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Wie Pompeji den Einrichtungsstil des Ancien Régime zu Fall brachte, wie Sperrmüll die grösste Wende in der bürgerlichen Wohnkultur einleitete, was der Flohmarkt zur Geschichte des Designs beitrug. Und warum wir heute wieder wer sind in unserem Haus.
In Hofmannsthals «Idylle» sagt der Schmied über den Zentauren, der in die Schmiede eindrang: «Die Waldgeborenen kennen Scham und Treue nicht, die erst das Haus verlangen und bewahren lehrt.» Der Schmied spürte sofort das Unglück, das über die Familie hereinbrechen würde. Und tatsächlich brannte seine Gattin mit dem Zentauren durch.
Scham und Treue ist es also, was das Haus verlangt und bewahrt. Das Haus, mit anderen Worten, erzieht. Die bürgerliche Erziehung war eine Erziehung zum Haushalt und zum Haushalten: Mach das nicht kaputt! Zieh nicht an der Tischdecke! Mach das in deinem Zimmer und nicht vor allen Leuten! Sei jetzt endlich mal ruhig! – Wir sind also alle erzogen, alle in Häusern aufgewachsen und durch ihr Verlangen und Bewahren geprägt. Was lehrt uns das Haus? Es lehrt uns eine Sprache, die Sprache der Konvention. Es lehrt uns das Theater, das wir in unseren vier Wänden spielen. Es ermöglicht uns die Aufstellung der Kulissen, vor welchen wir agieren wollen. Für wen eigentlich spielen wir unser Stück? Für uns oder für die andern?
Vor über vierzig Jahren fuhren meine Frau und ich nach Cantù bei Como. Wir wollten eine frühmittelalterliche Kirche besichtigen. Niemand hatte uns auf den Empfang dort vorbereitet: Entsteigt ein Pärchen der Eisenbahn, so ist es gleich umringt von einem Dutzend Agenten, die ihm eine Aussteuer verkaufen wollen. Denn Cantù ist das Zentrum der italienischen Möbelfabrikation. Wir zwei waren damals tatsächlich neu verheiratet, aber anscheinend kannten wir Scham und Treue noch nicht, denn das, was wir hätten kaufen sollen, kam uns absurd vor. Es waren die vollen fünfziger Jahre: Teakholz, teilweise mit Messing verkleidet, und das Aufdringlichste waren die Lampen, die ganze Schauräume füllten, all diese aufgehäuften Messing- und Glasglocken, Tütenlampen, noch nichts von dem späteren Scheinwerferstil.
Die wohnkulturelle Modewelle, in der wir Jüngeren uns damals bewegten, jedoch gebot: Man kauft nichts. Nichts durfte ausdrücken, es sei neu angeschafft. Jene Kultur kannte wohl auch Treue, aber offenbar, da man ja öfters mal umzog, nur zu den Zeichen, die uns versichern, dass wir es sind, die da wohnen, dass wir selbst in Untermiete bei uns zu Hause sind.
Die ältere Generation stellte gerade ihr gesamtes Environment auf den Bürgersteig. Es war die Epoche des Sperrmülls. Denn nachdem sich nach dem Krieg die Haushalte wieder neu ausgestattet hatten, gelang es der Mode, die soeben angeschafften Möbel zu überholen und sie als veraltet erscheinen zu lassen. Einer der siegreichen Stile war «nordisch», kenntlich an den neuen Farbkombinationen von Grün und Blau, gewagter schon von Rot und Orangerot. Die Möbel wirkten leicht, streckten schräg ihre kurzen Beine nach aussen, die an der Spitze in Messinghülsen steckten.
Die Sperrmüllepoche leitete eine grosse Wende in der bürgerlichen Wohnkultur ein. Es vollzog sich etwas, was die Semiotik als Shifting bezeichnet: Ausdrucksvolle Formen wechselten ihre Bedeutung. Man erinnert sich vielleicht noch an die Fotografien, die Hausbesetzer in Berlin und Frankfurt am Main zeigten, die vergnügt aus den Fenstern der besetzten Villen schauten oder von Balkonen, die von Karyatiden getragen waren. Man fragte sich erstaunt: Wieso fühlen sich diese Leute, die den Kapitalismus abschaffen wollen, so wohl in den Monumenten der Gründerzeit und der Banquiers? – Offenbar hatte die Bedeutung «geshiftet»: Was zuvor die stolze Manifestation eines reich gewordenen Glücksritters gewesen war, war jetzt die Rückeroberung der Gemütlichkeit; was früher Wohlstand gewesen war, war heute Genügsamkeit. Auf Matratzenlagern schlief man in vergoldeten Salons. Diese Veränderung färbte auf die gesamte Wohnkultur ab, und irgendeinmal stellte jeder seinen falschen Prunk auf den Bürgersteig.
Aber auch die neue, jetzt vielleicht von Pfister oder Hubacher eingerichtete Wohnung musste wieder mit den Zeichen des eigenen Wohnstils versehen werden. Wie eine Spinne im Netz eroberte sich Starcks unbrauchbare Zitronenpresse die Stelle, wo einst die Vase stand, die man unglücklicherweise in den Sperrmüll gestellt hatte. Später sah man dann die gleiche Vase in der Jugendstilausstellung, wo man öfters den Seufzer hörte: So was hatten wir doch auch, und jetzt ist es im Museum! So lernte man das Gesetz der Mode – erst ist sie schön, dann entwertet und schliesslich im Museum.
Woher kam denn das Muster für eine Einrichtung, der so manche Generationen die Treue hielten? Die zwei entscheidenden Stichworte lauten: Pompeji und Biedermeier. Um 1760 publizierte die Königin von Neapel die Ausgrabungen von Pompeji. Die Überraschung war gross. Die römischen «Helden» lebten nicht so, wie Racine und Corneille sie auftreten liessen: «Venez, Britannicus, me voir dans ma gloire.» Vielmehr lebten sie, gemessen an der französischen Oberschicht, zurückhaltend, bescheiden, ohne Prachtaufwand.
Der pompejanische Stil hatte für den Bürger eine neue Konnotation: Die wahren Helden leben bescheiden. Und wie benimmt sich unser Adel? Er beutet das Volk mit Steuern und Tributen aus und vergeudet dieses Geld für Prunk und Schnörkel! Wer zur Partei des neuen Cäsars Napoleon zählte, der konnte sein Prestige also nicht länger mit den vergoldeten Schnörkeln Ludwigs XV. ausdrücken. Die Ressourcen zu schonen und den Besitz besser zu verwalten, nach diesen Grundsätzen schuf sich das Bürgertum seinen neuen Einrichtungsstil: das Biedermeier.
Lange hielt er allerdings nicht vor. Als nach 1848 die alten Mächte wieder das Ruder ergriffen, galten auch die alten Einrichtungen wieder als schön. Man richtete sich also vorzugsweise mit echten oder falschen Antiquitäten ein. Die Erfindung der Eisenbahn stürzte die alte Wirtschaftsordnung um. Um das europäische Schienennetz zu bauen, wurden riesige Summen benötigt. Wer jetzt die Kredite bereitstellen konnte, um die Bergwerke, Walzwerke und Erdarbeiten zu finanzieren, der erhob sich in den Rang des bedeutungslos gewordenen Adels. Entsprechend sahen die Behausungen aus, die sich diese Neureichen erstellen liessen: Stadtpaläste, Büropaläste und für die Freizeit Schlösser und Landgüter; es entstand der «Deuxième Rococo». Die damals erfundenen Tischlermaschinen bewirkten nicht etwa, dass billigere Möbel für das Volk auf den Markt kamen, sondern dass die gehobenen Schichten kostbar geschaffene Möbel im alten Stil kaufen konnten.
Als man dann 1900, krisengeschüttelt, die Glücksritter der Gründerzeit verabschiedete, erinnerte man sich des Biedermeiers als des Zeitalters, das der Lebensform und den Idealen des Bürgertums einen würdigen Ausdruck verliehen hatte.
Zurück in die vom Sperrmüll befreiten Wohnungen. Die Lieferungen der Möbelfirmen bestanden in den sechziger Jahren vorwiegend aus Regalen, die gefüllt sein wollten. Die «Wohnwand» bedeckte nun die Stellen, wo man die falschen Ölbilder abgehängt hatte, die man jetzt als Schinken betrachtete. Was stellte man auf die Wohnwand? Wo Geld vorhanden war, schlug die Stunde der Antiquare. Wie ein spätes Opfer an den aufklärerischen Pompeji-Aufbruch kam der neue Bedarf an Ausgegrabenem. Fieberhaft arbeiteten die italienischen Grabräuber und die illegalen Transporteure.
Diese Ware war bald knapp geworden, feiert aber immer noch Triumphe an den Antiquitätenmessen. Gerade rechtzeitig begannen die aus Russland Ausgewanderten den Markt mit Ikonen zu versorgen, aber das sind Stücke, zu denen eine persönliche Beziehung schwieriger ist. So füllte man die Regale mit Reisesouvenirs aus fernen Ländern, da gelingt es besser, sie mit einer persönlichen Erinnerung zu verbinden. Triumphierend kann man erzählen, wie man einem armen Teufel in Afrika oder Indien seine Ware so miesgemacht hat, dass er sie für fast nichts verkaufte.
Gleichzeitig kam auch der sogenannte neue Stil auf. Aber dieser «neue Stil» war eigentlich der alte, nämlich die in den zwanziger und frühen dreissiger Jahren entwickelte Moderne. Die alten Lizenzen wurden aufgewärmt, und plötzlich erhielt man wieder den Corbusier-Sessel, die Corbusier-Liege, den Sessel und die Fussstütze aus dem Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe, und die Hallen der neuen Hotels und Bürogebäude füllten sich mit bequemen und repräsentativen Polsterstühlen von Marcel Breuer und anderen grossen Designern der Moderne. Erfolgreich waren auch Möbel, die sich neuer Materialien bedienten und dabei Formen der fünfziger Jahre aufnahmen. Hierher gehören die Stühle von Saarinen sowie Ideen von Panton, dem die ganz aus Polster und Bequemlichkeit bestehende Totalwohnung vorschwebte, alles in den schon eingeübten nordischen Farben Grün, Blau, Orange.
Und heute? Der zeitgenössische Nachfahre des Sperrmülls ist der Flohmarkt. Er ist für mich ein ganz wichtiger Faktor der gegenwärtigen Einrichtungskunst. Wo man Freunde besucht, bekommt man gleich vorgeführt, was sie wieder Interessantes auf dem Flohmarkt ergattert haben. Da können sie bekommen, was die ältere Generation als Aussteuer oder Hochzeitsgeschenk erhalten und vierzig Jahre lang gehütet hat. Da werden neue Zonen der Vergangenheit zu Antiquitäten: «Das ist frühe fünfziger Jahre», hört man sagen. «Nein, nein, das kam erst in den Sechzigern auf.» Alle wollen Kenner sein.
Die Generation der Flohmarktbesucher hat die Geschichte des Designs aber auch bereichert, indem sie wichtige Designer der Jahrhundertwende um 1900 wieder zu Ehren kommen lässt, beispielsweise Christopher Dresser, dessen Forderung nach Zweckmässigkeit einerseits und dem organischen Ornament andererseits die Stilentwicklung der zwanziger und dreissiger Jahre stark beeinflusst haben. Glücklich, wer ein Objekt von ihm auf dem Flohmarkt erwerben kann.
Jedermann ist ein Sammler – das gibt ein neues Stichwort für die Gestaltung der eigenen vier Wände. Längst hat man die Wohnwand auf die Strasse gestellt, denn man brauchte wieder Wände. Man sammelt jetzt nämlich zeitgenössische Kunst. Die Selbstbestätigung findet an der Vernissage statt. Welches Glück, wenn alle zuschauen, wie uns ein von allen bevorzugter Künstler auf die Schultern klopft. Und mit welchem Eifer erklären wir unseren Gästen das, was wir selber nicht so ganz verstehen, zum Beispiel, weshalb Baselitz seine Darstellungen auf den Kopf stellt.
Was kommt nach der Kunst? Exklusive Zeitschriften zeigen es schon: der Künstler-Innenarchitekt. Oder eine Zwischenlösung: die Inneneinrichtung wird Künstlern übertragen. Vielleicht: Klassik der zwanziger Jahre plus. Und was heisst «plus»? Plus heisst, dass die Gropius-Kopie oder die Corbusier-Liege oder was auch immer noch ein Fähnchen bekommt, das dem Betrachter mitteilt: So ernst meinen wir es gar nicht.
Vielleicht ist dieses «So ernst meinen wir es gar nicht» letztlich die Formel, mit welcher wir heute unsere vier Wände einrichten. Wir wissen, dass wir die Wohnung wieder wechseln werden, wir wissen, dass uns unsere heutigen Lieblingsstücke einmal verleiden werden, und wir befürchten, dass der Ernst, mit welchem wir uns hier inszeniert haben, für uns selber und für andere lächerlich aussehen wird. Deshalb die Notbremse, das Alibizeichen: über den Stahlrohrstuhl ein altes Hinterglasbildchen, unter die Musikanlage ein deutlich abgetretener Teppich. Und bald entdecken wir: Die neuen Innenarchitektur-Künstler sind wir selber. Die Unschärfe, die wir mit unseren Kombinationen erzeugen, genügt, um unseren Absichten Tiefe und Bedeutsamkeit zu geben. Wir sind wieder wer in unseren vier Wänden.