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Die Pharmakogenetik– die Kombination von Genetik und Pharmakologie – ermöglicht es, die verschriebenen Medikamente und die Dosierung an die genetischen Eigenschaften der Patientinnen und Patienten anzupassen.
Autorin: Raphaëlle Maruchitch
Jeder Patient reagiert mehr oder weniger unterschiedlich auf ein Medikament. Warum? Zum Teil wegen genetischer Variationen, die die individuelle Reaktion auf eine Substanz beeinflussen. Einige Menschen gelten als "empfindlich", andere als "resistent" für die gleiche Krankheit und gegenüber bestimmten Molekülen. "Wir beginnen, genetische Variationen, so genannte Polymorphismen, besser zu identifizieren und zu charakterisieren. Sie können Auswirkungen auf verschiedene Stadien der Arzneimittelkinetik haben: Absorption, Transformation, Elimination und Wirkung auf der Zielebene", erklärt Professor Jules Desmeules, Leiter der pharmakologischen und toxikologischen Abteilung des Universitätsspitals Genf (HUG). Je nach individueller Variationen wirkt daher ein Medikament bei einigen Personen besser, während es bei anderen eine toxische Wirkung haben kann. Diese genetischen Eigenschaften können zwischen 10 und 15% der Bevölkerung betreffen. Jules Desmeules, der auch Beratungen bei chronischen Schmerzen durchführt, fügt an: "Diese Personen zu identifizieren, idealerweise vor der Behandlung, führt zur therapeutischen Individualisierung." Dieses Spezialgebiet im Bereich der Pharmakologie nennt sich Pharmakogenetik.
Einsatz bei chronischen Schmerzen
Die Pharmakogenetik kennt interessante Anwendungen, etwa im Bereich der chronischen Schmerzen. Diese sind teilweise äusserst resistent gegen Analgetika. "Im Falle der Folgen von Gürtelrose, einer Viruserkrankung, die neuropathische Schmerzen verursachen kann, reagieren bestimmte Personen etwas weniger gut auf das Medikament", erklärt Jules Desmeules. «So sind die teils verwendeten Morphinderivateweniger wirksam, und der Einsatz von Antiepileptika oder Antidepressiva bleibt in der Regel die erste Wahl. Ärzte überweisen Patienten, die auf die vorgeschlagenen Therapien nicht ansprechen, an uns, damit wir den Grund dafür untersuchen können, der mit einem genetischen Faktor zusammenhängen kann.» In gleichbleibender Dosierung reagieren 80 % der Europäer gut auf Analgetika wie Tramadol oder Codein-Derivate, 10 % nicht und die restlichen 10 % werden stark schläfrig. "Diese speziellen Patienten reagieren unerwartet auf die verschriebenen Medikamente, und der Arzt muss die Dosierung anpassen", sagt Jules Desmeules.
Diese Unterschiede sind von klinischer Bedeutung, wenn wir wissen, dass gewisse Todesfälle auf Kodein zurückzuführen sind, mit dem sich Patienten trotz normaler Dosierung vergiftet haben. Dieses Problem hat in den USA, Europa und der Schweiz zum Verbot der Substanz bei Kindern unter 12 Jahren geführt.
Sichere Verwaltung
"Wenn besser bestimmt werden kann, wie jeder Mensch Medikamente umwandelt und aktiviert, kann deren Verabreichung sicherer gemacht werden", führt Jules Desmeules aus. «Dadurch wird es möglich, die Wirkung des Medikaments besser auf die persönlichen Eigenschaften der Patienten abzustimmen." Dank der Pharmakogenetik können also z.B. Analgetika und Co-Analgetika für Patienten mit chronischen Schmerzen und Antidepressiva für depressive Patienten besser genutzt werden.
"Es gibt immer mehr wissenschaftliche Beweise für den Wert der Pharmakogenetik. Die Medizin, die auf den Ergebnissen klinischer Studien basiert, konzentriert sich nun auf die Integration dieser Elemente der therapeutischen Individualisierung", sagt Jules Desmeules. Wie die Studien, die derzeit am HUG von seiner Kollegin Dr. Victoria Rollason oder Professor Jean-Luc Reny durchgeführt werden. Sie untersuchen die die Wirksamkeit und Sicherheit der Verabreichung zweier oraler Gerinnungshemmer (Rivaroxaban und Apixaban) zur Prävention und Behandlung von Vorhofflimmern und venösen thromboembolischen Erkrankungen. Diese Studien können auch dazu beitragen, festzustellen, ob bestimmte Biomarker auf vermehrte Nebenwirkungen hinweisen.
Das übergeordnete Ziel der Pharmakogenetik besteht darin, im Rahmen der Präzisionsmedizin die Praktiken zu harmonisieren, indem individuelle Ausprägungen jedes Patienten berücksichtigt werden, um für ihn die geeignete bzw. gar optimale Medikamentendosis zu wählen.
Mai 2018
Quelle und Originaltext