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Ich erinnere mich: Ich habe die Inspiration für das Gedichteschreiben bis in die achtziger Jahre hinein aus der «Welt» bezogen (aus einem Ereignis, einem Erlebnis, einer Beobachtung etc.). Seit dem vierten Teil des Konvoluts («1986») wurde vermehrt Sprachimmanentes zur Quelle der Inspiration («fremdes» Sprachmaterial, das ich in «eigenes» eingearbeitet habe). Dieser Übergang zu den «poetischen konstellationen» war so etwas wie der «linguistic turn» in meiner poetischen Arbeit.
Seither ist – so stelle ich heute fest – der «poetische Impuls», das Gefälle im Sprachfluss kleiner geworden, und dieser verliert sich von Fall zu Fall in den Widerwassern schierer Sprachspielerei. Am inspirierenden Sprachmaterial hat sich das kognitive Gewebe, das die Brocken der Begriffe umgab und verband, zusehends zurückgebildet, so dass mir in den seltener werdenden Augenblicken meditativer Inspiration lediglich noch unverbundene Begriffe zufallen, die ich mit abnehmendem Interesse drehe und wende – wie abgeschliffene Kiesel in einem Bachbett, die alle ähnlich und ohne Wert sind über den Moment hinaus.
Wenn es mir zu Beginn der neunziger Jahre zunehmend zur Not wurde, über eine erste Verszeile, eine erste Formulierung etc. hinaus zu kommen, sehe ich heute oft kaum mehr eine Möglichkeit, von einem ersten Begriff zu einem zweiten zu gelangen. Während mir Begriffe früher lichtschillernde Steinwunder in einer breiten Strömung schienen, sind sie mir heute unverbunden ziehende Meteoriten in der Luftleere des Alls.
Poesie, wie ich sie mir in den letzten Jahren gedacht habe, kommt damit zum Abschluss – oder genauer: zum Stillstand.
(08.04.1995; 12.5.1995; 31.08.2005; 29.03.2018)
Das Werkstück entstand 1995 – zehn Jahre vor dem «Echsenland»-Buch, in dem ich die Texte dann (entsprechend dem lyrischen Fünfzehnjahresplan) in fünfzehn, mit den Jahreszahlen 1990 bis 2004 gekennzeichneten Abschnitten gegliedert habe. Ich habe also weiterhin Gedichte geschrieben, und ab und zu tue ich das bis heute.
Trotzdem scheint Mitte der neunziger Jahre, nach dem Konvolut und nach den jahrelangen, immer wieder ums Gleiche kreisenden Gedanken, die sich in den Werkstücken dieses Mäanders spiegeln, etwas zu Ende gegangen zu sein: Ich erinnere mich tatsächlich, dass mein Kopf über Jahre grosse Probleme hatte, mein idealistisches Wollen davon zu überzeugen, dass einerseits die Kategorie des Eigenen an der Sprache eine vollkommen illusionäre und obsolete sei; und andererseits Sprache nichts anderes als gesellschaftliche Konvention sein könne, die der zwischenmenschlichen Kommunikation diene. Zwar hätten alle, die sich das leisten könnten, die Freiheit, mit dieser Konvention anzustellen, was sie für originell hielten und das, was dabei entsteht, für Kunst zu halten – aber noch die originellste Originalität mache die Konvention nicht zu etwas Eigenem.
Mitte der neunziger Jahre scheint mein Kopf das Wollen endlich überzeugt zu haben. Dieses erklärte darauf – im vorliegenden Werkstück – trotzig das «Ende der Poesie» (ohne auch nur einen Augenblick lang nicht das Gegenteil zu erhoffen). Allerdings haben sich die Gedichte, die seither entstanden sind, formal stark verändert. Indem ich die unüberwindbare Tatsache der Sprache als Konvention akzeptiert habe, verschwand die Ambition, mit Stilmitteln der avancierten Moderne – von der Konkreten Poesie bis zu den Montagen der «poetischen konstellationen» – Texte zu verfassen, die in einem ästhetischen Sinn «neu» scheinen sollten. Für die Verse griff ich von nun an immer häufiger zurück auf Reim und Rhythmisierung.
Unterdessen bin ich überzeugt, dass lyrische Originalitätereien meinem Gedichteschreiben nur abträglich sind: Wenn Sprache nichts als Konvention ist, dann ist es ein Gebot der Bescheidenheit, sie in nicht manierierter Weise in jenen Formen darzustellen, die durch das Erfahrungswissen von Jahrhunderten geadelt worden sind. Lyrische Originalitätereien – die nicht selten unpräzises Denken kaschieren – mögen dazu dienen, im Literaturbetrieb Aufmerksamkeit zu erwecken, Publikum anzulocken und Verkäufe zu generieren. Aber für mich geht es darum, das Nötige in eine Form zu bringen, in der es für mich eindeutig widererkennbar ist und haltbar bleibt. Wie gesagt: lyrische Arbeit als Erkenntnisarbeit, die ich zu meiner intellektuellen Selbstvergewisserung nötig habe.
(21., 29.03.+03.04.2018)