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Nil,
einer der längsten
Ströme der Erde, in
Afrika,
[* 3] der heilige
Fluß
Ägyptens, kommt aus dem Victoria-Njansa;
als Quellfluß wird jetzt allgemein der
Kagera oder
Alexandra-Nil (s.d.) betrachtet. Aus dem
Victoria-Njansa fließt nach
Nil der
Kivira oder
Somerset-Nil, der zunächst die Riponfälle bildet und dann die beiden Seen Gita Nsige und Kodscha durchströmt;
bei Mruli, wo der
Strom bei einer durchschnittlichen
Tiefe von 3 bis 5
m eine
Breite
[* 4] von 900 bis 1000 m erlangt
hat, wendet sich derselbe scharf nach
Nil und behält 80 km lang, bis Fauvera, diese
Richtung bei.
Hier wendet er sich nach W. und stürzt in einer mit den Karinafällen beginnenden Reihe von zwölf
Stromschnellen,
deren letzte die 36 m hohen Murchisonfälle sind, die zweite Hochlandstufe zum Albertsee hinab, den er bei Magungo erreicht.
Von S. her führt der Issango oder Semliki dem
Albert-Njansa die
Gewässer des dritten
Nilquellsees, des
Albert-Eduard-Sees,
zu. Am Nordende des Albertsees, unter 2,5° nördl.
Br., fließt der 400–1500 m breite
Strom als
Bahr
el-Djebel aus dem See nach
Nil
In dem ersten
Teile dieser
Strecke bis Dufilé ist er, durch Bergketten eingeengt, schiffbar;
hinter Dufilé beginnt der
Durchbruch durch die Randgebirge der zweiten Hochlandstufe in neun
Stromschnellen, die die Schiffahrt
unmöglich machen; bei
Ladò, der Hauptstadt der ehemaligen
Äquatorialprovinz, tritt der
Strom, nachdem
er von Dufilé 200 m gefallen ist, in das ostsudanische Flachland und verliert seinen Charakter als Bergstrom.
Von Nebenflüssen hat er auf dieser
Strecke den
Assua und eine Reihe von
Bergströmen aufgenommen. In der nur von niedrigen
Erhebungen unterbrochenen Ebene bildet er
Inseln, Nebenarme und
Kanäle; in unzähligen Windungen strömt
er zwischen flachen Ufern träge nordwärts bis 9° 29' nördl.
Br., wo er nach der
Vereinigung mit dem
Bahr el-Ghasal (s.
Gazellenfluß),
der von W. kommt, nach O. umbiegt. Zur Regenzeit verwandelt der mächtig angeschwollene
Strom die Niederung nördlich von
Ghaba-Schambeh in einen bis 100 km breiten See, nach dessen Verschwinden der
Nil, durch Grasbarren,
Setts genannt, gezwungen, oft seinen Lauf verändert; das ganze
Terrain zwischen dem
Nil und seinem Parallelarm, dem Seraf,
bildet die eigentliche Sumpfregion des obern
Nilsystems.
Nach einem 150 km langen, östlich gerichteten Laufe, auf dem er sich wieder mit dem Seraf verbindet,
nimmt der
Strom den ihm fast entgegengerichteten
Sobat
auf, der ihn nach
NO. drängt, und heißt von hier ab
Bahr el-Abiad,
d.
i.
Weißer
Nil (eigentlich klarer
Nil), im Gegensatz zum trüben,
Bahr
el-Asrak oder
Blauen
Nil, mit dem sich jener nach einem 845 km
langen, nordwärts gerichteten Laufe bei
Chartum (in 15° 36' nördl.
Br.) verbindet. Dieser entspringt
als
Abaï in 10° 55' nördl.
Br. in
Abessinien in 2800 m Höhe, ergießt sich in den
Tanasee (1755 m), verläßt ihn, 200 m
breit und 3 m tief, an der Südseite, beschreibt einen Halbkreis um das Gebirgsland
Godscham und fließt
vom 10. Breitengrade nach NW.; auf dieser
Strecke nimmt er links den Djemma und Didessa, rechts den 560 km langen Dinder und
den Rahat auf.
Während der
Weiße
Nil dem
Strom seine
Dauer giebt und verhindert, daß er im Unterlaufe während des
Sommers versiegt, verdankt
Ägypten
[* 5] dem
Blauen
Nil (in Gemeinschaft mit dem
Atbara) jenen fruchtbaren
Nilschlamm, auf dessen Vorhandensein
die
Fruchtbarkeit der
Tiefebene beruht, und das jährlich wiederkehrende
Hochwasser, wodurch das Land immer von neuem befruchtet
wird. Nach der
Vereinigung des
Bahr el-Abiad und des
Bahr
el-Asrak beginnt der Nil den
Durchbruch durch das durchschnittlich 330 m
hohe Sandsteinplateau der libysch-arab. Wüste.
Der sog. sechste Katarakt oberhalb Schendi vermag selbst bei niedrigem Wasserstande der Schiffahrt keine ernstlichen Hindernisse zu bereiten; erst jenseit Ed-Damer (17° 40' nördl. Br.), wo der Nil seinen letzten Nebenfluß, den 1230 km langen Atbara, aufnimmt, beginnt die Reihe der Stromschnellen, die sich bis Assuan hinziehen und die Schiffahrt auf 1800 km seines Laufes unterbrechen: die drei Katarakte zwischen Schendi und El-Kab, gewöhnlich als fünfter Katarakt bezeichnet;
sieben Katarakte, 75 km lang, zwischen der Insel Mograt und dem Berge Barkal, genannt die vierten;
zwischen der Insel Argo und Gerindid die dritten;
neun Katarakte zwischen der Insel Dal und Wadihalfa, die man gewöhnlich als den zweiten und großen Katarakt bezeichnet, und endlich der erste Katarakt zwischen der Insel Philä und Assuan;
die Niveaudifferenz, die der Strom auf dieser ganzen Strecke überwindet, beträgt 250 m;
bei Assuan fließt der Nil in 101 m Meereshöhe, so daß auf die letzten 1125 km von hier bis zur Mündung 101 m Gefälle kommen.
Die Breite wechselt auf dieser Strecke häufig; bei Schendi ist er 165 m, oberhalb der Atbaramündung 320 m und unterhalb des fünften Katarakts 460 m breit; nördlich von Wadihalfa verbreitert er sich und zwischen Esneh und Kairo [* 6] ist er 500–2200 m breit. Die Breite des Flußthales schwankt zwischen Abu-Hammed und Edfu zwischen 500 und 1000 m; nördlich von Edfu verbreitert es sich auf 3 km und behält bis Kairo eine wechselnde Breite von 4 bis 28 km. In der S-förmigen Krümmung, die der Nil bei Damer beginnt, umfließt er bis Ambukol auf drei Seiten die Bajudasteppe und durchbricht bis Korosko die Bergzüge der Nubischen Wüste; die bisweilen scharfen Biegungen des Stroms oberhalb Korosko sind durch die gegenseitigen Lagerungs- und Streichungsverhältnisse des Sandsteins und seiner krystallinischen Unterlage bedingt.
Von 27,5° nördl. Br. an begleitet den Nil links der Jussuf-(Josephs-)Kanal, ein Rest altägypt. Wasserbauten, mit zahlreichen Verbindungsarmen, und bewässert das zwischen beiden liegende Land; im Norden [* 7] endet der Kanal [* 8] im Fajum, dessen Wasserüberfluß der 40 m unter dem Meeresspiegel liegende Birket ¶
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375 el-Kerun aufnimmt. Für die geregelte Wasserverteilung des Nilwassers ist dieses natürliche Reservoir von der größten Bedeutung. Im NW. von Kairo, 19,7 km davon entfernt, in 10,7 m Meereshöhe, beginnt das am Meere 270 km breite Delta, [* 10] durch welches zahllose Wasserarme und Kanäle das Nilwasser zum Meere führen. Der 1000 m breite Strom teilt sich unterhalb Schubra in verschiedene Arme, deren die Alten sieben zählten (der pelusische, tanitische, mendesische, bukolische oder phatnitische, sebennytische, bolbitinische und kanopische), während jetzt nur zwei wirkliche flußartige Mündungsarme vorhanden sind, nämlich der von Rosette oder Raschid und der von Damiette oder Damyat.
Der kanopische und pelusische, ganz am Ost- und Westrande des Deltas mündend, waren im Altertum die Hauptmündungen, ihre Wasser haben sich aber neue Betten gesucht; der pelusische mündet jetzt durch den phatnitischen bei Damiette, und der kanopische durch den von Menschenhand gegrabenen bolbitinischen. Der bedeutendste Kanal ist der dem alten kanopischen Laufe ähnlich gehende Mahmudijehkanal, welcher 77,7 km lang und 30 m breit, den Rosettearm mit Alexandria verbindet;
er wurde 1819–20 durch Mehemed Ali hergestellt;
der kurze Menufkanal (Bahr el-Farunije) verbindet im S. den Rosette- und Damiettearm;
der tanitische Arm ist in den Muis, der pelusische in den Abu el-Menegge-Kanal umgewandelt. Im ganzen wird das 22194 qkm große Delta von 13440 km langen Kanälen durchzogen, welche die Hochwasser aufnehmen können.
Die Gesamtlänge des Stroms ist, wenn der Alexandra-Nil als Hauptquellfluß angenommen wird, 5940 km, der direkte Abstand zwischen Quelle [* 11] und Mündung 4120 km. Sein Stromgebiet bedeckt 2810300 qkm. (S. die Karten: Deutsch-Ostafrika, Äquatorial-Afrika [* 12] [beim Artikel Afrika] und Ägypten.) Die Nilerde (Gef) oder der getrocknete Nilschlamm, welcher in Ägypten überall auf Meeressand, also dem Boden eines alten Ästuars, ruht, überragt in steilen Uferwänden bei niedrigstem Wasserstande den Fluß in Oberägypten um 8 m, bei Kairo um 4,5 m. Die Mächtigkeit der Alluvionen beträgt in Ägypten 10–12 m, an der Spitze des Deltas aber 13–16 m. Die Breite des kulturfähigen Schwemmlandes im eigentlichen Nilthal übersteigt nirgends 15 km. In postpliocäner Zeit stellte das heutige Nilthal einen weit landeinwärts sich erstreckenden schmalen Meeresgolf dar, dessen Höhenmarken sich durch Bohrmuschellöcher und Konchylienlager aus jener Zeit in der heutigen Höhenzone von 70 m ü.d.M. an beiden Rändern der das Nilthal begrenzenden Felsabstürze erhalten haben.
Der Nil überschwemmt nicht direkt seine Thalebene, sondern das kulturfähige Land ist durch Dämme in Bassins zerteilt, in die das Wasser durch Kanäle geleitet wird; sind sie gefüllt, so wird es zu dem unterdes niedriger gewordenen Strome oder zu niedriger gelegenen Abteilungen abgelassen. Das für die Kultur günstigste Mittel des höchsten Wasserstandes (zu Herodots Zeiten 18 Ellen) ist jetzt nach langjährigen Beobachtungen eine Höhe von 7½ bis 8 m am Nilmesser (s. d.) von Roda, die eintritt, wenn das Maximum der Flußschwelle des Weißen und Blauen Nil zusammenfällt.
An der südlichsten Spitze des Deltas ist der Barrage du Nil gebaut, ein Stauwerk in Form von Brücken [* 13] über die beiden Nilarme, von Mougel, dem franz. Ingenieur Mehemed Alis, ausgeführt. Dieser jetzt Kanâtir (d. i. Brücken) genannte Bau sollte die Wasser zu allen Jahreszeiten [* 14] aus gleicher Höhe erhalten und die Schöpfmaschinen überflüssig machen. Doch auch nach der Vollendung durch den Engländer Scott 1890 kann das Bauwerk bei weitem nicht das Verlangte leisten. Deshalb beschloß die ägypt. Regierung, durch den Bau eines großen Sammelbeckens oberhalb des ersten Katarakts eine Niveauerhöhung des Nil herbeizuführen; doch scheiterte dieser Plan an dem Einsprüche Deutschlands [* 15] und Frankreichs.
Der Nil hieß bei den alten Ägyptern in der heiligen Sprache [* 16] Jeter-o («Der große Fluß»),
koptisch Jero, Jaro, daher auch hebräisch Jeôr. Der griech. Name Neilos ist wahrscheinlich von dem semit. Nahal («Fluß») durch phöniz. Vermittelung hergeleitet worden; wenigstens stammt er ebensowenig aus dem Ägyptischen wie die dem Lande gleichnamige Bezeichnung des Flusses Aigyptos bei Homer. Die heutigen Araber nennen ihn Bahr, wie jedes große Wasser, oder auch el-Nil; die anwohnenden Nubier nennen ihn Tossi oder auch Nil-tossi, worunter vornehmlich der volle, überfließende Strom verstanden wird.
Der Nil wurde von den Ägyptern, später auch von Griechen (Neilos) und Römern (Nilus) [* 17] göttlich verehrt. Von den erstern wurde er mannweiblich mit Bart und weiblichen Brüsten dargestellt und von blauer Hautfarbe. Man pflegte den obern Nil von dem untern durch besondere Blumensymbole zu unterscheiden. Er hatte einen eigenen Tempel [* 18] zu Nilopolis, und sein Hauptfest wird unter dem Namen Niloa erwähnt. In der griech.-röm. Kunst ist er in der Gestalt eines liegenden Flußgottes bekannt, um welchen 16 Kinder spielen, die 16 Ellen der Nilschwelle symbolisch bezeichnend (die berühmte Kolossalgruppe im Vatikan; [* 19] s. Flußgötter und Tafel: Griechische Kunst II, [* 9] Fig. 10).
Nach der ältesten Nachricht, welche wir durch Eratosthenes (200 v.Chr.) haben, kommt der Nil aus Seen im S., unter dem Namen Asta-Pus (Weißer Nil);
dieser vereinigt sich mit dem Asta-Sobas (Blauer Nil), und weiterhin fließt ihm der Asta-Boras (Atbara) zu.
Ptolemäus, ohne Zweifel auf arab. Nachrichten fußend, teilt mit, daß das Wasser aus zwei Seen komme, welche einige Grade südlich vom Äquator liegen;
die Abflüsse beider vereinigen sich in 2° nördl. Br. in einem See;
aus diesem fließt der Asta-Pus nach Nil, welcher sich in 12° nördl. Br. mit dem Nil (d. h. offenbar mit dem Strome aus Abessinien) vereinigt.
Die arab. Geographen des Mittelalters nennen als Quellgegend der Nilwasser die Komr-Berge. Komr heißt damals die von dem aus Ostasien stammenden Komr-Volke bewohnte, sehr große Komr-Insel, welche östlich zur Seite Afrikas liegt, ein Name, der noch in dem der Comoren erhalten ist. Dieser Insel gegenüber liegt das Komr-Gebirge, und zwar in 2,5° südl. Br. zunächst das Almolattham (jetzt Kilima-Ndscharo oder nach Stanley der Ruwenzori). Die Wasser aus diesen Bergen [* 20] gehen nach zwei Seen im S. des Äquators; die aus diesen abfließenden vereinigen sich in einem nördlich vom Äquator gelegenen See, und aus ihm kommt der Nil. Jetzt, wo die Frage nach dem «Haupte des Nil», die jahrtausendelang Gegenstand des Erforschens gewesen ist, endgültig gelöst ist, zeigt sich, daß diese ältern Vorstellungen wenig von der Wirklichkeit abweichen, über die neuern Forschungsreisen und die Lösung des Nilproblems s. Afrika (Bd. 1, S. 190).
Vgl. Klöden, Das Stromsystem des obern Nil (Berl. 1856);
Speke, Die Entdeckung der Nilquellen ¶