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Als der Generaldirektor des Schweizerischen Bankvereins den Telefonhörer auflegte, begann die Schnäppchenjagd. Es war Freitag, der 27. Juni 1941, und Bankier Maurice Golay hatte soeben erfahren, dass ein einmaliges Geschäft auf seinem Pult lag. Das Angebot der deutsch-jüdischen Unternehmerfamilie Wolf sei «extrem günstig», hatte ihm der Bankverein-Vizepräsident am Telefon aus New York versichert.
Es lockte ein Firmenverkauf durch verfolgte Besitzer zu einmalig günstigen Konditionen. So günstig, dass die Konkurrentin des Bankvereins, die Schweizerische Bankgesellschaft, die Firma ebenfalls kaufen wollte. Beide Grossbanken wollten am Inhaberwechsel von zwei grossen Schweizer Textilunternehmen in Dietfurt SG und Windisch AG mitverdienen.
Das Rennen machte die Bankgesellschaft (SBG), heute UBS. Sie verkaufte die Firmen an den Zürcher Waffenproduzenten Emil G. Bührle weiter. «Damit profitierte Bührle – wie die SBG – ein weiteres Mal vom Krieg (beziehungsweise von der Judenverfolgung der Nazis)», schrieb der Wirtschaftshistoriker Adrian Knoepfli 2004 in einem Beitrag über eine Spinnerei.
Im Kunsthaus verschwiegen
Wenn am 9. Oktober das Kunsthaus Zürich seinen Neubau eröffnet, wird im Dokumentationsraum zu Emil G. Bührle indes nichts dazu stehen, wie das Kunsthaus bestätigt. Genauso wenig wie über die Zwangsarbeit minderjähriger Schweizer Mädchen für Emil G. Bührle in der Spinnerei Dietfurt (der Beobachter berichtete ). Obwohl man im Dokumentationsraum zur Ausstellung der Bührle-Kunstsammlung auch die negativen Seiten von Nazi-Waffenlieferant Bührle beleuchten will. Ihn als Industriellen einzuordnen verspricht.
Emil Bührle sagte den Behörden nach dem Krieg, er habe rund 14 Millionen Franken für die Textilfirmen in Dietfurt und Windisch bezahlt. «Das ist wenig», sagt Historiker Marc Perrenoud gestützt auf erstmals ausgewertete Akten im Bundesarchiv in Bern sowie Unterlagen im UBS-Archiv. Die Dokumente zeigten, dass Emil Bührle ein Opportunist sei, sagt Marc Perrenoud. «Die Geschichte dieses Verkaufs ist weit mehr als ein Detail, wenn man Emil Bührle als Industriellen einschätzen will.» Sie zeige, wie er geschäftet habe. «Dass er jede Gewinnmöglichkeit nutzte, die sich ihm bot.»
Die Besitzerfamilie Wolf war 1941 bereits vor den Nationalsozialisten in die USA und nach Argentinien geflüchtet. Ihr Vermögen in Deutschland hatten sie durch erzwungene Firmenverkäufe unter Wert, «Arisierungen», weitgehend verloren, berichtete «der Spiegel» . Nun wollten die geflüchteten Wolfs wenigstens zwei ihrer drei Schweizer Textilunternehmen zu Geld machen. Die Spinnerei und Weberei Dietfurt AG sowie die AG der Spinnereien von Heinrich Kunz. Diese gehörten bereits seit Jahrzehnten zum deutschen Textilkonzern W. Wolf & Söhne aus Stuttgart. Sie beschäftigten in den Gemeinden Bütschwil SG, Windisch AG und Linthal GL rund 700 Angestellte.
Die pikanten Telefonnotizen und Dokumente zum «Windisch-Geschäft» der Grossbanken haben der Historiker Marc Perrenoud und seine Forscherkollegen im Archiv der UBS gefunden. Dort liegen die Akten der beiden Vorgängerfirmen Bankverein und Bankgesellschaft. Marc Perrenoud durfte diese im Rahmen seiner Forschung für die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK) vor 20 Jahren einsehen. Ein Privileg, das die UBS heute niemandem mehr gewährt. In einer langen Fussnote der UEK-Publikation zum Finanzplatz hat Perrenoud die Schnäppchenjagd beschrieben: Die UBS verkaufte die Spinnereien und Webereien der Wolfs mit einem Gewinn von einer Million Franken an Kanonenkönig Emil G. Bührle weiter.
Eine Notiz der Abteilung für politische Angelegenheiten vom 7. Mai 1943 aus dem Bundesarchiv zeigt nun erstmals, wie Emil G. Bührle und die Bankgesellschaft die Wolfs dabei ausgetrickst haben. Demnach suchte der Schweizer Anwalt der Wolfs, Silvain Brunschwig, bereits seit Winter 1940 einen Käufer für die zwei Unternehmen. Seine Bedingung an die vermittelnde Bank: Der Käufer muss Schweizer sein und «aus Kreisen des Textilsektors» stammen.
Der Trick mit dem Strohmann
Waffenproduzent Emil Bührle war zwar Schweizer, aber branchenfremd. Trotzdem schaffte er es, sich die Firmen im letzten Moment zu sichern, wie der Diplomat Robert Kohli 1943 notierte. Bührle stach Max Stoffel aus, den Konzernleiter der St. Galler Textilfirma Stoffel & Co. Mit Hilfe eines Strohmanns.
Als Stoffel daran war, sich mit der UBS über den Preis zu einigen, meldete sich plötzlich der Bührle-Freund Heinrich Roman Abt bei der UBS. Der deutschfreundliche Nationalrat teilte der UBS mit, «dass er sich als Mitglied eines Schweizer Konsortiums um die Aktien bewerben möchte», heisst es in der Notiz des Diplomaten Kohli. Dass Abt für Emil Bührle handelte, verschwieg er. Die UBS gab dem Konsortium Abt den Zuschlag, woraufhin Bührle seinen Freund Abt sowie UBS-Generaldirektor Alfred Schaefer zu Verwaltungsräten seiner neuen Textilfirmen machte. Die Zürcher Textilarbeiterzeitung «Die Gewerkschaft» titelte nach dem Besitzerwechsel: «‹Arisierung› des Wolf-Konzerns».
Die Wolfs hatten offenbar wenig Freude daran, unfreiwillig an Nazi-Geschäftspartner Bührle verkauft zu haben. Wolf-Anwalt Brunschwig machte der UBS jedenfalls Vorwürfe, die Generaldirektor Schaefer zurückwies, gemäss der Notiz im Bundesarchiv. Der Wolf-Anwalt verschickte sogar eine Meldung an das britische Ministerium für wirtschaftliche Kriegsführung in London, das Bührle als feindlichen Unternehmer betrachtete. Die Textilfirmen landeten 1943 auf der schwarzen Liste der Alliierten, woraufhin sie Probleme bekamen, da die Amerikaner, Briten und später die Franzosen nicht mehr mit ihnen handelten.
«Sehr grosse Bedeutung» und tiefe Löhne
Nach Kriegsende 1945 führte dies vorübergehend dazu, dass Bührles Spinnereien und Webereien der Rohstoff Zellwolle auszugehen drohte. Emil G. Bührle warnte Bern, nötigenfalls alle Spinnereiangestellten mangels Arbeit zu entlassen. Die 161 Männer und 164 Frauen, die in der Toggenburger Spinnerei und Weberei Dietfurt für Emil G. Bührle arbeiteten, erfuhren davon lückenhaft aus den Medien. Und das bloss, weil SP-Nationalrat und Textilgewerkschafter Ernst Moser 1945 in einem Vorstoss im Parlament die Alliierten dafür kritisierte, dass sie die Bührle-Textilfirmen boykottierten. Bührle stellte nun seine Rolle bei der Firmenübernahme gegenüber den Behörden gänzlich anders dar.
Um politische Unterstützung zu erhalten, rechnete die Spinnereileitung im Herbst 1945 den Diplomaten in Bern vor, dass 14 Prozent der schweizerischen Spinnkapazität Emil G. Bührle gehörten. Die Spinnereien und Webereien müssten «nächstens drosseln und in kurzer Zeit ganz abstellen» wegen fehlender Zellwolle. Die Bedeutung der Firmen sei lokal «sehr gross». In Dietfurt «bringen Fabrik und Belegschaft ca. 50% des Steuereinkommens der Gemeinde auf».
Die Löhne, die Bührle zahlte, waren jedoch tief. Die 325 Beschäftigten der Spinnerei und Weberei Dietfurt AG erhielten im letzten Kriegsjahr im Durchschnitt 263 Franken pro Monat, heute wären das 1317 Franken. Das geht aus einer Statistik im Bundesarchiv hervor, die in einem Dossier liegt mit dem Vermerk «England – Schwarze Liste (Handel mit dem Feind)». Diese Statistik erfasste wohl auch die Tiefstlöhne der zwangsinternierten minderjährigen Mädchen des Marienheims Dietfurt, deren «Verdienst» weit unter diesem Durchschnittswert lag. Sie erhielten so wenig, dass ihnen nach Abzug von Kost und Logis kaum etwas übrig blieb.
Schweiz löste das Problem mit Geld
Im Januar 1946 schrieb ein New Yorker Anwalt an UBS-Generaldirektor Alfred Schaefer nach Zürich, dass die Spinnerei Dietfurt und das Schwesterunternehmen in Windisch nur von der schwarzen Liste kämen, wenn Bührle sie verkaufen würde. «Das Hauptanliegen der amerikanischen Behörden ist es, dass der Verkaufspreis relativ niedrig ist, damit Bührle nicht in der Position ist, von der Entlistung zu profitieren.» Emil Bührle dürfe bei einem Verkauf für seine Aktien nicht mehr verlangen, als er selbst bezahlt habe. Die Amerikaner könnten den Verdacht gehegt haben, dass Bührle die Textilfirmen unter Wert gekauft hatte.
Die Schweiz löste das Problem schliesslich mit Geld. Im Mai 1946 verpflichtete sie sich, 250 Millionen Franken an die drei alliierten Regierungen für den Wiederaufbau Europas zu zahlen, wenn diese im Gegenzug unter anderem die Schweizer Firmen «unverzüglich» von den schwarzen Listen streichen. Anfang Juli 1946 waren Bührles Spinnereien und Webereien von der schwarzen Liste gelöscht.
Der von den Nazis vertriebene Konzernchef Walter Wolf kehrte in den 1950er-Jahren als US-Bürger in die Schweiz zurück, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Werner Wolf. Er erkämpfte sich in Deutschland eine Entschädigung für die «Arisierungen» und Enteignungen, die bis im Juni 1941 andauerten, wie ein Dokument im Landesarchiv Baden-Württemberg zeigt. Walter Wolf führte in Adliswil ZH das Textilunternehmen Sapt AG, das in der Familie verblieben war. In den 1960er-Jahren wurden die aus Stuttgart geflohenen Wolfs im Kanton Zürich eingebürgert gemäss Handelsregister. Ob der Verkauf an Bührle nach dem Krieg je wieder ein Thema war, ist unklar. Eine Zürcher Familienangehörige der Wolfs und ehemalige Sapt-Verwaltungsrätin sagt, sie wisse nichts davon und könne deshalb auch nichts dazu sagen.
Bührle-Enkel Gratian Anda sagt: «Ich kenne die Umstände der beschriebenen Transaktion nicht und kann deshalb auch dazu keine Stellung nehmen.»
Laut Historiker Erich Keller ist das «Verständnis der Dimensionen von Bührles Tätigkeiten als Unternehmer und Sammler» erst in Entstehung. Das schreibt er in seinem neuen Buch «Das kontaminierte Museum». Dieses beleuchtet, wie Emil Bührles Kunstsammlung ins Kunsthaus Zürich gekommen ist, obwohl sie «stark historisch belastet» ist. Emil Bührle «operierte in der Legalität wie in der Illegalität und war keineswegs, wie behauptet wird, einfach ein Opportunist», schreibt Keller.