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Autor: Emil Baschnonga, London
Dieser bezwingend eindrückliche und hinreissende Film „La Tourneuse de Pages” von Denis Dercourt hätte ebenso gut „Das Autogramm“ heissen können. Im Soho sah ich die letztmalige Vorstellung dieses französischen Films und weiss, dass er mir im Gedächtnis haften bleiben, nein: nachlaufen, wird wie etwa der Claude-Chabrol-Film „Le Boucher“ (Der Metzger, 1970 gedreht).
Ein Autogramm zerstörte die Hoffnung des 10-jährigen Backfischs Mélanie, in die Pariser Musikakademie aufgenommen zu werden. Immer wieder geistert der Auftakt der Bach-Prélude durch den Film.
Glänzend begann Mélanie, die umhegte Tochter einer Metzgerfamilie, ihr Pianospiel vor der Jury. Da stürmte mitten in ihrem Spiel eine Autogrammjägerin in den Konzertsaal und wollte die Unterschrift der berühmten Konzertpianistin Ariane Fouchécourt auf der Rückseite der Foto haben. Als leitendes Jurymitglied hätte Adriane Fouchécourt diesem Wunsch keinesfalls stattgeben dürfen, sondern die Frau sofort zur Türe weisen müssen.
Von diesem Vorfall ganz aus dem Konzept gerissen, unterbrach Mélanie ihr Spiel. „Bitte spielen Sie weiter“, wandte sich Ariane Fouchécourt nach dieser von ihr geduldeten Störung an die blutjunge Akademie-Anwärterin. Derart aus ihrem Konzept gebracht, gelang es aber Mélanie nicht mehr, in ihr glänzendes Spiel zurückzufinden. Sie fühlte sich wegen Ariane Fouchécourts Gedankenlosigkeit um ihre Aufnahme in die Akademie geprellt. Mélanie hat ihr das nie verziehen und sich dafür gerächt, ohne dass Ariane jemals von der Ursache ihres Verhängnisses erfuhr.
10 Jahre später zerstörte diesmal Arianes Autogramm, das sie auf Mélanies Bitte ihr am letzten Tage ihres Aufenthalts schenkte, die ganze Familie. Sie hatte der Unterschrift ihr Liebesgeständnis an Mélanie hinzugefügt. Wie Mélanie dieser Racheakt gelang, will ich hier mit keinem Sterbenswörtchen verraten.
Wie sich Mélanie über die Anwaltspraxis des Maître Fouchécourt, in die Familie einnistete und zu Arianes Seitendreherin, eben „La Tourneuse de Pages“ wurde, sei hier ebenfalls verschwiegen.
Die Konzertpianistin wurde mehr und mehr von ihrer „Tourneuse de Pages“ abhängig und von ihr subtil beeinflusst. Mit kleinen Gesten schürte Mélanie bewusst die unterschwellige lesbische Anlage von Ariane. Als Mélanie, während eines wichtigen Auftritts der Trio-Spieler ausblieb, verdichtet sich der Handlungsverlauf. Der Zuschauer ahnt das tragische Ende.
Munter spielt Mélanie Tennis und „Cache-Cache“ (ein Versteckspiel) mit Arianes halbwüchsigem Sohn Tristan, der ebenfalls musikalisch hoch talentiert ist. Erheiternd war für mich das Geschehen auflockernde Intermezzo, wie Mélanie dem Cellisten den Haltestift des Instruments durch den Fuss trieb, als er sich an ihren Brüsten vergriff.
Der Film endet damit, dass Mélanie die Villa Fouchécourt zu Fuss Richtung Bahnhof verlässt, offensichtlich befriedigt, ihre Rache vollzogen zu haben. Der Sohn des Ehepaars wurde, so vermute ich, ebenfalls durch das Autogramm seiner Mutter um seine musikalische Laufbahn geprellt. Der Kreis der Handlung ist geschlossen.
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Beide, Mélanie und Ariane, sind Unschuldsopfer widriger Umstände, wie sie das Leben austeilt. Wie ein Stein in den Teich geworfen, wellen und weiten sich solche Umstände aus und treffen schicksalhaft andere Randfiguren wie auf dem Schachbrett.
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Wie in einer Trance verliessen Lily und ich nachher das Kino und bahnten uns den Weg durch die Menge im Soho zur anderen, ruhigeren Seite Richtung Green Park, wo wir im „Néro“ einen Kaffee tranken.
Wen von den beiden Hauptfiguren des Films sie am meisten bedauere, fragte ich meine Frau. „Eher Ariane“, meinte sie. Lily, das weiss ich, ist nicht nachtragend veranlagt. Ich empfand intensiver für Mélanie. Zutiefst verwundet, verliess das junge Geschöpf die Musikakademie und klappte zuhause den Deckel ihres Pianos für immer zu. Ihr Herz war erfroren, erloschen – „un film glacial (eiskalt) et génial personifié par Déborah François!“ Wirklich eine sehenswerte Meisterleistung.
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