Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03260.jsonl.gz/2444

Vor zwei Jahren filmte ich mit einem deutschen Fernsehteam in einer neuen Casino-Stadt an der Grenze zwischen Laos und China. Diese neuen Enklaven werden auf verpachtetem Land errichtet, so wie Macao, wo sodann alle Gesetze in dem jeweiligen Land ihre Gültigkeit verlieren. Glücksspiel, Prostitution, Drogen und der illegale Verzehr von Wildtieren werden zu den Hauptgeschäftstätigkeiten und diese neuen Städte somit zum Zentrum für alle möglichen, mit Wildtieren in Zusammenhang stehenden Geschäfte. Auch die Errichtung von Bärengalle-Farmen.
Als wir durch die Straßen liefen, stießen wir auf zwei in einem Pappkarton versteckte Baby-Nebelparder. Ich nahm sie heraus und spielte mit ihnen während die Kamera mitlief, bis der Besitzer dem protestierend ein Ende setzte.
In der Zwischenzeit wurde unser Übersetzer von einem LKW-Fahrer angesprochen, der seinen Laster in der Nähe geparkt und den Tumult mitbekommen hatte. Er sagte unserem Führer, dass, falls wir an diesen Katzen interessiert seien, nur ein paar Stunden entfernt zwei Tigerjungen zum Verkauf angeboten würden. Er gab uns die Adresse und wir machten uns auf, diesen Ort, Richtung Laos Zentrum, zu finden. Als wir dort ankamen, sagte man uns, dass die beiden Jungtiere vor zwei Tagen an einen vietnamesischen Käufer für $ 4,000 verkauft worden waren.
Ich entschied mich, dieser Geschichte bei einem späteren Besuch nachzugehen und heuerte dazu die Jäger an, die das Muttertier mit einer Tretmine getötet hatten. Sie benutzten eine Kuh als Köder, schnappten sich dann die Jungen und ließen sie durch Familienmitglieder, die in der Nähe der Hauptstraße lebten, verkaufen. Wir besorgten uns auch einen vietnamesischen Übersetzer, der versuchen wollte, uns beim Aufspüren der Tigerjungen zu helfen. So reisten wir in die Gegend, in der die Tigermutter getötet wurde und kamen nach Nordvietnam zu dem Ort, von dem die beteiligten Akteure vermuteten, dass dies der wahrscheinlichste, endgültige Bestimmungsort sei.
Es stellte sich heraus, dass unser neuer Übersetzer/Führer aus Vietnam geflohen war und sich ein paar Jahre zuvor in Laos niedergelassen hatte, nachdem sein Bruder für Heroinhandel 20 Jahre in einem Hochsicherheitstrakt nahe Hanoi bekommen hatte und die Behörden dann anfingen, nach unserem Übersetzer zu suchen. Dies war das erste Mal, dass er in sein Heimatland zurückkehrte und er erlebte durch einige Familienmitglieder ein begeistertes Willkommen.
In diesem Stadium wurde aber bereits sehr deutlich, dass der illegale Handel mit Wildtieren und der Handel mit Drogen im Hinblick auf die Strafverfolgung völlig unterschiedlich bewertet wurden, wenn man berücksichtigt, welche Strafe sein Bruder für den Drogenhandel bekommen hatte und dass keiner besonders beunruhigt schien, für den illegalen Handel mit Tigern und Tigerknochen belangt werden zu können.
Unser Übersetzer, der in der Vergangenheit ebenfalls mit Wildtier- und Tigerknochen gehandelt hatte, stellte uns einigen wohlbekannten Händlern in einer nahegelegenen Stadt vor. Man bot uns Tigerkuchen (vom eingekochten Tigerknochen), Tigerklauen und –zähne an sowie eine Scheibe Rhinohorn, dessen Gewicht 89 betragen sollte.
Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass Wildtierhändler in dieser Gegend nicht nur mit einer Produktlinie handelten, sondern mit allen Wildtierartikeln, die einen guten Gewinn versprachen. Dieser war offensichtlich unbestritten, bei den hohen Profitmargen einerseits und dem andererseits geringen Risiko, jemals Gefahr zu laufen, strafrechtlich verfolgt zu werden (das Hotel, in dem wir wohnten, stellte in einer Verkaufsvitrine Tigerkuchenstücke, Tigerklauen und- zähne zur Schau und die Speisekarte war voller „Waldkost“).
Am nächsten Morgen schickten wir unseren Übersetzer zurück zu dem Händler mit der Rhinohorn-Scheibe, um für $ 100 das zu kaufen, was aussah wie Rhinohorn und es angeblich auch war. Die Verkaufstransaktion wurde mit einer versteckten Kamera festgehalten. Dann lud der Verkäufer unseren Mann noch ein, mit in die Küche zu kommen, wo das Skelett eines Tigers gerade dabei war, zu Tigerkuchen zusammengekocht zu werden.
Es wurde auch deutlich, dass die Händler, die wir trafen, ungeachtet der Tiger-, Elfenbein oder Rhinohornprodukte, gleichsam Informationsquellen für ALLE diese Produktlinien waren. Während wir also versuchten, die Tigerjungen aufzuspüren, fingen wir nebenbei auch an, Preise, Verfügbarkeit und Nutzung von Rhinohorn zu recherchieren.
Dann beschlossen wir, auch die Shops für traditionelle chinesische Medizin in der Altstadt Hanois zu begutachten. Was das Rhinohorn betraf, so wurde uns ganz klar gesagt, dass es keinerlei aphrodisierende Wirkung hatte (man bot uns Alternativen an) und auch nicht in der Lage sei, Krebs zu heilen – ein Gerücht, das sich hartnäckig hält- aber dass es helfe, Fieber zu senken und den Körper reinige, besonders wenn man zu viel gegessen oder zuviel Alkohol getrunken hat.
Da wir uns gerade erst am Anfang der Neujahrsfestivitäten befanden, lud uns ein Händler zu seiner Familie auf ein Glas Wein ein und zeigte uns ganz offen Tigerknochenkuchen, Tigerklauen, Rhinohorn, Elefantenhaut usw. Nachdem wir etwas Reiswein getrunken und erneut eine kleine Probe von dem kauften, was uns als Rhinohorn angeboten wurde, kam die Hausherrin mit einer braunen Plastiktüte und bot uns allen eine kleine Menge Hornpuder an, welches wir in unseren Reiswein geben sollten. Sie meinte, dass wir keinen Kater bekommen würden, egal wie viel Alkohol wir im Urlaub noch zu uns nähmen.
Der Hausherr erklärte uns, dass Rhinohorn etwas für die sehr Reichen sei, was unser Führer mit eigenen Anekdoten bekräftigte. Er erklärte, die vietnamesische Nachfrage sei bereits hoch und sie würde linear zum zunehmenden Reichtum der Elite noch ansteigen. Das Überreichen von Rhinohorn sei außerdem ein Hinweis darauf, dass derjenige „angekommen“ ist. Unser Gastgeber verkaufte uns dann noch den Keramikteller mit Rhinozeichnung versehen, der mit seiner rauen, inneren Oberfläche als Werkzeug dienen soll, unser Stück Rhinohorn zu Pulver zu zermahlen.
Später bestätigten wir dieses Nachfragemerkmal immer wieder, wenn wir mit Dealern sprachen, die sich weigerten, kleinere Mengen zu verkaufen, sondern nur daran interessiert waren, über große Stücke in der Tausende-Dollar-Kategorie zu verhandeln. Sie stellten klar, dass sie es gewohnt waren, mit betuchten Leuten umzugehen und nicht mit Touristen oder Endverbrauchern, die darauf aus waren, nur ein paar Gramm zu erstehen.
Der Besitz von Rhinohorn wird mittlerweile als Statussymbol angesehen, ähnlich dem Mercedes oder Diamantring. Wandtrophäen, einschließlich vieler afrikanischer Huftiere auf künstliche Rinderschädel gesteckt, gehören auch dazu.
Man sagte uns, dass Rhinohornstücke ebenfalls dazu dienten, Behörden zu bestechen und Leuten in machthabenden Positionen als Geschenk überreicht wurden.
(Als wir 2012 zu der gleichen Familie zur Neujahrsfeier zurückkehrten, war die Ehefrau allein, ihr Mann war an Leberkrebs gestorben – zu viel Alkohol sagte sie – ganz offensichtlich hatte die Rhinohorn-Kur nicht geholfen).
Seit dem ursprünglichen Trip im Jahr 2010 war ich noch drei Mal in Laos und Vietnam. Ich bin sicher, dass Vietnam heutzutage eines der Schlüssel-Endverbraucherländer für Rhinohorn-, Tigerknochen- und Bärengalleprodukte ist (einschließlich Farmen, die von südkoreanischen Touristen in Busladungen angefahren werden). Mit jeder Reise dorthin wurde offensichtlicher, dass das verkaufte Rhinohorn meist gefälschte Ware ist (Die Muster von der ersten Reise stellten sich allesamt als Wasserbüffelhorn heraus nachdem sie einer DNS Analyse unterzogen worden waren. Sie hatten aber angeblich ähnliche medizinische Qualitäten wie die echten Produkte).
Auf den folgenden Reisen wurden mein Übersetzer und ich entsprechend immer kritischer und erklärten den Händlern, dass man uns in der Vergangenheit mit Büffelhorn etwas vorgemacht hatte und dass wir das echte Zeug sehen und über Preise verhandeln wollten. Unser einheimischer Übersetzer ging ins Internet und fand dort 35 Anbieter für Horn. Wir vereinbarten Termine und trafen uns mit einigen von ihnen. Allerdings war mittlerweile auch klar geworden, dass man mich als Ausländer misstrauisch beäugte.
Während niemand sich darüber Gedanken machte, strafrechtlich verfolgt zu werden indem er uns illegal und gegen nationales und internationales Recht verstoßend Produkte anbot, hatte man aber doch verstanden, dass wir keine großen Akteure waren, die bereit wären, Zehn- oder Hunderttausende von Dollars für ein ganzes Horn oder ein großes Stück davon zu zahlen.
Zu dieser Zeit wurde ich von einem deutschen Journalisten von den Printmedien begleitet und wir schickten unseren heimischen Ermittler alleine mit einer versteckten Kamera los, um ein paar Verhandlungen über Horn mitzufilmen. Später sichteten wir das Material zusammen mit ihm und fertigten ein Protokoll darüber an, was besprochen und aufgenommen worden war.
Mittlerweile hatten wir unsere Geschichte etwas verfeinert. Unser heimischer Ermittler erklärte nun, er sei für einen Freund aus der Yunnan-Provinz auf der Suche nach Horn, da man diesen zuvor mit gefälschten Produkten betrogen hatte. Nun wolle unser Ermittler erst mal nur sehr kleine Mengen kaufen, um sie zunächst auf Echtheit überprüfen zu lassen, bevor er zurückkäme, um mehr zu kaufen.
Auf dem letzten Trip dehnten wir unsere Begutachtung noch auf einige der wichtigsten Städte Laos’ aus und fanden heraus, dass einige der Schlüsselhändler die sogar noch nachlässigeren Behörden in Laos dazu benutzten, ihre Importe durchzuschleusen, um sie dann ohne Probleme im benachbarten China und Vietnam zu vertreiben. Wieder fanden wir Rhinohorn in einer Reihe von Absatzgebieten. Bis auf ein Horn war angeblich alles von asiatischen Tieren, wobei viele der Verkäufer darauf bestanden, dass es in den Bergstämmen von Laos immer noch Java- und Sumatra-Rhinos gäbe.
Man zeigte uns ein vollständiges afrikanisches Horn. Es war zwar an sich eine ganz gute Nachahmung, enthielt aber auch Merkmale von asiatischen Hörnern und somit war klar, dass wer auch immer diese hergestellt hatte, noch nicht viele echte afrikanische Hörner gesehen hatte. Was nun auch eindeutig war, war, dass der Großteil der sich im Verkauf befindlichen Hörner Fälschungen waren und dass 90% der Endverbraucher es wahrscheinlich mit einem Wasserbüffelhornprodukt zu tun hatten (wir filmten in einer Fabrik, wo die Spitzen der Wasserbüffelhörner bearbeitet wurden, damit sie mehr glänzten und Rhinohornspitzen ähnelten. Wir sahen und filmten Dutzende solcher Hörner in ihren Produktionsstadien).
Wenn es nicht möglich war, offen mit kleinen Kameras zu filmen, wandten wir verstecktes Material an und wenn die Verhandlungen auf vietnamesisch stattfanden, fertigte unser Übersetzer vollständige Protokolle von unseren Unterlagen an.
Wir erhielten eine Menge sehr interessanter Informationen von diesen aufgezeichneten Unterhaltungen, sogar einige der Schlüsselhändler wurden genannt. Einige grundlegende Tatsachen über Nachfrage und Beschaffungskriterien, die auf diese eher informelle Weise ans Licht kamen waren folgende:
Bei einem kürzlichen Treffen in Bangkok zum Erhalt und Schutz der Tiger, gesponsert von der Weltbank und in Anwesenheit von Interpol, CITES und der Welt-Zollunion fragte ich den Vorsitzenden, warum man den Delegierten von Laos nicht mit einigen der oben beschriebenen Beweise und Fakten konfrontieren könnte (einschließlich der offenen Auslage von Elfenbein in vielen Geschäften seines Landes), da sie die völlige Abwesenheit eines politischen Willens zur Verstärkung von internationalen Abkommen wie CITES veranschaulichen. Die Antwort war folgende: „Manche der hier anwesenden Beamten sind genauso frustriert wie Sie und ich“. Die Frage, die ich nicht gestellt habe aber besser getan hätte war: Warum geben wir Hundertausende von Dollars für Meetings wie dieses aus und wohnen in Fünf Sterne Hotels, wenn die Anwesenden gar keine Entscheidungen treffen können und keine Möglichkeiten zur Schaffung eines politischen Willens haben, um echte Kampagnen zur Durchsetzung der Strafverfolgung ins Leben zu rufen? Wenn es selbst auf dieser Ebene nicht möglich ist, an die Entscheider zu kommen, was ist dann der Sinn des Ganzen?
In Gesprächen mit westlichen Diplomaten und den Obersten der Natur- und Umweltschutzbehörden aus Vietnam wurden Annäherungen besprochen, die Nachfragemerkmale abzuändern.
Nach wie vor bleibt das Gefühl, dass der Versuch, die Daseinsberechtigung und die Effektivität der TCMs anzugreifen wahrscheinlich nach hinten losgeht und dass die Sichtweise des Westens auf diese Angelegenheiten nicht länger als wichtig betrachtet wird. Wir besprachen noch einen öffentlichen Werbespot der lokalen TV Sender, der zeigt, welche Techniken die Händler anwenden, um Horn echt erscheinen zu lassen, wenn es sich tatsächlich nur um Stücke von Wasserbüffelhorn oder um andere Imitationen handelt. Dann wird auf die reelle Möglichkeit hingewiesen, dass ein großer Prozentsatz des Handels mit Rhinohorn Fälschungen beinhaltet und dass der Verbraucher sein Geld besser für eine Gucci-Tasche, einen Diamantring oder eine Rolex ausgegeben hätte (natürlich gibt es mittlerweile auch Ringe an dessen Spitze ein Stückchen asiatisches Rhinohorn prangt, wo eigentlich der Diamant sein sollte).
Man hatte das Gefühl, dass die Anpranger- und Beschäm-Methode einer solchen Botschaft viel eindringlicher und effektiver sein könnte als noch eine weitere Studie, die die medizinische Wirksamkeit und den Wert des Rhinohorns in Frage stellt.
Ein Diplomat deutete an, dass die Reaktion auf eine Kampagne wie diese höchstwahrscheinlich von ganz oben käme und ein Hinweis darauf sei, ob die Mitglieder des Politbüros Rhinohorn-Verbraucher sind oder nicht, und dass die Resonanz dementsprechend ausfallen würde.
Auf jeden Fall wäre sie ein Anhaltspunkt dafür, ob man in absehbarer Zukunft hoffen kann eine Veränderung im Bewusstsein der Verbraucher zu erwirken.
Weitere Diskussionen über den Natur- und Umweltschutz scheinen auf jeden Fall nichts zu bringen.
Übersetzung: Claudia Herms