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Als Kariem Hussein 2009 im Zürcher Club «Indochine» feiert, kennt er «Weltklasse Zürich» noch nicht. Doch dann kommen Usain Bolt und andere Athleten rein, um nach dem Leichtathletik-Meeting Party zu machen. Hussein schaut seine Kollegen an und sagt: «In drei Jahren gehe ich an die Olympischen Spiele.» Diese verpasst er dann zwar verletzungsbedingt, aber 2014 schlägt im Zürcher Letzigrund seine grosse Stunde: Über 400 Meter Hürden wird er Europameister. Lea Sprunger ist zu dieser Zeit eine etablierte Sprinterin – richtig glücklich wird sie aber auch erst auf der Bahnrunde mit den Hürden. Und wird 2018 in Berlin Europameisterin. Seit vergangener Saison trainieren Hussein, 30, und Sprunger, 29, beide bei Trainer Laurent Meuwly, dem sie diesen Frühling in die Niederlande gefolgt sind. Wir wollten wissen, ob das ein Vorteil ist – und weshalb Qualen Spass machen.
Ihre Disziplin 400 Meter Hürden gilt als eine der härtesten der Leichtathletik, …
Hussein: ... die Härteste!
Was macht sie so hart?
Hussein: Der Kreislauf ist am Ende, die Muskeln sind sauer, alles Blut ist im Kopf, du hast Kopfschmerzen. Das Training ist noch schlimmer als die Rennen. Weil du nicht nur einmal in die Säure läufst, sondern damit noch weiter, während der Wettkampf nach einem Lauf zu Ende ist.
Von aussen ist es hart zu beobachten, wenn der Hammermann zuschlägt. Wie fühlt es sich an, einen Einbruch zu haben?
Hussein: Es ist, wie wenn du beim Velofahren voll treten würdest, bis du nicht mehr kannst – und dann noch zehn Sekunden musst. Oder wenn du Liegestütze gemacht hast, bis du dich nicht mehr halten kannst – und dann machst du noch zehn. Aber es ist schwer zu beschreiben, weil das ja niemand freiwillig macht (lacht).
Gibt es Tage, an denen Sie nicht so leiden können?
Sprunger: Bei mir schon. Es gibt Trainings, bei denen ich danach denke, dass ich mehr hätte geben können. Es ist im Kopf aber schwierig zu akzeptieren, dass man leiden wird. Es ist einfacher zu sagen: Ich gehe 98 Prozent. Dann tut es weniger weh.
Weshalb wählten Sie eine Disziplin, bei der Sie sich so quälen müssen?
Hussein: Es ist ein Sprint, aber nicht wie die 100 Meter, für die du geboren sein musst, damit du der Beste bist. Unsere Disziplin kannst du trainieren, bei den Hürden viel optimieren. Dann ist da die Ästhetik, die trotzdem wie beim Sprint von der Power und der Geschwindigkeit kommt. Und dann der technische Aspekt mit den Hürden.
Sprunger: Ich liebe das Training. Und ich denke, über 400 m Hürden musst du am meisten an die Grenze gehen, aus deiner Komfortzone rausgehen. Und das ist, was am meisten Spass macht. Das klingt komisch, ist aber tatsächlich so.
Wie fühlt sich das an?
Hussein: Es wurde mir schon ein paarmal schwarz vor Augen. Dass ich auf den letzten 100 Metern war und gar nicht mehr richtig sehen, nicht mehr fokussieren konnte, sondern einfach nur intuitiv rannte.
Sprunger: Für mich ist es schwierig, an die Grenze zu gehen. Natürlich bin ich nach dem Training völlig kaputt und brauchte auch schon einen Tag, bis ich meine Beine wieder richtig spürte. Nach Wettkämpfen habe ich Kopfschmerzen und kann nicht schlafen, das ist klar.
Sie sind beide Europameister, nun das zweite Jahr in derselben Trainingsgruppe. Bringt es etwas, zwei Spitzenläufer zu sein, auch wenn Sie die einzelnen Läufe im Training nicht zusammen rennen?
Hussein: Mir sicher. Dass ich mit einer der Weltbesten zusammen trainiere, die voll motiviert ist, das finde ich genial.
Sprunger: Früher war ich die einzige 400-m-Läuferin der Gruppe und wusste, dass mein Training viel härter sein wird als jenes der anderen. Jetzt weiss ich, dass ich nicht allein bin. Das Gefühl: Er hat seinen Lauf schon gemacht, jetzt bin ich dran, das pusht.
Was denken Sie während eines Laufs?
Sprunger: Es passiert nicht zu viel im Kopf. Wenn ich zu viel denke, mache ich alles kaputt. Ich weiss, wenn ich auf die nächste Hürde fokussiert bin: jetzt links, jetzt rechts, jetzt Rhythmus wechseln. Alle 35 Meter steht die nächste Herausforderung.
Hussein: Man muss schon aktiv an die nächste Hürde denken. Von meinen besten Rennen weiss ich aber nichts mehr. Das sind die, in denen du unbewusst läufst.
Passiert es Ihnen, dass Sie im Schlaf über Hürden rennen?
Sprunger: Definitiv. Vor einem Wettkampf brauche ich immer länger, um einzuschlafen. Denn ich laufe das Rennen etwa hundertmal durch. Immer wieder. Ich würde dann gern damit aufhören, damit ich schlafen kann, aber das ist schwierig.
Hussein: Manchmal träume ich von Wettkämpfen. Dann ist es wie immer im Traum: Ich kann einfach nicht schneller rennen.
Wie verbringen Sie die Zeit vor dem Start?
Hussein: Ich gehe immer das durch, was ich mir technisch vornehme. Wir haben 50 Minuten im Callroom. So lange kannst du dich gar nicht aufheizen oder im Tunnel sein. Vielleicht im letzten Moment auf 180 rauffahren. Du kannst Dinge nicht ausblenden. Wenn zum Beispiel im Letzigrund jemand etwas reinschreit, höre ich es immer.
Sprunger: Ich bin ein ruhiger Typ. Im Callroom bin ich fokussiert, denke viel an meinen Rhythmus, da meine grösste Schwäche der Beinwechsel ist.
Hussein: Vielleicht musst du an deine Stärken denken!
Sprunger: Das mache ich auch. Aber ich fokussiere mich sehr auf meinen Rhythmus.
Wie ist der internationale Zusammenhalt in der Disziplin 400 Meter Hürden?
Sprunger: Der Respekt ist da. Wir wissen, was die anderen im Training durchmachen mussten. Aber wir sind keine Familie, wie ich es vom Siebenkampf her kenne. In meiner ersten intensiven internationalen Saison fiel mir auf, dass kaum geredet wird. Das war ich nicht gewohnt. Bei meinem ersten Diamond League Meeting dachte ich: Habe ich etwas falsch gemacht? Nach dem Rennen war es aber cool.
Wie gehen Sie mit Ihrem Körper um: Mit Peitsche oder liebevoll und aufmunternd?
Sprunger: Eher das zweite.
Hussein: Ich auch. Ich brauche ihn ja noch.
Sprunger: Er ist mein Arbeitsgerät. Ohne meine Beine, meine Füsse bin ich nichts. Natürlich muss ich ihm manchmal sagen: ‹Komm noch einmal!› Aber insgesamt bin ich eher lieb und sage: Du machst das gut, komm wir gehen jetzt zur Massage (lacht).
Können Sie auch technisch etwas voneinander abschauen?
(Beide lachen)
Sprunger: Er von mir definitiv nicht. Wir Frauen laufen über so viel tiefere Hürden, dass es schon anders ist. (Anm.: Hussein ist sieben Zentimeter grösser als Sprunger, die Hürden bei den Männern sind 15 cm höher).
Hussein: Aber du kannst natürlich den Laufstil anschauen.
Sprunger: Er lacht, weil meine Technik ganz, ganz schlecht ist.
Hussein: Nein, du hast keine schlechte Technik!
Sprunger: Über die Hürden schon.
Hussein: Aber beim Laufen nicht.
Was bewundern Sie am anderen?
Hussein: Die Überzeugung, die Lea hat. Ich weiss nicht, ob sie die wirklich hat, aber sie strahlt sie zumindest aus. Und ihr Wille.
Sprunger: Für mich ist es sein Selbstvertrauen. Er sagt an jedem Rennen: Ich komme hierher, um zu gewinnen. Das finde ich megastark. Dass man das kann.
Wenn Hussein aber von Ihrer Überzeugung spricht, müssten Sie das auch besitzen?
Sprunger: Langsam habe ich es. Aber vor drei Jahren zum Beispiel ging ich an einen Wettkampf gegen Hejnova. Mir kam der Gedanke gar nicht erst, dass ich sie schlagen könnte. Für mich war es normal, dass ich Zweite bin. (Hussein lacht) Aber ich lerne. Auch von ihm.
Hussein: Wenn ich sie bei der Präsentation sehe, sehe ich genau das: Heute will ich eine persönliche Bestzeit rennen. Und vielleicht gewinnst du nicht immer, es sind acht Leute auf der Bahn. Aber ich finde schon, dass sie das ausstrahlt.
«ohne meine beine, meine füsse bin ich nichts. insgesamt bin ich lieb zu meinem körper» Lea Sprunger
Waren für Ihre Karrieren die EM in Zürich und die damit verbundenen Nachwuchs-Programme auch bedeutend?
Sprunger: Ich habe gemerkt, dass es ein vor Zürich und ein nach Zürich gab. In der Unterstützung ist es schon anders als vorher. Meine ältere Schwester Ellen zum Beispiel wurde bereits unterstützt, aber nicht so wie die Talente heute. Kariem zeigte an der EM auch den Weg. Es war die einzige Medaille für die Schweiz, und sogar Gold, das war riesig für uns! Er hat uns gezeigt, dass es möglich ist, dass wir das können!
«Ich war wütend auf mich, aber wollte die anderen nichts negatives spüren lassen» Kariem Hussein
Hat sich die Selbstwahrnehmung als Schweizer Leichtathlet in den vergangenen Jahren geändert? Früher gab es ein paar einzelne Ausnahmekönner, heute gewinnen sie an der EM Medaillen oder kommen in den WM-Final.
Hussein: Ich glaube, noch nicht. Viele glauben daran, sind motiviert und sehen, dass es möglich ist. Aber in der Breite oder bei den Leuten oder den Leichtathleten selber ist es noch nicht angekommen.
Sprunger: Ich glaube aber, dass das langsam kommt. Man sieht, dass die Jungen bereits mehr Selbstvertrauen haben und gewinnen wollen. Der Sommer 2019 war gigantisch vom Nachwuchs mit den vielen Medaillen. Aber es braucht Zeit und weiterhin gute Leistungen von uns. Dass wir zeigen, dass wir es können.
Hussein: Es ist eher das Problem von denen, die mit Leichtathletik zu tun haben.
Dass das leistungsorientierte Umfeld fehlt?
Hussein: Vielleicht das Kompromisslose. Dass es nur um das geht.
Sprunger: In der Schweiz haben wir schon Angst, alles auf die Leichtathletik zu setzen. Es ist nicht in unserer Kultur verankert.
Hussein: Ich glaube, es ist nicht mal deswegen. Du kannst ja trotzdem der Beste werden. Ich spürte es beim Trainerwechsel. Im Fussball wechselt jeder zu einem anderen Team, und es ist ganz normal. Aber bei uns gibt es immer diese Diskussionen. Ich habe es mit meinem alten Trainer Flavio super. Aber ich spürte: Nicht alle verstehen, dass nicht etwas schlecht war, sondern man einfach weiterkommen möchte.
Wie reagieren Sie nach einem misslungenen Rennen?
Hussein: Wenn ich weiss, dass ich alles gegeben habe, bin ich glücklich. Wenn ich aber weiss, dass ich hätte gewinnen können, rege ich mich auf. Ich versuche es nicht an anderen auszulassen. Ich arbeite gern mit positiven Leuten, habe gern positive Energie. Als ich 2017 an der WM war und den Final versaut habe, ging ich am nächsten Tag heim und war in der Physio, als Lea reinkam. Sie hatte an diesem Abend den Final. Da bin ich rausgelaufen. Ich war wütend auf mich und leer, aber will die anderen nichts Negatives spüren lassen. Deswegen ziehe ich mich dann zurück.
Sprunger: Ich behalte sehr viel für mich. Ich brauche dann Zeit für mich allein im Zimmer, so dass ich mir Gedanken darüber machen kann, was passiert ist, wieso es nicht geklappt hat. Dann ist es wieder gut.
Können Sie aus Ihrem gut trainierten Körper Energie ziehen, wenn es dem Kopf vielleicht nicht so gut geht?
Sprunger: Definitiv.
Hussein: Hundertprozentig.
Sprunger: Unser Körper ist unser Arbeitsgerät, das wissen wir. Wenn du dich am Morgen vor einem Wettkampf im Spiegel anschaust und siehst, dass du fit bist, dass die Waage genau dein richtiges Wettkampfgewicht anzeigt, dann bist du einfach in Ordnung. Dein Selbstvertrauen ist top. Das beeinflusst sehr viel. Unser Ziel ist es, das definierteste Sixpack zu haben.
Hussein: Der Körper ist unser Kapital. Du siehst, was du dir erarbeitest hast. Und dann schliesst du daraus: Ich sehe stärker aus, also bin ich auch stärker. Dazu kommt das Wettkampfdress: Ob es toll ist oder nicht. Das macht auch ein Prozent aus.
Sprunger: Viele fragen mich, weshalb wir uns an einem Wettkampf schminken. Normalerweise bist du im Sport ja ungeschminkt. Dann sage ich: es ist mein Job. Wenn du ins Büro gehst, schminkst du dich auch. Zudem ist es fast der einzige Weg, uns etwas hervorzuheben.
Wie ist es umgekehrt? Wenns einem selbst super geht, dem Körper aber nicht? Zieht einen das runter?
Sprunger: Ich hatte nicht sehr viele Verletzungen, deshalb bin ich in diesem Bereich nicht so erfahren. Wenn ich schon nur eine Woche pausieren oder alternativ trainieren muss, bin ich im Loch und habe das Gefühl, dass die ganze Saison kaputt ist. Mental bin ich extrem negativ. Ich weiss, dass ich viel Vertrauen in den Trainer haben muss.
Hussein: Das eine beeinflusst das andere sicher. Der Sport ist für uns ja nicht nur Passion, sondern auch Beruf. Wenn ich verletzt bin, wirkt sich das auf mich aus. Aber ich nehme es an und sofern ich einen Plan habe, wie ich wieder rauskomme, bin ich sofort wieder motiviert.