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Marokko: Ergotherapie zur Behandlung von Lähmungen
Im Herbst 1959 traten bei Tausenden von Marokkanerinnen und Marokkanern plötzlich Teillähmungen an den Armen und Beinen auf. Die Betroffenen hatten Öl zu sich genommen, das nicht zum Konsum geeignet war. Das Ausmass der Vergiftungen überforderte die marokkanischen Behörden und Gesundheitsdienste. Daher mussten die Liga der Rotkreuzgesellschaften, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gemeinsam Unterstützung leisten. An dieser medizinischen Hilfsaktion beteiligte sich auch das Schweizerische Rote Kreuz. Das von ihm eingeleitete Behandlungsprogramm basierte zum Teil auf Ergotherapie [Hier finden Sie Artikel und Interview von Frau Brun zur Ergotherapie], einer damals noch kaum bekannten Methode.
Die «Meknes-Krankheit» oder die Aufdeckung eines Lebensmittelskandals
Am 5. September 1959 wurden die ersten Erkrankten mit Lähmungen an den Händen und Beinen in die Spitäler von Meknes eingeliefert. Niemand war in der Lage, die Ursache ihrer rätselhaften Symptome zu bestimmen oder das Ausmass und den Verlauf der Krankheit abzuschätzen. Von Woche zu Woche nahm die Zahl der Betroffenen dramatisch zu: Innerhalb von knapp einem Monat wurden über 2000 Fälle gemeldet. Als Anfang Oktober die Ursache des Problems klar wurde, löste dies einen Skandal aus: Es handelte sich um eine Lebensmittelvergiftung, die auf den Konsum von gepanschtem Öl zurückzuführen war. Betrüger hatten ein in der Luftfahrt verwendetes Schmiermittel unter Olivenöl gemischt, das danach als Bratöl verkauft wurde.
Die Krankheit wurde als «Meknassitis» oder Meknes-Krankheit bezeichnet, da viele Opfer aus der Handelsstadt zwischen Rabat und Fes stammten. In der Folge breitete sie sich in weiteren Regionen des Landes aus. Bis Ende Jahr erkrankten über 10 000 Menschen. Einige Quellen gehen sogar von mehr als 20 000 Fällen aus, von denen etwa 100 tödlich verliefen. Aus medizinischer Sicht ähnelte das Krankheitsbild einer invalidisierenden Polyneuritis, die hauptsächlich die peripheren motorischen Nerven betraf. Sie beeinträchtigte vor allem die Motorik und die Fingerfertigkeit.
16 nationale Rotkreuzgesellschaften engagieren sich für Marokko
Auf Ersuchen der marokkanischen Regierung entsandte die WHO einen kanadischen Spezialisten für Nervenkrankheiten vor Ort. Professor Leroy empfahl ein Rehabilitationsprogramm, das vor allem auf physikalischer und rehabilitativer Medizin beruhte. Er schlug vor, in den besonders betroffenen Städten Behandlungszentren einzurichten. So wurden in Sidi Kacem, Sidi Slimane, Khemisset und Meknes Einrichtungen für die ambulante Behandlung aufgebaut. Patientinnen und Patienten, die eine stationäre Therapie benötigten, wurden in Alhucemas und Fes behandelt.
Da sich Marokko ausserstande sah, die enorme Zahl von Erkrankten zu behandeln, wandten sich die Behörden an das Sekretariat der Liga der Rotkreuzgesellschaften. 16 nationale Gesellschaften, darunter auch das Schweizerische Rote Kreuz, stellten insgesamt 180 Personen zur Verfügung, darunter 47 Ärzte, 86 Physiotherapeutinnen, 5 Ergotherapeutinnen, 15 Krankenschwestern und 5 Orthopädisten. Von Januar 1960 bis Juni 1961 wechselten sich diese Fachpersonen ungefähr alle sechs Monate ab. Die Leitung der Hilfsaktion übernahmen abwechselnd drei kanadische und zwei Schweizer Ärzte: die Professoren Zinn aus Bad Ragaz und Gross aus Zürich.
Über 490 000 Behandlungen
Mit ihrem Engagement für die 10 000 sogenannten Ölgelähmten betrat die Liga Neuland. Dies gilt nicht nur für die Dauer des Einsatzes, sondern auch für den Behandlungsansatz, bei dem Therapien zur Rehabilitation und Wiedereingliederung im Vordergrund standen. Insgesamt wurden über 491 000 physio-, hydro- und ergotherapeutische Behandlungen durchgeführt. Besonders stark betroffene Personen erhielten orthopädische Hilfsmittel, die vor Ort angefertigt wurden: Insgesamt wurden 1160 Handschienen, 2057 Paar Fussschienen und 4114 Gehhilfen abgegeben. Gemäss dem Schlussbericht der Liga waren die durchgeführten Therapien erfolgreich. Bei Abschluss der Aktion im Juni 1961 galten 85 Prozent der Erkrankten als vollständig geheilt, 8 Prozent als teilweise wiederhergestellt und nur 272 Personen mussten noch weiter behandelt werden.
Ergotherapeutinnen aus der Schweiz
Mit der Entsendung von 45 Delegierten für die Behandlungszentren stellte das Schweizerische Rote Kreuz das grösste Kontingent an ausländischem medizinischem Personal in Marokko. Zugleich führte es die Ergotherapie als neue Form der Behandlung für die Gelähmten ein. H. Brun, die erste Schweizer Ergotherapeutin, nahm ihre Arbeit am 19. Januar 1960 in Khemisset auf. Das dortige Behandlungszentrum wurde zu einem Musterbeispiel für diese Art von Therapie.
«Die Anfänge waren verwirrend. Tausende Patienten! Wo soll man da anfangen und wo aufhören? Jeder Patient hatte ein Papier, auf dem sein Name stand, sein Alter und was ungefähr gelähmt war. So konnte man abhaken, wer schon einmal da war und wer zum ersten Mal kam. Ich habe glaube ich in meinem ganzen Leben nie mehr so viele Muskelstaten gemacht wie in Marokko».
H. Brun, September 2019
Zusammen mit lokalen Handwerkern und einheimischem Hilfspersonal konnte die Ergotherapeutin rund 1000 Patientinnen und Patienten behandeln. Vor Ort hergestellte Funktionsschienen ermöglichten den Betroffenen, ihre Hände rascher wieder zu benutzen, und erleichterten somit die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.
Ergotherapie ist darauf ausgerichtet, die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten und damit deren berufliche und soziale Wiedereingliederung zu fördern. Nach ihrer Ankunft in Marokko besuchten die Schweizer Ergotherapeutinnen deshalb zuerst die Medina. Dort machten sie sich mit lokalen Handwerkstechniken wie Weben, Sticken, Lederarbeiten, Herstellung von Perlenhalsbändern usw. vertraut. So konnten sie anschliessend das traditionelle Handwerk entsprechend den aufgetretenen Beeinträchtigungen in die ergotherapeutische Behandlung aufnehmen. Durch das erneute Erlernen der spezifischen Bewegungsabläufe für diese Tätigkeiten konnten sich die Patientinnen und Patienten wieder eine Existenzgrundlage aufbauen.
In ländlichen Regionen wie Khemisset konnten die meisten vergifteten Personen nach ihrer beruflichen Rehabilitation schliesslich wieder einer handwerklichen Erwerbsarbeit nachgehen. Bei Ablauf des Schweizer Einsatzes wurde das Behandlungszentrum in Khemisset umgebaut: Eine Lehrwerkstätte und eine geschützte Werkstätte boten danach 45 Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz.