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Alma Lanz trägt leuchtend gelbe Hörgeräte. Im Gymnasium hatte sie irgendwann beschlossen, offen mit ihrer Behinderung umzugehen. Aufgrund einer genetischen Veranlagung kann sie störende Nebengeräusche nicht automatisch ausblenden und reagiert sehr empfindlich auf Papierrascheln, Stühlerücken und ähnliche Geräusche, die gut Hörende kaum wahrnehmen. Das Handicap hat sie allerdings nicht daran gehindert, an der Universität Basel Germanistik und Geschichte zu studieren. Doch während das Tuscheln von Banknachbarn für die meisten Kommilitonen allenfalls ein Ärgernis war, verunmöglichte es Alma Lanz immer wieder, dem Unterricht zu folgen. «Ein Saal mit zweihundert Studierenden, die ein bisschen plaudern und mit Zeitungen rascheln, klingt für mich wie eine überfüllte Bar», erklärt Alma Lanz. Unter diesen Bedingungen einem Vortrag zu folgen, sei unheimlich anstrengend. Hörsäle mit speziellen Anlagen, die es Hörbehinderten ermöglichen, problemlos dem Unterricht zu folgen, sind an ihrer Alma Mater eine Seltenheit.
Flüsterer und Schnurrbärte
Zu den Hindernissen im Studienalltag von Alma Lanz gehörten leise oder schnell sprechende Professoren und Kommilitonen, Schnurrbärte von Dozenten, die das Lippenlesen erschwerten, hallende Räume oder ungünstige Sitzplätze. Schon nach wenigen Wochen an der Universität war ihr klar, dass sie ihre Behinderung offen kommunizieren musste, da ihre Bedürfnisse sonst schlicht nicht wahrgenommen wurden. «Vielen Dozierenden ist nicht bewusst, dass sich unter ihren Studierenden auch solche mit Handicaps befinden», sagt Alma Lanz. Wenn sie Dozierende über ihre Bedürfnisse aufgeklärt habe, hätten diese meistens verständnisvoll reagiert. Häufig sind es Kleinigkeiten, mit denen Dozierende den Alltag von hörbehinderten Studierenden einfacher machen können; etwa indem sie die Fragen anderer Studierender wiederholen.
Doch nicht allen Studierenden mit Behinderung fällt es so leicht wie Alma Lanz, ihre Bedürfnisse offen zu kommunizieren. Immerhin 10 Prozent der Studierenden sind von einer chronischen Erkrankung betroffen, und 2 Prozent studieren mit einer Behinderung, wie aus der Nationalfondsstudie «Menschen mit Behinderungen an Schweizer Hochschulen» aus dem Jahr 2005 hervorgeht. Nur ein Bruchteil dieser Gruppe lebt mit Handicaps, die auf den ersten Blick sichtbar sind. Häufig denkt man bei Behinderung zunächst an Menschen in Rollstühlen. Dass es seh-, sprech- und hörbehinderte oder chronisch kranke Studierende gibt, ist im wortwörtlichen Sinn häufig nicht offensichtlich.
Viele Handicaps führen zudem immer wieder zu Stigmatisierungen, so dass Betroffene sehr genau abwägen, wie offen sie ihre Probleme kommunizieren wollen. «Aufgrund von Statistiken der IV kann man davon ausgehen, dass über ein Drittel der Studierenden mit Handicap an psychischen Krankheiten leidet», schätzt Caroline Cornelius. Die Psychologin moderiert seit vier Jahren ein Online-Forum für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, das die Sozialberatung der Universität Basel in Zusammenarbeit mit Uniability.ch anbietet, einer Seite mit Hinweisen auf Dienstleistungen von Schweizer Hochschulen für Behinderte.
Sitzplätze im Hörsaal
Im Forum sind auch Studierende ohne Behinderung willkommen, die an Informationen, Hilfestellungen und Austauschmöglichkeiten rund um das Studium mit Behinderung interessiert sind. Zurzeit sind dort etwa vierzig Studierende aktiv, die meisten von ihnen studieren aber mit einem Handicap. Im Forum können die Teilnehmer anonym bleiben, eine Möglichkeit, von der fast alle Gebrauch machen. Denn im Alltag sind Behinderte häufig damit konfrontiert, dass sie entweder eine offensichtliche Behinderung gern verbergen möchten oder ein unsichtbares Handicap es schwierig macht, in bestimmten Situationen um Rücksicht und Unterstützung bitten zu müssen. Inzwischen wird an der Universität Basel darüber diskutiert, in Zukunft jeweils einige Plätze in jedem Hörsaal mit speziellen Aufklebern zu kennzeichnen, die es Studierenden ermöglichen, sich unkompliziert «sichtbar» zu machen. Die Idee dazu wurde in dem Studierenden-Forum entwickelt.
«Ein grosses Problem ist, dass die Bedürfnisse der betroffenen Studierenden sehr individuell sind», sagt Peter Hänggli. Der 24-Jährige studiert in Basel Psychologie auf Masterstufe und engagiert sich in der Universitätspolitik für die Chancengleichheit von Studierenden mit Handicap. Während einige Studierende mehr Licht oder Ruhe brauchen, sind andere auf rollstuhlgängige Gebäude oder Verständnis angewiesen, wenn eine chronische Krankheit die Abgabe einer Seminararbeit verzögert. Doch auf eine individuelle Betreuung sind viele Hochschulen schlecht eingestellt. So bemängelt eine aktuelle Bestandesaufnahme der ZHAW über die Zugänglichkeit von Schweizer Hochschulen für Studierende mit Behinderung, dass Ansprechpersonen an vielen Hochschulen entweder gar nicht bestimmt oder wenig bekannt sind. Zudem wissen die Hochschulen oft nicht, wer Unterstützung benötigt. «Eine systematische Erfassung von Behinderungen ist aus Datenschutzgründen nicht möglich», sagt Peter Hänggli.
Auch er hat eine Behinderung. Peter Hänggli leidet an Nachtblindheit und einem eingeschränkten Gesichtsfeld. An der Universität macht sich die Sehbehinderung vor allem dann bemerkbar, wenn Räume ungenügend beleuchtet sind. So rempelte er früher im Eingang zur Mensa regelmässig Leute an, weil er sie nicht sehen konnte. «Als ich mich beschwerte, reagierte die Universität umgehend. Die Lösung war zwar nicht optimal, aber ich fand es super, dass schnell etwas unternommen wurde», erzählt Peter Hänggli. Die Entwicklungen der letzten Jahre scheinen in Basel für viele Studierende mit Handicaps Verbesserungen gebracht zu haben. Umso wichtiger wäre der Austausch zwischen den Hochschulen. Doch dieser, ein weiterer Kritikpunkt der ZHAW-Studie, findet bis jetzt nur teilweise statt.