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Buchtitel: Cox oder Der Lauf der Zeit
Autor: Christoph Ransmayr
Jahrgang: 1955
Nationalität: AT
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: S. Fischer – Frankfurt am Main
Seiten: 302
Der Kaiser von China, mächtig und unsichtbar zugleich, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Kunstwerke soll er schaffen, die über die Zeit triumphieren. Cox und seine Gehilfen sind konfrontiert mit einer fremden Welt, deren Funktionsweise sie nicht verstehen können, eine Welt, in der es im Sommer schneit, wenn der Kaiser es so will, eine Welt, in der die Überreste der öffentlich Gemarterten von Krähen verzehrt werden, während der Kaiser im Morgenmantel Gedichte rezitiert. Cox ist derweil gefangen in sich selbst und seinen Erinnerungen an die tote Tochter und die erloschene Ehefrau daheim in London. Es ist ein historischer Roman, der ohne Jahreszahlen auskommt. Ein Buch über die grossen Themen: Macht, Sehnsucht und Vergänglichkeit.
Pro
«Die Liebe des Kaisers verwandelt selbst ein dürres Blatt, das aus einer Baumkrone herabtanzt und in einer den Himmel spiegelnden Pfütze zu einem vom Wind bewegten Rettungsfloss für einen ertrinkenden Käfer wird, in ein Kleinod (...).»
Ransmayr bedient sich einer wundervollen, detaillierten und bildhaften Sprache. Mit schier endlosen Sätzen wird die Atmosphäre in der Verbotenen Stadt, in der Werkstatt der englischen Uhrenmacher sowie im Reich Chinas in aller Deutlichkeit beschrieben und gleichsam fühlbar. Der riesige Hofstaat des Kaisers folgt exakten Abläufen und Geboten, um eine gewaltsame und totbringende Bestrafung zu vermeiden. Der Leser erfährt von grausamen Hinrichtungen und Bestrafungen. Doch der Kaiser an sich wird kindlich, ja freundlich beschrieben. Man gerät ins Grübeln: Die geschilderte Grausamkeit kann doch nicht vom Kaiser ausgehen? Der Kaiser ist sowohl der Herrscher über China als auch der Herrscher über den Lauf der Zeit, er bestimmt wann der Sommer endet. Auch Schneeflocken können diese Entscheidung nicht beeinflussen. Zeit erscheint auf einmal relativ und erfährt eine individuelle Definition.
Christoph Ransmayrs neustes Werk «Cox oder Der Lauf der Zeit» bietet sowohl das Abtauchen in die fernöstliche Welt als auch eine anregende Auseinandersetzung über die Zeit. Der Leser vermutet sich teilweise selber als Mitglied des immensen Hofstaats und ist versucht die Augen vor Untertänigkeit zu senken, sobald der Kaiser die Szenerie betritt. Diese Bildhaftigkeit ist es schliesslich auch, die einen in die Welt des chinesischen Reiches zieht und die Zeit um sich herum vergessen lässt.
Wibke
ContraZugegeben: Das Buch von Christoph Ransmayr ist nicht schlecht. Damit wäre allerdings auch schon alles Positive darüber berichtet. Trotz einer vielversprechenden Erzählanlage – europäische Spitzenhandwerker als Fachkräfte am chinesischen Kaiserhof der Frühen Neuzeit – gelingt dem Auto kein grosser Plot. Die Figuren und deren Geschichten selbst bleiben oberflächlich, das Thema «Zeit» schwammig und verwirrend. Ob es die fantastischen Uhrwerke tatsächlich in Ansätzen gegeben hat, spielt letztlich keine Rolle, denn auch sie bringen keine philosophischen oder weiterführenden Gedanken zu einer durchaus spannenden Thematik. So bleiben leider nicht viel mehr als ein paar stilistisch fragwürdige Sätze haften: «Die Liebe des Kaisers verwandelt selbst ein dürres Blatt, das aus einer Baumkrone herabtanzt und in einer den Himmel spiegelnden Pfütze zu einem vom Wind bewegten Rettungsfloss für einen ertrinkenden Käfer wird, in ein Kleinod (...).» Wenn mir als Leser einzig übrig bleibt, aus dem Buch zu ergründen, die Zeit sei relativ, kommt mir das reichlich chinesisch vor.
Markus