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Hans Mayer
Deutschland hat nur wenige Intellektuelle vom Rang eines Sartre oder eines Emile Zola hervorgebracht: Denker und Formulierer, die in ihren besten Momenten, welcher Fakultät sie auch zugehören, das Gewissen, die Moral bzw. die über allem stehende höhere Sittlichkeit ihres Landes verkörpern. Lessing gehörte dazu, Görres, Heine, Tucholsky, Hanna Arendt, Walter Benjamin und mit Sicherheit auch Hans Mayer.
Jude und Deutscher und beides in vollem, nachhaltigem Bewusstsein, ist der Kölner Kaufmannssohn, der erst Jurist war, bevor er als Schüler Horkheimers Soziologe und als Mitverschworener der deutschen Exilliteratur Germanist und Literaturforscher wurde, d e r grosse Kommentator und Analytiker der deutschen politischen und kulturellen Geschichte zwischen dem Niedergang der Weimarer Republik und der deutschen Wende von 1991 gewesen. Nicht, indem er direkt auf die Politik eingewirkt hätte, sondern zum einen, indem er für die nachwachsende Generation die grossen tragenden Gestalten der deutschen Tradition in einem brisant-aufwühlenden Sinn neu lebendig machte: Büchner, Kleist, Goethe, Brecht, Thomas Mann, Richard Wagner, Johannes Brahms. Und zum andern, indem er in Büchern wie «Ein Deutscher auf Wierruf» und «Der Turm von Babel» seinen eigenen Weg durch die Wirren der jüngsten Geschichte auf überzeugende Weise als ein Lehrstück in Sachen Zivilcourage, intellektuelle Redlichkeit und politische Gradlinigkeit erscheinen liess.
Mit Hans Mayer starb im Jahre 2000 auch einer der letzten grossen Vertreter jener deutschen Literatur, die auf der Flucht vor Hitler in der Schweiz Asyl suchte und vom Regen in die Traufe geriet. Mayer war schon 1934-1938 Student am Genfer Institut des Hautes Etudes Internationales gewesen, kam im Herbst 1939 aus Paris nach Genf zurück und entging nur dank dem Einsatz von Freunden der sofortigen «Abschiebung». Als Insasse des Arbeitslagers Davesco baute er an der Strasse Davesco-Lugano mit, half in Vouvry die Rhoneebene entsumpfen und geriet schliesslich in Witzwil unter die Verfügungsgewalt eines Zuchthausdirektors, dessen Namen er noch 40 Jahre später nicht ohne Zittern aussprechen konnte: «Immer noch sehe ich ihn zu Pferde und in seiner Landschaft hoch über seinen Zwangsarbeitern, die am Boden kriechen und das Unkraut mit den Händen auszureissen haben: den Herrn Direktor Dr. Kellerhals.» Mayer liess sich aber in seinem Widerstand nicht brechen. Die als Haftverschlimmerung gedachte Überstellung ins Zuchthaus Lenzburg erwies sich als Glücksfall, konnte er von dort aus doch die Aufführungen des Schauspielhauses Zürich besuchen und die Emigrantenzeitschrift «Über die Grenzen» ins Leben rufen, die den Inhaftierten erstmals wieder eine Stimme und ihre Würde zurückgab.
Mayer ist bis 1963 (marxistischer) Literaturprofessor in Leipzig gewesen, hat ab 1965 an der TU Hannover gelehrt, und das bereits erwähnte Buch «Der Turm von Babel» gibt über die Geschichte der DDR ebenso unbestechlich Auskunft wie die berührende Darstellung «Der Widerruf» die leidvollen Erfahrungen auf den Punkt bringt, die seit Felix Mendelssohn die jüdischen Deutschen mit ihrem Vaterland zu machen hatten. Das vielleicht aufregendste, bewegendste, weil bei aller literarischer Stilisierung unmittelbar aus eigenem schmerzlichen Erleiden heraus geschriebene Buch Hans Mayers aber ist «Aussenseiter» von 1975: Eine Darstellung des Aussenseiterisch-Rebellischen, die Figuren wie Judith und Dalila, Dorian Gray und Shylock in den Mittelpunkt stellt und der bürgerlichen Aufklärung noch in ihrem Scheitern eine Kraft und Dynamik abgewinnt, die die Intellektualität und Widerborstigkeit von ein paar Outsidern als weithin leuchtendes Fanal über die Trägheit, den Opportunismus und die Korrektheit der ungezählten Angepassten und Gleichgültigen stellt.
(Der Artikel erschien als Nachruf in der Zeitung «Der Bund»)