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Am 27. September 2014 wird Bischof Alvaro del Portillo (1914–1994) in seiner Geburtsstadt Madrid selig gesprochen. Man kennt ihn als engsten Mitarbeiter des hl. Josefmaria Escrivá, als seinen ersten Nachfolger an der Spitze des Opus Dei und als ersten Prälaten dieses 1982 als Personalprälatur errichteten Werkes.1
Viel weniger bekannt ist del Portillo für seine langjährige und vielseitige Mitarbeit an der römischen Kurie. Er wirkte zunächst tatkräftig mit bei der Vorbereitung und der Durchführung des Zweiten Vatikanums. Im Vorfeld dieses Grossereignisses ernannte ihn Johannes XXIII. zum Konsultor der Konzilskongregation, zum Präsidenten der Vorbereitungskommission für die Laien und zum Mitglied der Vorbereitungskommission für die modernen Kommunikationsmittel. Während des Konzils amtete er als Sekretär der «Kommission für die Disziplin des Klerus und des christlichen Volkes», die das Dekret «Presbyterorum Ordinis» redigierte, sowie als Konsultor von vier weiteren Konzilskommissionen. Er leistete dabei eine allseits sehr geschätzte Arbeit, besonders als Kommissionssekretär, wo er die divergierenden Theologen- und Vätermeinungen zusammenführte und auch mit mehreren abrupten Kehrtwendungen der übergeordneten Instanzen loyal und konstruktiv umzugehen verstand. Auch nach dem Konzil nahm der Heilige Stuhl del Portillos Dienste in Anspruch und übertrug ihm eine Reihe verschiedener Funktionen: Konsultor der nachkonziliaren Kommission über die Bischöfe und die Leitung der Diözesen, der Kongregationen für die Glaubenslehre, für den Klerus und für die Selig- und Heiligsprechungen sowie auch des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel, dazu Sekretär der Kommission für die Säkularinstitute. 1987 nahm er an der Bischofssynode über die Berufung und Sendung der Laien in der Kirche teil, woraus das nachsynodale Apostolische Schreiben «Christifideles laici» hervorging. Als Konsultor der Päpstlichen Kommission für die Revision des Kirchengesetzbuches schliesslich beteiligte er sich bis zur Veröffentlichung des neuen Kodex (1983) intensiv an der Reform des Kirchenrechts.
1. Das Konzil und del Portillos Definition des Laien
Inhaltlich gesehen befasste sich del Portillo im Rahmen seiner Mandate mit ganz verschiedenen Fragen. Zu seinen wichtigsten Anliegen aber zählte zweifellos die Klärung von Status und Rolle der Laien in der Kirche. Das kann nicht überraschen, denn die Laien waren auch das vordringliche Zielpublikum der apostolischen Arbeit des Opus Dei, dessen Geist er vollkommen in sich aufgenommen hatte. Daher soll es im Folgenden hauptsächlich um del Portillos Beitrag auf diesem Gebiet gehen.
a) Die Inexistenz des Laien in der vorkonziliaren Theologie
Die Laien wurden bekanntlich im Vorfeld des Konzils zu einem immer wichtigeren Thema. Mit gutem Grund, denn bis dahin waren sie in Theologie und Kanonistik über viele Jahrhunderte hinweg eine vernachlässigbare Grösse geblieben. Massgebend für diese stiefmütterliche Behandlung war das Gratianische Dekret aus dem Jahr 1140. Es unterschied zwei «genera christianorum»: die Kleriker und die Laien. Über Letztere erklärte es: «Es ist ihnen gestattet, zeitliche Güter zu besitzen. (…) es ist ihnen gewährt zu heiraten, den Boden zu bestellen, (…) Gaben auf den Altären darzubringen, den Zehnten zu zahlen. So können sie sich retten, wenn sie nur die Laster meiden und Gutes tun.»2 Dieses völlig unterentwickelte Verständnis von der Rolle der Laien schlug sich noch im CIC von 1917 in aller Deutlichkeit nieder. Darin fanden sich Hunderte von Bestimmungen für die Priester, aber fast nichts über Rechte und Pflichten der einfachen Gläubigen, die fast nur bei den Eherechtsbestimmungen ins Blickfeld kamen (wobei die Ehe schon damals keine ganz ausschliessliche Laiensache war). Wirklich spezifische Canones gab es nur deren zwei: Can. 682 erkannte den Laien das Recht zu, von den Klerikern die zum Heil notwendigen geistlichen Güter zu empfangen, Can. 683 verbot den Laien das Tragen des Klerikerkleides. Man kann dem bedeutenden Rechtshistoriker Ulrich Stutz kaum widersprechen, wenn er diesen Kodex als «Klerikerrecht» bezeichnete.3
Den Grund für die fast völlige Ausblendung der Laien als solcher ortete del Portillo darin, dass es zur Zeit der Kodifizierung «weder eine Theologie des Laienstandes» gab noch «ekklesiale Phänomene, die sich unter dem Antrieb des Heiligen Geistes in ganz und gar laikalen Formen christlichen Lebens äusserten und zugleich bestrebt waren, die aus der Taufe stammenden Kräfte der Heiligung und des Apostolates zu aktualisieren».4 Bezeichnend ist etwa die Tatsache, dass im «Dictionnaire de Théologie catholique», der meistverbreiteten theologischen Enzyklopädie in den vorkonziliaren Jahrzehnten, die Stichwörter «Laie» und «Laikat» gar nicht vorkamen.
b) Die Wende vor dem Konzil
Zu einer Wende kam es erst im Lauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einen wichtigen Anstoss dazu gab die moderne Missionswissenschaft, die mit der Gründung des ersten Internationalen Instituts für missionswissenschaftliche Forschungen in Münster im Jahr 1911 ihren eigentlichen Anfang nahm. In der Folge begann die Kirche, ihre Missionarität wiederzuentdecken und sich zugleich zu befreien «vom nationalistischen und kolonialistischen Geist, der ihre Katholizität zu verdunkeln drohte».5
Unter den Theologen, deren Überlegungen zum Laienstand das Konzil am unmittelbarsten beeinflussten, ragt Yves Congar O. P. (1904–1995) hervor. Congar befasste sich ab 1946 mit der Rolle der Laiengläubigen in der Kirche und legte seine Gedanken vor allem in «Jalons pour une théologie du laïcat» (1953) nieder. Daneben sind namentlich zu erwähnen die Belgier Gustave Thils (1909–2000), Autor einer vielbeachteten Studie über die Theologie der zeitlichen Realitäten,6 und Gérard Philips (1899–1972), der bei der Redaktion von «Lumen gentium» eine wichtige Rolle spielen sollte.7
Ebenso viel Einfluss auf die Konzilsväter übten aber pastorale und apostolische Initiativen aus. Bereits in den ersten Jahrzehnten kamen Impulse von den christlichsozialen Bewegungen in Frankreich und Belgien, denn sie förderten ein bewusstes Engagement der Laien in der Gesellschaft. Besonders wichtig wurde die Katholische Aktion, die von den Päpsten Pius XI. und Pius XII. besonders eifrig gefördert wurde. Sie erreichte ihren Höhepunkt in den fünfziger Jahren, am meisten in Italien. Ursprünglich wurde sie als «Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat» verstanden (AA 20). Nach dem Konzil bewegte man sich allmählich in Richtung einer wechselseitigen Zusammenarbeit, wo Laien und Hierarchie auf je eigene Art an der Sendung der Kirche teilhaben.
c) Das Opus Dei als Vorläufer der Konzilslehre
In diesen Kontext schreibt sich auch das 1928 ins Leben gerufene Opus Dei ein. Diese apostolische und pastorale Einrichtung war in ihren Mitgliedern vollständig in die zeitlichen Realitäten eingebettet, und ihr erklärtes Kernanliegen war es, die spezifische Berufung und kirchliche Sendung der Laien ins Bewusstsein zu heben. Nach einem Wort von Papst Johannes Paul II. hat gerade diese Botschaft «seit den Anfängen jene Theologie des Laikates vorweggenommen, die dann die Kirche des Konzils und der nachkonziliaren Zeit geprägt hat».8 In der Tat ist ihre Übereinstimmung mit den Konzilsaussagen ‒ insbesondere LG 30–42, GS 34–36, AA 2–4/13–16 ‒ frappant.
Ob bzw. inwieweit del Portillo direkten Einfluss auf diese Konzilstexte ausübte, lässt sich beim heutigen Stand der Forschung nicht sagen. Nicht ohne Wirkung dürfte wohl geblieben sein, dass er Hunderte von Konzilsvätern und -theologen mit dem hl. Josefmaria in Kontakt brachte.
2. Del Portillo und Rezeption der Konzilslehre über die Laien
a) Unvollständige Konzilsrezeption
Der Kern der Konzilslehre über die Laien ist in seiner Zentralität bis heute noch nicht wirklich ins allgemeine katholische Bewusstsein getreten. Das ist zu einem guten Teil und paradoxerweise auf die nachkonziliare Begeisterung darüber zurückzuführen, dass nun dem Zustand der Unterlegenheit, ja der Unmündigkeit der Laiengläubigen ein Ende bereitet worden war, und auf das daraus erwachsende Verlangen, die aktive Rolle der Laien bei der Sendung der Kirche voll zur Geltung zu bringen.
Das Problem lag darin, dass dieses Interesse für die Laien ganz anders fokussiert war als jenes vom Konzil selbst. Das Konzil stellte den Laien als solchen, als in die weltlichen Strukturen ganz eingebundenen Gläubigen, in den Mittelpunkt. Die nachkonziliare Diskussion jedoch richtete ihre Aufmerksamkeit vorwiegend darauf, die Mitarbeit der Laien in kirchlichen Organismen zu fördern. Dies wurde vom Konzil durchaus als Möglichkeit und in gewissen Umständen (namentlich bei Priestermangel) auch als Notwendigkeit anerkannt; es sah aber darin nicht das Spezifische und Eigentliche an der Sendung der Laien. Je stärker deren Teilhabe an den Aufgaben der Hierarchie betont und vorangetrieben wurde, desto mehr verschwand der Laie als solcher aus dem theologischen Blickfeld, in seiner Säkularität (Welthaftigkeit) und mit seiner ureigenen Sendung. Ein weiterer Rezeptionsmangel ist die geringe Beachtung, die das Dekret über das Apostolat der Laien gefunden hat. Der Grund dafür mag in der Krise liegen, die die Katholische Aktion in vielen Ländern durchmachte. Das Dekret aber lobte sie ausdrücklich und präsentierte sie als Vorbild; so setzte sich bei manchen Autoren der Eindruck fest, das Dekret sei überholt.
b) Del Portillos Schrift «Gläubige und Laien in der Kirche»
Für die Überwindung des weiterhin bestehenden Rezeptionsdefizits kann noch heute del Portillos Buch «Gläubige und Laien in der Kirche» hilfreich sein. Es erschien 1969 und ist eine der ersten systematischen Abhandlungen über dieses Thema. Der Autor schöpft aus den Erfahrungen als Konzilsmitarbeiter und vor allem aus einem Gutachten, das er 1966 im Auftrag der Päpstlichen Kommission für die Revision des Kirchengesetzbuches erstellt hat. Darin entwarf er theologische und rechtliche Prinzipien, die als Grundlage für eine Identifizierung der Rechte und Pflichten der Laien in der Kirche dienen können.
Del Portillo räumt zunächst die bis anhin übliche Konfusion der Begriffe «Gläubiger» und «Laie» aus. Unter «Gläubige» («Christgläubige», «christifideles») werden alle Glieder der Kirche verstanden, Kleriker wie Nichtkleriker. Sie haben dieselbe Taufe, christliche Berufung und Gnade. Notwendige Folge davon ist die «Bejahung einer radikalen und grundlegenden Gleichheit aller christifideles».10 «Die Heiligkeit, zu der sie berufen sind, ist beim Priester nicht grösser als beim Laien, denn der Laie ist kein Christ zweiter Klasse.»11 Deshalb ist es für del Portillo «selbstverständlich», dass in der Kirche bestimmte grundlegende Rechte und Pflichten allen gemeinsam sind.12
Unterschiede ergeben sich erst in einer zweiten, nachgeordneten Hinsicht, nämlich bei den Funktionen im Gottesvolk. Darin sind Hierarchie, Laien und Ordensleute nicht gleich, und entsprechend kennen sie unterschiedliche Rechte und Pflichten. Genau dies wollte die Konstitution «Lumen gentium» schon in ihrer Struktur zum Ausdruck bringen: Sie befasst sich zuerst mit allen Gläubigen («II. Das Volk Gottes ») und dann nacheinander mit den drei grundlegenden Funktionen der Gläubigen im Gottesvolk («III. Die hierarchische Verfassung der Kirche, IV. Die Laien, VI. Die Ordensleute»).
Ein besonderes Augenmerk richtet del Portillo auf die Identität und die Sendung der Laien. Er zeigt auf, wie es den Konzilsvätern gelungen ist, eine positive Definition dieser Gläubigenkategorie zu erarbeiten. Als besonders wichtiges spezifisches Merkmal hebt er die Säkularität hervor, also das Eingewobensein in die weltlichen Strukturen. Diese Säkularität dürfe nicht auf ein bloss soziologisches Faktum reduziert werden: Es brauche eine Perspektive, «aus der heraus die Welt nicht bloss als der Lebensbereich des Laien erscheint, sondern als eine Wirklichkeit, die auf die christozentrische Ordnung bezogen ist». Die Weltbezogenheit könnte nicht in eine Definition des Laien, der normaler Christ und Glied des Gottesvokes ist, aufgenommen werden, wenn die Welt keine Beziehung zur Sendung der Kirche hätte.13 Die Säkularität ist somit «nicht lediglich ein milieubedingtes, sondern ein positives und streng theologisches Merkmal».14
Im Anschluss an diese theologischen Überlegungen entwirft der Verfasser dann auch Elemente eines rechtlichen Statuts des Laien, namentlich eine Reihe von spezifischen Rechten und Pflichten.
c) Wirkungen der Schrift auf den CIC 1983 und «Christifideles laici»
Wirkungen von del Portillos Schrift lassen sich unschwer erkennen. Der CIC von 1983 etwa hat einige seiner Anregungen zum rechtlichen Statut der Laien weitgehend übernommen. Weiter sind del Portillos Ausführungen zur Definition des Laien, besonders seiner Säkularität, nahezu wörtlich in das nachsynodale Apostolische Schreiben «Christifideles laici» von 1988 eingeflossen. Dieses Dokument antwortete unter anderem auf Kritik oder Unverständnis, das Spezifikum der Laienidentität im Weltcharakter zu erblicken. Manch einer relativierte diesen zu einem rein äusserlichen, soziologischen Faktum. Die Identität des gläubigen Laien müsse von der Taufe hergeleitet werden und nicht von einem Faktum ausserhalb von ihr. Andere wandten ein, dass ja die ganze Kirche eine tiefe Beziehung zur Welt habe; deswegen könne die Weltbezogenheit kein unterscheidendes Merkmal der Laien sein.
Demgegenüber bekräftigt das Apostolische Schreiben die konziliare Lehre: Das In-der-Welt- Sein und In-der-Welt-Handeln sei für die Laien «auch und vor allem eine spezifisch theologische und kirchliche» Gegebenheit ‒ mit einer Nuance, die den Einwänden Rechnung trägt: «Die gemeinsame Taufwürde ist dem Laien in einer Weise zu eigen, die ihn vom Priester und von den Ordensleuten zwar unterscheidet, aber doch nicht trennt. Um diese Aussage gut zu verstehen, muss die theologische Relevanz seines Weltcharakters im Licht des Heilsplanes Gottes und des Geheimnisses der Kirche tiefer erörtert werden» (Nr. 15).
3. Eine weiter bestehende Herausforderung
Heute wohl noch mehr als früher steht die Kirche vor der grossen Herausforderung, wie man die apostolische Verantwortung der Laien wecken kann. Noch immer werden die kirchlich nicht beauftragten Laien – und somit die ganz grosse Mehrheit ‒ vielfach als rein passive Empfänger kirchlicher Dienste aufgefasst, und es überwiegt eine routinehafte und oberflächliche Religiosität, welche die Betreffenden für den Ruf zur Evangelisierung weitgehend unempfänglich macht. Um hier Abhilfe zu schaffen, braucht es eine authentische Laienspiritualität. Die Konzilsväter hatten dies bereits erkannt und machten es besonders in AA 4 zum Thema. Hier bietet del Portillos Beitrag sehr aktuelle Anregungen. Der allgemeine Ruf zum Apostolat hat seine Aktualität nicht nur nicht eingebüsst, sondern eine noch grössere Dringlichkeit und Wichtigkeit angenommen in einer Welt, wo säkulare Berufsleute nicht nur über technische, politische und wirtschaftliche, sondern faktisch auch über weltanschauliche Fragen bestimmen.
Papst Franziskus’ Aufruf zu einer neuen Etappe der Evangelisierung zielt bezüglich der Laien in dieselbe Richtung. In «Evangelii gaudium» erinnert er daran, dass «jeder Getaufte, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung ist, und es wäre unangemessen, an einen Evangelisierungsplan zu denken, der von qualifizierten Mitarbeitern umgesetzt würde, wobei der Rest des gläubigen Volkes nur Empfänger ihres Handelns wäre. Die neue Evangelisierung muss ein neues Verständnis der tragenden Rolle eines jeden Getauften einschliessen» (Nr. 120).