Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03252.jsonl.gz/569

Niemand ist eine Insel: Wie isolierte Kleinstvölker in einer vernetzten Welt überleben
Stefan Ungricht
Die ganze Erde wird von der fortschreitenden Globalisierung erfasst…die ganze Erde? Nein! Eine von unbeugsamen Sentinelesen bewohnte kleine Insel im Indischen Ozean hört nicht auf, allen Eindringlingen Widerstand zu leisten. Vergangenen November verlegte die Nachricht über einen tragischen Vorfall in einem vermeintlichen Ferienparadies den bekannten Astérix-Prolog gleichsam von Gallien nach Indien: John Allen Chau, ein 26-jähriger Amerikaner – enthusiastischer Weltverbesserer und gläubiger Christ – hatte es sich zur Aufgabe gemacht, im Alleingang das Wort Gottes und die Errungenschaften der Zivilisation zu den Menschen auf North Sentinel Island, einem Eiland der zu Indien gehörenden Inselgruppe der Andamanen, zu bringen. Und aus einem fröhlichen Abenteuer mit Kajak und Bibel wurde tödlicher Ernst.
Eine Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich widmet sich gegenwärtig den Expeditionen des in der Schweiz exilierten belgischen Exkönigs Leopold III. (1901–1983) und des Österreichers Heinrich Harrer (1912–2006), die ihrerseits 1974 die Andamanen besucht hatten. Für Harrer – seines Zeichens Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand, SS-Mitglied, Kriegsinternierter, Freund des Dalai Lamas, Bestsellerautor, Fernsehmoderator und lebenslanger Abenteurer – waren Naturvölker auf allen Kontinenten stets unwiderstehliche Ziele für zahlreiche Forschungsreisen in eine unbekannte «Vierte Welt».
Die Ureinwohner der Andamanen, eines mehr als 200 Inseln umfassenden, südöstlich von Burma im Golf von Bengalen gelegenen Archipels von der Grösse des Kantons Bern, werden in vier ethnologische Gruppen eingeteilt: Gross-Andamaner, Onge, Jarawa und Sentinelesen. Bei all diesen kleinwüchsigen bisweilen als «Pygmäen Asiens» bezeichneten Menschen handelt es sich um Negritos, schwarzhäutige Naturvölker, die zum Beispiel auch Inseln der Philippinen besiedelten. Eine fünfte Ethnie auf den Andamanen, die Jangil, starb schon zur Zeit der britischen Kolonialzeit aus – möglicherweise an den durch die Briten eingeschleppten Infektionskrankheiten wie etwa den Masern. Alle Ureinwohner der Inselgruppe waren in einfachsten Hütten lebende Jäger und Sammler. Jede Form von Landwirtschaft war ihnen unbekannt. Heinrich Harrer bezeichnete ihre Entwicklungsstufe als «prälithisch» – vorsteinzeitlich. Das wenige, was man von den verschiedenen Sprachen der Kleinvölker wusste, deutete darauf hin, dass sie sich untereinander nicht austauschten.
Getötet und verspottet
Währenddem Harrer auf den Andamanen verschiedene Sippen besuchen konnte und von diesen jeweils mehr oder weniger freundlich empfangen und aufgenommen wurde, scheiterte die Kontaktaufnahme mit den Sentinelesen noch am Strand ihrer kleinen Insel: «Ich blickte gerade durch den Sucher meiner Kamera und nahm die Laubhütte auf, als Bewegung zu sehen war. Erst undeutlich, dann klar: Ein Mann kam auf uns zu. Er musste sehr selbstsicher sein, denn er ging aufrecht und langsam. Er war tiefbraun und muskulös. An der Stelle, an der der Strand begann, beugte er seine Knie, legte einen etwa zweieinhalb [sic] Meter langen Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen. Dann kam er Schritt für Schritt zum Wasser hinunter. Er watete ins Meer, das ihm schliesslich bis an die Knie reichte. Er blieb stehen und richtete den Bogen genau auf unser Boot. Der Mann schien zu allem entschlossen. […] Dieser Steinzeitmensch wehrte mit der Waffe, die ihm vertraut war, eine Welt ab, die ihm unheimlich erschien, bis zu den Knien im Wasser, mit Pfeil und Bogen gegen Metallschild und Maschinenpistole» (Harrer, 1977: 159). Die Expeditionsteilnehmer, begleitet von indischen Soldaten, forcierten daraufhin den Kontakt nicht weiter und zogen sich schliesslich wieder auf die Hauptinsel der Andamanen zurück.
Über vierzig Jahre nach Harrer bestach John Allen Chau am 14. November 2018 eine indische Fischerbootsbesatzung mit 25’000 Rupien, umgerechnet etwa 360 Franken, um ihn in einem Kajak im Sperrgebiet vor der Insel abzusetzen und seine Rückkehr abzuwarten. Sein erster Kontakt mit den Sentinelesen verlief dann offenbar wie Jahrzehnte zuvor bei Harrer wenig ermutigend, aber Chau gab nicht auf und versuchte es am nächsten Morgen gleich nochmals. Laut Aussagen der an Bord gebliebenen Fischer wurde Chau in der Folge mit Pfeilen beschossen und nachdem er zusammengebrochen war, vom Strand weggezogen. Das Echo in den sozialen Netzwerken auf den mutmasslichen Tod von Chau – und insbesondere auch auf seine auf dem Fischerboot hinterlassenen 13-seitigen letzten Aufzeichnungen – reichten von ungläubiger Bestürzung über sein Schicksal bis zu beissendem Spott über die Arroganz seines Sendungsbewusstseins.
Gleichen sich alle glücklichen Völker?
Im Nachgang zu Konflikten mit mehr oder weniger isolierten Stämmen stellt man sich immer wieder die Frage, wie ein Kontakt aussehen könnte, ohne dass dieser das langfristige Überleben der Sprache und Kultur dieser Menschen gefährdet. Ist eine vollständige Isolation in unserer vernetzten Welt überhaupt noch möglich? Die Schätzungen, wie viele Sentinelesen es auf der bloss etwa 60 Quadratkilometer grossen Insel gibt, variieren von einigen wenigen Dutzend bis mehreren Hundert, und es erscheint fast unglaublich, dass ein derart kleines Naturvolk sich über ungezählte Generationen hinweg autark am Leben halten konnte. In Anlehnung an Tolstois geflügelten ersten Satz aus «Anna Karenina» kann man vielleicht vermuten, dass verschiedene indigene Gruppen, die seit Jahrtausenden in selbstgewählter Abgeschiedenheit leben und mit einfachen Mitteln aller Unbill der Natur trotzen, gewisse Ähnlichkeiten haben werden, die ihren Erfolg erklären. Und umgekehrt kann man sich natürlich auch fragen, ob es gemeinsame Ursachen für den Untergang von anderen Gesellschaften gibt. Laut den vergleichenden Studien des amerikanischen Gelehrten Jared Diamond ist nicht etwa die schleichende genetische Verarmung der Einwohner die grösste Gefahr für Inselvölker und auch nicht Naturkatastrophen, wie etwa verheerende Wirbelstürme oder Erdbeben. So überlebten die Sentinelesen auf ihrer weitgehend flachen Koralleninsel etwa den Tsunami nach dem Sumatra-Andamanen-Beben am Stefanstag 2004. Vielmehr droht laut Diamond allen Gesellschaften auf Erden ein Bevölkerungskollaps, der auf eine nicht nachhaltige Teilung und Nutzung der natürlichen Ressourcen zurückzuführen ist. Seiner Theorie zufolge gibt es demnach im Wesentlichen fünf Faktoren, die beim Aussterben von Völkern jedweder Entwicklungsstufe immer wieder eine zentrale Rolle gespielt haben: (1) selbstverursachte Umweltzerstörungen wie etwa Entwaldung, Bodenerosion oder Wasserverschmutzung, (2) natürliche Klimaänderungen, (3) zunehmend feindselige Nachbarn, (4) abnehmende Kontakte zu wohlgesinnten Handelspartnern und schliesslich (5) starre politische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Gegebenheiten, die die potenziellen Lösungsansätze für auftretende Probleme zunichte machten.
Tikopia ist eine winzige polynesische Insel im südwestlichen Pazifik, 8’500 Kilometer entfernt von der weltberühmten Osterinsel mit ihren Hunderten von sagenumwobenen Moai-Steinstatuen. Bei einer Fläche von nicht einmal fünf Quadratkilometern ist Tikopia über dreissig mal kleiner als Rapa Nui, wie die Osterinsel eigentlich auf polynesisch heisst. Rapa Nui ist ein vielzitiertes Paradebeispiel für einen oben erwähnten ökologischen Kollaps – in diesem Falle aufgrund einer ungebremsten Entwaldung der Insel durch deren Bevölkerung, die auf zwölf rivalisierende Stämme zerfiel. Das Beispiel Tikopia auf der anderen Seite verdeutlicht, dass auch unter schwierigsten Bedingungen und bei hohem Populationsdruck eine nachhaltige Lebensweise möglich ist. Denn trotz der hohen Bevölkerungsdichte von etwa 250 Einwohnern pro Quadratkilometer – die Bevölkerungsdichte von China beträgt im Vergleich dazu gegenwärtig etwa 150 Einwohner pro Quadratkilometer – ist Tikopia seit etwa 3’000 Jahren ununterbrochen besiedelt. Die Inselbewohner schreckten bei drohender Überbevölkerung traditionell allerdings offenbar auch nicht vor eisernen Massnahmen wie Kindstötungen zurück, um ihre Lebensgrundlage gegebenenfalls nicht langfristig zu gefährden. Zuletzt überstanden die resilienten Sippen der Tikopianer den gigantischen Kategorie-5-Zyklon Zoë, der zu Weihnachten 2002 mit Windspitzen von über 300 Stundenkilometern über das Eiland raste und Flutwellen von bis zu 12 Metern Höhe verursachte. Der grösste Trumpf von Kleinstvölkern wie den Tikopianern oder Sentinelesen ist die Option, einen radikalen Bottom-Up-Ansatz für Entscheidungen wählen zu können, weil jeder jeden kennt und alle wichtigen Beschlüsse auch alle betreffen. Diese Menschen werden vielleicht ihre Lebensweise nicht ändern wollen; sie werden vielleicht nur als Ultima Ratio zu neuen Horizonten aufbrechen – aber möglicherweise haben sie gerade darum auch heute noch immer eine Zukunft.
Aktuelle Ausstellung
Die Expeditions-Sammlungen von Heinrich Harrer. Völkerkunde Museum der Universität Zürich. Die Ausstellung dauert noch bis 16. Juni 2019.
– Heinrich Harrer (1977) Die letzten Fünfhundert: Expedition zu den Zwergvölkern auf den Andamanen. Ullstein Verlag. [Zentralbibliothek Zürich]
– Heinrich Harrer (Hrsg.) (1979) Die letzten Paradiese der Menschheit: Abenteuerliche Reise zu vergessenen Völkern. Praesentverlag Heinz Peter. [Zentralbibliothek Zürich]
Vertiefende Sachbücher
– Jared Diamond (2005) Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. S. Fischer Verlag. [Zentralbibliothek Zürich]
– Jared Diamond (2012) Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können. S. Fischer Verlag. [Zentralbibliothek Zürich]
– Raymond Firth (1936) We, the Tikopia: A sociological study of kinship in primitive Polynesia. Beacon Press. [Zentralbibliothek Zürich]
– Patrick Kirch (2017) On the road of the winds: An archaeological history of the Pacific islands before European contact. Second edition. University of California Press. [Zentralbibliothek Zürich]
– Judith Schalansky (2014) Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde. 14. Auflage. Mare Verlag. [Bibliothek der Museumsgesellschaft Zürich]
Downloads & Links
Alle Beiträge
Niemand ist eine Insel: Wie isolierte Kleinstvölker in einer vernetzten Welt überleben
NGZH-Veranstaltungsprogramm – Herbstsemester 2018
Die Fabel vom Honigdachs: Eine kurze Geschichte vom Geschichtenerzählen in Wissenschaft und Medien
Der Kampf um Schokolade und Gummi: Welches Schicksal den Kakao- und Kautschukplantagen droht
Zwei Männer im Moor: Leben und Vergehen in unseren Feuchtgebieten
NGZH-Veranstaltungsprogramm – Herbstsemester 2017
Halbgötter in Schwarz: Der Nobelpreis für eine Austreibung des Teufels mit dem Satan
Welches Naturmuseum braucht Zürich? Eine Inspiration aus Amazonien
Der Krieg der Lichenologen: Ein Streit über Wesen, die heimlich heiraten
NGZH-Veranstaltungsprogramm – Herbstsemester 2016
Unser Mann auf Java: Das kurze unglückliche Leben des Zürcher Naturforschers Heinrich Zollinger
Zürichs erster Whistleblower? Wie der Glaube an Zahlen einen Pfarrer ins Verderben führte
Im Schatten Dufours: Ein Zürcher Topograf revolutioniert die Kartografie
NGZH-Veranstaltungsprogramm – Herbstsemester 2015
«In einer unendlichen Pracht umgibt uns die Welt»: Anschauungsmaterialien eines Zürcher Professors
Wildpflanzen sammeln in Zürich: Vom Steckenpferd zur Citizen Science
Kleine Refugien in der Zürcher Agglomerationslandschaft: Lohnt sich ihr Schutz?
NGZH-Veranstaltungsprogramm – Herbstsemester 2014
Irrungen und Wirrungen: Die vermeintliche Entdeckung eines unbekannten Insektes am Greifensee
Der fast vergessene Zürcher Wissenschaftspionier: Ein Interview mit dem Biographen von Oswald Heer