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Der Gatte - obwohl seit zwanzig Jahren tot - ist allgegenwärtig in dem grossen Haus auf dem oberbayrischen Samerberg. Hans Gustl Kernmayr, der selber auch Schriftsteller war, hat seiner Frau rund fünfzig vergoldete Engel von teils beachtlicher Grösse hinterlassen. Die von ihm erworbene Gemälde- und Antiquitätensammlung besetzt die restlichen Wände ihres Domizils. Seine bizarre Marotte, das eigene Grundstück mit Strassenschildern zu versehen, auf denen er von ihm verehrte Personen oder Institutionen verewigte (Frank Elstner-Avenue, Bertelsmann-Platz, Wilhelm Heyne-Allee) ist bis heute erhalten geblieben.
Ihr Mann, so sagt die 74jährige Marie Louise Fischer, sei das grösste Glück ihres Lebens gewesen. Ein spätes Glück, hat sie ihn doch erst im Alter von 34 Jahren geheiratet, nachdem sie bereits viele Liebschaften erprobt und wieder aufgegeben hatte. In jener Zeit, als sie Kernmayr kennenlernte, stellte sie erstmals einen "altjüngferlichen Zug" an sich fest. Der neue Mann, den sie als Bonvivant, Charmeur und geschickten Tänzer auf allen Parketts des gesellschaftlichen Lebens wahrnahm, habe ihr, so will es ihre Erinnerung, ihre Weiblichkeit zurückgegeben.
Der Preis, den sie dafür zahlte, war allerdings hoch. Denn der Göttergatte, der 22 Jahre älter war als sie, lebte seinen Egoismus auf das Unbeherrschteste aus. Seine auf Blattgold verewigte Lebensgeschichte, die die Wohnstube ziert, lässt tief in eine Seele blicken, die von sich selber besessen sein musste. Da blieben ledige Mütter und uneheliche Kinder ebenso auf der Strecke wie vier ordnungsgemäss angetraute Ehefrauen. Auch Marie Louise, seiner fünften Gemahlin, die ihm im fortgeschrittenen Alter von 35 Jahren noch eine Tochter gebar, mutete er zwölf Jahre später noch einen Sohn aus einer Fremdbeziehung zu.
Skrupelloser Egoist
Der gelernte Fleischhauer aus der Steiermark, jener Region Österreichs, in der der Volksmund die Dickschädel und Durchsetzungsstarken ansiedelt, war einst ein Nazi und schrieb Soldatenromane. Trotzdem harrte seine Frau, die Tochter aus gutbürgerlichem Haus, die durchaus einen Hang zum Widerständigen und Streitbaren hatte und ihren Eltern gegen deren ausdrücklichen Willen ein Studium der Theaterwissenschaft abgetrotzt hatte, mehr als zwanzig Jahre an seiner Seite aus. Marie Louise Fischer, die erfolgreiche Unterhaltungsschriftstellerin, liess ihn sogar gewähren, als er eines Tages beschloss, all ihre Romane unter seinem Namen herauszugeben. Erst der Verleger war fähig, den skrupellosen Egoisten zu stoppen und in die Schranken zu weisen.
Die auf den häuslichen Frieden bedachte Gemahlin hätte ihrem Mann zuliebe ihre berufliche Identität geopfert genauso wie sie auch die Kontrolle über ihre finanziellen Einkünfte ganz in seine Hände gelegt hatte, ohne damit auch nur annähernd zu wissen, wieviel sie selber verdiente. Dass er ihr klaglos kleinere Summen zur Begleichung bescheidener Rechnungen überliess, rechnet sie ihm noch heute hoch an.
Ihre Bereitschaft zur Anpassung, ja vielleicht gar Unterwerfung muss gross gewesen sein. Das mag ein Akt der Kompensation dafür gewesen sein, dass sie in etlichen Lebensbereichen die für sie vorgesehene Geschlechterrolle aufs deutlichste verletzte: Sie hatte die bessere Ausbildung als ihr Mann; sie war beruflich erfolgreicher und verdiente mehr als er. Eine solche Konstellation will verkraftet sein und würde noch heute nahezu jede Ehe aufs äusserste strapazieren.
Marie Louise F. wollte ihre Ehe bewahren. So machte sie bewusst oder unbewusst dort Zugeständnisse, wo es sie nicht im Kern ihrer Existenz traf. Sollte er doch seinen Namen über ihre Romane setzen! Den regelrecht therapeutischen Nutzen des Schreibens konnte er ihr nicht streitig machen. Ihre ganz persönliche kleine "Flucht" in die Welt ihrer Romanfiguren, deren Krisen, Hoffnungen und Erlösungen hätte sie sich auch "vom schönsten Mann der Welt nicht nehmen lassen." Das Schreiben war und ist - in begrenztem Masse - immer noch ihr Leben.
Schon als Kind wusste sie, dass sie Schriftstellerin werden wollte, auch wenn sie ihren Schulkameraden vorgaukelte, sie wolle Bibliothekarin werden: "Sonst hätten sie mich doch ausgelacht und gesagt, ich spinne."
50 Millionen Bücher weltweit
Inzwischen hat sie mehr als hundert Romane geschrieben, hat während beinahe fünfzig Jahren ein Werk geschaffen, das in einer Auflage von über 50 Millionen rund um den Erdball gegangen ist und in mehr als zwanzig Sprachen ihrer mehrheitlich weiblichen Leserschaft ans Herz greift.
Weit davon entfernt, ihre Leserinnen mit einer womöglich Unruhe stiftenden Botschaft aufzuwühlen, hat sie zahllose Frauenfiguren entworfen, deren Nachsicht gegenüber den machistischen Macken ihrer Männer grenzenlos ist. Egal ob die Männer verbal angreifen ("Es ist schon was wert, ein fabrikneues Stück (gemeint ist eine Jungfrau, B.L.) zu bekommen, an dem nicht schon alle Welt herumgefummelt hat."), schrankenlose Besitzansprüche geltend machen, unkontrollierbare Herrsch- und Eifersucht bei gleichzeitigem Pochen auf jeder männlichen Freiheit an den Tag legen - die Frauengestalten der MLF verfügen über die Geduld von Engeln.
Ihre wahre Bestimmung ist es denn auch, perfekte Gastgeberinnen, begnadete Mütter, zuvorkommende Töchter und hingebungsvolle Geliebte zu sein. Sie haben lange Beine, schmale Taillen und eine seidigglänzende Haarpracht, die gern "honigblond", bisweilen auch kurzhaarig und dann - ein "Darling" der Autorin - "zerzaust" ist. Sie verfügen über eine Garderobe von den Ausmassen einer Warenhausabteilung, würden es nie wagen, morgens ungeschminkt an den Frühstückstisch zu treten, obwohl sie alle hochattraktiv und mehrheitlich jung sind. Protagonistinnen, die älter als vierzig Jahre sind, erwecken schnell den Eindruck, als hätte der Zahn der Zeit bereits erheblich an ihnen genagt.
Die Autorin identifiziert sich gemäss eigener Aussagen "voll und ganz mit ihren weiblichen Figuren". Ihnen schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als den männlichen Helden; ihnen verleiht sie auch Züge, bei denen die eigene Person Pate stand. So ist der "kleine, feste Busen", über den nahezu jede Fischer'sche Hauptdarstellerin verfügt, ihr eigener, den ihr Mann stets als "so fest" bezeichnete, "dass man eine Nuss darauf knacken könnte." Die langen Beine ihrer Heldinnen hat sie sich zumindest ein Leben lang gewünscht.
"Ich will unterhalten"
Marie Louise Fischer ist auf eine geradezu rührende Art ehrlich, uneitel und bescheiden. Sie selber würde sich niemals Schriftstellerin, sondern allerhöchstens "Unterhaltungsschriftstellerin" nennen. Sie kennt ihre Grenzen, weiss, dass sie weder psychologisch tief schürft noch die Kunst der stilsicheren Beschreibung beherrscht. Sie ist allerdings überzeugt, dass sie den Käuferinnen ihrer Liebesromane Spannung und Kurzweil bietet: "Ich will unterhalten", sagt sie, "und den Frauen ermöglichen, aus der tristen Welt ihres Alltags zu entfliehen. Ich will ihnen Geschichten erzählen, die von Liebe und Konflikten handeln, die aber stets dank der Stärke meiner Heldinnen harmonisch und mit einem Happy End ausklingen."
Heile Welt muss sein. Das weiss der Verlag, und das erfasst auch die Autorin instinktiv. So würde sie niemals die "Frau am Scheideweg", die "Tochter des Apothekers" oder den "Frauenarzt" (Romantitel) mit Themen wie Abtreibung, sexuelle Gewalt oder Aids belasten. Dass sie das Thema Selbstmord in den Tabubereich verbannt hat, lässt sich zusätzlich mit einer sehr traumatischen persönlichen Erfahrung erklären: Als sie 16 Jahre alt war, brachte sich ihre Mutter, zerbrochen an jahrelangen Depressionen, um.
Zensurmassnahmen ergriffen ihre Verleger schliesslich auch in all jenen Buchkapiteln, in denen Fischer Sexszenen mit der ihr offenbar eigenen Liebe für das anatomische Detail ausschmückte. Die Autorin schüttelt noch heute den Kopf angesichts dieser Entscheide: "Es hiess, mein Publikum schätze solche Darstellungen nicht. Dabei gehört doch Sexualität genauso zum Leben wie Essen und Trinken. Ich weiss wirklich nicht, wieso die Beschreibung eines attraktiven Penis' meine Leserinnen abstossen soll."
Vielleicht haben ihre Verleger aber doch den Nagel auf den Kopf getroffen. Schliesslich kann Marie Louise Fischer seit Jahrzehnten auf eine grosse treue Stammkundschaft zählen, die dem jeweils neuesten Wurf ihrer Lieblingsautorin entgegenfiebert wie andere Süchtige ihrem Stoff. Unabhängig davon wie stereotyp der Mix aus Liebe, Intrige, Trennung, Hoffnung und Versöhnung auch auf den durchschnittlich 300 Seiten angerichtet wird, ihr Publikum lebt und leidet mit. Es goutiert auch widerspruchslos, dass Fischer oftmals mit Kunstgriffen aus der Welt des Märchens operiert: Scheinbar aus dem Nichts ist der Hoffnung verheissende Prinz zur Stelle; quasi über Nacht eröffnen sich neue Berufsmöglichkeiten; Gönner und Mäzene gibt es wie Sand am Meer.
Nur keine Aufregung
Der kommerzielle Erfolg gibt der Autorin dennoch recht. Seit kurzem hat nun auch der osteuropäische Markt ihre Schicksalsgeschichten entdeckt und frisst ihr den Stoff, aus dem Träume sind, bereits aus der Hand. Ebenso süffig munden wohl nur noch TV-Serien mit Ärzten, Förstern und Piloten.
Marie Louise Fischers eigener Alltag ist alles andere als aufregend und spektakulär. Mit ihren Hunden und ihrer ihr seit Jahrzehnten treu ergebenen Sekretärin Frau Marx hat sie sich an einem Wohnort regelrecht verschanzt, an dem sich nur noch Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Irgendwo zwischen München und Salzburg, ganz in der Nähe von Rosenheim, zwischen lieblichen Hügelzügen, Andachtskapellen und rüstigen Bauernhöfen bewohnt sie ihren Alterssitz, den sie nur ungern verlässt. Dem gesellschaftlichen Leben hat sie schon längst abgeschworen.
Chaos und Aufregung sind nicht ihr Ding. Im Gegenteil. Mit deutlichem Hang für das Geordnete, ja, Systematische hat sie ihren Tagen klare Strukuren aufgedrückt. Morgens arbeitet sie in der Regel; je nach Stimmung schaltet sie halb- oder ganzstündig eine Rauchpause ein; mittags trinkt sie ein Glas Wein; gegen 16.30 Uhr das erste Schnäpschen und erst am Abend greift sie beim Skatspiel mit Frau Marx und deren Freund zu Fernet Branca, Gin Fizz und "meinem geliebten Dimple Whiskey". Ohne mit der Wimper zu zucken, bezeichnet sich die gebürtige Rheinländerin als "harte Alkoholikerin".
Nun gehört sie einer Generation an, in der von Anti-Alkohol- und Nikotin-Kampagnen noch nicht die Rede war, in der aber alle, die richtige Helden sein wollten, in der einen Hand ein Glas Whiskey und in der anderen eine Zigarette hielten. So wird auch in Fischers Romanen geraucht, was das Zeug hält, und schon Jugendliche wollen keine Geburtstagsparty feiern, wenn nicht wenigstens eine Flasche Whiskey auf dem Tisch steht.
Marie Louise Fischer hat eine irritierende Ausstrahlung: Sie ist zwar freundlich, aber mitunter auch sperrig. Nur in ganz seltenen Momenten lässt sie sich zu einem Harmonie stiftenden Lächeln oder gar Lachen verführen und erzwingt stattdessen mit ihrer nüchternen, ja, bisweilen ernüchternden Direktheit Distanz. Schon als Kind sei ihr der Ruf eines "frechen, rothaarigen Mädchens" vorausgeeilt.
Wie ein altes Schulmädchen
Noch heute wirkt sie in ihrem dunkelblauen Kleid mit dem weissen Kragen und den goldenen Knöpfen wie ein Schulmädchen, ein - zugegebenermassen - altes Schulmädchen. Wenn sie sich dann auch noch eine ihrer schlanken braunen Zigaretten anzündet, etwas ungeschickt am Filter zieht und den Rauch paffenderweise hinausbläst, hat sie tatsächlich etwas von einem grossen Kind, das noch gar nicht richtig rauchen kann. Sie, die in ihren Büchern nur die Schönen und Jungen zu Wort kommen lässt, ist selber überhaupt nicht eitel. Bezaubernd, wenn sie dann sagt, dass sie mit dem dunkelblauen Kleid heute ihr schönstes Stück angezogen habe.
Zur Zeit gönnt sie sich eine dreimonatige kreative Pause. Zu sehr hatte das Schreiben sie in der letzten Zeit erschöpft; zu lange brauchte sie jeweils, um sich selbst nach erfolgreichen Arbeitsvormittagen wieder entspannen zu können. Die Jahre, in denen sie locker zwei, drei Romane pro Jahr hinwarf, sind endgültig vorbei. Doch still steht die "Maschine" noch keineswegs: "Bald", sagt sie, "habe ich eine neue Geschichte ausgebrütet und werde wieder schreiben."
Dann wird wieder das rasante Klack-Klack im Haus auf dem Samerberg zu hören sein, jenes Geräusch, das ihren verstorbenen Mann zu Begeisterungsstürmen hinriss und ihn auf der Schwelle zu ihrem Arbeitszimmer rufen liess: "Ich liebe dich!" - "Mein Gott, war er nicht verlogen?" fragt lachend seine Witwe.
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© Barbara Lukesch