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Nach dem Kalender der orthodoxen Kirche markiert der 25. Oktober den Punkt, an dem das zaristische Russland fiel und die Arbeiter, angeführt von Wladimir Iljitsch Lenin, die Macht an sich rissen. Die Oktoberrevolution legte den Grundstein für die spätere UdSSR.
Lenin wird seitdem in Russland verehrt. Der einbalsamierte Leichnam des 1924 Verstorbenen liegt bis heute im Mausoleum beim Roten Platz. Das Lenin-Bild vieler Russen verblasst aber langsam. Fragen dazu an Russland-Korrespondent David Nauer.
SRF News: Was ist in Moskau vom Jubiläum der Oktoberrevolution zu spüren?
David Nauer: Eigentlich nichts. Es gibt zwar diverse Ausstellungen zum Thema, die berühmte Tretjakow-Galerie zeigt etwa Kunstwerke aus dieser Zeit. Sonst findet das Jubiläum aber weder im Alltag noch im Stadtbild statt.
Lenin hat heute etwas von einem guten alten Möbel: Er steht auf den Plätzen des Landes, aber die Leute bemerken ihn kaum mehr, wenn sie daran vorbeigehen.
Was hat sich in der Wahrnehmung der Russinnen und Russen verändert?
Mein Eindruck ist, dass die Russen eine gespaltene Erinnerung an Lenin haben. Er ist zwar einerseits mit Denkmälern und Strassen, die nach ihm benannt sind, in fast allen russischen Städten verewigt. Andererseits ist Lenin für die meisten Russen zeitlich ziemlich weit weg. Wenn sich die Menschen noch an die Sowjetzeit erinnern, dann an die Jahre, die sie selbst erlebt haben – die ältere Generation etwa die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Lenin war schon damals eine Figur aus den Tiefen der Geschichte. Er hat heute etwas von einem guten alten Möbel: Lenin steht auf den Plätzen des Landes, aber die Leute bemerken ihn kaum mehr, wenn sie an ihmvorbeigehen.
Wo eine Regierung steht, sieht man auch daran, wie sie mit geschichtlichen Persönlichkeiten umgeht. Welche Persönlichkeiten stellt die Regierung Putin in den Vordergrund, wenn es um die Oktoberevolution geht?
In der öffentlichen Wahrnehmung der sowjetischen Geschichte spielt vor allem Stalin eine herausragende Rolle. Das hat mit dem 2. Weltkrieg zu tun, den die Sowjetunion unter Stalins Herrschaft gewonnen hat. Dieser Sieg wird vom Staat mit grosser Geste gefeiert. Es gibt Militärparaden, Feuerwerk und einen offiziellen Feiertag. Der Kreml hat den Sieg von 1945 zum wichtigsten identitätsstiftenden Ereignis in der russischen Geschichte gemacht. Dadurch hat Stalin in der historischen Wahrnehmung wieder mehr Platz bekommen.
Die politische Elite rund um Putin fürchtet nichts mehr als einen unkontrollierbaren Volksaufstand.
Und Lenin?
Es scheint, als ob Lenin dem Kreml nicht ganz geheuer ist. Immerhin hat er ja eine Revolution veranstaltet. Die politische Elite rund um Putin fürchtet nichts mehr als einen unkontrollierbaren Volksaufstand. Das ist ein Dilemma für den Kreml: So ganz verdammen kann man Lenin nicht, immerhin stehen im ganzen Land seine Denkmäler. Feiern will man ihn aber auch nicht. Das Volk soll ja nicht auf dumme Ideen kommen. Insgesamt ist man im Kreml ganz froh, wenn das Revolutionsjubiläum vorbei ist.
Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.