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Rambazamba
Schon um 7.45 Uhr bin ich im Spital. Auf der Onkologie wird mir der Venflon gelegt, was nicht so einfach ist, da eine dickere Nadel für das Kontrastmittel der Computertomographie nötig ist, die ich vor der Chemo machen lassen muss. Ich bin nervös. Was werden die Resultate zeigen?
Später meint die Fachfrau der Onkologie, dass die Tumormarker noch weiter zurückgegangen sind, auf etwa 150. Was das genau bedeutet, weiss ich nicht, ich werde es beim Gespräch am Montag thematisieren.
Im Bett mir gegenüber wird später eine ältere Dame behandelt. Begleitet wird sie von ihrem Mann, der sie fürsorglich betreut, mit ihr spricht, sie zudeckt, wenn sie kalt hat, ihr Tee reicht, ein Lächeln schenkt.
Jedes Mittel begrüsse ich herzlich, zuerst Atezolizumab, das Medikament der Studie.
Eine andere Frau kommt für ihre Chemo, muss aber wieder heimgehen, da ihre Blutwerte nicht genügend gut sind. Sie wirkt verunsichert.
Warum ist das so? fragt sie.
Das weiss man nicht genau, viele Faktoren können das beeinflussen, erklärt ihr die Fachfrau.
Ich gehe davon aus, dass ihr Körper weiss, dass er die Chemo im Moment nicht braucht oder nicht verkraften kann. Vielleicht ist es ganz einfach ein Zeichen, sich Ruhe zu gönnen, sich zu erholen, was ihr die Fachfrau schliesslich auch rät. Aber mich würde ein solcher Bescheid bestimmt auch verunsichern.
Um 10.30 Haare waschen, Kopfhautkühlung und Taxol. Hallo und danke für deinen effizienten Einsatz. Mir scheint, als ob Taxol in einer hohen Frequenz für mich arbeiten würde. Bekomme restless legs und habe das Gefühl, ich muss dauernd pinkeln, was nicht so angenehm ist.
Das Wetter bietet eine eindrückliche Vorstellung. Dunkelgraue Wolken hängen wie Wattebäuschchen am Himmel, werden von einem starken Wind ostwärts geschoben. Ein intensives Blau kommt zum Vorschein und Sonnenstrahlen wärmen meinen Arm und meine Hände, was sich anfühlt wie Liebkosungen, die nur von kurzer Dauer sind, weil das Grau schlagartig wieder vorherrscht.
Das Zimmer hat ein grosses Fenster gegen Süden. Der obere Teil ist in drei Flügel gegliedert, im mittleren und rechten hat es je ein schmales Fenster, das man öffnen kann. Darunter sind drei querliegende schmale Kippfenster angebracht, ebenfalls zum Öffnen. Eine Sicherheitsmassnahme, wie ich vom Spitalaufenthalt weiss, damit sich niemand aus den oberen Stockwerken in die Tiefe fallen lassen kann. Aber hier gibt es – obwohl wir auf der gynäkologischen Onkologie sind – keinen Grund, sich aus dem Fenster zu stürzen. Zumindest jetzt nicht, denn mir und den anderen Patientinnen geht es zu gut und im Zimmer herrscht ein geschäftiges Treiben in angenehmer Atmosphäre.
Eine Frau kommt mit ihrem Mann und ihrer Enkelin und wird für etwa zwei Stunden an den Tropf gehängt, gekleidet und schmuckbehängt ist sie ein wenig wie eine Rockerbraut. Später taucht eine modebewusste Frau in meinem Alter auf, ich kenne sie von einer früheren Chemo. Eine ältere Dame, die nach ihr eintrifft, erfährt, dass ihre Tumormarker wieder gestiegen ist. Sie weint still in sich hinein, sagt während ihrer Behandlung kein Wort. Ich versuche, ein wenig bei ihr zu sein.
Gegen 15 Uhr trifft eine schlanke, attraktive, äusserst gut gekleidete Frau mit ihrer etwa 17-jährigen Tochter ein. Das Mädchen kommt mir bekannt vor und nach einer Weile wird mir klar, dass sie bei mir im Deutschunterricht war, was sie mir bestätigt. Sie meint, sie hätte mich nicht erkannt, mit der Kühlhaube ist das ja auch kein Wunder.
Ein Kaleidoskop unterschiedlichster Frauen. Es kann alle treffen, alle.
Für einen Moment bin ich mit der modebewussten Frau alleine. Sie klagt über die Unbeholfenheit ihres Mannes. Schon lange kann er sie nicht anfassen, zärtlich sein. Meint vor anderen Leuten, dass sie sich schminke, wie ein Clown und schon bald zum Zirkus gehen könne. Das schmerzt sie, obwohl sie weiss, dass er tief verunsichert ist, auch wegen seiner eigenen gesundheitlichen Situation. Seit einer Prostataoperation vor vier Jahren geht bei ihm gar nichts mehr. Sie will die Sache angehen, offenbar ist er bereit, sich mit ihr bei einer Fachperson beraten zu lassen.
Das dritte Mittel: Carboplatin begrüsse ich wegen dem Trubel im Zimmer erst etwa dreissig Minuten nach dem Start.
Zum Schluss noch die halbstündige Kopfhautkühlung und schliesslich holt mich Peter ab. Ich bin recht müde und liege zu Hause einfach nur rum.