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KUNST AM UND IM BAU 1915-1916
Löwenfiguren, –köpfe und –ornamente sind am und im Gebäude des Leuenhofs allgegenwärtig. Das Motiv findet sich auf Türknäufen, als Statuen oder Reliefs. Der Löwe als Emblem der Leuenbank sowie der Stadt Zürich erscheint als Kopf am Scheitel der Arkaden, als Ganzkörperfigur auf den Giebelspitzen und im Gewände des Hauptportals sowie an einer Gebäudeecke. Das Motiv steht zunächst für die Gründerfamilie Leu, aber auch für das Wappentier der Stadt Zürich. Damit sollte die Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit der Bank mit der Stadt demonstriert werden. Die beiden vertikal gegliederten Treppengiebel sind mit grossen, stilisierten Löwenfiguren gekrönt, deren eine Pranke auf einer Kugel ruht, die wohl die Weltkugel meint. Über der Eingangsarkade ist die Nordwest-Ecke durch eine hoch aufgerichtete Löwenskulptur gekennzeichnet. Sie steht auf den hinteren Füssen und platziert die Vorderfüsse auf einer höher gestellten Kugel. Derart ist der Oberkörper in die Höhe gereckt, was sich aus den dominanten Vertikallinien des Gebäudes ergab. Aus den formalen Elementen entwickelte der Bildhauer Hans Markwalder (1882-1951) charakteristische Züge; denn ein so selbstgefällig aufgerichteter Löwe verkörpert ausserordentlichen Hochmut und Dominanz. Auch die Umrisslinien der zwei Löwen auf den Giebeln des Hauses führte Markwalder aus den aufsteigenden Voluten weiter. Mit dieser geschwungenen Linienführung, einem typischen Merkmal des Jugendstils, wurde die Lebendigkeit der Löwenfiguren nicht beeinträchtigt.[1] Sogar die von ihm stammenden Löwenmasken als Schlusssteine der Arkadenbögen tragen individuelle Züge. Vom Haupteingang an der Bahnhofstrasse bis zur Südost-Ecke des Zeugwarttraktes (beim Hofeingang) sind die Arkadenbögen mit fein gearbeiteten Eisengittern verschlossen. Abwechselnd sind sie durch das goldene Emblem eines Löwen beziehungsweise eines Sonnenrades verziert.
Die auf die Bahnhofstrasse gerichteten Giebel- und Gesamtfassade sind durch hochstrebende Bündelpfeiler gegliedert. Die darauf stehenden, lebensgrossen Figuralplastiken im dritten Obergeschoss wurden nach Entwürfen von Otto Münch (1885-1965) und Wilhelm Schwerzmann (1877-1966) gestaltet.[2] Zwischen 1914 und 1915 schuf Wilhelm Schwerzmann die streng stilisierten, frontal dargestellten Figuren und integrierte sie in die Fassaden. Etliche Figuren bezaubern durch eine geschwungene Körperhaltung und den spielerisch-entspannten Kontrapost von Stand- und Spielbein. An der Längsseite handelt es sich vereinzelt um Vertreter der dreizehn alten, 1336 gegründeten, Zürcher Zünfte. Die auf Sockeln stehenden Figuren sind durch berufsspezifische Embleme ausgezeichnet; so trägt die Zunftfigur der Zimmerleute mit beiden Händen ein Giebelhaus auf seiner rechten Schulter, der Vertreter der Zunft zum Widder trägt ein Schaf auf seinen Schultern. Die zweite Figur von links an der Bahnhofstrassenfassade hält in der rechten Hand einen Wasserkrug und lässt daraus Wasser auf ein stilisiertes Wasserrad giessen; was auf die Zunft «zum Weggen» verweisen würde. Auf der Giebelseite in der Nordwest-Ecke erkennt man einen mit Schwert bewaffneten Reisläufer, sowie einen Bibel lesenden Pfarrer. Auf den Reisläufer Richtung Südwest-Ecke folgt ein Krämer, eine Waage in den Händen haltend, daneben ein prächtig gekleideter Kaufmann mit einer gerollten Vertragsurkunde in der Hand. Die daneben platzierte, offensichtlich stark überarbeitete Figur zeigt einen jungen Mann mit Speer und Rundschild, der in der linken Hand eine Kugel hält. Dabei könnte es sich um den Heiligen Georg handeln. Leider erfolgten in den 1960er Jahren aufgrund der starken Verwitterung der Fassade banalisierende Eingriffe am Figurenschmuck der Fassade (siehe S. 21).
Mit der Einheit von Architektur und Kunst wollten die Gebrüder Pfister das Gedankengut der mittelalterlichen und renaissancistischen Bauauffassung widergeben. Die Figuration der Zürcher Zünfte mochte wohl durch die Geschichte ihres Auftraggebers, der Bank Leu & Compagnie, inspiriert gewesen sein.[3] Denn in ihren Anfängen im Ancien Régime konzentrierte sich die Bank auf die ausländische Anlage von Geldern, die von Zünften, Gesellschaften, Ämtern und Privatpersonen gegen Aushändigung verzinslicher Rathausobligationen zur Verfügung gestellt wurden. Damit wurde ihre Stabilität und ihre Stärke begründet, die in der Löwensymbolik unvergleichlichen Ausdruck fand. [4]
Die aus der Erstellungszeit stammende mächtige Eingangspforte des Leuenhofs mit einem Bronzegitter und sechs steinernen Löwen im Gewände wurde um 1979 mit dem Einsatz einer Glastüre versachlicht. In den 1990er Jahren machte man diesen Eingriff wieder rückgängig. In Analogie zu grossen Kirchenportalen steht das imposante Löwentor der Bank Leu als Garant für Stabilität, Sicherheit und Prestige des Hauses. Schliesslich ist den Banken die Wertneutralität und Immaterialität ihres Geschäfts bewusst, und sie verknüpften es zuweilen mit Versatzstücken aus der Kultur und Religion. So erinnert das Leuenportal mit den bewachenden Löwen etwa an das Innenportal der Banque de France, Paris. Neben der architektonischen Rückbesinnnung gesellt sich die Ausrichtung auf das «kultivierte Private Banking» und die Tradition des Hauses, das sich im Ausdruck des Steins besser wiedergegeben fühlt. [5]
Kunst im Bau
Die Aussenfront ist an einer anderen Stilphase orientiert als die Innenarchitektur. Die gotische Formensprache gemischt mit Skelettbau und Jugendstil steht der Innenarchitektur gegenüber mit Elementen des Barock, der Renaissance und des Jugendstils. Sie entspricht dem für die damalige Zeit repräsentativen Stil für Bankbauten. Besonders repräsentativ wirken Raumelemente wie Säulen und Kassettendecke und die Materialien wie Stukkatur, Marmor, Granit und Messing. Die etwas teigig wirkende Dekorationsplastik trägt die Handschrift von Otto Münch. Sie ist unterhalb der Fenster zwischen dem ersten und dem zweiten Obergeschoss angebracht. Sie zeigt ornamentale Flachskulpturen, die sich anlehnen an Rocailleformen des Barock und des Rokoko, die auf Blumengewinden ruhen. Auch die Stukkaturarbeiten in der ehemaligen Schalterhalle erfolgten nach Modellen von Otto Münch[6], der auch den Deckenstuck im Peterhof gestaltet hatte. Er ist bekannt für ornamentale Flachskulpturen. Münchs Rückgriffe auf Schmuckformen der Antike und Renaissance sowie des Barock, Rokoko und Klassizismus sind Neuschöpfungen von hoher Qualität, welche oft mit Figurenmedaillons im zeitgenössischen Stil, beispielsweise Berufsdarstellungen kombiniert werden.
Die Überraschung beim Anblick der grosszügigen Vorhalle ist bewusst geplant; der Gang bis zur Kundenhalle ist inszenierte Architektur.[7] Die Wände zieren gelbe Marmorplatten, die mit grünen Flammen versehen sind und dem Raum einen vornehmen Glanz verleihen. Die Decken sind reich mit Stuckaturen verziert. Auf dem Weg von der Eingangshalle zur Schalterhalle wie zum ersten Obergeschoss finden sich schmiedeeiserne, verzierte Gitter, zwei Treppen aus dunklem Marmor mit je einem Löwen als Antrittspfosten führen hoch zum Bereich für Privatkunden.
Die Schalterhalle kann als ein Gesamtkunstwerk des Schweizerischen Jugendstils gedeutet werden. Im Zusammenklang mit der gotischen Sprache des Baus und den integrierten Figuralplastiken lässt sie sich in ihrer lichten Weite als Kirchenschiff der Banken-Kathedrale interpretieren. Entwickelt man diese Metapher weiter, wäre im Untergeschoss die Krypta situiert, die den Tresorraum birgt. Der Tresorvorplatz weist einen Reliefpfeiler in schwarzem Marmor auf, der die Gewölbebögen stützt und in Kassetten aufgegliedert ist. Dieselben Kassetten-Reliefs verzieren auch den Wandpfeiler, in den das eine Ende des Gewölbebogens mündet. Im Gegensatz zu den damals üblichen filigranen, ornamentalen und pflanzenförmigen Säulen des Jugend- und Spätjugendstils wirkt dieser Pfeiler ungemein massiv. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die teigig wirkenden, ovoiden Formen in den Kassettenfeldern. Der publikumsferne Standort des Tresorvorplatzes legt nahe, dass der Bildhauer nicht auf wirkmächtige und/oder symbolträchtige Skulpturen achten musste. Da diese Kassetten-Reliefpfeiler weder mit einer Bildhauersignatur versehen sind, noch dazu Quellenmaterial vorhanden ist, lässt sich zunächst feststellen, dass sie als Solitäre im damaligen Kunst-und-Bau Kanon dastehen. Vergleicht man sie mit dem im Spätjugendstil gehaltenen Wandbrunnen beim südlichen Eingang der Universität Zürich von Wilhelm Schwerzmann stellt man Ähnlichkeiten zwischen den hochovalen Verzierungen mit Reliefmedaillons an der ausbuchtenden Aussenwand des Brunnenbeckens und denjenigen in den Kassettenfeldern des Reliefpfeilers fest. Wilhelm Schwerzmann war einer der Bildhauer, die regelmässig im Auftrag der Gebrüder Pfister arbeiteten. Sie mochten ihn auch oft beigezogen haben, nicht zuletzt, weil Schwerzmann gemäss einer Aussage von Karl Moser dafür bekannt war, dass er «die grosse architektonische Form durch die Ornamente zu steigern» suchte. Von allen am Leuenhof beteiligten Bildhauern wie Otto Münch, Hans Markwalder, Hans Gisler und Otto Kappeler bezog er das höchste Salär. All diese hier erwähnten Faktoren mögen nahelegen, dass ihm diese beiden Säulen zugeschrieben werden können.
Im ganzen Haus sind Symbole zu entdecken. Das eindrücklichste findet sich wohl im ersten Obergeschoss in der Halle des Leuenhofs. Der zentrale Pfeiler ist in Form eines herkulischen Atlanten in schwarzem Marmor gestaltet, der mit dem schwarz-weissen Bodenbelag verwachsen ist. Die vom Schweizer Bildhauer Hans Gisler (1889 – 1969)[8] geschaffene griechische Sagengestalt sitzt auf der Weltkugel und stemmt sich gegen die Last der Bank über ihm. Diese ziemlich überheblich wirkende Geste mag implizieren, dass die mächtige Bank über die Welt herrschen kann. Gemeint war damit vor allem die wirtschaftliche Stärke, welche die Bank Leu zur damaligen Zeit ausstrahlen wollte.
Der Herkules steht in Blickkontakt zu einer zerbrechlich wirkenden Frauenfigur. Es handelt sich um die «Verena», 1987, von Hans Josephson (siehe S. 161-162). Ganz im Gegensatz zum kolossalen Kraftprotz strahlt sie eine pulsierende Lebendigkeit aus. Die abstrahierend geformte Skulptur lebt von einer bewegten Oberfläche, die für Josephson sehr charakteristisch ist. Durch die Betrachtung aus diversen Perspektiven erweist sich die Figur bald zart, bald grob, bald heftig. Hinter der Figur des Atlanten leuchten die Pop-artig bunten artifiziellen Lithographien «Windows» von Ugo Rondinone. Sie verströmen eine luftig-heitere Atmosphäre und knüpfen an die vormaligen kleinteiligen Fenster an, auf deren Raster von drei mal vier Unterteilungen der Künstler in seiner Arbeit direkt reagiert hat. Gleichzeitig lässt sich ein Bezug zu den dreiteiligen Fenstern beim Treppenaufgang herstellen. In einer Fensterfläche ist eine alte Wappenscheibe eingelassen, welche zwei Löwen auf einem Zürcher Doppelwappen darstellt; der eine mit einem Schwert bewaffnet, der andere eine Standarte tragend. In der Gegenüberstellung mit der alten Wappenscheibe sprechen die «Windows» die vergehende Zeit an. Damit bekunden sie, dass der kunstaffine Geist im Bankgebäude weiterlebt. Von einer gewissen Traditionsverbundenheit sprechen auch die sich hinter der Empfangsecke sowie parallel zum Treppenaufgang erstreckende Serie «Niesen X» (Thunersee), 1990, die von Jean-Frédéric Schnyder stammt, sind doch die atmosphärischen Ansichten des Thunersees in der Manier von Ferdinand Hodler gemalt. Dennoch ist ihnen durch die motivische Beschränkung, dem immer gleichen Ausschnitt, der identischen Grösse und nur minimalen Veränderungen des Lichts und der Tageszeiten, ein konzeptueller Zug inhärent. In Schnyders Vorliebe für alltägliche Situationen oder im Gegenteil für überstrapazierte kunsthistorische Motive lässt sich eine Verwandtschaft mit dem Künstlerduo Fischli/Weiss erkennen .
So vermag dieser kurze Kunst-Streifzug einen Eindruck in die Sammlung Pictet zu geben, die in den Erschliessungszonen sowie in den Sitzungs- und Kundenberatungszimmern präsentiert wird.
[1] Hans Bachmann: Hans Markwalder, in: Die Schweiz. 21. Jg., Nr. 1 Januar 1917, S. 97-99.
[2] In der Bauabrechnung 1916 von Leu & Co. sind Wilhelm Schwerzmann, Otto Münch, Hans Markwalder und Hans Gisler für ihre Bildhauerarbeit aufgeführt samt den erhaltenen Vergütungen. Vgl. Planarchiv von Werner Otto Pfister, Zürich.
[3] Ebenda.
[4] Ebenda.
[5] Vgl. Personalmagazin Bank Leu, Nov. 9/1994.
[6] Die Gebrüder Pfister arbeiteten oft mit Münch zusammen. Als vorbildhaft für seine Figurendarstellungen nannte Münch selber Andrea Pisano, Ernst Barlach und Käthe Kollwitz. 1912 kam es zur ersten Zusammenarbeit mit den Architekten Otto und Werner Pfister. 1912 bis 1914 gestaltete Münch neben den Aussenplastiken am Peterhof (Modehaus Grieder), am Leuenhof (Bank Leu) sowie deren Deckenstuck die Jugendstil-Treppenhalle des Kaufhauses St. Annahof. Münch abstrahierte seine Werke nicht, blieb der Tradition und dem Figurativen verhaftet und galt deswegen jahrzehntelang als unzeitgemäss. Die Brunnenfiguren werden als dekorative Objekte wahrgenommen, die Ornamente an den öffentlichen Bauten als Teil der Architektur. Vgl. Im Wechsel der Perspektiven. 250 Jahre Bank Leu, Orell Füssli, 2005.
[7] Zürich, Stadtführer für Zürcher und Nichtzürcher, Zürich 1977, S. 63, darin: H.M. Gubler, Zürich – seine Baukunst, S. 45-93.
[8] Auf dem Brunni-Pfad in Obwalden, als Naturlehrpfad konzipiert, entdeckte man im August 1996 in einer Höhle einen Atlas (aus Stämmen, Wurzeln und Ästen), geschaffen vom Urner Hans Gisler. Der Atlas trägt das Himmelsgewölbe auf den Schultern, das über den Ästen thront. Vgl. Neue Luzerner Zeitung, 19.8.1996, S. 15. Hans Gisler erhielt seine Ausbildung in Zürich. Er war von 1905 bis 1908 ein Schüler Richard Kisslings; von 1924 bis 1959 lehrte er an der ETH Zürich.
Interview von Dominique von Burg mit Lukas Knörr, Bauberater und stellvertretender Ressorleiter der Bauberatung, Kantonale Denkmalpflege Zürich
«DEM BAU EINE STRUKTUR ZURÜCKGEBEN»
Dominique von Burg: Können Sie mir einen denkmalpflegerischen
Tour d’horizon über mehr als 100 Jahre Leuenhof-Bau- & Nutzungsgeschichte
skizzieren: vom ehemaligen Sitz der Bank Leu über die Bank
Clariden Leu, die Credit Suisse und zum Genfer Bankhaus Pictet.
Lukas Knörr: Nur drei Objekte an der Bahnhofstrasse sind im Inventar
der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung enthalten:
Das «Haus zur Trülle» und die beiden zusammengebauten
Geschäftshäuser «Leuenhof», der ehemalige Hauptsitz der Bank Leu
und der «Peterhof». Zwischen 1913 und 1916 von den renommierten
Zürcher Architekten Otto und Werner Pfister im Stil der «hanseatischen
Renaissance» als frühe Eisenbetonbauten errichtet, zählen sie zu den
markantesten Gebäuden an der Bahnhofstrasse. Ihre moderne Konstruktionsweise
verbergen sie hinter einer historisierenden Muschelkalk-
Fassade. Neben dem Zürcher Hauptsitz der Schweizerischen
Nationalbank gelten sie als Hauptwerk der beiden Architekten.
Der Leuenhof blickt auf eine äusserst wechselhafte Geschichte zurück.
Als die Bank Leu am 1.1.2007 in der Bank Clariden Leu aufging, war
sie nämlich die älteste Grossbank der Schweiz. Am 27.11. 1754 wurde
die Bank «Leu et Compagnie» als Schweizer Kreditinstitut gegründet
mit der Absicht, eine staatseigene Bank für Wohlhabende Zürcher, Zünfte,
Unternehmen und Ämter zu schaffen und ihnen gute Geldanlageoptionen
im Ausland zu ermöglichen. Damals hatte man sie nach dem Ideengeber
Johann Jakob Leu (1689-1768) genannt. Als im Zuge der Napoleonischen
Kriege die Reserven der Bank Leu aufgebraucht waren, transformierte
man sie in eine auf Zürich ausgerichtete Hypothekenbank,
die Auslandsinvestitionen
wurden ab- und die Vermögensverwaltung aufgebaut.
1854 wurde die Bank Leu in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und
1915 der Hauptsitz im «Leuenhof» an der Bahnhofstrasse 32 bezogen.
Mehrmals ging sie fast bankrott und musste rekapitalisiert werden. Als
Folge der Deregulierung des Schweizer Bankenmarktes wurde sie 2007
zur Bank Clariden Leu und dann 2012 von der Credit Suisse übernommen.
Diese wiederum verkaufte den Leuenhof 2016 der Swiss Prime
Anlagestiftung.
Ende 2020 verlegte die Privatbank Pictet, Genf, ihr neues
Zürcher Headquarter als Ankermieter in den «Leuenhof» und belegt die
Büroräume in den Obergeschossen und den voll funktionsfähigen historischen,
unvergleichlich schönen Tresorraum im Untergeschoss. Scheint
es Ihnen nicht überflüssig das bei jedem Wechsel Umbauten stattfanden?
Speziell an der Bahnhofstrasse fehlt die Schicht der natürlichen
Alterung an den Gebäuden. Das hat einerseits mit dem schweizerisch/deutschen
Hang zu tun, Gebäudesanierungen bis zur letzten Perfektion
treiben zu wollen. Andererseits sind die Liegenschaften an dieser
1A-Lage dem grossen Investitionsdruck ihrer Eigentümer unter dem
Blickwinkel der optimalen Gewinnmaximierung ausgesetzt. So erreichen
nur wenige Bauteile jemals die technische Altersgrenze. Ein Luxusgeschäft
an dieser Lage wird im Regelfall spätestens nach zehn Jahren
rundum erneuert. Aus ökonomischer Sicht mag diese Kadenz am ständigen
Erneuern vielleicht sogar stimmen – aus ökologischer sicher nicht,
zumal im Normalfall Denkmalschutzobjekte mit ihrer langen Nutzungszeit
der Substanz grundsätzlich sehr ökologisch sind. Die Kunst, dass
die Vergänglichkeit spürbar bleibt, wird den Objekten an der Bahnhofstrasse
nicht gegönnt. Andererseits fahren wir gerne nach Italien und
schwärmen von der exzeptionellen Patina dieser Gebäude.
Ich denke da auch an die aus der Erstellungszeit stammende mächtige
Eingangspforte des Leuenhofs von Otto Münch. Sie bestand aus einer
kunstvollen Bronzegittertüre und sechs steinernen Löwen im Gewände.
Leider wurde sie um 1979 mit dem Einsatz einer Glastüre versachlicht.
In den 1990er Jahren suchte man diesen Eingriff wieder rückgängig zu
machen. Dafür beauftragte die Bauherrschaft Klaus Rigendinger. Zuerst
modellierte der Flumser Bildhauer den Löwen aus Lehm, wovon er Gipsabgüsse
herstellte, die zu positiven Vorlagen führten; anschliessend meisselte
er die Steinlöwen (aus Muschelkalk) für das neue Eingangsportal.
Zwischen 1994 und 1998 hatte ich bei Merkli Architekten ETH/SIA
gearbeitet. Sie hatten bei Umbauten in der Leuenbank sehr stark in
die historische Substanz eingegriffen und viel rausgerissen, was heute
nach denkmalpflegerischen Grundsätzen nicht mehr möglich wäre. Im
Rahmen der Rekonstruktion des Eingangsportals hatte ich, wie von
Ihnen angesprochen, 1995 einer meiner ersten CAADpläne am Computer,
mit den rekonstruierten Löwen gezeichnet.
Wie konnten Sie die divergierenden Ansprüche zwischen der Bauherrschaft,
den hohen Anforderungen des Denkmalschutzes und den Visionen
der Architektin Tilla Theus in Einklang bringen?
Frau Theus gab dem Bau wieder eine Struktur zurück, die nicht nur
viel natürliches Licht in die Innenräume dringen lässt, sondern auch einer
viel besseren Orientierung dient. Dies vor allem dank den Korridoren in
den Obergeschossen, die auf ihre ursprünglichen Dimensionen zurückgeführt
sowie mit den ursprünglich vorhandenen Oblichtern und den
axial gesetzten Türen rekonstruiert wurden. Einen Aussenbezug ermöglichen
die wieder geöffneten Fenster zu den beidseitigen Büroflanken
sowie der wieder geöffnete ehemalige Lichthof. Auch die repräsentativen
Büroräumlichkeiten in den Obergeschossen erfuhren eine umsichtige
Restaurierung dank der Aufarbeitung des bauzeitlichen Deckenstucks,
der Holzverkleidungen und Holzbodenbeläge. So musste nichts Schützenswertes
geopfert werden. Vielmehr hatte Frau Theus Umbauten und
Zerstörungen aus den letzten Jahrzehnten wieder dem ursprünglichen
Zustand angenähert, auch wenn durch frühere Eingriffe viel unverfälscht
gebliebene Bausubstanz zerstört wurde. Dies sind unbestritten herausragende
Qualitäten dieses Umbaus.
Der Respekt gegenüber der bauhistorischen Substanz wurde wohl besonders
herausgefordert durch die Interessen des Detailhandels in der ehemaligen,
imposanten Schalterhalle. Können Sie mir da Ihr Vorgehen schildern?
In der ehemaligen Schalterhalle rekonstruierte man die in der Vergangenheit
erstellten Raumunterteilungen und integrierte wiederum andere
Einbauten. Damit gewann die Halle ihre einstige architektonische Pracht
zurück. Die grosszügige Fläche mit der hohen Decke besticht durch den
noblen Charakter. Die atemberaubende Architektur und die Verwendung
von hochwertigen Materialien prägen den Raum zusätzlich. Doch die Verwandlung
einer Bank als ein gegen aussen hin verschlossener Bau in ein
offenes Einkaufszentrum bedeutete eine riesige Herausforderung. Zusammen
mit Tilla Theus fanden wir zu einer typisch schweizerischen und auch
würdigen Mittellösung. Der Einblick und Zugang für die Öffentlichkeit
optimierte man von der Bahnhofstrasse her mit offenen Schaufenstern. In
die mittig geöffneten, bauzeitlichen Vergitterungen sind Schaufensterkästen
eingeschoben, während das «bauzeitliche Gitterwerk im Kopfbau und
einzelne, vollumfänglich geschlossene Vergitterungen, belassen im Sinne
eines Referenzzustands, erhalten bleiben.»1
Angesichts der Sicherstellung der Erdbebensicherheit musste die gesamte
Statik des Gebäudes neu entwickelt und mit einer aufwendigen Stahlkonstruktion
im Innenhof realisiert werden. Wie konnten Sie dies ohne nennenswerten
Verlust der historischen Bausubstanz durchführen?
Dank der genialen Idee, die Erdbebensicherung im Innenhof in Form
einer Skulptur zu verwirklichen, konnten massive Eingriffe in die Substanz
innerhalb des Gebäudes vermieden werden. Das Architekturbüro Tilla Theus & Partner entwickelte eine Erdbebensicherung in Form eines
Fachwerks mit nach aussen strebenden Kräften, die in eine Stahlskulptur
im Hof und schliesslich in den Baugrund abgegeben werden. «Das
Fachwerk gründet auf sechs Erdbebenwänden, die das Planungsteam
aus den denkmalgeschützten Bereichen herauslöste.»2 Die Stahlkonstruktion
besitzt eine skulpturale Dimension, die zweifellos als Kunstwerk
gelten kann und zudem eine enorme Aufwertung dieses Hofs bedeutet.
Herr Knörr, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
1 Archiv der Kantonalen Denkmalpflege Zürich, Dokumente, Briefwechsel, Fotografien, Pläne usw.
Fotografien von 6.5.1992 und 18.5.1994.
2 Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich. Sitzung vom 11. November 2020.
1089. Denkmalpflegefonds, Bankgebäude «Leuenhof», Zürich (Erhaltung und Rekonstruktion), S. 2.
in: Tilla Theus. Der Leuenhof, Bahnhofstrasse 32, Zürich.