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Sehr früh schon haben zwei Künstler der Gegend Papier und Schere gewählt, um damit ihr Talent und ihre künstlerischen Empfindungen auszudrücken. Hier erklären wir Ihnen die Einzigartigkeit dieser delikaten Kunst, welche in dieser Gegend der waadtländer Voralpen berühmt wurde.
Mit seinen kleinen, fein geschnittenen Bildern und seinen grossen ein- oder vielfarbigen Kompositionen hat Hans Jakob Hauswirth (1809-1871) uns einen Schatz naiver und ausgewogener Kunstwerke hinterlassen. Die Bilder dieses lange Zeit unbekannt gebliebenen Künstlers zeigen uns seine Zuneigung zur Natur und den Bräuchen seiner Heimat.
Louis Saugy (1871-1953), von heiterer und unbeschwerter Lebensart, lässt seine Einbildungskraft spielen und zeigt uns die während seiner langen Spaziergänge beobachteten Bilder. So sieht man, wie in einem Comic, einen Wilddieb im Anstand oder einen Käsehersteller bei der Arbeit.
Nicht weniger als 60 alte Scherenschnitte grösster Qualität sind in den Räumen des Museums Vieux Pays-d’Enhaut ausgestellt.
Scherenschnitte sind nunmehr eine Tradition im Pays-d’Enhaut. Ungefähr zehn Künstler üben ihre Kunst mit scharfem Messer oder Schere aus.
Im Saanenland geboren, stirbt er in Armut und Elend, in der Nähe von Etivaz, am Anfang der Pissot Schlucht. Man weiss fast nichts von seinem Leben. Man weiss nicht, wo er von seiner Jugend im Simmenthal bis zu seinem Leben als Erwachsener im Pays-d’Enhaut gelebt hat. Es gibt nichts von seiner Hand Geschriebenes. Es gibt nur eine Spur von ihm in den Archiven von Château-d’Oex, wo ihm 1847 eine Aufenthaltsgenehmigung verweigert wurde.
Gemäss verschiedenen Berichten weiss man, dass Hauswirth als Holzfäller und Köhler in der Gegend von Rougemont gearbeitet hat. Er verdingte sich auf verschiedenen Bauernhöfen. Wenn die Gelegenheit es ergab, holte er Papier und Schere hervor und machte während der Abendstunden Scherenschnitte, welche er als Dank für die gebotene Mahlzeit schenkte. Diese Scherenschnitte wurden als Lesezeichen in der Familienbibel oder dem Gesangbuch aufbewahrt, wovon Hauswirth den Beinamen “Grosser der Lesezeichen” bekam. Es wird daraus geschlossen, dass er grösser als viele andere war, deshalb auffiel und sich auch bücken musste, um in die Chalets mit niedrigen Decken einzutreten, was ihm einen anderen Beinamen gab: Trébocons (3 Teile), da er immer nach vorn gebeugt war.
Zuerst schafft er spiegelgleiche schwarz-weisse Scherenschnitte. Dann arbeitet er mit farbigem Papier im gleichen eindrucksvollen dekorativen Stil. Sein Werk erscheint uns als einfache Kunst (Art brut), als Ausdruck einer naiven Persönlichkeit, als Zeugnis eines erfinderischen Geistes und empfindsamen Gefühls.
Während mehr als 40 Jahren absolut unbekannt, wurden die Kunstwerke von J.-J. Hauswirth von Théodore Delachaux wieder entdeckt. Der Künstler und später Direktor des Völkerkunde Museums von Neuchâtel begleitete seinen Bruder, Arzt der Gegend, auf seinen Besuchen und entdeckte dabei diese wunderbaren Scherenschnitte und erkennt ihren künstlerischen Wert. Zahlreiche Feriengäste des schon sehr bekannten Ferienorts Château-d’Oex erwerben diese Scherenschnitte, um sie als einzigartige Erinnerung an die Gegend mit sich nach Hause zu nehmen. Die Verantwortlichen des Museums Vieux Pays-d’Enhaut helfen zu vermeiden, dass dieses ausserordentliche künstlerische Erbgut verloren geht. Das Museum gibt denen, die sich für die Kunst des Scherenschnitts interessieren, die Gelegenheit, mehr als dreissig einzigartige, unerwartet schöne Kunstwerke zu bewundern.
Saugy wurde in Gérignoz bei Château-d’Oex geboren. Sein Vater Jules ist Landwirt, seine Mutter Lehrerin. Als Kind sieht Louis seine Eltern schöpferisch arbeiten: seine Mutter zeichnet, sein Vater macht Scherenschnitte. Diese künstlerische Lehrzeit hat einen ausschlaggebenden Einfluss auf sein zukünftiges Leben als Künstler. Vorerst macht er eine Lehre als Zimmermann in dem Unternehmen seines Onkels Alois. Mit 32 Jahren wird er Postbote in Rougemont.
Er ist lebenslustig und scherzt gerne. Während seiner Runden als Postbote kommt er in die Häuser und kann die an den Wänden hängenden Scherenschnitte von Hauswirth bewundern. Dies beeinflusst seine beliebteste Freizeitbeschäftigung: den Scherenschnitt.
Schon in jungem Alter macht er Scherenschnitte, aber erst mit 40 Jahren ist er seiner selbst sicher genug, um seine Bilder zu verkaufen. Er hat sofort viel Erfolg und kann in Genf ausstellen. Er wird auch ausserhalb des Pays-d’Enhaut berühmt. Man weiss, dass viele berühmte Persönlichkeiten ihn besuchten.
Im Alter von 57 Jahren beendet er seine Tätigkeit als Postbote aus gesundheitlichen Gründen und füllt seine Tage mit zwei sehr verschiedenen Beschäftigungen: die Herstellung und den Verkauf von Enzian Schnaps und den Scherenschnitt.
Einige Künstler geben sich die Mühe, ihre einfarbigen Scherenschnitte aus einem einmal gefalteten Papier auszuschneiden, ohne Klebstoff zu benützen. Andere wieder machen es sich einfach und kleben die ausgeschnittenen Bilderteile zusammen. Die vielfarbigen Scherenschnitte entstehen auf diese Weise und Louis Saugy tat dies auch mit seinen einfarbigen Scherenschnitten.
Oft zeigen seine Bilder eine Almauffahrt und sind mit einem Blumenstrauss oder einem Herz verziert. Manchmal enthalten seine Kunstwerke Anspielungen auf die Personen, die sie in Auftrag gegeben haben. So gibt es einen Scherenschnitt, der zeigt wie ein Jagdaufsehen einen Wilddieb verprügelt, oder ein Auto (1925) oder verschiedene Handwerker bei ihrer Arbeit.
Gemütlich auf dem Sofa sitzend schneidet der Künstler das Bild aus. Vor ihm ein Tisch, auf den er ein kleines grünes Pult gestellt hat. Mit kleinen spitzen Scheren schneidet er die Figuren aus. Wenn er sein Thema gewählt hat, legt er auf das Pult die vorbereiteten Figuren, sie gleichmässig mit einem Zirkel verteilend. Er behandelt sie mit Pinzetten, tut ein wenig Klebstoff darauf und klebt sie mit einer Hutnadel auf. In dem Film „La nature au bout des ciseaux“ (Die Natur auf der Scherenspitze) kann man sehen, wie der Künstler arbeitet. Der Film wurde während der Weihnachtsnacht 1950 gemacht.
Obwohl der benutzte Klebstoff sorgfältig gewählt wurde, verändert sich dieser mit der Zeit und lässt auf den Scherenschnitten bräunliche Flecken, typisch für die Werke von Louis Saugy.
Louis Saugy stirbt Anfang 1953, bald nach dem grossen Brand, welcher das Zentrum des Dorfes Rougemont zerstört. Er hinterlässt ein interessantes Zeugnis der Entwicklung der Gegend, in der er lebte.