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Kolumne
Jetzt weiss ich, der alte Mann mit den Karten hatte Recht
Kompliziertes Tarotkarten-Legen ist der Kolumnistin zu aufwendig. Aber gelegentlich eine Karte zu ziehen und sich inspirieren zu lassen, findet sie sehr bereichernd.
Beim Tarot werden Karten in einem bestimmten Muster ausgelegt. Damit sollen Fragen beantwortet oder gar die Zukunft vorausgesagt werden können. Diese Form des Orakels hat eine lange Tradition.
Auch in meinem Leben.
Wenn zu Beginn auch etwas unfreiwillig. Es war vor etwa 15 Jahren, ich war Anfang 20 und reiste durch Indien. Irgendwo in Rajasthan in einem Hotel, das günstig war, aber aussah wie aus 1001 Nacht, kam ich einige Tage unter.
In der Empfangshalle sass ein Mann auf einem Teppich, jeden Tag, und wohl auch jede Nacht, denn er war immer da, wenn ich vorbeigegangen bin. Und jedes Mal fragte er mit dem unverwechselbaren indischen Akzent: «Madaaaam, let me read the cards for you, Madaaam, please.» Jedes Mal lächelte ich und schüttelte den Kopf: «Thank you, Sir.»
«Madame, pleeeease»
Am vierten oder fünften Tag, beim etwa 17. Mal «Madame, pleeeease», knickte ich wortwörtlich ein und setzte mich im Schneidersitz zu dem Mann auf den Teppich.
Zur Autorin: Michelle de Oliveira
Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogalehrerin und Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle und Esoterische. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Natürlich nahm es mich wahnsinnig wunder, was mich in 10, 20, 30 Jahren erwarten würde. Der Mann mischte und wirbelte die Karten durcheinander wie ein Hurrikan und legte sie in einem komplizierten und nach meinem Eindruck etwas willkürlichen Muster vor uns auf den Boden.
Die Karten waren verblichen, manche zerrissen, es gelang mir nicht, darauf etwas zu erkennen. Dem Mann aber schienen sie alles über mich zu erzählen.
Er beugte sich über die Karten, nickte, seufzte, wackelte mit dem Kopf, biss sich auf die Lippe. Dann holte er tief Luft und zu einer verblüffend passenden Beschreibung von mir und meiner Familie aus. Er prophezeite mir die grosse Liebe mit 31, zwei Kinder etwas später und eine Karriere als Anwältin oder Drehbuchautorin.
Auch wenn die Beschreibungen ganz gut getroffen waren, gab ich wenig auf die Vorhersagen und legte das Erlebnis in der Kategorie «Typisch Indien» ab.
Ohne bestimmte Frage, ohne Antwort
Seither liess ich mir nicht wieder die Karten lesen. Auch wenn es mich natürlich auch heute Wunder nimmt, was die Zukunft bringen wird. Doch ich traue der Praxis schlicht zu wenig.
Dennoch: Vor etwa vier Jahren kam ich in Lissabon in einem Laden an einem Tarot-Set vorbei. Es gibt unzählige Tarot-Decks, aber dieses zog mich an, schon fast magisch. Also kaufte ich es und legte zu Hause im wahrsten Sinne des Wortes los.
Doch die aufwendigen Legemuster der 78 Karten (grosses Arkana, kleines Arkana, Hauptkarten, Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche) waren mir zu kompliziert, bei jeder Karte musste ich nachlesen, was sie bedeutet und verlor immer wieder den Faden. Und die Lust auf Tarot.
Bis ich irgendwo von der «Karte des Tages» las. Seither ziehe ich gelegentlich eine Karte. Ohne bestimmte Frage, ohne nach einer Antwort zu suchen. Ich sehe sie als Nachricht, Inspiration, Unterhaltung. Und oft bin ich verblüfft ob der Treffsicherheit.
Meist repräsentiert die gezogene Karte eine Thematik, die bei mir gerade sehr aktuell ist. Oder ermutigt mich, eine Idee umzusetzen oder mahnt mich zu Gelassenheit, wenn ich gerade hektisch unterwegs bin. Die gezogene Karte regt immer etwas an in mir.
Natürlich lassen die Karten Interpretationsspielraum, natürlich kann es Zufall sein. Aber was, wenn nicht? Was, wenn es kleine Nachrichten vom Universum – oder von wo auch immer – sind, die mich genau in diesem Moment erreichen sollen?
Und der Mann in Indien, er hatte doch recht mit seinen Prognosen: Ich habe mit 30 (ein Jahr früher) meinen Mann kennengelernt und wir haben jetzt zwei Kinder. Zwar bin ich nicht Rechtsanwältin oder Drehbuchautorin, aber ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit Schreiben.
Und daraus könnte ja durchaus eines Tages ein Drehbuch werden, oder?
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In der Rubrik «Die Kolumne» schreiben Redaktorinnen und Redaktoren von blue News regelmässig über Themen, die sie bewegen. Leserinnen und Leser, die Inputs haben oder Themenvorschläge einreichen möchten, schreiben bitte eine E-Mail an: <email-pii>ück zur Startseite