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Vor kurzem wurde Sreten Ugriĉić, ein befreundeter Autor, auf skandalöse Art und Weise aus seinem Amt als Direktor der serbischen Nationalbibliothek entlassen.
Nachfolgend ein Text für all jene, die genauer wissen wollen, worum es geht. Und diese kurze Rede von Sreten, die ich sehr beeindruckend finde:
Address at the debate held in Kulturni centar (01/24/12) in Belgrade
I have been accused of supporting terrorism and dismissed from the position of the director of the National Library of Serbia because I supported our right to read without any interpretation imposed in advance, without any threat, without any truth imposed in advance. I have supported the right of each one of you to use your own head.
That is what my terrorism is about. And it truly is a mortal danger the system which in these ten years has changed its appearance, but not its nature. There was a conversion of antifascism into anticommunism. But with anticommunism, antifascism disappeared. From self-managed socialism we reached self-managed nationalism. We chose it ourselves, no one imposed it on us. From self-managed deaccumulation of capital, we reached the wild accumulation of capital, we reached a reality-show of ethno-clero-nationalist capitalism. From a one-party dictatorship we reached a multi-party dictatorship. From atheism we reached apparent religiousness.
The system was facing a simple choice. The alternatives in this case were: to be the best student in the class of professor Slobodan Milosevic or the editor of the collected works of Zoran Djindjic. The choice was: to be the member of the ideological board of the Communist and Nationalist League or a member of the Administrative Board of the European Library. The choice was: »Echoes and Reactions” or Walter Benjamin. The choice was: the nightstick or the Library.
The system made its choice, without hesitation, swiftly, in 24 hours. What do you choose?
A warning to the police from a library terrorist: in the hall of the CCB there will be an explosion – not of a bomb, but of all of us present. And we shall win. Because, as you know: whoever attacks writers with a nightstick is defeated and hated from the start; while the one who reads – wins!
Der Leiter der serbischen Nationalbibliothek Sreten Ugričić unterzeichnete als Mitglied des Belgrade Writers‘ Forum einen öffentlichen Brief, in welchem die öffentliche Diffamierung des Montenegrinischen Schriftstellers Andrej Nikolaidis kritisiert wurde. Daraufhin wurde er von der serbischen Regierung der Mithilfe an terroristischen Machenschaften beschuldigt und fristlos aus seinem Amt als Direktor der Serbischen Nationalbibliothek entlassen.
Sreten Ugričić, Schriftsteller, Philosoph, Astronom, Konzeptkünstler, bis vor kurzem Leiter der serbischen Nationalbibliothek, las im vergangenen Dezember, am St. Nikolaustag, im Zürcher Theater Neumarkt. Er stellte seinen Essay «Das Leben ist Ausland» vor, den er für die Leipziger Buchmesse 2011 geschrieben hatte. Vorstellen, das klingt trocken, langweilig, das Gegenteil davon ist wahr. Es war ein geistreicher, anregender Abend. Das Zürcher Publikum agierte ungewohnt, es beteiligte sich rege, wurde nicht müde, obwohl der Abend schlussendlich zweieinhalb Stunden dauerte. Nach Sretens Besuch habe ich mich umgehend entschieden, eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, mit dem Titel «Das Leben ist Ausland». Ich habe Sreten geschrieben, ihm mitgeteilt, dass ich ihn, als Namensgeber meiner neuen Reihe, auch gern als ersten Gast einladen würde, diesmal, um seinen Roman «An den unbekannten Helden» vorzustellen. Er antwortete mir mit folgender mail: «Last few days I am in all media here, main news, because my Government wants to kick me out from the library. Minister of Police (who was in nineties among the closest assistants of Slobodan Milošević) yesterday told to journalist that I must be put in prison immediately because I support the assassination on our president Tadić. What can I tell you.»
Natürlich habe ich überhaupt nichts begriffen. Zurückzuschreiben, zu fragen, das war unmöglich. Die Hektik und Dringlichkeit in diesen wenigen Zeilen verrieten, dass Sreten sich um anderes kümmern musste, als um mich, meine Besorgnis, meine Frage, was genau geschehen war. Ich fing an, wie verrückt im Internet zu suchen, nach seinem Namen, und ich wurde fündig: Ein paar Stunden nach Sretens mail konnte ich auf einer website lesen, dass er inzwischen als Direktor der Nationalbibliothek entlassen worden war. Nach einer dringlichen Telefonkonferenz der Regierung sei dieser Beschluss gefasst worden, hiess es. Dass der Kulturminister, der einzige, der wohl für Sreten eingetreten wäre, an der Konferenz nicht beteiligt war, habe ich erst später erfahren.
Wie ist es also dazu gekommen, dass man Sreten entlassen hat, der während Jahren die Nationalbibliothek so geleitet hat, dass sie mittlerweile eine internationale Reputation geniesst? Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ihm sagen, er habe nicht nur technische Erneuerungen initiiert, sondern die Zusammenarbeit und den Dialog grossgeschrieben und gefördert?
Aus Anlass des zwanzigjährigen Bestehens der «Republika Sprska», eines Teilstaats Bosniens, wurde am 9. Januar eine feierliche Veranstaltung in Banja Luka angesetzt. Politische Repräsentanten der Republik Serbien, Präsident Boris Tadić, Premierminister Mirko Cvetković und Innenminister Ivica Daĉić, kamen nach Banja Luka, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Am Vorabend entdeckte die Polizei im Kellergeschoss der Sporthalle, in der die Veranstaltung geplant war, ein Arsenal von Waffen, Munition und Sprengstoff.
Der montenegrinische Parlamentarier und Autor Andrej Nikolaidis schrieb am 11. Januar in einem online Medium einen polemischen Kommentar zu diesem Anlass, ironisch könnte man ihn auch nennen, stellenweise sogar unüberlegt. Mit Blick auf die Entstehungsgeschichte der «Republika Srpska», die auf Mord und Vertreibung beruhe, stellt Nikolaidis die Frage, ob man, falls der Sprengstoff explodiert wäre, dies nicht als «zivilisatorischen Fortschritt» betrachten könnte. Die Belgrader Presse, allen voran die regierungsnahe «Politika», zitierte genau diesen einen Satz aus Nikolaidis Text (der übrigens auf www.e-novine.com nachzulesen ist), von dem sie sicher sein konnte, dass die Öffentlichkeit empört, ja hysterisch darauf reagieren würde. Das zu Erwartende trat ein, die aufgeheizten Schlagzeilen übertrafen sich, Nikolaidis wurde als Terrorist gehandelt.
Aufgrund dieser Hetze sah sich das «Forum of Writers» dazu veranlasst, einen Aufruf zu veröffentlichen, in dem entschieden für die freie Meinungsäusserung eingetreten wurde und damit auch für den persönlichen Schutz von Nikolaidis. Die «Fatwa» der Medien gegen Nikolaidis müsse aufgehoben werden, heisst es. Stattdessen solle sein Text im Wortlaut publiziert werden, damit sich die Leser selbst ein Bild davon machen könnten. Diesen Aufruf hat auch Sreten Ugriĉić unterschrieben und damit nahm die Medienhetze eine neue Richtung; das Boulevardblatt «Press» titelte: «Das gibt es nur in Serbien: Nationalbibliothekar unterstützt Ermordung von Präsident Tadić».
Die Reaktion von einigen Mitgliedern der serbischen Regierung folgte unmittelbar: Sreten müsse als Direktor der Nationalbibliothek sofort zurücktreten. Dem Innenminister Ivica Daĉić reichte das nicht. Er plädierte dafür, dass man Sreten ins Gefängnis werfen solle, weil er den Terrorismus unterstütze – Ivica Daĉić, der übrigens während der letzten Jahre von Milosevics Herrschaft Vorsitzender der Sozialistischen Partei war, sich nie öffentlich und explizit von den Entscheidungen, welche die politische Elite des serbischen Staates zu dieser Zeit getroffen hatte, distanziert oder dafür irgendwelche Verantwortung übernommen hat.
Warum, so kann man sich fragen, wird dem Leiter so viel unliebsame Aufmerksamkeit zuteil?
Sreten wurde vor zehn Jahren von Zoran Djindjic zum Direktor der Nationalbibliothek berufen. Er blieb, auch nach dessen Ermordung, im Amt, modernisierte die Bibliothek, machte sie, wie bereits erwähnt, zu einer angesehenen, gut besuchten kulturellen Institution. Angefeindet wurde er ständig, stetig. Und dies sicher auch, weil seine Reden und literarischen Texte elektrisieren, die Worte vor Energie leuchten – das, was das Zürcher Publikum sofort bei seiner Anwesenheit gespürt hat: Hier spricht einer, der scharf denkt, kritisch ist gegenüber jeder Form von Macht, fähig ist, die Dinge anders und das heisst in diesem Fall neu zu denken. Sretens Poetik, die ausserdem einer tiefen Menschlichkeit verpflichtet ist, indem sie den Menschen für mündig erklärt. Ja natürlich, das ist die grösste Gefahr für alle autoritären, zynischen Köpfe, die Wörter wie Demokratie, Verfassung, Freiheit missbrauchen, um im gleichen Atemzug einen Menschen als Terroristen zu verhetzen, der mit seiner Arbeit, seinem Denken nichts anderes getan hat als für ein freies, offenes Serbien einzutreten.
In einer öffentlichen Rede im Belgrader Kulturzentrum sagte Sreten: «A warning to the police from a library terrorist: in the hall of the CCB there will be an explosion – not of a bomb, but of all of us present. And we shall win. Because, as you know: whoever attacks writers with a nightstick is defeated and hated from the start; while the one who reads – wins!»
Das Leben ist Ausland. Ein Essay. In: Sprache im Technischen Zeitalter, Juni 2011.
An den unbekannten Helden. Roman. Dittrich Verlag, Berlin 2011.
Peščanik.net, 25.01.2012.
veröffentlicht [...«only due to technical difficulties»...] am 1. 2.2012 auf www.serbianpen.rs/
01/24/2012 | Belgrade (Serbia)
Statement of Serbian PEN Center on Dismissal of Director of NBS, Sreten Ugricic
Serbian PEN Center believes that Serbian Government should reconsider its decision to dismiss the General Manager of the National Library of Serbia Sreten Ugricic, a writer and a member of PEN because of his signature on a Proclamation of the Forum authors regarding a published article by a Montenegrin writer, A. Nikolaidis. This shift would cause harm to our culture, because as General Manager of NBS, Ugricic did an excellent job and should be credited for a significant enhancement and the fact that it became efficient, fully equipped and globally relevant cultural centre.
On several occasions Ugricic publicly underlined that he had a number of remarks to the disputed text and named his own involvement in the whole thing as reckless, it should be understood that Ugricic put his signature merely in order to defend freedom of expression, not as a support of the ideas of the Nikolaidis’ article. Therefore we think that the Government decision was hasty and deserves a serious reconsideration.
Board of Serbian PEN Center
24.01.2012. | Београд (Србија)
Став Српског ПЕН Центра поводом смене Сретена Угричића
Српски ПЕН Центар сматра да Влада Србије треба да преиспита своју одлуку о смени Управника Народне Билблиотеке Србије, Сретена Угричића, књижевника и члана ПЕН-а поводом његовог потписа на Прогласу Форума писаца у вези са иступањем црногорског књижевника А. Николаидиса. Та смена би нанела штету нашој култури, јер је Угричић као Управник НБС значајно унапредио њен рад и постигао да она постане врхунски опремљена и ефикасна библиотечка установа, релевантна на светском нивоу у својој врсти.
Будући да је у неколико махова истакао своје неслагање са спорним текстом и своје учешће у целој ствари назвао несмотреним, треба разумети да је Угричић свој потпис ставио у циљу одбране слободе речи, а не у знак подршке порукама из написа. Стога смо мишљења да је одлука исхитрена и заслужује озбиљно преиспитивање.
Управа Српског ПЕН Центра