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16. Juni 1938: Ein Schweizer hat einen der berühmtesten Elfmeter der WM-Geschichte gepfiffen und Giuseppe «Peppino» Meazza (1910 - 1979) hat ihn versenkt.
Es geschieht ja heute nicht mehr oft. Hin und wieder aber kommt es vor, dass im Stadion San Siro, dem mächtigen Betonklotz im Norden Mailands, ein Stürmer sich den Ball in der eigenen Platzhälfte angelt. Einen Moment zögert. Dann in jähem Antritt losstürmt und sich an zwei, drei Gegnern vorbeischlängelt. Auch den Libero austrickst (so denn noch mit Libero gespielt wird). Im Strafraum plötzlich abstoppt, den Torhüter herauslockt, ihn mit einer Finte überlistet und schliesslich den Ball seelenruhig ins Tor schiebt. Dann ist ein «Goal à la Meazza» gelungen.
Dann ist ein «Goal à la Meazza» gelungen.
Solche Teffer, heute eigentlich fast nicht mehr denkbar, waren die Spezialität eines waschechten Mailänders. Die Spezialität von Giuseppe «Peppino» Meazza. Er hat auch den Künstlernamen «Balilla». Weil er als Junior so klein und schmalbrüstig war. So nannte man damals die Pfimpfe (heute nicht mehr übliche umgangssprachliche Bezeichnung für einen Jungen vor dem Stimmbruch), die in Benito Mussolinis Jugendgruppe der Faschistischen Partei Italiens zusammengefasst waren.
Giuseppe Meazza ist einer der trickreichsten Mittelstürmer seiner Epoche. Zwischen 1932 und 1939 bestreitet er für Italien 54 Länderspiele (33 Tore). Er kommt bei der WM 1934 ins Allstar-Team und ist der Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1938. Er ist einer von drei Spielern, die in den Weltmeisterteams von 1934 und 1938 stehen. Er bestreitet 476 Spiele in der höchsten Liga (davon 408 für Inter) und erzielt 308 Tore, 287 davon für Inter. Er wird dreimal Torschützenkönig, das erste Mal mit 19 Jahren. Ihm zu Ehren heisst das San-Siro Stadion heute «Estadio Giuseppe Meazza».
Giuseppe Meazza gilt bis heute als einer der besten italienischen Spieler aller Zeiten. Nationaltrainer Vittorio Pozzo (Weltmeister 1934 und 1938) sagte über den Superstar der 1930er Jahre: «Ihn in der Mannschaft zu haben bedeutete, dass man fast immer mit 1:0 in Führung ging. Er war der geborene Stürmer. Meazza war in der Lage, aus jeder Situation heraus die nachfolgenden Spielzüge vorauszusehen. Dank seiner Spielgestaltung und seiner exzellenten technischen Fähigkeiten prägte er den Stil der gesamten Angriffsreihe.» Kein Wunder, war Guiseppe Meazza der einzige Spieler im Team, dem der gestrenge Pozzo das Rauchen erlaubte.
Und dann gibt es eben diesen berühmten Elfmeter. Am 16. Juni 1938 spielt Titelverteidiger Italien in Marseille gegen Brasilien um den Einzug ins WM-Finale. Nur fünf Minuten nach dem 1:0 entscheidet Schiedsrichter Hans Wüthrich aus der Schweiz – er gilt als einer der besten Refs der Welt – in der 60. Minute nach einem Gerangel zwischen Mittelstürmer Silvio Piola und den Verteidigern Artur Machada und Domingos da Guia auf Elfmeter.
Im Tor der Brasilianer steht der legendäre Walter de Souza Goulart. Er ist für die Abwehr von Elfmetern weltberühmt. Man sagt ihm nach, er sei dazu in der Lage, den Schützen zu hypnotisieren. Er beruhigt seine protestierenden Teamkameraden und verspricht, den Elfmeter zu halten.
Als Giuseppe Meazza den Ball auf den Elfmeterpunkt setzt, reisst das Gummiband und die Hose rutscht ihm herunter. Der verblüffte brasilianische Goalie kann sich vor Lachen kaum mehr halten und sich vor allem nicht mehr konzentrieren und von hypnotisieren ist schon gar keine Rede mehr.
Meazza bleibt cool, hält mit einer Hand die Hose fest, täuscht Walter geschickt (er macht eine Bewegung in die falsche Ecke) und trifft zum 2:0. Während die Mitspieler den Schützen feiern, wird ihm eine neue Hose gebracht.
Italien gewinnt 2:1, rückt ins Finale vor und wird nach 1934 zum zweiten Mal hintereinander Weltmeister. Dieses Turnier vergisst der Penalty-Schütze noch aus einem anderen Grund nicht. Von Benito Mussolini bekommt er als Kapitän vor dem WM-Finale ein Telegramm erhalten. Der Wortlaut: «Siegen oder Sterben.»
Nach seinem Rücktritt im Jahre 1947 im Alter von 37 Jahren geht er ausser Landes, trainiert einige Monate ein Team in Istanbul, übernimmt nach der Rückkehr eine Mannschaft in Italien (Pro Patria Busto Arsizio in der Nähe von Mailand), ist eine Saison lang Nationaltrainer (1952/53), versucht sich zwischendurch mit viel Geschick als Fussball-Journalist und kehrt schliesslich als Nachwuchstrainer zu Inter zurück. Dorthin, wo alles angefangen hat.
Giuseppe Meazza hat in den 20 Jahren, in denen er ein Fussball-Superstar war, viel Geld verdient. Aber es zerfliesst ihm zwischen den Fingern. Er liebt das Leben, die Frauen, den Tanz, den Champagner und das Glücksspiel. Er ist so etwas wie ein Fussball-Rockstar, lebt in den Tag hinein, und so bleibt ihm vom erspielten Vermögen nur wenig übrig.
Alles was ihm bis zu seinem Tod im Jahre 1979 noch bleibt, sind schliesslich die Erinnerungen an grosse Spiele und das Bewusstsein, eines der ereignisreichsten und glanzvollsten Kapitel der italienischen Fussballgeschichte geschrieben zu haben. Aber nie hat ihn jemand klagen gehört.