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Lehren aus dem EU-Währungskollaps von 1992
Am 4. September 1992 trafen sich die EU-Finanzminister im englischen Kurort Bath, um über die Zukunft des Europäischen Währungssystems (EWS) zu diskutieren. Das EWS, ein System mit fixen Wechselkursen, stand kurz vor dem Kollaps. Die Deutsche Bundesbank hatte die Zinsen erhöht, um die Inflation, die sich durch die Wiedervereinigung ergeben hatte, zu reduzieren. Gleichzeitig befand sich die europäische Wirtschaft ausserhalb Deutschlands in einer Rezession, was eine Zinssenkung dringend notwendig machte. Es ist das klassische Dilemma, das sich in Systemen mit fixen Wechselkursen immer wieder ergibt: Das stärkste Land hat die Macht, die Zinsen zu setzen, die anderen müssen folgen, auch wenn sie aufgrund der Konjunkturlage eine ganz andere Zinspolitik benötigten.
Wegen der Interessenkollision kam es zu dramatischen Szenen in Bath. Norman Lamont, der konservative britische Finanzminister, bat den Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Helmut Schlesinger, mehrmals um eine Zinssenkung. Schlesinger sagte viermal Nein und drohte damit, den Saal zu verlassen. Die deutschen Zinsen blieben unverändert. Kurz nach dem Treffen der Finanzminister kollabierte das EWS, und Grossbritannien trat aus.
Der Zusammenstoss zwischen Lamont und Schlesinger erinnert an die heutige Konstellation zwischen Frankreich und Deutschland. Sarkozy möchte eine noch aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der Bekämpfung der Schuldenkrise, Merkel bremst. Die dramatische Szene von Bath ist auch aus einem anderen Grund illustrativ. Sie zeigt nämlich, dass es falsch ist, davon auszugehen, dass die europäischen Politiker am Schluss immer alles unternehmen werden, um das Währungssystem zu retten. Wenn man aus der Währungsgeschichte der EU etwas lernen kann, so ist es genau das Gegenteil: Man muss immer mit dem Schlimmsten rechnen.
Es ist rätselhaft, wie eine solche Theorie überhaupt entstehen konnte. Denn es gibt zahlreiche historische Beispiele, bei denen die Politiker nichts unternahmen, obwohl sie wussten, dass es eine Katastrophe geben würde, wenn sie nicht handelten. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg hätten nicht stattgefunden, wenn man rechtzeitig mutige Entscheidungen gefällt hätte. Auch die argentinische Krise vor zehn Jahren widerlegt die These, dass die Politiker unter dem Druck der Ereignisse richtig handeln.
Wie dramatisch müsste denn die Euro-Krise noch werden, bis die Politikerinnen und Politiker aufwachen? Viel schlimmer kann es eigentlich gar nicht werden. Der Euro-Obligationenmarkt funktioniert seit letzter Woche nicht mehr, das Bankensystem ist massiv unterkapitalisiert, die südeuropäischen Länder stecken in einer Schuldenkrise, aus der sie sich nicht mehr allein befreien können, der Rettungsfonds (EFSF) kann nicht wie gewünscht erhöht werden, die Sparer ziehen ihr Geld ab und bringen es ins Ausland oder stecken es unter das Kopfkissen. Anders formuliert: Die Eurozone steht am Abgrund. Handlungsbedarf besteht also schon lange.
Wolfgang Münchau schreibt in der «Financial Times», die Eurozone-Politiker hätten nur noch einige Tage, um den Kollaps zu verhindern. Es gibt sie also noch, die letzte Chance, aber ich würde nicht darauf wetten, dass die Politiker sie auch tatsächlich nutzen. 1992 taten sie es nicht, und die jüngsten Verlautbarungen weisen darauf hin, dass sie auch diesmal nicht tun. Mark Twain hat recht, wenn er sagt, die Geschichte wiederhole sich nicht, aber sie reime sich.