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Von häuslicher Gewalt wird dann gesprochen, wenn Gewalt in den eigenen vier Wänden angewendet wird: Unter Paaren in bestehender oder aufgelöster ehelicher oder partnerschaftlicher Beziehung, zwischen Eltern und Kindern, oder zwischen weiteren Verwandten. Weil Opfer systematischer und fortgesetzter Gewalt unter schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen und sozialen Auswirkungen leiden, wird Gewalt von der WHO als eines der grössten Gesundheitsrisiken eingeschätzt.
Wie sieht die Lage zur häuslichen Gewalt in der Schweiz aus? Im Folgenden soll eine aktuelle Berner Studie zusammengefasst werden, die dazu einen Überblick gibt. In die retrospektive Untersuchung miteingeschlossen wurden 337 volljährige Patienten, die zwischen 2006 und 2016 am Universitären Notfallzentrum am Universitätsspital Bern im Rahmen häuslicher Gewalt behandelt wurden.
Opfer
94% der Opfer waren Frauen, in 50% der Fälle waren Kinder mitbetroffen. Häufig spielten Risikofaktoren wie Alkohol, Drogen, Trennungssituationen, Migration, Arbeitslosigkeit und psychische Vorbelastung eine Rolle.
Täter
In 87% der Fälle wurde häusliche Gewalt durch den/die LebenspartnerIn oder Ex-LebenspartnerIn angewendet, in 3% durch Eltern oder andere Familienangehörige, und in 4% durch Kinder.
Tathergang & Körperverletzungen
Die Hälfte der Konsultationen fand am Wochenende, meist nachmittags oder nachts statt (also dann, wenn gemeinsam zu Hause Zeit verbracht wird). Von den Opfern am häufigsten angegeben wurden Schlagen, Treten und Strangulieren, die am häufigsten verletzten Körperregionen waren Kopf, Arme, Beine und Hals. Die häufigsten Verletzungsarten waren Hämatome und Prellungen.
Prävalenz
Die Häufigkeit für das Auftreten häuslicher Gewalt 2006-2016 anhand der Konsultationen am Notfallzentrum in Bern wurde auf 0.09% geschätzt. Es wird angenommen, dass die Dunkelziffer sehr gross ist, da Opfer häuslicher Gewalt selten medizinische Hilfe aufsuchen.
Die Autoren der Studie weisen deshalb darauf hin, dass es daher bei medizinischen Konsultationen umso wichtiger ist, „diffuse“ Zeichen häuslicher Gewalt richtig zu erkennen. Sie raten daher zu einem standardisierten Vorgehen für die Anamneseerhebung und der Befunddokumentation im medizinischen Bereich. Die Studie fokussierte auf körperliche Gewaltanwendung. Ein weiterer grosser Bereich, in dem Leiden entsteht, ist die emotionale Gewaltanwendung.
In der Psychotherapie ist es genauso wichtig, dass Psychotherapeuten für das Thema „häusliche Gewalt“ sensibilisiert sind. Bei Personen, die sich in einer Partnerschaft und/oder in einem Familiensystem befinden, sollte deshalb bei der Anamneseerhebung und während des gesamten Therapieverlaufs gezielt nach Streitvorgängen und Gewaltanwendung gefragt werden. Ohne gezielte Fragen berichten in der Regel weder Opfer noch Täter von sich aus von Gewalt – nicht selten hat das mit Scham und/oder Vermeidung zu tun. Kann häusliche Gewalt im Rahmen der Psychotherapie festgestellt werden, sollten die Therapieziele, das Fallverständnis und die Therapieplanung unter Supervision und Einbezug von Fachpersonen neu beurteilt werden.
Literatur:
S. Hostettler-Blunier et al. (2018). Häusliche Gewalt am Universitäten Notfallzentrum Bern: eine retrospektive Analyse von 2006 bis 2016. Praxis; 107 (16): 886-892. (öffentlich zugänglich)
Buchempfehlung für die Psychotherapie:
Liebe und Gewalt in nahen Beziehungen: Therapeutischer Umgang mit einem Dilemma. U. Borst & A. Lanfranchi (Hrsg.). Heidelberg: Carl-Auer Verlag, 2011.
Lic. phil. Misa Yamanaka-Altenstein