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25 Kilogramm Bronze sind die Masseinheit der oft zitierten Special-Relationship zwischen London und Washington. Es war im Jahre 1965, als eine britische Delegation dem damaligen US-Präsidenten Johnson eine rund 30 Zentimeter hohe Büste von Winston Churchill schenkte.
Während Jahrzehnten schmückte der Kriegs-Premierminister das Oval Office der US-Präsidenten. Es war Barack Obama, der bei seinem Amtsantritt Churchill ins Vorzimmer entsorgte und damit in London für einen Aufschrei sorgte.
Hin und Her bei den transatlantischen Beziehungen
Besonders vorlaut war dabei Boris Johnson. Er unterstellte Obama in einer Ferndiagnose einen Racheakt, ja einen kolonialen Komplex, weil dieser Halb-Kenianer sei. Eine Bemerkung, welche die demokratische Administration in Washington nachhaltig verstimmte.
Donald Trump justierte die transatlantischen Beziehungen wieder, indem er Churchill während seiner Amtszeit wieder ins Oval Office holte und seinen Freund Boris in London über den grünen Klee lobte. Dieser revanchierte sich, indem er Trump kurzerhand für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat.
10 Downing Street hält den Ball flach
Nun hat der Wind wieder gedreht. Churchill musste das Feld erneut räumen. Er befinde sich nicht mehr im Oval Office, sagte die Sprecherin des neuen US-Präsidenten Joe Biden vor wenigen Tagen. Wo Churchill im Weissen Haus deponiert worden sei, könne sie leider nicht sagen.
Die US-Botschaft in London publizierte umgehend eine beruhigende Mitteilung: Es handle sich lediglich um eine Büste. Diplomatische Beziehungen würden jedoch von Menschen aus Fleisch und Blut geprägt. Downing Street hielt den Ball flach. Wie der US-Präsident sein Büro möbliere, sei dessen Privatangelegenheit, liess der Premierminister verlauten und übermittelte fernmündlich seine wärmsten Wünsche zum Amtsantritt nach Washington.
Johnson weiss, woher der Wind weht
Johnson hatte schon immer ein feines Sensorium, woher der Wind weht. Deshalb müssen er und seine Konservativen in diesen Tagen euphorische Sympathie-Bekundungen für Trump eilig aus ihren Lebensläufen eliminieren. Einige würden sagen: Sie müssen Kreide essen.
Die Beziehungen zur Biden-Administration seien ausgezeichnet, hiess es kürzlich während einem Hintergrundgespräch für Ausland-Korrespondenten in Downing Street. Man habe nicht Trump und seine Politik bewundert, sondern lediglich sein Amt respektiert.
Gemeinsam mit Biden will Johnson auf der Weltbühne nun die grossen Fragen der Gegenwart angehen: den Klimawandel, die Bewältigung der Pandemie, die Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen. US-Präsident Biden hat wohl gerade andere, eher innenpolitische Prioritäten. Und vielleicht ist ihm das Verhältnis zur EU sogar wichtiger als zum Vereinigten Königreich.
G7-Gipfel – der Zufall will's – ist in Cornwall
Es ist kein Geheimnis, dass Biden, der stolz auf seine irischen Wurzeln ist, den Brexit für ein geostrategisches Desaster hält. Der Zufall spielt Johnson jedoch in die Hand. Mitte Juni findet in Cornwall, im Süden Englands, das nächste G7-Treffen statt. Es ist deshalb so gut wie sicher, dass der erste Auslandsbesuch des neuen US-Präsidenten Joe Biden nach Grossbritannien führen könnte.
Das gibt London die Möglichkeit, sich nach dem Brexit als «Global Britain» zu positionieren, Scherben zu kitten und sich vielleicht nebenbei höflich nach dem Verbleib der Churchill-Büste zu erkundigen.
Patrik Wülser
Grossbritannien-Korrespondent, SRF
Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrikakorrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandredaktion von Radio SRF in Bern.