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Durch die Chilenische Schweiz nach Argentinien
, Von Arnold Heim
Mit 6 Abbildungen und 1 Skizze1).Zürich ).
Die folgende Schilderung begründet sich auf Reisen in der Zeit von Anfang November 1939 bis Ende Februar 1940. Mein Standquartier war Osorno, wo ich bei meinem ehemaligen Schulkameraden, Ingenieur Walter Meyer, unserem Schweizerkonsul, der sich dort als Grossfarmer niedergelassen hat, als Gast aufgenommen war. Nicht nur war er unermüdlich, mir in der Vorbereitung für unsere schweizerische Patagonienexpedition zu helfen, über die in dieser Zeitschrift, Heft 8, 1940, schon berichtet wurde; er hat mich auch auf vielen Autofahrten durch die herrliche Chilenische Schweiz geführt und mich die wichtigsten Pflanzen kennengelehrt. Weiteren Dank schulde ich Herrn Richard Roth in Peulla, dem Begründer des Touristenverkehrs über den Lago Todos los Santos, der mich auch als Gast empfing.
Suiza Chilena wird das landschaftlich schönste Gebiet im südlichen Chile genannt, das zwischen dem 39. und 42. Grad südlicher Breite liegt. Es bildet den grössten Gegensatz zu den Wüsten des nördlichen Chile und zeichnet sich durch ein der Nordschweiz ähnliches, regnerisches Klima aus. Zahlreiche, von Moränen der Eiszeit abgedämmte tiefblaue Seen, Wälder und Berge, die bis in die Schneeregion reichen, erinnern an die schweizerische Heimat. Ähnlich unserem Mittelland zwischen Jura und Alpen, dehnt sich zwischen der flachwelligen Küstenkordillere und der Hochkordillere ein flaches Längstalgebiet, das sich bei Puerto Montt unter Meerniveau senkt. Mit seinen alten Moränen und Glazialschottern, den Tuff- und Lössablage-rungen ist es das fruchtbarste und am ausgedehntesten besiedelte Land. Selten bleibt im Talboden der Schnee liegen, während die Berge im Winter, d.h. im Juli und August, tief verschneit sind. In besonders warmen Sommern, wie z.B. im Januar und Februar 1940, schmolz der Schnee bis auf die Gletscher zurück, so dass die weissen Höhen der Ausdehnung der Gletscher entsprachen.
So sehr Klima und Landschaft in mancher Hinsicht an unsere schweizerische Heimat erinnern, besonders wenn wir uns in die Zeiten Wilhelm Teils zurückdenken, so verschieden ist doch der Bau des Gebirges. Denn die weissen Gipfel, die dem Reisenden auf der Reise zuerst entgegenleuchten, sind Vulkane. Sie überragen einen granitenen Sockel und bilden von Nord nach Süd eine ganze Reihe auf der Ostseite der Seenkette, in verschiedenen Höhen und Altersstufen. Der höchste und südlichste ist der Tronador, mit 3460 m 2 ). Er bildet die Wasserscheide und Grenze zwischen Chile und Argentinien. Freilich wurde seine vulkanische Natur oft in Zweifel gezogen. Beim Versuch einer Besteigung von der Rigiklubhütte des Club Andino Osorno bei 1500 m ausgehend, die wegen Wetterumschlags fehlschlug, konnte ich mit Sicherheit feststellen, dass der « Donnerer » ein alter, längst erloschener und weitgehend erodierter Vulkan ist. Denn der Granitsockel wird überlagert von Laven und Aschen mit Bomben, durch welche die alten Erosionsfurchen im Granit ausgefüllt werden. Die höheren schwarzen Felswände der Gipfelregion sind ausschliesslich vulkanischer Natur. Von dort her hört man ein ständiges Donnern von stürzenden Eis- und Felsmassen. Mit dem Fernglas konnte ich in herrlichster Form eine Erscheinung erkennen, die an den Himalaya erinnert: die blumenkohlartig von Reifeis überwucherten Gipfelgräte 1 ). Schon dreimal ist der Tronador bestiegen worden, zuerst von dem Deutschen Meiling, dann von Hermann Hess mit Begleitern. Weniger imposant ist der 2015 m hohe Calbuco auf der Südseite des Lago Llanquihue. Am 6. Januar 1929 war er wieder in Eruption, und die Asche wurde über die Kordilleren hinweg bis weit nach Argentinien getragen.
Der zweithöchste Vulkan liegt im äussersten Norden der Chilenischen Schweiz. Es ist der tätige, von Dr. J. Neumeyer-Frey aus Bariloche mit seiner Gattin bestiegene Llaima, 3060 m. An seinen Gehängen steht ein ganzer Wald von Araucarien, die im Winter in tiefen Schnee gehüllt sind.
Das eigentliche Wahrzeichen ist der Vulkan Osorno, 2660 m, der nach Lage und Schönheit mit dem allerdings 1100 m höheren Fujiyama vergleichbar ist. Noch zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts, zur Zeit der berühmten Weltreise Darwins, haben sich Laven nach Süden und Westen ergossen. Bei einer Gipfelbesteigung konnte ich trotz Wettersturz einen kleinen Krater erkennen und mich an heissen Dämpfen wärmen. Die bis 35° steilen Gehänge des regelmässigen Kegels bestehen aus Basalt- und Andesit-laven mit losem Auswurf, die bis auf etwa 1700 m herab von Eis gepanzert sind. Verschiedene Spalten müssen nahe dem Gipfel umgangen werden. Bei starkem Rückgang des Schnees sind Steigeisen vom Eisrand an unvermeidlich. Die Aussicht auf den zu Füssen liegenden Lago Todos Los Santos, den « chilenischen Vierwaldstätter See », soll bei klarem Wetter wunderbar sein.
Auf die Anregung unseres Konsuls, Ingenieur Walter Meyer, zurzeit Präsident des vor etwa 6 Jahren gegründeten Club Andino Osorno, wurde auf der Nordostseite des Gipfels, zwischen diesem und der « Somma », eine Klubhütte im Schweizerstil gebaut, der bald zwei weitere Holzhäuser angegliedert wurden. Sie liegen bei 900 m, nahe der oberen Grenze des Laub- waldes. Dieser besteht hauptsächlich aus kleinblättrigen Buchen, dem Roble der spanisch sprechenden Eingebornen ( Notofagus obliqua, procera, pumillo und im Süden vor allem N. dombeyi ), die in den tieferen Lagen mit Myrten-, Lorbeer- und Magnolienbäumen gemischt sind. Dazu kommen noch kleinere Bäume und Sträucher, sowie Lianen, die sich durch wunderbare Blütenpracht auszeichnen. Der Notro oder Ciruelilla ( Embothrium coccineum ) erglüht feuerrot im November und wird von Kolibris umschwirrt. Allmählich findet man auch die bis nahe der oberen Waldgrenze reichenden Zwergformen des Notro in Blüte. Der « Pelu » ( Sophora betraptera ) prangt in Gelb. Später, im Januar, stehen die Myrten in Blüte. Der Muermo ( Eucryphia cordifolia ), der bis zu zwei Meter Stammdicke erreicht, und die Magnolien « Canela », die heiligen Bäume der Indianer, prangen in Weiss. Von zauberhafter Schönheit ist die Liane Copihue ( Lapageria chilensis ) mit ihren 8 cm langen karminroten Glocken. Rotblaue blühende Fuchsien bilden hohe Sträucher im Unterholz. Noch viele andere rote Blüten wären zu nennen, die den Urwald auch über den Winter zieren. Ihnen folgt das Gelb des Frühlings und das Weiss des Sommers.
Während Wald und Busch an Blütenpracht unsere Heimat überbieten, trifft eher das Umgekehrte zu für die Weiden und Alpenmatten. Denn nichts Ähnliches wie etwa die Gentianenpracht unserer Alpen wurde gefunden, auch nicht auf der Patagonienreise. Noch ist eines Waldbaumes zu gedenken, der als « Patriarch » alle anderen überragte, aber jetzt vom Landschaftsbild verschwunden ist. Das ist der « Alerte » ( Fitzroya patagonica ), eine Zedernart, deren Stämme einen Durchmesser von 5 m bei einer Höhe von 84 m erreichten und bis zu zweitausend Jahrringe zählen liessen. Längs der Bahn und Strasse nach Puerto Montt stehen die ausgebrannten Strünke eines gewaltigen Waldes, der um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts bis zum letzten Stamm zu Fall gebracht wurde. Auch heute hat in der Regel der Farmer noch keinen Sinn für die Erhaltung von Naturdenkmälern, wie auch die Regierung sich wenig darum kümmert. Fast undurchdringliche Dickichte im Urwald bilden die Bambusgewächse. In einer etwa alle 30 Jahre sich wiederholenden Periode, zuletzt 1939, blüht die « Quila » und stirbt darauf über die ganze Gegend gleichzeitig ab. Infolge des plötzlichen Überflusses an Samen vermehren sich die Mäuse und Ratten ins Ungeheuerliche. Die Häuser werden überfallen. Dieser Plage auf dem Fusse soll die Vermehrung der Eulen, dann der Füchse und Pumas folgen. Doch mit dem Ende des Samensegens beginnt die Hungersnot. In einer Massenpsychose von Verzweiflung stürzen sich die Mäuse zu Hunderttausenden ins Wasser, dem Tod entgegen.
Reicher als die Säugetiere sind die Vögel vertreten. Wie aber der Indianer kein Sänger und sein Hund stumm war, so vermisst man den Vogelgesang. Nur ein drosselartiger Vogel erinnerte mich ein wenig an unsere schweizerische Heimat. Sehr häufig sind der zum Insektenfresser gewordene Falke « Tjuke », der kreischende Kibitz, die « pitju » rufenden Spechte und die Papageien, die bis zu den Gletschern Patagoniens verbreitet sind.
Fremdlinge bei uns, die wir dem südlichen Chile verdanken, sind für uns die Kartoffel, ferner die Gartenerdbeere, die aus der Kreuzung einer nordamerikanischen mit der chilenischen Walderdbeere hervorgegangen ist. Weniger erfreulich ist die Verbreitung einiger Gewächse, die in Chile eingeführt wurden und für die Farmer zu einer Landplage geworden sind. So die Brombeerstaude, die sich Jahr für Jahr weiteres Land erobert und längs der Eisenbahn hohe Dickichte bildet. Niemand schätzt den Überfluss herrlicher Beeren, und nur durch Halten von Ziegen kann die Verbreitung gehemmt werden. Wie mit Schnee bedeckt sehen die Weiden aus, die von Margriten erobert wurden. Ebenso drohend verbreitet sich eine vor sechs Jahren eingeführte dunkelgelbe Chrysantheme. An andern Orten steht über mannshoch der giftige, karminrot bis weiss blühende Fingerhut ( Digitalis ). Dies sind Beispiele für viele andere, wie gefährlich es ist, neue Pflanzen in fremde Erdteile einzuführen.
Im Mittelalter war die Chilenische Schweiz reich bevölkert von ackerbautreibenden Indianern, den Araucanern. Die spanischen Eroberer berichten von einem Wunder fruchtbarer Erde. Die Indianer kultivierten Mais, Kartoffeln, eine Art Getreide und eine Rübenart. Aber durch die grausamen DURCH DIE CHILENISCHE SCHWEIZ NACH ARGENTINIEN.
40 km Eroberungskriege der Spanier um die Mitte des 16. Jahrhunderts und die Seuchen in ihrem Gefolge, wurden die Indianer beinahe ausgerottet. Auf den offenen Kulturflächen wuchs wieder der Wald, bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts hessische Kolonisten von neuem zu roden und kultivieren begannen. Sie haben besonders die Umgebung des Lago Llanquihue aufgesucht und zu einem wunderschönen Ackerbauland mit kleinen Dörfern umgewandelt. Lange Zeit war Valdivia mit seinem Hafen die bedeutendste Stadt im südlichen Chile. Heute ist sie vom landwirtschaftlichen Zentrum Osorno mit seinen gegen 30 000 Einwohnern schon fast überflügelt. Der neue Aufschwung steht im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahn bis Puerto Montt, die im Jahre 1908 unter der technischen Leitung von Ingenieur W. Meyer begonnen wurde. Die landwirtschaftliche Ausstellung von Osorno, im Februar 1940, bot ein überraschendes Zeugnis von vorwärts schreitender Landarbeit, von Getreidebau, Viehzucht und Milchwirtschaft.
Südlich der transandinen Bahn, die Valparaiso mit Mendoza und Buenos Aires verbindet, gibt es eine einzige regelmässige Verkehrsverbindung über die Kordilleren: die von Touristen in steigendem Grade bereiste Strecke zwischen Osorno und Bariloche. Am 11. Januar 1934 ist als Folge eines Gletscherseedurchbruchs die transandine Bahn von Puente del Inca bis Mendoza auf 150 km zerstört worden x ). Diese Strecke wird seither mit Auto befahren, ist aber wegen Schneefalls oft unterbrochen. Um so mehr wird die südliche, szenische Route Jahr für Jahr benützt. In der Tat ist es, gutes Wetter vorausgesetzt, eine der denkbar schönsten zweitägigen Reisen auf unserem Erdball. Scharenweise erscheinen in den Sommerferien die reichen Argentinier. Von Osorno aus fährt man im Auto dem Nordostufer des Lago Llanquihue entlang, eines Sees von 700 km2, grösser als der Bodensee. Südlich um den Vulkan Osorno herum quert man Felder dunkler Lava. In Ensenada wird im Hotel nach Schweizerart das Mittagsmahl genommen. Bald gelangt man zum Westende des mit dem Vierwaldstätter See oft verglichenen Lago Todos los Santos, der vom Vulkan Osorno auf 150 m gestaut wurde. Schon steht ein Dampferchen nach Peulla bereit. Ein unvergleichliches Bild bietet auf dieser Fahrt die vereiste Puntiagudospitze, 2490 m, mit ihrem Spiegel im blauen Wasser und der herrlichen Symmetrie der bewaldeten Ufer. Vor drei Jahren gelang Hermann Hess jun. aus Engelberg mit einem Sohn von Ricardo Roth die Erstbesteigung. Auf der Rückkehr stürzten beide ab, und Roth fand den Tod. Ein drei Meter hohes Kreuz ist an der Absturzstelle mit dem Feldstecher erkennbar.
In Peulla wird im Schweizerhotel von Richard Roth übernachtet. Am folgenden Tag öffnet sich bei der Zollstation plötzlich der Blick nach Süden auf den vergletscherten Tronador. Der Wagen fährt durch Buchenwald über den 1010 m hohen Grenzpass auf der Nordseite des Tronador zur Laguna Frias, einem poetischen, von Granitfelsen und Urwald umgebenen Bergsee, bei 762 m. Wir haben damit den argentinischen Nationalpark betreten, wo kein Waldraub betrieben werden darf. Ein Beispiel sollte es für Chile sein!
Wieder steht ein Boot bereit und jenseits ein Wagen. So gelangt man nach Puerto Biest am Westende des fjordartigen, reich verzweigten riesigen Lago Nahuelhuapi, 756 m. Im Boot oder zuletzt wieder im Auto erreicht man die neue Siedlung Bariloche, die etwa 4000 Einwohner zählt. Von hier führt die Eisenbahn nach Buenos Aires.
Während der westliche Teil des Sees tief ins Granitgebirge eingeschnitten ist, folgen gegen Osten vulkanische Decken. Es weitet sich die Landschaft. Der Laubwald geht in lockeren Zypressenbusch ( Sibocedrus ) und dann in die öde Pampa über. So gelangt man von der regen- und wolkenreichen Westseite des Andengebirges in das unabsehbare, regenarme Steppengebiet, die grosse Schafweide.
Ein Rückblick auf die zauberhaften Naturschönheiten paart sich mit dem Dank an unsere Landsleute, die in der Chilenischen Schweiz und in Argentinien mich so gütig aufgenommen haben, dass ich mich in einer zweiten Heimat fühlte.