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Sie werden zum Nachtessen eingeladen, und der Gastgeber wird eine Gegeneinladung erwarten. Der Grund heisst ‹Reziprozität›, und die ist Südseefischern heilig.
Ob wir uns mit einer Flasche Wein für eine Gefälligkeit revanchieren oder guten Kunden Ende Jahr eine gravierte Feder schenken: Gegenseitigkeit ist ein Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens – und damit ein Tummelplatz der Soziologie. Der polnische Sozialanthropologe Bronisław Malinowski (1884–1942) ging davon aus, dass sich ein soziales Phänomen nicht aus seiner Vergangenheit erklären lässt, sondern vielmehr durch die Funktion, die es heute besitzt. Er war weiter davon überzeugt, dass sich Erkenntnisse über eine Kultur nur im engen, lange andauernden Kontakt zu den Untersuchten gewinnen lassen – eine Methode der Feldforschung, die in der Wissenschaft heute ‹teilnehmende Beobachtung› genannt wird.
Im Sommer 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, befand sich Malinowski auf Forschungsreise auf den Trobriand-Inseln, einer kleinen Südseeinselgruppe, die zu Papua-Neuguinea gehört. Weil er einen österreichisch-ungarischen Pass besass, wurde er prompt von der britischen Kolonialmacht interniert – zufälligerweise genau da, wo er ohnehin seine Feldforschung hatte betreiben wollen. So konnte Malinowski insgesamt dreieinhalb Jahre lang unbehelligt seiner Arbeit nachgehen; die einzige Auflage war, dass er sich von Zeit zu Zeit bei einem Kolonialbeamten melden sollte.
Auf den ringförmig angeordneten Trobriand-Inseln stiess Malinowski auf ein faszinierendes Gabentauschsystem, ein Ritual, das die Eingeborenen kula nannten: Fischer, die mit den Einwohnern benachbarter Inseln Handel trieben, brachten stets ein Geschenk mit und erhielten ihrerseits ein Gegengeschenk. Die Art der Gabe war klar festgelegt und hing von der Richtung ab, aus welcher der Händler kam: Im Uhrzeigersinn wurden soulava genannte Halsketten getauscht, die aus kleinen roten Muschelplättchen bestanden. Im Gegenuhrzeigersinn dagegen wurden mwali getauscht, Armreife aus weissem Muschelkalk. Beide Gaben, soulava und mwali, waren wertvoll und mit Bargeld vergleichbar, aber sie hatten in erster Linie eine sakrale Bedeutung und darüber hinaus eine eigene, von den Gebern jeweils mündlich überlieferte Geschichte. Und obwohl sie als Geschenke überreicht wurden, mussten sie dem Ritual zufolge nach einer gewissen Zeit weitergetauscht werden. Jeder Beschenkte ging mit der Annahme überdies die Verpflichtung ein, dem Schenkenden innerhalb einer bestimmten Zeit etwas Entsprechendes zurückzugeben.
Das kula-Ritual ist ein rituelles Tauschsystem ohne unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen. Wozu dann überhaupt Geschenke? Malinowski fand heraus, dass das Ritual in erster Linie Vertrauen schuf, die sozialen Bindungen stärkte und damit den realen Handel unter den herrschaftsfrei miteinander verbundenen Trobriandern festigte. Das Prinzip der Reziprozität – wie du mir, so ich dir – liess zwischen Schenkendem und Beschenktem eine auf Dauer angelegte Gastfreundschaft entstehen.
Kundengeschenke, Einkaufsprämien, Flugmeilen: Das kula-Ritual aus der Südsee steckt tief in uns allen drin. Im Volksmund heisst es ganz einfach: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.