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Regelmässig kehre ich zum epischen Werk «Ein säkulares Zeitalter» von Charles Taylor zurück, zuerst mit dem Hörbuch im Original (hier mehr zu meinen Lernritualen mit Hörbüchern). Die ausgezeichnete Übersetzung steht seit Jahren in meinen Regalen. Das Buch gehört zu den Wälzern, für die mir Zeit lasse. Nichts geht über ein langsames, von Seite zu Seiten vorarbeitendes Lesen mit dem Stift in der Hand. Regelmässig kehre ich an Kapitelanfänge und -ende zurück, weil Taylor dort die Frage für das nächste Teilstück jeweils stellt, auf vorhergehende Überlegungen zurückgreift und gelegentlich das Erarbeitete zusammenfasst. Hier habe ich Hinweise zur Lektüre von Sachbüchern sowie Fragen zum Verdauen formuliert.
Daneben schrecke ich nicht davor zurück, mich immer wieder mit Zusammenfassungen zu behelfen. Wikipedia lässt sich sehen. Zum 15. Kapitel, das ich gegenwärtig bearbeite, wird folgendes Summary geboten:
Im 15. Kapitel beschäftigt sich Taylor mit der Frage, warum es gegenwärtig kaum vorstellbar ist, an Gott zu glauben, während es um 1500 noch kaum vorstellbar war, nicht an Gott zu glauben. Um dieser Frage nachzugehen, beleuchtet er ein Phänomen der Gesellschaft, das er den immanenten Rahmen nennt: Man erklärt sich die Welt rein naturwissenschaftlich, ohne auf externe Entitäten (Gott, Kräfte und andere Elemente der verzauberten Welt) zurückzugreifen. Damit geht ein Prozess der Verinnerlichung einher: Anstatt z. B. von dämonischer Besessenheit zu sprechen, redet man von psychischer Krankheit. Die Dinge verlagern sich also in das Innere, in die Psyche hinein, die dadurch mehr Tiefe erhält, wohingegen die äußeren Einflussfaktoren der externen Welt entfallen.
Eine wichtige Überzeugung des Denkmodells vom immanenten Rahmen ist die Auffassung, dass die Wissenschaften Gott widerlegt haben oder zumindest Religion überflüssig ist. Die Argumente für diese Meinung schätzt Taylor als äußerst schwach ein. Daher geht er der Frage nach, warum diese Anschauung so populär ist, obwohl sie sich argumentativ nicht gut stützen lässt. Taylor erklärt sich das über Milieus und deren Vorbilder, die diese Position vertreten. Sie wirkt identitätsstiftend und verbindet Menschen, ungeachtet ihrer argumentativen Schwäche. Es entwickelt sich ein exklusiver Humanismus, der sich vom Christentum abgrenzt. Nach dem Tod Gottes sieht man sich einem kalten Universum gegenüber, dem man erst selbst einen Sinn geben muss, weil es in sich keinen Sinn hat. Mit Gott ist auch der geordnete, sinnvolle Kosmos gestorben. In diesem Narrativ fühlt man sich wie ein Erwachter, der aus dem Stadium der Kindheit zum Stadium des Erwachsenen übergegangen ist. Man fühlt sich nun nicht mehr naiv, sondern man kann alles erklären, hat alles unter Kontrolle und trotzt mutig den Sinnlosigkeiten der Welt. Dieses Narrativ scheint so grundlegend zu sein, dass selbst auf der Insel des festen Glaubens diese Vorstellung in Form von Zweifel sich einschleicht. Gott kommt primär im Modus des Vermissens zur Sprache.
Ausführliche Kapitelzusammenfassungen befinden sich auf diesem Blog.
Er ist nun soweit, dass er auf die Frage zurückkommt, die er in der Einleitung gestellt hat: “Warum ist es im modernen Westen (in vielen Milieus) so schwer, an Gott zu glauben, während es um 1500 praktisch unmöglich war, es nicht zu tun?” Eine offensichtliche Antwort auf diese Frage ist, dass Taylor dies in gewissem Sinne schon die ganze Zeit beschrieben hat. Taylor führte uns durch den Übergang vom porösen Selbst, das für Geister, Kräfte und Bedeutungen von außen offen ist, zum abgepufferten Selbst, das jetzt mit einem tiefen Innenleben abgeschlossen ist. Dies bringt eine scharfe Unterscheidung zwischen dem Innenleben und der äußeren Welt mit sich, die die frühere Erfahrung des Selbst nicht erkannt hätte. Eng verbunden mit dieser Verschiebung ist das Zunehmen der “Disziplin”, vor allem durch den Prozess der Reform, der ein geordnetes, produktives, gut erzogenes Volk hervorbringen sollte: “Dazu gehörte die Entwicklung von Disziplin, von Selbstbeherrschung, besonders in den Bereichen der Sexualität und des Zorns.” Wir sehen eine viel schärfere Unterscheidung zwischen dem “Privaten” und dem “Öffentlichen”, und es gibt einen “Rückzug aus früheren Formen des promiskuitiven Kontakts mit anderen”. Diese Veränderungen führen dazu, dass das moderne Individuum nun von der Gesellschaft losgelöst ist und als freier, rationaler Akteur in der modernen moralischen Ordnung handelt. Die Gesellschaft wird nicht mehr als in einer transzendenten Quelle begründet angesehen oder als seit jeher existierend, sondern vielmehr als in der menschlichen Entfaltung (flourishing) gründend.
Zum Buch kann ich zudem zwei Essaybände empfehlen: