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Literatur
Leben in Katastrophen
Mit gespannter Vorfreude näherte ich mich diesem Buch, denn Emmanuel Carrères "Amok" aus dem Jahre 2001 hatte mich in seinen Bann gezogen; selten, dass mich eine Lektüre so bewegt hatte.
"Alles ist wahr" spielt anfänglich in Sri Lanka während des Tsumani im Jahre 2004. Von einem Holländer erfahren Carrère und seine Partnerin, Hélène, die gerade dabei sind, sich zu trennen, dass eine riesige Welle, die kam, als die Krähen verschwunden und keine Vogelstimmen mehr zu hören waren, alles überrollt habe, dann zurück geflossen sei und Menschen und Häuser mit sich gerissen habe. "Er wirkt schockiert und eher überrascht als erleichtert, am Leben zu sein." Es sind solche präzisen Beschreibungen, die dieses Buch so überzeugend machen und weit besser als Medienberichte zu vermitteln vermögen, was während einer Katastrophe vor sich geht.
Eine ganz andere Katastrophe erwartet sie dann bei ihrer Rückkehr nach Frankreich. Juliette, Hélènes Schwester, stirbt im Alter von 33 an Krebs. Étienne, ein behinderter Richterkollege von Juliette, bittet die Trauerfamilie um ihren Besuch, bei dem er ihr dann kundtut, dass ihn nicht nur viel mit Juliette verbunden habe, sondern dass er (er sagt dies nicht explizit) in sie verliebt gewesen sei. Carrère beschliesst, ein Buch über Juliette zu schreiben: "Das Leben hatte mir diesen Platz zugewiesen, Étienne hatte ihn mir gezeigt, und jetzt nahm ich ihn ein." Hélène kommentiert sein Projekt so: "Ich finde dich komisch. Du bist der einzige Typ, den ich kenne, der imstande ist zu glauben, die Freundschaft von zwei lahmen, krebskranken Richtern, die im Amtsgericht von Vienne Überschuldungsakten durchackern, sei ein dankbares Thema. Sie gehen nicht mal miteinander ins Bett und zum Schluss stirbt sie. Habe ich richtig zusammengefasst? Ist das die Geschichte?" Und Carrère nickt: "Ja, genau."
Das Buch über Juliette beginnt mit Étienne, der als junger Mann mit Krebs diagnostiziert und dem in der Folge ein Bein abgenommen wurde. Dabei beeindruckt vor allem, wie gekonnt der Autor sehr Persönliches in grössere Zusammenhänge zu stellen weiss. So erfährt man einiges über Étiennes familiäres Umfeld. "Wenn es einen schlimmeren Albtraum gibt als den, das Bein abgeschnitten zu bekommen, dann wohl den mitzuerleben, wie es dem eigenen zweiundzwanzigjährigen Sohn abgeschnitten wird. Zudem hatte Étiennes Vater in seiner Kindheit Knochentuberkulose gehabt, und er fragte sich, ob Étiennes Krebs damit zusammenhing." Und über seine Tätigkeit als Strafvollzugsrichter in der Provinz. "Die Gewerkschaft ist ein Schlupfwinkel für kleine rote Richter, die es ablehnen, zum Kreis der Honoratioren zu gehören und an den Rockschössen der Gauner mit Schlips und Kragen zu hängen, und man wirft ihnen vor, eine umgekehrte Form von Klassenjustiz zu betreiben."
Besonders für dieses Buch eingenommen hat mich, dass der Autor auch schildert, wie er selber Teil dieser Geschichte ist. So erfährt man, wie er recherchiert, was er warum ausgelassen hat, wie er mit den eigenen Zweifeln umgeht, was seine Werte sind. Kurz und gut: Emmanuel Carrère lässt den Leser teilhaben an seinem Prozess des Schreibens. Und das finde ich nicht nur erhellend, sondern auch enorm bereichernd. Und so recht eigentlich der überzeugendste mir bekannte Versuch, der Komplexität des Lebens einigermassen beizukommen. Nüchtern, sachlich und so persönlich, dass damit so etwas wie "Objektivität" erahnt werden kann.
"Alles ist wahr" ist ein ungeheuer dichtes Buch, keine leichte Lektüre, keine Geschichte, bei der man von Seite zu Seite fliegt, sondern ein Text, der Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt und bei dem ich immer wieder auf Sätze stosse, die mich innehalten lassen: "...ich habe drei, vier Bücher geschrieben, in denen das, was ich bin, eine Form gefunden hat ...". Ein schöner, anregender und beruhigender Gedanke.