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Die AZ Medien AG spannt mit den Regionaltiteln der NZZ-Gruppe zusammen. Und der einzige Aarauer auf der WOZ fragt sich: Wird damit die Medienvielfalt in der Region zu Grabe getragen?
Als am 7. Dezember das Joint Venture zwischen AZ Medien und der NZZ-Regionalpresse verkündet wurde, sagte NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod: «Wir schreiben Geschichte, Mediengeschichte.» Grosse Worte, die vielleicht auch nur das Ende der Medienvielfalt bemänteln sollen.
Nun, mein Vater, Andreas Müller, hat auch Mediengeschichte geschrieben. Nämlich eine zweibändige «Geschichte der politischen Presse im Aargau», in der er auf über tausend Seiten die einst vielfältige und umkämpfte Presse des 19. und 20. Jahrhunderts schilderte. Angesichts des neuen Joint Venture stellt sich nun die Frage: Ist diese Aargauer Geschichte, zumindest was Tageszeitungen angeht, bald zu Ende?
Die «Aargauer Zeitung» («AZ») ist 1996 aus der Fusion zwischen dem «Badener Tagblatt» und dem «Aargauer Tagblatt» entstanden. Peter Wanner, in der vierten Generation Inhaber des «Badener Tagblatts», erhielt fünfzig Prozent der Aktien, die übrigen fünfzig Prozent gingen an die weit verstreuten PublikumsaktionärInnen des «Aargauer Tagblatts». Viele von diesen verkauften ihre Aktien nach der Fusion jedoch an Wanner, sodass er praktisch von Anfang an die Mehrheit am neuen Unternehmen AZ Medien besass. Der Meinungsvielfalt schadete das nicht, im Gegenteil: «Badener Tagblatt» und «Aargauer Tagblatt» waren vorher beide rechtsbürgerlich, mit einem Hang, auf alles zu schiessen, was sich links bewegte, insbesondere wenn es nach AKW-Gegnerschaft roch. Die neue «Aargauer Zeitung» dagegen wandelte sich schnell zur offen-liberalen Forumszeitung, wo auch die Linke, deren Tageszeitung «Freier Aargauer» 1987 nach achtzig Jahren eingegangen war, ihre Meinung einbringen konnte.
Tamedia auf den Fersen
In den folgenden Jahren übernahm AZ Medien auch die «Oltner Tagblatt», die «Solothurner Zeitung» sowie die «Basellandschaftliche Zeitung». Wie das «Zofinger Tagblatt» bezogen diese ihren Mantelteil neu von der «AZ». Die Redaktion für den gemeinsamen ersten Bund sass zuerst in Baden, seit 2010 ist sie in Aarau beheimatet. Im zweiten Bund steuern die anderen Titel jeweils das Lokale bei. Weiter wachsen konnte AZ Medien nicht: Richtung Bern und Zürich stösst sie an die Grenzen des Einflussgebiets des Tamedia-Konzerns, in Basel auf die «Basler Zeitung» von Christoph Blocher.
Die Dynastie will wachsen
So gesehen hat Wanner mit dem Joint Venture mit den NZZ-Regionalmedien in der Deutschschweiz eigentlich die einzige Möglichkeit genutzt, um zu wachsen. Das «AZ»-Kopfblattsystem soll dabei neu mit dem bisherigen Medienverbund von «St. Galler Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» erweitert werden. Wanners «Schweiz am Wochenende» wird wohl bald die noch vorhandenen Sonntagszeitungen der NZZ-Regionalmedien ersetzen. Die Mantelredaktion des neuen Joint Venture kommt auf eine Reichweite von 935 000 LeserInnen, fast so viele wie die ab 1. Januar 2018 neu geschaffene Mantelredaktion aller Tamedia-Bezahlblätter der Deutschschweiz, die 952 000 LeserInnen erreicht. (Der «Blick» kommt auf weniger als die Hälfte, die «Neue Zürcher Zeitung» auf etwas mehr als ein Viertel.)
Aber hat die letzte Aargauer Tageszeitung damit nun ihre Selbstständigkeit verloren? Oder wurde sie mit diesem Deal gerettet und ihr Einfluss gar gesamtschweizerisch gestärkt? Peter Wanner besitzt zwar wie bei der Fusion vor über zwanzig Jahren wieder fünfzig Prozent der Aktien, doch die anderen fünfzig Prozent gehören nicht wie damals einer verstreuten Aktionärsschaft, sondern liegen gebündelt bei der NZZ. Das Joint Venture ist darum eine Wette auf die Zukunft. Wie diese – aus Aargauer Sicht – aussieht, wird man sehen, wenn der neue Name, der neue Sitz des Unternehmens sowie der Sitz der Mantelredaktion bekannt sind.
Wer hat langfristig das höhere Interesse an der Führung in diesem Joint Venture: Peter Wanner oder die NZZ? Die NZZ-Gruppe lässt ihr eigenes Flaggschiff und Kernstück, die NZZ, bei diesem Deal bewusst aussen vor. Wanner hat sich hingegen die Option gesichert, in zehn Jahren die Mehrheit am neuen Unternehmen auf Kosten der NZZ zu erwerben. Er hat drei Kinder, die alle bei AZ Medien arbeiten; sie könnten das Medienunternehmen in der fünften Generation weiterführen und möchten das nach eigenen Aussagen auch. Ein Nachruf auf eine unabhängige Aargauer Tagespresse ist wohl noch etwas verfrüht.