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(Auch hier stammt die Übersetzung des Titels von mir; ich habe auf die Schnelle weder eine deutsche Überstzung des Texts gefunden noch einen Hinweis darauf, ob und in welcher Sammlung von Irvings Short Stories der Text erschienen sein könnte. Meine Anthologie (The Vampyre and Other Macabre Tales. London: Folio Society, 2012) enthält zwar schöne Illustrationen, aber nur ein rudimentäres Vorwort und keine weiterführenden bibliografischen Hinweise.)
Von Irving habe ich vor Jahren Rip van Winkle mit grossem Vergnügen gelesen. Sein Alhambra, muss ich gestehen, steht seit ungefähr ebenso viel Jahren ungelesen bei mir. Seine Biografie von Christopher Columbus habe ich nach ca. zwei Dritteln abgebrochen, weil es mir widerstand, dass offenbar Columbus nichts falsch machen konnte, sondern immer nur von seinen Freunden und Feinden hereingelegt wurde. Das Buch steht allerdings noch immer hier und wartet auf bessere Laune meinerseits.
Die Frage nun für mich war: Kann Irving eventuell zwar “Short Story”, aber nicht “Biografie”? Immerhin gilt er als einer der Erfinder der Short Story, als einer der ersten US-amerikanischen Autoren, die Weltruhm zu erlangen vermochten. Meine (vorläufige) Antwort: Offenbar ja. Denn The Lady with the Velvet Collar ist eine perfekte Short Story. Knappe fünf Seiten lang in meiner Ausgabe, steuert sie rapide und präzis auf den Höhepunkt zu, liefert eine perfekte Pointe und eine angemessen kurze Coda.
Der Inhalt der Geschichte ist rasch erzählt: Gottfried Wolfgang, ein junger deutscher Student neigt zur Melancholie. (Unter Melancholie verstand die damalige Zeit noch viele verschiedene Krankheitsbilder – von der Depression über Zwangs- und Wahnvorstellungen bis hin zur gespaltenen Persönlichkeit.) Wegen seiner Krankheit schicken ihn seine Freunde zu einem (wie wir heute sagen würden) Auslandsemester nach Paris. Es ist die Zeit der Französischen Revolution, der sog. Schreckensherrschaft. Gottfried Wolfgang, abgestossen von den Ereignissen rund um ihn, zieht sich nur noch mehr in sein Schneckenhaus zurück. Eines Abends, auf dem Heimweg von der Bibliothek, kommt er über den Platz, wo seit geraumer Zeit die Guillotine herrscht. Er sieht eine Frau am Fuss von deren Gestell kauern. Natürlich regnet es in Strömen, und Blitz und Donner regieren. Wolfgang, der das Bild dieser Frau schon seit einiger Zeit immer wieder im Traum gesehen hat, nimmt die Unbekannte zu sich nach Hause. Er gesteht ihr seine Träume und seine Liebe. Die beiden beschliessen zusammen zu leben -auch ohne Trauschein. Am nächsten Morgen (Irving bleibt sehr undeutlich in Bezug dessen, was in dieser Nacht noch passiert sein könnte) geht der deutsche Student mal kurz weg. Wie er zurück kommt, liegt die junge Frau leblos auf dem Sofa. Der Student ruft die Polizei. Diese nun wundert sich, wie die Frau in die Wohnung des Studenten gekommen sein mag – schliesslich wurde sie am Vorabend guillotiniert. Der Polizist streift ihr den samtenen Kragen herunter und – perdautz! – fällt der Kopf herunter. Der Student wird daraufhin definitiv verrückt.
Sicher, vieles an der Geschichte ist unlogisch (z.B. die Frage, warum ausgerechnet der Körper dieser einen weiblichen Leiche noch nachts herumliegen sollte). Aber die Stimmung des nächtlichen Paris – so trivial das Ganze mit Regen, Blitz und Donner auch anmutet – ist gelungen. Auch die grossen Schilderer des nächtlichen Paris, Eugène Sue und Victor Hugo, konnten es nicht besser, in Anbetracht dessen, dass sie sich bedeutend mehr Raum dafür gaben. Und auf fünf Seiten kann auch keine grosse Charakterstudie geleistet werden. Die Geschichte fasziniert, und sie hat eine unerwarteten Ausgang. Was kann der Leser von fünf Seiten mehr verlangen?
Coda (mit Anwendung auf mich selber ) eine Beschreibung von Gottfried Wolfgang, der recht abgelegene Literatur studiert: He was, in a manner, a literary ghoul, feeding in the charnel-house of decayed literature.