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Dem 800-m-Lauf der Frauen in Rio droht ein Kuriosum, denn drei Intersexuelle zählen zu den Favoritinnen. Eine Annäherung an ein kompliziertes Thema und den Umgang damit.
«Es ist besser für mich, dass ich die 800 Meter in Rio nicht bestreiten kann», sagte die amerikanische Weltklasse-Mittelstreckenläuferin Brenda Martinez, kurz nachdem sie im Juli bei den US-Trials in Eugene im Zweirunden-Rennen gescheitert war. «Denn dort laufen Caster, Francine und Margaret.»
Caster, Francine und Margaret sind die Afrikanerinnen Caster Semenya (Südafrika), Francine Niyonsaba (Burundi) und Margaret Wambui (Kenia), deren Körper rund drei Prozent mehr Testosteron produzieren als bei «normalen» Frauen. Testosteron ist ein männliches Geschlechtshormon und bewirkt im Normalfall einen Leistungsvorteil. Männer weisen nochmals deutlich mehr davon auf als Intersexuelle; daher laufen sie auch die 800 m schneller als Frauen und die früher als Hermaphroditen oder Zwitter bezeichneten Menschen.
In der aktuellen Jahresbestenliste führt Semenya mit 1:55,33 Minuten vor Nyonsaba (1:56,24). Semenya blieb 2016 drei Mal unter 1:57 und drei weitere Male unter 1:59, Nyonsaba zwei Mal unter 1:57 und noch zwei Mal unter 1:59. Hinter der Kanadierin Melissa Bishop (1:57,43) und der Kenianerin Eunice Jepkoech (1:57,47) erscheint als Fünfte Wambui mit 1:57,52.
Die 28-jährige Amerikanerin Brenda Martinez, die WM-Dritte 2013 die froh ist, nicht gegen das afrikanische Trio laufen zu müssen, fügte hinzu: «Letztes Jahr, als man Caster unter Kontrolle hatte, konnte sie die zwei Minuten nicht unterbieten, und jetzt rennt sie 1:55. Sie alle (IOC, WADA, IAAF) müssen das in den Griff bekommen.» Damit sprach Martinez die Intersexualität von Caster an, den sogenannten Hyperandrogenismus, der wieder wie vor 2016 durch hormonelle Behandlungen gedämpft worden war.
2015 hatte das Internationale Sportschiedsgericht CAS in Lausanne einer Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand stattgegeben, die von Menschenrechts-Organisationen unterstützt worden war. Dadurch wurden die internationalen Verbände gezwungen, die Testosterontests für zwei Jahre, bis 2017, auszusetzen.
Der Test war 2009 vom Internationalen Leichtathletik-Verband eingeführt worden – als Antwort auf Caster Semenya, die bei den WM in Berlin im Alter von 19 Jahren in 1:55,45 mit mehr als zwei Sekunden Vorsprung den 800-m-Final gewonnen hatte. Semenya wirkte für das staunende Publikum wie auf ihre Konkurrentinnen ausgesprochen männlich. «Sie ist keine Frau, wir sollten nicht gegen sie laufen müssen», war der Tenor.
Darauf wurde den Läuferinnen, die den Testosterontest nicht bestanden hatten, die also zu viele männliche Hormone aufwiesen, Kuren zur Senkung des Testosteronspiegels verordnet. Bei Semenya gingen die Leistungen deutlich zurück – und 2016, nachdem die Behandlung wegen des Gerichtsbeschlusses nicht mehr notwendig war, explodierten ihre Leistungen. Dabei lief sie meist locker, im Joggingschritt dem Ziel entgegen, wie wenn sie ein schlechtes Gewissen hätte, die Konkurrentinnen derart abzuhängen. Bei einem voll durchgezogenen Rennen geriete in Rio wohl selbst der 33 Jahre alte Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvilova (1:53,28) in Gefahr.
«Es ist einfach nicht fair, was da abläuft», erklärte Brenda Martinez, sagte aber auch: «Yeah, Caster ist anders, aber das ist nicht ihr Fehler. Ich liebe sie, ich respektiere sie. Ich laufe gerne gegen sie, aber sie sollte ihren Testosteronspiegel senken müssen.»
Dass die Menschenrechte in dieser heiklen Frage berücksichtigt werden müssen, darüber sind sich alle einig. Aber was wiegt schwerer: Die Menschenrechte von Intersexuellen, einer Anzahl Frauen im Promillebereich, oder die Rechte der grossen Mehrheit der Frauen auf Fairness?
«Es ist ein äusserst komplexes Thema», sagte die letztjährige Hallen-Europameisterin und diesjährige Freiluft-EM-Vierte Selina Büchel. «Der Sport braucht klare Regeln und Grenzen. In diesem Fall ist es aber offensichtlich sehr schwierig und heikel, die Grenze zu definieren. Ich bin froh, muss ich darüber nicht entscheiden.» Und fügte hinzu: «Die angesprochenen Sportlerinnen bewegen sich im Rahmen der geltenden Regeln. Ich respektiere sie als Gegnerinnen wie alle anderen Konkurrentinnen auch.»
Erstmals wurden Geschlechtstests bei den Olympischen Spielen 1968 eingeführt, nachdem eine Reihe von osteuropäischen Athleten in Verdacht geraten war, Hermaphroditen zu sein: Ewa Klobukowska aus Polen und Irina Press aus der Sowjetunion waren die prominentesten Fälle. Der Ski-Abfahrtsweltmeisterin von 1966 in Portillo, der Österreicherin Erika Schinegger, wurde der Titel später aberkannt. Längst lebt sie als Mann, als Erik Schinegger.
Vor den Sommerspielen 2000 in Sydney wurde die sogenannte «Gender verification» wieder abgeschafft, bevor sie 2009 mit neuen Prüfmethoden auferstand. Und wie geht es weiter? 2017 muss die IAAF beweisen, dass Frauen mit Hyperandrogenismus effektive Vorteile besitzen. Falls dies nicht gelingt, dürfte die Testosteronregel definitiv abgeschafft werden.