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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

16. Buch
26. Von der Offenbarung, worin Gott dem greisen Abraham von der unfruchtbaren Sara einen Sohn verheißt, diesen zum Vater von Völkern bestimmt und den Glauben an die Verheißung durch das Geheimnis der Beschneidung besiegelt.
Danach wurde Ismael geboren aus der Agar, und man konnte glauben, daß damit die Verheißung erfüllt sei, die an Abraham ergangen war, als er seinen hausgeborenen Knecht als Sohn hatte annehmen wollen, worauf Gott zu ihm sprach1 : „Nicht dieser soll dein Erbe sein, sondern einer, der aus dir hervorsprossen wird, der soll dein Erbe sein“. Damit also Abraham diese Verheißung nicht in dem Sohne der Magd als erfüllt betrachte, erschien ihm2 , da er bereits „99 Jahre alt war, der Herr und sprach zu ihm: Ich bin Gott, halte dich wohlgefällig vor meinem Angesicht und sei ohne Tadel, so will ich meinen Bund schließen zwischen mir und dir und dich gar ansehnlich machen. Da fiel Abraham nieder auf sein Antlitz. Und Gott sprach zu ihm weiter: Und ich, siehe mein Bund mit dir, und du wirst der Vater einer Menge von Völkern sein; und dein Name soll von nun an nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham sei dein Name, weil ich dich zum Vater vieler Völker bestimmt habe; und ich will dich sehr, sehr vermehren und dich zu Völkern machen, und Könige sollen hervorgehen aus dir; und meinen Bund will ich errichten zwischen mir und «zwischen» dir und zwischen deinem Samen nach dir in dessen Geschlechter hinein zu einem ewigen Bunde, daß ich dir Gott sei und deinem Samen nach dir. Und ich will dir und deinem Samen nach dir das Land geben, worin du wohnst, das ganze Land Chanaan zu ewigem Besitz und will ihnen Gott sein. Und Gott sprach zu Abraham: Du aber sollst meinen Bund beobachten, du und dein Same nach dir in seine Geschlechtsfolgen hinein. Und dies ist der Bund, den du beobachten sollst zwischen mir und euch und zwischen deinem Samen nach dir in seine Geschlechter hinein: Beschnitten soll werden bei euch alles Männliche, und ihr sollt euch beschneiden das Fleisch eurer Vorhaut, und dies soll dienen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch. Und der Knabe von acht Tagen soll beschnitten werden, alles Männliche bei euch in eure Geschlechtsfolgen hinein. Der hausgeborene Knecht und der gekaufte von welchem Sohn der Fremde immer, der nicht aus deinem Samen stammt, er soll beschnitten werden, der hausgeborene deines Hauses wie der gekaufte. Und mein Bund an eurem Fleische soll sein zu einem ewigen Bunde. Und wer nicht beschnitten worden ist, das männliche Wesen, das nicht beschnitten werden wird am Fleisch seiner Vorhaut am achten Tage, eine solche Seele wird zugrunde gehen aus ihrem Geschlechte, weil sie meinen Bund gebrochen hat. Und Gott sprach zu Abraham: Sara, dein Weib, ihr Name wird nicht mehr Sara heißen, sondern Sarra sei ihr Name. Ich will sie aber segnen und werde dir aus ihr einen Sohn schenken und werde ihn segnen, und er soll zu Völkern werden, und Könige von Völkern werden aus ihm hervorgehen. Da fiel Abraham nieder auf sein Antlitz und lachte und sprach in seinem Herzen also: Wird mir mit meinen hundert Jahren noch ein « Sohn » geboren werden, und wird Sarra mit ihren neunzig Jahren noch gebären? Es sprach aber Abraham zu Gott: Ismael, er möge leben vor Deinem Angesicht. Da sprach Gott zu Abraham: Ja, so sei es, siehe, dein Weib Sarra wird dir einen Sohn gebären und du sollst seinen Namen Isaak nennen, und ich will meinen Bund mit ihm errichten zu einem ewigen Bunde, ihm Gott zu sein und seinem Samen nach ihm. Wegen Ismael aber, siehe, ich habe dich erhört; siehe, ich habe ihn gesegnet und will ihn fruchtbar machen und ihn gar sehr mehren. Zwölf Völker wird er zeugen und ich werde ihn zu einem großen Volke machen. Aber meinen Bund will ich errichten mit Isaak, den dir Sarra gebären wird um diese Zeit übers Jahr.“
Hier lauten schon deutlicher die Verheißungen über die Berufung der Heiden in Isaak, d. i. im Sohne der Verheißung, durch den die Gnade, nicht die Natur, gesinnbildet wird, weil er als Sohn eines Greises und einer unfruchtbaren alten Frau verheißen ist3 . Freilich wirkt Gott auch den natürlichen Verlauf der Zeugung; aber wo Gottes Wirken infolge fehlerhafter Naturanlage und bei versiegender Natur in die Augen springt, da legt sich dem Verständnis um so augenscheinlicher die Gnade nahe. Und weil dieses nicht durch Geburt, sondern durch Wiedergeburt eintreten sollte, so wurde jetzt, als aus Sarra ein Sohn verheißen ward, die Beschneidung angeordnet. Und dadurch, daß Gott alle, nicht nur die Söhne, sondern auch die hausgeborenen und gekauften Knechte beschneiden heißt, bezeugt er, daß sich diese
Gnade auf alle erstrecke. Denn die Beschneidung sinnbildet deutlich die nach Ablegung der alten Beschaffenheit erneuerte Natur. Und ebenso deutlich sinnbildet der achte Tag Christum, der nach Vollendung der Woche, d. i. nach dem Sabbat, auferstanden ist. So werden auch die Namen der Eltern verändert: alles weist auf Neues hin, und im ganzen Alten Bund ist der Neue wie in einem vorausgeworfenen Schatten vorgebildet. Was ist auch der Bund, den man den Alten nennt,
anders als eine Verschleierung des Neuen? Und was ist der Bund, den man den Neuen nennt, anders als eine Entschleierung des Alten? Abrahams Lachen ist das Frohlocken des dankbaren Beglückten, nicht das spöttische Lachen des Hoffnungslosen. Auch die Worte, die er in seinem Herzen sprach: „Wird mir mit meinen hundert Jahren noch ein Sohn geboren werden, und wird Sarra mit ihren neunzig Jahren noch gebären?“ sind nicht eine Zweifelsfrage, sondern ein Ausdruck der Verwunderung. Und auch dies darf niemand befremden, daß von ewigem Besitz des Landes Chanaan die Rede ist; „und ich will dir und deinem Samen nach dir“, heißt es, „das Land geben, worin du wohnst, das ganze Land Chanaan zu ewigem Besitz“; keinem Volke freilich kann
irdischer Besitz auf ewig zuteil werden, und so mag allerdings Zweifel entstehen, in welcher Weise man sich diese Verheißung erfüllt zu denken oder deren Erfüllung in der Zukunft zu erwarten habe; allein „ewig“ ist hier die Übersetzung des griechischen aiwnion und dieses leitet sich ab von dem Hauptwort Weltzeit [saeculum]; denn Weltzeit heißt auf griechisch aiwn. Aber die Übersetzer getrauten sich das Eigenschaftswort nicht mit „weltzeitlich“ [saeculare] wiederzugeben; denn weltzeitlich nennt man vieles, was in dieser Weltzeit derart verläuft, daß es selbst in kurzer Zeit vorüber geht; aiwnion dagegen wird gebraucht für das, was überhaupt kein Ende hat oder doch bis ans Ende dieser Weltzeit sich erstreckt [weltewig].
1: Gen. 15, 4.
2: Ebd. 17, 1-21.
3: Vgl. oben XV 3.