Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03605.jsonl.gz/3324

von Gregor Loepfe
Der in Pittsburgh in den USA geborene Jazzpianist Erroll Garner steht in direkter Linie mit Jelly Roll Morton, Fats Waller und Art Tatum. Er vereinigte in seinem Spiel Elemente des Stride-Piano, des Bebop sowie der Romantik und des Barock. Garner liebte es, auf dem Klavier so zu spielen, als musiziere eine ganze Big Band. Mächtige Riffs der Blechbläser wechselten ab mit melodiösem Saxofonsatz, mit swingenden Soli und einer stampfenden Rhythmusgruppe. Seine linke Hand spielte mechanisch exakte Viertel, die Rechte lieferte Melodien und Improvisationen in halsbrecherisch perlenden Läufen. Seine Technik entwickelte er auch dank des Studiums von Musikstücken Sergej Rachmaninows, Maurice Ravels und Franz Liszts. Garner liebte es, lange improvisierte Einleitungen zu spielen und war auch bekannt für seine Balladen. Zu diesen gehört seine berühmteste Komposition: «Misty».
Die Töne erhalten Silben
Der Sänger Johnny Mathis hörte Garner an einem Konzert «Misty» spielen und äusserte den Wunsch, das Stück selbst singen zu dürfen und aufzunehmen, sofern es denn einen Text dazu gäbe. Daraufhin schrieb Johnny Burke einen solchen auf Garners Melodie. Burke war ein grosser Name im Business und steuerte eine ganze Reihe von Texten zum «Great American Songbook» bei. In jenem von «Misty» geht es um die bedingungslose Liebe und das damit verbundene Gefühl, «benebelt» zu sein. Die Songform ist, wie für amerikanische Popularmusik in Musicals und Bühnenshows typisch, vierteilig mit viermal acht Takten. Die Abschnitte 1, 2 und 4 sind mehrheitlich identisch, der dritte Abschnitt, die sogenannte «Bridge», unterscheidet sich in Melodie und Harmonie. Ein typisches Beispiel für diese Form ist auch «I Got Rhythm» von George Gershwin.
Auf Schallplatten für die Ewigkeit
Die erste Aufnahme von «Misty» stammt von seinem Schöpfer Erroll Garner selbst und gehört zum Album «Contrasts» von 1954. Erste Gesangsversionen von Johnny Mathis, Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan folgen. Die Mathis-Version verkaufte sich über zweieinhalb Millionen Mal, schaffte es 2002 in die «Grammy Hall Of Fame» und machte aus dem instrumentalen Stück Garners einen Welthit. Weitere wichtige instrumentale Fassungen erscheinen in den 1960er-Jahren von Oscar Peterson und Dexter Gordon. «Misty» spielte auch eine Schlüsselrolle in Clint Eastwoods Regiedebut «Play Misty For Me» von 1971. Die Rechte für die Verwendung des Songs liess dieser sich ganze 25'000 Dollar kosten.
Interpretationen im Programm von Radio Swiss Jazz
Von «Misty» gibt es in unserem Programm aktuell 17 verschiedene Versionen. Einige davon stechen besonders heraus. Da ist natürlich die Version des Erroll Garner Trios zu nennen. Weitere Instrumentalversionen mit ruhiger Gangart stammen vom Gene Harris Trio mit Stanley Turrentine, Matthias Anton & Wolfgang Russ und James Morrison im Duo mit Peter Zografakis. Beschwingt zu und her geht's bei Terry Gibbs. Die Band Django Deluxe präsentiert eine Gypsy-Variante. Zu den gesungenen Versionen gehören jene von Ella Fitzgerald, Janis Siegel, Carmen McRae mit dem Shirley Horn Trio und der Schweizerin Lisette Spinnler. In Richtung Gospel geht die Aufnahme von Donny Hathaway. Und Gitte Haenning liefert nicht etwa eine Schlagerversion, sondern einen lockeren Bossa nova.
In der gleichen Reihe bereits erschienen:
Radio Swiss Jazz Evergreens: Summertime, Autumn Leaves