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Das Urserental am Gotthard
Max Oechslin, Altdorf
Im bunten Stich « Vue perspective du Mont St.Gothard », nach dem Relief von Ms. Exchaquet, Directeur général des Mines du Haut Faucigny en Savoie, veröffentlicht 1792 von Crétien de Mechel, Basel ( Bildgrösse 59,5 X 43 cm, Blatt-grösse mit dem Text 62 X 47,5 cm ), ist erkenntlich, wie vor rund zwei Jahrhunderten das Gebirge des Gotthard noch als das Zentrum des weiten Alpenkammes mit den höchsten Gipfelhöhen betrachtet wurde. Aber eben: da liegt die grosse Wasserscheide, von der aus die Quellflüsse ausgehen, welche die Ströme unseres Landes ergeben: die Reuss nach Norden ( unterhalb Brugg von der Aare übernommen und bei Koblenz in den Rhein mündend ), der Rhein nach Osten ( der sich in der Ebene von Chur nordwärts wendet und in das grosse Rheinreservoir Bodensee ergiesst ), der Tessin südwärts ( der Ticino, der bei Pavia in der italienischen Lombardei in den Po mündet ) und westwärts die Rhone ( die durch das Wallis dem Genfersee zufliesst, dem grössten Seebecken, das die Schweiz berührt, mit 58 t Quadratkilometern Fläche, und durch die Jura-Sperre unterhalb Genf-Chancy ins Französische übertritt ).
Schon die ältesten Landkarten zeigen dieses « Gebirgsmassiv der grossen Wasserläufe ». Und wer ein Blatt unserer heutigen Landeskarte zur Hand nimmt, der wird aus den Höhenangaben für die Gipfel im Gotthardgebirge wohl erkennen, dass es im Westen und im Osten des weiten Alpenbogens noch bedeutend höhere Berge gibt, aber dass das « grosse Kreuz der Täler » für das Gotthardmassiv erkenntlich bleibt: das Alpenlängsial Urseren, das ostwärts über die Oberalp ins bündnerische Rheintal greift und über die Furka gegen Westen ins Wallis, derweil im Kreuz dazu die Schöllenenschlucht in der nördlichen Flanke des Urserentales den Beginn des Quertales für die Reuss legt und die Felsenberge durchschneidet, während die Südflanke des Tales über den Gotthardberg in einem weitern Quertal durchbrochen ist: der Gamsboden mit der Gotthardreuss nördlich der Kulmination und ennet dieser durch die Tremola, ein Pendant zur Schöllenen, die in die Tiefe zu Airolo führt, dem Airel der alten Urner, und hinab in die Leventina. Parallel zum Urserental verlaufen auf der Nordseite der Flanke das Göschener Tal und auf der Südseite das Längstal von Bedretto.
Des Urserentales tiefste Stelle liegt beim Urner Loch bei 1430 Meter ( Andermatt 1435, Hospental 1460 und Realp 1538 m ), und die Passübergänge erreichen auf der Furka, im Westen, 2431 und auf der Oberalp, im Osten, 2044 Meter. Die Gebirgskämme erheben sich auf der Nordflanke, in der südlichen Hälfte der Winterberge: bis Klein Furkahorn, 3026, Gross Furkahorn, 3169, und Tiefenstock, 3515 Meter. Der Rhonestock mit 3595 und der Dammastock mit 3630 Meter stehen angrenzend, aber ausserhalb des Gevierts des Urserentales. Weiter im Kamm bis zur Schöllenen stehen Winterstock, 3203, Müeterlishorn, 3059, Mittagsstock, 2994, und Spitzigrat, 2945 bis 2318 Meter; östlich der Schöllenen: Gütsch, 2158, Grätli, 2325, Schijenstock, 2885, und Piz Tiarms, 2918 Meter. Auf der Südseite des Tales sind besonders zu nennen: Pazolastock oder Piz Nur-schalas, 2740, Badus oder Six Madun, 2928, Piz Ala 2769, Giubine, 2776, Pizzo Centrale, 3001. Blauberg, 2729, Winterhorn oder Pizzo d' Orsino, 2661 Meter ( die Passscheide zwischen Uri und Tessin liegt zwischen Blauberg und Winterhorn bei Brüggloch, auf 191 o Meter, während die Gotthardpasshöhe auf Tessiner Boden beim Ospizio auf 2091 Meter liegt ). Vom Winterhorn führt die Grenze des Tales - und Kantons - über: Pizzo d' Orsirora, 2603, und Pizzo del Uomo, 2686, zum Pizzo Lucendro, 2963, und über Ronggergrat zum Witenwasserenstock, 3082, und die Muttenhörner, 309g Meter, zur Furkapasshöhe ( 2431 ) hinab. ( Höhenangaben nach LK 1:5oooo, Kartenzusammensetzung 5001, 1955. ) Wenn man von Norden her durch das Urner Reusstal ins Urserental hinaufsteigt, sei es altgewohnt zu Fuss oder nach modernerer Art mit der Schöllenenbahn oder mit dem Auto auf der gut ausgebauten Strasse ( das Auto wird am Ende des laufenden Jahrzehnts vielleicht schon durch den heute im Ausbruch stehenden Strassentunnel von 16 Kilometer Länge von Göschenen nach Airolo durch den Berg fahren ), dann tritt man am Südende des Urner Lochs aus der tiefen Felsenkluft der Schöllenen direkt in die Weite der Talebene von Urseren.
Wir haben in unserer Zeitschrift « Die Alpen » 1928 im Hinweis auf den Alpweiler Porthüsler erwähnt, dass der Passweg aus Uri ins Ennetbirgi-sche von Silenen nach Bristen, durch das Etzlital und über den Chrüzli nach Disentis und über den Lukmanier führte, wahrscheinlich schon zwei, drei Jahrhunderte, bevor der Gotthardpassweg gelegt wurde. Denn der Gotthardübergang wird erst im Jahre 1236 durch Albrecht von Stade erwähnt ( Kocher A.: Der alte Gotthardweg, Diss., Histor. Neujahrblatt Uri, 40-41, 1949/50 ). Wir dürfen nicht übersehen, dass in früheren Jahrhunderten Urseren über die Oberalp mit dem Tavetsch und Rheintal in bequemerer Verbindung mit dem Unterland stand als durch die weglose und schluchtartige Felsenkluft der Schöllenen. Es ist anzunehmen, dass Wegverbindungen aus dem Oberalpgebiet über Gütsch, Chlauserli, Riedboden und Waldstafel ins Riental und nach Göschenen einerseits und aus dem Gebiet von Hospental über die sonnigen Hänge, den Planggen von Bäzberg, nach Hinterem Berg und in die mittlere Schöllenen gegen Brüggwald anderseits, aber später, bestanden haben. Unter den Gebirglern ist noch heute das Wort bekannt: « Wo Rindvieh durchkommt und Ziegen und Schafe einen Pfad finden, da kann auch der Mensch einen Fussweg treten ».
Dagegen ist der schmale und teilweise felsige Pfad, der von Hinterem Berg über die obere Flanke ostseits des « Spitzi » zum Rötiboden und durch den Schattseitwald nach Abfrutt ( in der LK ebenfalls als ein Pfad eingetragen ) führt, kein alter Weg, der auf « römischen Ursprung » hinweist ( wie Jakob Escher-Bürki in seiner Schrift « Von der alten Gotthardstrasse », Zürich 1935, schreibt ), sondern dieser wurde in den dreissiger Jahren unserer Gegenwart anlässlich der Erweiterung der Lawinenverbauungen in der Nordostflanke des « Spitzi » für den Materialtransport erstellt, wobei der Schreibende als beteiligter Ge-birgsforstmann die Trassierung besorgte und beim Bau ab und zu, besonders unterhalb Rötiboden, im Wald Steilpartien durch treppenartiges Verlegen von Steinplatten überwunden wurden.
In der Schöllenen selbst zählt die sogenannte Häderlibrücke zu den ältesten heute noch vorhandenen Saumwegbrücken. Sie steht auf der Grenze zwischen den Weidgebieten der Göschener ( Korp. Uri ) und der Ursener, um die lange Zeit hindurch gestritten, gehadert wurde - was aus ihrem Namen ersichtlich ist! Sie wird ihrer Bauart wegen im Volksmund « Römerbrücke » genannt und ist anno 1450 errichtet worden; es wird von ihr in einer Urkunde vom 3 Januar 1649 gesagt, dass sie erneuert werden musste und von alters her « Häderlisbrugkh » geheissen habe und immer vier « Schwibögen » besass. Sie wurde beim neuesten Ausbau der Schöllenenstrasse in den sechziger Jahren renoviert und mit den Zugangs-pfaden unter dauernden Schutz gestellt, ebenso die Teufelsbrücke von 1830.
Beachtenswert ist die neue, moderne Teufelsbrücke von 1952, die nordwärts in einen kurzen Felstunnel überleitet und unter der die Brücke von 1830 mit den Zugangsstrassenstücken ebenfalls erhalten blieb und unter Schutz gestellt wurde. Leider ist die ursprüngliche Teufelsbrücke, die aus dem Jahr 1595 stammte, in den ersten Augusttagen 1888 eingestürzt, da sie nach 1830 keinen Unterhalt mehr erfuhr. Caspar Wolf hat sie 1773 in einem Aquarell,nach dem Isaak Für-stenberger ( 1799-1828 ) wahrscheinlich seinen Stich anfertigte, festgehalten.
Bekannt ist ob der Teufelsbrücke das Urner Loch, wo in früherer Zeit ausserhalb der Felswand to die sogenannte « Twerribrugg » stand, anfänglich vielleicht sogar als eine Art Hängebrücke, später wohl als ein über die Reuss gelegter Tragbalken, ein Laufsteg längs der Felswand, wo vordem Bau des Hangtrasses der Schöllenenbahn noch beidseits Auflagen und Nischen für die Stämme ersichtlich waren. Noch um 1571 wurde in der Urkunde das Stammholz und dessen Bezugsrecht zu Lasten der Waldung der Korporation Uri zu Wassen und Göschenen festgehalten.
Das Urner Loch, durch das nun, allerdings stark verbreitert, die Strasse führt, wurde 1707-1708 vom Tessiner Baumeister Moretini erstellt, der auch die Meienreussschanz ob Wassen gebaut hat. Im damaligen Vertrag wurde eine Breite von 7 Schuh ( 2,2 m ) und eine Höhe von 8 Schuh ( 2,5 m ) festgehalten. Der Tunnel kostete 8200 Taler damaliger Währung, was heute etwa 15600 Franken ausmachen würde. Beim Bau der Gotthardstrasse von 1825 bis 1830 wurde die Tunnelöffnung auf 5 Meter Breite und 4 Meter Höhe erweitert und beim neuen Strassenbau von 1950 bis 1952 auf 9, beziehungsweise 5 Meter ( siehe Hinweise in den Mitteilungen der Sektion Gotthard, Oktober 1962 und Oktober 1965, Altdorf ).
Tritt man beim Urner Loch ins Tal von Urseren ein, so breitet sich vor einem die Ebene von Andermatt aus, und es eröffnet sich der Blick ins ganze Tal. Links der Strasse steigt der Steilhang des Kirchberges auf, durch Aufforstungen und Verbauungen weitgehend vor Lawinen gesichert. Der Lawinen-März 1975 zeigte aber, dass noch weitere Sicherungsarbeiten notwendig sind, so auch beim Gurschen südlich von Andermatt, beim St. Annaberg von Hospental und auf der Nordseite von Realp am Gspenderhang, um wenigstens die Ortschaften vor den gefürchteten grossen Lawinen zu sichern. J. Coaz, der erste eidgenössische Oberforstinspektor der Schweiz, hat in seinem Buch « Die Lawinen der Schweizeralpen » ( 1881 ) eine Lawinenkarte des « gotthard Gebirgsstockes » beigelegt, 1:50000, welche für das Gebiet des Urserentales und seiner zugehörigen Seitentäler nicht weniger als 256 Lawinenzü- ge zeigtIm Gebiet des Unterlandes des Kantons Uri, zwischen Göschenen und Seelisberg/Si-sikon - mit den Seitentälern, dem Urner Boden und der Surenen, haben wir in einer entsprechenden Karte innerhalb der Waldzone 349 Lawinenzüge ausgeschieden, welche zu Oblagen oder bis zum Talboden führen und im Volksmund alle einen besonderen Namen besitzen.
Der erste Dorfteil von Andermatt ist der Weiler Altchilch, bei dem die Kirche, heute als geschütztes Baudenkmal, steht. Der Überlieferung ist aus Chroniken zu entnehmen, dass sie schon 766 in den Akten des Bischofs von Chur erwähnt ist sowie in der Kaiserurkunde von 825. Von anderer Seite werden diese Daten angezweifelt und der Bau der Kirche ins 10./i 1.Jahrhundert gesetzt. Durch Bodensenkungen wurde der Turm schief gestellt; später setzte man den Dachhelm wieder gerade. Die Kirche wurde renoviert, ohne dass die romanische Grundform eine Änderung erfuhr. Im quadratischen Chor zeigt sich eine achtteilige und gedrückte Grätekuppel; die Steinkanzel stammt aus dem Jahre 1559, der seitliche Turm zeigt Rundbogen- und Spitzbogenblenden, und unter dem Spitzhelm ist eine hölzerne Glocken-stube zu sehen ( SAC Gotthard, Mitteilungen Mai 1958)- Andermatt ist der Hauptort des Tales, in welchem die drei Gemeinden die jahrhundertealte Talkorporation Urseren bilden, die jeweils in Hospental zu Tennlen, auf dem Kirchplatz neben der Kirche, am Fuss des « Langobardenturmes », oder bei Schlechtwetter in der Kirche die Früh-jahrstagung und deren Talrat im Rathaus von Andermatt Sitzung und Kanzlei hält. Die Talkorporation wird vom Talammann und dem engern Talrat geleitet. Öffentlich und zivilrechtlich sind die drei Gemeinden selbständig; wirtschaftlich, betreffend die Alpen und Weiden und allen Besitz der Berge, Gletscher und Firne und soweit Boden nicht im ausgewiesenen privaten Eigentum liegt, besteht aber korporatives Recht.
Infolge des Rückganges des in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerungsteiles und der Zunah- me des Anteiles an Gewerbe, Handel und Verkehr überwiegen heute die Einwohnerbegehren auch zu Urseren gegenüber denjenigen der Talkorporation. Strassenbau, Bahnbau und heute der zunehmende Motorfahrzeugverkehr über die Pässe brachten eine weitgehende Koordinierung der Talschaft mit dem Unterland, die bereits im r 5.Jahrhundert staatsrechtlich ihre Grundlagen fand.
Nach den Angaben einer Volkszählung, die Karl Franz Lusser in seinem Buch « Gemälde der Schweiz: der Kanton Uri » ( 1834, St. Gallen ) wiedergibt, zählten: Andermatt um 181 i 605 Seelen, Hospental 320, Zumdorf, das damals noch selbständige Gemeinde war und heute mit Hospental zusammengehört, 48 Seelen ( es besitzt heute keine ganzjährigen Einwohner mehr und ist nur im Sommer besiedelt ) und Realp 183. Nach der Volkszählung von i960, also 150 Jahre später, zählten: Andermatt 1523, Hospental 289 und Realp 268 Einwohner. Auch hier im engern Talkreis zeigt sich ein « Zug nach der Stadt », nach Andermatt, dem Ort der besseren Verdienstmöglichkeit und der winterlichen Verkehrssicherheit. Nach der beruflichen Tätigkeit stehen etwa ein Fünftel der Bevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft in Arbeit ( wobei zur letzteren auch der Lawinenverbau gezählt werden muss und wobei viele Personen auch im Nebenerwerb im Dienst des Verkehrs und der Fremdenindustrie arbeitenim Handwerk und Baugewerbe dürften gegen 50% beschäftigt sein und im Gastgewerbe und im Verkehr wieder ein Fünftel, so dass auf andere Tätigkeiten ( Verwaltung, Militär usw. ) noch etwa ein Zehntel entfällt.
Geologisch gesehen liegt das Urserental zwischen dem Granit der Zone des Aarmassivs, das die Gebirge der Ostseite des Tales aufbaut und beim Urner Loch in aufrechtstehenden Schichten den « Aufbau aus dem Erdinnern » deutlich zeigt, und dem Gotthardgneis auf der Südseite, der je weiter man zur Gotthardpasshöhe und gegen die obere Leventina gelangt, verschiedene Schichten aufweist. Beim Südausgang der Schöl- lenen geht der feste Granit in Serizitgneis des Aa-regranitmassivs über, der bei Altchilch in verschiedene aufrechtstehende Lager von Marmor, Schiefer und Phyllite übergeht und dorfwärts vor Andermatt in Serizitgneise und Glimmerschiefer, die auch beim Eingang ins Unteralptal erkenntlich sind. Hinter der Kirche von Altchilch wird der weisslich bis bläuliche Marmor, der wenig Quarz enthält, serizithaltig ist und dünnbankig ansteht, abgebaut ( meist zu Strassenschotter ). Diese Schichtfolge lässt sich bis auf die Oberalp und besonders am nördlichen Hangfuss des Tales über Realp, Ebneten und Tiefenbach bis auf die Furka verfolgen. Die Gebirgskette nördlich des Tales enthält solide Klettergipfel in Granit, während die südseitigen Gotthardberge wohl schöne Wanderungen und Besteigungen bieten, aber weniger als Klettergebiet bezeichnet werden dürfen, sich dafür eher zu winterlichen Skitouren eignen.
Der Talboden ist bis auf die Höhe von Hospental von Gletscher- und Flussgeröll und Material aufgefüllt; gegenüber Hospental bis gegen Zumdorf steht zum Teil Grundfels an, dahinter folgen wieder bis Realp Geröll und Schotter, vielfach auch von den seitlichen Rüfitälern zugetragen.
Zu Urseren ist unter der Gesteinsausbeutung neben der Schottergewinnung vor allem diejenige von sogenanntem « Speckstein » zu erwähnen, im Volksmund auch « Ofenstein » genannt. Es ist ein meist dunkelgrüner Talkstein mit viel Glimmer, Olivin, Magnetit, Serpentin usw. Die Ausbeutung erfolgt besonders im Felsental zwischen Andermatt und Hospental, im « Gigenstafel », sowie in den « vordern Bränden » südwestlich oberhalb Hospental. Es ist ein metamorphisiertes basisches Eruptivgestein, das zumeist in grösseren und kleineren Linsen vorkommt, von Talkschiefern ( wie östlich von Andermatt am Eingang ins Unteralptal ), Chloritschiefern oder Biotitschiefern usw. umhüllt. Für den Bau der im Urserental in den meisten alten Wohnhäusern anzutreffenden Stubenöfen, den Giltstein- oder Specksteinöfen, wird dieses Gestein besonders verwendet, da die Öfen sich gut und lange warmhalten und mit Holzklötzen, Stauden und sogar mit Torf aufheizen lassen. Auch wird der Speckstein zu Bauplatten ( Verkleidungen ), Grabsteinen und allerlei Schmuckge-genständen verarbeitet.
Mineralien sind im Gebiet des Urserentales vielfach zu finden. Der Beruf der Strahler, der Kristallsucher, ist altüberliefert; doch ist er im Verlauf der letzten Jahrzehnte zu einem « übermässigen Fremdverdienst » geworden, so dass die Korporation Urseren, gleich wie die Korporation Uri für ihr Gebiet im untern Kantonsteil « nid der Schöllenen », Einschränkungen im Kristallsuchen anordnen musste, besondere Grabungen als kon-zessionspflichtig erklärte und die Verwendung von Sprengstoff verbieten musste.
Die Flora zu Urseren ist sehr reichhaltig, hat aber in den vergangenen Jahrzehnten durch den « Pflanzenraub » ebenfalls stark gelitten, so dass man froh darüber ist, dass besondere Talgebiete nicht mehr für jedermann betretbar sind und so für die Pflanzenwelt zu wertvollen Schutzgebieten werden.
In Urseren wird jedem Wanderer und Bergsteiger auffallen, wie der geschlossene Berghochwald und der Kampfzonenwald der Legföhren, Alpenerlen, Weiden, Alpenrosen, Wacholder usw., im Vergleich zum Oberwallis ( Oberwald, St.Niklausen ), westwärts und zum Tavetsch ( Selva, Sedrun ) ostwärts stark zurückgedrängt sind. An eigentlichem Wald ist ja nur noch der von Andermatt, am Nordhang des Gurschens, zu sehen, der bereits 1397 in vollständigen Bann gelegt wurde und seit rund hundert Jahren durch Aufforstungen eine mühsame, aber erfolgreiche Erweiterung erhalten hat und durch Verbauungen gegen Lawinen geschützt wird, sowie der im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts gezogene Wald der Verbauungen St. Annaberg bei Hospental und die Waldfläche am Südhang ob Realp, ebenfalls eine Aufforstung und Verbauung. Natürliche Alpenerlenbestände in grösserem Ausmass trifft man nur noch am Eingang ins Unteralptal und im Oberalptal sowie im unteren Felsental ob Ho- spental und im besonderen am Schattenseiten-hang zwischen Hospental und Realp.
Wir wollen diesen bunten und lückenhaften Hinweis auf das Urserental, in dessen Umgebung ( Furka ) unser SAC eine Ausbildungsstätte für das sommerliche Bergsteigen - und Wanderner-hält, nicht schliessen, ohne dem Wunsch Ausdruck zu geben, dass die Kursteilnehmer nicht nur das Gehen und Klettern mit allem Drum und Dran erlernen mögen, sondern auch die Gesamtheit des Bergsteigerseins. Denn der Bergsteiger soll nicht nur ein Erforscher von neuen Kletterwegen und Klettervarianten sein oder ein Gipfelstürmer ( die gar zu oft dieses Bergsteigen nach zwei Dutzend Jahren abschliessen... ), sondern er soll Berggänger bis ins hohe Alter werden und bleiben, für den die gesamte Berglandschaft zum Erholungsraum wird.
Möge er gerade auf der Furka nicht vergessen, dass sogar weiland Hofrat Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1779 das Urserental in seiner ganzen Länge durchwandert hat, wie er dies in seinen « Briefen aus der Schweiz » beschrieb ( neu herausgegeben vom Holbein Verlag, Basel 1941 ). Von Genf aus besuchte er nicht nur Savoyen, sondern er wanderte auch nach Martinach, Sitten, Leukerbad, Brig und Münster, wo er am i 1. November 1779 ankam und mit seinem Gefährten schon anderntags, am 12. November, um 6 Uhr wieder aufbrach, also noch in letzter Dämmerung der Nacht - und bei einbrechender Nacht trafen sie in Realp ein. Ausführlich notierte er daselbst die Wanderung über die Furka; er erzählt,wie sie in Oberwald die Maultiere zurückliessen und einen Führer und einen Träger dingten, so dass sie zu fünft waren und die Furka sogar bei tiefem Schnee überschritten. So schrieb er: «... Einer von unsern Führern musste voran und brach, indem er herzhaft durchschritt, die Bahn, in der wir folgten. Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine Aufmerksamkeit von dem Weg ab und auf sich selbst und die Gesellschaft wendete: in der ödesten Gegend der Welt, und in einer ungeheuren einförmigen schneebedeckten Ge- birgs-Wüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drey Stunden keine lebendige Seele weiss, wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat, eine Reihe Menschen zu sehen, deren einer in des andern tiefe Fusstapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt, als die Furche, die man gezogen hat... » In Realp fand Goethe mit seinen Begleitern im Pfarrhof beim Kapuziner gastliche Unterkunft. Übrigens: noch heute führen Kapuziner die Pfarreien in Realp und Andermatt, ein Hinweis und eine Bestätigung der früheren kirchlichen Zugehörigkeit über die Oberalp hinüber. Am andern Tag wanderte Goethe schon wieder weiter, nach Hospental und das Gotthardreusstal hinauf, wo er zwei Tage bei den Kapuzinern im Hospiz verweilte und in seinem Tagebuch seine Reisenotizen nachtrug, um dann wieder nach Hospental abzusteigen und über Andermatt und durch die Schöllenen ins Urnerland und weiter ins Unterland zu gelangen.
Es ist sicherlich ein guter Entscheid, den der SAC getroffen hat, das SAC-Gebirgsausbildungs-zentrum auf die Furka zu verlegen, in den Bereich des Tälerkreuzes, das von allen Seiten unserer Heimat aus heute auf guten Strassen erreicht werden kann und in dessen Bereich sich sowohl einfachst erreichbare Gipfelhöhen als auch - die ganze Schwierigkeitsskala umfassend - Felsberge mitten in Gletschern und Firn erheben, so dass unsere JO-Kameraden das gesamte Bergsteigen erlernen und erleben können: das Bergwandern und das Zuberggehen auf felsigen und verfirnten Wegen - aber immer sich Zeit lassend und sich die Zeit nehmend, um die gesamte Hochgebirgswelt zu schauen und in sich aufzunehmen, um Werte zu finden, die fürs ganze Leben erhalten bleiben.