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«Noch immer umgibt uns die Schnelligkeit der Welt, wir haben keine Zeit und wir müssen alles auf einmal sagen», schrieb Édouard Glissant in seinem letzten Essay, «Philosophie der Weltbeziehung». Das war im Jahr 2009, die deutsche Übersetzung von Beate Thill ist im Herbst 2021 erschienen. Auch ein verrücktes Jahr später liest sich diese poetische Summa, als sei sie im Jetzt geschrieben: «Wenn wir uns dann zurückziehen oder uns Zeit lassen möchten, um neue Situationen in Ruhe zu überdenken, sie auf eine Art und Weise zu organisieren, die wir Philosophie nennen, das heisst, ein nicht-systematisches System sehr vieler Fakten und ihrer hochdramatischen Verknüpfungen, wird uns die Geschwindigkeit, das Unerwartete einholen und mitreissen.»
Seit einem Jahr heisst ein Abschnitt des Ufers der Seine in Paris «Promenade Édouard-Glissant». Zur Neubenennung im Herbst 2021 sprach die Bürgermeisterin und sozialistische Präsidentschaftskandidatin Anne Hidalgo. Sie rühmte die «Grosszügigkeit des Denkens» von Glissant, die Schönheit der Landschaften in seinen Werken und seine Offenheit. Einen sperrigen Begriff, den Glissant geprägt hat, verwendete sie in einem emphatischen Ton, als sei allen klar, dass damit etwas Schönes gemeint ist: «le Tout-Monde», die «All-Welt» in der Übersetzung von Beate Thill.
Jenseits des Universalismus
Ein anderer Kandidat, Emmanuel Macron, hatte sich bereits 2017 auf Glissant bezogen, als er in einer Kolumne in der Zeitung «Le Figaro» seine Aussage verteidigte, dass es keine «französische Kultur» gebe, sondern eine «Kultur in Frankreich», die eben divers sei. Wobei er danach genau jenen Anspruch verteidigte, den Édouard Glissant seit 1956 in zahlreichen Werken bis zu seinem Tod im Jahr 2011 abgelehnt hat: die Idee nämlich, dass französische, europäische oder westliche Werte universell seien. Dass die Verteidigung von Freiheit und Demokratie also notwendig mit der Verteidigung sogenannt europäischer Werte einhergehe.
Auch Macrons linker Gegenspieler im Wahlkampf 2022, Jean-Luc Mélenchon, musste über Glissants radikale Kritik an universalistischen Positionen hinwegsehen, als er sich in einem Streitgespräch mit dem rechtsextremen Eric Zémmour auf den Denker aus Martinique berief und dessen Begriff der Kreolisierung ins Feld führte. Das war der Versuch, mit einem positiven Begriff den Kampf um Hegemonie im öffentlichen Reden über Migration zu gewinnen. Younous Omarjee soll Mélenchon dazu inspiriert haben. Das Onlinemagazin «Slate.fr» zitiert den Abgeordneten der Insel Réunion im Europäischen Parlament wie folgt: «Die Kreolisierung, das ist die Begegnung zwischen Andersheiten, aus der neue Situationen entstehen. Deshalb muss man sich keine Sorgen machen! Das ist eine sehr optimistische Lektüre, und deshalb ist sie so interessant.»
Aber das Werk Édouard Glissants eignet sich nicht als Steinbruch für Kampfbegriffe. Tiphaine Samoyault – Pariser Schriftstellerin, Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin – regte dazu an, die Texte nochmals sehr genau zu lesen, als sie diesen Sommer im normannischen Schloss Cerisy ein zehntägiges Glissant-Kolloquium eröffnete. In der Diskussion von über dreissig Referaten, Vorführungen und Podien vertieften sich Wissenschaftlerinnen, Künstler und Übersetzer:innen aus zahlreichen Ländern und mehreren Kontinenten in ein wucherndes Gesamtwerk. Würde die Verständigung zwischen den Fachgebieten gelingen, fragte Tiphaine Samoyault – eine Frage, die umso brisanter ist, als sich Glissant nicht auf eine literarische oder philosophische Ausdrucksweise festlegen lässt.
Er hat sich immer zwischen Romanen, Gedichten, Texten über Kunst, philosophischen Essays, politischen Manifesten und Theaterstücken bewegt. Diese Vielfalt der Ausdrucksformen gehört ganz grundlegend zu seinem Anspruch, kein philosophisches System in der Tradition des europäischen Universalismus zu zimmern. Im Zweifelsfall schreibt er poetisch. Samoyault sieht darin auch die unaufhörliche Suche nach einer Sprache, der es gelingen könnte, die verlorene und zerstörte Erinnerung an jenes Trauma wachzuhalten, das aus keinem Text Glissants wegzudenken ist: die Katastrophe des Sklavenhandels.
Andere Verbindungen um die Welt
«Was ist Kreolisierung?», fragt Glissant in einem Essay, der 2005 unter dem Titel «Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit» auf Deutsch erschienen ist. Seine Antwort setzt in jenem Moment an, da die europäischen Eroberer auf der Insel Martinique die angestammte Bevölkerung ausrotten. Sie bauen ein Plantagensystem auf und verschleppen dafür Frauen und Männer aus Afrika, denen «bei ihrer Ankunft alles fehlt, sie entbehren jeder Möglichkeit, bis hin zu ihrer Sprache. Die Höhle des Sklavenschiffs ist der Ort, an dem die afrikanischen Sprachen verschwinden, denn auf dem Sklavenschiff, wie übrigens auch auf den Plantagen, wurden Menschen, die die gleiche Sprache sprachen, voneinander getrennt. So wurden den Menschen die letzten Dinge des Alltäglichen genommen, zuallererst die Sprache. Wie ergeht es diesem Migranten? Er bildet sich aus Spuren eine Sprache nach, er ahmt Fertigkeiten nach, die für alle Gültigkeit haben können.»
Die kreolischen Sprachen der Karibik, die neu entstehenden Musikstile Amerikas, zum Beispiel der Jazz, sind für Glissant Ausdruck einer Kraft der Erinnerung, die der Vernichtung trotzt und die etwas Unvorhergesehenes schafft – das Neue geht aus überraschenden Verbindungen hervor und verzweigt sich in immer neuen Beziehungen, die in die ganze Welt ausgreifen. Sie gehen in die «Tout-Monde» ein, und mit ihnen entsteht ein Bewusstsein davon, dass kein Land und keine Sprache ohne die anderen existiert. Diese «All-Welt» ist ein Gegenbegriff zum Universalismus, weil hier nicht eine partikuläre Erfahrung als allgemeingültig behauptet wird, sondern das Gemeinsame aus Begegnungen und Auseinandersetzungen entsteht. Glissant schreibt: «Das Denken der Spur erscheint mir als eine neue Dimension, die man im aktuellen Zustand der Welt dem hergebrachten Denken entgegensetzen muss, das ich als Systemdenken oder Denksysteme bezeichnen möchte.»
Für eine bessere Zukunft und utopische Momente der Gegenwart, in denen sich Sprachen und Weltgegenden gleichwertig begegnen, verwendet er auch den Begriff der Kreolisierung. In seinem letzten Essay widmet er ihm erneut ein Kapitel: «Wenn Länder sich kreolisieren, werden sie nicht kreolisch wie beispielsweise die Bewohner der Antillen, sondern treten gemeinsam in die Unvorhersehbarkeit ihrer Diversität ein, allerdings geschieht dies manchmal unter dramatischen Umständen. […] Die Kreolisierung ist keine beliebige (uniforme) Vermischung, wo jedes Einzelne verloren geht, sondern eine Reihe überraschender Lösungen, deren fluide Maxime so lauten könnte: ‹Ich verändere mich im Austausch mit dem Anderen, ohne mich zu verlieren oder zu verfälschen.›»
Mit den «dramatischen Umständen» sind Kriege und Vertreibungen gemeint, «systembedingte Hungersnöte, die Banalität der Pandemien» und die neuen technologischen «Systeme zur Erfassung und Beherrschung der Welt». Digitale Technologien schaffen zwar weltweite Verbindungen in nie da gewesener Schnelligkeit, sie zerstören aber durch ihre einebnenden Mittel eine zentrale Voraussetzung echter Begegnung: Die Anerkennung, dass wir uns immer auch nicht verstehen, dass nicht alles übersetzbar ist. Glissant insistiert noch im letzten Essay auf dem Begriff der Opazität, der Undurchsichtigkeit: «Denn du hast das Recht, unverständlich zu sein, zuallererst für dich selbst.»
Die Unvorhersehbarkeit von Begegnungen ist also eine Quelle der Hoffnung, wobei die eingangs zitierte Passage auch deutlich macht, dass in der Schnelligkeit, mit der uns das Unerwartete einholt, kaum Zeit bleibt, über neue Situationen nachzudenken.
Poetische Verzweigungen
Wie mit der «Unvorhersehbarkeit» ist es mit allen Begriffen bei Glissant: Sie bleiben in Bewegung, vielleicht sind sie nicht fest definiert, sondern Wörter, deren Bedeutung wie in Gedichten changiert, je nachdem, von welchen anderen Wörtern, Klangfarben, Stimmen sie umgeben sind. Das «Denken des Bebens» etwa erscheint in der «Philosophie der Weltbeziehung» nicht nur als Denkform, sondern auch als eine Schreibpraxis – es geht eine musikalische Beziehung ein zu den «Erschütterungen und Erdbeben» der Welt, auch zu den «Höllen, die aus verknäuelten Banalitäten bestehen». Er benennt in diesem Zusammenhang seine Faszination für Chaostheorien, die nicht von linearen Wirkungsketten ausgehen, und stellt sich vor, was ein solches Denken eröffnet: «vielleicht nicht die sofortige Lösung, die durch politisches oder gesellschaftliches Handeln erreicht wird, aber dafür vielleicht eine lange und nachhaltige Wiedergutmachung, die sich im Imaginären aller ankündigt und vorbereitet, wenn sie sich im Austausch verändern».
Diesem fast schon prophetischen Ton steht im selben Essay eine Anekdote gegenüber, die dem Beben einen sehr viel leichteren Klang gibt. Glissant erinnert sich daran, dass seine Mutter ihm und allen erzählt hatte, 1928 habe die Erregung über eine baldige Eruption der Montagne Pelée die Wehen zur Geburt ihres Sohnes ausgelöst. «Für ein Kind kann der Gedanke, es sei im Getöse eines vulkanischen Ausbruchs auf die Welt gekommen, womöglich einer heiligen, wenn auch vorübergehenden Eruption, sehr zur Eitelkeit beitragen. Umso mehr, wenn es einmal Dichter werden will.»
Beim Lesen erscheinen Glissants Begriffe also immer wieder neu, was ihn aber nicht daran hindert, Machtverhältnisse klar zu benennen. Hat es mit dieser Spannung zwischen realistischem Blick und beweglichem Denken zu tun, dass Lektüre und Diskussion seiner Texte selbst im furchtbaren Jahr 2022 so etwas wie Optimismus auslösen? Vielleicht ist die leise Zuversicht ausgerechnet mit den Enttäuschungen verbunden, durch die der Dichter hindurchgegangen ist: Sein jugendliches Engagement für eine Unabhängigkeit Martiniques von Frankreich hatte keinen Erfolg. Auch die spätere Vision eines mehrsprachigen karibischen Bundes blieb ein Traum.
In einem seiner Hauptwerke – auf Deutsch: «Zersplitterte Welten. Diskurs der Antillen» – machte er Anfang der achtziger Jahre eine gnadenlose Bestandsaufnahme der Gesellschaft und der Kultur Martiniques, das sich als französisches Departement nicht wirklich entfaltete, sondern in ökonomischer Abhängigkeit dahindämmerte und dessen Bevölkerung ab und zu in ungerichtete Revolten ausbrach, weil ihr Alltag von unscheinbaren, stets gleich wieder vergessenen Katastrophen geprägt war. Eine solche Analyse hätte einen auch zur Verzweiflung treiben können. Aber Glissant setzte sich gedanklich und während Jahren auch real auf der kleinen Insel jenseits der Zentren fest und richtete seinen Blick konsequent dahin, wo sich in einer verfahrenen Situation etwas bewegte, wo ein lähmender Gegensatz ins Wanken geriet und ein bedrohlicher Monolith Risse bekam.
Um aus fest verschraubten Gegensätzen zu entkommen – dem Gegensatz «modern» versus «zurückgeblieben» zum Beispiel –, nahm Glissant Landschaften in seine Texte auf. Sie wurden weder Metaphern noch Illustrationen, sondern mannigfaltige Formen, die sich den Gedanken zugrunde legen: Archipele, Gebirge, «Salinen, Felsen, Granite, gewaltige Wüsten», alle Arten von Bäumen, Mangroven, Flüsse. Ungeplant sind seine Texte über die Jahrzehnte auch Zeugnisse eines ökologischen Desasters geworden – später enthalten sie den expliziten Aufruf, über den Menschen in der Natur von Grund auf neu nachzudenken.
Der geheimnisvolle Optimismus, der verständlicherweise in verschiedenste politische Lager ausstrahlt, ist vielleicht eine Art Notwehr. Er könnte aus der Entscheidung hervorgehen, nicht in immer neuen Darstellungen von Schwierigkeiten unterzugehen. Was an Kraft bleibt – «das Wunderbare, das Unmass, der Humor», die Freundlichkeit –, ist ebenjenen Momenten der Gegenwart gewidmet, in denen die Arbeit an einer besseren Zukunft ansetzen kann. So ist die Idee, dass sich Europa kreolisiert, keine beschönigende Beschreibung der Gegenwart, sondern ein Hinweis auf ihre Möglichkeiten.
Wer spricht, wer handelt?
Die Kolloquien im Schloss Cerisy haben eine lange Tradition. Hier diskutierten französische Intellektuelle zum Beispiel die Werke von Jacques Derrida oder Roland Barthes in deren Anwesenheit. Édouard Glissant ist erst der dritte Schwarze Denker, dem in der Normandie ein grosses Kolloquium gewidmet wird. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass seine beiden Vorgänger in Cerisy nun auch in der Geografie der Stadt Paris mit ihm verbunden sind: Der Promenade Édouard-Glissant direkt gegenüber befindet sich der Quai Aimé-Césaire, eine Passerelle Léopold-Sédar-Senghor verbindet die beiden Ufer. Was als französische Philosophie gilt, verändert sich – sehr langsam.
Die Auseinandersetzungen darum, was die Grande Nation ausmacht, sind heftig. Wobei Édouard Glissant immer wieder verraten hat, dass er die Hoffnung für die kleinen Länder nicht aufgebe. Er setzte auf ihr Potenzial, gegen Grossmächte nicht nur zu bestehen, sondern auch eigene, nicht dominierende Verbindungen zu schaffen. Im Sommer 2022, unter täglichen Nachrichten aus der Ukraine, ist dieser Gedanke von bestürzender Aktualität. Die politischen Stränge im Denken Glissants liessen in Cerisy noch weitere Brandherde präsent sein – das Desaster des Rechtspopulismus in Brasilien zum Beispiel, leer gefischte Küstengewässer im Senegal oder die leise Erinnerung eines japanischen Referenten, dass die Welt nicht in Einsamkeiten zerfallen dürfe. Gegen die Überwältigung angesichts der gegenwärtigen Krisen hilft Glissants Insistieren auf dem Lokalen: dem Handeln an einem bestimmten Ort mit seinen Sprachen, im Bewusstsein aller anderen Sprachen.
Dass er kein eigenes Denksystem errichten wollte, hatte vielleicht auch damit zu tun, dass er sich die Lösung der Weltprobleme nicht von einem perfekten Begriffsgerüst versprach, sondern von politischen Bewegungen, die wirtschaftliche Regeln und Besitzverhältnisse verändern. Allerdings nicht im Rückgriff auf deterministische Vorstellungen, wie sie kommunistische Befreiungsbewegungen geprägt hatten. Ein Denken des Ungewissen als Öffnung tritt an ihre Stelle. Und ein Denken als Poetik. Was auch heisst, im politischen Sprechen und Schreiben nicht in Mantras und Kampfbegriffen zu erstarren.
Es ist nicht die kleinste Utopie, die aus Glissants Werk erwächst, dass selbst die politische Sprache ein lebendiges Instrument des Denkens sein könnte. Eines Denkens im Gespräch, in Kollektiven, wie sie Glissant in seinen Romanen anruft und erfindet, mit jedem Roman werden sie ausgreifender – fantastischer im besten Sinn. Womit gesagt ist: Die Werke Édouard Glissants sind noch lange nicht zu Ende gelesen.