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Die Pazifikinsel Nauru hat knapp 10'000 Einwohner und 9450 davon haben Übergewicht. Und doch räumt die kleinste Republik der Welt bei den Commonwealth Games im Gewichtheben regelmässig ab. Der Grund ist nicht so offensichtlich, wie er auf den ersten Blick scheint.
Heute beginnen im schottischen Glasgow die 20. Commonwealth Games. Das Vereinigte Königreich Grossbritannien und Nordirland und dessen ehemalige Kolonien gehen wie alle vier Jahre in den meisten olympischen Disziplinen auf Medaillenjagd. Um Edelmetall mischen dabei auch die Athleten von der Pazifikinsel Nauru mit.
Die kleinste Republik der Welt hat nicht viel zu bieten, aber dennoch eine grosse sportliche Tradition. Der Inselstaat mit rund 10'000 Einwohnern liegt mitten im Pazifik und ist mit 21 Quadratkilometern der drittkleinste anerkannte Staat der Welt. 20 Minuten dauert die Autofahrt auf der einzigen Strasse rund um die Insel. Doch trotz der mickrigen Dimensionen hat Nauru bei den Commonwealth Games seit der ersten Teilnahme im Jahr 1990 schon 28 Medaillen gewonnen. Davon zehn goldene. Alle im Gewichtheben.
Wieso ausgerechnet im Gewichtheben? Auf den ersten Blick könnte man meinen, es hätte etwas mit Naurus nationaler Tragödie zu tun. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts lebten die Einwohner der Koralleninsel fast ausschliesslich vom Fischfang. Doch vor rund 100 Jahren wurde auf Nauru eine Entdeckung gemacht, die das beschauliche Leben radikal verändern sollte: Phosphatvorkommen, ein unersetzlicher Bestandteil von Kunstdünger. Der Abbau brachte den Insulanern Arbeit und Wohlstand.
Plötzlich konnten es sich die Nauruaner leisten, im grossen Stil Nahrungsmittel aus dem Ausland zu importieren. Statt von Fisch und frischen Früchten ernährten sie sich plötzlich von Fast Food und industriell hergestellten Nahrungsmitteln. Mit drastischen Konsequenzen: 2013 war 94,5 Prozent der Bevölkerung übergewichtig (BMI über 25) und 80 Prozent fettleibig (BMI über 30). Der durchschnittliche Inselbewohner wiegt rund 100 Kilogramm und hat einen BMI zwischen 34 und 35.
Doch Fettleibigkeit stemmt noch keine Kilos. Die Gewichtheben-Tradition hat einen anderen Grund. Alles begann in den späten 1980er-Jahren. Marcus Stephen war ein normaler Inseljunge, der in seiner Freizeit wie fast alle Nauruaner den Nationalsport Aussie Rules Football spielte. Während seiner Universitätszeit in Australien nahm er zum Spass an einem Gewichtheben-Wettbewerb teil – und gewann.
Ein Trainer erkannte sein Talent und nahm ihn unter seine Fittiche. Stephen war so gut, dass er bald Profi wurde. Nur wegen ihm wurde 1989 kurzerhand die Nauru Weightlifting Federation (NWF) gegründet, um den damals einzigen nauruanischen Gewichtheber bei internationalen Wettkämpfen starten zu lassen.
Der 160 Zentimeter grosse und um die 60 Kilogramm schwere Stephen hatte sofort Erfolg. 1990 gewann er bei den Commonwealth Games überraschend die Goldmedaille im Reissen in der Kategorie bis 60 kg. Es war die erste von seinen zwölf Medaillen an den Commonwealth Spielen. Den grössten Erfolg feierte der spätere Präsident seines Landes 1999 bei der WM in Athen, als er Vizeweltmeister im Stossen in der Kategorie bis 62 kg wurde.
Seine Erfolge waren die Initialzündung. Plötzlich begannen die jungen Nauruaner ihrem Idol nachzueifern. Die Erfolge stellten sich schnell ein, mit Ebonette Deigaeruk, Sheba Deireragea, Itte Detenamo, Mary Diranga, Jalon Renos Doweiya, Yukio Peter und Reanna Solomon hat der Inselstaat bereits sieben weitere Medaillengewinner bei Commonwealth Spielen hervorgebracht.
Doch warum sind die Nauruaner nun so gut im Gewichtheben? «Unsere Statur ist perfekt fürs Gewichtheben», ist Stephen überzeugt. «Wir sind nicht gross, aber stämmig, wir sind ziemlich explosiv und wir essen viel Fisch, der wichtige Proteine enthält.» Doch leider ernähren sich nicht alle Nauruaner so gesund wie die Gewichtheber. «Der gefährlichste Ort auf Nauru ist zwischen einem Nauruaner und dem Buffet an einem Staatsbankett», scherzte einst ein australischer Radio-Reporter, der lange in Nauru gelebt hatte.