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Gestohlene Kinder, hintergangene Mütter, gefälschte Dokumente – Anfang der 80er Jahre boomt der Markt mit internationalen Adoptionen. Kinderlose Paare aus Europa und der Schweiz unterstützen diesen Babyhandel – ohne es zu wissen. Heute sind die adoptierten Babys erwachsen und suchen nach ihren leiblichen Eltern.
Dies ist die Geschichte von Dida Guigan: Sie ist keine acht Tage alt, als sie ihrer leiblichen Mutter weggenommen wird. Die Ärzte setzen die junge Mutter unter Druck, weil das Kind keinen offiziellen Vater hat. Die Mutter soll das Kind weggeben. Sie will nicht, willigt aber ein, das Baby kurz in die Obhut des Spitals zu geben. Die Ärzte jedoch geben das kleine Mädchen zur Adoption frei.
Gefälschte Adoptionspapiere
Das Prozedere für Adoptionen im Libanon der 80er Jahre während des Bürgerkriegs war radikal: Ein Arzt stellte nach der Geburt eine falsche Geburtsurkunde aus, welche die Adoptiveltern als leibliche Eltern des Kindes ausgaben. So umgingen sie die Kontrollen der Behörden. Offiziell wurden die Kinder also gar nicht adoptiert. Die spätere Suche der Adoptierten nach ihren leiblichen Eltern und nach der Wahrheit wird damit praktisch unmöglich.
Es ist ein regelrechtes Business, von dem diverse Beteiligte profitieren: Anwälte, Ärzte, Schwestern, Hebammen. Eine zentrale Rolle spielen zu der Zeit die christlichen Geistlichen im Libanon. Die religiösen Gerichte genehmigen die Adoptionen und die christlichen Kinderheime können, wenn nötig, sogar Geburtsurkunden austellen.
Grosse Dunkelziffer der Adoptionszahlen
In den 80er Jahren adoptierten Hunderte von Schweizer Paaren Kinder aus dem Ausland, auch aus dem damaligen Bürgerkriegsland Libanon.
Die offiziellen Schweizer Zahlen für Adoptivkinder aus dem Libanon belaufen sich auf 130 für die Zeit zwischen 1980 und 2000.
Doch laut dem Verein «Born in Lebanon», welcher Adoptivkindern aus dem Libanon bei der Suche nach den leiblichen Eltern hilft, ist die Dunkelziffer enorm: Viele Kinder wurden als leibliche Kinder ihrer Adoptiveltern erfasst und fliessen deshalb nicht in die Adoptions-Statistik ein.
Die Zahl libanesischer Babys, die ins Ausland adoptiert wurden, wird auf 10'000 geschätzt.
Der Verein «Born in Lebanon», Link öffnet in einem neuen Fenster hat 2018 mit dem Verein «Back to the roots», Link öffnet in einem neuen Fenster für sri-lankische Adoptivkinder einen Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga geschrieben.
Darin fordern sie, sämtliche illegale Adoptionen in der Schweiz aufzuarbeiten und offiziell anzuerkennen.
Ich war wie bessenen davon herauszufinden, wer meine leibliche Mutter ist.
Didas erste grosse Reise beginnt am Hafen von Jounieh im Norden Beiruts: Ihre Schweizer Adoptiveltern bringen das Baby auf einem kleinen Fischerboot vom Libanon nach Zypern und von dort in die Schweiz.
Die Adoptiveltern machen nie ein Geheimnis daraus, dass sie Dida adoptiert haben. Das Mädchen erlebt eine glückliche Kindheit am Genfersee bei ihrer Adoptivfamilie. Die Eltern adoptieren neben Dida drei weitere Kinder aus dem Libanon.
Für Dida wird es im Verlauf der Jahre immer dringender zu wissen, wer ihre leibliche Mutter ist. Mit 18 Jahren reist sie zum ersten Mal mit ihrer Familie in die Ferien in den Libanon. Da wird ihr klar, dass sie in ihr Geburtsland zurückkehren muss.
Sie lernt Arabisch und zieht 20jährig in den Libanon, um die Suche nach ihrer leiblichen Mutter besser vorantreiben zu können. Trotz grosser Widerstände schafft sie es, den Namen ihrer Mutter und ihre damalige Adresse ausfindig zu machen.
2012 wird Dida in Beirut von einem libanesischen Fernsehteam kontaktiert. Das Team findet den entscheidenden Hinweis, wo sich die leibliche Mutter von Dida aufhält. Dida traut ihren Ohren nicht, als sie erfährt, wo die Mutter all die Jahre gelebt hat: in der Schweiz, keine Zugstunde von Didas Wohnort entfernt.
Als Dida ihre Mutter wiederfindet, erfährt sie etwas Grundlegendes: «Ich habe begriffen, dass meine Mutter in einer psychisch enorm verletzlichen Situation war, als sie alleine den Entscheid traf, sich von mir zu trennen. Es ging nicht darum, dass sie als Mutter ihr Kind nicht wollte.»
Es ging nicht um die Rettung der Kinder, sondern um die Nachfrage nach Adoptionskindern.
«Für mich machen solche Aussagen gar keinen Sinn», meint Dida dazu. «Es ging nicht um die Rettung von Kindern, es ging auch nicht darum, einer Frau in einer schwierigen Situation zu helfen. Es ging einzig und allein darum, die Nachfrage nach Adoptionskindern aus den westlichen Ländern zu befriedigen.»