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von Seka Smith
Vieles war über die genaue DDR-Afrikapolitik und der Militärbeziehungen der NVA in die Dritte Welt bis vor Kurzem kaum bekannt, manches übertrieben und noch viel mehr wurde aus Unwissen gespeist.
So titelte die “Times” am 21. April 1980 “East Germany: Here Come Europe´s Cubans“. Einen Monat zuvor berichtete “Der Spiegel” von einem angeblichen Afrika-Korps Honeckers, welches mit 30.000 Soldaten in Afrika präsent sein sollte und an Kampfhandlungen teilnahm. Konkreter berichtete die selbe Zeitung bereits am 30. August 1976:
“Rund 200 Millionen Mark jährlich investiert die DDR in militärische Entwicklungshilfe für arabische und afrikanische Staaten. Spezialisten der Nationalen Volksarmee tun als Ausbilder Dienst, das Ost-Berliner Innenministerium trainiert schwarze Sicherheitsbeamte, die volkseigene Industrie liefert Kriegsgerät in zwei Dutzend Länder.”
Selbst Hollywood nahm die Thematik der NVA-Soldaten in Afrika auf. Im Film “Die Wildgänse kommen” wird z.B. in der 67. Spielminute ein DDR-Offizier gezeigt. Unschwer an der Uniform zu erkennen:
[youtube http://www.youtube.com/watch?v=DX6_xrU_B2Q&w=640]
Nach jahrelanger Archivarbeit, u.a. in den Aktenbeständen der NVA, der Staatssicherheit, des DDR-Außenministeriums, des Außenhandels, der Ministerrates, der SED und des Zentralkomitees sowie des Politbüros hat Major Dr. Klaus Storkmann vom Militärwissenschaftlichen Forschungsamt (MGFA) ein umfangreiches Buch zum Thema der Militärbeziehungen und Militärhilfen der DDR veröffentlicht.
Mit der Hallstein-Doktrin sah sich die DDR in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik um die politische Anerkennung der DDR im Ausland. Entwicklungspolitische und militärische Hilfsleistungen wurden vom Politbüro dazu benutzt, politische Legitimität und Legalität zu erreichen. Bald wurden die NVA und die Staatssicherheit gefragte Partner, wenn es um die Lieferung von Waffen ging oder um die Bereitstellung von Ausbildungskapazitäten ging.
Die militärischen Außenbeziehungen waren eingebettet in die Außenpolitik der DDR und waren mit der Sowjetunion fest abgestimmt. “Die DDR-Außenpolitik stand im Gravitationsfeld des Ost-West-Konflikts, fest angebunden an die Politik der östlichen Weltmacht.” (S. 593). Die DDR-Regierung stimmte ihr Vorgehen bei den militärischen Hilfsleistungen eng mit der Sowjetunion ab. Das hieß aber nicht, dass die DDR keine eigene Interessen verfolgte. In der Regel hatte dies wirtschaftliche Gründe – das Devisendilemma war beträchtlich. So lieferte die DDR weiterhin Militärgüter an Nicaragua als die Sowjetunion während der Entspannungspolitik mit den USA einen Lieferstopp von Waffen verhängte. Die Abstimmungsprozesse innerhalb der Warschauer Vertragsstaaten waren unzureichend realisiert worden. Auch die 1980 verabschiedeten Handlungsgrundsätze der Warschauer Bündnispartner waren in ihrer Wirkung begrenzt.
Unterstützungsleistungen der DDR
Die erste große Auslandsunterstützung erfolgte 1964 mit der Entsendung von Militärberatern nach Sansibar um den dortigen Küstenschutz zu verstärken. Erst 1972 wurde aber die militärischen Außenbeziehungen ein fester Bestandteil der DDR-Außenpolitik, zumindest seit Honecker fest in der Hand des ZK-Generalsekräters.
Nach der Niederlage Ägyptens 1967 gegen Israel bat Präsident Gamal Abdel Nasser nicht nur um Lieferung von leichten Waffen, sondern auch von Panzern und Flugzeugen und bat wiederholt um den Einsatz von NVA-Piloten auf ägyptischen Maschinen. Walter Ulbricht hatte diese Bitte mehrmals abgelehnt, obwohl er selbst zwei Jahre später bei Breschnew den Einsatz von Freiwilligen ins Spiel brachte. Nichtsdestotrotz gab die DDR 20 MiG-17 F im Oktober 1968 an Ägypten ab. Die Abholung der auseinander gebauten Maschinen in Dresden musste aber von ägyptischen Transportflugzeugen erfolgen. Selbst bei der genehmigten Überholung von von zwölf MiG-21 Maschinen wurde es abgelehnt, die Flugzeuge durch NVA-Piloten einfliegen zu lassen.
Anders verhielt es sich 1973 als die DDR noch während des Jom-Kippur-Krieges zwölf MiG-21 an die syrische Luftwaffe lieferte und nach dem Zusammenbau dort selbst einflog. “Wenn auch die Kämpfe zum Zeitpunkt der Testflüge von Aleppo aus bereits durch den Waffenstillstand beendet waren, bedeutete der Syrien-Einsatz eine große Gefährdung des NVA-Personals. Nicht weniger brisant war die Gefahr von Kampfhandlungen mit israelischen Kampfflugzeugen.” (S. 222)
Während der Hungersnot von 1984/1985 richtete Äthiopien ein Hilfsersuchen an die DDR. Im Rahmen der Dürrehilfe schickte die DDR umfangreiche Hilfsgüter, u.a. Transportflugzeuge der NVA und der Interflug, Decken, Zelte und LKWs. Aus der Staatsreserve der DDR wurden eingelagerte Nahrungsmittel bereitgestellt. Verteidigungsminister Heinz Hoffmann befürchtete nach der Bereitstellung Konsequenzen für Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft der NVA, befürwortete aber die Bereitstellung aufgrund der Dringlichkeit der Hilfe.
Ab November 1984 wurden zwei Transportflugzeuge der NVA (An-26) und zwei Maschinen der Interflug (Il-18) nach Äthiopien abkommandiert, um die dortige Hungersnot zu bekämpfen. Der Einsatz war streng geheim. Die Hoheitszeichen der NVA-Maschinen wurden entfernt und die Flugzeuge bekamen einen Anstrich der zivilen Interflug-Fluglinie. Uniformen durften nicht getragen werden und die Besatzung erhielt zivile Dienstpässe. Alle Kennzeichen der NVA auf technischem Gerät und dem Bordgeschirr wurden entfernt. “Die Zugehörigkeit der Maschinen […] blieb offenbar nicht geheim. Bei einem späteren Überführungsflug durch den Luftraum der Türkei habe die dortige Luftraumkontrolle -`in bestem Deutsch´ – den DDR-Piloten mitgeteilt, sie wüssten, wer da fliege. Ein weiterer Überflug würde den NVA-Maschinen nicht genehmigt werden.” (S. 343). Auf dem Flughafen von Assab kam es unweigerlich zu Begegnungen mit der Bundeswehr, denn zeitgleich war dort auch eine C-160 Transall der Luftwaffe im Einsatz. Bis Ende September 1985 hatten die Flugzeuge 4578 Passagiere und 9276 t Fracht mit insgesamt 3768 Flugstunden transportiert. Belegt ist auch die Beteiligung der NVA-Flugzeuge am Zwangsumsiedlungsprogramm der äthiopischen Regierung.
Generell lässt sich feststellen, dass die DDR Anfragen zur Abkommandierung militärischen Personals sehr reserviert bis ablehnend gegenüberstand. Anstatt Personal im Ausland auszubilden, bot die DDR die Ausbildung in eigenen Lehranstalten an.
Die Ausbildungsleistungen der DDR wurden nach der Wiedervereinigung erstmal nicht weitergeführt. Doch die Ausbildung machte sich der Bundeswehr letztlich zugute. Während des ISAF-Einsatzes dienten mehrere in der DDR ausgebildete afghanische Offiziere als Dolmetscher.
Fazit
In diesem Buch wird detailliert die Frage beantwortet, ob die NVA in der Dritten Welt an Kampfhandlungen teilgenommen hat und genau skizziert, welche Unterstützungsleistungen für die sozialistischen Bruderstaaten geleistet wurden.
Wer sich für die Afrikapolitik der DDR interessiert, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen. In der Summe präsentiert Storkmann mit “Geheime Solidarität. Militiärbeziehungen und Militärhilfen der DDR in die Dritte Welt” eine wissenschaftliche Publikation auf höchstem Niveau. Leicht zu lesen, mit vielen weiterführenden Verweisen und Informationen. Absolut empfehlenswert!
Storkmann, Klaus (2012): Geheime Solidarität. Militärbeziehungen und Militärhilfen der DDR in die Dritte Welt. Ch. Links Verlag. 704 Seiten. 49,90 Euro.