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Nur einmal im Jahr öffnet die jüdische Gemeinde «Shearith Israel» einen Friedhof in New York, um jüdischer Soldaten zu gedenken, die für Amerika gefallen sind.
Im Jahr 1654 kamen 23 jüdische Flüchtlinge aus Brasilien im damaligen Neu Amsterdam an. Nach Jahrzehnten freier Religionsausübung unter niederländischer Kolonialherrschaft wurde der Norden des Landes von den Portugiesen erobert und die jüdischen Brasilianer flüchteten aus Angst vor der Inquisition in die damals niederländische Hafenstadt, die zehn Jahre später unter englischer Kolonialherrschaft in New York umbenannt wurde.
Die Flüchtlinge gründeten Nordamerikas erste jüdische Gemeinde, die sie, fern von anderen jüdischen Diasporagemeinden, «Shearith Israel», «die Reste Israels», nannten. Während ihre Glaubensgenossen in Europa und der arabischen Welt Verfolgung und Diskriminierung im Alltag erlebten, konnten Juden in Nordamerika fortan ihre Religion frei ausüben und waren gleichberechtigte Bürger. Für amerikanische Juden ist die Geschichte von «Shearith Israel» so etwas wie ein Entstehungsmythos. Jahrzehnte bevor sie ihre erste Synagoge bauten, kauften die Mitglieder der Gemeinde ausserhalb der nördlichen Stadtmauer, die von der heutigen Wall Street markiert wird, Land, auf dem sie einen Friedhof errichteten. Heute befindet sich der Friedhof, auf dem von 1683 bis 1833 New Yorks jüdische Bürger begraben wurden, im südlichen Teil von Chinatown zwischen der Brooklyn Bridge und der Manhattan Bridge. Er ist der älteste jüdische Friedhof Nordamerikas und normalerweise verschlossen.
Nur einmal im Jahr öffnen die Mitglieder von «Shearith Israel» den Friedhof, jedoch nicht an einem jüdischem Feiertag, sondern am Memorial Day («Gedenktag»), an dem man in Amerika der für das Vaterland gefallenen Soldaten gedenkt. Eine Tradition, die auf den amerikanischen Bürgerkrieg zurückgeht.
Treffen für einmal live
Auch wenn bereits vor dem Bürgerkrieg auf dem kleinen Friedhof keine Beerdigungen mehr stattfanden, so ist es Tradition geworden, jüdische Kriegsveteranen, die hier begraben sind, am Memorial Day zu ehren. Insgesamt 22 Gemeindemitglieder, die hier begraben sind, kämpften im Unabhängigkeitskrieg, darunter Gershom Mendes Seixas (1745–1816), der erste in Amerika geborene Rabbiner. Letztes Jahr wurde die patriotische Veranstaltung zwar nicht abgesagt, jedoch durfte nur eine kleine Gruppe von Freiwilligen teilnehmen. Zachary Edinger, der Friedhofsaufseher der Gemeinde, war sichtlich froh, dass man dieses Jahr wieder gemeinsam auf dem Friedhof zusammenkommen konnte. Aber da die Corona-Pandemie noch nicht ganz überstanden ist, mussten sich alle Teilnehmer vorher anmelden und einen Gesundheitsfragebogen ausfüllen. Obwohl die überwiegende Mehrheit der rund zwei Dutzend Teilnehmer bereits beide Impfungen hinter sich hatte, trugen die meisten freiwillig eine Maske.
Für Gemeindemitglieder, die nicht zum Friedhof kommen konnten, wurde die Veranstaltung live auf Facebook übertragen. Edinger erklärte in seiner Ansprache: «Ja, im letzten Jahr gab es viele Herausforderungen für uns alle, und unsere alte Gemeinde musste lernen, Veranstaltungen virtuell durchzuführen, aber dadurch haben wir auch Menschen erreicht, die normalerweise nicht an unseren Veranstaltungen teilnehmen.» Und gerade deshalb werden wohl auch in Zukunft Online-Veranstaltungen weiterhin stattfinden. Sogenannte hybride Veranstaltungen, die simultan auf sozialen Netzwerken gezeigt werden, scheinen für viele amerikanisch-jüdische Organisationen die Zukunft zu sein.
Jüdische Gräber finden
Die Veranstaltung fing, wie auch andere Memorial-Day-Zeremonien, mit der amerikanischen Nationalhymne und dem Einmarsch von Fahnenträgern an. Fast alle Teilnehmer sind seit Generationen Mitglieder der in New York allgemein als spanisch-portugiesische Synagoge bekannten Gemeinde. Der jüngste Teilnehmer war diesmal ein Neugeborener, der im Arm seiner Mutter schlafend anwesend war, der älteste der letztes Jahr 100 Jahre alt gewordene Kriegsveteran Jonathan Mendes, der seiner im Zweiten Weltkrieg gefallenen Kameraden gedachte. Ehrengast war Shalom Lamm, der leitende Direktor von «Operation Benjamin», einer Organisation, die jüdische Grabmarkierungen für gefallene Soldaten erstellt. Ziel der Operation Benjamin ist es, gefallene jüdische Soldaten auf amerikanischen Militärfriedhöfen ausfindig zu machen, die fälschlicherweise unter christlichen Markierungen begraben wurden. Über 100 Gräber wurden bereits korrigiert.
Der Höhepunkt der Veranstaltung war die Dekorierung von Veteranengräbern. Edinger verlas Kurzbiografien, die hervorhoben, dass Mitglieder der spanisch-portugiesischen Synagoge nicht ausschliesslich Sephardim waren. Da bis Mitte des 19. Jahrhunderts «Shearith Israel» die einzige jüdische Gemeinde der Stadt New York war, wurden viele aschkenasische Juden aus dem deutschsprachigen Raum Mitglieder der Synagoge, so etwa der in Hannover geborenen Hayman Levy, dessen Grab nahe beim Eingang steht. Das zuletzt dekorierte Grab war das von Rabbiner Seixas, der unter anderem bei der Amtseinführung von Präsident George Washington dabei gewesen war. Die Flagge wurde von einer direkten Nachfahrin von Seixas aufgestellt.
Edinger zitierte auch Washingtons Brief an die jüdische Gemeinde, in dem der Präsident schrieb: «Die Regierung der Vereinigten Staaten sanktioniert keinen Fanatismus, duldet keine Verfolgung noch Diskriminierung, sondern unterstützt die unter ihrem Schutz Lebenden, damit diese als gute Bürger die Gesellschaft wirksam unterstützen.» Wie anderorts in den USA gab es auch in New York kürzlich eine Reihe von antisemitischen Straftaten und somit war diese patriotische Veranstaltung auch aus diesem Grund ein Blick zurück in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.