Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/3783

Dieses Buch ist in drei Hauptkapitel gegliedert, und zwar in die Kapitel „Weltgeschichte“, „Gegenwart und Zukunft“ und „Vom Sinn der Geschichte“. Es hat im Gesamtkontext von Jaspers’ Philosophie vor allem auch deswegen einen besonderen Stellenwert, weil es Jaspers’ bekannte geschichtsphilosophische These von einer „Achsenzeit“ der Weltgeschichte enthält. Diese These wird vor allem im Kontext von Reflexionen über Interkulturalität, wie sie heute hoch aktuell sind, immer wieder aufgegriffen. Jaspers geht dabei von der Annahme aus, dass es einen empirisch abgrenzbaren Zeitabschnitt in der bisherigen Menschheitsgeschichte gebe, in dem annähernd gleichzeitig die Grundkategorien des Denkens und die Ansätze der Weltreligionen entstanden sind, in denen die Menschen bis heute leben. Jaspers nennt diesen Zeitabschnitt, den er von ca. 800 bis 200 vor Christus ansetzt, die „Achsenzeit der Weltgeschichte“ (vgl. dazu 19 ff., 76 f., 82). In dieser Zeit seien unabhängig voneinander in China (Jaspers nennt Konfuzius und Laotse), in Indien (Jaspers nennt Buddha und die Upanischaden) und dem Abendland, d.h. in Griechenland (Jaspers nennt u. a. Homer, Thukydides), und in Palästina (Jaspers nennt die jüdischen Propheten Elias, Jesaias usw.), bedeutsame kulturelle Grundlagen und Denkkategorien geschaffen worden, die auch heute noch aktuell sind und es erlauben, von einer gewissen Einheit der Weltgeschichte zu sprechen. Jaspers verfolgt mit dieser These eine moralisch-politische Absicht. Durch Bewusstmachen der Achsenzeit der Weltgeschichte soll ein gemeinsamer Rahmen geschichtlichen Selbstverständnisses für Völker mit sehr verschiedenen kulturellen Traditionen geschaffen werden. Vom Bewusstsein der Achsenzeit sollen Impulse ausgehen, den engstirnigen Partikularismus und die Ausschliesslichkeitsansprüche politisch-weltanschaulicher, kultureller, religiöser und nationaler Positionen in der Gegenwart zu überwinden und die universale Kommunikation zwischen verschiedenen „Welten“ und Kulturen zu fördern. Kommunikation über alle partikularen Weltgrenzen hinweg und ein historisch fundiertes, gegenseitiges Verständnisbemühen zwischen den Völkern ist in Jaspers’ Augen unerlässlich, damit sich die Menschheit aus der universalen Grenz- und Krisensituation retten kann, die durch das technische Zeitalter entstanden ist (z. B. Erfindung der Atombombe, die eine kollektive Selbstausrottung der Menschheit möglich gemacht hat).
In dem Buch findet man neben der Achsenzeit-These noch eine Reihe von anderen wichtigen philosophischen Einsichten von Jaspers mehr oder weniger explizit formuliert, manche davon hat er dann in dem späteren Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen im Kontext einer politischen Philosophie noch deutlicher und differenzierter ausgearbeitet. So etwa die Dichotomie zwischen einem totalitären Weltimperium und einer föderalistischen Weltordnung (vgl. 246 ff.) oder die Kritik an totalistischen Denkweisen, wie sie in Vorstellungen von einer totalen Planbarkeit von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen zum Ausdruck kommt (vgl. dazu 124, 230, 232 f., 346 ff.). In diesem Zusammenhang ist das Buch auch heute höchst aktuell, weil es sich gegen einen Planungs- und Regulierungsfetischismus richtet, wie er als überzogene Reaktion auf das Scheitern eines einseitigen wirtschaftlichen Neoliberalismus, im Besonderen was das Finanzmarktsystem betrifft, nur allzu leicht wieder Raum gewinnen kann.
Im zweiten Hauptkapitel setzt sich Jaspers u. a. mit der modernen Wissenschaft und dem technischen Zeitalter differenziert auseinander und entwickelt in der Bewertung der Konsequenzen dieser abendländischen Entwicklungen Ansätze einer Technikphilosophie. Er betont einerseits die grundsätzliche Neuheit und die weit reichenden positiven Folgen der Wissenschafts- und Technikentwicklung für alle Lebensbereiche des Menschen. Andererseits warnt er jedoch vor einem unkritischen Wissenschaftsaberglauben (vgl. 125 f.) und einem übertriebenen Technikfetischismus (vgl. 152 ff.), aus dem heraus ignoriert wird, dass die Technik auch prinzipielle Grenzen hat und ihre Entwicklung und Folgewirkungen letztlich von den Wertstandpunkten von Individuen abhängig sind. Nicht zuletzt grenzt sich Jaspers auch von einer Dämonisierung der Technik ab (vgl. 157 f.), bei der die Technik als wesenhaft Böses angesehen wird und ihre Abhängigkeit von menschlichen Entscheidungen nicht berücksichtigt ist.
Was den Sinn der Geschichte betrifft, den Jaspers im dritten Kapitel erörtert, vertritt er einen strikt anti-deterministischen Standpunkt. Obwohl der Mensch dazu tendiert, in Bezug auf die Geschichte gewisse Vorstellungen von einer realisierbaren Einheit, Ganzheit und einem Endziel des Geschichtsprozesses (vgl. etwa Hegel und Marx) zu entwickeln, können solche Vorstellungen immer nur regulative Ideen bleiben, an denen sich der Mensch zwar orientieren kann, die er aber nie in die Wirklichkeit umzusetzen vermag. Die Geschichte hat keinen immanenten Sinn. Die Zukunft ist offen und genauso unvollendbar wie das Menschsein. Der Mensch muss jeweils selber den Sinn setzen und die offenen Möglichkeiten ergreifen, um die zukünftige Geschichtsentwicklung auf mehr Freiheit, Humanität, gegenseitiges Verstehen und universale Kommunikation unter den Menschen hin voranzutreiben. (287 ff., 316 ff., 322 ff.).
Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.
München/Zürich: R, Piper & Co. Verlag 1949. 8. Aufl. Neuausgabe 1983.
Die kommentierte und kritisch geprüfte Version dieses Werks ist als Band I/10 der Karl Jaspers Gesamtausgabe (KJG) im Jahr 2016 erschienen.