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Friedrich Glausers «Randlingen»
«Wachsaal B. Die Länge des Wachsaals schätzte Studer auf etwa fünfzehn Meter, die Breite auf acht. Der Raum war weiss gestrichen. Zweiundzwanzig Betten in zwei Reihen… Am einen Ende war ein erhöhtes Abteil, in dem zwei Badewannen standen. Dahinter war das Fenster geöffnet, und dünne Eisengitter hatte man davor angebracht. Auch durch dieses Fenster sah man den zweistöckigen Bau des U1. (...). Studer stand auf, trat in den Nebenraum. Zwei Fenster. Das eine sah in den Garten, das andere auf den zweistöckigen Bau des U1. An den Wänden ein Dutzend Kohlezeichnungen. Männerköpfe, sonderbar starr, offenbar nach Photographien gezeichnet. Bäume, die gespenstisch aussahen. Ein großer Kopf wie aus einem Traum: breitmäulig, froschhaft. Und ein Mädchenkopf…»
Wachmeister Studer ermittelt. Im Maschinenraum der psychiatrischen Klinik Randlingen (im Jargon der dreissiger Jahre «Irrenanstalt») ist der Direktor tot aufgefunden worden. Unfall oder Mord? Der kauzige Ermittler dringt tiefer und tiefer in das Labyrinth der Heil- und Pflegeanstalt ein, dort wo «Matto», der Wahnsinn, regiert. Er spricht mit Patienten und Pflegern, mit Ärzten, Angehörigen und dem Büropersonal und bewegt sich unablässig durch die dunklen Gänge des Riesenbaus. Und er stösst auf Geheimnisse, die nun an Tageslicht wollen. Der tote Direktor ist nämlich erst der Anfang, bald reichen die Finger einer Hand nicht mehr aus, um die Todesfälle aufzuzählen...
Friedrich Glausers (1896-1938) Leben liest sich selbst wie ein – oft allzu tragischer – Roman: Aufgewachsen in Heimen, Morphiumkonsum, Suizidversuche, fieberhaftes Schreiben, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, Arbeiten in Kohlebergwerken, Arbeiten als Gärtner, Kontakte und Freundschaften mit Dada-Künstlern, Entmündigung und eine Existenz unter Amtsvormundschaft. «Ich komme mir manchmal», schrieb er 1937 an eine Freundin, «wie ein abgehetzter Hase vor, der sich in einer Ackerfurche vor den Hunden gerettet hat – die Hunde: Behörde, Amtsvormundschaft, Psychiater, Strafanstaltsdirektoren. Man hat ein wenig den Schnauf verloren; das muss sich alles zuerst beruhigen, bevor es ein wenig Frucht tragen kann – soweit ein Gejagtsein Früchte tragen kann.»
1936 sind die ersten beiden Romane erschienen, «Wachtmeister Studer» und «Matto regiert», zuvor und danach etliches an Kurzprosa in Zeitungen. Alle anderen grossen Romane erschienen erst nach seinem Tod. Man sollte sie lesen, unbedingt, sie gehören noch immer zum Besten, was die Schweizer Literatur zu bieten hat. Glauser starb im Alter von nur 42 Jahren in Nervi, Italien – am Vorabend seiner Hochzeit mit Berthe Bendel, einer Psychiatriepflegerin aus Münsingen. (BP)
Glausers Randlingen gibt es nicht. Das hält Glauser in der Vorrede zu «Matto regiert» in aller Deutlichkeit fest: «Es gibt drei Anstalten im Kanton Bern. – Waldau, Münsingen, Bellelay. – Meine Anstalt Randlingen ist weder Münsingen, noch die Waldau, noch Bellelay. Die Personen, die auftreten, sind frei erfunden. Mein Roman ist kein Schlüsselroman. Eine Geschichte muss irgendwo spielen. Die meine spielt im Kanton Bern, in einer Irrenanstalt. Was weiter? … Man wird wohl noch Geschichten erzählen dürfen?» Für Randlingen bleibt also nur die Kopfreise. Wer hingegen auf Glausers biografischen Spuren wandeln möchte (und es ist unbestritten, dass seine eigenen Anstaltserfahrungen in den Roman eingeflossen sind), kann den öffentlich zugänglichen, prächtigen Park des Psychiatriezentrums Münsingen besuchen. Allein der Baumbestand ist sehenswert. Glauser hat in dieser Anstalt sechs Jahre verbracht.