Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03452.jsonl.gz/2327

(D)ie Ökonomie ist ein Glaube wie jeder andere.
Meiner Ansicht nach besteht eine der grössten Lästerungen der Moderne in der Überzeugung, dass es etwas gäbe, das nicht auf einem Glauben beruhen würde. Dass es etwas gäbe, das völlig real, wahrhaft, absolut neutral, wissenschaftlich sei; etwas, das überhaupt nicht mit einem Glauben in Verbindung gebracht werden müsse. Ebendies versuche ich in Zweifel zu ziehen, und ich sage: Jeder Glaube, zu dem wir uns bekennen, also auch der Glaube an die Ökonomie, stützt sich auf Mythen.
… Wir glauben schlicht und einfach, dass die Menschen rational sind. Wir glauben, dass es möglich ist, die Zukunft mithilfe mathematischer Formeln zu beschreiben. Wir glauben an die Möglichkeit, das Unerwartete zu erwarten, was ein Oxymoron darstellt. …
Wir geben nicht zu, dass wir daran glauben dass Menschenwesen rationale Wesen seien (wie absurd das klingt, wenn man das laut sagt!). Eben deshalb leben wir meiner Ansicht nach im Dunkeln. Möglicherweise in einem noch grösseren Dunkel als die Menschen in alter Zeit. Und zwar genau deswegen, weil wir unseren Glauben nicht zugeben.
Tomas Sedlacek. David Orrell. Bescheidenheit. Für eine neue Ökonomie. Hanser: München, 2013. (22-23; 80)