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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
22. An Eustochium
15.
Aber lassen wir jene Frauen links liegen, die nur Jungfrauen scheinen wollen, ohne es zu sein. Ich will mich in meinen weiteren Worten ganz Dir zuwenden. Nachdem Du als erste aus vornehmer römischer Familie den jungfräulichen Stand erwählt hast, mußt Du ganz besonders darauf hinarbeiten, daß Du weder die gegenwärtigen noch die zukünftigen Güter verlierst. Du hast ja in der eigenen Familie erlebt, welche Beschwerden mit dem Ehestande verbunden sind, wie unsicher das Glück der Eheleute ist. Ist ja doch Deine Schwester Blesilla, die an Lebensjahren älter ist als Du, aber später den Entschluß gefaßt hat, ihre Tage in Enthaltsamkeit zuzubringen, nach siebenmonatiger Ehe Witwe geworden. Wie armselig ist das Los des Menschen, da ihm die Zukunft verborgen bleibt! Verlor doch Blesilla die Krone der Jungfräulichkeit, aber auch auf die Freuden des Ehelebens mußte sie verzichten. Wenn sie auch die zweite Stufe der Keuschheit festhält, 1 so muß es ihr mitunter doch einen Stich ins Herz geben, wenn sie täglich an ihrer Schwester erfährt, was sie selbst preisgegeben hat, wenn sie sich sagen muß, daß der Lohn für ihre Enthaltsamkeit geringer sein wird, obwohl der Verzicht ihr, die verheiratet war, ein größeres Opfer auferlegt. Aber auch sie soll zufrieden und frohen Mutes sein. Die hundert- und die sechzigfältige Frucht wachsen aus dem gleichen Samenkorn der Keuschheit empor. 2
[S. 78]
1: Hieronymus nennt die Witwenschaft öfters die zweite Stufe der Keuschheit, als deren erste ihm die Jungfräulichkeit gilt.
2: Matth. 13, 8.