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Über Bedeutung und Funktion erster Sätze in der Literatur ist schon in manch klugen Büchern reflektiert worden, herausragend zuletzt in einem im Februar erschienenen Essay von Peter-André Alt. Wie verfährt nun Pascal Mercier in seinem Roman «Das Gewicht der Worte»?
«‹Welcome home, Sir›, sagte der Beamte bei der Passkontrolle am Londoner Flughafen.»
Augenblicklich ist der Leser mitten im Geschehen: Nach 24 Jahren, in denen Simon Leyland in Triest gelebt hat, kehrt er nach England zurück, zieht in das Haus seines Onkels in Hampstead, in dem er aufgewachsen ist. Schon als Kind ist er fasziniert von Sprachen, lernt alle, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden, und arbeitet als Übersetzer. Er folgt seiner Frau nach Triest, die dort den Verlag ihres Vaters übernimmt. Nach Livias plötzlichem Tod wird Leyland selber zum Verleger – bis er die Diagnose «Glioblastom», bösartiger Hirntumor, erhält. Was er allerdings nicht weiss: Die Diagnose beruht auf einem Irrtum. In den 77 Tagen bis zu dessen Aufklärung trifft Leyland Entscheidungen, die sein «neu geschenktes» Leben bestimmen werden. «Was mache ich mit den beiden Städten und meinen beiden Leben in ihnen?» Nach der Entscheidung für Hampstead gelingt Leyland der letzte Schritt: Statt zu übersetzen, schreibt er eine eigene Erzählung.
All das erzählt Pascal Mercier recht weitschweifig und in einem oftmals mäandernden Stil: Bereits Beschriebenes wird in langen Briefen an seine verstorbene Frau ‒ diese Briefe bilden eine zweite Erzählebene des Romans ‒ nochmals ausgeführt. Auch mancher Nebenfigur wird zu viel Raum gewidmet, z.B. wenn Mercier einen Juraprofessor ein monumentales Gedankengebäude entwickeln lässt. Dies ist ärgerlich, weil dadurch das Interesse am Thema und vor allem die Freude an den philosophisch-lebensklugen Betrachtungen, die gerade den Reiz des Romans ausmachen, zumindest phasenweise nachlassen.
Zentrales Thema des Romans ist das Ringen um die Sprache, hier zugespitzt auf die Dichotomie von fremder Sprache, mit der sich der Übersetzer stets aufs neue konfrontiert sieht, und eigener, intimer Sprache des Schriftstellers. Leyland führt einen ewigen erbitterten Kampf um jedes einzelne Wort, um jedes Komma, wobei ihm ‒ was wichtig ist ‒ Zweifel kommen, «ob man angesichts von Hunger und Elend im Ernst länger darüber nachdenken kann, ob man ein Komma setzen soll oder nicht». Über alle thematischen Aspekte hinaus ragt aber die philosophische Grundfrage schlechthin, die Simon Leyland selbstredend an entscheidender Stelle in seiner Biografie auch an sich richtet: «Was habe ich aus der Zeit meines Lebens gemacht?» Und er findet Antworten.
Damit kehren wir zu unserem ersten Satz zurück. Manchmal können aus ersten Sätzen auch letzte Sätze werden, ohne dass jedoch ihr Schlusspunkt das tatsächliche Ende bedeutet. «Dann gab er ihm den Pass zurück. ‹Welcome home, Sir›, sagte er.» So endet der Roman. Doch für Simon Leyland beginnt eine neue Zeit seines Lebens.
Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte.
München: Hanser, 2020.