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Wie können wir unsere Versorgungssicherheit mit Erdöl- und Erdgasprodukten sicherstellen?
Unser Endenergiebedarf wird heute zu mehr als zwei Dritteln durch fossile Energieträger sichergestellt. Die Gesamtheit dieser fossilen Energie kommt aus dem Ausland. Die Schweiz ist also im Fall einer Versorgungsunterbrechung mit sehr ernsthaften Problemen konfrontiert. Sie setzt aber eine Diversifizierungsstrategie um, die es ihr ermöglicht, dieses Risiko zu minimieren.
Unser Land war in der Vergangenheit, mit Ausnahme des 2. Weltkrieges, nie in einer Situation, in der die energiewirtschaftliche Versorgungssicherheit ernsthaft gefährdet war. Diese Sicherheit kann aber infolge von grösseren Konflikten, Wirtschaftskrisen und politischen Krisen, menschengemachten Katastrophen oder Naturkatastrophen gefährdet werden. Das Anlegen von verpflichtenden strategischen Lagerbeständen ist eine teilweise Antwort (letzter Ausweg) auf diese Risiken [→ F22]. Zur Sicherstellung einer möglichst hohen Versorgungssicherheit hat die Schweiz eine Massnahmenplattform erarbeitet, insbesondere eine Diversifizierungspolitik auf drei Ebenen.
Erstens: Diversifizierung der importierten Produkte. Die Schweiz kauft ca. 60% ihres Erdöls als Endprodukte (Benzin, Diesel, Heizöl, Kerosin) und ca. 40% als Rohöl, das sie in ihren zwei Raffinerien in Collombey (Wallis) und Cressier (Neuenburg) raffiniert. Trotz ihrer bescheidenen Raffinierkapazität im Vergleich zu den grossen europäischen Raffinerien (weshalb es schwieriger ist, sie rentabel zu betreiben) sind diese zwei Raffinerien von zentraler strategischer Bedeutung für die Schweiz, weil sie unsere Abhängigkeit von der Europäischen Union, aus der die Gesamtheit unserer Erdöl-Endproduktimporte kommen, reduzieren.
Zweitens: Diversifizierung der Versorgungsquellen. Unsere Rohölimporte kommen aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion (hauptsächlich aus Kasachstan), sowie aus Nord- und Westafrika (derzeit aus Libyen, Nigeria, Algerien) [→ siehe Abb. unten]. Als im Jahr 2011 die Libyen-Krise ausbrach, konnte die Schweiz den Importunterbruch aus diesem Land (damals unser Hauptrohöllieferant) innerhalb weniger Wochen und ohne Auswirkungen auf die Verbraucher kompensieren, und zwar durch Importe aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion und durch das Zurückgreifen auf verschiedene Reserven in der Übergangszeit. Die Schweiz hat auch die Herkunft der Endprodukte aus Rohöl (Benzin, Diesel, Heizöl, Kerosin) diversifiziert. Sie kommen aus Raffinerien, die auf die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Italien verteilt sind.
Das Erdgas kommt zu drei Vierteln aus westeuropäischen Ländern (Norwegen, Deutschland, Niederlande, Frankreich und Italien). Der Rest kommt aus Russland und Nordafrika. Die Schweiz bevorzugt Lieferanten, die grosse Lagerkapazitäten und bedeutende Reserven haben. Sie hat übrigens keinen Liefervertrag mit Russland abgeschlossen. Das in die Schweiz gelieferte, aus Russland stammende Gas wird in Deutschland gekauft, und zwar mit Substitutionsklauseln für den Fall eines russischen Lieferausfalls: Deutschland verpflichtet sich im Fall eines russischen Lieferausfalls, das für die Schweiz bestimmte Gas aus ihren eigenen Gasreserven zu liefern.
Drittens: Diversifizierung der Lieferwege und Verkehrsmittel. Die Erdölprodukte werden via Pipelines (45%), Rheinschiffe (25%), Eisenbahnwaggons (22%) und Tankwagen (8%) geliefert. Abgesehen vom Rohöl (das ausschliesslich per Pipeline geliefert wird) kann jedes dieser Verkehrsmittel im Bedarfsfall die anderen ersetzen. Das Erdgas kommt auf etwa ein Dutzend verschiedener Wege über Gasleitungsnetze in die Schweiz. Ausserdem befindet sich die Schweiz aufgrund ihrer zentralen Lage an einer bedeutenden Nord-Süd-Transitachse für Erdgas. Zudem ist sie mit ihrem Netz an mehr als 100 unterirdische Lager Westeuropas angebunden.
Zu dieser Diversifizierungspolitik kommen vertragliche Garantien: Der Grossteil der Käufe erfolgt auf Grundlage langfristiger, nicht unterbrechbarer und erneuerbarer Verträge. Auf politischer Ebene ist die Schweiz Mitglied der Internationalen Energieagentur in Paris, zu deren Aufgaben das Ergreifen internationaler Massnahmen im Falle einer bedeutenden Energiekrise gehört.
Quellen
- Erdöl-Vereinigung - Union Pétrolière (2018)
- Erdöl-Vereinigung - Union Pétrolière (2018). Rapport annuel 18.
- Office fédéral pour l'approvisionnement économique du pays (OFAE) (2012)
- Office fédéral pour l'approvisionnement économique du pays (OFAE) (2012). Le gaz naturel et la sécurité de l’approvisionnement en Suisse.
- Rossier (2012)
- Rossier, R. (2012). Energie Relations commerciales sous tension - Odeurs de pétrole - Un quart de tout l’or noir consommé en Suisse provient du Kazakhstan et de l’Azerbaïdjan. La Tribune de Genève.