Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03496.jsonl.gz/742

Schweizerische Depeschenagentur, 24. 8. 1963
Kleinschreibung der Hauptwörter abgelehnt
Schweizerische Stellungnahme zur Rechtschreibereform — Die Orthographie sollte in einem möglichst unpedantischen Sinne behandelt werden.
Zürich, 23. August. (ag) Unter dem Vorsitz von Alt-Regierungsrat Wanner (Schaffhausen) und Ständerat Dr. Stucki (Netstal) tagte in Zürich am 20. und 21. August die von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren im Auftrag des Eidg. Departements des Innern einberufene Schweizerische Orthographiekonferenz. Sie war von Behörden und Aemtern sowie von den an Sprache und Schrift interessierten Verbänden und Institutionen des Unterrichtswesens, des Geisteslebens und der Wirtschaft durch rund vierzig Vertreter beschickt und befaßte sich eingehend mit den Reformvorschlägen, die von deutschen und österreichischen Fachkommissionen in amtlichem Auftrag ausgearbeitet und der Schweiz zur Stellungnahme zugeleitet worden waren.
Wie der vorberatende Fachausschuß für die Rechtschreibereform nun mitteilt, ergaben die Beratungen und Abstimmungen in den wesentlichen Punkten Zustimmung zu den Anträgen des von der Erziehungsdirektorenkonferenz und dem Departement eingesetzten vorberatenden Fachausschusses. Demgemäß lehnte die Konferenz aus sprachlichen, kulturellen, technischen und wirtschaftlichen Gründen vor allem die vorgeschlagene Kleinschreibung der Substantive mit großer Mehrheit ab. Sie empfiehlt die grundsätzliche Beibehaltung der bisherigen Großschreibregeln, allerdings gemildert durch eine Lockerung ihrer Handhabung in dem Sinne, daß in Grenzfällen zwischen dem großen und kleinen Anfangsbuchstaben die Wahl bleibt.
Zur Silbentrennung empfiehlt die Konferenz eine Liberalisierung in der Weise, daß für die Schule und für den allgemeinen Schreibgebrauch die Trennung sowohl nach Sprechsilben wie nach Sprachsilben als richtig gelten soll. Für das Druckgewerbe soll die bisherige Regelung im wesentliche weiterhin verpflichtend sein.
In der Frage der Eindeutschung von Fremdwörtern aus lebenden Sprachen entsprechen die Konferenzbeschlüsse jener Zurückhaltung, die den Angehörigen eines mehrsprachigen Landes geboten ist.
Den vom vorberatenden Fachausschuß empfohlenen Versuch, das sogenannte Scharf-s mit einer nach österreichischem Vorschlag vereinfachten Regelung an den schweizerischen Schulen wieder einzuführen, hält die Konferenz für aussichtslos, da dieses Schriftzeichen in der Schweiz seit Jahrzehnten nicht mehr gelehrt und geschrieben und auch im Druck nur noch teilweise verwendet wird.
Zum gesamten Fragenkreis kam im übrigen die allgemeine Auffassung deutlich zum Ausdruck, es sei, bei aller Anerkennung der Notwendigkeit ordnender Prinzipien, die Ueberbewertung der orthographischen Vollkommenheit in Schule und Oeffentlichkeit zu bekämpfen. Die Rechtschreibung sollte in einem möglichst unpedantischen Geist behandelt werden.
Die Konferenz empfiehlt den zuständigen schweizerischen Behörden, sich durch ihre Delegation an der kommenden internationalen Konferenz in Wien für eine maß- und sinnvolle Vereinfachung der Rechtschreibung einzusetzen, jedoch allen Vorschlägen entgegenzutreten, die der deutschen Sprache nicht gerecht würden und eine tiefgreifende Veränderung des vertrauten Schriftbildes oder gar neue Schwierigkeiten mit sich brächten.