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Die Stelle hinter dem Wagen
von Cedric Weidmann
Ein Junge steht auf dem Parkplatz neben der Bibliothek. Sein ausgestreckter, leicht schwenkender Arm scheint um Aufmerksamkeit zu bitten. Es ist ein bewölkter Nachmittag. In der Luft hängen die Pollen erster Frühlingstage. Es ist still, nur von weit her weht salvenartig ein isoliertes, wie eingespieltes Lachen. Der Parkplatz ist nur halb besetzt, die Autos rühren sich nicht.
»Mama!«, ruft der Fünfjährige über den Platz einer weit entfernten Frau zu, die vor der Bibliothek steht. Sie hält einen Kinderwagen, in dem ein kleines Baby schläft und lächelt. Augenringe umkränzen ihren Blick. Geduldig wartet sie und sieht den Jungen müde an. Er hüpft sogar ein wenig beim Sprechen. »Ich will dir etwas zeigen!«
»Na, dann los.«
»Nein.« Der Junge schüttelt den Kopf. »Ich will dir etwas zeigen.«
»Dann zeig es doch. Ich sehe zu.«
»Nein, du musst herkommen: Ich möchte dir etwas zeigen.«
Die Mutter schweigt, während sie den Kinderwagen mit dem schlafenden Baby fast unmerklich hin- und herschiebt. Die Knöchel am Griff leuchten weiss auf und es ist an der Haltung zu erkennen, dass sie sich ein wenig auf dem Wagen aufstützt. Der Junge bricht in Tränen aus. Er verwirft seine Hände und vergräbt seinen Kopf in ihnen. Sein Blick, den er durch die leicht gespreizten Finger wirft, wird von der Stelle magisch angezogen. »Doch! Doch, du musst herkommen! Ich will dir etwas zeigen!« Die letzten Worte schreit er immer lauter, bis sich seine Stimme überschlägt. Er zeigt fuchtelnd hinter ein stehendes Auto, um seinem Anliegen Dringlichkeit zu verleihen. An seinen entsetzten Augen ist abzulesen, dass die Verweigerung der Frau ihn vernichtet. Seine nassen Augen huschen zu der Stelle hinter den Autos, auf die er panisch zeigt.
»Jetzt komm, wir müssen gehen«, ruft die Frau zurück und in einer mütterlichen Mischung aus Abwesenheit und Zuwendung richtet sie die Decke des Babys in ihrem Kinderwagen zurecht. Ihre Augen glimmen erschöpft, doch sie bleibt geduldig.
Der Junge wird tobsüchtig. Seine Augen huschen immer wieder hinter das Auto, wo er seine Entdeckung gemacht hat. Von weiter weg verstellt das Auto die Sicht darauf. »Nein, schau mal!«, ruft der Junge. »Jetzt musst du einmal kommen, Mama, du musst das sehen, ich will es dir doch zeigen!« Sein Rufen wird zum Geschrei. Immer wieder weist er bedeutungsvoll hinter die Karosserie des Autos, sein Blick weitet sich, wenn er dorthin gleitet. Fast ebenso entsetzt macht ihn aber die Gleichgültigkeit der unbeweglichen Frau, die seinem Wunsch nicht nachgibt. Stattdessen starrt sie zu ihm hinüber, verständnisvoll, aber mit der klaren Überzeugung, dass sie nicht bereit ist nachzugeben. Der Junge heult »Aber du musst es dir ansehen.«
»Mami!« ist das letzte verständliche Wort, das aus dem Mund des Knaben kommt. Der Rest geht unter in einem Flennen. Er bewegt sich nicht von der Stelle. Schockiert starrt er hinter das Auto, irgendwohin, wo es zur Zeit den Blicken aller anderen verborgen ist, und sein rechter Arm presst sich krampfhaft an seine Brust. Er scheint hypnotisiert. Sein Kopf zittert. Die Mutter, wartend, schaukelt sorgsam den Kinderwagen.