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«Marcia baila» von Les Rita Mitsouko Songs und ihre Geschichten
Wer sich in den 1980er-Jahren für französische Lebensart und musikalischen Nonkonformismus interessierte, kam an Les Rita Mitsouko nicht vorbei. Das Duo bestand aus Catherine Ringer und Frédéric Chichin.
Catherine Ringer war Pornodarstellerin, Sängerin, Tänzerin und Theaterschauspielerin, als sie 1979 bei einer Musikrevue den Gitarristen und späteren Lebenspartner Fred Chichin in Paris kennenlernte. Gemeinsam gründeten sie die Band Les Spratz, die sie 1980 in Les Rita Mitsouko umbenannten. Ein Name, der sowohl an die Schauspielerin Rita Hayworth, die Striptease-Tänzerin Rita Renoir als auch an das Parfum Mitsouko (japanisches Wort für «Geheimnis») von Guerlain erinnern sollte.
Im Jahr 1985 wurde «Marcia baila» («Marcia tanzt»), die zweite Single-Auskopplung aus ihrem Debut-Album «Les Rita Mitsouko» (1984) mit über einer Million verkauften Exemplaren zum Sommerhit, zum «Pop à la plage».
Das Fundament zu «Marcia baila» wurde 1983 bei der Tanz-Biennale von Lyon gelegt. Während Les Rita Mitsouko die Musik zum Ballett «Pôle à pôle» komponierten, hörte Catherine Ringer ein Kind unermüdlich «ta-lon, ta-lon, ta-lon» wiederholen. Aus diesem Wort entstand das berühmte Gitarrenriff. Der Song war noch nicht fertig, aber der Rhythmus war gefunden. Zurück in Paris improvisierte sie zur Melodie von «Pôle à pôle» und fügte Wörter wie «polystyrène expansé» und «rayonne» hinzu. Ringer dachte an ihre verstorbene Freundin, Förderin und langjährige künstlerische Partnerin und schrieb den vollständigen Text. Der überbordende spanische Akzent, die rollenden «r» – das war Marcia Moretto:
Marcia, elle danse sur du satin, de la rayonne
du polystyrène expansé à ses pieds.
Marcia danse avec des jambes
aiguisées comme des couperets,
deux flèches qui donnent des idées,
des sensations.
Marcia, elle est maigre,
belle en scène, belle comme à la ville.
La voir danser me transforme en excitée.
Marcia, sie tanzt auf Satin, Viskose
Polystrol unter ihren Füssen ausgebreitet
Marcia tanzt auf Beinen, scharf wie Fallbeile
Zwei Pfeile, die einen auf Gedanken bringen
Gefühle hervorrufen
Marcia, sie ist dünn
Schön auf der Bühne wie in der Stadt
Sie tanzen zu sehen, wühlt mich auf
Moretto, comme ta bouche est immense
quand tu souris et quand tu ris,
je ris aussi. Tu aimes tellement la vie,
quel est donc ce froid que l’on sent en toi?
Moretto, wie Dein Mund doch enorm gross ist
Lache ich auch, Du liebst so sehr das Leben
Welche Kälte ist es denn, die man in Dir spürt?
Und dann ein Refrain mit lebhaftem Rhythmus, der mehr zum Austoben als zur ewigen Ruhe einlädt. Les Rita Mitsouko oder die Kunst der Gegensätze. «Marcia Baila» ist trotz traurigem Inhalt in erster Linie eine Ode an das Leben:
Mais c’est la mort qui t’a assassinée, Marcia!
C’est la mort qui t’a consumée, Marcia!
C’est le cancer que tu as pris sous ton bras.
Maintenant, tu es en cendres, cendres.
La mort, c’est comme une chose impossible
et même à toi qui est forte comme une fusée,
et même à toi, qui est la vie même, Marcia,
c’est la mort qui t’a emmenée!
Aber der Tod ist es, der Dich umgebracht hat, Marcia!
Der Tod, der hat Dich aufgebraucht, Marcia
Der Krebs war es, den Du unter Deinen Arm genommen hast
Jetzt bist Du Asche, Asche
Der Tod ist wie eine unmögliche Sache
Und selbst Dir, die doch stark wie eine Rakete bist
Und selbst Dir, Marcia, die doch das Leben selbst bist
Der Tod ist es, der Dich mitgenommen hat
Auch Morettos Suche nach neuen Ausdrucksformen wird gewürdigt:
Avec la tête, elle danse aussi très bien
et son visage danse avec tout le reste.
Elle a cherché une nouvelle façon
et l’a inventée.
Mit dem Kopf tanzt sie auch sehr gut
Und ihr Gesicht tanzt mit dem ganzen Rest
Sie hat eine neue Art gesucht
Und hat sie erfunden
Einen wichtigen Beitrag zum Erfolg von «Marcia baila» leistete das Musikvideo in der Regie von Philippe Gaultier. Die Bühnendeko erinnert an den expressionistischen Stummfilm, die Kostüme kamen von Jean-Paul Gaultier und Thierry Mugler. Die Pop-Art der frühen 1980er-Jahre wurde hier in perfekter Weise abgebildet. Nicht umsonst lief das Video jahrelang im New Yorker Museum Of Modern Art.
«Andy» (1986), «C`est comme ça» (1987) und «Singing in the shower» (1989) hiessen weitere Hits von Les Rita Mitsouko. Fred Chichin, die eine Hälfte des Duos, starb 2007 im Alter von 53 an Krebs.
Die heute 63-jährige Catherine Ringer startete 2009 eine Solo-Karriere und veröffentlichte bis heute zwei Alben. Auf die Frage, welche der Lieder ihr am meisten gefallen, antwortete sie: «Ich mag es, wenn die Lieder ihre eigenen Wege gehen, also wenn das Publikum sich ihrer ermächtigt. Mir gefällt der Grossteil meiner Lieder, aber was mich und mein Ego anbelangt, halte ich nicht daran fest, auf ewig auf diesem Planeten zu sein».
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/
Weitere Songs und ihre Geschichten:
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- «L’anno che verrà» von Lucio Dalla
- Mein Beerdigungssong
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- «Short people» von Randy Newman
- «Ghosttown» von The Specials
- Die Götter des Rock-Minimalismus
- In 76 Minuten um die Welt – mit Peter Reber
- «Marcia baila» von Les Rita Mitsouko
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- «God only knows» von den Beach Boys
- «Big yellow taxi» von Joni Mitchell
- «Komm grosser schwarzer Vogel» von Ludwig Hirsch
- «Das Singen ist eine angstfreie Insel»
- «(Sittin› on) the dock of the bay» von Otis Redding
- «Because the night» von Patti Smith
- «Ashes to ashes» von David Bowie
- «These boots are made for walking» von Nancy Sinatra
- Leise knistert die Schellackplatte
- Ein Lied geht um die Welt
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- «The ballad of Lucy Jordan» von Marianne Faithfull
- «Wuthering heights» von Kate Bush
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