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"Ähnlich wie sich Duft in der Blume, Öl im Sesamsamen, Feuer im Holz, geklärte Butter in der Milch und Zucker im Zuckerrohr befindet, so erkenne durch Wissen die Seele, die sich im Körper befindet."
Canakya Pandit
Es ist für uns nicht erstaunlich, dass es Dinge gibt, die wir von blossem Auge nicht erkennen können. Einige Objekte sind so klein, dass wir ein Mikroskop benötigen, um sie zu sehen. Andere sind zu weit entfernt und wir greifen zum Fernrohr, um etwas zu erkennen. Auch Lichtwellen (ultraviolettes oder infrarotes Licht) und die Funkwellen der Fernsehstationen können wir nicht sehen. Doch wir können sie mit dem geeigneten Instrumentarium sichtbar machen. Wir haben die praktische Erfahrung gesammelt, dass es trotz unseres beschränkten Sehvermögens Mittel und Wege gibt, welche uns die Wahrnehmung der feinen oder nicht unmittelbar wahrnehmbaren Elemente dieser Welt ermöglichen.
Der Veda unterteilt die verschiedenen Element dieser Welt in immer feinere Bereiche. Flüssigkeit ist feiner strukturiert als ein fester Gegenstand, Gas feiner als Flüssigkeit usw. Feste Gegenstände und Flüssigkeiten können wir erkennen, doch Gase sind für uns bereits nicht mehr sichtbar. Befindet sich das Gas jedoch in einem Ballon oder werden Ätherwellen in Radio- und Fernsehsendungen übertragen, erhalten wir eine Wahrnehmung von beidem. In ähnlicher Weise können wir auch feine Elemente wie den Geist oder die Intelligenz nicht sehen. Doch wir können den Geist in Gedankenmustern erkennen und die Intelligenz in scharfsinnigem Urteilsvermögen.
Wenn wir deshalb die Seele mit unseren Augen nicht erkennen können, bedeutet das, dass sie nicht existiert? Wer weiss, wie winzig Atome sind, würde nie behaupten, es gebe keine Atome, schliesslich könne er sie nicht sehen. In ähnlicher Weise hat ein solcher Einwand auch für jemanden keinen Gehalt, der weiss, dass die Seele feiner ist als das feinste materielle Element.
Der Veda erklärt diese allerfeinste Natur der Seele (Atman) und gibt vielerlei Beispiele zur Unterscheidung von Körper und Geist. Da nur der Körper dem Auge sichtbar ist, während das Selbst diesem verborgen bleibt, wird dem Yogi transzendentales Wissen als Instrument zur Wahrnehmung empfohlen. Ein Mittel hin zum transzendentalen Wissen ist die Beobachtung.
Jeder von uns nimmt sich wahr als: "Ich - ein bewusstes Lebewesen". Diese Erfahrung gründet sicherlich nicht in unseren einzelnen Körperteilen. Unterbrechen wir die Blutzufuhr zu einem Körperteil oder müssen wir gar einen Arm oder ein Bein amputieren lassen, verfügt dieser Teil weder über ein"Ich" noch über ein "Bewusstsein". Woher kommt also dieses Bewusstsein? Offensichtlich nicht aus den einzelnen Körperteilen.
Ist Bewusstsein nicht ein Symptom der Seele (des Ichs), während der Körper unbewusst ist? Wer oder was ist dieses "Ich", dieses "Bewusstsein", das überhaupt erst in der Lage ist, etwas sehen zu können? Das Auge ist lediglich das Organ, welches uns das Sehen ermöglicht. Vereinfacht gesagt, reizt das durch das Auge einfallende Licht aus der Umgebung die Netzhaut und erzeugt eine chemische Reaktion. Dadurch wird der Sehnerv stimuliert und in einer Kettenreaktion werden elektrischer Impulse zu verschiedenen Teilen des Gehirns und von dort wieder zurück zum Hirnstamm geleitet. Wir können vielleicht erklären, dass elektro-chemische Impulse im Hirn umgewandelt und letztlich als Farben und Formen wahrgenommen werden. Keine dieser Erklärungen gibt uns aber eine Information darüber, wer der eigentliche Seher ist. Sind Sie die Hornhaut des Auges? Die Pupille? Die chemischen Substanzen welche bestimmte Reaktionen erzeugen? Eine bestimme Gehirnzelle im Sehzentrum der Gehirnrinde? Offensichtlich nicht. Könnte das "Ich" die Gesamtheit aller Körpermoleküle sein? Doch weshalb ist unser "Ich"-Gefühl dann durch das ganze Leben hindurch gleichbleibend? Wir fühlen nicht, dass wir die Persönlichkeit gewechselt hätten, wenn wir einen Körperteil amputieren oder ein Organ entfernen müssen. Wir erinnern uns daran, wie wir als Kinder waren und wissen: das war ich vor so und soviel Jahren. Seither hat sich unser Körper ständig verändert. Tatsächlich erneuern sich die Moleküle beim menschlichen Körper laufend, so dass nach sieben Jahren ein Körper vorhanden ist, dessen Moleküle vollständig ausgewechselt sind. Doch unser Ichbewusstsein bleibt beständig.
Durch diese Beobachtungen erhalten wir eine indirekte Wahrnehmung von der Seele. Ähnlich wie jemand bei Tagesanbruch an der Helligkeit erkennt, dass die Sonne aufgegangen ist, obwohl die Wolken am Himmel ihm die direkte Sicht auf die Sonne nicht gestatten mögen, können wir unser spirituelles Wesen aufgrund der Symptome erkennen: Bewusstsein und die Beständigkeit des Ichgefühls durch all die verschiedenen Veränderungen der sich ständig wandelnden Materie hindurch.
Die Offenbarung ist eine weitere Quelle transzendentalen Wissens. Hier wird das Wissen, dem wir uns in obigen Beispielen empirisch zu nähern versuchten, von höherer Quelle als Offenbarungen an uns weitergereicht. Für die Weisen des alten Indiens ist es transzendentales Wissen, wenn die Bhagavad-gita feststellt (2.13): "So wie die verkörperte Seele hier diesen Körper von Kindheit, zu Jugend, bis ins Alter wechselt, so nimmt sie nach dem Tod einen anderen Körper an. Wer gelassen und besonnen ist, lässt ich dadurch nicht irreführen."
Dieses festgeschriebene Offenbarungswort (shastra) wird jedoch nicht bloss als unverrückbares Dogma geglaubt. Im persönlichen Beispiel (seine Verbindung: yoga) und der Unterweisung (shiksa) des Geisteslehrers (guru) wird das festgeschriebene Offenbarungswort (shastra) lebendig. Der Sucher erfährt eine erste praktische Anwendung des transzendentalen Wissens, das er aufgenommen hat. Da der Lehrer dieses Wissen bereits praktisch verwirklicht hat, ist er befähigt, dieses im yoga und der Unterweisung an den Sucher weiterzureichen, so dass auch der Sucher nach und nach den Unterschied von Körper und Bewusstsein versteht und praktisch erfährt. Mit Hilfe dieser Instrumentarien ist er letztlich in der Lage, den eigentlichen Seher zu entdecken, der dem blossen Auge verborgen bleibt.