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2013 |
DER GESCHMACK DES LEBENS
Die Filme, die der kanadische Fotograf John Cook (1935–2001) zwischen 1972 und 1982 in seiner Wahlheimat Wien drehte, sind Meilensteine des österreichischen Kinos. Inmitten einer vom Fernsehspiel dominierten Filmkultur spürte der Kino-Autodidakt dem Geschmack des Lebens nach und schuf mit Freunden und Laiendarstellern drei Spielfilme sowie zwei Dokumentarfilme. Cooks Werk bleibt leider sehr schmal, bereits 1996 dreht er mit José Manrubia Novillero d’Arles. L’apprentissage d’un matador de toros in Frankreich seinen letzten Film. Das Österreichische Filmmuseum präsentierte an der diesjährigen Berlinale zwei restaurierte Filme von John Cook. Begeistert von dieser Entdeckung zeigt das Stadtkino Basel – zum ersten Mal ausserhalb Österreichs – nun eine komplette John-Cook-Retrospektive samt ausgewählten Werken aus dem Umfeld des aussergewöhnlichen Filmemachers.
John Cook war schon zu Lebzeiten eine nahezu mythische Gestalt des österreichischen Kinos: Der Zugereiste, der in seinen wenigen Werken das Land exakter porträtierte als jeder Einheimische; der radikale Realist, der seine Sujets vor der eigenen Haustür und seine Darsteller auf der Strasse fand; der geniale Autodidakt, der gleich mit seiner ersten halblangen Arbeit, Ich schaff’s einfach nimmer (1972/73), ein veritables Meisterwerk in die Welt setzte; der Unabhängige, dessen Schaffen endete, als der Staat endlich mit einer systematischen Filmförderung begann; der Verlorene schliesslich.
Mythenförderlich war, dass Cooks Filme lange Jahre kaum zu sehen waren: Von seinem Hauptwerk Langsamer Sommer (1974–76) etwa existierte nur eine Kopie, die entsprechend selten für Vorführungen zur Verfügung stand, während sein letzter, auf Video realisierter Film, José Manrubia Novillero d’Arles. L’apprentissage d’un matador de toros (1990–96), bislang überhaupt nur ein einziges Mal öffentlich gezeigt wurde. Eine dauerhafte filmkulturelle Präsenz entwickelte eigentlich nur Schwitzkasten (1978), Cooks Version eines Romans von Helmut Zenker, einem der zentralen österreichischen Schriftsteller der 70er Jahre und Schöpfer des Major Kottan. In Wirklichkeit war natürlich alles vertrackter und Cook viel typischer, als einen die Geschichten glauben machen: Sein Schaffen passt perfekt in die Austro-70er, jene Scharnier-Dekade zwischen dem Zusammenbruch der zu Tode ge-Franz-Antelten Kinoindustrie und den verstockten Anfängen einer Subventionsfilmkultur.
Die Faszination für’s Eigene, Lokale, Authentische, die Cooks Kino so durchdringt, das Arbeiten mit dokumentarischen Strategien findet sich z.B. auch in Wilhelm Pellerts kinematografischem Volksstück Jesus von Ottakring (1976), der fast zeitgleich mit Langsamer Sommer in die österreichischen Kinos kam und eine verwandte Ästhetik des Brüchigen, des Vexierspiels mit Verismen und Stilisierungen aufweist. Langsamer Sommer wirkt rückblickend auch wie das Auftaktwerk einer Austro-Sensibilisten-‹vague›, zu der noch Michael Pilz (Himmel und Erde, 1979–82), Angela Summereder (Zechmeister, 1981), Peter Schreiner (Grelles Licht, 1982), und Manfred Kaufmann (Weht die Angst, so weht der Wind, 1983) gehörten – Cook-gleiche Marginale, die’s alle in der schönen, neuen Staatsfilmkultur nicht aushielten.
Im Gegensatz etwa zu Regieroutinier Peter Patzak, dessen karg-krasse Zenker-Adaption Kassbach. Ein Portrait (1979) sich perfekt als eine dunkel-sardonische Antwort auf Schwitzkasten schaut – wo Cook noch auf emanzipatorische Potentiale im Bürgerlichen hofft, sieht Patzak allein Abgründe. Dito Anarcho-‹auteur› Franz Novotny, dessen kirr-verwegenes Zentralwerk Exit... nur keine Panik (1982) in derselben Strizzi-Welt spielt wie Cooks unrealisiert gebliebenes Projekt «Brömmer oder Die weite Reise» – wobei Cooks Film sicherlich eher melancholisch geworden wäre als fetzig-verstiegen.
Allem Typischen zum Trotz: So richtig passen wollte und konnte Cook nie. Liest man seine posthum erschienene Autobiographie «The Life» (2006), wird man das Gefühl nicht los, dass er immer auf der Flucht war – vor allen Varianten jener Enge, an denen er in den Institutionen seines Geburtslandes geitten hatte. Geboren 1935 in Toronto, übersiedelte er 1958 nach Paris, wo er in den frühen 60ern ein paar verlorene Amateurfilme, vor allem aber Karriere als Werbe- und Modefotograf machte – eine Tätigkeit, die ihn bis Mitte der 70er gut ernährte. Bei dieser Arbeit lernte er Elfie Semotan kennen, damals ein gefragtes Model, mittlerweile eine international bekannte Fotografin. Ihr zuliebe zog Cook Ende der 60er nach Wien, wo er weiterhin in der Werbung tätig war, jetzt auch als Regisseur von Werbefilmen. Cook widerte die Mode- und Werbewelt, deren talentverheizende Ausbeutermentalität, allerdings immer mehr an – vom Kino erhoffte er sich ein menschenfreundlicheres Schaffen. Das Sujet für seine erste «offizielle» Arbeit, Ich schaff’s einfach nimmer, fand Cook buchstäblich daheim – in Gestalt seiner Hausbesorgerin Gisela, deren Gatten, dem unberühmten Boxer Petrus, sowie deren Kindern. Gisela kennt als Lehrerswitwe bessere soziale Verhältnisse, Petrus, der in einer Fürsorgeanstalt war, schlechtere – als Proletarier haben sie sich in einer Mitte gefunden. Einander wie ihren Kindern versuchen sie jene Liebe zu geben, die sie selbst nicht kannten – jene solidarische Liebe, nach der sich Cook sehnte, von der er aber, scheint’s, oft selbst nicht wusste, wie er sie geben und annehmen sollte.
Schwitzkasten erzählt später eine ähnliche Geschichte von zwei Daseinsangeschlagenen, die sich zusammentun, während Langsamer Sommer und Artischocke (1982), sein fahrlässig unterschätzter letzter Kinofilm, das Zerbrechen zwischenmenschlicher Beziehungen zeigen. In Langsamer Sommer und Schwitzkasten artikulieren sich auch Cooks Selbstzweifel: In beiden sind die Künstler arg dubiose Gestalten. Langsamer Sommer ist dabei ein schillernd spezieller Fall, da die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm hier völlig fliessend sind: John Cook und Michael Pilz und ihre Familien und Freunde spielen sich selbst, wobei der Rand zur Selbstentäusserung des öfteren überschritten wird – das ist schon sehr, sehr hart, wenn Pilz’ Gattin Hilde sich vor der Kamera die Seele auskotzt, das ging dann auch nicht mehr lange gut im Leben; am Ende des Films bekommt Cook denn auch von seinem «Gewissen» Helmut Boselmann die Leviten gelesen: Helmut sagt John auf den Kopf zu, wie sehr ihn die Pseudoprobleme der Künstler anscheissen. In Schwitzkasten dann spielt der renommierte Essayist Franz Schuh einen halbseidenen Modeliteraten (spott)namens Ehrlich so breit-karrikierend, dass unmissverständlich klar wird, was Cook von der sozial engagierten Intellektuellen-Bagage hält. Artischocke scheint Cooks weiteren Weg vorwegzunehmen: Der Film beginnt in Wien und endet in Südfrankreich, wo sich Cook Mitte der 80er, quasi kaltgestellt von gewissen Austro-Institutionsmächtigen jener Tage, für den Rest seines Lebens niederliess. Artischocke erzählt von Liebesunfällen: wie sich Peter in Madeleine verknallt, darüber Liesl verliert und auch mit Simone nur ein bisschen Sex hat. Am Ende bleibt Peter in der Fremde, weil ihn zu Hause auch nichts erwartet, was ihn interessiert – überhaupt hat man das Gefühl, dass alles an ihm abperlt. Sympathisch ist er, dabei opak in seiner Art. Was ihm bleibt, sind seine Bilder: In Wien hat er Fotos gemacht, in Südfrankreich angefangen, sich für’s Filmemachen zu interessieren.
Mit José Manrubia Novillero d’Arles. L’apprentissage d’un matador de toros schliesst sich dann ein Kreis: Cook ist wieder beim Dokumentarischen angelangt, und mit dem Stierkampf bei einer dem Boxen nahen Kunst aus Schweiss und Blut und Schmerz. Im Gegensatz zum etwa gleich alten Peter lernt José etwas für sein Leben – und ist damit vielleicht der einzige Mensch im Schaffen Cooks, der auf seine Weise ankommt. Cook starb unerwartet im Spätsommer 2001.
Olaf Möller