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Michael Brügger ist ein Kämpfertyp; einer, den es nicht so schnell aus den Skischuhen haut. Schon in jungen Jahren hat der Plasselber gelernt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Sechsjähriger musste ihm wegen einer angeborenen Missbildung der rechte Unterschenkel amputiert werden, seither trägt er eine Prothese. Das hat ihn nicht davon abgehalten, einer der besten Schweizer Skirennfahrer zu werden. Zwei paralympische Silbermedaillen (1998 Riesenslalom, 2010 Abfahrt), acht WM-Medaillen, ein Gesamtsieg im Disziplinenweltcup (Super-G) und unzählige Weltcup-Podestplätze zieren den Palmarès des Freiburger Behindertensportlers.
Seine Kämpferqualitäten, die benötigt Michael Brügger auch jetzt – wie in den letzten drei Jahren eigentlich ununterbrochen. So lange schon kämpft der 35-Jährige mit Verletzungen und um den Wiederanschluss an die Weltspitze. Zahlreiche Comebackversuche sind in dieser Zeit gescheitert – stets wegen neuen Verletzungen. Nun unternimmt er einen erneuten Anlauf mit einem ehrgeizigen Ziel: die Paralympics 2018 im südkoreanischen Pyeongchang.
Zwischen Hoffnung und Enttäuschung
Seit März 2014 hat Michael Brügger kein Rennen mehr bestritten, eine Verletzung folgte auf die andere. Mit relativ harmlosen Adduktorenproblemen fing alles an. Kurz darauf musste er sich einen Nagel aus dem Oberschenkel entfernen lassen – eine schmerzhafte Erinnerung an einen Sturz vor dreizehn Jahren. Es folgte eine sechsmonatige Zwangspause, wobei Knieschmerzen und Oberschenkelprobleme als Folge der Operation den Heilungsprozess verzögerten. Als es endlich wieder aufwärtsging, folgte im Januar 2015 der nächste Rückschlag: Der Plasselber stürzte in St. Moritz als Vorfahrer bei einer Europacup-Abfahrt der Frauen. Ein dreifacher Bruch des linken Unterschenkels und ein zertrümmerter Unterschenkelkopf beendeten die Saison, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.
Brügger startete sein nächstes Comeback, doch Komplikationen beim Heilungsprozess zwangen ihn im Februar 2016 zu einer Folgeoperation. Wieder ging eine Weltcupsaison ohne Ernstkampf zu Ende, wieder blieb nur die Hoffnung auf Besserung in der nächsten Saison. Doch auch diese währte nicht lange. Bereits im Aufbautraining brach sich Brügger im Mai 2016 bei einem Sturz mit dem Mountainbike das Handgelenk. Kaum war er nach der Operation wieder richtig genesen, warfen ihn ein Brustwirbelbruch sowie Risse im Steissbein zurück. Diese hatte sich der Sensler, der auch Motocross- und MTB-Downhill-Rennen fährt, im Training mit dem Bike zugezogen. Damit endete auch die Saison 2016/17 frühzeitig und enttäuschend.
Vorerst als Vorfahrer
Trotz der vielen Rückschläge, ein Rücktritt vom Skirennsport stand für Michael Brügger nie ernsthaft zur Diskussion: «Es gab schon Momente, in denen ich gezweifelt habe. Meine Liebe zum Skisport ist aber nach wie vor sehr gross. Und mit einer Verletzung wollte ich nicht aufhören.» Der 35-Jährige nimmt in diesem Winter seinen x-ten Anlauf, um wieder auf die Rennpisten der Welt zurückzukehren und an alte Erfolge anzuknüpfen. Reibungslos verläuft Brüggers Comeback allerdings auch dieses Jahr nicht. Im Sommer hatte sich der Sensler bei einem Sturz mit dem Mountainbike den Schienbeinkopf seines rechten Beines gebrochen. Erst seit Ende September darf er wieder Sport treiben, mit seinem Aufbautraining für die Weltcupsaison 2017/18 ist er entsprechend in Rückstand. Immerhin: Vor sechs Wochen konnte er seine ersten Kurven im Schnee ziehen. «Ich merke schon, dass mein Körper gelitten hat. Ganz beschwerdefrei werde ich wohl nie mehr Ski fahren können. Aber es geht aufwärts.»
Bis Ende Jahr wird Brügger an den Europa- und Weltcuprennen als Vorfahrer starten. «Seit drei Jahren habe ich kein Rennen mehr bestritten, mein Trainingsrückstand ist extrem. Da macht es keinen Sinn, schon Rennen zu fahren.» Als Vorfahrer profitiere er von einer guten Rennsimulation und könne sich ohne Druck langsam wieder herantasten, sagt das Stehaufmännchen. «Ab Januar werde ich wieder Wettrennen bestreiten.»
Zuversicht dank Routine
Angst, dass er nach so langer Zeit den Anschluss verpasst haben könnte, hat Michael Brügger nicht. «Wenn ich sehe, was Aksel Svindal alles für Verletzungen gemeistert hat, dann gibt mir das Mut. Meine Erfahrung wird mir das Comeback erleichtern», sagt Brügger, der seit 20 Jahren im Weltcup unterwegs ist.
Die Konkurrenz hat allerdings in den letzten drei Jahren nicht geschlafen; viele Fahrer sind im Weltcupzirkus neu dazugekommen. «Ganz allgemein ist das Fahrerfeld stärker als in den vergangenen Jahren», sagt der Freiburger. Auch innerhalb der Schweizer Nationalmannschaft habe er starke Konkurrenz bekommen. «Robin Cuche und Théo Gmür sind zwei aufstrebende Nachwuchsfahrer. Und Thomas Pfyl hat seine Klasse in der Vergangenheit schon des Öfteren bewiesen. Das sind echte Gradmesser für mich.»
Trotz grosser Konkurrenz und trotz langer Abwesenheit, Brügger hält an seinem Ziel, den Paralympics 2018 (8. bis 18. März), fest. «Für die Qualifikation muss ich einen Platz unter den ersten sieben herausfahren. Was sonst noch alles für Kriterien gelten, weiss ich gar nicht so genau. Darum habe ich mich auch in der Vergangenheit nie gekümmert. Ich gebe einfach mein Bestes, am Ende sehe ich dann, ob es gereicht hat.»
Bis zur Paralympischen Ski-WM 2019 in Obersaxen (GR) will Michael Brügger mindestens noch weitermachen. «Dann werde ich schauen, wie es weitergeht.» Vorerst gilt es für den 35-Jährigen aber erst mal, diese Saison verletzungsfrei zu bewältigen.