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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

21. Buch
5. Von gar vielen Erscheinungen vermag man den Grund nicht zu erkennen und kann doch an ihrer Wirklichkeit nicht zweifeln.
Reden wir von göttlichen Wundern der Vergangenheit oder der Zukunft, die wir unseren Gegnern aus der Erfahrung nicht zu beweisen vermögen, so fordern diese ungläubigen Menschen von uns eine vernunftgemäße Erklärung für diese Erscheinungen und halten dann, da wir sie nicht geben können [denn diese Erscheinungen gehen über die Kräfte des menschlichen Geistes], unsere Aussagen für falsch. Aber sie sollen nur selbst einmal für so viele wunderbare Erscheinungen, die wir sehen können oder wirklich sehen, eine vernunftgemäße Erklärung geben. Wenn sie sich bewußt werden, daß dies nicht menschenmöglich ist, müssen sie sofort auch zugeben, daß etwas deshalb allein noch nicht als unmöglich abgelehnt werden darf, weil sich davon keine vernunftgemäße Erklärung geben läßt; denn jene Erscheinungen, die man ebensowenig erklären kann, sind nun einmal wirklich vorhanden. Ich beschränke mich daher auf solche schriftlich verzeichnete Merkwürdigkeiten, die an ihrem Orte fortbestehen und deren Wirklichkeit sich also erkunden läßt, wenn man sich dorthin begeben will oder kann, und hebe aus der großen Zahl auch solcher Fälle nur ganz wenige hervor, während ich auf Berichte über Merkwürdigkeiten, die sich in der Vergangenheit zugetragen haben und nicht mehr fortbestehen, überhaupt nicht eingehe. Salz von Agrigent1 in Sizilien, so versichert man2 , zergeht, wenn man es ins Feuer bringt, wie wenn es im Wasser läge; bringt man es dagegen ins Wasser, so knistert es wie im Feuer. Bei den Garamanten3 gebe es eine Quelle, die bei Tag so kalt sei, daß man nicht davon trinken kann, bei Nacht so heiß, daß man nicht daran hinkommen darf4 . In Epirus wiederum gebe es eine Quelle, in der zwar, wie in den anderen auch, brennende Fackeln erlöschen, aber, im Gegensatz zu den anderen, erloschene Fackeln sich entzünden5 . Der Stein Asbestos6 , der in Arkadien vorkommt, soll seinen Namen daher haben, daß er nicht mehr gelöscht werden kann, wenn er einmal brennt. Das Holz einer Feigenbaumart in Ägypten halte sich im Wasser nicht schwimmend, wie sonst das Holz, sondern gehe unter, und, was noch merkwürdiger ist, wenn es eine Zeitlang in der Tiefe gewesen, tauche es wieder empor an die Oberfläche des Wassers7 , da es doch, durch das aufgesaugte Wasser beschwert, erst recht in der Tiefe gehalten werden sollte. Im Lande Sodoma wachsen Obstfrüchte und reifen auch scheinbar, die, wenn man hineinbeißt oder sie drückt, unter Platzen der Schale in Rauch und Asche zerstieben8 . Am Pyrit, einer Gesteinsart in Persien, soll man sich die Hand verbrennen, wenn man ihn kräftig drückt9 , weshalb er eben Pyrit heißt, von pur = Feuer. Ebenfalls in Persien kommt der Selenitstein vor, dessen von innen ausgehender Schimmer mit dem Monde wachse und abnehme10 . In Kappadozien sollen die Stuten auch durch den Wind trächtig werden, und die so erzeugten Fohlen lebten nur drei Jahre lang11 . Die zu Indien gehörige Insel Thylos12 habe vor anderen Ländern dies voraus, daß die dort wachsenden Bäume sich nie entblättern13 ,
Für solche und unzählige andere Merkwürdigkeiten, die in Zustandsberichten, nicht in Berichten über geschehene und vorübergegangene Dinge vorkommen, denen aber nachzugehen mich, der ich anderes zu tun habe, zu weit führen würde, dafür also sollen eine vernunftgemäße Erklärung geben, wenn sie es vermögen, solche Ungläubige, die den göttlichen Schriften keinen Glauben schenken wollen, lediglich in der Annahme, diese Schriften stammten nicht von Gott, weil sie unglaubliche Dinge enthielten, dergleichen doch auch die eben angeführten sind. Es ist einfach nicht vernunftgemäß, sagen sie, daß das Fleisch brenne und nicht verzehrt werde, daß es leide und nicht sterbe; so sprechen sie natürlich als gewaltige Vernünftler, denen es nicht schwer fallen kann, für alle Dinge, die offenkundig wunderbar sind, eine vernunftgemäße Erklärung zu geben. Sie sollen also eine geben für die paar Erscheinungen, die ich angeführt habe, die sie gewiß, wenn sie um deren wirkliches Vorhandensein nicht wüßten und wir deren künftiges Eintreten behaupteten, noch viel weniger glauben würden als das, an dessen künftigen Eintritt sie auf unsere Aussage hin nicht glauben wollen. Wir sagen, daß es lebendige Menschenleiber geben wird, die stets brennen und leiden und doch nie sterben werden; das glauben sie uns nicht; würden sie uns etwa glauben, wenn wir sagten, in der künftigen Welt werde es ein Salz geben, das im Feuer zergeht, wie wenn es im Wasser läge, und im Wasser knistert, wie wenn es im Feuer läge? oder es werde da einen Quell geben, dessen Wasser in der Kühle der Nacht so heiß ist, daß man nicht daran hinkommen darf, in der Tageshitze dagegen so kalt, daß man es nicht trinken kann? oder es werde einen Stein geben, der beim Drücken eine Wärme entwickelt, daß man sich die Hand daran verbrennt, oder einen solchen, der, irgendwie in Brand gesetzt, nicht mehr gelöscht werden kann, und was ich sonst noch aus unzähligen anderen Beispielen flüchtig angeführt habe? Würden wir also behaupten, daß es derlei in der künftigen Welt geben werde, und würden uns die Ungläubigen entgegenhalten: „Wenn wir euch das glauben sollen, so müßt ihr eine vernunftgemäße Erklärung dafür geben“, so würden wir einfach gestehen, das können wir nicht, weil solche und ähnliche wunderbare Werke Gottes die Vernünftelei sterblicher Wesen übersteigen; es stehe jedoch bei uns die Vernunfterkenntnis fest, daß der Allmächtige nicht ohne vernünftigen Grund Dinge schaffe, für die der schwache Menschengeist keine vernunftgemäße Erklärung beizubringen vermag; und so ungewiß es uns bei vielem sei, was er wolle, so sei doch völlig sicher, daß ihm nichts, was er überhaupt wolle, unmöglich sei; und wenn wir ihm bei seinen Vorhersagungen Glauben schenken, so geschehe das einem Wesen gegenüber, das wir uns weder ohnmächtig noch unwahrhaftig vorstellen können. Aber diese Glaubensnörgler und Vernunftgrundsreiter, was wollen sie erwidern angesichts solcher Erscheinungen, für die der Mensch keine vernunftgemäße Erklärung geben kann und die doch nun einmal da sind und dem in der Natur herrschenden Vernunftgesetz selbst zu widersprechen scheinen? Behaupteten wir, daß solche Dinge einmal in Zukunft eintreten würden, so heischte man von uns ebensogut einen vernunftgemäßen Beweis dafür, wie für das, was wir in der Tat als künftig eintretend behaupten. Allein es versagt eben solchen Werken Gottes gegenüber die Vernunftkraft der menschlichen Einsicht und Beweisführung; daraus folgt aber nicht, daß es jene unbegreiflichen Zustände im Jenseits nicht geben wird, so wenig als daraus folgt, daß es solch merkwürdige Erscheinungen nicht gibt; der Mensch ist nur eben außerstande, für das eine wie für das andere eine vernunftgemäße Erklärung zu geben.
1: Jetzt Girgenti an der Südküste Siziliens.
2: Plin. 31, 7, 41.
3: In Afrika, südlich von Tripolis.
4: Plin. 5, 5.
5: Ebd. 2, 103.
6: Asbestos = unverbrennbar.
7: Plin. 13, 7, 14.
8: Josephus de bello Jud. 4, 8, 4. Tacitus, Historiarum 5, 7.
9: Plin. 36, 19, 30; 37, 11, 73.
10: Ebd. 37, 10, 67.
11: Solinus 47.
12: Jetzt Samak im persischen Meerbusen.
13: Plin. 12, 10, 23.