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Mit diesem elfstelligen Code lässt sich jeder Ort auf der Welt bestimmen, sei es auch nur ein drei Meter breiter Strandabschnitt. «Plus Code» nennt sich ein neuer Ansatz von Google Maps, dessen Innovationsteam in Zürich an der Europaallee angesiedelt ist. Einer davon ist der Neuseeländer Doug Rinckes, der schon einige Jahr in der Schweiz lebt.
Dass es bei Google stets wieder zu verblüffenden Innovationen kommt, hat auch mit dem «20 Percent Project» zu tun. Jeder Google-Mitarbeiter kann sich einen Tag pro Woche einer eigenen Idee widmen – wenn sie gutgeheissen wird –, an der er in aller Ruhe tüfteln kann.
Auf die Idee seines «20 Percent Projects» kam Doug Rinckes, als er am Screen sass und eine Strasse in Indien auf die Google Map zeichnete und ein indischer Kollege ihn darauf ansprach, was er hier denn mache. «Ich zeichne sie mal, wir können dann ja später den Namen noch hinzufügen, wenn wir ihn erfahren.» «Nein, Doug,» sagte der Kollege, «hier gibts keine Strassennamen». Später auf einer Reise auf den Kapverdischen Inseln fiel ihm der Umstand ebenfalls ins Auge. Kaum ein Bewohner der zehn Inseln hat eine postalische Adresse. Wer Post erwartet, geht einmal pro Woche im Post Office vorbei und fragt danach.
Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt an unbenannten Strassen und hat deshalb keine Wohnadresse, sagt Rinckes, dessen Vater, ein holländischer Kartograf, einst nach Neuseeland auswanderte. Beim Treffen mit Rinckes schildert dieser, was das für die Menschen heisst, keine Adresse zu haben, ein Umstand, den wir uns kaum vorstellen können. «Sagen wir, jemand will sich einen TV bestellen. Ohne Adresse gilt es, den Lieferanten per Handy zu sich nach Hause zu lotsen – nach der Tankstelle drei Häuser weiter und dann links, et cetera».
Ein grösseres Problem ist, wenn eine Epidemie ausbricht, herauszufinden, wo der Ursprung ist. Die erkrankten Leute, die im Spital eintreffen, können nur ungefähr mitteilen, wo sie wohnen. Um herauszufinden, wo es eine verschmutzte Wasserquelle geben könnte, wären die genauen Adressen der Erkrankten entscheidend. Solche Beispiele nennt Rinckes viele. Auch dieses: ein Autofahrer mitten in Kalkutta will melden, dass eine Ampel nicht funktioniert, kann indes den Ort wegen der fehlenden Strassennamen nicht genau mitteilen.
Wo genau am Strand liegst du?
Vor diesem Hintergrund hat Doug Rinckes den «Plus Code» kreiert. Der Code entsteht durch ein weltumspannendes Gitternetz mit einer Kombination von Zahlen und Buchstaben für die Längen und Breiten, das pro Feld wiederum verkleinert wird. Das erste Gitter umfasst etwa 2000 Kilometer, das zweite noch 110 Kilometer, das letzte nur noch wenige Meter.
Wenn man nun beispielsweise im Norden von Mallorca am östlichen Ende der Cala Mesquida in der Sonne liegt und dies Freunden bekannt geben will, so dass diese einem finden können, öffnet man Google Maps und setzt eine Markierung am aktuellen Standort und findet im unteren weissen Bereich den Plus Code, der in diesem Fall «PCVP+J7» lautet. Diesen verkürzten Code wiederum, angereichert mit dem Standort «Mallorca», schickt man den Kollegen, die ihn in Google Maps öffnen und den Weg zum besagten Strandabschnitt auf einfache Weise finden.
Mag der Impact auf den ersten Blick in der westlichen Welt nicht revolutionär erscheinen, sind die Auswirkungen für viele Menschen in anderen Teilen der Welt erheblich: für einen Kleinunternehmer in einer indischen Grossstadt eröffnen sich plötzlich neue Geschäftsmöglichkeiten, er kann seine Kunden zu sich lotsen. Auch für Katastrophenhelfer, die exakte Angaben zu ihren von festen Strassen und Gebäuden oft weit entfernten Einsatzorten brauchen, um helfen und Leben retten zu können, öffnet sich eine neue Möglichkeit.
Ein Open-Source-Code
Auch im touristischen Alltag dürfte der Plus Code künftig eine grosse Bedeutung erlangen. Privatvermieter von Zimmern können dank dem Plus Code die Gäste viel besser zu sich lotsen. Auch vielen Ferienwohnungen würde die Angabe eines Plus Codes gut anstehen, um sie leichter zu finden. Oder eine Taxifahrt in China oder Japan kann mit dem Plus Code, den man den Taxifahrer in sein Handy eingeben lässt, deutlich vereinfacht werden, ohne die Mitnahme der Adressangabe in lokaler Schrift. Und bereits im Einsatz ist der Plus Code auf den Kapverdischen Inseln. Die dortigen Pöstler finden nun, wenn ein Brief mit dem Plus Code versehen ist, das Haus des Adressaten.
Krallt sich Google mit der Lancierung des «Plus Code» nun die Weltherrschaft über die Adressen? «Nein, der Plus Code ist ein Open-Source-Code, den auch andere Unternehmen verwenden können», erklärt Doug Rinckes. «Unser Ziel ist die Erstellung möglichst genauer und umfassender Karten, damit Plus Codes in Zukunft eine nützliche Alternative für die Suche nach Orten bietet, die nicht so leicht zu finden sind.» Für viele Menschen in ärmeren Gegenden der Welt, aber auch für die Tourismusindustrie und Reisende, dürfte der Plus Code künftig jedenfalls eine erhebliche Rolle spielen.
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