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Eingesandt
Schauplatz Thur
Hier und da war die Thur auch Schauplatz, wo es Sehenswertes zu bestaunen und Aufregendes zu erleben gab. So im Herbst 1882, als Genietruppen bei Gütighausen eine Schiffsbrücke bauten und die 6. Division manövermässig in einer kombinierten Übersetz-Aktion vorrückte. Festgehalten wurde das denkwürdige Ereignis auf einem Erinnerungsbild, gezeichnet von G. Wassermann und von der Druckerei J. J. Hofer, Zürich, für interessierte Offiziere und Soldaten vervielfältigt und fein koloriert.
Die Schweiz erfuhr im 19. Jahrhundert die tiefgreifendsten Veränderungen ihrer Geschichte. Der Bundesstaat mit demokratischer Verfassung und mitgestaltenden Bürgern wurde geschaffen; die Industrie brachte Arbeitsplätze ins einstige Armenhaus Europas; eine moderne Gesellschaft mit allgemeiner Bildung und neuen Aufstiegschancen wuchs heran; Eisenbahnen, Strassen, Mechanisierung veränderten die Lebensbedingungen und -formen. Sichtbare Zeichen dieser Neugestaltung waren unter anderem das einheitliche Geldsystem und gesamtschweizerische Masse (Meter und Liter anstatt von kantonal abweichenden Ellen und Eimer) die Beseitigung der Binnenzölle, die Post fürs ganze Land und die schweizerische nationale Armee, welche das eidgenössische Heer mit den unterschiedlichen kantonalen Kontingenten ablöste.
Auch die Nachbarschaft rundum veränderte sich dramatisch, was die Schweiz aussen- und sicherheitspolitisch gewaltig herausforderte. Die Grenzbesetzungen von 1856 (Neuenburger Handel), 1859 (Krieg in Oberitalien), 1866 (preussisch-österreichischer Krieg), 1870/71 (deutsch-französischer Krieg, Bourbaki-Armee) hatten vor Augen geführt, dass ein gutes Heer zur Sicherung der Neutralität notwendig war. Um offenkundige Mängel zu beheben, wurde die Armeereform 1874 angegangen: allgemeine Wehrpflicht, Rekrutenschule, einheitliche Bewaffnung und Uniformierung, 8 Divisionen, ständiger Generalstab, Stärkung der Artillerie, Aufbau von Sanität und Genietruppen.
Beurteilte man die militärische Gefährdung der Schweiz, so tauchte in der Erinnerung immer das schlimme Jahr 1799 auf, als sich Franzosen, Oesterreicher, Russen auf unserem Boden heftige Kämpfe geliefert hatten und das Land unsägliche Schäden erlitt. Damals war der Feind im Frühjahr bei Büsingen über den Rhein vorgestossen, verheerend durchs Weinland und bis nach Zürich gedrungen und im Herbst wieder zurückgeworfen worden, jeweils mit ungeheuren Opfern, vor allem auch in unsrer schwer heimgesuchten Region. Seither kam im Verteidigungsdispositiv dem Rheinabschnitt vom Untersee bis zum Rheinfall ein besonderes Gewicht zu.
So zählte es zu den Aufträgen der 6. Divison, aus Zürcher und Schaffhauser Soldaten, vom Raum Winterthur schnell an den Rhein zu gelangen. Dieser Planung kam die 1862 errichtete Brücke in Gütighausen sehr gelegen. Aber als 1876 ein Hochwasser den in Holz erstellten Übergang weggerissen und während Jahren – bis zum Neubau 1879 – wieder nur die Fähre als Notbehelf gedient hatte, war klar, dass das Militär in der Lage sein musste, jederzeit die Passage zu gewährleisten. Darum gehörte es in den Manövern fortan zu den Aufgaben, die Thur in jedem Fall zu überqueren und rasch starke Truppen an die Grenze zu bringen.
Bereits in der Nacht hatten wiehernde Rosse und knirschende Räder verkündet, dass Grosses im Anzug sei. Der planvolle Aufbau der Schiffsbrücke in der Morgendämmerung des 11. September 1882 an Stelle der alten Fähre durch Pontoniere und Sappeure mit Pfählen, Weidlingen, Balken, tragfähigen Flecklingbrettern lockte mehr und mehr Schaulustige an. Wahrscheinlich stand auch der Gütighauser Jakob Müller dabei und redete von «Kaliber» und «Haubitzen», von «avancieren» und «Feuerlinie» – mit seinen steifen Beinen war er froh, sich diesmal vom Obstauflesen dispensieren zu können. Als Veteran genoss er die meiste Autorität in Sachen Militär, hatte er doch 1847 im Sonderbundskrieg bei Meierskappel im wirklichen Feuer gestanden, wo neben ihm drei Kameraden gefallen und Hauptmann Frauenfelder von Henggart tödlich verwundet worden war. Als nun gar eine Kanonenbatterie oben in der Flur «Bilg» Stellung bezog und mit gewaltigen Salven das Vorgelände drüben bei Ziegelhütte und Burghof supponiert unter Feuer nahm, strömte weiteres Publikum herbei. Auch die Gütighauser Schulkinder waren gewiss nicht mehr zu halten, und Fräulein Fischer wird mit ihnen zum Ort des Geschehens gezogen sein, um aus sicherer Distanz aktuelle Heimatkunde zu erleben. Auf der neuen Strassenbrücke von 1879, die fünfzig Meter flussabwärts hoch über dem Wasser in stählernem Gitterwerk die Thur überquerte, hatte sogar ein Zeichner Platz genommen; mit flinkem Stift hielt er das Ganze fest und unterstrich damit die Bedeutung des Ereignisses.
Zugsweise marschierten da die Infanteriekompanien in Viererkolonne mit geschultertem Gewehr und Tornister, Keppi auf dem Kopf, angeführt von Offizieren zu Pferd, übers künstliche hölzerne Band, das einen halben Meter über den Wogen unter den hundertfältigen Tritten schaukelte. Und drüben gings sogleich weiter, weg vom Brückenkopf ins Gefecht, über Ossingen oder Neunforn in Richtung der Ziele Stein am Rhein, Diessenhofen, Schlatt. Um die Kapazität zu erhöhen, waren zudem Bootsfähren im Einsatz, gebildet aus zwei Kähnen, mit Stachelstangen durch die Strömung gesteuert, für jeweils zwei Dutzend Soldaten sowie ein oder zwei Pferde.
Und schon rollte die Artillerie daher, voller Stolz auf ihre Hinterladerkanonen modernster Bauart, mit gezogenen Läufen, Kaliber 8,4 cm, jede bespannt mit sechs Pferden, gelenkt von drei Reitern. An die Vorderachse (Protze) mit Munitionskasten und Sitzen für die Kanoniere war die Lafette mit dem schweren Geschütz gekoppelt, das zum Feuern abgehängt und in Schussposition gebracht wurde. Bei heiklen Abschnitten wie dem Steilstück hinab zur Schiffsbrücke stiegen die vier Kanoniere ab und bremsten mit den Halteseilen ihr Gefährt, um das sinnreich angeschirrte Gespann nicht heillos zu verwirren; hätten doch scheuende Pferde den kontinuierlichen Zug schnell unterbrochen und in wüste Unordnung gebracht. Deshalb blieb die Mannschaft auch beim Passieren der Pontonbrücke vorsichtig marschierend hinter ihrem Fahrzeug.
Der Illustrator lokalisierte die Szene beim Fährhaus Gütighausen, wo die alten Zufahrten den Bau der Behelfsbrücke nahelegten. Geschickt kombinierte er die Phasen des Manövers zu einem aussagestarken Gesamtbild: Brückenkonstruktion mit Pfählen, Kähnen, seitlichem Sicherungsseil / restliches Baumaterial und kahle Baumstümpfe / Feuerschutz der Artillerie oben im «Bilg» / Infanterie auf der Brücke und ausschwärmend am jenseitigen Ufer / Fährtransport sowie bereitstehende Gruppen mit Uniform, Bewaffnung, Packung / zahlreiche Pferde als wesentliche Elemente / fahrende Artillerie mit Zug und Kanonieren als Bremser / Offiziere mit Degen bewehrt hoch zu Ross.
Arbeitsgruppe «Damals in Thalheim und Gütighausen», Reinhard Nägeli