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Ich kann das Gejammer über die hohen Preise in der Schweiz nicht mehr hören. Selbstverständlich ist es als Konsument in Ordnung, möglichst tiefe Preise zu fordern. Aber der Staat hat nicht die Aufgabe, tiefe Preise zu garantieren. Es gibt weder ein Grundrecht auf «tiefe Preise» noch auf «gleiche Preise wie im Ausland».
Und überhaupt sind hohe Preise kein wirkliches Problem, denn entscheidend ist schlussendlich immer die Kaufkraft. Meinen Überlegungen liegen zwei Prämissen zugrunde:
- Es ist weder illegal noch unmoralisch, mit dem Verkauf eines Produkts einen Gewinn erzielen zu wollen.
- Jedes Unternehmen versucht naturgemäss, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen.
Wenn wir weiter davon ausgehen, dass ein Unternehmen frei ist in der Preisgestaltung, so gibt es nur zwei Gründe, weshalb es die Preise reduzieren wird:
- Das Unternehmen erwartet, dass es zu einem tieferen Preis mehr Produkte verkaufen kann und damit insgesamt mehr Gewinn erzielt (Preiselastizität).
- Die Konkurrenz reduziert die Preise und das Unternehmen muss nachziehen, um keine Kunden zu verlieren.
Nebst der Konkurrenzsituation gibt es einen weiteren wichtigen Treiber für die Preisfestsetzung, nämlich die jeweilige Kaufkraft. Negativ gesprochen kann man es Kaufkraftabschöpfung nennen, weil ein Unternehmen in jedem Land den höchstmöglichen Preis versucht zu erzielen, den die Konsumenten bereit sind zu bezahlen. Und hier kommen wir zum wichtigsten Aspekt: Das ganze funktioniert nämlich auch in die andere Richtung. Nivea kann ihre Salben in Deutschland gar nicht zum gleichen Preis verkaufen wie in der Schweiz, weil es sich sonst dort nämlich kaum einer mehr leisten könnte.
Konkretes Beispiel: Nach dem Streik bei der Deutschen Post hat sie sich mit der Gewerkschaft ver.di auf einen Stundenlohn von €14 geeinigt. Nicht ohne zu betonen, dass gewisse Mitbewerber nur €8.50 zahlen. Zum Vergleich: Der Mindestlohn bei der Schweizerischen Post beträgt CHF 47’620 pro Jahr bzw. CHF 23 pro Stunde. Der Paketbote in Deutschland verdient also für die gleiche Leistung nur 2/3 so viel wie sein Schweizer Kollege. Entsprechend müssen die Produkte in Deutschland doch deutlich billiger sein als hier in der Schweiz.
Die UBS gibt alle 3 Jahre eine Studie zu Preisen, Löhnen und Kaufkraft heraus. Vor ein paar Tagen publizierte sie diejenige für 2015. Selbstverständlich schwingen die Schweizer Städte bei den Preisen immer oben hinaus. Da aber auch unsere Löhne sehr hoch (und die Steuern tief) sind, stehen wir bezüglich Kaufkraft weltweit viel viel besser dar, wie die folgende Grafik zeigt:
Nochmals: Selbstverständlich ist es legitim, als Konsument tiefere Preise zu fordern. Niemand muss ein Produkt kaufen, wenn er es überteuert findet. Auch ein Preispranger mag ein mögliches Mittel sein, um Unternehmen zu motivieren, die Preise zu senken. Der Online-Handel tut das seinige dazu. Falsch ist es aber, nach dem Staat zu rufen. Wenn wir eine liberale Wirtschaftsordnung haben, welche den Unternehmen grösstmögliche Freiheit gibt, dann müssen wir akzeptieren, dass dies in den allermeisten Fällen sehr positiv ist, in ein paar Ausnahmen aber vielleicht suboptimal. Jedes auftretende Problem aber gleich mit einem neuen Gesetz und Strafen bekämpfen zu wollen. An solchen Beispielen zeigt sich, wer wirklich liberal ist!