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Bolaños «Wilde Detektive»: Unerschrockener Erzähldrang.
Text: Moisés Mayordomo
Mein Buch: Der Theologe Prof. Dr. Moisés Mayordomo empfiehlt den 1998 erschienen Roman «Los detectives salvajes» des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño.
«Die wilden Detektive» (2002, Los detectives salvajes, 1998) des 1953 in Chile geborenen und 2003 in Barcelona verstorbenen Roberto Bolaño erzählt eine Geschichte, die sich kurz oder gar nicht zusammenfassen lässt. Ich versuche es kurz: Arturo Belano und Ulises Lima führen im Mexiko der 1970er-Jahre die literarische Avantgarde-Gruppe der «Realviszeralisten» an. Sie berufen sich auf die verschollene Dichterin Cesárea Tinajero. Die abenteuerliche Suche nach ihr führt sie von 1976 bis 1996 durch die mexikanische Wüste und weitere Schauplätze auf der ganzen Welt. Am Ende erwartet sie ein antiklimaktischer Showdown – falls so etwas überhaupt möglich ist.
Die Suchbewegungen der Figuren werden in Form von Tagebucheinträgen eines jungen «Realviszeralisten» (Teile I und III) und Gesprächsnotizen mit Beteiligten (Teil II) erzählt. Dabei entsteht ein ironisches Panoptikum des Literaturbetriebs in der Zeit nach 1970. Das Projekt der revolutionären Moderne liegt am Boden, die Literaturschaffenden sind sexuell hyperaktiv, literarisch selbstbezogen, aus Prinzip arm, aus Überzeugung gleichgültig. Am Ende wissen wir nicht, was Realviszeralismus ist. Stattdessen erhalten wir Fragmente, Perspektiven, Einschätzungen, satirische Seitenhiebe und glänzende Episoden voll tragischer Komik.
Seit Langem habe ich kein Buch gelesen, das mich so herausgefordert hat. Die ansteckende Kraft der Sprache, der Verlust des Zeitgefühls, die Erprobung der hermeneutischen Geduld, die Freude am Skurrilen, Sinnlichen und Fremden – dieses Buch macht all die wunderbaren Erfahrungen des Lesens möglich. Vielleicht ist diese Freude selbst skurril, denn das Buch könnte leicht als «postmoderne Meta-Literatur» abgestempelt werden. Solche Kategorien können der Lust am Lesen jedoch nichts anhaben.
Ich habe mich gefühlt wie bei Kafka, Nabokov oder Borges: in einer Erzählwelt, die nicht aus einem literaturwissenschaftlichen Laboratorium stammt, sondern einem unerschrockenen Erzähldrang folgt. Man lässt sich in Bolaños Welt aus dem gleichen Grund fallen, aus dem man sich bei einem Arzt in die Narkose begibt: Weil er besser als andere weiss, was er tut. Wenn man nach über 600 Seiten wieder von dort zurückkehrt, bleiben Szenen und Stimmungen, Gerüche und Geräusche, Typen und Orte in Erinnerung – ein zu gleichen Teilen sinnliches wie intellektuelles Erlebnis.
Moisés Mayordomo ist seit 2014 Professor für Neues Testament an der Universität Basel und seit 2018 Lektor am Frey-Grynäischen Institut. Er forscht und lehrt zu unterschiedlichen Gebieten des frühen Christentums mit einem besonderen Schwerpunkt auf Fragen der Gegenwartsrezeptionen neutestamentlicher Texte und Motive.