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Ein wahrhaft großer Reformer des 16. Jahrhunderts in den Bereichen Medizin, Gesellschaft und Religion
3.1. Spiritueller Lehrer
Für Paracelsus waren Medizin und Religion vollkommen miteinander verflochten und wie wir schon früher erwähnten, kann es nicht überraschend gewesen sein, in den vielen Unterrichtsstunden über Medizin, die er in den Städten gab, durch die er kam, Konzepte, Erklärungen oder Geschichten zu hören, die mit Religion oder heiligen Büchern verbunden waren. Es gibt viele Beweise, die aufzeigen, wie Paracelsus als religiöser Prediger in der Menge arbeitete, insbesondere nach seiner Ankunft in Salzburg im Jahre 1524 – mitten in der sozialen Krise der Bauern. In dieser Stadt zögerte er nicht, die Massen der Bauern anzusprechen – wo nötig auch in Wirtshäusern oder an anderen öffentlichen Orten, wie auf den Straßen oder auf Dorfplätzen. Er forderte eine soziale Gerechtigkeit, die auf christlichen und biblischen Prinzipien beruht.1 In dieser Stadt begann er auch damit, seine religiösen Schriften öffentlich zu machen. Er selbst verteilte sie an die Einwohner der Stadt. Später setzte er seinen „spirituellen“ Unterricht mindestens in Nürnberg, Beratzhausen, St. Gallen und Appenzell fort.2 Als er 1528 im Elsass war, schrieb er sein erstes monumentales Werk über die Theologie. Es war eine Interpretation der Psalmen von David.3 Wir entsinnen uns, dass von seinen religiösen Werken insbesondere eine große Anzahl theologischer Monographien, biblischer Kommentare, Predigten und Arbeiten über die Eucharistie und die Jungfrau Maria erhalten geblieben sind. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Paracelsus über das Christentum und die Spiritualität im Allgemeinen tief nachgedacht hatte. Viele seiner Arbeiten, die später als „philosophisch“, „alchemistisch“ oder „magisch“ beschrieben wurden, hatten einen nicht von der Hand zuweisenden spirituellen Anteil und sind eine Grundvoraussetzung für das Verstehen des religiösen Denkens von Paracelsus. Laut Paracelsus ist es kein Zufall, dass Wissenschaft und Religion eine Einheit bilden.
Man kann sich gut vorstellen, dass die Katholische Kirche ihn schließlich als Häretiker verurteilte. Seit seines Aufenthalts in Salzburg von 1524 bis 1525 hatte er Probleme mit den religiösen Autoritäten. Man betrachtete seine Schriften über die zu diesem Zeitpunkt explosive soziale Situation der Stadt als polemisch. In seiner Abhandlung „Über die Sieben Punkte der Christlichen Idolatrie“ erklärte er selbst seine Konflikte mit der Kirche.4
Wir glauben, dass sein Leben aufgrund dieser Konflikte nie in Gefahr war. Aber lange Zeit nach seinem Tod, als die religiöse Intoleranz wuchs und zur Gegenreform der Katholischen Kirche führte, die aus dem Konzil zu Trient hervorging, wurden sein Ansehen und sein Werk von den offiziellen Katholiken zurückgewiesen, die ihn beschuldigten, ein Pantheist, Neo-Platoniker, Gnostiker, hermetischer Philosoph und Arier zu sein.
Feuerphilosoph
Die Katholische Kirche konnte offenherzigen Aussagen von Paracelsus über den Glauben nicht zustimmen: „Der Glaube ist kein Vertrauen. Gott möchte nicht, dass wir vertrauensselig und dumm sind. Wir müssen lernen, wie wir Gott erkennen, und das können wir nur, indem wir Weisheit erwerben. Dafür benötigen wir die Liebe Gottes. Die Liebe jedoch wird nur in unseren Herzen geboren werden, wenn wir eine große Liebe für die Menschheit empfinden.“5 Obwohl wir bestätigen können, dass Paracelsus niemals durch irgendeinen „ismus“ oder irgendeine Philosophie konditioniert war, waren seine philosophischen Ideen auf jeden Fall mit den heterodoxen Bewegungen des Katholizismus, die er am Ende des letzten Paragraphen erwähnt, verbunden. Gemäß dem Pantheismus, der in seinen Schriften offensichtlich ist, sind die Tugenden und das „Verborgene“ (Arkana) in der Natur direkte Emanationen des Göttlichen und dessen, was nicht erschaffen wird.6 Auf der anderen Seite hatte Paracelsus auch viele Verbindungen zum Neo-Platonismus, der stark mit der Kabbala, Alchemie, Astrologie, Magie und mit dem Pantheismus verbunden ist. Neo-Platoniker glaubten, dass der Ursprung von allem, was existiert, die absolute Einheit, das Eine, die höchste Wirklichkeit ist, aus der alle anderen Realitäten durch Emanation hervorgehen. Wir erinnern uns, dass Paracelsus während seiner Reise nach Ägypten ca. 1521 Alexandria besuchte. Dort kam er mit mindestens zwei mystischen Traditionen in Kontakt, die in großem Maße seine Philosophie beeinflussten: Neo-Platonismus und Gnostizismus. Diese beiden Strömungen wurden von den philosophischen Beiträgen Platons und vor allem von Denkern wie Pythagoras, Aristoteles und Zenon von Elea genährt. Zur gleichen Zeit gab es auch den Einfluss der mystischen Aspirationen hinduistischen Ursprungs.7 Wie wir jedoch schon gezeigt haben, war Paracelsus nicht der Einzige, der Mitte der zwanziger Jahre solche Philosophien in Europa verteidigte.
Der menschliche Enthusiasmus für alte Texte, der Europa am Anfang des 16. Jahrhunderts überflutete, ließ den Neo-Platonismus auf diesem Kontinent florieren. Außerdem war die Gnostische Tradition, die durch die Alchemie und magische Schriften des Mittelalters erhalten wurde, in jenen Zeiten in Europa noch lebendig. Natürliche Magie, Astrosophie, mikrokosmische Entsprechungen, Alchemie und die Vision der Einheit in allen Königreichen der Schöpfung waren Ideen, die in hohem Maße durch die Renaissance geschätzt wurden.8 Somit waren es nicht einfach nur einige wenige Menschen, mit denen Paracelsus spirituell und philosophisch übereinstimmte. Besonders in den humanistischen Kreisen, die von Philosophen wie Nikolaus von Kues, Ficino, Pico, Reuchlin, Jakobus Faber Stapulensis, Bovillus, Trithemius oder Agrippa9 besucht wurden, fand er Gleichgesinnte. In diesem Sinne war Paracelsus auch ein wahrhaftiger Vertreter der Renaissance. Später beeinflussten die theologischen Schriften von Paracelsus die christlichen Mystiker, angefangen bei Jakob Böhme bis hin zu den Romantikern und Naturphilosophen wie Novalis, Goethe oder Rudolf Steiner.10
Die oben Erwähnten wurden auch von der Östlichen Spiritualität angezogen. Tatsächlich gibt es eine große Ähnlichkeit zwischen dem wissenschaftlichen oder philosophischen System von Paracelsus und dem der Adepten des Ostens, wie wir früher schon gezeigt haben. Laut Hartmann sind beide Systeme fast, wenn nicht sogar vollständig identisch, wenn wir die Lehren der Heiligen des Ostens mit der Kosmologie, die von Paracelsus unterrichtet wurde, vergleichen und dabei die Sanskrit- und tibetischen Begriffe, die von Ersteren verwendet wurden, ersetzen durch die von Letzterem gefundenen Begriffe.11 Laut Dr. Parvathi Kumar enthalten die Lehren von Paracelsus über Kosmologie die Weisheit der Alten in allen Dimensionen.12 Möglicherweise wurde Paracelsus von den Östlichen Meistern des Okkultismus auf seinen Reisen als junger Mann eingeweiht. Wir haben früher über seine Kontakte mit tartarischen Schamanen gesprochen. Auf jeden Fall hatte er einen Zugang zu den mystischen Schulen bei Salzburg13, wo die Lehren des Ostens unterrichtet wurden. Die Informationen bezüglich der sieben Prinzipien des Menschen, der Qualitäten des Astralkörpers, der Erdelemente usw., die Paracelsus herausgab, waren zu dieser Zeit im Westen vollständig unbekannt. Dank Paracelsus und der ihm Folgenden, die später als die Feuerphilosophen bezeichnet wurden14, verbreiteten sich diese Lehren im Laufe der folgenden Jahrhunderte über ganz Europa. Dieselben Lehren, die auf die Adepten des Ostens zurückzuführen sind, wurden von der Theosophin Helena P. Blavatsky und ihren Nachfolgern Ende des 19. Jahrhunderts mit der Herausgabe von Büchern wie „Isis entschleiert“, „Die Geheimlehre“ oder „Esoterischer Buddhismus“ verbreitet.15
… wird fortgesetzt