Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/515

Selma Stern war eine deutsch-jüdische Historikerin, die zur Geschichte des Judentums forschte und publizierte. Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie im Exil in den USA. 1960 zog sie zunächst nach Basel und später nach Riehen. In Basel stellte sie 1975 ihr Hauptwerk über den Preussischen Staat und die Juden fertig.
Tochter des Julius Stern (Arzt) und der Emilie, geborene Durlacher. Zwei Schwestern und ein Bruder. Heirat 1927 mit Eugen Täubler (Historiker).
Selma Stern kam am 24. Juli 1890 als zweite Tochter von Julius und Emilie Stern im baden-württembergischen Kippenheim zur Welt. Im Jahr 1900 zog die Familie nach Baden-Baden, wo Stern ab 1904 das humanistische Grossherzoglich-Badische Gymnasium besuchte. Sie machte hier 1919 als erstes Mädchen das Abitur und schloss mit der Note ‹sehr gut› ab.
Stern studierte erst an der Grossherzoglich Badischen Universität in Heidelberg (1909/10) und später an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (1911) Geschichte. 1913 promovierte sie mit einer Biografie von Anacharsis Cloots, einem preussischen Adeligen, der sich an der Französischen Revolution beteiligt hatte. Stern war eine der ersten promovierten Historikerinnen Deutschlands. Ihr anschliessender Antrag auf Habilitation blieb während vier Jahren unbeachtet. Dennoch konnte sie sich während dieser Zeit durch ihre selbstständigen historischen Recherchen über Frauenfiguren der Neueren Geschichte Anerkennung verschaffen.
Stern wurde 1920 Mitarbeiterin der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Hier arbeitete sie an der Quellenedition ‹Der Preussische Staat und die Juden›, einer Geschichte der Juden in Deutschland vom Mittelalter bis zur Aufklärung anhand von Quellen. 1927 heiratete sie den Historiker Eugen Täubler (1879–1953), Gründer der besagten Akademie und Leiter des Gesamtarchivs der deutschen Juden. Sie zogen gemeinsam nach Heidelberg, wo Stern in den folgenden Jahren an der Biografie von Jud Süss alias Joseph Süss Oppenheimer und dem zweiten Band der erwähnten Quellenedition arbeitete und Täubler eine ordentliche Professur annahm.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 konnte Stern nurmehr in jüdischen Medien publizieren. Gemeinsam mit ihrem Ehemann zog sie zunächst nach England. 1935 kehrten die beiden zurück nach Deutschland, wo Stern in Berlin den zweiten Band der Quellenedition fertigstellte und im Schocken Verlag publizierte. Im Anschluss an die Reichspogromnacht im November 1938 schlossen die Nationalsozialisten den Verlag und zogen den zweiten Band ein. Er überdauerte den Krieg, weil der Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) zusammen mit dem Juristen Otto Hirsch (1885–1941) und dem Historiker Jacob Jacobson (1888–1968) heimlich Sterns Manuskript kopierte und nach Schweden schickte. Im Mai 1940 stellte das Ehepaar Täubler-Stern in Basel einen Einreiseantrag für die Schweiz. Dieser wurde jedoch sowohl von der kantonalen als auch von der eidgenössischen Fremdenpolizei abgewiesen. Im März 1941 entschloss sich das Ehepaar Täubler-Stern zur Flucht in die USA.
Am 4. September 1946 erhielt Stern die amerikanische Staatsbürgerschaft. Von 1947 bis 1957 war sie in Cincinnati, Ohio, Archivleiterin und Herausgeberin der Publikationsreihe der American Jewish Archives. Sie arbeitete an den Publikationen ‹The Spirit Returneth›, einer Sammlung von Novellen über eine jüdische Familie während der Pestverfolgungen im 14. Jahrhundert, und ‹The Court Jew›, einer Monografie über die Rolle der Hofjuden im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts.
1955 war sie als Gründungsmitglied an der Eröffnung des Leo Baeck Institutes in New York beteiligt. Dieses hat sich später zu einem der weltweit wichtigsten Archive der deutsch-jüdischen Geschichte entwickelt. Im selben Jahr verlieh ihr das Hebrew Union College für ihr Werk die Ehrendoktorwürde.
Ihr Mann Eugen Täubler war 1953 verstorben. Stern übersiedelte am 17. Juni 1960 nach Basel, wo ihre Schwester Margarete Horowitz lebte. Stern zog an die Steinbühlallee 183. Im Jahr 1975 stellte sie die Gesamtausgabe von ‹Der Preussische Staat und die Juden› fertig.
Stern war eine der ersten Historikerinnen, die sich mit der Geschichte des Judentums befassten. Sie stellte mit ihrer Quellenedition zum Preussischen Staat und den Juden eine der wichtigsten Grundlagen zur deutsch-jüdischen Geschichte zusammen.
Stern zog 1977 nach Riehen in das jüdische Altersheim La Charmille an der Inzlingerstrasse 235. Bis zu ihrem Tod musste sie ihre Aufenthaltsbewilligung jährlich von der Fremdenpolizei in Basel erneuern lassen.
Selma Stern starb am 17. August 1981 in Riehen.
Autorin / Autor: Luzia Knobel | Zuletzt aktualisiert am 15.5.2022
Selma Sterns Bücher wurden teilweise wiederholt aufgelegt. Im Folgenden ist eine Auswahl der Erstausgaben aufgeführt:
Anacharsis Cloots. Der Redner des Menschengeschlechts. Ein Beitrag zur Geschichte der Deutschen in der französischen Revolution. Berlin 1914.
Jud Suess. Ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen Geschichte. Berlin 1929.
The Spirit Returneth. A Novel. Philadelphia 1946.
The Court Jew. A Contribution to the History of the Period of Absolutism in Central Europe. Philadelphia 1950.
Der preussische Staat und die Juden. Teil I–III in sieben Bänden. Tübingen 1962–1975.
Der preussische Staat und die Juden. IV. Teil. Gesamtregister zu den sieben Bänden der Teile I–III. Hg. von Max Kreutzberger. Tübingen 1975.
Digitalisiertes Personendossier der Fremdenpolizei: Täubler-Stern, Eugen (1940–1979). Darin Akten zu Selma Stern: PD-REG 3a 36851.
Sammlung biographischer Zeitungsauschnitte: 4 Zeitungsartikel.
Nachlass Selma Stern-Täubler (1890–1981): NL120 UB Basel.
Kaufmann, Robert Uri: Stern, Selma. In: Historisches Lexikon der Schweiz. URL: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025580/2012-02-14/ (22.11.2021).
Sassenberg, Marina: Apropos Selma Stern. Mit einem Essay von Marina Sassenberg. Frankfurt am Main 1998.
Sassenberg, Marina: Selma Stern (1890–1981). Das Eigene in der Geschichte. Selbstentwürfe und Geschichtsentwürfe einer Historikerin. Tübingen 2004.
Sassenberg, Marina: Selma Stern. Erste Frau in der Wissenschaft des Judentums. Teetz 2005.
Schmidt, Michael: Selma Stern (1890–1981). Exzentrische Bahnen. In: Hahn, Barbara (Hg.): Frauen in den Kulturwissenschaften. Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt. München 1994. S. 204–218.