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Adrian Ruch war Sportjournalist, begleitete weltweit zahlreiche Grossanlässe und war ab 1996 fast an jedem Swiss Open Gstaad dabei. Seit dem 1. April 2021 ist er Manager des Golfclubs Gstaad-Saanenland. Im Interview verrät er, was ihn zu diesem Schritt veranlasst hat und erzählt Amüsantes und Spannendes aus seiner Karriere.
KEREM S. MAURER
Adrian Ruch, gab es in Ihrem Leben als Sportjournalist einen klassischen Schreckmoment?
(Lacht) Oh ja! Ich war als Berichterstatter erst zum zweiten Mal am Swiss Open in Gstaad und machte zusammen mit einem Kollegen ein Interview mit Alex Corretja, der das Gstaader Tennisturnier letztlich dreimal gewonnen hat. Dies war mein erstes Interview mit einer Berühmtheit, entsprechend gut war ich vorbereitet. Am Ende des in Englisch geführten Interviews liessen wir Corretja zu zehn Stichwörtern einen Satz sagen. Später im Presseraum, als ich das Band abhörte, stellte ich erschrocken fest, dass nur ein Rauschen zu hören war. Die letzten zehn Antwortsätze zu den Stichworten konnte ich aus dem Kopf noch schnell niederschreiben und der Kollege trug jene Antworten dazu bei, die er noch präsent hatte. Am Ende machten wir dann statt des Interviews ein Porträt über ihn.
Hat er etwas bemerkt?
Corretja kam am nächsten Tag ins Pressezentrum und wollte, dass wir ihm den Titel des Porträts übersetzten, er lautete «Fair, freundlich und erfolgreich». Ich bin ihm später noch oft über den Weg gelaufen und er hat mich immer gegrüsst. Dieses Erlebnis begann mit einem Schreckmoment und hat letztlich sein sehr gutes Ende gefunden.
Ich denke, Sie haben auch amüsante Situationen erlebt?
Ja. In Gstaad gibt es spezielle Aktionen mit den Spielern, um die Region zu promoten. Berühmtes Beispiel dafür ist die Kuh, die Roger Federer hier bekommen hat. Wir fuhren mit Alex Corretja und GastÓn Gaudio auf das Eggli, wo sie eine Kuh melken sollten. Die Tennisspieler hatten Angst vor dem Tier und fragten, ob sie beisse. Letztlich haben aber beide einen Spritzer Milch aus der Kuh in die Kanne bekommen. Corretja wollte dieses für ihn am Ende sehr coole Erlebnis sogleich mit seiner Verlobten am Telefon teilen. Sie hatte aber gar keine Freude und tadelte ihn, weil er für so einen Mist sein Leben riskiert habe!
Welcher Moment in Ihrer Karriere hat Sie besonders beeindruckt?
Meine letzte grössere Reise als Sportjournalist führte mich im Februar 2020 nach Kapstadt an das Benefiztennisspiel zwischen Federer und Nadal, den Match of Africa. Dieses Spiel fand in einem Fussballstadion mit über 50’000 Besuchenden statt. Das war Tennis-Besucherweltrekord. Doch das ist nicht der Punkt. Ich nutzte diese Reise für eine Reportage und besuchte Tennisplätze in einer Township (Slum), um zu sehen, wie dieser Sport in ärmlichen Verhältnissen funktioniert. Die Diskrepanz zwischen diesen Welten hat mich stark beeindruckt: Hier Township- Tennis, dort zwei Millionäre, die vor xtausend reichen Südafrikanern spielten, um Geld zu sammeln. Geld, das letztlich via Federers Stiftung benachteiligten afrikanischen Kindern in den Townships zugute kam.
Sie waren aber nicht nur fürs Tennis unterwegs, sondern haben auch eine Verbindung zum Golf?
Genau. Das grösste Schweizer Golfturnier ist jenes von Crans-Montana. Jeweils vor dem Turnier spielt ein Profi zu Promotionszwecken mit drei Amateuren. Die «Schweizer Illustrierte» war Hauptmedienpartnerin und der SI-Journalist hätte zusammen mit dem Direktor der Omega und der US-amerikanischen Topspielerin Michelle Wie spielen sollen. Wie war damals 16 Jahre alt und die Nummer 7 der Weltrangliste. Weil der SI-Journalist verhindert war, durfte ich einspringen und stand plötzlich mit Wie auf dem Green und durfte mit ihr eine Runde Golf spielen – verfolgt und beobachtet von etwa 800 Leuten, die jede meiner Bewegungen mit Argusaugen verfolgten. Ich kam mir vor wie auf dem Serviertablett und fragte mich plötzlich so komisches Zeugs wie: Darf ich mich jetzt an der Nase kratzen? Oder was, wenn ich den Abschlag verziehe und einen der Zuschauer mit meinem Ball treffe? Ich habe dann bei meinem ersten Abschlag so richtig gezittert. Doch dann ging zum Glück alles gut.
Sie sind ein leidenschaftlicher Golfspieler. Wie hoch ist ihr Handicap?
15,3. Je tiefer das Handicap, desto besser spielt man. Wobei man sagen muss, dass ein Weltklasseprofi hier auf unserem Platz im Saanenland etwa acht oder neun Schläge unter Par spielen würde, also ein sogenanntes Plus-Handicap aufweisen würde. Das heisst, wenn jemand in Saanen eine Par-Runde spielt mit Handicap Null, ist er immer noch meilenweit weg von der Weltspitze. Ich würde sagen, der Unterschied von mir zu Handicap Null ist fast kleiner als jener von Null bis zur absoluten Weltspitze.
Sie sind sehr sportlich. Welche Sportarten üben Sie selber aus?
Sport ist mein Lebensinhalt. Ich bin aber kein Ausdauersportler. Keine stundenlangen Skitouren, kein Joggen. Ich brauche einen Ball, um schnell zu rennen. In einem Spiel merkt man kaum, wie man sich anstrengt. Als Kind spielte ich Fussball und war oft auf den Ski, später war ich auch im Tennisklub. Doch meine Hauptsportart war Tischtennis. Das habe ich auf Nationalliga-B-Niveau gespielt. Auch Golf ist für mich Sport. Es brauch sehr viel Koordination und mentale Stärke.
Haben Sie auch schon auf dem Golfplatz in Saanen gespielt?
Während des Swiss Open Gstaad spielte ich früher ab und zu frühmorgens neun Löcher. Seit meinem Stellenantritt drehe ich manchmal am Abend noch eine Runde – auch um den Parcours noch besser kennenzulernen. Die Ruhe und die Aussicht machen das Spielen im Golfclub Gstaad-Saanenland zu einem einmaligen Erlebnis.
Reicht Ihre Beziehung zum Saanenland über Ihr berufliches Engagement hinaus?
Nein, nicht wirklich. Ich bin in meiner Jugend sehr gerne Ski gefahren und verbrachte einmal ein Skilager im Saanenland, zudem war ich mit meinen Eltern oft am Rinderberg. An die «Ostereiergondeln» dort erinnere ich mich noch gut. Und seit über zehn Jahren besitzt mein Vater eine Ferienwohnung an der Lenk.
Nun kehren Sie dem Journalismus den Rücken. Haben Sie die Nase voll davon?
Nein, ich habe diesen spannenden Job sehr gerne gemacht – bis zuletzt! Ich sah aber die Perspektiven bis zur Pension nicht mehr. Während meiner Karriere erlebte ich immer wieder Sparrunden und Personalabbau. Um Geld zu sparen, arbeiteten wir zuletzt vermehrt vom Bürostuhl aus. Die Abwärtstendenz war deutlich erkennbar, das zwang mich zum Handeln. Für mich war aber klar: Wenn ich etwas Neues mache, will ich es mit Leidenschaft tun, daher sollte es etwas mit Sport zu tun haben.
Wenn man davon leben muss, ist die Jobauswahl im Sport als nicht aktiver Sportler nicht gerade gross. Wie haben Sie das erlebt?
Das stimmt. Hauptberuflich kann man nicht in einem Tischtennisklub oder einem anderen kleinen Sportverein arbeiten. Diese Jobs sind meist ehrenamtlich. Um davon zu leben, braucht es einen Job in einem grossen Verband wie Ski, Fussball, Eishockey, Tennis oder eben Golf. Und da ich den Golfsport liebe und ihn aus vielen verschiedenen Perspektiven kenne, habe ich angefangen, mit Golfklubs zu liebäugeln.
Und der Golfclub Gstaad-Saanenland hat Ihren Flirt erwidert – oder wie kam es, dass Sie hier gelandet sind?
Ich habe in einem sozialen Netzwerk mitbekommen, dass der ehemalige Klubmanager Ronnie Zimmermann einen coolen Job zu vergeben hat. Da er der beste Berner Golfer war, habe ich oft über ihn geschrieben. Also habe ich ihn angerufen. Und heute bin ich sein Nachfolger als Klubmanager.
Was macht ein Golfklubmanager den ganzen Tag?
Es ist im Grunde wie die Führung eines kleinen KMU, man macht eigentlich alles. Ich bin der Vorgesetzte der Sekretariatsangestellten, der Greenkeeper, die den Platz bestellen, und der Caddymaster, die das Empfangskomitee bilden. Ich erledige die Buchhaltung, bin für die Kommunikation zuständig und die Ansprechperson für die Golflehrer und die Gastronomiebetreiber. Zusammengefasst erledige ich als Bindeglied zum Vorstand das operative Geschäft für den Klub – während der Hauptsaison an sechs Tagen pro Woche.
Sind Sie selber auch Klubmitglied?
(Lacht) Jetzt schon! Das ist quasi Lohnbestandteil. Wie Angestellte der SBB ein GA bekommen, erhalten hier die Angestellten die temporäre Mitgliedschaft.
Was versprechen Sie sich von diesem Job?
Neue Herausforderungen. Im Journalismus habe ich gewusst, wie der Hase läuft. Natürlich habe ich durch den Tamedia-internen Zusammenschluss mehrerer Sportredaktionen auch wieder viel gelernt. Dennoch hat man halt alles schon ein paarmal gemacht. Ich war in einem grossen Konzern, wo man zur Unterstützung seiner Arbeit ganze Abteilungen hatte. Hier macht man alles selber, da bin ich für alles zuständig und schwimme noch in einigen Bereichen. Aber auf diese Herausforderungen freue ich mich sehr.
Wofür stehen Sie, was bringen Sie in den Klub?
Ich stehe für Freundlichkeit, Offenheit und Fairplay. Wobei zu sagen ist, dass der Klub Offenheit bereits vorlebt und praktiziert. So sind hier je zwei Italiener, Argentinier und Niederländer, ein Pole, ein Amerikaner und fünf Schweizer beschäftigt. Also dreizehn Angestellte aus sechs Nationen. Und auf Freundlichkeit im Sinne von Gastfreundschaft legte schon Ronnie Zimmermann sehr grossen Wert. Das werde ich sicher beibehalten. Der Klub ist sehr gut aufgestellt. Ich werde mir jetzt den Jahresablauf ansehen, um zu lernen, wie alles funktioniert. Natürlich machen wir Detailverbesserungen sofort, und da kann ich gerade, was die Website angeht, mit meiner Erfahrung in der Kommunikation mithelfen. Unser Klub muss gute Qualität bringen, das gehört zur Region Gstaad-Saanenland. Gäste, Chaletbesitzer und Einheimische sind sich das gewohnt.
Ist das Ihre letzte Anstellung bis zur Pensionierung?
Wenn man in meinem Alter von 53 Jahren etwas völlig Neues anfängt, macht man das nicht nur für drei oder vier Jahre. Ich muss das jetzt erst einmal einige Jahre machen, um das ganze Potenzial voll ausschöpfen zu können. Es wäre arrogant, das Gefühl zu haben, als Neuling wisse man alles besser als jene, die schon lange hier sind.
Lesen Sie den «Anzeiger von Saanen»?
Den habe ich bislang ehrlich gesagt noch fast nie gelesen. Aber jetzt, wenn ich den in die Hände bekomme, schaue ich ihn natürlich durch. Es ist wohl kaum so, dass ich den «Anzeiger» von vorne bis hinten durchlese, aber es interessiert mich natürlich sehr, was in der Region passiert.
ZUR PERSON
Adrian Ruch, 1968 in Bern geboren, arbeitete als Sportjournalist von 1997 bis im März 2021 beim «Bund», der «Berner Zeitung» und bei der zeitungsübergreifenden Tamedia-Sportredaktion, in den letzten zehn Jahren in leitenden Positionen. Während seiner Karriere war er an fünf Olympischen Spielen dabei und begleitete zahlreiche Grossanlässe rund um den Globus. Ruch erlebte als regelmässiger Berichterstatter Roger Federers Karriere hautnah mit. Er sagt: «Sportjournalist ist ein toller Beruf!» Gesellschaftliche Veränderungen und der damit einhergehende Strukturwandel haben ihn veranlasst, eine neue Herausforderung zu suchen. Seit April 2021 ist er Manager im Golfclub Gstaad-Saanenland.
KSM