Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03328.jsonl.gz/429

Den israelischen Dichter Tuvia Rübner (1924 – 2019) kannte ich als Übersetzer von Samuel Joseph Agnon und Dan Pagis aus dem Hebräischen ins Deutsche. Zudem wusste ich, dass er eigene Gedichte in Hebräisch und Deutsch veröffentlicht hatte. Mehr war mir nicht bekannt. Bis ich in der NZZ folgenden Satz von Schriftsteller Michael Krüger, dem ehemaligen Leiter des Hanser Verlags, las: « Tuvia war ein begnadeter Fotograf: Gerade die Fotografien seines Kibbuz zeigen ein Land und eine Gesellschaft, die immer irgendwie im Aufbruch lebten». Tuvia Rübner soll auch ein Fotograf gewesen sein? In keinem Buch und keinem Lexikon zur Fotografie fand ich einen entsprechenden Hinweis.
Manchmal hilft das Herumerzählen weiter. Oded Fluss, Bibliothekar der ICZ Bibliothek, der wichtigen Schweizer Bibliothek zu Themen des Judentums, wusste auf Anhieb weiter. Oded Fluss ist ein wandelndes Lexikon zur Literatur und zur Kultur überhaupt, nicht nur zur jüdischen. Er wusste, dass in Israel ein Buch über den Dichter-Fotografen Rübner, – in Israel heisst er Rivner -, erschienen sei. Zwei Wochen nachdem ich ihm vom Fotografen Rübner erzählt hatte, rief er mich an: Das Buch sei da, ich könne es in der Bibliothek abholen.
Jetzt weiss ich: Bereits als Jugendlicher hatte Rübner zu fotografieren begonnen. Schon auf den ersten Seiten des Buchs wird klar, dass sich Rübner mit dem Medium der Fotografie intensiv beschäftigt haben muss. Da ist eine Aufnahme, auf der Fotograf Nathan Suffrin zu sehen ist, wie er Porträtaufnahmen von Rübner sichtet, die eindeutig unter dem Einfluss des berühmten Fotografen Helmar Lerski gemacht wurden. Schaut man sich die auf dem Boden vor Suffrin liegenden Aufnahmen an, meint man beim ersten Hinschauen Bilder von Lerski zu sehen. Raymond Naef, der wohl beste Kenner von Lerskis Bilder in der Schweiz, bestätigt, dass die Porträts, die Suffrin betrachtet, keine Lerski Bilder sind, aber eindeutig im Stil von Lerski gemacht wurden
Der aus Bratislava stammende Rübner ist 1941 im letzten Moment mit einer Jugendgruppe nach Palästina gekommen. Seine Familie hat den Krieg nicht überlebt. Sein ganzes Leben in Israel hat er im Kibbuz Merchavia bei Afula im Norden Israels verbracht. Im Kibbutz begann Tuvia Rübner Gedichte zu schreiben, mit denen er die Erfahrungen seines Verlusts der Familie und die Erlebnisse im neuen Land verarbeitete. Anfangs verfasste er die Gedichte in deutscher Sprache, ab 1954 auch in Hebräisch. Im Kibbuz war er zuerst Schafhirte, dann im Weinberg tätig. Er überlebte einen Busunfall, verletzt konnte er keine körperliche Arbeit mehr übernehmen und wurde deshalb Bibliothekar und Literaturlehrer an der Mittelschule des Kibbuz.
Wann genau er in Israel das Fotografieren aufgenommen hat, ist nicht bekannt. Rund 2000 Bilder hat er vom Kibbuz gemacht. Er hat alle Kinder im Kibbuz fotografiert. Das Leben in der genossenschaftlichen Dorfsiedlung ist auf seinen Bildern dokumentiert: Die Arbeiter auf dem Feld und im Fabrikationsbetrieb, der Nachtwächter auf seinem Rundgang durch das Dorf, Familienfeiern, Mitglieder des Kollektivs im Speisesaal sowie die Verwaltungsleute und die Versammlungen der Kibbuzbewohner, die Dorf-Fussballmannschaft im Spiel, der Dorffrisör bei seiner Arbeit und ältere Kibbuzniks, die unter einem grossen alten Baum auf einer Bank sitzen und lesen. Schon längst vergessen, dass die Kinder im Kibbuz im Kinderhaus betreut wurden? Hier ist das Kinderhaus zu sehen. Anders als Helmar Lerski, der Meister des Lichts im Porträt, bei dem jede Aufnahme einer langen Vorarbeit bedurfte, glich Rübners Art des Fotografierens eher derjenigen von Fotograf Tim Gidal, der zur selben Zeit in Israel Schnappschüsse machte. Was Rübner aber mit Lerski verbindet, ist manchmal de Pathos mancher Bilder von Arbeitern, wie es ihn in den Jahren der russischen Arbeiterfotografie gab.
Rübner erhielt 1999 den Paul‐Celan‐Preis für seine Übersetzung des Romans Schira von Literatur‐Nobelpreisträger Agnon aus dem Hebräischen ins Deutsche. 2008 bekam er den Israel‐Preis, die höchste Auszeichnung des Landes, und 2012 den Literaturpreis der Konrad‐Adenauer‐Stiftung. 1963-1966 war er Vertreter der Jewish Agency in der Schweiz und zwar in Zürich, wo er auch fotografiert hat. Hier hat er noch Vorlesungen von Emil Staiger und Wolfgang Binder besucht. Tuvia Rübner wird zu den Exil-Schriftstellern gezählt, hat er doch in Israel Gedichte in seiner deutschen Muttersprache geschrieben. Ob er auch ein Exil-Fotograf ist?
Schriftsteller Michael Krüger zitiert in seinem Artikel in der NZZ ein Gedicht von Rübner, in dem eine Fotografie vorkommt. Das Gedicht heisst «Ansichtskarte: Pressburg, heute Bratislava»:
«Bratislava hiess Pressburg, hiess Pozsony. / Für mich war es Pressburg. / Der Lehrer Wurm zeigte mir das Klassenbild und sagte: / Der war ein Nazi und der und der auch. Dieser / war besonders grausam. Der fiel in Russland und / der wurde vertrieben. Wer von den jüdischen Schülern überlebte, / weiss ich nicht. / Pressburg war eine Dreisprachenstadt. Die vierte Sprache / ist das Schweigen. / Hat es einst Grenzen des Bösen gegeben? / Pressburg liegt an der Donau, am Ausläufer der Karpaten. / Nahe zum Martinsdom stand der Neologentempel, / etwas maurisch. Unten liegt der Fischplatz, / oben begann die Judengasse. Die Donau fliesst noch immer. / Ich bin alt. Ich kann nur langsam weiter. / In Pressburg bin ich geboren. Ich hatte eine Mutter, / einen Vater und eine Schwester. Ich glaube, / ich hatte eine kleine glückliche Kindheit in Pressburg. / Einmal fror die Donau ganz zu. / Die Kelten bauten hier eine Festung und auch / die Grossmährischen Fürsten. Die Römer / nannten es Posonium. Es ist eine sehr alte Stadt. / So alt, dass ich sie nicht erkenne. / Auf Wiedersehen, Liebe, kaum.» (1998)
Die beiden Aufnahmen stammen aus dem Buch (in hebräischer Sprache) «Tuvia Rivner: Mabat kaful. Tsilumim“ / („Tuvia Rübner, Der doppelte Blick, Fotografien“), erschienen 2017 im Verlag des Museums Beit Chaim Shturman, Ein Harod, Israel. Das grosse Bild: Mitglied des Kibbuz Merchavia im Küchendienst des Speisesaals. Kleines Bild: Hochzeit im Kibbuz.
Eingeworfen am 19.07.2021