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Viele Jahre lang hatte die gebürtige Baslerin Saskia Stäuble (31) eine Vision: Sie wollte mit ihrer Stimme die Herzen der Menschen berühren. Singen war immer ihre grosse Leidenschaft; schon als Sechsjährige trat sie in Chören und Theaterhäusern auf, mit 14 Jahren war sie in einer Girlgroup. Doch ihr Leben nahm viele Wendungen, bevor sie an ihr grosses Ziel gelangte.
In einem Vier-Sterne-Hotel in Rheinfelden AG absolvierte sie eine Kochlehre, arbeitete danach in Zürich und «rutschte» in zwei längere Beziehungen. In der zweiten Beziehung kam es zu Gewalttätigkeiten, die junge Frau hörte auf zu singen. Erst nach der Trennung wandte sie sich wieder der Musik zu. «Ich war drei Jahre lang alleine und musste den Schmerz verarbeiten. Aber meine Stimme gab mir immer wieder Kraft», erzählt Saskia Stäuble — ehrlich, warmherzig, feinfühlig und verletzlich zugleich. Ihr Künstlername «Dusty» (auf Deutsch «staubig») leitet sich von ihrem Nachnamen ab.
Danach arbeitete sie im Service und ging eine neue Beziehung ein. Sie lebte in einer schönen Wohnung in Luzern und hatte genügend Geld. Und trotzdem sagte ihr eine innere Stimme, dass etwas nicht gut sei. Ihr Gefühl wurde immer stärker, dass sie nicht das machte, was sie wirklich wollte. «Vor anderthalb Jahren ging ich in die Küche und wollte die Katzen füttern. Plötzlich brach ich zusammen, die linke Gesichtshälfte war gelähmt, die Zunge konnte ich nicht mehr bewegen. Ich lag am Boden und weinte nur noch», erzählt Dusty. Die Ärzte diagnostizierten einen Hirnschlag, die Neurologen konnten sich keinen Reim darauf machen. Sie hingegen schon: Sie wusste, dass sie nicht ihr richtiges Leben lebte. Darauf habe der Körper reagiert.
Dusty handelte, beendete ihre Beziehung und sagte zu ihrer Chefin: «Ich muss Sängerin werden.» Sie suchte Bands zur Kooperation, nahm bei der Sendung «Die grössten Schweizer Talente» des Schweizer Fernsehens teil, wo Juror DJ BoBo meinte, ihr Talent reiche für Schweizer Bühnen nicht aus. «Ich wusste, ich muss enorm an mir arbeiten.»
Als sie sich trafen, zeichnete sich am Horizont ein Regenbogen ab
Im Sommer 2012 reiste sie erstmals nach New York. Als sie am Flughafen JFK landete, brach sie in Tränen aus und sagte sich: «Endlich bin ich zu Hause angekommen.» Sie bildete sich bei einer Gesangslehrerin weiter und arbeitete in einer Garderobe, um sich über Wasser zu halten. Zurück in der Schweiz, trat Michael Odermatt (23) in ihr Leben. Die Sängerin hörte von jemandem, der New York ebenfalls liebt und Pianist ist. «Wir haben uns am 15. Juli 2012 am Bahnhof in Luzern getroffen. Als er die Sonnenbrille abnahm, sah ich das Feuer in seinen Augen», erinnert sich Dusty. Sie sagte ihm, sie möchte wieder nach New York reisen. Und just in dem Moment, als Michael sie bat, ein Lied vorzusingen, zeichnete sich am Horizont ein Regenbogen ab. Er erzählt: «Als ich ihren Song hörte, wusste ich sofort: Das ist es. Ich wurde nervös.»
Aus Michael wurde Mikey, oder «My Key», mein Schlüssel. Sängerin Dusty und Klavierspieler Mikey trafen sich wieder, stellten fest, dass sie in Luzern in den gleichen Restaurants und Cafés verkehrten, ohne sich je begegnet zu sein. Sie traute ihren Ohren kaum: «Ich habe 25 Jahre lang Melodien in mir getragen, und als Mikey mir seine Kompositionen auf dem Piano vorspielte, hörte ich meine eigenen Lieder auf einem Instrument transkribiert!» Die beiden flogen 2012 für einen Monat nach New York und gaben in der Piano-Bar «Don’t Tell Mama» ihr erstes gemeinsames Konzert.
Mikey, der nach der kaufmännischen Ausbildung in der Gemeindeverwaltung von Emmen LU in einer Filmvertriebsfirma in der Buchhaltung gearbeitet hatte, entschied sich, mit Dusty diesen März erneut für drei Monate nach New York zu reisen. Sie verkauften Goldvreneli und alles aus ihren Haushalten, das sie in Geld umwandeln konnten, nur um sich Manhattan für ein paar zusätzliche Tage leisten zu können. «Meine Familie und meine engsten Freunden haben am wenigsten an mich geglaubt», räumt Mikey ein. «Aber dank der Musik vertrauten wir uns gegenseitig.» Die zwei sind in ihrer eigenen Welt angekommen, in der sie immer zu leben wünschten, in der Welt der Musik. «Ich wollte bewusst aus der Komfortzone Schweiz ausbrechen und meinen Horizont erweitern. Endlich habe ich einen Menschen gefunden, der genau gleich denkt wie ich», sagt er. Heute sind Mikey und Dusty nicht nur auf der Bühne ein Paar.
In New York schrieben sie ein Musical über ihre Lebensgeschichte, mieteten Studios, wo sie 20 Songs komponierten. Sie mussten 43 Mal ihre Unterkunft wechseln, weil sie sich Hotels nicht leisten konnten. Sie übernachteten oft bei Einheimischen, von denen sie spontan eingeladen wurden. Und sie gaben mehrere Konzerte. Dusty sagt: «Wir stellten fest, dass unsere Musik die Menschen und ihre Seelen berührt.» Sie sei früher Aussenseiterin gewesen, weil ihr gesagt wurde, ihre Stimme sei zu stark, die Stimmfarbe passe in kein Schema. «Heute bin ich stolz darauf.» Und Mikey weiss, dass er mit seinen Pianoklängen die Herzen der Zuhörer öffnen kann. Schon als kleiner Junge spielte er Klavier.
Die Fans mehren sich, und doch wird das Geld langsam knapp
Inzwischen hat das Duo auf Facebook über 64'000 Fans, viele zwischen 14 und 25 Jahre alt. Rund ein Viertel der Fans wohnt in Tunesien, «weil die Einheimischen dort noch mehr mit dem Herzen leben». Für die beiden Herzensmenschen ist es deshalb nur logisch, ins nordafrikanische Land zu reisen. «Wir werden im September nach Tunis fliegen und mehrere Konzerte in einem Hotel oder in einem kleinen Theater geben», sagt Dusty. Sie sind daran, die Reise zu organisieren — wohl wissend, dass es ohne Sponsoren nicht geht. Denn momentan lebt das Paar noch vom Geld aus dem Verkauf ihrer Habe. Langsam geht es ihnen aber aus. «Wir sind tapfer und glauben, dass sich für uns und unsere Musik irgendwo eine Tür öffnet», sagt Mikey.
Das nächste Konzert in der Schweiz: 1. September 2013 ab 14 Uhr in Gelfingen/Hitzkirch LU im Festsaal des Schlosses Heidegg
Autor: Reto E. Wild
Fotograf: Tanja Demarmels