Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/2057

Der Barkley 100 gilt als eines der härtesten Ultra-Marathon-Rennen der Welt. Sicher ist: Es ist das schrägste von allen. In jetzt 32 Jahren konnten es erst 15 verschiedene Teilnehmer beenden. 30 schafften nicht einmal die ersten rund drei Kilometer. Dieses Jahr war ein Schweizer mit dabei. Er erklärt uns die Faszination. Und den Wahnsinn.
Ein Ultra-Marathon-Rennen, das jährlich Ende März/Anfang April im Frozen Head State Park in Tennessee (USA) stattfindet. Es gibt zwei Strecken: (Mindestens) 100 Meilen (rund 160 Kilometer) und der «Fun run» über (mindestens) 60 Meilen (rund 97 Kilometer). Absolviert werden dabei Runden von 20 Meilen (ca. 32 Kilometer). Wobei keine genaue Strecke existiert, sondern 9 bis 13 Checkpunkte. Allerdings ist die Runde mittlerweile eher 40 Kilometer lang mit 4000 Höhenmetern, weil die Strecke immer leicht angepasst wird.
Die Runde muss zweimal im Uhrzeigersinn und zweimal im Gegenuhrzeigersinn absolviert werden. Für die letzte Runde kann die Richtung gewählt werden. Das Zeitlimit pro Schlaufe beträgt 12 Stunden, für den «Fun Run» hat man insgesamt 40 Stunden Zeit.
Im Wettkampf dürfen die Teilnehmer zusammenspannen – was sie oft machen. Denn es geht grundsätzlich nicht gegen die anderen, sondern gegen das Rennen. Unterstützung gibt es sonst unterwegs – mit Ausnahme von zwei Wasserstellen – nicht.
An den Checkpunkten (2018 waren es 13) befindet sich jeweils ein Buch. Die Teilnehmer müssen daraus die Seite ihrer Startnummer herausreissen. Für jede Runde erhalten die Athleten eine neue Startnummer.
Die Startnummer eins wird von Organisator Gary «Lazarus Lake» Cantrell jeweils an denjenigen verteilt, dem er die kleinsten Chancen auf ein erfolgreiches Rennen zurechnet. Er bezeichnet diesen Starter als «lebende Gabe» an das Rennen. Dieses Jahr war es diese nette Dame:
Seit 1986 wird das Barkley 100 jährlich ausgetragen. Die Regeln wurden seither etwas angepasst. Angeblich kam Gründer Cantrell die Idee dazu so: James Earl Ray – der Attentäter von Martin Luther King – flüchtete 1977 aus dem Hochsicherheitsgefängnis in der Nähe, schaffte es aber während der 55-stündigen Flucht nur ca. 13,6 Kilometer weit in dem Wald. Cantrell sagte einst: «Da wäre ich weiter gekommen.» Als «Beweis» rief er das Rennen ins Leben. Absolviert hat er es aber natürlich noch nie.
Benannt hat er den Anlass nach einem Nachbarn, der Ausdauersport betrieb.
Das ist schwierig. Jährlich werden nur 40 Teilnehmer zugelassen. 15 Plätze sind dabei für Nicht-Amerikaner reserviert – bei ca. 800 Bewerbern.
Schwierig ist allerdings nur schon die Anmeldung. Es existiert keine offizielle Seite des Rennens (diese hier ist inoffiziell). Man muss die Kontaktdaten von Lazarus Lake selbst herausfinden und an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit seine Anmeldung einreichen. Für dieses Jahr war es der 1. November 2017 um 00.00 Uhr Lokalzeit. Viele sagen: Alleine die Anmeldung ist eine für viele nicht überwindbare Herausforderung.
Keine Ahnung. Ist halt so. Allerdings muss man ebenfalls ein Autoschild aus der Heimat mitbringen. Und ein Motivationsschreiben, warum man für das Rennen ausgewählt werden soll. Wer ein zweites Mal mitmacht, muss noch irgendein Geschenk – in den letzten Jahren z.B. auch mal ein weisses T-Shirt – für Lazarus Lake mitbringen.
Die ausgewählten Teilnehmer erhalten als Bestätigung eine E-Mail, die an einen Kondolenzbrief erinnert. Dort wird darauf hingewiesen, dass man «leider ausgewählt» wurde, aber natürlich gerne den Platz wieder weggeben könne. Es gäbe sicherlich «andere Deppen, die mitmachen wollen».
Wann das Rennen genau beginnt, ist immer unterschiedlich. Am Tag vor dem Start erhalten alle Teilnehmer die Karte des Gebiets und einen Kompass. Am Starttag kann das Rennen zwischen Mitternacht und zwölf Uhr starten. Organisator Lazarus Lake bläst eine Stunde vor dem Start in eine Muschel.
Offizieller Start ist dann, wenn er sich eine Zigarette anzündet. Warum? – Warum nicht!?
Seit Beginn 1986 bei mittlerweile über 1000 Teilnehmern: 15. Wobei einer das Rennen zweimal beendete und einer dreimal. Das war Jared Campbell, der hier über sein Leben plaudert. Aussehen tut er so:
Der allererste Finisher war bei der neunten Austragung 1995 Mark Williams.
Der «Schweizer Rekord» liegt bei zwei beendeten Runden. Milan Milanovic war 1995 in der dritten Runde 29 Minuten zu langsam.
Ja. Der Kanadier Gary Robbins war 2017 nach 60 Stunden sechs Sekunden zu langsam. Er hatte sich kurz vor dem Ziel noch einmal verlaufen und musste am Ende durch einen fünf Meter tiefen Fluss. Lazarus Lake liess keine Gnade walten und disqualifizierte Robbins. Denn schon Beat Breu wusste nach seinem Sieg 1981 am Monte Brè um sechs Sekunden: «Jo da langet, scho eini langet.» Allerdings kam Robbins in der letzten Runde auch vom Weg ab und kürzte so zwei Meilen ab. Das ist der offizielle Grund für seine Disqualifikation.
Der Schweizer Cyrille Berthe ging dieses Jahr mit Robbins vor dem Rennen an die verhängnisvolle Kreuzung. Er sagt: «Du kannst da eigentlich keinen Fehler machen. Aber nach fast 60 Stunden unterwegs war das wohl anders.»
Die Zielankunft Robbins' von 2017 zeigt dieses Video:
Ins Ziel kam keiner. Gary Robbins – der Typ mit den sechs Sekunden oben – scheiterte in der dritten Runde um zwölf Minuten. Er hat sein Rennen auf seinem Blog schön zusammengefasst.
40 Teilnehmer gingen an den Start, 20 wagten sich an Runde zwei, 5 an Runde drei. Robbins ist der einzige Finisher des «Fun runs».
Cyrille Berthe, Sie kommen gerade vom Barkley 100 zurück. Wie war es?
Cyrille Berthe: Unglaublich. Ein super Erlebnis, aber schwieriger als erwartet.
Was war schwieriger?
Das Wetter war schlimm. Vor dem Rennen schneite es noch. Danach gab es viel Regen, ein Sturm zog auf, es war kalt und der Nebel nahm uns die Sicht. Die Orientierung war brutal schwierig. Wir kamen uns teilweise vor wie im Horrorfilm «Blair Witch Project».
Du hast die ersten zehn Bücher bei den Checkpunkten gefunden. Was lief beim elften falsch?
Das fing schon vorher an. Die Bücher eins bis vier waren problemlos. Wir waren in einer Dreiergruppe und trafen danach die falsche Entscheidung. Wir konnten uns im Nebel nicht orientieren. Ich drehte dann als Letzter auf dem falschen Weg um. Dadurch verlor ich viel Zeit und war danach während gut drei Stunden allein unterwegs. Buch fünf fand ich allein, danach konnte ich wieder mit einer kleinen Gruppe laufen. Das ging bis Buch zehn gut. Aber dann mussten wir durch den Tunnel unter dem Gefängnis durch und danach einen steilen Hang hoch. Es wurde schon dunkel, wir sahen nichts mehr.
Und dann?
Wir suchten über eine Stunde. Dann gab ich auf, weil ich merkte, dass ich die weiteren Bücher nicht mehr in der Zeit finden werde. Ich kehrte mit einem weiteren Teilnehmer zum Start/Ziel zurück.
Enttäuscht?
Ja, klar war ich zu Beginn enttäuscht. Körperlich war ich noch fit, aber mental ist das Rennen brutal. Allerdings bin ich auch glücklich, dass ich das erleben durfte.
Wie war es zurück am Startpunkt?
Wir kamen in der Nacht an und schliefen dort. Am nächsten Tag kam Lazarus Lake und meinte: «Was, du? Ich dachte, du schaffst es.» Das dachten auch viele andere. Aber da kannten wir auch Strecke und Verhältnisse noch nicht.
Wie ist Lazarus Lake für ein Typ?
Er ist ein super Typ. Mit einem grossartigen Humor.
Du hast unter anderem den Mont-Blanc-Ultra-Marathon (168 Kilometer, 9000 Höhenmeter) schon zweimal erfolgreich gemeistert. War der Barkley 100 die ultimative Ultra-Marathon-Herausforderung?
Er hat nichts mit anderen Ultra-Marathons zu tun. Das ist mit nichts vergleichbar. Bei anderen Rennen bist du auf markierten Wegen unterwegs, du wirst umsorgt mit Verpflegungsposten und im Ziel gibt's Massagen. Hier gibt's keine Unterstützung. 80 Prozent bist du neben den Wegen unterwegs.
Wie läuft das denn genau beim Barkley 100?
Es gibt zwei Stellen unterwegs, an denen du Wasser erhältst. Ansonsten musst du alles selbst mittragen oder mitbringen. Viele haben einen kleinen Rucksack dabei. Vor dem Start erhältst du nur die Karte, den Kompass und eine Zehn-Dollar-Uhr. Eigene Uhren oder Hilfsmittel sind nicht erlaubt, da diese GPS-fähig sein könnten.
Wie bist du eigentlich darauf gekommen, am Barkley 100 mitzumachen?
Ich bin in meiner Freizeit Coach in einer Trailrunning-Gruppe. 2014 erzählte mir einer davon. Wir lachten und sagten: «Hach, was die Amerikaner alles erfinden.» Dann schaute ich das Video einmal. Dann ein zweites Mal, ein drittes Mal. Und irgendwann wusste ich: Da will ich mitmachen.
Alleine die Anmeldebedingungen sind ein gut behütetes Geheimnis. Wie gingst du vor?
Ich suchte stundenlang im Internet. Insgesamt brauchte ich sechs bis acht Monate, um die Adresse von Lazarus Lake zu finden. Natürlich suchte ich nicht täglich, aber immer wieder einige Stunden. Als ich die Adresse hatte, wusste ich die Anmeldefrist nicht. Also bewarb ich mich einfach einmal. Nach zwölf Stunden kam die Antwort, dass ich die Anmeldefrist verpasst hatte. Meine nächste Chance kam ein Jahr später. Dann, im November 2017, klappte es und ich erhielt die Bestätigung. Insgesamt versuchte ich es ungefähr während rund drei Jahren. Das ist eigentlich noch sehr schnell.
Willst du wieder mitmachen?
Ja! Ich will definitiv wieder mitmachen. Ich glaube, jetzt ist es einfacher einen Platz zu erhalten (2018 machten 14 Wiederholungstäter, 26 Newbies mit). Allerdings wird das trotzdem nicht einfach. Alleine das Training und die finanziellen Aufwendungen sind gross. Mal schauen, wann es klappt.