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Hier also das Credo von Thomas Sydenham:
"Ich habe nie einen Patienten anders behandelt als
wie ich in seiner Lage von meinem Arzt hätte behandelt werden wollen."
Präzis bringt dieser Satz in wenigen Worten alles zusammen, was den Arzt von einem Mediziner unterscheidet. Als Mediziner verfügt man über ein umfangreiches, Cochrane-taugliches, wissenschaftliches Wissen und wendet es bestmöglich auf seine Patienten an. Ein Arzt ist weit mehr. Natürlich ist er auch Mediziner, aber als Arzt lässt er sich – dosiert – mitmenschlich einfühlend in das Leiden seiner Patienten ein, und sein Handeln leitet sich aus dieser "Resonanz" ab. (Somit ist ein Arzt sicher nicht das, was die heutigen Gesundheitsökonomen absurderweise aus ihm machen wollen: ein gewöhnlicher Leistungserbringer für gewöhnliche Leistungsbezüger …)
Wer sich als Arzt1 auf Sydenhams Ethik einlassen will, muss sich als Erstes mit bedingungsloser Ehrlichkeit der Frage stellen, was der Patient wirklich von ihm braucht und erwartet. Da reicht es nicht, einfach den Patienten danach zu fragen. Denn vieles – häufig das Wichtigste – ist er gar nicht in der Lage zu formulieren. Die Antwort dazu muss der Arzt also in sich selber suchen. Sydenhams Satz liefert dafür einen sicheren Schlüssel: die Identifikation mit der Lage des Patienten. Was auf den ersten Blick als einfach zu lösende Aufgabe aussieht, erweist sich schnell als vielschichtiges Problem.
Die Lage eines Patienten erklärt sich nämlich nicht nur aus dem Namen seiner Krankheit, sondern aus seinem Kranksein, dem damit verbundenen Leiden und den krankheitsbezogenen Ängsten. Naturgemäss verändert und verzerrt Krankheit auch Wahrnehmung und Kognition, sei es aus organischen Gründen oder als "Negativtrance", was für den Patienten eine rationale Einschätzung seiner eigenen Lage einschränkt. Dazu kommt, dass parallel dazu die Position des Hilfesuchenden zwangsläufig im Patienten weitere Emotionen weckt, insbesondere eine zweite, personenbezogene, auf den Arzt gerichtete Art von Angst, die durch Ausgeliefertsein und Abhängigkeitsgefühl bedingt wird. Diese Angst weiss sich oft sehr gut hinter "unsympathischen" Fassaden wie Misstrauen, Passivität, Non-compliance oder Arroganz zu verstellen. Diese wirken nicht als primäre Aktivatoren ärztlicher Empathie …
Es gibt auch Faktoren im Arzt selber, welche das Erfassen der Lage des Patienten behindern: starre Vorstellungen, wie ein "guter" Patient sich zu verhalten hat, oder theoretische Denkvorgaben, die er für richtig hält, die aber der realen Situation nicht unbedingt gerecht werden, oder unbewusste, eigene Angst vor der Krankheit des Patienten, oder andere berufsbedingte oder persönliche Sichteinschränkungen. Er kann sich auch je nach dem in der Beziehung zum Patienten verletzt fühlen, wenn dieser ihn nicht so positiv sehen will, wie er möchte. Immer läuft er dann Gefahr, sich von Illusionen über sein Gegenüber irreleiten zu lassen, letztlich um sich zu schützen.
Ganz so locker und selbstverständlich läuft für den Arzt die Identifikation mit der Lage des Patienten also nicht, insbesondere wenn er diesen Zustand nicht aus eigener Erfahrung selber kennt. Er muss sich dann rein auf seine Phantasie verlassen, was dann seine wissenschaftliche Identität wiederum irritieren kann. Als wundervolles Hilfsmittel hierfür drängt sich förmlich die … Hypnose auf!
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1 dasselbe gilt logischerweise auch für Therapeuten