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Nur die wenigsten von uns verfügen über Kriegserfahrung. Dennoch nehmen wir alle an den Kriegen teil. Wir konsumieren die Bilder, die uns in den Medien präsentiert werden und machen uns so ein Bild von den Vorgängen auf den Schlachtfeldern.
Dass die Medien niemals die Realität vermitteln, ist selbstverständlich. Gerhard Paul geht sogar von der Annahme aus, dass die modernen Bildmedien "das katastrophisch antizivilisatorische Ereignis des Krieges zu einem zivilisatorischen Akt" umformen. Sie würden dem Krieg eine Ordnungsstuktur verpassen, die der Krieg gar nicht besitze und würden damit die Illusion der Plan- und Kalkulierbarkeit des Krieges verbreiten, so Paul. Bereits im Buchtitel wird eine zweite These (Krieg der Bilder) aufgegriffen, die Paul seinen Überlegungen zugrunde legt. Diese These von Paul Virilio besagt, dass es in den modernen Kriegen immer weniger um materielle Eroberungen im eigentlich Sinn gehe, sondern um immaterielle Schlachten, in denen darüber entschieden werde, wer die Wahrnehmung bestimmt.
Seiner Analyse über die Beziehung zwischen Krieg und Bild stellt Gerhard Paul zwei einführende Kapitel voran, die sich der Darstellung des Krieges in der Malerei und den Anfängen der Fotografie widmen. Der Autor zeigt hier u.a. einen Wechsel der Perspektive auf: erst ab 1865 wurden Kriegsopfer zu einem Sujet, und er belegt, dass Bilder bereits früh für die Propaganda eingesetzt wurden. Die nachfolgenden Kapitel widmen sich jeweils einem bestimmten Krieg des 20. Jahrhunderts: Erster Weltkrieg, Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, Vietnamkrieg, Golf-Krieg, Kosovo-Krieg und Nine Eleven mit dem Gegenschlag in Afghanistan. Zu jedem Kapitel liefert Paul einen Bildteil, der die besonderen Aspekte des jeweiligen Krieges visuell darstellt. Viele Bilder, die Paul anführt, sind sehr bekannt. Besonders interessant sind seine Erläuterungen über die Verwendungen und allfälligen Verfälschungen (meist Dramatisierungen) des jeweiligen Bildes, die dem durchschnittlichen Medienkonsumenten kaum bekannt sein dürften.
Zentraler als die Bildteile, die stets nur eine kleine Auswahl darstellen, sind die Texte, in denen der Autor ausführlich auf die besonderen Aspekte eines Krieges eingeht. Nach dem Grundsatz "Wars never end when shooting stops" (Susan L. Carruthers) lässt er auch die visuelle "Nachbearbeitung" eines Krieges nicht ausser Acht. Die kollektive Erinnerung beispielsweise an den Ersten Weltkrieg dürfte vor allem von inszenierten Bildern geprägt gewesen sein. Interessant sind auch Pauls Ausführungen über die "Bilderschlachten" die nach den Zweiten Weltkrieg stattgefunden haben mit dem Versuch der Alliierten, eine "optische Entnazifizierung" (Christina von Braun) herbeizuführen und den (Gegen)reaktionen in der Bevölkerung.
Für Gerhard Paul stellt der 11. September den vorläufigen Höhepunkt der Mediennutzung für kriegerische Zwecke dar: "Zur Ironie der Geschichte gehört es, dass der terroristische Anschlag vom 11. September alle diese Entwicklungen bündelte und gegen die Supermacht USA selbst zum Einsatz brachte. Das Live-Prinzip wurde zur terroristischen Waffe, die den medialen Schutzschild zerschlug und das globale Publikum vor dem Bildschirm in Echtzeit in das Geschehen involvierte - …".
Gerhard Pauls Werk ist ohne Zweifel eine verdienstvolle Pionierarbeit. Vielleicht war es aber etwas gar ambitioniert gleich das gesamte letzte Jahrhundert abzudecken. Bereits mit einem einzelnen Krieg könnten ganze Bände zu diesem Thema geschrieben werden. So wirft der Autor zum Teil eher Fragen auf, als dass er viele beantwortet. Seine Arbeit dürfte daher Anregung und Ausgangspunkt für viele weiterführende Forschungen werden.