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Von Peter Bernet (2016, überarbeitet 2022)
Eine Jugendstilvilla mit besonderen Bewohnern
Die Villa Flora in Grindelwald
Oberhalb dem Bahnhof Grindelwald ist ein ungewöhnlich fremd wirkendes Gebäude entstanden. Es wurde im Laufe der Zeit die Wohnstätte interessanter Bewohnerinnen und Bewohner.
Johann Bernet-Jossi publizierte im Lokalblatt «Echo von Grindelwald» vom 2. Mai 1908 ein Baugesuch, um ein «Haus aus Stein» zu bauen. Es entstand im Schybersboden eine städtisch anmutende Villa im Jugendstil, ein für Grindelwald ungewohnt wirkendes Gebäude, heute aber denkmalpflegerisch geschützt. Johann Bernet-Jossi war ein umtriebiger Mann. Er bezeichnete sich als «Negotiant» und war ursprünglich Zimmermeister. An der Dorfstrasse liess er ein Geschäftshaus errichten, das heutige Grand Bazar Brunner. Besonders aktiv war er 1897: Er baute das Hotel Alpina und kaufte ein Landstück im Schybersboden für den Bau der Villa Flora. Seine Gattin, eine geborene Jossi, fühlte sich aber im eleganten Jugendstilgebäude gar nicht wohl. Es sei ihr in diesem Steinhaus zu vornehm, habe sie gesagt. Sie liess ihren Mann hinter der «Flora» ein weiteres Haus bauen, auch mit farbig verzierten Fenstern und im Stil der Zeit, aber aus Holz: das Chalet Erika. Sie liess sich dort nieder.
Johann Bernet-Jossi aus der «Flora» war ein bekannter Meisterschütze, dazu ein leidenschaftlicher Jäger. Es hiess von ihm, dass er am Mettenberg nacheinander und gleichenorts drei Gämsen geschossen habe. Das steht so in der Lokalzeitung «Echo» vom 21. September 1904. Johann Bernet-Jossi war auch Bergführer. Im Sommer sei er jeweils vor dem Bazar am Lattenzaun gestanden, gegenüber dem Grandhotel Bär, «zum Lotzen», zum Anlocken von Gästen auf eine Bergtour. Dort habe er auf Kundschaft – oder auf das nächste Schützenfest gewartet. Das Geld habe seine Frau verdient, hiess es.
«Poschtruedi», der Bankier
Johann Bernet-Jossi verkaufte 1912 seine Villa und neuer Besitzer wurde Rudolf Bohren. Die Leute nannten ihn «Poschtruedi», weil er seit 1887 Tag für Tag «gan Gydisdorf» zog und auf der dortigen Post als Posthalter amtete, auch sonntags. Dort hatte einst schon seine Mutter die Post und gleichzeitig auch die «Salzbitti» geführt, das Salzdepot des Tales. Poschtruedi erlebte dann den erfreulichen Umzug in ein neues, grosses Postgebäude am Bahnhof, aber darauf eine weniger erfreuliche Auseinandersetzung mit der Generaldirektion, sodass er als Posthalter demissionierte. Er arbeitete nun wieder in der alten Post zu Gydisdorf, jetzt in einer Wechselstube, und nannte sich «Banquier».
Poschtruedi aus der «Flora» war schon als 25-Jähriger in den Gemeinderat Grindelwald gewählt worden. Dem in Grindelwald tonangebenden Dorfpfarrer Gottfried Strasser aber war das jugendliche Alter Ruedi Bohrens nicht genehm. Er forderte ihn auf, zu ihm ins Pfarrhaus zu kommen, er wolle ihm noch Nachhilfestunden in Staatskunde erteilen. Ruedi lehnte jedoch dankend ab und wurde bald darauf Gemeindepräsident von Grindelwald. Rudolf Bohren half 1930 die Bauernpartei Grindelwald gründen. Daraus entstand später die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB, die heutige SVP. Bohren war sichtbar konservativ eingestellt. Es machte ihm nichts aus, als Postverwalter wie ein stolzer Bauerngrossrat in «älbem Halblein» von der «Flora» zur Arbeit am Schalter zu trotten. Es sei Tuch von seinen eigenen Schafen, habe er stolz verkündet. Sogar die Knöpfe habe er selber gemacht – wie damals üblich, aus Kuhhorn.
«Poschtruedi», der Professor
1920 kam in der Villa Flora Rudolf Bohren junior zur Welt, der spätere Theologe. Er wuchs dort auf und ahnte in der Sekundarschule im Schulhaus neben der Dorfkirche wohl kaum, dass er einmal Pfarrer, angesehener Theologieprofessor und preisgekrönter Schriftsteller sein würde. Vater Bohren schickte ihn ins Gymnasium in Bern. Bohren wurde Pfarrer im Aargau und später Professor der Theologie an deutschen Universitäten. Aber wenn er in Grindelwald in der «Flora» auftauchte, war der Herr Professor einfach «Poschtruedi», wie einst sein Vater.
Professor Bohren erzählte jeweils, wie er in der Villa Flora erstmals in seinem Leben Badewannen kennen gelernt hatte und, wie man heute sagt, «verdichtetes Wohnen»: «Auch gab es in unserem Haus Flora sogar zwei Badewannen: eine in der Waschküche, da konnte ich an Waschtagen baden, und im zweiten Stock fand sich rechter Hand eine Tür mit einem Emailschild ‹Bad›. Das ‹Bad› wurde je nach Bedarf auch als Küche oder Schlafkammer vermietet.»
Von Mutter Bohren-Jossi hiess es, sie sei eine «adrette und akkurate Frau» gewesen. In der Pension Villa Flora liess sie die Zimmer von eins bis acht nummerieren. Mehr Gästezimmer gab es nicht. Das beliebteste Zimmer war die Nr. 3 mit einem langen Balkon auf der Westseite gegen die Abendsonne am Männlichengrat und Burgeners schönem Heimwesen. Professor Bohren erzählte immer wieder von seiner Jugend im Schybersboden, so im Buch «Schnörkelschrift» von 1998.
Ein Kellner, fünf Kinder und ein Hotel
Vater Bohren, alt Posthalter, starb 1954. Er war 92-jährig geworden. Margaritha Balmer-Jossi, Hotelière vom «Central Wolter», kaufte 1956 von Witwe Bohren die Villa samt Mobiliar. Über Frau Balmer-Jossi liest man kurz und bündig, sie habe einen Kellner geheiratet, fünf Kinder geboren, ein Hotel geführt. Nun lebe sie in ihrer Villa und vermiete auch nach dem Tod ihres Mannes immer noch Zimmer. Frau Balmer hatte einst mit ihrem Mann das Hotel Oberland in Pacht übernommen und später das Hotel Central Wolter gekauft. Nach ihrem Tod 1999 traten die Nachkommen als Erbengemeinschaft auf. Peter Balmer, seit 1972 Hotelier im Wolter, lebte allerdings nicht mehr. Er kam bei einem Flugzeugabsturz in Schottland 1983 ums Leben. Heinz Balmer und Kaspar Balmer hatten beide promoviert und als Dr. phil. und Dr. med. die Doktorwürde erlangt. Margrith Oertel-Balmer heiratete einen Garagisten und Andreas Balmer wurde als Dres Balmer ein vieldiskutierter Buchautor. Mit ihm ging, nach Literaturpreisträger Rudolf Bohren, nun erneut ein Schriftsteller in der Villa Flora ein und aus.
Renoviert im alten Stil
Nach über 50 Jahren im Besitz der Familie Balmer ging die Villa Flora im Jahr 2013 in neuseeländische Hände über. Das Haus blieb im alten Stil bestehen. Dres Studer und Daniel Mathys vom Grindelwalder Büro Archidee GmbH renovierten das Jugendstilgebäude im Jahr 2015. So blieb Grindelwald ein besonderes Architekturdenkmal erhalten.
Quellen
«Echo von Grindelwald», Sammlung Thomas Stettler, Parkhotel Schoenegg
«Grindelwald», Emanuel Friedli, 1908
«Im Tal von Grindelwald», Bücherreihe, Rudolf Rubi, ab 1986
«Schnörkelschrift», Rudolf Bohren, 1998
Grundbuch Grindelwald, Bezirksarchiv Interlaken
Mündliche Überlieferungen: Margrith Oertel-Balmer, Dr. phil. Heinz Balmer und Dres Studer
Fotos:
Fotosammlungen Hermann Jaggi und Samuel Michel, Grindelwald, Daniel Bernet, Bern
Hinter der Baugrube für das Hotel Central Wolter die noch unbebauten Grundstücke im Schybersboden und an Spätenmatten. Dort kaufte Zimmermeister Johann Bernet-Jossi Grund und Boden für den Bau einer Pension.
Johann Bernet-Jossi baute 1908 im Schybersboden die Villa Flora. Zimmermeister Hans Bernet, hier 53-jährig, war ein leidenschaftlicher Gemsjäger und weit herum bekannter Schütze. Zeichnung 1906 von Rudolf Münger.
Der junge «Poschtruedi» Rudolf Bohren, im Tuch von eigenen Schafen, wie er stolz verkündete. Schon mit 25 Jahren kam er in den Gemeinderat Grindelwald und wurde bald Gemeindepräsident. Er kaufte 1912 die Villa Flora von der Familie Bernet-Jossi.
Die Alte Post zu Gydisdorf. Zuerst befand sich dort die «Salzbitti», das Salzdepot des Grindelwaldtales. Dann kam Grindelwalds Post unter Posthalter Ruedi Bohren dazu. Später eröffnete Bohren eine Wechselstube und nannte sich Bankier.
Rudolf Bohren, der Professor, Sohn von «Poschtruedi», Pfarrer im Aargau, angesehener Theologe in Deutschland und Schriftsteller. Er wuchs in der Villa Flora auf. Seine Mutter führte dort eine kleine Pension.
Die Skischule neben dem Haus. Bei der Villa Flora wurde im Schybersboden und auf der Spätenmatte schon früh Skiunterricht erteilt. Hier jetzt mit zwei Stöcken, das ist neu.
Die Villa Flora, rechts unten im Bild, befindet sich schön gelegen oberhalb des Bahnhofs. Ein für Grindelwald eher unübliches Gebäude. Eine Jugendstilvilla.
Die Pension Villa Flora, eine Gaststätte mit acht Gästezimmern – und zwei Badewannen. Das eine Bad wurde auch als Küche oder Schlafkammer vermietet, je nach Bedarf.
Frau Margrith Balmer-Jossi vom Central Wolter kaufte 1956 die Pension von Familie Bohren.
Nach über 50 Jahren im Besitz der Familie Balmer ging das Haus 2013 in neuseeländische Hände über. Die Villa wurde darauf durch die einheimische Archidee GmbH unter Dres Studer und Daniel Mathys renoviert.
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