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Québec-City – Montréal – Niagara-Fälle – Bruce Halbinsel
vom 9. – 18. Juni 2022
Das Wetter ist hier in Québec-City auch am 9. Juni weiter wechselhaft, in der Schweiz würden wir von Aprilwetter sprechen. Mal scheint die Sonne, dann regnet es wieder ein oder zwei Tage lang. Die Temperaturen sind dann unter 15°C, bei Sonnenschein aber etwas über 20°C.
Wir nehmen die Route 138 von Québec-City nach Montreal, nicht den vierspurigen Trans-Canada Highway #40. Die Route 138 ist eine Nationalstrasse (Highway) der Provinz Québec, die von West nach Ost führt und aktuell rund 1’400km lang ist. Ab Montreal führt sie dem Nordufer des Sankt-Lorenz Stroms entlang, geplant ist bis nach Labrador, allerdings fehlt da noch ein Stück von rund 500km.
Auf der Route 138 hat es viel weniger Verkehr als auf dem Trans-Canada Highway, es hat fast nur lokalen Verkehr, d.h. wir haben kaum für längere Zeit ein Fahrzeug hinter uns das drückt, wenn wir nur mit 80 statt 90 km/h unterwegs sind. Gemäss unserem Reiseführer führt sie auch durch landschaftlich schönere Gebiete, immer ganz nahe dem Sankt-Lorenz Strom entlang und durch viele Ortschaften hindurch, was wir bestätigen können. Leider regnet es aber den ganzen Tag, doch gemäss Wetterbericht sollten die nächsten zwei Tage in Montréal die Sonne scheinen. Auf jeden Fall ändert sich die Landschaft allmählich und es wird laufend flacher, die Hügel (hier Berge genannt…) verschwinden.
Île de Montréal
Die Stadt Montréal liegt auf einer Insel, umgeben vom Sankt-Lorenz Strom und dem Rivière de Prairies. Diese Insel ist ca. 50 km lang, maximal 16 km breit und hat in der Mitte einen «Berg» von 233 Meter Höhe, den Mont Royal, daher stammt auch der Name der Stadt. Auf der Insel leben knapp 2 Millionen Menschen, zusammen mit den nahtlos anliegenden Siedlungen auf dem Festland sind es über 4 Millionen. Damit ist Montréal die zweitgrösste französischsprachige Stadt der Welt, sowie hinter Toronto die zweitgrösste Stadt Kanadas. Wirtschaftlich musste sie in den 80er Jahren wegen den Unabhängigkeitsbestrebungen der Provinz Québec viele Federn lassen und den damaligen Spitzenplatz an Toronto abgeben.
Unser Standplatz ist der Parkplatz vom Walmart-Einkaufszenter von Montréal. Hier ist es überraschend ruhig in der Nacht, Camper sind für 48 Stunden geduldet und es hat in der Nähe eine Metro-Station. Wir kaufen uns eine Tageskarte für die Metro und buchen in der Stadt eine Hop-On Hop-Off Tour. Dieses Arrangement ist für zwei Tage gültig und man kann die Tour beliebig oft wiederholen sowie immer wieder an neun definierten Orten aus- und einsteigen.
(wie immer: auf das Bild klicken, damit es grösser und schärfer wird)
Erste Eindrücke
Québec-City, vor allem flächenmässig aber auch einwohnermässig bereits einiges grösser als Zürich, die grösste Stadt der Schweiz, wirkt gegenüber Montréal wie eine kleine Provinz-Stadt. Wir sind überwältigt, zwischen all diesen Wolkenkratzern zu stehen, so etwas gibt es in der Schweiz definitiv nicht. Das sind wirklich Häuserschluchten und wir ganz klein, ganz unten. Ebenso eindrücklich sind die Spiegelungen an den Glasfassaden, natürlich begünstigt bei Sonnenschein.
Mit riesigen Kränen werden auch weitere Hochhäuser gebaut. Überhaupt, die ganze Stadt ist eine riesige Baustelle, überall werden Strassen aufgerissen oder Hochhäuser gebaut, immer wieder gibt es Umleitungen, Valérie hatte uns im Vorfeld schon davor gewarnt.
Optisch ist es eine Wucht und unsere Kameras laufen heiss…
Noch etwas fällt uns auf, wir verstehen viel mehr Leute als in Québec-City, hier wird das Französisch viel verständlicher gesprochen als im Osten der Provinz Québec (aus unserer Sicht…).
Das Wetterfenster hält fast drei Tage, wir können maximal profitieren und kommen immer erst spät in die Federn, d.h. zu Jupi zurück. Wir versuchen vom Mont Royal die Stadt in der Nacht zu fotografieren, was perfekt klappt, ausser dass dann der Bus nach unten ausfällt und wir die etwa 4km bis zur nächsten Métro-Station zu Fuss unter die Füsse nehmen müssen (zusammen mit einigen andern Touristen). Gut, wir machen dann noch eine Abkürzung durch den Wald, sonst wäre es länger geworden. Doch LocusMap resp. die verwendete OpenStreetkarte führt uns perfekt ans Ziel.
Auf der Stadtrundfahrt erfahren wir auch, dass die Stadt vor einigen Jahren begann, Künstler zu animieren, die alten Backsteingebäude mit Malereien zu verzieren, auch dazu machen wir später noch einen ausgiebigen Fussmarsch und entdecken dabei eine Künstlerin in Aktion.
In diesem Zusammenhang hat uns auch der Gegensatz von alt und neu immer wieder fasziniert, auch dies gab ein paar interessante Fotos.
Wir besuchen auch noch das kleine Chinesen-Viertel, auch hier Chinatown genannt. Es hat an den Eingängen markante Bögen. Da wir gerade durstig sind bestellen wir uns einen Mix aus Eistee und Milchshake namens Panda-Shake. Es schmeckte überraschend gut und erfrischend, einzig die «Gummikügelchen» darin sind etwas speziell.
Im Jahre 1976 wurden hier in Montréal die olympischen Sommerspiele ausgetragen. Das Stadion ist vom Mont Royal aus gut sichtbar, obwohl es weit ausserhalb des Zentrums liegt. Der 45°-Schrägturm ist noch heute der höchste Schrägturm der Welt. Für einen Besuch des Stadions reichte es leider nicht mehr resp. dieser viel dem Regen zum Opfer.
Weisse Eichhörnchen und Seeadler
Es gäbe noch viel anzuschauen und noch viele Bilder zu machen, doch wir wollen jetzt weiter: Wir verlassen Montréal und auch die Provinz Québec und damit auch den französischsprachigen Teil Kanadas. Eigentlich schade, jetzt wo wir sie langsam verstehen würden…
Wir befinden uns jetzt in der Provinz Ontario, Toronto ist die Provinzhauptstadt und mit Ottawa befindet sich auch die Hauptstadt von Kanada in dieser Provinz. Uns fällt auf, dass hier der Verkehr viel mehr geregelt ist als in den östlichen Provinzen, durch jede Ortschaft gibt es jetzt z.Bsp. eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 50km/h.
Via iOverlander App suchen wir uns einen guten Übernachtungsplatz am Rande des Sankt-Lorenz Strom, der hier noch etwa so breit wie der Rhein in Basel ist. Der ausgewählte Parkplatz liegt oberhalb einer riesigen Schleuse und sieht sehr ruhig aus, nur zwei oder drei Autos parken.
Vor dem Abendessen wollen wir noch ein paar Schritt machen, spazieren auf dem riesigen Areal herum und sehen vor uns ein paar Leute mit Kameras oder Teleskopen irgend etwas beobachten. Kurz darauf entdecken wir ihr Ziel: Das besetzte Nest eines Seeadlerpärchens. Wir laufen sofort zurück zu Jupi und holen unsere Kameras. Wir haben riesiges Glück, und sehen den zweiten Vogel mehrmals anfliegen, einmal sogar mit einem Fischresten.
Mit einem der Fotografen kommen wir ins Gespräch. Er arbeitete früher in einer Käsefabrik in Kanada und war auch schon einmal in der Schweiz um dort Käsereien anzuschauen. Er ist jetzt pensioniert und fotografiert sehr viel. Er gibt uns noch ganz viele Tipps für unseren Aufenthalt in der Provinz Ontario und auch weiter im Westen.
Am nächsten Tag fahren wir auf dem 1000-Island Parkway dem Sankt-Lorenz Strom entlang, einer sehr schönen Panoramastrasse. Am Ende des Parkways stoppen wir auf einem Rastplatz für das Frühstück und entdecken dort zwei ganz helle Eichhörnchen. Eine ältere Damen mit Rolator kommt zu mir und fragt mich, was das sei, sie hätte solche Eichhörnchen hier noch nie gesehen…
Wir lassen Ottawa, die Hauptstadt Kanadas rechts liegen und brausen westwärts Richtung Toronto. Je näher wir dieser 8-Millionen Region kommen (gleich viele Einwohner wie die gesamte Schweiz), um so langsamer bewegt sich der Verkehr. Nur noch im Schneckentempo umfahren wir die grösste Stadt Kanadas. Toronto ist noch einmal eine Nummer grösser als Montréal, das sehen wir bereits aus der Ferne. Doch wir fahren weiter, unser Ziel sind die Niagarafälle
Niagarafälle
Sie sind wohl das Nummer 1 Ziel in Kanada mit über 14 Millionen Besuchern – in normalen Jahren. Hier gilt Big-Business, alles wird zu Geld gemacht, aber es gibt (noch) keine Eintrittsgebühren. Logischerweise ist da auch das Parkieren kostenpflichtig, wir wählen einen Parkplatz etwas weiter draussen und bezahlen so nur $10.– für den ganzen Tag. Die näheren Parkplätze kosten bis zu $30.–. Wir befinden uns jetzt am Anfang der Hochsaison aber es hat noch sehr überschaubare Massen von Touristen – oder liegt es an Covid? Auf jeden Fall finden wir immer rasch eine gute Foto-Location. Nicht vorstellbar, wie sich die Leute hier wohl in der Hochsaison auf den Füssen herum treten.
Bereits vom Ufer aus sind die Wassermassen, die da hinunterstürzen, sehr eindrücklich. Als wir dann aber am Nachmittag auf den etwa 160 m Skylon-Turm hinauffahren, wo es zu unserer Überraschung auch nur wenige Leute hat, ist das ganze Bild der Fälle noch viel imposanter, jetzt sieht man auch den Niagara-Fluss, der diese riesigen Wassermassen bringt. Oberhalb der Fälle wird dem Fluss zwar rund die Hälfte des Wassers für die Stromgewinnung entzogen, trotzdem stürzen sich tagsüber immer noch über 2800 m3 pro Sekunde nieder, beim Rheinfall sind es im Sommer rund 600 m3, am Dettifoss in Island etwa 300 m3.
Doch auch die Gischtwolke, die sich aus der Wasserwalze heraus bildet, ist sehr eindrücklich, sie sieht aus wie bei einem AKW-Kühlturm. Die Grenze zwischen den USA und Kanada läuft mitten durch den Fluss, von der kanadischen Seite sieht es gemäss unseren Recherchen imposanter aus, also bleiben wir auf dieser Seite.
Bruce-Halbinsel
Nach dem Trubel von Montréal und den Niagara-Fällen haben wir etwas Ruhe nötig und fahren gemäss Empfehlung unseres Seeadler-Bekannten auf die Bruce-Halbinsel. Dort gibt es einen National-Park, wo wir ein paar Tage verbringen wollen. Es gäbe vorallem Orchideen vom Typ Lady-Slippers, also Frauenschuhe, sehr sehr viele. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Und da es ein Nationalpark ist und wir ja den Jahrespass haben, haben wir ausser den relativ geringen Campinggebühren keine zusätzliche Kosten.
Bei einem Einkaufsstopp treffen wir nach langer Zeit wieder einmal ein Wohnmobil aus der Schweiz. Da wir gerade wegwollen und sie einkaufen wollen, gibt es nur ein kurzes woher und wohin. Sie sind mit zwei Kindern unterwegs. «Wir konnten sie aus dem Kindergarten nehmen und reisen jetzt 4 Monaten mit ihnen herum, im April haben wir verschifft.» «Uff, seit April unterwegs, da war es aber noch sehr kalt in Halifax», entgegne ich. «Nein nein, wir haben nach Houston in Texas verschifft und sind jetzt nach Norden gefahren, es war immer schön warm. Aber hier in Kanada ist es echt kühl». Sie erzählen weiter, dass das Fährschiff nach Houston unterwegs einen Schaden hatte und deshalb einen Hafen zur Reparatur anlaufen musste. Dabei sei in über 30 Wohnmobile eingebrochen worden, leider auch in ihres…
Die Landschaft hier ist fast topfeben, kaum noch ein Hügel. Bauernhöfe, also hier Farmen genannt mit viele riesigen Silos stehen am Rande der Strasse.
Unterwegs treffen wir auf Verkehrszeichen mit Pferde-Fuhrwerken und tatsächlich kreuzen wir auch mehrere davon: Es sind Amisch-Leute. Es ist interessant über diese Leute im Internet mehr zu erfahren, auch dass nicht alles so ist wie man zu wissen meint. Auf jeden Fall leben hier in Ontario viele dieser vorallem aus der Schweiz und Süddeutland stammenden ehemals mennonitischen Glaubensgemeinschaft (Täufer), deren Gründer Jakob Amman aus dem schweizerischen Simmental stammt und eine eigene, viel strengere Auslegung der Bibel forderte und damit eine Spaltung verursachte. Da in Amerika im Gegensatz zu Europa bereits viel früher die Glaubensfreiheit galt, wanderten ab Ende des 17. Jh. viele Mennoniten und Amische hierhin aus. Innerhalb der Amischen gibt es Konservative, die sehr vieles ablehnen und auch heute noch nur mit der Kutsche unterwegs sind. Doch rund zwei Drittel der Amischen sind liberal und haben viel weniger Probleme mit den modernen Errungenschaften unserer Zivilisation und fallen kaum auf.
Frauenschuh
Unser Campingplatz im Nationalpark ist zwar mitten in den Bäumen, d.h. null Aussicht und fast null Solar-Power, was wir normalerweise vermeiden. Doch in den letzten Tagen sind die Temperaturen hier stark gestiegen, 28.5°C zeigt es an, so dass wir gerade etwas «thermo-geschockt» sind und nichts gegen etwas Schatten haben.
Wir unternehmen einen ersten Spaziergang und sind gespannt, ob wir Frauenschuh-Orchideen finden. Tatsächlich, nach gut einem Kilometer entdecken wir einen ersten grossen Busch mit vielen gelben Frauenschuhen. Die Blüten sind wirklich gross, so um die vier Zentimeter misst ein solch gelber Schuh. Und ab da sehen wir die Blumen überall, sicher über hundert Stück.
Es soll hier auch noch pinkfarbene Frauenschuhe geben, doch wir finden keine und fragen deshalb einen Ranger vom Nationalpark: «Diese blühen zeitlich vor den gelben Frauenschuhen und sind wahrscheinlich jetzt kaum noch oder nur in ganz schattigen Gegenden zu finden.» Pech gehabt.
Wegen des doch recht starken Windes ist das Fotografieren von Blumen sehr schwierig, insbesondere Makroaufnahmen von Details der Blüten sind praktisch unmöglich.
Waschbär und mehr
Auf einem abendlichen Spaziergang begegnet uns ein Waschbär auf dem Campingplatz-Areal. Wir schliessen mit ihm einen Deal ab und er steigt dafür auf einen Baum, schönes Fotomotiv. Danach entdecken wir an verschiedenen Stellen Leopard-Frösche, sie sind dämmerungsaktiv und hüpfen uns immer wieder über den weg. Am nächste Tag sehen wir auch einige bei Tageslicht, auch sehr schöne Fotomotive.
Und zum Schluss noch wunderbare Abendstimmungen, die untergehende Sonne aus einer Grotte heraus sowie darüber.
Unsere Route
Im folgenden unsere Route auf der Karte, die wir mit Jupi während dieses Bericht-Zeitraums gefahren sind. Jupi sendet alle 15 Minuten seine Position via Spot Satelliten-Tracker an uns, deshalb folgt die Route nicht genau der Strasse, sondern macht etwas «Abkürzungen».
Die aktuelle Position von Jupi wie auch die gesamte Route unserer Nordamerika-Reise seit dem 26. Mai 2022 ist auf dieser Seite zu finden: https://www.jupi.bvision.ch/jupispot/