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Mit «Adalina» hatte der 1954 in Chur geborene und heute am Rande von Berlin lebende Silvio Huonder 1997 ein aufsehenerregendes und vielgelobtes Romandebüt vorgelegt; schon ein Jahr später folgte das «Übungsheft der Liebe», das eine eher kontroverse kritische Rezeption erfuhr. Acht Jahre liess Huonder dann mit einer neuen Buchpublikation auf sich warten. In der Zwischenzeit hatte er sich bevorzugt mit Theater- und Filmarbeiten beschäftigt und im letzten Jahr mit dem am Dresdner Staatsschauspiel uraufgeführten Stück «Kino» in der literarischen Öffentlichkeit wieder auf sich aufmerksam machen können.
Huonders neuer Roman, «Valentinsnacht», erzählt die Geschichte von Paulmann, einem vierzigjährigen Diplommeteorologen, der aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogen ist, und Katarina, einer sechsunddreissigjährigen Film-Cutterin. Das Paar lernt sich eigentlich zufällig und irrtümlich kennen, gerät dann aber in eine schicksalsschwere Beziehung. Am Abend des 14. Februar, in einer eisigen Valentinsnacht, rekapituliert Paulmann die Entwicklung dieser Beziehung, die wie ein Film seine Gedanken durchläuft; er erinnert sich an die erste Begegnung im Juni, als er zu einem Blinddate verabredet war, mit einer Frau ins Kino ging, sie nach Hause begleitete, mit ihr eine Liebesnacht verbrachte und am nächsten Tag überrascht feststellen musste, dass diese Frau, Katarina, gar nicht die Person der Kontaktanzeige war. Trotz Paulmanns grosser Irritation und Katarinas distanziertem Verhalten nach der Liebesnacht entwickelt sich eine «gemeinsame Geschichte», die freilich auf extremen Spannungen gründet. Als Paulmann erfährt, dass Katarina von ihm schwanger ist, sieht er sich mit einer Schicksalsfrage konfrontiert, der er sich nicht gewachsen fühlt. Während er unter dem Pseudonym «Kryos», des Gottes der Kälte, recht erfolgreich an Internet-Wetterturnieren teilnimmt und nach meteorologischen Gesetzmässigkeiten forscht, um möglichst exakte Wetterberichte liefern zu können, weiss er gleichzeitig um die Relativität und Unberechenbarkeit der Prognosen, die er nun auch in seiner konfliktträchtigen Geschichte mit Katarina wiederfindet.
Die befürchtete Katastrophe naht, als Katarina eines Tages nach einem Streit verschwindet und Paulmann vermutet, sie wolle ihr Kind abtreiben lassen. Alkoholtrunken, schneidet er sich in grosser Verzweiflung in einem Kopiergeschäft mit einer Papierschneidemaschine einen Finger ab – zum einen als Reaktion auf Katarinas wütenden Vorwurf, er wolle sich aus der Verantwortung stehlen, zum anderen angeregt durch einen Zeitschriftenartikel über einen nordamerikanischen Indianerstamm, der durch abgetrennte Finger den Verlust von Familienangehörigen anzeigt. Katarina hat sich indes für das Kind entschieden. Am Ende des Romans, in der Erzählgegenwart der Valentinsnacht, hält Paulmann im Krankenhaus sein neugeborenes Kind in den Armen.
Im Wechsel zwischen retrospektiver Erzählung der Beziehungsgeschichte und Zustandsbeschreibung der bitterkalten Gegenwart des Protagonisten, der in der Kälte eine «berauschende Schönheit» entdeckt, entwickelt sich der Roman im Verlauf der kapiteleinteilenden neun Monate von Juni bis Februar, hin zur Geburt des Kindes. Wie filmische Cuts setzt Huonder Szenen, Momentaufnahmen, Entwicklungsstationen der Beziehung zusammen und umschliesst sie mit dem titelgebenden Erzählrahmen, der Valentinsnacht. Die Frage nach dem Verhältnis von Zufall und Bestimmung, von Willkür und Gesetzmässigkeit, Unsicherheit und Gewissheit, die auch den Meteorologen bei seinen Wetterprognosen intensiv beschäftigt, wird für Paulmann und Katarina zum zentralen Problem ihrer Beziehung. Während das Leben und die Arbeit des Protagonisten «aus lauter Provisorien» besteht, beklagt Katarina «das Bruchstückhafte» ihrer Existenz. Huonder verweist hier geschickt auf Katarinas berufliche Tätigkeit als Film-Cutterin, die aus zerschnittenen Teilen neue Zusammenhänge zu montieren hat: «Noch ein Schnitt und noch ein Schnitt» – dies bezieht sich nicht nur auf die Filmarbeit der Protagonistin, sondern auch generell auf das Leben, auf den Menschen (wofür Katarina in den Abtreibungsüberlegungen und in der Selbstverstümmelung Paulmanns sinnfällige Zeichen findet) – auf «die ganze Welt».
Silvio Huonder hat die bewegende und konfliktreiche Geschichte einer schicksalhaften Zufallsliebe geschrieben. Auf raffinierte Weise, mit subtil-präzisem Blick, in einer lakonischen und zugleich poetischen Diktion, setzt er erzählerische…