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Ulrich Plenzdorfs Werther-Adaption Die neuen Leiden des jungen W., 1972 in Heft 2 der Zeitschrift Sinn und Form in einer Prosafassung erschienen, 1973 in der Bühnenfassung veröffentlicht, hat sowohl in der DDR als aber auch in der Bundesrepublik ein beachtliches literaturkritisches und literaturwissenschaftliches Interesse gefunden. Dabei stand in der ersten Phase der Rezeption, die vor allem von der Literaturkritik getragen wurde, im Vordergrund – insbesondere in der Bundesrepublik – das neue ungewöhnliche Kritikpotential, das von einem Schriftsteller der DDR gegenüber der eigenen Gesellschaft zum ersten Mal in dieser Form in Anspruch genommen werden konnte. Es wurde vor allem darauf hingewiesen, daß die gewissen neuen Liberalisierungstendenzen, die sich auf und nach dem VIII. Parteitag der SED von 1971, nach dem Herrschaftswechsel von Ulbricht zu Honecker, zu Wort gemeldet hatten, als entscheidende Rahmenbedingungen angesehen werden müßten, um das Erscheinen des Plenzdorfschen Werkes, um die Veröffentlichung aber auch anderer Werke wie etwa Volker Brauns Die Kipper (ebenfalls 1973) in einem volleren gesellschaftspolitischen Sinne verständlich erscheinen zu lassen. Erich Honeckers Versicherung, daß nach dem VIII. Parteitag eine Phase offenerer Kulturpolitik, d. h. insbesondere Kunstpolitik begonnen habe (mit den oft zitierten Worten: »Wenn man von den festen Positionen des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.«),2 wurde erstmals bestätigt gesehen durch eine Literatur, in der das Thema »Individuum und Gesellschaft« eine überraschend neue Auslegung erfuhr, in der der Welt menschlicher Individualität und der konkreten, individuellen Alltagswirklichkeit des Menschen eine im Rahmen des tradierten marxistischen Gesellschafts- und Menschenbildes erregend neue gesellschaftliche Bedeutung zuerkannt wurde. Und zwar dies unter ausdrücklicher Betonung des für diese Autoren selbstverständlichen Sachverhalts, daß man sich durchaus auf dem Boden des Sozialismus und der marxistischen Weltanschauung stehen sehe.