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| Arnobius major (um 303-305) - Gegen die Heiden (Adversus Nationes)

Zweites Buch
Nr. 75
Du wirfst ein und führst an, warum der Retter so spät gesendet ward? In der unendlichen immerseyenden Ewigkeit muß durchaus Nichts spät genannt werden: denn wo kein Ende und sein Anfang, da ist Nichts langsam. Die Zeit nämlich erkennt man mittelst dem Ende und Aeußersten, was der unendlichen Fortdauer der Ewigkeit nicht zukommen kann. Wie, wenn die Dinge selbst, denen geholfen zu werden schicklich war, diese gelegene Zeit verlangten. Wie, wenn das Alterthun einen andern Zustand als das Nachfolgende hatte? Wie, wenn den Alten auf andere Weise beigestanden werden mußte, als den Nachkommenden? Hört ihr nicht euere euch erinnernden Schriften, es habe einst Menschen, Halbgötter, Heroen, mit übermenschlichen und unförmlichen Körpern gegeben? Leset ihr nicht, daß Kinder in der Mütter Brüste stentorisches Gewimmer ausstießen; deren in verschiedenen Gegenden ausgegrabene Gebeine bei den Findern Zweifel erregten, ob sie Ueberreste von Menschen seyen? Es kann also seyn, daß der allmächtige, alleinige Gott dann erst Christus ausgesendet habe, nachdem das [S. 97] Menschengeschlecht kraftsloser und unsere Natur schwächlicher zu seyn angefangen. Wenn das heute Geschehene vor tausend Jahren geschehen hätte können, so würde es der oberste Herrscher vollbracht haben; oder wenn das heute Geschehene nach eben so vielen tausend Jahren sich erfüllen hätte sollen, so zwang Gott Nichts, das nothwendige Zeitmaaß nicht abzuwarten. Nach festgesetzten Gründen vollbringen sich seine Dinge, und was einmal zu geschehen beschlossen ist, vermag durch keine Steuerung geändert zu werden.