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Spencer Elden heisst das berühmte Baby auf dem Nirvana- Cover. Inzwischen ist er ein 30 Jahre alter Künstler.
Dass er nun die ehemaligen Bandmitglieder wegen sexueller Ausbeutung verklagen will, ist nur sein neuestes Comeback. Überpünktlich zum 30-jährigen Jubiläum von «Nevermind», mit dem die Grunge-Jungs am 24. September 1991 die Welt beglückten.
Aber von vorn.
Die Idee mit dem schwimmenden Baby kam dem Nirvana-Sänger Kurt Cobain, als er sich eine Fernsehsendung über Wassergeburten ansah. Doch solcherlei Stock-Fotos waren dann doch etwas allzu anschaulich für die Plattenfirma Geffen Records. Zudem verlangte der Anbieter der Baby-Fotos 7500 Dollar pro Jahr für die Verwendung.
Und so wandte man sich vertrauensvoll an den Fotografen Kirk Weddle. Dieser wiederum rief daraufhin seinen Freund, Spencers Vater Rick Elden an, und sagte:
Und der Dialog entspann sich weiter:
Rick Elden: «Was ist los? »
Kirk Weddle: «Ich fotografiere die ganze Woche Kinder, warum triffst du mich nicht beim Rose Bowl [Aquatics Center in Pasadena, Kalifornien] und wirfst dein Kind ins Wasser?»
Mitten auf jener dort tobenden Kinder-Pool-Party sei dann das Bild des viermonatigen, nackten Spencer entstanden, das fortan das zweite Studioalbum von Nirvana zieren sollte.
Berichten zufolge erhielt Baby-Spencer dafür vom Label eine Platin-Kopie von «Nevermind» und einen Teddybären, die Eltern etwa 200 Dollar.
Geffen aber war besorgt, dass der auf dem Foto sichtbare Penis des Säuglings Anstoss erregen könnte, und so bereitete er ein alternatives Cover vor. Cobain akzeptierte die vorgeschlagene Zensur, aber nur, wenn auf dem Aufkleber, der das Geschlecht des Babys verdecken sollte, stünde:
Veröffentlicht wurde schliesslich das nicht zensierte Bild, auf dem der nackte Spencer einem am Angelhaken befestigten Dollar-Schein hinterherjagt. Über 30 Millionen Mal ging er so über die Ladentheken der ganzen Welt.
2017 sagte ein 26-Jähriger Spencer bezüglich des Album-Covers gegenüber der BBC: «Manchmal ist es wirklich frustrierend, manchmal ist es wirklich cool. Es kommt ganz darauf an, wie man es sieht.»
Aktuell sieht er es offenbar nicht allzu positiv. In seiner Klage, die er 30 Jahre nach der Entstehung des berühmten Fotos geltend macht, verlangt er vom Nachlass des verstorbenen «Nirvana»-Frontmanns Cobain, den noch lebenden Bandmitgliedern, dem Fotografen Kirk Weddle und dem hinter der Veröffentlichung stehenden Label Schadensersatz für die «lebenslangen Schäden», die er erlitten habe.
«Diese umfassen», so heisst es weiter, «unter anderem extreme und dauerhafte seelische Qualen mit körperlichen Manifestationen, die Beeinträchtigung seiner normalen Entwicklung und seines schulischen Fortschritts, den lebenslangen Verlust seiner Einkommensmöglichkeiten, den Verlust früherer und künftiger Löhne, frühere und künftige Ausgaben für medizinische und psychologische Behandlungen, den Verlust der Lebensfreude und andere Verluste, die bei der Verhandlung dieser Angelegenheit beschrieben und nachgewiesen werden müssen.»
Seine Erziehungsberechtigten hätten nie eine Freigabe unterschrieben, «die die Verwendung von Bildern von Spencer oder seines Bildes erlaubt, und schon gar nicht von kommerzieller Kinderpornografie, die ihn zeigt.»
Als die BBC die Quelle seiner Frustration über das so berühmt gewordene Album-Cover ergründen will, sagt der damals 26-jährige Spencer:
Versuche, der Band näher zu kommen, sind bislang gescheitert. 2016 sagte Spencer in einem Interview mit dem GQ Magazin, dass er es geradezu beschissen finde, auf dem Nirvana-Cover abgedruckt zu sein. Stinksauer («pissed off») sei er darüber.
Früher fand er es hingegen ziemlich cool. 2011 verriet Spencer CNN, dass er stets sage: «Mein Penis hat sich verändert, willst du ihn sehen?» Er liess sich den Schriftzug «Nevermind» auf die Brust tätowieren und posierte zum 20. und zum 25-jährigen Jubiläum des «Nirvana»-Albums in demselben Schwimmbecken von damals.
Allerdings mit Badehose.
Nicht mehr cool fand er es ab jenem Zeitpunkt, als er die Nirvana-Mitglieder nicht für seine Kunst gewinnen konnte:
Spencer hatte vergeblich versucht, mit dem Fotografen Weddle, der das Bild geschossen hatte, eine Kunstausstellung zu machen. Er habe die Band gefragt, ob sie ein Kunstwerk in das «verdammte Ding» einbauen wollten.
Sie wollten nicht.
Seine berühmte Nicht-Berühmtheit scheint Spencer Probleme zu bereiten. Nur immer jenes nackte Baby geblieben zu sein, aber niemanden zu haben, der sich für sein wahres, nun längst herangewachsene Wesen interessiert.
Erschwerend hinzu kommt der finanzielle Aspekt. Was damals als «Bro-Deal» – eine einmalige Zahlung von 200 Dollar an seinen Vater Rick – über die Bühne ging, scheint ihm heute sauer aufzustossen:
Das Geld, das Spencer mit seinem unfreiwilligen Mitwirken an der Album-Gestaltung nicht verdient hat, hat sich dann auch negativ auf seine Beziehungen ausgewirkt:
Wie lange er wohl nun noch in seinem bescheidenen Honda Civic herumfährt und sich als letzten Mann des wahren Grunge-Rock – alle anderen hätten sich verkauft und würden im Geld schwimmen – bezeichnet?
Die Zeit und das von ihm verlangte Geschworenengericht werden es zeigen, sofern seine Klage verhandelt wird. Bis dahin bleibt er das Baby, das dem Geldschein hinterherjagt.
(rof)