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Alter
Der Begriff «Alter» bezieht sich einerseits auf die Lebensdauer (erlebte Lebensjahre) und andererseits auf eine späte Lebensphase (Alter im Gegensatz etwa zu Jugend). Gesellschaftlich und sozialpolitisch wird das (kalendarische) Alter einer Person als Kriterium für soziale Rollen und Bürgerrechte eingesetzt, etwa Schuleintrittsalter, Schutzalter bezüglich sexuellen Aktivitäten, Stimmrechtsalter, Altersgrenzen für berufliche, politische oder militärische Aufgaben, Alter für Bezug einer Altersrente und – in der Schweiz aktuell noch ab Alter 70 – Überprüfung der Fahrtauglichkeit von Autofahrern. Als Lebensphase wird das Alter mit spezifischen Herausforderungen wie Gestaltung des nachberuflichen Alltags, Umgang mit körperlich-geistigen Einschränkungen oder sozialen Verlusten (wie Verwitwung) in Verbindung gebracht. Sowohl die soziale Zuordnung von Pflichten und Rechten nach Lebensalter als auch die Wahrnehmung und Gestaltung der Lebensphase «Alter» unterliegen gesellschaftlichen Veränderungen, die mit sozialpolitischen Regelungen und gesellschaftlichen Leistungsnormen in Verbindung stehen.
In der europäischen Kulturgeschichte wurde die Lebensphase des Alters immer doppeldeutig gewertet: Einerseits wurde und wird das Alter mit körperlichem und geistigem Zerfall, Gebrechlichkeit und Nähe zum Tod in Verbindung gesetzt. Andererseits wurden und werden positive Entwicklungen des Alters hervorgehoben, wie Weisheit und Gelassenheit alter Menschen oder das Alter als Erfüllung des Lebens. Bei gesellschaftlichen Definitionen zum Beginn der Lebensphase «Alter» stehen zwei unterschiedliche Gesichtspunkte im Vordergrund: Zum einen wird das Alter anhand sichtbarer körperlicher Symptome bestimmt. Namentlich eine gebückte Haltung oder die Benutzung eines Gehstockes gelten traditionell als äusserliche Signale eines altersbedingten Zerfalls. In der europäischen Kultur, die sich seit der Renaissance an der altgriechischen Ästhetik junger Körper anlehnt, wurden und werden alternde Körper kulturell negativ beurteilt, speziell bei Frauen. Zum anderen werden chronologische Altersgrenzen verwendet, um den Beginn der Lebensphase «Alter» festzulegen. Historisch wurde oft das Alter 60 als Schwelle zum Alter definiert. So galt in der Alten Eidgenossenschaft das erreichte 60. Lebensjahr als Beginn des Alters, in der Männer von kommunalen Verpflichtungen befreit waren.
Das erste deutsche Reichsgesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung der Arbeiter von 1889 setzte auf eine Altersgrenze von 70 Jahren. 1912 wurde diese Altersgrenze für staatliche Pensionen auf 65 Jahren gesenkt; eine Altersgrenze, die 1948 auch im Rahmen der schweizerischen Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) für Männer als Regelaltersgrenze verankert wurde. Die formale Altersgrenze 65 wird bis heute zur Messung der demografischen Alterung verwendet. Sozialpolitisch wie demografisch gesehen beginnt das Alter – als Lebensphase des Ruhestands –mit 65, obwohl sich der faktische Austritt aus dem Erwerbsleben häufig früher, teilweise aber auch später vollzieht. Die demografische Alterung führt auch in der Schweiz vermehrt zu politischen Diskussionen über eine Erhöhung des Referenzalters für eine Pensionierung bzw. zu Vorstössen zur Flexibilisierung des Rentenalters nach oben.
In den letzten Jahrzehnten haben sich wissenschaftliche Konzepte, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Alters wie auch die Lebenslagen älterer Männer und Frauen stark gewandelt. Erstens stellt in einer modernen, diversifizierten Gesellschaft das chronologische Alter weder ein adäquater Indikator zur Bestimmung der Lebensphase «Alter» als auch kein guter Indikator zur Definition demografischer Alterung dar. Die ausgeprägte Heterogenität von Alternsprozessen wie auch bedeutsame sozioökonomische Ungleichheiten in der Lebenslage älterer Menschen tragen dazu bei, dass das kalendarische Alter als statistischer Einflussfaktor gegenüber sozialen, wirtschaftlichen und biographischen Einflussfaktoren zurücktritt (zumindest bis zur Gruppe der über 80-Jährigen). Gleichzeitig zeigt sich in heutigen Gesellschaften vermehrt ein Auseinanderfallen von chronologischem Alter und subjektivem bzw. gefühltem Alter. Ältere Menschen stufen sich häufig jünger ein als ihrem chronologischen Alter entspricht und seit einigen Jahren stufen sich in der Schweiz 65- bis 74-jährige Personen als ebenso kreativ und innovativ ein wie viel jüngere Personen.
Zweitens kam es – parallel zur Konstruktion neuer Leitvorstellungen zum Alter und als Resultat einer zeitlichen Ausdehnung des Rentenalters – zu einer Ausdifferenzierung unterschiedlicher Altersphasen, namentlich in Richtung einer Unterscheidung zwischen einem «dritten Lebensalter» und einem «vierten Lebensalter». Schon 1975 kam es in Lyon und Genf zur Gründung der ersten Universitäten des dritten Lebensalters (Université du troisième âge). Populär wurde diese Differenzierung unter dem Etikett «junge Alte» versus «alte Alte». In der Folge haben sich die gesellschaftlichen Diskurse zum aktiven Altern stark auf die Lebenslage gesunder pensionierter Frauen und Männer konzentriert. Die Pensionierung gilt zwar immer noch als zentraler Übergang, aber nicht in einen passiven Ruhestand, sondern in eine Phase aktiver später Freiheit. Das vierte, hohe Lebensalter wird demgegenüber eher mit Konzepten von Fragilität, Vulnerabilität und Pflegebedürftigkeit (und den damit assoziierten sozial- und gesundheitspolitischen Kosten) in Verbindung gebracht.
Drittens wurden ab den 1970er und frühen 1980er Jahre defizitorientierte Theorien des Alters vermehrt in Frage gestellt und durch kompetenzorientierte Theorien des aktiven, erfolgreichen und gesunden Alterns ersetzt. Längsschnittstudien illustrieren, dass nicht alle kognitiven Leistungsdimensionen mit dem Alter gleichläufig reduziert werden bzw. dass einige Kognitionsdimensionen eine hohe altersbezogene Konstanz aufweisen. Gleichzeitig belegen Interventionsstudien, dass auch im höheren und hohen Lebensalter leistungs- und gesundheitserhaltende Faktoren gestärkt oder verbessert werden können. Das höhere Lebensalter – früher fatalistisch hingenommen – wurde verstärkt als (professionelles) Handlungsfeld für kompetenzerweiternde Interventionen entdeckt und ausgebaut. In seiner radikalen Fassung trug dies schlussendlich auch zu Konzepten einer «Anti-Ageing»-Bewegung bei. Die Neudefinition des Alters wurde dadurch verstärkt, dass ein wachsender Teil der älteren Menschen Tätigkeiten übernahmen – wie Reisen, Sport, Weiterbildung, sich modisch ankleiden – die früher ausschliesslich als Privileg der Jugend galten. Dank ausgebauten sozial- und gesundheitspolitischen Wohlfahrtsstrukturen gehört die Schweiz mit zu jenen europäischen Ländern, die eine besonders starke Ausweitung einer behinderungsfreien nachberuflichen Lebensphase erlebten. Gegenwärtig werden angesichts leerer Staatskassen vermehrt Modelle eines produktiven Alters formuliert. Zentral ist die Idee, dass auch ältere, pensionierte Menschen gesellschaftlich wertvolle Leistungen erbringen können oder erbringen sollten. Tatsächlich sind viele ältere Frauen und Männer stark in sozialen Engagements (Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe, Betreuung von Enkelkindern usw.) engagiert. Seit einigen Jahren steigt auch der Anteil über 65-jähriger Menschen, die weiter erwerbstätig verbleiben, wenn oft auch primär teilzeitlich.
Literaturhinweise
Becker, S. & Brandenburg, H. (Hrsg.) (2014). Lehrbuch Gerontologie. Gerontologisches Fachwissen für Pflege- und Sozialberufe. Bern: Huber.
Gasser, N., Knöpfel, C. & Seifert, K. (2015). Erst agil, dann fragil. Übergang vom ‹dritten› zum ‹vierten› Lebensalter bei vulnerablen Menschen. Zürich: Pro Senectute Schweiz.
Samochowiec, J., Kühne, M. & Frick, K. (2015). Digital ageing – unterwegs in die alterslose Gesellschaft. Rüschlikon: Gottlieb Duttweiler Institut.