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Ein Sonntag in Berlin. Keine Termine und viel Zeit. Gibt es hier eigentlich auch Orte und Strassen, die an die Schweiz erinnern? Ja, und wie. Es gibt sogar ein ganzes Schweizer Viertel. Ein Augenschein.
Die Fahrt vom Potsdamer Platz aus dauert etwa 45 Minuten. Es ist Sonntagmorgen und der Bus ein Doppelstöcker. Das lässt darauf schliessen, dass die Linie sonst gut besetzt sein muss. Heute ist der Wagen fast leer. Der Weg führt durch typische Berliner Strassen. Die sind sogar heute belebt, weil es links und rechts geöffnete Einkaufsläden gibt. Welche Nation den Kiez gerade prägt, lässt sich an den Namen der Läden und Restaurants ablesen: mal türkisch, mal italienisch, mal asiatisch und sogar mal deutsch. Gemächlich verlässt der Bus das Zentrum südwärts. Die Häuser werden kleiner und haben weniger Stockwerke. Ziel der Reise ist der Engadiner Weg. Der Engadiner Weg?
Vom Engadiner Weg kommt man ins Schweizer Viertel
Ja, denn in Berlin gibt es ein Schweizer Viertel. Es liegt in Lichtenfelde, im Südwesten der Stadt, zwischen Steglitz und Zehlendorf, einem gepflegten, begehrten Stadtbezirk des alten West-Berlin.
Das Schweizer Viertel entstand in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, wurde immer wieder verändert und existiert bis heute. Es ist sozusagen eine Schweiz im Kleinformat auf Berliner Boden, wenigstens den Strassennamen nach.
Seinen heutigen Charakter bekam das Schweizer Viertel in den 1990er Jahren. Nach dem Krieg war das Gebiet zunächst fest in der Hand des Militärs. Als die Soldaten der amerikanischen Armee und ihre Familien aus den «US Andrew Barracks» abzogen, wurden die Kasernen abgerissen. Gebaut wurden kleinere und grössere Neubauten für neue Familien. Am Kopf der Lausanner Straße, gleich auf der anderen Strassenseite des Engadiner Wegs, wurde ein Einkaufszentrum errichtet, ein Café, ein Ärztezentrum und Häuser für weitere Dienstleistungen. Die Einfahrt ins Schweizer Viertel ist unübersehbar.
Zu ihren Namen kamen die Strassen im Schweizer Viertel, weil das quadratisch angelegte Viertel zuerst bloss Strassennummern hatte, ähnlich wie New York. Offenbar fanden das die Planer irgendwann doch etwas uninspiriert und öde. So bedienten sie sich munter an der Schweizer Geografie. Je weiter gebaut wurde, umso mehr Schweiz wuchs auf Berliner Boden.
Also: Die bereits erwähnte Lausanner Strasse geht übergangslos in die Züricher Strasse über (sic!) und gleich ums Eck liegt die Berner Strasse.
Von Zürich ums Eck nach Bern
Von der Züricher Strasse geht es direkt in die Baseler Strasse (nochmals sic!). Die zwei Städte schienen sich hier gut zu vertragen. Vielleicht wussten die Planer auch nichts von einheimischen Animositäten und Limmat und Rheinknie. Bezeichnend immerhin, dass vor allem in Zürich Parkverbot beliebt zu sein scheint. Da drückt immerhin Realitätsnähe durch.
Luzern, die schöne Touristenstadt am Vierwaldstättersee, war wohl auch Berlinern wohlbekannt als lohnendes Ziel in der Schweiz. Vermutlich deshalb hat es die Leuchtenstadt hier prominent sogar zu einer eigenen Bushaltestelle gebracht.
Aber oha, wo genau liegt Luzern? Klar, am Thuner Platz, wohinein die Appenzeller Strasse mündet. Da soll sich noch jemand zurechtfinden. Der Besucher aus der Schweiz ist überfordert.
Wie weit ist es von Appenzeller nach Thun? Nur etwas umdrehen
Trotzdem geht es munter weiter durchs Schweizerland: Locarnoweg, Aarauer Strasse, Sittener Zeile, Reinacher Zeile und Nidwaldner Zeile. Die Namen scheinen ganz zufällig gewählt worden zu sein. Rückschlüsse auf ihre echte Lage sind nicht möglich: Thun und das Appenzellerland liegen weit südlicher als Locarno.
Kreativ aus dem Boden gestampft
Das neu konzipierte Schweizer Viertel sollte ein „schön gestaltetes Ensemble“ werden, schrieben die Planer, als sie kurz nach der Jahrtausendwende um Investoren warben. Bis am Schluss sollten „14 Doppelhäuser, 200 Reihenhäuser, 65 Eigentumswohnungen in Stadtvillen» entstehen. Es sollten «lichtdurchflutete, teilweise mit Galerien ausgestattete Reihenhäuser» sein.
Gepflegte Häuser und angenehme Wohnlage im Schweizer Viertel…
Es ist nun Sonntagmittag und ruhig hier. Da tönt ruhige Klaviermusik aus einem Haus, wohl ein Kind, das üben muss, dort riecht es nach gepflegtem Garten und manchmal nach verspätetem Kaffee. Überall ist aufgeräumt, der Garten gemacht, die Kinderspielzeuge versorgt, das Auto gewaschen. Spazieren tut nur, wem es der Hund anordnet. Das Quartier ist der Frieden selbst und ruht in sich.
Irgendwann war die Schweizer Geografie wohl ausgeschöpft; oder den Gestaltern die Sache verleidet. Jedenfalls suchten sie eine neue Quelle für ihre Strassennamen. Fündig wurden sie bei berühmten Schweizerinnen. Solche gibt es manche, einige sogar, die hier bekannter zu sein scheinen als in ihrer Heimat, wo sie wirkten und Grosses vollbrachten. So spazieren wir zum Beispiel zu einem Anna-Mackenroth-Weg.
Hier wurde Anna Mackenroth ein Weg gewidmet
Der Name Anna Mackenroth sagt Ihnen nichts? Gut möglich, denn in der Schweiz ist nach ihr weder eine Strasse noch ein Weg benannt. Dabei erlangte die 1861 geborene Juristin in Zürich als erste Frau in der Schweiz das Anwaltspatent. Als Pflichtverteidigerin setzte sie sich vor allem für mittellose Frauen ein. Sie plädierte früh für garantiertes Mindesteinkommen, das allen Bürgerinnen und Bürgern der Schweiz zustehen und das Existenzminimum sichern sollte. Es wird noch lange dauern, bis die Schweiz die AHV einführt und über das bedingungslose Grundeinkommen, offenbar eine Vision von Anna Mackenroth, haben wir auch erst ein Mal abgestimmt.
Vielleicht etwas bekannter ist Marie Vögtlin. Der Weg, der ihr in Zürich gewidmet ist, trägt auch ihren angeheirateten Namen: Marie Heim-Vögtlin. Marie Vögtlin aus Bözen wollte 1868 studieren und Ärztin werden, was zu dieser Zeit natürlich einen Skandal auslöste. Nur mit schriftlicher Einwilligung ihres Vaters, seines Zeichens Dorfpfarrer, wurde sie zum Examen zugelassen. Dieser musste nochmals intervenieren, damit die Tochter in Zürich eine Arztpraxis eröffnen konnte.
Marie Vögtlin-Weg, der Zürcher Ärztin gewidmet
Neben anderem war sie in Zürich Mitbegründerin der ehemaligen Pflegerinnenschule an der Carmenstrasse und setzte sich früh fürs Frauenstimmrecht ein.
Wohl wirklich bekannt ist Elisabeth Feller, auch wenn sie es im Gegensatz zu Berlin hierzulande zu keinem eigenen Weg gebracht hat. Als Miterbin des Familienunternehmens Feller AG leitete sie dieses nicht nur, sondern setzte sich früh für eine bessere Stellung der Frauen in Unternehmen und Wirtschaft ein, natürlich auch fürs Frauenstimmrecht.
Die Unternehmerin setzte sich früh für die Besserstellung der Frauen ein
Der nächste Weg ist Sophie Täuber Arp gewidmet, der bekannten und feinen Künstlerin; ein weiterer der Berner Patrizierin und Frauenrechtlerin Helene von Mülinen. Nicht fehlen darf Johanna Spyri. Dass in Berlin ein ganzes Quartier Schweizer Frauen gewidmet ist, lässt darauf schliessen, dass sich jemand etwas genauer mit deren Schaffen beschäftigt hat.
Das Schweizer Viertel wurde über die Jahre hinweg weiter ausgebaut. Hinter der Aarauer Strasse, an der die etwas vornehmeren Stadtvillen liegen, gibt es eine Kleingartenkolonie. Im Süden beim Thunplatz liegt der Parkfriedhof Lichterfelde und im Osten das eher hässliche, gleichnamige Kraftwerk. Eine Schule hat es auch gegeben. Auch wenn ausser den Strassennamen hier wenig an die Schweiz erinnert, lässt sich im Schweizer Viertel bestimmt angenehm leben.
So ganz falsch ist doch nicht alles. Immerhin ist der Engadiner Weg in Berlin auch ein Velo-, Verzeihung, ein Fahrradweg.
Und ganz zum Schluss: Nachfolgende Recherchen führten zu einem zweiten Schweizer Viertel in Berlin. Dort gibt es eine Aroser Allee, eine Gotthardstrasse und eine Zermatter-Strasse. Aber für heute genug Schweiz an der Spree. Den Augenschein in Reinickendorf sparen wir uns für den nächsten Berlinbesuch auf.
Titelbild: Nicht zu übersehen: der Eingang ins Schweizer Viertel (Fotos: Jürg Bachmann)