Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03178.jsonl.gz/2439

Foto, aufgenommen anlässlich der Tagung "Johann Anton Losy von Losinthal (c. 1645-1721). Un musicista tra Piuro e Praga" vom 13. Oktober 2007 in Piuro (Plurs) im Veltlin.
Nachruf auf Claude Chauvel
Am 5. Dezember 2021 verstarb der Musikwissenschaftler und Musiker Claude Chauvel in Bordeaux. Mit ihm verliert die Lautenwelt eine wichtige Stimme. Deshalb ist es mir wichtig, in diesem Nachruf an ihn und sein Lebenswerk zu erinnern.
Claude Chauvel wurde am 18. Mai 1939 geboren. Seine familiäre Situation und die Folgen einer in jungen Jahren erlittenen Tuberkulose waren für ihn zeitlebens eine Belastung. In Gesprächen gab er nicht viel davon preis und ich mochte auch nicht bohren. Deshalb kann ich wenig Fakten zu seinem Leben aufführen.
Claude war an Kursen von Walter Gerwig und hatte Kontakte zu renommierten Lautenisten dieser Zeit wie Eugen M. Dombois und Michael Schäffer. Vermutlich hat er auch ein Musikwissenschaftsstudium im Frankreich gemacht. Wichtig war ihm die Studienzeit in Wien, als er zuerst bei Karl Scheit studierte (1963/64 offiziell inskribiert). Er hatte Scheits Lauten vermessen und Informationen dazu recherchiert, ihm bei Beschaffung von Tabulaturen und deren Übertragung assistiert, ihn auf Kursen und andere Veranstaltungen begleitet. Schon damals hatte er eine umfangreiche Liste von Konkordanzen angelegt. Er gehörte zur Familie Scheit und war mit Luise, der Witwe von Karl, noch bis November 2021 in regelmässigem telefonischem Kontakt.
Claude hat sich immer schwer getan mit dem Leben, hatte nie Geld, lebte in der Wohnung seiner Mutter, hatte kaum Freunde und war eher depressiv veranlagt. Bei Scheits hatte er den Spitznamen „Semper Dolens“. Aber Claude hatte auch eine andere Seite: Er war äusserst neugierig und liebte Gespräche in seinen Fachbereichen. Diese betrafen nicht nur die Laute. Auch mit vielen Gitarristen hatte er Begegnungen, so mit Pujol oder Yepes. Er war ein "homme de lettres" – also ein hochkultivierter, belesener Mensch – und seine Booklet-Texte, die er für Hopkinson Smith, Claire Antonini und andere schrieb, waren immer gehaltreich und auf dem Stand der Forschung. Auch für Radio France arbeitete er und betreute als Produzent Sendungen zu klassischer Musik und Jazz und später arbeitete er wohl auch für die Universität in Bordeaux.
Claude war für mich eine wichtige Informationsquelle, um die Entwicklungen der Lautenistik vor meinem Studium an der Schola Cantorum Basiliensis in den 1980er-Jahren zu verstehen:
Offenbar nahm Claude bereits 1957 am ersten Kongresses „Le luth et sa musique“ teil, an dem Karl Scheit den Vortrag hielt "Ce que nous enseignent les traités de luth des environs de 1600". Aus der 2022 erschienenen Biographie von Walter Gerwig entnehme ich, dass er 1961 erstmals mit einer studentischen Besuchergrupe in der Kölner Hochschule auf Walter Gerwig traf. 1963 nahm er an der ersten von Walter Gerwig geleiteten "Studientagung für junge Lautenisten und Gitarristen" auf dem niederländischen Landgut Huis Queeckhoven in Breukelen bei Utrecht teil. Dabei waren u.a. auch Narcisco Yepes als Dozent, als Teilnehmer Eugen Müller-Dombois, Anne Bailes-van Royen, deren Mutter Gusta Goldschmidt und Friedemann Hellwig. In der erwähnten Gerwig-Biographie hat uns Claude Chauvel auch seinen letzten Text "Erinnerungen an Walter Gerwig" hinterlassen.
1980 nahm er am Kolloqium "Le luth et sa musique II" in Tours teil, 1998 am Kolloqium "Luths et luthistes en Occident", das von der Cité de la musique in Paris organisiert wurde und spach dort über "Quelques aspects de la renaissance du luth dans les pays germaniques" (1999 erschienen in den Akten des Kolloqiums). Er erweiterte und übersetzte diesen Vortrag – Claude sprach ein äusserst gepflegtes Deutsch – und hielt ihn unter dem Titel "Die Rolle der deutschsprachigen Länder in der Wiederentdeckung und in der Renaissance der Laute (ca. 1830 – 1950)" am 14. März 1999 anlässlich des Festivals der Laute in Basel. Dieser Aufsatz ist ein Schlüsseldokument, um einen Überblick über diese Phase der Lautenistik zu gewinnen. Claude war etwa 2015 mit einer Aktualisierung und Publikation einverstanden, weshalb der Aufsatz im Moment überarbeitet sowie in den Anmerkungen aktualisiert und anschliessend in einem Organ der DLG publiziert wird.
2007 trafen wir uns in Piuro (Plurs), dem Herkunftsort des Vaters von Johann Anton Losy von Losinthal, wo Claude einen Vortrag über das Phantom Losy hielt: Viele Zuschreibungen an Losy schienen Claude dubios und er mahnte eine kritischere Quellenforschung an. Dieses kritische Hinterfragen war ein Wesenszug von ihm – gepaart mit einer unerbittlichen Akribie. Als Berater von Sylvie Minkoff, für die er viele Vorworte und Indices verfasst hat, brachten ihn Ungenauigkeiten in Rage: wenn die genaue Herkunft des faksimilierten Originals nicht klar ausgewiesen war, wenn nicht immer die originale Grösse übernommen wurde (was z.B. auch bei der Verwendung von kleinen Kontaktabzügen aus dem Nachlass von André Tessier geschah, wenn das Original nicht zugänglich war) oder wenn die Zweifarbigkeit von Quellen nicht wiedergegeben wurde, was gerade in den begleiteten Vokalwerken in Vihuela-Quellen zentral ist, weil die Gesangsstimme in der Tabulatur integriert und rot abgedruckt ist. Sein Zettelkatalog und das Nachführen der Nachschlagewerke mit handschriftlichen Notizen ist legendär – und bringt uns Hinterbliebene nun, da wir nicht mehr direkt nachfragen können, zum Teil in arge Verlegenheit. Wie viel Wissen von Claude nun einfach fehlt, wird uns wohl erst in den nächsten Jahren bewusst.
Claude lebte in den letzten Jahren zurückgezogen in seiner Wohnung in Bordeaux. Der Kontakt mit der Aussenwelt und interessierten Gegenübern fehlte ihm je länger desto mehr. Auch hatte er keine direkten Verwandten mehr. Leider mochte er die Unterstützung für den Einstieg in die computerisierte Zeit nicht mehr annehmen, so dass er nur via Post und Telefon erreichbar war oder an seinem Wohnort besucht werden musste. In den Telefonaten im Jahre 2021 zeigte sich eine innere Müdigkeit, die mehr und mehr den lebhaften fachlichen Austausch, den ich mir gewohnt war, überdeckte. So verschied Claude Anfang Dezember im Alter von 82 Jahren.
Andreas Schlegel (mit freundlicher Mithilfe von Tim Crawford, Stefan Hackl und weiteren InformantInnen. Die Gerwig-Biographie ist bei der Deutschen Lautengesellschaft erschienen und dort erhältlich.)