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Seit der Ankündigung des Endes unserer Partnerschaft mit Ärzte ohne Grenzen im April 2020 haben wir die Möglichkeit einer Partnerschaft mit einer anderen erfahrenen humanitären Organisation sondiert. In Ergänzung zur Rettung von Menschen aus Seenot, ist der Schutz, die Zuwendung sowie medizinische Versorgung der Geretteten ein wichtiges Anliegen. Seit dem Juli 2020 wurde unsere Such- und Rettungscrew auf der Ocean Viking um professionelle medizinische und humanitäre Teammitglieder ergänzt, die die umfassende Versorgung der Überlebenden an Bord sicherstellen.
Am 19. Juli haben die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) und SOS MEDITERRANEE einen Nothilfeaufruf gestartet, um unsere Teams an Bord der Ocean Viking ab August 2021 zu unterstützen. Im Rahmen dieser bevorstehenden Partnerschaft wird die IFRC den Menschen, die sicher an Bord der Ocean Viking gebracht werden, Unterstützung nach der Rettung bieten. Dazu gehören z.B. die medizinische Versorgung, psychologische Betreuung, Schutzmassnahmen sowie die Versorgung mit dem Nötigsten. Das IFRC-Team wird aus mindestens Ärzt*innen, einer Hebamme und Fachleuten bestehen, die psychologische Unterstützung leisten und denjenigen helfen, die besonders gefährdet sind und zusätzlichen Schutz benötigen, wie zum Beispiel unbegleitete Minderjährige und Opfer von Menschenhandel. Eine medizinische sowie eine Pflegestelle werden weiterhin mit SOS MEDITERRANEE-Mitarbeitenden besetzt.
Vor dem Beginn dieser neuen Partnerschaft beschreibt Riad – Care-Team-Leader an Bord der Ocean Viking – im Interview wie die Versorgung Geretteter an Bord gestaltet wird und welche Erfahrungen sowie Kenntnisse unsere Teams im vergangenen Jahr gesammelt haben.
Riad, 38 Jahre alt, wurde in Algier, Algerien, geboren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebt er in Rom, Italien. In den vergangenen 14 Jahren hat er als Kulturvermittler (cultural mediator) in Algerien, Tunesien, Libyen und Italien für den italienischen Flüchtlingsrat, die Caritas und neuerdings das Italienische Rote Kreuz gearbeitet. Er arbeitete in verschiedenen Kontexten. So zum Beispiel in den Hotspots auf Lampedusa und den Quarantäneschiffen in Sizilien. Riad kam im Januar 2021 zu SOS MEDITERRANEE, zunächst als Cultural Mediator, weil er “proaktiv, von der Frontlinie aus, den Menschen helfen wollte“. Derzeit ist er zum zweiten Mal Leiter des Care-Teams auf der Ocean Viking.
Welche Positionen beinhaltet das Care-Team an Bord der Ocean Viking?
Das Care-Team besteht aus einem*einer Care Team Leader (CTL), einem*einer Cultural Mediator (CM) und einem*einer Logistiker*in.
Der*die Cultural Mediator ist ein wichtiges Bindeglied zwischen der Crew und den geretteten Menschen. Er*sie ist kein Übersetzer oder Sicherheitsbeauftragter, sondern eine Art “Bruder” oder “Schwester” für die geretteten Menschen. Er arbeitet Hand in Hand mit dem*der CTL und dem*der Logistiker*in, um sich um die Überlebenden an Deck zu kümmern. Da der CM die verschiedenen kulturellen Befindlichkeiten kennt und fliessend mehrere Sprachen spricht, wird er als beruhigende Figur wahrgenommen. In dieser Rolle trägt er*sie aktiv dazu bei, das Miteinander an Bord positiv zu beeinflussen.
Der*die Care Team Leader beaufsichtigt das Leben an Deck. Er*sie richtet den Registrierungsprozess für gerettete Menschen ein, sobald diese an Deck ankommen. Ausserdem organisiert er*sie die Schichten an Deck, welche rund um die Uhr stattfinden. Die gesamte SOS MEDITERRANEE-Crew nimmt an diesen Schichten auf dem Deck teil, um sicherzustellen, dass die geretteten Menschen alles haben, was sie brauchen, um medizinische Fälle zu melden und um soziale Aktivitäten zu organisieren (Musik, Zeichnen, Spiele, etc.).
Der*die Logistiker*in bereitet die Verteilung von Essen für die Geretteten vor und kontrolliert, ob alle haben, was sie brauchen. Er*sie ist auch für alle Wartungsarbeiten an Deck verantwortlich.
Wie werden die Überlebenden bei ihrer Ankunft an Bord der Ocean Viking versorgt?
Während das Such- und Rettungsteam auf dem Wasser im Einsatz auf ist, bereiten sich das Care-Team und alle anderen verfügbaren Teammitglieder an Deck auf die Ankunft der Schiffbrüchigen vor. Meistens helfen wir zuerst beim Ausziehen der Schwimmweste. Dann werden die Geretteten – abhängig vom Gesundheitszustand – in den jeweiligen Schutzraum oder die Bordklinik weitergeleitet. Da die Überlebenden bis zu mehreren Tagen auf überfüllten Booten verbracht haben, ohne sich zu bewegen und mitunter, ohne zu trinken oder zu essen, versagen ihnen oft die Beine, sobald sie an Deck sind.
Sobald alle an Bord sind, beginnt das Care-Team mit der Registrierung, um besonders schutzbedürftige Personen zu identifizieren. Alle Überlebenden erhalten ein Armband mit einer Nummer, die für jede Rettung eine bestimmte Farbe hat. Unbegleitete Minderjährige erhalten ein gelbes Armband. Das Care-Team stellt ausserdem sicher, dass Familien wiedervereint werden. Dann erhält jede*r ein Rettungspaket mit Kleidung, einem Handtuch, einer Decke, Wasser und Energieriegeln (siehe Foto unten). Die Geretteten werden gebeten, ihre Kleidung, die meist mit Benzin durchtränkt ist, zu wechseln.
Nach der Registrierung aller Überlebenden hält der*die CTL eine Willkommensrede auf Englisch, Französisch und Arabisch. Er*sie erklärt den Menschen, dass sie in Sicherheit sind und dass wir noch keine Informationen über den Ort und die Zeit der Ausschiffung haben. Er*sie betont dabei, dass sie niemals nach Libyen zurückgeschickt werden. Des Weiteren wird die Rolle der Journalist*innen und des Kommunikationsteams an Bord – als Zeug*innen für das, was im zentralen Mittelmeer passiert – erklärt. Ausserdem erinnert er*sie alle daran, ausreichend Wasser zu trinken und sich auszuruhen. Die geretteten Menschen schlafen in der Regel direkt nach der Ansprache, sei es tagsüber oder nachts, da sie erschöpft sind von der Zeit auf See und dem hohen Stress, dem sie ausgesetzt waren.
Die ersten 24 Stunden an Deck sind entscheidend. Das Care-Team arbeitet unermüdlich daran, dass die Menschen zur Ruhe kommen und sich sicher fühlen. Es gibt Informationen weiter und erklärt die zu befolgenden Regeln. Wir befinden uns in einem ständigen Zustand der Wachsamkeit. Mit manchmal über 400 Überlebenden an Deck kann sich die Atmosphäre schnell verschlechtern.
Wie ist das Leben an Deck in den Tagen nach der Rettung organisiert?
Einige Stunden nach der Registrierung organisiert das Care-Team die Essensausgabe, die aus einem 24-Stunden-Kit besteht (siehe Foto unten).
Dieses Nahrungsmittelset enthält 2.000 Kalorien, damit die Geretteten wieder zu Kräften kommen. Wenn nicht zu viele Menschen an Deck sind und das Wetter es zulässt, kann unser Care-Team etwas Reis für die Überlebenden kochen. Manchmal wird auch die Möglichkeit zu duschen für alle Geretteten organisiert. Je nach Situation steht auch eine Waschmaschine zur Verfügung.
Während des Wartens auf einen “sicheren Ort” organisiert sich langsam das Leben an Deck: morgens gibt es Frühstück, am Abend werden die 24-Stunden-Kits verteilt. Gerettete Menschen fragen oft, ob sie unser Team bei der Lebensmittelverteilung oder bei kleinen Arbeiten an Deck unterstützen können. Ihnen die Möglichkeit zu geben, uns zu helfen, ist entscheidend, um ihnen zumindest vorübergehend ein Gefühl der Würde und der Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben.
Wann immer möglich, stellt das Care-Team auch Spiele, Musikinstrumente, Papier und Stifte zur Verfügung, um ein wenig soziales Leben an Deck zu schaffen. In der Zwischenzeit wechseln sich die anderen Teammitglieder auf dem Deck ab, um zu putzen, die allgemeine Lage zu beobachten und potenzielle Vulnerabilitäten zu identifizieren. Diese werden dem medizinischen Team gemeldet, welches auch Sprechstunden an Deck abhält.
Nach 24 Stunden können wir sehen, wie sich die Gesichter einiger Überlebender verändern. Bei der Ankunft an Bord der Ocean Viking kann ein 15-jähriger Junge aussehen, als wäre er 40 Jahre alt. Mit der Zeit, durch Fürsorge und einen respekt- sowie würdevollen Umgang, kehrt das Licht in ihre Augen zurück.