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Station 11
Bewegte Gründerjahre
Sanfter Ausbau dank Karen Gloy, Guy P. Marchal und Walter Kirchschläger
Nach dem negativen Ergebnis der kantonalen Volksabstimmung vom 9. Juli 1978 zum Luzerner Universitätsprojekt existierte einzig die alte Theologische Fakultät weiter. Sie baute in der Folge ihr Studienangebot sukzessive aus. 1984 gründete sie ein Philosophisches Institut unter der Leitung der Philosophieprofessorin Prof. Dr. Karen Gloy aus Heidelberg, und 1989 folgte noch ein Historisches Seminar, geleitet von Prof. Dr. Guy Marchal von der Universität Basel.
1993 wurden die beiden Seminare mit ihren Studiengängen für Philosophie und Geschichte in eine eigene Fakultät überführt, und so entstand daraus die "Hochschule Luzern" mit zwei Fakultäten für Theologie und Geisteswissenschaften.
Näheres dazu erfahren Sie im Audiobeitrag oder im vollständigen Text "Bewegte Gründerjahre".
Sanfter Ausbau dank Karen Gloy, Guy P. Marchal und Walter Kirchschläger
Nachdem in der denkwürdigen Volksabstimmung vom 9. Juli 1978 das Luzerner Universitätsprojekt gescheitert war, existierte einzig die alte Theologische Fakultät weiter. Sie stand auf sicherem Fundament; denn seit 1970 war sie mit dem Recht zur Verleihung akademischer Grade ausgestattet und im Jahr 1973 hatte sie den Status einer beitragsberechtigten Institution nach dem schweizerischen Gesetz über die Hochschulförderung erhalten.
Die Niederlage wirkte nach: An eine Weiterentwicklung des Luzerner Studienangebotes war vorerst nicht zu denken. Mehr als ein Jahrzehnt verging, ehe selbst kleine Veränderungen möglich wurden. Die erste Initiative ging von den Professoren selbst aus. Sie profitierte davon, dass die Philosophie seit jeher auch als grundlegendes Fach der Theologie gelehrt wurde. Hier konnte eine Erweiterung ansetzen, indem man ein eigenständiges, nicht auf die Theologie beschränktes Philosophiestudium ermöglichte. Im Jahr 1984 gründete der Kanton Luzern ein Philosophisches Institut und berief auf den neuen Lehrstuhl Karen Gloy aus Heidelberg. Sie war die erste Frau überhaupt, die in Luzern eine Professur übernahm und innehatte. Auf diese Weise wurde es möglich, hier einen philosophischen Hochschulabschluss zu erwerben. Dies erweiterte sowohl das wissenschaftliche Spektrum als auch den Kreis von Studieninteressierten. Zeitgleich mit der Institutsgründung verlegte der Kanton Luzern die Fakultät vom Provisorium im kantonalen Lehrerseminar am Hirschengraben in ein frisch renoviertes, für diesen Zweck umgebautes Gebäude an der Pfistergasse 20. Damit verfügte sie nach mehr als hundert Jahren wieder über ein eigenes, sehr gut eingerichtetes Haus mit einer richtigen Studienbibliothek. Es verhalf zu neuer Sichtbarkeit und machte es möglich, akademische Veranstaltungen, Vortragsabende und Podiumsdiskussionen durchzuführen und eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.
Der zweite, wiederum sanfte Erweiterungsschritt folgte 1989 – er sollte für die künftige Entwicklung die entscheidenden Voraussetzungen schaffen. Am Philosophischen Institut wurde ein neuer Lehrstuhl für Allgemeine und Schweizer Geschichte eingerichtet. Es gelang, dafür den bekannten, auch in der Zentralschweiz geschätzten Mediävisten Guy P. Marchal zu gewinnen. Dank seiner Forschungen zur Ausbildung der Luzerner Territorialherrschaft, mit denen er im Hinblick auf das 600-Jahr-Jubiläum zur Schlacht bei Sempach (1386) beauftragt worden war, kannte man ihn in der wissenschaftlichen Welt genauso wie in der Luzerner Öffentlichkeit. Das neue Historische Seminar baute er auf als moderne, international vernetzte Forschungseinrichtung, und mit viel Pioniergeist lancierte er einen neuen Studiengang. Auf seine Initiative fanden wissenschaftliche Tagungen mit grosser Ausstrahlung statt. Früh schon institutionalisierte er einen Austausch mit den Historischen Seminaren der Westschweizer Universitäten.
Wer sich in Luzern damals für eine innovative Hochschulpolitik stark machte, musste Schrittchen für Schrittchen vorgehen. Es erwies sich als günstige Fügung, dass im Herbst 1990 der Wiener Neutestamentler Walter Kirchschläger die Leitung der Fakultät übernahm – ein anerkannter Wissenschaftler, der sich durch überdurchschnittliches Organisations- und Verhandlungsgeschick auszeichnete. Unter seiner Leitung wurden das Philosophische und das Historische Seminar aus der Theologie ausgegliedert und in einer eigenen, neuen Fakultät zusammengefasst. Die notwendige Gesetzesänderung erforderte ein hohes Mass an Überzeugungskraft. Kirchschläger gelang es, Politikerinnen und Politiker sowie andere einflussreiche Personen dafür zu gewinnen. Am 14. September 1993 stimmte das Parlament der Änderung zu. Seither existierten unter dem gemeinsamen Dach "Hochschule Luzern" eine Theologische und eine Geisteswissenschaftliche Fakultät. Zwei Jahre später, als im Erziehungsdepartement die Vorbereitungen zur Gründung einer Zentralschweizer Fachhochschule begannen, wurde sie umbenannt in "Universitäre Hochschule Luzern".
Neben der neuen inneren Struktur war der Aufbau zukunftstauglicher Aussenbeziehungen notwendig. Es ging darum, eine solide Verankerung in der Schweizer Hochschullandschaft zu sichern. Walter Kirchschläger brach auf zu einer "Tour de Suisse": Er besuchte die Rektoren aller zehn damals bestehenden Universitäten und meldete den Anspruch der Zentralschweiz auf Beteiligung an. Die Reaktionen waren mehrheitlich zustimmend. Am Ende erreichte es der Luzerner Rektor, dass er und seine Nachfolger mit dem Status "ständiger Gast" in die Schweizerische Hochschulrektorenkonferenz aufgenommen wurden. Seither gehörte ein Luzerner Vertreter direkt zu jenem engen Zirkel, der die entscheidenden Weichen der föderal angelegten Schweizer Universitätspolitik stellte. Dieser weitgehend im Stillen errungene Erfolg sollte innerhalb weniger Jahre eine Bedeutung erhalten, die zunächst kaum jemand abschätzen konnte.