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"Peister Meister"
Die Handwerker aus Peist waren früher bekannt für ihre besondere Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. Man nannte sie deshalb respektvoll "Peister Meister". Die folgenden Kurzporträts geben nicht nur Einblick in ihre individuellen Werke, sondern auch in die Lebenswirklichkeit im damals abgeschiedenen Bündner Bergdorf. Einige Spuren ihres Wirkens können heute noch bei einem Dorfspaziergang entdeckt werden.
Leonhard Wilhelm "Meister Liehert" (1804-1872): Büchsenschmid, Zimmermann, Schreiner, Orgelbauer
Meister Liehert war für handwerkliches Schaffen geradezu genial begabt. Er fertigte alle Werkzeuge selbst, angefangen vom einfachen Meissel bis zur Präzisionsdrehbank für Metall- und Holzbearbeitung und kompletten Klaviermechanik. Er übernahm zunächst die Büchsenschmide seines jüngeren Bruders Paulus, als dieser Landamman wurde und dann früh starb. Das Handwerk hatte er beim berühmten Gian Marchet Colanis verfeinert, mit dem er befreundet blieb. Liehert stellte Vorderlader (Stutzer) für die Jagd her. Es heisst, dass es zwischen 1830 und 1860 kaum einen guten Hochwildjäger in Graubünden gab, der nicht mit Meister Liehert in Verbindung gestanden wäre.
Im Nebenamt war Meister Liehert Organist in der Peister Kirche. Er revidierte die Kirchenorgel und fasste schon bald Aufträge für weitere Orgelrestaurationen in Davos, Valendas und anderen Kirchgemeinden. Eine Anekdote erzählt, dass der Pfarrer von St. Peter ihm von der Ankunft des ersten Harmoniums in Chur berichtete. Liehert habe sofort seine Tiere ausgespannt und sei mit dem Pfarrer nach Chur gereist, um das "Tonwunder" zu inspizieren. Nach der Rückkehr baute er sein erstes Harmonium. Dabei fertigte er sämtliche Teile - mit Ausnahme der Zungenstimmen - selbst. Er baute weitere Harmonien, deren Solidität und schöner Ton von Pfarrern, Lehrern und Privaten im ganzen Bündnerland sehr geschätzt wurden. 1855 baute er erstmals ein Klavier, nicht ein gewöhnliches, sondern einen in die Vertikale gebauten Flügel, den er "Giraffe" nannte. 1863 baute er ein Klavier für sich. Dabei bezog er nur Saiten, Filz, Ebenholz und Elfenbein von auswärts. Er unterrichtete seine jüngste Tochter im Klavierspiel, soll aber ein ungeduldiger Lehrer gewesen sein.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Vorderladergewehre zunehmend von Hinterladern abgelöst. Da das Interesse von Liehert sich inzwischen in eine andere Richtung entwickelt hatte, verlor die Peister Büchsenschmiede an Bedeutung. Um 1850 begann Liehert, landwirtschaftliche Maschinen weiterzuentwickeln. Mit seiner Dreschmaschine für 6 Personen konnte das Korn einer grösseren Ackerfläche in 1-3 Tagen gedroschen werden, während man zuvor mit Handflegeln für den gleichen Ernteertrag Wochen benötigt hatte. Meister Liehert verbesserte auch das System der Kornputzmühlen: durch Anordnung der Siebe in einer Wannmühle flogen nicht nur Spreu und Staub weg, sondern das Korn wurde auch nach der Schwere sortiert. Die Erfindung einer Buttermaschine erlaubte die Gewinnung von Butter direkt aus der angewärmten Milch.
Meister Lieherts grosser Erfindertraum - "wie man mit Wasser lichten könne" - verwirklichten andere nach ihm. 1872, nur sechs Jahre nach seinem Tod, installierte der berühmte St. Moritzer Hotelpionier Badrutt im Engadiner Kulm die schweizweit erste elektrische Beleuchtung. Vermutlich hatten sich die beiden Männer gekannt, schliesslich stammte Badrutt aus Pagig, dem Nachbardorf von Peist, bevor dieser als junger Mann der Armut im Schanfigg entfloh.
Meister Liehert hatte als Betriebsnachfolger einen Sohn vorgesehen, der starb jung. Eine der Töchter, die gehörlose Anna, zeigte Geschick für Esse, Schraubstock und Drehbank. Doch die damaligen Geschlechter-verhältnisse wollten nicht zulassen, dass eine Werkstatt von einer Frau geführt wurde .
Jakob Donau (1867- 1956): Kunsthandwerker, Künstler und Sammler
Jakob Donau hätte gern einen technischen oder künstlerischen Beruf gelernt. Die damaligen Umstände sahen jedoch vor, dass er den elterlichen Bauernbetrieb in Peist weiterführte. Er heiratete und gründete mit seiner Ehefrau eine Familie. Jakob Donau war aber auch Kunsthandwerker und Künstler. Sein Haus "Retira" an der Unterstrasse glich zu Lebzeiten einem Gesamtkunstwerk: in Beton gegossene Löwen, Amphoren und Kugeln zierten die Gartenmauern; die Dachunterseite des Hauses war mit bunten Ornamenten verziert; rote und blaue Fächerfenster tauchten das Treppenhaus in mystisches Licht und die Haustüre hatte er eigenhändig mit Blumenranken im Jugendstil verglast. Er arbeitete mit den unterschiedlichsten Materialien. Szenen aus dem Dorfalltag hielt er in bunten Hinterglasbildern fest, Landschaftsbilder und Dorfansichten bannte er auf Leinwand. Er schnitzte bäuerliche Szenen aus Edelholz, Kleinskulpturen, die er dann bemalte. Er designte Stühle und gestaltete kunstvolle Alltagsgegenstände, z.B. asiatisch inspirierte Schwenk-Lampen mit kunstvoll bemalter Laterne. Er schnitzte insgesamt sieben hölzerne Pferde in Lebensgrösse, eines ist im Schanfigger Heimatmuseum in Arosa zu sehen. Jakob Donau war weitherum bekannt für seine Hinterglas-Wappenmalerei und gestaltete Wappenscheiben für viele Bünder Geschlechter, viele sind heute im Staatsarchiv in Chur archiviert. Jakob Donau war Mitbegründer des Schanfigger Heimtmuseuams in Arosa und trug mit eigenen Werken und seiner Sammlung an Handwerkskunst wesentlich zu dessen Grundstock bei.
Martin Walkmeister: Schreiner (19.Jh.)
Martin Walkmeister errichtete die erste Säge an der Plessur. Holz war lange Zeit und auch heute noch ein wichtiger Rohstoff im waldreichen Schanfigg. Früher wurden die Tannen an den Berghängen im Winter geschlagen, mit Pferd und Schlitten bis zur Plessur hinunter geführt und von furchtlosen jungen Männern in gefährlichen Manövern bis nach Chur geflösst. Mit der Einrichtung von Sägereien im Tal konnten nun die Baumstämme vor Ort verarbeitet werden. Die lebensgefährlichen Flösserarbeiten verloren damit an Bedeutung.
Georg Walkmeister: Schreiner (19. Jh.)
Georg war der Sohn von Martin Walkmeister. Er konstruierte eine Dreschmaschine, die vollständig aus Holzteilen zusammengesetzt war. Im Weiteren verbesserte er eine Kornputzmühle durch den Einbau eines Klärsiebs. Für die Holzverarbeitung entwickelte er eine Fräse. Georg Walkmeister wanderte in den 1870er Jahren nach Amerika aus. Danach verliert sich seine Spur.
Christian Brunold: Färber (19. Jh.)
Am Ufer des Farbbachs beim Dorfausgang Peist stand im 19. Jh. die weitherum bekannte Färberei von Christian Brunold. Aus dem ganzen Schanfigg und Prättigau - damals fand zwischen dem Schanfigg und dem Prättigau ein reger Handel über den Berg statt - brachten Kundinnen ihm die selbstgewobenen Stoffe zum Walken und Färben. Das Geschäft florierte, bis ein schweres Unglück geschah: ein Kind fiel in einen gefüllten Farbtrog und ertrank. Das Unglück erschütterte den Christian Brunold derart, dass er den Färberberuf aufgab. Das stillgelegte Färberhäuschen brannte später ab. Der Name "Farbbach" verweist noch heute auf die frühere Nutzung.
Johannes Brunold: Zimmermann (20. Jh.)
Johannes Brunold fand im Frühling und Herbst neben den landwirtschaftlichen Arbeiten noch die Zeit, Häuser und Ställe zu zimmern. Insgesamt baute er nahezu hundert Häuser und Ställe. Steht man heute vor einem besonders schönen und wohlproportionierten Haus oder Stall, handelt es sich oft um einen Bau von Johannes Brunold. Ausweis dieser Herkunft ist auch der mit Meisterschaft ausgeführte "Bündner Warzenstrick".
Beni Vogler (1925-2000): Kunstschmied
Beni Vogler hatte er in der Schmiede Adam in Jenaz Werkzeug- und Hufschmid gelernt. In Peist erledigte er für die Peister Bauern viele Arbeiten. Seine Leidenschaft galt dem Kunstschmieden, wofür er nebst Beruf und Familie möglichst viel Zeit erübrigte. Inspiration fand er - selber ein passionierter Naturbeobachter und Jäger - in der Natur. Seine bevorzugten Motive waren einheimische Wildtiere. Heute noch zieren zahlreiche Hirsche und Birkhühner die Haustüren, -fassaden und gusseiserne Gartentore in Peist. Auch das Rössli im Wirtshausschild des "Rössli" stammt von ihm. Für die Eingangshalle des Kreuzspitals in Chur schmiedete er einen grossen Habicht. Auch eine ganze Alpszene mit Alphütte und Tannen ist erhalten. Beni Vogler galt als liebenswürdiger und origineller Mensch, der auf seinen täglichen Spaziergängen durchs Dorf mit seinem Hund immer für einen humorvollen Schwatz zu haben war.
Quellen: Heimatbuch der bündnerischen Volksschule, Davos, 1958 Metz, Christian: Der Bär in Graubünden. Desertina, Disentis, 1990