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Feierliche Fasanen – Feste am Hof Philipps des Guten
Von 1363 bis 1482 regierten die Herzöge aus dem Haus Valois–Burgund, einer Seitenlinie des französischen Königshauses, den burgundischen Herrschaftsverbund und führten ihn im französisch-deutschen Grenzraum zu größter Ausdehnung und wirtschaftlich-kultureller Höchstblüte. Die glanzvolle burgundischen Ritter- und Hofkultur war Vorbild für Höfe in ganz Europa. Die Extravaganz, die Liebe zum Luxus, der Wille zur Form, die Theatralisierung, die Betonung des Zeremoniells, all das diente vor allem dazu, den Fürsten zu überhöhen und die herausragende Gestalt und die besondere Aura der Valois-Dynastie zu vermitteln. Einen kleinen Rest dieses einstigen Glanzes erkannte man noch viele Jahre später an den Höfen Europas in Form des Hofzeremonielles. Jenes wurde im 15. Jahrhundert am Hof der Herzöge von Burgund im Festwesen entwickelt. Unter Philipp dem Guten ausgearbeitet, gehörte zu diesem Zeremoniell auch die Schaffung eines Ritterordens, nämlich dem bis heute bestehenden Orden vom Goldenen Vlies (Bild oben: Kopie eines verlorenen Porträts von Rogier van der Weyden - Philipp trägt die Halskette mit dem Orden).
Äusserliches Kennzeichen dieses Zeremoniells war das Tragen schwarzer Kleidung. Durch Erbgang gelangten die Niederlande an die Habsburger, die dieses Zeremoniell am spanischen Hof unter Karl V. und in Wien unter seinem Bruder Ferdinand von Österreich einführten. Auf diesem Weg ging es in die Geschichte nicht als Burgundisches, sondern als Spanisches Hofzeremoniell ein, obwohl es am Burgundischen Hof etabliert wurde.
Abbildungen: Der Palast der Herzöge von Burgund in Dijon vor der Restaurierung von Jules Hardouin Mansart, 1698 (Aquarell von Mansart, 1698, Bibliotheque de la Sorbonne) und unten, der heutige Palast
Für das Bild, das sich die grössere Öffentlichkeit vom Fürsten machte, waren indes vor allem die Feste und Feierlichkeiten von Bedeutung, die der Herzog mit seinem Hof veranstaltete. Das berühmteste unter ihnen war das Fasanenfest (Vœu du Faisan) Philipps des Guten am 17. Februar 1454 in Lille, der zweiten Residenz der Herzöge. Am besten lassen wir den Haushofmeister Olivier de la Marche selbst zu Wort kommen:
"Die zweite und längste Tafel zeigte vor allem eine riesige Pastete, in der zwanzig lebende Personen waren, die der Reihe nach auf verschiedenen Instrumenten musizierten. Der zweite Tafelaufsatz war ein Schloß nach Art von Lusignan, auf dessen Hauptturm sich Melusine in Gestalt einer Schlange befand. Von den beiden kleineren Türmen sprang Orangenwaser in die umliegenden Gräben. Dann war auf einem Hügel eine Windmühle zu sehen, auf deren Dach eine Elster saß, nach der Leute aller Stände mit Bogen und Armbrüsten schossen. Weiterhin sah man auf einem Weinberg ein Faß, in dem es zweierlei Getränke gab, ein süßes und ein bitteres, und darauf saß ein wohlgekleideter Mann mit einem Zettel in der Hand, auf dem geschrieben stand: Wer davon will, der nehme! [...] Die Art der Bewirtung und die Gerichte selbst waren unerhört prächtig. Da war jede Schüssel mit 48 verschiedenen Speisen versehen, und die Bratenbehälter bestanden aus mit Gold und Blau ausgeschlagenen Wagen. Zunächst der Tafel stand eine hohe Anrichte, die mit Gold- und Silbergeschirr beladen war, dazwischen Kristallgefäße, die mit Gold und Edelsteinen besetzt waren."
Die exorbitante Menge am Speisen und deren eigenwillige Verarbeitung versetzte die geladenen Gäste nicht weniger in Erstaunen, als die prunkvollen Tafelaufsätze, Schiffsmodelle, Tischspiele und Zimmerspringbrunnen. Daneben gab es auch Artisten und Akrobaten, die den Besuchern ihre Kunststücke zeigten und dressierte Tiere, die ihre Fertigkeiten unter Beweis stellten. Dazu gab es natürlich musikalische Unterhaltung und tableaux vivants, an denen sich auch der Adel gerne beteiligte. Zentrum und Kulminationspunkt des ganzen Festes war aber die Darbietung dreier Figuren: ein lebender Fasan, dem eine Kette aus Gold und Edelsteinen um den Hals gelegt wurde, ein grossgewachsener Mann aus dem Hof, der den Sultan darstellte und eine Schauspielerin, die in allegorischer Form die ‚Frau Kirche‘ verkörperte. Denn der Grund für das Fest war eigentlich ein ganz unfeierlicher: 1453 wurde Konstantinopel von den Osmanen erobert, das Byzantinische Kaiserreich ging im Donner der osmanischen Kanonen unter und der Sultan verlegte seine Residenz in das neue Istanbul. Da der burgundische Hausorden, der Orden vom „Goldenen Vlies“, sich unter anderem der Verteidigung des Glaubens verschrieben hatte, fühlte sich der burgundische Herzog Philipp der Gute berufen, durch diesen symbolischen Akt die Initiative zu ergreifen. Das Fest sollte die auch im Spätmittelalter nie gänzlich erloschene Kreuzzugsidee mit neuem Leben erfüllen und so wundert es nicht, das während der Darbietung der drei Figuren die Kirche die Eroberung Konstantinopels lauthals und anrührig beklagte und die christliche Ritterschaft eindringlich aufforderte, ihr zu Hilfe zu kommen. Daraufhin gelobte Philipp und mit ihm alle Mitglieder des Ordens des Goldenen Vlieses, den Kreuzzug zu unternehmen. In einem festlichen Akt schworen sie bei Gott, der heiligen Gottesmutter und … seltsamerweise auch bei dem Fasanen.
Fabian Felder