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Ist die Ökonomie eine Wissenschaft?
Wenn man täglich all die neuen Vorschläge zur Bekämpfung der Frankenstärke liest, fällt einem zunehmend schwer zu glauben, dass die Ökonomie eine seriöse Wissenschaft ist. Es sind mittlerweile alle denkbaren Möglichkeiten auf dem Tisch, sie reichen von Nichtstun bis Kapitalkontrollen und Anbindung an den Euro. Wissenschaftliche Eindeutigkeit sieht anders aus.
Wenn man sich hingegen länger mit der währungspolitischen Fachliteratur auseinandergesetzt hat, dominiert eher der Eindruck, dass es eine überraschend grosse Übereinstimmung gibt. Es gibt andere ökonomische Themen, die viel umstrittener sind, zum Beispiel die Bedeutung von staatlichen Investitionen für wirtschaftliches Wachstum. Bei der Währungspolitik hingegen herrscht ein recht grosser Konsens vor. Ich würde ihn folgendermassen zusammenfassen:
1. Bei der Wahl des währungspolitischen Regimes muss ein Land immer grosse Nachteile in Kauf nehmen. Es gibt keine perfekte Lösung, nur die Gewichtung der Vor- und Nachteile ist ausschlaggebend.
2. Die geldpolitische Autonomie ist höher zu gewichten als Wechselkursstabilität. Ein Land fährt besser, wenn es seine Währung schwanken lässt, als wenn es den Wechselkurs fixiert und auf eine eigenständige Geldpolitik verzichtet. (Ausnahme: Länder, die handelsmässig und kulturell sehr eng mit einem Nachbarland verflochten sind, wie zum Beispiel Österreich mit Deutschland.)
3. Der Grund für die Bevorzugung der geldpolitischen Autonomie ist historisch begründet. Seit hundert Jahren sind alle Währungssysteme mit fixen Wechselkursen zusammengebrochen: 1931 der Gold-Devisenstandard, 1971/73 das Bretton-Woods-System und 1992/93 das Europäische Währungssystem (EWS).
4. Der Hauptgrund für das Scheitern dieser Fixwechselkurssysteme ist politisch. In Europa haben die meisten Länder unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg das allgemeine Stimm- und Wahlrecht eingeführt. Dadurch ist die Regierung einem viel stärkeren politischen Druck ausgesetzt, d.h. die Bevölkerung erwartet von ihr, dass sie Wirtschaftskrisen bekämpft und Arbeitsplätze sichert. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte es sich eine Regierung noch erlauben können, wichtige Gruppen von der Politik auszuschliessen und deren Interessen zu ignorieren. Weil diese einseitige Politik nach 1918 nicht mehr möglich ist, kann die Notenbank nicht mehr ausschliesslich die Währung verteidigen, koste es, was es wolle. Beispielsweise Grossbritannien 1992: Die Verteidigung des fixen Wechselkurses Pfund/D-Mark hätte von der Bank of England verlangt, dass sie über eine längere Zeit die hohen Zinsen der Deutschen Bundesbank übernehmen würde. (In Deutschland waren die Zinsen wegen der Erhöhung der Geldmenge aufgrund der Wiedervereinigung erhöht worden.) Eine solche Rosskur liess sich mitten in der Rezession nicht durchhalten. George Soros wusste das und attackierte das Pfund, worauf Grossbritannien das Pfund aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) herausnahm.
5. Ein weiterer Grund für die Aufwertung einer autonomen Geldpolitik ist die Entwicklung der ökonomischen Theorie. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte man kein makroökonomisches Modell und wusste deshalb auch nicht, wie man eine Krise am wirksamsten bekämpfen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine intensive Diskussion, die in den 1930er Jahren zu einer fundamentalen Erneuerung der Ökonomie führte (u. a. wegen Keynes). So entstand die Konjunkturpolitik, bestehend aus der Geld- und Finanzpolitik, die seither in jeder Krise auf die eine oder andere Art zum Einsatz kommt. Nichtstun angesichts einer Rezession ist seit den 1930er Jahren keine Option mehr.
6. Aus der Geschichte von Deviseninterventionen hat man gelernt, dass sie nur dann Aussicht haben, wenn grosse fundamentale Verzerrungen bestehen und die Notenbank zu einem Kurswechsel bereit ist, d. h. auch eine längere Ausdehnung der Geldmenge in Kauf nimmt. Das war zum Beispiel im Herbst 1978 der Fall. Noch grösser sind die Chancen auf Erfolg, wenn andere Notenbanken bei der Intervention helfen. Das heisst, nur wenn die Dinge vollends aus dem Ruder laufen, sollte die Notenbank intervenieren.
7. Freiwillige Massnahmen zur Einschränkung des Devisenhandels sind wirkungslos. Nur wenn ein Land bereit ist, den Kapitalverkehr stark zu kontrollieren – wie zum Beispiel einige europäische Länder in den 1950er Jahren –, ist es möglich Wechselkursstabilität und geldpolitische Autonomie zu kombinieren. Eine starke Einschränkung des Kapitalverkehrs hat aber Nachteile, welche die meisten Länder heute nicht in Kauf nehmen wollen.
Was folgt aus all diesen Punkten? Es überrascht nicht, dass die Anbindung des Frankens an den Euro keinerlei Unterstützung von den Ökonominnen und Ökonomen erhält. Eine autonome Geldpolitik gilt heute als grosser Vorteil. Zweitens sind die Fachleute vorsichtig gegenüber Versuchen, die Schwankungen des Schweizer Frankens zu bekämpfen. Es gilt: Wer eine autonome Geldpolitik verfolgen will, muss mit solchen instabilen Phasen leben. Drittens ist die Intervention der SNB unter den Ökonomen fast unisono auf Skepsis gestossen, weil im Frühling 2010 keine Extremsituation vorlag. Und viertens kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Nationalbank eines Tages noch einmal intervenieren muss. Aber soweit ist es noch nicht.
So disparat ist also die Palette der Meinungen unter Fachleuten gar nicht. Die Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft, aber deswegen ist nicht jede Behauptung gleich gut abgestützt.