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Der aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Maler und Konzeptkünstler Ilya Kabakov (*1933) macht nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Moskau eine Ausbildung als Zeichner, gemäss den Richtlinien des sozialistischen Realismus, und arbeitet zunächst als Kinderbuchillustrator. Soweit möglich setzt er sich während dieser Zeit mit Strömungen der westlichen Kunst auseinander. In den 1960er-Jahren wird seine Moskauer Wohnung zum Zentrum der aufständischen Moskauer Kunstszene. Ab 1978 entstehen seine ersten Bildbände mit Texten, in denen Kabakov die offizielle Sowjetkunst parodiert. Teile seiner Arbeiten, die in der UdSSR nicht ausgestellt werden, gelangen auf abenteurlichen Wegen in den Westen. Kabakovs erste Ausstellung überhaupt findet 1985 in der Kunsthalle Bern statt. Ein dreimonatiges Stipendium des Kunstvereins Graz 1987 ermöglicht ihm den erstmaligen Aufenthalt im Westen. Von diesem kehrt er nicht mehr in die Sowjetunion zurück. Seit 1988 lebt und arbeitet er hauptsächlich in New York, zusammen mit seiner Frau Emilia (*1945), die – ebenfalls in der ehemaligen UdSSR geboren – bereits 1973 nach Israel und dann 1975 in die USA emigriert.
Das Künstlerehepaar Ilya und Emilia Kabakov schafft für den neu gestalteten Bahnhof-platz einen eigentümlichen Trinkbrunnen aus Carrara-Marmor, ein klassisches Material, das bereits Michelangelo verwendet hat. Ist es bloss ein kitschiges Trinkbrunnenobjekt, wie es auf vielen Bahnhöfen oder in Innenstädten anzutreffen ist? Oder handelt es sich bei der vermeintlich abstrakten Form des Drinking-Fountain etwa um einen männlichen Unterleib? Ein Manneken-Pis-Brunnen in Gestalt einer modernen Skulptur? Eine Anspielung auch auf das skandalöse Urinoir des Kunstrevolutionärs Marcel Duchamp? Welche Ironie! Wir trinken, der Brunnen „scheidet aus“ – der natürliche Wasserkreislauf des Körpers. Das Künstlerpaar versteht ihn als wasserspeiende Quelle. Der weisse Monolith steht einsam vor der riesigen Bahnhoffassade. Nur die Kehrschlaufe meisternde Busse umkreisen den Drinking-Fountain zu gegebener Zeit. Obwohl an repräsentativer, zentraler Lage, ist er doch zu klein, um sich gegen die bauliche Übermacht zu behaupten. Geht es den Passanten nicht ähnlich? Die Kabakovsche Skulptur sucht die Beziehung zum Menschen und vertritt ihn auf diesem Platz. Ergänzen wir den assoziativen Unterleib jedoch gedanklich zu einer Ganzfigur, stehen wir vor einem „kleinen“ Riesen! Erst dank der Fantasie wird die Welt ganz.
Carrara-Marmor, Bahnhofplatz, Eigentümerin Stadt Zug, Stiftung Wasserwerke Zug AG
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