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Die Luft flimmert am 17. Juli 1994 in der Hitze des südkalifornischen Sommers. Das Leibchen mit der Nummer 10 hängt, wie es sich für einen Künstler gehört, halb aus den Hosen. Das unverkennbare Zöpfchen am Hinterkopf hüpft leicht, als er sich den Ball auf den Penaltypunkt setzt, doch das Gesicht zeigt keinerlei Regung. Nur die immense Anspannung ist erkennbar. Dann läuft Roberto Baggio an - und haut den Ball, eines Künstlers eigentlich unwürdig, weit in den milchig-blauen Himmel von Pasadena. Der Weltmeister heisst Brasilien, die Azzurri sollten zwölf weitere Jahre auf ihren vierten Titel warten müssen.
Roberto Baggio war da nicht mehr dabei - und das passt irgendwie zu einer Karriere, die auch sonst unvollendet blieb. Er war nicht schuld an der Finalniederlage der Italiener. Vor ihm hatten schon Franco Baresi und Daniele Massaro, aber nur ein Brasilianer, ihre Penaltys verschossen. Baggio war viel mehr der Haupt-, wenn nicht sogar der einzige Grund, warum eine ziemlich bieder auftretende italienische Truppe in den Final gekommen war. Und der Fehlschuss kam nicht ohne Vorgeschichte.
Im Halbfinal, den Italien dank zwei Baggio-Toren 2:1 gegen Bulgarien gewann, hatte sich der «Divin Codino» (der göttliche Pferdeschwanz) eine Zerrung im Oberschenkel zugezogen. Für den Final liess er sich von Trainer Arrigo Sacchi dazu überreden - andere Lesarten sprechen eher von gezwungen - sich fit spritzen zu lassen. Fit war Baggio dann aber in der brutalen Hitze des um 12.30 Uhr (!) Lokalzeit angepfiffenen Finals nicht wirklich. 120 Minuten lang quälte er sich über den Platz, lediglich einen Schuss brachte er auf das brasilianische Tor. Ein Italien ohne einen überragenden Baggio, das war an dieser WM aber nicht viel mehr als eine solide Defensive ohne Inspiration im Angriff. Er hatte bereits im Achtelfinal beim 2:1 nach Verlängerung gegen Nigeria beide Tore erzielt und im Viertelfinal gegen Spanien das 2:1 in der 88. Minute.
Zu müde für den Penalty
Als Baggio zum Penaltypunkt schritt, dürfte er bereits geahnt haben, dass heute nicht sein Tag sein würde. Selbst wenn er getroffen hätte, hätte der fünfte Brasilianer im Anschluss die Niederlage Italiens besiegeln können. «Ich wusste, was ich tun musste, und meine Konzentration war perfekt», erklärte er danach. «Aber ich war so müde, dass ich den Ball zu hart zu schiessen versuchte.» Der Filigrantechniker war zu angeschlagen, um seine Stärke auszuspielen.
Schweizer Fussballfans verbinden die Erinnerungen an die WM 1994 in den USA mit dem Freistosstor von Georges Bregy im Eröffnungsspiel oder mit Alain Sutters tänzelndem Jubel nach dem 1:0 bei der Gala gegen Rumänien. Für die grosse weite Fussballwelt ist aber Baggios Schuss in die Wolken das Bild der WM. «Una porta nel cielo» (ein Tor im Himmel) hiess später Baggios Autobiographie. Der Finalball sucht das Tor wohl noch heute.
Kein Platz für Genies und Poeten
Ein Suchender wurde nach der WM auch Roberto Baggio. Verletzungen waren immer ein Teil seiner Karriere. Bereits mit 18 zwang eine schwere Knieverletzung das 1967 im Veneto geborene Supertalent zu einer mehr als einjährigen Pause. Vor der WM 1994 war er aber Dreh- und Angelpunkt bei Juventus Turin gewesen, doch der neue Trainer Marcello Lippi strebte ein ausgewogeneres, schwieriger auszurechnendes Team an. Während einer weiteren Knieverletzung brillierte zudem der junge Alessandro Del Piero, so dass Baggio sein Glück trotz Meistertitel bei der AC Milan suchte. Ein Wechsel, den ihm die Juve-Fans sehr übel nahmen. Auch bei den Mailändern fand sich Baggio - oft aus gesundheitlichen Gründen - aber oft auf der Ersatzbank wieder.
Seine Auseinandersetzungen mit den Coaches waren schon fast legendär. Früher oder später legte er sich mit praktisch jeder Trainergrösse des italienischen Fussballs an. Es waren fast immer taktische Differenzen. Baggio hatte vielleicht das Pech, in der falschen Ära zu spielen. «Im modernen Fussball hat es keinen Platz für Poeten», erklärte sein (allerdings kurzzeitiger) Milan-Trainer Oscar Tabarez. Und in der Nationalmannschaft fand kein Coach einen Weg, Platz für Baggio und Del Piero zu schaffen - obwohl die beiden sich gegenseitig sehr bewunderten. Es ist wohl kein Zufall, dass der heute 53-jährige Baggio zwar die UEFA-Trainerlizenz besitzt, jedoch nie als Profitrainer tätig war.
So blieb die Karriere des Genies Roberto Baggio eine unvollendete. Bei drei Weltmeisterschaften - 1990, 1994 und 1998 (als Baggio im Viertelfinal traf) - scheiterte sein Italien im Penaltyschiessen. Auch ein Sieg in der Champions League blieb ihm verwehrt. Milan triumphierte 1994, ein Jahr vor Baggios Ankunft, Juventus 1996 in der Saison nach seinem Wegzug.