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Vom Rodungsland zum Industriedorf
Rolf Kamm
Der Name des Dorfes stammt aus dem alemannischen. "Swanta" bedeutet, dass man hier durch das schälen der Bäume Wald gerodet hat. Die Alemannen des 7. Jahrhunderts waren aber wohl nicht die ersten Siedler am Zusammenfluss von Sernf und Linth, so verweist zum Beispiel der Name des Berges Kärpf auf eine ältere, romanische Bevölkerung ("crap").
Um 1240 tritt erstmals ein Heinrich von Schwanden in einer glarnerischen Angelegenheit auf. Er ist wahrscheinlich Ritter ("miles") und ein Lehensmann der Meier von Windegger. Ob Heinrich etwas mit der Burg Benzingen bei Schwanden zu tun hat ist nicht klar, er könnte ebensogut aus Wädenswiler oder Windegger Umfeld stammen. Der "Name" von schwanden taucht bis 1350 noch drei mal auf. Um 1300 wird im Habsburger Urbar zum ersten mal ein Glarner Weiler als "Schwanden" bezeichnet.
Bis 1274 gab es nur eine Kirche im Glarnerland, in Glarus. 1349 wurde auch in Schwanden eine Kirche gebaut. Zum ersten Mal tritt hier eine Art Schwander (Kirch-)Gemeinde mit ihren Vorstehern in Erscheinung. Die Kirche steht heute noch am gleichen Ort, wurde aber mehrmals erweitert und renoviert - letztmals 1950. Unmittelbar südlich der Kirche muss der ursprüngliche Dorfkern gelegen haben. Davon ist heute fast nichts mehr zu sehen. Der älteste Blockbau des Kantons aus dem 15. Jahrhundert mit prächtigen Wandmalereien von 1534 konnte allerdings erhalten werden und ist heute im Rysläuferhuus an der Landsgemeindehoschet zu bewundern (unten).
Die Viehwirtschaft gewann nach 1400 zunehmend an Bedeutung. Pferde und Kühe wurden auch auf Schwander Alpen gezüchtet und nach Italien oder Zürich verkauft. Dafür mussten Getreide und Salz eingeführt werden. Zahlreiche grosse Steinhäuser zeugen vom Reichtum, den der Handel mit der weiten Welt der neuen Schwander Oberschicht des ausgehenden Mittelalters brachte: Das Rothaus (erste Hälfte 16. Jahrhundert), das Hoschethaus (1545), das Obere Blumerhaus (1558) oder der Umbau des Turehuus (1561, unten). Neben dem Viehhandel spielten auch die Produktion und der Export von Waffen, der Handel mit Schiefer, Tee oder Ziger und die fremden Kriegsdienste eine wichtige Rolle für das Dorf. Bis ins 19. Jahrhundert war der Garten- und Ackerbau für den grossen Teil der Bevölkerung aber immer noch von lebenswichtiger Bedeutung.
In den Jahren 1510, 1519, 1526, 1527, 1528 und 1531 fanden in Schwanden Landsgemeinden statt, vielleicht schon davor. Tagungsort war mehr als einmal der Däniberg in der Nähe der Burg Benzingen. Im Zuge der Reformation schlossen sich die meisten Schwander dem neuen Glauben an, 1526 kam es sogar zu einem Bildersturm in der Schwander Kirche (unten links). Schwanden wurde zu einem Zentrum der Reformierten Glarner: von 1623 bis 1836 fand hier auch die Landsgemeinde von "Evangelisch Glarus" statt. Die Glaubensspaltung führte zu vielen Spannungen im Glarnerland, war aber nie absolut und schuf auch keine neuen Grenzen. In vielen Fragen der Wirtschaft, Kultur und Politik fanden die herrschenden Familien immer wieder zusammen, ohne, dass der Glaube eine allzu grosse Rolle gespielt hätte. Trotzdem: Es gab fortan je eine konfessionelle und eine gemeinsame Landsgemeinde. Es wurden auch nach Konfession getrennte Räte und Gerichte gebildet, und sogar die Post wurde Katholiken und Protestanten getrennt zugestellt. Offizielle Dokumente aus dieser Zeit zeigen jeweils zwei Daten, eines nach dem julianischen Kalender für die Reformierten und das gregorianische für die Katholiken.
Zeugen dieser konfessionellen Spannungen sind der 1756 erbaute evangelische Pulverturm (unten rechts) und, als Erinnerung an die Landsgemeinden in Schwanden, ein Brunnen, der einen Mann zeigt, der den Eid ablegt, auf der Landsgemeindehoschet vor dem Rysläuferhuus.
Im 16. und 17. Jahrhundert brach in Schwanden dreimal die Pest aus und raffte fast die Hälfte der Bevölkerung dahin. Bis ins 19. Jahrhundert blieb auch der Hunger eine ständige Bedrohung, letztmals kam es 1816 zu einer Hungersnot.
Nach 1798 wurde das Glarnerland zum Kriegsschauplatz. Frankreich hielt die Schweiz besetzt, während Russen und Österreicher versuchten die Franzosen zu vertreiben. Bis zu 40'000 Mann fremde Truppen konnte das Glarnerland nicht verkraften, Hunger und Entbehrung waren die Folgen. In Schwanden und Sool lieferten sich die zurückziehenden Russen und Österreicher unter General Suworow zudem heftige Kämpfe mit den nachstossenden Franzosen.
Den Schrecken des Krieges folgte eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Glarner Wirtschaftswunder machte den Kanton zu einem der meist industrialisierten Gebiete der Schweiz. Schwanden wurde zum Industriedorf. Wichtige Voraussetzungen dafür waren die schwache landwirtschaftliche Basis, die Nähe zu Zürich, die vielen Bäche und die stabilen politischen Verhältnisse: Die neue, liberale Verfassung von 1836 beendete die konfessionelle Landesteilung und trennte die Gerichte von den Räten.
Die Industrialisierung hatte auch ihre Schattenseiten. Die Löhne waren niedrig, die Arbeitszeiten zu lang, und selbst Kinder mussten in den Fabriken mitarbeiten. 1863 wurde in Schwanden ein Arbeiterverein gegründet, und 1864 entstand hier einer der ersten Konsumvereine der Schweiz. An der Landsgemeinde desselben Jahres wurde ein Fabrikgesetz beschlossen (unten), welches die Arbeitsbedingungen in den Fabriken stark verbesserte, und dem Landsgemeindekanton Glarus eine Vorreiterrolle in der Sozialgesetzgebung gab.
Viele Arbeiter betätigten sich auch als Kleinstlandwirte. Das Quartier im Grund zeigt noch heute die damals enge Verflechtung von Arbeitersiedlungen mit Kleinviehhaltung und Gartenbau. Dies milderte soziale Gegensätze, wie sie in den Städten bestanden. Bis zum Zweiten Weltkrieg behielt die Soziale Frage aber ihre Sprengkraft. Der Schwander Arbeiter Verein gehörte zur Ersten Internationalen, die die Diktatur des Proletariats forderte. Nach dem Generalstreik 1918 verstärkte sich der Klassenkampf, was unter anderem auch zum entstehen faschistischer Bewegungen führte. In Schwanden entstand 1933 eine Ortsgruppe der Nationalen Front.
Zu den bedeutendsten Schwandern gehört zweifellos der Fabrikant Eduard Blumer (1848-1925). Der Landammann, National- und Ständerat stand 38 Jahre lang an der Spitze des Kantons. Die kantonale Invalidenversicherung gilt als sein Kind. Ein Gedenkstein im Thonerhof, oberhalb des Kindergartens, wo früher sein Haus stand, erinnert an die Verdienste des Staatsmannes.
Ab 1870 gewannen andere Industriezweige als die dominierende Textilindustrie an Bedeutung. 1907 wurde die Elekrtomaschinen-Fabrik Therma AG gegründet, die während des Zweiten Weltkriegs einen enormen Aufschwung erlebte. Die bemerkenswerte Fabrik-Architektur der Therma gab Schwanden fast städtisches Aussehen. Ein weiteres sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist das Industriegebiet Tschachen aus den 1970er Jahren, das auf private Initiative zurückgeht.
Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Dorfbild Schwandens stark verändert. An vielen Orten konnte das Dorf seinen ursprünglichen Charakter aber bewahren, den speziellen Charakter eines Glarner Industriedorfes.
Schwanden wurde im 20. Jahrhundert zum zweitgrössten Glarner Industriestandort hinter Näfels, 1929, mit dem Bau des Stausees Garichte auf Mettmen, auch zu einem wichtigen Energielieferanten. Zudem ist der Stausee inmitten des Wildschutzgebietes Freiberg Kärpf ein Touristen-Magnet. Die "Metropole des Glarner Hinterlandes", wie Schwanden oft genannt wird, wurde durch einen Entscheid der Glarner Landsgemeinde 2011 teil der neuen Gemeinde Glarus Süd.