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Interview
«Gott hat für jeden einen Plan»
Kultsänger Tom Jones erklärt, warum Ordnung im Leben wichtig ist. Und er spricht über seine verstorbene Frau Melinda und Donald Trump.
Tom Jones, Ihr aktuelles Album trägt den Titel «Surrounded By Time». Wie wichtig ist Ihnen Zeit?
Ich bin jemand, der immer auf die Uhr schaut. Es ist wichtig, eine gewisse Ordnung im Leben zu bewahren. Deshalb versuche ich, regelmässig zu essen, zu trainieren und zu schlafen. Wobei ich am liebsten zwischen vier Uhr morgens und zwölf Uhr mittags schlafe.
Durch existenzielle Erfahrungen wie den Tod Ihrer Ehefrau Melinda oder Corona erscheint Ihnen die Lebenszeit sicher auch viel kostbarer.
Ja, mit 80 betrachtest du nichts mehr als selbstverständlich und fragst: «Wie viel Zeit bleibt mir noch?» Ich betrachte die Zeit deswegen aber nicht als meinen Feind. Ich mache mir nur mehr Gedanken über sie, weil ich so lange wie irgend möglich singen möchte und mich danach sehne, wieder vor Livepublikum auftreten zu können.
«Willst du wirklich singen, du wärst eine Sexbombe? Du, in deinem Alter?»
Das erste und das letzte Lied des Albums haben eine starke Gospelfärbung. Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Gott für jeden einen Plan hat. Wenn du dir dessen zu einem frühen Zeitpunkt deines Lebens bewusst wirst, hilft es dir, deinen Weg zu finden. Mir wurde, Gott sei Dank, eine Stimme gegeben und die Fähigkeit und das Verlangen, meinem Talent zu folgen. Also muss es sein Plan gewesen sein, dass ich singe und den Menschen Freude bringe. Aber ich weiss offen gesagt nicht, was er sonst noch mit mir vorhat. (Schmunzelt.)
Wie schwierig war es für Sie und Melinda, als Sie mit 16 Eltern wurden?
Wenn ich Bilder meiner Frau anschaue, denke ich, dass wir füreinander bestimmt waren. Wir wuchsen im gleichen Quartier in einem Städtchen ausserhalb von Cardiff auf. Arbeiterklasse, aber mit viel Liebe und Nähe, jeder kannte jeden. Während die Religion die Menschen in anderen Ländern trennt, hat es bei uns niemanden gestört, dass Melindas Mutter Katholikin und ihr Vater Protestant war. Wenn es Raufereien gab, hatten sie nichts mit der Religion zu tun!
Trotzdem war es sicher nicht einfach, so jung die Verantwortung für ein Kind zu tragen.
Dafür habe ich mit noch grösserer Entschlossenheit dafür gekämpft, dass ich das Singen zum Beruf machen und Geld für die Familie verdienen konnte. Als es gelang, war das der Jackpot.
Ihre Frau war Ihr grosser Rückhalt!
Sie war so verständnisvoll! Ich hatte mit ihr die Vereinbarung: «Du wirst immer meine Nummer eins sein. Willst du mit mir auf Tournee gehen? Dann tue es!» Tatsächlich ist sie mit mir durch die ganze Welt gereist. Sie sagte: «Wenn ich bei dir bin, bist du bei mir. Was du sonst tust, davon will ich gar nichts wissen. Ich weiss, welche Gefühle die Frauen für dich haben, denn ich habe sie ja selbst.» Sie hat mich nie infrage gestellt.
Was hat es Ihnen bedeutet, zum Sex-Appeal zu werden?
Es war lustig, ein Image, das mit dem Job kam. Ich war jung, viril und gab alles, wenn ich Songs interpretierte. Frank Sinatra hat mal zu mir gesagt: «Du musst nicht bei jedem Lied Vollgas geben, sonst ruinierst du deine Stimme!» Zwar antwortete ich «Okay», aber auf der Bühne machte ich trotzdem wieder den Tiger. Irgendwann realisierte ich, dass es lächerlich wirken würde, wenn ich weiter so täte, als wäre ich 30.
Was veränderten Sie?
Wenn ich heute «Delilah» singe, beginne ich es als Ballade. Bei «Sex Bomb» habe ich eine bluesige Annäherung gefunden. Dazu fällt mir eine Begegnung mit der englischen Schauspielerin Barbara Windsor ein. Als ich sie in einem Restaurant traf, fragte ich: «Wie geht es dir, Barbara?» Sie antwortete: «Nicht allzu schlecht für ein alterndes Sexsymbol!» Darauf sagte ich: «Well, ich kenne dieses Gefühl!» (Lacht.) Du musst es mit Humor nehmen, dass du nicht jünger wirst.
Als «Sex Bomb» ein Welthit wurde, waren Sie 59.
Ein Zufall rettete mich, dass es nicht peinlich wurde. Als Errol Rennalls den Song zusammen mit Mousse T. geschrieben hatte, hiess es im Text zuerst «I’m a sex bomb» und «I can turn you on». Als meine Schwiegertochter, die damals 21 war, dieses Demo hörte, sagte sie: «Willst du wirklich singen, du wärst eine Sexbombe? Du, in deinem Alter? Wie wäre es mit: ‹Du bist eine Sexbombe und du machst mich an?›» Dank ihr wurde der Song nicht platt und angeberisch.
Und wie kam es nun zum ungewohnt politischen Lied «Talking Reality Television»?
Das Fernsehen hat bei mir einen hohen Stellenwert. Dies auch deshalb, weil ich mit zwölf an Tuberkulose erkrankte und zwei Jahre in Quarantäne bleiben musste. Um mir die Zeit zu Hause zu verkürzen, besorgte mir meine Mutter eines der damals noch raren TV-Geräte, auf dem ich die Krönung der Queen sah. Später verfolgte ich im Fernsehen die Mondlandung und lernte Michael Jackson kennen, der bei seinem Moonwalk so tat, als würde er rückwärtslaufen, in der Realität aber wohl zu weit gegangen ist. Und davor warnt dieser Song.
Er handelt auch von Donald Trump …
Ich bin früher in seinen Hotels in Atlantic City aufgetreten. Im «Plaza», «Marina» und «Taj Mahal». Er war ein Playboy-Geschäftsmann. Bei den Konzerten mischte er sich unters Publikum und bat mich, ihn vorzustellen, damit ihn die vielen weiblichen Fans erkannten. Die Realityshow «The Apprentice» machte ihn zum TV-Star und auch zum Präsidenten. Als es dann zur Stürmung des Capitols kam, ärgerte ich mich, dass es zu spät war, um die Bilder noch in meinen Videoclip einbauen zu können.
Was für eine Beziehung haben Sie zur Schweiz?
In den späten Sechzigerjahren war ich zum ersten Mal in Gstaad für ein Winter-TV-Special der BBC. Weil es uns so gut gefiel, sind meine Frau, mein Sohn und die Familie meines Managers über Weihnachten geblieben und haben es sehr genossen. Ich mag die Landschaft und die Leute. Bestens in Erinnerung habe ich auch mein letztes Konzert am Montreux Jazz Festival 2019, bei dem ich mich mit Shania Twain und ihrem Ehemann, die in der Nähe ein Haus besitzen, angefreundet habe. Und es gab tolle Kritiken für das Konzert.
Tom Jones, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Charmantes Sexsymbol
Tom Jones (81) stieg bereits mit seiner zweiten Single «It’s Not Unusual» und dem James-Bond-Titelsong «Thunderball» zum Sexsymbol auf. Seine grössten Hits wurden «Delilah» (1968) und – nach weniger erfolgreichen Zeiten – «Sex Bomb» (1999). Der Waliser war 60 Jahre mit seiner Jugendliebe Melinda Woodward (1941–2016) verheiratet und wird von seinem Sohn Mark (64) gemanagt.