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150 Jahre Schweizerisches Idiotikon (2012)
Übrigens…
…erhielt ich kürzlich eine Anfrage des Schweizerischen Idiotikons zur Bedeutung unseres je nach Gegend etwas verschiedenen Mundartwortes «zaffrä/zaffru/zäffrä». Sicher gibt es viele Leser, die dieses Wort kennen. Es bedeutet etwa «ungeduldig oder unsicher erwarten (‹ zappeln› ) / unsicher zögern»: Är zaffrut = Er kann es kaum erwarten / zögert unsicher.
Nun, mehr Mühe dürfte etwa der ungewohnte Ausdruck «Schweizerisches Idiotikon» bereiten. «Idiotikon» leitet sich aus dem Griechischen «idios» ab, das «abgesondert, eigen, privat» bedeutet. Seit dem 18. Jahrhundert umschreibt der Begriff «Idiotikon» ein «Verzeichnis der einer gewissen Landschaft eigenen und auch erklärungsbedürftigen Wort-Ausdrücke».
Das Schweizerische Idiotikon ist also ein schweizerdeutsches Wörterbuch. Es hat mit der Bezeichnung von Dummköpfen, die wir abfällig «Idioten» nennen – griechisch «idiótes» = Ungelehrter, Stümper, Privatmann – wenig zu tun. Da das Schweizerische Idiotikon 2012 seinen 150. Geburtstag feiern konnte, möchte ich ihm hier eine leicht verspätete, kleine Betrachtung widmen.
In der Tat regte die «Antiquarische Gesellschaft in Zürich» vor gut 150 Jahren, 1862, die Gründung eines «Vereins für das Schweizerdeutsche Wörterbuch», somit eigentlich eines «Vereins für das Schweizerische Idiotikon», an. Der erste Band dieses heute auf 17 Bände ausgelegten Mundartwörterbuches erschien dann 1881.
Heute ist der 16. Band abgeschlossen und der 17. soll,wenn alles gut geht, 2022 vorliegen. Seit September 2010 sind alle bereits gedruckten Teile dieses grossartigen Werkes über die Netzseite www.idiotikon.ch kostenlos einsehbar. Die digitale Ausgabe soll dann mittel- und langfristig noch weiter ausgebaut werden.
Man plant auch eine populäre Kompaktausgabe. Nachdem um 1950 die rührige «Antiquarische Gesellschaft in Zürich» aus der Verantwortung für das Idiotikon entlassen wurde, wird es heute von der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften und den deutschsprechenden Kantonen finanziert.
Das Schweizerische Idiotikon, das auch unsere Walliser Mundart und gar Mundarten der Walsergebiete in Oberitalien berücksichtigt, ist eines von vier, den schweizerischen Kulturen entsprechenden nationalen Wörterbüchern. Es gibt noch ein «Glossaire des patois de la Suisse Romande», ein «Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana» und einen «Dicziunari Rumantsch Grischun».
Mit rund 150000 Stichwörtern ist das Schweizerische Idiotikon übrigens das grösste regionale Wörterbuch im deutschen Sprachbereich. Es wird heute an seinem Sitz in Zürich von mehreren, wissenschaftlich gebildeten Redaktoren bearbeitet. Sie sammeln und orten auch Belege für die Wörter. Der Belegkorpus umfasst rund 1,5 Millionen Zettel und Dokumente. Der Wortschatz selbst umfasst Wörter, die vom 13. Jahrhundert durch all die Jahrhunderte herauf bis zur heutigen lebendigen Mundart belegt sind.
Die kulturelle Bedeutung des Schweizerischen Idiotikons für die Sprach- und Geschichtswissenschaft und für die Volks- und Rechtskunde ist deshalb kaum hoch genug einzuschätzen. Dieses alphabetisch geordnete Wörterbuch wird auch von der Sprachwissenschaft anderer Länder sehr hoch gewertet.
Leider sind im Augenblick die hier eingangs erwähnten Wortformen «zaffrä/zaffru/zäffrä» im Idiotikon noch nicht abrufbar, da sie mit «z» beginnen und somit wohl im 17. Band aufgeführt sein werden. Ich möchte Sie aber, liebe Leser, anregen, bei Mundartfragen das Schweizerische Idiotikon auch wirklich selbst zu benutzen. Unter www.idiotikon.ch / Stichwortsuche kann man leicht im dortigen Suchfenster Wörter eingeben und suchen. Es erscheint dann die Seite des Idiotikons, auf der nähere Erklärungen und Benutzungsbeispiele stehen. Versuchen Sie es einmal, mit «Gsig», «pipäperle», «rääz» usw. Wir können dem Schweizerischen Idiotikon zu seinen 150 Jahren keine grössere Ehre erweisen als eifrige Benutzung.Walliser Bote, 11. Jan. 2013. Der Autor, Alois Grichting ist Ingenieur, Volkswirtschafter, Lehrer i. R., Publizist