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Viehzucht
[* 2] (Viehzüchtung), die künstliche, von bestimmten Grundsätzen geleitete Paarung derjenigen landwirtschaftlichen Haustiere, welche unter dem Namen Vieh zusammengefaßt werden. Sie hat die Aufgabe, Tiere zu produzieren, welche den größtmöglichen Grad von Leistungsfähigkeit nach der gewünschten Richtung, d. h. das höchste Maß der Nutzbarkeit für bestimmte Zwecke und im Verhältnis zu den aufgewandten Mitteln, besitzen. Man züchtet das Pferd [* 3] lediglich als Arbeitstier, das Rind [* 4] als Erzeuger von Milch, Fleisch und Fett und als Arbeitstier, das Schaf [* 5] als Erzeuger von Wolle, Fleisch und Fett, das Schwein [* 6] ausschließlich als Erzeuger von Fleisch und Fett.
Jedes der genannten Haustiere stellt eine besondere Art dar. Zu einer Art oder Spezies gehören nach zoologischer Auffassung die Tiere, welche sich untereinander fruchtbar verpaaren, und deren Nachkommen ebenfalls bedingungslos fruchtbar sind. Zwischen einigen Arten, z. B. Pferd und Esel, ist eine Befruchtung [* 7] möglich; aber die Nachkommen (Bastarde) sind unfruchtbar. Ausnahmsweise ist der Bastard bei der sogen. Anpaarung, d. h. bei der Begattung mit einem Tier der Stammarten, fruchtbar.
Eine Unterabteilung oder Varietät der Art ist die Rasse. Der Züchter stellt zu einer Rasse alle Tiere einer Art, welche sich von andern Tieren derselben Art durch charakteristische Merkmale unterscheiden und diese Charakteristik auch vererben. Die Rasse schließt noch viel weniger als die Art den Begriff der Unabänderlichkeit ein; sie behält die Charaktere vielmehr nur so lange, als die Verhältnisse nicht mächtig genug sind, dieselben zu ändern. Die gegebene Definition gilt deshalb immer nur für die Gegenwart.
Die verschiedenen Rassen der Haustiere lassen sich zunächst in zwei große Gruppen scheiden. Man findet in gewissen Gegenden Tiere, die seit undenklichen Zeiten in gleicher Beschaffenheit dort vorhanden waren, die gewissermaßen geographisch begründet sind, so in Oberschlesien und Litauen die kleinen ponyartigen Pferde, [* 8] in Spanien [* 9] die Merinos, in Galizien und Polen die hochbeinigen, flachrippigen Schweine. [* 10] Diese Tiere sind nicht gerade mit besonderm Züchterbewußtsein gezüchtet, sondern sie sind Kinder der natürlichen und der dort recht einfachen wirtschaftlichen Verhältnisse.
Der Einfluß von Klima [* 11] und Boden auf Lungenthätigkeit, Gliederstärke etc. ist gewiß nicht zu verkennen, wie der Gegensatz der Niederungs- und der Schweizerkuh deutlich zeigt. Der Einfluß des Menschen ist aber beschränkt auf den Schutz vor Unbilden des Klimas durch Bauten, auf die Verwendung von Hilfsmitteln, welche der Ideenkreis des Volkes darbietet. Wo die Kulturzustände und damit auch die Wirtschaftsweise des Volkes eine Fortentwickelung nicht erfahren, da werden auch die Haustiere in voller Ursprünglichkeit fortdauern.
Solche Rassen nennt man natürliche (primitive); sie sind charakterisiert durch eine relativ geringe Leistungsfähigkeit im ganzen (oberschlesisches Pferd) oder durch Einseitigkeit in den Leistungen (Merinoschaf). Diesen gegenüber stehen die Kulturrassen (Züchtungsrassen). In dem Bestreben, Eigenschaften hervorzubringen, welche bestimmten Gebrauchszwecken am besten entsprechen, hat man Tiere ausgewählt und fortgesetzt miteinander gepaart, welche in ihrem Körperbau und den Äußerungen ihrer Lebensthätigkeit dem Gewünschten sich am meisten annäherten.
Durch geeignete Haltung und durch opulente Ernährung von früher Jugend an hat man es so nach und nach erreicht, Tiere herzustellen, welche entweder durch große Schnelligkeit und Ausdauer oder durch gute Futterverwertung exzellieren. Es hat also in den Tieren nicht eine Neubildung, sondern nur Steigerung bereits vorhandener Eigenschaften stattgefunden, und nicht die Vererbung allein, sondern auch Haltung und Ernährung sind bei der Bildung der Kulturrassen wirksam gewesen.
Die physiologische Eigenschaft großer Leistungsfähigkeit nach einer oder der andern Richtung hin nimmt bei diesen nahezu den Charakter spezifischer Eigentümlichkeiten an, die sich in der Anlage auch vererben; aber sie geht wieder verloren, wenn die entsprechende Haltung und Ernährung in Wegfall kommen: die Rassen entarten dann. Die Kulturrassen sind nicht geographisch gebunden, sondern nur an die Kultur, die sie erzeugte; in gewissem Sinn besitzen sie eine kosmopolitische Bedeutung.
Sie sind auch nicht abgeschlossen, sondern mit der Entwickelung der Kultur entstehen neue Anforderungen und damit neue Rassen. Zwischen diesen beiden großen Gruppen stehen die unreinen Rassen oder rasselosen Tiere, welche in einzelnen Landstrichen oder auch zwischen Tieren der natürlichen Rassen auftreten, ohne bestimmte, sie deutlich charakterisierende Kennzeichen aufzuweisen. Sie zeigen ein Gemisch von Formen und Farben und entbehren der Gleichmäßigkeit in der Vererbung.
Weitere Unterabteilungen der Rasse sind: Schlag, Stamm, Zucht, Familie. Trotz aller Ähnlichkeit [* 12] der zu einer Rasse gehörigen Tiere hat doch jedes seine Eigentümlichkeiten, sein Individuelles. Diese Eigentümlichkeiten des Individuums zu erkennen, ist die große Aufgabe des Viehzüchters und des Viehhalters; beide wählen die für ihre Zwecke passendsten Tiere aus. Gewisse Verschiedenheiten werden nun schon bedingt durch das Alter: bei dem jungen Tier sind die Glieder [* 13] lang im Verhältnis zum Rumpf, Zähne [* 14] und Hörner unentwickelt, die Behaarung eine andre, die geschlechtlichen Fähigkeiten noch nicht vorhanden. Wenn auch bei der Betrachtung der Individualitäten das nicht ausgewachsene Tier noch nicht in Betracht kommt, so ist es doch wichtig, demselben möglichst früh anzusehen, was aus ihm wird. Weitere Differenzen werden gesetzt durch das Geschlecht: das männliche Haustier ist größer, stärker, hat schärfer ausgeprägte Formen, kräftigere Muskeln, [* 15] festere Knochen, [* 16] straffere Gewebe, [* 17] eine dickere Haut, [* 18] stärkere Hörner;
seine ¶
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Verdauung und Respiration sind energischer, die Blutzirkulation langsamer, die Sekretionen konzentrierter;
es ist kostspieliger zu ernähren;
das weibliche Tier ist breiter im Becken, feiner, abgerundeter in den Formen;
seine in Beziehung zu den Geschlechtsfunktionen stehenden Absonderungen sind reichlicher.
In dem männlichen Tier ist die Individualität mehr ausgeprägt als in dem weiblichen; deshalb wird es für wertvoller gehalten. Für die Zucht kommt noch hinzu, daß ein männliches Tier für viele weibliche Tiere benutzt werden kann. Die Alters- und Geschlechtsdifferenzen als selbstverständlich vorausgesetzt, bleibt bei der Auswahl von Tieren zur Zucht in erster Linie die für den bestimmten Gebrauch zweckmäßigste Form des Körpers und namentlich gewisser Teile zu berücksichtigen, welche die größte Leistungsfähigkeit nach der gewünschten Richtung hin garantiert, so: beim Reitpferd Tiefe der Brust, Länge des Brustbeins, kurzer Rücken, kräftige Nierenpartie;
bei der Milchkuh gut entwickelte Milchdrüsen und feine Haut;
bei dem Masttier breite Schuft, großer Querdurchmesser durch die Herzgegend, Festigkeit [* 20] des Fleisches.
Der Züchter bezeichnet diese Hauptpunkte des Körpers, welche bei der Beurteilung der Zweckmäßigkeit des Körperbaues für bestimmte Zwecke vornehmlich beachtenswert erscheinen, als »Points«. Welche Points für die verschiedenen Gebrauchszwecke besonders wichtig sind, lehrt die spezielle Zucht der einzelnen Tiere. Außer dem Körperbau kommen bei der Auswahl von Tieren einige generelle Eigenschaften in Betracht, nämlich: Feinheit, Adel, Frühreife und gute Futterverwertung.
Fein nennt man ein Tier mit dünnen, leichten Knochen, loser, dünner, weiter Haut, weicher, spärlicher Behaarung, kleinem und leichtem Kopf und ebensolchen Gliedern. Im Gegensatz hierzu bezeichnet man ein Tier als grob, welches umfangreiche, dicke Knochen, eine dicke, feste Haut, grobe, straffe, reichliche Behaarung, einen plumpen Kopf und plumpe, große Glieder hat. Weibliche Tiere sind an sich immer etwas feiner als männliche. Die Feinheit ist eine vorteilhafte Eigenschaft, denn feinere Tiere sind leichter zu ernähren und verwerten das Futter besser als grobe; damit soll aber nicht gesagt sein, daß ein Tier unter allen Umständen um so besser sei, je feiner es ist.
Die Gebrauchszwecke bedingen hier Verschiedenheiten, inwieweit dieser Konstitutionszustand wünschenswert erscheint. Milch- und Fleischvieh muß fein sein; aber ein reiner Zugochse darf nicht fein sein, und ein männliches Zuchttier darf die Eigenschaft der Feinheit nicht in dem Grad an sich tragen, daß die Männlichkeit darunter leidet. Je nachdem es Milch-, Fleisch- oder Wolltiere einerseits oder Arbeitstiere anderseits produzieren soll, darf der Grad der Feinheit bei dem männlichen Zuchttier mehr oder weniger stark hervortreten.
Indessen kann die Feinheit eines Tiers auch zu weit gehen, bis zur Überbildung, wie bei veredelten Schafen und Pferden oft beobachtet wird. Bei vielen überbildeten Tieren, auch bei dem überfeinen Merinoschaf, sind Brust und Becken eng und schmal, die Rippen flach, der Rücken scharf. Man kann zwar sagen, daß die Eigenschaft der Feinheit Rasseneigentümlichkeit ist, aber doch nur mit einer gewissen Einschränkung. Denn wenn beispielsweise die Kühe der holländischen Rasse im allgemeinen feiner sind als die der oldenburgischen, so kommt es oft genug vor, daß eine holländische Kuh einmal gröber ist als eine oldenburgische.
Der Begriff Adel wird verschieden gefaßt. Einmal werden Tiere für edel angesehen, welche in ihren Eigenschaften den Höhepunkt dessen repräsentieren, was wir zur Zeit nach dieser Richtung hin erreichen können, nach einer andern Auffassung solche, welche in voller Reinheit von gewissen Stammbäumen entsprossen sind, wie z. B. das »Stud-book« es für die englischen Vollblutpferde, die publizierten Register für die Shorthornrinder nachweisen. In diesem letztern Sinn würde eine gewisse Analogie mit dem Adel der menschlichen Gesellschaft vorliegen, und unter den edlen Tieren würden auch körperlich schlechte Subjekte vorkommen können.
Nach dem gewöhnlichen Gebrauch werden gewisse Rassen immer als edle bezeichnet, so bei uns: das orientalische Pferd, das Merinoschaf, das moderne englische Schwein. Von besonderer Wichtigkeit für gewisse Zwecke ist die Eigenschaft der Frühreife. Ein Tier wird frühreif, wenn es, geboren und genährt von einer Mutter, welche während der Trächtigkeit und des Säugens auf das reichlichste gefüttert wurde und reichlich Milch produzierte, sodann, selbständig geworden, dauernd in seiner Nahrung alle Stoffe vorfindet, welche zu seiner Entwickelung erforderlich sind und auch in Quantität und Qualität vollauf genügen, welches ferner nicht durch starke Bewegung, ungünstige Temperatur- und sonstige Einflüsse übermäßig Stoff verliert. Im Gegensatz hierzu wird ein Tier spätreif, dessen Mutter während der Trächtigkeit und des Säugens unzureichend ernährt wurde, so daß sie die zur Entwickelung der Frucht und zur Ernährung des Jungen nötigen Stoffe nicht in zureichendem Maß liefern konnte, dessen weitere Entwickelung auch nach dem Absetzen durch mangelhaftes Futter und durch infolge starker Bewegung und bedeutender Temperatureinflüsse gesteigerten Stoffwechsel gehemmt wurde.
Mit der Frühreife ist eine gewisse Form des Körpers verbunden. Das frühreife Tier ist relativ groß, im allgemeinen fein, hat einen weiten, großen Rumpf (breite Brust, Rücken und Becken, gewölbte Rippen) bei kleinem Kopf und dergleichen Beinen, oder anders gesagt, die durch Fleisch und Fett vorzugsweise nutzbaren Körperteile sind stark, die wenig wertvollen Partien schwach entwickelt. Diese Körperform bezeichnet man als die Parallelogrammform, d. h. der Rumpf des Tiers läßt sich nach verschiedenen Richtungen, besonders aber im Profil, von einem Parallelogramm [* 21] derart umschreiben, daß die Linien des letztern die Umrisse der Gestalt des Tiers in vielen Punkten berühren, oder daß das Parallelogramm von den Umrissen des Rumpfes möglichst ausgefüllt wird. Wenn man bei einem Shorthornrind [* 19] (Fig. 1, S. 193) eine gerade Linie von dem Schwanzansatz bis zur Schuft zieht, an die Endpunkte dieser Linie rechte Winkel [* 22] ansetzt, deren Schenkel nach vorn den hervorragendsten Teil der Brust, nach hinten den hervorragendsten Teil der Keulen berühren, und dann parallel mit der obern Linie eine andre zieht, welche den nach dem Boden zu hervorragendsten Punkt des Rumpfes berührt, dann erhält man ein Parallelogramm, das von dem Rumpf ziemlich vollständig ausgefüllt wird. Dasselbe ist der Fall bei einem Southdownschaf [* 19] (Fig. 2) und bei einem englischen Schwein (Fig. 3), bei denen das Parallelogramm in andern Richtungen gezogen ist. Am vollständigsten wird die Parallelogrammform immer bei einem gut ausgemästeten, frühreifen Tier entwickelt sein. Bei den Wiederkäuern, namentlich dem Schaf, steht mit der Frühreife noch eine gewisse Beschaffenheit des Magens im Zusammenhang. Der Pansen, welcher dazu bestimmt ist, große Futtermassen mit geringem Nährstoffgehalt aufzunehmen und zu verarbeiten, bleibt klein, während ¶
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Haube, Psalter und namentlich auch der Labmagen unverhältnismäßig groß werden. Nur die Anlage zur Frühreife wird bei den Tieren vererbt; soll sie sich entwickeln, dann müssen dieselben günstigen Bedingungen vorhanden sein, welche diese Eigenschaft bei den Vorfahren erzeugt hatten. Sie ist deshalb auch nur in beschränktem Sinn eine Rasseneigentümlichkeit. Die Frühreife hat einen nachteiligen Einfluß auf die Geschlechtsfunktionen. Die weiblichen Tiere werden vor der Zeit brünstig, so daß sie noch nicht wohl befruchtet werden dürfen.
Läßt man sie alsdann nicht zu, so zeigt sich später leicht Unfruchtbarkeit. Bei den Schweinen ist die Zahl der Jungen gewöhnlich gering. Die frühreifen männlichen Tiere zeigen einen weniger regen Geschlechtstrieb; man findet verhältnismäßig viele unter ihnen mit mangelhafter Fruchtbarkeit. Beachtenswert bleibt es aber, daß bei den frühreifen Tieren die Tragzeit thatsächlich eine kürzere ist. Nach Nathusius tragen die spätreifen Merinoschafe 150,3, die frühreifen Southdownschafe 144,2 Tage, während die Halbblut-Southdown-Merinos eine Tragzeit von 146,3 Tagen haben.
Mit der Feinheit und der Frühreife im engsten Zusammenhang steht die Eigenschaft der guten Futterverwertung. Man begreift darunter die Fähigkeit des Tiers, die ihm dargebotene Nahrung überhaupt wirtschaftlich nutzbar zu machen. Ein feines, frühreifes Tier bildet aus demselben Quantum Futter, welches das grobe, spätreife zur bloßen Erhaltung gebraucht, schon Kraft, [* 24] Milch, Wolle oder Fleisch und Fett und vermehrt im letztern Fall seinen Körperumfang. Indessen gibt es unter den feinen, frühreifen Tieren in dieser Beziehung doch individuelle Verschiedenheiten, deren Ursache zu ergründen schwer ist. So vorteilhaft nun auch die erwähnte Eigenschaft ist, kann man trotzdem nicht sagen, daß es wirtschaftlich immer richtiger ist, die guten Futterverwerter zu kaufen.
Die Entscheidung liegt oft in einem einfachen Rechenexempel. Wenn man ein polnisches Schwein für 24 Mk. kaufen und dasselbe mit einem Futteraufwand von 36 Mk. auf den Verkaufswert von 60 Mk. bringen kann, so ist das selbstredend vorteilhafter, als wenn man den Schlachtwert von 60 Mk. mit einem Futteraufwand von auch nur 30 Mk. durch ein das Futter gut verwertendes englisches Schwein erreicht, das 40 Mk. im Ankauf kostet. Sodann muß man auch deshalb manchmal die guten Futterverwerter zurückweisen, weil man zur Ausnutzung des vorhandenen voluminösen, wenig nährstoffreichen Futtermaterials genügsame Tiere braucht. Denn die erstern haben nur die Fähigkeit, gehaltreiches Futter wirtschaftlich günstig zu verwerten. Es ist deshalb wichtig, nicht jedes Tier ohne weiteres zu nehmen, bloß weil es einer bestimmten Rasse angehört, sondern eine Auswahl unter den Individuen zu treffen.
Man hat nun oft die Frage aufgeworfen, ob es richtiger sei, verschiedene Tierformen für die verschiedenen Gebrauchszwecke zu züchten oder Formen, die mehreren Gebrauchszwecken zugleich entsprechen. Möglich ist das letztere unter Umständen gewiß: man kann Pferde züchten, welche leidlich schnell laufen und zugleich auch ziemlich schwere Lasten ziehen;
Rinder, [* 25] welche neben ausreichender Arbeitsfähigkeit auch einen leidlichen Grad von Mastfähigkeit besitzen etc.;
aber keine der verschiedenen Leistungen wird dann eine hervorragende sein.
Die Beantwortung der Frage hängt also einmal davon ab, was man verlangt. Will man ein Rennpferd produzieren, so muß man lediglich auf Schnelligkeit züchten und davon, ob das Pferd auch ziehen kann, gänzlich absehen. Sodann aber ist sie abhängig von der wirtschaftlichen Berechnung. Es kann unter Umständen rentabler sein, Schafe [* 26] mit feiner Wolle, die einen hohen Preis hat, zu halten oder zu züchten, dabei aber auf den Fleischwert des Körpers gar kein Gewicht zu legen; unter andern Verhältnissen kann es wieder pekuniär besser sein, solche Schafe zu halten, deren Wollertrag eine weit geringere Einnahme ergibt, bei denen dieses Minus aber vollauf gedeckt wird durch den weit höhern Schlachtwert der Tiere.
Diejenigen Individuen einer Rasse, welche man vermöge ihrer Eigenschaften für geeignet hält, durch Übertragung oder Verschmelzung derselben zweckentsprechende Nachkommen zu liefern, wählt man zur Paarung aus. Bei der Befruchtung vereinigen sich männliche und weibliche Elemente, und es gehen Eigenschaften des Vaters und der Mutter auf die Nachkommen über. Die Vererbung ist ein Gemeingut aller fortpflanzungsfähigen Wesen; nach welchen Gesetzen sie aber erfolgt, ist nicht ergründet. So ist es nicht erkannt, von welchen Momenten das Geschlecht des Jungen abhängt, und wie es kommt, daß immer nahezu ebensoviel weibliche als männliche Individuen geboren werden.
Alle hierüber aufgestellten Ansichten haben sich als irrtümlich erwiesen. So ist es ferner noch nicht erkannt, was der Vater und was die Mutter vererbt, und ob überhaupt eine Gesetzlichkeit hierbei vorhanden ist. Die Thatsachen sprechen nicht dafür; beide Geschlechter können in gleichem Grad Vererbungskraft besitzen, und das Kind bietet in der Regel eine Mischung der elterlichen Eigenschaften dar. Oft freilich macht sich mehr der Vater, oft auch wieder mehr die Mutter bei der Vererbung geltend. Sodann hat man die Ansicht aufgestellt, daß die Körpergröße von der Mutter vererbt werde, und
[* 2] ^[Abb.: Verschiedene Parallelogrammformen.
[* 2] Fig. 1. Shorthornrind.
[* 2] Fig. 2. Southdownschaf.
[* 2] Fig. 3. Englisches Schwein.] ¶