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| Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Achtundzwanzigste Homilie. Kap. VIII, V.23-34.
1.
V.23: "Und als er in das Schifflein einstieg, folgten ihm seine Jünger.
V.24: Und siehe, es erhob sich ein großer Sturm auf dem Meere, so dass die Wogen über das Schifflein schlugen. Er selbst aber schlief."
Lukas wollte der Frage nach der zeitlichen Aufeinanderfolge1 entgehen und sagte deshalb: "Es geschah aber an einem dieser Tage, da stieg er selbst in das Schifflein und auch seine Jünger"2 . Ähnlich drückt sich auch Markus aus3 . Matthäus dagegen macht es nicht so. Er hält sich hier auch an die zeitliche Aufeinanderfolge. Es hat eben nicht jeder alles in der gleichen Weise aufgezeichnet. Ich habe aber schon früher darauf aufmerksam gemacht, damit niemand glaube, eine Auslassung bedeute auch schon einen Widerspruch. Die Volksmenge schickt der Herr voraus, seine Jünger aber nahm er mit sich; denn so berichten es die Evangelisten. Es geschah aber nicht ohne guten Grund, dass er die Jünger mit sich nahm. Er wollte sie zu Zeugen des Wunders machen, das er zu wirken beabsichtigte. Er hat es eben gemacht wie ein guter Erzieher, und hat sie auf beides eingeübt, nämlich sowohl unerschrocken zu sein in Gefahr, als auch Selbstbeherrschung zu üben bei Ehrenbezeigungen. Damit sie nämlich nicht eitel würden, weil er die anderen fortgeschickt und sie bei sich behalten hatte, so erlaubte er, dass ein Sturm kam. Er wollte damit nicht bloß diesen Zweck erreichen, sondern auch die Jünger dazu anleiten, Heimsuchungen standhaft zu ertragen. Auch früher hat der Herr schon sehr große Wundertaten verrichtet, allein dieses Wunder hatte auch einen nicht geringen Erziehungswert und hatte auch Ähnlichkeit mit einem Wunderzeichen aus dem Alten Bunde. Deshalb nimmt er auch nur seine Jünger mit sich. Da wo es nur galt, ein Wunder zu sehen, erlaubt er auch dem Volke, beizuwohnen; wo aber Gefahren und Schrecken warteten, da nimmt er nur die großen Helden mit sich, die er an Gefahren gewöhnen wollte. Matthäus nun sagt bloß, der Herr habe geschlafen; Lukas dagegen bemerkt noch dazu, er habe auf einem Kissen geschlafen4 . Er läßt daran des Herrn Demut erkennen, und gibt uns damit eine Lehre voll erhabener Weisheit. Es erhob sich also der Sturm und es raste der See. Da wecken sie den Herrn und sagen:
V.25: "Herr, rette uns, wir gehen zugrunde."
Er aber gebot zuerst ihnen und dann erst dem Meere. Der Herr ließ ja, wie schon gesagt, den Sturm zu, um die Apostel zu üben und ihnen einen Vorgeschmack zu geben von den Gefahren, die ihrer erst warteten. Denn auch später ließ er oft noch schwerere Stürme über die Apostel kommen und zögerte dann mit seiner Hilfe. Darum sagt auch Paulus: "Ich will durchaus, dass ihr wisset, Brüder, dass wir über unsere Kraft und Leistungsfähigkeit geprüft wurden, so dass uns selbst das Leben verleidete"5 . Und etwas später fügt er hinzu: "Er hat und aus so vielen Todesnöten errettet"6 . Deshalb tadelte also Christus zuerst die Apostel, um zu zeigen, dass man Vertrauen haben soll, wenn auch die Sturmeswogen hochgehen, und dass er alles so fügt, wie es zu unserem Nutzen ist. Schon das war zu ihrem Vorteil, dass sie in Furcht gerieten; so erschien das Wunder nur um so größer und die Erinnerung an das Geschehene blieb ihnen für immer im Gedächtnis. Wenn nämlich der Herr etwas Außergewöhnliches tun wollte, so bereitete er dies immer zuerst durch eine Reihe von Ereignissen vor, die leicht im Gedächtnis haften blieben, damit dann das Wunderzeichen, wenn es einmal geschehen war, nicht der Vergessenheit anheim falle. So geriet auch Moses zuerst vor der Schlange in Furcht, ja nicht bloß in Furcht, sondern in große Todesangst ward er versetzt und dann erst durfte er das bekannte große Wunderzeichen schauen7 . So ging es auch den Aposteln. Zuerst mußte es dahin kommen, dass sie schon den Tod erwarteten; dann erst wurden sie befreit. Zuerst sollte ihnen die Gefahr zum Bewußtsein kommen, damit sie die Größe des Wunders um so besser verstünden. Deshalb schläft auch der Herr. Denn wäre der Sturm gekommen, solange der Herr wachte, so wären die Apostel entweder nicht in Furcht geraten, oder sie hätten sich nicht mit einer Bitte an ihn gewendet, oder es wäre ihnen vielleicht gar nicht der Gedanke gekommen, dass er die Macht habe, ein solches Wunder zu wirken. Deshalb schläft er und überläßt sie eine Zeitlang der Furcht, damit dann das nachfolgende Wunder um so mehr Eindruck auf sie machte. Es ist eben nicht das gleiche, ob man etwas am fremden oder am eigenen Leibe geschehen sieht. Nachdem sie also gesehen, wie der Herr allen Leuten Gutes getan, während sie selbst leer ausgegangen waren8 , so waren sie gleichgültig geworden. Deshalb mußten sie eben am eigenen Leibe die Notwendigkeit seiner Wohltaten empfinden und schätzen lernen. So läßt der Herr den Sturm zu, damit die Apostel durch Befreiung aus der Gefahr die Größe der Wohltat nur umso deutlicher empfinden. Deshalb wirkte er auch dieses Wunder nicht vor dem Volke, damit die Apostel nicht als Kleingläubige verachtet würden. Er nimmt nur sie allein mit sich, um sie zu bessern. Darum beschwichtigt er noch vor dem Sturme der Wogen den Sturm in ihrer Seele, indem er zu ihnen sagt:
V.26: "Warum seid ihr in Furcht, ihr Kleingläubige?"
Damit gibt er auch zu verstehen, dass die Furcht nicht von den Prüfungen kommt, sondern von der Schwäche des Gemütes. Wenn aber jemand einwendet, es sei doch kein Zeichen von Angst oder Kleingläubigkeit, wenn die Apostel hingingen, um ihn zu wecken, so kann ich wohl darauf erwidern, dass gerade das ein Zeichen war, dass sie nicht die gebührende Meinung von ihm hatten. Dass er dem Meere gebieten könne, wenn er wach wäre, das wußten sie; dass er es auch im Schlafe tun konnte, wußten sie noch nicht. Und was wunderst du dich, wenn sie jetzt sich kleingläubig zeigten? Sie waren ja selbst später, nachdem sie eine Reihe anderer Wunder gesehen, noch zu schwachmütig. Deshalb werden sie auch oft getadelt vom Herrn, z.B. wo er sagt: "Noch gehört auch ihr zu den Unverständigen!"9 . Wenn also schon die Jünger schwach im Glauben waren, so wundere dich nicht, wenn auch die große Menge keine größere Meinung vom Herrn hatte. Denn sie wunderten sich und sagten:
V.27: "Was ist denn das für ein Mensch, dass sogar das Meer und die Winde ihm gehorchen?"
Christus verwies es ihnen nicht, dass sie ihn einen Menschen nannten und ließ es sich gefallen. Er wollte sie eben durch seine Wunderzeichen belehren, dass sie mit ihrer bisherigen Ansicht im Irrtum waren. Weshalb nannten sie ihn aber einen Menschen? Weil er so aussah, weil er geschlafen hatte, weil er das Schifflein benützt hatte. Darum konnten sie sich den Vorgang gar nicht mehr erklären und sagten daher: "Was ist denn das für einer?" Der Schlaf und der äußere Schein deuten auf einen Menschen hin; das Meer und die Windstille offenbaren Gott.
1: der Ereignisse
2: Lk 8,22
3: Mk 4,35
4: so heißt es nicht bei Lukas, sondern bei Markus 4,38
5: 2 Kor 1,8
6: ebd 1,10
7: Ex 4,25
8: denn sie waren ja nicht gelähmt und auch sonst fehlte ihnen nichts
9: Mt 15,16