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Lisa Bosia ist 42 Jahre alt. Fast die Hälfte ihres Lebens hat sie den Flüchtlingen gewidmet. Als Sozialarbeiterin in der Schweizer Grenzstadt Chiasso kümmert sie sich um syrische Flüchtlinge und hat ein Netzwerk aufgebaut, das mit der Flüchtlingshilfe in Mailand und Sizilien in Kontakt steht. swissinfo.ch traf die engagierte Tessinerin.
Es ist sehr warm an diesem Nachmittag in Melano am Luganer-See. Lisa Bosia erscheint zur Verabredung in der Bar der Badeanstalt mit einem Buch in der Hand. "Mamadou va a morire" des italienischen Journalisten Gabriele del Grande, das in deutscher Übersetzung im Jahr 2011 unter dem Titel "Mamadous Fahrt in den Tod. Die Tragödie der irregulären Migranten im Mittelmeer" erschien.
In diesem Buch geht es um Mamadou, der seinem Tod entgegen geht, als er sich von der nordafrikanischen Küste auf einem der traurig-bekannten "Flüchtlingsboote" aufmacht, um das Mittelmeer zu überqueren und Sizilien zu erreichen. Mamadou könnte einer der vielen Verzweifelten sein, um die sich Lisa Bosia kümmert.
Die unermüdliche Tessinerin widmet ihre ganze Energie der Flüchtlingshilfe. Sie engagiert sich für Flüchtlinge, die an der Grenze von Chiasso stranden. An der Grenze zu einem Kanton, in dem die Lega dei Ticinesi die zweite politische Kraft ist und am 9. Februar gut 68 Prozent des Stimmvolks für die SVP-Masseneinwanderungsinitiative gestimmt hat, um der Einwanderung einen Riegel zu schieben.
Soziales Gewissen geerbt
Seit dem Jahr 2000 arbeitet Lisa Bosia zu 50 Prozent als Sozialarbeiterin für das Arbeiterhilfswerk (AHW). Ihre Lebensgeschichte ist ungewöhnlich: Sie wurde im Bleniotal im Nordtessin geboren. Der Vater war Tessiner und Veterinär, die Mutter Italienerin, eine Lehrerin und ziemlich unkonventionell. Die Eltern trennten sich, als sie sehr klein war. Dann zog Lisa mit ihrer Mutter nach Cesenatico an der Adriaküste, wo deren Familie ein Ferienhäuschen besass. "Ich bin also in Italien aufgewachsen und habe dort alle Schulen besucht. Daher bin ich eine eher atypische Tessinerin mit doppelter Staatsbürgerschaft", präzisiert Lisa Bosia mit einem Lachen.
Ihr soziales Gewissen und Engagement hat sie von der Mutter geerbt: "Bei uns zu Hause gab es immer Platz am Tisch für Personen in Not. Das konnte etwa ein Verkäufer aus dem Maghreb sein. Ich erinnere mich auch an eine marokkanische Familie, die einen Ausweisungsentscheid erhalten hatte und bei uns Unterschlupf fand. Die Mutter war schwanger und das Paar hatte bereits eine Tochter in meinem Alter, der ich Italienischunterricht gab", erzählt Lisa. Diese Familie hat es dann doch geschafft, die Niederlassungsbewilligung zu erhalten und später sogar die italienische Staatsbürgerschaft. Bis heute steht Lisa Bosia mit dieser Familie in Kontakt.
Sozialarbeiterin und Erzieherin
Lisa ist erst 18 Jahre alt, als ihre Mutter sehr jung stirbt. Im Jahr darauf zieht sie zu ihrem Vater ins Tessin und absolviert eine Ausbildung als Sozialarbeiterin und Erzieherin an der Fachhochschule der italienischen Schweiz in Lugano. "Zuerst habe ich in einem Zentrum für Behinderte gearbeitet, dann kümmerte ich mich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", erzählt sie.
"Beim Arbeiterhilfswerk hatte ich dann die Aufgabe, die Anhörungen von Asylbewerbern im Empfangs- und Verfahrenszentrum von Chiasso zu verfolgen. Da tat sich für mich eine Welt auf. Ich wurde mit der Flüchtlingswelle aus Afrika konfrontiert; ich habe von unbeschreiblichen Zuständen wie dem Krieg in Niger gehört, von den Konflikten in Angola und Sierra Leone oder vom Bruderkrieg zwischen Somaliern und Eritreern."
Lisa Bosia ist mit Tarek verheiratet, einem Iraker, der während des Golfkriegs geflohen ist. Auch er ist Erzieher und genauso engagiert wie Lisa; das Paar hat einen 18 Jahre alten Sohn. Bevor Lisa Bosia bei ihrer Arbeit mit den vielen syrischen Flüchtlingen zu tun hatte, hatte sie bereits mit der Flüchtlingswelle von Eritreern zu tun: "Im Jahr 2007 nahmen wir bei uns zu Hause eine junge Eritreerin auf, die für die saudische Königsfamilie gearbeitet hatte. Sie wurde dort wie eine Sklavin behandelt. Während eines Aufenthaltes in Genf floh sie und beantragte in einem Zentrum von Vallorbe (Waadt) Asyl. Von dort hat man sie nach Chiasso geschickt. Wir beherbergten sie, bis sie dem Kanton Zürich zugewiesen wurde. Dort konnte sie bleiben und eine eigene Familie gründen", erzählt Lisa.
Netzwerk für Syrer
Nawal Soufi
Die Journalistin, Kulturmediatorin und Menschenrechtsaktivistin Nawal Soufi (26) ist eine Marokkanerin, die seit ihrer Kindheit in Catania (Sizilien) lebt. Zusammen mit vielen jungen Freiwilligen hält sie sich täglich im Hafen von Catania auf, um ankommende Bootsflüchtlinge in Empfang zu nehmen. Sie steht in ständigem Kontakt mit Booten, die sich auf dem Meer vor Sizilien befinden. Dank schneller Kontaktaufnahme mit der Marine und Küstenwache konnten schon viele Menschenleben gerettet werden.
Im Dezember 2012 reiste Nawal persönlich nach Homs (Syrien), an der Spitze eines Konvois, der Lebensmittel und alltägliche Bedarfsartikel für 800 Familien transportierte. Für ihr Engagement und ihre Dokumentarfilme erhielt Nawal Soufi im Juli 2014 die Auszeichnung "Donna di frontiera" (Grenzfrau) vom Internationalen Filmfestival der Grenzen in Marzamemi in der Provinz Syrakus (Sizilien).
Zurzeit besteht die tägliche Arbeit von Lisa Bosia insbesondere in der Unterstützung syrischer Flüchtlingsfamilien. Dank einer Mobilisierung von etlichen Freiwilligen in der italienischen Schweiz konnte vor einem Jahr ein effizientes Netzwerk geschaffen werden. "Diesen Familien musste man irgendwie helfen. Sie kommen über Libyen und das Mittelmeer nach Sizilien, um schliesslich bis zur Schweizer Grenze vorzustossen. Die meisten wollen nach Nordeuropa. Wir engagieren uns bereits in Mailand, wo viele Flüchtlingsfamilien provisorisch in den Aufnahmezentren dieser Metropole untergebracht werden."
"Einige dieser Familien wollen auch in die Schweiz ziehen, wenn sie hier Verwandte der syrisch-aramäischen Gemeinschaft haben, die im Übrigen sehr gut im Tessin integriert sind. Die meisten wollen sich aber in Deutschland oder Schweden niederlassen. Diese Länder haben ihre Grenzen für diese Flüchtlinge geöffnet und die sozialen Rahmenbedingungen für ihre Aufnahme sind recht gut, sagt Lisa Bosia.
Das Hilfsnetzwerk hat Lebensmittel und Kleider nach Mailand gebracht, aber auch Gelder für eine Flüchtlingshilfsorganisation in Catania (Sizilien) gesammelt. Seit einem Monat gibt es finanzielle Unterstützung zum Aufladen von SIM-Telefonkarten für Flüchtlinge, die sich von Nordafrika auf den Weg übers Mittelmeer machen. "Von schiffbrüchigen Booten können so Notrufe lanciert werden, welche bei Nawal Soufi landen, einer jungen Marokkanerin, die in Catania lebt und Flüchtlinge nach ihrer Ankunft auf Sizilien betreut. Sie kann die Küstenwache alarmieren, damit diese Personen gerettet werden", meint Lisa Bosia.
Flüchtlinge im Tessin
Die Schweiz verzeichnete im zweiten Quartal 2014, zwischen April und Juni, 5384 Asylgesuche. Das sind 10 Prozent mehr als im ersten Quartal 2014 (4894).
Der Migrationsdruck macht sich beim Empfangs- und Verfahrenszentrum in Chiasso, dem südlichsten Anlaufpunkt für Asylsuchende in der Schweiz, deutlich bemerkbar. Im März ersuchten in Chiasso 327 Personen um Asyl, im Juni waren es 981.
Das Zentrum von Chiasso und weitere Durchgangsheime im Tessin sind nicht mehr in der Lage, den Zustrom zu bewältigen. Etwas Abhilfe sollte ein neues Zentrum für Asylbewerber in Losone (nahe Locarno) schaffen, das als Filiale des Empfangs- und Verfahrenszentrums ab diesem Herbst 170 zusätzliche Plätze bieten wird.
Die Mehrheit der Asylsuchenden in Chiasso – zirka zwei Drittel - stammt aus Eritrea. Doch auch die Zahl der Kriegsflüchtlinge aus Syrien nimmt ständig zu.
Tragödien und Happy End
In ihrem Alltag erfährt Lisa Bosia immer wieder von traurigen und tragischen Geschichten, aber manchmal gibt es auch Stories mit Happy End. Da ist die Geschichte von einer eritreischen Mutter mit ihren zwei Kindern, die in einem ehemaligen Heim des Roten Kreuzes in Cadro bei Lugano untergebracht sind und seit zwei Jahren auf ihren Asylentscheid warten. Oder der syrische Vater, der von Sizilien mit drei kleinen Kindern nach Chiasso kam. Er warte darauf, dass seine Frau und eine weitere Tochter, die in Libyen fest sassen und nun endlich in Italien sind, zu ihm kommen können. Oder die Geschichte von einem älteren syrisch-aramäischen Paar, welches das Tessin mit Kindern und Enkeln dank der Hilfe ihrer Diaspora erreichen konnte.
"Die Syrer sind sehr dankbare und sehr würdige Personen. Sie kommen zu uns und wissen, dass sie wahrscheinlich nie mehr in ihr Heimatland zurückkehren können. Um Tragödien im Mittelmeer zu vermeiden, müssten wir humanitäre Korridore haben, die von den Flüchtlingscamps in Afrika den Strom Richtung Norden kanalisieren. Die EU weigert sich leider, ein solches System zu organisieren. Die Flüchtlinge sollten zudem von der Richtlinie 55 aus dem Jahr 2001 Gebrauch machen können, welche die Bewegungsfreiheit in ganz Europa garantiert, so wie dies übrigens auch in der "Charta von Lampedusaexterner Link" gefordert wird.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch