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500 Jahre Bibelübersetzung
«Dem Volk aufs Maul geschaut»
1522 ereignete sich ein Stück Weltgeschichte, das die europäische Gesellschaft und die europäische Politik veränderte. Rechtzeitig zur Buchmesse in Leipzig lieferte Martin Luther das «Neue Testament» in deutscher Sprache ab. Die 3000 Exemplare des «Septembertestamentes» waren sofort vergriffen, obschon das Buch so viel wie zwei Ochsen kostete.
Luther war nicht der Erste
Deutsche Übersetzungen der Bibel gab es schon einige im Spätmittelalter, Auch die Bibelübersetzung des Schweizers Huldrych Zwingli erschien früher als jene von Luther. Trotzdem wurde Luthers Bibel wurde zum Verkaufsschlager. Der Erfolg verdankte sich verschiedenen Faktoren: dem Buchdruck, der für die rasche Verbreitung sorgte. Oder Luthers Sprachgewalt und Volksnähe.
Luther orientierte sich an der Alltagssprache der gemeinen Leute. Er drücke sich aus, sagte der Reformator, «wie die Kinder auf der Gasse, wie der Mann auf dem Markt oder wie die Mutter im Hause». Lange Zeit galt Luther als Vater der deutschen Sprache. Noch heute sind seine Redewendungen wie «Das Licht nicht unter den Scheffel stellen», «die Perlen vor die Säue werfen», «der Wolf im Schafspelz» oder «aus dem Herzen keine Mördergrube machen» geläufig. Auch Wörter wie Lückenbüsser, friedfertig, Langmut, Morgenland oder Lästermaul stammen aus seiner Feder.
Papsttum als Hure Babylon
Hinzu kam, dass in der Umbruchszeit des 16. Jahrhunderts die Stimmung in der Bevölkerung aufgeheizt war. Der Augustinermönch Luther war weitum bekannt, hatte er doch dem Papst und dem Kaiser die Stirn geboten. Der Kreis um Luther befeuerte den Konflikt zusätzlich. Lukas Cranach, der die «Septemberausgabe» mit Holzschnitten bebilderte, setzte der Hure Babylon die Tiara auf. Das Volk verstand den Wink mit der Papstkrone.
Auf dem Rückweg von Worms liess der Kurfürst von Sachsen Luther auf die Wartburg entführen. Dort übersetzte Luther das Neue Testament aus dem Griechischen. Nur elf Wochen brauchte er, auch weil ihn Helfer wie Philipp Melanchthon dabei unterstützten. Luthers Glück war, dass ihm der griechische Text, den Erasmus von Rotterdam 1516 in Basel publiziert hatte, vorlag. Diese Ausgabe war um Meilen besser als die lateinische Vulgata.
Das Bibelwissen geht verloren
1522 hätte eigentlich das Jubiläumsjahr zur Luther-Übersetzung werden können. Doch die Feierlichkeiten fielen aus. Der Bibellesebund erklärt dies auf Anfrage damit, dass die grossen Luther-Feiern schon 2017 stattgefunden haben, anlässlich des Thesenanschlags. Die Schweizerische Bibelgesellschaft meint, dass sich die breite Öffentlichkeit nicht für solche speziellen Themen interessiere. Ausserdem fehle heute weitgehend das Bewusstsein für die Bedeutung der Bibel in der Gesellschaft, sagt Benjamin Doberstein, Geschäftsführer der Schweizer Bibelgesellschaft. Vergessen werde, wie stark ihre Botschaft auch heute die Menschen präge. Die christlichen Grundwerte seien nach wie vor vorhanden. «Vor 20 Jahren wussten die Leute, was in der Bibel steht, und konnten den Bezug herstellen.» Etwa zu der Erklärung der Menschenrechte, die darauf zurückgehen, dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist. «Diese Aussage begründet die Würde jedes Menschen», erklärt Doberstein. Beeindruckt hat ihn die grosse Solidarität der Schweiz mit den Flüchtlingen. Auch dies sei eine der zentralen Forderungen Jesu. Nur wüssten dies viele heute nicht mehr.
Tilmann Zuber, kirchenbote-online