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Wie man Illusionen verkauft
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Niclas Lahmer ist "Vortragsredner, Berater und Trainer im Risiko- sowie Sicherheitsmanagement", liest man auf der Rückseite des Buches. Und: "Zu seinen Kunden gehören die Industrie, der Handel, das Militär und andere staatliche Organisationen". Wer einen solchen Satz formuliert, dem gehört sofort meine volle Aufmerksamkeit. Die ... Niclas Lahmer ist "Vortragsredner, Berater und Trainer im Risiko- sowie Sicherheitsmanagement", liest man auf der Rückseite des Buches. Und: "Zu seinen Kunden gehören die Industrie, der Handel, das Militär und andere staatliche Organisationen". Wer einen solchen Satz formuliert, dem gehört sofort meine volle Aufmerksamkeit. Die Industrie. Der Handel. Das Militär. Mehr geht nicht. Nach wenigen Seiten nur stellte sich mir die Frage, wie man einen solchen Text überhaupt veröffentlichen kann. Man stolpert nämlich über verwirrende Sprachbilder und ein gelegentlich haarsträubendes Deutsch. Wir seien "schrecklich im Erkennen von Lügen" (S. 14) heißt es zum Beispiel. Oder: "Er hätte wohl nie gedacht, dass Facebook eines Tages überhandnimmt" (S. 25). Mein Favorit auf den ersten Seiten ist jedoch: "Die Intuition ist eben kein Allheilmittel, und nach dem Gießkannenprinzip können Sie damit auch nicht alles herausfinden." Kein Witz – das steht so auf Seite 27. Sollte nicht jemand, der vorgibt, gewissermaßen die Gedanken anderer lesen zu können, wenigstens seine eigenen präzise formulieren können? Seltsamerweise sind diese sprachlichen Fehlleistungen nur auf den ersten Seiten zu finden. Später wird der Text deutlich besser. Verstehe das, wer will. Lahmer ist Unternehmer, und schon deshalb dient dieses Buch auch der Selbstvermarktung. Das kann man natürlich nicht zugeben. "Dieses Buch soll dem Zweck dienen, Ihnen zu dienen", steht auf Seite 29 am Ende der Einleitung. Da man mit diesem Buch lernen soll, die Wahrheit herauszufinden, sollte man meinen, dass es selbst eine gewisse Wahrhaftigkeit besitzt. Doch das beißt sich vermutlich mit dem Drang, gut dastehen zu wollen. Um es noch deutlicher zu formulieren: Mit diesem Buch lernt man nicht, jemanden tatsächlich zu durchschauen. Dazu müsste man in erster Näherung alle hier vorgestellten Techniken wirklich beherrschen. Glaubt jemand ernsthaft, dies durch das Lesen eines Buches bewerkstelligen zu können? Techniken erlernt man nur durch ausreichende praktische Übungen auch unter Stress. Nur so kommt man zu Erfahrungen. Da aber in diesem Buch alles nur angedeutet und sehr kurz erklärt wird, müssen eigene Übungen schon im Ansatz rudimentär bleiben, sollte man sie tatsächlich versuchen. Einen erfahrenen Mentor wird man dann auch nicht dabei haben. Aber nur dann hat eine Übung einen Sinn. Um es kurz zu machen: Hier werden die üblichen Illusionen verkauft. Am Ende der Einleitung kann man sich den "Fahrplan zum Buch" zu Gemüte ziehen. Leider sind wir hier noch im Bereich der seltsamen Formulierungen, der erst mit dem Kapitel "Psychologie" zu Ende geht. Der Text gliedert sich, wie man hier erfährt, in folgende Bestandteile: Achtsamkeit, Empathie, Psychologie, Physiologie, Gesprächstechniken (Dekodierung) und Interview (Verhör). Immerhin kommt Lahmer dann zur Wahrheit: "… Tatsache ist, dass es viele Jahre braucht, um diese Techniken zu perfektionieren." Im Text selbst liest sich das dann immer wieder etwas anders. Unter Achtsamkeit versteht Lahmer hier das konzentrierte Beobachten eines Gesprächspartners. Dazu muss man im Hier und Jetzt bleiben, was in Zeiten permanenter Ablenkung mehr als ungewohnt ist. Empathie besitzt man, wenn man sich in die Gefühlswelt anderer hineinversetzen kann. Beim Thema Psychologie wird es dann schon etwas praktischer. Man muss nämlich im Kontext dieses Buches gewisse Tricks erlernen, die dem Gegenüber das Gefühl geben, dass er verstanden wird. Man muss insbesondere so tun, als ob man eine Beziehung zu dem Menschen aufbaut, den man eigentlich entlarven möchte. Selbst lügen und einem anderen etwas vorspielen, um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen, kann nicht jeder. Physiologie bedeutet bei Lahmer Körpersprache. Insbesondere geht es hier auch um Gesichtsausdrücke für die wichtigsten menschlichen Emotionen. Dazu findet man Fotografien, bei denen man allerdings nicht immer das erkennen kann, was gemeint ist. Beispielsweise zeigt das Bild für Trauer einen Ausdruck, den man auch als Eingeschnapptsein interpretieren kann. Verachtung und Ekel kann man zwar erkennen, doch auch hier fehlt die Eindeutigkeit. Und da ist man auch schon bei einem grundlegenden Problem. Es ist eben selten etwas wirklich eindeutig. Körpersprache und Gesichtsausdrücke geben lediglich Hinweise, denen man dann intensiver mit anderen Methoden nachgehen kann. Und obendrein geht alles sehr schnell. Von den Mikrobewegungen im Gesicht ist zwar auch im Buch gelegentlich die Rede – erkennen kann man sie jedoch nur nach langer Übung, wenn überhaupt. Eigentlich müsste man Aufzeichnungen in Superzeitlupe ablaufen lassen, um so etwas zu sehen. Im Kapitel Dekodierung stellt Lahmer verschiedene Verhörtechniken vor. Es reicht, wenn man erwähnt, dass man für solche Techniken eine spezielle praktische Ausbildung braucht. Im Buch werden sie lediglich kurz angerissen. Alles zusammen wird dann im Verhör oder in einem Gespräch angewandt. Das ist dann die Krönung und praktische Zusammenfassung des Buches. In einem Alltagsgespräch, bei dem man einen Lügner überführen möchte, muss man also folgende Prozesse zusammenführen: Man muss sich in die Lage des Gegenüber hineinversetzen können, ihm etwas vorspielen, gleichzeitig seine gesamte Körpersprache beobachten und sie auf Widersprüche zu seinen Aussagen prüfen, sein Gesicht dabei noch genauer im Auge behalten, sich eine Fragetechnik zurechtlegen und sie je nach Verhalten des anderen variieren. Dann ist man "der Lügendetektor fürs Business". Vermutlich ist man dabei aber einfach erst einmal überfordert. Das Buch ist kein praktischer Ratgeber, sondern erklärt lediglich, was man alles lange üben muss, bevor man damit tatsächlich Erfolge erringen kann. Wenn man das akzeptiert, ist es ein recht guter Plan für eine nicht ganz einfache Aufgabe. Gemessen am formulierten Anspruch ist es ein Flop. Das allerdings war zu erwarten. Menschen zu lesen, erlernt man nicht aus Büchern.