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Bergfahrten in Zentralkurdistan
Mit 4 Bildern und 1 Skizze.Von Herbert Klinischer.
Mannigfache Gründe sind es, die dieses Bergland beiderseits des Oberen Zab in der türkischen Provinz Hakiri, zwischen dem Vansee und der Dreiländerecke von Türkei, Iran und Irak, bis vor kurzem so im Dunkel verborgen gelassen haben. Ein wildes und freiheitsliebendes Nomadenvolk, die BERGFAHRTEN IN ZENTRALKURDISTAN.
Kurden, hatte hier, ebenso wie in den anstossenden Gebieten Irans und des Irak seinen Hauptsiedlungsraum. Weiter nördlich wohnte ein Volksstamm ganz andersartiger Herkunft und christlichen Bekenntnisses, die Armenier, die mit den Kurden in ständiger Fehde lagen. Während und nach dem Kriege verdrängten die Türken diese beiden Volksstämme und machten sich zum Alleinherrscher über kurdisches Land. Bevor nun dieser Eroberungs- und Unterwerfungsprozess nicht vollkommen abgeschlossen war, schien es für Europäer ausgeschlossen, die Einreiseerlaubnis in diese türkische Provinz zu erhalten. Erst seit drei Jahren ist es wieder bedingt möglich, dass ein Reiseansuchen dorthin im günstigen Sinn erledigt wird. So konnte Übersichtsskizze der Türkei.
1: 20,000,000.Unser Reiseweg, schwarz = unser Arbeitsgebiet.
unsere Kundfahrt direkt an die wenigen Reisen anschliessen, die noch vor Ausbruch des Weltkrieges vornehmlich von Engländern und Deutschen unternommen wurden1 ).
In das eigentliche Gebirge drangen die englischen Vermessungsbeamten F. B. Marniseli, B. Dickson, K. Mason ein; sie erstiegen einige Gipfel der Rand-gruppen, nahmen Kartenskizzen auf und veröffentlichten einige Arbeiten über ihre Türen. Ebenso spärlich wie das Schrifttum war auch das vorhandene Kartenmaterial, das neben zahlreichen Fehlern auch noch weisse Flecke aufwies: Britische Vorkriegskarte Eastern Turkey in Asia 1: 250,000, War Office, London. Teilkarte des India Survey im Maßstab 1: 253,440. Als Übersichtskarte kamen in Betracht: Blatt Mosul der deutschen Kriegs-karte 1:400,000, ferner die neue türkische Karte 1: 800,000. Ein nicht so schnell zu beseitigendes Durcheinander bilden noch heute die verzeichneten Namen, die bald in englischer, französischer, türkischer oder deutscher Ausdrucksweise gebracht werden. Wir machen uns zum Grundsatz, die Namen in der neuen türkischen Rechtschreibung zu verwenden, so wie sie auf dem 8 Blätter umfassenden türkischen Kartenwerk verzeichnet sind. All das, was wir in der Heimat von unserem zukünftigen Arbeitsgebiet zu erfahren trachteten, war spärlich und ungenau, unser Aufgabenkreis war daher von vorneherein nicht nur ein bergsteigerischer, sondern ebenso ein erdkundlicher, und es galt auch in dieser Hinsicht Pionierarbeit zu leisten.
Unsere Abreise verzögerte sich infolge der Schwierigkeiten, die wir mit der Einreiseerlaubnis zu überwinden hatten, immer mehr. Ein Kurden-aufstand war ausgebrochen, und nicht weniger als dreimal musste unsere Kundfahrt abgesagt werden. Aber allen Widerständen zum Trotz fuhren wir dennoch am 19. August 1937 von Wien ab. Unsre Anreise verlief erst donau-abwärts, dann über Bukarest, Constanza nach Istanbul, von dort mit der Eisenbahn quer durch das ganze türkische Reich über Ankara, Kayseri, Sivas, Malatya nach Diarbekir 660 m. Eine zweitägige Autofahrt auf Feldwegen und Gebirgspfaden brachte uns nachTatvan 1720 m, und mit einem Motorboot fuhren wir über den ausgedehnten See, um so Van, die Hauptstadt dieses VilajetsProvinz ), zu erreichen. Dort ergänzten wir, so gut es ging, unsere Verpflegungsausrüstung, wir hatten wegen der strengen türkischen Zollkontrolle nur wenige hochwertige Lebensmittel von zu Hause mitgenommen Die Preise sind in der asiatischen Türkei ziemlich hoch, die Lebenserhaltungskosten fast gleich wie in den Alpenländern. Eine weitere, zweitägige Autofahrt quer durch die Hochsteppe und ihre bis zu 3500 Meter aufragenden Berge, die zum Gefährlichsten gehörte, was wir auf der ganzen Reise mitzumachen hatten, brachte uns an den eigentlichen Ausgangsort unserer Bergfahrten, nach Hakäri ( Cölemerik 1650 m ), den Hauptort des gleichnamigen Vilajets. Wir wurden von den türkischen Regierungsbeamten immer sehr freundlich aufgenommen, besonders hier stand uns der WaliGouverneur ) hilfsbereit mit Rat und Tat zur Seite.
Von hier ab mussten wir uns auf völlige Selbständigkeit einrichten, denn die einzelnen Gebirgstäler sind heute durchwegs unbesiedelt. Früher wohnten hier die Nestorianer, ein christliches Volk, die, wohl von der einstigen Urbevölkerung dieser Gegend abstammend, sich in die schroffsten und abgelegensten Gebirgstäler zurückgezogen hatten, aber in unserem Jahrhundert dann auch vertrieben und ausgerottet wurden. Auf Schritt und Tritt sichtbar und auffallend ist heute noch der ungeheure Gegensatz zwischen Nomaden bzw. Halbnomaden, wie es die Kurden sind, und den sesshaften Nestorianern. Letztere entfalteten eine rege Bautätigkeit. Den Kurden aber fehlt dafür jedes Verständnis und jede Begabung, sie hausen in schlechten Lehmhütten und treiben einen ausgesprochenen Kümmerfeldbau.
In Hakäri 1650 m mieteten wir vier Tragtiere ( pro Tier und Tag türk. Pfund 1.50 ) und dazu einen Treiber; der Kommandant des Militärpostens gab uns obendrein zu unserm persönlichen Schutz zwei Soldaten mit. 19 Tage hatte unsere Anreise samt den im Orient immer notwendigen Aufenthalten gedauert, am B. September erst zog unsere Karawane dem Gebirge entgegen.
Durch die tiefeingeschnittene Schlucht des Grossen Zab, deren schmaler Talgrund von südländischer Vegetation, wie wilder Wein, Hopfen, Dorn- eichen und Nussbäumen bewachsen ist, drangen wir vor. Ein Seitental nahm uns auf, immer schwieriger wurde die Begehbarkeit, mehrmals mussten wir den Bach durchwaten, die Weglosigkeit liess uns mit den Tieren nur schwer weiterkommen Erst am folgenden Tage gelang es uns, bis in den innersten Teil des Haupttales vorzudringen. Nach langem Überlegen und Kartenstudium entschlossen wir uns für eine Abzweigung, deren Richtigkeit uns der folgende Tag bestätigte. In steilem Anstieg erreichten wir eine Art Hochfläche, von der aus wir zum ersten Male die Berge nahe vor uns sahen. Ein unvergesslicher Anblick!
So war das so lang Ersehnte endlich wahr geworden, schöner als wir je gedacht hatten, waren diese Berge: hohe, formschöne Gipfel mit Wänden, Türmen, Scharten und zerzackten Graten, mit Schneefeldern, Gletschern und düsteren Karen. Glücklich auch waren wir, dass wir in so verhältnismässig schnellem Vorgehen einen äusserst günstigen Ausgangspunkt erreicht hatten, wie es die « Passgegend » war.
Eine Erkundungsfahrt in zwei Gruppen liess uns dann einen vorläufigen Einblick in die Cilo Dag-Gruppe erhalten * ).
Diese Berggruppe, die sich von Hakari gegen Südosten hin, bis zum Durchbruchstal des Rudbar e Schin erhebt, ist ein wildschroffes Kalkgebirge, stellenweise stark mit vulkanischem Gestein untermischt und weist eine grosse Anzahl durchaus selbständiger und selten formschöner Gipfel auf. Trägt schon die ganze Gruppe vornehmlich Kettencharakter, so verdichtet sich diese Eigenschaft in ihrem Hauptteil, der eine steil abfallende, nur wenig gegliederte Felsmauer von 5 Kilometer Länge bildet und mehrere Gipfel von Höhen über 4000 Meter aufweist, zu einem wahrhaft unvergleichlichen Schaustück. Der südöstlichste Eckpunkt ist der Geliasin 4170 m, der höchste und einer der formschönsten Berge der Gruppe.
Das Erstaunliche aber waren die zahlreichen Schneefelder und Gletscher, von denen bis heute überhaupt keine Kenntnis vorlag. Wir konnten Spuren einer sehr reichlichen eiszeitlichen Vergletscherung feststellen, die durch ihre abtragende und auskolkende Tätigkeit schöne Schliffe, Tal- und Karbecken hinterlassen hat.
Gegen Norden dacht die Gruppe ohne einen scharfen Übergang nur getrennt und aufgelockert durch mehrere kleine Täler und das grosse Zab-tal verhältnismässig flach ab und verliert sich in ihrem westlichen Teil in die sanfteren Bergformen des Kokobuland Dag 3500 m, im östlichen Teil in die Hochebene ( Senkungsfeld von Geuar-Ova 1800 m ). Gegen Süden aber fällt das Gebirge in riesigen, felsig-schroffen Abstürzen gegen niedere Ausläufer und Vorberge ab, die ihrerseits, ebenso wie das Hauptgebirge, stark zerrissen und zerschluchtet sind. Die Flussläufe liegen in einer Meereshöhe von rund 1000 m. Im ganzen hinterlässt der Gebirgsstock durch seine J ) Die Namen in dieser Gruppe sind, soweit vorhanden, aus den Karten entnommen, der restliche Teil wurde selbst gewählt. Angaben von Einheimischen, Hirten oder Jägern waren nicht zu erlangen, da das ganze Gebirge unbesiedelt ist. In der nachher besuchten Sat Dag-Gruppe leistete uns ein mitgenommener einheimischer Kurde, der eine grosse Zahl Namen im Weidegebiet seines Dorfes wusste, wertvolle Dienste.
Die Alpen — 1939 — Les Alpes.21 Wildheit und durch die Unzerstörtheit seiner Natur, durch das Vorkommen zahlreicher Steinböcke, Gemsen, Adler und Bären, durch das Fehlen jeglicher menschlicher Nutzung und Besiedlung jenen fremden und seltsam abenteuerlichen Reiz, der so verschieden ist von dem, was die Alpen zu bieten vermögen, und um dessentwillen nicht zuletzt unsere Fahrt einen so tiefen, neuen und gegensätzlichen Eindruck für alle Teilnehmer bot.
Von der Passgegend aus, auf der « Bärenwiese » ( so benannt nach den Bären, die wir hier öfters sahen ), hatten wir in 2880 Meter unser Standlager aufgeschlagen. Eine Reihe der schönsten Gipfel konnten wir von hier aus ersteigen: die Seespitze 3460 m und die Passgipfel Ost 3340 m und West 3360 m waren als beiderseits des Passes stehende Gipfel vor allem für den Überblick wichtig; es folgte dann die Ersteigung des kühnen Fels-fingers des Suppa Durek-Zahn durch Rohrer im Alleingang, ferner der höchste Gipfel der näheren Passumgebung, die Suppa Durek-Mauer 4060 m. Es war dies eine der schönsten Fahrten, denn nicht nur die Besteigung an sich war bergsteigerisch reizvoll und schwierig, sondern die umfassende Aussicht klärte mit einem Schlage manches, was uns bisher noch ein Rätsel geblieben. Und gerade solche Augenblicke sind Höhepunkte einer Bergbesteigung im Neuland, die man nie mehr vergisst.
In dreitägiger Abwesenheit vom Hauptlager gelang es Kuntscher, Pacher und Rohrer in dem weiter westlich gelegenen Gruppenteil den formschönen und ganz freistehenden Kisera 3680 m in recht schöner Kletterei zu erreichen. Das Schwierigste bei der Besteigung dieses Berges war die Auskundschaftung und Wahl der Aufstiegroute, denn von allen Seiten sah der Gipfel nahezu unerreichbar aus. Daneben wurden noch die Breitwand ( Ostgipfel 3530 m, Westgipfel 3540 m ) und die Schwarzwand 3530 m bestiegen, so dass damit auch der westliche Gruppenteil eine rasche Aufklärung seiner Zusammenhänge erfuhr.
Vom Standlager auf der Bärenwiese wurde der Eckpfeiler 3700 m bestiegen, ein ungemein günstig gelegener und luftiger Aussichtspunkt, welcher der Suppa Durek-Mauer nordöstlich vorgelagert ist und nicht nur auf den Suppa Durek-Gletscher und die Berge seiner Felsumrandung einen herrlichen Einblick gewährt, sondern der Geliaçin 4170 m zeigt sich hier von seiner schroffsten und schönsten Seite. Es war eine Bergfahrt an jenem hellsonnigen, klaren Herbsttag, als wir an der freien, gutgriffigen Felskante emporturnten, die an Schönheit ihrer mit jedem Meter wachsenden Aussicht wohl einzig dastand. Zum Abschluss unserer Türen in dieser Gegend wurde noch der Suppa Dmek-Mittelgipfel 3800 m erstiegen.
Die Klettereien waren im allgemeinen sehr lohnend und reizvoll, das Gestein meistens sehr griffig und fest. Auf den am einfachsten und leichtesten scheinenden Wegen, die wir zu gehen trachteten, waren die Besteigungen rein technisch von mittlerer Schwierigkeit. Oft sehr verwickelt war jedoch die Weg- und Routenführung. Die Wandhöhen haben eine mittlere relative Höhe von durchschnittlich 500 Meter.
Am 20. September verlegten wir unser Lager an den Fuss des Geliasin 4170 m, den Maunsell seinerzeit dreimal vergeblich angegangen hatte, ehe er sich zum Rückzug entschloss. Am 21. September gelang es uns, zwar recht mühevoll, aber technisch viel leichter, als wir jemals zu hoffen gewagt, den Gipfel zu erreichen. Wir umgingen dabei das Gipfelmassiv östlich, um auf dem zwar zerklüfteten, aber schwach geneigt scheinenden Südwestgrat einen Aufstieg zu finden. Der Grat entpuppte sich jedoch als der stark zerschnittene Abfall einer Art eines steilen, teils verkarsteten, teils verschotterten Hochkares, das die ganze Südseite des Berges mit seinen im Verhältnis zur Nordseite sanften Formen beherrscht. Auf diese Weise erreichten wir den Gipfelrücken und über einen kurzen, steilabfallenden Grat den Gipfel selbst, der allerdings, wie ein einige 100 Meter unter dem höchsten Punkt gebautes Steinobdach vermuten lässt, schon vorher von Einheimischen betreten worden sein mag. Der Gipfel fällt nach drei Seiten fast senkrecht ab. An seinem Fuss finden sich mehrere Gletscher, die zu den grössten in diesem Gebiet zählen und durchaus alpinen Charakter zeigen.
Am Gipfel des Geliaçin überraschte uns zum erstenmal ein kurzer Graupelschauer, der von nun an mit ziemlicher Regelmässigkeit beinahe jeden Tag eintraf. Wir rückten eben der regnerischen Herbstzeit schon sehr nahe. Sonst ist das Wetter den ganzen Sommer über wolken- und niederschlagslos; tagsüber brennt auch im Gebirge die Sonne mit unheimlicher Glut, nachtsüber ist es bitter kalt. Während des Hochsommers ist die Hitze noch viel drückender. Unangenehm macht sich die trockene Luft bemerkbar, an die sich die Atmungsorgane erst langsam gewöhnen müssen. An gutem Wasser leidet man im Gebirge keinen Mangel. In den Flachlandgegenden, die wir auf der An- und Abreise berührten, vermieden wir jedoch wegen der allfälligen Ansteckungsgefahr strenge den Genuss ungekochten Wassers.
Damit war unsere Aufgabe in der Cilo-Gruppe gelöst, und am 22. September verliessen wir das Berggebiet, um auf dem möglichst raschesten und günstigsten Wege durch die Vorberge hinüber in die Sat Dag-Gruppe zu kommen. In zwei mühevollen und für unsere Tragtiere sehr gefährlichen Tagemärschen erreichten wir Oramdr 1500 m, die erste bewohnte Siedlung seit Hakäri. Von den kaum hundert kurdischen Einwohnern des Dorfes nach Kräften bestaunt und von den dort stationierten Beamten freundlich aufgenommen, konnten wir endlich wieder einmal unsere fast leer gewordenen Proviant-beutel mit den wenigen Dingen, welche die armen und genügsamen Einwohner abgeben können ( Brot, Käse, Eier, Zucker, eine Art Butter, Weintrauben und Mast, letzteres eine Art Yoghurt ), ergänzen.
Ein weiterer Tagesmarsch über einen 2200 m hohen Pass brachte uns nach dem Kurdendorf Sat, hart an der irakischen Grenze. Diese Märsche über verschiedene Pässe und Höhen spendeten uns jedesmal prächtige Ausblicke auf die umstehenden Berge, die vielen und verzweigten Täler und die spärlichen Eichen-buschwäldchen. Von hier zogen wir auf sehr steilem, aber wenigstens kennbarem und einigermassen erhaltenem Weg empor ins Gebirge, dessen sanfte Teile den kurdischen Bauern der umliegenden Orte im Sommer als Weiden dienen.
Ein in zwei Gruppen unternommener Erkundungsgang brachte uns gleich am folgenden Tage Kenntnis des wichtigsten Kammverlaufes. Die Sat Dag-Gruppe schliesst im Südosten an die Cilo Dag-Gruppe an, getrennt durch Vorberge und das tiefeingeschnittene Tal des Rudbar e Schin. Die Gruppe selbst besteht aus einem ungefähr Südostrichtung aufweisenden Hauptkamm, der auch die höchsten Erhebungen trägt und von dem aus nach mehreren Seiten Nebenkämme abzweigen. Die einzelnen Kämme haben ausgeprägten Kettencharakter, denn die einzelnen Gipfel sind nicht so markant und so überragend herausgearbeitet wie z.B. in der Cilo-Gruppe. Zwischen diesen Ketten sind Kare mit Gletschern und Seen oder wasserdurch-flossenen Tälern eingebettet, die dem Gebiet eine eigene und besondere Note verleihen. Der Reichtum an Hochgebirgsseen, die wie blinkende Augen in den einzelnen Winkeln versteckt liegen, ist besonders auffallend. Die Gruppe ist kleinzügig, trotzdem aber ausserordentlich schroff, zerschartet und zerrissen und weist eine Reihe formschöner und kleinziselierter Berggestalten auf, die uns in kurzer Zeit eine Fülle von lohnenden Aufgaben darboten. Im allgemeinen waren die Fahrten kürzer, aber meist auch schwieriger als die vorher, mit einem Wort, der Sat Dag scheint einem in jeder Hinsicht ost-alpenähnlich zu sein.
Das Wetter wurde immer schlechter, fast täglich erreichte uns nachmittags ein Regenschauer. Die Nachttemperaturen sanken oft mehrere Grade unter Null, die strahlend schönen und heissen Tage des Sommers waren nun endgültig vorbei. Trotzdem gelang es, unsere Fahrten rasch und ohne grosse Verzögerungen durchzuführen. Zumeist handelte es sich dabei um Überschreitung von Ketten oder mehrerer Gipfel. Am 30. Oktober erstiegen wir bei klarem, aber sehr kaltem und windigem Wetter den Hauptgipfel cia e Händeväde 3810 m, daneben Westgipfel und Südgipfel.
Am folgenden Tage wurde ein Vorstoss in den östlichsten Teil der Gruppe unternommen. Wir gingen in drei Gruppen und stiegen zuerst gemeinsam über eine vergletscherte Scharte 3100 m in das schöne und wilde Bäy-TsA ab, dessen ganzer Boden den Flurnamen Gevarük Banania trägt. Am ßäysee 2720 m, einem der schönsten Seen des ganzen Gebietes, in welchen ein Gletscher seine Zunge bis in das grünblaue Wasser hinein vorstösst, trennten wir uns, um derart in kurzer Zeit einen möglichst umfassenden Einblick in das ganze Gebiet zu erhalten. Drei Kameraden gingen nordwärts und bestiegen den Knoten 3550 m, den Plumpen Klotz 3460 m und einige untergeordnete Höhen. Die andern verfolgten das Tal abwärts und trennten sich erst viel weiter unten bei einem Alpdorf im Reka Gapiri-Tal 2400 m. Diese kurdischen Siedelungen bestehen aus brusthohen viereckigen Steinwällen, über die während der Sommerzeit, wenn die Hütte benützt wird, eine Art Strohdach gelegt ist. Besonders im östlichen Teil der Gruppe, wo die Formen sanfter werden, findet man viele solcher Siedlungen, die jeden Sommer regelmässig befahren werden. So brachte auch dieser Tag noch wertvolle Ergebnisse, freilich weniger bergsteigerischer Art als vielmehr aufschlussreiche Messungen, Skizzen und photographische Aufnahmen in karthographischer Hinsicht.
Wir verliessen das landschaftlich einzigartig gelegene Lager im Haupttal Gevarük und zogen nun nordwärts. Wieder erreichten wir das Tal des Rudbar e Schin und stiegen nochmals empor zu den östlichen Ausläufern der Cilo-Gruppe. Die Gegend hier ist reich besiedelt, und die Mühe des täglichen Wanderns ist heute verblasst gegenüber der Erinnerung an das Schöne und Neue, das uns die Beobachtung des Lebens und Treibens der Kurden bot. Oberhalb der letzten Dörfer lagerten wir, und am nächsten Tage wurde der Gallianu 3650 m erstiegen. Dann aber brach endlich das Unwetter herein, das wochen- und tagelang gedroht hatte. Schnee fiel in den Bergen, und einige Tage blieb das ganze Gebirge unter einer dicken Wolkendecke vergraben. Bei den herrschenden Verhältnissen und der späten Jahreszeit änderten wir unsere Absichten, die darauf hinausgegangen waren, die Cilo-Gruppe über den gut gangbar scheinenden Bergrücken ihrer nordöstlichen Vorberge zu umreisen und durch das Zabtal wieder zurück nach Hakäri zu gelangen. Wir konnten ohnedies mit dem Erreichten zufrieden sein. So nahmen wir Abschied von den Bergen und zogen nordwärts. In vier Tagemärschen erreichten wir Baskale, eine grössere, stadtartige Ansiedlung. Dann nahm uns wieder die Zivilisation, vorderhand noch vorderasiatischer Art, in ihre Arme. Ein Auto brachte uns nach Van, und mit verschiedenen Autos reisten wir dann weiter nach Trapezunt am Schwarzen Meer und von dort in die Heimat, wo wir am 22. Oktober ankamen.
Hand in Hand mit der Erfüllung unserer bergsteigerischen Aufgaben ging die karthographische Aufnahme. Freund Bobek konnte mit Unterstützung der Bergsteiger eine Karte 1: 100,000 anfertigen, die so genau als möglich, jedenfalls unvergleichlich besser als alle bisher im Schrifttum niedergelegten Karten und Skizzen, den Kammverlauf, die Höhen und die Vergletscherung angibt 1 ) und ein Gebiet von 50 Kilometer Länge und 20 Kilometer Breite erfasst. Die Karthographierung im Gelände wurde mit den einfachsten Hilfsmitteln ( Bussole, Neigungswinkelmesser, Aneroid, Siedethermometer, Entfernungsmesser und photographischen Aufnahmen in Panoramen ) durchgeführt.
An rein wissenschaftlichen Ergebnissen ergab die Fahrt eine geologische Übersichtsaufnahme des Berggebietes, ferner Beobachtungen zur Morphologie, eiszeitlichen Vergletscherung, Vegetation, Besiedlung und allgemeinen Landeskunde. Ebenso wurde pflanzliches und tierisches Material gesammelt und mitgebracht, das bei der genauen Untersuchung einige neue Arten bzw. Varietäten ergab. Über alledem aber steht für den Bergsteiger das ureigene, persönliche Erlebnis, das ihm diese neue und unbekannte Bergwelt in so reichem Ausmass zu schenken vermochte.