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«Der Wolf hat einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt»
Seit neun Jahren engagiert sich Christina Steiner im Verein CHWolf. Die 56-jährige Präsidentin des Vereins hält es nicht für angebracht, Wölfe zu jagen, um den Bestand einzuschränken: «Wolfsrudel müssen nicht reguliert werden. Die Tiere regulieren sich selbst.»
MAGNUS LEIBUNDGUT
Wie kommt bei Ihnen die Ablehnung der Revision des Jagdgesetzes an?
Ich bin sehr erfreut und erleichtert über diesen Entscheid zugunsten des Artenschutzes. Bund und Parlament haben nun die Aufgabe, ein ausgewogenes, weitsichtiges und für alle akzeptables Jagdgesetz auszuarbeiten, das den Artenschutz fördert und einen sinnvollen und zeitgemässen Umgang mit dem Wolf regelt. Haben Sie dieses Resultat bei der Abstimmung erwartet? Überrascht war ich nicht. Die Umfragen haben gezeigt, dass es sehr knapp werden wird. Natürlich habe ich gehofft, dass es deutlicher abgelehnt würde. Ist der Wolf in der Schweiz nun gerettet? Der Schutz des Wolfes wird vorerst einmal nicht gelockert. Bis eine neue Revision des Jagdgesetzes ausgearbeitet und verabschiedet ist, gilt das bestehende Jagdgesetz. Nach diesem dürfen Kantone eine Abschussbewilligung beantragen, wenn Wölfe trotz Herdenschutzmassnahmen eine gewisse Anzahl Schafe oder Ziegen gerissen haben oder wenn sie eine Gefährdung für Menschen darstellen. Möglich ist natürlich, dass in Teilregionen mehr gewildert wird. Landkantone wollen sich weiterhin für eine Wolfsregulierung einsetzen. Wie viele Wölfe verträgt es in der Schweiz? Der Wolfsbestand ist Nahrungsund Platzabhängig. Eine Wolfsfamilie besteht im Schnitt aus acht bis zehn Tieren (Elterntiere mit den Welpen und zwei bis drei Jungtiere der Vorjahre, die noch nicht abgewandert sind) und benötigt ein Territorium von zirka 200 bis 300 Quadratkilometern. In diesem Gebiet lebt nur dieses Rudel. Die Reviergrenzen werden gegenüber fremden Wölfen verteidigt. Aktuell leben in der Schweiz elf Rudel und diverse Einzeltiere – gesamthaft gut Hundert Wölfe. Vom Nahrungsangebot und Platz her hätte es mindestens für nochmals so viele Wölfe Platz. Ob dies von der Bevölkerung akzeptiert wird, ist eine andere Frage. Wäre es angebracht, Wölfe zu jagen, falls der Bestand überhandnimmt?
Nein, das wäre es nicht. Der Wolf ist ein geschütztes und heimisches Tier, und dies gilt es zu respektieren. Der Wolfsbestand wird auch nicht ins Unendliche ansteigen. Wenn alle möglichen Rudelgebiete besetzt sind oder die Nahrung knapp wird, regulieren sich die Wölfe selbst: Wolfsrudel müssen nicht reguliert werden.
Wieso sind in Einsiedeln und im Kanton Schwyz die Angst vor dem Wolf und die Ablehnung dieses Raubtieres so gross? Der Kanton Schwyz ist ein ländlicher Kanton, sehr konservativ eingestellt und hält gerne an seinen Traditionen fest. Auch steckt der Herdenschutz im Kanton Schwyz noch in den Kinderschuhen. Viele Landwirte würden den Wolf lieber tot sehen als aufwendige Herdenschutzmassnahmen umzusetzen. Es gibt Regionen wie den Waadtländer Jura, in denen der Wolf vorkommt und die trotzdem Nein zum Jagdgesetz gesagt haben. Was unterscheidet Jurassier von Einsiedlern, Waadtländer von Schwyzern? Die Welschschweizer sind viel offener Neuem gegenüber als die Innerschweizer Urkantone. Das ist vermutlich der Grund, warum die Akzeptanz des Wolfes dort grösser ist. Es gibt Bestrebungen der Wolfsgegner, den Bundesrat zu bewegen, Wolfsregulierungsmassnahmen zu beschliessen. Wie würde sich der Verein CHWolf gegen diese Massnahmen zur Wehr setzen? Ohne Gesetzesänderung können keine Massnahmen beschlossen werden, die nicht dem heute geltenden Jagdgesetz entsprechen. Der Umgang mit dem Wolf wird in der erneuten Revision des Jagdgesetzes geregelt werden. Alternativ wäre möglich, dass eine abgespeckte Revision des Jagdgesetzes beschlossen wird, in der es nur noch um eine Wolfsregulierung gehen würde. Wäre der Verein CHWolf in der Lage, ein Referendum dagegen zu ergreifen? Eine Teilrevision macht keinen Sinn. Ein grosser Teil des revidierten Jagdgesetzes war gut und kann in einer erneuten Revision übernommen werden. Es müssen nur noch die heiklen Punkte (massive Lockerung des Wolfschutzes, Delegation des Artenschutzes an die Kantone, Aufweichung des Artenschutzes) neu überarbeitet werden. Wenn ein erneutes Referendum Sinn macht, würden die grossen Tierschutzorganisationen wieder ein Referendum ergreifen, das CHWolf unterstützen würde. Der Verein CHWolf ist zu klein, um selbst ein Referendum zu ergreifen.
Im Wallis foutieren sich derweil Wolfsgegner um herrschende Gesetze und schiessen das Tier einfach ab. Was kann man gegen Wolfsfrevler unternehmen? Im Wallis ist schon lange bekannt, dass gewildert wird. Solange Politiker oder Wildhüter zur Wilderei aufrufen oder selbst wildern – nach dem Motto SSS (Schiessen, schaufeln, schweigen) – und jeder jeden deckt, ist es sehr schwierig, den Tätern etwas nachzuweisen. Können Sie nachvollziehen, dass Bauern Angst vor dem Wolf haben? Natürlich kann ich das nachvollziehen. Es ist auch kein schöner Anblick, wenn Schafe gerissen werden. Jeder Bauer hat jedoch eine Verpflichtung seinen Tieren gegenüber, sie nicht schutzlos dem Wolf zu überlassen. Die Tiere könnten mit geeigneten Herdenschutzmassnahmen geschützt werden. Dies ist nicht einfach, jedoch möglich. Dies beweisen alle Alpen, die zum Teil schon seit Jahren sehr erfolgreich Herdenschutzmassnahmen umsetzen.
Wieso lösen Landwirte das Problem nicht dahingehend, dass sie Herdenschutzhunde aufbieten oder Zäune bauen? Herdenschutz wirkungsvoll umzusetzen ist nicht ganz so einfach, wie viele das Gefühl haben. Es reicht nicht, einfach einen Herdenschutzhund in die Herde zu stellen. Auch Zäune können nicht überall in steilem und felsigem Alpgelände aufgestellt werden. Damit die Herdenschutzhunde alle Schafe gleichzeitig schützen können, braucht es einen Hirten, der die Herde homogen führt und diese abends in einen Nachtpferch treibt oder auf kleinere eingezäunte Weiden, damit die Schafe nicht auf der ganzen Alp verstreut sind.
Wie sieht das konkret aus?
Die Umstellung auf Herdenschutz ist für den Alpbewirtschafter immer mit einem grossen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand verbunden. Richtig umgesetzt sind Herdenschutzmassnahmen jedoch sehr wirkungsvoll. Viele Bauern sind jedoch nicht bereit, diesen grossen Mehraufwand in Kauf zu nehmen. Es ist einfacher, den Abschuss der Wölfe zu fordern, als selbst etwas an seinen Gewohnheiten und Traditionen zu ändern. Ist die Angst vor dem Wolf irrational und hat sie ihren Ursprung in Grimms Märchen? Es gibt verschiedene Ursachen. Das grosse Problem sind die Unwissenheit, die Negativschlagzeilen in den Medien und die Märchen, die den Wolf als menschenfressende Bestie darstellen. Je mehr man sich mit dem Wolf und dessen Verhalten auseinandersetzt, merkt man, dass die Angst vor dem Wolf völlig unbegründet ist. Der Wolf ist ein sehr soziales Tier und hat auch einen sehr positiven Einfluss auf die Artenvielfalt und das Ökosystem. Betreiben Sie vor Ort im Klosterdorf Aufklärung, indem Sie zum Beispiel mit Bauern das Gespräch suchen? Wir führen jedes Jahr ein zweitägiges Wolfseminar in Einsiedeln durch. Dieses Jahr musste es leider Corona-bedingt abgesagt werden. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Unterstützung der Herdenschutzmassnahmen auf zahlreichen Alpen, die in Wolfsgebieten liegen. Mit diesen Alpbewirtschaftern pflegen wir sehr guten Kontakt. Wie sind Sie selber auf den Wolf gekommen? Was bedeutet Ihnen dieses Tier?
Das ist eine lange Geschichte. Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Wölfe. Seit ich im Jahr 2008 in den USA erstmals einen Wolf in freier Natur gesehen habe, beschäftige ich mich sehr intensiv mit diesem Thema. Nach diversen Seminaren und Fachausbildungen zum Wolf hatte ich 2009 die Möglichkeit, vier Wolfswelpen in einem Wildpark in Deutschland von Hand aufzuziehen und zu sozialisieren. Diese vier Wölfe leben heute im Tierpark Goldau. Dieses sehr intensive Erlebnis motivierte mich, mich noch mehr für die Wölfe einzusetzen. Im Jahr 2011 war ich Gründungsmitglied des Vereins CHWolf. Der Wolf bedeutet mir sehr viel, und ich setze mich mit Herzblut für die Akzeptanz des Wolfes in der Schweiz ein.
Sind Sie bereits des Öftern einem Wolf begegnet? Ich hatte in den USA schon mehrere Begegnungen mit freilebenden Wölfen. In der Schweiz habe ich leider noch keinen freilebenden Wolf gesehen. Ich habe jedoch schon mehrmals bei der Handaufzucht und Sozialisierung von Wolfswelpen mitgeholfen, die jedoch in Gefangenschaft leben.
Können Sie das Wesen, den Charakter des Wolfes beschreiben?
Wölfe sind sehr intelligente Tiere. Sie haben ein hochentwickeltes Sozialverhalten und eine ausgeprägte Körpersprache. Sie leben in einem Familienverband, der ähnlich aufgebaut ist wie eine menschliche Familie. Die Elterntiere bleiben ein Leben lang zusammen, und sie sind sehr fürsorgliche Eltern. Die noch nicht abgewanderten Jungwölfe der Vorjahre helfen bei der Welpenaufzucht mit. Mit 10 bis 22 Monaten wandern die Jungwölfe vom elterlichen Rudel ab, um einen Partner zu finden und in einem neuen Revier eine eigene Familie zu gründen. Wieso hat der Verein CHWolf seinen Sitz ausgerechnet in Einsiedeln?
Als wir im Jahr 2011 CHWolf gründeten, mussten wir uns für einen Sitz entscheiden. Da zwei Vorstandsmitglieder in Einsiedeln wohnen, haben wir uns für das Klosterdorf entschieden, da dieses auch eher ein potenzielles Wolfsgebiet ist als Wilen, wo ich wohne. Und tatsächlich lebt seit Herbst 2015 der Wolf M52, der aus dem Calanda-Rudel stammt, in der Region Einsiedeln.
Die Wölfe im Natur- und Tierpark Goldau befinden sich seit dem Jahr 2009 in einer zwei Hektar grossen Gemeinschaftsanlage mit den Syrischen Braunbären. Seit dem Herbst 2015 lebt der Wolf M52, der aus dem Calanda-Rudel stammt, in der Region Einsiedeln.
Foto: Tierpark Goldau
Christina Steiner hatte im Jahr 2009 die Möglichkeit, vier Wolfswelpen in einem Wildpark von Hand aufzuziehen und zu sozialisieren. Diese vier Wölfe leben heute im Tierpark Goldau. Foto: zvg