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Gewisse Begriffe werden bis zur Unkenntlichkeit verschandelt, bis man sie nicht mehr einsetzen kann. Das gilt auch für «neoliberal».
Worte sind wie Kleider. Sie können neu sein oder abgegriffen, bunt oder grau, sauber oder schmutzig. Aber ein Kleidungsstück kriegt man in der Regel mit Waschmittel, in der chemischen Reinigung oder durch Bleichen wieder sauber. Worte dagegen bleiben für immer verschmutzt. Seit Joseph Goebbels lässt sich das Wort «Propaganda», einst sogar für Werbung gebräuchlich, nicht mehr positiv verwenden. Auch der Vorname Adolf ist seit dem Zweiten Weltkrieg verständlicherweise nicht sehr beliebt: Gerade einmal drei Jungen wurden seit 1990 in der Schweiz auf diesen Vornamen getauft, verrät das Bundesamt für Statistik. Ähnlich schlimm steht es um den «Neoliberalen». Für ungezügelte Gier auf den Finanzmärkten wird er verantwortlich gemacht, für Lohnexzesse, Ausbeutung und Rohstoffraub. Dabei meint der Begriff, der heute ein Schimpfwort ist, eigentlich Gutes, sogar das Gegenteil dessen, wie er heute verstanden wird.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 vernichtete ein Drittel der US-amerikanischen Vermögen und stürzte die Wirtschaft in eine tiefe Depression. Die Schuld an deren Ausbruch sahen führende Ökonomen jener Zeit im libertären Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Entgegen der landläufigen Meinung setzten sich diese Neu-Liberalen, die sich erstmals 1938 in Paris formierten, für eine Kontrolle der Wirtschaft durch den Staat ein. Ohne den Marktmechanismus auszuhebeln, sollte der Staat für faire Marktbedingungen sorgen und durchs Raster gefallene Menschen stützen. Es war die Geburtsstunde der sozialen Marktwirtschaft. Schuld daran, dass der Begriff über die Jahre in sein Gegenteil gekehrt wurde, sind zum einen die finanzmarktpolitischen Liberalisierungen der 1970er-Jahre, die den Aufstieg der Finanz-industrie einleiteten, zum anderen die beiden Politiker Margaret Thatcher und Ronald Reagan, die ausgerechnet unter dem Banner des Neoliberalismus den Sozialstaat abbauten.
Ähnlich wie der Vorname Adolf durch Hitler verschmutzt wurde, haben Thatcher und Reagan den Neoliberalen in ein markthöriges Monstrum verwandelt. Er täte gut daran, sich umzubenennen. Marktsozialist geht allerdings nicht, und daran sind einmal mehr Politiker schuld: Stalin, Honecker und Castro.