Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/488

Ernährung
Eine intakte Darmflora macht Kaninchen vital
Die Darmbakterien helfen nicht nur bei der Verdauung, sondern auch bei der Abwehr von Krankheitserregern. Sogar das Verhalten des Tieres beeinflussen die heimlichen Mitbewohner.
Die Darmflora ist eine Verdauungshelferin und Vitaminproduzentin (siehe «Eine gesunde Darmflora für robuste Kaninchen»). Auch auf das darmspezifische Immunsystem nimmt sie Einfluss – und nicht nur auf dieses: In einem Versuch wurden Mäuse mit Viren infiziert. Die Hälfte der Mäuse hatte eine gesunde Darmflora, die andere Gruppe war keimfrei, also ohne Darmflora. Sie erkrankten durch die Viren viel heftiger als die Tiere mit der intakten Darmflora. Wurden die keimfreien Mäuse mit normalen Darmbakterien besiedelt, verbesserte sich ihre Immunantwort, der Krankheitsverlauf war milder.
Genauere Untersuchungen ergaben, dass die Darmbakterien bei einer Infektion Signale an bestimmte Immunzellen senden und damit Alarm auslösen. Die Zusammenarbeit zwischen dem Wirtsorganismus Kaninchen und seinen mikrobiellen Helfern geht also sehr weit. Es ist eine eigentliche Symbiose, bei der beide Partner profitieren: Die Mikroorganismen erhalten Kost und Logis vom Wirt, der Wirt bekommt im Austausch von den kleinen Helfern einen Fingerzeig, wenn gegen Krankheitserreger vorgegangen werden soll.
Bakterien senken Stress
Noch ist das Puzzle rund um die Darmbakterien unfertig, doch je mehr Teile sich in Form von Studien einfügen, desto spannender wird das Bild. So verhalten sich Mäuse unterschiedlich, je nach Zusammensetzung ihrer Darmflora. Normal gefütterte Mäuse hielten sich in einer Versuchsanlage mit geschützten und offenen Plätzen lieber im Schutz auf. Wurde ihr Futter über längere Zeit mit einem bestimmten Laktobazillus angereichert, wurden sie mutiger, oder vielmehr leichtsinnig, jedenfalls suchten sie öfter die gefährlichen freien Flächen auf. Sie hatten weniger Stresshormone im Blut und sogar ihre Hirnstruktur wies Veränderungen auf.
Doch das Verhalten verändert sich auch, wenn zum Beispiel Antibiotika eingesetzt werden. Antibiotika sind ja ein zweischneidiges Schwert: Einerseits sind sie wichtige Hilfsmittel im Kampf gegen eine bakterielle Infektion, andererseits machen sie kaum einen Unterschied zwischen krankheitsauslösenden Bakterien und hilfreichen Darmbakterien. So überrascht es nicht, dass Mäuse, die mit Antibiotika behandelt wurden, eine veränderte Darmflora zeigten. Doch dabei blieb es nicht. Auch ihr Verhalten änderte sich auffällig: Sie wurden ängstlich und niedergeschlagen. Die Forscher wiesen nach, dass sich die Menge eines bestimmten Botenstoffes im Gehirn dramatisch verändert hatte. Die durch Antibiotika aus dem Gleichgewicht geratene Darmflora hatte offensichtlich eine Änderung im Gehirn ausgelöst. Nach Weglassen des Antibiotikums erholte sich die Darmflora langsam und auch die Mäuse fanden ihr seelisches Gleichgewicht wieder.
Kaum jemand zweifelt daran, dass die Stimmung den Bauch beeinflusst: Ärger, Angst, Stress führen zu verschiedensten Verdauungsproblemen, nicht nur beim Menschen, auch bei Kaninchen. Neueste Forschung zeigt, dass diese Hirn-Bauch-Verbindung in beide Richtungen funktioniert: Über Nerven, Hormone und das Immunsystem gelangen Informationen von den Darmbakterien ins Gehirn und beeinflussen ihrerseits die Stimmung des Wirtes.
Zusammenhang vor 100 Jahren erkannt
Die Erkenntnis, dass zwischen Darmbakterien und Psyche ein Zusammenhang besteht, ist aber eigentlich gar nicht so neu. Dr. Edward Bach, den man heute vor allem wegen seinen Blütenessenzen kennt, arbeitete bereits vor hundert Jahren mit Nosoden aus Darmbakterien (Nosoden sind homöopathisch aufbereitete Mittel). Der geniale Arzt und Homöopath hatte erkannt, dass Menschen mit ähnlichem Temperament auch eine ähnliche Darmflora aufwiesen. Aus den wichtigsten vorherrschenden Bakterienstämmen stellte er sieben Nosoden her und hatte damit vor allem bei chronischen Krankheiten sehr guten Erfolg.
All diese Erkenntnisse zeigen, wie wichtig eine gesunde Darmflora für den Wirt ist. Gerade im Fall des Kaninchens, das recht anfällig auf Verdauungsprobleme ist, sollte den kleinen Helfern im Darm genug Aufmerksamkeit geschenkt werden. Durchfall, Verstopfung mit immer kleineren Kötteln, schlechte Futterverwertung, Trommelsucht, Störungen der Darmmotilität (so nennt man die Muskelbewegungen des Darmes, die den Verdauungsbrei vorwärtsschieben) bis hin zur Darmlähmung, aber auch ein schwaches Immunsystem – alle stehen im Zusammenhang mit der Darmflora. Antibiotika sollten nur wohlüberlegt in einem Krankheitsfall zum Einsatz kommen, denn sie schädigen auch die guten Darmbakterien und zerstören so das delikate Gleichgewicht der Darmflora. Schädliche Mikroorganismen können sich in der Folge im Darm ausbreiten und Verdauungsprobleme verursachen.
Im Lauf der Evolution hat sich das Zusammenspiel zwischen Kaninchen, seiner Nahrung und den Verdauungshelfern ständig perfektioniert. Es liegt am Halter, das Futter so zusammenzustellen, dass dieses Zusammenspiel auch bei unseren Hauskaninchen optimal funktioniert. Kaninchen sind an die gehaltarme und faserreiche Nahrung ihres Ursprungsgebietes, der Iberischen Halbinsel und Nordafrika, angepasst. Täglich eine Handvoll Heu, regelmässig frische Zweige, Brombeer- und Himbeerblätter, Spitz- und Breitwegerich, kleine Mengen ausgewählter Kräuter (siehe Kasten) und Kraftfutter mit Mass beugen Verdauungsstörungen und Jungtierverlusten vor.
In Problembeständen kann versucht werden, neugeborene Kaninchen einer Amme mit guter Darmflora unterzuschieben. Sie gibt diese ja über ihren Blinddarmkot an die Kleinen weiter, sodass der unheilvolle Kreislauf unterbrochen werden kann. Die Fütterung anzupassen ist aber unerlässlich, damit sich die «guten» Bakterien im Darm wohlfühlen und ihre segensreiche Tätigkeit aufnehmen können.
|Kräuterhilfe für eine gute Darmflora|
|Neben einer angepassten faserreichen Fütterung verhelfen auch Kräuter zu einer besseren Darmflora. Sie werden nur in kleinen Mengen, aber über längere Zeit verabreicht (ein etwa zwei bis fünf Zentimeter langes Stück täglich genügt). Die aromatischen Kräuter wirken zwar als natürliche Antibiotika, schaden jedoch der gesunden Darmflora nicht. Der Grund liegt in der langen gemeinsamen Evolution von Kaninchen und ihren Darmbakterien unter einer Pflanzenkost, die natürlicherweise auch aromatische Kräuter beinhaltet.

|Thymian (Thymus vulgaris)||hemmt Bakterien, Viren, Pilze|
|Bohnenkraut (Satureja montana)||beugt Trommelsucht vor, hemmt Viren, Bakterien (auch Kolibakterien), Pilze (Hefen)|
|Dost (Origanum vulgare)||hemmt Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten|
|Nelkenwurz (Geum urbanum)||natürliches Kokzidienmittel|
|Beifuss (Artemisia vulgaris)||hilft bei allen Verdauungsbeschwerden, hemmt Kokzidien|
|Ruprechtskraut (Geranium robertianum)||entzündungshemmend, stärkt darmspezifische ?Immunabwehr, hemmt Viren und Bakterien|
|Eibisch (Althea officinalis)||heilt entzündete Darmschleimhaut, regt Darmmotilität an, immunstimulierend|
|Johanniskraut (Hypericum perforatum)||hemmt Clostridien, die für die Darmlähmung verantwortlich gemacht werden, stark entzündungshemmend, stimmungsaufhellend|