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Shillong, die Hauptstadt von Meghalaya, einer der sieben Gliedstaaten im Nordosten Indiens, ist ein atmender, lebendiger Körper, ein Konglomerat des Glaubens, Aberglaubens und fremdklingender Namen. Shillong ist Khasi, Garo und Jainitia, nach den im Gliedstaat lebenden Volksgruppen. Eine Stadt ist ein Gewirr der Rätsel, der Zeichen und Gebärden. Shillong ist nicht indisch. Man würde eher denken nepalesisch oder tibetisch.
Wir stehen an einem belebten Kreisverkehr, es ist 7 Uhr, hier beginnt die Don Bosco Road. Zwei Männer befestigen an einem Holzzaun ein Banner, Love moves the world, auf dem der Besuch des Gurus H. H. Sri Sri Ravi Shankar angekündigt wird.
Am Eingang zu Lachumiere, einem Viertel am anderen Ende der Don Bosco Road, läuten die Glocken der blauen Kathedrale den Tag ein. Shillong ist seit 150 Jahren christlich. Walisische und schottische Missionare gründeten Schulen und die ersten Kirchen. Die Geistlichen haben nicht nur die Strassen getauft. Sie haben auch den Einheimischen Namen gegeben. Pater Celia lebt seit 1956 in Indien. Der gebürtige Malteser ist der Gründer des Don Bosco Youth Center. Pater Celia sind viele sonderbare Namen begegnet, seitdem er sich vor fünfundzwanzig Jahren in Shillong niedergelassen hat. Zu zwei Gelegenheiten konnte er mit Adolf Hitler plaudern, einem nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Garo-Politiker, der in seinem Viertel auf Roosevelts trifft, auf Napoleons, Tripplewar und Billythekid. Adolf, mit richtigem Namen Adolf Lou Hitler Marak, Mitglied der BJP, der nationalistischen Partei an der Macht, hält es während des Wahlkampfs für nötig, den ausländischen Medien zu erläutern, dass er kein Diktator sei. Und dass er nicht die Absicht habe, es zu werden. Sein schwarzer Schnauzbart sei irreführend, auch wenn er laut einiger Zeitzeugen seiner Jugend damals gern mit der Doppeldeutigkeit seines Namens spielte, indem er auf seine unverwechselbare Weise lange an Zigaretten zog und dabei seinen Schnauzbart glatt strich. Aber da ist ja noch dieses zärtliche Lou, das «Adolf» von «Hitler» trennt und ihn so ein wenig vor dem Gleichklang rettet. Und Lou passt gut zu seinem leicht chinesischen Aussehen. Adolf Lou, der zugibt, dass sein Name ihm schon ein paar Scherereien an den Zollkontrollen europäischer Flughäfen eingebracht hat, entschuldigt sich am Telefon mit gedämpfter Stimme, er könne zu einem Gespräch nicht kommen. Seit ein paar Tagen sei er im Krankenhaus wegen einer Gastroenteritis ans Bett gefesselt. Good bye, Mister Adolf Hitler, take care!
»Ein atmender, lebendiger Körper, ein Konglomerat des Glaubens, Aberglaubens und fremdklingender Namen.«
In der Morgenausgabe des North East Today stellt ein Artikel Dak Bangla vor, den ersten Khasi-Horrorfilm. Ich hätte gern gesehen, wie Frankenstein Mohrain, einer von Adolfs Politikerkollegen, am Casting für einen Horrorfilm teilnimmt. Frankie, am Telefon eher spöttisch, macht sich selbst über seinen Vornamen lustig und setzt noch einen drauf. Frankenstein, Sozialarbeiter, 68 Jahre alt, war Bildungsminister in den Garo Hills. Frankie kennt die Romanfigur und ihre Kreatur gut, er hat das Buch von Mary Shelley mehrmals gelesen. Es fällt ihm nicht schwer, zu seinem Namen zu stehen, nur sprechen die Leute ihn nicht richtig aus. Manche nennen ihn Frankelin, seine Freunde Klinken. Ich stelle mir vor, ein Gerücht in Umlauf zu bringen: Frankenstein könnte aus dem Khasi kommen, von Phramgsingi («der einzige Sohn»). Mary Shelley könnte sich bei der Erfindung dieser Figur vom Bericht eines schottischen Abenteurers des frühen 19. Jahrhunderts, der in den Khasi Hills war, inspirieren lassen haben, in dem von dämonischen Geschichten und lokalen Riten die Rede ist. In Shillong sind die mit schauerlichen Namen oft sehr liebenswert, während Diebe und Mörder heitere Namen haben. So wie Fullmoon Dahar, ein Serienkiller, ganz zu schweigen von dem Rebellen Jackfruit, dessen plötzlicher Tod gerade bekannt gegeben wurde. Man könnte fürchten, dass die Leute in den Cafés von Shillong nicht gut darauf reagieren, dass man auf diese sonderbaren Namen zu sprechen kommt. Aber das stimmt nicht. Shillongs Bewohner haben Humor, es gibt hier sogar einen Lachklub. Ich bin beruhigt, als ich Frankies ungezwungenes Lachen durchs Telefon höre, und lege auf nach einem vorsichtigen: «Thank you, Mister Frankenstein!»
Nachdem er seit Tagen überall in der Stadt angekündigt wird, kommt His Holiness Sri Sri Ravi Shankar eines Abends nach Shillong. Unter strengem Schutz. Nachdem er mit Pauken und Trompeten im Sri-Aurobindo-Kulturinstitut empfangen worden ist, bewegt er sich, eskortiert von Militärs und dem Gouverneur, langsam in einen grossen Saal, in dem sich alles versammelt, was Shillong an Standespersonen zu bieten hat.
Seit zwei Stunden hat ein Film die Ungeduld seiner Anhänger besänftigt und, so denn nötig, die grossen Prinzipien der Doktrin The Art of Living in Erinnerung gerufen, die auf Yoga und Meditation aufbaut. Als er, ganz in Weiss, erscheint, empfängt man einen Messias. Nach den Geschenken und dem Begrüssungszeremoniell, mit der Nationalhymne als kleiner Zugabe, verkündigt Sri Sri, der sich selbst als spirituellen Leader bezeichnet, seine Message. Alles ist peaceful. Man muss dazu sagen, dass der Guru, laut seinen Getreuen, gerufen wurde, um die zahlreichen Konflikte in der Region zu lösen. Im Frageteil antwortet Sri Sri oft mit Humor und versteht es wie kein Zweiter, schnell über ein komplexes Problem hinwegzugehen. Ein Mann erhebt sich, nimmt das Mikrofon und schildert seine Sorgen: Guruji, wie kann ich meine Seele und meinen Körper pflegen, wenn ich schon so viel Aufmerksamkeit meiner Frau, meinen Kindern und meiner Arbeit schenken muss? Sri Sri antwortet mit einer simplen Evidenz, der Basis für seine Doktrin: meditation. Auf die Frage eines Zuhörers, wie man sich in dieser so harten globalisierten Welt verhalten soll, antwortet ihm Sri Sri Ravi Shankar: «For me, it’s not globalization, it’s diversity.» Schlusspunkt, keine weitere Erklärung.
Shillong ist kosmopolitisch, ist Folk und ist modern. Die Leute sprechen Englisch zu Hause und fühlen sich dem indischen Kontinent nicht ganz zugehörig. Keine Saris auf den Strassen, die Frauen ziehen es vor, sich westlich zu kleiden. Shillong glaubt an seinen guten Stern, daran,dass die Berge für Gottheiten stehen und dass Gurus nur vorüberziehen. Man begegnet hier Philosophen, Musikern, ein paar Vampiren, Kennedy, Shakespeare, Switzerland, Kissmequickly und Londonbridge. Sie glauben mir nicht? Dann fragen Sie Frankenstein und Adolf Lou Hitler, die sind nicht so übel, wie es scheint.
Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow.
Shillong sei völlig anders, als der Rest Indiens, sagt Autor David Collin. Moderner, kosmopolitischer. Genau das hat ihn gefesselt. Ihm gefiel besonders der gute Sinn für Humor der Einwohner. Auch die Landschaft von Shillong ist spezieller als anderswo. Es wird auch das «Schottland des Ostens» genannt aufgrund der vielen Wasserfälle und Berge und des vielen Regens.
Die Reportage «Mein Name ist Frankenstein» umfasst nicht nur die spezielle Namensgebung, sondern auch intensive Eindrücke aus Shillong - vollständig zu lesen als deutsche Übersetzung in der Ausgabe #28 von Reportagen, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht Reportagen sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und Orten.
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