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Vorbemerkungen
Die Tagung vom 11. September in Aarau war eindrücklich. Vor allem angesprochen hat mich das Referat von Prof. Oetkers. Leider aber gab es zu den drei folgenden zentralen Fragen nur ungenügende Antworten: 1. Worin soll der Musikunterricht in den Schulen bestehen? 2. Über welche musikalischen Qualifikationen müssen sich die Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe ausweisen? 3 Welche politischen Optionen stehen zur Verfügung, um die desolate Situation des Musikunterrichts in den Schulen zu verbessern?
Die Antwort auf die erste Frage ist unbefriedigend. Die von Peter Rusterholz erwähnten 4 Punkte sind derart vage, dass sich auch diejenigen Lehrer, die ihre Schüler als musikalische Analphabeten aus der Schule entlassen, damit herausreden könnten. Bezüglich der zweiten Frage wurden wir auf das Internet verwiesen. Dort musste ich zweierlei feststellen: Dass unverständlicherweise nicht unterschieden wird zwischen den Lehrkräften der Grund- und Primarstufe einerseits und der Sekundarstufe 1 anderseits, und dass es sich um eine Internet-Vernehmlassung handelt, die im Juni und August 2002 gelaufen und damit bereits abgeschlossen war (wie einfach und wie hilfreich wäre es gewesen, bei der Ankündigung der Tagung auf diese Informationen aufmerksam zu machen!). Drittens hatte die Tagung zum Ziel, Bildungspolitiker aller Parteien mit den Verantwortlichen für das Fach Musik in den allgemeinbildenden Schulen an einen Tisch zu bringen". Davon habe ich gar nichts gemerkt: In der Teilnehmerliste waren lediglich zwei Vertreter von grünen Parteien aufgeführt.
Ich gestatte mir deshalb, zu den erwähnten Fragen einige Gedanken zu äussern.
Die Unterrichtsinhalte
Nach den geltenden Lehrplänen ist der Musikunterricht schon in der Grund- und der Primarstufe der öffentlichen Schulen ein anspruchsvolles Fach: Es soll gesungen, musiziert, getanzt und improvisiert, und es sollen die Grundlagen der Musik erarbeitet werden: Melodische und rhythmische Schulung ist angesagt, also Notenkenntnis und Blattlesen, die Stimme soll gepflegt, bewusstes Hören geübt, und es sollen Instrumente, Stilbereiche und Musikarten kennen gelernt werden. Der bernische Lehrplan etwa nennt im 3. und 4. Schuljahr unter "Rhythmische Grundlagen" und "Melodische Grundlagen":
Einfache Taktarten spielen, lesen und schreiben (Viertel als metrische Einheit, Zeichen der Taktangabe). Auftakt und Volltakt unterscheiden können.
Neue rhythmische Elemente kennen, in der Rhythmussprache lesen und notieren (z. B. Achtel und zwei Sechzehntel, umgekehrt, punktierte Viertelnote und Achtel, Triolen, punktierte Halbe, Ganze Note, entsprechende Pausen).
DO und LA-Leitern singen (Halbtonschritte MI-FA, TI-DO, Handzeichen).
Grunddreiklänge hörend unterscheiden, singen und spielen (DO-MI-SO, LA-DO-M1, Unterschied Dur-Moll). Einfache Lieder ab Notation singen. Absolute Notennamen kennen lernen.
Viele Instrumentallehrer werden ihren Augen nicht trauen, wenn sie diese Aufzählung lesen. In den meisten Fällen nämlich müssen sie die erwähnten Aufgaben selber übernehmen, weil die Schulen sie nicht erfüllen. Deshalb sollte jetzt ernsthaft und gründlich darüber diskutiert werden, ob die Zielsetzung, wie sie in den Lehrplänen formuliert ist, übernommen werden soll. Dabei ist zu bedenken, dass einige Kantone nur sehr geringe Anforderungen stellen. Ich plädiere für Anforderungen auf dem Niveau des Berner oder des Innerschweizer Lehrplans, und zwar aus verschiedenen Gründen:
1. Die Hauptargumente für einen besseren Musikunterricht in der Schule stammen immer noch aus den Schulversuchen mit Erweitertem Musikunterricht, seien es die durch mich initiierten in der Schweiz oder die daran anschliessenden in Berlin. In der Schweiz haben eindeutig diejenigen Versuchsklassen in den andern Schulfächern am besten abgeschnitten, deren musikalische Kompetenzen dank eines guten und fordernden Unterrichts hoch waren. In der Berliner Studie zeigte sich eine deutliche Verbesserung der Intelligenzentwicklung, als die Schülerinnen und Schüler mit dem Instrumentalunterricht und dem Ensemblespiel begannen.
2. Das hörende Erfassen einer Melodie und ihre Umsetzung in ein Notenbild, oder umgekehrt die Umsetzung eines Notenbilds in Musik sind intellektuelle Leistungen, bei denen die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis geschult werden. Und Professor Bastian schreibt: "Ein Instrument zu spielen ist eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten. Schon bei einfachsten Stücken werden Fähigkeiten des Intellekts (Begreifen), der Grob- und Feinmotorik (Greifen), der Emotion (Ergreifen) und der Sinne beansprucht. Die präzise Koordination der Hände und Finger auf Saiten oder Tasten verlangt eine ausgeprägte Feinmotorik und räumliches Vorstellungsvermögen. Vom Blatt-Spielen erfordert die schnelle und gleichzeitige Verarbeitung von Informationen in extremer Fülle und Dichte (Noten, Takt, Tempo, Lautstärke, Agogik usw.). Abstraktes und komplexes Denken sind beansprucht, auch im Voraus- und Nachhören der Musik zum gerade gespielten Takt. ... Bei keinem andern Fach, bei keiner andern Tätigkeit muss ein Kind so viele Entscheidungen gleichzeitig treffen und diese kontinuierlich über solche Zeitstrecken hinweg abarbeiten. Diese Kombination von konstanter, kontinuierlicher Achtsamkeit und Vorausplanung bei ständig sich verändernder geistiger, psychischer und physischer Beanspruchung konstituiert eine erzieherische Erfahrung von einzigartigem und daher unverzichtbarem Wert. Und dass man im Ensemble miteinander musiziert, von einander lernt und für einander Verantwortung trägt, bedarf keiner Hervorhebung. In summa: Musikerziehung fördert neben der Freude an der Musik und der eigenen musikalischen Begabung wichtige Persönlichkeitsmerkmale."
3. Sollte man sich auf ein niedrigeres Niveau einlassen, könnte man gleich die ganze Übung abbrechen. Denn dann würde alles beim alten bleiben: Einige wenige Lehrkräfte würden einen guten Unterricht bieten, in den meisten Klassen aber würden bestenfalls Mani Matter-Lieder gesungen und Pop- und Rockplatten "gehört", die Schulinspektoren würden wie bisher beide Augen zudrücken, und nach 9 Schuljahren wären weiterhin 95% der Kinder musikalische Analphabeten.
Die Musik in der Lehrerbildung
Ein Erfolg wird nur dann möglich sein, wenn die Lehrerinnen und Lehrer den Anforderungen eines Lehrplans für Musik, der diesen Namen verdient, gewachsen sind. Man muss klar sehen, dass das heute bei weitem nicht immer der Fall ist. Es würde also nicht genügen, Lehrerbildung auf den geforderten Stand zu bringen. Es müssten Fortbildungs- und obligatorische Weiterbildungsangebote dazu kommen, und wahrscheinlich müsste für eine Zeit des Übergangs auch der Einsatz von Instrumentallehrern ins Auge gefasst werden. Das hätte den Vorteil, dass die Zusammenarbeit mit den Musikschulen intensiver gestaltet werden könnte.
Während die Ausbildung der Lehrkräfte für die oberen Stufen in wenige Studienfächer aufgeteilt ist und das Fach Musik damit kompetent abgedeckt werden kann, gibt es auf den Stufen vom Kindergarten bis zum 6. Schuljahr ein grosses Problem: Dort wird ein integrales Lehrpatent abgegeben, die Lehrkräfte können und müssen alle Fächer unterrichten, also auch Musik. Nun ist die dreijährige Ausbildung lediglich lehrplanorientiert, das heisst, die fachlichen Grundlagen müssen vorausgesetzt werden. Für Fächer wie Mathematik, Naturwissenschaften und Sprachen garantiert die Matura den nötigen Ausbildungsstand, nicht aber für die Musik, denn sie ist in den Gymnasien von der Tertia an nicht mehr obligatorisches Fach. Wenn also eine Matura zur Aufnahme in die Lehrerbildung berechtigt, kann es durchaus vorkommen, dass Kandidaten aufgenommen werden, die den Anforderungen des Faches Musik nicht genügen werden, und die Erfahrung hat gezeigt, dass ein Nacharbeiten der musikalischen Grundlagen in diesem Alter nur in seltenen Ausnahmefällen noch möglich ist.
Dürfen Studierende ohne genügende musikalische Kompetenzen trotzdem ein integrales Patent erhalten, oder erhalten sie ein Patent, das ihnen die Lehrbefähigung in Musik abspricht? Im Kanton Bern müssen sich die Kandidaten für diese Stufen vor dem Eintritt über "Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in Musik, zeichnerisch-bildnerischem Gestalten und Werken" ausweisen (allerdings hat der gegenwärtige Erziehungsdirektor sich geweigert, diese Gesetzesbestimmung anzuwenden). Eine andere Lösung würde darin bestehen, nach einem gemeinsamen ersten Studienjahr eine Zwischenprüfung in Musik abzuhalten. Wer sie nicht besteht, hätte dann die Möglichkeit, ohne Zeitverlust und seinen Begabungen entsprechend in Richtung Sekundarstufe 1 oder II weiter zu studieren.
Und nun haben offenbar die Pädagogischen Hochschulen von Zürich, Aargau und der Innerschweiz beschlossen, dass die Studierenden nur 7 Fächer belegen müssen, das Fach Musik also abwählen können! Ob Musik auf den Stufen Kindergarten bis 6. Schuljahr künftig noch kompetent unterrichtet werden wird, soll damit dem Zufall überlassen oder es müssen Fachlehrer eingesetzt werden. Das würde bedeuten, dass auf diesen Stufen nur noch (bestenfalls) zweimal pro Woche gesungen, musiziert und getanzt würde unter der Leitung einer Lehrkraft, die mehr als ein Dutzend solcher Klassen zu betreuen, zu den einzelnen Kindern also kein enges Verhältnis hätte. Zudem wird sich der Mangel an qualifizierten Leuten massiv verschärfen. Mit diesem Modell hat man in Deutschland nun 30 Jahre lang schlechte Erfahrungen gesammelt.
Aus pädagogischen und menschlichen Gründen aber wäre es wünschbar, dass die Klassenlehrerin, der Klassenlehrer selber mit den Kindern singt, musiziert und tanzt, und zwar jeden Tag, mit ihnen Theater spielt, zeichnet und malt, ihnen kulturelle Werte nahe bringt. Dieses Berufsbild des Lehrers mit künstlerischem Flair und musischer Ausstrahlung, es ist - wenn sich der Trend durchsetzt - ein Auslaufmodell. Künftig hätten diese Lehrer nur noch kognitiven Stoff zu vermitteln, und das möglichst effektiv. Sie würden langweilige Beamte sein, die Schule ein Zweig der Verwaltung. Eine ganzheitliche und humane Bildung - zu der im Sinne von Oelkers die Musik unverzichtbar gehört - könnten wir künftig vergessen.
Die politischen Möglichkeiten
Es ist paradox: Während auf eidgenössischer Ebene auf der Grundlage des Zusatzes im Kulturartikel, den wir erstritten haben, zügig an einem Kulturförderungsgesetz gearbeitet wird, droht ausgerechnet "Musik in der Schule", von wo alles ausging, auf der Strecke zu bleiben, weil die EDK sich dagegen sträubt.
Zwar haben die Kantone die Bildungshoheit; aber der Zusatz im Artikel 69 der Bundesverfassung kann einiges verändern. Dieser ist nämlich eindeutig auf die Musik in den Schulen gemünzt, wie schon aus seiner Entstehungsgeschichte klar wird. Angefangen hat es am 27. Februar 1996, als die kurz vorher gegründete, damals noch unabhängige (und durch die Schweizer Konferenz Schulmusik SKSM geleitete) Koordination Musikerziehung Schweiz KMS sich an der Vernehmlassung beteiligte und forderte, den Artikel 74 über Turnen und Sport zu einem Artikel über Musik, Turnen und Sport zu erweitern. Es war die KMS, die energisch durchsetzte, dass allen Parlamentariern dieser Vorschlag nachgeliefert wurde, als sich zeigte, dass er im Vernehmlassungsbericht vergessen worden war. Und es war wiederum die KMS, die (vermittelt durch NR Alexander Tschäppät) Herrn NR Remo Gysin gewinnen konnte, das Anliegen in der Verfassungssubkommission 3 zu vertreten. Die KMS blieb während der ganzen Zeit mit NR Gysin in Kontakt und war so beteiligt an der Kompromiss-Formulierung, die zwar in der Subkommission eine Mehrheit fand, nicht aber in der Gesamtkommission. Zu unserem Glück beharrte NR Ostermann mit seinem Minderheitsantrag darauf, und in der Diskussion im Nationalrat (am 29. April 1998) war es vor allem das Votum von Frau NR Hildegard Fässler, das die knappe Zustimmung begünstigte. Aber auch alle andern Voten, sogar die negativen, handelten von der Musik in der Schule. Als wenige Wochen später die Verfassungskommission des Ständerates nicht auf die Vorlage eingehen wollte, schien alles verloren; denn der Ständerat wäre seiner Kommission ohne Zweifel gefolgt, und der Artikel wäre sang- und klanglos aus Abschied und Traktanden gefallen. In dieser Situation hat es die SKSM buchstäblich in letzter Minute geschafft, Herrn Ständerat Hans Danioth im Namen und mit den Argumenten der KMS für das Anliegen zu gewinnen (eigentlich unbefugt, weil ihr kurz zuvor durch den Musikrat das Mandat für die Leitung der KMS entzogen worden war). Das engagierte Votum von Herrn Danioth, womit er den Ständerat zur Zustimmung bewog, handelte von der Musik in der Schule, und die KMS mit ihren 245'000 Mitgliedern hat er sogar namentlich erwähnt.
Die Entstehungsgeschichte des Artikels 69,2 zeigt also deutlich auf, dass vor allem der Musikunterricht in den Schulen gemeint war. Wenn dieser Artikel jetzt als Grundlage für ein Kulturförderungsgesetz dient, kann das zwar nur begrüsst werden; aber das ursprüngliche Anliegen darf darob auf keinen Fall vergessen werden. Er ist auch ein Wink an die Kantone, in dieser Sache endlich etwas zu unternehmen, denn die National- und Ständeräte waren sich der Schulhoheit der Kantone sehr wohl bewusst, so dass die Gegenkräfte den Föderalismus kaum ins Feld führen können.
Auch bei den ersten zwei der fünf Vorstösse aufgrund von Artikel 69 - es waren die gleichlautenden Motionen von NR Bangerter und SR Danioth - ging es nur um Musik in der Schule. Hier der Wortlaut:
Der Bundesrat wird ersucht, in Ausführung von Art. 69, Abs. 2 der Bundesverfassung gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen. Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:
a. Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.
b. Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehr
kräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.
c. Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägem der Musikausbildung ist generell sowie
durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenenfalls eines schweizerischen Kurszentrums
Musik zu koordinieren.
Das gleiche gilt für die Antwort von Frau Bundesrätin Dreifuss. In diesem Zusammenhang mag es interessieren, dass vor der Einreichung der genannten Motionen ein Entwurf für ein Bundesgesetz zur Diskussion stand (das über eine parlamentarische Initiative hätte eingebracht werden müssen). Dieser Entwurf sah so aus:
Gestützt auf Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung erlassen die eidgenössischen Räte folgendes Gesetz über die Ausbildung in Musik
1 Die Kantone gewährleisten die sorgsame Pflege des Gesangs in den Volksschulen und genügenden Unterricht in den Grundlagen der Musik auf allen Stufen.
2 Der Bund unterhält in Zusammenarbeit mit den Kantonen eine Fachgruppe Musik, in die jeder Kanton einen Fachbeauftragten delegiert.
3 Die Fachgruppe Musik erarbeitet
1 Richtlinien für die musikalische Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe (z.8. Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents).
2 Aufnahmebedingungen für das Studium des Faches Musik auf der Sekundarstufe 1.
3 Rahmenlehrpläne für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe 1 und der Sekundarstufe 11.
4 Einen Katalog der Aufgaben und Kompetenzen der kantonalen Fachberater Musik. 5 Modelle für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken. 6 Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens.
7 Unterlagen für den Aufbau eines schweizerischen Kurszentrums (z.8. Musiklager jeglicher An` von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören- und Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Mutter-Kind-Singens, Lehrerfortbildung).
4 Eine schweizerische Dokumentationsstelle für Musikdidaktik dient als Hilfe für die regionalen Zentren.
5 Eine Verordnung regelt den Übergang, bis der nötige Ausbildungsstand bei allen Lehrkräften erreicht ist.
In diesem Text wurde sorgfältig darauf geachtet, dass die kantonale Schulhoheit nicht angetastet wird. Die Kantone müssten lediglich einen Fachbeauftragten ernennen und in die eidgenössische Fachgruppe Musik delegieren. Alles andere mündet in Richtlinien und Empfehlungen, die nicht verbindlich sind, aber über die Fachgruppe einen gewissen Druck ausüben.
Um weiter zu kommen, sehe ich zwei mögliche Vorgehensweisen, die miteinander kombiniert werden müssten:
1. Der Weg über die Kantone
Zwar hat sich der Musikrat schon vor drei Jahren in dieser Sache an die kantonalen Erziehungsdirektoren und an die EDK gewandt und die Einberufung einer Konferenz von Experten verlangt. Aber bisher hat sich kaum etwas bewegt.
Ich schlage vor, dass der Schweizer Musikrat bei der EDK nun energisch die Einsetzung einer Fachkommission verlangt und dabei auf den in den parlamentarischen Voten erkennbaren eindeutigen Willen des Gesetzgebers hinweist. Schon vor etwa 35 Jahren wurde ein Rahmenlehrplan für Musik erarbeitet. Leider haben sich nur wenige Kantone danach ausgerichtet, so dass er nie durchgesetzt werden konnte. Mit dem Artikel 69 BV im Hintergrund könnte jetzt ein neuer Anlauf gelingen. Die Fachkommission hätte zunächst einen schweizerischen Rahmenlehrplan für Musik zu schaffen. Dieser müsste alle Stufen umfassen, vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe II, und die Musikschulen müssten einbezogen und auf die gleiche einheitliche Methode verpflichtet werden, wie das zum Beispiel in Finnland der Fall ist. Zweitens müssten die Mindestanforderungen in Musik für eine Lehrkraft der Grund- und der Primarstufe definiert werden.
Da die EDK trotz ihrer Machtfülle keiner parlamentarischen Kontrolle unterstellt ist, müssten kantonale Parlamentarier in einer konzertierten Aktion die Aufgabe übernehmen, das Anliegen in den Kantonsparlamenten zur Sprache zu bringen, um die jeweiligen Erziehungsdirektoren darauf zu verpflichten.
2. Vorstoss auf eidgenössischer Ebene
Die kantonale Schulhoheit ist bereits angeknabbert, zum Beispiel bei Turnen und Sport, beim Schuljahresbeginn, bei der Lehrerbildung. Auf Grund des Artikels 69 könnte die Musik nun mit dem Sport zwar nicht gleichziehen, aber mit einem Gesetz wie dem oben skizzierten doch eine bessere Position erlangen.
Der Musikrat müsste Parlamentarier finden, die einen solchen Vorschlag unterstützen und einbringen. Aus strategischen Gründen müssten die Vorstösse auf eidgenössischer und auf kantonaler Ebene miteinander koordiniert werden.
Aber es eilt: Wenn das Kulturförderungsgesetz unter Dach ist, - das kann schon in zwei Jahren der Fall sein - lässt der vom Artikel 69 ausgehende Druck nach. Das Eisen sollte jetzt geschmiedet werden.
Publikationen des Autors zum Thema: „Schafft die Hauptfächer ab!" (1991, Zytglogge), „Musik macht Schule" (Mitautor): Bericht über die Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht (1992, Blaue Eule, Essen), „Die vergessene Intelligenz" (1998, Pan). Mitte November erscheint:: „PISA und was nun?"(ceterum censeo). website: www.ewaweber.ch