Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/1935

Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.

X. Ostentation

X.7. Unschärfe
Auf dem Gebiet literarischer und visueller (bildlicher) Darstellung wird Unschärfe nicht selten als Verhinderung, als eine absichtlich implementierte Modifikation des Sehens verstanden. So gesehen bildet die Unschärfe ein Hindernis, das der klaren und deutlichen (bildlichen) Darstellung, Formulierung oder Erkenntnis im Wege steht. In jüngerer Zeit erfuhr die Unschärfe aber eine Neubewertung, in deren Zug ihr unter anderem eine epistemologische Valenz zugesprochen wurde. Allgemein lässt Unschärfe deutlich hervortreten, dass etwas deutlich unauffällig ist. Dadurch rückt das Problem der medialen Bedingtheit von Darstellung und Wahrnehmung unmittelbar in den Vordergrund. Indem sie die Aufmerksamkeit auf die allgemeinen Bedingungen der Darstellung lenkt, stellt die Unschärfe nicht zuletzt die mediale Bedingtheit eines Kunstwerks heraus (Ostension). Im Zusammenhang ihrer medialen Funktion kommt der Unschärfe also nicht die Rolle eines Defizits, Fehls oder Mangels der Darstellung zu, sondern sie wird als eine genuine Darstellungsmöglichkeit fassbar.
Das Projekt widmet sich der Unschärfe als einer spezifischen Darstellungsform, als ästhetischer und/oder poetologischer Strategie der intermedialen Beziehung zwischen sprachlichen und visuellen Kunstwerken. Vor allem Erzähltexte des 19. und 20. Jahrhunderts und deren Beziehung zu visuellen Künsten stehen im Zentrum (unter anderem G. Keller, A. Stifter, W.G. Sebald, Don Delillo). Viele dieser Texte diskutieren unscharfe visuelle Objekte im Rahmen von intermedialen Konstellationen, die sich auf Malerei, Fotografie, Film und Schrift bzw. Schreiben beziehen. Insbesondere nimmt das Projekt die mit diesen Medien verbundene Dynamik von Entstellung und Verschiebung in den Blick.
Das übergreifende Interesse des Projekts gilt dem kritischen Potential der unscharfen Darstellung. Es stellt traditionelle Annahmen über den Evidenzcharakter moderner Medien, insbesondere der Bild- und Textmedien, in Frage.
Dissertationsprojekt Florian Nickel
Aspekte der Unschärfe bei Charles Baudelaire und E.T.A Hoffmann
Die Qualifikationsschrift befasst sich mit der Frage, die in Baudelaires kunst- und literaturkritischem Werk auftaucht: À quoi bon la critique? Mit dieser Frage wird der Gedanke einer gesicherten Methode überhaupt bezweifelt, qua derer eine stets sprachgebundene Kritik über Werke der bildenden Kunst verfügen zu können glaubt und über die sie sich ihrem telos annähern könnte. In ihrer Vehemenz wird die Kunstkritik als teleologisch, verfahrenslogisch oder disziplinär abgegrenzte Einheit und ebenso ihre der Tradition entlehnte Verfügungsgewalt über gestaltete Kunstwerke einem ent-staltenden, reflexiven Moment anheimgegeben und letztlich desavouiert.
Diese Selbstbefragung der Kunstkritik kann auf technische und gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen bezogen werden, die sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris konzentrieren und weder Kunst noch Kritik unberührt lassen. Wo Baudelaire über die Bedeutung der bürgerlichen Öffentlichkeit, des Journal-ismus und der Feuilletonkultur schreibt, nimmt er die Veränderung ästhetischer Blick- und Diskursverhältnisse zum Anlass einer Kontextualisierung seines Metiers. Mithin wird bei ihm derjenige kunstkritische Ansatz verdächtig, der sich mit dem Instrumentarium von Begriff und Ideal selbst stillzustellen und das ästhetische Erlebnis auf Distanz zu schaffen sucht.
Eine zentrale Frage der Untersuchung ist deshalb, wie sich die Unschärfe der Ästhetik und eine Ästhetik der Unschärfe im kritischen Werk Baudelaires zueinander verhalten. Denn augenfällig scheint, dass Baudelaire in den gleichen kunstkritischen Schriften, welche der Frage der Kritik nachgehen, auch einer betrachtenden und malerischen Unschärfe – etwa im Zuge seiner Favorisierung Eugène Delacroix‘ – das Wort redet: «Les coloristes dessinent comme la nature; leurs figures sont naturellement délimitées par la lutte harmonieuse des masses colorées.» Allerorten ist dabei die Rede vom Zerbrechen der Linien und Konturen, so dass Maler wie Manet später versucht sein werden, sich hier auf diese Schriften als impressionistische Gründertexte zu berufen.
Dabei soll dem Werk E.T.A. Hoffmanns ein besonderes Augenmerk gelten, der bei Baudelaire stets dort auftaucht, wo (Bild-)Deformierungen oder Metamorphosen im Namen der Imagination auftreten (also auch dort, wo die Grenzen der Künste und der Möglichkeiten ihrer Kommentierung sich auflösen). Hoffmann war als Maler, Musiker und Schriftsteller selbst der Autor von Werken, in denen literarische Erzählung und theoretische Darstellung verschwimmen (Fantasiestücke in Callots Manier, Kreisleriana). Gerade diese Auflösung der Trennlinie von Kunstkritik und künstlerischer Praxis sowie das Spiel mit der vermeintlich klaren Scheidung von bildender Kunst und Literatur (Die Jesuiterkirche in G., Prinzessin Brambilla), letztlich die erhöhte Aufmerksamkeit für verschiedene Fragen der Optik (Der Sandmann, Des Vetters Eckfenster, Meister Floh) werden in Baudelaires Poetologie und Kunstauffassung teils implizit, teils ausdrücklich rezipiert.
Sowohl Baudelaire wie Hoffmann sind als Kritiker und Schriftsteller womöglich im Zusammenhang eines größeren ästhetischen Umbruch zu verorten, der im 19. Jahrhundert seinerseits über die prekären Grenzen von Nationalliteraturen und einer vermeintlich deutschen oder französischen Romantik hinausgeht. Ihrer beider Ästhetik der Unschärfe soll daher vergleichend betrachtet und in ihren Affinitäten sowie Unterschieden beschrieben werden.