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Die Ukraine braucht dringend Waffen und Munition. Doch die westliche Hilfe stockt, vor allem jene der USA. Die wichtigsten Erkenntnisse zur westlichen Kriegshilfe in sieben Grafiken.
Zum Ende des zweiten Kriegsjahres häufen sich die schlechten Nachrichten aus der Ukraine. Der ukrainischen Armee gehen Waffen und Munition aus, und die Front bröckelt. Dem Westen ist es nicht gelungen, den Nachschub für die Ukrainer dauerhaft sicherzustellen.
Dabei hatte das Jahr 2023 noch gut begonnen. Deutschland verständigte sich gemeinsam mit den Briten und den Amerikanern darauf, der Ukraine Kampf- und Schützenpanzer zu liefern. Auch hochmoderne Flugabwehrsysteme wie das deutsche Iris-T und das amerikanische Nasams trafen ein und bewährten sich in der Abwehr von russischen Angriffen aus der Luft.
Das Hin und Her zwischen ukrainischen Forderungen, westlichem Zögern und schliesslichem Liefern schien langsam überwunden. Europa und die USA steigerten ihre Gesamthilfe zunächst kontinuierlich, wie die aktuellsten Zahlen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), das die Ukraine-Hilfe von vierzig Geberländern seit dem Februar 2022 erfasst, zeigen.
Mit grossen Finanzpaketen stützten die Europäer die Wirtschaft des kriegsversehrten Landes und schickten humanitäre Hilfe. Bei der Waffenhilfe waren jedoch stets die USA tonangebend. Europa, das seit dem Kalten Krieg abgerüstet hat, lieferte im ersten Kriegsjahr zögerlich, holte aber im zweiten Kriegsjahr auf. Während die USA der Ukraine bis Mitte Januar 2024 Waffen im Wert von über 41 Milliarden Franken übergaben, belief sich die europäische Militärhilfe auf rund 37 Milliarden Franken.
Statt Berlin ist nun Washington der Bremsklotz
Die amerikanische Militärhilfe ist seit dem Spätsommer ins Stocken geraten. So zögerte Washington unter anderem bei den ballistischen Kurzstreckenraketen des Typs ATACMS mit einer Reichweite von 165 Kilometern. Sie wurden schliesslich doch geliefert, allerdings mussten die Ukrainer bei ihrer Gegenoffensive ohne sie auskommen. Der erhoffte Durchbruch bis an die Schwarzmeerküste scheiterte. In den USA wuchs daraufhin die Skepsis gegenüber der Unterstützung für die Ukraine. Bis jetzt ist unsicher, ob das Repräsentantenhaus einem neuen Hilfspaket zustimmen wird. Dieses ist aber bitter nötig, denn die Geldtöpfe für Waffenlieferungen an die Ukraine sind leer.
Das Kriegsland braucht vor allem Nachschub an Artilleriegranaten und Flugabwehrraketen, ferner gepanzerte Fahrzeuge, Drohnen und Munition für Mehrfachraketenwerfer. Die Wunschliste der ukrainischen Regierung umfasst seit Ende Dezember auch Kampfhelikopter der Typen Apache und Black Hawk sowie grosse Transportflugzeuge und F/A-18-Jets.
Nordeuropa und die baltischen Staaten kompensieren
Angesichts der Blockade in den USA ist die Ukraine nun umso mehr auf die europäischen Partner angewiesen. Seit Kriegsbeginn helfen insbesondere Polen und die baltischen Staaten tatkräftig und stellten dem Land einen Grossteil ihres Waffenarsenals zur Verfügung. Dieses stammte mehrheitlich noch aus sowjetischer Produktion. Doch im zweiten Kriegsjahr leerten sich die Lager, und die Ukraine wechselte zusehends auf westliche Waffensysteme.
Dabei zählen Grossbritannien und Deutschland zu den Hauptlieferanten. Die Briten sandten bisher Waffen im Wert von rund 5 Milliarden Franken, Deutschland von rund 9 Milliarden. Der deutsche Kanzler Olaf Scholz sicherte der Ukraine für die nächsten Jahre ausserdem langfristige Waffenhilfe im Wert von rund 10 Milliarden Franken zu.
Obwohl es der Kanzler ablehnt, die von den Ukrainern gewünschten Taurus-Marschflugkörper mit einer Reichweite von 500 Kilometern zu liefern, hat sich Deutschland für Kiew von einem oft kritisierten zu einem verlässlicheren Partner entwickelt. Doch gemessen an ihrer Wirtschaftskraft liegt die grösste Volkswirtschaft Europas bei den bilateralen Ukraine-Hilfen weit hinter den baltischen Staaten und Ländern wie Dänemark oder Norwegen, die sich im zweiten Kriegsjahr als tatkräftige Unterstützer der Ukraine etabliert haben.
Gemeinsam mit den Niederlanden beschlossen Dänemark und Norwegen im letzten August die Lieferung von F-16-Kampfjets. Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Dänemarks, Mette Frederiksen, kündigte am Rande der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz ausserdem an, dem kriegsversehrten Land das ganze Artilleriearsenal Dänemarks zu überlassen.
Norwegen ist für Europa und die Ukraine bei der Herstellung und Lieferung der dringend benötigten 155-Millimeter-Artilleriemunition zu einem wichtigen Partnerland geworden. Das Rüstungsunternehmen Nammo, an dem auch die norwegische Regierung beteiligt ist, ist einer der grössten europäischen Hersteller dieser Munition. Die EU, die ihr Ziel, bis zum März eine Million Artilleriegranaten zu liefern, deutlich verfehlen wird, ist auf den Ausbau der Produktionskapazitäten bei Nammo und anderen europäischen Munitionsherstellern angewiesen.
Westeuropa hat noch Luft nach oben
Im Vergleich zu den Nord- und den Osteuropäern schneiden die grossen westeuropäischen Länder Frankreich, Italien und Spanien schlecht ab. Sie helfen gemessen an ihrer Wirtschaftskraft wenig, und dies, obwohl sie zu den zehn grössten Waffenverkäufern der Welt gehören. Frankreich rühmte sich vor dem Ukraine-Krieg ausserdem, die stärkste Armee Europas zu haben. Nun führt es als Begründung unter anderem ins Feld, dass die eigene Verteidigungsfähigkeit nicht durch das Abgeben von Waffen geschwächt werden dürfe. Gleichzeitig reagiert der Élysée-Palast pikiert darauf, dass insbesondere aus Berlin die Kritik immer lauter wird, Frankreich tue nicht genug für die Ukraine.
Kürzlich echauffierte sich Paris darüber, die französische Ukraine-Hilfe werde in den Daten des IfW viel zu niedrig ausgewiesen. Frankreich, das sonst ein grosses Geheimnis daraus macht, was es an die Ukraine liefert, präsentierte daraufhin erstmals detailliertere Zahlen. Präsident Emmanuel Macron sprach von Waffen im Wert von insgesamt 6,5 Milliarden Franken, die das Land der Ukraine bisher geliefert habe. Damit hätte Frankreich mehr Waffenhilfe geleistet als Grossbritannien. Allerdings lieferte Macron bisher keinerlei Belege für diese Zahl. Ausserdem sagte Macron der Ukraine für 2024 Militärgüter im Wert von weiteren 3 Milliarden zu.
Selbst unter Berücksichtigung dieser Angaben bleibt es dabei, dass die zweitgrösste Volkswirtschaft der EU die Ukraine gegenwärtig nur begrenzt unterstützt. Rechnet man den französischen Anteil an der EU-Hilfe noch mit ein, hätte das Land bisher 0,84 Prozent seines BIP für Wirtschafts- und Militärhilfe an die Ukraine geleistet. Damit liegt es hinter den meisten EU-Staaten, wie die folgende Grafik zeigt:
Noch viel weiter zurück liegt allerdings die Schweiz, deren Ukraine-Hilfe nur 0,33 Prozent des BIP erreicht. Die Schweiz bildet damit das Schlusslicht innerhalb Westeuropas.
Die Schweizer Hilfe ist dabei grosszügig berechnet, denn 1,5 von insgesamt rund 2,3 Milliarden Franken will der Bund dem kriegsversehrten Land erst in den Jahren 2025 bis 2028 schicken. Dann, wenn die Ukraine schon in die nächsten Kriegsjahre eintritt.