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Mitten im Raum ragt eine Holzwand einen halben Meter in die Höhe. Alles, was sich davor befindet, ist öffentlich, alles dahinter tabu. Hier sitzt sie, Schwester Gabriela, die Wand trennt sie von Auswärtigen, schützt sie zugleich vor Fremdem. Auch wenn ich ihre Hände durch die Wand nicht sehen kann, weiss ich, dass sie gefaltet auf ihrem Schoss ruhen.
Ich treffe sie zum ersten Mal an einem Dienstag kurz nach dem Mittag. Als ich den Raum betrete – der Boden, die Decke, Türen und Stühle sind aus antikem Holz – wartet Schwester Gabriela bereits auf mich. Sie sieht genau so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe: blaue, wache Augen, versteckt hinter dicken Brillengläsern. Graue Haare, die unter der schwarzen Haube hervorblitzen, und ein schmaler Mund, umrundet von zahlreichen Fältchen. Noch nie habe ich eine Person erlebt, die eine solche Ruhe, eine solche Wärme ausstrahlt.
Als ich hereinkomme, blickt sie auf. Fragend. Und misstrauisch. Sie wollte erst nicht, dass ich komme. («Ein Porträt? Mit mir? Ich bin doch nicht interessant!») Am Ringfinger ihrer rechten Hand trägt sie einen goldenen Ring – mit ihm begann ihr Leben als Nonne. Und mit ihm verschwand der Name Ursula Tinner in ihrer Familie.
Um Hilfe beten
Ursula kam 1943 in Henau zur Welt, einem kleinen Dorf in der Nähe von Wil. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem grossen Giebelhaus. Im obersten Stock lebte eine 70jährige Frau, die von den Einwohnern des Dorfes nur «Grossmutter» genannt wurde. Eines Tages öffnete die alte Frau nicht, als Ursulas Mutter an ihre Tür klopfte. Den Ersatzschlüssel, den ihr «Grossmutter» gegeben hatte, konnte sie nicht finden. Ursula spürte die aufkommende Panik der Mutter und fragte, wie sie helfen könne.
«Lauf», sagte ihre Mutter, «lauf in die Kirche und bete zu Jesus, er möge uns helfen, den Schlüssel zu finden.» So lief sie in die Kirche und betete: «Jesus, Grossmutter hat sich eingeschlossen, und wir brauchen jetzt den Schlüssel, damit wir in ihre Wohnung können.»
Jetzt lacht Schwester Gabriela. Sie lacht laut und herzlich und hält sich dabei die linke Hand vor den Mund, als ob ihr dieser Gefühlsausbruch peinlich wäre. «Ich war damals halt noch ein Kind.»
Während sie erzählt, fixieren ihre Augen einen imaginären Punkt an der Decke. Hinter ihr steht ein kleiner Altar, an der Wand hängt ein Kruzifix. Unbewusst rückt sie ihren Stuhl weg vom Kruzifix, näher an die Wand. Näher an ihre Vergangenheit.
Ursulas Gebet schien Wirkung zu zeigen. Ihre Mutter fand den Schlüssel und traf in der Wohnung auf eine erstaunte Grossmutter, die vergessen hatte, das Hörgerät einzustellen. Fortan verbrachte Ursula so viel Zeit wie sie nur konnte in der Kirche.
Das Gebäude zog sie magisch an, faszinierte sie. Die Mutter sorgte sich oft, weil Ursula nach der Schule nicht nach Hause kam. Acht Jahre alt war sie, als sie sich der Kirche hingab. Heute erzählt Schwester Gabriela die Geschichte ihrer Erstkommunion so: «Ich ging zusammen mit den anderen Kindern den Gang entlang nach vorne. Und da spürte ich sie, meine Berufung – ich wusste, ich wollte Nonne werden.
» Jetzt schaut sie mir direkt in die Augen: «Jesus, ich komme dann, wann Du willst, und dorthin, wo Du willst. Den Rest musst Du selbst machen.»
Schwester Gabriela lacht.
Das gleiche Lachen wie zuvor, die Hand wandert wieder zum Mund.
«Wissen Sie, das habe ich zu dieser Zeit immer zu Jesus gesagt. Ich wusste, dass ich Gott früh dienen darf. Dass es dann doch so früh sein wird, hätte ich aber nicht gedacht.
» Schwester Gabriela legt ihre Hände gefaltet auf die Wand und lehnt sich etwas nach vorne. Zu mir. Zum Fenster der Aussenwelt.
Die Prüfung
Mit 18 ging Ursula nach Tübach ins Kloster. Nachdem sie sich eingelebt hat, musste sie sich ein Jahr aktiv am Tagesgeschehen beteiligen. Sich beweisen. Dass sie physisch und psychisch durchhält. Dass sie sich gegenüber den anderen Nonnen hilfsbereit und fair verhält. Ursula ist stark, hält durch. Sie will unbedingt im Kreise der Schwestern aufgenommen werden.
Die Bedingungen sind hart: sie darf keinen Besuch empfangen, keine Briefe verfassen, keine Telefonate führen.
Die Hochzeit
1966: Ursula betritt die Kapelle neben dem Kloster. An ihrer Seite begleitet sie eine Nonne in einem weissen Hochzeitskleid. Der Bischof von St. Gallen und der Priester der Pfarrei von Henau stehen beim Altar. Ursula selbst trägt die dunkelbraune Kutte und auf ihrem Kopf ein grünes Kränzchen, in das weisse Blumen geflochten sind.
Am Ende der Kapelle legt sie sich auf den Boden, Arme und Beine weit von sich gestreckt, und betet laut. Sie erhält eine weisse Kerze, auch das grüne Kränzchen wird durch ein weisses ersetzt. Dann hält sie das Buch in den Händen mit den Regeln, nach denen die Nonnen leben. Die Schwester neben ihr im weissen Kleid steckt ihr den goldenen Ring an den Finger. Mit dieser Zeremonie wird aus der 23jährigen Ursula Tinner Schwester Gabriela.
«Die ganze Vorbereitung ist heute nicht mehr so streng wie damals», sagt Schwester Gabriela. Gabriela, wie kamen Sie zu diesem Namen? «Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich Veronika heisse. Das ging aber nicht, weil es im Kloster Scholastika schon eine Veronika gab.» Warum Gabriela? «Meine Mutter fand den Namen schön, eine meiner verstorbenen Tanten hiess so. Meine Mutter sagte, sie sei genauso fröhlich gewesen, wie ich es bin.» Gefällt Ihnen der Name? «Ja, ich find ihn schön. Man muss sich im Leben auch anpassen können.» Mehr sagte sie nicht dazu.
Wir sitzen immer noch im selben Raum, vor derselben Wand. Wie haben die Eltern reagiert, als Sie ins Kloster wollten? «Die waren schon etwas überrascht, dass ich gleich den extremen Weg wählte, aber sie haben es verstanden.» Mir wird auf einmal bewusst, dass ich bisher keine andere Nonne gesehen habe. Wie viele Nonnen leben hier eigentlich? «Mit mir sind es acht.
Jede hat ihre Aufgabe: die eine ist für den Garten zuständig, die andere für die Wäsche, wieder eine andere kocht für uns.» Und Sie? «Ich bin die Frau Mutter, ich sehe nach dem Rechten und gehe auch einkaufen, wenn es nötig ist.» Einkaufen in der Migros in Arbon – für Schwester Gabriela selbstverständlich.
«Das Kloster ist tabu für Gäste»
Bei unserem zweiten Treffen genau eine Woche später empfängt sie mich wieder in diesem Raum. Wieder hinter dieser Wand.
Warum gehen wir bei diesem schönen Wetter nicht nach draussen? Warum zeigen Sie mir nicht, wie Sie leben, wie Sie arbeiten? Schwester Gabriela schaut mich verlegen an: «Das würde ich gerne, aber es ist tabu für Gäste. Die Schwestern sollen beim Arbeiten und Beten nicht gestört werden.» Keine Chance? «Tut mir leid.»
Schwester Gabriela galt als Sonnenschein unter den Nonnen.
Wenn darüber gestritten wurde, was gestern in der Zeitung stand, oder welches Waschmittel am effizientesten ist, konnte sie nur lachen. Ihr Lachen, das vom Bauch herauszukommen scheint, werde ich nie vergessen. Schwester Gabriela verkleidete die anderen Nonnen während der Fasnacht als Schneemänner, indem sie sie mit weissen Tüchern umwickelte und ihnen Kissen unter die Kutte stopfte.
Und sie veranstaltete Theaterabende, an denen sie mit einigen der Nonnen – damals waren es 40 – ein Stück aufführte und die anderen zusahen.
Schwester Gabriela steht auf, weist mich an, sitzen zu bleiben und geht aus dem Zimmer. Mit einem Album taucht sie wieder auf. Sie beugt sich über die Wand und zeigt mir Fotos von den Schlafzimmern, vom Garten, von der Küche, vom Innenhof. Alle Räume sind nur mit dem Nötigsten ausgestattet. «Das sind meine persönlichen Fotos.»
Während sie blättert, ist ihr Gesicht dicht neben meinem, auf meiner Seite. Auf der öffentlichen Seite. Auf einem Bild ist ein Mann zu sehen. Ein Priester. «Er ist pensioniert und wohnt in einem Zimmer auf der anderen Seite des Klosters.» Männer im Kloster – funktioniert das? «Nun ja, wir haben nicht viel mit ihm zu tun.
Er isst nur ganz selten bei uns, weil wir während des Essens mit Ausnahme der Donnerstage, Sonntage und Feiertage nicht reden.» Also auch keine Freundschaft? «Eine Freundschaft mit Männern ist unsauber. Da kommt man nur auf schlechte Gedanken.» Haben Sie nie das Bedürfnis gehabt, einem Mann näher zu kommen? Mit ihm zu schlafen? Schweigen. «Ich bin da vielleicht anders. Aber das habe ich wirklich noch nie. Ich hatte für Männer noch nie viel übrig. Es gab Momente, da sagte mir mein Körper etwas anderes.
Aber mein Wille war stärker.» Sind Paare unsauber? «Nein. Ich finde es richtig, dass zwei Menschen ihren Weg gemeinsam bestreiten. Unsauber ist es, wenn ein Mann oder eine Frau den Partner betrügt, ständig neue Partner hat.» Sie mögen Kinder sehr gerne. Wollten Sie nie ein eigenes? «Und wie ich das wollte. Aber die Berufung war stärker. Viel stärker.»
Die Glocken der Kapelle schlagen fünfmal. Ich bin überrascht, wie schnell der Nachmittag vergangen ist. Zum Abschied strecke ich Schwester Gabriela die Hand entgegen. Sie umfasst meinen Arm mit beiden Händen. «Besuchen Sie uns wieder einmal.»