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Bekaa-Tal. Libanon.
In den letzten fünf Jahren wurde die Hälfte der syrischen Bevölkerung – mehr als 11 Millionen Menschen – getötet oder gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. 4,6 Millionen Syrer sind daher in die Nachbarländer geflohen: Türkei, Jordanien und Libanon. Der ausgeprägte Menschenstrom hat die Infrastruktur dieser Länder, wie etwa das Gesundheitswesen und die Wasserversorgung, sehr belastet.
Deshalb hat der Libanon im Januar 2015 eine neue, rigorose Visum-Bürokratie eingeführt, womit den neuen Flüchtlingen die reguläre Einreise ins Land verweigert wurde.
Vor vier Monaten, nach den schweren Bombenangriffen in ihrem Quartier, hat Bushra zusammen mit ihrer Mutter eine anstrengende Reise von Damaskus in den Libanon unternommen.
Bushra hatte lediglich zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Ein Arbeitsvisum mit Hilfe eines libanesischen «Bürgen» zu beantragen, der direkte Kontrolle über ihr Leben gehabt hätte und wofür sie und ihre Mutter je 200 US-Dollar hätten zahlen müssen oder aber ein Touristenvisum beantragen, mit dem sie allerdings nur drei Monate dort hätten bleiben können.
Bushra und ihre Mutter beschlossen zunächst, als Touristinnen in den Libanon einzureisen und bei einigen Familienangehörigen zu leben. Dies in der Hoffnung, dass die Kämpfe nachlassen und sie wieder nach Hause kehren können. An der Grenze angekommen, anerkannten die Wächter das gültige Visum nicht. Daraufhin warteten sie lange auf die Wachablösung der nächsten Schicht – tagelang erschienen sie immer wieder an der Grenze und baten um Einlass.
Am Ende haben sie es geschafft. Das Schicksal meinte es gut mit ihnen und liess sie auf verständnisvolle Menschen stossen, die ihnen endlich erlaubten in den Libanon einzureisen.
Doch nicht alle haben so viel Glück.
«Das Bildungswesen funktioniert nicht gut. Ich würde gerne im Ausland studieren und danach nach Syrien zurückkehren, um eine Elektronikfirma zu eröffnen».
Doch in diesen vier Monaten haben die Kämpfe in Bushras Heimatstadt nicht aufgehört. Sie und ihre Mutter leben noch immer ohne Rechtsstatus im Libanon und können es sich nicht leisten, für eine Aufenthaltsbewilligung zu zahlen. Sie können daher nicht auf Dienstleistungen wie beispielsweise auf Gesundheitsversorgung zurückgreifen.
Bushra lebt jetzt mit sieben Familienmitgliedern zusammen. Sie setzt nun das um, was sie in der Schule gelernt hat. Da sie die Grundlagen der Elektronik kennt, kümmert sie sich um Elektro- und IT-Installationen für ihre Familie, Freunde und Nachbarn. Sie würde gerne etwas Geld mit dieser Arbeit verdienen, doch die strengen Regeln für weibliche Arbeitskräfte im Libanon hindern sie daran, ihr eigenes Geschäft zu führen. Ohne Arbeitsstelle und ohne die Möglichkeit auf eine angemessene Ausbildung, befindet sich Bushra – wie so viele andere junge Syrer – in grosse Schwierigkeiten.
Viele junge, alleinstehende Frauen mussten die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen.
Neben dem eigenen Lebensunterhalt müssen sie zum ersten Mal in ihrem Leben auch an den ihrer eigenen Familie denken. Diese Situation führte zu einer Zunahme von Frühehen sowie zur Prostitution bei weiblichen Flüchtlingen, die jegliche Mittel zum Überleben suchen.
Bushra hatte Glück. Sie traf auf eine Gruppe, die sie aufgenommen hat und sie unterstützt: Seit einigen Wochen besucht sie regelmässig die ActionAid-Gemeinschaft in Baalbeck. Sie nimmt an vielen Tätigkeiten teil, darunter auch Theater – Ihre Lieblingsbeschäftigung.
«Als wir mit den Theaterstunden angefangen haben, habe ich meine Schüchternheit besiegt. Flüchtlinge werden normalerweise als schwach und ausgegrenzt angesehen. Ich habe mich jedoch entschieden, das Gegenteil zu sein. Vom ersten Tag an habe ich versucht, an meinem Selbstwertgefühl und meiner Fähigkeit, Probleme zu lösen, zu arbeiten. Dank den ActionAid- Zentren habe ich es geschafft, mich zu verändern. Jetzt bin ich eine andere Person, ich bin selbstsicherer. Das Zentrum ist meine zweite Heimat geworden!»