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1. Oktober 1989: Wilhelm Powileit feiert seinen neunzigsten Geburtstag. Der Kommunist, der sich vom einfachen Schlosser zum vielfach geehrten Parteiarbeiter emporgearbeitet hat, nimmt den Vaterländischen Verdienstorden gelassen mit «Ich hab genug Blech im Karton» entgegen. Darüber könnte sein Stiefsohn Kurt Umnitzer noch lächeln, hätte er nicht an diesem Tag erfahren, dass sein Sohn Alexander in den Westen abgehauen ist, worauf seine Frau Irina sich eingeschlossen und systematisch betrunken hat. Der Ausziehtisch mit dem Büfett wird den Tag ebenso wenig überleben wie der Jubilar selbst, der den letzten Rest von Gefühlen – oder auch nur von solidarischem Zusammenhalt – zwischen sich und seiner Frau Charlotte zerstörte, indem er plötzlich bellte: «Die wussten schon, warum (...) sie solche Leute weggesperrt haben. Solche wie deine Söhne.»
Für seinen viel gelobten Abgesang auf die DDR hat der 57-jährige Eugen Ruge auf die Geschichte seiner eigenen Familie zurückgegriffen. Ruges Vater Wolfgang war 1933 in die Sowjetunion geflohen, verlor dort Vater und Bruder und wurde als Zwangsarbeiter nach Kasachstan deportiert. So wie Eugen Ruges Vater kehrt Kurt Umnitzer im Roman «In Zeiten des abnehmenden Lichts» 1956 in die DDR zurück und wird staatstreuer Historiker. Er ist nicht fanatisch wie sein Stiefvater Wilhelm, er durchschaut sehr wohl die Lügen des Systems, zieht daraus aber keine Konsequenzen. Vielleicht gerade deswegen legt er sich mit seinem Sohn Alexander an, sobald der es wagt, offen gegen die Ideologie zu opponieren.
Diese Familiensaga ist kunstvoll konstruiert, wirkt dadurch jedoch ziemlich exemplarisch, zumal die Figuren teilweise stark typisiert sind. So erscheint der Untergang rückblickend fast allzu logisch (was wohl die begeisterte Zustimmung des bürgerlichen Feuilletons in Deutschland erklärt). Aber im Kern ist Ruges Roman ein ehrlicher und überzeugender Versuch, den Vater mit all seinen Widersprüchen zu begreifen.