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1799 ging Altdorf in Flammen auf. Der Dorfbrand bildete eine Zäsur: Altdorf büsste seine politische Bedeutung ein, entwickelte sich dafür aber zu einem Städtchen mit Vorbildcharakter, durch das ein Hauch von Italianità weht.
«Ein italienisches Wesen blickt durch, auch in der Bauart », schrieb Goethe in seinem Tagebuch der Schweizer Reise, die ihn am 30. September 1797 nach Altdorf führte. Zwei Jahre später war der Ort, der Goethe so gut gefallen hatte, verbrannte Erde. Grund war ein Feuer, das am 5. April 1799 im Haus des Schlossers Carl Anton Stierlin im Winkelquartier hinter dem Rathaus ausbrach. Der Föhnsturm verbreitete das Feuer rasch auf die umliegenden, mit Schindeln gedeckten Holzhäuser, und im Nu stand der ganze untere Dorfteil in Flammen. Bis gegen Flüelen hinunter gerieten Heugaden in Brand. Weil der Föhn die Flammen nur nach Norden trug, schien der obere Dorfteil vorerst verschont zu bleiben. Aber mit der einbrechenden Nacht kam Westwind auf, der das Feuer auch auf die obere Hälfte der Ortschaft übergreifen liess. Um Mitternacht war der ganze Kantonshauptort ein glühender Schutthaufen.
Die Bilanz der Horrornacht: Vier Menschen verloren ihr Leben, zwei Dutzend Pferde verbrannten in den Stallungen. 438 Gebäude, darunter 225 Wohnhäuser, lagen in Schutt und Asche. Über 1700 Menschen verloren ihr Obdach und das meiste Hab und Gut. Ob der Brand ein Unglück war oder von den französischen Besatzern (oder der verzweifelten Altdorfer Bevölkerung?) vorsätzlich gelegt wurde, bleibt wohl für immer ein Rätsel.
Nach den Bränden von 1400, 1488 und 1693 war dies bereits der vierte Brand, der den Dorfkern von Altdorf verwüstete. Doch diesmal war vieles anders. Altdorf war kein Machtzentrum mehr, nachdem die Franzosen ihre Revolution exportiert, die alte Ordnung über den Haufen geworfen und die Helvetische Republik ausgerufen hatten. Französische, österreichische und russische Truppen schlugen in jenen Jahren in Uri ihr Quartier auf, plünderten Hab und Gut der Bevölkerung und den Staatsschatz und brachten viele Einheimische an den Bettelstab. Der Wiederaufbau von Altdorf kam denn auch nur zaghaft voran, was nicht nur an den fehlenden Mitteln lag, sondern auch an den strengen Bauvorschriften. Fortan mussten alle Gebäude, auch Ställe, mit Ziegeln gedeckt sein, und für die Fassaden an der Hauptstrasse galten strenge ästhetische Kriterien. Viele konnten sich eine solche Bauweise nicht leisten. Deshalb waren die Spuren des Brandes noch lange Zeit ersichtlich. «Noch sieht der Reisende in Altdorf viele Trümmer», schrieb der Arzt Karl Franz Lusser 1834.
Vom Machtzentrum zum unbedeutenden Flecken
Dank seiner Lage an der Gotthard-Route war Altdorf immer noch ein stark frequentierter Ort. Die Bedeutung, die es im 16. Jahrhundert erlangt hatte, sollte es aber nie wieder erreichen. Zwischen 1542 und 1731 residierten mindestens acht päpstliche Nuntien und zwei spanische Gesandte hier. Sie suchten die Nähe zu den einheimischen Söldnerführern. Durch Kriegsdienst für fremde Herrscher und die Vermittlung von jungen Söldnern kamen einige Altdorfer Familien zu beträchtlichem Wohlstand. Diesen brachten sie mit stattlichen Wohnhäusern ausserhalb des Dorfkerns – inklusive Stallungen, Remisen, Waschhaus sowie Gemüse- und Obstgärten – zum Ausdruck.
In der Wirtschaft wie auch in der Politik und Kultur nahmen diese Altdorfer Magistratenfamilien zunehmend eine dominierende Stellung ein. So finden sich zwischen 1650 und 1850 in den höchsten Urner Landesämtern fast nur noch Männer aus der Altdorfer Elite. Dies führte immer wieder zu Spannungen zwischen dem Machtzentrum und den umliegenden Gemeinden, zu Vorbehalten gegenüber dem Hauptort mit seinen Clans. In der Brandnacht von 1799 kamen diese Spannungen ganz offen zum Vorschein: Die Leute aus den Nachbardörfern eilten zwar herbei – aber längst nicht alle halfen beim Löschen. Etliche Bauern schauten dem Brand pfeifenrauchend und mit unverhohlener Schadenfreude zu.
Mit dem Brand von 1799 ging in Altdorf eine Ära zu Ende. Der zerstörte Kantonshauptort geriet zunehmend ins Abseits. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Altdorf ein so unbedeutender Flecken, dass man es nicht für nötig hielt, die Eisenbahnlinie nahe an den Ortskern zu führen. Stattdessen wurde ein Bahnhof mitten auf der Reussebene gebaut, anderthalb Kilometer vom Zentrum entfernt. Immerhin: 1882, als die Gotthardbahn ihren Betrieb aufnahm, war Altdorf wieder ein stattlicher Ort. Zwar waren im Dorfkern nur wenige neue Häuser entstanden, aber die beim Brand zerstörten Bauten waren wieder instand gestellt. Diese vielfach im klassizistischen Stil errichteten Gebäude verleihen dem Ortsbild ein besonderes Flair.
Dass Altdorf heute einen intakten Dorfkern vorzeigen kann, ist nicht zuletzt auf die Vorschriften nach dem Brand von 1799 zurückzuführen, die auch ästhetische Vorgaben enthielten. Die architektonische Qualität ist bei der Vergabe einer Baubewilligung ein zentrales Kriterium. 2007 erhielt Altdorf für «seine landschaftsverträgliche Raumentwicklung, die nachhaltige Pflege des Ortsbildes und die erstaunliche Vielzahl gelungener Neubauten und Sanierungen» den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes. Ein Zwischenhalt im Urner Kantonshauptort lohnt sich daher, denn er gibt einen Vorgeschmack dessen, was einen im Verlauf der weiteren Reise erwartet. «Die Italianità der Architektur, Plätze und Gassen Altdorfs lassen Sie die Nähe zum Süden spüren», verspricht Uri Tourismus. Goethe lässt grüssen.
Erleben
Eine Entdeckungstour durch den 10’000-Einwohner-Ort Altdorf lohnt sich. Wir stellen Ihnen die Top Ten der sehenswertesten Gebäude im Urner Kantonshauptort vor:
10) EWA-Gebäude
Nomen est omen: An der Herrengasse am nördlichen Dorfausgang stehen die grossen Altdorfer Bürgerhäuser. Erbaut wurden sie von Magistratenfamilien, die ab dem 17. Jahrhundert durch die Reisläuferei, den Kriegsdienst in fremden Heeren, zu Reichtum kamen. Das «Haus im Eselmätteli», erbaut 1684/85, blieb als einziges der 15 unterhalb des Dorfes gelegenen Herrenhäuser vom Dorfbrand verschont. Es ist heute Sitz des Elektrizitätswerks Altdorf (EWA). Auf der gegenüberliegenden Strassenseite zeugen das Haus Müller-Theiler mit dem spätgotischen Hausportal, das Crivelli-Haus, das Vinzenz-Müller-Haus und das Besslerhaus von der stolzen Vergangenheit des Urner Kantonshauptortes.
9) Pfarrkirche St. Martin
Der heutige Kirchenbau entstand zwischen 1602 und 1607 nach Plänen des Baumeisters Rocco Ruggia aus Lugano. Es war die erste nach italienischem Vorbild erbaute frühbarocke Kirche in der deutschsprachigen Schweiz. An derselben Stelle stand bereits im 7. Jahrhundert ein Gotteshaus. Wenn die Steine der Kirche sprechen könnten, dann könnten sie viele Anekdoten erzählen. Etwa vom Besuch des Mailänder Kardinals Karl Borromäus im Jahr 1579. Diesem war zu Ohren gekommen, dass der Pfarrer von Altdorf mit seiner Haushälterin wie in einer Ehe lebte. Und tatsächlich: Als er an die Tür klopfte, wurde er von der Pfarrköchin und einer fröhlichen Kinderschar empfangen. Ob sich der Pfarrer und die Haushälterin von den Ermahnungen des Kardinals hatten beeindrucken lassen, ist nicht überliefert. Ebenso wenig wie die Klagen der Gläubigen, die sich daran gestört hätten, dass ihr Pfarrer mit seiner Köchin Kinder gezeugt hatte und diese im Pfarrhaus grosszog.
8) Zeughaus
Mitten im Dorf, auf dem Lehnplatz, wurde 1805 die Kantonssust errichtet. Durch den Bau dieses Gebäudes, das der Güterlagerung diente, wollte Altdorf seine Stellung als Warenumschlagplatz am Gotthardweg sichern. In Silenen und Flüelen löste diese neue Konkurrenz Unmut aus. Fünfzig Jahre später war die Sust bereits wieder Geschichte. 1856/57 wurde das Gebäude um ein Stockwerk erweitert und zur Kaserne umfunktioniert. Ab 1904 diente es als Zeughaus. Heute beherbergt es unter anderem das Haus der Volksmusik. Den Nordeingang zieren zwei Kanonen sowie Fassadenmalereien des Urner Künstlers Franz Fedier. Auf dem Platz davor steht der Lehn-Brunnen von 1596.
7) Tellspielhaus
Schillers Drama «Wilhelm Tell» feierte am 17. März 1804 am Hoftheater in Weimar Premiere. In Altdorf gab es aber bereits viel früher Tellspiele. Das 1512 aufgeführte Stück «Ein hüpsch Spyl gehalten zu Uri in der Eidgenossenschaft / von dem frommen und ersten Eydgenossen / Wilhelm Tell genannt» war wohl eines der ersten politischen Theaterstücke in deutscher Sprache. Schillers Tell hingegen wurde erst 1898, also fast hundert Jahre nach der Erstaufführung, in Altdorf inszeniert. Das Gebäude, in dem bis dato die Gemeindeverwaltung untergebracht war, wurde 1925 in ein Tellspielhaus umgebaut – mit einer imposanten Bühne, damit Gessler standesgemäss hoch zu Ross in Erscheinung treten konnte.
6) Rathaus
Nach dem verheerenden Dorfbrand wurde das Rathaus des Kantons Uri in den Jahren 1805/06 nach Plänen des Luzerners Niklaus Purtschert im klassizistischen Stil neu gebaut. Im zweiten Obergeschoss befinden sich der Landratssaal sowie der Regierungsratssaal. Die Schlachten- und Landsgemeindebanner zeugen von der ruhmreichen Historie des Kantons. Der Besslerbrunnen auf dem Rathausplatz wurde 1568 errichtet und ersetzte die Gerichtslinde, unter der Tells Apfelschuss stattgefunden haben soll.
5) Türmli
Das Türmli, ein mittelalterlicher Wohnturm, der im frühen 16. Jahrhundert zu einem Rathaus-Campanile umfunktioniert wurde, wird oft nur als Hintergrund des Telldenkmals wahrgenommen. Dabei ist der Turm wesentlich älter als das davorstehende Monument und würde sich ebenso sehr als Wahrzeichen von Altdorf eignen wie die 1895 errichtete Bronzestatue. Beim Dorfbrand von 1693 wurde das Türmli weitgehend zerstört, danach aber rasch wiederhergestellt. Die Bauleitung lag beim Urner Maler Carl Leonty Püntener. Er restaurierte den Turm und setzte ihm ein fünftes und sechstes Obergeschoss auf. Der Turm war jetzt stattliche zwanzig Meter hoch, die Bezeichnung Türmli hielt sich im Volksmund aber trotzdem. Die von Püntener gemalten Tellszenen zeugen davon, dass das Türmli bereits damals die Rolle eines Denkmals für den Tell-Apfelschuss übernahm. Seit 2011 ist es öffentlich zugänglich und enthält eine kleine Ausstellung.
4) Kapuzinerkloster
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde Altdorf unter dem Einfluss des Mailänder Kardinals Karl Borromäus zu einem Stützpunkt der Gegenreformation. Um den römisch-katholischen Glauben zu stärken, bemühten sich einflussreiche Altdorfer Persönlichkeiten, Kapuzinermönche nach Altdorf zu holen. Diese errichteten dann 1582, an schönster Hanglage über dem Dorf, die erste Niederlassung ihres Ordens nördlich der Alpen. Obwohl das Kloster 2009 aufgelöst wurde, bleibt es eines der Wahrzeichen von Altdorf. Sein Vorplatz ist ein beliebter Aussichtspunkt.
3) Conditorei Central
Maria Renner-Simmen, die Wirtin des Löwen, wollte Anfang des 20. Jahrhunderts auf ihrem Grundstück neben dem Rathaus ein Wohn- und Geschäftshaus errichten. Das Gebäude, in dessen Erdgeschoss heute die Conditorei Central untergebracht ist, sollte auf der gleichen Baulinie wie das Rathaus zu stehen kommen. Davon wollte jedoch die Regierung nichts wissen. Die Amtsherren befürchteten, der neue Bau könnte die dominierende Stellung des Rathauses beeinträchtigen. Nach heftigen Auseinandersetzungen musste die streitbare Frau klein beigeben, und man einigte sich schliesslich auf den heutigen, etwas zurückgesetzten Standort. Aus Protest liess die Bauherrin 1910 aber ein Wandbild anbringen. Es zeigt die Zerstörung der Zwingherrenburg, wie sie in der Tells- und Befreiungsgeschichte der Eidgenossenschaft erzählt wird. Während andere Steine aus dem Weg räumen, richtet der Harsthornbläser sein Instrument und seinen zornigen Blick deutlich in Richtung Rathaus, als unübersehbarer Protest gegen die Herren der Regierung.
2) Fremdenspital
Das 1551 errichtete Fremdenspital ist eines der eigenwilligsten Baudenkmäler am Gotthardweg. Seine Baukörper sind noch gotisch, doch kündet sich in ihrer symmetrischen Anlage bereits die südliche Renaissance an. In dem Gebäude wurden Durchreisende ver- und gepflegt sowie chirurgische Eingriffe und Amputationen vorgenommen. Zum Fremdenspital gehörten Nebenhäuser, unter anderem ein Beulenhaus für Pestkranke. Das Hab und Gut der Verstorbenen ging ans Spital über – so finanzierte man den Betrieb. Einem Protokoll aus dem Jahre 1711 ist zu entnehmen, dass nicht alle Reisenden gleich verköstigt wurden. So erhielten Priester nebst der üblichen Suppe mit Brot auch noch ein Stück Fleisch und zudem ein Schöpplein Wein – zwei Gläser, wenn sich der Geistliche mit deutschem Wein begnügte, oder ein Glas, wenn er italienischem Wein den Vorzug gab. Beim Dorfbrand von 1799 wurde das Fremdenspital stark in Mitleidenschaft gezogen. Die beiden Hauptgebäude mit dem markanten Treppengiebel sowie die Kapelle wurden 1804 auf den unversehrten Fassadenmauern wiederhergerichtet.
1) Suworow-Haus
Bloss eine Nacht – am 26. September 1799 – verbrachte General Alexander Suworow im Haus der Familie Jauch. Doch dies reichte, dass man bis heute vom Suworow-Haus spricht. Der russische General, der 1799 mit seinen 22’000 Soldaten ins brandgeschädigte Altdorf einmarschierte, geniesst im Urnerland als Befreier von der Franzosenherrschaft Kultstatus. Kein Wunder, rollte man ihm beim Einmarsch in Altdorf den roten Teppich aus. Das von 1550 bis 1556 errichtete Gebäude, in dem er Quartier bezog, blieb vom Dorfbrand von 1799 verschont und ist somit der einzig unverändert erhalten gebliebene spätgotische Herrensitz in Uri. Die Prunkstube mit dem Einbaubuffet, der wuchtigen Kassettendecke und dem grünen Turmofen sieht noch genau gleich aus wie anno dazumal, und die eingebaute «Gutsche» (Lotterbett) aus der Bauzeit gilt sogar als die älteste der Schweiz und Süddeutschlands. Italienisch angehaucht sind hingegen die Schwalbenschwanzzinnen als oberste Bekrönung des Giebels; sie erinnern an die Befestigungen von Bellinzona.