Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03618.jsonl.gz/2587

-
Die Geschichte einer Lüge.
-
Emmanuel Carrère ist ein brillanter Geschichtenerzähler. Vor allem deshalb, weil seine Geschichten keine fiktiven sind. Für ihn bietet das Leben selbst genug Stoff, zu dem er sich immer selbst in Beziehung setzt. Die Geschichte, die Carrère in diesem Bericht niederschreibt, ist nahezu unglaublich. Im Mittelpunkt steht Jean-Claud... Emmanuel Carrère ist ein brillanter Geschichtenerzähler. Vor allem deshalb, weil seine Geschichten keine fiktiven sind. Für ihn bietet das Leben selbst genug Stoff, zu dem er sich immer selbst in Beziehung setzt. Die Geschichte, die Carrère in diesem Bericht niederschreibt, ist nahezu unglaublich. Im Mittelpunkt steht Jean-Claude Romand, der am 09. Januar 1993 seine Frau, seine Kinder und seine Eltern tötet, nachdem er sie achtzehn Jahre lang in dem Glauben belassen hatte, er arbeite in einer hochrangigen Funktion bei der WHO. Romand galt als freundlich, unauffällig, vielleicht etwas zurückhaltend. Emmanuel Carrère korrespondiert über längere Zeit mit Romand, ist bei der Gerichtsverhandlung anwesend und versucht, diesem ungeheuerlichen Verbrechen und seiner Entstehungsgeschichte nachzuspüren. Am Ende steht keine nüchterne Berichterstattung, sondern die subjektive Verarbeitung des Falls, wie Carrère ihn im Laufe seiner Recherchen erlebt.
Der Widersacher
Roman
Beschreibung
Mit einem Gespräch zwischen Emmanuel Carrère und Claudia Hamm
Jean-Claude Romand scheint sein Leben im Griff zu haben. Nachbarn und Bekannte schätzen den erfolgreichen Arzt, seine Bescheidenheit und Intelligenz. Doch plötzlich ermordet er seine Frau und seine beiden kleinen Kinder, seine Eltern und deren Hund. Der Versuch, seine Geliebte und sich selbst zu töten, misslingt, möglicherweise gewollt. Die Ermittlungen der Polizei lassen innerhalb von wenigen Stunden die äussere Fassade einstürzen, dahinter gähnt Leere: Romands Leben ist seit 17 Jahren auf Lügen und Betrug gebaut. »Seine Forscherstelle bei der WHO, Geschäftsreisen, Konferenzen mit hochrangigen Kollegen – all das hatte es nie gegeben.« Und niemand hatte je Verdacht geschöpft. Die Nachricht geht durch die Presse und veranlasst Carrère zu seinem ersten Tatsachenroman. Doch nicht die Fakten ziehen ihn in den Bann, sondern die dunklen Triebkräfte dahinter, »der Widersacher«. Er schreibt Romand, trifft ihn, wohnt seinem Prozess bei, befragt ehemalige Freunde, versucht zu verstehen. Mit einem schonungslosen Blick für die Abgründe unserer Psyche und die Rolle des Sprechens und Schweigens zeigt Emmanuel Carrère die Zerbrechlichkeit unserer sozialen Maske – in einer direkten, rohen Sprache, die seine eigene Fassungslosigkeit spürbar macht und von Claudia Hamm für die Neuausgabe kongenial ins Deutsche übertragen wurde.
Emmanuel Carrère, 1957 in Paris geboren, lebt als Schriftsteller, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in Paris. Er veröffentlichte seit 1982 zahlreiche Romane. Für Limonow wurde er 2011 mit dem Prix Renaudot und dem Prix de la langue française ausgezeichnet. 2014 erhielt er den Prix littéraire du journal Le Monde. Sein wegweisendes Werk wird in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Bei Matthes & Seitz Berlin erschien u.a. Der Widersacher (2018).
.
Claudia Hamm, 1969 geboren, ist Theaterregisseurin, Autorin und Übersetzerin. Für ihre Übersetzung von Emmanuel Carrères Roman Das Reich Gottes wurde sie für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und erhielt den Übersetzerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2016.