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Geschwister sind sich in ihrem Naturell nicht so ähnlich, wie man annehmen könnte. Doch woher rühren die Unterschiede, teilen Kinder derselben Eltern doch immerhin im Schnitt die Hälfte ihrer Erbanlagen und wachsen zudem in der Regel in der gleichen Umgebung auf? Schon der Wiener Psychotherapeut Alfred Adler (1870–1937), Begründer der Individualpsychologie, vermutete in der Reihenfolge der Geburt die Ursache für Wesensunterschiede. Erstgeborene hielt er für neurotisch, da sie nach den ersten Jahren, in denen sie ihre Eltern mit niemandem teilen müssen, vom Zweitgeborenen quasi «entthront» würden. Gleichzeitig seien die Ältesten als «Hüter der Ordnung» pflichtbewusst und zuweilen konservativ.
Das ewig unterlegene Nesthäkchen entwickelt laut Adler einen starken Ehrgeiz. Mittlere Kinder hingegen hätten die günstigste Position in der Familie und zeichneten sich durch emotionale Stabilität aus. Adler selbst war das zweite von sieben Geschwistern. Ähnlich sah das der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway, der Ende der 1990er-Jahre die Geschichtsbücher nach erstgeborenen Führungsfiguren und rebellischen Nachzüglern durchkämmte.
Unter den Spätgeborenen fand er Querdenker und Revolutionäre wie Charles Darwin, Karl Marx und Mahatma Gandhi; typische Erstgeborene sah er in Stalin und Mussolini. Seine Erklärung: Jedes Kind besetze eine bestimmte Nische innerhalb der Familie und nutze daraufhin eigene Strategien, um das Leben zu meistern. Erstgeborene und Einzelkinder hätten weniger Grund, mit dem Status quo zu hadern und identifizierten sich stärker mit der Weltsicht von Vater und Mutter. Jüngere Geschwister seien sich der Gunst der Eltern weniger sicher und würden daher vermehrt alternative Lebenswege einschlagen.
Fragwürdige Untersuchungen
Solche Kategorisierungen sind beliebt, weil sie intuitiv einleuchten und sich immer ein Beispiel für die vernünftige grosse Schwester oder den aufsässigen Kleinsten im Bekanntenkreis finden lässt. Deshalb tauchen Adlers Worte noch immer regelmässig in Erziehungsratgebern auf und hallen weiterhin in den Köpfen von Eltern nach. Einige Studien bestätigten denn auch die Theorie, dass sich die psychologischen Startbedingungen je nach Geschwisterposition unterscheiden und die Persönlichkeit mitprägen.
Diese Untersuchungen nutzten allerdings teils fragwürdige Methoden. Häufig wurden Mitglieder derselben Familie gebeten, sich hinsichtlich Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Neurotizismus, also emotionaler Labilität, einzuschätzen.
Der Haken: Die Befragung erfolgte nur zu einem einzigen Zeitpunkt. Die älteren Geschwister waren also nicht nur zuerst geboren, sondern eben auch älter. Dass Jugendliche mit fortschreitendem Alter gewissenhafter werden, ist bekannt und könnte einen Grossteil des Effekts ausmachen.
Ein anderer methodischer Makel bestand darin, lediglich eine Person über die eigene Persönlichkeit und die ihres Bruders oder ihrer Schwester urteilen zu lassen, denn Selbst- und Fremdwahrnehmung können sich mitunter erheblich unterscheiden. Ausserdem hätten die Probanden unbewusst das Klischee vom pflichtbewussten Älteren und weltoffenen Jüngeren in ihre Bewertung einfliessen lassen und damit das erwartete Ergebnis selbst herbeiführen können.
Es gibt keine systematischen Wesensunterschiede
Mittlerweile haben Wissenschaftler grosse, länderübergreifende Daten analysiert. Und siehe da: Betrachtet man solche Stichproben und vergleicht unterschiedliche Familien miteinander, verschwindet der Effekt der Geschwisterfolge auf die Persönlichkeit fast vollständig. Forscher um die Psychologin Julia Rohrer, damals an der Universität Leipzig tätig, werteten Daten von mehr als 20 000 Befragten aus Deutschland, Grossbritannien und den USA aus.
Sie verglichen die Persönlichkeitsprofile von Geschwistern, aber auch von Personen mit unterschiedlichem Geburtsrang, die sich nie begegnet waren. Die Leipziger Psychologen entdeckten dabei keine systematischen Wesensunterschiede. Bei solchen Untersuchungen müssen die Forscher besonders vorsichtig vorgehen, denn neben dem Alter ist noch ein anderer Faktor mit der Geschwisterposition verflochten: die Grösse der Familie.
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Ein Kind aus einer vierköpfigen Familie hat eine 50-prozentige Chance, ein erstgeborenes zu sein; je mehr Geschwister, desto geringer die Wahrscheinlichkeit. Dass etwa überzufällig viele Astronauten Erstgeborene sind, spricht nicht unbedingt für besondere raumfahrerische Qualitäten von Erstgeborenen, sondern vielleicht einfach dafür, dass kinderreiche Familien seltener Astronauten hervorbringen. Um diese Einflüsse zu entwirren, untersuchten Rohrer und ihr Team auch gleich grosse Familien. Doch hier zeigte sich ebenso wenig ein Effekt der Geschwisterfolge.
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