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Am Montag twitterte die kolumbianische Vizepräsidentin Marta Lucía Ramírez, sie habe gemeinsam mit Präsident Duque und dem in Kolumbien akkreditierten diplomatischen Korps den Film «Encanto» gesehen. Der Film stünde für das Beste, was das Land zu bieten habe, die Biodiversität, die Menschen, die Gastronomie und der Wert des familiären Zusammenhalts.
Schon Ende November feierte der Zeichentrickfilm «Encanto», der 60. aus dem Hause Disney, seine Kino-Premiere. Es mag absurd klingen, dass die Regierungsspitze einen nordamerikanischen Zeichentrickfilm schaut und bejubelt. Aber für einmal ist man sich im Land zur Abwechslung über etwas grossmehrheitlich einig: «Encanto» begeistert. Endlich ein ausländischer Film über Kolumbien, der nicht von Drogenbaronen handelt.
Kurz zusammengefasst, ohne allzu viel zu verraten: «Encanto», auf Spanisch «Zauber» oder «Verzauberung», spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Name bezeichnet ein verstecktes Dorf in den Anden, wo eine Gemeinschaft wohnt, die vor fünfzig Jahre vertrieben worden war. Pedro Madrigal, dessen Frau eben erst Drillinge bekommen hatte, stellte sich damals den Verbrechern entgegen und starb. Sein Opfer produzierte ein Wunder, das seither seiner Familie magische Kräfte verleiht und die Dorfgemeinschaft schützt – bis das Wunder schwächer wird. Nur Mirabel Madrigal, die selber keine Gabe hat, kann das Wunder retten.
So weit, so fiktiv. Aber die «Encanto»-Macher haben sich mit aufwändigen Recherchen, Beratung und mit Einbezug kolumbianischer Künstlerinnen und Künstlern ins Zeug gelegt, um so viel echtes Kolumbien wie möglich in den Film zu packen. Zum Beispiel, was die Szenerie betrifft: «Encanto» liegt in der Kaffeezone und ist inspiriert vom Valle de Cocora und so unterschiedlichen Dörfern und Städten wie Salento, Barichara und Cartagena an der Karibikküste. Darüber hinaus erscheinen auch andere, real existierende Orte, zum Beispiel der Fluss der sieben Farben, Cañon Cristales, an dem Pedro stirbt.
Hautfarben, Frisuren- und Kleidungsstile, Ausdrücke und Traditionen der Menschen, die im Encanto leben, repräsentieren alle Regionen Kolumbiens. Das Gleiche gilt für das Essen, Tiere und Pflanzen. Als klassisches Disney-Musical spielt auch die Musik eine tragende Rolle, komponiert von Lin-Manuel Miranda, der schon mit der Musik von Disney’s «Moana» Erfolge feierte. Unter anderem singt der kolumbianische Superstar Carlos Vives “Colombia mi Encanto” und der junge kolumbianische Sänger Sebastián Yatra die Ballade “Dos Oruguitas” in der Schlüsselszene am Fluss. Auf die vordersten Plätze in den Charts hat es jedoch “We don’t talk about Bruno” geschafft, ein Lied über den verschwundenen Onkel und seine ungeliebten Prophezeiungen, das von verschiedenen Familien- und Dorfmitgliedern gesungen wird.
«Encanto» hat nicht nur in Kolumbien einen Nerv getroffen. Aus den USA kommen Berichte, dass die Figuren in der Psychotherapie vor allem Latinos und Latinas ermöglichen, über die Rollen in ihren Familien zu sprechen: Grossmutter Alma, die durch die traumatische Erfahrung der Vertreibung alles daran setzt, an einem sicheren Ort eine heile Welt zu bewahren. Töchter, Schwiegersöhne und Enkel, die wie die schöne Isabela und die starke Luisa perfekt sein müssen und alles für die Familie und die Gemeinschaft tun. Onkel Bruno, das schwarze Schaf der Familie. Und Mirabel, die unter ihrer Aussenseiterrolle leidet und dabei immer mehr hinter die Fassade ihrer Familie sieht.
Der Film ist für drei Oscars nominiert. Wer Zeichentrickfilme mag, wird «Encanto» – am besten im englischen Original – mit oder ohne Oscars lieben.
Für eingefleischte Fans:
Making of, Teil 1 – Hintergrund allgemein
Making of Teil 2 – Musik von Lin-Manuel Miranda
Making of Teil 3 – Stimmen
Making of Teil 4 –Tanz, Animation
Making of Teil 5 – Restliche Filmmusik von Germaine Franco