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Über Doppeldeutigkeiten und Rückzugsstrategien.
Es gibt in der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken Erscheinungen, die faszinieren und zugleich verwirren. Einerseits ist es der Bedeutungswandel, der über historische Zeiten aus einem Wort ein ganz anderes entstehen lässt. Wohl das bekannteste Beispiel sind die Wörter Dirne, Weib und Frau. Mit «Alleinsein» und «Einsamkeit» ist etwas Ähnliches, wenn auch nicht so Spektakuläres im Gang. Sowohl der Duden Bd. 8, «Das Synonymwörterbuch» (20043) als auch Duden Bd. 10 «Das Bedeutungswörterbuch» (20023) behandeln ‘einsam’ und ‘allein’ noch als ziemlich gleichwertige Synonyme.
Im Synonymwörterbuch lesen wir unter anderem:
«allein: abgesondert, isoliert, vereinsamt…»; – «einsam: allein, …abgesondert, kontaktlos, vereinsamt…»
«Alleinsein: …Einsamkeit, …Kontaktlosigkeit, …Vereinsamung…»; – «Einsamkeit: Alleinsein, Einsamkeitsgefühl, …Vereinsamung, Verlassenheit, Zurückgezogenheit».
Ähnlich steht es im Bedeutungswörterbuch, auch hier werden ‘einsam’ und ‘allein’ als gleichwertige Synonyme beschrieben.
Interessant dabei ist, dass diese beiden Dudenbände 2002 und 2004 als überarbeitete Auflagen erschienen sind. Die beiden Begriffe haben also noch vor 15 bis 20 Jahren praktisch dasselbe bedeutet. Das erklärt auch, wie man in Zitatensammlungen aus der Literatur Aussagen findet, die beide Begriffe vollkommen gleichbedeutend behandeln.
Mittlerweile haben auch die Soziologie und die Psychologie sich weiterentwickelt, und die Voraussage ist vielleicht nicht allzu gewagt, dass in künftigen Ausgaben der Duden-Bände 8 und 10 die Angaben nicht mehr gleich lauten werden.
Nach umfangreichen Recherchen findet man eine der aussagekräftigsten, knappsten Formulierungen davon, wie die Sozialwissenschaften heute die beiden Begriffe unterscheiden. Die hier angeführte Zusammenfassung der Tipps der Psychologin Dr. Doris Wolf treffen die zeitgemässe Bedeutung der beiden Begriffe ziemlich genau.
Unter diesem Gesichtspunkt bekommen sowohl die Einsamkeit als auch das Alleinsein eine zutreffendere Bedeutung. Ich erinnere mich, schon im Tagebuch meiner Pubertätsjahre den Satz geschrieben zu haben: «Wie ist das, wenn ich einsam, doch in Gesellschaft bin?» Nur kurz zur Begründung einer solchen Aussage eines Halbwüchsigen: Gewisse traumatische Kindheitserlebnisse haben mir noch jahrelang das Gefühl gegeben, irgendwie trotz Jubel, Trubel, Heiterkeit nicht unbedingt ganz zum Kreis meiner Freunde zu gehören. (Man verzeihe diesen ‘Ausflug’ ins Persönliche.)
Einsamkeit kann demnach eine negative Seite enthalten: Man vereinsamt, weil man allein gelassen wird, weil man einen geliebten Menschen verliert. Ein freiwilliger Rückzug in die Einsamkeit – zum Nachdenken, sich Wiederfinden, mit Krankheit oder Kränkung fertig werden, neue Kräfte sammeln, neue Projekte oder Beschäftigungen finden – hat aber durchaus fruchtbare, bereichernde und festigende Aspekte. Alleinsein ist vermutlich bitter, einsam sein kann optimistisch stimmen.
Rückzug und Desozialisation
Damit kommt ein weiterer Begriff ins Spiel: Desozialisation. In den beiden erwähnten Duden-Bänden ist er gar nicht enthalten. Auch im «dtv Wörterbuch der Psychologie», in 21. Auflage 1997 erschienen, findet man ihn nicht. Im Online-Duden findet man die Definition «Abbau oder Verlust sozialer Kontakte (z.B. im Alter).» – Eine zutreffendere Definition findet man unter https://www.repetico.de «Die Umkehrung eines Sozialisationsprozesses; D. findet immer dann statt, wenn für ein Individuum Ziele oder Inhalte einer vorausgegangenen Sozialisation nicht mehr gültig sind und es deshalb Aspekte seiner Sozialisation vergessen, verlernen oder "externalisieren", d.h. aus seiner Bedürfnisdisposition desintegrieren muss.»
Vielleicht ist diese Art der Vereinsamung in der älteren Generation verbreitet. Gut vorstellen kann man sich, wie ein institutioneller Freundeskreis, zum Beispiel eine Vereinigung ‘Ehemaliger…’ mit den Jahren sich wandelt. Die früheren Kollegen, manchmal sind es ja auch ältere, werden krank oder sterben. Sie erscheinen bei den Treffen nicht mehr. Bald einmal kommen Jüngere nach, die man kaum oder gar nicht mehr kennt. Welchen Sinn hat die Teilnahme an den Zusammenkünften noch? Wo sind die Gemeinsamkeiten, über die man sich unterhalten kann? Die Firma hat sich verändert, was die jetzt frisch Pensionierten davon erzählen, versteht man kaum mehr. Das führt so weit, dass man sich in der Gruppe nicht mehr aufgehoben fühlt und dann einfach auch fernbleibt. Man desintegriert sich aus der Gruppe. Wo man mit sozialem Gewinn einmal dazu gehört hat, desozialisiert man sich jetzt.
Wenn man selber sich desozialisiert, kann das durchaus ohne Bedauern geschehen: War schön – ist vorbei. Es kann aber auch schmerzen. Vor allem, wenn man sozusagen ‘desozialisiert wird’, weil wir selber für unsere Freunde uninteressant geworden sind.
Auf alle Fälle ist es schwierig, mit der Desozialisierung fertig zu werden. Es gelingt nur, wenn man dem Phänomen auf die Spur kommt, wenn man das Problem erkennt und zu lösen gewillt ist.
Warnung: Dieser Beitrag ist kein wissenschaftlicher Essai, sondern er soll einen allgemeinen Überblick über das Thema vermitteln.
Foto: © fv
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Rund 1,2 Millionen Menschen in der Schweiz sind über 75 Jahre alt. Davon fühlt sich jeder Dritte laut einer Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik häufig oder manchmal einsam. Unter dem Titel "Einsamkeit" veröffentlicht die Seniorweb-Redaktion bis Mitte August eine Serie zur Einsamkeit im Alter mit hilfreichen Hinweisen und Tipps, wie Sie Ihr Beziehungsnetz ausweiten, sich mehr engagieren und wo Sie Hilfe holen können.
Links zu bereits erschienenen Beiträgen:
- Einsamkeit gehört zum Alter (Judith Stamm)
- Macht Facebook einsam? (Josef Ritler)
- Raus aus der Isolation (Bernadette Reichlin)
- Fundstücke zum Thema (Eva Caflisch)
- Nachbarschaftshilfe fürs Wohlbefinden (Susanna Fassbind)