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St.Chrischona auf dem Dinkelberg

Chrischonarain 215
Bus 32: St.Chrischona
Am Anfang stand ein Plattengrab
Das Kirchlein auf dem Dinkelberg im Banne Bettingens steht mit 523 Meter auf dem höchsten Punkt des Kantons Basel-Stadt. Das Gotteshaus ist heute der Jungfrau Chrischona geweiht, die im Raum Basel als Heilige verehrt wurde. Dies obschon sie nie von einem Papst in diesen Stand erhoben wurde. Wir werden später auf Chrischona und die Legenden um sie zurückkommen, und wollen uns vorab den realen greifbaren Fakten um die Ursprünge des Kirche widmen.
Es kann nicht definitiv gesagt werden, ab wann sich ein Gotteshaus auf dem Dinkelberg erhob. Jedoch brachten Ausgrabungen 1974/75 wertvolle Erkenntnisse zu den Ursprüngen der Kirche. Auf dem höchsten Punkt der Felsenformation des Dinkelbergs stiess man auf ein frühmittelalterliches Grab aus Steinplatten. Unmittelbar westlich neben diesem Plattengrab entstand möglicherweise noch im 7.Jh die erste Kirche mit Saal und einem rechteckigen Chor.
Die Chrischonakirche von Süden her gesehen. Man erkennt den Turm des Vorgängerbaus, der vom Neubau des 16.Jh umschlossen ist. Rechts der Chor von 1509, daneben anschliessend das Langhaus von 1516.
In karolingischer Zeit (ca 8. bis 9.Jh) wurde die Kirche ausgebaut. Sie erhielt an der Ostseite eine runde Chorapsis die über dem Plattengrab entstand, welches bislang im freien vor dem Gottshaus lag. In dieser Apsis mit dem Grab wurde ein Altar errichtet. Das Plattengrab, die frühe Kirche und ihr Ausbau stammen aus Tagen, lange bevor die Legende um die Jungfrau Chrischona und ihr vermeintliches Grab auf dem Dinkelberg im 13. oder 14.Jh auftauchte.
Zu Beginn des zweiten Jahrtausends entstand anstelle der karolingischen Kirche auf dem Dinkelberg ein romanischer Neubau. Anstatt der schlichten Apsis erhielt das Gottshaus einen richtigen halbrunden Chor. Auch wurde mit dem Neubau ein schlichtes Langhaus erstellt, welches an der Nordseite einen speziellen Raum mit gemauerten Grabkammern aufwies, die in den Fels gearbeitet waren. Dieses romanische Gotteshaus hatte wohl noch keinen Kirchturm.
Eher Brictius denn Chrischona
Spätestens mit dem Bau der romanischen Kirche begann man in ihrem Umfeld zu bestatten. Bis zur Einrichtung eines gemeinsamen Gottesackers mit Riehen 1828, diente der Kirchhof von St.Chrischona als Bestattungsort von Bettingen. Von 91 mittelalterlichen Gräbern die man 1974/75 fand, waren deren 56 Kindergräber. Eine bemerkenswert hohe Zahl. Hier setzte der Archäologe Dr.Rudolf Moosbrugger-Leu mit einer interessanten und plausiblen Theorie an.
Wahrscheinlich war die Kirche auf dem Dinkelberg nicht von Beginn an der Jungfrau Chrischona geweiht. Erst ab der frühen Neuzeit verdrängte der Name Chrischona allmählich den Namen Britzig aus der Umgebung der Kirche. Das Chrischonatal kannte man im 19.Jh noch als Britzigtal. Vor 1541 war der spätere Bann um St.Chrischona der Britzigbann und es gab einst einen Britzighof im Kirchenbann. Der Name Britzig leitet sich ziemlich sicher von Brictius her.
St.Brictius bestieg 397 als Amtsnachfolger des Heiligen Martin von Tours dessen Bischofsstuhl und führte dieses Amt bis ca 444. Im Gegensatz zu Chrischona ist er eine historisch greifbare Gestalt und er galt als Schutzpatron der Kinder. Für die Verbreitung dieses Heiligen in der Region spricht die Tatsache dass es im Umkreis von 30 Kilometern um die Kirche auf den Dinkelberg mindestens drei Brictiuskapellen gab, so etwa in Oltingen bei Ferrette.
Im heutigen Kanton Jura zeugt die Ortschaft St.Brais (St.Brix) in den Freibergen mit dem Heiligen im Wappen von der Verehrung für St.Brictius. Im fränkischen Reich lässt sich in der Region Basel eine besondere Konzentration der Brictius-Verehrung erkennen. Angesichts der vorliegenden Indizien um die Flurnamen auf dem Dinkelberg, ist eine ursprüngliche Brictius-Kirche auf der Gipfelstelle sehr wahrscheinlich, was auch zu den vielen Kindergräbern passte.
Die Chrischona-Legende kommt auf
Etwa um 1340 machte ein weiterer Neubau der aus der romanischen Kirche ein gotisches Gotteshaus, dessen haldbrunder Chor durch einen polygonalen ersetzt wurde. Dieser Kirche wurde später der heutige Turm mit Käsbissendach zugefügt. In den Zeitraum der Entstehung dieser vierten Kirche fällt auch die zunehmende Bedeutung der Legende um die Jungfrau Chrischona, beziehungsweise Cristina. Die als Heilige verehrte tritt uns verwirrend vielfältig entgegen.
Mehrere Legenden entstanden um Chrischona, von denen eine der ältesten sie den 11'000 Jungfrauen zurechnet, welche die historisch nicht belegbare heilige Ursula auf ihrer Wallfahrt von England nach Rom im 5.Jh (nach anderen Quellen im 3.Jh) begleitet haben sollen. Dem Märthyrertod durch die Hand von Heiden in Köln als einzige entkommen, sei Chrischona dem Rhein entlang bis Grenzach gelangt, wo sie am Flussufer vor Erschöpfung gestorben sei.
Nachdem ihre Leiche von Anwohnern gefunden worden sei, habe man sie auf einen Ochenkarren gelegt, den man führungslos davonziehen liess, damit ohne Eingreifen von Menschenhand Gott erkennen lasse, wo die Tote begraben werden solle. Die Ochsen seien dann ganz oben auf den Dinkelberg stehen geblieben, wo man Chrischona begraben habe. Um 1500 kursierte dann eine Version, in der noch die Jungfrauen Kunigundis, Wibrandis und Mechtrudis vorkamen.
Blick vom Langhaus von 1516 in den Chor der Kirche. Im Bereich des Chors dürfte das frühmittelalterliche Plattengrab zu suchen sein, welches sich im 7.Jh noch vor der damaligen Kirche befand und den Kult an diesem Ort begründete.
Mit diesen zusammen sei Cristina (Chrischona) auf der Rückreise von Rom während der Fahrt auf dem Rhein erkrankt. Gemeinsam hätte das Quartett bei Wyhlen das Schiff verlassen. Während Cristina schon am Rheinufer verblich, sanken die übrigen drei erst tot zu Boden, als sie unterwegs waren, aus unklaren Beweggründen kränkelnd den Dinkleberg zu besteigen. Diese drei Jungfrauen fanden auf kuriose Weise in einer gewaltigen Eiche ihre letzte Ruhe.
Die Leiche Cristinas wurde von Anwohnern auf einen Karren gelegt, den diesmal nicht Ochsen sondern zwei Kühe auf den Dinkelberg zogen, wo man die Tote begrub. In beiden Fällen berichten die Legenden, dass über dem Grab der Heiligen später die Kirche entstand. Die korrekterweise nie zur Heiligen erhobene Chrischona ist historisch so wenig fassbar wie St.Ursula und ihre ganze Schar pilgernder Jungfrauen. Ebenso zweifelhaft sind weitere Legenden.
Spielarten der Legende
Es entstanden auch Legenden mit stark lokalem Einschlag um St.Chrischona. Zum einen seien Chrischona, Ottilia und Margaretha die Schwestern eines finsteren Burgherrn auf Pfeffingen gewesen. Diese waren drei ihm verhassten ritterlichen Brüdern des Hauses Thierstein amourös ergeben. Dem Burgherrn zu Pfeffingen indes, weissagte ein Zwerg dass seine Schwestern ewige Häuser bauen werden, während Pfeffingen und sein Geschlecht untergehen müsse.
Als die drei Brüder auf Pfeffingen die drei Schwestern besuchten, habe der Burgherr die ergreifen und köpfen lassen um seine Schwestern zu necken. Traumatisiert zogen diese hinaus ins Land, wo jede für sich einen Ort suchte um Seelenfrieden zu finden. Margaretha liess sich auf dem Bruderholz nieder, Chrischona auf dem Dinkelberg und Ottilia auf dem Tüllinger Berg. Sie lebten dort als Einsiedlerinnen bis an ihr jeweiliges Lebensende.
Sie konnten von den drei Hügeln um Basel zu einander sehen, und stellten nachts jeweils eine Kerze ins Fenster, damit die Schwestern stets sahen dass die anderen wohlauf waren. An der Stelle ihrer Einsiedeleien seien später die nach ihnen benannten Kirchen entstanden. In einer anderen Version war der finstere Burgherr ein Raubritter auf Münchenstein der drei Töchter hatten denen drei Ritter von der Nachbarburg Reichenstein den Hof machten.
Der Münchensteiner liess seine Töchter zornig einkerkern und die drei Reichensteiner bei nächster Gelegenheit einfangen und enthaupten. Daraufhin sei Schloss Münchenstein von Freunden der Getöteten erstürmt worden. Die drei Schwestern liess man aber am Leben. Sie zogen hinaus ins Land um auf den bereits genannten Hügeln ein gottgefälliges Leben zu führen. Mit Glockenklang riefen sie sich gegenseitig zum Gebet über die Ferne hin auf.
Drei Schwestern auf drei Bergen
Am Tag signalisierten sie sich mit grossen weissen Tüchern und am Abend wünschten sie sich mit einer Kerze im Fenster gute Nacht. Nachdem Margaretha verstorben war, lebten Ottilia und Chrischona weiter bis schliesslich nur noch letztere einsam übrig war. Dann verliess auch sie diese Erde. Über den Gräbern der drei in Heiligkeit lebenden Schwestern wurden die gleichnamigen Kirchen erbaut. Die Legenden verbinden die drei genannten Kirchen.
Irgendwann im 13. oder 14.Jh übernahm die mutmasslich St.Brictius geweihte Kirche auf dem Dinkelberg die Jungfrau Chrischona als neue Patronin. Dabei blieben aber im Umfeld die alten Britzgi-Flurnamen erhalten. So tritt uns die Kirche auch im Jahr 1354 schriftliche entgegen: "...holtz uf dem Britziken Berge ob der kilchen guot von Sant Cristianen...". Das Kirchengut von St.Chrischona erscheint neben dem aufschlussreichen Britzgenberg im selben Satz.
Als Filialkirche der Pfarrei Grenzach im Dekanat Wiesental erscheint die Kirche der heiligen Cristine zwischen 1360 und 1370. Die Kirche und der Chor dieses Gotteshauses St.Chrischona waren kleiner als es beim heutigen Komplex der Fall ist, und nur unwesentlich breiter als der Turm, der heute noch erhalten ist. Der Chrischona-Kult gewann an Bedeutung und immer mehr Wallfahrer glaubten wahrhaftig daran, dass die Jungfrau in der Kirche begraben läge.
Das Hauptportal der Chrischonakirche im alten Kirchturm. Im Bereich dieses Turms fand sich 1974/75 das Grab einer hochschwangeren Frau mit ihrem Kind im Schoss - Indiz für einen früheren Brictius-Kult auf dem Dinkelberg?
Die Kirche Chrischonas wurde im 15.Jh als Wallfahrtsort zunehmend populärer. Während des Konzils zu Basel nahm 1436 Jean Germain, Bischof von Nevers und Kopf der Gesandtschaft Philipps des Guten, den mühsamen Pfad auf den Dinkelberg auf sich, um St.Chrischona zu besuchen. 1465 lässt Bettingen beim Giesser Peter Hans Scholer eine zwischen sieben und acht Zentner schwere Glocke für die Kirche fertigen. 1498 publiziert Sebastian Brant ein Lobgedicht.
Das Interesse des Kardinals
Auf 24 Zeilen druckte Brant die populäre Legende der Jungfrau Chrischona ab. Wie die heilige Katharina auf dem Berge Sinai, habe die Jungfrau Chrischona ihre letzte Ruhe auf einem hohen Berge gefunden. Am Schluss beklagt Brant, dass Chrischona nur noch der Segen des Papstes fehle um als heilig zu gelten. Es war die Zeit der Reliquenverehrung. Man öffnete Gräber die man Heiligen zurechnete um deren Gebeine zu Objekten besonderer Verehrung zu machen.
Im Frühjahr 1504 kam Kardinal Raymund Peraudi, seines Zeichens päpstlicher Legat und passionierter Sammler von Reliquien, nach Basel. Gewisse Kreise nutzten diesen Besuch um die Legende um Kunigundis, Wibrandis und Mechtildis neu zu beleben. Wir erinnern uns der drei Begleiterinnen Chrischonas, die beim Erklimmen des Dinkelbergs umkamen. Ihre Leichen seien auf einem Ochsengespann liegend in einer riesigen Eiche zur letzten Ruhe verschwunden.
Eine andere von mehreren Versionen nennt Eichsel bei Rheinfelden als letzte Ruhestätte der bis heute mit einer Prozession im Juli, dem Eichseler Umgang, verehrten Jungfrauen. Kardinal Peraudi schickte eine Kommission ausgesuchter Kleriker nach Eichsel, um die begrabenen Jungfrauen zu suchen. Rasch stiess man auf dem Friedhof und im Chor der St.Gallus-Kirche von Eichsel auf deren Gräber, oder vielmehr das was man als solche vermutete.
Obschon die Überlieferung um die drei Jungfrauen sehr zweifelhaft ist, half gewiss der intensive Glaube daran bei der Idendifizierung der sterblichen Überreste der ominösen drei Damen erheblich. Es folgte eine Untersuchung der Knochen und der Schriften der Kirche. Dankbar übernahm man alle schriftlichen Hinweise und war auch rasch bereit Texte als sehr alt einzustufen. Dann wandte man sich bildlichen Darstellungen der Legende zu.
Jäger des verlorenen Grabes
Schliesslich befragte man lokale Zeugen zu ihren Erkenntnissen über den Kult und die Legende um die drei Jungfrauen. Dass der ganze Prozess der Untersuchung kaum heutigen Ansprüchen an eine solche Ermittlung genügt, dürfte sich von selbst verstehen. Während der Zeugenbefragung kam die Jungfrau Chrischona als Weggefährtin des Trios ins Gespräch. Damit rückte die kleine Kirche auf dem Dinkelberg ins Blickfeld der Reliquiensucher Peraudis.
Unverzüglich wurden Gesandte der Kommission zu jener Kirche geschickt, in der die Jungfrau Chrischona begraben läge. Dort war die Suche mühsamer als in Eichsel. Man hat offenbar die Kirche gründlich auf den Kopf gestellt. 1974/75 entdeckte man einen Sondierschacht der das romanische Chorfundament durchdrungen hatte, um schliesslich auf das Plattengrab aus dem Frühmittelalter zu stossen. Eventuell das Werk von Peraudis Jägern des verlorenen Grabes.
Diese fanden eine gemauerte Grabkammer, so tief dass ein darin aufrecht stehender Mann seine Arme auf den Umfassungsrand auflegen konnte. Darin stand ein mit Eisenklammern verschlossener steinerner Sarg. Im diesem lag ein Skelett welches man als jenes der Jungfrau Chrischona deutete. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Sucher auf das Urgrab aus dem Frühmittelalter gestossen waren. Man hatte jedoch das Grab geöffnet um die Gebeine der Jungfrau zu finden.
Erbhebung der Gebeine Chrischonas
Die zielgerichtete Entschlossenheit bei der Graböffnung liess keine andere Deutung zu. Peraudi untersuchte das vollständige Skelett und stellte eingetrocknete Fleischreste an einem Knochen fest. Die untersuchten Knochen wurden wieder sorgsam in den Sarg gelegt, den man wieder verschloss und in die Gruft versenkte. Danach wurden drei Messen gelesen. Dem Akt in der Chrischonakirche wohnten kirchliche und weltliche Würdenträger bei.
Dieser Blick vom Westtor zum Osttor fällt über den umfriedeten Kirchhof von St.Chrischona. Hier wurden vom Hochmittelalter bis ins 19.Jh die Verstorbenen Bettingens beigesetzt. Hinten am Chor angebaut die Sakristei.
Da Bettingen und die Kirche St.Chrischona nicht zu Basel gehörten, erstaunt auch die Liste der Anwesenden Zeugen nicht. Nebst Kanonikus Heinrich Raf von Colmar vom Klerus begegnet man dem Vogt Johannes von Lörrach und dessen Amtsvorgänger Johannes Wagner. Auch Johannes Oertlin, der Vogt von Riehen war zugegen, ebenso der riehener Wirt Ludin Dorwart. Der Untersuchung folgte am 17. Juni 1504 eine feierliche Elevation der Gebeine.
Mit der Elevation wurden die sterblichen Überreste verdienter Personen in einen heiligengleichen Stand erhoben. Auch diesem Akt wohnten diverse wichtige Zeugen bei, unter anderem Christoh von Uetenheim, der Bischof von Basel. Kardinal Raymund Peraudi kam erneut nach St.Chrischona. Am Tag zuvor hatte er zu St.Gallus in Eichsel bei Rheinfelden die drei legendären Weggefährtinnen Chrischonas erhoben und heilig gesprochen.
Unter dem Gesang des "Te deum laudamus" nahm Kardinal Peraudi die Knochen aus dem erneut geöffneten Sarg und hob sie vor einer grossen versammelten Menschenmenge in die Höhe. Danach wurden die Gebeine öffentlich aufgebahrt und Peraudi las vor unzähligen Wallfahrern die zur Kirche gepilgert waren unter freiem Himmel die Messe. Danach wurden die Knochen, die genausogut von einem fränkischen Gutsherrn stammen könnten, in Reliquienbehältern verwahrt.
Das Haarnetz einer Jungfrau
Eine Reliquie spezieller Art ist das sogenannte Haarnetz der Jungfrau Chrischona. Alter und Herkunft sind unbekannt, aber man verehrte das Objekt schon damals als authentisches Stück aus dem Besitz der Patronin. Als Kardinal Peraudi das Haarnetz untersuchte, stellte er fest dass es sich um eine Haube aus Stoff handelte, in der das eigentliche Haarnetz aus einen Geflecht von Silber- und Goldfäden mit eingearbeiteten Edelsteinen geborgen war.
Das in der Chrischonakirche aufbewahrte Haarnetz wurde zuvor jeweils den Wallfahrern hingehalten, damit sie es küssen konnten. Peraudi nahm das Haarnetz an sich und übergab es den Nonnen des Klosters Gnadental an der Spalenvorstadt in Basel zur Ausbesserung und Aufbewahrung. Dort sei eine gehbehinderte Nonne durch die Berührung mit der Reliquie geheilt worden. Chrischona durfte dennoch nicht zu den vollwertigen Heiligen gezählt werden.
Aber dank der Erhöhung ihrer Gebeine und der Wunder um sie herum galt nun eine Wallfahrt zur Chrischonakirche so viel wie eine zu einem kanonisierten Heiligen. Die Kirche bekam eine wachsende Anziehungskraft. Das Interesse Basels an Bettingen dürfte sich damit noch gesteigert haben. Dieses befand sich inklusive der Chrischonakirche im Besitz der Truchsessen von Wolhusen. In die Zeit nach 1504 fällt auch der letzte Neubau der Kirche.
Neubau der Kirche im 16.Jh
Dem zunehmenden Zustrom von Pilgern war die alte Kirche des 14.Jh nicht mehr gewachsen. Auch verlangte das Grab der Chrischona nach einen angemessenen Rahmen. Es wurde in mehreren Etappen ein neues Gotteshaus erstellt, bei dem allerdings der alte Turm bestehen blieb. Zuerst baute man einen neuen Chor, und zwar so dass er den alten und kleineren Chorbau zunächst in sich aufnahm. Im Laufe des Baus riss man den alten Chor ab.
Im Jahr 1509 war der neue Chor vollendet. Während des Chorbaus wurden die Gottesdienste im unberührt gebliebenen und verschlossenen Langhaus abgehalten. Dann verlagerte man sie in den neuen Chor, und begann mit dem Neubau des Langhauses. Im Jahr 1516 war schliesslich auch das neue Langhaus fertig und mit dem neuen Chor verbunden. Eine neue und grössere Kirche war um den alten Turm gewachsen, weshalb er heute quasi im Bau versunken wirkt.
Noch während die neue Chrischonakirche gebaut wurde, verkauften die Truchsess von Wolhusen 1513 Bettingen und das Gotteshaus an die Stadt Basel. Der Rat Basels widmete der kleinen Kirche seine besondere Aufmerksamkeit. Er liess vorab den Reliquienschrein und dem Opferstock kontrollieren, dann gedachte er den neugewonnen Wallfahrsort zu Ehren zu bringen. Einige Sanierungsarbeiten folgen, und die Kirche bekam ein Geschenk des Rats.
Im Chorscheitel kündet die Jahreszahl 1509 vom Abschluss des Chorbaus. Der Umbau der Kirche im 16.Jh erfolgte in zwei Etappen, wobei zuerst der Chor und dann das Langhaus neu erstellt wurden, beide grösser als zuvor.
Eine neue Kirchenfahne wurde in Auftrag gegeben, gefertigt aus rosarotem Arras, einem nach seinem Herkunfstort benannten dünnen Wollgewebe. Die Fahne wies ein gemaltes Heiligenbild auf und war mit seidenen Bändern geschmückt. Das Wohl der Chrischonakirche wurde in die Hände des früheren Basler Bürgermeister Peter Offenburg, des Ratsherrn Eucharius Holtzach und des Bettinger Vogts Konrad Bucherer als neuernannte Pfleger gelegt.
Glaubenswechsel ändert alles
Die Reformation in Basel 1529 brachte schwerwiegende Veränderungen für die Chrischonakirche. Schon im Jahr zuvor wurde das Abhalten von Messen in öffentlichen Basler Kirchen abgeschafft. Allerdings waren die Verhältnisse auf dem Dinkelberg etwas komplizierter als in der Stadt. Basel war zwar Besitzerin des Bannes und der Kirche, aber als Schirmherr fungierte Markgraf Ernst zu Baden und Hochberg, und der war dem katholischen Glauben treu geblieben.
Basel setzte sich in religiösen Belangen durch und liess 1531 alle katholischen Kultgegenstände und Reliquienobjekte aus der Chrischonakirche entfernen. Das Gotteshaus war seines Schatzes entblösst. Als Besonderheit blieben für die Bettinger mit Reben im Grenzacher Bann weiterhin die katholischen Feiertage bestehen, und wer Land im Grenzacher Bann hatte musste weiterhin den kirchlichen Zehnten daraus an die Pfarrei Grenzach entrichten.
Bis ins 17.Jh hinein wirkten die katholischen Pfarrer zu Grenzach zu Ostern und zu Pfingsten als Prediger in der nunmehr reformierten Chrischonakirche. Nur allmählich löste sich die Kirche von Grenzach und fiel schliesslich ganz Riehen zu, womit vollends evangelische Verhältnisse herrschten. Das Gotteshaus galt aber noch lange als Wallfahrtsort unter Katholiken, die noch 1687 heimlich durch die maroden Fenster in die Kirche eindrangen.
Sehr hatten die reformierten Pfarrer zu Riehen gegen den Volksglauben zu kämpfen, dass die Jungfrau Chrischona gegen Zahnweh helfe. Bis in die jüngere Neuzeit hinein hielt sich der Glaube, dass es gegen Zahnleiden helfe, wenn man den Kopf durch ein Fenster in das Beinhaus des Kirchhofs von St.Chrischona hineinstrecke. Nicht mit dem Hineinhalten ihrer Köpfe begnügten sich während des 30jährigen Kriegs fremde Soldaten.
Geschändet und geplündert
Die Chrischonakirche litt schwer unter vorbeiziehendem Kriegsvolk. Kaiserliche hätten 1633 das Innere des Gotteshauses runiniert und schwedische Krieger zerschlugen 1634 die Kirchenscheiben um das Blei der Einfassungen zum Giessen von Projektilen zu nutzen. Ebenso schwand alles Blei vom Dach des Kirchturmes, so dass dieser neu mit Kupfer gedeckt werden musste. Für 1642 ist der Bau einer neuen Kanzel belegt. Der Niedergang schritt voran.
Nach wie vor wurde die Chrischonakirche für Gottesdienste genutzt, aber man liess der kleinen Kirche immer weniger Sorge angedeihen. Im eingehenden 19.Jh war der Tiefpunkt erreicht. 1818 wurde das Gotteshaus als Stall genutzt. Es hatte keine Bänke mehr im Inneren, so dass zum Gottesdienst am Pfingstmontag die Kirchgänger aus Bettingen eigene Stühle zur Kirche hochschleppen mussten. Der Boden in der Kirche war ruiniert, die Kanzel fehlte.
Die Kirche war zum Unterschlupf für Landstreicher geworden, durch ihre fensterlosen Fenster pfiff der Wind und ihre Äusseres war ein Spiegelbild des Niedergangs. In diesem Zustand traf 1834 Christian Friedrich Spitteler das verlotterte Gotteshaus an. Spitteler war sehr religiös und beseelt vom Gedanken das Wort Gottes in alle Ecken der Erde zu verbreiten. Berührt vom traurigen Zustand der Kirche wandte er sich 1839 an die Basler Behörden.
Er reichte ein Gesuch ein um die Chrischonakirche zu renovieren. Darüberhinaus verfolgte er das Ziel, eine Pilgermission zu gründen. Man entsprach seinem Wunsch und Spitteler bekam die Kirche zur Miete, mit der Auflage ihr Inneres instand zu setzen. Derweil nahm sich der Staat des Daches und der anderen Teile des Gebäudes an. In der Sakristei der neu erblühenden Chrischonakirche gründete Christian Friedrich Spitteler am 8. März 1840 die Pilgermission.
Der Blick von Westen (links) zeigt den eigentümlich in den Neubau eingebettenen alten Turm mit dem Hauptportal. Auf dem nördlichen Kirchhof (rechts) ist links im Bild die Sakristei zu erkennen, in der 1840 die Pilgermission gegründet wurde.
Auferstehung einer Kirche
Die Kirche selbst erlebte eine Renaissance als genutztes Gotteshaus und erfuhr 1974/75 die bereits genannte Untersuchung im Rahmen einer gründlichen Sanierung. Heute ist die ehemalige Wallfahrtskirche der Jungsfrau Chrischona, die einst vermutlich St.Brictius geweiht war, ein Baudenkmal das einen Besuch wert ist. Bei schönem Wetter bietet der besteigbare Kirchturm einen schönen Rundblick vom Schwarzwald bis tief in die Schweiz hinein.
Beitrag erstellt 01.08.06
Quellen:
Ludwig Emil Iselin / Albert Bruckner, Geschichte des Dorfes Bettingen, Verlag Schwabe & Co, Basel, 1963, Seiten 37 bis 48, 52 bis 53 und 62 bis 63
Fritz Meier, Basler Heimatgeschichte, 5.Auflage, Lehrmittelverlag des Kantons Basel-Stadt, Basel, 1974, Seiten 472 bis 476
Hans Rudolf Meier, Beitrag "Archäologie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit", im Mitteilungsblatt 12 der Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, publiziert im Internet unter http://www.uni-tuebingen.de/uni/afg/mbl/mbl12/zwei.htm
Rudolf Moosbrugger-Leu, "Bettingen Chrischonakirche", im Jahresbericht 1975 der archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 76. Band, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1976, Seiten Seiten 236 bis 245
Rudolf Moosbrugger-Leu, "Bettingen Chrischonakirche", im Jahresbericht 1982 der archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 83. Band, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1983, Seiten Seiten 374 bis 375
Ernst August Stückelberg, Beitrag "Die Wallfahrtskirche von St.Chrischona", publiziert in Basler Kirchen, Band 1, herausgegeben von Ernst August Stückelberg, 1917, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Seiten 50 bis 59