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Das Abfüllen von Leitungswasser ist längst zu einem der lukrativsten Geschäftsmodelle von Nahrungsmittelproduzenten geworden. Hinter der Marke Bonaqa zum Beispiel verbirgt sich ganz normales Trinkwasser, das etwas mit Mineralien aufgemotzt wurde, und nicht etwa natürliches Mineralwasser. Deshalb darf es in Deutschland auch nur als Tafelwasser und nicht als Mineralwasser vertrieben werden.
Plastikflaschen sind nur ein Negativaspekt, des Handels mit Flaschenwasser…
Mit anderen Worte: Konzerne schlagen hier Profit aus einem öffentlich zugänglichen Gut. Um zu verstehen, zu welchen Problemen der Ausverkauf von Trinkwasser an Industrieunternehmen führen kann, lohnt es sich nach Kanada zu schauen.
In Kanada kommt ein Großteil des Wassers in den Wasserflaschen aus Grundwasservorkommen in der Nähe der Great Lakes, wo es für 3,71 CAD pro Mio. Liter von Unternehmen abgepumpt wird, die es später mit einer riesigen Gewinnmarge weiterverkaufen. Gerade in dieser Region befinden sich viele indigene Gemeinden, deren Bewohner schon seit Jahrzehnten keinen Zugang zu einer eigenen Frischwasserquelle haben und deren Trinkwasser tonnenweise in Flaschen abgefüllt mit Lastwagen herangekarrt wird. Natürlich werden diese Flaschen von Nestlé und anderen Großkonzernen produziert.
Politiker und Aktivisten fordern, dass der Preis, den die Unternehmen bezahlen, um das Wasser in den Gemeindeflächen abpumpen zu dürfen, angehoben werden muss. Einigen Experten geht das aber nicht weit genug. Sie fordern, dass das Abpumpen von Trinkwasser mit Gewinnerzielungsabsicht aus sozialen und wissenschaftlichen Gründen grundsätzlich verboten wird. Sie verlangen von den jeweiligen Kommunalregierungen, die Lizenz von Hauptabnehmer Nestlé nicht mehr zu erneuern.
„Wenn wir Wasser als Allgemeingut betrachten, dürften Nestlé oder Coca Cola es eigentlich nicht mehr abpumpen, um es abzufüllen und uns dann teuer zu verkaufen. Es sollte erlaubt sein, Lizenzen für die Verwendung von Wasser in einem Produkt zu erwerben—aber Wasser sollte nicht das Produkt selbst sein dürfen“, erklärte Stephen Scharper, Professor der Fakultät Nachhaltigkeitsmanagement an der Universität Toronto in einem Gespräch mit Motherboard.
„Im Endeffekt würde ein solcher Ansatz darauf hinauslaufen, dass abgefülltes Wasser komplett aus dem Handel verschwindet“, so seine Schlussfolgerung.
Die kommerzielle Gefahr für die Wasserreserven
Harden Environmental Services, ein Prüfunternehmen für Grundwasser, stellte in seinem aktuellen Bericht fest, dass Nestlés Entnahme von Wasser in Kanada stellenweise zu einem Druckabfall in den Grundwasserleitern der Vorkommen führte. Ein solcher Druckverlust kann verheerende Folgen für die Wasservorkommen haben: Die Brunnen können versiegen und Schadstoffe aus den Kläranlagen der Region können sich in anderen Gegenden und Grundwasserleitern ausbreiten.
Angesichts der weltweit steigenden Probleme bei der Wasserversorgung der Bevölkerung sind das keine guten Nachrichten: Tatsächlich dürfte jeder funktionierende Brunnen in Zukunft wichtiger denn je sein, denn der Rückgang der Wasserressourcen nimmt inzwischen dramatische Ausmaße an. Die NASA veröffentlichte im letzten Jahr Daten, die zeigen, dass ungefähr ein Drittel der größten Grundwasservorkommen der Erde akut gefährdet sind. Angesichts der im Zuge des Klimawandels zunehmenden Dürreperioden in vielen Weltregionen, könnten wir diese Grundwasserreserven eigentlich gut gebrauchen, und es spräche vieles dafür, dass eine staatliche Kontrolle der Vorkommen aufpasst, dass die Wasserentnahme nicht nach hinten losgeht.
Das Argument der Wasserqualität
Doch es gibt noch ein weiteres Argument, das zeigt, wie unsinnig das Abfüllen von Wasser ist: Überall auf der Welt, wo es eine effektive, staatlich kontrollierte Wasseraufbereitung gibt, ist die Qualität von abgefülltem Wasser in der Regel nicht besser als die von Leitungswasser. Im Jahr 1999 erstellte beispielsweise das amerikanische Natural Resources Defence Council einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass es bei 25% der abgefüllten Wasserflaschen überhaupt keinen Qualitätsunterschied zu Leitungswasser gab.
Ein Test, der 2006 von der Stadt Cleveland durchgeführt wurde, ergab, dass abgefülltes Wasser der Marke Fiji sogar Arsen enthielt. Im Jahr 2008 fand die europäische Environmental Working Group heraus, dass einige Flaschenwassermarken sich überhaupt nicht vom Leitungswasser unterscheiden, und im Gegenteil der Schadstoffgehalt sogar in einigen Fällen die gesetzlichen Höchstgrenzen überschreitet.
Das Argument der Kontrolle
Schließlich gibt es noch den Vorteil der Regulierung, wenn der Staat der Lieferant des Trinkwassers ist: Kommunen sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihre jährlichen Berichte über die Wasserqualität öffentlich zugänglich zu machen, während die Industrie zwar von Verbraucherschutzorganisationen überprüft wird, nicht aber von den Umweltbehörden.
Manche Hersteller veröffentlichen zwar Qualitätsberichte, aber es wurde in der Vergangenheit häufig kritisiert, dass Kommunen an ganz andere Standards gebunden sind und die Industrie sich im Prinzip nur selbst überprüft.
Die Notversorgung: Ein Gegenargument?
Ein Nachteil der vollständigen Abschaffung von abgefülltem Trinkwasser, auf den gerne hingewiesen wird, könnte sein, dass Plastikflaschen, die sich schnell von A nach B transportieren lassen, in Notfällen eine überlebenswichtige Reserve sein können. Die indigenen Communities in Kanada sind zum Beispiel bis heute auf die Wasserflaschen angewiesen, bis die Probleme mit ihrer Wasserversorgung gelöst werden. Scharpers Meinung nach gibt es allerdings keinen Grund, warum das Abfüllen des Wassers nicht von den öffentlichen Behörden übernommen werden könnte.
„Wenn die kommunalen Dienstleistungen nicht funktionieren, ist das noch lange kein Grund, warum die Industrie davon profitieren sollte“, sagte Scharper. „Wenn menschliche Grundrechte vernachlässigt werden, muss die Regierung einschreiten. Sie kann Wasser aus einer kommunalen Quelle zur Verfügung stellen. Man braucht die Industrie nicht als Mittelsmann.“
Wir haben ja auch in der Vergangenheit schon gravierende Verbote durchgesetzt, die die Grundlage unserer modernen Infrastruktur betrafen. Nach jahrzehntelangen Studien über die schädlichen Auswirkungen von Asbest wurde zum Beispiel der Einsatz des Stoffes trotz seiner Beliebtheit in allen Gebäuden verboten.
Ein anderes hartes aber effektives Beispiel für einen drastischen politischen Wandel finden wir in Paris. Hier wurden gerade alle Autos, die 20 Jahre oder älter sind, werktags von den Straßen verbannt, um die Luftverschmutzung zu reduzieren.
Auch in puncto abgefülltes Wasser tut sich was. Einige Städte haben bereits damit begonnen, das Flaschenwasser allmählich aus den Supermarktregalen zu verbannen. Im Jahr 2009 wurde in Bundanoon, Australien, Flaschenwasser sogar komplett verboten. In San Francisco wurde vor zwei Jahren entschieden, abgefülltes Wasser auf öffentlichen Flächen zu verbieten. Mit ausreichend politischem Willen ist also alles möglich. Industriell abgefülltes Leitungswasser braucht kein Mensch.
Quelle, für Sie gefunden: motherboard.vice.com, (Jordan Pearson)
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