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Félicien Morel, wenn Sie als ehemaliger Freiburger Finanzdirektor sehen, dass der Staat ein Vermögen von 900 Millionen Franken hat: Sind Sie eifersüchtig auf den jetzigen Amtsinhaber?
Nein, gar nicht. Es freut mich, dass die finanzielle Lage des Kantons Freiburg ausgezeichnet ist. Ich selber war während 15 Jahren ein Finanzdirektor, der sich im Staatsrat immer für eine verantwortungsvolle Finanzpolitik eingesetzt hat. In meinen ersten zehn Jahren in der Regierung sind die Schulden des Kantons um 700 Millionen Franken zurückgegangen. Freiburg war stark verschuldet. Die Zinslast der Schulden frass einen beträchtlichen Teil der Steuereinnahmen weg. Ich war der Ansicht, dass man dieses Geld für die Bedürfnisse des Staates einsetzen sollte statt damit die Bankiers zu bereichern. Mein Ideal war ein Budget ohne Defizit.
Dieses Prinzip steht ja heute in der Kantonsverfassung.
Ich war Präsident einer kleinen Arbeitsgruppe im Verfassungsrat, die sich um die Finanzen kümmerte. Ich habe diesen Artikel von Hand geschrieben, und er wurde fast wörtlich übernommen.
Ist es leichter, eine Kasse mit 900 Millionen Franken Vermögen zu führen, als wenn der Staat verschuldet ist?
Nein, sicher nicht. Wenn die Finanzen gesund sind, ist es viel schwieriger für einen Finanzdirektor. Dann bombardieren die Grossräte die Regierung mit Postulaten und Motionen und verlangen neue Ausgaben. Wenn es hingegen schlecht um die Finanzen steht, wagen nur wenige, Millionenausgaben zu fordern.
Schon Sie hatten als Finanzdirektor ein Struktur- und Sparmassnahmenpaket geschnürt. Verstehen Sie, dass dies heute wieder nötig ist?
Ja. Man muss sehen, welche finanziellen Probleme sich ankündigen: die Unternehmenssteuern, der Finanzausgleich, Soziallasten. Schnell findet man sich wieder in grossen Schwierigkeiten. Ich durchlebte eine Zeit hoher Inflation. Das kann wieder kommen. Die Ausgaben für den Staat sind in einer solchen Zeit enorm, nur schon, um die Teuerung auszugleichen. Es ist gut, eine Reserve zu haben.
Sie tönen als ehemaliger Sozialdemokrat fast wie der heutige CVP-Finanzdirektor.
Als mein Vorgänger Arnold Waeber von der CVP mir die Schlüssel für die Staatsfinanzen übergab, sagte er mir: «Du musst der Wachhund der Regierung sein.» In einer Regierung mit sieben Personen wollen sechs ausgeben und einer muss auf die Bremse treten. Als ich die Schlüssel an Urs Schwaller übergab, sagte dieser, er werde wohl nicht viel ändern. Ich glaube, das tat er auch nicht. Für gesunde Staatsfinanzen braucht es wirtschaftlichen Wohlstand und eine gewisse Strenge.
Tragen die heutigen Staatsfinanzen Ihre Handschrift?
Das Prinzip eines ausgeglichenen Budgets war zu meiner Zeit neu. Als ich mein Amt antrat, sagten mir viele Mitarbeiter der Direktion, man riskiere politisch nichts, wenn man das Budget überziehe.
Hat sich das Umfeld seither geändert?
Ich erkenne eine starke Personalisierung der Politik. Dazu tragen sicher die Medien viel bei. Man liebt heute Hahnenkämpfe. Als Staatsrat habe ich, so glaube ich, nie öffentlich gesagt: «Ich …», sondern immer: «Der Staatsrat …». Kein Staatsrat kann alleine regieren.
Zu Ihrer Zeit wurden die Steuern für natürliche Personen mehrfach gesenkt. Heute ist es die Unternehmenssteuer. Ein Zeichen der Zeit?
Die Besteuerung auf tiefen und mittleren Einkommen war sehr stark. Die Steuerabgaben lasteten auf ihnen. Es gab nämlich damals noch kaum grosse Vermögen und grosse Firmen im Kanton. Das änderte sich erst im Verlauf der Zeit; Freiburg entwickelte sich.
Sie waren zwei Jahre lang Staatsrat und Nationalrat. Auch Beat Vonlanthen plant heute ein Doppelmandat. Wie haben Sie das bewältigt?
Es war sehr schwierig, aber nicht unmöglich. Man kann nicht gleichzeitig in Bern und Freiburg sein. Doch ich wollte meine zweite Legislatur in Bern unbedingt beenden. Ich sah einen Nutzen darin, und die Wähler hatten mich ja für vier Jahre gewählt. Ich reiste oft für Sitzungen hin und her.
Sie traten als Staatsrat aus der SP aus. Wo sehen Sie die Partei heute?
Die SP ist unerlässlich. Sie ist ein Gegengewicht zur bürgerlichen Politik. Ihre Ideen sind ehrenwert wie die der anderen Parteien auch. Ausgleichskräfte sind wichtig. Es gilt, Mehrheiten daran zu hindern, dass sie machen, was sie wollen.
Sie sind aus Belfaux, waren SP-Mitglied. Kennen Sie Alain Berset persönlich?
Ich war mit ihm im Verfassungsrat. Er war in diesem Gremium der einzige Sozialdemokrat, der mich da um meine Meinung fragte.
Berset wurde Ständerat und Bundesrat. Sie scheiterten an beidem. Was hat er besser gemacht als Sie?
Er war geschickter als ich. Ich war nicht sehr diplomatisch gegenüber der SP. Ich ging nie vor jemanden in die Knie. In Wahlkampagnen machte ich immer klar, für was ich stehe; wer nicht damit einverstanden war, der sollte besser jemand anderes wählen. Für das Amt in Bern hätte ich gewisse Kämpfe vermeiden sollen. Als Bundesrat darf man sich nicht zu viele Feinde machen. Alain Berset ist ein Mann, der Kompromisse sucht, der intelligent ist und der es verdient, Erfolg in seinem Amt zu haben.
Parteien: Eine Versöhnung mit der SP fand nie statt
D er frühere CVP-Nationalrat Louis Barras fragte einmal den politisch noch heimatlosen Félicien Morel, ob er nicht in die CVP eintreten möchte. Dieser antwortete, wenn die SP in der Mehrheit wäre, würde er bei der CVP unterschreiben; da aber die CVP die Macht habe, trete er eher der SP bei.
So nahm Morels politische Karriere in den Reihen der SP ihren rasanten Lauf. Als er 1987 gar als Kandidat für den Bundesrat gehandelt wird, kommt es zum Eklat. Er demissioniert, hilft die Demokratisch-sozialen Partei (DSP) zu gründen und bleibt noch eine Periode im Staatsrat.
Der Bruch mit der SP habe nichts direkt mit einer Bundesratskandidatur zu tun gehabt, so Morel. Begonnen hätten die Spannungen mit der Partei bereits 1981 nach der Wahl in den Staatsrat. «Vor der Konstituierung sagte mir der andere SP-Staatsrat Denis Clerc, ich solle ja nicht die Finanzen übernehmen. Diese Direktion sei eine Falle. Aber die Mehrheit der Ehemaligen wollte, dass ich die Finanzen übernehme. Da sagte ich mir, ich wolle zeigen, dass auch ein Sozialdemokrat die Staatsfinanzen vernünftig führen kann.» Von diesem Zeitpunkt an habe Clerc Morels Arbeit immer wieder schlechtgeredet, auch innerhalb der SP. «Es entstand ein unangenehmes Klima», sagt Morel.
Als bei der Nachfolge von Bundesrat Pierre Aubert der Name Morel auftaucht, prüft auch die Freiburger SP eine Kandidatur. Morel erlangt eine Mehrheit, gleichzeitig wird er vom linken Parteiflügel derart heftig für seine Amtsführung kritisiert, dass er auf eine Kandidatur verzichtet. Morel verlangte darauf, sich erklären zu können, doch auch das sei ihm verweigert worden. Es kommt zum Übertritt von Links zu Mitte-links, zur DSP.
«Einige frühere Parteikollegen sagten später, sie seien etwas hart zu mir gewesen. Otto Piller fragte mich letztes Jahr, ob ich nicht wieder zur SP wolle.» Morel antwortete: «Aber nicht bedingungslos.» Zu einer Versöhnung kam es nicht. «Sie spielten ein Spiel mit mir, ich habe mich verteidigt. Damit kann ich sehr gut leben.» uh
Zur Person
Für zwei Parteien in der Kantonsregierung
Félicien Morel ist am 4. März 1935 in Freiburg geboren. Nach einer abgebrochenen Schlosserlehre bildete er sich zum kaufmännischen Angestellten aus. Im Selbststudium schaffte er es ans Kollegium St. Michael, wo Morel die Handelsmatura ablegte. Es folgte ein Lizentiat der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Uni Freiburg. Nach Aufenthalten in Italien, Deutschland und England zog er nach Belfaux, unterrichtete am Kollegium St. Michael und arbeitete bei der PTT-Union.
In Belfaux stieg Félicien Morel 1970 als Gemeinderat in die Politik ein. 1971 wurde er bereits Grossrat und 1975 erfolgte auf der Liste der SP die Wahl in den Nationalrat. Morel wird Vizepräsident der SP Schweiz und SP-Fraktionschef in Bern.
1976 scheiterte eine Kandidatur Morels als Oberamtmann des Saanebezirks, aber 1981 gelang ihm der Sprung in den Freiburger Staatsrat. Die ersten beiden Jahre in der Kantonsregierung war er gleichzeitig Nationalrat. Morel bekleidete 15 Jahre lang das Amt des Finanzdirektors. 1987 trat er im Zwist aus der SP aus und machte bei der Gründung der Demokratisch-sozialen Partei (DSP) mit. Für diese wurde er 1991 ein drittes Mal in die Regierung gewählt. Nach der Pension war Morel als Verfassungsrat und Generalrat von Belfaux aktiv. Er betreut die Finanzen der Stiftung von Nicole Niquille für ihr Spital in Nepal. Dort bestieg er auch einen 8200 Meter hohen Gipfel.uh