Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03267.jsonl.gz/3002

Mein Grossvater, John Robert Calberg Christoffersen, wurde in 1898 geboren. Robert war eine offene und neugierige Person. Er wurde als Böttcher ausgebildet. Es war aber als Polizist, dass er einen grossen Teil seines Berufslebens verbrachte. Er war gern mit Menschen zusammen, kochte gern und machte gern Spass. Mein Grossvater war auch sehr sportlich. 1924 nahm er an den Olympischen Spielen in Paris, Frankreich im Ringen teil. Robert war auch Vorstandsmitglied des Aarhus Athletes Clubs.
Geschichten von meiner Mutter, Hanne Calberg.
2. Was passierte im Leben meines Grossvaters in 1944-45?
Mein Grossvater war 46 Jahre alt, als er am 19. September 1944 - zusammen mit etwa 2,000 anderen dänischen Polizisten - überraschend und direkt von seinem Arbeitsort in Aarhus, Dänemark zum Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg, Deutschland - deportiert wurde. Zu dieser Zeit war seine Tochter Hanne, d.h. meine Mutter, 6 Jahre alt. Was meine Familienmitglieder auch nicht wussten war, dass mein Grossvater über ein halbes Jahr in drei verschiedenen Konzentrationslagern in Deutschland verbringen sollte.
An diesem schrecklichen Herbsttag in September 1944 wurden mein Grossvater und seine Kollegen zuerst von Aarhus nach Frøslev gebracht. Dann gingen sie zu Fuss etwa 6 Kilometer von Frøslev in Dänemark nach Harrislee in Deutschland. Von Harrislee wurden sie mit dem Zug etwa 200 Kilometer zum Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg transportiert.
Foto gemacht am 24. August 2017 bei der KZ Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. In diesem Gebäude waren die dänischen Polizisten am Ende des 2. Weltkrieges. Das Gebäude ist heute z.B. Sitz des Forschungszentrums - einschliesslich Archiv und Bibliothek.
Am 29. September 1944 wurden mein Grossvater und die etwa 2,000 anderen dänischen Polizisten vom Konzentrationslager Neuengamme zum Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Das war eine Strecke von etwa 400 Kilometer. Der Transport dauerte etwa 44 Stunden. Warum so lange? Weil der Zug durch die Stadt Hamburg - welche mehr oder weniger total zerstört war - transportiert wurde. Und weil der Zug in Göttingen zwischen Hamburg und KZ Buchenwald - aufgrund von Bombenregen vom Himmel - Halt gemacht hat.
Im Konzentrationslager Buchenwald waren mein Grossvater, seine etwa 2,000 Polizistenkollegen und Tausende andere Menschen zwischen dem 29. September 1944 und dem 17. Dezember 1944. Am 17. Dezember 1944 wurden mein Grossvater und seine Kollegen zum Konzentrationslager Stalag IV B Mühlberg in der Nähe von Torgau in Sachsen, Deutschland transportiert. Stalag ist eine Abkürzung für das Wort Stamlager. Die Strecke zwischen KZ Buchenwald und Stalag IV B Mühlberg war etwa 220 Kilometer. In Januar 1945 wurden sie auf andere Arbeitslager, die unter Torgau, Stalag IV D und Oschatz, Stalag IV G hörten, verteilt. Sie bekamen Nummer zwischen 309.000 und 310.600. Wenn Menschen zwischen Konzentrationslagern wechselten, bekamen sie neue Nummer.
Im Konzentrationslager Stalag IV Mühlberg und die anderen Lagern in der Nähe waren mein Grossvater und seine dänischen Polizistenkollegen zwischen dem 17. Dezember 1944 und dem 29. März 1945. Es war aufgrund von ihren Berufen als Polizisten, dass mein Grossvater und seine Kollegen vom Konzentrationslager Buchenwald ans Konzentrationslager Stalag IV Mühlberg gebracht wurden.
Am 29. März 1945 wurden mein Grossvater und seine dänischen Polizistenkollegen vom Stalag IV B Mühlberg bis zum Konzentrationslager Neuengamme transportiert. Das war eine Strecke von etwa 450 Kilometer.
Als ich die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in August, 2017 besuchte, erfuhr ich wie Menschen, die im Konzentrationslager waren, von Ort zu Ort transportiert wurden:
Am 20. April 1945 wurden mein Grossvater und seine Polistenkollegen von Menschen, die für das Schwedische Rote Kreuz arbeiteten, befreit. Mit weissen Bussen wurden sie geholfen zuerst nach Schweden und dann nach Dänemark zurückzukehren. Unterwegs in der Rettungsaktion haben die Busse zweimal 2 Wochen Aufenthalt gemacht, damit Menschen von Infektionen behandelt werden konnten: Zuerst in Frøslev, Dänemark und anschliessend in Malmö, Schweden.
Als ich in August 2017 die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besucht habe, hat mich Dr. Möller erzählt, dass es zu dieser Zeit positive, beeindruckende Einzelinitiative gab. Ein Beispiel: Es gab zu wenige weisse Busse um bei der Rettungsaktion in April 1945 Alle Menschen aus Skandinavien vom Konzentrationslager Neuengamme abzuholen. So haben sich Menschen aus der Bevölkerung in Skandinavien Busse gesucht, die Busse für die Rettungsaktion zu Verfügung gestellt, die Busse weiss gestrichen und sich selber als Fahrer zu Verfügung gestellt um die Menschen aus Skandinavien von der KZ Neuengamme abzuholen.
Als ich in August 2017 die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besucht habe, hat mich Dr. Möller erzählt, dass es zu dieser Zeit positive, beeindruckende Einzelinitiative gab. Ein Beispiel: Es gab zu wenige weisse Busse um bei der Rettungsaktion in April 1945 Alle Menschen aus Skandinavien vom Konzentrationslager Neuengamme abzuholen. So haben sich Menschen aus der Bevölkerung in Skandinavien Busse gesucht, die Busse für die Rettungsaktion zu Verfügung gestellt, die Busse weiss gestrichen und sich selber als Fahrer zu Verfügung gestellt um die Menschen aus Skandinavien von der KZ Neuengamme abzuholen.
Quellen
- Ballegaard, Mogens: Ballegaard.
- Barfod, Jørgen H.: Helvede har mange navne.
- Gespräch am 24. August 2017 mit Dr. Reimer Möller, Forschungsleiter bei der KZ Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg, Deutschland.
3. Wie war der Alltag im Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg?
Während der Zeit, als mein Grossvater und seine Polizistenkollegen am Ende des zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg war, war der Leiter des Konzentrationslagers Max Pauly. Die Menschen, welche unter der Leitung von Max Pauly als Wachmannschaft gearbeitet haben, wurden belehrt, dass die Tausenden von Menschen, welche im KZ Neuengamme waren, gemeine Verbrecher waren und mit aller Härte zu behandeln waren. So war der Alltag im Konzentrationslager Neuengamme von Gewalt und Unterordnung bestimmt. Zum Alltag gehörten Schikanen und Misshandlungen. Menschen trugen Kleider wie dieses.
Als ich in August, 2017, die KZ Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg besucht habe, habe ich erfahren, dass viele Menschen, die im Konzentrationslager Neuengamme waren, für verschiedene lokale Unternehmen gearbeitet haben.
KZ Neuengamme war mit Stacheldraht eingezäunt, der nachts elektrisch geladen war. Das Essen im Konzentrationslager Neuengamme war so ungenügend, dass sehr viele Menschen, die im Konzentrationslager waren, nur wenige Monate überlebten. Morgens gab es einen halben Liter wässrigen Ersatzkaffee, mittags etwa einen Liter dünne Suppe und abends ein Stück Brot mit Wurst oder Käse von schlechter Qualität. Den ganzen Tag beherrschte der Hunger das Denken und Verhalten. Meine Mutter hat mir erzählt, dass mein Grossvater von Kartoffelschalen, welche er im Abfall gefunden hat, für seine Kollegen und ihn Essen gekocht hat.
Meine Mutter hat mir auch erzählt, dass Menschen, die im Konzentrationslager Neuengamme als Wachmannschaft gearbeitet haben, manchmal einen Teil von ihrem Essen meinem Grossvater und seinen Kollegen geschenkt haben. Diese Geschichte, welche mein Grossvater meiner Mutter nach dem 2. Weltkrieg erzählt hat und meine Mutter später mir erzählt hat, haben bei uns viele Tränen ausgelöst. Es ist nicht mindestens aus dieser Geschichte, dass der Satz, welchen mein Grossvater zu meiner Mutter Hanne mehrmals gesagt hat und meine Mutter zu mir mehrmals überbracht hat, stammt: "Hanne, du sollst nie Deutsche hassen." Und es nicht mindestens aufgrund dieser Geschichte, dass es mir teilweise gelungen ist zu vergeben. Ich gebe zu, dass wenn ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich in meinem Herz Schmerzen, und Tränen kommen wieder.
Quellen:
Recherchen bei der KZ Gedenkstätte Neuengamme in August, 2017.
http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/konzentrationslager/lager-ss/
http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/konzentrationslager/alltag/
Geschichten von meiner Mutter, Hanne Calberg.
4. Wie war die Befreiung am 20. April 1945?
Zwischen 1938 und 1944 waren insgesamt 100.400 Menschen im Konzentrationslager Neuengamme. Mehr als die Hälfte davon starben. In April 1945, als mein Grossvater und seine Polizistenkollegen im Konzentrationslager Neuengamme waren, waren etwa 50.000 Menschen da. Im Laufe des Monats April 1945 starben 1.452 Personen. Die meisten Menschen, welche im Konzentrationslager Neuengamme waren, starben durch Hunger und Kälte, mangelhafte Unterbringung und unzureichende Hygiene. Viele wurden erschlagen, erhängt, erschossen oder auf andere Weise umgebracht. Aus Verzweiflung wählte Mancher den Freitod. Andere brachen entkräftet zusammen oder starben im Krankenrevier.
Als ich in August, 2017, in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme war, habe ich beim ehemaligen Krematorium des Konzentrationslagers diese Skulptur gesehen. Die Skulptur hat eine unglaublich starke emotionale Reaktion bei mir ausgelöst. Als ich die Skulptur gesehen habe, schüttelte ich über den ganzen Körper, und Tränen kamen. Im Gespräch am 24. August 2017 mit Dr. Möller bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wurde ich informiert, dass eine Französin, die Auschwitz überlebt hat, die Skulptur gemacht hat.
Ich danke Gott, dass mein Grossvater am 20. April 1945 vom Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg befreit wurde und zusammen mit 4,000 anderen Menschen aus Skandinavien mit den weissen Bussen des Schwedischen Roten Kreuzes zurück nach Schweden und anschliessend nach Dänemark transportiert wurden. Als mein Grossvater in 1945 in Aarhus zurückgekommen ist, hat er mehrere Monate im Marselisborg Spital in Aarhus, Dänemark verbringen müssen. Denn, er hatte Infektionen, die ansteckend waren. Später wurde er auch wegen Stress geholfen.
Von den 109 Polizisten aus Aarhus, die am 19. September 1944 zu den Konzentrationslagern in Deutschland deportiert wurden, kamen am 13. Mai, 1945 10 Polizisten weniger zurück. Diese zehn Polizisten aus Aarhus starben dort.
Als mein Grossvater Robert sich nach dem Krieg von Infektionen und Stress erholt hatte, arbeitete er als Leiter der Abteilung für verlorenes Eigentum in Aarhus in Dänemark. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ihr Vater oft tagelang nicht zu Hause war. Am Ende seines Lebens wurde er von seiner Frau, d.h. meiner Grossmutter, geschieden. Er starb in 1966, etwa vier Jahren bevor ich geboren wurde.
Weitere Quellen:
http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/konzentrationslager/die-haeftlinge/
http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/konzentrationslager/das-ende/
http://neuengamme-ausstellungen.info/media/ngmedia/browse/1/5
Geschichten von meiner Mutter, Hanne Calberg.
Recherchen in August, 2017 bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg, Deutschland.