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Vor 40 Jahren fuhr der Orient-Express zum letzten Mal nach Istanbul
Eisenbahnfreunde in ganz Europa trauerten, und ein paar gaben das Geleit, als der berühmteste Zug des Kontinents vor 40 Jahren das Signal «Freie Fahrt» für seine letzte Reise erhielt. Am 19. Mai 1977 verliess der Orient-Express abends Paris in Richtung Istanbul.
An die grossen Zeiten der Vergangenheit erinnerte jedoch schon damals nur noch ein einziger prächtiger Schlafwagen. Und auch dieser zeigte schon deutliche Spuren der Abnutzung. Alle anderen Waggons boten nur den üblichen Standard im Fernverkehr über den Balkan, und der war nicht sehr hoch. Geschäftsleute und Touristen bevorzugten schon längst das Flugzeug.
Die Legende des Namens lebt bis heute fort. Die sorgfältig renovierten klassischen Waggons aus den Jahren 1926 bis 1939 wecken Vorstellungen an jene Zeiten, da dieses rollende Luxushotel die Reisenden vom Bosporus an die Seine und umgekehrt brachte. Die letzte verkürzte Version des Klassikers verkehrte bis zum 14. Dezember 2009 täglich zwischen Strassburg und Wien. Mit der Einstellung dieses reinen Nachtzuges kam nach 126 Jahren das Ende des fahrplanmässigen Orient-Express.
Zur Glanzzeit des Eisenbahnverkehrs in Europa - sie endete mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs - verkehrten mehrere Luxuszüge zwischen den Metropolen sowie zwischen einigen Städten und der Riviera, deren Namen aber praktisch alle in Vergessenheit geraten sind. Nur einer ist aus unerklärlichen Gründen in Erinnerung geblieben und beflügelt die Phantasien. Vielleicht ist es nur ein Verdienst der Schriftstellerin Agatha Christie und ihres Kriminalromans «Mord im Orient-Express».
Geiselnahme im Zug
Die erste Reise begann der Zug am 5. Juni 1883 in Paris als «Train d'Orient» mit ein paar Schlafwagen und einem Speisewagen. Der rumänische Donauhafen Giurgiu war Endstation. Die Reisenden mussten per Fähre übersetzen und von Rustschuk in Bulgarien mit einer Lokalbahn nach Varna am Schwarzen Meer reisen und von dort den österreichischen Lloyd-Dampfer nach Istanbul nehmen. Erst 1889 war die durchgehende Strecke über den Balkan befahrbar, die Reisedauer verkürzte sich auf 67 Stunden.
Zwei Jahre später machte der Zug erstmals negative Schlagzeilen: Der berüchtigte Räuber Athanasos überfiel mit seiner Bande den Orient-Express in Thrazien und liess vier Herren der Gesellschaft erst nach Zahlung eines saftigen Lösegeldes wieder frei. Fortan mangelte es nicht an Abenteuern, Skandalen und Affären - wie es sie übrigens in allen transkontinentalen Luxuszügen gab, in denen Mitglieder des Hochadels, reiche Kaufleute, Schwindler und Kurtisanen reisten.
Die blaublütige Prominenz der Fahrgäste verlieh dem «König der Züge» den Beinamen «Zug der Könige». Zu den bekanntesten Passagieren des Orient-Express gehörten König Ferdinand I. von Bulgarien, der wie sein Sohn Boris III. wiederholt selbst die Lokomotive des Orient-Express auf dem bulgarischen Abschnitt führen durfte. Auch osmanische Kalifen und indische Maharadschas nutzten die Ost-West-Achse ebenso wie Diplomaten, Abenteurer und Spione. Mata Hari war regelmässiger Fahrgast im Orient-Express.
Die Weltkriege waren Zäsuren
Der Erste Weltkrieg stellte die Signale für die «Grands Express Européens» zunächst auf Halt. Danach verkehrte auf der Strecke ein «Train de luxe militaire» von Paris nach Warschau und Bukarest. 1920 nahm der Orient-Express den die Fahrtroute bezeichnenden Namen «Paris-Wien-Prag-Warschau-Express» an. Denn in Ungarn herrschte Bela Kun und machte den Transitverkehr unsicher.
Als der Orient-Express 1921 seinen alten Namen wieder annahm, hiess die Endstation Bukarest. Die traditionelle Route von Paris nach Istanbul hatte der während des Krieges gegründete «Simplon-Orient- Express» übernommen, der über die Schweiz und Italien den Balkan erreichte. Der Zweite Weltkrieg änderte erneut alle europäischen Fahrpläne.
Was nach Kriegsende unter dem Namen Orient-Express verkehrte, hatte mit der Pracht der Schlaf- und Salonwagen und dem Luxus der rollenden Feinschmeckerrestaurants nichts mehr gemeinsam. Er war ein Transportmittel im zerstörten Europa, das einen grossen Namen trug.
Diverse Wiederbelebungsversuche
Mit dem Sommerfahrplan 1961 wurde die Einstellung des - damals bis Bukarest verkehrenden Zuges - wegen des dramatischen Fahrgastmangels beschlossen. Drei Jahre später aber tauchte der Orient-Express wieder im Kursbuch auf: Als Verbindung mit den alten Schlafwagen zwischen Paris und Budapest, die später vor der endgültigen Einstellung noch einmal bis Istanbul verlängert wurde.
Nach 1977 gab es verschiedene Wiederbelebungsversuche und Teilbetriebe der legendären Eisenbahnstrecke. So rollte 1999 nochmals ein Schlafwagen Paris–Bukarest über die Gleise, bewirtschaftet durch die staatliche rumänische Eisenbahngesellschaft C.F.R. Auch diese Route wurde 2001 wieder eingestellt.
Das französische Bahnunternehmen SNCF, das sich 1977 die Markenrechte an dem «Orient-Express» sicherte, verkündete 2014, die Legende wieder als exklusiven Sonderzug verkehren zu lassen, wie «Spiegel Online» berichtete. Betuchten Fahrgästen soll eine Art Kreuzfahrt auf Schienen geboten werden. Eingebettet in ein Merchandising-Konzept sollen in den nächsten Jahren wieder aufwändig gestaltete Waggons auf noch zu benennden Routen verkehren, mit dem historischen Orient-Express als Referenz.