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Wir sind ins jurassische Muriaux gefahren, um Janine Wiggli zu treffen, die Frau des Schweizer Komponisten Oscar Wiggli. Wir haben erfahren, dass dieser diskreten Person zahlreiche Instrumente zu verdanken sind, die ihr Mann für seine Experimente verwendet hat. Wir haben versucht, etwas mehr über ihre Rolle und ihre Perspektiven zu erfahren, da wir festgestellt haben, dass es kaum Informationen über sie gibt.
Studium und Begegnung mit Oscar
Janine studiert an der Académie des Beaux-Arts in Nantes Fotografie. Nach einer Weile beschliesst sie, nach Paris zu gehen. An der Kunsthochschule studiert sie Malerei, fühlt sich aber alsbald zur Bildhauerei hingezogen, deren Ateliers direkt neben den Malateliers liegen. Sie besucht deshalb einen Anfängerkurs in Bildhauerei. Der Professor ist ziemlich streng, deshalb wirft sie die meisten ihrer ersten Kreationen weg oder zerstört sie. Eines Tages sagt man ihr, dass es die eben angefertigte Skulptur verdiene, erhalten zu werden… dazu muss sie jedoch gegossen werden. Sie wird an einen erfahreneren Bildhauer verwiesen, der ihr dabei helfen sollte: Es ist Oscar Wiggli. Allmählich beginnt sie, sich für seine verschiedenen künstlerischen Tätigkeiten zu interessieren, wozu bereits damals die elektronische Musik gehörte. Diese Entdeckung der Welt der experimentellen Musik bewegt sie dazu, an der Ingenieurschule in Biel Elektronik und Informatik zu studieren. Als sie ihren Professoren von ihrem Interesse für die elektronische Musik erzählt, stösst sie in den frühen 1980er-Jahren nur auf wenig Verständnis.
Dank ihren neu erworbenen Programmierkenntnissen (Basic, Kobol…) und ihrer Ausbildung in Elektronik an der Ingenieurschule unterstützt sie Oscar fortan bei der Anfertigung von Musikinstrumenten. Zusammen entwickeln Janine und Oscar ihren ersten modularen Synthesizer, den PAiA und später verschiedene elektronische Hilfsmittel und Software-Tools, die es dem Musiker erlauben, seine zahlreichen Instrumente besser zu nutzen. Janine ist auch in der Schmiede ihres Mannes (der Eisenplastiken schafft) sowie in ihrer Dunkelkammer anzutreffen, wo sie Filme entwickelt, aber ihr Hauptinteresse gilt der Musik.
Die Serie von weissen Instrumenten hat Janine angefertigt, damit Oscar die zahlreichen modularen Systeme besser nutzen konnte (Roland System-100)
SYHAMO
Als wohl bemerkenswertestes Projekt, das aus der Zusammenarbeit von Janine und Oscar entstanden ist, gilt wahrscheinlich der SYHAMO oder "Système Hybride Audio contrôlé par Ordinateur" (dt.: hybrides computergesteuertes Audio-System; das "M" wurde hinzugefügt, um die Aussprache zu erleichtern). Dieses einzigartige Instrument basiert auf der Idee von Oscar, ein Objekt zu entwickeln, das auf die Einflüsse aus seiner Umgebung reagiert und daraus Klänge erzeugt. Janine hat daher ein komplexes Arrangement aus Sensoren, Synthesizern, Computern (Commodore 64) und Lautsprechern von Grund auf selber entworfen. Der SYHAMO reagiert auf Veränderungen der Helligkeit, der Temperatur und der Distanz zu seiner Umgebung: Basierend auf diesen Datenkombinationen steuert eine Kompositionssoftware (ebenfalls von Janine entwickelt) Synthesizer, deren Klang live von integrierten Lautsprechern übertragen wird (Video). Der SYHAMO reiste viel in der Weltgeschichte herum: In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde er in verschiedenen Museen und Institutionen ausgestellt und ging durch unzählige neugierige Hände, bis er endgültig seinen Platz in der Bibliothek von Oscar fand. Er funktioniert auch heute noch – ein Beweis für seine zuverlässige Konstruktion.
Vorder- und Rückenansicht des SYHAMO
(Bild- und Informationsquelle: SYHAMO — Janine et Oscar Wiggli — La vie des sons, Editions IROISE, ISBN 2-940091-11-0)
Die Beziehung von Janine und Oscar
Mehrere Dokumentarfilme über Oscar zeugen von seiner enormen Schaffenskraft, sowohl in der Musik, in der Bildhauerei als auch in der Fotografie. Janine erzählt uns sogar von einem Notationssystem für Musik, das er entwickelte, um seine Ideen in der Bildhauerei mit seinen Klangideen zu verbinden. Beim Besuch seines Studios fällt auf, das es von Heften, Notizen und Aufnahmen, die sein künstlerisches Leben umfassend dokumentieren, geradezu überquillt. Viele seiner Notizbücher sind bis heute – selbst von Janine – immer noch unerforscht.
Janine beschreibt Oscar als eher diskrete und zurückhaltende Person, dessen Forschungsprozesse in der Regel privater Natur sind. Sie selber erzählt uns ein wenig mehr über ihre Zusammenarbeit und den Ursprung von Oscars Ideen. Dennoch sieht sie ihre Rolle eher als eine Art Assistentin, stets da, um ihren Mann zu unterstützen, aber weniger daran interessiert, selber im Rampenlicht zu stehen. Über ihre eigene künstlerische Tätigkeit ist nur wenig bekannt. Dabei fotografiert sie ihr ganzes Leben lang und hat stets eine Nikon-Kamera dabei… Sie erzählt uns, dass ihre Vision der Fotografie nicht immer mit derjenigen von Oscar übereinstimmte und sie daher nicht immer die gleichen Methoden verwendeten. Am Ende unseres Gesprächs wird klar, dass die Ideen und die Unterstützung von Janine für viele Projekte, die heute den Namen Oscar Wiggli tragen, von entscheidender Bedeutung waren. Diese Tatsache stört sie aber überhaupt nicht: Sie betont, dass Oscar seine eigene Welt, seine eigene Identität hatte, in die sie sich nicht einmischte. Sie scheint stolz auf ihre Rolle als Technikerin zu sein, stets zur Stelle, um die nächste verrückte Idee von Oscar zu ermöglichen.
- Victorien Genna