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Seit Anfang 1993 regieren in der Stadt Bern die Rotgrünen. Und seit damals nimmt ihre Mehrheit kontinuierlich zu. Seit diesem Jahr sitzen in der Regierung ein Bürgerlicher und vier Rotgrüne; und im Stadtrat, dem Parlament, haben sie seit den Wahlen vom 27. November 2016 einen Wähleranteil von knapp 62 Prozent.
Als der amtierende sozialdemokratische Stadtpräsident Klaus Baumgartner 2000 gegen den Freisinnigen Kurt Wasserfallen zur Wiederwahl antritt, ist der Fall deshalb klar: Er wird mit 54 Prozent der Stimmen bestätigt und besiegt seinen Konkurrenten in fünf der sechs Stadtkreise. Aber ausgerechnet im Stadtkreis VI Bümpliz-Oberbottigen – ausgerechnet im ehemals roten Bümpliz! – unterliegt er mit 46 zu 51 Prozent.
Die Folgen der Industrialisierung in Bümpliz
Das Bauerndorf Bümpliz im Westen der Stadt Bern gerät in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Sog der Industrialisierung. Die Bahnlinien Bern-Lausanne (1860) und Bern-Neuenburg (1901) werden auch auf Bümplizer Bauernland gebaut. Die Hochkonjunktur zwischen 1890 und 1914 bringt starkes Bevölkerungswachstum, allein zwischen 1888 und 1910 verdoppelt sich die Einwohnerzahl. Auch wer in Bern arbeitet, wohnt wenn möglich im billigeren Bümpliz. Weil man damals aber am Arbeitsort, nicht am Wohnort steuerpflichtig ist, gerät die Gemeinde unter finanziellen Druck. Bald kann sie die Infrastrukturkosten des Wachstums nicht mehr bezahlen.
Im März 1908 schreibt der Redaktor der sozialdemokratischen «Berner Tagwacht» – der Schriftsteller C. A. Loosli, der selber in Bümpliz wohnt –, das Dorf befinde sich «in einer eigentümlichen Lage, einem Übergangsstadium von der ursprünglichen Bauerngemeinde zum Industrieort». Dies sei eine Einwicklung, «welche in absehbarer Zeit die Angliederung dieser Gemeinde, ganz oder teilweise, an die Stadt zur Folge haben wird». Und tatsächlich: Am 1. Januar 1919 wird Bümpliz in die Stadt Bern eingemeindet.
Die Industrialisierung führt auch dazu, dass in Bümpliz die Arbeiterschaft gegenüber den eingesessenen Bauern stärker wird. Ab 1884 gibt es einen Arbeiterverein, der sich ab 1897 Arbeiterbund «Eintracht» Bümpliz nennt. Es gibt einen Grütliverein, es gibt erste Sozialdemokraten und ab 1908 zudem kurzfristig einen Arbeiterverein Stöckacker.
Die politische Mitsprache der Arbeiterschaft wird aber von den Bauern nach Möglichkeit hintertrieben. Am 26. Dezember 1908 – wie gewöhnlich an einem Samstagnachmittag, weil dann in den Fabriken gearbeitet wird – findet eine Gemeindeversammlung statt. Man beginnt um 13 Uhr 30, damit man fertig ist, bevor man in den Stall muss. Diesmal ist aber der Wurm drin: Jedes Traktandum zieht sich in die Länge, weil C. A. Loosli und einige seiner Mitstreiter so viel zu sagen haben. Schon bei Traktandum 1 muss Loosli laut Protokoll «die Ausführungen des Herrn Präsidenten in langer Rede widerlegen» und auch bei Traktandum 4, dem Kauf einer neuen Kirchenglocke, hat er langfädig Wichtigstes beizutragen. Als gegen Abend die ersten Bauern zum Melken nach Hause müssen, ist die Versammlung noch in vollem Gang. Und als schliesslich um 19 Uhr das abschliessende Traktandum «Unvorhergesehenes» angesagt wird, sitzen mehrheitlich Arbeiter im Saal, die aus den Fabriken zurückgekehrt sind. Jetzt erhebt sich der allseits geachtete Verleger Albert Benteli – ein Freund Looslis – und stellt den Antrag, Gemeindeversammlungen seien künftig am Sonntagnachmittag abzuhalten. Der Antrag wird mit 40 zu 22 Stimmen angenommen, und der Loosli-Biograf Erwin Marti resümiert die Episode: «Die Dominanz der altgesinnten Bauernschaft war erstmals angeschlagen.»
Von Jahr zu Jahr wird nun die Arbeiterschaft stärker. 1916 entsteht durch Fusion der «Sozialdemokratischen Mitgliedschaft Bümpliz» und dem «Grütliverein Bümpliz» die Sozialdemokratische Partei Bümpliz. Im gleichen Jahr ergibt die Urnenwahl des Gemeinderats im Dorf erstmals Kräftegleichheit: Neben fünf bürgerlichen werden fünf sozialdemokratische Vertreter gewählt.
Der sozialdemokratische Kosmos
Zu dieser Zeit meint die Mitgliedschaft in der SP mehr als ein politisches Engagement. Sie ist «ein ganzer Lebensentwurf», schreibt der Publizist Peter Anliker. In Bümpliz entsteht damals ein «sozialdemokratischer Kosmos» von linken Organisationen: 1911 der Sängerbund, 1916 der Arbeiter-Radfahrer-Verein und der sozialistische Frauenverein, 1917 der Arbeiterfrauenchor, 1918 der Arbeiter-Turnverein Satus, 1926 der Arbeiter-Turnerinnenverein und das Jodelerdoppelquartett Bärgli, 1929 die Arbeitermusik. Zudem gibt es unterdessen den Sozialistischen Abstinentenbund, dazu Arbeiterfussballer, Naturfreunde, Schützen und Schachspieler, einen Arbeiter-Touringbund und die Jugendorganisation Rote Falken. 1932 rühmt laut einem Protokoll der Präsident des Arbeiter-Sängerbunds die «Mächtigkeit unserer Bewegung auf dem Platze»: «Bümpliz [ist] wahrscheinlich der am besten durchorganisierte Platz des Landes.»