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Schwerpunkt
Närrisches Chaos und fasnächtliche Ordnung
von Peter Keller
Feste und Feiern sind Zeiten, die aus dem strukturierten Alltag herausfallen. Die Mühen und Routinen werden zurückgestellt, die Freude am Leben rückt ins Zentrum. An die Stelle der üblichen Ordnung tritt die Festtagsordnung. Das zeigt sich besonders an der Fasnacht, einer Zeit der «verkehrten Welt», die gleichzeitig wieder ihre eigene Ordnung schafft.
Umzüge und Prozessionen
Es scheint geradezu ein menschliches Bedürfnis zu sein, jemandem hinterherzulaufen. Deshalb entstand vor Urzeiten das Ritual des Umzugs. Menschen reihen sich ein und bilden damit eine Ordnung ab – die Anführer in aller Regel zuerst, die Untergebenen folgen. Selbstverständlich kennen wir Umzüge aus dem religiösen und militärischen Bereich. Wir nennen sie Prozessionen und Festzüge. Die römischen Triumphzüge waren eine Kombination von beidem. Nach siegreicher Schlacht zog der Feldherr mit seinen Soldaten in einem Umzug in Rom ein, um sich beim Kapitol durch Kultdienst an den Göttern von den Kriegstaten zu reinigen. Ebenso entsprachen die religiösen Prozessionen einem wohlgeordneten Abschreiten einer bestimmten Route mit liturgischem Hintergrund und unterschieden sich damit wesentlich vom eher chaotischen «Geläuf», wie Wallfahrten im Mittelalter bezeichnet worden sind.
In Solothurn waren die Fronleichnamsprozessionen noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein gesellschaftliches Ereignis, dem viele Katholiken folgten. Weltliche Umzüge kennt man hier dagegen insbesondere von den französischen Ambassadoren, welche nach dem Abschreiten einer bestimmten Route in ihr Amt eingesetzt wurden. Die Wegstrecke war dabei keinesfalls zufällig – der neue Ambassador betrat die Stadt, indem er mit seinem Gefolge bei der politischen Macht am Rathaus vorbei schritt, danach der militärischen Macht am Zeughaus seine Referenz erwies und schliesslich bei der kirchlichen Macht an der Kathedrale entlang zog. Erst danach betrat er den Ambassadorenhof.
Fasnachtsumzüge in Solothurn
Heute finden freilich die grössten Umzüge jährlich wiederkehrend an der Fasnacht statt. Sie sind seit dem 18. Jahrhundert belegt, fanden allerdings zunächst noch in höchst unregelmässigen Abständen statt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich die Fasnacht im Zuge der liberalen Ordnung organisatorisch zu festigen. Ausdruck davon war die Gründung der
Narrenzunft Honolulu (Erstnennung 1853), welche nicht zuletzt Fasnachtsumzüge organisierte. Bis in die 1930er-Jahre hinein wurde jeweils ein Thema ausgeschrieben und interessierte Gruppen und Vereine konnten sich für den Umzug anmelden. So war beispielsweise die Stadtmusik schon sehr früh dabei, aber auch der Turnverein, die Stadtmusik Konkordia, Schülerverbindungen, später auch Sportclubs wie der Ruderclub und sogar die Lukasbruderschaft. Fasnachtsumzüge wurden erst nach dem zweiten Weltkrieg zum alljährlichen Fixpunkt im Narrenkalender. Im 19. Jahrhundert sind insgesamt zehn Umzüge bekannt und bis zum Zweiten Weltkrieg dann noch einmal sieben. Dies ist nicht weiter erstaunlich, wenn man die Kosten für einen Umzug bedenkt, welche bereits 1895 mit 12 000 Franken berechnet worden war. Bereits in frühester Zeit nahmen die Umzüge Themen mit Bezügen zu Tagesaktualitäten auf: der Besuch des Schahs von Persien in Europa (1874), die Olympiade in St. Moritz (1928) oder die Geistige Landesverteidigung (1939). Finanziert wurden die Umzüge dank zahlreicher Gönner sowie mit dem Verkauf von Fasnachtsplaketten; dies geschah erstmals im Jahr 1887, wurde aber erst ab 1938 zum Standard. Seit der Entstehung weiterer reiner Fasnachtsvereine wie der Vorstadtzunft (1927) und der Weststadtzunft (1928) wurde die Organisation des Umzugs einer neu gegründeten vereinigten Fasnachtsgesellschaft (heute UNO genannt) übertragen. Das Gegenstück zu den geordneten grossen Umzügen war das Umherziehen kleinerer Gruppen, was noch bis in die 1930er-Jahre populär war. So residierte beispielsweise 1927 ein von der Narrenzunft Honolulu gestellter «Prinz Carneval» mit seinen Narren auf dem Marktplatz und die vorbei schreitenden Gruppen führten dort eine kleine Choreografie auf. Diese wurden vom Narrenkomitee prämiert und andernorts in der Stadt wiederholt. In ähnlicher Manier bewegen sich noch heute die in der Nachkriegszeit entstandenen Guggenmusiken durch die Stadt. So etwa die erste Guggenmusik Solothurns, die 1947 gegründete Mamfi-Guggenmusik.
Chesslete zwischen Chaos und Ordnung
1883 lesen wir von einer ersten «Tagwach»-Veranstaltung in Solothurn, zu welcher Lärminstrumente mitzubringen seien. Diese Fasnachtseröffnung am frühen Morgen des Schmutzigen Donnerstags wurde bereits 1885 als «Kesslete» bezeichnet und wird seither unter diesem Namen durchgeführt. Punkt 5 Uhr beginnt ein Zug von Menschen in weissem Nachthemd mit weisser Schlafmütze und rotem Halstuch vom Friedhofplatz aus lärmend durch die Gassen zu ziehen. Sie alle folgen dem Oberchessler der Narrenzunft Honolulu, der den Zug mit seiner Peitsche anführt. Den Teilnehmenden wird anschliessend an den Umzug in den Restaurants Mehlsuppe ausgeschöpft. Die Chesslete verbreitete sich im 20. Jahrhundert auch auf dem Land und ist einer der wenigen im gesamten Kanton Solothurn gelebten Bräuche.
Die Verbindung von Chaos und Regelhaftigkeit kommt in der Chesslete besonders gut zum Ausdruck. Dem klaren Führungsanspruch des Oberchesslers steht der chaotische Lärm der Teilnehmenden entgegen und dem rituellen Durchschreiten der Stadt die jeweils neue und vorher unbekannte Umzugsroute. Das Paradoxe vollzieht sich durchaus auch für die Teilnehmenden. Die Chesslete ist eine Form von geselliger Vereinzelung. Man wird trotz der vielen Leute auf sich selbst zurückgeworfen. Alle tragen zwar die gleiche Kleidung, alle machen unkoordinierten Lärm, alle haben ein Lächeln im Gesicht, zum Sprechen kommt man hingegen kaum. Man setzt gemessenen Schritts einen Fuss vor den andern – ziel- und willenlos, gesteuert vom Oberchessler. Und ob der überhaupt einen Plan hat, das scheint mehr als fraglich. In einen tranceartigen Zustand kann man da geraten. Manchmal nimmt man im lärmigen Chaos zufallsgesteuerte Rhythmen wahr, manchmal gar so etwas wie Melodien. Hin und wieder packt einen ein wohliger Schauer. Die Chesslete ist ein Ritual. Ein sehr diesseitiges natürlich, und doch ermöglicht sie so etwas wie eine spirituelle Versenkung.
Zapfenstreich
Gegen Ende der Fasnacht hat sich am Dienstag zudem ein letzter Umzug eingebürgert – der Zapfestreich. Vom Baseltor herkommend bahnt sich ein Zug von Kostümierten und unverkleideten Zivilisten vornehmlich jugendlichen oder junggebliebenen Alters den Weg durch die Hauptgasse, um via Vorstadt wieder vor der St. Ursen-Kathedrale angekommen sich aufzulösen. Dabei wird, wohl wissend, dass noch eine letzte lange Fasnachtsnacht ansteht, lauthals «I ma nümm!» gesungen. Der von Guggenmusiken und Tambouren angeheizte und ehemals sehr chaotische Umzug wurde zwar in letzter Zeit etwas gezähmt, hat aber von seiner absolut sinnentleerten Schönheit nichts verloren. Dass man in so einem Chaos nicht mehr genau weiss, wem man eigentlich hinterherläuft, nimmt man gerne in Kauf. Und dass man diese Faszination total unreflektiert auslebt, geschieht wohl besser vor als nach Aschermittwoch.
Der Historiker Dr. Peter Keller wohnt mit seiner Familie in Solothurn. Er ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule FHNW und engagiert sich für die Solothurner Kultur, beispielsweise für die Kulturnacht, die Filmtage, die Töpfergesellschaft und für die Fasnacht.