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|DAS KULTURKABINETT|

Protokoll vom 18. Dezember 98
Nachtessen am Gartenweg
Für den 18. Dezember 19.00 habe ich einen Text gefunden, den wir diskutieren können. Den Musiker / Komponisten Thomas K. J. Mejer habe ich für den 22. Januar (19.00) 1999 einladen können. Thomas kommt gern und er sagte, er kenne das Thema "Publikum und neue E-Musik" gut und er könne dazu einiges sagen. Ich freue mich auf diesen Abend. Merkt Euch doch das Datum vor.
Sozusagen als Vorbereitung für den Abend vom 22. Januar habe ich für den 18. Dezember eine gekürzte Fassung des Textes "Gegen Interpretation" von Susan Sontag gewählt. Mir geht es um die Stellung / Haltung des Kritikers / der Kritikerin einem Kunstwerk gegenüber. Gibt es ein "gescheites" und ein "dummes" Publikum? Wie elitär ist das Kunstschaffen? Was für Konsequenzen hat das?
Ich glaube der Text von Susan Sontag (1964) hat einige provokative Thesen. Uns wird es bestimmt nicht langweilig werden. Mit lieben Grüssen, Adi.
On Interpretation
Inhalt ist der flüchtige Eindruck von etwas, eine blitzartige Begegnung. Er ist wenig - sehr wenig, der Inhalt. (Willem de Kooning in einem Interview)
Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. (Oscar Wilde in einem Brief Gegen Interpretation)
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Das früheste Erlebnis der Kunst muss ihr Erlebnis als Mittel der Beschwörung, der Magie gewesen sein; die Kunst war ein Instrument des Rituals. (Vergleiche die Höhlenmalereien von Lascaux, Altamira, Niaux, La Pasiega und so weiter.) Die früheste Theorie der Kunst, die der griechischen Philosophen, forderte die Kunst als Mimesis, als Nachahmung der Wirklichkeit. An diesem Punkt stellte sich zwangsläufig die Frage nach dem Wert der Kunst. (...) Tatsache ist, dass alles westliche Kunstbewusstsein und Reflektieren über die Kunst sich bis heute an der geschriebenen Theorie der mimetischen oder gegenständlichen Kunst orientiert hat. Diese Theorie ist es, die die Kunst als solche - jenseits des einzelnen Kunstwerks - problematisch, verteidigungsbedürftig macht. Und diese Verteidigung der Kunst wiederum ist es, die zu der merkwürdigen Betrachtungsweise führt, die das, was wir als »Form« zu bezeichnen gelernt haben, scharf trennt von dem, was man uns »Inhalt« zu nennen gelehrt hat, und die überdies dem Inhalt die wesentliche, der Form hingegen nur beiläufige Bedeutung zuerkennt. - Selbst in moderner Zeit, da die meisten der Künstler und Kritiker die Naturnachahmungstheorie zugunsten einer Theorie aufgegeben haben, nach der die Kunst subjektiver Ausdruck ist, wird die entscheidende Forderung der mimetischen Theorie weiterhin anerkannt. Ob wir das Kunstwerk als Bild begreifen (Kunst als Abbild der Wirklichkeit) oder als Aussage (Kunst als die Aussage des Künstlers): der Primat des Inhalts bleibt gewahrt. Dieser Inhalt mag sich geändert haben. Er mag heute weniger figurativ, weniger eindeutig realistisch sein. Immer noch gilt die Vorstellung, dass das Kunstwerk mit seinem Inhalt identisch ist. Oder wie man sich derzeit gewöhnlich ausdrückt: dass das Kunstwerk per definitionem etwas aussagt. (»Was X meint, ist...«, »Was X sagen will, ist...«, »Was X meinte, ist... « und so weiter und so weiter.)
2
(...) Wenngleich die derzeitige Entwicklung in vielen Kunstgattungen von der Vorstellung wegzuführen scheint, dass ein Kunstwerk primär aus seinem Inhalt besteht, bleibt diese Vorstellung dennoch weiterhin vorherrschend. Das hat, wie ich meine, seinen Grund darin, dass sie in Gestalt einer bestimmten Art der Betrachtung von Kunstwerken fortwirkt, die in der Mehrzahl der Menschen, die irgendeine Kunst ernst nehmen, tief verwurzelt ist. Diese Überbetonung des Inhaltsbegriffs bringt das ständige, nie erlahmende Streben nach Interpretation mit sich. Und umgekehrt festigt die Gewohnheit, sich dem Kunstwerk in interpretierender Absicht zu nähern, die Vorstellung, dass es tatsächlich so etwas wie den Inhalt eines Kunstwerks gibt.
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Natürlich spreche ich nicht von Interpretation in jenem weitesten Sinne, in dem Nietzsche das Wort gebraucht, wenn er (zu Recht) sagt, es gäbe keine Fakten, es gäbe nur Interpretationen. Unter Interpretation verstehe ich hier vielmehr einen Bewusstseinsakt, der einen bestimmten Kodex, bestimmte »Regeln« der Interpretation veranschaulicht. Auf die Kunst bezogen bedeutet Interpretation das Herausgreifen einer Reihe von Elementen (das X, das Y, das Z und so weiter) aus dem Werkganzen. Die Arbeit der Interpretation ist im Grunde eine Übersetzungsarbeit. Der Interpret sagt: Schaut her, seht ihr nicht, dass X in Wirklichkeit A ist - oder bedeutet? Dass Y in Wirklichkeit B ist? Dass Z in Wirklichkeit C ist? (...)
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Heute erleben wir eine solche Zeit, in der interpretatorische Unternehmungen grösstenteils reaktionär, stickig sind. Wie die Abgase der Autos und der Schwerindustrie, welche die Luft der Städte verunreinigen, vergiftet heute der Strom der Kunstinterpretationen unser Empfindungsvermögen. In einer Kultur, deren bereits klassisches Dilemma die Hypertrophie des Intellekts auf Kosten der Energie und der sensuellen Begabung ist, ist Interpretation die Rache des Intellekts an der Kunst. Mehr noch. Sie ist die Rache des Intellekts an der Welt. Interpretieren heisst die Welt arm und leer machen - um eine Schattenwelt der »Bedeutungen« zu errichten. Es heisst, die Welt in diese Welt verwandeln. (»Diese« Welt! Als ob es eine andere gäbe). Die Welt, unsere Welt, ist leer und verarmt genug. Weg mit all ihren Duplikaten, bis wir wieder unmittelbarer erfassen, was wir haben.
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In den modernsten Fällen läuft die Interpretation auf die philisterhafte Weigerung hinaus, die Finger von der Kunst zu lassen. Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Die Interpretation macht die Kunst manipulierbar, bequem. (...)
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(...) Ingmar Bergman mag den Panzer, der in Das Schweigen durch die leere nächtliche Strasse rasselt, als Phallussymbol gedacht haben. Wenn das so ist, dann war es ein törichter Einfall. (»Traue nie dem Erzähler, traue der Erzählung«, hat Lawrence gesagt.) Als brutales Objekt betrachtet, als unmittelbares sensorisches Äquivalent zu den geheimnisvollen Vorgängen im Hotel, ist die Szene mit dem Panzer die eindrucksvollste des ganzen Films. Jene Interpreten, die nach der Freudschen Deutung des Panzers greifen, demonstrieren damit nichts anderes als ihren Mangel an Sinn für das, was auf der Leinwand vor sich geht. Interpretationen dieses Typs deuten stets auf eine (bewusste oder unbewusste) Unzufriedenheit mit dem Werk hin, auf den Wunsch, es durch etwas anderes zu ersetzen. Eine Interpretation, die von der höchst zweifelhaften Theorie ausgeht, dass ein Kunstwerk aus inhaltlichen Komponenten zusammengesetzt ist, tut der Kunst Gewalt an. Sie macht die Kunst zum Gebrauchsgegenstand, der sich in ein geistiges Schema von Kategorien einordnen lässt.
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Natürlich trägt die Interpretation nicht immer den Sieg davon. Als Motivation eines Grossteils der Gegenwartskunst kann geradezu die Flucht vor der Interpretation genannt werden. Um der Interpretation aus dem Wege zu gehen, kann die Kunst zur Parodie werden. Aus dem gleichen Grunde kann sie abstrakt, dekorativ oder zur Nichtkunst werden. Die Flucht vor der Interpretation scheint besonders ausgeprägt in der modernen Malerei. Abstrakte Kunst ist der Versuch, keinen Inhalt im gewöhnlichen Sinn zu haben; da sie keinen Inhalt hat, kann es auch keine Interpretation geben. Pop Art erreicht mit entgegengesetzten Mitteln das gleiche Resultat; indem sie einen so marktschreierischen Inhalt wählt, ist auch sie letztlich nicht interpretierbar. (...)
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Welcher Art sind die Kunstkritik und der Kunstkommentar, die wir heute brauchen? Denn ich sage nicht, dass Kunstwerke schlechterdings unbeschreibbar, dass sie nicht zu erläutern sind. Sie können durchaus erläutert werden. Die Frage ist nur: wie? Wie müsste die Kritik aussehen, die dem Kunstwerk diente, statt sich an seinen Platz zu drängen? Was zunächst vonnöten ist, ist ein verstärktes Interesse für die Form in der Kunst. Während eine übertriebene Betonung des Inhalts die Arroganz der Interpretation provoziert, ist eine intensivere und umfassendere Beschreibung der Form dazu angetan, diese Arroganz zum Schweigen zu bringen. Was wir brauchen, ist ein Vokabular - ein beschreibendes und kein vorschreibendes Vokabular - zur Erfassung der Formen. Die beste Kritik ist die, in der inhaltliche Erwägungen mit formalen verschmelzen. (Ein Beispiel für die Formanalyse, die gleichzeitig Gattung und Autor einbezieht, ist Walter Benjamins Aufsatz »Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Leskovs«.) Aber ebenso wertvoll sind kritische Versuche, die eine wirkliche präzise, scharfsichtige und liebevolle Beschreibung der äußeren Erscheinungsform eines Kunstwerks bieten. Das jedoch scheint noch schwieriger als eine Formanalyse.
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Der höchste und befreiendste Wert in der Kunst - und der Kritik - ist heute die Transparenz. Transparenz meint die Erfahrung der Leuchtkraft des Gegenstandes selbst, der Dinge in ihrem Sosein. (...) Irgendwann in der Vergangenheit (sagen wir zur Zeit Dantes) muss es einmal ein revolutionärer und schöpferischer Akt gewesen sein, Kunstwerke zu schaffen, die auf verschiedenen Ebenen erlebt werden konnten. Heute ist das nicht mehr der Fall. Heute wird dadurch ein Prinzip des Übermasses gefördert, das das grösste Problem des modernen Lebens darstellt. - Irgendwann in der Vergangenheit (zu einer Zeit, als hohe Kunst selten war) muss es einmal ein revolutionärer und schöpferischer Akt gewesen sein, Kunstwerke zu interpretieren. Heute ist das nicht mehr der Fall. Was wir sicherlich nicht mehr brauchen, ist die Umsetzung von Kunst in Gedanken oder (was noch schlimmer ist) von Kunst in Kultur. Die Interpretation setzt ein sinnliches Erlebnis des Kunstwerks als selbstverständlich voraus und basiert darauf. Aber dieses sinnliche Erlebnis lässt sich heute nicht mehr ohne weiteres voraussetzen. (...) Sämtliche Bedingungen des modernen Lebens - sein materieller Überfluss, seine Überladenheit - bewirken eine Abstumpfung unserer sensorischen Fähigkeiten. Und im Hinblick auf diesen Zustand unserer Sinne, unserer Fähigkeiten (und nicht derer einer anderen Zeit) muss die Aufgabe des Kritikers bestimmt werden. Heute geht es darum, dass wir unsere Sinne wiedererlangen. Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen. - Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Höchstmass an Inhalt in einem Kunstwerk zu entdecken. Noch weniger ist es unsere Aufgabe, mehr Inhalt aus dem Werk herauszupressen, als darin enthalten ist. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, den Inhalt zurückzuschneiden, damit die Sache selbst zum Vorschein kommt. - Das Ziel aller Kommentierung der Kunst sollte heute darin liegen, die Kunst - und analog dazu unsere eigene Erfahrung - für uns wirklicher zu machen statt weniger wirklich. Die Funktion der Kritik sollte darin bestehen aufzuzeigen, wie die Phänomene beschaffen sind, ja selbst, dass sie existieren, aber nicht darin, sie zu deuten.
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Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst. (1964)
Aus: Susan Sontag, Kunst und Antikunst. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt: 1982. (p11-22)
Nach dem 24. zusammenstoss vom 18. Dezember hier das Protokoll des Abends und eine Einladung zum Nachtessen vom Freitag, 22. Januar, 19 Uhr.