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In der einen geschlossenen Schachtel stecken 100 Kugeln, die eine Hälfte schwarz, die andere weiss. In der anderen Schachtel stecken ebenfalls 100 Kugeln, wie viele davon weiss und wie viele schwarz sind, das ist unbekannt. Aus welcher Schachtel würden Sie eine Kugel ziehen, wenn Sie Aussicht auf einen Gewinn von 100 Franken haben, falls Sie eine schwarze Kugel ziehen? Denken Sie gut nach …
Mit diesem Experiment beschreibt der Psychologe Michael Siegrist einen grundlegenden Aspekt unseres Umgangs mit Risiken. Der Professor für Konsumverhalten an der ETH Zürich untersucht unter anderem unsere Risikowahrnehmung.
Und? Wie haben Sie gewählt? Mit grosser Wahrscheinlichkeit fiel Ihre Wahl auf die Schachtel mit 50 schwarzen und 50 weissen Kugeln. Ungefähr 80 % der Menschen, die an diesem Experiment teilnehmen, tun dies. Weshalb? Die Wahrscheinlichkeit, 100 Franken zu gewinnen, ist bei bei beiden Schachteln genau gleich gross. Die grosse Mehrheit entscheidet sich jedoch für die Schachtel mit 50:50, weil wir Menschen Ungewissheiten nicht mögen. Die andere Schachtel enthält sozusagen eine Ungewissheit zu viel: Zur Ungewissheit, ob wir eine schwarze Kugel ziehen werden, kommt die Ungewissheit hinzu, wie viele schwarze Kugeln sich in der Box befinden.
Wenn es um das Einschätzen von Risiken geht, spielen unsere Gefühle eine wesentliche Rolle. Wir nennen das Bauchgefühl, oder auch gesunde Menschenverstand. Angst ist eines jener Gefühle, das unser Bauchgefühl steuert. Und Terroranschläge verbreiten grosse Angst. Plötzlich nehmen wir den Hauptbahnhof nicht mehr als jenen sicheren Ort wahr, der er nachweislich ist. Wir klagen über die zunehmende Terrorgefahr, obwohl uns ein Blick in die Statistik beruhigen könnte: In den vergangenen 20 Jahren wurde in der Schweiz kein einziger Mensch Opfer eines Terroranschlags. Viel realistischer ist dagegen die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Jährlich werden um die 200 Personen im Strassenverkehr getötet.
Weshalb macht uns Terrorismus mehr Angst als Strassenverkehr? Zum einen, weil wir auf die sichtbare Katastrophe ganz anders reagieren als auf eine abstrakte Statistik. Bilder emotionalisieren ungleich stärker als Zahlen. Zum anderen erscheinen uns Risiken weniger bedrohlich, sobald wir im Glauben sind, selbst die Kontrolle zu haben. Deshalb fällt wohl vielen Autofahrenden die Gelassenheit beim Mitfahren so schwer. Sobald sie die Kontrolle abgeben, schätzen sie das Risiko höher ein, selbst wenn die Person hinter dem Steuer noch nie in einen Unfall verwickelt war.
Werner Krämer, Professor für Statistik an der Universität Dortmund, prangert seit Jahrzehnten all den Unfug an, der mit Statistiken betrieben wird. Unter anderem beklagt er die mangelnde Unterscheidung zwischen relativen und absoluten Risiken.
Ein Beispiel: In der Schweiz sterben beim Ski- oder Snowboardfahren durchschnittlich 6 Personen pro Jahr. Das absolute Risiko, durch diesen Sport zu sterben ist also sehr klein, bei über 2,5 Millionen der Bevölkerung, die regelmässig Ski oder Snowboard fahren. Relative Zahlen zeichnen dagegen ein viel dramatischeres Bild. Wenn beispielsweise im einen Jahr 5 Personen sterben und im nächsten Jahr 7, dann liesse sich mathematisch korrekt, aber völlig unsachlich titeln: «In der Schweiz haben sich Skiunfälle mit tödlichem Ausgang um 40 % erhöht».
Ebenso irreführend ist es, wenn Korrelation mit Kausalität gleichgesetzt wird, wenn also zwei gleichzeitig auftretende Phänomene als Ursache und Wirkung interpretiert werden. Solche Fehlinterpretationen halten sich oft hartnäckig, weil sie dem «gesunden Menschenverstand» schmeicheln. Wer kennt nicht die Behauptung, die gefährlichsten Kilometer einer langen Autoreise seien die allerletzten. Das klingt plausibel, weil die Kausalität zwischen Müdigkeit und Unfallgefahr logisch erscheint.
Tatsächlich steckt dahinter zunächst bloss eine Korrelation: Die meisten Unfälle geschehen deshalb am Wohnort, weil man dort die meisten Autostunden verbringt. Wollte man tatsächlich die Kausalität untersuchen, müsste man ausschliesslich die langen Autofahrten unter die Lupe nehmen.
Zusammengefasst und vereinfacht: Statistiken erklären sich nicht von selbst. Deshalb sind wir als Laien schnell überfordert, wenn wir Risiken – genauso wie Chancen – anhand von Statistiken einzuschätzen versuchen. Wir müssten für eine vernünftige Interpretation nicht nur die absoluten Zahlen kennen, wir müssten auch genau wissen, was sich alles hinter diesen Zahlen verbirgt. Sind beispielsweise bei den 67 tödlichen Wanderunfällen, die sich 2021 in der Schweiz ereignet haben, auch Herzinfarkte eingerechnet, die sich nicht durch das Wandern, sondern beim Wandern ereignet haben?
Am besten funktioniert unser Bauchgefühl, wenn Ursache und Wirkung ganz offensichtlich miteinander verknüpft sind. Wenn wir zu schnell in eine Kurve fahren, wissen wir unmittelbar, was uns droht und was wir dagegen unternehmen können. Je komplexer und weiter entfernt dagegen ein Risiko erscheint – örtlich wie zeitlich –, desto eher sind wir bereit, eine Wette auf die Zukunft einzugehen, selbst wenn die Aussichten auf einen Wettsieg so niederschmetternd sind wie beim Rauchen. Diesen Wetteinsatz gegen jede Wahrscheinlichkeit kennen wir alle: Wenn ein Wunsch gross wird, ein Verlangen drängt, ein übermässiger Gewinn lockt, dann setzen wir auf unsere Glückszahl – selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, dass wir gewinnen, verschwindend klein ist.
An der Universität Potsdam erforscht Pia-Johanna Schweizer systemische Risiken. Hier geht es um komplexe Risikoabschätzungen, in denen Wechselwirkungen und Rückkoppelungen eine grosse Rolle spielen.
In dieser Forschung steht nicht das Risikoverhalten eines Einzelnen im Fokus, sondern jenes einer ganzen Gesellschaft. Schulschliessungen während der Corona-Pandemie haben beispielsweise die Ausbreitung der Seuche verlangsamt, gleichzeitig aber Schülerinnen und Schüler psychisch übermässig belastet.
Der Klimawandel stellt momentan die drängendsten Fragen zu unserem Umgang mit systemischen Risiken. Die einfache Gleichung «Ich fahre nicht mehr Auto und rette dadurch das Klima» geht nicht auf. Es muss ein gemeinsames Risikomanagement entwickelt werden. Und das mit einer Rechnung, die niemals ohne Rest aufgehen wird. In einer pluralistischen Gesellschaft, in der immer mehr Menschen auf ihre individuelle Risikoeinschätzung schwören, ein schwieriges Unterfangen.