Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03255.jsonl.gz/686

Bei dieser Annahme war das Studium der geistigen Fähigkeiten der Tiere überflüssig, und obwohl sie nicht
unwidersprochen blieb und Rorarius, der NunziusPapstClemens' VII., sogar 1654 ein Buch unter dem Titel: »Die wilden Tiere brauchen
ihren Verstand besser als der Mensch« veröffentlichte, so
bewegten sich doch die zum Teil überaus genauen Beobachtungen der
Kunsttriebe niederer Tiere, welche Swammerdam, Réaumur, Rösel von Rosenhof, Bonnet, Trembley u. a. im 17. und 18. Jahrh. anstellten,
lediglich in der Richtung, das von Gott geordnete wunderbare »Maschinenwerk« darin zu
bewundern. Es ist unerhört, was in dieser Richtung beispielsweise über den mathematischen Instinkt der Bienen bei ihrem Wabenbau
oder über die angeborne Wissenschaft gewisser Trichterwickler noch in neuerer Zeit zusammenphantasiert
worden ist, obwohl solche Kunstwerke, wie Müllenhof gezeigt hat, zum Teil einfach genug entstehen.
Doch eröffnete erst das Auftreten Darwins diesen Bestrebungen die rechten Gesichtspunkte, sofern er auf das Werden und Wachsen
der geistigen Fähigkeiten unter den Tieren so gut wie der körperlichen Formen hinwies und auch hierbei die Wirksamkeit der
natürlichen Auslese betonte (s. Darwinismus, S. 570). Seitdem haben sich viele Forscher mit dem größten
Erfolg der vergleichenden und experimentellen Tierseelenkunde gewidmet, und es ist unvergessen, was in dieser RichtungLubbock, HermannMüller,
Plateau, Forel, Preyer und viele andre Forscher über die geistigen Fähigkeiten der Insekten
[* 6] und andrer niedern Tiere ermittelt
haben, indem sie sie teils in ihre gewohnten und teils in neue Bedingungen versetzten. Es hat sich dabei
ergeben, daß man ihre geistigen Fähigkeiten zum Teil über- und zum Teil unterschätzt hat.
Das sogen. Totstellen der niedern Tiere hat sich z. B. als eine nützliche Schrecklähmung (s.
Kataplexie), die Selbstamputation der Seesterne,
[* 7] Krebse, Spinnen
[* 8] und Eidechsen,
[* 9] die man früher als Ausfluß
[* 10] eines starken und heroischen Willens ansah, als bloßer unbewußter Reflexakt erwiesen, anderseits haben aber viele Beobachtungen,
z. B. diejenigen Preyers an gefesselten Seesternen, gezeigt, daß die Fähigkeit, sich in neuen und schwierigen Lagen zweckmäßig
zu benehmen, selbst bei niedern Tieren nicht gering ist.
des Schädels selbst in derselben Familie, z. B. bei dem bis zum Eocän zurückverfolgbaren Geschlecht der pferdeartigen Tiere
(Equiden), ein beständiges Wachstum in der Zeit aufweist, wie denn die Tiere mit sehr unausgebildetem Hirn, z. B. die Faultiere,
unter den Säugern auch ein sehr unentwickeltes Seelenleben und große Stumpfheit zeigen. In den höhern
Abteilungen, z. B. bei den Affen,
[* 18] ist es namentlich das Großhirn, dessen beide Hemisphären eine erhebliche Zunahme zeigen,
bis sie (beim Menschen) alle übrigen Gehirnteile bedecken.
Den einzigen wesentlichen Unterschied der tierischen von der menschlichen Intelligenz sucht Vignoli in dem Mangel des Selbstbewußtseins
bei der erstern, doch ist eine bestimmte Grenze auch hierin nicht zu ziehen, und man kann nur ein stufenweises
Wachstum der Fähigkeiten bei den höhern Tieren nachweisen.