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Die drei Phasen der Globalisierung
«Globalisierung» ist nach wie vor ein Zauberwort im politischen Diskurs. Sie erklärt alles und rechtfertigt alles. Jede noch so geringe Reform auf lokaler Ebene wird mit «der Globalisierung» begründet.
Das Globalisierungsargument ist vor allem deshalb so beliebt, weil man alle Veränderungen auf langfristige anonyme Kräfte zurückführen kann. Es wird suggeriert, dass die Globalisierung schon immer stattgefunden habe und deswegen nicht steuerbar sei.
Wenn man die Geschichte der Globalisierung aber etwas näher betrachtet, löst sich die Behauptung einer kontinuierlichen Entwicklung bald in Luft auf. Es gab immer wieder grosse Brüche und schnelle Veränderungen. Zudem ist die heutige Vorstellung von Globalisierung sehr jung, d.h. höchstens dreissig Jahre alt. Zur Schärfung des Blicks auf die Gegenwart empfiehlt sich ein kurzer Rückblick auf die drei grossen Phasen der Globalisierung.
Phase eins begann im 15. Jahrhundert und dauerte bis ins 18. Jahrhundert. Die damalige Globalisierung hatte sehr wenig zu tun mit der heutigen Globalisierung. Es führt kein gerader Weg von Kolumbus und Vasco da Gama zur Gegenwart. Der grösste Unterschied war der folgende: Das internationale Handelsvolumen war gering und beschränkte sich auf Luxuswaren. Die meisten Menschen waren von der Globalisierung kaum betroffen.
Phase zwei begann mit der industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert. Innerhalb von etwa 100 Jahren wurde die ganze Weltwirtschaft dank Dampfschiff, Eisenbahn und Telegraf kurzgeschlossen. Es ist der Beginn der modernen Globalisierung, wie wir sie immer noch kennen.
- Jedes Land musste sich nun an die internationale Arbeitsteilung anpassen. Der Strukturwandel wurde normaler Bestandteil der Wirtschaftsentwicklung.
- Der Unterschied zwischen erfolgreichen und armen Ländern wurde erstmals sehr gross.
- Der grösste Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital fand zwischend den entwickelten Ökonomien statt.
- Die Migration zwischen den Kontinenten übertraf alle bisherigen Erfahrungen.
Diese Phase, jäh unterbrochen, aber nicht beendet durch die beiden Weltkriege, dauerte bis in die 1980er-Jahre. Dann setzte Phase drei ein, die man als Ära der «Hyperglobalisierung» oder als «zweite Welle der Globalisierung (Flückiger/Schwab)» bezeichnen könnte. Zwei Dinge zeichnen sie aus:
- Die internationale Wirtschaft ist viel stärker verrechtlicht als je zuvor. Die WTO ist eine starke internationale Organisation – Vertragsverletzungen können eingeklagt werden. Die G-20 stellt ständig neue Regeln auf, die OECD setzt sie um. Es gibt regionale Regulierungsregime wie die EU oder die Nafta. Das gab es in der zweiten Phase der Globalisierung nicht und schon gar nicht in den Zeiten von Kolumbus.
- Die Migration hat sich grundlegend verändert. Im 19. Jahrhundert dominierte die Wanderung zwischen den entwickelten Volkswirtschaften und von den Mutterländern in die Kolonien. Heute hingegen dominiert die Wanderung von den armen zu den reichen Ländern und die Migration zwischen armen Ländern. Die Migration von den reichen in die armen Länder fällt seit dem Ende der Kolonialzeit nicht mehr ins Gewicht.
- Die weltwirtschaftliche Integration hat einen neuen Grad erreicht. Etwa die Hälfte des weltweiten Handels findet innerhalb der multinationalen Konzerne statt. Der klassische Export, bei dem ein Land nur die Rohstoffe einkauft und verarbeitet, existiert nicht mehr. Deutlich mehr Inputs als je zuvor werden importiert. Man spricht von Value Chains. Dadurch haben sich die weltweiten Handelsanteile fundamental verschoben.
Aus meiner Sicht ist der letzte Punkt der folgenreichste. Die Grafik zeigt, wie schnell sich das Gewicht der Handelsströme verändert hat. 1990 betrug der Handel unter den Nicht-OECD-Ländern («South-South» Trade) nur 8 Prozent, 2011 bereits 24 Prozent.
Für den politischen Diskurs ist nicht die Handelsintegration, sondern die Verrechtlichung der wesentlichste Aspekt der letzten dreissig Jahre. Wir reden oft vom Zwang der wirtschaftlichen Globalisierung, aber meinen eigentlich den Harmonisierungsdruck, der von internationalen Regulierungen ausgeht. Letzterer ist alles andere als naturwüchsig, sondern in hohem Grad verhandelbar. Wer von „der Globalisierung“ spricht, stiftet hier unnötig Verwirrung und lenkt ab von der Frage nach der Verantwortung.