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Bild des Monats März 2013: Der Mikrokosmosmann in der ‹SĂĽddeutschen Tafelsammlung›
Auf welche Weise bei der Einrichtung von mittelalterlichen Handschriften Medienwissen angewandt wurde, zeigt anschaulich die Darstellung des Menschen als Mikrokosmos in der sog. ‹Süddeutschen Tafelsammlung› aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Tafel mit dem Mikrokosmosmann bildet zusammen mit dem auf der Folgeseite thematisierten Makrokosmos als Doppelseite die strukturelle Mitte der aus sechzehn Tafeln bestehenden Sammlung, in der in einem ersten Teil astrologisches und medizinisches Wissen und in einem zweiten christliche Theologie und antikes Bildungswissen enzyklopädisch für ein Laienpublikum aufbereitet wird.
Traditionell behandelt die Mikrokosmos-Tafel die Erschaffung bzw. Beschaffenheit des aus der Einheit von Körper und Geist bestehenden Menschen, indem in den Begleittexten dessen Glieder mit den Elementen und dessen Seelenkräfte mit der göttlichen Trinität verglichen werden. Figürlich umgesetzt wird der Mikrokosmos auf der Tafel allerdings nicht im üblichen Bildtyp des nackten Jünglings mit ausgestreckten Armen. Dargestellt wird er vielmehr als erwachsener Mann mit langem, im Nacken gewelltem Haupthaar und gelocktem Bart, der im Demutsgestus die Hände auf der Brust verschränkt. Ausserdem bedeckt ein längerer, als trapezförmiger Rock gestalteter Text den Unterleib des Mannes. Dieser vergleicht die Körperregionen und Sinne des Menschen mit den Elementen.
Mit der expliziten Inszenierung einer devoten Andachtshaltung richtet sich die Figur des Mikrokosmosmannes direkt an den Leser, dem damit eine bestimmte Rezeption nahegelegt wird. Bei der LektĂĽre der Tafelsammlung wird ihm folglich nicht nur theologisches Wissen, sondern auch die Form seiner Aneignung vor Augen gefĂĽhrt.
Bild: Washington, D.C., Library of Congress, Lessing J. Rosenwald Collection, ms. no. 4 (olim 3), fol. 4v
Die Edition der ‹Süddeutschen Tafelsammlung› wird dieses Jahr erscheinen.