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Grosser Untersuchungsbericht entlastet Finn Canonica weitgehend und kritisiert Anuschka Roshani und ihre Informanten
Der von der Tamedia in Auftrag gegebene aufwendige Bericht der Anwaltskanzlei Rudin Cantieni, die auch den aufsehenerregenden Fall Magglingen untersucht hat, wurde bisher nicht veröffentlicht. Radio 1 hatte Einblicke in dieses Gutachten, und diese zeigen ein überraschendes Bild, das radikal von dem abweicht, welches Anuschka Roshani in ihrem vierseitigen Gastbeitrag im deutschen Magazin «Der Spiegel» veröffentlicht hat.
So heisst es in der Schlussfolgerung: «Zusammenfassend ergibt sich, dass auch die meisten Vorwürfe gegenüber Finn Canonica verneint werden mussten…Bossing gegenüber Anuschka Roshani scheidet aus, da es an der Zielgerichtetheit und Systematik über längere Zeit fehlt und gerade sie auch Privilegien genoss, die andere nicht hatten…Die Sonderbehandlung eines bezahlten Sabbaticals stellt eine Bevorzugung gegenüber anderen dar und schliesst ein gleichzeitiges Bossing gegenüber Anuschka Roshani eigentlich aus.»
Kritisiert wurde Finn Canonica dafür, dass er sich oft «eher grob» und ein «bisschen krass» äussert, «wobei sich dies dennoch im Rahmen einer grundsätzlichen Freundlichkeit und Zugewandtheit zu bewegen scheint.» Die mehrfache Hakenkreuzverwendung könne hingegen «entgegen Finn Canonicas Beteuerung nicht als verrutschter, schlechter Humor angesehen werden.» Sie müsse als «eine Diskriminierung aufgrund der Nationalität gesehen werden, auch wenn sich sonst keinerlei derartige Diskriminierungstendenzen feststellen liessen.» Und weiter: «Nicht bestätigt wurde (von Redaktionsmitgliedern) die Aussage, dass Finn Canonica bösartige höchst verächtliche Aussagen über Anuschka Roshani machte.»
Damit erschöpft sich die Kritik an Finn Canonica weitgehend. Viel härter ist das Urteil des Berichts gegenüber Matthias Ninck, einem früheren Mitglied der Magazin-Redaktion, der als Hauptzeuge gegen Finn Canonica auftritt. Im Bericht von Rudin Cantieni heisst es dazu: «Nachdem Prof. Dr. Peter Nobels Untersuchung im 2014 eine basale Lüge von Matthias Ninck zeigt, vorliegend Matthias Nincks Angaben nachweislich nicht stimmen…kann er nicht als glaubwürdige Quelle eingestuft werden.» So hat Matthias Ninck erklärt, Finn Canonica habe mit X.Y., einer Angestellten, eine Affäre gehabt. Dies wurde ebenfalls von Anuschka Roshani im «Spiegel» behauptet. Dazu der Rudin Cantieni-Bericht: «Die Überprüfung von Matthias Nincks Angaben zeigen, dass schon die äusseren Eckpunkte seiner Schilderung nicht stimmen können.»
Über Anuschka Roshanis Verhalten in diesem Zusammenhang erklärt der Bericht: «Anuschka Roshani baut ihre Versionen ihrerseits stetig aus…Anreicherungen können Hinweise auf bewusste Lügen oder aber auf suggestive Einflüsse sein. Vorliegend fand mutmasslich eine Absprache von Matthias Ninck und eine Angleichung an seine Version statt.» Und weiter: «Bezüglich dem Austausch mit Matthias Ninck bestehen im Übrigen ebenfalls unvereinbare Widersprüche. An der Befragung bei den Untersuchungspersonen führte Anuschka Roshani aus, sie habe mit Matthias Ninck seit seinem Ausscheiden nie mehr Kontakt gehabt, während sie in der Zweitbefragung angab, sie habe sich mit ihm in Verbindung gesetzt.»
Es gab noch mehrere solcher Widersprüche. Doch: «Anuschka Roshani konnte mit den aufgezeigten Widersprüchen und sich ergebenden Fragen nicht konfrontiert werden, da sie für die Untersuchung nicht mehr zur Verfügung stand. Aus Sicht der Untersuchungspersonen lassen sich diese Widersprüche nicht auflösen es fehlen hinreichende Realitätskriterien.» Und weiter: «Zudem waren die Vorwürfe – entgegen den rechtsvertreterischen Ausführungen – meist schlecht belegt. Diverse Beweismittel, welche Untersuchungspersonen angefordert hatten, wurden nicht eingereicht.»
Anuschka Roshani hat in ihrem «Spiegel»-Text behauptet, Finn Canonica habe in Sitzungen laufend «ficken» gesagt, er habe sexualisierte und fäkalisierte Sprache verwendet. Diesen Vorwurf hat sie in der Untersuchung «im Laufe der Zeit ausgeweitet». Dazu der Bericht: «Dem tatsächlich verwendeten «Fuck» und «Bullshit» sprechen die Untersuchungspersonen eine sexuelle Komponente ab…Die Begriffe werden zwischenzeitlich auch umgangssprachlich verwendet, so dass sich die Mehrheit der Befragten nicht daran störte...Eine sexuelle Belästigung konnte nicht ausgemacht werden.»
Ein Vorwurf von Anuschka Roshani, zitiert auch im «Spiegel», lautet, dass Finn Canonica sie die «Ungefickte» genannt habe. Dazu der Bericht, der Michèle Roten, eine enge Arbeitskollegin von Anuschka Roshani zitiert: «Ins Auge springt vorab die Verwendung der Terminologie. So äusserte Michèle Roten ursprünglich, Finn Canonica habe die «Untervögelte» gesagt. Anuschka Roshani sprach später von die «Ungefickte», worauf Michèle Roten, die als Einzige den Ausdruck hörte, ebenfalls auf «die Ungefickte» umschwenkte. Unbestritten ist, dass Michèle Roten und Anuschka Roshani sich austauschten.»
Auch Matthias Ninck hat diesen generellen Vorwurf gegen Finn Canonica erhoben, zuerst gegenüber der Untersuchung, dann offenbar als anonymer Informant von «watson», und dies mit einem angeblich konkreten Beispiel belegt. Dazu der Bericht: «Matthias Nincks Vorwurf, Finn Canonica habe eine Frauenbrust mit nach oben gerichteter Brustwarze auf dem Pult gehabt und diese jeweils – begleitet von zweideutigen Aussagen – vor weiblichen Bewerberinnen gestreichelt, geht ins Leere. Der fragliche plastische Chirurg bestätigte schriftlich, dass er Finn Canonica erst im 2018 – nach Matthias Nincks Zeit – ein Brustimplantat schenkte. Implantate sind nicht als Brust zu erkennen und haben insbesondere keine Brustwarzen…Die Untersuchungspersonen gehen nach dem Gesagten von Absprachen zwischen Anuschka Roshani und Matthias Ninck aus.»
Matthias Ninck wurde nach der Untersuchung durch Prof. Dr. Nobel 2014 freigestellt und kündigte anschliessend. Seit 2015 ist er Kommunikationsleiter des Sicherheitsdepartements der Stadt Zürich.
Am 16. März 2022 wies der Rechtsvertreter von Anuschka Roshani auf ihren schlechten Gesundheitszustand hin, eine «unhaltbare Situation, für die Tamedia als Arbeitgeberin verantwortlich» sei, so dass sie «bis auf weiteres 100% arbeitsunfähig ist.» Im Bericht heisst es dazu: «Offenbar ist vielen Mitgliedern der Redaktion nicht aufgefallen, dass Anuschka Roshani gemäss ihren Aussagen unter der Situation litt, auch gesundheitlich. Einigen war dies bewusst. Einer von diesen wird im Bericht namentlich erwähnt, nämlich Daniel Dunkel, langjähriger Chefredaktor der Tamedia-Publikation «Schweizer Familie» und langjähriger Verwaltungsrat des Buchverlags Kein & Aber, dessen Gründer, Grossaktionär und Geschäftsführer Peter Haag ist, der Ehemann von Anuschka Roshani. Zum Gesundheitszustand von Anuschka Roshani heisst es im Bericht: «Ein Arztzeugnis liegt den Untersuchungspersonen nicht vor.»
Anuschka Roshani machte auch geltend, dass Tamedia Jahre zu spät auf die von ihr vorgebrachten Vorwürfe gegen Finn Canonica reagiert habe. Auch dazu gibt es «unauflösbare Widersprüche», wie der Bericht festhält: «So fanden gemäss Anuschka Roshanis schriftlicher Eingabe Meldungen ab 2007 statt…An der persönlichen Anhörung wollte sich Anuschka Roshani im Zeitraum von 2012-2015 beim HR gemeldet haben. Die Jahreszahl 2007 wurde nicht mehr genannt und lässt sich auch nicht rekonstruieren…Dass vor dem 9. April 2021 tatsächlich eine Meldung beim HR stattgefunden hätte, wurde nicht belegt. Weder Anuschka Roshani noch das HR hatten irgendwelche Unterlagen dazu, wobei Anuschka Roshani ausführte, sie habe sich damals telefonisch gemeldet.»
Der Bericht verweist auf die Fürsorgepflicht des Unternehmens gegenüber seinen Angestellten, erwähnt aber auch folgendes: «Gleichzeitig hätte Anuschka Roshani mit der Veröffentlichung von negativen Bemerkungen über ihren Vorgesetzten ihre arbeitnehmerische Loyalitätspflicht verletzt. Das wäre ebenfalls nicht akzeptabel gewesen und hätte auch personalrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können.»
Dieser Kommentar erfolgt zum Abschluss des Untersuchungsberichts, also vor den Entlassungen von Finn Canonica und Anuschka Roshani durch Tamedia und vor Erscheinen des «Gastbeitrags» im «Spiegel», in dem ein absolut verheerendes Bild von Finn Canonica präsentiert wurde, und dies mit einer Vielzahl von Beispielen, die durch die akribische Untersuchung von Rudin Cantieni in keiner Weise gestützt und in weiten Teilen widerlegt wurden.
Mathias Ninck bestreitet Vorwürfe im Roshani/Canonica-Bericht
Im umfangreichen Bericht der Anwaltskanzlei Rudin Cantieni zur Affäre Roshani/Canonica finden sich mehrere Vorwürfe gegen Mathias Ninck, einem ehemaligen Mitarbeiter beim „Magazin“ und seit 2015 Pressesprecher der Stadtpolizei Zürich. So wird Ninck an mehreren Stellen des Berichts vorgeworfen, nicht die Wahrheit zu den geschilderten Vorgängen gesagt zu haben. Dagegen wehrt sich Ninck nun. Diese Vorwürfe seien falsch. Zudem sei er von Rudin Cantieni nicht befragt worden.
(Gemäss Auftrag durfte Rudin Cantieni nur aktuelle Mitarbeitende von Tamedia befragen. Allerdings konnte sich die Kanzlei auf eine frühere interne Untersuchung stützen, in die sich Mathias Ninck schriftlich eingebracht hatte.)