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Ein Konzertbesuch in Kiel. Nur das Zurückhaltende fehlte
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Das Schleswig-Holstein-Musikfestival (SHMF) im nördlichsten Bundesland Deutschlands findet jedes Jahr statt. Die Konzerte verteilen sich auf Spielorte im ganzen Bundesland. Ich hatte mir ein Konzert in Kiel, der Landeshauptstadt ausgesucht, das im Schloss stattfand.
Der Konzertsaal ist nicht altehrwürdig, wie man das in einem Schloss vermuten könnte, sondern modern und fasst insgesamt etwa 1400 Besucher. Ich buchte per Internet einen Platz auf der Chorempore. Hier sind die Plätze nicht nummeriert. Man sitzt dort, wo bei Gesangsdarbietungen die Sänger stehen, also gegenüber dem Publikum, auf das man von diesem Standpunkt aus blickt. Das Orchester spielt unterhalb zwischen der regulären Zuschauertribüne und der Chorempore. Von dort aus wenden also der Dirigent sein Gesicht den Zuschauern zu und die Musiker, die im Halbrund platziert sind, eher den Rücken.
Die Zuschauer, die die Chorempore gewählt hatten, drängten sich schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn des Konzerts vor der Eingangstür, um einen vermeintlich guten Sitzplatz zu bekommen. Ich bekam bei der Buchung den letzten verfügbaren Platz. Etwa eine halbe Stunde vor Beginn wurde die Tür geöffnet, und die Konzertbesucher strömten hinein. Wer konnte und wollte, nahm einen mittleren Platz ein, etwa gegenüber dem Dirigenten. Erst langsam füllte sich der Saal, und kurz vor Beginn waren bis auf wenige freie alle Plätze belegt.
Es war ein Konzert mit klassischer Musik. Das Interesse an der Klassik scheint bei der Jugend nicht oder nur wenig vorhanden zu sein. Ich schätzte das Durchschnittsalter auf Mitte 50 oder älter.
Das Orchester der Academy St.-Martin-in-the-Fields, einer Kirche in der Nähe von Trafalgar Square in London, bestritt das Programm. Das Orchester hat sich unter seinem Dirigenten, Sir Neville Marriner, seit vielen Jahrzehnten einen Namen gemacht. Gastdirigent war Murray Periha, der auch dieses Konzert in Kiel leitete. Er dirigierte nicht nur, sondern er spielte auch auf einem Steinway Piano, das ohne den die Sicht behindernden Deckel nach dem 2. Konzert mitten im Orchesterraum platziert wurde, und von diesem Standpunkt aus waren beide Aktivitäten abwechselnd, manchmal auch zugleich, möglich.
Das Orchester bewies, dass es auch ohne Dirigenten spielen kann, und so kam es im ersten Stück von Felix Mendelssohn-Bartholdy, mit der Streichersymphonie Nr. 7 in D-Moll, ohne Leitung aus, nicht jedoch bei der folgenden Sinfonie-Dur von Haydn, Hob.I:77. Beides sind Meisterwerke und schön anzuhören.
Danach gab es eine Pause. Die Besucher der Chorempore legten kleinere Gegenstände, Schals und anderes auf ihre Plätze und gingen in den Pausenraum. Die Konzertbesucher von heute unterliegen keinem Kleidungszwang mehr. So sieht man Personen in Jeans oder in dunkler Festkleidung, in Ballkleidern oder mit ärmellosem Trägerkleid, wobei diese Dame ihre Arme geschmackvoll mit bunten Blumenbildern hat tätowieren lassen und diese auch stolz zeigte.
Nach der Pause wurde das Konzert gespielt, weswegen ich vor allem nach Kiel gekommen war. Es ist mein liebstes Klavierkonzert und hat mir schon oft, von der CD gespielt, bei Autofahrten die Zeit angenehm verkürzt, wobei ich immer wieder ins Schwärmen gekommen bin und aufpassen musste, dass ich dem Verkehr die nötige Aufmerksamkeit zu schenken bewahrte.
Es ist das 5. Klavierkonzert, Es-Dur, op. 73 von Ludwig van Beethoven. Murray Periha dirigierte mit seinem ganzen Körper, gab mit kurzen Arm- und Handbewegungen Anweisungen zum Einsatz, setzte sich wieder und spielte Klavier mit starkem Anschlag.
Das Orchester spielte perfekt, kein Einsatz war verfrüht oder zu spät, die Tempi stimmten. Dennoch vermisste ich das Zurückhaltende, Zärtliche, Weiche, das dieses Konzert für mich ausdrückt und mich zum Träumen bringt. In einem früheren Text habe ich unter dem Titel „Einhalten, Neuorientieren: Pause, Moment, der verändert“ darüber geschrieben, dass in den Pausen zwischen den Noten die Kunst liege, und diese Pausen habe ich ein wenig vermisst.
Aber das ist der Eindruck eines Laien, der niemals ein Instrument gespielt hat und ein passiver Musikliebhaber ist. Deshalb steht mir eine Kritik auch nicht zu.
Das Publikum war jedenfalls begeistert, und selten habe ich das im Ausland „normale“ Verhalten, sich beim Applaus zu erheben und Bravorufe ertönen zu lassen, in deutschen Konzertsälen erlebt. Hier war es so. Am Ende standen alle, und die Gesichter zeigten, dass sich der Besuch gelohnt hatte. Danach versammelte man sich noch vor dem Saal. Es wurden kostenlos Getränke ausgeschenkt, und wer früh genug zulangte, erhielt auch noch ein Laugengebäck zum Abschluss.
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