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Bereits am Samstag, nach der Königsetappe, hatte sich bei Evenepoel nach der Zieldurchfahrt die Anspannung gelöst. Nach einer Nacht mit kaum Schlaf und unter Freudentränen sprach er vom grössten Tag in seinem Leben. Erst vor fünf Jahren, mit 17, setzte Evenepoel auf den Radsport. Zuvor spielte er in seiner Heimat auf höchster Stufe Fussball. «Ich bin überwältigt, ich weiss nicht, was gerade durch meinen Kopf und Körper geht. Das einzige, was ich weiss, ist, dass ich unglaublich glücklich bin. Glücklich darüber, dass ein Traum in Erfüllung ging und dass ich gezeigt habe, wozu ich in der Lage bin», sagte er.
Mit seinem Triumph erlöste Evenepoel auch Belgien, das Radsport-Land schlechthin, das so lange auf seinen nächsten Grand-Tour-Sieger warten musste. Mit dem Sieg am Giro 1978 war dies Johan de Muynck als Letztem gelungen; es war das grosse Jahrzehnt der Belgier, mit den zahlreichen Erfolgen des Kannibalen Eddie Merckx, der je fünfmal die Tour de France und den Giro sowie 1973 auch einmal die Vuelta für sich entschied.
Über Jahrzehnte hat man sich in Belgien seither danach gesehnt, einen Nachfolger von Merckx aufzubauen: Johan Museeuw, Tom Boonen oder Greg van Avermaet, sie alle waren Weltklasse, aber keine kompletten Radprofis, die eine grosse Rundfahrt gewinnen konnten. Remco Evenepoel ist es nun gelungen, die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen.
Erstmals für Aufsehen sorgte Evenepoel mit 19, nur zwei Jahre nach seinem Wechsel vom Fussball zum Radsport. Er triumphierte beim Eintagesklassiker San Sebastian, gewann EM-Gold und WM-Silber im Zeitfahren. Nichts schien den Aufstieg des Teenagers vom Team Quick-Step aufhalten zu können, bis ihn im August 2020 bei der Lombardei-Rundfahrt ein schwerer Sturz aus der Spur warf. Der Belgier stürzte von einer Brücke einen Abhang herunter, brach sich dabei das Becken und zog sich eine Lungenquetschung zu. Viele Fragen kamen auf, auch solche nach dem sofortigen Karriereende des Wunderknaben.
Nach einer langwierigen Rehabilitationsphase kehrte Evenepoel nach über einem halben Jahr Rennpause zurück. Bei seinem Comeback am Giro d’Italia 2021 brach er am vorletzten Wochenende in den Bergen massiv ein und verlor viel Zeit im Gesamtklassement. Als er zwei Tage später erneut schwer stürzte, kamen erste Zweifel auf, ob Evenepoel jemals wieder der sein kann, der er vor seiner Verletzung war. Spätestens mit seinem Sieg in diesem Frühjahr im Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich waren diese aber verflogen.
Und nun hat der hochbegabte Belgier bewiesen, dass er auch über drei Wochen absolute Extraklasse sein kann und nicht nur im Zeitfahren oder bei Eintagesrennen. Gelingt es ihm, seine Widerstandsfähigkeit im Hochgebirge weiter auszubauen, dürfte Evenepoel auch ein Podest-Kandidat für die Tour de France sein. «Ich freue mich schon darauf, ihm bei der Tour zu begegnen», blickte etwa Tadej Pogacar voraus. Wie Evenepoel hat auch der zweifache Gewinner der Grande Boucle oder auch sein Vorgänger Egan Bernal schon in jungen Jahren grosse Erfolge gefeiert.
Das nächste Duell zwischen Pogacar und Evenepoel steht jedoch schon in diesem Monat an, wenn in Australien die WM-Medaillen vergeben werden.
Den Sieg in der 21. und letzten Etappe der Vuelta in Madrid sicherte sich übrigens der Kolumbianer Juan Molano. Im erwarteten Massensprint verwies der 27-Jährige den Dänen Mads Pedersen, selbst Sieger des 13., 16. und 19. Teilstücks, auf Platz 2 und feierte damit den grössten Erfolg seiner Karriere. (nih/sda)
Das Ziel in der spanischen Hauptstadt erreichten auch alle drei Schweizer, die vor etwas mehr als drei Wochen in den Niederlanden zur letzten Grand Tour des Jahres gestartet waren. Als bester des Trios klassierte sich Gino Mäder mit gut 52 Minuten Rückstand im 20. Rang. Noch im Vorjahr hatte der 25-jährige Berner als Gesamtfünfter die Nachwuchswertung gewonnen. Sébastien Reichenbach und Fabian Lienhard wurden bei ihrer Vuelta-Premiere 24. und 122. (nih/sda)