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Als Trekkie kann man sich im Moment eigentlich nicht beschweren. Seit 2017 haben es immerhin gleich sechs neue Star-Trek-Serien auf den Schirm geschafft. Offizielle Videospiele hingegen waren eher so selten wie Wasser in der Wüste auf Vulkan. Star Trek: Infinite beendet diese Durststrecke zwar, aber lohnt sich der erste Kontakt mit dem Spiel oder zieht Publisher Paradox eher den Zorn des Khan auf sich?
Star Trek: Infinite zählt zu den sogenannten 4X-Spielen. Bei dieser Art der Runden-Strategiespiele startet man normalerweise auf einer riesigen Karte, die es zu erkunden (explore) gilt, und baut sein kontrolliertes Gebiet immer weiter aus (expand), indem man Rohstoffe abbaut (exploit) und damit neue Siedlungen oder Gebäude errichtet. Nach etlichen Stunden trifft man irgendwann mal einen anderen Spieler, mit dem man sich dann verbünden oder handeln kann oder sich bekriegt (exterminate). Explore, expand, exploit, exterminate – deswegen 4X.
Im Falle von Star Trek: Infinite sieht das alles ein bisschen anders aus. Große Teile der Sternenkarte sind nämlich bereits aufgedeckt und vier Fraktionen haben den Alpha- und Beta-Quadranten unter sich aufgeteilt. Das Klingonische Reich, das Romulanische Imperium, die Cardassianische Union und selbstverständlich die Vereinigte Föderation der Planeten (aka Sternenflotte) stehen als spielbare Völker im Einzel- und Mehrspielermodus zur Verfügung.
Dabei hat jede Fraktion ihre eigenen Schwerpunkte. Die Föderation versucht erstmal alles mit Diplomatie zu lösen, wo die Klingonen eher den “Erst schießen, dann Fragen stellen”-Weg wählen. Romulaner sind eher für vorsichtiges Auftreten bekannt und die Cardassianer haben die besten Spione des Universums. Weiter am Rand der Galaxis trifft man später noch auf kleinere Mächte wie Tellariten oder Betazoiden. Im Laufe des Spiels erkundet ihr neue Sonnensysteme, baut dort Sternenbasen, erweitert so euren Einfluss und erlangt Zugriff auf die dortigen Ressourcen, die ihr dann wieder in neue Sternenbasen, Schiffe oder Forschung investieren könnt.
“Der beste Diplomat, den ich kenne, ist eine feuerbereite Phaser-Batterie.”
Der Zustand der Karte spiegelt ungefähr das Star Trek-Universum zur Zeit von Deep Space Nine und der Next Generation wider, also Captain Jean-Luc Picard und die Crew der Enterprise-D. Der Planet Bajor ist noch von den Cardassianern besetzt, zwischen der Föderation und dem romulanischen Imperium sorgt eine neutrale Zone für einen zerbrechlichen Frieden und die Klingonen müssen sich erstmal von den Nachwirkungen des Khitomer–Massakers erholen.
Anders als bei den meisten Genre-Kollegen treten solche Ereignisse, wie die Bombardierung der klingonischen Kolonie auf Khitomer, nicht zufällig auf, sondern strukturieren als übergeordneter Handlungsbogen den Spielverlauf und orientieren sich dafür an Ereignissen aus den Filmen und Serien. Jede Fraktion stellt zum Beispiel recht früh fest, dass die romulanische Sonne merkwürdige Messwerte liefert. Ihr könnt dann selbst entscheiden, wie ihr mit der Situation umgeht.
Romulaner und Cardassianer lässt das eher kalt, aber als Romulaner habt ihr natürlich ein großes Interesse daran, die Anomalie zu erforschen. Wie Star-Trek-Fans wissen, bleibt es dann auch nicht bei ein paar auffälligen Zahlen. Die romulanische Sonne steht kurz davor zu explodieren und den Heimatplaneten Romulus gleich mitzunehmen.
Helfen wir den Romulanern bei der Erforschung der Anomalie und erkennen dadurch früh genug die bevorstehende Katastrophe, schließen wir eine Mission ab und erhalten dafür Ressourcen. Jetzt können wir bei der Evakuierung von Romulus helfen und den Romulanern eine neue Heimat bieten. Alternativ könnten wir aber auch Sektion 31, den ominösen Geheimdienst der Sternenflotte, ermächtigen und die Zerstörung des romulanischen Heimatplaneten ausnutzen, um die alleinige Kontrolle über die neutrale Zone zu erlangen. Der Story-Zweig mit Evakuierung und eventueller Aussöhnung bleibt dann aber versperrt.
Jede Fraktion besitzt eigene Vorgehensweisen und abseits global galaktischer Ereignisse, die allen gemein sind, auch individuelle Missionen und einen eigenen roten Story-Faden mit diversen Verzweigungen.
“Wozu braucht Gott ein Raumschiff?”
Klingt soweit doch alles super, oder? Warum also hat Star Trek: Infinite nur einen Metascore von 67% und bei Steam derzeit eine User-Wertung von 57%? Leider kommt zu den ganzen tollen Ideen und dem schönen Star-Trek-Korsett noch ein großes Problem dazu: das Spiel selbst.
Wenn man den Star Trek-Zuckerguss nämlich einmal beiseite nimmt, fallen schnell die Schwächen von Infinite auf. Die bereits erwähnte Sternenkarte und eine Übersicht für einzelne Sternensysteme sind die einzigen Ansichten, die es gibt, und die sehen grafisch nicht besonders beeindruckend aus. Der komplette Rest des Spiels findet in Tabellen, Menüs und Untermenüs von Untermenüs statt. Im Grunde ist Infinite eine spielbare Excel-Tabelle mit Star Trek-Lizenz.
Selbst bei Raumschlachten darf man sich nicht zu viel Feuerwerk erhoffen. Zoomt man ganz nah ran, dann kann man den kleinen Schiffchen zwar zugucken, aber ein bisschen Phaserfeuer und die immer gleichen Manöver sorgen nicht unbedingt für fesselnde Action.
Und dann dauert jede Unternehmung auch noch quälend lange. Will man seinen Ruf bei einer verhassten Fraktion verbessern, dann benötigt das stundenlange (Echtzeit!) diplomatische Gespräche, und hat man dann mal jemanden soweit, dass er sich einem anschließen möchte, dann ziehen sich die Verhandlungen wieder über Jahre (Ingame-Zeit). Man kann nicht mal den PC nebenher laufen lassen und währenddessen etwas anderes machen, weil alle paar Sekunden eine neue Meldung aufploppt, die man erst wegklicken muss, damit die Zeit weiterläuft.
“Ich bin Arzt, Jim, kein Fahrstuhl!”
Star Trek: Infinite basiert in seinen Grundzügen auf Stellaris, dem aktuellen Platzhirsch unter den Weltraum-4X-Games, und borgt sich zusätzlich noch ein paar Ideen von Spielen wie Europa Universalis IV aus demseleben Hause bei Publisher Paradox. Paradox, wir erinnern uns, ist berühmt berüchtigt für hochwertige, aber eben auch ultra-komplexe und deswegen ultra-sperrige Strategiespiele, und darin besteht das Problem. Eine Massenmarkt-Marke wie Star Trek und ein Nischen-Gameplay für eine Hardcore-Zielgruppe – das passt nicht so recht zusammen.
Hinzu kommt, dass es bereits mehrere gelungene Star-Trek-Mods für Stellaris gibt, mit zum Teil viel mehr Inhalt und vor allem einigen Komfort-Funktionen, die es aus unverständlichen Gründen von der aktuellen Stellaris-Version nicht in Infinite geschafft haben. In dieser Hinsicht stellt Infinite für Stellaris-Spieler also gar eher ein Downgrade dar.
Besonders ärgerlich ist es dann, wenn man aufgrund von Bugs auch noch seinen Fortschritt verliert. Das ist mir sogar zweimal passiert, weil mein Spielstand auf einmal nicht mehr geladen werden konnte. 20 Stunden Aufbau, Diplomatie und Krieg futsch. Und das ist nur einer von vielen Fehlern, die einem das Spielerlebnis verleiden können, und dringend Nachbesserung verlangen.