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Anne Applebaum legt das längst fällige Standardwerk zur Geschichte des sowjetischen Gulag-Systems vor.
Es scheint schwierig zu sein, das eine Verbrechen zu thematisieren, ohne damit das andere zu relativieren. Die designierte lettische EU-Kommissarin Sandra Kalniete hat auf der Leipziger Buchmesse Ende März die Verbrechen von Stalinismus und Nationalsozialismus gleichgestellt und damit einen Eklat ausgelöst. 1997 (deutsch 1998) hat ein «Schwarzbuch des Kommunismus», herausgegeben von französischen Exlinken, den «Rassen-Totalitarismus» der Nazis und den «Klassen-Totalitarismus» des Kommunismus als «ähnlich» gewertet, indem es eine makabre Aufrechnung der Opfer betrieb. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügte es nicht. Historische Verbrechen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Während das KZ-System im Dritten Reich weitgehend erforscht wurde, blieb das sowjetische Gulag-System mit einem Tabu des Schweigens belegt. (Das Wort «Gulag», die russische Abkürzung für «Hauptverwaltung Lager», wurde nach und nach als Sammelbegriff für das ganze Zwangsarbeitssystem in der Sowjetunion verwendet.) Als fester Bestandteil der russischen und sowjetischen Geschichte kann der Gulag nicht von der Geschichte Europas getrennt werden.
Anne Applebaum, Osthistorikerin, Kolumnistin der «Washington Post» und Warschau-Korrespondentin des «Economist» während des Zusammenbruchs des kommunistischen Regimes, hat nun das Schwierige gewagt. Das über 700 Seiten zählende, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Buch «Der Gulag» ist die bislang umfassendste, detailreichste und am besten recherchierte Gesamtdarstellung dieses Systems. Durch die Breite seiner Quellen und die Anschaulichkeit der Präsentation hebt sich «Der Gulag» von anderen Werken zum gleichen Thema deutlich ab. Während bisher vor allem subjektive oder literarische Erlebnisberichte wie Alexander Solschenizyns «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» bekannt waren, eröffnet Applebaum erstmals eine Perspektive «von unten» - Überlebensgeschichten und mündliche Überlieferungen kleiner Leute. Die Öffnung der russischen Archive seit 1991 hat es der Autorin ermöglicht, einen wichtigen Teil des Geschehens in der Sowjetunion neu zu rekonstruieren und die menschliche Dimension herauszuarbeiten.
Der erste Teil, «Die Ursprünge des Gulags 1917-1937», beschreibt die Anfänge des Gulags in Zahlen, Fakten und Gesetzestexten. Die Autorin schildert die Entwicklung des Gulags von den «nördlichen Lagern zur besonderen Verwendung», die 1923 auf den Solowezki-Inseln im Weissen Meer eingerichtet wurden und in denen erstmals die systematische Ausbeutung der Häftlinge entwickelt wurde, bis hin zum «grossen Terror», den Massenverhaftungen und -erschiessungen sowie den Schauprozessen von 1937 und 1938. Die Lager dienten hauptsächlich wirtschaftlichen Zwecken, indem die Häftlinge als «Arbeitssklaven» ausgebeutet wurden.
Der zweite Teil gilt «Leben und Arbeit in den Lagern». Hier gibt eine Vielzahl persönlicher Überlebensgeschichten auch den Opfern eine Stimme. Die Autorin beschreibt den Lageralltag und die Überlebensstrategien der Häftlinge, die besonderen Erfahrungen von Frauen und Kindern in den Lagern, sexuelle Beziehungen und Eheschliessungen zwischen Häftlingen; sie erzählt von Rebellion, Streiks und Flucht. Applebaum vervollständigt die Geschichte des Gulags durch eine Vielzahl von Einzelbeobachtungen. Sie stellt geschickt sachliche Darstellungen mit Zitaten ehemaliger Häftlinge zu einer Einheit zusammen. Sie bemüht sich gleichzeitig, sachlich, zurückhaltend und ohne wertende Zusätze zu schreiben - die Dramatik des Stoffes ist stark genug.
Im dritten Teil schliesslich verfolgt sie den Aufstieg und Fall des Lager-Industrie-Komplexes 1940 bis zu Stalins Tod 1953 und bis zum Beginn der Perestroika 1986.
Die Vergangenheitsbewältigung hat in Russland nicht im gleichen Ausmass wie in Deutschland stattgefunden - nicht zuletzt deshalb, weil das Sowjetsystem während Jahrzehnten Millionen seiner BürgerInnen in viele Formen von Kollaboration und Kompromiss hineingezogen hat. Ein weiterer Grund liegt in der Dominanz ehemaliger KommunistInnen in den Verwaltungsstrukturen Russlands sowie in den postkommunistischen Ländern.
Applebaum setzt die sowjetischen Lager nicht mit denen der NS-Diktatur gleich, auch wenn die Autorin in der Einführung Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Systeme behandelt. Dieses Werk könnte dazu beitragen, die Asymmetrie zwischen dem Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus im Westen und den Verbrechen der Stalin-Zeit im postsowjetischen Russland zu überwinden. Das Buch wirft zudem die Frage auf, ob zwischen dem Gulag und dem Sowjetkommunismus eine Art Synthese vollzogen werden kann. Die Überlegungen der Autorin stellen dabei nicht eine endgültige Schlussfolgerung dar, sondern leiten vielmehr eine längst fällige Diskussion ein.