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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Bangalore/Indien
Vor einigen Wochen, an einem Samstag, fehlte eine meiner Studentinnen des Wochenendkurses. Am Sonntag erzählte sie mir, sie sei mit ihrer Familie umgezogen, in ein schönes Haus, geräumig, ruhiger als ihre vorherige Wohnung. Die Umzugskisten stünden herum. Alles müsse noch eingerichtet werden, auch das Zimmer ihres 12-jährigen Sohnes. Das Wochenende darauf fehlte sie ganz. Einige Tage später erfuhr ich, dass ihr Mann, Anfang 40, plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben war.
Die Lerngruppe entwarf ein Kondolenzschreiben und sandte es ihr. Wir schrieben von Sprachlosigkeit und Mitgefühl und davon, ihr alle Hilfe anzubieten. Ein paar Wochen später kam sie wieder zum Kurs. Ich sprach mit ihr. Sie erzählte von ihrem Mann, wie warmherzig, liebevoll und verständnisvoll er war, wie gut ihre Ehe und das einfühlsame Verhältnis zu ihrem pubertären Sohn gewesen sei. Ihr Mann sei noch Tage vorher zur Untersuchung gegangen, und man habe nichts gefunden, obwohl 2 Arterien, die zum Herzen führten, verengt und dann verschlossen waren. Für eine Operation sei er zu schwach gewesen; man habe noch abwarten wollen.
Sie kann in dem Haus wohnen bleiben; finanziell sei alles gesichert, die Familie unterstütze sie. Sie wird Zeit brauchen. Gut, dass sie eine Familie hat. Die Familie ist wichtig in Indien. Die Kinder unterstützen die Eltern auch finanziell im Alter, Brüder die unverheiratete Schwester. Der Sohn nimmt seine Eltern im Alter auch wieder in seine Wohnung auf. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, ein Generationenvertrag.
Gestern kam ich auf meinen Wegen durch die Stadt wieder einmal am Friedhof vorbei, an einem grossen Friedhof für Hindus, ein Grab neben dem anderen, manche kurz, dort ist wohl nur die Asche bestattet. Je weiter man hineingeht, desto weniger hört man den Strassenlärm. Mittags, bei der zu dieser Jahreszeit heissen Sonne, bieten die Gräber ein schattiges Plätzchen. So lagen denn auch ein paar Männer ausgestreckt auf den Gräbern aus Beton hinter den Grabtafeln und schliefen. Eine Kuh suchte sich dazwischen ein paar Gräser, ein kleiner weisser Vogel, der aussieht wie ein Reiher, stolzierte umher. Ein paar Menschen lungerten herum, sassen auf den wenigen Bänken. Ich betrachtete die Grabtafeln. Kaum jemand war älter als 60 Jahre geworden, viele hatten nur das 3. oder 4. Lebensjahrzehnt erreicht. (Das statistische Lebenserwartungsalter in ganz Indien liegt seit Anfang 2000 etwa bei Mitte 60, früher erheblich darunter).
Mitten durch den Friedhof führt ein asphaltierter Weg. Eine Ambulance, also ein Krankenwagen, fuhr durch den Eingang hinein bis etwa zur Mitte, drehte und kam wieder ein Stück zurück, hielt an. 2 Männer stiegen aus, eine Gruppe von 4 Männern und ein Junge, der vorher einen Mann im Rollstuhl gefahren hatte, kamen hinzu. Die hintere Tür wurde geöffnet. Auf einer Trage sah man etwas in einem weissen Laken Verhülltes liegen, offensichtlich ein Toter. Dieser wurde auf der Trage, einer Liege mit je 2 Stäben rechts und links, herausgetragen. Aus der weissen Umhüllung ragten eine braune Hand und ein Stück Arm hervor. Am Arm war noch Verbandstoff zu sehen.
Die Träger gingen ein Stück durch das Gräberfeld zu einem offenen Grab, etwa 1,5 m tief. 2 Männer sprangen hinein und nahmen die Bahre in Empfang, die sie im Grab ausleerten und wieder nach oben gaben. Dann stiegen sie aus dem Grab, unterhielten sich. 2 Männer warfen ein paar Erdklumpen auf den Toten. Danach gab einer das Zeichen, das Grab mit Erde zu füllen. Einer schob etwas Erde mit der Hand hinein, der andere benützte eine Schaufel. Der Fahrer des Krankenwagens als der ältere der Männer, offensichtlich auch der Tonangebende, erhielt einige 100-Rupien-Scheine, umgerechnet wohl etwa 10 Euro, stieg mit einem 2. Mann wieder in den Wagen und fuhr davon. Inzwischen füllte ein Mann weiter das Grab auf. Ich fragte einen der jungen Männer auf Englisch nach dem Alter des Toten und erhielt die Antwort „36“. Möglicherweise war er einer der vielen Menschen gewesen, die Tag für Tag aus den Dörfern in die Stadt kommen, um Arbeit zu suchen, um die Familie zu unterstützen und der dann ins Krankenhaus kam und plötzlich gestorben war. In der Hitze müssen die Toten schnell begraben oder kremiert werden.
Vielleicht hatte es bereits eine Totenfeier gegeben, solch eine Feier, wie ich sie vor einigen Wochen beobachtet hatte. Der Tote lag auf seinem Bett mitten auf der engen Strasse, bedeckt mit Jasmin. Ein Mann und eine Frau sprachen Gebete, die sie von einem kleinen Buch ablasen, andere, wohl Nachbarn und Angehörige, standen dabei und unterhielten sich. Nach hinduistischem Brauch dürfen die Menschen nach ihrem Tod nicht in der Wohnung verbleiben. So fand die Zeremonie auf der Strasse vor dem Haus statt. Dieser Tote war über 80 Jahre alt geworden.
Im Hinduismus wird mit Trauer anders umgegangen als im Christentum. Nach dem Tod verlässt das Atman den menschlichen Körper. Die Inkarnation in eine neue Existenzform kann verschiedenste Formen haben: als Pflanze, Tier, Mensch oder auch als Gottheit ‒ auch die Götter unterliegen dem Kreislauf der Wiedergeburten. Das Leben als Mensch wird im Allgemeinen als beste Existenzform angesehen, da hier am Leichtesten die Möglichkeit besteht, Befreiung (moksha) aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) zu erreichen. Der Tod ist als Übergang zu sehen, die Seele auf den Reisen bis zum Moksha. Im hinduistischen Verständnis verfügt die Seele über 2 Körper: den grobmateriellen, der nach dem Tod sichtlich verfällt, und den feinmateriellen, die sogenannte Seelenhülle, der erst nach dem Tod in Erscheinung tritt, im Zustand der Erlösung endgültig abgeworfen wird und im Falle der Samsara einen neuen grobmateriellen Körper annimmt.
Wünschen wir den Verstorbenen eine gute Weiterreise und dass sie die Befreiung erreichen!
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy