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Der Unbeirrbare
Seine Schulhausbauten sind markante Zeugen der Neuen Sachlichkeit, seine Stimme hatte Gewicht: Jetzt ist der St.Galler Architekt Max Graf 94-jährig gestorben.
«Das stimmt so nicht»: Der Anruf vor zwei Jahren ist noch lebhaft in Erinnerung. Am Apparat war Architekt Max Graf, damals 92 Jahre alt. Anlass: der Saiten-Bericht über die Architekturgeschichte des «Union»-Gebäudes.
Eben waren die Diskussionen um den möglichen neuen Standort der gemeinsamen Bibliothek von Kanton und Stadt St.Gallen im «Union»-Gebäude am Blumenmarkt gestartet. Saiten berichtete darüber und schieb das «Union» mit seinem für die 1950er-Jahre typischen fliegenden Dach dem St.Galler Architekten Ernest Brantschen zu. Max Graf wusste es besser, denn als junger Architekt hatte er unter anderem im St.Galler Architekturbüro von Vater und Sohn Hänny gearbeitet, jenem Büro das 1950/51 das «Union» tatsächlich geplant hatte.
Zwar habe Brantschen zuerst im Büro Hänny mitgearbeitet und es später übernommen, erklärte Zeitzeuge Max Graf, aber da sei die «Union»-Planung längst abgeschlossen gewesen.
Geprägt durch Max Bill
Max Graf, 1926 in St.Gallen geboren, war gelernter Eisenbetonzeichner und studierte Hochbau am Technikum in Winterthur. In den frühen 1950er-Jahren hielt er sich ein Jahr in Finnland auf, was ihn architektonisch beeinflusste. Danach wurde er zu einem Max-Bill-Schüler und studierte 1954 bis 1958 an der damals noch im Bau stehenden Hochschule für Gestaltung in Ulm. Max Bill hatte als Architekt die Schulgebäude in Ulm entworfen, und er unterrichtete auch dort.
An diese Zeit erinnerte sich Max Graf gerne und publizierte dazu 1989 den Werkstattbericht vor und nach ulm, erschienen im Waser Verlag, Zürich. Er hielt seine Studienzeit später, 2006, in einem Band mit Rückblicken des «Club of Ulm», erneut fest.
Dort schrieb er, dass er mit der technisch ausgerichteten Architektur im Laufe des Studiums nicht mehr viel anfangen konnte: «Allmählich wuchs in mir Widerstand gegen eine Architekturauffassung, welche nur auf Knoten, Konstruktionen und Systeme – materielle Organisationen – fixiert war. Es fehlte die Dimension einer mehr umfassenden, breiteren Problemstellung, u.a. ein direkter Einbezug des Sozialen und Menschlichen.» Deshalb verliess er Ulm und studierte bei Max Bill in Zürich weiter.
Sein Studienabschluss war ein Wettbewerb für das Oberstufenschulhaus im Pestalozzidorf, Trogen, den er gewinnen konnte. Immer war Max Graf stolz auf diesen Bau. Und auch wenn dieses Schulhaus bautechnisch nach über fünfzig Jahren nicht mehr den heutigen technischen Standards entsprach, fand er es im hohen Alter noch immer richtig. Auf Interpretationen liess er sich nicht ein. Diese Haltung trug ihm den Ruf des «Beharrlichen» und «Unbeirrbaren» ein – aber immer blieb er zutiefst menschlich.
Max Graf baute im Laufe seiner Architektenkarriere verschiedene Schulgebäude, darunter die feingliedrige Turnhalle der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen. Hier setzte er sich mit seinem formalen, sachlichen Stil und der klaren, einsehbaren Konstruktion von den «brutalistisch» geprägten Betonbauten von Otto Glaus deutlich ab. Das Schulhaus Langdorf in Frauenfeld gehört ebenfalls zu Max Grafs Bauten, die der Stilepoche der «klassischen Moderne» zugeordnet werden.
Flair für Systeme und Planung
Als Architekt entwickelte er Bausysteme. Für die Expo Lausanne hatte er einen Pavillon-Vorschlag gemacht, der zwar preisgekrönt, aber nie umgesetzt wurde. Andere Pavillons wurden realisiert: 1964 einer für einen Kinderhort auf dem Areal des heutigen Schulhauses Spelterini in St.Gallen. Schon 1959 hatte er auch eine Gartenbank entworfen, die dank Engagement von Architekt und Zeughaus-Teufen-Kurator Ueli Vogt erst 50 Jahre später als Einzelexemplar produziert wurde.
Parallel befasste sich Max Graf mit Stadt- und Quartierplanungen. Er engagierte sich dabei früh für partizipative Planungen und meldete sich oft persönlich zu Wort.
Ab Ende der 1960er-Jahre hatte Max Graf Lehraufträge an der St.Galler Schule für Gestaltung. Ab den 1970er-Jahren publizierte er Reportagen und planerische sowie architektonischen Texte im «St.Galler Tagblatt». Unter anderem plädierte er 1977 für die Verlegung der Olma auf das Kreuzbleiche-Areal.
Max Graf hinterlässt auch ein umfangreiches grafisches Werk. Immer hatte er seine Farbstifte griffbereit. Am 19. April ist er gestorben.