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«Wir brauchen Ihren Rat, wir sind zu zweit am Telefon», erklären Selina und Marc Kappler am santé24-Telefon. «Die Lehrerin unserer Tochter Mia, die in die zweite Klasse geht, meint, Mia habe vielleicht ein ‘ruhiges Zappelphillip-Syndrom’ und der Kinderarzt soll ihr ein Medikament dagegen verschreiben.» Wir verstehen das nicht, obwohl die Lehrerin und die Schulpsychologin versucht haben, es uns zu erklären. Wir waren zu geschockt, um wirklich zuhören zu können.
Was ist ein Zappelphillip-Syndrom, auch AD(H)S genannt?
Das Syndrom heisst übersetzt Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Es geht also um fehlende Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsfähigkeit, gepaart mit grossem Bewegungsdrang. Die Hyperaktivität muss nicht immer vorhanden sein, weshalb das «H» in Klammern steht. Die Kinder haben grosse Mühe, sich längere Zeit auf etwas zu konzentrieren und still auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben. Sie werden von allen möglichen Umweltgeräuschen und Bewegungen und allem, was um sie herum passiert, abgelenkt. Oft leidet der Schulerfolg entsprechend darunter.
Was kann denn mit einem «ruhigen Zappelphillip-Syndrom» gemeint sein?
Die ruhige Variante, das ADS (ohne «H») tritt häufiger bei Mädchen auf. Sie wirken verträumt oder einfach nur ruhig und angepasst, sind aber auch nicht wirklich bei der Sache. Diese Variante ist viel schwieriger zu bemerken, weil die Mädchen im Gegensatz zu den Jungs mit ADHS nicht stören oder auffallen. Deshalb werden sie oft etwas übersehen und einfach als nicht so gute Schülerinnen wahrgenommen. Beiden Formen gemeinsam ist, dass die Kinder normal bis gut intelligent sind, sich dies aber in ihren schulischen Leistungen nicht widerspiegelt.
Was muss man alles abklären, um die Diagnose stellen zu können?
Wichtig ist, dass man alle körperlichen Gründe ausschliesst, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Dazu gehören ein Hör-und Sehtest, denn ein Kind mit Hör- oder Sehproblemen könnte sich ähnlich benehmen. Kinder mit angeborenen oder früh erworbenen Hör-oder Sehproblemen wissen ja nicht, dass sie nicht so gut hören oder sehen wie sie sollten und können das deshalb auch nicht benennen. Auch Probleme mit dem Schlaf und eine dadurch bedingte Tagesmüdigkeit kann sich ähnlich auswirken. Der Schlaf kann z.B. durch Schnarchen aufgrund sehr grosser Mandeln oder Polypen gestört sein. Um die Müdigkeit zu überwinden, bewegen die Kinder sich dann viel oder nesteln an sich herum. Ebenfalls vorgenommen werden psychologische und motorische Tests sowie ein kindlicher Intelligenztest, um eine tatsächliche Lernbehinderung auszuschliessen.
Wie kann man ein AD(H)S behandeln?
Als Ursache beider Ausprägungen des AD(H)S nimmt man ein Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn an und behandelt mit einer stimulierenden Substanz zusätzlich zu psychotherapeutischer Unterstützung wie Verhaltens- und evtl. Familientherapie. Das erste Medikament, das zugelassen wurde und sehr bekannt ist, ist Ritalin. Viele halten es für ein Beruhigungsmittel, es ist aber genau das Gegenteil. Mittlerweile gibt es die im Ritalin enthaltene Substanz auch in anderen Formen, so dass die Wirkung über den Tag besser dosiert werden kann. Ist die Diagnose gestellt, lohnt sich ein Versuch mit Ritalin oder einem Abkömmling auf jeden Fall. Wenn es wirkt und das merkt man in der Regel sehr schnell, ist der Erfolg oft sehr beeindruckend. Wirkt es nicht, kann man es ohne Probleme wieder absetzen.
Wächst sich das AD(H)S aus?
Ein AD(H)S wächst sich nicht ganz aus, aber man kann damit umgehen lernen und manche Erwachsene finden eine berufliche Nische und soziale Beziehungen, in denen sie auch ohne Medikamente gut zurechtkommen. Andere wissen genau, in welchen Situationen ihnen die Medikamente gut helfen und wann sie sie nicht benötigen. Manchmal wird ein AD(H)S auch erst im Erwachsenenalter festgestellt und man wundert sich dann nachträglich weniger über eher schwierige Schul- und Berufskarrieren, in denen man sein Potenzial nie ganz ausschöpfen konnte.
Selina und Marc Kappler bedanken sich für die vielen Infos, die ihnen das Ganze und auch die Überlegungen von Mias Lehrerin viel verständlicher machen. Auch zuhause wirkt Mia oft abwesend-verträumt und bei den Hausaufgaben eher zerstreut und ablenkbar. Als erstes melden die Kapplers Mia nun für eine gründliche Untersuchung beim Kinderarzt an, bei dem sie, da Mia sonst gesund war, schon länger nicht mehr waren.
Dr. med. Silke Schmitt Oggier ist die Chefärztin von santé24 und selber Fachärztin für Kinder und Jugendliche. Die telemedizinische Beratung ist eine zentrale Dienstleistung von santé24, die den SWICA-Versicherten bei allen Fragen rund um die Gesundheit unter der Nummer 044 404 86 86 kostenlos zur Verfügung steht. Eine Praxisbewilligung für Telemedizin ermöglicht es den Ärzten von santé24 zudem, bei telemedizinisch geeigneten Krankheitsbildern weiterführende ärztliche Leistungen zu erbringen. Mit der medizinischen App BENECURA können SWICA-Versicherte ausserdem bei Krankheitssymptomen einen digitalen SymptomCheck machen und erhalten Empfehlungen fürs weitere Vorgehen. Bei einem anschliessenden Telefonat mit santé24 entscheidet der Kunde im Einzelfall selber, ob er die im SymptomCheck gemachten Angaben santé24 freigeben möchte.