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Woran genau leidet der junge Werther? Klar: Am Ende erschiesst er sich aus Liebeskummer, weil er Lotte nicht haben kann. Aber in seinen monologischen Briefen, die er an einen (imaginären?) Freund schreibt, klagt er schon über sein krankes Herzchen, bevor er Lotte zum ersten Mal sieht. Sein Leiden ist oft als Melancholie oder als typische Pose der Empfindsamkeit interpretiert worden. Man könnte aber auch sagen, dass Goethe anhand des Falls schon 1774 alle psychischen Störungen beschrieben hat, die im Lauf der letzten 120 Jahre von der modernen Psychologie katalogisiert wurden: Werthers Überreaktion bei Kränkungen (nachdem er aufgrund seines nicht adeligen Stands von einer Gesellschaft ausgeschlossen wird, will er sich vor Scham und Ärger umbringen) lässt auf Narzissmus schliessen, seine Stimmungsschwankungen auf eine bipolare affektive Störung. Die obsessive Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen (das einzige Thema seiner Briefe) deutet auf eine ausgeprägte Neurose hin, und hinter seiner übertriebenen Sorge darüber, was die anderen über ihn denken, könnte eine Paranoia stecken. Sein Wunsch nach Einsamkeit verrät die soziale Phobie, und auf jeden Fall trägt er psychotische Züge: Durch seine Briefe steigert er sich in Wahnvorstellungen, die dann eben zu jenem berühmten drastischen Ende führen. Man könnte auch ADHS, Boreout und Borderline diagnostizieren, wenn man seine Briefe mit dem nötigen KennerInnenblick studierte.
Aber vielleicht stellt Werther mit all seinen Abweichungen und seelischen Qualen auch nur den Prototyp des modernen Menschen dar, vielleicht leidet er einfach an jener «sozialen Ortlosigkeit», die Niklas Luhmann als wesentliches Merkmal des modernen Subjekts ausgemacht hat. Wer ist man denn, wenn Name, Titel, Beruf und die Zugehörigkeit zu einem Stand keine Identität mehr garantieren? Werther kommt damit offenbar nicht zurecht, und sein berühmter erster Satz verrät auch schon, wie er sein Problem zu lösen gedenkt: «Wie froh bin ich, dass ich weg bin!»
Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Reclam. Stuttgart 1999. 312 Seiten. Fr. 11.90. (Paralleldruck der beiden Fassungen)