Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/2631

In Lugano an der Riva Vincenzo Vela direkt am See hat sich einiges verändert. Die langjährige Baustelle ist geräumt. Man kann wunderbar auf dem breiten Vorplatz von der Kirche Santa Maria degli Angioli bis zum neuen LAC, das im September eröffnet werden soll, spazieren. Über die Baugeschichte des neuen kulturellen Pols von Lugano „Kunst und Kultur“ ist viel geschrieben worden, es bleibt zu hoffen, dass das markante Gebäude die vielen Erwartungen erfüllen kann. Die Kirche als letzter erhaltener Bestandteil des im 15. Jahrhundert erbauten Franziskanerklosters mit seinem riesigen Renaissancegemälde von Bernardino Luini ist seit Jahren ein Publikumsmagnet. Aber wer kennt schon die Geschichte des dazwischen liegenden Gebäudes und wer kann sich überhaupt noch an die Zeit erinnern, als in diesem renommierten Haus eine gut betuchte internationale Gästeschar ein und aus ging?
Giacomo Ciani hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts Teile des ehemaligen Klosters zu einem Hotel umgebaut. Es war damals unter dem Namen Hôtel du Parc bekannt. Zum Grand Hotel wurde es erst, als der Innerschweizer Unternehmer Franz Josef Bucher-Durrer (1834-1906) das Haus erwarb, es aufstockte und mit einer Fassade im Stil der Neurenaissance schmückte. Der Name wurde geändert und die Nobelherberge hiess fortan Palace Hotel Lugano.
Wer war dieser Unternehmer aus dem Kanton Obwalden, der die Luganeser Hotellerie im Luxussegment geprägt hat? Gemäss seiner Mutter war er zu faul zum Arbeiten. Mit 30 Jahren gründete er mit seinem Partner Josef Durrer eine Sägerei- und Parkettfabrik. Kurz danach errichtete er mit dem Sonnenberg in Engelberg sein erstes Hotel, dem noch eine ganze Reihe weiterer folgen sollte. Zu seinem Hotel-Imperium gehörten die Anlagen auf dem Bürgenstock, Hotels in Luzern und Basel und eben das Palace in Lugano. Im Ausland gründete er Hotels in Mailand, Rom und Kairo. Der technisch versierte Bauherr errichtete jeweils auch die nötigen Verkehrsmittel zu Erschliessung seiner Häuser: Eine Strassenbahn in Genua, die Bahn auf den San Salvatore sowie eine Drahtseilbahn in der Stadt Lugano. Fremdsprachen beherrschte er grundsätzlich nicht und er kannte angeblich nur ein einziges italienisches Wort: „Avanti!“ Auf die Frage, warum er in der Eisenbahn durch den Gotthard jeweils in der dritten Klasse fahre, soll er geantwortet haben: „Weil es keine vierte gibt!“
Das Imperium des Obwaldner Hotelkönigs ist längst auseinandergefallen. Ein Spross aus der Familie besitzt heute noch das Grand Hotel Villa Serbelloni in Bellagio am Comersee. Von anderen Vorzeigebetrieben wie dem Palace in Lugano ist ausser der schön erhaltenen Fassade rein nichts mehr übrig geblieben. Grand Hotels aus der Belle Époque zu erhalten und heute noch gewinnbringend zu führen, scheint vielerorts ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein. Das Grand Hotel in Locarno, das seit mehr als zehn Jahren geschlossen ist, ist der beste Beweis dafür. Jedem, der vor der Fassade des ehemaligen Palace in Lugano vorbeigeht, wird diese unternehmerische Last symbolisch ganz deutlich vor Augen geführt: Beim Haupteingang hat der Architekt vier männliche Figuren dargestellt, sogenannte Atlanten (telamoni), die das gesamte Gewicht der Frontseite des früheren Hotels mit ihren zierlichen Balkonen tragen. Und irgendwann wurde die Last zu schwer …