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Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (29.01.2008)
Mit dem Kinderstück «Im Schatten des Maulbeerbaums» ist am Sonntag die zweite Oper des Briten Edward Rushton am Zürcher Opernhaus uraufgeführt worden. Die Premiere hinterlässt allerdings Zweifel an deren Kindertauglichkeit.
Mit «Harley» setzten der 1972 geborene Brite Edward Rushton und seine Librettistin Dagni Gioulami vor zwei Jahren ein deutliches Zeichen, dass neue Oper zugleich unterhaltsam wie musikalisch anspruchsvoll sein kann. Der Sieger des Zürcher «Opera minima»-Wettbewerbs hat daraufhin eine weitere Gelegenheit erhalten, ein neues Stück für Zürich zu schreiben, eine Kinderoper diesmal.
Rushton und Gioulami wählten dafür ein Märchen aus Fernost, das in ähnlicher Form («Des Esels Schatten») auch bei uns bekannt ist: Ein geheimnisvoller Wanderer kauft vom reichen Herrn Bim den Schatten von dessen Maulbeerbaum, um sich darin auszuruhen. Der geldgierige Patron wittert ein gutes Geschäft, aber da der Schatten im Tageslauf wandert, sitzt der Landstreicher plötzlich in der Stube und braut sich auf seinem Kocher eine Kohlsuppe. Alle Proteste helfen nichts, und die Parole «Ignorieren» wird spätestens beim Besuch des Gemeindepräsidenten am nächsten Tag zur Farce. Bim verliert die Nerven, schenkt dem Landstreicher sein Haus und will auswandern. Aber da ist der Wanderer schon weitergezogen.
Eine Freundschaft entsteht
Zur Hauptperson im Libretto von Gioulami wird Wim, der Sohn von Bim. Er leidet unter der Strenge und Inkonsequenz seiner Eltern und unter den Gemeinheiten der Nachbarstöchter. Der alte Wanderer wird zu seinem Freund, unterhält ihn und hilft ihm, wenn er nachts Angst vor Drachen hat. Seine Abzählverse - eine Reaktion auf den Spruch der Eltern «Ich zähle bis zehn ...» bilden das Grundgerüst von Libretto und Oper: In zehn Szenen, von Mittag bis Mittag, erzählen Rushton und Gioulami diese eineinhalbstündige Fabel.
Allerdings gibt sich Rushton völlig unnötig akademisch, indem er diesem Tagesablauf zehn verschiedenen Tonartensphären zuordnet, was Kinderohren kaum hören können. Aus der Zahl 10 als Summe destilliert er die 7 und die 3, deren Produkt 21 die Zahl der Orchesterinstrumente ergibt: Je zweifach besetzte Bläser, zwei Schlagzeuger und je drei Violinen und Kontrabässe.
Eine solche Besetzung klingt auf dem Papier zwar originell. Rushton macht auch immer wieder etwas daraus, sucht farbige Mischungen dieses Spektrums, schreibt einige Soli, das schönste für die Violine, macht auch - dezent - Ausflüge in die Sprache anderer Musikstile, aber insgesamt bleibt das Klangbild zu undifferenziert, wirkt die Partitur zu komplex, fast permanent zu überfüllt.
Daraus kann ein differenziertes Hören gewohnter Besucher seine Reize ziehen, aber wohl kein Zehnjähriger, der mit iPod und MTV aufwächst. Mag sein, dass ein Dirigent noch mehr Differenzierungen aus dieser Partitur herausholen könnte, als es Ralf Weikert bei der Uraufführung tat. Zwar hielt er Kraft seiner Routine das Geschehen auf der Bühne und im Graben sicher im Griff, war den Sängern eine grosse Stütze, aber in der Dynamik zum Beispiel blieb er zu starr in der oberen Mitte oder im Herausmodellieren der musikalischen Gags zu brav und zu wenig spielerisch.
Sängerisch tadellos
Den Sängern ist kein Vorwurf zu machen. Sie agierten stimmlich alle auf der Höhe ihrer Aufgaben, füllten ihre Rollen darstellerisch aber noch unterschiedlich. Am meisten komödiantische Ausdrucksfähigkeit legte Rolf Haunstein als Besucher und Gemeindepräsident in seine Partien, und Margaret Chalker als Frau Bim fand das richtige Mass an leicht hysterischer Überdrehtheit. Auch Sen Guo und Rebeca Olvera als Mädchen, Seidenraupen und Glühwürmchen überzeugten, etwas blasser blieben Valeriy Murga als Herr Bim und vor allem Morgan Moody als Wanderer.
Die Inszenierung von Aglaja Nicolet fand zwar einige gute Ideen, so richtig lustig war aber erst der Besuch des Gemeindepräsidenten kurz vor Schluss. Das Poetische der Nachtstimmungen geriet ihr dagegen sehr ansprechend.