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Dr. med. Saira-Christine Renteria, CHUV, Lausanne
Einführung:
Das prämenstruelle Syndrom (PMS) wurde bereits 1931 beschrieben. Mit Interesse wurde das Thema in gerichtsmedizinischen Akten abgehandelt. Dabei wurde Frauen zum Teil während dieser Zyklusphase eine verminderte Zurechnungsfähigkeit zugeschrieben. Insgesamt wurden dem PMS über 150 Symptome zugeordnet. Die sehr strenge psychiatrische Definition des premenstrual dysphoric disorder wie sie im DMS-IV beschrieben wird, anerkennt 11 Symptome, wobei der Akzent auf den psychischen Symptomen wie depressiver Gefühlsstand, Angstzustände, Affektlabilität und Reizbarkeit liegt. Eine deutsche Studie zum Menstruationserleben von 600 Frauen zeigte 1985, dass sich jede fünfte Frau während der prämenstruellen Phase stark beeinträchtigt fühlt, wobei sich die subjektive Leistungsverminderung objektiv nicht bestätigten liess. Gemäss einer prospektiven, 1990 im American Journal for Psychiatry publizierten Artikel leiden etwa 4% der Frauen unter PMS.
Obwohl das PMS vor allem in den USA Aerzten als auch Laien ein Begriff ist, scheint dies in der Schweiz nicht der Fall zu sein. Das häufige Amalgam zwischen PMS, prämenstruellem Schmerzsyndrom und prämenopausalem Syndrom ist der Qualität der Betreuung abträglich. Da jedoch heute neue psychopharmakologische und phytotherapeutische Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen, drängte sich das Bedürfnis auf, mehr über das Befinden sowie den Informations- und Behandlungsstand der Schweizer Frauen zu erfahren.
Ziel: Nachweis, dass das PMS für gewisse in der Schweiz lebende Frauen ein nachhaltiges Problem sein kann, dass vermehrter ärztlicher Aufmerksamkeit bedarf.
Methode:
Leserinnenbefragung zuerst in der deutschsprachigen (2000) durch Prof. J. Bitzer, Universitätsfrauenklinik Basel, und in der Folge in der französischsprachigen Schweiz (2001) durch Dr. Renteria.
2001: Auswertung eines Fragebogens zum Thema PMS, der in einem vielbeachteten französischsprachigen Magazin mit einer Auflage von 214'690 Exemplaren, welches von 494000 Lesern und Leserinnen beachtet wird, publiziert wurde. Die Leserschaft umfasst Männer und Frauen. Die weibliche Leserschaft dehnt sich auf alle Altersgruppen aus. Der sozio-ökonomische Hintergrund ist breit gestreut und betrifft alle Bevölkerungsteile.
2000: Auswertung des in einer vielgelesenen deutschschweizerischen Familienzeitschrift publizierten Fragebogens. Die statistischen Auswertungen wurden durch Prof. W. Polasek et al. des Instituts für Statistik und Oekonometrie der Universität Basel durchgeführt.
Resultate der Leserinnenbefragung:
Französischsprachige Schweiz: 911 auswertbare Fragebogen, Prädominanz der Altersgruppen zwischen 30-39 und 40-49 Jahren (373 (41%) und 373 (31%)). 249 (27%) Frauen standen unter hormonaler Kontrazeption. Die meistgenannten Symptome waren im psychischen Bereich Irritabilität 708 (78%), im Verhaltensbereich Appetitzunahme 358 (39%) und im physischen Bereich Müdigkeit 460 (50%). Konflikte und Auseinandersetzungen werden von 602 (30%) als das tägliche Leben sehr beeinträchtigend empfunden. Die Richtigkeit der Symptomzuschreibung zum PMS wurde wie folgt bestätigt: mit Ausnahme von 3 Frauen traten die Beschwerden ausschliesslich in der zweiten Zyklus- phase auf und liessen bei Auftreten der Menstruation nach. Zusätzlich bestanden im Mittel 5 psychische Symptome, was der strengen Definition des DMS IV entspricht. Analgetika, Phytotherapie und Hömöopathie sind die am häufigsten erwähnten Behandlungsansätze. Nur 302 (23%) hatten einen Arzt konsultiert und waren oft unbefriedigt. Betroffen machten die zahlreichen Begleitbriefe. Sie zeugen davon, dass es zahlreichen, durch das PMS zum Teil stark in Mitleidenschaft gezogenen Frauen nach dem Lesen des Artikels zum Thema PMS und der Bearbeitung des Fragebogens zum ersten Mal gelang, ihre eigenen Symptome zu analysieren und zuzuordnen. Bereits diese Tatsache wurde mehrfach als grosse Erleichterung beschrieben.
Deutschsprachige Schweiz: 408 ausgewertete Fragebögen, wobei 50% der Befragten Leserinnen zwischen 35 bis 45 Jahre alt sind. Die Resultate überschneiden sich überraschenderweise weitgehend mit denen der Westschweiz. PMS-Beschwerden scheinen somit auch in der Schweiz, nur wenig kultur- oder regionsabhängig zu sein. Wie in der französischsprachigen Befragung ist mit fortschreitendem Alter eine Symptomverschiebung zu beobachten. Frauen unter 25 Jahren leiden vermehrt an somatischen Bewerden, vor allem Unterleibsschmerzen, während mit zunehmendem Alter die psychischen Symptome und Verhaltensänderungen in den Vordergrund treten. Unter den sozialen Auswirkungen erwähnen auch die Frauen aus der deutsprachigen Schweiz vor allem familiäre Spannungen und vermehrtes Vorkommen von Konflikten und Streit. Aus präventivmedizinischer Sicht sollte auch den Verhaltensänderungen wie dem verstärkten Drang nach Süssem vermehrt Aufmerksamkeit zugewendet werden.
Schlussfolgerung:
Es gibt sowohl in der deutschsprachigen Schweiz als auch in der Westschweiz eine nicht zu unterschätzende Zahl von Frauen, deren Lebensqualität sowohl im persönlichen als auch im zwischenmenschlichen Bereich durch das PMS zum Teil stark beeinträchtigt ist. Neben dem Analgetikakonsum steht die Einnahme von Phytotherapeutika bei weitem im Vordergrund. Zahlreiche Kommentare und Anmerkungen auf den Fragebögen zeugen im übrigen von einer unbefriedigenden medizinischen Hilfeleistung und fordern die Aerzteschaft dazu auf, dieser zyklusabhängigen Störung des Wohlbefindens mehr Interesse entgegenzubringen. Eine vermehrte Beschäftigung mit dem Thema PMS mit dem Ziel der Wissensaneignung, sowohl im Bezug auf die Aetiologie als auch auf die verschiedenen pharmakologischen und aber auch nichtpharmakologischen Behandlungskonzepte, würde helfen, die Betreuung dieser Frauen befriedigender zu gestalten, was ohne Zweifel sowohl den Betroffenen als auch den Aerzten zu gute kommen würde.