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Begriff (nach J. H. van der Meer):
"Eine Sackpfeife (Dudelsack) ist ein Aerophon mit einer oder mehreren klingenden Pfeifen,die mit Einzel- oder mit Doppelrohrblatt oder die teilweise mit Einzel-, teilweise mit Doppelrohrblatt versehen sind. Die Pfeifen werden zum Klingen gebracht durch die Luft aus einem Windbehälter in der Form eines Sacks,der meistens durch den linken Arm des Spielers unter Druck gesetzt wird. Der Windbehälter wird entweder direkt durch den Spieler mittels eines Blasrohrs oder aber indirekt durch einen Blasebalg gespeist."
Über die Tradition dieses heute fast vergessenen Volksmusikinstrumentes, das zur Gruppe der Borduninstrumente gehört,wissen wir leider erst sehr wenig. Man kennt die Namen einiger Spielleute (von Hans Gantner, König der Spielleute zu Bern 1507, dargestellt auf dem Pfeiferbrunnen in der Spitalgasse, bis zu Hans Schwarz, Sackpfeifer zu Appenzell,1577 als angeblicher Brandstifter hingerichtet.) Es existieren auch einige (allerdings wenig schmeichelhafte) Schilderungen über die Verwendung der Sackpfeife in unseren Alpen. Im 15. Jh. wurde die Sackpfeife sogar bei den Eidgenössischen Truppen eingesetzt; anfangs 16. Jh. allerdings bereits wieder von den lautstärkeren Instrumenten Querpfeife und Trommel verdrängt. Dieser Hinweis ist deshalb wichtig, weil er beweist, dass unsere Sackpfeifen des 15./16.Jh. niemals so laut waren wie die heute v.a. bekannten Sackpfeifen in Schottland. Gegen Ende des 16. Jh. werden die Hinweise spärlicher: Das Instrument scheint in vielen Gegenden fast ausgestorben und wird höchstens noch von Bettlern und Vaganten gespielt. Im Kanton Bern weisen einige Chorgerichtsmanuale allerdings daraufhin, dass dort die Sackpfeife noch bis ins 17. Jh., teilweise sogar bis ins 18. Jh. ein beliebtes und verbreitetes Volksmusikinstrument war.
Neuerdings gibt es sogar einige glaubhafte Hinweise darauf, dass die Sackpfeife in verschiedenen abgelegenen Gebieten (Wallis,Tessiner Täler, Innerschwelz) noch bis ins 19. Jh. vereinzelt aufgetreten sein soll.
Relativ gut dokumentiert sind die Schweizer Sackpfeifen in zeitgenössisehen Abbildungen. So findet man die Instrumente in praktisch allen alten Bilderchroniken (Codex Manesse, Schilling,Schodeler etc.), in vielen Totentänzen des 15./16. Jh. (Bern, Basel, Luzern etc.) sowie in und an vielen alten Kirchen, Burgen, Wohnhäusern, Brunnen, Brücken und Toren in der ganzen Schweiz. Weitere Hinweise könnten uns die heute noch vorkommenden Familiennamen wie "Pfeiffer / Pfiffer / Pfyffer / Pfiffner / Dudler / Dudli etc." geben (Familienwappen, Familiengeschichte, Stammbäume ?).
Urs Klauser / 87
Bei den im Gebiet der heutigen Schweiz bekannten Sackpfeifen lassen sich im wesentlichen drei Typen unterscheiden :
(Typ a / d nach der Typologie J. H. van der Meer)
Dieser Typ findet sich in der Schweiz v.a. im 14. Jh. (z. B. Manessische Liederhandschrift) und ist eine Weiterentwicklung des Typs a / a (Sackpfeife mit einer einzigen Klarinettenspielpfeife). Die Tülle der Melodiepfeife ist dabei als Tierkopf geschnitzt; der Stimmer (=Bordun), etwas länger als die Spielpfeife, scheint in der gleichen "Tierkopftülle" zu stecken. Die Spielpfeife ist teilweise mit einer Hornstürze (= Schallbecher) versehen.
(Typ c / a nach der Typologie J. H. van der Meer)
Dieser Typ war in der ganzen Schweiz bis 15. Jh., teilweise sogar noch bis ins frühe 16. Jh. verbreitet. Im Tessin war er als "Piva" bekannt und soll sogar vereinzelt noch bis ins 18. /19. Jh. gespielt worden sein. Das Tessin war kulturell immer mit Norditalien verbunden, dort ist dieser Sackpfeifentyp ursprünglich auch entstanden. Die Spielpfeife ist konisch mit ausladender Stürze (= Schallbecher), bei der Piva des 18. /19. Jh. jedoch mit eher birnenförmiger Stürze. Der Stimmer (=Bordun) ist zweiteilig und hat eine zylindrische Form mit ausladender Stürze. Während bei den älteren Typen der Stimmer etwa die anderthalbfache bis doppelte Länge der Spielpfeife aufweist, ist er bei der jüngeren Piva etwa gleich lang.
(Typ c / e nach der Typologie J. H. van der Meer)
Dieser Typ war in der Schweiz etwa vom Ende des 15. Jh. bis (vereinzelt) Mitte des 18. Jh. verbreitet. Die Blütezeit dieses Typs (und der Sackpfeife in der Schweiz allgemein) liegt dabei im frühen 16. Jh., wo die häufigsten Abbildungen und Beschreibungen zu finden sind.
Die Spielpfeife ist konisch mit ausladender Stürze (= Schallbecher), die manchmal mit Längsschlitzen verziert ist.
Die Bordunpfeifen (Stimmer) sind zweiteilig, haben zylindrischen Umriss und einen gedrechselten Stimmwulst (= verdickter Teil des unteren Bordunpfeifeteils mit zylindrischer Bohrung, in dem der zweite, obere Teil des Borduns steckt und durch Ein- oder Ausziehen gestimmt werden kann). Die Stürzen (= Schallbecher) sind entweder ausladend oder flaschenförmig. Als auffallendstes Merkmal weisen einige dieser Schweizer Sackpfeifen Längsschlitze in den Spielpfeifen- und Bordunpfeifenstürzen sowie (angedeutet) in den Stimmwülsten auf. Der kleinere Bordun hat etwa die Länge der Spielpfeife; der grössere etwa die eineinviertelfache Länge des kleinen Borduns. Dies ergibt eine Stimmung mit Grundton und Quinte, wodurch sich dieser Typ wesentlich von den keltischen Sackpfeifen unterscheidet.
Das einzig typisch schweizerische Element dieser sonst fast identisch im ganzen deutschen Sprachgebiet in dieser Zeit verbreiteten Sackpfeife (Deutschland/Flandern/Niederlande) sind die oben bereits erwähnten Längsschlitze in den Stürzen und Stimmwülsten. Diese liessen sich bisher bei keinem anderen Sackpfeifentyp feststellen. Eine sichere Erklärung für dieses typische (Zier-) Element habe ich bisher nicht gefunden; vielleicht hängt es mit den aufgeschlitzten Kleidern (Hosenstösse und Wamsärmel) der Schweizer Landsknechte zusammen, die eben in dieser Zeit des 16. Jh. Mode waren. Ob diese Längsschlitze in den Stürzen eine technisch/musikalische Funktion hatten, bleibt ebenso unsicher. Der Ton der Bordunpfeifen ändert sich durch diese Schlitze nur unwesentlich. Dagegen wäre es möglich, dass dank dieser Schlitze eine Abstellvorrichtung mit einem Stöpsel fest in der Bordunpfeifenstürze eingebaut war; wie ich es bei meiner Rekonstruktion der Sackpfeife nach Niklaus Manuels Totentanz hypothetisch realisiert habe. In der Stürze der Spielpfeife waren diese Schlitze mit Sicherheit nur ein Zierelement, da die Stürze als tonbildender Teil der Spielpfeife keine durchgehenden Öffnungen aufweisen durfte. Das gleiche gilt sinngemäss auch für die Stimmwülste, deren Funktion mit durchgehenden Schlitzen nicht möglich wäre.
Weitere landes- oder regionstypische Merkmale (wie z.B. Blasbalgbetrieb/weitere Bordune/Überblasmöglichkeit etc.) waren den Schweizer Sackpfeifen leider versagt geblieben. In den späteren Jahrhunderten, als sich diese Entwicklungen in anderen Ländern zeigte, fristete unsere Sackpfeife höchstens noch ein kümmerliches Dasein als Bettlerinstrument in wenigen abgelegenen Gebieten.
Urs Klauser / 87
Die verbreitetste und häufigste Benennung für unser Instrument war in der Deutschschweiz bis ins 18. Jh. "SACKPFEIFE":
"sackpfiff", "sackpfyf", "sagkphiffen", "sackphiffen" etc.
Erst im 18. Jh. wurde das Wort "Dudelsack" in der Volkssprache zum Oberbegriff für die ganze Instrumentenfamilie. Das zeigt,dass in dieser Zeit die einheimische Sackpfeife weitgehend unbekannt gewesen sein muss, sonst hätte man weiterhin den traditionellen Begriff "Sackpfiiffe" verwendet.
Einiges deutet auch darauf hin, dass folgende Ausdrücke auf Sackpfeifen hinweisen könnten:
"böögg", "bögge", "boegge", "boeicken", "bek", "becki" = Bock(-pfeife)? sowie "Geiss", "geis" = Ziege
Auch die noch älteren deutschen Wörter "sumer", "sumber" sowie die lateinischen Ausdrücke "symphonia", "organum" und "chorus" könnten mit dem Instrument in Verbindung gebracht werden.
In der französischsprachigen Schweiz finden sich die Begriffe "cornamusa", "cornamuse" (pastorale) sowie "musette".
In der italienischsprachigen Schweiz (Tessin) sind die Namen "zampogna" (pastorale), "piva", "musetto" und "corna musa" bekannt.
In der romanischsprachigen Schweiz kennt man einzig das Wort "tudelsac".
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