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„Wenn deine Intuition gut ist, gewinnst du, wenn sie schlecht ist, verlierst du.“ Das sagte der zweimalige UdSSR-Champion (1980 und 1981) Lew Psachis. Ich weiss nicht mehr bei welcher Gelegenheit, vermutlich im Fernsehen anlässlich der Dortmunder Schachtage 1982, in gebrochenem Englisch. „When you chave good fantasy, you win, if fantasy is bad, you lose.“ Er suchte lange nach dem Wort, bevor er „fantasy“ sagte, es war mir aber sofort klar, dass er Intuition meinte.
Intuition ist die Fähigkeit, Züge zu sehen, ohne irgend etwas zu berechnen. Ein starker Spieler wird gute Züge sehen, ein schwacher eben schlechte. Spiel, Lesen und Training bilden die individuelle Intuition heraus. Richtig, individuell. Aljechin hat andere Züge als Capablanca gesehen, Tal andere als Petrosian, Kramnik andere als Kasparow.
Ungefähr gleich starke Gegner werden in etwa die selben Varianten berechnen können. Den Unterschied in der Partie wird voraussichtlich die bessere Einsicht eines der beiden Spieler machen.
Nun ist aber Schach unberechenbar. Ein Spieler mag noch so gut rechnen können, irgendwann wird er an seine Grenzen stossen. Dann ist er auf seine Intuition angewiesen. Ich persönlich habe für mich herausgefunden, dass scharfe Züge immer gut sind. Nur leider habe ich eine ganz andere Ausbildung. Ich habe gelernt, positionell zu spielen, gewürzt mit taktischen Tricks. Wenn ich nun in einer bestimmten Stellung – aufgrund meiner neu erworbenen Einsichten – intuitiv zu einem scharfen Zug neige, wird doch immer der Verstand sein Veto einlegen. Argumente wie „ungesund“, „hat sicher ein Loch“, „riskier das nicht.“, „du stehst eh gut, konsolidiere“ und ähnliches werden zu unüberwindlichen Hindernissen. Wenn ich mich dann doch überwinde, und es geht schief, dann werde ich die nächste Partie noch zaghafter angehen.
Robert Hübner – Arturo Pomar
Sechsländerturnier, Paignton, 1970
1.c4 c6 2.e4 d5 3.exd5 cxd5 4.cxd5 Sf6 5.Sc3 Sxd5 6.Sf3 Sc6 7.d4 e6 8.Ld3 Le7 9.0–0 0–0 10.Te1 Lf6 11.Le4
Das ist eine frühe Partie Robert Hübners, noch vor seinem Durchbruch im Interzonenturnier von Palma de Mallorca im gleichen Jahr.
Dies war damals so etwas wie die Hauptvariante im Panow-Angriff. Heutzutage ist man zur Erkenntnis gekommen, dass die Verteidigung doch sehr mühselig, und daher 7…Lg4 der korrekte Zug ist. Auch der Computerzug 7…Lf5 scheint ganz akzeptabel zu sein.
11…h6
Üblicherweise begegnet Schwarz einem Angriff auf der Diagonale b1-h7 mit g7-g6. Das geht nun nicht mehr, weil dann der Bh6 hängt. Daher muss er jetzt diese Drohung mit dem Springer bedienen.
12.Lb1 Sce7
Vermutlich war 13.Se5 der stärkste Zug, was zunächst 13…Sg6 verhindert. 13…Lxe5 14.dxe5 Sxc3 15.bxc3 Dxd1 16.Txd1 mit grossem Endspielvorteil war dann so gut wie erzwungen.
13.Dd3 Sg6 14.Se5 Lxe5?
Der freiwillige Tausch ist schwach, wie so oft (Tauschverbot). 14…Sde7, und die Schwarze Stellung erweist sich als erstaunlich widerstandsfähig. Er droht einen Angriff auf d4 mittels Db6, Sf5 und Td8.
15.dxe5 Da5
Nach 15…Sxc3 16.Dxc3 steht er einfach nur schlecht, aber dieser Zug ruiniert seine Stellung.
Hübner spielt sehr konkret und hat sicher die Variante 16.h4 Sxc3 17.bxc3 Dd8 18.h5 Dxd3 19.Lxd3 berechnet. Hier verliert 19…Td8 20.Td1 wegen Lh7+ im nächsten Zug die Qualität, aber 20…Se7 scheint vielleicht zu halten. Heute würde er wahrscheinlich so spielen, weil er weiss, dass diese Stellung mit Schwarz kaum zu verteidigen ist.
Allerdings erkannte er auch intuitiv, dass der weisse Angriff überwältigend sein müsste, da ja seine sämtlichen Figuren ausser dem Ta1 auf den schwarzen König zielen.
16.Ld2 Td8 17.Se4 Da6
Ein Beschwichtigungsopfer. Ich bin sicher, dass Hübner keinen Gedanken auf 18.Dxa6 verschwendete, sondern nur noch Augen für den Königsflügel hatte. Nach 18.Dg3 Sde7 19.Lc3 Sf5 20.Dg4 ist nichts konkretes zu sehen, obwohl Weiss zweifellos auf Gewinn steht. Mit seinem nächsten Zug droht er ein Läuferopfer auf h6.
18.Dh3
Spielen wir die Drohung durch. 19.Lxh6. Das Opfer kann nicht angenommen werden, daher 19…Sxe5 20.Lg5 f6 21.Dg3 Kf7. Weiss steht auf Gewinn, fast egal was er zieht. Aber das Opfer kann gar nicht verhindert werden. Schwarz muss also für diesen Fall eine Gegendrohung einbauen.
18…Sxe5 ändert nichts an den Tatsachen. Im Gegenteil, er muss nun annehmen. 18.Lxh6 gxh6 19.Dxh6, und nun droht 19…Db6 das perfide 20…Dxf2+, das muss bedient werden, 21.h3, aber danach steht Schwarz dem Ansturm hilflos gegenüber.
Etwa 21…Dxb2 22.Dg5+Kh7 23.Sf6++, Doppelschach!
Oder 21…f5 22.Sg5 Dc7 23.Lxf5 exf5 24.Txe5
Das einzige Gegengift gegen das Opfer ist Gegenspiel. Einem Computer fällt das nicht schwer, aber einem Arturo Pomar? Der einzige Zug ist 18…Db6 19.Lxh6 gxh6 20.Dxh6 Db4!. Er greift den Turm an, mit Mattdrohung, und bringt die Dame zurück in die Verteidigung. 21.Sf6+ Sxf6 22.Lxg6 Df8! 23.Lf7+ Kxf7 24.Dxf6+ Ke8. Schwarz ist aus der Attacke heraus gekommen und materiell steht es ungefähr gleich. Trotzdem würde ich lieber mit Weiss spielen, da ich Remis auf sicher habe und noch ein paar Versuche unternehmen kann.
Sollte sich Hübner mit derartigen Eventualitäten befasst haben? Seinem Naturell entsprechend will er immer alles korrekt durchrechnen. Gut möglich, dass er hier einen Haufen Zeit verplempert hat.
Pomar macht einen passiven Zug, der gegen das eine Opfer hilft, aber das andere ermöglicht.
18…Sde7
Auf 19.Lxh6 hätte er jetzt 19…Da5 mit Doppelangriff gegen e1 und e5, aber auch da bliebe Weiss mit 20.Sc3 gxh6 21.Dxh6 im Vorteil.
19.Sf6+ gxf6 20.Dxh6 fxe5 21.Lg5 f5
Alles fast forciert, ausser dass Pomar das zähere 20…Td3 anstelle von 20…fxe5 verpasst hat.
Gehen wir davon aus, dass Hübner tatsächlich viel Zeit für seine Berechnungen verbraucht hat. Dann dürfte er hier schon in Zeitnot gewesen sein, wo es definitiv nur noch auf intuitive Entscheidungen ankommt. Sein nächster Zug ist nicht zu tadeln, aber es gab zwei forcierte Gewinne nach dem Prinzip der härtesten Drohung.
22.Lf6 Kf7 23.Dg7+ Ke8 24.Lxe7 Sxe7 25.Dh8+ Kd7 26.Td1+ Sd5 27.Txd5+ exd5 28.Lxf5+ Kc7 29.Tc1+ und gewinnt. Ein Hübner ohne Zeitnot durchschaut das mit dem linken Auge.
22.Lc2 ist ein supereleganter Computerzug und betont die Hilflosigkeit der schwarzen Stellung. Der Fluchtversuch 22…Kf7 23.Dh7+ Ke8 wird nun mit 24.Ld1 Kd7 25.Lf6 widerlegt, wonach die Drohung 26.Lh5 einen Haufen Holz einsammelt.
22.h4 Td7
Hier hatte er mehrere Gewinnzüge:
23.Lf6 Kf7 24.Dg7+ Ke8, aber hier gewinnt nur noch das ominöse 25.Lc2
23.Lxe7 Sxe7 24.Te3 f4 25.Lh7+ Kf7 26.Txe5
23.Lc2 war das zwingendste. 23…Sf8 24.Lf6 Seg6, und erst jetzt 25.h5
23.h5? Sf8 24.Lf6 Sd5?
Er verpasst 24…Kf7 25.Lxe5 Dc4, wonach er wieder im Spiel ist.
25.Dh8+ Kf7 26.Lxe5 Te7 27.g4??
Er findet den schlechtesten aller möglichen Züge.
Es gewann schlichtweg alles andere. Am einfachsten 27.Lg7 Sd7 28.Lh6, was den Sd7 durch Dg7+ und Dg8+ abholt.
27…Dc4
Jetzt hätte es immer noch wenigstens zum Ausgleich gereicht, g4 zu decken, entweder durch 28.Ld4 oder 28.f3. Nach dem Textzug ist die Partie hinüber.
28.Le4?? fxe4 29.g5 e3 30.fxe3 Dg4+ 31.Kh2 Dh4+ 32.Kg2 Dxg5+ 33.Kh3 Sxe3 34.Tg1 Df5+ 35.Kh4 De4+ 36.Kg5 Ld7 37.Taf1+ Sf5 38.Tg4 De3+ 39.Lf4 De2 40.Ld6 Dxf1 41.Lxe7 Dc1+ 42.Tf4 Kxe7 43.Df6+ 0-1
Die Partie demonstriert, dass Hübners intuitives Angriffsspiel zu jener Zeit schwach war, was sich doppelt in seiner Zeitnot zeigt. Einerseits kam er in Zeitnot, weil er zu viel rechnete statt intuitiv zu spielen, und als er keine Zeit mehr zum Rechnen hatte, versagte ihm anderseits die Intuition. Hübner ist ein akribischer Rechner und es widerstrebt ihm zutiefst, Züge aufs Geratewohl zu machen. Allerdings ist es mir schleierhaft, wieso er den einfachen Gewinn im 22. Zug ausgelassen hat. So etwas spielt er sonst im Blitz a tempo.
Anand Viswanathan – Boris Gelfand
Hoogovens Wijk aan Zee (7), 21.01.1996
1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.f4 g6 4.Sf3 Lg7 5.Lc4 Sc6 6.d3 e6 7.0–0 Sge7 8.De1
Jubel bei den GP-Anhängern. Ihre Patenteröffnung hat es in die Teppichetagen des Schachs geschafft. Gelfand hat keine Lust auf die Hauptvariante 8…0-0 9.f5 und spielt die beliebteste Nebenvariante.
8…h6 9.Lb3 a6 10.e5 Sf5
Eigentlich steht er bereits schlecht, aber ganz schlecht auch wieder nicht. Konventionelle Verfahren wie 11.exd6 Sxd6 12.Se4 b6 13.c3 0-0 geben Schwarz einen kleinen aber spürbaren Vorteil. Er möchte Se4 spielen, was aber im Moment einen Bauern verliert wegen 11.Se4 dxe5 12.fxe5 Sxe5 13.Sxe5 Lxe5 und c5 ist durch das Zwischenschach auf d4 gedeckt. Deshalb geht er diesem Schach aus dem Weg.
11.Kh1 Sfd4?
Dieser Zug bringt Weiss in Vorteil. 11…dxe5 war der korrekte Zug. 12.fxe5 b6, um auf 13.Se4 Sxe5 zu haben. Weiss sollte mit 13.h3 nebst 14.Lf4 den Bauern e5 überdecken und auf bessere Zeiten hoffen.
12.Se4 Sxf3 13.Txf3 dxe5 14.fxe5 Sxe5 15.Tf1
Anand hat ganz im Geiste des GP-Angiffs einen Bauern geopfert. Gelfand steckt in Schwierigkeiten. C5 hängt, 15…0-0 geht nicht wegen 16.Lxh6 Lxh7 17.Sf6+ und 18.Dxe5.
15…Dc7 16.Sf6+ Lxf6 17.Txf6 Sg4 18.Tf4 f5 19.Lxe6 oder 18…h5 19.Dh4 sieht ungemütlich aus.
15…Sc6 wäre das geringste Übel gewesen. 16.Lf4 0-0 17.Ld6 Lxb2 18.Tb1 Lg7 und jetzt 19.Lxc5 Se7. Weiss hat mehr als genug Kompensation für den Bauern, aber Schwarz lebt noch.
15..g5
Das würde eigentlich an einem wunderschönen Trick scheitern, den beide nicht gesehen haben, nämlich 16.Le3 b6 17.d4! cxd4 18.Lxd4.
18…Dxd4 19.Td1 verliert die Dame, aber 19…0-0 20.Dc3 f6 21.Sxf6+ ist noch übler.
16.Dg3 0–0
Nun würde man 17.Ld2 Sg6 18.Lc3 Lxc3 19.bxc3 erwarten, aber Anand glänzt durch ein intuitives Opfer.
17.Lxg5 hxg5 18.Sxg5 Sg6 19.Tae1
Er hat nur einen Bauern für den Läufer, ein Matt ist nicht zu sehen und er droht nicht einmal etwas richtiges, vielleicht am ehesten 20.Te4, denn 20.Sxe6 Lxe6 21.Lxe6 fxe6 22.Dxg6 wäre vollkommen harmlos. Auch 20.Sxf7 Txf7 21.Dxg6 De7 kann Schwarz nicht beunruhigen.
Immerhin hat Gelfand kein offensichtliches Gegenspiel. Neben dem natürlichen Textzug kamen noch mehrere Züge in Betracht.
19…Ld7 20.h4 Lf6 21.Sxe6 fxe6 22.Dxg6 Lg7 23.Lxe6+ Lxe6 24.Dxe6+ Kh8 25.g3
19…Lf6 20.Txe6 Lxe6 21.Sxe6 De7 22.Kh8 23.Dh3+ Lh4 24.g3 Tae8
19…b5 20.Sxf7 Txf7 21.Txf7 Kxf7 22.Df3+Df6 23.Dxa8 Df2
19…c4 20.Lxc4 b5 21.Lb3 Ta7.
Keine Frage, dass Anand dies alles nicht berechnet, sondern nach Gefühl und aufs Geratewohl geopfert hat.
19…De7
Das droht 20…Lf6.
20.Tf5
Anand richtet sich darauf ein und droht seinerseits 21.Dh3
20…Lf6 21.Sxe6 fxe6??
Und bereits scheitert Gelfand an der Schwierigkeit der Aufgabe! 21…Te8 war der einzige Zug. Damit gibt er die Schwierigkeit der Aufgabe an Anand weiter. Ich denke, dass Gelfand hier auf Gewinn steht, was nach 22.Te4 Lxe6 23.Lxe6 fxe6 24.Dxg6+ Lg7 25.Th5 Df6 26.Dxf6 Lxf6 27.Tg4+ Lg7 28.Txc5 Tac8 erst noch zu beweisen wäre.
22.Txe6 Kg7 23.Txe7+ Lxe7 24.Txf8 Lxf8 25.h4 1–0
Viktor Kortschnoj – Jon Arnason
Beersheba 1987
1.c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.Sf3 Sc6 4.g3 d5 5.cxd5 Sxd5 6.Lg2 Sb6 7.0–0 Le7 8.b3
Kortschnoj glaubt nicht, dass hier durch theoretisch korrektes Spiel etwas zu holen ist, und macht aufs Geratewohl einen x-beliebigen Zug. Er bemängelt daran in „Meine besten Kämpfe“ selber, dass dieser im Vergleich zu 8.d3 oder 8.a3 weniger für den Kampf ums Zentrum unternimmt.
9…0–0 9.Lb2 Te8 10.Tc1 Lg4 11.d3 Lf8 12.Sd2 Dd7 13.Te1 Tab8 14.Sce4 Sd4 15.Sc5 Dc8 16.Sf3
Sauber gespielt, mit dem lakonischen Kommentar „Das Paradepferd der schwarzen Stellung wird beseitigt.“ 16…Sxf317.xef3 verliert einen Bauern. 16…Lxf3 17.exf3, und es droht f3-f4. Schwarz war unmerklich in Schwierigkeiten geraten, aber er löst das Problem mit seinem nächsten Zug.
16…Sd7 17.Sxd4 Lxc5 18.Sf3 Lb6
Kortschnoj merkt an, dass der Spieler, der besser steht, angreifen muss, weil sonst sein Vorteil versickern wird. Es ist bekannt, dass er seine Stellungen zu überschätzen pflegte. So auch hier. Einzig das Manöver Sd2-c4 war objektiv geeignet, ihm einen symbolischen Vorteil einzubringen, aber das erwähnt er in seiner langen Anmerkung zu seinem nächsten Zug nicht einmal.
Kortschnoj spielte immer ungemein konkret und scharf, egal ob er gut oder schlecht stand. Ich denke, dass er dadurch im Laufe der Jahre ein tiefes intuitives Verständnis von Komplikationen erworben hat.
19.Tc4 Le6 20.Th4
Kortschnoj bemerkt richtig, dass er nach 20…Lf5 21.e4 Lg6 22.Lh3 f6 23.d4 Dd8 24.Lxd7 Dxd7 25.dxe5 Dxd1 26.Txd1 fxe5 27.Sxe5 Tbd8 28.Txd8 Txd8 wegen seinem Abseits-Turm nur selber Probleme hätte, und wollte 21.b4 spielen, um dann mit dem Turm wieder auf die c-Linie zurückzukehren.
Er kann sich zum Gegenzug 20…f6 nicht verkneifen, die Kompetenz seines Gegners in Frage zu stellen: „Anscheinend hat mein Gegner nicht begriffen, worauf ich hinaus will.“
20…f6 21.d4
Er merkt an, dass Schwarz nach 21…exd4 22.Sxd4 trübe Aussichten hätte.
21…g5 22.Th6!! Kg7 23.dxe5 Kxh6 24.exf6
Er gibt zu, dass er im 22. Zug doch einige Minuten mit seiner Unentschlossenheit ringen musste, um nicht 22.Te4 zu ziehen.
So hat er nun einen ganzen Turm ins Geschäft gesteckt. Sein Kommentar könnte das Thema dieses Aufsatzes nicht besser illustrieren: „Solche Opfer gründen gewöhnlich nicht auf tiefen Berechnungen, sondern auf Intuition. In komplizierten Stellungen ist unser beschränktes menschliches Gehirn schliesslich gar nicht fähig, alle Varianten zu überblicken. Man muss sich auf seine Intuition verlassen. Manchmal wird man von ihr im Stich gelassen, aber das Leben ist nun mal voller Gefahren. Man muss auch mal etwas riskieren, und zwar nicht nur am Schachbrett. Die Varianten, die unten folgen, sind das Ergebnis meiner Analysen nach der Partie. Sie stellen sozusagen den Versuch dar, Sie und mich davon zu überzeugen, dass mich meine Intuition in diesem Fall nicht getrogen hat.“ Bravo, Herr Kortschnoj, Sie sprechen mir aus dem Herzen!
Nach einer langen Betrachtung, die sich über eine gute Seite erstreckt, kommt er zum Schluss, dass 24…Lg4 die beste Verteidigung war. Er setzt mit 25.Dd5 Lxf3 26.Lxf3 Se5 27.Lxe5 De6 und einigen weiteren Zügen fort, wonach der Gewinn fraglich ist. Die Genauigkeit seiner Analysen ist trotz kleinerer Fehler bemerkenswert.
Seine Intuition hat ihn tatsächlich nicht getrogen. Der Computer findet auf 24…Lg4 25.f7 Te6 26.h4 und schätzt das als gewonnen ein.
Zum nächsten Zug bemerkt er nur: „Mit einem solchen Zug darf man nicht hoffen, einen Angriff abzuschlagen.“ Objektiv ist dieser aber genau so gut oder so schlecht wie jeder andere. Der Partieverlauf ist eine von Hunderten von Möglichkeiten. Einzig zum 31. Zug bemerkt Kortschoi, dass er wegen seiner knappen Zeit abgewickelt habe, und 31.e3 schneller gewonnen hätte.
24…Tg8 25.Dd2 Kh5 26.h3 Sc5 27.g4+ Lxg4 28.hxg4+ Dxg4 29.Se5 Dh4 30.Dc2 Se4 31.Dxe4 Lxf2+ 32.Kf1 Dxe4 33.Lxe4 Lxe1 34.Kxe1 Tbd8 35.f7 Tgf8 36.La3 Txf7 37.Sxf7 Td4 38.Lxb7 g4 39.Se5 Kh4 40.e3 1–0
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