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Lukas kommt mit seiner Mutter zum Gespräch. Zwischen den beiden ist ein gutes Vertrauensverhältnis spürbar. Man merkt, dass sie im Umgang miteinander geübt sind. Lukas erzählt, dass er unter starken Konzentrationsstörungen, hoher Ablenkbarkeit und Vergesslichkeit leidet, deshalb sind auch seine Schulnoten nicht besonders gut. «Wenn ich mich aber wirklich für etwas interessiere, bin ich oft besser als andere», betont er. Er spricht schnell und drückt sich glasklar aus.
Die Mutter hat viel Erfahrung mit ADS. Sie hat ein weiteres Kind mit dieser Diagnose. Bei Lukas wurde sie allerdings erst mit 12 Jahren gestellt. Heute ist es manchmal schwierig zu unterscheiden, ob sein Verhalten mit der Pubertät oder mit seiner Erkrankung zu tun hat.
Sein Hauptproblem lag beim Schulbesuch. Weil Lukas immer wieder vergass, sein Turnzeug mitzunehmen, die falschen Aufgaben oder gar keine löste oder die Prüfungen nicht an der dafür vorgesehenen Stelle unterschreiben liess, erhielt er disziplinarische Einträge. Dies führte zu einer langen Sündenliste, zu einigen Verwarnungen und einem immensen Frust. Die Schule langweilte ihn, er weigerte sich, Repetitionsaufgaben zu lösen und störte den Unterricht. Am Ende der 3. Klasse wurde Lukas ein Intelligenz-Test empfohlen. Dieser ergab eine überdurchschnittliche Intelligenz, aber auch eine deutliche organisatorische Unterentwicklung. Die Lehrpersonen brachten für schwache Schüler grosses Verständnis auf, aber mit Lukas‘ speziellem Defizit konnten sie nicht umgehen. Vielleicht dachten sie, dass er sich absichtlich so verhielt und alles vergass.
Der Einsatz von Ritalin** war eine grosse Hilfe, damit sich Lukas besser konzentrieren und den ganzen Schultag durchstehen konnte. Heute nimmt er das Präparat aber nicht mehr regelmässig, weil er ohne klarkommen und nicht sein Leben lang Medikamente einnehmen will. Oft vergass er es ohnehin.
Die Mutter unterstützt Lukas so gut wie möglich, ohne ihn zu sehr bevormunden zu wollen. «Dies wäre wegen seines grossen Autonomiebedürfnisses kontraproduktiv», weiss sie. Checklisten mit Einzelschritten, genaue Timetables oder ein gestellter Wecker helfen Lukas, sich selbst besser zu kontrollieren, sich korrekt und adäquat zu verhalten. Die Mutter versucht, nur dort aktiv einzugreifen, wo ein Vergessen grosse Konsequenzen hätte, z.B. bei der Abgabe eines Einzahlungsscheins, die eine Anmeldung zum Sportcamp möglich macht. «Es ist ein ewiges Abwägen», sagt sie.
Lukas‘ Berufswunsch ist klar: Er will zum Militär, das hat ihn seit jeher interessiert. Ausserdem verspricht er sich, seinen Schwachpunkt, die Disziplin, damit auszumerzen. Er ist sich sicher, dass er sich Strategien erarbeiten und Strukturen aufbauen kann, die ihm später ein normales Leben ermöglichen. Die Mutter ist überzeugt, dass Lebenserfahrung hilft. Und dass im beruflichen Umfeld höhere Individualität möglich, ja, vielleicht sogar gefragt ist. Ganz im Gegensatz zur Schule, wo man aneckt, wenn man aus der Norm fällt.
Lukas fühlt sich heute gut, trotz seiner schwierigen Lebensphase, in der er mit Berufswahl und Pubertät steckt. Er ist zuversichtlich, was die Zukunft bringen wird. Die ambulanten Therapien halfen ihm, im Alltag mit den Symptomen seiner Krankheit umzugehen.
Auch wenn er jetzt seine Psychologin im Ambulatorium für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Clienia nicht mehr konsultiert, gibt es ihm Sicherheit zu wissen, dass er sich jederzeit wieder an sie wenden könnte, sollte er das Bedürfnis haben. Die Motivation zur weiteren Therapie fehlt ihm im Moment. Und er will auch nicht immer über sich selber reden, schliesslich ist er ein Teenager. Wir wünschen ihm und seiner Familie alles Gute auf dem weiteren Weg.
*Name geändert
** Ritalin steht stellvertretend für die Gruppe der Medikamente, die bei AD(H)S eingesetzt werden