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Jedesmal, wenn ich im Bücherbrocki meine alten oder nicht fertig gelesenen Bücher abgebe, nehme ich eines von dort mit. Es muss eines sein, von dem ich noch nie gehört habe und von einem Autor geschrieben, den ich noch nicht kenne. Das sind die Bedingungen. Manchmal erwische ich dabei nur ein weiteres „Lese ich nicht fertig“-Buch. Aber manchmal ist es ein gutes. Wie dieses hier. Eines, bei dem man am Ende des Buches nochmals ganz nach vorne blättert, um den ersten Abschnitt erneut zu lesen, weil man erst dann die Geschichte wirklich ganz versteht. „Am Hang“ von Markus Werner ist ein solches Buch. Oder eben „Die Deutsche im Dorf“ von Lukas Hartmann.
Worum geht es? Der eine Erzählstrang beginnt im Jahr 1967, als in einem Emmentaler Dorf eine Deutsche auftaucht, die irgendwie seltsam ist, sich von den Dorfbewohnern komplett distanziert, bei der alten Witwe Stucki wohnt, ebenfalls eine Deutsche, und die sich zwei grosse, bedrohliche Schäferhunde hält. Die drei Freunde Christian, Otto und Simon, der Ich-Erzähler – alle drei in einem Alter, in dem ohnehin viele Fragen und Unsicherheiten auf sie einstürmen – entwickeln über diese seltsame Frau bald einen ungeheuerlichen Verdacht, angeregt durch das Thema des Nationalsozialismus, das sie in der Schule gerade behandeln. Simon, ein begabter Violinist und daher ein Aussenseiter in einem Bauerndorf, hat in Christian erst vor kurzem endlich einen Freund gefunden, und diese Freundschaft ist ihm derart wichtig, dass er sich von dessen immer mehr zur fixen Idee werdenden Plan, die Frau zu entlarven, mitreissen lässt, obwohl ihm irgendwann im Verlauf der Entwicklung das gute Gefühl dabei abhanden kommt.
Der zweite Erzählstrang handelt im Jetzt, fünfunddreissig Jahre später, als Simon durch eine musikwissenschaftliche Recherche jäh an diese Frau erinnert wird und fortan mit einer verzweifelten Verbissenheit versucht, deren Geheimnis, und so letztlich auch die Schuldfrage, doch noch zu lösen.
Die Geschichte entwickelt im Laufe des Buches einen immer grösseren Sog, der aber nicht – oder zumindest nicht nur – auf der Frage beruht, was denn nun mit dieser Frau los ist. Die Spannung entsteht vielmehr dadurch, dass man mit dem Ich-Erzähler mitgeht, zunächst durch seine Einsamkeit, dann durch die wie ein Geschenk entstehende Freundschaft mit Christian und durch das Unbehagen, das diese Freundschaft durch das Auftauchen der Frau und den aufkeimenden Verdacht des Freundes ins Wanken bringt. Man folgt dem Jungen durch die ersten kleinen Risse in dieser Freundschaft und die jugendlichen Versuche, diese wegzulügen. Man geht mit ihm abends ins Lehrerzimmer, um seinen Vater zu holen und überrascht diesen dort mit einer jungen, hübschen Lehrerin, man spürt die Hand dieses Vaters auf den eigenen Schultern, wenn er dem Jungen erklärt, dass die Mutter das ja nicht wissen müsse, da es ohnehin harmlos sei. Vor allem aber tritt man gemeinsam mit dem Jungen über die Schwelle, von der es keine Rückkehr mehr gibt und die er nur überschreitet, weil er es nicht ertragen würde, Christians Freundschaft zu verlieren. Oder vielleicht doch nicht?
Dieses Buch handelt von der Eigendynamik einer Gruppe, vom richtigen Zeitpunkt, dies zu erkennen und von der Unfähigkeit, diese Dynamik aufzuhalten. Es handelt von der Frage, ob es die eine Wahrheit wirklich gibt oder ob die gleiche Situation von einer Person als „jugendliche Eselei, die zu einem bedauernswertem Unfall führte“ gesehen werden kann und von der Anderen als eine unverzeihliche Tat, die fünfunddreissig Jahre seines Lebens überschattet hat, wenn auch nur aus dem Hinterhalt. Es handelt von der Frage, ob die Wahrheit einem wirklich helfen würde, die eigene Schuld zu verarbeiten. Und ob die Erinnerung eines Menschen zuverlässig ist oder ob jeder sie sich so zurecht legt, wie er damit leben kann. Es geht um Pauschalverurteilungen und vorgeschobene Toleranz, um Ausgrenzung und Anfeindung und um die Frage, wie lange Ehrlichkeit und Selbstverantwortung dem Druck von aussen standhalten.
Dennoch ist es kein schweres Buch, sondern eine spannend erzählte Geschichte, bei der es dem Autor gelingt, dem Leser allein durch ihren Ausgang die gleiche Erfahrung zu bieten, wie sie die Hauptfigur durchmacht; sich die Frage stellen zu müssen, ob nicht auch er sich von der Schilderung einer Begebenheit aus nur einer einzigen Sicht hat beeinflussen lassen.