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Die Stiftung Menschen für Menschen Schweiz macht es sich zur Aufgabe, auf dem Land wie in den Städten Verelend-
ung aufzuhalten und Lebenschancen aufzubauen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Sie die Menschen in Äthiopien unterstützen können. Hier finden Sie alle Spendenmöglichkeiten mit konkreten Beispielen.
Wiege der Menschheit, Herkunftsland des Kaffees, reiche Kultur und arme Familien. Über 100 Millionen Menschen leben hier: Auf Besuch in einem widersprüchlichen Land.
Nachbildung des Skeletts von Lucy im Naturhistorischen Museum in Wien.
Gewöhnlich werden solche Unfälle als tragisch bezeichnet: Eine weibliche Person, mit 25 Jahren viel zu jung zum Sterben, klettert auf einen hohen Baum. Vielleicht will sie an dessen Früchte kommen oder an die Eier in Vogelnestern. Oder sie will sich auf dem Baum vor Raubtieren schützen und dort in einer Astgabel die Nacht verbringen. Doch sie verliert den Halt und stürzt.
Sie fällt, bestimmt zwölf Meter tief, schlägt mit den Füssen zuerst auf, trägt massive Brüche an Hüfte, Knie und Schienbein davon. Dann fällt sie nach vorne, versucht, sich mit den Armen abzufangen, wie schwere Verletzungen am rechten Oberarmknochen zeigen. Zuletzt schlägt sie mit dem Kopf auf. Sie stirbt, mutmasslich an ebenfalls erlittenen inneren Verletzungen.
So rekonstruiert der amerikanische Paläoanthropologe John Kappelmann den Tod einer zierlichen Dame, die in Äthiopien fast jedes Kind kennt. «Dinkenesh» wird sie in ihrer Heimat stolz genannt, das heisst «du Wunderbare!». Im Rest der Welt ist sie besser bekannt unter dem Namen «Lucy».
30 Kilogramm leicht, einen Meter klein, ist Lucy die berühmteste Vertreterin des Vormenschen Australopithecus afarensis. Dieser ähnelt in der Physiognomie einem Schimpansen, doch einige Merkmale sind bereits menschlich: Hüft- und Beinknochen sind so gestaltet, dass man davon ausgehen kann, dass Lucy und ihre Artgenossen vor rund drei Millionen Jahren bereits aufrecht gingen. Ausserdem benutzten diese Vormenschen bereits geschliffene Steine als Werkzeuge zum Schneiden von Fleisch.
Der US-Paläoanthropologe Donald Johanson fand das Skelett von Lucy im November 1974 bei Hadar in der Region Afar. Fast 40 Prozent ihrer Knochen sind erhalten, darunter Hüfte, Becken, Arme, Rippen und Teile des Schädels: Das macht den Fossilfund so besonders.
Die kleine Dame aus Äthiopien ist weltweit eine Attraktion – auch im Moesgaard-Museum im dänischen Aarhus.
Im Überschwang des Fundes tanzte Johansons Team zu einer Beatles-Kassette und schmetterte den Song «Lucy in the sky with diamonds» in die Wüstennacht. Seither heissen die Skelettreste «Lucy» und Äthiopien gilt als eine Wiege der Menschheit.
«Für die Menschen im Land ist Lucy eine Art Ikone», sagt der äthiopische Anthropologie-Professor Berhane Asfaw. Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass Äthiopien im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit lange nur als Katastrophen- und Hungerland wahrgenommen wurde. Lucy und weitere Funde in der Afar-Region gaben den Äthiopiern einen unerwarteten Grund, stolz zu sein auf ihr Land. «Lucy hat eine Botschaft, die alle kulturellen Barrieren überwindet», sagt ihr Entdecker Johanson. «Sie beweist, dass die Menschen auf der Welt den gleichen Ursprung haben.»
Der Nordosten von Äthiopien war offenbar über Jahrmillionen ein Hotspot für die Entwicklung der Urmenschen. Dort boten sich den Zweibeinern über Jahrtausende viele natürliche Ressourcen mit Wäldern, üppigem Grasland, Seen. Heute dagegen ist die Afar-Region vielerorts eine der lebensfeindlichsten Gebiete der Welt. Nur Hirten durchstreifen mit ihren Herden die sengende Hitze der Savannen und Halbwüsten. Ihre Kinder sind durch Dürren immer wieder gefährdet, weshalb Menschen für Menschen ihr Überleben mit Bewässerungsprojekten sichert.
Begräbnisplatz von Hirten in der Halbwüste von Subuli. Heute ist die Afar-Region karg. Früher war sie ein Hotspot der menschlichen Evolution.
In diesem heissen und trockenen Klima suchen Paläontologen aus aller Welt nach weiteren Puzzleteilen der menschlichen Evolution. Am Grabungsort Ledi-Geraru, nur 30 Kilometer von der Lucy-Fundstelle entfernt, wurde dann auch im Jahr 2013 ein Kieferknochen gefunden. Für Laien sieht er unscheinbar aus, doch in der Fachwelt löste das 2,75 Millionen Jahre alte Fragment namens «LD 350-1» ein Raunen aus: Es zeigt einerseits morphologische Merkmale, wie sie für die Lucy-Artgenossen typisch sind. Andererseits erinnert die Morphologie der Zahnkronen an die Gattung Homo. Und im Kiefer stecken keine zwei Backenzähne wie bei Lucys Art, sondern drei – wie bei modernen Menschen. Haben die Forscher hier ein Bindeglied gefunden zwischen dem Vormenschen Australopithecus afarensis und den Urmenschen der Gattung Homo?
Diese Frage ist letztlich noch ungeklärt. Sicher aber erscheint den Wissenschaftlern: In den jüngsten 300’000 Jahren entwickelte sich eine neue Spezies, die der Erde radikale Veränderungen brachte. Diese Spezies lernte Feuer zu machen, erfand das Rad, schaffte es sogar zu fliegen: Natürlich ist die Rede vom Homo Sapiens, dem Menschen. Dass dieser in Äthiopien früh zugange war, zeigen Schädelfragmente aus der Afar-Region, die 160’000 Jahre alt sind und als «Homo sapiens idaltu» benannt wurden – «idaltu» bedeutet in der Sprache der Afar-Hirten «Stammesältester».
Vor rund 100’000 Jahren verliessen erstmals Artgenossen des modernen Menschen den afrikanischen Kontinent und verbreiteten sich im Laufe der Jahrtausende über die Erde – so die bisherige Lehrmeinung. Aber Anfang 2018 berichteten Wissenschaftler von einem Kieferfund in einer Höhle in Israel, der einem Homo sapiens zuzuordnen und 180’000 Jahre alt sei. Ist der Zeitpunkt des Zuges «out of Africa» auch noch ungewiss, erscheint als gesichert, dass alle Menschen rund um die Welt Migranten und Einwanderer sind. Oder, wie es Lucy-Finder Donald Johanson formulierte: «Wir sind alle Afrikaner.»
Titelfoto: Erik Drost
© 2018 Menschen für Menschen