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10. Mai 2013
Jürg Amann, in Winterthur geboren am 70. Geburtstag von Hermann Hesse, am 2. Juli 1947, verstorben nach schwerer Krankheit am 5. Mai 2013, dem Tag von St. Gotthard, in Zürich, war ein für seine Generation und für seine Zeit repräsentativer Schweizer Schriftsteller.
Während die 35. Solothurner Literaturtage dem Thema „Anfänge“ gewidmet waren, ging in Zürich auf offensichtlich wenig erhabene Weise das Leben eines Poeten zu Ende, dessen Vater nebst der Ausübung des Buchdruckergewerbes selbst schon gedichtet hatte: Jürg Amann. Dem Autor, einstigem Bachmann-Preisträger von Klagenfurt (1982 für „Rondo“), war es vor einigen Jahren beschieden, auch dank seiner bevorzugten Stellung im Alphabet, als erster eine Erklärung der Schweizer Schriftsteller gegen die Entstellung ihrer Texte bei Neuauflagen gemäss der ungeliebten Orthographiereform zu unterzeichnen. Im Zürcher Zunfthaus zur Waage stellte der Autor im Schosse der sprachbewussten „Schweizer Orthographischen Konferenz“ seinen Sinn für sprachliche Differenzierungen unter Beweis. Unter kollegialen Gesichtspunkten war die Begegnung mit ihm nicht minder berührend. Die Gesichtszüge des etwa Sechzigjährigen wirkten fein, beinahe jungenhaft. Sie waren noch nicht durch Anzeichen einer Krankheit entstellt. Die Bezeichnung „Poet“ war seinem Erscheinungsbild am angemessensten. Dabei hat er nur in bescheidenem Umfang Gedichte veröffentlicht, etwa „Über die Liebe wäre wieder zu sprechen“ (1994).
Jürg Amann gehört zu einem Trio männlicher Schweizer Autoren, die, geboren am 11. Oktober 1946 (E. Y. Meyer), am 13. Februar 1947 (Urs Faes) und am 2. Juli 1947 (J. A.), schon vor 30 bis 40 Jahren einen ersten literarischen Durchbruch geschafft haben. In der Zwischenzeit haben alle drei die härteren Seiten des Schriftstellerberufs erfahren: Verrisse, partielle Erfolglosigkeit und eher bescheidenes Einkommen gehörten mit dazu, trotz einem anhaltend beachtlichen Renommee. Der vom Literaturpreis seines Heimatkantons Aargau konstant ausgeschlossene Suhrkamp-Autor Faes wurde mit dem hoch einzuschätzenden Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet; E. Y. Meyer vom PEN-Club immerhin für den Nobelpreis vorgeschlagen, wovon er sich zwar nichts kaufen kann; Jürg Amann, dessen Ableben man in der literarischen Öffentlichkeit der Schweiz nicht erwartet hat, kann nächstes Jahr in Solothurn allenfalls noch postum geehrt werden. Eine angemessene Würdigung durch Fachleute und Freunde wäre eher angebracht als irgendeine Subvention für das Werk eines Verstorbenen. Sowohl für Literatur-Altmeisterin Erica Pedretti (Eidgenössischer Buchpreis) als auch für den unverwüstlich formstarken Franz Hohler (Solothurner Literaturpreis) wäre der nunmehr Verstorbene eine veritable Alternative gewesen.
Wie E. Y. Meyer und Urs Faes war Jürg Amann ferner durch einen nichtakademischen kleinbürgerlichen familiären Hintergrund geprägt, wiewohl sein Vater auch schon geschrieben hatte. Wesentlich für seine formale und literarhistorische Schulung als Autor waren die Studienjahre in Zürich bei literarischen Koryphäen wie Emil Staiger (Amanns Doktorvater), Max Wehrli, Wolfgang Binder und dem jungen Peter von Matt, Staigers Assistent zu Amanns Studienzeit. Germanistik-Legende Staiger verkörperte in den Jahren um 1968 nicht mehr wie früher eine unangefochtene Autorität. Besonders seine umstrittene Rede gegen pornographische und sozialkritische Autoren von 1966 mit der berüchtigten Frage „In welchen Kreisen verkehren Sie?“ verhielt sich zur Mentalität der 68er wie die Faust aufs Auge. Unbeschadet dessen blieb der durch Assistent von Matt verstärkte wie auch gedämpfte Staiger ein lebenslang prägender Lehrer von sprachlich unvergleichlichem Potential. Dass künftige Schriftsteller wie Hermann Burger (1942‒1989) und Jürg Amann, beide je an Hesses 2. Juli geboren, wie unser exzellentester Essayist Peter von Matt Staiger-Schüler waren, bedeutete für einen jeden von ihnen eine Förderung, die sich in der späteren Laufbahn geflissentlich als Qualitätsunterschied manifestierte. Die Abgrenzung vom Meister gehörte dazu. Dies galt speziell für den Germanisten aus Winterthur.
Jürg Amann hat sich in seiner Doktorarbeit und noch in späteren Studien mit Franz Kafka befasst, nach Studienabschluss nachdrücklich mit Robert Walser, über den er mehrere beachtete Bücher schrieb. Dass er sich von der Meisterschaft Kafkas und Walsers auch als Autor direkt beeinflusst zeigte, wurde für ihn anfänglich ein „Wettbewerbsvorteil“, mit der Zeit aber eher eine Hypothek. Robert Walser wurde bei den Schweizer Autoren der Generation Jürg Amanns nicht immer mit hoher Glaubwürdigkeit zur Leitfigur erhoben, was für die Rezeption des bedeutenden „kleinen“ Autors gut war, aber nur bedingt gut für die Weiterentwicklung der Schweizer Gegenwartsliteratur. „Das plötzliche Schweigen des Robert Walser“, das erste, bei Sauerländer in Aarau erschienene Buch zum Thema von Jürg Amann, war aber wohl nebst der Robert-Walser-Erzählung „Eine entfernte Ähnlichkeit“ von E. Y. Meyer eine bemerkenswerte Publikation zur Schweizer Robert-Walser-Renaissance.
Frappierend berührt es, mit welchem Furor Jürg Amann in den letzten Jahren seines Lebens gleichsam in einem Wettlauf mit dem Tod noch und noch Romane, Erzählungen, Novellen und Reflexionstexte veröffentlicht hat, so „Nichtsangst. Fragmente auf Tod und Leben“ (2009), „Die kalabrische Hochzeit“ (2009), „Die Reise zum Horizont“ (2010), der 2012 als dtv-Taschenbuch erschienene Auschwitz-Monolog „Der Kommandant“ (über Lagerchef Höss), „Die Briefe der Puppe“ (2011), „Letzte Lieben“ (2011), „Das Lied von Schein und Sein“ (2012) sowie den Hölderlin-Hegel-Schelling-Roman „Wohin denn wir“ (2012) und aus letzter Verzweiflung zu meiner persönlichen Verlegenheit noch eine „Autobiographie“ von Jesus Christus unter dem Titel „Vater, warum hast du mich verlassen?“ (April 2013). Für ein Gelingen der letzten Arbeiten waren die Voraussetzungen nicht mehr gegeben. Die ausschliesslich diesem Thema zu widmenden Lebensjahre, um sich die nötigen Grundlagen zu erarbeiten, waren bei Jürg Amann nicht vorhanden.
Trotzdem bleibt beeindruckend, wie Schweizer Schriftsteller einer Generation, die vor 40 bis 50 Jahren Bindungen hinter sich gelassen haben, wie der sprachgewaltige Geschichtenerzähler Hansjörg Schneider („Jesus auf dem Kleinhüninger Ryff“; „Jesus und die drei Mareien“) und wie der vor seinem Ableben in dieser Sache verloren-hilflose Jürg Amann sich als ältere Männer der Gestalt des Nazareners stellen. Gültiges über Jesus, einfach so intuitiv und ohne jahrelange Auseinandersetzungen, brachten unter den Literaten Hölderlin und vielleicht Clemens Brentano zustande, unter den Filmemachern am ehesten der Italiener Pier Paolo Pasolini.
Die religiöse Problematik klingt bei Jürg Amanns vor zehn Jahren erschienenem Prosaband „Mutter töten“ überzeugend an. Es ist leichter, den Abschied von einer Mutter in religiöser Spiegelung, in diesem Fall der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz (womit Amann Kritiker irritierte), literarisch zu gestalten, als ein Leben Jesu zu bewältigen. Dieser Versuch war mit Bestimmtheit mehr als die dem Autor in einem Verriss vorgeworfene „Devotionalienpoesie“. Dem Mutter-Thema ist auch Amanns meistgerühmte, in Klagenfurt ausgezeichnete Novelle „Rondo“ gewidmet. Im Vergleich zu Hermann Burgers Mutterblasphemien („Die künstliche Mutter“) berühren Jürg Amanns Muttergeschichten als haltbare Texte, sie sind allenfalls auch für die Schullektüre geeignet.
Kritiker Marcel Reich-Ranicki rühmte dem Prosastück „Rondo“ die „Beschränkung auf genaue Beschreibung“ nach. Ein Thema dabei ist die Scham, welche den Sohn beim Entkleiden der Mutter überkommt. Dies scheint subtiler gelungen als die von Jürg Amann ebenfalls unternommenen Versuche auf dem Feld der Pornographie. Auf diesem Gebiet mag er sich mithin betätigt haben, um sein Verständnis von Literatur gegenüber demjenigen seines Lehrers Emil Staiger abzugrenzen. Leicht verlegen, wie ein Schüler vor ältlichen Lehrerinnen, soll er in St. Gallen aus seiner „Pornographischen Novelle“ (2005) vorgelesen haben.
Zum letztveröffentlichten Produkt dieser Textsorte, der Geschichte „Eskalation der Zärtlichkeit“ aus „Letzte Lieben“ (2011), monierte Klaus Hübner im „Schweizer Monat“ „Hardcore-Pornographie“, welcher jedoch im Ganzen des Erzählbandes ein passender Stellenwert zukomme. Die im Internet veröffentlichten Textproben aus der „Pornographischen Novelle“ bestätigen, analog einem Auszug aus einem Pornofilm, dass Amann hier nichts zu bieten hat, zumal nicht im Vergleich zu homosexuellen Autorenkollegen, deren pornographisches Schaffen entweder dokumentarisch oder dann, von der Absicht her, „emanzipatorisch“ noch Bedeutung beansprucht. Gelingende Pornographie, vermerkte vor 50 Jahren in einem Fachbuch zum Thema der Publizist William S. Schlamm (1904–1978), erfordere Freude an einer echt schweinischen Mentalität und Gesinnung. Gerne hoffe ich, dass es mir nicht als üble Nachrede gegen einen verstorbenen Kollegen ausgelegt wird, wenn ich ihm diese Eigenschaften nicht attestieren mag.
Beim Thema Auschwitz gehört er wohl eher nicht zu den unentbehrlichen Autoren, wiewohl seine Redaktionsleistung mit den Aufzeichnungen des Lagerkommandanten Höss als Grundlage für einen Sprechtext beeindruckend ist. Von dem da und dort zur Schullektüre befohlenen Auschwitz-Schund etwa in der Art von „Der Vorleser“ hielt sich Amann auf exemplarische Weise fern.
Waren die letzten Werke von Jürg Amann beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur noch an ein kleineres Publikum gelangt, bewirkte die Nachricht vom Ableben des in Solothurn Vergessenen ein gegenüber diesem Autor seit Jahren nicht mehr vernehmliches Medienecho. Einen schönen Schluss zum Nachruf auf einen liebenswürdigen Menschen, auch hochbegabten und gelehrten Sprachkünstler fand Roman Bucheli in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Die beiden letzten Sätze, ein Zitat des Verstorbenen enthaltend, lauten:
In seinen Reflexionen auf das Sterben und den Tod unter dem Titel „Nichtsangst“ (2008) steht der berührende Satz: „Das Schrecklichste am Tod: dass man die Musik nicht mehr wird hören können.“ Die Literatur war für ihn eine andere Form der Musik. In seinen besten Texten wurde seine Sprache zur Wortmusik.
Dr. phil. Pirmin Meier, Autor, Beromünster
(erschienen auch in Schweizer Monat online)