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Der Mensch soll erkennen, dass er Grenzen hat
- Donnerstag, 28. November 2013, 14:10 Uhr
Lange bevorzugte die Philosophie das «mächtige Subjekt», den handelnden Menschen. Dann folgte aber die Erkenntnis, dass der freie Wille des Menschen doch nicht so frei und selbstbestimmt ist: Die Passivität befreite sich vom Stigma der Faulheit und Antriebslosigkeit.
Über Passivität nachzudenken, bedeute, «dessen eingedenk zu sein, dass unser Handeln auf etwas beruht, das wir nicht machen können, was nicht in unserer Macht liegt, was wir nicht selbst bestimmt haben», sagt Kathrin Busch, Professorin an der Universität der Künste in Berlin und Mitherausgeberin des Bandes «Theorien der Passivität».
Eine mächtige literarische Darstellung von Passivität ist die Titelfigur in Herman Melvilles Erzählung «Bartleby der Schreiber». Auf alle Aufträge seines Chefs antwortet Bartleby: «Ich möchte lieber nicht», und er weigert sich, die ihm aufgetragene Arbeit auszuführen – mit tragischem Ende. Als Alltagskonzept tauge diese Form von Passivität natürlich nicht, sagt Kathrin Busch.
Radikale Passivität
Sie unterscheidet zwei Hauptrichtungen von «Theorien der Passivität». Zum einen sind das Formen der Passivität, die einfach darauf zielen, nichts zu tun. Stichworte wie Faulheit, Müdigkeit, Musse gehören zu dieser Richtung.
Zum anderen spricht Busch mit Bezug auf den französischen Philosophen Emmanuel Lévinas (1905–95) von «radikaler Passivität», gekennzeichnet durch Zustände, die man nicht selbst wählt, sondern die einem zustossen: Sensibilität, Schlaflosigkeit und Un-Mögliches sind Begriffe, die diese radikale Passivität umschreiben.
Ohnmacht und Unvermögen
Die Spezialistin für französische Gegenwartsphilosophie erinnert an den französischen Journalisten und Literaturtheoretiker Maurice Blanchot (1907–2003), der schrieb, der Schlaf sei das erste Gebot des Tages, weil er die Ressource für das Tätigsein sei.
Ihn interessierte aber vor allem die Nacht: «Worauf Blanchot abzielt mit der Idee des Nächtlichen, wird erfahrbar in der Schlaflosigkeit. Für ihn ist sie ein Denkbild für das Un-Mögliche, die Unmöglichkeit, sich zurückzuziehen, ein Bild für das Ausgesetztsein, der Inbegriff von Ohnmacht und von Unvermögen. Und damit wären wir wieder bei der Passivität angelangt.»
Als Gegenmittel zur heute allgegenwärtigen Unrast, zum Gebot zur Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung, zum Leistungsdenken will Busch die Passivitätstheorien jedoch nicht verstanden wissen, das greife zu kurz.
«Die Potenz der Impotenz»
Um Anweisungen fürs praktische Leben, um einige Momente rekreativer Passivitäts-Wellness geht es ihr nicht, sondern um Grundsätzlicheres: Der Mensch solle erkennen, dass er Grenzen hat. Er habe es beispielsweise nicht gewählt, zur Welt zu kommen und zu sterben, und: «Auch die Liebe ist ja ein Phänomen, das ich nicht machen kann, wo ich an die Grenzen der Machbarkeit gerate. Ich kann mich nicht entscheiden, mich zu verlieben, sondern das geschieht mir. Da bin ich mit meinem eigenen Unvermögen konfrontiert. Ich glaube, dass diese Phänomene heute zu wenig berücksichtigt werden. Wir brauchen nicht einfach eine Unterbrechung der Aktivität, sondern müssen uns mit unserem Unvermögen konfrontieren.»
Die Kraft der Passivität liege in der «Potenz der Impotenz», sagt Kathrin Busch, das bedeutet, sich vom «Phantasma» zu verabschieden, wir könnten unser Tun vollkommen beherrschen und regulieren.
Buchhinweis
Kathrin Busch/Helmut Draxler (Hg.): «Theorien der Passivität». Wilhelm Fink Verlag, 2013.
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