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Viele Gefangene hinterliessen im Gefängnis in Baden Kritzeleien an den Zellwänden. So auch ein schillernder Engländer: Andy Swallow arbeitete als Produzent mit Craig David und ist Mitbegründer der West-Ham-United-Hooligangruppe Inter City Firm.
von Stefanie Garcia Lainez (Text) und Sandra Ardizzone (Foto)
Wer das ehemalige Gefängnis im Badener Stadtturm betritt, dem fällt eine Zelle besonders auf – jene im dritten Stock mit dem Löwen und der Tudor-Rose des englischen Wappens sowie der Flagge des Fussballklubs West Ham an der Wand.
Die «Schweiz am Wochenende» hat mit dem Urheber dieser Kritzeleien gesprochen. Das Besondere: Der heute 57-jährige Engländer Andy Swallow ist in seiner Heimat berühmt-berüchtigt. Als Musikproduzent arbeitete er mit Craig David zusammen; er gilt als Pionier der Londoner Raveszene und ist Mitbegründer der West-Ham-United-Hooligangruppe Inter City Firm (ICF), die als Vorbild des Films «Hooligans» mit Elijah Wood diente. Fast acht Wochen sass Swallow im Turm. «Es war ein Drecksloch», erinnert er sich.
Im März 1984 reisten der 24-jährige Andy Swallow und seine beiden ICF-Freunde, Danny Harrison und Dave Ludford, von London via Deutschland in die Schweiz. Sie hatten es auf Kleiderläden abgesehen. Ihr Ziel: Die neusten Modelle klauen, die erst später in England erhältlich waren und dementsprechend viel Geld auf dem Schwarzmarkt abwarfen.
In einem Laden in Baden erwischte sie die Polizei, und ihr Beutezug nahm ein Ende. Den 16-jährigen Harrison buchteten die Gesetzeshüter auf der Polizeistation ein, Ludford kam in ein anderes Gefängnis. Swallow warfen sie in den Turm.
Spät abends wurde Swallow Treppe um Treppe in die obersten Zellen hinaufgeführt. Es war kalt und es stank nach feuchtem Holz. «Die alten Steinwände erinnerten mich an Dracula-Filme», sagt Swallow.
Gefängniswärter Urs Kunz sprach kein Englisch, brachte dem Gefangenen aber eine Flasche Orangensaft. «In meinen Briefen nannte ich ihn ‹Schnäuzer› – wegen seines langen, gezwirbelten Schnurrbartes», sagt Swallow.
Seine Zelle war ausgestattet mit einem Bett, einem Tisch, einem Stuhl und einem Eimer für die Notdurft. Die Feuchtigkeit liess schon damals die Farbe an den Wänden abblättern. Tag und Nacht brannte das grelle Licht über dem Bett, jede Stunde läuteten die Glocken unter der Turmspitze. «Das brachte mich fast um den Verstand.»
Ein Mal pro Monat duschen
Die Tage waren eintönig. Um vier Uhr in der Früh servierte der Wärter Haferbrei und Tee, um 12 Uhr gab es einen warmen Zmittag mit Dessert und als Nachtessen Tee, Brot, Salami, Käse und Konfitüre. Letztere sparte er auf, um sie später nach England zu bringen. «Ich glaube, dieser Gedanke gab mir innere Stärke.»
Zweimal pro Tag durfte Swallow die Zelle während 15 Minuten verlassen, um den Eimer zu leeren und sich zu waschen. Einmal pro Monat konnte er Duschen. Den Rest verbrachte er in der knapp sechs Quadratmeter grossen Zelle. «Es gab nichts zu tun. Das einzige Buch auf Englisch war die Bibel.»
Am Samstag sorgte die Bar unten in der Strasse jeweils für etwas Abwechslung. Dann konnte er an der kleinen Schiessscharte sitzen und der Musik zuhören. «Lionel Richies ‹All Night long› werde ich nie mehr vergessen.» Abgesehen von wenigen Besuchen eines Anwaltes oder einem Vertreter des britischen Konsulats sah Swallow nur den Gefängniswärter.
Die Zeit vertrieb er sich mit Malereien an den Wänden. Jeden Tag notierte er das Datum. Manchmal schrieb er dahinter noch eine Notiz, wenn beispielsweise West Ham spielte. Oder, dass es noch zwei volle Tage dauerte bis zur Gerichtsverhandlung. An seinem letzten Tag in der Zelle, am 28. April 1984, schrieb er: «Nach Hause um 12 Uhr – fliegend.»
Auch nach seinem Aufenthalt im Badener Stadtturm kam Andy Swallow immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. 1988 stand Swallow, schon als 14-Jähriger als Hooligans unterwegs, mit anderen West-Ham-Fans vor Gericht. Der Prozess fiel wegen mangelnder Beweise in sich zusammen.
Ein paar Jahre später geriet er wieder ins Visier der Polizei. Er würde in der House-Musik-Szene mit Drogen handeln und illegale Geschäfte abwickeln. «Alles Unsinn», sagt Swallow, der damals als Mr Pasha Acid House auflegte, mit seinen Fussballfreunden After-Hours-Partys organisierte oder das bekannte Piratenradio Centreforce mitgründete, das nach einem Jahr wieder verschwand. Später baute er sein eigenes Plattenlabel auf.
2013 musste er wieder vor Gericht antraben. Swallow, seit 2010 Besitzer des regionalen Fussballclubs Gray Athletics, wurde beschuldigt, mit zwei anderen einen Zusammenstoss zwischen West Ham- und Millwall-Hooligans organisiert zu haben. Die Anschuldigungen wurden fallen gelassen.
Heute verdient Swallow sein Geld mit seinem Label. Bald will er auch das Radio Centreforce wieder auf Sendung bringen. Die Schweiz besucht er unterdessen nicht mehr als Kriminaltourist, sondern als Skifahrer. Für einen Film über seine Lebensgeschichte will er bald nach Baden reisen und den Stadtturm besichtigen.