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Ar 169
Die gegenwärtige Corona-Epidemie zwingt auch das Schweizerische Sozialarchiv zu einer starken Einschränkung seiner Dienstleistungen:
Archivbestellungen sind im Moment nicht möglich.
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Ar 169
ca. 1941-2012
4.8 m
Geboren am 12.01.1942 in Zürich als Sohn eines Kaufmanns und Textilfabrikanten. Seine Mutter stammt aus Hamburg und absolvierte eine Lehre als Krankenschwester im israelitischen Krankenhaus in Berlin. Auf Anraten des Chefarztes emigrierte sie im Jahre 1934 (oder 1935) nach Holland. Zwei ihrer Geschwister kamen in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ums Leben. Weil wuchs bei seinen Eltern auf und kam nach der sechsten Primarschulklasse nach Heiden ins Israelitische Kinderheim Wartheim, von wo aus er die Sekundarschule besuchte. Nach seiner Rückkehr nach Zürich trat er wieder der Jugendorganisation der „Haschomer Hatzair Schweiz“ bei, wo er während seiner Lehrzeit als Eisenbetonzeichner mit Marxismus und Sozialismus in Berührung kam und Israel als seine geistige Heimat angenommen hat. 1964 besuchte er in Kreuzlingen einen Lehrerumschulungskurs für Berufsleute. Zwei Jahre später trat er seine erste Lehrerstelle in einer thurgauischen Dorfschule an. Im Sommer 1968 begann er sich für politische Ziele zu engagieren, indem er beispielsweise das „Zürcher Manifest“ unterzeichnete. Zum Besuch von US-General Westmoreland in der Schweiz schrieb er einen Zeitungsartikel über die brutalen Massaker im vietnamesischen Dorf My Lai. Im selben Jahr trat er dem Kinderhilfswerk „Terre des hommes“ bei und gründete in der Ostschweiz eine TdH-Arbeitsgruppe Zusätzlich zum Sammeln von Spendengeldern für die Organisation hat sich Weil auch für (teils temporäre) Adoptionen von notleidenden Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten zwecks medizinischer Behandlung in der Schweiz eingesetzt. 1973 verliess er die Arbeitsgruppe Ostschweiz, die sich aufgespaltet und der Gruppe Lausanne angeschlossen hatte. Ab 1979 engagierte er sich bei TdH Schweiz, wo er fast 20 Jahre lang Mitglied des Vorstandes war und diesen zeitweise auch präsidierte, bis er 1998 zurücktrat. 1971-1976 Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe für Strafreform an der Hochschule St. Gallen unter der Leitung von Prof. Eduard Naegeli. Die Arbeitsgruppe setzte sich für grundsätzliche Veränderungen ein, wie etwa die Überwindung des Strafprinzips oder die Abschaffung der Einzelhaft. Wegen politischer Tätigkeit seiner Frau Anjuska Weil-Goldstein wurde er im Jahr 1976 de facto zum Rücktritt aus der Arbeitsgruppe gezwungen. 1976-1978 Mitarbeit im Team 72 (Arbeitsgemeinschaft für Strafentlassene, Zürich) und beim Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen VSJF. Zwischen 1979 und 1983 wirke Jochi Weil als Lehrer für allgemeinbildende Fächer an der Berufsschule in der Kantonalen Arbeitserziehungsanstalt Uitikon-Waldegg ZH; seit 1981 Mitarbeiter in verschiedenen Funktionen bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich, ab 2001 noch als Verantwortlicher für basismedizinische Projekte in Palästina sowie zwischen Israel und Palästina. Mitarbeit in der Schlichtungsbehörde für Mietsachen am Bezirksgericht Zürich; seit 2002 Arbeitsrichter am Arbeitsgericht Zürich.
Peter (Jochi – selbstgewählter Name aus der Zeit im Haschomer Hatzair) Weil gehört zur aktiven 1968er Generation und hat sich in diversen Kontexten – insbesondere bezüglich Friedensbemühungen im Nahen Osten – politisch und privat engagiert. Weil hat trotz Verbundenheit zum Staat Israel und zur jüdischen Kultur/Religion mit der Zeit vermehrt Kritik an der israelischen Besatzungspolitik geübt und sich damit öffentlich exponiert. Gründungsmitglied der Vereinigung Kritischer Jüdinnen und Juden Schweiz sowie von Dialog Israel-Palästina.
Der Bestand wurde von P. J. Weil in zwei grossen Ablieferungen am 23.06.2011 und am 16.02.2012 übernommen.
Der Vorlass J. Weil enthält zahlreiche Dokumente, die sein Engagement in diversen, teilweise von ihm mitbegründeten Organisationen beleuchten: Arbeitsgruppe Strafreform, Vereinigung "Kritische Jüdinnen und Juden Schweiz", Dialog Israel Palästina, Centrale Sanitaire Suisse/Medico International Schweiz, Terre des hommes. Darunter befinden sich Statuten, Protokolle, Bilanzen, Notizen (vorwiegend handschriftlich), Korrespondenzen, Texte und Zeitungsartikel (u.a. zu Antisemitismus in der Schweiz, zum Nahostkonflikt und zu Reformbewegungen im Strafvollzugswesen der Schweiz) sowie diverse Drucksachen. Unter den persönlichen Dokumenten befinden sich umfangreiche Korrespondenzen, eigene Texte (Artikel, Referate, Leserbriefe), Tagebucheinträge und Gedichte von Weil sowie persönliche Studien zum Judentum. Der Vorlass enthält auch Dokumente zur Genealogie der Familie Weil sowie diverse Zeitungsartikel zur Person und nahestehenden Organisationen.
Kassiert wurden Mehrfachexemplare, Rechnungs- und Buchhaltungsunterlagen sowie Drucksachen, die im Schweizerischen Sozialarchiv bereits vorhanden sind (u.a. Zeitschriften von Hilfswerken und einzelne Monografien).
Werden erwartet
Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs grundsätzlich ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar. Für die Benutzung vorläufig gesperrt sind die persönliche Korrespondenz und die Tagebücher von J. Weil aus den Jahren 1972-1976 („Tagebücher AG Strafreform / HSG), die u.a. Einträge zum Vormundschaftswesen enthalten. Diese Unterlagen können nur mit dem Einverständnis von P.J. Weil eingesehen werden.
Jürgmeier: Staatsfeinde, oder, Schwarzundweiss: eine literarische Reportage aus dem Kalten Krieg, Zürich (Chronos) 2002; Signatur: 109732
[Ein mehrstündiges Film-Interview mit Jochi Weil ist im Rahmen des Projekts «humem. Das Gedächtnis der humanitären Schweiz» entstanden.]
Der Bestand wurde im Herbst/Winter 2011/2012 von J. Orizet, G. Winkler und U. Kälin bearbeitet.