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Der Autor James Joyce lebte nicht nur in Zürich, Teile seines Hauptwerks "Ulysses" entstanden gar in der Limmatstadt. Am gesellschaftlichen Leben nahm der Dichter, dem seine irische Heimat zu eng war, aber nur wenig teil.
Eine eigene Stiftung hält heute die Erinnerung an den Begründer des Neuen Romans aufrecht.
"Es ist Zufall, dass James Joyce 1904 nach Zürich kommt – er glaubt, er hätte eine Stelle als Sprachlehrer in Aussicht", sagt Fritz Senn, Leiter der "Zürich James Joyce Foundation". "Er und seine Begleiterin Nora Barnacle wohnen nahe der Sihlpost, in einer billigen Absteige."
Der erste Aufenthalt in Zürich von Joyce und seiner zukünftigen Ehefrau dauert nur wenige Tage: Aus der Stelle wird nichts, und sie ziehen weiter nach Triest, das zu Österreich-Ungarn gehört.
Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges wird Joyce dort zur unerwünschten Person: Das Paar und die Kinder Giorgio und Lucia flüchten in die Schweiz. Im Juni 1915 kommen sie in Zürich an.
Needle Park und Trend-Quartier
Sie wohnen in derselben Pension im Industrie-Quartier wie bei der ersten Durchreise, später an vier verschiedenen Adressen im Quartier Seefeld.
"Mit der Zeit hat ihm Zürich gefallen", erklärt Senn, der als einer der renommiertesten Joyce-Forscher gilt. "Er mag Flüsse, beim Zusammenfluss ist er am liebsten."
Das Industrie-Quartier ist heute das Trend-Quartier von Zürich, in dem billiger Wohnraum rar ist, und der dortige Platzspitz erlangte in den frühen 90er-Jahren mit seiner offenen Drogenszene traurige Berühmtheit als "Zurich Needle Park".
Ulysses im Universitäts-Quartier
Nach einem Abstecher ins Tessin wird die Universitäts-Strasse 38 im gutbürgerlichen Stadtkreis 6 zur neuen Heimat. "Hier schreibt er viel an den frühen Kapiteln von Ulysses", erklärt Joyce-Kenner Senn. "Der Hauptteil entsteht aber später in Paris." Eine Gedenktafel am Haus erinnert an Ulysses.
Später wechselt Joyce auf die andere Stassenseite ins Haus Nummer 29. Heute findet sich darin ein Bräunungsstudio und ein Antiquariat.
"Spätestens seit dem 100. Bloomsday im vergangenen Frühling ist Joyce wieder en vogue", sagt Willy Benz, der Inhaber des Buchladens. "Immer wieder kommen Interessierte vorbei." Und ja: Ulysses steht antiquarisch im Sortiment.
Kein Kontakt mit Dada
Seine Abende verbringt Joyce im Restaurant Pfauen beim Kunsthaus oder - seltener - im Café Odeon am Bellevue. In der Kronenhalle an der Rämistrasse trifft er sich mit Freunden zum Essen.
"Er nimmt nicht am gesellschaftlich Leben teil", weiss Senn. An angeblichen Kontakten mit den Dadaisten zweifelt er: "Wir wissen nichts Konkretes. Er ist besessen auf seine eigene Arbeit ausgerichtet."
Eigener Pub und Stiftung
In der Zentralbibliothek mitten im Niederdorf leiht er Bücher über seine griechische Vorlage aus. "In einem Buch, das er sicher benutzt hat, wird eine Stelle mit einem kleinen Bleistiftstrich markiert - man könnte denken, er sei von ihm", schmunzelt Senn.
Die Joyce-Stiftung wurde 1985 von der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft gegründet, ist aber heute finanziell unabhängig. Die Stiftung befasst sich - auch in wöchentlichen Lesungen - mit den Werken von Joyce.
Auslöser war die Überführung der Einrichtung von "Jury's Antique Bar" nach deren Abriss von Dublin nach Zürich: Gerüchteweise hatte Joyce dort verkehrt.
Teetasse, Spazierstock und Koffer
Umbenannt in "James Joyce Pub" steht das Lokal, dominiert von vier grünen Ledersitzkojen und einer geschnitzten Bar, an der Pelikanstrasse im Bankenviertel und wurde erst diesen Sommer renoviert.
In Senns Büro in der Foundation im verwinkelten Altstadthaus stapeln sich Papier und Bücher. "Wir haben die grösste James Joyce-Bibliothek von Europa", sagt er mit Genugtuung.
In einer Vitrine neben dem Laserdrucker stehen eine Totenmaske des Autors, Spazierstöcke, eine Teetasse, signierte Bücher und ein Reisekoffer, der Joyce gehört haben soll.
Flucht vor den Nazis
Ob er diesen bei seiner Reise nach Paris dabei hatte, kann niemand sagen. Tatsache ist, dass Joyce mit seiner Familie 1920 in die französische Hauptstadt übersiedelt.
1922 erscheint "Ulysses". Die Veröffentlichung wird wegen angeblicher Pornografie und Blasphemie zum Skandal.
Er schreibt sein letztes Werk, "Finnegans Wake", das 1939 erscheint. Bei Besuchen in Zürich – unter anderem für Augenoperationen – wohnt er in den edlen Hotels Gotthard und Carlton Elite an der Bahnhofstrasse.
Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Paris flüchtet die Familie erneut nach Zürich – nach hartnäckigem Ringen mit der Fremdenpolizei und nachdem Freunde eine beträchtliche Summe als Sicherheit hinterlegt hatten.
Tod in Zürich
Hier stirbt Joyce am 13. Januar 1941 nach einer Darmoperation. Er wird auf dem Friedhof Fluntern beim Zoo begraben. Es sei ein Trost für seine Frau Nora gewesen, dass Joyce das Gebrüll der Tiere hören konnte, schreibt die Joyce Foundation in einer kleinen Broschüre "James Joyce in Zürich".
Seit 1966 liegt er, zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, in einem Ehrengrab.
Am warmen Spätsommertag an dem diese Geschichte geschrieben wird, dröhnt auf dem Friedhof allerdings kein Löwen-Gebrüll, sondern der Rasenmäher des Friedhof-Gärtners.
swissinfo, Philippe Kropf, Zürich
Fakten
James Augustine Aloysius Joyce, geboren am 2. Februar 1882 in Dublin, gestorben am 13. Januar 1941 in Zürich.
Verheiratet mit Nora Joyce, zwei Kinder Giorgio und Lucia.
Seine Werke sind "Dubliners" (1914), "A Portrait of the Artist as a Young Man" (1916), "Ulysses" (1922) und "Finnegans Wake" (1939).
Er zählt zu den wichtisten Autoren des 20. Jahrhunderts.
In Kürze
"Ulysses" beschreibt einen einzigen Tag (den 16. Juni 1904) im Leben des Anzeigenverkäufers Leopold Bloom.
Joyces Hauptwerk ist eine Adaption der homerischen Odyssee und gilt heute als der moderne Roman schlechthin.
Der Autor perfektionierte darin die Erzählweise des "Gedankenstroms".
Der 16. Juni wird von Fans weltweit als "Bloomsday" begangen.