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Neun von zehn Franken werden von privaten Banken in Umlauf gebracht – per Knopfdruck und aus dem Nichts. Das birgt Risiken. Die Vollgeld-Initiative, die am 1. Dezember eingereicht wird, will das ändern.
Angenommen, Sie bräuchten einen grösseren Geldbetrag, vielleicht, weil Sie ein Haus kaufen wollen. Nun stellen Sie sich vor, ein Unbekannter würde Ihnen das Geld vorschiessen. Nicht, indem er es Ihnen in einem Koffer übergibt. Er schreibt einfach den Betrag auf ein Papier, zusammen mit dem Vermerk, der Besitzer dieses Papiers könne den Barbetrag jederzeit bei ihm abholen. Das wirkt wenig vertrauenswürdig, nicht?
Und was würden Sie davon halten, wenn Sie erführen, dass Ihr Geldgeber ein passionierter Glücksspieler ist, der regelmässig riskante Wetten eingeht? Nun, so ähnlich funktioniert die Kreditvergabe der Bank, bei der Sie tatsächlich den Hypothekarkredit für Ihr Wohneigentum aufnehmen.
Wenn die Bank Sie für kreditwürdig hält, dann schreibt sie Ihnen den vereinbarten Betrag auf Ihrem Konto gut. Sie braucht dazu weder darauf zu warten, dass in der gleichen Höhe neue Ersparnisse bei ihr hinterlegt werden, noch dass genügend andere Schuldner ihren Kredit zu dem Zeitpunkt zurückzahlen oder Zinsen in der Höhe Ihres Darlehens entrichten. Elektronisches Buchgeld können die Banken nach eigenem Gutdünken in die Welt setzen.
Urs Birchler ortet in der Geldmengensteuerung eine weitere Schwäche der Initiative: «Normalerweise erhöht die Nationalbank die Geldmenge, indem sie Dollars, Euro, Gold oder was auch immer kauft und somit Franken in Umlauf bringt. Wenn sie die Geldmenge verringern will, verkauft sie die Dollars, Euro etc. wieder. Wie aber kann die Geldmenge im Vollgeld-System verringert werden?»
Auch hier hat Reinhold Harringer eine Antwort parat: «Wenn die Nationalbank zur Erhöhung der Geldmenge Darlehen an die Banken gewährt, kann sie diese auch zurückziehen oder die dafür erhaltenen Sicherheiten wie zum Beispiel Wertpapiere verkaufen und damit die Geldmenge verkleinern.»
Der Gewinn aus der Geldschöpfung würde im Vollgeld-System nicht mehr bei den privaten Banken anfallen, sondern bei der Nationalbank. Diese gibt sie an Bund, Kantone oder auch direkt an sämtliche Bürgerinnen und Bürger weiter. Den ergiebigsten Geldregen würde die Umstellung auf Vollgeld mit sich bringen: Am Tag des Systemwechsels verwandelt sich das Geld, das die Banken ihren Kunden schulden – also das Geld, das diese auf ihren Bankkonten haben – in eine Verpflichtung der Banken gegenüber der Nationalbank.
Diese Schuld begleichen die privaten Geldhäuser schrittweise aus den Kreditrückzahlungen ihrer Schuldner. So wird das von den Banken geschöpfte Geld durch Buchgeld von der Nationalbank ersetzt. Am Kontostand der Kunden ändert sich nichts. Es ist bloss nicht mehr die private Bank, die garantiert, dass das Geld auf dem Konto jederzeit ausgezahlt werden kann, sondern die Nationalbank.
300 Milliarden für die Staatskasse
Als Folge der Umstellung flössen gemäss Website der Vollgeld-Initiative einmalig und über mehrere Jahre verteilt rund 300 Milliarden Franken in die Staatskasse. Das ist mehr als die aktuelle Gesamtschuld des Bundes (etwa 222 Milliarden) und die Bundesausgaben eines Jahres (etwa 64 Milliarden) zusammen. Den jährlich wiederkehrenden Geldschöpfungsgewinn zugunsten der Allgemeinheit schätzen die Initianten auf drei bis fünf Milliarden.
Es ist ein verlockendes Angebot, das die Vollgeld-Initiative den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern macht. Auch Kritiker wie Urs Birchler räumen ein, dass Finanzkrisen im Vollgeld-System weniger wahrscheinlich sind. «Der Eingriff in das Kreditgeschäft würde die Schweizer Wirtschaft etwas kosten. Dies muss man aufrechnen gegen die Finanzkrisen, die man möglicherweise vermeidet. Meiner Meinung nach ist die Wirtschaftswissenschaft nicht in der Lage, verlässlich vorauszusagen, ob Kosten oder Nutzen überwiegen.»
Letztlich scheiden sich die Geister an der Frage, wer eher für das Wohl des Landes sorgen könne: Vater Staat oder gewinnorientierte private Unternehmen.
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Vorlesung Mathias Binswanger: «Das Jahr des Geldes»
Mittwoch, 2. Dezember, Hochschule für Wirtschaft der FHNW, Peter-Merian-Strasse 86, 4002 Basel