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Ein MVP, ein Minimum Viable Product, ist die erste Version eines Produktes. Es enthält lediglich die relevanten Kernfunktionen, um ein Produkt zu nutzen und beabsichtigten Zweck zu erfüllen. Hört sich einfach an... Die grosse Frage ist, wie können die Kernfunktionen eines MVP definiert werden?
Voraussetzung, um Kernfunktionen zu definieren ist, dass die strategische Stossrichtung (Was? Warum? Für Wen?) kurzfristig (MVP Produktversion 1) und mittel- und langfristig (Produktversion 2 – x) bekannt ist. Wohl wissend, dass diese sich mit den Erkenntnissen, die während eine Entwicklungsprozess gewonnen werden, verändern kann.
Kernfunktionen identifizieren
Die Strategie des MVP-Ansatzes impliziert ein benutzerzentriertes Vorgehen. Es geht um Kernfunktionen, Feedback und Iteration und darum schnell zu lernen, ob Nutzer ein Produkt wertschätzen oder ob es auf Ablehnung bzw. Nichtnutzung stösst.
Versteht man Funktionalität als technische Umsetzung eines Prozesses, ist dies zu kurz gedacht und schöpft das Potenzial des Ansatzes nicht ausreichend aus: die einfachste technische Implementierung ist nicht gleichbedeutend mit der Kernfunktion eines MVP. Ob Nutzer ein Produkt wertschätzen und nutzen, hängt von weiteren Faktoren ab:
- Fühlt der Nutzer sich angesprochen?
- Entspricht das Produkt seinen Erwartungen und aktuellen Bedürfnissen?
- Ist die Tonalität und emotionale Ansprache die richtige?
- Versteht der Nutzer das Angebot und kann es einfach bedienen?
Die vier Grössen der Kernfunktionen
In seinem Buch “The Lean Product Playbook” veranschaulicht Dan Olsen, welche Dimensionen bei der Definition von Kernfunktionen berücksichtigt werden müssen:
- Sie müssen funktional sein.
- Sie müssen vertrauenswürdig und verlässlich sein.
- Sie müssen einfach sein.
- Sie müssen den Nutzer “erfreuen” oder im besten Falle begeistern.
Jussi Pasanen in Dan Olsen in “The Lean Product Playbook” und Aaron Walter’s “Designing for Emotion”
1. Funktional
Um die Funktionalität eines Prozesses sicherzustellen, müssen die Bedürfnisse der Nutzer bekannt sein. Diese äussern sich zunächst in Aktionen, die der Nutzer mit Hilfe eines digitalen Produkt durchführen möchte. Erst wenn seine Absicht klar ist, wird die Kernfunktion in einen sinnvollen digitalen Prozess übersetzt. Denkt man an einen Onlineshop, ist ein Bedürfnis, die angebotenen Ware zu kaufen. Die Aktion ist der Erwerb der Ware. Die Kernfunktion ist folglich der Check-out Prozess. Technisch gesehen ist klar, was zu tun ist. Jedoch wird diese Definition noch zu keinem guten Ergebnis führen.
2. Vertrauenswürdig & verlässlich
Es ist nötig Vertrauen zu schaffen und dem Nutzer ein gutes Gefühl zu vermitteln. Der Nutzer möchte Sicherheit – bspw. dass der Shop seriös ist und der Einkauf reibungslos funktionieren wird – er benötigt zusätzliche Informationen über Lieferfristen, Rückgabekonditionen, Zahlungsmodalitäten, Lieferant, usw…, die in den Prozess integriert werden. Vielleicht wecken Bewertungen von anderen Käufern, Qualitätssiegel oder eine mögliche Kontaktaufnahme mit dem Verkäufer ein gutes Gefühl während des Prozesses. Erst wenn er während der Transaktion ein gutes und sicheres Gefühl hat, wird er einen Abschluss tätigen. Es gilt also herauszufinden, welche Informationen Vertrauen schaffen während der Transaktion.
3. Einfach
Einfach bedeutet intuitiv nutzbar. Voraussetzung hierfür ist, dass die Fähigkeiten und mentalen Modelle der Nutzer bekannt sind und berücksichtigt werden. Denken wir wieder an den Check-out Prozess: erscheint er dem Nutzer zu kompliziert oder nicht verständlich fühlt er sich verunsichert und wird die Transaktion mit hoher Wahrscheinlichkeit abbrechen.
4. Begeisternd
Die Frage wann und wie ein Kunde begeistert wird, ist nicht pauschal zu beantworten. Handelt es sich um einen Shop, ist der Kunde allenfalls über die termingerechte Lieferung, Rabatte oder einen einfachen Rückgabeprozess zu begeistern. Klar ist, dass Begeisterung nicht ohne Feedback der Nutzer fassbar ist. Sie kann nicht am “Reissbrett” entworfen werden. User Research ist nötig, um allgemeine Annahmen in wirkliches Verstehen umzuwandeln.
Vorteile und Einsatz des MVP Ansatzes
Die vier oben beschriebenen Punkte verdeutlichen, dass Kernfunktionen eines MVP alle vier Dimensionen berücksichtigen müssen, um sicherzustellen, dass ein Produkt Zuspruch findet. Die Bedeutung der einzelnen Dimensionen wird priorisiert.
Wenn es gelingt, sämtliche Dimensionen zu berücksichtigen und sinnvoll gegeneinander abzuwägen liegen die Vorteile dieses Vorgehens auf der Hand:
- Die wirklichen Bedürfnisse der Nutzer werden adressiert.
- Das Risiko am Nutzer vorbei zu entwickeln wird minimiert.
- Die Entwicklungszeiten und die Time-to-Market” werden verkürzt.
- Ein iteratives und adaptives Vorgehen spart Zeit und Geld.
Sinnvoll ist ein MVP nur bei nutzerzentriert entwickelten Produkten. Entscheidend ist dies primär bei neuen Produkten oder Business Modellen, die in der digitalen Welt erfolgreich platziert, verankert und schnell auf den Markt gebracht werden. Aber auch bei sehr komplexen Projekten ist dieser Ansatz sinnvoll, um den Scope der Projektphase einzugrenzen. Oder auch wenn noch kein Wissen oder Daten über Verhaltensweisen und Vorlieben von Nutzern bekannt sind.