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Die Strassen von Rom 1973, das Licht der Strassenlaternen umspielt altehrwürdige Bauten und bekannte Schauplätze. Mittendrin John Paul Getty III (Charlie Plummer) sechzehn Jahre alt, der vergnügt durch die Strassen und über eine Piazza flaniert, vorbei an den Huren, die ihm ihren Dienst am Strassenrand anbieten. So jung er ist, so selbstsicher ist er bereits, nichts kann ihm etwas anhaben, er hat die Oberhand, er ist ein Getty. Doch die vergnügliche Szenerie hat ein jähes Ende, als ein VW-Wagen vor ihm hält und er ins Auto gezerrt wird – nun beginnt sein monatelanges Martyrium in Gefangenschaft.
Seine Entführer fordern 17 Millionen für die Freilassung. Gail Harris (Michelle Williams), die Mutter von John Paul, ist zwar mittellos, aber ihr Schwiegervater ist der reiche Öl-Tycoon Jean Paul Getty (Christopher Plummer), der als einer der reichsten Männer der Welt galt. Trotz starkem Bitten der Schwiegertochter ist dieser jedoch nicht bereit das Lösegeld zu zahlen, engagiert dafür lieber Fletcher Chase (Mark Wahlberg), einen CIA-Vermittler. So lässt der alte Geizhals in einem Interview verlauten, wenn er für jeden seiner vierzehn Enkel zahlen würde, dann hätte er bald vierzehn entführte Enkel. Dieses Kalkül wird dem Enkel zum Verhängnis, dessen Entführung sich immer mehr in die Länge zieht und ihn psychisch als auch körperlich an seine Grenzen führen wird.
Alles Geld der Welt beginnt mit einer klassischen Plansequenz, einer langen Kamerafahrt ohne Schnitt und da wird einem bereits bewusst, dass es sich hier um grosses Kino handelt. Die Bilder und Kameraeinstellungen im Film erinnern einen an die grossen Werke der Filmgeschichte, wie zum Beispiel Touch of Evil von Orson Welles von 1958. Durch die wunderbar inszenierten Schauplätze tritt das Schauspiel beinahe in den Hintergrund.
Dass Ridley Scott viel Wert auf die Filmausstattung legt, wie man es bereits aus früheren Filmen von ihm wie Alien oder Gladiator kennt, wird einem in Alles Geld der Welt sehr plastisch vor Augen geführt; man kann so richtig in Nostalgie schwelgen und fühlt sich durch die Detailtreue in die jeweilige Zeit zurückversetzt. Die Leistungen von Michelle Williams und Christopher Plummer sind aber trotzdem grossartig, sie spielen ihre Rollen hervorragend und verkörpern den jeweiligen Typus sehr glaubwürdig. Auch die Musik, komponiert von Daniel Pemberton, hat ihren grossen Auftritt und führt uns galant durch den Film.
Dass die Geschichte auf der wahren Begebenheit der Entführung von John Paul Getty III beruht, verstärkt die Dramatik von Alles Geld der Welt. Am 10. Juli 1973 wurde der sechzehnjährige Enkel von Jean Paul Getty, einem milliardenschweren Öl-Tycoon, gekidnappt und über mehrere Monate gefangen gehalten. Trotz der Androhung der Entführer dem Jungen etwas anzutun, weigerte sich der Grossvater das Lösegeld zu bezahlen. Was so ein Fall heute für Reaktionen ausgelöst hätte, daran wagt man gar nicht zu denken. Aber bereits damals war die Medienwelt stark involviert und Teil der ganzen Inszenierung.
Alles Geld der Welt hat bereits vor seiner Veröffentlichung Schlagzeilen gemacht, im Rahmen der #MeToo-Debatte. Aufgrund von Missbrauchsvorwürfen gegen Kevin Spacey, welcher ursprünglich die Rolle von Jean Paul Getty gespielt hatte, wurde Christopher Plummer eingesetzt. Der Film war mit Kevin Spacey bereits abgedreht und die Szenen mussten herausgeschnitten und komplett neu eingespielt werden. So ein Vorgang ist aber sehr aussergewöhnlich, eher werden Schauspieler bereits während der Dreharbeiten ersetzt.
Zum Beispiel bei Apocalypse Now von 1979, wo Francis Ford Coppola den Schauspieler Harvey Keitel durch Martin Sheen ersetzte, da sich Keitel am Set angeblich unausstehlich verhielt. Dass Christopher Plummer anstelle von Kevin Spacey eingesetzt wurde, war vielleicht sogar ein Segen, denn er verkörpert diese Kälte in Person dermassen plausibel, wie ich mir das von Spacey gar nicht vorstellen kann.
Fazit: Zwar etwas langwierig zwischendurch, entfaltet der Film eine unglaubliche Spannung bis zum Schluss, wo man so richtig mitfiebert. Ein Vergnügen für Augen und Ohren!
Franziska Merz