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Rund ums Absetzen werden die Ferkel verschiedenen Stressfaktoren ausgesetzt. Es gibt den sozialen Stress, den Umweltstress und den fütterungsbedingten Stress. Durch diese Stressfaktoren entsteht eine hormonale Antwort, wobei Stresshormone produziert werden (Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol), was mit einer höheren Energiemobilisation (Abbau von Glukose und Fett) einhergeht. Im Normalfall dient diese Mobilisation dazu, dem Tier so viel Energie wie möglich zur Verfügung zu stellen, um die Kampf-oder-Flucht-Reaktion (fight-or-flight-response) auszuleben. Beim Absetzen ist der Stress jedoch fast ein Dauerzustand, was zu erhöhtem Abbau von Glukose und Fett führt. Dies erhöht den Stress erneut und ruft die Hormonausschüttung hervor: Eine Kettenreaktion entsteht. Über chemische Reaktionen entstehen freie Radikale, welche mit anderen Molekülen reaktiv sind. Deshalb können diese das Gewebe (Bindegewebe, Nervenzellen, Muskelfasern, Darmzellen) beschädigen, wodurch die Stoffwechselfunktionen gestört werden. Die Verdauung läuft nicht mehr rund, was zu Durchfall führt. Der Körper hat zwar eigene Abwehrmechanismen gegen die freien Radikale (Enzyme) und über das Futter werden Antioxidantien aufgenommen. Doch bei Dauerstress gerät das Gleichgewicht aus dem Lot und es entsteht oxidativer Stress. Daraus folgt der Immunstress. Die Keime vermehren sich stärker und die Abwehrkräfte sind geschwächt.
Man könnte über das Verfüttern von zusätzlichen Antioxidantien versuchen, die Balance wieder herzustellen. Doch die Ursache zu bekämpfen, beziehungsweise das Tier vorzubereiten, ist deutlich effektiver.
Zehn Tage vor bis eine Woche nach dem Absetzen darf kein Futterwechsel stattfinden.
Ein Sozialkompromiss
Das abrupte Trennen von der Mutter ist für das Ferkel ein schlimmer sozialer Stress. Im Vergleich dazu werden bei den Wildschweinen die Ferkel erst viel später und schrittweise abgesetzt. Nebst dem Trennen von der Mutter werden die Ferkel noch mit anderen Artgenossen vermischt. Die Tiere zeigen durch ihr Verhalten, dass etwas nicht stimmt: Es kann beispielsweise Fehlverhalten wie das Besaugen an Artgenossen auftreten. Es entstehen zum Teil heftige Rangkämpfe, um die Hackordnung neu zu definieren. Durch die Verletzungen wird den pathogenen Keimen Tür und Tor geöffnet. Das abrupte Trennen von der Muttersau und die Begegnung mit neuen Artgenossen ist im Produktionsrhythmus unumgänglich. Durch gezielte Massnahmen können diese Stressfaktoren gelindert werden.
Die Würfe sollten so wenig wie möglich voneinander getrennt werden und die Ferkel innerhalb der Gruppe müssen ungefähr gleich gross und gleich alt sein. Ein guter Kompromiss ist es, die ganz schwachen Ferkel aus jedem Wurf und die am stärksten entwickelten je in einer Gruppe zusammenzufügen. Die restlichen Tiere werden am besten so zusammengelegt, dass kein weiteres Auftrennen von Würfen nötig ist. Bei geschlossenen Zucht-/Mastbetrieben oder Direktzuweisungen für den Jagerverkauf kann hier schon an die nächste Stressphase gedacht werden. Wenn die Jagerpartien gleich gross geplant werden wie später die Mastgruppen, wird der Einstallstress in die Mast reduziert.
Integration in neue Umgebung
Umweltstress beschreibt Veränderungen der Umgebung. Nach dem Absetzen ist die Bucht grösser als bisher. Das warme Gesäuge der Sau wird ersetzt durch kalte Nippel oder Tränken mit einem anderen Durchfluss als gewohnt. Hinzu kommt, dass die Sicht auf das Gesäuge am Horizont durch die flache Linie der Futtertröge oder Automaten ersetzt wird. Auch die Lüftung, die Wärmeverteilung in der Bucht sowie die gewohnten Geräusche aus den Nachbarbuchten sind nicht mehr gleich wie bisher.
Wie schon beim sozialen Stress lassen sich die Umgebungsfaktoren im gängigen Produktionssystem nicht einfach wegblenden. Doch auch hier können gezielte Massnahmen eine gute Integration in die neue Umgebung vereinfachen. Die Jagerbuchten müssen vor dem Einstallen immer gewaschen und desinfiziert werden und bei Ankunft der Ferkel warm und trocken sein. Die Tränkeund Fütterungseinrichtungen sollten sauber und gut zugänglich sein und einen angemessenen Wasserdurchfluss aufweisen. Ist genügend Beschäftigungsmaterial vorhanden, können die Ferkel ihre natürliche Neugierde ausleben und die Umgebung erkunden. Dann finden sie auch schneller die Futter- und Wasserquellen sowie den warmen Liegebereich. In den ersten Nächten nach dem Absetzen kann ein Nachtlicht den schwächsten Ferkeln helfen, Futter und Wasser zu finden, da diese am Tag oft durch die ranghöchsten Tiere verdrängt werden.
Eine optimale Fütterung
Das Absetzen zieht starke Veränderungen bei der Futteraufnahme der Ferkel nach sich. Bis anhin hatten die Tiere eine warme, flüssige und milchbasierte Vollration direkt von der Sau. Jetzt basiert die Ration auf kaltem und stärkebetontem Festfutter, das mit Wasser ergänzt werden muss. Dazu wechselt der Aufnahmerhythmus des Futters von acht bis zwölf Mal täglich auf drei bis vier Mal. Auf ein unvorbereitetes Verdauungssystem hat das irreversible Langzeitfolgen. Deshalb ist es zwingend, die Verdauung so früh wie möglich zu trainieren.
Das Anfüttern beginnt in den ersten Lebenstagen. Durch die richtige Fütterungsstrategie werden die Darmzotten und die Verdauungsenzyme darauf vorbereitet, ohne Milch auszukommen. Um das Fresstraining zu vereinfachen, muss das Futter mehrmals täglich frisch angeboten werden. Am besten wird dies an einer Stelle verabreicht, wo die Sau auch hinkommt, dass die Ferkel von der Mutter abschauen können. Zudem kann eine Wühlerde beigemischt werden, welche bis nach dem Absetzen beibehalten wird, so bleibt eine Komponente ihrer Ration vom Anfüttern bis zur Aufzucht konstant. Zehn Tage vor bis eine Woche nach dem Absetzen darf kein Futterwechsel stattfinden.
Vorausschauend handeln
Die Gesundheit der Ferkel befindet sich in einem kritischen Umfeld und einem heiklen Gleichgewicht. Damit dieses nicht kippt, bedarf es einem guten Management der Stressfaktoren und einer optimalen Vorbereitung des Verdauungstraktes. Gezielte Massnahmen, um den Stress zu reduzieren – egal ob sozial, umgebungsbedingt oder fütterungstechnisch – bringen besseren Erfolg als die Symptombekämpfung nach dem Absetzen.