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Das musst du wissen
- Laut der UNO lebt bereits heute eine Mehrheit der Bevölkerung in Städten, 2050 sollen es 68 Prozent sein.
- Viele Städte, so auch Zürich, müssen deshalb verdichten. Dies geschieht häufig auf Kosten von Wiesen, Gärten und Bäumen.
- Gleichwohl will Zürich in den nächsten Jahren neue Grünflächen auf hundert Hektaren entwickeln.
Im Frühjahr 2020 lieferte die Corona-Pandemie aus Städten auf der ganzen Welt ähnliche Bilder: Menschen, die in Parkanlagen spazieren und Fahrrad fahren, picknicken oder die Sonne geniessen. Ob in Nagoya, Vermont, Oslo oder Bern, überall suchten die Leute die Natur in ihrem Wohnumfeld auf, um sich zu bewegen, sich zu entspannen und einander zu treffen. Allerdings sperrten die Behörden daraufhin vielerorts Anlagen, auch in Zürich. Laut Axel Fischer, zuständig für Park- und Grünanlagen in der Stadt Zürich, befürchteten die Behörden, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten würden. «Die Sperrungen führten jedoch dazu, dass die Leute einfach in andere Grünanlagen in den Wald oder in landwirtschaftliche Gebiete auswichen» sagt er. Das Bedürfnis nach Natur scheint während dieser Krisenzeit besonders gross gewesen zu sein.
Dies wird durch Resultate verschiedener Studien aus Asien, Europa, den USA und der Schweiz bestätigt, die das Verhalten der städtischen Bevölkerung während des ersten weltweiten Lockdowns untersuchten. Die analysierten Mobilitätsdaten zeigten, dass die Leute überall vermehrt in den städtischen Grünräumen und Stadtwäldern unterwegs waren. Und Online-Befragungen ergaben, dass die Leute Parks, Gärten und Wälder in der nahen Umgebung mehr schätzen lernten und diese ihnen halfen, sich zu erholen und Trost zu finden.
Ingo Kowarik von der Technischen Universität Berlin erforscht die städtischen Grünräume und ihre Funktionen seit langem. In einer mit Fritz Kleinschroth von der ETH Zürich veröffentlichten Studie hat er anhand einer Google-Trends-Analyse festgestellt, dass im Lockdown ab Mitte März 2020 der Suchbegriff «spazieren gehen» viel häufiger eingegeben wurde als «einkaufen gehen» oder «auswärts essen». Sie deuten dies als Hinweis, dass die Leute das starke Bedürfnis hatten, nach draussen in die Natur zu gehen und plädieren dafür, die Corona-Pandemie auf lange Sicht als Anstoss zu nehmen, die Städte ökologischer und generell nachhaltiger zu planen. «Damit wir die Lebensqualität in den Städten sichern können, muss der Ansatz der grünen Infrastruktur konsequent umgesetzt werden», so Kowarik. Das heisst, Städte müssen mit einem dichten Netz aus Grün-, Frei- und Wasserflächen versorgt werden.
Die Verdichtung bedroht Grünräume
Doch die Grünräume stehen unter Druck, weil weltweit die städtische Bevölkerung zunimmt und zusätzlicher Wohnraum erstellt werden muss. Laut der UNO lebt bereits heute eine Mehrheit der Bevölkerung in Städten, 2050 sollen es 68 Prozent sein. «In Zürich erwarten wir bis 2040 eine Zunahme von 100 000 Einwohnern», sagt Axel Fischer von der Stadt Zürich. Das entspricht einem Wachstum von über zwanzig Prozent. Und da Zürich nicht nach aussen wachsen kann, muss die Stadt gegen innen wachsen, also verdichten. Dies geschieht häufig auf Kosten von Wiesen, Gärten und Bäumen.
Diese Entwicklung könnte sich fatal auf das künftige Leben in den Städten auswirken. Denn mit dem Biodiversitätsverlust und dem Klimawandel müssen zwei weitere Krisen bewältigt werden. Zwar haben Studien gezeigt, dass in Schweizer Städten mit ihren vielen verschiedenen Lebensräumen die Biodiversität höher ist als im landwirtschaftlich genutzten Kulturland, doch die zunehmende Bautätigkeit setzt ihr zu. Und in den dicht bebauten Siedlungsgebieten erhitzt sich das Klima besonders stark.
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Die Natur leistet viel für uns
Deshalb spielt eine vielfältige Stadtnatur – Bäume, Gärten, Parks, Wiesen, Wälder, begrünte Dächer und Fassaden, Flüsse und Seen – sowohl für die Biodiversität als auch für das Klima eine enorm wichtige Rolle. Denn sie dient uns nicht nur zur Erholung, sondern ist Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten, versorgt uns mit Nahrung und sauberem Trinkwasser, reinigt die Luft und Böden, schützt vor Lärm, reguliert den Wasserhaushalt und wirkt insbesondere der Erhitzung entgegen. Und nicht zuletzt können wir sie als eine Art Outdoor-Klassenzimmer nutzen. Eine bedeutende Rolle spielt sie zudem für den sozialen Zusammenhalt, beispielsweise durch Gemeinschaftsgärten, und die psychische Gesundheit. Eine aktuelle Studie aus Leipzig hat gezeigt, dass vor allem sozial schlechter gestellte Menschen weniger an Depressionen litten, wenn viele Bäume in ihrem Wohnumfeld wuchsen.
Science-Check ✓Studie: Urban street tree biodiversity and antidepressant prescriptionsKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDer Zusammenhang zwischen weniger Verschreibungen von Antidepressiva und grünen Strassen ist durch diese Studie noch nicht belegt, da andere, nicht einbezogene Faktoren ebenfalls Einfluss haben könnten. Die Studie gibt einen Hinweis, muss aber bestätigt werden.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: Peer-reviewed, Verschreibungen von Antidepressiva bei 9751 Bewohnerinnen und Bewohner von Leipzig und deren Wohnortnähe zu begrünten Strassen einbezogen.Studien-Art: Beobachtungsstudie.Geldgeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft.Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Ein Netz aus vielfältigen Grünräumen schaffen
Wie sich die Stadtplanung auf die pflanzliche Biodiversität auswirkt, hat Kevin Vega, Ökologe an der ETH, in Zürich untersucht. Er nennt drei Faktoren, die einen positiven Einfluss haben: die Grösse der Grünräume, deren ausgewogene Verteilung und die Anzahl Arten in einer Grünfläche. Er hält fest, dass die einzelnen Naturräume miteinander verbunden sein müssen. «Man muss die Stadt als Ökosystem denken». In Zürich machen kleine Flächen wie Baumrabatten, Wildstaudenbeete oder Grünstreifen entlang von Tramgleisen und Strassen achtzig Prozent der gesamten Anzahl der Grünflächen aus. «Weil sie jedoch meist isoliert sind, sollte man eine gute Vernetzung besonders dieser kleineren Flächen fördern», meint er.
Ingo Kowarik von der Technischen Universität Berlin regt für die Stadtentwicklung zudem an, hybride grün-graue Konzepte zu entwickeln, das heisst, es sollten auf bebauten Flächen wie Strassenräumen, Gebäuden oder Innenhöfen kombinierte soziale und ökologische Nutzungen ermöglicht werden. «Auf diese Weise könnten Gärten, begrünte Häuser oder Brachflächen oder kleine Quartierparks entstehen. Das ist jedoch nicht einfach umzusetzen, da dazu eine neue Zusammenarbeit verschiedener Ämter und die Einbindung Privater nötig ist, aber auch der politische Wille vorhanden sein muss».
Ein Generationenprojekt
«Grüne Themen werden in der Stadtplanung immer mehr Gewicht erhalten», sagt Axel Fischer. Allerdings ist die Begrünung von Zürich keine leichte Aufgabe, denn im Gegensatz zu europäischen Städten mit einer feudalen Vergangenheit weist Zürich ein enges Bebauungsmuster auf. Da bleibt weniger Spielraum für Entsiegelung und neue Grünflächen. Gleichwohl plant die Stadt, in den nächsten Jahren neue Grünflächen auf fünfzig Hektaren zu entwickeln und auf sechzig Hektaren neue gemischte Nutzungen zu ermöglichen. «Das schafft man nicht von heute auf morgen», gibt Axel Fischer zu bedenken. «Obwohl wir bereits begonnen haben, wird der Umbau der Stadt in eine ökologischere Stadt drei bis vier Generationen brauchen».