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Seit 1982 arbeitet Pastor Akira Sato für die ersten Bibel-Baptistengemeinde Fukushima in Okuma. 2008 renovierte er das Kirchengebäude, das mit einer Entfernung von 5 km landesweit am nächst zum Kernkraftwerk stand. Vor der Atomkatastrophe in Fukushima kamen rund 200 Gläubiger, heute kommen nur noch 30 zur neuen Kirche, die im Mai 2013 in der Stadt Iwaki, 60 km südlich von der alten Kirche, gebaut wurde. Alle andere wohnen irgendwo in einem anderen Ort.
Der 59-jährige erzählt seine Erfahrung, die er und seine Gläubiger nach dem 11. März 2011 gemacht haben, überall und immer wieder. „Im Jahr 2011 habe ich insgesamt 300 Vorträge gehalten“, sagte er in Zürich. Seinen Vortrag haben nicht nur Japaner sondern auch zahlreiche Menschen in Europa und Amerika gehört. Hierzulande hielt er am 10. Und 11. April jeweils einen Vortrag.
An dem Tag, als die Erde im Ostjapan lang und heftig bebte, hielt er sich mit seiner Frau zusammen geschäftlich in der Präfektur Chiba auf. An den nächsten Tagen ereigneten sich Explosionen im AKW Fukushima I. Während Menschen von Fukushima evakuiert wurden, brauch er am 15. März mitternachts in den Norden auf, um sich nach dem Wohlergeben der Gläubigen seiner Kirche zu erkundigen. Sein Auto war mit Lebensmittel und Batterien für Handy voll beladen, er fuhr die ganze Nacht.
Er traf in der Stadt Aizu rund sechzig Menschen, die Hals über Kopf und ohne Hab und Gut vor der Strahlung geflohen waren, und führte sie anschliessend nach Yonezawa in der Präfektur Yamagata. An dem Tag herrschte diese Gegend ein Schneesturm und die Stadt ist in Winter sehr kalt. Die Wandernden waren körperlich sowie seelisch völlig am Ende und zwei Wochen später entschloss sich der Pastor, mit ihnen nach Okutama in Tokyo weiterzuziehen. Hier, in einer christlichen Unterkunft, die von einem Deutschen geführt wird, blieben sie ein Jahr lang. Endlich hatten die Erwachsenen und ihre Kinder genügendes, vernünftiges Lebensmittel und genossen ein angenehm mildes Klima im Westtokyo. In diesem Zusammenleben von mal siebzig, mal vierzig Menschen war es jedoch fast unmöglich, Privatsphäre sicherzustellen. Die Kinder mussten dazu noch mehrmals die Schule wechseln. Es war ein besseres Leben als am Anfang, aber „doch ein abnormaler Alltag“, schaut der Pastor zurück.
Das Leben im Camp in Okutama ist heute schon lange vorbei, aber in ihre Heimat können und dürfen sie noch lange nicht. Die Gemeinde liegt in der Zone, in der die Strahlendosis fünf Jahre später immer noch über 20 mSv/J beträgt. Es sei schwierig, eigene Gefühle zu steuern, weil unser Haus noch steht, erzählt Herr Sato. Das Haus soll besser verschwinden, dann könne man besser vorwärtskommen. „Unmittelbar nach der Katastrophe rannten alle mit aller Kraft. Aber man kann ein Marathon nicht ewig mit aller Kraft rennen. So haben wir den Gang gewechselt. Bei diesem <vagen Verlust> ist die Selbstkontrolle sehr schwierig.“
Die Situation um die Betroffenen hat sich im Laufe der Jahre nicht verbessert, berichtet er auch. Die Barmherzigkeit der Verwandten, die sie beherbergen, dauert nicht jahrelang. Wer ihre Heimat zeitweilig verlassen haben, haben Angst vor Rückkehr. Angst davor, dass die Zurückgebliebenen sie kalt ansehen würden. Hohe Scheidungs- und Selbstmordrate, Diskriminierungen und Meinungsverschiedenheiten quälen sie.
„Trotzdem gibt es etwas Positives“, betont der Pastor. Im Camp habe er zufällig ein Gespräch zwischen zwei Frauen gehört. „Hast du etwas von Okuma mitgenommen?“ „Nein, wir durften ja nichts mitnehmen.“ „Stimmt, wir hatten nicht einmal Kleider zum Wechseln. Aber weisst du, wir sind da noch am Leben!“ Wir hatten im Nu alles verloren, aber für das Leben braucht man nicht viel, das merkte er durch seine Erfahrung. Er sah auch, dass die Verbindung zwischen ihnen und Gott sowie zwischen Menschen fester wurde.
Sein Tagebuch ist hier auch in Deutsch zu lesen.