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Familie
Start ins Leben
Die ersten drei Jahre im Leben eines Menschen sind von grosser Bedeutung für seine künftige Entwicklung. Eine Reise vom Embryo bis hin zum Kleinkind.
Wegweisend
Nachdem sich der Embryo in der Gebärmutter eingenistet hat, bilden sich bis zum zweiten Schwangerschaftsmonat das Herz, die ersten Gehirnstrukturen, die Leber, die Ansätze des Aussenohrs, der Speiseröhre, des Magens, der Genitalien und der Schilddrüse heraus. Währenddessen erlebt die werdende Mutter einen plötzlichen Hormonanstieg und stellt sich tausend Fragen: Bin ich zufrieden? Ist es der richtige Augenblick? Bin ich bereit?
Vorbereitung auf die Geburt
Am Ende des dritten Monats wird der Embryo zum Fötus. Die Mutter verspürt grösseren Hunger. Das ist gut, denn das Wachstum des Kindes hängt auch davon ab, was sie isst. Das Frühstück und regelmässige Zeiten fürs Mittagessen sind wichtig auch auf der Arbeit. Zusätzlich sind kleine Zwischenmahlzeiten erlaubt. Auf diese Weise nimmt die Schwangere häufiger Nahrung zu sich und das Baby kann die Nährstoffe über die Nabelschnur besser aufnehmen.
Zwischen dem fünften und dem achten Monat erfahren die werdenden Eltern, ob ein Junge oder ein Mädchen unterwegs ist sofern sie es denn wissen wollen. Spätestens dann werden sie wohl anfangen, über mögliche Namen nachzudenken: Möglichst keinen, der zu häufig ist. Und einen, der dem Kind peinliche Momente erspart, wenn es später die Krippe oder den Kindergarten besucht.
Während der letzten drei Monate der Schwangerschaft bilden sich die Gliedmassen, die Nase, die Augen und die Stirn heraus. Nun sind die Ober- und Unterlider voneinander getrennt, die Ohrmuscheln liegen am Kopf an, die Haut ist weniger runzelig und der Körper lagert Fett ab und wird rundlicher. Das Kind legt deutlich an Gewicht zu und bereitet sich allmählich auf die Geburt vor.
Dies ist ein natürlicher Aktivierungsvorgang, der das Baby auf ein Leben ausserhalb der Gebärmutter vorbereitet. Seine Lungen passen sich an die neue Umgebung an, das Immunsystem wird stärker.
Die Umgebung wird spannend
In den ersten tausend Tagen seines Lebens erlebt ein Mensch die schnellste körperliche und geistige Entwicklung seines Daseins. Wichtig dafür ist die Muttermilch: Achtzig Prozent der weissen Substanz des Gehirns bilden sich während der ersten drei Lebensjahre heraus. Die Muttermilch ist reich an Proteinen, Vitaminen und allen anderen Nährstoffen. Sie liefert essenzielle Fettsäuren, die für das Wachstum des Gehirns und die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten wichtig sind. Das Stillen stärkt auch das Immunsystem und fördert die Entwicklung des Verdauungsapparats, der Nährstoffe zu verarbeiten und zu absorbieren lernt. Diese Nahrung könnte den jetzigen Säugling später vor Übergewicht bewahren. In den ersten drei Monaten nach der Geburt richtet das Baby seine Aufmerksamkeit auch auf seine Umgebung.
Es braucht mehrmals täglich Nahrung. Vor allem benötigt es viel Schlaf. Dieser nimmt etwa zwei Drittel seiner Zeit ein. Das Kind erlebt Wärme und Kälte und versucht, mithilfe von Weinen zu kommunizieren in den meisten Fällen um zu signalisieren, dass ihm etwas nicht gefällt.
Es baut die Grundlagen für soziale Kontakte auf und zeigt mit seinem Lächeln, wen es mag und wen nicht. Die Stimme und der Geruch der Bezugspersonen dienen ihm als Orientierungshilfe. Das kleine Gehirn wiegt etwa ein halbes Kilo und besteht vorwiegend aus grauer Substanz, doch auch für die weisse Substanz, die für Gehirnverknüpfungen verantwortlich ist, beginnt der Auftakt zu einer langen Entwicklungsphase. Es werden Bilder abgespeichert, mit deren Hilfe das Kind Personen und Sachen, die ihm begegnen, wiedererkennen kann. Auch die motorischen Fähigkeiten entwickeln sich: Es dreht sich, strampelt, übt das Greifen und bringt seine ersten Vokale hervor.
Ab einem Alter von sechs Monaten geht es langsam auf Erkundungstour: Das Kind fängt an zu krabbeln. Auch nimmt es immer mehr Reize wahr. Der Seh-, Hör- und Geruchssinn helfen dabei, die Eltern zu erkennen. Mit dem Tastsinn erforscht es verschiedene Formen und entdeckt mit dem Geschmackssinn feste Nahrungsmittel.
Mehr als Muttermilch
Die Milch der Mutter reicht nicht mehr als Nahrung. Reis-, Hirse- und Maisbreie liefern nun Kohlenhydrate, Proteine, Mineral- und Ballaststoffe. Allmählich stehen ausgewählte Früchte und Gemüse und erste tierische Produkte auf dem Speiseplan. Diese versorgen den kleinen Körper mit wachstumsfördernden Proteinen und Eisen. Auch die emotionale Entwicklung schreitet voran. Das Kind lernt, positive und negative Empfindungen einzuordnen. Weint es und wird getröstet, steigt das Wohlbefinden, das Unwohlsein verringert sich. So lernt es, positive Momente mit einem behaglichen Gefühl und negative mit Unbehagen zu assoziieren.
Ich bin ich
Im Alter von etwa einem Jahr beginnt der Mensch Gefühle wie Angst, Wut, Traurigkeit und Freude zu erkennen. Auch der soziale Kontext nimmt auf diese neue Lebensphase Einfluss. Mithilfe von Gesichtsmimik gibt das Kind zu verstehen, wenn etwas oder jemand ihm Angst macht. Ebenso setzt es seine Körperhaltung und das Weinen ein, um zu kommunizieren, dass ein äusserer Faktor ihm Unbehagen bereitet. Bis zum Alter von eineinhalb Jahren sind die Körperhaltung und der Gesichtsausdruck wichtige Indikatoren, dann lernt es zu sprechen. Nun beginnt auch die Ich-Phase. Das Funktionsspiel, wie das nachgeahmte Telefonieren, und das Darstellungsspiel, etwa das Schieben eines Spielzeugautos, helfen dem Kind, sich in seinem Umfeld wiederzufinden und sich als Individuum wahrzunehmen. Es beginnt nun Schuldbewusstsein, Scham, verletzten Stolz oder Verlegenheit zu zeigen. Auch kann es mit Wut auf Situationen wie etwa ein Verbot reagieren. So stellt es zum einen fest, dass es Regeln gibt, die es beachten muss, und entdeckt zum anderen, dass es einen eigenen Willen hat. Bis zum Alter von zwei Jahren schreiten die körperliche und kognitive Entwicklung schnell voran und das Kind verbessert seine beziehungsbildenden Fähigkeiten. Es lernt, allein zu trinken und zu essen am liebsten mit den Händen. Die Windel bleibt nachts immer öfters trocken.
Zeitplan
1. Woche bis 3. Monat der Schwangerschaft
- Einnistung des Embryos
- Die Organe beginnen sich zu entwickeln
- Hormonelle Umstellung, Übelkeit und Erbrechen bei der Mutter
- Regelmässige Untersuchungen beim Frauenarzt, Kontaktaufnahme zu einer Hebamme
- Das Geschlecht des Fötus ist zu erkennen
- Die inneren Organe sowie die oberen und unteren Extremitäten bilden sich weiter heraus
- Der Herzrhythmus des Babys stabilisiert sich
- Der Laufreflex ist bereits vorhanden
- Nahestehende Personen werden über die Schwangerschaft informiert
- Der Arbeitgeber wird über die Schwangerschaft informiert und allenfalls wird vereinbart, wie die berufliche Laufbahn nach der Rückkehr in die Arbeit gestaltet werdensoll
- Bewegung, sanfte Gymnastik und Spaziergänge sind möglich
- Regelmässige Untersuchungen beim Frauenarzt
- Die Entwicklung des Fötus ist abgeschlossen
- Die Mutter nimmt die Bewegungen des Kindes wahr und merkt, wie es ihm geht
- Die Brüste der Mutter produzieren Vormilch, die bei der Geburt des Babys mit dem Einschiessen der Milch zur eigentlichen Muttermilch wird
- Der Fötus bereitet sich auf die Geburt vor
- Routineuntersuchungen beim Frauenarzt
- Der Körper der Mutter vermittelt dem Baby, das zuvor im Fruchtwasser gelebt hat, ein Gefühl von Sicherheit
- Die Lungen des Babys passen sich der neuen Situation an
- Das Neugeborene sucht die Brust und saugt die Milch
- Visite beim Kinderarzt zwecks Routineuntersuchungen
- Das Baby sucht die Gesichter der Eltern und lächelt zurück
- Das Baby greift nach einem Ring, führt die Hände zum Mund und hält den Kopf
- Das Baby verbringt des Tages mit Schlafen
- Das Baby beginnt, erste Geräusche hervorzubringen
- Muttermilch
- Der Säugling wendet sich Stimmen zu
- Der Säugling zeigt Freude, wenn man mit ihm spielt
- Der Säugling führt Gegenstände zum Mund
- Der Säugling dreht sich auf den Bauch
- Der Säugling unterscheidet zwischen Tag und Nacht
- Der Säugling bringt Geräusche hervor
- Abstillen und Gewöhnung an feste Lebensmittel
- Gemüse- und Früchtebreie
- Das Kind reagiert auf sein Spiegelbild
- Das Kind übt den Vierfüsslerstand
- Lallen
- Andere Personen erkennen nun deutlich die Emotionen, die das Kind empfindet, wie Angst, Wut, Traurigkeit und Freude
- Die Sozialisierung gewinnt an Bedeutung
- Normale Ernährung, Verwendung von Besteck
- Imitationsspiel: Hausarbeit, Kaffee trinken,
- Auto fahren
- Das Kind erkennt die Funktion einiger Gegenstände
- Das Kind kann laufen
- Das Kind kann ca. zehn Wörter sagen
- Mit ca. 18 Monaten erkennt sich das Kind im Spiegel und entdeckt das Ich
- Die zunehmende Beherrschung der Sprache hilft ihm, Wohlgefallen oder Unbehagen zum Ausdruck zu bringen
- Das Kind lernt, komplexe Emotionen zum Ausdruck zu bringen, zum Beispiel Schüchternheit, Stolz, Scham, Schuldgefühl oder Verlegenheit
- Das Kind reagiert auf Verbote
- Das Kind speichert Regeln ab
- Das Kind lernt, seine Gefühle zu kontrollieren
- Trotzalter: Das Kind entdeckt seinen eigenen Willen und will diesen durchsetzen, Wutreaktion bei Verboten
Frühe Kindheit
Entwicklungspsychologin Dr. Miriam Beisert über die Entwicklung eines Menschen in seinen ersten 1000 Tagen.
Man sagt, die ersten zwei Jahre im Leben eines Menschen seien besonders prägend. Warum?
Nie wieder entwickelt sich ein Mensch so schnell wie in den ersten Lebensjahren. Er wandelt sich von einem hilflosen, nur eingeschränkt handlungsfähigen zu einem aktiv handelnden und interagierenden Wesen. Damit einher geht der Aufbau einer Vielzahl von Verbindungen zwischen Hirnstrukturen. Erfahrungen, die das Kind zu dieser Zeit macht, haben somit einen aussergewöhnlichen Einfluss auf sein Leben.
Was entscheidet sich alles in der Anfangszeit des Lebens?
Entscheiden ist ein harter Begriff, aber zumindest die Grundsteine werden für viele Bereiche gelegt. Die Bindung zu Menschen und die Sprachentwicklung sind nur zwei Beispiele. Formbarkeit und die Möglichkeit für Entwicklung bleiben jedoch zum Glück über die ganze Lebensspanne erhalten.
Wiegen denn Erfahrungen in diesem jungen Alter stärker, als wenn sie erst später gemacht werden?
Auch spätere Erfahrungen können noch viel bewirken. Erfahrungen in jungem Alter haben jedoch eine besondere Bedeutung, denn sie bilden die Basis für späteres Verhalten und Erleben.
Dennoch haben wir an diese Zeit keine Erinnerungen
Allerdings, das stimmt. Man unterscheidet jedoch ein explizites und ein implizites Gedächtnis. Verloren geht nur das explizite Gedächtnis mit bewussten Erinnerungen, die man auch in Worte fassen könnte. Implizit beeinflussen vergangene Erfahrungen, auch aus frühester Kindheit, unser Denken und Verhalten, ohne dass wir dies bemerken.
Was kann denn schiefgehen respektive was können die Eltern falsch machen?
Gewöhnlich tun Eltern intuitiv das Richtige, wenn sie ihr Kind und seine Bedürfnisse von Anfang an ernst nehmen. Ein kleines Kind braucht Geborgenheit, Sicherheit, Zuwendung und viel Zeit, um zu spielen und Schritt für Schritt die Welt zu entdecken. Wann es für einzelne Schritte bereit ist, zeigt es meist selbst.
Die Experten
Dieser Bericht ist mit Unterstützung folgender Personen entstanden:
Anna Fossati
Freiberufliche Hebamme und Leiterin des Geburtshauses Lugano.
Gian Paolo Ramelli
Kinderarzt und Chefarzt der Abteilung für Pädiatrie des Krankenhauses San Giovanni in Bellinzona, Dozent an den medizinischen Fakultäten Basel und Bern.
Miriam Beisert
Psychologin und Forscherin an der Fakultät für Psychologie in Zürich mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie im Kindesalter.
Ernährung in den ersten 1000 Lebenstagen von pränatal bis zum 3. Geburtstag, 2015 von der Eidgenössischen Ernährungskommission (EEK) veröffentlicht.