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Hundert Seiten sind das nicht, nein. Sondern 238. Oder, falls man die einzelnen Kapitelchen der Erzählung als Seiten betrachtet (deren Überschriften heissen ja tatsächlich [erste Seite], [zweite Seite] etc. – eckige Klammern inklusive), haben wir – 103 Seiten. Wenn ich denn richtig gezählt habe. Denn Esterházy nummeriert seine Kapitel nicht einfach fortlaufend. So werden nach der [einundfünfzigsten Seite] eine [vorletzte] eingeschoben (eigentlich gleich deren zwei), dann eine [letzte], und schliesslich noch eine [nachletzte]; die [einundachtzigste Seite] existiert gleich fünf Mal; auf die [dreiundachtzigste Seite] folgen [eine vorangegangene Seite] und [eine der vorangegangenen vorangegangene Seite], worauf Esterházy zur [neunzigsten Seite] springt; die [vierundneunzigste Seite] gibt’s doppelt, die [fünfundneunzigste] gleich sieben Mal; auf die [achtundneunzigste Seite] folgen fünf [unnummerierte Seiten], bei deren letzter Esterházy mit einem Asterisk die Fussnote anfügt:
Dann sind das insgesamt genau hundert Seiten, wie versprochen. – P.E.
Worauf Schluss ist. Aber eben: Ich komme, wie gesagt, auf 103 [Seiten].
Überhaupt … dieser Autor … und diese Fussnoten. Der Literaturkritiker, der seinerzeit Esterházy auf den Blauen Sofa an der Leipziger Buchmesse interviewte (ich habe seinen Namen vergessen), wies darauf hin, dass der ungarische Autor diesen Text sozusagen als Antwort geschrieben habe auf ihm gemachte Vorwürfe, dass er in seinen historischen Romanen nie Quellen angebe. Worauf Esterházy sich entschlossen habe, diesmal mit Anmerkungen und Erklärungen nicht zu geizen.
Gegeizt hat er denn wahrlich nicht damit. Obwohl Die Mantel-und-Degen-Version sich auf ein Ereignis der ungarischen Geschichte während des Türkenkriegs bezieht, das Esterházy schon in einem andern Roman geschildert hat (wenn ich das auf dem Blauen Sofa denn recht verstanden habe), ist dieses schmale Büchlein kein historischer Roman, sondern eine Parodie auf den historischen Roman. Die Anmerkungen Esterházys sind mindestens so oft völlig sinnfrei, wie sie tatsächliche Explikationen bringen. So weit der Autor Ereignisse schildert, tut er das aus verschiedenen Perspektiven, wiederholt die Ereignisse, geht in der Zeit vor und zurück, bis er literarisch-musikalisch Alexandre Dumas’ Musketiere, Thomas Bernhard und John Lennon praktisch in einem Atemzug irgendwo ins ungarische 16. oder 17. Jahrhundert verpflanzt hat – um nur ein paar Namen zu nennen. Auch die historischen Figuren wechseln manchmal das Jahrhundert. Mangels Anmerkung – denn die wirklich interessanten Dinge versieht Esterházy natürlich nicht mit einer Anmerkung! – weiss ich zum Beispiel nicht, ob der in Die Mantel-und-Degen-Version des öfteren genannte Prinz Croÿ identisch oder zumindest verwandt ist mit jenem Croÿ, der kurz vor der Französischen Revolution als Hofman in Paris amtete und ein umfangreiches Tagebuch hinterlassen hat.
Die Mantel-und-Degen-Version ist ein pikaresker Roman – doch der Pikaro ist der Autor selber. Die deutsche Übersetzung hat das Pikareske des Fussnoten-Wahns, in den der Autor verfällt, noch weitergeführt, indem die Übersetzerin, Heike Flemming, ihrerseits den Fussnoten (oder auch manchmal dem Text) Fussnoten beifügt – sei es, dass sie einfach bei Texten, die Esterházy schon im Ungarischen nicht in der Orignalsprache zitiert, dem ungarischen Übersetzungs-Nachweis einen Nachweis der deutschen Übersetzung beifügt, sei es, dass sie auch schon mal eine Bemerkung des Autors mit einer Glosse ergänzt.
Ein amüsantes Büchlein, ein Husarenritt auf das Selbstverständnis von Leser, Autor und Übersetzer.