Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03619.jsonl.gz/1861

|The Amazing Spider-Man

Land: USA
Regie: Marc Webb
Drehbuch: James Vanderbilt, Alvin Sargent, Steve Kloves
Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Martin Sheen, Sally Field, Irrfan, u.a.
Kamera: John Schwartzman
Schnitt: Alan Edward Bell, Michael McCusker, Pietro Scalia
Musik: James Horner
Laufzeit: 136 Minuten
Kinostart: 28.06.2012
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Switzerland
Weitere Infos bei IMDB
Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung
von Sarah Stutte
Coole Bilder, tolle Schauspieler und rundum gute Unterhaltung: Der neue Spider-Man hält, was er verspricht und das, obwohl Jungregisseur Marc Webb ein schweres Erbe antrat. Sam Raimi hat der Spinne ein Gesicht gegeben. Webb jedoch gibt ihr Charakter.
Peter Parker (Andrew Garfield) wird als Junge von seinen Eltern verlassen, just bevor diese bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Fortan wächst der Waise bei seiner Tante May (seit Jahren endlich wieder einmal auf der grossen Leinwand: Sally Field) und seinem Onkel Ben (Martin Sheen) auf. Mittlerweile ein Teenager, wird er als hochbegabter, stiller Nerd an seiner Wissenschafts-Highschool gehänselt. Einzig seine Klassenkameradin Gwen (Emma Stone) findet Zugang zu dem einsamen Jungen, der immer noch unter den Folgen seines damaligen Verlusts leidet. Als Peter zufällig die alte Aktentasche seines verstorbenen Vaters in die Hände fällt, entdeckt er darin dessen algorythmische Aufzeichnungen; dieser Fund führt Peter direkt zur Gentechnik-Firma Oscorp-Industries und dem früheren Forschungspartner seines Dads, Dr. Curt Connors (Rhys Ifans). Dieser sucht händeringend, eines verstümmelten Armes wegen auch aus persönlichen Gründen, nach der Formellösung zur Rekonstruktion missgebildeter Körperteile. Entschlossen, mehr über das einstige Verschwinden seiner Eltern zu erfahren, schnüffelt Peter in den geheimen Laboratorien herum, wird dabei von einer genetisch erzeugten Spinne gebissen und schwingt sich bald darauf als Spider-Man durch die Lüfte. Doch auch Dr. Connors, der sich Peters Intelligenz bei der Entwicklung seines Serums zunutze macht, stellt sich kurzerhand als Versuchskaninchen zur Verfügung und mutiert daraufhin zum echsenähnlichen Dr. Jeckyll and Mr. Hyde. Als er sämtliche New Yorker mittels Zerstäuberkanone in Reptilien verwandeln will, ist Spider-Mans ganzes Können gefragt…
Ja, die Rahmenhandlung ist ausgewiesen. Schmächtiger Junge wohnt bei Onkel und Tante, die ihn verhätscheln. Schmächtiger Junge wird von Spinne gebissen. Schmächtiger Junge wird zum Fassadenkletterer und kämpft gegen böse, ebenfalls mutierte Ungeheuer. Mäkelt man jedoch einzig an der Tatsache herum, dass der neue Spider-Man inhaltlich nicht viel Neues bringt, tut man ihm gewaltig unrecht. Erstens: Es gibt inhaltliche Veränderungen. Man muss halt ein wenig genauer hinsehen, um diese zu entdecken. Dass Spidey sich das Spinnenfädenkonstrukt, das aus seinen Handgelenken schiesst, selbst bastelt, ist nahe an der Comic-Vorlage. Und auf seinen Ursprung weist der Film nicht nur mit dem Titel hin, sondern auch mit vielen kleinen Details wie dem Fotoapparat oder dem Wrestlingring. Zudem trägt Peters Vater in diesem Reboot indirekt Mitschuld an der Verwandlung seines Sohnes zum Spinnenmann. Zweitens: Regisseur Marc Webb (500 Days of Summer) gelingt das Kunststück, die altbekannte Story trotz fast zweieinhalbstündiger Laufzeit gleichbleibend spannend zu halten. Drittens: Es ist Tatsache, dass Comicgeschichten vorgegeben sind, an der Grundstory ändert sich nie viel. Batman wurde in den Christopher Nolan-Verfilmungen ein neuer Look verpasst, die Psychologisierung seiner Figur verstärkt. Nichts anderes geschieht auch hier. Letztendlich macht genau das dieses Spider-Man-Reboot zum bisher besten Spinnenfilm. Andrew Garfield ist in seiner Rolle als aufmüpfiger, wütender, verletzlicher und dann wieder unglaublich charmanter und verschmitzter Teenie-Aussenseiter in jeder Szene absolut glaubhaft. Zudem hat er nicht den Anspruch, unbesiegbar zu sein und ist um einiges selbstironischer als Maguires Spider-Man. Nicht nur, dass er mit den noch ungewohnten Superkräften morgens erst mal das halbe Bad auseinander nimmt, um danach, mit der Zahnbürste in der Hand, apathisch auf dem Bett zu sitzen. Der neue Spider-Man gefällt auch dann, wenn er, in anfänglicher Ermangelung eines Kostüms, mit roter Mütze und Sonnenbrille aus dem Haus geht oder in seinem Spinnennetz Handy-Spiele daddelt, während er auf das Auftauchen des Echsenmonsters wartet.
Emma Stone spielt indes nicht sein blosses Anhängsel, sondern ein toughes, selbstsicheres und ziemlich cleveres Mädchen, das nicht Däumchen dreht, bis der Held sie aus dem brennenden Haus rettet. Sie rettet sich kurzerhand selbst. Die Love-Story der beiden ist, aufgrund ihrer Unbeholfenheit, ziemlich witzig. Alles in allem lassen die beiden Newcomer die Altstars Tobey Maguire und Kirsten Dunst ziemlich im Regen stehen. Aber auch die Moralinstanzen Sally Field und Martin Sheen sind sympathisch charakterisiert, weniger schnulzig als Tante und Onkel der 2000er-Jahre und wissen vor allem in den dramatischen Szenen vielmehr zu berühren. An den Auftritten von Dennis Leary, Campbell Scott und C. Thomas Howell gibt es nichts zu meckern, einzig Rhys Ifans hätte als zwiespältiger Bösewicht ein wenig bedrohlicher ausfallen können. Dennoch gefällt an seiner Figur, dass sie bis zum Schluss nicht fassbar bleibt. Spider-Man-Erfinder Stan Lee, der bisher in fast allen Marvelverfilmungen wenigstens ein Bein in die Kamera hielt, hat natürlich auch in The Amazing Spider-Man seinen unverzichtbaren Cameo-Auftritt: den bisher besten (Stichwort Bibliothek!). Nicht zu vergessen sind die spektakulären Bilder, die über die Actionsequenzen hinausreichen. Dass sich der Zuschauer aus dem Spider-Man’schen Blickwinkel von den höchsten Wolkenkratzern in die tiefsten Strassenschluchten stürzen darf und die 3D-Kamera derart fein hinter die Tiefe der Leinwand eintaucht, ist allein schon den Gang ins Kino wert.
Zugegeben, der neue Spidey ist düsterer als seine Vorgänger und zeitweise hat man das Gefühl, dass die ganze Zeit irgendwer am Sterben ist. Doch dem ausschliesslichen Popcorn-Blockbuster-Image der Vorgängerfilme fügt sich hier ein neuer Aspekt hinzu: Tiefgang. Nach dem ultracoolen The Avengers legt Marvel nun auch mit dem Klettermaxe die Messlatte ziemlich hoch. Spätestens der Abspann (Marvel-Kenner: Sitzenbleiben!) untermauert dies noch einmal. Von den kommenden DC-Verfilmungen von Batman und Superman wird also einiges erwartet.
©Walt Disney Studios Motion Pictures Switzerland
©Walt Disney Studios Motion Pictures Switzerland