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Charaf erkrankte mit knapp fünf Jahren an Diabetes mellitus Typ 1. Seither ist er tagtäglich mit dieser Krankheit konfrontiert und muss lernen, mit ihr umzugehen und sich im Leben durchzusetzen. Seine Eltern versuchen, ihm dabei zu helfen.
Charafs Familie stammt aus Syrien. Im Interview mit dem «d-journal romand» übersetzt der Vater die an den Knaben gestellten Fragen, obwohl sich Charaf, der mit seiner Familie in Marly bei Fribourg wohnt, in der Schule eigentlich schon recht gut mit seinen Kameraden auf Französisch unterhalten kann.
Während des Gesprächs mit dem Journalisten sitzt Charaf ruhig und ordentlich auf dem Sofa seiner Eltern. Obwohl dieser nicht direkt mit ihm spricht, ist er doch auf den Interviewer und auf die von ihm gestellten Fragen konzentriert. Manchmal gleitet ein Lächeln über sein Gesicht. Die meiste Zeit aber ist er sehr zurückhaltend, ernsthaft und schüchtern. So, wie man es bei kranken Kindern ja oft beobachten kann.
Ganz anders ist seine kleinere Schwester, die sechsjährige Alma. Diese sprüht vor Lebensmut, ist sorglos, voll im Leben und kann sich in ihrer Umgebung bereits gut durchsetzen.
Charafs Zurückhaltung während des Gesprächs passt eigentlich nicht zu seiner sonstigen Lebenslust und der Energie, die er an den Tag legen kann. Er treibt viel Sport. Der Turnunterricht, das Schwimmen und der Rollsport begeistern ihn besonders. Wenn er Zeit hat, ist er stundenlang auf dem Velo unterwegs. Manchmal begleitet ihn dabei seine kleine Schwester auf dem Trottinett. Zu Hause vertreibt er sich gerne die Zeit mit Gratisgames auf dem Tablet-Computer oder beim gemeinsamen Spiel mit seiner Schwester.
Charafs Familie stammt, wie bereits erwähnt, aus Syrien. Der Vater, Ziad, floh während des Kriegs im August 2013 und gelangte nach etlichen Schwierigkeiten und auf Umwegen im September 2014 in die Schweiz. Seine Frau und seine beiden Kinder stiessen Ende 2015 zu ihm. Der Ausländerausweis F garantiert der Familie eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung in unserem Land. Obwohl alle vier jetzt in Sicherheit sind, fühlen sie sich doch entwurzelt und isoliert. Vater Ziad ist es bis heute nicht gelungen, eine Arbeitsstelle zu finden.
Charaf ist wegen seiner Krankheit in der Persönlichkeit verletzlicher geworden. Nichts ist selbstverständlich und einfach für ihn. Nachdem er zuerst einen Insulinpen hatte verwenden müssen, wurde er im April des vergangenen Jahres mit einer Insulinpumpe ausgerüstet, im Oktober mit einem Glukosesensor. Nun muss er sich Schritt für Schritt mit dieser Technologie vertraut machen. Dabei hilft ihm auch der Vater, den er dank seines Handys jederzeit erreichen kann und dem er vertraut. Beide werden zusätzlich durch Virginie Soldati, eine Diabetesfachberaterin von diabetesfreiburg, unterstützt. So viel Neues zu erlernen, ist für den Buben nicht einfach. «Charaf ist sich seiner Krankheit voll bewusst und sehr besorgt um seine Gesundheit», unterstreicht Ziad. «Trotzdem vergisst er seinen Diabetes manchmal. Deshalb bin ich immer für ihn erreichbar.» Diese Zerstreutheit im Umgang mit dem Diabetes ist sicher nicht immer ganz ungefährlich. Aber ist sie nicht auch ein schönes Zeichen dafür, dass es Charaf gelingt, sich trotzdem manchmal von seiner ständigen Sorge um seine Krankheit zu lösen? Sicher wird auch er in einigen Monaten mit seiner Pumpe und seinem Sensor so problemlos umgehen können, wie er jetzt schon ohne grosse Schwierigkeiten französisch sprechen kann.
Aber nicht nur der Diabetes und seine Herausforderungen bereiten Charaf und seinen Eltern Sorgen: Der Bub ist in der Schule täglich der Aggressivität einiger seiner Kameraden ausgesetzt. Unter den 15 Klassenkollegen hat es eine Gruppe von fünf, die nicht aufhören, Charaf zu plagen, natürlich vor allem auf dem Pausenplatz. Charaf wird nicht nur verbal angegriffen. Seine Widersacher zögern auch nicht, sich an seiner Insulinpumpe oder an seinem Handy zu vergreifen und ihm diese zu entreissen.
Charaf könnte sich selbstverständlich wehren, insbesondere da er grösser und kräftiger ist als seine Kameraden. Wegen noch ungenügender Französischkenntnisse wurde er vor Kurzem eine Klasse zurückversetzt. «Mein Sohn ist friedlich und stolz», erklärt Ziad. «Ich habe ihm angeraten zu versuchen, den Widersachern trotz allem freundlich zu begegnen. Dies hatte aber bis anhin nur das Gegenteil zur Folge.» Mit dem Ziel, die Situation zu entschärfen, hat auch Virginie Soldati mit der Klasse gesprochen. Sie erklärte den Kindern, was Diabetes bedeutet, so dass die Klassenkameraden nicht nur die Krankheit verstehen, sondern auch begreifen können, warum Charaf eine Insulinpumpe, einen Glukosesensor und ein Handy benötigt. Leider hat auch dies nichts genützt. Deshalb wandten sich Charaf und sein Vater schlussendlich an die Schulleitung und die Lehrerschaft, damit diese sich der Sache annähmen. Bis jetzt ist aber auch so der erhoffte Erfolg ausgeblieben. Charaf wird immer noch von einigen Klassenkameraden terrorisiert. Glücklicherweise hat er auch einige gute Kameraden. Aber diese können letztendlich an der Situation des syrischen Kameraden nicht viel ändern.
Der Diabetes ist bei Charaf ausgebrochen, als die Familie in Algerien, genau genommen in Oran, weilte. «Eines Abends habe ich bemerkt, dass mein Bub alle zehn Minuten zur Toilette musste», erzählt Ziad. «Ausserdem stellte ich fest, dass er ganz trockene Lippen hatte. Am nächsten Tag sind wir in ein Blutlabor gegangen, um den Gesundheitszustand zu kontrollieren. Man hat uns daraufhin empfohlen, einen Arzt aufzusuchen. Dieser hat uns mit der Diagnose des Diabetes mellitus Typ 1 konfrontiert, was uns völlig überrumpelt hat. Das hatten wir nicht erwartet, weil nämlich niemand in unserer Familie an Diabetes leidet.»
Trotz allem, eine Genugtuung bleibt Charafs Familie: In der Schweiz ist das Gesundheitswesen sehr gut. «Ich gebe ihm vier Sterne», betont Ziad dankbar. «Ich weiss, dass mein Sohn hier in guten Händen ist, was für uns eine wesentliche Erleichterung bedeutet». So können Ziad und seine Familie doch mit einer Portion Zuversicht in eine ungewisse Zukunft blicken.
Pierre Meyer, Chefredaktor, «d-journal romand»
(Aus dem Französischen übersetzt von Dr. med. A. Spillmann)