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von Victoria Schüttengruber
In unserer Lebensgeschichte finden sich zahlreiche Erinnerungen an zurückliegende Herausforderungen. Hierzu zählen auch Erinnerungen an Verluste, die sich im Laufe des Lebens nicht vermeiden lassen. Angenommen wird, dass sich Erinnerungen an Verluste von anderen Erinnerungen unterscheiden. Beispielsweise können Verluste (z.B. Tod eines Angehörigen) dazu führen, dass sich Menschen mit ihrem bisherigen Weltbild, ihrer eigenen Sterblichkeit und der Endgültigkeit des Verlustes auseinandersetzen. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen versuchen Menschen im Idealfall einen Sinn in diesem Verlust zu sehen, um das Ereignis positiv in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren und somit aus diesem Verlust persönlich zu wachsen (z.B. bessere Problembewältigung). Zudem bewirken Verluste häufig auch einen gestärkten sozialen Zusammenhalt bei den Hinterbliebenen. Andernfalls könnte der Verlust auch zu wiederholten, negativen Gedanken im Sinne von Grübeln über das Ereignis führen. Die Einschätzung des bisherigen Lebens könnte auch damit zusammenhängen, wie sich Menschen an Verlustereignisse erinnern.
Bisher wurde kaum erforscht, wie sich Menschen an Verluste (z.B. Todesfälle und schwere Erkrankungen von Angehörigen) erinnern, die bereits mehrere Jahre zurückliegen. Forscherinnen der Universitäten Florida und Stanford untersuchten deshalb, wie sich Erinnerungen an Verluste von anderen Erinnerungen in der Lebensgeschichte unterscheiden und wie Erinnerungen an Verluste mit der Einschätzung des psychologischen Wohlbefindens (z.B. Akzeptanz des bisherigen Lebens) zusammenhängen.
Die Forscherinnen untersuchten die Annahme, dass Erinnerungen an Verluste durch höheres persönliches Wachstum in Folge des Ereignisses, höhere soziale Verbundenheit, aber auch häufigeres Grübeln gekennzeichnet sind (im Vergleich zu anderen Erinnerungen). Eine weitere Annahme war, dass höheres persönliches Wachstum und der Ausdruck von Gemeinschaftsthemen in Verlustereignissen mit einer höheren positiven Einschätzung des bisherigen Lebens und häufigeres Grübeln mit einer deutlich weniger positiven Einschätzung des bisherigen Lebens in Zusammenhang stehen.
Die Studie wurde mit 29 jüngeren Erwachsenen (18 bis 23 Jahre) und 40 älteren Erwachsenen (61 bis 92 Jahre) durchgeführt. Dabei wurden die TeilnehmerInnen gebeten, drei Erinnerungen zu erzählen: eine Erinnerung an einen Verlust (z.B. Tod eines Angehörigen), an eine andere Herausforderung und an ein neutrales Ereignis. Zusätzlich beantworteten die TeilnehmerInnen zu jeder Erinnerung einen kurzen Fragebogen, in dem sie ihr persönliches Wachstum in Folge des Ereignisses einschätzten und auch beurteilten, wie häufig sie über die Ereignisse grübelten. Zudem wurde in einem Fragebogen das psychologische Wohlbefinden (z.B. Akzeptanz des bisherigen Lebens) der TeilnehmerInnen erfasst. Die soziale Verbundenheit (z.B. Fürsorge, Unterstützung, Zugehörigkeit) in einzelnen Erinnerungen wurde durch die Forscherinnen selbst beurteilt.
Erwartungsgemäss gaben die TeilnehmerInnen ein höheres persönliches Wachstum in Folge von Verlustereignissen als in Folge von anderen bisherigen Herausforderungen oder neutralen Ereignissen an. Zudem waren Erinnerungen an Verluste durch eine höhere soziale Verbundenheit gekennzeichnet, da diese Erinnerungen mehr gemeinschaftsbezogene Themen enthielten. Entgegen der Erwartungen zeigte sich bei Verlustereignissen jedoch kein häufigeres Grübeln. Insgesamt schienen die TeilnehmerInnen die Verlustereignisse gut in ihre Lebensgeschichte integriert zu haben. Darüber hinaus war ein höheres persönliches Wachstum mit einem höheren psychologischen Wohlbefinden verbunden, was insbesondere auf jüngere Erwachsene zutraf.
Kritisch anzumerken ist, dass es sich bei der Studie um eine Querschnittsuntersuchung handelt, weshalb keine Schlussfolgerungen über Ursache-Wirkungszusammenhänge zulässig sind. Die Grösse der Stichprobe ist relativ gering, was die Aussagekraft der Ergebnisse ebenfalls einschränkt.
Zusammenfassend zeigte sich in dieser Studie, dass Erinnerungen an Verluste vordergründig durch persönliches Wachstum in Folge des Verlustes und soziale Verbundenheit gekennzeichnet sind. Das psychologische Wohlbefinden scheint auch damit zusammenzuhängen, wie wir uns an Verluste in der Lebensgeschichte erinnern.
Literaturangaben:
Mroz, E. L., Bluck, S., Sharma, S., & Liao, H. (2019). Loss in the life story: Remembering death and illness across adulthood. Psychological Reports. https://doi.org/10.1177/0033294119854175
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