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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Als ich während meines letzten Aufenthalts vor wenigen Tagen in Basel in die Freie Strasse einbog, erhaschte mein Ohr zauberhaftes Geigenspiel. Ein junger Bursche, wohl ein Student aus der nahen Musikakademie, spielte bekannte Stücke aus dem Barock-Repertoire. Ich stand da wie festgenagelt und lauschte. Der volle, ausgewogene Klang aus seiner Violine liess auf ein sehr gutes Instrument schliessen. Es war Freitag, kurz vor Geschäftsschluss. Viele Leute eilten mit verschlossenen Ohren achtlos am jungen Musiker vorbei. Vielleicht wird er am Samstag mehr Glück haben, wenn die Leute weniger gestresst sind, dachte ich, und legte behutsam meinen Obolus in seinen Geigenkasten.
Ich hatte es am Vortag geschäftlich mit küchenfertigen, in Beuteln abgefüllten Salaten und Gemüse zu tun gehabt. Auf die Musik bezogen, ist das etwa vergleichbar mit dem umgehängten Musikbeutel, woraus die Klänge ins Ohr abgezapft werden oder dem monotonen Dauergeriesel von Vivaldi im Lift oder als Geräuschkulisse in Läden. Frisch aus den Fingern oder dem Mund gespielt oder gesungen, um beim Vergleich zu bleiben, schmecken die Klänge wie frischer Salat von der Scholle; das ist Musica viva (lebendige Musik), frisch von der Quelle.
Es gibt Tausende von hochbegabten Musikern, die als Orchesterspieler einen Hungerlohn verdienen, den sie mit Nebenverdiensten aufbessern müssen, es sei denn, sie spielten in einem der wenigen Spitzenorchester – oder sie sind Dirigenten … oder sie heissen Luciano Pavarotti.
Die klassische Musik mag vielleicht so tot sein wie das klassische Griechenland, dennoch besteht eine gewisse Nischen-Nachfrage, klassische Begleitmusik in die Video-Games wie aus einem Abwasserkanal mit einfliessen zu lassen. Diese Laute, so erfahre ich, werden von Instrumentalisten vorgespielt und eingegeben, einfach weil sie die Büchsenmusik übertreffen.
In England verdienen vortreffliche Orchesterspieler im Schnitt weniger als £ 25 000 pro Jahr. Ein befragtes Orchestermitglied rät nachdrücklich von der Musikerlaufbahn als Brotberuf ab: Der Beruf ist unsicher, die Aufstiegsmöglichkeiten gering, die Anforderung strapaziös. Die 10 renommierten Musikakademien in England entlassen viele qualifizierte Musiker, die keine Anstellung finden. Sie sitzen also in der gleichen Patsche wie u. a. Tänzer, Maler, Bildhauer und Schriftsteller und sind gezwungen, sich nach zweiten Berufen umzuschauen und sich entsprechend umzuschulen. Synthetische und virtuelle Alternativen ersetzen künstlerisch begabte Menschen mehr und mehr.
Ganz am Anfang in London verkehrte ich als Geigenamateur im Studentenkreis der Royal College of Music. Stefan, ein guter Freund, musste sich mit ‚Gigs’ über Wasser halten, klimperte Unterhaltungsmusik für ein Trinkgeld in Clubs und Bars. Er wandte sich anschliessend dem Antiquitätenhandel zu. Seine Freundin studierte bei den besten Professoren als Koloratur-Sopranistin in Mailand. Mit grossem Einsatz nahm sie viele Entbehrungen auf sich, nährte sich kümmerlich – und blieb, wie so viele andere auch, auf der Strecke. Sie heiratete Stefan und unterstützte ihn im Antiquitätenhandel. Bei meiner Beraterfunktion bei SRI-International in Croydon stellte ich verschiedentlich ehemalige Musikstudenten mit gutem Erfolg ein. Sie hatten Stamina (Energie und Ausdauer) und Lerneifer und konnten denken.
Genau das gibt zu denken: So ein Verlust an Talent, das geschaffen wäre, unser Musikgehör zu erlaben.
Hinweise auf weitere Blogs zum Thema
14. 09. 2005: „Schweizerreise ‚Zum alten Knochen’ mit ,Herrgöttchen’“
18. 08. 2005: „Londoner Post: Zwiebelmänner, Schriftsteller, Musiker“