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Erklären wir zunächst den recht umständlichen Titel unseres Aperçus – dann haben wir auch schon das Buch vorgestellt: 1814 traf sich einmal pro Woche ein Kreis von Literaten in Berlin. Dies geschah in einem Kaffeehaus oder in der Wohnung von Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, einem Juristen in preussischen Diensten, der aus Verehrung zu Mozart seinen letzten Vornamen in ‘Amadeus’ umwandelte, und den die Nachwelt der Kürze halber ‘E. T. A. Hoffmann’ nennt. Dieser Kreis nannte sich ‘Der Seraphinenorden’ und wollte ein gemeinsames ästhetisches Ziel im Sinne der Romantik eines Friedrich Schlegel erreichen. Dem Seraphinenorden gehörten u.a. Chamisso, Hitzig, Salice-Contessa und Fouqué an. Der Orden löste sich schon im folgenden Jahr wieder auf, als Chamisso zur sog. ‘Rurik-Expedition’ aufbrach. Er wurde 1818 neu gegründet, mit nicht ganz denselben Mitgliedern, aber denselben Zielen, und nannte sich nun ‘Die Serapionsbrüder’. E. T. A. Hoffmann hat ihm und seinen Zielen in gleichnamigen Erzählzyklus ein Denkmal gesetzt.
Ein grandioses – und, dies sei vorweg genommen – grandios gescheitertes Projekt des Seraphinenordens war es, dass dessen Mitglieder, oder jedenfalls vier davon, gemeinsam einen Roman schreiben wollten, jeder abwechslungsweise ein Kapitel. Die vier Autoren waren Chamisso, Hoffmann, Fouqué und Salice-Contessa. Der Roman erhielt nie einen ‘offiziellen’ Titel; E. T. A. Hoffmann nannte ihn scherzeshalber in einem Brief den Roman des Freiherrn von Vieren, ein Titel, der am Fragment hängen geblieben ist. Es bestand durchaus ein Konzept für den Inhalt: Der Roman sollte die Geschichte von Drillings-Brüdern erzählen, die – einander immer wieder über den Weg laufend und immer wieder mit einander verwechselt – lustige, aber auch schaurige Abenteuer erleben. Ein potenzierter Doppelgänger also (der Doppelgänger ein Motiv, das v.a. Hoffmann liebte), oder, wie das Nachwort meiner Ausgabe es formuliert: die Geschichte von drei Zwillingen. Das Fragment setzt – eine Hommage an Goethes Wilhelm Meister, den auch die Berliner, wie Schlegel, für den modernen Meisterroman deutscher Zunge hielten – mit einer Aufführung einer reisenden Theatertruppe ein. Schon rasch allerdings lief die Geschichte aus dem Ruder, und Hoffmann – er sollte das vierte Kapitel schreiben – beklagte sich in oben genanntem Brief halb belustigt, halb ernsthaft verzweifelt, dass der Verfasser des zweiten Kapitels einen alten Mann eingeführt hatte, der die Verwicklungen zum Schluss auflösen sollte, den aber der Verfasser des dritten gemordet hatte – und nun stünde er sozusagen vor den Scherben: eine Hauptfigur unter Mordverdacht im Gefängnis; die Figur, die der Auflösung hätte dienen sollen, tot.
Man kam so nicht über das 8. Kapitel hinaus, und der Roman ist erschreckend wirr. Ich will gar nicht erst versuchen, ihn zusammenzufassen. Er ist umso wirrer, als wir nur noch die Kapitel besitzen, die Chamisso, Fouqué und Salice-Contessa geschrieben haben. Als nämlich das Scheitern des Projekts klar war, liessen Chamisso und Fouqué den Freiherrn von Vieren einen guten Mann sein und kümmerten sich nicht weiter um ihn. Salice-Contessa und E. T. A. Hoffmann aber verwendeten die bereits von ihnen geschriebenen Teile weiter. Literarisches Recycling, nennt man das, glaube ich.
Salice-Contessa machte aus seinem Teil die Kurzgeschichte Das Bild der Mutter, das zwar Motive des originalen Künstlerromans aufnahm, aber auf den ursprünglich ja sogar dreifach geplanten Doppelgänger völlig verzichtete. Es waren hier nur noch zwei Brüder, ungleichen Alters, die in für die Romantik typischen Verwicklungen den Eltern entrissen wurden oder eben nicht, und sich und ihren Vater schliesslich über das vom jüngeren Bruder, dem Maler, erstellten Traumbild der Mutter erkannten. Kein Meisterwerk, aber solide.
E. T. A. Hoffmann – der anders als Salice-Contessa seine Kapitel aus dem Original-Konvolut des Freiherrn von Vieren herauslöste (weshalb im Titel dieses Aperçus nur noch drei Autoren fungieren) – blieb dem Doppelgänger-Motiv treu. Allerdings eliminierte er den dritten Zwilling und machte aus der Geschichte eine Intrige an einem pseudonymen Hof in Deutschland. Handlung wie das Pseudonym des Hofs weisen darauf hin, dass neben dem allgegenwärtigen Schlegel (der aber mehr als Theoretiker) die Romane des Jean Paul Pate standen zu dieser Novelle. Sie hat viele gute Züge, zu E. T. A. Hoffmanns Meisterwerken würde ich sie aber nicht zählen.
Nein, was die Lektüre dieses Buchs interessant macht, ist der Einblick in ein schriftstellerisches Experiment, das gerade auf Grund seines Scheiterns fasziniert.
Meine Ausgabe: Der Roman des Freiherrn von Vieren. Mit Anmerkungen und einem Nachwort herausgegeben von Markus Bernauer. Berlin: Ripperger und Kremers, 2016.