Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/464

Es war
einmal ein liebenswürdiger Clown. Einer dieser guten, fröhlichen Clowns
mit einer grossen, roten Nase, mit weiten, farbigen Hosen um die Beine,
und mit einer kleinen, braunen Geige in der Hand. Auf seinem Gesicht hatte
er ein breites, warmes Lächeln.
Er lebte und arbeitete in einem Zirkus. Nicht in einem
grossen Zirkus und nicht in einem kleinen Zirkus. Aber in einem Zirkus,
den die Menschen liebten, vor allem die jungen.
Die Zeiten waren nicht immer einfach.
Es gab Zeiten von Rezession und von ökonomischem Desaster. Regierungen
änderten ihre Finanzpolitik, und Zirkusse erhielten keine Subvention mehr.
Manchmal hatte der Clown Angst, der Zirkus könne sich sein Zelt nicht mehr
leisten oder müsse gar Artisten entlassen. Was würde dann mit den Menschen
in der Region passieren, so ganz ohne Zirkus?
Der Clown wusste, dass Zirkusse und
Clowns in der Welt nötig sind. Sie waren für viele Menschen in den
umliegenden Dörfern ein Symbol von Hoffnung, von Freude und von
Menschlichkeit, mitten in einem nicht immer einfachen Alltagsleben. Einem
Leben, in welchem der Stärkste und der Beste und der Fitteste Erfolg hat.
Aber die Menschen wissen ja, dass nicht jedermann der Stärkste, der Beste
und der Fitteste ist.
Der Clown zeigte den Menschen, was
wirklich zählt im Leben. Er zeigte ihnen, dass man lieben und geliebt
werden kann. Sogar wenn man schwach ist, sogar wenn man auf die Nase fällt,
sogar wenn man manchmal weint.
Die Menschen liebten den Clown und
sein breites, warmes Lächeln. Und er liebte sie.
Aber da gab es auch eine grosse
Traurigkeit im Leben unseres Clowns. Er wurde sich mehr und mehr bewusst,
wie beschränkt er war in seinem Denken und in seinen Erfahrungen. Seine
Gedanken zirkelten immer nur um seinen begrenzten Zirkus Zirkel. Und mit
jedem Jahr tat er sich schwerer, neue Ideen zu entwickeln, seinen
Zuschauern die vielen Seiten des Lebens zu zeigen.
Obwohl die Menschen ihn liebten,
wusste er, dass er ihnen mehr geben sollte. Er musste ihre Augen öffnen
für die weite Welt. Er musste ihre Augen öffnen für die vielartigen
Menschen in der Welt. Für die Menschen, die anders denken und anders leben.
Für die Menschen, die unter Ungerechtigkeit und Armut leiden. Für die
Menschen, die ihre Gaben und ihre menschliche Wärme mit anderen Menschen
teilen wollen.
Er wusste: Leben war weit mehr als
das Leben in diesem Zirkus. Und das Leben war viel tiefer als er es bisher
erlebt hatte.
Und so kam es, dass sich unser Clown
eines Tages entschied, auf eine grosse Reise zu gehen. Er hatte gehört,
dass es da einen Mann gab, den sie Jesus nannten. Leute hatten ihm gesagt,
dass Jesus das Leben in seiner Fülle lebte. Und dass er liebte und geliebt
wurde. Das war es, was unser Clown suchte: Leben in seiner Fülle, lieben
und geliebt werden.
Und so nahm er seinen Rucksack und
packte seine kleine, braune Geige, seine weiten, farbigen Hosen, und seine
grosse, rote Nase in ihn hinein. Mit der Geige, der Hose und der Nase im
Rucksack brach er nach Osten auf, nach Galiläa, um Jesus zu finden.
So durch die Lande ziehend, ging es
nicht lange, bis er ein Zigeunermädchen traf. Das lange schwarze Haar über
dem dunkelbraunen Gesicht hängend, sass es neben der Strasse und weinte.
“Ich bin fremd in diesem Land”, sagte
das Mädchen, “und weil ich nicht wie die andern bin, werde ich
ausgeschlossen. Ich darf hier arbeiten, aber nicht leben.“
Der Clown legte seinen Arm um ihre
Schultern und weinte mit ihr. Aber dann nahm er seine kleine, braune Geige
und gab sie dem Mädchen. „Nimm sie und spiele sie“, sagte er, „und lass
durch ihren Klang dich und die Herzen aller leidenden Menschen um dich
herum trösten.“
Weiter so durch die Lande ziehend,
ging es nicht lange, bis der Clown eine Mutter mit drei Kindern traf. Das
Jüngste an ihrer Brust und die anderen beiden in ihren Armen, sass sie
neben der Strasse und weinte. „Ungerechtigkeit, Armut und brutaler Krieg“,
sagte sie, „haben uns den Vater und alles genommen; meine Kinder müssen
nackt nun leben.“
Der Clown legte seine Arme um ihre
und ihrer Kinder Schultern und weinte mit ihnen. Aber dann nahm er seine
weiten, farbigen Hosen und gab sie der Familie. „Nehmt sie und braucht sie“,
sagte er, „sie sind gross genug, um Stoff für alle drei Kinder zu geben.“
Weiter so durch die Lande ziehend,
ging es nicht lange, bis der Clown einen jungen Mann traf. Den Kopf auf
seinen Knien, sass er neben der Strasse und weinte. „Ich bin arbeitslos
und finde keine Stelle“, sagte er, „niemand braucht mich, und ich bin
nichts wert.“
Der Clown legte seine Arme um seine
Schultern und weinte mit ihm. Aber dann nahm er seine grosse, rote Nase
und gab sie dem jungen Mann. „Nimm sie, und setz sie auf deine Nase“,
sagte er, „und ich werde dich lehren ein guter und menschlicher Clown zu
sein.“
Schliesslich, nach vielen Wochen und
Monaten, erreichte unser Clown Galiläa. Er ging nach Nazareth, klopfte an
Jesu Türe und betrat sein Haus.
Ein Mann sass im Raum.
“Bist du Jesus?”, fragte der Clown,
„die Leute sagten mir, dass Jesus Leben in seiner Fülle lebt, dass er
liebt und geliebt wird.“
“Lieber Freund”, antwortete der Mann,
“Jesus starb vor 2000 Jahren, du kannst ihn hier nicht finden.“
Der Clown brach in Tränen aus. „Dann
war meine ganze Reise vergeblich. Und mein Leben wird weiterhin in meinen
begrenzten Zirkus Zirkeln herumzirkeln.“
“Sei nicht traurig”, antwortete der
Mann, “du bist Jesus bereits dreimal begegnet auf deinem Weg hierher. Wenn
immer du jemanden triffst und deine Hände öffnest, triffst du auch Jesus.
Und du machst eine Erfahrung von Fülle des Lebens, du liebst und wirst
geliebt.“
Der Clown stand da, überrascht und
stumm. Er trocknete seine Tränen und begann zu lächeln. Aber dann, nach
einigen weiteren Gedanken, antwortete er traurig: „Aber jetzt habe ich all
meine Geschenke weg gegeben. Es ist nichts übrig geblieben, was ich mit
anderen noch teilen könnte.“
“Deine Hände sind leer”, sagte der
Mann, “weil du deinen Mitmenschen mit offenen Händen begegnet bist. Öffne
deine Hände weiterhin den Mitmenschen. Und deine leeren Hände werden
gefüllt werden.“
Der Clown öffnete seine Hände, und
der Mann gab ihm eine wundervolle Flöte. „Nimm diese Schäfersflöte“, sagte
er, „trag sie zurück zu deinem Zirkus. Und immer, wenn du als Clown im
Zirkus auftrittst, spiele für die Menschen ein Stück Musik auf dieser
Flöte.“
„Lass sie den Ton der Ewigkeit hören.
Lass sie den Ton der Liebe hören. Lass sie verstehen, dass die Welt viel
grösser ist als ihr Zirkus. Lass sie erleben, geliebt zu werden und zu
lieben, zu empfangen und zu geben, zu geben und zu empfangen.“
Der Clown stand da, mit der Flöte in
seiner Hand. Wärme füllte sein Herz, und auf seinem Gesicht hatte er ein
tiefes und glückliches Lächeln.
“Ich gehe zurück zu meinem Zirkus”,
sagte er, “ich werde den Menschen sagen, dass ich Jesus traf. Ich werde
meine Flöte blasen. Und wir werden unseren Mitmenschen mit offenen Händen
begegnen, sie lieben und geliebt werden, in der Fülle des Lebens.“
Englischer Originaltext „The
Clown“, geschrieben unter Verwendung eines überkommenen Motivs für die
Hauptversammlung des Europäischen CVJM/YMCA
Bundes, Mai 1993, zum Thema „Meinen Nächsten mit offenen Händen
begegnen“
(„Facing My Neighbours with Open Hands").
Übersetzung ins Deutsche: Dölf Weder, August 2012.