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(v. lat. aes, also ursprünglich Pluralform, später
aber als Singularform gebraucht in der Bedeutung »Grundzahl, Grundeinheit«
bei Rechnungen und Messungen), eigentlich der durch irgend ein merkwürdiges Ereignis bezeichnete Zeitpunkt, von welchem
an man in der Chronologie die Jahre zählt; dann jede Zeitrechnung, bei welcher die Jahre von einem solchen
Termin an fortgezählt werden. Man kann drei Arten von Zeitrechnungen unterscheiden, gelehrte, bürgerliche und kirchliche,
welche zuweilen bei demselben Volk zugleich im Gebrauch sind.
Die erstern werden ausschließlich von Gelehrten gebraucht und wechseln daher mannigfach. In der Heiligen Schrift
finden sich nur vereinzelte Spuren einer eigentlichen Ära, wie sich die Völker des Altertums überhaupt einer solchen nicht
zu bedienen pflegten und z. B. die Römer,
[* 4] selbst als sie bereits eine feste Ära hatten, nicht nach JahrenRoms rechneten, sondern
das Jahr mit den Namen der in demselben regierenden Konsuln, später unter Hinzufügung der Regierungsjahre
des Kaisers bezeichneten.
In den historischen und prophetischen Büchern des Alten Testaments finden sich erst in den später entstandenen Stücken fortlaufende
Jahreszählungen von einem feststehenden Termin an. Im Pentateuch ist bis auf Jakob die Chronologie ganz mit der Genealogie verbunden.
Nach Einführung des Königtums rechneten die Israeliten nach den Regierungsjahren der Könige und, nachdem
sie unter fremdes Joch gekommen, nach denen der fremden Herrscher, z. B. der babylonischen und der persischen.
Allein abgesehen davon, daß schon 541 der letzte Konsul ernannt wurde, machte sich unter den christlichen Völkern das Bedürfnis
einer gemeinsamen Ära immer fühlbarer. Um diese Zeit hatte der römische AbtDionysius in seiner Ostertafel (525) statt der
beiden Alexandrinern gebräuchlichen Diokletianischen Ära die Jahre zuerst von der Fleischwerdung
des Herrn (ab incarnatione domini) gezählt. Das erste Jahr dieser Dionysischen Ära läuft vom 1. Jan. bis 31. Dez. 754 nach GründungRoms nach Varro (4714 der julianischen Periode).
Die Geburt Jesu setzte Dionysius auf den 25. Dezember d. J., indem er nach dem Sprachgebrauch der Kirchenväter unter der Incarnatio
nicht die Geburt (nativitas), sondern die MenschwerdungChristi im Schoß der Maria oder die Verkündigung Mariä verstand. So
entstand die gemeine christliche Ära, die allmählich weitere Verbreitung fand, vornehmlich durch Bedas Einfluß, welcher
sie in seiner Ostertafel gebrauchte, und das Ansehen Karls d. Gr., welcher zuerst Urkunden nach ihr datierte. Bei
ihrer Anwendung pflegte man mehrere Jahrhunderte lang zu dem Jahr Christi (annus incarnationis, auch circumcisionis, mit Bezug
auf den Jahresanfang am 1. Jan., wo die BeschneidungChristi gefeiert wurde, sowie a. nativitatis, gratiae genannt) noch die chronologischen
Merkmale des Jahrs hinzuzufügen,
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wie sie die Ostertafeln enthielten. Im 10. Jahrh. war die christliche Ära schon ziemlich
weit verbreitet. In Spanien
[* 9] aber, wo man eine eigne Ära hatte, die sogen. spanische, die von 716 der
Stadt Rom
[* 10] (38 v. Chr.) an zählt, nahm man sie erst weit später an. Diese nationale Ära kommt in Aragonien
vor bis 1350, in Valencia
[* 11] bis 1358, in Kastilien bis 1383 und in Portugal bis 1420. Von den griechischen Christen haben die Russen
auf BefehlPeters d. Gr. 1700 mit dem Jahresanfang im Januar zwar die gemeine christliche Ära angenommen, aber bekanntlich
den alten julianischen Kalender beibehalten.
Auch nach allgemeiner Annahme dieser Ära fehlte noch eine gleichmäßige Zeitrechnung, denn man hatte noch
lange Zeit sehr verschiedene Jahresanfänge; vgl. Neujahr. Erst 1691 setzte PapstInnocenz XII fest, daß das Jahr mit dem 1. Januar beginnen
solle, während bis dahin die Päpste in ihren Bullen und Breven gewöhnlich den 25. Dezember als Jahresanfang gebraucht
hatten. Teils schon vorher, teils später wurde dieser Jahresanfang allgemein üblich. Vorher hatten nicht nur verschiedene
Völker, sondern selbst einzelne Regenten und einzelne Städte verschiedene Jahresanfänge, die man kennen muß, um ihre Chronologie
zu verstehen.