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Seit ihrem Start kurz vor Jahresende 2020 hat die Netflix-Serie «Bridgerton» weltweit schmachtende Fans gewonnen. Starproduzentin und -Autorin Shonda Rhimes («Grey’s Anatomy») lässt moderne Liebes- und Geschlechterpolitik sanft satirisch im Dekor und Setting britischer Kostümdramen ablaufen.
Die Rolle der Frauen wird dabei nicht historisch, sondern aus heutiger Perspektive verhandelt. Dafür wird die unerwartete Hautfarbe einzelner Figuren schlicht nicht thematisiert. Eine schwarze Queen Charlotte? Warum denn nicht?
Irritation und Repräsentation
Klar: Im England des 19. Jahrhunderts gab es wenige nicht weisse Menschen in der sogenannten «feineren Gesellschaft».
Dafür gibt es umso mehr von ihnen im Netflix-Publikum – vor allem in den USA, aber auch in Grossbritannien. Und warum soll sich eine Latina-Frau mit einer weissen «english Rose» identifizieren? Oder ein Afroamerikaner mit einem feschen weissen Kavallerie-Offizier?
Das sogenannte «Colourblind Casting», die farbenblinde Besetzung, sorgt dafür, dass sich mehr Zuschauerinnen durch die Serienfiguren repräsentiert fühlen können.
Colourblind Casting hilft auch der von der Produktion beauftragten Besetzungsagentur, die bis anhin beim Casting der so beliebten britischen Kostümdramen meist die Hälfte ihrer registrierten Schauspielerinnen und Schauspieler von vorneherein ausschliessen musste.
Neue Farben, alte Probleme
Das Konzept der «farbenblinden Besetzung» wurde vor allem auf den Theaterbühnen in den letzten Jahrzehnten umgesetzt. Das erzeugte nicht nur beim konservativen Publikum hin und wieder Kopfschütteln.
Der US-Dramatiker August Wilson meinte schon 1996, es sei wenig damit gewonnen, afroamerikanische Schauspielerinnen und Schauspieler gnädig die weissen Klassiker spielen zu lassen. Damit würde bloss der eurozentristische, weisse Klassik-Kanon zementiert.
Es gehe vielmehr darum, Nicht-Weissen mit eigenen Stücken ihre eigene Geschichte und Identität zurückzugeben.
Die Causa Copperfield
Als 2019 Armando Iannucci für «The Personal History of David Copperfield», seine Neuverfilmung des Dickens-Roman-Klassikers, die Hauptrolle des britischen Waisenjungen mit Dev Patel, dem indischstämmigen Star von «Slumdog Millionaire» besetzte, regte das einige konservative Geister über Gebühr auf.
Das brachte wiederum Co-Star Hugh Laurie («Dr. House») am Toronto-Filmfestival dazu, sich über solche Stimmen zu ärgern: Wer Dev Patel bloss ein paar Minuten in der Rolle gesehen habe, komme doch gar nicht mehr auf die Idee, seine Hautfarbe auch nur ansatzweise zu thematisieren, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Wunsch und Wirkung
So ist Colourblind Casting zunächst einmal einfach die Umsetzung eines Ideals, einer Wunschvorstellung, durchaus mit didaktischen Absichten. Und auf jeden Fall kontextabhängig.
Ein Film, der explizit den Sklavenhandel des 18. Jahrhunderts thematisiert, kann unmöglich «farbenblind» besetzt werden. Und in jedem historisierenden Zusammenhang stellt sich die Frage nach der Geschichtsklitterung, nach dem Ausblenden zeitgenössischer rassistischer Realitäten.
Wie bei jedem Versuch, Gewohnheiten sichtbar zu machen, braucht es eine Portion Provokation. Würde Colourblind Casting tatsächlich nicht mehr bemerkt, wäre das Konzept ja bereits überholt.
Das radikale Gegenkonzept
Vorläufig wirft die Idee Fragen auf. Genau so wie das radikale Gegenkonzept, dass Weisse keine schwarzen Rollen spielen dürfen, auch nicht als Stimmen im Animationsfilm (so zum Beispiel umgesetzt mit dem Verzicht auf langjährige weisse Stimmen in «The Simpsons» oder «Family Guy»). Oder die Vorstellung, nur echte Lesben dürften Lesben spielen, Heteros keine Schwulen und Cis-Menschen keine Trans-Rollen.
Dass diese radikale Vorstellung die Idee des Rollenspielers, der Schauspielerin, letztlich ad absurdum führt und Fiktion durch Dokumentation ablöst, ändert nichts daran, dass die Forderung zumindest auf repräsentative Missstände aufmerksam macht.