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Er war ein Intellektueller, der sich einmischte; einer, der die Fremdmacher im Land hasste, weil er die Menschen liebte. Vergangene Woche ist Manfred Züfle im Alter von siebzig Jahren gestorben.
Für die Welt hat am 11. September 2001 das 21. Jahrhundert begonnen. Für Manfred Züfle begann die Leidenszeit. An diesem Tag erfuhr er, dass er an Krebs erkrankt war. Die folgende Chemotherapie nimmt ihm die Haare: Hinter dem Bart kommt ein Gesicht mit Lachfalten hervor. Er lacht weiterhin gern, trotz der Krankheit, die er überwindet.
Im Mai 2006 dann der Schlaganfall. In den ersten Tagen der Rehabilitation ein deprimierter Züfle, am Telefon nach Wörtern suchend. Mit harter Arbeit und eiserner Disziplin kämpft er um seine Sprache und die Schreibfähigkeit seiner rechten Hand. Zu Hause setzt er sich wieder hinter den Roman «Krebse», an dem er seit 9/11 arbeitet.
Vor wenigen Wochen, in der zweiten Februarhälfte, sitze ich als Mitherausgeber von C. A. Looslis Werken über einem kniffligen Problem: Loosli schreibt im Zusammenhang mit dem Stanser Verkommnis von 1481 für eine Genfer Zeitung auf Französisch: «la soudaine apparition de Nicolas de Flüe». Der Übersetzer des Verlags schlägt vor: «das plötzliche Erscheinen Niklaus von Flües». Aber ist von Flüe damals in Stans wirklich «erschienen»? Manfred Züfle, Autor des Von-Flüe-Buchs «Ranft» (1998), bestätigt am Telefon, wie immer freundlich und hilfsbereit: Von Flües Botschaft, die in Stans den Durchbruch nach dem Verhandlungsabbruch ermöglichte, habe ein Bote überbracht. «Erscheinen» sei deshalb unglücklich. Züfle schlägt «das plötzliche Eingreifen» vor, das werde Looslis Formulierung und der Quellenlage gerecht.
Wenige Tage später zwingt ihn eine Gelbsucht ins Spitalbett. Nach drei Wochen bricht sein Immunsystem zusammen. Komplikationen. Am Morgen des 29. März ist er gestorben.
Der intervenierende Intellektuelle
Als Heimarbeiter der Kulturindustrie literarische Kunststückchen in marktgängigen Formen zu produzieren, war nie Manfred Züfles Sache. Er war ein intervenierender Intellektueller, der sich von Fall zu Fall des literarischen, essayistischen oder des Sachtexts bediente. Seit 1982 arbeitete er im Wesentlichen als freier Schriftsteller und Publizist. Zuvor hatte er bei Emil Staiger über die Sprache Hegels dissertiert, zwanzig Jahre als Mittelschullehrer gearbeitet, für die SP im Gemeindeparlament von Dietikon gesessen. Auch später noch ist ihm der Ruf vorausgegangen, ein begnadeter Pädagoge und Erwachsenenbildner zu sein.
1991 liess er sich für vier Jahre zum Präsidenten der Gruppe Olten, des linken SchriftstellerInnenverbands, wählen. Sekretär Jochen Kelter erinnert sich: «Er war der einzige Präsident, den ich erlebt habe, der sich nicht nur bemüht hat, politische Ereignisse historisch einzuordnen und zu betrachten, sondern sich auch in so komplexe Materien wie Kulturpolitik und Urheberrecht eingearbeitet hat und sie auf nationaler wie auf internationaler Ebene kennenlernen wollte.» Später, am 12. Oktober 2002, wurden im Hotel Bern gleichzeitig in zwei nebeneinander liegenden Sälen die Gruppe Olten und der Schweizerische Schriftsteller-Verband (SSV) aufgelöst. Als sich danach die Mitglieder beider Verbände in einen Raum setzten, um eine gemeinsame neue Organisation, den AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz), zu gründen, fanden die Doyens der beiden aufgelösten Verbände die richtigen Worte: staatsmännisch-eloquent Hugo Lötscher für den SSV, scharfsinnig-ironisch Manfred Züfle für die Gruppe Olten.
Wie selten einer hat sich Züfle mit jeder Faser seines Wesens gegen Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Rassismus aufgelehnt. Nach dem Zusammenschluss von BODS (Bewegung für eine offene, demokratische und solidarische Schweiz) und Asylkoordination Schweiz zur Solidarité sans frontières (sosf) liess er sich in den sosf-Vorstand wählen. Anni Lanz, langjährige sosf-Sekretärin, sagt: «Manfred Züfle war einer der ganz wenigen Schweizer Schriftsteller, die sich im Migrationsbereich kontinuierlich engagiert haben.» Und im Vorstand sei er der Kopf gewesen, «der die grossen Bögen zu denken und zu formulieren vermochte». Gemeinsam haben Lanz und Züfle 2006 unter dem Titel «Die Fremdmacher» ein Buch zum linken «Widerstand gegen die schweizerische Asyl- und Migrationspolitik» veröffentlicht (edition 8). Lanz verfasste die geschichtliche Darstellung, Züfle reflektierte sie in vier essayistischen «Einblendungen», deren letzte im Anschluss an Max Frischs Diktum vom «verluderten Staat» feststellt: Gegen «permanenten Verfassungs-Verrat» gibt es nur «Widerspruch, Widerstand».
Der Publizist und Schriftsteller
Als Publizist sass Züfle über zwanzig Jahre in der Redaktionskommis-sion der «neuen wege», der Zeitschrift des Religiösen Sozialismus; er schrieb für die «Orientierung», die Zeitschrift der Schweizer Jesuiten genauso wie für den «Widerspruch» oder für die WOZ. Allerdings kam es hier nach dem Rücktritt von Lothar Baier als WOZ-Redaktor zu einer Entfremdung. Züfle verletzte, dass sich aus seiner Sicht die Redaktion zu wenig um die Erneuerung eines verlässlichen Kontakts bemühte; gefreut hat ihn hingegen die Besprechung seines letzten Gedichtbands, «Apokalypse und später» (Pano Verlag, siehe WOZ Nr. 51/06).
Züfles unbedingte Integrität erlaubte es ihm, auch als «Dissident der Dissidenz» glaubwürdig zu widersprechen, wenn er es für nötig hielt. Als die Gruppe Olten und die WOZ 1990 den «Kulturboykott» gegen die «700-Jahr-Feier» des eben enttarnten Schnüffelstaats ausriefen, beharrte er darauf, er behalte sich vor, sich 1991 zu Wort zu melden. In einer Diskussionssendung auf DRS 2 sagte er damals: «Ich habe eine linke Forderung auf Heimat.» In den letzten Jahren bekannte er sich zum «Verfassungspatriotismus», den er trotzig so begründete: «Auch ich bin hier zu -Hause, nicht nur der Blocher» («neue wege», 5/06).
Kurz vor seinem letzten Spitaleintritt hat Manfred Züfle seine neu gestaltete Website aufgeschaltet. Sie bietet mit einer nach Themen geordneten Essaysammlung nicht nur eine Einführung in sein Denken, sondern auch einen vollständigen Überblick über sein veröffentlichtes und unveröffentlichtes belletristisches und Sachtextschaffen (www.zuefle.ch). Unter der Rubrik «Werkstatt» wird ein druckfertiger Essayband angezeigt, dessen Titel nun einen endgültigen Sinn bekommen hat: «Kein Zeitgenosse mehr». Mit Manfred Züfle hat die linke Öffentlichkeit in diesem Land eine ihrer wichtigsten Stimmen verloren.