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Sie leben für Gastlichkeit à point
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von
Frey, Peter W.
27. Juli 2022
13:34
Das tiefe, sonore Brummen des Neunzylinder-Sternmotors mit 1000 PS unterscheidet die rote Antonov An-2 von allen anderen Flugzeugen, die um den Flugplatz Birrfeld unterwegs sind. Und ebenso typisch ist die Geschwindigkeit. Die Maschine mit Baujahr 1978 ist mit 100 Knoten (rund 180 km/h) ein vergleichsweise langsames Flugzeug. Sie gilt als «Traktor der Lüfte» – robust, zuverlässig und universell einsetzbar. Nur gerade rund 250 Meter Startstrecke braucht die An-2, um in die Luft kommen, und für die Landung noch weniger.
Die An-2 wurde in der damaligen Sowjetunion – genauer in der heutigen Ukraine – und in Polen sowie in Lizenz in der Volksrepublik China zwischen 1947 und 1991 in rund 18'000 Exemplaren für den militärischen und zivilen Einsatz gebaut. Sie kann zwölf Passagiere oder rund anderthalb Tonnen Fracht befördern. Dafür, dass seit fünfzehn Jahren eine An-2 im Birrfeld stationiert ist, ist Jean Voegelin aus Winterthur verantwortlich. Er ist in Turgi aufgewachsen und fliegt seit 1977 im Birrfeld. «Ich hatte schon immer den Traum, eine Maschine zu fliegen, die mehr als zwei bis drei Passagiere, also kleinere Gesellschaften, befördern kann», erläutert er.
In Lettland gefunden
Nach dem Ende der Sowjetunion wurden in deren Nachfolgestaaten viele nicht mehr benötigte An-2 verfügbar. Jean Voegelin begann zu recherchieren und wurde in der lettischen Hauptstadt Riga fündig. Äusserlich nicht mehr so ansehnlich sei das Flugzeug gewesen, «aber technisch in einem sehr guten Zustand». Gemeinsam mit Freunden, die seine Begeisterung für dieses spezielle Flugzeug teilen, brachte er die Kaufsumme zusammen. Im litauischen Kaunas wurde die Maschine von Spezialisten komplett überholt und neu bemalt, und sie bekam auch einen Namen: «Rusalka» ist in der slawischen Mythologie eine Meerjungfrau.
Am 30. September 2007 wurde die «Rusalka» ins Birrfeld überflogen. Aus luftfahrtrechtlichen Gründen bleibt sie in Lettland immatrikuliert. Einen Monat vor dem Überflug war der Antonov Club Avianna (ANC) gegründet worden, dem heute mehrere Hundert Mitglieder angehören. Der Club mit Jean Voegelin als Präsident ist Eigentümer und Betreiber des Flugzeugs und finanziert sich einerseits aus den – bescheidenen – Mitgliederbeiträgen, vor allem aber aus den Einnahmen der Passagierflüge, die nur Vereinsmitgliedern vorbehalten sind.
Kein Flugplatz ist zu klein …
Fliegen kann die «Rusalka» überallhin. «Wir können wegen der Kurzstart- und Lande-Eigenschaften jeden noch so kleinen Flugplatz in der Schweiz anfliegen – ob Gras- oder Hartbelagspiste», sagt Voegelin. Regelmässig werden Rundflüge, etwa um den Säntis, angeboten, und die «Rusalka» wird immer wieder an Flugmeetings eingeladen, wie zum Beispiel am 20. August ans Meeting auf dem ehemaligen Reduit-Flugplatz St. Stephan im Simmental. Die Maschine flog auch schon übers Mittelmeer bis nach Tunesien und kehrt regelmässig für den Unterhalt nach Litauen zurück.
Grössere Revision steht bevor
Dort steht ihr bald eine grössere Revision bevor. Die «Rusalka» bekommt einen neuen Motor und einen neuen Propeller, da Motor und Propeller in absehbarer Zeit die maximal zulässigen Betriebsstunden erreichen. Zudem wird die Bemalung erneuert. Auch wenn die Corona-Pandemie in Erfolgsrechnung und Bilanz des Vereins Spuren hinterlassen hat: «Wir können das aus unseren Rückstellungen stemmen», sagt Voegelin. Versteht sich von selbst, dass er wie die anderen drei An-2-Piloten und der Vorstand des Vereins ehrenamtlich arbeitet.
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