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Seit rund vierzig Jahren bin ich bereits im Besitz eines kleinen Holzboots, das uns im Sommer immer eine grosse Freude ist. Es ist klein und unscheinbar, aber das Boot hat eine tolle Geschichte. Bekommen habe ich es etwa 1980, so genau weiss ich es nicht mehr, aber es dürfte etwa in dem Alter gewesen sein, weil ich zwischen 1979 und 1982 die 4. bis 6. Klasse der Primarschule Steckborn im Schulhaus Hub besuchte. Um dorthin zu kommen, führte mein Schulweg an der Obertorstrasse in Steckborn vorbei, wo hinter einem Tor zum Garten jeden Morgen ein liebenswürdiger Hund auf mich wartete, um einige freundliche Handgreiflichkeiten auszutauschen, bevor ich weiter musste. Ich begrüsste den Hund streichelte ihn – und ging weiter zur Schule.
Eines Tages rief die Besitzerin des Hundes bei meiner Mutter an und erkundigte sich, ob ich – als Dank für die gezeigte Zuneigung zu dem Hund – ein kleines Boot brauchen könnte. Sie hätte eines im Garten liegen, das nicht mehr benutzt wurde, sagte die Dame. Wir sagten zu, holten das Boot, frischten es auf – und seither ist das Boot unseres. Es ist ein extrem flaches, wendiges und dank seiner langen Paddel auch schnelles Ruderboot mit tiefem Seitenbord, das auch gut als Badeholfe dient. Etwa zwei Sommer lang konnten wir das Boot noch nutzen, bevor wir leider von der Seestrasse 64 in Steckborn (direkt am Wasser) nach Aadorf im Hinterthurgau umzogen (direkt an der Durchgangsstrasse). Dort stand das Boot, wir hatten es in der Zwischenzeit «Jerom» getauft, einige Jahre hochkant auf der Seite in der Garage.
Anfangs der neunziger Jahre zog ich zuhause aus, und das Ruderboot kam mit. Es wurde noch einmal renoviert, der Name kam weg (seither heisst es einfach «Böötli») und ich begann mich zu fragen, was es eigentlich für ein Boot ist. Ich fand heraus, dass es ein ausgesprochen lokaltypisches Modell ist, das in dieser Form vor allem am Untersee gebaut wurde, schätzungsweise von den 1930er bis 1960er Jahren. Man nannte es ein «Waserli», mutmasslich benannt nach dem Erfinder, einem Herrn Waser, der damals für die Werft Labhart in Steckborn arbeitete. Dort ist das Boot bis heute auf Bestellung erhältlich, doch tatsächlich sind die meisten Waserli heute verrottet oder zu Brennholz verarbeitet worden. Man sieht sie kaum noch, nur hin und wieder sieht man in der Form ähnliche Sport-, Bei- und Badeboote, die aber aus Kunststoff sind und ein geschlossenes Deck haben.
In den letzten dreissig Jahren haben wir das kleine «Böötli» immer wieder mal aufgefrischt und Teile erneuert. So bekam es vor einigen Jahren einen Einlegeboden aus unlackierten Mahagoni-Planken, auf dem man wunderbar liegen kann, wenn man gebadet hat. Wir hatten das Boot in der Zeit, als wir in Gockhausen wohnten, auch einige Jahre am Greifensee im Einsatz, wo es ein absoluter Exote war. Die Seepolizei Zürich hatte grosse Mühe, das Boot zu qualifizieren bzw. wollte es nicht registrieren, weil es nicht mehr den heutigen Normen und Vorschriften entspricht. Das Seitenbord sei viel zu tief für einen sicheren Betrieb. Dies ist natürlich lachhaft, denn in vierzig Jahren ist das Boot nicht ein einziges Mal vollgelaufen oder gekentert, obwohl wir zeitweise zu viert damit über den See gerudert sind.
Heute liegt unser kleiner Exote wieder am Untersee, wo er herkommt. Das Boot ist ein bisschen in die Jahre gekommen und bräuchte dringend mal wieder ein paar Schrauben und frischen Lack. Es ist nicht mehr ganz verwindungssteif, der Boden wurde auch bereits mehrfach abgedichtet. Aber es ist noch immer ein erfreuliches Stück Freizeitvergnügen. Es lässt sich darauf auch hervorragend picknicken! Und seit wir selbst ein Baumwoll-Sonnendeck dazu konstruiert und geschneidert haben, kann man auch stundenlang auf dem See bleiben, ohne einen Sonnenstich zu bekommen. Dieses Extra ist Gold wert.
Die Thurgauer Seepolizei klassifiziert das Boot, das ganz am Anfang einmal eine eigene Nummer hatte, heute als Badehilfe und schreibt vor, dass es maximal 50 Meter vom Ufer entfernt betrieben werden darf. Daran können wir uns in etwa halten – ohne Gewähr. 😉 Seit all den Jahren unverändert ist die auf der Innenseite angebrachte, von meinem Vater damals von Hand ausgefüllte Bootsplakette, die mich als Besitzer des Boots kennzeichnet – damals noch mit einer fünfstelligen Telefonnummer mit «054er»-Vorwahl. Die Zeiten haben sich geändert – das Boot ist dasselbe geblieben. Ich würde es gegen kein anderes Schiff eintauschen wollen, schon gar nicht gegen ein motorisiertes.