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Der Begriff bei Vitruv und den Theoretikern der Renaissance
Vitruv definiert in seinem Architekturtraktat «De Architectura libri decem», Decor sei das angemessene Aussehen eines auf bewährten Grundlagen vorbildhaft gestalteten Bauwerkes.[1] Damit bezieht Vitruv «decorum» oder «decor» auf das Bauwerk als Ganzes und nicht auf nachträglich Appliziertes.
Leon Battista Alberti, der erste Renaissance-Theoretiker, interpretiert 1452 den Decorum-Begriff mit dem applizierten, schmückenden Beiwerk eines Gebäudes.[2] In den nachfolgenden italienischen Vitruv-Übersetzungen der Renaissance wird «decor» mit «ornamento» gleichgesetzt. Decorum bezieht sich damit nicht mehr auf den Charakter des Gebäudes, sondern nur noch auf die Zufügungen. In den Traktaten der grossen Renaissance-Theoretiker des 16. Jahrhunderts wird der Begriff nicht hinterfragt. Er deckt sich im 17. und 18. Jahrhundert mit dem klassizistischen Barock der protestantischen Länder und Frankreichs. Mit der Ablösung des Rokokos durch den französischen Klassizismus Ende des 18. Jahrhunderts entstehen für die plastischen Stuck- und Bildhauerarbeiten des Barocks Synonyme wie (überflüssiger) Zierrat, Grillenwerk oder Zopf.
|Der Innenraum der Klosterkirche Aldersbach (Niederbayern): Theatrum sacrum oder Dekoration?

Foto: Zairon 2014 in Wikipedia
Burckhardt und die moderne Kunstwissenschaft
1855 veröffentlicht Jacob Burckhardt seinen «Cicerone».[3] Er gliedert dieses kunsthistorische Grundlagenwerk in Architektur, Dekoration, Skulptur und Malerei. Zur Dekoration zählt er Stuck, Fresken und die feste Ausstattung mit Altären. Auch die Stein-«Dekoration» von Wand und Fassade fällt unter diesen Begriff, nicht aber die Skulptur und die Tafelmalerei. Burckhardt, der den Barock als «verwilderten Dialekt der Renaissance» beschreibt, bedauert die «Exzesse» der Dekorationen im Barock.
Seit 1900 ist die Beurteilung dieser «Exzesse» zwar völlig anders. Aber die Grundlagen Burckhardts wirken nach. Noch immer wird der «reinen» Architektur Priorität eingeräumt. Falls überhaupt, wird die «Dekoration» getrennt und nebenbei behandelt. Setzt sich der Stuckateur oder Bildhauer über die Tektonik hinweg, wie dies im süddeutschen Spätbarock und Rokoko der Fall ist, kann der moderne Architekturhistoriker zwar die einmalige Leistung der «Dekorateure» erkennen, bedauert aber gleichzeitig, dass Maler, Bildhauer und Stuckateure nicht der Versuchung widerstanden haben, die Architektur zu dominieren.
|Der Innenraum von Zwiefalten: Dekoration?

Foto: Bieri 2010
|Ein Beichtstuhl in Zwiefalten: Wirklich nur Dekoration?

Foto: Bieri 2010
|Die Fassade von Zwiefalten. Sie gilt

bei Burckhardt als Dekoration.
Foto: Bieri 2010
Ein «schillernder Begriff»[4]
Die Bezeichnungen Fassadendekoration oder Raumdekoration für Raumgestaltungen des süddeutschen und österreichischen Spätbarocks mögen langjährige Fachbegriffe sein. Die Sprache des Architekturhistorikers für den Beschrieb barocker Bauwerke darf aber heute nicht mehr diejenige Burckhardts oder französischer Klassizisten sein. Das Wort Dekoration für ein unauflösbares Ganzes, wie dies der Innenraum einer Kirche des süddeutschen Spätbarocks darstellt, ist ein Unwort. Der Stuckateur, der Bildhauer, der Kunstschreiner und der Freskant werden so zu Dekorateuren herabgestuft.
Das Wort Dekoration wird heute vom normalen Leser zudem völlig anders verstanden. Es gilt für kurzfristige Modeinstallationen. Ein Dekorateur dekoriert Schaufenster. Einzig in der bildenden Kunst hat das Dekorative keinen negativen Beigeschmack.[5] Bei einem barocken Gesamtkunstwerk ist es fehl am Platz. Kunsthistoriker, welche die Werke der Brüder Asam unter dem Oberbegriff «Dekoration» einreihen, disqualifizieren ihre Schöpfer als Dekorateure. Bei einer barocken Altarausstattung oder einer ikonografischen Inszenierung von Deckenfresken in Sakralräumen rückt der Begriff gar in die Nähe von Blasphemie.
Selbst in Frankreich, dem Ursprungsland des Klassizismus, versteht man heute unter «décoration civile» die militärische Brustdekoration mit Orden. Man kann diese Orden entfernen, es bleibt die gleiche Uniform. Man versuche dies etwa bei Zwiefalten und stelle sich den Innenraum ohne Altäre, Stuck und Fresken vor, die ja alle als Dekoration gelten. Kann ein derartiger Innenraum, beim dem alle Künste ein Gesamtwerk formen, überhaupt in Architektur und Dekoration getrennt werden?
Es wäre deshalb für die deutschsprachige Kunstgeschichte ein Fortschritt, wenn die Begriffe «Dekoration» oder «Decor» nur noch für diejenige Bauzier angewendet würde, die sich ohne Substanzverlust wegdenken lässt. In Innenräumen von barocken Sakralbauten und für gestaltete barocke Fassaden würde sich das Wort damit immer erübrigen.
Pius Bieri 2017
[2] Leon Battista Alberti (1404–1472) in seinem Werk «De re aedificatoria libri decem», Erstdruck Florenz 1485.
[3] Jacob Burckhardt: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. Basel 1855.
[4] Titel des Beitrags zum Thema von Paul Hofer in: Architektur und Sprache (München 1982).
[5] Das Dekorative und Ornamentale ist seit dem frühen 20. Jahrhundert in der modernen Kunst wieder fest verankert. Zum Ausdruck kommt dies in der Stilrichtung der «Art d'déco» um 1920. Zum Thema des Dekorativen in der Kunst siehe Heidrun Brauner: «Natürlich ist das Dekoration», Perspektiven eines Begriffes in der Kunst des 20. Jahrhunderts ausgehend von Henri Matisse (Frankfurt am Main 1993).
|Der Innenraum der Klosterkirche Fürstenfeld: Innenarchitektur oder Dekoration?

Foto: Bieri 2016.