Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03176.jsonl.gz/3194

Thomas Mann
»Da ich die deutsche Staatsangehörigkeit verliere, werde ich doch wohl Schweizer werden«, schrieb Thomas Mann im Juli 1933 aus Sanary an Hermann Hesse. Tatsächlich schien der Einbürgerung des Literatur-Nobelpreisträgers damals kaum etwas entgegenzustehen. Er wurde, als er im September 1933 nach Küsnacht zog, sofort telephonisch von Bundesrat Motta willkommen geheissen, und als er sich im Oktober 1934 nach Dichterlesungen in allen grösseren Orten der Schweiz über Radio Zürich zu Wort meldete, bezeichnete er unser Land als »eine Welt, in der ich mich wohl fühle, in der ich vertrauensvoll atme und in der, wenn das Schicksal es so will, ich gern mein Leben und meine Arbeit zu Ende führen werde«.
Als Deutschland ihn dann am 3. Dezember 1936 wirklich ausbürgerte, war Thomas Mann längst Bürger eines anderen Landes. Dass die neue Heimat die ferne Tschechoslowakei und nicht die Schweiz war, wo der Dichter lebte, ist nicht zuletzt auf das Konto von NZZ-Feuilletonchef Eduard Korrodi zu verbuchen, der nicht bloss hintenherum eine Übersiedlung des S.-Fischer-Verlags nach Zürich vereitelte, sondern seine Abneigung gegen die Exilliteratur am 26. Januar 1936 unter dem Titel Literatur im Emigrantenspiegel auch offen zum Ausdruck brachte womit er den »Zauberer« prompt zur Solidarität mit seinen verunglimpften Leidensgenossen zwang. Korrodi erhielt Schützenhilfe durch den faschistenfreundlichen Dozenten Emil Staiger, der Thomas Mann einen, so der Adressat später im Tagebuch, »durch Dummheit und Dreistigkeit sehr unangenehmen« Brief schrieb.
Dass unter solchen Umständen jene Literaturzeitsclirift, die Thomas Mann kurz danach zusammen mit Konrad Falke gründete und die ab Oktober 1937 unter dem Titel Mass und Wert im Zürcher Oprecht-Verlag zu erscheinen begann, keine grossen Erfolgschancen hatte, liegt auf der Hand. Zu deutlich waren die grossen Autoren des unwillkommenen deutschen Exils bevorzugt, und wenn Schweizer vorkamen, so handelte es sich nicht um die Honoratioren des Kulturbetriebs, sondern um unabhängige Leute wie R.J. Humm, Albin Zollinger, Adrien Turel, Ludwig Hohl oder Annemarie Schwarzenbach. Nach drei Jahren, als die Abonnentenzahl von 6000 auf 1500 gesunken war, gab Thomas Mann, inzwischen amerikanischer Staatsbürger geworden, von Princeton aus das Zeichen zum Gefechtsabbruch.
Ab 1952 lebte Thomas Mann übrigens wieder in der Schweiz: »zwecks Ausübung schriftstellerischer Tätigkeit und zur Verbringung des Lebensabends«, wie es in der Niederlassungsbewilligung damals hiess. Und fast wäre er schliesslich doch noch Schweizer geworden! »Ich werde«, teilte er am 10. Juni 1905 Hermann Hesse mit, »unter uns gesagt, auch sehr bald Schweizer, via Gemeinde Kilchberg. Der Bundesrat scheint einverstanden, dass es ausser aller Ordnung geschieht ... « Zwei Monate später, am 12. August 1955, war Thomas Manns gnädig bewilligter Schweizer Lebensabend zu Ende. Sein Grab auf dem Kilchberger Friedhof aber ist das Grab eines amerikanischen Staatsbürgers.
Thomas Manns Werke, Briefe und Tagebücher sind bei S. Fischer,
Frankfurt a. M., greifbar. (Literaturszene Schweiz)