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1948: Die Mandeloperation
Arnold, 3 Jahre: Ich hatte oft Mittelohrentzündungen. Als ich drei Jahre alt war, empfahl der Arzt, die Mandeln rauszunehmen. Ich hatte eine Riesenangst davor. «Eigentlich möchte ich lieber sterben als ins Spital», sagte ich zu meinem Vater. Der erwiderte: «So etwas sollte man nie sagen, das kann nämlich durchaus passieren.»
Im Spital wurde ich vom Chefarzt operiert, trotz Narkose war ich aber nicht ganz weg und bekam mit, wie man mir zwei blutige Kugeln aus dem Rachen zog. Danach wollte ich so schnell wie möglich nach Hause. Schon in der ersten Nacht schlich ich aus dem Zimmer, wurde aber auf dem Korridor vom Arzt aufgegriffen. Er nahm mich unter den Arm, die Beine nach vorne, den Kopf nach hinten. Mir wurde schlecht, und ich musste blutig erbrechen – direkt auf die grauen Flanellhosen des Herrn Doktor. Darauf wurde ich für den Rest des Spitalaufenthalts an allen vieren an den Bettpfosten festgebunden.
1951: Das gebrochene Bein
Brigitte, 6 Jahre: Ich war im Kindergarten, als ich rausging, um zu spielen. In der Nähe unserer Wohnung hatte es eine Schreinerei, davor stand ein Tanzboden. Ich war neugierig und wollte den Tanzboden inspizieren. Kurz zuvor hatte es geregnet, das Holz war nass. Als ich auf die Bretter stieg, kam ein Junge herbei, älter als ich, er hob mich auf, trug mich über den Tanzboden. Auf dem glitschigen Holz kam er ins Stolpern, er stürzte, wir fielen hin, mein linkes Bein war unter ihm begraben.
Ich erinnere mich, wie ich danach bei uns zu Hause auf dem Küchentisch sass, weinte, während der Doktor mein Bein untersuchte, einen Spiralbruch am Unterschenkel diagnostizierte und das Bein eingipste. Ich durfte eine Weile nicht in den Kindergarten gehen und wurde von der Mutter im Kinderwagen herumgefahren.
1953: Essen bei Fremden
Kurt, 1½ Jahre: Meine Mutter hatte mich im Stich gelassen. Darum begann ich schon als ganz kleines Kind, überall bei uns im Haus zu klingeln, damit ich etwas zu Essen bekam. Ich sass am Montag hier, am Dienstag dort, am Mittwoch nochmals bei jemand anderem am Tisch. Bald kannte mich das ganze Haus, und es entwickelte sich eine Art Fahrplan. Mein Vater konnte sich nicht um mich kümmern, weil er arbeitete und erst am Abend zurückkam – wenn überhaupt. Er war Alkoholiker
1979: Der Vater stürzt vom Dach
Daniel, 4 Jahre: Beim Umbauen stürzte mein Vater kopfvoran vom Garagendach. Ich sehe es vor mir, wie wenn es gestern gewesen wäre: Ich stand mit ihm auf dem Dach, als ein Kollege meinte, ich solle eine Schere holen. Aber mein Vater fand, das sei zu gefährlich, ich könnte runterfallen. Er wollte lieber selber gehen – und fiel.
Ich schrie wie am Spiess, bis meine Mutter mich tröstete. Dann kam das Krankenauto und nahm den Vater mit. Es stellte sich heraus, dass er ein Riesenglück hatte und nicht zum Tetraplegiker wurde. Als der Arzt ihn nach der ersten Nacht fragte, wie es ihm gehe, sagte er, nicht gut, er habe starke Nackenschmerzen. Erst da haben sie ihn geröntgt und gesehen, dass er einen Halswirbel gebrochen hatte. Wir haben ihn dann oft besucht, er lag auf dem Rücken im Bett und trug eine Art Stirnband, an dem ein Gewicht befestigt war, das seinen Kopf nach hinten zog. Er musste auch so essen. Am ersten Abend gab es Erbsen und Rüebli. Er erzählte uns, dass alle Erbsen im Bett gelandet seien.
1982: Jesus begleitet dich
Philipp, 4 Jahre: Es passierte bei uns im Keller. Ein paar Kinder sagten mir, dort unten verteile jemand Schokolade. Also stieg ich hinunter, und hörte dort, wie ein Junge mit tief verstellter Stimme sagte: «Ich fresse dich!»
Ich rannte weinend zur Mutter und hatte seither Mühe, wieder alleine in den Keller zu gehen. Die Mutter versuchte mich zu beruhigen und sagte jeweils zu mir, wenn ein Gang in den Keller anstand: «Du bist nie allein, Jesus ist immer da und begleitet dich.» Damals hat das irgendwie geholfen.
1991: Krach im Sandkasten
Fabian, 4 Jahre: Ich sitze in einem Sandkasten auf einem Spielplatz bei einer Wohnungssiedlung irgendwo in Oberburg und streite mich mit meinem sechsjährigen Bruder.
2003: Die Wand anmalen
Jasmin, 3 Jahre: Ich habe zwei Erinnerungen, von denen ich nicht weiss, welche älter ist. Die erste: Ich mache Seifenblasen mit meiner grossen Schwester. Die zweite: Ich male mit Kugelschreiber auf eine Wand, und der Vater putzt hinter mir her – aber ich zeichne weiter. Geschimpft hat er nicht. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, dass meine Eltern je mit mir geschimpft hätten.