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Ueber die Theorie der Gletscherbewegung
Von Albert Heim.
Wie geschieht es, dass ein Gletscher, diese Masse aus. anscheinend starrem Eise gebildet, sich bewegen kann? Mit der blossen Erkenntniss der Thatsache, mit der Beobachtung allein, ist es ja niemals genug — man hört oft sogar sagen, die Wissenschaft beginne erst, wo die Erklärung beginne. In ächter Forschung lässt sich Erklärung und Beobachtung nicht gesondert betreiben, sondern jede Beobachtung soll den Zweck haben, der Erklärung Anhaltspunkte zu liefern, nicht im Hinblick auf vorgefasste Meinungen, aber im Hinblick allgemein auf Erklärung soll sie ausgeführt werden, und im Zusammenhang mit derselben. Eine Theorie der Gletscherbewegung haben wir dann gebildet, wenn wir im Stande sind, alle die Bewegungs-erschemungen des Gletschers von den physikalischen Eigenschaften des Eises überhaupt, wie wir dieselben an jedem beliebigen Stück Eis im Laboratorium studiren können, abzuleiten.
Das Auffallende der Gletschererscheinung macht es Theorie der Gletscherbewegung.
verständlich, dass mit diesem Gegenstand eine so grosse Zahl von Forschern ( über 40 ), worunter manche von grossem Namen, sich beschäftigt haben.
Das Verzeichniss derselben, das ich hier mittheile, ist leider wahrscheinlich durchaus nicht lückenlos.
Scheuchzer 1723
Ladame 1844
Rendu 1840
Bakewell
Huxley
Hugi 1830—46
Whewell 1845
Tyndall 1857
J. Herrsehel 1867
Helmholz 1865
Tresca 1865
Grüner
1750
Altmann Kuhn 1787 Katterfeld 1819 Person 1839 Hopkins 1845—63 Forbes 1842 Charpentier 1841 Merian 1841 Agassiz Gttjotj
Desorj 1840—46
A. Esçher v. d. l [LinthI
€. Escher v. d. Linth Biselx,
Schlagintweit 1847 Godeffroi 1840
Grad
1868
Dupré.
Bertin 1865
Ball 1869: -,
Matthews 1869—71.
James Croll 1869—70
Can. Moseley Iâ68—7
Bianconi 1871
Heim 1870.. y
Von denjenigen, welche nur über andere, z. :B,
Sehr gute Auseinandersetzungen der zu verschiedenen Zeiten geltend gemachten, und;d«öi Stand des Wissens entsprechenden Theorien finden sich besonders in der schönen Zusammenstellung von Prof. Mousson:
« Die Gletscher der Jetztzeit 1854 » und in Tyndall: « the glaciers of the Alps 1857».1 )
Die neuern Arbeiten über die Theorie der Gletscherbewegung finden sich bis jetzt nirgends übersichtlich zusammengestellt — sie laufen in vereinzelten Aufsätzen, besonders im « Philosophical Magazine », in den « Transactions of the royal Institution », im « Alpine Journal », in den « comptes rendus... » und in « Poggendorfs Annalen » herum. Für meine Vorlesungen über « Gletscher-Eiszeit » am schweizerischen Polytechnikum versuchte ich darum vor einem Jahr eine solche Zusammenstellung zu machen, und theile dieselbe hier auf den besondern Wunsch der Redaktion des Jahrbuches mit.
Zu allgemein anerkanntem Abschluss ist die Theorie der Gletseherbewegung bis zur Stunde noch nicht gekommen. Noch walten verschiedene Ansichten. Mir scheint doch, sie sei im Wesentlichen jetzt endgültig gelöst, und ich werde versuchen, die Lösung aus den Arbeiten und Resultaten verschiedener Forscher zu einem Ganzen zusammenzubinden. Warnen möchte ich aber davor, diese meine Darstellung als unfehlbar hinzunehmen — ich bin selbst zu stark in diesen Fragen mitbetheiligt, als dass ich mir eine vollkommen objektive Beurtheilung und Verwerthung der Arbeiten
: ' ) In des gleichen Verfassers neuerem Werk: „ Hours of exercise in the Alps " sind alle neueren Forschungen über Gletscher unberücksichtigt gelassen.
Anderer zutrauen dürfte. In wie fern ich derselben fähig war ^)der nicht, wird erst spätere Zeit an den Tag bringen können.
Die Gletscherbewegung ist eine zusammengesetzte. Der Gletscher gleitet auf seiner Unterlage wie eine starre Masse und zweitens flies st er vergleichbar einer Flüssigkeit. Das Bezeichnende für das Fliessen ist, dass die einzelnen Theile des Gletschers ihre gegenseitigen Stellungen ändern, aneinander sich verschieben.
An der Oberfläche, in der Mitte ist die Bewegung grösser als an den Rändern und am Grunde, in geschlängeltem Thal lehnt sich der Gletscher der concaven Thalseite mehr an, das Bewegungsmaximum liegt dann von der Mitte aus dieser genähertje grösser der Querschnitt bei gleicher Thalform, desto stärker die Bewegung.
Für den ersten Theil der Gletscherbewegung, das Gleiten, ist die Theorie leicht gemacht und hierüber ist kein Streit mehr.
Legt man bei einer Temperatur von 0° Eisblöcke auf geneigte Steinplatten, so bewegen sich dieselben langsam und stetig abwärts noch bei einer Neigung von bloss 40 Minuten. Mit steigender Temperatur wird die Bewegung auch eine raschere und ebenso mit steigender Belastung der Eisscholle. Auf so wenig geneigtem Grunde gleiten andere feste Körper nicht mehr, für Eis aber ist das leicht zu begreifen; denn bei der steten Erweichung der stützenden Eistheilchen durch die stattfindende Schmelzung oder Durchfeuchtung wird der Einftuss der Reibung ein ganz anderer sein, ein viel geringerer, als bei andern Körpern.
Mit diesen Beobachtungen stimmt vollkommen überein, dass bei starker Durchtränkung mit Schmelzwasser, also im Frühling und bei starker Hitze, die Gletscherbewegung eine grössere ist. Gleiten in Folge der Schwere ist also schon bei sehr geringen Neigungen für Eis leieht möglich.
Das Gleiten wird aber natürlich kein beschleunigtes werden; denn durch ein hinderndes Medium wird jede beschleunigte Bewegung endlich eine gleichförmige und ein Gewicht an einer Schnur kann ich ja auch bei immer gleich bleibendem Druck der Hand durch dieselbe mit constanter Geschwindigkeit sinken lassen.
In den Erscheinungen, welche mit dem Fliessen des Gletschers zusammenhängen, tritt uns ein sonderbarer Widerspruch — schon beim ersten Anblick eines Gletschers — in die Augen:
In den Bewegungsverhältnissen selbst finden wir lauter Analogien mit dickflüssigen Massen, und müssen hieraus entnehmen, dass der Gletscher nicht eine starre Masse sei, dass das Gletschereis in geringem Grade gewissermassen flüssig sei. Die Spaltenbildungen hingegen sind eine Erscheinung, die nur ganz spröden, starren Körpern zukommt — der Gletscher ist zu wenig zähe, um einem Zug, der eine Spalte von nur 1 Linie Weite zu öffnen vermag, nachzugeben, er reisst.
Die Bewegung ist die direkte Folge von Druck; denn wo der Druck der Gletschermasse in irgend welcher Richtung steigt, steigt auch in dieser Richtung die Bewegungsgrösse ( so in der Mitte, wo die Eismasse mächtiger ist etc. ). Gegen Druck verhält sich Theorie der Gletscherbewegung.
also der Gletscher genau, wie eine zähflüssige Masse, er gibt dem Druck nach, weicht aus, schmiegt dea Thalformen sich an etc.
Lassen wir Zug auf eine zähflüssige Masse wirken, z.B. Harz, Honig, Theer etc., so verkleinert sich, der Querschnitt, die Masse zieht sich aus, sogar in, Faden — ein spröder Körper aber widersteht dem Zug, oder er bricht, der Zusammenhang hört auf, er wirft Spalten. Gegen Zug verhält sich der Gletscher also nicht, wie eine zähflüssige Masse, überall wo Zug in 's Spiel kommt, wirft er Spalten.
Gegen Druck ist das Gletschereis plastisch, gegen Zug spröde. Das erstere muss man aus den Bewegungserscheinungen, das letztere aus der Zerklüftung abstrahiren. Wir dürfen des ersteren wegen den Gletscher nicht mit einer starren Masse vergleichen, des letztern wegen nicht mit einer zähflüssigen. Der Gletscher hat die eine Eigenschaft von der einen, die andere von der anderen Art von Körpern. Es ist nicht nöthig, dass ein Körper, der gegen Druck plastisch ist, es auch gegen Zug sei.
Dies ist erst unmittelbares Beobachtungsresultat, noch keine Theorie.
Die Theorien über die fliessende Bewegung, welche den zweiten Bestandtheil der Gletscherbewegung ausmacht, zerfallen zunächst in zwei Gruppen:
1 ) Solche, welche andere Kräfte als die Schwere zu Hülfe für die Erklärung der " Bewegung nehmen.
2 ) Solche, welche als bewegende Kraft bloss die eigene Schwere des Gletschers ansehen.
Manche der Forscher, die sich mit Gletschertheorie 386Heim.
abgegeben haben, lieferten wichtige Beiträge zu den Arbeiten anderer, ohne vollständige Theorien als solche ausgesprochen zu haben. Die Zahl der Gletschertheorien ist glücklicherweise viel kleiner als die Zahl der ( Hfctschertheoretiker. In kurzen Zügen will ich die wichtigsten dieser Theorien aufführen und je die Beweise dagegen nennen, wo solche geltend gemacht worden sind.
Oletsehertheorien, welche noch eine andere Kraft als die Schwere annehmen.
1 ) Scheuchzer 1873: Das Wasser, in den Gletscherspalten gefrierend, dehnt sich aus und bewegt den Gletscher.
Das ist die erste Gletschertheorie; hier führe ich sie mehr dieses geschichtlichen Interesses halber auf. Sie ist längst verlassen; denn die Gletscherspalten sind nur sehr selten mit Wasser gefüllt; es versiegen im Gegentheil in den Spalten die Schmelzwasserbäche der Oberfläche gänzlich, also kann auch kein Wasser darin gefrieren.
2 ) Hugi 1843: Kornentwicklung durch Absorption des Wasserdampfes der Luft bewegt den Gletscher.
3 ) Grad 1869: Kornentwicklung durch gefrierendes Infiltrationswasser bewegt den Gletscher.
Diese beiden nehme ich hier zusammen, weil wir beiden die gleichen Einwürfe machen müssen. Das Gletschereis lässt sich an warmer Luft bekanntermassen in einzelne Körner trennen. Die Gletscherkörner im unteren Theile des Gletschers sind grösser als im oberen.
Hugi und Grad behaupten, dass das Gletscherkorn das fortentwickelte Firnkorn sei. Der eine gibt ihm die Nahrung zu diesem Wachsthum aus der Feuchtigkeit der Luft, der andere aus dem Schmelzwasser der Gletscheroberfläche. Das Firnkorn hat am Ausgang der Firnmulde etwa 3 Millimeter Durchmesser, am Ende eines Gletschers von etwa, 8000 m Länge oft mehr als 3 Centimeter. Das entspräche einer räumlichen Vergrösserung von 33: 3O3 =,1: 1000. Die Abschmelzung des Gletschers in den tieferen Theilen müsste nicht nur den Gletscher, wie er aus der Firnmulde austritt, im weiteren Verlauf in Wasser tiberführen, sondern auch noch diese enorme Volum-vermehrung, compensiren; dazu ist sie aber viel, wie ich ausgerechnet habe — mehr als 60 Mal zu klein. Wenn das Gletscherkorn das fortentwickelte Firnkorn wäre, wenn jedem Firnkorn oben ein Gletscherkorn in den tieferen Regionen ^équivalent wäre, so müssten die Gletscher statt abzuschmelzen im Thale *immer. mehr wachsen und schwellen, und alles mit Eis tiberdecken.
4 ) Agassiz ( Charpentier etc. ) 1846: Wasser in Haarspalten gefrierend dilatirt und bewegt ( Dilatationstheorie ).
Agassiz spricht nicht stark von einer Volum ver-mehrung, aber auch nach dieser Theorie müsste eine solche stattfinden und der Einwand gegen 2 ) und 3 ) findet auch hier Anwendung. Agassiz und seine, Mitarbeiter in dieser Theorie dachten sich, dass z.B. über Nacht das Infiltrationswasser, das in den Haar-
22 388Beim.
spalten zwischen den Gletscherkörnern circulire, gefriere, und weil Wasser beim Erkälten unter 4°, also auch beim Gefrieren stark sich ausdehnt, so müsse die Bewegung als Summe dieser Ausdehnungen entstehen.
Gegen 2 ), 3 ) und 4 ) müssen wir nun einen ge-, meinschaftlichen Einwand erheben. Sie stellen sich vor, dass diese Bewegung, die in einer Ausdehnung der Masse ihren Grund habe, sich nur nach der Seite des geringsten »Widerstandes, also thalabwärts äussere.
Nehmen wir — und das dürfen wir mit Recht — den oberen Anfang des Gletschers als fest an, so müsste dann sich die Bewegung für einen Punkt zu einem immer grösseren Betrage summiren, je weiter vom oberen Anfange entfernt dieser Punkt liegt. Unten müsste nach diesen drei Theorien ein Gletscher immer schneller sich bewegen, als oben. Wenn aber nicht ganz abnorme Gestaltung des Thalbettes dies Verhältniss erzeugt, so ist es immer umgekehrt — in regelmässigem Thalbett bewegt sich ein Gletscher unten langsamer als oben.,
Nach Nr. 4 ) müsste der Gletscher beim Gefrieren nach Sonnenuntergang, aber nicht über Mittag am stärksten sich bewegen, und es müsste im Winter, wo gar kein Infiltrationswasser da ist, der Gletscher stille'stehen. Der stärkste Einwurf aber liegt in den Temperaturverhältnissen im. Inneren des Gletschers. Das tägliche Gefrieren des Wasses in den Haarspalten setzt eine tägliche Veränderung der Temperatur des Gletschers voraus. Das.Eis aber leitet Wärme schlecht, und bedeutende Erkältungen einzelner Tage dringen höchstens 2 bis 3 Meter tief in die Eismasse ein, also im Vergleich zur ganzen Mächtigkeit des Gletschers nur in die oberste Epidermis.
Nach genauen Beobachtungen, die in Bohrlöchern gemacht worden sind, verschwinden schon in 2 bis 5 Meter Tiefe die täglichen Schwankungen ganz, und hier, so gut wie in 30 und 60 m Tiefe ist die Temperatur immer genau constant 0°. Der ganze Gletscher ist eine Masse von 0 °. Von einem Gefrieren des Infiltrationswassers im Inneren kann also keine Rede sein.
Ein Maximum- und Minimum-Thermometer in 2 Meter Tiefe im Aaregletscher eingesenkt, ergab als grösste Kälte während 2 Wintern nur — 2°,i. In 7,5 m Tiefe — 0,3. Bei 10 m Tiefe gehtauch der Einfluss der Jahreszeiten ganz verloren; da ist der Gletscher ewig auf dem Schmelzpunkt.
5 ) Moseley 1869: Dilatation und Contraction bei Temperaturwechsel des ganzen Gletschers bewegt.
Moseley, Canon von Bristol, sagt: Wenn wir auf geneigtem Grunde eine Metallplatte auflegen, und bringen sie in Kälte, so zieht sie sich zusammen. Die Linie derselben, welche relativ zur Unterlage fest bleibt, liegt unter dem Schwerpunkt, die oberen Theile ^ontrahiren sich mehr nach unten, als die unteren nach oben, der Schwere halber. Bei Erwärmung dehnt sich der Schwere halber die Platte mehr naeh unten aus, als nach oben. Vielfache Temperaturschwankungen müssen so im Ganzen ein Abwärtskriechen der Metallplatte auf der schiefen Ebene bewirken. Und nun denken wir uns als schiefe Ebene das Thal, statt der Metallplatte die Gletscherzunge, so haben wir die Theorie von Moseley.
Temperaturschwankungen macht aber, wie wir gesehen haben, nur die äusserste Kruste des Gletschers; das Innere, beständig, selbst im Winter, etwas von Wasser durchrieselt und unterspült, bleibt beständig auf dem Gefrierpunkt, weil Eis und Wasser gar nicht bei anderer Temperatur beisammen sein können. Dies allein bezeichnet Moseleys Theorie als vollkommen unhaltbar, abgesehen von den zahlreichen anderen Ein-würfen, die ihm im Weiteren noch von Ball, Matthews und mir selbst gemacht worden sind.
II-
GletscliM'tkeorien, welche allein die Schwere als treibende
Kraft annehmen.
Canon Moseley erhebt einen Einwand gegen alle Theorien dieser zweiten Gruppe: Er behauptet, durch Bechnung bewiesen zu haben, dass das Gewicht des Gletschers 34 bis 35 Mal zu klein wäre, um die Widerstände im Eis gegen das Fliessen, gegen das Aneinandervorbeisichbewegen ( das Scheeren ) der einzelnen Theile zu überwinden.
Die Widerstände, die das Eis diesem « Absclieeren » der Theilchen entgegensetzt, hat Moseley experimentell bestimmt: er schloss einen Eiscylinder von bestimmtem Querschnitt in zwei aneinander schliessende Stücke Holz, hielt das eine fest, und beschwerte das andere so stark, bis der Cylinder in zwei Stücke durch-gescheert wurde. Dann denkt er sich den Gletscher.
in unendlich kleine Theilchen von Eis zerlegt, berechnet allgemein den Widerstand, den ein solches Theilchen bei Verschiebung an den um dasselbe im gleichen Querschnitt liegenden benachbarten Theilchen erleiden würde, und führt als die denselben überwindende Kraft das Gewicht des zu verschiebenden Theilchens ein. Die gefundenen Ausdrücke für Widerstand und Kraft sunimirt er dann für alle diese unendlich kleinen Theilchen im ganzen Gletscher ( Integration ) und kommt so zum erwähnten Resultat.
Dieser Rechnung müssen wir indessen so zahlreiche Einwürfe entgegenhalten, dass wir unmöglich sie annehmen können. Einmal sind die besonderen Verhältnisse des Gletschereises, seine Sprödigkeit, seine Luftblasen, die Erschütterungen, denen der Gletscher ausgesetzt ist, und anderes mehr ganz ohne Berücksichtigung gelassen. Im Gletscher ist die Verschiebung der Atome aneinander eine fast unendlich kleine per Tag, und sie wird mit ausserordentlicher Langsamkeit ausgeführt, und dafür wird eine viel geringere Kraft erforderlich sein, als die Trennung rasch und ganz zu vollziehen, wie Moseley's Rechnung annimmt. Moseley nimmt ferner den Widerstand im Eis gegen Verschiebung der einzelnen Theile, die sogenannte scheerende Kraft als constant an, während die im Sommer stärkere Bewegung als im Winter anzeigt, dass sie bedeutend mit der Temperatur und Durchtränkung variirt. Moseley's Rechnung, und das scheint mir der Haupteinwand, ist auf die Hypothese gebaut, dass von Atom zu Atom die Geschwindigkeit vom Rand nach der Mitte und vom Grund nach oben un- unterbrochen zunehme, und so muss er für die Gletseherbewegung eine Kraft verlangen, die in jedem Moment gross genug wäre, zwischen allenunendlich kleinen Theilen den Zusammenhang vollständig zu überwinden, denn seine experimentell bestimmte Einheit für Eiswiderstand ist ja diejenige für vollständige Trennung in kurzer Zeit.
Es zeigt uns aber gerade das Gletscherkorn, dass nicht von Atom zu Atom, sondern höchstens von Korn zu Korn die Bewegung zunimmt, vielleicht sprungweise vom Rand nach der Mitte, indem einzelne Verschiebungsklüfte sich einstellen. Anstatt, wie Moseley annimmt, in unendlich vielen Punkten, muss der scheerende Widerstand nur auf einzelnen Flächen überwunden werden.
Diese wenigen Einwürfe ( sie rühren hauptsächlich von Ball, Matthews und mir her ) mögen es genügend rechtfertigen, dass die meisten, welche jetzt mit der Frage der Gletschertheorie sich beschäftigen, an der Gruppe II festhalten. Wir fahren also weiter in der Besprechung der hierher gehörigen Theorien — wir setzen an die Spitze derselben eine, welche mit Absicht auf einem Umweg den Schwierigkeiten, die Moseley macht, entgeht.
1 ) Croll 1869: Eindringende Sonnenstrahlen verflüssigen vorübergehend die Theile, durch die sie gehen, und machen sie dadurch momentan thalwärts beweglich.
Croll kennt Moseley's Rechnung, nimmt sie einfach an, und suchte nach einer Theorie, der die Einwürfe Moseley's nicht gemacht werden » könnten. Er sagt: Wenn ein Sonnenstrahl Eis von 0° trifft, so kann er nur in der Weise durch das Eis hindurchgehen, dass er jedes Theilchen im Moment des Durchganges vorübergehend verflüssigt.
Den flüssigen Moment wird das Theilchen dazu benutzen, sich im Sinn der Schwere mehr abwärts den umgebenden anzuschmiegen. In keinem Moment kann der ganze Gletscher flüssig werden, sondern seine einzelnen - Theilchen eins nach
2 ) Forbes 1845: Das Eis bei 0 ° ist halbflüssig und mit Lava, Honig etc. zu vergleichen ( Plasticitätstheorie. )
Forbes hat den Unterschied zwischen einer zähflüssigen Masse und dem spröden Spalten werfenden Gletschereis nicht klar gesehen. Seine Theorie ist indess mehr bloss eine Abstraction aus den Thatsachen der Bewegungsverhältnisse, als eine Erklärung derselben. Forbes sagt eigentlich nicht viel anderes, als: 4er Gletscher bewegt sich wie ein Fluss: weil das Eis zähflüssig sein muss.
Wir wissen, ein Körper, der'in einen höheren Aggregatszustand übergeht, nimmt eine grosse Menge von " Wärme auf, die äusserlich am Thermometer nicht nachweisbar ist. sie wird innerlich, zu innerer Arbeit, zur Ueberführung den höheren Aggregatszustand verwendet; sie wird gebunden, latent. Eis von 0° zu schmelzen in Wasser von 0° braucht eine bedeutende Wärmemenge. Nun aber schon bevor Eis eigentlich schmilzt, schon bei 1 ° absorbirt es Wärme und verwendet sie zur Veränderung seiner Eigenschaften als fester'Körper; es fängt an etwas weicher zu werden — in ähnlicher Weise, nur in viel geringerem Grade als Wachs schon vor dem Schmelzen weich wird. Der Gletscher, sagte Forbes, ist 0°, also in diesem halbweichen Zustand, und er übersah, dass das Gletschereis mit dem Hammer zerschlagen vor Sprödigkeit immer noch bei 0 ° in Splitter zerstiebt. Forbes also suchte die Vermittlung durch den halbweichen Zustand und er verglich die Gletscherbewegung mit der Bewegung von Honig, Theer etc.,
Tyndall machte zuerst Forbes gegenüber auf den-in der spröden Spaltenbildung liegenden, wichtigen Unterschied in der Bewegung von Gletscher und Theer oder dergleichen zähen Massen aufmerksam.
3 ) Ball 1869: Nach den grossen Spalten im Gletscher finden die Verschiebungen der einzelnen Theile statt.
Ball sagt: Der Gletscher wirft Spalten und nach diesen Spalten geschehen dann die Verschiebungen in der Masse; die Eisriffe und grossen Gletscherpartien zwischen den Spalten bewegen sich als Ganzes. Hier- nach wäre das schön regelmässige Zunehmen der Geschwindigkeit nach der Mitte hin schwer erklärlich;
dann dürfte diese Erklärung auf Gletscher, die wenig zerspalten sind, wie z.B. den mächtigen Unteraargletscher schwierig anzuwenden sein, und endlich scheinen viel eher die Randspalten eine Folge der in der Mitte stärkeren Bewegung; Ball aher fasst umgekehrt die in der Mitte grössere Bewegung als Folge der Existenz der Randspalten auf.
4Rendu 1840. In den Arbeiten von Rendu, Bischof von Annecy, finden wir die Auffassungen der folgenden Nummern 6 bis 9 schon vorgezeichnet, freilich nicht mit der nöthigen Bestimmtheit und ohne Experimente. Was wir endlich als das sicherste errungen haben, ist grösstenteils einfach genaue Ausführung dessen, was Rendu mit seinem merkwürdigen Scharfblick schon voraus geahnt, und mehr oder weniger klar ausgesprochen hat.
Die folgenden Theorien müssen wir unter einander verbinden. Sie sind:
5 ) .J. Thomson: 1849: Druck verflüssigt partienweise, und die abwärts gequetschte Flüssigkeit gefriert wieder.
6Tyndall 1857: Langsame Formveränderung durch Druck kann ohne Bruch geschehen.
7 ) Bianconi 1871 und Matthews 1869: Eis über 0 ° ist biegsam ( Experiment )..
8 ) Helmholz 1865 ( und Tresca 1865 ): Auspressen von festem Eis aus Oeffnungen gibt Gletscherkorn ( Experiment ).
Heim. >
9 ) Albert Heim 1870: Langsame Formveränderung durch Druck gibt Bruch in verschiebbare Körner.
Verbinden wir nun die fünf letzten Theorien, wenn wir diese Arbeiten so nennen wollen, so erhalten wir diejenige Erklärung für die fliessende Gletscherbewegung, die — ich möchte fast wagen zu behaupten — die endgültige ist. Die einzelnen Arbeiten 5 ) bis 9 ) unterscheiden sich nur dadurch, dass jede einzelne verschiedene Arten der Umformung von Eis^ als hauptsächlich betont hat. Jede hat nur ein Stück, nicht eine ganze Theorie geliefert. Die Unvollständigkeit der TyndaH'schen Arbeiten besteht z.B. darin, dass das Oletscherkorn und die von Bianconi und Matthews entdeckte Biegsamkeit des Eises bei diesen Beobachtungen und Spekulationen übersehen worden ist. Helmholz spricht über die Biegsamkeit sich nirgends klar aus und trägt den Thomson'schen Untersuchungen keine Rechnung. Was der Verfasser dieser Zusammenstellung im Jahr 1870 selbst beigefügt hat, war hauptsächlich eine Korrektion der Theorie Tyndall's, indem in dieselbe das Gletscherkorn eingeführt wurde, während mir die Biegsamkeit des Eises vollkommen entgangen war und ich damals die Ttiomson'schen Gedanken noch nicht zu würdigen verstand, wie jetzt.
Der Gefrierpunkt des Wassers kann durch starken mechanischen Druck verändert werden. Für je eine Atmosphäre Druck sinkt er um 1Jn;, eines Grades Celsius.
Lässt man auf ein Gemisch von Eis und Wasser heftigen Druck wirken, so erniedrigt sich die Temperatur des Ganzen. Das kann nur dadurch geschehen,
dass freie Wärme gebunden wird, dass also* ein Theil des Eises zu Wasser wird. Hoher Druck verflüssigt daher Eis zum Theil, und erniedrigt seine Temperatur, es entsteht Wasser kälter als 0 °. Auf diese Thatsachen gründet sich Thomson's Theorie. Sie sagt:
Gewisse Theile des Gletschers stehen unter hohem Druck ( Gewicht des Eises ). Dieser Druck verflüssigt Theile des Eises. Das sich bildende Wasser wird nach der Richtung des geringsten Widerstandes, also eher abwärts als aufwärts herausgequetscht. Yom Drucke frei, gefriert es in neuer Lage wieder; denn es ist unter 0 °. Dieser Prozess findet in manchen Theilen des Gletschers immer statt, und so bewegt durch'Vermittlung des flüssigen Zustandes sich nach und nach alles Eis thalabwärts.
Wenn wir Stäbe in den Gletscher einrammen, so bewegen sie sich langsam abwärts. Nach Thomson's Theorie bewegt sich aber nicht die feste Masse als ganzes, sondern die einzelnen Theile in flüssigem Zustand und keine einzelnen eingerammten Pfähle könnten die Bewegung mitmachen, sie würden nur vom ausgequetschten Wasser umflossen stehen bleiben.
Tyndall, von dem dieser Einwand herrührt, suchte Thomson zu beweisen, dass, wäre seine Theorie richtig, der Gletscher sich aufwärts,, nicht abwärts bewegen müsste, indem viel mehr Wasser in die oberen po-rösern als die unteren dichteren Eismassen hmein1-gequetseht würde.
Mir scheint, es ist dieser Theorie Unrecht gethan worden.Wrenn auch nicht genau so, wie sie aufgestellt worden ist, hat sie.doch eine gewisse Berechti- 4S8Heim.
gung. Die Einwürfe, die ihr gemacht worden sindT sind nicht stichhaltig. Wenn Eis durch Druck partienweise verflüssigt und herausgequetscht wird, so werden die höher gelegenen drückenden Eismassen um den betreffenden Betrag nachgleiten, und ein dort oben eingerammter Stock bewegt sich mit der Masse abwärts. In der Mitte, wo die Eismasse am dicksten ist, ist der Druck am'stärksten; da wird Verflüssigung auf Schichten senkrecht zur Maximaldruckrichtung am stärksten vor sich gehen können, da wird der Betrag des Nachgleitens in fester Masse auch bedeutender sein; dass in der Mitte grössere Bewegung ist, ist aus Thomson's Theorie erklärbar. Ferner wird sich diese nachgleitende Bewegung durch Massenverlust so auf dem Wege der partienweiseh Verflüssigung zu einem um so grösseren Betrage summiren, je höher vom unteren Gletscherende aufwärts gelegen ein Punkt ist. Dass Gletscher im unteren Theile sich gewöhnlich langsamer bewegen als oben, lässt sich aus Thomson's Theorie ebenfalls zum Theil erklären, und es ist hierin dieselbe gerade das GegentheiTvon den Theorien 1 ), 2 ), 3 ) und 4 ), welche von Substanzeinlagerung redeten. Tyndall selbst hat nachgewiesen, dass die Structur des Gletschereises ( die blauen Bänder im weissen Eise .eine Folge von schichtenförmiger Verflüssigung durch Druck ist. Es treten die Luftblasen, die das Eis weisslich machen, aus und in ihre Hohlräume wird das durch Druck gebildete Wasser gequetscht, es entstehen die blauen blasenfreien Bänder im weissen blasenreichen Eise. Ueberall da, wo wir eine Bandstructur entstehen sehen, ist damit auch nachgewiesen, dass die Bewe- gungsverhältnisse im Sinne der Theorie von Thomson beeinflusst sind und da Structur ( wenn sie auch oft nicht schön ausgebildet ist ) grösseren Oletschern nie fehlt, so behält Thomson's Theorie für immer allgemein eine gewisse Bedeutung;
wir können sie so modifizirt in die Worte fassen:
Durch Druck wird Eis im Gletscher stellenweise verflüssigt herausgequetscht und die thalaufwärts gelegenen Eismassen rücken um den Betrag dieser Volum-verminderung nach. Das ausgequetschte Wasser treibt zum Theil Iîuftblasen auf seinem Wege aus und macht wiedergefrierend das Eis dichter. Was an Yolumen verloren geht, gewinnt der Gletseher grösstenteils an Dichte seiner Eismasse, ein Theil des heraus-gequetschten Wassers fliesst mit dem Schmelzwasser ab. Bewegung durch Druck ist also mit Volum Verminderung, Verdichtung des Eises und etweichem Massenverluste des Oletschers verbunden. So kann auch im Winter ein schwacher Oletscherbach sich bilden; denn die mechanischen Verhältnisse des Gletschers tragen zur Schmelzung bei. Die Verflüssigung durch Druck geschieht auf Flächen senkrecht zu dessen Kichtung und erzeugt die Bandstructur. Verflüssigung durch Druck bewirkt, dass Eis auf Druck sich pjastisch zeigen kann; auf Zug verflüssigt sich nichts; dableibt es spröde. Es kann dies im Kleinen durch 's Experiment illustrirt werden. Bringt man z.B. in eine Hohl-cylinderform beliebige Eisstücke und presst sie mit einem Kolben zusammen, so entsteht viel Wasser. An den Stellen, wo die Eisstücke sich gegenseitig berühren und die Modelform berühren, wirkt der Druck,
da schmelzen sie, bis sie genau aneinander passen, und an die Hohlform sich angeschmiegt haben. Hebt man den Druck nun auf, so erhält man neben einem Theil ausgeflossenen Wassers einen schönen, kompakten Eiscylinder; das Wasser zwischen den einzelnen Stücken fror dieselben unter gewöhnlichem Druck sofort zusammen, weil es unter der Wasserkälte von 0° war. Hierin liegt zugleich die Erklärung für die sogenannte Regelation, d.h. das Wiederzusammengefrieren von zwei gegen einander gepressten Eisstücken: es entsteht an der Berührungsstelle durch den Druck zwischen beiden eine Wasserschicht von unter 0°, Welche sofort beim Aufheben des Druckes " gefriert und die beiden Stücke in eines A^erkittet.
Tyndall machte in zwei Buchsholzstücke gleiche Vertiefungen; in die Vertiefung brachte er ein Stück Eis und presste die Modelformen mit dem dazwischen liegenden, überflüssig grossen Eisstück in einer hydraulischen Presse zusammen. Das Eis zerbrach in Stücke, aber die einzelnen Stücke regelirten wieder zusammen und eine kompakte Eislinse war das Resultat. So können wir das Eis in jede beliebige Torrn bringen, z.B. auch in Cylinderform. Man hört dabei das Knacken und Knarren des Eises. Setzen wir in den Hohlcylinder aber einen Stempel, der ihn nicht ganz ausfüllt, bringen Eis dazwischen und pressen, so zerbricht auch, wir hören es, das Eis in Stücke. In Folge der Regelation aber, die stattfindet, sobald die Eissplitter oder das Eispulver sich den Formen des 6e-fässes ganz angeschmiegt hat, resultirt ein kompakter Becher von Eis.
Man kann durch solche Metall- oder Buchsholz-model, die successiv immer stärkere Krümmungen verlangen, eine Eisplatte in einen halbkugelförmigen Becher verwandeln. Dieses so umgeformte Eis bricht auf Zug einfach, wie der Gletscher, durch Druck konnte es aber in jede Form gebracht werden.
Wenn wir uns in einem solchen Versuch, sagt Tyndall? die Modelformen sich unendlich langsam ändernd denken, so wird auch das darin eingeklemmte Eis seine Form nur sehr langsam, aber continuirlich ändern müssen, und dann kein krachender Bruch der Eismasse nöthig sein, das Eis wird sich wie eine plastische Substanz verhalten. Denken wir uns eine Eisplatte in einem Gletscher, die von zwei parallelen Querschnitten eingeschlossen ist. Die untere und obere Eismasse repräsentiren die Modelformen im Versuch, sie mulden die zwischen ihnen liegende Eisplatte durch ihr abwärts drängendes Gewicht langsam in Löffelforni aus. Hierdurch wird so langsam und continuirlich die Eisplatte anderen Formen sich anzuschmiegen gezwungen, dass kein Zerbrechen in Splitter wie im Versuch stattfinden muss. So spricht Tyndall.
Ich habe nachzuweisen versucht, dass auch das Brechen bei der Umformung im Gletscher stattfindet und eben dies es ist, was das Gletscherkorn und die Haarspalten erzeugt. Wenn diese Erklärung von der Entstehung des Gletscherkornes richtig ist, so muss. auch im kompakten Wassereise eine dem Gletscherkorn analoge Zertheilung künstlich dadurch erzeugt werden können, dass man grösser« Eisplatten in schwach muldenförmige Modelle quetscht. Es ist dies Experi- 35'2Heim.
ment mir wirklich gelungen und das so erhaltene Gletscherkorn konnte ich in keiner Beziehung vom Gletscherkorn der Gletscher unterscheiden. Hätte Tyndall bei seinen Versuchen über das Formen von Eis nicht allzu heftigen Druck wirken lassen, so dass das Eis momentan in feines Pulver zerbersten musste, hätte er demselben nicht auf einmal so starke Formveränderungen zugemutllet und mit grösseren Eismassen experimentirt, so wäre ihm eine Kornstructur in den umgeformten Eismassen sichtbar geworden. Sein Gletscherkorn war pulverfein und ist daher der Beobachtung entgangen.
Die früher schon aufgeführte Rechnung, mit der wir die Theorie von Hugi und Grad widerlegt haben, zeigt, dass die Gletscherkörnef der tieferen Regionen viel zu gross sind, um die entwickelten Körner der oberen Theile zu sein, dass also das sie umgrenzende Spaltennetz nothwendig ein immer vergehendes und daneben gleichzeitig immer wieder neu sich bildendes sein muss, und die Bewegung ist es, die es erzeugt. Das Gewicht, das auf alle Theile im Gletscher abwärts drückend wirkt, reisst in denselben ein Spaltennetz und zerbricht ihn in Körner, die nun ihre gegenseitige Stellung etwas ändern und wieder in den neuen Stellungen zusammenfrieren. Diese beiden Prozesse, das Haarspaltenreissen und das Wiederzufrieren, geschehen ununterbrochen neben und durcheinander in der ganzen Masse des Gletschers, und während in einer Flüssigkeit die einzelnen Moleküle aneinander sich verschieben, trennt hier die Masse sich in Brocken und die einzelnen Brocken verschieben sich aneinander.
Theorie der Gletscherbewegung.853
Je grösser der Druck ist, desto genauer wird das Eis sich anschmiegen müssen, desto mehr Haarspalten werden sich bilden müssen, desto kleiner also wird das von ihnen abgegränzte Korn sein. In den oberen Theilen sind die Gletscher mächtiger, daher auch die Last, die auf die Theile thalabwärts muldend drückt, um so grösser. Nach unten nimmt das ab und damit haben wir nun auch die Erklärung, warum das Gletscherkorn »ach unten an Grosse zunimmt, das Haarspaltennetz umgekehrt an Dichtigkeit abnimmt. Ausserdem wirkt im oberen. Theil die grössere Porosität auch auf grössere. oder leichtere Zertheilung durch Haarspalten.
Nun gehen wir zu einem Versuch von Helmholz ( und Tresca ) über. Bringen wir im Boden eines Hohl-cylinders eine kleinere Oeffnung an, stellen wir einen durch Pressen erhaltenen Eiscylinder, der das Hohl-cylindermodel ausfüllt, hinein, setzen einen Kolben ein und versuchen das Eis durch die kleinere Oeffnung herauszuquetschen. Wir sehen dann, dass diess ganz leicht geht: ein kompakter Eiscylinder quillt aus der kleineren Oeffnung hervor, nach und nach, je länger wir die Presse antreiben, wölbt sich die untere Fläche des vorgepressten Eiscylinders, weil in de* Mitte der Oeffnung die Masse geschwinder herausquillt als am reibenden Rande und endlich spaltet sich das Ganze. Wie hier der Eiscylinder durch die Oeffnung sich bewegen muss, so der Gletscher durch sein Felsenbett; die Bewegung ist in beiden Fällen in der Mitte grösser als am Rande.
Haben wir genau zugesehen, so fällt uns aber auf,
23 dass gleichzeitig eine Trübung des vorher durchsichtigen Eises stattgefunden hat und unter der Loupe erkennen wir ein feines Netz von Haarspalten, das die ganze Masse in eckige, unregelmässige Körner von Steck-nadelknopfgrösse theilt, in die wir sie mit einiger Sorgfalt auseinander reissen können.
Es ist wiederum das Gletscherkorn, das uns hier entgegentritt! Starke Differentialbewegungen im Eis, starke relative Verschiebungen seiner Theilchen bedingen die Bildung der Haarspalten und machen das Eissttick nachgiebig, plastisch. Wenn wir dieses Eis nun in warmem Wasser schmelzen und genau unter der Loupe beobachten, so sehen wir, dass von den Haarspältchen keine Luftbläschen aufsteigen, sie sind luftleer! Die Risschen, die im Innern der Masse sich bilden mussten, hatten zum Theil keine Verbindung mit der äusseren Luft. Tyndall hat am Gletscher eine Menge solcher feiner luftleerer Spältchen nachgewiesen, aber in seiner Theorie diese merkwtirdige Beobachtung nicht verwerthet;. durch den Helmholz'schen Versuch ist ihre Deutung gegeben: sie sind Risse und Verschiebungen, welche im Innern des Gletschers stattfinden.
Nach dem Versuch verschwinden ein Theil der Spältchen wieder durch Regelation; aber wo die verschobenen Eiskörnchen an einander nicht mehr genau passen, sind dauernde Haarspaltenreste geblieben.
Nun folgen wir Matthews und Bianconi einen Augenblick. Sie haben nicht gleichzeitig, aber doch ohne von einander zu wissen, das Eis auf Biegsamkeit untersucht.
Eine Menge von Körpern, die einer kurze Zeit wirkenden Kraft entweder widerstehen oder zerbrechen werden, geben lange wirkenden Kräften langsam nach.
Wenn man z.B. einen Stab Siegellack bei gewöhnlicher Temperatur zu biegen versucht, so gelingt das nicht; er zerbricht und zersplittert spröde. Wenn man ihn aber an beiden Enden hohl aufstützt oder aufhängt, so biegt er sich allmälig. Das gebogene Stück ist aber genau so spröde, wie vorher das gerade war. Tritt zu der Spannung, in der die Masse im aufgehängten Zustande sich befindet, eine Erschütterung, so tritt sogleich Bruch ein. Genau dasselbe tritt nun auch ein, wenn wir statt Siegellack Eis nehmen. Eis-stäbe hohl aufgelegt biegen sich in einer Temperatur von 0° oder darüber langsam- durch ihr blosses Gewicht, ohne dass Risse sich bilden. Tritt aber zu der Spannung, in der die Masse sich befindet, eine Erschütterung hinzu, so zersplittert sie. Eis also ist gegenüber langsam, ruhig wirkenden und lange andauernden Kräften biegsam.
Fassen wir eine Gletscherlamelle in 's Auge, die zwischen zwei nahe gelegenen Querschnittflächen liegt, so wird durch den in der Mitte stärkeren Druck auch diese Lamelle langsam muldenförmig abwärts gebogen. Beim Gletscher muss sie dadurch zugleich länger werden, es kommt also noch ein Zug in der Querrichtung des Gletschers hinzu. Ferner fehlt es nicht an Erschütterungen in der Gletschermasse, sei es durch Spaltenwerfen, sei es dadurch, dass Schuttmassen von den Thalgehängen auf den Gletscher stürzen. Für unsere Querlamelle wird daher Biegen ohne Bruch in einzelne Stücke ( in Gletscherkörner ) praktisch zur Unmöglichkeit werden;
doch wird immerhin diese Biegsamkeit zur anderen Art der Bewegung sich addiren.
Schliesslich müssen wir nochmals zu den Helmholz'-schen Versuchen zurückkehren. Stellen wir ein cylindri-sches Stück natürlichen Eises aus der Oberfläche eines gefrorenen Wassers geschnitten zwischen die Platten der Presse. Treiben wir die Presse an, so zerbricht der Block fast plötzlich mit Knall, jeder Riss geht durch die ganze Masse, das Eisstück zerfällt in einen Haufen von Trümmern, die bei noch weiterem Antreiben der Presse noch weiter zerspalten.
Nehmen wir anstatt einem Cylinder von Wassereis einen solchen, den wir. durch wiederholte Tyndall'sche Versuche schon möglichst umgeknetet haben, der also durchdrungen ist von einer Menge von Haarspältchen, so wird die Sache ganz anders. Da ist die Nachgiebigkeit eine viel grössere. Beim Pressen wird der Cylinder trübe durch zahllose kleine Risschen, wird dicker und kürzer, ohne zu zerbrechen. Erst zuletzt wirft er am Rande Spalten, die an die Radialspalten eines Gletschers erinnern, wo ein solcher sich ausbreitet. Je mehr also eine Eismasse schon umgeknetet ist, desto nachgiebiger ist sie, desto weniger massenhaft werden neue Haarspalten, überhaupt Risse entstehen müssen.
Wenn wir einen Eiscylinder aus Schnee gepresst haben, so ist er sehr trübe durch die massenhaften Luftbläschen, die darin liegen. Wenn wir ihn aber immer mehr durch allerlei derartige Modelungsversuche umkneten, so haben die Luftbläschen immer mehr Ge- legenheit zu entweichen und ihre Räume mit Press-wasser ( Wasser unter 0° durch Pressen entstanden ) auszufüllen.
Das Eis verliert an Volumen, auch durch Abfliessen von Wasser an Masse, wird aber immer klarer und kompakter. So genau wird im Verlauf des Gletschers von oben nach unten das Eis immer luftfreier und reiner.
Wenn man solche Versuche macht, so genügt eine kleine hydraulische Presse mit etwa zehn Atmosphären Kraft. Bei etwas steilem Gletscher herrscht ein solcher Druck in longitudinaler Richtung schon in geringer Tiefe unter der Oberfläche. Bei dem nur sehr wenig geneigten Unteraargletscher steigt für die unteren Eislagen die Last auf über fünfzig Atmosphären. In den Versuchen ist zudem alles Umformen schnell geschehen, darum war im Verhältniss mehr Druck nöthig, als die Gletscher gebrauchen. Dies alles ist wiederum nicht geneigt, unser erschüttertes Zutrauen in die Rechnung von Canon Moseley wieder herzustellen.
Die Erklärung der fliessenden Bewegung des Gletschers können wir in Folgendes zusammenfassen:
Der Gletscher fliesst in Folge des Gewichtes seiner Masse. Dieses, weil es nicht an allen Stellen gleich stark wirken kann, zwingt zu Differentialbeive-gungen, zu Verschiebungen in der Masse selbst: i ) Wo der Druck besonders stark wird, wird auf Lamellen senkrecht zu seiner Richtung Eis partienweise verflüssigt und herausgequetscht, und die thalaufwärts gelegenen, abioärts drückenden Eismassen rücken um den Betrag dieser Volumver- minderung nach;
gleichzeitig entsteht dadurch die blaue Bandstructur. 21 Eis ist lange wirkenden Kräften gegenüber in einer Umgebung von 0° oder wärmer -biegsam, bricht aber, wenn Erschütterungen hinzutreten. 3/ Die Verschiebungen in der Masse geschehen hauptsächlich dadurch, dass die Masse durch Bruch, doch ohne auseinander zu fallen, ein Netz von theils luftleeren, theils luft-haltigen Spältchen wirft; die dadurch umgrenzten Körner,, die Gletscherkörner, verschieben sich -ge-wissermassen als Atome der Bewegung aneinander. Regelation schliesst die Spältchen zum Theil wieder und neue müssen entstehen. Das beständige Umformen der Gletschermasse nach Art i ) und 31 macht das Eis immer nachgiebiger und verhilft den Luftblasen zum Entweichen.
Durch all dies wird bewirkt, dass Gletschereis als grosse Masse, auf Druck nachgiebig, plastisch, auf Zug spröde, spaltenwerfend- ist.
Damit freilich sind die Untersuchungen über Gletscherphysik keineswegs abgeschlossen, selbst nicht einmal was die Bewegungsverhältnisse betrifft. Wie Tiel der fliessenden Bewegung auf Nr. 1 in der letzten Zusammenstellung zu setzen ist, darüber gibt uns für die verschiedenen Gletscher der Grad, in dem die Structur entwickelt ist, einigen Aufschluss, während die relativen Bewegungsmengen, welche auf Nr. 2 und 3 und auf das Gleiten fallen nicht bestimmt sind. Die Mittel, mit denen bis jetzt die Bewegungsverhältnisse der Gletscher untersucht worden sind, entscheiden eine Menge wichtiger Fragen über die gegenseitigen Verschiebungen der Eismassen im Gletscher, über continuirliche oder sprungweise Zunahme der Geschwindigkeit vom Eand nach der Mitte, und anderes mehr, keinen Aufschluss.
In den letzten zwei Jahren suchte ich der Lösung solcher Fragen näher zu kommen; bis jetzt sind aber diese Experimente nicht so gelungen, dass klare Eesultate zum Vorschein gekommen wären. Es ist mit den Untersuchungen über die Physik der Gletscher wie mit zahlreichen andern wissenschaftlichen Problemen gegangen; man hat von Zeit zu Zeit geglaubt, alles verstanden und begriffen zu haben und hörte auf zu forschen; aber dann zeigten sich auf einmal noch zählreiche tiefer verborgene Probleme; der Zusammenhang früher getrennt behandelter Erscheinungen wird sichtbar; man muss ihn ganz aufdecken, und je mehr wir verstehen, desto zahlreicher sind die neuen Fragen, desto weiter weicht vor unserm Auge der letzte Grund, die letzte Ursache zurück, ganz ähnlich, wie es einem Unkundigen ergehen würde, der den Alpen sich nähert; er wählt aus der Ferne die höchste Spitze aus, um auf dieselbe zu steigen; alle Gipfel scheinen ihm eine Kette, eine Mauer zu bilden; er steuert in gerader Linie gegen sein Ziel, dann kommt er in das Labyrinth der Vorgipfel, verliert sein Ziel aus dem Auge, lernt andere kennen; erst nach zahlreichen Umwegen durch gekrümmte Thäler und über hohe Joche findet er sein Ziel wieder, von dem er aus der Ferne gesehen hat, dass es alles überragt und dass von ihm aus er den gesammten Zusammenhang am vollständigsten überschatten kann.
Der Lehrer kann seine Schüler auf dem kürzesten Wege zu einem Ziele führen, das Gemeingut der Menschheit geworden ist; der Forscher aber muss durch oft unendlich scheinende Umwege, auf denen das Endziel manchmal seinem Auge sich verbirgt, so dass er irre geht, nicht sich abschrecken und ermüden lassen — viele unerwartete kleinere Nebenziele liegen am Weg und ermuntern ihn.