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access_time veröffentlicht 25.05.2022
Bilanz eines Lebens
Edy Riesen, Ehemaliger Redaktor Primary and Hospital Care, pensionierter Hausarzt
Miniaturen vom Landarzt
Bilanz eines Lebens
25.05.2022
Zu schlecht zum Leben, zu gut zum Sterben.
An Frau S. musste die Hausärztin Frau Dr. A. immer wieder denken. Sie war keine angenehme Patientin, aber wenn man sich ihr Leben vorzustellen versuchte, reichte schon nur eine Ahnung davon, um nachsichtig mit ihr umzugehen. Frau S. kam vor vielen Jahren über die Grenze von irgendwo aus dem Osten und erhielt Arbeit in einer Dorfbeiz. Das war öde und schlecht bezahlt und so hielt sie sich gegen Entgelt einige Liebhaber, was sie schnell zur Geächteten und gleichzeitig zur Begehrten machte. Sie war nicht schön, aber das Fremde zog die Männer an und verunsicherte die Frauen. So zog sie von Dorf zu Dorf, bis ein Bauer sie heiratete. Sie rauchte und trank ein Leben lang und jetzt, als Witwe mit kleiner Rente, litt sie an chronischer Bronchitis, Diabetes, hohem Blutdruck und Arthrosen. Zu schlecht zum Leben, zu gut zum Sterben und nicht einmal Letzteres wollte die alte Frau. Sie war ausrangiert, wie ein alter Güterwagen auf einem Abstellgleis und das Ende war nicht abzusehen. Im Sprechzimmer blieb jeweils ein säuerlicher Geruch hängen, wie die Bilanz eines harten, lieblosen und unerfüllten Lebens.
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