Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03170.jsonl.gz/445

Von Prädiabetes zum Diabetes? Wer an einem Prädiabetes leidet, hat sein Schicksal oft noch selbst in der Hand. Denn in dieser frühen Phase des Diabetes lässt sich der Blutzuckerspiegel häufig wieder normalisieren. Allerdings wissen viele Menschen nicht, dass sie überhaupt betroffen sind. Und: Ohne deutliche Änderungen des Lebensstils gibt es keine Umkehr.
Klaus Duffner
Die Hauptursachen für die Entstehung des Typ-2-Diabetes sind die Resistenz der Zellen gegenüber dem körpereigenen Insulin sowie eine nachlassende Produktion des Insulins und bestimmter Darmhormone. Als Folge erhöht sich der Blutzuckerspiegel, was wiederum zu Schädigungen der Blutgefässe, einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen inklusive Schlaganfall sowie Schäden an Augen, Nieren und weitere Organen führen kann. Der Körper versucht anfangs, den ständig erhöhten Blutzuckerspiegel durch verstärkte Insulinproduktion in den Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse auszugleichen. Der erhöhte Nüchternglukosespiegel wird in Kombination mit der gestörten Glukosetoleranz als Prädiabetes bezeichnet. Anfangs kann dieser Zustand durch entsprechende Massnahmen häufig wieder rückgängig gemacht werden, da die Betazellen der Bauchspeicheldrüse noch arbeiten. Wird jedoch nicht entgegengesteuert, sind diese Zellen irgendwann erschöpft und ein manifester Diabetes stellt sich ein.
Auf dem Weg zum Diabetes
Erhöhte Blutzuckerwerte, die oberhalb des normalen Bereiches, aber unterhalb der Grenze zur Diagnose von Typ-2-Diabetes liegen, sind ein Zeichen des beginnenden Diabetes. Der Nüchternblutzucker liegt bei Gesunden normalerweise unter 5,6 mmol/l (100 mg/dl). Bei einem Wert zwischen 5,6–6,9 mmol/l (100 und 125 mg/dl) wird von einem Prädiabetes ausgegangen. Werte von mehr als 6,9 mmol/l weisen auf einen manifesten Diabetes hin. In einer im Jahr 2015 veröffentlichten Studie mit scheinbar gesunden älteren Personen (älter als 60 Jahre) wurde festgestellt, dass 8,4 Prozent an einem Typ-2-Diabetes und 64,5 Prozent an einem Prädiabetes leiden, ohne es zu wissen.1 Für die Schweiz wird geschätzt, dass rund 30 Prozent der Diabetes-Typ-2-Betroffenen nicht als solche erkannt sind.2 Dies wird auf (noch) fehlende Symptome, aber auch auf das unsystematische Diabetes-Screening zurückgeführt.
Wie hoch ist die Gefahr, dass sich mit den Jahren aus einem Prädiabetes ein Typ-2-Diabetes entwickelt? In einer Analyse von 103 Studien wollte das unabhängige Cochrane-Zentrum dieser Frage nachgehen.3 Ergebnis: Je nachdem wie der Prädiabetes gemessen respektive definiert wurde, erwies sich das Risiko als vier- bis zehnfach erhöht. Auch gemäss einer weiteren, im Fachmagazin Lancet veröffentlichten Studie müssen pro Jahr fünf bis zehn Prozent der Prädiabetiker damit rechnen, dass aus ihrer Frühform ein manifester Diabetes mellitus wird.4 Die gute Nachricht: Auch der umgekehrte Weg ist möglich. Nachdem sie ihren Lebensstil verändert hatten, sanken bei 33 bis 59 Prozent der Teilnehmer innerhalb der ersten ein bis fünf Jahre die Blutzuckerwerte und damit das Diabetesrisiko wieder auf Normalniveau.3 Diese und viele andere Untersuchungen machen klar, dass bei Prädiabetes das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, zwar erhöht ist, dass es jedoch möglich ist, wieder zu normalen Blutzuckerwerten zurückzukehren.
Schäden auch ohne Symptome möglich
Prädiabetes verursacht keine eindeutigen klinischen Symptome, weshalb die Erkrankung lange unbemerkt bleiben kann. Dennoch können erste klinische Zeichen auftreten. Dazu gehören Gewichtsabnahme, Müdigkeit, abwechselnd Appetitlosigkeit oder Hungerattacken und verstärkter Harndrang. Auch ohne klare Symptome können Menschen mit Prädiabetes bereits Schäden an Augen, Nieren, Blutgefässen und am Herzen entwickeln.4 So kann es zu vermehrter Albuminausscheidung und Veränderungen der Filtrationsrate in den Nieren kommen. Auch erste Nervenschäden, z. B. in Form von sensomotorischen Schwierigkeiten, Erektionsproblemen bei Männern oder Veränderungen an der Retina, sind im Diabetes-Frühstadium möglich.
Weniger Bauch, mehr Bewegung
Vor allem Adipositas und Bewegungsmangel gelten bei Diabetes als die wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren. Dabei scheint das Bauchfett besonders gefährlich zu sein, da es die Freisetzung zahlreicher Botenstoffe (u. a. Insulin) beeinflusst sowie Entzündungen auslöst. Auch falsche Ernährung, Rauchen und Stress begünstigen die Erkrankung. Diabetologen sind sich einig, dass bei Prädiabetes die zentrale Massnahme die Änderung des Lebensstils darstellt. Nachdem im Rahmen der «Finnish Diabetes Prevention Study» und des US-amerikanischen «Diabetes Prevention Program» (DPP) die Teilnehmer ihr Gewicht reduzierten, ihre Ernährung umstellten sowie an Bewegungsprogrammen teilnahmen, hatte sich ihr Diabetesrisiko nach drei Jahren um gut die Hälfte reduziert.4 An der Studie hatten über 3000 Risikopersonen mit Adipositas und gestörter Glukosetoleranz teilgenommen. Jedes verminderte Kilogramm Körpergewicht senkte das Risiko um 16 Prozent. Konkret sollten Prädiabetiker eine Gewichtsreduktion von mehr als sieben Prozent anstreben und wöchentlich 150 Minuten Bewegung mit moderater Intensität einplanen. Sind die Veränderungen des Lebensstils nicht ausreichend, wird für einzelne Fälle eine Behandlung mit Metformin empfohlen.4,5 Es wirkt sich günstig auf den BMI und das Lipidprofil aus.
In einer Studie senkte Metformin bei Menschen mit gestörter Glukosetoleranz das Risiko für einen Typ-2-Diabetes um 45 Prozent,6 allerdings erwies sich das Medikament im US-amerikanischen Diabetes Prevention Program im Vergleich zu Lebensstilinterventionen als weniger wirksam. Vor allem bei Prädiabetikern mit höherem Ausgangs-BMI und höheren Nüchternblutzuckerwerten war der Nutzen von Metformin höher.
Blutzucker-Grenzwerte Typ-2-Diabetes
|Normalzustand||Möglicher Hinweis|
für einen Diabetes
|Diagnose Diabetes|
|Blutzucker nüchtern*||unter 5,6 mmol/l||6,1–7 mmol/l||über 7,0 mmol/l|
| Blutzucker|
zwei Stunden nach Einnahme
von 75 g Glukose
|unter 7,8 mmol/l||7,8 –11 mmol/l||über 11,1 mmol/l|
|HbA1c-Wert**||unter 5,7 %||5,7–6,4 %||über 6,5 %|
**HbA1c = Langzeitblutzuckerwert
Quelle: www.diabetesschweiz.ch
Nationale Präventionsstrategie
Voraussetzung für die rechtzeitige Behandlung eines Prädiabetes ist die Früherkennung. Mit der vor einigen Jahren für die Jahre 2017 bis 2024 ins Leben gerufenen Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD = non-communicable disease) sollen Wege aufgezeigt werden, wie sich Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs erkennen, verhindern, verzögern oder deren Folgen vermindern lassen. In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie der Berner Fachhochschule zur Aufdeckung von Schwachstellen bei der Diabetesfrüherkennung zeigte sich, dass es in der Schweiz durchaus Verbesserungspotenzial gibt.2 So solle die Bevölkerung dazu motiviert werden, ihr Risiko für einen Typ-2-Diabetes anhand eines unverbindlichen Risikofragebogens einzuschätzen. Dabei sollen Alter, Body-Mass-Index (BMI), Taillenumfang, Bluthochdruck und mögliche familiäre Risiken abgefragt werden. Wird ein erhöhtes Risiko festgestellt, werden entsprechende Blutzuckeruntersuchungen empfohlen. Zudem soll in der Bevölkerung, aber auch bei den in die Früherkennung involvierten Berufsgruppen daran erinnert werden, dass sich ein Prädiabetes über längere Zeit ohne Symptome entwickelt.
Frühe Hinweise auf Typ-1-Diabetes
Kann auch der Ausbruch von Typ-1-Diabetes verhindert werden?
Finden sich bei Kleinkindern mehrere körpereigene Antikörper gegen Inselzellproteine des Pankreas, bekommen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Typ-1-Diabetes (T1D). In einer Studie des Helmholtz Zentrums München4 zeigten 280 von 90 632 auf Inselzell-Antikörper gescreente Zwei- bis Fünfjährige (0,31 Prozent) einen noch nicht symptomatischen T1D. Die meisten von ihnen befanden sich noch im glykämischen Normbereich und waren symptomlos. Ein knappes Drittel hatte jedoch in den folgenden drei Jahren mit einer Verschlechterung der Glykämiewerte zu rechnen. Damit sei gezeigt worden, dass ein Screening auf einen präsymptomatischen T1D möglich ist, so Professorin Nanette Schloot vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. In einem nächsten Schritt wollen die Helmholtz-Forscher Kosten und Nutzen des Screenings analysieren. Ziel dieser Untersuchungen ist es letztlich, den klinischen Ausbruch der Krankheit zu verhindern.
Referenzen:
1 Escobar PM, Moser M, Risch L, et al. Impaired glucose metabolism and type 2 diabetes in apparently healthy senior citizens. Swiss Med Weekly. 2015; 145:1–10. https://doi.org/10.4414/smw.2015.14209.
2 https://saez.ch/article/doi/saez.2019.06895.
3 https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012661.pub2/full/de.
4 Adam G. Tabák, et al. Prediabetes: a high-risk state for diabetes development. Lancet. 2012; 379:2279–2290.
5 https://www.medix.ch/wissen/guidelines/stoffwechselkrankheiten/diabetes-mellitus.html.
6 Wülker A: Prädiabetes birgt hohes Risiko für manifeste Zuckerkrankheit Lebensstilmodifikationen als Basis der Diabetesprävention. ARS MEDICI. 2012; 17: 895–897.
7 https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2759473.