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Echo auf dem Mondvon Giuliano Musio Auch die Solothurner Literaturtage konnten in diesem Jahr nicht im normalen Rahmen durchgeführt werden. Statt an der Aare wurde auf der Plattform www.literatur-online.ch gelesen und diskutiert. Für das «Logbuch» der 42. Solothurner Literaturtage verfassten die eingeladenen Autor*innen zahlreiche Beiträge, darunter auch neue oder bislang noch unveröffentlichte Texte, die wir hier in einer «analogen Nachlese» veröffentlichen.
Jedem Baby wird kurz nach der Geburt eine Medizin verabreicht, damit Haare und Nägel schmerzfrei werden. Bevor man die Arznei entdeckt hat, war das Haare- und Nägelschneiden eine Folter. Wer durch die Strassen ging, hörte von überall her qualvolles Geschrei.
Pinò erzählt Marta diese Geschichte nicht zum ersten Mal, aber sie lacht immer noch. Sie schubst ihn, damit er vorangeht. Auf der Staumauer drängen sie sich zwischen zwei Mitschülerinnen, halten sich am Geländer fest und blicken hinab auf den riesigen Trichter, der die bewaldeten Felsen rechts und links von ihnen verbindet. Einige brüllen in den Abgrund, und die Wand wirft die Stimmen zurück. Pinò beugt sich vor und ruft Martas Namen hinunter, sodass der Ruf als Gruss wieder zu ihr hinauffliegt. Und jetzt du, sagt er. Aber sie schüttelt den Kopf.
Marta friert oft, denn das Dorf, aus dem sie stammt, ist tiefer gelegen als die Schule, und weil es dort ein bisschen wärmer ist, kleidet sie sich morgens immer zu leicht. Unter dem Vorwand, ihren Papierdrachen nachbauen zu wollen, hat Pinò sie einmal besucht. Sie lebt in einem Haus, dessen Decken so niedrig sind, dass sie sich an einigen Stellen bücken muss. Obwohl sie zwei Jahre jünger ist als Pinò, ist sie schon über ihn hinausgewachsen und so gross geworden, wie man in dieser Region gewöhnlich gar nicht wird. Marta kennt ihren richtigen Namen nicht. An der Wand hängen Kinderfotos von ihr, auf denen der Hintergrund fehlt: Sie wurde entlang ihrer Körperkonturen ausgeschnitten und auf ein Stück Pappe geklebt.
Ihren Papierdrachen hat Marta fast immer dabei. Er ist hellbraun, hat keinen Aufdruck und keinen Schweif. Etwas abseits der Gruppe lässt sie den Drachen steigen. Pinò tritt zu ihr und sagt: Wenn man betrunkener ist als betrunken, sieht man vierfach, weil jedes einzelne Auge doppelt sieht.
Marta will wissen, warum sein Ellbogen aufgeschürft ist. Pinò antwortet, dass er sich mit einem Schmetterling geprügelt hat. Er fährt mit dem Finger über die Verletzung. Manchmal, sagt er, fehlt ihm sein Körper aus Pinienholz. Vieles war damals einfacher: Als seine Füsse verkohlt waren, hat ihm sein Vater einfach neue geschnitzt. Und seine lange Nase haben ihm Spechte mit ihren Schnäbeln zurechtgestutzt.
Marta blickt zum Drachen, der über dem Stausee schwebt. Sie fragt Pinò, ob er weiss, warum sie nicht in den Abgrund hinunterrufen wollte. Sie verspricht, es ihm zu erklären, wenn er in der Nacht wieder hierherkommt.
Es ist Pinòs letztes Schuljahr. Er hätte in die Schreinerei seines Vaters einsteigen sollen. Aber Geppetto musste sie bereits vor mehreren Jahren aufgeben, weil sie nicht mehr rentabel war. Danach arbeitete er als Lastwagenfahrer. Geppetto transportierte Früchte vom Süden in den Norden, die dann an die Grossverteiler weiterverkauft wurden. Der Verlust seiner Schreinerei hatte ihn verbittern las-sen. Während der Fahrten rauchte er eine nach der anderen. Jetzt, wo er Pinò nicht mehr erkennt, ist der Griff nach der Zigarette das Einzige, woran sein Körper sich noch erinnert. Seit dem Unfall führt Geppetto immer und immer wieder die Hand zur Brust und nestelt mit Zeige- und Mittelfinger auf der Höhe der Hemdtasche, wo früher die Zigarettenschachtel war. Einmal band Pinò die Hand seines Vaters mit Garn an der Armlehne des Rollstuhls fest, weil er es nicht mehr ertrug.
Er kann zusehen, wie Geppettos Körper zerfällt, wie aus Flecken Falten werden, aus Falten Narben, aus Narben Löcher. Und auch Pinòs Körper verändert sich, wird rot oder juckt, wölbt sich, riecht ungewohnt, treibt Haare aus der Haut. Dass er robustes, sauber geschliffenes Holz sah, wenn er an sich herunterschaute, ist nur noch ein halb vergessener Traum. Wie hat er sich jemals wünschen können, zu dieser unberechenbaren Fleischmasse zu werden? Er weiss nicht einmal, ob es Organe oder Ängste sind, die in seinem Innern rumpeln.
Als sie sich nachts am Geländer über der Staumauer treffen, hat Marta ausnahmsweise eine Jacke dabei. Sie fröstelt trotzdem, weil sie damit den Drachen am Boden beschweren muss, sodass er nicht weggeweht wird. Sie atmet tief ein, beugt sich vor und ruft Pinòs Namen in die Tiefe. Ihre Stimme widerhallt nicht. Sie ruft noch mal, diesmal lauter. Aber die Wand bleibt stumm.
Pinò sagt: Immer wenn ein Echo auf der Erde verschluckt wird, hallt es auf dem Mond nach und lässt die Oberfläche beben.
Noch bevor es dämmert, gehen sie zurück. Vor Pinòs Haus setzen sie sich auf die Schwelle. Er überlegt sich, ob er Marta von dem Land berichten soll, in dem sich die Bücher von Dichtern und Schriftstellerinnen in Luft auflösen, wenn diese sterben. Oder von dem Volk, das die gefährlichsten Raubtiere nicht fürchtet, aber wegen einer Fruchtfliege in Panik gerät. Stattdessen erzählt er ihr jedoch, dass er am Tag zuvor den Bus hinunter in die Stadt genommen hat, um einzukaufen. Dass er trotzig drei grosse Packungen Rasierklingen für Geppetto in den Einkaufswagen gelegt hat – obwohl er wusste, dass es viel zu viele sind und dass Geppetto gar nicht mehr genug Zeit bleibt, alle zu brauchen.
Er führt Marta ans Bett seines Vaters. Geppettos Augen sind geöffnet. Gemeinsam heben sie ihn in den Rollstuhl und setzen sich mit ihm ins Freie. Auch jetzt sucht Geppettos Hand ständig in Brustnähe nach einer Zigarette. Pinò kommt es vor, als verhöhnten ihn diese beiden Finger. Als wären das Pinòs Beine, die verzweifelt im Leeren zappeln.
Marta hat ihn beobachtet. Sie wickelt die Schnur des Drachens ab und knotet das Ende an der rastlosen Hand von Pinòs Vater fest. Geppettos Arm entspannt sich, sein Körper gibt sich dem sachten Wiegen hin. Der Drachen schaukelt um die Mondsichel, mal zieht er an Geppetto, mal lässt er sich von ihm ziehen. Alle drei blicken sie hinauf in den Himmel. Und weit oben ertönt ein Echo, das keiner hört.
«Wirbellos» (2019) und «Scheinwerfen» (2015) von Giuliano Musio sind im Luftschacht Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.
www.giulianomusio.com
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