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Schriftstellerei mag für die meisten Autoren eine Berufung sein. Den Luxus, sie als Beruf zu betreiben, kann nur eine Minderheit für sich beanspruchen. Zia Haider Rahman gehört zu dieser Minderheit (und zu einigen anderen). Nicht dass er ein grosses Œuvre produziert hätte – «In the Light of What We Know» ist sein bisher einziges Buch. Die Schriftstellerei reiht sich vielmehr (logisch?) in eine Biographie, die Rahman von Bangladesch über Oxford zu einer Karriere als Investment Banker und Menschenrechtsanwalt geführt hat. Rahman ist also ein literarischer Aussenseiter mit einem Erfahrungsschatz, der sich mit noch so viel Recherche kaum kompensieren liesse. In Kombination mit einer grossen sprachlichen Fertigkeit ist dieser Hintergrund eine reichhaltige Quelle für literarische Reinkarnation.
Als Gesellenstück wählt Rahman eine Form, die die Romanhandlung dialogisch entwickelt. Als Protagonisten treten der namenlose Erzähler und Zafar, dessen Jugendfreund, der nach Jahren unverhofft vor der Tür steht, auf. Anhand von Gesprächen, die der Erzähler mit dem Diktiergerät festhält, und von Zafars Notizbüchern legen sie gemeinsam die Stationen eines Lebens frei, die Zafar zu einem hochintelligenten und -sensiblen Zyniker gemacht haben. Ein zentrales Thema ist dabei der Versuch eines heimatlosen Menschen und geistigen Nomaden, mittels Verstands Halt zu finden in einem privilegierten gesellschaftlichen Umfeld, das von Vorurteilen und Klassendenken geprägt ist.
Die Dekonstruktion von Zafars Person ist analytisch und hält sich streng an die Maxime des Titels: sie erfolgt «angesichts der Tatsachen». Eine freie Übersetzung der Überschrift, die ausnahmsweise prägnanter klingt als das englische Original, aber mindestens so treffend ist. Die analytische Methode wiederum ist symptomatisch für das Buch: Rahman ist ein ungemein gebildeter Erzähler mit einer eleganten, wenn auch etwas sterilen Sprache. Und er verfällt der Versuchung des Erstlingsautors, seine ganze literarische Ideenwelt in einem Text zu kondensieren. Von Heraldik über derivative Finanzinstrumente und höhere Mathematik bis zu Schreinertechniken, Poesie und dem Afghanistankonflikt bleibt kein Thema unbearbeitet. Das entstehende enzyklopädische Potpourri wirkt nicht selten didaktisch, hat erzählerische Schwächen. Wenn Rahman eine Gewissheit vermittelt, dann diese: «Angesichts der Tatsachen» – als Einleitung so manch ernst gemeinter Aussage – ist Ausdruck einer relativistischen Weltsicht, der Verbindlichkeit und Verantwortung weitgehend abgehen. Das im englischen Titel figurierende «Wir», das einen kollektiven Informations- und Erfahrungsschatz verspricht, der für den einzelnen einen Erkenntnisgewinn ergibt, ist eine Chimäre. «Wir» wissen höchstens, dass Rahman allerlei weiss, angesichts der Zitate, Anekdoten und Exkurse, die er uns à discrétion verfüttert. «Wir» wissen auch, dass es Rahman wichtig ist, dass «wir» wissen, dass er allerlei weiss. Aber sind «wir» damit der Wahrheit näher gekommen, wie es sich der Erzähler selbst vornimmt? «Wir» stellen fest, dass seine Person erst in Zafars Lichtsmog erkennbar wird. Und: seine Wahrheit ist bitter. Er ist letztlich nur der Schatten eines anderen. «Wir» nehmen bloss Anteil an einer von unendlich vielen zwischenmenschlichen Beziehungen. Rahmans Anspruch, eine tiefenpsychologisch angereicherte Universalgeschichte der letzten dreissig Jahre zu schreiben, geht nicht über einen ambitionierten Versuch hinaus. Bei allem Scharfsinn bleibt er den Beweis schuldig, dass die menschliche Erkenntnisfähigkeit in den existenziellen Fragen über das sokratische «Ich weiss, dass ich nichts weiss» hinausgeht. Damit erklärt sich auch die Wahl von Kurt Gödels Unvollständigkeitssatz als Leitmotiv (und Crux) des Buchs: jeder noch so konsistente Versuch, die Welt zu erklären, scheitert daran, dass sich gewisse Dinge weder beweisen noch widerlegen lassen. Dass sie sich aber in Teilen intelligent und kreativ reflektieren lassen, hat Rahman hiermit zweifelsfrei unter Beweis gestellt.