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Der italienische Komponist Luigi Nono (1924–1990) war ein politischer Künstler und setzte sich als Kommunist für die Anliegen der Unterdrückten und ArbeiterInnen ein. Sein Werk steht nun im Zentrum der Zürcher Festspiele.
Er sei nur zufällig Musiker, sagte Luigi Nono 1970, sein eigentliches Anliegen sei der Kampf gegen Faschismus und Imperialismus. Tatsächlich wird der italienische Komponist, der die Avantgarde der Nachkriegszeit entscheidend mitprägte, bis heute vor allem als politischer Musiker wahrgenommen.
Früh politisiert durch den Widerstand im Staat Mussolinis, wandte er sich bald dem Kommunismus zu. 1952/54 trat er in die Kommunistische Partei Italiens ein, ab 1975 war er dort Mitglied im Zentralkomitee. Er reiste in die UdSSR, in die DDR, besuchte Fidel Castro in Kuba und nahm an den Studentenprotesten in Berlin und Italien teil. Er wurde 1967 in Peru verhaftet und ausgewiesen, weil er von den politischen Gefangenen sprach, klagte 1982 aber auch Moskau wegen seines Umgangs mit Dissidenten an. Er vertonte Brieftexte von zum Tod verurteilten Widerstandskämpfern («Il canto sospeso», 1955/56), erzählte von Folterungen (im Musiktheater «Intolleranza 1960»), brachte die Pariser Kommune auf die Bühne (in der szenischen Aktion «Al gran sole carico d’amore», uraufgeführt 1975 an der Mailänder Scala). Er ging in die Fabriken und beteiligte sich mit dem Dirigenten Claudio Abbado und dem Pianisten Maurizio Pollini an der linken kulturpolitischen Initiative in Reggio Emilia. Nein, der politische Kampf war keine Episode in Nonos Schaffen, sondern Lebensinhalt.
Der Komponist in der Stahlfabrik
Nono sprach früh schon vom «wahren Weg», auf dem «wir mit unserer Musik Mensch unter Menschen sein können». Gleichwohl überschätzte er die Wirkung politischer Musik nicht. Eine Partitur könne ebenso wenig eine Revolution auslösen wie ein Bild, ein Gedicht oder ein Buch, aber sie könne vom desolaten Zustand der Gesellschaft berichten. «Alle meine Werke», so Nono 1958, «gehen immer von einem menschlichen Anreiz aus: ein Ereignis, ein Erlebnis, ein Text unseres Lebens rührt an meinen Instinkt und an mein Gewissen und will von mir, dass ich als Musiker wie als Mensch Zeugnis ablege.»
Für sein Stück «La fabbrica illuminata» (1964) ging Nono in die Stahlfabrik Italsider in der Nähe von Genua, dokumentierte die Arbeit, nahm den Lärm der Maschinen auf und gestaltete daraus eine Tonbandcollage, zu der er eine Sopranstimme komponierte. «Fabrik der Toten wird sie genannt», heisst es darin. Des Textes wegen sagte der Auftraggeber, der öffentlich-rechtliche Sender RAI, die Uraufführung ab. Später ging Nono damit in die Fabrik zurück und diskutierte das Stück mit den Arbeitern. Die fanden, die Geräusche darin seien bei weitem nicht so stark wie die, die sie gewöhnt seien. Gleichzeitig aber begannen sie, darüber nachzudenken, unter welchen akustischen Bedingungen sie arbeiteten und ob das denn so sein müsse. Das Stück bewegt übrigens auch heute noch – und ist der beste Beweis gegen das Vorurteil, dass politisch motivierte Musik schnell altere.
Rückzug in die Innerlichkeit?
Durch die Musik Zeugnis ablegen und das Denken aufwecken, bewegen: Das war Nonos Anliegen. Und das blieb auch so, als Mitte der siebziger Jahre ein Umdenken bei ihm einsetzte: «Manche Konzepte und Ideen sind abgestanden, heute ist es unbedingt nötig, die Phantasie so weit wie möglich in den Vordergrund zu stellen.» Plötzlich klang seine Musik völlig anders, und das ausgerechnet in einem Exemplar der lange von der Avantgarde vernachlässigten und so bürgerlichen Gattung des Streichquartetts. «Fragmente-Stille, An Diotima», vierzig Minuten dauernd, bewegt sich über weite Strecken zwischen Piano und Pianissimo, bleibt oft regungslos auf langen Fermaten stehen und bricht nur momentweise aus. In die Partitur hinein setzte Nono Hölderlin-Zitate, die nur für die Musiker bestimmt und nicht laut vorzutragen sind – ausgerechnet Hölderlin, der revolutionär gestimmte Dichter, der sich einst resigniert in eine scheinbare geistige Umnachtung zurückzog! War das nicht ein Regress in die lange gemiedene Innerlichkeit? War das nicht eine schon wieder zu stille und zu schöne und zurückhaltende Musik? Nono wehrte sich: «Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken, die Intelligenz, die grösstmögliche entäusserte Innerlichkeit. Das ist heute das Entscheidende.»
Immer in Bewegung
Herausgefordert wurden die Sensibilität, das Hinhören, die Verletzlichkeit. «Hören ist sehr schwierig», sagte Nono. «Sehr schwierig, in der Stille die Anderen zu hören.» Dies führte ihn zu jenem grossen Projekt, das dann die frühen achtziger Jahre bestimmte, die Hörtragödie «Prometeo». Das räumlich angelegte Werk, das nun in der Zürcher Tonhalle zu erleben ist, handelt einerseits vom Hören, andererseits vom Titanen Prometheus, der dem Mythos nach den Menschen das Feuer brachte und damit gegen die Götter aufbegehrte. Wiederum: die Rebellion und das Mitleiden mit den Unterdrückten.
Nono hatte seine Anliegen nicht vergessen, aber er formulierte sie nun anders. Denn es war ihm zuwider, stehen zu bleiben und zu verharren, er wollte weitergehen und auch sich selber verändern. Nono ist nicht jemand, der dem Publikum einfach etwas vorsetzt. Er ist selber zutiefst involviert und beteiligt, er bewegt sich selber. Deshalb wurde für ihn in den letzten Lebensjahren ein Zitat des spanischen Lyrikers Antonio Machado wichtig, das er als Inschrift in einem Kloster in Toledo gefunden hatte: «Caminante, no hay caminos, hay que caminar» – Wanderer, es gibt keine Wege, es gibt nur das Gehen. Dieser Spur folgte er bis zuletzt: Es war kein einsames Gehen, sondern ein Gehen als «Mensch unter Menschen».
Luigi Nono: «Prometeo». Mittwoch, 2. Juli 2014, 19.30 Uhr, Tonhalle Zürich. Weitere Werke von Nono siehe www.festspiele-zuerich.ch.