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In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg tauchte eine kuriose Attraktion auf den Jahrmärkten auf: der Fotoschuss. Traf ein Schütze in die Mitte der Zielscheibe, löste er eine fotografische Apparatur aus, die ihn in voller Aktion als Schütze festhielt. Wer traf, erhielt anstelle eines Teddybären oder einer Rose aus Textil sein Porträt mit Gewehr beim Schiessen. «Ein Bild schiessen». Wie zutreffend ist in diesem Fall der Ausdruck! Es gibt Fotos von Jean Paul Sartre, die zeigen, wie der französische Philosoph an einem Schiessstand sein Glück als Bildschütze sucht. Aber auch von den Filmregisseuren François Truffaut und Federico Fellini sowie von den Fotografen Henri Cartier-Bresson und Brassai existieren solche Bilder.
Ria van Dijk aus Tilburg in Holland ist die wohl berühmteste Person, die Portraits an einem Fotoschiesstand schoss. Zum ersten Mal 1936 im Alter von 16 Jahren. In den folgenden Jahren hat sie sich fast jedes Jahr an Jahrmärkten fotografiert. Nur in den Jahren des Zweiten Weltkrieges musste sie passen, Schiessbuden waren damals unter der deutschen Besatzung nicht erlaubt. Eine Sammlung von Erik Kessels unter dem Titel „in almost every picture“ zeigt sie beim Schiessen und wie sie älter wird. Noch im Alter von 90 Jahren besuchte sie Jahrmärkte und bewies ihr grosses Können als zielsichere Fotografin mit der ruhigen Hand. Ich habe versucht, an einem Jahrmarktstand in Berlin mit dem Gewehr ein Bild von mir zu schiessen. Ohne Erfolg. Deshalb gibt es auch kein Photoporträt von mir als Scharfschütze. Fotografin Naomi Leshem hat festgehalten, wie ich mich erfolglos als Fotograf versuche. Das Museum für Photographie Braunschweig und die Rencontres d’Arles haben gemeinsam eine Publikation mit dem Titel «Shoot!» herausgegeben, in der wunderbare Bilder von Bilderschützen zu sehen sind.
Eingeworfen am 13.6.2021