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Vor 80 Jahren brachte Parker Brothers das bis heute erfolgreichste Brettspiel auf den Markt. Es lockt mit ungeahntem Reichtum unter egalitären Voraussetzungen. Was man gerne vergisst: Im Ursprung hatten die Erfinder von «Monopoly» Kapitalismuskritik im Sinn.
Amerika, 1930er-Jahre. Nach dem Börsencrash liegt die Weltwirtschaft in Trümmern. Millionen Menschen sind arbeitslos. Einer von ihnen ist Charles Darrow, ein Heizungsmonteur aus Philadelphia. Er hat viel Zeit und verbringt sie mit seiner Frau beim Spiel. Freunde, fromme Quäker, haben ihnen ein Brettspiel mitgebracht, das auf zynische Weise zu den Sorgen der Zeit passt: auf Grundbesitz spekulieren, aufkaufen, verteuern – und die anderen in den Ruin treiben.
Das Spiel, das aus der Krise kam, hat weder einen pädagogischen noch besonders intellektuellen Anspruch – kaufen und scheffeln –, und schon der Anfang seiner Erfolgsstory glich einem Raubzug: Darrow gefiel die Idee, er baute das Spiel nach, verkaufte es 1935 der Spielwarenfirma Parker, handelte sich einen Provisionsdeal aus – und war bald Millionär. Die ursprünglichen Erfinder von «Monopoly» sahen nie etwas von dem Geld.
Denn die Erfolgsgeschichte von «Monopoly» beginnt, es soll nicht überraschen, mit einem Sieg der Habgier über ein solidarisches Experiment. Dass mit diesem Spiel der ungehemmte Raubtierkapitalismus Einzug an die Familientische und in die Kinderstuben der Welt halten sollte, dürfte nicht die Absicht seiner Schöpfer gewesen sein. Sie hatten anderes im Sinn: Kapitalismuskritik.
Der Reichtum sollte ursprünglich verteilt werden
Erfunden hatte das Spiel 30 Jahre vor Darrow eine Frau namens Elizabeth Maggie, eine Anhängerin des sozialdemokratisch orientierten Ökonomen Henry George. Der lehrte zur Zeit der Jahrhundertwende, während des US-Wirtschaftswachstums des «Gilded Age», als Grossgrundbesitzerfamilien wie die Stuyvesants und Vanderbilts, die Rockefellers und Carnegies immer reicher wurden – und die Armen immer ärmer.
Georges Forderung gegen diese Vermögensschere war die Gegenlehre zum «Monopoly»-Prinzip: Er forderte eine Bodensteuer, um dem wachsenden Wertgewinn von Grundbesitz, der wiederum zur wirtschaftlichen (und politischen) Macht der Grossgrundbesitzer führte, zu brechen. Denn, so George: Grundbesitz gewinnt an Wert, ohne dass der Eigner etwas dafür leisten muss. Es reicht, wenn sich die Stadt um eine Parzelle herum entwickelt. Mit Strassen und Bahnanschluss, mit Strom und Wasser.
Elizabeth Maggie entwarf aufgrund dieser Idee «The Landlord’s Game», das vieles des späteren «Monopoly» vorwegnahm, jedoch zusätzlich eine «Single Tax» für jedes Strassenfeld einführte. Eine Garantie dafür, dass der Reichtum nicht ungebremst, sondern gleichmässig wachsen würde.
Zocken, bauen, einkassieren
«The Landlord’s Game» war kein Erfolgsschlager, kam in Maggies Freundeskreis jedoch gut an und verbreitete sich die Folgejahre weiter, wurde überarbeitet. Neue Regeln kamen hinzu, andere verschwanden, bis Darrows das Spiel entdeckte und es sich zu eigen machte. Vom solidarischen Ursprungsgedanken war nicht mehr viel übrig. Nun galt: Zocken, bauen, einkassieren – oder zugrunde gehen, wenn man auf dem Zürcher Paradeplatz mit seinen überteuerten Hotels landet.
«Monopoly» war der Amerikanische Traum als Spielbrett und deshalb schnell politisiert. Goebbels soll es zur NS-Zeit verboten haben, und in den 1960er- und 1970er-Jahren erschienen die klassenkämpferischen Gegenentwürfe, allen voran «Anti-Monopoly», bei dem man als Quereinsteiger im Wettbewerb die Macht der Monopolisten zu brechen versuchen muss. Eine Anekdote, mehr nicht: Verglichen mit den Deregulierungsexzessen des Neoliberalismus erscheint «Monopoly» trotz der zelebrierten Rafferei heute fast als etatistisches Verteilungsmodell.
Jeder Spieler erhält, analog dem Grundeinkommen, einen gleichmässigen Startbatzen, zudem gibt es eine Zentralbank, die unbestechlich über dem System thront. Die staatlichen Institutionen wie Gefängnis, Wasserwerk oder Bahnhöfe funktionieren zuverlässig. Mag man auch ungeheuren Reichtum anhäufen oder den Totalschaden erleiden – die sichere Ordnung der Dinge bleibt bestehen. Ein Zustand, nach dem sich mancher gesehnt haben dürfte in den Abbruchjahren der Weltwirtschaftskrise – damals, in den Gründerjahren von «Monopoly».