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Der SBB-Supergau
Stromausfall auf dem ganzen SBB-Netz
Im Raume des Urner-Reusstales existieren drei parallele Hochspannungs-Leitungen (eine SBB-Übertragungsleitung und zwei Gemeinschaftsleitungen SBB/EWA/CKW) welche die von den SBB-Kraftwerken Ritom im Tessin sowie Göschenen und Amsteg in Uri produzierte Energie in Richtung Mittelland übertragen.
Die Übertragungsleitung der SBB und eine Gemeinschaftsleitung SBB/EWA/CKW waren zum Zeitpunkt des Kurzschlusses ausgeschaltet.
Der Grund hierfür sind Bauarbeiten für die Autobahn A2 im Raum Schattdorf / Altdorf, direkt unter den Übertragungs-Leitungen.
Am Ort der Baustelle laufen diese beiden Leitungen parallel. (Siehe Bild)
Die zweite Gemeinschaftsleitung verläuft in diesem Bereich einige hundert Meter weiter westlich.
Ein Kurzschluss an dieser Leitung von Amsteg nach Rotkreuz löste um 17.08 Uhr eine fatale Kettenreaktion auf dem SBB-Energienetz südlich und nördlich des Gotthards aus.
Die Stromversorgung des Bahnnetzes wurde in zwei Teilnetze getrennt, im Süden stand zuviel, im Norden zuwenig Energie zur Verfügung.
Da die Kraftwerke am Gotthard nach dem Kurzschluss schlagartig nur noch das Bahnnetz südlich des Gotthards mit Energie versorgen mussten, sank die Belastung der entsprechenden Generatoren in den Kraftwerken, was eine Erhöhung derer Tourenzahl zur Folge hatte. Dies führte durch entsprechende Schutzvorrichtungen zum automatischen Abschalten der Kraftwerke Göschenen und Ritom sowie des Umformerwerks Giubiasco. Damit wurde das Bahnnetz im Tessin nicht mehr mit Energie versorgt.
Auf der Nordseite des Gotthards kam es nach dem Kurzschluss wegen der fehlenden Leistung der Urner und Tessiner Kraftwerke - zur Zeit des Kurzschlusses 200 MWatt - zunehmend zu Energie-Versorgungsengpässen auf dem übrigen Schweizer Bahnnetz.
Die unstabile Versorgungslage führte dann um 17.47 Uhr zu einem kompletten Zusammenbruch der Stromversorgung für die Schweizer Bahnen.
Von diesem Unterbruch der Energieversorgung auf dem Netz der SBB waren weitere Schweizer Normalspurspurbahnen (BLS, RM, SOB und TPF) ebenfalls vom Ausfall betroffen. Diese erhalten ihre Energie ebenfalls vom SBB-Netz. Auch schmalspurige Privatbahnen, welche ihre Energie von den SBB beziehen, waren betroffen.
Nach einem knapp vierstündigen Unterbruch hatten die SBB den Betrieb wieder aufgenommen.
Nichts geht mehr: Ein in Erstfeld gestarteter Kurzgüterzug Richtung Norden, gezogen von einer Ae 6/6 strandete bereits in Altdorf.
Ein IC Richtung Süden, bespannt mit einer Re 460 blieb im Bahnhof Altdorf liegen, da die Maschine (vermutlich durch den Kurzschluss) einen Defekt erlitt.
Die von Erstfeld zur Rettung herbeigeeilte Re 4/4 II erreichte gerade noch den Bahnhof Altdorf.
Nichts geht mehr in Erstfeld. Mit Ausnahme von Gleis 1 sind alle Geleise mit Güterzügen belegt.
Das Aufgebot von Zugs-Ersatzbussen hat bestens funktioniert. Drei Busse warten beim Bahnhof Erstfeld auf ihren Einsatz.
Ein Güterzug kam vor dem Einfahrsignal Süd zum Bahnhof Erstfeld zu stehen.
Der Lokführer hat bereits seinen Kollegen abgelöst, dessen Dienst inzwischen zu Ende war. Um 21.45 Uhr war allerdings immer noch Warten angesagt.
Die Wiederinbetriebnahme des Zuges nach dem Erhalt der Fahrerlaubnis dürfte einige Zeit in Anspruch genommen haben. Nach dem Füllen der Druckluft mussten alle inzwischen angezogenen Handbremsen an den Wagen wieder gelöst werden.
Auch vor dem Einfahrsignal Süd von Silenen-Amsteg kam ein Güterzug zu stehen.
Der Lok-Führer informiert sich über das "Handy".
Auch in Göschenen geht nichts mehr. Alle Signale stehen auf Rot.
Der Schnellzug nach Zürich blieb genau so in Göschenen hängen, ...
... wie der Güterzug von Railion/BLS.
Ursachen-Kommentar von Seiten der SBB:
Die Ursache kennen wir noch nicht. Wir versuchen zur Zeit dem Ursprung auf den Grund zu gehen.
Meine Fragen hierzu, deren Beantwortung mich brennend interessieren würde:
Das ganze Stromnetz der SBB ist in Sektoren eingeteilt. Diese können voneinander abgetrennt und grösstenteils anderweitig verknüpft werden.
Wie konnte es geschehen, dass sich diese Störung vom Gotthardgebiet auf das ganze SBB-Netz ausbreiten konnte, ohne dass jemand auf die Idee kam, wichtige Teile im noch funktionierenden Netz (Ost/West-Achse)zu isolieren?
Wie konnte es geschehen, dass zwei von drei Leitungen abgeschaltet waren, aber scheinbar kein "Notfall-Szenario" für den Verlust der dritten Leitung existierte?
Im Sinne einer Zwischenbilanz informierte der Leiter Infrastruktur SBB, Hansjörg Hess, heute 1. Juli in Bern die Medien über den Stand der Erkenntnisse.Fazit:
Der Ausfall der Stromversorgung des SBB-Netzes in der ganzen Schweiz hätte verhindert werden können.
Erstens hätten im Hinblick auf die Abschaltung von zwei der drei SBB-Hochspannungsleitungen zwischen dem Tessin und der übrigen Schweiz zusätzliche Anlagen für die Umwandlung von Strom für das SBB-Netz rechtzeitig in Betrieb genommen werden müssen.
Zweitens wäre es möglich gewesen, die Netzbelastung durch das gezielte Anhalten einzelner Züge soweit zu reduzieren, dass es nicht zu einem Netzzusammenbruch hätte kommen müssen.
Drittens hätte es auch genügt, einzelne SBB-Regionen von Netz zu nehmen. Eine schweizweite Abschaltung wäre nicht nötig gewesen.
Und, was noch erschwerend hinzu kommt: Die SBB verkauften weiter bahneigenen Strom ins Ausland, obwohl das Bahn-Netz infolge Strommangels zusammenbrach.
Die SBB verfügt inzwischen auch über mehr Klarheit zum Ausfall der an jenem Tag einzigen zur Verfügung stehenden Stromverbindung zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz:
Was auf den Kontrollanlagen der SBB als Kurzschluss angezeigt worden war, stellte sich nachträglich bei der Analyse vor Ort als Überlastung der Leitung heraus. In der Folge kam es zu einer Schutzabschaltung. Damit war die ganze Nord-Süd-Verbindung des SBB-Stromnetzes unterbrochen.
Aufgrund der Erfahrungen vom 22. Juni 2005 wurden zusätzliche Handlungsszenarien erarbeitet, die zu einer Risikominimierung beitragen.
So wird umgehend die bereits laufende Schulung des zuständigen SBB-Personals erweitert und intensiviert.
Zudem wurden die Stromverkäufe an Dritte zugunsten zusätzlicher Reserven für die Bahnversorgung reduziert.
Mein Kommentar zur Ursachen-Begründung der SBB an ihrer
2. Medienkonferenz zum Super-Gau:
Ich bin weder Elektroingenieur, noch in der Elektrobranche tätig. Nur auf Grund meines Wissens als Eisenbahnfreund lagen für mich die richtigen Lösungen und Massnahmen nach Bekanntwerden des Ereignisses klar auf der Hand (Siehe obige Fragen vom 22. Juni).
Da bleiben bei mir ein sehr schaler Nachgeschmack und ein grosses Fragezeichen zurück.