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Acht Joints am Tag und dennoch Klassenbester sein und eine prämierte Maturarbeit schreiben. Kevin (24), so nennen wir ihn in diesem Text, hatte keine schulischen Einschränkungen – sozial und psychisch um so mehr.
Kevin, wann hast du das erste Mal an einem Joint gezogen?
Das war nach einem Konzert mit unserer Gymnasium-Band. Ich war damals 15 Jahre jung. Unser Gitarrist hatte Gras dabei und fragte, ob wir auch Lust hätten. Danach habe ich aber zwei, drei Monate keinen Joint geraucht. Dann wieder mit einer Kollegin, die etwas dabei hatte. Und so entwickelte sich ein schleichender Prozess. Ab nur einmal an einem Joint ziehen wird man also nicht süchtig.
Und wann hast du gemerkt, dass du süchtig sein könntest?
Meine «Quelle» war damals mein bester Freund im Gymnasium. Ich habe ihn darum gebeten, etwas für den nächsten Tag mitzunehmen, da ich über den Mittag etwas rauchen wollte – er hat es vergessen. Im ersten Moment war ich sauer und ich weiss nicht, ob mir das damals schon so bewusst war, aber die Situation ist mir bis heute geblieben.
Wie viel hast du damals konsumiert?
In dieser Zeit habe ich schon meine sieben bis acht Joints am Tag geraucht. Das entspricht etwas 3 bis 4 Gramm. Da war ich etwa 17 Jahre alt, also schon ein Jahr im süchtigen Konsum.
Hast du dich an jemanden gewendet?
Ich war mal bei einer Suchtberatungsstelle und der Termin war enttäuschend für mich. Es liegt wahrscheinlich auch daran, dass es menschlich nicht gepasst hat, denn ich habe mich nicht verstanden gefühlt. Deshalb habe ich auch keinen weiteren Termin vereinbart.
Warum hast du es nicht weiter gezogen – bei einer anderen Beratungsstelle?
Ich hatte Phasen, das Problem anzugehen und in denen ich merkte, dass ich süchtig war. Dann wieder andere Momente, in denen das Problem im Alltag verschwand und ich es verdrängt habe. Die Auseinandersetzung mit der Sucht habe ich nicht gern gemacht, weil es in mir auch schlechte Gefühle auslöste – was ich wiederum mit einem Joint betäuben konnte, damit ich nicht mehr darüber nachdenken würde. Also völlig kontrovers.
Und wie hast du es schliesslich doch geschafft, dich der Sucht zu stellen?
Ich habe es als starke psychische Belastung empfunden, dass ich mein Verhalten nicht mehr steuern konnte. Als Beispiel: Ich war auf dem Weg zu meinem Dealer und merkte, dass ich eigentlich gar nicht dorthin will und das Gras auch nicht rauchen mag, aber ich war wie im Autopilot. Zudem nagte es am Selbstwertgefühl und da ich noch studierte, war es auch eine finanzielle Belastung.
Wie viel hast du denn in der Woche dafür ausgegeben?
In der Blüte der Sucht waren es 200-300 Franken, also um die 30 Gramm. Finanziell habe ich immer geschaut, wie ich mir die nächsten 5-10 Gramm leisten kann.
Das sind die sieben bis acht Joints am Tag?
Genau. Also den ersten gleich nach dem Aufstehen und dann praktisch in jeder Pause, wie ein Raucher. Alles richtete sich nach dem Konsum und ich machte es auch nicht mehr nur in der Gruppe, sondern allein. Ich achtete darauf, dass ich genug Zeit am Tag finde, um zu konsumieren und geniessen.
Hatte dein Konsum Einfluss auf dein Studium?
Gar nicht. Meine akademische Leistung war schon im Gymnasium gut und auch danach ging sie steil hoch. Ich hatte eine prämierte Maturarbeit und mit 19,5 Pluspunkten als Klassenbester abgeschlossen.
Sind deine schulischen Leistungen also mit dem Kiffen sogar gestiegen?
Das kann ich nicht vergleichen, da ich die ganze Zeit im Studium süchtig war. Aber ich denke, dass ich mehr Mühe mit dem Leistungsdruck gehabt hätte.
Hast du also gar keine Nebenwirkungen erlebt?
Die bekannten Psychosen hatte ich nicht. Die Droge verändert sich mit der Zeit auch und man entwickelt eine Toleranz gegen das High und den Kifferhunger. Wenn ich aber nicht die übliche Menge konsumieren konnte an einem Tag, war ich sehr launisch und dünnhäutig. Das war vor allem in der Familie sehr schwierig.
Schulisch ein Ass, warum also damit aufhören. Was waren die Gründe für deine Abhängigkeit?
Zum einen wie erwähnt der Leistungsdruck. Zum anderen habe ich es als Zugang zu meiner Kreativität genutzt. Schlechte Gefühle wie Herzschmerz und Einsamkeit kamen auch dazu. Man verlernt den Umgang mit den unschönen Emotionen dabei, was man dann beim Entzug wieder lernen muss.
Wie ist es am Schluss dann doch zum Entzug gekommen?
Ich hatte mein Studium in Politikwissenschaften fertig, war für neun Monate im Zivildienst und hatte noch drei Monate frei, bis das Studium wieder anfing. Ich wusste, dass ich in dieser Zeit ohne Ende kiffen würde. Deshalb habe ich mich darüber mit meiner Familie, die mich sehr unterstützte, darüber ausgetauscht, dass ich in den isolierte Entzug möchte. Damit dieser nicht in meiner Akte landet, habe ich es nicht über die Versicherung gemacht, sondern einen Drittel mit meinem verdienten Geld vom Zivilschutz bezahlt.
Ist ein isolierter Entzug denn aussergewöhnlich?
Bei Cannabis macht man eigentlich eine ambulante Suchttherapie, da die Droge nicht körperlich abhängig macht. Isoliert wird man eigentlich nur, wenn schwere Verhaltensprobleme wie Selbstverletzung oder eine medizinische Überwachung wie bei Heroin nötig sind.
Und warum hast du dich für die Isolation entschieden?
Da ich in der ambulanten Beratung schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Zudem geht man nach so einer Sprechstunde wieder raus in den gewohnten Alltag und man ist im gleichen Umfeld, mit den konsumierenden Kollegen und Kolleginnen. Mit dem isolierten Setting wollte ich meine Sucht und Verhaltensweise analysieren, abseits von meinem Umfeld.
Was war das für eine Einrichtung?
Ich war im Neuthal, das ein betreutes WG-Wohnen mit einem struktuierten Alltag bietet. Du wirst in einer Arbeit eingeteilt – zum Beispiel im Garten, der Wäscherei oder der Küche – hast Gruppentherapie und auch wöchentliche Einzelsitzungen.
Wie war deine Zeit dort?
Der Eintritt war nicht ganz einfach, da ich das Gefühl hatte, etwas aufzugeben, aber es ging mir schnell viel besser und das motivierte mich dann auch – bis dann der Alltag dort kam. Nach acht Stunden Gartenarbeit vermisst man seine Freiheit dann doch mal. Für mich war es aber nie ein Thema zu gehen – ich habe meinen Aufenthalt sogar um einen Monat verlängert und war gesamthaft drei Monate dort.
Hattest du auch mal Downs?
Es gab einen schwierigen Moment, als die Trennung von meiner Freundin kam. Sie war für unbestimmte Zeit ins Ausland studieren gegangen und für uns beide war klar, dass wir keine Fernbeziehung möchten. Wir verbrachten noch den Abend zusammen und am Tag danach ist sie abgereist. Da hatte ich einen Suchtdruck, weil ich die schlechten Gefühle betäuben wollte, was ich den Betreuenden auch kommuniziert habe.
Und – hast du seit dem Aufenthalt im Neuthal erneut konsumiert?
Nein. Seit dem Entzug im Neuthal vor zweieinhalb Jahren habe ich nicht gekifft – und verspüre auch keinen Drang dazu.
Wie geht es dir denn heute und was machst du, wenn schlechte Gefühle auftauchen?
Es geht mir sehr gut. Ich habe in den Therapien gelernt, wie ich mit solchen Emotionen umgehen kann. Ich habe mein Studium fertig gemacht, diverse Situationen voller Stress, Druck oder Schmerz erlebt und konnte damit umgehen – und das bestätigt mir jedes mal, dass ich das auch ohne Cannabis kann.
Hast du Nachwehen von dem jahrelangen Cannabiskonsum?
Körperliche Symptome hatte ich vor allem während und nach dem Entzug: Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit, denn wenn du viel kiffst, hast du keine Träume mehr und die kommen dann mit voller Wucht als Alptraum zurück und rauben einem den Schlaf. Was ich jetzt noch merke, und ich denke es könnte vom Konsum kommen, ist, dass ich mir nicht mehr gut Dinge merken kann.
Hast du eine neue Sucht entwickelt?
Jein – nach dem Studium habe ich als Velokurier gearbeitet und bin seit je her angefressen. Ich würde also sagen, dass ich mittlerweile sehr hochgradig sportsüchtig bin.