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Die einen bohren in ihrem Garten nach Grundwasser, anderen wird die Leitung gesperrt: In Kapstadt offenbart sich die alte Rassentrennung über die Wasserrechnung.
Diana Pletzer ist 58, weiss, und lebt in Constantia, einer wohlhabenden Kapstädter Vorstadtgegend, in der jede Villa von mächtigen Mauern umgeben ist. Pletzer lebt hier nur noch mit ihrem Mann Otto, die Kinder sind längst ausgezogen. Hinter der zweistöckigen Villa breitet sich ein herrschaftlicher Garten aus, den sie mit grosser Sorgfalt pflegt. Das Rosenbeet steht in voller Blüte, der Rasen dahinter ist akkurat geschnitten. Wenn Diana Pletzer ihre Blumen giessen möchte, zapft sie Wasser aus einem etwa zwei Meter hohen Tank, der sich zwischen den Büschen am Rand des Gartens versteckt. Der Tank wird mehrmals pro Woche mit Grundwasser gefüllt, das ein vollautomatisches Pumpensystem aus einer Tiefe von über hundert Metern nach oben holt, 10 000 Liter in der Stunde. Auch durch die Schläuche der Sprinkleranlage, die den Rasen wässert, fliesst Grundwasser.
Die pensionierte Lehrerin, die immer noch einspringt, wenn KollegInnen ausfallen, blättert auf der Terrasse durch die abgehefteten Wasserrechnungen der letzten Jahre. «Wir zahlen für Trinkwasser 100 Rand im Monat (umgerechnet etwa 19 Franken), das ist doppelt so viel wie noch vor drei Jahren. Müssten wir auch noch unseren Garten mit Wasser aus der Leitung giessen, wäre die Rechnung zehnmal so hoch. Die Regierung belegt uns mit immer höheren Abgaben, weil wir für die Armem mitbezahlen sollen.»
Pletzer nimmt einen Schluck Tee, gebrüht mit Wasser aus dem Hahn in der Küche. Das Nass aus der Tiefe kann man nicht trinken. Zu viel Eisen.
Unbezahlte Rechnungen
Thandiwe Mazinga ist 45, schwarz und lebt in Khayelitsha, dem zweitgrössten Township Südafrikas, in dem jede Blechhütte von mindestens drei weiteren Blechhütten umgeben ist. In einer davon lebt Mazinga mit ihrem Mann und drei Kindern. Die beiden sind arbeitslos, sie bekommen vom Staat eine monatliche Unterstützung von 500 Rand (etwa 90 Franken). Vor kurzem bekam sie eine Wasserrechnung über mehr als 9000 Rand (über 1600 Franken), die sich über viele Monate angestaut hatte. Mazinga konnte sie nicht bezahlen.
Jetzt hat die Stadt eine Vorrichtung an ihrer Wasserleitung installiert, um die Leitung zu sperren, wenn die sechs Kubikliter Wasser, die per Gesetz jedem Haushalt monatlich zustehen, aufgebraucht sind. Ein Mitarbeiter der Stadt kam neulich zu Besuch und kündigte an, dass der Fernseher gepfändet werde, wenn sie nicht bald damit beginnt, den Rückstand auszugleichen.
Auch über zehn Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika verlaufen durch Kapstadt dieselben Trennungslinien zwischen den Rassen wie zu Zeiten des Apartheidregimes. Die Weissen leben in den noblen Vororten und in der Innenstadt der Dreimillionenmetropole, die meisten Schwarzen in den armen Townships in der weiten, ebenen Fläche. Was sich verändert hat, ist, woran man diese Rassenrealität ablesen kann. Früher waren es die Gesetzestexte der Apartheidpolitik, heute sind es unter anderem Wasserrechnungen. Wasser ist in Kapstadt kostbar. Und nie zuvor in der Geschichte der Stadt war es so kostbar wie heute. Kapstadt trocknet langsam aus.
Der Wasserpegel der fünf Dämme, die Kapstadt mit Trinkwasser versorgen, steht zurzeit mit 37 Prozent auf einem historischen Tiefstand. Zum gleichen Zeitpunkt vor drei Jahren stand der Pegel etwa doppelt so hoch. Schuld sind nicht die ausbleibenden Regenfälle im Sommer. Dass es in Kapstadt zwischen November und März kaum regnet, ist ganz normal. Wegen des staubtrockenen Sommers ist Südafrika als eines der dreissig trockensten Länder der Welt eingestuft, die Region in und um Kapstadt ist zwischen November und April die trockenste des ganzen Landes.
Schuld sind dagegen die viel zu trockenen Winterperioden der beiden letzten Jahre. Normalerweise ist der südafrikanische Winter die Zeit, in der es beinahe täglich regnet und in der sich die Kapstädter Dämme für den nächsten Sommer füllen. Doch in den letzten beiden Jahren fiel so wenig Regen wie nie zuvor. Im letzten Jahr blieb die Regenmenge sogar nur knapp über der Hälfte eines durchschnittlichen Winters. Ins Becken des Wemmershoek-Dammes tropften nur 493 Milimeter Regen, im Vergleich zu 852 Millimeter Regen, die normalerweise fallen.
Dass das Wasser in Kapstadt in diesem Sommer knapp werden würde, wussten die Verantwortlichen also schon, als der Winter vorüber war. Die Kapstädter selbst erfuhren davon etwas später: Am 1. Oktober verhängte die Stadt zum ersten Mal seit vier Jahren Wasserrestriktionen. Die betrafen vor allem GartenbesitzerInnen - der grösste Anteil des privaten Wasserverbrauchs geht in Büsche, Bäume und Blumen.
Die Wasserpolizei passt auf
Um zwanzig Prozent des gesamten Wasserverbrauchs einzusparen, war es danach nur noch zweimal pro Woche erlaubt, den Garten zu giessen: montags und donnerstags den BewohnerInnen von Häusern mit geraden Hausnummern, dienstags und freitags für jene in Häusern mit ungeraden Nummern. Das Auto mit einem Schlauch abzuspritzen, ist seitdem genauso verboten wie der ständige Einsatz von Wassersprinklern.
Weil die KapstädterInnen das Sparziel von zwanzig Prozent von Oktober bis Dezember in drei Monaten in Folge verfehlt hatten, hat die Stadt die Restriktionen am 1. Januar noch einmal verschärft: Seitdem ist das Bewässern des Gartens mit Schlauch oder Sprinkler nur noch einmal pro Woche erlaubt, für eine halbe Stunde. Nur mit einer Giesskanne darf man seine Blumen noch zweimal wöchentlich versorgen, jeweils eine ganze Stunde lang. Wer gegen die Restriktionen verstösst, wird mit Geldstrafen belegt, im schlimmsten Fall droht Haft. In der ganzen Stadt ist inzwischen eine Art Wasserpolizei unterwegs, um diejenigen, die gegen die Regeln verstossen, bei feuchter Tat zu erwischen. Und es wurde eine Hotline eingerichtet, bei der man melden kann, wenn ein Nachbar gegen die Restriktionen verstösst.
Vielen KapstädterInnen hilft nicht einmal ihr trockener Humor, sich mit den Restriktionen zu arrangieren: Für weisse SüdafrikanerInnen in der Grossstadt ist der eigene Garten so etwas wie eine Farm im Miniaturformat. In dem weitläufigen Land hat so gut wie jeder entweder selbst irgendwann auf einer Farm gelebt oder stammt aus einer Familie, die einmal eine Farm besessen hat. Die Pflege des Gartens empfinden weisse SüdafrikanerInnen als Teil ihrer Tradition.
Die 37-jährige Justine Spuyt zum Beispiel lebt im Erdgeschoss eines kleinen Art-déco-Häuschens aus den dreissiger Jahren. Um den kleinen Garten, der zur Wohnung gehört, kümmert sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester, die auch hier wohnt. «Andrée hat vier Jahre auf einer Farm in der Halbwüste der Klein Karoo verbracht. Wenn wir hier in der Stadt keinen Garten hätten, würden unsere Seelen verkümmern», sagt Spuyt. Weil die beiden Schwestern immer wieder vergessen, ihren Garten zu bewässern, wenn es die Stadt erlaubt, haben sie damit begonnen, Badewasser sowie Abwasser der Waschmaschine zu sammeln und mit Essig zu neutralisieren. Mit Giesskannen in der Hand gehen sie jetzt durch ihren Garten und bewässern ihre Pflanzen.
Parallel zu den Restriktionen hat die Stadt in den letzten fünf Monaten ausserdem zweimal die Tarife für Verbrauch und Abwasser erhöht. Zum einen, um so den Einnahmeausfall auszugleichen, der entsteht, wenn alle wie gewünscht Wasser sparen. Zum anderen, um einen finanziellen Anreiz zu schaffen, etwa Wasser sparende Pflanzen in den Garten zu setzen oder während des Zähneputzens den Hahn zu schliessen. Die Erhöhung trifft aber nicht alle KapstädterInnen gleichermassen, das Tarifsystem ist progressiv gestaffelt. Das so genannte «Free Basic Water», das sind die gesetzlich garantierten 6000 Liter, sind kostenlos, danach werden die Tarife pro Kubikliter umso teurer, je höher der Wasserverbrauch ist. «So berücksichtigen wir die Bedürfnisse der Armen. Wer mehr Wasser verbraucht, muss dafür auch mehr bezahlen», erklärt Waheed Patel, Sprecher der für das Preissystem zuständigen Behörde.
Warten auf das Bohrloch
Und damit sind wir wieder auf der Terrasse von Diana Pletzer in Constantia. Weil sie unter anderem auf ihrer Wasserrechnung ablesen konnte, dass die von der schwarzen Regierungspartei ANC geführte Stadtregierung die Weissen immer mehr in die Pflicht nehmen würde, haben sie und ihr Mann schon vor fünf Jahren beschlossen, für 45 000 Rand (über 8300 Franken) ein Bohrloch in ihren Garten setzen zu lassen. Denn Grundwasser ist kostenlos, und man kann es benutzen, wann immer man möchte. Inzwischen reicht Diana Pletzer immer wieder eine mit Grundwasser gefüllte Giesskanne über den Zaun, so können sich auch die NachbarInnen um ihren Garten kümmern. Damit die Wasserpolizei nicht misstrauisch wird, wenn die Sprinkleranlagen ausserhalb der genehmigten Wässerungszeiten in Pletzers Garten arbeiten, mussten sie inzwischen eine kleine Tafel an der Aussenmauer ihres Grundstücks anbringen mit der Aufschrift «Borehole Water» - «Bohrloch-Wasser».
Solche Tafeln werden immer mehr HausbesitzerInnen in den kommenden Monaten anschrauben. Firmen, die Löcher bis auf das Grundwasser in den Garten graben, berichten von etwa fünfzig Aufträgen pro Tag, die Wartezeit beträgt inzwischen bis zu zwei Monate. «Es ist, als gäbe es plötzlich eine Welle von Verbrechen und wir hätten eine Sicherheitsfirma», erzählt Sam de Wet, Chef seiner eigenen Firma. Für die Installation eines Grundwasserhahns braucht er bis zu einer Woche, je nachdem, in welcher Tiefe der Bohrer auf Wasser stösst.
Ob die vielen Bohrlöcher die Wasserknappheit in Kapstadt noch zusätzlich verschärfen, ist momentan so umstritten wie die Frage, ob auch Grundwasser in Zukunft mit Abgaben belegt werden soll. NaturschützerInnen befürchten, dass so auch noch die Flüsse und Feuchtgebiete in und um Kapstadt austrocknen werden. GartenschützerInnen verteidigen sich, dass sie nur den Regen nutzen, der im Winter auf ihre Grundstücke fällt. «Dieses Wasser holen wir in Form von Grundwasser wieder rauf», sagt Otto Pletzer. «Und solange uns kein Wissenschaftler sagen kann, dass das der Natur schadet, werden wir damit nicht aufhören.» Noch wird auch in der Stadtverwaltung niemand nervös: Die Wasserstände der Flüsse und Seen blieben in den letzten Monaten unverändert.
Von solchen Diskussionen bekommen die etwa 330 000 Menschen im Township Khayelitsha so gut wie nichts mit. Viele wissen noch nicht einmal, dass im Moment Wasserrestriktionen gelten. Doch selbst wenn sie es wüssten: Auf den Wasserverbrauch hätte das wenig Einfluss. «Das Problem in den Townships ist weniger das Wasser, das die Menschen verbrauchen als vielmehr das, das ungenutzt aus Lecks und durch Toiletten läuft», erklärt Tertius Bejager.
Die Lecks suchen
Der Ingenieur arbeitet in einem schmucklosen Büro mitten in Khayelitsha fieberhaft an der Verbesserung des Versorgungssystems. Etwa siebzehn Prozent des gesamten Wasserhaushalts von Kapstadt gehe auf diese Weise verloren, betroffen sind davon vor allem die Townships. Eine der wichtigsten Massnahmen der letzten Monate war deshalb, nachts den Wasserdruck zu senken: Seitdem läuft nur noch halb so viel Wasser durch die Toilettenschüsseln. Dem Problem leckender Leitungen versuchen Bejager und seine KollegInnen Herr zu werden, indem sie immer wieder mit dem Auto die staubigen Strassen entlang der Blechhüttensiedlungen abfahren, um Lecks ausfindig zu machen.
Unterstützung erfährt Bejager dabei von NGOs wie «Ilitha Lomso». Die Organisation wurde 1996 gegründet und ist ein Zusammenschluss von AktivistInnenen in den Townships, die sich für die Menschen in den unzähligen Blechhüttensiedlungen engagieren. Zusammen mit Organisationen, die sich unter anderem durch Spendengelder aus Europa finanzieren, hat «Ilitha Lomso» jetzt das «Water Leaks Project» gestartet: Den Menschen in den Townships wird beigebracht, die Lecks in ihren Leitungen selber zu stopfen und sparsam mit dem eigenen Wasser umzugehen.
Der zwanzigjährige Aktivist Zamba Timbela sitzt vor dem Hauptquartier von «Ilitha Lomso» in Harare, einem Stadtteil von Khayelitsha. «Warum ich mich für das Projekt engagiere, ist einfach: Ich kenne Menschen, die für Wasser aufkommen müssen, das sie nicht nutzen», erzählt Timbela. «Wenn die Lecks gestopft sind, können die Menschen endlich ihre Rechnungen bezahlen, die Stadt dreht ihnen nicht mehr die Wasserhahn zu. Zugang zum Wasser ist eines der grundsätzlichen Menschenrechte.» Ohne die Arbeit von «Ilitha Lomso» würde dieses Recht ungenutzt im Boden versickern.
In der Märzhitze verschwimmt der Tafelberg im Stadtzentrum, von hier aus gut dreissig Kilometer entfernt, im blauen Dunst. Dort hat die Verwaltung jetzt angekündigt, dass die Wasserrestriktionen mindestens bis September nicht aufgehoben werden. Sonst stehe Kapstadt im nächsten Sommer vor noch grösseren Problemen als in diesem Jahr. Um die Wasserversorgung von Kapstadt dauerhaft zu stabilisieren, ist momentan ein sechster Damm in Bau. Der wird allerdings erst in ein paar Jahren fertig gestellt sein. Das Einzige, was die Kapstädter bis dahin vereint, ist die Hoffnung auf den nächsten nassen Winter.