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Wenn ein Pferd zu koppen beginnt, so ist dies ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt und es sich nicht wohl fühlt. Man weiss, dass eine gewisse genetische Veranlagung gemeinsam mit einer sehr stressverursachenden Umgebung diese Verhaltensstörung hervorruft. Jedoch kann auch festgestellt werden, dass in ein und derselben Haltungsform lediglich einige einzelne Pferde zu koppen beginnen. Daher ist das Schweizer Nationalgestüt in einer Studie der Frage nachgegangen, ob gewisse Persönlichkeitsmerkmale besonders mit dem Koppen in Verbindung gesetzt werden können.
Als Persönlichkeit bezeichnet man die Gesamtheit von Verhaltenseigenschaften eines Individuums, die im Vergleich zu anderen Tieren stabil über die Zeit und in verschiedenen Situationen gezeigt werden. Bei Pferden wurden verschiedene Merkmale des Persönlichkeitsprofils nachgewiesen, zum Beispiel die Reaktion auf einen passiven Menschen, ihre Neugier angesichts eines unbekannten Objekts, die Reaktion auf taktile Reize sowie die lokomotorische Aktivität und die Reaktion auf einen plötzlichen Stimulus. Es wurden spezifische Tests erarbeitet und geprüft, um diese Persönlichkeitsmerkmale bei Pferden zu evaluieren. Diese Tests wurden nun im Rahmen einer Studie des Schweizer Nationalgestüts von Agroscope durchgeführt, um herauszufinden, ob sich koppende Pferde in einigen Charakterzügen von ihren Artgenossen ohne Verhaltensauffälligkeit unterscheiden.
Ablauf der Studie
Die Studie wurde in verschiedenen Schweizer Ställen und im Schweizer Nationalgestüt in Avenches durchgeführt. 19 koppende und 18 nicht koppende Pferde wurden auf einem Sandplatz bzw. in einem 8×10 m grossen abgesteckten Teil der Reithalle in ihrem jeweiligen Stall auf die oben aufgeführten Persönlichkeitsmerkmale hin getestet. Beim ersten Test blieb eine dem Pferd unbekannte Person drei Minuten lang unbeweglich in der Mitte des Reitplatzes stehen, um die Reaktion des Pferdes auf einen unbekannten Menschen zu testen. Danach wurden sogenannte Von-Frey-Filamente, das sind auf verschiedene Stärken kalibrierte Nylonfäden, an der Widerristbasis der Pferde angesetzt, um die Reaktion der Pferde auf taktile Empfindungen zu testen. Ebenfalls wurde die Neugier der Pferde mittels eines während drei Minuten in der Mitte des Reitplatzes aufgestellten unbekannten Objekts evaluiert. Parallel dazu wurde die Bewegungsaktivität der Pferde analysiert, indem während der ersten drei Tests die jeweils zurückgelegten Strecken gemessen wurden. Beim letzten Test wurde die Reaktion der Pferde auf ein plötzliches Ereignis geprüft. Dieses bestand darin, dass ein Regenschirm abrupt geöffnet wurde, während das Pferd in der Nähe Kraftfutter aus einem Eimer frass.
Ergebnisse und mögliche Erklärungen
Die in der Studie gemessenen Parameter wurden analysiert und die Testergebnisse der koppenden Pferde denjenigen der nicht koppenden Vergleichsgruppe gegenübergestellt.
Erhöhte Berührungsempfindlichkeit bei koppenden Pferden
Ein interessanter Unterschied hat sich sehr deutlich bei einem der oben beschriebenen Tests ergeben, und zwar beim taktilen Sensibilitätstest. Im Vergleich zu der nicht koppenden Referenzgruppe reagierte ein weitaus grösserer Anteil der koppenden Pferde mit einem Zittern des Hautmuskels auf die sechs verschiedenen taktilen Filamente, die während der Tests an der Widerristbasis angesetzt wurden. Diese Pferde reagieren also empfindlicher auf Berührungen als andere Pferde. Anders gesagt, sie nehmen taktile Reize stärker wahr oder empfinden diese schneller als störend. Die Anwendung der Von-Frey-Filamente auf der Haut kann mit Blick auf die Sensibilität auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert werden. Die Methode wird auch dazu genutzt, die Schmerzgrenze bei einer bestimmten Empfindung zu testen. Der Neurotransmitter Beta-Endorphin ist für die Schmerzregulierung zuständig. Frühere Studien haben gezeigt, dass die Physiologie dieses Neurotransmitters sich zwischen koppenden und nicht koppenden Pferden unterscheidet. Dieser physiologische Unterschied könnte die Tatsache erklären, dass die koppenden Pferde stärker auf die Von-Frey-Filamente reagiert haben als die nicht koppenden Pferde. Als Folgestudie wäre zu überprüfen, ob die höhere Empfindsamkeit auf taktile Reize bei Pferden dazu führt, dass sie eine Neigung zum Koppen entwickeln, oder ob es sich hierbei um eine Folgeerscheinung des Koppens handelt.
Keine Unterschiede zwischen koppenden und nicht koppenden Pferden bei den anderen Tests
Die koppenden Pferde und die Pferde ohne Verhaltensstörung haben sich bei den anderen Persönlichkeitszügen nicht weiter voneinander unterschieden, weder bei der Reaktion auf einen unbekannten Menschen noch bei der lokomotorischen Aktivität, der Neugier oder bei der Angst angesichts eines unerwarteten Ereignisses. Dieses Fehlen von Unterschieden bedeutet jedoch nicht, dass es keine solchen geben kann. Zum Beispiel hat sich beim Faktor Angst gezeigt, dass einige Pferde sehr ängstlich sind, aber dazu neigen, ihre Emotionen nur sehr begrenzt zu zeigen. Daher ist die Angst schwieriger zu testen. Es könnte also sein, dass eine der beiden Gruppen (koppende oder nicht koppende Pferde) ängstlicher ist als die andere, dies aber einfach weniger gezeigt hat.
Schlussfolgerung
Als Schlussfolgerung kann man infolge der vorliegenden Studie sagen, dass ein erstes für koppende Pferde typisches Persönlichkeitsmerkmal herausgearbeitet werden konnte, nämlich eine grössere Berührungsempfindlichkeit. Künftige Studien mit anderen Tests werden jedoch notwendig sein, um zum Beispiel den Aspekt der Angst näher zu erforschen.
Sabrina Briefer Freymond
Beratungsstelle Pferd
Agroscope, Schweizer Nationalgestüt