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Michail Kalaschnikow, der Erfinder der AK-47, hat in einem Interview einmal gesagt: «Ich hätte lieber ein Gerät produziert, das einen Nutzen für die Menschen hat, zum Beispiel einen Rasenmäher.»
Stattdessen hat seine Erfindung so viele Menschen auf dem Gewissen wie keine andere Feuerwaffe.
Produziert in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, 1946 bis 1949, wurde die Avtomat Kalashnikova im Kalten Krieg nicht nur zur Standardwaffe der Roten Armee, sondern war in allen Staaten innerhalb der kommunistischen Einflusssphäre das bevorzugte Tötungsgerät.
Heute existieren weltweit schätzungsweise 100 Millionen Exemplare des russischen Sturmgewehrs – damit hat es die Kalaschnikow sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft. Bis zu 80 Staaten nutzen die AK und ihre diversen Nachfolgemodelle (AKM, AK-74, AK100, AK-12) als Standardsturmgewehr. Und unzählige Milizen, Drogenbanden, Kleinkriminelle, Privatarmeen, Warlords, Spezialeinheiten und Waffennarren schwören auf die zuverlässige und robuste Waffe mit dem ikonischen Holzschaft und dem bananen-krummen-Magazin.
Das beste Argument für die AK-47 ist – neben der Verfügbarkeit – ihr Preis: Phillip Killicoat kam in einer Studie für die Universität Oxford 2005 auf 534 Dollar, wobei der Preis vor allem in afrikanischen Ländern weit unter dem Durchschnitt liegt (In der Schweiz erhält man – einen gültigen Waffenerwerbsschein vorausgesetzt – eine AK-47 für 690 Franken).
Aber dem Unternehmen, das die Waffe herstellt, geht es schlecht. Erst 2013 wurde der Kalaschnikow-Konzern teilprivatisiert, nachdem das Staatsunternehmen im Jahr zuvor Bankrott anmelden musste.
Seither sucht man in Moskau verzweifelt nach neuen Absatzmärkten. Das ist – für ein Rüstungsunternehmen – ein heikles Unterfangen. Zwar listet die jährliche Studie des Departments of Peace and Conflict Research der Universität Uppsala für das Jahr 2013 global 33 Konflikte auf. Und die Nachfrage nach Kriegsgeräten wird sich wohl auch in naher Zukunft nicht verringern. Jährlich geben Staaten mehr Geld für Rüstungsgüter aus, zuletzt lag der weltweite Verteidigungsetat bei 1767 Milliarden Dollar.
Aber weil der Markt mit billigen, lizenzierten AKs geflutet ist, ist die Herstellung in Russland zum Verlustgeschäft geworden.
Jetzt hatte man in der Teppichetage des Konzerns die zündende Idee: Eine Neupositionierung des Brands soll die entscheidende Wende bringen. Die AK-47 und ihre Nachfolgemodelle sollen nicht mehr mit mexikanischen Drogenkartellen oder islamistischen Milizen in Verbindung gebracht werden. Sondern mit dem besorgten Familienvater, mit dem Vollstrecker von Recht und Ordnung, mit dem amerikanischen Modell, wenn man so will.
Der neue Slogan von Kalaschnikow lautet übersetzt etwa: «Waffe, die den Frieden bringt», und steht in der Vorstellung seiner Entwickler für ein Produkt, «das gemacht wird, um Frieden in der Welt zu verbreiten.» Und weiter: «Sie hilft den Nationen, ihre Unabhängigkeit und ihre friedliche Existenz zu wahren und erlaubt es ihnen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.»
Die AK-47 ist nicht die erste Feuerwaffe, die sich das Etikett des «Friedensbringers» auf den Abzug geheftet hat. Der legendäre Colt Peacemaker, 1872 entworfen, ist nach weitverbreiteter Einschätzung, «die Waffe, die den wilden Westen erobert hat.»
Und wenn man noch ein wenig philosophischen Unterbau will, so kann man etwa bei Augustinus stöbern, der die Idee des «gerechten Krieges» propagierte oder man fördert die Überreste des Latein-Unterrichts zutage, wo es irgendwann einmal hiess: «Si vis pacem, para bellum». Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.
Oder, im Sinne der Marketingstrategen bei Kalaschnikow: «Wenn du Frieden willst, kaufe dir eine AK-47.»
Das Aushängeschild der neuen Kampagne ist in Russland eine altbekannte Person. Tina Kandelaki, 39 Jahre alt, in der georgischen Hauptstadt Tiflis geboren. Kandelaki machte sich einen Namen als Journalistin, wurde 2006 zur «heissesten TV-Moderatorin Russlands» gewählt, bevor sie 2009 in die Politik wechselte. Daneben besitzt sie ein Restaurant, ist Miteigentümerin einer Mediengruppe und hat Werbedeals mit einem Kosmetikunternehmen. Und jetzt also Kalaschnikow.
Kandelaki hat ein Faible für schnelle Autos und teure Klunker und gewährt auf Instagram ihren 800'000 Followern regelmässig Einblick in ihr Privatleben. Ihr Image als «Russian Postergirl» soll aber nicht über den Erfolg hinwegtäuschen. Apostol Media Group ist unter ihrer Führung zum grössten Medienkonzern des Landes avanciert, wohl nicht zuletzt dank ausgezeichneter Kontakte zum Kreml und zu einzelnen Oligarchen.
In einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Maxim erläutert Kandelaki ihre Vision für die Marke Kalaschnikow: «Für die Amerikaner ist es eine alte Geschichte. Wenn in der Welt Ungerechtigkeit herrscht, geht der amerikanische Soldat hin und beschützt die Schwachen und Hilflosen. Wir wollen mit unserer Marke zeigen, dass wir bereit sind, unsere eigenen Leute zu beschützen.»
Ein Schelm, wer angesichts dieser Aussage und des virulenten Konflikts in der Ostukraine Böses denkt. (wst)