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Palimpsest
Robbert Verheij fragt sich in der Einleitung zu seiner Arbeit, welchen Sinn es überhaupt ergibt, das Wort in einer Diskussion zu verwenden. Er kommt zur Antwort, es sei eine Metapher, welche den Transformationsprozess durch den Gang der Zeit andeute. Als Ziel seiner Arbeit sieht er auch eine «Palimpsest-Grundhaltung» bei der Entwurfsarbeit, die das Bewusstsein verbliebener, nicht vollständig aus dem Grund entfernter Spuren in eine Bauaufgabe mit einbezieht. «Die Idee des Palimpsests», so schreibt er, «richtet die Aufmerksamkeit auf tiefere, räumliche, weiche, poetische und philosophische Werte.»
Für seine Arbeit machte er sechs Themen aus, bei welchen er einen Zusammenhang mit dem Begriff Palimpsest sieht: Ort, Wiederverwendung, Erinnerung, Spuren, Materialität und Dialog. Seine Argumente verankerte er mit sechs Projekten, fünf von ihnen sind auf diesen Seiten in Bildern knapp dokumentiert. Die Verwendung des Wortes in der Architektur liegt nur wenige Jahrzehnte zurück. Robbert Verheij ist bei seinen Nachforschungen auf das Essay «Le territoire comme palimpseste» gestossen, verfasst vom Schweizer Städtebauhistoriker André Corboz (1928–2012). Darin wird die Landschaft als geschichtete Struktur beschrieben, die tief in die Vergangenheit hineinreicht. In dieser Landschaft wird andauernd ausradiert und neu geschrieben. Und wie beim eigentlichen Palimpsest verbleiben beim Radiervorgang Spuren und Rückstände.
Ausgehend von Corboz’ Essay stellt sich Robbert Verheij die Frage, ob sich die Bedeutung von Territorium, Standort und Grundstück auf Städte und Gebäude übertragen lässt. Er sieht ähnliche Betrachtungsweisen bei den Architektur- und Städtebauautoren Aldo Rossi und Kevin Lynch. In der Folge widmet sich der Autor «palimpsestuösen Gebäuden». Der Arts-and-Crafts-Architekt William Morris wird dahingehend zitiert, dass er Restaurationen von Gebäuden für falsch hielt und der Meinung war, man solle sie nach aktuellen, modernen Methoden erneuern.
Als paradigmatisches «palimpsestuöses Gebäude» nennt Robbert Verheij den Petersdom in Rom. Der Autor erkennt sogar die Notwendigkeit, von «palimpsestuösen Details» zu sprechen, womit er primär Spolien meint, die in einem Zustand der Verwitterung eine neue Aufgabe an einem anderen Bau übernehmen.
Poesie und Kontinuität
Eine Landschaft, die sich als Palimpsest wahrnehmen lässt, gewinnt an Identität und poetischem Gehalt. Wenn sich die Zeit in sie «einschreibt», kommt zur Idee des Genius loci ein Hinweis auf die Kontinuität des von Menschen kultivierten Bodens. Verheij erwähnt den amerikanischen Autor John Brinckerhoff Jackson, der die Ansicht vertrat, dass wir nur in der Lage sein können, die heutige Landschaft zu verstehen, wenn wir erkennen, was wir aus der Vergangenheit entfernt und was wir behalten haben. Daraus lasse sich erklären, weshalb wir bestimmte Orte für attraktiv halten, weil sie in uns ein Wohlbefinden und ein Gefühl des Heimkommens auslösen, weshalb wir zu ihnen zurückkehren möchten.
Fazit seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff Palimpsest ist das Bewusstsein, dass die Wiederverwendung der in den Ort eingeschriebenen Elemente diesem mehr Tiefe und eine Schichtung geben können. Für Architektinnen und Architekten geht es letztlich darum, wie sie einen spezifischen Ort «machen». Mit einer letzten argumentativen Wendung gibt Verheij der Überzeugung Ausdruck, dass dieses Einschreiben bei Bedarf auch beschleunigt werden kann – und ruft zur Unterstützung den portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura zu Hilfe. Diesen zitiert er wie folgt: «Wenn es an einem Ort keine Spuren einer früheren Existenz gibt, dann erfinde ich sie eben, dann pflanze ich einen Baum oder baue eine Mauer.»
André Corboz