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- Die Italiener, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz einwanderten, sind heute gut integriert.
- Integration hat mit der Ausbildung und der Arbeit zu tun. Es geht nicht um Identifikation.
- Ein Zusammenleben, das zu Beginn fast unmöglich schien, wurde durch Angewöhnung und gegenseitige Veränderung doch möglich.
SRF: Fühlen Sie sich mehr als Italiener oder als Schweizer?
Gianni D’Amato: Das war für mich schon immer eine Fangfrage, vor allem beim Fussball – ich meine: sowohl als auch. Beides gehört zu meinem Leben, ich mag mich nicht auf die eine oder andere Seite stellen.
Muss diese Frage denn nicht beantwortet sein, damit von einer gelungenen Integration gesprochen werden kann?
Integration ist ganz etwas anderes. Das hat mit Strukturen zu tun, in denen wir leben: Schule, Ausbildung, die Arbeit, die wir hier verrichten. Das ist letztlich Integration, es geht nicht um Identifikation. Diese kann eh für uns alle vielschichtig sein.
Das alles trifft für die Italiener zu. Würden Sie sagen, dass deren Integration heute abgeschlossen ist?
Ja, was die Einwanderungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg betrifft. Entscheidend dabei ist, dass viele der Generation meiner Eltern aus ähnlichen sozialen Milieus stammten. Heute hingegen variiert ihr gesellschaftlicher Status. Die Italiener sind ebenso in allen Schichten vertreten wie die Schweizer.
Verglichen mit Ex-Jugoslawen, Tamilen oder aktuell den Eritreern: Hatten es die Italiener damals leichter?
Nein, sie standen genauso für das Andere. Sie fielen auf: Sie wurden dafür kritisiert, ihre Freizeit nicht organisiert und strukturiert in Vereinen zu verbringen.
Die Italiener sind heute ebenso in allen Schichten vertreten wie die Schweizer.
Aufsehen erregte auch, dass sie an Bahnhöfen herumstanden und Arm in Arm spazierten. Für viele Schweizerinnen und Schweizer war das in den 1950er- und 1960er-Jahren sehr suspekt.
Aber die wirtschaftliche Situation war günstiger?
Ja, damals herrschte eine historisch einzigartige Konstellation. Die Schweiz hatte nach dem Krieg die Wirtschaftskrise überstanden und befand sich in einer Hochkonjunktur.
Und trotzdem wurden die Italiener oft angefeindet.
Das kam auch daher, dass viele Schweizer diesem Aufschwung nicht richtig trauten. Sie fürchteten, dass man all diese Menschen finanziell unterstützen müsse, falls es wirtschaftlich einmal nicht mehr läuft. Viele waren aber auch gegen das Fremde, wenn es sichtbar wurde.
Etliche Italiener dachten auch, sie seien nur auf Zeit hier. War eine Rückkehr in Ihrer Familie ein Thema?
Ja, insbesondere für meinen Vater. Mit den sogenannten «Schwarzenbach-Initiativen» gegen die befürchtete «Überfremdung» musste man sich mit dem «Was-wäre-wenn» auseinandersetzen. Und Jahrzehnte später natürlich auch wieder mit dem nahenden Ende des Arbeitslebens. Aber meine Mutter war immer dagegen. Sie wollte nicht noch einmal ihre Familie verlassen, hatte sich sehr gut eingelebt in der Schweiz und in Zürich.
Der Volksmund sprach damals despektierlich von den «Tschinggen». Haben Sie das auch hören müssen?
Ja, klar, das war sicher der verletzende Begriff in meiner Kindheit, bis wir ihn später in Studentengruppen selber benutzten, uns so nannten, um unsere Haltung dazu auszudrücken. Es geht da natürlich um ein Framing, um uns spüren zu lassen, dass wir nicht dazu gehörten. Insbesondere in der Kindheit war das ein schwieriger Begriff, weil er ausschliessend war. Man wird dadurch praktisch zum Ausländer gemacht.
Viele Schweizer fürchteten, dass man die Italiener finanziell unterstützen müsse, falls es wirtschaftlich einmal nicht mehr läuft.
Wie wichtig war letztlich Ihre Herkunft für den Lebensweg, den Sie einschlugen?
Die Herkunft war für mich vielfach der Motor, um zu widerstehen, meinen eigenen Weg zu suchen, auszuloten, was für Möglichkeiten und Optionen ich mir eröffnen kann. Auch wenn einem vieles verbaut ist, war es wichtig trotzdem zu versuchen, einen anderen Weg zu gehen.
Können wir aus der gelungenen Integration der Italiener etwas lernen für heutige Herausforderungen?
Man lernt daraus, dass ein Zusammenleben, das in den 1960er-Jahren fast unmöglich schien, durch Angewöhnung und gegenseitige Veränderung am Schluss doch möglich ist.
Das Gespräch führte Richard Herold.
Zur Person
Gianni D’Amato (*1963) ist in Dietlikon aufgewachsen als Sohn italienischer Einwanderer. Nach einem Studium an der Universität Zürich war er an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam tätig. Heute ist er Professor für Migration und Staatsbürgerschaftsstudien an der Universität Neuenburg.
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