Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/716

«Vollendete Unvollendete» am Winterkonzert der Sinfonietta Höngg
Letzten Sonntagabend spielte die Sinfonietta Höngg an ihrem traditionellen Winterkonzert im bis auf den letzten Platz besetzten reformierten Kirchgemeindehaus Werke von Mozart, Schubert und Beethoven. Brillanter Solist des Abends war der Pianist Florian Läuchli.
27. Januar 2015 — François Baer
Der Einstieg mit Mozarts Ouvertüre zum «mildtätigen Titus» setzte schon nach den ersten Takten das Grundthema: Freiheit! Freiheit für die Gesellschaft, Freiheit der Gedanken. Mozart bekam Mitte Juli 1791 den Auftrag für die Komposition einer Festoper zur Krönung Leopolds II. von den Böhmischen Ständen mit dem ausdrücklichen Wunsch, die aufgeklärte Politik des Kaisers zu ehren. Es war ein Auftrag, dem er sich nicht entziehen konnte und den er zudem innert weniger Wochen auszuführen hatte – dabei war er eigentlich mit der «Zauberflöte» und dem «Requiem» beschäftigt, seinen beiden letzten grossen Werken vor seinem Tod am 5. Dezember 1791. Er nimmt sich die Freiheit, tiefgreifende Änderungen und erhebliche Kürzungen am Libretto zu verlangen. Die Ouvertüre fasst das Operngeschehen gerafft vorweg: keine Huldigung ohne Zähneknirschen, kein Jubel ohne Hintergedanken, Mozart in seiner subversivsten Form.
Mal geballt brachial, mal sanft und elegant
Ein Anfang mit Pauken und Trompeten, mal geballt brachial, dann wieder sanft, elegant, meist harmonisch, aber oft disharmonisch, mit einer Dramatik zum Abschneiden. Zum Ende hin mokiert sich Mozart – man hört geradezu sein Lachen über den ganzen Schwulst des Librettos – und das ist wunderbar herausgespielt von den Streichern.
Dreissig Jahre später, 1822, im Wien Metternichs mit seinen Spitzeln und seiner lähmenden Restaurationsordnung, komponiert Franz Schubert seine siebte Sinfonie, h-Moll 759, die «Unvollendete», die «nur» aus den beiden ersten Sätzen besteht. Sie beginnt dunkel, schwärzer als Schwarz, eine Glut, aus der die Holzbläser das sanfte, aber kraftvolle Hauptthema wie Flammen aufschiessen lässt, die über dieser Dunkelheit schweben, um dann jäh zersägt zu werden.
Kampf zwischen Glück und Verzweiflung
Der vibrierende Streicherteppich, ein Bläserton, bei dem die Zeit anzuhalten scheint, schroffe Gegensätze bis fast an die Schmerzgrenze zeugen von einem Kampf zwischen Glück und Verzweiflung. Der zweite Satz, Andante con moto, beruhigt das Gemüt, er lässt mit dem triumphalen Motto die Hoffnung zum persönlichen Glück erahnen. Und endet sanft herrlich – vollendet unvollendet.
Solist ist eins mit dem Orchester
Nach der Pause folgt, mit Florian Läuchli als Solisten, Beethovens fünftes Klavierkonzert, mit seiner thematischen Fülle und dem pianistischen Glanz mit der Aussage «Die Freiheit kommt!» Der Anfang ist heroisch, heiter, fordernd. Florian Läuchli ist präsent, präzis, hämmernd, perlend, rasend und dann wieder Ton nach Ton setzend.
Das Orchester lässt sich mitreissen, ebenso genau, manchmal martialisch, ganz dem revolutionären Pathos verbunden. Läuchli lässt keine Lieblichkeit aufkommen, wo diese auch möglich gewesen wäre – auch die Lieblichkeit ist fordernd. Er ist eins mit dem Orchester bis zum ungemein eleganten, zuweil brutalen und jubelnden Klaviersatz am Schluss – ein grandioses Finale der Lust und der Freiheit, das dem grandiosen Ernst des Anfangssatzes die Waage hält.
Applaus, verdienter Applaus für den Solisten aber auch für die Sinfonietta Höngg und vor allem auch für seinen Dirigenten Emanuel Rütsche, der in den vergangenen Jahren aus dem Quartier-Amateurorchester Jahr für Jahr, Stein auf Stein setzend, ein Orchester mit Ausstrahlung, eine wirkliche Sinfonietta mit Anspruch, geschaffen hat.
Florian Läuchli beruhigte mit einer Zugabe aus drei nachgelassenen Klavierstücken von Franz Schubert den sinfonischen Teil, Emanuel Rütsche und seine Sinfonietta erdeten die Zuhörerinnen und Zuhörer abschliessend mit dem Strauss-Walzer «Künstlerleben» – die Freiheit ist wieder sächlich und flüchtig.