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Der Dokumentarspielfilm «107 Mothers» von Péter Kerekes spielt im Frauengefängnis 74 von Odessa und ist ein authentischer, berührender Diskurs über Mütter, Frauen, Menschlichkeit und Mütterlich-Sein. Ab 21. April im Kino.
Péter Kerekes, 1973 in der Slowakei geboren, Diplom der Fakultät für Film und Fernsehen in Bratislava, seit 2003 mehrfach ausgezeichneter Regisseur und Produzent von Dokumentar- und Spielfilmen, meint zu seinem neuen Film:
«Iryna arbeitet in einem Frauengefängnis, in dem auch Mütter mit Kindern untergebracht sind. Sie ist Aufseherin, Vertraute und Freundin, aber auch Beamtin mit dem Auftrag, Strafen zu vollziehen. Iryna lebt alleine in einer Dienstwohnung auf dem Gefängnisgelände und verbringt die Nächte damit, den Kühlschrank zu durchforsten und Liebesbriefe zu lesen, die ihre Insassinnen erhalten, was auch zu ihrem Job gehört.
Auf der anderen Seite dieses Mikrokosmos leben die Mütter mit ihren Kindern. Ihr Leben liegt in Trümmern. Die Frauen haben unterschiedliche Schicksale und eine ungewisse Zukunft. Das Einzige, das sie über Wasser hält, ist die Beziehung zu ihren Kleinen: ein paar Stunden genehmigtes Glück jeden Tag. Von den vielen Geschichten der Frauen im Gefängnis 74 hat mich die von Leysa am meisten inspiriert. Sie hat ihren Mann aus Eifersucht ermordet und kam in die Strafanstalt, schwanger mit dem gemeinsamen Kind, dessen Geburt auch den Beginn des Films markiert.
Fast alle Figuren spielen sich selbst. Wir haben für diesen Film mehrere Jahre in einem Gefängnis mit Häftlingen verbracht und versucht, ihnen nahezukommen und sie nicht als passive Objekte darzustellen, sondern als teilnehmende Individuen. Da die meisten Gefangenen auf ihre bedingte Entlassung warteten oder jederzeit in eine andere Einrichtung hätten verlegt werden können, beschloss ich, eine professionelle Schauspielerin für die Rolle der Leysa zu engagieren. Denn ich wusste, dass die Dreharbeiten lange dauern würden und konnte nicht riskieren, meine Hauptdarstellerin zu verlieren. Maryna, die Leysa spielt, war bei allen vorbereitenden Gesprächen dabei und verbrachte viel Zeit mit den Insassinnen. Ich wollte nicht, dass sie deren Verhalten nachahmt, sondern vielmehr, dass sie ihnen zuhört und versucht, sie zu verstehen. Für mich war entscheidend, dass sie sich in die inhaftierten Frauen einfühlen und ihren Schicksalen und Gedanken nahe kommen konnte. Ich wollte auch, dass der Film ein authentisches kollektives Lebensbild der verurteilten Mütter vermittelt, nicht nur durch ihre Gespräche mit Iryna, sondern auch durch die stillen Szenen: die Einsamkeit, die sie empfinden, wenn ihnen die Kinder weggenommen werden; die Glücksmomente, wenn die Frauen kurz vergessen, dass sie im Gefängnis sind.
Ich glaube, dass die Beziehung der Frauen zu mir von Neugierde geprägt war. Ich habe sie nur beobachtet und ihnen zugehört, und das, was sie bereit waren, mit mir zu teilen, im Film wiedergeben.»
Leysa mit ihrem Baby
Leysa und Iryna: die Pole der Geschichte
Leysa landet nach einem Eifersuchtsdrama im Knast. Schwanger tritt sie die Haftstrafe an, bringt den Sohn Kolya im Gefängnis zur Welt, wo Mütter und Kinder bis zum dritten Lebensjahr zusammen sein können. Sie lebt in einer Welt, die nur von Frauen bevölkert ist. Wäre da nicht die Farbe der Uniform, wäre es schwer zu sagen, wer Gefangene, wer Wächterin ist.
Das Leben in Gefangenschaft besteht aus Routine: Wäsche waschen, Gymnastik, Unterricht und Besuche im Gefängnishort, auf die sich die Frauen besonders freuen. Jeder Moment der Nähe tut gut. Nach drei Jahren fällt die harte Entscheidung: Wenn die Familie der Gefangenen nicht in der Lage ist, für das Kind zu sorgen, kommt es in ein Waisenhaus. Nur jene, die einen Grossteil ihrer Strafe abgesessen haben, können auf eine bedingte Entlassung hoffen, die es ihnen ermöglicht, ihr Kind weiterhin zu betreuen. Für Leysa beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um eine Einweisung ins Kinderheim abzuwenden.
Die Gefängniswärterin Iryna ist für sie die zentrale Bezugsperson. Mit zum Faszinierenden in diesem aussergewöhnlichen Film gehört die Beziehung der gefangenen Mütter zu ihren Kindern, aber auch zu Aufseherinnen, die so etwas wie Normalität in den Gefängnisalltag bringen.
Kann Kolya einmal bei der Grossmutter leben?
Hineingeschaut, hineingehört
Der Film basiert auf keinen Untersuchungen über die Haftbedingungen oder die Gründe der kriminellen Taten der Frauen, sondern allein auf dem, was Péter Kerekes mit seinem Team im Gefängnis gesehen und gehört hat und wie seine Student:innen, coronabedingt, während sieben Monaten die Bild- und Tonaufnahmen montiert haben. Vielleicht gründet auch darin die Glaubwürdigkeit und Authentizität des überraschend frischen Films.
Auf der einen Seite werden die Gefangenen von den Aufseherinnen oder der Ärztin nach ihrem körperlichen und seelischen Befinden und ihren Beziehungen zu den geborenen oder erwarteten Kindern gefragt. Gleich am Anfang erleben wir die Geburt von Leysas Kind, und später sind wir bei den Aktivitäten dabei, wenn den Frauen geholfen wird, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und sich auf die Zukunft vorzubereiten. In der Stille und im Schweigen erfahren wir von ihren Ängsten vor der bevorstehenden Geburt und den Hoffnungen, ein gesundes Kind zu bekommen, das es einmal besser haben soll als sie.
Auf der anderen Seite erleben wir das Umfeld der Wärterin Iryna, wie sie die Frauen und die Kinder begleitet und wie bei ihr im Lauf der Zeit immer mehr Gefühle der Anteilnahme, Liebe und Mütterlichkeit erwachen, im Gegensatz zu dem, was ihre eigene Mutter ihr für die Zukunft wünscht. Was Iryna bei den Telefonaten der Gefangenen mit ihren Angehörigen mithört, was sie in den Briefen der Männer liest, bewegt sie immer wieder von Neuem. Was sich während des ganzen Filmes anbahnt, ist bei Iryna ein Mütterlich-Sein. Dies zeigt sich gegen Schluss in der Sequenz, in der sie Kolya im Kinderheim abholt und mit ihm spazieren geht.
Persönliche, intime Gespräche der Frauen
Die Treppe von Odessa
Wie ein Tänzeln wirkt Irynas Gang mit dem Kleinen über die Treppe von Odessa mit ihren 192 Stufen. Diese Treppe ist nicht zufällig im Film. Seit 1925 ist sie weltweit bekannt, nachdem Eisenstein sein Meisterwerk «Panzerkreuzer Potemkin» gefilmt hatte. «Die Treppe von Odessa» ist, vergleichbar mit «Guernica», eine traurige Ikone der Politik des 20. Jahrhunderts. Mit «107 Mothers» bekommt die berühmte Treppe eine Umdeutung ins Private. Iryna lebt, auch ohne ein Kind geboren zu haben, Mütterlichkeit, eine menschenfreundliche, allgemeingültige Form des Lebens! So endet der Film in einem Zustand abwartender Hoffnung – wäre da nicht der «Schlächter Putin», so US-Präsident Joe Biden, mit seinem Krieg in gefährlicher Nähe.
Iryna beobachtet Anteil nehmend die Gefangenen.
Zur Vertiefung: Text über und Interview mit Péter Kerekes
Titelbild: Beim kollektiven Stillen