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«Hatte eine Weile daran zu knabbern»
Unvergessen Markus Graber und seine Frau Heidi waren vor 15 Jahren, Anfang August 2007, Opfer des damaligen Aare-Hochwassers, das in Olten und grossen Teilen des Niederamts erhebliche Schäden verursachte. Der Obergösger ist froh, dass seit nunmehr sieben Jahren ein Damm ihr Haus schützt.
Von: Achim Günter
An Weihnachten 1989 zogen Markus und Heidi Graber mit ihren beiden Kindern in ihrem neugebauten Eigenheim im Obergösger Schachen ein, direkt am alten Aarelauf gelegen. Markus Graber, heute 75-jährig, erinnert sich an drei grössere Hochwasser in den folgenden 18 Jahren bis 2007: 1998, 2002 und 2005. Meistens im Mai, als jeweils die Schneeschmelze in den Bergen und tagelange Niederschläge zusammenfielen. Nach dem ersten Hochwasser 1998, als Grabers Gartensitzplatz leicht überflutet wurde, entschloss er sich, das Objekt künftig besser zu schützen. Er erstellte Abschottungen an der Kellertüre und an den unteren Fenstern. Dank dieser Massnahmen blieben die beiden nachfolgenden Hochwasser mit Ausnahme von marginalen Flurschäden im Garten ohne Folgen. Der Schlosser, der sich nach 2000 selbständig machte und bis zu seinem Pensionsantritt 2011 eine eigene Schlosserei betrieb, hatte zuvor während fast dreier Jahrzehnte im Wasserkraftwerk Gösgen gearbeitet und verfügte infolgedessen über Insiderkenntnisse, was die Wasserregulierung in der Aare betraf. So konnte er seine Liegenschaft jeweils rechtzeitig schützen und auch die Nachbarn über die drohende Gefahr informieren.
«2007 aber kam das verheerende Hochwasser völlig überraschend. Es waren zahlreiche Fehler passiert in Port bei der Regulierung des Bielerseeabflusses. Es gab zuvor wochenlange starke Regenfälle. Diese aber wurden bagatellisiert, vorgängige präventive Absenkungen wurden keine gemacht. Bieler-, Neuenburger- und Murtensee dienen ja als Kompensationsbecken.
Nach diesen intensiven Regenfällen bekam ich am frühen Morgen des 8. August 2007 von meinem früheren Arbeitskollegen im Wasserkraftwerk einen Telefonanruf. Er sagte mir, es sehe nicht gut aus mit der Wassersituation. So fuhr ich an jenem Mittwoch von meinem Arbeitsplatz in Niedergösgen nach Hause nach Obergösgen und montierte die Abschottungen im Keller und organisierte eine Pumpe, ehe ich wieder zur Arbeit zurückkehrte. Dann rief mich meine Frau an und berichtete mir, dass das Aarewasser nun auf den Sitzplatz laufe. Ich sagte ihr, dass wir die Lage in der Mittagspause zuhause neu beurteilen würden. Nach dem Mittagessen war das Wasser nochmals rund zehn Zentimeter angestiegen. Aber ein Problem war das noch nicht. So fuhr ich wieder zur Arbeit. Abends rief ich erneut meinen Kollegen vom Wasserkraftwerk an. Er erzählte, dass in Murgenthal der Abfluss rund 720 Kubikmeter pro Sekunde betrage. Die zulässige Höchstmenge ist 850. So hielt ich die Lage zu dieser Zeit für relativ unbedenklich.
Wir blieben zuhause und beobachteten die Lage. Das Wasser stieg stets, aber nur leicht. Um 22 Uhr dachte ich erstmals, dass es kritisch werden würde. Das Wasser hatte die Kellerfenster erreicht. Der Garten war unter Wasser, die Gemüsebeete alle zerstört. Das Wasser drückte nun ein wenig in den Keller hinein, da die Dichtungen nicht ganz perfekt waren. Die Pumpe musste ich allerdings nicht einsetzen, das wenige Wasser lief alles in den Abfluss.
Aber dann stieg das Wasser innerhalb einer Stunde um 30, 40 Zentimeter – über die Höhe der Kellerfenster hinaus. Ich fuhr zum vorherigen Arbeitgeber Atel und beschaffte mir zur Sicherheit eine zweite Pumpe, eine Tauchpumpe. Zuhause richtete ich diese ein, die andere musste ich zu diesem Zeitpunkt bereits laufen lassen, da sich schon rund zehn Zentimeter Wasser im Keller befanden. Die erste Pumpe vermochte das Wasser nicht mehr zu schöpfen. Bei der Inbetriebnahme der zweiten Pumpe stand das Wasser im Keller rund 30 Zentimeter hoch. Und dann passierte das Schreckliche: Der Strom fiel aus. Weiter oben, im Gebiet Wässerig, hatte das eindringende Wasser die Trafostation überschwemmt und einen Kurzschluss ausgelöst. Die beiden Pumpen nützten uns ohne Strom nichts mehr. Wir mussten mit Taschenlampen funktionieren und konnten nur noch zuschauen, wie das Wasser stieg. Nach etwas mehr als einer Stunde stand der Keller voll Wasser. Da war es etwa 0.30 Uhr. Auch Sohn und Tochter waren zum Helfen eingetroffen. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir jedoch bloss noch zuschauen, wie alles im Wasser versank. Das Wasser stieg bis knapp unterhalb des Parterres.
Wir waren nicht alarmiert worden, null. Aber ich mache der Feuerwehr keinen Vorwurf, die musste Prioritäten setzen. Am Morgen des 9. August kam der Zivilschutz vorbei und fragte, ob er etwas helfen könne. Aber das war nicht der Fall. Man konnte zu diesem Zeitpunkt bloss zuschauen und den Schaden dokumentieren. In Port waren am 8. August die Schleusen geöffnet worden, als man merkte, dass der Bielersee zu überlaufen drohte. Irgendwann später wurden sie plötzlich wieder geschlossen, als man feststellte, dass die Emme, die Wigger und die Dünnern dermassen viel Wasser bringen, dass es ab Olten zu Problemen kommen würde. In Murgenthal hätten 850 Kubikmeter Wasser pro Sekunde passieren dürfen. Es waren in jener Nacht aber 1000 und mehr. Als die Schleusen in Port geschlossen wurden, war es zu spät. Bei uns betrug der Spitzenwert zwischen Mitternacht und 2 Uhr 1350 Kubikmeter pro Sekunde.
Wir blieben auf den Beinen, bis zur kommenden Nacht. Viel machen konnten wir zwar nicht. Zuerst beobachteten wir das Geschehen, dann begannen wir uns zu organisieren. Wir hatten ja keinen Strom mehr im Haus. Wir zogen mit einer Kabelrolle eine Notleitung vom Nachbarn herüber, damit wir jeweils wenigstens auf einem Rechaud kochen konnten. Am Morgen hätte ich die Pumpen also wieder einsetzen können, doch wir durften nicht mehr. Da wir im Keller eine Öl-Holz-Heizung hatten, durfte ich den Keller nicht auspumpen – das Öl war ins ganze Kellergeschoss ausgelaufen. Bereits am Mittag des 9. August kam der Versicherungsvertreter vorbei. Es galt nun eine Firma damit zu beauftragen, das ölverschmutzte Wasser aus dem Keller zu pumpen. Die kam bereits am nächsten Tag. Danach konnten wir unseren Keller betreten und uns ein Bild vom Ausmass des Schadens machen. Als wir erstmals hineingehen konnten, stiegen uns Tränen in die Augen. Unsere Essensvorräte waren alle zerstört, alles war kaputt. Werkstatt kaputt, Velo kaputt, Ski kaputt – ein Totalschaden. Das war sehr schmerzhaft. Wir mussten alles wieder neu kaufen gehen.
Eine weitere Firma wurde mit der Räumung des Kellers beauftragt. Es musste alles entsorgt werden, alles war mit Wasser und Öl getränkt. Nach einigen Tagen kam die Firma, welche den Keller ausgepumpt hatte, nochmals, um den ganzen Keller chemisch zu reinigen. Anschliessend musste der Keller einige Wochen trocknen. Erst dann konnte das Stromtableau im Keller wieder installiert werden. Wasser und Kanalisation haben zum Glück immer funktioniert. Wäsche gewaschen haben wir während dreier Monate bei der Schwägerin. Im Keller musste ein neuer Rohbau erstellt werden, Isolation und Fliesen mussten komplett erneuert werden. Sämtliche Steckdosen mussten entwässert und wieder neu montiert werden. Im November konnten wir den Keller wieder beziehen und auch erstmals wieder zuhause waschen. Der gesamte Schaden bei uns betrug 212000 Franken.
18 Jahre aufbauen, und dann wird alles in ein, zwei Stunden zerstört – das tut schon weh. Ich hatte eine Weile daran zu knabbern. Aber irgendwann muss das Leben ja weitergehen. Aber noch heute diskutieren wir immer mal wieder über das damalige Hochwasser, vor allem auch mit den Nachbarn. Jeweils bei heftigen Gewittern oder nach tagelangen Regenfällen.»
Zwischen 2013 und 2015 liess der Kanton Solothurn in den hochwassergefährdeten Zonen des Niederamtes einen Damm errichten. Ein solcher schützt nun auch Grabers Liegenschaft und diejenigen der Nachbarn. Sie hatten sich mit Hilfe eines Anwalts dafür eingesetzt, dass auch im Obergösger Schachen ein Schutzdamm erstellt wurde. Profitiert von den Hochwasserschutzmassnahmen hat neben den Menschen auch die Natur. Zahlreiche Naturwiesen sind entstanden, und seltene Tiere wie der Eisvogel fühlen sich an der Aare wieder heimisch. Markus Graber sagt heute, er fühle sich sehr sicher. «Aber ein Restrisiko gibt es natürlich immer.»