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Ist China auf dem Weg zu einer ökologischen Zivilisation?
Wenn die ökologische Vision von Präsident Xi Jinping mehr als Rhetorik ist, könnte dies tiefgreifende Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit haben.
Stellen Sie sich einen Präsidenten der Vereinigten Staaten vor, der eine „ökologische Zivilisation“ fordert, die die „Harmonie zwischen Mensch und Natur“ sicherstellt. Und stellen Sie sich weiter vor, er erklärt, dass "wir als Menschen die Natur respektieren müssen, ihren Wegen befolgen und sie beschützen müssen", und dass seine Regierung einen "einfachen, maßvollen, ökologischen und kohlenstoffarmen Lebensstile fördern, und übermässigen Konsum verhindern möchte.“
Träumen Sie weiter, würden Sie vermutlich sagen. Denn selbst in den fortschrittlichsten, westeuropäischen Ländern ist es schwierig, einen politischen Führer zu finden, der so etwas sagt.
Der Führer der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, Xi Jinping aus China, gab diese Erklärungen in seiner Ansprache an den Nationalkongress der Kommunistischen Partei im Oktober ab. Er führte darüber hinaus seine Pläne zur Schaffung einer „ökologischen, kohlenstoffarmen Kreislaufwirtschaft“ aus, zur „Förderung der Aufforstung“, „Stärkung der Erhaltung und Wiederherstellung von Feuchtgebieten“ und „Einstellung und Bestrafung aller Aktivitäten, die die Umwelt schädigen“. Er erklärte, dass er eine ökologische Zivilisation aufbauen möchte, von der kommende Generationen profitieren werden.
Es ist einfach, das alles als politische Propaganda abzutun. Aber könnte es nicht vielleicht auch sein, dass die ökologische Vision von Xi einen Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft ist?
Transformative Vision
In der Tat handelt es sich um die Art von neuem Denken, die viele Umweltschützer gefordert haben. Und das ist auch einigen führenden Denkern nicht entgangen.
David Korten, ein weltbekannter Autor und Aktivist, hat vorgeschlagen, die Vision von Ecological Civilization auf einen globalen Kontext auszudehnen, einschließlich der Anerkennung der Eigenrechte der Natur, der Übertragung des Eigentums an produktiven Vermögenswerten von transnationalen Konzernen auf Nationalstaaten.
Die traditionelle chinesische Kultur wurde auf einer Weltsicht gegründet, die auf einem inhärenten Netz der Verbindung zwischen Mensch und Natur beruht. In einem solch größeren historischen Kontext ist es nicht überraschend, dass diese Vision der "Harmonie zwischen Mensch und Natur" von China ausgehen könnte.
Wie ich in meinem Buch The Patterning Instinct: Eine Kulturgeschichte der Suche der Menschheit nach Sinn“ nachgezeichnet habe , beruht die traditionelle chinesische Kultur auf einem Weltbild, das – anders als das westliche Denken - den Menschen nicht als ein von der Natur getrenntes Wesen versteht, sondern als Teil der Natur. Die frühen chinesischen Philosophen glaubten, dass der Sinn des Lebens darin besteht, nach Harmonie mit der Natur zu streben, während die Europäer einen Weg beschritten haben, der auf die „Eroberung der Natur“ abzielt und die Welt als Maschine wahrnimmt. Eine Sichtweise die inzwischen global geworden ist.
Xis Rhetorik scheint außerdem einen realen Hintergrund zu haben. Zwei Monate vor dieser Rede gab China bekannt, dass es sein bisheriges Solarstromziel für 2020 mehr als verdoppelt hat, nachdem es 2016 bereits mehr als doppelt so viele Solarkapazitäten wie jedes andere Land installiert hatte. China ist auch auf dem Weg, seine Windkraftziele zu übertreffen wird bald mehr Kapazität haben als ganz Europa.
Bei Elektroautos ist China weltweit führend und verkauft jeden Monat mehr als Europa und die USA zusammen.
Infolgedessen hat China vor kurzem den Plan zum Bau von mehr als 150 Kohlekraftwerken vorübergehend gestoppt. Darüber hinaus verfügt China über das weltweit umfangreichste Netz von Hochgeschwindigkeitszügen und unterstützt das Konzept einer Kreislaufwirtschaft, in der die Abfallprodukte aus industriellen Prozessen für andere Prozesse aufbereitet werden.
Industrielle Lawine
Einige Beobachter sind dennoch keineswegs davon überzeugt, dass China auf dem Weg zu einer ökologischen Zivilisation ist.
Zum einen scheinen die Menschenrechtsverletzungen seiner autoritären Regierung mit dem Konzept einer ökologischen Zivilisation unvereinbar zu sein. Damit sich China wirklich in diese Richtung bewegen kann, müsste Xi bereit sein, Entscheidungsbefugnisse und -freiheiten an die Bevölkerung zu übertragen. Die jüngsten Änderungen der Verfassung, die Xi lebenslänglich an der Macht halten, geben Anlass zur Sorge.
Zum anderen beruht das politisch-ökonomische System Chinas , wie der Ökonom Richard Smith argumentiert , auf der Notwendigkeit, Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und Konsum noch weit mehr zu maximieren als der Westen. Es wird erwartet, dass Chinas BIP in einem Jahrzehnt das der USA übertrifft. Das Land befindet sich in einer frühen Phase der Fülle an rekordbrechenden industriellen Megaprojekten in einer Größenordnung, die unglaublich ist, einschließlich der Seidenstraßen-Initiative, eines riesigen Infrastruktur- und Handelsprojekts, das mehr als 60 Länder in Europa, Asien und Afrika umfasst.
Diese industrielle Lawine ist mit hohen Kosten für die Umwelt in China und der Welt verbunden. Smith weist darauf hin, dass China bei weitem der weltgrösste Verbraucher fossiler Brennstoffe ist. Es ist auch der weltweit größte Holzimporteur. Dies sind nur einige der Entwicklungen, die Smith zu folgender Schlussfolgerung veranlassen: „Xi Jinping kann eine ökologische Zivilisation schaffen oder er kann eine reiche Supermacht aufbauen. Beides gleichzeitig geht nicht."
Zwischen Himmel und Erde
Oder kann er es doch? Es besteht ein dringendes Bewusstsein, dass das anhaltende Wachstum des globalen BIP die Zivilisation bis zum Zusammenbruch führt. Es zeichnen sich Bewegungen ab, die zu "Degrowth" und anderen Ansätzen einer stabilen Wirtschaft führen.
Das künftige Wirtschaftswachstum in der Nähe von Chinas historischem Tempo ist unhaltbar. Was wäre, wenn China, sobald es seinen Status als führende Weltmacht wiedererlangt hat, seine Vitalität vom anhaltenden Konsumismus in die Steigerung der Lebensqualität umleitet? Könnte es sein, dass Xi Jinping mit seiner Vision einer ökologischen Zivilisation die Saat dieser zukünftigen Metamorphose sät?
Vor tausend Jahren brachte der chinesische Philosoph Zhang Zai in einem Aufsatz, die seine Verbundenheit mit dem Universum zum mit folgenden Worten zum Ausdruck:
"Der Himmel ist mein Vater und die Erde ist meine Mutter, und ich, ein kleines Kind, finde mich eng zwischen ihnen platziert. Was das Universum erfüllt, betrachte ich als meinen Körper; Was das Universum lenkt, betrachte ich als meine Natur. Alle Menschen sind meine Brüder und Schwestern. Alle Dinge sind meine Gefährten."
Ist es also möglich, dass China die tief in seiner Kultur verankerte Anerkennung der Einheit mit der Natur dafür nutzen wird, um einem globalen System den Todesstoß zu versetzen, das den Wachstumswahn gigantischer transnationaler Unternehmen immer weiter nährt? Könnte es eine neue Ethik der Nachhaltigkeit als philosophische Grundlage für eine echte ökologische Zivilisation erschaffen? Die Antwort auf diese Fragen wird nicht nur Auswirkungen auf das künftige Wohlergehen Chinas haben, sondern für das Wohlergehen der ganzen Menschheit.
Quelle: cc 3.0, insenia.com
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