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Am Oberen Graben zeigt sich eindrücklich, wie aus Häusern eine Stadt entsteht. Denn dort zeigt die Altstadt ihren geschwungenen Rücken, und auf der anderen Strassenseite beginnt eine Folge von gerasterten Blockrändern, die sich bis zur Geltenwilenstrasse erstrecken. Dank dieser klaren Kante, die bis zum Grabenpärkli reicht, tritt der Bogen der Altstadt umso deutlicher hervor. Jedes Gebäude, das die strenge Fassadenflucht unterstreicht, trägt zu dieser Wirkung bei. Das neue Verwaltungsgebäude am Oberen Graben schliesst einen ehemals offenen Blockrand und dient damit der Stadt – auch wenn dafür das schrullige Häuschen weichen musste, in dem für lange Zeit «Saiten» ein Heim hatte und der Ausstellungsraum Ex-Ex (heute Nextex) geboren wurde. Für die kantonale Verwaltung wurden hier vier Gebäude zu einem riesigen Haus zusammengefügt. Die beiden Geschäftshäuser aus der Stickereizeit besetzen die Ecke an der Frongartenstrasse, die Neubauten stehen ihnen zur Seite. Die Hauptrolle überlassen sie den beiden historischen Bauten, die frisch renoviert wieder in altem Glanz erstrahlen. Sie begnügen sich damit, eine robuste Klammer zu bilden.
Die Fassaden folgen einem gleichmässigen Raster, und Zurückhaltung scheint die oberste Tugend der Architekten gewesen zu sein. Auch wenn die beiden neuen Fassaden aus dem gleichen gestockten Beton gefertigt sind und sie dieselben prägnanten Fenster zieren, so zeigen sie doch subtile Unterschiede in der Art, wie sie ausgebildet sind. Oben, gegen die Gartenstrasse, gliedert ein Gesims das Gebäude in horizontale Streifen und bildet dadurch ein Sockelgeschoss. Zur Frongartenstrasse hin ist das Haus nicht nur ein Geschoss höher, sondern auch die vertikalen Pfeiler stehen vor der Fassade und gehen bis zum Boden durch. Dadurch scheint das Gebäude dort mehr in die Höhe zu streben. Diese Pfeiler setzen sich bis in den Innenhof fort, um dort langsam mit der Wand zu verschmelzen.
In ihrer Erscheinung stehen die neuen Gebäude in der Tradition der steinernen Geschäftshäuser aus der Entstehungszeit des Quartiers. Die Formate der Fenster sind von den beiden stattlichen Altbauten am Oberen Graben übernommen. Man sieht ihren gestockten Fassaden die Handarbeit an, derer es bedurfte, um der glatten Oberfläche des Betons eine lebendige Textur abzuringen. Das Ornament der historischen Vorbilder ist nicht verschwunden, es hat sich lediglich in die Fugen rund um die Fensterrahmen zurückgezogen, wo es in Baubronze gefertigt die grossen Kastenfenster rahmt und einen Lüftungsflügel verdeckt. All dies verbindet die Neubauten zeitgemäss und selbstbewusst mit dem Bestand, ohne sich anzubiedern oder den Kontrast zu suchen. Dünkel sind dem neuen Haus am Oberen Graben völlig fremd. Es sucht den Kontakt zu seiner Umgebung und freundet sich sogar mit dem eigenwilligen Gebäude der UBS aus den Siebzigerjahren an. Mit einem beherzten Schwung wendet es sich seinem Nachbarn zu und lässt sich auf die spannende Schicksalsgemeinschaft ein.
Im Inneren waren die Verwerfungen etwas grösser, um das enorme Raumprogramm an diesem Ort unterzubringen. Die beiden bestehenden Treppen mussten einem neuen, gemeinsamen Treppenhaus weichen. Dieses windet sich um zwei Lifte und einen Lichthof in die Höhe, zahlreiche kleinere Stiegen überbrücken die Höhenunterschiede zwischen den einzelnen Gebäudeteilen. Um Licht in die tiefe, innenliegende Ecke zu bringen, folgt ein Spiegel dem Lauf der Sonne und wirft ihre Strahlen durch den Lichthof in die Tiefe. Verchromte Skulpturen, die Vögeln gleich in der Luft hängen, streuen dieses Licht über ihre gekurvten Oberflächen in die Gänge des Hauses. Als Kunst am Bau bildet diese Installation einen festen und unverzichtbaren Bestandteil der Architektur.
Der unaufgeregte Entwurf hatte sich 2003 gegen siebzig andere Bewerber durchgesetzt. Dies lag sicher an der intelligenten Lösung, mit der Anna Jessen und Ingemar Vollenweider das enorme Raumprogramm bewältigt haben. Das Projekt stach aber auch formal unter den zahlreichen Glaspalästen, Hochhäusern und den Kontrast suchenden Konkurrenten hervor. Die Zeit war damals eigentlich noch nicht reif für einen steinernen Bau, der seine ganze Brillanz hinter einer gelassenen Fassade hervorblitzen lässt; vielmehr wurde zu jener Zeit landauf landab der Kontrast von Alt und Neu gesucht. In der Stadt hinterlässt diese Haltung einen bunten Flickenteppich. Das Projekt von Jessen Vollenweider hingegen rufe «ein zeitloses Immerschondagewesen« hervor, befand die Jury. Sie hat Weitsicht bewiesen, dieses Projekt mit dem ersten Rang zu küren. Ein Name fällt dabei besonders auf. Im Preisgericht sass ein gewisser Axel Fickert, der dieser Geschichte eine ganz neue Wendung gibt.
2012 fand in Venedig die dreizehnte Biennale der Architektur statt. Die Schweiz hat dort einen eigenen Pavillon. Letztes Jahr wurde die Ausstellung von Miroslav Šik gestaltet. Er unterrichtet an der ETH, betreibt ein eigenes Büro und gilt als Begründer der «analogen Architektur», die seit den frühen Neunzigerjahren Elemente und Strukturen aus der direkten Umgebung aufgreift und aus ihnen neue Architekturen entwickelt. Das Resultat ist ein Haus unter anderen Häusern, keine abstrakten Konzepte oder verkopften Herleitungen aus Kunst und Naturwissenschaften. Und so war seine Schau im SchweizerPavillon unter dem Titel «And now, the Ensemble!!!» dem Zusammenspiel von Häusern gewidmet. Šik illustrierte in Venedig seine Theorie mit Werken von Architekturbüros, die er zur Ausstellung eingeladen hatte: sein eigenes Büro, Miller & Maranta aus Basel und – eben – das Büro Fickert Knapkiewitz aus Zürich. Es entstand eine imaginäre Stadtlandschaft aus Projekten, die an unterschiedlichsten Orten stehen. Ihr gemeinsamer Nenner war die Sorgfalt, mit der sie die Strukturen der Stadt ergänzen. Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen, in dem neben Miroslav Šik und Quintus Miller drei weitere Architekten das Wesen des Ensembles ausleuchten: Vittorio Magnago Lampugnani, Hans Kollhoff und Adam Caruso.
Auch zwei dieser Autoren haben in St.Gallen Spuren hinterlassen. Beginnen wir mit Hans Kollhoff. Scharen von Architekten befreiten sich in den Achtzigerjahren aus dem Korsett der Moderne und überschwemmten das Land mit Türmchen, zweifarbig geschichteten Steinfassaden und um 45 Grad geneigten Fenstern. Es war die Zeit der Postmoderne. Kollhoff ging einen eigenen Weg und liess durch fein gegliederte Fassaden mit Säulen, Gesimsen und Risaliten die Tugenden des Klassizismus wieder aufleben. Die Häuser aus seinem Büro erinnern denn auch an die Möbel von «Manufactum»: streng, durchdacht und ein bisschen steif, aber immer in bestem Material gefertigt. In seinem Aufsatz fordert er, dass Architektur ein zusammenhängendes Ganzes bilden soll, das die Menschen verstehen können.
In St.Gallen hat Kollhoff zwar noch nichts gebaut, aber auch er prägte als Jurymitglied einen Wettbewerb. Er hat über das Bundesverwaltungsgericht und die Wohnbauten auf dem Chrüzacker entschieden. Die Wohnüberbauung weist eindeutig Züge aus seiner Lehre auf. Sie folgt fast wörtlich seiner Aufforderung, die Elemente zu nutzen, welche die lange Geschichte der Architektur hervorgebracht hat. Der Planer der Siedlung, Dominik Uhrmeister aus Berlin, erläutert auf seiner Homepage die Haltung hinter dem Entwurf: «Im direkten Sinne von Kontext werden die Wohnbauten in ihre Umgebung eingewebt. Der besondere, vorherrschende Charakter der stadtvillenartigen Überbauung des Rosenberges wird aufgegriffen und fortgesetzt.» Auch hier zeigt sich wieder dieser Wunsch, neue Gebäude aus dem Bestand heraus zu entwickeln und sie so mit der Umgebung zu einer neuen Einheit zu verschmelzen.
Doch fügen sich die Häuser am Furglerweg nicht so gekonnt in ihre Umgebung ein, wiedies am Oberen Graben der Fall ist. Ein Grund ist sicher, dass der Auftrag für die Siedlung nochmals aufgeteilt und an zwei Architekten vergeben wurde. So haben sich neben die villenartigen Häuser langgestreckte Wohnblocks mit versetzten Fenstern auf den Chrüzacker geschlichen, die eine gänzlich andere Sprache sprechen. Ein Ensemble sieht irgendwie anders aus. Der Bericht der Jury spricht davon, dass so den Wünschen des Investors besser entsprochen werden könne. Womit auch der zweite Grund genannt ist. Die Pensionskasse für das kantonale Staatspersonal sieht die Wohnhäuser wohl eher als Investition denn als Beitrag zur Baukultur. So lässt sich das Amt für Vermögensverwaltung im «Tagblatt» zitierten, dass es sich bei den Gebäuden nicht um Villen handle, sondern um «ganz normale Wohnhäuser». Was auch immer man darunter verstehen mag: Das Resultat ist denn auch nahe am Mittelmass. Doch noch etwas anderes plagt die Wohnbauten hinter dem neuen Gericht. Die Zitate der bestehenden Villen am Rosenberg sind wörtlich übernommen. Uhrmeister kopiert deren Elemente, ohne sie in etwas Neues zu überführen. Am Oberen Graben haben die Architekten tiefer geschürft, um einen zeitgenössischen Ausdruck für die historischen Vorbilder zu finden. Und die Schöpfer des Verwaltungsgebäudes kennen sich bestens aus in der reichen Geschichte der Architektur: Ingemar Vollenweider war lange Jahre Assistent von Professor Kollhoff an der ETH. Und hier schliesst sich der Kreis wieder.
Ein Name aus dem venezianischen Zirkel fehlt hier aber noch. Es ist Adam Caruso. Sein Aufsatz handelt von der Neuausrichtung der Architektur nach der Moderne, in welcher der Bruch in der Entwicklung nicht mehr gesucht wird. Form, Atmosphäre und Geschichte haben wieder Raum bekommen in den Entwürfen der Architekten. Vielleicht werden wir bald bestaunen können, wie Caruso seine Theorie an einem harten Prüfstein misst: Aus seinem Büro stammt die «Stadtkrone», die dereinst die Villa Wiesental ersetzen soll.