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Unsere Buchtipps
Serhij Zhadan
Internat
Der Roman spielt in den Januartagen im Jahr 2015, als der Krieg zwischen der Armee und den prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine seinen Höhepunkt erreichte.
Pascha, ein junger Sprachlehrer, am politischen Geschehen seines Landes gänzlich uninteressiert, soll unter dem Druck seines Vaters seinen 13-jährigen Neffen aus dem Internat nach Hause holen. Die Stadt, in der das Internat liegt, ist bereits von den Separatisten eingeschlossen. Niemand kann mehr mit Bestimmtheit sagen, wo die Checkpoints sind und wo die Frontlinien durchführen.
Lange drei Tage dauert die Reise, um den Jungen zurückzuholen. Für Pascha und seinen Neffen wird es eine Höllenreise durch zerstörte Landschaften von fast apokalyptischem Ausmass, wo Frauen, Alte und Kinder herumirren und in kaputten Gebäuden Schutz suchen. «Internat» ist ein beklemmender, gänzlich aus der Perspektive der Zivilbevölkerung erzählter Roman, der in kraftvoll poetischen Bildern beschreibt, wie der anfänglich apolitische Pascha sich während dieser Reise verändert und an seiner Aufgabe wächst.
Sabine Stöhr und Juri Durkot haben den Roman aus dem Ukrainischen übersetzt, wofür sie 2018 den Leipziger Buchpreis erhielten.
Therese Heiniger
Suhrkamp Verlag, 2018
300 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-518-42805-4
CHF 31.90
Anthony McCarten
Jack
Aus der Perspektive der Literaturstudentin Jan Weintraub trifft der Leser auf Jack Kerouac, der 1968 nur noch ein Schatten des einstigen Beatnik-Idols ist. Am Ende seiner Karriere ist er bemüht, seinen Vorsatz umzusetzen und sich in Florida zu Tode zu saufen. Weintraub bittet Jack, seine autorisierte Biografie schreiben zu dürfen. Doch Kerouac weicht erst einmal aus: «Sie wollen mir was anhängen. Mich zum Sündenbock machen! Genau wie all die anderen!».
Das Buch von Anthony McCarten läuft jedoch nie Gefahr, zu einer getarnten Kerouac-Biografie zu werden. Tatsächlich erfahren wir etwas über die Entstehungsgeschichte des Kultromans «On The Road» und dessen Folgen: «Der Name Jack Kerouac und der seines Helden Dean Moriarty verschmolzen zu einem einzigen für alle jungen Leute, die gegen die Langeweile und die erdrückende Moral ihrer Nachkriegseltern ankämpften.» Doch die eifrige Studentin interessiert hier zunächst, dass Kerouac darin die Erlebnisse mit seinem Freund Neal Cassady ausgeschlachtet und diesen dann im Stich gelassen habe. Nämlich, als Cassady im Gefängnis landete, nachdem die Polizei durch das Buch auf dessen Drogenkonsum aufmerksam geworden war. Dann ignorierte er Cassadys Versuche, dem Bild zu entsprechen, das sich junge Fans aufgrund der Lektüre von ihm gemacht hatten: Sex, Drugs and on the road. Der Freund von einst hätte Hilfe dringend nötig gehabt.
Anthony McCarten spielt geschickt und äusserst spannend mit der Frage, wer eigentlich wen benutzt, um die eigene Identität sowohl aufzuspüren als auch zu verschleiern oder gar auszutauschen. Auch Kerouac und Weintraub sind für eine kurze Weile Partner und Gegner in einem Spiel der Identitäten und das Buch nimmt unvorhersehbare Wendungen. Dabei gelingt es dem Autor, immer nur so viel preiszugeben, dass dem Leser genügend Spielraum für eigene Entdeckungen bleibt - auch für die Frage nach dem eigenen Selbst. Wer sind wir wirklich?
Jana Kilchenmann
Diogenes, 2018
256 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06856-6
CHF 31.50
Jon McGregor
Speicher 13
In einem kleinen mittelenglischen Dorf ist ein dreizehnjähriges Mädchen verschwunden. Es war nach einer Wanderung mit seinen Eltern durch das Moor nicht zurückgekehrt. An der grossangelegten Suchaktion beteiligen sich auch die Dorfbewohner, aber das Mädchen bleibt verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.
Was wie ein Krimi beginnt, entwickelt sich in diesem höchst raffiniert erzählten Roman zu einer genauen Studie über das Dorf und dessen jährlich wiederkehrende Rituale und Geschehnisse: Wie die Leute das Brunnenfest feiern, wie die Cricket-Mannschaft jedes Mal gegen das Nachbardorf verliert, wie die Natur sich verändert, was das Goldhähnchen so treibt.
Je weiter der Fall zurückliegt, desto tiefer taucht man in das Dorfleben ein und nimmt dessen subtile Veränderungen wahr: Der Metzger geht Pleite, der alte Schafzüchter erleidet einen Schlaganfall und muss gepflegt werden, die Jugendlichen hängen trinkend an der Bushaltestelle herum und träumen vom Fortgehen.
Und über all dem hängt dieser ungelöste Fall, der die Leute gelegentlich noch bis in ihre Träume verfolgt und auch mich bis zum Schluss gefesselt hat.
Veronika Scheuermeier
liebeskind Verlag, 2018
352 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-95438-084-8
CHF 30.50
Mark Twain
Climbing the Rigi
Zweisprachige Ausgabe Deutsch/Englisch
«Von nun an trafen wir alle zehn Minuten einen Jodler: dem ersten gaben wir vierzig Rappen, dem zweiten dreissig, dem dritten zwanzig und dem vierten zehn Rappen, Nummer 5, 6, und 7 erhielten nichts, und den restlichen Jodlern gaben wir einen Franken pro Mann, damit sie nicht mehr jodelten. Es kann auch zu viel gejodelt werden.»
Zusammen mit seinem fiktiven Begleiter Mr. Harris begibt sich Mark Twain 1879 auf den Weg von Weggis Richtung Rigi Kulm-Hotel. Ziel der beiden ist es, den berühmten Sonnenaufgang vom Gipfel aus zu bestaunen. Auf dem Weg hinauf müssen sie einige Hindernisse überwinden, die Twain stets mit viel Ironie in seinem Reisetagebuch festhält. Oben angekommen, gestaltet sich auch das Bestaunen des Sonnenuntergangs schwieriger als gedacht. Diese humorvolle Erzählung, ursprünglich ein Kapitel im Buch «Bummel durch Europa», wurde von der Familie Käppeli-Item in diesem hochwertigen Band neu aufgelegt. Der Text, gesetzt in Form einer Bergkette und ergänzt mit historischen Postkarten der Umgebung, lässt einen noch intensiver an den Eskapaden der zwei Protagonisten teilhaben. Ein kurzweiliges Buch, welches Lust macht, mit Mark Twain auch noch den Rest von Europa zu bereisen.
Vera Muff
Edition Bücherlese, 2018
106 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-906907-11-6
CHF 27.50
Jared Muralt
The Fall
Kapitel 1-3
Der Berner Illustrator und Comiczeichner Jared Muralt, Mitbegründer und Teil des BlackYard Kollektivs, hat einen neuen Comic herausgegeben. Seine Geschichte lässt er in seiner Heimatstadt Bern spielen. Orte und Gebäude sind erkennbar, allerdings im Laufe seiner Geschichte zunehmend zerfallen und marode.
Vater Liam und seine beiden Kinder Sophia und Max sind in Sorge, weil Marie nicht von der Arbeit im Krankenhaus nach Hause gekommen ist, sich nicht meldet und nicht erreichbar ist. Die Lage ist prekär, denn bereits wütet die zweite Sommergrippe heftig in der Stadt. Marie steckt sich an und stirbt. Liam hat in seiner Trauer keine Kraft mehr, sich um Sophia und Max zu kümmern. Die kleine Familie fällt auseinander, kommt jedoch nach und nach wieder zusammen und findet sich in einer veränderten Umgebung wieder. Der öffentliche Verkehr ist zusammengebrochen, Schulen sind geschlossen, Lebensmittel sind knapp, Quartiere abgeriegelt, auf den Strassen ist es gefährlich. Sie beschliessen, die Wohnung zu verlassen und zu den Grosseltern in die Berge zu fliehen.
Muralt beendet das dritte Kapitel in einem sehr spannenden Moment. Die Neugier auf die Fortsetzung ist gross, weitere Kapitel sind in Vorbereitung. Er zeichnet, koloriert und textet alles selber. Realistisch, naturgetreu und mit feinen Linien im klassischer Stil. Ein aufwändiger, stimmungsvoller und detailreicher Zeichnungsstil.
Susanne Bühler
Tintenkilby Verlag, 2018
60 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-906828-30-5
CHF 26.50