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Der Stadt ihren Boden!
Unter dem Pseudonym Emmanuel Kupferblech war er politisch-satirischer Dichter. Als Hans Bernoulli Städteplaner, Architekt und Theoretiker. Das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich widmet sich mit einer neuen Monographie seinem vielseitigen Werk. Neun prägnante Beiträge, die verschiedenste Aspekte seines Schaffens besprechen, zwei Foto-Essays und ein Verzeichnis seines Gesamtwerks füllen den Band. Ein besonderes Augenmerk gilt der politischen Dimension seines Schaffens. Bernoullis Beiträge zur Bodenfrage haben wieder Aktualität und sollten für den aktuellen Diskurs erneut aufgegriffen werden.
Text: Leonie Wagner – 20.3.2019
Wem gehört die Stadt?
Der 1876 in Basel geborene Hans Bernoulli trieb die Sorge nach dem Gemeinwohl in der Stadt um. In seiner Schrift Die Stadt und ihr Boden (1946) kritisierte Bernoulli den städtebaulichen Diskurs seiner Zeit, den er um die bodenrechtlichen Voraussetzungen des Entwerfens ergänzt. In der Wohnungsnot der Nachkriegsjahre beherrschte die Frage, wie der Wohnungsbau besser und billiger werden könne die Architekturwelt. Um das Gemeinwohl zu sichern, muss gemäss Bernoullis Überzeugung das Land der öffentlichen Hand gehören. Obwohl sein Vorschlag – die Stadt solle sukzessiv Land zurückkaufen – wenig radikal war (er plädierte nicht für eine entschädigungslose Enteignung von Grund und Boden), stiess er in der Schweiz mit seinen Ideen auf Widerstand. 1939 verlor er seine Professur an der ETH, da er in Vorlesungen die Vorteile des gemeinschaftlichen Besitzes für die städtebauliche Gesamtplanung betonte. Begründet wurde die Entlassung mit dem Argument, dass er keine Professur für Wirtschaft inne habe. Aber auch als Professor für Wirtschaft hätte Bernoulli als Anhänger der freiwirtschaftlichen Bewegung Probleme bekommen. Wirtschaft wurde wohl damals an der ETH nur zu den Wissenschaften gezählt, wenn sie nicht mit Kritik an Privateigentum einherging. Emmanuel Kupferblech antwortete in der Freiwirtschaftlichen Zeitung mit Dichtung:
«Es war, wenn man es richtig nennt,
zwar primitiv, doch konsequent:
‹Wer unser Ländchen drangsaliert›
So dacht er, ‹der wird fortspediert›.»
Die Schweizer Gartenstadt
Auf dem Cover der neuen Monographie zeigt sich Bernoullis einziges Zürcher Projekt unter strahlend blauem Himmel. Dass sich hinter dem beinahe romantisch anmutenden Buchcover, das eine Reihenhaussiedlung zeigt, eine politische Debatte auftut, vermutet man als Leser zuerst nicht. Besonders im Beitrag von Katia Frey und Eliana Perotti, die über Bernoullis Rolle in der Gartenstadtbewegung schreiben, wird dies deutlich. Als junger Architekt ging Bernoulli nach Berlin, wo er unter anderem für die deutsche Gartenstadtgesellschaft tätig war, die ihn in ein politisches Umfeld brachte. Die DGG, eine gemeinnützige Terraingesellschaft, hatte die englische Gartenstadtbewegung als Vorbild, deren Ziel es war, der Spekulation mit Boden entgegenzuwirken.
Später wurde Bernoulli zur Hauptfigur des Schweizer Gartenstadtbewegung. Die auf dem Buchrücken abgebildete Bernoulli-Siedlung in Zürich (1923–1930) ist sein Beitrag zur Adaptierung des Gartenstadtmodells in der Schweiz. Bernoulli trat in der Siedlung als Bauherr und Architekt zugleich auf. So konnte er die Einflussnahme von Spekulanten verhindern und sicherstellen, dass die Einfamilienhäuser möglichst günstig an die Bewohner übergeben werden konnten. Die Siedlung ist ein Abbild von Bernoullis Ideal einer «durchgrünten Stadt» und seinem Ideal eines Hauses. Im Unterschied zu damaligen Tendenzen lehnte Bernoulli den Wohnblock für Arbeiter und die untere Mittelschicht ab und propagierte stattdessen das Kleinhaus als «demokratischen Bautypus». Zwar sollte der Boden der Allgemeinheit gehören, das Haus aber müsste Privateigentum bleiben. Diese widersprüchliche Allianz von Privatem und Öffentlichen wird in der kleinen Siedlung besonders deutlich. Mit seiner Vision vom Privatheim innerhalb einer geteilten Landschaft überbrückt Bernoulli die Problematik vom Grundeigentum, die auch unsere heutige Stadt dominiert. Trotzdem kann dabei das Heim in seiner Vision als privater Rückzugsort bestehen bleiben. Wie man in den zwei Fotoessays im Band sehen kann, wirkt die eher biedere Einfamilienhaussiedlung in der Stadt aus heutiger Sicht ein wenig autistisch. Doch dies spricht nicht zwangsläufig gegen ihre Architektur, sondern vielleicht eher gegen eine Gesellschaft, in der eine solche Siedlung als Utopie erschien.
Und jetzt?
Die Monographie gibt einen umfassenden Überblick in das facettenreiche Wirken Bernoullis. Die Beiträge widmen sich auch seinem Engagement in der schweizerischen Freiwirtschaftsbewegung, seinen Arbeiten zum Wiederaufbau Warschaus und Wiens bis hin zu seinen Entwürfen für Grabbauten. Der Anspruch des Buches bleibt eine historisch-wissenschaftliche Darlegung seines Schaffens. Einzig die zwei Bild-Essays zeigen Bernoullis Projekte im aktuellen Geschehen.
Beim Lesen überkommt einen die Lust, die sehr konkreten Thesen Bernoullis für die aktuelle Diskussion um Stadtrecht und Gentrifizierung erneut zu diskutieren. Die Folgen von Spekulation um Boden wie Landschaftszerstörung oder Wohnungsknappheit (als Folge von Umwandlungen günstigen Wohnraums in teure Quartiere) sind wieder hoch aktuell. Bernoulli schlug vor, dass Gemeinden kein Land verkaufen sollten, dass sich in ihrem Eigentum befindet und betrachtete das Baurecht als Instrument und nicht als Zwang des Städtebaus.
In der Schweiz werden diese Fragen mit der «Bodeninitiative Basel» oder der jüngsten Initiative «Zersiedlung Stoppen» diskutiert. Gesprächsbedarf gäbe es reichlich und trotzdem fragen sich derzeit nur wenige Architekten, wie man Städte konkret dazu bringen könnte, ihr Land also öffentliches Gut statt zum höchsten Preis an Private zu verkaufen. Die Monographie lädt dazu sein, sich von Bernoulli inspirieren zulassen, der als Architekt vor allem als Gesellschaftsbeauftragter und weniger als Vertreter privater Sonderinteressen handelte.
Das Buch Städtebau als politische Kultur. Der Architekt und Theoretiker Hans Bernoulli wurde von Sylvia Claus und Lukas Zurfluh herausgegeben und ist im gta Verlag erschienen.
> HHF Architects präsentieren auf der 16. Architekturbiennale von Venedig ihr Umnutzungs- und Erweiterungskonzept für ein Basler Parkhaus. Der Luxemburger Beitrag insgesamt stellte die aktuellen Praktiken mit Boden in Frage.