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Freundschaft ist etwas Kostbares. Das weiss schon die Bibel. Besonders das Lukasevangelium bringt immer wieder das Thema der Freundschaft ins Spiel. Sogar, wo es um das Reich Gottes geht, ist von Freund*innen die Rede.
Was tut der Hirte, der eines von seinen hundert Schafen verloren und es nach ausgiebiger Suche wiedergefunden hat? Er ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen, damit diese sich gemeinsam mit ihm über das wiedergefundene Schaf freuen (Lukasevangelium 15,3-7). Und was tut die Frau, die eine von ihren zehn Drachmen verloren und nach intensiver Suche wiedergefunden hat? Sie ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen, damit diese sich mit ihr über die wiedergefundene Drachme freuen (Lukasevangelium 15,8-10). Wo es etwas zu feiern gibt, dort braucht es Freund*innen. In beiden Geschichten wird die gemeinsame Freude der Freund*innen mit der Freude im Himmel verglichen: Es herrsche im Himmel mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte.
Von der Freude von Freund*innen und der Freude Gottes
«Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.» (Lukasevangelium 15,2)
Jesus wirbt – so erzählt Lukas – mit diesen Geschichten für seine Praxis, sich denen zuzuwenden, die nach herkömmlichem Verständnis solcher Zuwendung überhaupt nicht würdig sind: Die Zöllner sind diejenigen, die die Steuern eintreiben und davon leben, dass sie den Leuten mehr aus der Tasche ziehen, als sie den Römern abgeben müssen. Sie arbeiten mit der römischen Besatzungsmacht zusammen und sind bei den Leuten entsprechend verhasst. Als Sünder*innen können verschiedene Menschen bezeichnet werden, die etwas tun oder getan haben, was nicht der Torah entspricht oder die Berufe ausüben, die sie in Widerspruch mit der Torah geraten lassen. Wenn Jesus diese Geschichten erzählt, dann vergleicht er das, was passiert, wenn Zöllner und Sünderinnen zu ihm kommen und ihm zuhören, mit dem Wiederfinden von Verlorenen – und er verweist auf die grosse Freude Gottes beziehungsweise des Himmels und der Engel, wenn dies geschieht. Wie nebenbei kommen solidarische Gemeinschaften von Freund*innen in den Blick, die am Geschick ihres Freundes beziehungsweise ihrer Freundin Anteil nehmen und deren Freude teilen. Gemäss dem Lukasevangelium scheut sich Jesus nicht, von der Freude der Freund*innen auf die göttliche Freude über das Wiederfinden der Verlorenen zu schliessen! Dadurch erfahren diese freundschaftlichen Gemeinschaften eine bemerkenswerte Würdigung. Vielleicht lässt sich sogar sagen: Solche funktionierenden Freundschaften sind ein Stück Himmel auf Erden.
Freundschaftsethik
Aber natürlich ist auch das Gegenbild nicht weit. Einer, der sich nicht auf diese Freude über einen Wiedergefundenen einlassen kann, ist der ältere der beiden Brüder in der anschliessenden Parabel vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater (Lk 15,11-32). Er hätte gerne mit seinen Freunden ein Fest gefeiert, hat dies aber offenbar nie getan, obwohl alles, was seinem Vater gehört, auch ihm gehört hätte (Lk 15,29.31). Damit kommt – wiederum wie nebenbei – ein Motiv der antiken Freundschaftsethik ins Spiel, wonach Freundschaft Gemeinschaft bedeutet, die so weit geht, dass Freund*innen alles gemeinsam ist (siehe unten). Die Haltung des Vaters gegenüber dem Sohn ist von solcher Freundschaft geprägt – die des Sohnes gegenüber dem Vater offenbar nicht. Ob der Sohn sich am Ende auf das Fest des Vaters einlassen kann, bleibt in der Geschichte offen. Wer die Geschichte hört, ist herausgefordert, sich zu dieser offenen Frage zu verhalten. Mit diesem Sohn sind wohl diejenigen im Blick, die Mühe haben mit der Barmherzigkeit Gottes, die Jesus mit seiner Zuwendung zu denen, die eigentlich jegliches Recht auf Zuwendung verspielt haben, erfahrbar macht.
Der Freund von Sündern und Zöllnern
Aber genau so ist Jesus gemäss dem Lukasevangelium: «Ein Freund der Zöllner und Sünder» (Lk 7,34). Lukas zeigt noch deutlicher als die anderen Evangelisten, wie Jesus auf Schritt und Tritt diese Freundschaft realisiert: Indem er sich – gleich im Anschluss an das Wort vom Freund der Zöllner und Sünder – von einer Sünderin die Füsse salben lässt und ihr die Sünden vergibt (Lk 7,36-50), indem er (auch) mit diesen Zöllner*innen und Sünder*innen Feste feiert (Lk 5,29), was ihm zusätzlich auch die Beschimpfung als Fresser und Weinsäufer einträgt (Lk 7,34), indem er sich von einem Zöllner wie Levi einladen lässt und dies damit rechtfertigt, dass nicht die Gesunden den Arzt brauchen, sondern die Kranken, und dass er gekommen sei, die Sünder*innen zur Umkehr zu rufen und nicht die Gerechten (Lk 5,31f), oder indem er einem wie Zachäus, der sogar ein besonders reicher Oberzöllner ist, das Heil zuspricht. Warum er so handelt, begründet er am Ende der Zachäusgeschichte so:
«Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.» (Lukasevangelium 19,10)
Gottes Barmherzigkeit erfahrbar zu machen und Sünden zu vergeben, ist Teil der Reich-Gottes-Praxis Jesu. Die beiden genannten Bösewichte lassen sich ansprechen und kehren um. Der Zöllner Levi lässt alles stehen und liegen und tritt in die Nachfolge Jesu ein. Er veranstaltet ein grosses Festmahl für Jesus und lädt viele – auch Zöllner – dazu ein. Auch Zachäus ändert sein Leben: Er kündigt an, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und denen, von denen er zu viel verlangt habe, das Vierfache zurückzubezahlen. Durch Jesu Freundschaft erfahren sie Gottes Barmherzigkeit konkret. Das bringt sie dazu, zu verwirklichen, was im Sinne Jesu (und Gottes) ist und ihr Vermögen so einzusetzen, dass es dem Leben von vielen dient. Das ist noch nicht das Reich Gottes. Aber wenn Menschen so handeln, führt dies dazu, dass Arme, Benachteiligte und Übervorteilte aufatmen und sich freuen können, weil sich ihre Lage ändert, so wie es die Seligpreisungen zusagen:
«Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.» (Lukasevangelium 6,20)
Das Ideal der Jerusalemer Urgemeinde
In vorbildhafter Weise verwirklicht gemäss Lukas die Jerusalemer Urgemeinde einen solchen solidarischen Lebensstil. Wahrscheinlich liess sich Lukas bei der Beschreibung dieser Urgemeinde von Motiven des antiken Freundschaftsdiskurses inspirieren. So sind nach Aristoteles Freunde eines Sinnes, sie teilen miteinander und sind untereinander gleich. Wahre Freundschaft strebe weder Nutzen an noch sei sie auf Lust gegründet. Vielmehr werde sie um des Guten willen gepflegt. Im Extremfall beinhalte sie die Bereitschaft, sein eigenes Leben für den Freund einzusetzen.
Wenn Lukas in der Apostelgeschichte2 also schreibt, die Jerusalemer Urgemeinde sei «ein Herz und eine Seele» (Apg 4,32) gewesen, hätte an der Gemeinschaft festgehalten (Apg 2,42) und alles gemeinsam gehabt (Apg 2,44; 4,32), konnten Leser*innen und Hörer*innen darin zentrale Motive zeitgenössischer Freundschaftsethik wiedererkennen.
Damit erscheinen die christusgläubigen Gemeinden als eine Gemeinschaft von Freund*innen, das heisst: von «gleichen», einander ebenbürtigen Seelenverwandten, die vollkommene Gemeinschaft auf Augenhöhe pflegen, konkretisiert in der Gütergemeinschaft, und einander, wenn es darauf ankommt, unterstützen. Das klingt verheissungsvoll und birgt gerade mit Blick auf die gegenwärtigen Diskussionen darüber, was Kirche sein soll und wie sie gestaltet sein soll, einiges an herausforderndem Potential.
Zugleich wirft dieses Bild Fragen auf: Was ist mit den Nicht-Gleichen, den Nicht-Ebenbürtigen, den Nicht-Männern und denen, die nichts zur Gütergemeinschaft beitragen können? Dazu bietet das lukanische Doppelwerk (Lukasevangelium und Apostelgeschichte) einige Perspektiven, die das Bild entscheidend erweitern: Zunächst stellt es klar, dass die gesellschaftlich akzeptierte Regel der Gegenseitigkeit – wie sie gerade für Freundschaften galt – in der Jesus-Gemeinde nicht das letzte Wort haben darf; denn nach Lk 6,30-35 soll gerade denen geliehen werden, von denen nichts zurückzuerwarten ist, und es soll denen Gutes erwiesen werden, die dies nicht erwidern können. Auch nach den Gastmahlregeln (Lk 14) sollen nicht diejenigen eingeladen werden, die gesellschaftlich auf der gleichen Stufe stehen und von denen man Vergleichbares zurückempfangen kann – explizit werden dabei auch die Freunde genannt –, sondern diejenigen, die nicht mit einer Gegeneinladung antworten können.
«Freundschaft darf, so Lukas, christlich gesehen und an jesuanischem Vorbild orientiert, keinesfalls dazu führen, daß sich ein elitärer Zirkel von Gleichgesinnten etabliert und andere Menschen, vor allem hilfsbedürftige Menschen ausgeschlossen bleiben.»3
Ein weiteres Korrektiv zu einem exklusiven Verständnis des Freundschaftsideals bietet die Antwort auf die Frage, wer denn in lukanischer Perspektive die Freundschafts-basierte Gütergemeinschaft verwirklicht. Zugegeben, nach der Apostelgeschichte sind es «alle» und besonders Josef, genannt Barnabas (Apg 4,36f). Im Erzählverlauf des Lukasevangeliums aber sind es die Frauen, die Jesus nachfolgen und die Gruppe «unterstützten mit dem, was sie besassen» (Lk 8,3). Was ist dies anderes als realisierte Gütergemeinschaft? Und auch nach der Apostelgeschichte sind es Frauen wie Maria in Jerusalem (Apg 12,12) und Lydia in Philippi (Apg 16), die ihre Häuser den neuen Gemeinschaften zur Verfügung stellen.
Was Freundschaft vermag
Bei allem weiss Lukas auch, wie zerbrechlich Freundschaften sind. Freund*innen können zu Feinden werden, wenn sie in Verfolgungssituationen zu Denunziant*innen und Verräter*innen werden (Lk 21,16), so wie es sogar Jesus mit Judas erfahren musste, der ihn mit dem Freundschaftszeichen par excellence, einem Kuss, verriet (Lk 22,47f). Aber einige Texte zeigen: Wo Freundschaft in ihrem besten Sinne verwirklicht wird – und das heisst nach Lukas auch, dass exklusive Zirkel gesprengt und Nicht-Gleiche einbezogen werden –, dort scheint etwas auf von dem, was wir mit Lukas Reich Gottes nennen.
- Abgekürzt mit «Lk». Zum Lukasevangelium vergleiche: Sabine Bieberstein: Das Lukasevangelium, auf: http://glaubenssache-online.ch/2020/01/09/das-lukasevangelium (09.01.2020).
- Abgekürzt mit «Apg».
- Hans-Josef Klauck: Kirche als Freundesgemeinschaft? Auf Spurensuche im Neuen Testament, in: Münchener Theologische Zeitschrift 42 (1991), S. 1-14, hier S. 7.