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Depressionen, Operationen, Verletzungen, Schicksalsschläge und wundersame Auferstehungen – sein Leben bietet jenen Stoff, den sie in den USA so sehr lieben und den man zweifellos als filmreif bezeichnen kann. «Das hier ist mein Lieblingsturnier», sagt auch der Argentinier Juan Martin Del Potro, 29-jährig, 1,98 Meter gross, modischer Dreitagebart.
Eine wuchtige Erscheinung mit sanfter Stimme. Er war der jüngste Profi in den Top 100, den Top 50, den Top 10 und dann auch in den Top 5. Wenn zwar noch nicht ihr Nachfolger, so war Del Potro zumindest dazu berufen, der erste Herausforderer der Arrivierten um Roger Federer und Rafael Nadal zu werden.
2009 besiegte er im Halbfinal der US Open Nadal in drei Sätzen – 6:2, 6:2, 6:2. Nie zuvor und nie danach hatte der Spanier bei einem Grand-Slam-Turnier eine dermassen klare Niederlage erlitten. Nach der Nummer zwei der Welt bezwang er im Final auch noch die Nummer 1, Roger Federer. Er hatte das Turnier zuvor fünf Mal in Folge gewonnen und dort seit sechs Jahren nicht mehr verloren.
Partys mit Frauen und viel Alkohol
Der Montag, 14. September 2009, teilt sein Leben in zwei Hälften – ein Davor und ein Danach. Davor ist der Sohn eines Tierarztes und einer Lehrerin «El Palito», die Bohnenstange. Danach ist er, noch immer erst 19-jährig, ein Nationalheld, dem in den Strassen seiner Heimatstadt Tandil 40 000 Menschen zujubeln. Der Erfolg verändert ein ganzes Narrativ. Aus dem dürren Jungen wird der imposante Turm von Tandil.
Er wird von den Erwartungen überrollt und verliert die Bodenhaftung. Del Potro feiert Partys, mit schönen Frauen und viel Alkohol. Bald plagen ihn Schmerzen an der rechten Hand, und das verheissungsvoll gleissende Scheinwerferlicht wirft Schatten auf seine Seele.
«Er mag ein Problem mit dem Handgelenk haben, aber ein noch viel grösseres im Kopf», sagen die Spielerkollegen von damals, Mariano Zabaleta und Juan Monaco, die wie er aus Tandil stammen.
Del Potro soll an Depressionen leiden und sei ausgebrannt. Aus seinem Umfeld ist sogar zu vernehmen, er habe Panikattacken. Er schottet sich völlig ab, ist nicht mehr zu erreichen. Als ihn die Profi-Vereinigung ATP doch einmal erreicht, richtet er aus, ihm gehe es gut. Er vermisse das Tennis nicht. Del Potro hat drei Operationen am Handgelenk hinter sich.
Sie zwangen ihn dazu, die Rückhand, die er zuvor härter schlug als mancher die Vorhand, vermehrt einhändig mit Slice zu spielen. Vor allem aber, und das ist bei seiner Statur erstaunlich, hat das Vertrauen in den Körper gelitten. Noch heute wird er nach jedem Match danach gefragt, ob er Schmerzen habe. «Nein, und das ist sehr positiv», sagt er nach dem Halbfinal-Einzug bei den US Open.
Hommage an die tote Schwester
«Ich habe echte Horrorjahre hinter mir. Es gab viele dunkle Momente, und ohne Freunde und Familie wäre ich daran zerbrochen.» Er sei nicht weit davon entfernt gewesen, mit dem Tennis aufzuhören. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben ihn demütig und dankbar gemacht.
«Nach allem, was ich erlebt habe, gilt es nun, diese Dinge zu feiern. Ich geniesse es einfach, Tennis zu spielen. Ich liebe den Sport und den Wettkampf, und ich bin stolz, wieder hier zu sein.» Hier, wo für ihn alles begann, das ihn heute ausmacht. Aus Juan Martin Del Potro ist nicht der Nachfolger von Federer, Nadal und Djokovic geworden, aber immerhin ist er wenige Wochen vor seinem 30. Geburtstag ihr erster Herausforderer.
Neun Jahre später trifft er bei den US Open in den Halbfinals erneut auf Nadal. Del Potro hat seine 5 Siege aus 16 Duellen allesamt auf Hartplätzen errungen und damit immerhin eine ausgeglichene Bilanz. Er sagt: «Ich liebe es, solche grossen Schlachten zu spielen. Sie lassen mich lebendig fühlen.»
Und sollte sich Del Potro erneut durchsetzen, und am Ende vielleicht sogar das Turnier gewinnen, wird er sich nach dem Spiel bekreuzigen. Es ist eine stille Hommage an eine Schwester, die bei einem Autounfall starb, als er fünf Jahre alt war. Auch das ist irgendwie drehbuchreif.