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Von Chen Jumin
Baguazhang ist eine besondere Schule der chinesischen traditionellen Kampfkunst. Schnelle und langsame kreisförmige Schritte, Spiralbewegungen und Techniken mit der offenen Hand sind seine charakteristischen Merkmale.
Der Name bedeutet »die Hand der acht Trigramme« und wird oft mit »Bagua« abkürzt und in anderen Umschriften mit »Pa Kua« transkribiert. Die Trigramme stammen aus dem Yijing, dem »Buch der Wandlung«, dem ältesten chinesischen Weisheitsbuch, das auch für Orakel benutzt wird.
Die Entstehung des Baguazhang ist mysteriös. Wie bei anderen Kampfkünsten gibt es verschiedene Entstehungsgeschichten, aber die Geschichte des Baguazhang kann nur bis Dong Haichuan ins 19. Jahrhundert verlässlich verfolgt werden. Man ist nicht sicher, ob Dong Haichuan der Begründer von Baguazhang war. Dong hat zu seinen Schülern nur gesagt, dass er von einem alten Mann gelernt hat. Vermutlich gab es etwas, das er nicht erzählen konnte oder wollte. Es bleibt bis jetzt ziemlich unklar. Aber eindeutig ist er derjenige, der diesen Stil verbreitete, und seit seiner Zeit ist Baguazhang von Beijing aus in China bekannt geworden.
Dong Haichuan ist im Jahr 1797 im Dorf Zhujiawu, Landkreis Wen’an der Provinz Hebei, geboren und 1882 gestorben. Als Kind ist er viel in China gereist und arbeitete später in einer Königsfamilie in Beijing als Diener.
Lange Zeit spürte niemand, dass er ein ausgezeichneter Kampfkünstler war. Yin Fu war der erste Schüler von Dong Hai-chuan. Sein Vater hatte entdeckt, dass dieser besondere Kampfkunstfähigkeiten besaß. Seit jener Zeit begann Dong Haichuan Baguazhang zu unterrichten.
Dong Haichuan lehrte Baguazhang vorwiegend Leuten, die bereits in einer anderen Kampfkunst ausgebildet waren. Aufbauend auf dieser Grundausbildung und den Grundübungen des Baguazhang unterrichtete er jeden Schüler entsprechend dessen individueller Stärken und Körperstatur.
Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass es heute eine unübersehbare Vielfalt an Stilen und Formen gibt. Die Meisterschüler entwickelten das Wissen des Meisters weiter und verschmolzen es mit den Techniken ihrer eigenen Herkunft, ganz im Sinne des Yijing.
Als die hauptsächlichen Stile und ihre Begründer gelten heute:
Yin-Stil nach Yinfu (1842 – 1911)
Cheng-Stil nach Cheng Tinghua (? – 1900)
Ma-Stil nach Ma Weiqi
Liu-Stil nach Liu Fengchun (1855 – 1900)
Zhang-Stil nach Zhang Zhankui
Wie bei den anderen inneren Kampfkünsten ist die Grundlage des Baguazhang die Entwicklung der »inneren Kraft«. Das Training betont die Entwicklung der Beweglichkeit und der Fähigkeit, das Qi in Spiralen zu den Händen zu führen, wodurch die charakteristischen drehenden und windenden Bewegungen entstehen.
Kreise in vielen Variationen
Wie in den meisten inneren Kampfkünsten beginnt das Lernen mit Schritt- und Haltungstraining. Bagua-Übende trainieren hierbei mit der Methode des »Circle-Walking« oder »Kreisgehens«, wobei sie auf einer gedachten Kreislinie gehen und dabei die korrekte Haltung üben und die innere Kraft entwickeln. Diese Übung ist eine wichtige Basisübung des Bagua-zhang. Eine der wichtigsten Geh-Übungen ist »Der blaue Drache steigt aus dem Wasser«, früher haben die Leute diese Position mindestens ein Jahr üben müssen, bevor sie andere Übungen wie die acht »Hände« lernen durften.
Daraufhin werden acht »Hände« gelehrt, die den Formen entsprechen. Jede Hand besteht aus mehreren »Figuren« wie die Formen des Taijiquan.
In der Zeit von Dong Haichuan wurde Baguazhang als Chuanzhang, »Fluss-Hände«, bezeichnet. Angeblich gab es nur zwei Hände: die Einzelwechselhand und die Doppelwechselhand und zusätzlich die »Stehende Säule« und acht »gehende Säulen«.
Bei den acht gehenden Säulen wird die Geh-Übung mit verschiedenen Handposi-tionen wie »Der blaue Drache steigt aus dem Wasser«, »Der Löwe trägt den Ball« oder »Den Mond umarmen« kombiniert.
Die Einzelwechselhand und die Doppelwechselhand werden als Vater- und Mutter-Hand oder als Himmel- und Erde-Hand bezeichnet, sie beinhalten jeweils acht bis zehn Figuren. Zusätzlich gibt es Partnerübungen und Waffenübungen. Zu den gebräuchlichen Waffen gehören der übergroße Säbel und das Mandarin-Enten-Messer, Stock, Doppelsäbel und Speer.
Man übt zuerst die einzelnen Bewegungen. Das heißt, man trainiert von der ersten bis zur achten Hand durch, ohne deren Reihenfolge zu ändern. Das nennt man Dingjia, »stille Position«.
Auf der zweiten Stufe trainiert man Huojia, »lebendige Form«. Dabei wechselt man beispielsweise von der ersten Hand direkt zur fünften Hand und von der achten zur dritten Hand und so weiter. Aber man ändert die Reihenfolge der Bewegungen in jeder Hand nicht.
Die dritte Stufe heißt Bianjia, »Wechselform«. Bei dieser Stufe übt man spontan die willkürlichen Bewegungen aus den verschiedenen Händen. Beispielweise übt man eine Bewegung der dritten Hand und kommt anschließend zur zweiten Bewegung der achten Hand. Man geht hierbei vom Kampfkunstaspekt aus, wonach man nichts vorher fixieren kann, sondern immer flexibel automatisch reagieren muss. Baguazhang mit Bianjia sieht sehr gut aus und wird beschrieben als »der Drache fliegt wie im Himmel und schwimmt wie im Wasser«.
Die Kunst des Jin
Das Jin, die lebende Kraft der Kampfkunst, zu beherrschen bildet den Kern der traditionellen chinesischen Kampfkünste. Je weiter man trainiert und forscht, desto interessanter und spannender wird es. Das Geheimnis liegt sicher nicht darin, wie viele Formen man besitzt, sondern in der »Kunst des Jin«. Aus der Kampfkunsterfahrung wissen wir: Je einfacher die Bewegung ist, desto effektiver. Aber die Kraft, die man beherrscht, ist wesentlich komplexer als die äußere Erscheinung.
Im Baguazhang gibt es ähnliche Übungen zu zweit wie im Taijiquan. Die wichtigste ist die »Gehende Säule« als Partnerübung. Dabei haben zwei Übende Kontakt an den Handgelenken, gehen im Kreis und versuchen, die acht Kraftmethoden und vier Anwendungsmethoden zu trainieren. Man kann auch Da (Schlagen) oder Fa (Werfen) als Methoden benutzen.
Die großen inneren Kampfkünste im Vergleich
Vor über hundert Jahren gab es in China drei berühmte Vertreter für Taijiquan, Xing-yiquan und Baguazhang, Yang Luchan, Guo Yunshen und Dong Haichuan. Sie haben in China diese drei inneren Kampfkünste bekannt gemacht. Ein Schüler von Dong Haichuan lebte im gleichen Landkreis wie Guo Yunshen und durch Cheng Tinghua hat Guo Yunshen einmal Dong Haichuan besucht. Die beiden tauschten sich über ihre Kampfkünste aus und übten seitdem häufig miteinander.
Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang sind drei verschiedene Stile, aber in Theorie und Anwendung ähnlich. Sun Lutang hat mit dem Xingyiquan angefangen und später bei Cheng Tinghua Baguazhang gelernt. Mit 50 Jahren hat er von Hao Weizhen Unterricht in Wu-Stil Taijiquan bekommen und wurde innerhalb eines Jahres hervorragend darin. Nach der Erinnerung von Gu Liuxin hat Sun Lutang oft mit einem Schlag des Zeigefingers den Partner weggeworfen.
Alle drei Stile haben acht Kraftmethoden und vier Anwendungsmethoden. Im Taijiquan gibt es die acht Kraftmethoden: Peng, Lü, Ji, An, Cai, Lie, Zhou und Kao. Im Xingyiquan lauten die acht Kraftmethoden: Zhan, Jie, Nang, Kua, Tiao, Ding, Yun und Ling. Im Baguazhang heißen die acht Kraftmethoden: Ban (Tragen), Lan (Schützen), Jie (Abblocken), Kou (Schließen), Tui (Schieben), Tuo (Heben), Dai (Ziehen) und Ling (Führen).
Die vier Anwendungen im Taijiquan sind: Zhan (Berühren), Nian (Kleben), Lian (Zusammenfügen) und Shui (Folgen). Im Xingyiquan sind es: Qi (Aufsteigen), Zhuan (Bohren), Luo (Sinken) und Fan (Drücken). Im Baguazhang heißen die Anwendungsmethoden: Zou (Gehen), Zhuan (Wechseln), Ning (Drehen) und Fan (Umkehren). Man übt im Baguazhang die acht Kraftmethoden in den vier Anwendungsmethoden.
Die Charaktere der drei größten inneren Kampfkünste lassen sich anhand des Yin/Yang-Symbols darstellen: Taijiquan benutzt die Kraft durch die innere Linie des Yin-Yang-Fisches. Wir kennen besonders vom Tuishou des Taijiquan die Methode: den Partner einladen und ins Leere laufen lassen. Danach kann man verschiedene Techniken anwenden. Durch das Ins-Leere-laufen-Lassen befinden wir uns in einer günstigen Position und der Partner hat die ungünstige Haltung. Dieses Ausweichen wird im Taijiquan sehr viel über Hüftdrehungen ausgeführt.
Im Xingyiquan erfolgt die Kraftanwendung direkt zwischen den beiden Fischaugen. Man lädt die Kraft des anderen nicht ein, sondern sie wird direkt innerhalb der Position neutralisiert und man kann seine eigene direkt anwenden. Man sagt oft, die Kraft von Xingyiquan ist kurz und direkt. Xingyiquan benutzt kompakte Kraft, der Körper ist von Kopf bis Fuß wie eine Statue gegossen. Man kann sie jedoch nicht einfach als hart bezeichnen, die Kraft von Xingyiquan ist anders.
Baguazhang findet die Anwendung auf dem äußeren Rand des Yin/Yang-Symbols. Wenn der Angreifer kommt, wird seine Kraft durch Gehen, Drehen und Wechsel neutralisiert. Im Baguazhang lädt man auch nicht die Kraft des anderen ein. Das heißt, man lässt die Hände des Gegners nicht den eigenen Körper berühren. Falls er kurz Fali (Kraft explodieren) anwendet, hat man keine Zeit zu reagieren. Wesentlich ist die Körperstruktur, der Körper ist wie ein Ball, die Kraft des Gegners wird wie vor einem Ball vorbeigedrückt.
Die Essenz der inneren Kampfkunst ist die Harmonisierung von allen Kraftmethoden und Anwendungsmethoden. Es ist sicher nicht eine Mischung von ein paar Bewegungen aus Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang. Wenn man nur die Form übt ohne den Inhalt, bleibt man lebenslang ein Laie oder ein Sammler von Formen.
Chen Jumin,
geb. 1964 in Jilin/China, wurde schon im Kindesalter von der Familie und deren namhaften Lehrern in die verschiedenen Stile der inneren Kampfkünste eingeweiht. Er ist Leiter der Europäischen Yiquan Akademie und gibt Seminare und Ausbildungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Außerdem ist er Ehrendirektor und Obertrainer des Beijinger Yiquan Instituts.