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In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war der Basler Historiker und Diplomat Carl J. Burckhardt eine weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Persönlichkeit. Sein Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal fand viele begeisterte Leser, und seine «Danziger Mission», der Bericht über seine Tätigkeit als Hochkommissar des Völkerbundes, galt als wichtiges historisches Dokument. Die Qualität von Burckhardts Werk war indes nie unbestritten. Im Jahre 1991 äusserte Paul Stauffer, ein Diplomat der jüngeren Generation, Zweifel an der Glaubwürdigkeit der «Danziger Mission». Diesen Zweifeln trat Marion Gräfin Dönhoff in der Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» vehement entgegen. Sie sprach von «absurden Vorwürfen» und brachte Stauffers Kritik in Verbindung mit der «puristischen Lesebuch-Demokratie» der Schweizer, die es nicht ertragen könnten, wenn einer über den Durchschnitt hinausrage.
Carl Jacob Burckhardt und die Gräfin kannten sich seit der Zeit, als der Schweizer in Danzig und die Gräfin auf ihrem Familiensitz Schloss Friedrichstein in Ostpreussen lebte. Nach Flucht und Kriegsende trat Marion Dönhoff in die Redaktion der «Zeit» ein, und Burckhardt wirkte als Gesandter in Paris. Während die Gräfin zur Chefredaktorin und Herausgeberin aufstieg und zur grande dame des deutschen Journalismus wurde, lebte der achtzehn Jahre ältere Burckhardt auf seinem Landhaus in Vinzel über dem Genfersee und schrieb Essays zu Geschichte und Literatur, sowie Erinnerungen unter dem Titel «Memorabilien».
Während mehr als zwei Jahrzehnten standen Burckhardt und die Gräfin Dönhoff in Briefkontakt. Eine Auswahl dieser Briefe, den Zeitraum von 1952 bis 1974 umfassend, ist nun vom deutschen Historiker Ulrich Schlie herausgegeben worden. Es handelt sich um eine vorzügliche Edition, mit Kennerschaft eingeleitet und kommentiert, mit nützlichen Kurzbiographien ergänzt. Doch lohnen diese Briefe die Lektüre? Meist handelt es sich um Grussbotschaften ohne literarischen Anspruch und ohne sonderliche gedankliche Tiefe. Man erkundigt sich nach dem gegenseitigen Befinden und kommentiert die Zeit-ereignisse. Interessant ist die Korrespondenz dagegen als spontanes und ungeschminktes Zeugnis des Dialogs zweier prominenter Persönlichkeiten, die sich in ihrer patrizisch-aristokatischen Herkunft nah verwandt waren, den Herausforderungen der Gegenwart jedoch ganz unterschiedlich begegneten und die politischen Entwicklungen in vielem abweichend beurteilten.
Burckhardt war ein konservativer, kulturpessimistischer Geist, der den Untergang des Abendlandes herannahen sah, der dem monar-chistischen Ständestaat nachtrauerte und der Demokratie und dem von ihr erzeugten «Intellektuellenproletariat» skeptisch begegnete. Der Gräfin Dönhoff dagegen gelang es, die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen und als politische Publizistin am Aufstieg der Bundesrepublik, an der Aussöhnung mit Polen und an der Vereinigung der getrennten deutschen Staaten mit beeindruckender Tatkraft mitzuwirken. In diesem Gegensatz von Charakter und Haltung, der eine enge freundschaftliche Beziehung nie gefährdete, liegt der Hauptreiz dieser Korrespondenz.
vorgestellt von Urs Bitterli, Zürich
Ulrich Schlie (Hrsg.): «Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt. ‹Mehr als ich Dir jemals würde erzählen können›». Hamburg: Hoffmann und Campe, 2008