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Die späten 50er und frühen 60er Jahre waren in den USA eine ungemein faszinierende Ära, waren sie doch von erstaunlichen Widersprüchen geprägt: ein grassierender Konsum-Optimismus einerseits, etwa, gepaart mit Paranoia vom nuklearen Holocaust andererseits.
Die ultimative Versinnbildlichung davon wäre demnach ein Auto ... mit Nuklearantrieb ...?
Gab es. Gleich mehrfach. Zumindest in Konzeptform.
Da wäre etwa der Ford Nucleon von 1958.
Mitte der Fünfzigerjahre hatte General Motors auf seinen Motorama-Autoshows das Publikum mit seinen Firebird-Showcars in den Bann gezogen, die von Düsenjets inspiriert, mit Flossen verziert und mit Chrom überzogen waren.
Ford musste mit etwas noch Sensationellerem kontern. Man wählte die nukleare Option. Man baute ein atombetriebenes Konzeptfahrzeug.
Anno 1958 war das nukleare Wettrüsten in vollem Gange, und die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion führten den kleinen Club der atomar bewaffneten Staaten in eine neue Ära der Konfrontation. Die Frage stellte sich aber auch, ob etwas getan werden könnte, um diese Nukleartechnologie in etwas Kreatives zu verwandeln. Etwas, das der Menschheit nützen könnte, anstatt sie zu zerstören.
So hielt bereits 1953 Präsident Eisenhower vor der UNO-Generalversammlung eine Rede zum Thema Atomtechnologie und Gesellschaft. Die Rede, die unter dem Titel «Atoms for Peace» bekannt wurde, war vor allem ein Versuch, die internationale Gemeinschaft und insbesondere die UdSSR davon zu überzeugen, einer internationalen Vereinbarung zur Überwachung des Wettrüstens zuzustimmen. Jene propagierte International Atomic Energy Administration sollte aber auch aktiv friedliche industrielle Verwendungsmöglichkeiten für die zerstörerische Technologie erforschen.
Die IAEO wurde in der Folge 1957 gegründet und ist seit dem Atomwaffensperrvertrag im Jahr 1968 die wichtigste Überwachungsorganisation für die Bemühungen um die Nichtverbreitung von Kernwaffen.
Weniger international waren die Projekte zur alternativen Nutzung der Kerntechnik, handelte es sich doch grösstenteils um Programme, die von der US-Regierung oder von Unternehmen ohne internationale Zusammenarbeit durchgeführt wurden. Wie das atombetriebene Testflugzeug Convair NB-36H:
Oder, eben: der Ford Nucleon.
Fords Vision bestand im Wesentlichen darin, das Prinzip des nuklearen Antriebs, wie er in U-Booten und Flugzeugträgern bereits eingesetzt wurde, für den Strassenverkehr zu adaptieren. Wie in den damaligen Atom-U-Booten hätte der Kernreaktor des Nucleon zwei Dampfturbinen angetrieben. Eine hätte die Räder direkt angetrieben; die zweite einen elektrischen Generator für die Scheinwerfer, Klimaanlage und sonstige Elektronik.
Zukunftsweisend konzipierten die Ford-Ingenieure den Antriebsstrang nach dem Modularprinzip: Mehrere untereinander austauschbare «Power Packs» waren vorgesehen, darunter ein Hochleistungsmodell und eine sparsame Version mit grösserer Übersetzung. Mit solchen Power-Packs waren Reichweiten um die 8000 Kilometer möglich.
Jap. Achttausend.
Um die Fahrgäste vor der, naja, tödlichen radioaktiven Strahlung zu schützen, sollte der kleine Reaktor im hinteren Teil des Wagens untergebracht werden, während der Fahrgastraum zur Vorderachse hin verschoben wurde, vermutlich mit einer umfangreichen Bleiabschirmung.
Der Nucleon kam freilich nie über das Stadium eines massstabsgetreuen Modells hinaus, was aber nicht bedeutet, dass Ford das Konzept des Nuklearantriebs aufgab. 1962 präsentierte das Unternehmen sein nächstes Atom-Auto-Konzept: den Seattle-ite XXI.
Die Heckflossen waren vielleicht dezenter geworden, doch dieser sechsrädrige Concept Car hatte es in sich. Ford behielt die Idee einer leicht austauschbaren Brennstoffzelle beziehungsweise eines Kernreaktors als Energiequelle bei, fügte diese aber in eine vollständig abnehmbare Frontpartie ein.
Ausserdem war eine Art frühes Head-up-Display vorgesehen, sowie etwas, das Ford «Fingertip Steering» (Fingerspitzen-Lenkung) nannte:
Was «zeroing in» in diesem Zusammenhang bedeuten soll, ist nicht ganz klar (vielleicht ein Computer, der das Einhalten der Spur ermöglicht), aber der Rest klingt wie das, was Apple CarPlay und Android Automotive heute für uns tun.
Concept Cars und Gedankenexperimente der Fünfzigerjahre erreichten so gut wie nie Serientauglichkeit (und im Fall vom Nuklearantrieb ist dies sicherlich besser so), aber im Nachhinein ist es faszinierend festzustellen, dass die technischen Annehmlichkeiten, die in den Autos des Jahres 2022 als modern gelten, bereits vor 60 Jahren erdacht wurden.
Freundinnen und Freunde der Sonne, da sind wir ja schon wieder! Der Herbst ist da und draussen wird es immer grauer. Damit wir aber in unseren Herzen strahlen, gibt es hier – pünktlich zum frühen Dienstagmorgen – eine Schwette lustiger Fails. 28 an der Zahl und vielleicht noch einige mehr von euch in den Kommentaren.