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Die Kriegsmobilmachung war für den Pferdebetrieb unserer Firma noch einschneidender als für den Taxibetrieb. Denn nur die Kavallerie verfügte über eigene Pferde, die übrigen Bedürfnisse der Armee wurden mit Requisitionen abgedeckt. In den vier Kriegsjahren leisteten 98 Settelen-Gäule 34581 Diensttage. Die Folgen waren erschreckend: Fünf kamen bei Unfällen zu Tode; kaum ein Pferd, das nicht in eine Kuranstalt verbracht wurde; etliche Pferde mussten nach der Dienstleistung zur Schlachtbank geführt werden, weil sie physisch oder psychisch ausgebrannt waren; immer wieder wurden Minderwert-Entschädigungen ausgerichtet. Löbliche Ausnahme war der 1907 geborene, dunkelbraune Oldenburger Wallach «Vetter», der 1433 Diensttage leistete.
Er war zwar 1914 einmal für zwei Monate in der Kuranstalt. Für ihn musste aber nie ein Minderwert beansprucht werden. Vermutlich wurde Vetter als Offizierspferd eingesetzt und hatte das Glück, dass er in die Hände von qualifizierten Reitern und Offiziersburschen kam. Für die sich im «Urlaub» befindlichen Pferde war offensichtlich genügend Arbeit vorhanden. Pferde, ob sie nun arbeiten oder im Stall stehen, brauchen Futter. Die Tagesration für ein Zugpferd betrug 1914 10 bis 12 kg Heu, 8 bis 8,5 kg Hafer und etwas Stroh. Für die Verpflegung eines Pferdes musste also irgendwo eine Anbaufläche von 2,5 ha Land bearbeitet werden. Alleine für die Ernährung der 135 000 Schweizer Pferde hätte die Anbau- und Alpfläche des Kantons Bern nur knapp ausgereicht. Logischerweise wurde Pferdefutter bereits 1915 zur Mangelware, parallel dazu vervierfachten sich die Preise für Heu und Hafer. Die Menge des importierten Hafers fiel um 84%, die des Heus auf praktisch null. Dies führte vor allem zu einer laufenden Kürzung der Haferrationen, die 1918 noch klägliche 2kg betrugen. Auch die Heurationen wurden gekürzt, wenn auch nicht ganz so drastisch. Um die Pferde einigermassen bei Kräften zu halten, verfütterte man sog. Surrogate, so z.B.: Biertreber, Zuckerrübenschnitzel, Johannisbrot, Melasse, Ölkuchenmehl, «Ausmahleten», Schilfmehl etc.
Diese Surrogate enthielten meist zuwenig Ballaststoffe, die man mit hohen Strohzugaben ausglich. Die Ersatzstoffe waren aber keineswegs billig, Settelen verfütterte bis zu 111 Tonnen im Jahr und bezahlte dafür bis zu Fr. 1290. pro t, also fast den doppelten Preis des kaum mehr erhältlichen Hafers. Indiz für die allgemein unbefriedigende Ernährungssituation der Pferde ist der Antrag des Berufskollegen Charles Ackermann, Genf, vom 21. Juni 1918, an den Vorstand des CVSM (Centralverband der Schweiz. Möbeltransporteure), damals das Tarifkartell der Umzugsfirmen, «man solle ihm keine 8m Bahnmöbelwagen mehr zusenden, da seine Pferde wegen der mangelhaften Fütterung zu schwach sind, diese schweren Möbelwagen abzuführen». Der Vorstand beschloss,«er soll zusätzlichen Vorspann organisieren und diesen weiter verrechnen». Auch der Ersatz der Pferde gestaltete sich zunehmend schwieriger. Wurden vor dem Krieg durchschnittlich 9000 erwachsene Tiere und 2500 Füllen eingeführt exkl. Schlachtpferde , so waren es in den Kriegsjahren noch ca. 1500 Pferde inkl. Füllen. Entsprechend steil stieg der Preis für ein eingefahrenes fünf- bis sechsjähriges Zugpferd von Fr. 1400. auf Fr. 4500. an. Dass diese Preistreiberei weitgehend hausgemacht war, belegt die Tatsache, dass mit dem Waffenstillstandstag die Preise regelrecht abstürzten und sich nach 1921 bis weit in die 30er-Jahre hinein bei Fr. 1400. einpendelten. Logischerweise rief diese drastische Teuerung bei den «Traktionspreisen» nach entsprechenden Tariferhöhungen. Da man noch lange glaubte, dass die Teuerung nur vorübergehenden Charakter habe, wurde häufig nur mit Teuerungszuschlägen gearbeitet. Bei den Umzügen z.B. betrug dieser 1918 100%!
Für viele Arbeitnehmer bedeuteten die Kriegsjahre eine finanzielle Katastrophe. Die Verbraucherpreise stiegen von 1914 bis 1920 um 124%, die Löhne um 114%, damit fielen die Reallöhne um 5%. Da die Teuerung jedoch immer im Nachhinein angepasst wurde, war die Einbusse für die Arbeitnehmer deutlich höher.
Erschwerend für Basel, das traditionell einen hohen Ausländerbestand hatte, war der Umstand, dass viele der ausländischen Werktätigen dem Rufe ihrer Fahne folgten. Dies führte vorerst zu Betriebsschliessungen und Arbeitslosigkeit. Das Baugewerbe klagte während des ganzen Krieges über eine schlechte Beschäftigungslage. Dafür «boomte» schon bald die chemische Industrie in nie gekanntem Ausmass und auch der metallverarbeitenden Industrie ging es bald wieder sehr gut. Trotz der gesamthaft erfreulichen Wirtschaftsentwicklung wurde die Lage für die Familien der Wehrdienstleistenden, der kleinen Lohnbezüger und Rentner zunehmend schwieriger. Als im November 1916 die Kartoffelversorgung, das einzige noch einigermassen günstige Grundnahrungsmittel, zusammenbrach, musste die Kantonale Verkaufsstelle auf dem Marktplatz vor der aufgebrachten Menge polizeilich geschützt werden. Ab März 1917 gab die Stadt an Personen, die monatlich über weniger als Fr. 40. verfügten, Gutscheine für den verbilligten Bezug von Grundnahrungsmitteln ab. Die Zahl dieser Notstandsberechtigten nahm bis 1918 auf 30000 zu, also auf etwas mehr als ein Fünftel der Wohnbevölkerung. Für viele Menschen wurde der Verzehr von Eiern, Schweinefleisch, Butter oder auch das Heizen zu einem unerschwinglichen Luxus. Zahlte man z.B. 1913 für ein Ei noch 11 Rappen, so waren es 1919 63 Rappen. Es kann deshalb nicht verwundern, dass es in Basel bereits am 20. Juni 1918 im Anschluss an eine von 20000 Menschen besuchte «Protestkundgebung gegen Teuerung und schlechte Versorgung», zu einer üblen Randale kam. Als Resultat dieser Missstände tat sich ein tiefer Graben in der Schweizerischen Gesellschaft auf.
Politiker und Militärs, die für die Geschicke der Schweiz im Zweiten Weltkrieg verantwortlich waren, zogen die Lehren aus den Unterlassungen und Fehlern der Verantwortlichen während der Grenzbesetzung 1914/18. Die Schweiz war 1939 neben Nazi-Deutschland die militärisch und wirtschaftlich auf den Krieg am besten vorbereitete Nation. Während des Zweiten Weltkrieges litt niemand in diesem Land Hunger, weder Einwohner noch Flüchtlinge. Der im Ersten Weltkrieg aufgerissene gesellschaftliche Graben verflachte zusehends dank dem solidarischen Handeln der meisten verantwortlichen Partei-, Gewerkschafts- und Wirtschaftsführer.