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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

4. Buch
28. Kapitel: Man muß viel mehr nach Wahrheit ah nach schönen Worten streben
61. Ein solcher Lehrer spricht, um nicht mit unverschämter Anmaßung, sondern mit gehorsamem Herzen gehört zu werden, nicht bloß niedrig oder gemäßigt, sondern auch erhaben, weil er nicht verächtlich lebt. Denn daß er ein gutes Leben sich erwählt, heißt, daß er auch den guten Ruf nicht gering schätzt und sich des Guten vor Gott und den Menschen befleißt1, indem er jenen nach Kräften fürchtet und für diese sorgt. Auch in der Rede selbst soll er lieber durch den Inhalt als durch die Form gefallen, den richtigsten Ausdruck der Wahrheit für die beste Sprache halten und als Lehrer nicht den Worten dienen; vielmehr lasse er die Worte dem Lehrer dienen. Das meint nämlich der Apostel mit den Worten: „… nicht in der Weisheit des Wortes, damit nicht das Kreuz Christi seinen Inhalt verliere2.“ Darauf bezieht sich auch, was er an Timotheus schreibt: „Streite nicht mit Worten! Denn das bringt keinen Nutzen, sondern nur den Untergang der Zuhörer3.“ Denn das ist nicht zu dem Zweck gesagt worden, daß wir zu Gunsten der Wahrheit nichts sagen sollen, wenn die Gegner sie bekämpfen. Wozu sollten denn sonst seine Worte dienen, wenn er beim Hinweis auf die notwendigen Eigenschaften eines Bischofs unter anderem sagt: „… damit er imstande ist, in der gesunden Lehre auch widersprechende Gegner zu widerlegen4.“ Mit Worten streiten heißt nicht dafür Sorge tragen, daß der Irrtum von der Wahrheit besiegt werde, sondern darnach trachten, daß deine Ausdrucksweise der eines anderen vorgezogen werde. Wer darum nicht mit Worten streitet, der sucht, ob er nun im niederen, gemäßigten oder erhabenen Stil spricht, mit seinen Worten nur das Ziel zu erreichen, daß die Wahrheit klar gelegt werde, daß die Wahrheit gefalle, daß die Wahrheit Einfluß gewinne. Denn nicht einmal die Liebe, die doch das Ziel des Gebotes und die Fülle des Gesetzes ist, kann irgendwie recht sein, wenn der Gegenstand der Liebe nicht wahr, sondern falsch ist. Geradeso, wie einer, der zwar einen schönen Leib, aber eine häßliche Seele besitzt, deshalb mehr zu bedauern ist, als wenn er auch einen häßlichen Leib hätte, so sind auch jene, die etwas Falsches in beredter Form behandeln, deshalb mehr zu bedauern, als wenn sie es in unschönem Stil vorbrächten. Was heißt also nicht bloß beredt, sondern auch weise sprechen anders, als im niederen Stil zufriedenstellende, im gemäßigten glänzende und im erhabenen Stil gewaltige Worte für wahre Dinge gebrauchen, die man einzig und allein anhören sollte? Wer nicht beides zugleich kann, der sage lieber weise, was er nicht beredt sagen kann, als beredt, was er töricht sagt. Wer aber nicht einmal das kann, der lebe so, daß er nicht bloß sich selbst einen Lohn dafür erwerbe, sondern auch anderen ein gutes Beispiel gebe und daß die Norm seines Lebens seine Rednergabe sei.
1: Vgl. 2 Kor. 8, 21 und Röm. 12, 17.
2: 1 Kor. 1, 17.
3: 2 Tim. 2, 14.
4: Tit. 1, 9.