Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03341.jsonl.gz/262

E-Mail-Adresse für den Newsletter
Technikaffin, wissenschaftsbesessen, zukunftweisend: Möchte man diese drei Adjektive mit einem Romanautor verbinden, fällt die Wahl in der Regel auf Jules Verne. Selten dagegen wird der 1828 im bretonischen Nantes geborene Schriftsteller mit Romantik in Zusammenhang gebracht. Doch sein Schottlandepos Der grüne Blitz erweitert das verneske Repertoire um eine untypische Dimension: die Liebe. Typisch wiederum Verne: Um sie ins Spiel zu bringen, behilft er sich eines naturwissenschaftlichen Phänomens. Und einer alten schottischen Legende.
Beide hatten ursprünglich nichts miteinander zu tun. Die Idee einer Kombination ist gleichermaßen dem Erfindungsreichtum des Schriftstellers geschuldet wie seinem Sinn für verkaufsfördernde Stoffe. Aber der Reihe nach …
Pate für den Titel des 1882 erschienenen Romans steht eine seltene Himmelserscheinung. Es bedarf ihrer gleich mehrerer Voraussetzungen: Lufthochdruck, ungetrübter Horizont, untergehende Sonne, eine wie ein Prisma funktionierende Atmosphäre vor monochromem Hintergrund, etwa einer spiegelglatten See. Wenn die Sonne nahezu komplett darin verschwunden und von der roten Scheibenoberfläche nur noch ein letzter Punkt zu sehen ist, blitzt dieser für ein oder zwei Sekunden als grüner Strahl auf.
Natürlich gab es zu Vernes Zeit eine solche wissenschaftliche Erklärung noch nicht. In das Phänomen, äußerst selten und nur für bestens Vorbereitete wahrnehmbar, wurde einiges hineininterpretiert: So sollte die glückliche Person, die bewusst einen grünen Blitz wahrgenommen hatte, sich künftig in Liebesangelegenheiten nicht mehr täuschen können, da sie nun die Fähigkeit besaß, sowohl im eigenen Herzen als auch im Herzen anderer Gefühle zu lesen.
Die Geschichte hätte durchaus in Vernes Heimat spielen können. In der Bretagne gibt es ein Meer und weite Horizonte, und manchmal spielt auch das Wetter mit. Was dem Autor fehlte, war eine pittoreske Kulisse, verknüpft mit einem romantischen Epos; idealerweise eins, welches seiner Leserschaft bereits bekannt war. In Schottland wurde er fündig.
Also lässt Verne eine Schottin sich auf die Suche nach dem grünen Blitz machen. Miss Campbell soll mit einem Langweiler verheiratet werden, der "bereits in dem Alter geboren" wurde, "nach dem er sein ganzes Leben lang aussehen sollte." Der Kandidat besaß "für einen Mann zu blonde Haare" und ein belangloses Gesicht: "Wäre er ein Affe gewesen", schloss die despektierlich Beschreibung, "wäre es ein schöner Affe gewesen." Noch schlimmer als das Aussehen des Unglücksraben ist sein Bemühen, für jedes Detail eine wissenschaftliche Erklärung zu liefern und sich überdies in keiner Situation zu scheuen, diese an die Frau zu bringen – zum Verdruss Miss Campbells, die lieber an ihren romantischen Anwandlungen festhält. Witzig ist, dass sie die Eignung des Kandidaten ausgerechnet mit dem pseudowissenschaftlichen Blitztest überprüfen will.
Nach einigen Abenteuern entlang der schottischen Westküste wird Miss Campbell fündig, ausgerechnet vor dem Eingang von Fingal’s Cave. Die Höhle auf dem unbewohnten Minieiland Staffa war die zu Vernes Zeit bekannteste in Schottland. Von überall strömten Touristen dorthin, in derselben Absicht wie Miss Campbell: "den Geist von Ossian beschwören!" Der Name stand für einen Dichter, der, in Miss Campbells Worten, "die großen Heldentaten seiner Zeit besingend, sich mehr als einmal" in Fingal’s Cave "geflüchtet hat." Ossians Dichtungen waren im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert in ganz Europa populär. Vom schottischen Gälisch wurden sie ins Englische und von dort in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt. Deutschlands Sturm- und Drangpoeten ließen sich von Ossian inspirieren, allen voran Herder und Goethe. In Frankreich war es nicht anders. Nur hatte die Sache einen kleinen Haken.
Ossian existierte nicht wirklich. Hinter dem Homer des Nordens, wie Herder ihn bewundernd titulierte, verbarg sich niemand anderer als sein Übersetzer aus dem Gälischen. Der Volksschullehrer James Macpherson hatte die Gedichte erfunden, was vor allem seine Auftraggeber nicht störte, die reichlich Geld mit den Ossianergüssen scheffelten. Erst nach Macpherson Tod kam der Betrug heraus.
Für Vernes Zwecke war der Schwindel kein Problem. Er dichtete rasch noch einen hinzu: Miss Campbell habe aus der Zeitung Morning Post vom grünen Blitz erfahren, der "auf eine alte Legende zurückging", eine schottische, "eine geheimnisvolle Legende unter so vielen anderen in den Highlands entstandenen." Das ist natürlich Humbug. Doch der schottische Ursprung passte dem französischen Autor bestens in den Kram, und Verne nutzte die Vorlage mit aller dichterischen Freiheit und erzählerischer Raffinesse.
Verne war bereits vor Der grüne Blitz berühmt. Was den Unterhaltungswert und auch den Spannungsbogen betrifft, steht sein Liebesroman in nichts hinter den Sciencefictionreisen ins Erdinnere, unter den Meeren oder auf den Mond zurück. Nach reichlich Drama entrinnt Miss Campbell ebenso glücklich dem Tod durch Ertrinken in Fingal’s Cave wie auch dem Tod jeglicher Romantik in einer Ehe mit dem ursprünglichen Kandidaten. Statt dessen verguckt sie sich in den Maler Olivier Sinclair. Ausgerechnet in dem Moment schaut sie ihrem Olivier tief in die Augen, als sie den grünen Blitz hätte erblicken können. Außer dem künftigen Liebespaar wird jeder der Umherstehenden Zeuge des seltenen Schauspiels.
Vielleicht wollte Verne mit seinem vergnüglichen, mitunter auch spannenden und nie langweiligen Roman auch darauf hinweisen, dass es neben Himmelserscheinungen durchaus noch andere Faktoren gibt, um die Gefühle des Herzens ergründen zu können.