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Eine fixe Kamera, formal strenge Schuss-Gegenschuss-Montage, Schauspieler, die knapp an der Kamera vorbeiblickend mit sehr sparsamer Mimik ihre sehr formalisierten Dialoge sprechen. Und dazwischen Landschafts- und Architekturbilder von unglaublicher Schönheit und Symmetrie.
In den Filmen des in New York geborenen Franzosen Eugène Green scheint jedes Element seinen genau vorgesehenen Platz einzunehmen, jedes Wort an seiner exakt vorgeschriebenen Stelle zu fallen, jedes Augenzwinkern mit inszeniert zu sein. Und wenn in einer Totale eine Taube über die Borromäischen Inseln im Luganersee fliegt, so wirkt es, als habe der Regisseur auch dieser Taube eine exakte Regieanweisung gegeben.
Eugène Green ist im besten Sinn ein komplett anachronistischer Regisseur: Seine Welt ist der Barock – seine Karriere startete er, als er in Paris 1977 die Theatergruppe «Théatre de la Sapience» gründete. Mit dieser Kompanie belebte er das barocke Theater neu, führte historisch korrekte Inszenierungen durch und verfasste einen Essay mit dem Titel «La Parole Baroque».
Mit seinem Film «La Sapienza», der hier in Locarno im Wettbewerb läuft, knüpft Green an den Beginn seiner barocken Spurensuche an – und das macht er auch mit dem Titel deutlich. Aber der Filmtitel bezieht sich auch auf das zentrale Bauwerk im Schaffen des barocken Architekten Francesco Borromini, die Kirche «Sant’Ivo alla Sapienza» in Rom.
Der Film erzählt vom Pariser Architekten mit Schweizer Wurzeln, Alexandre Schmidt, der mit 50 einen Preis für sein Lebenswerk bekommt, im Leben und in seiner Arbeit allerdings völlig ausgebrannt und desillusioniert ist. Er beschliesst, eine Auszeit zu nehmen und sich – zusammen mit seiner Frau Aliénor – endlich auf die lang geplante Forschungsreise über seinen Lieblingsarchitekten Borromini zu begeben.
In Stresa begegnet das Paar zwei Geschwistern: Der Junge will nach dem Sommer mit dem Architekturstudium beginnen, das Mädchen leidet an einer seltsamen Nervenkrankheit. Statt mit ihrem Mann weiter nach Rom zu reisen beschliesst Aliénor, bei dem kranken Mädchen zu bleiben und an ihrer Statt den Jungen mitzuschicken, der noch voller Leidenschaft für die Architektur ist und begierig Alexandres Dozieren über die barocke Architektur von Borromini und seinem Gegenspieler Bernini aufsaugt.
Äusserst formelhafte Bilder und Dialoge, ein sehr bildungsbürgerliches Thema – das tönt zunächst abschreckend und schulmeisterlich. Aber dieser Film zieht einen, je länger man zuschaut, immer mehr in seinen Bann. Zu keinem Thema passt diese anachronistische Formelhaftigkeit besser, als zur barocken Architektur. Und Green bricht – wie die barocken Architekten und Künstler es auch getan haben – immer wieder seine Formenstrenge, baut augenzwinkernde Kommentare zu Molières «Malade Imaginaire» ein, lässt seine Protagonisten über die allzu komplizierten Regeln in der französischen Sprache scherzen und tritt schliesslich selber auch in seinem Film auf, als Figur aus dem Volk der Chaldäer aus dem Irak, ein Volk, das mitsamt seiner Sprache eigentlich schon fast ausgestorben ist. Der Auftritt ist ein augenzwinkernder Eigenkommentar zu seinem Kino: «Seht her, ich mache etwas, was es eigentlich ganz und gar anachronistisch ist: barockes Kino im modernen Gewand».
Dieses Kino ist eigenwillig, mag einige Zuschauer abschrecken in seiner formalen Strenge und in seinem bildungsbürgerlichen Ansatz. Wer sich aber darauf einlässt (und das ist gar nicht so schwer, denn Green holt einen direkt ab mit einem wunderschönen Monteverdi-Soundtrack), der wird in eine barocke Welt entführt, die auch (fast) ohne historische Kostüme und veraltete Sprache auskommt und die dennoch, je mehr man über diesen Film nachdenkt, das Fenster weit aufstösst, um die Kunst des 17. und frühen 18. Jahrhundert zu verstehen. Green geht dafür einen cineastischen Weg, der anachronistisch und avantgardistisch zugleich ist.
(67. Festival del Film Locarno, Concorso internazionale)