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Über die abgebildete Grabinschrift des zweiten Jahrhunderts gäbe es viel Bemerkenswertes zu berichten. Ich beginne mit dem Interessanten, gehe dann über zum Verblüffenden und ende mit dem schier Unfassbaren, ohne Anspruch zu erheben, auch nur annähernd alles über dieses Exponat des ‹Epigraphischen Museums› in Rom gesagt zu haben.
Der für eine Grabinschrift ungewöhnlich lange Text (fünfzig hervorragende Verszeilen!) und die Ausführung der Beschriftung der Steinplatte sind von exquisiter dichterischer und handwerklicher Faktur. Da waren Profis am Werk und ein vermögender Auftraggeber im Hintergrund.
Dies legt die Vermutung nahe, dass es sich bei der Beigesetzten um eine Patrizierin, um die Frau eines mächtigen und reichen Unternehmers, Politikers oder eines Feldherrn handelt. Doch weit gefehlt: Die Bestattete Allia Potestas, zu deren Ehre die Inschrift verfasst und angefertigt wurde, war eine Sklavin; und keineswegs eine emanzipierte Sklavin (zum Begriff ‹Emanzipation› siehe Amuse-Bouche› s. 102 ff.), sondern eine als Sklavin im Dienst gestorbene Sklavin!
Über den Auftraggeber, über das aus dem langen und rührende Poem heraus erzählenden Ich, über den Hauptleidtragenden also (auch wenn er die Verse vielleicht nicht selbst geschrieben hat) wissen wir einzig, dass er Aulos hieß. Im ersten Teil des Gedichts lobt und preist Aulos die Tüchtigkeit und die Zuverlässigkeit seiner Sklavin und die Klugheit, die Effizienz, die Weisheit, mit der sie alle Bereiche des Lebens in seinem Hause verwaltete. Im zweiten Teil werden Aulos anerkennende Gedanken immer zärtlicher, intimer, bis sie schließlich in einer eindeutigen Liebeserklärung münden. Im letzten Drittel ist der Text sogar explizit erotisch; aus heutiger Sicht würden wir ihn geradezu als pornografisch, ganz sicher jedenfalls als unpassend für eine Grabinschrift bezeichnen. — Er ist untröstlich darüber, dass sie (sic!) die ekstatischen sexuellen Genüsse, die Allia allein zu spenden wusste, nunmehr für immer würden missen müssen.
Ja, so ist es! Plural! Und es handelt sich eindeutig nicht um ein Pluralis Majestatis! Es waren folglich mehrere Personen, die fortan auf die ‹ekstatischen sexuellen Genüsse› verzichten mussten. Und wenn diese weiteren Personen auch nicht namentlich genannt werden, müssen sie doch von der weidlich unüblichen Grabplatte und dem darauf eingravierten Text Kenntnis gehabt und durch diese konnivente Kenntnis auch deren Anfertigung und Anbringung gebilligt haben!
Aus derselben Grabkammer sind weitere Grabinschriften unversehrt zutage gefördert worden, die mit Bestimmtheit Personen aus demselben Haus gewidmet sind. Alle sind nach Allias Epitaph angebracht worden. (Das können Archäologinnen und Archäologen mit Garantie bestimmen!) Eine gehört mit ziemlicher Sicherheit Aulos’ Frau, die letzte, schlichteste und schmuckloseste Aulos selbst.
Ob auch Aulos’ Frau, die sowohl um seine Passion für die Sklavin als auch von der prunkvollen Grabinschrift zu deren Ehre wusste, zu jenen gehörte, die nach dem Tod der Serva auf die ‹ekstatischen sexuellen Genüsse› verzichten mussten?