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Heidi Happy
Das weisse Laster
Unser Sohn Louis war mit gut drei Jahren trocken. Sein erstes Geschäft legte er ins Töpfchen. Doch da er sich aufgrund des Gestanks gleich danach übergeben musste, wurde eine leere Weinkiste ins Bad gestellt, die er fortan benutzte, um selber aufs Klo zu steigen und sich dort zu erleichtern. Er freute sich sehr, dass er jetzt zu den Grossen gehörte und zeigte unserem Besuch jeweils stolz seine «Würste», wie sie in der Schüssel lagen. Auch die Nachbarn verpassten keine seiner Sitzungen, da er danach immer laut «Mami, Füüüdi putze!» rief.
Als unsere Tochter Rosa wenig später auf die Welt kam und täglich mehrmals Windeln gewechselt wurden, fühlte Louis sich plötzlich nachts nicht mehr sicher genug, um ohne Windel zu schlafen. Obwohl sie morgens immer trocken war, konnte er sich bald auch tagsüber nicht mehr vorstellen, ohne Windel klarzukommen. Er rannte alle zwei Minuten auf die Toilette, aus Angst, dass vielleicht schon was in die Hose ging. Ohne Windel konnte nicht mehr gespielt oder gegessen, und schon gar nicht das Haus verlassen werden. Er fing an, sich selber eine von Rosas Windeln zu holen und anzuziehen, und da seine Befürchtungen sich nie bewahrheiteten, hielt eine Windel bis zu drei Tagen.
Man hört oft, dass es bei älteren Geschwistern Rückschritte geben kann, wenn ein Jüngeres geboren wird, und dass sich Druck beim Trockenwerden höchstens negativ auswirkt. Deshalb versuchten wir mit dem ökologischen und finanziellen Argument an seine Vernunft zu appellieren, was uns erst gelang, als ich ihm Trainingshöschen (innen gepolsterte Unterhosen aus Baumwolle) mit seinen Lieblingsmotiven Krebs und Tintenfisch präsentierte. Anfangs trug er zwei Trainingshöschen übereinander, und darüber noch eine normale Unterhose, einfach, um ganz sicher zu sein. Inzwischen ist es noch eine, die er verkehrt rum trägt, damit er das Motiv, das sonst auf dem Po wäre, besser sieht.
Na und!
Rudolf Trefzer
Weissessen
Speisen erhalten ihre Namen auf unterschiedliche Art. Naheliegend ist es, ein Gericht nach der Hauptzutat und allenfalls weiteren Ingredienzien zu benennen. Daneben existieren aber gerade in der gehobenen Küche unzählige kryptische Bezeichnungen, die nur noch Eingeweihte kennen. Oder wissen Sie etwa, um was für eine Suppe es sich bei der Consommé Otello handelt oder wie die Poularde Reine-Margot zubereitet wird? Daneben existieren aber auch Klassiker, die nach ihrem farblichen Aussehen benannt sind. Ein solcher Klassiker ist das Weissessen, das unter der französischen Bezeichnung Blanc-Manger oder davon abgeleiteten lautmalerischen Namen wie Blamensir, Blamentier, Blanmangieri etc. seit dem Mittelalter in Kochbüchern verschiedener europäischer Gebiete auftaucht.
Das Blanc-Manger ist eine gestockte Breimasse, die in Europa ursprünglich als verdauungsförderndes Zwischengericht auf den Festtafeln der Reichen und Mächtigen aufgetragen wurde. Dabei handelte es sich um eine salzige Speise, die man aus Zutaten wie Milch, Mandelmilch, Reis, Geflügel oder Fisch zubereitete. Zwar wurde das Gericht mit dem damaligen Edelgewürz Zucker aromatisiert, gleichwohl war es aber keine Süssspeise. Wie bei vielen anderen Traditionsgerichten entstanden in der Folge unzählige Rezeptvarianten.
Doch erst im 18. Jahrhundert wandelte sich das Blanc-Manger zu einer Süssspeise, die nun nur noch mit den Hauptzutaten Mandelmilch, Rahm und Zucker sowie Gelatine zum Binden zubereitet wird. Obwohl berühmte Köche wie Auguste Escoffier und Paul Bocuse in ihren Kochbüchern ein Loblied auf diese Traditionsspeise anstimmen, ist sie heute beinahe in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht! Ist doch das altehrwürdige Blanc-Manger eine wunderbare Alternative zur modischen Panna Cotta. Also, warum den Speisezettel nicht um das Blanc-Manger erweitern und diesem zu neuem Ansehen verhelfen? Die Gäste wird’s bestimmt freuen.
Jürg Seiberth
Kinder beim Namen nennen
Vor langer Zeit zog ich als Stellvertreter von Schule zu Schule. Orte und Klassen wechselten schnell und ich musste mich bei der Vorbereitung oft auf das Wesentlichste beschränken: Sitzplan studieren und die Namen der Kinder lernen, vor allem den der frechen Pechmarie, die in der Regel ganz hinten rechts sitzt. Wer das Kind beim Namen nennen kann, kann eine Beziehung herstellen, kann anfangen zu kommunizieren.
Wenn die Ärztin deine Krankheit nicht benennen kann, kann sie dich nicht kurieren, weil sie sich nicht in die Kommunikationskanäle der Medizin einklinken kann, um sich mit Forscherinnen, Ärzten und anderen Patienten über deren Erfahrungen auszutauschen. Erst wenn die Krankheit einen Namen hat, kann man den Weg finden, der hoffentlich zur Heilung führt.
Dinge, die keinen Namen haben, existieren in unserem Bewusstsein nicht. Über diese Dinge können wir uns nicht mit anderen verständigen. Das ist bekanntlich ein grosses Problem für Menschen, die aufgrund von Krankheiten die Namen der Dinge vergessen. Namen sind die elementaren Bausteine der Sprache und unserer Kommunikation.
Viel gäbe es über Namen zu sagen, doch leider ist der Platz knapp. Ein Thema will ich aber noch ansprechen, das Ändern des Namens. Wenn eine Metzgerei nicht mehr «Schoyssvogel & Pilz» heissen will, habe ich Verständnis, aber warum Glücksbringer statt Maitlibei? Warum geben sich bestens eingeführte und beliebte Marken und Unternehmen neue Namen? Warum wird Orange zu Salt, DRS zu SRF und EBM zu Primeo? Vielleicht eine Art Escape-Taste, die dem Management die Möglichkeit gibt, ganz neu anzufangen und fortan alles besser zu machen.
Man könnte das Experiment ja auch mit der Pechmarie machen und sie umbenennen in Goldmarie. Vielleicht nutzt sie die Chance, dass ihr Name nun ein weisses Blatt ist, das ganz neu beschrieben werden kann. Vielleicht wird sie ganz brav. Sonst muss sie halt doch den Platz wechseln, ganz nach vorne links.
Anita Fetz
Unter der Decke
Bei Weiss denke ich sofort an eine verschneite Landschaft. Auch eine vom Schnee zugedeckte Stadt gehört zum Schönsten, was ich mir vorstellen kann. Alles Laute ist ruhig, alles Hässliche verschwindet.
Und taucht dann doch oft wieder auf. Genauso funktioniert es mit gesellschaftlichen Verwerfungen. Lange merkt man nichts an der Oberfläche, bis das Problem unübersehbar wird. Ein Beispiel: Die Sozialhilfequote steigt von Jahr zu Jahr. Jetzt zeigt eine genaue Analyse, dass davon vor allem Erwerbstätige ab Mitte 40 betroffen sind, die wenig qualifiziert sind. Denn unterdessen hat sich die Wirtschaftsstruktur so verändert, dass Arbeitsplätze für Niedrigqualifizierte immer weniger werden. In der Schweiz gibt es eine halbe Million Menschen, die keine Berufsbildung abgeschlossen haben. Diese trifft es jetzt mit voller Wucht. Zudem gibt es Firmen, die keine Arbeitnehmer über 50 anstellen. Das Vorurteil, Ältere seien weniger flexibel und lernbereit, hält sich hartnäckig. Was jedoch Quatsch ist. Solange es solche Vorurteile in der Wirtschaft gibt, wird sich das AHV-Alter nie erhöhen lassen.
Hier bahnt sich eine gesellschaftliche Spaltung an, die nicht mehr zugedeckt werden kann: eine Spaltung in gut und schlecht ausgebildete Menschen. D. h. in solche mit und solche ohne Chancen. Darauf muss die Politik reagieren. Wir kennen in der Schweiz die Berufslehre für Erwachsene. Das Problem: Als Erwachsener mit einer Familie kann man nicht von einem Lehrlingslohn leben. Deshalb ist es nötig, die Arbeitslosenversicherung so zu ändern, dass auch diese Umschulungen bezahlt werden.
Ohne diese Unterstützung für die Ausbildung von Menschen im Erwachsenenalter riskieren wir, dass es in der Schweiz bald ein grosses Prekariat gibt, wie in unseren Nachbarstaaten, mit Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Ein No-Go für die Schweiz.
Zeichnung: Andreas Thiel
Andreas Thiel
Kirchenhumor
Weiss ist die Farbe der Kapitulation. Rot ist die Farbe der Revolution. Wer eine weisse Fahne schwenkt, kapituliert, wer eine rote schwenkt, revoltiert. Das weisse Kreuz auf rotem Grund steht wohl für die Kapitulation der Kirche vor der politischen Revolution. Die Revolution endete damit, dass die Kirche ihrer sozialen Aufgaben entbunden und faktisch durch den Sozialstaat ersetzt wurde. Die Kirchenbänke leerten sich, die Wartesessel der Sozialämter füllten sich.
Die Sankt-Martins-Kirche in Pfeffingen ist weiss, hat allerdings ein rotes Dach. Die Eventgruppe Pfeffingen organisiert hier jedes Jahr eine ökumenische Martinsfeier. Das anschliessende Spaghettiessen findet im Saal der Gemeindeverwaltung statt.
Exemplarischer kann der Transformationsprozess der Kirche nicht demonstriert werden.
Da die überzeugten Christen längst aus den Landeskirchen ausgetreten sind, handelt es sich bei diesen Institutionen sowieso nur noch um agnostische Vereinigungen, in welchen man nicht mehr recht weiss, was man noch glauben soll.
Deshalb schlage ich vor, der Birs entlang einen Pilgerweg einzurichten, die Sankt-Martins-Kirche umzubenennen in «Jesu-Begräbnis-Kirche», und hinter der Kirche ein offizielles Grab Jesu zu eröffnen. Darüber, was Jesus an der Birs gemacht haben soll, kann man ja einen Dichterwettbewerb ausschreiben.
In Kaschmir existiert bereits ein solches Grab. Es handelt sich zwar lediglich um eine schiefe Wellblechhütte in Srinagar, aber es ist ein offizielles Grab Jesu und steht im Schatten einer grossen, weissen Moschee, wo der Bart Mohammeds als Reliquie aufbewahrt wird. Und so, wie das offizielle Grab Jesu in Srinagar nicht sein einziges offizielles Grab ist, handelt es sich beim benachbarten Barte des Propheten ebenfalls bloss um einen von mehreren Bärten des Propheten weltweit. Aber im Gegensatz zu Mohammed, von welchem hier jeder weiss, dass er nie nach Srinagar gekommen ist, sind selbst Muslime davon überzeugt, dass Jesus seinen Lebensabend in Kaschmir verbrachte.