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Es gibt gute Gründe, sich mit Staub auseinanderzusetzen. Etwa auf der praktischen Ebene: Im allwöchentlichen (oder so) Sisyphus-Ritual des Staubwischens. Aber auch in der Wissenschaft: Naiv, wer glaubt, die winterliche Feinstaubbelastung habe sich freiwillig verkrümelt. Alles, was Sie schon immer über Staub wissen wollten: Hartmut Bitomskys Film «Staub» - in der Schweiz an den Solothurner Filmtagen uraufgeführt - wirft unerwartete Perspektiven darauf.
Während neunzig Minuten sucht Bitomsky den Erscheinungsformen dieser Materie und den Konsequenzen, die ihre Existenz nach sich zieht, näherzukommen. Ein ebenso hoffnungsloses wie wissenschaftliches Unterfangen - ein Versuch einzufangen, «was noch nicht ist und nicht mehr ist», wie es eine Frau im Film beschreibt, die mit insektenforscherischer Akribie Staubformationen sammelt, kategorisiert, konserviert und systematisch geordnet an die Wand reiht. Ein Versuch, dem «Bodensatz der Schöpfung» auf die Spur zu kommen, wie sie den Staub nennt. Ähnlich auch die Absicht jener zwei Wissenschaftler, die Kometenstaubpartikel in einer komplizierten Apparatur aufeinanderprallen lassen: Sie suchen den Ursprung der Schöpfung im Entstehen von Planeten und Galaxien.
Die Grösse des Filmkorns
Für Bitomsky als Filmwissenschaftler geht es um «die Schwelle, an der die materielle Welt für das blosse Auge sichtbar zu werden beginnt»: ein zehntel Millimeter. Diesen Durchmesser muss ein Staubkorn haben, damit ein Film überhaupt von ihm handeln kann. Diese Grösse besitzt auch ein Filmkorn, «die kleinste visuelle Einheit, an der das Filmmaterial sichtbar wird.» Im Verlauf des Films wird auch er die Schöpfungsmetapher aufgreifen mit einem Filmschnipsel, der im Verlauf der Projektion dem Zerstörungsprozess anheimfällt, indem das Gefilmte zunehmend von Staubkörnern überdeckt wird.
Mit dem Staub gibt es also ein Problem. Zuerst einmal ein hygienisches. «Staub legt die Spur einer grundsätzlichen Verneinung», heisst es im Film. Immer wieder tauchen Putzfrauen und -männer auf. Professionelle RaumpflegerInnen in Museen, Büros, weissgekachelten Toiletten; zum Teil ihrerseits bis zur Unkenntlichkeit in weisse Schutzanzüge verpackt. Doch ein Beispiel in Nahaufnahme enthüllt: Man kann wischen, wie man will - etwas Staub bleibt immer, «ein Rückstand, der niemals eingeholt werden kann».
Auch wenn die Praxis des Staubwischens selbst zu einer Wissenschaft gemacht wird wie im Fall einer Hausfrau, die - während sie keine Sekunde davon ablässt, Staub zu wischen - ganz selbstverständlich erklärt, sie schraube regelmässig das Fernsehgerät auseinander, befreie sein Inneres mit einem Pinsel von Staub und wasche die äusseren Hüllen in der Badewanne. Im Übrigen hat sie ihre Wohnung danach ausgesucht, wie gut zugänglich die Winkel und Oberflächen für eine tägliche Reinigung sind.
Staub ist - zweitens - ein gesundheitliches Problem. Das wird vor allem aus seinen physikalischen Eigenschaften und seiner chemischen Zusammensetzung deutlich, wie verschiedene WissenschaftlerInnen immer wieder erklären. Am Beispiel des Russpartikelfilters, am Beispiel von Feinstaub, der in unsern Lungen Entzündungen hervorruft und über die Blutbahnen zum Herzen transportiert wird, wo er das Risiko eines Infarkts um bis das Dreifache steigern kann. Oder am Beispiel von Asbeststaub, der vierzig Jahre, nachdem man ihn eingeatmet hat, zum Lungenkrebs führt. Besonders eindrücklich: Minutenlang zählt Bitomsky all die Stoffe auf, die in der Staubwolke enthalten waren, die nach dem Einsturz des World Trade Centers durch die Strassenschluchten Manhattans fegte - «der ganze Müll unserer gegenwärtigen Zivilisation. Abgefackelt, zermahlen zu Staub.»
«Farbe ist Staub, der auffallen will»
Der Blick des Regisseurs bleibt stets dokumentarisch, verharrt in analytischer Distanz. Die Kamera diskret positioniert, lässt er einen Biologen erklären, wie Pflanzen ihre Blattoberflächen selbst reinigen; verfolgt Schritt für Schritt, wie Frauen in einer Fabrik ein Gerät montieren und verpacken, von dem man am Schluss erfährt, es handle sich um einen Luftwascher; guckt RestauratorInnen im Museum über die Schulter, wenn sie zärtlich antike Skulpturen abpinseln.
Seine eigentliche Erzählkraft schöpft der Film aus dem assoziativen Fluss des Kommentars, gehalten in der Tradition der «Voice of God» - des allwissenden Kommentators - , wie sie der klassische Dokumentarfilm entwickelt hat. Nie aber wirkt Bitomsky dabei schulmeisterlich. Einem Vogel gleich schwingt sich sein Kommentar, beflügelt durch die Montage, von Sequenz zu Sequenz und verwebt so die Stimmen der verschiedenen StaubexpertInnen zu einem facettenreichen Ganzen.
Nie illustriert der Film Gesagtes oder bedient Klischees mit bekannten Bildern. Zurückhaltend, ja ausgesucht ist selbst die Farbgebung im Film: Weiss dominiert - in den geputzten Innenräumen, den Labors und Museen ebenso wie in den Labormänteln der WissenschaftlerInnen, den Schutzanzügen der RaumpflegerInnen und den Kitteln der RestauratorInnen. «Farbe», lässt sich der Regisseur an einer Stelle vernehmen, «ist Staub, der auffallen will.» Und: «Film ist Staub, der in der Dunkelheit des Kinos aufleuchtet.» Vielleicht staubt es schon bald in einem Kino in Ihrer Nähe ...
«Staub». CH/D 2008. Regie: Hartmut Bitomsky. Der Filmstart in der Schweiz wurde noch nicht festgelegt.