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Im Fokus der Autoren
Alte und neue Mythen
Eine Liste mit Themen deckt auf, was und wie wir denken
Von Aurel Schmidt
Jérôme Garcin ergänzte alte mit neuen Mythen. Wann gibt es eine Sammlung auf Deutsch?
Vor fünfzig Jahren schrieb Roland Barthes sein Buch «Mythologies» (deutsch «Mythologien»), mit dem er das Denken neu aktivierte. Jetzt ist in Paris ein Buch mit dem Titel «Nouvelles Mythologies» erschienen, das den Versuch des französischen Philosophen bis in der Gegenwart fortsetzt und den Zeitgeist «zur Rede» stellt.
Vorweg zur Erinnerung: Barthes (1915–1980) war ein französischer Literaturkritiker, Schriftsteller, Philosoph und Semiotiker des 20. Jahrhunderts, der sich mit den Strukturen im Werk von Honoré de Balzac und mit der «écriture» beziehungsweise der Ordnung der Zeichen in der Sprache befasst hatte, also mit klassischen Literatur- und strengen Wissenschaftsfragen und den dazu gehörenden Begriffen, entdeckte im Alleralltäglichsten eine bis dahin verborgene Ordnung.
Mit den «Mythologies» war der Strukturalismus geboren, der zwei Jahrzehnte die intellektuelle Debatte beherrschte und als neue Art gefeiert wurde, die geistigen Probleme der Gegenwart aufzugreifen. Auch wenn die Entwicklung seither weiter und über den Strukturalismus hinausgegangen ist, können wir nicht mehr hinter diesen Horizont zurückgehen.
Hypothetisch gedacht, spielerisch debattiert
50 Jahre nach Barthes erscheint in Frankreich ein Buch, dessen Titel als Anspielung zu verstehen ist: «Nouvelles Mythologies», herausgegeben von Jérôme Garcin (bei Seuil). Herausgekommen ist ein Werk, das wie ein Nukleus die neuesten Mythologien zusammenfasst. Was reden und denken wir und welche Ordnungkriterien regeln und steuern unsere Reden und Denkweisen?
Unternommen wird der anregende Versuch, die Methode Barthes‘ für die Diskussion neu einzusetzen, vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass Barthes einen semiologischen Versuch unternommen hatte, also auf ein intellektuelles Abenteuer eingetreten war, das darin bestand, die Welt als eine Summe von Zeichen zu ordnen, zu unterscheiden und damit umzugehen, während Garcin und seine 60 Autoren und Autorinnen es mehr auf die inhaltliche Interpretation des Zeitgeists abgesehen haben.
Mit einem Mal versteht man, was in der Luft liegt, das geistige Klima unserer Zeit, das sich wie das Wetter ebenfalls auf eine bestimmte Art erwärmt und Turbulenzen verursacht. Die Franzosen sind Meister darin wie niemand sonst. Keine akademischen Analysen, sondern eine elegante Art, hypothetisch zu denken und spielerisch zu debattieren.
Neue Mythologien, Fortsetzung der Liste
Das Handy, das SMS, der iPod, Google, der Blog, «Rauchen tötet», die 35-Stunden-Woche, «fairer Handel», Bio-Produkte, der viel bemühte polnische Klempner, der 4x4 (bei uns Offroader, in England der «Chelsea tractor»), Kate Moss und so weiter sind einige Begriffe (beziehungsweise Mythen) in dem besagten Buch.
Die Auswahl nimmt auf Frankreich Bezug, hierzulande würde sie zweifellos anders ausfallen. Gern hätte ich zum Beispiel etwas gelesen über Diana («Königin der Herzen»), den DJ, Alinghi, Porno, Fundamentalismus, Harry Potter, Wertekonservativismus, Religion, Multikulturalismus, Doping, Menschenrechte, Billigflieger, Traumferien, DNA. Oder über das «Downloaden». Oder über Musik (das sind die Zischlaute, die aus den Kopfhörern dringen, die andere Leute im Zugsabteil ausgesetzt haben und mich nervös machen). Oder über den Begriff «gratis» (Gratiszeitung, Gratistickett zu gewinnen, Gratis 100 Supergutscheine für Blick-Leser und- Leserinnen und so weiter). Oder über die Altenative zwischen Britney Spears und Kylie Minogue (das einem Krieg der Sternchen gleichkommt).
Die Liste lässt sich beliebig verlängern, modifizieren, anpassen, erweitern, auch in der Konzeption verändern – handle es dabei nun um moderne Mythen im strengen Sinn des Begriffs (die das Denken verständlich machen) oder nur einfach um ausgeleierte Denkmuster und -schablonen (was Mythen nicht sind).
Vielleicht kommt ja ein Verleger auf die Idee, eine eigene, auf die hiesigen Verhältnisse abgestimmte Ausgabe zu veröffentlichen und dafür auch eine passende, originelle Form anzuwenden...
Von Aurel Schmidt