Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/475

(Ausziehen, Extrahieren), techn. Operation, bei welcher die in einer Substanz enthaltenen löslichen Stoffe durch
ein Lösungsmittel ausgezogen werden. Bei mineralischen Massen, und wenn eine Substanz von darin enthaltenen löslichen Teilen
befreit, gereinigt werden soll, spricht man von Auslaugen, bei organischen (meist vegetabilischen), und
wenn es sich um die Gewinnung der löslichen Teile handelt, von Ausziehen oder Extrahieren. Die auszulaugenden Substanzen werden
in der Regel zunächst zerkleinert, um dem Lösungsmittel leichtern Zutritt zu den einzelnen Teilen zu verschaffen; doch muß
darauf gesehen werden, daß die Substanz mit dem Lösungsmittel nicht einen wenig durchdringlichen Brei
bildet.
Deshalb ist die Pulverform häufig unzweckmäßig. Im einzelnen gestaltet sich das Auslaugen sehr verschieden. Kräuter, Wurzeln etc.
werden fein zerschnitten oder grob gepulvert, mit kaltem oder heißem Wasser zu Brei angerührt und nach 24 Stunden ausgepreßt.
Den Preßrückstand behandelt man noch einmal in gleicher Weise und vereinigt dann den zweiten Auszug mit
dem ersten. Sehr harte Rinden oder Hölzer läßt man, mit kaltem Wasser benetzt, 30-60 Stunden stehen (Insukkation), ehe man
sie mit heißem Wasser zu einem Brei anrührt.
Ist die Anwendung der Presse ausgeschlossen, so muß man mit bedeutend größern MengenFlüssigkeit arbeiten, um die löslichen
Bestandteile möglichst vollständig zu gewinnen. Weil aber diese Flüssigkeit in der Regel wieder verdampft
werden muß, so ist es von großer Wichtigkeit, mit möglichst wenig Flüssigkeit zum Ziel zu gelangen. Dies kann nur durch
ein systematisches Verfahren erreicht werden. Enthält z. B. eine auszulaugende Erde 12 Teile Salz,
[* 4] so bedarf man, um die
Erde zunächst nur zu durchnässen, eine gewisse Quantität, vielleicht 100 Teile, Wasser.
Diese lösen die 12 Teile Salz vollständig, aber man erhält keine Lauge. Gießt man dagegen 400 Teile Wasser auf, so werden 300 Teile
als Lauge abfließen und ¾ des Salzes, also 9 Teile, ausziehen. 3 Teile Salz bleiben mit 100 Teilen Wasser
in der Erde zurück. Wenn man dagegen zunächst nur 200 Teile Wasser auf die Erde gießt, so erhält man 100 Teile Lauge mit 6 Teilen
Salz; ein zweiter Aufguß von 100 Teilen Wasser auf die schon mit Wasser gesättigte Erde liefert 100 Teile Lauge mit 3 Teilen
Salz, ein dritter Aufguß von 100 Teilen Wasser abermals 100 Teile Lauge mit 1½ Teil Salz, und man hat nun im ganzen wieder 300 Teile
Lauge, welche aber 10½ Teile Salz enthalten.
Beim fabrikmäßigen Betrieb wendet man stets das Prinzip des systematischen oder kontinuierlichen Auslaugens an. Man braucht
hierzu eine Reihe von Gefäßen mit doppeltem Boden und Abflußhahn, welche mit der auszulaugenden Substanz
gefüllt werden. In dasGefäß
[* 5] 1 bringt man reines Wasser, welches lösliche Stoffe aus der Substanz aufnimmt und nun in das
Gefäß 2 gelangt, wo es sich weiter mit löslichen Stoffen bereichert. Die Lösung gelangt dann in Gefäß
3, endlich in Gefäß 4, aus welchem sie hinreichend konzentriert abfließt. Inzwischen ist nun das Gefäß 1 viermal mit reinem
Wasser gefüllt und dadurch die in demselben enthaltene Substanz vollständig erschöpft worden. Es wird also entleert, mit
frischer Substanz beschickt und fungiert nun als letztes Gefäß, d. h. man leitet reines Wasser in Gefäß 2 und
die aus Gefäß 4 abfließende Lauge zum Schluß¶
forlaufend
noch in Gefäß 1. Hat das Gefäß 2 viermal reines Wasser empfangen, so wird es ebenfalls entleert, mit frischer Substanz beschickt,
und während nun das reine Wasser in Gefäß 3 fließt, gelangt die Lauge zuletzt aus Gefäß 1 in Gefäß 2. In dieser Weise fährt
man fort und erreicht damit, daß das reine Wasser stets auf fast erschöpfte Substanz fließt und diese
vollständig auswäscht, während sich die schon ziemlich konzentrierte Lauge zuletzt bei Berührung mit frischer Substanz
vollständig mit löslichen Teilen sättigt. Diese Methode wird auch in der Weise ausgeführt, daß man die auszulaugende Substanz
in Sieb- oder Drahtkörbe packt und diese aus einem Gefäß in das andre hebt, während sich die Flüssigkeit
in entgegengesetzter Richtung durch die terrassenförmig aufgestellten Gefäße bewegt, indem in das obere Gefäß reines Wasser
einfließt und der konzentrierte Auszug aus dem untersten Gefäß abfließt.
Zum Extrahieren von Vegetabilien wendet man häufig die Deplacierungs- oder Verdrängungsmethode an. Man
benutzt hierzu ein thönernes, innen glasiertes Gefäß, welches etwa die Form eines Zuckerhuts besitzt, stellt dasselbe mit
der Spitze nach unten in ein geeignetes Gestell, verschließt die untere Öffnung, füllt das Gefäß mit der zerkleinerten
Substanz, übergießt diese mit Wasser und überläßt den Apparat einige Zeit der Ruhe. Dann zieht man den
ersten Auszug durch die Öffnung in der Spitze des Gefäßes ab, gießt von neuem Wasser auf und wäscht, nachdem auch dieses
nach längerer Einwirkung abgezogen ist, die extrahierte Substanz durch gleichmäßiges Ausgießen von Wasser so lange aus,
bis die abfließende Flüssigkeit nur noch wenig gefärbt ist.
Statt des Thongefäßes wendet man auch ein Faß an,
[* 7] welches nahe über dem Boden mit einem Hahn
[* 8] versehen ist und über diesem
einen Siebboden enthält, auf welchen die zu extrahierende Substanz geschüttet wird. Bedeckt man dieses Faß oder das Thongefäß
mit einem am Rand luftdicht schließenden Deckel, aus dessen Mitte sich eine möglichst lange, am andern
Ende mit einem Trichter versehene Röhre vertikal erhebt, und gießt dann so viel Wasser ein, daß nicht nur das Gefäß, sondern
auch die Röhre bis in den Trichter hinein gefüllt ist, so steht die zu extrahierende Substanz unter hohem Druck und wird schneller
vom Wasser durchdrungen.
Wird als Lösungsmittel nicht Wasser, sondern eine wertvolle flüchtige Flüssigkeit, z. B. Alkohol, Äther,
Schwefelkohlenstoff, Benzin, angewandt, so benutzt man Auslauge- oder Extraktionsapparate, deren einzelne Gefäße,
um Verluste
durch Verdunstung zu vermeiden, luftdicht verschließbar sein müssen. Auch für kontinuierlichen Betrieb sind derartige Apparate
ausgebildet worden. Man versieht z. B. ein cylinderförmiges, aufrecht stehendes, luftdicht
verschließbares Gefäß in halber Höhe mit einem Siebboden und schüttet auf diesen die zu extrahierende
Substanz, während der Äther sich in dem untern Raum befindet, der mittels Doppelbodens durch Dampf geheizt wird.