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Die olympische Idee ist in ihrem Ursprung männlich. Bei den Olympischen Spielen der Antike treten die Wettkämpfer nackt an, damit das männliche Geschlecht klar ersichtlich ist. Frauen dürfen nicht einmal auf die Tribünen. Ob es tatsächlich so war oder ob es nur Legende ist (Film- und Fotodokumente sind leider nicht mehr auffindbar), wissen wir nicht. Aber solche Legenden dürften dem Kerngedanken durchaus entsprechen.
Baron Pierre de Coubertin, der Schöpfer der modernen Olympischen Spiele, ist ein Kind dieses Geistes. Dabei hat er an der Sorbonne in Paris studiert, ist eigentlich ein kreativer Freigeist mit Sinn für Romantik, Erfinder der fünf olympischen Ringe und Verfasser des Werkes «Ode an den Sport», das mit der olympischen Goldmedaille für Literatur gefeiert wird.
Für Frauen sieht der Adelige allerdings keinen Platz auf der neuen olympischen Bühne. Aber nur bei den ersten Spielen 1896 in Athen bleiben die 271 männlichen Teilnehmer unter sich. Bereits 1900 finden wir unter den 682 Anmeldungen sechs Frauen (Golf und im Tennis). Angeblich sehr zum Ärger des olympischen Barons.
Ein Datum oder ein Ereignis für den «Big Bang» der Gleichberechtigung, vergleichbar mit der historischen Wirkung der Französischen Revolution (1789), der Russischen Revolution (1917) oder des Mauerfalls (1989) auf unsere Gesellschaft, gibt es in der olympischen Geschichte nicht. Wie in der Politik, in der Arbeitswelt und der Gesellschaft müssen sich die Frauen ihre Rechte über Jahrzehnte hinweg nach und nach erkämpfen.
Ein wichtiges Datum ist sicherlich der 24. März 1921. An diesem Tag beginnen auf dem Rasen des Spielcasinos in Monte Carlo die ersten Frauenspiele. Sie sind die weibliche Konkurrenzveranstaltung zu den Olympischen Spielen. Rund 100 Athletinnen aus fünf Ländern beteiligen sich an diesen «Jeux Olympiques Féminins».
Bis zum 31. März 1921 treten Sportlerinnen aus Frankreich, Grossbritannien, Italien, Norwegen und Schweden in zehn Leichtathletik-Disziplinen an. Einige Quellen sprechen auch von Teilnehmerinnen aus der Schweiz. Zudem stehen Basketball, Gymnastik, rhythmische Gymnastik sowie «Pushball» auf dem Programm: ein Spiel, bei dem eine menschengrosse Kugel ins gegnerische Feld manövriert wird.
Bis 1934 werden die weiblichen Spiele insgesamt sieben Mal ausgetragen. Die Beachtung dieser Wettkämpfe – 1922 kommen in Paris 20'000 Zuschauerinnen und Zuschauer, vier Jahre später eröffnet in Göteborg König Gustav V. die Spiele – trägt viel dazu bei, dass immer mehr Wettkämpfe für Frauen ins olympische Programm eingebaut werden.
Ab 1908 wird Eiskunstlaufen olympisch, anfänglich im Rahmen der Sommerspiele. 1912 kommt das Schwimmen und – als eigentlicher Durchbruch – 1928 in Amsterdam die Leichtathletik dazu. Vorerst in fünf Disziplinen: Über 100 und 800 Meter, in der 4-x-100-Meter-Staffel, im Hochsprung und im Diskuswerfen. 1948 folgen 200 Meter, Kugelstossen und Weitsprung, 1984 der Marathonlauf.
Wie dominant Männer in der olympischen Familie viel zu lange Zeit sind, mag sich auch daran zeigen, dass erst 1981 mit der Kolumbianerin Flor Isava Fonseca und der Finnin Pirjo Häggman die zwei ersten Frauen Einsitz im IOC nehmen dürfen. Die Vertreter der «Herren der fünf Ringe» blieben bis dahin unter sich. Heute liegt der Frauen-Anteil im IOC bei etwas mehr als einem Drittel (36 von 100).
Die Frage ist, ob denn Frauen lange Zeit kein Interesse am olympischen Wettkampfsport hatten. So ist es keineswegs. Aber heute undenkbare Sittenbilder, abstruse Theorien und seltsame Kleidungsvorschriften haben den Frauensport gebremst. Aberwitzige Argumente wie Sittenzerfall und negative Einflüsse auf die Fruchtbarkeit oder Warnung vor Überanstrengung werden vorgebracht.
Mediziner erklären Frauensport allen Ernstes als gefährlich. Noch 1931 argumentiert der deutsche Gynäkologe Hugo Sellheim: «Durch zu viel Sport nach männlichem Muster wird der Frauenkörper direkt vermännlicht, die weiblichen Unterleibsorgane verwelken.» Der 800-Meter-Lauf wird aus Angst vor zu grosser Anstrengung nach nur einer Austragung (1928) gestrichen und erst 1960 wieder eingeführt.
Wenn über Frauensport berichtet wird, nennen viele Zeitungen noch in den 1920er-Jahren die Frauen nur beim Vornamen (z. B. «Fräulein Simonetta» oder «Fräulein Viola»). Damit den Familien der Sportlerinnen Schande erspart bleibe. Frauen-Leistungssport, vor allem in der «männlichen» Leichtathletik, gilt weithin als unschicklich. Noch in den 1920er-Jahren müssen Leichtathletinnen vielerorts auf Plätzen hinter Sichtschutz trainieren. Damit sie von den Männern nicht gesehen werden können.
Das alles ist noch nicht einmal 100 Jahre her. Heute sind Frauen in der olympischen Familie gleichberechtigt. In Tokio kommen 48,8 Prozent der rund 11'000 Anmeldungen von Frauen. Rekord. Bei den letzten Spielen 1964 in der japanischen Hauptstadt waren es 13 Prozent. 2021 werden in Tokio 339 Wettbewerbe ausgetragen: 165 für Männer, 156 für Frauen, zwölf im Mixed und sechs in offenen Kategorien.
Die Schweizerinnen haben olympische Weltgeschichte geschrieben. Die erste Frau überhaupt, die an einem olympischen Wettbewerb teilnimmt und gleich die erste Olympiasiegerin der Geschichte wird, kommt aus Genf: Gräfin Hélène de Pourtalès gewinnt 1900 in Paris zusammen mit ihrem Ehemann Graf Alexander Hermann de Pourtalès und ihrem Neffen Bernard Pourtalès mit dem Boot «Lérina» in der Bootsklasse 1 bis 2 Tonnen Gold. Die erste Solo-Medaille folgt allerdings erst 1976: Christine Stückelberger wird in Montreal Olympiasiegerin in der Dressur.
Die Krönung aber ist Tokio 2020. Der Rekord von Sydney 2000 ist bereits eingestellt. Damals holten sieben Frauen Edelmetall: Brigitte McMahon (Gold, Triathlon), Gianna Hablützel-Bürki (Silber, Einzel) und zusammen mit Sophie Lamon und Diana Romagnoli Silber im Team (Fechten), Barbara Blatter (Silber, Mountainbike), Lesley McNaught (Silber, Team Reiten) und Magali Messmer (Bronze, Triathlon).
Tokio ist der längst fällige «Big Bang», die grosse, die eindrückliche, klare und erste weibliche olympische Dominanz in unserer Olympia-Delegation bei Sommerspielen. Denn erstmals sind und bleiben die Männer bei den Medaillengewinnen klar in der Unterzahl.
125 Jahre nach der Gründung der neuzeitlichen Olympischen Spiele und der ersten Schweizer Teilnahme 1896 in Athen, bestehend aus zwei Männern. Louis Zutter holte im Turnen einmal Gold und zweimal Silber – zum bisher einzigen Mal hatten wir 1896 mehr Medaillen als Teilnehmer.
Es wäre sicherlich reizvoll, wenn Baron Pierre de Coubertin, Ehrenbürger von Lausanne, zu den Leistungen der Schweizerinnen in Tokio befragt werden könnte. Aber er weilt seit 1937 nicht mehr unter uns.