Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03219.jsonl.gz/575

Suchtprävention
Gesundheit ist bis heute kein eindeutig definiertes Konstrukt. Ich verwende diesen Begriff im Sinne eines dynamischen Zustands, der in vielen unterschiedlichen Dimensionen zwischen den Polen Krank und Gesund jeden Tag neu erlangt werden muss. Dabei soll möglichst eine Balance zwischen Ressourcen und Belastungen hergestellt werden.
(Krankheits-)Prävention und insbesondere Gesundheitsförderung entwickeln sich zu eigenständigen wissenschaftlichen Disziplinen. Dabei bildet die Ottawa-Charta mit ihren späteren Resulotionen die Basis. Allerdings muss festgestellt werden, dass unterschiedliche (medizinische) Berufsgruppen auch unterschiedliche Definitionen, insbesondere von Prävention verwenden. Weitgehend unbestritten ist, dass Prävention auf die Verhinderung konkreter Erkrankungen oder Verhaltensweisen zielt (Pathogenese), während Gesundheitsförderung im Sinne der Salutogenese den Fokus auf die Frage legt, was hält Menschen gesund.
In der Praxis wird jedoch häufig mit den gleichen Massnahmen versucht, entweder präventiv oder gesundheitsförderlich zu wirken: So können Ernährungsempfehlungen (z.B. 5x Obst und Gemüse am Tag essen) sowohl als Massnahme der Krebsprävention wie auch als gesundheitsförderliche Massnahme eingesetzt werden. Schlussendlich bestimmt das Ziel für die Wahl einer Massnahme, ob die Massnahme präventiv oder gesundheitsförderlich wirkt. Für die Gesundheit der Zielgruppe spielt diese Unterscheidung keine grosse Rolle, für die Evaluation der Ziele einer Massnahme oder eines Programms schon.
Im Kontext der Public Health (Volksgesundheit) hat die Suchtprävention aus meiner Sicht eine besondere Bedeutung: Der Suchtmittelkonsum (insbesondere Tabak und Alkohol) breiter Bevölkungskreise führt zu enormen gesundheitlichen Belastungen - für die Individuen aber auch für die Gesellschaft. Deshalb muss es aus meiner Sicht für jede Gesellschaft ein vorrangiges Ziel sein, die gesellschaftlichen und individuellen Folgen des Suchtmittelkonsums zu reduzieren. Dies geschieht nach meiner Überzeugung am besten mit spezifischen Massnahmen, die genau dieses Ziel zum Zweck haben. Diese spezifischen Massnahmen bilden für mich die Aktivitäten der Suchtprävention.
In der Suchtprävention hat sich die Unterteilung in Primärprävention (wenn bei der Zielgruppe noch keine gesundheitlichen Risiken vorhanden sind), Sekundärprävention (bei Zielgruppen mit spezifischen Risiken) sowie Terziärprävention (nach einer Behandlung) bewährt. Ein weiterer erfolgreicher Ansatz ist die Früherkennung und -intervention. Damit wird versucht, Betroffene möglichst früh einer Behandlung zuzuführen. Ein anderer Ansatz der Unterteilung verfolgt die Unterscheidung in Universelle, Selektive und Indizierte Prävention. Dabei wird auf das Mass und die Art der Gefährdung abgezielt und somit eine Segmentierung der Zielgruppe (Universelle -> gesamte Bevölkerung; Selektive -> klar definierte Gruppen mit einem vermuteten Risiko; Indizierte -> klar definierte Gruppen mit einem bekannten Risiko) vorgenommen. Da aus meiner Sicht bei jeder Massnahme die Zielgruppe klar definiert und begründet werden muss, ist für mich der Mehrwert dieser Unterscheidung nicht gegeben.
Sowohl die Prävention wie auch die Gesundheitsförderung will schlussendlich das Verhalten der Menschen verändern. Dies kann erreicht werden, indem entweder beim Individuum angesetzt wird (vor allem mit Information oder Schulungen, um so die individuellen Ressourcen zu entwickeln, resp. die individuellen Belastungen zu reduzieren). Sehr viel wirksamer und kostengünstiger ist jedoch die Fokussierung auf die Lebensweltgestaltung. Durch sogenannte strukturelle Massnahmen (z.B. Gesetze) kann das Verhalten der Individuen sehr viel leichter beeinflusst werden. Deshalb befürworte ich sehr stark die strukturelle Suchtprävention und habe mich auf diese spezialisiert.