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Vor einigen Wochen passierte mir etwas Seltsames. Ich bekam eine lange, sehr nette Mail einer Leserin der Coopzeitung. Sie schrieb, dass sie auf einer Reise durch Neuseeland in einem Café in einem abgelegenen Ort einen Halt eingelegt habe, um etwas zu trinken. Dort habe eine Künstlerin ihre Bilder ausgestellt. Und eines der Porträts sei ihr sofort ins Auge gestochen, denn darauf sei eine Frau zu sehen gewesen, die exakt aussehe wie ich.
Um mir dies auch bildlich zu beweisen, hatte sie der Mail ein Foto angefügt, das ebendieses Porträt zeigte. Die Schreiberin wollte von mir wissen, ob ich in letzter Zeit auch in Neuseeland gewesen sei und ob ich mich von dieser Künstlerin habe malen lassen. Und wenn nicht, dann könne ich mich jetzt freuen, denn wer könne schon von sich behaupten, dass er eine Doppelgängerin am anderen Ende der Welt habe. Jetzt war ich natürlich neugierig, denn das ominöse Bild war erst am Schluss der Mail einkopiert (die Absenderin weiss, wie man den Spannungsbogen hält …).
Und dann sah ich das Porträt und erstarrte. Denn ich erblickte nicht eine Doppelgängerin, sondern mich! Zwar waren die Haare auf dem Bild ein bisschen länger, und die Kleider wären nicht mein Stil gewesen; ohne die Unbekannte beleidigen zu wollen, das biedere Blüsli hätte ich nicht mal zum Putzen angezogen. Aber: Der Ausdruck in den Augen, die Form der Wangen, die Stupsnase, der blasse Hautton und sogar die Sommersprossen waren total identisch. Diese Künstlerin hatte nicht nur mein Ebenbild gemalt, sondern auch meinen Charakter erfasst, so als hätte ich ihr stundenlang Modell gesessen. Nach dem ersten kleinen Schock suchte ich nach plausiblen Erklärungen: Vielleicht hatte ein Gast irgendwo in Neuseeland die Ausgabe einer Coopzeitung liegen lassen, und die Künstlerin hatte mein Foto als Vorlage genommen? Nicht anzunehmen. Oder sie hatte in den sozialen Medien Fotos von mir gesehen und mich danach gemalt? Ebenso unvorstellbar. Denn auch wenn mir diese Vorstellung ein bisschen schmeichelte, so bekannt oder einzigartig bin ich nun ja nicht. Am Abend zeigte ich meinem Mann einen Ausdruck des Porträts, ohne ihm die Vorgeschichte erzählt zu haben. Er schaute es an, lächelte und sagte: «Eine tolle Arbeit. Die hat dich nicht nur perfekt gemalt, sondern auch in deinem Wesen voll erfasst.»
Das war dann der Moment, in dem ich etwas beunruhigt war. Ja, natürlich gibt es Menschen, die einem optisch sehr gleichen. Laut einer aktuellen Auto-TV-Werbung soll jeder von uns weltweit sechs optische Doppelgänger haben. Aber wenn der langjährige Partner, der einen in- und auswendig kennt, einen mit einer völlig Unbekannten verwechselt, ist das echt «scary».
Da mir die nette Schreiberin den Namen des Cafés und jenen der Künstlerin mitgeteilt hatte, konnte ich über Facebook deren Mailadresse heraus- finden. Während ich der Unbekannten schrieb, war ich doch etwas nervös, denn wer weiss, welches Geheimnis hinter diesem Bild steckt? Ich halte Sie auf dem Laufenden … – Fortsetzung folgt.