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«And she's buying a stairway to heaven»: Die Stimme von Led-Zeppelin-Frontmann Robert Plant kennt jeder. Aber darüber gesprochen hat er so gut wie nie. Ein Versuch.
Spiegel Online:
Wir sprechen uns in hier in Birmingham, weil Sie neuerdings wieder ganz in der Nähe wohnen. Im Black Country, dem Ruhrgebiet von England. Warum tun Sie sich das an? Sie könnten überall wohnen.
Plant:
Ich lebe überall. Aber ich komme von hier, wo mir niemand Zucker in den Hintern bläst. Als ich in den Siebzigerjahren für eine Minute der König der Welt war, der «goldene Gott», hat das bei mir daheim niemand mitbekommen, denn es war ein Königreich im Untergrund. Da hiess es nur: «Verdammt, wo treibt der sich denn wieder rum?» So ist es heute wieder. Nach einem Spiel meiner Lieblingsmannschaft, wenn alle im Regen zu ihren Autos zurücktrotten, höre ich von allen Seiten «Hey!», «Huh!» und «Oi». Das war's. Aber niemand schüttet Konfetti über mir aus. Wenn wir dieses Gespräch hier beendet haben, werde ich meine Tante besuchen. Ich habe Blumen im Auto, ich habe ein paar Tomaten aus meinem Gewächshaus dabei. Dann werde ich ihr Neffe sein.
Der Neffe gilt als einer der grössten Rocksänger aller Zeiten. Mit dem Gitarrengott spricht jeder über das Gitarrespielen. Warum spricht mit Ihnen niemand über das Singen?
Vielleicht, weil der Sänger nicht automatisch ein Teil dieser magischen Bruderschaft ist, die man als «Musiker» bezeichnet. Sie tragen oft nichts zu dem Ritual echter Musiker bei, alles gemeinsam zusammenzuhalten. Ich beispielsweise singe immer einfach mitten hindurch. Meine Phrasierungen sind oft wild und variieren, ich gehe Risiken ein. Wenn Sie Bass oder Schlagzeug spielen, dann geht das nicht. Sie müssen präzise sein, wenn Sie eine andere Welt beschwören wollen. Die Stimme kann dabei helfen, aber auch stören. Sie ist ein Refugium, ein Idyll im Brausen der Welt.
Ist es egal, worüber gesungen wird?
Ja. Ja und nein. In Nashville beispielsweise gibt es Stimmen wie die von Emmylou Harris oder Alison Krauss. So schöne Stimmen, die dir die Strasse hinabhelfen. Stimmen, die sich bei dir einhaken, weil sie manchmal auch selbst verletzlich sind. Dabei sind ihre Botschaften sehr banal, fast plump. Auf der anderen Seite gibt es Leute wie Dylan und seine sarkastischen, raffinierten, verzweifelten und zugleich humorvollen Reportagen. Er quengelt, schnappt, knurrt, beschwört und schnurrt. Aber er singt nicht wirklich, oder? Armer Dylan.
Sollte ein Sänger nicht beides verbinden, Inhalt und Form?
Wem gelingt das schon? Mir fällt aus den letzten zehn Jahren nur ein Beispiel dafür ein: PJ Harvey mit «Let England Shake». Eine ganz fein vibrierende Unglaublichkeit von einem Album. Diese Verletzlichkeit in der Stimme, und dann diese niederschmetternden, gewaltigen Texte über die Geschichte und Lage unseres Landes. Ein Meisterwerk. Das Werk einer Meisterin.
Sie beschäftigen sich schon lange mit arabischer, mit nordafrikanischer Musik. Wie geht das, ohne sich für den kulturellen Hintergrund zu interessieren, aus dem diese Musik entstanden ist? Wie geht das ohne den Islam?
Der Islam ist egal, glaube ich. Man muss bei den Liedern bleiben – nicht bei irgendwelchen sozialen oder religiösen Anforderungen, die den Song nur einengen können. Der Gebetsruf beispielsweise. Das ist schön, es ist berauschend, auch wenn ich kein Wort verstehe. Wenn ich in Marokko bin, schalte ich einen Radiosender ein, der den ganzen Tag nichts anderes spielt. Ich kann drei oder vier Stunden von Marrakesch an den Atlantik fahren und nichts anderes hören als den Gebetsruf.
Sie sind bald 66 Jahre alt, aber Ihre Stimme scheint kaum an Kapazität eingebüsst zu haben. Stimmt das oder helfen Sie nach?
Tja, jetzt wird's interessant. Natürlich gibt es bestimmte Bereiche in meinem Volumen, die beschädigt sind. Hin und wieder komme ich während einer Show an eine dieser Stellen, wo nichts mehr ist.
Das muss schrecklich sein.
Nein, es ist wunderbar, denn dann kommt mein Gehirn ins Spiel, ohne dass ich damit etwas zu tun hätte. Es sorgt dafür, dass der Song noch immer der Song bleibt. Aber für eine Minute nimmt mein Gehirn einen Umweg, um dieses schwarze Loch herum. Das sind die Augenblicke, in denen ich ein Saxofon werde.
Bei den Aufnahmen für das Led-Zeppelin-Album «Presence» sassen Sie nach einem Autounfall im Rollstuhl. Hat sich das ausgewirkt?
Ja, es wurde unsere einzige echte Metal-Platte. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war frustriert, und das hört man auf der Platte. Ich stelle alles infrage. Mit meiner Stimme mache ich nichts Schönes. Ich verführe nicht. Ich bin verwundet und will mehr Unterstützung, als ich bekomme.
Hören Sie manchmal eine der vielen Bands, die mit Led Zeppelin verglichen werden? Sänger, die sich an Ihnen geschult haben?
Ich schulde mir selbst den Gefallen, kein Museumsstück zu sein. Deshalb langweilen mich Nachbauten. Eine Ausnahme waren The Mars Volta, die waren sehr interessant. Leider hassen sie mich. Ich mag sie sehr gerne, zumindest ihre frühen Sachen. Aber dann tappten sie auch in die Falle der Masslosigkeit, sie verfielen dem Wahn, den alle grossen Zauberer in sich tragen – wie es uns mit Led Zeppelin auch passiert ist. Sie wurden zu nachlässig. Ich halte mich lieber an Dinosaur Jr. Die sind auch zügellos und selbstverliebt, haben aber nie vergessen, an ihrer Scheune weiterzubauen, die Nägel an der richtigen Stelle einzuschlagen. Die Rock'n'Roll-Scheune.
Ist dieses hohe Singen Ihrer früheren Tage eine maskuline oder feminine Sache?
Es gibt einen guten Grund, warum ich in den Siebzigerjahren so hoch und manchmal schlampig, jedenfalls eher angestrengt als souverän gesungen habe: Die meisten unserer Songs waren in E-Dur geschrieben. Ich hätte also entweder (senkt die Stimme auf Fussbodenhöhe) hier unten oder gleich so (brüllt schrill) «Aaaaaaah» singen müssen, hier ganz oben, um überhaupt gehört zu werden. Das war ein echtes Problem für mich. Also orientierte ich mich an Frauen. Im Grunde wollte ich immer singen können wie Mavis Staples in den Sechzigerjahren oder so, wie Esther Phillips das in einem Song wie «From a Whisper to a Scream» gelingt. Diese starken, schwarzen und weiblichen Stimmen sind übrigens eine schreckliche Sache in den falschen Händen, ein absolutes Gemurkse. Bei mir auch. Ich dilettierte schrecklich herum die meiste Zeit.
Na, na, na.
Okay, immerhin baute ich immer weiter am Haus. Und mein neues Album ist endlich der Kamin.
Das klingt endgültig.
Oh nein, es kommt ja noch kein Rauch raus!
Gab es Sachen, die Sie Ihrer Stimme zuliebe getan oder gelassen haben?
Kaum. Ruhe ist eine wichtige Sache. Ich bin nur vier Jahre von der 70 entfernt und schlafe maximal fünf Stunden in der Nacht. Gestern habe ich den ganzen Tag unten in London bei der BBC aufgenommen. Als ich zurückkam, konnte ich kaum sprechen. Ich ging um ein Uhr ins Bett und stand um sechs Uhr auf – und konnte noch immer nicht sprechen. Also ging ich hinunter zu meinen Hühnern. Und die erste Konversation, die ich heute hatte, war mit einer braunen Henne. Mit Hennen muss man leise sprechen, die darf man nicht zuquatschen. Weil diese Henne nicht gerne auf Tournee geht, halte ich mich weitgehend von Leuten fern. Eine Stunde vor dem Auftritt sage ich auch kein Wort. Und dann weiss ich oft immer noch nicht, wie es klingen wird.
Sind Sie noch aufgeregt, wenn Sie Ihre Stimme heute im Radio hören?
Jedes Mal. Es ist wie ein Finger, der aus dem Radio kommt und winkt, damit man ihm folgt. Obwohl es schon ein paar Akkorde oder Textzeilen gibt, bei denen ich wie jeder andere Mensch denke: «Oh, bitte, nicht DAS schon wieder!»
Wie das berühmte «NO Stairway To Heaven»-Schild im Gitarrenladen in dem Film «Wayne's World» von Mike Myers?
Absolut. Myers rief mich vorher an und erklärte mir diesen Gag, dass niemand im Gitarrenladen mehr diesen Song hören möchte. Und ich sagte: «Bitte lass es, Mike!» Also nahm ich meinen damals halbwüchsigen Sohn mit in diesen Film und sagte ihm: «Gleich gehen sie in ein Musikgeschäft, achte mal auf das Schild an der Wand!» Als mein Sohn das sah, war er baff. Und ich sagte: «Siehst du, wie einflussreich ich bin? Wie weit mich das Singen gebracht hat? Du machst es, und dann wird es sogar verboten!»
Haben Sie noch Lampenfieber?
Manchmal bin ich leidenschaftslos. Und wenn ich leidenschaftslos bin, bin ich verloren.
Was machen Sie dann?
Schnell Wasser trinken. Das hilft. Früher war ich auch manchmal bekifft, durch das Passivrauchen. Wurde ja viel Cannabis verbrannt, damals, und das hat sich ganz schnell auf meine Stimme ausgewirkt.
Sie haben doch aber auch geraucht!
Ich habe mit 14 Jahren angefangen, da gab es Figuren wie James Dean, der die Zigarette immer im Mundwinkel hatte. Unglaublich. Überhaupt, all diese Schwarz-Weiss-Filme, die den Rauch so sehr liebten, weil es einfach toll aussah. Oh, wie ich Zigaretten heute hasse! Ich hasse sie abgrundtief, und das will bei mir etwas heissen. Vor 15 Jahren habe ich aufgehört.
Ist das Singen eine athletische Tätigkeit? Nach jedem Konzert der Rolling Stones heisst es immer: «Und wie dieser Mick Jagger gelaufen ist!»
Na ja, bei Arsenal London würde er auch nicht mehr auflaufen können, oder? Es ist eben seine Art, das Publikum mit voller Energie auch physisch überwältigen zu wollen.
Hören Sie klassische Musik?
Nein. Auch auf die Gefahr, dass ich mich zum Gespött Ihrer Leser mache, die mich für einen Kretin halten müssen. Aber vieles von dem, was nicht Pop im weiteren Sinne ist, war doch sehr formelhaft. Da hatten irgendwelche habsburgischen Kaiser ihre Komponisten auf Abruf, so wie damals die Kelten oder heute noch die Tuareg ihre Barden haben. Und das bedeutet, dass viele Komponisten sehr darauf achten, was viele andere Komponisten so gemacht haben. Eine Stimme ganz allein und nackt ist immer eine wundervolle Sache – solange sie sich und ihre Fähigkeiten nicht übertreibt. Das ist mein Problem mit den sogenannten geschulten Stimmen.
Wie komponieren Sie?
Ich nehme einen Loop, etwas Elektronisches, spiele es mir auf CD, gehe damit in mein kleines Studio und lasse es laufen, während ich dazu singe. Und langsam beginnt meine Stimme, in die Löcher zwischen den Loops zu fallen, bis fast so etwas wie eine Symmetrie entsteht. Das ist viel besser, als wenn jemand auf einer Gitarre herumschrubbt. Aus der Weite des Automatischen wird für mich also etwas konkret Lebendiges.
Klingt nach Krautrock.
Tut es das? Hat mich nie interessiert.
Die Deutschen sind aber sehr stolz darauf.
Mag sein, aber die Deutschen sind ja auch sehr stolz auf Bert Kaempfert.