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Der Fussball kam im Schlepptau des Kolonialismus nach Afrika. Am 23. August 1862 standen sich in Südafrika Soldaten der britischen Armee und Angestellte der Kolonialverwaltung gegenüber. Es ist das erste dokumentierte Fussballspiel auf dem afrikanischen Kontinent.
Fussball war Teil des britischen Drills, aber auch Ventil für angestaute Emotionen, Stärkungsmittel für Disziplin, Selbstkontrolle und körperliche Fitness.
Sehr wichtig für die Verbreitung des Fussballs war die «Partnerschaft von Ball und Bibel» an den Missionsschulen. In Brazzaville (Kongo) gründeten französische Priester Ende des 19. Jahrhunderts Klubs, um Jugendliche von weltlichen Versuchungen abzulenken.
Heute ist Fussball in allen 53 Ländern Afrikas mit Abstand die populärste Sportart. In mehr als 30 Ländern wird gar organisiert Frauenfussball gespielt.
Die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika lässt die Anhänger der algerischen «fennecs», der «Wüstenfüchse», genauso bangen und hoffen wie die Fans der ghanesischen «Black Stars» oder der «unbezwingbaren Löwen» Kameruns, ganz zu schweigen von den heimischen «Jungs», den «Bafana, Bafana».
Daniel Künzler (39) ist Soziologe an der Universität Freiburg, mit einem Lehrauftrag an der Universität Zürich über Globalisierungstheorien. Er bereiste in den letzen zwölf Jahren über zwanzig Länder Afrikas und lebte und unterrichtete zwei Jahre in Benin/Westafrika.
«In Afrika reden die Menschen gerne über Fussball. Er ist ein Türöffner», sagt Künzler. «Und durch Gespräche über Fussball kommt man bald auf Geschichten, die nicht zwingend mit Sport zu tun haben – darüber habe ich ein Buch geschrieben.» Herausgekommen ist eine Sozialgeschichte des Fussballs in Afrika.
Künzler erzählt unter anderem, wie der Schweizer Botschafter Pierre Combernous 2005 ein Fussballspiel organisierte, um in Burundi ehemalige Bürgerkriegsfeinde einander einen Schritt näher zu bringen. Oder wie Chelsea-Star Didier Drogba an der Elfenbeinküste Anfang 2006 seine Popularität nutzte, politische Spannungen abzubauen.
Die dunklen Seiten verschweigt Künzler nicht. Die Geldgier der Spielervermittler etwa oder die Tausenden von schwarzen Spieler, die ihr Glück in Europa suchen – und scheitern. Aber er relativiert auch: «Die Perspektiven in Afrika sind schlecht. Und wenn jemand in einer unteren europäischen Liga einige tausend Franken verdient, ist das besser als gar nichts.»
Fussball ist ein Mittel, Entwicklungspolitik zu machen. Dieses Credo hat sich auch der Weltfussballverband Fifa auf die Fahnen geschrieben. «Die Fifa verteilt den nationalen Fussballverbänden Geld, damit sie lokale Aktivitäten fördern», sagt Künzler. «Doch das funktioniert kaum. Die Gelder landen in den Taschen von Funktionären oder werden in die Renovation der Verbandsitze gesteckt.»
Es geht auch anders. In Kenia entstand 1987 die «Mathare Youth Sports Association» (Mysa), die wahrscheinlich grösste Jugendorganisation dieser Art in Afrika. Gründer war ein Kanadier namens Bob Munro. Er sah, wie die jugendlichen Slumbewohner von Mathare begeistert Fussball spielten. Munro nutzte ihren Eifer und wies sie an, aus weggeworfenen Plastiksäcken und Schnüren Fussbälle zu machen.
2008 gewann ein Team aus Mathare die kenianische Meisterschaft. Ihr Spielerreservoir sind die über 1400 Teams, die im riesigen Slum regelmässig Fussball spielen und sich in Hunderten von Mysa-Ligen messen. Punkte gibt es nicht nur für ein Unentschieden oder einen Sieg, sondern auch für eine Reinigungstour durch das Quartier.