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Grusswort des Präsidenten der SGPP
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Liebe Kongressteilnehmer
Der Arzt des 19. Jahrhunderts war – wie auch der Pfarrer oder der Lehrer – eine Autoritätsperson, die für die medizinische Behandlung der sich in ihrer Obhut befindenden Patientinnen und Patienten zuständig war. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich dann ein weniger paternalistischer Ansatz in der Arzt-Patienten-Beziehung. Das Thema des Empowerments der Patientinnen und Patienten gewann schliesslich zur Wende zum 21. Jahrhundert an Bedeutung. Parallel dazu wurde es obligatorisch, Patientinnen und Patienten über mögliche positive und unerwünschte Wirkungen der Behandlungen zu informieren. Ausserdem wurde das Recht auf Selbstbestimmung begründet, das zum Beispiel mittels einer Patientenverfügung ausgeübt wird.
„Auf gleicher Augenhöhe“ – das Thema des SGPP-Kongresses – erinnert daran, dass auch psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen nicht auf Ungleichheit zwischen einer wissenden und einer unwissenden Person aufbauen dürfen. Stattdessen geht es um eine Interaktion zwischen ausreichend informierten Patientinnen und Patienten, die freie Entscheidungen treffen, und einer Arztperson, die deren Autonomie respektiert und fördert.
„Auf gleicher Augenhöhe“ beschreibt des Weiteren den Geist einer unabdingbaren Zusammenarbeit zwischen den Fachpersonen der verschiedenen Disziplinen bei der Behandlung von psychischen Krankheiten. Die Ärztin oder der Arzt ist nicht mehr die einzige bestimmende Instanz. Die Entscheidungsfindung vollzieht sich auf gleichberechtigtere und horizontalere Art und Weise, unter Berücksichtigung der Meinung der Patientin oder des Patienten.
„Auf gleicher Augenhöhe“ ist auch der Slogan der SGPP, wenn es um die Forderung nach einer gerechteren Verteilung der finanziellen Mittel für psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen und Prävention geht, die im Vergleich mit den in die somatische Medizin investierten Summen noch immer die Stiefkinder der Gesundheitsversorgung darstellen. Die SGPP beteiligt sich im Rahmen der European Psychiatric Association (EPA) daran, diese Gerechtigkeit unter dem Titel „Parity of Esteem“ einzufordern.
„Auf gleicher Augenhöhe“ drückt schliesslich unsere Forderungen an die Politik, die Behörden und die Krankenversicherungen aus. Psychiatrisch-psychotherapeutisch tätige Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht einfach als „Erfinder neuer Diagnosen“, „Anwältinnen der Patienten“ oder kopflose Verschwender der Krankenkassengelder dargestellt werden. Wir fordern, dass wir für unseren Beitrag zur allgemeinen Gesundheit respektiert werden und unseren Standpunkt auf politischer Ebene verteidigen können.
Wie Sie sehen, enthält dieses Thema vielerlei Facetten und wir freuen uns, Sie vom 10. bis 12. September 2014 in Basel begrüssen zu dürfen. Damit unser Kongress erfolgreich ist, braucht es auch hier ein Mitmachen, also eine Teilnahme aller Personen „auf gleicher Augenhöhe“.
Dr.med. Pierre Vallon
Präsident der SGPP