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Muffin wird uns abends in der Routinesprechstunde vorgestellt: Nachdem der Kater 3 Tage verschwunden gewesen war, ist er wieder nach Hause zurückgekehrt. Die Besitzerin hat bemerkt, dass er am rechten Hinterbein eine Verletzung aufweist. Der Eintrittsuntersuch ist unauffällig - die Wunde im rechten Mittelfussbereich stellt sich als Bissabszess heraus, welcher eitert.
Da unklar ist, ob Muffin kürzlich gefressen hat und eine Narkose nach Möglichkeit nur nüchtern und aus Vorsicht vor Problemen in der Aufwachphase nicht am Abend durchgeführt wird, behalten wir den Kater über Nacht, um am nächsten Tag unter Narkose den Abszess zu spalten und zu spülen.
Muffin wird am nächsten Morgen nochmals untersucht, es werden ausser dem eiternden Abszess am Mittelfuss keine Abnormalitäten gefunden. Ein Narkosemittel wird intramuskulär appliziert. Einige Minuten später setzt die Wirkung ein, die Katze wird zunehmend müde und es wird damit begonnen, die Wunde auszuscheren. Die betreuende Praxisassistentin bemerkt nun aber, dass der Kater verstärkt zu atmen beginnt und informiert den Tierarzt. Tatsächlich scheint Muffin schwerer zu atmen, auch sind beim Abhören des Brustkorbs feine Raschelgeräusche zu hören.
Sofort wird ein Röntgen des Brustkorbs angefertigt - bestürzt müssen wir feststellen, dass sich in den hinteren oberen Lungenarealen von Muffin ein Lungeninfiltrat (Flüssigkeit) gebildet hat, was die Schweratmigkeit erklärt.
Für diese Veränderung kommt vorerst insbesondere eine allergische Reaktion auf das verwendete Narkosemittel in Frage, bei dem durch die überschiessende Immunantwort ein Lungenödem gebildet wird. Muffin erhält sofort eine intravenöse Infusion zur Kreislaufstützung, ein hochdosiertes Cortison zur Blockierung einer allergischen Reaktion, ein Mittel zur Entwässerung sowie ein Gegenmittel zum verwendeten Narkosemittel. Ausserdem wird der Kater in eine Sauerstoffbox verbracht, um die Atmung zu verbessern.
Im Verlauf der nächsten Viertelstunde verbessert sich die Atmung von Muffin leider nicht - im Gegenteil, die Katze atmet noch angestrengter und speichelt stark. In der Zwischenzeit ist der Kater aber schon wieder bei Bewusstsein. Erneut wird ein Lungenröntgen angefertigt - erschreckenderweise zeigt sich nun neben der Flüssigkeitsbildung in der Lunge ein zweites Problem: Muffin zeigt einen Pneumothorax; eine Situation, bei der sich entweder durch ein Riss in der Lunge oder aber einer tiefen Wunde im Brustkorb Luft zwischen der Lunge und dem Brustkorb bildet und so das Lungenvolumen mehr und mehr einschränkt.
Um die Luft zwischen Lunge und Brustkorb zu entfernen, wird bei Muffin umgehend auf beiden Brustseiten eine Brusthöhlenpunktion durchgeführt. Kurz darauf atmet die Katze deutlich besser; ein weiteres Röntgenbild knapp 6 Stunden nach Eintreten des Notfalls zeigt, dass sich der Pneumothorax glücklicherweise nicht erneut verstärkt hat. Auf eine weitere Punktion kann deshalb verzichtet werden.
Muffin geht es beständig besser; 2 Tage nach Entstehen des Problemes wird erneut ein Bruströntgen angefertigt - der Pneumothorax ist praktisch verschwunden und in der Lunge hat sich die Flüssigkeitsansammlung praktisch komplett abgebaut. Der Kater wird deshalb wieder nach Hause entlassen.
Bei Schnurrli konnte nicht abschliessend eruiert werden, was genau zu seinem lebensbedrohlichen Lungenproblem geführt hatte. Ein direkter Zusammenhang mit der Bissverletzung scheint sehr unwahrscheinlich, da bei der Eintrittsuntersuchung keinerlei Atemprobleme aufgefallen waren. Eine alleinige allergische Reaktion auf das injizierte Narkosemittel würde den Pneumothorax nicht ausreichend erklären.
Beim Mensch ist der spontane Pneumothorax v.A. bei Männern im Alter von 25 bis 35 Jahren ein bekanntes Problem. Vorbestehende Lungenerkrankungen (wie sogenannte Bullae, bei denen in der Lunge grössere luftgefüllte Blasen bestehen, welche leicht reissen können) oder Rauchen können einen Lungenriss und folgenden Pneumothorax z.B. bei einem Hustenanfall auslösen.
Bei der Katze werden Lungenrisse recht häufig nach Autounfällen oder Stürzen aus grosser Höhe gesehen - ein routinemässiges Bruströntgen gehört deshalb bei solchen Unfällen zur Standartabklärung. In seltenen Fällen ist die Atemeinschränkung so gravierend, dass eine Brusthöhlenpunktion durchgeführt werden muss - in den meisten Fällen verheilt der Lungenriss von selbst und die ausgeströmte Luft wird vom Körper wieder aufgenommen, so dass keine Intervention notwendig ist.