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Er las seine Gedichte gelegentlich vor über tausend ZuhörerInnen vor – und stand mehrfach vor Gericht. Seine Gedichte sollten aus westdeutschen Schulbüchern verbannt werden. Erich Fried (1921–1988) repräsentierte einst den ebenso gefeierten wie angefeindeten politischen Schriftsteller. Am erfolgreichsten aber war er mit seinen Liebesgedichten. Der gleichnamige Band von 1979 erreichte eine Auflage von 130 000 Exemplaren und ist damit einer der meistverkauften deutschsprachigen Gedichtbände. Noch immer wird das bekannteste Gedicht daraus, «Es ist was es ist», zu zahlreichen beschaulichen und weniger beschaulichen Anlässen zitiert.
Fried war ein Zeitphänomen. Reicht sein Werk darüber hinaus? Dass sich heutige SchriftstellerInnen in Essays und Aufrufen politisch äussern, soll vorkommen; aber ist politische Literatur als solche noch angebracht, überhaupt noch möglich? Ein jüngerer Bekannter von mir, der Frieds Werk nicht kannte, hat gesagt, er habe bei der jetzigen Lektüre dieser engagierten Gedichte schon ein bisschen lächeln müssen.
Gut sein
Ausdruck einer Zeit zu sein, ist nicht per se etwas Ehrenrühriges. Bei Fried hatte es lebensgeschichtliche Ursachen. 1921 in Wien geboren, war er ein Kinderstar, sprachbegabt, Geschichtenerfinder, Hauptdarsteller in lokalen Theateraufführungen. Jugendbewegt links engagiert, flüchtete er mit siebzehn Jahren nach England, nachdem der Vater nach Misshandlungen durch die Gestapo gestorben war. Zuerst in der Exilszene tätig, dann beim BBC-Auslanddienst angestellt, wurde er mit seinem antifaschistischen Engagement ein Vermittler zwischen englischer und deutscher Kultur.
Frieds Werk ist vom Leben nicht zu trennen. Er war eine unverwechselbare Erscheinung, und dabei muss man seine körperliche Konstitution erwähnen: ein riesiges Haupt auf einem Kinderkörper. «Aber die Augen in diesem Gesicht!», schwärmen seine FreundInnen. Die Augen gehörten zum Image dazu: Aus ihnen sprach ein gütiger, guter Mensch. Da war es nicht weit zum Verdikt: gut meinend. Es gibt böse, ja bösartige Abrechnungen mit ihm und seiner Literatur, das begann einst schon mit dem Kollegen Günter Grass.
In Deutschland wurde Fried erstmals 1966 als eigenständige Stimme durch den Gedichtband «und vietnam und» bekannt. Darin verknappte er seine frühere lyrische Sprache zur politischen Kritik am US-Engagement. Er griff Zeitungsberichte, Sprachregelungen auf, entkleidete die Euphemismen, bis die Unmenschlichkeit zum Vorschein kam. In der deutschsprachigen Literaturszene war er damit als politischer Autor lanciert. Wo es im Folgenden ein kritisches Anliegen gab, war er zur Stelle. Jüdischer Herkunft, kritisierte er früh die israelische Besatzungspolitik. Für die ausserparlamentarische deutsche Opposition war er eine Anlaufstelle in London. Rudi Dutschke, den er als wichtige radikale, aber auch vermittelnde Stimme schätzte, ermöglichte er nach dem lebensgefährlichen Attentat den vorübergehenden Aufenthalt in England. Er begleitete die Debatten um die Rote-Armee-Fraktion und die Prozesse gegen deren Mitglieder, den bleiernen Herbst 1977; dann unterstützte er die Friedensbewegung, die Opposition in der DDR, auch den Protest gegen den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim.
Produktivkraftwerk
Es gibt den etwas verlegenen Begriff der Gedankenlyrik. Dabei haben Gedanken in der Lyrik eine weit zurückreichende Tradition. Mit der Romantik sind sie ein wenig in Verruf geraten, und auch der Modernismus wollte sich nicht der abgewirtschafteten Vernunft bedienen. Fried verfügte über vielerlei Mittel; es gibt Gedichte, die stilistisch der Barocklyrik nachgebildet sind, auch Hölderlin war ihm ein Bezugspunkt. Zumeist aber lässt sich bei ihm von «Sprachdenken in Wortspielen» sprechen. Das betont das Luftige, Spielerische. Zuweilen löst es sich in schillernde Luftblasen auf oder fällt bleischwer zu Boden. Die Liebesgedichte etwa sind, von heute aus gesehen, nicht über jeden Verdacht erhaben. In den besten Gedichten hingegen, und von denen gibt es nicht wenige, reisst dieses Sprachdenken aus eingeschliffenen Denk- und Verhaltensweisen. Das Spielerische bewahrt es vor dem falschen Pathos des grossen und guten Gedankens.
Fried war ein unerschöpfliches Produktivkraftwerk, für sich wie für seine Umgebung. Er las sich durch zahllose Bücher; zugleich war er ein berüchtigter Abfallverwerter und Bastler. Ständig auf Reisen, mit einer überquellenden Mappe voller Papiere. Legendär sind seine Manuskripte – Gedichte, zuweilen in einer Pause auf ein Butterbrotpapier gekritzelt. In den achtziger Jahren publizierte er jedes Jahr mindestens einen Gedichtband. Daneben übersetzte er zahlreiche Werke aus dem Englischen, schon früh etwa Dylan Thomas. 1963 begann er mit der Übersetzung von Shakespeare, ein Jahr vor seinem Krebstod hatte er 27 Stücke vollendet. Sie schaffen den Drahtseilakt zwischen Veralltäglichung der Sprache und hohem Ton. Ja, man tut ihm doppelt unrecht, wenn man ihn auf den politischen Verseschmied reduziert.
Im Übrigen hat er auf den Vorwurf des Gutseins schon im Band «Gegengift» (1974) im Gedicht «Gutsein ist gut» mit kritischen Rückfragen geantwortet. Spielerisch, erhellend.
Das Gesamtwerk von Erich Fried erscheint im Verlag Klaus Wagenbach, Berlin.