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Im Wald fast völlig verborgen, hoch oben auf einem Vorsprung der Bergkette des Lomont, ohne Aussicht ins nahe Doubstal, breiten sich die gewaltigen Ruinen der Burg Montvoie oder Vogtsburg aus. Auch keine Durchgangsstrasse führt am alten Gemäuer vorbei. Der wenig solide Baugrund liess die Mauern allmählich abbröckeln. So träumt das verfallene Bauwerk einsam seinen Dornröschenschlaf, der nur selten von einem zielstrebigen Wanderer gestört wird. Gerade diese auffällige Abgeschiedenheit weist auf den fernen Ursprung der Anlage hin. Sie ist das typische Zentrum einer Rodungsherrschaft, die wohl in die Zeit des sich auflösenden hochburgundischen Reiches zurückreicht. Als Rodungszentrum steht sie nicht vereinzelt im Elsgau da. Andere Familien aus dem Gebiet der Burgundischen Pforte hatten sich ebenfalls als Kolonisatoren auf dem Boden des Fürstentums der Basler Bischöfe betätigt und ihre Burgen im schwachbesiedelten Gebiet errichtet.
Auf diesen Ursprung weist auch die erste datierte Urkunde von 1284 zurück. Damals verliehen die Grafen von Neuenburg in Burgund das feste Haus dem Ritter Richard von Vendlincourt. Dieses Grafengeschlecht, dessen Stammburg westlich des Doubs bei Pont-de-Roide lag, gehörte zu den ersten Familien der Freigrafschaft. Die Sippe besass als bischöfliches Lehen das ganze Doubstal bis hinauf nach St-Ursanne und bekleidete das Vogtamt in der Ajoie. Als Afterlehen gaben sie die Burg an Dienstmannen oder einzelne Dorfadlige weiter. Der Name Vogtsburg könnte in dieser Rechtslage seinen Ursprung haben.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts ging die Burg an den Ritter Simon von St-Aubin über, der zum bisherigen Lehnsinhaber in verwandtschaftlicher Beziehung stand. Der neue Herr geriet wegen seiner Streit- und Raublust und seiner Grausamkeit bald mit seinen Nachbarn und Untertanen in Schwierigkeiten. Seine Abwesenheit von der Burg benutzten bewaffnete Männer aus Pruntrut und St-Ursanne, um sich der Feste zu bemächtigen und sie in Brand zu stecken. Gattin, Schwiegermutter und Gesinde musste zuschauen, wie das Schloss eingeäschert wurde.
Mit seinen Entschädigungsklagen hatte der Ritte bei Bischof Senn von Münsingen keinen Erfolg. Erst unter dem selbstbewussten und Fehden nicht abgeneigten Nachfolger Senns, Johann von Vienne, kam ein Kompromiss zustande. Simon erhielt eine Entschädigung von 550 Gulden zugesprochen. Als Pfand für die nicht ausbezahlte Summe wurde ihm das Dorf Vendlincourt mit allen seinen Einkünften zugesprochen. Dafür musste der Ritter dem Bischof für dessen Fehde mit dem Grafen Simon von Thierstein zwei Bewaffnete stellen.
Es scheint, dass danach die Burg wiederaufgebaut wurde. Doch das Verhältnis zwischen dem Burgherrn und der Bevölkerung blieb gespannt. Es kam zur Zeit der Söhne Simons zu einer neuerlichen Besetzung des Schlosses, dieses Mal sogar im Einvernehmen mit dem Grafen von Neuenburg. In dessen Festung wurde 1390 eine Art Friedensvertrag geschlossen, wobei Simon von St-Aubin auf alle Entschädigungsansprüche gegenüber St-Ursanne und zwei anderen Gemeinden verzichtete. Doch schon im folgenden Jahr liess der Graf die Burg wieder besetzen, da sein Lehnsmann sich nicht an die Abmachungen gehalten hatte. Es fiel den Herren von St-Aubin offenbar nicht leicht, im Lehnsgefüge des Fürstbistums nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wenige Jahrzehnte später erlosch die Familie. Über die Erbtochter gelangte Montvoie in die Hand der de Tavannes.
Unter den neuen Besitzern wurde die Burg um die Mitte des 15. Jahrhunderts beträchtlich ausgebaut und verstärkt. In den Burgunderkriegen diente sie als Flankenschutz des bischöflichen Gebiets und befand sich in gutem Verteidigungsstand. Aber auch der wirtschaftliche Ausbau des Lehens wurde nicht vernachlässigt. Im benachbarten Weile wurden neue Leute angesiedelt, die sich aber alsbald gegen Frondienste zur Wehr setzen mussten.
Die de Tavannes hatten auf der Burg einen Vogt eingesetzt, der nicht nur der Güterverwaltung seine Aufmerksamkeit zuwandte. Vielleicht im Einverständnis oder gar im Auftrag seines Herren versuchte er zu erproben, wie weit er die verbrieften Rechte anderer ungestraft missachten könne. Unbefugter Zehnteneinzug und Jagd auf bischöflichen Gebiet führten zu Prozessen vor dem Hofgericht in Rottweil. Dieses bestätigte um 1500 die Rechte des Bischofs und wies den Vogt samt seinem Herrn in die Schranken. Der Versucht, sich eigene Herrschaftsrechte zu verschaffen, war misslungen.
Nach dem Aussterben der Herren von Tavannes gelangte das Lehen über eine Erbtochter an die Familie von Granvillers. Aber auch bei diesen Lehnsträgern kam es wegen unklarer Rechtsverhältnisse bald zu gerichtlichen Schritten. Johann Konrad von Granvillers wurde 1570 vor seiner Burg von einem Gegner aus Burgund erschossen. Darauf wurde der Schwager des Ermordeten, Hans Erhard von Reinach, mit der Burg belehnt. Die Aussicht, einen neuen Zweig der Familie zu gründen, scheiterte an der Kinderlosigkeit der Ehegatten. Ein weiterer Reinach wird noch als Lehnsträger von Montvoie genannt. Dann aber schweigen die Quellen. Der Dreissigjährige Krieg scheint der Burg, die noch im 16. Jahrhundert mit Mauerwerk und Artillerietürmen ausgebaut worden war, so grosse Schäden zugefügt zu haben, dass nach dem Frieden niemand mehr die Last der Wiederherstellung auf sich nehmen wollte. So zerfielen Mauern und Türme immer mehr, dienten etwa auch als Steinbruch und wurden von Gebüsch und Wald überwuchert.
Bibliographie