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Dieter Imboden und seine Frau waren wieder mit ihrem Schiff „Solveig VII“ auf Europas Flüssen unterwegs. Dies ist ihr letzter Reisebericht in diesem Jahr. 2018 geht’s dann wieder los.
Beim Bau der Bahnlinie von Löwenberg nach Templin stiess man im Jahre 1887 nördlich von Zehdenick zufällig auf eine Tonschicht bester Qualität, welche lediglich 3 bis 4 Meter unter der Erdoberfläche lag. Abklärungen ergaben, dass sich diese oberflächennahe Tonschicht entlang der oberen Havel um rund zehn Kilometer nordwärts bis nach Burgwall und Mariental erstreckte.
Nicht nur die hohe Qualität der tonhaltigen Erde, sondern auch die günstige Lage entlang der bereits existierenden Wasserstrasse auf der oberen Havel bis nach Berlin machte den Abbau ausserordentlich attraktiv. Innerhalb weniger Jahre entstanden unzählige Ziegeleien, deren Produkte in der boomenden Hauptstadt Berlin reissenden Absatz fanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete das Gebiet nördlich von Zehdenick das grösste Ziegeleirevier Europas.
Wie ein Emmentalerkäse
Der Tonabbau wurde erst nach der Wende vollkommen aufgegeben. Im Jahre 1991 schloss die letzte Ziegelei ihre Tore. Die Gruben auf beiden Seiten der Havel, Stiche genannt, wurden geflutet. Auf der Landkarte sieht die Region heute wie ein Emmentalerkäse aus: Auf beiden Seiten der Havel reihen sich zahlreiche Teiche; stellenweise sind sie nur durch schmale Dämme vom Fluss getrennt. Mit der Ziegelproduktion verschwand auch die Güterschifffahrt. Ein auf einem alten Lastkahn eingerichtetes Schifffahrtsmuseum im Unterwasser der Stadtschleuse dokumentiert die Rolle, welche Zehdenick dank der Ziegeleien für die Schifffahrt auf der Havel zu Beginn des 20. Jahrhunderts gespielt hatte.
Als wir vor einem Monat auf der Fahrt von Berlin zur Müritz einen Hafen zum Übernachten suchten, erlebten wir die ehemalige Schiffertradition ganz direkt. Unser suchender Blick beim Verlassen der Schleuse wurde unverzüglich von einer älteren Dame (ich erlaube mir diese vorsichtige Formulierung, denn später stellte sich heraus, dass wir den Jahrgang teilen) richtig interpretiert. Sie stand zu äusserst auf dem Steg ihres kleinen, im Oberwasser der Schleuse gelegenen Hafens, machte durch lautes Rufen auf sich aufmerksam und winkte uns resolut an einen freien Platz, wo sie, kaum waren wir nahe genug, meiner Frau die Seile aus der Hand nahm und so das Kommando über unser Schiff zu übernehmen versuchte. Da war sie allerdings beim Kapitän der Solveig an den Falschen geraten: Ich gab ihr, freundlich, aber bestimmt, zu verstehen, sie habe zwar als Hafenmeisterin durchaus das Recht, uns einen Platz zuzuweisen, aber das Manövrieren und Festmachen des Schiffes liege in der alleinigen Verantwortung des Kapitäns. Verblüfft, keineswegs böse, schaute sie mich an und meinte, in ihrer langjährigen Erfahrung als Hafenmeisterin hätte ihr das noch niemand so gesagt.
„Ziegelhof“
Damit waren die Reviere gegenseitig abgesteckt, und wir wurden Freunde. Am Morgen brachte uns Brigitte Brenneiser, die Hafenmeisterin, frische Brötchen direkt ans Schiff und scheute keine Gelegenheit zu einem Gespräch. Wir erfuhren Interessantes über sie und ihre grossen Familie, welche seit vielen Generationen in Zehdenick ansässig ist. Ihr Grossvater hatte als Kapitän sein eigenes Lastschiff, ebenso ihre Schwester. Später lernten wir auch die im gleichen Haus wohnende Enkelin kennen, die ihrerseits bereits Mutter ist. Kurz, die resolute Brigitte Brenneiser ist nicht nur Hafenmeisterin, sondern auch Urgrossmutter.
Am nächsten Tag machten wir einen Rundgang durch das Städtchen. In der Nähe der Kirche weckte ein stilvoll renoviertes, zweigeschossiges Haus unsere Aufmerksamkeit. Unter dem breiten, zur Strasse gerichteten Giebel, stand in eleganter Schrift „Ziegelhof“. Neben dem Eingang bemerkten wir ein kleines Schild mit der Aufschrift „Vinothek und Kräuterei, geöffnet freitags, samstags, sonn- und feiertags ab 14 Uhr“.
Unsere Neugierde war geweckt, zum Glück war es Sonntag. Ein freundlicher Herr, um die Sechzig, bat uns in den Garten; er werde gleich für uns Zeit haben. Dort versetzte uns ein einziger Augenblick von Brandenburg direkt in die Toscana: Eingefasst von einer alten Mauer lagen zwischen Obstbäumen Beete voller Kräuter, Heil- und Duftpflanzen, alle professionell beschriftet, dazwischen die verschiedensten Figuren aus Terrakotta, sowohl für den Eigengebrauch als auch zu moderaten Preisen zu kaufen. Auf einer Steinplatte räkelte sich eine Katze. Überall war zu spüren: Hier wohnen Menschen mit einem ausgesprochenen Sinn fürs Schöne. – Übrigens waren die Schöpfer dieses Paradieses, wie wir später erfuhren, noch nie in einem Mittelmeerland.
Später tranken wir ein Glas Sauvignon Blanc aus Frankreich, besuchten die Vinothek – klein, aber fein, ca. 300 traditionell produzierte Weine aus verschiedenen Ländern. Wir wählten einige Flaschen aus und kamen dabei mit Michael Müller-Scheffler, der uns empfangen hatte, ins Gespräch. Er und sein Partner, Hans-Joachim Scheffler, ausgebildeter Gärtner, später zum Koch mutiert (wir sahen ihn flüchtig durch eine halb offene Tür in der Küche hantieren), seien vor etwas mehr als zwanzig Jahren aus Berlin auf der Suche nach einer neuen materiellen und ideellen Lebensgrundlage hierher gezogen. Ihre beruflichen Existenzen seien durch die Wende brüchig geworden. Den alten, verwahrlosten Ziegelhof hätten sie im Laufe der Jahre zu dem ausgebaut, was er heute sei: Eine Gaststätte mit spezieller Küche, Kräutergarten, Vinothek und eigenen Appartements.
„An allen Früchten unbedenklich lecken“
Ja, und noch etwas, sie würden in ihren Räumen auch Kunstausstellungen und regelmässig sog. kulinarische Lesungen veranstalten. Er steckte uns ein Programm zu. Ein kurzer Blick genügte: Wir entschieden uns spontan, die Rückreise von der Müritz so zu planen, dass wir einer dieser Lesungen beiwohnen könnten.
Und so war es dann auch: Bei Brigitte Brenneiser hatten wir rechtzeitig „unseren“ Anlegeplatz im Hafen reserviert und gingen dann gegen 19 Uhr auf vertrautem Weg zum Ziegelhof am Kirchplatz. Das Programm: „An allen Früchten unbedenklich lecken“ – ein Erich-Mühsam-Abend mit kulinarischer Lesung. Hans-Joachim werkte in der Küche, kam dazwischen in die Gaststube, um in scharfzüngigem Berlinerisch Gäste zu begrüssen. Michael servierte unterdessen die Getränke. Mitten in der kleinen Gaststube hatte er sich ein kleines Tischchen für seine Lesungen aufgebaut.
Anarchist, Antimilitarist, Schriftsteller
Nach der Vorspeise (Zwiebelsuppe à la Stanislas, hierzu Brot) führte er die Lesung mit einer kurzen Biografie von Erich Mühsam ein. Seinem Leben und Werk gerecht zu werden, würde einen separaten Artikel erfordern, daher nur das Wichtigste: Geboren 1878 in Berlin, jüdischer Abstammung, Anarchist, Antimilitarist, Schriftsteller und Publizist. Er war massgeblich an der Münchner Räterepublik beteiligt gewesen, wurde dafür zu einer 15-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt, kam nach 5 Jahren im Rahmen einer Amnestie frei, engagierte sich in der Weimarer Republik für politische Gefangene, war Verfasser zahlreicher Schriften, Redaktor der satirischen Zeitschrift Simplicissimus, wurde in der Nacht des Reichtagsbrandes verhaftet und am 10. Juli 1934 von der SS im KZ Oranienburg brutal ermordet.
Doch nicht um den politischen Erich Mühsam sollte es an diesem Abend im Ziegelhof gehen, sondern um den Schriftsteller, Satiriker, Lebensgeniesser. Michael, der zu DDR-Zeiten Werbeberater gewesen war, entpuppte sich als talentierter Vortragender, dem man gerne zuhört, so wie man die von seinem Partner Hans-Joachim zubereiteten Speisen sich gerne vom Teller in den Mund führt, so den Hauptgang (mit Wildfleisch gefüllte Rotkrautroulade, Kartoffelspalten), für den es nach den ersten Lesungen Zeit geworden war.
Saisonschluss
Vor dem Dessert (Schokolade – Cassis – Minze) trug Michael noch einmal Mühsam vor. Köstlich seine Schüttelreime, welche den andern Mühsam, den Lebensgeniesser verraten. Dazwischen hörten wir Ausschnitte aus einer neuen CD (Verbrecher Verlag Berlin), auf welcher die Sängerin Manja Präkels mit ihrer warmen, tiefen Chanson-Stimme vertonte Gedichte von Erich Mühsam singt.
Ein reicher Abend in jeder Beziehung, unerwartet für Schiffsreisende, welche in einer scheinbar so gewöhnlichen brandenburgischen Kleinstadt Station machen. Wie er zur Idee der Lesungen gekommen sei, fragten wir Michael nach Espresso und Calvados. Sie sei aus der Not geboren, als es ihnen vor zehn Jahren (wieder einmal) wirtschaftlich schlecht gegangen sei und eine damalige Mitarbeiterin für den bevorstehenden Karfreitag, an dem normalerweise ohnehin kein Brandenburger das Haus verlässt, eine kulinarische Lesung vorgeschlagen hatte. Die lokale Zeitung habe damals zum Voraus darüber berichtet, und die Tische seien im Nu ausverkauft gewesen. Vom anfänglichen Monatsrhythmus seien sie der grossen Nachfrage wegen bald zu einem Wochenprogramm gekommen, und so würden sie es heute noch halten. Für Neugierige: Im laufenden Jahr standen und stehen Autoren wie Tucholsky (ein Wesensverwandter von Mühsam), Ephraim Kishon, Eva Strittmatter, aber auch Grusel- und Kriminalgeschichten und Kräuterplaudereien mit Hans-Joachim Scheffler auf dem Programm.
Also auf nach Zehdenick.
Für uns steht jedenfalls fest: Wenn wir im nächsten Jahr unsere Solveig wieder aufs Wasser setzen, wird eine der ersten Fahrten Zehdenick, dem Ziegelhof und der Hafenmeisterin Brigitte Brenneiser gelten. Damit sei auch gesagt, dass mit diesem Artikel der Chronist Saisonschluss anmeldet. Im Augenblick noch warten wir in der Stadt Brandenburg in sicherem Hafen den ersten Herbststurm ab. Am Sonntag werden wir die Solveig VII der Werft in Berlin Köpenick übergeben.
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