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Regisseur Gil Mehmert im Gespräch mit Dramaturgin Rebekka Mayer über die Besonderheit des Musicals sowie seine Inszenierung von «Next to Normal» an den Bühnen Bern.
Rebekka Meyer: Gil Mehmert, wie entsteht ein Musical eigentlich?
Gil Mehmert: Viele Stücke werden erstmal ausserhalb der grossen Produktionsstätten entwickelt. Das Besondere an diesem Prozess ist, dass man sich viel Zeit für die Entwicklung nimmt. Der klassische Vorgang ist folgender: Es entsteht eine Idee, es gibt Readings am Tisch und später Workshop-Phasen. Einige Ideen werden dann fallen gelassen, andere Ideen schaffen es in erste Try-Outs und Workshop-Inszenierungen. Darauf folgen erste Off-Broadway-Inszenierungen, wie zum Beispiel bei Rent, Hair oder Hamilton. Das heisst, die Stücke werden in kleineren Theatern am Broadway aufgeführt. Erst wenn eine Produktion da einschlägt und Kult wird, kommt sie an die grossen Broadway-Häuser und hat von da aus auch die Chance, sich international zu etablieren. In diesen verschiedenen Phasen spielt man die Stücke abends und arbeitet und probt tagsüber daran: Songs werden ausgetauscht und gegebenenfalls verändert, bis alles sitzt und perfekt eingespielt ist.
Was ist für dich als Regisseur das Besondere in der Inszenierung eines Musicals?
Gil Mehmert: Szenisch ist es die Bühnenvirtuosität, die hohe choreografische Intensität und die Dichte von Absprachen. Ich liebe diese Art von Theaterzirkus. Musikalisch ist das Musical-Genre wie die Oper sehr vielschichtig. Es gibt viele verschiedene Musiksprachen und Erzählrichtungen. Das Book-Musical beispielsweise funktioniert auf der Basis einer erzählten Geschichte mit grossen Spielszenen und Textanteilen. Auf dieser Text-Ebene werden die Informationen verhandelt, auf der gesungenen, poetischen Ebene werden die Emotionen überhöht dargestellt. Ein gutes Beispiel dafür ist die West Side Story. «Next to Normal» hingegen ist ein auskomponiertes Rock-Musical; es gibt darin Nummern mit starkem Song-Charakter und Nummern mit einem ausgeprägten erzählerischen Charakter. Die Songs treiben die Handlung voran, was eine sehr moderne und dynamische Erzählweise ist.
Inhaltlich verhandelt «Next to Normal» ein sehr aktuelles und auch sensibles Thema. Was ist dir in dessen künstlerischer Darstellung wichtig?
Gil Mehmert: Der Rock-Gesang ist erst mal eine sportlich-musikalische Herausforderung für die Darsteller:innen, die viel Kraft und Energie erfordert. Das Musical ist so komponiert, dass durch die Musik automatisch eine emotionale und sehr pure Spielweise verlangt wird. Die grösste Herausforderung sind die normaleren, alltäglichen Stellen, die auf ihre Direktheit hin zu überprüfen sind. Erst wenn ich mir das Stück in seiner durchkomponierten Form handwerklich erarbeitet habe, kann ich mich darin freispielen und unterschiedliche Farbabstufungen einbringen.
Wie gehst du dabei vor?
Gil Mehmert: Zuallererst versuche ich den Plot zu verstehen und klare Strukturen zu setzen. Denn bei einem Stück mit diesem schweren Thema – der Bipolarität der Mutter mit manischen und depressiven Phasen, ausgelöst durch ein Trauma – ist die Gefahr gross, dass man über alles eine graue, schwere Farbe kippt und aus diesem einen Farbton nicht mehr herauskommt. Uns ist es aber wichtig, die verschiedenen Emotionen, die Fallhöhen und Schluchten, die unterschiedlichen Themen im Alltag dieser Familie herauszukristallisieren. Dazu kommen revuehafte Elemente, Momente werden auch mal überhöht dargestellt, es gibt Humor und Ironie. All diese unterschiedlichen Farben versuchen wir zu zeigen und herauszufiltern.
Wie sieht die Konstellation dieser Familie konkret aus?
Gil Mehmert: Im Mittelpunkt steht eine klassische Kernfamilie von vier Personen, die Familie Goodman. Alle haben ihre eigene Geschichte und gehen anders mit einem grossen Familientrauma um. Sie müssen lernen, sich gegenseitig anders zu sehen und den anderen zu verstehen. Dazu kommen drei Figuren, die diese Familie einrahmen: Zum einen sind das zwei Ärzte, die vom gleichen Darsteller verkörpert werden. Diana ist bei beiden in Therapie, und ihre unterschiedlichen Ansätze verkörpern die wissenschaftliche, medizinische Auseinandersetzung mit dem Thema. Die andere Figur stellt einen Gegenpol zur Familie dar: Henry, ein Schulfreund der Tochter Natalie, ein Hippie und Lebenskünstler, der alles leicht nimmt. Auf den ersten Blick scheint er der Aussenseiter zu sein, der sein Leben nicht im Griff hat und Marihuana raucht. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass das Gegenteil der Fall ist und er sein Leben viel mehr im Griff hat als die Goodmans, die die Fassade der funktionierenden Familie aufrecht zu erhalten versuchen. Es macht mir Spass, mich in die sechs unterschiedlichen Figuren hineinzufühlen, denn jede Perspektive ist interessant und nachvollziehbar.pd
Eine scheinbar ganz normale Familie: Das Ehepaar Diana und Dan Goodman lebt mit ihrer Tochter
Natalie in einer US-amerikanischen Vorstadt. Doch Diana leidet an einer bipolaren Störung. Kann ihre Beziehung der Krankheit standhalten? Und wie wird Natalie unter diesen Umständen erwachsen?
«Next to Normal» blickt hinter die Fassade einer scheinbar ganz normalen Familie und reflektiert mit viel Feingefühl und Humor das Thema psychische Erkrankungen. Das vielfach ausgezeichnete Rock-Musical ist mit seinen eingängigen und stilistisch vielfältigen Musiknummern eine tief anrührende Geschichte. Kein gewöhnliches Wohlfühlmusical, sondern ein Musical, das mit opernhafter Wucht auffordert, das eigene Leben zu leben. Musicalstar Bettina Mönch sowie das gesamte Team rissen das Publikum bei der Premiere im Stadttheater zu Jubelstürmen und Standing Ovations hin.
Das Musical «Next to Normal» ist noch bis Juni zu sehen.
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