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Ich konzentriere mich also während einiger Tage auf die «Basler Zeitung», weil ich um meine Meinung zum Film «Die Übernahme» gebeten wurde. Ich sagte zu, weil ich gerne diskutiere. Allerdings stellte ich bald fest, dass ich nicht gerne über die «Basler Zeitung» diskutiere.
Markus Somms Leitartikel sind in der Regel recht gut, jedenfalls verständlich formuliert. Allerdings finde ich in ihnen nirgendwo Gelegenheit, mein Aber zu platzieren. Sie nehmen mich als Andersdenkenden nicht ernst. Ich finde nicht einmal zwischen den Zeilen Raum für meine Einwände – obwohl ich einzelnen Gedanken Somms durchaus zustimmen könnte. Mein Ja-Aber ist jedoch nicht gefragt, nur meine totale Zustimmung. Doch die muss ich verweigern.
Nebst diesen eloquenten, wenig überraschenden Texten stiess ich auch auf Beiträge, die ich mit Erkenntnisgewinn las, obwohl es in ihnen deutlich blochert. Da gehört etwa der historische Beitrag über «die schweizerisch-unschweizerische Karriere des Sigmund Widmer» dazu («BaZ», 23.3.2015; online nicht verfügbar). Oder die Seite «Thema» mit dem Titel: «Secondos sind die besseren Schweizer Soldaten» («BaZ», 11.4.2015; online nicht verfügbar).
Der Film «Die Übernahme» beleuchtet allerdings eine Textsorte, die ich bisher nicht kannte und in der «Basler Zeitung» nicht beachtet hatte, weil mich Lokales kaum interessiert. Eine Textsorte, die weder als Kolumne noch als Kommentar bezeichnet werden kann, am ehesten noch als Satire, obwohl sie den Sachverhalt weder ironisiert noch überspitzt. Mit der Wirklichkeit, wie ich sie wahrnehme, hat sie nichts zu tun, auch nichts mit dem journalistischen Handwerk. Texte dieser Kategorie – in einem Fall als Porträt getarnt – enthalten Meinungen, allerdings keine, die ich respektieren will. Das ist für mich, der ich glaubte, andere Meinungen respektieren zu können, etwas Neues.
Ich habe gemerkt, dass ich jede Meinung, wirklich jede, respektieren kann, solange sie ihrerseits etwas Respekt zeigt, solange man ihr eine gewisse Kinderstube anmerkt, bürgerlichen Anstand.
Der Film «Die Übernahme» zeigt eine Lesung von Texten dieser speziellen Kategorie aus der «Basler Zeitung». Manches ist da vielleicht aus dem Zusammenhang gerissen. Aber wenn man sich selbst auf die Suche macht im Archiv, stösst man bald auf ähnlich banal-blöd Böses.
Ich weiss schon, dass ich einem etwas älteren Journalismus-Ideal nachhänge, der strikten Trennung von Fakten und Meinungen. Ich habe etwas gegen Meinungen, die sich mir aufdrängen, obwohl ich nur informiert werden möchte. Aber was mir aus den Untiefen der «BaZ» entgegenschlägt, sind nicht nur Meinungen, sondern Rüppeleien, unflätige Beschimpfungen.
Mit Verspätung stiess ich auf die Kolumne eines «BaZ»-Journalisten über seinen ehemaligen Kollegen Urs Buess, die einst Staub aufgewirbelt hatte. Ich glaube, das ist die unlustigste Kolumne, die ich je gelesen habe. Oder ist es die dümmste? Die böseste? Ein Kollege, der die Lage in Basel besser kennt, schrieb mir kürzlich: «Und zur BaZ, die ich ja täglich lesen muss: Da weiss ich manchmal schon gar nicht mehr, was ich sagen soll …». Früher hätte ich das für übertrieben gehalten. Journalisten sollten ja nicht sprachlos sein. Aber ich bin es jetzt auch.
Etwas Trost fand ich in einem kurzen Textlein von Constantin Seibt, das ich mir hier in voller Länge wiederzugeben erlaube, weil ich es gerne unterschreiben möchte.
«Meine Meinung
In einer Erklärung lobte der NZZ-Präsident seinen Chefredaktor-Kandidaten Markus Somm als besonders «meinungsstark». Das ist ein unglückliches Lob. Denn Meinungen sind billige Ware; sie wachsen einem so unkontrolliert wie Haare. Man hat Meinungen zu allem – etwa zu China, zur Vielehe, zur Nasa, zum Hinduismus, obwohl man keine Ahnung hat. Deshalb ist es – schon aus Höflichkeit – ein Gebot, seine Meinungen wie die äusseren Haare zu waschen, zu kämmen, zu stutzen oder zu ringeln, bevor man aus dem Haus geht. Oder sie ganz zu rasieren, falls sie einem aus der Nase wachsen. (cit)»
Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».