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Mit «Gold» setzte Blaise Cendrars dem Kaufmann und Pionier Johann Sutter ein Denkmal. Dieser war Grossgrundbesitzer in Kalifornien und ist heute eine umstrittene Persönlichkeit.
Von Fabien Dubosson und Vincent Yersin
Am 15. Juni 2020 wird im kalifornischen Sacramento eine Statue des Generals Johann Sutter unter dem Applaus Schaulustiger von ihrem Sockel gerissen. Eine Woche zuvor war sie von Teilnehmenden von «Black Lives Matter» mit roter Farbe verschmiert worden. Sie war 1987 aufgestellt worden, auf Initiative eines amerikanisch-schweizerischen Komitees und als Zeichen für die Wichtigkeit dieser historischen Figur für beide Länder. Mit ihrem Sturz gerät nun aber auch ein Mythos ins Wanken: Johann Sutter – Gründer von New Helvetia, der Keimzelle des modernen Kalifornien – ist nunmehr, in den Augen von Aktivistinnen wie einiger Historiker, weniger ein Held als vielmehr ein skrupelloser Siedler, der nicht davor zurückschreckte, Hunderte von Ureinwohnern zu versklaven.
Der «Mythos» des Generals hatte jedoch nicht von Anfang an das Interesse (im Positiven wie Negativen) der Kalifornier geweckt. Es war zweifellos Cendrars, der mit seiner ersten Erzählung «Gold» von 1925 entscheidend zur Anerkennung dieser Figur beitrug. Darin greift der Schriftsteller biografische Elemente auf, die er aus verschiedenen Quellen (oft aus zweiter Hand) zusammengesucht hat, ohne jedoch historisch präzise zu arbeiten. Vor allem versucht er, einer Figur romanhaftes Leben einzuhauchen, deren paradoxes Schicksal ihn fasziniert: wie ein Abenteurer, dem dank seines Unternehmergeistes alles zufliegt, durch den Goldrausch ruiniert wird.
Ein noch grösseres Echo findet der Mythos ab 1936 infolge der Hollywood-Verfilmung des Buchs durch den Regisseur James Cruze («Sutter’s Gold»). Der Film wird stark beworben: Für die Premiere in Sacramento wird ein grosser Galaabend veranstaltet, und der Gouverneur des Bundesstaats, Frank F. Merriam, nutzt diesen Anlass sogar, um einen «Sutter’s Gold Day» auszurufen. Im Nachlass Cendrars im Schweizerischen Literaturarchiv finden sich viele Spuren dieser Promoanlässe: Zeitungsausschnitte, Plakate, Filmzeitschriften und Fotografien der Werbekampagne auf dem Hollywood Boulevard. Dabei blendete die Filmpromotion den Schriftsteller jedoch fast vollständig aus. Diese Gleichgültigkeit schien ihn jedoch nicht zu entmutigen, wie ein Brief an den Gouverneur belegt. In diesem Schreiben setzt sich Cendrars für die Errichtung einer Statue des Generals in San Francisco ein und erinnert daran, wie sehr sein Roman dazu beigetragen habe, «die Amerikaner über die Existenz eines der grössten Helden ihrer Geschichte zu informieren». Die Errichtung eines Standbildes sei «letztlich die einzige Möglichkeit, diesem illustren, um seine Rechte gebrachten Mann gerecht zu werden». Ausserdem fügt Cendrars hinzu: «Die Idee würde sich nicht nur in Kalifornien, sondern in ganz Amerika schnell verbreiten, denn der Zeitpunkt scheint sehr passend, mit der Werbung durch den Film.».
Frank F. Merriam war angetan von Cendrars Initiative, aber wir wissen nicht, ob der Vorschlag schliesslich realisiert wurde. Auf jeden Fall wurden in den folgenden Jahren zahlreiche Orte nach Johann Sutter benannt, darunter auch ein Krankenhaus in Sacramento – und schliesslich jene eingangs erwähnte Statue. Ab 2020 sollte sich aber sein posthumes Glück wenden, genauso, wie es sich schon im Goldrausch gewendet hatte. Denn, um den Titel eines berühmten französischen Dokumentarfilms, «Les Statues meurent» aussi (1953), zu zitieren: auch die Statuen sterben – wie die Mythen, die sie stützen.
Blaise Cendrars (1887–1961): Geboren in La Chaux-de-Fonds, hatte er zunächst als Lyriker grossen Einfluss auf die moderne Literatur in Frankreich. Später wandte er sich dem Roman («Gold», «Moloch. Das Leben von Moravagine», «Dan Yack»), der Reportage und schliesslich seiner grossen autobiografischen Tetralogie zu.
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Letzte Änderung 21.06.2022