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Der Ursprung dieses Ausflugs ist die vage Vorahnung, dass es im Limmattal etwas zu entdecken gibt, obwohl es auf den ersten Blick nicht aussieht wie eine Tourismusdestination.
Wir treffen unsere kleine Gruppe im Bahnhof Wettingen. Es ist kühl unter dem Hochnebel. In wenigen Minuten sind wir vor der Klosterkirche, wo wir die Glasmalereien im Kreuzgang besichtigen wollen, bevor Kirche und Kreuzgang für das Winterhalbjahr schliessen.
Vor dem Eingang zur Kirche hängt ein Plan des Klosters, in der heute die Kantonsschule untergebracht ist.
Ich stelle kurz das Dorf Wettingen vor, das mit seinen Bevölkerungszahlen die Stadt Baden überholt hat, spreche über Bernard de Clairvaux, der zu einem einfachen und ursprünglichen Klosterleben nach den Regeln des heiligen Benedikt von Nursia zurückkehren wollte und den Intellektuelle Abélard bekämpfte, erwähne Heinrich II von Rapperswil, der bei seiner Rückreise von Palästina in einen Sturm auf dem Meer geriet und Maria um Hilfe anrief. Sein Gebet wurde erhöht, der Sturm legte sich, auf dem Meer erblickte er einen Stern. Zurück in der Heimat erwarb Heinrich den Ort Wettingen und bat das Zisterzienserkloster Salem, Mönche für ein neues Kloster mit dem Namen Meeresstern (Maris Stella) zu schicken, das in einer abgelegenen Schlaufe der Limmat gebaut wurde.
Ich zeige auf dem Plan die verschiedenen Räume des Klosters und verweise auf ihre Funktionen. Ein zentraler Ort ist der Kreuzgang, der nicht nur ein Ort der Stille ist, sondern auch der Ort, wo die Mönche sich waschen, sich rasieren und ihre Haare schneiden lassen, wo sie sich von Pfingsten bis Allerheiligen ihrer täglichen Lektüre widmen und wo sie an kirchlichen Festtagen rituelle Fusswaschungen organisieren.
Weiter erwähne ich, dass das Kloster bald die wichtigen Dörfer im Limmattal besitzt, dass es diese verwaltet wie ein Kleinstaat, dass es Zehnten entgegennimmt und Handel treibt, beispielsweise im Wettingerhaus am Zürcher Limmatquai. Ein Brand 1507 zerstört grosse Teile des Klosters. Es wird wieder aufgebaut, aber im Jahr 1529 schliessen sich Abt und Mönche der Reformation an. Nach dem Sieg der Katholiken in der Schlacht von Kappel 1531 beginnt das Kloster wieder zu funktionieren. Dem tüchtigen Abt Peter Schmid, der das Kloster von 1594 bis 1633 leitet, verdanken wir das prächtige Innere der Kirche.
Das Kloster besitzt eine hausinterne Schule für Theologie und Philosophie und eine Druckerei. Es überlebt die Villmergerkriege und die Helvetik. Es wird aber 1841 geschlossen, als alle Männerklöster des Kantons Aargau aufgehoben werden aufgrund der konfessionellen Spannungen, die schliesslich zum Sonderbundeskrieg von 1847 führen.
Zu den Mönchen, die das Kloster verlassen müssen, gehört 1841 auch der Zisterziensermönch Alberich Zwyssig, Autor der Nationalhymne. Er stirbt im Exil, im Kloster Wettingen-Mehrerau bei Bregenz.
Wir betreten die Kirche und erwarten eigentlich, dass das Gittertor vor dem barocken Lettner geschlossen ist, und dass wir den Bereich, der den Mönchen vorbehalten war, nicht betreten können. Die Überraschung des Tages ist, dass wir durch das offene Gittertor und den Lettner ungehindert in den Chorraum gelangen. Dort staunen wir über den Reichtum der Ausstattung, über das ausserordentlich schöne und sehr gut erhaltene Chorgestühl aus den Jahren 1601-1604, über den Querhausflügel, in dem Peter Schmid in einer Galerie von Statuen die spirituellen und weltlichen Vorfahren des Klosters hat anbringen lassen, und über den Altarraum im Stil des Rokokos aus dem 18. Jahrhundert, der aussieht, als hätten Abt und Mönche ihn gerade erst verlassen.
Zurück im allgemein zugänglichen Teil der Kirche betrachten wir die beiden Sarkophage – im südlichen lag König Albrecht I kurzzeitig nach seiner Ermordung in Königsfelden 1308, im nördlichen Sarkophag wurden die letzten Vertreter der Kyburgerdynastie bestattet.
Im südlichen Querschiff hängt ein riesiges Gemälde, das die pompöse Prozession zeigt, die 1752 anlässlich der Hundertjahrfeier der Überführung der Reliquien von zwei Katakombenheiligen veranstaltet wurde, und links unter der Orgelempore an der Westfassade ein Bild, das den Sturm auf dem Meer, die rettende Maria und den Stern zeigt.
Dann begeben wir uns in den Kreuzgang, der berühmt ist für die bemalten Glasscheiben, die rundherum aufgehängt sind.
Ratsstuben, Zunftstuben und Wirtsstuben schmücken sich im 16. und 17. Jahrhundert mit Wappenscheiben. Die Mode beginnt wohl damit, dass im Rathaussaal von Baden, wo sich die Vertreter der eidgenössischen Orte zur Tagsatzung treffen, ab 1500/01 kunstvoll gestaltete Wappenscheiben aufgehängt werden. Solche Scheiben will bald auch das Kloster, und es erhält sie.
Die meisten Scheiben, die wir sehen, stammen aus der Zeit zwischen den 1520-er und 1620-er Jahren. Es sind Wappen von Kantonen und Städten, aus befreundeten Klöstern, besonders von den von Wettingen abhängigen Frauenklöstern, von verschiedenen Äbten und anderen Klosterverantwortlichen, von Pfarreien, von erfolgreichen Unternehmern (als Beispiel die abgebildete Scheibe von 1569), sogar von ausländischen Gesandten, die sich diesem Brauch anpassen. Der Gesandte des französischen Königs stiftet eine Wappenscheibe, ebenso der Gesandte der Supermacht Spanien unter Philipp II, der mit dem spanischen und portugiesischen Kolonialreich nicht nur die ganze Erde beherrscht, sondern mit dem Herzogtum Mailand auch der südliche Nachbar der Eidgenossen ist.
Neben den Wappen zeigen die Bilder jeweils Figuren, die diese Wappen halten, Bilder von Heiligen, die einen Bezug zu den Stiftern haben, biblische Szenen, Stadtansichten, oft klein, aber sorgfältig gemalt. Einzelne Scheiben sind im Lauf der Zeit durch Hagel oder andere Umstände beschädigt und verändert wieder zusammengesetzt worden. Ich habe ein Buch mitgeschleppt, in dem alle Glasgemälde abgebildet und erklärt sind (Bernhard Anderes, Peter Hoegger: Die Glasgemälde im Kloster Wettingen, 1988).
Da es unter dem Hochnebel kälter ist als erwartet, verzichten wir nach eineinhalb Stunden auf eine eingehendere Betrachtung der Scheiben. Wir gehen zurück zum Bahnhof, fahren mit der S-Bahn nach Baden und finden Platz an einem grossen, runden Tisch eines italienischen Restaurants (La Citadella an der Rathausgasse). Nach dem Mittagessen gehen wir durch die Obere Gasse und weitere Gassen der Altstadt. Es fällt auf, dass jedes Haus einen einprägsamen Namen hat. Der Grund dafür ist wohl, dass die Stadt früh darauf ausgerichtet war, Fremde zu beherbergen. Die Thermalquellen haben jahrhundertelang Gäste angezogen, die hier ihre Leiden kurieren oder in der weltoffenen Stadt das Leben geniessen wollten.
Als die Berner 1415 den Aargau eroberten, schlossen sich die anderen Kantone nach einigen Tagen des Abwartens an. In den letzten Tagen des Feldzugs waren (fast) alle Eidgenossen an der Eroberung von Baden beteiligt, Baden wurde eine gemeine Herrschaft, und einmal im Jahr versammelten sich die Delegierten der Orte, um die Jahresrechnung der gemeinsamen Vogtei zu verabschieden. So kam es, dass die Eidgenossen sich für ihre Tagsatzung meist in Baden trafen.
Unsere Gruppe will an diesem Tag zum Abschluss nicht das Vogteischloss mit seinem sehenswerten historischen Museum besuchen, sondern die Industriellenvilla Langmatt mit ihrer Sammlung französischer Impressionisten und asiatischer Keramiken.
Zuerst gehen wir aber noch ins Bäderviertel mit dem heissen Stein und stehen vor dem zwecks Umbaus kunstvoll verpackten Verenahof, in dem Hermann Hesse jeweils seine rheumatischen und Ischias-Beschwerden kurierte – in seinen 1925 veröffentlichten Aufzeichnungen mit dem Titel Kurgast hat er seine Erfahrungen verarbeitet. Wir werfen auch einen Blick ins Jugendstil-Interieur des Hotels Blume und blicken durch die Scheiben des von Mario Botta erbauten Bades Fortyseven, das nächstens eröffnet werden soll.
47°C, so heiss ist das Thermalwasser, das in Baden aus der Erde quillt.