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Es war einmal ein König auf der Jagd. Da kam er zu einem hohlen Baum, an dem wollten die Hunde nicht vorbei; sie bellten und sprangen herum und waren nicht wegzubringen; und als der König herzusah, da sass in dem hohlen Stamm eine wunderschöne Jungfrau, die war ganz nackt und blickte ihn erschrocken an. Da nahm er seinen Mantel, warf ihn über die Jungfrau und tat einen Pfiff, und auf den Pfiff kamen alle Diener des Königs herbei; denen zeigte er die Jungfrau und fragte sie: »Hab ich nicht ein schönes Tier gefangen?« Dann pfiff er zum andern Mal, und da kam eine Kutsche gefahren, in diese setzte er die Jungfrau und fuhr mit ihr heim ins Schloss und heiratete sie. In dem Schloss lebte aber noch die alte Königin, des Königs Mutter; die war der jungen Königin gram und tat ihr alles Herzeleid. Nach einer Zeit musste der König in den Krieg ziehn.
Unterdessen bekam seine Gemahlin einen Sohn; da braute die alte Königin einen Kaffee und gab ihn dem Neugeborenen zu trinken; davon wurde derselbe am ganzen Leib haarig, und die böse Alte schrieb dem König: »Deine Frau hat ein haariges Tier bekommen, man weiß nicht, ist's ein Hund oder eine Katze.« Diese Nachricht versetzte den König in großen Zorn, und er befahl, dass man seiner Gemahlin das Neugeborene auf den Rücken binden und sie beide zusammen fortjagen solle. Also wurde die junge Königin mit ihrem haarigen Sohne aus dem Schlosse verwiesen und kehrte wieder zu dem hohlen Baum zurück, wo sie der König zuerst gesehn hatte. Da lebte sie nun wieder wie zuvor. Aber dem Haarigen schlug das Leben im Walde so gut an, dass er alle Tage um einen Schuh grösser wurde und endlich in dem hohlen Baume mit seiner Mutter gar nicht mehr Platz fand. Da ging er eines Tages hinaus und raufte ein Bündel Tannen aus, die brach er übers Knie und baute für sich und seine Mutter eine bequeme Hütte. Nicht lange darauf sagte er zu seiner Mutter: »Nun sage mir auch einmal, wer mein Vater ist.«
»Ach«, antwortete die Mutter, »dein Vater ist der König, den wirst du dein Lebtag nimmer zu sehn bekommen.«
»Jetzt will ich ihn grade sehn«, sagte der Haarige, und riss eine Tanne samt Wurzeln aus dem Boden; und damit machte er sich auf den Weg und ruhte nicht, bis er das königliche Schloss gesehen hatte.
Der König saß gerade bei Tische und hatte eine große Menge köstlicher Speisen vor sich stehen. Der Haarige tat, wie wenn er hier zu Hause wäre, stellte sich vor den König hin und sagte zu ihm: »Da bin ich auch, ich bin dein Sohn und will mit dir speisen von deinem Tisch.« Da erschrak der König und hätte es ihm gerne gewehrt; aber der Haarige langte ohne weiteres zu und griff mit seinen haarigen Händen gerade in des Königs Teller und Schüssel; und niemand getraute sich, etwas zu sagen; denn des Königs Leute entsetzten sich auch alle und mussten es ruhig geschehen lassen. Als der Haarige Stück für Stück von dem Tische genommen und verzehrt hatte, sagte er zum König: »Jetzt will ich gehen, aber morgen komme ich wieder.«
»Wart«, dachte der König, »ich will dir's schon verleiden, dass du mir nicht wieder kommst.« Schnell ließ er fünfhundert Soldaten aufbieten, die mussten sich dicht vor dem Schloss aufstellen und hatten den Befehl, auf den Haarigen zu schießen, sobald er sich blicken lasse.
Am andern Tage, als derselbe mit der Tanne wieder auf des Königs Schloss zugeschritten kam, da gaben die Soldaten alle miteinander ein Feuer auf ihn. Aber der Haarige las alle Kugeln ruhig von seinem Leibe ab und warf sie, je fünfzig um fünfzig, auf die Soldaten zurück, bis er sie alle zusammen zu Tod geworfen hatte. Als er in das Schloss kam, saß der König wieder bei Tische und wollte eben Mahlzeit halten. Da sagte der Haarige zu ihm: »Aber, Vater, was machst du für Sachen? Da liegen deine Soldaten allesamt erschlagen von ihren eigenen Kugeln! Ich bin ja dein Sohn und will mit dir von deinem Tisch essen.« Und also langte er wieder mit seinen haarigen Händen in des Königs Teller und Schüsseln, und hörte nicht eher auf zu essen, als bis Stück für Stück von der Tafel verschwunden war. »Jetzt will ich gehen«, sagte er endlich, »aber morgen komm ich wieder und bringe meine Mutter mit.«
»Halt«, dachte der König, »das wirst du bleiben lassen.« Sogleich bot er tausend Soldaten auf, und schärfte ihnen ein, dass sie sich vor das Schloss stellen sollten, die eine Hälfte in den Schlosshof, die andere rings ums Schloss herum, und dass sie den Haarigen beileibe nicht herein lassen dürften.
Folgenden Tages kam derselbe und führte seine Mutter an der Hand; und als die Soldaten auf ihn schossen, stellte er sich vor seine Mutter hin, las alle Kugeln wieder von seinem Leibe ab und warf je hundert um hundert zurück, bis alle Soldaten tot lagen. Hierauf trat er ins Schloss, und als er zu dem König kam, sagte er zu ihm: »Aber, Vater, was machst du wieder für Sachen? Da liegen deine Soldaten alle mausetot von ihren eigenen Kugeln! Geh, sieh nur selber!« Da fasste er ihn an der Hand, und alsbald flog der König in den Schlosshof hinunter; und als er ihn zum zweiten Mal anfasste, flog der König wieder zum Fenster herein; aber zum dritten Mal fiel er zu Boden und war tot. Sogleich kam nun die alte Königin herbei; die musste gar freundlich tun, damit der Haarige sie am Leben lasse; und musste ihm auch versprechen, dass sie ihm die garstigen Haare wieder vom Leibe schaffen wollte. Da braute sie ihm wieder einen Kaffee; davon vergingen ihm alle Haare an Rumpf und Händen, und von Stund an hatte er auch nicht mehr Kräfte, als die andern Menschen. Aber das Königreich gehörte fortan ihm, und er regierte mit seiner Mutter in Freude und Herrlichkeit.
Quelle: Otto Sutermeister, Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz, Aarau, 1869
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.