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Angesichts der immensen Breitenwirkung von Carl Weissner müssten die Feuilletons grossformatige Nachrufe und die Illustrierten zwölfseitige farbige Erinnerungsessays abdrucken! Sie ist zum Beispiel grösser als die von Rolf-Dieter Brinkmann, der 1940, im gleichen Jahr wie Weissner, geboren wurde, sich ebenso früh westwärts am US-amerikanischen Untergrund orientierte und sich explizit von der deutschen Nachkriegsliteratur distanzierte. Doch viele kennen diesen Mann, ohne seinen Namen zu kennen.
Weissner war primär als Übersetzer, Agent und Herausgeber aktiv – im Hintergrund. Über hundert Bücher hat er aus dem Amerikanischen übersetzt, darunter praktisch den ganzen Charles Bukowski, Allen Ginsbergs Jahrhundertgedicht «Howl», das meiste von William S. Burroughs, als dessen Cut-up-Jünger er sich eine Zeit lang bezeichnete, Romane von Simone de Beauvoirs Lover Nelson Algren, Gedichte von Jack Micheline und La Loca, Mary Beachs «Elektrische Banane», Prosa von Robert Lowry, J. G. Ballard et cetera.
Eingedeutscht hat er die Songtexte von Bob Dylan, Frank Zappa und den Rolling Stones. Aber wie! Carl Weissner hat eine neue Sprache geschaffen: Im Deutschen traf er den Nerv der US-amerikanischen Gegenkultur mit traumwandlerischer Sicherheit, und in seinen Übersetzungen räumte er endgültig auf mit dem hölzern stolzierenden Idiom, das sich am sogenannten «hohen Stil» orientierte. Mit seinem langjährigen Komplizen Jürgen Ploog gab er das legendäre Magazin «Gasolin 23» heraus, auch die erste Gesamtausgabe seines Freunds Jörg Fauser ging auf sein Konto. Spät erst hat er zwei autobiografische Romane im Milena-Verlag veröffentlicht, politisch herrlich inkorrekt, harte Schnitte mit Chuzpe, Verve und Drive. Am 24. Januar starb Carl Weissner in seiner Wohnung in Mannheim, 71-jährig, herausgerissen aus der Arbeit an drei weiteren Romanen.
Florian Vetsch