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Übersicht über die Kleinbasler Gewerbekanäle
Die Entstehung der Stadt Kleinbasel und die Anlage ihrer Gewerbekanäle sind als zusammenhängender Vorgang im Laufe des 13. Jahrhunderts zu betrachten. Der Zubringerkanal, der so genannte Riehenteich, auch Riechedych, zweigt ungefähr drei Kilometer vor der alten Stadtgrenze bei einer Stauschwelle von der Wiese ab, und zwar genau dort, wo der Flusslauf seine gerade Richtung zum älteren Schwemmkegel im Zentrum des Rheinknies verlässt und westlich gegen sein jüngeres Mündungsgebiet abschwenkt. Der heute noch auf den ersten 800m Länge erhaltene Kanal nahm hingegen diese Richtung auf und verlief stadtwärts, wo er direkt vor dem Riehentor rechtwinklig nach Norden abbog, vor dem Stadtgraben entlangzog und rund 50m vor der unteren Befestigungsecke in die Stadt eintrat; von dort durchquerte er in direktem Lauf zum Rhein den unmittelbar an der nordwestlichen Stadtgrenze gelegenen Bereich. Mit dem Erwerb von zwei für den Bau von Mühlen geeigneten Hofstätten durch das Kloster Wettingen (die späteren Klingentalmühlen) finden dieser Kanal und zugleich die Anlage von Mühlen in Kleinbasel 1251 den ersten urkundlichen Nachweis. Dass der Wasserlauf auf einen alten Wiesearm zurückgeht, lässt sich kaum noch nachprüfen. Ein vorhandenes Bachbett hätte sicherlich den Kanalbau erleichtert; daneben kann aber bei der Wasserführung durchaus auch die ursprüngliche Absicht zum Bau von Mühlen ausserhalb der Stadt oder die Unterstützungsfunktion des Wassers für die Stadtbefestigung eine Rolle gespielt haben. Der Bau des Teichs setzte jedenfalls die Bestimmung der Befestigungslinien voraus, welche im Zeitraum um 1250 durchaus denkbar ist.
Das wirtschaftlich aufstrebende Zisterzienserkloster Wettingen übernahm nicht nur 1251 zwei Mühlen-Baugrundstücke vom Domstift, sondern war auch entscheidende Instanz, als es 1262 darum ging, dem bischöflichen Brotmeister Heinrich von Ravensburg die Berechtigung zum Bau eines Zweigkanals zuzugestehen. Dieser Heinrich, der mit Wettingen in verschiedenen Geschäftsbeziehungen stand, trat durch seine Liegenschaftstransaktionen als eine der wichtigen Personen der Kleinbasler Frühzeit in Erscheinung. Der von ihm 1262 angelegte Kanal, der so genannte Brotmeisterteich oder Krumme Teich, zweigte am Ort des heutigen Messeplatzes auf Höhe der Isteinerstrasse vom Hauptstrang ab und erreichte in direkter Linie den Teichdurchlass in der Stadtmauer, wo er sich wieder mit dem älteren Kanal vereinigte. Vor dem Zusammenfluss entstand in der Gegend des späteren Drahtzuges eine dem Brotmeister gehörige Mühle; eine weitere, die er ganz in der Nähe besass, lag möglicherweise am Hauptteich.
Ein weiterer Schachzug Heinrichs und seines Sohnes Ulrich war, ohne nennenswerten Widerstand anderer Mühlenbesitzer den Hauptteich (auch Hinterer oder Niederer Teich genannt) genau vor der Stadtmauer zu teilen und einen neuen Arm nahe des eigenen Wohnhauses in die Stadt zu leiten. Der jüngere Wasserlauf bildete durch seinen Anfang an der Vereinigungsstelle von Haupt- und Brotmeisterteich eine Art Fortsetzung des Letzteren, die innerhalb der Mauer mit einigen Krümmungen, aber ungefähr parallel zum älteren Kanal dem Rhein zufloss. Dieser Kanal war der später als Mittlerer Teich bekannte Wasserlauf. Die notwendigen Arbeiten mussten rasch durchgeführt worden sein, denn 1273 stand bereits die Ziegelmühle nahe der Mündung des neuen Kanals in den Rhein. 1280 schliesslich erteilte der Brotmeistersohn Ulrich den Nonnen von St. Clara das Recht, den frisch angelegten Teich durch ihr Klostergelände zu leiten, unter der Bedingung, beide Läufe weiter unten wieder zu vereinigen. Dieser Vordere Teich setzte unmittelbar innerhalb der Stadtmauer an und verlief in parallel nicht allzu grossem Abstand zum Mittleren Teich bis zum Zusammenfluss nach Unterquerung der Unteren Rheingasse.
Damit war nach rund drei Jahrzehnten mit dem Niederen, dem Mittleren und dem Vorderen Teich innerhalb der Stadtmauern ein Ausbau erreicht, der künftig keine Erweiterungen mehr erfahren sollte und allenfalls durch massiven Ersatz der Uferverbauungen verbessert wurde.Auch die Zahl der überwiegend vom 13. Jahrhundert, vereinzelt von der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an urkundlich nachweisbaren Betriebe blieb konstant.
Ausserhalb der Mauern befanden sich ebenfalls Mühlen: Ein 1460 vor dem Riehentor zur Speisung eines Weihers im nachmals Wettstein'schen Garten abgezweigtes Bächlein wurde erst ab 1830 zum Betrieb einer Wasserkraftanlage für die Richter-Linder'sche Bandfabrik an der Hammerstrasse genutzt, neue gewerbliche Nutzer des Teichs waren seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das später so genannte "Feste Rad am Claragraben" und ab ungefähr 1722 zwei weit vor der Stadt gelegene Bleichen, für die allerdings die Wasserkraft von geringer Bedetung war.
Hatte es sich ursprünglich überwiegend um Getreidemühlen gehandelt, gegenüber denen Sägen, Schleifen, Stampfe und Schmiedehammer in der Minderzahl waren, ergaben sich seit dem 14. Jahrhundert immer wieder Verschiebungen und vor allem vom 18. Jahrhundert an Spezialisierung und Diversifikation. Den drei Hauptkanälen innerhalb der Stadtmauern sei an anderer Stelle je ein eigener Artikel gewidmet.
Die Nutzung der Gewerbekanäle
Neben seiner Funktion als Energielieferant kam dem Teich auch besondere Bedeutung für die städtische und gewerbliche Infrastruktur Kleinbasels zu. Als Flosskanal für Schwarzwaldholz stellte der Teich einen Verkehrsweg für den Transport des nicht nur für die Sägereien wichtigen Rohstoffs dar. Für den Durchlass der Flösse, die Öffnung des "Schlundes" zwischen den beiden Rädern der Mühlen vor dem Riehentor, erhielt seit 1359 der Inhaber der Schleifmühle eine Gebühr.
Schultheiss und Rat von Kleinbasel bestätigten im Mai 1365, dass sie vor dem Riehentor das "wasser [...] gericht und gewiset hant usser dem tiche in die selben unser stat ze minren Basel" und dass ihnen diese Wasserentnahme nur zum Nutzen der Bürgerschaft von den Inhabern der Mühlen- und Schmiedelehen am Teich "durch liebe und von gnaden" zugestanden wurde. Der demnach wohl erst kurz vorher erfolgte Bau einer Brauchwasserzuleitung könnte als Reaktion auf die vorangehenden Katastrophen, den grossen Stadtbrand 1354 und das sicher wiederum Brandschäden verursachende Erdbeben von 1356, zu verstehen sein. Die öfter mit derartigen Bächen in Verbindung gebrachte Steigerung der städtischen Hygiene und Sauberkeit ist nicht unbedingt und überall eine der urspünglichen Absichten gewesen, aber die Beschreibung von Aenea Silvio Piccolomini, worin dieser auf den Kleinbasler Stadtbach zum Wegspülen des Unrats hinwies, und zahlreiche Belege aus nachmittelalterlicher Zeit zeigen deutlich, dass die Bäche, obwohl vielfach gewerblich genutzt, gleichzeitig als Schmutz- und Abwassersammler dienten.
Das damals angelegte Strassenbach-System wurde von einem Hauptstrang gespeist, der neben dem Riehentor durch einen "Kenel" den Stadtgraben und die Ringmauer querte und sich auf seinem Lauf durch die Riehentorstrasse in die einzelnen Längsarme durch die Rebgasse, die Utengasse und die Rheingasse teilte. Das durch die Rebgasse geleitete Bächlein setzte seinen Lauf durch die Greifengasse fort und mündete durch die Untere Rheingasse in den Zusammenfluss des Vorderen und Mittleren Teichs. Bis in die Neuzeit zweigte die Hälfte davon vor der Rheinbrückenzufahrt in die obere Rheingasse ab und vereinigte sich an der tiefsten Stelle der Rheingasse mit dem Wasserlauf aus der Rheingasse und dem durch das Schafgässlein herangeführten Bach aus der Utengasse zu einem gemeinsamen Auslauf in den Rhein. Wie auf dem Schauplan Merians erkennbar, verliefen die Bäche in früherer Zeit in der Strassenmitte in gepflästerten Rinnen, erst im 19. Jahrhundert wurden sie näher an den Strassenrand verlegt und streckenweise in steinerne Rinnen gefasst. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden sie sukzessive in gemauerten, unterirdischen Kanälen und dienten als Schwemmkanalisation.
Von den Gewerben, die sich an den Teichen ansiedelten, gehören die Bader zu den frühesten; den bald nach 1400 einsetzenden Schriftquellen zufolge konzentrierten sich die damals entstehenden und zumeist im 16. Jahrhundert aufgegebenen Badestuben im Bereich zwischen Ochsengasse und Webergasse am Mittleren und Vorderen Teich. Erst verhältnismässig spät ist das Auftreten weiterer einschlägiger Handwerke zu verzeichnen; bei den Gerbern, die hier in erster Linie in Betracht zu ziehen sind, spielte allerdings auch die restriktive Haltung der auf wenige Betriebe bedachten Zunft eine Rolle. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an nimmt ihre Zahl entlang der Teiche aber derart zu, dass zu Recht von einer "Invasion" vor allem der Rotgerber die Rede sein kann. Selbst die kleinen Strassenbäche im mittleren Stadtbereich wurden Gerbereien dienstbar gemacht. Viele dieser Betriebe hatten bis ins 19. Jahrhundert Bestand. Die vor allem im frühen 18. Jahrhundert an in Kleinbasel einziehenden Färbereien bedienten sich vorwiegend des Wassers aus den Strassenbächen; dass die Färber nur vereinzelt an Teicharmen anzutreffen sind, mag damit zusammenhängen, dass die verfügbaren Hofstätten bereits durch Gerber besetzt waren. Das Wasser aus der Wiese wies für sie vor allem durch seinen geringen Härtegrad einen wichtigen Vorzug auf.
Industrielle Veränderung im 18. und 19. Jahrhundert
1823 trieb der Teich insgesamt 64 Räder, wovon 34 auf Getreidemühlen entfielen, die übrigen verteilten sich wie folgt: sechs Tabakstampfen, vier Sägen, vier Farbholzmühlen, vier Ölmühlen, drei Gipsmühlen, je zwei Bleichewalken, Farbholzschneiden, Giftmühlen, Sandelstampfen, Schleifen und je eine Wollenruchwalke, Gewürzmühle, Indigomühle, Lohstampfe, Strumpfwalke, Walkfass für Leder, Hammer zum Bedarf der Gerber. Industrielle Dimensionen erreichten hingegen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschiedene Färbereien, welche die Teich- und Strassenläufe auch als Abwasserkanäle schätzten; zur Energiegewinnung dienten ihnen von Beginn an vor allem Dampfmaschinen. Bei erfolgreichen Betrieben führte die rasche Expansion bald zur Verlagerung vor die Stadt; auch dabei spielte wieder die Frage der Abwässer eine wichtige Rolle, wie das Beispiel einer der chemischen Pionierfirmen zeigt, der Clavel'schen Färberei und Farbenfabrik der Unteren Rebgasse (nachmals CIBA). Wichtig waren nun der Anschluss an das Eisenbahnnetz und freie Flächen für den Bau von Fabrikhallen.
Die seit Ende der 1890er-Jahre vorgesehene Verlegung des Badischen Bahnhofs vom Riehenring an seinen heutigen Standort an der Schwarzwaldallee gab den Anstoss für die vollständige Aufhebung des Kleinbasler Teichnetzes. Da der Teich das zukünftige Bahnhofsgelände durchfloss, dachte man zuerst an eine unterirdische Führung, dann an eine Verlegung. Es liess sich keine einvernehmliche Lösung finden, und von allen ins Spiel gebrachten Faktoren bekamen die sanitarischen eine besondere Bedeutung. Expertisen der Regierung werteten die gesundheitlichen Belastungen der Teichanwohner durch Fabrikabwässer, Fäkalien und Feuchtigkeit in den Wohnungen als erheblich. Zwei Beschlüsse des Grossen Rates in den Jahren 1905/1906 ermöglichten den Aufkauf der Wasserrechte durch den Staat und die sukzessive Aufhebung der Teiche bis 1917. Die bisherigen Nutzer wurden entschädigt und erhielten eine Stromzufuhr oder das für einige Gewerbe immer noch notwendige kalkarme Wiesewasser durch eine Mitte 20. Jahrhundert ebenfalls stillgelegte unterirdische Leitung. Die Aufhebung des Teichnetzes ist rückblickend als beinahe mutwillige Zerstörung des alten Kleinbasler Stadtbildes gebrandmarkt worden. Die mit dem "Dych" verbundene Nostalgie wurde zu einem Inhalt der baslerischen Heimatliteratur, die von den Teichquartieren als dem "tiefsten Kleinbasel" erzählte. Es wurde deutlich, dass die Eliminierung des alten Teichnetzes, das unauflöslich mit der mittelalterlichen Stadtstruktur verbunden war, zu einer Entwicklung führen musste, die für das Mühlenquartier als eigentlicher Stadtumbau zu charakterisieren ist.