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Katja Petrowskaja würde sich sehr dagegen wehren, als «Stern am Literaturhimmel» bezeichnet zu werden. So ganz versteht sie den Hype nicht, der gerade um ihr Buch «Vielleicht Esther» gemacht wird. «Alle sehen immer nur das, was gelungen ist – aber was mir alles nicht gelungen ist, darüber redet keiner». sagt sie, und ganz unrecht hat sie damit nicht. Vielleicht aber ist das, was ihr gelungen ist, so zauberhaft, poetisch und ergreifend, dass man alles andere gern vergisst.
Vielleicht aber würde ihr die Bezeichnung «Stern am Literaturhimmel» auch sehr gut gefallen. Einer ihrer Vorfahren, ihr Grossonkel väterlicherseits, hiess Judas Stern. «Es gab auch die Sterns, so hiess mein Grossvater bis zu seinem 20. Lebensjahr, und so würde auch ich heissen, wenn die russische Revolution nicht gesiegt hätte», heisst es im Buch. Und weiter: «Jeder Stern schien mir ein geheimer Verwandter zu sein, auch die am Himmel.»
Der verheimlichte Grossonkel
Solange die Sterne am Himmel sind, ist alles gut. Es lässt sich träumen. Wenn sie aber auf die Erde kommen, wird es kompliziert. Judas Stern wurde lange in der Familie verheimlicht, zu seinem eigenen Schutz und zu dem der ganzen Familie. Denn erstens hatte er am 5. März 1932 mitten in Moskau auf den deutschen Botschaftsrat Fritz von Twardowski geschossen, und zweitens hatte man ihn daraufhin für verrückt, für meschugge, erklärt. Beides keine Auszeichnungen zu jener Zeit. Am Ende der Gerichtsverhandlung fragt Judas Stern: «Wann schicken Sie mich in die Welt der unorganisierten Materie?» Kurz darauf geschieht es.
Ein paar Jahre später ist er wieder da, der Stern, aber diesmal als sechszackiger David-Stern. «Judas und Stern, wer, Papa, denkt nicht gleich an den gelben Stern, wenn ich diesen Namen ausspreche? Der Stern strahlt auf der Stirn, wie bei der Schönen im russischen Märchen, und hier ist es ein jüdischer Stern, Mogendovid, der Davidstern. Nur wenige Jahre später, da war unser Held schon tot, wurde der Stern in den Ghettos am Ärmel getragen» schreibt Katja Petrowskaja.
Der lange Marsch nach Babij Jar
Springen wir ins Jahr 1941. Die Deutschen haben Kiew besetzt und alle Juden sollen sich einfinden. Und zwar zum «langen Marsch» nach Babij Jar. Babij Jar ist eine Schlucht unweit von Kiew, wo Ende September 1941 innerhalb von zwei Tagen mehr als 30'000 Juden erschossen und vergraben wurden, darunter auch Katja Petrowskajas Ur-Grossmutter mütterlicherseits mit ihrer Tochter. Auch die Ur-Grossmutter väterlicherseits, die «vielleicht Esther» hiess – Katja Petrowskajas Vater erinnert sich nicht genau, denn eigentlich wurde sie von allen nur Babuschka oder Mama genannt – sollte sich dazu einfinden. Sie kam aber gar nicht erst bis nach Babij Jar, weil die Nazis sie kurzerhand auf offener Strasse erschossen.
Das sind nur zwei der Geschichten, die Katja Petrowskaja nachzeichnet – liebevoll, gewissenhaft und, das mag überraschen: auch humorvoll und leichtfüssig. Dass sie das mit einer ganz aussergewöhnlichen Sprache macht, dürfte daran liegen, dass Katja Petrowskaja nicht in ihrer Muttersprache Russisch schreibt, sondern auf Deutsch – der Sprache, die sie erst mit Ende 20 anfing zu lernen. Seit 14 Jahren lebt sie nunmehr in Berlin und hat sich den fremden Blick auf die deutsche Sprache bewahrt. Und schon allein deshalb möchte ich sie mit bestem Gewissen als «Stern am Literaturhimmel» bezeichnen.
Buchhinweis
Katja Petrowskaja: «Vielleicht Esther». Suhrkamp, 2014.