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Rainer Werner Fassbinder
Rainer Werner Fassbinder lebte auf der Überholspur, zu seinem «täglich Brot» zählten 20 Zigaretten und eine halbe Flasche Whisky. In den 1970er- und 80er-Jahren prägte er das Deutsche Kino wie kein anderer. Allerdings war auch kein anderer so umstritten wie er.
Er gilt bis heute - über 30 Jahre nach seinem Tod - als einer der talentiertesten Regisseure, Filmproduzenten, Schauspieler und Autoren Deutschlands. Genauso aber auch bleibt er als unangenehmer Zeitgenosse, Bürgerschreck, Drogenabhängiger und emotional Labiler in den Köpfen der Menschen. Am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder, der wichtigste Vertreter des Neuen Deutschen Films der 1970er- und 80er-Jahre, 70 Jahre alt geworden. Mit nur 37 aber stirbt er an einem Mix aus Alkohol, Kokain und Barbiturate. Zurück bleiben über 44 einflussreiche Filme und TV-Serien.
Die einen beschreiben ihn als Genie, die anderen als Besessener. Vor allem aber schaffte Rainer Werner Fassbinder, oder kurz bloss RWF, wie kein anderer in einer so kurzen Schaffensphase die deutsche Gesellschaft derart schmerzhaft und wahrhaft zu porträtieren. Der 1945 Geborene interessierte sich bereits im Jugendalter für das Filmemachen, schlug aber schon damals unkonventionelle Wege ein: So näherte er sich dem Film als Autodidakt und wurde 1969 auf das Action-Theater aufmerksam. Als Ensemblemitglied in die Theater-Gruppe aufgenommen, ging kurz danach das «antiteater» hervor. Damals lernte er auch die Schauspielerin Hanna Schygulla kennen, die später mitverantwortlich war für einen von Fassbinders grössten Film-Erfolgen. Als er Ende der 1960er-Jahre Spielfilmprojekte zu realisieren begann, wurde sein erster Film «Liebe ist kälter als der Tod» an der Berlinale noch ausgepfiffen.
Erst Die Ehe der Maria Braun (27. Mai, 20:15 Uhr, Arte) führte zum gewünschten Erfolg: Der 1979 entstandene Film erzählt die Geschichte der Maria Braun, die 1945 nach dem Krieg ihren vermissten Ehemann sucht. Ihren Mann für tot haltend, beginnt sie eine Liebesbeziehung zu einem amerikanischen GI. Alles scheint in Ordnung, bis eines Tages der totgeglaubte Hermann vor ihrer Tür steht. Der Film über Kriegsheimkehrer, Verdrängung und die Schattenseiten der Wirtschaftswunderjahre zählt bis heute zu den besten und vielschichtigsten Filmen des Regisseurs. Hauptdarstellerin Hanna Schygulla sollte ihn bei zahlreichen weiteren Projekte begleiten, war sie für Fassbinder von Anfang an Antrieb und Inspiration seines filmischen Schaffens. Auch Händler der vier Jahreszeiten (30. Mai, 22:10 Uhr, 3sat) wird bis heute hochgelobt.
Neben seinen filmischen Erfolgen, sorgte Fassbinder aber auch für zahlreiche Skandale: 1974 schrieb er ein Theaterstück, das aufgrund der Verwendung antisemitischer Klischees eine heftige Kontroverse auslöste. Der Rebell wurde zu seinen Lebzeiten auch gerne als Antikommunist, Chauvinist und homophobe betitelt, und das obwohl er selbst bisexuell war und dies auch öffentlich zur Schau stellte. Das «enfant terrible» des Neuen Deutschen Films war kein einfacher Zeitgenosse, behandelte seine Mitarbeiter und Mitmenschen oft schroff und bewegte sich immer zwischen Produktivität und Selbstzerstörung.
Wer noch mehr über den Filmemacher wissen will, dem sei die Dokumentation Fassbinder (27. Mai um 22:10 Uhr, Arte) ans Herz gelegt: Darin erzählen Weggefährten, wie sie Fassbinder erlebten, er seinem Namen als Rüpel-Regisseur alle Ehre machte, aber trotz allem auch eine unbekannte und sensible Seite hatte.