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von Thomas Kaiser
Was mit dem verzweifelten Ruf «Tutti fratelli» – «Alle sind Brüder» und der spontanen Versorgung der Verwundeten nach der blutigen Schlacht von Solferino 1859 seinen Ursprung genommen hatte, fand im Buch «Eine Erinnerung an Solferino», das der Schweizer Handelsreisende Henry Dunant 1862 veröffentlichte, seinen literarischen und menschlichen Niederschlag. In dieser Schrift regte der Autor die Gründung einer internationalen Hilfsorganisation an, die mit Hilfe Freiwilliger den unsäglichen Leiden der Verwundeten auf dem Schlachtfeld eine Linderung verschaffen sollte. Der verwundete Soldat, unabhängig davon, ob Freund oder Feind, sollte nur als Mensch betrachtet werden und im Sinne der Nächstenliebe und des menschlichen Mitgefühls die nötige Hilfe bekommen. Damit diese Vision nicht nur ein Lippenbekenntnis blieb, gründete Dunant bereits 1863 eine Organisation, das «Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege», das später mit dem Namen «Internationales Komitee vom Roten Kreuz», in der Kurzform IKRK, in die Geschichte eingehen sollte. Sie hatte sich die Umsetzung dieses Anliegens zum ehrenvollen Ziel gesetzt. Die Gründer – unter ihnen Henry Dunant und der bedeutende General des Sonderbundkriegs Henri Dufour – dieser heute weltweit grössten internationalen Hilfsorganisation waren es, die zusammen mit Gleichgesinnten Regeln aufstellten, die im Kriegsfall zur Anwendung kommen sollten. Damit diese international beachtet werden, so waren sie überzeugt, brauchte es allgemein anerkannte Normen, die von allen kriegführenden Staaten respektiert würden. Am 22. August 1864 wurde in Genf an einer eigens dafür vom Schweizer Bundesrat einberufenen Sitzung der Grundstein für die erste Genfer Konvention und damit für das Humanitäre Völkerrecht gelegt. Dieses ganze Sinnen und Trachten geht auf die Initiative eines Mannes zurück, der aus menschlicher Betroffenheit heraus einen Weg beschritt, der zur Entstehung einer weltweiten humanitären Bewegung führte. Das war ein Meilenstein in der Entwicklung der Menschheit, denn sie förderte eine neue Betrachtungsweise und veränderte das Denken der Menschen. Das Leiden der Verwundeten und vom Krieg geschädigten Kombattanten bekam plötzlich eine zentrale Bedeutung, das menschliche Leid wurde nicht mehr als gegeben und unveränderlich wahrgenommen. Das schien manchen ein Widerspruch, in der Konsequenz aber war es der Versuch, dem Krieg Einhalt zu gebieten
Auf den Tag genau, nur 150 Jahre später, machte im Landesmuseum Zürich der scheidende Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, Botschafter Martin Dahinden, in seiner Rede während der Eröffnungszeremonie der Fotoausstellung «Krieg aus der Sicht der Opfer» – Fotografien von Jean Mohr, dem renommierten und mehrfach ausgezeichneten Fotografen, auf die grosse Bedeutung der kleinen Schweiz beim Einsatz für die Entwicklung und Respektierung des Humanitären Völkerrechts aufmerksam. Er wies darauf hin: «Die Konvention schrieb zum ersten Mal in der Geschichte in einem völkerrechtlichen Dokument fest, dass verwundete und kranke Soldaten – unabhängig von ihrer Zugehörigkeit – gepflegt werden sollten. Die erste Genfer Konvention widerspiegelt damit das erstmalige Bestreben, dem Krieg mit Regeln Grenzen zu setzen. Das ist bis heute ein wichtiges humanitäres Anliegen, aber auch der Grundpfeiler der Rechtsstaatlichkeit.» Damit stellte Martin Dahinden eine enge Beziehung zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und dem humanitären Engagement der Schweiz dar. Die Schweiz war federführend in der Ausarbeitung der weiteren drei Genfer Konventionen, sie hat die jeweiligen diplomatischen Konferenzen dazu einberufen und besitzt auch als Depositarstaat eine besondere Verpflichtung. Wenn Bundesrat Didier Burkhalter heute in seiner Rede auf dem Nato-Gipfel in Newpoint als Präsident der OSZE verlangt, dass eine Lösung des Ukraine-Konflikts nie eine militärische sein darf, sondern eine auf Verhandlungen basierende, die nur «mit Russland» gefunden und nicht «gegen Russland» gerichtet sein kann, dann ist das genau dieser Geist, welcher der humanitären Tradition der Schweiz entspricht, die auf Frieden und Verhandlungen und nicht auf Krieg und Konfrontation ausgerichtet ist.
Mit seinem Buch «Eine Erinnerung an Solferino» gab Henry Dunant den Leidenden eine Stimme, die in der Welt gehört werden und eine Veränderung einläuten sollte. Ähnliches kann man von den Bildern des Fotografen Jean Mohr sagen. In seiner mitfühlenden und würdigen Art erfasste er das Leiden besonders der Zivilbevölkerung in den Kriegsgebieten. Dabei ging es ihm aber nicht um Effekthascherei, sondern um die Darstellung des Menschen in dieser ausserordentlichen Situation, in der das Leben trotz schwersten Nöten und Widrigkeiten weitergehen muss. Niemals wird dabei die Würde des Menschen verletzt.
Die Vizepräsidentin des IKRK, Christine Beerli, würdigte an diesem 22. August 2014 die Schaffenskraft von Jean Mohr, der «das Vertrauen seines Gegenübers nie missbraucht und die leidenden Menschen nicht zusätzlich blossgestellt» hat. «Es ging ihm darum, eine Botschaft der Menschlichkeit nach aussen zu tragen – uns alle, die wir das Privileg haben, in Frieden zu leben, aufzurütteln, zum Nachdenken und zum Handeln zu bewegen.»
Eröffnet hatte die Vernissage der Direktor des Schweizerischen Nationalmuseums Andreas Spillmann, indem er das Werk Jean Mohrs würdigte. Der ganzen Veranstaltung gab die Theater- und Filmschauspielerin Heidi Maria Glossner eine ganz besondere Note. Sie rezitierte zwischen den einzelnen Vorträgen Gedichte von Erich Fried und anderen namhaften Künstlern, die mit treffenden Worten und spitzer Feder das Elend der Armen und das Leiden der kriegsgeplagten Menschen eine Stimme verliehen hatten. Ihre musikalischen und literarischen Einlagen gingen unter die Haut und zwangen den Zuhörer zum Nachdenken. Letztlich, und darin sind Henry Dunant oder Jean Mohr leuchtende Vorbilder, sind es immer einzelne Menschen, die mit ihrer inneren Überzeugung und ihrem daraus resultierenden Engagement Entscheidendes zur positiven Veränderung in der Welt beigetragen haben. So war es die Absicht von Heidi Maria Glossner, darauf aufmerksam zu machen, dass Frieden und Gerechtigkeit nur dann erreicht werden, wenn die Menschen dies wollen und einfordern. Somit ist jeder gefragt, und jeder kann etwas zur Verwirklichung dieses grossen Ziels beitragen, wenn er es möchte. Wie Wilhelm Tell im gleichnamigen Drama des klassischen Dichters Friedrich Schiller in der verzweifelten Situation der Urner sagte: «Was Hände bauten, können Hände stürzen.» Was doch nichts anderes bedeutet, als dass der Mensch sein Schicksal selbst bestimmen kann, oder was von Menschen gemacht wurde, kann auch durch diese wieder verändert werden. Diese Überzeugung bestimmte auch das Engagement von Jean Mohr, der heute mit fast 90 Jahren auf ein beeindruckendes Werk zurückschauen kann, die Menschen mit seinen Bildern zu berühren und zum Handeln anzuregen.
Die Ausstellung ist eindrücklich und besonders zur Friedenserziehung im Schulunterricht zu empfehlen. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA stellt auf seiner Homepage Anregungen, wie man das Thema mit Schülern und Studenten bearbeiten kann, zur Verfügung. Ein Blick dorthinein lohnt sich. In Zeiten wie heute, wo Manipulation und Desinformation den täglichen Inhalt unserer Medien bestimmen, ist es von grosser Tragweite, dass wir Menschen uns an gemeinsamen humanen Konstanten orientieren können, von denen aus wir versuchen, mehr Menschlichkeit und mehr Friedenswillen in die Welt zu tragen. •
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