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René Hubert zog die Stars wie die Swanson, die Dietrich und die Bergman an. Und auch die Swissair wurde von ihm beglückt.
Es ist kein Unglück Huber zu heissen. Das beweist unser sonniger Vielwisser Dani bekanntlich Tag für Tag für Tag. Trotzdem war der Name Huber dem Huber, um den es hier geht, einen gewissen René aus Frauenfeld, nicht genug. Als der 1895 geborene Stickereizeichner nämlich in Paris Kunst studierte, nannte er sich Hubert. Nicht wie ein deutscher Hubert natürlich, sondern Hubert wie Ubèrt. In Paris designte er Kostüme für die Damen der freizügigeren Bühnenshows, Gerüschtes und Geschlitztes, und eines Tages stand Hollywoodstar Gloria Swanson, die gerade in Paris einen historischen Film drehte, vor ihm und sagte: «Ich will dich.» Beruflich wie privat. Als ihren persönlicher Designer. Und so kam René Hubert 1924 nach Hollywood.
Er war der Herr über Gloria Swansons Garderobe, er entfesselte für die Leinwand den gerissenen Tiger des Glamour und hüllte sie privat in moderne, reduzierte Gewänder. Man nannte Gloria Swanson damals die bestangezogene Frau der Welt. Er war der Mann hinter ihrer Mode. Und er hatte viel zu tun. «Gloria Swanson war vielleicht nicht die beste Schauspielerin, aber der grösste Star», sagte er rückblickend 1975, «stellen Sie sich vor: Miss Swanson musste jeden Tag anders aussehen, immer elegant, immer Star. Das ist für eine Frau eine enorme Arbeit, das musste sie jedoch tun, sie war dem Produzenten gegenüber vertraglich verpflichtet.»
Schnell war Hubert eine Legende. Und schnell soll er, so heisst es unter Hollywoodkennern, der letzte Liebhaber des grössten männlichen Stars der 20er-Jahre geworden sein, nämlich von Rudolph Valentino, dem Italiener, für den der Ausdruck «Latin Lover» erfunden wurde. Hubert zog den exakt gleichaltrigen Valentino für den Film «Monsieur Beaucaire» mehr aus als an. Ebenso schnell war Amerika zu klein für den vielbegehrten Schweizer. Er pendelte zwischen Hollywood, Berlin, London und Paris, kostümierte mal ein realismustriefendes deutsches Stummfilm-Melodram, mal eine französische Sozialsatire oder britischen Science-Fiction.
Vivien Leigh, seit «Vom Winde verweht» der grösste Star auf Erden, rief zu Beginn der 40er nach ihm, und für sie und ihren Ehemann Laurence Olivier schuf er die Kostüme für «That Hamilton Woman». Zwei davon sind jetzt in Zürich im Museum für Gestaltung ausgestellt, eine schwarz-silberne Robe von Leigh und ein Stück Uniform von Laurence Olivier, der Lord Nelson spielte. Und so sehr man hyperventiliert, weil in diesem Berg von Stoff mal die Frau steckte, die Scarlett O'Hara in «Vom Winde verweht» war, so amüsant ist es auch, die Unübersetzbarkeit eines Filmkostüms in die Realität zu betrachten.
Denn Filmkostüme müssen auf der Leinwand wirken und glitzern, müssen das Licht der Scheinwerfer reflektieren und mit gewalttätiger Anmut präsent sein, müssen mehr sein als ein Kleid, aber von Material und Verarbeitung her oft weniger. Auch Leighs im Film so kostbar funkelnder Diamantschmuck ist in echt ein hübscher, cheaper Tand. Im gleichen Jahr arbeitete Hubert für Marlene Dietrich («The Flame of New Orleans») und wenig später für Hitchcock («Lifeboat»). Die Dietrich, so erzählte er später in einem Interview, habe ihn einmal mit mehreren seiner Hutmodelle zu sich nach Hause bestellt und diese dann splitternackt vor ihm probiert.
Gloria Swansons Kostüme konnten pandemiebedingt nicht nach Zürich transportiert werden, zu geniessen sind sie zum Glück auf unzähligen Fotos – dafür sind zwei der Kleider aus «Désirée», für den Hubert die erste Oscarnominierung erhielt, ausgestellt. «Désirée», wer kennt sie nicht, die Geliebte Napeloens, er gespielt von Marlon Brando, sie von Jean Simmons. «Désirée» war einer der ersten Farbfilme von Hubert, zuvor hatte er jahrzehntelang in Schwarzweiss gedreht, die Ausstellung zeigt mit Entwürfen, Fotos und Filmausschnitten sehr einleuchtend, wie anders man Kostüme entwerfen musste, wenn einem ausser Schwarz, Weiss, Grau und Glitzer nicht viel zur Verfügung stand.
Auf «Désirée» folgte «Anastasia» mit Ingrid Bergman und Yul Brinner und – die Swissair! Denn Hubert war in der Schweiz längst ein Superstar, bereits in den 30er-Jahren hatte er regelmässig für die NZZ Mode kommentiert, 1939 kreierte er für die Landesausstellung eine Modeschau und 1947 berichtete er in der «Schweizer Illustrierten» über Hollywood nach dem Krieg: «Das Erlebnis des Krieges hat Hollywood vollständig gewandelt. Seine Menschen sind anders, friedlicher, stiller und ausgeglichener geworden. Man arbeitet heute in einer Atmosphäre der Harmonie und des guten Willens. Hysterische Ausbrüche launenhafter Stars (...) gibt es praktisch kaum mehr.» Jedenfalls nicht unter den amerikanischen Stars. Die europäischen seien weiterhin arrogante, renitente Rüpel.
1950 bis 1966 wurde Hubert der Auftrag für die höchste textile Ehre verliehen – er durfte das Innendesign von DC-6, DC-7, CV-440 und des ersten Langstreckenjets DC-8 gestalten. Und selbstverständlich auch die Uniformen der Stewardessen. Er wählte Himmelblau, Wolkenweiss und Schweizerrot für die Kabinen und Dunkelblau und Hellblau für die Damen. Er arbeitete mit knitterfreien Kunstfasern und entwarf das erste «Tropenkleid», ein dünnes, kurzärmliges Blusenkleid, das nur Stewardessen erhielten, die in warme Länder flogen. Sein Auftrag: weg vom Militärischen, hin zum Modischen.
Doch Hubert designte nicht nur für den Himmel und die Leinwand, er schuf auch strassentaugliche Mode, denn dass er auch damit Erfolg hatte, bewies ausgerechnet ein Stück, das er für einen Kinderstar geschaffen hatte, ein unkompliziertes kurzes Kleid, das die siebenjährige Shirley Temple 1935 in «Curly Top» trug. Es war so beliebt, dass es in den normalen Verkauf kam und dort ganze vier Millionen amerikanischer Mädchen beglückte.
In der Schweiz entwarf er unter anderem für Jelmoli Regenmäntel mit Rosen- und Punkte-Print, «in welchem Sie das düstere Strassenbild unter grauem Himmel fröhlich aufhellen werden». Wer eine neue Kunstfaser am Start hatte, warb ungeniert damit, dass Hubert aus Hollywood danach verlangt habe, und reiche Zürcherinnen leisteten sich gelegentlich ein Unikat des Mannes, der die Stars glänzen liess.
Seine letzte Arbeit für den Film war 1964 noch einmal für Ingrid Bergman (und Anthony Quinn) in der deutsch-italienischen Produktion «The Visit» von Bernhard Wicki, nach einem weltberühmten Stück von Friedrich Dürrenmatt, in dem eine Dame, die weit älter ist als die Bergman im Film ihr altes Dorf Güllen heimsucht. «The Visit» wird seine zweite Oscarnominierung.
Er selbst setzte sich – passend zur Bohème jener Zeit – mit seinem griechischen Lover nach Marokko ab, bevor sie sich schliesslich in einer Viereinhalbzimmer-Wohnung in Zürich-Neuaffoltern niederliess. Dort stirbt er am 7. Juni 1976, acht Monate nach seinem 80. Geburtstag. Er, der Schweizer, der Hollywoods Träume in Pelz und Glanz und Tüll verpackte.
Die Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung (Toni-Areal) ist bis zum 19. Juni zu sehen. Ebenfalls sehr zu empfehlen ist die begleitende Ausstellung über Huberts Zeitgenossen Alexey Brodovitch, den ersten Art Director der Modefotografie, der für Richard Avedon und «Harper's Bazaar» arbeitete und im Film «Funny Face» mit Audrey Hepburn verewigt ist.