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Muttertag war zwar gestern. Und doch drehen sich auch heute meine Gedanken um eine Frau, die Mutter war und Teil meines Lebens ist.
Heute jährt sich der Todestag meiner Grossmutter zum 25. Mal. Sie hiess Marie – ein wunderschöner Name, der mehr als ein Name ist.
Gestern habe ich von meiner Mutter erfahren, wie für sie der Todestag ihrer Mutter war. Mein Grosi war der einzige Grosselternteil, den ich wirklich kannte. Die Eltern meines Vaters starben schon in den 1930er und 1950er Jahren.
Als Grosis Mann starb, war ich drei Jahre alt. Irgendwie erinnere ich mich, dass ich mit meinem Grossvater gekochten Speck am Küchentisch gegessen hatte. Der Tisch steht jetzt in meiner Küche. Er ist nicht das einzige, das mich an Grosi erinnert.
Da ist ihr leckeres Essen, das meistens etwas wenig gesalzen war. Und da sind ihre Schnapswickel, die sie um den Hals trug, wenn sie krank war. Von ihrem Haus mitten im Dorf träume ich immer wieder – vom schmalen Treppenhaus, den verwinkelt angelegten Räumen, den Mansardenzimmern im Estrich und dem Keller, den sie noch mit 70 Jahren selber gestrichen hatte.
Ihr Haus verkaufte sie zu Lebzeiten. Sie zog in eine einfache und schöne Altbauwohnung mit Blick auf den Ort, wo ihr Haus stand und abgebrochen wurde, um einem Parkplatz zu weichen.
Ihre weichen Hände waren eine Attraktion für mich. Wenn Grosi sie auf den Tisch legte, steckte sie ihre Daumen meistens zwischen Zeige- und Mittelfinger. Sie hatte immer viel Verständnis für mich und sie gab ihr Alter mit dem Jahrgang an. Der ist einfacher, weil der Jahrgang bleibt und das Alter ändert.
Wenn Grosi in der Kirche betete, war sie schneller als alle anderen. Beim Rosenkranz war es nicht immer ganz einfach, ihr zu folgen. In den wenigen Momenten, in denen ich in der Kirche gemeinsam mit anderen bete, mache ich es ihr manchmal nach und überhole die anderen beim Ave Maria.
Maria war für Grosi wichtig. Teil ihres Grabsteins war eine Marienfigur. Maria ist auch für mich eine besondere Figur. Das hat vermutlich mit der Madonna im Kloster Einsiedeln zu tun: Sie ist schwarz.
Auch die Rolle Marias als Mutter Jesu beeindruckt mich: Eine Frau ist unehelich schwanger und findet einen Mann, der mit ihr eine Familie gründet, obwohl er nicht der biologische Vater ist. Tönt fortschrittlich – und das vor über 2000 Jahren. Jedenfalls ist die Geschichte von Maria, Josef und Jesus eine grossartige Liebesgeschichte.
Liebe ist auch das Gefühl, das mich mit meinem Grosi verbindet. Wenn ich in meiner Küche an meinem Tisch sitze, hat das zum Glück immer auch etwas mit ihr zu tun. Sie lebte 84 Jahre lang.