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Bevor Karl Jaspers als philosophischer Denker bekannt wurde, hatte er sich bereits einen Namen als Psychiater gemacht. Nach Abschluss seines Medizin-Studiums (1908) absolvierte er zunächst sein „Praktisches Jahr“ an der Psychiatrischen und der Neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg. Nach der Approbation als Arzt (1909) wurde er als Assistent in die Univ.-Klinik für Psychiatrie aufgenommen, weil seine Dissertation über „Heimweh und Verbrechen“ die Aufmerksamkeit des Klinikvorstandes Prof. Dr. Franz Nissl erregt hatte. Über die sechsjährige Tätigkeit von Jaspers als Universitätsassistent an der Heidelberger Psychiatrischen Univ.-Klinik schreibt Hans Saner in seiner Rowohlt-Monographie über Jaspers: „Jaspersʼ Stellung an der Klinik war ungewöhnlich. Er wurde der Krankheit wegen (Jaspers litt an einer unheilbaren Lungenkrankheit, K. S.) von der Verpflichtung einer regelmässigen Arbeitszeit entbunden. Der Zugang zu allen Besprechungen und Diskussionen blieb offen: zu den gemeinsamen Visiten, Krankenvorstellungen, Beratungen von Gutachten in der Klinik, zu den wissenschaftlichen Abenden mit Nissl und zu den privaten Diskussionen bei Gruhle (einem anderen Assistenten an der Klinik, K. S.), an denen Nissl nicht teilnahm. Er durfte sich die ihn interessierenden Fälle zur Untersuchung selber auswählen, bekam ein Zimmer zur Verfügung, um dort Tests durchführen zu können, wurde Gerichtsgutachter und Arzt für Nerven- und Seelenleiden bei der studentischen Krankenkasse. So hatte er Einblick in alle Aspekte der Psychiatrie, auch in die psychologischen, juristischen, soziologischen und pädagogischen. Diese Freiheit erkaufte er sich mit dem Verzicht auf jegliches Gehalt. Er war Volontärassistent.“ (Hans Saner, Karl Jaspers in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbeck/Hamburg 1970, S. 28).
Jaspers schrieb damals als Psychiater u. a. Artikel zu folgenden Themen: „Die Methoden der Intelligenzprüfung und der Begriff der Demenz“, „Zur Analyse der Trugwahrnehmungen“, „Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie“, „Kausale und ‚verständliche‘ Zusammenhänge zwischen Schicksal und Psychose bei Dementia praecox (Schizophrenie)“, „Über leibhaftige Bewußtheiten (Bewußtheitstäuschungen). Ein psychopathologisches Elementarsymptom“. Im Jahr 1913 publizierte er das Buch Allgemeine Psychopathologie, ein Lehrbuch, das auch heute noch als eines der ersten systematischen wissenschaftstheoretischen Werke in der Psychiatrie gilt. Er hat dieses Buch 1920 und 1923 in erweiterten Auflagen und 1946 in einer völlig neu bearbeiteten Fassung noch einmal herausgegeben. Dieses Werk begründete seinen internationalen Ruf in der Psychiatrie und hatte u. a. zur Folge, dass ihm von der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg sogar die Nachfolge von Klinik-Chef Nissl angeboten wurde. Er musste dieses Angebot aber wegen seiner Krankheit ablehnen. Bis ins hohe Alter erhielt er noch Ehrenmitgliedschaften von Psychiatrischen Gesellschaften verliehen, so etwa 1953 jene der Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater und 1964 die Ehrenmitgliedschaft der Royal Medico-Psychological Association London.
Dass Jaspers sich mit Problemen des Arztseins und methodischen Fragen der Psychiatrie auch noch beschäftigt hat, als er schon längst Professor für Philosophie war und seine philosophischen Hauptwerke schrieb, zeigen gerade die in dem Taschenbuch zusammengestellten Arbeiten. Es handelt sich dabei um Texte, die – mit einer Ausnahme – zwischen 1950 und 1958 geschrieben wurden. Einer davon erschien zum 70. Geburtstag von Jaspersʼ ehemaligem Assistentenkollegen Hans W. Gruhle unter dem Titel „Zur Kritik der Psychoanalyse“ in der Zeitschrift „Der Nervenarzt“, 1950, ein anderer in „Studium Generale“, 1953, 6. Jg., H. 8, unter dem Titel „Arzt und Patient“, ein weiterer entstand anlässlich eines Vortrags über „Die Idee des Arztes“, den Jaspers beim Festakt des Schweizerischen Arzttages am 6. Juni 1953 in Basel hielt, und ein weiterer aus einem Vortrag „Der Arzt im technischen Zeitalter“, gehalten auf der 100. Tagung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte 1958 in Wiesbaden. Sicherlich wurden diese Texte bereits in anderen Sammelbänden von Jaspers abgedruckt, aber es ist für den Jaspers-Interessenten von Vorteil, wenn sie in einem Taschenbuch zusammengefasst sind. So werden seine kritischen Stellungnahmen zur Psychoanalyse und auch seine Vorstellungen vom Ethos des Arztseins leichter überschaubar.
Karl Jaspers: Der Arzt im technischen Zeitalter. Technik und Medizin. Arzt und Patient. Kritik der Psychotherapie. München: Piper 1986.