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| Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)

Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.
38. Archebius bezahlt mit seiner Hände Arbeit die Schuld seiner Mutter.
Es lohnt sich wohl der Mühe, auch ein anderes Liebeswerk dieses Mannes aufzuzeichnen, an welchem die Mönche unseres Landes nicht bloß die Strenge der Enthaltsamkeit, sondern auch die aufrichtigste Liebe durch das Beispiel eines und desselben Mannes beobachten lernen sollen. Obwohl nämlich Archebius aus einer edlen Familie stammte, verachtete er doch die Neigung zu dieser Welt und floh schon in seinem Knabenalter in das Kloster, welches von Diolkus ungefähr vier Stunden entfernt ist. Während der vollen fünfzig Jahre, die er dort lebte, betrat er nicht bloß nicht sein Geburtsdorf, sondern erblickte nicht einmal das Antlitz einer Frau, selbst nicht das seiner Mutter. Unterdessen wurde sein Vater vom Tode ereilt und hinterließ eine Schuld von hundert Silberlingen. Obwohl er nun jeder Beunruhigung überhoben war, weil er auf das ganze väterliche Vermögen verzichtet hatte, erfuhr er doch, daß seine Mutter von ihren Gläubigern arg gedrängt werde. Nun milderte er aus Kindesliebe jene evangelische Strenge, mit der er, so lange seine Eltern noch in günstigen Verhältnissen lebten, [S. 130] sich so betrug, als habe er weder Vater noch Mutter gehabt. Jetzt gedachte er wieder seiner Mutter und beeilte sich, in ihrer Bedrängniß ihr beizustehen; dabei wich er jedoch von der Strenge, die er sich zum Ziele gesetzt, in Nichts ab. Er hielt sich nämlich im Kloster eingeschlossen und bat, daß man die ihm angewiesene Handarbeit verdreifachen möge. Hier mühte er sich ein ganzes Jahr Tag und Nacht unter Schweiß ab und bezahlte mit dem durch seine mühsame Arbeit erworbenen Gelde den Betrag der Schuld an die Gläubiger und befreite so seine Mutter von jeder ungerechten Beunruhigung. Also befreite er die Mutter von der Schuldenlast, ohne daß er an der Strenge seiner Lebensweise mit Rücksicht auf die Noth seiner Mutter die geringste Verminderung duldete, und behielt die gewohnte strenge Lebensweise bei, ohne jedoch das Werk der Kindesliebe seiner Mutter zu versagen und um aus Liebe zu Christus Die wieder anzuerkennen, die er um seiner Liebe willen früher unbeachtet gelassen hatte.