Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03145.jsonl.gz/263

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz das Armenhaus Europas. Zehntausende wanderten aus wirtschaftlicher Not aus. Die damalige Schweiz glich dem heutigen Moldawien. Nichts deutete darauf hin, dass das gebirgige Land dereinst zu den reichsten Nationen der Welt aufsteigen würde. Heute, gut 150 Jahre später, kann die Schweiz auf eine aussergewöhnliche Entwicklung zurückblicken, die umso erstaunlicher ist, als das Land mit verschiedenen Handicaps gegen die internationale Konkurrenz antritt: Die Eidgenossenschaft verfügt über keine natürlichen Rohstoffe wie Öl, Gas oder Mineralien, sie hat keinen direkten Meerzugang, und ihr Binnenmarkt fällt mit gegenwärtig rund 8 Mio. Einwohnern klein aus. Trotz dieser Nachteile zählt die Schweiz heute in vielen Belangen zur Weltspitze. Es gibt kein Land vergleichbarer Grösse, das so viele Topunternehmen aufweist, über eine derart gute Infrastruktur verfügt und weltweit auf so vielen Gebieten einen hervorragenden Ruf geniesst.
Es gibt einige Gründe, weshalb es zu diesem Wirtschaftswunder kam: Tüchtige Menschen trafen auf ein politisches und kulturelles Umfeld, das innovativen Unternehmern Raum zu einer selbstverantwortlichen Entfaltung gab. Der Aufstieg der Schweiz beschleunigte sich vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Land hatte mit einem flexiblen und offenen Arbeitsmarkt, einem exzellenten Bildungssystem, einer funktionierenden Sozialpartnerschaft, einer modernen Infrastruktur und einer vernünftigen Steuerbelastung jene Rahmenbedingungen geschaffen, die für ein prosperierendes Wachstum der Unternehmen optimal waren. Als Standortvorteile erwiesen sich zudem eine haushälterische Finanzpolitik der öffentlichen Hand, dank der die Staatsverschuldung moderat blieb, aber auch eine eigenständige Währungspolitik und natürlich eine insgesamt berechenbare Politik mit einem verlässlichen Rechtsstaat. Auch wenn die Schweiz von zwei Weltkriegen verschont blieb, war es letztlich die Leistungsbereitschaft ihrer Einwohner, die einer Mischung aus asiatischem Fleiss und angelsächsischer Geschäftstüchtigkeit gleichkommt, dank der diese Erfolgsgeschichte geschrieben werden konnte. Ein grosser Segen war schliesslich die so wohl nur in der Eidgenossenschaft zu findende Balance zwischen individueller Selbstverantwortung und genossenschaftlicher Solidarität. Diese Balance hat im Sozialstaat gewisse Übertreibungen zurückgedrängt und zugleich dazu geführt, dass es den untersten Einkommensschichten hierzulande besser geht als anderswo.
Urbanisierung, Demographie und mehr Tempo
Es ist bekanntlich der grösste Feind des Besseren, bereits gut – und damit saturiert – zu sein. Deshalb muss sich in der Schweiz jede Generation von neuem bewusst werden, was die Pfeiler des eigenen Wohlstands sind und wie man dem Wohlstand Sorge tragen kann. Das ist kein leichtes Unterfangen in einer Welt, die sich gerade radikal wandelt und in der sich die wirtschaftlichen Kräfte rund um den Globus verschieben. Am augenfälligsten ist dabei der Aufstieg der Schwellenländer, allen voran China. So werden in der Volksrepublik schon in zehn Jahren mehr Grossunternehmen mit einem Jahresumsatz von über 1 Milliarde Dollar domiziliert sein als in den Vereinigten Staaten oder in Europa. Ausserdem wird gemäss Konjunkturforschern rund die Hälfte des weltweiten Wirtschaftswachstums zwischen 2010 und 2025 von 440 Städten aus Schwellenländern getragen werden; 95 Prozent davon sind kleine und mittelgrosse Städte, von denen viele Menschen in der westlichen Welt wohl noch nie gehört haben dürften.
Neue Technologien bilden einen weiteren Motor globaler Umwälzungen. Von der Erfindung der Dampfmaschine über die Mechanisierung bis zur Digitalisierung von Informationen: industrielle Revolutionen haben immer wieder die Grundfesten von Wirtschaft und Gesellschaft erschüttert und zu einer schöpferischen Zerstörung geführt. Neu ist hingegen, dass das Tempo des Wandels im digitalen Zeitalter stark zugenommen hat. So hängt das weltweite Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre erheblich mit der Digitalisierung zusammen. Profitiert haben beispielsweise die Internetbranche, E-Commerce-Plattformen und die Gaming-Industrie. Entstehen werden ausserdem neue Formen der Energienutzung («Smart Grid»), bisher nicht gekannte Transport- und Logistikmechanismen («Flyable») sowie individualisierte Produkte (3-D-Drucker). Das wird zu neuen Berufsbildern führen, etwa dem des Analytikers, der aus der wachsenden Datenflut die richtigen Schlüsse darüber ziehen kann, wo bei einem Produkt Änderungen vorzunehmen sind. Ähnlich wird wohl jemand den Einsatz neuer Roboter überwachen müssen.
Auch der demographische Wandel wird die Gesellschaft verändern: In Deutschland wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2060 um einen Fünftel schrumpfen, wie die Europäische Kommission vorrechnet. Nicht nur der «alte Mann Europa» wird betroffen sein, sondern auch wichtige asiatische Volkswirtschaften. Das Arbeitsangebot in China stand unter anderem wegen der Einkindpolitik im Jahr 2012 im Zenit. In Thailand fiel die Geburtenrate von einem Wert von 5 in den 1970er Jahren auf derzeit 1,4. Der Bevölkerungsrückgang wird die Volkswirtschaften vor ganz neue Herausforderungen stellen. Die Unternehmen werden produktiver werden müssen, während die staatlichen Gesundheitssysteme durch die grosse Zahl älterer Menschen auf eine harte Probe gestellt werden.
Weitermachen wie bisher ist keine Option
Die Erleichterung des grenzüberschreitenden Handels gehört zu den wichtigsten Garanten für weltweites Wachstum und Wohlstand. Besonders profitiert hat Asien, das sich zur grössten Handelsregion entwickelt hat. Analog dazu sind die globalen Kapitalströme zwischen 1980 und 2007 um den Faktor 25 angeschwollen. Und im Jahr 2009 überschritten mehr als 1 Milliarde Menschen eine Staatsgrenze – fünfmal mehr als noch im Jahr 1980. Trotz dieses aussergewöhnlichen Erfolgs ist der Segen der Globalisierung gerade in unseren Breitengraden nicht mehr überall unumstritten, zumal die Verflechtungen zwischen den traditionellen Handelspartnern Europa und Nordamerika inzwischen von einem komplexeren, zuweilen verworren scheinenden Netz von Abkommen abgelöst werden.
Weil die beschriebenen Triebkräfte global und zeitgleich wirken, wird sich die Welt so schnell und radikal verändern, dass auf die bekannten, auf Analyse und Intuition basierenden Zukunftseinschätzungen kaum mehr Verlass ist. Wirtschaftsführer, Politiker und alle anderen Entscheidungsträger müssen davon abkehren, einfach die erfolgreiche Vergangenheit fortschreiben zu wollen. Viele Veränderungen werden «disruptiv» sein und bestehende Gewissheiten obsolet machen.
Dieser weltweit zu beobachtende Strukturwandel wird in der Schweiz in der nahen Zukunft von der durchzogenen Entwicklung unserer europäischen Nachbarn überlagert, die gleichzeitig auch unsere wichtigsten Handelspartner sind. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Beziehung zu Europa hat für die ganze Schweiz eine zentrale Bedeutung. Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage unseres Landes lautet, wie dieses Verhältnis künftig gestaltet werden soll. Sie verdient eine offene Diskussion und eine eindeutige Antwort. Für den Schweizerischen Arbeitgeberverband ist die Antwort glasklar: Die bestmögliche Option für die Schweiz ist auch künftig der bilaterale Weg. Aus unserer Eigenständigkeit hat sich die direkte Demokratie mit ihrem funktionierenden Föderalismus entwickelt. Die bilateralen Verträge müssen deshalb nicht nur erhalten bleiben. Sie müssen weiterentwickelt werden. Dabei sollte sichergestellt werden, dass diese Verträge nichts anderes sind als Arrangements unter Nachbarn oder Assoziationsverträge, wie sie die EU auch mit anderen Ländern der Welt abschliesst (ohne andere Gegenleistungen als die Finanzierung und die Gegenseitigkeit).
Leider ist man sich heute ausserhalb der Wirtschaft der Vorteile der bilateralen Abkommen kaum mehr bewusst. Schlimmer noch: seit der Volksabstimmung vom 9. Februar 2014 gibt es vermehrt Stimmen, welche den Nutzen dieser Verträge schlechtreden, welche gar suggerieren, dass man auch gut ohne sie leben könnte. Diese Abkommen bilden indessen ein Netzwerk, das erst in der Verknüpfung den wahren Nutzen zum Tragen bringt. Umgekehrt würde bei einem Verlust der bilateralen Verträge eine Abwärtsdynamik entstehen, die den Hochpreis- und Hochlohnstandort Schweiz empfindlich treffen würde: Neue Handelshemmnisse, ein massiv geschrumpfter Arbeitsmarkt und zunehmende Bürokratie würden die Kosten der hiesigen Unternehmen nochmals spürbar erhöhen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit schmälern. Würden die Personenfreizügigkeit und die Anbindung an die europäische Forschungszusammenarbeit wegfallen, würde letztlich die Innovationsfähigkeit der Schweiz – ihr wichtigster Trumpf – empfindlich geschwächt. Dadurch würden zwangsläufig Arbeitsplätze gefährdet, auch wenn das Ausmass aus heutiger Sicht nicht beziffert werden kann. Insgesamt kommt der bilaterale Weg den typisch schweizerischen Verhältnissen entgegen und bringt grosse wirtschaftliche Vorteile.
Der gesicherte Marktzugang zu Europa brachte der Schweiz nicht nur einen intensivierten Handel, sondern auch wichtige Forschungsprojekte, Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand, Arbeitsplätze – und infolgedessen auch mehr Zuwanderung. Die Situation, in die sich die Schweiz mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative manövriert hat, ist wahrlich knifflig. Die Quadratur des Zirkels ist inzwischen allen bekannt. Die Wirtschaft erachtet es als einzigen gangbaren Weg, eine permanente Schutzklausel zu Hilfe zu nehmen. Mit diesem Instrument können die Zuwanderungsströme im Sinn und Geist der Initianten gesteuert werden, ohne die bilateralen Verträge zu gefährden.
Es fehlen eine halbe Million Arbeitskräfte
Ungeachtet der Masseneinwanderungsinitiative hat die Wirtschaft aufgrund des Fachkräftemangels freilich schon verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Arbeitsmarktbeteiligung der inländischen Bevölkerung zu erhöhen. Doch trotz allen Bemühungen werden inländische Arbeitskräfte ausländisches Personal nicht komplett ersetzen können. Wir werden nicht darum herumkommen, auch in Zukunft auf ausländische Arbeitskräfte zurückzugreifen. In gewissen Bereichen sind im Inland schon jetzt schlicht und einfach nicht genügend Arbeitnehmende mit dem gesuchten Fachwissen vorhanden. Laut Schätzungen werden der Schweiz im Jahr 2025, wenn die Generation der Babyboomer in Pension ist, eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen.
Mit dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom 15. Januar 2015, den Mindestkurs von 1.20 CHF/Euro aufzuheben, haben sich die Rahmenbedingungen für die Schweizer Wirtschaftsakteure schlagartig verschlechtert. Negativ schlagen vor allem der Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland sowie die reduzierte Planungssicherheit zu Buche. Infolge der Frankenaufwertung fragen sich viele Firmen, ob es sich noch lohnt, auf einen Standort in der Schweiz zu setzen. Das trübt den mittelfristigen Ausblick. Ein nachhaltiger Verlust an Standortattraktivität und Wachstumspotential droht nach dem Frankenschock vor allem dann, wenn der Produktivitätsfortschritt nicht ausreicht, den Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit zu kompensieren. Auf der anderen Seite erlebte die Schweizer Volkswirtschaft nach der Aufwertung einen Kaufkraftgewinn, der vor allem den Konsumenten und stark auf ausländische Vorleistungen angewiesenen Produzenten zugute kommt. Der kurzfristig stark intensivierte Strukturwandel könnte nach einer schmerzhaften Anpassungsphase den Weg für neue Wachstumspotentiale ebnen, so dass die Schweiz mittelfristig gestärkt aus dem Frankenschock hervorgeht. Ein solches Szenario setzt allerdings voraus, dass die Schweiz bei der Personenfreizügigkeit sowie den bilateralen Verträgen eine tragfähige Lösung findet, die den langfristigen Wachstumspfad nicht gefährdet und Kapitalabflüsse verhindert.
Die Reform der Altersvorsorge beschäftigt die Schweiz schon länger. Der Schweizerische Arbeitgeberverband hat ein konkretes Reformprogramm formuliert, das die Sicherung der Renten bei gleichbleibendem Rentenniveau zum Inhalt hat. Dieses Programm wird der demografischen Entwicklung zu einer alternden Gesellschaft gerecht, ohne sich den milliardenschweren sozialpolitischen Träumereien von Bundesrat Berset hinzugeben. Das Rezept ist einfach und realistisch: Sichere Renten bis 2025 statt eine auf Einnahmen fokussierte Anpassung bis 2030, wie sie der Arbeitgeberverband in einem zweistufigen Paket dem Parlament vorschlägt. Für die Sozialpolitik ist eine neue Ära angebrochen. Bundesrat und Parlament müssen endlich erkennen, dass die Sozialpolitik auf das Wesentliche fokussiert und so gestaltet werden muss, dass sie für die schrumpfende Zahl der Erwerbstätigen und deren Arbeitgeber finanzierbar bleibt. Für die Altersvorsorge bedeutet das eine abgespeckte Reform ohne jeglichen Ausbau. Im Klartext heisst das: Es braucht bereits eine moderate Zusatzfinanzierung, um das jetzige Leistungsniveau zu halten.
Ermöglichen statt verbieten
Der Produktivitätsfortschritt ist die wichtigste Triebkraft, damit die Schweiz auch weiterhin wirtschaftlich an der Spitze bleibt. Das geschieht in erster Linie in der Privatwirtschaft über Investitionen und Innovationen. Damit die Wirtschaft sich weiterentwickelt, muss aber auch der Staat die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Dabei kann die Schweiz auf unumstössliche wirtschaftspolitische Erkenntnisse und bisherige Erfahrungen zurückgreifen. Das Trendwachstum wird weder mittels expansiver Fiskalpolitik noch staatlich verordneter Konjunkturprogramme oder gar eines schuldenfinanzierten Wachstumsmodells angekurbelt. Ebenso wenig kann eine ultra-lockere Geldpolitik die Wirtschaft nachhaltig beleben. Vom Innovationsschub, der durch Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) wie der Blockchain und Cloud-Computing ausgelöst wird, kann die Schweiz indessen substanziell profitieren. Unser Land ist für die nächste Phase des digitalen Wandels gut gerüstet, wie verschiedene Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der Digitalisierung belegen. Die Schweiz hat also sehr gute Karten, mit ihrer Wirtschaft auch künftig Wachstum und attraktive Arbeitsplätze zu schaffen. In dieser Zeit der Veränderung ist es allerdings besonders entscheidend, dass wir den Unternehmen wieder mehr ermöglichen, statt ihnen immer mehr zu verbieten. Darum ist etwa ein Kündigungsschutz für ältere Arbeitskräfte absolut verfehlt, weil strukturerhaltend.
Eine der wichtigsten und zugleich traditionellsten Aufgaben des Staates bleibt dagegen, den Boden für Unternehmen zu bereiten, die im internationalen Wettbewerb bestehen können. Fundamental sind dabei etwa staatliche Initiativen zur Anpassung des Bildungs- und Forschungssystems an die technologischen Herausforderungen, die Stärkung des Wettbewerbs oder der Abbau bürokratischer Hemmnisse. Eine tragende Rolle spielen ausserdem ein gesunder Staatshaushalt und eine tiefe Staatsquote, weil letztere in aller Regel mit einem stärkeren Wirtschaftswachstum einhergeht. Der Staat kann in diesem klar abgesteckten Rahmen bestenfalls die Rolle eines Katalysators übernehmen. Davon abgesehen muss er aber vor allem Strukturreformen betreiben und Wettbewerbsschranken abbauen.
Valentin Vogt
ist Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands und Verwaltungsratspräsident des Kolbenkompressorunternehmens Burckhardt Compression Holding AG.