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Am 22. März 2002 hat der Historiker Jean-François Bergier, der Präsident der Unabhängigen Kommission zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, der Regierung den Schlussbericht überreicht.
Heute zeigt sich Bergier gegenüber swissinfo enttäuscht über das geringe Echo, das der Bericht bei den Politikern auslöste.
Nur selten hatte das Parlament einen Entscheid so rasch gefällt wie damals 1996: Die Schweiz stand wegen ihrer Rolle in der Nazi-Zeit zunehmend unter internationalem Druck, worauf das Parlament der Schaffung der Unabhängigen Experten-Kommission (UEK) zustimmte.
Die Kommission setzte sich zusammen aus Historikern aus der Schweiz und aus dem Ausland, zum Präsidenten wurde Jean-François Bergier berufen.
Aufgabe der UEK war es, die Verbindungen der Schweiz mit dem Dritten Reich zu erforschen, die Flüchtlingspolitik dieser Zeit unter die Lupe zu nehmen und aufzuzeigen, was mit den Geldern passiert war, die Nazi-Opfer in der Schweiz platziert hatten.
Am 22. März 2002 übergab Jean-François Bergier der Regierung den Schlussbericht der Kommission, eine Zusammenfassung der insgesamt 27 Studien. Das Mandat der UEK hatte auch eine abschliessende Parlaments-Debatte umfasst, die jedoch zum grossen Bedauern des Historikers nie stattfand.
swissinfo: Seit Sie den "Bergier-Bericht" der Schweizer Regierung übergeben haben, sind fünf Jahre vergangen. Wie hatten Sie damals den Moment erlebt?
Jean-François Bergier: Es herrschte grosse Erleichterung darüber, dass wir unsere doch sehr knifflige Arbeit rechtzeitig hatten abschliessen können. Auch ein Gefühl kollektiven Stolzes auf unser Team, zu dem rund hundert Leute gehörten. Gleichzeitig gab es jedoch ein Gefühl, etwas unvollendet gelassen zu haben, denn gewissen interessanten Fragen konnten wir nicht nachgehen, da sie ausserhalb unseres Mandates lagen.
Dennoch sind wir überzeugt, unsere Arbeit ehrenvoll erledigt zu haben. Wir hatten aber mit einer grösseren Diskussion gerechnet, auch mit Angriffen. Zu solchen kam es kaum, ausser von Seiten einiger Unverbesserlicher, doch blieben solche Reaktionen insgesamt marginal.
swissinfo: Wie fühlten Sie sich persönlich, als Staatsbürger?
J.-F.B.: Die erste Enttäuschung kam, als ich merken musste, dass unsere staatsbürgerliche Mission die Politiker-Kaste kaum mehr interessierte. Dieselbe Classe politique, die damals, in einer Art von panischem Enthusiasmus wollte, dass wir diese Arbeit an die Hand nehmen, zeigte plötzlich kein Interesse mehr, ging jeder politischen Debatte aus dem Weg, einer Debatte, die sie doch zuvor versprochen hatte.
In der allgemeinen Öffentlichkeit hingegen blieb das Interesse gross. Schweizer und Schweizerinnen wollten mehr wissen über diese Zeit, vor allem die jüngere Generation. In den Monaten nach der Übergabe des Schlussberichts an die Regierung kam es landauf, landab zu unzähligen Diskussionsveranstaltungen, oft waren die Säle zum Bersten voll, das waren eindrückliche Momente. Eine Wanderausstellung über unsere Arbeit stiess auf beträchtliches Echo.
swissinfo: Wie war es denn gewesen, in dem emotionalen Klima, das damals im Lande herrschte, die Arbeit aufzunehmen?
J.-F.B.: Wir standen unter Druck, vom Anfang bis zum Ende, auf unterschiedlichste Art. Am Anfang gab es Druck, damit wir die Arbeit beschleunigten, man wollte versuchen, uns die Schlussfolgerungen zu diktieren. Gegen das Ende hin sollten wir nur zu keinen kompromittierenden Schlüssen kommen, der Druck hatte sich damit praktisch ins Gegenteil gekehrt, war aber nach wie vor da.
swissinfo: Und der Druck aus dem Ausland?
J.-F.B.: Dieser liess sehr rasch nach, nachdem im Sommer 1998 in New York der Vergleich in Höhe von 1,8 Mrd. Franken zwischen den Schweizer Banken und den jüdischen Klägern abgeschlossen worden war.
swissinfo: Trug ihr Bericht dazu bei, die Schweizer mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen?
J.-F.B.: Ich hoffe, dass sie sich der Vergangenheit bewusst wurden. Sich bewusst wurden, dass ihr Land nicht ganz so tadellos war, wie oft beschrieben. Dass die Wirklichkeit irgendwo in der Mitte liegt.
Die Schweiz war nicht das legendäre Land, dessen rosa gefärbtes Bild in der Zeit des Kalten Kriegs forciert wurde. Aber auch die seit den 1970er-Jahren aus bestimmten Kreisen vermehrt erhobene Kritik war nicht die ganze Wahrheit.
Ich möchte zudem darauf hinweisen, dass auch der kleinste Aspekt rund um unseren Bericht Anlass zu Polemik geben konnte. Es gab unzählige Gegen-Bücher, Pamphlete und Artikel, vor allem aus jenen Kreisen, welche die Legende von der tadellosen Schweiz bis heute verteidigen. So führte auch das im letzten Jahr in Zürich veröffentlichte Lehrmittel, in dem unsere Arbeit in einen Kontext gesetzt wird, erneut zu Polemik.
swissinfo: Unterstreicht der "Bergier-Bericht" auch institutionelle Mängel aus jener Epoche, die Ihrer Ansicht nach bis heute andauern?
J.-F.B.: Ich möchte nicht bitter tönen, aber ich finde es schade, dass gewissen Schwächen, auf die wir den Finger gelegt hatten, überhaupt nicht Rechnung getragen wurde.
In Zeiten von Kriegen oder Krisen kann es zwischen der politischen und der wirtschaftlichen Macht zu Reibereien kommen. Es gibt etwa die Frage des Ermächtigungsgesetzes für die Regierung, die Frage der Kompetenzverteilung zwischen Exekutive und Legislative, da ist verfassungsrechtlich nicht alles klar.
Vor allem aber stellt sich die Frage der historischen Verantwortung der Schweiz. Man muss sich seiner Vergangenheit stellen, nur so kann man einer klaren Zukunft in die Augen schauen.
swissinfo: Wie reagieren Sie auf den Prozess gegen Dogu Perinçek, den türkischen Politiker, der jüngst in Lausanne wegen seiner revisionistischen Äusserungen über den Armenien-Genozid verurteilt worden ist?
J.-F.B.: Ich denke, ein Historiker kann, wie ich damals, damit beauftragt werden, gewisse problematische Fragen zu klären. Dabei muss er aber seine völlige Unabhängigkeit bewahren können. Ich bin beunruhigt über Gesetze, die gerade auch Historiker mundtot machen können, wenn sie etwas erläutern, aber damit etwas sagen, das politisch unkorrekt ist.
Klar muss man verhindern, dass revisionistische, abwegige oder Opfer beleidigende Ideen verbreitet werden. Andererseits müssen Historiker die Freiheit behalten können, welche die Solidität ihrer Arbeit garantiert. Es ist die Verpflichtung der Historiker, ehrlich zu bleiben – das ist eine Frage der Berufsethik.
Es ist immer sehr heikel, wenn ein Historiker in einem Prozess als Zeuge aussagen muss; wenn ein Richter aber einen Historiker verurteilen muss, kann es gefährlich werden.
swissinfo-Interview: Isabelle Eichenberger
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)
Jean-François Bergier
Geboren 1931 in Lausanne.
Von 1963 bis 1969 Professor für Wirtschafts-Geschichte in Genf, von 1969 bis 1999 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Zwischen 1996 und 2001 leitete Bergier die Unabhängige Experten-Kommission, welche die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte.
1985 erhält er die Ehrendoktor-Würde der Universität St. Gallen. Zudem ist Bergier korrespondierendes Mitglied des Institut de France.
Chronologie
Dezember 1996: Die Regierung ernennt die Unabhängige Experten-Kommission (UEK). Die Kommission erhält einen Kredit von 5 Mio. Franken, der 1997 um 17 auf 22. Mio. aufgestockt wird.
Mai 1998: Publikation des 1. Zwischenberichts: Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg.
Dezember 1999: Publikation des 2. Zwischenberichts: Flüchtlings-Politik
März 2002: Publikation des 600 Seiten lange, zusammenfassenden Schlussberichtes (Detailergebnisse: Insgesamt 27 Bände). Die UEK wird aufgelöst. Das Parlament verzichtet auf die ursprünglich geplante Debatte.
November 2006: Publikation von "Entretiens avec Jean-François Bergier" von Bertrand Müller und Pietro Boschetti, Editions Zoé. Die deutsche Version "Jean-François Bergier im Gespräch" erscheint im März 2007 im NZZ Verlag.