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Warum mögen wir gewisse Figuren in Büchern, in Filmen, in Serien? Und warum befremden uns andere, sind uns gar unsympathisch? Kann Literatur eine Hilfe sein, eigenen Vorurteilen und ihren Ursachen auf die Spur zu kommen?
Vor kurzem habe ich mit einer Lesegruppe ein Buch besprochen, in dem zwei weibliche Hauptfiguren vorkamen: Maria, eine Grossmutter und Alicia, ihre Enkelin. Die beiden waren sich noch nie begegnet. In der Lesegruppe waren sich alle einig, dass ihre Sympathien bei der Grossmutter lagen. Diese Maria stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat sich auf ihre eigene Weise im Laufe der Jahre zu einer mutigen, emanzipierten Frau entwickelt. Für Alicia, die Enkelin, eine meist mürrische Person, die mit einem Mann zusammen ist, den sie nicht liebt, der ihr aber Sicherheit bietet, hatten die meisten gar nichts übrig. Sie lässt einen kalt, sagten sie, sie verhält sich ausgesprochen unsympathisch. Was mich zur Frage brachte: Was braucht es, dass Leserinnen und Leser für die Menschen in Büchern Sympathie aufbringen, sich für sie begeistern, ja, manchmal geradezu an ihnen hängen? (Dasselbe kann man sich auch fragen für Figuren in Filmen und in TV-Serien.)
Eine Leserin hat auf meine Frage geantwortet: Eine mir sympathische Figur muss Werte vertreten, die ich nachvollziehen kann. Eine andere hat gesagt: Sie muss mir Möglichkeiten bieten, mit ihr in einen Dialog zu treten. Und eine dritte meinte: Eine Figur in einem Buch muss mir das Gefühl geben, sie wäre ein wenig wie ich selbst. Sie hätte ähnliche Wünsche wie ich, ähnliche Sehnsüchte und ähnliche Ängste.
Fremdem begegnen – in Büchern und im Leben
Diese Antworten bringen mich zum Nachdenken. Einerseits als Autorin, die noch lange nicht immer nur sympathische Figuren entwirft, sondern auch solche, die manchmal Dinge tun, die ein sogenannt normaler Mensch nicht nachvollziehen kann. Klauen zum Beispiel. Oder Liebesdienste für die Nächsten verweigern, die für andere das Natürlichste der Welt sind. Und ohnehin operiert jemand, der in irgendeiner Form glaubhafte Geschichten erzählt, nie mit Figuren, die das Gut-Böse-Schema bedienen. In der hintersten Ecke ihres Herzens verstecken auch die miesesten Protagonisten einen Funken Menschlichkeit. Und selbst die sogenannt Guten haben dunkle Seiten in sich – ganz wie im richtigen Leben.
Allerdings, die obigen Antworten bringen mich zum Nachdenken. Wie begegnen wir dem Fremden, dem Unvertrauten nicht nur in Büchern, sondern im Alltag? Wie begegnen wir Menschen, die aus anderen als den uns vertrauten Gegenden und Lebenswelten zu uns kommen mit für uns unverständlichen Sprachen im dünnen Gepäck? Sie kommen meist unfreiwillig und auf unbequemen Reisewegen, jedenfalls auf anderen Routen als wir sie wählen für Urlaub, der gerne eine angemessene Dosis Exotik enthalten darf. Gibt gute Bilder, und hinterher können wir etwas erschöpft feststellen: Am schönsten ist es doch zuhause.
Ein Mittel gegen Vorureile und Ängste
Um auf die Literatur zurückzukommen: Denken Sie, Literatur kann uns ein kleines bisschen die Augen öffnen in Bezug auf Begegnung mit Fremdem und Unvertrautem? Kann sie uns eine wacklige Brücke sein, um in unserem Alltag Menschen mit zum Beispiel anderer Hautfarbe, mit in unseren Augen befremdlichen Verhaltensweisen, sperrigem Benehmen oder nur schon unkonventioneller Kleidung weniger misstrauisch zu begegnen? Kann die Beschäftigung mit fiktiven Figuren, die wir auf den ersten Blick nicht mögen und das Reflektieren über mögliche Gründe helfen, eigene Vorurteile und Ängste dem realen Fremden gegenüber zuzugeben, ihnen auf den Grund zu gehen und sie zumindest abzumildern, um nicht das Wort ‘überwinden’ zu verwenden? Oder sind solche Ideen bloss fromme Wünsche?
In unserer Lesegruppe jedenfalls haben wir länger über die Figur der Enkelin gesprochen als über jene der Grossmutter. Haben zu ergründen versucht, worin der ihr nach aussen hin so deutlich zur Schau gestellte Missmut liegen könnte. Weshalb es ihr Spass macht, andere Menschen vor den Kopf zu stossen, sie zu verletzen, zu enttäuschen. Und warum ihr die Energie dazu fehlt, ihr Leben so zu leben, wie sie es sich als junge Frau vorgestellt hatte. Unter anderem fehlt es ihr an Geld!
Ein Roman aus Spanien
Ich mag diese Alicia noch immer nicht besonders, sagte eine Teilnehmerin am Ende der Diskussion, aber ich verstehe sie nun besser. Und eine andere meinte: Interessant ist die Figur ja schon, wenn auch nicht unbedingt sympathisch, nur, vielleicht muss sie das ja nicht zwingend sein. Spricht es nicht für einen Text, wenn er vermag, in uns Emotionen zu wecken, die nicht immer positiv konnotiert sein müssen?
Das Buch als Ausgangspunkt für diese Überlegungen heisst ‘Die Wunder’, geschrieben von der spanischen Autorin Elena Medel, übersetzt von Susanne Lane, erschienen bei Suhrkamp, 2020. ‘Die Wunder’ kann man als feministischen Bildungsroman lesen, der in der jüngeren Geschichte Spaniens spielt und zum Beispiel das Thema ‘Mutterschaft’ sehr direkt und erhellend in politische Zusammenhänge stellt. Unbedingt lesenswert.