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Soziokratische Organisationen fällen Entscheidungen grundsätzlich im Konsent. Er stellt das prägende Konzept dieser Organisationsform dar. Konsent bedeutet Einigkeit unter den Beteiligten, dass ein Vorgehen sowohl zweckmässig als auch angemessen sei. Konsent kommt zustande, wenn zu einem Vorschlag keine Einwände bekannt sind. Umgangssprachlich ist ein Vorschlag somit gut genug für den Moment, sicher genug für einen Versuch.
Konsent entsteht also nicht aus der Berücksichtigung aller individuellen Interessen oder den Einbezug sämtlicher Wünsche und Ideen, die damit verbunden werden – sondern aus der Unterstützung der Gruppe für einen Vorschlag, der mit dem kollektiven Interesse in Einklang ist.
In der Abwesenheit von Einwänden
Dabei gilt als Einwand ein Argument, wonach eine vorgeschlagene Vorgehensweise die Erreichung gemeinsamer Ziele gefährden würde. Dies etwa, weil er das Gelingen der Zusammenarbeit gefährdet oder aber eine unmittelbare Verbesserungsmöglichkeit ungenutzt liesse.
Dabei stehen insbesondere auch bestehende Vereinbarungen im Vordergrund, seien diese im Team selbst getroffen worden, oder ausserhalb. Nicht zuletzt zählen dazu gesetzliche Beschränkungen oder Normen-Vorgaben, die sich etwa aus einer Verbandsmitgliedschaft oder Zertifizierung ableiten.
Die achtsame Suche nach Einwänden hilft der Organisation, Risiken zu erkennen und angemessen einzubeziehen. Solange ein Einwand besteht, ist ein Vorschlag nicht gut genug oder nicht sicher genug und kann folglich nicht umgesetzt werden.
Konsent und Konsens
Die lexikalische Nähe der beiden Begriffe führt bisweilen zu Verwechslung, doch Konsens und Konsent sind zwei sehr unterschiedliche Konzepte.
Konsens, also einhellige Zustimmung zu einem Vorschlag, ist das Resultat einer Suche nach dem für alle Seiten bestmöglichen Vorschlag. In oft langwierigen und bisweilen zermürbenden Verfahren entstehen so Kompromisse, die selten die effektivste Reaktion auf eine Herausforderung bilden. In der Schweiz kursiert daher das Bonmot: «Ein guter Kompromiss tut allen gleich weh.»
Konsent ist demgegenüber das Ergebnis einer Untersuchung des Vorschlags auf mögliche Konstruktionsfehler. Ergibt diese Suche, dass der Vorschlag ohne unerwünschte Nebenwirkungen umsetzbar sei, geben die Beteiligten ihren Konsent.
💡 Unabhängig davon, wie ein Vorschlag zustande kam – ob in individueller Anstrengung oder als Ergebnis eins Konsens- oder auch Mehrheitscheidungsverfahrens – ist es immer angebracht, abschliessend den Konsent der Betroffenen einzuholen.
Rückhalt für effektives Handeln
Die gestalterische Freiheit, eigene Ideen unbürokratisch umzusetzen, schafft beste Bedingungen für innovative, gute Arbeit. Entscheidungen stützen sich immer auf Intuition ab und sind daher inhärent fehleranfällig. Eine Konsent-Entscheidung multipliziert durch die Nutzung der kollektiven Intuition die Erfahrung aller Beteiligten. Nicht nur sichern wir so Commitment, sondern unsere Entscheidungen werden auch besser. Und häufig schneller.
Engagement im ganzen Team
Die Produktivität von Wissensarbeit speist sich aus der Mitverantwortung und der engagierten Mitwirkung. Beides entsteht, wenn wir aufhören, über die Köpfe Betroffener hinweg zu entscheiden und darauf achten, die vielseitigen Perspektiven und Erfahrungshintergründe des ganzen Teams einfliessen zu lassen. Nicht nur werden Entscheidungen dadurch besser, sondern wir sichern dadurch auch das gemeinsame Commitment.
Eine Formel für alle Entscheidungen?
Welche Entscheidungen lassen sich nicht im Konsent treffen? Die Gegenfrage dazu lautet: Bei welchen Entscheidungen bist du für effektives Handeln nicht auf den Rückhalt der Betroffenen angewiesen? Es gibt eine nicht unberechtigte Befürchtung, dass eine Konsent-Entscheidung in einer grossen Gruppe schwierig zu erreichen sei. Nicht unberechtigt ist sie deshalb, weil die Entscheidungsfindung in grossen Gruppen generell schwerer ist, als in kleinen.
Dabei darf nicht vergessen werden: Entscheidend ist nicht die Zeit, bis die Entscheidung gefällt ist, sondern bis zum Abschluss der Umsetzung. Nichts dauert länger, als die sinnvolle Umsetzung einer Entscheidung, die gegen die Überzeugung derjenigen getroffen wurde, die damit arbeiten.
Der Clou: Konsent entsteht schneller, wenn die Gruppe gross ist. Zumindest, wenn es uns gelingt, der Ideallinie zu folgen. Wir haben oben gesehen, dass Konsent dadurch entsteht, dass es uns trotz aller Bemühungen nicht gelingt, Einwände dazu zu erkennen. Logiker:innen ist bewusst, dass wir das Vorhandensein unberücksichtigter Einwände nie werden ausschliessen können. Doch mit der Grösse der Gruppe von Mitentscheider:innen wächst die Zuversicht, mögliche Versäumnisse zu erkennen.
Konsent in drei Sprachen
Was es bedeutet, Konsent zu einer Entscheidung zu geben, hat in den drei Prägungen der Soziokratie eine leicht unterschiedliche Bedeutung. Diese ergeben sich letztlich aus den unterschiedlichen Grundhaltungen, mit denen Holakratie, Sociocracy 3.0 und die Soziokratische Kreisorganisationsmethode organisatorische Veränderung betrachten.
Die entscheidende Überzeugung hinter der Konsent-Entscheidung ist, dass die Integration von Einwänden den Vorschlag und damit das Funktionieren des Teams unterstützt und verbessert.
Klassisch mit der Soziokratischen Kreisorganisationsmethode
Konsent-Entscheidung entsteht in der «klassischen» Soziokratie mit Blick auf die Zielsetzung des betreffenden Kreises. Sieht jemand einen Konflikt, kann ein Einwand geltend gemacht werden. Der Kreis entscheidet, ob ein Einwand anerkannt und in den Vorschlag eingearbeitet wird.
Die Beteiligten argumentieren dabei unter Berücksichtigung ihrer Präferenz sowie ihres Toleranzbereichs. Übereinstimmende Präferenz wird angestrebt, aber nur das Überschreiten eines Toleranzbereichs begründet einen Einwand und verhindert dadurch Konsent.
Glasklar mit Holacracy
Taktische und Governance-Meetings in Holacracy folgen einem klar beschriebenen Ablauf, der von trainierten Coaches eingeübt und in der Moderation von Besprechungen praktiziert wird. Vorschläge werden von Mitgliedern eines Kreises in ausdrücklicher Wahrnehmung einer ihnen zugewiesenen Rolle eingebracht. Konsent kommt auch hier zustande, wenn kein gültiger Einwand vorgebracht wird.
Wer einen Einwand vorbringt, vertritt diesen gegenüber der Vertreterin des Vorschlags. In einem moderierten Ablauf sind dazu vier Fragen zu beantworten, die als Hürden vor unangebrachter Einmischung schützen. Lautet die Antwort auf eine dieser Fragen nein, ist der Einwand als ungültig qualifiziert.
Ein gültiger Einwand muss von wem ihn erhoben hat in einen verbesserten Vorschlag übersetzt werden. Dieser kann von der Vertreterin des ursprünglichen Vorschlags übernommen oder aber argumentativ abgewehrt werden.
Integrierend mit Sociocracy 3.0
Rückhalt für effektives Handeln bedeutet keine totale Sicherheit vor Schwierigkeiten. Doch lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auf mögliche Nebenwirkungen zu richten und eine bewusste Entscheidung darüber zu finden, ob das damit verbundene Risiko eingegangen werden soll.
Andererseits gilt es zu vermeiden, dass wertvolle Zeit für offensichtlich verbesserungswürdige Tätigkeiten eingesetzt werde. In einer Konsent-Entscheidung nach Sociocracy 3.0 suchen die Beteiligten daher nach Einwänden, die auf unbeabsichtigte Konsequenzen hinweisen, die wir vermeiden möchten – oder die eine unmittelbare Verbesserung des Vorschlags aufzeigen.
Teams fassen Einwände daher ausdrücklich als Geschenk an die Gruppe auf. Mit ihrem ersten Aufbringen gehen sie in Besitz und Verantwortung der Gruppe über. Es gibt keinen Grund, warum eine einzelne Person einen Einwand gegenüber dem Rest verteidigen müsste.
Konsent ist direkt und ohne Voraussetzung anwendbar
Auch ohne jede Idee von Soziokratie, können Menschen die Frage «Sieht jemand einen möglichen Einwand zum Vorschlag?» in der Regel problemlos beantworten; etwas spezifischer könnte die Frage lauten: «Sieht jemand eine mögliche unbeabsichtigte Konsequenz oder eine unmittelbare Möglichkeit zur Verbesserung dieses Vorschlags?». Wer so gefragt wird, hat eine echte Gelegenheit, sich in den Entscheidunsprozess einzubringen, Verantwortung mitzutragen und dadurch Rückhalt für effektives Handeln zu leisten.