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Bei Neuauflagen von Kinderbuchklassikern sollen Wörter wie «Neger» und «Zigeuner» zeitgemäss ersetzt werden. Macht das Sinn?
Motherfucking nigga – yo, bitch! Dies ist nicht etwa ein Auszug aus einem Kinderbuchklassiker, sondern sinngemäss aus einem beliebigen Rap-Song frei zitiert. Anders als die Kinderbuchverlage macht es sich die Musikindustrie leicht: Auf Tonträgern mit unflätigem Inhalt wird einfach das Label «Parental Advisory – Explicit Lyrics» («Hinweis für Erziehungsberechtigte – allzu deutlicher Inhalt») angebracht und gut ist: Wers trotzdem kauft, ist selber schuld. Solche Warnungen würden sich doch auch auf Pippi-Langstrumpf-Büchern sehr gut machen.
Stattdessen liessen einige Verlage verlauten, bei Neuauflagen von Kinderbuchklassikern Wörter wie «Neger» und «Zigeuner» zeitgemäss ersetzen zu wollen. Empfindsamen Menschen wie etwa der deutschen Familienministerin Kristina Schröder (CDU) wird das entgegenkommen: Bekannte sie doch kürzlich in einem Interview mit der «Zeit», sie würde «heikle Kinderbuchpassagen schon beim Vorlesen entschärfen».
Damit wurde in den Medien die so genannte «Neger-Debatte» um korrektes Wortgut in Kinderbüchern losgetreten: Ist Diskriminierung in Kinderbüchern ok?
Doofe Frage, oder? Diskriminierung ist nie ok. Ist es darum also sinnvoll, unpassende Wörter zu auszuradieren?
Einen emotionalen Höhepunkt fand die Diskussion in einem vielzitierten Leserbrief eines kleinen dunkelhäutigen Mädchens an die «Zeit», in welchem es betont, dass das N-Wort sie schmerze. Ein Unmensch, wem die Zeilen eines kleinen Mädchens nicht direkt ins Herz gehen. Und darum sollte man wirklich mal genauer hinschauen: Ist es eigentlich in Ordnung, kleine weibliche Menschen als Mädchen zu bezeichnen? «Mädchen» ist doch auch ein anerkanntes Schimpfwort. Als der ziemlich bekannte (weisse) Rapper Eminem im Jahre 2008 anlässlich der MTV-Video-Awards den ebenfalls ziemlich bekannten (weissen) Musiker Moby beleidigen wollte, nannte er ihn «Mädchen» – und die Weltpresse entblödete sich daraufhin nicht zu titeln: «Eminem beschimpft (sic!) Moby als Mädchen». Damals wurde aber keine «Mädchen-Debatte» breitgetreten.
Natürlich können wir nun hingehen und alle Wörter streichen, die jemals diskriminierend gemeint waren oder sein werden. Oder sein könnten. Wird es deswegen weniger Diskriminierung geben?
Die Fluggesellschaft Alitalia machte gerade erst kürzlich vor, wie wirkungsvoll es ist, Wörter zu streichen: Nach einer Bruchlandung Anfang Februar in Rom haben die Verantwortlichen der Fluggesellschaft das Alitalia-Logo auf der Unglücksmaschine über Nacht mit weisser Farbe überstreichen lassen. Ist das Flugzeug deswegen ein bisschen weniger gecrasht? Nein, aber es sieht einfach besser aus. Dachte sich Alitalia. Doch natürlich war das Foto des Fliegers samt Logo längst um die Welt gegangen: Ausgiebiger Hohn für den hilflosen Image-Rettungsversuch war der Airline sicher – und das Wort «Alitalia» damit erst recht in aller Munde.
Und so habe ich denn auch die Wörter «Neger» und «Zigeuner» noch nie in meinem Leben so oft gelesen und gehört wie in den letzten Wochen seit Beginn der «Neger-Debatte».
Autor: Iwon Blum, 2013, beobachter.ch