmittelbarer Umgebung auf, kann man die Nahrung der Jungtiere bestimmen. Mit dieser Methode können die grossen Beutetiere, die nicht ganz verzehrt werden können, erfasst werden, nicht aber die kleinen, die, ohne Spuren zu hinterlassen, verschwinden. Zudem gibt sie ausserhalb der Brutperiode keinerlei Auskunft.
Natürlich kann man Federbüschel sammeln, die verstreut im Gelände herumliegen, aber es ist schwierig, daraus auf den Räuber zu schliessen: Wurde diese Taube von einem Habicht getötet oder von einem Bussard verzehrt, der sie schon getötet vorfand? Die Funkpeilung erhöht zwar die Chance von Entdeckungen und verrät den Urheber des Verbrechens, aber das braucht sehr viel Zeit.
Raubvögel in vollem Jagdflug offenbaren ihre Absichten, ob ihnen ein Fang nun gelinge oder nicht. Aber diese Informationen sind rein anekdotischer Art, quantitativ sagen sie gar nichts aus. Es gibt keine genaue Studien über die Ernährungsweise des Mäusebussard im Wallis. Beobachtungen zeigen, dass sich unsere Bussarde — wie in benachbarten Regionen — vorwiegend von Kleinsäugetieren ernähren. Eine Lokalspezialität findet sich in warmen Gebieten: die Reptilien, vor allem Vipern, Blindschleichen und Eidechsen sind häufig Opfer dieses Raubvogels. Reste eines Huhnes in einem Horst beweisen, dass der Bussard auch Aasfresser ist, denn er ist nicht ausgerüstet, eine so grosse Beute zu töten.
Beutereste, Federn und Knochen, die im Lauf von 4 Jahren in Horsten gesammelt wurden, zeigen, dass der Habicht vorwiegend Vögel jagt: in erster Linie Drosseln und Amseln, Eichelhäher, Tannenhäher, Haselhühner und Birkhühner, Spechte und Raubvögel; aber er geht auch auf Eichhörnchen, ja sogar Hasen los. Der Vergleich der Ergebnisse einer im Waadtland parallel durchgeführten Untersuchung zeigt auf, dass dort Rabenkrähe und Ringeltaube zusammen 60% der Nahrung ausmachen, während diese im Wallis 10 % nicht überschreiten. Mehr als die blosse Gegenwart eines Raubvogels offenbart seine Ernährungsweise den ökologischen Reichtum einer Region.
Der Sperber ist kaum besser erforscht als der Bussard. In den Jahren um 1910 hat Alfred Richard während drei aufeinander folgenden Jahren die Beutereste aus einem Sperberhorst am oberen Rand des Waldes von La Heu, auf 1800 m oberhalb von Fionnay, gesammelt. Die Alpenbraunelle machte die Hälfte der Jagdbeute des Paares aus, das dort lebte und oberhalb seines Standortes in den Felsen und auf den Alpweiden jagte. So wirken sich Umwelt und individuelle Spezialisierung auf die Zusammensetzung des Menüs aus. Üblicherweise sind es Meisen, Finken und Spatzen und in geringerem Ausmass Amseln und Drosseln, die dem Sperber in die Krallen geraten.
Gérard Murisier, Tierfotograph aus Orsières, hat den Horst eines Wespenbussardes beobachtet. Dieser elegante, insektenfressende Raubvogel, der von Gestalt dem Bussard sehr ähnlich sieht, überwintert in Afrika. Brutwaben von Wespen sind, wie die Abbildung zeigt, Hauptbestandteile der Nahrung der Jungen. Aber Wespenbussarde verschmähen auch Frösche, junge Vögel oder Eidechsen nicht. Es ist ein wunderbarer Anblick, wenn ein Wespenbussard in Spiralen aufsteigt und eine Smaragdeidechse in den Fängen hält !
Es genügt, den lässigen Flug des Schwarzmilans, den man an seinem Gabelschwanz erkennt, zu beobachten, um zu verstehen, dass es sich bei ihm um einen Aasfresser handelt. Besonders zahlreich sind Milane im Chablais und an den Ufern des Genfersees, wo sie Fischkadaver und Abfälle suchen, die auf dem Wasser treiben. Die wenigen Paare, die sich von Martigny an talaufwärts niedergelassen haben, fliegen oft den Strassen entlang, um kleine überfahrene Tiere aufzuschappen.
Die Nester von Turmfalken sind schwerzugänglich, sodass unsere Angaben über ihre Ernährungsweise auf direkten Beobachtungen beruhen. Für die Turmfalken am Fuss der Südhänge sind Eidechsen besonders wichtig. Von den zahlreichen Paaren, die in den Jahren um 1970 nisteten, bleiben übrigens nur noch jene übrig, die über ausgedehnte Steppen in nächster Nähe verfügen. In den Bergen sind es Kleinsäuger, die in der Nahrung überwiegen. Im Sommer figurieren oft Grillen und Heuschrecken auf der Speisekarte erwachsener Turmfalken, werden aber kaum je den Jungen in den Horst gebracht.
Das Menü des Adlers kennt man recht gut aufgrund von Überresten, die man in Horsten fand: Hasen, Murmeltiere, Baum- und Steinmarder, Gemsen, Rehe, Füchse, Steinböcke, Birkhühner und Schneehühner - sie alle hatten die Ehre, den König der Vögel zu ernähren. Im Winter aber sieht man den vornehmen Herrn auf Mülldeponien, wo Metzgereiabfälle und totgeborene Kälber hingeworfen werden.
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