Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/4021

Zum Verhältnis von Denken und Sprache
Nach M.-P. wird der Besitz von Sprache gemeinhin als „ das blosse tatsächliche Vorhandensein von ‚Wortbildern’ verstanden, und diese als von ausgesprochenen und gehörten Worten in uns hinterlassene Spur.“ (S.208) Die Sprache wird zur Summe seiner bedeutungsvollen Teile. Dabei ist der äusserliche Sinn der Worte entweder mit Reizen (Neurowissenschaften) oder mit Bewusstseinszuständen (Intellektualismus) strikte assoziiert (S. 208). In beiden Konzepten hat das Wort keinen ihm eigenen Sinn. Im Empirismus ist das Wort Symptom einer Konfiguration elektrischer und biochemischer Signale im Sinne der Neuromechanik. Im Intellektualismus ist das Wort nur eine Folgeerscheinung oder Hülle des kategorisierenden, des begrifflichen Denkens. (S. 210) Im ersten Fall ist das Wort primär Anzeichen von unbewussten neuronalen Prozessen und, wenn überhaupt, erst sekundär ein Mittel der Kognition zur intentionalen Benennung. Im zweiten Fall ist Sprache nur ein Instrument des Denkens, welches dem Sprachgebrauch vor geht. (S. 208)
Mit beiden Konzepten wäre gemäss M.-P. nicht erklärbar, wieso das Denken im Ausdruck seine Vollendung sucht, weshalb uns ein Gegenstand erst vertraut wird, wenn wir ihn benennen können, warum das Denken seine Gedanken nicht kennt, solange es diese nicht sprachlich formuliert hat. M.-P. stellt deshalb folgende These auf: „Die Sprache setzt nicht das Denken voraus, sondern vollbringt es.“ (S. 210) „Das Wort selbst ist [dabei] Träger des Sinnes.“ (S.211) Die Tatsache, dass wir etwas von anderen verstehen können, was über das von uns Gedachte hinausgeht, bedingt einen sprachlichen Sinn. „Es gibt […] so etwas wie die Übernahme der Gedanken eines Anderen im Durchgange durch das Wort, eine Reflexion im Anderen, ein Vermögen, dem Anderen nach-zu-denken, durch das unsere eigenen Gedanken sich bereichern. Und so muss denn hier der Sinn der Worte letzten Endes durch die Worte selbst hervorgebracht sein, oder vielmehr genauer, deren begriffliche Bedeutung sich bilden auf Grund und aus ihrer gestischen Bedeutung, die ihrerseits der Sprache selbst immanent ist.“ (S.212)
Es gibt nur ein Denken in der Sprache. Sprache und Denken sind nicht als zwei Entitäten differenzierbar, wo eines das andere verursacht. Das Sprechen ist vielmehr das Denken. „Kategoriales Verhalten und Haben der Sprache in ihrer signifikativen Bedeutung ist der Ausdruck ein und desselben Grundverhaltens.“ (S.227) „Wo der Mensch sich der Sprache bedient, um in ein lebendiges Verhältnis zu sich selbst und seinen Mitmenschen zu treten, ist die Sprache nicht mehr nur Instrument, nicht mehr nur Mittel, sondern Bekundung und Offenbarung seines innersten Seins und des seelischen Bandes, das mit der Welt und unseren Mitmenschen uns verbindet.“ (S. 232)
Das sprachliche Zeichen
Wörter sind demnach weder nur sprachliche Symptome neuronaler Prozesse noch sind sie Symbole als blosses Mittel zur Fixierung des Denkens, sondern WAHR-ZEICHEN des Denkens selbst, welches in der Sprache nach Ausdruck sucht. (S.216) Das Wort hat nach M.-P. einer jeder begrifflichen Bedeutung zugrundeliegende existentielle Bedeutungsschicht als Geste, als Stil, als affektiven Wert. Prosodie, Rhythmus und Intention schaffen ein neues Erfahrungsfeld. Dieser ästhetische Ausdruck der Sprache wird für uns als Leib zum An-sich-sein und Für-sich-sein des Ausdrucks zugleich. (S. 216) Das Wort ist damit zuallererst Gebärde, trägt den Sinn wie eine Geste bereits in sich. (S. 217) Wie jede Gebärde bringt die sprachliche Geste ihren Sinn also selbst hervor. (S.220)
Das sprachliche Zeichen ist „die STELLUNG-NAHME des Subjekts in der Welt seiner Bedeutungen“. (S. 229) „Die phonetische Geste realisiert für das sprechende Subjekt und für seinen Hörer eine gewisse Strukturierung der Erfahrung, eine gewisse Modulation der Existenz, so wie ein Verhalten meines Leibes für mich und für Andere die mich umgebenden Dinge mit einer bestimmten Bedeutung belehnt.“ (S. 229) In einem Akt der Transzendenz erschliesst sich ein Phon einem übertragenen Sinn und be-zeichnet bzw. be-deutet die Umwelt. Dabei überschreitet und überhöht der Sprecher stets sein natürliches Vermögen. „Dieses offen-endlose Vermögen des Bedeutens – ein Vermögen in eins, einen Sinn zu erfassen und zu kommunizieren -, kraft dessen der Mensch durch den Leib und die Sprache sich selbst transzendiert zu neuem Verhalten, zu Anderen hin und zum eigenen Denken, muss als ein ursprüngliches Faktum anerkannt werden.“ (S. 230) Sprache ist also durch und durch Motorik und Intelligenz gleichermassen im Inhärenzverhältnis der Sprache zum Leib.
Entstehung und Entwicklung der Sprache
Für M.-P. stellt sich die Frage, wie Worte bedeutend wurden, bevor eine kulturelle Sprachwelt bestand, welche jedem neuen Wort seinen Platz zuweist. Nach Saussure sind sprachliche Zeichen konventionell, aber Konvention als später Modus der Beziehung von Menschen setzen Sprache bereits voraus. Damit wäre die Sprache Bedingung seiner selbst und damit bestünde ein infiniter Regress. (S. 223) Was nach M.-P. ebenfalls ausgeschlossen ist, ist die direkte Herleitung von konventionellen aus natürlichen Zeichen, da es für Menschen keine natürlichen Zeichen gibt. Emotionale Ausdrücke und sprachliche Ausdrücke sind gleichermassen Weisen des menschlichen Zur-Welt-Seins und beide sind kontingent. (S.223) Eine Unterscheidung zwischen natürlichem Verhalten und geistig-kulturellem Verhalten bzw. Handeln als darübergelegte Schicht macht beim Menschen weder bei Gesten noch bei Worten Sinn. (S.224) Die Entwicklung der Sprache bleibt also undurchsichtiger als gemeinhin angenommen.
M.-P. sieht die Sprachentwicklung eingebettet in ein allgemeines, irrationales und kontingentes Vermögen des Menschen zur Bedeutungsschöpfung und – Kommunikation: Die Verhaltensweisen des Menschen „schaffen Bedeutungen, die seine anatomische Anlage transzendieren, gleichwohl aber dem Verhalten als solchem immanent bleiben – ist doch dieses erlernbar und verstehbar […]. Die Sprache ist nur ein Sonderfall dieses Vermögens. Wahr ist allein – und dies rechtfertigt auch die Ausnahmestellung, die man der Sprache einzuräumen pflegt -, dass die Sprache der einzige Ausdrucksvollzug ist, der Sedimentierung und der Konstitution intersubjektiver Erwerbe fähig ist.“ (S. 224ff) „[D]ie Sprache begründet [dabei] in uns die Idee einer Wahrheit, die einen präsumtiven Grenzbegriff all ihrer Leistung darstellt. Sie vergisst die Kontingenz ihres eigenen Faktums und verlässt sich auf sich selbst, und wir sahen, wie eben da unser Ideal eines sprachlosen Denkens seine Herkunft hat[.]“ (S. 225) Nach M.-P. ist deshalb eine analytische Unterscheidung zwischen sprechender Sprache und gesprochener Sprache zwingend, um an den Ursprung der Sprache zu gelangen. (S. 232)
Kommunikation
Die Kommunikation, das Verstehen von Gesten, gründet sich nach M.-P. „auf die wechselseitige Entsprechung meiner Intentionen und der Gebärden des Anderen, meiner Gebärden und der im Verhalten des Anderen sich bekundenden Intentionen.“ (S. 219) Dabei verstehe ich die Gebärden des Anderen nicht wegen meiner intellektuellen Interpretationen oder einem gemeinsamen Sinn der Erfahrungen beider. Vielmehr entsteht der Sinn der Geste erst durch „die Bewegung, in der ich mich einem Schauspiel hingebe und mich, es gleichsam blindlings anerkennend, ihm einfüge […].“ (S. 220). Durch meinen Leib verstehe ich den Anderen, nicht durch mein Denken.
Ich kommuniziere ursprünglich nicht mit Vorstellungen oder Gedanken eines Anderen, der diese als Sätze codiert an mich übermittelt und die ich in Gedanken decodieren muss. Ich kommuniziere vielmehr mit dem Anderen als sprechendes Subjekt, dessen Bedeutungsintentionen nicht durch Gedanken, sondern durch einen Mangel, der sich auszufüllen suchte, ausgelöst wurden, und die ich intentional erfassen kann. (S. 218) Diesem kontingenten, wirklichen Ausdruck als Geste, welche das ursprüngliche Schweigen bricht, sind wir uns aber nicht bewusst, weil er überlagert wird von den banalen Wörtern der institutionalisierten Sprache. Wir reflektieren die Sprache immer schon in einer bereits ausgesprochenen Welt, in der uns die sekundäre Bedeutung eines Wortes bereits bekannt ist und wir keine Mühe haben, die Bedeutung rein analytisch zu erfassen. Gleichwohl ergibt sich dieser sekundäre Sprachgebrauch nur aufgrund der primären sprachlichen Geste in der Kommunikation mit dem Anderen. (S. 218)
Literatur
Merleau-Ponty, Maurice. (1966). Die Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: Walter de Gruyter & Co.-Verlag