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Warum hatte Marx gegen den Kapitalismus?
Laut Karl Marx ist der Arbeiter mit Lohn oder Gehalt stets der Verlierer im Kapitalismus. Angriffe kommen von allen Seiten und verhindern zuverlässig, dass der Arbeiter mehr als einen bescheidenen Wohlstand erwerben kann. Dieser ist nach Marx gekennzeichnet durch den Besitz von Dingen.
Laut Karl Marx ist der Arbeiter mit Lohn oder Gehalt stets der Verlierer im Kapitalismus. Angriffe kommen von allen Seiten und verhindern zuverlässig, dass der Arbeiter mehr als einen bescheidenen Wohlstand erwerben kann. Dieser ist nach Marx gekennzeichnet durch den Besitz von Dingen. Um Marx und seine Theorie zum Kapitalismus besser zu verstehen, geht der Blick zunächst zurück.
Die Geschichte nimmt Anlauf
Den marxschen Theorien zum Kapitalismus gingen in Europa zwei wegweisende Entwicklungen voraus:
Die Aufklärung
Im Zuge der Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert gewann die ungebildete Bevölkerung zum ersten Mal einen Eindruck vom eigenen Wert. Sie stellte diesen dem vermeintlichen Wert des Adels gegenüber. In der Französischen Revolution hielten einige Köpfe dem Vergleich nicht stand. An der wirtschaftlichen Situation der Bevölkerung änderte die Aufklärung wenig, doch es wurde deutlich, dass ein Volk seinen Herrscher nur so lange akzeptiert, wie dieser die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt. Die Anforderungen waren gering und drehten sich oftmals um das blosse Überleben mit Unterkunft bis ins hohe Alter. Neben dem Adel zählte auch die Kirche zu den herrschenden – und besitzenden – Gruppen. Beide sollten fortan an Macht und Einfluss verlieren.
Die Industrialisierung
Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm die Industrialisierung ihren Anfang. Entlang der europäischen Fliessgewässer entstanden riesige Industrieanlagen mit einem Produktionsvolumen in damals ungeahnten Losgrössen. Häufig entstanden industrielle Ansiedlungen inmitten der Städte, an was dem Hunger nach Arbeitskräften entgegenkam. In den ersten Jahren starben Arbeiter in Scharen. Mit der Erfindung der Dampfmaschine beschleunigte sich Industrialisierung noch einmal. Nun wurden Arbeiter knapp. Die Landbevölkerung verliess in Strömen ihre Heimat, um in der Stadt Reichtum zu erwerben. Dort strandeten viele und nicht für jeden wurde der Traum vom auskömmlichen Leben wahr.
Bald entwickelte sich punktuell eine Art sozialer Wohnungsbau mit Wohnungen für ihre Arbeiter. Anderenorts starben die Menschen noch immer. Gewerkschaften bildeten sich und die Rechte der Arbeiter rückten in den Fokus. Eine Strömung, die in der späteren Arbeiterbewegung ihren vorläufigen Höhepunkt fand und die auch auf die eindrücklichen Schilderungen von Friedrich Engels zurückgeht, der die Lebenssituation von Arbeitern in den verrussten Strassen Englands lebhaft und ungeschminkt darstellte. Er berichtete von 18-stündigen Arbeitstagen, Hunger und hoher Kindersterblichkeit.
Marx kannte London und andere Industriestädte ebenfalls und suchte nach den Ursachen dieser Entwicklung, die den Tod Tausender zufolge hatte. In seiner Theorie weist er nach, dass der Kapitalismus den Arbeiter ausbeutet und für ihn Wohlstand unerreichbar bleibt.
Vorbedingungen der Ausbeutung
Das Klassenmodel nach Marx besteht aus zwei sich gegenüberstehenden Gruppen:
- Die Bourgeoisie, die im Besitz der Produktionsmittel und anderer gesellschaftlicher Ressourcen ist.
- Das Proletariat, das besitzlos ist und einzig seine Arbeitskraft gegen Lohn einsetzen kann, um sein Dasein zu fristen.
Erst durch den Einsatz von Arbeitskraft sind Produktionsmittel ertragreich – wenn es gut läuft. Von diesem Ertrag erhält der Arbeiter einen Lohn, den er für den Kauf von Lebensmitteln einsetzt. Daraus leitet Marx ab, dass Lebensmittelpreise und Arbeitslöhne in einer Beziehung zueinanderstehen. Die wiederum hat Einfluss auf die Steuerung des Marktes, der an dieser Stelle zwei Stellschrauben kennt: die Kosten für die Produktionsmittel und den Lohn.
Damit der Kapitalist dem Arbeiter die versprochene Gegenleistung für seine Arbeitskraft aushändigen kann, muss er Kapital einsetzen in Form von Produktionsmitteln oder Geld. Sein Ziel ist es, beim nächsten Tausch für die erzeugten Produkte oder Dienstleistungen ein Ergebnis zu erzielen, das über dem Einsatz liegt. Wie dies gelingt und in welcher Form die Ausbeutung stattfindet, erklärt Marx mit dem Warencharakter von Arbeitskraft und dem daraus resultierenden Mehrwert.
Waren
Im ersten Schritt erkennt Marx, dass der Kapitalismus die Lebenszeit von Personen als Ware betrachtet und einsetzt. Die Individuen zählen wenig, was sie leisten jedoch viel. Durch den Einsatz der Lebenskraft schafft der Arbeiter einen Nutzen für die Produktion, die dem Unternehmer zugutekommt.
Der Nutzen bestimmt den Handelswert einer Ware. Da der Arbeiter anderes nicht anbieten kann, verkauft er seine Arbeitskraft wie Ware an den Unternehmer um dafür andere Waren zu erstehen, nämlich Lebensmittel. Mit den Einkünften der Arbeiter ist Besitz nur schwer zu erwerben. Insbesondere Produktionsmittel bleiben unerschwinglich, was die Bildung von Wohlstand im Proletariat verhindert oder doch drastisch beschränkt.
Mehrwert
Der Mehrwert entsteht beim Verkauf. Im stark vereinfachten Beispiel findet die Ausbeutung auf diese Weise statt:
- Ein Unternehmer (U) setzt 30 Währungseinheiten für Produktionsmittel ein, um eine Stunde lang Produkte herstellen zu lassen.
- Dafür benötigt er zusätzlich die Ware Arbeit vom Arbeiter (A) und tauscht diese gegen 10 Währungseinheiten als Gehalt ein.
- Die so erzeugten Waren tauscht U mit Dritten gegen 50 Währungseinheiten und erzielt einen Mehrwert von 20 Währungseinheiten nach Abzug seines Kapitaleinsatzes. Von denen gibt er A jedoch nur die Hälfte ab, obwohl es allein dessen Arbeitskraft war, die zu dieser Wertschöpfung führte. Er bezahlt weniger als den realen Warenwert der Arbeit, was Marx als Ausbeutung der Lebenszeit von A charakterisiert.
Unbeleuchtet bleibt, welchen Gegenwert U für seinen Einsatz erhält. Dazu zählt zum Beispiel die Risikobereitschaft. Doch der Kapitalismus kann noch mehr.
Das Kapital als Ware
Unternehmen sind bestrebt, immer grösseren Mehrwert abzuschöpfen. Grenzen definiert der Markt selbst beispielsweise, wenn eine Sättigung eintritt. Jetzt stagniert die Mehrwertabschöpfung und das Kapital kann nicht weiter wachsen. Banken entdecken das Kapital als Ware, kaufen es an und verteilen es auf der Basis eigener Entscheidungen. Das verfügbare Kapital kann zum Beispiel aus den Einlagen der Kapitalisten bestehen und die Spareinlagen der Arbeiter nutzen. Da diese selbst nur selten in den Genuss des Kapitals kommen und zu Unternehmern werden, finanziert der Arbeiter kapitalistische Unternehmen, die ihn schon bei seiner Arbeit ausbeuten. Gleichzeitig unterstützt er das Kapital darin, neue Einrichtungen der Arbeiterausbeutung zu errichten, um den Mehrwert weiter zu steigern, von dem allein der Besitzer der Produktionsmittel profitiert.
Am Mehrwert bleibt der Arbeiter meist unbeteiligt, solange er nicht selbst Kapitalist wird. In der Theorie nach Karl Marx ist es jedoch möglich, durch Arbeit zumindest einen kleinen Reichtum zu erwerben.
Abhängigkeiten und Stellschrauben
Wie der Kapitalist sieht sich auch der Proletarier einer grossen Konkurrenz gegenüber. Gleich ihm können andere die Ware Arbeit anbieten. Bei der Rivalität um den Tausch von Arbeit gegen Geld profitiert jedoch nur einer: der Kapitalist. Er kann die Ware Arbeit zum Preis eines günstigen Gehalts einkaufen und steigert dadurch noch einmal seinen Mehrwert. Zusätzlich existieren weitere Eingriffsmöglichkeiten: bei den Kosten für die Produktionsmittel und denen für Lohn.
Dieses Vorgehen stösst bald an seine Grenzen: Gelingt es dem Arbeiter nicht mehr, seine Arbeitskraft zu erhalten, fehlt diese in der Produktionskette. Doch der Erhalt der Existenz allein scheint Marx nicht mehr ausreichend. Er fordert darüber hinaus Zugang zu Bildung, Gesundheit und Familie, doch ihm ist klar, dass die Unternehmen von ihrem Mehrwert nur ungern abgeben. Er begrüsst daher die Bildung der Gewerkschaften, um der Ausbeutung des Proletariats Einhalt zu gebieten.
Das Model der Gewerkschaften ist jedoch angreifbar, da sie selbst zu den Ausbeutern der Arbeiter zählen. Immerhin sind diese gezwungen, sich in die Ausbeutung zu begeben, um die Gewerkschaftsbeiträge zu entrichten, aus denen sich der Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung finanziert. Erschwerend kommt hinzu, dass der Erfolg der Gewerkschaften bestenfalls vorübergehend ist und keine Gleichheit schafft. Eine Lösung scheint für Marx in der Abschaffung des Lohns zu liegen.
Die Situation heute
Marx veröffentlichte „Das Kapital“ als junger Mann. Bis zu seinem Tode war er aufgefordert, ein weiterführendes Werk zu verfassen. Dazu kam es nicht. Er glaubte fest daran, dass der Arbeiter sich aus seiner Knechtschaft erhebt. Manche politischen Systeme nahmen Marx als Rechtfertigung für ihr Handeln und behaupteten den Aufstand des Proletariats. Das Ergebnis ist Teil der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.
Wie schon zu Lebzeiten Karl Marx sind seine Theorien zum Kapitalismus umstritten, aber nicht zwingend falsch. Das gilt vor allem, wenn eine Überprüfung der Ideen am heute gelebten Kapitalismus vorgenommen wird. Es scheint nur noch wenig zu passen. Die Trennung in eine Klassengesellschaft aus Bourgeoisie und Proletariat verschwimmt. Arbeiter verfügen heute durchaus über Zugang zu eigenen Produktionsmitteln und werden Unternehmer. Oder sie erleben den Zugang zur Bildung per Gesetz.
Diese Unschärfen resultieren aus der Betrachtungsweise der Welt mit den Augen des Philosophen Marx und den Veränderungen, welche der Kapitalismus seitdem nahm. Auf Marx geht der Begriff des Materialismus zurück. Der Materialismus ist nichts Stoffliches, sondern dient zunächst als Abgrenzung zu Hegel. Dieser brachte die Idee vom Idealismus in die Welt. Nach Hegel sorgte sich der ideale Staat um seine Bürger und es wurden Theorien entwickelt, wie diese Sorge auszusehen hat. Marx hingegen schaut auf die Welt, wie sie ist, und überlegt, welche Veränderungen zum Wohle aller notwendig sind. Die Theorie vom Kapitalismus nach Karl Marx trifft also auf ihre Zeit zu. Heute wären durchaus andere Schlussfolgerungen zu erwarten.