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Die westliche Islamwissenschaft ist sich über die Biographie des Religionsstifters Mohammed nicht einig, sagte Marco Schöller, Professor für Islamische Geschichte an der Universität Münster, zum Auftakt der Veranstaltungsreihe «Positionen aktueller Mohammed-Forschung».
Die Meinungsverschiedenheiten kreisen um die Frage, inwiefern die überaus zahlreich überlieferten Nachrichten vom Leben des Propheten sowie weitere schriftliche Zeugnisse aus den ersten Jahrhunderten nach Mohammeds Tod eine Rekonstruktion der Biographie zulassen.
Es existieren Hunderttausende überlieferter Nachrichten (so genannte Hadithe) sowie andere Hinweise auf das Leben des Propheten, etwa in islamischen Rechtstexten. Entsprechend zuversichtlich war die westliche Leben-Mohammed-Forschung lange Zeit, anhand dieser Quellen ein historisch verbürgtes Mohammed-Bild herausarbeiten zu können.
Im vollsten Sonnenlicht
Der Orientalist Ernest Renan sprach im 19. Jahrhundert davon, der Frühislam biete sich dem Historiker «im vollsten Sonnenlicht» dar. So entstanden bis in die 1930er Jahre historisch-kritische Mohammed-Biographien, die insbesondere auf der islamischen Überlieferung beruhten. Schon seit den 1920er Jahren verlagerte sich das Interesse der Islamwissenschaft zunehmend auf den Koran, sodass in der biografisch orientierten Mohammed-Forschung für längere Zeit neue Impulse ausblieben.
Zweifel an der islamischen Überlieferung
Eine Zäsur erfolgte Ende der 1970er Jahre, als der US-Historiker John Wansbrough die These aufstellte, dass der Koran nicht in der Zeit des Propheten, sondern in einem längeren Zeitraum bis etwa 800 nach Christus entstanden sei. Wansbrough postulierte zudem, die Überlieferung zum historischen Mohammed habe sich parallel zum Koran herausgebildet. Diese Sichtweise bedeutet letztlich, dass es keine Nachrichten über den Propheten gibt, die historisch verwertbar sind.
Auch wenn die These einer längeren Entstehungsphase des Korans als wissenschaftlich überholt gilt, lassen sich seit dieser Zeit mehrere Richtungen in der Leben-Mohammed-Forschung erkennen.
Gemäss Marco Schöller kann dabei zwischen der historisch-kritischen Forschung sowie zwei revistionistischen Richtungen unterschieden werden. Erstere geht nach wie vor davon aus, dass die islamische Überlieferung einen historischen Kern besitzt, während die beiden Letzteren diese Quellen in Zweifel ziehen.
Wider das Mainstream-Bild
Die eine revisionistische Position konzentriert sich auf die wenigen Nachrichten innerhalb der umfangreichen islamischen Überlieferung, die dem Mainstream-Bild des Propheten widersprechen. So wird in den Quellen üblicherweise berichtet, dass die Dschizya – die Kopfsteuerabgabe für Juden und Christen – erst nach Mohammeds Tod eingeführt wurde. Es sind jedoch zwei Stellen in der arabischen Literatur bekannt, in denen genau das Gegenteil behauptet wird.
Für die Revisionisten sind nun gerade diese so genannten unkanonischen Nachrichten besonders glaubwürdig, da sie weniger von der orthodoxen Überlieferung überformt seien. Schöller wies aber darauf hin, dass dieses Vertrauen nicht unbedingt angebracht ist. Vielleicht habe sich jemand beim Abschreiben vertan oder mit der Niederschrift einen bestimmten Zweck erreichen wollen. Die abweichenden Nachrichten zur Dschizya fänden sich beispielsweise in Rechtstexten, weshalb nicht auszuschliessen sei, dass die islamische Überlieferung zugunsten eines juristisches Arguments umgedeutet wurde.
Trotz seiner Vorbehalte erachtet Schöller diese Art der revisionistischen Forschung als sinnvoll, da sie weiterführende Diskussionen in Gang bringt. So haben sich die Vertreter der traditionellen historisch-kritischen Richtung in den letzten zwei Jahrzehnten nochmals sehr genau mit den Quellen beschäftigt und in Detailstudien zu klären versucht, welche Teile der islamischen Überlieferung tatsächlich einen historischen Kern aufweisen.
Christliche Symbole?
An der Anschlussfähigkeit der zweiten Variante der revisionistischen Forschung zweifelt Schöller hingegen. Diese Richtung lehnt die islamische Überlieferung als Ganzes ab. Viele ihrer Vertreter gehen von der Annahme aus, dass es sich beim frühen Islam um christliche oder judenchristliche Sekten handelte, die sich sehr viel später zum eigentlichen Islam formiert haben.
Als Beleg für diese These dienen etwa frühe Münzen aus den ersten islamischen Jahrhunderten, auf denen Tiere wie Elefanten, Enten, Pfauen oder Fische abgebildet sind. Die Revisionisten interpretieren diese Fischmünzen als eindeutige christliche Symbole. Doch, so fragte Schöller provokativ, «wenn der Fisch das Christentum symbolisiert, was symbolisiert dann die Ente?» Die Revisionisten vernachlässigen gemäss Schöller die plausiblere Erklärung, dass sich die Münzprägungen an byzantinischen Vorbildern orientiert haben könnten.
«Positionen aktueller Mohammed-Forschung»
Die Veranstaltungsreihe «Positionen aktueller Mohammed-Forschung»wird organisiert vom Asien-Orient-Institut(Islamwissenschaft), dem Religionswissenschaftlichen Seminarund dem Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europader UZH. Die weiteren vier Vorträge finden am 24. Oktober, 7. / 28. November und 12. Dezember 2013 jeweils von 18.15 – 20.00 Uhr im Hörsaal KO2 F-150 im Hauptgebäude der UZH statt.
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