Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/889

Abschnitt 5: Dialektischer ansatz: thesen, positionen und fragen
Thèse 7: Die stabilisierung der anwendungen in der pädagogischen informatik
Die Entwicklung der Informatik unterliegt zu einem grossen Teil dem kommerziellen Druck durch die Industriellen. Ist es jedoch vorstellbar, dass sich gewisse Nutzungsformen um stabile "ökologische" Nischen herum bilden?
Die Einführung der Informatik in den Unterricht gab zu Beginn der achtziger Jahre Anlass zu stark gegensätzlichen Positionen. Die uneingeschränkten Befürworter der Informatik kündigten eine technologische Flutwelle und einen grundlegenden Wandel der Unterrichtsqualität an. Andere Akteure, durch den Diskurs der ersteren erschreckt oder von technophobischer Grundeinstellung, malten das Schreckgespenst einer enthumanisierten Klasse an die Wand, in der die affektiven und sozialen Aspekte keinen Platz mehr hätten. Diese beiden Diskurse haben heute ihre Substanz verloren. Zehn Jahre später haben die Computer in unseren Schulen gewiss einen realen, aber doch marginalen Platz eingenommen. Sie ermöglichen in der Klasse die Durchführung origineller Versuche, welche aber die Bildungssysteme nicht erschüttert haben.
Betrachten wir ein Beispiel von hohem Symbolwert, den LOGO-Mythos. Die Befürworter dieser Sprache behaupteten, dass ihre Benutzung, ähnlich wie das Erlernen des Lateins, es den Kindern ermöglichen würde, spontan Kompetenzen zu erwerben, die auf andere Gebiete übertragen werden könnten. In Wirklichkeit hat sich herausgestellt, dass die meisten Anwender von LOGO schnell stagnieren, wenn sie nicht durch einen Lehrer unterstützt und stimuliert werden. Die Art der erworbenen Kompetenzen ist weniger durch die wesentlichen Eigenschaften des Systems als die vom Lehrer geforderten Tätigkeiten bedingt. Zum andern plazieren die Lehrer aus pädagogischen, aber vor allem materiellen Gründen (in der Regel hat es mehr Schüler als Geräte) mehrere Schüler vor einer Arbeitsstation. Die Vorhersagen der Desozialisierung des Kindes wurde durch die Entwicklung der Praxis hin zu Situationen der gemeinsamen Arbeit entkräftet. Heute ist die Nutzung von Logo in den Genfer Schulen vor allem in eine Projektpädagogie integriert und ist den der Technologie eigenen Werten nur noch geringfügig unterworfen.
Während einiger Jahre wurde das Potential des Computers als pädagogisches Instrument vor allem im Hinblick auf die Individualisierung beschrieben. In einer klassischen Situation des computergestützten Unterrichts (CGU) führt der Schüler im allgemeinen alleine eine Reihe von Tätigkeiten durch, anhand deren die im klassischen Unterricht erworbenen Kompetenzen systematisiert werden sollen. Das Potential des CGU auf der Ebene der Individualisierung ist unleugbar, beruht aber auf institutionellen Bedingungen, die auch heute noch selten in unseren Schulen anzutreffen sind (Unterrichtssoftware, Hardware, #Ressourcenlehrer ...). Aus diesen Gründen ist der CGU weitgehend auf die Berufsbildung beschränkt. In den Grundschulen stellt er nur einen schwachen Prozentsatz der Informatikanwendungen. Hingegen haben sich andere pädagogische Nutzungsformen der Informatik in den vergangenen Jahren schnell verbreitet:
Verwendung von Software als interaktive Tafel
Hierbei wird ein Softwareprogramm benutzt, um der Klasse eine Grafik oder eine Animation vorzuführen. Je nach der Ausgereiftheit des Programms kann die konstruierte Darstellung über dynamische und interaktive Eigenschaften verfügen, die den traditionellen schwarzen Tafeln fehlen (progressive Konstruktion, partielle Änderungen, Überlagerung, Zoom, dreidimensionale Visualisierung ...). Ist die Schülerzahl gering, kann die Präsentation auf dem Computerbildschirm erfolgen, sonst erfordert sie einen Tageslichtprojektor und einen Flüssigkristallbildschirm (eine schon seltener anzutreffende Ausrüstung). Der Erfolg dieses Ansatzes ist durch pragmatische Faktoren zu erklären: In technologischer Hinsicht ist nur ein Rechner pro Klasse vonnöten, und auf dem pädagogischen Feld bleibt der Lehrer frei, die gewöhnliche Organisation seines Unterrichts beizubehalten. Da er das Programm vor seinen Schülern bedient, behält er seine zentrale Rolle als Wissensvermittler. Im Gymnasialunterricht war dieser Art Anwendung ein grösserer Erfolg beschieden, da auf dieser Stufe ein hoher Bedarf an abstrakten Darstellungen (Funktionszeichnung, graphische Daten usw.) besteht.
"Zweckentfremdung" von Softwareprogrammen, deren ursprünglicher Zweck nicht pädagogisch ist
Gewisse Lehrer haben sich für Textverarbeitungsprogramme interessiert, um Aspekte des Schreibens zu fördern, die durch das Medium Papier nicht unterstützt werden, wie z.B. die Änderung der Reihenfolge von Argumenten. Diese Programme und Tabellenkalkulationen oder Grafikprogramme wurden nicht in einer pädagogischen Perspektive entworfen (obwohl es jetzt "Minitextverarbeitungen" für junge Anwender gibt), aber die Lehrer haben viel Phantasie aufgebracht, um diese Instrumente in ihre Praxis zu integrieren.
Die Nutzung der Telematik
Das in jüngster Zeit begonnene Eindringen der Mikroinformatik in die lokalen, nationalen und internationalen Netzwerke hat eine radikale Entwicklung ausgelöst, deren Folgen schwierig abzuschätzen sind. Die Leistungsfähigkeit der Telematik vervielfacht sich rasch durch die wachsende Interoperabilität der verschiedenen Softwareprogramme oder Rechner, die von verschiedenen Herstellern gebaut werden. An den Genfer Schulen wurden mehrere Versuche über die Anwendung der Telematik erfolgreich durchgeführt. Eine Art der Anwendung ist eine moderne Version der Schulkorrespondenz, die es beispielsweise Schülern verschiedener Sprachen und Kulturen ermöglicht, miteinander zu kommunizieren. Eine andere Nutzung der Telematik ist die Informationssuche (Texte, Bilder, Ton, Video ...) in einer Welt, deren Möglichkeiten jene einer traditionellen Bibliothek bei weitem überschreiten. Auch die Lehrer werden Zugang zu weiten Netzwerken haben, in denen sie Material recherchieren und mit Kollegen Erfahrungen austauschen können. Der Text des Projekts insistiert zu Recht auf der Evolution des Lehrerberufes hin zu einer mehr kooperativen Praxis. Die Telematik wird diese Zusammenarbeit fördern, indem sie die räumlichen und zeitlichen Zwänge, denen sie heute noch unterliegt, abbaut.
- Verwendung von Software als interaktive Tafel
-
- "Zweckentfremdung" von Softwareprogrammen, deren ursprünglicher Zweck nicht pädagogisch ist
-
- Die Nutzung der Telematik
-
Nationales Forschung Programm 33 - 29 JAN 1996
Generated with Harlequin WebMaker