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In Mount Vernon im US-Bundesstaat Washington trafen sich am 10. März 60 Mitglieder eines Chores zu einer Probe. Im Vorfeld wurde darauf hingewiesen, dass doch bitte alle die Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigen sollen, also Abstandhalten, kein Händeschütteln, keine Umarmungen, keine Begrüssungsküsschen etc. Trotzdem entwickelte sich »die zweieinhalbstündige Probe zu einem Desaster«, wie Christina Berndt in der SZ schreibt. Vor der Probe war ein Mitglied infiziert, ein paar Tage danach trugen 53 der 60 Sänger das Virus in sich, drei mussten ins Spital, zwei starben. Zwar wurde der Abstand zwischen den Sängern nicht immer eingehalten und ab und zu gab es Pausen, in denen sie sich verpflegten, auch mit Keksen, die der Nachbar mitbrachte und am Schluss haben sie gemeinsam aufgeräumt, schreibt die US-amerikanische Schutzbehörde. Aber eine solch massive Übertragung sei doch eher ungewöhnlich, schreibt das CDC. Ebenfalls in Berlin und Amsterdam gab es Übertragungen beim gemeinsamen Singen.
Dies erinnert an die Meldung aus einem Call-Center in Süd-Korea. Auf der 11. Etage eines Gebäudes befinden sich zwei Großraumbüros eines Call-Centers, die durch einen breiten Gang, Lifte, Toiletten und Konferenzräume getrennt sind. Am 8. März wurde ein Angestellter des Centers positiv getestet, am 9. März wurde das gesamte Gebäude geschlossen und sämtliche 1143 Bewohner und Angestellten getestet. 97 Leute waren positiv, davon 94 Angestellte des Callcenters; 5 der Infizierten arbeiten in der einen, die anderen 89 in der anderen Hälfte des Großraumbüros der 11. Etage. Eine Studie von Forschern der Universität der Bundeswehr München kommt dagegen zum Schluss, dass gemeinsames Singen kein erhöhtes Risiko darstellt, sofern die Vorsichtsmaßnahmen eingehalten und die Räume gut belüftet werden. Die Forscher haben die Strömungsmechanik und Luftverwirbelungen beim Gesang und dem Blasen von Instrumenten untersucht. Nur die Luft in der unmittelbaren Umgebung der Musiker würde in Bewegung gesetzt (von den Wiener Philharmonikern gibt es Bilder, wie diese Ströme sich bewegen). Es könnte sein, dass sich bei solchen Ereignissen die Leute trotz Maßnahmen dennoch näher kommen. Die Befunde kommen also auf unterschiedliche Einschätzungen der Rolle der sogenannten Aerosole, also den winzigsten Schwebeteilchen (fünf Mikrometer klein) in der Luft, bei der Übertragung des Virus. Ist jemand angesteckt, werden beim Atmen (vor allem auch beim Sport), Sprechen und erst recht beim Singen sowie (liebe Politikerinnen und Politiker) auch beim lauten Reden und (liebe Après-Ski-Apéröler) Grölen mit gefährlichen Viren belastete Aerosole ausgestossen, die dann je nach Umgebung eine Weile in der Luft schweben (in einer Laborsituation waren es drei Stunden). In geschlossenen, feuchten und nicht klimatisierten Räumen bleiben die Mikro-Teilchen länger in der Luft. Also schwierige Bedingungen, wenn gesungen und gesprochen wird, ohne dass durch sich bewegende Luft die Aerosole abgetrocknet oder verstreut werden und die Viren auf den Boden fallen. Ebenfalls in Flugzeugen und Zügen muss die Luft zirkulieren beziehungsweise ausgetauscht werden, damit die Konzentration belasteter Aerosole nicht zu hoch wird. Aerosole sind nicht nur Träger von Viren, sondern auch von Proteinen, Zellen, Molekülen und anderen Erregern, sagt der Physiker Roland Netz von der Freien Universität Berlin. Je mehr Teile an einem Aerosol haften, desto länger dauert es, bis es ausgetrocknet wird. Auch ChristianDrosten vermutet, dass »Aerosolübertragung« stattfindet.
Neben der Tröpfcheninfektion durch Niesen und Husten und der weniger häufig vorkommenden Schmierinfektion tritt nun also die sehr schwer kontrollierbare Aerosolinfektion. Beunruhigende Nachrichten auch für Restaurants, Fitnesszentren, Büros, Clubs und ähnlichen Lokalen, die schlecht gelüftet werden und in denen sich über einen längeren Zeitraum Leute aufhalten. Das Robert-Koch-Institut rät unterdessen gegen Tröpfcheninfektion den herkömmlichen Abstand, nun aber für die Aerosolinfektion frische Luft und Luftbewegung mittels Lüften, Ventilatoren oder die Verlagerung des Lebens nach draußen.