Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/2941

Mai 2018
Vom züchtigen Iran her kommend, fielen mir im heissen Beirut als erstes die Frauen in knapper Bekleidung auf. Nachdem ich nach der langen Alkohol-Abstinenz in Iran bereits im Flugzeug zwei Gläser Wein getrunken hatte, probierte ich auf der Dachterrasse meines Hotels an diesem ersten Abend das lokale „Almaza“ Bier. Es ist ein ausgezeichnetes Bier und um einiges würziger als das „Beirut“ Bier.
Das Land Libanon hat im Westen einen gefährlichen Ruf. Vielleicht, weil der Bürgerkrieg noch in Erinnerung ist, vielleicht aber auch, weil Libanon den grössten Teil seiner Grenze mit Syrien teilt. Der Bürgerkrieg dauerte von 1975-1991, ist also schon seit 27 Jahren beendet. Ich habe schlimme Bilder der zerschossenen Hauptstadt gesehen, doch heute merkt der Besucher nichts mehr davon. Die Häuser wurden renoviert und neue moderne Gebäude entstanden. Abgesehen von ein paar Flüchtlingscamps, die ich vom Bus aus sah und ein paar arbeitenden Syrer merkte ich vom Krieg im Nachbarland nichts. In den Reisehinweisen des Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA wird empfohlen, Quartiere im Süden Beiruts zu meiden. Auch von Besuchen einzelner Städte und ins Grenzgebiet mit Syrien wird abgeraten, obwohl die gefährlichen Vorkommnisse mehr als drei Jahren zurück liegen. Ich habe mich vor Ort bei Einheimischen informiert und gewichtete die übervorsichtigen Hinweise des EDA tiefer.
Beirut
Beirut ist eine stark bevölkerte Stadt mit vielen engen Strassen und einem grossen Verkehrsaufkommen, das das Vorwärtskommen zeitraubend macht. Es ist keine schöne Stadt. Der Verkehr ist laut und stinkend. Der Fussgänger ist der schwächste Verkehrsteilnehmer, so dass man beim Überqueren der Strasse, auch auf dem Fussgängerstreifen, besondere Vorsicht walten lassen muss. Es gibt ein Netzwerk von Busrouten in Beirut, das von verschiedenen privaten Busgesellschaften abgefahren wird. Es existiert allerdings kein offizieller Plan der Routen und es gibt keinen Fahrplan. Da ich oft zu Fuss unterwegs war und nur wenige grössere Strecken zu bewältigen hatte, benutzte ich Taxis, die man teils mit anderen Fahrgästen teilt.
Es gibt ruhigere Orte in der Stadt wie der Campus der American University oder die Zaitunay Bucht, wo sich der Jachthafen Beiruts befindet und viele gute Restaurants zu finden sind.
Der Jachthafen an der Zaitunay Bucht
Die sunnitische Mohammed Al-Amin Moschee wurde 2008 eröffnet und ist nun die schönste Moschee in Beirut.
National Museum
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das National Museum, das archäologische Ausstellungsstücke aus den verschiedenen Grabungsstätten des Landes zeigt und damit einen guten Überblick über die Geschichte und die verschiedenen Kulturen bietet. Das Museum stand während des Bürgerkrieges auf der Frontlinie. Die grossen Werke mussten durch dicke Betonkästen geschützt werden und überlebten so den Krieg unbeschädigt. Der im Bild gezeigte Teil wurde erst 2016 wieder eröffnet.
Ein Kapitell
Sarkophage aus dem 5 Jh. v. Chr.
Grabstätte in einem Tongefäss (ab 1’000 v. Chr.)
MIM Mineral Museum
Der Höhepunkt meines Beirut-Besuches war das MIM Mineral Museum, das die Sammlung des Libanesen Salim Edde beherbergt, die er über 17 Jahre aufgebaut hat. Es ist weltweit eine der bedeutendsten privaten Mineraliensammlungen. Ich war tief beeindruckt von der Vielfalt und Schönheit der Mineralien, die mit neuester Ausstellungstechnik präsentiert werden. Über 2’000 Mineralien aus 70 Ländern sind ausgestellt. Filme zeigen zudem die Entstehung der Mineralien und deren Klassifizierung anhand ihrer Eigenschaften.
Die drei im folgenden gezeigten Mineralien sind nur ein winziger Teil der ausgestellten Sammlung.
Scolecit aus Indien
Rhodocrosit aus den USA
Ein Aquamarin aus Pakistan
Byblos
Nach ein paar Tagen in Beirut reiste ich mit einem Bus 40 km der Mittelmeerküste entlang nach Byblos, das von den Einheimischen auch Jbeil genannt wird. Die Küste war auf dem ganzen Weg bis weit in die Hänge hinauf flächendeckend verbaut und auch auf der Autobahn herrschte dichter Verkehr. Auf dieser Fahrt lernte ich erstmals die Mentalität der libanesischen Busfahrer kennen, denn fast jeder versucht, am Ende der Fahrt mehr als der übliche Fahrpreis zu verlangen. Ich merkte bald, dass es wichtig ist, den Fahrpreis vor der Fahrt mit dem Fahrer zu besprechen und im Konfliktfall die anderen Buspassagiere einzubeziehen, die sich in jedem Fall gegen den gierigen Fahrer für mich eingesetzt hatten.
Byblos gehört zu den ältesten permanent besiedelten Orten der Erde. Die Stadt erlebte ihre Blüte in phönizischer und römischer Zeit sowie während der Kreuzzüge im Mittelalter.
Neben der neuen Stadt entlang der Autobahn befindet sich am Meer ein Viertel mit wenig Verkehr, das sich abends in ein Ausgehviertel verwandelt. Von meinem Hotelzimmer hatte ich diesen Blick auf das Mittelmeer und auf einen der Strände bei Byblos. Vom Hotel führte ein Treppe in wenigen Minuten zum Strand, wo ich schon vor dem Frühstück schwimmen ging. Es war ein Kieselsteinstrand und nicht ganz sauber. Trotzdem genoss ich das Baden im Meer.
Der malerische Hafen von Byblos
Die 1115 von Kreuzfahrern erbaut St.-Johannes-Kathedrale, die Johannes dem Täufer geweiht ist
Die Ausgrabungsfläche von der Byblos Burg aus gesehen
Von Byblos aus besuchte ich das 1930 gegründete Weingut Chateau Musar. Die Leiterin der Tour erklärte während zweier Stunden alle Aspekte der Weinproduktion und den Umgang mit Wein. Die degustierten Weine überzeugten mich aber nicht.
Bcharre
Das Bergdörfchen Bcharre (auch Bsharri geschrieben) war meine nächste Destination. Es befindet sich auf 1’450 m.ü.M.
Oberhalb des Dorfes befindet sich das letzte Waldstück der Libanesischen Zeder, die einst im ganzen östlichen Mittelmeerraum vorkam. Seit phönizischer Zeit wurde sie wegen ihrer Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen Insektenbefall geschätzt und genutzt.
Kadisha-Tal
Das nahe Kadisha-Tal beherbergt einige der ältesten christlichen Klostergemeinschaften des Nahen Ostens. Es ist seit Beginn der Christentums ein Rückzugsort für Verfolgte und Eremiten. Ich unternahm eine Tageswanderung zu diesen abgeschiedenen Klöstern.
Das Ende des Kadisha-Tals
Das Antonios Koshaya Kloster
Die Grotte des Antonios Koshaya Klosters
Das Qannoubine Kloster wurde vor 1’500 Jahren erbaut und ist damit das älteste Kloster des Maroniten Orden im Tal
Die Grotte des Klosters des Heiligen Elisha mit der Ikone dieses Propheten aus dem 8. Jh. (auf dem Bild in der grossen Nische)
Baalbek
Da es keine Busverbindung von Bcharre über einen Pass nach Baalbek gab, fuhr ich per Taxi weiter in die 60 km entfernte muslimische Kleinstadt Baalbek. Sie ist eine Hochburg der Hizbolla und liegt im fruchtbaren Bekka Tal. Die Tempelanlage am Rande der Stadt war eines der berühmtesten Heiligtümer der römischen Welt und ein UNESCO Weltkulturerbe. Seit mindestens dem Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. wurde der Ort zur Verehrung diverser Gottheiten genutzt. Die Griechen nannten den Ort Heliopolis oder Stadt der Sonne.
Die Römer starteten mit der Konstruktion ihrer Tempelanlage 60 v. Chr. und bauten über 200 Jahre lang an diesem Komplex. Mehr als 100’000 Sklaven wurden für das Projekt eingesetzt. Später benutzten die ersten Christen, dann Muslime und Kreuzritter die Stätte für ihre Zwecke. 1898 besuchte der deutsche Kaiser Wilhelm II die Ruinen auf dem Weg nach Jerusalem. Er war beeindruckt von der Pracht der römischen Überreste, die sich aber in einem schlechten Zustand befanden. Erdbeben, Wettereinwirkungen und Plünderungen durch die lokale Bevölkerung zur Beschaffung von Baumaterialien stellten eine grosse Gefahr dar. Der deutsche Kaiser wollte dies verhindern. Schon zwei Monate später begannen deutsche Archäologen mit den ersten Ausgrabungen und unternahmen Schritte zum Schutz der Stätte.
Baalbek: Der Tempel des Weingottes Bacchus
Die sechs erhalten gebliebenen Säulen des Jupiter Tempels sind 22.9 Meter hoch und waren die höchsten Säulen im Römischen Reich. Bei meinem Besuch waren sie leider von einem Baugerüst umhüllt, sodass ich hier kein Foto zeigen kann.
Weingebiet um die Stadt Zahle
Ich fuhr weiter im Beeka-Tal ins Weingebiet um die Stadt Zahle. Die Geschichte der Weinherstellung im Libanon reicht bis in die Zeit der Phönizier zurück, die in der Antike ihren Wein im gesamten Mittelmeerraum verkauften. Nach dem Bürgerkrieg existierten noch 5 Weingüter. Gegenwärtig gibt es etwa 40, die zusammen 8 Millionen Flaschen Wein pro Jahr erzeugen. Zum Vergleich: Die Schweiz produziert etwa 144 Millionen Flaschen Wein im Jahr.
Generell ist das Qualitätsniveau der libanesischen Weine hoch. Die meisten Flaschen kosten CHF/USD 20 und mehr und sind damit eher teuer.
Chateau Ksara
Das grösste und älteste Weingut ist Chateau Ksara, das für 70% der libanesischen Weinproduktion verantwortlich ist. Es wurde 1857 vom Jesuitenorden gegründet.
1898 wurde auf dem Gut ein zwei Kilometer langes Höhlensystem entdeckt, in dem unter konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit Wein gelagert und gealtert wird.
Das Weingut unter der Leitung der Mönche war erfolgreich. Da der Vatikan den kommerziellen Aktivitäten der Klöster kritisch gegenüber stand, wurde das Gut 1973 an Private verkauft.
Chateau de Liban
Im Chateau de Liban hatte ich die Gelegenheit, Wein direkt ab einem Fass zu kosten.
Chateau St. Thomas
Das Chateau St. Thomas produziert sehr gute Weine. Mir hat der Pinot Noir besonders gut gefallen.
Weingut Domaine des Tourelles
Die Weine des Gutes Domaine des Tourelles überzeugten mich ebenso. Alle libanesischen Weingüter produzieren neben den Weinen das libanesische Nationalgetränk, den Arak. Es ist ein Destillat aus Traubenalkohol und Anis. Der beste Arak wird anschliessend in Tonamphoren gereift, wo Wasser verdunsten kann und so die reinste Form des Araks entsteht.
Das Foto zeigt die Reifung des Arak in Tonamphoren auf dem Gut Domaine des Tourelles
Anjar
Meine Reise führte mich weiter im Beeka Tal nach Anjar, das heute vor allem von einst geflüchteten Armeniern bewohnt wird. Die historische Stadt Anjar wurde im 8 Jh. n. Chr. gegründet und ist heute ein UNESCO Weltkulturerbe.
Wein und Trauben hatten schon damals einen prominenten Platz.
Die Grenze zu Syrien verläuft auf einem Hügelzug und ist bloss 2 km Luftlinie von der Stadt entfernt. Trotzdem war die Stadt sicher, wie mir Einheimische versicherten. Auf dem Hügelzug befand sich eine Burg. Unter anderen Umständen wäre ich zur Burg gewandert. Hier liess ich es aber sein, denn es bestand das Risiko, im Niemandsland entführt zu werden.
Dieses Frühstück servierte das Hotel in Anjar für mich.
Tyre
Via Beirut reiste ich mit dem Bus zur Hafenstadt Tyre (auch Sour oder Sur genannt) weiter. Es ist die südlichste grössere Stadt im Libanon, 25 km von der israelischen Grenze entfernt.
Der Fischerhafen von Tyre
Von meinem Zimmer in der Altstadt konnte ich diese Hochzeit beobachten.
Auch in dieser Stadt finden sich antike Stätten, die in die Liste der Weltkulturerben der UNESCO aufgenommen wurden. Das Bild zeigt den Hadrian Triumphbogen im Al-Bass Quartier. Unweit davon befindet sich ein römisches Hippodrom, in dem Wagenrennen stattfanden.
Al-Mina ist ein weiterer römischer Ruinenkomplex.
In Tyre befinden sich die schönsten Strände Libanons.
Mit einem Almaza Bier den Sonnenuntergang geniessen und den Fischern zuschauen …
Nach ein paar Tagen fuhr ich zurück nach Beirut, wo mir noch eine Nacht und einen Tag bis zu meiner Rückreise in die Schweiz blieben.
Jetta Grotte
Mehrere Reisende erzählten mir begeistert von der 23 km von Beirut entfernten Jetta Grotte. Also organisierte ich am letzten Tag meiner Reise ein Taxi zur Höhle, da kein öffentliches Verkehrsmittel dorthin fuhr. Ich wurde nicht enttäuscht. Ich besuchte schon viele Höhlen, doch diese war wirklich beeindruckend. Nach einer kurzen Seilbahnfahrt und einem Spaziergang durch den Zugangsstollen betrat ich die bis 12 Meter hohen Höhlenhallen, die den oberen Teil der Grotte bilden. Unzählige Tropfsteine und bizarren Felsformationen säumten den über 600 Meter langen gut ausgebauten Weg. Einer dieser Tropfsteine ist 8.20 Meter lang und damit einer der grössten weltweit. Kein einziger Tropfstein ist abgebrochen und weder die Wände noch die Tropfsteine sind zerkritzelt. Die gut inszenierte Beleuchtung in verschiedenen Farben unterstreicht die Schönheit dieses Ortes weiter.
Wieder am Tageslicht, führte ein kurzer Spaziergang zum unteren Teil der Höhle, wo die Besucher mit kleinen elektrisch betriebenen Booten auf einem Fluss weitere Höhlenkammern entdecken können.
Das Fotografieren in der Höhle war verboten. Die offizielle Webseite der Jetta Grotte enthält aber sehr schöne Bilder.
Mitten in der Nacht flog ich zurück in die Schweiz.
Libanon ist eine Reise wert. Das MIM Mineral Museum und die Jetta Grotte sind sogar weltweit einmalig und rechtfertigen auch einen Kurzbesuch nach Beirut.