Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/606

Der alte Freund
Paavo Järvi nimmt sich mit dem Tonhalle-Orchester Zürich gerade die Sinfonien von Anton Bruckner vor. Hier spricht er über Bruckner im sowjetischen Estland, schwedisches und schweizerisches Publikum sowie die besondere Achte.
Paavo, warum ist Bruckner ein guter Weg, um in der Grossen Tonhalle anzukommen?
Ich denke, es ist ein perfekter Weg. Bruckner ist eine Art Essenz für Sinfonieorchester. Und es ist sehr interessant zu sehen, wie Bruckners Musik in der Geschichte durch viele Höhen und Tiefen gegangen ist. Ich habe das Gefühl, dass es wieder grosses Interesse an Bruckner gibt, weil wir genug Abstand von den alten Anschauungen gewonnen haben. Nicht nur in der Musik, sondern auch in der Gesellschaft allgemein. Konventionen und alte Überzeugungen werden überdacht. Bruckners Musik ist sehr herausfordernd für das gesamte Orchester. Wichtig ist, eine gute Architektur zu haben, die die Qualität des Orchesters und der einzelnen Register wirklich zeigt. Für mich ist das der perfekte Weg, dieses Orchester zu erleben. Aber auch den renovierten Saal.
Kannst du dich daran erinnern, wann und wie du Bruckners Musik das erste
Mal richtig wahrgenommen hast?
Als ich aufwuchs – und ich bin in Estland aufgewachsen –, war Bruckners Musik nicht wirklich Teil des allgemeinen Repertoires. Estland war zu dieser Zeit natürlich von den Russen besetzt, es war also ein sowjetisches Land. Und die meisten Musiker*innen in Estland und grosse Teile des musikalischen Lebens waren sehr davon beeinflusst. Der «Eiserne Vorhang» tat sein Übriges dazu, dass alles auf die Sowjetunion fokussiert war. Die musikalische Richtung war auf die russische Musik und die Klassiker ausgerichtet. Klar: Bach, Haydn, Mozart! Aber Bruckner wurde nicht oft gespielt. Und Bruckner hatte generell so eine Art Wahrnehmungsproblem. Seine Musik galt als zu lang, zu ereignislos und ein bisschen langweilig – und irgendwie nicht so gut wie Brahms oder andere Zeitgenossen. Ich würde es also so beschreiben: Auch wenn wir seine Musik hörten und studierten, wuchsen wir nicht mit einer grossen Liebe dazu auf. Da ich in einer Dirigentenfamilie aufgewachsen bin, habe ich immer ganz verschiedenes Repertoire kennengelernt. Wirklich verliebt habe ich mich in Bruckners Musik, als ich zur Schule ging – und dann aber wirklich obsessiv. Das ging mir auch mit den Kompositionen von Mahler so. Und zum ersten Mal dirigiert habe ich Bruckner in Malmö, Schweden: die dritte Sinfonie. Ich liebe diese Dritte. Ich habe sie immer geliebt, und zwar auch wegen der Aufnahmen mit George Szell und dem Cleveland Orchestra. Als kleiner Junge hatte ich sie auch des Öfteren gehört. Deswegen möchte ich sie unbedingt dirigieren. Und wenn du diese Sinfonie einmal dirigiert hast, wird dir klar – okay, das ist erst der Anfang, ich möchte auch die anderen dirigieren. Und so kam es auch. Das alles hat sich langsam aber sicher entwickelt, zu der Zeit als ich Musikdirektor in Malmö war (von 1994 bis 1997).
Vor Kurzem habe ich mit Maestro Herbert Blomstedt über Bruckner gesprochen. Und er erinnerte sich daran, wie er das erste Mal Bruckner in
Stockholm dirigiert hat: Es gab kein Publikum für Bruckner. Wie willst du in Zürich das Publikum damit erreichen?
Ich denke, dieses Publikum werden wir erreichen bzw. ich bin überzeugt, dass es dieses bereits gibt. Denn ich erinnere mich, als wir die siebte Sinfonie gespielt haben, war der Publikumszuspruch sehr gut, die Konzerte waren gut besucht. Ausserdem denke ich: Bruckner passt so perfekt zur DNA dieses Orchesters. Es hat ein intuitives Verständnis für diese Musik und zudem auch die notwendigen technischen und klanglichen Fähigkeiten, die sie eben erfordert. Auch wenn wir die Siebte hier zum ersten Mal zusammen gespielt haben, war es, wie einen alten Freund zu besuchen. Wir sprechen die gleiche Sprache, wir verstehen einander. Und das zeigt nur, dass all diese Kompositionen der gleichen Welt entspringen. Wenn man die Musik von Richard Strauss, Mahler und natürlich Bruckner nimmt, dann kannst du die Spuren zurückverfolgen bis zu Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Brahms und Schumann. Zwischen allen besteht eine Verbindung. Das ist für mich offensichtlich, wenn du die Musik von Bruckner spielst. Dann fühlst du, dass du diese Sprache kennst. Du kennst vielleicht das Stück noch nicht, aber du verstehst die Sprache.
«In Bruckners Schaffen ist die Achte die ungewöhnlichste Sinfonie, denn er war mit ihr zufrieden.»
Als nächste Herausforderung hast du Bruckners achte Sinfonie ausgewählt. Warum gerade diese?
Für viele ist das die bedeutendste Sinfonie. Ich kenne sogar Menschen, die sagen, es sei die grossartigste Sinfonie, die je geschrieben wurde. Ein solcher Superlativ ist natürlich schwierig und mit Vorsicht zu geniessen, schon aus dem einfachen Grund, weil es so viele andere grossartige Sinfonien gibt – denken wir nur an Beethovens «Eroica», Brahms’ Erste oder Mahlers Neunte etc. Aber was unumstritten ist: In Bruckners Schaffen ist es die ungewöhnlichste Sinfonie, denn er war mit ihr zufrieden. Ausserdem ist es die einzige, in der er Harfen einsetzt. Er benutzte weibliche «Bilder», um so etwas wie Liebe zu beschreiben – obwohl Bruckner bekanntermassen eine eher asexuelle, zurückgezogene Natur war. Auch in Briefen im Umfeld dieser Sinfonie spricht er über höchst untypische, un-brucknersche Dinge. Zum Beispiel über den Beginn des letzten Satzes: Russische Kosaken greifen an. Wer hätte das in seiner Gedankenwelt vermutet? Es ist interessant, dass diese Sinfonie irdischere Dinge zum Gegenstand zu haben scheint – unabhängig von der herausragenden musikalischen Inspiriertheit. Denn diese Sinfonie hat eine unglaubliche Grösse in ihrer Gestaltung, ihrer Anlage. Alle anderen Sinfonien haben noch eine gewisse Intimität. Und diese bleibt im Adagio auch im besten Sinne erhalten. Aber in den anderen Sätzen ist ein neues Bewusstsein spürbar. Auch das erwartet man bei Bruckner nicht. Ein Bewusstsein darüber, wo er steht und wer er ist. Als Ganzes ist das ein monumentales Werk – mehr als alle anderen Bruckner-Sinfonien. Die Fünfte kommt dieser Idee nahe, aber die Achte ist wirklich sein Gipfelpunkt.
Es gibt Menschen, die fürchten die Länge von Bruckners Sinfonien. Was
kannst du ihnen mitgeben?
Das ist wieder etwas sehr Subjektives. Wenn etwas interessant genug ist und wenn etwas gut genug gemacht ist, dann können auch sehr lange Konzerte sehr kurz erscheinen. Hier kommt die wirkliche Rolle der Interpret*innen ins Spiel: Mit den falschen Leuten können auch kurze Stücke sehr lang erscheinen. Es liegt in der Verantwortung und in der Kraft der Interpret*innen, genug Momentum zu schaffen für eine innere Welt, einen inneren Dialog. Und dann werden Werke auch nicht langatmig. Verglichen mit einer Wagner-Oper, die manchmal fünf Stunden geht oder länger, ist eine 80-minütige Sinfonie eigentlich nicht sehr lang. Es hängt eben auch davon ab, wie es gemacht ist und wie sehr man sich einbezogen fühlt. Aber generell ist der gesellschaftliche Trend, Dinge «vorverdaut» präsentiert und in kleinen Häppchen fertig serviert zu bekommen, nur damit sich bloss niemand langweilt, auch ein Grund dafür, warum es Menschen gibt, die finden, 80 Minuten sind zu lang. Die gleiche Zeit vor einem DJ zu stehen, ist aber kein Problem. Es ist alles eine Frage, womit ich mich identifizieren möchte. Ich würde das Publikum bitten, gar nicht über die Länge nachzudenken. Kommen Sie einfach, schliessen Sie die Augen und geniessen Sie!