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Die Parintintin gehören zu einer Dachorganisation kleinerer Gruppen, die sich selbst als “Kagwahiva“ bezeichneten, und die heute unter ihren Einzelnamen bekannt sind – viele dieser Namen wurden ihnen von feindlichen Stämmen gegeben. Die “Parintintin“ bekamen ihren Namen wahrscheinlich von den “Munduruku“, ihren traditionellen Feinden. Sie leben im Norden Amazoniens. Unter den Besonderheiten der “Kagwahiva”, im Vergleich zu anderen Tupi-Guarani-Gruppen, ist ihre gesellschaftliche Organisation hervorzuheben – in exogamen Hälften, mit den Namen von Vögeln.
Parintintin

Andere Namen: Cabahyba

Sprachfamilie: Tupi-Guarani
Population: 418 (2010)
Region: Bundesstaat Amazonas
|INHALTSVERZEICHNIS

Lebensraum
Sprache
Geschichte
Gesellschaftliche Organisation und Wirtschaft
Verwandtschaft
Eheschliessung
Erziehung
Politische Organisation
Kosmologie
Religiöse Praktiken
Wirtschaftliche Aktivitäten
Arbeitsteilung
Kommerzielle Aktivitäten
Als die Parintintin durch den SPI “befriedet” wurden, in den Jahren 1922-23, erstreckte sich ihr Territorium von der Ostregion des Rio Madeira bis zur Mündung des Rio Machado und zum Osten des Rio Maici. Heute lebt die Mehrzahl ihrer Bevölkerung in zwei Indio-Territorien im Munizip Humaitá, im Bundesstaat Amazonas. Nach Daten der FUNAI war das “IT Ipixuna“ 1999 von 54 Personen und das “TI Nove de Janeiro“ im Jahr 2000 von 80 Personen bewohnt.
Im erweiterten Sinne bedeutet die Bezeichnung “Kagwahiva“ oder “Kagwahiva’nga“ so etwas wie “unsere Leute“ – im Gegensatz zu “Tapy’yn“, womit die “Feinde“ bezeichnet werden. Die Gruppen, welche sich als “Kagwahiva“ identifizieren, sprechen eine Sprache aus der linguistischen Tupi-Guarani-Familie. Dazwischen kann man zwei unterschiedliche Dialekte feststellen: den, der weiter nördlich unter den “Parintintin“, den “Tenharim“, den “Juma“ und den “Jiahui“ gesprochen wird – und den der südlicheren “Urueu-wau-wau“, “Amondawa“ und “Karipuna“. Diese Unterschiede beruhen auf einigen wenigen, aber bedeutungsvollen Veränderungen des Vokabulars.
Alle zusammen sind sie Nachkommen der “Cabahyba“, einem Volk, das Ende des 18. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Quellen des Rio Tapajós lebte und eine jener Gruppen darstellte, die von Carl Friedrich von Martius als “Zentrale Tupis“ bezeichnet wurde. Die bestanden, ausser den “Kagwahiva“, auch aus den “Kayabi“ (deren Sprache geschlechtsspezifische Pronomen besitzt – wie bei den “Kagwahiva“) und den “Apiaká“.
Über die Parintintin gibt es nur spärliche Aufzeichnungen – einige Berichte über ihre Angriffe entlang des Rio Madeira, vor ihrer “Befriedung“, die von einer Expedition unter Führung von Curt Nimuendajú eingeleitet wurde – zwischen 1922-23).
Phonetische Ähnlichkeiten mit den “Urubu Ka’apor, im Bundesstaat Maranhão, lassen eine küstennahe Herkunft der Parintintin vermuten, bestätigt durch mündlich überlieferte Erzählungen von einer Wanderung über eine “Erde ohne Wasser“ bis zum gegenwärtigen Lebensraum – mit der Überquerung einer immensen Wasserfläche, von der man zwei Tage lang kein Ufer sah (möglicherweise der untere Amazonasstrom).
Die erste historische Erwähnung der “Kagwahiva“ stammt aus dem 18. Jahrhundert, als sie, übereinstimmend mit dem Bericht von Nimuendajú, am Zusammenfluss des Rio Arinos und des Rio Juruena lebten, die den Rio Tapajós bilden. Nimuendajú (1924) rekonstruierte die Geschichte ihrer Vorfahren, die von Martius “Cabahyba“ genannt wurden, und der diese Gruppe zum ersten Mal am Tapajós im Jahr 1797 erwähnte.
Die Kagwahiva wurden von Portugiesen und den “Munduruku“ in der Mitte des 19. Jahrhunderts vertrieben. Sie verteilten sich in Richtung Westen zum Rio Madeira hin (Menenedez 1989), wo die Parintintin noch heute leben – aber auch zum Rio Machado, wo Lévi-Strauss, und zuvor Rondon und Nimuendajú, die “Tupi-Cawahíb“ antrafen – und auch noch entlang des Rio Machado bis in die Zentralregion von Rondônia, auf deren Anhöhen heute die “Urueu-wau-wau, Amondawa“ und “Karipuna“ leben.
Was die Parintintin betrifft, handelte es sich da um eine kleine, kriegerische Gruppe, die während dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Konflikt mit den Latex-Sammlern entlang eines 400 km langen Ufers des Rio Madeira stand, nachdem sie vom Tapajós von den “Munduruku“ vertrieben worden waren.
Ende des 19. Jahrhunderts war Byahú wahrscheinlich der Oberhäuptling aller Parintintin. Nach seinem Tod (durch den Hinterhalt eines “Pirahã“), teilten sie sich in zwei Gruppen: Der Sohn von Byahú, Pyrekakatú, zog den Madeira hinauf ins Tal des Rio Ipixuna und wurde dort Häuptling – während Diai’í nach dem Tod von Byahú eine andere Gruppe bis in die Region des oberen Rio Maici führte, wo Nimuendajú seinen Posten zur Befriedung installiert hatte – und die restliche Gruppe zog nach Süden, in die Nähe der Mündung des Rio Machado, geführt von Uarino (Vier Ohren).
Nach der Befriedung wurden Posten des SPI installiert – einer in einem Röhricht am Rio Ipixuna, und ein anderer in der Nähe der Latex-Sammelstelle Calamas. 1942, als der SPI unter einer wirtschaftlichen und institutionellen Krise litt, wurde seine Arbeit vor Ort eingestellt unter dem Vorwand, einen aufsässigen Häuptling, den Adoptivsohn von Pyrehakatu, Paulinho Neves, bestrafen zu wollen, der sich zum Häuptling der Ipixuna-Region aufgeschwungen hatte.
Parintintin-Gruppen hatten sich auch in der Nähe von “Três Casas“ niedergelassen, der Latex-Sammelstelle von Manuel Lobo, der den SPI benachrichtigte, um ihre Befriedung einzuleiten (1922). Später, in den 70er Jahren, wurde dort ein Indio-Schutzposten errichtet, schon unter der Leitung der FUNAI, der Nachfolgerin des SPI.
Wie bei den andern Kagwahiva setzt sich die gesellschaftliche Organisation der Parintintin aus Hälften zusammen, die nach Vogelarten mit kontrastierenden Eigenschaften benannt sind. Jeden dieser Hälften entspricht einer exogamen, patrilinearen Gruppe (das heisst: die Individuen stammen von der Hälfte ihres Vaters ab und können nur jemanden aus der entgegengesetzten Hälfte heiraten).
Die Dörfer der Parintintin sind nicht sehr gross. Vor allem nach dem Bevölkerungsrückgang seit dem Kontakt mit den Weissen, bestehen die typischen Dörfer nur noch aus drei bis fünf Kernfamilien. Vor der “Befriedung“ waren die Dörfer unter der Führung von Pyrehakatú etwa zwei bis dreimal so gross.
In der Regel befinden sich die Dörfer am Ufer von kleineren Flüssen, die einen Transport per Kanu ermöglichen und auch zum Fischen taugen. Ein traditionelles Dorf besteht aus einem einzigen Gemeinschaftshaus (Ongá), in dem jede Kernfamilie ein Segment zwischen den zentralen Stützen und den lateralen Wänden besetzt, wo sie ihre Hängematten aufspannen. Nur aussergewöhnlich grosse Dörfer besassen zwei dieser “Ongás“. Rund um das Haus – oder zwischen zwei Häusern – befand sich der Platz (Okará), der penetrant sauber gehalten wurde – und ein gutes Dorf hatte auch seine Obstbäume.
Nach Jahren des Kontakts mit den regionalen Nicht-Indios, ersetzte man die “Ongá“ durch Häuser, die nur eine Kernfamilie beherbergten, in ähnlicher Form wie die Häuser der Latex-Sammler – mit zwei separaten Zimmern und einem nach aussen offenen Saal. Ein Dorf besteht heute aus drei bis vier solcher Behausungen.
Unter den Parintintin haben die exogamen, patrilinearen Hälften Namen folgender Vögel: Die “Myt-um“ (Auerhähne – jagdbarer Vogel) und die “Kwandú“ (Harpyen). Die Hälfte der “Kwandú“ gehört ausserdem noch zu den “Taravé“ (Rote Aras). Während alle Kagwahiva den Auerhahn als eine Hälfte besitzen, identifiziert sich die andere Hälfte durch unterschiedliche Ara-Spezies: “Taravé“ bei den Tenharim – “Kanindé“ (blau-gelber Ara) bei den Urueu-wau-wau – und ein weiterer Ara bei den Karipuna.
Unter den Parintintin wird das System kompliziert durch eine dritte “Hälfte“, die “Gwyrai’gwára“, die zwar als “Kwandú“ gelten, sich aber nicht an die Regeln halten und sowohl bei anderen “Kwandu“ als auch bei “Myt-um“ einheiraten. Man nennt sie “Japú“ – nach einem gelben Vogel, der sein Nest in den über Wasserläufe ragenden Zweigen anlegt.
Die Kagwahiva scheinen die Einzigen unter allen Tupi-Guarani-Gruppen zu sein, die das System der exogamen Hälften pflegen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie dieses System von ihren traditionellen Feinden, den “Munduruku“ übernommen haben, denn deren Hälften “Rot und Weiss“ haben eine sehr diversifizierte Struktur. Es ist wahrscheinlicher, dass die “Rikbaktsa“ für dieses System verantwortlich sind, die einst Nachbarn ihrer Vorfahren, der “Cawahib“ am Rio Arinos gewesen sind und selbst jene Hälften mit Vogelnamen pflegen: besonders die Gelben und Roten Aras.
Die verwandtschaftliche Terminologie der Parintintin entspricht einem System zweier Sektionen, das jenen beiden Hälften angepasst ist – der Bruder der Mutter und die Schwester des Vaters werden in diesem Fall als Basis der Klassifikation betrachtet. Alle gekreuzten Cousins (Sohn der Schwester des Vaters oder des Bruders der Mutter des anderen Geschlechts gegenüber der infrage kommenden Person) derselben Generation sind Mitglieder der anderen Hälfte und werden als “Amotehé“ bezeichnet, ein Terminus, der in anderen Tupi-Guarani-Sprachen “Geliebter“ bedeutet – was ihre potenzielle Heiratsfähigkeit andeutet.
Ein verwandtschaftlicher Aspekt, welcher unter anderen Kagwahiva nicht beobachtet werden konnte, sind die verschiedenen Reihen von Bezeichnungen für tote Verwandte. Um von einem bereits verstorbenen Verwandten zu reden, darf man nicht denselben Terminus benutzen, der ihm entsprach, als er noch lebendig war. Es existieren viele verwandtschaftliche Bezeichnungen, die exklusiv für tote Verwandte verwendet werden, bei einigen wird lediglich die Endsilbe “-ve’e“ an die normale verwandtschaftliche Bezeichnung der Lebendigen angehängt – andere sind vollkommen verschieden davon: Vater = “Rúva“ (wenn er noch lebt) – ein toter Vater = “Poría“.
Eine Heirat bei den Parintintin wird traditionell von einer Reihe unterschiedlicher Vorkehrungen schon seit der Geburt vorbereitet. Wenn ein Kind geboren wird, muss es vom Bruder der Mutter, der ein kleines Kind des anderen Geschlechts hat, seinen Namen erhalten. Nach dem Ritual der ersten Menstruation, kann die Nichte ihren “gekreuzten Cousin“ heiraten, den Sohn ihres Namensgebers. Während der Zeremonie wird die Braut von zwei realen Brüdern (den parallelen Cousins) übergeben. Diese Brüder erhalten im Gegenzug das Recht, dass einer von ihnen dem Sohn, den sie gebären wird, einen Namen geben darf und auf diese Weise die Verwandtschaft ihres Kindes mit einem seiner Kinder aufrecht erhält.
Ein Mann vervollständigt seine Heirat mittels einer Zeit im “Brautdienst“ – während der er für seinen Schwiegervater (Tutý) arbeitet. Mit Ende dieser Periode – zirka fünf Jahre, im Fall seiner ersten Frau, und weniger bei einer Nachfolgerin – gilt die Heirat als vollendet. Das Ehepaar zieht dann um in seinen eigenen Sektor innerhalb der “Ongá“ oder, seit kurzer Zeit, ist es frei, um seine eigene Residenz zu erbauen. Im Prinzip ist der Schwiegersohn dann auch frei, um mit seiner Frau das Dorf zu verlassen (wenn er seine Frau dazu überreden kann), aber in der Praxis verbleibt das Paar in der Regel innerhalb der Gruppe der Ehefrau, und ihr Mann wird zu einem der Schwiegersöhne, die die Nachfolge ihres Schwiegervaters antreten.
Polygamie wurde praktiziert – besonders zwischen Schwestern – war aber nie besonders populär wegen der Komplexität der involvierten familiären Beziehungen. Ein Mann mit fünf Frauen wird verhöhnt wegen seiner Dummheit. Wenn ein Mann zum zweiten Mal heiratet, gilt seine erste Frau als frei, ihn zu verlassen, wenn sie das will – jedoch ist es in vielen Fällen die Ehefrau selbst, die den Mann bittet, sich ihrer Schwester anzunehmen.
Viele Eheschliessungen folgen noch den Regeln der exogamen Hälften, aber es wird für junge Leute immer schwieriger, entsprechende Ehegatten der entgegengesetzten Hälfte zu finden, und das System gesellschaftlicher Beziehungen verändert sich langsam. Die Monogamie wird besonders stark von den Salesianer-Missionaren suggeriert, die einmal pro Jahr die Ehen weihen, und auch von der lokalen, nicht-indigenen Bevölkerung, die häufig als Paten der Parintintin auftreten.
Während des erwähnten “Brautdienstes“ werden das Ehepaar und ihre Kinder als Teil der Wohngemeinschaft des Vaters der Ehefrau betrachtet. Sie Hängen ihre Hängematten in der Sektion des Schwiegervaters innerhalb der “Ongá“ auf (oder heutzutage im Zimmer seiner Familie) und kochen auf demselben Feuer. Der Schwiegersohn übergibt alle seine Jagdbeute an den Schwiegervater zum Verteilen, und er repariert auch sein Haus. Er hat kein eigenes Feld, sondern hilft dem Schwiegervater das seine zu bearbeiten.
Dieser Zyklus der Entwicklung wird im Fall der Erstheirat eines Mannes entsprechend streng gehandhabt. Wenn einer aus diesem Paar bereits verheiratet war oder es noch ist, erhält er bei einer zweiten Heirat mehr Autonomie.
Kleinkinder werden im Schoss der Mutter herumgetragen, um freien Zugang zur Mutterbrust zu haben, und sie werden von ihr bis etwa zum dritten Lebensjahr umhegt und gepflegt. Zwei Kinder dürfen von der Mutter nicht simultan versorgt werden – wenn ein weiteres Kind geboren wird, bevor das erste entwöhnt und ein bisschen selbständig geworden ist, wird es nicht von der Mutter, sondern von der ältesten Schwester versorgt. Um diese Situation zu vermeiden, macht man grosse Anstrengungen, um einen Intervall von mindestens fünf Jahren zwischen zwei Geburten einzuhalten – mittels empfängnisverhütender Kräuter.
Die Kinder, die bereits laufen gelernt haben, werden einer älteren Schwester übergeben, um sie zu versorgen und sich um sie zu kümmern. Nicht immer akzeptiert diese eine solche Aufgabe mit gutem Willen, aber in der Regel wächst zwischen beiden ein besonderes Band der Zuneigung. Dem Kind wird eine bemerkenswerte Entscheidungsfreiheit überlassen – physische Züchtigungen werden aufs äusserste vermieden – und besonders die Grosszügigkeit gegenüber ihresgleichen wird schon sehr früh angeregt.
Wie schon erwähnt, wird der erste Name (Mbotagwaháv – Kindername) einem Kind vom Bruder der Mutter verliehen – während einer Namensgebung-Zeremonie. Bei der maskulinen Initiation erhält der Junge seine Gesichtstätowierung und sein erstes “Ka’á“ (Penis-Hülle) von einem Bruder seines Vaters, der ihn mit einem neuen Namen beschenkt – assoziiert mit einer Hälfte – der seinen Geburtsnamen ersetzt. Später kommen neue Namen hinzu, entsprechend der Veränderungen in seinem gesellschaftlichen Status, wie die Heirat oder sein Eintritt in eine neue Phase seines Lebens durch besondere Ereignisse.
Die feminine Initiation findet anhand der ersten Menstruation statt – das Mädchen wird zehn Tage lang in einer Hängematte hinter einer spanischen Wand von der Öffentlichkeit abgesondert und unterliegt rigorosen Tabus hinsichtlich ihrer Ernährung. Am Ende wird sie von ihrem Vater oder einem Bruder zum Fluss getragen und erfährt dort eine rituelle Waschung – anschliessend erhält sie ihre Gesichtstätowierung. Ihre Verheiratung mit dem gekreuzten Cousin (im Idealfall) findet direkt im Anschluss statt.
Als Ergebnis der Kombination von exogamen, patrilinearen Hälften und dem “Brautdienst“, besteht eine Parintintin-Wohngemeinschaft aus einem Vater und seinen Töchtern der einen Hälfte, sowie den Schwiegersöhnen der anderen Hälfte. Der Bruder der Mutter (Tutý), als zukünftiger Schwiegervater, wird mit dem gleichen Respekt behandelt, wie der eigene Vater. Mit dem Bruder des Vaters (Ruvý) und der Schwester der Mutter (Hy’ý) unterhält man in der Regel die engste, affektivste Verbindung.
Die Führung in den Kagwahiva-Gesellschaften fällt in erster Linie auf die Führer der Wohngemeinschaft oder der “Ongá“ – man bezeichnet ihn als “Mborerekwára’ga“ – Derjenige, der uns zusammenhält – oder häufiger als “Ñanderuviháv“, was als “unser Co-Bewohner“ verstanden werden kann, oder auch als “die Person unseres Vaters“. Unter den Parintintin gibt es, ausser diesem Führer/Schwiegervater, noch einen regionalen Führer, dem ein Flussabschnitt untersteht (Mborerekwaruhú).
Ein Mann, der alle seine Töchter verheiratet hat, kann sich zum Kern eines Dorfes entwickeln, mit einer Gruppe von Schwiegersöhnen in seinem Gefolge. Häufig wird die Autorität eines Führers gestärkt durch einen Bruder, der die Führung mit ihm teilt. Die Ehefrau des Führers ist ebenfalls eine Schlüsselfigur, mit wichtigen Aufgaben betreffend der Gastfreundschaft und als Führerin der Frauen des Dorfes. Es ist Tradition, dass sich der Führer von seinem Amt zurückzieht, falls seine erste Frau stirbt. Die Nachfolge kann einer seiner Söhne oder seiner Schwiegersöhne antreten. Ein Sohn, der die Nachfolge seines Vaters antritt, kann vom “Brautdienst“ entbunden werden, oder ihn verkürzt leisten.
Das Mittel zur Kontrolle von Konflikten und unpassenden Verhaltensweisen innerhalb der Parintintin-Gesellschaft ist, sie zu vermeiden. Grosse Anstrengungen werden bei der Kindererziehung gemacht, um bei Wettkämpfen standhaft zu bleiben und nicht aufzugeben, aber gegen die Gewalt im Spiel. Ein Führer bemüht sich, Konflikte in der Gruppe mittels Überzeugung und Vermittlung zu lösen, und nicht durch Zwang. Im Fall von Konflikten, die auf diese Weise nicht geschlichtet werden können, verlässt eine der beiden streitenden Parteien die Gruppe. Auf diese Weise lösen sich intergruppale Konflikte in der Bildung neuer Gruppen von selbst auf.
Der Krieg war ein bedeutender kultureller Aspekt der Parintintin vor dem Kontakt mit den Weissen – so wie bei den Tupi-Gesellschaften der Küste. Angriffe wurden geführt von den ”Ñimboipára’nga”, den Organisatoren der Attacke, die ihre Position nur während Kriegszeiten innehatten.
Das Prestige eines Mannes, in dieser Periode vor dem Kontakt, wuchs mit jedem Kopf eines Feindes, den er erbeutete und anlässlich eines Festes, das sie ”Akangwéra torýva“ nannten – den Tanz des prämierten Kopfes. Der Kopfjäger erlangte durch seine Beute den Status ”Okokwaháv”. Es gibt Indizien für einen rituellen Konsum gewisser Teile des toten Feindes, als Mittel zur Übernahme seiner Stärke oder damit die Frauen männliche Nachkommen gebären.
Nachdem ein Krieger den Kopf eines Feindes abgeschlagen hatte, war er gezwungen, eine bestimmte Zeit in ritueller Zurückgezogenheit zu verbringen – so wie die Frauen nach ihrer ersten Menstruation. Nach dieser Periode bekam er einen neuen Namen.
Der Mythos “Pindova’úmi’ga” (oder “Mbirova’úmi’ga”) steht im Mittelpunkt der Parintintin-Kosmologie, er handelt von einem mächtigen Ahnen, einem Schamanen und Häuptling, der einst die “Leute des Himmels“ (Yvága’nga) geschaffen hat, die den gegenwärtigen Schamanen in ihren Ritualen erscheinen. Im Verlauf der Erzählung begibt sich “Pindova’úmi’ga” mehrmals in den Himmel, in den Fluss, ins Erdinnere und ins Innere eines Baumes – und er findet alle diese Orte bereits besetzt von vielen Geistern, von Fischen, von Gespenstern und von Bienen. Also verlegt er sein Haus aus dem Wald ins zweite Stockwerk des Himmels, das noch leer war – dort wurden er und sein Sohn zu den “Leuten des Himmels“.
Das mythologische Modell der Schamanen “Pindova’úmi’ga“ dürfte aus dem Gefolge des Schöpfers “Mbahíra“ (Maír in anderen Tupi-Mythologien) stammen, der den Menschen das Feuer brachte und viele kulturelle Praktiken begründete – und der Landschaft ihre Formen verlieh. Ein dritter Ahne, die “Ngwãiv“ (Alte Frau) wurde einst nach ihrem Tod verbrannt von ihren Söhnen und ihre Asche düngte den Boden, der Mais, Maniok und andere Knollenfrüchte hervorbrachte.
Ernährungs-Tabus spielen eine grosse Rolle in der traditionellen Lebensweise der Parintintin. Verschiedene Arten von Nahrungsmitteln werden von ihnen gemieden (besonders Fisch, Fleisch und Honig) während der Schwangerschaft und nach der Geburt eines Kindes. Solche Enthaltungen zur Verhinderung von Krankheiten, besonders der Kinder, werden auch auf die näheren Verwandten übertragen.
Maniok zu essen, wenn man krank ist, ist sehr gefährlich. In einem anderen Beispiel ist der Geschlechtsverkehr verboten, wenn der Timbó-Saft (wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Samen) zur Vergiftung der Fische benutzt wird. Geschlechtsverkehr zwischen parallelen Cousins (Mitglieder derselben Hälfte) verursacht den Tod der Kinder aus dieser Vereinigung.
Bestimmte Praktiken bringen einem Jäger Unglück – er ist nicht mehr in der Lage, bestimmte Tiere oder Fische zu erbeuten. Jäger mit dem Verdacht, Pech auf der Jagd zu haben, begeben sich zu einem Heiler, damit er sie von diesem Zustand befreit.
Eine Heilung durch Pflanzen wurde von einem Schamanen (Ipají) in einer Zeremonie vorgenommen, die “Tocaia“ (blinde Jagd) genannt wird. Der “Ipají“ versetzt sich in Trance und unternimmt eine spirituelle Reise in alle Winkel des Kosmos, um die Geistwesen für die Heilung zu gewinnen, indem sie den Patienten anhauchen und so heilen. Die vom Schamanen während seiner Trance besuchten Regionen entsprechen denen, die auch der mythologische “Pindova’úmi’ga“ besucht hat. Der Schamane beendet seine Reise mit einem Besuch bei den “Leuten des Himmels“ und dem “Pindova’úmi’ga“ selbst. Jedes Geistwesen macht sich mittels eines spezifischen Gesangs bemerkbar (den der Schamane jeweils intoniert) und wird auch jeweils vom “Ipají“ beantwortet.
Träumen gilt als eng verbunden mit dem Schamanentum. Ein “Ipají“ oder sein Lehrling können den Geistwesen in ihren Träumen begegnen. Normale Personen können aus ihren Träumen Vorhersagen entnehmen, besonders bezüglich Erfolgen auf der Jagd, zu erwartenden Krankheiten oder dem Tod. Nur ein Schamane kann die Zukunft in seinen Träumen kontrollieren. Die Schamanen sind sogar aus Träumen geboren worden: Ein bestimmter “Ipají“ hat plötzlich einen Traum, in dem ein besonderes Geistwesen oder die “Leute des Himmels“ ihm andeuten, dass ein Schamane von einer bestimmten Frau geboren werden wird. Der nächste Sohn dieser Frau wird also dazu bestimmt, von jenem Schamanen, der von ihm geträumt hat, als Lehrling angenommen zu werden.
Das bedeutendste religiöse Ritual der Parintintin war eine Heilungszeremonie durch einen Schamanen – wird aber nicht mehr praktiziert. Die Kette einer mündlichen Weitergabe von entsprechendem Wissen wurde durch den frühen Tod vieler Schamanen durch Krankheitsepidemien nach dem Kontakt mit den Weissen unterbrochen. Viele der vom letzten “Ipají“ “erträumten Kinder“ sind noch am Leben, aber er selbst starb, bevor er sein Wissen an sie weitergeben konnte.
Heutzutage reisen die Parintintin nach Humaitá und Porto Velho, um dort die öffentliche Gesundheitsfürsorge zu nutzen. Jedoch ziehen sie, als Ergänzung zu den Medikamenten der Weissen, stets auch einen der regionalen Heiler zu Rate, dessen Wirken auf antiken iberischen und indigenen Praktiken und Heilmethoden beruht.
Aus Tradition basierte die Wirtschaft der Kagwahiva auf der Jagd, dem Fischfang, der Ernte ihrer Feldfrüchte und dem Sammeln von Waldprodukten. Der Fischfang wurde von Kanus aus und mit Pfeil und Bogen praktiziert oder, während der Regenzeit, von triangulären Plattformen (Mbytá) aus, die aus Stangen bestanden, die man zwischen Bäumen über einem überschwemmten Teil des Waldes befestigt hatte. Wenn der Regen aufhört, werden die zurück bleibenden Tümpel auch mit “Timbó“ (Lianengift) vergiftet – die Fische treiben betäubt an der Wasseroberfläche und werden mit dem Pfeil erlegt.
Die Jagd wird heutzutage mit Feuerwaffen durchgeführt – einst mit Pfeil und Bogen. Teile der Jagdbeute oder des Fischfangs wurden von den Jägern an ihre entsprechende Verwandtschaft verteilt. Grössere Teile mussten an den Chef der jeweiligen Familie oder den Schwiegervater abgegeben werden, der gewöhnlich ein und dieselbe Person war, und diese “Geschenke“ an seine Angehörigen weiter verteilte.
Die Terrains für die Felder wurden jährlich zur Säuberung von den familiären Führern ausgesucht. Nachdem er dann das Kollektiv gebeten hatte, die Felder zu säubern, musste er als Gegenleistung den Helfern ein Fest versprechen.
Die traditionsgemäss kultivierten Pflanzen bestanden aus einer grossen Vielfalt an Mais – deren Kenntnis ist inzwischen verloren gegangen. Heute bauen sie Maniok und viele Sorten Kartoffeln und Inhame-Wurzeln an. Obstbäume werden im Umkreis des Dorfes gepflanzt. Die Früchte werden von Frauen und Kindern geerntet, oder von höheren Bäumen mittels Stangen abgeschlagen.
“Tracajás“ (Wasserschildkröten) werden zur Nahrungsergänzung gefangen, und ihre am Flussstrand zurück gelassenen Eier werden während der Trockenzeit eifrig gesammelt. Ausserdem gibt es Dutzende von Honig-Sorten, die im Wald gesammelt werden.
Ihre Tradition bestimmt, dass die Männer das Terrain für die Anlage der Felder während der Trockenzeit säubern, und die Frauen verantwortlich sind für das Pflanzen und Ernten. Doch die Männer helfen ihren Frauen stets bei der Ernte, auch deshalb, weil die Arbeit auf dem Feld als Gelegenheit zum Sexualverkehr verstanden wird. Gegenwärtig jedoch, durch den Einfluss der regionalen nicht-indigenen Bevölkerung, hat sich die Erntearbeit als eine kollektive Angelegenheit der ganzen Familien entwickelt. Männer und Frauen arbeiten heute gemeinsam an der Herstellung von Maniokmehl und dem Fladenbrot.
Das bedeutendste Transportmittel im Alltag der Parintintin heutzutage ist das Kanu. Einige davon werden noch aus besonders dicken Baumstämmen gefertigt, aber die meisten werden von Nicht-Indios gekauft. Die Älteren fertigen exzellente Bogen und Pfeile an. Die Hängematten wurden einst aus Baumwolle gewebt, die von den Frauen in den Dörfern gepflanzt und geerntet wurde – heute bestehen sie aus einem weniger haltbaren Material und werden auf einem Markt gekauft. An die Produktion von Keramik können sich die heute existierenden Parintintin nicht mehr erinnern. Gekaufte Metallutensilien werden zum Kochen verwendet – sie benutzten sie bereits vor dem offiziellen Erstkontakt, denn sie hatten sie bei Überfällen auf die Häuser von weissen Invasoren erbeutet. Die Frauen, und heutzutage auch einige Männer, flechten exzellente Körbe, die sie für den Transport von Feldfrüchten und Jagdbeute benutzen.
Geld ist heutzutage vor allem notwendig für den Kauf von Feuerwaffen. Die Parintintins stehen wirtschaftlich unter grossem Druck, besonders durch die Ausbeuter-Fronten der natürlichen Ressourcen – zum Beispiel der Latex- und Paranuss-Sammler. Die illegale Ausbeutung der Ressourcen durch nicht-indigene Invasoren ihres offiziell zugeteilten Territoriums bedroht ihr Überleben.
Ihre Bevölkerung schrumpft – sie besteht heute aus weniger als 200 Individuen – viele von ihnen pendeln zwischen einem Leben im Indio-Territorium und einer Arbeit für die Sägewerke der Städte Humaitá und Porto Velho. Einige der Männer arbeiten in der Infra-Struktur, zum Beispiel beim Strassenbau – ihre Frauen als Hausangestellte. Einige Wenige waren erfolgreich als Köche, Bootsführer oder fliegende Händler auf dem Rio Madeira. Und ein paar andere sind angestellte Übersetzer und Dolmetscher bei der FUNAI.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther