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Fällt es Ihrem Kind schwer die einfachsten Matheaufgaben zu lösen?
Falls Sie diese Frage mit «Ja» beantworten müssen, ist es wichtig, die Ursachen der Probleme zu klären. In einem zweiten Schritt werden dann die Massnahmen definiert, die Ihrem Kind nachhaltig helfen.
Was bedeutet Dyskalkulie?
Dyskalkulie beschreibt eine Störung mit ausgeprägten Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens. Bei einer reinen bzw. isolierten Dyskalkulie liegen keine Defizite im Lesen oder Schreiben vor. Die WHO definiert Dyskalkulie in ihrem ICD, einem Klassifikationssystem für Krankheiten und psychische Störungen, als «eine Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, welche vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division betrifft. Die höheren mathematischen Fertigkeiten, wie sie für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden, sind davon weniger betroffen.» Das von der American Psychiatric Association herausgegebene DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) beschreibt Dyskalkulie als «Schwierigkeiten beim Verständnis von Zahlen, beim Einprägen arithmetischer Fakten (Einmaleins), beim Rechnen oder bei mathematischen Schlussfolgerungen».
Anzeichen und Symptome
Bei einer Dyskalkulie treten die Rechenschwierigkeiten ab Beginn des Rechenlernens auf. Wenn das Kind aber ein allgemein hohes Lern- und Leistungsniveau aufweist, können Defizite im Rechnen erst zu einem späteren Zeitpunkt auffallen, nämlich dann, wenn die schulischen Anforderungen steigen. Erste Anzeichen einer Dyskalkulie kann man bereits im Vorschulalter bei den sogenannten Basisfertigkeiten beobachten. Das Zahlen- und Mengenverständnis, die Zählfertigkeiten sowie einfache Additions- und Subtraktionsaufgaben bereiten Mühe. Da aber die Rechenleistung bei jüngeren Kindern noch nicht genügend stabil ist, wird die Diagnose Dyskalkulie oft erst im zweiten Schuljahr gestellt.
Als Folge einer Dyskalkulie können psychische Probleme wie zum Beispiel depressive oder psychosomatische Symptome auftreten. Einige Kinder ziehen sich aufgrund der schulischen Probleme immer mehr zurück, andere neigen eher zu aggressivem Verhalten. Zusätzlich zu einer Dyskalkulie kann auch eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung (LRS) oder eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) mit oder ohne zusätzliche Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auftreten.
Häufigkeit und Ursachen einer Dyskalkulie
Laut internationalen Studien leiden ca. 3 bis 8% aller Kinder und Jugendlichen an einer Dyskalkulie. Ob Mädchen oder Jungen davon häufiger betroffen sind, ist noch nicht abschliessend geklärt. Einige Studien konnten diesbezüglich keinen Unterschied finden, andere hingegen zeigen, dass es häufiger Mädchen sind, die an einer Dyskalkulie leiden. Die Ursachen von Dyskalkulie sind bis heute noch nicht im Detail geklärt. Es wird aber angenommen, dass es mehrere Faktoren gibt, die einen Einfluss auf die Rechenfertigkeiten haben. Hierzu zählen genetische, neurowissenschaftliche und kognitive Faktoren.
Zusätzlich können die Beziehung des Kindes zu den Eltern, zu Gleichaltrigen, zu Lehrpersonen, die finanzielle Sicherheit und die Bildung der Eltern bereits vorhandene Rechenprobleme noch verstärken. Des Weiteren spielt es eine Rolle, ob das Kind in anderen Bereichen weitere Defizite hat, zum Beispiel AD(H)S oder psychische Probleme. Anhand von verschiedenen Studien hat man zudem eine deutliche Erblichkeit der Dyskalkulie festgestellt.
Aktivität im Kopf
Was läuft bei einer Dyskalkulie im Gehirn ab? Anhand von fMRT- und EEG-Studien haben Wissenschaftler herausgefunden, dass wir im Parietallappen (Abschnitt des Grosshirns) unseres Gehirns eine Art angeborenen Zahlensinn (number sense) haben. Dieser dient dem Mengenverständnis und damit der Entwicklung der späteren Rechenfähigkeiten. Dyskalkuliker zeigen in dieser Region eine deutlich geringere Aktivierung. Dies hängt damit zusammen, dass Kinder mit Dyskalkulie auch mit steigendem Alter noch hauptsächlich mit dem Frontalhirn arbeiten. Dieser Bereich ist für das Erlernen neuer Inhalte zuständig.
Behandlung nach Diagnose
Je früher eine Therapie begonnen wird, desto besser sind die Entwicklungschancen. Sehr empfehlenswert sind individualisierte Einzeltherapien durch geschulte Fachpersonen. Dann steht nicht nur die Dyskalkulie im Fokus, sondern weitere mögliche Faktoren wie Depressionen oder psychosomatische Symptome. Dies ist die beste Methode, Rechenschwierigkeiten und psychische Probleme langfristig unter Kontrolle zu bringen. Als erstes wird versucht, den Kindern einen Zugang zum Zahlen- und Mengenverständnis zu vermitteln.
Erst in einem zweiten Schritt werden dann einfache Rechenoperationen thematisiert. Förderprogramme müssen langfristig angelegt sein, da sich eine Dyskalkulie nicht in wenigen Wochen therapieren lässt. Anstatt eine Therapie abrupt zu beenden, empfiehlt es sich, die Dauer zwischen den Sitzungen zu verlängern und so die Therapie langsam auslaufen zu lassen.
Auswirkungen bei Dyskalkulie
Eine Dyskalkulie wächst sich entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht aus. Studien belegen, dass Dyskalkuliker frühzeitiger die Schule verlassen und seltener einen Berufsabschluss erwerben als Gleichaltrige ohne Dyskalkulie. Des Weiteren wird ihr Alltag massiv beeinflusst, da sie zum Beispiel Mühe beim richtigen Umgang mit Geld (etwa beim Einkaufen) oder Probleme mit der Zeit (etwa in punkto Pünktlichkeit) haben.
Bei einer frühzeitig erkannten Dyskalkulie und einer entsprechenden Therapie ist die Prognose aber gut, dass das Rechnen auch nachträglich noch erlernt werden kann.
Abklärung und Diagnose
Eine Diagnose sollte möglichst frühzeitig und von erfahrenen Fachpersonen gestellt werden. Der Schulpsychologische Dienst oder das Kinderspital Zürich führen zum Beispiel Abklärungen durch. Auch an einigen Therapiezentren können Abklärungen gemacht werden.