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Das Problem mit dummen Menschen ist, dass sie keine Ahnung haben, wie dumm sie wirklich sind.
Der bitterböse Sketch des britischen Komikers John Cleese ist tatsächlich ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. David Dunning, Professor für Sozialpsychologie und ein Freund von Cleese, schrieb 1999 zusammen mit seinem Kollegen Justin Kruger an der Cornell University ein anfänglich kaum beachtetes Papier. Es zeigte, dass Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz zu erkennen, zu einer überhöhten Selbsteinschätzung führen. Dunning und Kruger wiesen nach, dass Menschen mit spezifischen Schwächen – etwa beim Lesen, Autofahren oder Schach – dazu neigen, ihr eigenes Können zu überschätzen, während sie gleichzeitig das der anderen unterschätzen. Diesen «Dunning-Kruger-Effekt», wie das Phänomen heute heisst, beschreibt Dunning so:
Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. Die Fähigkeiten, die wir brauchen, um die Lösung eines Problems zu finden, sind genau die selben Fähigkeiten, die nötig wären, um die gefundene Lösung als richtig zu erkennen. Wir sind nicht so gut darin, zu wissen, was wir nicht wissen.
Auf die Spur gebracht hatte die Forscher ein Banküberfall: Der Bankräuber McArthur Wheeler in Pittsburgh hatte keine Maske getragen und war von Überwachungskameras gefilmt worden. Die Bilder kamen in den Nachrichten, und keine Stunde später wurde Wheeler verhaftet. Mit den Videos konfrontiert, murmelte der verblüffte Räuber: «Aber ich war doch voller Saft!» Er hatte felsenfest geglaubt, dass sein mit Zitronensaft eingeriebenes Gesicht für Kameras unsichtbar sei. Was nicht ganz den Tatsachen entsprach.
Es gibt zweieinhalb Wege, um zu Geld zu kommen: arbeiten oder stehlen. Der dritte, es zu fälschen, ist bestenfalls ein halber, und wer ihn geht, steht mit einem Bein im Gefängnis.
Einer, der diesen Weg unverdrossen und mit grossem Geschick gegangen ist, war der 1845 im Aostatal geborene Bauernsohn Joseph-Samuel Farinet. Zusammen mit seinen Gehilfen fälschte Farinet nicht etwa Banknoten, wie dies die meisten seiner Berufskollegen tun, sondern vielmehr 20-Rappenstücke. Aus gutem Grund: Zum einen waren in den 1870-er Jahren 20 Rappen gutes Geld, und zum anderen genossen die Münzen das Vertrauen der Händler und Bauern, ganz anders als das Papiergeld der wegen Fehlspekulationen in Schieflage geratenen Walliser Kantonalbank.
Mehr als zehn Jahre lang brachte Farinet so viele 20-Räppler in Umlauf, dass am Ende ein Drittel aller Münzen sogenannte Farinets gewesen sein sollen. Von der schieren Menge an Falschgeld alarmiert, griff schliesslich der Bundesrat ein und verlangte von der Walliser Regierung die Festnahme des dreisten Falschmünzers. In einer Schlucht bei Saillon in die Enge getrieben, fand Farinet am 17. April 1880 den Tod – ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, behauptete die Polizei; kaltblütig erschossen, erzählten sich dagegen die Dörfler.
Literatur und Film haben Farinet ein Denkmal als «Robin Hood der Alpen» gesetzt, doch die Wahrheit ist viel prosaischer. Sein Leben war eine einzige Flucht: vor dem Elend und vor dem Gesetz.
Am 6. November 1780 macht Luigi Galvani eine makabre Entdeckung: Mit Eisen und Kupfer berührt er einen abgetrennten Froschschenkel, und der zuckt zusammen. Was es mit Elektronen und Elektrolyten auf sich hat, versteht Galvani zwar nicht die Spur, aber die tretenden Froschbeine faszinieren ihn aufs Höchste. Elektrische Spannung lässt sich schon lange erzeugen, doch wozu diese rätselhafte Energie gut ist, weiss niemand. Und auf einmal zuckt da ein toter Muskel. Also, folgert Galvani, muss Strom offenbar Leben spenden.
Mit wahrem Feuereifer macht sich die Medizin daran, diese wundersame Wiedererweckung der Toten zu erforschen. Praktischerweise führen die Ärzte ihre Experimente gleich an den Richtstätten durch. Soeben Hingerichteten werden Stromstösse versetzt, die Krämpfe werden gemessen, und das grausige Schauspiel zieht womöglich noch mehr Schaulustige an als zuvor die Hinrichtung selbst.
Lebendig wird keiner mehr. Das nach seinem Entdecker benannte «Galvanisieren» von Toten ist mehr Spekakel als Forschung und wird Anfang des 19. Jahrhunderts überall verboten. Doch mittlerweile wird Elektrizität längst an Lebenden erprobt: zur Behandlung von Nervenkrankheiten, von chronischen Schmerzen, von Schwermut.
Und so hält der Strom Einzug ins ärztliche Inventar. Der grausame Elektroschock, den Milos Forman 1975 in «One Flew Over the Cuckoos Nest» anprangerte, ist zwar Vergangenheit. Aber noch immer wird mit Strom behandelt: Die moderne Elektrokrampftherapie soll schwer depressiven Menschen helfen. Mit Luigi Galvanis zuckenden Froschbeinen hat diese Therapie nichts mehr zu tun: Behandelt wird nach allen Regeln der Kunst – und unter Narkose.
Der französische Theologe und Arzt Joseph-Ignace Guillotin war von der revolutionären Idee der «égalité», der Gleichheit, beseelt. 1789, im Jahr der französischen Revolution, amtierte Guillotin als Sekretär der Assemblée Constituante und setzte sich mit seiner Auffassung durch, dass die «égalité» auch im Tod gelten sollte: Ungeachtet ihres Standes sollten alle zum Tod Verurteilten auf ein und dieselbe Weise hingerichtet werden, nämlich durch präzise, maschinelle und damit «humane» Enthauptung. Keine Selbstverständlichkeit: Nur Adlige und Reiche waren bis anhin mit dem Schwert geköpft worden; das gemeine Volk wurde, je nach Straftat, gevierteilt, gehängt, ertränkt, verbrannt oder gar in siedendem Öl gesotten. Auf eine Abschaffung der Todesstrafe konnten sich die Abgeordneten nicht einigen, und so verständigte man sich immerhin auf egalitäres Enthaupten.
Es war ausgerechnet der Leibarzt des Königs, Antoine Louis, der das drei Meter hohe Fallbeil mit der 40 Kilogramm schweren Klinge und der kurzen Bank entwarf – drei Jahre später, 1792, wurde das Hinrichten mit der Guillotine Gesetz. Gegen 13 000 Menschen, darunter Louis XVI und seine Frau Marie Antoinette, sollten ihr allein in der Revolutionszeit zum Opfer fallen.
Doch nicht nur französische, sondern auch Schweizer Henker waren der Moderne des Tötens zugetan. Als letzter Kanton kaufte 1904 Luzern eine Guillotine für 1000 Franken, die man bei Bedarf auslieh. Als letzter Schweizer wurde 1940 der Mörder Hans Vollenweider guillotiniert – in der Werkstatt der Strafanstalt Sarnen.
Der Arzt Guillotin übrigens litt zeitlebens unter dem Namen des schrecklichen Apparats, den er weder erfunden noch je in Aktion gesehen hatte.
Das alte Rom zu den Zeiten der Republik, den Zeiten des Marcus Tullius Cicero und des sechs Jahre jüngeren Gaius Julius Cäsar, war alles andere als eine Demokratie. Doch selbst wenn die Macht beim Adel lag: Ein Wörtchen mitzureden hatte das Volk doch. Auf dem Marsfeld vor den Toren der Stadt wählten Volksversammlungen die Ädile und die Volkstribunen, die Prätoren und die beiden höchsten Beamten der Republik, die Konsuln. Damals wie heute galt: Demokratie ist eine feine Sache, so lange es das Volk mit der Mitbestimmung nicht übertreibt. Und so erlag manch einer der Versuchung, seiner ersehnten Wahl etwas nachzuhelfen.
Dazu brauchte er einen Helfer, den sogenannten interpres. Dieser Interpret war ein Mittler zwischen Oberschicht und Untergrund. Er kontaktierte die Funktionäre der Wahlkreise und handelte mit ihnen den Preis aus – je mehr Stimmen, desto höher die Summe. Das Geld wurde dann an einen sequester übergeben, einen Treuhänder, der das Bargeld in Verwahrung nahm. Ausgezahlt wurden die Sesterzen erst nach erfolgter Wahl und durch einen weiteren Gauner, den divisor, den Verteiler.
Dieses komplizierte System hatte einen grossen Vorteil: Wurde einer der Zwischenhändler geschnappt und zum Reden gebracht, konnte er schlimmstenfalls seinen nächsten Mittelsmann nennen – von den kriminellen Auftraggebern hatte er keine Ahnung. Die blieben ebenso im Dunkeln wie ihre Mittelsmänner, die Interpreten, die im alten Rom eben keine Künstler, sondern ganz einfach Wahlfälscher waren.