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Es mag der schlichten Gestaltung dieses Buchumschlags geschuldet sein, der keine Auskunft über Genre und Inhalt gibt, und der in zeitlosen Versalien gesetzten fetten Type, die unter dem sprechend verführerischen Titel einen vertraut unbekannten Autor nennt, dass man sich über die eigene Ignoranz nicht hinwegtäuschen kann und sich vornimmt, der legendär anmutenden Bostoner Satyr Press nachzuspüren. Die Recherche ergibt, dass Arthur Wests Drag-nets kaum als erfolgreicher Titel des Bücherjahres 1916 gelten kann und Satyr Press der nach ausschweifender Avantgarde klingende Name eines Verlags ist, dessen Geschichte wohl für immer ungeschrieben bleiben wird.
Das in The Rosenbach of the Free Library of Philadelphia im Herbst 1986 katalogisierte Muster wurde mutmaßlich bei den Antiquaren Hamill & Barker, Chicago erworben, ein Zugangsdatum ist nicht bekannt. Der Schutzumschlag ist ungefalzt, also ungebraucht, und ermangelt eines zugehörigen Leinen- oder Lederbandes im Bibliotheksbestand – und nicht nur dort. Halbware nicht nachgedruckter oder nie aufgebundener Exemplare also? Letzteres ist der Fall, handelt es sich doch in Wirklichkeit um ein eigens für den US-Import und zur Tarnung vor den Zollbehörden gefertigtes Blendwerk u.a. für ein anderes, zwischen 1921 und 1934 der Zensur unterworfenes Werk von umso gesicherterer Prominenz und Qualität: Ulysses von James Joyce. Und Arthur Wests Drag-nets? Spezimen einer vergangenen Kraft von Literatur und Vorzeichen für das Fehlens gedruckter Bücher, an deren Zukünfte man dereinst wird erinnern müssen.
Der nichtexistente Giotto
Ein Bild mag die Zukunft weniger im Sinne einer Bezugnahme auf ein zukünftiges Ereignis ankündigen, als vielmehr durch eine falsche Datierung, indem es etwa jünger erscheint, als es eigentlich ist. Ich würde vermuten, dass durchaus der ein oder andere in diesem Bild einen unbekannten Bacon von ca. 1957 sehen würde. Einige würden den nichtexistenten Bacon im Daumier bewundern; und sich selbst für ihre außergewöhnlichen Lage beglückwünschen, den Bacon im Daumier zu erkennen. Solcherart ist die Position, in einem vergangenen Ereignis die Zukunft zu sehen.
Genauso wie man den Bacon im Daumier sieht, würde man nun den Don Quijote lesenden Don Quijote in Daumiers »Don Quijote lesend« sehen. Die Vorstellung eines Don Quijote, der etwas anderes läse, würde heutzutage fast wie ein Irrtum erscheinen. Bacons Gemälde sind wesentlich zeitgenössisch, weil sie stets aussehen wie ein Don Quijote lesender Don Quijote. Unseren Vorfahren die Fähigkeit zur übernatürlichen Vorhersehung beizumessen, ist wahrlich eine Art von Selbstlobhudelei, sind wir es doch, die den Nachweis erbringen.
Ich sage: Hören wir doch auf mit derartigen Gesellschaftsspielchen und betrachten wir den Daumier. Vergessen wir, was der alte Herr liest; er las überhaupt nichts; und überhaupt war er nie ein alter Herr. Das Wichtigste ist: Schauen Sie weg vom Buch. Achten Sie vielmehr auf das blaue Fenster in der oberen linken Ecke. Ohne große Anstrengung dürften Sie dort den nichtexistenten Giotto zu sehen bekommen.
Honoré Daumier, Don Quixote lisant (circa 1867)
Oil on wood panel / Öl auf Holz, 33.6 x 26.0 cm — National Gallery of Victoria, Melbourne
Obwohl die Zeitgenossen François Gérards Belisar romantische Qualitäten attestierten, gefiel er dem Erzromantiker Delacroix nicht: »Das Geschick eines großen Kriegers, der zum Bettler wurde, den der Tyrann, dem er alle seine Dienste weihte, des Augenlichts beraubte und der als Stütze nur ein schwaches Kind besitzt, gibt ein genügend poetisches und anziehendes Bild. Es konnte durch ein so kleinliches Detail wie diese Schlange nur verlieren. Auch der Führer, der von dem, den er führen sollte, getragen wird, mißfällt mir.« Gérard hatte in der Tat mit Bélisaire portant son guide piqué par un serpent im Salon von 1795 für Furore gesorgt, weil er die von seinem Lehrer Jacques-Louis David etablierte Ikonographie revolutionierte: Gérards trotz seines Handicaps tatkräftiger Belisar stimmt keine wehmütige Klage über den Undank der Großen dieser Welt an. Der Blinde trägt vielmehr den zwischen Tod und Leben schwebenden Epheben in eine bessere Zukunft. Gérards Belisar ist als monumentales Emblem für die émigrés gelesen worden, die nach der Exekution des Terreur-Regimes in ihr Vaterland zurückkehrten. Doch der Hoffnungsmoment liegt nicht in der Heimkehr: Belisar als Nothelfer Christophorus kehrt dem vom Sonnenuntergang trikolorisch eingefärbten Himmel über Frankreich, das einen Flächenbrand des Terrors hinter sich hat, und damit der revolutionären Vergangenheit den Rücken zu. Er wird zu einem neuen Laokoon, der hier seinen Sohn in eine ihm noch nicht einsehbare Zukunft zu retten versucht, die in der Zeit und im Raum des Betrachters liegt.
Baron François-Pascal-Simon Gérard, Bélisaire (1797)
Oil on canvas / Öl auf Leinwand, 91.8 × 72.5 cm — J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Die erste Fassung des Belisar mit lebensgroßen Figuren aus dem Salon von 1795 ist verschollen. Hier zeigen wir die verkleinerte Version von 1797 aus dem J. Paul Getty Museum, die Jean François Léonor Mérimée oder auch Gérard selbst zugeschrieben wird.