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LAUFENDE UNTERSUCHUNG ZUM BESTAND DER ORANG-UTANS
Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie die Anzahl der noch in der freien Wildbahn lebenden Orang-Utans bestimmt wird? Wie kann man Wildtiere zählen? Wir erklären dies am Beispiel unserer aktuellen Arbeit zur Erfassung des Bestands der beiden Orang-Utan-Arten auf Sumatra.
Die letzte Bestandesaufnahme der Orang-Utans auf Sumatra fand zwischen 2009 und 2011 statt. Soweit wir wissen, war dies die erste Untersuchung der gesamten globalen Verbreitung einer Menschenaffenart überhaupt. Diese Untersuchung, publiziert im Jahr 2016, zeigte, dass nur noch 13’000 Sumatra-Orang-Utans und 800 Tapanuli-Orang-Utans auf Sumatra leben. Vor tausenden von Jahren waren Orang-Utans in ganz Süd-Ost-Asien zu Hause, bis heute hat sich ihr Lebensraum auf einige wenige tropische Regenwälder auf Sumatra und Borneo verkleinert. Den Berechnungen unseres Orang-Utan-Schutzprogramms SOCP nach, betrug der Verlust des (Primär-)Regenwalds für die Sumatra-Orang-Utans zwischen den Jahren 2002 und 2018 rund 110’000 Hektare. Die Tapanuli-Orang-Utans verloren im gleichen Zeitraum rund 4330 Hektare Lebensraum. Zum Vergleich: Beides zusammen entspricht einer Fläche von etwa der des Kantons Uri. Je nach Futterangebot gibt es auf Sumatra Gebiete, in welchen die Orang-Utans in höherer oder niedrigerer Dichte vorkommen. Im Tieflandregenwald sind ihre bevorzugten Futterpflanzen, vor allem Fruchtbäume, am häufigsten zu finden und dadurch ist dort auch die Dichte der Orang-Utans am höchsten. Das Tragische daran ist, dass diese Tiefland- und Sumpfregenwälder auch exakt die Gebiete sind, die für Palmölplantagen am häufigsten abgeholzt werden. Dies erklärt unter anderem auch, warum der Orang-Utan-Bestand parallel mit der rasanten Entwicklung der Palmölindustrie in Indonesien in erschreckendem Masse zurückgegangen ist.
Doch wie hat sich der Bestand in den letzten Jahren entwickelt? Zurzeit sind die Teams unseres SOCPs daran, eine grossangelegte Untersuchung zur Bestimmung der aktuellen Bestandeszahlen und der Populationsdichte durchzuführen. Wir erklären, wie das geht:
- Standards einhalten: Unsere Teams arbeiten mit den anerkannten Methoden zur Erfassung der Bestandeszahlen von Menschenaffen. Die Ergebnisse der Erhebungen werden von der Weltnaturschutzunion IUCN verwendet, um festzustellen, ob eine Art bedroht, gefährdet oder stark gefährdet ist.
- Vorbereitung der Untersuchung: In regelmäßigen Abständen werden Liniensektionen im Lebensraum der Orang-Utans gelegt. Sie werden dann von Teams zu Fuß aufgesucht und abgelaufen. Einige sind so abgelegen, dass es Wochen dauern kann, sie zu erreichen.
- Auf der Suche nach Nestern: Orang-Utans bauen Schlaf-Nester hoch oben in den Bäumen. Das ist praktisch, denn diese zu identifizieren ist einfacher, als einzelne Tiere zu lokalisieren. Indem Teams die Sektionen genau gemäss Plan ablaufen, werden die Nester ausfindig gemacht und dokumentiert. Es ist dann möglich, die Dichte der Nester jeder Sektion zu bestimmen und diese in eine Schätzung der Orang-Utan-Dichte umzuwandeln. Das basiert auf unserem Wissen, wie viele Nester ein Orang-Utan pro Tag baut, wie lange die Nester im Wald sichtbar bleiben und wie viel Prozent der Orang-Utans überhaupt Nester bauen. Sobald wir die Dichte in einem Gebiet kennen, können wir durch Extrapolation auf die Fläche des Lebensraums, die Gesamtzahl der Orang-Utans in einem bestimmten Wald schätzen.
- Zusätzliche Datenerhebung: Während die Teams im Regenwald nach Nestern Ausschau halten, können sie zusätzlich auch noch andere Daten erheben. So dokumentieren sie etwa die Vegetationsqualität im Regenwald anhand eines Datenblatts der UNESCO. Sie befragen Einwohnerinnen und Einwohner nach Mensch-Tier-Konflikten und allfälligen Jagdgewohnheiten. Darüber hinaus betreibt ein anderes SOCP-Team ein Abholzungs-Monitoring mittels der Analyse von Satelliten-Daten.
- Datenauswertung: Im Anschluss wird mit Hilfe eines statistischen Models die beeinflussenden Faktoren auf das Vorkommen von Orang-Utans-Nestern eruiert. Und gleichzeitig wird eine Verbreitungs- und Bestandesaufnahme beider Orang-Utan-Arten auf Sumatra berechnet.
Wegen der Corona-Pandemie konnten einige Monate lang keine Erhebungen durchgeführt werden. Wir erwarten, dass die Resultate etwas verspätet im Sommer 2022 publiziert werden.