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Der Fokus dieses Blogs liegt auf Zürichdeutsch (ZHDt). Zum Beispiel wird im Wortschatz-Teil, wenn nicht anders angegeben, immer nur die ZHDt-Variante angegeben. Nichtsdestotrotz möchte ich an dieser Stelle eine kurze Übersicht über die Unterschiede zu den Dialekten anderer Regionen der Schweiz aufführen.
Im Grunde genommen handelt es sich immer noch um dieselbe Sprache, auch wenn Sprecher der unterschiedlichen Regionen manchmal spielerisch die Sprache der eigenen Region als besonders einzigartig preisen. Grammatisch gibt es zum Beispiel nur minimale Unterschiede. Auch der Grundwortschatz ist immer derselbe. Allerdings gibt es systematische Lautabweichungen zwischen den Varietäten, die dazu führen, dass sich sehr viele Worte in der Schrift unterscheiden; das kann den Eindruck erwecken, dass die Varietäten unterschiedlicher seien, als sie in Wirklichkeit sind.
Zudem gibt es auch ein einzigartiges Wortschatzreichtum, das seinen Grund vor allem darin hat, dass die Geographie der Schweiz bis vor relativ kurzer Zeit die weitgehende Isolation von verschiedenen Regionen begünstigt hat, weswegen sehr alte Formen überlebt haben. Ausserdem sind alle anderen Sprachen der Schweiz romanisch. Durch ihren Einfluss sind die schweizerdeutschen Dialekte besonders reich an Vokabular, das Deutschsprechern, die keine romanische Sprache können, eher fremd vorkommt.
Übersicht
Im Prinzip beansprucht jeder Kanton mindestens eine «eigene» Version des Schweizerdeutschen für sich, aber die alle einzeln zu analysieren ist an dieser Stelle nicht möglich. Statt dessen möchte ich grob zwischen den folgenden «grossen» Sprachregionen unterscheiden:
Zürich—Dies ist bei weitem die grösste Sprachregion. Auch die Zentralschweiz kann man grob dazu zählen, auch wenn ich mir dabei den Hass z.B. der Lozärner, Zuger und Urner sichere. Allerdings ist es so, dass sich die Sprache graduell mehr und mehr von D-StdDt entfernt, je weiter man nach Süden geht.
Bern—Auch innerhalb dieser Region gibt es viele Unterschiede, ja sogar innerhalb der Stadt Bern, aber man erkennt Berner im Grossen und Ganzen leicht an ihre Tendenz, langsamer zu sprechen, so wie an der Vokalisierung des /l/-Lautes, was ihrer Aussprache eine runde, süsse Weichheit verleiht.
Basel—Die traditionelle Sprache der Stadt Basel gehört eigentlich zur niederalemannischen Dialektgruppe, während im Rest der Schweiz Hoch- oder Höchstalemannisch gesprochen wird1____Mehr zu diesen Begriffen gibt es hier: https://swissgerman.czutro.ch/?p=306 .. Die Sprache von älteren Stadtbaslern steht den Dialekten des Elsass und Südbadens (Deutschland) näher als den Dialekten der Schweiz. Allerdings gleicht sich die Sprache in den jüngeren Generationen langsam dem Hochalemannischen an. Im Prinzip könnte auch die Sprache Schaffhausens zu dieser Kategorie zählen. Auch hier ist die Nähe zu Deutschland deutlich «herauszuhören», vor allem wegen dem «französichen R» und wegen der Sprachmelodie, die manchmal stark an den südlichen Schwarzwald erinnert.
Ostschweiz—Die Dialekte der Ostschweiz (Thurgau, St. Gallen und Appenzell) unterscheiden sich stark voneinander aufgrund der Geographie. Im Thurgau ist die Nähe zum Bodenseealemannischen und zum Schwäbischen deutlich zu hören, in Sargans dafür die Nähe zu Graubünden und Österreich. Und in den engen Tälern der Appenzeller Berge überleben Hunderte von Begriffen, die sonst nirgendwo zu hören sind. Aus deutscher Sicht ist die Sprache der Ostschweiz dezidiert schweizerisch, aber Schweizer Ohren hören die Nähe zu Deutschland ganz leicht. Ich habe persönlich Zürcher getroffen, die scherzhaft behauptet haben, St.-Gallen-Deutsch sei «im Prinzip schon Hochdeutsch».
Wallis—Walliserdeutsch gehört zum Höchstalemannischen, und damit unterscheidet es sich klanglich am Stärksten von der standarddeutschen Sprache. Der Wallis ist von der übrigen Schweiz geographisch stark isoliert, so dass die Deklinations- und Konjugationsvielfalt des Althochdeutschen überlebt hat, und auch der Genitiv ist bei konservativen Sprechern noch lebendig. Ausserdem ist hier der Einfluss der altfranzösischen Sprachen auf den Wortschatz am Stärksten.
Graubünden—Wie im Wallis haben auch hier, bedingt durch die Geographie, in verschiedenen Dialekten sehr alte Sprachmerkmale überlebt. Ausserdem gibt es noch die spezielle Varietät, die sich ergibt wenn Rumantsch-Muttersprachler CHDt sprechen.
Vokalisierung von l im Silbenauslaut. Es wird wie ein polnisches ł oder ein englisches w ausgesprochen. Es wird mit u geschrieben, aber der Buchstabe behält seinen Charachter als Konsonant: d.h., der [u]-Laut bildet keinen Diphthong mit dem vorangehenden Vokal!
verzeue [fɛrˈtsɛːuə], nicht [fɛrˈtsɔʏ̯ə]!
verzähle
erzählen
d Chiuche
d Chile
die Kirche
aui
alli
alle
viu
vill
viel
Velarisierung3Verdunklung eines Lauts durch die Annäherung der Zunge an den hinteren Teil des Gaumens (Velum) [1]. von nd. Es wird in der Schrift mit ng angegeben, und [ŋ] ausgesprochen (wie das ng in Finger).
de Hung
de Hund
der Hund
d Stung
d Stund
die Stunde
aa ⟶ ai
gait
gaat
geht
au ⟶ ou
s Outo
s Auto
das Auto
manchmal Verkürzung von historisch langen Vokalen (Diphthonge auf StdDt)
wit
wiit
weit
schribe
schriibe
schreiben
suge
suuge
saugen
Ei wird eher als [eɪ] ausgesprochen statt als [aɪ].
[fleɪʃ]
[flaɪʃ]
Fleisch
Grammatik
Transposition von Hilfs- und Hauptverb in Nebensätzen
I ha si la gaa.
Ich ha si gaa laa.
Ich habe sie gehen lassen.
Wiu i chrank bin gsi.
Wil ich chrank gsi bin.
Weil ich krank war.
Pluralendung -e auch bei einsilbigen starken Maskulina (auf ZHDt Nullendung)
zwe Wäge
zwee Wäg
zwei Wege
zwe Tische
zwee Tisch
zwei Tische
zwe Steine
zwee Stäi
zwei Steine
keinen einheitlichen Plural bei der Verbkonjugation
mir hei
mir händ
wir haben
diir heit
ir händ
ihr habt
si hei
si händ
sie haben
Zahlwörter zwei und drei mit Genus-Sensitivität
zwe Manne
zwee Manne
zwei Männer
zwo Froue
zwee Fraue
zwei Frauen
zwöi Ching
zwee Chind
zwei Kinder
drei Manne
drü Manne
drei Männer
drei Froue
drü Fraue
drei Frauen
drü Ching
drü Chind
drei Kinder
Höflichkeitsform mit der 2. statt der 3. Person Plural
Diir / Euch
Si / Ine
Sie / Ihnen
Rechtschreibung
Der lange i-Laut [iː] wird bevorzugt mit y statt ii geschrieben4Die meisten Mundartromane, die verfügbar sind, sind auf Berndeutsch..
Typisch Berner Wortschatz
Grüessech (kommt von «Gott grüsse Euch»)
Grüezi (kommt von «Gott grüsse Sie»)
geng
jeweils, immer
liire, prichte
plaudern
näär
nachher
sider
seither
u dä!
na und?
de Giel [gɪu]
der Junge, der junge Mann
s Müntschi
der Kuss
Säg ejnisch! [ˈeɪnɪʃ]
Sag mal!
²
Berndeutsch
³
Verdunklung eines Lauts durch die Annäherung der Zunge an den hinteren Teil des Gaumens (Velum) [1].
⁴
Die meisten Mundartromane, die verfügbar sind, sind auf Berndeutsch.
«Ich gang go poschte.»: der Satz, mit dem Schweizer gern beweisen, dass ihre Sprache nicht einfach Deutsch ist, sondern etwas eigenes. Davon abgesehen, dass poschte nichts mit Post zu tun hat, sondern (ein)kaufen heisst, was D-StdDt-Sprecher gerne verwirrt, enthält dieser Satz die Partikel go, deren Existenz die standarddeutsche Grammatik nicht erklären kann.
Doch die alemannische Grammatik hat zwei gute Erklärungen dafür.
Phänomen 1: Verbverdopplung
Fangen wir mit ein paar Beispielen an:
Gang go luege, ob d Poscht cho seg.
Geh nachschauen, ob die Post gekommen ist.
Ich chum morn dich cho bsueche.
Ich komme Dich morgen besuchen.
Wottsch mi würkli la gaa laa?
Willst du mich wirklich gehen lassen?
Gschwind! Do fangt d Glace afa schmelze.
Beeilung! Da fängt das Eis gerade an zu schmelzen.
Tabelle 1: go, cho, laa, afa
Im Alemannischen1Schweizerdeutsch ist Alemannisch! S. hier. werden die Verben gaa, cho, laa und aafaa, wenn sie reine Infinitive regieren, in verkürzter Form vor dem regierten Infinitiv wiederholt [1]. «Regieren» bedeutet, dass gaa, cho, laa und aafaa als Hilfsverben eingesetzt werden, während das Hauptverb im Infinitiv ist. In den Beispielen auf Tabelle 1 sind das luege, bsueche, gaa und schmelze.
Besonders wichtig ist, dass die Verdopplungspartikel nicht identisch mit dem regierenden Verb ist, sondern eine verkürzte Form davon. Ausserdem gibt es eine grosse geographische Variation, wie die verkürzte Partikel genau lautet, und wann genau sie angewendet wird.
Gehen wir nun einen Schritt weiter. Folgende Sätze sind reale Beispiele:
Er chuntgo jasse.
Er kommt zum Jassen2Jass ist wahrscheinlich das beliebteste Kartenspiel der Schweiz. Es ist auch im übrigen alemannischen Sprachraum verbreitet, aber seine Popularität ist in der Schweiz sicher am höchsten..
Si faart an Bahnhof ire Maa go abhole.
Sie fährt zum Bahnhof, um ihren Mann abzuholen.
Tabelle 2: cho + go, faare + go
Sind das auch Verbverdopplungen? Schliesslich sind cho und faare irgendwie Variationen von gaa, oder? Alles Bewegungsverben.
Nein. Laut [2] müssen beide lexikale Elemente mit dem selben Verb assoziiert sein. Also sind die einzig erlaubten Kombinationen gaa mit go, cho mit cho, laa mit la und aafaa mit afa.
Die Beispiele auf Tabelle 2 entsprechen nicht der Verbverdopplung, sondern einem anderen Phänomen.
Jass ist wahrscheinlich das beliebteste Kartenspiel der Schweiz. Es ist auch im übrigen alemannischen Sprachraum verbreitet, aber seine Popularität ist in der Schweiz sicher am höchsten.
Phänomen 2: gen
Manchmal hört man von älteren Mitbürgern Sätze wie
Ich gang go Züri.3Heutzutage sagt man eher «Ich gang uf Züri.»
Bei diesem Satz handelt es sich nicht um das Phänomen der Verbverdopplung, denn in diesem Satz wird gaa nicht als Hilfsverb verwendet, sondern es wird konjugiert (gang). Das go muss aber einen Grund haben.
In Wirklichkeit leitet sich dieses go vom Mittelhochdeutschen gen (gegen) ab [3], und es wird offensichtlich im Sinne von nach verwendet. Also bedeutet «Ich gang go Züri.» nichts anderes als «Ich gehe nach Zürich.». Ähnlich kann «Ich gang go schlafe.» gedeutet werden als «Ich gehe zum Schlafen.».
Das (standarddeutsche) Wort gen ist nicht mehr üblich, aber es kommt oft in der Bibel vor, so wie in weiteren älteren Texten. Zum Beispiel: «Sie fuhren gen Rapperswyl über See.», aus «Die Volkslieder der Deutschen» von Friedrich Karl von Erlach, erschienen im Jahre 1834 [4].
Wenn go von gen abstammt, kann auch sehr oft ge verwendet werden. Auch ga, gi und gu sind möglich.
³
Heutzutage sagt man eher «Ich gang uf Züri.»
Kombination beider Phänomene
Schauen wir uns nun ein weiteres Beispiel an, das unter jungen CHDt-Sprechern freilich nicht mehr oft zu finden ist.
Ich gang goge schaffe.
Ich gehe arbeiten.
Manche Autoren haben diese Konstruktion fälschlicherweise als Verbverdreifachung gedeutet (gang, go, ge: drei Mal gehen, oder?). Aber das ist sie nicht. In Wirklichkeit ist goge die Kombination von go (Verbverdopplung) und ge (gen).
Wortschatz
poschte
kaufen
luege
sehen / nachschauen
morn
morgen
d ˈGlace4Ich persönlich hasse dieses Wort mit Leidenschaft! Es tönt schrecklich und keinesfalls wie der wohlklingende französische Begriff, von dem es sich ableitet: crème glacée. (Pauvre français!) Aber es hat wohl noch nie ein echter Eidgenosse Speiseeis oder Eiskrem gesagt. Wer ernsthaft lernen will, muss sich (leider) anpassen.
das Speiseeis
würkli
wirklich
jasse
jassen / Jass spielen
töne
klingen
uf Züri gaa / faare
nach Zürich gehen / fahren
z Züri si
in Zürich sein
⁴
Ich persönlich hasse dieses Wort mit Leidenschaft! Es tönt schrecklich und keinesfalls wie der wohlklingende französische Begriff, von dem es sich ableitet: crème glacée. (Pauvre français!) Aber es hat wohl noch nie ein echter Eidgenosse Speiseeis oder Eiskrem gesagt. Wer ernsthaft lernen will, muss sich (leider) anpassen.
«Ich» oder «i»? Wie sagt man nun «ich» auf Schweizerdeutsch?
Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, hat mein Deutschlehrer mal folgenden Satz gesagt: «Langsam, laut und deutlich! Richtiges Deutsch zeichnet sich dadurch aus, dass jeder einzelne Buchstabe richtig artikuliert wird. Immer!» Den Satz hat er besonders loriothaft ausgesprochen. Folglich habe ich den nie mehr vergessen, und als Schüler habe ich auch gedacht, das sei die einzig richtige Art, Deutsch zu sprechen.
Doch das gilt nur für die idealisierte Standardsprache. Die Realität ist, dass die Leute im Alltag eben nicht perfekt artikulieren. Auch der «Hochdeutschsprecher» sagt mal «Ds hamma schon.» statt idealisiert korrekt «Das haben wir schon.» Und keinem, der das hört, fällt das als falsch auf.
Es ist auch nicht wirklich falsch. Phänomene wie Vokalreduktion kommen in vielen Sprachen vor [1, 2, 8], und in manchen Sprachen sind sie sogar Teil der Standardsprache. Nicht selten erkennen Englisch-Muttersprachler einen Non-Native genau daran, dass dieser «zu perfekt» artikuliert.
Vokalreduktion bedeutet, dass Vokale in unbetonten Silben anders ausgesprochen werden als in betonten Silben, nämlich «weniger genau». Die Vokalreduktion kommt auch im Standarddeutschen vor. Vater liest man nämlich [ˈfaːtɐ] statt [ˈfaːter]. Irgendwann in der Geschichte hat das e in Vater an Qualität verloren, und das r ist komplett verschwunden. Der Qualitätsverlust ist schliesslich als richtig akzeptiert worden: so sehr, dass Deutsche es generell als falsch empfinden, wenn jemand [ˈfaːter] sagt.
Was es auf StdDt nicht gibt ist ein dynamisches Phänomen, wodurch das gleiche (einsilbige) Wort anders ausgesprochen wird, je nachdem, ob das Wort im Satz betont oder unbetont ist. Das heisst, in manchen Sprachen gibt es einsilbige Worte in zwei Versionen: die betonte Version des Wortes nennt man Starktonform, die unbetonte dagegen Schwachtonform [3]. Achtung: den Unterschied gibt es generell nur in der Aussprache, nicht in der Schrift!
Alemannisch1Schweizerdeutsch ist Alemannisch! S. hier. gehört zu den Sprachen, die dieses dynamische Phänomen kennen. Standardenglisch genau so, und bevor wir uns CHDt wenden, möchte ich ein Beispiel aus dem Englischen zeigen, weil es den meisten wahrscheinlich schon bekannt ist:
That is a [ə] cat.
Das ist eine Katze.
I don’t mean that cat. I mean a [eɪ] cat.
Ich meine nicht die Katze, sondern eine (irgendeine) Katze.
Im ersten Satz, in dem der Artikel a nicht betont ist (weil das Wort Katze das zentrale Element der Aussage ist), liest man a wie [ə], also wie ein kurzes zentrales e (Schwa [4]), etwa wie das e in CHDt guet (gut). Im zweiten Satz, in dem der Artikel a betont ist (weil die Klarifizierung, dass es sich um eine, und nicht um die Katze handelt, die zentrale Aussage ist), wird das a dagegen wie [eɪ] gelesen, also so wie der Buchstabe A im englischen Alphabet heisst.
Das gibt es auf Schweizerdeutsch auch:
Ich han en Hund. Häsch du es Huustier?
Ja, hani.
Im zweiten Satz, in dem das Wort Ja zentral ist, wird das ich reduziert und mit dem vorangehenden ha zu hani verschmolzen. Warum das n da ist, wird hier erklärt.
Starktonformen in Fettschrift (obere Zeile), Schwachtonformen in Normalschrift (untere Zeile)
²
Auch eus geschrieben.
Am Beispiel der Personal- und Possessivpronomen ist leicht zu erkennen, dass die Qualität der Vokale degradiert wird, wenn diese Worte unbetont sind. Fast alle Starktonformen haben lange Vokale, während alle Schwachtonformen kurze Vokale haben. Bei iich oder miich wird nicht nur der Vokallaut verkürzt, sondern der ch-Laut verschwindet auch. Bei öis oder öi degradiert sich der (schwer auszusprechende) Diphtong öi zum einfachen Vokal i. Und bei den Dativ-Formen miir, diir und im, vereinfacht sich das lange oder kurze i zu e.
Wieso ist das /e/ einfacher als das /i/? Wegen der Zungenposition. Das /e/ wird als [e] oder [ə] realisiert. Das sind zentrale Laute; das heisst die Zunge befindet sich im Zentrum des Mundes, und damit ist sie eher relaxiert als bei den Lauten [iː] oder [ɪ]3Wer mehr darüber wissen möchte, sollte über das Vokaltrapez [5, 6, 7] lesen..
In jedem Fall sehen wir, dass es eine natürliche Tendenz gibt, «sich weniger Mühe» zu geben, wenn man Worte ausspricht, die eine weniger wichtige Rolle im Satz spielen. Es ist ein ganz natürlicher Vorgang.
Zurück zu den Personal- und Possessivpronomen: es ist zu bemerken, dass die Doppelvokalschreibweisen sehr selten zu sehen sind. In den Tabellen hier und hier gebe ich diese Schreibweisen der Einfachheit halber auch nicht an. Jedoch sollte man sich merken, dass es in der Aussprache definitiv einen Unterschied ausmacht, ob diese Worte betont oder unbetont sind.
³
Wer mehr darüber wissen möchte, sollte über das Vokaltrapez [5, 6, 7] lesen.
Beispielsätze
In der folgenden Tabelle werden noch die Schreibweisen mit Doppelvokal verwendet, um den Unterschied zwischen betonten und unbetonten Formen deutlich zu machen. Später in diesem Blog werde ich der Einfachheit halber nur die Schreibweisen mit Einfachvokal verwenden.
unbetont
betont
Ich bi de Ueli.
Mini Schweschter trinkt nöd gärn Milch, iich scho.
Morphologische Studien zeigen, dass in den meisten Sprachen die meistgebrauchten Worte tendenziell kürzer sind [1, 2]. Das leuchtet ein. Es wäre doch sehr umständlich, relativ einfache Zusammenhalte auszudrücken, wenn die Verben sein oder haben so lang wären wie etwa entgegensetzen!
So ist es im Deutschen natürlich auch: die meistgebrauchten Verben sind eher kurz. Aber die alemannische Dialektfamilie verwendet noch kürzere Formen, die aus linguistischer Sicht sehr interessant sind, weil deren Konjugation Regeln unterliegt, die auf StdDt nicht gültig sind. Kurzverben wie auf CHDt gibt es übrigens auch in manchen germanischen Sprachen Nordeuropas, z.B. im Norwegischen oder Schwedischen, deren Kurzverben überraschenderweise fast identisch zu den schweizerdeutschen sind [3].
Kurzverben haben einen einsilbigen Infinitiv, der immer auf einen langen Vokal oder Diphtong endet [4, 5]. Auch das Partizip Perfekt ist meistens einsilbig.
si1Auch sy oder sii geschrieben. Obwohl die Schreibweise si im Grunde genommen falsch ist, weil lange Vokale durch Verdopplung angegeben werden müssen, ist die Schreibweise si sehr verbreitet. Das ist wohl ein weiteres Beispiel dafür, wie die am Meisten verwendeten Worte auf natürliche Weise tendenziell vereinfacht werden.
sein
ha2Auch haa geschrieben. Auch hier ist ha eigentlich nicht ganz richtig, aber sehr verbreitet.
haben
cho
kommen
gaa / goo
gehen
staa / stoo
stehen
laa / loo
lassen
gee
geben
nee
nehmen
schlaa / schloo
schlagen
gsee
sehen
tue
tun
zie
ziehen
flie
fliehen
gschee
geschehen
faa3Fangen wird oft als Nicht-Kurzverb gebraucht, also als fange (fang, fangsch, fangt, fanget). Jedoch werden von fangen abgeleitete Verben wie aafaa (anfangen) wie Kurzverben konjugiert (faa aa, faasch aa, faat aa, fönd aa).
fangen
Tabelle 1: die schweizerdeutschen Kurzverben [4, 5]. Hier gibt es die vollständigen Konjugationstabellen.
¹
Auch sy oder sii geschrieben. Obwohl die Schreibweise si im Grunde genommen falsch ist, weil lange Vokale durch Verdopplung angegeben werden müssen, ist die Schreibweise si sehr verbreitet. Das ist wohl ein weiteres Beispiel dafür, wie die am Meisten verwendeten Worte auf natürliche Weise tendenziell vereinfacht werden.
²
Auch haa geschrieben. Auch hier ist ha eigentlich nicht ganz richtig, aber sehr verbreitet.
³
Fangen wird oft als Nicht-Kurzverb gebraucht, also als fange (fang, fangsch, fangt, fanget). Jedoch werden von fangen abgeleitete Verben wie aafaa (anfangen) wie Kurzverben konjugiert (faa aa, faasch aa, faat aa, fönd aa).
Von Kurzverben abgeleitete Verben, wie z.B. umeschlaa («um sich herum schlagen»), durezie (durchziehen), abelaa (herunterlassen), ufegaa (hinauf gehen), etc., sind nicht mehr einsilbig, aber sie werden wie Kurzverben konjugiert.
Konjugation im Präsens
Normale Verben haben einen Stamm, und die verschiedenen Formen werden durch das Hinzufügen einer Endung gebildet. Kurzverben haben dagegen einen Singularstamm und einen abweichenden Pluralstamm, der meistens einen Umlaut enthält [6]. Ausserdem ist die Endung im Plural anders als bei Normalverben.
Beispiel
Infinitiv
tue
ich
Singularstamm
tue
du
Singularstamm + sch
tuesch
er / si / es
Singularstamm + t
tuet
mir / ir / si
Pluralstamm + nd
tüend
Tabelle 2: Konjugation der Kurzverben
Kurzverben sind stark irregulär. So können sie einen stark abweichenden Singularstamm und irreguläre Singularendungen haben, z.B. gee (geben): gib, gisch, git.
Ausserdem gibt es im Plural regionale Unterschiede. Zum Beispiel haben auf Zürichdeutsch alle drei Personen die gleiche Form. In Bern, Basel und Graubünden können zwei verschiedene Pluralformen vorkommen, im Wallis sogar drei, wie die folgenden Karten [7] zeigen:
Regionale Unterschiede
Auf Tabelle 1 sind für gehen, stehen, lassen und schlagen jeweils zwei Formen angegeben. Diese zwei Formen sind nicht grundsätzlich austauschbar, sondern sie hängen von der Region ab. In diesem Blog möchte ich mich auf Zürichdeutsch konzentrieren, aber da die Kurzverben sehr oft verwendet werden, ist es keine schlechte Idee, auch die Formen zu kennen, die in anderen Regionen üblich sind. Zum Beispiel: