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Es ist unangenehm, über postkoloniale Strukturen zu sprechen und zu realisieren, wie schwierig es ist, subtilen und weniger subtilen Stereotypen zu entgehen.
Ein Kollege von Oxfam formulierte es einmal so: «Wenn dein Gespräch über dieses Thema nicht unangenehm ist, führst du nicht das richtige Gespräch!» Es ist unangenehm, zu realisieren, wie schwierig es ist, den subtilen und weniger subtilen Stereotypen zu entgehen – aber auch, wie gross meine Zweifel sind an der Fähigkeit unserer Branche, die ungerechten und diskriminierenden Machtstrukturen innerhalb der internationalen Zusammenarbeit abzubauen. Natürlich will ich diese Ungleichheiten bekämpfen. Sonst würde ich nicht bei Solidar Suisse arbeiten. Aber tue ich das auch tatsächlich? Sich ehrlich über das Thema auszutauschen, bedeutet ja auch, das Risiko einzugehen, unsere Arbeit zu kritisieren. Das ist schmerzhaft angesichts des grossen Engagements unserer Kolleg*innen in den Projektländern, die in schwierigen Kontexten und unter hohen Anforderungen Enormes leisten.
Der Norden bestimmt die Spielregeln
Zunächst stellt sich mir die Frage, warum gerade ich angefragt wurde, das Editorial anstelle unseres fast 50-jährigen weissen Geschäftsleiters zu schreiben. Weil ich als Woman of Color kategorisiert werde und man hofft, ich hätte eine andere Sicht auf diese Frage? In meiner trotzdem privilegierten Position zeigt sich Postkolonialismus durch Gefühle des Unbehagens, der Zerbrechlichkeit, der Ambivalenz und der Hilflosigkeit angesichts von Situationen, die mich überfordern oder auf die ich keine angemessene Antwort weiss. Deren gibt es viele: zum Beispiel die Sprache, die beim internen Austausch verwendet werden soll. Übersetzungen sind teuer, aber ohne sie werden viele Kolleg*innen in den Koordinationsbüros und erst recht in unseren Partnerorganisationen aus den Diskussionen ausgeschlossen. Oder die Tatsache, dass quantitativen, messbaren Resultaten ein grösserer Wert beigemessen wird als qualitativen Aspekten, weil sie einen Eindruck von Objektivität, Neutralität, Wirksamkeit und damit Legitimität unserer Interventionen vermitteln – auch gegenüber unseren Geldgeber*innen. Die Wirkungsmessung ist wichtig, aber geht sie so, wie sie im Norden konzipiert wird, nicht oft auf Kosten der Mitbestimmung der lokalen Akteur*innen? Wir verbringen unendlich viel Zeit damit, Anträge und Berichte zu schreiben und Daten zu sammeln, aber geben wir unseren Teams genug Zeit und Ressourcen, um diese Daten in einem produktiven Dialog mit den beteiligten Akteur*innen zu analysieren und zu interpretieren?
Dialog mit allen Beteiligten
Ich glaube, dass die Entwicklungszusammenarbeit stets in einer asymmetrischen Beziehung gefangen ist. Wie gross wäre der Mehrwert der NGOs aus dem Norden denn noch ohne diese Asymmetrie? Welche echte Komplementarität bringen wir, die über den Zugang zu Ressourcen hinausgeht, über den wir ja nur dank unserer höheren Position auf dieser Leiter verfügen? Das System zu revolutionieren, ist schwierig. Hingegen können wir die Spielräume noch viel stärker zugunsten unserer Partner*innen und der Bevölkerung erweitern. Wir brauchen Mut und den Willen, den Praktiken, die Ungleichheiten aufrechterhalten, ins Auge zu sehen. Das ist nicht einfach, aber ein Bewusstsein dafür und ein Dialog mit den von diesen Ungleichheiten Betroffenen ist ein guter Anfang. Denn ist es nicht auch eine Form von Ungleichheit, wenn die Akteur*innen im Norden die Ungleichheiten und ihre Erscheinungsformen definieren und bestimmen, wie sie angegangen werden sollen?
«Die Wirkungsmessung ist wichtig, aber geht sie so, wie sie im Norden konzipiert wird, nicht oft auf Kosten der Mitbestimmung der lokalen Akteur*innen?»