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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1986 von Maja Blattmann
Inmitten von Wädenswil, zwischen Friedberg- und Eidmattstrasse, befindet sich das markante reformierte Kirchgemeindehaus im Areal des zugehörigen Rosenmattparkes. Diese Parkanlage wird allseitig durch einen schmiedeeisernen Zaun sowie durch Bäume und Büsche von der nächsten Umgebung abgegrenzt und bildet so eine in sich geschlossene Grünanlage.
Gewiss sind schon viele durch diese stadtparkähnliche Anlage spaziert und haben sich gefreut an der Krokus-Narzissenwiese, an den leuchtenden Farben der Rhododendron- und Azaleen blüten oder etwas später an den stets gepflegten, bunten Sommerflor-Rabatten.
Die Frage jedoch, wie diese Gartenanlage entstanden sein könnte, stellen sich wohl die wenigsten. Trotzdem scheint es mir wesentlich, über die Hintergründe etwas in Erfahrung zu bringen, um dadurch das Erlebnis eines Parkbesuches zusätzlich zu erhöhen.
Allgemein muss man immer wieder die Feststellung machen, dass über Gebäude die ausführlichsten Abhandlungen betreffend Erbauer, Stilrichtung oder Schutzwürdigkeit existieren, dass aber höchst rudimentäre Angaben und Beschreibungen zur dazugehörigen Park- oder Gartenanlage vorhanden sind. Gebäude und Umschwung sollten eine Einheit bilden, sich ergänzen, als Ganzes betrachtet und erhalten werden.
Evariste Mertens, 1846–1907.
Während meiner Tätigkeit im Archiv für die Schweizer Gartenarchitektur und Landschaftsplanung stiess ich zufällig im Nachlass des Gartenarchitekten Evariste Mertens (1846–1907) auf Planunterlagen des Rosenmattparks aus den Jahren 1906/1907. Über diesen einflussreichen Gartengestalter sind folgende Angaben bekannt:
Der aus Belgien stammende Evariste Mertens erwarb seine Grundausbildung als Landschaftsgärtner an der damals sehr bekannten königlichen Gartenbauschule von Gent. Im Anschluss daran arbeitete er beim bedeutenden französischen Gartenarchitekten Eduard Andre in Paris, und später verbrachte er noch zwei Jahre in England. 1870, 24jährig, gründete Mertens zusammen mit seinem Studienfreund Arnold Neher eine eigene Gartenbaufirma in Schaffhausen. 16 Jahre später zog Mertens nach Zürich, da er einen Lehrauftrag für Obstbau an der ETH erhalten hatte. Die Firma Neher-Mertens, die in Fachkreisen sehr bekannt und geschätzt war, wurde in aller Freundschaft aufgelöst.
Im bedeutenden Gartenarchitekten Otto Fröbel fand Mertens einen neuen Geschäftspartner. Drei Jahre später jedoch machte sich Mertens völlig selbständig und richtete einen eigenen Betrieb an der Jupiterstrasse in Zürich ein.
Als eindrücklichstes Zeugnis aus der Partnerschaft Fröbel-Mertens ist die Zürcher Quai-Anlage mit dem Arboretum erhalten geblieben. In den Jahren 1889–1907 konnte Evariste Mertens seine begonnene Laufbahn äusserst erfolgreich fortsetzen, und er darf wohl als einer der bekanntesten und bedeutendsten Gartenarchitekten seiner Zeit bezeichnet werden. Er erhielt Aufträge aus aller Welt.
Mertens gestaltete nicht nur bekannte Villengärten in Zürich-Riesbach, Enge und am Zürichberg, sondern auch weitere öffentliche Anlagen, wie zum Beispiel beim Landesmuseum oder beim ehemaligen Restaurant «Rigiblick».
Der Betrieb Evariste Mertens wurde 1908 von seinen beiden Söhnen Walter (1885–1943) und Oskar Mertens (1887–1976) übernommen. Ab 1954 führte H. Nussbaumer die Firma, die bis 1979 fortbestand, unter seinem Namen weiter.
Emil Gessner-Heusser, 1848–1917.
Der Rosenmattpark ist eines der letzten Werke von Evariste Mertens und entstand in den Jahren 1906/1907. Die Anfänge gehen auf das Jahr 1860 zurück, als der Seidenfabrikant August Gessner (1815–1896) infolge seiner prosperierenden Webereien zahlreiche Liegenschaften in der ganzen Gemeinde zusammenkaufte, unter anderem vier Wohnhäuser samt Umschwung am Schulweg, dem heutigen Gessnerweg. Sein Sohn Emil Gessner-Heusser (1848–1917) war dann in der Lage, diesen Grundbesitz weiter zu arrondieren und damit die Voraussetzungen zu schaffen für einen Park inmitten von Wädenswil.
In den Jahren 1898/99 entstand der Gedanke, ein grosses, repräsentatives Wohnhaus am Schulweg zu bauen. Damit wurde eine Bestandesaufnahme unumgänglich. Der nachfolgende Teilplan und die Foto zeigen den Zustand vor dem Bau der Villa Gessner.
Plan der Parkanlage vor dem Bau der Villa Gessner im Jahre 1899.
Die vor 1898 entstandene Aufnahme zeigt von links nach rechts: Häuser am Schulweg, altes Eidmattschulhaus, Turnschopf, Kirche, Pfarrhaus, Rosenhof, «Sonne», Gewerbehaus. Im Vordergrund eine kleine, dreieckförmige Parkanlage (vgl. Plan oben).
Zum Haus links im Bild gehörte bereits eine Gartenanlage im Landschaftsgartenstil, mit zum Teil barocken Gestaltungselementen. Der Entwerfer dieser Gartenanlage ist nicht bekannt. Vermutlich gehörte der kleine, dreieckförmige Park zwischen Schulweg und Eidmattstrasse schon damals zu dieser Liegenschaft. Weiter ist im Plan der Bestandesaufnahme der Grundriss des heute noch bestehenden, 1825 gebauten Gärtnerhauses Rosenmatt an der Eidmattstrasse erkennbar.
Anstelle des alten Riegelhauses liess Emil Gessner-Heusser in den Jahren 1898/99 vom Architekten Albert Müller aus Zürich die Villa «Rosenmatt» errichten: einen Jugendstilbau, typisch für die Jahrhundertwende.
Im Nord-Ost-Teil des heutigen Rosenmattparkes, das heisst gegen das Plätzli hin, befand sich von 1896 bis 1906 das Baugeschäft samt Lagerplatz der Gebrüder Ferrari. Sobald diese Liegenschaft 1906 auch in den Besitz Gessners übergangen war, wurden die Gebäude des Baugeschäfts (bis auf em kleines Nebengebäude) abgerissen. An dessen Stelle errichtete man das heute noch bestehende Ökonomiegebäude in Fachwerkbau an der Friedbergstrasse. Der sich unweit davon befindliche neuklassizistische Gartenpavillon wurde erst im Jahr 1912 erstellt. Zu diesem Zeitpunkt erreichte der Rosenmattpark seine grösste Ausdehnung.
Wie bereits angedeutet, verpflichtet ein Herrschaftshaus zu einer entsprechenden Parkanlage. Da zu dieser Zeit Evariste Mertens wohl der bekannteste Gartenarchitekt war, war es naheliegend, dass der erfolgreiche Fabrikant Gessner gerade ihm diesen Auftrag erteilte. Es muss erwähnt werden, dass bereits im Jahre 1906 Evariste Mertens die Gartenanlage von Herrn J. Treichler im «Neuhof» an der Florhofstrasse gestaltet hatte.
Originalprojekt des Rosenmattparks, entworfen von Evariste Mertens um 1906.
Der oben abgebildete Plan zeigt das Originalprojekt Rosenmatt von Evariste Mertens. Deutlich zu erkennen sind die Grundrisse der Villa Rosenmatt und des Gärtnerhauses an der Eidmattstrasse. Im links liegenden Teil der Anlage, zum Teil überzeichnet, erkennt man den Grundriss des abgetragenen Baugeschäftes Ferrari und ebenfalls das kleine Nebengebäude (Stallungen?), das noch ein paar Jahre länger bestand und darum ins Projekt einbezogen wurde. Auch im Plan eingetragen, ist das neu erstellte Ökonomiegebäude. Ein weiteres Riegelhaus unterhalb der Villa Rosenmatt gehörte ebenfalls zum Besitz Gessners und diente als Wohnhaus, unter anderem für den Arzt Dr. Heusser und Emil Isler, Direktor der Seidenstoffweberei von 1888 bis 1939.
Der vorliegende Projektplan des Rosenmattparks ist ein Zeugnis für den grossbürgerlichen Lebensstil der Jahrhundertwende. Der sogenannte Landschaftsgartenstil ist typisch für diese Zeit und war ein Hauptmerkmal in Evariste Mertens Schaffen. Seine Anlagen sind meist überreich an Gestaltungselementen und Nutzungsangeboten. Dichte Randpflanzungen, ornamentale Blumenbeete in Hausnähe, Steingärten, Springbrunnen, Weiher und kleine Wasserläufe, Volieren und Pavillons sind immer wiederkehrende Gestaltungselemente seiner Gartenanlagen. Evariste Mertens verwendete gleichzeitig freie und geometrische Formen, was jedoch nicht störend wirkt. Er verstand es ausgezeichnet, diese verschiedenartigen Gestaltungselemente zu einer Einheit aneinanderzufügen.
Baugeschäft und Lagerplatz der Gebrüder Ferrari am Osteingang zum Rosenmattpark, 1906.
Ob der Rosenmattpark jemals bis in jedes Detail nach dem oben abgebildeten Projektplan ausgeführt wurde, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Auf jeden Fall sind aber heute noch Gestaltungselemente, die im Plan eingezeichnet sind, in der Anlage deutlich erkennbar. So zum Beispiel der Hauptweg von der Villa zum Ausgang beim Plätzli, der zentrale, grosszügig angelegte Rasen, Teile der Baumpflanzung entlang der Eidmattstrasse, alle Zugänge zum Park und schliesslich die Gartenterrasse vor dem Gärtnerhaus. Weiter kann auch das im Plan mit Bleistift eingetragene Wort «fertig» den Hinweis geben, dass sicherlich der gegen die Kirche liegende Teil nach den Ideen von E. Mertens realisiert worden ist.
Vor der Parkerweiterung im Jahre 1906 befand sich die Haupteinfahrt zur Villa bereits wenig unterhalb des Gärtnerhauses an der Eidmattstrasse. Das zeigt beispielsweise ein Projekt für dieses Einfahrtsportal aus dem Jahre 1899, das dann 1907 in die untere Ecke des Parks beim Plätzli versetzt wurde, wo es sich heute noch befindet.
Bestandesaufnahme der Bepflanzung des Rosenmattparks, 1986.
Bezüglich der Pflanzung sind im Plan auch einige Angaben zu finden. Zum Beispiel werden folgende Bäume und Sträucher aufgeführt: Birke, Buche, Koniferen (Tanne), Buchs, Kirschlorbeer, Apfelbaum und Weissdorn. Die heutigen alten Baumbestände, wie zum Beispiel die grossen Thujas beim Hauptportal und beim Kirchgemeindehaus, aber auch die mächtige Rosskastanie, könnten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese Pflanzvorschläge zurückzuführen sem.
Bis ins Jahr 1939 wurden im Park unter Emil Gessner-Heusser und später unter seinem Sohn Ernst Gessner einige Veränderungen vorgenommen. So brach man auch das Haus unterhalb der Villa Gessner im Jahr 1921 ab, und an dessen Stelle errichtete man einen kleinen, gewinkelten Bau, der als Geräteschuppen und Pflanzenkeller diente.
Die Landparzelle mit diesem Bau ging dann im Jahr 1939 in den Besitz der Bank Wädenswil über, und das Gebäude wurde bis zu seinem Abbruch im Jahr 1971 für Archivzwecke genutzt. Heute befindet sich dort der Neubau der SKA Wädenswil.
Die später erfolgten Ergänzungen und Änderungen, wie zum Beispiel der Platz mit den zwei Sandsteinfiguren und der (schrecklich blauen) Brunnenanlage direkt beim Kirchgemeindehaus, Wegverlegungen, aber auch Neupflanzungen, sind zeitlich kaum einzuordnen und müssen heute als gegeben hingenommen werden.
Ernst Gessner starb 1938. In der Folge verkauften die Erben 1939 den Fachwerkbau samt etwas Umschwung an der Friedbergstrasse einem privaten Käufer.
Villa «Rosenmatt», erbaut 1899, seit 1940 Kirchgemeindehaus.
Der Löwenbändiger.
Den verbleibenden Rosenmattpark mit dem grossen Wohnhaus vermachten die Erben grosszügigerweise der Öffentlichkeit: Der Park ging an die Politische Gemeinde Wädenswil über und die Villa an die Reformierte Kirchgemeinde, welche in der Folge eine entsprechende Stiftung ins Leben rief. Die Villa wurde 1939/40 für die Nutzung als Kirchgemeindehaus umgebaut.
Durch die Öffnung der Parkanlage kam die Wädenswiler Bevölkerung mitten im Zentrum zu einer Oase der Ruhe und Erholung. Um dieser neuen Situation gerecht zu werden, nahm man einige Anpassungen vor. Man legte einen Kinderspielplatz an und stellte an mehreren Orten Ruhebänke auf. Trotzdem hat sich das Grundkonzept Mertens erhalten können, und hoffentlich werden alle kommenden Generationen weiterhin ihren Gefallen daran finden.
Maja Burlet
Literaturnachweis
Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee, 22. und 24. Juni 1940.
Inventarblätter der Arbeitsgemeinschaft für Ortsbildpflege und Inventarisation (AOI), Zürich.
Peter Ziegler/Max Mumenthaler, Gessner & Co. AG, 1841-1966, Wädenswil 1966.
Die Pläne von E. Mertens wurden freundlicherweise von der Stiftung für die Schweizer Gartenarchitektur und Landschaftsplanung mit Sitz in Rapperswil zur Verfügung gestellt.