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Ángela Pradelli
Ángela Pradelli wurde in Buenos Aires geboren, wo sie in einem Vorort lebt. Bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete sie Literatur, nun kann sie sich ganz dem Schreiben widmen. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane, Erzählungen und Essays. Es wurde vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman Amigas mías erhielt den Premio Emecé und die Beca Nacional para Escritores, und El lugar del padre den Premio Clarín de la Novela. Beide Bücher sind in der deutschen Übersetzung von Marion Dick im Rotpunktverlag erschienen: Das Haus des Vaters und Unter Freundinnen.
Aufenthalt
26.01. - 31.03.2015
Kontakt
Lesung
Einführung zur Lesung
2010 kam die Autorin zum ersten Mal in die Schweiz, auf Einladung der Pro Helvetia.
Sie verbrachte einige Zeit in Genf und nutzte diesen Europaaufenthalt auch, um ihre italienische Familie aufzuspüren. Tatsächlich war ihr Grossvater von einem kleinen Dorf in der Provinz Piacenza, Peli, nach Argentinien ausgewandert und hatte zwei Jahr später seine Frau und seinen kleinen Sohn, Ángelas Vater, nachkommen lassen. In Argentinien wurde der Familie eine Tochter geboren, Ángelas Tante, die noch lebt. Der Grossvater ist gestorben als Ángela achtjährig war. Er war nie mehr nach Italien zurückgekehrt. Doch er hatte seinem jüngeren Bruder Briefe aus Argentinien geschrieben. Und als Ángela 2012 ein zweites Mal in der Schweiz war, diesmal auf Einladung des Literaturhaus Zürich und der Stiftung PWG, besuchte sie ihre wiedergefundenen Cousins in Genua und erhielt die Briefe von ihren Verwandten.
Die Geschichte der Begegnung mit ihrer italienischen Familie und mit den Briefen ihres Grossvaters erzählt die Autorin in der Ausgabe 7 des Jahrbuchs der Schweizer Literaturen Viceversa. Der eindrückliche Text, den sie auf Spanisch schrieb, ist in Viceversa auf Deutsch, Italienisch und Französisch zu lesen. In Bedigliora arbeitete die Autorin weiter an der Lebensgeschichte ihres Grossvaters; bald wird darüber ein Buch auf Spanisch und Italienisch erscheinen. Es heisst El sol detràs del limonero / Il sole dietro l’albero di limoni. Es sind verschiedene Textformen: Prosatexte und Gedichte. Auch die Perspektive wechselt: Einmal erzählt der Grossvater als junger Mann in der Ich-Form einen seiner letzten Tage in Italien, kurz bevor er das Schiff nach Argentinien nimmt. In einem längeren Gedicht erscheint der Auswanderer dann in Argentinien, in der dritten Person: Er stellt sich vor, wie er nach all den Jahren nach Italien zurückkehrt und unangekündigt wieder bei seiner Familie auftaucht. Dazu skizzieren kurze Prosastücke Erinnerungen und Beobachtungen der Autorin: Sie erzählt, wie sie als Kind unter dem Küchentisch sitzend die Familie und speziell den Grossvater erlebt, und beschreibt die Beobachtung eines Vogels im Schnee.
Wie war es denn für die Autorin in Buenos Aires, in einem kleinen Tessiner Dorf zu arbeiten? Sie lacht: «Bedigliora, klein? Weisst du, wie viele Leute im Heimatdorf meines Vaters wohnen? Es sind noch zehn... Doch nun gibt es endlich ein neuzugezogenes junges Paar mit einem Säugling!» Auswandern und Einwandern – diese Thematik charakterisiert auch die Geschichte des Tessins. So steht in Viceversa Ángelas Pradellis Text neben einer Hommage an Plinio Martinis Il fondo del sacco (Nicht Anfang und nicht Ende. Roman einer Rückkehr). Martini erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der aus dem Bavonatal nach Amerika zieht. Nicht wenige Malcantonesi hingegen sind wie Ángelas Grossvater und Vater nach Argentinien ausgewandert. Wie schön, dass die Autorin gerade hier ihren Text über das letzte Kastaniensammeln vor der Abfahrt geschrieben hat. Ein grosser und ein kleiner Korb für Kastanien, ineinander gestellt, zeugen von Vertrautheit und Nähe, während das abschliessende Hintereinandergehen von Mutter und Sohn schon ihre endgültige Trennung vorwegnimmt. Mit solchen gleichzeitig ganz konkreten und symbolischen Bildern packt und ergreift uns Ángela Pradelli.
Ruth Gantert