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Wir wollen bleiben. In dem Zimmer, das eigentlich ein kleines Häuschen ist und ausschaut, als wäre es Requisite in einem Hobbit-Film. Es steht auf einem Grundstück mit prächtigen Jacaranda-Bäumen, die dem kleinsten Weingut Südafrikas den Namen geben und das mit seinen alten Weinreben fast kitschig wirkt, wenn die Sonne untergeht und die Landschaft golden färbt.
Die Schweizer Auswanderer René Reiser und Birgit Schmieder-Reiser besitzen das kleinste Weingut Südafrikas.
Wir verstehen, dass Birgit Schmieder-Reiser und René Reiser nicht mehr wegwollten, dass sie 2009 dieses alte Haus und die 4,5 Hektaren Land kauften, obwohl ihnen sogar der Makler davon abgeraten hatte.
Der Zustand des Hauses war miserabel, sie mussten alles renovieren oder ersetzen, zwischenzeitlich standen nur noch die Mauern auf dem Grundstück.
Sogar der Makler hatte den Reisers abgeraten, das alte Haus und die 4,5 Hektaren Land zu kaufen. Das Schweizer Ehepaar renoviert, baute um und liess den Traum vom eigenen Weingut und Gästehaus wahr werden.
Aber das Paar hatte Visionen und Träume: René Reiser wollte ein Weingut besitzen, seit ihm seine Eltern zum 15. Geburtstag ein Buch über Weinproduktion geschenkt hatten. Und seine Frau Birgit wünschte sich schon immer ein eigenes Gästehaus. Hier in Wellington haben sie sich ihre Träume erfüllt.
Dass sie nach Südafrika zogen, hatte einen anderen Grund. Reisers Firma versetzte ihn, den Schweizer Maschinenbauer, von China, wo das Paar fünf Jahre gelebt hatte, 2002 nach Kapstadt. Später wurde die Firma verkauft.
Das Paar wollte aber nicht in die Schweiz zurück, gründete ein Exportunternehmen und lieferte bald erfolgreich südafrikanischen Wein nach Asien. Der Traum vom eigenen Weingut und Gästehaus war gross, die Hoffnung dagegen, das passende Grundstück zu finden, wurde immer kleiner.
Jacaranda-Bäume geben dem Weingut seinen Namen. 2009 kauften die Schweizer Auswanderer das Grundstück.
Bis 2009, als die beiden in einer Lokalzeitung ein Inserat entdeckten. 2010 waren ihr neues Zuhause und die drei Gasthäuschen umgebaut. Die Schweizer besuchten Crash-Kurse zur Weinproduktion und bekamen Tipps von einem Weinproduzenten im Elsass.
2013 tranken sie zum ersten Mal eigenen Wein. Die 30 000 Flaschen, die sie heute produzieren, liefern sie mehrheitlich in die Schweiz und nach Asien.
Ihr SMV – Shiraz, Mourvèdre, Viognier – der gut zu Schweizer Schoggi passt, verkaufe sich am besten, sagen die Neo-Winzer. Stolz sind sie auf ihren Cabernet & Merlot, einen komplexen Wein und passend zu rotem Fleisch. Uns schmeckt der saftige Cuvée Rouge am besten. Sie nennen ihn ihren Pizzawein, weil er so gut zu dieser Speise passt.
«Wir wollen einfach gute Weine machen und glückliche Gäste haben», sagt Birgit Schmieder-Reiser.
Ihr Wein komme gut an, konstatieren Birgit Schmieder-Reiser und René Reiser, er werde sogar in Japan getrunken, einem äusserst anspruchsvollen Markt.
Aber grösser werden, deutlich mehr Flaschen produzieren, das sei nicht geplant.
30 000 Flaschen Wein produzieren die Reisers im Jahr. Ihr SMV – Shiraz, Mourvèdre, Viognier – verkauft sich am besten.
Man spürt: In der Erfüllung des Traums stecken viel Arbeit, viel Schweiss und Fleiss. «Wir wollen einfach gute Weine machen und glückliche Gäste haben», sagen die beiden mit schweizerischer Bescheidenheit. Dass ihnen das gelingt, daran hat man keine Zweifel.
Reisers sind nicht die einzigen Schweizer Weinproduzenten in Südafrika. Das Land lockt Winzer und Weintouristen gleichermassen an. Feriengäste können für wenig Geld Spitzenweine degustieren. Winzer zahlen für eine Hektare Land ein paar Tausend Franken, in der Schweiz wären es mehrere Hunderttausend. Das Klima ist hervorragend, Arbeitskräfte sind günstig.
Zu den Ersten, die sich in der Nähe Kapstadts ansiedelten, gehörte Christoph Dornier. Der mittlerweile verstorbene Künstler, Mäzen und Weinproduzent war ein Spross der in der Industrie sehr erfolgreichen Dornier-Dynastie. Geboren in Friedrichshafen, lebte er nach seinem Kunststudium in Zürich und Luzern, wo er 2008 verstarb.
Nahe Stellenbosch liegt das Weingut, das der Künstler und Mäzen Christoph Dornier 1995 kaufte.
Die Dorniers waren Pioniere im Flugzeugbau und liessen schon im Jahr 1926 einen Schweizer Piloten mit einem ihrer Flugzeuge in 77 Tagen nach Kapstadt fliegen.
In der Kap-Gegend, in der Nähe von Stellenbosch, liegt das Weingut, das Christoph Dornier 1995 gekauft hat. 120 000 Flaschen Wein produziert das Unternehmen jährlich. Die Anlage ist weitläufig, Hektik bleibt ein Fremdwort. Ist man zu Besuch, reduziert man automatisch das Tempo. Nach einer Weindegustation kann man sich das Weiterfahren sparen: In der angrenzenden Villa stehen sechs rustikale Doppelzimmer für Gäste zur Verfügung.
120 000 Flaschen Wein produziert Dornier Wines jährlich.
Auch auf dem Weingut des Bielers Jean-Claude Martin und seiner Frau Carolyn würden wir gerne ein paar Tage bleiben. Übernachten kann man hier aber nicht, dafür gibt es raffinierte Gerichte zur Weindegustation.
Im Hemel-en-Aarde Valley, in der Nähe des Küstenortes Hermanus, hatte das Paar vor 15 Jahren eine kleine Schaffarm und 50 Hektaren Land gekauft. Wie bei den Reisers war es auch hier Liebe auf den ersten Blick. Heute ist das Weingut eine imposante und schicke Farm und ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen.
«Man lebt hier intensiver, bewusster.» Das Ehepaar Carolyn und Jean-Claude Martin auf ihrem Weingut «Creation».
Wäre «Creation», wie sie ihr Weingut nennen, ein Teenager auf einer Highschool, er wäre Klassenbester und Schönheitskönig in einem. Jedes Detail auf dem Gut ist bewusst gewählt, nichts dem Zufall überlassen. «Creation» ist Schweizer Perfektion auf südafrikanischem Boden.
Heimische Tugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit hätten sicher viel zum Erfolg beigetragen, sagt Jean-Claude Martin. Er ist gelernter Winzer, die Lehre hatte er in Wädenswil ZH absolviert.
Mit einem Partner führte er das Weingut «Grillette» zwischen Biel und Neuenburg. Mit 27 heiratete er Carolyn, eine gebürtige Südafrikanerin. Wäre es nach ihr gegangen, wären sie in der Schweiz geblieben. Doch JC, wie sie ihren Mann nennt, wollte seinen Traum vom eigenen Weingut verwirklichen.
Jean-Claude Martin zitterte in den ersten Jahren nach der Auswanderung oft, ob alle Angestellten zur Arbeit erscheinen.
2004 zog das Paar mit den drei Kindern nach Südafrika. 35 Angestellte arbeiten mittlerweile für das Unternehmen.
Ihre Weine erhalten jedes Jahr bessere Kritiken und Parker-Ratings. Die Bedingungen seien perfekt, schwärmt Martin. Dank der Küstennähe sei es nie zu heiss oder zu kalt. In der Schweiz kann ein Hagelschauer den ganzen Rebberg und die monatelange Arbeit innert zehn Minuten zerstören. Das sei hier undenkbar. Dafür sei das ganze Umfeld weniger stabil, die Mentalität eine andere.
Die Weine des Ehepaars Martin erhalten jedes Jahr besser Kritiken.
In den ersten Jahren zitterte das Winzerpaar oft, ob alle Angestellten auch tatsächlich zur Arbeit erscheinen würden. «Man lebt hier intensiver. Bewusster.» Jean-Claude macht hervorragenden Wein, seine Frau Carolyn vermarktet den kostbaren Saft perfekt: Dank Fleiss und guter Zusammenarbeit wurden die Schweizer zu einer Touristenattraktion der Gegend.
Ihr Degustationslokal ist fast immer ausgebucht. An Spitzentagen besuchen über 500 Leute das Weingut des Schweizers. Welcher Wein zu welcher Speise getrunken wird, entscheidet Carolyn. Sie müsse den Wein nur riechen und wisse, was man dazu essen muss und welche Gewürze passen.
Das Degustationslokal ist fast immer ausgebucht: Welcher Wein zu welcher Speise getrunken wird, entscheidet Carolyn Martin.
Skeptisch kosten wir ein Wein-Gericht: Buttermilch-Müesli mit Languste und ein Glas preisgekrönten Chardonnay. Und müssen erstaunt zugestehen, dass alles ausgezeichnet zueinander passt. Am besten schmeckt uns, wie den meisten Besuchern, der Syrah. Er erinnert an Pflaumen und Beeren, ist weich und süffig.
Demnächst will Martin seine Produktion auf insgesamt 400 000 Flaschen im Jahr erhöhen. Die Investition kann er gut verkraften: Seine Weine sind seit drei Jahren immer ausverkauft.
Die Reise wurde unterstützt von Edelweiss Air.
Anreise:
Edelweiss fliegt ab November montags und donnerstags von Zürich nach Kapstadt. Retourticket ab 966 Fr. www.flyedelweiss.com
Wein und Wohnen:
René Reiser und Birgit Schmieder-Reiser, Jacaranda Wine and Guest Farm, Wellington.
Unterkunft 65 Fr./Nacht für 2 Personen, inkl. Farmfrühstück. www.jacarandawines.co.za
Jean-Claude und Carolyn Martin, Hemel en Aarde Road; Brunch Pairing: 26 Fr. pro Person (Dauer: 120 Minuten); Tapas Pairing: 15 Fr. pro Person (Dauer: 60 bis 90 Minuten);
www.creationwines.com;
Ocean Eleven Guesthouse in Hermanus, zehn Autominuten von Creation Wine entfernt; DZ ab 170 Fr.; www.oceaneleven.co.za
Dornier Weingut, Blaauwklippen Road, Stellenbosch 760; www.dornier.co.za
Weitere Weingüter:
www.stellenbosch.net
Beste Reisezeit:
Oktober bis April