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Dem Mann ganz nah
Rudolf Miller ist einer der letzten Barbiere im Thurgau. Ein Beruf aus einer Zeit, als es noch keine Rasierklingen gab.
Er setzt sich auf den Stuhl, der Mann, der Kunde, die hydraulische Pumpe im Sockel fährt ihn ein Stückchen weiter hoch, schwarzes Leder, Seitenlehnen für die Arme. Dann lässt Rudolf Miller die Rückenlehne nach hinten fallen, der Mann liegt beinahe, sein Hals liegt nackt da, ein wenig überdehnt, der blaue Schutzumhang wird umgelegt, die warme Kompresse auf die Haut gelegt, damit die Bartstoppeln aufweichen, die Poren sich öffnen, die Haut sich entspannt. Miller legt eine zweite warme Kompresse auf das Gesicht, sorgfältig hält er sie mit seinen schon etwas alten Händen angedrückt, eine Minute, vielleicht zwei, dann taucht er das Gesicht in weissen Rasierschaum, Marke Gillette, für empfindliche Haut, gekauft in einem Supermarkt in Arbon, Kanton Thurgau.
1950, auf einem Holzbänkchen sitzen Arbeiter, Professoren und Lehrer in der Warteschlange für eine Nassrasur bei Miller Coiffeur an der Sonnenhügelstrasse 3 in Arbon und warten geduldig, bis sie dran sind, über Politik wird diskutiert, über die Arbeit und darüber, was zu Hause alles schief läuft, mit den Frauen. Zigarettenrauch und Klänge aus dem Radio verlieren sich in der Luft, Vater Miller stutzt dem Dorfpfarrer und dem Lehrer die Schnäuze. Millers Kinder, ein Bub und ein Mädchen, wachsen in der Wohnung neben dem Salon auf, 24. April 1951, ein drittes Kind wird geboren, der kleine Rudolf, der Vater läuft ins Spital, den älteren Sohn an der Hand, die Strasse hinauf, und dieser sagt: «Papi, gell, jetzt muss ich nicht mehr Coiffeur werden. Jetzt haben wir einen.»
Heute sagt Rudolf Miller, der Beruf sei ihm in die Wiege gelegt worden, «mein Bruder ist jetzt Metzger», das sei ja fast das Gleiche, er habe auch ein Leben lang mit Messern hantiert. Miller holt eine alte Tafel hervor, «damals, als mein Vater den Laden noch führte, kostete eine Rasur einen Franken», sagt er, und schüttelt sanft den Kopf, «unvorstellbar, heute, sowas», später irgendwann drei Franken, der Schuss Pitralon, das Rasierwasser, das noch vor dem legendären Old Spice existierte, kostete 20 Rappen extra. Heute kostet eine Rasur bei Miller 18 Franken, mit Kompressen 25, 20 Minuten Wellness fürs Gesicht. «Ich habe festgestellt, dass wieder mehr Junge kommen», sagt Miller, auch mal zum Rasieren, ein-, zweimal im Jahr, «plötzlich sass ein 26-Jähriger bei mir im Stuhl und sagte, das sei ja wie im Barbershop.» Das sei aber eher die Ausnahme, eine Hand voll Rasierkunden hat Miller noch pro Monat, «bei diesem Preis denken die Leute heute zweimal drüber nach, ob sie sich das gönnen wollen.» So eine Rasur, das ist eben eine kurze Sache, einmal drüber schlafen und die Stoppeln sind wieder da.
1975, die langen, weissen Deckenlampen in Kristallglasoptik scheinen neu auf die Kunden herab, der Laden ist umgebaut, die Damen und Herren sitzen noch immer getrennt, aber vereint im gleichen Raum. Rudolf Miller ist nun der Herr im Salon, immer mittwochs und samstags rasiert er den Männern die Stoppeln aus dem Gesicht, während seine Frau die Damen bedient, «das waren die klassischen Rasiertage, das hat sich so eingebürgert.» Wenn einer am Rasiertag Haare schneiden wollte, musste er einen Aufpreis zahlen. Zu Hause rasieren, das gab es damals noch nicht, die technologische Revolution hatte Arbon noch nicht erreicht, wenn einer es selbst versuchte, dann mit einem Messer – wenn er sich traute. «Meistens waren sie nicht mutig genug, und so kamen sie hierher.»
"Früher hatte man Zeit, zu warten. Dieser Salon war ein Treffpunkt für die Leute, das war wie Apéro in einer Bar."
Mit ruhiger Hand wetzte Miller das Messer mit dem Perlmuttgriff am Abziehriemen der Marke Solina. Die Drehung immer auf dem Messerrücken, sonst würde es wieder stumpf, auf und ab, auf dem Leder, das man regelmässig mit Lederglanz einrieb, «wie die Schuhe beim Militär.» So, wie er es in der Lehre in St. Gallen im Quartier Rotmonten gelernt hatte, 1966–1970, drei Jahre Ausbildung zum Herrencoiffeur, danach ein Jahr Weiterbildung zum Damencoiffeur.
Hunderte Menschen sassen in all den Jahren in Millers Ledersesseln, unzählige unbekannte, einige bekannte, eine Hand voll berühmte vielleicht sogar. Namen nennt er keine, Herr Miller, «ich habe mein Arztgeheimnis», sagt er dann. Es gebe eine «Coiffeur-Schweigepflicht». In diesem Beruf arbeite man auf Vertrauensbasis. «Was man in diesem Laden hört, bleibt hier drin.» Und beim Rasieren, da sprach man sowieso nicht viel. «Das war eine stille Angelegenheit, das war Musse. Früher hatte man Zeit, zu warten. Dieser Salon war ein Treffpunkt für die Leute, das war wie Apéro in einer Bar.» Heute seien die Leute oft gestresst, vieles passiere auf Termin. «Natürlich, mit mir sprechen die Kunden, da ist alles wie immer. Aber untereinander sprechen sie nicht mehr.»
Rasch verteilt Miller den Schaum auf der nassen, warmen Haut, zuerst die Wangen, dann den Hals, die Seiten, dann die kleine Fläche zwischen Lippen und Nase, der Rasierpinsel aus Dachshaaren fliegt über das Gesicht. Der Kunde liegt da, mit geschlossenen Augen, sprechen kann er nun nicht mehr, stumm hält er hin, während Miller mit dem Rasiergerät den Schaum vom Gesicht schabt, «immer aus dem Handgelenk» und dabei die Haut spannt. Er rasiert mit einem langen Gerät aus golden glänzendem Metall, ganz dünn, dazwischen, versteckt in seiner Hülle, eine Klinge von Gillette, zwei weniger an der Zahl als im neusten Nassrasiermodell für den Mann zu Hause.
Jeder Mann, der morgens müde seinen Kopf in das Licht des Badezimmerspiegels hält, wäre jetzt zufrieden, doch ein Barbier ist es nicht, «das war der erste Durchgang», sagt Miller, «mit dem Bartwuchs», er rasiert weiter, bis die Haut wieder im Licht des Salons glänzt, eine zweite Schicht Schaum nun, wieder die Dachshaare, wieder eine Rasur, «diesmal gegen den Bartwuchs.» Vor dem ersten Schaum hat sich der Barbier den Bartwuchs genau angeschaut, sich die Richtung jedes Haares gemerkt, um dann, wenn alles überdeckt ist, genau zu wissen, wohin die Reise durch das Gesicht gehen wird.
Fast hält er das gesamte Gesicht in seinen Händen, so, wie es wohl sonst nur eine Frau tut, die diesen Mann liebt oder ihn zumindest begehrt, oder die Mutter, ganz früher mal.
«Das Rasieren gehörte damals zum Handwerk», sagt Miller, stundenlang hat er geübt, so lange, bis er es im Schlaf konnte, zwanzig bis dreissig Rasuren machte er am Tag. Ganze drei Mal war Miller in seinem Leben krank, «und wenn, dann nie lange.» Heute rasiert er nicht mehr mit dem Messer, die Routine sei inzwischen verlorengegangen. Am liebsten rasierte er dunkle Typen mit schwarzen Bärten, «das hat meinen Ehrgeiz geweckt, da kam die ganze Perfektion zum Vorschein.» Kleine Schnitte und Kratzer waren an der Tagesordnung, «Blutstillstift drauf und fertig, das war keine Sache», sagt Miller und verwirft die Hände halbherzig im Schoss, «die Zeiten ändern sich eben.» Hinter ihm auf den Glasregalen liegen alte Utensilien aus den Sechzigerjahren, Barbiermesser für die Herren, Crèpes-Eisen und Lockenstäbe aus Metall für die Damen. «Die hat man über der offenen Flamme erhitzt, und wenn das Seidenpapier danach gelb wurde, war das Eisen noch zu heiss», sagt Miller.
Er erinnert sich noch genau, wie das war, früher, und für alles andere hat er sein Handbuch aus den Siebzigerjahren, darin sind die Handgriffe der damaligen Coiffeurschule aufgeführt, und die Frisuren, die der Mann trug. Daneben ein Buch mit Bildern von Hipster-Typen aus Berlin, die neue Schule, seitlich kahl geschorene Köpfe, in der Mitte toupiert, «sowas mache ich natürlich auch, auf Anfrage», sagt Miller, man müsse sich immer weiterbilden. Natürlich sei das nicht wie in Zürich, hier, auf dem Land, hier gehe alles noch ein bisschen gemächlicher zu, und die Haare würden nicht so verrückt getragen.
Schaum ist ab, nur noch vereinzelt liegt verbrauchtes Gillette-Weiss im Gesicht des jungen Mannes, der seit einer Viertelstunde auf diesem Stuhl sitzt. Sanft tupft Miller die Reste mit einem weissen Tuch aus dem Gesicht, fährt mit seinen Fingerkuppen über das Kinn, ganz nahe ist er diesem Mann nun, er beugt sich über ihn, fast hält er das gesamte Gesicht in seinen Händen, so, wie es wohl sonst nur eine Frau tut, die diesen Mann liebt oder ihn zumindest begehrt, oder die Mutter, ganz früher mal. Das ist er nun also, dieser Moment, von dem Miller wohl sprechen muss, wenn er erzählt, dass eine Rasur Vertrauenssache ist, dass einer kommt, und ihm da seinen Körper anvertraut, ihn ganz nah an sich heranlässt. «Nur wenige Menschen fassen Körper an, der Arzt, der Physiotherapeut, der Zahnarzt. Und eben der Barbier», sagt Miller, dann überlässt er den Kunden eine halbe Minute sich selbst, taucht ein weisses Frotteetüchlein unter kaltes Wasser, die letzte Kompresse, zur Schliessung der Poren, sanfter Abschluss, erneut drücken seine alten Hände sanft an.
In über vierzig Jahren, in denen Herr Miller seinen Laden führt, hat er sich noch nie bei einem Barbier rasieren lassen.
Das letzte Mal beim Barbier rasieren lassen habe er sich ein paar Stunden vor seiner Hochzeit, sagt der Mann auf dem Stuhl, 15 Jahre sei das nun her, und ja, eigentlich müsse er wieder öfter kommen, besser sei das allemal. Der Mann ist Bankier, selbst ein Miller, der Sohn, eigentlich hätte er diesen Laden übernehmen können, doch er berät lieber Kunden bei der Postfinance. Wenn er morgens zur Arbeit fährt, hat der Coiffeurladen seines Vaters noch zu.
In über vierzig Jahren, in denen Herr Miller seinen Laden führt, hat er sich noch nie bei einem Barbier rasieren lassen. Warum, weiss er selbst nicht recht, «es war wohl so naheliegend, dass ich kein einziges Mal darüber nachgedacht habe.» Er rasiert sich täglich mit einem handelsüblichen Nassrasierer, vor dem Spiegel, mit Schaum aus der Dose, ohne Pinsel, einmal, gegen den Bartwuchs. «Der Bart muss ab, immer», sagt Miller, er hätte sowieso keinen schönen, ein paar Stoppeln, unregelmässig, grau. Seine Frau hätte auch keine Freude, am Ende mache man das doch eigentlich auch, um zu gefallen.
Was lange währt, erfindet man nicht neu.
Das Aftershave, der krönende Abschluss, «erfrischend muss es sein, gut riechen», sagt Miller, es ist eine Art Parfum für den Mann, ein Stück weit Identität, Hunderte Marken gibt es heute zu kaufen, Hunderte Duftnoten, Miller greift zu einem kleinen Fläschchen mit grüner Flüssigkeit, Rasierwasser aus dem Denner, «die Basis ist ohnehin überall die gleiche», reiner Alkohol, gemischt mit einem Duftstoff, «ich habe etwas Dezentes, Neutrales gewählt», schliesslich soll es möglichst vielen Kunden passen, bei einem Kunden pro Monat will Miller die Chance, das Falsche im Laden zu haben, ohnehin ziemlich klein halten. Und bei 18 Franken pro Rasur, da liegt Armani wohl einfach nicht drin. Das Seifenpulver, das man früher mit Wasser anrührte, ist längst durch Rasierschaum aus der Dose ersetzt, «einfacher und hygienischer», sagt Miller, er weint dem Alten eben doch nicht nach.
Natürlich sei es schade, dass die Männer sich nicht mehr beim Barbier rasieren lassen, «das war ein Geschäftszweig.» Früher war das Rasieren fester Bestandteil der Ausbildung, 18 Lehrlinge hat Miller in den Jahrzehnten ausgebildet, den letzten vor zwei Jahren. Eine Nachfolge für den Salon ist nicht in Sicht, zwei Jahre noch, dann geht Miller gemäss Bund in Pension, «ich will noch weiterarbeiten, wie ich halt mag», an zwei, drei Tagen noch, «die Kunden gewöhnen sich schon mit.» Er habe Leute hier, die seien über 70, sagt Miller, «und kamen schon als Bub hierher», ein ganzes Leben lang haben sie ihn begleitet, und er sie. «Meine älteste Kundin war 105 Jahre alt, bis zuletzt kam sie einmal in der Woche mit dem Taxi aus dem Pflegeheim zu mir in den Salon.» Was lange währt, erfindet man nicht neu. «Die müssen mich am Ende wohl mit den Füssen voraus aus diesem Haus tragen», sagt Miller und verzieht den Mund amüsiert. Soll das Leben spielen, wie es will, gestorben wird hier, im Elternhaus.
Miller Junior fährt sich übers Gesicht, ein bisschen länger, als einer das für gewöhnlich tut, in der Hektik des Augenblicks. «Ein riesiger Unterschied» sei das, nichts im Vergleich zu dem, was man zu Hause fühle, nach der morgendlichen Nassrasur. Miller Senior nickt, er ist zufrieden, «wienes Babyfüdli» sei die Haut nun, so müsse es sein. Ob ich mal fühlen wolle, fragt Herr Miller, etwas befremdet fasse ich dem Fremden ins Gesicht, Haut wie Seide, ich bin erstaunt. Und neidisch, dass ich nie erfahren werde, wie sich so ein Gesicht wirklich anfühlt, für einen selbst, nach dem Besuch beim Barbier.
Die Autorin ist mit Rudolf Miller nicht verwandt.