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Die Neujahrsansprachen sind eine Schweizer Tradition und der erste offizielle Auftritt des neuen Bundespräsidenten. Diese Reden spiegeln den Zeitgeist und können Auskunft darüber geben, welche Themen von der Regierung als wichtig erachtet werden. In diesem Beitrag wird die Prominenz zweier Themenbereiche über die Zeit analysiert.
Für diesen Blogbeitrag wurden die Neujahrsansprachen von 1972-1974 und von 1980-2017 auf Nennungen diverser Themen untersucht, zwei davon werden hier vorgestellt. Es wurde jeweils die relative sowie die absolute Anzahl Nennungen von Wortgruppen festgestellt. „Relativ“ bedeutet hier im Vergleich mit der Anzahl Worte in einer Rede nachdem häufige Wörter wie der, die, das, und etc. herausgefiltert wurden. Die Graphik mit der absoluten Anzahl der Nennungen zeigt ebenfalls die Partei des Bundespräsidenten an. Zwar sind Bundesräte in erster Linie Bundesräte und nicht Parteipolitiker. Dennoch ist es nicht abwegig, dass die jeweilige Ideologie beim Verfassen einer Ansprache mitschwingt, weswegen ich auch diesen Aspekt berücksichtigt habe.
Europa und die Schweiz
Die erste Untersuchung betrifft die Wörter Europa und europäisch. Ich wollte feststellen, wann das Thema Europa angesprochen wurde und in welchem Zusammenhang.
Die obere Abbildung zeigt die relative Anzahl Nennungen, geordnet nach Dekaden in Abständen von fünf Jahren (Ausnahmen bilden die Gruppe 1972-74 und 2015-17). Es zeigt sich ein interessantes, wenn auch nicht unbedingt überraschendes Bild: das Thema war äusserst prominent in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre. Die EWR-Abstimmung vom 6. Dezember 1992 machte das Thema allgegenwärtig und das schlug sich dementsprechend in den Neujahrsansprachen nieder.
In der unteren Darstellung wird die absolute Anzahl der Nennungen der Europa-Wortfamilie dargestellt, aufgeteilt nach Jahren und Partei des Bundespräsidenten. Die Namen werden angezeigt, wenn man den Mauszeiger über die Punkte bewegt. Auch hier sieht man, dass die Bundespräsidenten der frühen Neunziger die Spitzenreiter sind. Ganz oben befindet sich SP-Politiker René Felber im EWR-Abstimmungsjahr 1992. In seiner Ansprache spricht er sich für die Annäherung an Europa aus, indem er sich auf den Schweizer Kantönligeist beruft:
So wenig, wie beispielsweise die Zürcher durch ihre Mitwirkung in der Eidgenossenschaft zu Waadtländern geworden sind, so wenig wird die Schweiz durch ihre Zusammenarbeit mit den andern europäischen Staaten sich selbst untreu werden.
Er warnt, in beinah prophetischer Weise:
Der Bundesrat hofft, dass unsere politische Kultur es uns ermöglicht, engagiert zu debattieren und nicht jenen zu folgen, die aus der Diskussion einen Kampf der Europabefürworter und der Europagegner machen wollen. Ein solcher Kampf würde nur Spuren hinterlassen, die uns teuer zu stehen kämen.
Das Thema Europa war in den darauffolgenden Neujahrsansprachen weniger prominent, stieg jedoch in den Jahren 2010-14 wieder etwas an. Im Jahr 2014, welches mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar die Beziehungen zu Europa erneut auf eine harte Probe stellt, beruft sich Didier Burkhalter darauf, was die Schweiz und Europa teilen:
Mit Europa teilen wir auch unsere Werte. Und mit Europa bilden wir einen Raum der Sicherheit und des Friedens im Dienste aller hier lebenden Menschen.
Wer ruft Heimatgefühle hervor?
Nicht mit den Sternen der Europaflagge, sondern unter anderem mit dem Schweizer Kreuz beschäftigt sich meine zweite Analyse zum Thema „Heimat“. Ich wollte herausfinden, wann und von wem an unsere Tradition, an unsere gemeinsamen Werte appelliert wird. Die Wörter und deren Familien, welche ich diesem Thema zugeordnet habe, sind Heimat, Wert, Landschaft, Natur, Berg, Alpen, Tugend, Tradition, Zuhause, Fahne, Symbol und Kreuz. Mein Ziel war es, das Thema Heimat als Mischung aus konkreten Dingen (zum Beispiel Natur) und abstrakten Konzepten und Symbolen (zum Beispiel dem (Schweizer-)Kreuz) zu definieren.
Das Thema Heimat geniesst seit Anfang des neuen Jahrtausends grössere Popularität als zuvor und 2005-09 bilden hierbei die Rekordjahre. Ist es möglich, dass ein Trend zu mehr Heimat, zu mehr Traditionsbewusstsein herrscht, der sich auch auf die Neujahrsansprachen auswirkt? Meine Analyse scheint den Trend zu mehr Heimat zu bestätigen, zumindest was die Neujahrsansprachen betrifft. Das Thema ist seit der Jahrtausendwende tatsächlich populärer, als es in den Achtzigern und Neunzigern war.
Bei den absoluten Nennungen tut sich Samuel Schmid, damals noch SVP-Bundesrat, hervor. Er bezieht sich in seiner Rede auf die Schweizerfahne in seinem Büro:
Die Schweizerfahne in meinem Büro ist für mich ein Symbol. Das Symbol eines christlichen Landes, das Werte hoch hält wie Freiheit, und Neutralität, direkte Demokratie und Toleranz, Sprachfrieden und Religionsfreiheit, den Schutz der Schwachen und der Minderheiten.
Es ist nicht verwunderlich, dass ein (ehemaliges) Mitglied der Schweizer Volkspartei sich gerne auf Schweizer Werte und Symbole beruft. Es überrascht mehr, dass auf den Plätzen zwei und drei Sozialdemokraten folgen, also Mitglieder der Partei, die sich oftmals den Vorwurf gefallen lassen muss, der Heimat gegenüber zu kritisch zu sein. Allein gemessen an diesen zwei Ansprachen kann dieser Vorwurf nicht bestätigt werden.
Nicht auf die Schweizerfahne wie sein Kollege Schmid, aber auf dem Schweizer Kreuz allgemein baut Moritz Leuenberger seine Ansprache aus dem Jahr 2006 auf. Er nimmt das Bundesratsfoto (siehe Titelbild dieses Beitrags) als Anlass, die symbolische Kraft des Schweizer Kreuzes sprechen zu lassen:
Nicht alle haben dieselbe Vorstellung über die Schweiz. Dennoch arbeiten wir gemeinsam an ihrer Zukunft. Für diese Gemeinsamkeit steht das Schweizer Kreuz.
Ein ähnliches Zitat findet sich bei Micheline Calmy-Rey ein Jahr später:
Wir sind eine Gemeinschaft. Und gemeinsam können wir die Probleme meistern. Der Bergbauer in Bergün und die Bundespräsidentin aus Genf, die Architektin in Mendrisio und der Buschauffeur in Zürich gehören zusammen.
Thematisch bezieht sie sich hier auch auf den von Samuel Schmid zitierten Sprachfrieden, indem sie alle vier Sprachgruppen einbezieht.
Bei Moritz Leuenberger schleicht sich gegen Ende doch noch ein wenig sozialdemokratische Kritik ein und mahnt, den Blick nach aussen nicht zu vergessen:
Das Schweizer Kreuz soll uns den Blick in die Welt nicht verstellen. Wirbelstürme, und Gletscherschmelze haben dieselbe Ursache, die Klimaerwärmung. Umweltkatastrophen kennen keine Grenzen. Hunger und Armut auch nicht.
Quellennachweis:
Alle Neujahrsansprachen finden sich hier:
Schweizer Eidgenossenschaft (2016): Neujahrsansprachen.
(https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/reden/neujahrsansprachen.html [Stand: 27.5.2017])
Das Bundesratsfoto 2006:
Dieser Blogbeitrag wurde im Rahmen des Forschungsseminars „Politischer Datenjournalismus“ von Anthea Alberto verfasst.
Matrikelnummer: 12-709-283
Mail: <email-pii>
Betreuer: Michael Hermann
Anzahl Wörter: ca. 900
Danke an David Krähenbühl für die technische Unterstützung