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Der Libanon ist das Land mit der weltweit grössten Zahl von Flüchtlingen im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung. In diesem Land, das kleiner ist als die Schweiz, ist beinahe jeder vierte Bewohner ein Flüchtling. Seit 2010 unterstützt die DEZA die lokale NGO Tahaddi, die in einem benachteiligten Viertel im Süden Beiruts arbeitet, wo syrische und palästinensische Flüchtlinge Seite an Seite mit der libanesischen Bevölkerung leben. Zu den Mitarbeitenden von Tahaddi gehören junge Erwachsene aus der Nachbarschaft, wie Nadia*, die uns ihre Geschichte erzählt.
«Ich heisse Nadia. Ich bin Libanesin, 18 Jahre alt, und arbeite seit drei Jahren als Klassenassistentin in einer Vorschulklasse der Organisation Tahaddi Libanon. Ich bin selbst im Tahaddi Education Center zur Schule gegangen. Als Klassenassistentin unterstütze ich die Lehrperson, indem ich z. B. Bücher vorlese, Aktivitäten im Kreis durchführe, den Kindern mit Arbeitsblättern helfe oder die Pausenaufsicht ausübe.
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Klassenzimmerstimmung: Die Kinder lernen zählen
Ich wurde mit sieben Jahren in der ersten Klasse in Tahaddi eingeschult. Ich blieb, solange ich konnte, im Gegensatz zu meinen älteren Schwestern, die alle früher von der Schule abgingen. Meine Familie ist der Auffassung, dass ein Mädchen mit 12 Jahren zu Hause bleiben sollte, bis es heiratet. Selbst wenn eine Jugendliche erst 12 Jahre alt ist: Wenn ein Mann um ihre Hand anhält und die Eltern einverstanden sind, muss sie ihn heiraten. Meine älteren Schwestern gingen nicht gerne zur Schule. Sie zogen es vor, sie früh aufzugeben, um zu heiraten. Ich war anders; ich wollte weiter lernen.
Nach meinem letzten Jahr in Tahaddi hatte ich die Möglichkeit, mich für eine kurze Berufsausbildung einzuschreiben. Meine Mutter verbat mir jedoch, weiterzumachen, sie wollte, dass ich zu Hause bleibe. Zum Glück unterstützte mich mein Vater. Er willigte ein, dass ich eine Kurzausbildung als Coiffeuse besuchen konnte. Ich war ehrlich gesagt nicht begeistert vom Coiffeurhandwerk, aber ich suchte nach einer Möglichkeit, meine Ausbildung fortzusetzen und dem Schicksal meiner älteren Schwestern zu entgehen, die alle jung geheiratet haben. Nach Abschluss meiner Ausbildung hatte ich Mühe, Arbeit zu finden, bis Tahaddi mir die Stelle als Klassenassistentin anbot. An dem Tag, an dem ich aufhöre zu arbeiten, werde ich heiraten müssen.
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Schulstimmung: Die Kinder spielen auf dem Pausenplatz
Ich bin stärker geworden. Ich kann jetzt «Nein» sagen. Mein Einkommen verschafft mir Gehör in der Familie. Mir ist klar geworden, dass ich mehr aus meinem Leben machen kann, ich kann meine eigene Zukunft gestalten. Ich will etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen. Ich will studieren und arbeiten. Die Zeit für Heirat und Kinder wird kommen, aber zuerst möchte ich eine Berufsausbildung abschliessen. Ich hoffe, nächstes Jahr eine Lehre als Kleinkindererzieherin beginnen zu können und diese abzuschliessen.
Was ich in Tahaddi gelernt habe, hat meine Sicht auf vieles verändert, was in unserer Gemeinschaft typisch ist: zum Beispiel die Gewalt. Ich weiss jetzt, das Gewalt keine Probleme löst. In unserer Gegend gibt es viel Gewalt, und ich träume davon, in ein anderes Viertel zu ziehen. Ich schlafe mit Angst ein und wache mit Angst auf. Einmal hatten unsere Nachbarn viel getrunken und Drogen genommen, und dann beschlossen sie, unser Haus in Brand zu setzen. Sie haben grundlos so viel niedergebrannt.
Aber ich habe auch Hoffnung, wenn ich meine jüngste Schwester sehe, die dieses Jahr im Tahaddi Education Center eingeschult wurde. Sie ist wie ich; sie lernt gerne.»
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Schulstimmung: Die Klingel läutet das Ende des Schultages ein
Die Schweiz engagiert sich im Libanon für den Schutz besonders verletzlicher Personen
«Mehr als 1 Million syrische Flüchtlinge und 174'000 palästinensische Flüchtlinge leben im Libanon. Der demografische Druck im Zusammenhang mit der Einwanderung ist in allen Bereichen des täglichen Lebens spürbar. Er wirkt sich noch stärker in armen Gegenden aus, wo der Bedarf an Bildung, medizinischer Versorgung und Wasser besonders gross ist.
Die Schweiz engagiert sich im Libanon für den Schutz besonders verletzlicher Personen, unabhängig von ihrer Herkunft, Rasse oder politischen Überzeugung. Die Unterstützung der NGO Tahaddi ist ein Beispiel für die Hilfe der Schweiz.»
Monika Schmutz Kirgöz, Schweizer Botschafterin im Libanon
* Name zur Wahrung der Anonymität geändert.
Das Quartier Hay el Gharbé, Beirut, wo Nadia arbeitet. ©EDA