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Wilhelm Wartmann leitete das Kunsthaus Zürich von 1909 bis 1949 und führte es vom Provinzmuseum in die Moderne. Mit dem Buch «Der innere Klang der Kunst» legt Iris Bruderer-Oswald seine erste Biografie vor.
Wilhelm Wartmann gehörte zu den bedeutendsten Museumsdirektoren der Schweiz und legte das Fundament für die heutige Bedeutung des Kunsthauses Zürich. Und doch geriet sein Name weitgehend in Vergessenheit. Höchste Zeit, dass sein Wirken durch die promovierte Kunsthistorikerin Iris Bruderer-Oswald wieder gewürdigt wird.
Während seiner 40-jährigen Amtszeit bewahrte Wartmann gewissenhaft jedes Schriftstück auf, nichts wurde weggeschmissen. Dieser reiche Fundus im Keller des Kunsthauses ermöglichte der Autorin, die Biografie zeitnah und lebendig zu gestalten. Was sie in den unzähligen Ordnern mit eingehender und ausgehender Korrespondenz, Sitzungsprotokollen, Künstlerbriefen oder handschriftlichen Notizen nicht finden konnte, war der familiäre Nachlass. Diesen entdeckte sie in Paris, wo noch eine Tochter Wartmanns lebte.
Wilhelm Wartmann (1882-1970) wuchs in St. Gallen auf und sollte wie der Vater Historiker werden. Statt in Deutschland zu studieren, zog es ihn nach Paris, wo er 1904 im Salon erstmals der Kunstwelt begegnete. Die Professoren förderten den aufgeweckten und überaus fleissigen Studenten und ermöglichten ihm den Zugang zu Kunsthändlern und Künstlern. Im Louvre stiess er bei einem Praktikum auf Schweizer Glasscheiben, über die er seine Doktorarbeit schrieb. Am 23. Mai 1908 legte er an der Sorbonne das Doktorat ab und kehrte in die Schweiz zurück.
Wartmann kehrte im richtigen Moment zurück. Die Zürcher Kunstgesellschaft mit 840 Mitgliedern schloss gerade ihre erste Impressionisten Ausstellung mit einem grossen Defizit und suchte einen neuen Sekretär. Überdies brauchte es eine Fachperson für das noch im Bau befindliche Kunsthaus. Der frisch gebackene 27-jährige Kunsthistoriker meldete sich und erhielt 1909 die Stelle als Sekretär und Konservator. Dabei oblag ihm auch das Protokollschreiben für die unzähligen Sitzungen der Kunstgesellschaft.
Das neue Kunsthaus Zürich, Architekt Karl Moser, 1910. Foto: Johannes Meiner, BAZ
Am 17. April 1910 wurde das neu erbaute Kunsthaus feierlich eröffnet. Die zwei Gebäudeflügel waren vorgesehen für die Sammlung sowie die wechselnden Ausstellungen. In der Bibliothek richtete Wartmann ein kleines Kupferstichkabinett ein, wo er zur Eröffnung graphische Arbeiten von Johann Heinrich Füssli zeigte.
Als Brücke zwischen Kunsthaus, Künstlern, Sammlern und Publikum plante der schreibfreudige Sekretär eine hauseigene Zeitschrift, die Ende Januar 1911 erstmals monatlich erschien; es folgten Aufsätze zur Kunst im Jahresbericht der Zürcher Kunstgesellschaft. Während seiner langjährigen Tätigkeit als Sekretär und Konservator – erst ab 1925 durfte er sich Direktor nennen – schrieb er für die Neue Zürcher Zeitung regelmässig Berichte und Essays zu kunstwissenschaftlichen Themen.
Edvard Munch, Bildnis Dr. Wilhelm Wartmann, 1923, Kunsthaus Zürich. Bild: Wikimedia Commons
Von Anbeginn hatte Wilhelm Wartmann Visionen und konkrete Pläne für das neue Kunsthaus. Er reiste viel – ab 1926 mit seinem eigenen Mercedes-Benz – und besuchte Museen und Ausstellungen in Frankreich, Deutschland, Österreich, pflegte internationale Kontakte zur Fachwelt und zu Künstlern. Er war ein umgänglicher Mensch, der aus seinem Netzwerk bei Bedarf auch Fachleute heranziehen konnte, die ihn berieten und unterstützten.
Im Kunsthaus organisierte er Ausstellungen mit Avantgarde-Künstlern der Zeit. Er förderte Ferdinand Hodler, entdeckte Edvard Munch, dessen Bilder ihn besonders faszinierten. Allerdings brauchte er viel Ausdauer, sogar eine Reise in den hohen Norden, bis er den norwegischen Künstler für eine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus gewinnen konnte. Die beiden verstanden sich dann aber so gut, dass sie lebenslänglich Freunde blieben, und das Kunsthaus eine grosse Munch-Sammlung aufweist.
Anders als heute waren die Ausstellungen im Kunsthaus auch Verkaufsausstellungen, damit wurde der Betrieb finanziert. Doch um die Sammlung zu vergrössern, reichte es oft nicht. Die Vereinigung Zürcher Kunstfreunde wurde 1915 gegründet, um Mäzene und grosszügige Kunstfreunde zu finden, die ihre privaten Sammlungen dem Kunsthaus als Leihgaben anvertrauten. Der Seidenfabrikant und Kunstsammler Alfred Rütschi (1868-1929) wurde ihr Organisator. Er teilt die Begeisterung für Munchs Malerei und beauftragte den Künstler 1922, ein lebensgrosses Bildnis von Wartmann zu malen. Munch zeichnete und malte den Kunsthausdirektor in verschiedenen Versionen. Doch Wartmann wollte, dass sein Porträt erst nach seinem Ausscheiden im Kunsthaus gezeigt wird.
Die Biografie über Wartmann gleicht einer Reise durch die Entwicklung der modernen Kunst. Er brachte dem Publikum die Gegenwartskunst nahe, auch wenn sie häufig nicht verstanden und vehement kritisiert wurde. Mit seinem Mut für die Moderne stellte er abstrakte Kunst aus, Bilder der Kubisten Léger und Juan Gris, Skulpturen von Alberto Giacometti. 1932 organisierte er eine Ausstellung mit Werken von Picasso, vom Künstler persönlich kuratiert.
Picasso Ausstellung, 1932. Wilhelm Wartmann und sein engster Mitarbeiter Sigismund Righini (1870-1937), Künstler und Ausstellungsgestalter. Bild: aus dem Buch.
Während der beiden Weltkriege konzentrierte sich die Ausstellungstätigkeit im Kunsthaus notgedrungen auf Schweizer Kunst. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus brachten Künstler ihre Werke zur Aufbewahrung nach Zürich, wo sie auch ausgestellt wurden; oft unter heftigem Protest nazifreundlicher Kreise. Die erste Nachkriegsausstellung wurde im September 1946 eröffnet mit 152 Werken von Georges Braque, Wassily Kandinsky und Pablo Picasso. 1947 zeigte Wartmann die zehnte Kokoschka-Ausstellung, Kokoschka gehörte zu seinen frühesten Künstlerfreunden.
Wartmann lebte nur für das Kunsthaus, stets wohnte er ganz in der Nähe. Da in seiner Familie viel musiziert wurde, kaufte er sich einen Flügel, auch wenn die Wohnung eng war. Mit 46 Jahren heiratete er die 28-jährige Anna Hedwig Ruch, zwei Töchter kamen zur Welt. Seine Frau nahm regen Anteil an seinem beruflichen Wirken und beriet ihn bei seinen Schriften. 1949 ging der 67-Jährige Wilhelm Wartmann in Pension. Zum Abschied wünscht er sich ein Büro im Kunsthaus, wo er weiterhin seine kunsthistorischen Beiträge schreiben konnte.
Titelbild: Edvard Munch, Dr. Wilhelm Wartmann (Ausschnitt), 1923, Geschenk von Alfred Rütschi, 1929. Bild: Wikimedia Commons
Iris Bruderer-Oswald, Der innere Klang der Kunst. Wilhelm Wartmann und das Kunsthaus Zürich, NZZ Libro, Basel, 2023. ISBN 978-3-907291-7