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Wenn ich sage „deine Schuhe sind hässlich“, dann scheint es, als ob ich über dich spreche, während ich mich in der Tat doch über mich und meinem Geschmack auslasse. Wenn ich jedoch erkläre, was ich fühle, anstatt zu sagen, was „du bist“, dann ist das menschlicher und gewaltfreier.
Jeden Tag praktizieren wir Zuhören. Es ist nicht etwas, mit dem wir uns nur ab und zu auseinandersetzen. Zuhören ist doch ganz einfach, so glauben wir. Aber warum kommen unsere Worte so selten so an, wie wir uns das vorstellen? Wieso fühlen wir uns nicht verstanden, obgleich wir die gleiche Sprache sprechen? Was hindert andere daran, richtig zuzuhören und was hindert uns daran, richtig zuzuhören?
Kenneth Keyes (ein Schüler von Alfred Korzybski, dem Vater der „Allgemeinen Semantik“) plädierte schon 1954 in seinem Buch „How to develop your Thinking Ability“ („Wie du deine Denkfähigkeit entwickeln kannst“) für ein gesteigertes Bewusstsein innerhalb der menschlichen Kommunikation und entwickelte dafür Denkwerkzeuge. Sie sind Postulate, auf die man sein Denken fokussieren und sich damit die Denkblockaden bewusst machen kann.
6 Keyes’schen Denkwerkzeuge sind hier in Kurzform zusammengefasst:
Werkzeug 1 – Keiner weiß etwas
Niemand weiß alles über jeden und jedes. Ein einzelner, kleiner, übersehener Fakt kann dazu führen, dass unser Denkgebäude und sogar (im Extrem) unsere Werte revidiert werden wollen. Wie oft haben wir in den letzten Jahrhunderten unsere Vorstellung der Entstehung der Welt korrigiert? Es ist an der Zeit, das 1. Werkzeug einzusetzen und (in Gedanken) hinzuzufügen:
„… soweit ich weiß“
Wenn wir unser Wissen auf einem bestimmten Gebiet präsentieren, hilft uns dieses Werkzeug, uns daran zu erinnern, dass jedes Wissen unvollständig ist. Dies hält zudem unsere Wahrnehmungskanäle für neue Fakten offen. Darüber hinaus hat es den großen Vorteil, unser Gesicht zu wahren, wenn sich Informationen, auf deren Richtigkeit wir vertraut haben, sich als falsch oder überholt herausstellen.
Werkzeug 2 – Nicht in Schwarz/Weiß, sondern mindestens in Grautönen oder besser in Farben denken
Nichts in dieser Welt (außer dem Black Hole) ist pures Schwarz oder reines Weiß. Die wenigsten Dinge sind 0 Prozent oder 100 Prozent. Unser Entweder-Oder-Denken kann uns ganz schön in die Irre führen, vor allem, wenn es darum geht, für das Erreichen von Zielen und Ergebnissen in Handlungsoptionen zu denken. Immer dann, wenn wir uns ganz sicher sind, wir hätten nur eine „entweder“–„oder“ – Wahl, können wir (in Gedanken) hinzufügen:
„… bis zu einem gewissen Grad.“
Dieses Werkzeug soll uns an die bestehende Vielfältigkeit von Dingen und Entscheidungsoptionen erinnern. Es soll unser Interesse wecken und uns wachhalten, unsere „Landschaft“ zu erforschen und herauszufinden, bis zu welchem Grad die jeweiligen „Dinge“, die wir betrachten (Entscheidungen, Handlungsoptionen, Ziele, Herausforderungen…) immer noch jene Charakteristika beinhalten, an denen wir eigentlich interessiert sind.
Werkzeug 3 – Die Sprache, die wir verwenden
Den Ausschnitt der Welt, den wir wahrnehmen, beschreiben wir in unserer Sprache. Sie enthält alle Aspekte unserer Familiengeschichte, unserer Erziehung, unserer Erlebnisse und Erfahrungen. Dadurch ist sie genauso individuell wie wir selbst. Aber können wir garantieren, dass das Rot des Mohns von anderen Menschen genauso wahrgenommen wird wie von uns? Können wir sicher sein, dass das Glas, das vor mir steht, das gleiche Glas ist, das mein Nachbar sieht? Man sagt: „Dies IST ein Glas; dies IST roter Mohn.“ Es lohnt sich, diesen Umstand ganz bewusst in seinem Sprachgebrauch aufzunehmen und zu relativieren:
„In meiner Welt… „oder“ Für mich…“
Dieses Werkzeug soll uns daran erinnern, dass niemand die Welt aus allen möglichen Perspektiven wahrnehmen kann. Es erinnert mich daran, wenn ich ein Urteil fälle, dass dieses Urteil auf der Basis MEINES Geschmacksempfindens, MEINER Werte und MEINER Erziehung von MIR gefällt wird.
Werkzeug 4 – Unterschiede, die einen Unterschied machen
Keine zwei Gegenstände in dieser Welt sind genau gleich. Genau dies täusche ich jedoch vor, indem ich mehrere Gegenstände zu Gruppen zusammenfasse und mit Namen bezeichne (die Chinesen). Genau denselben Fehler begehe ich, wenn ich Urteile, die auf einen Teil der Gruppierung (ein „böser“ Chinese) zutreffen mag, mit einem Attribut verallgemeinere (die „bösen“ ChinesInnen). Achten wir deshalb genau auf den Gebrauch von Gruppierungsattributen und fragen uns:
„Worauf beziehe ich mich …?“
Dieses Werkzeug soll uns daran erinnern, dass „ein Mensch“ nicht „alle Menschen“ ist, dass „ein Ding“ nicht „alle Dinge“ ist, dass “ein Verhalten“ nicht „alle Verhalten“ sind. Indexnummern (1., 2., 3., A., usw.) und Gruppennamen (die Männer, die Chinesen, die Japaner) verleiten uns dazu, Urteile zu verallgemeinern. Es hilft uns, uns daran zu erinnern, dass Unterschiede häufig eben doch einen Unterschied machen.
Werkzeug 5 – Was ist der aktuelle Stand?
Wenn man nach vielen Jahren einen alten Freund wieder trifft, fällt einem manchmal auf, dass er mich nach bestimmten Kriterien beurteilt, die für mich eventuell bereits erledigt sind. Er mag positive oder negative Eigenschaften in mir wahrgenommen haben, die ich bereits erfolgreich hinter mir gelassen habe (oder verlernt habe). Sein Bild meiner Persönlichkeit ist „nicht mehr zeitgemäß“. Jeder Mensch und jedes Ding ist im Verlauf der Zeit Veränderungen unterworfen. Auch ich selbst. Die Fakten von gestern können sehr leicht die Märchen von heute sein. Es ist also sinnvoll, den Zeitaspekt in unsere Entscheidungen und in unser Denken miteinzubeziehen. Wir können fragen:
„Auf welchen Zeitpunkt beziehen sich meine Informationen?“
Das ist unser Werkzeug, um uns daran zu erinnern, dass unsere Informationen nur für den Zeitpunkt gelten, in dem wir unsere „Landschaft“ erforscht haben. Es ist irrig zu glauben, dass sich die Landschaft im Laufe der Zeit nicht verändern könnte. Das lässt sich schnell herausfinden: Sehen wir uns einen Film erneut an, der uns vor zehn Jahren gefallen hat oder lesen wir heute ein Buch, das wir vor zwanzig Jahren spannend verschlungen haben, oder denken an den Partner, den wir vor dreißig Jahren geliebt haben. Hat mein Urteil von damals heute noch Gültigkeit?
Werkzeug 6 – Umfeld und Umwelt
Das Verhalten einer Person oder eines Dinges kann in unterschiedlichen Umgebungen sehr unterschiedlich ausfallen. Auch die Interpretation dieses Verhaltens ist nicht immer gleich. So kann ein Kopfstand während einer Yogastunde bei allen Anwesenden Beifall hervorrufen, in der Fußgängerzone jedoch gemischte Reaktionen auslösen. Während einer Hochzeitszeremonie ist mit Sicherheit nur Kopfschütteln und Unverständnis zu erwarten. Diese Erkenntnis hat mehrere nützliche Interpretationen: es gibt kein falsches Verhalten, sondern nur einen falschen Kontext. Oder: Jedes gelernte Verhalten kann sich als nützlich erweisen, solange der Kontext stimmt. Diesem Umstand kann ich Rechnung tragen, indem ich folgendes berücksichtige:
„Was ist der Kontext – was sind die Begleitumstände?“
Dieses Werkzeug soll mich daran erinnern, dass nichts auf dieser Welt in Isolation existiert. In welcher Umgebung die Ereignisse, das Verhalten oder die Prozesse geschehen, ist entscheidend für ihre Einordnung. Es soll mich ebenfalls daran erinnern, dass sich das Verhalten von Personen und Dingen verändern kann, wenn sich die Umgebung ändert.
Soweit die Vorstellung der „Denkstrukturen“ von Keyes. Ich brauche bestimmt keine Strategien zu beschreiben, wie man diese Informationen ins Leben integrieren kann. Aber es könnte sein, dass diese Werkzeuge die Struktur des Denkens entwirren und im Verlaufe der Zeit mehr Klarheit schaffen. Das wünsche ich mir jedenfalls für mich.