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O’ Pazzariello
O’Pazzariello – im Vico Pazzariello
Noch ist es ruhig im Vico Pazzariello, in Neapels centro storico, bei Angelo Picone”O’ Capitano”, und Pina Andelora “La Perzecchella”.
Im “basso” wird längst vorbereitet: das traditionelle Essen für die Gäste, die Stimme des Pazzariello, die Sprüche, die Instrumente, die Fantasie…es ist heiss, die Energie ist sprudelnd…
Wir sind in Neapel, wohnen im Hotel, quasi um die Ecke. Heute Abend ist Vorstellung bei Angelo und Pina, ein paar verwinkelte Gassen weiter Richtung Hafen. Es ist 20.00. Der Himmel ist noch hell. Wir bewegen uns dem grossen Komplex der Santa Chiara entlang zum Vico Pazzariello.
Ecco, da um die Ecke muss es sein. Ja, das Licht über der Türe ist an, der Tisch in der Gasse gedeckt, die Gläser stehen bereit. Eben werden die “Bruschette” herausgetragen von Angelos Freunden und Helfern. In der Strasse, an die Hausmauern gelehnt, stehen die Stühle für uns Gäste. Wir werden herzlich begrüsst von der ganzen Crew.
Neben dem Tisch steht ein Unikum, gebaut auf das Untergestell eines Kinderwagens. Obenauf befestigt eine Trommel, Glocken und eine Hupe, Lautsprecher. In einer Ecke liegen hingeworfene Gegenstände. Wir kennen sie nicht. Sie entpuppen sich später als Instrumente eines kleinen Orchesters.
Farbige Kopfbedeckungen hängen an einem Haken, dazu eine Tasche, die aussieht wie das Futteral eines Napoleon-Hutes.
Roter Wein wird eingeschenkt, wir stossen an, eine Bruschetta in der Hand.
Trommelwirbel!!!! Das Spektakel beginnt. Wir sind auf der Strasse, vor dem “basso”, Nachbarn, Vorbeigehende, Freunde gesellen sich laufend zum Publikum
Aus dem Hutfutteral zieht Angelo jetzt einen kleinen Napoleonhut hervor. Er setzt ihn Tonino auf den Kopf. Tonino, ein Junge aus der Nachbarschaft, hat bei Angelo gelernt. Er trägt die Jacke einer dekorierten Uniform. Angelo liess sie für ihn nähen.
Der nächste Trommelwirbel, dazu laut „Attention!!! Bataillon!!! ….Padron!!!!
So viel neapolitanisch verstehen wir, einige Wörter dazwischen gehen verloren…Angelo erzählt inzwischen aus dem Leben des Volkes, des “popolo” in den “bassi”. Eng verbunden damit ist die Figur des Pazzariello. Pazzariello ist einer aus dem Volk, und doch ein Besonderer:
Wir stutzen, Vico Pazzariello…..pazzo…..heisst das nicht verrückt, matto? Gibt es in Neapel einen Winkel für das Verrückte, das Aussergewöhnliche? Richtig! Dieser Strassenname ehrt die traditionelle Figur des Pazzariello, ein etwas “ver-rückter Strassenkünstler”. Angelo wird ihn uns vorstellen, in der nächsten halben Stunde, in und vor seinem “basso”.
Angelos “basso” ist mittlerweile Treffpunkt für Strassenkünstler jeglicher Herkunft geworden.
Angelo erzählt zuerst vom Leben des “popolo” in den “bassi”, früher
“Bassi sind diese Wohneinheiten ganz unten in den hohen Häusern, in den alten Stadtteilen Neapels, wie hier: dunkle Zimmer, halb in die Erde eingelassen, ohne hygienische Einrichtung. Meist ist die Türe die einzige Lichtquelle. Schlafstellen, Küche, Hausrat, alles ist in einem Raum untergebracht. Manchmal sind es auch zwei.
Das Volk, das “popolo” lebte früher draussen, in den Strassen, vor den “bassi”. Der “basso” war zum Schlafen und zur Aufbewahrung der wenigen Habseligkeiten. Privacy gab es nicht. Alle wussten alles voneinander. Man teilte Essen, Liebe, Sex und Not, man hörte jeden Streit und jede Freude, und man teilte sie. Man lebte, kochte, ass, arbeitete, stritt, spielte, lachte und weinte in den Strassen. Hörte man den Pazzariello, lief man ihm johlend hinterher, denn da gab es was zu erleben, zu lachen und Not und Schmerz zu vergessen.
Im Winter wärmten Kohlebecken gefüllt mit Glut die “bassi”, falls man Kohle ergattern konnte.
Im ersten Stock lebten feine Leute, die “nobili”. Weiter oben im Haus dann Beamte. “Nobiltà” und “popolo” lebten eng miteinander verbunden. Frauen, Männer und Kinder aus den “bassi” verrichteten Dienstleistungen für die “nobiltà” im ersten Stock. Dafür erhielten sie mal abgetragene Kleider, Essen, vielleicht eben Kohle. Auch mal etwas Geld fürs Notwendigste. Kleinere Dienstleistungen waren Waschen, Flicken, Botengänge, oder handwerkliche Hilfestellungen, die Männerhand verlangten.”
B.R.: Die “bassi” sind auch heute bewohnt von ärmeren Menschen. Jetzt sind sie versehen mit hygienischen Einrichtungen. Einige sind chic ausgebaut, wie ich im Vorbeigehen sehen konnte. Das Zusammengehen von “nobiltà” und “popolo” hingegen ist Geschichte.
Literatur
Realistisch und eindrücklich dargestellt ist dieses Zusammenleben in den Werken von Matilde Serao “Il ventre di Napoli” und
Anna Maria Ortese “Il mare non bagna Napoli”.
Äusserst liebevoll schreibt darüber Giuseppe Marotta in “l’Oro di Napoli” und in seinem Buch “Gli alunni del sole”.
Alle genannten Bücher sind nur in Italienisch verfügbar.
L’Oro di Napoli wurde verfilmt von Vittorio de Sica, 1954, unbedingt sehenswert.
O’Pazzariello
Jetzt zieht sich Angelo den eigenen Napoleonhut über. Dieser ist geschmückt mit farbigen Pompons aus Seidenpapier. Die “divisa” hingegen (Uniform) ist gespickt mit Glöckchen und Orden. Dabei ist auch das Abzeichen von einem Wettschiessen aus der Schweiz.
Goldene Epauletten markieren die Schultern. In der Hand hält Angelo nun auch den langen Stab des Herolds. Dieser endet in einem goldenen Knauf. Denn: Pazzariello mimt ironisch den offiziellen Herold, der vor der Zeit des Radio die Botschaften der Regierenden in Städten und Dörfern ausrief, mit lauter schriller Stimme. Pazzariello macht sich mit seiner Aufmachung lustig über die Mächtigen, dies tut den Leuten gut.
Im Vico Pazzariello nimmt die Szene ihren Lauf
Angelo hat soeben die kleine Orchesterband aus den Reihen der Zuschauer zusammengesetzt. Er erklärt das Spiel des “putipù”, ebenso “scettavajasse” und “triccheballacche”: Voran mit dem Dirigierstab schickt er wenn möglich eine Frau. Hinterher marschiert das “orchestrino”. Los geht’s zum Trommelwirbel des Pazzariello.
Tonino kann inzwischen den Vers mitsamt Gesten und Betonungen perfekt. Angelo erklärt kurz, worum es geht: wir sind bei der Eröffnung einer Metzgerei, frivol sind die anzüglichen Anspielungen auf die kräftigende, belebende und erotisierende Wirkung des Fleisches und der Würste. Tonino macht seine Sache hervorragend! Wir verstehen der Spur nach, denn der Vers ist in Neapolitanisch vorgetragen, doch die Gesten sind deutlich und wir lachen und klatschen herzhaft. Am Schluss darf Tonino mit dem Hut sein wohlverdientes Trinkgeld einholen. Er zählt die Münzen mit leuchtenden Augen.
Der Beruf des Strassenkünstlers
Angelo erklärt dazu: “Der Beruf des Strassenkünstlers ist ein ehrenwerter Beruf. Der Strassenkünstler spricht aus seinem Herzen, ist einer aus dem Volk, kennt und teilt dessen Freuden und Nöte, und er ist bescheiden. Er arbeitet sehr viel und erhält wenig dafür. Er ist ein aufrichtiger Mensch.”
Wir singen mit Angelo und dem Orchestrino den Reim zu einem typisch neapolitanischen Lied und wechseln anschliessend in den “basso”, wo wir gemeinsam essen und trinken. Unmerklich sind wir Teil einer typischen Volks-Szene aus dem borbonischen Königreich Neapels geworden (1734 – 1861): wir teilen miteinander Theater, Spass, Essen, Trinken, Spielen, Singen und Tanzen, denn nach dem Essen werden die Bänke zur Wand gerückt, die Tische zusammengeklappt: von nun an bestimmen “tammurro” und “nacchere” den Abend –
wir tanzen die Tarantella Campana.
O’ Pazzariello: Zusammenfassung
Pazzariello ist Strassenkünstler und Possenreisser. Mit verrückten Szenen, lustigen und frivolen Spässen in Versform, zieht er die Aufmerksamkeit der Leute auf sich. Er zieht durch die Strassen, hält auf Plätzen, vor Restaurants und Geschäften. Hier hebt er eine Flasche Wein hoch, dort ein Pack Pasta, einen Laib Brot. Er wirbt mit fantasiesprühenden, oft deftigen Reimen und Gesten für Geschäfte und Wirtshäuser in der Gegend. Wer ein Geschäft eröffnet, etwas Neues auf den Markt bringen will, engagiert einen beliebten Pazzariello. Dieser zieht mit seinen “Theatern” eine grosse Schar Menschen an. Unerstützt ist er immer von einem kleinen Orchester, er gibt den Takt an, das “orschestrino ” verstärkt seinen Auftritt. Seine Aufführungen sind fürs “popolo” willkommene Abwechslung: Theater, Belustigung, Vergnügen, alles gratis. Alle scharen sich um Pazzariello. Er garantiert mit seinen “Geschichten” dem Unternehmen beste Werbung. Beste Werbung ist beste Unterhaltung.
So verdient Pazzariello sein Brot, mit seinen spontanen fantasievollen Eingebungen und Inszenierungen. Pazzariello ist wohl der wichtigste traditionelle freie Beruf in Neapel in den zwei Jahrhunderten zwischen Ende des 16. und Mitte des 19. Jhts. Er war in dieser Zeit überall gegewnwärtig, gern gesehen und beliebt: einer aus dem Volk – und doch ein Besonderer.
O’Pazzariello verkörpert die sprichwörtliche Lebenskunst der Neapolitaner – frei sein – die Tage mit Fantasie und einer Spur Genialität füllen, dabei mit einem Augenzwinkern und einem Lachen durchkommen, der allgegenwärtigen Melancholie ein Schnippchen schlagen.
Es gibt nichts Neues unter der Sonne! Pazzariello war ein begnadeter “Storyteller” rund um neue Produkte. Heute ist das grosse Wort in der Werbung STORYTELLING. Wer etwas sucht zu heutigem Storytelling, dem empfehle ich die Blogartikel von Markus Gull
https://www.thestorydude.com/blog/
O’Pazzariello: Das “orchestrino”
Das Orchestrino besteht aus “tammurro”, “putipù”, “scettavajasse” und “triccheballacche”.
O’Pazzariello: Das “orchestrino”
Das “orchestrino”: Angelo mit “putipù”, seine Kollegen mit “scettavajasse”, einem Holz mit Kerben, das von einem Stab mit Reibbewegungen bearbeitet wird, und “triccheballacche”, da hilft nur ein Bild.
Pazzariello bewegt sich mit tänzelnden Schritten durch die Strassen, gefolgt von der wachsenden Schar Menschen. Spontan entstehen dabei auch Tanzszenen auf Plätzen, auch mal Streitereien. Pazzariello moderiert alles mit lauter Stimme, dirigiert mit dem Heroldstab und kommentiert spontan witzig und unterhaltsam.
Pazzariello taucht auf in den Strassen des spanischen Süditalien Ende 17. Jhdt.. Er ist in den Strassen Neapels und der umliegenden Dörfer beliebter und gefragter Werber, Künstler der Improvisation und Held des Volkstheaters. Dies bis Mitte 19. Jhdt, sagen die Quellen.
Er lebt weiter, etwas weniger bekannt, bis heute. Wir sind eben einen Abend lang live Teil eines traditionellen neapolitanischen Ritus geworden.
Videobeiträge :
Auf youtube Teil aus Angelos Vorführung, Titel:
‘O Pazzariello
Schauen Sie sich die kleine Szene aus “l’oro di Napoli”an, verfilmt von Vittorio de Sica 1954, in der Rolle des Pazzariello der unvergessliche Totò. Sie vermittelt besser als jeder Text die einmalige Figur des Pazzariello. Der ganze Film “l’Oro di Napoli” erzählt unvergesslich vom Neapel der 20-er Jahre des 20. Jhdts.
Auf Vimeo, Titel:
1954 – L’Oro di Napoli – Il Pazzariello on Vimeo
Kontakt zu Angelo und Pina Andelora für Buchungen, sei es für Ihre Familie oder für eine Gruppe von Gästen.
Wir haben den Abend schon zu fünft genossen, andere Male waren 30 und mehr Personen anwesend:
Tel Pina: +39 366 443 52 88
https://www.facebook.com/vico.pazzariello/ –> hier finden Sie ein schönes Video über die Angelos Arbeit
Vico Pazzariello +39 331 465 3232
Preis 30 € a persona incl. Abendessen. Ich gebe da jeweils ein kräftiges Trinkgeld dazu.
Ollala! Im Beitrag zur Tarantella versprach ich einen Bericht über Pazzariello und Pulcinella. Nun hat Pazzariello den ganzen Platz des Blogbeitrages für sich beansprucht. Pulcinella grüsst hier von der Brüstung und verspricht, in einem weiteren Beitrag den ganzen Platz für sich zu nehmen, mit Gruss nach Venedig.
Das Rezept: “Zucchini alla scapece”
Man sagt, besser man erzählt, denn es ist eine Legende, dass die Idee, frittierte Zucchinischeiben mit Knoblauch, Essig, einem Faden Olivenöl und Minzblättchen zu würzen, vor 2000 Jahren von Apicio kam, einem fantasierten römischen Koch aus einem Traktat “de re coquinaria“ – „ Die Kunst des Kochens“. Vielleicht ist der Name auch – und wohl eher – dem geheimen Wissen eines französischen Klosterbruders aus dem 16. Jahrhundert entsprungen. Vom Ausdruck „Ex Apicio“ hergeleitet sei dann im vulgären Neapolitanisch die gastronomische Bezeichnung „alla scapece“ entstanden, das eben diese Würzung bezeichnet: Essig, wenig Öl, etwas Knoblauch, Petersilie (die ungekrauste) und Minze. Es ist eine genüssliche, erfrischende und leichte Beilage, auch geeignet als Zwischenmahlzeit, speziell im Sommer. Wie bei allen Gerichten mit Essig gilt: man trinke nur Wasser, ohne Kohlensäure, und nicht allzu kalt, per carità!
Dieses Rezept stammt aus dem “Breviario della cucina napoletana” von Merio Stefanile, Colonnese Editore 2017,
frei übersetzt von B. Ruef 2018 für diesen Beitrag.
Rezept:
Ich schneide die Zucchettini in feine Scheiben
Danach gebe ich einen kleinen See von feinem Olivenöl in den Wok
Anschliessend frittiere ich die fein geschnittenen Zucchinischeiben in diesem kleinen See in Portionen, bis sie leicht gelblich sind
Mit einer gelochten Kelle hole ich die Zucchettinischeiben aus dem Wok und lasse sie auf Haushaltpapier abtropfen
Ich lege sie auf einen flachen Teller und lasse sie abkühlen
Nun überträufle ich den Teller mit bestem Apfel- oder Weissweinessig und einem Faden feinstem Olivenöl
Ich überstreue das Ganze mit fein geschnittenen Minze- und Petersilienblättchen.
Da wir in unserer Küche keinen Knoblauch verwenden, lassen wir diesen einfach weg.
Nun, liebe Gäste, ist die Geschichte des Pazzariello für heute erzählt!
Wir führen in Italien Individualreisen durch mit offenen Augen für Kunst, Kultur und landschaftliche Schönheit,
und last but not least: wir essen und trinken fein. Ab 2 – 14 Personen,
Regionen sind Neapel und Umgebung sowie die Maremma Toscana, Land der Etrusker und wachsende Weinregion.
Das Olivenöl ist bekannt. Tipps für Qualitätsöl EVO geben wir gerne weiter. (EVO Olio Extra Vergine di Oliva).
Mit herzlichem Gruss aus Italiens Süden
Beatrice Ruef
Unsere nächsten Neapelreisen:
5. – 12. Oktober 2018
https://www.italien-erleben.ch/events/unbekannte-schaetze-in-und-um-neapel/
30. März – 7. April 2019
https://www.italien-erleben.ch/events/neapel-klassisch-im-fruehling-2019/