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Die Premiere des Englischen Gambits fand 1981 in einer Partie Eric Brondum – Jim Plaskett statt. Sie begann mit
1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 f5 5.exf5 Lb4+ 6.Kf1 Sf6
Brondum traute der Sache nicht, spielte das ambitionslose 7.Lg5 0-0 8.a3 Ld6 9.Sc3. Hier zeigte der schwächliche Zug 9…exf5, dass die Idee des Gambits noch nicht ausgereift war. Er hätte 9…c5 versuchen sollen. Weiss revanchierte sich mit dem miserablen 10.d5 h6 11.Ld2 Sa6 12.b4 c6 und verlor sang- und klanglos.
Der Zug 5…Lb4+ verfiel darauf in einen 10-jährigen Schlaf, bis ihn ausgerechnet der sonst so solide Mickey Adams wiedererweckte.
Peter Dittmar – Michael Adams
Bad Wildbad, 1991
1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 f5 5.exf5 Lb4+ 6.Kf1 Sf6
Ich halte nichts von diesem Gambit. Ich habe es selber ausprobiert und bin nach 6.a3 Ld6 7.Sc3 kläglich eingegangen. Ausser dass Weiss die Rochade vermiest ist, hat Schwarz für den Bauern nichts vorzuweisen.
Das Gambit ist immerhin ein Stück Schachgeschichte. Die Liste seiner Anwender liest sich wie das Who’s Who der Liebhaber der Englischen Verteidigung. Aus England Michael Adams, Nigel Short und Julian Hodgson, Aus Russland Igor Lempert und Artur Janturin, auch Alexander Beljawski hat es ausprobiert. Der Lette Edvins Kengis, der Ungar Attila Czebe, der Kroate Nenad Sulava und der Schweizer Max Scherer spielen sozusagen nichts anderes als die Englische Verteidigung. Besonders hervor getan haben sich der Amerikaner Alexander Shabalov und der Deutsche Dimitri Bunzmann, der nicht ruhte, bis er im dreizehnten Anlauf 2005 endlich eine Partie damit gewann und dann prompt das Projekt aufgab.
7.c5 bxc5 8.a3 c4 9.Lxc4
Das faszinierte jahrelang die Analytiker. 9…La5 ist die Alternative und wohl auch besser.
9…Le7
Weiss darf getrost den Bauern nehmen: 10.fxe6 0-0 11.Sc3 dxe6 12.Lxe6+ Kh8 13.Sf3, nur sollte er sich bewusst sein, dass die Stellung trotz der zwei Plusbauern noch längst nicht gewonnen ist, da Schwarz ein volles Figurenspiel hat und das Problem des unrochierten Königs noch nicht gelöst ist.
10.Db3?!
Das hätte ihm nach 10…Dc8 11.fxe6 d5 12.Ld3 0-0 13.Sf3 c5 bereits einige Schwierigkeiten eingebrockt, denn nach 14.dxc5? Sa6 nehmen die schwarzen Figuren Fahrt auf.
10…Ld5?!
11.Sc3 Lxc4+ 12.Dxc4 0-0 13.fxe6 d5 14.Dd3 hätte den Mehrbauern konsolidiert.
11.fxe6 dxe6
12.Sc3 0-0 13.Lxd5 exd5 14.Sf3 konsolidiert den Bauern.
12.Lxd5?!
Jetzt hätte er das schöne Springerfeld d5 besetzen sollen: 12…Sxd5 13.Sc3 Sc6 14.Sf3 Tb8 15.Dc4 Dd7 16.Sxd5 exd5 17.Dc3 0-0 mit einiger Kompensation.
12…exd5?! 13.Sf3 0–0 14.Sc3 Sc6
15.h4 oder 15.Lg5 hätten den Vorteil festgehalten. h2-h4 ist in dieser Variante öfters die Lösung des Königsproblems. Es macht ein Luftloch und der Th1 kann über h3 ins Spiel kommen.
15.Da4?! Dd6 16.Lg5 Se4 17.Lxe7 Sxe7
Weiss steht bereits ungemütlich. 18.Dc2 Tab8 19.Te1 war immer noch in Ordnung.
18.Te1?!
18…Sxc3 19.bxc3 Tab8 war stark. Sobald der Se7 auf f4 auftaucht, wird es gefährlich. Nur 20.h4 Sg6 21.Dd1 Dxa3 22.h5 Sf4 23.h6 konnte ihn retten.
18…Tf4?!
Das lässt 19.Sxe4 dxe4 20.Db3+ Kh8 21.Db7 oder 20…Sd5 21.Sg5 e3 22.Txe3 Txd4 23.g3 zu. Weiss ist wieder im Spiel.
19.Db4 Df6
Der Druck nimmt zu. 20.Kg1 Tf8 21.h3 hätte ihn vielleicht gerettet. Sein nächster Zug verliert.
20.Sxe4? dxe4 21.Db7 Tf8 22.Txe4 Txf3 23.gxf3 Dxf3 24.Ke1 Dxh1+ 25.Ke2 Df3+ 26.Kd2 Dxf2+ 27.Te2 Dxd4+ 0–1
Die Partie illustriert, wie sehr eine schlechte Königsstellung Einfluss auf eine Partie haben kann. Daher sind Computer-Bewertungen der Stellung nach dem 8. Zug mit Vorsicht zu geniessen, denn die Maschine kann das langfristige Handicap des Königs auf f1 nicht richtig bewerten. Die vielen Ungenauigkeiten beidseits zeigen, wie schwierig solch materiell wie positionell unausgewogene Stellungen zu spielen sind.
Sam Kleinplatz (2295) – Igor Lempert (2430)
Hyeres, 1992
1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 f5 5.exf5 Lb4+ 6.Kf1 Sf6 7.fxe6?! dxe6 8.Le3?
8.a3 oder 8.Sf3 wären schon noch spielbar gewesen.
8…0–0 9.h3 Sbd7 10.Sf3 e5
Schwarz steht bereits deutlich besser. Der nächste Zug verliert.
11.Sxe5 Sxe5 12.dxe5 Se4 13.Kg1 Sxf2 14.Lxh7+ Kxh7 15.Dh5+ Kg8 16.Lxf2 Txf2 17.Kxf2 Dd4+ 0–1
Fikret Sideif-Zade (2425) – Igor Lempert (2455)
Nabereznye Chelny, 1993
1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 f5 5.exf5 Lb4+ 6.Kf1 Sf6 7.c5 bxc5 8.a3 c4 9.Lxc4 La5 10.fxe6 dxe6 11.Lxe6 De7
12.Lc4 war richtig. 12…Sc6 13.Sc3 0-0-0 14.Sf3 Lb6 15.Le3 und es wird sich weisen, ob er dem Druck standhält.
12.d5? Sxd5
13.Dh5+ g6 14.De5 Sf6 15.Lg5 La6+ 16.Se2 Tf8 17.Dxa5 Lxe2+ 18.Kxe2 Dxe6+ 19.Kf1 hätte ihn knapp im Spiel gehalten. Nach dem Textzug ist es vorbei.
13.Lxd5? Lxd5 14.Se2 Df7 15.Sbc3 Lb3 16.Dd3 0–0 17.Le3 Sc6 18.Db5 Tae8 19.Lc5 Lc4 20.Dxc6 Lxc3 21.bxc3 Txe2 22.Kg1 Txf2 23.h4 Tb2 24.Td1 Dh5 25.Td4 Tf1+ 0–1
Diese zwei hübschen Miniaturen deuten an, weshalb Schwarz nach 7.c5 62% der Punkte geholt hat, Computer-Bewertung hin oder her. Weiss hat nach 7.a3 oder 7.Sf3 deutlich positive Scores. Am schlimmsten steht es mit der Kombination beider, nämlich 7.Sf3 0-0 8.a3 Ld6 9.Sc3, da steht es +12 =5 -1 zugunsten von Weiss.
Nun stellt sich die Frage, was man nach 1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 spielen soll? Die Computer-Auskunft ist 4…Lb4+ 5.Ld2 Lxd2 6.Sxd2 d6. Ziemlich passiv, aber sicher spielbar. Eines der Problem dabei ist, dass nach 4…Lb4+ 5.Kf1 unangenehm ist, womit Weiss um die 70% erzielt hat.
Meine persönliche Antwort ist, dass man nicht 3…Lb7 sondern 3…Lb4+ spielen sollte, denn wozu brauche ich nach 4.Ld2 Lxd2+ 5.Sxd2 d6 den Läufer auf b7? Der steht auf c8 jedenfalls besser. Der Computer möchte in diesem Falle lieber mit der Dame nehmen, 5.Dxd2, jetzt kann ich immer noch 5…Lb7 ziehen, aber vielleicht ist 5…d6 besser. Ich bin mir immer noch nicht schlüssig. Wahrscheinlich müsste ich das erst in einer ernsten Partie ausprobiert haben.
Wer sich als Weisser nicht auf das scharfe Spiel nach 4.Sc3 einlassen will, sollte entweder 3.a3 oder 3.Sf3 spielen, was normalerweise ins Damenindisch überleitet, oder eben diese Variante. Dazu ein aktuelles Beispiel.
Er-Ich
Blitz, 3m+2s, 05.06.2016
1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb4+ 4.Ld2 Lxd2+ 5.Dxd2 d6 6.Sc3 Sf6 7.f4 Lb7 8.Ld3 e5 9.dxe5
Auch 9.fxe5 dxe5 10.d5 ist gut spielbar. Ich persönlich empfinde die passive Stellung von Schwarz als ziemlich ärgerlich. Eine plausible Fortsetzung wäre 10…Sbd7 11.Sge2 0-0 12.0-0, und nun sollte Schwarz wahrscheinlich erst einmal 12…a5 spielen und dann versuchen, den Sf6 über e8 nach d6 zu überführen.
10.Sf3 Sc6 11.0–0–0 0–0 12.The1
Bis hierhin war mein Spiel in Ordnung, aber hier hätte ich 12…Dd6 ziehen sollen. 13.Sb5 De7 bringt nichts, und nach 13.Sd5 Tae8 scheint Schwarz die Eröffnung überstanden zu haben.
12…Te8 13.Kb1 Sh5
Das sieht gut aus, scheitert aber an einem Trick.
14.g3 exf4 15.g4 Sf6 16.Dxf4
Ich stehe bereits auf Verlust.
16…Dc8 17.Sd5 Sxd5 18.exd5 Sb4 19.Lxh7+ Kxh7 20.Sg5+ Kg6 21.Dxf7+ Kxg5 22.h4+ Kh6 23.Dh5# 1–0
Das superpräzise Spiel meines Gegners beeindruckte mich, und bei der Analyse entdeckte ich, dass ich gegen einen Computer gespielt hatte. Trotzdem illustriert die Partie sehr schön, wie gefährlich die Variante für Schwarz ist.