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Quelle: www.biography.com

Jean Piaget (1896-1980) studierte Biologie. Er war Prof. für Psychologie, wobei der seinen Lehrstuhl 1955 in Epistemologie umbenannte. Sein selbstdeklariertes Anliegen war, "in der Biologie die Erklärung aller Dinge und des Geistes" (Psyche, Bewusstsein) zu finden, wobei er wohl mehr an (seine) Verhaltenswissenschaft, als an Biologie überhaupt dachte. Er wollte die philosophische Erkenntnistheorie "verwissenschaftlichen", eine Biologie der Kognition, wie H. Maturana es nannte
J. Piaget befasste sich mit der Entwicklung der Kategorien in der Ontogenese, naturwüchsig also vor allem beim Kind. Weil er deshalb viel über Kinder schrieb, wird er sehr oft als Psychologe, der sich für die Entwicklung des Kindes interessiert, interpretiert. Sein selbst deklariertes Fach ist aber seine Epistemologie, also etwas ganz anderes.
Die Psychologie - die J. Piaget zugeschrieben wird - erläutert Entwicklungsstufen im Denken von Kindern (was ihn nur als Material interessierte). Ein typisches Beispiel einer solchen Entwicklungsstufe betrifft die Fähigkeit Volumen von verschiedenen Gefässen oder Körpern richtig einzuschätzen, was Kinder erst ab einem bestimmten Alter können. Die Untersuchung kognitiver Fähigkeiten hat J. Piaget von A. Binet übernommen, bei welchem er seine Psychologiekariere angefangen hat.
Wenn der Mensch sich in diesem unterstellten Sinn entwickelt, muss das empirisch, respektive experimentell beobachtbar sein. J. Piaget unterscheidet verschiedenen Stadien, die bestimmten "Konstruktionsfähigkeiten" entsprechen, deren Vorhandensein sich experimentell (durch Konstruktionsaufgaben) prüfen lässt:
1. Sensomotorisches Stadium (0 bis ca. 2 Jahre)
2. Vorbegriffliches Stadium ( ca. 2 bis 4 Jahre)
3. Anschauliche (intuitive) Stadium (ca. 4 bis 7 Jahre)
4. Konkret-operationale Stadium ( ca. 7 bis 11 Jahre)
5. Formales Stadium (ab ca. 11 Jahren)
Viele Kinderpsychologen haben fast alle Zeitangaben von J. Piaget relativiert, aber nicht den Entwicklunsprozess selbst. J. Piaget hat aber immer beim Kind geschrieben, weil er wusste, dass sich die Kinder sehr verschieden entwickeln.
Kritik:
J. Piaget wird (von Psychologen, die ihn spezifisch (miss)verstehen) vorgeworfen, methodisch schlecht gearbeitet zu haben und die emotionale Entwicklung der Kinder ausser Acht gelassen zu haben.
Eine wesentlich andere Kritik stammt von der Holzkampschule, die J. Piaget auch als Psychologen begreift. Sie wirft ihm vor, den gesellschaftlichen Aspekt des Wissens auszublenden. J. Piaget untersucht beispielsweise Zahlbegriffe beim Kind, die Kinder aber nur in Gesellschaften entwickeln können, die bereits über entsprechende Zahlbegriffe verfügen. Kinder entwickeln also nicht ihrer Natur nach Zahlbegriffe. Eine weitere Kritik betrifft die von J. Piaget ausgeblendete Motivation. Gemäss Lurijas Beobachtungen entwickeln Menschen, deren (subsistenzwirtschafliche) Lebenspraxis keine formale Logik notwendig machte, diese auch im hohen Alter nicht. Die von J. Piaget gewählten Aufgaben sind zwar praktish, aber nicht lebenspraktisch (G. Ulmann).
Unabhängig von J. Piagets Selbsteinschätzung - er hat auch den Radikalen Konstruktivismus nicht angenommen - hat er eine Lehre entwickelt, die er als Epistemologie bezeichnete.
Der Kern der Lehre, die deshalb auch Konstruktivismus genannt wird, besteht in der Annahme, dass Menschen "Begriffe" (gemeint sind mentale Schemata) in Analogie zu Artefakten "konstruieren" - wobbei sie anfänglich eine präoperative Phase durchlaufen. Diese Fähigkeit erfordert nach J. Piaget Intelligenz. Die Entfaltung der Intelligenz zeigt sich in immer viableren Konstruktion des Reellen. Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins zeigt sich in der Entwicklung der Möglichkeit von immer angepassterem Verhalten. "Psychologie ist - für J. Piaget - keine Wissenschaft des Bewusstseins, es ist eine Wissenschaft des Verhaltens" (von Glasersfeld: Delfin 94:39).
Die Entwicklung des Denkens charakterisiert J. Piaget durch die Konzepte Objektpermanenz, Assimilation, Akkommodation, Aequilibrierung.
Kritik (und Differenz zur Kulturhistorischen Schule)
J. Piaget verwendet den Ausdruck Epistemologie so intuitiv, wie er den Ausdruck Konstruktion verwendet. Er unterscheidet nicht zwischen Wissen und Erkenntnis und hat kein Kriterium für die Viabilität. Die kindlichen Interpretationen beurteilt er anhand seines eigenen Wissens, wie wenn das Massstab wäre - was natürlich bei einfachen Aufgaben wie das Abschätzen von Volumen unproblematisch ist. J. Piaget interessiert die Konstruktion von Artefakten nicht als Lebenstätigkeit, sondern nur im Hinblick auf die Entwicklung der Psyche. Er vermischt Können und Wissen. Die Kinder in seinen Experimenten können etwas bestimmtes oder sie können es nicht. Er behandelt das als, was sie wissen oder nicht wissen, was ihn wohl auch zum Ausdruck Epistemologie" führte, was frei übersetzt "Wissens-Lehre" (epistem griechisch Wissen) heisst.
Das Radikale am Radikalen Konstruktivismus besteht darin, dass Erkenntnis (einer Wirklichkeit) aufgehoben ist. Wissen ist keine Abbildung von etwas, sondern die Beschreibung viabler Operationen, also von Operationen, die daran gemesssen werden, ob und welchen Widerspruch sie auslösen.
"Psychologie ist keine Wissenschaft des Bewusstseins, es ist eine Wissenschaft des Verhaltens! Man erforscht das Verhalten, und schliesst auch die Erfassung von Bewusstsein ein, wo immer man seiner habhaft wird; aber wenn dies nicht gelingt, ist es auch kein Problem" (Quelle: von Glasersfeld: Delfin 94:39, der dort über "mentale Operationen" und über Bewusstsein bei J. Piaget nachdenkt).