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- Veröffentlicht: 20. November 2012
aus den Erinnerungen von Johannes Iselin (1875-1945)
Einen breiten Raum in der Betätigung der Muttenzer Bürgerschaft nahm zu Grossvaters Zeiten der Weinbau ein. Hatte Muttenz den grössten Bann im Baselbiet, so hatte es darin auch den grössten Rebberg. Ausgehend vom Brunnenrain bis in den Zingglbrunnen mass das Rebgelände am vordern Wartenberg 110 Jucharten. (Eine Jucharte:3600 Quadratmeter). Hinter Wartenberg befanden sich dann noch weitere 10 Jucharten und die Feldreben sollen einen Umfang von zirka 40 Jucharten gehabt haben. Letztere befanden sich in der Ebene oberhalb dem Schänzli am Weg nach dem jetzigen Birsfelden. lch selbst habe dort keine Reben mehr gesehen, weil die letzteren davon lange vor meiner Geburt ausgemacht worden sind, jenes Gelände heisst indessen immer noch «in den Feldreben.» Dass die bezeichneten grossen Rebgelände viel zu schaffen gaben, ist ohne weiteres klar. Dazu arbeiteten Rebleute von Muttenz regelmässig noch in den Reben der Basler vor dem Aeschentor und bei St. Jakob. lmmerhin war die Zahl der nötigen Arbeiten in den Reben geringer als jetzt. Infolge Krankheiten werden seit den neunziger Jahren die Reben jährlich 2-3 mal im Sommer mit einer chemischen Lauge bespritzt und ausserdem noch geschwefelt, von welchen umständlichen Arbeiten man früher nichts wusste. Nach den Berichten der Alten soll der Weinertrag der Muttenzer Reben punkto Menge und Güte oft ein sehr erfreulicher gewesen sein. Da gab es im Herbst bewegtes Leben ins Dorf . Vorerst wurden am Bach die Bockten, Fässer und grossen Zuber verschwellt*; ein ganzes Heer dieser Gefässe war da das Dorf hinauf beidseitig am Bach aufgestellt. Die Weinlese selbst dauerte oft bis zu 3 Wochen, wobei die jungen Leute in den Reben und auf dem Heimweg freudig ihre Pistole knallen liessen. ln Ermangelung von Verkehrsbeziehungen blieb der Wein meistens im Dorf und war sehr billig, sodass jedermann davon genügende Menge hatte. Natürlich brauste da im Herbst der Sauser nicht nur in den Fässern, sondern gewöhnlich auch in den Köpfen.
Szene nach Kreuzung Egglisgraben. Auf dem Wagen das Fass mit der Spritzbrühe gegen Mehltau.
Handschrift: Der Reben Elend, ach den Schlotter gab’s mir. Wie ich gezittert, zeigt das Bildchen Euch hier. 03. VI.08, Foto Hermann Grieder, USA
Foto: Museen Muttenz
Wer wollte, konnte ohne Umstände eine sogenannte «Eigengewächswirtschaft» auftun und sein entbehrliches Produkt durch Verwirten an den Mann bringen. Bis in meine Jugendzeit gab es alljährlich vorübergehend solche Wirtschaften.
So grosse Rebenerträge, wie sie aus den früheren Jahren von den Alten geschildert wurden, habe ich keine erlebt. Seit meiner Jugend gab es daheim höchstens noch gute Mittelherbste. Gar manchmal klagte der Grossvater, wenn wir miteinander in den Reben arbeiteten (wir hatten an 5 Orten) über den Rückgang des Ertrags, über den ungünstigen Stand der Rebe gegenüber früher. Merkwürdigerweise hatten die alten Leute die böse Eisenbahn im Verdacht, durch den Rauch und Dampf der Lokomotiven die Reben ungünstig zu beeinflussen. Seither sind infolge des geringen Ertrags schon viele Rebäcker im Berg in Wiesen- oder Ackerland umgewandelt worden. Wären die einzelnen Rebparzellen nicht so klein, so ginge es mit ihrer Umwandlung noch schneller, aber infolge ihrer Kleinheit und teilweise Steilheit ist es vielfach nicht tunlich, Wiese oder gewöhnliches Ackerland daraus zu machen.
*Verschwellen : dicht, undurchlässig machen durch Wasser. welches die Hölzer aufquellen lässt.
aus: Um die Jahrhundertwende, Erinnerungen von Johannes Iselin, 1875-1945, Muttenzer Schriften 2, 1988, S. 39-40