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Joseph Fuchs: Hannibals Alpenübergang
Der vornehme Verfasser der erstgenannten, sehr lesenswerten Artikel macht den bei dem gegenwärtigen Stand der zur Lösung der Frage nötigen Wissenschaften gewagten Versuch, die ethnographischen Siede-lungsverhältnisse in der Schweiz am Ende der neolithischen Zeit, während der sogenannten Hallstadtkultur und in der La Tène-Periode möglichst genau, nach historischen Orten, Zeiten und Namen nachzuweisen. Dabei spielt natürlich auch die Alpenbevölkerung eine wichtige Rolle, und darum muß ich auf Methode und Resultate des Grafen Zeppelin hier eingehen, soweit die Alpen, besonders von Wallis, Tessin und Graubünden, in Betracht gezogen sind. Außer von den allgemein bekannten prähistorischen und linguistischen Voraussetzungen geht der Verfasser von zwei ihm eigenen Anschauungen aus: Erstens die rätisch - gallische Provinzial-grenze der Römerzeit entspricht einer uralten Scheide zwischen den Völkern, die schon in der Steinzeit das rätische Land bewohnten, und denjenigen, die von Westen und Südwesten bis zu ihr vorgedrungen waren. Zweitens entsprechend der Ausbreitungsart arischer Rasse und Kultur ist eine wiederholte Einwanderung der später hier zu findenden Völker und namentlich ein zweimaliges Einströmen der Kelten anzunehmen. Diese nämlich werden, gestützt auf die verschiedenen Benennungen dieses Volkes bei altern und neuern griechischen ( und römischen ) Autoren, geschieden in gadhelische Kelten, kymrische Gallier und Helvetier. Auch bei der rätischen Bevölkerung werden die alten Rasener von den aus lydisch-etruskischen und keltischen Elementen gemischten Rätern zeitlich und ethnographisch geschieden. Graf Zeppelin denkt sich die Vorgänge nun folgendermaßen: Am Ende der Jüngern Steinzeit im Osten, vielleicht noch vermengt mit spärlichen Resten der paläolithischen Urbevölkerung, die zu den thrakischen Ariern gehörenden Rasener, im Centrum und im Westen vornehmlich Ligurer, und zwar zuletzt mit Iberern oder auch schon mit Kelten um ihre Sitze kämpfend. Zeit: Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christo. Nach einer Übergangszeit ( Verwendung des reinen Kupfers ) Bronzekultur der Hallstadtzeit. Einwanderung der kymrischen Kelten in Mitteleuropa, welche auf der ganzen langen Front Iberer, Ligurer, Rasener und norische Illyrier, sich vielfach mit ihnen verschmelzend, immer weiter nach Süden und in die Alpen, ja zum Teil bis nach Italien verdrängten. Denn bereits in den ersten Jahrhunderten des letzten Jahrtausends vor Christo saßen Kelten als Nachbarn der Tyrrhener und Veneter in Italien, und die nämlichen in den Alpen und an der Donau. In den alträtischen Landesteilen verdrängten sie die ursprünglich rase-nische Bevölkerung. Damals saßen Bojer in dem später helvetischen Gebiet von der rätischen Grenze bis zum Fuß der Alpen und westwärts bis zur Aar, neben ihnen vielleicht die Tulinger und LTatobrigen ( also diese nicht im Oberwallis oder Vorderrheinthal ). Die Suaneten verlegt der Verfasser nicht in die Val Seriana, sondern nach Külb ( zu Plinius N. H. Ill, cap. 20 ) an die Saane. Im Wallis merkwürdiges Völkergemisch ( nach Livius XXI, cap. 31, gentes semigermanœ ): die ligurischen Viberer ( obere Rhone und Urserenthal ), die germanischen Tylangier, Chabilken, Daliterner und Temener ( Pestus Avienus, ora maritima v. 660 ff. ). Diese waren von der kymrischen Wanderung mitgerissen worden. Sie bildeten in römischer Zeit mit den nachgefolgten keltischen Stämmen der Nantuaten, Veragrer und Seduner zusammen die IV civi-tates Vallis Pœninaj. In den vom Verkehr abgeschiedenen Wallisthälern oberhalb der St. Bernhard-Straße erhielt sich die Hallstadtkultur ( Bronze ) bis in die römische Zeit, während erst die im vierten Jahrhundert im Westen eindringenden gallischen Kelten ( Helvetier ) die La Tène-Kultur ( Eisen ) mitbrachten. Die ostwärts an die pöninischen Völker sich anschließenden Lepontier waren ( nach Strabo ) rasenischen Stammes; sie hatten vom Tocethal an den größten Teil der Kantone Tessin und Graubünden inne. Nur in der äußersten Südspitze des Tessin saßen äduische Ligurer, also Kelten, ebenso im Misox die Mesiaten, in der Val Calanca die Caluconen und an der untern Moësa ( nicht im Rheinthal ) die Rugas-cen. Im Vorderrheinthal schlössen sich an die Lepontier die keltischen Vennoneten, um Sargans die Saruneten und am Bodensee die Brigantier, beide ebenfalls Kelten.
Das alles giebt ein geschlossenes und scheinbar historisches Bild, ich könnte aber nicht sagen, daß ich von seiner Richtigkeit überzeugt wäre. Die Hypothese der doppelten Keltenwanderung ist noch unhaltbarer, als die der Germanen im Wallis. Es wird von Zeppelin, wie seiner Zeit von Öchsli, viel zu viel Gewicht gelegt auf die schwankenden Angaben der antiken Autoren über gallische und germanische Ethnographie und Etymologie. Die Bezeichnung „ semigermani " ist ebenso eine gelehrte ( oder politische ) Spielerei wie die Varietäten Galater, Kelten und Gallier. Und mit den Rätern steht es nach den überzeugenden Ausführungen von Pauli ( Altitalische Forschungen, II. Band, 2. Abt ., pag. 170 ff. ) so: Der Name Rseti hat mit dem echt etruskischen Volksnamen Rasna linguistisch nichts zu thun, weder der Schlußkonsonant noch der Umlaut lassen die Gleichung zu. Dagegen läßt sich für eine Reihe rätischer Ortsnamen die Verwandtschaft mit etruskischen Personennamen beweisen. Ich citiere nur die bekanntesten und sichersten: Tschapina, Graun, Grins, Larein, Ladir, Ladurns, Madulein, Medels, Persal, Schieins, Vels, Veldis, Vättis, Vettan, Feldis, Fideris. Eingedrungen sind diese Namen von Süden. Daneben finden sich aber auch keltische Ortsnamen auf rätischem Boden, wie Chiavenna, Livigno, Magia, Samolaco, Tarvesedum, Tinnetio und ( Val ) Masino, die ebenfalls von Süden gekommen scheinen. Daß aber von Norden gekommene rätische Bevölkerung in den Bergen saß, schon bevor Etrusker und die sie verfolgenden Gallier von Italien her eindrangen, ist nach Pauli immerhin wahrscheinlich, wenn auch der Beweis dafür nicht strikt geführt werden kann. Denn die Räter gehören zu dem nicht indogermanischen Urvolke, von dem Inschriften in Kleinasien, auf Lemnos, in Agram und an andern Orten gefunden worden sind, die mit den etruskischen in Alphabet und Lautformen übereinstimmen. Wenn es also einst gelingt, diese Inschriften wirklich zu lesen, was man bis jetzt nicht kann, so wird die rätische Frage zugleich mit der pelasgischen und etruskischen gelöst sein. Bis dahin aber heißt es Geduld haben und nicht durch völlig willkürliche Kombinationen eine täuschende Sicherheit suchen.
Auf viel sichererem Gebiet bewegen sich die beiden Arbeiten Dr. Hoppelers, und seine Methode ist streng wissenschaftlich. Über das durch Urkunden zu Belegende geht er grundsätzlich nicht hinaus, und so entsteht wohl etwa ein lückenhaftes Bild, das unsere Wißbegier nicht ganz befriedigt, aber nie eine unrichtige Vorstellung. Und die Resultate sind gar nicht so gering an Zahl und Bedeutung. Aus der ersten hat der Referent folgendes für ihn Neue erfahren: Auf dem Simplon reichte das Wallisergebiet im 13. Jahrhundert ein Stück weit am italienischen Hang hinab. Eine Urkunde von 1269 nennt die Laquina als Grenzfludem-nach waren Gondo und Zwischbergen damals nicht schweizerisch. Die Bevölkerungs- und Sprachreihe war nach Hoppeler im Unterwallis kel-tisch-römisch-burgundisch-französisch. „ Um welche Zeit die allemannische Einwanderung von Norden, vermutlich aus dem Haslethal, begann, dürfte schwer sein, auch nur annähernd zu bestimmen; jedenfalls fand die Ausbreitung der Deutschen in den obersten Thalstufen nur sehr langsam statt. " Die Germanisierung war vollendet Ende des XII. sœc. Im XIII. war Leuk die Sprachgrenze. Das Benediktiner Priorat Port Valais war abhängig von St-Michel de la Cluse in Piémont, wie Buriet im Kanton Waadt und Chamonix. Auch andere kirchliche Nachrichten sind interessant. Colombey und die davon abhängigen Kapellen von Trois-Torrents und Monthey standen unter dem Priorat Lutry und kamen erst 1263 an die Abtei St-Maurice. Die erste Pfarrei im Val d' Ormont erscheint 1288. Die Kirchen von Vollèges und Bagnes werden 1178 zuerst urkundlich erwähnt. Das Val de Nendaz bildete eine eigene Pfarrei. In Val d' Hérens finden wir die Pfarreien von St-Martin, welche das ganze obere Bagnesthal in sich schloß, von Mage, Nax, Vex, wohin die Einwohner von Salins, Agettes etc. kirchgenössig waren, und von Bramois. Topographisch leider zu unbestimmt ist die Nachricht, daß in der ersten Hälfte von 1234 im Krieg zwischen Amadeus IV. von Sitten und Aimo und Peter von Savoyen die letztern einen Einfall ins Gebiet von Aosta machten, aber zum Rückzug in die Dransethäler genötigt wurden.
Bischof Heinrich von Raron schloß 1252 mit Bern einen Bund und beteiligte sich an dessen Fehde gegen Kiburg 1255/6, begreiflich wegen der bedeutenden Besitzungen und Rechte der Sittener Kirche in den Thälern der Kander und Engstligen, der Familie Raron im Simmenthai und anderswo im Oberland. Die Grenzen des Unterwallis reichen von der Croix d' Ottans bis zur Morge und zur Borgne. Die Herrschaftsrechte des Hauses Raron reichten im 13. Jahrhundert im Eringerthal „ a torrente Brescher usque ad forcletam de comba Bertol et a pede saxorum superius ". Die Turn waren Grundherren in Monte de Semelli ( Val d' Arolla ). Daher gehörte jeder hier erlegte Bär ihnenitem cornua hircorum qui capiuntur in eodem loco vel monte a septem annis supra debent esse domini supradicti, a septem vero annis citra debent esse venatorum et si inveniatur ibidem hircus elananchiez débet esse inventons ". Man sieht, daß in dieser historischen Schrift für Alpen- und Sportfreunde Interessantes zu finden ist; was ich vermißt habe, ist das Eingehen auf die Verkehrs- und Vertragsverhältnisse zwischen dem Unterwallis und dem angrenzenden Italien und Savoyen; immerhin werden Werke citiert, in welchen man das Nötige suchen kann. Wir hoffen, daß Dr. Hoppeler seine Studien über das Wallis fortsetzen und allmählich zu einer Geschichte des Kantons ausarbeiten werde.
Auch in der vorzüglichen Schrift Hoppelers über das Bündnis von Ì252 findet sich viel Interessantes über die Beziehungen zwischen Bern und Wallis, was ich hier ausziehen will. „ Dieselben reichen bis in die graue Vorzeit hinauf. Wessen Fuß zum erstenmal auf unwegsamem Pfade das Gebirge überschritten, wird ein ewiges, undurchdringliches Geheimnis bleiben. Nur eines steht fest, daß nach dem 4. Jahrhundert nach Christo alamannische Scharen vermutlich über die Grimsel ins obere Rhonethal eingedrungen sind. Von da fand weiter unten, rhoneabwärts, eine Rückwanderung zu einer nicht näher zu bestimmenden Zeit statt. Seitdem sind die Stammesgenossen zu beiden Seiten des Gebirges in fortwährender, wenngleich beschwerlicher Verbindung miteinander geblieben. " Als Pässe sind nachgewiesen die Grimsel, die Gemmi ( Hospital in Monte de Cur-myz 1318 ), Sanetsch ( Senenzweniger wissen wir von andern. Gewiß ist der Zug Berchtolds V. von Zähringen 1211 über die Grimsel, nicht erwiesen dagegen eine Reihe ähnlicher, von Chronisten und altern Historikern überlieferter, Züge ins Rhonethal aus dem 12. Jahrhundert. Die Freiherren von Raron hatten ihre Heimat im Berner Oberland. Im 13. Jahrhundert saß ein Zweig dieses Geschlechtes auf Burg Mannenberg im Obersimmenthal, im Greyerzerland, zu Thun und am Thunersee. Auch die Freien von Turn standen in Beziehung zum Berner Oberland. 1232 vergabte Werner von Kien der Kirche von Sitten die Engstligenalp und den Gurnigel und empfing sie wieder zu Lehen. Nach dem Bündnis von 1252 eine Zeit lang lebhafter Verkehr über das Gebirge. 1254 vergabt der Ritter Heinrich Albus zu Gredetsch dem Konvent Interlaken seine Ansprüche an die Kirche von Goldswyl. Im gleichen Jahr tritt Werner von Kien an den Bischof seinen Besitz „ a Stratelinges superiusque ad episcopatum Sedunensem " ab und empfing ihn wieder zu Lehen. Zur Ent- Schädigung für Verluste im Krieg von 1254, in welchem der Bischof auf Seiten der Berner, Murtner und Hasler gegen Kiburg und Freiburg stand, wurde ihm von Rudolf von Strätligen die Burg Diemtigen überlassen, die er beim Friedensschluß gegen die Vogtei über das Chorherrenstift zu Därstetten vertauschte. Auch für diesen Beitrag zur Geschichte des Wallis im Mittelalter müssen wir also Herrn Hoppeler danken, da er unsere Kenntnis des Verkehrs über die Berner Alpen bereichert.
Ebenfalls sehr nützlich ist die Broschüre des k. k. Professors in Wiener Neustadt über den Hannibalzug. Die kleine Schar derjenigen, welche als Übergangspunkt des Karthagers den Mont Genèvre bezeichnet haben und zu denen auch der Referent gehört, finden hier einen orts-und sachkundigen Streitgenossen. Mit philologischen, militärischen und topographischen Argumenten konstruiert der Verfasser, welcher die zu untersuchenden Pässe selbst begangen oder vielmehr mit dem Zweirad befahren hat, die Route Hannibals wie folgt: Übergang über die Rhone bei Rocquemaure, längs der Rhone bis Valence, längs der Isère bis Grenoble, längs dem Drac bis St-Bonnet, über die Wasserscheide nach Chorges im Durancethal, dieses h nauf, über den Mont Genèvre ins Thal der Dora Riparia und dieses hinunter nach Susa und Turin. Die bei Polybius und Livius erwähnten zwei Hindernisse werden genau geprüft und mit dem Terrain verglichen ( unter Berücksichtigung der Lokalitäten an den andern Pässen, Mont du Chat, Mont Cenis, Kleiner St. Bernhard ). Eine Karte und zwei Abbildungen: der Boden von Briançon und der Mont Genèvre, und der Felsenweg Hannibals, erläutern die in der Hauptsache überzeugenden Betrachtungen des Verfassers. Nicht berücksichtigt sind die bei Servius aufbewahrte Liste Varros der Westalpenpässe, die im „ Alpine Journal " erschienenen Artikel, so die Ansicht Mr. Freshfields, daß Hannibal über den Col d' Argentière gegangen sei, und die Arbeit des Referenten in Band XIX dieses Jahrbuches. So ist auch nicht mit aller Schärfe bewiesen, daß die Berichte des Polybius und Livius wirklich aus einer Quelle stammen, welche nur einen Paß als den von Hannibal benutzten angab. Es bleiben hier noch Zweifel übrig. Auch kann der Referent nicht finden, daß seine Ansicht, Cäsar sei über den Mont Cenis gegangen, durch Professor Fuchs widerlegt worden sei. Dagegen gebe ich gerne zu, daß ich auch in diesem Punkte zu einer erneuten Prüfung angeregt worden bin. Ich möchte überhaupt bei dieser Gelegenheit bemerken, daß ich nicht mehr alle meine Darstellungen über die im Altertum gebrauchten Alpenpässe ( siehe Jahrbuch S.A.C. XIX, XX und XXI ) aufrecht erhalten kann.
Redaktion.