Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/1373

Künstlername: Garrincha
Kompletter Name: Manuel Francisco do Santos
Geburtsdatum: 28/10/1933 † 20/01/1983
Geboren in: Rio de Janeiro
Position: Sturm
Vereine:
1971 bis 1973: Olaria (RJ)
1969 bis 1970: Flamengo (RJ)
01/1968 bis 12/1968: Atletico Junior (COL)
01/1967 bis 12/1967: Portuguesa (SP)
01/1966 bis 12/1966: Corinthians (SP)
01/1953 bis 12/1965: Botafogo (RJ)
WM-Einsätze Seleção:
WM 1966 England
WM 1962 Chile
WM 1958 Schweden
Spiele für die Seleção: 60
Tore für die Seleção: 12
Garrincha – sein Spitzname stammt von einem in seiner Gegend beheimateten Singvogel, den Garrincha als Kind mit wachsender Begeisterung und einer Steinschleuder jagte – war so brilliant auf dem Fussballfeld wie wild und haltlos in seinem Charakter. Er ist bekannt als einer der grössten Dribbler in der Fussballgeschichte. Geboren wurde er am 28. Oktober 1933 in Pau Grande, einem winzigen Nest in der Nähe der Stadt Petrópolis im Bundestaat Rio de Janeiro; als eines von 16 Kindern. Seit seiner Geburt hatte er suspekt entstellte Beine, O-Beine, die selbst nach einer Operation entstellt blieben; nie beeinträchtigte dieser Defekt seine enthusiastische Leistung und seine wundervolle Ballfertigkeit. Seine legendären “Bananen- Schüsse“ waren ein fussballerischer Hochgenuss.
Manuel Francisco dos Santos – Mané Garrincha – war zweimal Weltmeister, 1958 in Schweden und 1962 in Chile. Nachdem Pelé während der Weltmeisterschaft 1962 nach dem zweiten Spiel verletzt ausscheiden musste, spielte Garrincha die Hauptrolle in Brasiliens Eroberung der Fussballkrone. Garrincha absolvierte sein internationales Debüt 1957 während der Südamerika Meisterschaft. Er streifte 60 Mal das Trikot mit den brasilianischen Nationalfarben über, gewann 52 Spiele und erzielte sieben Unentschieden. Ausgerechnet das letzte Spiel, das er in den Farben Brasiliens bestritt, ging 1966 gegen Ungarn während der Weltmeisterschaft in England verloren.
Er stand für seinen ersten professionellen Fussballverein Botafogo in Rio de Janeiro (1953-1965), 581 Male auf dem Platz und erzielte 232 Tore. Er war Champion der Carioca Liga 1957, 1961 und 1962, weiterhin Champion der Rio-São Paulo Liga 1962, 1964 und 1965. Er spielte für Corinthias in São Paulo (1966), Portuguesa Santista in Rio de Janeiro (1967), Atlético Junior in Kolumbien (1968) und Flamengo in Rio de Janeiro (1968). Nach kurzen “Gastauftritten“ in Frankreich und Italien bestritt er das letzte Spiel seiner Karriere für den brasilianischen Klub Olaria in São Paulo (1971/1972).
Mit 15 Jahren begann er, wie jeder andere Junge dieser Gegend auch, in der einzig wirklichen Fabrik in diesem Ort, einer Textilfabrik zu arbeiten. Diese war Eigentum einer Gruppe von Engländern, die, wie alle Engländer, verrückt auf Fussball waren und den Amateur-Fussballklub Pau Grande Esporte Clube gründeten. Mané Garrincha fing sofort an, mit dieser Fussballmannschaft zu trainieren. Sein Trainer Carlos Pinto gab ihm allerdings keine Chance in der Mannschaft zu spielen, da er befürchtete, die damals bevorzugte robust-agressive Spielweise der Abwehrreihen könnten dem zierlichen Körper Mané Garrinchas und den entstellten Beinen irreparablen Schaden zufügen.
Frustriert suchte er sich einen anderen Verein und spielte etwa ein Jahr im Klub Serrano, aus einer Nachbarstadt von Petrópolis. Carlos Pinto jedoch kam zu der Einsicht, ein fussballerisch ungeschliffenes Juwel in der Hand gehalten zu haben und holte Mané Garrincha nach Absprache mit den sportlich Verantwortlichen nach Pau Grande zurück.
Da die üblich strategische Spielweise aber nun mal eine eher defensive war – den Kasten hinten sauber halten und vorne dem Gegner dann vielleicht ein “Ei“ reinlegen –, wollte Carlos Pinto die spielerisch wichtigen Positionen nicht umbesetzen. So hatte Mané Garrincha die Wahl: entweder vorne in der Spitze spielen oder gar nicht.
Wie wir heute wissen, eine für die Geschichte des Fussballs “weise“ Entscheidung. Denn nachdem Mané Garrincha die Stürmerposition inne hatte und die gegnerischen Abwehrreihen regelmässig schwindelig spielte, wurde der Mannschaft sehr viel Respekt aus der Region entgegengebracht. Erschienen sie doch quasi als unbesiegbar; sowas wie eine echte Legende. Spielstände auf der Anzeigentafel im Bereich 7:0, oder 10:2 für Pau Grande Esporte Clube wurden Normalität.
Nur allzu verständlich war, dass nach einiger Zeit viele Freunde Garrincha aufforderten, sein Fussballglück doch in einem der grossen Fussballclubs in der Hauptstadt Rio de Janeiro zu suchen. Und er ging; nach Flamengo und Fluminense. Doch die dort Verantwortlichen schauten nur auf seine O-Beine und wollten nichts mehr von ihm wissen. Bei Vasco lies man ihn nicht zum Test-Training mit der Begründung, er hätte nicht die richtigen Fussballschuhe. Enttäuscht und total frustriert kehrte er nach Pau Grande zurück, ernüchtert und fest entschlossen, es nicht noch einmal bei einem professionellen Fussballclub zu versuchen.
Bis zu dem Tage, an dem sich nach einem Spiel von Pau Grande ein gewisser Orlando bei Mané Garrincha vorstellte und sich als einer der sportlich Verantwortlichen vom Fussballclub Botafogo ausgab. Er bot Mané Garrincha an, ein Testtraining mit der Mannschaft Estrela Solitaria, “Einziger Stern“ zu absolvieren. Wie zu erwarten war, lehnte Mané Garrincha ab. Da Orlando nicht locker lies, wurde Garrincha schliesslich vom Trainer Carlos Pinto überredet. Mané Garrincha erschien am Tage des Probetrainings am 10. September 1953 im Stadion General Severiano, in Begleitung von Trainer Carlos Pinto und dem Präsidenten von Pau Grande, Roberto Leite. Letzterer war besorgt, dass Garrincha sich diese Chance seines Lebens entgehen lässt. Tatsächlich war Nilton Santos sein Gegenspieler, einer der besten seiner Klasse. Als dieser Mané Garrincha zum ersten Mal sah, gab er keinen Pfifferling auf die Fussballkünste des “O-Beinigen“. Garrincha jedoch war erstaunlich gelassen und liess seinem Gegenspieler nicht den Hauch einer Chance.
Während des Trainingspiels sah Nilton nicht “die Farbe des Balles“ und wurde von Garrincha “schwindelig“ gedribbelt. Zum Ende des Trainings zweifelte niemand mehr an einem Vertragsabschluss zwischen Botafogo und Mané Garrincha. Die Legende hatte seinen Anfang…
Ein Mysterium blieb allerdings die Rolle Orlandos in dieser Geschichte, denn Orlando wurde nie wieder gesehen, weder während des Probetrainings, noch später. Einen sportlich Verantwortlichen dieses Namens hat es beim Fussballclub Botafogo nie gegeben. Bis heute also ein Rätsel in der Geschichte des Fussballs.
Sein privates Leben stand zumindest zum Ende seines Lebens unter einem schlechten Stern. Ende 1962 hatte Garrincha zwei Weltmeisterschaften mit Brasilien und drei Meisterschaften der Carioca-Liga gewonnen. In diesem markanten Jahr begann er eine Romanze mit der Sängerin Elza Soares, ein zur damaligen Zeit ungeheuerlicher Skandal, der ihn auch auf sportlicher Ebene schädigte. Er verliess seine Frau und seine acht Kinder und heiratete Elza Soares. Insgesamt schenkte er 13 Kindern das Leben: acht mit seiner Frau Nair, zwei mit seiner offiziellen Geliebten Iraci, einem in einer “kühlen“ Nacht in Schweden 1959, einem mit Elza und einem mit seiner letzten Frau Vandeléa.
Seit seinem 32. Lebensjahr verging kein Tag, ohne dass er Cachaça oder batida de coco trank. Tragische Ereignisse nahmen ihren Lauf. Zwei Selbstmordversuche, Probleme mit Steuerzahlungen, drei Autounfälle; in einem kam die Mutter von Elza Soares ums Leben. Über zehn Einweisungen in Kliniken wegen Alkoholismus. Zwei Kinder, eins mit Elza und eins mit Iraci starben bei Autounfällen.
Ruy Castro beschreibt in seinem Buch “Estrela Solitária – Um Brasileiro Chamado Garrincha, de Ruy Castro. 536 págs. Companhia das Letras“ ausführlich, dass Mané Garrincha sehr oft der Leidtragende, vor allen Dingen in finanziellen Angelegenheiten und Vertragsunterzeichnungen gewesen ist, wie übrigens auch andere Spieler seiner Generation (Nilton Santos). Aufgrund ihrer geringen Bildung konnten die Spieler teilweise weder richtig lesen noch schreiben. So kaufte er während einer Reise in Europa 1955 ein Radio, das er aber sofort wieder an einen Kollegen weiterverkaufte, weil er die Sprache, die aus dem Radio kam, nicht verstand.
Ruy Castro führt den “Niedergang“ Mané Garrinchas aber weder auf kriminelle Energien sportlicher Leiter bei Vertragsunterzeichnungen, noch auf andere persönliche Schicksalsschläge zurück, sondern hauptsächlich auf seine Alkoholabhängigkeit.
So starb Manuel Francisco dos Santos – Mané Garrincha am 20. Januar 1983 im Alter von nur 49 Jahren an übermässigem Alkoholkonsum. Ein sicherlich unrühmliches Ende einer der schillernsten Figuren im historischen Fussballzirkus. Trotz allem, oder vielleicht gerade aufgrund seiner Eskapaden und seines an Naivität grenzenden Verhaltens, spielte er sich in die Herzen des brasilianischen Fussballvolks. Er ist und bleibt unvergessen und wird von Fachleuten der Fussballszene im gleichen Atemzug mit Pelé genannt.