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Von Michael Sennhauser | 6. Februar 2015 - 16:00
Was für ein Vergnügen! Was für ein listiges, liebenswertes Schelmenstück ist dieser Film geworden! Seinem zwanzigjährigen Arbeitsverbot zum Trotz hat der iranische Regisseur Jafar Panahi einmal mehr einen Weg gefunden, einen Film zu machen – und ihn an ein Festival zu bringen. Auch wenn er nicht reisen darf: Mit diesem Taxi ist er bei seinem Publikum.
Wie schon 2011 mit In Film Nist (This is not a Film), filmt Panahi einfach wieder sich selber. Dieses Mal allerdings nicht dokumentarisch, sondern in einem Setup, das er seinem Landsmann Abbas Kiarostami abgeguckt hat. Der hat 2002 für seinen Film Ten zehn Gespräche in einem Auto gefilmt, Gespräche zwischen der Fahrerin und diversen Personen. Panahi hat das Konzept angepasst und filmt sich selber als Taxifahrer in einer fliessenden, drollig reduzierten Inszenierung.
Jafar Panahi sitzt am Steuer eines Taxis und nacheinander steigen Passagiere zu. Es beginnt mit einem jungen Mann, der die Todesstrafe fordert für die Strassenräuber, die einem armen Mann die Räder vom Auto geklaut haben – und einer Lehrerin auf dem Rücksitz, die vehement dagegen argumentiert. Beim Aussteigen spielt der junge Mann seinen letzten Trumpf aus und gibt sich der Lehrerin gegenüber als Strassenräuber zu erkennen. Er würde allerdings nie arme Leute beklauen.
Der nächste Fahrgast erkennt dann nicht nur Jafar Panahi, sondern auch das Zitat aus einem seiner Filme. Und entpuppt sich als kleinwüchsiger, schlitzohriger Händer illegaler DVD. Er ist der Mann, der auch schon Panahi mit Woody Allen versorgt hat, und seinen Sohn mit anderen im Iran nicht erhältlichen Filmen.
Das Kamera-Setup ist auf den ersten Blick täuschend einfach. zwei Kameras sind auf dem Armaturenbrett montiert, eine von ihnen dreht Panahi hin und wieder, sie dient wechselnd als Frontkamera mit Blick auf die Strasse oder als Rückkamera mit Blick auf den Beifahrersitz. Eine zweite Kamera ist auf Panahi selber gerichtet und eine weitere auf die Rückbank.
Zwischen den Kamerablickpunkten wird geschnitten, am Anfang des Flims weniger, später mehr. Und zusätzlich kommt dazu noch Material, das Fahrgäste mit dem Mobiltelefon aufnehmen, oder später Panahis Nichte Hannah mit ihrer kleinen Digitalkamera für eine Schulaufgabe.
Im Berlinale-Katalog sagt Jafar Panahi über sich selber:
Ich bin Filmemacher. Ich kann nichts anderes als Filme machen. Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben. Nichts kann mich am Filmemachen hindern. Denn wenn ich in die äußerste Ecke gedrängt werde, ziehe ich mich in mein Innerstes zurück. Und trotz aller Einschränkungen wird in dieser inneren Abgeschlossenheit die Notwendigkeit, etwas zu erschaffen, zu einem immer größeren Trieb. Kino als Kunstform wird zu meinem Hauptanliegen. Ich muss unter allen Umständen weiter Filme machen, um der Kunst Respekt zu erweisen und mich lebendig zu fühlen.
Mit Taxi ist ihm das einmal mehr höchst originell und eindrücklich gelungen. Nachdem am Anfang die Todesstrafe und Strafen überhaupt diskutiert werden (höchst witzig und unterhaltsam), werden später andere Themen ähnlich leichtfüssig aufgenommen: Zensur und Vorschriften für Filmemacher, zum Beispiel über die Regeln, welche Hannah von ihrer Lehrerin bekommen hat, bis zu dem Umstand, dass ein Mann nicht einmal jene verzeigt, die ihn maskiert beraubt haben. Weil er sie erkannt hat und ihre Not kennt – und wohl auch, weil die Solidarität der Bürger grösser ist (oder sein sollte) als ihre Verbundenheit mit dem diktatorischen Gottesstaat.
Bei all den ziemlich eindeutigen Aussagen, die der Film macht, lässt sich Panahi doch nie eindeutig auf etwas behaften. Rein formal sitzt er als Fahrer ja bloss da und hört zu. Und wenn ihm der kleine Schwarzmarktfilmhändler erklärt, er sei eigentlich eher Kulturschaffender, oder zumindest Kultur-Ermöglicher, weil er Filme unter die Leute bringt, die verboten sind – dann widerspricht ihm Panahi nicht, stimmt ihm aber auch nicht direkt zu.
Einmal steigt auch die Anwältin zu, welche Panahi und andere gegen den Staat verteidigt hat, und erzählt, ihr drohe ein Praxisverbot von der Anwaltskammer. Das sei, wie wenn der Regieverband Panahi das Arbeitsverbot auferlegt hätte…
Der raffinierteste dramaturgische Kniff folgt am Ende. Panahi und seine Nichte verlassen das Auto, um zwei älteren Damen ihr vergessenes Portemonaie zu bringen. Und derweil fährt ein Roller vor, ein Vermummter steigt ab, schlägt (das ist nur zu hören) eine Scheibe ein und reisst die Kameras weg. Das Bild wird dunkel und das letzte, was man hört ist der Ausruf „Keine Speicherkarten“.
Das kann auf mindestens zwei fiktive Arten interpretiert werden: Entweder haben diese Diebe das Material geschnitten und ausser Landes gebracht und damit den Film ermöglicht. Oder aber, die Kameras hatten tatsächlich keine Speicherkarten, sondern funkten die Aufnahmen an den Revolutionswächtern und ihren Geheimpolizisten vorbei auf einen externen Server. Wie auch immer: Statt eines Abspanns folgen nur ein paar Titel, in denen Jafar Panahi erklärt, Abspänne müssten grundsätzlich der Zensur vorgelegt werden und darum habe er schweren Herzens darauf verzichtet.
Taxi ist eine raffinierte Eulenspiegelei, ein witziges und wahrscheinlich auch wieder nicht ungefährliches Spiel mit dem Feuer und der Ungerechtigkeit. Und einer jener Filme, die zwangsläufig dazu führen, dass man wieder einmal mit schlechtem Gewissen und leicht schockiert die Kunst bewundert, die entsteht, wenn die Zensur originelle Umgehungen ihrer selbst erzwingt.
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