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Als Räume unter der Erde und somit als Unterwelten bergen Höhlen schon seit jeher das Potenzial, Schauplätze antithetischer Überlegungen zur Oberwelt und zum Himmel zu sein. Als verborgene Negativräume, in denen die Dunkelheit herrscht und die das Unbekannte sowie nicht Wahrnehmbare beherbergen, bieten sie eine Projektionsfläche für menschliche Ängste und Sorgen, die in Erzählungen vom Mittelalter bis in die Neuzeit bespielt wird. Ein Beispiel hierfür ist das Fegefeuer, das als Zwischenraum zwischen Diesseits und Jenseits paradigmatisch für die Höhle als Projektionsfläche für menschliche Ängste ist und als Imaginationsraum nach wie vor Konjunktur hat. Im Folgenden werden Höhlen aus drei verschiedenen, textuellen wie filmischen, Erzählungen (Legenda Aurea; Fortunatus; As Above, So Below) untersucht, die alle auf je eigene Weise Höhlen und den Affekt Horror im Zusammenhang mit dem Purgatorium reflektieren.
Das Fegefeuer als Raum des Horrors
Ein Weg durch Leid und Folter, um die weltlichen Sünden zu tilgen – das ist das Fegefeuer. Neben anderen Entwürfen handelt eine der Legenden der im Hochmittelalter entstandenen Legenda Aurea des Jacobus de Voragine davon, wie das Fegefeuer entstanden sei. Darin bittet der Heilige Patrick Gott nach einer scheinbar gescheiterten Konversion um ein Wunder, um sein Vorhaben doch noch zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Auf Anweisung Gottes zeichnet er einen Kreis auf den Boden, und innerhalb der gezeichneten Linie öffnet sich ein tiefes Loch in der Erde, worin sich ein Purgatorium manifestiert: Durch den Gang in die Höhle würde man die Absolution erhalten, damit die Seele nach dem Tod sündenfrei ins ewige Paradies aufsteigen könne. St. Patrick aber betritt die Höhle in dieser Erzählung nie, „wohl, weil er einer Reinigung nicht bedurfte“,[1] wie Jörg Robert vermutet. Alles, was über das Innere der Höhle überliefert wird, stammt von einem Blick durch einen schmalen Spalt, durch den das Leid und die Folter beobachtet werden können.[2]
Das Konzept des Fegefeuers gerät mit der Reformation in heftige Kritik und wird schliesslich abgeschafft. Die reformierten Kirchen beziehen sich bei dem, was nach dem Tod geschehen würde, auf das Matthäusevangelium. So würden die Menschen vor den Schöpfer treten, wo er sie in ‚gut‘ und ‚schlecht‘ einteilt, den Guten die Ewigkeit im Himmelreich schenkt und die Bösen für ihre Untaten zu ewigem Leid verdammt (Mt 25,31–46). Einen Zwischenraum wie das Fegefeuer, wo man durch unvorstellbare Qualen geläutert und von weltlichen Sünden reingewaschen wird, gibt es dabei nicht.
Fortunatus und die
Hölle Höhle
In der frühen Neuzeit wagt auch ein junger Mann namens Fortunatus in dem nach ihm benannten Roman den Abstieg in eine Höhle, die man sant patricius fegefeür nennt. Der Abstieg passiert im Rahmen einer Erzählung, in welcher der kürzlich verarmte Fortunatus in einem Wald auf die iunckfraw des glücks – Fortuna – trifft, die ihm die Wahl zwischen fünf Tugenden gibt: Weisheit, Reichtum, Stärke, Gesundheit oder langes Leben. Fortunatus entscheidet sich für Reichtum, weswegen er ein magisches Geldsäckel erhält, bei dem er, so oft er hineingreift, Geld in der jeweiligen Landeswährung vorfindet.[3] Mit diesem Geld- oder Glückssäckel bereist er nun mit Gefolge die Welt und besteht immer grössere Abenteuer.
Auf seiner Reise vernimmt Fortunatus eines Tages, dass in der Nähe ein Kloster sei, in dem sich hinter dem Altar der Eingang zur finsteren Höhle befinde, in der sant patricius fegefeür sein soll. Fortunatus, angetrieben von seiner Neugier, möchte sich das Fegefeuer nicht entgehen lassen und konfrontiert den Abt des Klosters noch vor dem Eintritt mit der Frage, was seine Vorgänger*innen darüber berichten, was sie in der Höhle gesehen und gehört hätten. Der Abt macht kein Geheimnis daraus, dass die Berichte gemischt seien und nicht alle die Schreie der Verdammten gehört hätten: [S]o sagen etlich sy haben gehoert ellendiglichen rueffen / so haben ettlich nichts gehoert noch gesehen / dann das yn ser gegrausset hat.[4] Aber diejenigen, die nichts gehört noch gesehen hätten, habe es ser gegrausset.[5]
Im Anschluss an das Gespräch mit dem Abt gehen nun also fortunatus und seyn diener Lüpoldus in Patricius loch.[6] Der zu dieser Episode gehörige Holzschnitt zeigt Fortunatus mit Federhut, der seinen Diener zum Betreten eines Lochs im Boden nötigt. Was sie in der Höhle empfängt, ist nicht das schreckliche Fegefeuer oder die grausame Folter zur Läuterung ihrer Sünden, sondern – nichts. Wie bei ihren Vorgängern löst das Ausbleiben des Purgatoriums aber nicht Erleichterung, sondern Furcht aus: Sy was ain graußen an kommen.[7] Ihr Aufenthalt, der nur eine Nacht hätte umfassen sollen, dehnt sich aus in eine für sie nicht erfassbare, unendlich erscheinende Zeitdauer. In diesem Moment der Verzweiflung findet eine Aushandlung moralischer Wertvorstellungen statt, denn der Raum setzt „das bewährte Hilfs- und Schmiermittel – Geld –“ ausser Gefecht.[8] Im Moment der Auseinandersetzung mit sich selbst fällt Fortunatus Gott ein, der in der Höhle die Alternative zum Geld zu sein scheint: O almechtiger got / nun kum vns zu hilff wann hye hylfft weder gold noch silber.[9] An der Stelle des Fegefeuers haben Fortunatus und Lüpoldus also einen Raum vorgefunden, der ihnen jegliche örtliche und zeitliche Orientierung raubt und Fortunatus’ magisches Objekt – das Geldsäckel, das ihm ausserhalb der Höhle beinahe unbegrenzte Möglichkeiten und Macht verschafft – nutzlos macht: „Die Hölle wird zur Höhle, die Foltertopik in eine reale Topographie der Leere überführt. Fortunatus und Lüpoldus haben zwar die Hölle entzaubert, dabei jedoch das Grauen der tiefen Leere bzw. der leeren Tiefe entdeckt.“[10]
Topographie der Orientierungslosigkeit
Anders als in der Legenda Aurea schildert der Abt in einer Binnenerzählung im Fortunatus, dass St. Patricius die Höhle mit dem Fegefeuer nicht erschaffen, sondern eines Tages in der Wüste vorgefunden habe. Außerdem sei er hineingegangen und habe sich verirrt, und wie er Gott um Hilfe gebeten habe, um wieder aus der Höhle herauszufinden, habe er das jämmerliche Geschrei der Verdammten vernommen. Mithilfe Gottes aber habe er den Weg schliesslich wieder herausgefunden und ebenjenes Kloster errichtet, das Fortunatus und sein Gefolge nun besuchen.[11]
Eine besondere Eigenschaft der Höhle, die aus der Heiligenvita bekannt ist und auch im Fortunatus behandelt wird, ist der absolute Verlust der zeitlichen und örtlichen Orientierung. Dabei könnte die geographische Lokalisierung der Höhle nicht leichter sein: Das St. Patrick-Purgatorium befindet sich an einem real existierenden Ort, namentlich auf Station Island im Lough Derg, einem kleinen See in der Grafschaft Donegal im heutigen Irland. Es handelt sich dabei also um eine Höhle, deren Eingang sich hinter dem Altar einer Kirche auf einer Insel in einem See befindet, welcher wiederum auf der größeren Insel Irland liegt, die ihrerseits von einem Ozean umgeben ist. Diese Verortung erzeugt einerseits eine Atmosphäre der Abgeschiedenheit und Verlorenheit, ist die Höhle doch weit von Fortunatus’ Heimat, Zypern, entfernt, und zeigt andererseits die immense Summe an Grenzüberschreitungen auf, die Fortunatus auf sich nehmen muss, um in die Höhle zu kommen. Obwohl Fortunatus sich also bis zum Eintreten in die Höhle in der zivilisierten christlichen Welt befindet, hat er doch bereits viele geografische Trennlinien überschritten, die das Purgatorium zu einem Fremdraum machen.[12] Als letzter Akt der Grenzüberschreitung erfolgt der Eintritt in die Höhle, deren Eingang im Text mit einer Tür markiert ist: [V]nd also schloß man yn die thüre der hüle auff / die ist hynder dem fronaltar in dem closter / da geet man dareyn wie in ainen keler.[13]
Die Höhlenbesucher führen dabei kein Licht mit sich, da die hüle [] kain liecht leidet,[14] und werden hier von Dunkelheit und dem bereits erwähnten Nichts empfangen. Die Höhle erscheint ihnen als endloser Raum – und giengen allso in der vinsternuß vnnd mainten der hüle an ain end zu geen[15] –, der ihnen keine Anhaltspunkte zur Orientierung liefert, weder zeitlich – das sy nicht weßten ob sy kurtz oder lanng darinnen waeren gewesen[16] – noch räumlich – vnnd horten noch sahen nichts.[17] Dieser subjektive Orientierungsverlust durch Fortunatus und Lüpoldus wird kontrastiert durch die gleichzeitige Einordnung in das Geschehen der Aussenwelt: Während drei Tagen wird die Tür jeden Morgen aufgeschlossen und nach ihnen gerufen, die Rettung erfolgt erst am vierten Tag durch ein ökonomisch motiviertes Rettungsteam. Ein hervorragender Wein, den Fortunatus vor dem Abstieg in die Höhle dem Abt geschenkt hat, und auch die finanzielle Abhängigkeit von Fortunatus’ Gefolge führen zur Mobilisierung eines alten Mannes, der die Höhle Jahre zuvor mit Seilen vermessen hat und sich darin blind orientieren kann.
Das Fegefeuer wird also gleich doppelt entzaubert, denn nicht nur bleibt das Purgatorium aus, die Höhle ist auch zu einem empirisch vermessbaren und vermessenen Raum degradiert. Was bleibt, sind der innere Orientierungsverlust und die Angst, die Fortunatus in der Höhle erlitten hat und für die das Nichts eine Projektionsfläche bietet. Darin offenbaren sich nicht nur persönliche Ängste, sondern auch Sorgen, die die frühe Neuzeit als Ganzes prägen. In dieser Fortunatus-Episode zeigt sich nämlich eine beinahe zynisch anmutende Auseinandersetzung mit Fragen nach der Stellung der Religion und Gott im Hinblick auf den aufkommenden Kapitalismus und die damit einhergehende Macht des Geldes sowie nach dem Verhältnis sich anbahnender wissenschaftlicher Methoden und der damit einhergehenden Vermessung und Entzauberung der Welt. Aber auch wenn das Fegefeuer ausbleibt, führt dieser leere Raum zu einer Introspektion, die als Form der Reinigung betrachtet werden könnte: Nicht äusserlich zugefügte Qualen, sondern Fortunatus’ Gewissen verhilft ihm dazu, die Grenzen seines Reichtums und die Konsequenzen seiner Handlungen zu erkennen und sich zu Gott hinzuwenden.
Die Höhle als Ort des Horros in der Neuzeit: Ein intermedialer Vergleich
Die Höhle als Schauplatz menschlicher Ängste hat auch auf den Kinoleinwänden der Neuzeit Konjunktur. Ein Beispiel hierfür ist der 2014 gedrehte Film As Above, So Below, der dem Genre des Horrors zuzuordnen ist.[18] In diesem Film steigt eine junge Forscherin unter Begleitung einer Gruppe, die sich aus ihren Freunden und Einheimischen aus Paris zusammensetzt, in die Pariser Katakomben – also ein menschengemachtes Höhlensystem –, um den Stein der Weisen zu suchen. Obwohl diese Geschichte mehrere Jahrhunderte jünger als Fortunatus und die Legenda Aurea istund in einem anderen Medium wiedergegeben wird, lassen sich einige Parallelen ausmachen und bereits identifizierte Eigenschaften der Höhle wiedererkennen.
Die der Höhle inhärente Abwesenheit von Licht erschwert die räumliche Orientierung und löst sie aus dem Tag-Nacht-Rhythmus heraus, der eine zeitliche Orientierung bieten würde. In As Above, So Below gerät die Gruppe ausserdem in Teile der Katakomben, die nicht auf den Karten verzeichnet sind, womit der vermeintlich begrenzte und bekannte Raum ein unbeschränkter wird. Einstürze können diesen Raum zusätzlich auf fatale Weise verändern; als die Gruppe durch eine besonders enge Passage kriecht, stürzt hinter ihnen die Decke herab, sodass sie nicht mehr zurückgehen können. Wie bei Fortunatus löst sich die Höhle also aus der räumlichen wie der zeitlichen Ordnung, ist ein wandelbarer Raum, der räumliche und zeitliche Grenzen sprengen kann, wenn er betreten wird. Bei Fortunatus verliert das Geld innerhalb der Höhle seinen Wert, bei As Above, So Below dehnt sich der Gültigkeitsverlust bisheriger Werte auf die räumlichen Werte aus: Oben und unten werden vertauscht, und Tunnel führen nicht mehr dorthin, wo sie eigentlich hinführen sollten – einer der Tunnel ist durch intertextuelle Bezüge zu Dantes Inferno sogar als Eingang der Hölle markiert. Im Gegensatz zu Fortunatus walten hier aber nicht nur Sinnestäuschungen, sondern tatsächlich übernatürliche Wirkmächte. Die Gruppe stösst beispielsweise auf ein brennendes Auto, das logisch betrachtet nicht in die Katakomben gelangen kann. Andernorts werden sie von gefährlichen Kreaturen verfolgt. Insgesamt werden der Höhle also Eigenschaften und Elemente zugeordnet, die weit über das Natürliche oder das Mögliche hinausgehen. Auch das symbolische Potenzial der Höhle als Projektionsfläche für Ängste findet sich wieder. Die übernatürlichen Phänomene konfrontieren die Charaktere mit ihrer eigenen Vergangenheit, die oftmals eng mit Versäumnissen und Ängsten verkettet ist. Wie das Purgatorium sind die Katakomben also ein Raum, in dem man sich mit den eigenen Sünden und Ängsten auseinandersetzen muss. So hat einer der Charaktere in der Vergangenheit jemandem nicht aus einem brennenden Auto geholfen, und ebendieses brennende Auto steht nun vor ihm in den Katakomben, sodass er gezwungen ist, sich erneut mit seinem Trauma auseinanderzusetzen. Die Angst aufgrund von Orientierungslosigkeit, Sinnestäuschungen und gefährlichen übernatürlichen Phänomenen wird amplifiziert durch die Klaustrophobie einer der Charaktere. Wie im Fortunatus erleiden die Höhlengänger*innen also Todesängste, und wie im Fortunatus fragen sie sich: Werden wir es schaffen, lebendig wieder aus der Höhle herauszukommen?
Vom Mittelalter bis in die Neuzeit: Höhle als Schauplatz des Horrors
Zwischen den diskutierten Erzählungen liegen jeweils mehrere Jahrhunderte, und doch hat sich gezeigt, dass die Höhle als Imaginationsraum der menschlichen Angst Kontinuitäten aufweist, die bis in die heutige Zeit reichen. Orientierungslosigkeit und Sinnestäuschungen scheinen vorprogrammiert zu sein und auch die Vorstellung der Höhle als Eingang zum Jenseits ist nach wie vor plausibel. Die Ängste, die reflektiert werden, sind jeweils symptomatisch für die Zeit: die moralische Verkommenheit der sündigen Menschheit in der mittelalterlichen Legenda Aurea mit dem Fegefeuer in seiner ursprünglichen Form, die Stellung der Religion im Bezug zum Kapitalismus und den Wissenschaften im frühneuzeitlichen Fortunatus und die Auseinandersetzung mit unseren individuellen Traumata und Versäumnissen in As Above, So Below. Besonders Fortunatus wirft eine Frage auf, die überzeitliche Relevanz beweist und die wir uns heute noch stellen können: Könnte es sein, dass das Nichts schlimmer ist als jedes Purgatorium?
[1] Jörg Robert: Fortunatus im Purgatorium. Literarische Höhlenforschung als Paradigma der Moderne. In: Joachim Hamm / Jörg Robert (Hg.): Unterwelten. Modelle und Transformationen. Würzburg 2014, S. 183–209, hier S. 185.
[2] Vgl. Ebd., S. 183–186.
[3] Fortunatus. In: Jan-Dirk Müller (Hg.): Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten. Frankfurt am Main 1990, S. 383–586, hier S. 430.
[4] Ebd., S. 444.
[5] Art. grausen. In: Frühneuhochdeutsches Wörterbuch 7 (2001), Sp. 341f.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 446.
[8] Robert: Unterwelten (wie Anm. 1), S. 202.
[9] Ebd., S. 446.
[10] Robert: Unterwelten (wie Anm. 1), S. 202. Hier sollte noch angemerkt werden, dass Robert zugunsten des Wortspiels, wonach die Höhle zur Hölle wird, ein gewisses Mass an Präzision vermissen lässt, ist doch das Fegefeuer nicht dasselbe wie die Hölle.
[11] Vgl. Fortunatus (wie Anm. 3), S. 444.
[12] Hier lässt sich ausserdem anmerken, dass Fortunatus nicht nur räumliche, sondern auch soziale Grenzen übertritt. Er begleitet seinen Diener Lüpoldus, der in Irland seine Familie besucht. Erst dieser beinahe die ständische Ordnung umkehrende Ausflug führt ihn zum Purgatorium bzw. in dessen Nähe.
[13] Fortunatus (wie Anm. 3), S. 445.
[14] Ebd., S. 447.
[15] Ebd., S. 446.
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] AS ABOVE, SO BELOW (2014, John Erick Dowdle, USA).