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Im Herbst 1927 begann Hilde, so hiess meine Grossmutter, ein Medizinstudium in Bonn. Sie lernte jeden Tag Latein, hatte ein eigenes Zimmer gemietet und fühlte sich zum ersten Mal erwachsen. Sie war 20 Jahre alt und stellte sich vor, wie sie dereinst als Ärztin arbeiten würde. Sie war voller Tatendrang und wollte in der wirtschaftspolitisch schwierigen Zeit der Weimarer Republik endlich etwas bewirken. Gerade hatte sie im Dortmunder «Goethe-Gymnasium» ihr Abitur mit guten Noten bestanden.
Schon als Jugendliche interessierte sich Hilde für Politik und kritisierte die Bedingungen scharf, welche Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg aufgezwungen worden waren. Als junge Frau wollte sie aber auch einen Mann zum Heiraten finden, am liebsten einen Verbindungsstudenten. Das schrieb sie in einem Brief nach Hause, ausserdem davon, wie sie bei jedem Wetter mit ihrem Rad durch die Stadt sause.
Ich bedaure es, meine deutsche Grossmutter nie kennengelernt zu haben. Sie starb im Dezember 1945 in St. Blasien im Schwarzwald, nahe der Schweizer Grenze. An ihrem Totenbett lag Monate nach Kriegsende statt der Bibel Hitlers «Mein Kampf».
Fast 20 Jahre später, 1962, sind meine Eltern aus Deutschland in die Schweiz eingewandert, den Täterhintergrund nur halbwegs hinter sich lassend. Erzählt wurde von Hilde wenig. Hinterlassen hat sie mir dennoch die diffuse Scham, Deutsche zu sein. Dass aus Schweizer Perspektive alle Deutsche Nazis waren, bekam ich in den 1970er-Jahren schon als Kindergärtnerin zu spüren. Ich wurde dieses Schamgefühl nicht mehr los, bis ich Hildes Geschichte recherchierte und aufschrieb.
Hilde brach ihr Studium nach kurzer Zeit enttäuscht wieder ab. Sie würde ohnehin nie eine Anstellung als Ärztin bekommen, wenn sie erst Mutter wäre. Und Kinder, das wollte sie unbedingt. Andreas, der Jurastudent, passte immerhin. Er war zwei Jahre älter als sie, Mitglied der «Alemania» und dachte politisch ähnlich. Viele Male schon hatten sie miteinander getanzt. Hilde hatte ihn ihren Eltern vorgestellt und im Juli 1931 fand die Hochzeit statt.
Andreas arbeitete zunächst noch an seinem Examen, Hilde langweilte sich in den ersten Ehejahren furchtbar. Das ersehnte Kind liess auf sich warten und wirtschaftlich sah es düster aus. Ob Andreas bald etwas zu verdienen bekäme, war unklar. An ihre Schwester schrieb Hilde am 28. Oktober 1931 hoffnungsvoll, dass doch bald «all die Not und all das Elend in unserem lieben deutschen Land geringer und leichter werden» möge.
Hilde setzte auf die NSDAP und glaubte im Vorfeld der Reichspräsidentenwahl von 1932 fest daran, «dass die Entscheidung nun endlich einmal fällt, so dass mit neuen Kräften begonnen werden kann». Noch brauchte sie aber Geduld, bis Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in ihren Augen «endlich» Reichskanzler war.
In den Jahren danach gab sich Hilde voll und ganz her für die Partei und «ihren Führer». Sie trat in die Nationalsozialistische Frauenschaft (NSF), die Frauen-Elite-Organisation der NSDAP ein. Als Frau «deutsch-arischer Abstammung» war sie zugelassen und unterzeichnete, dass sie «frei» sei «von jüdischem oder farbigem Rasseneinschlag». Hilde stieg zur Blockwartin auf und war als solche zuständig für Hausbesuche bei rund 50 Familien. Sie verteilte Schulungsmaterial über Säuglingspflege, Erziehung und Haushaltführung, kassierte die Beiträge für das Winterhilfswerk und überwachte die konforme Beflaggung der Häuser. Sie war ausserdem Ansprechpartnerin für Denunziationen.
Hilde trat später mit der Nummer 4'682'737 auch noch der NSDAP bei und absolvierte 1938 in einer der nationalen Gauschulen eine Führerinnenausbildung. 1941 gelang ihr der grosse Karrieresprung: Nach der Besatzung Polens im September 1939 war die ehemals preussische Provinz Posen sofort zum Reichsgebiet erklärt worden. In Posen, der Hauptstadt des so genannten Warthegaues, einer Musterprovinz der Nazis, wurde Hilde Kreisfrauenschaftsleiterin.
Als solche übernahm sie in der Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik eine Schlüsselrolle. Sie war Vorgesetzte der «Ansiedlungsbetreuerinnen», welche die ehemaligen Häuser von Juden und «polnischen Slaven säuberten», damit sich deutsche Familien, die den Rassekriterien entsprachen, ansiedeln konnten. Zu Hildes Aufgaben gehörte es, das «richtige» nationalsozialistische Leben mit inzwischen sechs Kindern aktiv vorzuleben. Sie war stolz darauf, Führerin, Parteigenossin und Mutter zu sein. Das machte ihr so leicht keine nach.
Zeitlich parallel mit der Wende, die sich auf den Schlachtfeldern für Deutschland abzeichnete, drehte sich aber auch das Blatt für Hilde. Sie erkrankte an Lungentuberkulose und sollte nicht mehr gesund werden. Viele Monate verbrachte sie im Harz oder im Schwarzwald zur Liegekur. Die Kinder blieben in der Obhut von Verwandten und Kindermädchen. Im Februar 1945 floh die ganze Familie aus Posen in den Schwarzwald. Dort war ich oft als Kind zu Familienausflügen. Dann erzählte mein Vater, wie er als Neunjähriger durch die Wälder gestreift war. Und wir besuchten das Grab seiner Mutter, meiner Grossmutter.
Hilde hat viele Menschen, darunter Mitbürgerinnen und Mitbürger, geschnitten, missachtet, ausgeschlossen, vertrieben, vermutlich denunziert. Zeitlebens hat sie nicht erkannt, wie sehr sie Unrecht tat. Ist es zulässig, Mitgefühl zu haben mit ihr, der bekennenden Nationalsozialistin? Sie hat bisweilen gelitten als moderne Frau, Mutter und Ehepartnerin. Das wird aus ihren Briefen deutlich.
Politisch und ideologisch hat sie sich fürchterlich geirrt, das wird im Nachhinein zweifellos klar. Sie hatte eine ausgeprägte Energie. Vielleicht war sie auch liebevoll. Ihre Briefe zeugen von Klarheit im Denken und einer differenzierten Sprache. Ich, ihre Enkelin, fühle mich Hilde in Vielem verwandt. Und ich kann nicht sicher sein, dass ich es an ihrer Stelle besser vermocht hätte. Das irritiert.