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In meinem Bericht Nr. 287 vom 19. letzten Monats2, Seite 5, konnte ich Ihnen melden, dass sich im grossen ganzen seit dem 18. dieses Monats die Erregung in der englischen Presse wegen des Zwischenfalls Hoffmann-Grimmetwas gelegt habe. Um das meinige dazu beizutragen, hatte ich mich am 20. abends zu Herrn Steed, dem Tzmes-Redaktor für Auswärtige Angelegenheiten, begeben, um ihn dringend, namens unserer alten Freundschaft und im Interesse der guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern, zu ersuchen, kein Öl ins Feuer zu giessen (vergleiche mein Telegramm Nr. 92 vom 21. Januar)3. Meine Vorstellungen waren nicht unnütz, denn die Times hat keinen so aufreizenden Artikel mehr gebracht wie den, auf den ich in meinem Bericht Nr. 287 hinwies. Auch die Briefe des ÎTraes-Korrespondenten in Bern, der überhaupt ein zuverlässiger und unparteiischer Mann ist, sind sachlich gehalten.
Einen grellen Misston in die sich beruhigende Stimmung brachte die Morning Post in ihrem «A Lesson to Neutrals» überschriebenen Leitartikel vom 22. Januar. Da dieser Artikel, auf den ich mit meinem Telegramm Nr. 964 vom gleichen Tag Ihre Aufmerksamkeit lenkte und dessen Text hier beiliegt (Beilage I), die Wahrhaftigkeit der von dem Herrn Bundespräsidenten vor der Bundesversammlung abgegebenen Erklärung5 in Frage zog und behauptete, die Erklärung habe lange auf sich warten lassen, sah ich mich veranlasst, an den Herausgeber dieser Zeitung unverzüglich einen Brief zu richten, dessen Wortlaut angebogen ist (Beilage II)6 und der folgenden Tags, d.h. am 23. Juni, an guter Stelle erschien. Ohne in eine Diskussion einzutreten, hob ich kurz hervor:
1. Wenn der Bundespräsident vor der Bundesversammlung feierlich erklärt, dass dem Bundesrat der Schritt des Herrn Hoffmann unbekannt war, so ist es unzulässig, zu insinuieren, dass «dem so oder nicht so sein möge».
2. Die Erklärung des Bundespräsidenten kam nicht «etwas spät», sondern wurde gemacht bei der erstmöglichen Gelegenheit und sofort nachdem der Vorfall zur Kenntnis des Bundesrats gelangt war.
3. Die Erklärung des Bundespräsidenten, die von der schweizerischen Regierung und vom schweizerischen Parlament eingenommene Haltung sowie die Kundgebungen der öffentlichen Meinung in der ganzen Schweiz bilden eine förmliche und vollständige Zurückweisung des von Herrn Hoffmann getanen Schritts.
Wie üblich, begleitet die Redaktion meinen Brief mit einer Fussnote, in der sie zwar anfangs sagt, sie habe an dem von mir bedauerten Ton des Artikels nichts zu ändern, aber damit schliesst, sie zweifle an dem Wort des Bundespräsidenten nicht, und jede ihrerseitige scheinbare Unterschiebung des Gegenteils sei von ihr nicht gewollt gewesen. Ich erfahre, dass mein Brief auch in offiziellen Kreisen Zustimmung gefunden hat, und die schweizerische Kolonie, die durch die Folgen des Zwischenfalls in ihrer hiesigen Stellung sich bedroht fühlte, hat ihn mit Freuden gelesen.
Dass die Morning Post die Erklärung des Bundespräsidenten «etwas verspätet» findet, mag vielleicht damit entschuldigt werden, dass, wie ich Ihnen sofort telegraphierte, das Telegramm des Herrn Hoffmann an Herrn Grimm7 hier schon Samstag, den 16. lauf. Monats, am späten Nachmittag veröffentlicht war, während es. wie ich nun sehe, erst am Montag nachmittag, den 18., in Bern und Paris bekannt wurde. Es wäre interessant zu wissen, wieso es kam, dass ein hier publiziertes Agenturtelegramm erst zwei Tage später in der Schweiz und, wie ich mich überzeugte, auch in Paris publiziert wurde. Liegen vielleicht Manipulationen gewisser Zensurbehörden vor?
Wie aus Beilage III8 hervorgeht, hat der Leitartikel der Morning Post in der schweizerischen Presse Aufsehen erregt. Hoffentlich wird sie auch von meiner Erwiderung Notiz nehmen.
Eine ganze Sammlung weiterer Ausschnitte hiesiger Zeitungen über den Zwischenfall, die ich besonders hervorzuheben keine Veranlassung habe, sind als Beilage IV9 dem Bericht angeschlossen.
Da mir anlässlich von Besprechungen über den Artikel der Morning Post von zwei verschiedenen Seiten, am 23. und 24., hinterbracht wurde, es herrsche in den Kreisen des hiesigen Kriegsministeriums eine grosse Entrüstung gegen die Schweiz infolge des behaupteten neutralitätswidrigen Vorgehens des Herrn Hoffmann, so lag mir daran, amtlich festzustellen, was an diesen Gerüchten begründet sein möge, die so weit gingen, verstehen zu geben, es könnte uns dasselbe Schicksal wie Griechenland bevorstehen. Ich verlangte daher Herrn Balfour möglichst bald zu sehen. Er empfing mich gestern um 4 Uhr und sagte mir, wie ich Ihnen sofort mit Genugtuung telegraphieren konnte, ganz deutlich, er sehe nicht ein, was die Verbündeten vernünftigerweise noch von der Schweiz verlangen könnten, nachdem Herr Hoffmann demissioniert habe, seine Entlassung angenommen und er vom Bundesrat und von der Bundesversammlung spontan und öffentlich desavouiert worden sei. Herr Balfour zögerte in keiner Weise, meiner Auffassung zuzustimmen, der Zwischenfall sei unter diesen Umständen, was die Entente angehe, als erledigt anzusehen; das übrige gehe nur die Schweiz allein an. Der hiesige Vertreter der S.S.S., Herr Palliser, meldete mir seinerseits, dass der bedauerliche Vorfall nach seinen Beobachtungen keine Änderung im guten Willen der zuständigen britischen Amtsstellen, uns mit Lebensmitteln und Rohmaterialien zu versorgen, herbeigeführt habe.
Um zu erfahren, ob die französische Regierung die Auffassung des Herrn Balfour teile, begab ich mich noch am selben Abend zu dem französischen Botschafter, Herrn P.Cambon, der mir mitteilte, er habe, wie das Foreign Office, sobald die Nachricht der Demission und der Desavouierung des Herrn Hoffmann eingetroffen sei, dafür gehalten, die Angelegenheit sei vom internationalen Standpunkt aus abgeschlossen, und da er keine entgegengesetzten Weisungen von seiner Regierung erhalten habe, sei er überzeugt, dass diese Meinung auch in Paris geteilt werde (vergleiche mein gestriges Telegramm Nr. 3)10.
Wir dürfen also wohl hoffen, dass uns aus dieser Sache keine weiteren internationalen Verwicklungen erstehen werden, wenn nur die schweizerische Presse und unsere zahllosen sogenannten «Staatsmänner» etwas Einsicht und wohlverstandenen Patriotismus an den Tag legen und nicht der einen oder anderen Gruppe der Kriegführenden durch unzeitgemässe Manifestationen ihrer Sympathien in die Hände arbeiten. Die ersten schweizerischen Zeitungen, die von dem Vorfall eingehender handeln, sind mir soeben zugekommen, und ich muss sagen, dass einige ihrer Äusserungen mich leider in meiner durch mannigfaltige frühere Erfahrungen gebildeten Ansicht bestärken, dass unserem Volk, gewissen unserer Politiker und Journalisten der politische Instinkt für das, was in internationalen Angelegenheiten verschwiegen, getan oder gesagt werden soll, in hohem Masse abgeht. Die Zeiten sind doch gewiss ernst genug, dass jeder Schweizer sich zunächst als solcher fühlen und sich nicht in Streitigkeiten einmischen sollte, die uns nichts angehen und unter denen und deren Verschärfung wir schon ohne dies genug leiden.
- 1
- Rapport politique: E 2300 London, Archiv-Nr. 11.↩
- 2
- Non reproduit.↩
- 3
- Non reproduit. Cf. E 2001, Archiv-Nr. 765/2.↩
- 4
- Non reproduit.↩
- 5
- Il s’agit de la déclaration de Schulthess faite le 19 juin 1917 devant le Conseil national, dont le texte avait été approuvé par le Conseil fédéral à sa séance du 19 juin 1917 (cf. no 289). Cf. E 1001 (c) d 1/179, no 747.↩
- 6
- Non reproduit.↩
- 7
- Cf no 316.↩
- 8
- Non reproduit.↩
- 9
- Non reproduit.↩
- 10
- Non reproduit. Cf. E 2001, Archiv-Nr. 765/2.↩