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Mikael Niemi, in der nordschwedischen Provinz Norrbottens Iän am Polarkreis aufgewachsen und immer noch dort wohnhaft, ist verantwortlich für das gelockerte Fundament unseres Hauses.
Bei der Lektüre seines Romans “Populärmusik aus Vittula” schüttelten mich heftige Lachanfälle, welche unseren Wohnraum zum Beben brachten.
Bei der Lektüre seines neuen und äusserst spannenden Romans “Wie man einen Bären kocht” erschien mir die Zeit der einzelnen Leseeinheiten zu kurz, immer wieder sparte ich mir den Lesegenuss für spezielle Momente auf.
Ein Pfarrer einer kleinen Gemeinde nahe beim Polarkreis, er ist auch leidenschaftlicher Botaniker, liest einen Samenjungen am Wegrand auf.
Jussi, verprügelt, halb verhungert und verwahrlost, lebt fortan beim Theologen und seiner Familie.
Anhand dieser beiden Hauptfiguren illustriert der schwedische Autor die äusserst anspruchsvollen Lebensumstände in seiner Heimat vor etwa 170 Jahren, die Unterdrückung der samischen Volksgemeinschaft durch die schwedische Regierung, das Wirken des Wissenschaftlers und Theologen Lars Levi Laestadius.
Jussi fasziniert mich.
Er ist verunsichert, verschlossen, eingeschüchtert und auf der Suche nach einer Bedeutung seines Daseins.
Mich berühren die einfühlsamen Beschreibungen, wie er den Weg durch den Dschungel der geschriebenen Buchstaben sucht, der Urwald langsam seinen Schrecken verliert.
Jussi empfindet beim Entziffern von Texten zunehmend Freude, schafft es schlussendlich in einfachen Sätzen über sich zu schreiben.
Das gestärkte Selbstvertrauen, geschenkt durch das geschriebene Wort, hilft ihm verletzende Erlebnisse auszuhalten.
Die Persönlichkeit von Jussi bildet für mich einen Kontrast zu zwei Künstlern, welchen momentan im Basler Kunstmuseum eine Ausstellung gewidmet ist.
Die Maler El Greco und Picasso scheinen zwei Persönlichkeiten gewesen zu sein, welche von sich sehr überzeugt waren.
So zerrte der auf Kreta geborene El Greco vor mehr als 400 Jahren in Spanien die Kirche vor das Gericht, weil diese für seine Arbeit nicht den Lohn bezahlen wollte, welcher ihm angemessen schien.
Für die damalige Zeit war das ein Affront sondergleichen.
Schon als junger Mann bewies Picasso mit seinem Schaffen Mut und Kraft Widerstände auszuhalten.
Mit 20 Jahren schuf er das düster wirkende Gemälde “Evokation – das Begräbnis Casagemas”.
Auf diesem hielt er das Begräbnis seines Freundes Carlos Casagemas fest, welcher Selbstmord begangen hatte.
Neun dunkel gekleidete Menschen trauern, sich gegenseitig stützend, im unteren Bildausschnitt um den jungen Mann, welcher in einem weissen Leichentuch auf dem Boden liegt.
Sechs nackte Damen präsentieren sich dagegen aufreizend im oberen Bildausschnitt.
Die Gesamtkomposition des Bildes verblüffte mich und schlug mich in Bann.
Auf die Idee, Trauerarbeit derart zu visualisieren oder einen Bären zu kochen, kam ich bisher nicht.
17. Juni 2022