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Der (Über)lebensreisende
Mit 17 wollte Rüdiger Nehberg Schlangenbeschwörer werden. Dass er dafür mit dem Fahrrad von Bielefeld nach Marokko fahren musste, störte ihn nicht. Seinen Eltern sagte er einfach, er fahre nach Paris. Dort drückte er einem Freund ein Bündel vorfrankierter Postkarten in die Hand, die dieser wöchentlich an seine Eltern schicken sollte, während Rüdiger Richtung Afrika radelte. Als er feststellen musste, dass die marokkanischen Schlangenbeschwörer ihren Tieren allesamt die Giftzähne zogen, fuhr er enttäuscht wieder heim. «So ist die Schlangenbeschwörung keine grosse Kunst», sagte er sich. Die gleiche Entschlossenheit und Konsequenz sollte sich durch alle seine künftigen Reisen und Projekte ziehen.
Halbe Sachen hat Rüdiger Nehberg in den letzten 77 Jahren nirgendwo herum liegen lassen. Ob er dabei als Bäcker- und Konditormeister einen Laden mit fünfzig Angestellten führte, auf Baumstämmen den Atlantik überquerte oder sich für die Rechte der Yanomami Indianer stark machte, die Intensität seines Handelns blieb immer die gleiche. Wenn ihn etwas begeistert, verschlingt er es mit Haut und Haaren. Wenn es sein muss, pulverisiert er dafür seine eigene Substanz. So wie bei seinem Deutschlandmarsch 1981, als er ohne Ausrüstung und Nahrung von Hamburg nach Oberstdorf marschierte. 25 Pfund verlor Rüdiger in den 23 Tagen Marschzeit. «Wie eine Mumie», sei er gewesen, «aber eine happy Mumie.» Sein wichtigstes Training für den ersten Marsch zu den Indianern.
Rüdiger Nehberg ist ein Survival-Junkie. Die Droge hat er in den 60ern in den USA kennengelernt und seither scheint er am glücklichsten, wenn er irgendwo auf der Welt sein Leben in Gefahr bringen kann. Während andere sich zum Achtundsechzigsten eine Rheinschifffahrt leisten, liess sich Nehberg in Badehosen und Sandalen vom Hubschrauber im Dschungel aussetzen. Dass er im Laufe seines Lebens 22 bewaffnete Überfälle «survivte», hatte bei ihm wenig mit Glück zu tun. Er weiss, wie man überlebt.
Erst verhielt sich Rüdiger Nehberg wie ein schlaues Tier. Mittlerweile ist er so bekannt, dass schon mal der Eindruck entsteht, schlaue Tiere verhielten sich wie er. Seine Bücher und Vortragsreisen haben Tausende junger Globetrotter inspiriert oder auch zur einen oder anderen Dummheit verführt. Nehberg polarisiert gerne und ist bekannt für seinen tiefschwarzen Humor. Seine Popularität und Medienpräsenz nutzt er jedoch auch, um sich gemeinsam mit seiner Hilfsorganisation TARGET gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen einzusetzen. Mit grossem Erfolg: 2007 erreichte er, dass höchste islamische Geistliche die Mädchenbeschneidung zum Verbrechen erklärten und der Brauch fortan als Sünde geächtet wurde. Nehberg ist ein leidenschaftlicher Mensch, der sich auf Waldboden genauso geschickt zu bewegen vermag, wie auf politischem Parkett. Er wollte immer kurz und knackig leben. «Nun ist es nicht nur knackig geworden, sondern auch lang», freut sich der Überlebende. Herr Nehberg, mögen Sie hundert Jahre werden. Und dann eine «happy Mumie».
Von Rüdiger Nehberg ist zuletzt erschienen:
Sir Vival blickt zurück – Resümee eines extremen Lebens.
Piper, 2010. 192 S., Fr. 28.90 / 19,95 Euro.
Wovor hat der bekannteste Überlebenskünstler und Menschenrechtler Angst? Worauf ist er stolz, was ist Glück für ihn, welche Fehler bereut er? Ehrlich und nachdenklich stellt sich Rüdiger Nehberg den großen Lebensfragen.
Infos über Rüdiger Nehberg www.ruediger-nehberg.de
und seine Menschenrechtsaktivitäten:
Weitere Geschichten und Aufsätze zum Thema im Schwerpunktheft «Lebensreisen», erscheint heute.
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