Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03349.jsonl.gz/1067

Ein Musical Thriller wird „Sweeney Todd“ von Stephen Sondheim genannt. Das Opernhaus Zürich scheut keinen Aufwand, dem makabren Spass zum umjubelten Erfolg zu verhelfen.
Wir müssen im Repertoire lange zurückblättern, um Musicals auf der Zürcher Opernbühne auszumachen. Aber es gab durchaus eine gewisse Tradition: 1975 stand „My Fair Lady“ auf dem Spielplan, „Cabaret“ 1981 und 1989 gleich zweimal, die „West Side Story“ 1983 während des Umbaus im Kongresshaus, „Chorus Line“ 1986 und „La Cage aux Folles“ 1987. Und nun also die Monster- und Gruselkomödie „Sweeney Todd“, die Stephen Sondheim, der auch den Text zu Bernsteins „West Side Story“ schrieb, 1979 in New York aus der Taufe hob.
Sein Handwerk sind rhythmisch und musikalisch komplexe Strukturen, die er geschickt verschachtelt und vermengt und die ihn in die Nähe der anspruchsvolleren Oper rücken. Allerdings geht er im Orchester auch Kompromisse ein, welche an Banalität kaum zu übertreffen sind und einem Saucenaufguss à la Hollywood gleichkommen. Wobei gleich festzuhalten ist, dass Sondheim, der auch ein sehr guter Pianist und Tüftler war, die Instrumentierung gar nicht selber vornahm. Er betraute Jonathan Tunick damit, und da die Stimmverstärkung am Broadway damals schon üblich war, konnte er das Orchester ohne Rücksicht immer dann mit Klangwolken auftrumpfen lassen, wenn er grosse Effekte erzielen wollte. Das nimmt ihm leider auch etwas die Glaubwürdikeit, der gehaltvollen Musik und nicht dem vordergründigen Publikumsgeschmack zu dienen.
Da es in den Musicaltheatern aus Spargründen auch Besetzungen mit 13 oder gar nur mit 7 Musikern gibt, leistet sich Zürich den Luxus, mit 50 Ausführenden die ganze Klangpalette auszuloten. Für den Dirigenten und Bernstein-Schüler David Charles Abell, ein ausgewiesener Kenner des Fachs, ist das ein Privileg, das er dankbar zu nutzen weiss. Dass er sein Metier versteht, zeigt sich im absolut umsichtigen und präzisen Einverständnis mit allen Musizierenden und der Bühne. Die zum Teil gegenläufigen Sprechdialoge und rhythmisch versetzen Soli erreichten eine artistische Perfektion in der Wiedergabe, die das Premierenpublikum mit wachsender Begeisterung und warmherzigem Applaus quittierte.
Doch worum geht es eigentlich? Der Barbier Benjamin Barker wurde von Richter Turpin in die Verbannung geschickt, damit er sich erst hinter seine Frau machen und dann auch noch die Tochter als Mündel an sich binden konnte. Als zurückgekehrter Sweeney Todd greift er zum Rundumschlag, wird zum Berserker und schwört Rache. Dass seine Barbierleichen im ärmlichen London dann von Mrs. Lovett zu Fleischpasteten verarbeitet werden, kann nur goutieren, wer dem sprichwörtlichen britischen Humor ein Augenzwinkern abringen kann.
Bryn Terfels Wunsch war Hausherr Andreas Homoki Befehl
Nach dem „Fliegenden Holländer“ singt nun das walisische Schwergewicht Bryn Terfel einmal mehr den Sweeney Todd (den auch Johnny Depp im Film verkörperte). Doch was heisst „singt“? Er lebt die Figur, gestaltet und füllt sie mit massgeschneiderter Bühnenpräsenz und seinem kernigen Bass-Bariton auf bedrohliche Weise aus. Da war es keine Frage, ob Homoki damit nicht zum Handkuss kommen wollte. Doch er wollte weit mehr: ein bis in die kleinsten Partien hochkarätig besetztes Ensemble, allen voran (und nun gerate ich ins Schwärmen) Angelika Kirchschläger, der österreichischen Mezzosopranistin, die weltweit alles andere singt als Musicals und nun in der Rolle der Pastetenbäckerin Mrs. Lovett einfach ein ganz grosser Wurf ist, in der Stimm- und Sprechtechnik wie im Musicalgenre derart überzeugend, als sei sie nur in diesem Fach zuhause. Barry Banks liefert als die Belcanto-Kehle parodierender Pirelli eine Glanznummer ab, und Liliana Nikiteanu blüht als Bettelweib (Beggar Women) und verkannte Gattin Lucy wieder mal so richtig auf.
Mit Brindley Sherratt als verwerflichem Scheusal Richter Turpin agiert der macht- und besitzgierige Gegenspieler Sweeney Todds mit einer Bassschärfe, als wäre er einer Kohlengrube entstiegen. Doch auch Spencer Lang als Tobias (Gehilfe von Mrs. Lovett) und das Liebespaar Johanna (Mélissa Petit) und Anthony (Elliot Madore) agieren gesanglich wie darstellerisch auf imponierender Höhe. Aber die Lobeshymne geht noch weiter: Wir haben den von Janko Kostelic einstudierten Chor schon lange nicht mehr so präsent, agil und professionell gehört. Das geht unter die Haut.
Das Inszenierungsteam erhält den nächsten Lorbeerkranz. Neben „Wozzeck“ war das Homokis überzeugendste Regiearbeit. Michael Levine hat ihm auf drei Ebenen einen gerafft wandelbaren Bühnenraum (in einem dramaturgisch mitagierenden Musical-Lichterrahmen) gebaut, was für den ständigen Szenenwechsel nur von Vorteil ist. Und endlich kann ich Franck Evin für seine Lichtgestaltung einmal ein Kränzchen widmen: Er taucht die stimmungsmässig vortrefflichen erdig-graumelierten Kostüme von Annemarie Woods in dezent kolorierte Schwarz-Weiss-Bilder, die „rasiermesserscharf“ das blutrünstige Geschehen illustrieren. Besinnliche Adventszeit hin oder her, dieses Grusical hat Klasse.
Weitere Vorstellungen: Dezember 13, 16, 21, 23, 28, 30, Januar 2, 5, 11