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«Das ist ein Motto, nach dem ich lebe», sagte der Brite im vergangenen Jahr im Interview der Tageszeitung «Times». «Ich versuche, den alten Mann nicht reinzulassen.» Am Sonntag (2. Mai) wird der Mann, der in Deutschland vor allem unter seinem Vornamen bekannt ist, 85 Jahre alt.
Eigentlich wäre Engelbert, der überwiegend in Los Angeles lebt und auch im englischen Leicestershire ein Haus hat, zur Zeit in Europa auf Tournee. Wegen der Corona-Pandemie wurden seine Konzerte vor kurzem aufs nächste Jahr verschoben. «Ich glaube nicht, dass ich mich jemals zur Ruhe setze», erzählte er der «Times». «Solange ich meine Stimme habe, und die ist so stark wie eh und je, warum sollte ich? Es hält mich jung.» Seit Jahrzehnten tourt er unermüdlich um die Welt. Und ja, seine Stimme ist wirklich noch kraftvoll und geschmeidig.
Bei keiner Show fehlen darf die Megaballade «Release Me». Der Song von Eddie Miller war beinahe 20 Jahre alt und schon von einigen anderen Künstlern gesungen worden, als der bereits 31-jährige Engelbert 1967 mit seiner Version einen Nummer-eins-Hit in Grossbritannien landete. Es war der Beginn einer Weltkarriere – bis heute soll er mehr als 140 Millionen Platten verkauft haben.
Vor «Release Me» hatte er sich mit nur mässigem Erfolg unter seinem Geburtsnamen Arnold George Dorsey als Musiker versucht. 1936 war er im indischen Madras (dem heutigen Chennai) als eines von zehn Kindern der Familie Dorsey zur Welt gekommen. Sein Vater, der damals in der Britisch-Indischen Armee diente, war walisischer Abstammung, die Mutter hatte deutsche Wurzeln. Arnold war zehn Jahre alt, als die Familie nach England übersiedelte. In Leicester lernte der junge Arnold Saxofon zu spielen. Als Gerry Dorsey trat er in Nachtclubs auf. Nach dem Wehrdienst nahm er 1958 seine erste Single auf, die jedoch kaum Beachtung fand.
Nachdem ihn eine Tuberkulose-Erkrankung zurückgeworfen hatte, nahm ihn Mitte der 60er Jahre sein einstiger Mitbewohner Gordon Mills, nun ein erfolgreicher Musikboss und schon Manager von Tom Jones, unter seine Fittiche. Mills schlug die Umbenennung vor und wählte dafür den Namen des 1921 verstorbenen deutschen Komponisten Engelbert Humperdinck. «Er ist schwer auszusprechen, aber wenn man ihn einmal gesagt hat, will man ihn immer wieder sagen», soll Mills damals verkündet haben. «Er ist so ungeheuerlich, dass man ihn nicht vergessen wird.»
Der Manager sollte Recht behalten. Mit dem neuen Namen, seinem gewellten, glänzenden Haar und den ausufernden Koteletten eroberte Engelbert vor allem Frauenherzen. Mit Mills und Tom Jones gründete er eine gemeinsame Künstlermanagement-Firma, stieg allerdings später im Streit aus. In Deutschland trat er immer nur als Engelbert auf, denn die Erben des anderen Humperdinck hatten ihm die Verwendung seines vollen Künstlernamens gerichtlich untersagt. Geschadet hat es ihm nicht.
In den 80er Jahren verhalf der deutsche Erfolgsproduzent Jack White, der unter anderem Tony Marshall und David Hasselhoff produzierte, der Karriere des britischen Charmeurs zu neuem Schwung. Die LP «Träumen mit Engelbert», eine Sammlung von Neuaufnahmen alter Engelbert-Songs im seichten Schlagersound, toppte 1987 sogar die deutsche Hitparade. 1989 produzierte Dieter Bohlen sein Album «Ich denk an Dich – Ein Abend voller Zärtlichkeit». Engelberts Version von Modern Talkings «You're My Heart, You're My Soul» ist ein Kuriosum der Popgeschichte.
Die Albumtitel zielten zu dieser Zeit längst auf ein reiferes, weibliches Publikum ab. Passend dazu zeigte sich Engelbert auf den Covern als lächelnder Charmeur – im kitschigen Anzug, mit braun gebranntem Teint, perfekter Föhnfrisur und strahlend weissen Zähnen.
Dieses Image des Frauenhelden entsprach der Realität. Trotzdem blieb Engelberts Ehefrau Patricia, mit der er vier Kinder hat, bis zu ihrem Tod im Februar mit ihm zusammen. «Sie hat immer zu mir gehalten und meine Eskapaden über viele Jahre toleriert», gab er 2012 im Interview der «Freizeit Revue» zu. Vor einigen Jahren war Patricia an Alzheimer erkrankt. Kurz vor ihrem Tod habe sie sich mit dem Coronavirus infiziert, berichtete Engelbert in sozialen Medien.
Einmal die Woche spricht «The Hump», wie er von vielen Fans genannt wird, in kurzen Videobotschaften auf Youtube, Twitter und Facebook zu seinen Anhängern und erzählt manchmal Anekdoten aus seinem Leben. An interessanten Geschichten mangelt es dem Sänger nicht. Er trat eine Zeitlang in der Spielermetropole Las Vegas auf und verkehrte mit Showgrössen wie Elvis Presley oder Dean Martin. 1996 sang er die ironische Nummer «Lesbian Seagull» (Lesbische Seemöwe) für den Soundtrack der Zeichentrick-Komödie «Beavis und Butt-Head machen's in Amerika». Plötzlich war er auch jungen MTV-Zuschauern ein Begriff.
Eine Geschichte, die Engelbert vermutlich weniger gern erzählt, ist die von seiner Teilnahme am Eurovision Song Contest im Jahr 2012. Mit seinem Beitrag «Love Will Set You Free» für Grossbritannien landete er nämlich nur auf dem peinlichen vorletzten Platz. «Ich habe mein Bestes für mein Land gegeben», beteuerte Engelbert damals gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. «Der Rest lag nicht in meiner Hand.»