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Jugendbücher: Kunst oder Konsum?
Rosmarie Zeller
Aktuelle Jugendliteratur bewegt sich zwischen künstlerischen Ansprüchen und den Regeln des Markts – und oft überwiegen Letztere.
Jugendliteratur gehört zum grossen Bereich der nichtkanonischen Literatur, die normalerweise keinen Eingang in die akademische Lehre findet und nur Gegenstand pädagogischer Interessen ist. Wenn man in der Schule nicht nur Sachtexte, sondern auch literarische Werke liest, so weil Lehrplangestalter und Pädagoginnen offenbar der Meinung sind, die Lernenden sollten Texte nicht nur für den Alltagsgebrauch lesen und verstehen können, sondern auch literarische Kompetenzen erwerben, die dazu befähigen, fiktionale Texte und komplexere Zusammenhänge zu verstehen und so an der Kultur teilhaben zu können.
Einfachere Texte
Jugendliche müssen sich literarische Kompetenzen erst erwerben: etwa die Fähigkeit, Texte auch auf einer uneigentlichen Ebene zu verstehen, gattungsmässige Eigenheiten zu erfassen oder gewisse Erwartungen über den Fortgang der Handlung zu entwickeln. Daher versteht es sich von selbst, dass für sie geschriebene Texte einfacher strukturiert sind als solche, die sich an ein literarisch versierteres Publikum wenden. Bearbeitungen von kanonischer Literatur für die Jugend wie etwa jene von «Onkel Toms Hütte» oder «Robinson Crusoe» zeigen, dass der Wortschatz vereinfacht wird, ungebräuchliche oder poetische Wörter vermieden, Nebenhandlungen ebenso wie jene Episoden eliminiert werden, die ein gewisses Wissen voraussetzen. Die Verfasser von Jugendliteratur befinden sich demnach immer im Dilemma zwischen dem Anspruch, einen künstlerisch nicht anspruchslosen Text zu schreiben, und dem Bestreben, die Jugendlichen bei ihren Kompetenzen abzuholen. Die Versuchung, den Anforderungen des Markts nachzugeben, scheint bei der Jugendliteratur besonders gross, wie sich bei einem Blick auf einige Jugendbücher zeigt, die in den letzten zehn Jahren für den Deutschen Jugendbuchpreis vorgeschlagen wurden oder ihn gar erhalten haben.
Häufige Ich-Form
Die Autoren und Autorinnen scheinen den Jugendlichen je länger, je weniger literarische Kompetenzen sowohl im Hinblick auf die Geschichte wie auch auf den Stil zuzutrauen. Als Tempus scheint die neuste Jugendliteratur fast ausnahmslos nur noch das Präsens zu kennen, auch wenn man die meisten Texte problemlos ins Präteritum setzen könnte. Erzählt wird am häufigsten in der Ich-Form, wobei es die Autorinnen und Leser nicht zu stören scheint, dass 14-Jährige (von denen noch gesagt wird, dass sie Mühe in der Schule haben) so gewandt reden wie erfahrene Journalisten. Selten wird die beschränkte Perspektive der Jugendlichen oder ihre Sprache künstlerisch genutzt, denn den Autoren ist bewusst, dass ein exzessiver Gebrauch von Jugendsprache die Gefahr von Unverständlichkeit in sich birgt. Allerdings hat schon J. D. Salinger mit seinem «Fänger im Roggen» (1951) gezeigt, wie man die Sprache Jugendlicher künstlerisch einsetzen kann. Alexa Hennig von Langes «Relax» (1997) dagegen wirkt wie ein schwacher Abklatsch davon, bereichert um einige neue Ausdrücke aus der Drogen- und Sexszene. Dass man gerade auch die noch nicht sehr virtuose Sprachfähigkeit der Jugendlichen literarisch nutzen kann, zeigt Christine Nöstlinger mit «Wir pfeifen auf den Gurkenkönig» (1972), in dem der 12-jährige Wolfgang die phantastische Geschichte des Gurkenkönigs mit Hilfe der «Deutschlehrergliederung» erzählt und sich auch sonst Mühe gibt, sich den vom Lehrer propagierten Regeln anzupassen, was ihm zum Vergnügen des Lesers aber nur halb gelingt.
Beziehungsprobleme
Den exzessiven Gebrauch von Präsens und Ich-Perspektive in diesen Jugendromanen kann man sich eigentlich nur mit der Orientierung an einem journalistischen Konzept erklären. Danach müsse Literatur erstens authentisch sein, was zweitens nur gelinge, wenn man Jugendliche schön chronologisch, möglichst kunstlos und zugleich gut verständlich selbst erzählen lässt und ja nicht etwa einen Erzähler dazwischenschiebt. So wird der Text auch einfach konsumierbar, er verlangt vom Leser nur eine sehr geringe Mitarbeit, die er sich längst bei der Lektüre der People-Presse erworben hat. Literatur wird zum Konsumprodukt und verliert ihren Kunstcharakter. Dass es in vielen aktuellen Romanen allein um anstrengungslosen Konsum geht, zeigt auch der Inhalt: Es geht um Beziehungsprobleme der Jugendlichen untereinander, um Partys, Sex mit einer Vorliebe für homosexuelle Beziehungen, Alkohol und Drogen, wobei seltsamerweise Geld keine Rolle spielt – so wie es überhaupt oft an konkreten Angaben zur dargestellten Welt fehlt. Dass das Buch Hennig von Langes «Ich habe einfach Glück»(2001), in dem die Heldin Lelle magersüchtig, die Mutter hysterisch und vielleicht alkoholsüchtig ist, die Schwester psychisch gestört und der Vater das Leben ebenfalls nicht recht zu bewältigen scheint, als «der ganz normale Familienwahnsinn » angepriesen wird, ist bezeichnend für diese Literatur, die Alkohol, Drogen und Sex ab 14 Jahren zur Normalität erhebt. Probleme, die es in der Welt sonst noch gibt, wie etwa Umweltfragen, soziale Ungerechtigkeit und Armut, geraten nicht in den Blick.
Pseudowirklichkeit
Konnte man in der Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts noch oft das Thema der jugendlichen Solidarität finden, so hat man es heute mit wenigen Ausnahmen doch eher mit jungen Egoisten zu tun, deren Leben im Grund nur am Wochenende erzählenswert ist. Das übliche Personal der Jugendliteratur wie Eltern, Grosseltern und Lehrer hat weitgehend abgedankt. Eine Ausnahme bildet etwa Andreas Steinhöfels komplex auf mehreren zeitlichen Ebenen konstruierter Roman «Die Mitte der Welt» (1998), der in einer Art verwunschenem Haus spielt, wo eine nymphomanische Mutter ihre Zwillinge nicht nach den Regeln der Gesellschaft aufzieht. Die «Hexenkinder» schlagen sich mit ihren Feinden, sie entdecken Natur und Literatur, aber auch allerlei mehr oder weniger von der Norm abweichende Menschen. Hier leistet Literatur, was sie eigentlich immer auch leisten sollte: die Lesenden in eine andere Welt zu entführen, die sie nicht schon zum vornherein aus Zeitungen und Zeitschriften kennen. Der unglaubliche Erfolg der «Harry-Potter»-Romane (deutsch ab 1998) hat gezeigt, dass Jugendliche durchaus fähig sind, komplexere Texte zu lesen, auch ohne dass sie alle Anspielungen verstehen müssen. Solche Texte können auf mehreren Ebenen gelesen werden, während andere oft nur eine platte Pseudowirklichkeit darstellen. Es passt dazu, dass in den Urteilen der Jury zum Deutschen Jugendbuchpreis immer wieder die treffende Darstellung der Realität hervorgehoben wird. Genau dies kann aber eine journalistische Darstellung genauso gut leisten. Literatur sollte mehr sein als Wiedergabe der Realität, sie hat, wie alle Kunst, auch die Funktion, Widerstand gegen den Konsum zu sein. Das würde aber bedeuten, dass die Autoren beim Schreiben nicht auf den Markt schielen sollten.