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Insbesondere gehen die Forschenden davon aus, dass fast 13 % der Variabilität des Schweregrads bei MS letztlich auf die Genetik zurückzuführen sein könnte.
«Mit dieser Studie sind wir nun in der Lage, die Entwicklung bestimmter MS-Medikamente zu priorisieren», erklärte Adil Harroud, Arzt und Forscher an der University of California in San Francisco (USA), in einem Vortrag auf dem Kongress des Europäischen Komitees für die Behandlung und Erforschung der Multiplen Sklerose (ECTRIMS).
Untersuchung von genetischen Varianten bei MS
Trotz jahrzehntelanger Forschung sind die umweltbedingten und genetischen Grundlagen, welche die Krankheitsschwere bei MS-Betroffenen beeinflussen, nach wie vor nur unzureichend bekannt. Es wurden zwar mehr als 200 genetische Varianten identifiziert, die das Risiko für die Entwicklung von MS erhöhen, aber es fehlen Informationen über andere Faktoren, die den Schweregrad der Erkrankung beeinflussen können.
«Wir wissen eine ganze Menge über die Anfälligkeit für MS, aber relativ wenig darüber, was den Krankheitsverlauf beeinflusst und wie stark die Genetik, wenn überhaupt, dabei involviert ist», erklärte Harroud.
Um solche Faktoren zu bestimmen, werteten Harroud und sein Team die genetischen Daten einer grossen Gruppe von Menschen mit MS aus. Die 12’584 Betroffenen wurden in 21 Kliniken in Nordamerika, Europa und Australien betreut.
Diese Personen waren überwiegend Frauen (71,7 %), hatten ein Durchschnittsalter von 51,7 Jahren und eine durchschnittliche Krankheitsdauer von 18,2 Jahren. Bei den meisten Betroffenen (84,5 %) lag eine schubförmige MS vor.
Von den 7,8 Millionen untersuchten genetischen Varianten war eine neue Variante namens «rs10191329» signifikant mit einem höheren Schweregrad der Erkrankung verbunden. Elf weitere Varianten wurden ebenfalls als relevant eingestuft.
In einer separaten Gruppe von 9’805 Personen wurde dieser Zusammenhang sowohl für diese Variante als auch für eine andere relevante Variante, die unter dem Namen «rs149097173» bekannt ist, reproduziert. Keine dieser beiden Varianten war jemals mit dem MS-Risiko in Verbindung gebracht worden.
Anschliessend untersuchte das Team, ob sich das Vorhandensein dieser beiden Varianten auf den langfristigen Krankheitsverlauf auswirkte. Diese Analyse wurde an einer Untergruppe von 8325 Personen durchgeführt, die im Rahmen von mehr als 54’000 Klinikbesuchen bis zu 14 Jahre lang begleitet wurden.
Schnellere Zunahme der Behinderung
Insgesamt stellten die Forschenden fest, dass MS-Betroffene mit zwei Kopien der Haupt-Variante, «rs10191329», dazu neigten, signifikant schneller eine Behinderung zu entwickeln als Betroffene ohne diese Variante. Auch wurde über einen Zeitraum von 24 Wochen die frühere Verschlimmerung einer bestehenden Behinderung beobachtet.
Träger der Variante «rs10191329» benötigten zudem etwa 3,7 Jahre früher eine Gehhilfe für kurze Strecken als diejenigen ohne diese Variante.
Ähnliche Zusammenhänge wurden auch für die zweite Variante, «rs149097173», beobachtet, wobei Betroffene, die mindestens eine Kopie dieser Variante trugen, 2,2 Jahre früher eine Gehhilfe benötigten als diejenigen ohne diese Variante.
Schnellere Abnahme des Myelin
In einer Analyse des Hirngewebes von 290 MS-Betroffenen war die Hauptvariante mit einer fast doppelt so hohen Demyelinisierungsrate verbunden – dem Verlust von Myelin, der schützenden Substanz, die die Nervenzellen umhüllt und die bei MS nach und nach verloren geht. Ausserdem wiesen sie in bestimmten Hirnregionen etwa doppelt so viele Läsionen, das heisst durch Angriffe des Immunsystems geschädigte Bereiche auf.
Den Forschenden zufolge treten beide Varianten in Genen auf, die ausschliesslich in den Oligodendrozyten (Myelin-bildenden Zellen) produziert werden.
Auf der Grundlage aller identifizierten Varianten geht das Team davon aus, dass etwa 12,8 % der Variabilität des Schweregrads von MS durch genetische Faktoren erklärt werden könnten.
Zusätzliche Analysen zeigten, dass es kaum Überschneidungen zwischen den Genen für die MS-Anfälligkeit und dem potenziellen Schweregrad gibt.
So wurden Gene, die möglicherweise zum Risiko der Entwicklung von MS beitragen, hauptsächlich in Immungeweben gefunden, während Gene, die wahrscheinlich zum Schweregrad der MS beitragen, ausschliesslich im ZNS zu finden waren.
«Während MS auf eine Fehlfunktion des Immunsystems zurückzuführen ist, ist die Widerstandsfähigkeit des ZNS als Zielgewebe ausschlaggebend dafür, ob jemand einen guten oder schlechten Verlauf hat», schlussfolgerte Harroud.
Diese Ergebnisse wurden im Rahmen von «ECTRIMS 2022» vorgestellt. Der MS-Kongress fand vom 26. bis 28. Oktober 2022 virtuell und live in Amsterdam statt.