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Wenn man mich fragt, wie man heute eine erfolgreiche Oper macht, denke ich mitunter an das biblische Gleichnis mit den Talenten. Gott gibt darin den Auftrag, Talente nicht in der Erde zu vergraben, sondern zu vermehren. Man kann sich nun die Frage stellen, warum es viele Menschen nicht schaffen, aus ihren Talenten möglichst viel zu machen. Meine Antwort: Einer der grössten Verhinderer ist die Angst. Wenn es die Angst nicht gäbe, würden wir alle zu Höchstleistungen auflaufen. Wenn die Angst nämlich überwunden ist, erhalten wir die absoluten Höchstleistungen, zu denen jeder Einzelne fähig ist. Ich sehe das fast jeden Tag, weil mir Angst fast jeden Tag begegnet. Etwa wenn ich einen Sänger vor der Vorstellung in der Garderobe sehe. Oft ist er schweissgebadet, läuft fünfmal ums Haus oder schliesst sich in die Toilette ein, und man muss ihn mit Nachschlüssel herausholen. Ich erlebe in solchen Situationen Menschen, die Todesängste ausstehen. Dann gehen sie auf die Bühne und wandeln die Angst um – in etwas Liebevolles, Schönes, Kraftvolles, Begeisterndes.
Das Publikum sitzt natürlich nicht da im Saal und denkt sich, ha, da überwindet wieder einer seine Angst. Dennoch findet ein energetischer Kraftaustausch statt. Wenn der Zuschauer begeistert ist, geht er hinaus und sitzt am nächsten Morgen irgendwie positiver an seinem Schreibtisch. Dasselbe passiert, wenn er zum Eishockeymatch geht und seine Mannschaft 5:0 gewinnt. Verliert sie dagegen 0:5, dann ist der Zuschauer weit weniger motiviert.
Im Bereich der Oper sind die grössten Meisterwerke entstanden, die Menschen je schaffen konnten. Mozart war wahrscheinlich eines der grössten Genies, die es je gegeben hat. Seine schönsten Werke sind die Opern. Wenn ich also die Oper nicht mehr pflege, radiere ich seine grössten Meisterwerke aus. Wagner hat nur Opern geschrieben, Verdi hat fast nur Opern geschrieben. Die wichtigsten Werke von Strauss sind ebenfalls Opern. Wir haben eine Verpflichtung, diese als Vorbilder, als energetische Kraftelemente zu erhalten.
Wie aber mache ich heute eine gute Oper? Und wie erhalte ich diese Werke? Meine Antwort: Nur indem ich die ihnen innewohnende Kraft zum Leben bringe. Wenn ich ein Meisterwerk in die Mittelmässigkeit herunterfahre, werde ich frieren, enttäuscht sein und mich davon abwenden. Ich muss im Gegenteil versuchen, die Energie, die in den Meisterwerken steckt – ich nenne dies die Wahrheit in der Sache –, auch tatsächlich zum Klingen zu bringen. Das kann ich nur mit Qualität, indem ich die besten Talente, die ich mir leisten kann, zusammenbringe und dann ein bisschen Gespür entwickle, wie man sie am besten mischt. Aber nur die Besten können letztlich das Beste ermöglichen. Und nur wenn das Ganze möglichst gut ist, hat es tatsächlich die Ausstrahlung, die es haben soll.
Angst ist also einer der grössten Verhinderer. Ich habe das Gefühl, dass Politiker vor lauter Sparwahn sehr ängstlich werden und aus Ängstlichkeit nicht mehr verantwortungsvoll in die Zukunft denken. Das gleiche Problem finden Sie in der Wirtschaft. Diese armen Menschen müssen alle Vierteljahre Rechenschaftsberichte abgeben. Dies ist doch vollkommen absurd. Kaum vorstellbar, was an kreativer Energie in den Unternehmen verloren geht, weil Mitarbeiter sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit befassen müssen anstatt visionär mit der Zukunft. Ich würde nie die Mona Lisa im Louvre in den Müll werfen, nur weil mir die Versicherungsprämie zu hoch ist. Aber genau so wird heute gedacht. Die Leute sehen nur noch ihre momentanen Probleme, was in fünf Jahren ist, scheint ihnen überhaupt nicht mehr wichtig zu sein. In meinem Beruf wäre es eine Sünde, nicht schon heute an den Spielplan für die Spielsaison 2009/10 zu denken. Wenn nämlich andere Intendanten visionär denken und ich nicht, dann sind die guten Talente bereits engagiert, und man kriegt sie nicht mehr.
Politiker halten mich manchmal für einen Schönschwätzer, für einen, der einem auf die Nerven geht, weil er immer dasselbe sagt. Ich habe jetzt mit dem ehemaligen Zürcher Stadtpräsidenten Sepp Estermann endlich einen Verwaltungsratspräsidenten, der zwar Politiker war, der mir aber das Gefühl gibt, er denke die Probleme wirklich zu Ende. Und er versucht, die Probleme in der Sprache der Politiker den anderen Politikern deutlich zu machen. Ich musste ihm erklären, warum es bei uns einen Zwang zum Erfolg gebe und was dies konkret bedeute. Sonst sagen doch alle, mach einfach eine Premiere weniger, dann sparst du Geld für die Bühnenbilder und die Kostüme. Aber dass ich dann stattdessen andere Vorstellungen spielen muss, die ich dann weniger gut verkaufe und die auch keine Sponsorenbeiträge mehr bringen, daran denkt niemand. Sepp Estermann hat sich solche Sachen vorrechnen lassen und analysiert. Es eine wichtige Aufgabe von uns beiden, solche künstlerische Zusammenhänge auch politisch verständlich zu machen.
Wenn ein Theater an 280 Abenden spielt wie wir in Zürich oder unsere Kollegen in München, Berlin oder Wien, dann hielt man sich bisher an eine Faustregel: Die Hälfte der Abende muss mit einem neuen Programm bestritten werden. Wenn ich 15 Premieren mache und jede dieser Premieren neunmal spiele, dann spiele ich 135 Abende lang diese Aufführungen. Das ist die Hälfte meiner Abende. Leiste ich mir aber nur noch vier Premieren im Jahr und lasse ich sie zehnmal spielen, dann habe ich nur noch 40 Abende, die neu sind. Ich müsste also 240 Abende aus dem alten Repertoire spielen.
Dies kann nicht funktionieren. Aber genau das wurde jetzt gemacht. Die Theater haben ihre Spielzeiten verkürzt oder die Anzahl der Aufführungen verkleinert. Die Folge war, dass immer weniger Leute an die Vorstellungen kamen. Dann hat man Nachwuchsschmieden reduziert. Die Folge war, dass der Markt dünn und dünner wurde und es immer weniger Sänger gibt. Um dem zu begegnen, hat Zürich immer ein Opernstudio gehabt, lange vor meiner Zeit. Darüber hinaus habe ich jetzt mit Heinz Spoerli ein Jugendballett geschaffen. Ich tat dies aus der Erkenntnis heraus, dass man das Nachwuchsthema nicht schleifen lassen kann. Selbst wenn ich Geldsorgen habe, darf ich es nicht schleifen lassen. Ich mache mich sonst selber kaputt. Ich kann doch heute nicht aus Geldnot etwas tun, das mich in zehn Jahren ruiniert.
Was muss man machen, um eine gute Oper anzubieten? Dazu muss man, so altmodisch es klingen mag, auch bereit sein, ein Ensemble zu halten. Wenn man praktisch jeden Tag spielt und jeden Tag von irgendwo auf der Welt zig Leute herholen muss, dann hat man ja noch keine Qualität. Man muss im Gegenteil eine Familie auf die Beine stellen und diese Familie im Haus haben. Junge Sänger können unglaublich viel lernen von einem Künstler wie Leo Nucci zum Beispiel. Viel mehr, als wenn sie immer nur im eigenen Saft schmoren würden unter lauter talentierten Jungen.
Von meinen 60 Sängern sind sicher 30 unter 35 Jahre alt. Wenn heute ein 30-jähriger Sänger grosses Talent hat, dann kriegt er ununterbrochen Angebote. Warum? Natürlich weil er gefragt ist. Aber auch, weil er Angst hat, er habe kein Netz, wenn ihm irgendetwas passiert, weil er immer nur von Gastvertrag zu Gastvertrag tingelt. Wenn dagegen der gleiche Sänger bei uns ein festes Engagement übers ganze Jahr hat, dann kann ich ihm sagen: Pass mal auf, du gehst jetzt vier Monate weg und studierst bei einem guten Lehrer, um eine bestimmte Rolle zu erlernen. Dazu brauchst du mal drei Monate Ruhe, um deinen Kopf in Ordnung zu bringen.
Eine der wichtigsten Aufgaben, auf die ich künftig mein Augenmerk richten will, ist die Weiterentwicklung der Talente unserer Kinder. Es geht mir weniger darum, wie ich die heute Achtjährigen in zwölf Jahren in die Oper bringe. Das ist zwar wichtig, aber nicht so entscheidend. Höchst wichtig ist mir etwas ganz anderes: Wenn ich mir den Musikunterricht anschaue oder überhaupt das Ausbildungsangebot für die linke Gehirnhälfte, dann sehe ich eine grosse Gefahr, dass diese Dinge nicht genügend geschätzt werden und dass wir zu einseitige Menschen produzieren. Die ständige Medienberieselung machen die Kinder passiver, als sie sein dürften.
Wie aber kriege ich ein Kind dazu, dass es beginnt, seine kreativen Talente zu entwickeln? Wir haben ein Programm, das heisst Opera Viva. Da spielen wir eine Oper, zum Beispiel «Nabucco». Wir laden die Eltern ein, in die «Nabucco»-Aufführung zu gehen. Sie sollen ihre Kinder mitbringen und bei uns abgeben. Wir spielen mit den Kindern drei Stunden lang, so lange wie «Nabucco» auf der Hauptbühne dauert. Wir setzen mit den Kindern «Nabucco» kindgerecht um. Ergebnis: Wenn die Kinder nach Hause gehen, wissen sie über «Nabucco» gleich viel wie die Eltern. Die Sache läuft fantastisch. Wir haben das jetzt mit «Troubadour», «Nabucco» und sogar mit «Lohengrin» gemacht. Die Kinder haben vier Stunden lang Wagner gespielt. Kinder meiner Freunde, die dabei waren, wollten vor dem Schlafengehen drei Wochen lang «Nabucco» oder «Troubadour» hören.
Ich habe das Kind so vielleicht für die Oper sensibilisiert. Das ist gut. Noch besser: Ich habe ihm eine Geschichte erzählt. Bei «Troubadour» ist es eine schwierige Geschichte mit einer Mutter, die ihr Kind ins Feuer wirft. Aber die Menschen in den Märchen der Gebrüder Grimm gehen ja manchmal auch recht unzimperlich miteinander um. Ich erzähle Kindern die Geschichten, und sie sind begeistert. Es sind 50 Kinder bei jeder Veranstaltung. In ungefähr 25 Vorstellungen gibt das etwa 1250 Kinder im Jahr. Parallel dazu habe ich eine «Zauberflöte» für Kinder gemacht: Wir haben die Dauer von drei auf eine Stunde reduziert, in der Papageno von sich und seiner Welt den Kindern erzählt. Das haben jetzt viele tausend Kinder gesehen in über 50 Vorstellungen. Weniger weil ich sie als Besucher haben will, sondern mehr weil ich sie mit etwas Liebevollem, Niveauvollem, Interessantem, Spannendem, Farbigem, Lebendigem berühren will. Ich will sie ermuntern mit der Vorbildfunktion, die so ein Theater haben kann.
Alexander Pereira, ehemaliger Generalsekretär des Wiener Konzerthauses, ist seit der Saison 1991/92 Direktor des Zürcher Opernhauses. Sein Vertrag läuft bis zum Jahr 2011.