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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Dreizehnte Homilie.
II.
Er ist Priester geworden, heißt es, „aber nicht nach Vorschrift einer fleischlichen Bestimmung;“ denn jenes Gesetz war in vielen Stücken kein Gesetz, und ganz richtig hat er es eine fleischliche Bestimmung genannt; denn Alles, was es festsetzte, bezog sich auf das Fleisch. Denn sind die Vorschriften: Beschneide das Fleisch, salbe das Fleisch, wasche das Fleisch, reinige das Fleisch, bescheere (περίϰειρον) das Fleisch, binde das Fleisch, nähre das Fleisch, gib Ruhe dem Fleische! - nicht fleischliche Bestimmungen? Willst du aber auch die Güter kennen lernen, die es versprochen hat, so höre! Ein langes Leben, heißt es, dem Fleische, Milch und Honig dem Fleische, Friede dem Fleische, Vergnügen dem Fleische. Von diesem Gesetze hat Aaron das Priesterthum empfangen, Melchisedech aber nicht so. [S. 215]
15. Und noch mehr erhellet es, indem nach der Ähnlichkeit des Melchisedech ein Anderer als Priester aufsteht.
Was erhellet denn? Was für ein Unterschied zwischen dem einen und dem andern Priesterthume besteht, und wie groß die Verschiedenheit zwischen beiden ist; wie ausgezeichnet Der ist, welcher es nicht nach Vorschrift einer fleischlichen Bestimmung geworden. Wer? Dieser Melchisedech? Nein, sondern Christus. „Sondern nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens.“
17. Denn (die Schrift) bezeugt ja: Du bist ein Priester in Ewigkeit, nach der Weise des Melchisedech,
d. h. nicht für eine gewisse Zeitdauer, die einmal ihr Ende erreicht, „sondern nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens.“ Dieses sagt er, um anzudeuten, daß er Priester geworden durch seine und des Vaters Macht, durch „die Kraft eines unauflöslichen Lebens“. Damit aber stehen die Worte: „Der es nicht nach Vorschrift einer fleischlichen Bestimmung geworden ist“ in keiner passenden Verbindung; denn folgerichtig müßte jetzt kommen: „sondern nach Vorschrift einer geistigen Bestimmung.“ Allein durch das Fleischliche zeigt er das Zeitliche an, wie er sich auch anderwärts bezüglich der Gesetze zur Rechtfertigung des Fleisches nach der Kraft des Lebens in ähnlicher Weise ausspricht; d. h. daß er durch die eigene Kraft lebt. Er sagt, daß das Gesetz gewechselt werde, und zeigt nun, wie Das geschehe. Dann fragt er nach der Ursache; denn Das ist am meisten geeignet, überzeugt zu werden, und führt zu einem festeren Glauben, wenn man die Ursache kennt; denn dann ist unsere Überzeugung fest, wenn wir die Ursache kennen und den Grund verstehen. [S. 216]
18. Das vorhergehende Gesetz wird nämlich abgeschafft wegen seiner Schwäche und Unbrauchbarkeit.
Hier erheben sich die Häretiker und sprechen: Paulus hat das Gesetz schlecht genannt. Aber gib genau Acht! Er sagt nicht: Weil es schlecht oder böse war, sondern: „Wegen seiner Schwäche und Unbrauchbarkeit.“ Auch an anderen Stellen zeigt er dessen Schwäche, wenn er z. B. sagt: „In welchem er schwach war durch das Fleisch.“ Also klebt die Schwäche nicht diesem an, sondern uns.
19. Denn das Gesetz hat Nichts zur Vollkommenheit gebracht.
Was heißt Das: „Es hat Nichts zur Vollkommenheit gebracht“? Es hat Niemanden vollkommen gemacht, weil man ihm nicht gehorchte. Übrigens hätte es auch, selbst wenn ihm Gehör geschenkt worden wäre, Niemanden vollkommen und tugendstark gemacht. Dieß ist aber auch in den Worten nicht ausgesprochen, sondern daß es keine Kraft gehabt habe; und mit Recht, denn es bestand aus Buchstaben, welche anordneten, Dieß zu thun und Jenes zu lassen, aber die Vorschriften trugen die Quelle der Kraft nicht in sich. Anders verhält es sich mit der Hoffnung. Was bedeutet das Wort: „Abschaffung“? Tausch, Entfernung. Was will er damit bezeichnen, daß er sagt: „das vorhergehende Gesetz“? So nennt er das Gesetz, weil es seiner Schwäche wegen abgeschafft wurde; er nennt es „vorhergehend“, weil es veraltet und vorübergegangen ist - wegen seiner Schwäche. „Abschaffung“ ist also die Beseitigung Dessen, was früher in Kraft war. Übrigens ist hieraus klar, daß es in Geltung stand, aber verachtet wurde, weil es Nichts vollbrachte. Hat also das [S. 217] Gesetz Nichts genützt? Wohl hat es genützt und sogar großen Nutzen geschafft; aber um vollkommen zu machen, hat es einen solchen nicht gebracht. In diesem Sinnen sagt er also: „Das Gesetz hat Nichts zur Vollkommenheit gebracht,“ in so ferne Alles Bild, Alles Schatten war: Beschneidung, Opfer, Sabbat, welche Dinge nicht die Kraft hatten, in die Seele einzudringen; - darum weichen sie und treten ab. „Sondern die Einführung einer besseren Hoffnung ist es, durch welche wir zu Gott kommen.“
20. Und in wie ferne es nicht ohne Eidschwur geschah.
Siehst du, daß hier der Eid nothwendig war? Weßhalb er auch oben so Vieles darüber gesprochen, daß Gott geschworen und Dieß darum gethan habe, um uns desto fester zu überzeugen. Auch das Gesetz, will er sagen, hatte eine Hoffnung, aber keine solche; denn sie hofften bei guter Aufführung das Land zu besitzen und kein Ungemach zu erfahren; wir aber hoffen hier, wenn wir einen guten Lebenswandel führen, nicht die Erde, sondern den Himmel zu besitzen, oder vielmehr, was noch besser ist als Dieses, wir hoffen, in die Nähe Gottes zu seinem väterlichen Throne zu gelangen und mit den Engeln ihm zu dienen. Und siehe, wie er Dieß allmählig hinsetzt; denn dort sagte er: „Wir gehen bis in’s Innere des Vorhanges hinein;“ hier aber: „Durch welche wir zu Gott kommen.“ - „Und in wie ferne es nicht ohne Eidschwur geschah.“ Was heißt Das: „Und in wie ferne es nicht ohne Eidschwur geschah“? Das heißt: Nicht ohne Eid. Siehe da noch eine andere Verschiedenheit. Wir haben, will er sagen, kein einfaches Versprechen. „Jene nämlich sind ohne Eidschwur Priester geworden, [S. 218]
21 - 24. Dieser aber mit Eidschwur durch Den, der zu ihm sprach: Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit; in soferne ist Jesus eines besseren Testamentes Bürge geworden. Auch sind von Jenen mehrere Priester geworden, weil sie durch den Tod verhindert wurden zu bleiben. Dieser aber hat, weil er ewig bleibt, ein ewiges Priesterthum.
Er gibt einen doppelten Unterschied an: Dieses hat, was beim Gesetze nicht der Fall war, kein Ende, und es beruht auf einem Eide. Dieß weist er nach an Christus, der ewig ist; denn „nach der Kraft,“ heißt es, „eines unauflöslichen Lebens;“ dann an dem Eide, den er geschworen, und an der Sache selbst; denn weil jenes schwach war, sagt er, wurde es gewechselt, dieses aber steht fest, weil es stark ist. Dasselbe thut er dar an dem Priester. Wie denn? Er zeigt, daß er der alleinige ist; Das aber wäre er nicht, wenn er nicht unsterblich wäre. Denn gleichwie es viele Priester gibt, weil sie der Sterblichkeit unterworfen sind, so ist einer der alleinige, weil er unsterblich ist. „In so ferne ist Jesus eines besseren Testamentes Bürge geworden,“ weil er ihm geschworen hat, sagt er, daß er immer Priester sein werde, was nicht geschehen wäre, wenn er nicht das Leben hätte.
25. Weßhalb er auch immer retten kann Diejenigen, welche durch ihn Gott nahen, da er alle Zeit lebt, um für uns zu bitten.