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Wer je eine römische Ausgrabung besucht hat, wird über die Grösse und Reichhaltigkeit der aufgefundenen Überreste der ehemaligen öffentlichen Bauten und Wohnstätten beeindruckt sein. Diese Funde haben den Stellenwert von heutigen gehobenen Villenvierteln. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte jedoch unter einfachen Bedingungen in eng aneinandergereihten Häusern aus Stein und Fachwerk mit ebenerdiger Werkstatt, allfälligem Verkaufsraum und einfachsten Wohnräumen im Hinterhaus oder Obergeschoss. Die Aussenquartiere einer stadtähnlichen Siedlung waren nach Handwerksbetrieben gegliedert.
Der heutige Begriff der Stadt war unbekannt, eine Colonia war eine grössere Siedlung von pensionierten Legionären (Veteranen). Der Unterschied zu einem grösseren Vicus mit ebenso vielen Einwohnern bestand also in der Bevölkerungsstruktur und nicht in der Grösse. Vicus war der Sammelbegriff für eine grössere oder kleinere Siedlung. Auch sie konnte durchaus stadtähnlichen Charakter mit verschiedenen Prunkbauten haben, obwohl es sich, wie z.B. bei Oberwinterthur, um ein einfaches Handwerkerdorf entlang der Strasse handeln konnte.
Typisch für grössere römische Siedlungen waren die öffentlichen Prunkbauten. Sie wurden in der Mehrzahl von lokalen Persönlichkeiten aus repräsentativen Gründen und zur Imagepflege ihrer wohlhabenden, einflussreichen Familien erbaut.
So finden sich immer wieder prächtig gebaute Tempel, Bäder, Theater oder ein Forum, deren Überreste uns vielfach durch ihre Grösse und verblichene Pracht in Erstaunen versetzen.
Die heutige, verstreute Besiedlung der Landschaft war den Römern unbekannt. Landwirtschaftliche Güter wurden in Grossbetrieben sog. Villae rusticae (römischer Gutshof) produziert.
Die durchschnittliche Grösse eines solchen Betriebs lag bei 50 bis 100 Hektaren mit 15 bis 30 Mitarbeitern, sowie deren Angehörigen, insgesamt rund 100 Personen. (Die durchschnittliche Grösse eines schweizerischen Bauernbetriebs umfasst heute ca. 17 Hektaren, bei 1 Vollzeitstelle).
Die Produktion solcher landwirtschaftlicher Betriebe war nebst der Deckung eigener Bedürfnisse stark spezialisiert. Die frühere Annahme reiner „Selbstversorgung“ hat sich nicht bewahrheitet. Neuere archäologische Ergebnisse zeigen oft starke Abweichungen von Betrieb zu Betrieb.
In der Mehrzahl wurde Getreide (Dinkel, Emmer/Einkorn, selten Weizen) angebaut, dann Roggen, Hafer und Gerste als Viehfutter. Erbsen, Linsen und Ackerbohnen waren verbreitete Hülsenfrüchte, dazu kamen verschiedene Gemüsesorten und Salatpflanzen.
Die Haltung von Rindern und Wollschweinen zur Fleischproduktion, Ziegen- und Schafzucht zur Milch-, respektive Käseproduktion und vermutlich gleichzeitig zu Woll- und Haargewinnung für die Textilproduktion.
Ebenfalls pflegte man intensive Obstkulturen wie verschiedene Apfel- und Birnensorten, Zwetschgen, Pflaumen, Pfirsiche und Kirschen.
In unserer Gegend wurde der Rebbau und damit die Weinherstellung durch die Römer eingeführt. Dies dokumentieren einzelne verrostete Eisenfunde von typischen gebogenen Rebmessern.
Zur Nutzung von zeitlichen Ressourcen wurden zusätzliche Produkte hergestellt. So fand man z.B. in Seeb/Winkel einen grossen Töpferofen zur Geschirr-Herstellung, dessen Kapazität sicher über den Eigenbedarf hinausreichte.
Römische Händler, Grossgrundbesitzer, sicher aber auch Militärs brachten verschiedene Rinder- und Pferderassen über die Alpenpässe. Diese mehrheitlich grösseren Rassen kreuzten sie erfolgreich mit den wesentlich kleineren, aber robusteren Rassen ein.
Es wurden auch verschiedene Hunderassen für die Jagd, als Wach- oder Schosshunde gezüchtet. Seit der Römerzeit gibt es bei uns Hauskatzen.
Ein grosser Gutshof war meist im Besitz reicher römischer Bürger, die gerade in unserer Gegend vermutlich nur zeitweise im Gutshof selbst wohnten.
Daher findet sich immer eine Zweiteilung: das feudale Herrenhaus und daneben verschiedene ländliche Betriebsgebäude sowie Unterkünfte der Arbeiter und ihrer Familien.
Das grosse Herrenhaus wurde je nach den finanziellen Möglichkeiten des Besitzers mehr oder weniger reichhaltig ausgebaut. An Hand der einzelnen Münzfunde hier in Küsnacht muss von einer nahezu 300jährigen Betriebsdauer ausgegangen werden. (1.– 4. Jh.) In dieser Zeit wurden die Gebäude immer wieder repariert und ergänzt. Grabungen bei anderen Gutshöfen mit kürzerer „Lebensdauer“ lassen oft mehrfache Um- und Erweiterungsbauten feststellen.
Weshalb wird der von Heinz Rimensberger nachgewiesene römische Gutshof nicht ausgegraben? Das wird er, aber sozusagen schleichend seit Jahrhunderten!
Da seine Mauern in der leicht abfallenden Hangmulde liegen, wurden die vorhandenen Mauerreste mit Sicherheit als willkommenes Baumaterial abgebaut. Viele Bauerngenerationen haben den archäologischen Grund um- und umgepflügt, gerade die neueren landwirtschaftlichen Anbaumethoden verursachen eine schleichende, noch tiefer greifende Zerstörung.
Längst sind hier bei uns nur noch einzelne Fundamentreste vorhanden, alle Objekte liegen verstreut über die Äcker verteilt. Für die Archäologie, bei der heute nicht der einzelne Topfscherben sondern dessen Zusammenhang wichtig ist, sind solche „Streufunde“ weitgehend nutzlos. Flugaufnahmen in verschiedenen Jahreszeiten zeigen je nach Pflanzenwuchs die unter dem Boden liegenden Fundamente recht deutlich an.
Im Kanton Zürich haben wir das Glück, verschiedene grosse Gutshöfe zu kennen, einzelne wurden in den letzten Jahren ausgegraben, und vereinzelt konnten interessante Gebäudereste erhalten werden. ( Seeb, Wetzikon, Dietikon, Neftenbach)
Es ist daher nicht sehr sinnvoll, mit grossem zeitlichem und finanziellem Aufwand eine Grabung unseres Gutshofes durchzuführen Dies schliesst aber nicht aus, dass der Bauer im frisch gepflügten Feld auf dem Amtsäger nach einem reinigenden Regenguss mit viel Glück das eine oder andere frischgewaschene interessante Stücklein noch heute finden kann.
Von der Kantonsarchäologie Zürich werden seit längerem keine sog. Forschungsgrabungen mehr durchgeführt.