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Stefan Keller über eine Exilzeitschrift und einen Tod.
Das Heft trug den Titel «Mit der Ziehharmonika», ich las es erstmals Mitte der neunziger Jahre. Sicher kam mir der Name sonderbar vor, aber die Texte waren höchst interessant, und mit Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser, den HerausgeberInnen, hatte ich als Journalist gelegentlich zu tun. Ich lernte die beiden als ausgesprochen warmherzige, scharf denkende Menschen kennen. Einmal besuchten wir sie in Wien. Beiläufig sprach meine Begleiterin über Nachforschungen zu Anna Freud, der Tochter Sigmunds – sofort organisierte Siglinde ein Treffen mit einer ehemaligen Emigrantin, die bei Anna Freud in England als Kindergärtnerin gearbeitet hatte. Ein unvergessliches Erlebnis; wir tauchten ein in eine andere Welt.
«Mit der Ziehharmonika» heisst ein Text des österreichischen Lyrikers Theodor Kramer, zu dessen begeisterten Lesern Thomas Mann gehörte. Als Jude und Sozialist musste Kramer 1939 aus Wien nach London fliehen. Dort wurde er 1940 als «feindlicher Ausländer» interniert, fand später eine Stelle als Bibliothekar, war Vorstandsmitglied des österreichischen Exil-PEN-Clubs , verkehrte mit SchicksalsgenossInnen wie Erich Fried oder Hilde Spiel. Erst 1957 kam er schwer krank nach Österreich zurück, um im darauffolgenden Jahr zu sterben. Von seinen rund 12 000 Gedichten ist nur der kleinste Teil gedruckt erschienen – etwa in einer Sammlung, die 1999 die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller herausgab. In Kramers Lied «Mit der Ziehharmonika» steht der Vers: «Nicht fürs Süsse, nur fürs Scharfe / und fürs Bittre bin ich da / schlag, ihr Leute, nicht die Harfe / spiel die Ziehharmonika.»
«Mit der Ziehharmonika» hiess also auch die Zeitschrift der Wiener Theodor-Kramer-Gesellschaft, als ich sie damals abonnierte. Unter dem geänderten Namen «Zwischenwelt» erscheint diese Zeitschrift bis heute und kümmert sich, wie sie im Impressum festhält, «durch geduldige Arbeit um Verständnis für Literatur und Kultur des Exils und des Widerstands»: Was nämlich der Nationalsozialismus auszulöschen versuchte und die Nachkriegszeit nicht respektierte, wird in der «Zwischenwelt» ans Licht geholt, dokumentiert und besprochen.
«Zwischenwelt» ist eine der letzten Stimmen der deutschsprachigen Emigration (manche heute noch lebende EmigrantInnen schreiben für das Heft) und eine bedeutende Institution der Exilforschung. Neben der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift publizieren die HerausgeberInnen ein Jahrbuch mit Titeln wie «Frauen im Exil», «Ohnmacht und Empörung» oder «Subjekt des Erinnerns»; dazu gibt es ein kleines Verlagsprogramm mit vorwiegend literarischen und autobiografischen Texten; von Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser stammt auch das Standardwerk «Lexikon der österreichischen Exilliteratur» (Wien 2000); und schliesslich verleiht die Gesellschaft jedes Jahr einen Theodor-Kramer-Preis für «Schreiben im Widerstand und im Exil» – 2012 ging er an die US-amerikanisch-österreichische Autorin Eva Kollisch (www.theodorkramer.at).
Unter prekären finanziellen Bedingungen kämpft die «Zwischenwelt» gegen das Vergessen. Sie macht das auf lesenswerte, neugierige, gerne auch streitbare Weise. Darüber wollte ich hier schon lange einmal schreiben; das Thema «Flucht» ist ja auch stets aktuell. Dieser Tage aber kommt aus Wien die Nachricht, dass Siglinde Bolbecher, Mitbegründerin und seit dreissig Jahren Mitherausgeberin der «Zwischenwelt», am 6. Juli sechzigjährig verstorben ist.
Stefan Keller ist WOZ-Redaktor.