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, Einleitung über Leben und Schriften des Baläus. In: Ausgewählte Schriften der syrischen Dichter : Cyrillonas, Baläus, Isaak von Antiochien und Jakob von Sarug / aus dem Syrischen übers. von S. Landersdorfer. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 6) Kempten; München : J. Kösel, 1912
Einleitung über Leben und Schriften des Baläus
Über die Lebensumstände des Baläus [modern: „Balai“] ist nur eine einzige Nachricht vorhanden; eine Handschrift aus dem sechsten Jahrhundert fügt seinem Namen die Notiz bei, dass er das Amt eines Chorepiskopos bekleidet habe 1. Diese Chorepiskopoi oder Landbischöfe 2 werden im Orient seit dem Anfang des vierten Jahrhunderts erwähnt. Sie besaßen die bischöfliche Weihe, waren aber in Bezug auf die Ausübung derselben dem Bischof ihrer Diözese vollkommen untergeordnet. Teils hielten sie sich ständig an kleineren Orten der Diözese auf, teils bereisten sie dieselbe, um im Auftrag des Ordinarius verschiedene Amtsgeschäfte zu besorgen; im letzteren Falle hießen sie auch Periodeuten. Dieses kirchliche Institut, welches im Orient wie im Okzident längst aufgehoben ist, besteht bei den Syrern noch jetzt; jedoch erhalten die gegenwärtigen Chorepiskopoi nur die Priesterweihe.
In welcher Diözese Baläus das Amt eines Chorepiskopos ausübte, ist uns nicht überliefert. Da er aber die Einweihung der Kirche von Kenneschrin durch einen poetischen Beitrag verherrlicht und mehrere Lobgedichte auf den Bischof Akazius von Aleppo verfasst hat, so ist es wahrscheinlich, dass er einer dieser beiden Nachbardiözesen angehört oder doch auf jeden Fall in deren Nähe gelebt haben wird. Da er den Akazius „unsern Vater“ nennt und nach mehreren Äußerungen in einem besonderen Pietätsverhältnis zu ihm gestanden zu haben scheint, so dürfte die Diözese Aleppo die meisten Ansprüche auf unseren Dichter haben.
Die Zeit des Baläus können wir dagegen aus mehreren Angaben mit Sicherheit erschließen. Gregorius Barhebräus bespricht in seinem Buche: Ethicon seu moralia 3 den Ursprung der in den syrischen Offizien üblichen Hymnen, wobei er deren Verfasser offenbar nach ihrer Zeitfolge aufführt. Zuerst erwähnt er den hl. Ephräm, welcher nach der Synode von Nicäa gedichtet habe, und fährt dann fort: „Ferner haben andere Lehrer wie Isaak und ein gewisser Baläus eine große Anzahl von Lobgesängen auf Verse aus dem Psalter gebaut. Aber auch zur Zeit der Synode von Ephesus wallten die in der Furcht Gottes bewährten Kukiten über im Heiligen Geiste und brachten eine Menge von Hymnen hervor.“ Baläus muss also nach dem hl. Ephräm [gestorben 373] und vor dem Konzil von Ephesus [431] gedichtet haben 4, sodass jedenfalls der Beginn seiner dichterischen Tätigkeit noch in die ersten Jahrzehnte des fünften Jahrhunderts fällt.
Eine etwas genauere Zeitbestimmung wird uns dadurch möglich gemacht, dass Baläus mehrere Gedichte zum Lobe eines verstorbenen Bischofs Akazius verfasst hat. Dieser Akazius kann nämlich kein anderer sein als der im Jahre 432 als hundertundzehnjähriger Greis verstorbene Bischof Akazius von Beröa oder Aleppo 5. Hieraus geht hervor, dass Baläus die Zeit des Konzils zu Ephesus überlebt, und zwar bis tief in das fünfte Jahrhundert hinein gewirkt haben muss.
Noch näher können wir die Lebenszeit unseres Dichters bestimmen 6, wenn wir ein Gedicht im Maronitenbrevier auf den Tod des hl. Simeon Stylites 7 heranziehen, das der Überschrift zufolge mit ziemlicher Sicherheit dem Baläus zuzuschreiben sein dürfte. Da Simeon nach der gewöhnlichen Annahme im Jahre 459 starb 8, so muss Baläus, wenn er wirklich der Verfasser jenes Gedichtes ist, auch dieses Jahr überlebt haben. Damit deckt sich dann auch die Angabe Cardahis 9, dass er im Jahre 460 gestorben sei. Jedenfalls steht mit diesem Ansatz die Bemerkung des Barhebräus [vergl. oben], wonach er vor dem Konzil von Ephesus anzusetzen sei, nicht im Widerspruch. Es soll damit wohl nur gesagt sein, dass er bereits in dieser Zeit zu dichten begonnen hatte. Nennt ja doch der gleiche Barhebräus neben Baläus den Isaak von Antiochien, dessen Tod gleichfalls gewöhnlich um 460 angesetzt wird 10.
Während uns also über die Lebensumstände des Baläus fast nichts überliefert ist, wurde sein Andenken, wenigstens bei den westlichen Syrern, durch seine Gedichte erhalten, von welchen manche Aufnahme in das kirchliche Offizium gefunden haben. Die Jakobiten und Maroniten ehren seinen Namen durch Hinzufügung des Titels „Mar“ oder „Mein Herr“, der sowohl die bischöfliche Würde als auch die Heiligkeit bezeichnen kann. Zuweilen wird ihm sogar das Prädikat eines „Malpanä“ oder Kirchenlehrers erteilt 11.
Baläus scheint ein sehr fruchtbarer Dichter gewesen zu sein, obwohl ein großer Teil seiner Dichtungen verloren ist. Handschriftlich sind dieselben, soweit sie erhalten sind, in den kostbaren Sammlungen von London, Oxford, Paris und Berlin, ebenso in der Bibliotheca Medico-Laurentiana in Florenz und in der Vaticana überliefert.
Häufig wird der Name des Dichters gar nicht erwähnt, sondern lediglich das Versmaß bezeichnet, und zwar nach den Anfangsworten einer nach der gewöhnlichen Annahme von ihm herrührenden, überaus häufig zitierten Strophe im fünfsilbigen Metrum: „Der Du Dich der Sünder erbarmst“. Da sich unser Dichter fast ausschließlich dieses Versmaßes bediente, wurde die genannte Bezeichnung mit Vorliebe für seine Dichtungen benützt, wie es auch zahlreiche Gebete gibt, die in einer Quelle seinen Namen, in einer anderen aber nur jene auf das Metrum bezogene Überschrift tragen. Dass mit dieser Bezeichnung Baläus als Autor angegeben werden soll, besagt uns ausdrücklich eine Notiz im Codex 14 716 aus dem dreizehnten Jahrhundert. Übrigens muss man stets im Auge behalten, dass - von späteren Nachbildungen abgesehen - unter dieser Überschrift bisweilen echte Gedichte Ephräms stecken, der sich gleichfalls schon dieses Metrums bedient hat; von Baläus hat es nur den Namen, weil er es fast ausschließlich zur Anwendung gebracht hat. Anderseits ist auch der Ausdruck „von Mar Baläus“, den man zunächst als Angabe des Autors zu fassen hat, bisweilen nur die Bezeichnung des Versmaßes. Diese Tatsachen bringen es auch mit sich, dass die Autorschaft unseres Dichters für einen großen Teil der Dichtungen, die seinen Namen tragen, stark umstritten ist oder wenigstens mit Grund angezweifelt werden kann 121. Die fünfsilbigen Verszeilen verbindet Baläus zu Strophen, indem er deren vier, fünf, sechs oder acht zusammenfasst.
Nach den bisherigen Untersuchungen können ihm folgende Dichtungen mit ziemlicher Sicherheit zugeschrieben werden 13:
1. Ein Gedicht über die Weltverachtung, Cardahi a.a.O.
2. Ein Gedicht über den Tod Aarons, Cardahi a.a.O.
3. Ein Hymnus auf die Einweihung der neu erbauten Kirche zu Kenneschrin.
4. Fünf Loblieder auf den im Jahre 432 verstorbenen Bischof Akazius von Aleppo.
5. Ein Wechsellied, welches die letzte Unterredung zwischen Moses und Aaron schildert, Overbeck a.a.O., S.336, Wenig a.a.O., S.161, Gismondi, Linguae Syr. gram, et chrest., ed.2, Bergthi Phoen. 1900, S.97.
6. Ein auf den klementinischen Rekognitionenroman bezügliches Gedicht, in welchem Metrodora oder Mathidia, die Mutter des Klemens, ihr trauriges Schicksal beklagt, nachdem sie mit ihren beiden anderen Söhnen Schiffbruch erlitten und sie verloren hat; Bickell a.a.O.; Gismondi a.a.O., S.98; lateinische Übersetzung von Bickell, Consp. rei. Syr. lit. S.46.
7. Ein Bruchstück, nur vier Verse enthaltend, bei Th.J. Lamy, S. Ephraemi Syri hymni et sermones, Mechlinae, 1882-89, t. II S.69.
8. Verschiedene metrische Gebete und Hymnen, zusammenfassend behandelt von Zetterstéen in den bereits zitierten Beiträgen.
Noch erübrigen einige Worte zur Würdigung der Gedichte des Baläus in formeller und inhaltlicher Beziehung. Im allgemeinen zeigt er sich im Vergleich mit den übrigen Vertretern der syrischen Literatur als ein nicht unbedeutender Dichter. Freilich jene Tiefe und Innigkeit, mit welcher der hl. Ephräm sich in den Gegenstand versenkt, ihn von allen Seiten durchdringt und die Seele durch das intensivste Eintauchen in denselben gleichsam in ihn umformt, finden wir in diesem Grade bei Baläus nicht. Es ist schon etwas auf den Effekt Berechnetes und Rhetorisches in seiner Darstellung. Auch den Zug ernster Wehmut, welcher dem gewaltigen Geiste des hl. Ephräm einen so wunderbaren Zauber verleiht, trifft man bei unserem Dichter weniger. Dagegen spricht eine gewisse Anmut, Gefälligkeit und Beweglichkeit der Diktion an, welche ihm als Dichter jedenfalls einen Rang über Jakob von Sarug oder gar Isaak von Antiochien anweist. In seinen eigentlichen Gedichten weiß er sich stets auf einer gewissen Höhe zu erhalten und lässt sich nie in matten, schleppenden und nichtssagenden Wendungen gehen.
Den dogmatischen Wert seiner Schriften wird niemand nach dem Lesen der im folgenden gebotenen Auswahl in Zweifel ziehen. Sie legen nicht nur das stärkste Zeugnis für manche angegriffene katholische Glaubenswahrheiten ab, namentlich für die hl. Wandlung, das hl. Messopfer, die Fürbitte für die Verstorbenen, die Anrufung der Heiligen und den Nutzen des Fastens, sondern belehren uns auch in willkommenster Weise über manche Lebensäußerungen der christlichen Frömmigkeit, wie die Andacht zum allerheiligsten Altarsakrament, über die sonst sehr wenig Nachrichten aus dem Altertum vorhanden sind. Dass Baläus stets der katholischen Kirche angehört hat, kann nicht bezweifelt werden. Denn die monophysitische Häresie kann er gar nicht mehr erlebt haben; dass er aber vom Nestorianismus frei blieb, beweisen die Loblieder, die er dem Andenken des Bischofs Akazius gewidmet hat.
Bei unserer Auswahl leitete uns außer der Rücksicht auf die inhaltliche Bedeutung und die formelle Schönheit vor allem auch das Bestreben, nichts zu bieten, was nicht mit ziemlicher Sicherheit wirklich als Werk unseres Autors bezeichnet werden kann. Dass dagegen von den Gebeten und Hymnen selbst auf die Gefahr hin, dass das eine oder andere dieser kurzen Gedichte nicht auf Baläus zurückgehen sollte, eine größere Anzahl aufgenommen wurde, bedarf wohl kaum einer Rechtfertigung. Einmal enthalten dieselben vielfach wichtige Zeugnisse für manche im Laufe der Kirchengeschichte angegriffene Glaubenslehren, sodann soll diese Auswahl auch wenigstens ein schwaches Bild bieten von der alten liturgischen Dichtung der Syrer, da ja gerade von den Dichtungen des Baläus eine große Anzahl Aufnahme in das Brevier der Jakobiten und Maroniten gefunden hat.
1: Vergl. Overbecks Ausgabe S. 251.
2: Vergl. Fr. Gillmann, Das Institut der Chorbischöfe im Orient, München 1903.
3: Ed. P.Bedjan, Par. 1898, S.65; auch bei Assemani, Bibl.Or. I S.166.
4: Vergl. auch W. Wright, Syr.Lit. S.89; Duval, Lit.syr. S.865; Zetterstéen, Beiträge zur Kenntnis der religiösen Dichtung Balais, Leipzig 1902, S.2.
5: Vergl. die Einleitung zu jenen Lobgedichten S.71ff.
6: Vergl. Zetterstéen, Beiträge S.1f.
7: Officia Sanctorum iuxta ritum ecclesiae Maronitarum, Romae 1656-66, Nr.2, S.159.
8: S.Th.Nöldecke. Orient. Skizzen, Berlin 1892; Syr.Lit. S 55; Duval, Lit.Syr. S.350.
9: Liber Thesauri S.25.
10: Wright, Syr.Lit. S.53.
11: Vergl. Overbeck a.a.O. S.334.
12: Vergl. Zetterstéen a.a.O., S.4 und 9f.
13: K.V. Zetterstéen, Beiträge zur Kenntnis der religiösen Dichtung Balais. Leipzig 1902;
Overbeck, S.Ephraemi Syri, Rabulae ep. Edess., Balaei aliorumque op.sel. Oxonii 1865, S.251-386;
Wenig, Schola Syriaca, Chrestomathie, Innsbruck 1866 S 160-162;
Cardahi, Liber thes. S.26;
Bickell, ZDMG 27, S.599 [Hymnus über das Martyrium des hl. Faustiuus].