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1977, im Jahr meiner Patentierung, herrschte ein plötzlicher Lehrkräfteüberschuss. Der sogenannte Pillenknick machte sich bemerkbar und liess landein, landab die Zahl der Klassen eingehen. Dennoch strömten aus den Lehrämtern und Seminarien relativ grosse Jahrgänge auf den Markt. Die Behörden im Kanton Bern erinnerten sich daran, dass das Pflichtpensum eines Lehrers bei 28 Lektionen lag. Und sie sahen, dass viele alteingessene Lehrkräfte, vor allem auf der Oberstufe bis zu 36 Lektionen unterrichteten. Das waren an die 8 Lektionen Überstunden. Sie beschränkten die Zahl der Überstunden auf 32. Aus den anfallenden Lektionen bastelten die Oberlehrer (so hiessen damals die Schulleiter) sogenannte Teilpensen. Die gestandenen Klassenlehrer waren natürlich wenig erbaut, dass ihnen das Einkommen um bis zu 15% reduziert wurde, denn Hypothekarzinsen lagen damals bei über 7%. Und einen Diskurs über Unterrichtsqualität gab es nur im Ansatz. So gaben sie ihre unbeliebtesten Fächer ab. Dazu gehörten Singen (so hiess damals das Fach Musik), Werken, Naturkunde, Religionsunterricht usw. Sie liessen sich am Samstagmorgen einen freien Halbtag ins Pensum schreiben (Samstagmorgen wurde damals noch unterrichtet) und die jungen Lehrkräfte wurden mit unmöglichen Fächerkombinationen als «Wanderlehrer» in die Brennöfen der Realität geschickt. Man kann sich nur vage vorstellen, wie der Schulalltag für die Junglehrerinnen und -lehrer ausgesehen hat. Viele von ihnen scheiterten und stiegen in andere Berufe um oder wechselten mit einer Zusatzausbildung die Schulstufe. Das wurde gerne notiert, denn es entlastete den Arbeitsmarkt.
Es entstand daraufhin eine Zweiklassengesellschaft innerhalb der Lehrerschaft. Der damalige bernische Lehrerverein (BLV) schützte vor allem die definitiv angestellten Lehrkräfte (die zu jener Zeit als Beamte galten) und sah die «provisorisch gewählten Lehrkräfte», die sich vornehmlich aus den jungen Wanderlehrkräften
rekrutierten, als Puffer an. Ausserdem herrschte bei den Behörden ein stricktes Anciennitätsprinzip. Definitiv angestellte Lehrkräfte konnten auch bei krassesten Vergehen nicht entlassen werden. 1978 gründeten wir die VPOD-Lehrergruppen. Der VPOD war die Gewerkschaft der Staatsangestellten innerhalb des Gewerkschaftsbundes und damit auch ein Teil der Arbeiterbewegung. Für uns linke Lehrkräfte war dies ein ideologisch begründeter Schritt. Zulauf aus der eher unpolitischen Junglehrerschaft bekamen wir vor allem wegen dieser unmöglichen Arbeitssituation.
Es entstand daraufhin eine Zweiklassengesellschaft innerhalb der Lehrerschaft.
Ich selbst blieb meinem Beruf trotz der schwierigen Situation treu. Neben ideellen Motiven brauchte ich auch das Geld, weil ich mein Studium teilweise selbst finanzieren musste und auch bald einmal mit meiner Frau für eine Familie zu sorgen hatte. Unser Bestreben war damals klar: 100% arbeiten und eine Klasse übernehmen. Allerdings waren meine Frau, die auch Lehrerin war, und ich nicht unglücklich, dass wir vorübergehend auch Teilzeit arbeiten und uns die Betreuung unserer Kinder aufteilen konnten.
Eine drastische Änderung bei den Anstellungsbedingungen verbesserte unsere Situation. Die Erziehungsdirektion schaffte den Beamtenstatus ab und ersetzte ihn durch eine öffentlich-rechtliche Anstellung.
Eine drastische Änderung bei den Anstellungsbedingungen verbesserte unsere Situation. Die Erziehungsdirektion schaffte den Beamtenstatus ab und ersetzte ihn durch eine öffentlich-rechtliche Anstellung. Von nun an konnte man sich einfacher von unfähigen Lehrkräften trennen und es gab lediglich noch unbefristete und befristete Anstellungen. Die befristeten Anstellungen mussten aber spätestens nach einem Jahr in ein unbefristetes Anstellungsverhältnis überführt werden. Das gab innerhalb der beiden Lehrerverbände zu reden. Die linken Ideologen sahen darin eine Verschlechterung der Arbeitsplatzsicherheit, die pragmatischen erkannten darin auch die Chance, diese unmögliche Konstellation zu überwinden. Ich konnte schliesslich meinen VPOD davon überzeugen, diesen Deal einzugehen.
1990 wurde mir erstmals die Verantwortung für eine Klasse übergeben. Ich tat dies mit einer Kollegin zusammen. Wir konnten nun endlich zeigen, wie wir eine Klasse führen können, und es erfüllte uns mit Freude, am Entstehen einer Gemeinschaft mitzuwirken.
Grundsätzlich war es immer noch schwierig, 100% zu arbeiten. Das gab die Stellensituation noch nicht her. Ausserdem blieb das Anciennitätsprinzip vorrangig. Die Älteren und die Klassenlehrkräfte wurden bei der Pensenzuteilung privilegiert behandelt.
Die ehemaligen «Wanderlehrer» wurden wegen ihrer Erfahrung und ihrer Befähigung, praktisch alle Fächer zu unterrichten, zu gefragten Lehrpersonen.
Gegenüber der heutigen Situation gab es noch einen entscheidenden Unterschied. Meine Kollegin und ich waren beide sogenannte Realschullehrkräfte, seminaristisch ausgebildet. Das heisst, wir verfügten über ein Generalpatent, das uns befähigen sollte, alle Fächer zu unterrichten. Natürlich war dies mit Abstrichen bei der Unterrichtsqualität verbunden. Aber in den damaligen Realklassen, die sich immer mehr mit Kindern aus prekären sozialen Verhältnissen füllten, erwies sich die Reduktion auf wenige verantwortliche Lehrkräfte als Vorteil. Ab 1996 begann die Spezialisierung der Lehrkräfte vor allem auf der Sekundarstufe 1. Die Seminare wurden abgeschafft und durch die Pädagogischen Hochschulen ersetzt. Auch ich begann mich zu spezialisieren und konzentrierte mich in einem Nachdiplomstudium auf Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer. Die ehemaligen «Wanderlehrer» wurden wegen ihrer Erfahrung und ihrer Befähigung, praktisch alle Fächer zu unterrichten, zu gefragten Lehrpersonen.
Die vielen Schulreformen erhöhten die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte, vor allem aber die der Klassenlehrer. Das führte zu einer vollkommenen Umkehr der Verhältnisse. Heute stehen wir vor dem Problem, dass viele Lehrkräfte keine 100%-Stelle mehr wünschen und sich schon gar nicht als Klassenlehrkräfte anstellen lassen wollen. Im Kanton Zürich sind dies 80% der Lehrkräfte, die im Schnitt 69% arbeiten. Zurzeit haben wir einen Arbeitnehmermarkt. Junge Lehrkräfte können sich vieles wünschen und tun dies auch. Auch finanziell scheint ein Grossteil der Lehrkräfte es nicht mehr nötig zu haben, in Vollzeit zu arbeiten. Die Vereinbarkeit von Familienbetreuung und Arbeit ist vorrangig und kann in der Schule recht gut abgedeckt werden. Zudem gibt es ausgestiegene Lehrkräfte, die in der Privatwirtschaft oder als Künstler nicht genug verdienen, und sich gerne noch in der Schule einen Zusatzverdienst holen, sich also nur bedingt mit dem Beruf des Lehrers identifizieren. Der wichtigste Fakt aber ist, dass die Belastung des Lehrberufs für jüngere Lehrkräfte kaum machbar ist, wenn sie mit einem 100%-igen Arbeitsvolumen einsteigen müssen. Dies gilt vor allem in den Unterstufen und den Brennpunktschulen unseres Landes.
Das Problem, mit dem sich die Schulleitungen derzeit befassen müssen, ist der schmelzende Kern des Personals, der die Schulen unseres Landes und ihren Schulalltag trägt. Denn die Schule ist auf Lehrkräfte angewiesen, die sich mit ihrem Arbeitsort identifizieren, ihn mittragen, bei den Schulanlässen und Schulverlegungen dabei sind, Bibliotheken betreuen, Projekte begleiten, die Schulentwicklung prägen u.v.m.
In einem nächsten Beitrag werde ich aufzeigen, was das Klassenlehramt zu einer Königsdisziplin der Pädagogik macht, welche Aufgaben da anstehen und wie diese Funktion wieder etwas attraktiver gemacht werden könnte.