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a Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Pfalzklinikum, Klingenmünster, Deutschland
b Institut für Psychologie, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Deutschland
Der Schweizer Wissenschaftshistoriker Alexandre Métraux hat sich seit Beginn seines Studiums in Basel mit Neuropsychologie beschäftigt, seit etlichen Jahren gilt sein Interesse der Geschichte der Neurowissenschaften. 1984 kontaktierte er den britischen Neurologen Oliver Sacks (1933–2015) und trug dazu bei, dass dessen Bücher auf Deutsch erscheinen konnten. Im folgenden Gespräch berichtet er von persönlichen Begegnungen mit Sacks sowie von der Auseinandersetzung mit dessen Werk im Kontext der theoretischen und klinischen Neuropsychologie.
SF: Alexandre, wie kam es zur ersten Begegnung mit Oliver Sacks?
AM: Im Wintersemester 1984/85 war ich visiting associate professor an der New School for Social Research in New York. In der New York Review of Books stiess ich auf eine Besprechung von Sacks‘ Buch A Leg to Stand on [1, 2] sowie auf einen Essay von ihm selbst [3]. Das war die medial vermittelte, unechte Begegnung mit ihm. Die echte kam im Anschluss an eine Einladung von Maurice Natanson zustande, der an der Yale University in New Haven unterrichtete. Im Gespräch über dies und das fiel dann unversehens der Name Sacks. Auf die Frage Natansons, ob ich ihn kennenlernen wolle, schrieb er mir Sacks’ Telefonnummer auf und meinte, wenn ich ihn anriefe, müsse ich sagen, es sei wirklich sehr dringend. Am nächsten Tag (Sonntag, 9. Dezember 1984) rief ich ihn an und erklärte, ich müsse ihn unbedingt treffen. «Warum?», fragte er. − «Wegen verschiedener neurologischer Anliegen.» Am Dienstag darauf möge ich mich an das Humanities Center der New York University begeben, 18 Uhr. Und pünktlich kam Doktor Sacks. Er habe Hunger, meinte er, und würde gerne mit mir japanisch essen gehen. Bei Sushi und Sashimi ergab sich ein langes Gespräch, zunächst ging es um eine philosophisch geprägte Interpretation der hirnpathologischen Theorien Kurt Goldsteins, insbesondere um dessen Unterscheidung von konkreter und abstrakter Einstellung [4, 5].
SF: Was von der ersten Begegnung mit Sacks ist dir noch im Gedächtnis?
AM: Seine Sprachgewandtheit. Er sprach in einem unglaublich schönen Englisch, konstruierte die Sätze im Sprechen, deswegen die Pausen mitten in längeren Aussagen. Zu beobachten war, dass er bei diagnostischen und klinischen Themen auf Differenzierungen Wert legte, bei theoretischen oder, vage gesagt, philosophischen dagegen war er nicht immer to the point. Und eigenwillig konnte er sein. Kaum hatten wir einen hohen Sättigungsgrad im Restaurant erreicht und uns warmgeredet, schaute er auf die Uhr, sagte, er müsse nun zum Schwimmbad fahren, jeden Abend schwimme er. Er fuhr mich zur West End Avenue, wo ich untergebracht war − das war die erste Begegnung.
SF: Gab es denn weitere Begegnungen? Und wie haben sich daraus Projekte ergeben?
AM: Ja, es gab einige Treffen, die meisten in New York, und eins in Bremen. Bereits 1984 beriet ich den Verlag Chemie (VCH) in Weinheim hinsichtlich des Acta-Humaniora-Programms im Rahmen einer wirtschaftlichen Kooperation mit dem Verlag der Wissenschaften in Ost-Berlin. Als ich dann mit Oliver Sacks über seine Person und sein Schaffen gesprochen hatte – im japanischen Restaurant, später am Telefon –, und einige seiner Texte gelesen hatte, schlug ich VCH seine anregende Monografie Awakenings über die Encephalitis-lethargica-Patienten vor [6]. Um sicher zu gehen, dass kein anderer deutschsprachiger Verlag dieses Werk wegschnappen würde, bat ich Sacks um eine Zusicherung, dass die Übersetzungslizenz bis auf Weiteres VCH vorbehalten bliebe. Er gab diese Zusicherung sofort mündlich und später schriftlich.
SF: Wie hat sich der Kontakt danach entwickelt?
AM: Ich kann mich an mindestens zwei Treffen in New York erinnern. Das eine fand in seinem Office statt. Das andere führte mich an die Stadtgrenze von New York. Es war ein grauer Tag, Sacks wollte Fisch essen. Also fuhren wir in seinem Auto Richtung New Rochelle, gelangten zum Fischrestaurant, die Temperatur erreichte keine 10° Celsius. Er fragte mich, ob wir nicht auf der Terrasse speisen könnten. Aus dem Gesichtsausdruck meines zweifelnden Staunens muss er den Anflug des Widerstands herausgelesen haben, wir gingen also hinein. Kaum hatte er sich gesetzt, geriet er ins Schwitzen und holte aus seiner Tasche einen Miniventilator hervor, auch entledigte er sich aller Kleidungsstücke, die er anstandslos auszuziehen vermochte. In einem Wort: Sacks hatte Kreislaufprobleme. Bei beiden Treffen haben wir über Awakenings gesprochen, dessen Übersetzungsrechte inzwischen bei VCH lagen. Und über den in Anlehnung an Awakenings gedrehten Spielfilm mit Robert De Niro und Robin Williams haben wir auch gesprochen. Sacks war am Set dabei, gab Ratschläge, beantwortete Fragen der Schauspieler und des Regisseurs …
SF: … und was war in Bremen?
AM: Dort fand eine Tagung über den sowjetischen Neuropsychologen Aleksandr Lurija statt. Sacks war einer der Hauptredner und sprach über seine Rezeption von Lurijas Ideen (Abb. 1). Ihm bedeutete es viel, an dieser Tagung auch über seine Korrespondenz mit Lurija und dessen Aufmunterungen zu berichten. Und vor allem über dessen «romantische Wissenschaft» zu referieren. Lurija hatte im letzten Lebensjahrzehnt zwei Fallgeschichten [7] als Ergebnis seiner «romantischen Wissenschaft» veröffentlicht. Die kontrastierte er mit der «klassischen Wissenschaft», der auf neuropsychologische Theoriebildung ausgerichteten Forschung. Sacks hatte unzweifelhaft eine Vorliebe für Fallgeschichten, auch für aufsehenerregende, sogar exotische Fallgeschichten. Und er sah sich durch Lurija in seiner Vorliebe bestärkt, ohne damit die klassische neuropsychologische Forschung abwerten zu wollen. Und übrigens, da wir gerade von Fallgeschichten sprechen: Der grösste Teil von Awakenings besteht aus solchen Narrationen des individuellen Erwachens aus dem Encephalitis-lethargica-Schlummer. Solche Narrative sind doch wunderbare Vorlagen für Dokumentar-, ja sogar für Spielfilme. In einem Seminar liess ich den Spielfilm mit dem von der BBC produzierten Dokumentarfilm über die mit L-DOPA behandelten Patienten, und diesen wiederum mit dem Buch vergleichen. Entgegen meiner Erwartung fanden die Studierenden allerdings das Buch am beeindruckendsten und informativsten, also die narrative Darstellung.
SF: Wie ging es mit dem ersten Projekt weiter?
AM: Aus New York berichtete ich nach dem Treffen mit Sacks dem Verlag begeistert vom Awakenings-Buch [6]. Das Migränebuch [8] hatte mich weniger gepackt. Ich fand es zwar interessant, aber nicht so anschaulich durchgearbeitet wie Awakenings. Nun weiss ich wirklich nicht, und wusste es damals auch nicht, welche Vorgänge verlagsintern abliefen. Bis das mit der Übersetzungslizenz geregelt war, hat es eine Weile gedauert. Zum Glück hatte Sacks mir zugesichert, dass die Rechte an VCH gehen würden. Ich brauchte also keine Sorgen zu haben.
SF: Mit VCH in Weinheim wurde das Projekt dann nicht verwirklicht, Awakenings ist doch bei Rowohlt erschienen …
AM: Nein, nein! Das ist ein halber Irrtum! Die Geschichte der deutschsprachigen Übersetzung von Awakenings hat mit den sonderbaren Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten zu tun. Der Verlag der Wissenschaften der DDR hatte sich vertraglich verpflichtet, die Übersetzung von Awakenings zu übernehmen. Die Übersetzung zog sich hin, war dann nicht gut, musste überarbeitet werden. Auch gab es in der DDR Nachschub-, Produktions- und Lieferschwierigkeiten. Schliesslich erschien Awakenings unter dem Titel Bewusstseinsdämmerungen in unterschiedlichem Coverdesign zeitgleich in der DDR und in der BRD [9]. Das Werk war wahrhaftig eine west-östliche Publikation, von der heute niemand mehr spricht.
SF: Aber Awakenings erschien dann durch dich auch bei Rowohlt, oder nicht?
AM: Ja, doch, in zweiter, überarbeiteter Ausgabe. Denn die erste Ausgabe trug, wie gesagt, den Titel Bewusstseinsdämmerungen. Inzwischen wurde die deutsche Premiere des Films vorbereitet, der nach der Vorlage von Awakenings unter der Regie von Penny Marshall gedreht worden war, mit den sensationellen Geschichten von wundersam erweckten Patienten. Das war für Rowohlt die Gelegenheit, einen potenziellen Bestseller zu veröffentlichen. Rowohlt erwarb eine Lizenz von VCH, der Text wurde überarbeitet, gleichsam aufgefrischt, und erschien dann beinahe als Anhang zum Film. Damit hat Sacks im breiten Publikum das Ansehen eines außergewöhnlichen Neurologen erworben. Rowohlt brachte nach und nach andere seiner Bücher auf den Markt, mit gutem Erfolg, auch für Sacks selbst. Auf einmal war keine Rede mehr von Bewusstseinsdämmerungen, es gab nur noch Awakenings − Zeit des Erwachens [10].
SF: Und für die Rowohlt-Ausgabe hast du das Vorwort verfasst?
AM: Eigentlich handelte es sich um ein Begleitwort. Ich hatte es bereits für die DDR-BRD-Ausgabe geschrieben. Was genau ich für die zweite deutschsprachige Ausgabe verändert habe, habe ich im Detail vergessen. Ergänzungen, die Sacks inzwischen verfasst hatte, waren zu übersetzen, die ganze Textvorlage sprachlich zu überarbeiten. Es müssen Wenigkeiten gewesen sein, denn Rowohlt stand wegen des bald anlaufenden Films unter Druck. Aber wie es bei Verlagen nicht selten geschieht, wurde die Maschinerie zu spät in Gang gesetzt, die Anfrage an mich kam spät, eigentlich viel zu spät. Ich habe fast ohne Unterbrechung tagelang daran gesessen, angenehm zumute war mir dabei nicht.
SF: Mit Awakenings gelang Sacks der Durchbruch im deutschsprachigen Raum. Sacks schildert seine klinischen Erfahrungen mit Überlebenden der Encephalitis-letharica-Pandemie der 1920er Jahre. Einer mysteriösen Erkrankung, die auch hundert Jahre später noch Fragen aufwirft [11]. Die Patienten dämmerten teilweise seit Jahrzehnten in einem parkinsonähnlichen Zustand vor sich hin. Sacks wollte dann die Behandlung mit hochdosiertem L-DOPA riskieren, was Ende der 1960er Jahre gerade verfügbar geworden war. Sacks beschriebt die frappierende Wirkung von L-DOPA, also das «Erwachen» einiger seiner Patienten. Die Wirkung liess aufgrund von Toleranzentwicklung schließlich nach, die Patienten fielen fast alle wieder in den Dämmerzustand. Awakenings mag ein Buch gewesen sei, das Aufsehen erregte, und dennoch hat es etwas Wichtiges mitzuteilen, nicht wahr?
AM: Ohne Zweifel. Sonst hätte ich im Titel des Begleittexts den Neologismus «Neuroanthropologie» kaum verwendet. Damit meinte ich, dass Awakenings über die somatischen Bedingungen, vor allem über die neuralen Bedingungen dessen aufklärt, was eine Person, ein Individuum, ein waches Subjekt ist. Und die Monografie klärt auch darüber auf, was am Subjekt verloren geht, wenn sich Schwächen, Verletzungen und Zerstörungen bemerkbar machen. Paul Foley, ein Bekannter von Sacks, soll geschrieben haben, diese Krankheit öffne ein Fenster zur Seele, das trifft die Sache. Auf andere Fallgeschichten aus der Feder von Sacks − den farbenblinden Kunstmaler [12], den exzessiven Ticker [13] und so weiter − trifft es auch zu …
SF: … obgleich Sacks für seine Auswahl besonders skurriler Fälle und die teilweise zuspitzenden Schilderungen auch kritisiert wurde. Beispielweise hat Tom Shakespeare, englischer Soziologe und Bioethiker, selbst von genetisch bedingtem Kleinwuchs betroffen, Sacks ein voyeuristisches Interesse vorgeworfen [14]: Sacks würde sich die bizarrsten Fälle heraussuchen und sie in einer Art Freakshow vorführen. Seine humanistische Bekundungen seien Augenwischerei, er würde die Patienten für seine Selbstdarstellung ausbeuten.
AM: Wenn ich von der Idee der Neuroanthropologie ausgehe, stimmt die Kritik Shakespeares teilweise. Die Encephalitis-lethargica-Patienten hat sich Sacks nicht ausgesucht, er fand sie auf jener Station einfach vor. Er wusste nicht, wie er ihnen als Arzt begegnen könne, hatte keine Ahnung, wie ihnen zu helfen sei. Das aufsehenerregende Moment ergab sich erst nach der Verabreichung von L-DOPA und dem Erwachen der äusserlich motorisch stillgestellten Subjekte. Der Vorwurf, skurrile Fälle seien gewählt worden, trifft folglich auf Awakenings nicht zu, auf danach veröffentlichte Fallgeschichten dagegen schon. Ich möchte indes meine Haltung zu Sacks differenzieren. In einem persönlichen Gespräch sagte er mir, die meisten Geschichten seiner Patienten endeten im Tod, und diese Geschichten seien average − Hirntumor, symptomatische Ausfälle, vielleicht Operation, Chemotherapie und andere Heil- oder Verzögerungsverfahren, zunehmendes Leiden, Sterben, Tod, Punkt. Auch diese Fälle hat sich Sacks nicht ausgesucht, vielmehr suchten die Kranken ihn auf. Auch in seinem Buch über die Gehörlosen [15] kann ich nichts Skurriles oder Sensationelles erblicken. Aber: Was widerfuhr den Awakenings-Patienten, nachdem das L-DOPA abgesetzt worden war und sie in den Schlummerzustand zurückglitten? Was tat sich in ihrem Lebensrest? Warum hat Sacks darüber nicht geschrieben? Wird die Geschichte eines menschlichen Subjekts unter dem Blickwinkel der lebenden, empfindenden, zerbrechlichen Neurosubstanz aufgerollt, gehört doch auch die Zeit nach dem L-DOPA-bedingten Wachsein zum sogenannten Fall. Und warum beschrieb Sacks wortgewandt nicht einen der vielen Durchschnittsfälle? Warum gewährte er seinen Fällen nicht die Möglichkeit, als Subjekte hörbar zu werden, womöglich dann in ihren Ausfallserscheinungen, stotternd oder verquer sprechend. Sacks war von Farnen, Flechten, von primitiven Organismen fasziniert, in seinen neurologisch-neuropsychologischen Fallgeschichten ist von einer vergleichbar ausgreifenden Faszination für alle Aspekte seiner Fälle nicht mehr die Rede.
SF: Wie kam denn deine Korrespondenz mit Sacks Mitte der 90er Jahre zu ihrem Ende?
AM: Einfach so, es gab keinen konkreten Anlass mehr. Der Briefwechsel ist in einen eigenen Schlummer gefallen. Sacks war dankbar dafür, dass man sich um seine Werke kümmerte. Das ist das eine. Das andere: Im dialogischen Austausch wurde es oft monologisch. In der neuen Biografie von Lawrence Weschler [16] gerät man an eine interessante Stelle: Eine Bekannte von Sacks wird gefragt, ob er je mit sich selbst rede. Oh ja, lautet die Antwort, besonders, wenn er mit einem redet. Da keine weiteren Projekte anstanden, sprach er ohne mich zu sich selbst.
SF: Lass uns über Sacks‘ Verhältnis zu anderen Neurologen sprechen. Er hat das Vorwort [17] zur englischen Neuauflage von Kurt Goldsteins Organismus [18] beigesteuert. In diesem Vorwort erinnert er sich, dass er als Student von Goldstein beeindruckt war, besonders weil dieser mit der verengten, mechanistischen Sicht der Neurologie des 19. Jahrhunderts aufgeräumt habe. Er hat an Goldstein die systemische Sichtweise geschätzt, die klinisch wichtig war, siehe Awakenings. Und Goldstein hat Auffassungen von Krankheit und Therapie vertreten, mit denen Sacks sich anfreunden konnte. Du erwähntest, dass Goldstein eines eurer Gesprächsthemen war?
AM: Schon beim ersten Treffen haben wir auch über Goldstein gesprochen. Eigentlich wollte ich über Merleau-Pontys Goldstein-Rezeption sprechen. Da es nicht geklappt hat, sprachen wir über Goldstein. Sacks bestätigte − fast 25 Jahre vor der Veröffentlichung des Vorworts zum Organismus −, dass Goldstein für ihn wichtig sei. An Goldsteins Ansatz hat er die Unterscheidung von abstrakter und konkreter Einstellung kritisiert, die ja eine tragende Säule von dessen Neuropsychologie bildet. Er habe Patienten gehabt, sagte Sacks, bei denen die konkrete Einstellung beeinträchtigt war, so dass sie in der Alltagswelt nicht mehr zurechtkamen, weil sie nur noch im Abstrakten lebten. Im Gespräch fragte ich Sacks, ob der Ausdruck «Hybris des Abstrakten» das bezeichnen würde, was er meine. Ja, antwortete er. Er konnte mit Goldsteins Idee nichts anfangen, dass jede Hirnschädigung die abstrakte Einstellung beeinträchtigt. Sacks hat also nur die absolute Gültigkeit dieses Lehrsatzes bestritten, nicht dessen häufige Gültigkeit.
SF: Goldsteins Idee, dass nach Hirnläsionen, aber auch etwa bei der Schizophrenie, die abstrakte Einstellung verloren geht, also die Fähigkeit, von einer konkreten Wahrnehmungssituation zu abstrahieren, und nun nur noch reizgebunden reagiert werden kann, ist nach Sacks also nicht allgemeingültig. Wobei Goldstein das so absolut auch nicht gemeint hat. Und auch im Alltag spielt die abstrakte Einstellung eine wichtige Rolle, etwa beim Problemlösen. In Awakenings findet man übrigens mehrere Beispiele, wo Sacks selbst die Reizgebundenheit der Patienten hervorhebt. Genau wie bei Goldstein ist vom Verlust der abstrakten Einstellung die Rede, auch in alltäglichen Verrichtungen.
AM: Ja, völlig richtig. Sobald das L-DOPA zu wirken begann, sobald einzelne Patienten wirklich aus dem Schlummer geholt waren, hatten sie die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, also nicht mehr nur reizgebunden zu reagieren. Der Patient Leonard ist dafür nachgerade ein Musterbeispiel. Die Wiedererlangung der abstrakten Einstellung spricht hier für Goldstein. Andererseits: Sacks hat 1981 in der London Review of Books die Fallgeschichte eines Tourette-Patienten namens Ray veröffentlicht [13, 19]. Ray fiel durch eine Unzahl von Tics auf. Wie L-DOPA Encephalitis-lethargica-Patienten aus dem Schlummer weckt, meinte Sacks, beruhigt Haloperidol hypermotorische Tourette-Patienten, und genau das war Ray. Eine Minimaldosis dieser Substanz wurde verabreicht, Rays Tics minderten sich. Sacks verabreichte eine höhere Dosis, Rays Innenleben wurde beinahe gelöscht, er erlebte sich als senso-motorisch versteift. Das Haldol wurde abgesetzt. Nach einer dreimonatigen Exploration und langen Gesprächen entschieden beide − Ray und Sacks! −, es noch einmal mit einer bekömmlichen Haldol-Dosis zu versuchen. Diesmal klappte es, die Tics gingen zurück, Ray führte ein ruhiges Leben. Doch eines Tages meinte Ray, das Leben mit Haldol sei langweilig. Er wolle unter der Woche mit dem Pharmakon ein ruhiges Leben führen und an den Wochenenden ein haloperidolfreies, erregtes, tic-bestimmtes Leben. Und nun? Vor der Verabreichung von Haldol ist Ray reizgebunden, und dennoch kann er Entscheidungen treffen, und wenn er mit der Substanz ein gemächliches, aber langweiliges Leben führt, ist er auch entscheidungsfähig, fühlt sich aber psychisch leer, weil Reize fehlen. Und wie bestimmt sich hier das Verhältnis von abstrakter und konkreter Einstellung, von Gesundheit und Krankheit, von erfülltem und leerem Leben?
SF: Goldstein hat Abstraktheit nicht mit Gesundheit identifiziert, sondern gemeint, der flexible Wechsel zwischen Abstraktem und Konkreten, je nach Situation, mache eigentlich die Gesundheit aus.
AM: Also ist Ray, der schwer behinderte Tourette-Patient, kerngesund, denn sogar während seiner häufigen Attacken kann er die abstrakte Einstellung einnehmen, Entscheidungen treffen, sich von der Reizgebundenheit lösen, ohne diese zu überwinden. Goldsteins Auffassung lässt sich auf Ray nicht bruchlos anwenden, sehr wohl aber Goldsteins Idee von der selbstbestimmten individuellen Lebensnorm. Sacks scheint sich in diesem Fall aber gar nicht mit Goldsteins Thematik der selbstgesetzten Individuallebensnorm zu befassen.
SF: Ausser Goldstein war Alexander Lurija wohl noch wichtiger für Sacks. Er hörte schon im Studium 1958 einen Vortrag Lurijas , und dessen Fallgeschichte vom Gedächtniskünstler [20] beeindruckte ihn. …
AM: In dem Beitrag über den Tourette-Patienten Ray berichtete Sacks, er habe zwischen 1973 und 1977, als Lurija starb, die «Ehre» eines Briefwechsels mit ihm gehabt [20]. Auch habe er Lurija Kassetten mit Tourette-Beobachtungen gesandt. Lurija schrieb in einem seiner letzten Briefe an Sacks, das Tourette-Syndrom würde das Verständnis für die menschliche Natur im Allgemeinen erweitern. Er kenne kein anderes Syndrom von vergleichbarem Interesse. Das ist eine überraschende Aussage. Soviel ich weiss, hat Lurija selbst nichts über das Tourette-Syndrom veröffentlicht. In dem Brief an Sacks verleiht er diesem Syndrom eine höhere Relevanz als etwa den Aphasien oder Apraxien. Und das weist in eine Richtung, die der Neuroanthropologie, die ich zuvor erwähnt habe, nahekommt.
SF: Und Lurijas Gedächtniskünstler, und überhaupt seine «romantische Wissenschaft»? Von ihr meint Sacks, sie sei für ihn stets Orientierung gewesen. Du hast den Beitrag ins Deutsche übersetzt und dem von dir herausgegebenen Buch von Lurija, Romantische Wissenschaft, als Vorwort hinzugefügt [21]. Hattest du diesbezüglich auch Kontakt zu Sacks?
AM: Dies vorab: Sacks schwärmte in den Gesprächen von Lurijas Fallgeschichten. Bei dem schon erwähnten Lurija-Kongress in Bremen hat Sacks einmal mehr die Verbindung von klassischer und romantischer Neuropsychologie hervorgehoben (Abb. 1). Dabei nahm er nur die beiden bekannten Fallgeschichten Lurijas in den Blick, so als habe dieser ansonsten keine narrativen Elemente in seine Monografien eingebaut. In den klassisch orientierten Beiträgen Lurijas zur Neuropsychologie mit Experiment, vergleichender Beobachtung und induktiver Verallgemeinerung sind eben auch romantische, also narrativ verfasste Vignetten enthalten. Darüber ist bei Sacks kaum etwas zu finden. Die neuropsychologischen, besonders die neurolinguistischen Texte sind sowohl klassisch wie auch romantisch gefertigt. Dass das so sein musste, hängt mit Lurijas Auffassung der dynamischen Lokalisation der Hirnfunktionen zusammen. Wird dieses dynamische Moment wirklich beim Wort genommen, wenn ich das so sagen darf, kommt man um eine wenn nicht narrative, so doch chronologische, dichte Betrachtungsweise nicht herum. Dieses Moment der Theorie Lurijas spielte bei Sacks kaum eine Rolle, wie sich auch während der Bremer Tagung zeigte.
SF: Wie verhalten sich die Fallschilderungen im Vergleich zueinander? Wenn ich mich nicht irre, sind Unterschiede vorhanden. Ihren berühmten Patienten Schneider etwa präsentieren Gelb und Goldstein als «klassische» Wissenschaft: Der Ausfall wird in einer Detailtreue experimentell erfasst, die damals einzigartig war. Schneider als Person, sein Erleben treten aber eigentlich erst Mitte, Ende der 20er Jahre in Untersuchungen zum Vorschein, die von Goldsteins Mitarbeitern stammen [4]. Bei Lurija dagegen ist die Innensicht der beiden Zentralpersonen narrativ essenziell. …
AM: Man muss differenzieren. Lurijas Patient Znanietzki [7] war ein Rotarmist mit einem Kopfschuss, Schereschewski [7] dagegen ein Gedächtniskünstler ohne anatomische erfasste Auffälligkeiten − ein gravierender Unterschied zu dem schwer hirnverletzten Rotarmisten, dessen Trauma diagnostisch exakt erfasst wurde. Also blieb für die Beschreibung Schereschewskis nur ein Ensemble psychologischer Beobachtungen und Messungen übrig. Zu nennen sind: (a) die derart immense Gedächtnisleistung, dass die üblichen Testmethoden nicht mehr taugten; und (b) die Verständigung mit dem Gedächtniskünstler, also die Möglichkeit, etwas von seinem Innenleben durch ihn zu erfahren. Mein Freund Luciano Mecacci, ein ausgezeichneter Kenner Lurijas, teilte mir mit, dass er auf dem Schreibtisch Lurijas Notizen Schereschewskis gesehen hatte, einen zentimeterhohen Stapel beschrifteten Papiers. Was Lurija aus dem Fall gemacht hat, ist, wie der Publikationstitel im Original heißt, ein kleines Büchlein über großes Gedächtnis. Also nicht nur ein Büchlein, sondern ein kleines Büchlein. So ist das, was dort zu lesen ist, ein Kondensat aus jahrelangen Beobachtungen, Begegnungen, Messungen und Aufzeichnungen des Patienten. Der Fall Znanietzkis nimmt sich radikal anders aus. Es ging um einen Menschen, der sich autonom heilt. Das Wiedererlangen dessen, was durch die Schussverletzung abhanden gekommen war, das hat Znanietzki von sich aus getan. Er hat eigene Verfahren entwickelt, hat seine Anstrengungen bewertet und Aufzeichnungen davon angefertigt, sobald er dazu in der Lage war. Die beiden Fallgeschichten der sogenannten «romantischen Wissenschaft» sind also so ähnlich auch wieder nicht. Der empirische Zugang zu den Patienten erweist sich im Rückblick sogar als grundverschieden. …
SF: … und wie steht‘s um die Synthese von klassischer und romantischer Wissenschaft?
AM: Bei Lurija ist die Synthese in den Texten vollzogen, Sacks hält hingegen die Synthese der beiden Ansätze für notwendig [22]. Daraus folgt, wenigstens für Sacks, dass erst die Synthese klassischer und romantischer Wissenschaft dem Hauptgegenstand der Neuropsychologie gerecht werde.
SF: Lurijas romantische Wissenschaft war, wie gesagt, für Sacks leitend. In seinem Aufsatz Clinical Tales [22] schreibt er, sehr goldsteinianisch übrigens, der Arzt habe es immer mit einem individuellen Organismus und dessen Identitätsstreben, mit dem Kampf um Existenz und Weltbezug zu tun. Die Krankheit würde ein «real-life narrative or drama» erzeugen.
AM: Aus einer solchen Aussage folgt keine Notwendigkeit der Synthese von romantischer und klassischer Wissenschaft, um bei der Terminologie Sacks’ zu bleiben.
SF: Sacks hebt immer wieder die Rolle des individuellen Erlebens für das Verständnis von neurologisch bedingten Ausfällen hervor, andererseits orientierte er sich an reduktionistischen Theorien, beispielsweise von Gerald Edelman (Abb. 1) oder Francis Crick, deren beider Anerkennung er auch suchte [20]. So scheint Sacks selbst die Synthese der beiden Wissenschaften auch nicht vollbracht zu haben. Sacks, und auch sein Vorbild Lurija, machen also letztlich nicht verständlich, ob die individuell-narrative Perspektive der Patienten nur für sich genommen interessant ist oder für die Neuropsychologie sogar essenziell. Womöglich ist die klinische Neuropsychologie nicht eine nur nach allgemeinen Gesetzmässigkeiten suchende Wissenschaft, sondern hat wesentlich mit Konstellationen zu tun, die individuell-biografisch eingebettet sind [4]. Insbesondere in der Rehabilitation spielt das Narrative eine manchmal zentrale Rolle. Wissenschaftstheoretisch stünde dann die Neuropsychologie der Psychoanalyse näher als der experimentellen Neurowissenschaft. Ist das bei Sacks und Lurija etwa ein offenes Ende?
AM: Ja, es ist ein offenes Ende, insofern beide, Lurija und Sacks, zwar gefordert, aber nicht dargelegt haben, wie in der von ihnen vertretenen Neuropsychologie die notwendige Synthese von romantischer und klassischer Wissenschaft genau aussehen soll. Will man erkennen, wie bestimmte Gedächtnisleistungen durch Aktivierung welcher Hirnareale auch immer zustandekommen, braucht man keine Narration, also auch keine Synthese von romantischer und klassischer Wissenschaft. Will man jedoch erkennen, wie Menschen mit Hirntraumen oder Hirnerkrankungen allein oder mit Hilfe von Mitmenschen lernen weiterzuleben, wie in der Auseinandersetzung mit der Umwelt die Störungen gemindert oder bewältigt werden, dann spielt die Prozesszeit eine entscheidende Rolle, und die lässt sich nun mal nur narrativ erfassen. Wie das wissenschaftslogisch und methodologisch zu begründen wäre, das steht auf einem anderen Blatt, das ich gerne ein andermal füllen werde.
SF: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!
Correspondence
Dr. Stefan Frisch
Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Pfalzklinikum
Weinstrasse 100
DE-76889 Klingenmünster
stefan.frisch[at]pfalzklinikum.de
References
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2. Sacks O. A leg to stand on. New York: Harper & Row; 1984.
3. Hands SO. New York Rev Books. 1984 Nov.0028-7504The article title is missing from this reference. Please provide one. (Ref. 3 "Hands, 1984")This reference lacks page numbers. Please proof carefully. (Ref. 3 "Hands, 1984")Please indicate if the reference is "in press"; if not, please provide volume and page numbers. (Ref. 3 "Hands, 1984")
4. Frisch S. Die Suche der Neuropsychologie nach sich selbst. Neurologie und Rehabilitation. 2015;21(6):317–26.Edifix does not recognize the journal "Neurologie und Rehabilitation.". If this is a valid journal title, please send this reference to <email-pii> for addition to our journal database. (Ref. 4 "Frisch, 2015")
5. Frisch S, Métraux A. A matter of quality: Kurt Goldstein’s assessment of the abstract attitude after brain damage. Arquivos de Neuro-Psiquiatria. 79(8):748–51. https://doi.org/ http://dx.doi.org/10.1590/0004-282X-ANP-2020-0606 Crossref reports this preprint has been published as 10.1590/0004-282x-anp-2020-0606 (Ref. 5 "Frisch, Métraux")
6. Sacks O. Awakenings. New York: Doubleday; 1973.
7. Lurija AR. Der Mann, dessen Welt in Scherben ging. Reinbek: Rowohlt; 1991.
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9 Sacks O. Bewußtseinsdämmerungen: Fallgeschichten zur Weckdroge L-DOPA. VCH-Verlag-Ges.; 1989.
10. Sacks O. Awakenings-Zeit des Erwachens. Reinbek: Rowohlt; 1991.
12. Sacks O. Eine Anthropologin auf dem Mars. Reinbek: Rowohlt; 1995.
13. Sacks O. Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Reinbek: Rowohlt; 1990.
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15. Sacks O. Stumme Stimmen. Reinbek: Rowohlt; 1990.
16. Weschler L. And how are You, Dr. Sacks?: A Biographical Memoir of Oliver Sacks. New York: Farrar, Straus and Giroux; 2019.
17. Sacks O. Foreword. In: Goldstein K. The Organism: A Holistic Approach to Biology Derived from Pathological Data in Man. New York: Zone Books; 2000. p. 7–14.
18. Goldstein K. The organism: A holistic approach to biology derived from pathological data in man. New York: Zone Books; 1995.
19. Sacks O. Witty Ticcy Ray. Lond Rev Books. 1981 Mar.0260-9592The reference title appears to be set in title case rather than sentence case. (Ref. 19 "Sacks, 1981")This reference lacks page numbers. Please proof carefully. (Ref. 19 "Sacks, 1981")Please indicate if the reference is "in press"; if not, please provide volume and page numbers. (Ref. 19 "Sacks, 1981")
20. Sacks O. On the move: mein Leben. Reinbek: Rowohlt; 2015.
21. Lurija AR. Romantische Wissenschaft: Forschungen im Grenzbezirk von Seele und Gehirn. Reinbek: Rowohlt; 1993.
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