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Im Jahre 2012 beendete Eva-Maria Scheiwiller-Lorber ihr Studium an der Universität Zürich mit einer Dissertation über Johann Jakob Röttinger, einen Glasmalerpionier im Dienste des Historismus.1 Sie konnte dabei den Nachlass der Glasmalerfamilie auswerten, der 2008 der Zentralbibliothek Zürich geschenkt worden war. Dieser umfasst 1100 Maquetten und Zeichnungen, zirka 200 Bleirisse, sieben Skizzenbücher, Vorlagenmaterial, rund 650 Fotoplatten, acht Fotoalben und rund hundert Fotografien.1
In der reformierten Kirche Wädenswil sind drei Werke Röttingers erhalten: die Bilder von Petrus, Paulus und Christus, welche die Kanzelwand zieren. Was weiss man über den Künstler? Wann kamen die Glasmalereien in die Kirche Wädenswil?
Der am 24. März 1817 in Nürnberg geborene Johann Jakob Röttinger bildete sich in seiner Heimatstadt beim Glas- und Porzellanmaler Franz Joseph Sauterleute (1793–1843) und an der Kunstakademie zum Glasmaler aus. 1844 zog er nach Zürich und übernahm im folgenden Jahr als Geschäftsführer das Glasmaleratelier von Johann Andreas Hirnschrot (1799–1845). Er arbeitete zunächst noch unter der Witwe in deren Werkstatt weiter und eröffnete dann 1848 in Zürich seine eigene Glasmalerfirma. 1849 verheiratete er sich mit Verena Fehr (1826–1887) aus Ossingen, die fünf Töchter und die Söhne Georg und Heinrich gebar. Ab 1869 produzierte die Firma Röttinger in ihrer Liegenschaft Oetenbachgasse 13 in Zürich. Nach dem Tod von Johann Jakob Röttinger, 1877, führte die Witwe den Betrieb weiter, bis ihn 1887 der ledige Sohn Georg (1862–1913) übernehmen konnte. Nach dessen Tod trat Georgs Bruder Heinrich Röttinger-Zweifel (1866–1948) die Nachfolge an.2 1983 wurde die Glasmalerei Röttinger aufgelöst.
Johann Jakob Röttinger (1817-1877)
In Zürich machte Johann Jakob Röttinger bald Bekanntschaft mit dem Altertumsforscher Ferdinand Keller (1800–1881) und dem Pionier der Denkmalpflege, Professor Johann Rudolf Rahn (1841–1912). Diese Kontakte brachten ihm wichtige denkmalpflegerische Aufträge ein und ebneten die Zusammenarbeit mit namhaften Schweizer Architekten wie Ferdinand Stadler, Caspar Jeuch oder Wilhelm Keller.3
Es fehlt der Raum, die unzähligen Werke von Johann Jakob Röttinger aufzulisten. Eva-Maria Scheiwiller-Lorber erwähnt in ihrem Katalog 68 Kirchen, Kapellen und weltliche Gebäude, die der Künstler mit seinen Glasgemälden bereicherte.4 Die Nennung einiger Hauptwerke möge genügen: Zeichnungen der Glasgemälde in der Klosterkirche Königsfelden, 1851; Petrus und Paulus, Chorfenster im Grossmünster Zürich, 1853; Lehrender Christus in der reformierten Kirche Niederhasli, 1854; Wappenscheiben im Ratssaal Rapperswil, 1855; Sechs Rosetten im Chor des Basler Münsters, 1856; Petrus und Paulus in der reformierten Kirche Kilchberg ZH, 1858; Evangelisten Lukas und Johannes in der reformierten Kirche Rapperswil, 1861; Petrus, Paulus und lehrender Christus in der reformierten Kirche Wädenswil, 1862; Ornament- und Wappenfenster in der reformierten Kirche Oberentfelden, 1865; Rosetten in der Stadtkirche Glarus, 1865; Ornamentfenster in der katholischen Pfarrkirche Appenzell, 1870; Heiligenmedaillons in der katholischen Kirche Finstersee,1869–1871; Apostel Paulus in der reformierten Kirche Stäfa, 1871; Geschlechterscheiben in der Friedhofkapelle Stans, 1871; Masswerk in der reformierten Kirche Utzenstorf BE, 1873; Lehrender Christus im Chorfenster der reformierten Kirche Hütten, 1874; Lehrender Christus in der reformierten Kirche Regensdorf, 1875; Christliche Symbole in der katholischen Pfarrkirche Herdern TG, 1876.
Am 20. Mai 1860 beschloss die Kirchgemeinde Wädenswil im Hinblick auf die Jahrhundertfeier von 1867 die Erstellung neuer Kirchenfenster und erteilte dem Stillstand – der Kirchenpflege – die Vollmacht, «diese auf dem Wege der öffentlichen Concurrenz in möglichst schöner und solider Construction ausführen zu lassen».5 Ferdinand Keller in Zürich, der Präsident der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, riet, man solle in den hohen Fenstern links und rechts der Kanzel Glasmalereien anbringen lassen - zum Beispiel die Apostel Petrus und Paulus – und im kleinen Fenster über der Kanzel das Christusbild.
Die Gemeindeversammlung vom 12. Mai 1861 stellte sich hinter Kellers Gutachten und übertrug die Ausführung der Farbfenster dem Zürcher Glasmaler Johann Jakob Röttinger. Der Meister verpflichtete sich, «gute, solide, kunstgerechte und technisch richtige Arbeit zu liefern und bezüglich der Glasmalerei das Schönste und Ausgezeichnetste zu schaffen, was in dieser Kunst geleistet werden könne».6
Reformierte Kirche Wädenswil: Lehrender Christus, 1862
Johann Heinrich Kägi bemerkte in seiner 1867 erschienenen «Geschichte der Herrschaft und Gemeinde Wädensweil»: «Die Arbeit Röttingers gefiel allgemein. Daher enthalte ich mich absichtlich, einige Bemerkungen, die jedenfalls sehr naheliegend, zu machen.»7
Eine Verzierung mit Glasgemälden erhielt in erster Linie die Kanzelfront. In einem Ovalfenster über der Kanzel wurde die 1,25 Meter hohe Zweidrittel-Figur des lehrenden Christus angebracht. Vier Meter hohe und 1,25 Meter breite Rundbogenfester beidseits der Kanzel zeigen die Ganzfiguren der Apostel Petrus mit Schüssel und Paulus mit Schwert. Zwei weitere Ovalfenster tragen Tapetenmuster in Grisaille mit Randverzierung.8
Johann Heinrich Kägi erwähnt in seiner Geschichte der Herrschaft und Gemeinde Wädensweil, dass der Glasmaler Johann Heinrich Röttinger auch die Fenster bei der Orgel mit grisailliertem Glas versehen habe.9 Durch den Einbau einer grösseren Orgel im Jahre 1919 waren diese Fenster nicht mehr sichtbar. Erst beim Abbruch der Orgel im April 1951 kamen die farbigen Werke an der Turmfassade wieder zum Vorschein. «Die Fenster auf der Turmseite, die durch die Orgel verdeckt waren und mit denen keine der besagten Gefühlsbindungen bestehen, werden höchst wahrscheinlich im Laufe der Bauarbeiten entfernt», hiess es am 18. Januar 1951 in einer Mitteilung der Kirchenpflege im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee».
Und so geschah es: Die Glasmalereien wurden zerstört, vorher nicht einmal fotografiert, und durch helle Wabenscheiben ersetzt.10 Eine Fotografie von 1919 und Innenaufnahmen vor der Renovation von 1950 belegen, dass Johann Jakob Röttinger auch das Oberlicht des Ausgangs zum Turm mit einem Glasgemälde verziert hat. Dieses Werk wurde 1951 ebenfalls ausgebaut, aber nicht zerstört. Die Farbscheibe kam ins Lager für ein künftiges Ortsmuseum und befindet sich heute im Fundus der Stadt. Bei der Darstellung handelt es sich um ein Medaillon mit betendem Engel in begleitender Umschrift «Ehre sei Gott in den Höhen!» Eine ähnliche Darstellung schuf Röttinger 1865 für die reformierte Stadtkirche Glarus.11
Reformierte Kirche Wädenswil. Der "Engel" von Johann Jakob Röttinger zierte von 1862 bis 1950 das Turmportal.
Vor der Innenrenovation der Kirche in den Jahren 1950/51 wurde diskutiert, ob Röttingers Glasmalereien beseitigt oder beibehalten werden sollten. Der Kunsthistoriker Professor Linus Birchler (1893–1967) äusserte sich anlässlich eines Augenscheins am 20. Juni 1949 wie folgt: «Die Glasgemälde – wenn man dieses Wort für die gut gemeinten Produkte der sogenannten Biergotik brauchen darf – müssen selbstverständlich verschwinden. Die Fenster sollen, gleich den andern, verglast werden, jedoch erheblich dunkler, was das Auge gar nicht bemerken wird, da man direkt in diese Fenster hineinsieht.»12 Mit dieser Wertung konnten sich verschiedene Wädenswiler nicht anfreunden. Ein Gegengutachten gab ihnen Recht.
Der Basler Kunsthistoriker Peter Meyer (1894–1984) vertrat im Dezember 1950 folgende Ansicht: «Die grossen Figuren sind etwas weich und süsslich, einige Farben – besonders das Rot und Blau – sind unangenehm scharf. Die Fenster passen stilistisch in keiner Weise zum Übrigen. Sie sind künstlerisch unbedeutend, doch sind sie anderseits auch nicht etwa lächerlich oder unwürdig. Dass Farbfenster gerade nur neben oder über der Kanzel angebracht sind – bei sonst sehr guter weisser Verglasung der übrigen Fenster – lässt darauf schliessen, dass man das ausdrückliche Bedürfnis empfunden hat, den Lichteinfall dieser Fenster zu dämpfen. Diese Überlegung war gewiss richtig. Wenn die Fenster hell wären wie die übrigen, würde die Gestalt des Predigers auf der Kanzel von den nahen Fenstern in unerträglicher Weise überblendet. Diese Fenster werden also auf jeden Fall anders behandelt werden müssen als die übrigen. Wenn sich die Kirchgemeinde Wädenswil entschliesst, neue Fenster machen zu lassen, so wären dafür folgende Gesichtspunkte zu berücksichtigen: Ein Anschluss an den Stil der Stuckaturen ist ausgeschlossen, denn das Rokoko hat überhaupt keine figürlichen und farbigen Scheiben gekannt. Es darf also dezidiert eine moderne Lösung gesucht werden, die natürlich trotzdem in ihrer Gesamtwirkung besser zum Raum passen könnte, als es die heutigen Scheiben tun, indem die Aufteilung kleinteiliger und die Farbe weniger krass gewählt werden könnte. Ich könnte mir Fenster in grünlichem Gesamtton mit blosser Grisaille-Malerei vorstellen, das heisst, mit ornamentaler oder allenfalls auch figürlicher Zeichnung lediglich in Grau. Im heutigen Bestand hat das Fenster links oben Weinranken in Grisaille-Malerei. Die Frage, ob die bestehenden Scheiben durch neue ersetzt werden sollen, ist nicht so einfach zu beantworten und auf keinen Fall sollte sie überstürzt entschieden werden. Die jetzigen Scheiben sind künstlerisch belanglos – aber der ästhetische Standpunkt ist nicht der allein massgebende im Kirchenbau. Die bestehenden Scheiben sind zweifellos vielen Gemeindegliedern ans Herz gewachsen, und die Verbindung zwischen der Kirche und der Gemeinde ist heute dermassen gefährdet, dass man solche Gefühlsbindungen nicht leichthin durchschneiden sollte. Auch ist es nicht nötig, die Spuren des 19. Jahrhunderts überall radikal auszulöschen. Auch sie haben ihr Daseinsrecht. Ich möchte raten, die Scheiben vorläufig zu belassen und zu sehen, wie sie sich im neu hergestellten Innern ausnehmen. Sie können dann immer noch ohne komplizierte Gerüste ersetzt werden.»13
Die Kirchenpflege teilte die Ansichten von Professor Peter Meyer. Sie beschloss, zunächst die Innenrenovation der Kirche zu vollenden und hernach, vielleicht erst in einigen Jahren, zu entscheiden, was an die Stelle der bestehenden Fenster gesetzt werden solle. Wörtlich: «Die Pflege glaubt damit auf dem richtigen Wege zu sein, umso mehr, als seitens der Bevölkerung vorwiegend bedauert wurde, dass man die Frage der Ersetzung der Scheiben überhaupt ins Auge gefasst hatte.»14
Ref. Kirche Wädenswil: Apostel Petrus, 1862
Ref. Kirche Wädenswil: Apostel Paulus, 1862
Die Kirchenpflege erachtete die Überlegungen von Peter Meyer auch im Jahre 1983 noch als richtig. Bei der Erneuerung der Fenster anlässlich der Aussenrestaurierung verzichtete sie darauf, die Farbfenster von Johann Jakob Röttinger zu beseitigen. In der Zwischenzeit hatte sich die Einstellung gegenüber seinen von Historismus und Neugotik geprägten sakralen Werken gewandelt. In immer mehr Kirchgemeinden bedauerte man, Röttinger-Fenster einst entfernt und gar zerstört zu haben Und wo man solche im Museum oder auf dem Estrich noch fand, wurden sie wieder eingebaut. So 2002 in der Kirche Pieterlen BE.15
Die 1862 angebrachte Verglasung der übrigen Fenster in der reformierten Kirche Wädenswil liess die Kirchenpflege 1983 durch eine stilistisch passendere mit regelmässigen sechseckigen Bienenwabenscheibchen ersetzen.
Peter Ziegler