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Hier finden Sie bereits publizierte Ergebnisse der Studie.
In der Schweiz und in Deutschland ist Durchlässigkeit gegenwärtig bildungstheoretisch und bildungspolitisch ein zentrales Thema (Bellenberg, 2012; Bertelsmann Stiftung, 2014; Bundesverfassung Schweiz, 1999 [Stand: 2014]; EDK, 2011; Fend, 2014). Bereits ein Blick in die nationalen Bildungsberichterstattungen macht deutlich, dass in beiden Ländern erhebliche Anstrengungen unternommen werden, Lernenden Ausbildungswege zu öffnen, die ihnen erlauben, individuelle Fähigkeits- und Entwicklungspotenziale optimal zu nutzen (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014; SKBF, 2014). Dies erfordert durchlässige Bildungssysteme. Sie bieten Lernenden Möglichkeiten, zwischen oder innerhalb von Bildungsangeboten zu wechseln, rahmen also Bildungsbiografien strukturell. In niveaugegliederten Bildungssystemen, wie sie für die Schweiz und Deutschland charakteristisch sind, ist dies besonders relevant, weil hier Bildungsbiografien in Abhängigkeit von der gegliederten Struktur bzw. von darin bestehenden Übergängen gestaltet werden müssen.
Im Artikel
Düggeli, A. & Oesch, D. (im Druck). Vergleichende Betrachtungen zur Nutzung der Durchlässigkeit in Bildungssystemen: Die Kategorisierung von Anschlusslösungen beim Übergang in die nachobligatorische Ausbildung. Tertium Comparationis, 2, S .
wird eine Matrix vorgestellt, die zu Beginn der postobligatorischen Ausbildung bestehenden Ausbildungsangebote mit Blick auf das Ausbildungsniveau und die Ausbildungsart zu kategorisieren. Damit nimmt sie jene zwei Dimensionen in den Blick, die für föderal geprägte Bildungssysteme charakteristisch und vor allem durchlässigkeitsrelevant sind.
Die im Artikel vorgeschlagenen Kategorien bündeln Bildungsangebote auf dem Hintergrund von durchlässigkeitsrelevanten Nutzungskriterien beim Übergang in die postobligatorische Ausbildung. Diese kategoriale Synopsis ermöglicht, zwischen oder innerhalb von Ländern vergleichbare Formen der Nutzung von Durchlässigkeit aufzuzeigen, die ohne Kategorisierung vielleicht unerkannt blieben.
Lokal-kontextuelle Einbettungen sind zudem notwendige Perspektiven, mit denen Befunde zur Nutzung von Durchlässigkeit zumindest teilweise in Beziehung zu bringen sind, auch wenn die Kategorien eine Art vereinheitlichende Zusammenführung darstellen. Die Kategorien, und das spricht einen weiteren Diskussionspunkt an, sind als ordnende Heuristik eine klärungsermöglichende Grundlage.
In der Dissertation von Dominique Oesch
geht es um eine lokalstrukturelle Analyse des Übertritts in die Sekundarstufe II im Kanton Basel-Stadt und dem deutschsprachigen Teil des Kantons Fribourg (Schweiz).
Ziel der Arbeit war eine umfassende theoriegeleitete Einschätzung der Durchlässigkeit von Bildungssystemen. Diesbezüglich wurden unter Berücksichtigung regionaler und lokalstruktureller Gegebenheiten die Bildungssysteme des Kantons Basel-Stadt sowie des deutschsprachigen Teils des Kantons Fribourg (kurz: Deutsch-Fribourg) untersucht. Aufbauend auf dem theoretischen Modell der potenziellen und realisierten Durchlässigkeit wurde einerseits ein Evaluationskatalog zur Einschätzung potenzieller Durchlässigkeit verschiedener Bildungssysteme generiert und andererseits durch eine Kategorisierung der verschiedenen Anschlusslösungen der Sekundarstufe II in drei Zertifizierungsniveaus (C/niedrig, B/mittel, A/hoch) eine analoge Betrachtung des Übertritts in beiden Bildungssystemen ermöglicht.
In allen neunten Klassen in Deutsch-Fribourg (N=861) und in Basel-Stadt (N=1168) wurden standardisierte Leistungstests und eine Fragebogenerhebung durchgeführt. Deskriptive Analysen gaben einen Überblick über die gewählten Anschlusslösungen, welche zu Nutzungsmustern zusammengefasst wurden. In Anlehnung an die Nutzungsmuster wurden pro Standort und Schultyp Nutzungsprofile (Bleibende, Auf- und Absteigende) identifiziert. Mittels Vergleichen der zentralen Tendenzen wurden die Nutzungsprofile im Hinblick auf individuelle Merkmale untersucht. Binär-logistische Regressions- und Dekompositionsanalysen erlaubten zudem eine Differenzierung primärer und sekundärer Herkunftseffekte bei der Nutzung der durchlässigen Strukturen resp. zwischen den Nutzungsprofilen.
Die Untersuchung konnte zeigen, dass das Bildungssystem von Deutsch-Fribourg als potenziell durchlässiger einzuschätzen ist und dass in diesem System sowohl insgesamt mehr Wechsel als auch mehr Aufstiege zu finden sind. Hinsichtlich der sozialen Ungleichheit wurden ungleichheitsverstärkende wie -vermindernde Effekte gefunden. Dekompositionsanalysen zeigten, dass bei einem Wechsel zwischen mittlerem und hohem Niveau ausschliesslich sekundäre Herkunftseffekte wirken. Weitere Analysen ergaben zudem, dass durch die Öffnungsoptionen zwischen mittlerem und niedrigem Niveau beim Übertritt eine Reduktion des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung erfolgte. Das Bildungssystem von Basel-Stadt wurde in Relation zu Deutsch-Fribourg als potenziell weniger durchlässig eingestuft und hatte weniger Wechsel und dabei mehr Abstiege zu verzeichnen. In Basel-Stadt wurden keine sozialen Herkunftseffekte im Sinne von Boudon (1974) gefunden, allerdings scheint dieses Bildungssystem beim Übertritt die bestehende soziale Selektion der dreigliedrigen Sekundarstufe I zu reproduzieren. Es kann demnach angenommen werden, dass mit einer tendenziell grösseren potenziellen Durchlässigkeit mit förderlichen Öffnungsbedingungen zwar eine eher positive realisierte Durchlässigkeit (mehr Aufstiege) einhergeht, aber auch, dass eine grössere Durchlässigkeit nicht per se eine Reduktion der sozialen Ungleichheit der Bildungsbeteiligung bewirkt. Diese Erkenntnisse müssen jedoch vor dem Hintergrund der regionalen Bildungsangebote und ihren lokalstrukturellen Kontexten interpretiert werden.
Die Ergebnisse werden hinsichtlich der Relevanz grösserer Durchlässigkeit in Bildungssystemen sowie bildungspolitischer Implikationen diskutiert.
Schlagworte: potenzielle Durchlässigkeit, realisierte Durchlässigkeit, lokalstruktureller Kontext, soziale Herkunftseffekte, gegliederte Bildungssysteme.
Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2014). Bildung in Deutschland 2014. Ein indikatoren-gestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung von Menschen mit Behinderungen. Bielefeld: W. Bertelsmann.
Bellenberg, G. (2012). Schulformwechsel in Deutschland. Durchlässigkeit und Selektion in den 16 Schulsystemen der Bundesländer innerhalb der Sekundarstufe I. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
Bertelsmann Stiftung (2014). Chancenspiegel 2014. Regionale Disparitäten in der Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme. Zusammenfassung zentraler Befunde.
Boudon, R. (1974). Education, opportunity and social inequality: changing prospects in Western Society. New York: John Wiley.
Bundesverfassung Schweiz (1999 [Stand: 2014]). Art. 61, Abs. 1: Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft.
DK (2011). Chancen optimal nutzen. Erklärung 2011 zu den gemeinsamen bildungspolitischen Zielen für den Bildungsraum Schweiz. Abgerufen am 20.05.2016, von Bern: http://www.edk.ch/dyn/11665.php
Fend, H. (2014). Bildungslaufbahnen von Generationen: Befunde der LifE-Studie zur Interaktion von Elternhaus und Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17(2), 37-72.
SKBF (2014). Bildungsbericht Schweiz 2014. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).