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1970 fuhr und wanderte ich in die Centovalli-Dörfer, um Fotos für mein Buch „Die Centovalli“ zu machen.
In Borgnone beobachtete der junge Pfarrer, eine grün-weiss-rote Giro d’Italia-Schildmütze auf dem Kopf, wie Arbeiter das Steindach des Pfarrhauses abdeckten. Auf einer aus dicken Brettern gezimmerten Rutschbahn liessen sie die Granitplatten in den Pfarrhausgarten sausen. Mit den Platten schickten sie auch alte Bücher vom Dachboden hinunter. Zerdrückt und zerfetzt kam so nach und nach eine ganze pfarrherrliche Bibliothek unten an.
Ich stellte mich dem Pfarrer vor, erklärte ihm mein Buchprojekt und wies auf die schwer beschädigten Bücher hin. „Altes Zeug“, sagte er. „Feucht und absolut wertlos. Es hat keinen Sinn, dass ich die trockne und weiter aufbewahre.“
Auf den nächsten Platten reitend kam ein Buch in erstaunlich gutem Zustand bei uns an. „Darf ich es anschauen?“ „Aber sicher.“ Ich schlug es auf: La vita di San Carlo Borromeo. Der Pfarrer warf ebenfalls einen Blick hinein: „Total veraltet. Über San Carlo gibt es heute viel bessere Bücher.“ „Kann ich es Ihnen abkaufen?“ „Ich schenke es Ihnen. Aber wenn Sie der Kirche eine kleine Spende machen wollen?“ Ich drückte ihm zwanzig Franken in die Hand. Wir waren beide sehr zufrieden mit dem Handel.
Zehn Jahre später begleitete mich das Buch nach Finnland…
Seit dem 26. Januar 2018 führt eine Spur von Vancouver in die Centovalli, genauer: von der „Rare Books Collection“ der Universität von British Columbia nach Borgnone.
Marianne und ich brachten eine Manuskriptkopie von „Meine mitgebrachte Kindheit“ mit Text- und Fotodokumentation in mein persönliches Archiv, dazu drei seltene Bücher, die im Zusammenhang mit von mir verfassten Texten stehen. Eines davon ist „La vita di San Carlo Borromeo“, 1610 in Rom gedruckt, im Jahr der Heiligsprechung des Kardinalerzbischofs von Mailand. In den Centovalli wird San Carlo in mehreren Kirchen und Wegkapellen verehrt.
Das Buch war die wichtigste historische Quelle für die fiktiven San Carlo-Kapitel in meinem Buch „Das Centovalli Brautgeschenk“. Wie ich vor fast fünfzig Jahren in Borgnone in den Besitz dieses Buches kam, berichte ich in einem nächsten Blog-Beitrag.
Das Foto zeigt das „Irving K. Barber Learning Centre“, in dem sich die „Rare Books and Special Collections“ und ein damit verbundener Lesesaal befinden.
Wenn ich an grauen Wintertagen ins kahle Geäst unserer Fruchtbäume blicke, steigen Erinnerungen an die orangen Kaki-Lampions auf, die im November in den Centovalli an den blattlosen Ästen leuchten. Bei unserem Besuch im vergangenen November nahm Marianne diesen Baum in Intragna auf.
Ich nehme mein Buch „Das Centovalli Brautgeschenk“ aus dem Gestell und suche das passende Zitat:
In der Centovallibahn setzt sich mir ein junger Mann mit Stirnglatze und schmalem Schnurrbart gegenüber. Wir kommen ins Gespräch. Er studiert in Genf an der Diplomatenschule und ist wieder einmal bei seiner Grosstante in Golino zu Besuch gewesen. Die dreiundachzigjährige Frau spinne sich immer mehr in ihre Fantasiewelt ein. Steif und fest habe sie behauptet, die Kakifrüchte am Baum vor ihrem Haus hätten eine Nacht lang geleuchtet wie kleine orange Lampions. Sie habe kaum schlafen können und sei immer wieder ans Fenster getreten. Gegen Morgen seien die strahlenden Kugeln erloschen und allesamt vom Baum gefallen. Er frage sich, wie lange die gute Frau so noch allein haushalten könne. Jedenfalls müsse er ihre Verwirrung unbedingt im Familienrat zur Sprache bringen.
„Für Ihre Grosstante ist es sicher ein traumhaft schönes Erlebnis gewesen!“
„Ich habe ihr auch gesagt, dass sie das nur geträumt habe. Da ist sie aber richtig zornig geworden und hat mich angefahren, sie werde wohl noch zwischen Wachsein und Schlaf unterscheiden können.“
Der starke Nordwind blies mir gestern Abend den dicht fallenden Schnee horizontal ins Gesicht. So verschob ich den Einsatz meiner Schneeschleuder auf heute Morgen.
Nach einem kraftspendend starken Espresso aus dem italienischen „Maschinchen“, das mir mein Bruder im vergangenen November in Bern schenkte, halfen Marianne und ich einer Freundin, Futter für ihre Tiere (mehrere Angora-Ziegen und ein Lama) durch den Schnee zu ihrem Haus zu transportieren.
Am Nachmittag schrieb ich weiter an meinem Jugendtheaterstück (Anfang von Akt 1, da liegt noch viel Arbeit vor mir…). Zum Abendessen sind wir bei Schwägerin und Schwager in ihrem Haus mitten im tief verschneiten Biorebberg eingeladen.
Wir werden wieder eingeschneit, wahrscheinlich muss ich gegen Abend die Schneeschleuder einsetzen. Vorher wende ich mich der Arbeit an meinem neuen Jugendtheaterstück „John und Leonie“ zu…
Es handelt sich um Ponderosa-Kiefern, die als einzige grosse Baumsorte dank ihrer dicken Borke als Isolationsschicht und den mit einer Art Wachs versiegelten Nadeln Trockenheit, Hitze und Kälte des Halbwüstenklimas überleben können. Unser Haus befindet sich über dem Talboden auf ca. 450 m ü. M. Im Westen sehen wir zu einem Hügelzug und den grossen Rebberg auf dem Reservat der „Osoyoos Indian Band“ hinüber.
Mäuse haben wir viele, dazu „Packrats“, die wie grosse Siebenschläfer aussehen und, wie die Elstern, alles Glänzende in ihre Nester sammeln. Unsere Zäune halten die Hirsche ab. Nicht abhalten lassen sich die Bären. Die Pumas sind nicht an vegetarischer Kost interessiert. Problemlos durchs Drahtgitter kommen die Klapperschlangen und die Kolibris. Die erste Klapperschlange in diesem Jahr fing ich vor dem Atelier am 26. Juni. Die zweite lag drei Tage später neben unserer Zufahrt unter einem Haufen von geschnittenen Antilopenbusch-Ästen, die ich eben zum Abtransport ergriffen hatte. Ich fange die Schlangen jeweils mit meinem Bambus-Obstpflücker und bringe sie ins benachbarte Naturschutzgebiet, wo sie für eine Weile bleiben…
Vom kommenden Sonntag an werde ich mich für eine Woche kaum mehr an den Computer setzen. Mit den „RipOff Artists“ werde ich im „Quail’s Nest Arts Centre“ von Oliver vor Publikum arbeiten. Ich half die Gruppe vor elf Jahren gründen. Jedes Jahr lassen wir uns von einem Kunstwerk einer toten Künstlerin oder eines toten Künstlers inspirieren und „verwandeln“ es auf unsere Art mit unterschiedlichen Techniken und Materialien. Dieses Jahr machen wir eine Ausnahme und gehen von einer alten Banknote aus. Grund: „150 Jahre Kanada“ – die „First Nations“ sehen da verständlicherweise keinen Grund zum Feiern, denken lieber an ihre ca. 20’000 Jahre Geschichte ohne all die Einwanderer zurück.
Auf meinen Blog „Von Tal zu Tal“ freue ich mich sehr!
An Texten und Bildern wird es mir nicht fehlen.