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Raïd
geb. 23. Mai 2001
Wallach
Rasse: Deutsches Reitpferd
Vater: Rubin Star N
Mutter: Tiffany
Vater der Mutter: Trend
Raïd ist platziert
Raïd's Geschichte
An einem Montag im August 2003 erreichte uns ein Hilferuf aus Deutschland: ein 2,5jähriger, gesunder und charakterlich einwandfreier Hengst war für den darauffolgenden Freitag beim
Schlachter angemeldet!
Grund für diesen Entscheid war, dass das an sich in diesem Alter längst abgeschlossene Absteigen der Hoden aus der Bauchhöhle in den Hodensack ausgeblieben war und somit beide Hoden in der Bauchhöhle verblieben waren (Klopphengst, medizinisch Kryptorchismus genannt). Ein solches Pferd ist - sollte es trotz der Missbildung zuchtfähig sein - von der Zucht ausgeschlossen, da dieser Fehler hochgradig vererblich ist.
Somit hatte Raïd für seinen Züchter, der professionell züchtet, keinen Wert mehr. Nachdem die Versuche, für Raïd direkt einen neuen Lebensplatz zu finden, in den wenigen zur Verfügung stehenden Tagen scheiterten, entschieden wir uns trotz der grossen geographischen Distanz, Raïd als Stiftungstier aufzunehmen. Seine Vorfahren sowohl väterlicherseits (Rubinstein I, Rosenkavalier) als auch mütterlicherseits (Trend) versprachen hohe Rittigkeit. Sie haben diverse, vorab in Dressurprüfungen erfolgreiche Nachkommen gebracht. Wir gingen davon aus, dass eine spätere Platzierung nach Aufzucht und Operation relativ leicht möglich sein sollte.
Raïd verblieb zunächst in seiner Aufzuchtsherde in Fulda. Im Dezember 2003 teilten uns die Weidebetreiber mit, dass er Gangauffälligkeiten in der Hinterhand zeige. Die tierärztlichen Abklärungen vor Ort ergaben keine spezifischen Ursachen. Die Vermutung ging dahin, dass einer oder beide Hoden in den Leistenkanal abgestiegen waren und dort ein Unwohlsein verursachten. Die Operation wurde geplant.
Ende Dezember 2003 meldete sich eine Interessentin, die bereit war, den langen Weg auf sich zu nehmen, um Raïd vor Ort zu besichtigen. Noch von Fulda aus rief sie uns an und teilte uns mit, Raïd sei sehr mager, könne kaum das Gleichgewicht halten und leide ihrer Einschätzung nach an Ataxie. Ataxie ist ein relativ unscharf verwendeter Begriff, der im Zusammenhang mit Störungen im Bewegungsablauf verwendet wird und an sich auf eine unheilbare degenerative Veränderung im Zentralnervensystem hinweist.
Der Stiftungsrat entschied, die anstehende Kastration zu verschieben und Raïd umgehend nach Hause zu holen, um den Problemen auf den Grund zu gehen.
Am 5. Januar 2004 entstieg ein sehr schlacksiger, magerer Jüngling dem Transporter. Seiner übermittelten Schwierigkeiten wegen war ein Transporter gewählt worden, der eine feste Kabine hatte, so dass während der mehrstündigen Fahrt ein Anlehnen auf beide Seiten hin möglich war. Trotz der langen Fahrt zeigte er unseres Erachtens keine Gangauffälligkeiten, weshalb wir entschieden, ihn zunächst etwas aufzupäppeln, zu beobachten und einen Kastrationstermin für anfangs März zu fixieren, vor der Fliegenzeit, aber nach einigen Wochen zu Hause.
Der nach einigen Tagen Eingewöhnung anberaumte Untersuch durch unseren damaligen Tierarzt änderte das Programm mit der Diagnose: Verdacht auf mittelgradige Ataxie. Der Kastrationstermin wurde in einen Termin für ein Myelogramm (Röntgenuntersuch der Wirbelsäule) ausgedehnt.
Raïd gedieh während der kommenden, ruhigen Wochen prächtig. Wir filmten seine geringgradigen Gangauffälligkeiten (vorab beim Rückwärtsrichten und in engen Volten) allwöchentlich, um für seinen Untersuch in der Klinik eine Dokumentation zu haben. Er war ein ausgewiesen sanfter und kooperativer Dreijähriger.
Umso niederschmetternder war dann die Eröffnung nach dem Myelogramm. Bereits im klinischen Untersuch wurde der Ataxieverdacht unseres Haustierarztes bestätigt und die – uns Laien unlesbar gebliebenen - Röntgenbilder bestätigten offenbar das klinisch Erkannte. Raïd wurde mit dem schriftlichen Befund: „Ein Pferd mit Ataxie sollte aus tierärztlicher Sicht, wegen des Risikos für Pferd und Reiter, nicht geritten werden“ aus der Klinik entlassen.
Obschon aufgrund des Myelogramms empfohlen worden war, den Aufwand der Kastration für ein solches Tier zu bedenken, entschieden wir uns, ihn kastrieren zu lassen, denn Raïd war bei bester Verfassung und es war zu erwarten, dass er das noch einige Jahre sein würde und in unserer Herde konnten wir wahrlich keinen Hengst brauchen.
Sehr zu unserem Erstaunten wurde uns dann nach dem Hormontest eröffnet, dass Raïd gemäss Testergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits kastriert sei. Leider hatte man im Rahmen des Myelogramms verpasst, allfällige Kastrationsnarben zu prüfen, aber es sei davon auszugehen, dass das Pferd der Ataxie und nicht des Hodenhochstands wegen auf die Schlachtbank gelangt sei.
Nun zur Gänze verwirrt, kontaktierten wir den Züchter, der uns bereitwillig, wenn auch aufgrund der den Fragen innewohnenden Vorwürfe wegen mürrisch, Auskunft gab. Er beteuerte, dass er nie einen Auftrag erteilt hätte, diesen Hengst zu kastrieren. Er züchte für die Zucht und kastriere keine Hengste. Wäre das uns verkaufte Tier nicht kryptorchid, wäre er als Hengst weiter aufgezogen worden. Er fügte mit aller Deutlichkeit an, dass das Tier bei ihm nie Gangprobleme gezeigt hätte, ein Tier mit Ataxie hätte er einzig dem Schlachter und nie einem Dritten verkauft. Jedoch könne er nicht ausschliessen, dass bei der Aufzucht ein Unfall geschehen sei, der nun zu Problemen führe. Eine entsprechende Nachfrage bei den Weidebetreibern verlief ergebnislos und wir waren bereit, die Diagnose zu akzeptieren. Zwar arbeiteten wir weiter mit unseren nun monatlichen Videoaufzeichnungen, verabreichten auch noch einige Spezialfuttermittel, liessen den Osteopathen richten, der aber nichts zu richten fand, sondern mit dem Pferdchen ganz zufrieden war und ob der Diagnose staunte, und liessen die Zeit verstreichen.
So kam der März 2005 und damit eine höchst unschöne Entwicklung. Effektiv über Nacht wurde aus dem frohen, umgänglichen und für jeden handhabbaren Raïd eine – ohne Übertreibung – schwarze Furie. Zunächst zeigte er ein massives Treibeverhalten und jagte seine mehrjährigen Weidekumpels wie ein Irrer über die Weiden. Wer nicht gehorchte, wurde massivst verbissen und geschlagen. Sofort versuchten wir ihn in der Klinik zur Kastration anzumelden, weil sein Verhalten eindeutiges Hengstverhalten war. Dort wurden wir aber zunächst mit dem Hinweis auf das eindeutige Hormontestergebnis abgewimmelt. Wir sollten nochmals vom Hoftierarzt eine Blutprobe nehmen lassen, um zu prüfen, ob denn tatsächlich Testosteron produzierendes Gewebe vorhanden wäre.
Es war ein nicht ungefährliches Unterfangen, Raïd mit seinen wilden Attacken ab der Weide in eine Box zu verbringen. Den Grossteil des Weges verbrachte er auf zwei Beinen. Ihn dort zur Blutentnahme zu bringen, war dann schlicht unmöglich. Wir verlangten folglich den nächsten Termin für eine Kastration, der war erst 8 Tage später möglich und stellten den herrisch-närrisch gewordenen in eine Gruppe erwachsener Wallache. Dort verbrachte er 24h damit, den Weidezaun abzupatrouillieren. Auf und ab, auf und ab mit der einzigen positiven Auswirkung, dass er am Tag der Einlieferung kaum im Transporter schon beinahe im Tiefschlaf war.
Langer Schreibe kurzer Sinn: Im März 2005 wurden aus Raïds Bauchhöhle zwei grosse, funktionstüchtige Hoden entfernt.
Die nach der Operation zu überstehenden Wochen (8 oder 6) in der Box, brachte Raïd wieder so hinter sich, wie man ihn kannte, überlegen, cool und kooperativ.
Im Laufe des Sommers begannen wir dann, den Jüngling vom Boden aus zu arbeiten, hoffend, die eine Fehldiagnose lasse auch auf die Fehlerhaftigkeit der anderen schliessen. Raïd arbeitete wie ein Musterschüler und machte schnelle Fortschritte, so dass sich schon bald die Frage stellte: Wie weiter beschäftigen?
Mit Hilfe einer Freundin fanden wir einen Bereiter, der trotz der Ataxiediagnose bereit war, Raïd in Ausbildung zu nehmen und auf unsere Ausbildungsvorstellungen einzugehen. Wir wogen ab und entschieden uns, es zu versuchen. Zum Glück!
Raïds Ausbildner beschrieb die Zusammenarbeit wie folgt: „Die Ausbildung verlief reibungslos. Voraussetzung dafür war, Raïds ausgeprägter Persönlichkeit Rechnung zu tragen. Da Raïd sehr dominante Charakterzüge hat und die Provokation jedwelcher Abwehr seinerseits höchst ungünstige Folgen zeitigt, war oberstes Ziel, ihn für die Arbeit zu gewinnen. Dies wurde mit möglichst vielseitiger, in den einzelnen Sequenzen kurz und für ihn erfolgreich gehaltener Aufgabenstellung versucht und war erfolgreich. Raïd war sehr schnell ein sehr eifriger, geradezu streberhafter Schüler, der sich enorm bemüht, seinen Reiter zufrieden zu stellen. Er machte, wie bei Jungpferden üblich, schnell Fortschritte und enttäuschte uns nie. Raïd ist in allen Bereichen eine Bereicherung, jedoch bleibt festzustellen, dass er jede Art von Ungerechtigkeit umgehend und, wo er es für nötig erachtet massiv, quittiert. Würde ein Reiter die Dummheit besitzen, ihn als Objekt zu behandeln und ihn statt zur Mitarbeit zur Zwangsarbeit anzuhalten, würde er sich sehr schnell vehement und gefährlich zur Wehr setzen.“
Mittlerweile hat Raïd schon drei Dressurprüfungen mit Erfolg bestritten. Ataxieprobleme haben sich glücklicherweise noch immer keine gezeigt.
Sein selbstbewusstes, stolzes und in aller Regel in sich ruhendes Sein erfreut uns jeden Tag und bestätigt uns darin, Lebewesen so zu akzeptieren wie sie sind und anzunehmen, was das Leben aus ihnen macht.