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Von Waisenkindern über junge Menschen mit Übergewicht zu Asylsuchenden. Die wechselnde Bedürftigkeit der Bewohner des Guglera-Instituts im freiburgischen Giffers sind auch Zeichen des gesellschaftlichen Wandels während der letzten 160 Jahre in der Schweiz.
Die zerlumpten Almosenempfänger, die Mitte des 19. Jahrhunderts als erste in der Guglera Aufnahme fanden, mussten einen beschwerlichen Weg hinauf zur imposanten Liegenschaft in Kauf nehmen. Ihre Not war so gross, dass sie dort eintrafen, bevor das Gebäude fertiggestellt war.
Das viergeschossige Waisenhaus und die Schule waren mehr als ein Jahrhundert lang in Betrieb und wurden von mehreren Generationen genutzt. Heute steht auch ein jüngerer Gebäude-Komplex auf dem Gelände. Die letzten Erneuerungen datieren von 1990. Grasland und Wälder prägen die ruhige Umgebung, aber über der Guglera hängen Wolken.
Nachdem im Februar bekannt wurde, dass die eidgenössischen Migrationsbehörden die Liegenschaft für den Betrieb eines Asylzentrums erwerben wird, wurde der Name Guglera in der Region zum Synonym für die Antipathie, die Teile der Bevölkerung für Asylsuchende haben.
Nachbarn sorgen sich
Weil in der Schweiz jährlich mehr als 20'000 Asylsuchende eintreffen, will die Regierung zusätzliche Zentren errichten. Meistens trifft sie dabei auf heftigen Widerstand der örtlichen Bevölkerung.
Auch in Giffers sind Anwohner besorgt, und ihre Vertreter laufen Sturm gegen das Projekt. Aber der Eigentümer, Sozialunternehmer Beat Fasnacht, hatte unter finanziellem Druck gestanden, seine Liegenschaft zu verkaufen. Ausserdem, sagt er, sei es eine Grundsatzfrage.
"Jeder muss verstehen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Es gibt keine zweite Welt, in die wir flüchten können, wenn etwas schief geht. Deshalb müssen alle – ob aus dem Gewerbe, der Wirtschaft, der Politik, der sozialen Institutionen – eng zusammenarbeiten."
Chronische Armut
Die Institution Guglera war einst durch die Zusammenarbeit zwischen Geschäftsleuten, der Katholischen Kirche und den lokalen Behörden auf die Beine gestellt worden.
Der damalige Priester Fridolin Meyer aus dem benachbarten Dorf Plasselb hatte um 1840 die Aufgabe übernommen, auf der Guglera ein Armenhaus zu errichten, als Antwort auf die chronische Armut in der Region. Ein Konsortium aus zehn Einwohnern hatte das Land für diesen Zweck bereits erworben.
"Zu der Zeit wurden mittellose Menschen, die rüstig genug waren zu arbeiten, gewöhnlich auf Bauernhöfen als Bedienstete eingesetzt. Aber kleine Kinder, gebrechliche und ältere Menschen konnten nirgends hingehen", sagt der Historiker Anton Jungo gegenüber swissinfo.ch.
Das Betteln von Tür zu Tür gehörte in der Region um die 13km entfernte Stadt Freiburg zum Alltag.
Um das Geld zu beschaffen, lancierte der idealistische Priester eine Spendenaktion. Er organisierte sogar eine Lotterie und überzeugte die vier umliegenden Gemeinden, sich am Projekt zu beteiligen. Im März 1851 kaufte er die Guglera-Liegenschaft dem Konsortium für 58'000 Franken ab und begann mit der Errichtung einer Residenz, die 300 Personen Unterschlupf bieten sollte.
Das sei ein kühner Schritt gewesen, schrieb die Schweizer Kirchenzeitung 1857: "Was für ein Vorhaben! Pater Meyer besitzt Lebensmittel und Gerätschaften etwa für 2000 Franken; an Geld stehen ihm nicht vollständig 1000 Franken zu Gebote."
Harziger Beginn
Trotz der guten Absichten und des unermüdlichen Einsatzes gelang es dem Priester nicht, genügend Geld zusammenzubekommen, um seine Vision zufriedenstellend zu verwirklichen. Er musste sich verschulden, bevor das Gebäude fertig gestellt werden konnte. Aber das hinderte die Leute nicht daran, dort Hilfe zu suchen.
"Die Struktur war vorhanden, aber das Gebäude noch nicht bewohnbar. Bedürftige tauchten trotzdem auf, auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf – Alte, Gebrechliche und mittelose Kinder – es war eine Katastrophe", sagt Jungo.
Dann trat Pater Theodosius Florentini, der wichtigste Sozialreformer der Katholischen Kirche in der Schweiz im 19. Jahrhundert, auf den Plan. Florentini, eine Ideen- und Projektschmiede, hatte kurz zuvor den Orden der barmherzigen Ingenbohler Schwestern gegründet.
Florentini war vom Kanton angefragt worden, das heruntergekommene Gebäude zu übernehmen. Die Ingenbohler-Schwestern willigten ein, beim Projekt mitzumachen, unter der Bedingung, dass sich das Heim auf die Betreuung von Waisen konzentrieren und diese eine Ausbildung erhalten würden.
Internat
Um die Jahrhundertwende gab es ein Überangebot von Kinderheimen in der Region, und die Gugglera Schule begann damit, Privatschüler aufzunehmen. In kurzer Zeit verwandelten die Schwestern das Heim in eine Internatsschule namens Institut St. Josef.
"In dieser Zeit standen sehr wenige Plätze für Schüler im Grundschulalter zur Verfügung. Familien, die es sich leisten konnten, schickten ihre Buben und Mädchen in die Guglera. Dort erhielten sie eine ausgezeichnete Ausbildung in deutscher und französischer Sprache", sagt der Historiker.
Aber die sinkende Berufung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte zur Folge, dass die Schwestern Laienlehrer anstellen mussten, und die Schule für sie eher zur Bürde wurde. Ab 2004 führten die Schwestern keine neuen Klassen mehr.
2006 kauften Beat Fasnacht und seine Frau Gaby Fasnacht-Müller die Liegenschaft, um dort junge Menschen mit Übergewicht zu behandeln.
Neubeginn
Nicht ohne Stolz zeigt Beat Fasnacht die Einrichtungen, zu denen ein Kunst-Atelier, eine Bibliothek und ein Computerraum gehören. "Ich war von meiner ersten Frau sehr beeinflusst, die unter Adipositas litt. Sie starb vor mehr als 30 Jahren und hatte ihr Leben lang wegen ihres Übergewichts gelitten."
Seitdem Fasnacht die Liegenschaft übernommen hat, sind auf der Guglera insgesamt rund 150 junge Leute mit Adipositas betreut worden. Sie werden dabei unterstützt, gesünder zu leben. 20 Mitarbeitende sind derzeit in der Betreuung der jungen Leute tätig, einschliesslich Fasnacht und dessen Familie, die im Institut leben.
Obwohl Fasnacht das Pensionsalter erreicht hat, will er sein Werk fortsetzen. Er plant, auf dem Gelände eine umfassendere selbsttragende Institution auf die Beine zu stellen, dort, wo sich das alte Gebäude befand, das 1969 abgerissen wurde. Das Problem dabei ist wie immer die Finanzierung.
Die Ankündigung, dass der Bund das Guglera-Gebäude kauft, um ein Zentrum für 300 Asylsuchende zu betreiben, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. An einer Informationsveranstaltung, bei der die Behörden zu den Fragen der Bevölkerung Stellung nehmen wollten, wurde Fasnacht als Profiteur gebrandmarkt.
Fasnacht hat inzwischen aber auch viele aufmunternde Botschaften erhalten, wie jene des Historikers Anton Jungo: "Es gibt keinen Zweifel, dass die Asylsuchenden die neue schwächste Gruppe unserer Gesellschaft sind und irgendwo untergebracht werden müssen. Fasnachts Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert dürften dem beipflichten."
Die Vertreter von Bund und Kanton wurden in Giffers nicht eben freundlich empfangen, als sie Ende Februar über das geplante Bundesasylzentrum im Institut Guglera informierten. Die Stimmung war aufgeheizt und von Ablehnung gegen das geplante Zentrum geprägt. Die Anwesenden kritisierten vor allem die späte und dürftige Informationspolitik des Bundes. Bund und Kanton zeigten Verständnis für die Kritik und Befürchtungen.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch