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Hans Ulrich Jost über Zeitungspreise einst und heute
Die gedruckte Presse steht vor schwierigen Zeiten. Wenn auch nicht gerade vom sicheren Untergang die Rede ist, so scheint man doch mit einer beträchtlichen Schrumpfung der abonnierten Tagespresse zu rechnen.
Inwiefern dieser Verlust durch billige Gratisblätter und Onlineprodukte ersetzt werden kann, ist eine andere Frage. Man darf immerhin hoffen, dass trotz Rückgang der Anzeigen noch ein oder zwei qualitativ anspruchsvolle Tageszeitungen überleben werden. Doch sie müssen wohl einen Teil der verlorenen Einnahmen mit höheren Abonnementspreisen kompensieren. Warum also nicht Jahresabonnemente um die 2000 bis 3000 Franken einführen?
Diese Situation wäre nicht ganz neu. Vor rund 200 Jahren, als das moderne Pressewesen seinen Anfang nahm, waren solche Abonnementspreise, bezogen auf das Einkommen des Durchschnittsverdieners, gang und gäbe. Zeitungen wie die «Zürcher Zeitung», «Der Bund», das «Journal de Genève» oder die «Gazette de Lausanne» verlangten für ein Jahresabonnement rund zehn Franken. Bezogen auf den mittleren Jahreslohn eines qualifizierten Arbeiters oder eines Volksschullehrers, damals rund 250 Franken, waren dies vier Prozent des Einkommens. Nimmt man nun für heute ein Jahreseinkommen von 80 000 Franken als Bezugsgrösse an, würde das Abonnement einer Tageszeitung 3200 Franken betragen. Der Preis für ein Jahresabonnement der gedruckten Ausgabe der NZZ, der heute 675 Franken beträgt, müsste also auf fast das Fünffache erhöht werden.
Für jene Menschen, deren Monatsgehalt unter 8000 Franken liegt – vier Fünftel der Bevölkerung – wäre ein Abonnement von 3000 Franken wohl nicht mehr tragbar. Das war aber auch vor 200 Jahren so. Zeitungen waren ein Privileg der obersten Klassen. Ein Richter verdiente etwa siebenmal mehr als ein Arbeiter, Bankenkader mindestens achtmal mehr. In diesem Fall machten die zehn Franken eines Jahresabonnements nur noch ein halbes Prozent des Einkommens aus. Auf heute übertragen, würde dies bedeuten, dass einem Abonnement von 3000 Franken ein Jahresgehalt von 600 000 Franken entsprechen würde.
Die weniger Verdienenden hatten damals, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Wege gefunden, um dennoch in den Genuss einer Qualitätszeitung zu kommen. Sie traten entweder Lesezirkeln bei und fanden dort die entsprechenden Blätter in einem Lesesaal vor. Oder sie bildeten kleine Gruppen und abonnierten gemeinsam eine Zeitung.
Falls tatsächlich in Zukunft die Abonnementspreise in besagter Weise steigen, könnte man ähnliche Lösungen anstreben. Dank Internet ist es ein Leichtes, eine elektronisch abonnierte Zeitung mit einem Freundeskreis zu teilen. Ob eine solche Demokratisierung der Zeitungslektüre für die Verlage ökonomisch verkraftbar wäre, ist eine andere Frage.
Bei unserem Vergleich mit dem Pressewesen vor 200 Jahren fehlt noch ein sehr wichtiger Aspekt: Damals erfolgte der Aufstieg der Presse im Gleichschritt mit dem Aufkommen der demokratischen Bewegungen. Die Anzahl der Zeitungen sowie deren Umfang, Qualität und Auflage nahmen spektakulär zu, wobei die Abopreise relativ zu den Löhnen fielen. Heute, da Qualität und Auflagen schrumpfen, stellt sich die Frage, wie es denn umgekehrt mit der Demokratie weitergeht. Zieht man die Schlüsse aus dem historischen Vergleich, so muss man eigentlich davon ausgehen, dass es um die Zukunft der Demokratie schlecht bestellt ist.
Hans Ulrich Jost ist emeritierter Professor für Geschichte in Lausanne.