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Die Militärökonomie ist eine militärwissenschaftliche Teildisziplin, die an der Militärakademie (MILAK) an der ETH Zürich vor etwas mehr als einem Jahr eingeführt wurde. Damit besitzt die MILAK eine Vorreiterrolle, denn ausser an der Universität der Bundeswehr München gibt es weltweit keinen weiteren Lehrstuhl für Militärökonomie, was zeigt, dass Streitkräfte auch heute noch wenige ökonomische Überlegungen anstellen. Dabei waren ökonomische Faktoren schon immer kriegsbeeinflussend. Bereits Carl von Clausewitz beachtete in seinen militärtheoretischen Überlegungen die ökonomische Komponente des Krieges:
Da der Krieg kein Akt blinder Leidenschaft ist, sondern der politische Zweck darin vorwaltet, so muss der Wert, den dieser hat, die Grösse der Aufopferungen bestimmen, womit wir ihn erkaufen wollen. Dies wird nicht bloss der Fall sein bei ihrem Umfang, sondern auch bei ihrer Dauer. Sobald also der Kraftaufwand so gross wird, dass der Wert des politischen Zwecks ihm nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, so muss dieser aufgegeben werden und der Friede die Folge davon sein. — Carl von Clausewitz, Vom Kriege.
Diese ökonomischen Überlegungen bilden auch die Grundlage der klassischen Verteidigung, die auf die Abschreckung eines Angriffs durch einen möglichst hohen Eintrittspreis basiert. Seit Ende des kalten Krieges macht sich die Ökonomie in den Streitkräften noch anders bemerkbar: durch die vermeintlich weggefallene Bedrohung wurde durch Abrüstung und Einsparungen die Friedensdividende eingefordert. Dabei wurden in den westeuropäischen Staaten zuerst an den Rüstungskosten gespart, dann der Wehrpflichtbestand reduziert oder die Streitkräfte gleich ganz professionalisiert, modularisiert und schliesslich internationalisiert. Die Einsatzerfahrung holen sich die “Expeditionsarmeen” im Ausland, für die Verteidigung sorgt die Mitgliedschaft im NATO-Bündnis. Die Idee, dass mit diesem Ansatz Kosten eingespart werden könnten, wird heute als gescheitert betrachtet. Durch den höheren Technologiebedarf und dem damit verbundenen Unterhalt kosten kleinere moderne Streitkräfte ungefähr gleichviel wie die ursprünglichen grossen Wehrpflichtarmeen. Die Kosten der schwedischen Streitkräften nach der Transformierung der Wehrpflichtarmee mit einem Bestand um die 750.000 Mann (1990) in eine stärker professionalisierte Armee mit rund 47.000 Mann (2007; davon sind ca. 11.000 Berufsoffiziere) blieben auf einem vergleichbaren Niveau (vgl.: “Frühjahrstagung der MILAK: Transformation der Streitkräfte“, 15.03.2008). Auch bei der Schweizer Armee fordert die Politik die Friedensdividende ein, doch mit der Armee XXI hat sie aus historischen und politischen Gründen den Transformationsprozess nur teilweise in Angriff genommen – finanzielle Probleme waren vorprogrammiert. Eigentlich sollten ausgerechnet Streitkräfte Erfahrung bei der Zuweisung knapper Güter besitzen, was auch gleichzeitig die Definition von Ökonomie darstellt. Deshalb stellt auch der Leiter der Frühjahrestagung der MILAK, Dr. Peter T. Baltes fest, dass es im Bereich der ökonomischen Prinzipien grundsätzlich keine Unterschiede zwischen einem Wirtschaftsunternehmen und Streitkräften gäbe. Für die derzeitigen Budgetrestriktionen schlägt Baltes ähnliche Auswegsmöglichkeiten wie in der Wirtschaft vor, wobei er jedoch betont, dass nicht alle Vorschläge unter allen Bedingungen legitime Optionen darstellen würden:
- Hilferuf an die Politik;
- Reduktion bei Quantität und/oder Qualität der Leistungen;
- Substitution von budgetwirksamen Aktivitäten durch Vorgänge durch abgeschwächter Budgetwirksamkeit;
- Erschliessung neuer “Absatzmärkte”;
- Aufdecken von Effizienzgewinn.
Baltes skizzierte in seinem Eintrittsreferat das “System Armee” und zeigte, dass neben Einsparungen bei den Betriebs- und Rüstungskosten auch die möglichst präzise Erfassung der Bedrohung durch den Nachrichtendienst und damit der möglichst zielgerichtete – und damit ökonomische – Einsatz der knappen Ressourcen unnötige Ausgaben verhindern kann. Leider erkannte Dominique Reymond, Stabchef des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) diesen grösseren Zusammenhang seines Referats unter dem allgemeinen Tagungsthema nicht und nutzte das Podium schamlos für die Präsentation des seit 1. Januar 2010 existierenden NDB. Ich versuche trotzdem einige Zusammenhänge herauszuschälen. Mit dem NDB wird endlich ein Schritt vollzogen, der in der Sicherheitspolitik schon seit längerem umgesetzt wurde: die Zusammenführung des Ausland- und Inlandnachrichtendienstes. Damit können nicht nur Synergien genutzt werden, sondern die Zielausrichtung des Nachrichtendienstes und damit die Leistungsfähigkeit des nachrichtendienstlichen Systems gesteigert werden. Trotzdem, der NDB bleibt nicht das einzige nachrichtendienstliche Instrument des Bundes. Sie umfassen zusätzlich noch das Zentrum für elektronische Operationen (ZEO), die Kryptologie der Führungsunterstützungsbasis der Armee, die Abteilung Internationale Beziehungen Verteidigung (IBV) mit dem Verteidigungsattaché-Wesen und den Militärischen Nachrichtendienst (MND). Diese Instrumente operieren nicht losgelöst vom NDB, sondern beispielsweise im Falle des MND stützt sich dieser auf die Grundlagen des NDB und umgekehrt kann der zivile Nachrichtendienst für eine möglichst umfassende Bedrohungsanalyse nicht gänzlich auf die Beurteilung militärischer Aspekte verzichten.
Auf der Seite der Rüstungsbeschaffer zerstreute Jakob Baumann die Hoffnung, dass die Armee zukünftig mehr Geld zur Verfügung haben wird. Langfristig pendle sich das Rüstungsbudget zwischen 500-700 Millionen Franken und die Betriebskosten bei 3,7 Milliarden Franken ein. Sollte der Bundesrat beim Tiger Teilersatz in den nächsten Wochen einen Entscheid fällen bzw. eine Beschaffung beschliessen, dann werden die 2,2 Milliarden Franken mit insgesamt 3 Rüstungsprogrammen kompensiert (1 Jahr mit dem Tiger Teilersatz im Rüstungsprogramm + 2 Jahre ohne Rüstungsprogramm). Damit wird der Tiger Teilersatz durch Fähigkeitslücken in anderen Bereichen erkauft – die Ökonomie spricht in diesem Zusammenhang von Opportunitätskosten. Es liegt schliesslich beim Vorsteher des VBS, Bundesrat Ueli Maurer zu entscheiden, ob die Beschaffung der Kampfflieger oder die Verhinderung weiterer Fähigkeitslücken Priorität hat. Baumann erinnert aber auch daran, dass ein Aufschieben von Rüstungsbeschaffungen eine Bugwelle produziert, denn der Zeitpunkt für Beschaffungen wird nie optimal sein – auch nach 2015 wird die Beschaffung neuer Kampfflugzeugen mit Opportunitätskosten begleitet sein. Baumann widerspricht Baltes Hypothese, dass eine Armee wie ein betriebswirtschaftliches Unternehmen geführt werden kann. Sollte dies auch bei Ausbildung und Vorbereitung zutreffen, so sei dies im Einsatz nicht der Fall. Leider wurde diese unterschiedliche Auffassung in der abschliessenden Podiumsdiskussion nicht weiter ausdiskutiert.
Prof. Dr. Bruno Staffelbach, Direktor des Institutes für Strategie und Unternehmensökonomik der Universität Zürich und ehemaliger Kommandant der Infanteriebrigade 4 rief den anwesenden in Erinnerung, dass die Gegenseite schon lange militärökonomische Überlegungen anstellt, wie mit einfachsten Methoden ein möglichst hoher Schaden verursacht werden kann. Im Falle der al-Qaida seien die Terroristen zudem global vernetzt, könnten auf Personen zurückgreifen, welche bereit sind ihr Leben zu opfern und dafür eine paradisische Entlöhnung erhalten würden. Auch Staffelbach unterstützte die These, dass Streitkräfte sich wie betriebswirtschaftliche Unternehmen verhalten würden. Leider werde jedoch das Humankapital (Know-How, Leistungsbereitschaft, Motivation usw.) in der Armee ignoriert oder von der Verwaltung gar als Aufwand betrachtet. Gemäss seinen Berechnungen besitzt eine Brigade ein Humankapital, welcher einem Wert von ca. 100 Millionen Franken entspräche. Wenn also die Schweizer Armee im Rahmen des Entwicklungsschritts 08/11 die Infanteriebrigade 7 und die Gebirgsinfanteriebrigade 10 in die Reserve stellt und die Infanteriebrigade 4 ganz auflöst, so nennt das die Verwaltung “Kostenersparnis”, es würden damit jedoch rund 250-300 Millionen Franken an Humankapital vernichtet. Die Konsequenzen von verlorenem Humankapital kann am Beispiel der Logistikbasis der Armee betrachtet werden: um Personalkosten zu sparen, wurde Personal abgebaut, welches in der Folge für den Unterhalt der Systeme fehlte. Der Abbau von Personal generiert also langfristige Kosten, welche die kurzfristigen Einsparungen bei weitem übertreffen.
Die diesjährige Frühjahrstagung griff mit dem Thema “Militärökonomie” eine wichtige, doch immer noch vernachlässigte Teildisziplin auf. Insbesondere die Ausführungen von Dr. Peter T. Baltes und Prof. Dr. Bruno Staffelbach haben für die Anwesenden einen Mehrwert generiert. Dass Dominique Reymond der Veranstaltung mit einer Standardpräsentation über den Nachrichtendienst des Bundes wertvolle Zeit klaute, stellte eine selten gesehene Unverfrorenheit dar. Durchführung und Leitung durch die MILAK waren wie gewohnt auf einem sehr hohen Niveau. Erstmalig wurden dieses Jahr Einladungen zur Frühjahrstagung versendet und den Interessenten die Möglichkeit zur Anmeldung gegeben – ich hoffe dies wird auch zukünftig beibehalten.
Die nächste Frühjarstagung findet am 05.03.2011 mit dem Thema “ISAF-Erfahrung als Motor der Transformation europäischer Streitkräfte” statt.
Weitere Informationen
Patrick Feuz und Daniel Foppa, “Denkbar wäre ein Pikett-WK“, Tagesanzeiger, 10.03.10.
Bildverzeichnis
Oben links: Sparschwein Schweizer Armee – die Politik fordert die Friedensdividende ein. Ausländische Streitkräfte zeigen jedoch: eine kleine, technologisch hochstehende Armee kostet in etwa gleich viel, wie eine grosse Wehrpflichtsarmee. Wie sieht also die Zukunft der Schweizer Armee aus? Eine kleine Armee auf mittlerem Technologieniveau?
Unten rechts: Auch das Humankapital muss von der Militärökonomie berücksichtigt werden. Zum Bild: U.S. Soldiers from 4th Battalion, 23th Infantry Regiment provide security as their battle-damaged Stryker armored vehicle is prepared for towing by U.S. Soldiers from the 402nd Brigade Support Battalion during Operation Helmand Spider in Badula Qulp, Helmand province, Afghanistan, Feb. 26, 2010.