Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/1445

In der Romandie ist der Literaturdozent und Schriftsteller Jérôme Meizoz eine bekannte Grösse, in der Deutschschweiz aber kennt ihn kaum jemand. Das sollte sich ändern. Sein kristallklarer 150-Seiten-Roman «Faire le garçon», auf Deutsch «Den Jungen machen», ist intellektuell brillant, politisch brisant, sprachlich bezaubernd – und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet.
Meizoz hat zwei Geschichten ineinander verflochten wie einen Zopf. Wir springen kapitelweise zwischen der einen und der anderen Geschichte hin und her: In der autobiografischen und dokumentarischen «Recherche» erzählt er von seiner Kindheit und Jugend im Wallis der siebziger Jahre. Er berichtet von den fehlgeschlagenen Versuchen, aus ihm einen richtigen Kerl zu machen. Entgegen allen vordergründigen Liberalisierungen wird in kleinen Alltagsbemerkungen, im Verhalten, in Dorfbräuchen und Festen, im Turnverein, bei der Pfadi und über Peergroups in Geist und Körper der Mädchen und Jungs ein reaktionäres Genderprogramm verankert. Jérôme allerdings ist nach dem Suizid seiner Mutter von Tanten und Cousinen in einem «Weiberhaushalt» erzogen worden und erweist sich vielleicht auch deshalb als letztlich immun gegen die «Mackergemeinschaft». Die zweite Geschichte, die Meizoz erzählt, ist frei erfundene Fiktion: Ein Junge beschliesst, als Prostituierter zu leben. Er erfüllt den Frauen alle Wünsche – ausser der Penetration. Dieser Erzählstrang ist eine Hymne auf eine mögliche Befreiung der Körper, auf eine mögliche Sinnlichkeit jenseits von althergebrachter und neuerdings wieder offen geschätzter Konvention, Zucht und Ordnung. Die deutsche Übersetzung glättet zwar die sprachlichen Rauheiten des Originals, versperrt aber den Blick auf das Buch nicht.
Bisher sind zwei andere Werke von Meizoz übersetzt: «Hoch oben im Tal der Wölfe», ein Roman über das Attentat auf einen Walliser WWF-Delegierten. Und «Séismes», ein impressionistisches Walliser Provinzgemälde, das bisher trotz der guten Übersetzung von Kurt Meyer keinen Verlag gefunden hat.