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Die Renaissance des Bata-Parks in Möhlin
Der Bata-Park in Möhlin bei Basel ist ein historisch bedeutsames, denkmalgeschütztes Industriegelände aus den 1930er Jahren. Lange Zeit lag das Areal in einer Art Dornröschenschlaf.
Nun wird es schrittweise restauriert und neu belebt – unter der sorgfältigen Obhut des Denkmalschutzes.
Schuhfabrik mit integrierten Wohnanlagen
Der tschechische Unternehmer Tomáš Baťa war seiner Zeit voraus. Er wollte seinem Schuhkonzern ein modernes Gesicht verleihen und Produktionsanlagen bauen, auf deren Gelände die Angestellten nicht nur arbeiten sollten, sondern auch wohnen und leben konnten. Die Idee dazu war ihm gekommen, als er in den Jahren 1919 und 1920 die USA bereiste und dabei auch Fords River Rouge Plant in Detroit besichtigte.
Nach und nach liess Baťa verschiedene Industrieanlagen mit integrierten Wohndörfern, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen bauen. Das erste dieser Baťadörfer oder auch Baťaparks genannten Areale entstand in Tschechien, gefolgt von Anlagen in der Slowakei, den Niederlanden, Frankreich, Grossbritannien, Kanada, Indien und schliesslich auch in Möhlin im Kanton Aargau.
Vielleicht hätte der moderne Industrielle niemals einen Standort in der Schweiz geplant, wären da nicht die steigenden Einfuhrzölle gewesen. Im Jahr 1931wurden sie stark erhöht, die Importe wurden kontigentiert – und das machte es für Baťa lohnenswert, eine eigene Produktionsstätte in der Schweiz zu errichten und so die unliebsamen Zollschranken elegant zu umgehen.
Dazu kam, dass der Schweizer Markt überaus vielversprechend war. Die grosse Nachfrage nach guten Schuhen war Baťa bestens bekannt, denn sein Unternehmen war bereits seit 1926 in der Schweiz aktiv. Neben einer Vertriebszentrale in Zürich betrieb der Schuhhersteller drei gut gehende Geschäfte in Bern, Zürich und Basel.
Idealer Standort im Fricktal
Gerade wegen der Nähe zu Basel und Zürich, in denen Baťa bereits präsent war, boten sich Möhlin bzw. das Fricktal als Ort für eine eigene Schuhfabrik und einen neuen Bata-Park an. Die dortige Verkehrslage war günstig: Es gab bereits einen Eisenbahn- und Strassenanschluss, und der weitere Ausbau der Infrastruktur durch Flug- und Schiffsverbindungen war ebenfalls möglich.
Für das damalige Bauerndorf Möhlin waren die Pläne von Tomáš Baťa fast wie ein Geschenk des Himmels. Denn der Ort hatte unter den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise zu leiden. Zu Beginn der 1930er Jahre waren in Möhlin 100 der 2‘800 Einwohner ohne Arbeit – das Projekt des Schuhfabrikanten kam für die Gemeinde also gerade zur rechten Zeit. Freudig begrüsste man den modern denkenden und planenden Industriellen und bot ihm das erforderliche Bauland zu einem echten Schnäppchenpreis an.
Im September 1931 erwarb Baťa ein 24 Hektar grosses Areal und bezahlte nur einen Franken pro Quadratmeter. Nach dem Landkauf begann sein Baubüro im tschechischen Zlin umgehend mit der Planung der Möhliner Arbeits- und Wohnkolonie. Der Spatenstich für die erste Fabrikhalle erfolgte am 10. Mai 1932. Weil das eingeschossige Gebäude einfach zu errichten war, konnte es schon zwei Monate später fertiggestellt werden. Doch Baťa wollte mehr: Sein Traum war, auch im Fricktal eine moderne und mustergültige Firmenarchitektur zu schaffen – eine ganze Kolonie mit Fabrikgebäuden, Wohnhäusern, einer Schule sowie Freizeit- und Erholungseinrichtungen für die Arbeiter und Angestellten.
Der tragische Unfalltod des Schuhkönigs
Die Eröffnung des neuen Bata-Parks in Möhlin am 12. Juni 1932 sollte eine glänzende Feier werden. Stattdessen wurde der Tag für den Konzern zur Tragödie. Das Privatflugzeug des Unternehmers stürzte kurz nach dem Start in Zlin ab, und Tomáš Baťa kam bei dem Unfall ums Leben. Das war umso tragischer, weil Baťa sehr stolz auf sein eigenes Flugzeug war: Er war einer der ersten Unternehmer, die eines besassen, und natürlich hatte er damit standesgemäss zur Eröffnung seiner ersten Schweizer Fabrik einfliegen wollen.
Das Unternehmen überlebte die Katastrophe: Einen Monat nach Baťas Tod geht die Möhliner Fabrik in Produktion. Im Oktober 1932 beschäftigt der Konzern schon 160 Menschen der Gemeinde Fricktal, und jeden Tag werden in der Fabrik 1‘200 Paar Schuhe hergestellt. Auch der Bau des Bata-Parks wird wie geplant fortgesetzt. Als die Anlage in den 1950er Jahren fertig ist, umfasst sie über zwanzig Zwei- und Vierfamilienwohnhäuser, ein Direktorenhaus, sechs Fabrikhallen, ein Administrations- und Lagergebäude, mehrere Garagengebäude sowie zwei Ledigenheime.
Aufstieg und Niedergang des Bata-Parks
Bis zum Jahr 1990 wurden in Möhlin Bata-Schuhe produziert. In den Glanzzeiten des Schweizer Standortes arbeiteten dort bis zu 750 Menschen für den Konzern. Doch dann wurde die Produktion im Fricktal eingestellt. Die Fabrik wurde geschlossen, und in den Jahren nach 1990 flossen auch keine nennenswerten Gelder mehr in den Erhalt der Gebäude und Anlagen.
Es gab verschiedene Versuche, den langsam verfallenden Bata-Park einer neuen Nutzung zuzuführen, etwa durch Ansiedlung von Handwerksbetrieben. Doch das gestaltete sich vor allem wegen der mangelnden finanziellen Unterstützung als schwierig und für viele potenzielle Interessenten wenig attraktiv. Die Menschen, die hier weiterhin wohnten, und die, die sich mit ihren Betrieben in den alten Räumen angesiedelt hatten, mussten mehr oder weniger tatenlos dabei zusehen, wie die von einer zauberhaften Parklandschaft umgebenen Gewerbe- und Wohnbauten immer mehr herunterkamen.
Im Jahr 2001 wurde das Gelände veräussert, und weitere Unternehmen zogen in die ehemalige Bata-Kolonie ein. Vier Jahre später kaufte die Maschinenfabrik Jakob Müller AG aus Frick das gesamte Bata-Areal – mit der Absicht, die sanierungsbedürftigen Gebäude zu restaurieren und die traditionsreiche Industrie- und Wohnanlage neu zu beleben. Dabei will man sorgsam vorgehen, um die Atmosphäre des Parks zu erhalten und auch die Interessen des Denkmalschutzes zu wahren.
Wie geht es weiter mit dem Bata-Park?
Seit 2009 ist das Bata-Areal im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung aufgeführt. Doch es soll wieder mehr sein als eine Ansammlung historischer Gebäude, die von einer vergangenen Industrieepoche erzählen. Bei der schrittweisen Restaurierung soll ganz im Sinne von Tomáš Baťas ursprünglichem Konzept vorgegangen werden. Das Ziel ist die Renaissance eines Geländes, auf dem Menschen in schöner und erholsamer Umgebung arbeiten und wohnen.
In den Wohnhäusern des Bata-Areals leben nach wie vor zahlreiche Menschen, darunter viele Familien. Die Backsteinbauten mit den flachen Dächern bieten aus heutiger Sicht weder überdurchschnittlich viel Platz noch besonderen Wohnkomfort. Das schön angelegte Umfeld mit seinem alten Baumbestand, den Sträuchern, grossen Wiesen und Grünflächen gleichen diesen Mangel jedoch zumindest teilweise aus – und in Zukunft soll er durch die schonende Renovierung und Modernisierung vollends verschwinden.
Sämtliche Planungsschritte und Massnahmen werden von Experten aus Heimatschutz und Denkmalpflege begleitet. Von der Restaurierung sollen zuerst die Gewerbe- und dann die Wohngebäude profitieren. Explizit denkmalgeschützt sind die beiden dreigeschossigen Fabrikgebäude und das Wohlfahrtshaus des Bata-Parks. Die Besitzerin, die Jakob Müller AG, fühlt sich ebenfalls der Idee aus den 1930er Jahren verpflichtet – der harmonischen Verbindung von Arbeiten und Wohnen.
Die Gemeinde Möhlin hat abermals Grund zur Freude über die neuen Pläne für das Fricktal. Der Geist des Bata-Parks wird erhalten bleiben, und eine gute, alte Geschichte soll zu neuem Leben erweckt werden. Die Einwohner von Möhlin schätzen den Bata-Park wegen seiner Schönheit und auch als Industriedenkmal. Und die damals schon fortschrittliche Firmenarchitektur hat heute noch Vorbild- und Beispielcharakter: Regelmässig sind Architekturstudenten in Möhlin zu Gast, um die historische Anlage zu besichtigen, zu fotografieren und zu bewundern.
Übrigens: Den Bata-Konzern gibt es immer noch. Sein Hauptsitz befindet sich in Lausanne, eingetragen ist das tschechische Unternehmen aber in Luxemburg. Weltweit gibt es 4‘600 Bata-Schuhläden, und das Unternehmen beschäftigt heute rund 30‘000 Mitarbeiter an 40 Produktionsstätten in 26 Ländern.
Artikelbild: © Andreas Schwarzkopf, Wikimedia, CC