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Dieser Kampf im Schwergewicht wird heute die Faustkampf-Welt elektrisieren: Der IBF-Champion Anthony Joshua trifft auf den früheren Langzeit-Weltmeister Wladimir Klitschko.
90'000 Zuschauer im ausverkauften Londoner Wembley-Stadion werden das Spektakel vor Ort verfolgen. Etwa so viele Einwohner hat Joshuas Heimatstadt Watford im Nordwesten von London. Dort lebt der Sohn nigerianischer Einwanderer immer noch bescheiden in der Wohnung seiner Mutter.
Joshua ist Aushängeschild im britischen Boxsport, der Ende 2016 am meisten Profibox-Weltmeister bei den vier grossen Weltverbänden (WBA, WBC, IBF und WBO) stellte. Zudem gilt er auf der Insel als bodenständiger Sympathieträger.
Joshuas Kindheit in Watford verlief indessen nicht reibungslos. Hätte sein Cousin Ben Ileyemi ihn nicht zum Boxen gebracht, Joshua wäre womöglich auf die schiefe Bahn geraten. "Ich hatte häufig Ärger - auch mit dem Gesetz", räumt Joshua heutzutage ein.
Die "wilden Zeiten" sind für Joshua lange vorbei. "Heute bin ich ein ganz anderer Mensch", sagt er nach 18 vorzeitigen Siegen in ebenso vielen Profikämpfen. Joshua gilt als ruhig, besonnen und hochprofessionell und ist damit das absolute Gegenteil seines englischen Landsmanns Tyson Fury. Dieser fiel nach seinem Sieg im November 2015 gegen Klitschko nur durch mutmassliche Verstösse gegen Anti-Doping-Regeln und diverse andere Eskapaden auf. Er verlor sogar seine Boxlizenz.
Physis fast identisch
Der Fight Joshua gegen Klitschko ist das Duell zweier Generationen und Olympiasieger aus verschiedenen Epochen. Wladimir Klitschko gewann 1996 in Atlanta Olympia-Gold, der wie der Ukrainer 1,98 m grosse Joshua holte sich die Krone des "Amateurboxens" 2012 in London bei den Heimspielen. Kommt der Kampf für Joshua gegen den erfahrenen Klitschko zu früh oder für den bis 2015 elf Jahre lang ungeschlagen gebliebenen Ukrainer zu spät? Die Mehrzahl der Experten geht von Letzterem aus. Klitschko gilt gegen den jüngeren und aufstrebenden Joshua als Underdog.
Boxt Klitschko noch einmal so eindimensional und einfallslos wie bei seinem Titelverlust beim Kampf gegen Fury, als er sich auf harte Einzeltreffer gegen den Kopf von Fury fokussierte und den Fight buchstäblich verpasste? Oder vermag Klitschko über seine linke Führhand hinaus wieder einen solch dynamischen Zorn zu entfachen, der ihn 2014 zu einem eindrucksvollen K.o.-Sieg über den damaligen IBF-Pflichtherausforderer Kubrat Pulev trieb? Dann hätte der Box-Veteran trotz knapp eineinhalb Jahren Ringpause seine Chance.
Der Fight gegen Pulev hatte sich für Klitschko seinerzeit wie eine persönliche Abrechnung angefühlt, da sich der Ukrainer aufgrund der Doping-Verdächtigungen von Pulev verunglimpft gefühlt hatte. Und Joshua war im Vorfeld jenes Fights vor drei Jahren der Sparringspartner von Klitschko gewesen. Der Engländer sagt: "Ich habe Klitschko sehr genau bei seinem Training beobachtet - wie er schlägt, wie er ausweicht und wie er sich verteidigt. Ich weiss, wie ich mich verhalten muss."
Statt einander verbal anzugreifen, plauderten Joshua und Klitschko bei den letzten öffentlichen Auftritten munter miteinander und klatschten ab. Mehrfach sprach Klitschko in höchsten Tönen von seinem Gegner. "Wir sind nicht die allerbesten Freunde", stellte Joshua dennoch klar. "Aber wir haben gegenseitigen Respekt davor, was er erreicht hat und was ich erreichen will."
Im Training ans Limit gepusht
Joshuas Ziel ist klar: alle vier grossen Schwergewichts-WM-Titel wieder vereinen. Aktuell dürfte ihm indes kein Sieg mehr Wertigkeit bringen als einer über Klitschko. Dafür hat er 13 Wochen lang geschuftet. "Ich pushte mich in einen Bereich, in dem ich noch nie war", sagt Joshua, der auch der erste Schwergewichtler seit langem scheint, der Klitschko von der Athletik her übertrumpft. Bei gleicher Körpergrösse ist die Reichweite von Joshua zudem leicht grösser (2,08 m gegenüber 2,06 m).
Klitschko empfindet es als Vorteil, dass er für einmal wieder Herausforderer ist. "In dieser Rolle kann ich meine beste Leistung bringen. Ich will nun einfach das, was Joshua hat - den Titel." Neben dem IBF-Gürtel von Joshua geht es auch noch um den vakanten Superchampion-Titel der WBA.
SDA-ATS