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Junge Perserinnen aus bestem Haus trugen um 1880 eine Art Tütü wie aus Schwanensee.
Die Ausstellung Farbe bekennen. Textile Eleganz in Teheran um 1900 im Museum Rietberg zeigt den Nachlass eines erfolgreichen Schweizer Geschäftsmanns, der zwei Jahrzehnte im Iran lebte und 1896 nach Zürich zurückkehrte. Emil Alpigers grosse Holztruhe war über Generationen sorgsam verwahrt worden, nun wurde sie dem Museum übereignet.
«Es waren beglückende Stunden,» erinnert sich Kurator Axel Langer, als er die Textilsammlung bei Rudolf Schnyder, der sie für die Nachkommen verwahrte, bis das richtige Museum gefunden war, 2010 erstmals sehen konnte. Nun sind die Textilien inventarisiert und fotografiert, ebenso die vier Fotoalben sowie die persönlichen Aufzeichnungen Alpigers, die ausserdem in der Kiste lagen.
Junge modisch gekleidete Perserin, fotografiert von Antoin Sevruguin, um 1880–1895
Aber zurück zur Geschichte des persischen Tütü. Sein Ursprung liegt in der ersten Europareise des Shah Naser al-Din. Fasziniert von einer Ballett-Aufführung in Paris, vor allem von den Tütüs des Corps de Ballet, kaufte er den Tänzerinnen 23 Stück ab und brachte sie heim. Unverzüglich setzte sich in den Palästen ab 1873 eine neue Mode durch: kurze, weit gebauschte Röckchen aus vier Meter in der Taille gerafften Stoffs, dazu ein enges, kurzes Jäckchen und weisse Knöchelsöckchen. Natürlich gehörte diese Kleidung ins Haus, in die Gemächer der Frauen. Wer sich auf die Strasse, in die Öffentlichkeit wagte, musste sich bedecken: Riesig weite Pluderhosen aus eher steifen Stoffen samt Füsslingen waren geeignet, den bauschigen Minirock zu verpacken, darüber kam der Tschador und fürs Gesicht der Schleier. Da der Umhang damals schon meist schwarz war, wurden diskrete Goldbordüren eingewoben, wollte man seinen Stand dennoch andeuten. Ein solches Stück fand sich in Alpigers Truhe.
Emil Alpiger (1841 bis 1905) aus Gams im St. Galler Rheintal zog es früh fort von daheim. Oft auf dem Pfad der Textilindustrie. In Italien und Frankreich konnte keine Seide mehr produziert werden, Alpiger kaufte in Asien, wo es noch gesunde Seidenraupenstämme gab, Nachschub in Form von Eiern für die wegen eines Parasiten zusammengebrochene europäische Seidenraupenzucht. Einen Abenteurer, könnte man ihn nennen, er reiste buchstäblich einmal um die Welt, war lange im Kaukasus, in Japan, längere Zeit in Paris, wie seinen Reisenotizen zu entnehmen ist, die sich verarbeitet in der Begleitbroschüre zur Ausstellung nachlesen lassen . Sein späteres Leben im Iran ist gut dokumentiert: Alpiger leitete zwanzig Jahre lang die britische Teppichmanufaktur Ziegler & Co. in Soltanabad (Arak).
Alpiger war – wie viele Europäer – ein Sammler von Kunsthandwerk, antiken Keramiken und Waffen sowie zeitgenössischen Textilien, die nun ausgestellt sind. Damals wurden Perserteppiche in London, Paris und Wien zum ultimativen Must Have des aufstrebenden Bürgertums und des Adels. Bald wurden die Muster und Farben dem Modediktat aus Europa unterworfen, die Teppiche wurden grösser, farbiger, aber auch einfacher in der Musterung. Den Einheimischen musste ein solcher Teppich vorgekommen sein, „wie ein gerupftes Huhn,“ meint Langer, freut sich jedoch, dass Ziegler-Teppiche ausnahmslos mit Naturfarben eingefärbt worden waren.
Der Kulturaustausch funktionierte auch andersherum: iranische Sticker bauten in ihre Wandbehänge europäische Motive ein. Alpiger sammelte auch solche Stücke, und in der Ausstellung gibt es Stellwände mit Kopien von typischen Rankenmustern, regelrechte Vexierbilder der kreativen Aneignung fremder Motive, hier sind es Engel, zu erkennen an den Flügeln.
Sehr früh wurden billige Baumwollstoffe aus England in den Iran exportiert und dort vor allem als Futterstoffe für Kleidungsstücke aus gemusterten Wollgewebe oder Seidenstoffen verwendet. Die exportierende Industrie hatte sich schnell angepasst und die komplizierten Webmuster einfach auf ihre Baumwolle gedruckt. Sichtbar auf der Innenseite der Frauenjäckchen oder als Futter der Männerkleidung, wobei einer der Mäntel ganz aus europäischer Baumwolle genäht ist.
Die Fotosammlung Alpigers enthält unschätzbare Dokumente aus der Frühzeit der Fotografie, die zugleich den technischen Fortschritt, die Landschaft und das Leben jener Zeit belegen. Viele der Bilder wurden von Antoin Sevruguin, dem damals wohl berühmtesten Fotografen im Iran gemacht, manche sorgsam für den Export inszeniert, beispielsweise die „Weberinnen“. Deren Arbeitsbedingungen waren bei weitem nicht so angenehm, wie andere Fotos aus Alpigers Sammlung belegen; die Parallelen zur heutigen globalisierten Textilindustrie sind nicht von der Hand zu weisen. Auch damals ging es um Profit und Ausbeutung.
Dokumentiert ist auf den Fotos auch der Wandel der Kleinstadt Soltanabad zum Zentrum der persischen Teppichindustrie, wo Elemente europäischer Architektur übernommen wurden, wie Elahe Helbig, welche die Fotosammlung wissenschaftlich ausgewertet hat, zu den Fotos schreibt. Das Begleitheft zur Ausstellung, das als zweiten Text einen Beitrag von Axel Langer zu Emil Alpigers Biographie und Sammeltätigkeit enthält, vermittelt Zusatzinformationen über den Kulturaustausch zwischen dem Iran und Europa, die Europäisierung des Orientteppichs auf der einen Seite und die Aneignung westlicher Elemente für die eigene Kultur.
Wandbehang oder Decke (Detail) aus Wollflanell mit Seidengarn-Stickerei. Iran, Rasht, 1875–1895
Die Ausstellung ist wissenschaftlich insofern auf der Höhe der Forschung, als sie die „Verflechtungsgeschichte“, die heute besonders interessiert, augenfällig illustriert, nachdem man bislang vor allem das Reine gesucht und untersucht hat. Das Authentische ist nicht unbedingt der Artefakt, der ohne Beeinflussung von anderswo entstand, falls es so etwas überhaupt je gab, sondern das, was aus anderen Quellen in das Eigene eingeflossen war. Weltweit gehandelt wurde längst vor der Globalisierung.
Bis 14. April 2019 im Museum Rietberg
Alle Abbildungen © Museum Rietberg