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Geschichten über Frauen, die patriarchale Strukturen hinterfragen und aufbrechen, gibt es – glücklicherweise – immer mehr. Diese Geschichte hier beginnt jeden Montag um 8.00 Uhr früh, wenn sich sechs Frauen in einem Dorf im Norden Ghanas zur Arbeit treffen, zusammen Fonio verarbeiten und damit ihre Zukunftsperspektiven verändern.
Schon mal von Fonio gehört? Im Westen eher unbekannt, wird diese in Westafrika heimische und dort weit verbreitete Hirseart seit über 5000 Jahren angebaut. Während sie im Altertum einst Königen und Stammesführern vorbehalten war, stellt sie heute in manchen Regionen von Nigeria, Mali und Guinea die wichtigste Getreidesorte dar. Die Kosmologie der Dogon in Mali besagt, dass das Universum aus einem einzigen Foniokorn entstanden ist.
Balila, eine der sechs Frauen, erzählt, dass sie schon im Bauch ihrer Mutter mit Fonio ernährt wurde: “Unsere Vorfahren haben Fonio schon immer gegessen, es ist gesund und macht uns stark.” Und ja, Fonio ist wahrhaftig ein Wunderkorn, welches nährstoffreich und glutenfrei ist, wenig Wasser für den Anbau braucht und sehr schnell wächst.
Ein paar Frauen nehmen Platz im Schatten der Blechdächer eines reihenartigen Baukonstrukts. Ein paar sitzen auf Hockern, andere auf einem auf dem Boden ausgelegten Gewebesack. Samira und Balila sind umgeben von Blechschüsseln mit rohem Fonio. Einige Frauen beginnen die Hirse zu waschen, andere legen diese auf einer weiten Zementfläche aus, damit die Sonne das Getreide in einem ersten Schritt trocknen kann. Die verschiedenen Arbeitsprozesse werden aufgeteilt, dabei gehen die Gespräche über den Alltag untereinander weiter. Es wird gewitzelt und über Geschehnisse im Dorf reflektiert.
Heute müssen einige Säcke für den Versand in die Hauptstadt vorbereitet werden, da ein Kunde in Accra eine größere Bestellung aufgegeben hat. Durch die steigende Nachfrage kann sich dieses Projekt entwickeln, welches aktuell hauptsächlich von privaten Geldern von Auswärts finanziert wird. Im Dorf gibt es nur wenige Arbeitgebende, allenfalls ein paar staatliche Institutionen. Die meisten Menschen leben von der kleinbäuerlichen Subsistenzlandwirtschaft.
Bedingt durch die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen besitzen die Frauen im Dorf oft keinen Schulabschluss und Probleme bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie schränken autonome Arbeitsmöglichkeiten ein. Ausserdem dürfen Frauen in Ghana kein Land besitzen. Sie arbeiten auf den Feldern ihrer Ehemänner.
Doch durch Fonio ändern sich diese Realitäten. Die Frauen nehmen aktiv am Produktionsprozess teil, sichern sich ein nachhaltiges Einkommen und plötzlich entstehen neue Lösungsansätze, um Arbeit und Kinderbetreuung kompatibel zu gestalten – ein wichtiges Anliegen der Frauen.
Balila, Munira, Samira, Ayishetu, Jamila und Rafiya, alle sechs packen mit an. Die schweren Säcke sind nun für den Transport nach Accra abholbereit. Dort landet das Fonio beispielsweise in der Küche des aufstrebenden Küchenchefs Ike, der als Avantgarde-Koch lokale Zutaten aus Westafrika in kreativen Gerichten neu erfindet. Oder auch bei den hippen Pop-up-Events der Starköchin Binta. Sie prophezeit, dass dieses kleine Korn tatsächlich eine Lösung für die regionalen Probleme bezüglich Lebensmittelknappheit und Klimawandel sein wird.
Täglich entstehen neue Geschichten, die zeigen, wie fruchtbar es ist, wenn Frauen im Kollektiv agieren, um alte Rollen in der Gesellschaft neu zu definieren. Fonio mag nur ein winziges Korn sein, doch sein Beitrag zum Leben in diesem Dorf an der Grenze zu Togo ist riesig.
Photocredit: Alexxa Walker