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Pater Hilarius Estermann
Am Vorabend der Beerdigung hielten wir im Kloster die Totenwache für P. Hilarius. Diese endete mit dem Gesang des «Sub tuum praesidium» – «Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin». Oft und intensiv hat P. Hilarius dieses Gebet in der Gnadenkapelle vor der Einsiedler Muttergottes gebetet, als er als junger Mann unmittelbar vor seiner Matura um seine Berufung rang. Daran, dass er schliesslich in Einsiedeln eingetreten ist, habe die Muttergottes entscheidenden Anteil – sie habe ihn hier bei sich unter ihrem Schutz und Schirm haben wollen, war er überzeugt. Damals wusste er freilich noch nicht, dass er schon bald ausserhalb von Einsiedeln wirken würde, aber deshalb nicht weniger unter dem Schutz und Schirm Mariens.
P. Hilarius’ Leben in dieser Welt begann aber weder in Einsiedeln noch im Fahr, sondern anderswo, nämlich auf schönem Luzerner-Lande, genauer in Ruswil – «Rusmu», wie P. Hilarius dieses Dorf selbstverständlich genannt hat. Dort wurde er als Sohn des Fridolin Estermann, einem Viehhändler und seiner Frau Elisabeth, eine geborene Hänsli aus Hergiswil bei Willisau, am 31. Mai 1927 geboren und zwei Tage später in der Pfarrkirche auf den Namen Johann – Hans – getauft. Hans war der zweite von insgesamt vier Buben. Er war gerade mal acht Jahre alt, als sein Vater mit noch nicht einmal vierzig Jahren ganz plötzlich an einem Herzversagen starb. Daraufhin siedelte die Familie auf den mütterlichen Betrieb in Hergiswil bei Willisau um, wo sie bei der Grossmutter und zwei Onkeln, die den grossen Betrieb bewirtschafteten, Aufnahme fand. In Hergiswil besuchte Hans somit die Primarschule, bis 1939 die Sturmglocken den Zweiten Weltkrieg verkündeten. Hans packte in dieser Zeit auf einem befreundeten Hof mit an – als ein «Opfer der Anbauschlacht», wie er schrieb. Ein Wunsch begann ihn immer mehr zu bedrängen: Er wollte ans Gymnasium. Bei der Mutter, der er sich zuerst anvertraute, fand er dafür zunächst kein Gehör. Erst als ihm sein Gastvater auf dem Betrieb, wo er arbeitete, seine volle Unterstützung zusicherte, war auch die Mutter zu gewinnen. Und dann ging es sehr schnell: Über einen Onkel in Horw wurde der Kontakt zu Einsiedeln hergestellt, und bereits nach wenigen Tagen fand sich Hans im Einsiedler Internat wieder – ins Studium vertieft.
Damit begann im Herbst 1941 für den jungen Mann ein neuer Lebensabschnitt. Nach einigen Jahren des Studierens brachte ihm 1947 die Einberufung in die Rekrutenschule eine willkommene Abwechslung zum Studienalltag. Es scheint, dass sie entscheidend zum späteren Entschluss beitrug, einen geistlichen Beruf zu ergreifen. Zurück in Einsiedeln, wurden Hans Internat und Kutte etwas zu eng, so dass er ins Externat wechselte. In dieser Zeit nun ging er, wie eingangs erwähnt, immer öfter in die Gnadenkapelle zum Gebet. 1949 trat er nach der Matura ins Kloster ein. 1950 legte er seine zeitliche und 1953 seine ewige Profess ab. Dabei erhielt er den Ordensnamen Hilarius. 1954 wurde er zum Priester geweiht. Es folgte das Agronomiestudium an der ETH Zürich. Geplant war, dass P. Hilarius an der Landwirtschaftlichen Schule in Pfäffikon die Nachfolge von P. Wilhelm Meier als Direktor antreten sollte. Da nun aber im Fahr der Propst ersetzt werden musste, wurde P. Hilarius an dessen Stelle berufen und von Abt Benno Gut am 24. Juni 1959 zum Propst des Klosters Fahr ernannt.
So kam er an den Ort, an dem er gut die Hälfte seiner Lebenszeit verbringen sollte. Ein Ort, der ihn prägte: Bis zuletzt identifizierte sich P. Hilarius mit dem Kloster Fahr. Ein Ort aber auch, den er prägen durfte. Sichtbar ist diese Prägung nicht zuletzt in Bauten: Für die Bäuerinnenschule, an der P. Hilarius selber unterrichtete, wurde während seiner Amtszeit ein neues Haus gebaut; auch die Scheune musste 1989/90 nach einem Brand neu errichtet werden – es sind Bauten, mit denen das Kloster Fahr auch heute in die Zukunft gehen kann. P. Hilarius durfte gute und freundschaftliche Beziehungen mit verschiedenen Organisationen und mit den Behörden pflegen. Bei P. Hilarius war sicher durch sein waches Interesse an den Menschen und ihrem Leben eine wichtige Grundlage zu gutem Gespräch gegeben. Für nicht wenige im Kloster Fahr – Schwestern, Schülerinnen der Bäuerinnenschule, Angestellte – war er ein «Patron» im alten, klassischen und durchaus positiven Sinne: Wie ein Vater hat er für sie alle gesorgt und geschaut. Aber auch geistliche Sorge war ihm mehr und mehr anvertraut, und diese erreichte über die Grenze des Klosters Fahr hinaus auch zahlreiche Menschen vor allem aus der Umgebung, die für die sonntäglichen Gottesdienste ins Fahr kamen und für die P. Hilarius sozusagen auch ihr «Pfarrer» wurde. In der Propstei durfte P. Hilarius auch immer wieder Gäste empfangen, vor allem Mitbrüder aus Einsiedeln. Zu seinen prominentesten Gästen zählt wohl der russische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1970, Alexander Solschenizyn, der sich 1975 zehn Tage in der Propstei aufhielt. Sein wichtigster Gast allerdings dürfte seine Mutter gewesen sein. Nach einem Schlaganfall kam sie 1982 zu ihm ins Fahr. Ermöglicht wurde dies durch die Unterstützung der langjährigen treuen Haushälterin in der Propstei, Frau Anna Hunn, die erst vor kurzem P. Hilarius in die Ewigkeit vorausgegangen ist. Noch in einem vor wenigen Wochen gegebenen Interview betonte P. Hilarius: «Dafür bin ich ihr über das Grab hinaus dankbar.»
Dankbar, fröhlich und zufrieden: So durften wir in Einsiedeln P. Hilarius in seinen letzten Lebensjahren erfahren, nachdem er im November 2006 vom Fahr nach Einsiedeln zurückkam. «Nun bin ich eigentlich Mönch, was ich eigentlich im Sinn hatte», schrieb er im Frühjahr 2007, kurz nach seiner Rückkehr und betonte dies auch immer wieder, wenn man ihn fragte, ob ihm denn die Rückkehr nach so vielen Jahren im Fahr nicht schwerfalle. Dass es ihm nicht schwerfiel, konnte man sehen: Das gemeinsame Chorgebet war ihm eine Selbstverständlichkeit, solange es seine körperlichen Kräfte zuliessen. Sein grosses Wissen, seine vielfältigen Interessen – an den Menschen, am Tagesgeschehen, an Geschichte, Kunst und Kultur – liessen ihn viel lesen und aktiv am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Für viele war er ein interessanter und eben auch selbst interessierter Gesprächspartner. Für den einen oder anderen Mitbruder wurde er auch ein Beichtvater. Auch über die Klostergemeinschaft hinaus pflegte er seine Beziehungen mit Familienangehörigen und zahlreichen weiteren Menschen. Er ging gerne auf Ausflüge mit und besuchte da und dort Ausstellungen. Dafür nahm er zuletzt auch einige körperliche Anstrengung in Kauf, nie aber hatte es etwas Zwanghaftes. Wenn er spürte, dass etwas nicht mehr ging, liess er es sofort in einer grossen inneren Freiheit los oder bat auch darum, von Aufgaben entbunden zu werden.
Im Kloster nahm er zuletzt vor allem seelsorgerliche Aufgaben wahr: Viele Stunden war er im Beichtstuhl, feierte in Klöstern und Pfarreien Eucharistie, predigte und segnete unzählige Andachtsgegenstände der Pilger. Auch hier zeigte sich sein Interesse an den Menschen und offensichtlich kam er mit ihnen ins Gespräch. Kein Wunder, dass schnell einmal nach ihm gefragt wurde, wenn er selbst verhindert war, zu segnen, und wenn er zuletzt diesen Dienst ganz abgeben musste.
Etwas war P. Hilarius zuletzt äusserst kostbar und auch dafür zeigte er sich unendlich dankbar: Seine geistige Klarheit und sein grosses und intaktes Gedächtnis. Medikamente, die diese Klarheit irgendwie hätten trüben können, verschmähte er. Lieber ertrug er körperliche Schmerzen. Und solche hatte er zuletzt doch einige, ohne dass sie seine Fröhlichkeit und Zufriedenheit beeinträchtigen konnten.
Wenige Tage vor seinem Tod wurde P. Hilarius nochmals eine grosse Freude zuteil: Zwei Hüterinnen von der Pflegestation ermöglichten ihm einen Ausflug nach Ingenbohl und im dortigen Kloster einen Kaffeekranz zusammen mit einigen Schwestern, die er von früher her kannte. Nur eine Stunde wollte er bleiben. Aber wie soll das reichen, wenn man sich doch viel zu erzählen weiss? Überglücklich kam P. Hilarius von diesem Besuch in Ingenbohl zurück.
Am darauffolgenden Tag durften wir zusammen mit P. Hilarius seinen 70. Professtag feiern. Nichts deutete darauf hin, dass er bereits zwei Tage später in dieser Welt seinen letzten Atemzug tun sollte. Dieser letzte Atemzug ging in eins mit der Zusage durch die Krankensalbung, die hier nun eine «letzte Ölung» war: «Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr…, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes.» Ob es vielleicht wieder die Muttergottes war, die unseren P. Hilarius gerufen hat, und die ihn unter ihrem Schutz und Schirm in die Wohnung begleiten will, die Jesus, unser aller Herr, für P. Hilarius errichtet hat? Wir dürfen es hoffen. Und wir dürfen hoffen, dass die Freude, die ihm wenige Tage vor seinem Tod in Ingenbohl geschenkt wurde, dort, in der für ihn bereiteten Wohnung, sich vollende.
P. Daniel Emmenegger