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Verteilt auf Territorien im Umfeld des Rio Purus, halten die Apurinã eine reiche kosmologische und rituelle Tradition aufrecht. Ihre Geschichte ist geprägt von Gewaltakten während der beiden Gummi-Zyklen in Amazonien. Heute kämpfen sie für ihre Rechte auf einige ihrer angestammten Territorien, die bisher noch nicht offiziell anerkannt worden sind und deshalb kontinuierlich von Holzfällern vereinnahmt werden.
Apurinã
|Andere Namen: Ipurina, Popukare

Sprachfamilie: Aruak-Maipure
Population: 7.718 (2010)
Region: In den Bundesstaaten Amazonas, Mato Grosso und Rondônia
|INHALTSVERZEICHNIS

Name und Sprache
Lebensraum und Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche und politische Organisation
Kosmologie und Mythologie
Schamanismus und Rituale
Wirtschaftliche Aktivitäten
Materielle Kultur
Quellenangaben
Einige Kenner bestätigen, dass “Apurinã“ – und in seiner antiken Form “Ipuriná“ – ein Wort aus der “Jamamadi-Sprache“ sei. Die Selbstbezeichnung der Gruppe ist dagegen “Popûkare“. Einige Texte weisen als Selbstbezeichnung das Wort “Kãkite“ aus – es bedeutet “Leute“, jedoch nach einer Erklärung verschiedener Stammesmitglieder der Apurinã benutzen sie das Wort “Kãkite“ im allgemeinen Sinne der menschlichen Spezies (“ich hab’ Leute gesehen“, so wie “ich hab’ Affen gesehen“ oder “ich hab’ Tiere gesehen“), aber nicht als Begriff für ein bestimmtes Volk.
Die Sprache der Apurinã stammt aus der Familie “Maipure-Aruak“, der Purus-Gegend (Facundes, 1994). Ihre nächsten Sprachverwandten sind die “Mnachineri“ oder “Piro“, die das Becken des Oberen Purus im brasilianischen Teil bewohnen – in Peru hauptsächlich das Becken des unteren Rio Urubamba. Einige Apurinã bestätigen, dass sie auch ein bisschen von der “Kaxarari-Sprache“ verstehen, aus Gründen gemeinsamer Auswanderung aus dem “Heiligen Land“, wie ihre Mythologie erzählt.
Die Apurinã haben sich auf verschiedene ITs (Indianer-Territorien) verteilt – zwei Gruppen leben mit den “Paumari” am Paricá-See und den “Paumari“ des Marahã-Sees, eine andere lebt zusammen mit den “Torá“ in einem Reservat gleichen Namens.
Noch im 19. Jahrhundert hatten die Apurinã ein weites Territorium am Mittleren Purus bewohnt – vom Rio Sepatini und Rio Paciá bis zum Rio Laco. Jedoch als traditionelles Nomadenvolk zogen sie viel umher, und heute erstreckt sich ihr Territorium vom unteren Rio Purus bis nach Rondônia. Es gibt Apurinã-Areale in den Munizipien Boca do Acre, Pauini, Lábrea, Tapauá, Manacapuru, Beruri, Manaquiri, Manicoré (letzteres innerhalb des IT Torá), alle innerhalb des Staates Amazonas, ausserdem wohnen Apurinã-Indios in verschiedenen Städten des Landes, einige haben in ein Dorf des IT Roosevelt der “Cinta-Larga“ eingeheiratet.
Die ersten Forscher, Reisenden und Missionare, die den Rio Purus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befuhren, bestätigten, dass diese Indios wohl in gewisser Entfernung vom Fluss wohnten, aber zum Fischen und Fangen von Schildkröten sich an seinen Ufern zeigten. Zu jener Zeit als die Nicht-Indianer in diese Region eindrangen, flohen viele Apurinã an den Oberlauf der kleineren Zuflüsse und andere, die zeitweise in den Latex-Sammellagern mitarbeiteten, zogen sich danach wieder in schwer zugängliche, isolierte Gegenden zurück.
Die natürlichen Gegebenheiten im Gebiet des Rio Purus haben die Lebensweise der Apurinã stark geprägt. Von besonderer Bedeutung ist der Unterschied zwischen der “Terra firme“ (dem nicht überschwemmbaren Festland) und der “Vargem“ (dem zeitweise überschwemmten Tiefland). Die zentralen Wohngebiete, das heisst, jene an den Oberläufen der Igarapés, sind stets auf dem “Festland“ angelegt. Die anderen am Flussufer sind manchmal auf festem und manchmal auf überschwemmbarem Land angelegt – denn der Fluss tritt nicht immer auf beiden Seiten über seine Ufer.
In der Region des Munizips “Boca do Acre“ gibt es vier Apurinã-Kommunen – drei davon in der Nähe der Strasse BR-317: die Kommune am Kilometer 124 und die Kommune am Kilometer 137 – beide im IT BR-317 – dann die Kommune am Kilometer 45 (IT Boca do Acre) und die Kommune “Camicuã“ im gleichnamigen IT, in unmittelbarer Nähe des Munizips.
Nach einem Bericht von Leôncio, dem Häuptling der Kommune Km 124, stammen die drei an der Strasse liegenden Kommunen von drei Überlebenden einer Masernepidemie ab, welche ein ganzes Dorf in dieser Region ausgerottet hat. Seine Mutter, Kamapã, war eine der Überlebenden, und das gegenwärtige Dorf am Km 124 trägt heute ihren Namen. “Maen“ ein weiterer Überlebender jener Epidemie, hat dem Dorf am Km 137 seinen Namen gegeben.
Die genaue Zahl der Apurinã-Bevölkerung ist nur sehr schwer zu schätzen, auch ihre Herkunft zurück zu verfolgen ist kaum möglich, denn sie leben heute weit verteilt. Nach einer Aufstellung der nationalen Gesundheitsorganisation wurden sie im November 2003 auf insgesamt 4.057 Individuen beziffert. 1996 gab es nur in der Region von “Pauini“ auf anerkannten ITs ein Gesamt von 1.114 Bewohnern (Gesundheits-Bericht der UNI) und zirka 280 Personen auf noch anzuerkennenden Territorien (ITs Garaperi/Santa Vitória/Lago da Vitória/Capira, Baixo Seruini, Baixo Tumiã, Sãkoã/Santa Vitória und Mamoriá).
Nicht zu vergessen, dass viele Apurinã auch ausserhalb der demarkierten Gebiete wohnen – innerhalb von Uferkommunen und in Städten wie Pauini, Lábrea, Tapauá, Rio Branco und Manaus, die häufig zitiert werden, und dass einige auch in weiter entfernte Gebiete abgewandert sind, wie Rondônia und sogar Rio de Janeiro oder Minas Gerais.
Die Apurinã kamen im Lauf des Gummi-Booms zunehmend in Kontakt mit den nicht-indianischen Latex-Sammlern. Schon im 18. Jahrhundert begannen fahrende Händler mit der Erschliessung der Gebiete am Rio Purus auf der Suche nach den “Drogen des Hinterlandes“: Kakao, Copaíba, Schildkrötenfett und Latex. In den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden verschiedene Expeditionen durchgeführt, um den Rio Purus kennenzulernen und zu kartographieren. Zu jener Zeit, so wird berichtet, assistierten einige Apurinã bereits diesen Nicht-Indianern.
Der Rio Purus wurde infolge der Gummi-Nachfrage bevölkert. Die Erschliessung begann 1870, und zehn Jahre später war der gesamte Fluss bereits von Nicht-Indianern vereinnahmt. Die Gummi-Nachfrage liess ab 1910 nach, als die asiatische Konkurrenz mit ihrer Produktion begann, mit der Brasilien nicht mithalten konnte. Ohne Markt verfielen die Latex-Sammelstellen bald. Latexsammler und Indios produzierten weiter für die Selbsterhaltung und ergänzten ihre Sammeltätigkeit durch andere Produkte, wie zum Beispiel die Paranuss.
Dann wurde plötzlich im Zweiten Weltkrieg der Gummi wieder gefragt. Die Alliierten brauchten ihn, und die asiatischen Gummiplantagen waren im Besitz der Gegenseite. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden 50.000 arme Bauern aus dem brasilianischen Nordosten nach Amazonen transportiert, um dort als Latexsammler zu arbeiten – man nannte sie “Gummi-Soldaten“. Mit Ende des Krieges war auch die Nachfrage am Ende. Nach jener Zeit wurden die Gummisammler eine Zeitlang von der Regierung finanziert. Dann kam das Ende dieser Subventionen und mit ihm auch das Ende der Gummisammler (1985).
Die Apurinã erlebten ganz unterschiedliche Schicksalsschläge in jenen Latex-Sammellagern: Ganze Gruppen von ihnen wurden ermordet, einige verkauften hier ihre Feldprodukte, andere arbeiteten als Latexsammler, einige arbeiteten dort als Handlanger für alles, andere hatten zum ersten Mal Kontakt mit Nicht-Indianern zur Zeit der “Gummi-Soldaten“. In ihren Berichten sprechen die Apurinã von Massakern, Folterungen, von Erfahrungen als Sklaven, von ihren persönlichen Verbindungen, von Kameradschaft, von Kämpfen und Kriegen um ihr Land. Nach dem Niedergang des Latex gab es nie wieder ein Produkt mit einer ähnlichen Produktionsstruktur, das eine vergleichbare Bedeutung für diese Region gehabt hätte.
Der SPI (staatliche Indianerschutz-Organisation) hatte einen Posten am Rio Seruini, einem Nebenfluss des Purus – zwischen den heutigen Munizipien Pauini und Lábrea. Der Posten “Marienê“ wurde 1913 gegründet, nach einem Konflikt, dem zirka vierzig Apurinã und sechs Gummisammler zum Opfer fielen – so schrieben die Zeitungen jener Zeit. In den 20er Jahren wurde dieser Posten hoch gelobt wegen seines Projekts einer produktiven Strategie mit den Indios – zu Beginn der 30er Jahre jedoch verfiel er anhand unzähliger Korruptionsanklagen von Seiten der Indios gegen die Posten-Administration. Zu Beginn der 40er Jahre wurde der Posten desaktiviert. Wo er einst gestanden, erhebt sich heute das indigene Dorf “Marienê“ (innerhalb des IT “Seruini-Marienê).
Jener Posten “Marienê“ vereinte viele Apurinã an einem einzigen Ort. Nach der Ideologie des SPI sollten die Apurinã der “Zivilisation“ zugeführt werden – man wollte aus ihnen “nützliche Arbeitskräfte“ machen. Viele Apurinã erinnern sich heute an diesen Posten als einen Ort, an dem “alles sehr ordentlich und organisiert“ ablief, so erzählen sie. Aber sie erinnern sich auch an negative Dinge: Zum Beispiel die Betrügereien des Administrators, der die für die Indianer bestimmten Lebensmittel unterschlug und ihnen die neuen Bekleidungssachen lediglich für Fotos zur Verfügung stellte – und sie danach wieder einsammelte.
Zwischen 1977 und 79 beschäftigte sich die Assistenz der FUNAI (Indianerschutz, hervorgegangen aus dem SPI, der wegen zahlreicher Korruptionsaffären aufgelöst wurde) im Bundesstaat Acre mit ersten Aufstellungen in der Region von Pauini. Ende der 70er Jahre hatte es dort Konflikte um Ländereien gegeben, welche die Indios gegen die Invasion und Ausbeutung von Seiten der Nicht-Indianer verteidigten. In der Piauini-Region, am Igarapé Tacaquiri, erhoben sich die dort ansässigen Apurinã unter der Führung von João Lopes Brasil – Spitzname “Lopinho“ – weil sie gegen ein Projekt der Präfektur waren, welches den Bau einer Strasse durch ihr Gebiet vorsah. In den darauf folgenden Jahren weitete sich der Konflikte aus, und die besagte Strasse wurde zu einem kontinuierlichen Schatten über dem Alltag jener Bewohner des IT “Peneri-Tacaquiri“. 1995 endlich gelang “Lopinho“ eine Stimmengleichheit, durch die ein neuerlicher Versuch der Präfektur, das Strassenprojekt durchzusetzen, abgeschmettert wurde. Unter den Nicht-Indianern jener Region beschuldigt man nun, heimlich oder offen, die Indios als verantwortlich für die Rückständigkeit von Piauini.
Das Sägewerksunternehmen “Madeireira Nacional (Manasa)“ war ein weiterer Grund für Konflikte zwischen Indios und Nicht-Indios. Die Präsenz dieses Unternehmens auf einer immensen abgeholzten Fläche, das bereits einen Teil des IT “Tumiã“, die Mündung des Rio Seruini und des IT “Guajahã“ bedrohte, trieb den Demarkierungsprozess des IT “Guajahã“ voran.
Ein weiteres Unternehmen, das Druck ausübte, war die “Agro Pastoril Novo Horizonte“ – ein landwirtschaftliches Unternehmen, das innerhalb des IT “Seruini-Marienê“ operierte. Die empörten Indios hatten nach ihrem Aufstand den Tod von José Lopes Apurinã zu beklagen, aus der Häuptlingsfamilie von “Lopinho“, und viele weitere Verletzte – einige von ihnen trugen permanente Narben davon. Dieses Unternehmen präsentierte hinterher einen Protest gegen die Demarkierung des ITs, der aber als unberechtigt abgelehnt wurde.
Die Demarkationsarbeiten waren unglücklicherweise in einer Zeit beginnender politischer Organisation eingeleitet worden. Heute fordern die Apurinã weitere Areale ein, die man bisher nicht anerkannt hat, Areale, in denen sie wohnen, die sie nutzen, Ufer von Igarapés und vom Rio Purus, und auch einige Quellen, wie im Fall des Rio Tumiã, die unberücksichtigt geblieben sind. Die Natursavannen, wichtig für sie, weil dort einst die “Otsamaneru“ gewohnt haben sollen, jenes Volk, welches mit den Apurinã aus dem Heiligen Land auswanderte – auch von diesen Savannen wurde ihnen bisher nur ein kleiner Teil von der Regierung zugesprochen.
Eines der ersten Dinge, die ein Apurinã aus der Region von Pauini mir über sein Volk erklärt, ist die Tatsache, dass es sich eigentlich in zwei “Nationen“ unterteilt: die “Xoaporuneru“ und die “Metumanetu“. Die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen wird durch die väterliche Linie bestimmt. Für jede dieser “Nationen“ gibt es bestimmte Vorschriften hinsichtlich der Ernährung, nach denen man sich unbedingt zu richten hat – mit anderen Worten, was man essen darf und was nicht. Die “Xoaporuneru”, zum Beispiel, dürfen bestimmte “Inambu”-Spezies (Fasanenart) nicht verzehren, während es den “Metamanetu“ untersagt ist, “Cateto“ (kleines Wildschwein) zu essen. Die Missachtung jener Ernährungsverbote führt zu Gesundheitsproblemen und kann sogar zum Tod führen – falls ein erfahrener Schamane dies nicht zu verhindern weiss.
Heiraten finden korrekterweise ausschliesslich zwischen “Xoaporuneru“ und “Metumanetu“ statt – denn eine Heirat innerhalb derselben “Nation“ wäre genauso verwerflich wie zwischen Geschwistern. Zwei Mitglieder derselben “Nation“ werden sich stets mit “Nutaru“ (Bruder) oder “Nutaro“ (Schwester) anreden – und zwischen “Xoaporuneru“ und “Metumanetu“ wird man sich mit “Nukero“ (Schwägerin) oder “Nemunaparu“ (Schwager) betiteln. Die Namen der Personen weisen auf die entsprechende “Nation“ hin, zu der sie gehören.
Unter den Apurinã des Munizips Pauini existieren Unterteilungen der einzelnen Gruppen nach Regionen, die den Namen eines Igarapé (Wasserlauf) tragen können oder den der dominanten Familie: So werden zum Beispiel die Bewohner vom Igarapé Peneri als “Leute von Pedro Carlos“ bezeichnet – die Bewohner vom Seruini als “Leute des Jacinto“ – die Bewohner von Agua Preta als “Leute vom Doktor“ bezeichnet. Wer die Namen prägt, ist stets der Vater. In der Sprache der Apurinã gibt es auch eine Unterteilung nach Völkern: Kaikuruwakoru (Volk des Kaimans), Yõpuruwakoru (Volk des Japó), Wawakoru (Volk des Papageis), und viele andere.
In der Region von “Boca do Acre“ gibt der Häuptling und Schamane Leôncio eine andere Definition der “Nationen“ in seinem Volk – er unterteilt die Apurinã in vier Untergruppen: die “Xoaporuneru, Metumanetu, Kowaruneru“ und die “Kaikuruwakoru“.
Was die Apurinã heutzutage als “Comunidade“ (Kommune, Gemeinschaft) bezeichnen, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Zum einen definiert man eine Kommune durch die Existenz eines Häuptlings (Chef, Kazike, Führer), eines Lehrers und eines Gesundheits-Agenten. Auch ihre räumliche Verteilung ist sehr unterschiedlich: Dazu gehören sowohl die Häuser auf einem einheitliche Grundstück – einem “Dorf“ – als auch eine Gruppe von weit auseinander liegenden Behausungen – und es kann auch eine Kombination aus beiden Arten sein. Die Wohneinheiten der Apurinã waren stets klein, das wissen wir aus den historischen Quellen.
Heute sind ihre Häuser (Barraca, Paraka oder Aiko) nach dem Modell der Latex-Sammler konstruiert. Sie sind hoch, stehen auf Holzstelzen, die im Boden verankert sind. Jedes Haus ist in der Regel von nur einer Familie bewohnt.
In der “alten Zeit“ hatten sie grosse Häuser, “Malocas“ – “Aiko“. In diesen, so die antiken Autoren, wohnten die einzelnen Familien getrennt voneinander durch Wände aus geflochtenen Palmblättern. Es gab eine Tür für Männer und eine andere für die Frauen. Feste fanden innerhalb der Häuser statt. Es gab einen gemeinschaftlichen Dorfplatz, der von allen gemeinsam sauber gehalten wurde – auf dem sauberen Terrain konnte man “gut Xingané spielen“. Auch ein Terrain am Haus gab es, das mehrmals am Tag gefegt wurde – und an Festtagen klaubte man sorgfältig alle Unreinheiten auf, wie Holzstückchen und Steinchen, damit die Gäste sich nicht verletzten.
Eine Wohneinheit besteht in der Regel aus einem Ehepaar mit seinen Kindern, Schwagern und Schwägerinnen – ausserdem den alten Eltern, den Geschwistern der Eltern, Schwiegereltern und unverheirateten und verwitweten Angehörigen. Die Dörfer können auch aus verschiedenen Häusern von Brüdern/Schwestern bestehen, die zusammen bleiben möchten, oder aus den Kindern jener Geschwister.
“Wer ist eigentlich Euer Gott”! “Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass sein Name Tsora ist”.
Artur Brasil Apurinã, Mũpuraru, spricht über “Tsora“ – oder wie er ihn übersetzt: Gott, Jesus. “Tsora“ ist der Schöpfer aller Dinge auf der Erde, und deshalb wird er als “Deus“ (Gott) im Portugiesischen bezeichnet. Die Geschichte von “Tsora“, die Geschichte vom Anfang der Welt, vom Anfang aller Wesen, in ihren zahlreichen Versionen beginnt sie stets mit “Mayoroparo“ oder “nachdem die Erde in Flammen stand“. “Mayoro“ ist ein Geier, und “Mayoroparo“ ist ein monströses Weib, eine Alte, die die Knochen von ungehorsamen Menschen frass (weil die weiche Knochen haben), und sie hob sie auf, um sie mit Maniokbrei zu verzehren – das war am Anfang der Welt.
“Tsora“ ist der Sohn von “Yakonero“. Jemand schlief mit Yakonero in dunklen Nächten. Sie wollte wissen, wer der fremde Beischläfer war, deshalb bestrich sie ihre Handflächen mit “Genipapo“ (schwarzer Pflanzenfarbe) und fasste ihn an den Schultern. Am darauf folgenden Tag sieht sie, dass das “Katokana“ (Schnupftabaks-Rohr) des Schamanen schwarz ist. Yakonero wird aus der Dorfgemeinschaft ausgestossen. Auf dem Weg zum Haus ihrer Verwandten macht sich ihr Sohn, noch in ihrem Bauch, bemerkbar – er bittet sie um verschiedene Dinge – aber sie, irritiert, trommelt auf ihren Bauch. Und der Knabe, um sie zu ärgern, verwirrt ihre Gedanken, sodass sie, anstatt bei ihren Verwandten, bei den “Katsamãuteru“ landet und um Asyl bittet. Jene alte Knochenhexe, die dort wohnte, reicht Yakonero eine “Cuia“ (Schale) – und Yakonero übergibt sich bis die “Cuia“ überläuft, denn sie ist schwanger und deshalb hat sie den Drang zu spucken.
Yakonero bringt vier Söhne zur Welt. “Tsora“ ist der Kleinste, aber der einfallsreichste und mächtigste von ihnen. Und die Brüder töten mittels Fallen alle Menschen des Dorfes, die dermaleinst ihre Mutter Verstoßen hatten – einen nach dem andern.
Der Ursprung all dessen, was heute existiert, kann aus dieser Geschichte entnommen und verstanden werden: die Grösse des Paranuss-Baumes, der Ursprung des Baumharzes, die Farbe des Nasenbären, die Existenz der zahlreichen Fische, des Regens und des Windes – und die Entstehung der Rache.
Tsora hat die Menschen geschaffen – ganz unterschiedliche Menschen und verschiedene Völker: Apurinã, Weisse und andere Indios. Er machte mit diesen Völkern verschiedene Tests, bei denen die Apurinã stets schlechter abschnitten als die anderen Indios oder als die Weissen. Und deshalb, so erzählen die Alten, obwohl die Apurinã “die Besten sind, die es gibt“, sind sie nur Wenige und geteilt“ – hier beendet Artur die Geschichte.
Dann fügt er hinzu: “Eine andere wichtige Geschichte, um die Apurinã heute zu begreifen, ist die von der “Terra Sagrada“ (Heiligen Erde) und den “Otsamaneru“. Die Apurinã waren einst unsterblich und lebten in einem Gebiet, in dem niemand und nichts erkrankte, verdarb oder starb. Zusammen mit den “Otsamaneru“ begaben sie sich eines Tages vom Gebiet der Unsterblichkeit in eine andere Gegend. Und die entzückte sie mit allem, was sie dort sahen, dergestalt, dass sie sich entschlossen, sich in dieser Gegend definitiv niederzulassen – sie wussten, dass sie sich nun in einem “sterblichen Gebiet“ befanden – trotzdem blieben sie dort, fern vom “Heiligen Land“.
Die “Kaxarari“ werden ebenfalls oft als die Begleiter der Apurinã auf ihren Reisen genannt. Nach einigen Erzählungen wanderten drei Völker aus dem “Heiligen Land“ ab: die “Kaxarari“, die “Apurinã“ und die “Otsamaneru“. Es sollen die “Kaxarari“ gewesen sein, die sich zuerst an den Früchten des “sterblichen Landes“ begeisterten – dann die Apurinã, während die “Otsamaneru“ ihre Wanderung fortsetzten.
Die Feste der Apurinã, die man unter dem Sammelnamen “Xingané“ kennt, (in Apurinã heissen sie “Kenuru“), präsentieren eine breite rituelle Palette – von kleineren nächtlichen Gesangspräsentationen angefangen, bis zu grossen Veranstaltungen, zu denen Einladungen an viele Nachbardörfer ergehen, reichlich zu essen aufgetischt wird, inklusive Wein aus Maniok, Bananen, geräucherte Fische und Treibstoff für die Gäste. Zu bestimmten Gelegenheiten werden auch Feste “zur Beruhigung des Schattens eines Toten“ veranstaltet – in ein oder zwei Jahren nach dem Tod dieser Person (das hat “Abdias“, ein Bewohner des Dorfes “Água Preta“ erzählt – der Name dieses Rituals ist “Isaí“).
Ein “Kenuru“ beginnt mit einem Ritual, zu dessen Einleitung sich zwei Parteien gegenüber stehen – die Gäste und die Gastgeber. Die Gäste treffen schwer bewaffnet, bemalt und mit Grünzeug aus dem Wald behängt, ein – das heisst, sie stürmen schreiend auf den Dorfplatz. Die Gastgeber, ebenfalls bewaffnet, stürzen ihnen entgegen. Im Moment des Zusammentreffens lösen sich die jeweiligen Anführer von ihrer Gruppe und beginnen mit einer Diskussion (in Portugiesisch bezeichnen sie diesen Dialog als “cortar sanguiré“ – in Apurinã “katxipuruatã“) – sie sprechen schnell und mit erhobener Stimme, ihre Waffen haben sie dabei auf die Brust des Kontrahenten gerichtet. Hinter den Anführern steht die jeweilige Gruppe, ebenfalls mit auf die gegnerischen Leute gerichteten Waffen. Wenn dann die Stimmen langsam abebben, sinken auch die Waffen – jetzt schnupfen die Anführer “Rapé“ (Schnupftabak) einer aus der Hand des Anderen.
Besagte Diskussion beginnt mit der beiderseitigen Versicherung, sich nicht zu kennen und der Frage, wer der Andere sei. Es folgt sodann das “Sanguiré“ – eine gegenseitige persönliche Darstellung, die jeweils damit endet, dass man dem Anderen erklärt, wessen Sohn und wessen Enkel man ist. Mein Freund Camilo Manduca Apurinã fasst es folgendermassen zusammen:
“Wenn man sich im “Sanguiré“ behaupten will, muss man sich an den Namen des Vaters, der Mutter und des Grossvaters erinnern. Alles was du sagen willst, sag’ es beim “Sanguiré“! Und was du fühlst, musst du beim “Sanguiré“ entdecken“!
Ein Fest, das inzwischen nicht mehr stattfindet, aber von den Apurinã als “sehr bedeutend“ eingestuft wurde, war das “Kamatxi“. Bei dieser Gelegenheit erschienen die “Kamatxi“ persönlich, um an dem Ritual teilzunehmen – Geistwesen, die in Palmenhainen wohnen und die Gelegenheit wahrnahmen, um auf dem Fest zu tanzen. Um sie herbeizurufen, benutzten die Männer selbst gefertigte Flöten – die Frauen wurden in einem Haus eingesperrt, sie durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen und auch nicht zusehen.
Die grösste Bedeutung bei Krankheiten und der Heilung durch den “Pajé“ (Schamanen) haben die Steine bei den Apurinã. Der Stein ist das Mittel, welches einerseits Krankheit und Tod verursacht, dem Schamanen aber auch bei der Heilung hilft. Nach zahlreichen Schilderungen macht ein Schamane die ersten Schritte seiner Bestimmung, indem er Monate im Wald verbringt, kaum Nahrung zu sich nimmt und stattdessen “Katsoparu“ (energiereiche Blätter) kaut. Und er vermeidet sexuelle Aktivitäten. Wenn der angehende Schamane einen Stein erhält, führt er ihn in seinen Körper ein, und so verfährt er mit allen Steinen, die er erhält, oder die er zukünftig aus dem Körper von Kranken holt.
“Ein Schamane heilt unter Benutzung von “Katsoparu“, den Blättern, die man kaut, und “Awire“, dem Schnupftabak. Der Schamane hat dafür seine eigenen “Katsoparu“ und “Awire“ – aber jene Person, die ihn wegen einer Heilung bestellt, muss eigentlich bei dieser Gelegenheit dafür sorgen, dass ihm “Katsoparu“ und “Awire“ zur Verfügung stehen. Der Schamane kaut “Katsoparu“ und schnupft viel “Awire“. Manchmal wird die Heilung privat, im Haus der kranken Person vorgenommen – aber in der Regel sitzt das ganze Dorf um den Kranken herum – alle reden durcheinander und kauen, bis der Schamane die Heilung beginnt. Das macht er, indem er die Stelle, die er als Ursache der Erkrankung festgestellt hat, aussaugt. Dann zeigt er den Anwesenden den Stein und erklärt, was für eine Krankheit das ist, wie der Kranke sie sich eingefangen hat, und was er nun tun muss, um sie loszuwerden. Er erklärt, ob sie durch ein Tier aus dem Wald verursacht wurde. Er führt den Stein in den Körper ein und wird anschliessend Heilmittel und Behandlungen empfehlen. Die Heilmittel sind in der Regel Pflanzen, können aber auch Industrieprodukte aus einer Apotheke sein.
Eines der häufigsten Probleme, die ein Schamane zu lösen hat, sind jene Tiere, die am Geist der Kinder ziehen, und wenn man nicht aufpasst, ihn mit sich nehmen. Es gibt eine Reihe von Nahrungsmitteln, welche von Vater und Mutter gemieden werden sollten, wenn ihr Kind noch sehr klein ist – etwa bis zu seinem zweiten Lebensjahr. Darunter fallen vor allem Fische und grössere jagdbare Tiere, aber auch Bohnen, Kokos, Ananas, Katsoparu-Blätter, Mangos und Cachaça. Diese letzteren ziehen sie zwar nicht in den Schatten, aber sie gefährden die Gesundheit des Kindes, zumal es den Gehalt jener Nahrungsmittel durch die Brust der Mutter aufnimmt.
In der Nacht rettet der Geist des Schamanen den Schatten des Kindes. Diese Rettung ist gefährlich. Wenn es sich um einen schwachen Schamanen handelt, dann kann es ihm passieren, dass er auf seiner Suche in einem engen Loch stecken bleibt und stirbt. Wenn seinen Anstrengungen dagegen Regen und Donner folgen, dann atmet das Kind plötzlich wieder.
Unsere Schamanen arbeiten mit Träumen. In ihnen verlässt ihr Geist seinen Körper und besucht andere Orte – und erfüllt Aufgaben. Andere Geistwesen leiten den Schamanen auf seinen Wanderungen: die Tiere oder die Chefs der Tiere (Hãwite), mit denen er arbeitet. Jeder Schamane besitzt seine speziellen geistigen Führer: Jaguar, Schlange, Hirsch . . .
Ein anderes, häufig auftretendes Problem bei Kindern und Erwachsenen sind die Pfeilschüsse der “Tiere“ (kĩpuatitirã). Dabei handelt es sich um die Chefs (Hãwite). Man badet Kleinkinder zur Vorsicht in einem Pflanzensud der “Pipioca“ (Kawaky) oder eine Frau übergiesst sie mit der Milch aus ihrer Brust. Kinder sind am wenigsten widerstandsfähig gegen die Pfeilschützen und können durch deren Attacken sterben“.
Nach Auskunft von Otávio Avelino Chaves (Atokatxu) sind die Chefs der verschiedenen Tiere ebenfalls Schamanen, jedenfalls sprechen sie mit den menschlichen Schamanen auf dieser Ebene. Eine der Funktionen des Schamanen besteht darin, jene Wesen unter Kontrolle zu bekommen: zu erreichen, dass sie aufhören, seine Leute zu belästigen – dass die Schlangen aufhören, zu beissen. Was für andere Leute wie ein Tier aussieht, erkennt der Schamane als Persönlichkeit, und einige von ihnen als Mitglieder seiner Familie. Die Schamanen verteidigen ihre Kommune gegen die Steine von humanen Feinden, schützen sie gegen die Angriffe der Wesen aus dem Wald und heilen sie.
Die Schamanen besuchen verschiedene Ebenen – im Innern der Erde, wo andere Wesen wohnen, unter dem Flussbett und sogar im Himmel, wo Tsora lebt – wenn sie stark sind. Je stärker der Schamane, desto weniger Grenzen gibt es für seinen Geist. Und so ist es nicht nur in seinem Leben – auch im Tod ist es so. Die Schamanen sterben nicht. Wenn sie bereit sind, ihre Kommune zu verlassen, hört man einen Knall. Die antiken Schamanen gaben vor ihrem “Übergang“ ihren Angehörigen Instruktionen, wie sie in die Erde gelegt werden sollten, um aus ihrem Grab wieder heraus zu kommen. In einigen Fällen waren die Gräber nach einiger Zeit leer. In anderen, so wird berichtet, wurden die Verstorbenen zwischen einer Herde von Wildschweinen gesehen. Die Mehrheit von ihnen kehrt jedoch in das “Heilige Land“ zurück. Das ist alles, was ich darüber weiss“, beendet Mupuraru seinen Bericht.
Ein grosser Teil der Frauen fertigt Besen an (die sich gut verkaufen), ausserdem auch geflochtene Körbe und Schalen. Die Hängematten aus unterschiedlichen Baumbast-Materialien sind heutzutage sehr selten geworden, aber ein paar ältere Frauen beherrschen noch diese Webtechnik.
Keramikgegenstände werden aus Lehm gefertigt, der mit einem Pulver aus der Rinde des Caripé-Baumes gemischt wird. Diese Mischung verhindert Risse in der Keramik – dazu wird die Baumrinde verbrannt und im Mörser gestossen, bis sie zu einem feinen Pulver geworden ist, das nach dem Sieben unter den Lehm gemischt wird. Die Keramik wird mit “Breu“ (Harz) vom “Jatobá-Baum“ beschichtet, was ihr einen glänzenden Aspekt zwischen Gelb bis Rot verleiht. Hie und da findet man auch ein paar Zeichnungen auf diesen Stücken – sie werden mit Wasser und Salz nach dem Brennen des Tons aufgebracht, bevor man das Jatobá-Harz aufträgt.
Beliebte Gebrauchsgegenstände sind auch die Schnupftabaksbehälter, angefertigt aus “Aruá“ (Schnecke), “Sernambi“ (Rückstand von Gummi) und kleinen Metallringen. Die “Katokana“ – Röhren zum Schnupfen des Tabaks, werden aus Tierknochen gefertigt.
Charakteristisch für die traditionelle Kultur der Apurinã sind die “Cascas“ (Aãta) – Kanus aus der Rinde des Jutaí-Baumes. Heute existieren sie nur noch bei den Kommunen am Oberlauf der Igarapés. Diese Jutaí-Rinde ist sehr leicht und gut geeignet für die Agilität, die jene gewundenen und rasch fliessenden Wasserläufe erfordern. Um ein solches Kanu herzustellen, zieht man dem gefällten Baum während der Regenzeit die Rinde ab – öffnet sie mit Feuer und setzt eine Bank aus anderem Holz ein.
Ehrenreich (1948 [1891]) ist von herausragender Bedeutung unter den Quellen über die Apurinã, weil er die Jahre des ersten Kontakts beschreibt. Ausserdem gibt es viele Informationen in den Berichten von Reisenden und Forschern des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts – wie zum Beispiel von João Martins da Silva Coutinho (1862), William Chandless (1867) und Joseph Beal Steere (1903).
Cláudia Netto do Valle (1986) führte eine linguistische Studie durch, welche auch ethnografische Beobachtungen der Apurinã des Km 45 enthält. Sidney Facundes (1994) vertiefte die linguistischen Studien und entwickelte ein Alphabet für die Apurinã-Sprache.
Günter Krömmer (1986) publizierte eine ethnohistorische Studie der Indios vom Rio Purus. Die Doktorarbeit von Marco Antônia Lazarin (1981) beschäftigt sich mit der Wanderung und Verteilung auf dem Weg nach Manaus. Ethnografische Informationen, mit einer Analyse der Gesellschaftsstruktur, finden sich in Berichten wie dem von João Dal Poz Neto (1985).
In meiner ersten Arbeit (Schiel, 1999) behandele ich den “Posten Marienê“ des antiken SPI auf der Basis von dokumentierten Daten. Die „Ethno-Ökologische Aufstellung“, erarbeitet von mir und Maira Smith für den PPTAL, enthält Informationen über den Gebrauch von materiellen Ressourcen und ihre Kultur, ausserdem Perspektiven zur Durchführung von wirtschaftlichen Projekten, sowie aktuelle Probleme.
Die These zur Doktorarbeit (Schiel, 2004) ist eine Untersuchung der Vergangenheit, der Erinnerung und der Geschichte der Apurinã – mittels mündlicher Erzählungen, unter Benutzung von ethnografischen und dokumentarischen Daten.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther