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Persönlich
Wenn ich mein Leben grob betrachte, kann ich es in zwei Hauptteile teilen: Davor und danach. Und ich bin froh, dass es ein danach für mich gibt.
Mein ‚danach‘ begann an einem Tag Ende März als ich 19 Jahre alt war. An diesem einen Tag, der mein Leben komplett verändern sollte, holte mich die Kriminalpolizei von der Arbeit ab mit der Information, dass meine Grosseltern tot seien. Fragen über Fragen. Aber es sollten kurze Zeit später noch viel mehr werden.
Etwas später traf ich meine Eltern im Polizeigebäude. Sie kamen auf mich zu mit verquollenen Gesichtern vom vielen Weinen und sagten mir voller Schmerz, dass meine Oma und mein Opa tot seien und mein Bruder dies getan hätte. Diesen Schmerz kann ich nicht beschreiben, der in mein Leben kam und mir richtig körperlich wehtat. Es blieb nichts mehr von mir übrig.
An dem Tag wurde mir bewusst, dass Jesus am Kreuz sagte: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‘ und dass ich das nicht fragen musste, da ich mich nicht verlassen fühlte. Das war ein unglaublicher Trost für mich und sollte mir später immer wieder begegnen.
Das Leben meiner Familie stand von da an Kopf. Nichts war mehr so wie vorher. Die ganzen unbeantworteten Fragen nach dem ‚warum‘ und die Trauer über den Tod meiner Grosseltern gemischt damit, dass mein Bruder seinen anschliessenden Selbstmordversuch nach der Tat überlebt hatte, verursachten ein ständiges Wechselbad der Gefühle.
Kurz nach der Tat besuchten meine Eltern und ich meinen Bruder in der forensischen Psychiatrie. Niemand wusste so recht, was er tun oder sagen sollte und so waren wir am Anfang froh, dass wir nur 30 Minuten Besuchszeit hatten. Ich besuchte ihn von da an regelmässig allein.
Aber einige Wochen später fragte ich mich, was überhaupt meine Motivation dafür sei. So vermied ich den Kontakt mit meinem Bruder und überlegte mir in dieser Zeit, warum ich es tun oder lassen sollte. In der Antwortsuche begegnete mir Gott und ich hatte das Gefühl, als fragte er mich, warum ich mich für etwas Besseres als mein Bruder hielt. Mein Bruder sei in seinen Augen genau gleich viel Wert wie ich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bat Gott für die Besuche bei meinem Bruder, dass er mir Liebe für ihn schenken möge und dass er etwas daraus entstehen lassen möge, denn ich fühlte mich völlig unfähig und überfordert, ihm begegnen zu können.
Mein Alltag war lange eingeschränkt durch den Schmerz und forderte ein neues Denken, da ich merkte, dass es einfach nicht so weiter gehen konnte. Ich stand nur wenige Monate vor meinem Staatsexamen und mir war es unmöglich, mich auf das Lernen zu konzentrieren. Aber Gott ist grösser und er liess mich ohne Lernen mit einer sehr guten Note die Prüfung bestehen.
Es dauerte noch ungefähr eineinhalb Jahre bis ich wieder in der Lage war und die Kraft verspürte, mich in Freundschaften und meine Umgebung investieren zu können. Mein Bruder wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt.
Ich kann heute sagen, dass ich meinen Bruder liebe, was wunderbar ist, denn das konnte ich vor der Tat noch nicht einmal. Diese Liebe kommt nicht von mir als Mensch, sondern ist ein Geschenk von Gott. Meinen Bruder zu besuchen, schaffe ich leider nur ca. 2 - 3 Mal im Jahr, aufgrund der grossen Entfernung, aber meine Freude ist jedes Mal wahnsinnig gross, wenn ich ihn endlich sehen und umarmen darf. Deshalb telefonieren wir regelmässig und so ist für mich seine positive Veränderung spürbar.
Die Tat und die Auswirkungen, die mich sehr geprägt und verändert haben, werden immer ein Teil meines Lebens bleiben, sowie der damit verbundene Schmerz, der ab und zu mal mehr oder weniger stark hochkommt.
Heute kann ich sagen, dass ich ‚danach‘ so viel Wunderbares erlebt und vor allem Gott neu und ganz persönlich kennengelernt habe.
Meine Erinnerungen an mich selbst ‚davor‘ sind eher negativ und dass ich ‚kalt wie ein Stein‘ war. Aber auch darin ist Veränderung für mich erlebbar und ich möchte die Person, die ich ‚davor‘ war nicht mehr zurück. Und deshalb bin ich dankbar für mein ‚danach‘.
M.N.