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Die Dienstärztin mit der Taschenlampe
Nebel liegt über der Stadt. Vom Hochhaus Nord 1 ist nur ein senkrechter Lichtstreifen zu sehen, es sind die erleuchteten Spitalflure, die vor einer Fensterfront enden. Die Patientenzimmer sind dunkel, nur vereinzelt brennt Licht. Oben auf Stock M die Silhouette eines Menschen hinter der Scheibe, ein Schlafloser schaut auf die Stadt. Einer von 700 Kranken in der Obhut der 250 Mitarbeiter, die diese Nacht am Unispital Dienst tun. Die Eingangstüren sind verschlossen, der Nachtportier ist der einzige Mensch im Foyer, er liest Zeitung.
Aus manchen Zimmern ist das Piepsen einer Maschine zu hören oder ein röchelnder Atem. Auf der Intensivstation liegt ein Alkoholiker auf Entzug. Er spricht auf sein Schlafmittel nicht an und verlangt nach einem anderen. Da der Mann auch HIV, eine Hepatitis und Krebs hat, bekommt er viele Medikamente. Die Pflegerin ruft die Dienstärztin Miriam Flückiger hinzu, um die Verträglichkeit eines weiteren Medikaments abzuklären. Auf der Station für Innere Medizin ringt eine Frau um Atem, es ist unsicher, ob sie diese Nacht überleben wird. Sie braucht etwas gegen Schmerzen. Ein Mann auf der Gastroenterologie hat schon fünfmal dunkel erbrochen – das könnte ein Hinweis auf innere Blutungen sein. Flückiger klingelt den Spezialisten zu Hause aus dem Bett; er muss entscheiden, ob eine notfallmässige Magenspiegelung nötig sei. Die Dienstärztin absolviert ihr viertes von sechs Assistenzjahren am Unispital; ihr Ziel ist der Facharzttitel für Allgemeine und Innere Medizin. Als sie in ein Viererzimmer tritt, fällt das Licht ihrer Taschenlampe auf einen Mann, der gekrümmt am Boden liegt. Der Patient ist aufgestanden, um eine Zigarette rauchen zu gehen, und prompt gestürzt.
Im Eintrittsbad für Brandverletzte
Auf der Intensivstation für Brandverletzte, Trakt NUK D 311 im 3. Stock, bereitet der Pfleger Ingo Sandfort das «Eintrittsbad» vor. Er trägt dunkelrote Kleidung, wie üblich auf dieser Station. Wer sie betritt, muss sich in einem Vorraum umziehen; möglichst wenige Keime sollen in die Brandverletztenstation gelangen. Es ist 2 Uhr 30, vor einer Stunde kam der Notruf. Wegen des Nebels kann der Helikopter nicht starten, der Verunfallte wird mit der Ambulanz gebracht; Sandfort hat viel Zeit für die Vorbereitungen. Das Bad ist durch eine Schiebetür vom OP-Saal getrennt; er kontrolliert die Temperatur im Raum, 34 Grad, und das Wasser in der mächtigen Chromstahlwanne, 41,9 Grad. Brandverletzte kühlen schnell aus, weil verbrannte Haut eine ihrer wichtigsten Funktionen nicht mehr erfüllen kann: die Regulierung des Wärmehaushalts des Körpers. Sandfort arbeitet seit fünf Jahren auf der Station, in die Menschen mit schlimmsten Verbrennungen eingeliefert werden. «Man muss ein gutes Nervenkostüm haben», sagt er und schraubt den Thermostaten höher.
Der Teilchenbeschleuniger wird gestartet
Um diese Zeit, drei Uhr in der Früh, beginnt für Ufuk Özdemir der Arbeitstag. Der Laborant eilt durch die menschenleere Eingangshalle zum Nukleartrakt. Mit dem Lift fährt er in den Untergrund, ins Radiopharmazie-Labor, wo im «Bunker» ein Teilchenbeschleuniger auf seinen Einsatz wartet. In diesem Hightechlabor werden radioaktiv aufgeladene Substanzen produziert – täglich frisch wie Brötchen vom Bäcker. Mit den Tracern, meist radioaktiv markiertem Zucker, können im Positronen-Emissions-Tomographen (PET) Tumoren oder Durchblutungsstörungen des Herzens dargestellt werden. Özdemir muss mitten in der Nacht beginnen, weil die radioaktiv markierten Substanzen eine kurze Halbwertszeit haben: Beim Zucker beträgt sie zwei Stunden, nach zehn Stunden hat sich die Strahlung vollständig abgebaut. Da das Unispital bis ins Tessin liefert und die Untersuchungen am nüchternen Patienten durchgeführt werden, müssen die ersten Tracer spätestens um sechs Uhr abholbereit sein. «Die schnelle Verfallszeit macht unser Leben hektisch», sagt Anass Johayem, Chef der Radiopharmazie. Der gebürtige Syrer leitet das 16köpfige Team von Fachleuten aus 13 Nationen.
In der Garderobe setzt Özdemir ein steriles Häubchen auf, zurrt den Mundschutz fest und steckt sein persönliches Dosimeter ein; er darf nicht mehr als die gesetzlich zulässige Strahlung aufnehmen. Dann passiert er die Sicherheitsschleuse. Die Radiopharmazie ist ein Reinraum. Essen und Trinken sind verboten, die Zuluft und die Abluft werden gefiltert. Im Labor reihen sich durch Glaswände abgetrennte Räume, vollgestellt mit Geräten aus Chromstahl. Das Herzstück befindet sich hinter einer zweieinhalb Meter dicken Eisenbetonwand: das Zyklotron, ein Teilchenbeschleuniger. Was im Innern des mannshohen Metallklotzes abläuft, erklärt Johayem so: «Mit Hilfe von Magneten werden Teilchen wie Protonen oder Deuteronen beschleunigt und auf sogenannte Targets geschossen, in denen durch Kernreaktionen die Radionuklide erzeugt werden.» Özdemir startet die Maschine. Von der vollautomatischen Produktion sieht man nichts, hört man nichts, riecht man nichts. Die Radionuklide werden anschliessend mit chemischer Synthese in verschiedene Moleküle eingebaut. Das am häufigsten verwendete Radiopharmazeutikum ist der mit Fluor-18 markierte Zucker.
Der Starkstrom-Verletzte trifft ein
Inzwischen hat sich Sandfort auf der Intensivstation für Brandverletzte an den Computer gesetzt. Es ist 4 Uhr 30. Die Patientenakte des Verunfallten, der mittlerweile drei Stockwerke tiefer in der Notfallstation eingeliefert wurde, ist noch leer. Sandfort weiss nur, dass es um einen Starkstromunfall geht. Näheres teilt ihm der Arzt mit, der den Verunfallten mit dem Bettenlift aus der Notfallstation hochbringt: Der 21jährige Patient G aus der Ostschweiz war auf einen stehenden Zug geklettert, wurde vom Stromschlag heruntergeschleudert, hatte einen Herzstillstand, wurde wiederbelebt und erhielt im Regionalspital die medizinische Erstversorgung, bevor er ans Unispital überwiesen wurde. Alle Starkstromopfer werden entweder nach Lausanne oder Zürich übergeführt, ebenso alle Verletzten, die Verbrennungen von über 20 Prozent der Körperoberfläche haben, weil sie lebensbedrohlich sein können. Lausanne und Zürich sind die einzigen Brandverletztenstationen in der Schweiz.
Der junge Mann wird ins Eintrittsbad gerollt, wo ihn drei Pflegerinnen auf ein frisches Bett hieven; der Raum ist jetzt auf 39,9 Grad aufgeheizt. G liegt reglos da, nur seine Brust hebt und senkt sich im Rhythmus des Beatmungsgeräts. In der nächsten Stunde kümmern sich die Anästhesistin und ihre Assistentin um ihn: Sie versorgen ihn mit Infusionen, ersetzen die alten Katheter durch neue, legen eine «zentrale Leitung», die von der Leiste hochführt – einen Katheter, der näher beim Herzen liegt und dicker ist als einer im Arm. Brandverletzte verlieren viel Flüssigkeit, die literweise ersetzt werden muss. Eine Pflegerin reicht die Instrumente, jedes einzelne steril verpackt; der grosse Abfallsack neben dem Bett füllt sich rasch. «Die Zugänge müssen sehr fest angenäht werden», sagt die Anästhesistin durch den Mundschutz gedämpft zur Assistentin, nachdem alle Infusionen gesteckt sind, und zurrt die Schläuche mit schwarzem Zwirn um die Eintrittsstelle fest. Das regelmässige Piepen der Geräte, die Blutdruck und Puls überwachen, ertönt überlaut im stickig-warmen Raum. Der Patient ist jetzt bereit für den Chirurgen.
Licht im Glaskasten
Der Morgen graut schon, als Lea Schnyder sich fünf Minuten hinsetzen kann; «eine verrückte Nacht», sagt die Pflegerin, die auf der Neurochirurgie Dienst hat. Dabei habe sie Nachtschichten eigentlich gern. Nicht nur, weil sie oft nach drei Nächten drei Tage freihat, sondern auch wegen der Atmosphäre. Es ist still im Haus, die Zeit verliert ihre Struktur ohne all die Tagesroutine. Ein bisschen ist man sein eigener Herr. Und meist hat man Zeit, in Ruhe Schreibarbeiten zu erledigen. Nicht in Nächten wie dieser. Kurz vor Mitternacht ein schwerer Fall von Migräne. Da die Ursache auch lebensgefährlicher Hirndruck hätte sein können, war die Frau eingewiesen worden. Sie hat Schmerzmittel bekommen und schläft. Vor einer halben Stunde der zweite Notfall: ein junger, schizophrener Mann mit einer Medikamentenvergiftung. Schnyder hält ein Auge auf ihn.
Der Patient auf der 26 muss alle zwei Stunden neu gelagert werden, auf den Bauch, auf die Seite, auf den Rücken. Der Patient von Zimmer 38 findet keinen Schlaf, er wird am nächsten Morgen operiert. Seit Mitternacht darf er nichts mehr trinken, das fällt ihm schwer. Ob er noch rauchen dürfe, fragt er Schnyder und steht wie ein kleiner Junge im Schlafanzug in der Tür zum Stationszimmer. «Besser nicht», sagt sie, er schlurft zurück ins Bett. Nachts kommen die Dämonen, all die Fragen: Wie geht es weiter? Was ist, wenn . . . ? Nicht wenige zieht es dann zum Stationszimmer. Der hell erleuchtete Glaskasten in der Mitte einer jeden Station strahlt etwas Beruhigendes aus, und wenn man Glück hat, sitzt dort die Hüterin der Nacht bei einem Tee und hat Zeit für ein kleines Gespräch.
Strom ist das Schlimmste
Mit seiner Vespa ist Richard Fakin, Oberarzt für plastische Chirurgie, in wenigen Minuten im Spital. Er hat Pikettdienst. Während er den Operationsmantel und die Handschuhe anzieht, rollen die Pfleger den Stromschlag-Patienten vom Bett auf den Rost mit breiten Gummiriemen, der über der Wanne mit dem warmen Wasser liegt. Fakin greift nach der Brause und spült G ab, bevor er ihn mit bräunlicher Desinfektionsseife einreibt. Dann entfernen er und seine Assistentin alle verbrannten Hautreste. Sie arbeiten mit wortloser Gründlichkeit, schrubben mit Kupferlappen, bis G rosa glänzt, scheren seinen Schädel kahl, hantieren mit Einwegrasierer, Schere und Pinzette, und zuletzt nochmals mit dem Kupferlappen. Die angenähten Infusionsschläuche halten. «Sauber geputzt sieht das noch tiefer aus», sagt Fakin und deutet auf die Eintrittsstelle des Stromschlags im Kopf, einen Krater vom Durchmesser einer Kaffeetasse.
Fast eine Stunde hat die Reinigung gedauert, das sogenannte Debridement, mit dem die Behandlung jedes Strom- und Brandverletzten beginnt. Neben dem Flüssigkeitsverlust und dem Organversagen – vor allem der Nieren, weil sie durch die Verbrennung mit giftigen Zerfallsstoffen belastet werden – sind Infektionen die dritte grosse Gefahr für Brandverletzte: Durch das verbrannte Gewebe dringen Krankheitskeime direkt in den Organismus. G wird zurück aufs Bett gelegt, und Fakin schätzt mit der Neunerregel die verbrannte Körperoberfläche ab: Die Vorderseiten beider Beine entsprechen je 9 Prozent, die Vorderseite des Rumpfes zweimal 9 Prozent, dazu kommen kleinere Verbrennungen an Kopf und Händen, insgesamt etwa 40 Prozent. Die Verbrennungen sind vom Grad 2 b und 3: sie haben die Oberhaut, die Lederhaut und Teile der Unterhaut mit den Nerven zerstört. Fakin erkennt dies daran, dass sich die Haare widerstandslos ausziehen lassen. Es gebe Patienten, die Verbrennungen von 80 Prozent überlebten, sagt Fakin, aber er macht keine Prognosen, fügt nur hinzu: «Strom ist das Schlimmste.»
Radioaktiver Zucker für Bellinzona
Gegen vier Uhr nimmt ein zweiter Mitarbeiter der Radiopharmazie seine Arbeit auf, Syla Patrik. Er geht die Bestellungen durch: 13 Spitäler stehen heute auf der Liste. Das Unispital produziert 60 Prozent des in der Schweiz benötigten radioaktiven Zuckers. Das ist auch ein gutes Geschäft: Eine Dosis kostet 500 Franken. Patrik organisiert die Auslieferung. Als erstes ist Bellinzona an der Reihe, das am weitesten entfernte Spital. Dann folgen Chur, St. Gallen, Winterthur. Zuletzt werden die Substanzen, die am Unispital selber benötigt werden, produziert. Um fünf Uhr werden sie von einem Roboterarm in Ampullen abgefüllt, Portionen à 40 Milliliter. Schon in der Abfüllanlage werden die Ampullen in Bleizylinder mit dem Durchmesser einer Raviolibüchse eingepackt. Kurz vor sechs Uhr meldet sich der erste Kurier an der Warenschleuse, der Fahrer für die Lieferung nach Bellinzona. Er verstaut die mit Blei und Wolfram ummantelte Transportkiste im Kofferraum seines Renault Twingo und montiert eine orangefarbene Plakette. Sie bedeutet Gefahrentransport.
Ein Bub mit vielen Baustellen
Um 7 Uhr 20 bedankt Richard Fakin sich bei der Assistenzärztin und den Pflegerinnen und verlässt die Brandchirurgie. Er wird seinen Bericht schreiben und die Eltern von G anrufen. Derweil übernehmen vier Pflegerinnen den Patienten. «Der hat viele Baustellen, der arme Bub», sagt Bea Gschoederer und greift in den grossen Topf mit wundheilender Crème. Der junge Mann wird damit am ganzen Körper dick eingestrichen, dann rundum verbunden und zuletzt mit einer dehnbaren Gazebinde umwickelt, die über der Brust und am Rücken mit lockeren Stichen zusammengenäht wird. Er sieht jetzt aus wie eine Mumie. Als die Pflegerinnen den Patienten ins Zimmer 4 der Brandverletztenstation rollen, ist es schon längst wieder hell. «Das sind tragische Fälle», sagt eine der Pflegerinnen, die zurückbleibt und mit den leeren Verbandverpackungen einen weiteren Abfallsack füllt. «Immer junge Männer, wir nennen sie auch SBB-Surfer. Und keiner, der bei uns landet, ist der letzte.»
In der Eingangshalle putzt der Hausdienst. In den Stationszimmern findet der Übergaberapport statt, in den Patientenzimmern wird gleich das Frühstück serviert. Im Unispital beginnt ein neuer Tag.