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Bei einem bis zwei von 1000 Menschen ist das Geschlecht nicht eindeutig. Wir haben mit einer Intersexuellen über Männlichkeit und Weiblichkeit diskutiert.
Martina* ist kein Mann. Sie ist hübsch, hat langes, blondes Haar, hohe Wangenknochen und ein helles Lachen. Sie ist gross, 180 cm – das schon. Das Kinn ist vielleicht etwas zu markant. Doch ein solches Kinn haben ihre drei Schwestern auch, und sie sind fast so gross wie Martina.
Martina ist eine Frau. Das denkt jeder, der sie kennt und es nicht besser weiss. Genetisch gesehen, ist sie es nicht: Ihre Geschlechts-Chromosomen sind XY, wie bei einem Mann. Aber das hat Martina nicht zum Mann gemacht. Die Gonaden oder Keimdrüsen sind die Geschlechtsorgane von Föten. Nach der 8. Schwangerschaftswoche entwickeln sie sich bei Buben zu Hoden, die dann die nötigen Hormone für die Entwicklung des Penis und weiterer männlicher Merkmale produzieren. Bei Martina ist das nicht passiert. Es entstanden, wegen einer Mutation auf dem Y-Chromosom, keine Hoden.
Und weil die Weiblichkeit in der Evolutionsgeschichte das ältere Geschlecht ist, macht die Natur bei fehlendem Testosteron aus dem Menschen eine Frau. Bloss nicht immer komplett mit einer normalen Vagina und Gebärmutter wie bei Martina. Agonadismus nennt man das. Es ist eine äusserst seltene Laune der Natur. Intersexualität generell ist jedoch nicht selten. Eins bis zwei von 1000 Kindern werden nicht mit einem eindeutigen Geschlecht geboren.
Martina hat eine Zwillingsschwester. Diese entwickelte sich im Mutterbauch zu einer ganz normalen Frau. Statt eines Knaben und eines Mädchens kamen nach neun Monaten zwei Schwestern zur Welt. Und so erzogen die Eltern die beiden auch. Dass an den gemeinsamen Geburtstagspartys Martina ihre fünf besten Freunde einlud und nicht wie ihre Schwester die fünf besten Freundinnen, erstaunte niemanden. Sie spielte nun mal lieber mit Jungen, und wilde Mädchen gibt es viele.
Erst als sie mit 16 Jahren noch immer keine Menstruation hatte, wurden der Hausarzt und die Eltern stutzig. Martina wurde medizinisch abgeklärt. Eltern und Hausarzt fielen aus allen Wolken. Nur sie sagt rückblickend: «Eigentlich wusste ich schon, dass etwas anders ist. Ich dachte: Wow! Jetzt hat der Arzt sogar einen Begriff dafür.» Die Eltern, falls sie erschraken, zeigten es nicht. Sie vermittelten ihr vielmehr, dass sie etwas ganz Spezielles sei. Was stimmte.
Aber damit war noch nicht alles okay: Die Gonaden, die sich nicht weiterentwickelt hatten, mussten entfernt werden, denn die allermeisten solcher unterentwickelter Keimzellen entarten nicht lange nach der ausgebliebenen Pubertät und entwickeln Krebs. Nach der Operation begann Martina ein Jahr lang hoch dosierte Pillen zu nehmen. Die Hormone – sonst zur Verhütung gedacht – bewirkten die Pubertät und stoppten das bisher ungebremste Wachstum.
Und sie weckten Martinas Interesse für Männer. «Ich war in diesem Jahr gleich mehrmals verliebt und gewöhnte mich gerne an dieses Gefühl», erinnert sie sich. Ob sie deswegen im Gymnasium schlechter wurde und das Jahr wiederholen musste oder ob es war, weil sie erst mal ihre aussergewöhnliche Identität verarbeiten musste, kann sie nicht sagen. «Die Frauenärztin sagte, ich solle mich melden, wenn ich einen Psychiater brauche. Aber ich empfand das nicht als Problem.»
So ist sie. Eine Frau, die nicht grübelt. Die lieber macht, statt Befindlichkeiten von allen Seiten zu beleuchten. Ein eigenes Design-Büro führt die 36-Jährige – mit zwei Mitarbeitern und einer Lernenden. Sie hat das Segelbrevet und ist daran, den Hochseeschein zu erwerben. Sie klettert, macht Skitouren und spielt in der 1. Liga Badminton. Die moderne Technik findet sie cool, hat eine Apple-Watch, ein E-Bike und ist auf der Warteliste für einen Tesla Model 3.
Andererseits: Die Rollen zwischen ihr und ihrem Mann sind klassisch verteilt. Sie ist es, die gerne kocht, die den Schmutz im Haus eher sieht und auch mal sagt: «Wir müssen reden.» Sie hat vier Gottenkinder, bald sind es fünf, und reist regelmässig quer durch die Schweiz, um ihre Zwillingsschwester zu besuchen, die im Januar das vierte Kind erwartet.
Ist das ganz normal weiblich? Ist es eher männlich? Ist Martina so, weil sie ein Y-Chromosom besitzt, oder ist es schlicht ihr Charakter? Ihre Frauenärztin, Estilla Maurer, sagt: «Hormone ändern nicht alles. Genetisch männlich determinierte Menschen weisen trotz Hormonbehandlung mit der Pille mehr männliche Merkmale auf als Menschen mit normalen weiblichen Chromosomen.»
Wenn Martina also die Pille absetzen würde, die sie nach wie vor nimmt, wäre sie immer noch das, was man eine Powerfrau nennt. «Sicher ist, dass Sexualhormone die Stimmung heben und die Libido anregen», sagt Maurer, «gibt es einen Mangel, werden viele depressiv und die Lust auf Sex sinkt.» Ausserdem steigen ohne Sexualhormone gesundheitliche Risiken wie Osteoporose und Gefässerkrankungen.
Martina findet ihre «Mischung recht perfekt». Dass sie mit Freundinnen über Männer tratschen kann, aber kein Sensibelchen ist und in der Freizeit keine Filzfigürchen bastelt. «Total männliche Männer finde ich genau so wenig interessant wie total weibliche Frauen», sagt sie, «aber man orientiert sich im Leben ja eh an jenen, die einem ähnlich sind. Und genau genommen sind doch alle Menschen eine Mischung. Ein bisschen von beidem. In der Natur ist das ganz normal, die fixen Zuordnungen sind nur Konstrukte in unseren Köpfen.»
Von ihren Freunden wissen die wenigsten, dass sie genetisch ein Mann ist. «Das ist doch verrückt», sagt sie. Dabei macht sie nicht direkt ein Geheimnis daraus. Martina ist in einem Alter, in dem sie und ihr Mann oft gefragt werden, ob sie Kinder möchten. Dann sagt Martina: «Wir haben zusammen schon sechs Patenkinder. Eigene kann ich aufgrund einer Genmutation nicht haben.» Bei dieser Erklärung bleibt es meist, die wenigsten fragen nach. Ihrem Mann hat sie von Anfang an gesagt, dass sie keine Kinder kriegen könne und warum. Das war nie ein Problem für ihn.
Andere wollen es nicht hören. Sie erinnert sich an eine Diskussion mit einem Kollegen um die intersexuelle Läuferin Caster Semenya aus Südafrika. Da sagte Martina: «Ich bin das auch.» Aber der Kollege winkte nur ab, «Nein, nein, die ist nicht wie du.»
Die Schattierungen zwischen Schwarz und Weiss, zwischen Mann und Frau, sind zahlreich. Die Ursachen von Intersexualität kennt man meist: Dazu gehören genetische Mutationen, hormonelle Störungen oder eine Androgen-Resistenz. Letzteres bedeutet, dass genügend Geschlechtshormone produziert werden, diese wegen defekter oder fehlender Androgenrezeptoren im Körper aber nicht wirken. Doch vieles weiss die Endokrinologie, die Wissenschaft der Hormone, noch nicht. Und was am Ende die sexuelle Identität eines Menschen formt, ist noch viel komplexer. Da spielt auch die Sozialisation eine Rolle.
Auch wenn die Intersexualität bei Martina keine Identitätskrise ausgelöst hat und sie sich immer als Frau gefühlt hat, so sagt sie doch: «Es nagt am Selbstvertrauen, wenn man nicht ist wie alle anderen. Deshalb fände ich ein drittes Geschlecht entspannend für mich und alle, die sich nicht im Mann-Frau-Konstrukt sehen.» Weil die Gesellschaft eine klare Zuordnung fordert, stellt sich Martina auf die Seite der Frauen. Aber sie sagt: «Wenn ich auswählen könnte zwischen Mann, Frau oder etwas Drittem, dann würde ich das Dritte wählen. Ich bin kein Mann, weil ich nicht so aussehe und mich nicht so fühle, aber ich bin oft auch nicht gerne Frau, weil ich mich Frauen oft genauso wenig zugehörig fühle.»
Ihre Frauenärztin und Endokrinologin Estilla Maurer kennt den Drang des Menschen, sich zu definieren und irgendwo dazugehören zu wollen, sie hat in ihrer Praxis auch mit Transsexuellen zu tun. Also jenen Menschen, deren Geschlecht eindeutig ist, die sich diesem aber nicht zugehörig fühlen. Ein drittes juristisches Geschlecht fände sie dennoch keine gute Idee. «Eine dritte Schublade würde das Problem nicht lösen, dafür gibt es zu viele Variationen der Intersexualität und auch des Transsexualismus. Die Gesellschaft sollte aber Toleranz üben, und Menschen so akzeptieren, wie sie sind beziehungsweise welchen Geschlechts sie sein wollen.»
Maurer ist den Umgang mit den vielen Spielarten der Natur gewohnt. Sie kommt ohne das Mann/Frau-Denken aus. Doch den meisten Menschen gelingt das nicht: Wir wollen immer sofort wissen, ob eine Person Mann oder Frau ist, sollte die Zuordnung nicht auf den ersten Blick klar sein.
«Bub oder Mädchen?», werden die Eltern nicht nur gefragt, bevor das Kind auf der Welt ist, sondern auch danach, wenn das Baby nicht gerade einen rosa Strampler trägt oder einen mit der Aufschrift «Ich bin der Boss». Und was ist mit der Person mit dem knabenhaften Gesicht, den Brüsten und kurzen Haaren? Oder dem Mensch, bei dem das Alter die typischen Gender-Merkmale im Gesicht verwischt hat? Es beschäftigt uns, wenn die Zuordnung nicht gelingt. Es ist unsere erste Reaktion, um Ordnung in die Welt zu bringen: Mann. Frau.
In den Spielformen dazwischen sind wir ungeübt. Und die Wörter, die wir für jene dazwischen haben, drücken unser Unbehagen aus: das Manns-Weib, nur ein halber Mann.
Die Deutschen üben nun das Denken in Schattierungen: Bald soll man im Pass nebst «männlich» und «weiblich» ein drittes Geschlecht ankreuzen können. Martina findet das super. «So wird dieses schwarz-weisse Konstrukt der Geschlechter aufgeweicht und die Gesellschaft mit neuen Fragen konfrontiert.» Jener Frage, die schon der Sänger Herbert Grönemeyer gestellt hat: «Wann ist ein Mann ein Mann?» Und: Ist Martina eine Frau?
Im Alltag wird die Geschlechterfrage penetrant gestellt. Ob man im Internet die Lieferadresse für etwas Gekauftes angeben soll, ein Konto eröffnen oder ein Auto mieten will. «Da ist das Geschlecht doch nicht relevant», sagt Martina. Andernorts hat es Konsequenzen: Weil die Krankenkasse nicht weiss, dass Martina genetisch ein Mann ist, muss sie die Pille selbst bezahlen, auch wenn es für sie kein freiwilliges Verhütungs-, sondern ein Arzneimittel ist. «Ich will nicht als Spezialfall gelten, das hätte der Krankenkasse gegenüber vielleicht Nachteile.»
Vor einigen Jahren besuchte sie einen Sportkurs. Da wurden die Teilnehmer gebeten, sich in verschiedenen Gruppen zu ordnen. Mal nach Anzahl Geschwister, mal nach Alter und dann nach Geschlecht. Martina stellte sich zwischen die beiden Gruppen. Niemand stellte eine Frage. «Eigentlich schade», findet sie, «ein bisschen Verwirrung tut uns doch gut.»
*«Eigentlich müsste ich mit dem richtigen Namen hinstehen, damit Intersexualität nicht im Dunkeln bleibt», sagt Martina. Doch sie tut es aus geschäftlichen Gründen nicht: Wenn jemand ihren Namen googelt, soll er sie als Designerin und nicht zuerst als Intersexuelle kennen lernen.