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Literatur
Ambitioniert Scheitern
Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes vor mir zu haben. Es war die unprätentiöse Sprache, der Ton, und dass der Autor gerade genug beschrieb, um meine Fantasie in Gang zu setzen, doch eben nicht zu viel, um sie zu blockieren. Und ich fand spannend geschildert, was ich da las.
"Eine strahlende Zukunft" handelt im ersten Teil von Michael Davenport, der ein Dichter und Dramatiker sein will, und seiner aus reichem Hause stammenden Frau Lucy, für die Dylan Thomas ein Dichter und Tennesse Williams ein Dramatiker ist.
Michael ist ehrgeizig, er wird es der Welt zeigen, das Geld seiner Frau will er (und soll auch Lucy) nicht angreifen. Die Ehe scheitert, Michael dreht durch, landet in der Psychiatrie.
Im zweiten Teil erfahren wir, wie Lucy sich in einen Theaterregisseur, der sie für eine Jüngere verlässt, verliebt und dann in einen Börsenmakler, "der erste Mann, der sie kannte, der keinerlei künstlerische Ambitionen hatte, und sie hatte das seltsame Gefühl, dass ihm etwas fehlte." Lucy lernt schreiben und malen und findet bei ihrem Schreiblehrer, was ihr beim Börsenmakler fehlte, bis es auch "zwischen ihnen unschöne kleine Probleme - Streitigkeiten, die manchmal so schlimm sein konnten, dass sie alles verdarben" gab. Das Auseinandergehen der beiden - wie viele von Yates' Beziehungsszenen - ist alkoholgetränkt.
Solche inhaltlichen Angaben vermögen natürlich nicht zu vermitteln, was es mit diesem Buch auf sich hat: es ist ganz vieles in einem - eine sehr gekonnte, hoch differenzierte und einfühlsame Schilderung von Beziehungsverhältnissen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen; eine Abhandlung übers Schreiben ("'Melancholie' war das erste Wort, das ihr einfiel, und sie kam zu dem Schluss, dass das bei einem Schreiblehrer, vorausgesetzt, er hatte auch lebhaftere Eigenschaften, vielleicht keine schlechte Sache war." / "Jeder von uns kann diese Fertigkeit nur erlernen, indem er sich mit gedruckten und nicht gedruckten Beispielen vollsaugt und dann versucht, das Beste, was er entdeckt hat, in sein eigenes Werk aufzunehmen." / "Die Schauspielerei mochte emotionale Erschöpfung auslösen, aber das Schreiben ermüdete das Gehirn. Es führte zu Depressionen und Schlaflosigkeit, man lief den ganzen Tag mit verhärmtem Gesicht herum, und für all das fühlte sich Lucy noch nicht alt genug."); die überzeugende Darstellung von zwei schwierigen Menschen auf der Suche nach Sinn und Erfüllung in der Kunst; eine wunderbar gelungene Charakterstudie (wie Yates Michaels Neid, dessen Ängste und Hadern mit dem Schicksal zeichnet, ist besonders eindrücklich).
Der dritte Teil dieses Romans handelt dann wiederum von Michael Davenport, und zwar vor seiner Einweisung in die Psychiatrie und nach seiner Entlassung aus der Klinik. Bei einer Lesung aus seinen Gedichten bricht er zusammen - er hat keine Erinnerung mehr an diesen durch Alkohol ausgelösten Vorfall - und landet wieder in einer Klinik, erholt sich, heiratet eine zwanzig Jahre jüngere Frau, Sarah, die beiden ziehen nach Kansas, wo Michael an einem College unterrichtet.
Besonders die Schilderungen der Alkoholabstürze und der damit verbundenen Angst- und Panikattacken wirken sehr realitätsnah. Richard Yates weiss ganz offensichtlich, wovon er da schreibt.
Als dann Laura, Michael und Lucy Tochter, ebenfalls psychiatrische Hilfe braucht, meint Sarah, er solle doch endlich einmal mit diesem Unsinn übers 'Verrücktsein' aufhören, worauf Michael erwidert: "Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? 'Psychotisch'? 'Manisch-depressiv'? 'Paranoide Schizophrenie'? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab 'irgendwie verrückt', 'verrückt' und 'total durchgeknallt'. Das sind die Begriffe, denen ich traue ...".
"Eine strahlende Zukunft" spielt in der Zeit als Bob Dylan und die Beatles auf der Bildfläche erschienen, was Lucy unter anderem Anlass ist, sich auch in Sachen Musikkultur zu positionieren. So fand sie etwa Dylan unerträglich. "Wo nahm dieser Collegejunge die Überheblichkeit, sich den Namen eines Dichters anzueignen? Warum konnte er nicht lernen zu schreiben, bevor er Songs für sich schrieb, oder lernen zu singen, bevor er sie öffentlich sang? Warum hatte dieser aufgeblasene Folktroubadour nicht ein bisschen Unterricht auf der Gitarre - oder auf seiner elektronischen Mundharmonika - genommen, bevor er sich daranmachte, Millionen von Kinderherzen zu erobern?"
Richard Yates, der Verfasser dieses eindrücklichen Romans, gilt als "Chronist des Scheiterns". Die DVA publiziert sein Gesamtwerk auf Deutsch, man ist froh drum.