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Wer den Trainer wechselt, muss wissen, warum, und eine These haben, um den Chefwechsel begründen und an die Richtigkeit dieses Schrittes glauben zu können. Wer den Trainer wechselt, muss also wissen, was nicht gut war und was besser werden muss.
Die ZSC Lions haben Rikard Grönborg am 28. Dezember durch Marc Crawford ersetzt und die Position des neuen Cheftrainers gleich mit einem Vertrag bis zum Ende der übernächsten Saison (2025) betoniert.
Statistisch hat der Trainerwechsel noch keine Wirkung gezeigt. Vor seiner Entlassung hat Rikard Grönborg immerhin 4 seiner letzten 9 Partien gewonnen. Sein Nachfolger Marc Crawford ist es mit dem 3:2 gegen Zug gelungen, eine Serie von sechs Niederlagen zu beenden. Er hat nun in 3 seiner ersten 9 Spiele triumphiert.
Ohne These zur Trainerentlassung würden die ZSC Lions unter ihrem neuen Trainer ziemlich ratlos durch die Meisterschaft taumeln. Gott sei Dank gibt es eine These. Die geht so:
Ist das so? In der ersten Saison gewannen die Zürcher unter dem charismatischen Schweden die Qualifikation (2019/20). Wenn die Playoffs nicht der Pandemie zum Opfer gefallen wären, hätten sie wohl den Titel geholt. In der zweiten Saison haben die ZSC Lions die wichtigen Spiele verloren. Sie sind im Halbfinal 2021 gegen Servette sieglos ausgeschieden und der Cupfinal 2021 ging im Hallenstadion gegen den SC Bern verloren. In der letzten Saison fehlte ein einziger Sieg zum Titel. Im Rückblick erkennen wir: Die Niederlage im 7. Finalspiel in Zug (1:3) am 1. Mai 2022 ist der Anfang vom Ende der Amtszeit von Rikard Grönborg.
Den Schwefelgeruch dieser Niederlage hat er nicht mehr aus den Kleidern gebracht. Etwas boshaft können wir es so sagen: Die sportliche Führung hat seit dieser Niederlage auf den richtigen Zeitpunkt der Entlassung gewartet, ja diesen Zeitpunkt herbeigesehnt. Das ist nun wahrlich boshaft und ebenfalls eine These, für die wir den Wahrheitsbeweis nicht erbringen können.
Die Intensitäts- und Energiethese ermöglicht den Glauben an die Richtigkeit des Trainerwechsels. Eine These ist ein Gedanke, eine Behauptung und der Wahrheitsinhalt bedarf eines Beweises. Statistisch ist dieser Beweis nach wie vor nicht erbracht. Nach der 2:6-Niederlage am 23. Dezember in Ambri, die dem Schweden den Job gekostet hat, stehen die ZSC Lions auf Rang 3 mit 9 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Servette. Nun beträgt auf Platz 4 die Differenz zu Leader Servette 14 Punkte. Der Trainerwechsel hat statistisch in gut drei Wochen noch keine Wirkung gezeigt.
Trainer Marc Crawford ist kein Anhänger dieser Intensitäts- und Energiethese. Muss er auch nicht sein. Es ist ja nicht seine Aufgabe, den Trainerwechsel zu begründen oder sich überhaupt damit zu befassen. Er sagt, nach einem Wechsel brauche es einfach Zeit. Was er beim 3:2 gegen Zug gesehen hat, stimmt ihn zuversichtlich. Im Kern sieht er das Problem bei der vorangegangenen Niederlagenserie in zu vielen Puckverlusten, zu vielen verlorenen Zweikämpfen. Zu viele kleine Dinge sind nicht richtig gemacht worden.
Den Meister haben die ZSC Lions auch deshalb 3:2 besiegt, weil sie mehr «Battles» um den Puck gewonnen haben. Es ist ein Sieg der stärkeren Leidenschaft, der grösseren Intensität, der Kampfkraft und des Willens. Und des Torhüters. Simon Hrubec (90,48 Prozent Fangquote) war nicht nur statistisch besser als Leonardo Genoni (86,96 Prozent). Marc Crawford sagt, in der zweiten Pause seien die Leader in der Kabine aufgestanden und hätten die richtigen Worte gefunden. Die Mannschaft habe Charakterstärke gezeigt.
Der Sieg gegen den Meister hat sogar oben auf der Mediengalerie für Aufregung gesorgt. Ein Chronist ist während einer aufregenden Phase des Spiels aus seinem Stuhl gefallen. Aber nicht, weil ihn das Spektakel auf dem Eis unten vom Stuhl gehauen hätte. Er hat sich bloss bei einem angeregten Fachgespräch zu weit zurückgelehnt. Das Spiel der ZSC Lions hat aufs Vortrefflichste unterhalten. Aber die Kenner noch nicht von den Sitzen gerissen.
Alles in allem verdanken die ZSC Lions also diesen Sieg tatsächlich zu einem erheblichen Teil exakt den Faktoren (Intensität, Leidenschaft, Charakter, Wille), die zuletzt unter Rikard Grönborg gefehlt haben. Das reicht noch nicht für den Wahrheitsbeweis der These, mit der die Trainerentlassung begründet wird. Aber immerhin ist es ein erstes Teilchen in diesem ZSC-Wahrheitspuzzle. Schon am Mittwoch müssen Marc Crawfords Männer im Derby gegen Kloten zum nächsten Wahrheitsbeweis antreten. Unter Rikard Grönborg haben die ZSC Lions diese Saison ein Derby verloren (1:2 in Kloten) und eines auf eigenem Eis gewonnen (3:1).
Zug verharrt nach dieser Niederlage weiterhin auf dem 9. Rang. Wenn der Titelverteidiger 14 Partien vor Qualifikationsschluss 23 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer hat, dann wäre das ein statistischer Grund für einen Trainerwechsel. Aber so wie die sportliche Führung in Zürich alle Zeichen so gedeutet hat, dass es Zeit ist, den Trainer zu wechseln, so interpretieren die Zuger alle Zeichen so, dass ein Trainerwechsel nicht notwendig ist.
Diese Haltung ist wahrlich verständlich. Zug hat den Vertrag mit Dan Tangnes im Dezember vorzeitig bis 2026 verlängert und eine NHL-Ausstiegsklausel gewährt. Der Norweger hat in den letzten zwei Jahren auf nationaler Ebene alle wichtigen Partien gewonnen und den Zugern zwei Titel beschert (2021, 2022). Da ist die Reaktion auf ungenügende Resultate nicht ein Trainerwechsel. Sondern eine Vertragsverlängerung. Ein Signal an alle, dass der Trainer uneingeschränktes Vertrauen geniesst.
Um an die Richtigkeit dieser Vertragsverlängerung zu glauben, ist ebenfalls eine These erforderlich. Die ist schneller erklärt als jene der ZSC Lions. Die Zuger sind ganz einfach davon überzeugt, dass sie gut genug sind, um die Spiele, die wirklich zählen – also in den Playoffs –, zu gewinnen. Dieses Urvertrauen durchzieht die ganze Organisation und wird auch durch die montägliche 2:3-Niederlage in Zürich nicht im Geringsten erschüttert. Der Grat zwischen dem für den Gewinn einer Meisterschaft erforderlichen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung ist allerdings schmal wie eine Rasierklinge. Mit einer Vorliebe für blumige Formulierungen und Zuspitzungen können wir sagen: Die Zuger tanzen auf einer Rasierklinge.
Den Beweis für die Richtigkeit ihrer These haben sie diese Saison noch nicht erbracht. Beim ersten wahren Test sind sie gescheitert. Sie waren nicht gut genug, um im Halbfinal gegen Tappara Tampere den Final der Champions Hockey League zu erreichen. Obwohl im Rückspiel die beste Partie der Saison gelang. Der Gewinn des paneuropäischen Wettbewerbes war eines der Saisonziele.
Sein Vertrag läuft Ende Saison aus. Noch vor drei Jahren hätte Simon Bodenmann (35) den Arbeitgeber aussuchen können. Inklusive einer schönen und verdienten Lohnerhöhung für den Karriere-Herbst. Doch nun bringt der «Tages Anzeiger» seine Situation mit einem Satz auf den Punkt: «Verflixte Jobsuche: Der Unerwünschte – Bodenmann stemmt sich gegen sein Karriereende.»