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Madame
Film von Stéphane Riethauser mit
Schweiz 2019, DCP, OV/d, 94', ab 12 J.
Mit Madame ist Caroline, die verstorbene Grossmutter des Schweizer Regisseurs Stéphane Riethauser, gemeint. An sie richtet sich sein filmischer Brief, eine Liebeserklärung, in dem er ihr mitteilt, was er zu deren Lebzeiten verpasst hat zu sagen. Im Mittelpunkt der faszinierenden Familiensaga steht die einzigartige Beziehung zwischen der charakterstarken Dame und ihrem homosexuellen Enkel Stéphane. Caroline wurde mit 16 Jahren zwangsverheiratet und flüchtete noch in der Hochzeitsnacht; von ihrem bourgeoises Umfeld wurde sie aber gezwungen, wieder zu ihrem Mann zurückzukehren. Erst viele Jahre später konnte sie sich befreien und ein selbstständiges Leben führen. Riethauser stellt der Geschichte seiner Grossmutter seine eigene gegenüber, die vom Kampf um sexuelle Selbstbestimmung geprägt ist. Hierfür setzt er das umfassende Familienarchiv pointiert ein: Angefangen bei seinen als Kind selbst gedrehten Super-8-Kurzfilmen, deren zentrales Thema die Huldigung des Männlichkeitswahn war, bis hin zu diesem Dokumentarfilm, bietet er uns die Möglichkeit, den Werdegang eines Mannes zu verfolgen, der es wie einst auch seine Vorfahrin verstand, sich aus den Fesseln einer patriarchalischen Gesellschaft zu befreien. Eine subersive und doch humorvolle Dekonstruktion von Geschlechterklischees.
«‹Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird es.› Es hat lange gedauert, bis ich dieses Zitat von Simone de Beauvoir verstanden hatte und den Kampf erkennen konnte, den meine Grossmutter kämpfen musste, um zu existieren. Es hat lange gedauert, bis ich erkannt habe, dass das Gleiche für die männlichen Arten gilt: Ich bin nicht als Mann geboren, ich wurde einer. Nach den Regeln unserer jüdisch-christlichen Gesetze und Bräuche – wie die überwiegende Mehrheit der Jungen – wurde ich heterosexuell formatiert, integrierte die homophobe Rhetorik und das obligatorische Machoverhalten, um meine Rolle als Vertreter des ‹starken Geschlechts›spielen zu können. Bis ich erkannte, dass ich homosexuell bin und endlich damit leben konnte.» (Stéphane Riethauser)
Sa, 2. November, 20.15 Uhr: Regiegespräch mit Stéphane Riethauser, moderiert von Franziska Trefzer (Filmwissenschaftlerin).