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Vor 20 Jahren wurde die Rechtschreibreform in Kraft gesetzt. Die Verwirrung ist grösser denn je. Ich war bei der Erarbeitung der Reform dabei – es war ein Fiasko
Von Horst Haider Munske
Bis heute, zwanzig Jahre nach dem Start der Rechtschreibreform, ist noch immer kein Rechtschreibfriede erreicht. Autoren und Verlage, Lehrer beklagen Entstellungen der Schrift, überflüssige Varianten und Unklarheiten. Die grossen Zeitungen haben sich Hausorthografien gegeben, in der Schweiz opponiert die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK), eine Initiative Betroffener, gegen das Diktat der deutschen Kultusminister. Auf der anderen Seite soll ein 39-köpfiger Rat für deutsche Rechtschreibung die Kultusminister beraten, um das orthografische Regelwerk, also die reformierte Schreibung, «in unerlässlichem Umfang weiterzuentwickeln». Dieses Gremium hat vor allem die Funktion, nachzuholen, was bei der Ausarbeitung der Reformschreibung unterblieben war: die Betroffenen einzubeziehen.
Wie konnte es zu diesem Chaos kommen?
Den Anstoss für die ursprüngliche Reform gab der Präsident des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache (IDS), Professor Heinz Rupp.
Am 19. Februar 1987 erteilten die deutschen Kultusminister seinem Institut den Auftrag, Vorschläge auszuarbeiten. Das IDS setzte eine Kommission für Rechtschreibfragen ein, die zusammen mit entsprechenden Kommissionen der Schweiz, Österreichs und der DDR sofort begann, den Auftrag zu erfüllen.
Auch ich war damals begeisterter Verfechter einer Reform und hatte diese gegen einen entschiedenen Gegner, den Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Karl Korn, verteidigt und konkrete Reformempfehlungen vorgelegt. So wurde ich als Mitglied in die Kommission aufgenommen. Viele Koryphäen wollte man allerdings nicht dabeihaben, auch nicht die Wissenschaftler, die ein grosses Handbuch über «Schrift und Schriftlichkeit» vorbereiteten (erschienen 1994). Der Gedanke, die Hauptbetroffenen einzubeziehen, also Autoren, Journalisten, Verlage, Lehrer, kam gar nicht erst auf.
Hunderttausende Bücher vernichtet
Ähnlich war die Zusammensetzung der übrigen drei Kommissionen, die nun regelmässig zu Beratungen zusammenkamen. Bereits 1992 publizierten sie einen ersten gemeinsamen Reformentwurf, der in der Öffentlichkeit empört aufgenommen wurde. Geplant war die Einführung der allgemeinen Kleinschreibung und die Entfernung einiger Unregelmässigkeiten, was zu vielen ungewohnten Schreibungen führte. Mit dem vielzitierten Satz: «Der keiser isst den al im bot» (für: «Der Kaiser isst den Aal im Boot»), zogen Kritiker die Vorschläge ins Lächerliche.
Eine zusätzliche Kommission, welche die deutschen Kultusminister zusammengesetzt hatten, zog die Notbremse. Nach einer öffentlichen Anhörung am 4. Mai 1993 verwarf sie zentrale Wünsche der alten Kommissionen, so die vereinfachten Längebezeichnungen (Al statt Aal) und die Kleinschreibung. Es blieben vor allem die in der Schweiz längst umgesetzte ss-Schreibung (statt ß), neue Umlautschreibungen (Gämse/Gemse) sowie neue Regeln für Gross- oder Klein- sowie Getrennt- oder Zusammenschreibung.
Nun drängte die Politik auf Abschluss. Im Dezember 1994 kam es zu den «Wiener Abschlussgesprächen», bei denen das neue Regelwerk von den politisch Beauftragten festgezurrt wurde. «Hauptsache, wir können einen Erfolg melden», bemerkte eine Ministerialrätin beim Pausengespräch. Den Fachkommissionen wurde Dampf gemacht, ein Wörterverzeichnis vorzulegen. Eine parlamentarische Debatte und eine entsprechende Legitimation blieb in Deutschland aus, und so kam es bereits am 1. Juli 1996 (wiederum in Wien) zur «Gemeinsamen Absichtserklärung zur Neuregelung der Deutschen Rechtschreibung».
Als alles unter Dach und Fach schien, artete die Situation erst richtig aus. Eigentlich sollte das Unternehmen gemäss Wiener Vereinbarung erst nach zwei Jahren starten, am 1. Juli 1998. Viele Verlage mochten aber nicht warten. Schon wenige Monate nach dem Beschluss kamen die ersten neuen Wörterbücher auf den Markt. Bayern ordnete an, die neuen Regeln sofort nach den Sommerferien zu unterrichten.
Ein Sturm der Entrüstung brach los, gegen viele auffällige Neuschreibungen und überhaupt gegen dieses Diktat. Als Erste protestierten die Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse, es folgten 600 Professoren. In Schleswig-Holstein kam es zum Volksentscheid – gegen die Reform, er wurde aber vom Landtag für wirkungslos erklärt. In einem Jahr erschien ein halbes Dutzend kritischer Bücher zur Rechtschreibreform. Inzwischen war die neue Expertenkommission berufen worden. Es tobte eine Auseinandersetzung um eine Reform der Reform. Die Kommission wurde schliesslich 2004 durch einen Rat für deutsche Rechtschreibung ersetzt. Inzwischen hatten Schul- und Jugendbuchverlage Hunderttausende von Büchern vernichtet, um rechtschreibkonformen Neuauflagen Platz zu machen.
In den Schulen blieb der erhoffte Erfolg einfacheren Lernens aus. Zumal der neue Rat nun begonnen hatte, besonders auffällige Entstellungen des Schreibens wieder abzuschaffen. Tut uns Leid – nein, jetzt wieder: Tut uns leid. Die Schwerbehinderten mussten jetzt nicht mehr schwer Behinderte genannt werden.
Noch vor Ende 2006, der verbindlichen Einführung der Neuregelung, wurden mehr als 400 verbannte Zusammenschreibungen wie freisprechen, halbvoll, alleinstehend wieder zugelassen. Doch hier zeigte sich nun der Pferdefuss der ministeriell gesteuerten Rechtschreibreform. Denn dieses Zugeständnis war nur ein halbes: Die reformierten Schreibungen sollten weiter gelten. Der Duden verzeichnet sie sogar als Standardvariante, zum Beispiel:so genannt (alte Schreibung: sogenannt), eine Ohrfeige für den Rat; dagegen stellt Wahrigs Rechtschreibwörterbuch beide Schreibungen nebeneinander: so genannt/sogenannt. Der Schreibende darf entscheiden. Die Folge war ein verwirrender «Variantensalat» (FAZ).
Seit sich sogar Hans Zehetmair, der Vorsitzende des Rats, von der Rechtschreibreform distanziert hat, ist die Verwirrung perfekt. Was nun? Sollten aus dem Fiasko nicht endlich Konsequenzen gezogen werden? Einen Ausweg zeigt die Schweizer Orthographische Konferenz. Sie hat Empfehlungen herausgegeben, wie mit der Neuregelung umzugehen sei. Ihre einfachste und wichtigste lautet: «Von Varianten die traditionelle». So einfach kann die Reform der Reform sein.
Horst Haider Munske ist emeritierter Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Vereins Deutsche Sprache. 1997 trat der renommierte Wissenschaftler unter Protest aus der Kommission für deutsche Rechtschreibung aus.
© DIE WELTWOCHE, 18. August 2016