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Bietschhorn-Südostschulter
Erste Ersteigung beider Gipfeltürme. Oberförster W. Schädelin und Paul Montandon mit Josef Knubel. 17. August 1919.
Bevor der Südostgrat des Bietschhorns sich zum letzten Aufschwung emporreckt, stützt er sich auf eine breite Schulter, die zugleich den Knotenpunkt bildet der zwei ostsüdöstlich vom Stockhorn und südsüdöstlich vom Thieregghorn herkommenden Grate. Der höhere der zwei Türme dieser Schulter liegt etwas nordwestlich des Knotenpunktes, Bietschhornwärts, der andere, etwas niedrigere, wenig südlich jenes Punktes. Je nach der Richtung, von der aus man den Südostgrat des Bietschhorns betrachtet, erscheint dessen Schulter als ein ebenes Stück desselben oder aber, wie z.B. vom Rämi aus, als ein wildgezacktes Felsenhorn. Ihre Besteigung lohnt sich wegen des Einblickes in die Süd- und Ostflanken des gewaltigen Bietschhorns, die man nirgends näher hat.
Vom sogenannten Breitstein ( 1735 m ) im Bietschtal, einer ziemlich großen, schutzbietenden Balm mit viel Holz in der Nähe, wanderten die Obgenannten zum Jägisand hinten im Tal und querten sodann höher oben nach rechts den größten Bach, der von Norden herabfließt. In nordöstlicher Richtung, gegen das Bietschhorn zu aufsteigend, fanden sie nach etwa drei Stunden den Biwakplatz der Partie Zsigmondy, einen mächtigen unterhöhlten Block, freiliegend inmitten der Schneeoder Geröllfelder des nordöstlichen Rämi, am Südfuß des Bietschhorngipfels. Von den Felsen des Thieregghorns ist er ziemlich weit entfernt. Seine Öffnung weist gegen Süden; eine Trockenmauer gewährt nur sehr wenig Wetterschutz. Der Boden des Hohlraumes ist sehr uneben; Höhe über Meer zirka 2700 m.
Von hier stiegen wir über den harten Firn des kleinen Bietschhorngletschers hinauf, zuletzt steil, zum Fuß der Felsen, die sich vom Bietschhorn zum Thieregghorn und weiter hinabziehen. Am Fuß der Wände liegen viele herabgestürzte Steine. Links der Wand entlang aufwärts in eine sehr markante Einbuchtung, welche den natürlichen Weg darstellt zu den oberen Hängen, zu dem Übergang nach der Trift und ins Baltschiedertal. Diese Bucht scheint in gerader Linie genau östlich des Punktes 3053 der Siegfriedkarte zu liegen. Im Winkel der Bucht zeigt sich plötzlich rechts ein ziemlich breites, gut begehbares Geröllband ( IV2 Stunde vom Zsigmondybiwak ), das südöstlich über die untersten Abstürze in die Höhe steigt und welches auch von sämtlichen bisherigen Besteigern des Bietschhorns von Süden benutzt wurde.
Ohne jede Schwierigkeit auf der Höhe dieser Wände angelangt, gewahrt man sodann über sich eine schroffe Felszacke und klettert nun steiler, doch ohne spezielle Hindernisse, zu deren linken Flanke empor. Dort führen Bänder und Felshänge in gleicher Weise weiter, nördlich, bis unter die G r a 11U e k e, welche genau am Südsüdostfuß des Steilabsturzes der Bietschhorn-Südostschulter, zwischen ihm und einer scharfen Zacke sich öffnet. Höhe dieser Lücke zwischen „ Rämi " und „ In der Trift " wahrscheinlich zirka 3250 m. V/2 Stunde vom Gletscher. Es schneite leicht, und von Süden her drohten Gewitter.
Von der Lücke aus, wo sich der Blick gegen Osten öffnet, umkletterten wir nun den Steilabbruch der Schulter auf der Triftseite ( zum Teil glatte, nicht unschwierige Felsen ) und gelangten, über Platten emporsteigend, in ein hohes und enges Couloir, das längs der Ostflanke des Hauptgrates steil aufwärts führt und voll weißen zähen Eises war. Unterwegs einige nicht leichte Felsstellen, und wir hatten Mühe, uns vor den fallenden Eisstücken des hackenden Knubel zu schützen. Die Einfassungsfelsen sind durchweg äußerst locker und brüchig.
Am oberen Ausgang des Couloirs angelangt, erreichten wir, links haltend, in wenigen Schritten die Schulter, den Knotenpunkt der Grate, die sich gegen Stockhorn und gegen Thieregghorn senken ( 2 Stunden von der Lücke ). Wir hatten nun den unmittelbaren Einblick in die riesig steile, von gänzlich vereisten Couloirs gefurchte Südwand des Bietschhorns. Diese Wand scheint in Hunderte von vortretenden dreieckigen Zacken aufgelöst zu sein und bildet eine äußerst merkwürdige und seltene Erscheinung. In der Mitte der Wand, zwischen dem dritten und vierten Couloir von Ost nach West gerechnet, gewahrt man ein Felsentor. Gegen Westen und Süden fällt die Schulter senkrecht ab, nördlich hingegen erhebt sie sich nur wenig über jene Gletscherbucht, welche den Weg zu dem nahe scheinenden felsigen 0 s t g r a t des Bietschhorns vermittelt.
Zum höchsten gelbrötlichen N 0 r d t u r m der Schulter, nordwestlich des Knotenpunktes, führt ein äußerst schmaler, brüchiger Felsgrat, der Vorsicht erheischt. Unterwegs versperrt den Weg eine kleine graue, schwierige Zacke, die Knubel auf der Ostseite im Nu umkletterte und von der wir uns im Rückweg abseilten. Sie wird kaum mehr als zwei Mann hoch sein. Über einsturzdrohenden Fels gewannen wir schließlich die dünne Zinne, auf der wir rittlings Platz nahmen und wo wir nur Bietschhorn-Südostschulter.
Der Süd türm ist ein ordentlich imposant dreinschauender Geselle mit glatter, uns zugewandter Platte, zu der vom Knotenpunkt aus ein kurzes lockeres Grätchen führt. Man quert den Fuß der Platte auf einem kleinen Riß nach rechts und ist, den rechten, westlichen Grat erkletternd, in wenigen Minuten oben. Vom Bietschtal und Rämi aus ist diese südliche Erhebung der Schulter die am besten sichtbare.
Im Abstieg von der Schulter nahmen wir eine neue, viel bessere Route. Wir verfolgten während 1/2 Stunde den guten Grat, welcher gegen das Stockhorn streicht, stiegen sodann rechts ab in dessen Südflanke und querten, nach und nach bis zum Rande des untersten Abbruches ob der Trift absteigend, die ausgedehnten, aber leicht begehbaren Blockhänge dieser Südflanke nach rechts, in südwestlicher Richtung. Mit Begehung einiger Kletterstellen gelangten wir auf diese Weise zur Lücke am Südsüdostfuß der Schulter, fast alle schwierigen Stellen des Aufstiegs vermeidend. Der Abstieg von der Lücke zum Rämi und ins Bietschtal war identisch mit unserer Morgenroute.
Das Thiereggjoch ( tiefste Stelle zirka 3080 m ), das bisher nur einmal von Touristen überschritten wurde ( Prof. K. Schulz mit Alex. Burgener und Clemens Perren 1883, Jahrbuch S.A.C. XIX, S. 8 und 19/20 ), liegt etwas tiefer, südlicher als unsere Lücke. Jene Partie erkletterte den Kamm von „ In der Trift " aus an zwei verschiedenen Stellen. Den jenseitigen Abstieg zum Rämi vermittelte auch damals das oben erwähnte gute Geröllband.Paul Montandon ( Sektionen Bern, Blümlisalp und Alteis ).