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Das «Stückwerk» ist eine Konstellation von Texten, die ich zwischen 1987 und 2013 in Randzeiten skizziert, in freien Stunden in Notizbüchern ausformuliert und später in eine elektronische Fassung gebracht habe – teils als wörtliche Transkriptionen, teils stilistisch bearbeitet oder inhaltlich zugespitzt auf das, was ich vermutlich seinerzeit hatte sagen wollen. Was mir während der weiteren Arbeitsgänge darüber hinaus ergänzend, erweiternd oder widersprechend wichtig geworden ist, habe ich als «Nachträge» angefügt. Durch diese Arbeitsweise wuchsen viele dieser Texte in meine jeweilige Gegenwart herüber und haben sich über den ersten Einfall hinaus geöffnet zu einem tendenziell immer unabschliessbareren Gespräch mit fremder Werdenden, die alle einmal Ich gewesen sind.
Die einzelnen Texte dieser Selbstverständigung nenne ich «Werkstücke». Gemeint ist: zu Bearbeitendes, weiterhin in Entstehung Begriffenes, auch nachdem ich die einzelnen Stücke weggelegt habe, weil ich im Augenblick nichts mehr zu ändern oder beizufügen wusste. Diese Werkstücke habe ich mit der Zeit zu zwanzig grösseren Abschnitten gereiht, die ich «Mäander» nenne: Erkennbar ist darin in einer ungefähr bestimmten Landschaft eine allgemeine Fliessrichtung des Wortstroms, kanalisiert ist er so wenig wie möglich.
Ein wenig gleicht das «Stückwerk» jenem teilvollendeten Werk, vor dem am Schluss des Films «Decameron» (1971) Pier Paolo Pasolini als Darsteller eines mittelalterlichen Freskenmalers steht und sich fragt: «Warum ein Werk vollenden, da es doch wunderbar ist, nur von ihm zu träumen?» Den Traum vom Nichtvollendeten, das gerade als Unabgeschlossenes über seine Grenzen hinaus die Räume für das Mögliche offenhält, habe auch ich geträumt. Weder war es mein Ziel, die einzelnen Werkstücke «fertig» zu machen, noch sie in ihrer Summe zu einem Ganzen zu formen. Insofern Bücher aus «fertig gemachten» Texten bestehen, kann das «Stückwerk» nie ein Buch werden.
Darum habe ich mich Anfang 2017 entschlossen, das umfangreiche Textkonvolut noch einmal ganz und tiefergehend durchzuarbeiten: Was nie Buch werden kann, ist deshalb hier in seiner aktualisierten Vorläufigkeit zur Onlinepublikation gestaltet.
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Die Werkstücke dokumentieren eine inhaltliche Anstrengung: Gewappnet mit dem Privileg des relativ breit, aber weitgehend unsystematisch gebildeten Autodidakten versuche ich als selbsternannter Spracharbeiter, mein Weltbild in Sprache zu fassen, so weit mir das möglich ist. «Links ist eine Anstrengung. Lebenslänglich», hat Max Frisch gesagt[1]. Dieser Anstrengung mich zu unterziehen, war mir in meinen freisten Stunden gern versehene Pflicht.
Was die mäandernde Anordnung der Werkstücke betrifft, so habe ich mich bemüht, eine Frage Michel Foucaults ernst zu nehmen. «Was sollte die Hartnäckigkeit des Wissens taugen», hat er gefragt, «wenn sie nur den Erwerb von Erkenntnissen brächte und nicht in gewisser Weise und so weit wie möglich das Irregehen dessen, der erkennt?» Foucaults Antwort: «Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen oder Weiterdenken unentbehrlich ist. Man wird mir vielleicht sagen, dass diese Spiele mit sich selber hinter den Kulissen zu bleiben haben; und dass sie bestenfalls zu den Vorarbeiten gehören, die von selbst zurücktreten, wenn sie ihre Wirkungen getan haben. Aber was ist die Philosophie heute – ich meine die philosophische Aktivität –, wenn nicht die kritische Arbeit des Denkens an sich selber?»
Der Vorsatz, meine Sicht der Welt als unabschliessbare Erkenntnisarbeit in Sprache abzubilden – Foucaults Zuordnung dieser Aktivität zur Philosophie ist nicht mein Thema –, war mir Ansporn, immer wieder – und oft genug nur in grösseren Abständen – als Exerzitium der Selbstvergewisserung an den Werkstücken zu arbeiten: Wer sich für die Spracharbeit entscheidet, hat seine Sicht der Welt in Sprache zu fassen – alles andere ist Scharlatanerie.
Auch wenn in einer sozial stark fragmentierten Gesellschaft, wie es dieses Land hier und heute ist, der Versuch, etwas zu erkennen, kaum viel zu repräsentieren vermag, ist mein Ort für mich doch der einzig mögliche und demnach wohl oder übel gültige. Öffentlichkeit braucht dieser Versuch auch deshalb keine, weil mir dabei weder mit Rat noch Kritik zu helfen ist. Weil er andererseits weder geheim noch privat sein soll, mache ich ihn hier trotzdem öffentlich zugänglich. In gewissem Sinn ist das Stückwerk eine unabschliessbare Vorarbeit, damit ich vielleicht antworten könnte, falls ich auf gleicher Augenhöhe gefragt werden sollte. Sonst lohnt reden ja bekanntlicherweise nicht.
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Im Dienst des ernsten Vergnügens, mich zu formulieren, liess ich Gedanken wie Drachen steigen – ab und zu mit mutwilligem Schwung, um zu beobachten, wie die unberechenbaren Fallwinde des Widerspruchs sie zu Boden schmettern; meist aber mit der arglosen Hoffnung, sie würden, gelänge mir erst der richtige Wurf in den Wind, ewig weiterfliegen. Immer war mir die Möglichkeit des Flugs wichtiger als die zielgenaue Landung. Denn, so Frisch: «Alles Fertige, sagt man, alles Fertige hört auf, Behausung unsres Geistes zu sein.»
Einem Werkstück ist jeder Horizont des Vollkommenen feind. Wahrheit gelingt, mag sein, im Modus des Wissens nie. Das Äusserste ist die ikarische Lust: Was aufsteigt, muss zerschellen, um besser fliegen zu lernen. Am Ende des fertigen Texts steht immer der Tod.
[1] Max Frisch: Schweiz als Heimat? Versuche über 50 Jahre. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1990, S. 475. Das Zitat stammt aus einem Interview mit Frisch, das unter dem Titel «Ohne Widerstand – keine Hoffnung» zuerst in der WoZ Nr. 41/1986 erschienen ist.
[2] Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1989, 15f.
[3] Max Frisch: «Bin oder Die Reise nach Peking», in: ders.: Gesammelte Werke Band I. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1986, S. 645.
(01.08.2017; 19.02.; 18.07.2018)