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Wenn der Klimawandel vor der Tür steht
Um die Bereitschaft der Bevölkerung zu erhöhen, sich für den Klimaschutz einzusetzen, wird häufig vorgeschlagen, die lokalen Auswirkungen des Klimawandels hervorzuheben. Aus Sicht der Psychologie wird jedoch klar, dass dies eine zu stark vereinfachte Wirkungsvorstellung ist. Das zeigt eine Arbeit des Berner Forschers Adrian Brügger, die soeben in der renommierten Fachzeitschrift «Nature Climate Change» publiziert wurde.
Von Adrian Brügger
Viele Menschen nehmen den Klimawandel als etwas wahr, das räumlich und zeitlich weit entfernt ist. Entsprechend ist meist auch die Bereitschaft tief, politische Massnahmen zum Schutz des Klimas zu unterstützen oder einen klimafreundlicheren Lebensstil zu führen. Um die persönliche Betroffenheit und die Motivation zu erhöhen, etwas gegen den Klimawandel zu tun, wird häufig vorgeschlagen, dessen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung und Natur aufzuzeigen. Verschiedene Forschungsstränge aus der Psychologie legen jedoch nahe, dass das Aufzeigen von lokalen Klimafolgen beim Einzelnen ganz unterschiedliche Prozesse auslösen kann. Manche dieser Prozesse erhöhen die Bereitschaft, sich für den Schutz des Klimas einzusetzen. Die Vermittlung der lokalen negativen Folgen des Klimawandels kann aber auch wirkungslos bleiben und unter bestimmten Umständen sogar dazu führen, dass Menschen, die über lokale Folgen des Klimawandels hören oder lesen, dieses Thema zu meiden beginnen (und folglich keine Massnahmen zum Schutz des Klimas ergreifen).
Nicht jede Person kümmert sich um Lokales
Die lokalen Auswirkungen des Klimawandels hervorzuheben, kann bei Menschen, die persönlich davon betroffen sind oder die sich um bedrohte Dinge und Menschen sorgen, die Motivation erhöhen, diese zu schützen. Beispielsweise wird eine Bergsteigerin mit grosser Wahrscheinlichkeit betroffen auf einen Beitrag am Radio reagieren, der das Schwinden von Gletschern in den Schweizer Alpen beschreibt. Wer seine Nächsten in der Region hat, mag sich in Anbetracht negativer Folgen des Klimawandels um deren Wohlergehen sorgen. Aber nicht allen liegen Gletscher am Herzen. Auch gibt es Menschen, die viel herumgekommen sind und soziale Beziehungen in vielen Regionen der Welt pflegen. Diese Personen werden sich von einer ausschliesslich lokal ausgerichteten Darstellung des Klimawandels vermutlich weniger angesprochen fühlen als von einer globaleren Darstellung. Das Hervorheben von lokalen Auswirkungen des Klimawandels hängt also von den Interessen der einzelnen Person ab. Nur wem das Lokale am Herzen liegt, wird mit Betroffenheit reagieren und motiviert sein, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.
Wenn der Klimawandel bedrohlich wird
Paradoxerweise können Betroffenheit und Sorge über mögliche Folgen des Klimawandels die Motivation, sich für den Schutz des Klimas zu engagieren, untergraben. Wenn Bedrohungsszenarien persönlich relevant sind, kann es geschehen, dass man von negativen Gefühlen wie Angst überwältigt wird. Dies kann Menschen davon abhalten, etwas zur Abschwächung der Bedrohungssituation zu unternehmen. So legen Studien aus dem Gesundheitsbereich nahe, dass starke negative Gefühle die Tendenz erhöhen, Dinge zu tun, die ausschliesslich dazu dienen, die unangenehmen Gefühle loszuwerden. Bezogen auf den Klimawandel könnte das bedeuten, dass Menschen bei zu grosser Sorge Medienberichte und Gespräche über den Klimawandel meiden, die Konsequenzen für das eigene Leben herunterspielen, den Klimawandel an sich bagatellisieren oder die Verantwortung zum Handeln Dritten zuschieben. Zusammenfassend ist Betroffenheit – ausgelöst durch Nähe oder andere Kommunikationsstrategien – kein Garant für eine erhöhte Klimaschutzmotivation.
Nähe beeinflusst Entscheidungsgrundlage
Abhängig davon, ob Menschen an Dinge denken, die entweder nah oder fern sind, verändert sich auch, welche Informationen sie nutzen, wenn sie Entscheidungen treffen. Wer an lokale Auswirkungen des Klimawandels denkt, stützt seine Entscheidung für oder gegen Klimaschutzmassnahmen tendenziell mehr auf konkrete Informationen aus der aktuellen Situation. Dies können Gefühle sein, die man gerade empfindet, die Meinung der Person, mit der man gerade spricht oder als wie schwierig und anstrengend man die betreffenden Massnahmen einstuft.
Wer dagegen an räumlich oder zeitlich entfernte Auswirkungen des Klimawandels denkt, wird seine Entscheidung losgelöster von der aktuellen Situation treffen und diese eher auf abstrakte und längerfristige Überlegungen abstützen. So wägen Menschen zum Beispiel ab, wie gut oder schlecht die erwartete Wirkung der Massnahmen zu den eigenen Zielen und Wertvorstellungen passt.
Gemäss dieser Forschungstradition (Construal Level Theory) kann somit nicht erwartet werden, dass sich die Darstellung von Klimawandelfolgen als entweder nah oder fern direkt auf die Motivation, etwas gegen den Klimawandel zu tun, auswirkt. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Darstellungsform als nah oder fern die Aufmerksamkeit auf verschiedene Informationen lenkt. Zu welcher Wahrnehmung und Entscheidung die einzelne Person gelangt, hängt davon ab, welche Informationen und Gedanken gerade im Vordergrund stehen, also beispielsweise welche Gefühle auftauchen, wenn sie an lokale Folgen des Klimawandels denkt und welche Ziele sie persönlich verfolgt, wenn sie an entfernte Konsequenzen des Klimawandels denkt.
Komplexer als man meint
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die intuitiv plausible Idee, Kommunikation von Klimawandelfolgen lokal auszurichten, verschiedene psychologische Prozesse auslösen kann und nicht zwingenderweise die Bereitschaft erhöht, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Forscherinnen und Kommunikationsexperten, die den Klimawandel lokal in Szene setzen und damit ein bestimmtes Ziel erreichen wollen, sollten sich der komplexen Wirkung dieser Strategie bewusst sein und berücksichtigen, dass der Erfolg davon von verschiedenen Faktoren, wie etwa von persönlichen Wertvorstellungen der Rezipienten, abhängt. Die Berücksichtigung der Komplexität dieses Ansatzes sollte realistischere Erwartungen bezüglich seiner Wirkung schaffen und dazu beitragen, Enttäuschungen über erfolgslose Forschungsprojekte und wirkungslose Kampagnen zu vermeiden.
Zur Person
Dr. Adrian Brügger studierte an der Universität Freibung i. Üe. und in Zürich Psychologie und Umweltwissenschaften. Danach folgte eine Promotion in Psychologie an der Universität Exeter. Seit 2011 arbeitet er an der Abteilung Consumer Behavior an der Universität Bern. Aktuell ist er im Rahmen eines Mobilitäts-Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds als Gastwissenschaftler an der Universität Cardiff tätig.
In seiner Forschung interessiert er sich für Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur und insbesondere was Menschen dazu motiviert, sich für Nachhaltigkeit und Umweltschutz einzusetzen.
Kontakt:
Dr. Adrian Brügger, Institut für Marketing und Unternehmensführung, Consumer Behavior, Tel.: +41 31 631 80 41, <email-pii>
12.10.2015