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Nach langen Jahren der repressiven Politik scheint der Wind zu drehen: Das Verbot des Cannabis-Konsums in der Schweiz wackelt. Zwei Drittel der Bevölkerung sind für eine Legalisierung; das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält das Verbot für sinnlos. Die Schweiz wäre allerdings nicht das erste Land, das nicht-medizinisches Cannabis legalisiert – bereits vor sieben Jahren fiel das Verbot im US-Staat Colorado, weitere 17 Bundesstaaten folgten. In Uruguay und Kanada ist Cannabis landesweit legal.
Im Hinblick auf eine mögliche Legalisierung des Cannabis-Konsums in der Schweiz ist die Frage relevant, wie sich diese Massnahme in den genannten Ländern ausgewirkt hat. Ein Forschungsteam der Stiftung Sucht Schweiz ist dieser Frage im Auftrag des BAG nachgegangen und hat im Juni eine umfangreiche Literaturrecherche dazu vorgelegt. Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Meta-Studie, die 153 wissenschaftliche Artikel und 28 Berichte ausgewertet hat, haben wir herausgegriffen.
In den USA hat die Regulierung des Handels mit nicht-medizinischem Cannabis die Diversifizierung der Produkte begünstigt, was oft mit einer Erhöhung des THC-Gehalts einherging (Tetrahydrocannabinol, kurz THC, ist der hauptsächliche psychoaktive Bestandteil der Hanfpflanze). Zu Beginn stiegen die Preise, doch mittlerweile sind sie deutlich gefallen. Die Einnahmen durch die auf Cannabisprodukte erhobenen Steuern sanken vorerst dennoch nicht, da die Verkaufsmengen weiterhin zunahmen. Der Schwarzmarkt ist nicht verschwunden, geht aber allmählich zurück.
In Kanada, wo die Legalisierung erst 2018 stattfand, hat sich der Markt noch nicht stabilisiert. Sicher ist, dass er derzeit wächst und den Schwarzmarkt zurückdrängt, der darauf mit Preissenkungen reagiert. In Uruguay ergibt sich aufgrund der dürftigen Datenlage kein klares Bild. Laut Schätzungen hat aber 2018 ein Viertel bis ein Drittel der Konsumenten Cannabis über den regulierten Markt bezogen.
In jenen US-Staaten, die Cannabis legalisiert haben, ist der Konsum höher als der nationale Durchschnitt – allerdings war dies bereits vor der Legalisierung der Fall. Die Daten weisen darauf hin, dass der Konsum bei den Erwachsenen – und zwar besonders bei den jungen Erwachsenen (18-25 Jahre) – zugenommen hat, nicht aber bei den Minderjährigen.
Auch in Kanada scheint der Konsum in den Monaten nach der Legalisierung – vornehmlich bei Erwachsenen – zugenommen zu haben. Die Datenlage ist jedoch dünn und lässt kaum ein klares Muster erkennen. Jedoch blieb der Anteil der Personen ab 15 Jahren, die täglich konsumieren, zwischen 2018 und 2019 stabil.
In Uruguay gibt es ebenfalls Anzeichen für einen Anstieg des Konsums, hier aber besonders bei Minderjährigen und Personen zwischen 26 und 35 Jahren. Allerdings ist es nicht sicher, ob dies mit der Legalisierung in Zusammenhang steht, da in Nachbarländern, die Cannabis nicht legalisiert haben, eine ähnliche Entwicklung zu beobachten ist. Insgesamt erlauben es die vorhandenen Daten nicht, die Auswirkungen der Legalisierung auf das Konsumverhalten zu beurteilen.
Nach der Legalisierung ist in den USA die Zahl der Besuche in der Notaufnahme, der Krankenhausaufenthalte und der Anrufe bei Giftnotrufzentralen gestiegen. Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass vermehrt verarbeitete Cannabisprodukte – meist Esswaren – konsumiert werden. Dies betrifft auch Kinder im Alter von 12 Jahren oder jünger; vermutlich kommt es vor, dass sie an mit Cannabis versetzte Süssigkeiten geraten. Die Verschiebung zu solchen neuen Produkten bringt zusätzliche Risiken wie Vergiftungen, mindert aber das gesundheitliche Risiko durch Inhalation von Rauch.
Zur Zahl der Verletzungen oder Krankheiten mit Bezug zu Cannabiskonsum gibt es nicht ausreichend Daten. Hingegen scheint es keine Zunahme oder gar einen Rückgang bei den Behandlungsaufnahmen wegen cannabisbezogener Störungen (problematischer Konsum, Abhängigkeit) zu geben. Vermutlich hat dies aber damit zu tun, dass weniger Personen von Justizorganen eingewiesen werden.
Um die physischen und psychischen Auswirkungen der Legalisierung in Kanada und Uruguay abzuschätzen, liegen derzeit noch nicht genügend Studien vor.
Zur Auswirkung der Legalisierung auf die Verkehrssicherheit liegen generell zu wenig Daten vor, um endgültige Aussagen zu treffen – dies besonders in Kanada und Uruguay. In einigen US-Staaten scheint es indes eine Zunahme von Unfalltoten im Zusammenhang mit Cannabis zu geben. Zudem hat auch die Zahl der Fahrer zugenommen, die positiv auf Cannabis getestet wurden.
Während in den Bundesstaaten der USA, die Cannabis legalisiert haben, ein Rückgang der Anzeigen und Verhaftungen im Zusammenhang mit dieser Substanz zu verzeichnen ist, haben sie zum Teil in den Nachbarstaaten zugenommen. Die Daten ergeben jedoch noch kein klares Bild. Es lässt sich aber sagen, dass es nach wie vor disproportional viele Verhaftungen bei Minderheiten gibt. Die Legalisierung scheint hier zumindest bis jetzt nicht zu einer Angleichung der ethnischen Ungleichheiten geführt zu haben.
In Kanada und Uruguay liegen noch zu wenig aussagekräftige Daten vor, um die Auswirkung der Legalisierung auf Kriminalität und Justiz beurteilen zu können.
Die Studienautoren räumen ein, dass die Qualität der verfügbaren Studien oft begrenzt ist. Sie seien oft auch in Bezug auf ihre Repräsentativität oder Vollständigkeit nicht ausreichend. Das Forschungsteam von Sucht Schweiz mahnt daher, man müsse mit den Schlussfolgerungen noch äusserst vorsichtig sein. Oft seien noch solidere Daten notwendig, um beobachtete Auswirkungen zu bestätigen. Einige dieser Folgen der Legalisierung könnten möglicherweise auch nicht langfristig anhalten, während andere Auswirkungen sich erst im Laufe der Zeit zeigen könnten. Die Analyse liefere jedoch erste, kurzfristige Erkenntnisse, besonders für die USA. (dhr)