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Christa Wüthrich (1976) ist Absolventin der Ringier Journalistenschule. Als
freie Journalistin schreibt sie in der Schweiz für verschiedene Medien. Von
Juli bis September 2004 arbeitet sie auf der Redaktion der Tageszeitung "el comercio" in Quito
(Ecuador).
26. Juli 2004
Seit einer Woche gehoere ich zum Kulturressort der Tageszeitung “el comercio”.
Kultur ist hier ein Randgebiet. Wenn Artikel gestrichen oder gekuerzt werden –
ist es ein Fall fuer die Kulturseite. Die Kultur interessiere die Leser der Zeitung
kaum. Der Platz dafuer ist entspechend minimal. Ich komme jedoch zum Einsatz. Sei
es bei einem Interview mit einer ecuadorianischen Musikgruppe, einer Ausstellung
ueber die Nationalheldin Manuela Sáenz oder bei einer Konferenz ueber die
Ideen Simón Bolívars.
Wenn der Zeitungsverkaeufer auf das Trittbrett des Buses springt und laut schreiend
(“eeelllll coooommmercioooo”) durch den Bus laeuft und ich dann beim
erstanden Exemplar einen meiner Artikel entdecke – das Gefuehl bewegt - este
sentimiento es bastante bonito… Ich muss natuerlich festhalten, dass beim
“el comercio” die Artikel nicht gezeichnet werden, ausser die Kommentare
einiger wichtiger Zeitungsgroessen.
Ich lerne taeglich dazu: Die Differenz zwischen “una nota” y “un
articulo” zu kennen, Texte nach Zentimeter zu schreiben, dass die Zeitung
kein Toilettenpapier offeriert, sondern dies die Sache jedes einzelnen Journalisten
ist und ich lerne vielleicht mich daran zu gewoehnen, dass alles ein bischen mehr
Zeit braucht...
30.Juli 2004
Eine Begegnung mit der Tochter Che Guevaras, die Erstaufführung von “Fahrenheit
9/11 - ich tauche ins Kulturleben von Quito ein. Die Tage sind lang und spannend.
Stolperstein beim Schreiben der Artikel ist manchmal noch das 87seitige “manual
de estilo” – ein Dokument, das den “Schreibstil” der Zeitung
festlegt. Vom Brief an den Vorgesetzten bis hin zum Aufbau eines Titels.
Die Erstaufführung von Michael Moores Film ( eine “Kopie” des Films
– denn Fahrenheit ist in Ecuador offiziell noch nicht zu sehen) zog Unmengen
von Menschen an. Schon eine Stunde vor der Vorführung bildete sich eine Warteschlange.
Nur ein kleiner Teil der Menschenmenge hatte im Saal Platz. Der Rest der Personen
stand auf der Strasse – friedlich wartend. Mitten im “Vorfilm”
wurde die Vorstellung unterbrochen. Es sei der Entscheid gefallen, dass man das
Gebäude wechsle und den Film gut hundert Meter weiter entfernt zeigen werde.
Das Publikum beklatschte während der Aufführung spontan die Äusserungen
gegen den Krieg, pfiff Powel aus, lachte laut über Bushs Gesicht und weinte
mit den trauernden Müttern.
5. August 2004
Während zwei Tagen habe ich an einem Seminar über Gewalt in den Medien
und der entsprechenden Berichterstattung teilgenommen. Medienschaffende aus Chile,
Kolumbien und Ecuador waren eingeladen. Teilgenommen haben an dieser Fortbildung
Studenten, Vertreter verschiedener öffentlichen Organisationen – aber
kaum Journalisten!! Eine “Autoreflexion” bestehe in den Medien ( in
Bezug auf Ecuador) kaum, bestätigten die Referenten.
Mein Alltag auf der Redaktion bestätigt dieses Bild. Seit meinen bald drei
Wochen habe ich noch keine einzige Blattkritik miterlebt. Auch an der “Ressortsitzung”
werden keine Artikel besprochen oder reflektiert. Ich versuche hartnäckig zu
bleiben und meine Texte zu besprechen – auch wenn das wie heute mit einer
sehr langen Wartezeit verbunden ist…
11. August 2004
Die Woche ist kurz. Dienstag, der 10. August, ist in Ecuador ein wichtiger Feiertag
“el primer grito de la independencia”. Der freie Tag wird aber aus der
Woche geschoben (dass sei gesetzlich so verankert…) und auf den folgenden
Freitag gesetzt.
“Traversias del cuerpo” ist der Name der Ausstellung, über die
ich diese Woche berichtet habe. Das Gespräch mit “starken” Frauen
aus und in Lateinamerika - in diesem Fall mit Kuratorin und Künstlerin - ist
eine Bereicherung. Als Kulturjournalistin in einem machistischen, katholischen Land
die Rolle der Frau im Alttag und im Kunstschaffen zu hinterfragen , zu entdecken
und in einen Artikel “umzusetzen”, ist für mich Spannung und Herausforderung.
17. August 2004
Eigentlich wäre heute um 12 Uhr die grosse Redaktionssitzung aller Ressorts
geplant gewesen. Etwa alle zwei Monate findet eine solche Versammlung statt. Eine
knappe Stunde vor der Sitzung wurde sie ( bis jetzt ohne Begründung) abgesagt.
Gewundert hat sich darüber niemand. Sitzungen finden selten so statt, wie sie
geplant wurden...
Für die Ausgabe vom letzten Sonntag schrieb ich eine Reportage über die
Arbeit von acht internationalen Bildhauern, die im Moment in Quito an verschiedenen
Skulpturen arbeiten – unter freiem Himmel und bei jeder Witterung. Die Kunstwerke
sollen am Schluss im Park verteilt werden, um der Bevölkerung “Kunst”
wieder näher zu bringen. (geistig, körperlich und visuell…)
Umgeben von Staubwolken und Windböen sprach ich mit den Künstlern. Eine
Kombination aus Spanisch, Französisch und Englisch. Die “Unterhaltung”
mit dem chinesische Bildhauer und dessen Übersetzerin wird mir in Erinnerung
bleiben. Zwischen Verbeugungen und ausschweifenden Gesten versuchten wir uns zu
verständigen. Er sprach nur chinesisch und seine Übersetzerin ein wenig
englisch mit viel chinesischem “Akzent”. Die zahlreichen Handwerker,
die vom chinesischen Künstler instruiert werden, standen während des ganzen
“Gesprächs” ruhig daneben. Nein, sie verständen weder chinesisch
noch englisch erzählten sie mir. Die Arbeit funktioniere einfach: Er mache
Handbewegungen und sie versuchen diese dann umzusetzen – sechs Meter breit
und hoch und rund fünf Meter tief soll die komplizierte Skulptur werden –warte
gespannt auf das Resultat…
24. August 2004
Die Arbeit auf der Redaktion ist meist geprägt von gesetzten Deadlines und
ausstehenden Recherchen jedes einzelnen Journalisten. Viel Zeit für persönliche
Gespräche bleibt kaum. Eine kleine Ausnahme ist das Mittagessen in der grossen
Kantine und der folgende “Verdauungsspaziergang” rund um den Firmensitz.
Kritik betreffend der Zeitung, ihrem Führungsstil oder dem Umgang mit Angestellten
wird aber auch in diesen Momenten keine laut. Doch das “stumm-zufriedene”
Ambiente trügt. Bei einem Nachtessen mit anderen Journalisten – weit
weg von Redaktionsstress und Chefredaktoren – erscheint der “unkritisierte”
Journalistenalltag in einem anderen Licht. Die Elcomercio-Journalisten sind in keiner
Gewerkschaft. Sie hatten vor Jahren die Wahl – Gewerkschaft oder Job. Wenn
die Seite zu spät geschlossen wird – schmilzt der Lohn. Nach einem Wochendienst
wird ohne Unterbruch weiter gearbeitet. Klar sind es Missstände – doch
eine Stelle bei dieser Zeitung neu zu besetzten, ist nicht schwer.
Ich schreibe täglich meine Artikel. Ein Interview mit einem Graffiti-Künstler,
ein Bericht über die Eröffnung des “Strassen-Künstler-Festivals”
oder ein Gespräch mit dem Organisator der “feria de dulces” (Messe
der Süssigkeiten). Die “Elite” der Zuckerbäcker und Süssigkeitenhersteller
trifft sich diese Woche in Quito, um dem Publikum Ecuadors süsse Seite schmackhaft
zu machen. Das Angebot lässt den Magen knurren: “Baumtomaten eingelegt
in Sirup”, frisch gebackene Feigenkuchen oder Borojo-Saft (Borojo ist eine
exotischer Frucht mit dem Ruf "aphrodisierende" Wirkung zu haben) stehen
im Angebot. 10’000 Personen kamen letztes Jahr an die Messe. Dieses Jahre
gehöre ich mit “süsser” Sicherheit auch dazu…
27. August 2004
Eine Zirkusvorstellung spezieller Art erlebte ich im Parque Metropolitano in Quito.
Da die Vorstellung erst zu „dunkler“ Stunde begann, stellte mir die
Zeitung einen Chauffeur zur Verfügung, der mich zur Vorstellung brachte und
danach wieder auf mich wartete.
Vom Parkplatz aus sei es nur ein Katzensprung, informierte mich das Zirkusteam.
Ich weiss nun, dass die ecuadorianischen Katzen sprunggewaltig sind. Rund eine Viertelstunde
stapfte ich mit ein paar Zuschauern quer durch durch Wald und Wiesen. Die Beleuchtung
sei ausgefallen, dafür sei ja Vollmond. Das Zirkuszelt befand sich mitten im
Park, ohne Zufahrtsstrassen oder sichtbare Wege. Einige Zuschauer und Künstler
wärmten sich an einem Feuer. Ansonsten war es still und dunkel.
Zur geplanten Vorstellungszeit um 19 Uhr waren die Artisten noch nicht aufgetaucht.
Als mit einer Stunde Verspätung die Vorstellung starten sollte, merkten die
beiden Musikgruppen, dass weder die Lautsprecher noch die Mikrophone funktionierten.
Sie räumten ihre Instrumente zusammen und verschwanden in der Dunkelheit. Zurück
blieben ein paar Clowns, Akrobaten, eine Cellospielerin, eine Hand voll Jongleure
und das erwartungsvolle Publikum. Spontan entschieden sich die Artisten eine Vorstellung
zu improvisieren; ohne Ton, ohne vorhergehende Proben - dafür mit viel Spontanität.
„Die Witze entstehen aus der Situation, das Publikum ist die Insperation“,
erklärte mir der „Hauptclown“. Das Publikum war begeistert –
nach der Musik fragte niemand.
28. August 2004
Am vergangenen Freitagmorgen war es endlich so weit: Die oft verschobene Sitzung
mit der ganzen „el comercio“-Redaktion fand statt. Fotografen, Grafiker,
Journalisten, Karikaturisten und Techniker versammelten sich im Auditorium. Was
ich während rund einer halben Stunde erlebte, war jedoch nicht eine Diskussion,
sondern ein in strengem Ton geführter Monolog des Chefredaktors. Zwei Entscheidungen
teilte er der Redaktion mit: Es sei den Journalisten untersagt, sich auf eigene
Faust, um ein Stipendium („beca“) oder um eine Weiterbildungsmöglichkeit
zu bewerben. Zuerst müsse eine solche Möglichkeit offiziell der Leitung
der Zeitung gemeldet werden, dann werde intern ein Wettbewerb ausgeschrieben und
der Gewinner dürfe sich dann weiterbilden. Wer sich nicht daran halte, verliere
die Unterstützung der Zeitung.
Der zweite Punkt betraf die Qualität des Mediums. Da festgestellt worden sei,
dass die Artikel häufig Rechtschreibefehler aufweisen, seien nun Konsequenzen
nötig. Wenn ein Text mit „sprachlichen“ Fehlern publiziert wird,
muss der Autor oder die Autorin eine Busse zahlen. Die Entscheidungen lösten
leises Murren und stummes Stirnrunzeln aus – und dann kehrten alle zurück
an ihre Arbeit – mit der neuen Konsequenz vor Augen, dass Rechtschreibefehler
nun Geld kosten.
31. August 2004
Heute ist der „Tag der Grafiker“; ein „Ehrentag“ für
alle Arbeiter der Grafikbranche. Egal ob Drucker, Layouter oder Journalist –
alle Anwesenden werden mit farbigen Hals- oder Kopftüchern und einheitlichen
T-Shirts eingekleidet. Man trifft sich hinter dem Hauptgebäude des „Comercios“
zu Spass und Spiel. Die Drucker schwimmen gegen die Journalisten um die Wette. Die
Grafiker bezwingen die Techniker im Luftballon fangen. Die Speditionsabteilung deklassiert
die Konkurrenz beim Paarlauf. Zum Mittagessen trifft man sich nicht wie gewohnt
in der Kantine, sondern im grossen Festzelt. Rohe Mengen an Fleisch werden gebraten
und verspeist. Elegante Kellnern, Servietten aus Stoff und die farbige Blumendekoration
geben dem Anlass ein festliches Ambiente. Gearbeitet wird aber trotzdem –
irgendwann zwischen Plauschstaffette und Dessertbuffet.
9.September 2004
Ein Nachruf ueber einen ecuadorianischen Musiksammler und ein Interview betreffend
Theatervorstellungen für Kinder sind meine letzten Themen. Meine Zeit hier
in Quito ist zu Ende. Mit vielen Eindrücken und neuen Erfahrungen verlasse
ich den "el comercio". "..que te vaya bien y que dios te cuide...".
Die guten Wünsche der zu Kollegen gewordenen Journalisten begleiten mich. Hoffe,
sie wirken. Fliege weg aus Quito Richtung Süden. Die Reise als freie Journalistin
beginnt - auf der Suche nach spannenden Geschichten, bewegenden Menschen und potenziellen
Artikeln.
ENDE