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Zugvögel
Die unruhige Topographie des Wallis gab uns Pässe, über welche die Zugvögel in Scharen fliegen. Nur eine kleine Anzahl Wasservögel senkt bei schlechten meteorologischen Verhältnissen vorübergehend ihre Flugbahn, um im Wallis einen Halt einzuschalten. Darum muss man unsere Sümpfe im Frühling oder Herbst aufsuchen, wenn niedrighängende Wolken die Zugvögel im Tale festhalten. Die Schlammfelder von Le Verney bei Martigny und die überschwemmten Wiesen von Leuk warten dann mit Überraschungen auf: Wasserläufer, Seidenreiher, Strandläufer und andere.
Im Gebirge ist der Pass von Bretolet oberhalb von Champéry von grosser Bedeutung. Diese Vogelzugstrasse über die Alpen wurde 1891 von Alfred Richard entdeckt und 1938 von Max d'Arcis bestätigt. Seit 1952 treffen sich dort regelmässig Beobachter, eingeladen von Michel Desfayes, der die Bedeutung des Ortes für das Studium des Vogelzuges erkannt hat. Eine erste Hütte wurde 1957 errichtet. Nachdem der Wind sie weggefegt hatte, wurde sie durch zwei Gebäude, einerseits für die Schweizerische Vogelwarte in Sempach und andererseits für das Zoologische Museum in Lausanne ersetzt.
Jeden Herbst, ab August bis zum ersten Schnee, beobachten Biologen den Ablauf der Durchzüge. Sie zählen die Beutevögel, hören die Rufe der Nachtzieher, beringen alle Vögel, die sich in den riesigen, auf den höchsten Gräten aufgespannten Netzen verfangen, sammeln Insekten ein. Die so erlangten Informationen tragen zum Verständnis des Ablaufs der Vogelzüge bei, gestatten, die Schwankungen in der Anzahl der Raubvögel zu entdecken oder die Abwicklung der Meiseninvasion zu begreifen.
Die Untersuchungsthemen werden immer spezieller: dieser Ornithologe zeichnet die Fettreserven auf; jener fotographiert Flügel, um die Entwicklung der Mauser festzustellen; ein dritter beschreibt den Knochenbau des Kopfes, woraus Hinweise auf das Alter gewonnen werden, oder er entnimmt einen Tropfen Blut, um den Stoffwechsel zu studieren.
Von 1954 bis 1974 wurden auf Bretolet 207'872 Vögel beringt. Davon machen die sechs am häufigsten gefangenen Arten (Buch-fink, Tannenmeise, Blaumeise, Kohlmeise, Rotkehlchen und Baumpieper) 68% aus. Nebst den Vögeln, die in fast konstanter Anzahl vorhanden sind wie Hausrotschwanz und Ortolan, beobachtet man auch Vögel, die invasionsartig auftreten wie vor allem die Tannenmeise und die Kreuzschnabel.
Im Juli beginnt der Herbstzug mit Bruchwasserläufern, Waldwasserläufern, Flussuferläufern und Regenbrachvögeln, die nachts reisen, sowie mit den Tagflügen der Segler. Im August ist die Bewegung noch schwach, doch die Vorhut der Raubvögel zeigt sich schon: Mäusebussarde, Wespenbussarde, Baumfalken. In der Nacht erschallen neue Rufe: Grosser Brachvogel, Bekassinen, Ortolane. Ende Monat treffen die Sperlingsvögel ein: Braunkehlchen und Steinschmätzer, Gartenrotschwanz, Grasmücken, Laubsänger und Schnäpper des Nachts; tagsüber Baumpieper und Schafstelze. Gegen Mitte September kann selbst ein unerfahrener Spaziergänger den Strom der grossen Vögel beobachten: Reiher, Störche, Fischadler, Wespenbussarde, Mäusebussarde, Weihen, Milane, Habichte, Sperber, Turmfalken und Baumfalken streben am Himmel dem Pass entgegen. Mit ein wenig Aufmerksamkeit kann man Tausende von Finken, Meisen, Stelzen und anderen kleinen Sperlingsvögel belauern, die in den Büschen in ständiger Bewegung sind, und auch die Flucht der Schwalben in Massen vor schlechtem Wetter sehen. Im Oktober ist die Nacht still; am Tag defilieren in grosser Anzahl Finken, Hänflinge, Erlenzeisige und Girlitze. Der Vorbeiflug von Insekten, Schwebfliegen, Nachtfaltern und Libellen, die auch nach Südwesten ziehen, und die nächtlichen Rufe der Wasserläufer, Drosseln und Grasmücken verleihen dem Ort ein Exkursionsziel, an dem man die Lebenskraft der bewegten Natur erleben kann. Der Col de Balme bietet dasselbe Schauspiel, das man auch auf dem Forclaz-Pass, allerdings in kleinerem Massstab, verfolgen kann.Zugvögel, die weit fliegen müssen, starten früh im August bis September und kehren spät zurück, im April und Mai. Die meisten von ihnen überfliegen den Pass nachts in grosser Höhe, in südwestlicher Richtung. Nur im Nebel bleiben sie in den Netzen hängen, die um Lichterfallen gespannt sind, mit denen Nachtfalter gefangen werden. Die Zugvögel der kurzen Distanzen, die im Mittelmeerbecken überwintern, fliegen tagsüber und folgen dem Gelände. Sie verlassen uns spät im Jahr, warten sogar gelegentlich den ersten Schnee ab und kehren schon ab März zurück.
Zwischen den ausschliesslichen Insektenfressern, die gezwungen sind, das ganze Jahr über in warmen Gegenden zu leben, und den Kurzziehern findet man alle Übergänge. Bei einigen Zugvögeln verreisen nur die Jungen und die Weibchen aus unserer Region; von anderen Arten unserer Populationen ziehen weitere nach Süden und machen jenen Platz, die aus dem Norden kommen.
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