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Ein Streiflicht auf die Aufgabenstellung unserer Tage, wie sie Herbert Witzenmann in der Schrift „Gestalten oder Verwalten?“ entworfen hat (Gideon Spicker Verlag, 1986). Mit einigen Ergänzungen zu ihrem Lösungsweg.
Die Angehörigen einer modernen Sozialästhetik befinden sich in keiner ebenso vorteilhaften Lage wie diejenigen von allgemein bekannten (doch überholten) Vorstellungen.
Viele, welche die geschichtliche Weltlage zu verstehen suchen, erkennen, dass wir uns in der grössten Übergangs- und Prüfungszeit der dokumentierten Menschengeschichte befinden. Um die gestellte Frage: „Was ist und will das Seminar?“ zu beantworten, schlage ich vor, uns in eine hypothetische, sich in ihrer Bedrohungsart von unserer unterscheidenden Lage zu versetzen. Hierbei dient die grundlegende Beschreibung von vier Menschengruppen, deren Verhalten Herbert Witzenmann in seiner Schrift „Gestalten oder Verwalten?“ skizziert hat. Dabei wurde
von einem zur Zeit der Entstehung der Schrift hypothetisch angenommenen Fall ausgegangen, dass in kurzer Frist mit grosser Wahrscheinlichkeit ein mit atomaren Waffen geführter Krieg ausbrechen würde.
Ich erinnere mich, wie Witzenmann auf der gemeinsamen Autofahrt 1985 in Norwegen - er sass auf dem Nebensitz - ohn Unterlass an der stark erweiterten zweiten Auflage der Schrift arbeitete, wozu ich ihn zuvor wiederholt gebeten hatte. Bald nachdem wir im Hafen von Oslo losfuhren, wir waren mit dem Schiff von Kopenhagen eingetroffen, begann er in staccato bei jeweiligem Fahrtunterbruch zu schreiben, indem er bei erzwungenem Rotlichtstopp sein Manuskript jeweils von der Frontablage auf das rechte Knie legte. Da starker Verkehr herrschte, geschah dies oft. Da meinte ich zu ihm: „Dass sie mit alle diesen Unterbrechungen einen derart anspruchsvollen Text verfassen können!? - Er: „Ich denke ja nicht nur an den Text, während ich schreibe.“
Seine Darstellung von urbildlich existierenden Verhaltensformen, die sich angesichts einer alle Menschen betreffenden Katastrophenprüfung abzeichnen, wird im neuen Jahr die Studienrichtung des Seminars im Hintergrund begleiten. Ich empfehle das erstmalige oder erneute Studium dieser Grundschrift der Sozialästhetik Witzenmanns. Dass „Gestalten oder Verwalten?“ den Beobachtungshintergrund real stattgefundener Generalversammlungen der Anthroposophischen Gesellschaft nutzt, um daran die erhellende Grundidee zu entwickeln, schwächt nicht die Untersuchung, sondern bekräftigt auf dem Zielhintergrund der modernsten und freiesten Gemeinschaftsaufgabe ihre sozialwissenschaftliche Bedeutung. Sie gilt für alle Unternehmungen, die sich in der einen oder anderen Form an die Pioniertat Rudolf Steiners anschliessen.
Es ist hier wohl am Platz, eine Kritik am Schrifttitel anzumerken. Sie ist nicht dem Autoren anzulasten mag bei einem hoffentlich bald notwendig werdenden Neudruck berücksichtigt werden. Als damaliger Geschäftsführer des Gideon Spicker Verlags schlug ich Herbert Witzenmann vor, den Titel der Erstauflage „Vergangenheitsschatten und Zukunftslicht“ in den eingänglicheren von „Gestalten oder Verwalten?“ zu ändern, womit er einverstanden war. Leider wurde mir erst später genügsam klar, dass seine Ausführungen keinen kontradiktorischen Gegensatz zwischen Verwalten und Gestalten begründen. Sie beschreiben zwar, wie der störende Effekt der Verwaltung auf das geistige Leben von einer Verwaltungsgesinnung ausgeht, die den ideellen Zusammenhang mit dem zu verwaltenden Wert verliert und der nur durch eine erhöhte Gestaltungsaktivität auszugleichen ist. Dennoch kann kein modernes, arbeitsteiliges Unternehmen welcher Art auch immer ohne das Zusammenwirken von wertbildenden und verwaltenden Tätigkeiten auskommen. Vielmehr zeichnet sich als zentrale Aufgabe der Sozialästhetik ab, die Verwaltung in einen erkannten Zusammenhang mit dem produktiv zentralen Entwicklungsgeschehen einer geistigen Unternehmung zu versetzen, sie also in einem beweglichen und gestaltbaren Zustand zu halten. Dabei handelt es sich darum, die der Verwaltungsgesinnung inhärente Tendenz zur produktivitätslähmenden Machtroutine zurückzudrängen. Diese ist nicht nur strukturelle Neigung, sondern eine im individuellen Seelenleben allgemein auftretende. Alles hängt davon ab, ob sie erkannt und produktiv unwirksam gemacht werden kann. Wie dies geschieht, wird in einigen Unterkapiteln von „Gestalten oder Verwalten?“ ausgeführt.
Witzenmanns Betrachtung sieht von denjenigen Menschen ab, welche durch die äusseren Drohszenarien psychisch zerrüttet und damit zu jeder Aktivität unfähig sind. Ausser ihnen konstituieren sich die Menschen in vier Gruppen: die der ersten, welche alles Erdenkliche unternehmen, um der Gefahr im Äusseren zu begegnen, sei es durch den Versuch, sie in letzter Minute abzuwenden oder durch Vorkehrungen, welche die Folgen der Katastrophe schwächen oder heilen können. - Wie sich ihre Mitglieder mit ihresgleichen vernetzen, tun es auch diejenigen der zweiten Gruppe. Diese kritisieren insgeheim die Menschen der ersten Gruppe für ihren Aktionismus, welcher sich für das Unabwendbare blind macht und es damit versäumt, alle Anstrengungen auf die Veränderung ihres Bewusstseinszustandes zu lenken, der das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Vergängliche vom bleibend unzerstörbar Ewigen in der eigenen Seele zu unterscheiden vermag. Der zweiten Gruppe mögen sich auch traditionell fromme Menschen, die ihr Schicksal in die Hände Gottes legen, anschliessen. - Die dritte Gruppe übernimmt die Verantwortung für den für alle besten Effekt der, unkoordiniert gelassen, kontraproduktiven Dynamiken. Ihre Mitglieder administrieren die beiden Gruppen, führen ihnen jeweils Geeignete zu und verwalten ihre Einsatz- und Wirkenspläne aus einer staatlich oder sonstwie legitimierten oder akzeptierten Metasphäre. Die dritte Gruppe verkörpert somit Verwaltung im engeren Sinne, wobei ihre Mitglieder sich vor Erkenntnisbekundungen wie mit individuellen Initiativen verbundenen Verantwortungen enthalten. Sie schliessen sich weder den Überzeugungen von Gruppe eins noch denen der Gruppe zwei an. Sie stimmen insofern beiden zu, weil nur so ihr Aufgabenmandat entstehen und aufrecht erhalten werden kann, welches das Erstellen allgemeingültiger Massnahmen und Notgesetzanordnungen wie auch deren Umsetzung betrifft, so wie es in Zeiten der Not als Forderung eines funktionierenden Chaosmanagements mehrheitlich gefordert und anerkannt wird. Die Angehörigen einer modernen Sozialästhetik, welche die vierte, zahlenmässig kleinste Gruppe bilden, haben es nicht leicht, den anderen ihre Leitideen nahe zu bringen. Denn sie suchen die Vereinigung und Harmonisierung der beiden archetypisch sozialen Gruppierungen in sich selbst zu erreichen, indem sie in der Schulung des seelischen Beobachtens ihres erkennenden Verhaltens gegenüber den sinnlich erfassten Welterscheinungen wie auch der imaginativ oder inspirativ erlangten Ideenbildungen sowie des Erwachens am individuellen Seelenleben ihrer Mitmenschen den zentralen Grundwert der Menschheitsentwicklung zu fördern suchen.
Das Zitat von Witzenmanns Beschreibung der vierten Gruppe sei mit der wiederholten, ermunternden Empfehlung verbunden, sich der ganzen Schrift zuzuwenden:
« … Eine vor allem nach innen gewendete Bemühung und die Vereinigung eines Menschenkreises in solchem Bestreben haben gemäß dieser abweichenden Anschauung für den modernen Menschen keine erhebliche Bedeutung, wenn ihre Grundlage nicht ein zeitgemäß individualisiertes Bewusstsein bildet. Die Arbeit an der eigenen Seele im einsamen oder auch gemeinsamen Suchen kann allein dieses Ziel nicht erreichen und hat daher keinen sich selbst ausweisenden Wert; vielmehr steht sie in Gefahr, dem persönlichen und gruppenorientierten Egoismus zu verfallen. Denn ein zeitgemäß individualisiertes Bewusstsein entwickelt sich nur durch die vollbewusste Anteilnahme an den Betätigungsweisen des modernen Menschen. Das Hauptcharakteristikum dieser Betätigungsart ist die Zuwendung zur äußeren Welt, die Umgestaltung ihrer Verhältnisse, die Überwindung ihrer Widerstände, das Standhalten angesichts der Widrigkeiten, die ihrem Bereiche entspringen, und überhaupt die Konfrontationsbereitschaft und Ausdauer gegenüber allem Widersacherischen. Diese Zuwendung zur äußeren Welt sowie die Ergebnisse einer solchen Tätigkeitshaltung sind, als das allein oder mit besonderer Betonung angestrebte Ziel, jedoch wiederum gerade für den im wahren Sinne modernen Menschen ebenfalls ohne erhebliche Bedeutung. Sie bedürfen ebenso wie die Wendung nach innen einer Ergänzung. Eine solche Ergänzung ergibt sich durch eine geistgemässe Durchdringung der Weltlage, d. h. der Bewusstseins- und Lebensformen des Zusammenwirkens freier Individualitäten, also durch eine mit dem Ernste der Weltanschauung unternommene Orientierung über den spirituellen Sinn des Wirkens in der äußeren Welt und des Zusammenwirkens in ihr. Sowohl die nach innen wie die nach außen gerichtete Betätigungsrichtung verfehlt also, wenn sie allein eingeschlagen wird, das Wesentliche und führt damit in die Irre. So wenigstens stellt es sich der Anschauungsweise dar, die jetzt genauer betrachtet werden soll .. »