Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/2266

Heute erscheint bei «Zeitnah» nach längerer Pause wieder eine Kurzgeschichte: In Alexander Kambers «Niemand ist da» erfahren wir während eines simplen Besuchs beim Augenarzt, was den Patienten wirklich bewegt. Verborgenes taucht auf und verschwindet gleich wieder, die Geschichte wird zum Sehtest für uns Leserinnen und Leser.
Von Alexander Kamber
Sie würde ihn fragen, wie es ihm geht. Er würde sagen: Gut. Nein, er würde sehr gut sagen.
Die Wände sind grau und glänzen und sind kalt. Es ist dunkel im Treppenhaus. Tanner spürt einen Schmerz in seiner Seite.
Der Raum ist leer. Stühle sind in einem Kreis angeordnet und in der Mitte steht ein kleiner Tisch mit Zeitschriften darauf. Eine ist auf den Boden gefallen, ein Frauenmagazin. Tanner läuft zur Toilette und schielt auf dem Weg hinüber zum Empfangstresen. Niemand ist da.
Die Klobrille ist warm. Tanner findet es angenehm, darauf zu sitzen. Er muss an seine Frau denken. An der Türe vor ihm sieht er das Bild einer Brille. Die Brille hat einen Mund und eine Nase und ein Auge, das Tanner zuzwinkert. In der Sprechblase, die von dem Mund ausgeht, steht: «Lass mich die Welt durch deine Augen sehen.» Tanner lächelt. Er merkt, dass er etwas nervös ist.
Er geht zurück und schaut wieder rüber zum Tresen. Jetzt ist da eine junge Frau, die Arzthelferin.
«Ach, guten Tag, Herr Tanner. Frau Doktor Schäfer ist noch beim Mittagessen. Sie wird um eins wieder da sein», sagt sie.
«Gut», sagt Tanner.
Tanner setzt sich in das Wartezimmer. Es ist eine halbe Stunde vergangen. Er schaut sich die Zeitschriften durch und hebt das Frauenmagazin auf, das auf dem Boden liegt. Dann legt er die Zeitschriften in einer Reihe auf den Tisch und setzt sich auf seinen Platz. Er hat keine Lust, zu lesen. Ein Mann kommt herein, gebückt und langsam. Er murmelt etwas und setzt sich auf einen Platz weit weg von Tanner. Tanner versteht ihn nicht.
«Herr Tanner?», sagt die Arzthelferin.
«Ja», sagt Tanner und steht auf. Er läuft vor das Behandlungszimmer und öffnet die Tür.
Frau Schäfer gibt ihm die Hand und knöpft sich mit der anderen Hand den Kittel zu. Sie atmet schnell. Ihr blondes Haar ist etwas nass an der Stirn. Sie muss in Eile gewesen sein, denkt Tanner.
«Wie geht es Ihnen, Herr Tanner?»
«Gut. Sehr gut», sagt Tanner.
«Schön», sagt sie. Sie lächelt.
Sie sieht aus wie Anna, denkt er. «Ja», sagt Tanner. Er setzt sich auf den Stuhl.
Sie sagt nichts mehr und setzt sich auch.
«So, lassen Sie mich sehen. Sie sind wegen dem Sehtest hier, richtig?», sagt sie.
Tanner sagt: «Ja.»
«Gut.»
Tanner schaut auf die Zahlenreihen. Zuerst hält er das linke Auge zu und schaut mit dem rechten. Dann schaut er mit dem linken Auge und hält sich das rechte zu. Die Zahlen der obersten Reihe sind gross und die Zahlen der unteren Reihe sind sehr klein und schwieriger zu lesen. Er muss die Augen ab und zu fest zusammenkneifen. Es dauert nicht lang.
«Super. Ihre Sehschärfe ist in bester Ordnung, Herr Tanner. Sie werden keine Brille brauchen.»
«Gut», sagt er und fährt sich mit den Händen über seine Oberschenkel.
«Haben Sie ansonsten irgendwelche Beschwerden?»
Tanner zuckt mit den Schultern und sagt: «Nein.»
«Und wie ist’s am Abend? Wenn Sie im Bett liegen und lesen, sehen Sie dann gut?», fragt sie.
«Ja», sagt Tanner.
«Gut, dann wären wir fertig.»
Tanner nickt. «Gut», sagt er.
Tanner verlässt die Praxis. Er spürt keinen Schmerz mehr in der Seite. Er drückt auf den Knopf und wartet auf den Lift. Das Treppenhaus ist dunkel und das Licht im Lift blendet ihn ein wenig. Aber es ist ja nur ein Stockwerk, denkt er.
In seiner Wohnung geht Tanner zum Kühlschrank und trinkt ein Glas Milch. Er spürt, dass er schon müde ist und denkt, dass er heute wohl früher ins Bett gehen solle. Aber er würde sich auch noch gerne einen Film am Abend anschauen, ja, vielleicht sollte er ins Kino gehen. Was er jetzt tun könnte, weiss er nicht. Vielleicht läuft ja etwas im Fernsehen, denkt er. Er setzt sich auf die Couch und schaltet den Fernseher ein. Es läuft nichts, was er sehen möchte und er macht den Fernseher aus. Er geht auf die Toilette. Die Klobrille ist kalt. Tanner starrt auf die Türe und bleibt sitzen.
Alexander Kamber, geboren 1995, schreibt Kurzgeschichten und hin und wieder einen Artikel für «NZZ Campus». Besonders gerne liest er Schwergewichte à la Dostojewski oder Hemingway sowie die Literaten der Beat-Generation.
- gesichtet #114: Der Waldgeist vom St. Alban
- Von kleinen Fischen und einem toten Filmgott – Xavier Beauvois‘ «La rançon de la gloire»