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Als John Glidden 2014 beim «Vallejo Times-Herald» als «Blaulicht-Reporter» anfing, arbeiteten bei der kalifornischen Lokalzeitung rund ein Dutzend Journalistinnen und Journalisten. Nur einen Monat später berichtete er auch über Schulen und Bildung, dazu kamen lokale Politik, Gerichtsurteile, die Lokalregierung, Krankenhäuser und lokale Unternehmen. Am Ende schrieb er über alles, verpasste die Hälfte und hatte Zeit für nichts.
Der Fonds, für den Medien nur ein «Asset» sind
Kolleginnen und Kollegen hatte Glidden da fast keine mehr. Die Redaktion war in einen von der Handelskammer gemieteten Raum umgezogen, das Layout machten Freelancer auf den Philippinen. Weil die neue Druckerei so weit vom Ort entfernt liegt, kommt die Zeitung manchmal 24 Stunden zu spät beim Leser an. Immerhin gibt es den «Vallejo Times-Herald» noch.
Zahlreiche Lokalzeitungen in den USA sind diesen Weg bereits gegangen. Vor ein paar Jahren gab es noch 1000 Journalisten, die für 16 Zeitungen über die Bay Area Kaliforniens berichteten, bis 2018 waren es noch 150.
Das ist zwar auch eine Folge der Digitalisierung, aber vor allem ein Resultat der Besitzverhältnisse. Der «Vallejo Times-Herald» gehört Digital First Media, die wiederum einem US-Hedgefonds gehört, der überall in den USA Zeitungen aufkauft. «Alden Global Capital» ist bekannt dafür, Lokalzeitungen auszuquetschen bis zum letzten Dollar und die Überbleibsel dann zu verkaufen.
Mit der «Chicago Tribune» begann es langsam aufzufallen
Der US-Öffentlichkeit fiel «Alden» zum ersten Mal auf, als der Hedgefonds sich 2020 anschickte, den Verlag «Tribune Publishing» zu übernehmen. «Tribune Publishing» gibt einige der wichtigsten US-Zeitungen heraus, darunter die «Chicago Tribune», die «Baltimore Sun» oder auch die «New York Daily News».
Nicht, dass die «Chicago Tribune» bis dahin von überaus grosszügigen, klugen, weitsichtigen Managern geleitet worden wäre. Aber «Alden» bedeutete blanken Horror. Und es gab eine Gnadenfrist: Bis 2021 sollte sich der Fonds aufgrund einer geschäftlichen Abmachung zurückhalten.
Eine Offensive von Journalisten und Gewerkschaften mit dem bezeichnenden Namen «Project Mayhem» (Projekt Unheil) schlug trotzdem fehl, sie fanden keinen anderen Investor. Im Mai 2021 wurde die Übernahme bekanntgegeben.
Das Script ist immer das gleiche
Was dann kam, hatten die Angestellten erwartet. Zwei Tage später schon kündigte «Alden» die ersten Stellenstreichungen an. Sie betrafen ein Viertel des Newsrooms. Das Arbeitspensum vervielfachte sich. Der Chefredaktor kündigte unter mysteriösen Umständen. Die Abonnementpreise stiegen, die Inhalte wurden immer lückenhafter. Die Redaktion war schon 2018 aus einem preisgekrönten Gebäude auf die andere Seite des Flusses gezogen – das heisst etwas in Chicago. Leser und Leserinnen fragen sich zunehmend, ob es sich lohnt, «diese» Zeitung noch zu retten.
So ähnlich war es auch anderen Zeitungen ergangen. Massive Sparrunden, Stellenstreichungen, der Verkauf von Gebäuden und Grundstücken, Erhöhung der Preise, Entlassung der Reporter, Überlastung der Übriggebliebenen.
Heuschrecken tun, was Heuschrecken eben tun
Manche Angestellte von «Alden» gekaufter Zeitungen berichten laut «Vanity Fair» von kaum noch vorhandenem Büromaterial, schmuddeligen Räumlichkeiten, Ratten, herabfallenden Decken und dem Abstellen von Warmwasser und Heizung.
Der Journalist McKay Coppins beschreibt «Alden Global Capital» im «Atlantic» als «Vulture Hedge Fund». «Vulture» ist das englische Wort für Geier. Gegründet wurde der Fonds 2007 von dem Investmentbanker Randal Duncan Smith, kurz «Randy», ein laut Coppins selbst in den 1990er Jahren als extremkapitalistisch wahrgenommener Charakter, der in den 1980er-Jahren durch den Kauf kränkelnder Unternehmen reich geworden war.
Später kam sein Protegé Heath Freeman dazu, der einige wenig schmeichelhafte Spitznamen hat, «Vampir» und «Sensenmann» zum Beispiel. In einem von Smiths vorherigen Unternehmen soll nach Berichten von Angestellten sogar eine Zeitlang ein Bild eines Geiers in der Lobby gehangen haben. Auch dieses Unternehmen machte Geschäfte durch den Erwerb von «Unternehmen in Schwierigkeiten».
Die verschwiegenen Eigentümer von «Alden»
Ihr Ruf scheint die Eigentümer nicht weiter zu stören. Beide achten sehr auf ihre Privatsphäre. Es gibt kaum ein Foto von «Randy», denn Smith lässt sich seit den 1990er-Jahren nicht mehr fotografieren. Medienanfragen werden so gut wie nie beantwortet, Smith tritt nicht öffentlich auf. In den meisten Zeitungen, die ihnen gehören, würden die Eigentümer nicht einmal erkannt. Bemerkenswert ist die Firmen-Website von «Alden Global Capital»: Sie zeigt das Bild eines Waldes und geschrieben steht nur ein einziger Satz: «Alden Global Capital is an investment manager based in New York City, NY.»
«Er [Smith] ist der Typ, der alle paar Jahre sein Vermögen neu verteilt, damit er nicht auf der Liste der reichsten Leute der Welt endet», sagte ein Bekannter von Smith einer Zeitung. Smith hat grosse Summen für den Wahlkampf von Donald Trump gespendet, so viel ist bekannt. Sein Bruder betreibt ein kleines Alternativmedium in New York, in dem er gegen etablierte Journalisten hetzt.
Um seine Investoren macht «Alden Global Capital» ein grosses Geheimnis, als privates Unternehmen muss der Fonds sie auch nicht offenlegen. Aus dem, was durchgesickert oder aus öffentlich zugänglichen Quellen sichtbar ist, lassen sich einige bestimmen.
Investiert haben die üblichen Verdächtigen
Demnach haben das «California Public Employees Retirement System», einige europäische Banken sowie die Pensionsfonds der «Citigroup» und der Coca Cola Company und einige Wohltätigkeitsorganisationen in «Alden» investiert, fasst die Journalistin Julie Reynolds zusammen. Schockiert sei sie gewesen, als sie entdeckte, dass die Knight Foundation, die bekannt dafür ist, Journalismus zu fördern, mehrmals in «Alden» investierte.
Nach Unterlagen, die US-Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichen müssen, den sogenannten «SEC Filings», habe «Alden Global Capital» weniger als zehn Investoren, die meisten «aus Übersee». Als Investoren bekannt sind laut Reynolds die «Randall and Barbara Smith Foundation» und die «Duke University» in North Carolina, Freemans Alma Mater.
Der letzte Reporter
«Alden Global Capital» rechtfertigt sich oft damit, dass die aufgekauften Medien ohnehin kurz vor dem Konkurs gestanden hätten. Die Eigentümer seien in der Regel dankbar gewesen, dass sich überhaupt noch ein Käufer gefunden habe.
Einige der meist in Familieneigentum befindlichen Lokalzeitungen waren das sicher. Meist hatten die Eigentümer es zu lange verschlafen, auf die Dreifachbedrohung Finanzkrise, Soziale Netzwerke und Digitalisierung zu reagieren. Stattdessen hätten sie versucht, die Gewinne hoch und die Kosten niedrig zu halten, resümiert Coppins.
Für einige andere Publikationen träfe das aber nicht zu. Zum Beispiel für die «Chicago Tribune» oder den kalifornischen «Vallejo Times-Herald», die vor der Übernahme profitabel arbeiteten. Freemann, der das Personal erworbener Medien im Schnitt um ein Drittel kürzt, verweise auf die grossen Tech-Konzerne wie Google, Apple und Facebook, die Inhalte nicht bezahlten.
John Glidden, der quasi letzte Reporter des «Vallejo Times-Herald», deckte am Ende quasi alle «harten» News ab. Er wurde schliesslich gefeuert, weil er einer Kollegin der «Washington Post» gegenüber in einem Interview «Alden» kritisiert hatte. Inzwischen betreibt er mit zwei Mitstreitern zusammen ein Online-Medium, die «Vallejo Sun».
Die Konkurrenz ist nur marginal besser
Nicht, dass die Konkurrenz viel besser wäre. Die Hälfte aller US-Zeitungen gehört laut «npr» mittlerweile Unternehmen aus der Finanzbranche. Andere Investoren wie der Medienkonzern Gannett, dem viele Zeitungen und Fernsehsender gehören, sind kaum weniger berüchtigt als «Alden Global Capital». Zumindest bemühten sie sich aber, noch rentable Medien zu retten, und brächten wenigstens marginalen Sachverstand mit, sagen Kenner des Marktes. Der Medienanalyst Ken Doctor hält weitere Fusionen grosser Medieneigentümer für wahrscheinlich.
Vor allem, warnt nicht nur Doctor, sei das Zeitungssterben eine Gefahr für die Demokratie. Eine Zeitung sei eben nicht nur ein «Asset». In Gegenden, in denen Lokalzeitungen verschwinden, sinkt die Wahlbeteiligung, die Polarisierung nimmt zu, das gesellschaftliche Engagement schwindet. Fehlinformationen und Verschwörungstheorien lassen sich leichter verbreiten. Es gibt Hinweise darauf, dass die Kriminalität wächst und die Kosten für die Kommunen steigen. (Infosperber: «Weniger Lokalmedien, mehr Kriminalität»)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.