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Wahnsinn oder genialer Zug? Die Meinungen sind geteilt. Faszinierend ist es aber auf jeden Fall: Die Rede ist von «The Line», dem neusten Projekt innerhalb des Mega-Projekts «Neom» im Nordwesten Saudi-Arabiens (Travelnews berichtete).
«The Line» ist eine Planstadt, welche nur 200 Meter breit, aber 170 Kilometer lang sein wird und innerhalb von riesigen, bis zu 500 Meter über dem Meeresspiegel herausragenden verglasten Wänden entsteht. Die Kapazität ist für 9 Millionen Einwohner ausgelegt, auf einer Fläche von lediglich 34 Quadratkilometern, was den Platzbedarf für die Infrastruktur verringert und dank unvergleichlicher Effizienz der städtischen Funktionen ermöglicht werden soll. Die Stadt wird zwar vom Roten Meer ausgehend direkt in die Wüste hineingebaut, doch soll sie ganzjährig ideales Klima bieten. Die Energiegewinnung soll nachhaltig funktionieren, und auf Autos oder andere fossile Antriebe wird komplett verzichtet: Bewohner sollen alles zum Leben Notwendige innert fünf Minuten zu Fuss erreichen können; sollte man innerhalb der Line mal weiter gehen wollen, kommt man per Hochgeschwindigkeitszug innert maximal 20 Minuten wohin man will. Das Präsentationsvideo des saudischen «Neom Project» mutet derweil wie ein Science-Fiction-Film an:
Die Frage ist natürlich, ob man in so einer Stadt - so begrünt und nachhaltig und praktisch sie auch sein mag - wohnen möchte. Doch in Saudi-Arabien werden dazu keine Umfragen durchgeführt, sondern es werden Nägel mit Köpfen gemacht. «The Line» ist nur das neuste von mehreren Grossprojekten innerhalb von Neom, diesem «urbanen Labor», das sich südlich von Akaba (Jordanien) und gegenüber der Sinai-Halbinsel am Roten Meer landeinwärts in der saudischen Provinz Tabuk über eine Fläche grösser als Belgien erstrecken wird. Die lineare Metropole ergänzt ein - ja tatsächlich! - Skigebiet in den Bergen von Neom namens «Trojena» und eine Industriestadt, die teilweise auf dem Roten Meer schwimmt und den Namen «Oxagon» tragen wird.
Neom wurde 2017 angekündigt und ist Teil der Bemühungen Saudi-Arabiens, seine vom Öl abhängige Wirtschaft zu diversifizieren. Der international umstrittene Kronprinz Mohammed bin Salman bezeichnet es als eine Brutstätte für neue Technologien, die das städtische Leben revolutionieren und ausländische Investitionen fördern könnten. Es wird auch als ein «lebendiges Labor» bezeichnet, in dem Unternehmertum und Innovation zusammenkommen, um eine neue Zukunft zu gestalten.
Grüne Wüste?
Man mag von den Projekten halten was man will - mit dem Nachhaltigkeits-Thema meinen es die Saudis ernst. Neom soll zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist sein; die Line verfügt über ein ganzjährig gemässigtes Mikroklima mit natürlicher Belüftung, wie es im oben verlinkten Video heisst. Neom ist sicherlich auch gut positioniert, um Sonnen- und Windenergie zu nutzen, und es gibt Pläne, dass die Stadt die grösste grüne Wasserstoffanlage der Welt beherbergen soll.
Im Rahmen seines Programms zur Sanierung von mindestens 1,5 Millionen Hektar Land hat Neom eine Initiative angekündigt, womit bis 2030 rund 100 Millionen einheimische Bäume, Sträucher und Gräser angesiedelt werden sollen, um die Wiederherstellung von erodiertem Land und von Lebensräumen für Wildtiere zu unterstützen.
Laut Kronprinz Mohammed bin Salman soll Neom bis 2030 bereits 1,2 Millionen Einwohner haben und bis 2045 auf die anvisierten neun Millionen ansteigen. Dies ist Teil eines erwarteten landesweiten Bevölkerungsbooms, der notwendig wäre, um Saudi-Arabien - bislang vor allem als grösster Erdölexporteur der Welt bekannt - zu einem diversifizierten wirtschaftlichen Kraftzentrum zu machen. Bis 2030 sollen 50 Millionen Menschen - zur Hälfte Saudis und zur Hälfte Ausländer - im Königreich leben; heute sind es etwa 34 Millionen. Bis 2040 sollen es dann schon 100 Millionen Menschen sein. Neom ist hierbei zentral: Dort sollen bis zum Ende des Jahrzehnts 380'000 Arbeitsplätze geschaffen werden, «während gleichzeitig Work-Life-Balance geboten wird». Man darf gespannt sein, wie attraktiv das für Ausländer ist, welche möglicherweise gerne dort Ferien verbringen werden, aber im Land mit dem bislang zweifelhaften Menschenrechtszeugnis möglicherweise nicht gleich wohnen würden.