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SILVIA EICHENBERGER (Leserin)
Schneegestöber am Ritomsee
Im Herbst 1964 fuhr ich mit meinen Eltern und meinem Bruder bei strahlendem Sonnenschein mit dem Zug ins Tessin, mit der Ritombahn nach Piora. Nach einer Wanderung dem Ritomsee entlang übernachteten auch wir in der Cadagnohütte.
Als wir am nächsten Morgen erwachten, schneite es! Meine Mutter und ich wollten zurück, aber mein Vater meinte, das Wetter würde dann schon bessern, vor allem auf der anderen Seite des Lukmaniers. Er schneiderte mir aus einem Stück Plastikplane einen Regenschutz, die anderen hatten Regenpelerinen.
Nach dem Morgenessen marschierten wir los. Man sah kaum drei Meter weit in dem Schneegestöber, aber mein Vater kannte den Weg.
Kurz vor der Passhöhe mussten wir über eine Brücke, an der ein Stück eins vom Sturm abgerissenen Zettels hing. Kurz darauf kam uns rennend ein Soldat mit Gewehr entgegen und fragte, ob wir lebensmüde seien? Das Militär sei kurz vor einem Gefecht und der Weg ab der Brücke sei gesperrt. Ob wir die Mitteilung am Brückengeländer nicht gelesen hätten? Mein Vater begann mit dem Soldaten zu verhandeln. Zurück konnten wir nicht bei dem Sauwetter. Wir betrachteten die Gegend genauer: Durch den Schnee konnten wir die Umrisse von vielen Panzern erkennen, die zum Gefecht aufgestellt waren.
Der Soldat kam mit meinem Vater zurück: Wir mussten warten, bis ein Jeep kam, der uns aus dem Gefechtsgebiet evakuierte und auf die Passhöhe (Passo del Uomo) brachte. Dort warteten wir, trotz dem Regenschutz völlig durchnässt, bis uns ein Taxi nach Olivone kutschierte. Inzwischen war der Schnee in Regen übergegangen. Das Gefecht musste um eine halbe Stunde verschoben werden.
Das Gute an der ganzen Geschichte: Für meinen Aufsatz über die Herbstferien bekam ich eine blanke Sechs.
MONICA MÜLLER
Nonno Mimis Bootsfahrt
Das Tessin und Nonno Mimi gehören zusammen wie Boccalino und Merlot. Ostern, Pfingsten, Weihnachten und die Sommerferien verbrachten wir jeweils bei ihm in Lugano. Fuhren wir mit unserem vollgestopften Auto vor, stand Mimi schon in der Einfahrt und strahlte. Mein Bruder und ich sprangen in seine offenen Arme und versanken in seinem dicken Bauch.
Nächste Station war sein Sofa und sein weicher Schoss, vor uns eine rote Dose voller Schöggeli. Nonno Mimi arbeitete bei Chocolat Stella. Heute weiss ich, er war Buchhalter. Damals dachte ich, er mache Schoggi. Bei schönem Wetter fuhren wir mit seinem orangen Boot auf dem Lago di Lugano, unser Lieblingsort war ein kleiner Kiesstrand vor einem Bootshaus in Caprino.
Nirgends lassen sich flache Steine besser über den See schleudern, nirgends hüpfen sie häufiger. Auf der Fahrt in der wackeligen Nussschale ins nahe Grotto dei Pescatori liessen wir die Beine ins Wasser baumeln und wappneten uns mit Seilen für das waghalsige Landemanöver. Ein Schluck Gazosa, ein Formaggino, einige Rugel Salame nostrano. So schmeckte das Glück.
YVETTE HETTINGER
Sonnenmilch und Lemon Soda
Aurigeno. Das rustikale, verschlafene Dörflein im Maggiatal hatte für mich als Teenager alles, was ich mir von Sommerferien erträumte. Meine Eltern mieteten für zwei oder drei Wochen ein Haus mitten im Dorf, und von dort aus schwärmten wir Kinder jeden Tag aus, meist auf direktem Weg an die Maggia. Wir schmierten uns mit Sonnenöl ein und lümmelten stundenlang im weissen Sand, um später wie panierte Schnitzel im Restaurant «Ponte» zu sitzen und Lemon Soda zu schlürfen.
An besonderen Tagen ging die ganze Familie zum Shoppen nach Locarno oder abends zum Pizzaessen ins «Millefiori». Immer dabei: Unsere geliebte Hündin Bussy. Die Tage waren heiss, die Maggia kühl und die Piazza Grande so ungefähr das Mondänste, das ich kannte. Wenn ich heute an einer Flasche Ambre Solaire schnuppere oder ein Lemon Soda trinke, lebt die Herrlichkeit dieser endlosen, faulen, verträumten Sommertage wieder auf.
ANDREA FREIERMUTH
Doch nicht so übel
Was haben wir ausgerufen, als uns unser Klassenlehrer eröffnete, dass wir vom Wallis nach Italien wandern und via Centovalli ins Tessin gelangen sollten. Er faselte was von geheimen Schmugglerpfaden, sagenhaft guter Glace und einem kühlenden Bad in der Maggia. Aber unsere Meinung war gemacht: wandern? Nein!
Der mehrstündige Aufstieg von Binn VS in eine unbewartete SAC-Hütte muss Herrn Bretscher einiges an Nerven gekostet haben. Abends, nach der Katzenwäsche am eiskalten Brunnen, besserte sich die Stimmung allmählich. So eine Hütte, unsere Klasse und die Berge rundherum: Irgendwie war das doch nicht so übel.
Stolz wie Lumpi waren wir, als wir dann tatsächlich zu Fuss in Italien eintrafen. Wie das Foto beweist, das am zweiten Abend im Campo Pestalozzi bei Locarno entstand, haben wir sogar eine Gitarre über die Alpen geschleppt. Ich träumte damals davon, eine begnadete Gitarrenspielerin zu werden. Das Talent dazu fehlt mir aber gänzlich. So war ich gezwungen, mir ein anderes Hobby zu suchen: Die Wahl fiel aufs Biken – am liebsten in den Bergen, wobei ich gerne hin und wieder absteige, das Rad schiebe und dabei auch etwas wandere.
RETO VOGT
Auf Umwegen ins Tessin
Ziel der Reise war Chiasso. Dort spielten am letzten Sonntag im November 2007 die Berner Young Boys im Cup gegen den lokalen Fussballclub. Doch warum direkt anreisen, wenns auch anders geht? Schliesslich spielte tags zuvor am anderen Ende der Schweiz noch der FC Schaffhausen gegen Neuchâtel Xamax.
Eigentlicher Plan war es, direkt nach Schlusspfiff nach Locarno weiterzureisen. Dort ist es schliesslich auch schön. «Aber tote Hose!». Das meinten zumindest Rönz und Röfe, die mit uns im Zug einen Schieber klopften. Planänderung – nächster Halt: Lugano. Pizza und Birra gibts dort auch. Viel davon. So wurde es plötzlich und gänzlich unerwartet spät. Sehr spät sogar.
Geld für ein Taxi hatten wir keins mehr. Das letzte Funicolare war gefahren. Was tun? Im jugendlichen Leichtsinn kletterten wir das Trassee hoch. Rückblickend gesehen, war das nicht vorbildlich, aber wir wollten nur noch schnell ins Hotel. Wenigstens noch ein paar Stunden schlafen ...
Am nächsten Tag nahm die Kadenz des Biernachschubs ab – genau wie unsere Kräfte. Aus Steh- wurden Sitzplätze. Und wer das Tor des Tages erzielt hatte, entnahmen wir später auf der Rückreise der Tagespresse.
PETER AESCHLIMANN
Tsunami im Zelt
Gerade erst 16 geworden, wollten wir den Eltern beweisen, dass wir allein überlebensfähig waren. Mit Gaskocher, Büchsenravioli und einer Kiste Bier zogen wir los – ins Camping Delta in Locarno. Was hatten wir nicht alles über den Flecken gehört! Sun, Fun und Holländerinnen! Im Tessin angekommen, sah die Realität anders aus. Es regnete und die Holländer waren ohne ihre Töchter angereist.
Dass wir nicht die einzigen Menschen am Delta waren, merkten wir erst in der Nacht. Weil Piniennadeln das Senkloch verstopft hatten, schwappte jedes Mal, wenn ein Auto vorbeifuhr, ein kleiner Tsunami durch das bodenlose Zelt. Der Wetterbericht versprach keine Besserung, darum beschlossen wir: Übungsabbruch. Zu Hause warteten warme Betten, richtige Mahlzeiten – und Krieg konnte man ebenso gut auf dem Computer spielen. Das mit dem Erwachsenwerden würde auch im folgenden Sommer noch möglich sein. Um dann gerüstet zu sein, wünschten wir uns zu Weihnachten ein Zelt mit Boden.
NICOLE OCHSENBEIN
Rosario
Pura, das war das Dorf, in dem meine beste Freundin Cristina wohnte und ich den grössten Teil meiner Ferien verbrachte. Rosario, das war der Junge aus dem benachbarten Ponte Tresa, beim Klang dessen Name allein mir damals schon schwindlig wurde. Ganz zu schweigen von seinem Anblick: dunkles krauses Haar, Goldkette, ein tief aufgeknöpftes Hemd, das seinen schmächtigen Oberkörper entblösste. Und tellergrosse schwarze Augen, die so grosse Löcher in mich starrten, dass ich mich quasi auflöste. Rosario verkörperte genau das, wovor mich meine Eltern immer gewarnt hatten − und war entsprechend unwiderstehlich. Ob er Obstverkäufer oder Malerlehrling war, verstand ich nie so ganz. Wir hatten ein ausgeprägtes Kommunikationsproblem, was mir damals allerdings ziemlich schnuppe war.
So schlenderten wir sprachlos Händchen haltend der Magliasina entlang, trafen uns auf ein Gelato in Ponte Tresa oder zum Baden am Laghetto di Astano. Abends schlichen wir uns heimlich auf den Friedhof in Pura und knutschten zwischen Grabsteinen, während Cristina Wache hielt. Pura war das Paradies.
Sein Name taucht in meinen Tagebüchern später nur noch ein Mal auf. Ich hatte einen meiner sterbenden Aquariumfische nach ihm benannt − was wohl das definitive Aus meiner Ferienliebe markierte.
ALMUT BERGER
Liebe auf den ersten Blick
Sommer 1958. Deutschland hatte sich von den Folgen des Zweiten Weltkriegs halbwegs erholt, die Wirtschaft brummte, Reisen waren auch für kleine Leute erschwinglich. Wer Palmen sehen wollte, reiste ins Tessin. So auch meine Grosseltern, von Hildesheim nach Locarno, 900 Kilometer gen Süden.
Der See, die Rustici, Merlot aus Boccalini und die Palmen: Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie sparten sich Jahr für Jahr ein paar «Märker» vom Lohn ab, den mein Grossvater als Krankenpfleger nach Hause brachte, mieteten sich erst ein Zimmer, später eine kleine Ferienwohnung in Orselina.
1963, kurz nach seinem Lehrabschluss, drohten meinem Vater 15 Monate Ausbildung bei der Bundeswehr. Ein Schock für meinen Grossvater, der als Sanitätssoldat Stalingrad überlebt hatte. Kurzerhand schickte er ihn mit ein paar «Fränkli» gen Süden. Der Rest ist Geschichte: Mein Vater fand eine Stelle bei einer Bank in Zürich, lernte meine Mutter kennen und heiratete. 1967 kam dann ich zur Welt. Meine ersten Ferien ohne Eltern habe ich – wie könnte es anders sein – bei Grossmama und Opa in Orselina verbracht.
Meine Grosseltern sind schon lange tot. Doch wenn ich heute in Locarno aus dem Zug steige, dann ist alles wieder da: die Fahrten mit der Funicolare, die Locarno mit Orselina verbindet («nochmals, Grossmama, nochmals!»), die Schaukeln auf dem Spielplatz in Ascona («höher, Opa, höher!»), das Entenfüttern auf den Inseln von Brissago, die lautstarken Esel von Minusio.
RETO MEISSER
Lager-fähig
Es war 1979. Ich durfte als Zögling eines Sekundarlehrers mit ins grosse Sommerlager – nach Tenero am Lago Maggiore. Eine Woche im Zeltlager mit sechs oder sieben Jahre älteren Teenagern. Für mich als bald Eingeschulten waren dies Erwachsene! Eine Generation, die sich mal zaghaft, mal ruppig in Auflehnung übte und weg von zu Hause erste Annäherungen ans andere Geschlecht zelebrierte.
Am Morgen lauschte ich sehnsüchtig, wer nachts das Zelt verlassen hatte und mit wem abgehängt war. Ob dabei noch anderes als Eistee oder klare Nachtluft konsumiert wurde? Was an Übertreibung oder Bluff in den jugendlichen Erzählwettstreit investiert wurde, glaubte ich aufs Wort, malte es mir in Cinemascope-Format aus. Kein noch so pompöses Drama am Filmfestival von Locarno reichte Jahrzehnte später nur im Ansatz an diese Eindrücke vom Hörensagen heran.
Der See hatte im frühsommerlichen Dunst die Dimension eines Meers. Die obligate Fahrt nach Luino (I) zum riesigen Markt – der später eher beschaulich wirkte – entwickelte sich zum Abenteuer: Auf die Schiffsbrücke durfte ich, steuerte mit zaghaften Händchen gar einige Momente das Kursschiff mit. Die Mischung aus Freiheit und Verantwortung war unbeschreiblich. Doch bald ging es nach Hause, und der Möchtegernkapitän tauchte für Jahre in der Badewanne ab.
ANNE-SOPHIE KELLER
Schöner büffeln
Meine Beziehung zum Tessin ist wenig romantisch, dafür ziemlich zweckmässig. Angefangen hat sie, als ich für mein Diplom als Kommunikationsplanerin lernen musste. Zu Hause war das unmöglich: Ich fing an zu putzen oder mit Freunden abzumachen. In Cafés waren die Ablenkungen noch grösser. Meine Lerndramen schienen beinahe ausweglos.
Also entschied ich mich für meine zweite Heimat als ÖV-Kind und Pendlerin: die Wagen der SBB. Ich fuhr dann vor jeder wichtigen Prüfung mindestens ein Mal nach Lugano. Unterwegs konnte ich mich zweimal drei Stunden in Ruhe aufs Lernen konzentrieren. Die Lernpause war die schönste Belohnung: zwei Stunden unter der Tessiner Sonne mit einem Sprung in den See beim Parco Civico und ein Teller Pasta im Ristorante Olimpia.
Zu Hause angekommen, hatte ich nicht nur sechs Stunden gelernt, sondern auch was erlebt. Die Prüfungen bestand ich – geschrieben mit der einen oder anderen Sommersprosse.
RETO E. WILD
Wolkenbruch über dem Ritomsee
Regen, nichts als Regen. Das ist das, was in meinen Kindheitserinnerungen von einem Tessin-Ausflug vor allem blieb. Es war am 25. September 1982: Auf der Alpennordseite blies an diesem Samstag der Föhn, in der Sonnenstube der Schweiz war es stark bewölkt, aber noch trocken. Am späteren Abend aber setzte er ein, der Regen, und es sollte von Samstagabend 24 Stunden lang durchregnen. Es goss wie aus Kübeln, wie das halt bei einer Südföhnwetterlage im Tessin typisch ist.
Trotzdem fuhr meine Familie zusammen mit Arbeitskollegen meines Vaters mit der Ritombahn, einer der steilsten Standseilbahnen der Schweiz, von Piotta nach Piora hoch und wanderte dem Ritomsee entlang bis zur Alpe Piora. Übernachtet haben wir in der Capanna Cadagno, einer Hütte des Tessiner Alpenclubs.
Die Wanderung am nächsten Tag Richtung Lukmanierpass fiel wegen des miesen Wetters im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser. Wir wanderten deshalb zurück nach Piora, wo wir die völlig durchnässten Kleider im Tumbler eines Restaurants trockneten. Bis auf die RS wurde ich noch nie in meinem Leben so bis auf die Knochen verregnet. Die Niederschläge waren so kräftig, dass ich mich nicht mehr ans Essen im Restaurant erinnere. Und das will was heissen!