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Die meisten Studien kommen zum Schluss, dass die sexuelle Aktivität ab dem fünften Lebensjahrzehnt abnimmt. Einige Faktoren für dieses Phänomen sind bekannt. Genaueres über das sexuelle Erleben und Verhalten in der zweiten Lebenshälfte wissen will jetzt eine Untersuchung, die von der interdisziplinären Koordinations- und Forschungsstelle für Sexualwissenschaften der Universität Zürich durchgeführt wird.
VON MARIANNE SCHMID MAST UND THOMAS BUCHER
Obwohl in den letzten Jahren vermehrt wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Sexualität durchgeführt wurden, ist der Wissensstand über das sexuelle Erleben und Verhalten im Bereich des mittleren und höheren Lebensalters spärlich. Dies hängt einerseits mit dem durch Aids bedingten Fokus der Sexualforschung auf bestimmte Gruppen (Jugendliche oder schwule Männer) zusammen, andererseits ist Sexualität in der zweiten Lebenshälfte nach wie vor ein tabuisiertes Thema, und Vorstellungen über das Alter als asexuelle Lebensphase gehören noch immer zur Norm. So existiert in der Schweiz nur eine empirische Studie zum Sexualverhalten in der zweiten Lebenshälfte.
Die Interdisziplinäre Koordinations- und Forschungsstelle für Sexualwissenschaften der Universität Zürich führt nun mit der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds eine Untersuchung zum sexuellen Erleben und Verhalten in der zweiten Lebenshälfte durch. Dabei wird Sexualität als körperliches, soziales, individuelles und beziehungsgerichtetes Phänomen verstanden, welches mehr umfasst als nur Geschlechtsverkehr.
Alterstypische Einflussfaktoren
Trotz grosser interindividueller Schwankungen gelangen die meisten Studien übereinstimmend zum Schluss, dass die sexuelle Aktivität mit zunehmendem Alter, besonders ab dem fünften Lebensjahrzehnt, abnimmt. Dieser Rückgang steht einem zwar auch reduzierten, im Vergleich zur Aktivität jedoch ausgeprägteren sexuellen Interesse gegenüber («interest-activity-gap»).
Als Ursachen für die Abnahme der sexuellen Aktivität werden verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht. Vor allem bei Frauen hat dabei der Zivilstand einen entscheidenden Einfluss. Bedingt durch die höhere Lebenserwartung und die Tatsache, dass sie meist ältere Partner haben, sind sie im Alter öfters partnerlos als Männer. Zusätzlich scheint auch die soziale Norm, die den alternden Menschen als asexuelles Wesen versteht, vor allem Frauen in der Postmenopause zu treffen. Ihre sexuelle Inaktivität könnte eine Folge dieses gesellschaftlichen Normierungsdruckes sein. Sexuelle Aktivität ist jedoch nicht nur abhängig von der Verfügbarkeit eines Partners oder einer Partnerin, sondern hängt zusätzlich von einer Reihe alterstypischer Einflussfaktoren ab.
Bedingt durch den Alterungsprozess ist die sexuelle Reaktion beim Mann und bei der Frau verlangsamt und in der Intensität vermindert. Diese physiologischen Veränderungen sind vor allem beim Mann häufig mit sexuellen Funktionsstörungen gekoppelt.
Frauen sind vor allem durch die hormonellen Umstellungen der Wechseljahre betroffen, welche individuell sehr unterschiedlich erlebt werden. In bezug auf die sexuelle Aktivität gibt es mehr Frauen, die in der Phase der Menopause sexuell inaktiv werden als zu einem späteren Zeitpunkt. Grundsätzlich ändert der Eintritt in die Menopause wenig am sexuellen Erleben und Verhalten bei Frauen, die auch vor den Wechseljahren sexuell sehr aktiv und zufrieden waren.
Gesundheitliche Beschwerden nehmen mit dem Alter zu und beeinträchtigen unter Umständen die sexuelle Aktivität. Dieser Zusammenhang ist bei Männern enger als bei Frauen. So nennen Männer öfter als Frauen gesundheitliche Gründe für die Einstellung ihrer sexuellen Aktivität.
Normen versus individuelle Erfahrungen
«Sexual Scripts» beschreiben kulturspezifische Vorstellungen da-rüber, wie Sexualität in einer Gesellschaft gelebt wird. Gerade für ältere Frauen sind diese sexuellen Verhaltensnormen sehr restriktiv und definieren die ältere Frau vornehmlich als asexuell. Untersuchungen konnten zeigen, dass ältere Menschen insbesondere ältere Frauen der sexuellen Aktivität ihrer eigenen Altersgruppe gegenüber eine ablehnendere Haltung einnahmen als jüngere.
Die Lebensbiographie gerade in bezug auf partnerschaftliche und sexualspezifische Erfahrungen während des Lebens bestimmen wesentlich, wie Sexualität in reiferen Jahren gelebt und erlebt wird. Je positiver sexuelle Erfahrungen ausfielen und je wichtiger die sexuelle Aktivität im bisherigen Leben war, desto sexuell aktiver und zufriedener ist eine Person in den mittleren und späteren Jahren. Bei Frauen zeigt sich der Zusammenhang zwischen sexueller Aktivität und sexualbiographischen Ereignissen etwas stärker als bei Männern.
Für eine umfassende Betrachtungsweise der Sexualität in der zweiten Lebenshälfte fehlen neben der nicht vorhandenen Integration der bisher angeführten Befunde Erkenntnisse über den Zusammenhang von sexuellem Erleben und Verhalten mit individuellen Merkmalen sowie dem sozialen Kontext, in welchem Menschen reiferen Alters stehen.
Neben verschiedenen Persönlichkeitsvariablen gehen wir davon aus, dass die Vertrautheit mit dem eigenen Körper und dessen Akzeptanz, das Kennen und Umsetzen von persönlichen sexuellen Wünschen auch im mittleren Lebensalter eine grosse Rolle spielen. So äussern beispielsweise Frauen in der Postmenopause oft die Befürchtung, als Sexualpartnerin nicht mehr attraktiv zu wirken.
Lebensereignisse und normative Übergänge
In der zweiten Lebenshälfte treten häufiger kritische Lebensereignisse auf, welche eine Neuanpassung an veränderte Umstände erfordern: vermehrte gesundheitliche Belastungen, der Verlust von nahestehenden Personen, um nur zwei zu nennen.
Personen im Lebensabschnitt des mittleren und höheren Alters sind aber auch mit sogenannten normativen Übergängen wie der Menopause, dem Auszug der Kinder aus dem elterlichen Haushalt («Empty-Nest-Situation») und der Pensionierung konfrontiert. Die Pubertät und das fünfte und sechste Lebensjahrzehnt werden als die krisenanfälligsten Lebensabschnitte betrachtet, wobei gemäss den geschlechtstypischen Belastungen der Menopause und der Pensionierung Frauen eher im fünften und Männer vermehrt im sechsten Lebensjahrzehnt betroffen sind. Umstellungen dieser Art führen jedoch nicht zwangsläufig zu Belastungen, sondern stellen bei geglückter Verarbeitung Chancen der Lebensneugestaltung und Weiterentwicklung dar.
Hier stellt sich die interessante Frage, wie sich die Verarbeitung solcher lebensverändernder Prozesse auf die Sexualität auswirkt. Gerade die Pensionierung und die Empty-Nest-Situation führen in der Partnerschaft meist zu grossen Veränderungen. Die Partner finden sich in einer ungewohnten Zweisamkeit, in der Zuständigkeitsbereiche neu ausgehandelt werden müssen und sich ein neues Gleichgewicht zwischen persönlicher Autonomie und Zusammensein einstellen muss. Diese Neuorganisation der Beziehung kann sich auch auf die Sexualität auswirken.
Zum Einfluss der Pensionierung und deren Verarbeitung auf die Sexualität sind verschiedene Hypothesen denkbar: So kann die Pensionierung zum Beispiel mit einem Identitätsverlust einhergehen, welcher entweder kompensatorisch durch vermehrte sexuelle Aktivität verarbeitet wird oder der berufliche Rückzug steht in direktem Zusammenhang mit einem persönlichen Rückzug, der auch den Bereich der sexuellen Aktivität mit einschliessen kann.
Partnerschaft und Intimität
In den meisten Partnerschaften nimmt die sexuelle Aktivität mit zunehmender Zeit ab, und es bleibt unklar, ob dieser Rückgang durch den Alterungsprozess oder durch die Länge der Partnerschaft bedingt ist. Ältere Personen geben an, dass die nicht genitalen Aspekte der Sexualität wie Zärtlichkeit wichtiger werden als der Geschlechtsverkehr per se, und Intimität wird zum Hauptfaktor ehelicher Zufriedenheit. Deshalb messen wir der Beziehungsqualität eine enorme Bedeutung bei. Dabei ist die Kommunikation über Sexualität mit dem Partner oder der Partnerin ausschlaggebend für eine befriedigend erlebte Sexualität und gerade im Zusammenhang mit den vielfältigen körperlichen Umstellungen, welche die zweite Lebenshälfte mit sich bringt, wesentlich.
Vom Nichtwissen zum Wissen
Um ein möglichst umfassendes Bild von sexueller Aktivität und Zufriedenheit in der zweiten Lebenshälfte zu erhalten, kommen in der anfangs erwähnten Studie verschiedene methodische Zugänge zum Zuge: Mit der im Februar und März dieses Jahres angelaufenen schriftlichen Umfrage bei Deutschschweizer Frauen und Männern zwischen 45 und 70 Jahren soll zuerst eine breite Datenbasis geschaffen werden, welche Auskunft über diejenigen Aspekte des Sexuallebens und dessen Zusammenhänge gibt, welche mit einem standardisierten Fragebogen erfasst werden können. Dabei geht es vor allem um die aktuellen Wünsche und Bedürfnisse, die tatsächlich gelebte Sexualität und Zufriedenheit damit sowie die möglichen Einflussfaktoren, welche bereits beschrieben wurden.
Weiter werden im Herbst dieses Jahres mit Personen, die sich dafür zur Verfügung stellen, qualitative Interviews geführt, um Zusammenhänge zu erfassen, die sich mit standardisierten Methoden nicht erheben lassen. Dabei soll dem prozesshaften Charakter der Sexualität Rechnung getragen werden: Welche Funktion hat Sexualität in verschiedenen Lebensphasen, insbesondere in der zweiten Lebenshälfte? Welchen Einfluss haben Veränderungen in der Beziehung zum Partner / zur Partnerin? Welche biographischen Momente spielen im Sexualleben selbst in der zweiten Lebenshälfte noch eine Rolle? Antworten dazu sollen die Daten der Fragebogenuntersuchung ergänzen und abrunden. Auf die Ergebnisse sind wir gespannt.

Koordinations- und Forschungsstelle
Die Interdisziplinäre Koordinations- und Forschungsstelle für Sexualwissenschaften der Universität Zürich wurde 1997 von den Professoren Claus Buddeberg (Abteilung für Psychosoziale Medizin der Psychiatrischen Poliklinik), Felix Gutzwiller (Institut für Sozial- und Präventivmedizin) und Rainer Hornung (Abteilung Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts) gegründet, um die Sexualwissenschaften an der Universität Zürich besser zu koordinieren und verankern.
Ihre Hauptziele sind
Da in der momentanen finanziellen Situation die Mittel nicht gegeben sind, dass diese Stelle von der Universität getragen wird, werden deren Zielsetzungen unter anderem mittels Forschungprojekten, die von dritter Stelle (Nationalfonds) finanziert werden, umgesetzt. Zurzeit laufen zwei Projekte:
Neben den Forschungprojekten organisiert die Fachstelle jedes Semester ein interdisziplinäres Seminar mit ReferentInnen aus dem In- und Ausland. Das Seminar wird im Wintersemester 1999/2000 fortgesetzt. Das Programm kann bei folgender Adresse bestellt werden:
Interdisziplinäre Koordinations- und Forschungsstelle für Sexualwissenschaften
der Universität Zürich
LITERATUR
H.-D. Schneider: Sexualverhalten in der zwei-ten Lebenshälfte. Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschung. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1980.
Lic. phil. Marianne Schmid Mast forscht zurzeit mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds an der Northeastern University in Bosten. Lic. phil. Thomas Bucher ist Assistent an der Abteilung Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts.
unipressedienst
Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (<email-pii>)
Last update: 17.04.99