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| Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])

Zehnte Homilie.
2.
Weil ich also den Samen nicht vergeblich ausgestreut habe, sondern ihr gemäß meiner Ermahnung Alle, die sich von euch getrennt hatten, eingefangen habt: wohlan, so will auch ich euch das wiedervergelten und nach kurzer Wiederholung der frühern Predigt das Übrige mittheilen. Nun, wovon habe ich denn neulich gesprochen? Wir untersuchten, wie und auf welche Weise Gott, ehe die Schrift mitgetheilt worden, unsere Dinge geordnet habe, und wir behaupteten, daß er unser Geschlecht durch die Schöpfung belehrte, indem er den Himmel ausspannte und in die Mitte hinstellte, ein großes und nützliches Buch für Gelehrte und Ungelehrte, für Reiche und Arme, für Scythen und Barbaren, ja für alle Bewohner der Erde, ein Buch, das viel größer ist als die Menge Derjenigen, die daraus Unterricht schöpfen. Wir haben auch Vieles über Tag und Nacht und ihre Ordnung und von der Harmonie, die genau von ihnen beobachtet wird, Vieles über die Jahreszeiten und ihre Gleichheit zu [S. 208] euch gesprochen. Denn gleichwie der Tag durch das ganze Jahr hin die Nacht nicht um eine halbe Stunde übervortheilt, so haben auch die Jahreszeiten sämmtliche Tage gleich unter einander getheilt. Auch habe ich letzthin gesagt, daß nicht nur die Größe und Schönheit der Schöpfung das Dasein des Schöpfers beweise, sondern daß selbst die Art der Zusammenfügung und die Weise der Schöpfung gegen den natürlichen Lauf sei. Es ist nämlich naturgemäß, daß das Wasser von der Erde getragen werde; nun aber sehen wir das Gegentheil: daß die Erde vom Wasser getragen wird. Es ist naturgemäß, daß das Feuer in die Höhe strebe; nun aber sehen wir das Widerspiel: daß sich die Strahlen der Sonne nach unten der Erde zukehren; daß das Wasser, welches sich über dem Himmel befindet, doch nicht entschlüpft; daß die Sonne, die unter dem Wasser dahin eilt, von diesem doch nicht ausgelöscht wird, und daß sie jene Flüssigkeit doch nicht verzehrt. Zudem haben wir gesagt, daß dieß Universum aus vier gegensätzlichen und sich widerstreitenden Elementen bestehe, und daß eines das andere nicht verzehre, obgleich sie sich wechselseitig aufzehren sollten. Daraus geht nun klärlich hervor, daß irgend eine unsichtbare Gewalt sie zusammenhält, und das Band bildet der göttliche Wille. Heute will ich darüber Mehreres sprechen, aber seid wachsam und merket mir eifrig auf!
Damit aber das Wunder um so augenfälliger sei, will ich den Beweis dafür von unserm Körper selber herholen. Denn unser kleiner und unansehnlicher Körper besteht auch aus vier Elementen, und zwar aus einem heissen: dem Blute; aus einem trockenen: der gelblichen Galle; aus einem feuchtten: dem Schleime; aus einem kalten: der schwarzen Galle. Glaube ja Niemand, daß sich diese Sprache für mich hier nicht zieme; denn der Geistige beurtheilt Alles, er selbst aber wird von Niemandem beurtheilt.”1 So hat auch Paulus die Regeln des Ackerbaues berührt, als er uns über die [S. 209] Auferstehung belehrte, und gesagt: „Du Thor, was du säest, lebt nicht auf, wenn es nicht zuvor stirbt.” 2 Hat nun jener Heilige vom Ackerbaue geredet, so möge uns Niemand darüber tadeln, daß wir medizinische Regeln berühren; denn wir reden jetzt über die Schöpfung des Herrn, und wir müssen bei der Beweisführung nothwendig auf diesen Gegenstand kommen. Wie ich also eben gesagt, besteht unser Körper aus vier Elementen, und wenn nun eines davon zum Ganzen nicht stimmt, so entsteht der Tod aus dieser Mißhelligkeit. So entspringt z. B. aus der überflüssigen Galle ein hitziges Fieber, und dieses verursacht, wenn es allzustark überhand nimmt, ein plötzliches Ende. Ferner, ist zuviel Kälte vorhanden, so entstehen daraus Gicht, Zittern, Schlagflüsse und tausend andere Krankheiten; ja die Krankheiten jeglicher Art entspringen aus dem Vorwalten eines dieser Elemente, wenn nämlich eines die ihm angewiesenen Gränzen überschreitend die andern beherrscht und das ganze Gleichmaaß zerstört. Stelle also an Denjenigen, der da behauptet, daß Alles aus sich selber entstanden sei und durch sich bestehe, die Frage: Wenn dieser kleine und winzige Körper, der Arzneien und ärztliche Wissenschaft braucht, der in seinem Innern von der Seele regiert wird, der die Vernunft zum Beistande und zahllose andere Hilfsmittel hat, sich nicht stets in guter Ordnung zu erhalten vermag, sondern oft, wenn in ihm eine Störung vor sich geht, verdirbt und zu Grunde geht: wie hat diese gewaltige Welt, die so große Körpermassen in sich faßt und aus denselben Elementen besteht, durch so lange Zeit ungestört fortdauern können, wenn über sie keine weise Vorsehung wachte? Denn es wäre ja unbegreiflich, daß unser Leib, der von aussen und innen der Vorsicht genießt, sich kaum zu erhalten vermag, daß aber einer so großen Welt ohne alle schützende Vorsicht in so vielen Jahren nicht eben das begegnet sein sollte, was unserm Leibe begegnet. Denn sage mir nur, wie keines dieser [S. 210] Elemente je seine Gränzen überschritt und die andern alle verzehrte? Wer hat sie denn aber im Anfang verbunden? Wer hat sie gefesselt? Wer hat ihnen einen Zaum angelegt? Wer hält sie so lange zusammen? Wäre nämlich der Weltkörper einförmig und einfach, so würde das Gesagte nicht so unmöglich erscheinen. Da aber ein so gewaltiger Kampf unter den Elementen von Anbeginn stattfand, wer ist so blöde zu denken, daß dieselben, ohne von Jemanden gezwungen zu sein, von freien Stücken zusammengekommen und nach der Vereinigung beisammen geblieben? Wenn nämlich wir Menschen nicht von Natur aus, sondern aus gegenseitiger Böswilligkeit nicht von freien Stücken zusammenkommen, so lange wir in der Feindschaft verbleiben und in gegenseitigem Widerwillen verharren, sondern eines Mittlers bedürfen, der uns mit einander versöhnt und nach der Versöhnung verbindet und dazu bewegt, ruhig zu bleiben und nicht wieder untreu zu werden, wie hätten wohl die Elemente, die weder Vernunft noch Empfindung besitzen und von Natur aus einander befehden und anfeinden, zusammenkommen und sich vereinigen und mit einander bestehen können, wofern es nicht eine gewisse unaussprechliche Macht gäbe, die sie mit einander verbände und die verbundenen durch diese Fessel fortwährend festhielte?
1: I. Kor. 2, 15.
2: I Kor. 15, 36.