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Lea Pfäffli; (Audio folgt)
Die Aula des Schulhauses Hirschengraben: Vor über 100 Jahren, im Jahre 1912, fand in diesem schmucken Saal ein Vortrag statt. Redner war der Polarforscher Alfred de Quervain, der gerade von der „Schweizerischen Grönlandexpedition“ zurückgekehrt war. Er und drei weitere Männer hatten die von einem riesigen Gletscher bedeckte grönländische Insel, die Teil des dänischen Kolonialreichs war, von der West- bis zur Ostküste überquert.
In seinem Vortrag beschrieb de Quervain die Polarexpedition als nationale Heldengeschichte: So habe etwa „die Liebe zum Hochgebirge, die Vertrautheit mit Schnee und Gletscher, und wiederum eine gewisse Anpassungsfähigkeit und Anspruchslosigkeit” die Männer zur Überquerung Grönlands befähigt. In patriotischer Manier hatte de Quervain die Expedition so gelegt, dass die Mannschaft genau am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, die grönländische Ostküste erreichte.
Sein Referat illustrierte der Schweizer mit handkolorierten Lichtbildern, in denen er die arktische Landschaft wie auch die Bevölkerung als fremd und exotisch inszenierte. Die Inuit, die an den Küsten Grönlands wohnten, beschrieb de Quervain als “Naturkinder” - obwohl sie häufig als Katecheten oder in der Tranproduktion arbeiteten.
De Quervains von kolonialen Stereotypen geprägter Vortrag passte in den Saal des Schulhauses Hirschengraben. Denn schauen Sie auf zu den Säulen! … Die Aula ist bis heute mit Skulpturen rassifizierter Menschen versehen. Köpfe aus scheinbar allen Weltgegenden sollten den damaligen Schülerinnen und Schülern zur Veranschaulichung dienen. Wie die Abenteuergeschichte und die Lichtbilder de Quervains bedienten diese Skulpturen die Schaulust am vermeintlich Anderen.
De Quervain nutzte koloniale Bilder ausserdem, um Geld für sein Unterfangen zu gewinnen. Denn für die Grönlandüberquerung war eine beträchtliche Summe nötig – und im Gegensatz zu imperialen Grossmächten wie Grossbritannien, das eigens Expeditionsschiffe für die Erkundung der Polargebiete bauen liess, lehnte der Bundesrat die Finanzierung der “Schweizerischen Grönlandexpedition” ab.
Mit seinen Geschichten und Bildern konnte de Quervain aber ein breiteres Interesse wecken. Er tourte mit seiner Diashow durch das Land – und der Andrang war riesig. Pro Vortrag kamen zwischen 100 und 750 Franken zusammen, damals beträchtliche Summen. So konnte de Quervain nichtsdestotrotz auf Schweizer Geld zählen.
Einen entscheidenden Beitrag an das Expeditionsbudget zahlte auch die Neue Zürcher Zeitung. Im Gegenzug sicherte sie sich die exklusiven Rechte an der Berichterstattung. Auch eine frühe Form von Product Placement zählte zu den Finanzierungsstrategien der “Schweizerischen Grönlandexpedition”: Lebensmittelfirmen wie Maggi und Lindt sponserten Expeditionsnahrung und de Quervain lobte dafür die Produkte der Gönner in seinen Vorträgen und im Reisebericht.
Was erzählt uns diese Geschichte? Zwar verfolgte die offizielle Schweiz keine territorialen Ambitionen in der Arktis, schliesslich lehnte der Bundesrat das Finanzierungsgesuch ab. Für die Finanzierung liess sich aber das Polarfieber des Schweizer Bildungsbürgertums und privater Firmen nutzen. Das frühe 20. Jahrhundert war die Zeit des imperialen Wettlaufs um die Polargebiete. Norweger, Amerikaner und Briten wollten als erste Männer zum Nord- und Südpol. Mit der Überquerung Grönlands folgte de Quervain dieser Logik der imperialen Erstbegehung – und bediente die Schweizer Sehnsucht nach einem eigenen Polarhelden.
P.S. Wir danken Sally Schonfeldt für den Hinweis auf die Statuen.