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Beschreibung
Marino Viganò: Das «Rivellino» von Locarno (1507): Leonardo da Vinci im Tessin?
Christiane De Micheli Schulthess: Befestigungsanlagen im Kanton Tessin: ein Inventar und erste Untersuchungen
Giuseppe Chiesi: Prada, eine Wüstung über Bellinzona
Giuseppe Chiesi: Gorduno: der Burghügel
Marco Molinari, Filippo Rampazzi, Rossana Cardani Vergani: Museo del Territorio: ein neuartiges Projekt für den Kanton Tessin
Das Rivellino der Burg von Locarno (1507): Leonardo da Vinci im Tessin?
Das Rivellino der Burg von Locarno ist eine fünfeckige Bastion, bestehend aus zwei Seiten, zwei Flanken und einer Kehle. Die Mauern, ca. 18 m hoch, heute aber nur ca. 10 m hoch sichtbar, sind zu 9/10 geneigt. Lediglich der oberste Teil des Brustmauer ist senkrecht erbaut und die beiden Teile sind durch einen Kordon getrennt. In den Mauern befinden sich insgesamt 4 Schiessscharten. Oberhalb jeder Schiessscharte ist ein Kamin eingerichet, durch den der Pulverdampf abziehen konnte.
Die ausgedehnten Recherchen in den Archiven erlauben eine genauere Datierung der Bauzeit dieser Bastion. Danach ist das Rivellino von Locarno unter französischer Besetzung von Locarno (1499-1513) erbaut worden, und zwar im Jahr 1507. Auftraggeber war Charles II d’Amboise, der Statthalter der französischen Königs Louis XII. Das Bauwerk von Locarno ist von der mittelitalienischen Festungsbauschule von Francesco di Giorgio Martini beeinflusst.
Zahlreiche Indizien deuten nun darauf hin, dass Leonardo da Vinci den Entwurf für das Rivellino von Locarno zeichnete, denn auch er war ein Schüler Giorgio Martinis. 1506 nach Mailand berufen, wurde Leonardo von Charles II. d’Amboise 1507 als königlicher Festungsbau-Ingenieur bezeichnet. Im selben Jahr ist von Leonardo eine Skizze für eine Festung überliefert, die sich nach Meinung der Spezialisten an der Schweizer Grenze befinden müsse. Der Grundriss der skizzierten Bastion ist demjenigen von Locarno sehr ähnlich.
Befestigungsanlagen im Kanton Tessin: ein Inventar und erste Untersuchungen
Im Jahre 2003 wurde auf Antrag des „Servizio Inventario dell’Ufficio dei beni culturali“ von Bellinzona durch die „Divisione della pianificazione territoriale” ein Kredit für eine systematische Katalogisierung der Befestigungsanlagen im Kanton Tessin genehmigt. Ziel dieser Arbeit war einerseits die im Gelände noch erkennbaren Strukturen zu erfassen, andererseits sie unter einen angemessenen Schutz zu stellen.
Die schriftlichen Quellen beziehen sich im allgemeinen auf bekannte Objekte (z.B. Castello Visconteo von Locarno, die Burgen von Bellinzona, Castello di Serravalle etc.). Für eine erste Katalogisierung hat man sich vor allem auf einzelne Publikationen, wie z.B. die Burgenkarte der Schweiz (1985), auf die Texte von Clemente (1974) und andere gestützt.
Dank der Mitarbeit von Stefano Vassere konnten auch Informationen aus der Orts- und Flurnamenforschung eingefügt werden. Zu den hier berücksichtigten Flurnamen zählen vor allem zwei: „castello“ und „torre“. Es konnten insgesamt über 400 Objekte, verteilt auf 237 Gemeinden inventarisiert werden, wobei eine grosse Anzahl solcher Flurnamen nicht immer auf die Existenz einer Befestigungsanlage deuten muss.
Die Befestigungsanlagen lassen sich heute vor allem im Bereich von Siedlungen oder in erhöhter Lage lokalisieren. Eine grosse Anzahl dieser Objekte ist heute nur noch anhand von weniger Mauerreste festellbar. Andere wurden im Laufe der Zeit baulich stark verändert, sodass es nur noch durch archäologische Untersuchungen möglich wäre, diese Bauwerke in einen klaren Kontext aufzunehmen.
Durch das Fehlen einer präzisen Dokumentation, ist es schwierig eine genaue typologische Einordnung aufzustellen. Feststellbar sind vor allem zwei Kategorien: die isoliert gelegenen Türme und die grösseren Befestigungsanlagen bestehend aus Turm, Umfassungsmauer und Innenbauten. Die abgelegenen Türme mit quadratischem Grundriss, wie etwa die Torraccia bei Barbengo oder die Torre Alta von Lodrino, sind sehr verbreitet.
Was die Rundtürme anbelangt, ist zur Zeit nur ein Beispiel bekannt (der Turm bei Campo Blenio). Weitere Türme wurden im Laufe der Zeit zu Kirchtürmen umgebaut (Kirchturm von San Quirico), oder in modernere Gebäude eingebaut (Torre dei Nobili in Prato Leventina).
Zu den grösseren Befestigungsanlagen zählen vor allem die Burgen, die sich aus mehreren Gebäuden zusammensetzen (Castello di Bironico, Mezzovico-Vira und Castel San Pietro), von denen noch grössere Maurreste erhalten sind.
Die übrigen Wehranlagen lassen sich in zwei weitere Gruppen unterteilen. Zu einer ersten Gruppe zählen die Anlagen, deren Grundfläche durch eine wissenschaftliche Untersuchung festgestellt werden konnte (Castello di Torricella-Taverne, Castello di Caroggio, Castellaccio di Melano, Castello di Sta. Maria a Giornico, Castello di Pontegana etc.).
Zur zweiten Gruppe gehören die Befestigungsanlagen, von welchen nur einzelne Partien der Umfassungsmauer oder Teile der Innenüberbauung dokumentiert wurden (Casletto di Bedano, Castellaccio di Barbengo, Castello di Cresta etc.). Zu den grösseren Anlagen müssen auch diejenigen gezählt werden, die in der Vergangenheit nicht nur Verteidigungsfunktion hatten (Torre und Wüstung von Redde bei Vaglio, „Castello“ di Tremona).
Die Flurnamen beziehen sich auch auf prähistorische Anlagen (Balladrum bei Ascona, Castelvedro bei Barbengo, Tegna und Monte Barro bei Torricella-Taverne).
Prada, eine Wüstung über Bellinzona
Im Zuge des hochmittelalterlichen Landesausbaues sind auf den Terrassen und Schultern der Talflanken rund um Bellinzona kleinere, dorfartige Siedlungen entstanden, die in der frühen Neuzeit wieder verlassen wurden. Sie sind heute noch vor allem durch ihre Kirchen bekannt, die den Wüstungsprozess überlebten.
Um die Kirche S. Girolamo östlich über Ravecchia gruppieren sich die Reste des einstigen Dorfes Prada. Für dessen Erforschung und Erhaltung bildete sich 1974 der Förderverein „Nümm da Prada“.
Die Wüstung Prada dehnt sich in nordwestlich-südöstlicher Richtung auf einer Länge von ca. 250 m zwischen zwei Tobeln aus. Die erhaltenen Mauerreste befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Zerfalles. Während im Abschnitt südlich der Kirche nur noch Grundmauern erkennbar sind, stehen im Bereich nördlich der Kirche teilweise noch mehrgeschossige Ruinen von etwa zwei Dutzend Bauten.
In den erhaltenen Quellen erscheint Prada seit dem Ende des 14. Jh. Das Dorf gehörte zu Bellinzona und entsandte 1440 für eine Versammlung einige Delegierte. Im Dezember 1583 zählte es noch rund 40 Familien, scheint aber wenige Jahrzente später – anfangs des 17. Jh. aufgelassen worden zu sein.
Gorduno: der Burghügel
Die archäologischen Untersuchungen, die vom Ufficio beni culturali im Jahre 1995 in Gorduno, auf dem Hügel, auf welchem sich die Kirche SS. Carpoforo und Maurizio erhebt, durchgeführt wurden, haben neue Erkenntnisse über die Geschichte der Kirche und der mittelalterlichen Befestigunganlagen im Gebiet von Bellinzona geliefert.
Diese felsige Erhebung liegt nördlich des natürlichen Engpasses von Bellinzona, direkt neben der A2. Die günstige Lage dieses Hügels erlaubte eine gute Kontrolle über die nahegelegenen Verkehrswege, die zu den Pässen Gotthard, Lukmanier und S. Bernardino führten. Im Mittelalter verlief hier auch die Grenze zwischen Bellinzona, das zu Como gehörte, und den oberen Tessinertälern, die zu den mailändischen Besitztümern zählten.
Während der Untersuchungen kamen die Überreste einer Umfassungsmauer aus Frühmittelalter zum Vorschein, sowie die eines Turmes. Die Entdeckung eines Grabes, das als Beigabe ein Schwert aufwies, deutet auf die Präsenz von langobardischen Kriegern, die in Bellinzona bereits im 6. Jahrhundert nachgewiesen sind. Der Turm, der um das Jahr 1000 entstand, steht vielleicht im Zusammenhang mit der Ankunft der „famiglie capitaneali“, die durch den Erzbischof von Mailand in der Region des Verbano mit Gütern und Rechten belehnt wurden.
Die erste urkundliche Erwähnung einer Burg „castrum de Nioscha“ stammt aus dem Jahre 1133. Die Burg befand sich in den Händen eines einflussreichen Zweiges der Orelli-Magoria, die zu den adeligen Geschlechtern in der Gegend von Locarno gehörten.
Die Magoria-Orelli liessen auf dem Hügel eine grössere Kirche errichten, die von Ardizzone, dem Bischof von Como, im Jahre 1132 eingeweiht wurde. Da sich die Grabungskampagne nur auf das Innere der Kirche und auf den Kirchplatz konzentrierte, konnte nur ein kleinen Bereich des Hügels untersucht werden.
Weitere, heute an den Geländeterrassen zum Teil noch erkennbare Mauerreste, konnten dank einer topographischen Vermessung aus dem Jahre 2000, unter der Leitung von Rudolf Glutz, näher bestimmt werden. Es handelt sich wahrscheinlich um die Überreste von zwei Ringmauern, die den Hügel gänzlich umschlossen. Es ist deshalb anzunehmen, dass die Burg im 13. und 14. Jahrhundert eine grössere Anlage darstellte, deren Gebäude sich um die Kirche gruppierten.
Die Zerstörung der Burg steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit den politischen Wirren des 14. und 15. Jh., als die Mailänder unter der Herrschaft der Visconti diese Gebiete eroberten. Im 14. Jh. wurde die Burg von den Visconti an Albertone von Sax-Misox verliehen.
Wenige Jahre später verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Visconti und den Sax. Nach dem Tode des Herzogs Gian Galeazzo Visconti im Jahre 1402 wurde Bellinzona von den Sax besetzt, die dann die Stadt 1419 den Urnern und Obwaldner verkauften. Nach der Niederlage der Eidgenossen bei Arbedo (1422) kamen diese Gebiete vorübergehend wieder unter die Herrschaft der Mailänder.
Es ist nicht auszuschliessen, dass eine Schar Eidgenossen bei ihrem Rückzug von Arbedo die Burg bei Gorduno besetzten, um von hier aus Widerstand gegen die Mailänder zu leisten. Wahrscheinlich wurde die Burg dann wenig später von den Mailändern endgültig zerstört.
Museo del Territorio: ein neuartiges Projekt für den Kanton Tessin
Der Kanton Tessin weist als einer der wenigen Kantone zwei Objekte, die im UNESCO-Verzeichnis Weltkulturerbe eingetragen sind: als Kulturgut die Burgen von Bellinzona und als Naturgut die Fossilien von Monte San Giorgio. Aufgrund dieser Tatsache wird das Projekt Museo del Territorio durch die kantonalen Behörden in Zusammenarbeit mit der Stadt Locarno und dem Locarnese gefördert.
Die zunächst noch nicht konkretisierte Idee besteht darin, das während gut zwei Jahrhunderten gesammelte archäologische Fundgut, das heute weit verstreut im Kanton und auch ausserhalb liegt, unter einem (organisatorisch wie baulichen) Dach zu vereinen. Zusätzlich sollen die aktuellen Platzprobleme der kantonalen Naturhistorischen Sammlung in Lugano gelöst werden. 2002 wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, koordiniert von Marco Molinari.
Ein solches Projekt bietet grosse Möglichkeiten, die hier kurz erwähnt werden.
– aus politischer Sicht bietet das Projekt einen einheitlichen thematischen Ansatz der räumlichen Wirkung von Mensch und Natur, zwei unterschiedliche Gesichter derselben Realität.
– Aus kultureller Sicht erlaubt dieses Projekt ein Bewertung des Fundgutes. Die Kenntnis der Vergangenheit gibt die Möglichkeit auf Fagen an die Zukunft eine Antwort zu geben.
– Aus der sozio-ökonomischen Sicht stellt dieses Projekt die Möglichkeit dar, aus dem Sammlermuseum (museo-vetrina) eine Dachorganisation zu schaffen, die schon bestehende oder künfitige Aktivitäten ähnlicher Art koordiniert und weiter entwickelt, auch im Bereich von neuen Arbeitsplätzen.
Die naturwissenschaftlichen und archäologischen Aspekte sind zwei Seiten desselben Grundthemas, nämlich der Entwicklung der Landschaft, entstanden durch jahrtausendlange Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur – von der Bildung des ältesten Gesteins im Kanton (vor gut 500 Mio Jahren) über die erste Besiedlung durch den Menschen nach der letzten Eiszeit vor ca. 10’000 Jahren) bis zu den tiefeingreifenden Veränderungen der Landschaft während den letzten Jahrhunderten durch Rodung, Landwirtschaft, Tierhaltung und durch die moderne Bautätigkeit (Zersiedlung).
Trotz ihrer Eigenheiten und Eigenstätigkeit der Disziplinen Naturgeschichte, Archäologie und Landschaftsgeschichte werden diese drei Bereiche organisatorisch und baulich unter dem Dach des Museo del Territorio zusammengefasst. Der Sitz dieses Museums wird in Locarno in der Nähe der Burg und des Rivellino eingerichtet werden. Neben der Verwaltung und Koordination werden dort auch didaktische Einrichtungen (multimedial) und Bilder zu finden sein.
Das Museum umfasst sechs Aufgaben: Forschung (mit entsprechenden Publikationen), Konservieung, Dokumentation, Verbreitung (Ausstellungen), Ausbildung und Beratung. Das Museum soll alle Bedürfnisse abdecken können.