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Horaz-Vertonung von Tritonius und Lautenintavolierungen
Im November 2009 wurde in Freiburg/Br. auf der Tagung KULTUR- UND KOMMUNIKATIONSHISTORISCHER WANDEL DES POPULÄREN LIEDES IM 16. JAHRHUNDERT des Deutschen Volksliedarchivs u.a. die Frage aufgeworfen, wie sich die 4-stimmig überlieferten Tenorlieder zu anderen Überlieferungsformen verhalten. Ist der vierstimmige Satz der Tenorlieder diejenige Klanglichkeit, an der sich alle damaligen Menschen orientierten – und sind somit drei- oder gar zweistimmige Sätze als "unvollständig" anzusehen?
Vom Lautenrepertoire her existieren dreistimmige Sätze, bei denen meist der Alt des 4-stimmigen Satzes weggelassen wurde. Bei zweistimmigen Sätzen, die oft in anderen Griffstellungen stehen (meist eine Quarte / Quinte versetzt) und somit vordergründig transponiert sind (aber vielleicht einfach auf Lauten der entsprechenden Grösse gleich klingend wie die dreistimmigen Sätze gespielt wurden), erklingen normalerweise Tenor und Bass.
Bei den Horaz-Oden, die von Tritonius vertont und u.a von Judenkünig 1523 intavoliert wurden, war die Rhythmik ja der zentrale Punkt. Wenn sich also die Klanglichkeit am Wesentlichen orientieren würde, müssten alle Stimmen homophon gesetzt sein und müssten alle Stimmen das korrekte metrische Muster aufweisen. Dies ist nicht der Fall. Normalerweise sind es Tenor und Bass, welche gegenüber dem Satz von Tritonius metrisch unverändert sind. Es gibt aber auch Oden, bei denen keine Stimme unverändert ist!
Somit gelingt selbst bei den so sehr an die Funktion der Metrik gebundenen Horaz-Oden der Nachweis, dass verschiedenartige Erscheinungsformen parallel existiert haben. Wenn die Tritonius-Vorlage diejenige Klanglichkeit der Oden darstellen würde, an der sich alle damaligen Menschen orientierten, wären die Intavolierungen "korrupte" Überlieferungen. Offensichtlich empfanden die damaligen Menschen anders.
Somit sind die intavolierten Horaz-Oden ein Indiz für die Gegenbehauptung, dass gleichzeitig mehrere und durchaus unterschiedliche Fassungen eines Tenor-bezogenen Liedes im Umlauf waren und die vierstimmigen Sätze, wie wir sie aus den Lieddrucken kennen, nicht die alleinigen Bezugspunkte waren.
Dieser Link führt zum Digitalisat aus der Bayerischen Staatsbibliothek von Tritonius.
Dieser Link führt zum Digitalisat aus der Bayerischen Staatsbibliothek von Judenkünig. (Anmerkung: Beide Bücher Judenkünigs wurden 1523 gedruckt – entgegen Mayer Browns Angabe für die Utilis & compendiaria introductio, die er mit 151&-1 angibt.)