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Architektur
13.06.2021
Dem Wasser mehr Platz geben
Steigende Temperaturen, Starkniederschläge, Überschwemmungen: Weltweit kämpfen Städte mit den Folgen der Klimaerwärmung. Eine vielversprechende Lösung bietet das Konzept der Sponge City – auch für Schweizer Städte?
«Wir gaben dem Wasser zu wenig Platz», sagt Kongjian Yu, ein chinesischer Professor und Landschaftsarchitekt, in einem eindringlichen Video, publiziert vom Weltwirtschaftsforum im Sommer 2019. Er kritisiert darin die vom Menschen geschaffenen baulichen Massnahmen, die den natürlichen Wasserkreislauf stören. Dazu zählen versiegelte Böden und Oberflächen, Kanäle und Dämme – «graue Infrastrukturen», wie Kongjian Yu sie nennt. Früher habe man diese Massnahmen für nötig gehalten, um Niederschläge, Flüsse und stehende Gewässer zu kontrollieren. Heute zeige sich, dass sie das Risiko von Hochwasser und anderen klimatischen Extremereignissen sogar noch erhöhten. Fehlende Grünflächen in Städten führen dazu, dass das Regenwasser nicht im Boden versickern kann und stattdessen in die Abwasserkanäle fliesst. Bei Starkregen können diese überlaufen. Die fehlende Vegetation verhindert zudem ein natürliches Abkühlen der Umgebung. Folglich bilden sich in Innenstädten vermehrt Hitzeinseln, was die Lebensqualität beeinträchtigt.
«Wir halten die Stadt kühl, indem wir die Natur imitieren.»
Die Klimaerwärmung verschärft diese Situation zusätzlich, wie die Statistik zeigt: Überschwemmungen und Starkniederschläge treten heute weltweit viermal häufiger auf als noch vor 40 Jahren. Eine Lösung sieht Professor Kongjian Yu in der Sponge City, zu Deutsch «Schwammstadt». Die Stadt soll das Regenwasser aufsaugen und zwischenspeichern wie ein Schwamm – und zwar dort, wo es fällt. So lässt sich der natürliche Wasserkreislauf nachahmen: Das Wasser versickert und verdunstet, es wird nicht einfach ins Kanalnetz abgeleitet. Möglich machen das beispielsweise der Einsatz von versickerungsfähigem Pflaster, das Anlegen von speziellen Retensionsflächen (Auffangflächen) für Wasser und Entwässerungsmulden sowie die Begrünung von Dächern und Fassaden. «Wir halten die Stadt kühl, indem wir die Natur imitieren», bringt es Kongjian Yu auf den Punkt. Mit dem Konzept der Sponge City hat er bereits über 250 Städte in China transformiert und weitere Städte in den USA, Russland und Indonesien grüner gemacht.
Die Ideen und Massnahmen der Sponge City sind im Wesentlichen dieselben wie jene der «klimaangepassten Stadtentwicklung», welche die Schweiz seit einigen Jahren verfolgt. Auch unsere Städte und Gemeinden sollen grüner werden und sich den klimatischen Veränderungen anpassen. Denn die Durchschnittstemperatur hierzulande ist seit Messbeginn im Jahr 1864 um 2 Grad Celsius gestiegen – doppelt so stark wie im globalen Mittel. Der Anteil an versiegelten Flächen nahm innert 24 Jahren um knapp 30 Prozent zu und liegt gemäss jüngsten Zahlen bei 4,7 Prozent der Landesfläche. In Siedlungsgebieten beläuft er sich gar auf 67 Prozent. Das bedeutet, dass in den urbanen Gebieten der Schweiz mehr als zwei Drittel der Fläche verbaut sind.
«Mehr Grün und Blau statt Grau.»
Mit dem Pilotprogramm «Anpassung an den Klimawandel» sensibilisierte der Bund in den Jahren 2014 bis 2016 Kantone, Regionen und Gemeinden für eine klimabewusste Stadtentwicklung. In dieser Zeit wurden insgesamt 31 Projekte auf lokaler Ebene in allen Landesteilen realisiert. Auch die Stadt Sitten im Kanton Wallis war mit ihrem Projekt Acclimatasion Teil des Programms. Im schweizweiten Vergleich verzeichnet Sitten einen der grössten Temperaturanstiege seit 1984: plus 0,5 Grad Celsius pro Jahrzehnt, Tendenz weiter steigend. Es wird befürchtet, dass sich die «Normalsommer» bis 2060 dem Hitzesommer von 2003 angleichen könnten. Gleichzeitig gehen die Niederschläge in der Stadt stärker zurück als andernorts im Land. Entsprechend klar formuliert war das Ziel von Acclimatasion: «Mehr Grün und Blau statt Grau.»
Diverse Um- und Neugestaltungen von Strassen, Plätzen und Aussenräumen rund um Schulhäuser zeugen heute davon, dass die Sittener Projektverantwortlichen ihr Ziel erreicht haben. Aus teilweise tristen Strassen und Vorplätzen entstanden grüne, einladende Begegnungszonen im öffentlichen Raum. So wurde zum Beispiel die ehemals unscheinbare Rue de la Blancherie in der Nähe des Bahnhofs in eine offene Begegnungszone mit grünen «Inseln» voller Sträucher und Blumen umgestaltet. Solche Veränderungen wirken sich positiv auf die Lebensqualität und die touristische Attraktivität von Sitten aus, wie die Stadt in ihrem Abschlussbericht zum Projekt Acclimatasion betont. Die allgemeine Qualität der Raumgestaltung, heisst es, habe einen starken Einfluss auf die Beziehungen, die sich in einer Stadt entwickeln könnten.
Darüber hinaus konnten dank des Projekts auch private Grundstückeigentümer von einer klimaangepassten Bauweise – etwa von grünen Hausdächern – überzeugt werden. Und schliesslich verabschiedete die Stadt im Nachgang neue Richtlinien für die Planung und Pflege von öffentlichen Räumen. Dort steht explizit, dass in Zukunft Lösungen zu bevorzugen seien, welche die Vegetation berücksichtigten und den Wasserkreislauf respektierten. Ist Sitten damit eine Schweizer Sponge City? Sie ist zumindest eine Stadt, die den natürlichen Wasserkreislauf respektiert und fördert – und sich damit ganz im Sinn von Professor Kongjian Yu aus China entwickelt hat.
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Weitere Vorzeigestädte
Das Bewusstsein für grünere, dem Klima angepasste Städte ist in der Schweiz in den letzten Jahren stark gestiegen. Beispiele für positive Entwicklungen finden sich viele. So setzt etwa Genf auf sogenannte «Pocketparks»: kleine, grüne Oasen, welche die grossen Grünflächen der Stadt besser miteinander vernetzen. Wo versiegelte Flächen unumgänglich sind, stellt die Stadt riesige Pflanzentröge auf. Lausanne fördert seit 2015 gezielt mehr begrünte Dächer auf dem Stadtgebiet. Entsprechende Vorhaben – öffentliche wie private – werden finanziell unterstützt. Und Winterthur hat sich mit einem im Sommer 2020 publizierten Grundsatzpapier dazu verpflichtet, Anpassungen an den Klimawandel gezielt voranzutreiben. Die Stadt will unter anderem die Hitzebelastung in Innen- und Aussenräumen reduzieren, den öffentlichen Raum klimagerecht gestalten und sich auf veränderte Naturgefahren vorbereiten.