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«In der Strasse St. Honoré war das kleine Haus gelegen, welches Magdaleine von Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, … bewohnte. Spät um Mitternacht – es mochte im Herbste des Jahres 1680 sein – wurde an dieses Haus hart und heftig angeschlagen, dass es im ganzen Flur laut widerhallte.»
So lässt E.T.A. Hoffmann seine Kriminalgeschichte «Das Fräulein von Scuderi» (1819) beginnen. Die Novelle ist das wohl bekannteste Werk des am 25. Juni 1822 in Berlin verstorbenen Autors. Nur schon auf diesen ersten Zeilen zeigt er seine literarische Meisterschaft, mit einem Minimum an Worten Bilder zu erzeugen und Spannung aufzubauen.
Das Buch erzählt die furchteinflössende Geschichte einer rätselhaften Mordserie im Paris zur Zeit von Louis XIV. und deren spektakuläre Aufklärung. Es gilt als die erste Kriminalerzählung der deutschen Literatur – und war prägend für viele spätere Schauerroman-Autoren von Edgar Allan Poe bis Stephen King.
Künstlerisches Multitalent
E.T.A. Hoffmann war einer der grossen Autoren der deutschen Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei sah der 1776 in Königsberg Geborene seine Bestimmung als Künstler eigentlich gar nicht in der Literatur, sondern in der Musik – als Komponist.
Da blieb der Erfolg allerdings überschaubar. Und heute ist – wenn überhaupt – lediglich noch die Hoffmann-Oper «Undine» von 1814 zumindest halbwegs bekannt. Doch der Musiker Hoffmann wird sofort spürbar, wenn man in dessen Dutzenden von Erzählungen und Romanen liest. Seine Sprache ist von auffälliger Musikalität.
So wie etwa im satirischen Bildungsroman «Lebens-Ansichten des Katers Murr» (1819): «So viel ist gewiss, … dass der Kater Murr das possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell und dabei artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen.»
Gespenster, Zauberei und Hexenwerk
E.T.A Hoffmanns Texte operieren mit dem typischen Inventar der Romantik: unheimliche Begegnungen mit dunklen Mächten, schicksalhafte Wendungen, gelegentlich tritt der Teufel auf. Alles verpackt in einen irrwitzig-vergnüglichen Sprachzirkus.
Und immer wieder geht es um psychische Abgründe. In der Erzählung «Abenteuer in der Sylvester-Nacht» von 1814 zum Beispiel schildert der Erzähler in einer schaurigen Szene, wie sich ein Mann mittleren Alters beim Blick in den Spiegel jäh in eine zweite Person aufspaltet:
«Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein andrer worden. … Nun starrte mich das totenblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an.»
Dichter der Zukunft
E.T.A. Hoffmann war seiner Zeit voraus: Mit seiner Literatur drang er zu tieferen psychischen Schichten vor und räumte den Emotionen und dem Unbewussten viel Platz ein. Und dies Jahrzehnte vor Freud.
Zudem prägte er nicht nur das Genre des Krimis, sondern auch dasjenige des Zukunftsromans: In seiner bekannten Erzählung «Der Sandmann» erschuf er den vermutlich ersten Cyborg der Literaturgeschichte.
Vergessen und wiederentdeckt
Zu seiner Zeit kam der umtriebige Dichter indessen nur mässig gut an. Goethe etwa lehnte ihn ab. Ebenso Eichendorff. Als E.T.A. Hoffmann im Juni 1822 – gezeichnet von Alkohol und Krankheit – verstarb, geriet er schon bald in Vergessenheit.
Dies änderte sich erst Jahrzehnte später – auch dank der 1881 uraufgeführten Oper «Hoffmanns Erzählungen» von Jacques Offenbach. Sie griff verschiedene literarische Motive aus E.T.A. Hoffmanns Werken auf, setzte sie effektvoll in Szene und trug so massgeblich zu jener Popularität des grossen Dichters bei, die bis heute anhält.
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