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Aus Anlass der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Bob Dylan erinnert der Jesuit und Musikexperte Franz-Xaver Hiestand an eine Episode, die damals in der Schweiz kaum vermerkt wurde.
Es war am Samstagabend, dem 27. September 1997 in Bologna. Tags zuvor hatte die Erde in Assisi heftig gebebt. Die katholische Kirche Italiens hatte zum 23. Nationalen Eucharistischen Kongress eingeladen. Seit Tagen war über die leibhaftige und dauerhafte Gegenwart Jesu Christi in den Gestalten von Brot und Wein referiert und diskutiert worden. Heute war nun auch Papst Johannes Paul II. nach Norditalien gereist. 300’000 meist jugendliche Zuhörerinnen und Zuhörer erschienen zum grossen Begleit-Fest. Der italienische Sänger Adriano Celentano begann mit einer italienischen Version von “Stand by me”.
Der Papst in Weiss sass in einer Loge, umgeben von fast vollständig schwarzgewandeten Kardinälen, und blickte, so ein Korrespondent, zu Beginn «extrem müde und knurrig» drein. Es folgten Lucio Dalla, Michel Petrucciani, Andrea Bocelli und andere. Anschliessend predigte Johannes Paul II. etwa 20 Minuten lang. Dann betrat der Mann, der als Top-Act angesagt war, die Bühne, mit Hut und schwarzer Krawatte: Bob Dylan, damals 56-jährig, machte Halt auf seiner «never ending tour».
Und der Mann in Weiss blieb sitzen und hörte aufmerksam zu, obwohl einer seiner einflussreichen Berater vergeblich versucht hatte, den Auftritt des US-Amerikaners, der sich selbst als «Song & Dance Man» bezeichnet, zu verhindern. Dessen Klassiker «Blowing in the Wind» sei nämlich schon im Ansatz nihilistisch. «Ich war skeptisch und bin es in gewisser Weise noch immer, ob es wirklich richtig war, diese Art von ‹Prophet› auftreten zu lassen», schrieb der gestrenge Mann, damals Präfekt der Glaubenskongregation, in seinem Büchlein «Johannes Paul II. mein geliebter Vorgänger». Ja, der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. war der Meinung, dass all die Künstler von Bologna eine vollkommen andere Botschaft vertraten als sein Vorgänger im Papstamt.
Nun hat sich der 75jährige Dylan noch nie als Ausbund orthodoxer Reinheit gezeigt. Er hat Puristen jeglicher Prägung provoziert. Man weiss, dass er vor dem Auftritt in der Region Emilia-Romagna bereits in der US-amerikanischen Militärakademie Westpoint aufgetreten war, sich später hergab, für Damenunterwäsche zu werben, und sich von kommunistischen Parteikadern Chinas die Setliste diktieren liess. Aber dass Dylan ein Nihilist sei? – Kaum ein anderer Musiker bietet in seinen Songs so viele Ansätze, Glaubensfragen neu zu bedenken und zu formulieren, wie er. Und ganz offensichtlich war damals dem Mozart-Liebhaber Ratzinger nicht zugetragen worden, dass es in Dylans Schaffen Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts eine explizit religiöse Phase gab und eine Reihe von Theologen seit Jahrzehnten die religiösen Chiffren und Motive in Dylans Schaffen herausarbeiten. Im deutschen Sprachraum hat sich vor allem der Frankfurter Knut Wenzel sehr verdient gemacht (Kath. Akademie in Bayern) (siehe auch: www.theologie-und-kirche.de)
Johannes Paul II. nahm in seiner Predigt einige Bilder von «Blowin‘ in the Wind» auf und verkündete:
«Ihr, liebe Jugendliche, sagt, die Antworten auf die Fragen eures Lebens treiben im Wind daher. Das stimmt! Aber es ist der Wind, der zugleich der Atem und die Stimme des Geistes ist und der uns ruft: Komm!»
Später fügte er hinzu: «Ihr fragt, auf wie vielen Strassen ein Mann gehen muss, bevor er ein Mann wird. Ich antworte: Es gibt nur einen Weg für die Menschen, es ist der Weg Jesu Christi, der sagte, ‘Ich bin der Weg und das Leben’.»
So machte der von ukrainischen Juden abstammende Dylan unterschiedliche Reaktionsweisen der zwei Päpste offenbar: Beide lehnten sie ängstlich moderne Kulturformen ab, ohne sich allzu tief damit befasst zu haben. Doch während der eine in Dylan nur eine Identifikationsfigur jener Bewegung sehen konnte, gegen die er seit seiner Tübinger Zeit grimmig ankämpfte und die es im Namen der Wahrheit abzulehnen galt, war der andere zu Umarmungen fähig. Johannes Paul II., einmal ergriffen vom Wehen des Heiligen Geistes, konnte auch mehrdeutige, rauschhafte Impulse bruchstückhaft aufnehmen und die Wahrheit, die sich in ihnen zeigte, benennen. Allerdings machte ihn seine Fähigkeit zur spontanen Begeisterung in anderen Zusammenhängen offenbar auch empfänglicher für das Wirken von Scharlatanen.
Bob Dylan selbst spielte übrigens an jenem Herbstabend die Hymne «Knockin‘ on heaven’s door», das apokalyptische «A hard rain‘s a-gonna fall» und «Forever young» und nannte das ganze später eine «grossartige Show».
Franz-Xaver Hiestand SJ
Leiter des aki (der katholischen Hochschulgemeinde) Zürich. Überarbeitete Version eines Textes, der am 30. April 2011 erstmals im pfarrblatt Bern erschienen war.
Links
Dylan in Bologna:
Dylan und der Papst: