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Bruder Klaus – der Patriot: Wollte er die Schweiz abschotten?
Herr Lang, «Machet den Zaun nicht zu weit!» Was hat Bruder Klaus mit dem Satz gemeint?
Der Satz ist nicht als Zitat von Bruder Klaus überliefert. Es ist also höchst ungewiss, ob er das gesagt hat.
Aber der Satz wird ihm zugeschrieben.
Den Satz brachte der Gerichtsschreiber Hans Salat 1537, fünfzig Jahre nach dem Tod von Bruder Klaus, ins Spiel. Der Luzerner Katholik führte Bruder Klaus damit als Gegner der Reformation ins Feld.
Warum?
Aufgrund der politischen Situation. Das reformierte Genf war von katholischen Gebieten umgeben. Die Genfer baten das reformierte Bern um Schutz und Bern besetzte daraufhin die Waadt. Dahinter standen nicht nur idealistische konfessionelle Gründe, sondern klassische imperiale Machtansprüche. Salat war gegen die Eroberung der Waadt, weil das die Reformation in Genf schützte und in der Eidgenossenschaft stärkte. Vor diesem Hintergrund ist das Zitat eine reine Erfindung. Man kann Bruder Klaus nicht auf den Streit von Reformation und Gegenreformation berufen.
So hat der Satz vom Zaun auch nichts mit dem Stanser Verkommnis zu tun, bei dem Bruder Klaus 1481 vermittelt hat?
Auch dieser Zusammenhang ist erfunden. In der Geschichte um das Stanser Verkommnis überzeugte Bruder Klaus die Urschweizer Länderorte, die Städte Fribourg und Solothurn als Teil der Eidgenossenschaft zu akzeptieren. Man kann Bruder Klaus also auch nicht als Zeugen gegen die Ausdehnung der Eidgenossenschaft nehmen, entgegen der heutigen nationalistischen Deutungen.
Der Satz hat keinen wahren Kern?
Lässt man sich auf die Hypothese ein, dass das Zitat wirklich von Bruder Klaus stammt, dann drängt sich die Interpretation von Roland Gröbli auf. Er sieht den Satz im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft. Dies führte dazu, dass das soziale Gefälle unter den Bauern zunahm. Die Wohlhabenden kauften Land aus der Allmend auf. Die reich gewordenen Bauern sollen ihre Zäune nicht zu weit in die Allmenden hinein versetzen.
Es gibt von Bruder Klaus ein Zitat, das Sie den «sozialen Zaun» nennen.
Ja, dieser Zaun kommt in der «Brunnenvision» von Bruder Klaus vor und stammt wirklich von ihm. In diesem Traum geht es um arme, hart arbeitende Leute, die ein Zaun daran hindert, aus einem klaren Brunnen Wasser zu schöpfen. Auf die andere Seite des Zauns kommen sie nur, wenn sie dafür «einen Pfennig» bezahlen. Aber das gelingt nur den wenigsten.
Und was bedeutet das?
Bruder Klaus machte sich Sorgen über die Reisläuferei wie über die aufkommende Geldwirtschaft. Beide vergrösserten die sozialen Unterschiede. Die Brunnenvision handelt nicht nur von der Schwierigkeit, die Gnade zu erlangen. Sie handelt auch von der Ungerechtigkeit, dass die grosse Mehrheit von ein paar wenigen abgezockt wird.
Karin Müller, Kirchenbote, 28.3.2017
Josef Lang wird an der Gedenkfeier «500 Jahre Reformation – 600 Jahre Niklaus von Flüe» einen Vortrag über Bruder Klaus und die Reformation halten, Samstag, 1. April, 10.30 Uhr, reformierte Kirche Zug.