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Da war auf einmal dieser Name, ein englischer Name, ein Name, den ich in einem Gespräch zufällig aufschnappte: «Wie hiess noch der Typ, den du vorhin erwähnt hast?», fragte ich nach, bloss um sicher zu sein, richtig verstanden zu haben. «Jack Reynolds.» Ich kannte keinen Jack Reynolds, und dennoch war mir, als hätte ich diesen Namen eben erst irgendwo gelesen.
«Sag, wie sind wir auf Jack Reynolds gekommen?», wollte ich wissen. «Phil Jackson, der berühmte Basketballtrainer, erwähnt in seinem Buch ‹Sacred Hoops. Spiritual Lessons of a Hardwood Warrior› sein Erfolgsgeheimnis. Er schreibt über die sogenannte ‹triangle offense›. Das hat mich interessiert, also habe ich ‹triangle offense› gegoogelt und bin auf Jack Reynolds gestossen.» – «Demnach ist Reynolds ein Basketballer?» – «Nein, das ist ja gerade das Interessante. Reynolds war ein Trainer aus der Frühzeit des Fussballs. Aber er hat offenbar, ohne es zu wissen, auch andere Ballsportarten inspiriert.»
Reynolds, Reynolds, Reynolds, der Name drehte ein paar Tage leer in meinem Kopf herum, bis ich die letzte oder vorletzte Ausgabe des Fussballmagazins «11 Freunde» zum wiederholten Mal zur Hand nahm. Im Heft war ein längeres Interview mit dem gegenwärtigen Ajax-Amsterdam-Trainer Frank de Boer, der mit seinem Team in den letzten fünf Jahren fünfmal niederländischer Meister geworden ist.
In diesem Interview wird De Boer auf die Tradition von Ajax Amsterdam angesprochen, darauf, dass Ajax die erste Mannschaft war, die den «totalen Fussball» zelebrierte, den Johan Cruyff später nach Barcelona brachte und aus dem Pep Guardiola am Ende das «Tiqui-taca» entwickelte. Ja, sagte Frank de Boer, der «voetbal totaal» sei unter Cruyff weltberühmt geworden, aber die Grundlage dazu habe lange vorher der legendäre Jack Reynolds gelegt, und der Stil sei von dessen Schüler Rinus Michels an Johan Cruyff weitergetragen worden.
Da war es also gewesen, wo ich den Namen Jack Reynolds schon aufgeschnappt hatte: beim Interview mit Frank de Boer. Und kaum ein paar Tage später komme ich über den US-amerikanischen Basketball-Philosophen Phil Jackson erneut auf Jack Reynolds.
Inzwischen war ich neugierig genug, Jack Reynolds auf Wikipedia nachzuschlagen. Dort steht unter anderem, Reynolds sei 1881 in Manchester zur Welt gekommen, habe eine mittelmässige Spielerkarriere in Englands unteren Fussballligen absolviert und 1912 seine Trainerkarriere in St. Gallen gestartet. Mit dem FC St. Gallen erreichte Jack Reynolds in der Ostgruppe der damaligen Serie A 1912 den dritten und 1913 sowie 1914 den zweiten Platz hinter Aarau. Nach diesen Erfolgen habe der Engländer vorgehabt, Trainer der Deutschen Nationalmannschaft zu werden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte diese Pläne, worauf Jack Reynolds, vielleicht eher zufällig, bei Ajax Amsterdam anheuerte. Zwischen 1915 und 1947 war Reynolds mit wenigen Unterbrüchen Ajax-Trainer. Er blieb auch nach seiner Karriere in Amsterdam und starb dort im Jahr 1962.
Da haben wir es: Der Vorvater fussballerischer Taktiklehre, der Entwickler des perfekten Fussballs, der Urahne des Tiqui-taca-Stils, der Wegbereiter der Dreiecksoffensive, deren Einfluss bis in den US-Profibasketball reicht, hatte seine Sporen als Fussballlehrer in St. Gallen abverdient. So gesehen steht der FC St. Gallen am Ursprung des modernen Weltfussballs. Alles, was nach 1914 taktisch entwickelt und erfunden wurde, hängt direkt oder indirekt mit Jack Reynolds und dem FC St. Gallen zusammen. Alfredo Di Stefano, George Best, Cruyff, Maradona, Zidane, Ibrahimovic, sie alle bauten ihre Karrieren auf den fussballerischen Erkenntnissen auf, die in der Gallusstadt ihren Anfang nahmen. Ein Jammer eigentlich, dass wir im aktuellen Spielstil des FC St. Gallen so wenig davon ablesen können.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er mag und sucht Zusammenhänge zwischen Sportarten, Ortschaften und Menschen.