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Jon J. Muth
«Die Rolle von 'M' habe ich selber übernommen»
Jon J. Muth hat sich mit der Comicadaption von Fritz Langs Filmklassiker «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» an eine schwierige Aufgabe gewagt. Die Rolle des Unholds wollte der Amerikaner nur sich selber zumuten.
Comic-Check: Mr. Muth, endlich wurde Ihre Graphic Novel «M» in einer kompletten Edition veröffentlicht... Was ist das für ein Gefühl nach all den Jahren? Wie denken Sie heute über diesen Comic? Gibt es Dinge, die Sie heute daran anders machen würden?
Jon J. Muth: Ich bin sehr zufrieden mit der neuen Ausgabe. Alles beieinander zu haben ist eine Freude. Heute betrachte ich das Ganze als ein schönes Experiment. Vor dem Hintergrund der Entwicklung im Computerbereich oder der heuten digitalen Möglichkeiten der Fotobearbeitung mag der Arbeitsprozess von damals ein wenig verrückt wirken. Ich würde dies so heute nicht nochmals versuchen, aber falls ich dies doch täte, würde ich das Script subtiler kreieren.
Aus welchem Grund habe Sie eine Comic-Adaption eines absoluten Filmklassikers erschaffen? Woraus bezieht dieses Projekt seine Legitimation?
Muth: Es gibt keine andere Legitimation für ein Kunstwerk als diejenige, dass der Künstler seine Existenz möchte. Ich wählte die Story wegen der Fragen, die daraus hervorgingen. Der Film ist ein Klassiker. An ihm braucht nichts gemacht zu werden. Aber wenn man die stilisierten Aktionen wegliess, liess die Geschichte einige Fragen offen: Was wäre, wenn Beckert nicht so einfach als Psychopath zu identifizieren gewesen wäre? Was, wenn er eher so gewesen wäre wie jemand, den man täglich auf der Strasse sieht? Die meisten Menschen, die gestört sind, überraschen die Leute in ihrem Umfeld, wenn sie ihre Gedanken in die Tat umsetzen.
Warum wählten Sie überhaupt Fritz Langs «M»? War es kein Problem, dass es sich um einen deutschen Film handelt, der vor mehreren Jahrzehnten geschaffen wurde?
Muth: Ich wählte «M», weil es sich dabei um einen Film noir in letzter Konsequenz handelt. Es gab kein spezielles Problem mit dieser Geschichte, im Gegensatz zu einer Adaption einer Novelle von Graham Greene. Es handelte sich um einen Film seiner Zeit, und es handelte sich auch um eine Graphic Novel aus ihrer Zeit – auch wenn die Handlung in einer deutschen Stadt in den 1930er-Jahren stattfindet. Ich hege keine Anspruch darauf, dass das Buch einen direkten Bezug zum Film hat, aber beide Werke sind Ausdruck ihrer jeweiligen Entstehungszeit.
Gibt es wesentliche Differenzen zwischen dem Comic und dem Film? Falls ja, weshalb?
Muth: Von der Handlung her gibt es wenig Unterschiede zum Film. Ich hielt mich sehr stark an Thea von Harbous (die Drehbuchschreiberin von «M»; Anm. d. Red.) Script. Eine keine Differenz gibt es nur dort, wo ich Beckerts Innenwelt herausgearbeitet habe. Ich hätte mehr ändern sollen.
Und formal? Kann Ihre Graphic Novel mit ihrem speziellen Erzählstil etwas zur Geschichte von «M» hinzufügen, dass das Medium Film nicht kann oder Lang im Jahr 1931 nicht konnte? Ging etwas verloren – oder handelt es sich nur um eine «Differenz»?
Muth: Jedes Medium, ob Film oder Comic, hat seine eigenen Gesetzmässigkeiten. Beim Buch handelt es sich um ein anderes «M». Das Publikum wird für sich entscheiden müssen, ob eine Version etwas innehat, was der anderen fehlt.
Einige Kritiker könnten einwenden, dass es am einfachsten und am effizientesten gewesen wäre, den Comics auf der Basis von Filmstills zu produzieren. Weshalb haben Sie Filmszenen nachstellen lassen, diese fotografiert und dann nachbearbeitet? Was ist der Unterschied, der Effekt?
Muth: Ein Comic aus Filmstills wäre sinnlos gewesen. Absolut nichts daran wäre neu gewesen und das Produkt hätte nur minderwertiger als der Film sein können. Ich fotografierte die gesamte Story nochmals neu, um herauszufinden, ob es andere Dinge gibt, die man auf diese Weise sichtbar würden. Indem die Rollen von anderen Leuten gespielt wurden, eröffneten sich verschiedene Sichtweisen.
Erzählen Sie uns mehr über Ihre Erfahrungen mit dem Nachstellen der Szenen... War es nicht schwierig, dies mit Leuten aus zum Teil Ihrem näheren Umfeld zu bewerkstelligen? Und übrigens: Wer hat eigentlich die Rolle von «M» übernommen?
Muth: Ich verpflichtete Leute für die jeweiligen Rollen, in deren Aspekten ihrer Persönlichkeit sich die Charaktere reflektierten. Es handelte sich vollumfänglich um Laienschauspieler. Inspektor Lohmann wurde von einem Blumenhändler gemimt. Er hatte einen sehr ausgeprägten Sinn für Ordentlichkeit, was in seiner Körpersprache zum Ausdruck kam. Er litt auch an Arthritis, was dem Ganzen eine ein wenig gequälte, lebensüberdrüssige Qualität gab. Zahlreiche Personen, die ich für das Nachstellen anfragte, waren Leute aus dem Bekanntenkreis – Menschen, die man möglicherweise an einem Markt oder in der Stadt sehen würde, nicht nahe stehende Freunde. Die Rolle von «M» habe ich selber übernommen, weil ich nach diesen Eigenschaften nicht in jemand anderem Ausschau halten wollte.
Bis anhin wurde nicht allzu viel von Ihnen in deutscher Sprache publiziert. Welche Comics zählen Sie zu Ihren wichtigsten? Was sind Ihre künftigen Projekte?
Muth: Unter anderem habe ich mit Grant Morrison «The Mystery Plan» und «Dracula – A Symphony in Moonlight» geschaffen und auch an «Moonshadow» von J. M. DeMatteis, «Sandman» von Neil Gaiman gearbeitet und eine One-Shot zu «Swamp Thing» publiziert. Dies ist jedoch schon eine Weile her. Es handelt sich dabei um meine allerersten Comiczeichnungen. Während der letzten Jahre habe ich mich auf Kinderbücher konzentriert. Ich schuf etwa ein Buch namens «Zen Shorts», auf Deutsch publiziert als «Ein Pandabär im Garten». In Bälde erscheinen wird die auf einer Story von Stanislas Lem basierende Graphic Novel «The Star Diaries» erscheinen. Darauf freue ich mich.
Das Interview führte Dave Schläpfer im September 2009
M – Eine Stadt sucht einen Mörder
Die Neugeburt eines Film-Klassikers
Kinder verschwinden, werden ermordet. Immer wieder. Ein Triebtäter ist unterwegs. Angst liegt über der Stadt. Die vielen Polizei-Razzien verderben der Unterwelt das Geschäft. Die Gangster, darunter einige mehrfache Mörder, beschliessen zu handeln, spannen die Bettler der Metropole in die Suche nach dem Übeltäter ein, mit Erfolg. Die Gangster machen dem mutmasslichen Täter den Prozess – auf ihre Weise…
Angesichts des unumstrittenen Klassikerstatus von Fritz Langs Film «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» aus dem Jahr 1931 mutet der Plan einer Comicadaption, die selber höchsten künstlerischen Ansprüchen genügen will, beinahe bizarr an. Gerade auch, zumal andere Versuche, andere Filme aus Langs Fundus in die Comic-Sprache zu übersetzen, kläglich gescheitert sind, so etwa die eher unbefriedigende Miniserie «Mabuse» von Isabel Kreitz, Eckart Breitschuh und Stefan Dinter aus dem Jahr 2000. Der trotz reichhaltigem Oeuvre hierzulande bislang kaum ins allgemeine Bewusstsein gedrungene Amerikaner Jon J. Muth hat sich an dieses ambitiöse Projekt gewagt. Er präsentiert unter gleichem Titel (Cross Cult, zirka 44 Franken) eine eindrückliche Neufassung des Stoffs, die – entstanden Anfang der 90er-Jahre – nun endlich auch auf Deutsch in einer Gesamtfassung vorliegt. Ausgehend von bearbeiteten Fotos von durch Freunden und Familienangehörigen nachgestellten Szenen aus dem Film ist Muth ein originäres Werk gelungen, in dem sich Langs Vorlage wie in einem Prisma spiegelt und das auch ein neues Licht auf die im Prinzip unbegrenzten Möglichkeiten des Mediums Comic wirft. Die mit etwaigen Farbtupfern für Schlüsselgegenstände versehenen Bilder in Schwarzweiss- und Sepiatönen verblüffen und irritieren zugleich mit ihrem in unterschiedlichen Graden verfremdeten Fotorealismus.
Einziger Wermutstropfen: Das unsägliche Maschinenlettering, das so gar nicht zur kunstvollen Grafik passen will. «Wir haben diese Friktion zwischen extrem pointiertem, kühlem Lettering und den verwaschenen, erdigen Illustrationen als Stilmittel beibehalten, weil wir der Meinung waren, dass es von Muth so beabsichtigt war», nimmt Cross-Cult-Pressesprecher Filip Kolek zu diesem Vorwurf Stellung. Flankiert wird das Werk von einem Vorwort von Georg Seesslen und Nachwort von Joche Ecke. Vor allem Ersteres ist mit seinem akadamischen Duktus beinahe etwas zu viel des Guten, vermag mit seiner Mikroanalyse den Blick jedoch tatsächlich zu schärfen für Details, die den Wert des grafischen Romans Muths nur noch mehr untermauern. Der superbe Eindruck hätte sich höchstens noch verstärkt und die Transformation in die Postmoderne wäre vollends geglückt, wenn sich der Autor Autor bei seinem perspektivischen Vexierspiel dazu entschliessen hätte können, offen zu lassen, ob «M» überhaupt schuldig ist oder nicht. (scd)