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| Athenagoras (2. Jhd.) - Über die Auferstehung der Toten (De Resurrectione)

16.
Man nehme keinen Anstoß daran, wenn wir ein Leben, das durch Tod und Verwesung unterbrochen wird, Fortdauer nennen; man bedenke vielmehr, daß dieses Wort nicht nur in einem Sinne gebraucht wird und daß der Begriff der Fortdauer mehreres bedeutet, da ja auch die Natur der Fortdauernden nicht eine und dieselbe ist. Denn wenn ein jedes Fortdauernde eine seiner eigenen Natur entsprechende [S. 361] Fortdauer hat, so muß offenbar das schlechthin Unverwesliche und Unsterbliche eine andere Fortdauer haben, da man die stärkeren Wesenheiten nicht auf die gleiche Stufe stellen darf mit den untergeordneten. Es wäre daher unbillig, beim Menschen jene gleichmäßige und unveränderte Fortdauer zu verlangen; denn während jene höheren Wesen von Anfang an unsterblich sind und nach dem Willen des Schöpfers sich ewiger Fortdauer erfreuen, hat der Mensch von Geburt an nur mit seinem seelischen Teile eine unveränderte Fortdauer; hinsichtlich seiner Leiblichkeit bekommt er die Unverweslichkeit erst infolge einer Veränderung. Das ist der Sinn und Zweck der Auferstehung. Im Hinblick auf diese sehen wir der Auflösung des Leibes, die nun einmal auf das mit Unvollkommenheit und Verweslichkeit behaftete Erdenleben folgen muß, getrost entgegen und erwarten nach diesem Leben eine Fortdauer in Unverweslichkeit. Denn wir wissen zwischen unserem Lebensende und dem der unvernünftigen Wesen, zwischen der Fortdauer der Menschen und der Fortdauer der unsterblichen Wesen wohl zu unterscheiden und wollen nicht den Fehler machen, die Natur und das Leben der Menschen mit Ungehörigem zusammenzustellen. Man darf sich also nicht daran stoßen, wenn bei der Fortdauer des Menschen eine Ungleichheit sich zeigt, und die Auferstehung ablehnen, weil eine Trennung der Seele vom Leibe, weil eine Auflösung der Teile und Teilchen den Lebenszusammenhang unterbricht. Auch das sinnenfällige Leben wird, da die Menschen in gleichen Zeitabständen schlafen und dann sozusagen wieder aufleben, durch den natürlichen Ausfall der Empfindungen und das Pausieren der physischen Kräfte während des Schlafes scheinbar unterbrochen; aber trotzdem tragen wir kein Bedenken, von einem und demselben Leben zu reden. Jenes ist wohl auch der Grund, weshalb man den Schlaf den Bruder des Todes nennt; man tut dies, nicht etwa weil man einen Stammbaum vor sich hat und daran abliest, daß sie von denselben Voreltern und Eltern entsprossen sind, sondern weil bei den Schlafenden ähnliche Zustände walten wie bei den Toten, also wegen der Stille, wegen der [S. 362] Gleichgültigkeit gegen alles, was in ihrer Umgebung ist oder geschieht, und sogar gegen das eigene Sein und Leben. Wenn wir also dem Leben der Menschen, trotzdem es von der Geburt bis zur Auflösung so viele Ungleichheiten aufweist und durch alle die erwähnten Umstände unterbrochen wird, den Charakter der Einheitlichkeit keineswegs absprechen, dürfen wir auch das jenseits der Auflösung gelegene Leben nicht ablehnen, welches mit der Auferstehung seinen Anfang nimmt; wird es auch durch die Trennung der Seele vom Leibe eine Zeitlang unterbrochen, so ist es doch immer noch dasselbe Leben.