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Was steht am Anfang des Fortschritts? Ist es die reine Leistungssteigerung – mehr Ergebnisse in kürzerer Zeit? Ist es das Vorankommen in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, sozialer oder kultureller Hinsicht? Sind es fundiertere Kenntnisse über die Zusammenhänge des Lebens zu Gunsten von Wohlstand, Lebensqualität und Zufriedenheit aller Menschen? Allesamt grosse Worte, deren genaue Definition schwierig ist. Doch wie gehen Fortschritt und Zukunft miteinander einher?
Ein Blick ins Lexikon – dem technischen Fortschritt sei Dank ein Blick ins Internet – gibt Aufschluss oder liefert zumindest Anhaltspunkte: Fortschritt definieren die Autoren von Wikipedia zusammengefasst wie folgt: «Fortschritt bedeutet Vorankommen, Fleiss, Fortgang, Erfolg, Steigerung, Wachstum. Das Vorrücken und Voranschreiten bezeichnet in der Philosophie, Politik, Technologie und der Wirtschaft grundlegende Verbesserungen durch bedeutende Veränderungen bestehender Zustände oder Abläufe in menschlichen Gesellschaften.»
Zukunftsforschung wiederum bedeutet im eigentlichen Sinn die Konklusion des Fortschritts in all diesen Dingen. Ob sich diese dabei in positivem oder negativem Sinn für einzelne Menschen oder ganze Bevölkerungsgruppen entwickelt, liegt der Definition nicht zugrunde. Im selben Nachlagewerk findet sich folgender Wortlaut zur Zukunft: «Die Zukunftsforschung oder Futurologie ist die ‹systematische und kritische wissenschaftliche Untersuchung von Fragen möglicher zukünftiger Entwicklungen› auf technischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet». Sie verwendet unter anderem Methoden, Verfahren und Techniken, wie sie von der Prognostik entwickelt werden, und verbindet qualitative und quantitative Methoden. Die Prognostik handelt von der Lehre der Prognose – dem Vorwissen und der Vorauskenntnis oder auch der Voraussage über Ereignisse, Umweltzustände oder Entwicklung in der Zukunft.
Im Allgemeinen geht es beim Fortschritt, bei der Zukunft und deren Erforschung also um Entwicklungen, die sich im Prozess befinden und vom momentanen Augenblick aus ereignen. Nach wie vor unklar ist die Wertung des Fortschritts in Bezug auf die Auswirkung für die gesamte Menschheit und schliesslich auch für die Erde. Wer zum Beispiel Güter schneller liefern kann wegen leistungsfähigerer Fahrzeuge, wegen grösserer Zugangswege, wegen einer vergrösserten Transportflotte, macht im wirtschaftlichen Sinn grosse Fortschritte. Die Eigentümer und Angestellten des agierenden Unternehmens erfahren mehr Wohlstand und können ihre Zukunft im materiellen Sinn sichern. Dieser Fortschritt könnte zu Lasten all jener fallen, die von diesem Gewinn nicht profitieren und im Gegenzug die negativen Auswirkungen vom Wachstum dieses Unternehmens zu spüren bekommen. Umso mehr sind hier also technische Innovationen gefragt.
Das Tempo am Arbeitsplatz hat sich erhöht
Ein anderes Beispiel zeigt sich anhand der Kommunikation. Von grossem Vorteil sind die Entwicklungen im Bereich des Informations- und Datenaustausches: Der physische Briefverkehr wird durch die digitale Übermittlung fast schon gänzlich ersetzt, Gespräche finden immer weniger vor Ort statt und das Verschicken von grossen Datenmengen erfolgt nicht mehr per Kurier oder Lieferdienst, sondern bequem vom Schreibtisch aus – und das in Sekundenfrist. Dies alles kann auch Nachteile bergen: Das Tempo am Arbeitsplatz hat sich massiv erhöht, dazu kommt, dass die Verfügbarkeit von Mitarbeitenden rund um die Uhr nicht nur möglich, sondern vielmals verlangt und vorausgesetzt wird. Und durch das Wegfallen der physischen Übermittlung von Informationen und der persönlichen Präsenz an einem Ort werden gewisse Dienstleistungen obsolet und deren Erbringer müssen sich zwangsläufig neu orientieren, um ihre Wirtschaftlichkeit zu erhalten.
Bei der Zukunftsforschung geht es insbesondere um die Auswirkungen und Einflüsse des Fortschritts auf die Entwicklung von Menschheit und Natur. Man spricht hier diesbezüglich gerne von sogenannten Megatrends – Strömungen, die sowohl die Gesellschaft als auch die Prosperität von Unternehmen und Institutionen beeinflussen. Eine Studie des Rats für Raumordnung (ROR) der Schweizerischen Eidgenossenschaft aus dem Jahr 2019 beschreibt Megatrends als über Jahrzehnte wirksam. «Ein Megatrend beeinflusst unser gesellschaftliches Weltbild, unsere Werte sowie unser Denken und Handeln.» (Studie Megatrends und Raumentwicklung Schweiz, www.are.admin.ch/are/megatrends_de)
Zu den wichtigsten Megatrends zählen laut der Studie die Globalisierung, durch welche Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden. Damit im Zusammenhang steht die Digitalisierung, durch die heute die Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung in allen Bereichen des Lebens prägend geworden ist. Damit einher geht der Trend von der gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit hin zur Individualisierung: «Das auf Dauer angelegte Konzept der Familie hat unter anderem durch die individuelle geografische Mobilität an Bedeutung verloren. In der heutigen Multioptionsgesellschaft sieht sich das Individuum vermeintlich beliebigen Wahlmöglichkeiten gegenüber, was viele überfordert. Die ‹Ich-Gesellschaft› droht zur Vereinzelung zu führen.» Und schliesslich folgt als Trend die demografische Entwicklung der Weltbevölkerung und das Migrationsverhalten verschiedener Volksgruppen. In der Studie heisst es dazu: «Die globale Migration hat in den letzten Jahrzehnten ständig zugenommen. Ihre Ursachen sind vielfältig: In erster Linie waren es immer schon und sind es auch heute wirtschaftliche Gründe, die zum Verlassen der Heimat und zur Migration in Länder mit einem grösseren Arbeitsplatzpotenzial führen. Immer wieder sind aber weltweit Kriege oder Bürgerkriege Ursache grösserer Flüchtlingsströme. Auch klimatische Veränderungen, die Dürren und Hunger bewirken, sind Gründe für Emigration.»
Ein Blick in die Zukunft kann nicht nur neue Perspektiven eröffnen, er soll auch hellhörig machen für Anliegen und Bedürfnisse der Gesellschaft. Des einen Freud, des anderen Leid – was für die einen Fortschritt bedeutet, kann für andere Rückschritt heissen, je nachdem, auf welcher Position man sich befindet. Fortschritt erfordert neben Risikobereitschaft und Innovationsgeist immer auch Nachhaltigkeit und ganzheitliches Denken. Der Naturforscher, Philosoph und Autor Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) hat es so formuliert: «Es gibt doch bei dem Menschengeschlecht keinen wahren Fortschritt der Vernunft, weil alles, was auf der einen Seite als Gewinn angesehen werden kann, durch Verluste auf der anderen Seite wieder aufgewogen wird. Alle Geister müssen stets von demselben Punkt wieder ausgehen, und weil nun die Zeit, welche man zur Erlernung dessen, was andere gedacht haben, aufwendet, naturgemäss für die Ausbildung des Selbstdenkens verloren geht, so hat man zwar mehr Einsichten gewonnen, besitzt aber dafür weniger Geisteskraft.» Thomas Pfann
Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) führt im Auftrag von Swisscom alle zwei Jahre eine repräsentative Umfrage durch und beleuchtet seit 2010 positive und negative Aspekte der Mediennutzung von 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz. James steht für Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz und liefert wissenschaftlich verlässliche Daten für Behörden, Fachpersonen und Interessierte, die sich mit Jugend und Medien beschäftigen. Die bisher vorliegenden Studien zeigen eine interessante Entwicklung während mehr als eines Jahrzehnts zur Nutzung der zur Verfügung stehenden Medien und Ausgabegeräten. Insbesondere der Einfluss der Corona-Pandemie schlägt sich in der neusten Studie von 2020 nieder, die sechs übergreifende Aspekte und Trends formuliert und die Zusammenhänge von Handy- und Internetnutzung, sozialen Netzwerken, Streamingdiensten, Radio und TV und die Kommunikation zwischen Gleichaltrigen und älteren Generationen aufzeigt.
Infos: www.zhaw.ch
(Suchwort «James»)