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Ich breche früh auf zu meiner Etappe nach Ponta Pora an der paraguayischen Grenze.
Es gibt zwar nähere Grenzübergänge zwischen Brasilien und Paraguay, aber auf der brasilianischen Seite werden diese nicht vom Zoll abgedeckt. Ich könnte einfach durchfahren, würde jedoch weder einen Ausreisestempel noch die erforderlichen Unterlagen für den temporären Import meines Motorrads erhalten. Das wären keine guten Voraussetzungen für meine spätere Rückkehr nach Brasilien.
Als Zwischenstopps habe ich mir zwei Tankstellen entlang der Route ausgesucht. In Brasilien sind die Tankstellen wieder mit kleinen Restaurants und Geschäften ausgestattet, was einen angenehmen Halt ermöglicht.
Nach den ersten 100 km auf guten Teerstrassen in Richtung Süden, biege ich auf eine genauso lange Schotterpiste ab.
Aber zuerst muss ich tanken.
Der Tankwart kann es kaum glauben, dass ich aus der Schweiz komme und mit meinem Motorrad durch Südamerika fahre.
Er trommelt alle Angestellten zusammen und bald stehen vier Leute um mich herum und stellen mir unzählige Fragen.
Einige verstehe ich, andere nicht. Das stört sie freilich nicht, und sie plaudern einfach weiter.
Als zwei Autos zur Tankstelle rollen, gehen alle zurück an ihre Säulen. Ich verabschiede mich vom Tankwart und
schiebe mein Motorrad zum Restaurant rüber und trinke einen heißen Kaffee.
Die Schotterpiste ist in einem besseren Zustand als erwartet und ich komme schneller voran als geplant.
Den zweiten Pausenstopp brauche ich darum nicht und ich kurve ohne Unterbruch direkt nach Ponta Pora.
Mit etwas Glück kann ich noch heute die Zollformalitäten erledigen, anstatt erst morgen früh respektive eben nicht früh, weil am Samstag die Zollämter später öffnen.
Die brasilianische Stadt Ponta Pora und die paraguayische Stadt Pedro Juan Caballero bilden zusammen eine große Stadt durch die mitten hindurch die Grenze verläuft.
Es gibt keine Grenzzäune oder andere Barrieren und alle können die Straße überqueren und ins jeweils andere Land gelangen.
Das wird von der brasilianische Bevölkerung rege genutzt, weil die Preise in Paraguay deutlich niedriger sind.
So kommt es, dass in Pedro Juan Caballero hunderte von Geschäften tausende von Produkten anbieten, während in Ponta Pora das Angebot viel kleiner ist.
Auffällig ist auf der paraguayischen Seite, dass vor jedem Supermarkt, Geldwechselbüro oder Bank schwerbewaffnete Sicherheitskräfte stehen, die einen mit ihren riesigen Schrotflinten oder Maschinenpistolen aufmerksam mustern.
Daraufhin recherchiere ich etwas im Internet über diese beiden Städte und finde heraus, dass Pedro Juan Caballero als eine der gefährlichsten Städte in Südamerika gilt.
Hier kämpfen verschiedene Drogenkartelle um die Vorherrschaft und die Mordrate ist um ein Vielfaches höher als in den Problemvierteln von Rio de Janeiro oder São Paulo, was einiges bedeutet.
Die Drogen werden in Paraguay hergestellt und dann über die offene Grenze nach Brasilien transportiert.
Neben den Kartellen mischen auch viele Politiker mit, weshalb nicht viel dagegen unternommen wird.
Mich interessiert in erster Linie, wo ich meine Zollformalitäten erledigen kann. Das ist nicht ganz einfach, da es keinen offiziellen Grenzübergang gibt.
Die Einwanderungs- und Zollbehörden auf beiden Seiten liegen verstreut in der Stadt und es liegt an mir, diese aufzusuchen respektive zu finden.
Kurz nach 14:00 Uhr komme ich in Ponta Pora an und fahre als Erstes zum brasilianischen Einwanderungsbüro.
Dank der Reise-App iOverlander finde ich es auf Anhieb und keine fünf Minuten später habe ich meinen Ausreisestempel im Pass.
Anschliessend fahre durch den dichten Verkehr auf die andere Seite der Stadt und erreiche das brasilianische Zoll Büro, wo ich zu meiner Überraschung ebenfalls nach 15 Minuten mein abgestempeltes T.I.P Formular für die Honda zurückbekomme.
Die für mich wichtigen Büros in Paraguay liegen in der Nähe und ich muss lediglich die Straße überquere und schon kann ich vor dem Haus der Einwanderungsbehörde von Paraguay parkieren.
Das Gebäude sieht heruntergekommen aus. Wüsste ich es nicht besser, würde ich niemals vermuten, dass sich darin die Immigration befindet.
Drinnen geht es ebenfalls schnell und bald stehe ich wieder vor meiner Honda mit meinem offiziellen Einreisestempel von Paraguay.
Zum Schluss erreiche ich das Zollbüro, parke mein Motorrad und betrete das Gebäude. Es sieht verlassen aus, und ich muss herumgehen, bis ich einen Sicherheitsbeamten finde.
Mit einer Handbewegung schickt er mich in den ersten Stock, wo ich wieder durch verlassene Gänge und Büros irre.
Irgendwo höre ich Stimmen, folge diesen und gelange in ein Büro mit Menschen.
Ein Mann schaut auf und begrüßt mich. Ich erkläre ihm, was ich möchte, woraufhin er einem jüngeren Mann zuruft, er solle mich zum richtigen Ort bringen.
Gesagt getan, und wir gehen zusammen durch die verlassenen Gänge, bis wir weit hinten in einem weiteren Bürobereich vor zwei Frauen stehen bleiben.
Der junge Mann verabschiedet sich höflich, woraufhin ich den Zollbeamtinnen erkläre, dass ich mit meinen Motorrad nach Paraguay einreisen möchte.
Sie nicken, holen einen grossen Formularblock hervor, legen ein Pausenpapier dazwischen und füllen das Formular von Hand aus.
Als sie fertig sind, erklären sie mir, dass mein T.I.P. für 90 Tage gilt und dass ich das Formular beim Verlassen von Paraguay am Zoll wieder abgeben muss.
Eine halbe Stunde später liege ich in meinem Hotelzimmer auf der brasilianischen Seite und bin froh, dass alles so reibungslos geklappt hat.
Bevor es dunkel wird, verlasse ich nochmals das Hotel und spaziere rüber nach Paraguay und wechsle unter strenger Bewachung einige US-Dollar in Guaranis und kaufe ein paar Snacks und Wasser für meine morgigen Fahrt.
Jetzt fehlt mir noch eine SIM-Karte, die ich mir morgen früh beschaffe.
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Nach dem Frühstück marschiere ich nochmals rüber nach Paraguay und betrete als einer der ersten Kunden den Claro Shop und frage nach einer SIM-Karte.
Der Mitarbeiter verlangt meinen Pass und händigt mir diesen bald darauf mit einer SIM-Karte wieder aus. Den Unkostenbeitrag von Gs 5'000 (CHF 0.60) erlässt er mir, weil ich kein Kleingeld habe.
Um Geld für den Kauf eines Internetpakets auf die SIM-Karte zu laden, muss ich in ein Apotheke gehen, was ich jedoch auf den Abend verschiebe, damit ich jetzt aus der der Stadt rauskomme.
Wieder im Zimmer packe ich alles zusammen, belade die Enduro und rolle nach Paraguay.
Beim Stadtausgang halte ich an der letzten Tankstelle und lasse wieder einmal normales 93 Oktan Benzin einfüllen. Der Honda Motor wird es mir danken.
Zurück auf der einzigen Strasse in Richtung Osten stoppt mich schon bald eine erste Polizeikontrolle.
In einigen Berichten über Paraguay ist erwähnt, dass die Polizei gerne Gebühren für irgendwelche Scheinvergehen verlangt und diese bei ausländischen Touristen höher ausfallen als bei Einheimischen.
Einmal mehr habe ich jedoch Glück und ich werde durchgewunken.
In diesem Takt geht es die nächsten 50 km weiter. Eine Polizeikontrolle, wechselt die andere ab und teilweise liegen lediglich einige hundert Meter dazwischen.
Den unterschiedlichen Uniformen zufolge sind es verschiedene Polizei- und oder Militäreinheiten.
Alle müssen schliesslich zu Geld kommen.
Meine heranfahrende Silhouette löst vermutlich bei den Uniformierten kein Dollar-Zeichen aus, weshalb sie mich bei allen Check-Points durchwinken.
Bevor es in dieser Hinsicht ruhiger wird, rollen mir fünf gepanzerte Fahrzeuge entgegen, die dreiviertel der Strassenbreite einnehmen und mich auf die Seite drängen.
Bei all diesem Polizei- und Militäraufmarsch verpasse ich einiges von der Landschaft, durch die meine Route führt.
Schade, verläuft die Strecke durch eine der wenigen Hügellandschaften in Paraguay.
Bevor jedoch die Ebene das Zepter übernimmt, zeigt mir die Natur trotzdem noch einige schöne Bergkulissen.
Am späteren Nachmittag gelange ich in die Kleinstadt Conception am Rio Paraguay.
Die Stadt ist Ausgangspunkt für Schifffahrten ins paraguayische Pantanal Gebiet. Dieses ist im Gegensatz zu Brasilien unerschlossen und nur per Schiff erreichbar. Wer dort hin möchte, muss die An- und Rückreise teuer bezahlen und die Unterkunft bei einer Organisation in Asuncion buchen. Genügend Lebensmittel und Wasser müssen selbst mitgebracht werden, da weder Personal noch Verpflegung in den wenigen Unterkünften vor Ort vorhanden ist.
Ich finde Unterschlupf in einem gemütlichen Gasthaus und erkunde etwas später die Stadt bei einem Rundlauf.
Mein Tag rundet eine leckere Pizza ab, die mich inklusive eines Getränks und Kaffee lediglich CHF 4.00 kostet. Ganz schön billig in Paraguay.
Concepcion liegt am Rio Paraguay, welcher das Land in zwei Regionen teilt.
Westlich liegt die einsame, karge Chaco Region, die 60 % von Paraguay ausmacht, während östlich das Land fruchtbarere und dichter besiedelt ist.
Mich zieht es in den Chaco, wo wegen der harten Lebensbedingungen lediglich 3 % der sechs Millionen Einwohner leben. Das macht das Gebiet zu eine der dünn besiedelten Regionen von ganz Südamerika.
Mittendrin haben sich in den 1930 Jahren verschiedene Mennoniten Kommunen niedergelassen und aus dem Nichts prosperierende Siedlungen erbaut und Kooperativen gegründet. Eine davon mit dem Namen Filadelfia ist mein nächstes Ziel.
Auf einer hohen Bogenbrücke überquere ich den Rio Paraguay und tauche ein in die flache Chaco Landschaft.
Die Strasse wechselt von neu geteert auf losen Untergrund und zurück auf neu geteert. Das macht zumindest das Fahren abwechselnd.
Links und rechts der Strasse säumen anfangs tausende von Palmen meine Fahrt, die, je weiter ich rolle, von Büschen und Kakteen abgelöst werden.
In der kleinen Siedlung Pozo Colorada erreiche ich die Verkehrsachse Nr. 9, die in Asuncion beginnt und 800 km durch die Chaco Region bis nach Bolivien führt.
Bevor ich weiterfahre, brauche ich eine Erfrischung und die Honda Gasolina.
Ich biege in die Einfahrt der Tankstelle ein und finde zu meiner Überraschung keine freie Zapfsäule.
Alle sind mehrfach belegt durch diverse 4x4 Fahrzeuge, die vollgebeladen und teils bunt bemalt sind.
Etwas irritiert, dies sollte doch eine der dünn besiedelten Regionen Südamerikas sein, stelle ich mich an einer der Säulen an.
Ich steige vom Motorrad werde sogleich von sechs Männern umgeben, die mich fragen, woher ich kommen und was ich in Paraguay mache.
Alle wollen ein Foto von der Honda machen, und zwar so, dass mein Schweizer Kennzeichen mit drauf ist.
Nachdem ich getankt habe, parkiere ich die Enduro auf einem der Parkplätze vor dem Restaurant und werde auch
hier angesprochen mit anschliessender Fotosession.
Es liegt wohl daran, dass Paraguay wenige Touristen hat und noch viel weniger, die mit ihrem eigenen Fahrzeug herumkurven.
Im Restaurant bestelle ich mir eine Empanada mit Käse, eine grosse Flasche Wasser und einen heissen Kaffee.
Wenig später spricht mich ein Mann auf Schweizerdeutsch an und fragt, ob ich der Fahrer der Honda sein. Ich nicke und begrüsse ihn.
Er fragt mich, in welche Richtung ich fahre und als ich ihm sage, in den Chaco, erzählt er mir, dass dort in den letzten Tagen eine grosse Rally stattgefunden hat und jetzt alle Besucher zurück nach Hause fahren. Und da es nur die Strasse gibt, würden mir viele von diesen entgegenkommen. Meist zu schnell und oft angetrunken.
Ich bedanke mich für die Info, erfahre noch, dass er in Asuncion wohnt und schon ist er wieder weg.
Nun gut, jetzt weiss ich, wieso es so viele beladene, bunte Jeeps hat und dass nichts aus der geruhsamen Fahrt ins 200 km entfernte Filadelfia wird.
Leider entwickelt sich die Fahrt wie erwartet und ich muss einige Male auf die schmale Fahrspur neben der Strasse ausweichen, weil mir die Jeeps auf meiner Spur entgegenrollen.
Hat auch damit zu tun, dass die Mehrheit der Motorradfahrende in Südamerika mit kleinen Motorrädern unterwegs ist und ohne Schutzausrüstung. Deshalb fahren alle langsam und rechts auf den Strassen, damit sie den Strassenverkehr nicht behindern.
Motorradfahrende, die in der Mitte der jeweiligen Strassenspur fahren, werden deshalb nicht als vollwertige Strassenbenutzer akzeptiert.
Unbeschadet komme ich einige Stunden später in Filadelfia an und belege ein Zimmer im komfortablen Hotel der ansässigen Mennoniten Kooperation Fernheim.
Schon bei den ersten Häusern der kleinen Stadt ist ersichtlich, dass hier solides Handwerk zählt. Lediglich die staubigen Strassen weisen darauf hin, dass ich in Südamerika bin.
Der grösste Unterschied zum Rest von Paraguay ist jedoch die Sprache. Je nach Herkunft der Mennoniten in den jeweiligen Kommunen, ist Plattdeutsch und Hochdeutsch oder Plattdeutsch und Englisch die Umgangssprache. Spanisch sprechen nur diejenigen, die regelmässig mit der paraguayischen Bevölkerung zu tun haben.
In Filadelfia ist Deutsch die Hauptsprache, weshalb mich die Hotelmitarbeiterin in einem perfekten Hochdeutsch begrüsst.
Nach dem Frühstück besuche ich die Motorradwerkstatt, welche in der iOverlander App durch zwei Motorradfahrende positiv erwähnt wird.
Bereits beim Betreten der Werkstatt erkenne ich, dass hier Leute arbeiten, die ihren Job ernst nehmen.
Alles ist sauber, aufgeräumt und die Werkzeuge hängen geordnet an den Wänden bei den jeweiligen Arbeitsstationen. Gute Voraussetzungen für einen Ölwechsel bei meiner Honda.
Ich bleibe deshalb stehen und werde alsbald von Matthias, dem Junior-Werkstattinhaber angesprochen. Natürlich auf Deutsch.
Ich frage, ob sie für mich einen Ölwechsel an meiner Honda machen können, was er bejaht. Wir vereinbaren daraufhin einen Termin für den Nachmittag.
Danach spaziere ich ein wenig durch die Strassen und relaxe im Hotelgarten.
Nach der Mittagspause rutsche ich auf den Sandstrassen zur Werkstatt, wo Matthias die Honda in die Halle schiebt.
Er fragt, ob sie das Motorrad zuerst reinigen können, weil sie nicht gerne an einem staubigen Motorrad herumschrauben, Es könnte Dreck und Staub in den Ölkreislauf kommen.
Ich willige selbstverständlich ein, zeigt dies doch, dass sie professionell arbeiten.
Zwei Stunden später hole ich die Enduro wieder ab und staune über mein sauberes Motorrad.
Wer immer sie geputzt hat, hat dies gründlich gemacht
Ich bezahle die umgerechnet CHF 50.00 für den Ölwechsel und plaudere danach eine Zeitlang mit Matthias über Motorräder und die harten Bedingungen für dessen Betrieb in dieser staubigen Umgebung.
Wieder zurück im Hotel statte ich dem gegenüberliegenden Supermarkt der Kooperative einen Besuch ab. Wau, was für ein modernes Gebäude und umfängliches Angebot.
Beim Rückweg halte ich bei einem der vier Museen in der Ortschaft an. Gerade als ich mir die Besichtigungszeiten anschauen, rollt auf einem alten Motorrad ein Mann daher und begrüsst mich auf Deutsch und bittet mich herein.
Er erklärt mir kurz, über was das Museum Auskunft gibt, und offeriert mir, mich auf einem Rundgang zu begleiten und einiges zu erzählen, wenn ich das möchte.
Das lasse ich mir nicht entgehen und so erfahre ich in der nächsten Stunde viel über die Geschichte der Mennoniten im Chaco und wie es hier vor 90 Jahren, als die Ersten Familien ankamen, ausgesehen hat.
Anschliessend besuche ich den angrenzenden kleinen Park und streife in den umliegenden Strassen umher.
Unglaublich, was die Mennoniten Gemeinschaft in dieser kargen Landschaft mit harten Lebensbedingungen innerhalb von 90 Jahren aus dem Nichts erschaffen hat.
Es zeigt eindrücklich, was der Mensch, sofern alle am gleichen Strick ziehen, fähig ist, zu erschaffen.
In einem von Schweizern geschriebenen Reiseblog über die Chaco Region habe ich gelesen, dass es eine kleine, abgelegene Schweizer Siedlung gibt, in dem eine Familie ein Hotel betreibt.
Über Google Map finde ich deren WhatsApp Nummer heraus und kontaktiere sie mit der Frage, ob sie weiterhin Zimmer anbieten und für mich ein Bett für zwei Nächte hätten.
Innert Minuten bekomme ich eine positive Antwort und mache mich heute auf den Weg, in diese noch tiefer im Chaco liegende Kleinsiedlung.
Bei Mariscal, der letzten paraguayischen Siedlung an der Verkehrsachse Nr. 9 in Richtung Bolivien, biege ich auf eine Schotterpiste ab, die mich in die 30km entfernte Schweizer Siedlung bringt.
Die Piste ist besser befahrbar als ich vermutete und hat lediglich kleinere Sandabschnitte dazwischen, die ich ohne Probleme passiere.
Bei einem Bretterverschlag, der sich später als eine Polizeistation herausstellt, biege ich ein letztes Mal ab und holpere zum Gasthaus mitten im Dorf mit dem Namen Rosaleda.
Mitten im Dorf ist leicht übertrieben, sehe ich nämlich keine weiteren Häuser als das Rosaleda Resort.
Ich werde von Celine und Renato begrüsst und nachdem ich mich umgezogen habe, plaudern wir ein erstes Mal in ihrem angenehmen Gartenrestaurant.
Sie bekommen immer wieder Besuch von Reisenden, die entweder ein Zimmer beziehen oder auf dem Gelände in ihren Campern übernachten.
Das Dörfchen wurde vor 30 Jahren durch eine Schweizerin gegründet, die immer noch hier wohnt.
Anfangs zogen etliche Schweizer Familien hierher. Leider forderten jedoch die harten Lebensbedingungen und einige Streitigkeiten unter den Bewohnern einen Exodus nach ein paar Jahren.
Das führte dazu, dass das Hotel über mehrere Jahren ohne Besitzer vor sich hinvegetierte und langsam von der Natur eingenommen wurde.
So erzählten mir die Beiden, dass sie anfangs viel mit Roden beschäftigt waren, damit der Zugang zum Haus und die Umgebung wieder zugänglich war.
Abends lerne ich zwei weitere Schweizer Einwohner kennen, die auf ein Bier und Schwatz vorbeikommen.
Mich interessieren die Gründe und Geschichten, wieso man aus der Schweiz hierherzieht und frage deshalb bei allen nach, was ihre Beweggründe waren oder sind.
Schnell stellt sich heraus, dass alle dem geordneten, mit vielen Regeln behafteten Schweizer Leben entflohen.
Und bei allen schwingt ein Misstrauen gegenüber dem Staat und dessen Verordnungen, vor allem während der Pandemie mit, obwohl sie seit mehreren Jahren hier wohnen und sie diese gar nicht betraf.
Auch Verschwörungstheorien werden geteilt, was mich dann doch recht nachdenklich stimmt.
Tags darauf laufe ich ein wenig durch die Ortschaft, die im üblichen Sinne keine ist, weil die Häuser alle weitverstreut und abseits der Strasse liegen.
Deshalb sehe ich ausser Vögeln, einem Hasen und einem durch den Busch flitzendes Gürteltier nichts weiter.
Beim Rückweg rollt eine gelber alter Chevy von hinten heran und stoppt auf meiner Höhe.
Wir begrüssen uns und plaudern ein wenig. Auch hier merke ich schnell, dass die Vorschriften in der Schweiz der Hauptgrund für die Auswanderung waren.
Beim Nachtessen höre ich weitere Geschichten. Daraus ist erkennbar, dass nicht alle der 30 Einwohner im Dorf die gleichen Ansichten teilen.
Irgendwie nicht verwunderlich, ist die Mehrheit von den Regeln und Vorschriften in der Schweiz geflüchtet und will nicht durch Regeln einer Gemeinschaft erneut eingeschränkt werden.
Seit einiger Zeit läuft der Motor der Honda im Leerlauf unruhig, was bei einer Einspritzung nicht üblich ist.
Die Motorbetriebslampe leuchte jedoch nicht auf, weshalb die Ursache auf eine Verschmutzung irgend eines Bestandteils des Kraftstoffsystems hindeutet.
Bei der Anfahrt nach Rosaleda war das Auf und Ab stärker als sonst, weshalb ich doch besser auf die Ursachensuche gehe. Zumal ich mit der Werkstatt in Filadelfia eine gute Motorradgarage zur Seite habe und ich genügend Zeit habe, bevor ich nach Asuncion fahren muss.
Gestern habe ich deshalb Matthias von der Motogarage eine WhatsApp geschrieben und ihn gefragt, ob er einen halben Tag Zeit habe, um mit mir auf Fehlersuche zu gehen.
Ich breche deshalb früh auf, um vor der Mittagszeit in Filadelfia anzukommen, was mir gelingt.
Matthias hört sich den unruhigen Leerlauf an und meint, dass dies vermutlich von irgendeiner Verschmutzung im Benzinzufuhrsystem ausgeht.
Das Gleiche haben mir mein mechanischer Berater von der Schweiz geschrieben plus ein Bekannter, der in einer Honda Motorradgarage in der Schweiz arbeitet. Beiden habe ich ebenfalls gestern geschrieben und das Problem erklärt.
Weil wir den Tank und andere Teile sowieso demontieren müssen, frage ich Matthias, ob er auch gleich das Ventilspiel kontrollieren kann respektive, ob er die Teile hat, die es benötigt, um das Spiel wieder richtig einzustellen, sofern nötig.
Auch dies ist möglich und ich vereinbare mit ihm, dass ich nach der Mittagszeit ohne das Gepäcksystem auf dem Motorrad wieder vorbeikomme.
Gesagt getan und zwei Stunden später beginnen wir mit der Demontage.
Als Erstes reinigen wir die Benzinpumpe und deren Filter, was nötig ist.
Anschliessend schrauben wir die Zündkerze raus, die für ihre Arbeit während 28'000 km ziemlich gut aussieht. Trotzdem werde ich sie wechseln und hole meine Ersatzzündkerze im Hotel.
Danach entfernen wir die Einspritzdüse und den Leerlaufregler.
An eine der Befestigungsschrauben des Map Sensor kommen wir leider von aussen nicht ran, weshalb Matthias das gesamte Drosselklappengehäuse ausbaut.
Macht nichts, so können wir das Gehäuse und die Klappe ebenfalls gründlich reinigen.
So vergehen die Stunden im Fluge.
Nachdem alles wieder sorgfältig eingebaut ist, kontrolliert Matthias das Ventilspiel. Der Motor ist jetzt dafür kalt genug.
Das Spiel stimmt und bald darauf ist der Zylinderkopfdecke wieder verschraubt und die neue Zündkerze ebenfalls.
Pünktlich zu Betriebsschluss steht meine Honda fix fertig vor der Türe und ich bezahle die Rechnung, die sich auf CHF 80.00 beläuft.
Wau, was für ein günstiger Preis für vier Stunden Arbeit.
Beim Verabschieden lädt mich Matthias zu einem Treffen mit seinen Freunden ein, dass um 19.30 stattfindet.
Gerne nehme ich die Einladung an und fahre zurück zum Hotel und ruhe mich etwas aus.
Pünktlich um 19.30 schickt mir Matthias via WhatsApp die Position. Er musste warten, bis er dort war, weil das Haus noch nicht im Google Maps aufgeführt ist und er deshalb die genau Position nicht vorher auf der Karte eruieren konnte.
Für einmal navigiere ich mit meinem Telefon und holpere und rutsche im dunkeln über die Sandpisten zur Position, die einsam ausserhalb der Stadt liegt.
Die Beleuchtung des Hauses ist gut sichtbar und ich biege auf die Zufahrtsstrasse dahin ab.
Ich stelle mich allen vor und bald darauf lodert der Grill auf und es gibt viel Fleisch zu essen.
Ich erfahre einiges mehr über das Leben in einer Mennoniten Gemeinschaft. Dabei ist mir bewusst, dass die Gemeinschaft in Filadelfia eine offene Haltung hat, weil sie alle Handys und Fernseher besitzen, Alkohol trinken und viele für ihre Ausbildungen nach Asuncion oder sogar ins Ausland gehen.
Irgendwann steht einer der fünf Kollegen auf und sagt, er gehe nach Hause.
Das ist das Signal für alle und innerhalb einer Minute sitzen alle auf ihren Motorrädern oder Autos und fahren davon.
Von dieser schnellen Reaktion bin ich etwas überfordert und schaffe es gerade noch mich von Matthias dankend zu verabschieden, bevor er davonbraust.
Danach stehe ich allein neben dem Gastgeber und verabschiede mich auch von ihm dankend und brause in die dunkle Nacht hinaus.