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Volunteereinsatz bei Babushka Adoption in Bishkek
„Du arbeitest also noch bis zum 25. Mai für Babushka Adoption fragt mich Jamil und blick mich mit grossen traurigen Augen an. „Dabei haben wir doch soeben Freundschaft geschlossen“. Jamils Atem geht schwer, sein Asthma macht ihm bei den frühlingshaften Temperaturen zu schaffen. Wir sitzen zusammen am kleinen Tisch in seiner Küche, vor mir ein türkischer Kaffee mit Salz, hinter mir die fleckige Tapete mit russischen Blumenmustern. Jamils angestrengtes Atmen bestimmt das Tempo unserer Diskussionen über Gravitationskraft, Lichtgeschwindigkeit und Frequenzwellen. Der 65jährige war jahrelang Ingenieur beim sowjetischen Staatsfernsehen bevor das kommunistische Riesenreich in seine Einzelteile oder „-stans“ zerteilt wurde, seine Frau sich von ihm trennte und sich seine ehemaligen Arbeits- und Studienkollegen in alle Winde zerstreuten. Geblieben sind ihm eine winzige Einzimmerwohnung in einer Plattenbausiedlung und die minimale Rente von 55 Euro, mit welcher er sich nicht einmal die dringend benötigten Medikamente leisten kann. Seine Nachbarin hat ihn bei „Babushka Adoption“ angemeldet und somit wird er wöchentlich von einer Sozialarbeiterin – oder in meinem Fall von einem Freiwilligenhelfer – besucht. Er ist einer der beinahe 1‘000 adoptierten Babushkas (Grossmütterchen) oder Dedushkas (Grossväterchen), welche von der monatlichen Unterstützung von 10 Euro profitieren. Manchmal gibt es einen Sack Reis oder Linsen dazu. Vielleicht einen Wollpullover. Vielleicht auch nichts.
Die Stiftung „Babushka Adoption“ hat zum Ziel, die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern und diesen ein Altern in Würde zu ermöglichen. Die Stiftung unterstützt hilfsbedürftige Senioren finanziell, fördert deren soziale Integration und vertritt die Interessen der älteren Bevölkerung in der kirgisischen Öffentlichkeit. Die Stiftung fördert Selbsthilfegruppen, die den Senioren ermöglichen, zusammen für ihre Rechte einzustehen und ihre Chancen zu verbessern.
Durch den Zerfall der ehemaligen Sowjetunion sind zahlreiche alte Menschen in Kirgistan durch das soziale Netz gefallen. Kollektive Landwirtschaftsbetriebe, sogenannte Kolchosen, mussten den Betrieb aufgeben, Institutionen für die Betreuung älterer Menschen wurden geschlossen, Familien zerbrachen an der neuen und unbekannten Situation. „Babushka Adoption“ kümmert sich genau um diese betroffenen Menschen, welche keine Familie oder Verwandte habe, die sie unterstützen und mit einer minimalen Rente leben müssen. Stark betroffen ist vor allem der Bevölkerungsteil mit russischem Hintergrund. Bei ihnen scheint der Familienzusammenhalt weniger gut zu funktionieren als beim Nomadenvolk der Kirgisen.
Sergej ist ein weiterer Dedushka, welcher von mir betreut wird. Er lebt im 4. Stock, sitzt in einem Rollstuhl, hat niemanden mehr in Kirgistan, der in unterstützt. Auch er geht seit Jahren nicht mehr aus dem Haus. Weiss eigentlich gar nicht mehr, wo er genau wohnt in Bischkek. Seine Finger zeigen auf die nackte Betonwand in der Wohnstube, er schüttelt den Kopf. Neben seinem Sofa, welches kürzlich in sich zusammengekracht ist, hängen schwarzweiss Bilder seiner Frau, er daneben stehend, mit Schlaghose und langen Haaren. Zeitzeugen auf Zelluloid aus einer besseren Zeit. Kurz nach der Unabhängigkeit Kirgistans hat seine Frau ihre sieben Sachen gepackt und ist nach Russland gezogen. Kontakt will sie keinen mehr mit Sergej. „Ich will mich doch nicht um einen Invaliden kümmern“, waren ihre Worte nachdem er bei einem Arbeitsunfall an beiden Beinen gelähmt war. Unterhalten kann ich mich nur auf Russisch mit ihm, das heisst mit Händen und Füssen. Oder ich versuche es dann auch in Schweizerdeutsch. Ich habe ihn kürzlich fotografiert und ihm die Bilder geschenkt. Nun hängt neu das Farbfoto eines gebrochenen Mannes neben den kraftstrotzenden Schwarzweiss-Aufnahmen. Vieles hat sich geändert in den letzten Jahren.
Im Büro von „Babushka Adoption“ geht es meist hoch zu und her. Meine Arbeitskolleginnen sind moderne und gut ausgebildete Kirgisinnen. Neben diesen engagierten Frauen hat der Fahrer Murat Ali nicht viel zu melden. Für einmal herrscht in Kirgistan das Matriarchat in der ansonsten doch sehr traditionellen von Männern dominierten Gesellschaft. Die Büroräume sind in einem alten Haus an der Moskovskaya. Russische und kirgisische Wortfetzen fliegen durch die Räume, in den Gängen sind Reis-, Linsen- und Kleidersäcke gelagert. Zwischendurch besucht uns eine Babushka, setzt sich einfach auf einen Stuhl und beginnt zu erzählen. Es fehlt ihr an Wärme in der Wohnung, an Sozialkontakten und ganz einfach an einer Tasse Kaffee.
„Roman. Strastvuje. Komm rein. Kannst Du noch immer kein Russisch“. Der kleine Rahim ist ein Energiebündel. Immer in Bewegung, immer am Plaudern und immer am Lachen. Dabei hat er eigentlich gar nichts zu lachen. Seinen Bandscheibenvorfall merkt man ihm kaum an. Die Tücher, welche er sich um den Bauch bindet, sollen vor den Rückenschmerzen schützen und der Gehstock dient eher zum Rumfuchteln als zur Stütze. Rahim hatte einen Autounfall, dabei hat er Frau, eine Tochter und einen Sohn verloren – der zweite Sohn starb im Krieg in Afghanistan. Wenn ich ihn besuche liegt jedes Mal ein schön gerahmtes Bild seiner Frau auf der Bettdecke in der Wohnstube. Er mag nicht darüber reden.Der Schmerz ist zu gross. Rahim bietet mir immer Brot und Walnüsse mit einem Grüntee an. Er will mich unbedingt bewirten, kann nicht verstehen, dass ich kein Russisch spreche. Er schnellt alle paar Minuten vom Stuhl hoch und tigert in der Wohnung herum. Wie ein eingesperrtes Tier. Die Lebensfreude hat er noch nicht verloren. Und immer wieder die gleiche Frage, während er mit dem Gehstock auf die russig schwarzen und feuchten Wände zeigt. „Wieso muss ich in einer solch erbärmlichen Wohnung leben. Weshalb ist meine Rente so klein, dass ich nur durch die Hilfe von „Babushka Adoption“ einigermassen vernünftig leben kann und warum arbeitest Du überhaupt freiwillig und ohne Lohn?“ Eine Antwort habe ich leider nicht. Aber Rahim freut sich dennoch, wenn ich das trockene Brot und die knackigen Walnüsse geniesse.
Mir macht die Arbeit bei „Babushka Adoption“ grossen Spass, auch wenn es emotional nicht immer einfach zu verdauen ist. Das Ziel der Arbeit ist klar – Spendengelder generieren, oder eben Menschen finden, die bereit sind 150 Euro jährlich für die Adoption einer Babushka/Dedushka auszugeben. 10 Euro werden monatlich direkt an die Bedürftigen ausbezahlt, die restlichen 30 Euro werden für häusliche Pflege, die Bereitstellung von Lebensmitteln und medizinischer Versorgung, die Unterstützung von Selbsthilfegruppen sowie für die Löhne der Angestellten verwendet.
Somit versuche ich Kontakte zu möglichen Sponsoren herzustellen. Das können Privatpersonen sein, aber auch Unternehmen im In- und Ausland. Und so putze ich die Klinken von Fluggesellschaften, Botschaften, Industrieunternehmen, Reisebüros und Entwicklungshilfeorganisationen auf der Suche nach einer offenen Brieftasche. Daneben schreibe ich Artikel für Zeitschriften in der Schweiz und in Deutschland, besuche Selbsthilfegruppen für Rentner, gehe mit staatlichen Sozialarbeitern auf Tour um tiefer in das alltägliche Leben benachteiligter Rentner Einblick zu erhalten. Neben der Geldbeschaffung ist aber auch das Anwerben von Freiwilligenhelfern, sogenannten Volunteers, sehr wichtig. Jede Hand wird gebraucht, sei es für Übersetzungen, Fotografie, einen Sozialeinsatz oder für Webdesign.
Batma kurvt im Schneckentempo um den kleinen Tisch in ihrem winzigen Zimmer. Sie ist seit ihrer Geburt körperlich behindert. Die beiden Beine sind nicht vollständig ausgebildet und ihr Brustkorb ist in sich zusammengefallen. Sie sitzt auf einer kleinen Holzplatte mit vier Rollen, schiebt sich so von Kühlschrank zu Tisch und zur Toilette, welche sich auf dem Gang befindet und mit vier Parteien geteilt wird. Der in die Jahre gekommene Wohnblock diente früher als Wohnheim für Fabrikarbeiter, heute findet man in den kleinen Zimmern Studenten oder Menschen am unteren Ende der Einkommenspyramide. Batma ist eine stolze Frau; durch die grossen Gläser ihrer mit Bändern zusammengehaltenen Brille blickt sie mir direkt in die Augen. Kramt ein speckiges Wörterbuch „russisch-deutsch“ hervor und will mit mir kommunizieren. Sie hat viele Fragen. Es folgt eine alte Landkarte. Darauf entdecke ich Länder wie Rhodesien, DDR oder Zaire – vieles ist heute anders. „Roman, iss. Nimm noch ein Stück Fleisch. Mehr Reis, mehr Reis. Magst Du keine Marmelade? Und Brot? Wieso bist Du so zurückhaltend?“ Der kleine Tisch scheint sich zu biegen, während ich mir vorstelle, wie sich die einzelnen Bissen in meinem Magen wie Pakete in einem Hochregallager stapeln. Beschriftet mit „köstlich“, zugeklebt mit „ich platze gleich“. Batmas Augen leuchten und sie lacht immer wieder lauthals. Während ich meinen Tee geniesse öffnet sie Walnuss um Walnuss, schiebt mir die leicht bitteren Nüsse einzeln über die Tischplatte. Kurz nachdem ich ihr Zimmer verlassen habe und mir die rostigen Gas- und Wasserrohre im düstern Gang den Weg auf die Strasse zeigen wird die Türe hinter mir wieder aufgerissen. Batma hat eine letzte Frage: „Gibt es in der Schweiz auch Walnüsse?“
Zweimal wöchentlich düse ich in meist überfüllten Marschrutkas (kleinen Bussen) durch die Betonsiedlungen der Grossstadt. Versuche den Weg zu den von mir betreuten Dedushkas und Babushkas zu finden. Stolpere durch Basare um eine Abkürzung zu nehmen und geniesse als Zwischenverpflegung ein Glas mit Kohlesäure und Salz durchsetzten Joghurtgetränks. An den restlichen Wochentagen helfe ich im Büro mit, versuche die kulturellen Hindernisse nicht zu beachten und das Zeitgefühl kirgisisch zu interpretieren – oder geniesse ganz einfach die Zeit mit meinen sympathischen Arbeitskollegen.
„Ich bin so glücklich, dass Du da bist“, ergänzt Jamil. Ich denke, alleine schon diese Aussage ist Grund genug mich jeden Morgen auf eine halsbrecherische Fahrt durch den dichten Verkehr in einer nach ungewaschenen Menschen miefenden, überfüllten Marschrutka zu begeben und die einsamen und bedürftigen Alten in den baufälligen Plattenbausiedlungen zu besuchen. Ich bin ja auch glücklich in Kirgistan zu sein. Sehr sogar.