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Der Fall der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai zieht immer weitere Kreise. Sie hatte Anfang November einen führenden Politiker beschuldigt, er habe sie sexuell missbraucht. Seither ist sie von der Bildfläche verschwunden. Zahlreiche Tennisstars sind besorgt über ihr Schicksal und teilen in den sozialen Medien den Hashtag #WhereIsPengShuai.
Dazu gehörten Serena Williams, Naomi Osaka oder Stan Wawrinka. Novak Djokovic und Alexander Zverev äusserten sich am Rande der ATP-Finals in Turin schockiert über das Verschwinden der zweifachen Grand-Slam-Gewinnerin im Doppel. Die Chinesen wiederum, die auf Kritik aus dem Ausland oft empfindlich reagieren, verhalten sich defensiv.
Das Aussenministerium in Peking erklärte sich am Donnerstag für nicht zuständig. In den staatlichen Propaganda-Medien, die gerne auf die nationalistische Pauke hauen, liest man praktisch nichts zu dieser Affäre. Der chinesische Tennisverband behauptete, Peng befinde sich in Sicherheit und werde nicht körperlich bedroht.
Am Donnerstag tauchte ein angebliches E-Mail von Peng auf, in dem die 35-Jährige ihre Anschuldigungen zurücknahm und erklärte, sie befinde sich zu Hause, es gehe ihr gut. An der Echtheit bestehen grosse Zweifel. So wurde das Mail auf Twitter als Screenshot verbreitet, und zwar ausschliesslich vom staatlichen Auslandsfernsehsender CGTN.
Selbst wenn es echt wäre, lese es sich wie «eine Botschaft einer Geisel», meint die «New York Times». Auch Steve Simon, der Chef der Frauen-Tennistour WTA, sprach in einem Interview mit CNN von «einer Art inszeniertem Statement». Er drohte mit dem geschäftlichen Rückzug aus China, falls Pengs Anschuldigungen nicht umfassend untersucht würden.
«Wir sind absolut bereit, unsere Aktivitäten in China zu beenden, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt», versicherte Simon. Diese wären enorm, denn das Frauentennis, das sich finanziell und in Sachen Aufmerksamkeit im Schatten der Männertour ATP bewegt, hat sich in den letzten Jahren stark auf das Reich der Mitte ausgerichtet.
Die WTA stelle die Menschen über den Profit und zeige «Mut», lobt die «New York Times». Das Gegenstück bildet das Internationale Olympische Komitee (IOK) in Lausanne. Es duckte sich weg, obwohl Peng Shuai eine dreifache Olympiateilnehmerin (2008, 2012 und 2016) ist und damit nach offizieller Lesart zur «Olympischen Familie» gehört.
Erst am Mittwoch meldete sich das IOK mit einem dürren Communiqué und zeigte sich «ermutigt» über die Zusicherungen, wonach Peng in Sicherheit sei. Worüber sich die «New York Times» empörte: «Statt klarer Forderungen hören wir von der Olympischen Führung nicht viel mehr als ein laues, unterwürfiges Flüstern.» Dies zeuge von fehlendem Rückgrat.
Die «Süddeutsche Zeitung» bezeichnete das Taktieren des deutschen IOK-Präsidenten Thomas Bach als «armselig». Wenn es Geld und Glanz zu ernten gebe, sei das IOK sofort zur Stelle – wie etwa am Montag, als Bach vom polnischen Präsidenten einen Orden erhielt. Wenn es aber ungemütlich werde, sei man plötzlich politisch «neutral».
Im konkreten Fall ist der Grund dafür durchschaubar: Am 4. Februar 2022 beginnen in Peking die Olympischen Winterspiele. Sie waren stets umstritten und sind es erst recht, seit die Kommunistische Partei die Repression massiv verstärkt hat. Das Verschwinden einer chinesischen Sportlerin und Olympionikin im Vorfeld poliert das Image nicht auf.
Es scheint, als hätte China nicht mit derart heftigen Reaktionen gerechnet. Immerhin hat Peng Shuai seit bald zwei Jahren international nicht mehr gespielt, und sie war nie eine wirklich grosse Nummer. Ein Ausweg ohne Gesichtsverlust scheint kaum möglich. Das IOK schrieb in seiner Mitteilung, «stille Diplomatie» sei erfahrungsgemäss der beste Weg, um in solchen Fällen eine Lösung zu finden.
Wie diese aussehen soll, bleibt schleierhaft. Bis zum Beginn der Winterspiele drohen weitere unangenehme Diskussionen. Für die Veranstalter aber gibt es einen Ausweg: Sie nehmen die explodierende Corona-Lage als Vorwand, um die Spiele wie jene in Tokio um ein Jahr zu verschieben. In der Hoffnung, dass bis dann Gras über die Sache gewachsen ist.
Spätestens seit der Netflix-Serie «Das Damengambit» ist Schach wieder in aller Munde. Die Geschichte rund um das fiktive Schachgenie Beth Harmon (gespielt von Anya Taylor-Joy) wurde weltweit zum Erfolg und lockte bereits im ersten Monat ihrer Ausstrahlung 62 Millionen Abonnenten vor den Bildschirm. Hölzerne Schachbretter waren im letzten Winter kaum mehr zu bekommen und die Google-Anfrage «How to play chess» erreichte einen neuen Höchststand.