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Vor 20 Jahren begann der Krieg in Bosnien-Herzegowina. Die Belagerung Sarajevos dauerte fast vier Jahre lang, durchschnittlich explodierten in der Hauptstadt 300 Granaten pro Tag. Am Karfreitag gedachte die Bevölkerung der Kriegsopfer mit einer würdigen Feier. Ich arbeitete 1996 und 1997 in Sarajevo. Zusammen mit einem Schweizer Medienunternehmer (Dino Bornatico) baute ich eine multiethnisch zusammengesetzte Radioredaktion auf. 25 Medienschaffende aus dem geschundenen Land und nochmals so viele Korrespondenten aus allen Regionen des Landes sendeten auf Bosnisch, Serbisch und Kroatisch.
Radio Fern (Free Elections Radio Network) erreichte ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung. Finanziert wurde das Projekt zunächst von George Soros bzw. der Karl-Popper-Stiftung, administrativ waren wir an das DEZA und die OSZE gekoppelt. Ursprünglich hatte Radio Fern eine Konzession bis zu den ersten Wahlen im September 1996 erhalten. Weil es gemäss einer Gallup-Umfrage erfolgreich war, konnte die Finanzierung und damit der Betrieb auf Jahre hinaus sichergestellt werden.
Ich verbrachte den Ostermontag damit, in den Tagebüchern aus jener Zeit zu lesen, Zeitungsausschnitte und Krimskrams durchzuforsten und in Erinnerungen zu schwelgen. Ich teile hier einen Text mit Ihnen, den ich im Sommer 1996 geschrieben hatte. Er bildet die Zerrissenheit ab, die mich in Sarajevo auf Schritt und Tritt begleitete. Mit politischer Kommunikation hat er wenig zu tun, nur eine “kitzekleine Ecke” dreht sich um dieses Thema.
„Cigareta, cigareta, americka cigareta!“, tönt es an jeder Ecke in der Innenstadt Sarajevos, vom frühen Morgen bis tief in die Nacht. Vom schlaksigen, vielleicht 12-jährigen Jungen, dem die Kleider am Leib schlottern, bis zur zahnlosen Greisin, alle versuchen sie, mit einer Handvoll Tabakwaren zu ein wenig Geld zu kommen. Auf verlorenem Posten stehen die Strassenverkäufer nicht, fast alle Bosnierinnen und Bosnier rauchen, die meisten sogar stark. Lokale Psychologen haben dafür eine These: Mit dem Inhalieren des blauen Dunstes würden viele Leute unbewusst versuchen, ihre Frustrationen abzubauen.
Jeden Morgen lenken mich meine Schritte zum grossen Markplatz, der wegen zweier Massaker während der Belagerung Sarajevos eine traurige Berühmtheit erlangte. Längst herrscht wieder rege Betriebsamkeit, schon in der siebten Stunde des Tages zwängen sich viele Menschen zwischen den Ständen hindurch. Das Angebot ist vielfältig: Auberginen und Brombeeren, Kartoffeln und Wassermelonen, Sellerie und Zwiebeln – fast alles, was das Herz begehrt, kann man hier erstehen. Die Preise sind im Verlaufe der letzten Monate, die ich in Sarajevo lebe, deutlich gestiegen. Ein Kilogramm Bananen kostet inzwischen mehr als in der Schweiz.
Die Bevölkerung in Sarajevo erlebt ihren ersten ruhigen Sommer der Neunzigerjahre. Mit den warmen Temperaturen hat auch die Lebensfreude, für die Bosniens Hauptstadt vor dem Krieg bekannt war, wieder Einzug gehalten. Auf den Strassen wird gelacht, gespielt und geflirtet. In der „Ferhadija“, der Flaniermeile im Türkenviertel, herrscht allabendlich nach Sonnenuntergang ein dichtes Gedränge, für Zehntausende gilt jetzt vor allem eines: Sehen und gesehen werden. Die Frauen strahlen vor Schönheit und Eleganz, ältere Semester in der Metropole nennen als Grund den Einfluss des alten Wiens.
Die Lebensfreude und das bunte Treiben kontrastieren mit der jüngsten Geschichte und der Befindlichkeit hinter den Fassaden. Die Narben des Krieges sind allgegenwärtig, Hunderttausende von Granaten haben hässliche Spuren hinterlassen, Krüppel kauern oder liegen vor der Kirchen und Moscheen und betteln um Almosen. Depression und Tristesse sind förmlich greifbar. Die Kriegswirren haben Teile der Bevölkerung traumatisiert. Das multikulturelle Miteinander von Serben, Kroaten, Muslimen und wenigen Juden gehört der Vergangenheit an, vom berühmten olympischen Geist, der Sarajevo nach den Winterspielen 1984 beseelte, wird nur noch gesprochen.
Die ersten Monate nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton waren die Menschen Sarajevos voller Hoffnung, sie glaubten an eine rasche Verbesserung der Lage. Die Realität präsentiert sich anders: Das Leben in der geschundenen Stadt ist hart, die Arbeitslosigkeit beträgt immer noch rund 50 Prozent, der Durchschnittslohn liegt zurzeit bei etwa 350 Franken im Monat. Was den Kollaps verhindert, sind die Bekannten im Ausland – mehr als eine Million an der Zahl –, die regelmässig Geld in ihre Heimat schicken.
Im Vergleich zu allen anderen Städten und Regionen Bosniens ist die ökonomische Situation in Sarajevo noch komfortabel. In den Strassen lärmen die Betonmischer, Häuser werden repariert, die „Neue Zürcher Zeitung“ ortete unlängst sogar einen Bauboom. Mehr als 300 internationale Organisationen haben sich vorübergehend in der Hauptstadt niedergelassen. Das schafft viele neue Jobs auf Zeit. Die lokale Wirtschaft profitiert von der Kaufkraft der 30‘000 „Internationals“; sie wollen gut essen, ausgehen und sie brauchen ein Dach über dem Kopf. Die riesige Nachfrage nach Wohnraum hat die Preise schnell in die Höhe getrieben. Meine karge Einzimmer-Absteige kostet einen stolzen Preis: 800 deutsche Mark. Das ist die offizielle Währung, die im Nachkriegsbosnien verwendet wird. Ich bezahle diesen überrissenen Mietzins gerne, weil ich mitverfolgen kann, was mit dem Geld passiert: Die Familie steckt es in den Wiederaufbau. Der zerbombte Hausteil sieht von Tag zu Tag etwas weniger bedrohlich aus, die Handwerker sind schon frühmorgens an der Arbeit und degradieren meinen Wecker zu einem überflüssigen Mitbringsel.
Ein guter Freund bilanzierte neulich: „Wir haben alles verloren mit Ausnahme des Ćevapčići-Duftes und unserer Improvisationsgabe (Ćevapčići ist hauptsächlich gebratenes Hackfleisch, das zu Röllchen gedreht wird. Es riecht würzig bis unangenehm.) Er hält inne und schiebt nach: „Geblieben ist uns auch der berühmte Ausspruch ‘Nema problema’, kein Problem.“
Eines der grössten Probleme Sarajevos ist die enorme Umschichtung der Bevölkerung: 1991 lebten mehr als eine halbe Million Menschen hier, nach dem Ende des Krieges im Herbst 1995 waren es noch 250‘000. Die Rückkehrenden sorgen für soziale Spannungen, sie werden oft ausgegrenzt. „Die Jobs vergeben wir an jene, die vor Ort durchgehalten haben“, wird ihnen beschieden. Andere werden offen angefeindet: „Wo warst du während des Krieges?“
Sarajevo wirkt wie ein Magnet auf Muslime, auch auf solche, die früher anderswo gelebt hatten. Alle glauben sie, hier am ehesten neue Perspektiven zu haben. Aber gerade Neuzuzüger aus ländlichen Regionen sind nicht willkommen. „Diese Bauern können mir gestohlen bleiben! Die spucken ja sogar auf den Boden“, ärgert sich eine Hauptstädterin. Zusammen mit vielen anderen Alteingesessenen ist sie stolz, eine „Sarailje“ zu sein. Sarajevo war immer etwas anders als das restliche Bosnien, ja anders als der gesamte Balkan – früher. Ein urbanes Zentrum mit vielen gebildeten Einwohnerinnen und Einwohnern.
Dass in Bosnien in wenigen Wochen zum ersten Mal seit Jahren wieder Wahlen stattfinden, ist allgegenwärtig. Die Stadt ist zugekleistert mit Plakaten, die grossen Parteien mobilisieren Tausende von Anhängern zu ihren Manifestationen. Parteizugehörigkeit bedeutet hier: Familie, Aussicht auf einen Job, bessere Aufstiegschancen. Die Wahlen machen vor allem die Parteizentralen und internationalen Organisationen, die direkt involviert sind, nervös. Das Volk hat andere Sorgen, und die junge Generation spricht viel lieber über das Konzert von U2 im „Koševo“-Stadion. Der Auftritt von Bono & Co. ist eine willkommene Gelegenheit, das Jetzt und Heute für ein paar Stunden vergessen zu können.
Mark Balsiger
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Fotos: michaeltotten.com, Guardian, Reuters, mvmtravel, discoverbosnia. Ich verzichtete während meines Sarajevo-Aufenthalts darauf, selber zu fotografieren. Aus heutiger Sicht ist das ein grosser Fehler, damals brachte ich es nicht fertig.