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Datenübertragungen werden in Zukunft in erdnahe Umlaufbahnen verlegt werden. Zahlreiche Unternehmen liefern sich bereits heute ein Wettrennen beim Aufbau einer Satellitenflotte, die aus tausenden Kleinstsatelliten bestehen wird. Das norwegische Unternehmen Andøya Space hat sich zum Ziel gesetzt, am Aufbau dieser Satellitenkonstellationen mitzuverdienen. Dafür wird aber ein Ausbau der Infrastruktur für Raketenabschüsse benötigt. Der neue Raketenbahnhof soll Ende 2022 bereit sein.
Der unter dem Begriff Kuba-Krise bekannt gewordene Höhepunkt des kalten Krieges – oder sollte man besser Tiefpunkt sagen – hat sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Als die Russen damit begannen, auf Kuba Raketen mit atomaren Sprengköpfen zu installierten, reagierten die Amerikaner mit einer Seeblockade. Die russischen Schiffe lenkten ein und drehten ab. Die Welt war nur knapp am Ausbruch eines weiteren Krieges vorbeigeschrammt.
Nicht weniger brisant, aber der Allgemeinheit weit weniger bekannt, ist ein Zwischenfall, der sich 1995 ereignete. Seit 1962 werden auf der norwegischen Insel Andøya Raketen zur Erforschung der Atmosphäre abgeschossen. Die erste von Andøya aus abgeschossene Rakete war eine Kooperation zwischen Dänemark, der NASA und Norwegen. Seither wurden über tausend Forschungsraketen und wissenschaftliche Ballone erfolgreich vom Andøya Space Center aus gestartet.
Die Black Brant XII Rakete, die am 25. Januar 1995 gezündet wurde, war allerdings um einiges grösser als die bisher verwendeten Raketen. Selbstverständlich hat man die umliegenden Staaten und somit auch Russland über den geplanten Raketenstart informiert. Doch die Nachricht versumpfte in der russischen Bürokratie und die Radarstationen wurden nicht informiert. Mitarbeiter des Russian Missile Attack Warning System (MAWS) missinterpretierten die norwegische Forschungsrakete auf ihren Radarschirmen als den Launch einer Trident Rakete, die von einem amerikanischen U-Boot aus abgeschossen wurde. Der verantwortliche Offizier handelt strikt nach Vorschrift und meldete den Vorfall direkt nach Moskau, wo Präsident Jelzin den Atomkoffer aktivierte. Zum Glück für die Welt konnte das Missverständnis dann relativ schnell aufgeklärt werden.
Seit Beginn der Forschungsaktivitäten 1962 auf Andøya haben sich die Norweger eine weitführende Kompetenz im Start von Raketen angeeignet. Heute bietet Andya Space Dienstleistungen und Technologien an, die es der Wissenschaft ermöglicht, die Atmosphäre und die nähere Weltraumumgebung zu erforschen. Bei den Kunden von Andøya Space handelt es sich um renommierte Weltraumagenturen wie der NASA (amerikanische National Aeronautics and Space Administration), der ESA (European Space Agency), der JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency), dem DLR (Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt). Auch eine Vielzahl von internationalen Universitäten und Forschungseinrichtungen zählen zur treuen Kundschaft.
Seit September 2018 kann sich Norwegen wie eine richtige Raumfahrtnation fühlen, denn die erste komplett norwegisch produzierte Rakete startete vom Andøya Space Center aus. Sie passierte die symbolträchtige 100-Kilometer- Kármán Linie und stürzte anschliessend plangemäß ins Meer. An Bord hatte die Rakete mehrere Experimente und Testgeräte.
Zurzeit verfügt Andøya Space über zwei Raketenstartplätze. Einen auf der Insel Andøya (69 ° N) und einen zweiten auf Spitzbergen bei Ny-Ålesund (79 ° N). Gemeinsam bieten diese beiden Standorte eine Vielzahl von Möglichkeiten für unterschiedliche Raketenflugbahnen und somit Zugang zu allen Schichten der Erdatmosphäre. Nun aber gilt es, für die Zukunft bereit zu sein.
Die Datenübertragungen für Internet, Telefon und andere Daten werden in naher Zukunft von der Erde in Umlaufbahnen verlegt werden. Dank unzähliger kleiner Satelliten können Daten an jeden Punkt der Erde übertragen werden. So wird das Internet auch ausserhalb der grossen Metropolen leistungsfähiger und schneller. Zahlreiche Startups, die u.a. von Amazon, Apple oder Google unterstützt werden, liefern sich mit etablierten Satellitenbetreibern wie Viasat, Eutelsat oder Imarsat ein regelrechtes Wettrennen beim Aufbau einer erdnahen Satellitenflotte. Allein das Unternehmen SpaceX von Elon Musks wird mehr als 10’000 Satelliten in die Umlaufbahnen schiessen. Von den zukünftigen Satellitenkonstellationen erhoffen sich auch Andøya Space gute Geschäfte.
Im Juni 2020 bestätigten die Eigentümer Andøya Space (die norwegischen Regierung (90 %) und Kongsberg Defence and Aerospace) ihre volle Unterstützung für den Bau eines zusätzlichen Weltraumbahnhofs. Die neue Abschussbasis Andøya Spaceport soll an der Ostküste der Insel Andøya, ca. 35 Kilometer südlich des heutigen Headquarters entstehen.
Der dritte Standort wird für die Zukunft dringend benötigt und entsprechend hoch sind die Erwartungen. Andøya Space bietet bereits heute eine End-to-End-Service Dienstleistung an. D.h. der Kunde kann sich ausschliesslich auf sein eigentliches Projekt oder Experiment konzentrieren, während Andøya Space parallel dazu den Nutzlastbereich entwickelt, die Motoren und die Rakete beschafft sowie anschliessend den Startvorgang von einem ihrer Startplätze aus durchführt.
Durch die stetige Verkleinerung von Elektronikbauteilen, haben die ehemals tonnenschweren Satelliten inzwischen die Größe eins Schuhkartons erreicht. Das sogenannte CubeSat Konzept gilt heute als der etablierte Standard für Minisatelliten. Ein CubeSat besteht aus würfelförmigen Einheiten mit je zehn Zentimetern Kantenlänge. Wie Legosteine lassen sich die Würfel zu einer größeren Einheit zusammensetzen. Die Satelliten sind so klein, dass sie verhältnismäßig günstig mitfliegen können. Dadurch werden Raketenstarts nicht nur preiswerter, sondern vor allem auch einfacher. Für weniger Nutzlast wird entsprechend weniger Schubkraft benötigt. Andøya Space hat sich zum Ziel gesetzt, der erste in Europa zu sein, der die kleinen Satelliten in grosser Menge in die Erdatmosphäre schiesst. Bereits heute ist Andøya einer der wenigen Orte in Europa für Raketenstarts von Satelliten in den nördlichen Orbit. Eine Ausweitung des Geschäftsbereiches erfordert aber grössere Kapazitäten, als am derzeitigen Standort Oksebåsen verfügbar sind. Der neue Standort wird Zugang zu drei Startrampen inkl. der benötigten Unterstützungsinfrastruktur bieten und richtet sich an Betreiber von Trägern in der 1,5-Tonnen-Nutzlastklasse.
Für den ersten Planungsprozess wurden ursprünglich zwei Standorte evaluiert: Børvågen und Bømyra. Beide Orte befinden sich an der Westküste von Andøya, 35 km bzw. 48 km südlich von Andenes. Nach einer ersten Vorstudie entschied man sich zu Gunsten von Børvågen.
Das geplante Gebiet erstreckt sich im Norden über das Kinnfjellet mit seinen großen Mooren. Im Westen grenzt das Plangebiet an das offene Meer. Innerhalb des Planungsgebiets befinden sich eine Reihe wertvoller Naturgebiete. Der gesamte Küstenabschnitt gilt als wichtiges Habitat für verschiedene Meeresvögel, von denen die meisten auf dem Vogelfelsen bei Bleik nisten. Die großen Moorgebiete nördlich und östlich von Børvågen sind wichtige Habitate für Watvögel. Sowohl während der Brutzeit als auch während der Frühjahrs- und Herbstwanderung werden hier seltene, auf der roten Liste stehende Vögel beobachtet. Zudem leisten Moore auch wichtige Ökosystemleistungen. Sümpfe speichern enorme Mengen an Kohlenstoff und begrenzen so die Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre.
Außerhalb von Andøya bricht der Festlandsockel steil in die Tiefe ab und bildet den Bleik-Canyon. Wasser aus dem Golfstrom wird hier mit kaltem Wasser aus der Tiefe gemischt, was für ein nährstoffreiches Meeresgebiet sorgt. Dies wiederum bildet die Grundlage für ein überdurchschnittlich reiches Fischangebot. Andøya ist ausserdem weltbekannt für das grosse Vorkommen unterschiedlicher Walarten. Entlang der Küste gibt es zudem eine große Population von Robben.
Innerhalb des Gebietes gibt es aber auch einige Kulturdenkmäler, auf die bei der Umsetzung der Pläne Rücksicht genommen werden muss. Die Kulturdenkmäler reichen von eisenzeitlichen Grabhügeln bis zu samischen Kulturdenkmälern. Südlich von Børvågen bspw. liegt Bukkekjerka, eine samische Opferstätte. Im Sommer 2017 wurde eine erste Inspektion des Kulturerbes durch den Bezirksschutzbeauftragten und das samische Parlament durchgeführt. Die daraus resultierenden Ergebnisse sind in den Planungsprozess eingeflossen und bieten die Grundlage für die weiteren Entscheidungen
Aber ein Ausbau in Børvågen hat nicht nur Konsequenzen für das umliegende Land. Während eines Raketenstartes muss die Schifffahrt in den Sicherheitszonen gesperrt werden, was zu Einbrüchen in der Fischerei führt. Wie die lokalen Fischer auf diese Restriktionen reagieren werden, bleibt abzuwarten. Nicht wenige befürchten, dass die lokale Fischerei abwandern wird.
Grösste Vorsicht ist auch betreffend Verschmutzungsrisiko durch Chemikalien oder Treibstoff geboten. Eine Umweltkatastrophe würde jahrelange Auswirkungen auf Fauna und Flora haben.
Ursprüngliche war geplant, in Børvågen einen Steg ins Meer zu bauen und am Ende des Steges zwei Startrampen zu platzieren. Der Plan wurde aber abgelehnt, da der Bau aufs Meer hinaus zu lange dauern und viel Geld kosten würde. Zudem wären die beiden Startrampen nach eigenen Berechnungen von Andøya Space zu nahe beieinander gelegen. Der neue Plan sieht jetzt vor, drei Rampen direkt an Land zu bauen. Da der Startbereich für Unfälle besonders gefährdet ist, muss nun eine entsprechend größere Landfläche zur Sicherheitszone erklärt werden. Das bedeutet, dass Besitzer, die ihre Ferienhäuser (norweg. hytte) in dieser Sicherheitszone haben, bei jedem Start informiert bzw. evakuiert werden müssen. Zudem muss die Straße Fv976 für einige Stunden gesperrt werden. Bereits werden Stimmen laut, die darauf hinweisen, dass die durch das pittoreske Gebiet führende Strasse ihren Status als eine der 18 nationalen Touristenrouten verlieren wird.
Ursprünglich war der erste Start von der neuen Startrampe für Herbst 2021 vorgesehen. Auf Grund der aktuell noch ungelösten Probleme wird Andøya Space aber nicht vor Ende 2022 seine Dienstleistungen für Starts am neuen Raketenbahnhof für Kleinsatelliten anbieten. Mit dem neuen Satellitenbahnhof will Norwegen seinen Platz als Weltraumnation weiter festigen. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auch Schweden, Schottland und Portugal arbeiten daran, das zukünftige Hauptquartier für Satellitenstarts in Europa zu werden. Die Zeit drängt also.