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19.09.2019 21:14:55

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Die Ragazerjahre von Bernhard Simon, 1868 - 19001868 - 1900
Bernhard Simon in der Pose von Napoleon Bonaparte
Die Persönlichkeit des Architekten und Begründers des Kurortes
1868 übersiedelte Bernhard Simon ins Sarganserland, wo er sein letztes bedeutsames Projekt verwirklichte: Die bauliche und organisatorische Neugestaltung der Kuranlagen in Ragaz. Bereits 1860 hatte er Anlass, sich mit Fragen zu beschäftigen, die das Kurwesen betrafen. Er wurde damals nach St. Moritz gerufen, um sein Gutachten über die Pläne zur Vergrösserung der Kuranstalt abzugeben. "St. Moritz", meinte er, "führte mich sozusagen nach Ragaz." Er leitete Schritte ein zur Gründung einer Aktiengesellschaft, die das nötige Kapital für den Kauf des Hofes und des Bad Pfäfers zusammenbringen sollte. Seine erste Offerte fand beim Grossen Rat, der mit mehreren Millionen rechnete, kein Entgegenkommen und wurde beinahe mit Hohn zurückgewiesen. Doch dieser liess den gefassten Plan zum Verkauf des Hofes Ragaz umso weniger fallen, als er überzeugt war, dass Simon der rechte Mann sei zur Erwerbung der Staatsdomäne und zur Durchführung eines Projektes im grossen Stil. Er hatte die technischen Fähigkeiten und die Energie, um Schwierigkeiten zu überwinden. Auch standen ihm die nötigen finanziellen Mittel zu Verfügung. Nach längeren Verhandlungen kam 1868 zwischen Regierung und Bernhard Simon ein Kauf- und Konzessionsvertrag zustande, dem auch der Grosse Rat in einer ausserordentlichen Session zustimmte.
Kauf- und Konzessionsvertrag mit dem Kanton St.Gallen
Der sehr umfangreiche Vertrag enthielt im wesentlichen folgende Bestimmungen: Simon erhielt als Eigentum die Domäne Hof Ragaz mit allen dazugehörenden Gebäuden und Liegenschaften, die Schlossruinen Freudenberg und Wartenstein, einen Teil des St. Niklausenwaldes und die Taminawasserwerke in Ragaz. Seinerseits verpflichtete er sich, einen grossen Gasthof samt Garten und Parkanlagen, eine Trinkhalle, ein Kursaalgebäude und eine Badeeinrichtung zu erstellen. Auf eine Frist von 100 Jahren wurde er Konzessionär der Thermalquellen und des Bades Pfäfers. Badstrasse und Thermalwasserleitung musste er auf eigene Kosten unterhalten. Für den Kauf und das Benützungsrecht - sie erstreckten sich über 70 Hektaren - hatte Simon dem Kanton St. Gallen die Summe von 1'658'000.-- Franken zu entrichten. Er gestand, dass er die gefallene Entscheidung im ersten Moment wie einen schweren Druck empfand und dass er mit Bangen der Zukunft entgegenschaute. Aber er hatte nun ja gesagt, und sofort traf er Vorkehren für die loyale Erfüllung des Vertrages. Alles war bis ins einzelne vorbereitet, so dass mit den Bauten schon am 1. April 1868, fünf Tage nach dem entscheidenden Grossratsbeschluss, begonnen werden konnte. Hunderte von Arbeitern trafen zum Bau des Quellenhofs und der übrigen zu erstellenden Gebäude ein.
Trotz Unwetterkatastrophen, Rheinüberschwemmungen und Leitungsbrüchen an der Thermalwasserleitung nahm der Bau des Hotels Quellenhof seinen Fortgang, so dass es Ende Juli 1869 als grosses, vornehmes Hotel eröffnet werden konnte. Zwei im Hotelfach erfahrenen Männern, den Herren Giger und Kienberger, übertrug er die getrennte Verwaltung von Hof und Quellenhof. Durch taktvolles Auftreten und ihren gewandten Umgang mit den Gästen gewann der Kurort immer mehr an Ansehen. Wer einmal hier gewesen war, kehrte gerne wieder zurück. Sogar Feldmarschall Moltke verweilte gerne in Ragaz, wo die Bäder in "Porzellanwannen" und die "ausgesuchte Verpflegung" nichts zu wünschen übrig liessen.
Während der Saison schaute Simon in rastloser Umsicht zum Rechten. Er ging spät zu Bett und stand früh auf. Jeden Morgen um sechs Uhr oder noch früher nahm er die Inspektion der Bäder, der Säge, der Gasanstalt, der Pferde- und Viehställe, des Kursaals, der Obst- und Gemüsegärten vor. Von jedem seiner Untergebenen forderte er strenge Pflichterfüllung. Den Gasverbrauch überwachte er mit fast komischer Ängstlichkeit. Um elf Uhr abends liess er alles Licht im Garten und im Kursaal löschen. Die Gäste hatten den Rückweg durch den dunklen Park zu suchen, oder sie mussten Kerzen kommen lassen, wenn sie etwa auf der Beendigung einer angefangenen Billardpartie bestanden.
Ein strenger und doch liebenswürdiger Pionier
Trotz gelegentlicher Entgleisung wusste der gestrenge Hüter seiner Anlagen, was sich schickte. Die gemütliche Ader fehlte in seinem Wesen nicht. Er konnte in ruhigen Momenten auch mit einfachen Leuten aufs freundlichste verkehren. Als einmal ein Glarner Lehrer aus Schwanden mit seinen Schülern, zumeist Arbeiterkindern, die Anlagen zu besichtigen wünschte und vor dem Quellenhof auf Erlaubnis wartete, erschien ein kleiner Herr in grauem Zylinder, anscheinend ein Hotelgast, und anerbot sich als Führer. "Nun begann", erzählte der Lehrer, "eine lange Wanderung durch die Blumen-, Obst- und Gemüsegärten, durch die Schwimmbadhalle und die Einzelbäder, in den Speisesaal, in die Hotelküche, wo der liebenswürdige Herr den Mädchen die grosse Kaffeemühle demonstrierte. "Inzwischen hatten wir längst geahnt, dass der freundliche Cicerone der Inhaber des Hauses, Herr Simon selber war, dem alle Personen mit dem Ausdruck der höchsten Achtung begegneten." Den Dank des Lehrers lehnte er schalkhaft lächelnd mit den Worten ab: "Wissen Sie, das ist reine Geschäftsreklame. In wenigen Jahren werden diese Kinder als Herren und Damen meine Gäste sein, denen ich mich hiermit empfohlen habe."
Bernhard Simon im Ruhestand
Nachdem die ersten Schwierigkeiten der Gründungsjahre überwunden waren, erlebte das Unternehmen eine glückliche Entwicklung. Simon musste sein Wagnis, das nach der Meinung heimlicher Neider nur ein Ende mit Schrecken nehmen konnte, nicht bereuen. Pünktlich trafen seine "Annuitäten" in St. Gallen ein. Allmählich musste er aber doch daran denken, die übernommene Last auf jüngere Schultern abzuwälzen. Drei seiner Söhne, die sich ebenfalls der Architektur gewidmet hatten, sehnten sich ohnehin nach selbständiger Betätigung auf der vom Vater geebneten Bahn. Am 12. Februar 1891 verkaufte er den Söhnen alle seine Besitzungen und Rechte für vier Millionen Franken, so dass sie - unter Zustimmung des Staates - Eigentümer seiner Liegenschaften in Ragaz und nach den Bestimmungen des Vertrages auch Konzessionäre des Pfäferser Bades wurden. Nun waren ihm noch manche Jahre eines ruhigeren Daseins inmitten der Nachkommen vergönnt, die sein Werk in Ehren hielten, es verbesserten und planmässig weiter ausgestalteten. Nach St. Gallen kehrte Simon nicht mehr zurück, denn er war nach 25 Jahren eng mit der Bevölkerung in Ragaz verbunden. Die Schulen und die Kirchen beider Konfessionen erfreuten sich seiner kräftigen Unterstützung. Noch zwei Jahre vor seinem Tod hatte ihm die Politische Gemeinde einen Beitrag von 50'000.-- Franken an die Hydrantenanlage zu verdanken.
Im Hinblick auf "seine hochherzigen Schenkungen für gemeinnützige Zwecke und auf seine grossartigen dem Dorf vielfach zum Vorteil gereichenden Schöpfungen" hatte die Ortsgemeinde Ragaz Bernhard Simon schon am 29. Februar 1880 das Ehrenbürgerrecht erteilt. Am 28. Juli 1900 trat der Tod erlösend an sein Krankenlager. Vier Tage später wurde sein Leichnam mit ergreifender Feierlichkeit auf dem Ragazer Friedhof bestattet.
Auf den Spuren einer starken Persönlichkeit
Bernhard Simon war eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sein Lebenselement war die rastlose Arbeit für Familie und Öffentlichkeit. Er hat bedeutsame Spuren seiner Tätigkeit in Lausanne, in St. Petersburg und St. Gallen hinterlassen. Vor allem aber wird sein Name mit dem Kurort Ragaz verbunden bleiben, dem er die grösste Energie seines Unternehmungsgeistes widmete. Der Mann, der wegen seiner kleinen Körpergrösse von Kaiser Nikolaus der "kleine Napoleon unter den Baumeistern" genannt wurde, imponierte durch seine umfassenden beruflichen Erfahrungen und seine Ideen grossen Stils, seinen unerschrockenen Freimut und seine unbeugsame Willenskraft. Freilich hafteten ihm auch menschliche Schwächen an. Seine leidenschaftliche Natur verleitete ihn manchmal zu masslosen Ausbrüchen gegenüber Personen, die ihre Arbeit schlecht zu verrichten schienen oder seinen Anordnungen sogar zu widersprechen wagten. Nach solchen Szenen machten sich aber rasch die gutmütigen Seiten seines Wesens wieder bemerkbar. Er lenkte mit ehrenhafter Selbstüberwindung ein, wo er zu weit gegangen war. Seine herrische Stimme schlug dann in eine versöhnliche Tonart über, die den Angefahrenen wieder beruhigte. Jeder gehässige Verfolgungseifer war ihm fremd.
Bei Simons Tod herrschte in weiten Kreisen das Gefühl, dass mit ihm ein tapferer und tüchtiger Patron, eine selbstbewusste, aber auch menschliche Persönlichkeit von vorbildlicher Willenskraft und Treue dahingegangen war.
Bernhard Simon und die Ortsgemeinde
Zu seinem 64. Geburtstag am 29. Februar 1880 ernannte ihn die Bürgerschaft der Ortsgemeinde zu ihrem Ehrenbürger. Im Gutachten des Ortsverwaltungsrates heisst es:
"Es kann wohl von Niemand geleugnet werden, dass Herr Direktor Bernhard Simon, Bürger der Stadt St. Gallen, durch seine grossartigen Schöpfungen Ragaz zu einem sehr frequentierten Kurort erhoben und hierdurch dem Orte manche Verdienstquelle eröffnet hat, wie er sich auch durch seine hochherzigen Schenkungen für gemeinnützige Zwecke um das Wohl der Gemeinde verdient gemacht."
Fritz Lendi schrieb in seiner Erzählung "Gesegnete Wasser" über den Beerdigungstag vom 1. August:
"Es kommt keine Feststimmung auf in Ragaz, denn der Nationalfeiertag ist zum Trauertag geworden. Über der ganzen Landschaft liegt ein tiefer Ernst. Von den umliegenden Bergen leuchten die Höhenfeuer hinaus in die Nacht. Auch die Sennen und Hirten, die sie entfacht haben, sind in Gedanken bei Bernhard Simon. Sie wissen, dass heute ein bedeutender Schweizer zu Grabe getragen worden und dass das Vaterland um einen guten Eidgenossen ärmer geworden ist. Der Sommer vergeht, der Winter kommt. Es wird wieder Sommer, und Gäste aus aller Welt besuchen Ragaz und das Bad Pfäfers wie zuvor."
Der katholische Ortspfarrer und Dekan Johannes Oesch und der praktizierende Protestant, Unternehmer und Weltmann Bernhard Simon hatten sowohl konfessionell als auch politisch verschiedene Weltanschauungen. Aber sie begegneten einander immer mit gebührendem Respekt und mit gegenseitiger Achtung. Dekan Oesch war bekannt für seine Offenheit und Gradlinigkeit. Umso mehr darf man seinem Urteil über Bernhard Simon Glauben schenken:
"Man begegnet nicht selten der Behauptung, es hätte Simon die Staatsdomäne Ragaz-Pfäfers in gewinnssüchtiger Absicht gesucht. Das Gegenteil kann leicht bewiesen werden. Der Staat St. Gallen war es, der alle Ursache hatte, zu wünschen, der genannten Domäne in vorteilhafter Weise los und ledig zu werden ...
Was die Charaktereigenschaft des Architekt Simon anbelangt, so steht er vor jedem Unbefangenen als leuchtendes Vorbild der Arbeit, der Strenge gegen sich selbst, der gewissenhaften Rechtlichkeit, der schlichten Einfachheit und des weitherzigen Sinnes in allen Fragen der Gemeinnützigkeit."
Der Ortsverwaltungsrat hat im Jahr 2000 die Schaffung einer Medaille beschlossen. In Würdigung der grossen Verdienste von Bernhard Simon um die Entwicklung von Bad Ragaz erhielt sie seinen Namen. Geschaffen wurde die Silbermedaille von Josef Tannheimer, St. Gallen. Die Medaille wird an eine Persönlichkeit verliehen, die sich für das Gemeinwohl oder für besondere Leistungen verdient gemacht hat. Sie kann an Ortsbürger und Einwohner von Bad Ragaz, ausnahmsweise auch an auswärtige Personen verliehen werden. Leistungen in kulturellen oder sozialen Bereichen erhalten den Vorzug. Sie wird alle vier Jahre verliehen.
Die erste Medaille erhielt im Jahr 2000 Dr. med. Johann Jakob als Begründer und seit über 30 Jahren Gestalter der Kirchenkonzerte Bad Ragaz. 2004 war Josef Bärtsch der zweite Preisträger. Neben der beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Kirchenmusiker hat er sich erfolgreich für die Rettung und Erhaltung des Bad Pfäfers verdient gemacht.
Quellen
Archiv Ortsgemeinde Bad Ragaz.
Neujahrsblatt des Historischen Vereins, St. Gallen 1918.
Werner Stadelmann, St. Gallen.
Ragazetta spezial 3 / Oktober 2006
Aus_der_Stammtafel_der_Familie_Simon.pdf (pdf, 53.7 kB)
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