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Eveline Hasler spürt in ihrem neuen Buch der Freundschaft von Hugo Ball und Emmy Hennings mit Hermann Hesse nach.
Die schönsten Momente ihrer Freundschaft erlebten die drei SchriftstellerInnen auf der Steintreppe hinter dem Haus, das Hugo Ball (1886–1927) und Emmy Hennings (1885–1948) in Agnuzzo bewohnten. Hier sassen sie mit Hermann Hesse (1877–1962) an warmen Sommerabenden, blickten in den Garten und auf den Luganersee, über dem sich der Sonnenuntergang in allen Farben inszenierte. Sie erlebten den Anblick wie ein Bühnenbild für das Schauspiel ihrer Seelen: Magie in die Wirklichkeit zu projizieren, war die grosse Fähigkeit von Hesse und das poetische Zelebrieren des Innenlebens die Kunst der Zeit.
Seit 1917 lebten Ball und Hennings im Tessin. Sie hatten harte Jahre hinter sich und kaum Geld zur Verfügung. In der italienischen Schweiz sei das Leben billiger, sagte man ihnen in Zürich. In der Limmatstadt gehörte das Paar zu den ProtagonistInnen der Dada-Abende im Cabaret Voltaire: Hennings, die Diseuse, bezauberte das Publikum mit ihren Liedern, Ball sass am Klavier oder trat im kubistischen Pappkostüm mit seinen Lautgedichten auf. Aber nach einigen Monaten schien den beiden diese Art von Protest gegen den Krieg verbraucht. Sie wollten sich zurückziehen aus der Hektik der KünstlerInnenwelt, in der Hennings drogensüchtig geworden war. Sie wollten zur Ruhe kommen und schreiben.
Der Hang zur Weltflucht
Eveline Hasler lebt selbst im Tessin und hatte dort Heiner Hesse (1909–2003), den Sohn und Nachlassverwalter von Hesse – als direkte Quelle – zum Nachbarn. Sie zeichnet in ihrem Roman die schwierige Existenz der drei SchriftstellerInnen nach. Die idyllischen Momente auf der Steintreppe waren die Ausnahme. Obwohl alle drei in diesen Jahren zur Weltflucht tendierten, wurden sie von der Wirklichkeit eingeholt.
Hugo Ball arbeitete an einem Buch über byzantinische Heilige, das ihm Anerkennung, aber kein Geld einbrachte. Dieses verdiente er sich mühsam, indem er die musikalischen Einfälle des genialen Söhnchens von Charles Brown, dem Gründer des Badener Elektrotechnikunternehmens Brown Boveri, in Noten setzte. Emmy Hennings schrieb über ihr Leben. Als Schauspielerin und Variété-Sängerin schlug sich die Flensburgerin durch Deutschland, schlief sich durch die Münchner Boheme und ging in schlechten Zeiten auch auf den Strich. Davon erzählt sie in «Brandmal», das 1920 erschien. Vor allem aber war Hennings Lyrikerin, und dem schönen Buch von Hasler wäre höchstens vorzuwerfen, dass sie zu selten aus den Gedichten der Hennings zitiert, die so modern anmuten: «Ich bin so vielfach in den Nächten. / Ich steige aus den dunklen Schächten. / Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein ...»
Der Fokus auf das Private
Hesse, der die darbenden Balls immer wieder grosszügig unterstützte, erlebte in jenen Jahren das Desaster seiner zweiten Ehe mit Ruth Wenger, der reichen Basler Bürgertochter. Zum aufmerksamen und geselligen Ehemann war er nicht geeignet, er stürzte in Depressionen. Umso mehr erfreuten ihn die Briefe von Emmy Hennings, die es neben ihrem asketischen Hugo Ball nicht mehr ausgehalten hatte und allein in Italien herumreiste. Er korrespondierte mit Ball über diese Briefe, so hielt sich das Freundschaftsdreieck über die Trennung hinweg.
Es liegt am Ansatz von Haslers Geschichte dieser Freundschaft, dass sie die drei Personen eher von der privaten Seite zeigt und ihr künstlerisches Wirken nur streift. Am meisten erfährt man über Hugo Ball, der sich vom Zeitkritiker, Bakunin-Spezialisten und Dadaisten zum gläubigen Religionshistoriker entwickelte. Kurz vor seinem Tod, 1927, wurde er noch zum Biografen seines Freundes Hermann Hesse.
Hasler spürt sensibel und zurückhaltend diesen Freundschaften nach und wertet nicht. Beim Lesen drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die besondere Einsamkeit der Emmy Hennings darin bestand, dass sie einen Mann liebte, der seine Homosexualität bekämpfte und sich deswegen als einsamer Asket am wohlsten fühlte.