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In der frankofonen Welt ist Boris Cyrulnik ein Star. Der Neuropsychiater gilt als Koryphäe der Resilienzforschung, also der Fähigkeit, besonders belastende, traumatische Erfahrungen zu überstehen.
Cyrulnik ist ein wacher und genauer Beobachter mit viel Humor. Letzterer blitzt während des Gesprächs immer wieder auf, etwa wenn er sich über Politiker lustig macht, deren Intelligenzniveau dem eines lernfähigen Hundes entsprächen.
Dass man ihm zuhört, hängt nicht zuletzt mit seiner Geschichte zusammen. Im Zweiten Weltkrieg verlor er beide Eltern, die von den Nazis in Auschwitz ermordet wurden. Cyrulnik selbst wurde 1944 bei einer Razzia verhaftet.
Ich versteckte mich zwischen Spülkasten und Decke.
Zusammen mit anderen Jüdinnen und Juden hielt man ihn in der Synagoge von Bordeaux fest. Alle Gefangenen wurden deportiert, bis auf eine Frau, die für tot gehalten wurde, und den kleinen Boris.
Die rettende Krankenschwester
«Ich versteckte mich zwischen dem Spülkasten und der Decke. Keinem Soldaten kam es in den Sinn, bei der Durchsuchung des Gebäudes den Blick zu heben. Als es still wurde, bin ich hinuntergeklettert und zur Tür gelaufen», erzählt Cyrulnik.
«Eine Krankenschwester – Madame Descoubès, es ist wichtig, ihren Namen zu nennen – winkte mir zu, dass die Luft rein war. Ich rannte eine Treppe hinunter und versteckte mich unter einer Frau, die im Sterben lag.»
Als Cyrulnik 40 Jahre später an jenen Ort zurückkehrt, an dem er sich vor den Nazis und der französischen Gestapo versteckte, ist er sich sicher, dass die Treppe, die er damals hinunterrennen musste, so lang war wie jene aus dem Film «Panzerkreuzer Potemkin» mit ihren 192 Stufen: «Doch da waren bloss zwei oder drei mit Moos bewachsene Tritte.»
Die Realität und die Erinnerung daran seien nicht dasselbe, so Cyrulnik: «Wir lügen nicht, sondern Emotionen, Erinnerungen und Realität verschmelzen.» Das gelte für alles Erlebte, aber in besonderem Masse für Traumata.
Die Kraft der Präsenz
Um diese zu bewältigen, bedürfe es Sicherheit und Geborgenheit. Diese könnten nur durch andere Menschen geschaffen werden. «In einem ersten Schritt reicht die Präsenz einer anderen Person, die nonverbale Unterstützung bietet, einen Händedruck oder eine Tasse Kaffee etwa.»
In einem zweiten Schritt sei wichtig, dass man über die traumatische Erfahrung spricht, sofort oder erst nach ein paar Monaten. Cyrulnik selbst brauchte 40 Jahre. Weil ihm niemand glaubte, was er erlebt hatte, hörte er auf, davon zu erzählen.
Dass in Frankeich – anders als in Westdeutschland – der Holocaust und die Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis nur schleppend aufgearbeitet wurde, war ein weiterer Grund.
Für immer gezeichnet
«Das Erlebte hinterlässt Spuren im Körper und im Gehirn, das kann man messen. Ich bin der, der als Kind dem Tod entkommen ist, das ist ein Teil meiner Identität. Aber wir können zurück ins Leben finden», ist der Neurologe überzeugt.
Das Leben kehrt zurück, aber nicht so, wie es vorher war.
Die schönste Definition von Resilienz stamme übrigens aus der Landwirtschaft: «Resilienz ist, wie wenn nach einer Überschwemmung oder nach einer Feuersbrunst eine andere Flora und Fauna entsteht. Das Leben kehrt zurück, aber nicht so, wie es vorher war.»
Cyrulnik ist ein lebendes Beispiel dafür, dass man zurück ins Leben finden kann. Und für Sätze wie diesen, muss man den 85-Jährigen einfach lieben: «Solange ich lebe, bin ich nicht tot. Solange ich lebe, mache ich Pläne, suche die Begegnung mit Menschen und hoffe, dass ich Freude am Suchen und Verstehen habe.»
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