Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03538.jsonl.gz/150

Dabei hätte es längst ein Übungsfeld für den Umgang mit Ungewissheiten gegeben: die Sprache. Da entscheiden wir laufend Fragen wie die, ob das Gegenüber mit «Wecken» jetzt ein Brötchen oder das Abbrechen des Schlafs gemeint habe. Meistens ist das im Zusammenhang so klar, dass sich keine Gelegenheit zur Besserwisserei ergibt. Aber wehe, man kann einer Mehrdeutigkeit eine – gültige oder vermeintliche – Regel entgegenhalten: Dann finden sich immer Leute, die das genüsslich tun. […] Besonders dann, wenn sie wieder einmal einen Beleg dafür gefunden haben wollen, wie unsinnig die Orthografiereform doch gewesen sei. Sie jammern dann zum Beispiel am Grossbuchstaben darüber, dass sie nicht mehr erkennen können, ob sich eine Mutter «im Stillen» oder «im stillen» Sorgen um die Zukunft ihres Kindes macht.
neue personensuche
Goldstein, Daniel
Ein deutscher Redakteur, der in der Schweiz als Redaktor einer Kirchenzeitung arbeitet, fragte mich, ob er das Eszett (ß) verwenden solle. Nein, antwortete ich ihm, gemäss dem englischen Sprichwort, wonach man sich in Rom wie die Römer verhalten solle.
Den Babys und den Ladys hängen wir seit der Rechtschreibreform einfach -s an, obwohl der englische Plural «-ies» geschrieben wird.
Seit der rechtschreibreform? stichwort baby.
«Mit gebären sind u. a. verwandt Geburt, Gebärde, gebaren, Gebühr, gebühren, Bahre, entbehren (eigentlich ‹nicht tragen›) und das Suffix bar, z. B. fruchtbar, eigentlich ‹Frucht tragend, bringend›.» Nebenbei sieht man hier auch, dass das Dehnungs-h nicht eben konsequent in die Rechtschreibung gelangt ist.
Französischen Amtsstellen hat der Premierminister kurz nach dem Alarmruf der Akademie Formen wie «tou·te·s» für «alle» verboten. Der hier verwendete Mediopunkt (·) ist im Deutschen ein Kennzeichen der Leichten Sprache […]; als Mittel zum Gendern ist er mir erst selten begegnet. Genderbewusste SchreiberInnen, Korrektor_innen oder Leser*innen bevorzugen die soeben gezeigten Schreibweisen. […] Die korrekte Aussprache der Zeichen wäre erst noch zu erfinden. Auch in Österreich hat […] eine Amtsstelle solche Schreibweisen abgelehnt: Die Volksanwaltschaft, eine Art Ombudsstelle, hat einer Beanstandung recht gegeben. Es ging um «die Verwendung des Binnen-I und ähnlicher Formen als Beurteilungskriterium an Schulen und Pädagogischen Hochschulen, weil sie in den Rechtschreiberegeln nicht vorgesehen sind.
Mein Lieblingskomma dagegen steht dort, wo nach einem Einschub der gleiche Hauptsatz weitergeht. […] Vorher und nachher muss ein Komma stehen. Daran hat die Reform der Rechtschreibung nichts geändert.
Siehe fundsachen.
Gedankenlos übernommene Anglizismen, geschwollenes Fachchinesisch, Modeflausen, orthografische Beliebigkeit und krasser Widersinn gehören gewiss bekämpft. Aber nicht nur solche Erscheinungen gehen an die Nerven, sondern eben auch das Besserwissertum und die Rechthaberei, mit denen manche Reklamationen vorgebracht werden. Oft ist auch das Bedürfnis zu beobachten, stets nur eine einzige Lesart gelten zu lassen, sei es aus Überheblichkeit oder auch aus Unsicherheit. Letztere hat durch die Reform der Rechtschreibung und dann deren Revision verständlicherweise noch zugenommen.
Als „Nase rümpfend“ beschreiben sie auf Seite 1 die Kritiker von Eindeutschungen. Eisenberg selber unterschieben sie die Schreibweise „seiner Zeit“ - beides war zu keiner Zeit richtig. Und beides sind schöne Beispiele für jene vermeintlichen Neuschreibungen, die viel zum schlechten Ruf der Reform beigetragen haben.
Mit der letzten Reform der Rechtschreibung hat die Zahl der Fälle zugenommen, in denen mehrere Schreibweisen zulässig sind; die Verunsicherung dürfte Sick weiteren Zulauf beschert haben. In der Sprachwissenschaft indessen hat heute die Erforschung des tatsächlichen Sprachgebrauchs den Vorrang vor der Normensetzung; manche Linguisten lehnen Vorschriften rundweg ab.
Für die Strassennamen gab 2005 das Bundesamt für Landestopografie Empfehlungen heraus, die ebenfalls die durchgängige Verwendung des Bindestrichs bei mehrteiligen Personennamen enthalten. Dieser Stand der Dinge ist (auf Veranlassung des «Sprachspiegels») im Internet-Lexikon Wikipedia festgehalten, wo es bis im Mai 2012 ohne Quellenangabe hiess, das «Leerzeichen in Komposita» sei bei Strassennamen «in der Schweiz Standard». Noch zeigt das elektronische Telefonbuch «Gottfried-Keller-Strasse» erst in vier Städten, aber ebenso oft «Gottfried-Kellerstrasse», gar an fünf Orten «Gottfried Keller-Strasse» und dreimal «Gottfried Kellerstrasse». Es lebe der Föderalismus!
Jedenfalls vermute ich, dass die Vorherrschaft des Englischen als globalisierte Geschäfts- und Werbesprache aufs Deutsche abfärbt, wenn wir etwa von der «Jungfrau Region», vom «Bratensauce Töpfli» oder vom Film «Missen Massaker» lesen. Werden die Regeln der deutschen Sprache angewendet, so muss da überall ein Bindestrich stehen. […] Das Weglassen des Bindestrichs ist inzwischen so verbreitet, dass es einen eigenen «Fachausdruck» erhalten hat: Deppenleerschlag (oder Deppen-Leerschlag). […] Oft lauert der unbeabsichtigte Humor: Kennen Sie die Jungfrau namens Region?
Wer nun meint, es brauche doch zwei Bindestriche, um den ganzen Namen zusammenzuketten […], der hat recht – aber nur in Bezug auf die Strasse, nicht in Bezug aufs Zentrum. Denn dieses trägt einen Eigennamen, und den darf es setzen, wie es will. […] Ist aber eine Institution, zumal eine kulturelle, gut beraten, bei ihrem Namen von den Sprachregeln abzuweichen?
[…] wenden uns anderen Wörtern zu, die meistens überflüssig sind. Eines davon ist «sogenannt». Während der (glücklich überwundenen) strengen Phase der Rechtschreibereform musste man «sogenannt» schreiben – und das hatte wenigstens den Vorteil, dass man die Banalität des Wortes gleich erkannte: Aha, da wird etwas sogenannt, weil es nämlich so heisst, vielleicht in einer Fachsprache, auf die man schonend hingewiesen wird.
neue personensuche