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Die Bezeichnung des Indiovolkes Kariri-Xocó hat man als Folge der Fusion zwischen den Kariri aus Porto Real do Colégio und einer Splittergruppe der Xocó, von der Flussinsel São Pedro (Bundesstaat Sergipe), übernommen, die vor zirka 100 Jahren stattgefunden hat. Letztere flüchteten sich, als ihr Land unter der rücksichtslosen Invasionspolitik des Imperiums besetzt und ihre Dörfer angezündet wurden, zu den Kariri am anderen Ufer ihres Flusses.
Kariri-Xocó
|Andere Namen: Cariri-xocó

Sprache: Portugiesisch
Population: 2.311 (2009)
Region: Bundesstaat Alagoas
|INHALTSVERZEICHNIS

Name, Wohngebiet
Sprache, Bevölkerung, Erstkontakt
Von der “Strasse der Indianer” zur Fazenda Modelo
Wiederaufnahme wirtschaftlicher Aktivitäten
Gesellschaftliche Organisation und Politik
Das Ouricuri-Ritual und der Toré-Tanz
Anmerkung über die Quellen
Ihr Tagesablauf ist dem der übrigen Landbevölkerung mit niedrigem Einkommen sehr ähnlich, die ihre Arbeitskraft innerhalb für verschiedene landwirtschaftliche Aktivitäten der Region verkaufen. Aber als Indianer in Porto Real do Colégio ist man auch ein Sohn des Dorfes und das bedeutet, dass man das Geheimnis des “OURICURI” kennt – von Kindesbeinen an.
Kariri (oder Kirirí) ist ein im Nordosten sehr bekannter Name, der von einer grossen Nation stammt, die einstmals einen grossen Teil des Territoriums der heutigen Nordost-Staaten bevölkerte, von Bahia im Süden, bis hinauf nach Maranhão, im Norden. Die Referenzen über die Xocó (oder Ciocó) reichen bis ins 18.Jahrhundert zurück.
Mit dem Namen Kariri-Xocó bezeichnet man heute sowohl die Gruppe, ihr Dorf, als auch den entsprechenden Indianer-Posten in ihrem Gebiet – nachdem die staatliche FUNAI gegründet worden war. Diesen Posten in “Colégio” gab es allerdings schon seit 1943, als er den Namen “Posto Indigena Padre Alfredo Damâsio” bekam – später geändert in P.I.Kariri. Hohenthal Jr. allerdings bezeichnet noch 1960 die indigene Bevölkerung von Porto Real do Colégio als “Xocó”.
Innerhalb der Gruppe hat dieser Doppelname sowohl Streit ausgelöst als auch wieder die Einheit motiviert. Als sie noch daran glaubten, zusammen mit den Xocó, welche im Distrikt von Porto da Folha (Sergipe) verblieben waren, Ihre Insel São Pedro zurück zu gewinnen, trat die Abstammung von den Xocó in den Vordergrund. Und auf der anderen Seite : als sie bemerkten, dass die Anektierung der Ländereien der “Fazenda Modelo” oder “Sementeira” politisch erreichbar wurden, war wieder die Identität der Kariri in aller Munde.
Die Kariri-Xocó leben im Gebiet des unteren Rio Sao Francisco, im alagoanischen Distrikt von Porto Real do Colégio, dessen Amtssitz sich vor der Kleinstadt Propriá (Bundesstaat Sergipe) befindet. Die beiden Orte sind durch eine Brücke miteinander verbunden, welche auch den südlichen Teil Brasiliens mit dem Nordosten verbindet – als ein Teilstück der Bundesstrasse BR-101. Das Dorf und der Indianer-Posten befinden sich zirka einen Kilometer vom Zentrum des Ortes.
Die heutigen Kariri-Xocó repräsentieren in Wirklichkeit das, was aus den Fusionen von verschiedenen Stammes-Gruppen und ihrer Katechese im Verlauf von Jahrhunderten noch übrig geblieben ist. Ihr Tagesablauf gleicht heute dem der eingewanderten weissen Landbevölkerung mit niedrigstem Verdienst, die sich bei den Grossgrundbesitzern der Region zu Feldarbeiten verdingen. Insgesamt kann man aber auch feststellen, dass diese Gruppe durch ihr Ritual “OURICURI” immer noch die eigene Identität aufrecht erhält.
Im November 1978 bekam diese Identität neue Lebenskraft durch die Übernahme der “Fazenda Modelo” oder “Sementeira”, welche bis dato von der “Companhia de Desenvolvimento do Vale do São Francisco (CODEVASF) betrieben wurde, und die einen Teil des angestammten Territoriums der Kariri-Ahnen darstellt. Dieser Erfolg stimulierte eine positive Reformpolitik ihrer Identität – sowohl als “Indianer” (genetisch) als auch als Kariri-Xocó.
Die Kariri-Xocó haben ihre Originalsprache nicht gepflegt. Lediglich einige wenige Begriffe hat man beibehalten. Clarice Novaes da Mota bringt in ihrem Buch “As Jurema told us”(1987) eine minutiöse Aufstellung indianischer Vokabeln, welche von den Kariri-Xocó zur Bezeichnung magischer und medizinischer Pflanzen benutzt werden. Sie bestätigen auch, dass sie von “der Sprache”, wie sie ihr ausgestorbenes Idiom selbst bezeichnen, ausserdem magische Ausdrücke behalten haben, die ihr Ritual “OURICURI” betreffen.
In Übereinstimmung mit den von der FUNAI erhaltenen Daten wurde die Bevölkerungszahl der Kariri-Xocó im Jahr 1997 auf 1.500 geschätzt, eine Zahl, die sich seit 1993 kaum verändert hat. In Nachrichten, welche von der lokalen Zeitung “Gazeta de Alagoas” (vom 22.11.92 und 01.10.93) veröffentlicht wurden, schwanken diese Zahlen jedoch zwischen “1.700 Índios” am ersten Datum und “2.500 Mitgliedern” beim zweiten. Dazu muss man allerdings in Betracht ziehen, dass jene letzte Nachricht von einem Repräsentanten der Gruppe selbst stammt, der sich in die Abgeordnetenkammer von Maceió (Hauptstadt Alagoas) begab, um die Unterstützung der Abgeordneten für das Problem der indianischen Landansprüche zu bekommen. Deshalb ist die Zahl der Indianer in diesem Zusammenhang nicht objektiv.
Aus der Aufstellung des ersten Agenten jenes Indianer-Postens gab es im Jahr 1944 insgesamt 166 Personen, die als Indianer identifiziert worden sind. Am Anfang meiner eigenen Feldarbeit, im Jahr 1979, waren 728 Indianer auf dem Posten der FUNAI registriert. 1983 war diese Zahl auf 1.050 Individuen angewachsen – dies erklärt sich teilweise auch aus der Tatsache, dass mit der indianischen Wiederbesetzung des Gebiets der “Fazenda Modelo” viele übers Land verstreute Angehörige ihren Weg zurück in die Gemeinschaft fanden.
Wenn man sich mit der Demografie der Kariri-Xocó befasst, muss man beachten, dass sich unter jenen, welche sich selbst als Indianer bezeichnen und als solche auch von der Gruppe bestätigt werden, sowohl Neger, Blonde mit blauen Augen und andere amerindische Biotypen befinden. Indianer zu sein in Porto Real do Colégio bedeutet, ein Kind des Dorfes zu sein und das Geheimnis des “OURICURI” zu kennen – von Kindheit an. Allerdings gibt es da interne Unterschiede. Wenn beide Elternteile der entsprechenden Person als Kariri und/oder Xocó identifiziert werden können, ist sie ein legitimer Nachkomme. Wenn sie ausserdem noch den “OURICURI” frequentiert, ist sie ein Kenner. Um also ein richtiges Mitglied des Dorfes sein zu können, ist man idealerweise Nachkomme und Kenner. Allerdings gibt es da auch gewisse Annäherungsformen: Der nicht-indianische Partner einer Mischehe kann aufgenommen werden, wenn er das Vertrauen der Gruppe verdient und vom Schamanen eingeladen wird, dem “OURICURI” beizuwohnen. Und dann gibt es noch den Status des “leeren Kopfes” – dieser begreift uns alle ein, die wir das Geheimnis des “OURICURI” nicht kennen.
Die Jesuiten kamen aus den Kollegien in Bahia und Pernambuco an die Ufer des Rio São Francisco. Das Städtchen Porto Real do Colégio trägt diesen Namen, weil es aus der “Residenz des Urubumirim” hervorging, die auf Ländereien gegründet wurde, welche dem Jesuiten-Kolleg von Recife vom Staat überlassen worden waren. Im Umfeld dieser Residenz entstanden zwei Indianerdörfer, deren Bewohner missioniert werden sollten, so wie es das Gesetz vom 04. Juni 1703 vorschrieb. Dieses Gesetz stützte ich auf die “Alvará Régio” von 1700, nach der “jeder Mission eine Légua (altes Flächenmass: 1 Légua = 9 km) im Quadrat” zur Verfügung stand, “zur Selbsterhaltung der Indianer und Missionare”. Das Dorf von Colégio befand sich zirka sieben Léguas von der Siedlung Penedo und das von São Brás zirka zwei Léguas oberhalb von Colégio. Das Areal beider Dörfer betrug “zwei Léguas nach vorne und eine Légua nach hinten” – Dimensionen, die man in sämtlichen offiziell registrierten Dokumenten wiederfindet, und die sich auch in der oralen Tradition der Gruppe erhalten haben.
Mit dem Rausschmiss der Jesuiten aus Brasilien, im Jahr 1759, wurden ihre Vieh-Farmen dem Staat einverleibt. Die Indianerdörfer jedoch wechselten in die Administration von anderen Missionaren über. Im Dorf von “Colégio” lebten Cropotós, Cariris, Aconans, Ceococes (wahrscheinlich der Plural von Ciocó oder Xocó) und Prakiós. Das Missionsdorf ist demnach die Wiege des “Caboclo” – eine genetische Bezeichnung, welche im 19. Jahrhundert rassistische Züge annimmt, durch die das Imperium eingeborene Bevölkerungsgruppen disqualifiziert, in einer Politik, welche der Jurist Dalmo Dallari als “anti-dörflerisch” bezeichnet. Unter der Vorgabe einer “Nichtexistenz von Indianern primitiver Rasse” werden die Dörfer am 17. Juli 1873 vom Landwirtschaftsministerium niedergebrannt.
Kurioserweise schreibt die mündlich überlieferte Geschichte der Gruppe das Besitzrecht ihres heutigen Wohngebiets einer Schenkung des Kaisers Dom Pedro II. zu, und die habe sich anlässlich seiner Reise zu den Wasserfällen von Paulo Afonso (1859) zugetragen. Dom Pedro war tatsächlich nachweislich in Porto Real do Colégio und wurde dort von einer Gruppe Indianer empfangen. Die Episode ist im Reise-Tagebuch des Kaisers registriert, der die Indianer als “Nachkommen einer schon sehr gemischten Rasse” bezeichnet (Pedro II., 1959: 111). Die Grundbesitz-Politik des Imperiums scheint den Eindruck des Kaisers zu bestätigen, die dieser von jener Bevölkerung hatte – und man hat keinerlei Schenkung in den untersuchten Archiven finden können.
Eine Reihe verschiedener Umstände bewirkten, dass 459,4 Hektar des den Indianern überlassenen Landes vom Staat für die unterschiedlichsten Zwecke weiterhin beansprucht wurden – sowohl während des Imperiums als auch später in der Republik. Und 1978, als diese Ländereien von der CODEVASF kontrolliert werden, besetzen die Kariri-Xocó einen Abschnitt dieses Gebiets, welcher der Fazenda Modelo entspricht – und erklären ihr Besitzrecht aus dem Jahrhunderte alten Anspruch ihrer Ahnen, die dermaleinst dort gelebt hatten.
Die Besetzung findet gleich nach Ankunft der CODEVASF am unteren São Francisco statt, die mit ihrem “Projekt für die überschwemmbaren Areale” sämtliche Besitzstrukturen der Region zu verändern beginnen. Von ihrem originalen Wohngebiet hatten die Indianer nach Einrichtung des Indianer-Postens bereits 50 Hektar überlassen bekommen – auf denen sie die Waldbestände pflegten – und sie besassen als Lebensraum die Ländereien des Ouricuri (zirka 100 Hektar, nach Auskunft der FUNAI No.138/86 GT Port. Interministerial 003/83 Dec. 88 188/83), welche die Kariri-Xocó aus Respekt vor dem Geheimnis und den heiligen Kräften pflegten, und die Nicht-Indianer mieden, aus Furcht vor magischen Konsequenzen. Diese “Área Indigena” (Indianergebiet) wurde gesetzlich verankert in der Eintragung No. 600 vom 25-11-91 als permanenter Besitz der Indianer. Durch den Erlass vom 04. Oktober 1993 wurde das Gebiet auf 699,35 Hektar (PETI/MN) festgelegt.
Mit der Invasion der Fazenda besetzen die Indianer alle ihre Einrichtungen. Im Lauf der Zeit jedoch, mit Hilfe eines kanadischen Unternehmens liefert die FUNAI den Indianern schliesslich Baumaterial, um ihre Häuser im neuen Dorf zu errichten. So verlassen sie die “Rua dos Índios” im Zentrum von Colégio, wo sie bisher zusammen mit Nicht-Indianern gelebt hatten – zusammengepfercht in einer einzigen Strasse. An ihrer Ecke befand sich der Indianer-Posten und neben ihm die Schule. Im Jahr 1983 wurde der Posten dann auf die besetzte Fazenda verlegt. Die Schule wurde geschlossen und erst wieder 1997 eröffnet.
Während des Zeitraums meiner Untersuchung unterhielt diese Schule ein Lehrprogramm bis zur vierten Volksschulklasse, danach frequentierten die Schüler in der Regel das regionale Gymnasium. Die Lehrer der Volksschule waren in der Regel Abkömmlinge von anderen Stammesgruppen des Nordostens – und sie brauchten zur Ausübung ihrer Funktion in der Indianerschule keinen spezifischen Qualifikationsnachweis. Um den 2. Grad (Gymnasium) zu absolvieren, mussten Indianer und Nicht-Indianer sich in die Kreisstadt Propriá begeben.
Mit der Einrichtung des Wasserkraftwerks von Sobradinho – das 1979 in Betrieb genommen wurde – musste die dem Zyklus jährlicher Überschwemmungen folgende Landwirtschaft neu überdacht werden, denn der Staudamm bestimmte von nun an den Grad der Überschwemmung und nicht mehr der Fluss allein. Deshalb wurden die bisher von jährlichem Überschwemmungszyklus heimgesuchten Areale enteignet, um für Projekte der normalen, von der künstlichen Bewässerung und vom Regen abhängigen, Landwirtschaft genutzt zu werden.
Die Reiskulturen sind von der Enteignung am meisten betroffen, die Wirtschaft der gesamten Region scheint paralysiert, um die Einsetzung einer neuen Ordnung abzuwarten. Die Veränderungen vollziehen sich just zu der Zeit, in der sich die Indianer als Saisonarbeiter bei Grossgrundbesitzern verdingt haben oder ein gepachtetes Stück Land bearbeiten. Das ist der Hintergrund, den die Gruppe als geeignet betrachtet, die brach liegenden Ländereien der Fazenda zu besetzen.
Auch die Fazenda Modelo und ihre Reispflanzungen wurden von dem sich hinter dem Staudamm von Sobradinho bildenden See so stark beeinträchtigt, dass die CODEVASF sogar plante, ein Fischzucht-Projekt einzurichten (1979) – aber die Invasion der Kariri-Xocó kam dem zuvor. In Anbetracht der durch den Staudamm provozierten Veränderungen, welche eine durch das temporäre An- und Abschwellen des Rio Sao Francisco regulierte Bodenbearbeitung ausschlossen, wurden diese tiefer gelegenen Gebiete enteignet und für landwirtschaftliche Projekte innerhalb einer Kooperative parzelliert. Eines dieser Projekte war “Itiúba”, entstanden 1975 im Gebiet von Colégio.
Ein paar Indianern gelingt es, sich als Parzellen-Besitzer einzuschreiben – dadurch haben sie Anrecht auf einen Bankkredit, abzahlbar mit ihrer landwirtschaftlichen Produktion, der Teilnahme an den Versammlungen der übrigen Kooperativsten, und sie müssen sich in den Plan der Bewässerung ihrer Parzellen durch die Wasserkraftwerksbetreiber einfügen, unter der Aufsicht der Agronomen von der CODEVASF, die ausschliesslich Saatgut einer bestimmten patronisierten Reissorte an sie verteilen. Jedoch die meisten unter ihnen fühlen sich diskriminiert. Und im Jahr 1980 setzen dieselben Kariri-Xocó, die zuvor die Fazenda Modelo besetzt hatten, die CODEVASF unter Druck, um zu erreichen, dass mehr Indianer als Parzellen-Besitzer eingeschrieben werden : Sie organisieren eine Blockierung des Eingangs zum administrativen Sitz der Organisation und erzwingen die Einschreibung von mehr als vierzig ihrer Stammesgenossen als neue “Parceleiros”. Deren Parzellen liegen allerdings dann so weit ab von denen der ersten, und der Boden dort ist so schlecht, dass sie sich erneut beschweren – schliesslich engagiert die FUNAI einen Landwirtschaftsexperten, der den Indianern zur Hand geht. Trotzdem entspannt sich die Situation immer noch nicht, denn nur wenigen der Kleinbauern – Indianern oder nicht – gelingt ein positiver Saldo innerhalb der Kooperative. Einige setzen sich ab, um bei der Zuckerrohrernte im Süden von Alagoas ein bisschen Geld zu verdienen.
Eine andere Einnahmequelle bildet die Nutzung des Tons zur Herstellung von Ziegeln, damit sind hauptsächlich die Männer beschäftigt, während ihre Frauen einen weit reichenden Ruf als exzellente Töpferinnen geniessen. Normalerweise füllten die Frauen die Zeit zwischen Einsaat und Ernte mit der Herstellung von Haushaltsgegenständen aus Tonerde aus – besonders Töpfe, Krüge und Pfannen entstanden unter ihren geschickten Händen. Antike Aufzeichnungen berichten von dieser Beschäftigung als einer Art Alternative in Krisenzeiten: Während der Überschwemmung des Jahrhunderts, im Jahr 1979, war das Töpfern die einzige wirtschaftliche Aktivität mit der man die Gruppe vor dem Untergang bewahren konnte. Auf dem Gelände der Fazenda Modelo gibt es Lagunen mit Ton von erlesener Qualität. Jedoch, obwohl eine Jahrhunderte alte Kunst dieser Frauen, scheint das Interesse der Jugendlichen, die traditionelle Handarbeit zu erlernen, steig weiter abzunehmen.
Die familiäre Struktur unterscheidet sich nicht von jener der übrigen weissen Landbevölkerung. Die Familie setzt sich zusammen aus Vater, Mutter und kleineren Kindern – und es gibt Einheiten, in denen der Vater fehlt. Die Führung des Dorfes unterliegt einerseits dem “Häuptling” andererseits dem “Schamanen” – eine Struktur, die anscheinend vom ersten Chef des Indianerpostens so angeordnet wurde. Derselbe soll auch die schon vor langer Zeit von den Indianern übernommenen portugiesischen Namen mit indianischen Zweitnamen ergänzt haben. So haben sie nun Doppelnamen, wie “Queiróz Suíra – Santiago Taré” oder “Pires Piragibe”.
Im Lauf der Zeit haben sich die Indianer an die Neuerungen gewöhnt und gegenwärtig werden Häuptling und Schamane während des OURICURI-Festes gewählt, sofern es von Seiten der FUNAI dagegen keine Einwände gibt. Ausserdem gibt es einen Ältestenrat im Dorf, diese traditionelle Autorität trifft die Entscheidungen von grösserer Bedeutung für die Gruppe, wie zum Beispiel die Besetzung der Fazenda Modelo.
Mit ihren integrierten Status beteiligen sich die Kariri-Xocó intensiv am Alltag der lokalen Gesellschaft, als Vertreter der ärmeren Schichten. So wie es unter diesen Menschen üblich ist, nutzen sie die gegenseitigen Bekanntschaften und Patenschaften zum Umgang mit der auferlegten Ordnung. Diese gegenseitigen Verbindungen sind nützlich um Gesundheitsprobleme zu lösen, Arbeitsplätze zu bekommen oder Freiplätze in der Schule. Und vor allem machen sich solche Verbindungen in der Lokalpolitik bemerkbar. Die Indianer können, obwohl sie unter der Vormundschaft der FUNAI stehen, wählen und gewählt werden (Gesetz 7.019/66 des Obersten Gerichtshofs). Im Jahr 1983 gab es einen indianischen Abgeordneten im Parlament des Distrikts von Porto Real do Colégio.
Die Indianer werden geboren und sterben innerhalb der Rituale der Katholischen Kirche. Die Kinder werden in der Regel getauft und registriert. Die Toten werden auf dem lokalen Friedhof innerhalb desselben Abschnitts begraben, der für die Ärmsten des Distrikts reserviert ist. Was die Heiraten betrifft, so werden die Ehen sowohl auf dem Standesamt als auch in der Kirche geschlossen. Einer Heirat mit Nicht-Indianern geht fast immer eine “Flucht” voraus – ein Raub der Braut. Eine Flucht löst ausserdem den Zwiespalt hinsichtlich der Tatsache, dass eine der beiden Personen Indianer ist, denn die “Ehre” der Jungfrau, welche bewahrt werden muss, verlangt nach einer Eheschliessung auf dem Standesamt – nicht mehr in der Kirche, wo sie mit Jungfernkranz und Schleier heiraten müsste.
Es scheint unwiederlegbar, dass dem OURICURI-Ritual die Funktion eines organisatorischen Prinzips zukommt – es verleiht der Erde, der Familie, der Identität des Individuums und der dörflichen Führung ihren eigentlichen Sinn. Spürbar strukturiert es das Leben der Menschen mittels einer Verordnung des Sakralen, des Mystriösen, des Unerreichbaren, jenes versteckten Winkels des indianischen Lebens, welchen die nationale Gesellschaft nicht zu entdecken oder gar zu beherrschen in der Lage ist. Während meiner Feldarbeit wurde mir stets eine diskrete Haltung gegenüber dem Ritual abverlangt, welches die Indianer “unser Geheimnis” benennen, “unsere Privatsphäre”. Und genau deshalb, aufgrund dieser Zurückhaltung, sind die Informationen darüber – sowohl im ethnografischen als auch im dokumentarischen Sinn – eher ärmlich und entsprechen auf keinen Fall der Grossartigkeit ihrer Bedeutung für die Existenz und den Zusammenhalt der übrig gebliebenen Eingeborenen.
Sie bezeichnen sowohl den rituellen Komplex als auch den Ort, wo er stattfindet, als OURICURI. Das Ritual wird von verschiedenen Eingeborenengruppen des Nordostens praktiziert. Im Ort Porto Real do Colégio dauern die Festlichkeiten 15 Tage lang – in den Monaten Januar und Februar. Dann herrscht Überfluss unter den Indianern – zum Fest wird in Form von Lebensmitteln alles das transportiert, was man sich während eines Jahres vom Mund absparen konnte. Innerhalb des dichten Waldes gibt es eine Lichtung, die als Austragungsort der Festlichkeiten eingerichtet wurde. Rund herum hat man Unterkünfte aus Backstein errichtet, in denen die Menschen während ihres Aufenthalts nächtigen.
Der rituelle Mittelpunkt des OURICURI besteht aus einer Serie von Gesängen und Tänzen, sowie dem Trinken des Jurema-Weins – der aus der Zwischenrinde des gleichnamigen Baumes gewonnene Saft verwandelt sich durch Gärung in ein stark alkoholisierendes Getränk. Der Höhepunkt des Rituals ist eine allgemeine Trance, ausgelöst durch den Genuss des Jurema. In diesem Stadium, so berichten die Teilnehmer, verschwimmen die Barrieren zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und sie vereinen sich mit ihren Ahnen und deren Gottheiten. Ausser einer Orientierung in den von der Gruppe gelebten gesellschaftlichen Situationen, verleiht das OURICURI den Kariri-Xocó auch die Kraft für den Kampf um ihren Lebensraum. Im Jahr 1978 besetzten sie, vom OURICURI und einem besonderen Kampfritual gestärkt, die Fazenda Modelo.
Neben dem OURICURI-Ritual haben die Indianer von Porto Real do Colégio sich ein weiteres Relikt alter Traditionen bewahrt: den Toré-Tanz. Es gibt davon zwei unterschiedliche Modalitäten: den so genannten “Toré de roupa” (bekleideter Toré) – eine einfache Tanzvariation, welche auf jedem Fest getanzt werden kann, mit normaler Kleidung. Und dann gibt es den “Toré de búzios” (Toré mit Trompete): “Der ist ein Teil des Geheimnisses, aber nicht das Geheimnis selbst”. Wenn er getanzt wird, erschliesst er das Geheimnis des OURICURI.
Nach der Besetzung jener Fazenda tanzten die Indianer von Colégio einen “Toré de Búzios” vor den anwesenden Autoritäten der Regierung – in Baströcken und mit ihren Muscheltrompeten – um sich als “wahrhafte Indianer” darzustellen. Die Dramatisierung ihrer Identität beweist, dass diese Menschen, trotz ihrer langen Zeit der “Integration”, sehr wohl in der Lage sind, sich als Indianer zu artikulieren, gestärkt vom Geheimnis des OURICURI.
Die Arbeiten, welche direkt den Kariri-Xocó gewidmet sind, entstammen den Thesen der Doktorarbeit von Vera Lúcia Calheiros Mata “Semente da Terra” (Samen der Erde), die sich mit der Identität und Rückeroberung der Ländereien jener Indianer befasst, vorgestellt im Museu Nacional 1989 – und denen von Clarice de Novaes Mota aus “As Jurema told us”, einem Buch, welches sich mit dem Gebrauch von Heilpflanzen befasst, herausgegeben von der Universität Texas 1978. Besonderer Schwerpunkt zum Thema ist der Artikel “Sob as ordens da Jurema” (Unter dem Befehl der Jurema), veröffentlicht in der kürzlich erschienenen Sammlung “Xamanismo no Brasil” (Schamanismus in Brasilien), organisiert von Jean Langdon.
Hinsichtlich der Kariri existiert auch eine Arbeit von Alfonso Trujillo-Ferrari, mehr als vierzig Jahre zurück. Aus derselben Epoche stammt die Aufstellung der Indianer vom mittleren und unteren Rio São Francisco, erarbeitet von W.D.Hohenthal Jr.
Und aus dem Ende der Kolonialzeit datieren die Informationen über barbarische Indianer aus dem Sertão von Pernambuco, niedergeschrieben von Frei Vital Frescarolo. Ebenfalls vom Ende der Kolonialzeit handelt eine These zur Doktorarbeit von Pedro Putoni: “A Guerra dos Bárbaros” (Der Krieg der Barbaren), präsentiert an der “Universidade de Sao Paulo” im Jahr 1998. “O Diário da Viagem ao Norte do Brasil” (Das Tagebuch der Reise in den Norden Brasiliens) von Dom Pedro II. beweist die Vorurteile des Kaisers gegenüber den Indianern – welche bereits den Verlust ihres angestammten Lebensrumes einleitete.
Professor Luís Sávio de Almeida, von der UFAL (Universidade Federal de Alagoas) unterstützt zwei Monografien über die Kariri-Xocó, verfasst von Schülerinnen, die er in Geschichte ausgebildet hat – eine davon detalliert den Toré-Tanz als Ritual.
Das “Museu do Índio” in Rio de Janeiro verfügt über Text-Dokumente von 1950 bis 1954 sowie verschiedene Mikrofilme. Der Professor Celso Brandão von der Abteilung für Kommunikation der “Universidade Federal de Alagoas” besitzt fotografisches Material über die Eingeborenen seines Staates.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther