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Ein einzigartiges Wohnhaus für die Kunst
Vor 100 Jahren starb der Künstler Jacques de Jaager in Dornach. Das nach ihm benannte Haus de Jaager ist eines der schönsten Beispiele der Künstlerhäuser auf dem Goetheanum-Hügel. Am 22. Oktober 2016 öffnen einige dieser Häuser ihre Türen für das Publikum. Im Haus de Jaager finden Veranstaltungen statt.
Es gibt Gebäude, die man nie vergisst. Dazu gehört das 1921 für die Witwe des 1916 verstorbenen niederländischen Bildhauers errichtete Künstlerhaus de Jaager. Das Haus steht südlich des Goetheanums. Die Eingangstür ist die einzige Öffnung in der abweisend wirkenden, mit einer leichten Überdachung versehenen Front. Durch einen schmalen Flur gelangt man ins Foyer, von wo eine Treppe mit kunstvoll geschnitzten Geländern nach oben auf einen wintergartenähnlichen Zwischenboden und über zwei symmetrische Aufgänge weiter ins Obergeschoss führt, wo sich im Norden das von oben her beleuchtete Atelier öffnet, ein grosser Raum, in dem Werke von Jacques de Jaager gezeigt werden. Das Haus ist ein idealtypisches Beispiel für die organische Einheit von Leben und Kunst, wie sie Rudolf Steiner im Zuge der damals propagierten «Lebensreform» vertrat.
Treppenhaus im Haus de Jaager
Ein aussergewöhnlicher Künstler
Für die Kombination von Atelier und Wohnhaus gibt es eine Skizze von Jacques de Jaager, aber das Haus wurde von Rudolf Steiner selbst entworfen. Ursprünglich wollte Isabella de Jaager das Haus in den Wiesen oberhalb des Goetheanums bauen lassen, aber Steiner wünschte es sich näher beim Hauptbau. Er hatte de Jaager, der seine Karriere selbstlos der künstlerischen Mitarbeit am ersten Goetheanum opferte, überaus geschätzt. Leider starb der Künstler, der sich 1913 mit Isabella Feis-Gosschalk verheiratet hatte, schon 1916, ein Jahr nach dem Umzug in die Schweiz. Seine Tochter Davina, die später das Haus de Jaager bewohnen und als Eurythmistin beleben sollte, war damals erst zwei Jahre alt. Jacques de Jaager, geboren als Jacob Pieter de Jaager 1885 auf Java, wurde in seiner Kindheit stark von der hinduistischen Spiritualität geprägt. Nachdem er nach Holland zurückgekehrt war, entschloss er sich nach einer hervorragenden Schulausbildung, gegen den Willen des Vaters, Künstler zu werden. Er studierte an der «Ecole des Beaux Arts» in Brüssel. Anders als einige seiner Zeitgenossen knüpfte er nicht an der östlichen Spiritualität an, sondern vertiefte sich in die Geschichte des westlichen Bewusstseins. Als Plastiker stand er zunächst Rodin nahe, von dem er sich aber bald emanzipierte.
Er war handwerklich geschickt und schlug etwa die Skulptur «La Jeunesse» selbst in Marmor. Die Plastiken de Jaagers sind meist symbolistisch, aber spiritueller als die Arbeiten Rodins, bei dem das Körperhaft-Erotische dominiert. Die Suche nach einem spirituellen Lebenssinn führte de Jaager mit Rudolf Steiner zusammen, den er 1908 in den Haag erstmals traf. Damit begann eine Freundschaft, die zu jenem sichtbaren Denkmal führte, das unter anderem am Tag der offenen Künstlerhäuser am 22. Oktober 2016 besucht werden kann.
Der Atelierraum mit dem Werk «Imagination, Inspiration, Intuition» von 1913
Tradition wird gepflegt
Heute wird das Haus de Jaager von Heiko und Aurea Dienemann-Niederhäuser und ihren Kindern bewohnt. Die Hausherrin ist die Enkelin von Jacques de Jaager. Sie sei sehr frei aufgewachsen. «Meine Grossmutter und meine Eltern waren offen und undogmatisch», erklärt sie. «Ich fühle mich mit diesem Haus, das auch eine Verantwortung und Herausforderung bedeutet, eng verbunden.» Anfänglich sei das Haus innen dunkler gewesen. Heiko Dienemann, der vor 26 Jahren nach Dornach kam, musste sich erst an das nicht alltägliche Haus gewöhnen. Das Ehepaar veränderte einiges und erlebt das Haus darum nicht als Museum. Aurea Dienemann erinnert sich, dass ihre Grossmutter und ihre Mutter im grossen Atelier Kurse in Eurythmie gaben. In diesem Jahr wird der Atelierraum für verschiedene Anlässe genutzt, nicht zuletzt für eine Ausstellung der Werke von Jacques de Jaager. Ein separates Faltblatt informiert über die Ausstellung und die Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.
Text: Thomas Brunnschweiler, Fotos: Thomas Brunnschweiler und Heiko Dienemann