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Auch im Winter gibt der Garten einiges her. Doch Vorräte anlegen alleine reicht nicht, um die entbehrungsreiche Winterzeit farbiger zu machen. Das lehrt uns eine Feldmaus.
Vor 50 Jahren war man froh, wenn Essen auf den Tisch kam, heute stellen wir uns die Frage, ob es Sushi, italienisch, spanisch, oder thailändisch sein soll. Hat uns das alles glücklicher und zufriedener gemacht? Ich wage zu behaupten: nein. Und so stelle ich die Behauptung in den Raum, dass sich viele Menschen in den kommenden Jahren mit zentralen Lebensfragen beschäftigen werden. Ich vermute, dass Lebensqualität, Zufriedenheit, Zeitfindung und persönliche Freiräume in zehn Jahren in Statistiken zu persönlichen Bedürfnissen ganz oben stehen werden. Lebensqualität würde für mich heissen, wieder mehr Zeit für persönliche Begegnungen zu haben, Gemeinschaftsgärten zu pflegen, ökologische Wohnprojekte zu planen, in denen junge Familien und «Golden Agers» zusammen leben und arbeiten.
In den kalten und dunklen Wintermonaten kommt mir immer wieder die Geschichte von Frederick in den Sinn: Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde im Sommer grasten, stand eine alte Steinmauer. In dieser Mauer, nahe beim Kornspeicher, wohnte eine Feldmausfamilie. Weil es bald Winter wurde, begannen die kleinen Feldmäuse Körner, Nüsse, Weizen und Stroh zu sammeln. Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle, bis auf Frederick. «Frederick, warum arbeitest du nicht?», fragten die anderen. «Ich arbeite doch», sagte Frederick, «ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage.» Und als sie Frederick so dasitzen und auf die Wiese starren sahen, sagten sie: «Und nun Frederick, was machst du jetzt?» «Ich sammle Farben», sagte er nur, «denn der Winter ist grau.» Einmal sah es so aus, als sei Frederick halb eingeschlafen. «Träumst du, Frederick?», fragten sie vorwurfsvoll. «Aber nein», sagte er, «ich sammle Wörter. Es gibt viele lange Wintertage und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen.»
Als nun der Winter kam und der erste Schnee fiel, zogen sich die Feldmäuse in ihr Versteck zwischen den Steinen zurück. In der ersten Zeit gab es noch viel zu essen und die Mäuse erzählten sich Geschichten über singende Füchse und tanzende Katzen. Da war die Mäusefamilie ganz glücklich, denn es war ja auch kurz vor Weihnachten. Aber nach und nach waren fast alle Nüsse und Beeren aufgeknabbert, das Stroh war aufgebraucht und an Körner konnten sie sich kaum noch erinnern. Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen der alten Mauer, und keiner wollte mehr sprechen. Da fiel ihnen plötzlich ein, wie Frederick von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern gesprochen hatte. «Frederick», riefen sie, «was machen deine Vorräte?» «Macht die Augen zu», sagte Frederick und kletterte auf einen grossen Stein. «Jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden.» Und während Frederick so von der Sonne erzählte, wurde den Mäusen schon viel wärmer.
«Was ist mit den Farben, Frederick?» «Macht wieder eure Augen zu», sagte dieser. Und als er von blauen Kornblumen und roten Mohnblumen im gelben Kornfeld und von grünen Blättern am Beerenbusch erzählte, da sahen sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen. «Und die Wörter?» Frederick räusperte sich, wartete einen Augenblick und dann sprach er wie von einer Bühne herab: Wer streut die Schneeflocken? Wer schmilzt das Eis? Wer macht lautes Wetter? Wer macht es leise? Wer bringt den Glücksklee im Juni heran? Wer verdunkelt den Tag? Wer zündet die Mondlampe an? Als Frederick aufgehört hatte, klatschten alle und riefen: «Frederick, du bist ja ein Dichter!»
Wichtige Arbeiten im Dezember
Der Dezember ist gar kein so karger Monat, wie oft vermutet wird. Es lässt sich also noch immer recht gut aus dem Garten leben. Wenn die Temperaturen im milden Bereich bleiben beziehungsweise nicht zu tief sinken, können wir verschiedene Gemüse auf dem Beet belassen und direkt ernten. Ehrlich gesagt lasse ich es seit Jahren darauf ankommen. Manchmal erfriert etwas, oft jedoch haben wir Glück und ernten den ganzen Winter durch und ich spare mir erst noch viel Zeit.
• Rosenkohl, Blumenkohl, Federkohl, Rot- und Weisskohl, Lauch, ja sogar Rüben, Pastinaken, Knollensellerie, Randen und Zwiebeln lasse ich auf dem Beet stehen, ebenso Endivie, Winterportulak und Nüsslisalat. Karotten lassen wir so lange im Boden, bis dieser friert.
• Beim Blumenkohl binden wir die Blätter wie ein Schal um die Köpfe, um sie vor Frost zu schützen.
• Topinampur ernten wir, da die Mäuse (ausser Frederick) sich sonst an die Wurzeln machen.
• Den letzten Stangensellerie ernten wir vor dem Frost. Er enthält zu viel Wasser und würde sonst verfaulen.
• Beim Einlagern von Gemüse achten wir darauf, dass das Lager kühl und trocken ist und keine Mäuse und Schädlinge eindringen können. Es empfiehlt sich das Gemüselager mehrmals wöchentlich zu kontrollieren. Am einfachsten geht das immer dann, wenn man etwas aus dem Vorrat holt.
• Wenn es nicht zu kalt ist, schneiden wir die Apfel-, Birnbäume und Beerensträucher und mulchen die Baumscheiben mit Kompost. Falls es die Zeit zulässt, bürste ich die Obstbaumstämme und verabreiche ihnen einen Kalk-Lehm-Anstrich, um sie vor Frost- und Schädlingen zu schützen.
• Im Dezember ist es auch Zeit, das Werkzeug in Ordnung zu bringen, Pflanztöpfe zu reinigen, Messer und Scheren zu schleifen, den Gartenschuppen aufzuräumen und – welch eine Freude – die Samen für das nächste Jahr zu bestellen.
«Jesses Gott», sagte eine Passantin kürzlich, als sie an unserem Garten vorbeiging, klatschte in die Hände und zeigte verzückt auf ein drei Meter hohes gebogenes Gestänge mit viel zu schwerem, fluoreszierend glänzendem Aufsatz. «Das könnte eine Artischockenkolonie sein.» Das seien Artischocken, erwiderte ich über den Hag hinüber. «Artischocken», raunte sie und war ganz verzückt.
Wir befinden uns auf rund tausend Meter über Meer, oberhalb von Teufen, am Rande des Waldes, am Rande der Berge, am Rande der Welt, im Appenzellerland. Raues voralpines Klima. Selbst einem Gartennarren wird klar: Hier oben dürften keine Artischocken wachsen, die wachsen am Mittelmeer, wo es warm ist und nach Ferien riecht. Trotzdem gedeihen uns die Artischocken hier, selbst prächtige Shiso-Pflanzen, Meerrettich und eine Vielzahl von wunderbar duftenden Heil- und Küchenkräutern. Da staunt der Gartenlaie und beisst in so ein Shiso-Blatt, das leicht nach Minze schmeckt und in der japanischen Küche als Tee und zum Würzen der Speisen verwendet wird.
«Sind wir im falschen Film?», fragte sich die Besucherin. «Nein, Sie sind einfach in einem Garten, in dem mit der Natur gearbeitet wird. Wir versuchen hier so zu gärtnern, dass auch scheinbar unmögliche Dinge möglich werden.» Wir holen uns die Unterstützung der Natur. Darum gibt es in unserem Garten Insektenhotels, Brut- und Schlafplätze für Nützlinge. Das ist ein wichtiger Trick auf dieser Höhe. Die Insekten müssen sich wohlfühlen. Darum haben wir die richtigen Lockstoffe für unsere Helfer gepflanzt. Hier wächst zum Beispiel Süsskraut, Zauberstrauch, Goldmelisse, Salbei, Bienenweide und vieles mehr. Das sind fantastische Pflanzen für Hummeln und Bienen. Jedes Insekt hat seine Vorliebe für bestimmte Arten, die Präferenzen sollte man also kennen und auch die Zeiten der Blüte der einzelnen Pflanzen. Alles ziemlich kompliziert, könnten Sie denken aber keine Angst: Alles läuft von selbst. Die Natur reguliert das schon. Wir sind hier eigentlich nur die faszinierten Beobachter, vorausgesetzt wir lassen es zu und nehmen uns nicht so wichtig.
Ich wünsche Ihnen zum Jahreswechsel, dass Sie berührt werden von den einfachen Dingen des Lebens; einem Sonnenstrahl auf ihrem Gesicht, einem freundlichen Lächeln, einem Spaziergang im Garten mit Ihrer Familie, Ihrem Partner und Freunden. Ich wünsche mir, dass der Garten zu einem Ort der sozialen und persönlichen Vernetzung wird und auch so genutzt werden kann. Remo Vetter weiss Rat
Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.