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Am Montag legte Richterin Barrett im Weissen Haus einen ersten Amtseid ab. Das Tempo zeigt, wie wichtig die Besetzung des Richterpostens für die Republikaner ist. So hatte Donald Trump ausdrücklich darauf hingewiesen, dass mögliche Gerichtsverfahren rund um die Stimmauszählung beim Supreme Court landen könnten. Auch wiederholte er Anfang Woche seine Überzeugung, dass er die Wahl nur verlieren könne, wenn die Demokraten sie manipulieren würden. Die Wettquoten sprechen kurz vor den Wahlen für ein Kopf an Kopf Rennen zwischen dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und dem amtierenden US-Präsidenten. Derweil führt den jüngsten Umfragewerten zufolge aber der demokratische Herausforderer noch immer mit beträchtlichem Abstand.
In den USA erfolgt die Wahl des Präsidenten nicht direkt über Wählerstimmen, sondern über die Wahlmänner der 50 Bundesstaaten. Jedem Gliedstaat steht eine bestimmte Anzahl Elektorenstimmen zur Verfügung, die von der Bevölkerungszahl abhängig ist. Der Kandidat, der die meisten Stimmen erhält, bekommt alle Elektorenstimmen. Für die Wahl zum US-Präsidenten sind 270 Stimmen notwendig. Die Stimmen in den sogenannten «Swing States» sind entscheidend. Als «Swing States» werden jene Staaten bezeichnet, in denen sowohl die Republikaner als auch die Demokraten gute Chancen auf einen Sieg haben. Dazu zählen Texas, Florida, Pennsylvania, Ohio, Michigan, Georgia, North Carolina, Arizona und Wisconsin. Hier werden insgesamt 173 Stimmen vergeben. Biden liegt auch in der Mehrheit dieser «Swing States» knapp vorne. Nach den Erkenntnissen der US-Wahlen 2016 sollte man sich jedoch nicht zu stark auf die Umfragewerte verlassen. Das Rennen dürfte längere Zeit offen bleiben. Es ist davon auszugehen, dass das offizielle Ergebnis aufgrund der Briefwahl erst einige Tage später feststeht, da das Auszählen der Briefstimmen viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Bis heute sind bereits über 50 Millionen Briefwahlstimmen eingegangen.
Ein weiterer entscheidender Faktor für die zukünftige Regierbarkeit des Landes ist die anstehende Senatswahl. Gleichzeitig zur Wahl des Präsidenten werden am 3. November auch 35 Sitze im Senat neu verteilt. Hier sind die Demokraten derzeit ebenfalls leicht im Vorteil. Die künftige Zusammensetzung des US-Kongresses spielt eine entscheidende Rolle. So könnten die Demokraten ihr Wahlprogramm bei einer sogenannten «blauen Welle», also einem demokratischen Präsidenten und einer demokratischen Mehrheit im Kongress, konsequenter umsetzen.
Unsicherheiten rund um den Wahlverlauf
Eigentlich ist alles klar. Nach der Wahlnacht vom 3. auf den 4. November 2020 wählt das «Electoral College» am 14. Dezember 2020 den Präsidenten und den Vizepräsidenten. Am 6. Januar 2021 folgt die Auszählung dieser Stimmen und das offizielle Ergebnis wird bekannt gegeben. Am 20. Januar 2021 findet die Amtseinführung des neuen Präsidenten statt. Überschattet wird die Wahl jedoch von heftigen Manipulationsvorwürfen seitens Donald Trump gegenüber den Demokraten. Es wird befürchtet, dass eine mögliche, knappe Wahlniederlage von Donald Trump nicht akzeptiert werden würde. Bei einem knappen Wahlausgang muss demnach mit Nachzählungen gerechnet werden. Mit der Berufung von Amy Coney Barrett ist die konservative Mehrheit im Supreme Court zementiert. Dies könnte bei einem knappen Wahlausgang zu einem entscheidenden Faktor werden, weil mögliche Gerichtsverfahren rund um die Stimmauszählung in den wichtigen Gliedstaaten beim Supreme Court landen könnten. Ein weiteres Unsicherheitsszenario ist die Einreichung konkurrierender Elektorenlisten aus Gliedstaaten, die parteipolitisch zerstritten sind. Würden konkurrierende Listen eingereicht werden, müsste der Kongress an der Sitzung vom 6. Januar 2021 über die Gültigkeit der Listen abstimmen. Mit einer möglichen Mehrheit der Demokraten im Senat, wären sie in diesem Szenario klar im Vorteil. Ist bis am 20. Januar 2021 keine Entscheidung gefallen, geht die Amtsgewalt interimistisch an die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, die voraussichtlich auch im Januar noch Nancy Pelosi heissen wird, über. Alles andere als ein klarer Sieg der einen oder anderen Partei am Wahltag dürfte entsprechend für hohe Unsicherheit sorgen.
Szenarien US-Wahlen und Kapitalmärkte
Unabhängig vom Wahlausgang werden die Herausforderungen für den künftigen US-Präsidenten gross sein. Es gilt, die Erholung des Landes vom stärksten Wirtschaftseinbruch seit der Grossen Depression in den 1930er Jahren zu meistern. Die Wahlprogramme der beiden Kandidaten könnten in ihren Ausprägungen unterschiedlicher nicht sein. Während Joe Biden in seinem Wahlprogramm hauptsächlich für höhere Steuern, Investitionen in Infrastruktur, Massnahmen gegen den Klimawandel, Ausweitung des staatlichen Gesundheitswesens, mehr Regulierung und eine Verdoppelung des Mindestlohnes steht, setzt Donald Trump auf Kontinuität. Im Vorfeld der Wahlen gibt es vier mögliche Szenarien.
Blaue Welle «DDD»
Wir gehen davon aus, dass die Aktienmärkte bei einer «blauen Welle» aufgrund der anfänglichen Unsicherheiten im Zusammenhang mit der neuen Regierung kurzfristig etwas einbüssen werden. Die Rückgänge dürften sich jedoch in Grenzen halten, da auch von Biden eine wirtschaftsfreundliche Politik zu erwarten ist. Den Steuererhöhungen stehen zusätzliche, umfangreiche Fiskalmassnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft gegenüber. Diese werden zu neuen Preisphantasien führen und die Märkte rasch wieder antreiben. In Bezug auf den Handelskrieg mit China wird auch unter Biden ein entschlossenes Handeln erwartet, obwohl Biden sich gegen die Erhebung von Zöllen ausspricht. Es dürfen also bessere Bedingungen für den internationalen Handel erwartet werden, was besonders für die chinesischen Märkte positiv sein dürfte. Auch aus konjunktureller Sicht ist dieses Szenario positiv zu werten.
Patt-Situation «DRD»
Wird Joe Biden zum neuen US-Präsidenten gewählt und bleibt der Kongress gespalten, gehen wir insgesamt von einer neutralen Stimmung an der Börse aus. Das Wahlprogramm von Joe Biden könnte in diesem Fall weniger konsequent umgesetzt werden. So dürften die Steuererhöhungen im Vergleich zu einer „blauen Welle“ moderater ausfallen. Auch die von Joe Biden angekündigten Fiskalmassnahmen würden sich nur in geringerem Ausmass realisieren lassen. Im Handelskonflikt wäre dennoch ein moderaterer Ton zu erwarten. Für die konjunkturelle Entwicklung des Landes ist dieses Szenario neutral bis leicht negativ zu werten.
Status Quo «RRD»
Bleibt es beim Status Quo mit Donald Trump als Präsidenten und einem gespalteten Kongress, gehen wir aufgrund der schwindenden Unsicherheitsfaktoren von leicht steigenden Kursen an den Aktienmärkten aus. Die Gewissheit, dass die von Trump eingeführten Steuererleichterungen nicht rückgängig gemacht werden, dürfte bei Anlegern für ein Aufatmen sorgen. Insbesondere traditionelle Energieunternehmen und Rüstungskonzerne dürften von diesem Szenario profitieren. Insgesamt ist in diesem Szenario für eine anhaltend gute Stimmung an den Aktienmärkten zu rechnen. Es ist aber davon auszugehen, dass die Marktteilnehmer genau beobachten werden, welche Stimulierungsmassnahmen Trump zur Stützung der US-Konjunktur präsentieren wird.
Rote Welle «RRR»
Experten messen der «roten Welle» keine grosse Eintrittswahrscheinlichkeit zu. In diesem Szenario würde nicht nur Donald Trump in seinem Amt bestätigt, es müssten auch die Republikaner in beiden Kammern des Kongresses eine Mehrheit innehaben. Es gilt als relativ sicher, dass es den Demokraten gelingen wird, die Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigen zu können. Auch in diesem Szenario dürfte man von einer Erleichterungsrally ausgehen, insbesondere bei traditionellen Energieunternehmen und Rüstungskonzernen.
Fazit und Handlungsempfehlung
Es ist mit einem engen Ausgang der Wahl zu rechnen. Zudem ist davon auszugehen, dass am Wahltag noch kein Ergebnis vorliegen wird. Kurzfristig besteht das Risiko eines knappen Wahlergebnisses, was auch über den Wahltermin vom 3. November hinaus für Unsicherheiten an den Finanzmärkten sorgen würden. Eine «blauen Welle» würde die Phantasien für ein umfangreiches Fiskalpaket wecken, was sich entsprechend positiv auf risikoreiche Anlagen auswirken würde. Mittel- bis langfristig gehen wir aber nicht davon aus, dass sich die Aktienmärkte stark unterschiedlich entwickeln werden aufgrund des Wahlausganges, da sowohl die Demokraten als auch die Republikaner eine wirtschaftsfreundliche Politik verfolgen. Aufgrund den Aufwärtsrisiken durch hohe Erwartungen an ein Fiskalpaket bei einen Wahlsieg der Demokraten gepaart mit Abwärtsrisiken durch Unsicherheiten rund um die Wahl, drängt sich weder ein Über- noch Untergewicht im Bereich der risikoreichen Anlagen auf. Deshalb halten wir an einer neutralen Positionierung der Aktienrisiken fest. Je nach Ausgang der Wahl könnten sich gute Anlagemöglichkeiten ergeben, weshalb wir mit einer erhöhten Liquidität in die Wahlwoche gehen.