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Das war dieses Jahr nicht vorgesehen: weiter zu segeln als bis zur nächsten oder übernächsten Azoreninsel (von Santa Maria aus, wo ich lebe). Und nun bin ich schon wieder auf Madeira. Es ist Mitte September und ich liege in Machico, einem kleinen Hafen im Osten der Insel. In etwas mehr als einer Woche soll es weitergehen. Nach einem Zwischenhalt auf Teneriffa und den Kapverden nach Afrika.
Afrika. Ausgerechnet! Genauer gesagt nach Guinea-Bissau, das im Ruf steht, nicht die stabilsten politischen Verhältnisse zu haben.
Die Bijagos
Das kam so: Kurz nach meiner Rückkehr von der abgeblasenen Atlantiküberquerung (ich habe darüber geschrieben) habe ich Miguel Teixeira kennengelernt. Miguel, so erzählten mir Freunde, plane eine Expedition zu den Bijagos. Wohin? Wikipedia musste mich aufklären.
Die Bijagos sind ein Archipel, bestehend aus 88 Inseln, die der Küste Guinea-Bissaus vorgelagert sind (und für alle, die nicht genau wissen, wo Guinea-Bissau liegt: in Westarfika zwischen Senegal im Norden und Guinea im Süden). Auf den Inseln sollen die Menschen mehr oder minder ein ursprüngliches Leben führen und mit dem Festland – das heisst, mit den politischen Umtrieben – nicht viel zu tun haben. Zudem gelten die Bijagos als Naturparadies und als eine der wichtigsten Brutstätten der Lederschildkröten, der grössten Meeresschildkröten überhaupt. Aber auch die Bijagos werden von Plastikmüll heimgesucht, und um diesen soll es bei der Expedition von Miguel gehen.
Der Plan besteht darin, mit maximal zehn Jachten zu den Inseln zu segeln, Plastik- und anderen Müll aufzusammeln und seine Herkunft zu bestimmen. Dazu werden Wissenschafter aus den Azoren mitkommen, weil derselbe Müll auch dorthin gelangt, die Strände verunstaltet und den Tieren zusetzt. Am Ende wollen wir einen Bericht schreiben und diesen der UNO und der EU übergeben.
Abseits des Massentourismus
Miguel, der auf Madeira lebt, von sich behauptet, ein Nachfahre von Val Tristão Teixeira, dem Entdecker Madeiras, und der erste Berführer der Insel zu sein, ist eine sehr überzeugende Persönlichkeit. Nachdem ich mit ihm im Clube Naval in Vila do Porto auf Santa Maria einen Kaffee getrunken habe, war ich Feuer und Flamme für das Projekt.
Miguel war bereits auf den Bijagos und seine Erzählungen liessen in meiner Phantasie eine Landschaft aus flachen, dicht bewaldeten Inseln, einem Labyrinth aus Wasserläufen, bewohnt von Nilpferden und Krokodilen, entstehen. Nicht dass ich Krokodile besonders mag. Aber eine Welt zu besuchen, die nicht von Strandbars und Souveniershops zugepflastert ist, mit anderen Worten, eine Welt abseits der Trampelpfade des Massentourismus, reizte mich augenblicklich.
Was allerdings auch daran liegen kann, dass ich leicht zu begeistern bin und zumeist die Konsequenzen meiner überstürzten Entscheidungen erst im Nachhinein bedenke. Aber ohne ein solches Naturell hätte ich wahrscheinlich nie meine sichere Existenz in der Schweiz aufgegeben, wäre nie in See gestochen und hätte mich auch nie auf den Azoren niedergelassen. Man kann sich selbst nur schlecht entkommen.
Reisen mit Pijamas und Kinderkleidern
Wie es sich später herausstellte, sollte die Expedition auch einen humanitären Zweck erfüllen, weshalb an Bord von Blue Alligator nun drei riesige Säcke mit Kleidern lagern, die für die Menschen auf den Bijagos bestimmt sind: 12 Kilogramm Kindersachen, ebensoviele Badekleider und Pijamas (wobei ich nicht sicher bin, ob Pijamas dort wirklich benötigt werden. Aber da sie nun einmal an Bord sind…). Es sollen auch noch Säcke mit Mehl, riesige Mengen Teigwaren und Reis auf die Yachten verteilt werden.
Und dann werde ich wohl ab den Kapverden einen Mitsegler beherbergen, auf den ich mich freue: Paulo Ramalho ist Antropologe und Schriftsteller. Er lebt wie ich auf Santa Maria. Kennengelernt habe ich ihn dank der Expedition. Ein netter Nebeneffekt. Inzwischen sind wir Freunde und verstehen uns ausgezeichnet. Paulo hat als Kind in Guinea-Bissau gelebt. Es leben wohl auch noch Verwandte von ihm in der ehemaligen portugiesischen Kolonie. Ich habe also das Glück, mit jemandem zu reisen, der zumindest etwas mit der Gegend vertraut ist.
Bis jetzt sind neun Boote und ihre Crews auf Miguels Expeditionsliste. Sie stammen aus Portugal, Spanien, den Niederlande, Frankreich und der Schweiz (neben Blue Alligator soll noch ein zweites Schweizer Boot dabei sein, ich kenne es aber noch nicht.)
Volles Programm
Miguel hat inzwischen viel organisiert, damit unsere Ankunft und der Aufenthalt auf den Bijagos unkompliziert verlaufen. Allerdings wächst auch das offizielle Programm: Empfang beim Gourverneur, verschiedene Volkloreveranstaltungen, Führungen. Ich hoffe, es bleibt genug Zeit für die Schildkröten und den Plastikmüll. Aber das ist wohl der Preis für ein wenig Sicherheit, Wasser, Diesel und Verpflegung, die wir vor Ort erhalten sollen. Wo es sonst eben grundsätzlich keine Versorgungsmöglichkeiten gibt.
Und da wir mit Segelbooten unterwegs sind, wird bestimmt auch das eine oder andere zu Bruch gehen. Gute Kontakte zur lokalen Bevölkerung können nützlich sein, auch wenn Reparaturen eher provisorisch ausfallen.
Vorbereitungen
Ich rechne allerdings damit, dass allfällige Schäden auf Blue Alligator sich vor Afrika bemerkbar machen. Den Kühlschrank habe ich bereits ersetzt; der alte hat auf der Fahrt nach Madeira den Geist aufgegeben. Auch ist eine Halterung für den Hydrogenerator gebrochen. Dieser versorgt mich unterwegs mit Strom, ist also unerlässlich (wie eigentlich auch der Kühlschrank). Ein Schreiner in Funchal hat das gebrochene Stück Kunststoff aus massivem Holz nachgebaut. Es dürfte halten.
In Santa Cruz de Teneriffa werde ich überdies das Rig prüfen. Und auch der Radar muss untersucht werden; denn der tut nicht. Das bedeutet, in den Mast klettern, was nicht meine Lieblingsaufgabe ist. Aber besser nachsehen, als einen Mastbruch riskieren. Schliesslich müssen Ersatzteile an Bord für Motor und Elektrik.
Trotz der Zusicherung, mit Wasser versorgt zu werden, werden ich noch zusätzliche Kanister beschaffen. Die Tanks von Blue Alligator fassen rund 200 Liter. Für mich allein wäre das für längere Zeit ausreichend. Aber zu zweit? Nochmals 100 Liter wären nicht schlecht. Es stehen indessen bereits zwei Zwanzig-Liter-Kanister für Diesel an der Reeling (zusätzlich zu den drei Zehn-Liter-Kanistern in einer der Backskisten). Das alles ist ganz schön viel für eine Zehnmeterjacht. Aber irgendwie wird es schon gehen.
Aber werde ich wirklich segeln? Das letzte Mal, an der Schwelle zur Atlantiküberquerung, habe ich gekniffen. Doch diesmal bin ich nicht allein. Andere Boote haben dasselbe Ziel, und ich, wenn auch nicht auf See, aber in den Häfen und an den Ankerplätzen, werde immer wieder Bekannte treffen. Und schliesslich muss ich ja die Pijamas, Kinderkleider und Badesachen abliefern, die in der Hundekoje von Blue Alligator lagern.
Mehr über die Expedition hier. Falls jemand die Expedition unterstützen möchte, hier geht es zur Webseite.