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Unser Nachbar ist ein wirklich übler Charakter, immer wieder gibt es Konflikte mit ihm. Dabei ist seine Frau solch eine Seele von Mensch.»
Begriffe wie Temperament, Charakter und Persönlichkeit begegnen uns und es ist oft nicht leicht, sie zu unterscheiden und zu verstehen, was sie tatsächlich bedeuten. Es fällt nicht schwer, Gegenstände zu definieren. Bei dem Wort «Stuhl» weiss in Mitteleuropa jeder dessen Bedeutung. Bezüglich der oben genannten Begriffe ist es schwieriger, denn wir können sie nicht anfassen. Es sind Versuche und Modelle, um den «inneren» Menschen mit seinen verschiedenen Aspekten zu definieren, die sich im Verhalten äussern.
Ich möchte versuchen, die drei Ausdrücke zu beschreiben; es gibt jedoch keine allgemeingültigen Definitionen.
Temperament
Im Allgemeinen versteht man unter Temperament vererbte Verhaltensweisen, die sich schon im Säuglingsalter zeigen. Am deutlichsten sichtbar ist dies bei Geschwistern, die dieselben Eltern und das gleiche Umfeld haben und sich doch sehr unterschiedlich verhalten. Das eine Baby ist ruhig, ausgeglichen, schläft viel, das andere schläft wenig und braucht viel Unterhaltung. Ein Baby beobachtet die Menschen in seiner Umgebung mit grossen Augen, ein anderes lächelt jeden an, der in den Kinderwagen schaut. Merkmale des Verhaltens wie etwa Ausdauer, Reizschwelle, Stimmung und Tempo ordnet man dem Temperament zu. Dieses «Temperament» oder die «Wesensart» ist recht stabil, das heisst, wenig veränderbar und macht lebenslang einen Teil unserer Persönlichkeit aus.
Im Laufe der Geschichte gab es viele Versuche, das Temperament eines Menschen zu beschreiben und zu unterteilen. Angefangen bei Hippokrates mit seiner «Vier-Säfte-Lehre» bis hin zu Galen, der vier «Typen» unterscheidet: Phlegmatiker, Sanguiniker, Melancholiker und Choleriker. Auch wenn gut beobachtet wurde, so gelten diese Einteilungen als veraltet, weil sie zu vereinfacht sind. Das Temperament eines Menschen ist komplexer und vielschichtiger und lässt sich nicht nur in vier Kategorien einteilen.
Charakter
Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Prägestempel». Daran sehen wir, dass Charakter weniger den Aspekt der genetischen Komponente hat wie das Temperament, vielmehr gibt es ein «Material», das «geprägt», also von aussen verändert wird. Fast durchgängig wurde der Begriff «Charakter» in Verbindung mit moralischen Werten, Normen und sittlichem Verhalten gebracht. Deshalb ist er auch unterschiedlich definierbar, da kulturelle und weltanschauliche Vorstellungen eine Rolle spielen. Im Talmud beispielsweise versteht man den Charakter als Summe gottgefälliger Verhaltensweisen. Auch wenn das Wort «Charakter» in der Bibel nicht vorkommt, so gibt sie doch unzählige Anweisungen bezüglich unseres Denkens, Wollens und Handelns hinsichtlich moralischer Werte (Gut – Böse, Richtig – Falsch).
Persönlichkeit
Persönlichkeit hat die Individualität eines Menschen zum Gegenstand und schliesst Temperament und Charakter mit ein. Sie ist die Beschreibung typischer Verhaltensmuster eines Menschen, einschliesslich seiner Gedanken und Emotionen. In der Psychologie forscht man seit Jahrzehnten, um «Persönlichkeit» zu definieren bzw. zu messen. Es gibt Persönlichkeitsstrukturtests, die verschiedene ihrer Merkmale bewerten und eine grosse Hilfe dabei sind, Persönlichkeit zu erfassen. Jedoch kann kein noch so guter Test die gesamte Persönlichkeit eines Menschen komplett abbilden. Sie entwickelt sich auf der Grundlage der genetischen Veranlagung und der umgebenden Einflüsse während der Kindheit und Jugend. Allerdings ist es möglich, durch Veränderungswunsch und gezielte Übungen auch im späteren Leben einzelne Persönlichkeitsmerkmale zu verändern.
Sicherlich ist uns die Aussage «jemand besitzt eine starke Persönlichkeit» geläufig. Wenn auch hierzu keine gültige Definition existiert, so besteht doch der allgemeine Konsens darüber, dass «starke Persönlichkeiten» Menschen sind, die zum Vorbild taugen und in dieser Welt etwas verändern können. Auch egoistische, rücksichtslose Diktatorpersönlichkeiten zeigen eine deutliche Stärke, hingegen haben «starke Persönlichkeiten» vielmehr eine innere Kraft und eine positive Ausstrahlung.
Individualität
Im Gegensatz zu riesigen gleichgeschalteten Roboterarmeen in vielen Science-Fiction-Filmen ist jeder Mensch einzigartig geschaffen. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht zu 100 % identisch. Vielleicht beklagen wir manchmal den Individualismus der heutigen Zeit, in der jeder seinen eigenen Weg verfolgt und die Gemeinschaft oft aussen vor gelassen wird. Zunächst aber einmal sollten wir es wertschätzen, dass unser Schöpfer uns so einmalig gebildet hat. Wir sind eben nicht gleich programmiert, auch wenn wir uns gelegentlich wünschen, «genauso zu sein wie diese oder jene Person». Aber Gott hat dieses Prinzip in der gesamten Schöpfung verwirklicht: Selbst Rosen aus einer Züchtung gleichen sich nicht zu 100 %, ganz zu schweigen von den diversen Rosensorten oder den unzähligen Blumenarten überhaupt. Es hat den Anschein, als ob Gott seine unendliche Kreativität mit Begeisterung in der Schöpfung einsetzte. Milliarden von Menschen hat er einzigartig geschaffen. Sicher kann man einiges davon wissenschaftlich mit Vererbungslehre oder anderen naturwissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten erklären; trotzdem bleibt Gottes Schöpferkraft eine Tatsache, mit welcher er Vielfältigkeit in unsere Gene hineinlegte.
So individuell Er uns schuf, so unterschiedlich sind auch unsere Begabungen und Aufgaben und demzufolge unser Platz im Leib Christi. Das macht Paulus in 1. Korinther 12 deutlich. Mit Hilfe des Bildes von einem Körper mit seinen verschiedenen Körperteilen beschreibt er Gaben und erklärt, wie wichtig alle Teile sind und dass keine Hierarchie oder Wertigkeit enthalten ist.
Nun könnte man denken: Wenn Gott mich so gemacht hat, dann ist ja alles in Ordnung und ich habe keinerlei Verantwortung mehr. Ich bin so wie ich bin. – Das geht jedoch an der Sache vorbei. Da wir durch die Sünde verdorben sind und trotz des neuen Lebens und des Heiligen Geistes in uns das Fleisch noch mit uns herumtragen, ist es unsere Verantwortung, wem wir uns zur Verfügung stellen und was aus unserem Leben hervorkommt: «So herrsche nun nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, dass er seinen Begierden gehorche; stellt auch nicht eure Glieder der Sünde zur Verfügung als Werkzeuge der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch selbst Gott zur Verfügung als Lebende aus den Toten und eure Glieder Gott zu Werkzeugen der Gerechtigkeit!» (Röm. 6,12–13).
In den Paulusbriefen finden wir viele Aufforderungen, wie wir leben sollen, beispielsweise in Kolosser 3,5–17. Unsere Aufgabe ist es also, uns verändern zu lassen. Paulus schreibt in 2. Korinther 3,18, dass wir in das Bild Jesu verwandelt werden, wenn wir seine Herrlichkeit anschauen. Das bedeutet, wir lernen zwar seine Denkweise und auch sein Verhalten, werden aber trotzdem keine «Jesus-Roboter». Wir bleiben das Individuum, zu welchem Gott uns geschaffen hat. Wir leben in einer anderen Kultur als unser Herr, wir kleiden uns anders, ernähren uns anders, bewegen uns in anderen familiären Umständen und Arbeitssituationen. Es gibt eine ganze Menge Aspekte, in denen unser Leben sich von dem unseres Herrn unterscheidet. Und trotzdem sollen wir uns von ihm prägen lassen; wir bekommen «sein Bild aufgestempelt». Das ist möglich durch den Heiligen Geist. Wie ein neues Betriebssystem, das man auf einen vorhandenen Computer spielt, ermöglicht es uns, neue Programme aufzuspielen.
Petrus schreibt in seinem zweiten Brief in Kapitel 1,3–11 davon, dass Gott uns «alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt hat». Nachdem er aufzählt, was uns geschenkt wurde, sagt er in Vers 5: «... eben deshalb wendet aber auch allen Fleiss auf» und er beschreibt, wie das im Einzelnen aussieht. Es ist vergleichbar mit einem Menschen, der alle Voraussetzungen geschenkt bekommen hat, um ein guter Sportler zu werden. Er hat die entsprechende Konstitution, Gesundheit, Grösse und das Potenzial. Trotzdem wird er nicht von selbst ein Sportler, obwohl er alle Voraussetzungen mitbringt. Er muss jetzt «allen Fleiss anwenden» und hart trainieren, damit seine Muskeln wachsen und er die entsprechenden sportlichen Anforderungen erfüllt. Das ist seine Aufgabe, aber es ist ihm nur darum möglich, weil er die nötige Veranlagung geschenkt bekommen hat.
Veränderung
Gott schuf uns also individuell und einzigartig, allerdings sind wir durch die Sünde, die in unserem Fleisch wohnt, in der Lage, alles von Gott Geschenkte zu missbrauchen. Ein lebendiger und impulsiver Mensch ist in der Lage, sehr aktiv zu sein und viel zu bewirken. Möglicherweise hat er viele Ideen und Einfälle, ist kontaktfreudig und hat dadurch ein grosses Netzwerk. Andererseits kann er durch sein Aktivsein andere Menschen überfahren und dominieren, wird vielleicht ungeduldig mit solchen, die nicht so schnell sind und nutzt die vielen Kontakte zu seinem eigenen Vorteil. Aber auch ein Mensch mit äusserlich ruhiger und ausgeglichener Art, einer der sich nie streitet und nie explodiert, sondern immer freundlich und zuvorkommend mit anderen umgeht, kann sündigen. Vielleicht verhält er sich nur nach aussen so angepasst, aber innerlich ist er unzufrieden mit sich und den anderen, konserviert eine Menge an Wut, weil er über viele Themen nicht spricht und unter Umständen faul und bequem ist und sein Image vom «ruhigen Typen» nutzt, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Wir könnten noch unzählige Beispiele nennen. Ich möchte damit zeigen, dass wir alles Gute, das Gott uns geschenkt hat, auch zur Sünde nutzen können. Die Lösung ist, wie Paulus zu sagen und zu praktizieren: «... nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir ...» (Gal. 2,20).
Starke Persönlichkeiten
Wie ist es nun praktisch möglich, eine starke Persönlichkeit zu werden? Ich erinnere mich an ein Lied aus meiner Kindheit, da heisst es: «Jesus schafft Persönlichkeiten, die das Salz der Erde sind.» Ein starker Christ ist längst kein perfekter Mensch, aber er lebt nach biblischen Prinzipien und nicht nach wechselnden Launen und Meinungen.
Es gibt verschiedene Eigenschaften, die man Menschen mit starker Persönlichkeit zuschreibt. Auf einige davon möchte ich kurz eingehen.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 07/2021.