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Der Mensch verlernt das Gehen
Wir leben in einer Zeit der Heteromobilität, der Fremdbewegtheit. Selbst wenn wir heute Fussgängerzonen in den Städten einrichten, ein dichtes Wanderwegnetz durch die Landschaften legen, in unseren Freizeitbeschäftigungen dem Gehen eine zentrale Stellung einräumen, müssen diese Massnahmen im Kontext der Heteromobilität gesehen werden, d.h. als das Schaffen von pedestrischen Reservaten in einer zunehmend nicht-pedestrischen Umwelt. Das Entspannungs-, Erholungs-, Sammlungs-, Innere-Aufrüstungs-Potential des Gehens findet seinen Absatz in Kursen, Seminarien und Ratgebern für unsere vom Konsumalltag verödeten, ausgereizten Körper. Eine boomende Ertüchtigungsindustrie vermarktet das Kompensationsbedürfnis nach Eigenbewegung, vom Aerobic-Kurs, über den Hometrainer, Walking, Jogging und Biking bis zu Bungie-jumping oder Canyoning. Man bewegt sich nicht, man konsumiert Bewegung. Auf den Bändern der Laufmühlen rennen wir wie von Sinnen, aber dafür mit künstlichen Sinnen - Puls-, Geschwindigkeits-, Aktionssensoren - um die Gelenke geschnallt, diesem „fitten“ Zustand der Angepasstheit nach. Auf der Stelle, nota bene.
Die Tretmühle als „Korrektions-Instrument“
Vielsagend in diesem Zusammenhang erscheint eine historische Parallele. Zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde in englischen Gefängnissen die Tretmühle eingeführt: ein langes, walzenartiges Laufrad mit Sprossen, auf denen mehrere Häftlinge nebeneinander eine bestimmte festgesetzte Zeit lang ihre „Runden drehten“. Obwohl gelegentlich als Motor für Mühlen und Pumpen eingesetzt, war das Gerät primär zur „Korrektion“ von störrischen oder faulen Insassen gedacht. Wie der Gefängnisaufseher James Hardie in seiner „History of the Tread-Mill“ (1824) schrieb, war es „die beständige Monotonie, und nicht die harte Anstrengung, die ihren Schrecken verbreitet, und oft den halsstarrigsten Geist bricht.“ Wobei er sich anschickte, darauf hinzuweise, dass nach übereinstimmender ärztlicher Ansicht die Häftlinge keinen gesundheitlichen Schaden davontrügen, wogegen in disziplinierender Hinsicht die Maschine sich von beachtenswertem Nutzen erwiese.
Der Crosstrainer: die neue Tretmühle?
Kehrt die Tretmühle wieder, in Gestalt des Crosstrainers? Wir beobachten eine seltsame Umkehr der Verhältnisse: Anders als die Häftlinge auf der Tretmühle des 19. Jahrhunderts, die Muskelleistung an die Maschine abgaben, bezieht der moderne Benutzer vom 1000Watt-Laufband Maschinenleistung zwecks Erneuernung und Kräftigung seiner Muskulatur. Nicht er treibt das Gerät an, sondern das Gerät treibt ihn an – Heteromobilität auch hier. Repetitive Tätigkeit hat seit Sisyphus das Stigma der Strafe. Deshalb war die Monotonie der Tretmühle eine passende Bestrafung renitenter Häftlinge. Heute nennt man diese Strafe Fitnesstraining. Müsste einem Zeitreisenden aus dem frühen 19. Jahrhundert, der all die schwitzenden Menschen „im roten Bereich“ auf den Laufbändern der Fitnessstudios erblickte, nicht unwillkürlich die Frage auf der Zunge liegen, was sie denn verbrochen hätten...
Ursprünge der Bipedie
Der Mensch und seine Vorfahren – sagen uns die Paläoanthropologen - gehen seit über 3 Millionen Jahren. Eines der berühmtesten Fossile, „Lucy“, ein weiblicher Australopithecus afarensis, 1974 in Äthiopien gefunden, war aller empirischen Evidenz nach eine Geherin auf zwei Füssen. Über die Gründe der menschlichen Bipedie sind sich die Knochendeuter zwar alles andere als einig. Es gibt eine reiche und amüsante Kollektion von mehr oder weniger plausiblen evolutionären Erzählungen über die Ursprünge der Bipedie; unter ihnen die Schlepp-Hypothese (Gehen als Adaptation an das Schleppen von Nahrung, Babys und anderen Dingen), die Sichtkontrolle-Hypothese (Aufrechtgehen verschafft besseren Überblick), die Exhibitionismus-Hypothese (der aufrechte Gang erlaubt den männlichen Frühmenschen ein offensichtlicheres genitales Imponiergehabe), bis zur Zu-heiss-um-zu-traben-Hypothese (auf zwei Beinen ist der Frühmensch in der heissen Savanne weniger der Sonne ausgesetzt).
Die britische Paläoanthroplogin Mary Leaky hat aus diesen Hypothesen so etwa wie eine allgemeine Charakterisierung destilliert. Das Gehen, schreibt sie, „diese einzigartige Fähigkeit (befreit) die Hände zu Myriaden von Möglichkeiten - transportieren, Werkzeug herstellen, komplizierte Manipulationen (..) Auf eine einfache Formel gebracht, lässt sich sagen, dass diese neue Freiheit der Vorderpfoten eine Herausforderung darstellte. Um ihr zu begegnen, wuchs das Gehirn. Und der Mensch nahm Gestalt an.“
Befremdliches Phänomen
Das Gehirn wuchs und mit ihm die Weite der imaginativen Sprünge in das technisch Mögliche. Ich mache hier einen gewaltigen evolutionären Gedankensprung von Lucy zum Normaleuropäer von heute: Vor 3 Millionen Jahren löste sich der Mensch allmählich von der Vierbeinigkeit und begann, aufrecht über die Erde zu gehen - und heute schickt er sich an, das Gehen immer mehr vom Terrain zu lösen, vielleicht sogar zu verlernen. Wenn wir einen ethnologischen Blick auf unsere Mobilität in technisch avancierten Gesellschaften werfen, zeigt sich uns ein recht befremdliches Phänomen: Gehen ist zwar dem Menschen auf den Leib geschrieben, aber zunehmend gehört es nicht mehr zu seinem elementaren Bewegungsmodus. Eine Entkörperung des Gehens findet statt als Folge von Automobilisierung und (Sub-)Urbanisierung. Es handelt sich hier, seien wir präziser, um „Stämme“ der Ersten Welt. In Drittweltländern, etwa in Afrika, sind die Strassen bevölkert von Fussgängern, und zwar in den dichtesten, vom Automobilverkehr dominierten Metropolen. Diesen Menschen im staubigen und stinkenden Gewimmel der Verkehrswege käme es kaum in den Sinn, dass ihre natürliche Gangart andernorts auf einmal zu einer gefährdeten Art der Fortbewegung werden könnte.
Gehen als politischer Akt
Darf daran erinnert werden, dass Gehen einmal ein Politikum war? Ein rebellischer Akt. Die Französische Revolution emanzipierte den Menschen, den Bürger, als Fussgänger vor dem in jeder Hinsicht verfaulten Adel, der sich von Kalesche und Karosse transportieren liess. Gehen wurde Prinzip, zum revolutionären Habitus. „Aufstand des Fussvolkes gegen die stolzen, bedrohlichen Räder der Reichen“, hallte der viel erhobene Ruf durch Europa. Der Aussteiger, der die Kutschenreise durch die Fussreise ersetzte, konnte mit dem Nimbus des vorbildlichen „Kraftgenies“ rechnen, so wie heute der Spitzenathlet. „Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft, (..) Wo alles zuviel fährt, geht alles sehr schlecht; man sehe sich nur um! Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt“ tönte es bei Johann Gottfried Seume, einem Wander-Maniak, berühmt geworden durch seinen „Spaziergang“ nach Sizilien zu Beginn des 19.Jahrhunderts. In diesem „Spaziergang nach Syrakus“ demonstrierte er einem aufstehenden Europa das, was der Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ nannte.
Ah! Ça ira!
Ich will nicht behaupten, dass Gehen uns zu einer „ursprünglichen Humanität“ zurückführt. Aber wir können lernen, im Gehen unsere Sensibilität zu schärfen für Ort und Art unseres heutigen und zukünftigen Lebens - und eben auch für die Verluste und Verkümmerungen, die wir in Kauf nehmen, wenn wir bloss noch fahren. Die Geschichte der Sinne ist ein Resultat der Menschheitsgeschichte, sagt Karl Marx. Wir können sie fortschreiben. Es bedarf keiner Französischen Revolution dazu. Der Aufstand muss sich heute nicht gegen die Räder der Reichen richten, denn Räder haben mittlerweile fast alle. Die Revolution, die ich meine, richtet sich primär gegen einen Teil unserer selbst, gegen unsere mobilitätsverschuldete Unmündigkeit und Degeneriertheit. Freiheit des Geistes ist Freiheit des Fusses. Das Potenzial des Gehens ist längst nicht ausgeschöpft. Jede Frau, jeder Mann, jedes Kind ist in der Lage, den neuen Aufstand des „Fussvolkes“ zu proben. Jederzeit. Zum Beispiel jetzt. Ça ira!
Ein arabisches Sprichwort teilt die Menschen in drei Klassen ein: in die Beweglichen, die Unbeweglichen und die, die sich bewegen. Letztere sind die wirklichen Auto-Mobilen.
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