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(Peter Hüseyin Cunz, Ranfter Gespräche, 22. September 2018)
Erlauben Sie mir, bevor ich über die göttliche Liebe im Islam spreche, den Kontext zu erwähnen, aus dem ich das Thema betrachte. Wie erwähnt bin ich Muslim und leitendes Mitglied (Scheich) des Ordens der Mevlevi („Tanzende Derwische“). Wie im Christentum sind auch im Islam unterschiedliche Orden entstanden. Mitglieder von islamischen Orden werden Sufi, Derwisch oder Fakir genannt. Damit bin ich kein Vertreter des Mehrheits-Islams. Unser Orden entstand im 13. Jhd. nach dem Tod des grossen Heiligen Mevlana Celaleddin Rumi (gest. 1273). Seine mystischen Gedichte und sein Lehrwerk – es sind über 60’000 Verse – haben im Westen eine grosse Popularität erlangt, wobei allerdings die meisten Übersetzungen als zweifelhaft oder tendenziös einzustufen sind. Rumi ist in der Esoterik des New-Age omnipräsent. Da Rumi meine Hauptquelle und Referenz zum Verständnis des Islams ist, werde ich vor allem seriös übersetzte Zitate von ihm benutzen. Gerne biete ich Ihnen eine Auswahl an mystischen Gedichten aus eigener Übersetzung an.
Doch jetzt zum Thema:
Im Christentum steht Gottes oder Jesu Liebe im Zentrum vieler Schriften und Predigten. Und wie ist das im Islam? Im Koran und in den Prophetensprüchen (hadith) ist die Liebe als Begriff nur spärlich anzutreffen, und so wird die Liebe auch in Freitags-Predigten wenig direkt angesprochen. Gerne zitiere ich eines der wenigen Beispiele, in dem der Koran von der Liebe spricht (30:21):
Gott hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen Mann und Frau gesetzt.
Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das nachdenkt.
Im Koran stehen eher die All-Barmherzigkeit Gottes sowie Seine Mächtigkeit an vorderster Stelle. Es sind die Sufis, welche das Thema der Liebe direkt ansprachen, allen voran Rumi, der auch „Pol der Liebe“ genannt wird. Er sagte in einer seiner mystischen Gedichte àBuch (Divan-i kebir 3-1333):
Im Grunde genommen ist jedes Teilchen der Welt, ist Alles und Jedes, ja die ganze Welt, Liebe; in Allem und Jedem flammt das Feuer der Liebe, in jedem Partikel, in jedem Atom! Alles ringt darum, sich mit dem Geliebten zu vereinen, alles ist trunken von der Vereinigung.