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Bevor man durch Schwingtüren in die östliche Eingangshalle des Kollegiengebäudes an der Rämistrasse gelangt, durchmisst man eine kurze, querovale Vorhalle. Eilige werden den Raum als Windfang zu schätzen wissen, sich aber nicht länger darin aufhalten. Das entspricht auch seiner Funktion als Durchgangsraum. Es könnte einem so aber verborgen bleiben, was der Grundriss von Eingangs- und Vorhalle zeigt: Das Queroval der Vorhalle entspricht in Form und Funktion einer Kirchenvorhalle, wie sie Curjel & Moser in der Evangelischen Kirche Flawil (St. Gallen) von 1911 umgesetzt haben. Solche Assoziationen mit Kirchenarchitektur werden sich beim Gang durch das Hauptgebäude der Universität immer wieder einstellen.
Orientierung an Sakralarchitektur
Die Eingangshalle ist unterteilt in einen breiteren mittleren Bereich und zwei schmalere, vier Stufen höher gelegene Seitengänge. Sie dient als Orientierungs- und Informationszone; auf das 175-Jahr-Jubiläum der Universität Zürich wurde 2008 rechts an ihrem Ende, wo sie in die Wandelhalle übergeht, ein Informationsschalter eingerichtet. Orientierung aber ist in der Eingangshalle auch Thema der Architektur selber.
Die Halle wird von einem flachen Tonnengewölbe überfangen, das von sechs massigen Säulen aus poliertem, schwarzem Marmor gestützt wird und in das die Stichkappen der schmaleren Seitengänge einschneiden. Diese Struktur erinnert an die einer dreischiffigen Basilika. Ein mit einem Tonnengewölbe gedeckter Kirchenraum kommt im Werk von Curjel & Moser etwa in der Evangelischen Kirche in Degersheim, St. Gallen (1906–08), vor. Das flachere Gewölbe der Universitätseingangshalle entspricht indessen eher dem Charakter einer Krypta. Das ist nicht so weit hergeholt, wie es scheinen mag. Man denke an die romanische Krypta des Zürcher Grossmünsters, die als dreischiffige Halle konstruiert ist. Der Bezug zur Grossmünster-Krypta unterstriche die Zürcher Universitätstradition: In den Hofbauten des Grossmünsters war das mittelalterlich-reformatorische Carolinum untergebracht, die Vorgängerinstitution der Universität Zürich.
Erleuchtungsthematik
Die Lichtinszenierung in der Eingangshalle mildert, ja relativiert die Krypta-Assoziation. Im vorderen Teil der Eingangshalle lassen zwei hochrechteckige Fenster das Tageslicht herein. Von der anderen Seite, dem Treppenhaus her, lockt das Hell des Lichthofs. Die Zeit dunkler Krypten ist vorbei, die Epoche des Lichts der Erkenntnis ist angebrochen.
Diese «Erleuchtungsthematik» erfährt eine zusätzliche Symbolisierung durch das Korbbogenrelief in der Supraporte der Schwingtüren. Hier befindet sich ein Relief mit Apollo und den Pferden des Sonnenwagens. Es stammt von Otto Kappeler (1884–1949), dem am Universitätsneubau meistbeschäftigten Bildhauer. Zieht man von Apollo eine Verbindung zu den Reliefs an der Fassade der Eingangshalbrotunde, auf denen die Taube des Heiligen Geists und Opferflammen zu sehen sind, so erscheint die antike Lichtgottheit Apollo als Präfiguration Christi.
Michael Gnehm