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Eine Schweizer Heilsarmee-Offizierin der ersten Stunde übersiedelte 1903 nach Indien. Die ehemalige Diakonisse Louise Salathé war bereits 42 Jahre alt, als sie als Missionarin nach Indien reiste. Mit der Erfahrung aus der Heimat führte sie in Indien das fort, was sie in Zürich und Basel getan hatte: Sie eröffnete und leitete ein Rettungsheim für Frauen in Kalkutta.
Aus einer religiösen Basler Familie stammend war Salathés Weg früh bestimmt: Als methodistische Diakonisse – die Mutter wollte es so – trat Salathé in die erste Kadettenschule der Heilsarmee in der Schweiz ein, von der sie nach sieben Wochen als Offizierin ausgesandt wurde. Sie machte die mühevolle Anfangszeit der Heilsarmee in der Schweiz mit, wurde bedroht und landete nach eigenen Angaben zweimal im Gefängnis. Auch in dieser Hinsicht war die Erfahrung Salathés für Indien wertvoll.
Wie sie dazu kam, sich für den Dienst in Indien zu melden, erklärte Salathé: „Es war vor vielen Jahren in einer Offiziersversammlung, als wir im Gebet auf den Knien lagen. Brigadier Peyron-Roussel fragte, wer bereit sei, nach Indien zu gehen. Ich hielt meine Hand empor. – Dann gingen einige Jahre vorüber und als ich mein Versprechen beinahe vergessen hatte, da dachte der Herr daran.“ In ihrer Heimatstadt Basel habe sie sich schliesslich bei einer Versammlung durchreisender Indien-Missionare dazu entschlossen, dem Ruf zu folgen. Die Schweiz verlor in Salathé eine erfahrene Offizierin, welche die grössten Korps des Landes geleitet hatte.
In Indien nannte sie sich „Chandra Bai“, auf Deutsch „Schwester des Lichtes“. Alle Heilsarmee-Offiziere in Indien erhielten indische Namen, um sich besser in die Gesellschaft einfügen zu können. Sie trugen auch lange Gewänder (Sari), gingen barfuss und assen auch mal wie die Ärmsten unter den Einheimischen: auf dem Boden sitzend und mit den Händen. Die meiste ihrer Zeit in Indien verbrachte Chandra Bai als Leiterin eines Rettungsheims für Mädchen in Kalkutta – und sie freute sich jedesmal, wenn eines ihrer Mädchen den Weg bis zur Offizierin machte. Das geschah offenbar nicht selten, wie sich ihren Briefen entnehmen lässt.
Die Frauen im Heim mussten zusammen mit den Leiterinnen auch dafür sorgen, dass das Heim finanziert werden konnte: Regelmässig schickte sich Salathé mit Helferinnen und Schülerinnen an, in den umliegenden Städten und Dörfern Spenden zu sammeln und die im Heim hergestellten Produkte zu verkaufen. Es gab aber auch die Gelegenheit, unterwegs vom Evangelium und von Gott zu erzählen und in fernen Korps Heilsarmee-Versammlungen abzuhalten. Die Reisen führten Salathé vom nördlich in Indien gelegenen Kalkutta auch in den Himalaya, wo sie sich beim Anblick der Berge an die Schweiz erinnert fühlte.
Salathé verbrachte 18 Jahre in Indien. 1921 kehrte sie zu ihrem zweiten Heimaturlaub in die Schweiz zurück. Sie war zwar gesundheitlich angeschlagen, aber dennoch fest entschlossen, nach einigen Monaten der Ruhe in ihr geliebtes Indien zurückzukehren. Doch Gott hatte einen anderen Plan: Salathé starb wenige Wochen nach ihrer Rückkehr in die Heimat an den Folgen einer Operation.
Zu den Produkten, die Salathé und die Frauen in Indien verkauften, gehörten auch selbst gewebte Stoffe. Dabei leistete ein anderer Schweizer Missionar gute Dienste. Ende 1906 zog der ebenfalls bereits ältere Johann Jakob Kull nach Indien aus. Bevor Kull Heilsarmee-Offizier wurde, war er Seidenbandweber. Solche Fachkräfte brauchte die Heilsarmee. In zwei Semestern bildete sich Kull in einer Webschule in der Schweiz weiter, ehe er als Webermeister nach Indien ausreiste. Empfangen wurde er im indischen „Kriegsruf“ mit den Worten: „Sein Haar ist weiss geworden, doch im Herzen ist er immer noch jung.“ Kull war 50 Jahre alt, als er dem Ruf nach Indien folgte.
Dort angekommen, reiste er viel, um in den Korps und Heimen der indischen Heilsarmee den Umgang mit dem Webstuhl zu lehren. Die Heilsarmee konzentrierte sich in Indien auf die Menschen der unteren Kasten, die als Unberührbare in Armut lebten. Die Heilsarmee betrieb Rettungshäuser und Schulen und war auch in Gefangenenlagern zugegen. Kull hatte zeitweise die Leitung einer solchen Station inne. Doch sein Herz schlug für die Weberei.
Eine besondere Anerkennung wurde der Heilsarmee zuteil, als sie bei einem Wettbewerb in Kalkutta mit ihrem selbst erfundenen Handwebstuhl einen Preis gewann. Es folgten weitere Erfolge bei einem Wettbewerb, an dem auch Webermeister Kull teilnahm. Stolz berichtete er noch Jahre später im Schweizer „Kriegsruf“ von diesem Erlebnis.
Die Seide, die Kommandant Kull mitproduzierte, fand ihren Weg auch in die Schweiz: Der langjährige Heilsarmeechef für Indien Booth-Tucker verkaufte die Stoffe an Händler der damals weltgrössten Seidenfabrik Schwarzenbach im zürcherischen Thalwil.
Für Kull, der sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges in die Schweiz begab und nicht mehr zurück reisen konnte, blieb die Zeit in Indien eine Fussnote in dessen Heilsarmee-Karriere. Im Ruhestand wurde er als Berner „Stadtoriginal“ bekannt, das in roter Heilsarmee-Uniform und mit langem weissem Bart unermüdlich den „Kriegsruf“ verkaufte – bis zum Tod 1934.
Stefan Trachsel
In ihren Briefen in die Schweiz erwähnte Salathé anfangs immer wieder, dass sie sich über eine Freundin aus der Schweiz freuen würde. Tatsächlich gingen später zwei Schweizer Frauen nach Indien, um Salathé auf ihren Spuren zu folgen. Es waren Margrith Segesser und Karolina Riedmeyer. Sie waren für Salathé keine Unbekannten: Beide Frauen hatte sie in Basel als Soldatinnen eingereiht.
Indien war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) das Land mit den meisten Schweizer Missionarinnen aus der Heilsarmee. Nach dem Weltkrieg zog es aber nur noch vereinzelte Missionare aus der Schweiz nach Indien. Eine blieb aber jahrzehntelang: Louise Tissot (Gnanamony). Zwischen 1931 und 1951 arbeitete sie in drei Einsätzen in Indien. Das Land hatte es ihr so angetan, dass sie dort ihren Lebensabend verbrachte. Sie starb 1977. Von ihr zeugt bis heute die „Tissot Sunrise“-Primarschule, die Kindern von leprakranken Eltern eine Bildung bietet. Die Schule wird noch heute von der Schweizer Heilsarmee durch Patenschaften finanziell mitgetragen.