Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/3194

Über das Projekt
Koordinatensystem und Referenzpunkte
Im Jahr 2004/5 nahm ich an einem Residenzprogramm am Center for Contemporary Art Kitakyushu im Süden Japans teil. Während meines Aufenthaltes stiess ich immer wieder auf kleine Schreine, die an den unterschiedlichsten Orten aufgestellt waren. Unter Autobahnbrücken, neben Supermärkten oder tief im Wald versteckt. Die meisten Schreine wurden von der Nachbarschaft besucht und gepflegt. Es befanden sich kleine Schalen mit Reis oder Grüntee als Opfergaben davor und die Steingottheiten trugen Lätzchen und handgestrickte Mützen aus roter Wolle.
Nach Abschluss der Residenz fuhr ich mit dem Fahrrad auf die Insel Shikoku. Shikoku ist eine berühmte Pilgerinsel. Es reisen Menschen aus ganz Japan dorthin, um die achtzig Tempel zu besuchen. Dazu gibt es ein besonderes Pilgerbuch, in welchem die Stempel der Tempel gesammelt werden können, als Beweis, dass alle Tempel auch gewissenhaft besucht wurden. In einem dieser Tempel entdeckte ich eine spannende Abwandlung der sonst üblichen Schreine. Diese wurde Hibutsu genannt, was auf Japanisch verstecktes Ding bedeutet. Ein Hibutsu ist eine kunstvoll gestaltete Kapsel, die in ihrem Innern ein religiöses Kunstwerk beherbergt. Dieses Kunstwerk wird nur zu besonderen Anlässen aus der Kapsel geholt und den Tempelbesuchern zugänglich gemacht. Es wird eine Zeremonie mit anschliessendem Fest veranstaltet. Diese Zeremonie findet jahreszeitlich, jährlich, alle sieben, alle sechsundreissig oder alle sechzig Jahre statt, je nach Ort und Natur der darin verborgenen Buddhastatue.[2]
Die Vorstellung des in einer Kapsel versteckten Kunstwerkes, dessen periodische Enthüllung mit einem Fest verbunden ist, gefiel mir sehr. Mir kam die Idee, beide Arten der Schreine zu kombinieren und hibutsu-artige Kapseln in der Öffentlichkeit zu platzieren, die am Alltag ihres Standortes teilhaben. Diese Idee schlummerte in meinem Hinterkopf, bis ich mich in 2008 für den Masterstudiengang mit Schwerpunkt Art in Public Sphere an der Hochschule Luzern Design & Kunst bewarb. Die Idee war damals noch nicht ausgereift, doch es schien mir der richtige Rahmen dafür zu sein. In meinem ersten Studienjahr suchte ich nach möglichen Formen der Realisierung für das Projekt, um ihm eine gewisse Koherenz zu verleihen. Es erwies sich als schwierig und umwegsam. Meine Recherchen zu diesem Zeitpunkt reichten von Reliquaren, über Orte der Kraft, bis zu zwischen den Baumkuppen ausgeschnittene Himmelsformen. Es war nicht einfach, ein für mein Projekt passendes Konzept zu finden, das ihm den nötigen Rahmen zu seiner Entfaltung geben konnte.
Im Sommer 2009 nahm ich an der vom Masterstudiengang organisierten Ausstellung In Situ teil und nutzte die Gelegenheit um einen Prototypen meiner Kapsel zu bauen. Die Zeit war knapp und so blieb mir keine Gelegenheit, um mir den Kopf über die richtige Vorgehensweise zu zerbrechen. Als Vorlage für die Formgebung nahm ich einen Turmalin, der die Eigenschaft besitzt, sehr leitfähig für Elektrizität zu sein und skalierte ihn auf die Grösse von ca. sechzig cm Höhe. Der Körper bestand aus Holzkarton, den ich mit Epoxyharz beschichtete, abschmirgelte und anschliessend polierte. Ich wollte auf diese Art die optische Leichtigkeit des Objektes aufrechterhalten. Das Äussere des Objektes wurde schwarz lackiert und im Innern blieb die honigfarbene Oberfläche unbehandelt. Unterdessen lud ich Sandra Ulloni ein, das Innere der Kapsel mit einem Kunstwerk zu bespielen. Das ausgestellte Kunstwerk war sehr filigran und zerbrechlich. Es bestand aus dünnen, in schwarze Tusche getauchte Hölzchen und Blattgold.
Die Kapsel wurde in den Ästen eines vom Blitz getroffenen Baumes im Garten der Hofkirche aufgehängt. Die in der Sonne glänzende Gestalt des Turmalins nahm die Formsprache der an den Hofmauern aufgehängten Gedenktafeln auf und mischte sich diskret unter die Gräber. Die Installation kann als Provokation verstanden werden, Gott dazu zu veranlassen, den Blitz ein zweites Mal im Baum einschlagen zu lassen. Sandra und ich veranstalteten ein Eröffnungspicknick auf den Grabsteinen. Während der gesamten Dauer der Ausstellung regnete es ununterbrochen. Einige Tage nach der Eröffnung übernachtete ich im Freien. Der Blitz schlug stattdessen zehn Meter von meinem Zelt entfernt in eine Weide ein.
Während der Sommerpause nach der Ausstellung, stiess ich in einem Buch auf die Illustration der fünf platonischen Körper, im Zusammenhang mit der Kosmologie von Platon. Von da an war mir das Konzept für mein Projekt klar. Diese Entdeckung markierte den Beginn meiner Reise zu den Wurzeln des Bewusstseins, die in meiner schriftlichen Masterthesis dokumentiert ist.
Es stand schon bald fest, dass die Körper aus fünf verschiedenen Metallen bestehen sollen. Zuerst dachte ich an die alchemistische Lehre der Transformation, die bei der Veredelung von Metallen verwendet wird. Das Metall durchläuft dabei die Stufen schwarz, grau, weiss, gelb und endet schliesslich bei rot. Unterdessen bin ich von dieser Idee abgekommen. Ich richte mich nach den alchemistischen Farben der Elemente, und suche für jedes Element nach einem Metall, das in der entsprechenden Farbe oxidiert:
Feuer: Gelb-, Orange-, Rottöne. Stahl. Rost.
Erde: häufig unscheinbare, dunkle Töne.Messing. Brüniert
Luft: Blautöne, Komplementärfarben, Mehrfarbigkeit. Kupfer. Grünspan.
Wasser: Farbe: Weiss-, Silber-, Rosa-, Pastelltöne. Zink. Weissrost.
Quintessenz: spiegelnd. Chromstahl. keine Oxidation.
Um die Seitenlängen der platonischen Körper zu berechnen, habe ich mich auf die Masse der Erde bezogen. Der Radius der Umkugel steht im Massstab 1: 20’000’000 im Verhältnis zum Radius der Erde. Der Durchmesser der Erde misst ca. 12’742 km. Ihr Umfang U misst am Äquator ca. 40’030 km. Wenn U = 2π x r, dann misst der Erdradius r = 6371 km.[3] Der Umfang der Umkugel R misst demnach 20015 mm und ihr Durchmesser 6371 mm. Der Radius der Erde steht im Massstab 1:10’000’000 im Verhältnis zum Durchmesser der Umkugel. Daraus ergeben sich die Seitenlängen a der platonischen Körper:
Tetraeder: a = 4R : √6 = 5201 mm
Hexaeder: a = 2R : √3 = 3678 mm
Oktaeder: a = 2R : √2 = 4505 mm
Ikosaeder: a = 4R : √(10 + 2√5) = 3349 mm
Dodekaeder: a = (4R : √3) : (1 + √5) = 2273 mm
Für die Platzierung der Körper im Raum habe ich die Windrose als Ausgangspunkt ausgewählt. So wurden die fünf Punkte nach dem Kardinalsystem auf der Landkarte festgelegt. Vom Mittelpunkt der Schweiz ausgehend wende ich mich nach Norden und bewege mich danach in einem Kreis nach Osten, Süden und Westen. Diese äussersten Punkte auf der Schweizer Landesgrenze sind:
Tetraeder: Älggialp, Kanton Obwalden, Mittelpunkt der Schweiz
Hexaeder: Schwarzer Stein, Kanton Schaffhausen, Grenze zu Deutschland
Oktaeder: Piz Chavalatsch, Kanon Graubünden, Grenze zu Italien
Ikosaeder: Pedrinate, Kanton Tessin, Grenze zu Italien
Dodekaeder: Dardagny, Kanton Genf, Grenze zu Frankreich
In diesem Projekt bin ich sowohl Künstlerin, als auch Kuratorin. Für jeden einzelnen Körper lade ich eine/n Schweizer Künstler/in ein, der/die den Innenraum des Körpers bespielt. Die Kunstwerke sollen aus einem Dialog mit der geometrischen Form, dem verwendeten Metall, sowie dem Standort des jeweiligen Körpers entstehen. Jeder Körper stellt ein in sich geschlossenes Miniaturmuseum dar und kann für eine bestimmte Zeit auf eigene Verantwortung vom Publikum vor Ort besucht werden.
Luzern, 24. Juni 2010
Marie-Eve Jetzer
[1] http://www.aisf.or.jp/~jaanus/deta/h/hibutsu.htm (gesehen am 27. Mai 2010)
[2] <http://de.wikipedia.org/wiki/Erdradius> (gesehen am 27. Mai 2010)