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Wir schenken uns nichts
Er hat nur Geld für ein einziges Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr. Obwohl er die letzten Monate arg geknausert hatte, hier gespart und dort nicht gekauft – am Ende war zuviel kaputtgegangen und mußte ersetzt werden, so daß beinahe alles Ersparte aufgebraucht ist. Das Geld reicht für die Weihnachtpost, das gute Dutzend Weihnachtskarten, das er schon geschrieben hat und das er verschicken möchte. Aber die geplanten Geschenke … Wie in jedem Jahr hieß es zwar von allen Seiten: “Wir schenken uns nichts.” Nur wie sieht das aus, wenn er nichts verschenkt und die Menschen, die er mag und die ihn mögen, beschenken ihn trotzdem? Ja, er weiß, daß Gegengeschenke eine Pest sind, die die Beschenkungsspirale weiterdrehen lassen; doch da ist Angst vor der Blamage, vor der Bezeichnung “Geizhals” oder schlimmer noch, vor dem Eingeständnis der Mittellosigkeit.
Nur ein Geschenk also. Wem kann er das wohl machen? Vier Menschen würde er gern, will er wie in jedem Jahr mit einer (erwarteten, was sonst) Aufmerksamkeit bedenken. Wen von ihnen wird er also enttäuschen? Ja, “wir schenken uns nichts” ist eine leere Floskel geworden, weil der Konsumzwang … Warum aber läßt er sich zwingen, etwas zu kaufen, das nicht notwendig ist? “Wir schenken uns nichts” bedeutet doch nichts anderes, als daß eben nichts gekauft werden müßte und er sich nur an die Absprache halten muß? Selbst wenn er der erste und einzige ist, der das tut – aber er wäre der einzige, der nicht heuchelt! Vielleicht … Da ist plötzlich doch eine Idee in seinem Kopf.
Den Schuhkarton für ein Kind irgendwo auf der Welt hat er schon längst abgegeben; einige Kleidungsstücke sind schon bei den Menschen gelandet, die keine Bleibe haben und hier frieren müßten. Für ein Geschenk bleibt noch Geld übrig. Für nur eines. Was damit anfangen? Es ins Krankenhaus in der Stadt bringen zu jemandem, der dort allein ist über die Festtage? Oder im Nachbardorf im Seniorenheim etwas abgeben, für das Heim im Ganzen oder für einen einzelnen Bewohner, eine Bewohnerin (beinahe hätte er “Insassen” gedacht)? Schon ist er bei der nächsten Frage: WAS möchte er denn überhaupt verschenken? Etwas, das mit Weihnachten zu tun hat, ja, aber was nur? Vielleicht doch eine Pyramide, ein Räuchermännchen, Lichterengel und Bergmann? Er wird etwas finden auf dem Weihnachtsmarkt, das ist sicher. Und er wird jemanden finden, dem er eine überraschende Freude machen kann.
Spät kommt er nachhaus vom Weihnachtsmarkt, auf dem er seinen obligatorischen Becher heißen Mets trank, ehe er in dem Menschengewusel nach etwas auf die Suche ging, das mit der Adventszeit (und mit ihm) verbunden ist. Natürlich, ein Adventsstern wie der, der über seiner Schlafcouch leuchtet. Genau diesen packt er nun in einen Karton, polstert alles mit Zeitungspapier und legt die Weihnachtskarte dazu. Ob die Empfänger mit dem Geschenk einverstanden sind? Er kennt sie nur aus der Ferne, hat nur von ihrer Geschichte gelesen und von ihrer Sternlosigkeit. Die Adresse herauszufinden war nicht einfach, aber er erhielt sie und nun schreibt er sie auf dieses zugeklebte Paket. Am nächsten Vormittag bringt er es zur Post. Seltsames Gefühl, das einzige Weihnachtsgeschenk des Jahres an jemand Unbekanntes zu schicken und nur hoffen zu können, daß es willkommen sein wird …
Dieser Text ist wirklich aus dem Jahr 2014 “übriggeblieben”; ich konnte ihn damals nicht recht einordnen in das Geflecht Alter Mann und Patient und Peterchen. Wenn ich von der Prophetie dieser Miniatur gewuß hätte … Aber die Texte sind zum großen Teil schon lang geplant, ihn jetzt wieder hinauszuwerfen brachte ich nicht übers Herz.
P.S.: Positiv am 11. Dezember 2015 waren nochmal Freude, ein leiser Mittagsschlaf, ein guter Buchfink.
Tageskarte 2015-12-12: Die Drei der Kelche.
© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).