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«Mi sono innamorato di te» von Luigi Tenco Songs und ihre Geschichten
Luigi Tenco war ein Vorreiter der italienischen Cantautori. Er komponierte und schrieb seine Songs selbst. Als einer der ersten brachte er sozialkritische und antimilitaristische Texte in die italienische Canzone. Mit seiner ausdrucksstarken, mal sanften, mal harten Stimme wurde er von seinem Publikum heiss geliebt.
Von Urs Musfeld
Geboren 1938 in einer Kleinstadt in der Provinz Alessandria zieht Luigi Tenco 1948 mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Genua. Schon als Gymnasiast gründet er zwei Bands. Mit seinen Freunden Gino Paoli und Bruno Lauzi (zwei später ebenfalls berühmten Cantautori) teilt er sein besonderes Interesse an Jazz.
Nach dem Schulabschluss immatrikuliert sich Tenco an der Technischen Fakultät. Aber bald wechselt er zu Politikwissenschaften und tritt in die Kommunistische Partei Italiens (PSI) ein. 1959 unterschreibt er in Mailand seinen ersten Plattenvertrag. Die frühen Aufnahmen erscheinen noch unter Pseudonymen, die Single «Quando» (1960) beispielsweise als Dick Ventuno. Das Lied deutet in seinem melancholischen Streicherarrangement den unverkennbaren Stil des Sängers und Songschreibers an.
1962 veröffentlicht Luigi Tenco sein selbstbetiteltes Debut-Album. Im Song «Cara maestra» werden Autoritätspersonen des Staates und der Kirche kritisch unter die Lupe genommen und der Scheinheiligkeit bezichtigt:
Liebe Lehrerin, eines Tages lehrtest du mich,
Dass wir auf dieser Welt alle gleich sind;
Aber als der Rektor ins Klassenzimmer trat,
Liessest du uns alle aufstehen,
Und als der Schuldiener ins Klassenzimmer trat,
Erlaubtest du uns, sitzen zu bleiben…
Mein lieber Seelsorger, du sagtest, die Kirche
Sei das Haus der Armen, der armen Leute,
Aber du kleidetest deine Kirche mit goldenen Vorhängen und farbigem Marmor aus.
Wie kann jetzt ein Armer, der hereinkommt,
Sich wie zu Hause fühlen?
Das Lied wird von der Zensurbehörde verboten und darf während zwei Jahren von RAI nicht gespielt werden. Zu den Hits des Albums gehören «Una brava ragazza», «Angela» und einer der bekanntesten Titel «Mi sono innamorato di te», der allerdings erst nach seinem Tod zu einem Klassiker wird.
Das Lied erzählt eine Idee von Liebe abseits der märchenhaften Illusionen und Romantik der damaligen Zeit. Es zeigt die ganze Ambivalenz der Gefühle.
Mi sono innamorato di te
Perché non avevo niente da fare
Il giorno volevo qualcuno da incontrare
La notte volevo qualcosa da sognare
Ich habe mich in dich verliebt,
Weil ich nichts zu tun hatte;
Tagsüber wollte ich jemanden zum Treffen haben,
Nachts wollte ich jemanden zum Träumen haben.
Mit wenig Versen erklärt Luigi Tenco, wie Liebe geboren wird. Liebe geschieht:
Mi sono innamorato di te
Perché non potevo più stare solo
Il giorno volevo parlare dei miei sogni
La notte parlare d’amore
Ich habe mich in dich verliebt,
Weil ich nicht mehr allein bleiben konnte;
Tagsüber wollte ich über meine Träume reden,
Nachts über Liebe.
Aber Liebe ist unkontrollierbar, sie ist instabil:
Ed ora che avrei mille cose da fare
Io sento i miei sogni svanire
Ma non so più pensare
A nient’altro che a te
Und jetzt, da ich tausenderlei zu tun hätte,
Fühle ich, wie meine Träume zerrinnen,
Doch ich kann an nichts anderes mehr denken
Als an dich.
Liebe ist voller Widersprüche. Liebe kann uns das Gleichgewicht verlieren lassen:
Mi sono innamorato di te
E adesso non so neppur io cosa fare
Il giorno mi pento d’averti incontrata
La notte ti vengo a cercare
Ich habe mich in dich verliebt,
Und jetzt weiss ich gar nicht, was ich tun soll;
Tagsüber bedaure ich, dich getroffen zu haben,
Nachts suche dich auf.
«Mi sono innamorato di te» wird von zahlreichen Musiker*innen gecovered: von Ornella Vanoni, Antonella Ruggiero über Gianluca Grignani bis zu Tiziano Ferro.
Selbsttötung als Protest
Luigi Tenco ist ein widersprüchlicher Charakter. Er gilt als depressiv, schüchtern, zurückgezogen. «Ich bin jemand, der selten lächelt, das ist wahr, aber es gibt bereits viele, die immer lachen und lächeln, aber dann sagen sie dir nie, was sie denken.» Gleichzeitig ist er sehr gesellig, impulsiv. Seine Liebesaffären sind unbeständig, meistens mit verheirateten Frauen oder Freundinnen von Freunden. Er ist ein grosser Liebhaber von Hunden und Katzen und hat eine Leidenschaft für Waffen.
Nach der Lektüre von «Die Pforten der Wahrnehmung» von Aldous Huxley beginnt er mit bewusstseinsverändernden Drogen zu experimentieren. 1965 wird Luigi Tenco als überzeugter Pazifist zum Militärdienst eingezogen und nach diversen Spitalaufenthalten 1966 aus dem Dienst entlassen.
Mit dem Song «Ciao amore, ciao», der das Schicksal der italienischen Emigranten beklagt, tritt Luigi Tenco im Januar 1967 am Festival von Sanremo auf. Seine damalige Geliebte Dalida singt die zweite Version. Doch sein Lied kommt nicht in das Finale. Der 28-Jährige erschiesst sich im Hotelzimmer und hinterlässt einen Abschiedsbrief. Tenco betont in diesem Brief, keineswegs lebensmüde zu sein und sein Publikum geliebt, aber doch – vergebens geliebt zu haben. Der Akt der Selbsttötung solle als Protest gegen die Jury angesehen werden und bewirken, dass die Entscheidungskriterien überdacht werden.
Tenco wollte das italienische Lied verändern und hoffte, das Publikum würde es verstehen. Fabrizio De Andrè widmete seinem Freund aus frühen gemeinsamen Jahren in Genua das ergreifende Stück «Preghiera in gennaio» (1967) – «Gebet im Januar»: Ein weltliches Gebet, in dem er das Thema von Religion und Tod anspricht. Er bittet, dass sein Freund zusammen mit allen Selbstmörder*innen – entgegen der katholischen Doktrin – im Paradies willkommen geheissen werden.
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Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/