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Wilson Audio Sabrina
Während der Fahrt zum Interviewtermin mit Roland Spalinger von Spalinger Audio-Video in Dietlikon versuche ich meine Vorstellungen von Wilson-Audio-Lautsprechern aus der Erinnerung abzurufen. Lautsprecher, die ich abgesehen von einigen Vorführungen fast nur aus Lobeshymnen US-amerikanischer Fachzeitschriften wie "TAS" oder "Stereophile" kenne – grosse, schwere US-Boliden für grosse US-Wohnzimmer und grosse Wallstreet-Brieftaschen.
Wilson ist, aus meiner Erinnerung, Inbegriff des US-amerikanischen Standlautsprechers, der nur dann optisch im Raum verschwindet, wenn der Raum sehr gross ist. Ist das zeitgemäss oder anti-europäisch? Oder hat sich da etwas geändert?
Wilson macht Lautsprecher, die bis übermannshoch ein bis 700'000 USD tiefes Loch ins Bankkonto reissen, ohne Elektronik. Wer sich das leistet, kann sich auch noch Firmengründer David Wilson leisten, der sie dann persönlich vor Ort aufstellt und optimiert. Wenn man ihm das Businessclass-Ticket und das Hotel bezahlt.
Wilson-Lautsprecher sind nicht aus Holz, sondern aus Phenolharz-Composite-Platten mit extraterrestrisch anmutenden Bezeichnungen wie X-Material – damit die Impulswiedergabe nicht "weggedämpft" werde, wie bei MDF, so ein aktueller Erklärungsversuch in einem deutschen Testbericht.
Ich erinnere mich auch an die verspielte Namensgebung der frühen Modelle: Mit "Watt/Puppy", also Watt und dann Puppy, konnte ich einst beim besten Willen wenig anfangen. Da blickt der Wilson-Fanaticus wohl deutlich verträumter drein als ich gerade in den Seitenspiegel meines Smart... etwas irritiert durch die Frauenstimme aus dem Navi.
Ich parkiere vor dem Geschäft Audio-Video Spalinger in Dietlikon. Hinter dem grossen Schaufenster erwartet mich Roland Spalinger, und er kann mir über Wilson Audio alle Fragen beantworten. Wie kein Zweiter in der Schweiz.
Wilson Audio beliefert heute AV Spalinger in der Schweiz direkt ohne Vertrieb dazwischen. Einer ist Audio-Video Spalinger, Ansprechpartner für Wilson Audio in der deutschsprachigen Schweiz. Roland Spalinger hatte seine Sporen bei Montana Audio abverdient und arbeitete bereits vor 30 Jahren für und mit der Marke Wilson. Ein Mann der ersten Stunde. Mit Roland Spalinger sprach Christian Wenger von avguide.ch.
Wann haben Sie bei Wilson Feuer gefangen?
Roland Spalinger: Als ich damals noch als Angestellter bei Montana Audio eine Watt von Wilson modifizieren musste. Der brauchte einen neuen Hochtöner. Ich stellte die Watt (40 kg) als einzelnen Lautsprecher in den Hörraum und war fasziniert über den unglaublich räumlichen Klang des einzelnen Lautsprechers.
Bei Wilson spielte immer das Gehäuse-Material eine wichtige Rolle.
Seit ca. 25 Jahren setzt Wilson auf eigene Materialien. Das X- und das S-Material mit unterschiedlichen Resonanzeigenschaften. MDF gibt es nicht, HDF wird teilweise eingesetzt. Es ist ein Kunstharz-Komposit, wird quasi nach Rezept hergestellt und in Platten angeliefert. Die Verarbeitung der Platten zu Gehäusen erfolgt in der eigenen Fertigung.
Weitere Schwerpunkte?
Time-Alignment: Die Zeitkompensation (Phasenkompensation) durch abgestufte Anordnung der Treiber. Oder durch eine abgeschrägte Schallwand. Bei den grösseren, zweiteiligen Modellen kann man das obere Gehäuse horizontal verschieben und auch neigen. Wilson hat das immer gemacht und auch perfektioniert.
Das führte immer zu auffälligen Lautsprechern. Heute nicht mehr?
Das Design der Wilson-Lautsprecher wurde deutlich verbessert bezüglich Form und Farbvarianten. Das Design kann heute dank modernem CAD wesentlich formschöner ausfallen, die Lacke sind hochwertiger und die Verarbeitung ist wertiger. Die Lautsprecher wirken schlanker und wohnraumfreundlicher, und trotzdem holt man enorm viel aus ihnen heraus
Bi-Wiring oder Tri-Wiring ist nicht: Alle Wilson-Lautsprecher werden Single-Wiring angeschlossen.
Wie lange und wie intensiv arbeiten Sie schon mit Wilson?
Spalinger: Seit 24 Jahren. Ich kenne viele Ansprechpartner und mag die akribische Arbeitsweise. Bei Reparaturen oder Modifikationen werden nicht nur Komponenten, sondern auch Lötzinn mitgeliefert. Sie machen zum Beispiel seit eh und je Impulsmessung, um die besten Gewebe für die Abdeckungen zu finden. Man überlässt nichts dem Zufall.
Wilson-Lautsprecher sind teuer. Welche Dienstleistungen bekommt der Kunde?
Der Kunde kann sie sich zuhause anhören, wird frei Haus beliefert und es gibt von Wilson ein Tool, das dazu dient, die optimale Aufstellung von Hörposition und Aufstellung der Lautsprecher zu ermitteln. Es ist eine Methodik, die über die übliche Hersteller-Empfehlung hinausgeht. In der Regel wird ja empfohlen, die Lautsprecher zu verschieben, bis es optimal klingt. Die Händler bekommen eine eintägige Ausbildung.
Die optimierte Neigung des Hoch-Mittel-Tons erlaubt eine perfekte Platzierung des Lautsprechers zur Hörposition.
Wie geht man vor?
Man beginnt an einer Wand und hört, indem man spricht, den Widerhall der eigenen Stimme, bewegt sich dann systematisch durch den Raum, bis der Widerhall abnimmt und aufhört, so weit bis man den Widerhall von der gegenüberliegenden Wand wahrnimmt. So wird eine optimale Hörzone eruiert, in der man die Aufstellung von Lautsprecher und Hörplatz vornimmt. Das Tool ist eine Anleitung mit mathematischer Ausprägung. Es berücksichtigt Wilson-typisch alle Aspekte der Hörzone, Aufstellung, Einwinkeln, Hördistanz, Ohrhöhe ab Boden und Neigung der Lautsprecher.
Man sieht auch an diesem Beispiel, wie weit Wilson geht und wie ernsthaft ihr Bestreben ist, dass der Kunde mit dem Ergebnis zufrieden ist.
Akribisch am Beispiel der Abdeckungen: Die Formgebung der Ränder und die akustischen Eigenschaften des Stoffs.
Was macht Wilson so speziell?
Sie machen es seit 42 Jahren sehr genau und wissen exakt, was sie tun, überlassen nichts dem Zufall. Ich habe andere Lautsprecherhersteller besucht und bekam immer ein ungutes Gefühl mit auf den Weg, als wüssten sie nicht so recht, was sie tun und wie sie es anstellen. Das Vorgehen bei der Entwicklung zum Beispiel.
David Wilson wurde im vergangenen Herbst von seinem Sohn abgelöst. Er verantwortete bereits die Entwicklung von zwei neuen Lautsprechern. Es ist schön zu sehen, dass die Manufaktur im Stil des Vaters und Gründers David Wilson weitergeführt wird. Der Kunde merkt das irgendwann, diese Kontinuität und Tradition, allein schon wegen der langjährigen Mitarbeiter im Unternehmen.
Wilson Yvette.
Bei einigen sehr bekannten Herstellern sieht die Entwicklung anders aus. Traditionsfirmen, familiengeführt, werden an spezialisierte Firmengruppen verkauft und verlieren dann ihre
Identität und Tradition.
Sie brauchen Geld und suchen Investoren, oft aus der Luxusbranche auch infolge fehlender Nachfolger. Es gibt viele Beispiele, ohne dass ich sie jetzt nennen möchte (keine Provokation). Dann wird investiert, die Finanzspritze kommt, aber auch der Druck. Der Cash muss zurückfliessen, es wird in China produziert usw. Es wird zu einer "Koste es, was es wolle"-Mentalität. Das emotionale Produkt "Lautsprecher" nimmt dabei Schaden.
Man merkt es, man hört es.
Ich habe schon dieses Gefühl. Nein, Wilson ist immer noch selber unterwegs, und das ist gut so.
Wilson-Lautsprecher sind auch schöner heute, sie gefielen mir nicht immer.
Und deshalb stehen sie bei den Kunden oft auch dediziert dort, wo sie stehen müssen, um gut zu klingen. Sie werden nicht mehr so häufig von der optimalen Position hin zur Wand verschoben, was mich oft frustrierte. Das Design verhilft dazu, den Lautsprecher zu "inszenieren", was bei der Investition durchaus Sinn macht.
Das Design verhilft dazu, den Lautsprecher zu "inszenieren", was bei der Investitiondurchaus Sinn macht.
Es gibt ja immer wieder Kunden, die ganz andere Vorstellungen von USK-Wiedergabe haben als Sie. Wie gehen Sie damit um?
Es gibt viele faszinierende Wege, die ich als Händler nicht anbiete. Z.B. Breitband-Lautsprecher. Ich stelle immer wieder fest, dass da etwas dran ist. Es ist dann vielleicht nicht meins, aber man kann es so akzeptieren und wertschätzen. Die Vielfalt ist einfach enorm und das fasziniert mich immer wieder. Ein typisches Beispiel sind ja alte Mono-Aufnahmen…
Ich bin auch immer wieder fasziniert, wie gut Mono aus einem einzelnen Lautsprecher klingen kann…
Das finde ich auch. Mono fasziniert mich, wenn man die richtigen Aufnahmen hat.
Vielen Dank für das Gespräch!
Im grossen Hörbereich stehen die Sasha Series 2, Nachfolger der berühmten Watt/Puppy. Dazu die etwas kleinere und günstigere Yvette. Im Raum daneben stehen die schon fast zierlichen Wilson Sabrina. Sie kosten ca. 20'000 CHF das Paar.
Herr Spalinger führt in seinem Studio drei Wilson Modelle vor:
Sasha Series 2, Nachfolger der berühmten Watt/Puppy. Sie zeichnen sich traditionsgemäss durch einen Mittel/Hochton-Aufbau aus, der horizontal verschoben (Time-Alignment) und in der Neigung zum Hörplatz verstellt werden kann.
Die Yvette sind kleiner und kompakter mit einem fix angeordneten Mittel/Hochton-Modul. Sie wirken trotz ihrer Grösse wohnraumfreundlich und als neues Konzept von Wilson auch sehr modern.
Im kleineren Hörraum daneben findet man die Sabrina, ein für Wilson-Verhältnisse schon fast zierlicher Standlautsprecher von schlanker Gestalt. Sabrina passt nun wirklich in jedes Wohnzimmer, wenn Lautsprecher erwünscht und gewollt sind.
Die Elektronik hatte nichts Bolidenhaftes an sich. Man benötigt weit weniger Leistung, als man vermuten würde, denn der Wirkungsgrad der drei Modelle liegt bei 87 dB (Sabrina), 86 dB (Yvette) und 92 dB (Sasha). Die drei Wilsons sind eine gut verträgliche Last für ganz normale Verstärker.
Wer dann ins Kellergewölbe hinuntersteigt, darf dort unten noch eine frühe Watt/Puppy bewundern. Ein Lautsprecher, der schon 30 Jahre seinen Dienst tut und noch lange nicht in Rente geht.
Die Lack-Oberflächen sind von selten gesehener Qualität und in vielen Farbtönen zu haben. Man kann sie auch mit Auto-Wachs polieren, sollte einmal ein Kratzer entstehen
Herr Spalinger zeigt verschiedene Lackvarianten.
Kalotten-Hochtöner von Wilson mit Filzumrandung zur Vermeidung von unerwünschten Reflexionen.
Wir hörten uns die Yvette und die Sabrina an.
Der Gesamteindruck war für mich ziemlich überwältigend, aus einem einfachen Grund: Es gibt nichts Auffälliges und es wird doch nie langweilig. Es stimmt einfach alles. Die Ausgewogenheit der Musikwiedergabe ist kaum zu übertreffen. Man muss die Vorzüge genauso wenig suchen wie die Nachteile. Man findet sie einfach nicht.
Die Wilson Yvette und die Sabrina klingen in den zwei unterschiedlichen Räumen natürlich unterschiedlich, ganz klar. Sie machen aber das Beste aus den Räumen, man hört gerne Musik mit ihnen, Raum hin oder her. Im Grunde ist es eine perfekte Verbindung von Charme und Genauigkeit. Die Wilsons verschweigen nichts, man ist überzeugt, alles zu hören, was die Aufnahme parat hält, aber sie setzen auch keine Akzente (oder Auffälligkeiten) über die man lange diskutieren müsste, über die man geteilter Meinung sein könnte.
Es hat etwas Organisches, etwas Gewachsenes, Natürliches, mit den Lautsprechern Musik zu hören, und wenn man dafür Gründe sucht, dann findet man einige Anhaltspunkte im Interview. Es ist die Erfahrung, die Akribie und die Liebe zum Produkt, kann man spekulieren. Wilson ist das Produkt eines Unternehmens, das relativ ungestört seit langer Zeit ihr Produkt perfektioniert, nichts dem Zufall überlässt und sich keinem Hype unterordnet.
Was erwarten Sie noch von mir? Natürlich stimmt die räumliche Abbildung bei entsprechenden Aufnahmen und natürlich sind die Akteure in einem exakten Grössenverhältnis zu hören, und die Ortbarkeit ist so, als wären alle Instrumente präzise in den Raum gepinnt. Über die tonale Ausgeglichenheit muss man auch nicht diskutieren und Dynamik kommt nie zu kurz, wird aber auch nie übertrieben. Und so weiter und so fort.
Wenn etwas rund ist, dann ist es eben rund.
Man muss schon ein wenig sparen, um sich das zu leisten, aber dann kann man damit Musik hören und die Zeit vergessen, weil sie so langsam vergeht.