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Der Besuch
von Cedric Weidmann
„Aber sehen Sie denn nicht, dass sein Zustand kritisch ist?“
Ein Häufchen aus Knochen raschelte auf dem Bett, die knorrigen Finger patschten fahrig über das Kinn und raspelten Hautstückchen aus dem kalten Schweiss, mit dem das ganze Gesicht wie mit giftigem Zuckerguss überzogen war. Der Chef blieb einige Meter vom Bett entfernt stehen und musterte den Kranken.
„Was meinen Sie mit kritisch?“, fragte er, indem er sich an den rothaarigen Mann daneben wandte.
„Er kann nicht arbeiten. Vielleicht kann er nie mehr arbeiten. Vielleicht -“ Das Wort „sterben“ drang dem Rothaarigen aus den Augen und brachte ihn schliesslich zum frühzeitigen Verstummen. Ungläubig schüttelte er den Kopf.
„Vielleicht?“
„Vielleicht… wird er… sterben.“ Das letzte Wort war einem Luftzug ähnlicher als einem Wort.
Der Chef seufzte und machte ein altkluges Gesicht. „Das müssen wir alle“, meinte er und betastete mit seinen Fingern die Decke, die über das Knochengestell geworfen war. Darunter zitterte das Gemenge von Sehnen, Drähten, Poren und Knorpeln unmerklich und schwach, das Wasser, aus dem der Mann zu bestehen schien, wurde geschüttelt bis es perlförmig aus der Haut trat. Er jammerte unaufhörlich und unverändert monoton.
„Er kann doch nicht!“, rief der Rothaarige verzweifelt aus und Tränen rannen ihm über das Gesicht.
„Sehen Sie“, sagte der Chef, „Ich arbeite jeden Tag zwölf Stunden und mehr, um den Leuten das zu bringen, was sie erwarten. Ich übernehme die Aufgaben von einem ganzen Bataillon, ich muss zuweilen sogar meine eigene Sekretärin spielen. Tag ein, Tag aus gebe ich mich für meine Mitarbeiter hin, die bezahlt werden möchten. Und ich möchte Sie etwas fragen.“ Der Chef sah dem Rothaarigen tief in die Augen. „Finden Sie das nicht auch kritisch?“
„Aber er stirbt!“, sagte er. Der Blick des Chefs fiel auf den Sterbenden, als würde er ihn zum ersten Mal hier sehen.
„Finden Sie nicht, Sie übertreiben hier ein wenig?“, fragte er grossväterlich.
Der Rothaarige schwieg und starrte entsetzt zu Boden.
„Wollen Sie mir nicht einen Tee anbieten?“, fuhr der Chef fort.
Der Mann musste zweimal ansetzten, bevor er seiner Stimme mächtig war. „Möchten Sie einen Tee?“
„Ja, gerne.“ Der Rothaarige verschwand in der Küche.
Der Chef setzte sich auf einen Stuhl neben dem Kranken und legte die Hand an dessen eingefallenen Wangen. Er klob daran und knetete an seinen Tränensäcken herum, der Kranke hatte mit dem Zittern aufgehört, aber er brachte kein Wort über die Lippen, er schaffte es auch nicht, das, was ihm vom Kopf übrig geblieben war, von den wühlenden Fingern wegzudrehen.
Der Rothaarige kam wieder zur Tür hinein und der Chef sprang vom Stuhl auf und ging ihm entgegen. Er nahm ihm die Tasse aus der Hand, trank einen vorsichtigen Schluck des heissen Getränks und sagte dann: „Sehen Sie, ich weiss nicht, wer Sie sind. Ich glaube, keiner von uns beiden hier“, und er wies mit einer Hand auf den Kranken, „weiss, wer Sie sind und was Sie hier machen. Sie sollten vielleicht besser gehen.“
Der Rothaarige neigte unentschlossen den Kopf zur Seite und wollte etwas erwidern, doch plötzlich schien ihm etwas einzufallen und er holte sich seine Jacke. Sofort war er verschwunden.
Zärtlich legte der Chef die Hand auf die Decke, unter der der Kranke siechte.
„Schön, sind wir den losgeworden. Das war ja ein ganz arger Übertreiber“, lachte der Chef, während er beobachtete, wie der Mann im Bett aus voller Kehle mitlachte, sich gemächlich streckte und einen Schluck von der Tasse nahm, die ihm der Chef hinstreckte.