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Rezital mit Uraufführung des WoO 55
Konzertprogramm
Wolfgang Amadé Mozart (1756-1792)
Sonate in B-dur KV 454, datiert 21. April 1784
Largo, Allegro – Andante – Allegretto
Joachim Raff (1822-1882)
WoO 155 in g-moll, vermutlich 1864
Mäßig bewegt
Pause
Franz Schubert (1797-1828)
Sonate in A-dur D 574, entstanden August 1817
Allegro moderato – Scherzo: Presto, Trio, Scherzo da capo – Andantino – Allegro vivace
Mitwirkende
Barnabas Nagy (Violine)
Prof. Dr. Bernhard Billeter (Klavier)
Das Konzert wird durchgeführt ohne Eintrittskarten. Eine Kollekte (Richtpreis 40 Franken, Jugendliche die Hälfte) dient zur Deckung der erheblichen Kosten
Zum Programm
Die berühmte Geigerin Regina Strinasacchi aus Mantua, 23-jährig, war nach Wien gereist, um mit Mozart zusammen eine „Akademie“ zu spielen. Mozart berichtet an seinen Vater: „… sie hat sehr viel Geschmack und Empfindung in ihrem Spiele. – Ich schreibe eben an einer Sonate, welche wir am Donnerstag im Theater bey ihrer Akademie zusammen spielen werden.“ Die Sonate war äusserst knapp am Abend vor der Aufführung fertig geworden. Mozart hatte jedoch nur die Violinpartie auf der obersten der drei Akkoladen aufgeschrieben; was er auf dem Klavier spielen sollte, hatte er erst im Kopf! Also eine unerhörte Leistung. Der Kaiser Joseph II. sass so nahe, dass er in die Noten sehen konnte. Er bestellte den Komponisten sofort nach dem Konzert zu sich. Mozart erzählte dem Kaiser, wie es sich verhielt. Zum ersten Mal versprach der Kaiser Mozart, er dürfe für ihn Opern komponieren. Die Folgen: „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ entstanden in den nächsten drei Jahren zusammen mit dem Librettisten Lorenzo Da Ponte. Wir dürfen annehmen, dass es Mozart war, der dabei als Vorlagen drei Pariser Schauspiele mit sozialkritischem Inhalt ausgewählt hat.
Joachim Raffs Einzelsatz WoO 155 in g-moll sollte höchstwahrscheinlich als vierter (letzter) Satz der „Vierte(n) große(n) Sonate“ (Chromatische Sonate in g-moll op. 129) dienen, die dann 1867 einsätzig im Verlag Julius Schuberth erschien und dem belgischen Geiger Henry Vieuxtemps gewidmet ist. Was dafür spricht: 1.) dieselbe Tonart, 2. die lateinische Ziffer IV am Anfang des Manuskripts, 3.) die übliche Form eines letzten Satzes als französisches Rondeau mit vier Refrains und dazwischen chromatisch modulierende Couplets, 4.) die Chromatik und Virtuosität. Raff hätte dann noch einen zweiten und einen dritten Satz zu komponieren gehabt. Mit seinen 377 Takten dauert der Einzelsatz WoO 155 jedoch bereits fast eine viertel Stunde; zusammen mit der einsätzigen Sonate op. 129 und zwei noch zu komponierenden Sätzen wäre die Aufführungsdauer untragbar auf weit über eine Stunde angewachsen.
Während Franz Schuberts drei Sonaten in D, a und g (im Erstdruck steht irreführend „Drei Sonatinen“) in einer für den Komponisten bedrückenden Situation entstanden sind – er war als Achtzehnjähriger noch als Schulgehilfe von seinem Vater angestellt gewesen – hat er schon ein Jahr später das Elternhaus verlassen. Dies war gewiss ein Befreiungsschlag für ihn, den man in der A-dur-Sonate spürt. Freilich bedeutete dies als damals selbstverständlich, auf eigene Einkünfte angewiesen zu sein. Ein Freundeskreis bildete sich um Schubert. Der Musik-Schriftsteller Peter Gülke vermutete zu Unrecht einen Zusammenschluss von Schwulen. Hingegen hätte Schubert noch so gerne eine bestimmte junge Frau geheiratet. Dies kam damals bei Schuberts pekuniärer Situation mit wenig Einkünften überhaupt nicht infrage. Wahrscheinlich hat eine Syphilis zu Schuberts frühem Tod geführt. Für Schubert bedeutete der Freundeskreis der einzige Halt in seinem Leben. Das Hin und Her von Glück bis zu Lebensangst und dazu noch Selbstvorwürfe, seine Familie verlassen zu haben, gibt der Sonate eindrücklich wechselnde Gefühle dicht nebeneinander.