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Neu von Armin Risi
Wendezeit 2012 oder Weltende 3797?
von Armin Risi
In der Einleitung zu seinen berühmten Prophetien schreibt Nostradamus, dies seien „Wahrsagungen für die Zeit von heute bis zum Jahre 3797“. Viele Interpreten sagen auf der Grundlage dieses Satzes, die Nostradamus-Prophezeiungen würden Ereignisse bis ins Jahr 3797 n. Chr. beschreiben. Stimmt das, oder wird hier eine Symbolik falsch verstanden?
Im folgenden Artikel gibt Armin Risi – anhand von Nostradamus eigenen Ausführungen – eine plausible Erklärung für die Zahl 3797. Daraus läßt sich schließen, daß Nostradamus (1503–1566) etwas vorausgesehen hat, das viel näher liegt als das Jahr 3797!
Widersprüchliche Zukunftsszenarien
Die falschen Nostradamus-Auslegungen eines 3797-Verfechters
Wo steht die Zahl 3797?
Chronologische Zeitabschnitte
Warum gerade 3797?
Interpretation von 3797
Die Verschlüsselungsmethoden des Nostradamus
Prophezeiungen eines neuen Zeitalters
Das Ende der Prophezeiungen
Friede 500 Jahre nach Nostradamus?
Widersprüchliche Zukunftsszenarien
Steht die Welt vor dem Untergang oder vor einem Übergang? Einige Interpreten (nicht Propheten!) sagen, die Menschheit werde innerhalb der nächsten zwei Jahrtausende sich selbst vernichten oder zumindest nicht mehr auf der Erde leben können. Kronzeuge dieser Prophezeiung sei – Nostradamus! Er habe sogar das äußerste Datum genannt: 3797 n. Chr.
Diese Interpretation verkennt die wichtigsten direkten Aussagen des Nostradamus und widersprechen vielen anderen Prophezeiungen, die für die nächste Zukunft eine gravierende Umwälzung der Weltsituation und der Zivilisation ankünden – allen voran Nostradamus!
Die falschen Nostradamus-Auslegungen eines 3797-Verfechters
Prophezeit Nostradamus eine Weltwende für unsere heutige Zeit oder ein Weltende für das Jahr 3797? Während Nostradamus selbst deutlich auf das erste hinweist, gibt es Interpreten, die das letztere vertreten. Dabei wird mit viel Polemik das Szenario der bevorstehenden Wandlung und Transformation lächerlich gemacht – mit dem Hinweis, Nostradamus sei nicht so dumm, bis ins Jahr 3797 Prophezeiungen zu machen, wenn bereits um das Jahr 2000 die Welt unterginge. Damit wird dem Weltwende-Szenario eine Weltuntergang-Prophetie unterstellt, eine Behauptung, die sowohl die Aussage dieses Szenarios als auch die Aussagen des Nostradamus verzerrt.
Gleichzeitig wird behauptet, der „führende Experte“ habe nun mit modernsten Computer-„Entschlüsselungen“ den Nostradamus-Code knacken können. Dies erlaube nun „die eindeutige Zuordnung eines jeden Prophezeiungsverses zu einem bestimmten Jahr … Das Ergebnis ist eine Sensation!“ (1)
Diese eindeutige und endgültige Entschlüsselung, so erfährt man dann, habe folgendes Zukunftsszenario zu Tage gefördert: Nach dem Jahr 2000 komme es zu einem dritten Weltkrieg. Danach entstehe eine jahrhundertelange Vorherrschaft des Islam. Der Wissenschaft (Gentechnologie) werde es gelingen, in den nächsten Jahrhunderten Krankheiten wie Krebs und AIDS und auch das Altwerden zu beseitigen. Nach vielen Phasen von Krieg und Waffenstillstand, Gen-Mißbräuchen und religiösen Wirren werde es im Verlauf des vierten Jahrtausends geschehen, daß die Sonne erlösche und daß die Menschheit (spätestens 3797) den unwirtlich gewordenen Planeten Erde verlassen müsse, um einen neuen Planeten zu kolonisieren oder auf einer Raumstation weiterzuleben! Das sei, was Nostradamus wirklich gesagt habe, verschlüsselt in bisher unverstandenen Renaissance-Codes. (2)
Sagt Nostradamus wirklich voraus, daß die Menschheit ihre politische und religiöse Verwirrung noch über ein Jahrtausend lang aufrechterhalten kann? Sagt er voraus, daß die Pharma-Industrie überleben und große Siege über Krebs, AIDS und Alterung erringen wird?
Wenn diese Behauptungen stimmen würden, dann wären die Schlußoffenbarung der Bibel sowie Tausende von anderen prophetischen und medialen Hinweisen auf die bevorstehende Transformation der Erde ein Irrtum, wenn nicht sogar ein Betrug.
Heute jedoch läßt sich bereits das Schlußurteil fällen: Die besagten sensationellen Entschlüsselungen sind falsch, ja sogar lächerlich und irreführend! Sie verfälschen die Gesamtaussage des Nostradamus durch ein von allem Anfang an verfehltes Erklärungsmuster, woraus ein doppelter Irrtum entsteht:
(1) Die eigentlichen Prophezeiungen des Nostradamus gehen dadurch verloren.
(2) Dem Nostradamus werden falsche Aussagen in den Mund gelegt.
Hat Nostradamus wirklich vorausgesagt, Krebs und AIDS würden mit gentechnologischen und pharmazeutischen Mitteln überwunden werden? Sagt er wirklich, daß das 3. Jahrtausend im gewohnten Stil weitergehen wird, mit einer zeitweiligen Vorherrschaft der USA und des Islam über Jahrhunderte hinweg? Sagt er wirklich, daß kein Umbruch und keine Transformation stattfinden werde?
Die folgenden „sensationellen“ Prophezeiungen, veröffentlicht in den Jahren 1993 und 1995 auf der Grundlage des „endlich geknackten“ Nostradamus-Codes, sprechen für sich:
„Nostradamus selbst schreibt aber, daß seine Prophezeiungen in den zehn Centurien bis zum Jahr 3797 reichen. … Und in die Zeit 3743 bis 3797 (so lange nur gelten nach Nostradamus’ eigenen Worten seine Prognosen zur Weltgeschichte) fällt womöglich – wenn wir die vorhergehenden Texte richtig deuten – das Ende der menschlichen Besiedelung dieses Planeten Erde …“ (3)
„1995: Mammutprozeß … Schlag gegen die Mafia“(4)
„1995 … Die Papstweihe wird, wenn wir unsere Zuordnung und Zeitrechnung zugrunde legen, im Juni oder Juli erfolgen.“ (5)
Für das Jahr 1998 soll Nostradamus einen schwarzen Vize-Präsidenten für die USA, neue Rassenkrawalle zwischen Schwarz und Weiß, einen Atomunfall in Lyon und die zweite Heirat von Prinz Charles voraussagt haben! (6) (Zur Zeit der Niederschrift dieser Interpretation, 1995, war Prinz Charles bereits geschieden. Leider entgeht dem Nostradamus gemäß dieser Interpretation das Großereignis von 1997: Prinzessin Dianas tragischer Tod! Nichts hiervon in der Prophezeiung für das Jahr 1997, dafür die angeblichen Nostradamus-Hinweise: „Wird 1997 der Reichtum der Meere so ausgebeutet sein, daß man die Fische rationieren muß? Wird Frischfisch auch in Europa immer teurer?“ (7))
„1993: Das Jahr des Bösen … Chemischer Krieg in bzw. um Israel. Eskalation der Probleme im Nahen Osten.“
„1994: Das Jahr des Umbruchs … Der Krieg im Nahost geht weiter, nachdem Israel den Islam schwer verletzt hat …“
„1995: Das Jahr der Kirche … Ein neuer Papst wird gewählt, der aus Mailand kommt. In Mailand findet auch eine wichtige Gerichtsverhandlung statt …“
„1996: Das Jahr der Waffen … Ein neuer geistiger Führer macht die Situation im Nahen Osten besonders gefährlich …“
„1997: Das Jahr der Sterne … Drei Gruppen von Kriegsschiffen formieren sich zu einer Seeschlacht. Der zweite Teil des Verses deutet auf eine sehr erfolgreiche neue Weltraumexpedition hin. Die ‚Auserwählten‘ sind die Astronauten.“
„1998: Das Jahr der Strahlen: Nostradamus warnt hier vor einer großen Atomkatastrophe in Lyon …“
„1999: Das Jahr des Rücktritts … das Ende der sowjetischen Zentralgewalt …“
„2000: Das Jahr der Supermacht … Die USA bauen ihre Vormachtstellung weiter aus, die sie insgesamt 300 Jahre lang werden halten können …“
„2038: Das Jahr der Kirche. Ein neuer Papst wird gewählt …“
„2043: Das Jahr des Booms. Die Weltwirtschaft floriert …“
„2045: Das Jahr der Medizin. Mediziner pflanzen zum ersten Mal erfolgreich ‚geklonte‘ Organe ein …“
„2260 … wenn 100 Jahre später der Papst aus einer Weltraumstation aus regiert …“
„Im Jahr 2700 wohnen die Menschen in riesigen, bis zu 100 Kilometer im Quadrat großen Wohntürmen, die bis zu fünf Kilometern hoch aufragen.“ (8)
Der Rückentext des oben zitierten Buches fordert uns auf: „Das Ergebnis [dieser neuen Entschlüsselung durch Computer] ist eine Sensation! … Lesen Sie die völlig neu entdeckten Voraussagen bis zum Jahr 3797 und überprüfen Sie ihre Richtigkeit selbst …“
Dies haben wir hiermit, mit der auf dem Umschlag gegebenen Autorisation des Verlages, getan!
Wo steht die Zahl 3797?
„Ich habe prophetische Bücher zusammengestellt, von denen jedes hundert astronomisch berechnete, prophetische Vierzeiler enthält. Diese habe ich absichtlich etwas dunkel gehalten. Es handelt sich um fortlaufende/immer gültige Wahrsagungen (sont perpetuelles vaticinations) für die Zeit von heute bis zum Jahre 3797.“ – Nostradamus (1555)
Die Jahreszahl 3797 gehört zu den umstrittensten Textstellen des Nostradamus. Wollte er tatsächlich sagen, daß dieses Datum das Ende der Menschheit auf der Erde darstelle?
Nein. Erstens sagt Nostradamus, daß die Zahl 3797 nur die äußerste Zeitgrenze seiner Wahrsagungen andeutet (und nicht etwa das Ende der Welt), und zweitens weisen Nostradamus’ eigene Ausführungen darauf hin, daß diese Zahl nicht kalendarisch, sondern symbolisch aufzufassen ist.
Untersuchen wir zuerst einmal, wo sich diese einzige Erwähnung der Zahl 3797 findet.
Das berühmte Prophezeiungsbuch des Nostradamus ist in zwei Hälften aufgeteilt. Jede Hälfte besteht aus einem Vorwort von Nostradamus, gefolgt von den Prophezeiungen (in Form von schwer verständlichen Versen). Das Vorwort zum ersten Teil ist die Vorrede an den Sohn Cäsar (unterzeichnet am 1. März 1555), und das Vorwort zum zweiten Teil ist die Epistel an Heinrich II., den damaligen König von Frankreich, aus dem Jahre 1558.
Während die vierzeiligen Prophezeiungsverse (genannt Quatrains) unterschiedlich verschlüsselt sind, enthalten die beiden Vorwörter unverschlüsselte Erklärungen, mit denen Nostradamus das allgemeine Szenario seiner Visionen zusammenfaßt. Jede Interpretation muß also diesen persönlichen Bemerkungen des Nostradamus entsprechen.
Die Zahl 3797 erwähnt Nostradamus nur an einer einzigen Stelle in seinem Werk, nämlich im Vorwort zum ersten Teil seiner Prophezeiungen (siehe obiges Zitat). In den eigentlichen Prophezeiungen taucht diese Zahl nie auf.
Chronologische Zeitabschnitte
Was Nostradamus mit der Zahl 3797 meint, die er im ersten Vorwort erwähnt, wird ersichtlich, wenn man das zweite Vorwort konsultiert. In diesem Vorwort erklärt Nostradamus dem „allerchristlichsten König von Frankreich“, wie er Heinrich den Zweiten ansprach, die Grundlage seiner chronologischen Berechnungen, und zwar in strikter Übereinstimmung mit der Chronologie des Alten Testaments. Nostradamus, der sich insgeheim mit vielen verbotenen Künsten und Wissenschaften befaßte und einer ursprünglich jüdischen Familie entstammte, mußte gegen außen stets ausgeprägt katholisch erscheinen, um nicht der Inquisition zum Opfer zu fallen.
In diesem Vorwort unterteilt Nostradamus die alttestamentarische Chronologie in verschiedene Zeiträume und sagt, daß der erste Zeitraum (l’espace de temps de nos premiers) von Adam bis Noah 1242 Jahre gedauert habe.
„Der erste Mensch, Adam, lebte etwa 1242 Jahre vor Noah. … Rund 1080 Jahre nach Noah und der weltweiten Sintflut kam Abraham.“ (9)
Weil Nostradamus diese Zahlen selbst berechnet hat, erwähnt er im selben Vorwort eine zweite biblische Chronologie mit anderen Zahlen, die den Berechnungen gewisser Kirchenväter entstammen, denen Nostradamus aber, ohne es direkt zu formulieren, widerspricht. In der Zahlensymbolik greift er verständlicherweise auf seine eigenen Berechnungen zurück.
Des weiteren erwähnt Nostradamus auch eine zukünftige tausendjährige Epoche des Friedens, in Anlehnung an die eintausend Jahre, die in der biblischen „Geheimen Offenbarung“ erwähnt werden. (Apokalypse 20,6: „Der Engel fesselte den Drachen für eintausend Jahre …“)
Die Zahl 1000 hat für Nostradamus offensichtlich eine symbolische Bedeutung, ebenso wie die Zahl 1242. Diese symbolisiert eine Epoche der Dekadenz, die so lange dauert, bis die Erde durch eine Naturkatastrophe geläutert wird. (Im biblischen Beispiel umfaßt diese Epoche der Dekadenz Adams Vertreibung aus dem Paradies, Kains Brudermord, die „Göttersöhne“ bei den Töchtern der Menschen – und dann die Sintflut-Katastrophe).
Etwas Ähnliches sah Nostradamus in seiner eigenen Zeit: eine Dekadenz, die in einer großen Umwälzung enden und dann in ein neues, goldenes Zeitalter übergehen wird, symbolisiert durch die Zahl 1000.
Warum gerade 3797?
Nostradamus veröffentlichte den ersten Teil seiner Prophezeiungen im Jahr 1555. Diese Jahreszahl stellt eine auffällige numerologische Konstellation dar, und Nostradamus hebt sie am Ende seines Vorwortes deutlich hervor, indem er mit dem Datum 1. März 1555 signiert. In diesem Vorwort betont Nostradamus, daß seine Prophezeiungen sowohl die Gegenwart (symbolisiert durch die Zahl 1555) als auch die gesamte Zeit der Dekadenz bis hin zur großen Umwälzung umfassen.
Dies wird deutlich, wenn man die symbolische Zahl des Sintflutzeitalters (1242) mit der damaligen Jahreszahl zusammenzählt: 1555 + 1242 = 2797.
Weil Nostradamus darauf hinweisen will, daß er in seinen Prophezeiungen auch schon das nachfolgende goldene Zeitalter miteinbezogen hat, muß man der Zahl 2797 auch noch die symbolische 1000 hinzufügen. Und schon haben wir die ominöse Zahl 3797!
Nostradamus macht diese Rechnung im zweiten Vorwort nicht selber. Er überläßt es anscheinend der Aufmerksamkeit seiner Interpreten, denn zumindest hat er in seinem ersten Vorwort, das drei Jahre zuvor erschienen war, das Ergebnis bereits im voraus veröffentlicht. Doch leider ist den meisten Interpreten, auch den „führenden“, diese einfache Rechnung entgangen.
Interpretation von 3797
Daß die Zahlen 1242 und 3797 nur symbolisch gemeint sind, geht unbestreitbar aus dem Gesamtwerk des Nostradamus hervor. Er erwähnt die Zahl 3797 in seinen Prophezeiungen nie und gibt keinerlei Hinweise darauf, daß die Umwälzung 1242 Kalenderjahre nach 1555 stattfinden, also im Jahr 2797. Auch behauptet er nie, daß das neue Zeitalter 1000 Kalenderjahre dauern werde. Ebensowenig ist 3797 das Kalenderjahr 3797 n. Chr.
Nostradamus sagt also nicht, daß die Welt oder die Menschheit im Jahr 3797 n. Chr. ihr Ende finden werde. Vielmehr weist er – wie die folgenden Zitate zeigen werden – viele Male eindeutig auf das Ende des zweiten Jahrtausends hin. Dies wird die Zeit des großen Umbruchs sein!
Mit der Zahl 3797 (1555 + 1242 + 1000) will Nostradamus einfach sagen, daß er eine entscheidende Phase der Menschheit beschreibt, die charakterisiert ist durch eine große Umwälzung, vergleichbar mit der biblischen Sintflut. Danach folgt ein goldenes Zeitalter, das jedoch nicht ewig dauern wird, sondern nur eine „lange Zeit“. (Nostradamus nennt keine Zahl!) Danach komme wieder, laut Nostradamus, eine Zeit der Konflikte. Diese ferne Zeit des neuen Aufruhrs deutet Nostradamus nur noch schattenhaft an und geht nicht mehr näher darauf ein.
Nostradamus prophezeit also keinen Weltuntergang, aber auch kein ewiges Paradies auf Erden.
Die Verschlüsselungsmethoden des Nostradamus
„Die Schande der Zeiten aber, gnädigster König, macht es nötig, solche verborgenen Ereignisse bestenfalls in rätselhafter Sprache zu offenbaren, die nicht nur einen einzigen Sinn und eine einzige Aussage besitzt, was aber nicht bedeutet, daß eine zweideutige oder doppelsinnige Berechnung hinzugefügt worden ist.“ – Nostradamus (1558)
Das Buch, für das Nostradamus berühmt geworden ist, heißt Les Vrayes Centuries et Propheties de Maistre Michel Nostradamus („Die wahren Centurien und Prophetien des Meisters Michel Nostradamus“) und wurde als Gesamtwerk 1568, also erst nach seinem Tod, in der heute vorliegenden Form veröffentlicht.
Nostradamus stützte seine Prophezeiungen hauptsächlich auf nächtliche Trance-Visionen, die er zunächst chronologisch in Prosa aufschrieb und dann anhand astronomischer Berechnungen überprüfte. Danach verfaßte er die verschlüsselten Vierzeiler und verbrannte die ausformulierten Prosa-Originale, um bei allfälligen Hausdurchsuchungen der Inquisitionsbehörden nicht in eine peinliche Situation zu geraten. Die Frage, wie weit und in welcher Form die Quatrains (Vierzeiler) chronologisch niedergeschrieben sind, läßt sich nicht leicht beantworten. Auf jeden Fall folgen sie keiner oberflächlichen Chronologie, und es ist auch zu bezweifeln, ob Nostradamus seine Visionen in chronologischer Reihenfolge hatte.
Wenn es z. B. in II.6 heißt: „Nahe den zwei Häfen in zwei Städten/ Werden zwei Schrecknisse geschehen, wie ihresgleichen nie gesehen wurden …“, so erkennen wir heute in diesen Zeilen sogleich die zwei Atombomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Vor 1945 war dieser Vers noch völlig unverständlich. Wären die Quatrains chronologisch, müßten die vorangehenden Verse den zweiten Weltkrieg, Hitler, Mussolini usw. beschreiben. Doch diese Verse finden sich verstreut an anderen Stellen.
Neben diesem grundlegenden System verwendet Nostradamus ein ganzes Arsenal von zusätzlichen Codierungsmethoden. An einzelnen Stellen drückt er sich unverhüllt aus und nennt direkt die Namen: Pasteur (I.25), Franco und Rivera (IX.16). Meistens jedoch beschreibt er Personen ohne den Namen, weshalb nur jemand, der die Person kennt, weiß, wer gemeint ist. Zum Beispiel beschreibt Nostradamus eine Person namens „Hister“, die „Bestien, wild vor Hunger,“ (II.24) anführt und „die Republik erzürnt“ (V.29: D’Hister … faschee la republique). Heute ist offensichtlich, daß mit diesem „Hister“ Hitler gemeint ist, der aus einem Dorf nahe der Donau (Ister) stammte.
Der Vers V.29 enthält einen phonetischen Anklang, der heute leicht zu erkennen ist: … faschee la republique. Fast vierhundert Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg hat Nostradamus den Faschismus vorausgesehen und ihn sogar namentlich erwähnt, und erst noch mit einer typisch deutschen Schreibweise (faschee statt fâchée).
Prophezeiungen eines neuen Zeitalters
Nostradamus war bereits zu seinen Lebzeiten für seine prophetische Gabe berühmt, denn er machte auch viele kurzfristige Prophezeiungen, die sich schnell als wahr herausstellten. Dieselbe Treffsicherheit findet man auch in den „Prophetien“. Beispiele hierfür sind die namentliche Erwähnung von Pasteur, Franco und Hitler („Hister“) oder auch die Gründung des Staates Israel (III.97): „Kraft eines neuen Gesetzes wird ein neues Land besetzt/ Bei Syrien, Judäa und Palästina.“
Nostradamus vermochte aber nicht nur die Ereignisse, sondern auch den Zeitpunkt vorauszusehen. Im zweiten Vorwort schreibt er: „Ich könnte für jeden Vierzeiler den genauen Zeitpunkt nennen, doch das [die Datierung], und noch weniger ihre Interpretation, wäre für keinen angenehm …“
Was das Datum betrifft, so fällt bei Nostradamus auf, daß sich für das Ende des 20. Jahrhunderts die Voraussagen häufen. Nostradamus hat anscheinend in der Mitte des Jahrtausends insbesondere das Ende des Jahrtausends beschrieben. Im ersten Vorwort schreibt er:
„Jetzt [Mitte 16. Jahrhundert] stehen wir unter der Regentschaft des Mondes. Dank der vollkommenen Macht des ewigen Gottes wird die Sonne folgen, noch bevor der Mond seinen Lauf völlig beendet hat. Dann folgt Saturn. Wenn nach den Gesetzen des Himmels die Herrschaft Saturns rückläufig sein wird, nähert sich die Welt – wie berechnet – einem zeitverändernden Umsturz (une anaragonique revolution).“
Die besagte Saturn-Konstellation ist seit Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts eingetreten! Gemäß alttestamentarischer Chronologie gehört die bevorstehende Jahrtausendwende zum siebten Jahrtausend nach Adam. Für denselben Zeitpunkt sagt Nostradamus im Anschluß an das vorangegangene Zitat große Katastrophen und Umwälzungen voraus. „Dann wird sich alles vollenden.“ „Dann“ – das ist laut Nostradamus unsere nahe Zukunft:
„[Die beschriebenen Katastrophen] werden sich wiederholen, wenn wir uns im 7. Jahrtausend befinden. Dann wird sich alles vollenden. Wenn wir uns dem achten Jahrtausend nähern, wird der große Gott den großen Umsturz beenden. Die himmlischen Bilder werden zu ihrer gewohnten Bewegung zurückkehren und zur höheren Bewegung, die unsere Erde stabil und fest macht: ‚Sie soll nicht auf ewig weggedreht werden‘, sondern nur, bis sein Wille erfüllt sein wird. So wird es geschehen und nicht anders.“
Hier sagt es Nostradamus mit eigenen, unverschlüsselten Worten: Die Erde wird nach den kosmischen Erschütterungen wieder „stabil“ und „fest“ sein. „So wird es geschehen und nicht anders.“ Keine Rede also von einer Unbewohnbarkeit der Erde im Hinblick auf das angeblich prophezeite Jahr 3797 n. Chr.
In der Epistel an König Heinrich II. umreißt Nostradamus dasselbe Szenario noch einmal und geht einen Schritt weiter:
„Ich beginne mit der gegenwärtigen Zeit … und schaue weit darüber hinaus bis zu dem Ereignis, das, gemäß sorgfältigsten Berechnungen, zu Beginn des siebten Jahrtausends [d. h. zu Beginn des 21. Jahrhunderts] stattfinden wird. … Dann [nach letzten Wirren und Verfolgungen] beginnt zwischen Gott und den Menschen ein universeller Friede. (une paix universelle).“
Das Ende der Prophezeiungen
Auch in den verschlüsselten Prophetie-Versen weist Nostradamus unmißverständlich auf die Jahrtausendwende hin, wobei er das Datum oft anhand von Sternkonstellationen mitteilt. Seine berühmteste Voraussage nennt sogar das Jahr und den Monat:
„Im Jahre 1999 und sieben Monate
Wird der große König des Schreckens vom Himmel herab kommen …“
(X.72: L’an mil neuf cens nonante neuf sept mois …)
Der siebte Monat ist gemäß julianischem Kalender der August. Über 440 Jahre in die Zukunft hinein erwähnt Nostradamus den August 1999, in dem auch die große Sonnenfinsternis stattfinden wird.
Nostradamus sagt in seinen Erläuterungen auch, daß bevorstehende Ereignisse abgeschwächt, aufgehoben oder zumindest aufgeschoben worden können. Das ist durchaus möglich, ja Nostradamus weist in seinen Centurien darauf hin, daß seine Prophetien zu einem gewissen Zeitpunkt erfüllt und sogar überholt sein werden. Wann?
„Zwanzig Jahre der Herrschaft des Mondes sind vorbei,
Wenn zu Beginn des siebten Jahrtausends ein anderer die Herrschaft antritt,
Wenn die Sonne ihre dunklen Tage hat.
Dann wird sich meine Prophetie erfüllen und überholen
(… Lors accomplir et mine ma prophetie).“ (I.48)
Wieder nennt Nostradamus den bevorstehenden Jahrtausendwechsel, ja sogar in dreifacher Hervorhebung: Beginn des siebten Jahrtausends/ die finsteren Tage der Sonne (1999)/ der Zeitpunkt der zwanzigjährigen Herrschaft des Mondes, d. h. des Islams (Khomeini übernahm 1979 die Macht im Iran).
Das vorausbestimmte Schicksal, also auch Prophezeiungen, können geändert oder überholt werden, jedoch nur dann, wenn die Menschen aus ihren Fehlern lernen und sich konsequent korrigieren.
Der größte Teil von Nostradamus’ Prophezeiungen handelt von Kriegen und Katastrophen. Der obige Vers gehört zur kleineren Auswahl von Versen, die eine hoffnungsvolle Aussage beinhalten. Steht jetzt die Zeit bevor, wo sich die Prophezeiungen des Nostradamus allesamt erfüllt haben oder dann überfällig werden?
Auch der Maya-Kalender sagt für die nähere Zukunft einen großen Umbruch voraus, der sogar eine Veränderung der Raum-Zeit-Struktur mit sich bringen werde. Der Maya-Kalender, genannt Tzolkin, beginnt im Jahr 3113 v. Chr. (kurz vor Kali-Yuga-Anfang) und dauert dreizehn Baktun-Perioden = 144’000 Tage. Das ergibt rund 5125 Jahre, ein Zyklus, der im Jahr 2012 enden wird. Ähnliche uralte Prophezeiungen geben heute auch die Hopi-Indianer preis.
Friede 500 Jahre nach Nostradamus?
Nostradamus lebte in der Mitte des zweiten Jahrtausends, das nun zu Ende geht. Wie die obigen Zitate gezeigt haben, sah dieser mysteriöse französische Astrologe nicht für ein Jahr 3797 große Veränderungen voraus, sondern für die bevorstehende Jahrtausendwende und die nachfolgende nahe Zukunft. Dann, fünfhundert Jahre nach seiner Zeit, werde es auf einmal große Klarheit geben. Dies prophezeit Nostradamus in seinem Vers III.94:
„Nach fünfhundert Jahren wird man Bedeutung schenken
Ihm, der das Ornament seiner Zeit war;
Dann wird es/er auf einmal große Klarheit geben,
So daß es/er sie durch dieses Jahrhundert sehr glücklich machen wird.“
Wenn Friede und Vernunft auf die Erde zurückkehren sollen, muß dies in unmittelbarer Zukunft geschehen, denn nur so kann das Damoklesschwert der Selbstzerstörung, das heute über der gesamten Menschheit schwebt, noch rechtzeitig entschärft werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß Nostradamus viele Verse über die notwendige religiöse Erneuerung verfaßte. Diese positiven Verse sind nicht datiert, aber heute, fünfhundert Jahre nach Nostradamus, können sie leicht datiert werden: In den vergangenen fünf Jahrhunderten haben sie sich nicht erfüllt, und wenn sie sich nicht in der Gegenwart erfüllen, wird die prophezeite Veränderung zu spät kommen.
Also müssen sich diese positiven Verse (die obige Auswahl ist keineswegs vollständig) auf die heutige Zeit beziehen. Unsere Gegenwart ist entscheidend, denn die Zukunft des gesamten Planeten ist von ihr abhängig. (10)
_______________
(1) Rückentext zu: Manfred Dimde, Die Weissagungen des Nostradamus – Neu entschlüsselt, München (Goldmann) 6/1993 zurück
(2) Manfred Dimde: Nostradamus total (1994) u. a. zurück
(3) Manfred Dimde: Was uns zwischen 1995 und 2005 erwartet - Nostradamus: Das apokalyptische Jahrzehnt, 3. überarbeitete Auflage 1995; S. 59/62 zurück
(4) ebd. S. 95 zurück
(5) ebd. S. 103 zurück
(6) ebd. S. 125 zurück
(7) ebd. S. 116/7 zurück
(8) Dimde, 6/1993, S.200–233 zurück
(9) zitiert auf der Grundlage der Übersetzungen von: Kurt Allgeier: Die Prophezeiungen des Nostradamus – Erstmals vollständig übersetzt, kommentiert und neu gedeutet, München 1994 (24. Auflage)
Ernst R. Ernst: Nostradamus – Der Prophet der Apokalypse, München 1986
Max de Fontbrune: Was Nostradamus wirklich sagte, Frankfurt/M 1983
John Hogue: Nostradamus – Jahrtausendwende, Vaduz 1993 (5. Auflage) zurück
(10) Eine ausführliche Auflistung und Erklärung der aktuellen Nostradamus-Prophezeiungen, verbunden mit vielen Parallelen zu anderen Quellen, sowie eine Analyse von Nostradamus’ Ansichten über Prädestination und freien Willen finden sich im Buch des Autors dieses Artikels, Armin Risi, Gott und die Götter, Kapitel 7 „Vedische und abendländische Prophezeiungen“. zurück