Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03209.jsonl.gz/1775

forlaufend
637
der Zeit verhinderten aber die Ausführung, und die polit. Stürme und Kämpfe unter seinen Nachfolgern sowie der Zustand der Kirche hemmten nicht nur den Fortschritt, sondern veranlaßten auch den Verfall der meisten von den zahlreichen S., die unter Karls d. Gr. Regierung in allen Teilen des großen Frankenreichs gegründet worden waren. Nur für die Bildung der Geistlichen und der vornehmern Stände war in den Klosterschulen durch Unterricht im Lesen, schreiben, Eingen, Latein, mitunter auch in einigen andern Wissenschaften notdürftig gesorgt.
Für die Bildung der Jugend des Volks wurde nichts gethan. Dieser Zustand blieb bis zum 12. und 13. Jahrh., wo die Städte polit. Wichtigkeit erhielten und Handel und Gewerbfleiß aufblühten, so daß das Bedürfnis der Bildung auch im Bürgerstande erwachte. In den Städten wurden neben den kirchlichen Bildungsanstalten auch S. gegründet, die aber meist nur das Lesen, Schreiben und Rechnen, höchstens die lat. Sprache [* 2] in ihren Unterricht aufnahmen. Die niederdeutschen Schreibschulen, die aus dem Bedürfnis der Kaufleute hervorgingen und als rein bürgerliche Institute frei von kirchlichem Einfluß waren, können als die ersten Anfänge deutscher Bürgerschulen betrachtet werden. Im 14. Jahrh. gingen durch Geert Groot und die geistliche Brüderschaft des gemeinsamen Lebens von Holland mächtige Anregungen aus zur Bildung des Volks durch S., während in Italien [* 3] durch die sog. Wiederherstellung der Wissenschaften die höhern Studien eine neue Anregung und Grundlage erhielten und eine neue Gestaltung des höhern Schulwesens vorbereitet wurde.
Von jetzt an entstanden bis zum Anfang des 16. Jahrh. viele neue S., in denen der Geist des klassischen Altertums sich geltend machte. Sie waren aber entweder nur Privatunternehmungen einzelner Männer, oder ihre Wirksamkeit beruhte doch ganz allein auf persönlicher Tüchtigkeit. Das Schulwesen war noch kein Gegenstand der staatlichen Fürsorge. Auch die niedern S. mehrten sich, beschränkten sich aber nach den Verhältnissen der Zeit nur auf die Mitteilung der notdürftigsten Bildung.
Ihre Lehrer waren größtenteils unwissend, zogen oft von einem Orte zum andern, genossen wenig Achtung und wurden schlecht bezahlt. Wie in dem Gewerbswesen bildete sich unter den Lehrern eine Abstufung nach Meistern und Gesellen im Sinne des Zunftwesens und ein Zunftgeist aus, und wie die Lehrer, so zogen auch Schüler (fahrende Schüler oder Bachanten) von einer Schule zur andern, wobei sie nicht nur unwissend blieben, sondern auch meist zu sittlicher Roheit herabsanken. Da trat mit der Reformation ein Wendepunkt im Schulwesen ein.
Die neue Kirche mußte ihrem ganzen Wesen nach in der verbesserten Jugendbildung eine Stütze suchen. Daher sprachen die Reformatoren, namentlich Melanchthon, den schon seine Zeit den Praeceptor Germaniae nannte, für Verbesserung vorhandener und Anlegung neuer S. Die frühern Anfänge eines Volksschulwesens erhielten nun Befestigung und weitere Ausbildung. Auch die Schulbildung des weiblichen Geschlechts wurde ins Auge [* 4] gefaßt. Die neuen Kirchenordnungen, die überall eingeführt wurden, empfahlen die S. der allgemeinen Fürsorge, und nach dem Muster der von Melanchthon in dem «Unterricht der Visitatoren» für die Einrichtung der S. gegebenen Vorschriften wurde der Unterricht fast in allen prot.
Ländern angeordnet. Während die höhern S. bald einen Aufschwung nahmen, ging es freilich mit dem Volksschulwesen nur sehr langsam vorwärts. Unter den Protestanten haben sich um das Schulwesen der damaligen Zeit, außer Melanchthon, große Verdienste erworben: für die S. überhaupt, besonders die allgemeinen S., Joh. Bugenhagen (im Norden), [* 5] Joh. Brenz (im Süden); für die höhern S. Johannes Sturm, Val. Friedland, gewöhnlich Trotzendorf genannt, Michael Neander, Nik. Hermann, später im 17. Jahrh. Ratich, Comenius u. s. w. Die kath. Christenheit blieb in dem Eifer für die Verbesserung des Schulunterrichts nicht zurück, und die Jesuitenschulen (s. d.) erlangten Berühmtheit.
Die Volksschule nach jetzigen Begriffen, die sich der Erziehung und Bildung eines jeden einzelnen Kindes annimmt, war indes dem ganzen Mittelalter, sogar der Reformationszeit noch fremd. Sie ist durchaus ein Produkt des 18. und 19. Jahrh. Gegen das Ende des 17. Jahrh. und im 18. bildete sich nach und nach die Ansicht aus, daß die Sorge für die S. eine Verpflichtung der weltlichen Regierung sei. Die Begründung von Schullehrerseminarien, seit der Mitte des 18. Jahrh., mußte besonders dem Volksschulwesen den größten Vorschub leisten; wichtige Anfänge wurden unter Friedrich Wilhelm I. in Preußen [* 6] gemacht.
Die schulreformatorischen Bestrebungen Basedows (s. d.) und seiner Anhänger riefen endlich eine allgemeine und für die Fortbildung der S. höchst einflußreiche geistige Bewegung hervor (s. Philanthropie), und die wiedererwachte Philosophie verbreitete gleichfalls über den Unterricht bessere Ansichten. Außerdem war der Einfluß der Pietisten (Spener und Francke) auf die Entwicklung des deutschen Schulwesens höchst bedeutend. Mit dem Anfang des 19. Jahrh. wurden allmählich aus frühern Zeiten bestehende lateinische S. in deutsche Bürgerschulen umgewandelt.
Auf die Hebung des Volksschulunterrichts und dessen Methode hatten die Bestrebungen Pestalozzis (s. d.) wesentlichen Einfluß. In Deutschland [* 7] ist der Schulbesuch obligatorisch (s. Schulzwang); daher müssen alle Kinder vom 6. bis 14. Lebensjahre, wenn sie nicht anderweit den entsprechenden Unterricht erhalten, die Volksschule besuchen, wo sie in der Religion, im Lesen und Schreiben, im Rechnen, in den Elementen der Raumlehre, den wichtigsten Realien (Geschichte, Geographie, Naturkunde), im Singen und Turnen die Mädchen auch in Nadelarbeiten unterrichtet werden. (S. auch Deutschland und Deutsches Reich, Unterrichtswesen, Bd. 5, S. 156.) - Über das Schulwesen in deutschen und nichtdeutschen Staaten s. außerdem die Abschnitte Geistige Kultur und Unterrichtswesen bei den einzelnen Staaten. - (S. auch Deutsche Schulen im Auslande.) [* 8] - Zur Litteratur über S. s. Erziehung und Unterrichtswesen. Schulenburg, von der, altes Adelsgeschlecht der Mark Brandenburg, seit 1187 in Urkunden genannt, dessen nachweisliche Stammreihe mit dem Ritter Werner II. (1280-1304) beginnt. Dessen Söhne, Dietrich und Werner, stifteten die beiden noch jetzt blühenden Hauptlinien des Geschlechts, nämlich ersterer die Schwarze, letzterer die Weiße. - A. Die Schwarze Linie besteht aus dem seit 1734 und wieder seit 1816 gräfl. Hause Lieberose, mit erblichem Sitze im preuß. Herrenhause, und dem adligen Hause Priemern. Gegenwärtiges Haupt derselben ist Graf Dietrich von der S., geb. B. Die Weiße Linie teilt sich in zwei Hauptlinien.
1) Die ältere Weiße Linie wurde 1728 in ¶