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Dr. rer oec., Ökonom, Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern
Themenbereich: Wirtschaftspolitik, Verhaltensökonomie, Finanzmärkte
Der Griff zur verbotenen Spritze ist für den Einzelnen rational und für das Kollektiv verheerend. Warum Spitzensportler Opfer des Systems sind.
Als mich kürzlich ein ehemaliger Studienkollege fragte, ob im Fussball meiner Meinung nach gedopt werde, antwortete ich mit einem überzeugten Ja. Er erwiderte empört: «Hast du Beweise?». Meine Antwort war eine Gegenfrage: «Glaubst du, dass Fussballer essen?». Als er bejahte, fragte ich ihn ebenfalls nach Beweisen.
Natürlich hatte er keine Beweise, schliesslich hat er noch nie einem Profifussballer bei der Nahrungsaufnahme zugesehen. Braucht er auch nicht, gesunder Menschenverstand reicht. Fast dasselbe gilt für meine Antwort auf seine Frage, ob im Fussball gedopt wird. Gesunder ökonomischer Sachverstand reicht.
Aber der Reihe nach
Sportliche Leistung wird (fast) immer relativ beurteilt. Gut ist ein Tennisspieler, Fussballer oder Radfahrer dann, wenn er besser ist als die anderen. Eine absolute Beurteilung ist entweder irrelevant oder unmöglich. Der Sport lebt vom Vergleich.
Nehmen wir zur Veranschaulichung zwei als gleich stark eingestufte Topfavoriten, die sich auf die Rad-Weltmeisterschaft vorbereiten. Beide haben Zugang zu leistungssteigernden Dopingmitteln. Wenn entweder beide dopen oder beide nicht dopen, sind die Siegchancen je 50%. Wenn nur einer mit unerlaubten Substanzen nachhilft und der andere nicht, gewinnt der Doper mit grösster Wahrscheinlichkeit (nehmen wir der Einfachheit halber an, dass ihm der Sieg in diesem Falle sicher ist).
Doping ist jedoch nicht kostenlos zu haben. Es geht nicht nur ins Geld, es kann auch an die Gesundheit gehen. Beide Radstars haben zwei Möglichkeiten, «dopen» oder «nicht dopen». Die Weltmeisterschaftsvorbereitung kann daher anhand folgender Spielmatrix dargestellt werden:
Beide Radfahrer müssen sich unabhängig voneinander für eine der beiden Strategien entscheiden. Radprofi A muss bei seiner Entscheidung zwei Fälle auseinanderhalten:
- Der andere (Radfahrer B) dopt: In diesem Falle erreicht er mit Doping immerhin eine 50%ige Wahrscheinlichkeit, Weltmeister zu werden und damit neben dem Heldenstatus auch zahlreiche lukrative Sponsorenverträge zu erlangen. Wenn er sich auf Vitaminriegel beschränkt, ist er gegen den gedopten Konkurrenten chancenlos.
- Der andere (Radfahrer B) dopt nicht: In diesem Fall hat er auch ohne Doping eine 50%ige Siegchance. Wenn er jedoch die Kosten für das Doping zu tragen bereit ist, hat er den lukrativen Weltmeistertitel auf sicher.
Wie soll man sich in diesem Spiel verhalten? Wenn man (realistischerweise) davon ausgeht, dass die Kosten des Dopings im Vergleich zu den Gewinnen eines Weltmeistertitels gering sind, dann ist Doping unabhängig von der Entscheidung des anderen die beste Strategie. Doping ist eine dominante Strategie. Voraussetzung dafür ist, dass die Dopingpraktiken nicht (oder erst ab gewissen Mengen) nachweisbar sind. Von diesen Substanzen und Methoden gibt es zuhauf.
Im Ergebnis greifen beide Sportler auf die Pharmazie zurück und befinden sich damit in einem Gefangenendilemma. Es ist ein Dilemma, weil die Siegchancen unverändert je 50% wären, wenn beide nicht dopen würden. Dabei wären beide glücklicher, weil sie die finanziellen und gesundheitlichen Kosten der pharmazeutischen Unterstützung nicht tragen müssten. Auch das Katz-und-Maus-Spiel mit den Dopingfahndern würde wegfallen. Gefangen sind sie deshalb, weil keiner einen Anreiz hat, von der Dopingstrategie abzuweichen. Er würde sofort die Chance auf den Weltmeistertitel verlieren.
Warum ist Doping verboten?
Doping als unfair zu bezeichnen ist ein emotionaler Schnellschuss. Was ist daran unfair, wenn alle dopen dürfen? Ziel ist es, die Athleten aus dem Gefangenendilemma befreien. Dies gelingt aber nur, wenn die Aufdeckungswahrscheinlichkeit unerlaubter Dopingpraktiken sowie die entsprechenden Strafen ausreichend hoch sind. Auf obige Spielmatrix übertragen heisst das: Die Strategie «Dopen» verliert drastisch an Attraktivität, weil sie sofort zu einem positiven Test und folglich zu Sperre, Busse oder sogar Gefängnis führt.
Damit ist auch die Frage beantwortet, wer in erster Linie davon profitieren würde, wenn sämtliche unerlaubten Substanzen wirksam nachgewiesen werden könnten. Paradoxerweise sind dies weder Fans noch Funktionäre und Verbände, sondern die Sportler selber! Man hätte als Sportler kein Interesse mehr an Doping und wüsste, dass es der Konkurrenz gleich geht. Das Gefangenendilemma wäre überwunden.
Solange Dopingsubstanzen nicht wirksam nachgewiesen werden können, schlägt das Gefangenendilemma in jeder Sportart zu, wo Doping die Leistung steigert und gleichzeitig hohe Preisgelder, Ruhm und Ehre zu holen sind. Das ist, was der ökonomische Sachverstand zur Ausgangsfrage nach Doping im Fussball zu sagen hat.
Iconomix bietet einen Lehr-Baustein zum Gefangenendilemma an, bei dem die Lernenden in die Rolle der «Gefangenen» versetzt werden. Die Lernenden erleben hautnah, wie individuell vernünftige Entscheidungen zu einer kollektiv unerwünschten Folge führen. Der Baustein fördert das Verständnis von Phänomenen wie Aufrüstungsspiralen, Kartellabsprachen, exzessiver Werbung – und natürlich Doping.
Lesen Sie auch:
Zum Thema:
- The Economist. Doping in sport. Athlete’s dilemma. (20.07.2013)
- SRF Sportpanorama. Rad: Interview Dopingexperte. (20.07.2008 – Dauer: 2:39)
- Frank Daumann. Die Ökonomie des Dopings. Erich Schmidt Verlag. (2013)
David Staubli,
Ökonom, MSc der Universität Basel, Doktorand und Lehrassistent an der Universität Lausanne
Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.
Dr. rer oec., Ökonom, Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern