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Glaube aber ist ein Vertrauen auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.Hebräer 11:1
Leider wird Glaube heute häufig gleichgesetzt mit „wissen, dass man weiss, dass man weiss“.
Das ist gleichbedeutend damit, dass wir annehmen, das Gegenteil von Glaube sei Zweifel.
Das kommt davon, dass glauben und zweifeln jeweils mehrere Bedeutungen haben, aber auch davon, dass wir als Menschen Sicherheit suchen.
Worte sind jedoch wesentlich komplexer. Worte haben ein konnotatives Umfeld. Dieses Umfeld beinhaltet alle die Worte, die wir mit (kon-) dem Wort notieren würden, wenn wir gefragt würde, was uns zu diesem Wort alles einfällt.
Eine Verkürzung auf eine dualistische Dichotomie – ein Gegensatzpaar bestehend aus zwei Worten – greift also immer zu kurz. Das heisst, wenn wir glauben und zweifeln einander gegenüberstellen, erfassen wir nur einen Teil der Bedeutung von glauben.
Glauben vs. Zweifeln
Natürlich macht dieser Gegensatz in bestimmten Situationen durchaus Sinn.
Ich glaube an die Existenz Gottes bedeutet, dass ich annehme, dass es einen Gott gibt, es aber nicht beweisen kann.
Ich zweifle an der Existenz Gottes bedeutet, dass ich annehme, dass Gott nicht existiert, es aber nicht beweisen kann.
Insofern zeigen die beiden Worte durchaus einen Gegensatz, wenn auch nur einen graduellen.
Aus den beiden Sätzen wird aber klar, dass der wesentlich wichtigere Gegensatz für beide Worte, glauben und zweifeln, eigentlich wissen ist.
Ich weiss, dass Gott existiert bzw. Ich weiss, dass Gott nicht existiert. Diese beiden Aussagen stehen im direkten Gegensatz zu den oben genannten.
Vielleicht ist es noch besser, es so zu sagen:
Ich bin mir sicher, dass …
Folgen der Definition
Wenn ich das Gegenteil von glauben als zweifeln definiere, dann hat das ganz bestimmte Folgen.
Nehmen wir einmal an, ich glaube etwas, das falsch ist. Nur wenn ich daran zweifeln darf, werde ich meinen Glauben überprüfen und korrigieren.
Dies erlaubt Wachstum.
Ein Beispiel gefällig?
Über lange Zeit hinweg wurde 1Ko 13:13 so ausgelegt: seit wir das Perfekte, nämlich die Bibel, haben, brauchen wir die unvollkommenen Geistesgaben nicht mehr.
Um 1900 begannen verschiedene Personen an dieser Theologie zu zweifeln und sich nach den Geistesgaben auszustrecken. Die Pfingstbewegung bestätigte sie in ihrem Zweifel und Glauben. Zweifel an der Richtigkeit der Interpretation des Verses, und Glaube an die Verfügbarkeit der Geistesgaben auch heute.
Es gibt tausende solche Beispiele.
Wer also zweifeln als das Antonym von glauben versteht, wird zum Bewahrer des Status Quo, des heutigen Erkenntnisstandes. Leider wird dies häufig verwechselt mit „Bewahrer des Glaubens“.
Wenn ich an meinem Glauben nicht zweifeln darf, dann definiere ich sich seiner sicher sein als Synonym für glauben.
Doch haben wir ja oben festgestellt, dass sich etwas sicher sein in direktem Gegensatz steht zu glauben, während zweifeln und glauben sich im Wesentlichen nur im Grad der Unsicherheit unterscheiden bzw. die Seite der Aussage bezeichnen, der wir eher zugeneigt sind.
Folgen der neuen Definition
Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.André Gide
Wenn wir glauben jetzt sich etwas sicher sein gegenüberstellen, dann sind die Folgen der Aussage ganz anders.
Jetzt stellt Zweifel wirklich nur eine graduelle Verschiebung auf dem Kreis der Unsicherheit dar.
Und plötzlich wird Korrektur, Wachstum und Erwachen möglich.
Konsequenzen
Der Gläubige, der nie gezweifelt hat, wird schwerlich einen Zweifler bekehren.Marie von Ebner-Eschenbach
Es stellt sich also heraus, dass der lobenswerte Ansatz, den Glauben bewahren zu wollen, leidet, wenn wir ihn gleichsetzen damit, Zweifel zu unterdrücken und zu verbieten.
Wenn wir den Menschen sagen, dass wir Zweifel sofort bekämpfen müssen, dann besteht die Gefahr, dass selbst kleinste Korrekturen nicht mehr wahrgenommen werden. Denn „es steht geschrieben“ und ich darf an der Auslegung nicht zweifeln, da Zweifel gleich Unglaube sind.
Rate ich den Menschen also, an der Existenz Gottes zu zweifeln?
Im richtigen Moment, absolut.
Erstens zweifeln wir meist nicht an der Existenz Gottes, sondern an der Vorstellung, die wir uns von Gott machen. Wir empfinden dies als dasselbe, gerade weil wir uns sicher waren, dass Gott so ist, wie wir ihn uns vorstellen.
Zweitens liebt uns Gott und möchte uns begegnen. Wir dürfen ihm vertrauen, dass er durch unseren Zweifel durchbrechen kann und wird. Er hat das schon einmal getan.
Vertrauen ist übrigens ein wunderbares Synonym für glauben. Wenn ich vertrauen muss, bin ich mir auch nicht sicher. Insofern beinhaltet vertrauen immer einen gewissen Anteil Zweifel.
Mein Vertrauen, mein Glaube wird gestärkt durch drei Standbeine, oder besser, durch die drei Räder eines Dreirads.
Das erste Rad ist die Tradition. Sie ist die Einbettung in das Bekannte. Sie zeigt mir, dass ich dazugehöre, und bindet mich ein. Sie schenkt mir Heimat.
Das zweite Rad ist die Lehre. Sie bildet das Fundament meines Wissens, die Basis meiner Entdeckungen, den Durst meiner Entwicklung.
Das dritte Rad ist die Erfahrung. Sie bestätigt mein Vertrauen durch das Erlebte.
Räder deshalb, weil sich all dies in Bewegung befindet. Ohne Zweifel wird daraus ein dreibeiniger Stuhl ohne Entwicklung und Bewegung, ein statisches Gebilde.
Glaube versteinert zu sich etwas sicher sein. Dann ist Glaube tot.
Als Jesus fragte: „Werde ich dann noch Glauben finden“, meinte er da: „Werde ich Menschen finden, die genau wissen, wie ich bin und was ich will von ihnen?.“
Oder eher: „Werde ich noch Menschen finden, die den Mut haben, mit Zweifel zu leben und in Unsicherheit zu vertrauen?“.
Die Welt, in der wir leben, ändert sich ständig. Anpassung ist notwendig, neue Strategien sind gefragt, neues Wissen wartet darauf, entdeckt zu werden.
Menschen, die sich sicher sind, wünschen sich den früheren Status Quo zurück, den es wohl nie gegeben hat.
Menschen, die glauben, verändern sich und die Welt durch ihr Vertrauen.
Wie sagte es schon Reinhold Niebuhr, eventuell auch Franz von Assisi:
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Diese Weisheit könnte sich durchaus durch Zweifel bemerkbar machen.