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Steckbrief
Gefährdungsgrad: stark gefährdet (EN)
Nationale Priorität: mittel (3)
Merkmale:
- Gestalt schlank
- Kopf relativ lang und schmal, schwach vom Hals abgesetzt
- Rückenschuppen sehr glatt
- Grunfarbe glänzend dunkelbraun
- Vorderkörper oft gelblich oder oliv aufgehellt
- Rückenschuppen mit weissem Rand, gesprenkeltes Aussehen
- Auge gross
- Kopfschilder gross
- eine Schuppenreihe zwischen Auge und Mundspalte
- Jungtiere: Nackenbreich mit gelbem Fleckenpaar, oft schwarz gerandet; schwarzes Band von Auge zum Mundwinkel; dunkelbraune Fleckenzeichnung auf der vorderen Körperhälfte
Beschreibung
Schlangen erfreuen sich zwar selten eines guten Rufs. Es gibt aber eine erfreuliche Ausnahme: die Äskulapnatter (Zamenis longissimus)! Sie ziert noch heute das Emblem der Heilberufe, den von einer Schlange umwundenen Apothekerstab. Bereits in der altgriechischen Götterwelt hielt Asklepios, Gott der Heilkunde, in seiner linken Hand einen Stab, um den sich als Symbol für Wohlstand, Wohlergehen und Fruchtbarkeit eine Schlange wand. Später wurden die griechischen Götter romanisiert, und im 3. Jahrhundert v. Chr. wurde aus Asklepios der römische Gott Äskulap, der als gekrönte Schlange zur Erde gekommen war, um den wütenden Pestepidemien in Rom ein Ende zu setzen. Die Vorliebe der Äskulapnatter für Ratten und Mäuse trug weiter zu ihrem guten Ruf bei.
Nebst der Gelbgrünen Zornnatter ist die Äskulapnatter die längste Schlange der Schweiz. Männchen überschreiten knapp die Länge von 150 cm, Weibchen jene von 120 cm. Die Jungtiere messen beim Schlupf rund 25 cm. Sie sind der Ringelnatter zum Verwechseln ähnlich, da auch sie in diesem Alter zwei markante helle Flecken in der Nackengegend besitzen. Ausgewachsene Tiere zeigen eine glänzende, gelblich-braune bis dunkelbraune Grundfärbung, die in den vorderen Körperpartien aufgehellt und oft mit zahlreichen hellen Punkten durchsetzt ist. Vereinzelt werden auch graugrüne bis olivfarbene Individuen beobachtet. Der Kopf der Äskulapnatter ist meist gelblich gefärbt, relativ klein und schmal. Nur bei Drohgebärden wird er abgeflacht und erscheint dann eher dreieckig.
Ökologie
Mit ein wenig Glück kann man dann zwischen den Steinen eine ihrer braunen Körperschlingen entdecken, die offen in der Mauer liegt. Oft findet man diese Natter aber auch unter alten Brettern oder Blechen, bieten diese doch nicht nur Schutz, sondern auch ein geeignetes, feuchtwarmes Mikroklima und nicht zuletzt erfolgversprechende Jagdgründe. Die Äskulapnatter ist zwar grundsätzlich eher bodenbewohnend, sie klettert aber auch gerne auf Bäume oder in das Gebälk von alten Gebäuden. Ornithologen haben sie schon in Nistkästen in mehr als vier Metern Höhe entdeckt.
Die Äskulapnatter legt recht grosse Distanzen zurück, um ihren Nahrungsbedarf zu decken, geeignete Stellen für Sonnenbäder aufzusuchen oder ein Winterquartier zu beziehen. Im Südtessin kennt man Aktivitätsgebiete von zwei bis vier Hektaren Ausdehnung, in denen einzelne Tiere bis zu 100 Meter an einem einzigen Tag zurücklegen. Die Äskulapnatter ist stellenweise recht häufig: In einem strukturreichen Lebensraum (Wald, Lichtungen, Felder, Weiden, Bäche) betrug die Populations-dichte 1.3 Individuen pro Hektare. In einem besonders geeigneten Lebensraum fanden sich entlang einer Strecke von einem Kilometer Länge im Ganzen 18 Tiere!
Die Äskulapnatter bevorzugt kleine Säugetiere: Mäuse und Spitzmäuse aller Art, Siebenschläfer und Maulwürfe. Sie lauert ihnen auf oder sucht aktiv nach ihrer Nahrung. Dabei dringt sie auch oft in Nagetierbauten ein, um beispielsweise Mäusenester aufzustöbern. Gelegentlich frisst sie auch Vögel und deren Eier. Bevor sie die Beutetiere als Ganzes verschluckt, umschlingt und erdrosselt sie diese wie eine Boa constrictor. Frischgeschlüpfte Äskulapnattern fressen vor allem Eidechsen.
Paarungen finden im Frühling und im Herbst statt. Das Männchen hält seine Partnerin vor und während der Kopulation, die etwa 30 Minuten dauert, mit den Kiefern am Nacken fest. Treffen zwei männliche Tiere bei Anwesenheit eines Weibchens aufeinander, so kommt es zu heftigen Kommentkämpfen, die aber ohne Beissereien ablaufen. Im Juli oder August, je nach klimatischen Bedingungen, legt das Weibchen fünf bis zwölf weiche, längliche Eier ab, bevorzugt in einen Blatt-, Mist- oder Komposthaufen oder in anderes verrottendes, organisches Material. Auch verlassene Nagetierbauten werden als Eiablageplatz akzeptiert. Die Jungen schlüpfen etwa zwei Monate später. Es kommt vor, dass mehrere Weibchen denselben Eiablageplatz benutzen, und manchmal suchen auch Ringel-natternweibchen die gleiche Stelle zur Eiablage aus.
Zu den wichtigsten Feinden der Äskulapnatter, abgesehen vom Menschen, gehören die tagaktiven Greifvögel, der Fuchs, der Dachs und das Wildschwein. Die Jungtiere werden ausserdem Opfer von kleineren Vögeln und Igeln, der Schling- und der Gelbgrünen Zornnatter und von Haustieren wie Katzen und verschiedenen Geflügel.
Verbreitung
Die Äskulapnatter bewohnt Teile Mittel-, Ost- und Südeuropas von Nordspanien bis nach Russland. Darüber hinaus kommt sie in der Nordtürkei und in Teilen des Kaukasus vor.
In der Schweiz lebt sie im Südwesten und Süden des Landes (GE, VD, VS, TI und Bündner Südtäler). Das Rohnetal besiedelt sie talaufwärts bis auf die Höhe von Loèche. Sie findet sich aber auch im Chablais und dringt dem Nordufer des Genfersees entlang bis in die Umgebung von Lausanne vor. Zwischen Lausanne und Genf scheint sie zu fehlen. Die Äskulapnatter wurde illegalerweise in den Weinbergen am Bielersee ausgesetzt, wo sie 1994 das erste Mal nachgewiesen wurde. Sie pflanzt sich hier regelmässig fort und scheint sich langsam auszubreiten. Im Gebirge steigt diese Art nicht sonderlich hoch, erreicht im Tessin 1'300, im Wallis 1'600 Höhenmeter.
Gefährdung und Schutz
Habitatschutz
Fehlende Eiablageplätze stellen einen limitierenden Faktor für die Äskulapnatter dar:
- Privatpersonen können die Äskulapnatter fördern, indem sie Komposthaufen im Garten anlegen (diese nicht im Sommer und Herbst abtragen),
- Forstleute, indem sie an geeigneten Stellen (Lichtungen) Totholz- und/oder Blatthaufen errichten und
- Landwirte, indem sie einige Stroh- oder andere Schnittguthaufen an Feld- oder Wiesenrändern liegen lassen oder einen geeigneten Misthaufen über mehrere Jahre hinweg unterhalten
Versteck- und Sonnenplätze müssen reichlich vorhanden sein:
- Waldränder sollten möglichst buschig und strukturreich sein
- Waldlichtungen müssen freigehalten werden, wenn sie zu stark beschattet sind
- altes Mauerwerk muss unbedingt erhalten bleiben
- Herbizide sind zu vermeiden
Information und Aufklärung
- die Öffentlichkeitsarbeit zugunsten der einheimischen Schlangen muss intensiviert werden
- die gezielte Information von Personen, welche in und um die Äskulapnatterhabitate herum leben, muss gezielt und möglichst früh erfolgen
Lebensraum
Von den sechs in der Schweiz heimischen Natternarten bevorzugt die Äskulapnatter am deutlichsten waldreiche Lebensräume. Nicht selten liegt sie ausgestreckt auf einem Eichen- oder Kastanienenast. Lichtes Unterholz mit einer dichten Kraut- oder Farnschicht behagt ihr besonders gut. Am ehesten begegnet man dieser beeindruckenden Schlange jedoch an Waldrändern, in buschigen Habitaten am Rande von Geröllhalden oder in Brombeerhecken.
Es ist allerdings nicht leicht, die gut getarnten Tiere überhaupt zu entdecken. Im Gegensatz zur Gelbgrünen Zornnatter nämlich, mit der sie ihren Lebensraum hier und da teilt, bleibt die Äskulapnatter bei Annäherung oft regungslos liegen und vertraut ganz auf ihre Tarnfärbung. Wie die meisten anderen Schlangen auch, verkriecht sich die Äskulapnatter gerne in altes, unverfugtes Mauerwerk, sei es am Rande eines Weinberges oder entlang eines Wasserlaufes.