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Wasserweg nach Süden: Die Rhône und der Wein
Atemberaubend: der Blick von Tournon-sur-Rhône auf die Amphitheater des Hermitage-Felsens, der berühmtesten Lage des Rhônetals.
© mauritius images
Ob das am Wein liegt? Kaum ein Fluss hat Mittel- und Südeuropa kulturell so zusammengeschweisst wie die Rhône. Schon in der Bronzezeit existierte eine Hochkultur, deren Einfluss entlang der Rhône von den Alpen bis zum Mittelmeer reichte. Im vierten Jahrhundert vor Christus brachten die Griechen den Weinbau nach Marseille. Von der südlichen Rhône aus verbreiteten sich die Reben im ganzen heutigen Frankreich. Doch auch ganz im Norden des Rhônetals liegt eine Keimzelle des europäischen Weinbaus: Die Kelten bauten schon im achten Jahrhundert vor Christus Wein im Wallis an. Hier, am nördlichsten Flussabschnitt der Rhône und in seinen alpinen Nachbargebieten, liegt zudem einer der bedeutendsten Gen-Pools der europäischen Weinrebe. Sorten wie Mondeuse und Syrah stammen aus dem benachbarten Savoyen, und das Wallis ist berühmt für Lokalsorten wie Petit Arvine, Cornalin oder Humagne.
Der «Rotten», wie die Oberwalliser die Rhône nennen, hat seinen Ursprung im äussersten Nordosten des grössten Schweizer Weinbaukantons. Hier liegt der beeindruckende Rhônegletscher, an dessen Rückgang sich die Folgen des Klimawandels unmissverständlich erkennen lassen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts schmilzt er kontinuierlich, fast 10 Zentimeter pro Tag. Sein Schmelzwasser sammelt sich derzeit in einem See auf 2208 Metern Seehöhe. Von dort aus fliesst die Rhône hinab ins Tal, von Visp aus auf 72 Kilometern überwiegend westwärts, bis sie bei Martigny, am Rhôneknie, einen markanten 90-Grad-Bogen nimmt, um Richtung Norden in den Genfersee zu fliessen.
Oberhalb von Visp in Visperterminen liegt der höchste Weinberg Europas und das Epizentrum des Heida, wie die französische Sorte Savagnin im Wallis genannt wird. Die dichten, konzentrierten Weissweine sind von den hohen Temperaturen der Sommermonate geprägt. Hier in der Region gedeihen aber auch fast vergessene Sorten wie der Eyholzer Rote oder Lafnetscha, die trotz der Hitze federleichte Weine hervorbringen. Die für das Rhônetal so typische Sorte Syrah gelangte im Jahr 1926 ins Wallis und führt trotz perfekter klimatischer Bedingungen noch immer ein Schattendasein. Wie überall in der Schweiz dominiert beim Rotwein der Pinot Noir, der im Walliser Klima jedoch wenig von seiner eigentlichen Finesse ausspielen kann. Syrah wie der Cayas von Jean-René Germanier verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise, zu welcher Strahlkraft diese Sorte in der Schweiz fähig ist.
Ab Lyon geradeaus nach Süden
Nach der Passage des Genfersees mäandert die Rhône zunächst durch den kargen, schroffen Teil des Juragebirges, ohne von Reben gesäumt zu werden – die Weinbaugebiete des Jura liegen allesamt weiter nördlich. Ab Lyon beginnt die Rhône jener Strom zu werden, den man gemeinhin vor Augen hat. Von dort fliesst er geradewegs nach Süden, dem Mittelmeer zu. Dabei ist dieser Teil des Rhônetals ein Zwilling zum Rheingraben, beide Absenkungen entstanden durch die Auffaltung der Alpen und bilden (gemeinsam mit dem sie verbindenden Tal der Saône) ein zusammengehörendes Grabensystem, das Mitteleuropa quer von Norden nach Süden teilt.
Hermitage, Star der Nordrhône
Schon wenige Flusskilometer nach Lyon beginnt sich die weinbauliche Pracht der nördlichen Rhône zu zeigen: Die ersten Appellationen flussabwärts gelten den Syrah-Weinen der Côte-Rôtie sowie den Viognier-Weissweinen von Condrieu und Château-Grillet. Die teils terrassierten Steilhänge liegen hier am rechten Ufer des Rhônetals auf alten Gesteinen des Zentralmassivs: Granit, Gneis und Glimmerschiefer. Im Zusammenwirken mit der Exposition in Südost- bis Ostrichtung entstehen Wein-Legenden von packender Mineralität und Langlebigkeit.
Noch etwas weiter flussabwärts wachsen bei St. Joseph einige der kernigsten und mineralischsten Syrah-Rotweine. Auch Weisswein wird hier in kleinerer Menge angebaut – und zwar in jener klassischen Nordrhône-Assemblage aus Marsanne und Roussanne, die auch den majestätischsten Weisswein des Rhônetals, den weissen Hermitage, kennzeichnet. Der Hermitage-Berg zieht sich beim Ort Tain-l’Hermitage über eine Länge von etwa drei Kilometern parallel zum Verlauf des Flusses, wobei die meisten Weinberge geradewegs nach Süden ausgerichtet sind oder kleine Amphitheater mit überwiegend südlicher Ausrichtung bilden. Zudem beginnt sich in diesem Abschnitt des Flussverlaufs der mediterrane Klimaeinfluss bereits etwas stärker zu zeigen. Die Böden bestehen hier aus derselben Mischung aus Granit, Glimmerschiefer und Gneis wie andernorts an der nördlichen Rhône, doch an manchen Orten finden sich auch Kalkgeröll und Löss am Hang sowie Alluvialböden am Hangfuss.
Der rote Hermitage stellt die Klimax all dessen dar, was Syrah bringen kann: Frucht, Würze, unbändige Kraft, mineralischen Tiefgang, Langlebigkeit. Der Eremit Gaspard de Sterimberg, der den Hang im frühen 13. Jahrhundert (wieder-)bestockt haben soll, gab der Appellation ihren Namen, und die legendäre Kapelle, die er errichtete, steht heute Pate für einen der besten und beständigsten Weine. Noch im 18. Jahrhundert hatte der Hermitage an den Höfen des Ancien Régime nur einen einzigen Rivalen: roten Burgunder. Und als die Pariser Aristokratie im 19. Jahrhundert Bordeaux zu trinken begann, verschnitt der Weinhandel Hermitage in seine Médocs, um ihnen mehr Struktur und Farbe zu geben. Eine Verbesserungsmethode, die sogar ein zugehöriges Verb hervorbrachte: «hermitager».
Weiter flussabwärts endet der nördliche Flussabschnitt der Rhône mit den Weinbergen von Cornas und sehr mineralischen Rotweinen sowie jenen von Saint-Péray – einer reinen Weisswein-Appellation. Zwischen Valence und Montélimar wird nur wenig Weinbau betrieben, allerdings ist das Tal der Drôme, die südlich von Valence in die Rhône mündet, für die Erzeugung des Schaumweins Clairette de Die bekannt.
Die Vielfalt des Südens
Direkt am Fluss übernimmt der Weinbau erst zwischen Orange und Avignon wieder die Herrschaft über die Ufer. Die berühmten Böden mit Rollkies («Galets roulés») bringen in Châteauneuf-du-Pape ein weiteres Original hervor: Die an der nördlichen Rhône sortenrein gekelterte Syrah ist hier ein Juniorpartner, historisch werden bis zu 13 Rebsorten für roten Châteauneuf verwendet, darunter auch mehrere weisse Trauben. In den Zeiten ohne technische Hilfsmittel half deren Zusatz, die Farbe zu stabilisieren und der Wucht der Weine etwas mehr Nerv und Fassung zu verleihen.
Gerade mit Blick auf die Sortenwahl variieren die stilistischen Ideen beim Châteauneuf-du-Pape sehr stark. Einer der Kultweine der Region, der schwer zu findende Château Rayas, besteht zu 100 Prozent aus Grenache. Seine Feingliedrigkeit unterscheidet ihn stark von der ungezähmten Stoffigkeit, die Châteauneufs auf Basis von Mourvèdre, Syrah oder Carignan aufweisen.
Die Vielfalt der Stile ist auch Ausdruck einer Vielfalt von Böden: Neben den Galets roules, die meist von einer Matrix aus rötlichem Lehm umgeben sind, existieren in Châteauneuf auch Böden auf Kalk und auf verschiedenfarbigem Sand. Schaut man ein wenig in die Nachbarschaft, etwa in die Appellationen Gigondas und Vacqueyras, dann erweitert sich das Spektrum noch, denn auch die nahe Felsenkette der Dentelles de Montmirail schuf mit ihrem Geröll Weinbergsböden der Ausnahmeklasse.
Inmitten dieses Paradieses wuchtiger Rotweine hält sich auch eine Insel des edelsüssen Weins: Der Muscat de Beaumes-de-Venise wächst auf schmalen Weinbergsterrassen, es soll Papst Clemens V. gewesen sein, der im 14. Jahrhundert den Anstoss zur Produktion dieser edelsüssen Köstlichkeit gegeben hat.
Darüber hinaus werden an der ganzen südlichen Rhône auch Weissweine und Rosés erzeugt. Die namhafteste Rosé-Herkunft ist Tavel am rechten Rhône-Ufer, praktisch direkt vis-à-vis von Châteauneuf gelegen. Für ihre Weissweine nützen die Winzer an der südlichen Rhône eine Vielzahl an Sorten: Picpoul, Clairette und Bourboulenc, Picardan und Grenache Blanc, aber auch die aus dem Norden importierten Marsanne, Roussanne und Viognier. Fast jede Appellation erzeugt auch in kleinen Mengen Weisswein – und gerade der weisse Châteauneuf-du-Pape hat sich in den letzten Jahren zum Geheimtipp entwickelt.
Mit einer winzigen Weisswein-Appellation findet der Weinbau an der Rhône auch seinen südlichen Abschluss: Nur noch acht Hektar Reben wachsen in der AOC Clairette de Bellegarde, die westlich von Arles und am Nordrand der Camargue liegt, während am linken Rhône-Ufer aus der Ferne bereits die Weinberge der Provence herübergrüssen. Wenige Kilometer weiter mündet die Rhône ins Mittelmeer – und damit in jenes Gewässer, dank dem vor über 2000 Jahren die Weinkultur nach Frankreich kam.
Zum «Best of Rhône» Tasting
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