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Erich Hackl über die Krise der spanischen Tageszeitung «Público»
In den nächsten Wochen entscheidet sich das Schicksal der spanischen Zeitung «Público», die Anfang des Jahres ihre Insolvenz bekannt geben musste. Schon vergangenen Dezember wurde zehn Prozent ihrer Belegschaft gekündigt. Die verbliebenen 158 MitarbeiterInnen erhalten seit sechs Wochen weder Lohn noch Honorar.
Mit Ausnahme der baskischen «Gara» ist «Público» die einzige linke Tageszeitung des Landes. Gegründet wurde sie im September 2007 von Jaume Roures, dem Hauptaktionär des Konzerns Mediapro. Der frühere Trotzkist wollte ein Gegengewicht zur liberalen Tageszeitung «El País» schaffen, die immer unverhohlener die Interessen grosser nationaler Unternehmen und Banken (und des eigenen PRISA-Konzerns) vertritt. Dabei ist es «Público» von Anfang an gelungen, moderate und radikale Positionen miteinander zu vereinbaren. Wenn man vom Kulturteil absieht, der genauso marktkonform, nur weniger umfangreich ist als der der bürgerlichen Presse, ist «Público» über den Status der Zweitzeitung hinausgewachsen, die man sich hielt, um etwas über die von den hegemonialen Blättern totgeschwiegenen sozialen Kämpfe zu erfahren. Ihr Elend lag und liegt darin, dass sie in Aufmachung und Kürze der Artikel auf ein junges Publikum gesetzt hat, das sich jedoch kaum für Druckmedien interessiert; es bezieht seine Information gratis aus dem Internet.
Dieser Widerspruch zeigt sich auch daran, dass die Initiative zur Rettung der Zeitung zum überwiegenden Teil von Leuten getragen und unterstützt wird, die über fünfzig Jahre alt und von einem traditionellen linken Kulturverständnis geprägt sind. Das zweite Problem besteht darin, dass die Zeitung nicht im Aufwind einer sozialen Bewegung entstanden ist, sondern gleichsam von oben, als professionelles Produkt zur Unterstützung eines sozialdemokratisch inspirierten Reformkurses, der kläglich geendet hat. Drittens unterliegt «Público» de facto einem Anzeigenboykott; die Annoncen, die die Zeitung in der Anfangszeit akquirieren konnte, sind ihr durch die rechten Wahlsiege in den bis dahin sozialistisch regierten Regionen und durch die Wirtschaftskrise verloren gegangen. Obwohl «Público» täglich 87 000 Exemplare verkauft, ist die Schuldenlast so auf über zwanzig Millionen Euro angestiegen. Mindestens sechs Millionen wären erforderlich, um den Fortbestand der Zeitung für das laufende Jahr zu sichern. Die anvisierte Lösung besteht darin, möglichst viele LeserInnen als KleinaktionärInnen zu gewinnen – jene «alte Linke» also, die Roures als vernachlässigbare Grösse ansah.
Der Publizist Miguel Romero hat in der Zeitschrift «Viento Sur» davor gewarnt, das Scheitern von «Público» als eine Art Frontbegradigung zu begrüssen. «Wäre eine andere Tageszeitung auf kooperativer Basis und mit einer stärkeren Linksorientierung vorzuziehen? Meiner Meinung nach ja. Aber im Moment gibt es nur diese, und sie ist keineswegs zu verachten. In keinem anderen Land gibt es eine Zeitung mit dem politischen Pluralismus und der Verbreitungsdichte von ‹Público›. Vielleicht werden wir sie in ein paar Wochen oder Monaten sehr vermissen.» Und er fügt hinzu: «Die drohende Gefahr ihres Verschwindens hat den Beigeschmack der politischen Niederlage.» In der Tat wäre zu einem Zeitpunkt, an dem das Land wirtschaftlich und politisch aus den Fugen gerät, nichts so schlimm wie der Verlust einer oppositionellen Zeitung.
Der Schriftsteller Erich Hackl lebt in Madrid und Wien.