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Der Geisterfahrer
Sie ist schon viel gelobt worden, die «nicht autorisierte» Biografie von Daniel Ryser über Roger Köppel. Heute liest Ryser in St.Gallen. Sein Buch zeigt auf, was die Schweizer Medienkrise auch ist: das Werk eines Clubs reicher rechter Männer.
Den Hinweis kann sich Daniel Ryser nicht verkneifen: Die schwarze Maybach-Limousine, mit der ihn der Fahrer von Tito Tettamanti nach der Audienz in seiner Villa nach Lugano zurückfährt, koste «Neupreis circa eine halbe Million Euro». Zuvor war im Gespräch mit dem 87-jährigen «Avvocato» in Castagnola weniger vom Geld die Rede gewesen als von der «Degeneration der repräsentativen Demokratie» oder der «monotonen Schweizer Medienlandschaft»: Mit dem Kauf des Jean Frey-Verlags und damit der «Weltwoche» habe er versucht, ein «Oppositionsmagazin von rechts» als Konkurrenz zur «Wochenzeitung» auf die Beine zu stellen, sagt Tettamanti.
«Wir kaufen euch das ab»
Dafür gewonnen hatte ihn der Wirtschaftsanwalt Martin Wagner, das erfährt man im Kapitel vorher, das auch in einer Villa spielt, jener von Wagner in Rünenberg (Baselland). Wagner fädelt im Gespräch mit Ryser die Deals auseinander, die rund um die «Weltwoche» in den Nullerjahren stattfanden: Erst der Versuch des damaligen Verlegers Matthias Hagemann, die «Weltwoche» Tamedia zu verkaufen («Wir kaufen euch das ab», habe Hans-Heinrich Coninx gesagt, sagt Wagner, doch dann legte sich der Tamedia-Vorstand quer). Dann das Angebot von Ringier: 75 Millionen für den ganzen Jean Frey Verlag, später plötzlich nur noch 35 Millionen, «diese arroganten Zürcher Herren!», sagt Wagner, hätten «statt einfach nur einen Check zu schicken den Preis gedrückt und gedrückt».
Dann Wagners Griff zum Telefon, zum Banker Thomas Matter, «rechte politische Seite, gute Verbindungen zu Investoren». «Ich sagte: Du musst einfach zehn Prozent mehr bezahlen, dann bringe ich meine Leute dazu, den Vertrag zu brechen.» Thomas Matter kauft im Jahr 2002 den Jean Frey Verlag für 83 Millionen, das Geld kommt von Tettamanti und seinen «Investorenkollegen».
Hagemann bestätigt gegenüber Ryser die Geschichte, die Tonalität ist identisch: «Check schicken, Laden übernehmen, so einfach wäre es gewesen für Ringier.» Da ist Roger Köppel bereits Chefredaktor der «Weltwoche». Hagemann findet ihn «interessant», Tettamanti auch, Matter auch, und Köppel dreht die «Weltwoche» nach deren Geschmack: «Man muss sich am Eigentümer orientieren». Matter spielt kurz den Verleger, dann «erfolgte die Weiterplatzierung an Tettamanti», sagt Wagner im Gespräch mit Ryser, ein halbes Jahr bevor der Anwalt in seiner Villa erschossen wird.
Am Steuer des «Rennwagens»
2006 der nächste Deal: Köppel, im Zwist mit dem damaligen CEO Filippo Leutenegger weggegangen von der «Weltwoche» und zwischenzeitlich Chefredaktor der «Welt» in Berlin, wird zurückgeholt, weil die «Weltwoche» schlingert. Den Rest des Jean-Frey Verlags hat für 110 Millionen der Verlag Axel Springer Schweiz gekauft, nachdem Wagner, wie er selber blufft, den Preis zwischen Ringier und Springer «hochgeschaukelt» habe. Köppel darf die «Weltwoche» kaufen, Tettamanti macht ihm das Angebot (fünf Millionen circa, den genauen Betrag entlockt ihm Ryser nicht) in seinem Haus in Südfrankreich.
Köppel beharrt darauf, das Geld selber aufgebracht zu haben. Er habe von niemandem Geld geliehen, schon gar nicht von Christoph Blocher. «Letztlich ist es aber auch unerheblich, woher das Geld stammt», zitiert Ryser Wagner. «Tettamanti und ich, wir haben ihm den Rennwagen gebaut. Aber fahren musste Köppel schon selber.»
So geht das zu und her im Schweizer Land. Medienhäuser sind ein «Laden» oder ein «Rennwagen», Vehikel für die eigenen politischen Zwecke der Herren Milliardäre und für das Ego karrieresüchtiger Journalisten wie Roger Köppel. Blocher kauft später die «Basler Zeitung», sein Chefredaktor Markus Somm fährt sie mit einem strammen Rechtskurs an die Wand, im April 2018 übernimmt Tamedia die «BaZ» und Blocher im Gegenzug ein ganzes Konglomerat von Gratiszeitungen, darunter die «St.Galler Nachrichten». Währenddessen geht die Auflage der «Weltwoche» zurück, von 77’800 Exemplaren im Jahr 2011 auf gut 45’000 im Jahr 2017.
Das ist einer der nicht allzu zahlreichen Hoffnungsschimmer, die Rysers Buch vermittelt: Leserinnen und Leser, Abonnentinnen und Abonnenten wissen offensichtlich zu unterscheiden, was für die Öffentlichkeit gut ist und was nur den eitlen Männern an den Schaltknüppeln nützt.
Am leeren Tisch in Berlin
Mit Daniel Ryser ist man so nah wie möglich dran an den Medienverwerfungen und ihren Strippenziehern der letzten Jahre und Jahrzehnte. Das verdankt sich seiner Methode: der Collage von Originalzitaten, kaum kommentiert, aber so geschickt montiert, dass man dem Buch die Stange hält, trotz aller Antipathie gegen die Person Köppel und trotz aller Skepsis, ob sich hier nicht zwei Journalisten bei allen politischen Differenzen in der Gemeinsamkeit gefunden haben, sich ungeheuer wichtig zu nehmen.
Ryser versucht immerhin zu erkunden, was Köppel zu Köppel gemacht hat und wie er funktioniert, ohne sich selber zu stark ins Spiel zu bringen, abgesehen von einigen je nach Geschmack amüsanten oder selbstverliebten Szenenbeschreibungen wie jener Frage von Köppel an Ryser: «Sind Sie ein Auftragskiller?»
Lesungen mit Daniel Ryser:
13. November 20.15 Uhr Palace St.Gallen
16. November Taptab Schaffhausen
27. November Werkstatt Chur
29. November Kraftfeld Winterthur
14. Dezember Horst Kreuzlingen
echtzeit.ch
Dafür kommen seine Gesprächspartner (und selten: -partnerinnen) umso ausführlicher, zum Teil seitenlang zu Wort. Johann Michael Möller etwa, 2004 bis 2006 stellvertretender Chefredaktor der «Welt» unter Köppel, beschreibt dessen Wohnung in Berlin: «Er hatte in der Beletage eine Riesenwohnung, und in dieser Riesenwohnung gab es einen riesengrossen Tisch, und ich hatte immer das Gefühl, dass um diesen riesengrossen Tisch herum gar niemand sass.» Einmal habe es eine Einladung in Köppels Wohnung gegeben, «bei der sich lauter Menschen, die sich nicht kannten, aneinander vorbeischoben und ich den ganzen Abend lang kein wirkliches Gespräch erlebte. Der Abend hatte etwas vom Charme einer Bahnhofshalle. Alle warteten auf einen Zug, aber es waren noch nicht einmal die Gleise gelegt.»
«Er will einen bekehren»
Das Buch bringt viele solcher Facetten, von der Kindheit Köppels und dem frühen traumatisierenden Verlust der Eltern bis zur Jetztzeit. Dennoch bleibt am Ende, wie Hanspeter Spörri in seiner Buchbesprechung in der «Woz» anmerkt, die Frage offen: «Warum ist aus dem leidenschaftlichen Journalisten Roger Köppel der grosse Eiferer und Anprangerer, der leicht einfältig wirkende, einflussreiche Parteigänger geworden?»
2015 wird Köppel mit der höchsten je erreichten Stimmenzahl für die Zürcher SVP in den Nationalrat gewählt. Die politische Karriere bedeutet zugleich, so die übereinstimmende Einschätzung ehemaliger Weggefährten im Buch, das Ende des einst hoch gelobten Publizisten Köppel.
Er sei vom guten Journalisten zum «Überzeugungstäter» geworden, kritisiert Tagi-Journalist Jean-Martin Büttner: «Er beharrt darauf, die Wahrheit gepachtet zu haben.» Matthias Hagemann sagt: Als Journalist sei er in dem Moment gescheitert, als er «plötzlich alle Antworten kannte». In ihren Augen sei Köppel «besessen», sagt Esther Girsberger. «Er hört einem nicht mehr zu und gibt einem das Gefühl, er will einen bekehren.» Bruno Franzen, ein langjähriger Vertrauter, sagt, in seinem Umfeld werde es immer schwieriger, Leute zu finden, die sich positiv über Köppel äussern. «Man hält ihn nicht mehr aus.» Bei Köppel seien «alle Rohre permanent nach aussen gerichtet», sagt Constantin Seibt. Oder noch einmal Büttner: «Er ist ein Geisterfahrer, der alle anderen für Geisterfahrer hält.»