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Ein Ureinwohner Australiens erklärt seine Kultur.
Ein steiler Abhang, darin ungeschlachte Felsblöcke, zwischen ihnen hockt die Hitze. Über 40 Grad, kein Wind. Eine Handvoll Menschen lagern im spärlichen Schatten der Felsen und kleinen Bäume. Ab und zu durchschneidet der scharfe Ruf eines Falken die Stille.
Unserem Führer scheint die Mittagshitze nichts auszumachen, er steht in der prallen Sonne und erzählt von seinem Volk, dem das Land gehört, seit hier vor rund 60 000 Jahren die ersten Menschen einwanderten. Wir sind mit ihm aus dem Tal des östlichen Alligator-Flusses hochgestiegen, dem Grenzfluss zwischen dem Arnhemland und dem übrigen Nordaustralien.
Er stammt aus Oenpelli, einer nahe gelegenen Community von Ureinwohnern, die erst im letzten Jahrhundert sesshaft geworden sind. Traditionellerweise waren sie Jäger, Fischer und Sammler, wohnten in provisorischen Schutzhütten und zogen alle paar Wochen weiter, um Land und Gewässer zu schonen. Persönlichen Landbesitz kannten sie nicht, sie besassen nur, was sie auf sich trugen, und bewegten sich innerhalb des Lebensraums, den jeder Stamm für sich beanspruchte und verteidigte.
Mit dem Vordringen weisser Siedler, welche im 18. und 19. Jahrhundert die fruchtbaren Landstriche einzäunten und die Trinkwasserstellen für sich beanspruchten, wurde ihr Nomadentum zusehends eingeschränkt. Die Holz- und Blechbaracken von Oenpelli gleichen eher einem Sträflingslager als einem Dorf. Zwar verwalten die rund 2000 Einwohner ihre Community selber, verfügen inzwischen auch wieder über einen Teil ihres Landes, aber sie sind Bürger zweiter Klasse geblieben. Im Kakadu-Nationalpark finden die Männer Arbeit als Ranger, während die Frauen Korbwaren flechten.
Und die Jungen? – Die Jungs sind ohne Arbeit, klagte die weisse Lehrerin, der ich einige Tage zuvor begegnet bin. Sie hängen herum und machen oft schon Mädchen ein Kind, die nicht mal fünfzehn sind. Die Lehrerin hatte gekündigt und fuhr mit ihrer Habe in einen kleineren Ort. Die junge Generation werde, sagte sie resigniert, im Alkoholismus landen wie ihre Väter.
Bedächtig und stockend
Der Führer Wilfred Nawirridj redet bedächtig und stockend. Er muss nicht bloss von seiner Stammessprache ins Englische übersetzen, sondern von einer Denkweise in eine andere, und zwischen diesen besteht eine fast unüberbrückbare Kluft. Obwohl er viel weiss, werden wir von ihm den ganzen Tag keine Fakten, keinen hilfreichen Überblick geliefert bekommen, bloss hingeworfene Brocken und viele Pausen. Aber gerade dadurch offenbart er mehr vom Wesen seines Volks als ein gewandter Referent es täte.
Von sich und seiner Sippe redet er. Das ist ein an sich unverfängliches Thema, doch für Uneingeweihte stellt es sich bald als überaus komplex und ungewohnt heraus. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, dass für seine Kinder nicht nur er der Vater ist. Auch seine Brüder gelten als ihre Väter und deren Kinder sind die Geschwister seiner Kinder. Seine Schwestern dagegen sind – wie bei uns – die Tanten seiner Kinder und ihre Kinder stehen zu diesen im Verhältnis von Cousins und Cousinen. Heiraten kommen nur unter Cousins oder weiter entfernten Stammesangehörigen infrage – nach Regeln, die nur schwer zu durchschauen sind.
Der Führer geht ein Stück bergauf und hält nach wenigen Minuten wieder an, um in der Beschreibung seiner Verwandtschaft fortzufahren. Die Stellung, die der einzelne Ureinwohner innerhalb des Clans einnimmt, ist das A und O seiner Existenz. Sie bestimmt alles Wesentliche in seinem Leben: seine Tätigkeiten, seine Rechte und Pflichten, das Ausüben bestimmter Rituale, das Wissen, das er erwerben, und jenes, das er weitergeben kann. In regelmässigen Ritualen werden die Heranwachsenden, nach Geschlecht getrennt, auf ihre Aufgaben vorbereitet. Alle sind unter sich im Prinzip gleich; der soziale Rang bestimmt sich allein nach der Erfahrung und dem spirituellen Wissen, das jemand besitzt.
Eine heilige Stätte
Wir sind am Rand eines heiligen Bezirks angelangt. Eigentlich wären die heiligen Stätten den Angehörigen des Clans vorbehalten. Dass auch andere Zutritt haben, ist ein Privileg, das den Felsmalereien zu verdanken ist, welche die Vorfahren des Stammes hier hinterlassen haben.
In der Region der beiden grossen Alligator Rivers verbergen sich unter Felsvorsprüngen, in Höhlen und Felsgalerien mehr als 5000 auf Stein gemalte Bilder. Pigmentreste lassen vermuten, dass in Australien schon vor 50’000 Jahren Kunst entstanden ist. Die ältesten erhaltenen Gemälde sind über 18’000 Jahre alt, ein Millennium älter als die Felsmalereien von Lascaux. Der Umstand, dass viele Bilder von den folgenden Generationen übermalt wurden, erschwert die exakte Datierung. Aber er zeugt auch von der ungebrochenen Vitalität dieser Kunst, die vom Ende der letzten Eiszeit lückenlos bis in die Gegenwart führt.
Über Datierung und kunsthistorische Bedeutung verliert der Führer, als wir vor den ersten Malereien stehen, kein Wort. Er zählt, ähnlich wie zuvor seine Verwandten, die Figuren auf, die wir selber mehr oder weniger deutlich erkennen: Dies ist ein Emu. – Und jenes dort? – Jenes ist ein Jäger, der mit dem Speer ein Känguru verfolgt. – Wir Weissen stehen fast wie eine Gruppe junger Stammesangehöriger um den Aborigine herum und lassen uns in das Basiswissen des Clans einführen. Da es keine Schriftsprache gibt, übernehmen die Bilder einen Teil dessen, was in andern Kulturen die Schrift besorgt.
Eine Besonderheit in diesem Freilicht-Bilderbuch sind jene Darstellungen, die Tiere und Menschen gleichsam durchsichtig zeigen, mit akkurat eingezeichneten inneren Organen, mit Rückenwirbeln und Rippen. Wahrscheinlich dienten die Darstellungen des sogenannten Röntgenstils, der um 2000 vor unserer Zeitrechnung in dieser Gegend entwickelt wurde, zu Unterrichtszwecken, als Vorbereitung auf die Jagd oder zum Zerlegen der Tiere. Zweifellos hatten sie auch kultische Bedeutung.
Denn die Bilder der Aborigines offenbaren nur einen Teil dessen, was sich in ihnen verbirgt. Neben der sichtbaren Bedeutung enthalten sie eine versteckte. Diese ist nur den Eingeweihten zugänglich, die via Bilder Kontakt zu ihren Ahnen aus der Traumzeit aufnehmen und mitvollziehen, was sie aus den mündlich tradierten Legenden wissen.
Regenbogen in tausend Stücken
Zum Beispiel wie die Regenbogenschlange die Frösche weckte, die unter dem Erdboden schliefen, sie auspresste und aus ihnen das Wasser gewann. Oder wie der Regenbogen in tausend Stücke zerbarst und die Teile zu Vögeln wurden, die seither in allen Farben herumfliegen.
Was die Bilder heraufbeschwören, hat den Status von Wirklichkeit – einer Wirklichkeit, die sowohl vergangen als auch gegenwärtig ist und die den Einzelnen mit den Stammesangehörigen, die hier leben und gelebt haben, vereint. Menschliche und geistige Welt sind in ihnen nicht getrennt. Die Traumzeit ist nach der Vorstellung der Aborigines die Zeit, in der die Welt und alles Leben auf ihr erschaffen wurde. Der Schöpfungsprozess ist nicht abgeschlossen, das «Dreaming» geht weiter, es ist allumfassend und dauert weiter an. Rituelle Tänze, Totems und Bilder dienen dazu, in es einzutauchen und es mitzuerleben.
Dem Künstler, seinem Vermittler, kommt entsprechend eine besondere Stellung und Verantwortung zu. Nur wer alle Initiationen des Stammes durchlaufen hat und über umfassende Kenntnisse der heiligen Dinge verfügt, ist zum Malen ermächtigt. Die sakralen Symbole und Muster, die er verwendet, gehören zum Stammeswissen, niemand sonst darf sie benutzen. Das gilt auch für die zeitgenössische Kunst der Aborigines.
Nur schon aufgrund der Schraffur des Untergrunds ist die Herkunft eines Malers oder einer Malerin – inzwischen malen auch mehr und mehr Frauen – erkennbar. Gemeinsam gemalte Bilder sind auch heute keine Seltenheit. Die Malerpersönlichkeit steht nicht im Vordergrund. Was zählt, ist der Akt des Malens und die Magie beim Betrachten.
Gezeichnete Geschichte
Die Inhalte der aboriginalen Malerei blieben über die Jahrtausende hinweg im Wesentlichen dieselben. Dennoch verraten die dargestellten Objekte einiges über die Zeit ihrer Entstehung. So gibt ein in Eisenerzfarbe festgehaltenes Tier der Gattung Palorchestes – ein schweres Beuteltier, das vor mehr als 18’000 Jahren ausstarb – Einblick in die Fauna des Pleistozäns.
Das Auftauchen der Regenbogenschlange vor rund 9000 Jahren kündet von einem klimatischen Wechsel: Es war die Zeit, als der Meeresspiegel sich hob und das Wasser die niederen Küstengebiete überschwemmte; vermehrt tauchen seit dann auch andere Wasserwesen an den Felswänden auf. Die Bilder führen Buch über frühe Besuche von Handeltreibenden aus Indonesien so gut wie über das Auftauchen der Weissen im 18. Jahrhundert, die mit in den Hosentaschen steckenden Händen ein exotisches Motiv abgeben.
Same
Als wir vor einer Felsgalerie stehen, fragt eine ältere Dame unvermittelt: Stammen die Bilder eigentlich alle vom selben Künstler? Einige aus der Gruppe lachen. Welch peinliche Frage! Es ist evident, dass hier viele Generationen gearbeitet und übermalt, Dutzende von Künstlern neu angesetzt haben. Wilfried sagt lange nichts. Man sieht, es arbeitet in ihm. Er tut sich schwer mit der Antwort, von der er ahnt oder weiss, dass die Umstehenden sie nicht begreifen werden. Seine Antwort besteht schliesslich nur aus einem Wort. «Same», sagt er und verfällt wieder in sein Schweigen.
Die Lacher sind verstummt. Niemand sagt ein Wort. All die Zeichnungen und gemalten Dinge, entstanden über Tausende von Jahren, sollen das Werk eines einzigen Künstlers sein? Er räuspert sich, und wie um jeder Diskussion zuvorzukommen bestätigt er mit einem Kopfnicken: Same. People. Für den Ureinwohner ist hier nur ein einziger Künstler am Werk gewesen, jener, der den Weg zum geheimen Wissen zugänglich gemacht hat.
Der Stamm selber hat die Bilder hervorgebracht. Alles ist von der gleichen kundigen, wissenden Hand gemalt, alle die Künstler waren nur der eine, der Ermächtigte, durch den die Wesen der Traumzeit sprechen. Mit der Antwort auf eine scheinbar dumme Frage hat Wilfried in einem Wort gesagt, wofür Ethnologen und Kulturphilosophen ganze Abhandlungen brauchen.
Ein Leben ohne Gott
Als James Cook im Jahr 1770 an Australiens Südwestküste landete, traf er auf Menschen, die keinen Gott hatten, weil sie ihn nicht brauchten. Sie verstanden sich als Teil der Natur, die sie von ihren Ahnen geschenkt bekommen hatten. Die britische Krone betrachtete das Land als terra nullius, als Boden, der keinem gehört. Damit sprach sie den Aborigines das Existenzrecht ab. Denn ohne Land konnten diese nicht leben. Ihre Kultur, getragen von Hunderten von Clans mit über 250 Sprachen, wurde für null und nichtig erklärt.
Das britische Oberhaus hob die Doktrin der terra nullius erst 1992 auf. Das ist eine der Ungeheuerlichkeiten, von denen die jüngere Geschichte der Ureinwohner voll ist. Die Aborigines wurden Opfer eines systematischen Holocaust, der 150 Jahre lang dauerte und um 1930 von den ursprünglich rund 900’000 Angehörigen gerade noch 60’000 übrig liess. Die Indigenen mussten bis zum Jahr 1967 warten, bis sie bei Volkszählungen als Teil der Bevölkerung überhaupt mitgezählt wurden. In den 70er-Jahren bekamen sie das Selbstbestimmungsrecht, nach langen politischen Kämpfen wurden gewisse Territorien als ihr Land anerkannt.
Mit ihrer Kunst begann man sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen, zunächst aus ethnologischem Interesse. Inzwischen sind Kunstwerke indigener Künstler in allen bedeutenden Museen Australiens sowie in vielen Europas und der USA vertreten. Bei aller Kommerzialisierung haben es die Künstler verstanden, ihr altes Geheimwissen zu bewahren, ohne es zu verraten oder blosszustellen.
Die Kuratoren und das Publikum haben keine Ahnung davon, was in den Sälen, die sie bestücken und bestaunen, wirklich hängt. Dass die Kultur der Aborigines an fremde Orte vordringt und dort ihre untergründige Botschaft entfaltet, mag eine kleine Revanche sein für die Unterdrückung, die den indigenen Völkern im grossen Stil angetan wurde.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 15.02.13