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Service d’Addictologie, Hôpitaux Universitaires de Genève
Frau H wird seit Jahren wegen einer schizoaffektiven Erkrankung behandelt. Im Verlaufe der letzten zwei Wochen wurde sie zunehmend verhaltensauffällig, weshalb ihr Arbeitgeber sie gebeten hat, sich erneut in Behandlung zu begeben.
Die 36-jährige Floristin, Frau H, die seit 12 Jahren wegen einer rezidivierenden schizoaffektiven Erkrankung in Behandlung ist, wird Ihnen zur erneuten Hospitalisierung zugewiesen. Sie sei im Verlaufe der letzten zwei Wochen zunehmend aufgedreht und distanzlos geworden, weshalb sie auch von ihrem Arbeitgeber gebeten wurde, sich erneut in Behandlung zu begeben. Während des Eintrittsgesprächs wirkt sie gereizt, lehnt die Hospitalisierung ab und beklagt sich, ungerecht behandelt zu werden. Unter anderem ruft sie Ihnen zu: «Wer sind Sie denn schon! Ein Richtiater?»
Frage 1
Worum handelt es sich beim Ausdruck Richtiater?
A Ein Gedankendrängen
B Eine Metapher
C Eine Kontamination
D Eine Derivation
E Ein Asyndeton
Kommentar zu Frage 1
Sprachbesonderheiten kommen im Rahmen schizophrener Erkrankungen häufig vor, werden unter anderem als Konsequenz formaler Denkstörungen betrachtet. Eine solche Besonderheit ist das Auftreten von Kontaminationen. Eine Kontamination (auch «Portmanteauwort» genannt) wird durch Zusammenziehungen aus dem ersten Teil eines Wortes (in vorliegenden Fall «Richter») und dem zweiten Teil eines zweiten Wortes (im vorliegenden Fall «Psychiater») gebildet.
Beim Gedankendrängen drängen multiple Gedanken auf den Patienten ein, wobei das Denken beschleunigt sein kann, aber nicht beschleunigt sein muss. Sowohl Syntax als auch Wortbildungen können hierbei vollkommen unauffällig sein.
Die Metapher ist eine Form des bildhaften Sprechens, eine Stilfigur, bei der Ausdrücke nicht in der eigentlichen, sondern in übertragener Bedeutung verwendet werden (z.B. «Schnee von gestern»).
Eine Derivation ist ein Verfahren der Wortbildung, bei der sogenannte Affixe dem Wortstamm entweder vorangestellt (z.B. Cyber-Psychiatrie) oder angefügt (z.B. Psychiatrie-sierung) werden.
Ein Asyndeton, ein weiteres Stilmittel der Rhetorik, bezeichnet eine Wortreihe ohne verbindende Konjunktion (z.B. Ich kam, ich sah, ich siegte).
Richtige Antwort: C
Auf die erste Bemerkung der Patientin hin antworten Sie: «Oh, mit Ihnen ist aber heute nicht gut Kirschen essen!» Worauf Frau H erwidert: «Wieso Kirschen essen, es gibt zurzeit gar keine Kirschen, wir sind im Winter, wo wollen Sie denn jetzt Kirschen finden?»
Frage 2
Welche formale Denkstörung konnten Sie hier gerade beobachten?
A Vorbeireden
B Konkretismus
C Eingeengtes Denken
D Inkohärentes Denken
E Brachylogie
Kommentar zu Frage 2
Konkretismus, eine im Rahmen schizophrener Erkrankungen auftretende Denkstörung, bezeichnet Schwierigkeiten im Sinnverständnis, die durch ein Festhalten an der konkreten Wortbedeutung charakterisiert sind. Dies manifestiert sich unter anderem in einer Störung des abstrahierenden, symbolischen Denkens, z.B. in einer Unfähigkeit, Redewendungen als metaphorische Ausdrücke zu verstehen. Metaphern, Redewendungen oder Sprichwörter werden auf ihren konkreten Wortlaut reduziert.
Der Begriff «Vorbeireden» kennzeichnet das inadäquate Eingehen auf eine Frage. Der Patient formuliert am inhaltichen Kern vorbei, obschon ersichtlich ist, dass er die Frage verstanden hat und die Antwort auch nicht vorenthalten will.
Beim eingeengten Denken ist der inhaltliche Denkumfang begrenzt. Die Gedanken haften an einem einzigen oder an wenigen Inhalten. Ein Themenwechsel ist schwierig.
Inkohärentes oder zerfahrenes Denken bezeichnet eine Verstandestätigkeit, der vermeintlich die innere Logik fehlt. Die Gedanken und Einfälle sind für einen aussenstehenden Gesprächspartner nicht mehr nachvollziehbar.
Brachylogie ist ein sprachliches Stilmittel und bezeichnet eine kurze, knappe, gedrängte Ausdrucksweise. Sie wird erreicht durch Auslassen von Satzteilen, die im unmittelbaren Kontext in anderer Form bereits vorkommen oder aus dem Satzsinn notwendig ergänzt werden können.
Richtige Antwort: B
Disclosure statement
No financial support and no other potential conflict of interest relevant to this article was reported.
Correspondence
Correspondence:
Prof. Dr. med.
Daniele Zullino
Service d’Addictologie
Hôpitaux Universitaires
de Genève
CH-1205 Genève
Daniele.Zullino[at]hcuge.ch
Weiterführende Literatur
Mundt C. Die Sprache der Schizophrenen. In: Fuchs T, Jádi I, Brand-Claussen B, Mundt C, Kiesel H, Herausgeber. Wahn Welt Bild. Heidelberger Jahrbücher, Band 46. Berlin, Heidelberg: Springer; 2002.
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