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Erasmus Ritter
Die Gesellschaft zu Zimmerleuten gilt als eine der unbedeutenden Zünfte Berns; politisch schwergewichtige Angehörige hatte unsere Gesellschaft im Ancien Régime nur vereinzelt. Umso mehr ragt ein Vertreter des «Handwerks» heraus: Erasmus Ritter, ein «Stararchitekt» des 18. Jahrhunderts1. Er ist heute weniger bekannt als sein Zeitgenosse Niklaus Sprüngli (1725–1802). über sein Leben weiss man nur relativ wenig, obwohl er bedeutende Bauwerke plante. Sein Nachlass befindet sich in der Burgerbibliothek; dies sind in erster Linie Zeichnungen und Aquarelle sowie eine kleine Korrespondenzsammlung2.
Ritter hatte in Bern die Lateinschule absolviert und verfügte somit über eine humanistische Bildung. Dies dürfte einem Wunsch seines Vaters entsprochen haben, der als Stadtarzt von Bern darauf bedacht war, Erasmus eine akademische Laufbahn zu ermöglichen. Seine darauf folgende Ausbildung zum Architekten dauerte ganze 12 Jahre! Sie begann mit einer fünfjährigen Lehrzeit (1739–1744) bei einem bernischen Werkmeister, während der er sich mit dem Bauhandwerk vertraut machte. Nach Studien in Genf, Kassel, Göttingen, Dresden, Paris (1749–1754), Orléans und Italien kehrte er 1756 nach Bern zurück. Prägend war sein Aufenthalt in Paris, wo er die Blütezeit der Ecole des Arts erlebte. Schon in Deutschland und später in Paris bildete er sich auch im Ingenieurwesen, speziell Brücken- und Wasserbau, aus.
Nach seiner Rückkehr nach Bern arbeitete Ritter als freischaffender Architekt, da er keine obrigkeitliche Anstellung, beispielsweise als Werkmeister, erhielt. In dieser Zeit verliess er auch die väterliche Gesellschaft zu Mittellöwen und trat am 3. März 1764 der Gesellschaft zu Zimmerleuten bei3. 1771 wurde er zum Stubenmeister gewählt4, 1780 zum Vorgesetzten der Gesellschaft5. Allerdings scheint er das Amt nicht immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit versehen zu haben, wurde doch im Protokoll vom 31. März 1802 festgehalten: «Zedel an Herrn Fürsprech Gruber und Herrn Kaufhausverwalter Ritter. Sollen selbige höflich aufgefordert werden, denen Vorgesetzten Versammlungen, in Zukonft fleissiger als bis dahin beschehen, beyzuwohnen.»6
Ritter scheint von der bernischen Architektur seiner Zeit nicht gerade viel gehalten zu haben. Jedenfalls schreibt ihm sein Pariser Kollege Jacques François Blondel als Antwort auf einen Brief am 13. September 1758: «J’imagine bien, Monsieur, qu’avec des talents comme les vôtre vous vous impatientés un peu de la mediocrité des travaux qui se font à Berne, mais il faut attendre des moments plus heureux et je ne doute point que vous ne trouviées occasion un jour de les mettre en évidence.»7 Dies war tatsächlich der Fall. Er erhielt seine Architekturaufträge sowohl von Privaten als auch von der Obrigkeit.
Auf deren Geheiss sanierte er 1757–1759 die Untertorbrücke und entwarf die beidseitigen Tore, die leider im 19. Jahrhundert abgerissen wurden. 1778 wurde der von ihm entworfene Kreuzgassbrunnen (mit dem «Obelisken») gebaut. Von Ritter stammen auch das Hôtel du Peyrou und die Petite Rochette in Neuenburg (1764–1772 bzw. 1764–1770), der Ausbau des Steigergutes in Tschugg (1765–1770), das Haus von David Salomon v. Wattenwyl an der Herrengasse 23 (östlich an das Casino anschliessend, 1760–1764) und das Haus von Johann Rudolf Fischer an der Amthausgasse 5 (heute Burgerkanzlei). In den Jahren 1757–1760 erhielt Ritter eine ganze Reihe von Aufträgen für Gutachten, Reparaturen, Neubauprojekte für obrigkeitliche Bauten sowie für die Sanierung hochwassergeschädigter Wasserbauten. Zahlreiche Projekte für staatliche und private Bauten blieben unausgeführt. In Wimmis erstellte er ökonomiegebäude für das Schloss und die neue steinerne Simmenbrücke. In beiden Fällen traten gravierende Mängel auf; die Brücke von Wimmis war schon beim Bau dem Einsturz nahe und befriedigte erst nach einem zweiten Anlauf. Deshalb erhielt er von da an keine staatlichen Aufträge mehr. Schlecht lief auch der Neubau des Temple in Morges, weil der neue Turm einzustürzen drohte und nach einem Abbruch noch einmal aufgeführt werden musste. Beide Male lagen die Probleme darin begründet, dass Ritter zwar ein gutes Projekt entworfen, die Bauführung jedoch vernachlässigt hatte.
Erasmus Ritter: «Esquize d’une nouvelle Eglise à la Nidegg à batir et Ebauche des façades neuves pour les Maisons du Quartier.»
Da es für einen freischaffenden Architekten schwierig war, ein regelmässiges Einkommen zu erzielen, musste Ritter sich nach einer besoldeten Tätigkeit umsehen, um seine Familie ernähren zu können. 1771 nahm er den Posten eines Kaufhausverwalters an. Das Kaufhaus (heutige Adresse: Kramgasse 20) diente als Zollstelle: alle Waren, die zum Verkauf in Bern eingeführt wurden oder zur Ausfuhr aus der Stadt bestimmt waren, mussten im Kaufhaus verzollt werden. Dort zählte und wog man sie und bestimmte ihren Wert. Als Kaufhausverwalter musste Ritter zusammen mit seinem Kollegen alle Gebühren beziehen, die Buchhaltung führen und jeden Monat sowie am Jahresende Rechnung ablegen8.
Der Name Erasmus Ritter ist heute nicht nur den Architekturhistorikern ein Begriff, sondern auch all jenen, die sich mit der Geschichte von Avenches befassen. Ritter erforschte in den Jahren 1783–1786 Aventicum, und er überwachte auch im Auftrag der Regierung die Grabungskampagne des Engländers Lord Spencer Compton. Als Ergebnis seiner Arbeiten legte Ritter 1788 eine ganze Anzahl unter dem Namen «Antiquités de la Suisse» bekannt gewordene Pläne und Ansichten vor. Diese enthalten sowohl Werke von Ritter als auch die anderer Künstler; einige der Vorlagen wurden von M.-G. Eichler (1748–1818) gestochen.
Nach seiner Rückkehr 1756 verkroch sich Ritter nicht einfach in Bern, sondern suchte weiterhin den Anschluss an die internationalen Entwicklungen. Er bemühte sich um die Mitgliedschaft in ausländischen gelehrten Gesellschaften und wurde schliesslich aufgenommen in die Academia Clementina in Bologna (1756), die Académie royale d’architecture in Paris (1769), die Akademie in Dresden (1770), die Académie de peinture et de sculpture (1779) sowie die Gesellschaft der Alterthümer (1780) in Kassel. In Bern hatte er sich der ökonomischen Gesellschaft angeschlossen, in deren Zeitschrift er auch publizierte. Geradezu aktuell mutet ein Artikel von 1770 mit dem Titel «Das Holzsparen in Küchen und öfen» an.
Die Briefsammlung Ritters gibt einen guten Einblick in sein weites Beziehungsnetz. Dieses ermöglichte es ihm, über internationale Entwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben, und es diente dem gegenseitigen Austausch von Kunstwerken. Aber auch über seine Freunde und Bekannten in Bern gibt sie Auskunft. Ebenso ist ersichtlich, dass er in ein ganzes Geflecht von Gefälligkeiten und Empfehlungen eingebunden war. So erfährt man beispielsweise, dass Ritter 1768 bei einem Aufenthalt in Paris für den Maler und Kupferstecher Johann Ludwig Aberli Pinsel, Bleistifte und Papier besorgen musste. Ein anderes Beispiel ist Vinzenz Frisching, der sein Heim schmücken wollte. Er schrieb Ritter am 25. März 1755:
«je voudrois, a ce but, y placer quelques Peintures de Devotions, mais je ne suis pas Connoisseur, et je suis a Berne, – Vous par contre, Vous Vous y entendés, et Vous ettes a Rome […].»9
Materiell scheint es Erasmus Ritter bis ins Alter gut gegangen zu sein. Jedenfalls hinterliess er nach seinem Tod mehrere Stadthäuser und eine Kunstsammlung.
Legende zur Abbildung: Erasmus Ritter: «Esquize d’une nouvelle Eglise à la Nidegg à batir et Ebauche des façades neuves pour les Maisons du Quartier.» Plan ohne Datum (Burgerbibliothek Bern, Gr. B. 406). Leider durfte Ritter nicht so, wie er wollte. Schade!
Philipp Stämpfli
1 Literatur: Lörtscher, Thomas: Erasmus Ritter. Eine internationale Architekten- und Ingenieurausbildung um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Diss. Bern 1993; Lörtscher, Thomas/Germann, Georg (Hg.): «währschafft, nuzlich und schön»: Bernische Architekturzeichnungen des 18. Jahrhunderts. Bern 1994; Stettler, Michael: Aare, Bär und Sterne. Bern 1972; Herzig, Heinz E./Hochuli-Gysel, Anne: Klassische Welten. Der Plan von Avenches von Erasmus Ritter, 1786. In: Klöti, Thomas u.a. (Hg.): Der Weltensammler. Eine aktuelle Sicht auf die 16 000 Landkarten des Johann Friedrich von Ryhiner. Murten, 1998.
2 Zeichnungen: Mss.h.h. XXIa.91–92; Korrespondenz: Mss.h.h. XXV.71.
3 ZA Zimmerleuten 123, S. 65.
4 ZA Zimmerleuten 9, S. 262.
5 ZA Zimmerleuten 10, S. 82.
6 ZA Zimmerleuten 13, S. 128.
7 Mss.h.h. XXV. 71, Nr. 15.
8 Rechtsquellen des Kantons Bern, Stadtrecht von Bern IX 2, S. 743 ff.
9 Mss.h.h. XXV. 71, Nr. 19.