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«Der Sieg beim Murtenlauf ist so etwas wie die Lebensversicherung Shadracks», sagt Alexander Hempel, der deutsche Manager Kimaiyos. Die 1500 Franken Siegprämie dürften das Topsalär der diesjährigen Europa-Tour des kenianischen Läufers sein. «Ein Schweizer Sieger würde sich mit diesem Geld vielleicht ein MacBook kaufen. Shadrack kann damit in seiner Heimat zirka einen Hektar Land erwerben. Dieses kann er dann bewirtschaften und sich und seine Familie davon ernähren.» Nach Kenia wird der 20-Jährige bald wieder zurückkehren. Er wird bloss noch ein, zwei Rennen bestreiten, unter anderem den Halbmarathon im französischen Rennes am Sonntag. «Vielleicht verdient er sich da noch Geld für das eine oder andere Stück Vieh dazu, dann geht er bis ungefähr im nächsten März wieder nach Kenia», sagt Hempel.
Wie ein Kindermädchen
Es wird das Ende der ersten Europa-Tour Kimaiyos sein. Er war im Juli und August drei Wochen in Deutschland und nun im September und Oktober noch einmal einige Wochen. Hempel hat ihn erst im Februar in Kenia entdeckt. Der Deutsche nimmt sein Handy hervor und zeigt ein Filmchen. Zu sehen sind afrikanische Läufer in einer kargen Landschaft, einige sind barfuss unterwegs. Es sieht ziemlich trostlos aus. Der Film zeigt das Rennen in Kenia, bei dem Hempel Kimaiyo entdeckt hat. «Ein anderer Läufer hatte ihn mir empfohlen. Nach dem Lauf gab es wie eine Art Bewerbungsgespräch, und dann habe ich ihn unter Vertrag genommen.» So läuft das. Ein bis zweimal geht Hempel nach Kenia und hält nach Talenten Ausschau.
Er versuche, das deutsche Organisationstalent mit dem kenianischen Lauftalent zu verbinden, sagt er. Zu organisieren gibt es genug. Hempel fragt Kimaiyo nach seinem Pass. Als Ausstellungsdatum steht der 10. Februar 2012. «Er hatte ja noch nicht einmal einen Pass. Der Kenianer braucht keinen Pass. Es bedarf schon eines Grundes wie in diesem Fall eine Einladung aus Europa.» Also liess Hempel für Kimaiyo einen Pass ausstellen und eine Krankenversicherung abschliessen. Sind die Läufer erst einmal in Europa angekommen, beginnt der organisatorische Aufwand erst recht. Regelmässig wirken die afrikanischen Läufer abseits der Strecke am Murtenlauf völlig verloren. So auch Kimaiyo gestern. Er spricht einige ganz rudimentäre Brocken Englisch. Wusste er, als er nach dreieinhalb Kilometern davonzog, bereits, dass er gewinnen wird? Yes. War es ein schwieriges Rennen für ihn? It was ok. Eine Verständigung ist fast unmöglich. Hempel spricht ein bisschen Swahili und ist deshalb während der Zeit, in der die afrikanischen Läufer in Europa weilen, eine Art Kindermädchen. «Sie müssen von A bis Z betreut werden», sagt er, kurz nachdem er seinen kenianischen Schützlingen–auch die zwei erstklassierten Frauen gehören dazu–im Presseraum gezeigt hat, wo sie sich hinsetzen sollen.
Wohnen beim Manager
Während ihren Aufenthalten in Europa leben die Läuferinnen und Läufer bei Hempel in Frankfurt am Main. «Ich habe ein grosses Haus. Ständig in Hotels zu übernachten wäre zu teuer.» Hempel lebt mittlerweile davon, Athleten zu managen. «Ich hatte das eigentlich nie vor», sagt er. Bis 2000 war er Börsenhändler bei einer deutschen Grossbank. Nach Kenia ging er zunächst, um einen Trainingspartner zu suchen. Denn der heute 40-Jährige war selbst erfolgreicher Langstreckenläufer. Er fand einen Partner und begann diesen gleichzeitig zu managen. Die Leidenschaft am Laufsport liess ihn schliesslich sein Leben als Banker beenden. Heute hat er 25 Klienten. Nicht nur aus Kenia, sondern beispielsweise auch aus Belgien, Ungarn oder Italien. Diversifizierung nennt er das.
Als Einnahmequelle dient ihm ein Teil der Einnahmen seiner Läufer. «Aber der ist nicht grösser als der deutsche Mehrwertsteuersatz», sagt Hempel. Der deutsche Mehrwertsteuersatz liegt bei 19 Prozent. «Der Grossteil der Einnahmen geht also an die Läufer.»
Bevor er Kimaiyo im Winter unter Vertrag genommen habe, habe dieser noch von seinen Eltern gelebt. Ausser dem Laufen, rund 150 Kilometer pro Woche, sei er nicht wirklich einer geregelten Tätigkeit nachgegangen. «Bei den Läufen in Kenia gibt es jedoch kaum etwas zu verdienen. Erstens sind die Preisgelder sehr tief, zweitens ist die Konkurrenz extrem gross.» Wie viele Kenianer habe sein Schützling von der Hand in den Mund gelebt, sagt Hempel. «Viele wissen mittags ja oft gar nicht, was es abends zu essen gibt. Dass können wir uns hier gar nicht vorstellen.» Er betrachte es deshalb mittlerweile mit anderen Augen, wenn ein Läufer bei einem Verpflegungsstand schon auch einmal ein ganzes Bündel Bananen mitnimmt.
Schweizer Läufe als attraktive Ziele
Bis im März 2013 lebt Kimaiyo in Kenia nun von seinen Einnahmen bei den europäischen Läufen und trainiert weiter. Dann wird er voraussichtlich nach Europa zurückkehren. «Der Kerzerslauf könnte eine gute Strecke für ihn sein», sagt Hempel.
Der Deutsche kommt mit seinen Läufern gerne in die Schweiz. Zwar ist das Preisgeld bei den grossen Läufen wie dem Berliner oder dem Frankfurter Marathon in Deutschland höher. Doch um dort vorne mitzulaufen, ist beispielsweise Kimaiyo nicht gut genug. Bei Läufen, bei denen er Siegchancen hat, wie beim Kieler Halbmarathon, bei dem er vor vier Wochen Zweiter geworden war, ist das Preisgeld indes tiefer. Gemessen an der Konkurrenz sind die Rennen in der Schweiz also durchaus lukrativ.
Es ist ein spezielles Leben, das Läufer wie Kimaiyo führen. Das sieht auch sein Manager so. «Es besteht natürlich stets ein gewisses Risiko. Für ihn ist hier beim Murtenlauf nun alles aufgegangen. Doch was wäre gewesen, wenn er sich einen Schnupfen geholt hätte und nicht hätte starten können? Da kommt nicht irgendeine Versicherung für diesen Ertragsausfall auf.» Für den Kenianer wäre es, gemessen am Gesamteinkommen, ein sehr grosser Ertragsausfall gewesen.
«Vielleicht verdient er sich noch Geld für das eine oder andere Stück Vieh dazu, dann geht er bis zum nächsten März wieder nach Kenia.»
Alexander Hempel
Manager von Shadrack Kimaiyo