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Die Betroffenheit ist gross, der Applaus ebenso, als Reto Sonderegger seine Rede beendet. Mit klaren Worten hat der junge Biobauer die Auswirkungen der globalisierten Landwirtschaft illustriert; hat deutlich gemacht, was das Steak auf unserem Teller oder der «Biodiesel» in unseren Autotanks mit dem Überlebenskampf von Menschen und der Zerstörung der Natur in Ländern des Südens zu tun haben: Seine Fotografien von gigantischen Agrarwüsten, verlassenen Dörfern und missgebildeten Kindern haben den bildhaften Beweis dafür geliefert.
Paraguay, wo Sonderegger seit März 2007 lebt, ist nur eines von vielen Ländern Lateinamerikas, in dem die globalisierte Agrarindustrie die Lebensgrundlage hunderttausender Kleinbauern und Indigener zerstört hat. Mehr als 2,6 Millionen Hektaren Land sind allein in Paraguay in den letzten 12 Jahren dem grossräumigen Anbau von genetisch modifizierter Soja zum Opfer gefallen.
«Der Anbau von Gentech-Soja und der Grosseinsatz von Pestiziden haben Böden, Wälder und Grundwasser weiträumig vergiftet», sagt Sonderegger.
Die Grundlage für die immensen Monokulturen schuf der deutschstämmige Diktator Strössner, der von 1954 bis 1989 mit eiserner Hand regierte. Im Rahmen einer «Landreform» in den 1960er-Jahren verteilte er über 12 Millionen Hektar Land an Freunde aus Militär, Politik und Wirtschaft.
«Heute besitzt ein Prozent der Bevölkerung drei Viertel des Bodens», sagt Sonderegger. Vom Sojageschäft profitieren vor allem brasilianische Kolonisten, die 80 Prozent der Sojafarmer ausmachen, sowie globale Agro- und Chemieunternehmen wie Monsanto und Syngenta, die sich mit dem Soja-Handel und dem Verkauf von Düngemitteln und Pestiziden eine goldene Nase verdienen.
Soja für EU-Kühe
Doch auch die Abnehmer tragen Verantwortung: Allein die EU importiert jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen (Gentech-)Soja aus Lateinamerika, das als Futtermittel für Schweine, Hühner und Kühe und als Nahrungsmittelzusatz verwendet wird. Auch die Schweizer Landwirtschaft trägt mit dem Import von 250'000 Tonnen pro Jahr ihren Teil dazu bei. «Seit die Tiermehlfütterung im Zuge der BSE-Krise verboten wurde, ist der Soja-Import weiter angestiegen.
Dafür verbrennen wir jetzt die Tierkadaver als Sondermüll in Zementfabriken», führt der junge Bauer nur eines von vielen Beispielen auf, mit denen er die Auswüchse der globalisierten Agrarindustrie illustriert. Als jüngste Entwicklung hat der Boom von Agrotreibstoffen, die dem Westen aus der Energiekrise helfen sollen, und die damit einhergehenden gewaltigen Bodenspekulationen die Situation der Kleinbauern verschärft.
Unermüdlicher Aktivist
Bereits vor seinem Werdegang als Biobauer hat der Agraraktivist die Auswirkungen der Globalisierung auf die «unproduktive» Landwirtschaft traditioneller Gemeinschaften kritisch beobachtet. Die Mobilisierung rund um die WTO-Konferenz 1998 habe schliesslich den Ausschlag für eine Biobauernlehre gegeben. «Ich wollte eine Lebensform finden, die weder auf Kosten der Natur noch auf Kosten der Menschen im Süden ging», sagt Sonderegger.
Im Januar 2006 reiste er erstmals durch die «vereinigte Sojarepublik» Argentinien, Paraguay und Brasilien, bevor er im bernischen Zollikofen internationale Landwirtschaft zu studieren begann. «Nach einem Semester desertierte ich», grinst Sonderegger. Seine Freundin, die Biologin Javiera Rulli, die in Paraguay die Auswirkungen der Soja-Monokultur auf kleinbäuerliche Gemeinden untersucht, habe dabei eine nicht unerhebliche Rolle gespielt.
Es gehe ihm jedoch nicht nur darum, gegen Agromultis zu kämpfen. «Ich möchte vor allem Alternativen aufzeigen», sagt Sonderegger. Fast pausenlos ist er unterwegs, um sein Wissen über nachhaltige Landwirtschaft an Kleinbauernvereinigungen weiterzugeben und zu zeigen, wie sie den Anbau diversifizieren und ihre Ernährungsrundlage verbessern können. «Die Leute müssen ihre eigene Kraft und ihre Möglichkeiten spüren, positive Veränderungen zu bewirken», sagt er. Deshalb unterstützt er die Kleinbauernvereinigungen auch dabei, sich zu organisieren und sich gegen die Ausbeutung durch Staat, Grossgrundbesitzer und Agrounternehmen zu wehren.
Das eigentlich fortschrittliche Umweltschutzgesetz wird von den Sojafarmern und den Behörden weitgehend ignoriert; Proteste gegen die intensiven Sprühungen oft gewaltsam niedergeschlagen. Hunderttausende von Campesinos wurden in den letzten Jahrzehnten in die grossen Städte oder in die Slums von Buenos Aires vertrieben, wo rund drei Millionen ParaguayerInnen leben.
Auch im Norden versucht der wortgewandte Aktivist, die Öffentlichkeit für die Problematik der globalen Agrarindustrie zu sensibilisieren. In der Schweiz ist er inzwischen ein gefragter Referent. «Das Einzige, was uns fehlt, ist Geld», lacht Sonderegger, der bislang die meisten Projekte selber finanziert hat.
Es bewegt sich was
Doch der Einsatz lohnt sich: «In jüngster Zeit ist einiges ins Rollen gekommen», sagt er. Mit der Forderung nach einem Uno-Moratorium für Agrotreibstoffe hat Jean Ziegler, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, das Thema auf die weltweite Agenda gehoben. Beim Uno-Menschenrechtsrat hat Sonderegger mit Vertretern der paraguayischen Zivilgesellschaft dafür gesorgt, dass sich die offizielle Delegation kritische Fragen zur Menschenrechtssituation hat gefallen lassen müssen.
Und am 20.April 2008 hat in Paraguay ein historischer Machtwechsel stattgefunden: Nach 61 Jahren hat die konservative Colorado-Partei ihre Macht an den Bischof und Befreiungstheologen Fernando Lugo abgeben müssen, der sich in seiner Zeit als Bischof stark für die Anliegen der Campesinos eingesetzt hat.
Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion