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Eine Buchbesprechung
Wenn der Verlust von wichtigen Beziehungen fast dem Tod gleich kommt
Es ist die Verbindung zu anderen Menschen, die uns belebt. Es ist Beziehung, die uns am Leben erhält.
„That’s why we here: Connection.“ (Brené Brown)
In dem Buch Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki wird eindrücklich geschildert, wie der Verlust einer wichtigen Beziehung dem Tod fast gleichkommen kann. Wie ein solcher Verlust das Leben und alle folgenden Beziehungen zu anderen Menschen prägt. Denn die Zeit heilt nicht einfach alle Wunden.
Doch es gibt eine Art der Wundversorgung, die zu einer Wundheilung führen kann – auch wenn eine Narbe bleibt. Diese Art der Wundversorgung heißt: Begegnung mit dem Ursprung des Schmerzes.
Die Geschichte (spoilerfrei – ich gebe ungefähr die Hälfte des Buches wieder)
Tsukuru Tazaki hat Freunde, vier enge Freunde. Sie bilden während der Schulzeit eine feste, eingeschworene, harmonische Clique. Die Freunde von Tsukuru haben Farben in ihren Namen (so wie bei uns jemand „Schwarzenegger“ oder „Blauvogel“ mit Nachnamen heißt). Abgekürzt heißen sie Herr Rot, Herr Blau, Fräulein Weiß, Fräulein Schwarz. Nur Tsukuru Tazaki ist farblos, trägt keine Farbe in seinem Namen.
Eines Tages, Tsukuru studiert bereits in Tokio, verstoßen ihn diese Freunde:
„Der Auslöser für die starke Anziehungskraft, die der Tod auf Tsukuru Tazaki ausübte, war eindeutig. Seine vier engsten Freunde hatten ihm eröffnet, dass sie ihn niemals wiedersehen oder mit ihm sprechen wollten. So unvermittelt wie erbarmungslos. Ohne ihm den Grund für ihr hartes Urteil mitzuteilen. Und er hatte nicht zu fragen gewagt.“
„Die kommenden sechs Monate in Tokio verbrachte Tsukuru an der Schwelle des Todes. Er hatte sich am Rande seines bodenlosen schwarzen Abgrundes eine bescheidene Heimstatt errichtet und fristete dort ein einsames Dasein. Es war ein gefährlicher Ort, denn hätte er sich im Schlaf nur einmal umgedreht, er wäre ins Nichts gerollt. Dennoch verspürte er keine Furcht. Er wunderte sich nur, wie leicht es war zu fallen.“
Tsukuru überlebt. Durch einen Traum wird er wieder in das Leben katapultiert. Doch nicht ohne Blessuren am Herzen:
„Seine Empfindungen eingeschlossen in der Leere seines Herzens, umhüllt von mehreren Schichten dünner Haut, wurde er Stunde um Stunde unaufhaltsam älter“.
Er findet bald darauf einen neuen Freund. Dieser Freund trägt die Farbe Grau in seinem Namen. Sie hören zusammen Musik, diskutieren über Logik, freien Willen und Tod, trainieren zusammen im Schwimmbad. Herr Grau erzählt eine Geschichte, in dem die Bereitschaft zum Sterben die Fähigkeit ausbildet, die Farben der Menschen zu erkennen. Parallel zu dieser neuen Freundschaft trauert Tsukuru allerdings immer noch seinen Freunden nach:
„Der Schmerz darüber, von ihnen so unerbittlich verstoßen worden zu sein, lebte in ihm weiter. Allerdings hatte er sich zurückgezogen wie die Ebbe. Sein Schmerz hatte Gezeiten: Mitunter flutete er ganz nah heran bis vor seine Füße, dann wieder wich er weit zurück. So weit, dass er kaum noch zu sehen war.“
Doch auch Herr Grau verschwindet sang- und klanglos aus Tsukurus Leben und dieser macht sich – basierend auf den Erfahrungen mit seinen vier Freunden – seinen eigenen Reim darauf:
„Wahrscheinlich war es letzten Endes sein Schicksal, allein zu sein. Alle Menschen, die ihm näher kamen, verließen ihn bald wieder. Sie suchten etwas bei ihm, aber anscheinend fanden sie es nicht, oder das, was sie fanden, gefiel ihnen nicht; jedenfalls gaben sie (vielleicht enttäuscht oder ärgerlich) irgendwann auf. Eines Tages waren sie dann plötzlich verschwunden. Ohne Erklärung und ohne Abschiedsgruss. Wie man mit einem Beil eine Ader durchtrennt, durch die eben noch warmes Blut geflossen war. Offenbar hatte er etwas an sich, das andere Menschen enttäuschte. Der farblose Herr Tazaki sagte er laut. Im Grunde lief es darauf hinaus, dass er den anderen nichts zu geben hatte. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal sich selbst etwas zu geben.“
Es folgt ein Zeitsprung. Rund 16 Jahre und einige unverbindliche Frauenbeziehungen später lernt Tsukuru, mittlerweile Ingenieur und berufstätig, Sara kennen und sagt zu ihr: „Nein, bei dir ist es etwas anderes. Etwas Richtiges. Bei dir habe ich das Bedürfnis, mich zu öffnen.“
Sara hat Bedenken. „Ich mag dich. Du gefällst mir sehr, auch als Mann. … Aber ich fürchte, du trägst ein psychisches Problem mit dir herum.“ Sie fordert ihn auf, sich der Vergangenheit zu stellen und in Erfahrung zu bringen, was die vier Freunde von damals veranlasste, ihn auszustoßen.
„Und du wirst dich deiner Vergangenheit nicht als naiver, verletzlicher Junge, sondern als unabhängiger, berufstätiger Mann entgegen treten. Nicht sehen, was du sehen willst, sondern sehen, was du sehen musst. Wenn du das nicht tust, wirst du diese Last dein ganzes Leben lang mit dir herum schleppen.“
Und so macht sich Tsukuru Tazaki auf den Weg und besucht seine alten Freunde.
Schlussbemerkung
Es ist wieder die Sprache Murakamis, die mich fasziniert hat.
Manchmal wirkt die Sprache recht formal auf mich: Sachlich, fast holprig, führt Murakami im raschen Tempo durch die Geschichte. Solche Passagen verführen mich dazu, das Buch wie ein Sachbuch herunter zu lesen.
Dann wieder entfaltet er unvermutet, mit einem einfachen Satz, Poesie, Tiefe und vielschichtige, stimmungsvolle, melancholische Welten. Und Mitgefühl für seine Hauptfigur Tsukuru Tazaki.
Es ist, neben dem Thema des Buches, auch dieser Wechsel der Sprache, die dieses Buch so reizvoll für mich machte.
„Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Und alter seelischer Schmerz kann, besonders wenn er sehr tief sitzt, immer nur auf derselben Ebene aufgelöst werden, wo er auch zugefügt wurde.“ (Walter Kohl)
Hast du das Buch auch gelesen? Wie ist es dir mit ihm ergangen? Ich freue mich über deinen Kommentar!