Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/2871

Auch ohne «Übervater» Hugo Chávez bleibt Venezuela auf sozialistischem Kurs. Das Volk wählte Interimspräsident Nicolás Maduro zum Staatschef, wenn auch nur mit knapper Mehrheit. Die Opposition erlitt derweil ihre dritte Wahlschlappe in sechs Monaten. Ihr Kandidat Henrique Capriles Radonski konnte jedoch deutlich zulegen.
Nach Angaben der Wahlbehörde CNE kam Maduro nach Auszählung von über 99 Prozent der Stimmen auf 50,66 Prozent. Für Capriles stimmten 49,07 Prozent. Capriles war bei der Wahl im Oktober 2012 gegen Chávez bereits auf starke 44 Prozent gekommen, hatte sich aber dem damaligen Amtsinhaber mit 55 Prozent geschlagen geben müssen.
Die Leiterin der Wahlbehörde, Tibisay Lucena, verkündete den Wahlausgang auf einer Pressekonferenz. «Dies sind unbestreitbare Ergebnisse, die das Volk bestimmt hat.» Laut den Angaben lag die Wahlbeteiligung bei 78,71 Prozent. Auf Maduro entfielen 7'505'338 Stimmen, auf Capriles 7'270'403 Stimmen. Lucena rief die Bevölkerung auf, nun «ruhig nach Hause zu gehen».
Maduros Anhänger feiern
Maduros Anhänger feierten ihren Favoriten begeistert vor dem Präsidentenpalast in Caracas. Hunderte versammelten sich dort schon vor Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Sie entzündeten Feuerwerk, tanzten und hielten Fotos von Maduro und Chávez hoch. «Heute können wir sagen, dass wir einen fairen Wahlsieg erreicht haben», rief Maduro ihnen nach Bekanntgabe des Ergebnisses zu.
Maduros Sieg fiel deutlich knapper aus als vorhergesagt. In Umfragen vor der Wahl hatte er einen Vorsprung von 10 bis 20 Prozent gehabt. Chávez hatte Maduro vor seinem Tod am 5. März zum Wunschnachfolger erkoren.
Capriles spricht von Manipulationen
Die Opposition erkennt den Sieg Maduros nicht an. Nach dem denkbar knappen Wahlausgang forderte Capriles eine Neuauszählung der Stimmen. Capriles machte auch klar, dass es keinen Pakt zwischen ihm und Maduro gebe. «Ich paktiere weder mit der Lüge noch mit der Korruption», sagte der 40jährige in der Nacht in Caracas.
Er forderte eine umfassende Überprüfung des Wahlergebnisses und eine erneute Auszählung aller Stimmen. Es gebe 3000 Meldungen über Unregelmässigkeiten bei der Wahl. Bereits vor Bekanntgabe des Wahlausgangs hatte Capriles im Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben: «Wir weisen das Land und die Welt auf die Absicht hin, die vom Volk zum Ausdruck gebrachte Wahl zu ändern.»
Capriles beschuldigte die Regierung, mit SMS an öffentliche Bedienstete zur Wahl Maduros aufgerufen zu haben. Er forderte eine «echte Demokratie». Der venezolanische Vizepräsident Jorge Arreaza wies Capriles' Vorwürfe zurück. «Das ist unerhört», sagte er im Staatsfernsehen. Der Chef von Maduros Wahlkampagne, Jorge Rodriguez, warf dem gegnerischen Lager «Provokation» vor.
Maduro nennt Sieg «legal»
Maduro betonte nach der Wahl: «Heute können wir sagen, dass wir einen legalen, verfassungsmässigen Sieg errungen haben.» Der Sozialist war einer der engsten Weggefährten von Chávez. Von 2006 bis 2012 war er Aussenminister, dann Vize-Präsident und nach dem Tod von Chávez Interimspräsident.
Der Gewerkschafter und frühere Busfahrer tritt ein schweres Erbe an. Zwar verfügt Venezuela über grosse Erdölreserven. Doch hat das Land auch mit einer Inflationsrate von über 20 Prozent und einer maroden Infrastruktur zu kämpfen.
Die Wählerschaft der sozialistischen Partei rekrutiert sich vor allem aus den armen Bevölkerungsschichten, für die die Regierung seit dem Amtsantritt von Hugo Chávez im Jahr 1999 enorme Sozialprogramme auflegte.
Maduro auf Chávez' Spuren
Im Wahlkampf hatte Maduro angekündigt, die nach dem lateinamerikanischen Unabhängigkeitshelden Simón Bolívar benannte «Bolivarische Revolution» seines Vorgängers fortzusetzen, die vor allem darin bestand, die Öleinnahmen zugunsten der armen Bevölkerungsschicht zu nutzen.
Capriles, Gouverneur des Bundesstaats Miranda, setzte seinerseits auf die Enttäuschung der Wähler über chronische Lebensmittel-Knappheit, hohe Inflation, regelmässige Stromausfälle und die hohe Mordrate. Mit Korruption und Kriminalität könne es «so nicht weitergehen», sagte er.