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Die Einführung in die Werke des Künstlers der vorliegenden Ausgabe der «Schweizer Monatshefte» muss für diesmal auf den unmittelbaren Eindruck einer persönlichen Begegnung verzichten. Kurz bevor ein mögliches Treffen ins Auge gefasst werden konnte, starb Robert Müller am 15. Oktober 2003 83jährig in seinem Haus in Villiers-le-Bel, nahe Paris. So bleibt auf dieser Seite Raum, um einige biographische Daten zusammenzutragen und sie den Druckgraphiken gegenüberzustellen, die in dieser Ausgabe abgebildet sind.
Robert Müller, geboren 1920 in Zürich, trat nach dem Besuch der Handelsschule in das Atelier der Bildhauerin Germaine Richier in Zürich ein. Ab 1947 verbrachte er einige Zeit in Genua – «nicht der Kunst, sondern des üppigen Lebens wegen», wie er sich gerne zitieren lässt – und übersiedelte 1949 mit seiner Familie nach Paris, später nach Villiers-le-Bel. Schon als Mittdreissiger erhielt er höchste Anerkennung und festigte seinen Ruf, mit dem er in die Kunstgeschichte eingehen sollte: als einer der «fraglos grossen Bildhauer des letzten Jahrhunderts», als «Zürcher internationalen Formats», als der «Eisen-Müller», der zusammen mit den Schweizer Künstlern Bernhard Luginbühl und Jean Tinguely die moderne Eisenplastik geschaffen hatte. Doch ist er, anders als diese, im kollektiven Bewusstsein der Gegenwart weit weniger präsent und das, obwohl seine Skulpturen in den grossen Museen der Welt zu finden sind. Dies mag sich mit historischen Zufälligkeiten erklären lassen, vor allem aber liegt das Vergessen wohl auch daran, dass er den Erwartungen des kommerziellen Kunstbetriebs nicht länger entsprach, als er Material und Ausdrucksmittel radikal, endgültig und für den Blick Aussenstehender unerwartet wechselte. «L’Orgue», seine letzte Skulptur in bekannter Manier, entstand 1966; hier soll er noch einmal nach langem Ringen dargestellt haben, was ihm in dieser Technik möglich war. Fortan versuchte er andere Möglichkeiten auszuschöpfen, um sein Erleben zur Darstellung zu bringen.
1975 folgte dann der Schnitt, der ihn ins Elementare, in den Urgrund der Anfänge zurückwarf und ihn zwang – oder besser: ihm erlaubte, oder gar: ihn bekehrte –, «von Grund auf neu buchstabieren, alphabetisieren zu lernen», wie es sein Freund und Kritiker Paul Nizon ausdrückte. Während eines Aufenthaltes in Sizilien erfuhr Robert Müller solch eine starke psychische Krise, dass er hospitalisiert werden und – als ein Maler des Art brut – wieder neu zu malen lernen musste. Alle die in dieser Ausgabe abgebildeten Druckgraphiken sind nach dieser Zeit datiert. Auf den Seiten 14 und 37 finden sich farbige Holzschnitte, die wie eine Auflösung und erneute – versuchsweise – Vermengung der Einzelteile der explizit dargestellten Liebesakte des Zyklus «13 fois elle et moi» von 1973 betrachtet werden können. Die Bilder auf den Seiten 36 und 37 entstammen dem «kretischen Stil», zu dem er während regelmässiger Aufenthalte in Kreta nach 1975 fand. Hier, wie auch auf den Bildern der Seiten 59 und 65 findet sich der archaisch elementare Ausdruck, genährt von der vitalen Quelle der Erotik, für den Robert Müller von den Kennern seines zeichnerischen und graphischen Werkes bewundert wird.
Ein Nachruf auf Robert Müller findet sich auf den Seiten 46 und 47 dieser Ausgabe.