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Vor 600 Jahren, am 11. März 1421 wurde der Grundstein zum heutigen Berner Münster gelegt. «machs na», der Appell des 4. Münsterbaumeisters, Grosses zu tun, wirkt bis heute nach.
Nach dem ersten grossen Brand der jungen Zähringerstadt wurde 1417 das Berner Rathaus erstellt und eingeweiht. Vier Jahre später begann auf gleicher Höhe zum Rathaus, auf der gegenüberliegenden Seite der Gerechtigkeitsgasse, der Bau der grossen Stadtkirche. Die Kreuzgasse dazwischen wirkt wie eine Verbindung zwischen staatlicher und kirchlicher Macht. In der Tat promenierten im alten Bern die im Rathaus tagenden Gerichtsbeamten ins Münster, um dort zu beichten, nachdem sie auf halbem Weg, auf dem Richtstuhl, Todesurteile verkündet hatten.
Erster Münsterbaumeister war der extra aus Strassburg geholte Matthäus Ensinger. Nach süddeutschem Brauch baute er zuerst nur den Westturm mit dem Hauptportal, aber in der vollen Breite des ganzen Schiffs. Während andere Münstertürme bloss ein Mitteltor betonen, fasste Ensinger in Bern alle drei Westportale zu einem dreiteiligen, reich geschmückten Vorbau zusammen. Der Steinmetz Erhart Küng schuf zwischen 1460 und 1480 die Figuren in der Vorhalle und das weltbekannte Münsterportal. Die 234 fein gearbeiteten Sandsteinfiguren stellen das Jüngste Gericht dar. Die ursprünglich in der Mitte stehende Figur der Jungfrau Maria wurde nach der Reformation, im Jahr 1575, durch eine allegorische Darstellung der Gerechtigkeit (Justitia) ersetzt.
Die Darstellung des Jüngsten Gerichts am Hauptportal. Foto Mueffi.
Der Chor des Münsters ist durch sechs grosse, vierbahnige Masswerkfenster mit Glasmalereien geschmückt. Die bedeutendsten stammen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und sind, genau wie mehrere Seitenkapellen, Stiftungen bernischer Adelsgeschlechter. Das Hostienmühlfenster, das Dreikönigsfenster und das Wurzel-Jesse-Fenster sind nahezu original erhalten. Das Passions- und das Zehntausend Ritter-Fenster verloren mehr als die Hälfte ihrer ursprünglichen Scheiben. Ursächlich für diese Schäden waren zwei schwere Hagelstürme, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts über Bern hinwegfegten.
Pforten für Privilegierte
Besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei spezielle Pforten auf der Münstergass-Seite: Die Hebammentür zählt zu den ältesten Bauteilen des Münsters. Sie wurden schon im Gründungsjahr 1421 konzipiert. Durch diese Tür brachten während Jahrhunderten Hebammen die Säuglingen zur Taufe, noch während die Mütter im Kindbett lagen. Deshalb stand der Taufstein früher in der Nähe dieses Portals. Die Taufe musste sehr rasch nach der Geburt erfolgen, weil nach damaligem Verständnis die Seele eines neugeborenen Kindes nicht ins Paradies eintreten konnte, wenn es noch vor der Taufe verstarb.
Die Grundsteinlegung zum Münster aus der Chronik des Diebold Schilling, um 1484. Quelle: Burgerbibliothek, Mss.h.h.I.16.
Durch die Schultheissenpforte betraten der jeweilige Schultheiss (Stadtpräsident) gemeinsam mit seinen hohen Beamten das Münster. Der Name Schultheissenpforte taucht allerdings erst im 18. Jahrhundert auf. Vorher hiess das Portal «Ehrenpforte». Die angebrachten Wappen sind die des Deutschritterordens, des deutschen Reichs, der Stadt Bern, der Zähringer und des Vinzenzenstifts. Berns spätbarocke Hauptkirche besteht bis auf den oberen Teil des Turms aus Sandstein. Vollendet und auf die volle Höhe von 100,6 Metern ausgebaut wurde die Kirchenspitze erst im Jahr 1893.
Von Erhart Küng stammt die selbstbewusste Inschrift «machs na», deren Kopie heute am Strebepfeiler östlich der Schultheissenpforte, hoch über der Münstergasse, prangt. Das Original dieses Appells befindet sich im Bernischen Historischen Museum. Architekturhistoriker sind überzeugt, dass der 4. Münsterbaumeister mit der selbstbewussten Aufforderung den hohen Anspruch zum Ausdruck bringen wollte, der mit dem Bau der letzten grossen gotischen Kirche in der Schweiz verbunden war. Heute wird der Spruch als Ermutigung gedeutet, sich für einen grossen Wurf zu engagieren: «machs na» – tue Grosses.
Jubiläumsfest verschoben
Grosses realisieren wollte 2019 das Organisationskomitee der Münsterkirchgemeinde. Geplant war ein viertägiges Jubiläumsfest mit kirchlichen, weltlichen und sowie zahlreichen kulturellen Programmpunkten. Das 600-Jahrfeier sollte zu einer Begegnung der vielen Freiwilligen werden, die sich in der bernischen Landeskirche engagieren. Wegen der Corona-Pandemie musste das gesamte Festprogramm um ein Jahr auf die Zeit vom 10. – 13. März 2022 verschoben werden.
Das Berner Münster von der Plattform aus gesehen. Foto Peter Schibli.
Nicht verschoben hat das Bernische Historische Museum eine Ausstellung zum Münsterjubiläum. Auf einem Mitmach-Parcours unter freiem Himmel können Besuchende erleben, welche Anstrengungen nötig waren, um ohne Elektrizität und ausschliesslich unter Einsatz von Muskelkraft eine riesige Stadtkirche zu bauen. Gross und Klein lernen auf dem Museumsgelände den Umgang mit Hammer und Spitzeisen, den Einsatz der 12-Knotenschnur oder des Flaschenzugs und erfahren Spannendes über den Bau des berühmten Münsters. Die verschiedenen Stationen sind im Garten rund um das Museum sowie in der Ausstellung aufgebaut.
Titelbild: Die herausfordernde Bau-Slogan des 4. Münsterbaumeisters Erhart Küng «machs na». Foto Peter Schibli.
Link:
02.05.2019 – Maja Petzold – Wenn die Kathedrale in Flammen steht