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An einem für belgische Wetterverhältnisse milden, aber leicht windigen Tag spaziere ich mit der einzigen wahren Belgierin, die ich kenne durch das Vogelreservat und Naturschutzgebiet “Het Zwin” am belgischen Nordseeufer. Familien mit Kindern wandern über die von Meerwasser befeuchtete Landschaft und interessierte Wanderer und Vogelbeobachter lesen die Informationstafeln, die in regelmässigen Abständen aufgestellt sind. Es herrscht eine friedliche Stimmung. Doch eines überrascht mich: Nur etwa 110 Kilometer nordwestlich von der zwar zweisprachigen, aber doch sehr französisch geprägten Hauptstadt Brüssel entfernt herrscht hier eine homogene flämische Kultur (die niederländischsprachige Kultur Belgiens). Der Busfahrer spricht nur Flämisch, die Informationstafeln sind flämisch, die Strassenschilder sind flämisch und wehe dem, der versucht Französisch zu sprechen. Hier sind wir nämlich weit weg vom Zentrum Europas und dem kosmopolitischen Herzschlag Brüssels. Wij sijn hier in Vlaanderen! – Wir sind hier in Flandern!
Gespaltenes Belgien
In der belgischen Revolution im Jahre 1830 trennte sich das südliche Gebiet vom Vereinigten Königreich der Niederlande und es entstand ein neuer Staat: Belgien. Seitdem herrscht aus sprachlicher Sicht Chaos im Land. Im jungen Staat Belgien wurde Französisch als offizielle Amtssprache eingeführt und das Flämisch (das belgische Niederländisch) als Sprache unterdrückt. Abwertend wurde es nur als Bauernsprache bezeichnet oder gar als Schimpfwort gebraucht. Es kam so weit, dass der Sprachunterschied nicht nur zu einer kulturellen, sondern auch zu einer sozialen Grenze wurde. Natürlich liessen sich die Flamen dies nicht gefallen und es entwickelten sich zahlreiche Gegenbewegungen. Diese Anti-Französisch-Einstellung ist bis heute spürbar und hat es sogar geschafft, Belgien einen eher unschönen Weltrekord einzubringen: Belgien ist das Land, das am längsten ohne Regierung war. Ganze 541 Tage war das Königreich regierungslos, da sich flämische und wallonische (der französischsprachige Teil Belgiens) Parteien nicht einigen konnten. Am 6. Dezember 2011 dann die Erlösung: Enfin un gouvernement! – Eindelijk een regering! – Endlich eine Regierung!
Brüssel, das Vakuum
Einmal mehr fasziniert auch in diesem Zusammenhang die Stadt Brüssel. Wie ein kleines Vakuum befindet sie sich mitten im Land und gehört weder zu Wallonien noch zu Flandern. Natürlich ist der Konflikt spürbar. Auch in dieser Multikulti-Umgebung gibt es sture Flamen, die sich weigern Französisch zu sprechen oder umgekehrt arrogante Wallonen, die Flämisch despektierlich als hässliche Sprache bezeichnen. Aber in zwei Dingen ist Brüssel bemerkenswert.
Erstens: Brüssel ist nicht stur und eingeschränkt, was die Sprachen betrifft. Es scheint sogar, als würde die Zweisprachigkeit gepflegt werden wie ein kleiner Schatz. Fast schon peinlich genau wird darauf geachtet, dass einmal der flämische Name der jeweiligen Strassenbahn-Haltestelle zuoberst steht und einmal der französische. Fast schon lächerlich konsequent werden in der U-Bahn die Haltestellen auf beide Sprachen genannt, auch wenn diese genau gleich klingen. Ein Beispiel ist die Station “De Brouckère”, bei der das “r” im Flämsichen rollend ausgesprochen wird und im Französichen im Gaumen. Ausserdem gibt es besondere Bestimmungen, welche die Sprache der Musik in Metro-Hallen regeln.
Zweitens: Kulturell gesehen befindet sich Brüssel weit weg vom restlichen Belgien, und es ist fast schon ein eigenes kleines Land in der Mitte des Landes. Dies wurde deutlich, als ich nach Flandern ans Meer fuhr: Es war, als würde ich ins Ausland fahren. Man sollte also keineswegs glauben, man befinde sich in Belgien, nur weil man in Brüssel ist. Erstaunlich ist auch die Bescheidenheit der Stadt, die trotz dem ganzen internationalen Geschäftsleben und dem Rummel um EU und Nato vorhanden ist. Brüssel will nicht im Rampenlicht stehen. Brüssel ist klein und nett und hat es nicht nötig seinen kulturellen Reichtum der restlichen Welt unter die Nase zu reiben.
Ich konfrontiere meine belgische Freundin mit meinem Eindruck, dass Brüssel, als Hauptstadt Europas, ziemlich wenig Prunk ausstrahlt und sie stimmt mir zu. “Wir sind eben nicht Paris, aber das wollen wir auch gar nicht sein. Paris schaut auf uns herab.” Ich frage sie, ob sie das stört. “Nein”, antwortet sie, “wir lachen darüber!”