Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03502.jsonl.gz/2452

Thich Nhat Hanh war einer der ganz grossen spirituellen Meister, der durch seine Klarheit, Ruhe und Sanftheit inspirierte. Müsste man dem Begriff «Achtsamkeit» ein Gesicht geben – es wäre dasjenige des vietnamesischen Zen-Meisters. Sein ganzes Leben setzte er sich für den Frieden ein, im Innen und im Aussen. Er ist am 22. Januar im Alter von 95 Jahren in seinem Haus im Tu Hieu Tempel in der vietnamesischen Stadt Hue gestorben.
Das Leben des buddhistischen Mönches, der zu einem der grössten spirituellen Lehrer unserer Zeit geworden ist, war wahrlich eine eindrückliche Botschaft. 1926 während der kolonialen französischen Besetzung in Zentralvietnam geboren, war ihm von klein auf klar, dass er Mönch werden wollte. Während des Vietnamkrieges – kein Land wurde so heftig bombardiert wie seine Heimat – wurde er zum Friedensaktivist und unterstützte einerseits die Menschen vor Ort und machte sich andererseits in den USA, dem Ursprungsort des Krieges, für den Frieden in Vietnam stark. Sein Engagement führte dazu, dass die vietnamesische Regierung ihm die Rückkehr ins Land verwehrte. Das hinderte ihn nicht, sich weiter für den Frieden einzusetzen. 1969 war er Mitglied der buddhistischen Friedensdelegation bei den Friedensverhandlungen in Paris, in Singapur fuhr er mit gecharterten Schiffen aufs Meer hinaus, um vietnamesische Boatpeople zu retten. Als er an seinem achtzigsten Geburtstag gefragt wurde, ob er plane, sich nun zurückzuziehen, antwortete Thich Nhat Hanh: «Gelehrt wird nicht nur mit Worten. Gelehrt wird durch die Art, wie man sein Leben lebt. Mein Leben ist meine Lehre. Mein Leben ist meine Botschaft.»
Später liess er sich in Frankreich nieder, gründete 1982 Plum Village, ein Kloster und Zentrum für die Praxis, leitete weltweit Retreats, setzte mit Gehmeditationen in Grossstädten, an denen Tausende Menschen teilnahmen, ein Zeichen und verbreitete seine Lehren durch das Schreiben vieler Bücher.
Als er Ende 2014 eine schwere Hirnblutung hatte, musste er mit seinen weltweiten Tätigkeiten aufhören. Seither sind es die Menschen, die er in all den Jahren beflügelt hat, welche die von ihm vermittelte Lehre der Achtsamkeit und der Gewaltfreiheit verbreiten. Mehr als 1000 Gemeinschaften weltweit erkennen sich in den von ihm vermittelten Lehren wieder, über 600 Mönche und Nonnen sind direkt mit Plum Village verbunden, mehr als eine Million Menschen folgen seiner Lehre und setzen sie in die Praxis um.
«Was seine Berühmtheit als spiritueller Meister angeht, kann man ihn heute wohl gleich hinter dem Dalai Lama ansiedeln. Sein aufrichtiges Engagement im Dienste der Schwächsten, sein ungewöhnlicher Mut sowie seine Entschlossenheit, Liebe und Respekt für alle Lebensformen zum Blühen zu bringen, haben ihm aussergewöhnliche Anerkennung eingebracht», schreiben Céline Chadelat und Bernard Baudouin in ihrem Buch «Thich Nhat Hanh. Ein Leben in Achtsamkeit».
Das Wesen des Krieges
Sein ganzes Leben lang sprach sich Thay («Meister»), wie er von seinen Freunden und Anhängern liebevoll genannt wird, gegen Kriege aus. Als junger Mönch hatte er im Indochina- und im Vietnamkrieg hautnah miterlebt, zu wie viel Zerstörung und schrecklichem Leid sie führen: «Ich akzeptiere die Vorstellung eines Krieges für den Frieden nicht», schreibt er in der Autobiographie «Mein Leben ist meine Lehre». Er erzählt von der Begegnung mit einem jungen französischen Soldaten, der von den Mönchen im Tu-Hieu-Tempel in Hue, wo Thay 1946 als Novize lebte, mit dem Gewehr in den Händen den letzten Sack Reis forderte. Thay musste den Sack zum Jeep tragen.
Intensives Meditieren – er nennt es «tiefes Schauen» – über diesen Vorfall ermöglicht Thich Nhat Hanh, in grosser Klarheit und mit Blick für das grosse Ganze darüber zu sprechen: «Als wir uns trafen, waren wir bereits Feinde. Und doch waren wir nicht von Natur aus Feinde. Unter anderen Umständen hätten wir vielleicht gute Freunde werden können. Das ist das Wesen des Krieges: Es macht uns zu Feinden. Menschen, die einander nie zuvor getroffen haben, töten einander aus Angst.»
Achtsamkeit in jedem Augenblick
«Durch seine Praxis, Achtsamkeit in jedem Augenblick des Tages zu üben, entzieht sich Thay während des Vietnamkrieges dem Räderwerk von Gewalt und Not», schreiben Chadelat und Baudouin. Durch das ständige Üben des «tiefen Schauens» sehe er über die groben äusseren Umstände hinaus. «Unter all den Schichten von Gewalt, Leiden und Schmerz ringt ein Mensch mit sich selbst. Diesen Menschen sucht Thich Nhat Hanh ungeachtet äusserer Formen und Eindrücke, um ihn mit einer unendlichen Sanftheit wieder auf den Weg des Lebens zu geleiten.»
So gelang es Thay während des Vietnamkrieges mit Bravour, ein buddhistischer Mönch und ein spiritueller Führer zu bleiben und zugleich klar politisch Stellung zu beziehen. Kein Wunder, schlug ihn sein Freund und Weggefährte Martin Luther King 1967 für den Friedensnobelpreis vor (der Preis wurde in diesem Jahr dann nicht vergeben).
In der Welt zu Hause
Der Preis für sein Engagement, seine Weigerung einer Seite die Schuld zuzuschieben, war hoch: Exil im Westen. Für Thich Nhat Hanh war immer klar gewesen, dass er nach seinen Vorträgen, nach seinen Friedensappellen und Gesprächen mit Vertretern unterschiedlichster Organisationen wieder nach Hause zurückkehren wollte. «Meine Familie, all meine Freunde, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – mein ganzes Leben – waren in Vietnam», schreibt er. Doch es endete damit, dass er fast 40 Jahre im Exil bleiben musste, bevor er 2005 zum ersten Mal wieder in seine alte Heimat reisen durfte.
Auch hier half ihm seine Achtsamkeitspraxis: «Ich versuchte im Hier und Jetzt zu leben und die Wunder des Lebens tagtäglich zu berühren.» Diese Praxis brachte ihn zu seinem wahren Zuhause, er hörte auf zu leiden. Gerade, weil er kein Land sein Eigen nennen konnte, musste er eine Anstrengung unternehmen, um sein wahres Zuhause zu finden. Eines der grossen Dharma-Siegel von Plum Village ist denn auch: «Ich bin angekommen, ich bin zu Hause.»
Leiden fördert Mitgefühl
«Leiden» ist ein Schlüsselbegriff im Buddhismus. Die Konfrontation mit dem Leiden fördert das Nachdenken über einen selbst. «Vor 2500 Jahren war die Begegnung mit dem Leiden der Ausgangspunkt für den inneren Weg des jungen Siddharta, des zukünftigen Buddha. Es gelang ihm, das Leiden in eine wunderbare spirituelle Erfahrung umzuwandeln, die zahllose Menschen inspirierte», führen Chadelat und Baudouin aus.
Auch Thich Nhat Hanh ist klar bezüglich dem Leiden: «Ich möchte weder meine Freunde noch meine Kinder an einen vom Leiden abgeschirmten Ort bringen, denn an einem solchen Ort wäre es ihnen nicht möglich, Verständnis und Mitgefühl zu kultivieren.» Er entwirft dazu ein schönes Bild, indem er sagt, dass die blauen Flecken des Lebens entweder in Stein gemeisselt oder in Nektar transformiert werden können.
Der Buddha bist du
Als Thay nach 39 Jahren Exil drei Monate in Vietnam verbrachte, besuchte er auch den Tempel Tu Hieu, wo er 1942, als 16-Jähriger den Weg des Bodhisattvas einschlug. Gemäss der buddhistischen Tradition sind Bodhisattvas Wesen, in deren Worten Liebe, Mitgefühl und tiefes Engagement für alle zum Ausdruck kommen. Thich Nhat Hanh ist überzeugt, dass alle Menschen Bodhisattvas sind, die dem Weg der Einsicht und des Mitgefühls folgen. «Die Bodhisattvas werden des Leidens, das sie umgibt, niemals überdrüssig, und sie geben niemals auf. Sie schenken uns den Mut zu leben», schreibt er in einem seiner zahlreichen Bücher. Und: «Jeder, der friedvoll, liebevoll und verständnisvoll ist, kann ein Buddha genannt werden.»
Als er sieben- oder achtjährig war, sah Thich Nhat Hanh einen gezeichneten Buddha auf der Titelseite einer buddhistischen Zeitschrift. Der Buddha sass sehr friedvoll im Gras und der kleine Knabe war schwer beeindruckt. «Als ich dieses friedvolle Bild betrachtete, kam mir die Idee in den Sinn, dass ich so jemand wie dieser Buddha werden wollte, jemand, der so still und ruhig sitzen konnte. Ich glaube, in dem Moment wollte ich zum ersten Mal Mönch werden», schreibt er in seiner Autobiografie.
Er ist im Grunde niemals von diesem Leitbild des Kraft und Frieden ausstrahlenden Buddhas abgewichen, das ihn als Kind so geprägt hat. Sein Gelübde, allen Wesen zu helfen, hat ihn die steilsten Pfade erklimmen lassen, hat ihn zu diesem grossen spirituellen Lehrer gemacht, dessen Lehre der Achtsamkeit, der Gewaltlosigkeit und des Mitgefühls wegweisend für unsere heutige Zeit sein können.
Thich Nhat Hanh. Mein Leben ist meine Lehre. Autobiographische Geschichten und Weisheiten eines Mönchs. O.W. Barth Verlag 2017
Céline Chadelat & Bernard Baudouin. Thich Nhat Hanh. Ein Leben in Achtsamkeit. Die Biografie. Lotos Verlag 2017