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„Die Reise einer Krankheit“ war das Lieblingsbuch von Dr. Jus. Es ist vor kurzem in einer überarbeiteten und erweiterten Auflage erschienen. Hier folgt ein Auszug aus dem neuen Kapitel „Auslöser und Ursache“.
Nachdem Hahnemann die Homöopathie entdeckt hatte, untersagte er seinen Nachfolgern die Auswahl und Verschreibung eines Arzneimittels aufgrund des Krankheitsnamens, mit der Absicht, dass seine Studenten einen ganzheitlichen Zugang zur Krankheit und zum Patient haben sollten. Er wagte den Ausspruch: "Die Krankheit kommt später, zuerst erkrankt der Mensch." Er legte ein grosses Gewicht auf die Ursache, die den Menschen krank macht, welcher dann seinerseits die Krankheit zum Ausdruck bringt.
Wenn wir Ursachen als materielle Substanz betrachten, wird die Verschreibung materialistisch sein und nur die materiellen Zeichen der Krankheit werden beseitigt. Doch was ist mit dem kranken Menschen?
Die Ursache einer Krankheit liegt fast immer auf der immateriellen, energetischen Ebene – eine Ausnahme sind z.B. verletzungsbedingte Beschwerden, die entsprechend mit materiellen Methoden behandelt werden sollten. Bei einer Verletzung muss die Wunde oder der gebrochene Knochen in Ordnung gebracht, ein lockerer Zahn, der eine Neuralgie verursacht und als Fremdkörper fungiert, muss entfernt werden.
Aber ein Hexenschuss als Folge von Ärger oder Kopfschmerzen seit dem Tod eines Nahestehenden bedürfen keinem Schmerzmittel. Dieser Patient braucht mehr Selbstliebe, er muss bewusster und wacher werden, damit er sein Gleichgewicht wieder findet.
Hahnemann sah die wahre Ursache der akuten und chronischen Krankheiten in den Miasmen. Die Miasmen sind tiefliegende, angeborene Schwächen, die uns für gewisse Krankheiten und Verhaltensmuster anfällig machen. Sie sind dynamische Faktoren, die dem Leben und der Gesundheit abträglich sind. Miasmen können latent (verborgen) oder aktiv sein. Wir alle sind mit einer gewissen miasmatischen Belastung geboren. Solange unsere Lebenskraft stark genug ist, um die Miasmen zu kontrollieren, bleiben diese verborgen. Wenn die Lebenskraft durch irgendeinen Auslöser geschwächt wird, brechen die Miasmen aus, sie werden aktiv und produzieren diejenigen Krankheiten, für welche wir anfällig sind.
Um eine anhaltende, tiefe Heilung zu erreichen, muss die Ursache - die Miasmen - in der Auswahl des passenden homöopathischen Mittels berücksichtigt werden. Der Auslöser spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Es ist für den Homöopathen einfacher das geeignete Similimum zu finden, wenn er den Auslöser einer Krankheit eruiert hat. Es ist auch für den Patienten sehr wichtig, den Auslöser zu kennen. Ein Mann hat Rückenschmerzen seit er am Arbeitsplatz Probleme hat. Er hat sich sehr geärgert oder beleidigt gefühlt, aber er ist still geblieben und hat mit niemandem darüber geredet. Wenn er den Zusammenhang zwischen seiner Reaktion und den Schmerzen erkennt, dann kann er versuchen, offener zu werden, seine Emotionen mehr zu zeigen und somit aktiv zu seiner Genesung beizutragen.
Eine Frau entwickelt eine Colitis ulcerosa kurz nach dem tödlichen Unfall ihres Mannes. Seit diesem tragischen Ereignis kann sie nicht weinen. Der Kummer ist lediglich der Auslöser für die Entstehung ihrer Krankheit. Die Wurzel, die Ursache, liegt in ihrem miasmatischen, sykotisch-tuberkularen Hintergrund.
Rheumatische Schmerzen, die auf eine unglückliche Ehe zurückzuführen sind, können nicht durch oberflächliche Behandlungen geheilt werden. Es bedarf der Beseitigung der irritierenden Ursache. Die latente Neigung zu Rheumatismus wurde manifest wegen der unglücklichen Ehe. Die entzündliche Schwellung der Gelenke ist Ausdruck der individuellen Dyskrasie. Oder anders gesagt, der Kummer ist der Auslöser für die tiefliegende, latente miasmatische Anfälligkeit. Obwohl Kummer als Auslöser psorisch einzustufen ist, hat es das sykotische Miasma (Rheuma) in diesem Patienten provoziert. Was sollen wir behandeln? Die Knieschmerzen? Nein, der Mensch in seiner Gesamtheit sollte durch ein tiefgreifendes homöopathisches Mittel so gestärkt werden, dass er die für ihn richtige Entscheidung im Leben trifft und sich glücklicher fühlt. Dadurch wird der Reizungsfaktor, der die Lebenskraft geschwächt hat, beseitigt. Die gesunde Lebenskraft ist nun so stark, dass die Miasmen wieder latent werden und die rheumatische Erkrankung wird besser oder sogar ganz geheilt.
Manchmal kann bei der Fallaufnahme kein klarer Auslöser gefunden werden oder das Symptomenbild ist unklar und führt zu keinem klaren Similimum. In solchen Fällen hilft uns oft das Verständnis der Miasmen. Es wird eine miasmatische Analyse der Patienten und der Familienanamnese sowie der gegenwärtigen Symptome gemacht. Ein Beispiel dazu: Die Fallaufnahme eines Kindes mit Schlafstörungen ergibt kein klares Bild. Die Familienanamnese zeigt eine psorische Belastung. Das Kind hat vor allem Probleme zum Einschlafen und hatte früher Ekzeme. Beide Beschwerden sind psorisch. Der Homöopath soll die Behandlung mit einem antipsorischen Polychrest anfangen wie z.B. Sulphur, Calcium carbonicum, Psorinum etc. In Fällen, bei denen mehrere Miasmen vorherrschen, wird eruiert, welches Miasma im Moment im Vordergrund steht. In chronischen Fällen, bei denen mehrere Miasmen aktiv sind, ist es oft von Vorteil die Behandlung mit einer antipsorischen Arznei sowohl zu beginnen wie auch abzuschliessen.