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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Es ist gar nicht so einfach, ein Naturschauspiel zu beschreiben, zumal es kein spektakuläres ist, sondern einfach eine Wettersituation.
Bevor wir uns dem zuwenden, betrachten wir einmal ein fast ausgebranntes Holzkohlenfeuer am Spätabend. Es glüht noch, ein roter Schein geht von ihm aus. Ab und zu knackt es, als ob Äste brechen und ein Glutschimmer erhält die dunkle Nacht.
Langsam verglüht das Feuer, es findet nicht mehr genug Nahrung. Stück für Stück stirbt es ab, bis nur noch weisse Asche übrig bleibt.
Szenenwechsel. Wir stehen direkt an einer Promenade, die die Abgrenzung zur Adria bildet. Seitlich, gegen Ortsmitte zu, sieht man einige Luxusliner, die dort vor Anker liegen. Auf der gegenteiligen Seite zeigt der Himmel eine seltsame Erscheinung. Das Wasser der Adria ist nicht mehr blau, wie es ist, wenn die Sonne direkt darauf scheint, sondern hellgrau und bläulich. Oben über uns zeigt sich der Himmel hellblau, doch dahinter bis zum Rand des Meeres hin ist ein breites, dick geschichtetes, fast schwarzes Wolkenband zu sehen, das sich über den ganzen Himmel erstreckt. Rechts davon wird das Wolkenband schmaler .Auch dahinter ist der Himmel hellblau.
Es ist abends, die Sonne ist nicht zu sehen. Nein, das stimmt nicht ganz, ein Stück von ihm, ein Streifen zeigt sich, er sieht aus wie die Glut des langsam verlöschenden Feuers. Er leuchtet am unteren Rand des schwarzen Wolkenbands direkt über dem Meer. Die Strahlen der untergehenden Sonne färben das Wasser der Adria. Die Menschen, die meisten davon sind Touristen, beobachten das Schauspiel und wenden ihre Blicke fasziniert in die Richtung des Lichts.
Dann flackert die Glut auf. Die Sonne hat ein weiteres Stück des dicken Wolkenbandes durchbrochen. Ganz langsam versinkt das Licht hell leuchtend im Meer. Nur am anderen Ende des Wolkenbandes ist der Himmel noch blau. Langsam wird er dunkler.
Ich habe das Bedürfnis zu klatschen. Unser Zentralgestirn hat sich gegen die dunkle Macht der Wolken durchgesetzt, bevor es im Westen versinkt.
Die einsetzende Dämmerung zeigt an, dass es bald Nacht wird. Das Wolkenband wird bedrohlich schwarz und schwärzer. In ein paar Stunden, bis zum nächsten Morgen wird es sich aufgelöst haben.
"Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht!" singt Sarastro in Mozarts Zauberflöte.
Und die Sonne wird wieder ihre lebensspendenden Gaben auf die Erde senden, auf das Meer, auf die Menschen, so lange, bis sich wieder Wolken dazwischen schieben. Und alles wiederholt sich, immer wieder, seit Urzeiten, ganz unabhängig von allem, was sonst so in der Welt geschieht.