Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/1151

Erika Brugger
12. Februar 2023
Mein heutiger Text stammt aus einer Zeit vor ein paar Jahren, als ich regelmässig an einem Literaturtreffen einer Gruppe von Frauen teilnahm. Wir sollten surreale Texte schreiben, lautete an einem der Treffen das Thema, mit der Aufgabe, diese Texte beim nächsten Mal vorzulesen. Ich wagte den Versuch und staunte, wie meine Fantasie, einmal in Gang gesetzt, mit mir durchbrennen konnte. Wie sie von der realen Ebene in eine Ebene der Träume und der Vorstellungswelt geriet. Meinen damaligen Text habe ich für den heutigen Abend überarbeitet. Mit grossem Vergnügen.
Die Frau steht am Strassenrand, schaut unschlüssig nach links und nach rechts. Jetzt sehe ich, dass die Ampel gegenüber auf Grün gewechselt hat. Doch statt loszulaufen, bleibt sie stehen, noch immer mit unstetem Blick. An ihrer Seite steht ein hagerer Mann im selben Alter, den Oberkörper leicht vorgebeugt. Er stützt die zarte Frau sanft, den Arm unter ihren Ellbogen gelegt. Die beiden können 75 oder auch 85 sein. Sie sind winterlich gekleidet, tragen dunkelgraue Mäntel aus schimmerndem Wollstoff, über dem Kragen ist ein sorgfältig gefalteter Schal geschlungen, auf den Köpfen sitzen schlichte, graue, klassische Hüte, wie meine Grossmutter sie manchmal in der Kälte trug.
Ich beobachte die beiden vom Tram aus, das in die Haltestelle des Bankenplatzes einbiegt. Die beiden Silhouetten spiegeln sich im regennassen Pflaster der winterlichen Abenddämmerung.
Sind sie vielleicht Geschwister? Sie halten ihre Körper genau gleich gebeugt, sie haben dieselbe Nase, denselben schmalen Mund, dieselben mageren Schultern. Ihre Körper haben eine Nähe, und doch wahren sie Distanz, die beiden sprechen kein Wort. Oder werden Paare im Alter wie Geschwister, geht es mir durch den Kopf? Ist das einfach der Lauf der Dinge? Sie leben wie Bruder und Schwester, höre ich tief im inneren Ohr die Stimme meiner Mutter, eins ihrer Urteile, die sie gerne über langweilige Paare verteilte. Was für ein seltsamer Satz, denke ich. Paare, die sich verleidet sind, die, der grossen Liebe entwachsen, nebeneinander her leben in der Alltagsroutine – wie Bruder und Schwester? Das soll dieser Satz bedeuten? Mir geht auf, dass ich den Vergleich etwas eigenartig finde. Bruder und Schwester? Wenn ich mir meine Brüder ins Gedächtnis rufe, so kann ich mit dem Bild nichts anfangen. Wir hatten uns schon als Kinder nicht vertragen, und ich bin froh, wenn wir uns in den wenigen Stunden der seltenen Familienanlässe nicht in die Haare geraten.
Aber zurück zu dem Paar am Strassenrand. Noch immer schaut die Frau unschlüssig hin und her, als ob sie sich nicht über die Strasse traute, – da fängt sie unvermittelt an zu zittern, der ganze Körper gerät in Bewegung, nur der Kopf bleibt ruhig. Jetzt bemerke ich auch, dass sie sich mit ihrer rechten Hand auf einen Stock stützt. Ihr Gesicht trägt einen wachsamen Ausdruck, mit stoischer Ruhe blicken ihre Augen, junge Augen, aus ihrem Körper, der seine aufrechte Haltung beibehält. Ein schwebendes Gesicht jenseits der Gegenwart, als blicke sie aus einem jungen, entspannten, selbstbewussten Körper. Gelassen, freundlich, unbeschwert.
Und da passiert es, und das ist seltsam, seit ein paar Tagen laufen solche Szenen fast täglich vor mir ab, tanzen vorüber wie bunte Lichter. Die Zeit springt zurück. Von einem Augenblick auf den andern, nur ein paar Sekundenbruchteile lang, steht dort eine junge Frau in einem schicken, dunkelblau schimmernden, taillierten Kostüm mit kunstvollen Nähten, die sich an ihre Körperrundungen schmiegen, ein Tailleur aus den vierziger oder fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wie wir sie aus alten Filmen kennen. Ihre Füsse stecken in Pumps mit hohen Absätzen, auf dem Kopf trägt sie einen kecken, roten Hut mit einer Feder, die sich aufplustert im leichten Wind. Statt die Strasse zu überqueren, wendet sie sich um, darauf dreht sich auch der Mann zur Seite, jetzt hat er eine Melone auf dem Kopf, so nannte man diese halbrunden Hüte, glaube ich. Er trägt einen eleganten Anzug und schreitet energisch mit der jungen Frau an seiner Seite davon, die Strasse hinunter. Ein schönes Paar, vielleicht sind sie tatsächlich Bruder und Schwester, sie lachen, plaudern, verschwinden im Nichts. Mein Tram fährt aus der Haltestelle hinaus, als wäre nichts passiert.
Die Frau, die junge, hatte denselben wachen, heiteren Blick wie die alte, zitternde Dame, und sie hatte jene Kopfhaltung, die Frauen innewohnt, die ans Hütetragen gewöhnt sind, mit der Aura der stolzen, jungen, aufmüpfigen Weiblichkeit der Frauen von damals. Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany´s», Marlene Dietrich, Doris Day. Schwesterlich-kumpelhaft freche Frauen, die mit den Jungs um die Häuser zogen, rote Lippen, kräftiger Gang.
* * * * * *
Ein Switch wie dieser, ein Sprung in eine andere Zeit, völlig unvermutet und im Tempo von fünf Hunderstelsekunden, war mir ein paar Tage vorher schon passiert. Diesmal war es eine Fusscreme, die in eine andere Dimension zu rutschen begann, ohne Vorankündigung, ähnlich wie die Vision der Lady am Bankenplatz. Dazu muss man wissen, dass meine Fusscreme Bärfuss heisst. Bärfuss, genau wie der Schriftsteller, denke ich, Lukas Bärfuss. Ich betrachte die Tube genauer, als ich am Abend meine Füsse massiere, Zehe um Zehe umsorge, und ich bin mir plötzlich sicher, dass es sich bei der Marke um ein Produkt des Grossvaters des Schweizer Schriftstellers handelt. Ja natürlich, Bärfuss' Familie muss ursprünglich aus Deutschland stammen, aus einer Fusscremenfabrik, – in Dorsten, Germany, heisst es unten auf der Tube.
Jetzt geht mir ein Licht auf, warum er als Schriftsteller und Bühnendichter Erfolg hat. Denn in solchen Dynastien ist es üblich, den Nachkommen eine Rente auszuzahlen, lebenslang. Damit kann er wohl sein Schreiben finanzieren, spazieren meine Gedanken durch meine schläfrige Fantasie weiter. Denn wer heisst schon Bärfuss? Das ist ein seltener Name, meine Fusscreme und er müssen verwandt sein. Gute Literatur kommt auf samtenen Füssen daher, und samtene Füsse wollen gepflegt sein. Der Zusammenhang scheint mir plausibel. Handelte nicht eins seiner letzten Bücher von einem Bären, einem «Koala»? Bären schleichen sich ja auch auf Samtpfoten heran, bevor sie dich packen.
Nach einigen Tagen enden meine surrealen Gedankengänge über den Schweizer Schriftsteller jedoch abrupt. In mein Fusspflege-Ritual versunken, schaue ich mir die Tube genauer an. Sie heisst Barfuss, ohne ä. Um das B kränzen sich symbolhafte Zehen, wohl das Logo des Cremen-Herstellers, und so sieht das folgende “a” aus wie ein “ä”. Jetzt setzt auch der Kurzfilm meiner Erinnerung ein. Jenes Buch namens «Koala» lag tatsächlich eine Zeitlang auf meinem Bücherstapel neben dem Bett und neben dem kleinen Korb mit meinen Fusscremen. Und jetzt fällt mir auch wieder ein, dass es darin um eine nebelhafte Begegnung von zwei Brüdern ging, die in einer Kneipe Bier tranken. Die sehr viel Bier tranken. Ich hatte mehrmals zu lesen begonnen und herumgeblättert und nicht verstanden, worum es bei dieser Brudergeschichte genau ging. Ich hatte seufzend den Kopf geschüttelt und mich gefragt, warum dieser Autor von manchen Kritikern als genial eingestuft wird.
Und ich erinnere mich, dass ich tags darauf das Buch, ohne Antworten auf die Rätsel gefunden zu haben, in die Retouren-Klappe der Metallkiste meiner Quartiers-Bibliothek geschmissen hatte. Wo es laut auf den Boden hinunter polterte.