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Dass die Arbeit als Journalistin hier in Myanmar anders sein würde als zu Hause in der Schweiz, war mir durchaus klar. Dass mich aber bereits der Versuch einer Akkreditierung an den Rand der Verzweiflung treiben würde, allerdings weniger.
(Eine gekürzte Version dieses Textes erschien auf Englisch in der letzten Ausgabe (n°18/2018) des Magazins «Frontier» sowie online hier, wie auch die unten eingefügten Illustrationen von «Frontier»-Redaktor und Illustrator Jared Downing.)
«So schnell werde ich mich über die Medienstellen der Schweizer Bundesverwaltung nicht mehr aufregen» sagte ich mir, als ich ungläubig auf meine Notizen starrte, meine Hände verzweifelt erhoben, in der einen mein Smartphone, in der anderen ein paar Strähnen, die ich mir um ein Haar vom Kopf gerissen hatte.
Die aufgeschlagene Seite meines Notizbuches glich einem Schlachtfeld, als hätte jemand Sudoku ohne das Raster gespielt – überall standen Zahlen, dazu ein paar burmesische Namen, die ich mir weder merken noch aussprechen konnte, und von welchen ich mir ehrlich gesagt nicht einmal sicher war, ob sie einer Frau oder einem Mann zuzuordnen waren.
Seit zwei Tagen schon versuchte ich, mich für eine nationale Konferenz in der Hauptstadt Nay Pyi Taw (nein, Yangon ist nicht (mehr) die Hauptstadt Myanmars) zu akkreditieren, ohne Erfolg. Ein Unterfangen, das mich in der Schweiz wohl gerade mal ein Email gekostet hätte. Nicht so in Myanmar.
Zehn unbeantwortete Emails und zwanzig Anrufe, bei welchen ich von Departement zu Departement verwiesen wurde – sofern mir nicht einfach kommentarlos der Hörer aufgelegt wurde, sobald das Gegenüber realisierte, dass ich nur Englisch und keim Burmesisch sprach – kosteten mich Zeit und Nerven gleichermassen.
Natürlich wusste ich, dass die Arbeit als Journalistin in einem Land, in welchem ich die Sprache nicht beherrsche, eine Herausforderung sein würde. Allerdings hatte ich erwartet, dass sich mir die Schwierigkeiten bei komplexen Recherchen und zähen Interviews stellen würden – nicht beim simplen Versuch einer Akkreditierung.
Ich versuchte, die abgebrochenen Anrufe nicht persönlich zu nehmen und machte weiter, denn: Aufgeben ging nicht. Es handelte sich nicht nur um irgendein beliebiges Forum, sondern um eine der wegweisendsten Konferenzen der jüngsten Geschichte Myanmars!
Es ging um Landnutzungsrechte, zurzeit das wichtigste Thema in Myanmar – heiss diskutiert, überaus komplex und juristisch völlig inkohärent. Es existieren über 40 Gesetze, bei denen es um Landrechte geht, die teilweise aber in Widerspruch zueinander stehen. Doch nicht nur wegen der mangelhaften Rechtsordnung kommt es immer wieder zu willkürlichen Enteignungen, Konzessionen, Konflikten.
Forum als Gradmesser für Demokratie
Das «National Land Use Policy Forum» in Nay Pyi Taw sollte deshalb die Basis für die Erarbeitung eines nationalen Landrechts, einer Art Rahmengesetz, schaffen – dies neu mit demokratischer Herangehensweise. An diesem Forum sollten sich zum ersten Mal Vertreter der Regierung und des Parlaments sowie Vertreter von Zivilgesellschaftsorganisationen und ethnischen Minderheiten austauschen können.
Für ein Land, das sich inmitten einer Transition zur Demokratie befindet und wo ein Austausch zwischen Behörden und Bevölkerung vor weniger als zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre, war dieses Forum deshalb definitiv ein Meilenstein. Und ich wollte dorthin. Die Redaktion des burmesischen Magazins «Frontier» hatte ebenfalls grosses Interesse daran, würden wir uns in den nächsten Monaten aufgrund eines Stipendiums ohnehin auf das Thema Landnutzungsrechte konzentrieren.
Inzwischen hatte ich zwar herausgefunden, dass das Forum vom Walddepartment organisiert wurde, doch die durften keine Akkreditierungen vergeben und verwiesen mich ans Informationsministerium. Ich rief die Nummer an, die mir angegeben wurde.
«Hello, how can I help you?», fragte mich eine Stimme und ich machte beinahe einen Freudensprung – endlich jemand, der fliessend Englisch sprach! Ich erklärte dem Mann mein Anliegen, musste aber rasch feststellen, dass sein Englisch doch nicht ganz so gut war, wie ich angenommen hatte.
15 Minuten für eine erfundene Email-Adresse
Ich versuchte, langsam und deutlich zu sprechen. Er auch. Irgendwann realisierte ich, dass er seine Email-Adresse am Diktieren war. Ich musste etliche Male nachfragen, weil ich nicht sicher war, ob er i oder e meinte, ob er 15 oder 50 sagte. Es war übrigens 15, denn die Adresse beinhaltete das Jahr 2015 – und endete mit gmail.com. Ich war erstaunt, aber zu sehr darauf fokussiert, ihn nach dem Anfang der Email-Adresse zu fragen, die ich verpasst hatte.
«Können Sie den Anfang der Email-Adresse wiederholen?», fragte ich.
«Ja, ja, schreiben Sie mir eine Email, dann antworte ich», sagte er.
«Ich habe aber den Anfang Ihrer Email-Adresse nicht verstanden, tut mir leid», sagte ich.
«Ja, eine Email an diese Adresse.»
«Ich habe aber diese Adresse nicht verstanden. Können Sie sie wiederholen?»
«Ich werde auf Ihre Email sofort antworten, keine Sorge.»
«Danke! Aber dafür muss ich zuerst Ihre Email-Adresse kennen, können Sie sie bitte wiederholen?»
Und so weiter und so fort…
Nach fünfzehn sehr intensiven Minuten kriegte ich die Email-Adresse dann doch zusammen. Ich realisierte, dass er sie selbst erfunden hatte, mit dem Kürzel des Ministeriums sowie einem anderen Kürzel davor, von welchem ich nicht so recht wusste, wofür es stand. Und eben der Jahreszahl.
Später würden mich meine Arbeitskollegen aufklären, dass das in Myanmar normal war – es gab keine offiziellen Email-Adressen für die Regierung und innerlich dankte ich der Schweiz für alle admin.ch-Endungen oder <email-pii>, mit denen ich jede Person erreichen konnte, sobald ich deren Namen wusste.
Sisyphus lässt grüssen
Nun besass ich also endlich seine Adresse und schickte eine Email, von der ich hoffte, es würde die letzte in diesem Akkreditierungsgefecht sein. Ich achtete darauf, so einfache Formulierungen wie möglich zu verwenden. 35 Minuten später kam die Antwort:
«It’s not directly concerned with our Ministry. It’s organized by the Ministry of Resources and Environmental Conservation. So you need to contact to that ministry.»
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
Das Spiel begann von vorne: Ich rief erneut das Umweltministerium an, wurde erneut an das Walddepartment verwiesen, welches mich erneut ans Informationsministerium delegierte. Dieses Mal erhielt ich aber einen Namen und eine Nummer und eine Bekräftigung, dass dies DIE verantwortliche Person sei.
Die Verzweiflung musste mir inzwischen mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben sein, denn der Praktikant aus dem Fotografie-Team, der im Büro neben mir sitzt und seine Zeit meistens mit Computerspielen verbringt, drehte sich schüchtern zu mir um und fragte mit leiser Stimme: «Eva, soll ich für dich anrufen?» Noch nie hatte mich ein so simples Angebot erfreut, wie in diesem Moment.
Fünf Minuten später informierte mich der Praktikant: «Alle Medienplätze wurden bereits vergeben, aber er wird dich am Montag anrufen – die Chancen stehen 50 zu 50, ob du trotzdem hingehen kannst.» Zwar immer noch keine Bestätigung, aber mehr konnten wir nun auch nicht mehr tun. Mit gemischten Gefühlen ging ich nach Hause und überlegte mir während des Wochenendes, ob ich auch sonst irgendwie an die Informationen des Forums gelangen könnte.
Um so grösser die Überraschung am Montagmorgen: Ich erhielt einen Anruf vom Informationsministerium mit der Bestätigung, dass ich an der Konferenz teilnehmen durfte! Hektisch organisierten wir auf der Redaktion Busticket und Hotel, dank der stresserprobten Personalmanagerin lief dies aber – im Gegensatz zur Akkreditierung – äusserst schnell und reibungslos. Danach hatte ich gerade einmal eine Stunde Zeit, um nach Hause zu fahren, zu packen und zum Busbahnhof zu fahren. Endlich sass ich im Bus Richtung Nay Pyi Taw!
Das Forum war dann übrigens in Burmesisch.
Zum Glück hatten sie eine gute Dolmetscherin.
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Falls es euch interessiert, könnt ihr meinen Text über das Forum hier bei Frontier nachlesen.