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Das Auftreten von Fisteln kann als Indikator für den Entwicklungsgrad eines Landes interpretiert werden und tritt in Afrika vor allem in den Sub-Sahara Ländern auf. Primäre Auslöser sind komplizierte Geburten mit verzögerten, oft tagelangen Geburtsverläufen. Daneben spielen aber sekundäre, favorisierende Faktoren eine wichtige Rolle, wie schlechte medizinische Versorgung, minimale Schulbildung, unzureichende Infrastrukturen, Mangelernährung, Beschneidung, Analphabetismus und Traditionen.
In Mali liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei 52 Jahren, die Analphabetenrate bei 77% und mehr als die Hälfte ist unterernährt. Frauen heiraten durchschnittlich mit 16 Jahren und haben 7 Kinder. Vor allem die abgelegenen, ländlichen Gebiete sind kaum medizinisch erschlossen, professionelle Hilfe kann bis zu 400km entfernt sein. 97% der Frauen gebären zu Hause, ohne Hebamme oder Arzt, bestenfalls im Beisein einer traditionellen Geburtshelferin. Die Müttersterblichkeit ist weltweit eine der höchsten. Eine Fisteloperation kostet rund 200 US$ inklusive Fahrtkosten.
Typischerweise entwickelt sich eine Fistel (obstetric Fistula) bei ganz jungen Mädchen, die zu früh schwanger werden. Da ihr Becken noch nicht voll ausgewachsen ist, bleibt das Baby während der Geburt in der Gebärmutter stecken und es kommt zu inneren Verletzungen. Nach einem oft tagebis wochenlangen Geburtsprozess mit anhaltenden, schmerzvollen Wehen kommt es schliesslich zu einer Todgeburt des Kindes.
Doch zwischenzeitlich hat sich eine Fistel entwickelt: durch den konstanten Druck des Kopfes des Babys auf den Gebärmutterkanal wurde das umgebende Gewebe unzureichend mit Sauerstoff versorgt und stirbt in der Folge ab. Dadurch entsteht eine Öffnung zwischen Scheide und Blase und/ oder Dickdarm, wodurch Harn und Stuhl unkontrolliert abfliessen. Zusätzlich zum Verlust des Kindes wird die Frau mit der Tatsache konfrontiert, dass sie inkontinent geworden ist, was mit einem erheblichen Gesundheitsrisiko und sozialer Ausgrenzung verbunden ist.
Inkontinenz gilt als Schande und Frauen die inkontinent sind gelten als unrein. In den Familien wird das Thema daher aus Scham und verletztem Ehrgefühl tabuisiert. Vielfach wird das Problem auch als eine sexuell übertragene Krankheit ausgelegt, wofür das Mädchen selbst verantwortlich ist.
Noch vor 150 Jahren kannte man die Fistel-Problematik auch in der Schweiz. Erst durch den erleichterten Zugang einer breiteren Bevölkerungsschicht zu medizinischer Hilfe, verschwand das Phänomen und ist heute bei uns nahezu unbekannt. Treten vergleichbare Probleme bei der Geburt auf, wird einfach ein Kaiserschnitt durchgeführt.
Die WHO geht davon aus, dass 2 Mio. Frauen, vornehmlich in Afrika, mit einer unbehandelten Fistel leben und dass die Zahl der Erkrankungen jährlich um 50'000 - 100'000 zunimmt. Dabei geht man von einer hohen Dunkelziffer aus, denn viele der Frauen sterben, verschwinden oder werden versteckt. Trotz der grossen Anzahl betroffener Frauen und trotz der massiven Auswirkungen auf deren Leben wird die Problematik kaum thematisiert. Sie erhalten keine nachhaltige Unterstützung, weder vom eigenen Land noch von der westlichen Welt. NGO Programme für Frauen mit geburtstraumatischen Verletzungen gibt es nur wenige.