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| Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)

II. Buch
1. Zeugnisse der Heiligen Schrift für die Gegenwart Gottes
Die angeführten Beispiele genügen, um zu beweisen, daß Gott immerdar ein überaus besorgter Wächter über uns ist, ein gütiger Lenker und ein sehr gerechter Richter. Aber vielleicht denkt einer von den weniger Einsichtigen: Wenn Gott jetzt noch alles so regiert wie ehedem, warum sind dann die Bösen mächtig, die Guten gedrückt? Und während doch ehedem die Bösen den Zorn Gottes zu fühlen bekamen, die Guten seine Barmherzigkeit, scheint es jetzt, als litten sozusagen die Guten unter seinem Zorn und empfingen die Schlechten seine Gnade. Später möchte ich diesem Einwand begegnen. Zunächst etwas anderes: Ich habe doch versprochen, diese drei Punkte, die Gegenwart Gottes, seine Lenker- und seine Richtertätigkeit auf dreifache Art zu beweisen: durch die Vernunft, durch Beispiele, durch Zeugnisse. Und weil Vernunftbeweise und Beispiele bereits erledigt sind, so bleibt uns noch der Beweis durch Zeugnisse, obgleich ja auch schon die angeführten Beispiele für Zeugnisse gelten könnten, weil mit Recht das ein Zeugnis genannt werden kann, wodurch die Wahrheit einer Behauptung bewiesen wird. Welcher von den drei angeführten Punkten soll nun eher durch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift bewiesen werden, die Gegenwart, die Lenker- oder die Richtertätigkeit? Ich glaube, die Gegenwart, weil der, der regieren oder richten will, zweifellos gegenwärtig sein muß, um alles, was es auch sei, regieren oder richten zu können. Die Heilige Schrift [S. 73] spricht nun in ihren Büchern also: „Überall schauen die Augen Gottes auf die Guten und auf die Bösen." 1 Siehe, da hast du den gegenwärtigen Gott; siehe, wie er alles beobachtet, wie sein Auge über alles wacht! Deshalb nämlich sagt die Heilige Schrift, daß Gute und Böse von Gott gesehen werden, um zu beweisen, daß nichts von ihm vernachlässigt werde, und um zu zeigen, daß er alles durchforsche. Um das besser zu verstehen, höre, was der Heilige Geist auch an einer anderen Stelle der Heiligen Schrift bezeugt: „Die Augen des Herrn sind über denen, die ihn fürchten, damit er ihre Seelen vom Untergang errette und ihren Hunger stille." 2 Warum heißt es nun von Gott, er schaue auf die Menschen? Natürlich, um sie zu bewahren und zu beschützen. Denn das Herniederschauen der huldreichen Gottheit ist ein Gnadengeschenk für die hienieden wandelnden Menschen. Denn auch an anderer Stelle sagt der Heilige Geist; „Das Auge des Herrn wacht über die Gerechten, und sein Ohr ist ihren Bitten geneigt." 3 Sieh, wie gütig Gott nach der Schrift mit den Seinen umgeht! Wenn sie nämlich sagt, das Auge des Herrn wache über die Gerechten, so zeigt sie die Liebe des Wachenden; wenn sie sagt, seine Ohren seien Bitten immer geneigt, so wird die Freigebigkeit dessen, der regiert, aufgezeigt. Ja, wenn sie sagt, Gottes Ohr sei den Bitten der Gerechten immer geneigt, so spricht sie nicht nur von einem Zuhören, sondern gewissermaßen sogar von einem Gehorsam Gottes. Denn wie neigt sich Gottes Ohr den Bitten der Gerechten? Wie anders, als indem er immer hört, immer erhört, schnell dem Gehörten Gewährung zusagt und auf die Erhörung die Erfüllung folgen läßt? Immer ist also das Ohr unseres Herrn bereit, immer aufmerksam die Bitten der Heiligen zu hören. Wie glücklich wären wir alle, wenn auch wir Gott so schnell hören würden, wie wir gelesen haben, daß er uns hört! Aber vielleicht sagst du: Wenn zu lesen ist, Gott sehe auf die Gerechten, so diene [S. 74] das unserer Sache wenig, weil die Aufmerksamkeit Gottes nicht allgemein sei, wenn sie nur den Gerechten durch besondere Güte zuteil werde. Zwar steht schon weiter oben das Zeugnis der Heiligen Schrift, daß die Augen Gottes auf die Guten und die Bösen schauen. Wenn aber du auch jetzt noch einen stärkeren Beweis willst, so beachte das Folgende, denn es wird hinzugesetzt: „Das Antlitz des Herrn ist über den Missetätern, damit er ihr Andenken von der Erde vertilge." 4 Du siehst nun zweifellos ein, daß du keinen Grund zur Klage hast, Gott schaue nicht auch auf die Bösen; denn es ist dir klar, daß die Aufmerksamkeit des Herrn im allgemeinen zwar allen gilt, daß sie aber infolge der Ungleichheit der Verdienste verschiedene Formen zeigt. Die Guten werden beachtet, um gerettet, die Bösen, um vernichtet zu werden. Wahrhaftig, an letzteren hast auch du teil, der du leugnest, daß der Mensch von Gott beachtet werde; sieh daher nicht nur mit aller Klarheit ein, daß Gott auf dich herabschaut, sondern erkenne auch ohne Rückhalt an, daß du zugrunde gehen wirst. Denn da das Auge des Herrn zu dem Zweck über die Missetäter wacht, um ihr Andenken von der Erde zu vertilgen, so mußt du, der du frevelhafterweise leugnest, daß Gott herabblicke, durch deine Verworfenheit den Zorn dessen erfahren, der wirklich herabsieht. Soweit über das Gegenwärtigsein und das Schauen Gottes.
1: Sprichw. 15, 3.
2: Ps. 32, 18 f.
3: Ebd. 33, 16.
4: Ps. 33, 17.