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Als das Neuthal ein selbstständiges Dorf und Heimat war
Alles beginnt lange Zeit vor 1379 mit der Mühle Mueterspach, das heisst mit dem Bach des Alemannen Muethere. Dies ist ein typischer Alemannen-Name. Muethere bedeutet «mutig im Heere». Die Bezeichnung Müetschbach gehört siedlungsgeschichtlich wie Ettenhausen oder Wellenau zu einer frühen Namensschicht, d. h. er könnte ins 7. Jahrhundert hinabgehen. Die Besiedelung erfolgte zweifellos aus dem Raum Bäretswil. Die Mühle erscheint 1379 als zugehörig zu Greifenberg. Sie steht wohl wie die Burg selbst auf altem St. Galler Abteiboden. Möglicherweise ist sie sogar älter als das hehre Schloss, das 1220 durch die Rapperswiler auf den Stollen gesetzt wird. Im 19. Jahrhundert erfolgt eine Anpassung ans Hochdeutsche zu Müdsbach im Sinne einer Veredelung des Klangs. Für den weltgewandten Adolf Guyer-Zeller klingt aber auch Mü(e)dsbach geschäftlich und kulturell nicht optimal, deshalb wird der Ort zum Neuthal umbenannt und 1901 mit einer eigenen Bahnstation versehen. Mit der Realisierung der UeBB wird auch der wenig ansehnliche Graben des Mülibachs zwischen Müetschbach und dem Mülichram weitgehend aufgeschüttet. Die alte Mühle samt den Wasserrechten wird 1825 durch Müller Hans Schoch an die Erbauer der Seidenspinnerei (Geilinger & Blum) verkauft. In den 1870er Jahren stiftet Adolf Guyer-Zeller zum Gedenken an seinen verstorbenen Vater Rudolf Gujer mit Fr 2’500.- Kapital eine «Consumgenossenschaft Neuthal zwecks Beschaffung billiger Lebensbedürfnisse im Warengeschäft der Bäckerei und Wirtschaft». Der Neuthaler Financier ist auch in diesem Bereich der Zeit um Jahrzehnte voraus. Die «Landwirtschaftliche Konsumgenossenschaft Bäretswil» wird erst 1912 gegründet, der «Arbeiter-Consum» im alten Bären noch später.
Die alte Mühle am Wasser des Mülibachs bildet den Kern des heutigen Neuthal, das 1836 zusammen mit dem Weiler Hof in der Hofschür ein eigenes Aussenwachten-Schulhaus bekommt. Anders als die Schulwachten Wappenswil und Tanne bläht sich von 1740-1830 die Bevölkerung von Hof-Neuthal nicht übermässig auf. So entwickelt sich der Ort im Zug des 19. Jahrhunderts dank der Spinnerei auf über 250 Seelen mit eigener Identität. Dazu gehören eine Schule, ein Bahnhof, zwei Läden, eine Sennhütte, eine Wasserversorgung, ein Schützenverein mit Schützenstand, eine kleine Dorfmusik (rund um die Kutscher-Familie Tress) und drei Wirtschaften (Müli, Gryffenberg und Kreuzstrasse). Den Neuthalern gefällt es zwischen Stoffel und Greifenberg. Ins Hauptdorf gehen sie lediglich zur Kirche, auf den Friedhof und zum Steuernzahlen. Zweimal wird das Neuthal von schweren Bränden heimgesucht. 1840 wird im Mülichram ein vierteiliger Flarz ein Raub der Flammen. Die Neubauten sind Kleinbauernhäuser jener Zeit. Einzig das «Weber-Haus» ob der Barriere blieb verschont und hat seine Wurzeln im 18. Jahrhundert. Mitten in der Nacht des 1. August 1964 brennt lichterloh das heimelige Doppelhaus Hürlimann ob der Hauptstrasse (links im Bild); es wird durch ein kleineres, moderneres ersetzt. Etwas weiter oben (rechts im Bild) rattert am Müetschbach seit 1851 eine kleine Baumwoll-Zwirnerei, ab 1887 sogar an der Kraft einer kleinen Turbine mit 300 Watt durchschnittlicher Dauerleistung. Seit 1944 gehört zum Wohnhaus die Schreinerwerkstatt Fischer. 1936 wird das Mühle-Haus durch den Verlauf der neuen Strasse und deren untere Mauer ziemlich in die Tiefe «versenkt».
Im Zug des 20. Jahrhunderts beginnt mit der Stilllegung von Fabrik, Bahn, Schule, Wirtschaften, Läden und Vereinen die heimelige Identität empfindlich zu bröckeln. Ein Nachhall alter Zeiten ist heute vielleicht noch die «Freie Republik Hof», die sich auf der Ortstafel gebieterisch bemerkbar macht.
A. Sierszyn, Okt. 2020