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Kim Kyung-jae ist 87 Jahre alt. Mit 19 entschied er sich, in den Süden zu fliehen. Mitten in den Wirren des Koreakriegs. 68 Jahre später steht er im Büro seines Vereinslokals vor einer grossen Landkarte der koreanischen Halbinsel. Mit dem Finger zeigt er auf die Provinz Hamyong-namdo in Nordkorea. Dort hat er seine Kindheit und Jugend verbracht. Gefallen hat es ihm in seiner damaligen Heimat nicht.
«Es gab dort keine Freiheit, ich konnte dort nicht leben. Ein Freund aus meinem Dorf hat sich über die Soldaten der Roten Armee beklagt», erinnert sich Kim Kyung-jae an die Zeit von damals. Die Soldaten würden die Maschinen aus den Fabriken stehlen, habe ihm der Freund erzählt. Für diesen Kommentar verschwand der Freund drei Jahre im Gefängnis.
«Wir werden dich im Frühling wiedersehen»
Als sich Kim Kyung-jae mit 19 Jahren auf die Flucht in den Süden begab, musste er seine Eltern und seine Schwester zurücklassen. «Geh Du zuerst, sagten sie mir. Wir werden die drei Wintermonate hier ausharren und dich im Frühling wiedersehen.» – Sie sahen sich nie wieder.
Kim Kyung-jae lebt seit seiner Flucht in Südkorea. Hier hat er geheiratet und eine Familie gegründet. Er leitet einen Verein mit Nordkoreanern, die wie er vor über sechs Jahrzehnten aus dem Norden geflohen sind – und unterstützt andere bei der Suche nach Verwandten.
Jedes Mal, wenn ich von der Flucht erzähle, kommen mir die Tränen. Alle sind sie gestorben.
Zum Beispiel Kim Song-ja, sie ist 90 Jahre alt und stammt aus demselben nordkoreanischen Dorf wie Kim Kyung-jae. Mit Anfang zwanzig verliess auch sie ihre Heimat in Richtung Süden. Über ihre Familie zu sprechen macht ihr sichtlich Mühe.
Schon sieben Jahrzehnte seien seit ihrer Flucht vergangen, sagt Kim Song-ja. Und trotzdem: «Jedes Mal, wenn ich davon erzähle, kommen mir die Tränen. Alle sind sie gestorben.» Sie hat nur noch eine jüngere Schwester, die in Nordkorea lebt. Seit sich die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea wieder verbessert haben, ist ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen angestiegen.
Viel Zeit bleibt ihnen aber nicht mehr. Kim Song-jas Schwester ist ebenfalls über 80 Jahre alt.
Koreas Trennungs-Geschichte
Bis ins 19. Jahrhundert war die koreanische Halbinsel eng mit China verbunden. Von 1897 bis 1910 existierte ein Kaiserreich Korea. Danach wurde Korea eine japanische Kolonie. Nach Japans Kapitulation im 2. Weltkrieg mussten sich die kaiserlichen Soldaten gemäss einer Vereinbarung mit den Alliierten von der Halbinsel zurückziehen. Im Norden zugunsten sowjetischer, im Süden zugunsten von US-Soldaten. Nach gescheiterten Verhandlungen der zwei Supermächte kam das Schicksal der Koreaner vor die UNO. Die USA erreichten eine Resolution, die den Abzug aller ausländischen Truppen, die Schaffung einer UN-Kommission und freie Wahlen vorsah. Diese Wahlen wurden von den linken Parteien boykottiert, worauf die Regierungsgeschäfte von der US-amerikanischen Militärregierung an Rhee Syng-man übergeben wurde. Der sowjetisch kontrollierte Norden beantwortete dies mit der Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea am 9. September 1948. Beide Regierungen sahen sich als rechtmässiges Gremium für ganz Korea. Mit dem Angriff des Nordens auf den Süden am 25. Juni 1950 begann der Koreakrieg, der mit einem Waffenstillstand am 27. Juli 1953 endete. Die Vereinbarung ist von Südkorea nie unterzeichnet worden.
Kim Song-ja und Kim Kyung-jae gehören zu den zehntausenden Koreanern, die von den Familienmitgliedern im Norden getrennt leben. In der Vergangenheit gab es zwar schon Familienzusammenführungen, das letzte Mal war das vor drei Jahren der Fall. Doch die Anzahl der Familien wird von Nordkorea begrenzt. Jedes Mal erhalten nur einige hundert Familien die Erlaubnis, sich für ein paar Stunden bis zu wenigen Tagen zu treffen.
Unklar, ob der ganze Inhalt der Pakete ankommt
Die greise Kim Song-ja möchte ihre Schwester vor ihrem Tod nochmals sehen. «Ich habe immer noch Hoffnung. Ich will sie sehen, ihre Stimme hören. Das sollte doch selbstverständlich sein.»
Kim Kyung-jae hingegen hat schon vor längerem aufgegeben. Eher würde er im Lotto gewinnen, glaubt er, als seine Familie noch einmal wiederzusehen.
Die beiden wühlen durch Briefe, die vor ihnen auf dem Tisch ausgebreitet liegen. Sie sind mit nordkoreanischen Briefmarken frankiert.
Die Vereinsmitglieder schreiben ihren Angehörigen Briefe. Über einen Freund von Kim Kyung-jae, der in Japan lebt, gelangen die Schreiben an die Verwandtschaft im Norden. Einen direkten Postverkehr zwischen den beiden Koreas gibt es nicht. Die Pakete für ihre nordkoreanischen Familienmitglieder werden über China verschickt.
Sie füllen sie mit Medizin, mit Second-hand-Kleidern, manchmal stecken sie ihnen auch chinesische Yuan und US-Dollar in die Pakete. Wie viel davon am Ziel ankommt, wisse er nicht, sagt Kim Kyung-jae. Die Familienmitglieder würden das Geld und die Waren zum Beispiel gegen Reis tauschen.
Der Briefverkehr dauert bis zu drei Monaten. Die lange Dauer hat laut Kyung-jae nicht nur mit dem Umweg über Japan zu tun, sondern vor allem mit Nordkorea. Die Inhalte der Briefe unterliegen der nordkoreanischen Zensur.
Mit Tricks gegen das Vergessen
Seine Schwester könne nicht einfach schreiben was sie wolle, sagt er. Jeder ihrer Briefe würde gleich beginnen: «Wir leben sehr angenehm dank unserem grossen Vorsitzenden.» Wenn es ihnen nicht gut gehe, dann würde sie im Brief den Amerikanern die Schuld geben.
Trotzdem freut er sich über die Briefe aus dem Norden, vor allem wenn er Fotos erhält. Kim Kyung-jae zeigt auf ein grosses Schwarzweiss-Foto. Es ist das Hochzeitsfoto seiner Schwester, ein Gruppenbild mit der gesamten nordkoreanischen Verwandtschaft.
Auf dem Bild ist auch der Kopf von Kim Kyung-jae zu sehen. Er hat sich selbst aus einem alten Foto herausgeschnitten und den Kopf in das Foto der Hochzeitsgesellschaft hineinkopiert.
Er schmunzelt über seinen Trick. Und auch wenn ihm und vielen anderen der Zahn der Zeit einen Strich durch die Rechnung machen könnte, seine Familie will er auf diese Weise in Erinnerung behalten.