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In diesem Kommentar will ich der Frage nachgehen, ob Politiker und Politikerinnen gute Journalisten, gute Journalistinnen sein können oder ob sich diese beiden Berufe zu fest beissen. Dazu erst einmal eine grundlegende Überlegung was das Ziel der beiden Berufsgruppen ist, zumindest im Idealfall.
Ein Journalist, eine Journalistin verbessert die Welt, indem er oder sie für Aufklärung sorgt, Fakten liefert, Informationen recherchiert und aufbereitet. Ein Journalist versucht objetiv, d.h. faktenbasiert zu argumentieren. Er hat eine eigene Meinung, lässt diese jedoch aussen vor, ausser es handelt sich um einen Kommentar. In der Themenwahl ist er oder sie jedoch subjektiv, zumindest wenn er oder sie das Thema selber wählen kann. Wer schreibt schon gerne über ein Thema, dass einem nicht interessiert? Eine Politikerin, ein Politiker versucht die Welt zu verbessern, indem er oder sie politische Vorstösse einreicht und Entscheidungen trifft. Welche Themen ihr oder ihm wichtig sind, ist wiederum subjektiv.
Die entscheidende Frage ist nun: Kann eine Person sowohl in die Rolle des Politikers wie auch in die Rolle der Journalistin schlüpfen? Die Frage lautet wohl: Ja, aber... Wichtig erscheint mir, dass der Journalist, die Journalistin ihre Interessenbindungen angibt und sich an die Fakten hält. Ausser bei der Themenwahl, sollte die eigene Haltung (in der Regel) nicht erkennbar sein. Ich selber mache sowohl Journalismus (in der Freizeit neben meinem Doktorat an der UZH), als auch Politik (persönlicher Mitarbeiter von SP-Nationalrätin Claudia Friedl und Sektionspräsident der SP Rümlang ZH). Im folgenden gebe ich zwei eigene Beispiele, wo sich die beiden Richtungen ergänzt haben und erläutere, wie ich vorgegangen bin.
Politik führt zu Artikel: AKW wärmt Aare auf
Im Juni des Hitzesommers 2018 hat Claudia Friedl, welche zu Fischen promoviert hat, dem Bundesrat eine Frage gestellt, wie starkt die AKWs die Wassertemperatur der Flüsse erhöht. Dies aus dem Grund, da zu hohe Wassertemperaturen gefährlich für die Fische sind. In diesem Hitzesommer mussten beispielsweise dem Rhein über drei Tonnen tote Fische entnommen werden. Der Bundesrat gab in seiner Antwort an, dass Beznau 1 und 2 die Aare um bis zu 1.7 °C erwärmen.
Ein Jahr später, Anfang Juli 2019, hat das Bundesamt für Energie verfügt, dass Beznau den Betrieb drosseln muss, wenn die Flusstemperatur über 25 °C steigt und bei mehreren nachfolgenden überschrittenen Tag den Betrieb ganz herunterfahren muss. Als ich diese Verfügung in einem Artikel gelesen habe, hat es meine Neugierde geweckt. Und habe mir die Frage gestellt: Wie hat sich die Temperatur der Aare über die Zeit entwickelt?
Um dieser Frage nachzugehen, habe ich angefangen nach Daten zu recherchieren. Fündig geworden bin ich beim Bundesamt für Umwelt. Nach einigen E-Mail habe ich Anfang September alle Tageshöchstwerte von drei Messstationen erhalten seit 1974. Die Daten habe ich anschliessend wissenschaftlich ausgewertet und graphisch dargestellt. Auch habe ich direkt bei der Axpo Informationen eingeholt. Den fertig Artikel habe ich am Schluss dem Pressesprecher der Axpo und der Ansprechperson beim BAFU geschickt. Von beiden habe ich nur kleien Korrekturvorschläge enthalten. So konnte ich guten Gewissens davon ausgehen, dass der Artikel allen journalistischen Standards stand hielt. Die Auswertung habe ich dem Artikel beigefügt, damit andere Wissenschaftler (ich selber bin Politilkwissenschaftler), meine Analyse nachvollziehen können. Über den Artikel hat auch die AZ berichtet. Wer den Artikel lesen will, findet ihn auf Aktion Vielfalt, einer datenjournalistischen Plattform über Umwelt, Klima und Artenschutzthemen, welche ich mit anderen Student*innen gegründet habe.
Artikel führt zu Politik: Schweizer*innen produzieren viel Elektroschrott
Anfang Dezember 2020 habe ich eine Pressemitteilung erhalten, in der stand, dass die Schweiz beim Anfallen von Elektroschrott pro Haushalt an vierter Stelle weltweit steht. Die Zahl fand ich spannend und habe darum beschlossen, mir das ganze mal etwas genauer anzuschauen.
Die Pressemitteilung enthielt auch die Daten, jedoch wurde mir schnell bewusst, dass diese Zahl zu stark von der Haushaltsgrösse abhängt. Leben mehr Personen in einem Haushalt, fällt automatisch mehr Elektroschrott an. Kurz: Die Zahl ist verzerrt und deshalb nicht optimal. Also habe ich mich auf die Suche nach den Primärdaten gemacht und wurde schon bald fündig: The Global E-Waste Statistics Partnership sammelt die Daten und veröffentlicht sie in einer frei zugänglichen Datenbank, nicht pro Haushalt sondern pro Kopf. Und: Die Schweiz steht plötzlich an dritter Stelle.
Also alle Daten heruntergeladen und relativ schnell festgestellt: Reiche Länder verursachen überdurchschnittlich viel, während sehr arme Länder kaum Elektroabfall produzieren. Eigenlich logisch. Um das ganze wissenschaftlich zu Untersuchen, habe ich die Daten mit dem logarithmierten BIP pro Kopf verknüpft und eine lineare Regression gerechnet: der Zusammenhang zwischen BIP pro Kopf und Elektroschrott pro Kopf ist sehr stark und statistisch signifikant. Das ganze habe ich dann noch journalistisch aufbereitet und mit den nahenden Weihnachten als Aufhänger verbunden. Die Geschichte kann auf Aktion Vielfalt nachgelesen werden. Die Daten können wie immer heruntergeladen werden.
Als mich Claudia kurz darauf gefragt hat, ob ich allenfalls noch eine Idee für einen Vorstoss hätte, kam mir die Idee auf, daraus eine IP zu machen, um den Bundesrat zu fragen, was er gedenkt, dagegen zu unternehmen. In der Stellungsnahme des Bundesrates ist ersichtlich, dass er daran ist, Vorschläge auszuarbeiten.
Mein persönliches Fazit
Wer die journalitischen Standards kennt und danach arbeitet, seine Interessenbindungen deklariert und seine eigene Meinung zurückhalten kann, kann meiner Meinung nach beides problemlos vereinbaren. Mir sind solche Journalistinnen lieber, als diejenigen, welche so tun, als wären so komplett unabhängig und hätte keine Haltung oder Meinung. Wer das sucht, lässt am besten einen Roboter schreiben, die sollen ja auch immer besser werden.
Nun würde mich eure Meinung interessieren zu diesem Thema. Wir können gerne in den Kommentaren diskutieren.