Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/542

Krähen lieben Gabriella Mann. So sehr, dass sie ihr immer wieder Geschenke machen. Es sind überraschend persönliche Gaben, die die Amerikanerkrähen aus der Nachbarschaft heranschleppen. Mann wählt ihr "absolutes Lieblingsteil" aus: ein winziges silbernes Rechteck mit dem eingravierten Wort "Best".
Die Tiere wüssten genau, was ihr gefällt: "Spielzeug und alles, was glänzt. Sie beobachten mich nämlich. Sie sind wie Spione." Bringen die Krähen dem Mädchen Geschenke, weil es nett zu ihnen ist? Sind Krähen, sind Vögel im Allgemeinen zu solchen scheinbar menschlichen Entscheidungen fähig?
Wissenschaftler, die sich mit Corviden wie Krähen und Raben beschäftigen, bejahen das. Vögel, so glaubte man, besässen die redensartlich dummen "Spatzenhirne" - das dachte man schon, bevor um 1900 der Wissenschaftler Ludwig Edinger die Anatomie ihres Gehirns falsch deutete: Er war überzeugt, dass Vögeln der Neocortex fehlte.
Bei Säugetieren ist dieser Bereich fürs Denken zuständig. Trotz dieses vermuteten geistigen Mangels setzten Tierpsychologen im 20. Jahrhundert Vögel in der Kognitionsforschung ein. Es stellte sich heraus, dass Tauben über ein beeindruckendes Gedächtnis verfügen.
Sie können menschliche Gesichter und Gesichtsausdrücke, Buchstaben und sogar Gemälde von Monet und Picasso mit fast unheimlicher Präzision auseinanderhalten. Und dann war da noch Alex. Die Tierpsychologin Irene Pepperberg brachte dem afrikanischen Graupapageien bei, englische Laute nachzuahmen.
Als er 2007 im Alter von 31 Jahren starb, beherrschte er aktiv etwa 200 Wörter für Gegenstände, Zahlen und Formen und verstand 500 Wörter. Als er einmal länger in einer Tierklinik bleiben musste und Heimweh hatte, sagte er: "Zurückgehen!" Und er wünschte Pepperberg immer eine gute Nacht, auch noch am Abend vor seinem Tod: "Sei brav, bis morgen. Ich liebe dich."
Alex' Fähigkeiten, die menschliche Sprache zu imitieren und englische Wörter im richtigen Zusammenhang zu verwenden, haben weitere Experimente mit Papageien angeregt, um den Ursprung stimmlichen Lernens - also der Nachahmung absichtlich geäusserter Laute zu erforschen.
Die Ergebnisse brachten ein internationales Forschungsteam dazu, das etablierte Edinger-Modell der Neuroanatomie von Vögeln zu überprüfen. Ihre Bewertung wurde 2005 veröffentlicht. Sie zeigt, dass in Vogelhirnen neurale Strukturen vorhanden sind - Hirnmantel oder Pallium genannt -, die dem Neocortex und anderen Hirnregionen bei Säugetieren ähneln.
Rabenvögel und Menschenaffen haben trotz ihrer sehr entfernten Verwandtschaft - die beiden Zweige trennten sich vor über 300 Millionen Jahren - auffallend ähnlich komplexe kognitive Fähigkeiten entwickelt, weil ihre Umgebung Ähnliches von ihnen fordert. Zum Beispiel ernähren sich beide von verschiedenen Futterarten, von denen sie einige nur erreichen können, wenn sie ein Werkzeug benutzen.
In freier Wildbahn sind Schimpansen, Orang-Utans und eine einzige Vogelart, die Geradschnabelkrähe, Meister darin. Diese Vögel leben nur auf zwei neukaledonischen Inseln im Südwestpazifik. Der neuseeländische Ökologe Gavin Hunt beobachtete dort 1993 im Wald eine Krähe, die einen ungewöhnlichen Gegenstand in einem Baum versteckte.
"Ich erkannte sofort, dass es ein Werkzeug war - ein zu einem bestimmten Zweck angefertigter Gegenstand", sagt Hunt. Mit diesem Werkzeug sucht die Krähe in den Baumkronen nach Kakerlaken, Spinnen und anderer Beute.
Lesen Sie den ganzen «Welt»-Artikel hier.
WERBUNG