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Sprache ist Macht
Der Geschichtsschreiber der Gegenwart. Bild: Luca Hubschmied
Der Mensch ist kein rationales Wesen und genauso wenig rational ist unser politisches Denken: Sprachliche Metaphern formen unsere Urteile stärker als wir meinen und können als manipulatives Instrument eingesetzt werden.
Als die Schweizer Stimmberechtigten im Februar 2014 antraten um über die Masseneinwanderungsinitiative abzustimmen, bot sich uns ein Lehrstück in politischem Geschick. Die verwendete Terminologie einer «Masseneinwanderung» hatte sich während des langen Abstimmungskampfes epidemisch in alle Richtungen verbreitet. Das Wort bereitete einem Bild die Bühne vor, das sich bis heute im politischen Diskurs festkrallen konnte. In den Medien wurde der Begriff zwar auch kritisch thematisiert, doch alleine die inflationäre Erwähnung einer «Masseneinwanderung» dürfte genügt haben, um Ängste und Ressentiments zu schüren, die zu dem knappen Ja-Entscheid führten, an dem die Mühlen der Politik bis heute mahlen.
Der Framing-Effekt
In welchen Kontext eine Botschaft gestellt wird, beeinflusst massgeblich, wie wir darüber nachdenken. Der sogenannte Framing-Effekt wurde bereits 1981 vom späteren Nobelpreisträger Daniel Kahneman und seinem Kollegen Amos Tversky benannt. In seiner einfachsten Form lässt er sich mit folgendem Beispiel illustrieren: Eine potentiell heilende Therapie für schwer kranke Menschen bietet ein Risiko von 10%, bei dem Eingriff zu sterben und eine Chance von 90%, zu überleben. Ob die Therapie nun als «90% Chance» oder «10% Risiko» präsentiert wird, beeinflusst die menschliche Entscheidung für oder gegen die Therapie. Im positiv formulierten Beispiel entscheiden sich deutlich mehr Personen, die Therapie anzutreten. Der Frame ist der Bedeutungsrahmen, in dem die Botschaft präsentiert wird. Solche Effekte treten in allen sprachlichen Kontexten auf und können insbesondere in politischen Zusammenhängen manipulativ eingesetzt werden.
Ergebnisse der Kognitionsforschung zeigen weiter, dass Sprache auch unser Handeln unbewusst, aber sehr direkt beeinflusst. Bezeichnend dafür ist etwa der Florida-Effekt, den der Sozialpsychologie John Bargh 1996 entdeckte. Er bat in seinem Experiment eine Hälfte der Versuchspersonen, aus Wörtern wie «grau», «Falte», «vergesslich» und «Florida» ganze Sätze zu bilden. Anschliessend verliessen die Teilnehmer das Zimmer und begaben sich in einen anderen Raum. Es zeigte sich, dass diese Versuchspersonen nun signifikant langsamer gingen als jene Probanden, die zuvor Sätze aus neutralen Wörtern bildeten. Die mentale Aktivierung des Konzepts «Alter» wirkte sich direkt auf die Gehgeschwindigkeit der Personen aus.
Vom Nehmen und Geben
In der politischen Forschung wurde der Framing-Effekt lange Zeit kaum beachtet. Dabei ist Politik ein Paradebeispiel für die Verwendung von Metaphern. Komplizierte Konzepte werden mittels sprachlicher Bilder beschrieben, um sie so einfacher zugänglich zu machen. Begriffe wie etwa «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer» sind allgegenwärtig und ihr Framing kaum diskutiert. Dabei ist die Frage berechtigt, was das Verkaufen der eigenen Arbeitskraft an einen Betrieb mit dem «Nehmen“ von Arbeit zu tun hat. Es ist durchaus angebracht, den Frame umzukehren und die Arbeitenden als Arbeitgebende zu bezeichnen. Damit ändern sich nicht nur ein paar Buchstaben, aber auch die alltäglichen Konnotationen der Begriffe geben und nehmen werden ausgetauscht.
In ihrem 2016 erschienenen Buch «Politisches Framing» bezieht sich die Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling explizit auf den deutschsprachigen Raum und schuf ein Werk, das diese Thematik erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte. Sie bezeichnet Begriffe wie etwa «Steuererleichterung» als ideologische Frames, weil damit ein Werturteil assoziiert ist. Steuern sind eine Last, wenn sie wegfallen, erleichtert uns dies. Politik ist durchsetzt mit ideologischen Frames, diese sind stets selektiv, weil sie nie alle Aspekte eines Themas darstellen. Das Framing der Fragestellung bestimmt unsere Wahrnehmung derselben.
Flüchtende Wassermassen
Auffallend ist, dass ein Ungleichgewicht in der Verwendung von Frames in der politischen Landschaft besteht. Rechte und populistische Positionen haben eine lange Tradition in der Verwendung stark selektiver und reduzierter Formulierungen, die sich durch ihre Einfachheit im öffentlichen Diskurs zu etablieren vermögen. In der Schweiz beschäftigt sich eine kleine Gruppe um Susy Greuter, Christoph Hefel, Helena Kangur und Otto Tschuor damit, wie Sprache als politisches Machtmittel eingesetzt wird. An dem Kongress «Reclaim Democracy» leiteten die vier ein Atelier zur Thematik des politischen Framing, ausgehend von Wehlings gleichnamigem Buch. Der Germanist Otto Tschuor stellt denn auch fest: «Die Rechten verwenden Frames andauernd. Wir Linken hingegen nicht oder zumindest viel zu wenig.»
Insbesondere wenn es um Migration und Flucht geht, sind starke und überzeichnete sprachliche Bilder an der Tagesordnung. Die Konzeptualisierung flüchtender Menschen als Wassermasse ist dabei besonders oft festzustellen. Wörter wie «Flüchtlingsstrom», «Flüchtlingswelle» oder seltener auch «Flüchtlingstsunami» verneinen die Individualität flüchtender Menschen und beschwören das Eintreten einer verheerenden Katastrophe hinauf. Passend dazu wird eine Nation mit der Metapher eines «Bootes» beschrieben, das ein begrenztes Fassungsvermögen aufweist und in Seenot gerät, wenn es überfüllt ist: In der politischen Diskussion in Deutschland ist heutzutage wieder die Parole «Das Boot ist voll» zu hören, die bereits in den 90er Jahren Hochkonjunktur hatte (z.b. Kölnische Rundschau, 16.06.2016). Für die Sozialanthropologin Susy Greuter ist klar: «Solche politische Propaganda krallt sich an bestehende Frames und aktiviert starke Werturteile.»
Die Nein-Sager-Falle
Sich gegen manipulative Sprache zu wehren ist nicht einfach, gross ist die Versuchung, in die «Nein-Sager-Falle» zu tappen. Wer die Wortwahl des Gegenübers verwendet und lediglich verneint, tut genau was er eigentlich vermeiden will: Der Frame wird – trotz der Verneinung – zementiert, denn allein durch seine Erwähnung werden die Assoziationen und mentalen Konzepte aktiviert, die mit ihm in Verbindung stehen. Als wirksamere Alternative beschreibt Susanne Wehling das «Reframing» des unerwünschten Begriffs. Darunter versteht sie die Verwendung einer eigenen Metapher, das Erschaffen eines eigenen Frames.
Beispielhaft zeigt sich dies, wenn die Migrationsthematik von liberalen Kreisen als ökonomische Fragestellung geframet wird, etwa durch den Begriff «Wirtschaftsflüchtling» (auch zu beachten: die Wirkung des Suffix «-ling»). Dieser Bedeutungsrahmen offeriert die Möglichkeit einer einfachen, rationalen Entscheidung über die Aufnahme von Geflüchteten: Profitieren wir von ihrer Immigration? Es ist nun aber allzu verheerend, diesen Frame aufzugreifen und zu negieren, indem argumentiert wird, dass die Immigration für die Schweizer Wirtschaft positive Auswirkungen habe. Eine solche Art von Replik unterstreicht die Legitimität der ursprünglichen Frage und unterlässt es, die Thematik so zu beleuchten, wie sie es verdient hätte: Nicht als Frage der wirtschaftlichen Argumente, aber als Frage selbstverständlichen Mitgefühls und humanitärer Verpflichtung.
Infos zum Kongress Reclaim Democracy:
http://www.reclaim-democracy.org/