Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/2390

Die Welle des Enthusiasmus zur ersten Einhundertjahrfeier hielt bis zum emotionalen und wirtschaftlichen Bruch durch die Weltkriege an; danach konnte die mittlerweile fest verankerte Tradition der Prozessionen auch die allzu oft missverstandene kulturelle Erneuerung sowohl der 68er Jugendbewegungen als auch der stilistischen "Entrümpelung" infolge des II. Vatikanischen Konzils überstehen. Viele andere Prozessionen in der Katholischen Welt, die der von Mendrisio ähnlich waren, liefen genau in dieser Zeit aus und wurden grossenteils nicht wiederbelebt. Von dieser Zeit zeugen einige “Transparente” in ungewöhnlichem Stil, wie Der wunderbare Fischfang von Gian Pio Fontana, mit einigen Skeletten als Protagonisten. Weitere Werke weisen mehr oder weniger verhaltene Tendenzen zur Malerei der historischen Avantgarde auf, wie der moderate Kubismus im Sturm auf dem See von Italo Gilardi, oder in der Leiter Jakobs von Franco Valsangiacomo, und expressionistische Strömungen in der Kreuzigung am Palazzo Pollini. Der traditionellen Strömung lassen sich bewusst die zahlreichen Werke von Mario Gilardi zuordnen, der von seinem Vater Silvio die Technik gelernt hatte, und einige wenige von weiteren, gut ausgebildeten Malern wie Giacomo Carloni, während verschiedene Dilettanten mehr oder weniger annehmbare, fast durchweg technisch fragwürdige Kopien anfertigten. Man erkennt aufgrund einer gewissen stilistischen Ähnlichkeit, mit einigen persönlichen Varianten, viele Gemälde von Gino Macconi, während zwei professionelle Maler, Giuseppe Bolzani und Silvano Gilardi , einige ungewöhnliche Vorschläge machten (die beiden Balkon-Leuchten mit “fingierter Verglasung” von ersterem,
im Corso Bello), sich bewusst entschieden, einen figurativen Stil zu wählen, der irgendwie mit der Tradition verknüpft ist, fast ganz anders als ihr üblicher Stil als Künstler. Noch heute sind die beiden “Tore”, die an der Prozessionsstrecke hinzugefügt wurden, auch hinsichtlich ihrer Professionalität umstritten: das Werk von Gianni Realini aus dem Jahre 1969 und das von Marco Cassinari aus dem Jahre 1979, das erste eher figurativ, in gedämpften Tönen, das zweite mit überwiegend abstrakten Formen und in grellen Farben; beide wurden mit “neuen” Techniken und auf neuen Unterlagen ausgeführt, die heute nicht nur ihre Anfälligkeit zeigen, sondern auch eine Restaurierung extrem schwierig machen. Besser präsentieren und halten sich die Werke von Silvano Gilardi; er übernahm die Technik von seinem Vater und Grossvater und war über Jahre hinweg auch Restaurator. Kürzlich hat eine neue Kommission ein neues Transparent in Auftrag gegeben und dabei die Beibehaltung der Technik gefordert; es wurde von dem jungen Matteo Gilardi angefertigt.