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„VON ANGESICHT ZU ANGESICHT“ – FÜRSORGE IN FREUNDSCHAFTEN VON MÄNNLICHEN JUGENDLICHEN
Kevin Leja und Iris Schwarzenbacher
1. Einleitung
Die Freundschaftsbeziehung stellt einen spezifischen Beziehungstypus unter Gleichaltrigen mit zentraler Bedeutung für die Jugendphase dar (Alleweldt 2009). Es geht hier um Beziehungen, die sich in Hinblick auf gemeinsam verbrachte Zeit und Vertrauen intensivieren und festigen und in der Jugendliche die Möglichkeit haben, ihre „ganze Persönlichkeit einzubringen und dem anderen das eigene Selbst zu offenbaren“ (ebd., 90). Im Forschungsfeld zu Freundschaften in der Jugendphase sowie Freundschaften im Allgemeinen nimmt die Untersuchung von Geschlechterunterschieden einen zentralen Stellenwert ein (Alleweldt 2016). Als Idealtypus wird häufig die Freundschaft zwischen Mädchen und die dort praktizierte Intimität angenommen (Baader 2008).[1] Darüber hinaus wurden Freundschaftsbeziehungen von Mädchen im Gegensatz zu denen von Jungen bisher umfassender erforscht (Seiffge-Krenke/Seiffge 2005). Die wenigen Veröffentlichungen, die sich mit Freundschaften zwischen Jungen beschäftigen, behandeln zwar immer wieder am Rande das Thema Intimität, indem deren Mangel problematisiert wird; der Fokus wandert jedoch auch in diesen Publikationen schnell wieder zu Phänomenen wie Risikobereitschaft und Wettbewerbsorientierung in den Beziehungen unter Jungen, ohne genauer in den Blick zu nehmen, wo sich Intimität oder auch Fürsorge in den Freundschaftsbeziehungen finden lassen (Meuser 2005).
Mit dem vorliegenden Aufsatz wollen wir diese Leerstelle füllen und Fürsorge in Freundschaften zwischen Jungen in den Untersuchungsfokus rücken. Nach einer Annäherung an die zentralen Begriffe „Fürsorge“ und „Freundschaft“ (2) folgt hierfür eine kritische Auseinandersetzung mit dem bisherigen Forschungsstand (3). Im Anschluss an die Darlegung der Methodologie und Methode (4) wird auf Basis einer tiefenhermeneutischen Einzelfallanalyse Fürsorge in den Freundschaftsbeziehungen eines 14-jährigen Jungen rekonstruiert (5). Diese und weitere Analyseergebnisse werden schließlich für eine kritische Reflexion bisheriger Theorieentwürfe genutzt (6), um abschließend ein Fazit und einen Ausblick zu geben (7).
2. Fürsorge und Freundschaft – Eine begriffliche Annäherung
Im Folgenden werden die zentralen Schlüsselkonzepte des Untersuchungsgegenstandes dargestellt. Diese werden im Sinne Blumers als „sensitizing concepts“ (1954, 7) genutzt, um einen offenen Blick auf das Material zu gewähren, die lebensweltlichen Deutungen der Befragten zu rekonstruieren und damit eine Schärfung des spezifischen Forschungsfelds zu ermöglichen.
2.1 Care, Sorge und Fürsorge
Bei der Auseinandersetzung mit dem Begriff „Fürsorge“ fällt auf, dass es eine Vielzahl von sehr eng bis sehr breit gefassten Definitionen gibt. In der deutschsprachigen Forschung wird häufig der englische Begriff Care übernommen oder dieser wird mit dem Begriff „Sorge“ oder „Fürsorge“ übersetzt, wobei sich die jeweiligen dahinterliegenden Definitionen teils deutlich unterscheiden und zum Teil Gefahr laufen, durch Übersetzungsschwierigkeiten unpräzise zu werden. Eine der prägendsten Schriften der feministischen Care-Ethik, auf die wir uns in dieser Arbeit beziehen, stellt das Werk Moral Boundaries von Tronto dar. Hier wird Caring definiert „as a species activity that includes everything that we do to maintain, continue, and repair our ‘world’ so that we can live in it as well as possible. That world includes our bodies, our selves, and our environment, all of which we seek to interweave in a complex, life-sustaining web“ (1993, 103).
Hier handelt es sich um einen sehr breiten Care-Begriff, der einerseits nicht individualistisch gefasst oder auf dyadische Interaktionen reduziert ist und andererseits nicht nur menschliche Interaktion einschließt, sondern eine ganze Weltbeziehung. Dem entspricht in der deutschen Übersetzung der weite Begriff „Sorge“. Tronto (2015, 5 f.) unterscheidet in ihrem analytischen Modell zwischen vier verschiedenen Dimensionen von Care, nämlich Caring-about, Caring-for, Caregiving und Care-Receiving: Caring-about, das Identifizieren von Bedürfnissen, und Caring-for, das Übernehmen von Verantwortung für diese Bedürfnisse, beschreiben eher innere Prozesse und im weitesten Sinne eine Haltung. Die Dimensionen Caregiving, das tatsächliche Erfüllen der Bedürfnisse, und Care-Receiving, die Reaktion der Umsorgten, sind hingegen als Aspekte der Handlungsebene zu betrachten. Hier erscheint der Ausdruck der Fürsorge als Übersetzung für Care sinnvoller als Sorge, da es sich um eine prozessuale Beschreibung handelt, die auf etwas bzw. jemanden gerichtet ist. Dieses Vier-Stufen-Modell ermöglicht es somit, analytisch zwischen Fürsorgeorientierung und Fürsorgehandlung zu unterscheiden.
Eine engere Definition stammt von Flick und Schobin (2016, 154):
Der Begriff der Fürsorge umfasst alle sozialen Handlungen, die einer bestimmten Vollzugslogik gehorchen: Er beschreibt Tätigkeiten, die ein Akteur X vornimmt um Akteur Y direkt oder indirekt die Befriedigung elementarer psychischer, physischer und sozialer Bedürfnisse zu ermöglichen.
Diese deutlich engere Konzeption grenzt Fürsorge auf elementare Bedürfnisse ein und ist ausschließlich auf der Handlungsebene verortet. Dennoch kann mit dieser Definition eine Präzision des Begriffs vorgenommen werden: Das Caregiving wird in eine direkte und eine indirekte Ermöglichung der Befriedigung der Bedürfnisse ausdifferenziert.
Für den vorliegenden Aufsatz werden Elemente der beiden vorgestellten Fürsorge-Konzepte im Sinne von sensibilisierenden Konzepten (Blumer 1954) herangezogen. Da wir in der empirischen Arbeit vorwiegend die Handlungsebene, d. h. die Fürsorgepraktiken, fokussieren, stellen sich die analytischen Ausführungen von Flick und Schobin als hilfreiches Werkzeug heraus. Deren Einschränkung auf elementare Bedürfnisse schließen wir uns allerdings nicht an, sondern vertreten in Anlehnung an Tronto einen weiten Begriff der Fürsorge, der über Grundbedürfnisse im engeren Sinne hinausgehend auch weitere alltägliche Bedürfnisse umfasst. Ebenfalls sollen die Dimensionen der Fürsorgeorientierung aus Trontos Vier-Stufen-Modell berücksichtigt werden. Daraus ergibt sich eine Analyseperspektive auf Fürsorge, die untersucht, inwiefern die Jugendlichen die Bedürfnisse ihrer Freund:innen erkennen, die Verantwortung für diese übernehmen und wie sie auf die Befriedigung dieser Bedürfnisse (gemeinsam) zuarbeiten.
2.2 Freundschaft
In der Auseinandersetzung mit dem Freundschaftsbegriff stellt sich die „relative Unbestimmtheit des Freundschaftsphänomens und die Vielfalt der Begriffsverwendungen“ (Linek 2017, 560) als Herausforderung heraus.
Die Freundschaftsforschung baut häufig auf den Konzeptionen von Aristoteles, Cicero und Montaigne auf, die Idealvorstellungen davon beschreiben, wie Freundschaft sein sollte (Rapsch 2004). Durch diese normative Setzung von guter Freundschaft kommt es zu einer Fokussierung von engen und intimen Freundschaften in der Forschung. In vielen aktuellen Forschungsarbeiten werden demnach entweder explizit enge oder intime Freundschaftsbeziehungen fokussiert oder implizit Freundschaft als enge oder intime Freundschaft verstanden. Letzteres findet sich zum Beispiel bei Alleweldt, wenn sie Freundschaft „im klassischen Sinne als innige (Zweier-)Verbindung von großer Vertrautheit“ (2009, 85) beschreibt. Aus unserer Sicht birgt diese (implizite) Engführung auf enge Freundschaften in der Forschung die Gefahr, dass sie der „soziale[n] Vielfalt an Freundschaftsformen“ (Linek 2017, 561) im Alltag nicht gerecht wird. Den Prinzipien eines rekonstruktiven Forschungsansatzes folgend und um möglichst offen für unterschiedliche lebensweltliche Deutungen von Freundschaft zu sein, fassen wir daher in unserer empirischen Arbeit Freundschaften als die Beziehungen, die von den Befragten selbst als Freundschaften definiert, also mit der Bezeichnung einer Person als Freund:in in das Interview eingeführt werden. Aus den Erzählungen über die Beziehungsdynamik ist anschließend herauszuarbeiten, wie eng oder intim sich die Beziehung gestaltet.
Insgesamt plädieren wir somit für den Einbezug unterschiedlichster Freundschaftsformen in die Forschung. Gleichzeitig bietet es sich für den vorliegenden Beitrag aufgrund der expliziten Forschungsperspektive auf Fürsorge an, sich eingehender mit Intimität in Freundschaften zu befassen. Bei Intimität handelt es sich um ein „beschreibendes Merkmal enger Beziehungen“ (Seiffge-Krenke 2022, 3). Dabei machen „kommunikative, affektive und körperliche Komponenten“ (ebd.) in ihrem Zusammenspiel Intimität aus. So sind etwa körperliche Nähe, Liebe und Zuneigung, ergo emotionale Nähe, das Teilen emotionaler Regungen und von Geheimnissen Indizien für Intimität in Beziehungen (ebd.). Aufbauend auf unserem Verständnis von Fürsorge möchten wir vorschlagen, fürsorgliche Orientierungen und Handlungen in persönlichen Beziehungen als intimitätsfördernd zu verstehen.
3. Forschung zu Fürsorge in Freundschaften unter Jungen
In der Forschungsliteratur zu geschlechtsspezifischen Aspekten von Freundschaften gibt es laut Krinninger (2012) drei hauptsächliche Untersuchungsstränge. Der erste und aus unserer Sicht dominanteste beschreibt Mädchenfreundschaften als besonders intim und emotional – im Gegensatz zu Freundschaften zwischen Jungen. Freundschaften unter Mädchen würden sich demnach häufig als Face-to-Face-Beziehungen gestalten, also mit Fokus aufeinander, Freundschaften zwischen Jungen hingegen eher als Side-by-Side-Beziehungen, in denen der Fokus auf etwas Drittem wie gemeinsamen Aktivitäten liegt (Wright 1982; beispielhaft Krebs 2009). Dabei kommt es zu einer vergeschlechtlichten Dichotomie, die mit einer Besserbewertung von Freundschaften zwischen Mädchen einhergeht. Zweitens gibt es Beiträge, die schlussfolgern, dass sogenannte Männerfreundschaften ebenso intim seien wie Freundschaften zwischen Frauen (beispielhaft Stiehler 2009). Drittens geht ein weniger entwickelter Strang reflektiert auf die Wechselbeziehungen von Geschlecht und Freundschaft ein (beispielhaft Seiffge-Krenke/Seiffge 2005). Ziel dieses Artikels ist es, zu letzterem Strang beizutragen und diesen weiterzuentwickeln.
Es zeigt sich also, dass es wenig geschlechtertheoretisch fundierte Forschung zu Freundschaften unter Jungen gibt. Als Mitgrund dafür sehen wir, dass Ausgangspunkt für die deutschsprachige Jungenforschung meist die Theorien von Connell (Hegemoniale Männlichkeit) und Bourdieu (Die männliche Herrschaft) sind (Budde/Rieske 2022) und dadurch die Einübung von Männlichkeiten in Gruppenkontexten im Fokus vieler Untersuchungen von nahen Beziehungen männlicher Jugendlicher steht. Im Rahmen sogenannter Strukturübungen werden demnach in homosozialen Gruppen Risikobereitschaft und Wettbewerbsorientierung im Rahmen der „ernsten Spiele des Wettbewerbs“ (Bourdieu 1997, 203) als Teil des männlichen Habitus bei Jugendlichen reproduziert (Meuser 2005). In der Forschung zu Freundschaften zwischen Jungen tritt häufig genau dieser Aspekt der Herstellung von Männlichkeiten in Interaktion mit anderen Jungen in den Vordergrund (Oransky/Marecek 2009). Diese theoretischen Zugänge ermöglichen relevante herrschaftskritische Analysen der Reproduktion männlicher Macht und der stetigen Konstruktion von Männlichkeiten im Jugendalter, weshalb wir uns geschlechtertheoretisch an den Konzepten Connells, Bourdieus sowie Meusers orientieren. Allerdings besteht die Gefahr, dass durch diese theoretische Brille die Lebenswelten von männlichen Jugendlichen nicht umfassend rekonstruiert werden, da etwa Aspekte der Fürsorge nicht in den Blick genommen werden. So entsteht in vielen Arbeiten der Eindruck, Jungen würden keine Sorge für sich und andere tragen (Ruby/Scholz 2018). Wir plädieren demgegenüber dafür, Geschlecht nicht a priori an empirisches Material heranzutragen, sondern in der empirischen Rekonstruktion vorerst keine vergeschlechtlichende Perspektive einzunehmen, um erst in einem nächsten Schritt eine kritische Einordnung in den Diskurs um Geschlecht und Care vorzunehmen.
Einige wenige Arbeiten ziehen stärker in Betracht, wie sich Männlichkeitskonstruktionen auf Freundschaften auswirken, und reflektieren somit die Wechselbeziehungen von Geschlecht und Freundschaft (Seiffge-Krenke/Seiffge 2005; Way 2011). Sie geben sich nicht mit „thin culture interpretations of thick culture problems“ (Way 2011, 36) zufrieden, sondern blicken auf das, was dahintersteht. Männlichkeitsanforderungen (Stuve/Debus 2012) tragen demnach dazu bei, dass in Freundschaften zwischen Jungen „aktive, kämpferische Seiten“ hervorgehoben und „passive, feminine eher unterdrückt werden“ (Seiffge-Krenke/Seiffge 2005, 272) und wenig über Gefühle gesprochen wird, da dies „mit homoerotischer Liebe gleichgesetzt wird“ (ebd., 271 f.). Seiffge-Krenke und Seiffge argumentieren, „dass männliche Jugendliche die zentralen Merkmale von Intimität und Reziprozität in Freundschaftsbeziehungen häufiger durch gemeinsame körperliche Aktivitäten ausdrücken und sich so oftmals ,sprachlos‘ gut verstehen“ (ebd., 272). Als Erklärungsansatz dafür wird eine Orientierung an Vater-Sohn-Beziehungen angeführt, die ebenfalls häufig durch geteilte Aktivitäten strukturiert sind (ebd.). Way analysiert den „boy code“ (2013, 207) als das, was Jungen an Intimität in Freundschaftsbeziehungen mit anderen Jungen hindert und dazu führt, dass ihre Freundschaften im Verlauf der Adoleszenz deutlich weniger intim werden – obwohl die Befragten immer wieder einen Wunsch nach intimen Freundschaften artikulieren (Way 2011, 2013). Way kritisiert ebenso wie wir den verkürzten Blick auf Freundschaften zwischen Jungen und plädiert für eine an der Lebenswelt orientierte Rekonstruktion, die Intimität nicht ausschließt (2013, 210 f.).
4. Forschungsdesign und methodisches Vorgehen
Grundlage für den vorliegenden Artikel ist das Forschungsprojekt „Fürsorgliche Jungen? Alternative (Forschungs-)Perspektiven auf die Reproduktionskrise“, im Rahmen dessen in zwei Erhebungswellen 89 Interviews mit männlichen Jugendlichen im Alter von 13–16 Jahren geführt wurden.[2] Um möglichst unterschiedliche Lebensrealitäten abdecken zu können, wurde auf ein diverses Sample hinsichtlich der Schulform, des sozioökonomischen Hintergrunds sowie der Migrationsgeschichte geachtet und sowohl in einer ost- als auch einer westdeutschen Stadt erhoben.
Als Erhebungsinstrument wurde das teil-narrative Leitfadeninterview in Anlehnung an Helfferich (2011) ausgewählt, da dieses erlaubt, zwischen einer größtmöglichen Offenheit für die Themen der Befragten sowie der Themensetzung durch die Interviewer:innen zu balancieren. Die Interviews begannen mit einer offenen Erzählaufforderung, von sich selbst zu erzählen, woraufhin an diese sehr unterschiedlichen Erzählungen angeknüpft wurde. Die Themenkomplexe, die dem Leitfaden gemäß abgedeckt wurden, behandelten Freundschaft, Familie, Aspekte der Selbstsorge und die Zukunftsvorstellungen der Befragten.
Die Auswertung der ausgewählten Fälle erfolgte unter Anwendung der Tiefenhermeneutik (Lorenzer 1986; König 2019), die es ermöglicht, sowohl die manifeste Ebene der bewussten, den gesellschaftlichen Regeln unterworfenen und somit sagbaren Aspekte eines Interviews in den Fokus zu nehmen, als auch unbewusste, gesellschaftlich abgelehnte und somit unsagbare und latente Lebensentwürfe aufzudecken. Mithilfe des aus der Psychoanalyse übernommenen „szenischen Verstehens“ (Lorenzer 1986, 26) wird versucht, dieser „Doppelbödigkeit des Textes“ (König 2019, 31) gerecht zu werden, um ein tiefgreifendes Verständnis einschließlich der „psychodynamische[n] Dimension“ (Bereswill 2006, 157) der Einzelfälle zu generieren. Die Methode eignet sich aus unserer Sicht vor allem für die Forschung zu Jugendlichen, da es in Hinblick auf die Adoleszenz als strukturell krisenhafte Phase (King 2013) mit vielen Veränderungen und Umbrüchen besonders zentral ist, Nicht-Sagbares und unter der Oberfläche Schlummerndes aufzudecken.
Zur Interpretation wurde in Anlehnung an die drei von Lorenzer (1986) explizierten Verstehens-Arten ein mehrstufiges Analyseverfahren durchgeführt: Zur Vorbereitung sind die Forscher:innen angeleitet, die während der Lektüre aufkommenden Gefühlsregungen, Affekte und Irritationen zu notieren, um sie produktiv als Erkenntnismoment der Interpretation nutzen zu können (König 2019). Anschließend an die Szenenauswahl steht im ersten Schritt die Frage „Was wird hier gesagt?“ (logisches Verstehen) und damit die Identifikation erster „Brüche und Inkonsistenzen des Textes“ (Haubl/Lohl 2017, 12) im Fokus. Der zweite Schritt wird durch die Frage „Wie wird es gesagt?“ (psychologisches Verstehen) angeleitet, wobei über den Fokus auf die Art und Weise des Erzählens Aufschluss über mögliche Konflikte, Irritationen und Widersprüche erlangt wird (König 2019). Im dritten Schritt des „szenischen Verstehens“ (Lorenzer 1986, 26) werden die latente und manifeste Sinnebene zusammengeführt, um Konflikte und Spannungen im Subjekt herauszuarbeiten. Im Modus der freien Assoziation wird eine Vielzahl an Verstehenszugängen generiert, wobei die Forschenden im kritischen Kollektiv ihre Deutungen rechtfertigen müssen, um schlussendlich zu einer Annäherung an den zentralen Konflikt der Szene zu gelangen. Im Anschluss folgt in einem zirkulären Prozess der Einbezug weiterer Szenen aus dem Interview, an die die entwickelte Lesart herangetragen wird, wobei die Schlüssigkeit derselben geprüft und diese gegebenenfalls modifiziert wird, bis es zu einer Sättigung der Interpretation kommt.
Auf diese Weise wurden insgesamt 22 tiefenhermeneutische Einzelfallanalysen angefertigt. Im Folgenden wird Fürsorge in Freundschaftsbeziehungen anhand eines ausgewählten Einzelfalls rekonstruiert und im nächsten Schritt in Beziehung zum Gesamtsample positioniert sowie in den breiteren theoretischen Kontext hinsichtlich des Spannungsverhältnisses zwischen Fürsorge, Freundschaft und Männlichkeit eingebettet.
5. Rekonstruktion von Fürsorge in einer Freundschaftsbeziehung unter Jungen
Für die empirische Analyse wurden zwei Interviews mit einem Jungen ausgewählt, den wir Viktor Wolff genannt haben. Die Interviews fanden 2019 und 2020 statt, also vor und nach Beginn der COVID-19-Pandemie und dementsprechend in unterschiedlichen Settings – einmal in Präsenz und einmal online. Den hier vorgestellten Analysen liegt eine ausführliche tiefenhermeneutische Einzelfallanalyse zu Grunde. Zum Zwecke der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit wurde für die Ergebnisdarstellung aus beiden Interviews jeweils eine zusammenhängende Erzählung ausgewählt, die bereits auf manifester Ebene einen hohen Informationsgehalt aufweist. Die Fallauswahl ist dadurch begründet, dass Viktor im Rahmen unserer Forschung in Hinblick auf vielfältige Fürsorgeorientierungen und -praktiken in Freundschaftsbeziehungen einen Ankerfall darstellt, da viele entsprechende Phänomene, die wir in unterschiedlicher Ausprägung im Gesamtsample finden konnten, bei Viktor besonders deutlich zu Tage treten.
Viktor kommt aus einer kleinen Großstadt in Ostdeutschland und ist zum Zeitpunkt des ersten Interviews 14, beim Zweitinterview 15 Jahre alt. Sein Vater arbeitet als Anwalt, seine Mutter ist Ärztin. Viktor hat eine jüngere und eine ältere Schwester. Im Erstinterview erzählt er, Abitur und danach eine Physiotherapie-Ausbildung machen zu wollen, und im Zweitinterview, ein Medizinstudium zu erwägen. In seiner Freizeit spielt Viktor im Verein Basketball, spielt Videospiele und tobt sich gerne körperlich im Trampolinpark oder bei Schneeballschlachten aus. Weiterhin ist Viktor in einer Theatergruppe, spielt Posaune in einer Big Band und Klavier.
5.1 Caregiving als elementarer Bestandteil von Freundschaft
Viktor erzählt im ersten Interview von zwei Freunden, die er als „best buddies“ (Viktor1, Abs. 94) im Interview einführt. Sie unterscheiden sich vom Rest seiner Clique dadurch, dass sie fast jeden Tag Zeit miteinander verbringen und regelmäßig nach der Schule ihren Alltag gemeinsam gestalten. Gefragt danach, worum es geht, wenn sie miteinander reden, antwortet er: „Eigentlich um alles so äh um um Mädchen geht‘s auch. [I: Mhm, aha.] Um (lacht). Um Mädchen, das ist ja, ist ja irgendwie auch klar. Joa, um alles“ (Viktor1, Abs. 108).
Auf die Nachfrage, worüber sie denn reden würden, wenn sie über Mädchen sprechen, entwickelt sich folgende Erzählung:
Ähm, naja pff. Kommt, kommt immer drauf an, wer in einer Beziehung ist, wer halt grad irgendwie verliebt ist und so weiter (.). […] Zum Beispiel mein Freund hat halt mit seiner Freundin Schluss gemacht und sowas redet man dann auch. Woran hat‘s gemangelt, was hat nicht geklappt und so weiter. (Viktor1, Abs. 115 f.)
In dieser Passage zeigt sich, dass die Jungen das Bedürfnis haben, über ihre Verliebtheit und ihre Beziehungen zu sprechen und den Verlust dieser gemeinsam zu reflektieren. Sie teilen ihre Gefühle und reden offen miteinander. Nach Tronto (2015) wird hier im Sinne eines Caring-about das Bedürfnis, über die beendete Beziehung zu sprechen, erkannt und über die Bereitschaft, das Gespräch einzugehen, wird das Caring-for, also das Verantwortlich-Fühlen für dieses Bedürfnis, deutlich. Das Sprechen über das Ende der Beziehung sowie das aktive Zuhören Viktors können hier also als ein Caregiving verstanden werden. Viktor erzählt weiter, dass sein Freund „auch irgendwie ein bisschen glücklich [ist], wieder Single zu sein“ (Viktor1, Abs. 118), da ihn die Beziehung unter Druck gesetzt habe. Dies zeigt die Tiefe und Offenheit des Gesprächs der zwei Freunde: Sich vor seinen Freunden den Druck einzugestehen, bedeutet, ihnen Vertrauen zu schenken, sich verletzungsoffen zu zeigen, Geheimnisse zu offenbaren. Besonders aufschlussreich ist Viktors Reaktion auf die Frage, wie er auf die Erzählung des Freundes reagiert hat:
Erstmal, erste Reaktion war natürlich schade, dass das nicht geklappt hat. Ist ja auch für mich, weil, al-, bin ja auch ein sehr enger Freund von ihm. Ähm man fühlt ja immer so ein bisschen mit aber ähm, wenn‘s für beide das Richtige war, denk ich, ist da dran auch nichts (..), dann war‘s nicht zu vermeiden im Prinzip (..). (Viktor1, Abs. 122)
Viktor zeigt hier Empathievermögen und Mitgefühl. Im Rahmen der Freundschaftsbeziehung wird also emotionale Teilhabe deutlich, die Viktor mit der Intensität bzw. Qualität der Freundschaftsbeziehung begründet. Diese starke Ausprägung von Empathie qua Verbundenheit lässt sich als ein ausgeprägtes Caring-about klassifizieren.
Es kommt aber außerdem zu Situationen, in denen Viktor an seine Grenzen kommt, nicht helfen kann und sich in Folge überfordert fühlt:
Manchmal gibt‘s auch so Situationen, da weiß ich selber nicht, was ich da drauf dann äh sagen soll und (leises Lachen). Es ist immer doof dann für uns, weil des ist äh, das ist ‘ne Situation, weil er gibt mir irgendwas preis, aber ich kann ihm leider nichts zurückgeben und dann hat man auch son bisschen das schlechte Gefühl in sich, dass man ihm jetzt nicht helfen konnte. (Viktor1, Abs. 140)
Es wird deutlich, dass Viktor sich in der Verantwortung sieht, seine Freunde zu unterstützen. Das leichte Lachen deuten wir als einen latenten Ausdruck der Verunsicherung und des Zweifels, die auftreten, wenn er seinen Freunden nicht helfen kann. Er erkennt an, dass seine Freunde etwas preisgeben, ihm also Einblick in ihr Innerstes gewähren, und sieht diesen Einblick als eine Besonderheit, die mit einer Art Verpflichtung einhergeht, demzufolge unterstützend zu wirken. Hier wird die ausgeprägte Caring-for-Orientierung Viktors sehr deutlich, da schon im Anerkennen der Bedürfnisse der Impuls aufkommt, zu unterstützen. Auf Nachfrage, was er in Situationen macht, in denen er nicht weiterhelfen kann, erzählt Viktor:
Mh, ja. Also wenn‘s irgendwas ganz Schlechtes ist auf jeden Fall trösten und, ja. Ihm halt mentalisch irgendwie beistehen, joa. Oder vielleicht auch googeln (leises Lachen) […] (Viktor1, Abs. 141 f.).
Viktor greift auf unterschiedliche Fürsorgemodi zurück, um seinen Freund in belastenden Situationen zu unterstützen. Dies umfasst etwa den eher instrumentell orientierten Ansatz, via Suchmaschinenabfrage konkrete Lösungsvorschläge für ein Problem zu finden, ebenso wie Fürsorge in Form des Tröstens und mentalen Beistands. Letzteres scheint zwar nur zum Tragen zu kommen, wenn „irgendetwas ganz Schlechtes ist“ und stellt somit keine alltägliche Praxis dar; gleichzeitig deutet der Beisatz „auf jeden Fall“ darauf hin, dass die Fürsorge im Modus der emotionalen Zuwendung und des Beistands einen elementaren Teil der Freundschaftsbeziehung ausmacht. Viktor empfindet somit ein Verantwortungsgefühl für das Wohlergehen seines Freundes und sucht aktiv nach unterschiedlichen Unterstützungsmöglichkeiten. Das leichte Lachen verweist hier ein weiteres Mal auf seine latente Verunsicherung, dass ihm keine funktionierende Lösung einfallen und er somit seiner empfundenen Verantwortung nicht nachkommen könnte.
Es lässt sich festhalten, dass fürsorgliche Praktiken für Viktor einen essenziellen Part von Freundschaften darstellen und er eine starke Fürsorgeorientierung in die Freundschaften miteinbringt. Viktor tritt in den bisherigen Beispielen ausschließlich als Caregiver auf, wobei die Fürsorge vor allem auf einer sprachlichen Ebene umgesetzt wird. Demgegenüber werden körperliche Gesten wie Umarmungen, die durchaus Teil gängiger Fürsorgepraktiken sein können, von Viktor nicht genannt. Auffällig sind Viktors gefühlvolles Erzählen und seine Fähigkeit, Perspektiven Gleichaltriger zu übernehmen und sich emotional in diese hineinzuversetzen.
5.2 Care-Receiving in Freundschaftsbeziehungen
Die Dimension des Care-Receiving innerhalb Viktors Freundschaftsbeziehungen wird insbesondere in Zusammenhang mit Belastungen durch die Covid-19-Pandemie manifest, die im Zweitinterview im Herbst 2020 zum Thema werden.
Viktor erzählt im Interview vom ersten Lockdown im Frühjahr 2020, in dem er über mehrere Wochen außerhalb der Familie keine Präsenzkontakte haben und dadurch seine Freunde nicht treffen konnte. So kommt es für ihn zur vollständigen Verschiebung seiner Freundschaftsinteraktionen in Onlineräume, was sich für ihn als äußerst belastend erweist. Dies spiegelt sich insbesondere in einer Erzählung: Viktor erzählt von einem Mädchen, in das er verliebt ist und dem er von seinen Gefühlen schreibt. Sie antwortet, dass sie nicht so empfindet wie er, worunter Viktor sehr leidet. Obwohl er ein starkes Bedürfnis hat, mit seinen Freunden darüber zu sprechen, behält er es für sich und erzählt ihnen erst vier Wochen später davon – nachdem sie sich wieder in Präsenz treffen konnten, was er folgendermaßen begründet:
Weil (.) über‘n Bildschirm hab ich das irgendwie nich so richtig hinbekommen […]. Also ich muss da schon (.) von Angesicht zu Angesicht, wenn man son bisschen unterwegs is und irgendwann, wenn man dann wieder dieses Vertraun (.) mitnander hat, […] jedes Mal, wenn man sich neu trifft, muss man wieder son (.) kleines bisschen Vertraun zum anderen aufbaun (.). (Viktor2, Abs. 166)
Viktor hat ein Bedürfnis nach Fürsorge durch seine Freunde und beschreibt sich erstmals als ein (potenzieller) Care-Receiver, allerdings kann das Bedürfnis nicht befriedigt werden. Dieses Scheitern, für das er die Verantwortung bei sich selbst sucht – er habe das nicht hinbekommen –, begründet er mit dem Hindernis der Online-Kommunikation. Er kann sich seinen Freunden gegenüber online also nicht in der gleichen Weise öffnen wie unter Präsenzbedingungen, denn das dafür notwendige Vertrauen ist nicht fraglos und stetig gegeben, sondern muss stets in Interaktion (wieder-)hergestellt werden. Hier wird die Bedeutung einer räumlich-körperlichen Dimension von Fürsorgeinteraktionen in der Freundschaft deutlich – nur im Falle von regelmäßigen Treffen und von körperlicher Ko-Präsenz, also „von Angesicht zu Angesicht“, kann für Viktor Vertrauen und damit die Basis für Fürsorge hergestellt werden.
Sobald Viktor und seine Freunde sich wieder in Präsenz treffen können, erzählt er diesen von seiner negativen Erfahrung und beschreibt die Situation wie folgt:
Also die standen mir wirklich bei, die ham das auch alles verstanden, ham zugehört, ham nich irgendwie (.) welche albernden, weiß ich nich, Bemerkungen (lachend) dazu gemacht, […] also warn sehr respektvoll mir gegenüber (.) und […] das fand ich toll und sie ham mir dann halt (.) zugesprochen, nich wirklich Tipps gegeben im Sinne von „Ja, mach das und das“, sondern sie-sie-sie ham mir so (.) Trost zugeredet und (.) en bisschen so was dazu ge- beigetragen, dass ich mich gut fühle und das war, (.) das-das hab ich gebraucht in dem Moment auch. (Viktor2, Abs. 177)
Es kommt somit zu fürsorglichen Handlungen in der Freundschaftsbeziehung – Viktor wird von seinen Freunden getröstet, sie hören ihm zu und sind für ihn da. Praktiziert wird hier keine Fürsorge im Modus der konkreten Problemlösung, sondern über emotionale Zuwendung, was Viktor äußerst positiv bewertet. Hier kann von einem ausgeprägten Caring-about und Caring-for in der Freundschaftsbeziehung gesprochen werden.
Es zeigt sich hier außerdem, dass sich Viktor relativ konfliktfrei in der Rolle des Care-Receiver erzählen kann. Dies wird über ein Ausbleiben von Irritationen und Brüchigkeit in der Erzählung deutlich. Es finden sich keine Anhaltspunkte dafür, dass latenter und manifester Sinngehalt ambivalent zueinanderstehen. Er reflektiert offen über seine Bedürfnisse und gesteht sich Bedarf nach Zuneigung und Abhängigkeit von seinen Freunden ein – wenn er etwa sagt, dass er das in dem Moment gebraucht habe. Er wendet sich mit seinem Fürsorgebedürfnis gezielt an sie und begibt sich damit in einen Bereich, in dem er Verletzungsoffenheit zeigt.
5.3 Grenzen und Hindernisse in der Care-Beziehung
Obwohl sich Viktor schlussendlich an seine Freunde wendet, verweist der Bezug im Zitat unter 5.2. auf mögliche „alberne“ Bemerkungen darauf, dass zuvor eine Verunsicherung darüber bestanden hat, wie seine Freunde reagieren würden. Die Befürchtung tritt zwar nicht ein, aber die Art der Erzählung deutet darauf hin, dass sich Viktor mit der Möglichkeit negativer Reaktionen auseinandergesetzt hat; er scheint Angst davor gehabt zu haben, von seinen Freunden nicht ernst genommen oder bloßgestellt zu werden.
Während Viktor auf manifester Ebene vor allem die Abneigung gegenüber der Online-Kommunikation als Erklärung für sein Zögern benennt, sich seinen Freunden gegenüber zu öffnen, zeigt sich an anderer Stelle im Interview, dass das Medium nicht in jedem Fall eine Barriere darstellt. So kann er mit seiner älteren Schwester durchaus über Intimes per Video-Call sprechen. Die tiefenhermeneutische Analyse ergibt, dass die Verunsicherung seinen Freunden gegenüber auch darin begründet liegt, dass es sich für Viktor um eine neuartige Erfahrung in dieser Phase der Adoleszenz handelt und ihm die Erfahrungswerte im Umgang mit einer solchen Situation fehlen. Womöglich hat er mit seinen Freunden noch nie über ein ähnliches Thema gesprochen und kann daher ihre Reaktion nicht abschätzen.
Auf latenter Ebene zeigt darüber hinaus der Verweis auf mögliche „alberne“ Bemerkungen, dass Angst vor der eigenen Verletzungsoffenheit und der potenziellen Verletzungsmacht der anderen ein Hemmnis darstellt. Die Befürchtung, dass sich seine Freunde über ihn lustig machen könnten, kann hier nicht zuletzt als Spiegel eines „boy code“ (Way 2013, 207) gedeutet werden, der das Zeigen von Verletzlichkeit behindern kann. Wie wir allerdings bereits zeigen konnten, gelingt es Viktor, diese Barriere zu überwinden, indem er sich dann doch an seine Freunde wendet und offen mit der eigenen Vulnerabilität umgeht.
5.4 Fürsorge als Rückversicherung durch Beziehungsqualität und Selbstwert
Eine weitere Dimension von Fürsorge in Viktors Freundschaftsbeziehungen zeigt sich, wenn wir nun nochmals das Ausmaß der Verunsicherung in Betracht ziehen, das der Wegfall regelmäßiger Treffen mit seinen Freunden im Lockdown bei Viktor auslöst. So sagt er etwa: „davor [vor dem Treffen, Anm.] war man sich son bisschen unsicher, ja, mag einen jetzt überhaupt noch irgendwer“ (Viktor2, Abs. 179). Diese Verunsicherungen Viktors, die sich als tiefgreifende Zweifel über die Freundschaftsbeziehungen insgesamt sowie als umfassende Selbstzweifel manifestieren, sind auch unter dem Gesichtspunkt aufschlussreich, dass sich bereits im Erstinterview Verunsicherungen hinsichtlich seines Selbstbildes zeigten. Die Unsicherheiten scheinen sich unter den Pandemiebedingungen noch weiter zu verstärken, was darauf zurückzuführen ist, dass er besonders in der Situation des Lockdowns stark auf sich selbst zurückgeworfen ist und ihm die (selbst-)vertrauensbildenden Freundschaftsinteraktionen fehlen.
Als Resultat der positiven Reaktionen und Fürsorge seitens seiner Freunde hingegen fühlt sich Viktor gefestigt und selbstsicherer, denn: „Wenn die einem das nochmal so (.) positiv (.) bestätigen, dass-dass-dass du jemanden bi- jemand bist, der (.) Freunde hat, äh, die dich auch mögen und so weiter, die dich schätzen, (.) dann is das einfach- dann fühlst du dich viel, viel sicherer“ (Viktor2, Abs. 179). Es geht in dieser Situation für Viktor also nicht nur um ein konkretes Fürsorgebedürfnis aufgrund einer verletzenden Erfahrung, also um eine direkte Ermöglichung der Bedürfnisbefriedigung, sondern um ein grundsätzliches Bedürfnis nach Rückversicherung über den eigenen Selbstwert durch seine Freunde, was sich als indirekte Ermöglichung der Befriedigung seiner Bedürfnisse einstufen lässt (Flick/Schobin 2016). Dies scheint auch zu gelingen, jedoch erst wieder unter Bedingungen der Ko-Präsenz.
6. Dimensionen von Fürsorge in Freundschaften von Jungen
Anhand des vorgestellten Falles konnte ein Einblick in die Fürsorgehaltungen und -praktiken in Viktors Freundschaftsbeziehungen gegeben werden. Der Einzelfall wird nun in Beziehung zu weiteren tiefenhermeneutischen Einzelfallanalysen sowie dem Gesamtsample unserer Forschung gesetzt und in einen breiteren theoretischen Kontext eingebettet.
Durch die offene, Lebenswelt-zentrierte Perspektive auf das empirische Material, die auf einen normativen Freundschaftsbegriff verzichtet, konnte die Freundschaft zwischen Viktor und seinen „best buddies“ als Beziehungskonstellation mit hohem fürsorglichem Potential rekonstruiert werden. Die ausgeprägte Fürsorgehaltung Viktors spiegelt sich deutlich in der Dimension des Caring-about sowie des Caring-for (Tronto 2015) im Rahmen der Beziehung. Die konkreten Fürsorgepraktiken in Form des Caregiving (ebd.) werden über unterschiedliche Fürsorgemodi vollzogen, etwa als lösungsorientierte Fürsorge in Form von konkreten Hilfestellungen oder Fürsorge im Modus der emotionalen Zuwendung. Dabei zeigt sich, dass sowohl Formen der direkten als auch indirekten Befriedigung von Bedürfnissen auftreten (Flick/Schobin 2016). So kommt es bei Viktor als Care-Receiver (Tronto 2015) durch die emotionale Zuwendung seiner Freunde zu einer Rückversicherung über den eigenen Selbstwert. Diese ausgeprägte Fürsorgehaltung sowie fürsorgliche Praxis führen zu einer erhöhten Intimität in der Freundschaftsbeziehung, die sich in einem hohen Maß an Vertrautheit äußert. Viktor stellt innerhalb des Gesamtsamples unserer Forschung einen Fall dar, bei dem sich die Fürsorgeorientierung und -praktiken als besonders stark ausgeprägt erweisen. Insgesamt zeigen unsere Analysen eine Heterogenität hinsichtlich der Intensität und der Modi von Fürsorge in den Freundschaftsbeziehungen von Jungen. Deutlich wird dabei, dass es mit einer expliziten Forschungsperspektive auf Fürsorge gelingt, bisher von der Jungenforschung kaum betrachtete Phänomene der Analyse zugänglich zu machen.
Die vorliegende Arbeit kann darüber hinaus als Entgegnung gegenüber des in der Freundschaftsforschung nach wie vor rezipierten Dichotomie-Konzepts männlich konnotierter Side-by-Side- sowie weiblich konnotierter Face-to-Face-Freundschaften (Wright 1982) verstanden werden. Bei Viktor wird ein Bedürfnis nach Fürsorge „von Angesicht zu Angesicht“ besonders deutlich, und auch in anderen Fällen unseres Samples finden sich Beispiele solcher einander zugewandten Fürsorgepraktiken. Gemeinsame Aktivitäten spielen für die Gestaltung der Freundschaftsbeziehungen zwar auch unserer Analyse nach häufig eine wichtige Rolle, allerdings muss dies keinesfalls im Widerspruch zu Intimität oder Fürsorge stehen. Dies zeigt sich in unserem Material im Rahmen solcher Side-by-Side-Interaktionen nicht nur dadurch, dass sich viele Jugendliche „,sprachlos‘ gut verstehen“ (Seiffge-Krenke/Seiffge 2005, 272), sondern etwa auch, wenn bei gemeinsamen Aktivitäten über Intimes gesprochen wird. Die mit der Begriffsdichotomie einhergehende vergeschlechtlichte Bewertung der Beziehungsqualität ist daher aus unserer Sicht überholt, da sie Gefahr läuft, eine theoretische Setzung von außen an empirisches Material heranzutragen und Geschlechterdifferenzen zu reifizieren.
Die empirische Analyse der Freundschaftsbeziehungen von Viktor verweist weiterhin auf Grenzen und Hindernisse hinsichtlich der Fürsorgepraktiken im Rahmen dieser. So konnte aufgezeigt werden, dass trotz der Vertrautheit in der Beziehung insbesondere die Dimension des Care-Receiving mit Verunsicherung verbunden sein kann. Da für Viktor körperliche Ko-Präsenz eine Grundbedingung für den Aufbau von Vertrauen darstellt, erweisen sich etwa die Pandemiebedingungen hier als einschränkender Faktor für Fürsorgepraktiken. Während es sich hierbei eher um eine Besonderheit des Einzelfalls handelt, zeigen sich sowohl aus adoleszenz- als auch männlichkeitstheoretischer Perspektive weitere Hindernisse, die sich bei Viktor andeuten und sich auch in weiteren Einzelfallanalysen spiegeln. So bringt die Adoleszenz als per se krisenhafte Phase immer wieder neue Erfahrungen mit sich, die die Entwicklung neuer Bewältigungsmuster erfordert (King 2013). Dies trägt in Viktors Fall dazu bei, dass er in einer neuartigen Situation verunsichert über die mögliche Reaktion seiner Freunde ist – trotz der Vertrautheit in der Beziehung.
Weiterhin verweisen die empirischen Rekonstruktionen in Hinblick auf Viktors Schwierigkeit, sich seinen Freunden zu öffnen, auch auf gesellschaftliche Männlichkeitsanforderungen (Stuve/Debus 2012), die hinderlich auf Fürsorgepraktiken wirken können. Während sich dies bei Viktor durch die Angst vor „albernen Bemerkungen“ eher latent andeutet, zeigt sich in anderen Fällen in größerer Deutlichkeit eine Angst vor der Verletzungsmacht der anderen und der eigenen Verletzungsoffenheit. Aus dem empirischen Material lässt sich in vielen Fällen eine dominante Kultur des Späße-Machens unter Jungen herausarbeiten, die es aus Angst vor negativen Reaktionen erschwert, sich anderen gegenüber zu öffnen. Meuser analysiert in diesem Zusammenhang rituelle Beleidigungen und Späße als Mechanismus, durch den Männlichkeit im Jugendalter hergestellt wird – in Abgrenzung von „allem, was weiblich konnotiert ist“ (2005, 314). Dies spiegelt sich auch in unserem Material wider, insofern etwa das Zeigen von Gefühlen oder auch körperlich-intime Praktiken wie Umarmungen häufig aus Fürsorgepraktiken zwischen Jungen ausgeschlossen werden. Dabei wird in mehreren Einzelfallanalysen über die Art und Weise, wie etwa über beobachtete Praktiken von sich gegenseitig tröstenden Mädchen erzählt wird, eine latente Sehnsucht nach Intimität und körperlicher Nähe in Freundschaften unter Jungen deutlich. Dem Bedürfnis nach fürsorglichen Praktiken, über die Intimität hergestellt wird, steht also immer wieder hinderlich der „boy code“ (Way 2013, 207) gegenüber.
Abschließend soll der Blick auf einen weiteren Aspekt des Spannungsverhältnisses zwischen Fürsorge, Freundschaft und Männlichkeit in der Adoleszenz geworfen werden: Während wir bei Viktor eine Positionierung als Care-Receiver rekonstruieren können, sind im Gesamtmaterial Selbsterzählungen als Caregiver in Freundschaften deutlich dominanter. Die passive Position als fürsorgebedürftige Person sowie die Anerkennung der eigenen Bedürfnisse wird häufig aus den manifesten Lebensentwürfen ausgeschlossen und nur latent sichtbar. Die tiefenhermeneutischen Rekonstruktionen ergeben, dass sich die Positionierung als aktiver Caregiver demgegenüber bruchloser mit gesellschaftlichen Adoleszenz- sowie Männlichkeitsanforderungen in Einklang bringen lässt. Ein Framing von Fürsorge als Verantwortungsübernahme für andere ermöglicht demnach einen Selbstentwurf als aktiv, autonom sowie reif und somit eine Integration von Fürsorge in die Konstruktion adoleszenter Männlichkeitsinszenierungen (Korn/Scholz 2022).
7. Fazit und Ausblick
Mit dem vorliegenden Artikel konnte ein Einblick in Fürsorgeorientierungen und -praktiken in Freundschaften von männlichen Jugendlichen geboten und damit dem in männlichkeitstheoretischer Forschung häufig entstehenden Eindruck, Jungen würden kaum Sorge für sich und andere tragen, empirisch gestützt entgegnet werden. Während auf die Reproduktion von Männlichkeiten in Beziehungen zwischen Jungen fokussierte Arbeiten insbesondere Phänomene wie Wettbewerbsorientierung und Risikobereitschaft in den Blick rücken (Meuser 2005), gelingt es somit mit der expliziten Forschungsperspektive auf Fürsorge, bisher kaum betrachtete Phänomene in die Analyse miteinzubeziehen. Dabei konnte eine Vielzahl an unterschiedlichen, zum Teil sehr umfassenden Fürsorgepraktiken identifiziert werden. Als Herausforderungen für die Realisierung einer fürsorglichen Praxis, die Intimität erzeugt, erweisen sich dabei sowohl die Rahmenbedingungen der Adoleszenz als Phase voller neuer Erfahrungen und Umbrüche als auch gesellschaftliche Männlichkeitsanforderungen in Form eines „boy code“ (Way 2013). Es lässt sich hier also ein Spannungsverhältnis zwischen Freundschaft, Fürsorge und Männlichkeiten in der Adoleszenz beobachten. Während die Zielsetzung dieses Textes war, Fürsorge erstmals systematisch in den Blick zu rücken, gilt es nun, genau dieses Wechselverhältnis weiter zu untersuchen. Hierfür lohnt es sich immer wieder genau hinzusehen, wo sich Jungen „von Angesicht zu Angesicht“ fürsorglich gegenüberstehen.
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