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Synthetisch hergestellte Schmerz- und Fiebermittel haben der Weide einst den Rang abgelaufen. Doch das Naturheilmittel erobert sich seinen Platz zurück. Die Heilkraft steckt in den Blättern und in der Rinde der Bäume.
Schon um 500 v. Christus linderten die Griechen starke Schmerzen und Fieber mit einem gepressten Saft aus der Weidenrinde.
Um die Weide ranken sich viele Mythen und Legenden. Sie gilt als «Hexenbaum», aber auch als Symbol einer unbändigen und sich immer wieder erneuernden Lebenskraft. Zur Zeit der Hexenverfolgung fand die Weide als Symbol der Jungfräulichkeit Einzug in die Kirche. Demeter, die griechische Göttin der Fruchtbarkeit, verehrte die Weide als geweihten Baum. Als Heilbaum waren vor allem die Korbweide (Salix viminalis) und die Silberweide (Salix alba) bereits in der frühen Antike bekannt. Schon um 500 v. Christus linderten die Griechen starke Schmerzen und Fieber mit einem gepressten Saft aus der Weidenrinde. Hippokrates (um 460– 370 v.Chr.), der «Vater der Medizin», soll aus der Weide gewonnene Extrakte gar zur Schmerzlinderung bei Geburtswehen empfohlen haben. Auch Kräuterkundige der folgenden Jahrhunderte wie Hildegard von Bingen, Albertus Magnus und Paracelsus lobten die besondere Heilkraft der Weide. Im Mittelalter kochten die Kräuterfrauen die geschälten Rinden auf, um damit allerhand Gebresten zu behandeln, neben Schmerzen auch innere Blutungen und Magen-Darm-Katarrh. Die Nachfrage nach diesem natürlichen Heilmittel war so gross, dass das Ernten der Weidenzweige strafrechtlich verfolgt wurde, weil man die Ruten dringend für die Korbherstellung benötigte.
Glossar
Acetylsalicylsäure, kurz ASS, ist ein weit verbreiteter schmerzstillender, entzündungshemmender, fiebersenkender und thrombozytenaggregationshemmender Arzneistoff aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika. ASS wird seit 1977 auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO (Weltgesundheitsbehörde) aufgeführt.
Aspirin ® ist das bekannteste Medikament mit dem Wirkstoff ASS. Der Markenname dieses Schmerzmittels ist eine Verkürzung aus Acetyl und Spirsäure, einem anderen Wort für Salicylsäure
Alkaloide sind natürlich vorkommende, chemisch heterogene, meist alkalische, stickstoffhaltige organische Verbindungen des Sekundärstoffwechsels, die auf den menschlichen Organismus wirken.
Enzyme sind Proteine, die eine chemische Reaktion katalysieren können. Sie spielen eine tragende Rolle im Stoffwechsel aller lebenden Organismen, von der Verdauung bis zum Kopieren der Erbinformation.
Glucoside sind Derivate der Glucose, in denen die 1-Hydroxylgruppe der Ringform von Glucose durch Zuckerreste (z.B. in Maltose oder Saccharose) oder durch andere Substituenten ersetzt ist.
Salicin ist ein ß-Glucosid aus dem Aglykon Saligenin (Salicylalkohol). Es wirkt im menschlichen Körper wie Aspirin® und ist damit ein natürlich vorkommendes Fieber- und Schmerzmittel. Salicin leitet sich vom lateinischen Salix für Weide ab. 1828 wurde es erstmals von Johann Andreas Buchner isoliert, der der Verbindung auch ihren Namen gab.
Oxalate sind Salze und Ester der Oxalsäure, meist giftig, da sie durch Fällung von unlöslichem Calciumoxalat den Calciumhaushalt des menschlichen Körpers stören.
Die Wirtschaftsblockade Napoleons
Trotz ihrer vielseitigen Heilkraft wurde die Weide gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem anderen heilkräftigen Baum verdrängt, dem südamerikanischen Chinarindenbaum mit dem Wirkstoff Chinin. Chinin wurde bald zum klassischen Fiebermittel, auch in Kontinentaleuropa. Doch nachdem Napoleon seinen Erzfeind Grossbritannien mit einer Kontinentalsperre bestrafte, konnten die Briten mit ihren Schiffen Europa nicht mehr anlaufen. Die Folge: Chinin wurde knapp und unerschwinglich teuer. In der Folge besann man sich wieder auf altbewährte Hausmittel, die Weide erlebte eine Renaissance.
1829 konnte der französische Apotheker und Chemiker Pierre-Joseph Leroux erstmals den schmerzstillenden Inhaltsstoff «Salicin» in der Weidenrinde chemisch nachweisen, etwa zeitgleich wie der deutsche Pharmakologe Johann Andreas Buchner. Obwohl Leroux seinen Erfolg umgehend der Académie des Sciences mitteilte, blieb die Weiterentwicklung zum Medikament und somit Ruhm und Ehre aus. Der Grund: Die Substanz schmeckte widerlich bitter und reizte Magen und Rachen, was Schmerzen und Brechreiz verursachte.
Ein Medikament erobert die Welt
Die Entwicklung des Schmerzmittel Aspirin, wie wir es heute kennen, nahm erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts Fahrt auf: Der junge Bayer-Chemiker Felix Hofmann machte es sich zur Aufgabe, die Arznei verträglicher zu machen. Durch die sogenannte Acetylierung, die Verbindung von Salicylsäure mit Essigsäure, konnte er die Nebenwirkungen beseitigen. Am 10. August 1897 verewigte er in seinem Laborjournal die von ihm erstmals in chemisch reiner und haltbarer Form hergestellte Acetylsalicylsäure, kurz ASS, die alsbald einen wahren Siegeszug um die Welt antreten sollte. Heute werden jährlich weltweit 50 000 Tonnen des Wirkstoffs ASS produziert und in etwa 1500 Milliarden Tabletten gepresst. Etwa 200 Hersteller verarbeiten das schmerz- und fiebersenkende Mittel, das weltweit hauptsächlich unter dem Namen Aspirin bekannt ist, dem Markennamen des Leverkusener Bayer-Konzerns. Der Begriff Aspirin ist sogar zum Deonym für eine ganze Warengruppe geworden, die der Schmerz- und Fiebermittel eben.
Sanfter als synthetisches ASS wirkt ein Weidenrindentee oder -auszug respektive eine Weidenrindentinktur. Aber nicht nur Schmerz- und Fieberpatienten, auch wem die innere Ruhe fehlt, wer unausgeglichen ist oder gar Wut in sich trägt sowie Frauen mit starken Menstruationsschmerzen, Gicht- und Rheumapatienten kann von der Heilkraft vor allem der Korbund Silberweiden profitieren. Ihre Wirkstoffe sind Salicin, Gerbstoffe, Harz, Oxalate und Enzyme.
Weiden wachsen vor allem an Ufern und in Auenwäldern und können gut 20 Meter hoch werden. Sie werden häufig zur Befestigung von Bach- und Seeufern angepflanzt, besonders in hochwassergefährdeten Gebieten, denn ihr breitgefächertes Wurzelsystem hilft das Ufer zu stabilisieren. Mit ihren frischen Zweigen lassen sich lebendige Zäune oder Weidenhäuschen machen. Dazu schneidet man im Frühjahr Zweige von einer Kopfweide (Weiden, deren Stamm als Jungbaum auf einer Höhe von etwa ein bis drei Metern gekürzt wurde und deren Zweige in der Folge regelmässig beschnitten werden) und stellt sie in ein Gefäss mit Wasser. Nach etwa sechs Wochen kann man die bewurzelten Zweige am gewünschten Ort auspflanzen. Zu Beginn muss man die Steckhölzer gut wässern, dann zeigen sich nach wenigen Wochen die ersten grünen Triebspitzen. Übrigens sind blühende Weiden wunderbare Bienenweiden.
Weibliche Weidenkätzchen der Sal-Weide.
So nützen Sie die Heilkraft der Weide
● Sammeln in der Natur
Es gibt weltweit 500 Weidenarten; auch bei uns gibt es mehrere Arten, unter anderem Korb-, Silber-, Bruch- und Lorbeerweiden. Am heilkräftigsten sind die Korb- und Silberweiden, aber auch die Rinde und Blätter der anderen Weidenarten können verwendet werden. Dazu im Frühjahr Blätter sammeln und die Rinde von jungen Zweigen abschälen. Sammelgut frisch verwenden (zum Ansetzen einer Tinktur oder als Tee) oder an der Luft trocken und anschliessend trocken und vor Licht geschützt aufbewahren.
● Äusserliche Anwendung
Äusserlich angewendet hilft die Weide bei neuralgischen und rheumatischen Schmerzen sowie Entzündungen, Hautausschlägen, Kopfschmerzen, Geschwüren, eiternden Wunden und Fussschweiss. Dazu Umschläge oder Kompressen mit einer starken Abkochung machen. Diese ist auch eine gute Haarspülung gegen Schuppen.
Zubereitung
Für einen Umschlag eine Abkochung nutzen oder auch frische Weidenrinde – diese quetschen, auf die schmerzende oder entzündete Hautpartie auflegen und mit einem Tuch abdecken. Nach ein bis zwei Stunden erneuern. Weidenrinde ist auch als Pflaster, Bad (für Rheumakranke und Frauen mit Ausfluss) sowie als Salbe äusserlich anwendbar.
● Innerliche Anwendung
Die Silberweide innerlich angewandt kann die Magenschleimhaut reizen. Menschen mit empfindlichem Magen sollten deshalb die Blätter und Rinde zur innerlichen Anwendung nur in geringen Mengen verwenden; man kann sie z.B. antirheumatischen, antineuralgischen oder nieren- und blasendesinfizierenden Teemischungen beigeben. Unproblematisch pur anwenden kann man die Weide zur Mundspülung und als Gurgelmittel bei Zahnfleischblutungen und Mandelentzündungen. Die Tinktur aus den frischen, geschälten Zweigen wird bei Erektionsproblemen und Impotenz empfohlen.
Zubereitung
10 bis 15 g getrocknete Weidenrinde und -blätter auf 100 g Teemischung (z.B. Brennnessel, Frauenmantel und Pfefferminze) geben und gut mischen. Davon 1–2 TL pro Tasse mit kochendem Wasser aufgiessen. Weidenrinde und -blätter (pur oder gemischt) sind auch als Kaltauszug geeignet: Dazu 1–2 TL über Nacht (8 bis 9 Stunden) ziehen lassen, dann filtern und den Auszug über den Tag verteilt trinken.
Achtung
Schwangere sollten auf die innerliche Anwendung der Weide verzichten.
Buchtipps
Renato Strassmann «Baumheilkunde. Heilkraft, Mythos und Magie der Bäume», Freya 2013, ca. Fr. 40.–
Karin Greiner «Bäume in Küche und Heilkunde», AT Verlag 2017, ca. Fr. 35.–