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Systemische Modelle
Zirkularität
Die systemische Betrachtung von Handlungsmodellen im psychologischen und sozialen Bereich ist vor allem aus praktischen Anliegen heraus entstanden und hat sich in der praktischen Anwendung weiter entwickelt. Theoretische Konzepte und Erklärungen wurden erst mit der Zeit wichtig (Kriz, 2014).
Zirkularität
Zirkularität ist vielleicht das wichtigste Konzept im systemischen Ansatz. Damit ist zuerst die triviale Tatsache gemeint, dass konkrete Dinge und abstrakte Sachverhalte nicht isoliert vorkommen, sondern in Beziehung zueinander stehen, oft in wechselseitigen Wirkbeziehungen (Kriz, 2014). Die Dinge und Sachverhalte interagieren in komplexen und vernetzten Prozessen und bilden so ein System (im Sinne der Systemtheorie).
In der Dynamik dieses Systems, d.h. in der Entwicklung über die Zeit, haben dann Veränderungen am Ding A stets auch Veränderungen an den damit in Beziehung stehenden Dingen zur Folge, und diese wirken ihrerseits auch wiederum auf A zurück. Dieses Phänomen ist als Rückkoppelung bekannt (je nach Fachgebiet auch als Rekursion, Iteration oder Selbstrückbezüglichkeit bezeichnet).
Die interdisziplinäre Systemforschnung hat wiederholt gezeigt, dass Rückkoppelungsprozesse ganz ungewöhnliche und unerwartete Phänomene bewirken können (Kriz, 2014).
Ursache und Wirkung sind nicht geradlinig verbunden und können nicht als isolierte Phänomene betrachtet werden. An die Stelle geradlinig-kausaler treten zirkuläre Erklärungen, und statt isolierter Objekte werden die Relationen zwischen ihnen betrachtet. Vor allem im psychosozialen Bereich ist Zirkularität die Regel, und die Suche nach einzelnen Wirkfaktoren ist dem Verständnis einer Situation oft nicht förderlich. Kriz (2014) zitiert dazu ein Beispiel für die illusionäre Suche nach isolierten Wirkfaktoren:
Aufgrund der Distanz von zuhause war Frau X. in der Lage, ein anregendes Klima, eine reizvolle Landschaft positiv auf sich wirken zu lassen, was durch die entspannende Wirkung der Bäder verstärkt worden ist; dass es Mitpatienten gibt, denen es offenbar schlechter ging als ihr, hat Frau X. neuen Lebensmut gegeben und sie offener für andere Menschen gemacht; die daraufhin möglichen Gespräche konnten ihr wiederum veränderte Lebensperspektiven nahe bringen; schliesslich hat der Masseur bei Frau X. erotische Gefühle ausgelöst, die wiederum in der geschilderten aktuellen sozialen Situation zur Realisierung eines «Kurschattens» führten; dieser hat aufgrund seiner anziehenden Wirkung Frau X. zu der Überzeugung bringen können, dass es doch besser sei, die Diätvorschriften einzuhalten und nicht etwa sich am Nachmittag ins Café zu setzen, um dort die Sahnetorte zu verspeisen . . .
(aus Plaum, 1999; zit. nach Kriz, 2014)
Zirkuläres Fragen
Dabei handelt es sich um eine typische systemtherapeutische Interventionstechnik. Alle Variablen einer sozialen Situation sind verbunden mit einer Vielzahl von Wahrnehmungen, Vermutungen und Deutungen, und dies bei jeder an dieser sozialen Situation beteiligten Person. Es ist daher nach systemischer Sichtweise nicht möglich, in einer problematischen Situation die eine Ursache für das Geschehen herauszufinden, sondern es geht darum, durch neue Perspektiven eingeengte oder festgefahrene Deutungs- und Handlungsmuster bewusst zu machen und zu verändern (siehe auch Kapitel Systemische Therapie).
Evolution, statische vs. dynamische Systeme
Evolution und Ko-Evolution
Dynamische Systeme entwickeln sich im Zeitverlauf unter verschiedenen Bedingungen, sowohl systeminternen als auch externen aus dem Kontext, an die sich das System anpasst. Unter Evolution versteht man die permanente Entwicklung eines Systems mit den Möglichkeiten und Begrenzungen, die die Systemumgebung bietet.
Das System der Verhaltensweisen eines Schülers hat in seiner Umgebung andere Systeme (z. B. die Verhaltensweisen der für diesen Schüler relevanten Personen, Lehrer, Eltern). Die gegenseitige Evolution dieser Systeme lässt sich in einem Metasystem (hier die Muster der Familien- und Schuldynamik) betrachten. Die gemeinsame aufeinander bezogene Evolution der Subsysteme wird dann als Ko-Evolution bezeichnet (Kriz, 2014).
Statische vs. dynamische Systeme
Es gibt statische und dynamische Systeme. Dabei kann auch ein dynamisches System stabil sein (d.h. dynamisch stabil). (vgl. Erklärung und Beispiel unten im Vertiefungsabschnitt).
Strukturelle Abstraktion
Lebensprozesse, sowohl somatisch-medizinische, psychische und interaktiv-soziale, sind grundsätzlich nur als dynamische Systeme zu fassen. Nicht einzelne somatische Reaktionen, Gedanken, Gefühle oder Handlungen sind relevant, sondern die Struktur, mit der diese immer wieder neu erzeugt werden (Kriz, 2014). Dies entspricht einer strukturellen Betrachtung. Das System «Familie» besteht in dieser Sicht nicht aus den konkreten Einzelpersonen, sondern aus allen Bedingungen, dem Kontext, der Psyche, der sozialen Beziehungen etc. der beteiligten Subsysteme.
Eine Institution, wie z. B. die HfH, wird nicht durch ihre jeweils konkreten Individuen bestimmt (so wichtig und berühmt diese auch gerade sein mögen), sondern durch die Struktur, wie z. B. die Rollen Professor, Student, Verwaltung usw. Nach einigen Jahren ist kein einziger Student, der jetzt zur HfH gehört, mehr dort, noch später findet man auch kein Mitglied der Professoren, der Verwaltung etc. mehr; ja es können allenfalls alle Gebäude zerstört und an anderer Stelle wieder aufgebaut worden sein — kurz: nichts Materielles ist mehr geblieben und doch existiert die HfH weiter und ist stolz auf ihre Tradition (nach Kriz, 2014).
Ganz andere Prinzipien gelten für das dynamische System «Kerzenflamme»: Auch hier muss etwas für den
Menschen Stabiles da sein — sonst könnte er nicht darauf verweisen und sich sprachlich darauf beziehen. Auf der anderen Seite sind es nicht die Moleküle in ihrer Identität wie beim Stummel, denn zu jedem Zeitpunkt (der nicht allzu klein ist) sind andere Moleküle an dem Geschehen beteiligt — sie stammen aus dem Stummel, «verbrennen» (oxidieren) und diffundieren in den umgebenden Raum. Das Stabile am Phänomen «Flamme» ist somit nicht in der Stabilität der Moleküle noch ihrer räumlichen Beziehungen begründet, sondern in der Struktur des dynamischen Prozesses. Auch ohne jede äussere Einwirkung geschieht hier somit ständig etwas — hält die Prozessdynamik am Laufen, ausser das System hört auf zu existieren (die Flamme verlischt) (Kriz, 2014, S. 253).
Stabilität und Veränderung
Stabilität und Veränderung
Veränderung bedeutet in Bezug auf dynamische Systeme eine Veränderung der Struktur dieser Systeme. Stabilität bedeutet für ein dynamisches System entsprechend, dass die Struktur sich (im betrachteten Zeitraum) nicht verändert. Der Turnschuh auf dem Bild rechts repräsentiert gemäss Werbetext dynamische Stabilität.
Der systemische Ansatz beachtet nicht nur Veränderungen in einem System, sondern auch die Stabilität. Es werden also nicht nur die die Veränderungen von Gesundheit > Krankheit (z. B. in der Psychopathologie), oder von Krankheit > Gesundheit (z. B. in der Psychotherapie) thematisiert, untersucht und erklärt, sondern auch die Stabilität Gesundheit — Gesundheit. Diese Perspektive hat im Rahmen der Gesundheitspsychologie und -medizin (Salutogenese), aber auch im Rahmen der Heilpädagogik eine grosse Bedeutung. Welche Einflüsse erhalten ein gesundes System gesund oder ein krankes System krank? Dieser Aspekt ist systemtheoretisch noch weniger untersucht als Veränderung, aber nicht weniger wichtig. In der Medizin wird ein stabiler Krankheitszustand mit dem Begriff der Chronizität beschrieben (nach Kriz, 2014).
Mangelnde Systemkompetenz des Menschen
Ein systemisches Verständnis von Krankheit und Gesundheit ist zwar auf der Erklärungsebene unmittelbar einleuchtend; trotzdem scheint eine Umsetzung in reales Verhalten schwierig zu sein. Kriz (2014) schreibt dazu: So wichtig auch ein systemisches Verständnis von Krankheit und Gesundheit (um nicht zu sagen: der Welt) wäre: Aufgrund der Arbeiten z.B. von Dörner (u.a. 1989) dürfen erhebliche Zweifel angemeldet werden, ob es ohne weiteres gelingt, Einsichten selbst in elementare systemische Zusammenhänge derart zu erlangen, dass ein adäquates Handeln möglich wird. Dörner hat anhand einfacher Simulationsmodelle von kleinen Sozialsystemen mit wenigen vernetzten Variablen gezeigt, wie inadäquat die überwiegende Mehrheit der Personen die gegebene Information gebrauchte und angemessene Interventionsweisen entwickeln konnte (S. 254).
Video: Systemische Perspektive Bodo Hartke
Als Ergänzung zu den bis hier beschriebenen systemischen Konzepten beschreibt Prof. Dr. Bodo Hartke im folgenden Videoausschnitt systemische Konzepte aus seiner Sicht (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).
Auf das von Hartke beschriebene Konzept des Ökosystemischen Ansatzes nach Bronfenbrenner wird hier nicht näher eingegangen. Weitere Einzelheiten siehe Wikipedia.