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«Ich hätte alles ganz anders gemacht.» Das war mein erster Gedanke. — «Zum Glück haben sie’s so gemacht, wie sie’s gemacht haben, und nicht, wie ich’s gemacht hätte.» Das war der zweite.
Tausend Jahre dramatisch dichter Geschichte auf die ‹Bühne› zu bringen und diese obendrein gerade dem Publikum zu präsentieren, das sich nicht bloß als Teil, sondern geradezu als jüngstes Glied eben dieser Geschichte versteht, wäre schon allein aus dem Grund dem Scheitern geweiht, weil von der monumentalen Fülle an Episoden, Anekdoten, Ereignissen, Geschichten um das Münster in seinem vollendeten Millennium eine minimale Auswahl hätte getroffen werden müssen, die kaum eine Chance gehabt hätte, breiten Konsens zu ernten.
«Zum Glück haben sie’s so gemacht, wie sie’s gemacht haben!», sagte ich. Zum Glück hat man sich von den Bedenken, eine nicht mehrheitsfähige Auswahl zu treffen, nicht dazu verführen lassen, diesen Fehler vermeiden zu wollen, sondern hat ihn, mit einer gewissen genialen Chuzpe, zum Kern der Handlung erhoben! — Das Stück beginnt mit der wohl gewagtesten und dreistesten Szene: Rote Fahnen schwingende und die ‹Internationale› singende Sozialisten marschieren 1912 ins Gotteshaus. Aber die Ebenen werden folgerichtig, unmittelbar und kompromisslos zusätzlich durcheinandergebracht: Die Szene wird nicht als Szene dargestellt, sondern als ‹Probe› ausgegeben. Der Sigrist ist selbstredend nicht einverstanden, die Szene mit den proletarischen Kämpfern ins Stück aufzunehmen, was jedoch bereits geschehen ist und am Schluss sogar wiederholt wird!
So werden später Schauspielerinnen, die historische Figuren spielen, zugleich Schauspielerinnen spielen, die historische Figuren spielen, und sie werden sich als solche weigern, dem Münster und der Historie zuliebe in eine anachronistische Frauenrolle zu schlüpfen, die ihnen als Frauen, Schauspielerinnen und Münstergängerinnen des zweiten Jahrzehnts des einundzwanzigsten Jahrhunderts zutiefst widerstrebt, was sie jedoch bereits getan und gleichzeitig kritisch abgelehnt haben.
Ohne je von einer dem Ort und dem Anlass gebührenden frugalen, andächtigen, würdigen Haltung und Atmosphäre abzuweichen, zieht sich ein Feuerwerk an virtuosen, köstlichen, pirandellischen Einfällen durch die gesamte Dramaturgie, in dem Einwürfe des Organisten aufblitzen, der einen die Orgel spielenden Organisten und zugleich den realen Organisten mit einem persönlichen Anliegen spielt, ein verschrobener Wiener Tourist, der handlungsfremd und windschief in die Handlung einfällt und seiner habsburgischen Königin Anna Gertrud, Stammesmutter der Habsburger, eine österreichische Fahne bringen möchte, ein Kind, das ein Kind aus dem gespielten Publikum spielt und eine wohltuend aufwühlende Frage stellt, die dem boshaftesten Beckmesser im wahrhaftigen Publikum noch gar nicht eigefallen war, oder der Denkmalsschutz, der die Bedeutung des Bauwerks an sich über dessen Funktion stellt.
Wenn man mit solcher Ernsthaftigkeit und zugleich in einer so prickelnden Commedia dell’Arte die tausend Jahre lückenlos hätte darstellen wollen, würde das Stück nicht neunzig Minuten dauern, sondern zwei Wochen. Und aus demselben Grund schließe ich hier meinen Erguss, denn wenn ich alles aufzählen, erwähnen und würdigen wollte, was am Stück von Sandra Rudin Förnbacher und Matthias Zehnder, an Oliver Rudins musikalischer Leitung, an Balz Alieschs Kompositionen, an den Instrumentalisten und Vokalisten, allen voran an der Knabenkantorei, die mir besonders ans Herz gewachsen ist, an den Schauspielerinnen und Schauspielern gut war… dann müssten Sie hier und jetzt nicht drei Minuten, sondern eben zwei Wochen lang lesen.