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Von einer unbezwingbaren Langeweile übermannt, die ihn in letzter Zeit immer häufiger heimsuchte, fläzte sich Gilberto Lucciola gähnend auf das Sofa vor dem Fernseher und zappte sich, geistesabwesend auf der Fernbedienung herumdrückend, durch die Programme, als plötzlich einige Bilder seine Aufmerksamkeit auf sich zogen und er innehielt: Ein Privatsender brachte gerade eine Reportage aus Paris. Es war, wie sich bald herausstellte, ein karger, leidenschaftsloser Bericht zum fünfzigsten Jahrestag der Achtundsechziger Unruhen.
Was denn? Konnte es wirklich sein? — fragte sich Gilberto — fünfzig Jahre schon?
Es war schnell nachgerechnet. Das Jahr 2018! Es konnte nicht nur sein, es war sogar sicher. Fünfzig Jahre. Da war nicht dran zu rütteln.
Mit einem Mal fühlte er eine bis dahin noch unbekannte Müdigkeit auf sich lasten, vielleicht Vorboten des Alters, das er noch fern gewähnt hatte. Es war nicht zu fassen: fünfzig Jahre.
Als 1968 die Studenten in Frankreich, in Deutschland, in Italien und nach und nach — einem Flächenbrand gleich — fast auf der ganzen Welt Hörsäle und Rektorate besetzten, Barrikaden errichteten, Autos in Brand steckten, das universitäre Gefüge aus den Angeln hoben, war Gilberto dreizehn Jahre alt.
Damals kannte er die schöne Eliane noch nicht.
Sechs Jahre später bekam er in einem feierlichen Akt in der Stadtkirche das Maturitätszeugnis eines alten, traditionsreichen Gymnasiums überreicht und schämte sich ein bisschen, dass er über die Achtundsechziger Unruhen, die nicht bloß das Bildungssystem, sondern schlicht die ganze Gesellschaftsstruktur in ihren Grundfesten erschüttert hatten, weniger gut Bescheid wusste, als über die Beatles-Songs aus demselben Jahr.
Eliane, die er inzwischen kennen gelernt hatte, wusste auch über die Beatles nicht Bescheid, aber sie war so schön, dass er ihr auch das nachsehen wollte.
Ein artiges Kind war Gilberto gewesen, folgsam, wohlerzogen, hatte den Kurzhaarschnitt eines jämmerlichen Lehrerlieblings getragen, was er, um ehrlich zu sein, auch tatsächlich gewesen war. Die Autorität von Eltern und Lehrern hatte er nie in Frage gestellt, jene von Staat und Kirche nicht einmal wahrgenommen. Das Einzige, worum er sich damals gekümmert hatte, waren gute Noten in Leistung und Betragen und, freilich, in der Schülermannschaft möglichst viele Tore zu schießen.
Letzteres hatte ihn davor behütet, von den Schulkameraden ganz gemieden zu werden.
Jetzt aber, da ein Reifezeugnis behauptete, dass er reif war — obwohl er nicht genau wusste, wofür —, jetzt, da ihm rebellisch lange Haare gewachsen waren, die an Peter Handkes Mähne erinnerten, jetzt, da ein zarter Flaum auf seiner Oberlippe sogar versprach, dass an der Stelle demnächst ein echter revolutionärer Schnurrbart sprießen würde — jetzt sah alles anders aus! Aus ihm war ein Linker geworden, einer, der im Schülerrat die Stimme erhob, einer, der während des Chemieunterrichts unter der Schulbank Marx, Engels, Mao, Gramsci und Pasolini las und zuversichtlich war, dass er dereinst auch verstehen würde, was er eben gelesen hatte.
Als Sohn eines unterbezahlten und schamlos ausgebeuteten Gastarbeiters — der es nie fertig gebracht hatte, auch bloß ein bisschen von dem zu erkämpfen, was ihm sogar gesetzlich zustand — kannte Gilberto mittlerweile die Demütigungen, die zu schlucken hat, wer auf der Gesellschaftspyramide einige Stufen zu tief sitzt. Er wusste, dass auf dem Papier zwar alle gleich und die Würde des Menschen unantastbar waren, dass aber — auch nach Achtundsechzig — die meisten immer noch weniger gleich waren als die wenigen Privilegierten, die den Kuchen teilen und die Brosamen verteilen.
Er musste an Orwells Animal Farm denken, an die Schweine, die des Nachts im Herrenhaus in Betten schlafen, tagsüber Schnaps trinken und aufrecht gehen.
Vor dem Fernseher und vor dem ernüchternd fischblütigen Bericht aus Paris erinnerte sich Gilberto daran, wie er damals, 1974, in der Stiftskirche seiner Stadt saß, wie seine Augen nach der Schachtel mit den Maturitätszeugnissen blickten, die vorn auf dem Tisch neben dem Altar bereitlag, dann nach der blasses Haut der schönen Eliane und wieder zurück — doch seine Gedanken verweilten weder da noch dort. Sie schweiften ab, schweiften wieder heran, schweiften herum… während Wortfetzen der pompösen Ansprache eines Festredners, der später Bundesrat werden sollte, an seinem Bewusstsein abperlten wie Wassertropfen an Wachs.
In dem Moment fühlte er unverhofft eine geheimnisvolle Kraft in sich. Die Existenz von etwas, was er sich unbewusst schon seit einiger Zeit zunutze gemacht hatte, wurde ihm in jenem Augenblick völlig klar: Er hatte Macht! Eine seltsame Macht.
Weder Reichtum noch ein Amt verliehen sie ihm, sondern das Wort. Er wusste, dass man ihm zuhörte, wenn er sprach, dass er überzeugen konnte, dass er seit Monaten jedes Wortgefecht gewonnen hatte.
Er war kein Achtundsechziger — die Ungunst der späten Geburt! —, aber er konnte und musste deren gerechte Sache fortsetzen. Was sie angefangen hatten, würde er vollenden! Nichts Geringeres nahm er sich in jenem Moment vor, als die Welt zu verändern: eine bessere, vor allem eine gerechtere Welt zu erschaffen.
Gilberto Lucciola machte sich nicht vor, dass es leicht sein würde. Er würde streng zu sich selbst sein müssen, genügsam, unbeugsam, keine Strafe und keine Vergeltung fürchten. Man würde von allen Seiten versuchen, ihn kleinzukriegen, ihn auszuschalten, ihm das Leben schwer zu machen. Mit Solidarität und Unterstützung konnte er, falls überhaupt, nur bei jenen rechnen, die kein größeres Gewicht hatten als er selbst.
Wenn er jedoch seinen Idealen treu blieb, wenn er sich nicht korrumpieren und nicht einschüchtern ließ, würde er es schaffen. Solange er seine wunderschöne Eliane an seiner Seite hatte, solange er in ihre betörenden Augen blicken und daraus Mut schöpfen konnte, konnte man ihm nichts anhaben. Eliane — ¡Hasta la victoria siempre!
Doch darin bestand denn auch die erste Tücke: Eliane wollte die Welt gar nicht verändern. Sie war ja so schön… die Welt; besonders jetzt, da sie die Matur im Sack hatte, und den Führerschein, und in ihrer Gemeinde ein neues Schwimmbad gebaut worden war, und deren Handballverein in die Nationalliga B aufgestiegen war. Warum sollte man sie verändern, die Welt um ihr Einfamilienhaus herum, in dem sie so zufrieden war?
Sie wollte bloß Jura studieren. Man hatte ihr gesagt, es sei das Beste für sie.
Am Sonntag nach der Maturitätsfeier war Gilberto in jener glücklichen Einfamilienwelt zu Gast; nicht in Elianes Zimmer, wo bestimmt Pferdebilder und Ballettszenen von Degas die Wände zierten, sondern in der Stube, wo ein Giacometti hing, von dem er fürchtete, dass er echt war, und Lithographien von Joan Miró und Hans Erni. Man trank Tee aus abgeschmacktem Porzellan, knabberte an einem Kuchen, der so gnadenlos selbstgemacht war, dass man jeden Widerstand gegen industrielle Fertigung aufgeben wollte, und man saß auf Brokatsesseln, die weder dem Auge noch dem Hintern wirklich angenehm waren.
Elianes Eltern nahmen die Sache nicht auf die leichte Schulter: Ihr seid doch sicherlich selbstverständlich eingebürgert ja natürlich klar und schließlich könnte ja Lucciola auch ein Tessiner Name sein nicht wahr? lange Haare sind jetzt halt Mode aber das wird schon wieder einmal anders und was wird er denn studieren der junge Herr jetzt wo mein Gott sind wir glücklich wegen der Maturität unserer Tochter…
Gilberto hatte nicht vergessen, dass er eigentlich die Welt verbessern wollte.
Er hatte auch nicht vergessen, dass er sich den Ort, wo der Kampf beginnen sollte, ziemlich genau so vorgestellt hatte, wie jene Stube aussah.
Aber er konnte auch nicht einfach vergessen, warum er eigentlich dort war. Er war in einer Absicht und mit einer Hoffnung dorthin gereist, die genau so ernst und erhaben war wie seine Utopie einer besseren Welt: Er wollte endlich mit Eliane schlafen, endlich mit einer Frau schlafen, endlich wissen, wie das ist!
Und an der Vorstellung, Eliane, die jetzt noch sittsam und steif mit dem grässlichen Brokat kontrastierte, vielleicht in wenigen Stunden in ihrem Zimmer, zwischen Reitpferden und Tutus, in ihrer vollkommenen milchweißen Nacktheit zu sehen, zerbröckelte die Revolution.
So kam es, dass Elianes Vater, Sektionschef der Gemeinde mit dem neuen Schwimmbad, einen langen Sermon über Führungskräfte in Armee und Wirtschaft führte und der kleinlaute Lucciola bloß nickte und geknickt zustimmte und sich selbst verleugnete, wieder und wieder, bis es ihm war, als hörte er schon den Hahn krähen.
Doch für das jähe Scheitern der Revolution war ihm denn auch gar kein Trost vergönnt: Die wunderschöne Eliane, die Juristin werden wollte, weil man ihr gesagt hatte, es sei das Beste für sie, wollte aus demselben Grund vorerst Jungfrau bleiben.
Auf der Heimreise im Zug saß Gilberto in einem leeren Abteil und summte gedrückt: He’s a real Nowhere Man in his real Nowhere Land, making all his nowhere plans for nobody.
Fünfzig Jahre später wussten die gestylten und sich immer entschiedener globalisierenden Studenten der Sorbonne — so die Quintessenz des traurigen Berichts im Fernsehen — über die Achtundsechziger fast gar nichts mehr.
Und vielleicht muss man als spät Geborene auch gar nicht viel darüber wissen, außer vielleicht, dass man damals eine kurze Zeit lang einen wunderschönen Traum hatte: von einer besseren Welt und von der milchweißen Haut der schönen Eliane.
Gilberto Lucciola saß im Sessel vor dem Fernseher, dem Achtundsechzig nur noch eine Randnotiz wert war.
Vieles von dem, was man einst für Errungenschaften gehalten hatte, war längst wieder aufgegeben worden, die Pyramide spitzte sich langsam und stetig wieder zu.
Eliane war wohl Juristin geworden, wahrscheinlich nicht Jungfrau geblieben. Vielleicht war sie Präsidentin eines Wohltätigkeitsvereins, liberale Gemeinderätin mit einem offenen Ohr für Notleidende oder Leiterin einer Rechtsberatungsstelle und war bestimmt noch immer eine schöne Frau.
Er hatte sie aus den Augen verloren.
Lucciola drückte auf die Fernbedienung und sein Blick verlor sich im Knistern des dahingeschwundenen Bildes. Im Spiegel der Mattscheibe glaubte er einen Augenblick lang, sich ergraut und arg gealtert zu sehen, und doch spürte er eine jugendliche Versuchung in sich aufsteigen, es noch einmal zu versuchen.