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Hochwassersituation August 2005
22. August:
Das Hochwasser fing am späten Abend des 21. an schnell zu steigen. Am Morgen des 22. ist schon ein höherer Stand als 1999 erreicht. Da es immernoch regnet, steigt der Wasserspiegel des Sarnersees weiter an. Am frühen Nachmittag entschied ich mich dazu, die Arbeit im Feldheimquartier von Sarnen zu verlassen, um unser Haus in Oberwilen aufzusuchen. Ich schaffte es gerade noch, die Brücke über die Sarneraa zu passieren (Fotos 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10). jedoch wurde sie im Verlaufe des Nachmittags/Abends gesperrt. Die Strasse nach Oberwilen ist am Nachmittag per Fahrzeug noch zu passieren, mit dem konstanten Ansteigen des Wassers wird sie jedoch bald unpassierbar. Schon seit dem Morgen ist die Strasse weiter nach Giswil gesperrt, da die Bäche im Forstgebiet (Steinibach) bereits über die Ufer getreten sind.
Am Abend hole ich in der Nähe des Campings Giswil den Bruder meiner Freundin mit dem Schiff ab, um ihn nach Sarnen zu übersetzen (Fotos 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10). Um ca. 19 Uhr fällt dann der Strom aus mit weiter steigendem Wasserpegel weiter. In der Nacht steigt das Wasser weiter.
23. August
Ich habe den Wasserstand kontrolliert und es scheint mir, dass er sich von 0230 Uhr bis 0600 Uhr nicht mehr verändert hat. Der Pegel ist weitaus höher, als er 1999 war. Gemäss meinen provisorischen Schätzungen steht das Wasser ca. 65 cm höher als beim letzten (hohen) Hochwasser 1999 und ca. 3 m (ganz grob geschätzt – meine manuelle Messlinien sind schon lang unter Wasser) über dem Normalstand. Wir entscheiden uns am Morgen um 0630 Uhr zu versuchen, an die Arbeit zu gelangen (Luzern/Sarnen), werden aber nach wenigen hundert Metern von der überfluteten Strasse daran gehindert. Ich versuche mit Messstab und Badehosen die Watttiefe zu ermitteln, aber mit meinem Geländewagen wage ich es nicht, 67 cm tiefes Wasser zu durchqueren, da die maximale Tiefe mit 58 cm angegeben wird.
Wir versuchen per Fuss / Fahrrad nach Sarnen zu gelangen, was uns auch gelingt, jedoch sind wir und die Räder vom Schlamm gezeichnet. In Sarnen können wir fast das ganze linke Sarneraaufer begehen, jedoch ist nur im Notfall ein überqueren der Aa möglich. Auf der linken Aaseite und im Dorfkern (Fotos 1,2,3,4,5,6) hat es keinen Strom und grosse Teile sind überflutet, auf der rechten Seite (Region Kernserstrasse, Feldheim) funktioniert zum grossen Teil alles normal. Die Migros hat gefüllte Regale, jedoch ist kaum ein Mensch im Shoppingcenter anzutreffen. Auf der linken Aauferseite erscheint die Welt sinnflutartig und auf der rechten Seite ausserhalb des Dorfkernes und der Brünigstrasse geht das Leben (fast) normal weiter.
Ich kann mit dem Schiff in Sachseln (Fotos 1,2) ein Notstromaggregat organisieren, welches ich am Nachmittag in Betrieb nehmen kann. Der Wasserstand ist bis heute Abend um 2220 Uhr seit heute früh um 0230 Uhr ca. 10 cm gesunken. Seit dem frühen Abend haben wir wieder Strom. Am schlimmsten Betroffen in Oberwilen ist der Berufsfischer Amstalden sowie die flach liegenden Ferienhütten.
24. August
Heute Morgen war die Strasse per Auto nach Wilen und Sarnen wieder passierbar. Um 7 Uhr war es möglich, mit dem Auto die Aabrücke in der Ey zu passieren und zur Arbeit zu gelangen. Der Strom ist an den meisten Ortsteilen wieder verfügbar, das Trinkwasser in Sarnen soll laut Behördenmitteilung jedoch abgekocht werden. Der Dorfkern von Sarnen wird wohl bald wieder passierbar sein. Bis am heutigen Abend um 2015 Uhr ist der Wasserstand von der Höchstmarke des Sees ca. 68 cm gesunken. Die Vögel auf dem See sind auch wieder zurückgekehrt – während dem Ansteigen des Sees konnte ich ausser den Schwänen keine Vögel sichten.
Was sich immer mehr intensiviert, ist ein beissender Geruch von Diesel- bzw. Heizöl, welcher die Luft durchzieht. Dieser kommt von vollgelaufenen Booten und Heizöltanks, welche sich im See entleeren. Der Wasserstand sinkt z.Z. ca. 0.5-1 cm pro Stunde. Die Uferbereiche sind mit Treibholz und sonstigen schwimmbaren Utensilien übersät.
25. August
Heute hatte ich den ganzen Tag geschäftlich viel zu tun, weshalb ich nicht viel berichten kann. Es wird mir jedoch klar, dass meine ersten Einschätzungen nicht ganz der Wahrheit entsprechen. So ist nicht nur das linke Sarnerseeufer von den Hochwasserschäden betroffen, sondern auch der Dorfkern und weite Dorfteile entlang der Brünigstrasse bis zum "Seeufer". Die beiden Unterführungen der Bahnlinie (Bünten und Kreisel Militärstrasse) sind immernoch voll Wasser, womit ein Durchkommen nur über die Kernserstrasse möglich ist. Die Melchaa hat Geröll und Schutt antransportiert – man hält es fast nicht für möglich. Wasserstand weiter sinkend mit ca. 2 cm pro Stunde.
26. August
Die Aufräumarbeiten haben sich intensiviert und das Ausmass der Zerstörung (z.B. Kantonsschule Obwalden) wird langsam sichtbar, nachdem die Keller und Strassen langsam geräumt werden. Die Hilfsmannschaften arbeiten auf Hochtouren und nach und nach kehrt wieder der Mensch zurück in die vorher vom Wasser beherbergten Gebiete. In einigen Quartieren in Sarnen (z.B. Bitzighofen, Dorfkern) ist bis heute Nachmittag noch kein Strom vorhanden. Die Helikopter fliegen immmernoch Lebensmittel in die von der Umwelt abgetrennten Gebieten und fliegen Personen heraus. Der Wasserstand des Sarnersees sinkt immernoch, liegt aber noch ca. 200 cm über dem Normalstand. Überall, wo die Fluten ihren Weg suchten, liegt nun mitgerissenes Material (Treibholz und Abfall) herum. Das Treibholz im See sieht man auch auf den Webcambildern, die sonst nicht so spektakulär über die Hochwassersituation informierten. Gemäss Behördenmitteilung von heute Mittag, könnte das Trinkwasser in Sarnen ausgehen.
27. August
Vom Ausmass der Überschwemmung kann man sich langsam eine Vorstellung machen. Viele Gebäude im Zentrum von Sarnen werden langsam ausgeräumt und Schuttmulden sind z.Z. wohl Mangelware. Die beiden Banken Credit Suisse und Obwaldner Kantonalbank können wohl nicht am Montag arbeiten, da ihre Server im Keller standen, welche überflutet wurden. Da sind diejenigen besser bestellt, welche ihre Informatikabteilung in oberen Stockwerken positioniert haben. Der Dorfkern Sarnen ist für Anwohner wieder zugänglich, das Gebiet Seefeld ab dem Kantonsspital bis zum Kreisel Militärstrasse/Autobahn/Sachseln ist immernoch gesperrt. Die Melchaa wurde offentsichtlich umgeleitet und läuft jetzt im Bereich Lido/Tennisplatz in den Sarnersee anstatt wie früher im Gebiet Sandbett. Leider hat es auch die Schulen sehr stark getroffen, so dass noch nicht ganz klar ist, wann in den verschiedenen Schulhäusern der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Es kann teileweise jedoch Monate gehen. Siehe dazu das Infoblatt der Gemeinde Sarnen, welches heute Morgen ins allen Briefkästen zu finden war.
28. August
Es scheint mir, als ob der Pegel des Sarnersees sich nicht mehr so richtig reduziert. Mann muss dazu aber auch bedenken, dass jetzt "nur noch" die Sarneraa Wasser abtransportiert und nicht mehr das halbe Dorf und hinzu kommt auch die Tatsache, dass es gestern Abend leicht geregnet hat.
29. August
Die Aufräumarbeiten gehen weiter an, im Dorfkern Sarnen sind gewisse Kellerlokalitäten immernoch mit Wasser gefüllt, da ein Auspumpen aus statischen Gründen gefährlich wäre. Seit heute Nachmittag um 1400 Uhr ist gem. Rücksprache mit dem Brunnenmeister in allen Bezirken Sarnens die Trinkwasserqualität wieder gesichert, ausser im Bezirk Ramersberg. Das Gebiet Lido Sarnen ist gesperrt.
30. August
Den offiziellen Messdaten zufolge war der Sarnersee 97 cm über dem Wasserpegel des Hochwassers von 1999.
letztes Update Di. 30.8.05 22:16 Uhr
Ich möchte mich an dieser Stelle für die vielen, vielen Mails von Leuten bedanken, die meine Berichterstattung sehr geschätzt haben. Ich habe fast ausschliesslich mit auswärtigen Leuten Kontakt gehabt, die irgendwie an Informationen über die Situation interessiert waren, weil sie ein Ferienhäuschen, einen Wohnwagen, ein Campingstandplatz hatten oder auch nur Leute aus der Region gut kannten und mit ihnen keinen Kontakt aufnehmen konnten. Es schrieben mir Leute aus Hong Kong, Dänemark, Deutschland, Belgien, Basel, Bern, Zürich und vielen anderen Orten und auch eine obwaldner Familie, die in Santorini in den Ferien waren, und nicht wussten, was genau passiert.
Des weiteren hat meine Homepage einen neuen Besucherrekord von über 2000 Besuche pro Tag erreicht. Im Normalfall waren es meistens weniger als 100 pro Tag.
Verner Nielsen:
Ich möchte hiermit darauf hinweisen, dass die Fotos in keiner Weise voyeuristischer Art sein sollten. Ich bin bereits mehrfach darauf hingewiesen worden, dass diese Informationen von wertvoller Bedeutung seien, da von offizieller Seite nur spärlich Informationen erhältlich seien. Beachten Sie bitte, dass meine Informationen nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben – sie sind meinerseits in Anbetracht der gegebenen Lage erhoben worden und können durchaus unvollständig sein.
Hiermit möchte ich mich bei allen Bedanken, welche mir Email geschickt haben. Leider wurde ich davon überwältigt und kann leider nicht allle beantworten. Ich hoffe aber, mit meinen spärlichen Informationen ein klein bisschen Hilfe geboten zu haben.