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Alles Beobachten (Erkennen und Handeln) ist paradox fundiert, da es auf Unterscheidungen angewiesen ist, die es operativ einsetzen, aber nicht als Einheit reflektieren kann. Wenn eine solche Reflexion versucht wird, wird sie mit einem Paradox bestraft: Das Unterschiedene ist Dasselbe. Und dies gilt, um es nochmal zu wiederholen, für Erkennen und für Handeln und für Beobachten erster wie für Beobachten zweiter Ordnung.
Die europäische Tradition des rationalen Erkennens und Handelns hatte nach letzten Gründen, nach Prinzipien, nach unbestreitbaren Maximen gefragt. Würde man sie fortsetzen, müsste man eine Selbstbeschreibung der Gesellschaft abliefern mit der Erklärung: dies sei die richtige. Man müsste Autorität in Anspruch nehmen, und sei es nur die Unterstellung, man könne weiterer Gründe anführen und solange argumentieren, bis ein jeder überzeugt sei. Aber wenn eine solche Rezension beobachtet (und das heißt immer: in der Gesellschaft beobachtet) wird, ist sie schon nicht mehr das, was sie zu sein meinte. Sie hatte im Bereich ihres Beobachtens unterschieden und bezeichnet; aber nun wird sie selber unterschieden und bezeichnet.
Boe: die Umschrift von "Tradition des rationalen Erkennens und Handelns - Suche nach letzten Gründen, nach Prinzipien, nach unbestreitbaren Maximen" auf "zugrundeliegende Paradoxien:
Die Welt, die Gesellschaft ist als Bedingung der Möglichkeit des Unterscheidens für die Beobachter dieselbe - und nicht dieselbe insofern, als sie je nach der Unterscheidung, von der man ausgeht, anders gespalten und daher in anderer Weise zum Paradox wird.
Wenn man Selbstbeschreibung der Gesellschaft als eine ihrerseits in der Gesellschaft beobachtbare und beschreibbare Operation auffasst, kommt man nicht umhin, alles Beobachten und Beschreiben als Verdecken und Entfalten des Einheitsparadoxes aufzufassen; und dann versteht es sich von selbst, dass dies auf verschiedene Weisen geschehen kann.
In der heutigen Wissenschaftslandschaft liegt es nahe, diese paradoxe Ausgangslage als Einheit von Konstruktivismus und Dekonstruktivismus zu formulieren. Das schließt ein, dass die Konstruktionen der Soziologie ihre eigene Dekonstruierbarkeit mitreflektieren müssen. Wie immer das dann verstanden wird - sei es im Sinne der Psychiatrie auf Spannung von berichtenden und anweisenden Komponenten der Kommunikation, sei es im Sinne der semiotischen Texttheorie als Spannung von konstatativen und performativen Textkomponenten -, die Soziologie wird in allen Texten, die sie produziert, nicht nur Falsifizierbarkeit, sondern auch Dekonstruierbarkeit aller Identitäten und Unterscheidungen im Auge behalten müssen.
Darin, dass sie sich überhaupt äußert, liegt schon eine Information über die Art und Weise, in der sie ihr Sich-sichtbar-machen versteht - als Belehrung oder als Kritik, als Disposition über Wahrheiten, die von anderen hinzunehmen sind, oder als sinngebende Instanz. Darin, dass sie überhaupt kommuniziert und, anders als der Autor einer Erzählung, sich nicht als Autor verstecken kann, liegt schon das Paradox einer Dekonstruktion der Behauptungen durch die bloße Operation ihrer Mitteilung. Eine Möglichkeit, auf diese Herausforderung angemessen zu reagieren, ist die bereits genannte, nämlich die theoretischen Strukturen so klar wie möglich darzustellen, sodass die weiterlaufende Kommunikation wenigstens feststellen kann, was zur Beobachtung und zur Annahme bzw. Ablehnung vorgelegt wird.
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Damit ist etwas über die Selbstbeschreibung zugängliche Form der Selbstbeschreibung ausgemacht, aber noch nichts über bestimmte Unterscheidungen, also noch nichts über bestimmte Theorien. Jeder Schritt darüber hinaus kann nur als kontingente (was keineswegs heißt: beliebige Wahl einer Form, einer Unterscheidung, einer Kontextur vollzogen werden.
Wir gehen davon aus, dass alle Kommunikation im Medium Sinn operieren muss.
Das heißt, extrem verkürzt gesagt, dass jede Operation, wenn beobachtet, als Selektion aus einer Vielzahl von Möglichkeiten erscheint und dass die Zirkularität der auf sich selbst zurückgreifenden Sinneszusammenhänge unterbrochen werden muss, um die Asymmetrie einer Sequenz von Kommunikationen zu ermöglichen.
Dies geschieht in drei Sinndimensionen, die durch jeweils eine dimensionsspezifische Unterscheidung konstruiert werden.
In der Sachdimension (traditional repräsentiert in der Kategorienlehre) gibt es das "innen" im Unterschied zum "außen" der Form. Die systemtheoretischen Fassung spricht von System und Umwelt.
In der Zeitdimension (traditional repräsentiert durch den Begriff der Bewegung) geht es um die Unterscheidung von vorher und nachher; heute die Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft.
In der Sozialdimension schließlich (traditional repräsentiert durch die Lehre von animal sociale) geht es um die Unterscheidung von Ego und Alter, wobei wir als Ego den bezeichnen, der eine Kommunikation versteht, und als Alter gehen, den die Mitteilung zugerechnet wird.
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So wie die Sinndimensionen einander wechselseitig voraussetzen und jede von ihnen zum Ausgangspunkt für die Beobachtung der anderen genommen werden kann, so sind auch Kommunikationstheorie, Evolutionstheorie und Differenzierungstheorie jeweils verschiedene Einstiegstore für die Darstellung der Gesamttheorie.
Soziale Systeme entstehen dadurch, dass Kommunikation in Gang kommt und sich autopoietisch aus sich selbst aufbaut. Zu Evolution kommt es dadurch, dass die Differenz zwischen System und Umwelt durch strukturelle Kupplungen überbrückt wird. Keine dieser Theorien kann auf die Mitwirkung der anderen verzichten.
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Die soziologische Analyse bestätigt, dass eine hinreichend komplexe Selbstbeschreibung der Gesellschaft sich in der sachlichen, in der zeitlichen und in der sozialen Sinndimension artikulieren muss.
Zugleich beobachtet sie aber auch, welchen einschränkenden Erfordernissen der Rechnung getragen wird, wenn die Dimensionen zu Selbstbeschreibungs-formen kondensiert werden; und insofern verhält sich die soziologische Theorie dann „kritisch“, wenn sie ihre eigene Analytik auf diese Kondensate ansetzt. Sie wird feststellen, dass und wie die einzelnen Sinndimensionen bereits besetzt und daher zu einer „Wiederbeschreibung „der Selbstbeschreibung des Gesellschaftssystems ansetzen müssen.
Sie entdeckt in der Sachdimension, in der Differenzierungstheorie, das Problem der Selektion von Systemreferenzen. Sie nimmt nicht nur hin, dass es viele verschiedene Systeme gleichzeitig gibt, sondern sieht sich selbst als Beobachter zweiter Ordnung genötigt, zu entscheiden, von welchem System aus sie anderes als Umwelt sieht.
In der Zeitdimension beobachtet sie, dass die Selbstbeschreibungen der Gesellschaft Zeit als historischen Prozess auffassen, und dies auch dann, wenn von Evolution gesprochen wird. Mit dem Prozessbegriff wird aber Kontinuität betont und nicht Diskontinuität, weil anders die Identität und Unterscheidbarkeit eines spezifischen Prozesses nicht feststellbar wäre. Ereignisse erscheinen dann an sekundärer Stelle als Zäsuren, als Unterbrechungen, als Innovationen oder auch als notwendige, richtungstrebende Anstöße.
Geht man dagegen umgekehrt mit der Theorie der Autopoiesis von Ereignissen oder Operationen aus, wird Diskontinuität die grundlegende Annahme, wird ständiger Zerfall der Normalfall, gegen den sich dann Prozesse konstituieren können, wenn das jeweilige Ereignis genügend Möglichkeitsüberschüsse (= Sinn) bereithält, damit Passendes zur Prozessbildung ausgewählt werden kann.
1140 In der Sozialdimension schließlich wird jede Selbstbeschreibung die Bindemittel betonen (sei es Moral, sei es Vernunft, seien es Werte, sei es Verständigung oder wünschenswerter Konsens), während die soziologische Analytik davon ausgeht, dass jede Kommunikation die Ja/Nein-Bifurkation eröffnet, weil ohne sie die Autopoiesis nicht fortgesetzt werden könnte, und erst von da aus Präferenzen erklärt werden können, die auf eine Steigerung der Akzeptanzwahrscheinlichkeit abzielen.
Boe: Wiederbeschreibung der Beschreibung - vgl. Stefan Weber Nicht-dualistische Mediebtheorie
Eine solche Wiederbeschreibung der Beschreibung führt weder zu einer positiven noch zu einer negativen Charakterisierung der Gesellschaft. Sie formuliert die Identität des Systems nicht als Wert und schon gar nicht als Norm, nach der man die Gesellschaft oder das Verhalten in ihr beurteilen könnte. Sie lässt es nicht zu, zwischen progressiven und konservativen Einstellungen zu wählen. All das würde einen externen Beobachter voraussetzen, nachdem man sich richten kann, oder eine interne Position für einzig-richtiges Beobachten, dass den anderen nur noch mitzuteilen hätte, was von ihr aus zu sehen ist.
Solche Annahmen ersetzen wir durch die These, dass die Gesellschaft sind schlechthin konstituiert dadurch, dass sie sich im Mediums Sinn als Form produziert und reproduziert. Und alle Kriterien für gut oder schlecht, wahr oder unwahr, rational oder irrational, funktional oder dysfunktional müssen in der Gesellschaft der Kommunikation erzeugt werden, und das heißt: in einer Weise, die beobachtet werden kann und die Möglichkeiten des Annehmens oder Ablehnens eröffnet.
Das bedeutet auch, dass die Form der Selbstbeschreibung sich ändern muss. Diese Veränderung hat eine ähnliche Radikalität wie der Übergang zu funktionaler Differenzierung, die auf die Gleichheit der ungleichen Systeme hinausläuft und gesellschaftlicher Ordnungsvorgaben in weitestem Umfang zurücknimmt; eine ähnliche Radikalität auch wie der evolutionäre Kollaps der Differenzierung von Stabilisierung und Variation mit der Folge, dass ein nicht- stationäres Gesellschaftssystem entsteht.
Im Kontext der Selbstbeschreibung des Gesellschaftssystems scheint eine gleichermaßen radikale Veränderung anzulaufen. Sie liegt im Übergang von einer Beobachtung erster Ordnung zu einer Beobachtung zweiter Ordnung.
Nach wie vor muss, wenn überhaupt von Selbstbeschreibung die Rede sein soll, das "Selbst" der Selbstbeschreibung identifizierbar sein; und das heißt immer auch unterscheidbar bleiben. Auch wenn es eine Mehrzahl von Selbstbeschreibungen der Gesellschaft in der Gesellschaft gibt, gibt es deshalb noch nicht mehrere Gesellschaften (so als ob jeder Beobachter ein anderes Objekt beobachtete). Aus diesem Grund kann bei polykontexturalen Beschreibungen die Einheiten nur in der Form der Beobachtung zweiter Ordnung zum Ausdruck kommen - eben dadurch, dass jeder Beschreiber in seiner Beschreibung einbezieht, das andere Beschreiber anders beschreiben.
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... die stationären Gesellschaften der alten Welt hatten sich als Objekte beschrieben, etwa mit Begriffen wie Sein, Wesen, Natur, Gattung. In diesem strukturellen und semantischen Rahmen waren Möglichkeiten der Evolution nicht ausgeschlossen; aber deren Beobachtung und Beschreibung konnte an der Oberfläche bleiben und mit dem anschaulichen Begriff der Bewegung arbeiten, der als Begriff etwas Festes voraussetzt wie der Fluss die Ufer.
Die moderne Gesellschaft beobachtet sich als Beobachter, beschreibt sich als Beschreiber; und erst das ist in einem logisch strengen Sinne Selbstbeobachtung beziehungsweise Selbstbeschreibung. Nun erst ist das „Selbst“ der Beobachtung der Beobachter, das „Selbst“ der Beschreibung der Beschreiber selbst.
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Wenn man postmodernes Beschreiben als Operieren in Bereichen selbsterzeugter Unbestimmtheit begreift, sieht man sofort Parallelen zu anderen Wissenschaftstrends, die sich als Mathematik, Kybernetik, Systemtheorie mit den Eigenarten selbstreferentieller, rekursiv operierender Maschinen befassen. Bekannte Namen sind auch Chaostheorie oder fraktale Geometrie.
Komplexität entsteht hier nicht durch Versuche, die Welt einigermaßen sachgemäß abzubilden, sondern durch wiederholende Operationen, die an einen selbst erzeugten Ausgangszustand anknüpfen und diesen mit jeder Operation als Ausgangspunkt für weitere Operationen fortschreiben.
Hierbei wird dann die Zeit, die solche Verschiebungen im selben System ermöglicht, zur entscheidenden Variable, und Unvorhersagbarkeit ist die gleichsam zeitgemäße Folge einer Sequenz solcher Rekursion.
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Eine gleichermaßen radikale, postontologische Thematisierung von Zeit scheint dem Formenkalkül von George Spencer Brown zugrundezuliegen.
Form wird hier als Markierung einer Unterscheidung begriffen, also als eine Einheit mit zwei Seiten, von denen nur die eine bezeichnet wird und die andere unmarkiert bleiben muss. Der Übergang zu anderen Seite (das crossing) erfordert eine zweite Operation, setzt also Zeit voraus. Dies wird spätestens dann deutlich, wenn das Kalkül seine eigenen Voraussetzungen einzuholen versucht und zwischen marked und unmarked space zu oszilieren beginnt.
Während die klassische Formtheorie Form als statische Gestalt begriffen hatte, die nach gelungen/nichtgelungen zu beurteilen sei, wird Form jetzt als Dispositiv eines Beobachters begriffen und als Regulativ für die Entscheidung, zu bleiben, wo man ist, (sich zu wiederholen ) oder zur anderen Seite überzugehen. Ein Primat der Form gegenüber Instanzen, die in der Tradition Vernunft und Wille (Freiheit) genannt worden, scheint eine Temporalisierung der Formen zu erfordern.
Zur geläufigen Diskussion über Postmoderne führt die Frage zurück, was mit dem geschichtlich bewährten, aber heute überholten Formen geschehen soll. Sie werden als Material verwendet. Man könnte auch sagen: als Medium für die Bildung neuer Formen, die durch Rekombination gewonnen werden. Das wird für die Formenwelt der Kunst diskutiert, könnte aber auch für die Begriffswelt der Wissenschaften oder andere intellektuelle Diskurse gelten. Mit postmodernen Formen wird ein Wiedererkennen ermöglicht - und zugleich verboten.
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Die soeben skizzierten Hinweise, Einheit und Differenz betreffend, deuten einen Bedarf für formstrenge theoretische Reflexion an ... Wenn aber die Eigenart postmoderner Beschreibungen in der Problematisierung von Unterscheidungen und in der Temporalisierung der sie markierenden Formen liegt, könnte man vermuten, dass die Aufgabe einer postmodernen Gesellschaftstheorie in einer Neubeschreibung der modernen Gesellschaft aufgrund der Erfahrungen besteht, über die wir heute verfügen.
Niklas Luhmann