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Seit 500 Jahren wird Mexiko-Stadt entwässert. Mit dem Klimawandel spitzt sich die Lage nicht nur für die Bevölkerung zu: Die unterirdische Natur holt sich das Wasser zurück und zerstört dabei ein Weltkulturerbe.
Es war nachts um zwei, ganz in der Nähe der Landestelle Zacapa. Ein Nachtwächter hat es als Erster gehört: ein lautes Schlürfen und Gurgeln. «Es war, als hätte man den Stöpsel aus einer gigantischen Badewanne gezogen», erzählt Ángel Cristóbal. «Ein gewaltiger Strudel, der alles verschluckt hat.» Die schnell herbeigerufenen Arbeiter und IngenieurInnen brauchten bis morgens um neun, um die Stelle mit dem Loch mit Sandsäcken zu isolieren. Bis dahin war der Wasserspiegel im gut 150 Kilometer langen Kanalsystem von Xochimilco um einen halben Meter gesunken. Eine riesige Wassermenge war im Inneren der Erde verschwunden.
Angel Cristobal ist Bootsführer in Xochimilco. Der junge Mann stammt aus einem kleinen Weiler in den Bergen des mexikanischen Bundesstaats Puebla, wo noch immer die Aztekensprache Nahuatl gesprochen wird. Man sieht ihm seine Abstammung an: dunkle Haut, pechschwarze kurz geschnittene Haare. Das Kanalsystem ist einer der letzten Reste des Reichs seiner Vorfahren. Die AztekInnen hatten ihre Hauptstadt Tenochtitlan auf einer kleinen Insel in einem See gebaut, um sie besser verteidigen zu können. Um Land zu gewinnen, füllten sie Flösse mit Schlamm und verankerten sie mit Pfählen im niedrigen Wasser. Auf diesen sogenannten Chinampas bauten sie Mais an, Tomaten und Gemüse, auch viele Blumen. Xochimilco heisst übersetzt Blumenfeld. Das Zentrum von Tenochtitlan lag dort, wo jetzt das historische Zentrum von Mexiko-Stadt ist – zwanzig Kilometer nördlich des heutigen Xochimilco. Dazwischen, im See, lagen die Felder der AztekInnen auf diesen schwimmenden Gärten. Die Ernte brachte man auf Booten über die zwischen den Chinampas entstandenen Kanälen in die Stadt.
Von dieser Landschaft aus Seen und Kanälen ist nur ein kleiner Rest geblieben. Xochimilco ist heute Weltkulturerbe und Naherholungsgebiet für die über zwanzig Millionen EinwohnerInnen von Mexiko-Stadt. Hier weht immer eine leichte Brise, es ist kühler als in der Beton- und Asphaltwüste der Megastadt. An den Wochenenden stehen die Menschen Schlange, um auf eines der Ausflugsboote zu kommen: bunt angestrichene, Trajineras genannte Flösse mit Dach, Stühlen und langem Tisch. Junge Männer wie Ángel Cristóbal staken sie mit langen Holzstangen durch die Kanäle zwischen den Chinampas. Auf vielen werden noch immer Blumen, Mais und Gemüse angebaut. «Einmal im Jahr fällst du ins Wasser», sagt Cristóbal. «Weil du ausrutschst oder weil du mit einer anderen Trajinera zusammengestossen bist.» Manchmal werde es richtig eng auf den Wasserstrassen.
Nachdem sich das Loch im Kanal bei der Landestelle Zacapa aufgetan hatte, durften Cristóbal und seine Kollegen sechs Wochen lang nicht arbeiten. So lange brauchte eine Baufirma, um das zwei mal drei Meter grosse Loch mit wasserfestem Beton zu versiegeln. Darunter, hat Cristobal erfahren, hat sich ein mehrere Kilometer tiefer Schlund aufgetan. Er reicht hinab bis zu einem nahezu ausgetrockneten unterirdischen See, einem der fast ausgetrunkenen Wasserspeicher der Megalopolis.
Zwanzig Millionen Menschen verbrauchen mehr Wasser, als nachsickert, und jetzt, da mit dem Klimawandel immer weniger Regen vom Himmel fällt, kommt immer weniger unten an. Und immer mehr verdunstet an der Oberfläche. Der höllische Verkehr – die grossen Stadtautobahnen sind zweigeschossig, und dennoch herrscht ob der Menge der Fahrzeuge täglich Stau – sorgt für eine ständige Dunstglocke über Mexiko-Stadt. Darunter wird es immer heisser. Der Wasserspeicher unter Xochimilco wurde darüber zum Vakuum, sog über den Schlund so lange am Boden des Kanals, bis sich das grosse Loch auftat. Das war Mitte Februar. Es dauerte über vier Monate, bis der Wasserspiegel wieder sein vorheriges Niveau erreicht hatte.
Der Adler und die Schlange
Am Montag ist es ruhig in Xochimilco, es kommen nur wenige AusflüglerInnen. Hunderte von Trajineras liegen an den elf Landestellen, werden repariert, geputzt und frisch gestrichen. Cristóbal hat Zeit zum Plaudern und stakt gern zu der Stelle, an der das Wasser im Grund verschwand. Sie ist unspektakulär. Am Ufer, zwischen üppigem Grün und roten Blüten, sieht man ein paar Betonreste von den Versiegelungsarbeiten. Obwohl der Kanal hier nur knapp über einen Meter tief ist, kann man die neue Dichtung auf dem Grund nicht erkennen. Das Wasser ist trüb und braun und riecht ein bisschen brackig. Cristóbal bekommt fürs Bootführen einen mageren Lohn und lebt im Wesentlichen vom Trinkgeld. Die Besitzer der Flösse stehen in Gruppen zusammen im Schatten grosser Bäume und werfen Fünf-Pesos-Münzen, umgerechnet gut 25 Rappen. Zahl oder Adler. Die Zahlen scheiden aus, die Adler erreichen die nächste Runde. So geht das, bis nur noch ein Adler liegt. Wer ihn geworfen hat, bekommt alle Münzen.
Der Adler auf der mexikanischen Fünf-Pesos-Münze sitzt auf einem Kaktus und hält eine Schlange in den Krallen. Er beugt sich zu ihr hinunter, um sie zu fressen. Die Legende sagt, dass dieser Adler den AztekInnen den Ort angezeigt habe, an dem sie ihre Hauptstadt erbauen sollten. Anfang des 14. Jahrhunderts waren sie ein kleiner und armer Stamm und wanderten durchs Hochland des heutigen Mexiko. Ihr Gott Huitzilopochtli soll ihnen über einen Priester mitgeteilt haben, sie sollten sich dort niederlassen, wo sie einen auf einem Kaktus sitzenden Adler sehen, der eine Schlange verspeist. In einem lang gestreckten Hochtal im Zentrum des heutigen Mexiko, umgeben von hohen Bergen, entdeckten sie den Vogel auf einer kleinen Insel im westlichen Teil des Texcoco-Sees. Dort liessen sie sich nieder. Das war irgendwann zwischen 1320 und 1350.
200 Jahre später war Tenochtitlan zu einer der grössten Städte der damaligen Welt geworden. Die kriegerischen AztekInnen – sie nannten sich selbst Mexica – beherrschten ein Gebiet, das vom heutigen Süden der USA bis nach Guatemala und Honduras reichte. Die Spanier staunten nicht schlecht, als sie die Inselstadt zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. In ihrem Zentrum auf einem grossen Platz standen Pyramiden für die Götter und Paläste für die Herrscher; darum herum, in mehreren Ringen, gemauerte Häuser für die StadtbewohnerInnen. Die ursprünglich kleine Insel war mit vom Festland gebrachten Felsbrocken auf gut dreizehn Quadratkilometer vergrössert worden. Zwischen den Häusern gab es ein System von Kanälen mit Zugbrücken für die FussgängerInnen. Hauptsächliches Transportmittel war das Kanu. Weil das Wasser des Texcoco-Sees – nur einer in einem grossen System aus einem halben Dutzend Seen – wegen des Salpeters im Untergrund salzhaltig war, wurde in mehreren Aquädukten vom Festland her Süsswasser in die Stadt gebracht. Das längste mass fünfzehn Kilometer. Diese Aquädukte dienten gleichzeitig als Deiche, die die Stadt in der Regenzeit vor Überschwemmungen schützten. Zwischen 150 000 und 300 000 Menschen lebten und arbeiteten in Tenochtitlan.
Der Angriff der Spanier auf die Stadt begann Ende Mai 1521. Der Eroberer Hernán Cortés hatte seine Truppe von gerade mal 550 Mann mit an die 200 000 indigenen Verbündeten verstärkt. Er liess dreizehn grosse und mit Kanonen ausgestattete Boote bauen, um Tenochtitlan vom See her belagern zu können. Als Erstes kappte er die Süsswasserversorgung der Stadt, dann setzte er über. Es folgte ein Monate währendes blutiges Gemetzel, ein Kampf von Haus zu Haus. 200 000 AztekInnen sollen dabei getötet worden sein. Am 13. August floh der letzte Aztekenherrscher Cuauhtémoc während eines schweren Gewitters auf einem Boot aus der Stadt. Er wurde von den Spaniern gestellt, verhaftet, gefoltert und später erhängt. Tenochtitlan war gefallen.
Die Entwässerung und ihre Folgen
Was von der Aztekenstadt noch stand, rissen die Spanier nieder und füllten mit dem Schutt die Kanäle auf. Die Deiche liessen sie verfallen. 1535 gründeten sie an derselben Stelle die Hauptstadt ihrer Kolonie Neuspanien, die sie Ciudad de México nannten – Mexiko-Stadt, nach der Selbstbezeichnung der AztekInnen. Für ihren Aufbau wurden die das Hochtal begrenzenden steilen Hänge abgeholzt, mit der Folge, dass der nackte Boden die Wassermengen zu Beginn der Regenzeit nicht mehr halten konnte. Ab 1540 kam es immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen. Allein in den besonders schlimmen Jahren zwischen 1629 und 1633 ertranken dabei rund 50 000 Menschen.
Der damals in Neuspanien herrschende spanische Vizekönig Luis de Velasco sah die Lösung des Problems im Trockenlegen der Stadt. 1607 gab er entsprechende Arbeiten in Auftrag: Der wichtigste Zufluss der Seenplatte wurde umgeleitet, der nördlichste See des Systems über einen Kanal ins angrenzende Tal entwässert. Dazu musste ein Bergrücken durchschnitten werden. 1637 waren die Arbeiten vollendet. Es handelte sich um eine Spitzenleistung damaliger Ingenieurskunst – aber sie hatte fatale Folgen: Nicht nur die Stadt trocknete wie gewünscht aus, sondern auch ihr Untergrund.
Schon im 19. Jahrhundert versiegten die Quellen, die Mexiko-Stadt mit Trinkwasser versorgten, eine nach der anderen. Das lag damals im Wesentlichen an der Abholzung der die Stadt umgebenden Berge. Das Regenwasser versickerte nicht mehr, sondern floss über den erodierten Boden weg und wurde durch das Entwässerungssystem aus dem Stadtgebiet gebracht. Der Grundwasserspiegel sank. Um die EinwohnerInnen der Stadt nicht verdursten zu lassen, musste immer tiefer gebohrt werden. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es über tausend Tiefbrunnen im Stadtgebiet. Und das Zentrum sackte immer schneller ab. Der Grund: Den feinkörnigen Tonerden im Untergrund wurde das Wasser entzogen. Sie begannen zu schrumpfen.
Trotzdem wurde mehr und mehr Wasser aus der Stadt gebracht. In den Jahren 1897 bis 1900 liess der damalige Diktator Porfirio Díaz einen weiteren Entwässerungskanal bauen, den sogenannten Gran Canal. Mit ihm wird seither das Abwasser der Stadt, statt es zu klären, gut fünfzig Kilometer weit in den Norden gebracht. Was das für die Stabilität von Mexiko-Stadt bedeutete, wurde kurz nach der Fertigstellung dieses Kanals offenbar.
1902 ordnete Díaz an, auf der Hauptverkehrsader der Stadt, dem Paseo Reforma, eine neunzig Meter hohe Säule zu errichten, gekrönt von einem goldenen Engel. Das Monument sollte als «Engel der Unabhängigkeit» zum 100. Jahrestag des Beginns der Unabhängkeitskämpfe gegen die spanischen Kolonialherren im September 1910 eingeweiht werden. Im Mai 1907 – die Säule war inzwischen 25 Meter hoch – kam die Konstruktion in Schieflage und kollabierte. Der Boden darunter war unter ihrem Gewicht eingesunken – aber nicht gleichmässig. Beim zweiten Versuch baute man zunächst eine Plattform auf tief in den Grund gerammten Stahlbetonsäulen und darauf dann das Monument. Das Experiment funktionierte. Die Säule wurde rechtzeitig fertig und steht noch heute.
Allerdings steht sie nicht mehr so da wie vor gut hundert Jahren. Damals wurden in die Basisplattform neun flache Stufen gebaut, die zum Sockel des Monuments hinaufführten. Die gesamte Höhe, gemessen von der untersten Stufe auf dem Paseo Reforma, betrug 90,16 Meter. Die Strasse sank weiter, die Säule aber blieb wegen ihrer tiefen Verankerung im Untergrund auf demselben Niveau. Um von der Strasse auf die neun flachen Stufen zu gelangen, wurden deshalb 1986 dreizehn weitere unten angebaut. Man erkennt sie leicht: Die alten Stufen sind dunkelgrau, die neuen sehr viel heller. Vom Niveau der Strasse aus gemessen ist das Monument heute 94,66 Meter hoch.
Neun Meter in hundert Jahren
Seit dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts sind Teile der Stadt mit einer Geschwindigkeit von zwischen 1,4 und 40,3 Zentimetern im Jahr eingesunken. Der Zócalo, der grosse Platz im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt, an dessen Rand einst die Tempelpyramiden der AztekInnen standen, lag im Jahr 1900 noch 2240 Meter über dem Meeresspiegel, heute sind es nur noch 2231 Meter – eine Differenz von 9 Metern.
Zumindest für die Bausubstanz wäre das nicht weiter tragisch, wenn dieses Absinken gleichmässig vonstattengehen würde. Aber der Untergrund der Stadt ist nicht gleichmässig dicht. Er besteht aus weichen Tonen mit hohem Wasseranteil, sandig-tonigen Seeablagerungen, Sanden und Kiesen, Schwemmmaterial und Schlammblasen; und dazwischen immer wieder Basalt und andere harte vulkanische Gesteine. Deshalb sinkt heute die Stadt, je nach Untergrund, schneller oder langsamer ab – oder gar nicht.
Am deutlichsten wird dies rund um den Zócalo. Der riesige einst ebene Platz ist heute eine wellige Landschaft mit deutlichem Gefälle in Richtung Westen. An der Nordseite steht die Kathedrale, ein verschachtelter wuchtiger Bau, stilistisch uneinheitlich mit Elementen der Renaissance, des Barock und des Klassizismus. 1573 begannen die Spanier das Bauwerk, 1813 wurde es vollendet. Die Kirche war nie stabil. Von Anfang an ist sie eingesunken. Mitte des 20. Jahrhunderts aber, als die Bevölkerung der Stadt explodierte und immer mehr Wasser dem Boden entzog, hat sich das Absacken dramatisch beschleunigt. Das Tabernakel, ein Anbau an der westlichen Seite, scheint fast auf den Vorplatz zu kippen, der östliche Glockenturm stürzt in die entgegengesetzte Richtung.
Im Kirchenschiff verläuft keine vertikale Linie parallel zur nächsten, der Boden ist wellig, der Gleichgewichtssinn wird durch die verwirrenden optischen Eindrücke irritiert. Gläubige mögen das davon hervorgerufene Körpergefühl als heiligen Schauer empfinden, Ungläubigen wird schlicht ein bisschen schwindlig, und sie fühlen sich wie angetrunken. Einzig die Kronleuchter verdienen Vertrauen: Sie folgen der Schwerkraft, ihre Aufhängungen markieren verlässliche vertikale Linien.
Die Kirche kippt um
In der Mitte des Hauptschiffs hängt ein grosses, schweres Senkblei. Auf einer Marmorplatte darunter zeigt eine Zeichnung die Bewegung des Pendels seit 1573 (wobei die Daten der ersten Jahrhunderte rekonstruiert sind). Die Linie der Zeichnung zeigt: Nachdem das Mittelschiff der Kathedrale zunächst sehr langsam in die Schräglage geriet, hat sich diese Bewegung seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisch beschleunigt. Seit Mitte der achtziger Jahre drohte der westliche Anbau einzustürzen. Die Kirche wurde deshalb in den Jahren 1993 bis 1998 in aufwendigen Sanierungsarbeiten untergraben und auf einen Betonsockel gestellt. Sie sinkt seither weiter. Die IngenieurInnen hoffen, sie möge es jetzt wenigstens gleichmässig tun.
Dass die Stadt immer schneller absackt, hängt direkt mit dem Bevölkerungswachstum zusammen: Je mehr Menschen dort leben, desto mehr Wasser wird dem Untergrund entzogen. Gleichzeitig wird immer mehr Fläche versiegelt, immer weniger Regenwasser kann versickern. 1950 noch zählte der Grossraum von Mexiko-Stadt 2,9 Millionen EinwohnerInnen, 1980 waren es 13 Millionen, im Jahr 2000 schon 18,1 Millionen. 2015 wurden dann 21,6 Millionen gezählt. In den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bedeckte die Stadt gerade einmal achtzig Quadratkilometer. Heute versiegelt der Grossraum der Metropole hundertmal so viel.
Absurderweise hat der zunehmende Wassermangel dazu geführt, dass es immer öfter Überschwemmungen gibt. Gerade so, als seien alle Entwässerungsbemühungen seit der Zeit der SpanierInnen vergeblich gewesen, steht das Zentrum von Mexiko-Stadt zu Beginn fast jeder Regenzeit unter Wasser; eine direkte Folge des Absinkens. Denn mit dem Zentrum ist auch der Gran Canal, der Sammler für den Abtransport von Oberflächen- und Abwasser, abgesunken. Über weite Strecken hat er dabei sein Gefälle verloren, zum Teil muss das Abwasser sogar über Steigungen gepumpt werden. Der Kanal hat deshalb über vierzig Prozent seiner ursprünglichen Kapazität verloren.
Das wiederkehrende Überschwemmungsproblem soll nun behoben werden – mit einem neuen unterirdischen Abflusskanal. Dieser Túnel Emisor Oriente, eine Kanalisation mit sieben Metern Durchmesser, wird durch den Untergrund der Stadt getrieben. 2008 wurde mit den Arbeiten begonnen, Mitte 2012 hätten sie eigentlich beendet sein sollen. Da aber war noch nicht einmal die Hälfte der 63 Kilometer langen Strecke gebohrt. Inzwischen spricht man davon, das Abflussrohr im Lauf des kommenden Jahres in Betrieb zu nehmen. Das Prinzip freilich bleibt dasselbe: Regen- und Abwasser werden bis in den übernächsten Bundesstaat transportiert. Und die letzten Wasserspeicher unter der Stadt trocknen weiter aus.
Die Stadt verdurstet
Zur Zeit der AztekInnen hatte das zentrale Hochtal von Mexiko einen Überfluss an Wasser. Heute werden vierzig Prozent des in der Hauptstadtregion verbrauchten Frischwassers in Pipelines von weit her gebracht. Und weil im 12 000 Kilometer langen Leitungsnetz der Metropole durch das Absinken des Bodens mehr Lecks entstehen als anderswo, gehen ebenfalls rund vierzig Prozent davon verloren.
Mindestens zwanzig Prozent der Bevölkerung des Grossraums haben schon heute kein fliessendes Wasser. Und mit dem Klimawandel, sagt Ramón Aguirre Díaz, der Chef der städtischen Wasserwerke, «wird das noch viel schlimmer». Er erwartet heftigere Regenfälle, was mehr Überschwemmungen bedeute, aber auch längere und härtere Trockenperioden. «Ein potenzielles Desaster», sagt er. «Wir haben lange nicht genügend Tanklaster, um dann die Versorgung der Bevölkerung flächendeckend aufrechterhalten zu können.»
Draussen in Xochimilco wird es jetzt schon schlimmer. Das Loch vom Februar war nicht das erste und nicht einmal das grösste. Bereits im November vergangenen Jahres war ganz in der Nähe unvermittelt eine Strasse eingebrochen. Dieses Loch sei so gross gewesen, dass zwei Kleinbusse darin verschwunden seien, erzählen AnwohnerInnen. Es habe aber nur Materialschaden gegeben. Im Kanalsystem der AztekInnen hätten sich vor drei Jahren die ersten Löcher aufgetan, erzählt der Bootsführer Ángel Cristóbal. «Erst gab es nur alle paar Monate ein Leck, inzwischen passiert es fast jede Woche einmal.» Nur seien diese Löcher nicht so spektakulär wie der grosse Schlund vom Februar.
Das Kanalsystem wird deshalb inzwischen überwacht. Jeden Morgen kommen WissenschaftlerInnen der Universidad Autónoma Metropolitana vorbei und überprüfen den Pegel. Sinkt der Wasserspiegel auch nur ein bisschen, rücken Trupps aus und suchen nach der Stelle, an der das Wasser im Untergrund verschwindet. Die Arbeiter sind inzwischen routiniert, hat Cristóbal beobachtet. «Wenn das Loch nur klein ist, haben sie es schnell isoliert und verstopft. Das dauert nur ein paar Stunden.» Der Verkehr der Trajineras werde dadurch kaum beeinträchtigt, es gebe eben eine kleine Umleitung um die isolierte Stelle. Vorläufig macht er sich keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz.
Die Universidad Autónoma Metropolitana unterhält ganz in der Nähe der Ausflugsparks eine Aussenstelle an einem Abschnitt des Kanalsystems, der für die Trajineras gesperrt ist. Dort ist der letzte Lebensraum des Axolotl (siehe WOZ Nr. 28/2013). Der in freier Wildbahn akut vom Aussterben bedrohte Schwanzlurch ist für die Wissenschaft vor allem wegen seiner erstaunlichen Regenerationsfähigkeit von Interesse: Abgerissene Gliedmassen und selbst operativ entfernte innere Organe und Teile des Gehirns wachsen innerhalb weniger Wochen voll funktionsfähig nach. In dem universitären Institut werden in Becken und Tanks Axolotl zur Auswilderung gezüchtet. Die Kanäle und die schwimmenden Inseln von Xochimilco «sind noch immer ein kleines Paradies», sagt die Biologin María Guadalupe Figueroa. «Aber in zehn, spätestens in fünfzehn Jahren wird es verschwunden sein.»
Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.Unterstützen Sie den ProWOZ