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Der kurze Situationsbericht, den ich Ihnen vorgestern Abend nach erneuter informatorischer Fühlungnahme mit dem Palais Chigi sowie nach Rücksprache mit dem deutschen Botschafter, Herr von Mackensen, übermittelte, mag Ihnen bewiesen haben, dass angesichts der rasch fortschreitenden Entwicklung die Prognosen auch der Nächstbeteiligten nicht mit den Ereignissen Schritt halten. Darin liegt übrigens eine der tragischen Ähnlichkeiten mit den Ereignissen vom Sommer 1914, dass die nächstbeteiligten Grossmächte, heute wie damals, fast mehr von der Entwicklung getrieben werden, als dass sie dieselbe zu meistern in der Lage sind.
Vorgestern Nachmittag erklärte Graf Ciano Herrn von Mackensen, mit dem ich gleich nachher eine Besprechung hatte, dass die Auflösung der Tschechoslowakei als eine vollzogene Tatsache zu betrachten wäre. Der Aussenminister wiederholte hierin übrigens bloss im Grund das, was Herr Mussolini am Vortage in einer seiner Reden im Friaul gesagt hatte. Dies gab dem deutschen Botschafter Anlass mir gegenüber zu bemerken, dass die Rede des Herrn Mussolini in Triest, welche das gleiche Selbstbestimmungsrecht für alle verlangte, «eines jener Worte enthalte, die Taten bedeuten».
Was ich Ihnen nachstehend über die übrigens offen und freundschaftlich gemachten Äusserungen des deutschen Botschafters berichte, mag im Augenblick, in dem Ihnen diese Zeilen zukommen, mehr retrospektiven Charakter haben. Die darin zum Ausdruck kommende Auffassung bleibt indessen von Interesse, da sie wohl nicht nur die Stimmung des deutschen Vertreters in Rom, sondern auch seiner Auftraggeber in dem Augenblick widerspiegelt, in dem Hitler und Chamberlain sich in Godesberg begegneten. Herr von Mackensen gab zu, dass sich die Situation seit der ersten englisch-deutschen Unterredung vom Obersalzberg geändert habe, indem damals von den deutschen Interessen die Rede gewesen sei, während seither die Gleichberechtigungsansprüche Ungarns und Polens in aller Form vorgetragen worden seien. Auf deutscher Seite scheint schon damals eine gewisse Unruhe im Hinblick darauf bestanden zu haben, inwieweit sich Herr Chamberlain den polnischen und ungarischen Ansprüchen, «die nunmehr von Deutschland verfochten werden müssten», eventuell entgegenstelle.
Der deutsche Botschafter erwähnte - dies ist nicht ohne Interesse - dass bis zur Reise Chamberlains rein garnichts über den englisch-französischen Plan vom letzten Sonntag in Erfahrung habe gebracht werden können. Auch die italienische Regierung, die den Londoner Botschafter Grandi zur Information vorgeschickt habe, sei ohne hinlänglich präzise Angaben geblieben. Eine Havasmeldung, wonach die englisch-französische Front sich den Paritätsansprüchen Ungarns und Polens zu widersetzen gedenke, habe in Berlin etwas Bedenken erregt, doch sei darauf von englischer Seite die beruhigende Erklärung gekommen, alle solche Agenturmeldungen seien verfrüht und ungenau. (Bei diesem Anlass flocht Herr von Mackensen eine Lobrede auf die so ausgezeichnete Tätigkeit des englischen Botschafters in Berlin, Sir Neville Henderson, ein, der von Anfang an die Situation klar erkannt habe.)
Über die Forderungen Deutschlands äusserte sich von Mackensen ebenfalls in interessanter Weise. Er glaubte annehmen zu können, dass sich der Reichskanzler Hitler nicht damit begnügen könne, für die Abtretung von Gebieten im Sudetenraum die Gemeindewahlen zur Unterlage zu nehmen, die unter tschechischer Leitung vorgenommen worden seien. Er nahm an, dass auch die Loslösung Prags von aussenpolitischen Bindungen an Paris und Moskau gefordert würde und fügte sogar bei - wenn sich diese Forderung bewahrheitet, ist sie gefährlich -, dass auch eine «Entmilitarisierung» des übrig bleibenden tschechischen Staates verlangt werden könne, da ja «die Böhmen keine besondere Armee brauchen»2.
Herr von Mackensen, der der Nachgiebigkeit Frankreichs sicher zu sein schien - und sogar erklärte, er sei dies im Grund immer gewesen, als ich ihn an seine frühere pessimistischen Äusserungen erinnerte - schien der Schwere dieser Begehren nicht so recht bewusst zu sein. Er fügte bei, dass auf alle Fälle die Abtretungs- und Verteilungsoperationen lange Wochen in Anspruch nehmen würden, wenn man auch «hinsichtlich der Tschechoslowakei aus der Gefahrenzone heraus sei».
Ich fragte sodann den Botschafter, ob Deutschland, im Verein mit Italien, nun in der Lage sei, Herrn Chamberlain, als gewissermassen notwendige psychologische Kompensation, eine organisierte friedliche Mitarbeit der Grossmächte, etwa im Sinne des von Herrn Mussolini stets verfochtenen Viererpakts, in Aussicht zu stellen. Herr von Mackensen erklärte, eine solche Entwicklung liege auf lange Sicht wohl im Bereiche der Möglichkeit, es sei indessen durchaus verfrüht, heute daran zu denken, solange noch brennende Probleme zu lösen seien. Ich weiss nicht, ob diese Auffassung darauf schliessen lässt, dass Deutschland nach der Tschechoslowakei noch mit ändern Begehren herausrückt, oder ob man sich in Berlin darauf gefasst macht, dass eventuell Italien jetzt irgendwie Kompensationen sucht. Eine Mitarbeit der Grossmächte kann sich, laut Ansicht von Herrn von Mackensen, nur ganz langsam entwickeln. Von Interesse ist, dass laut dem deutschen Botschafter bereits sehr viel nützliche Vorarbeit ganz im Stillen geleistet worden sei, um Frankreich und Deutschland näher zu bringen. Nachdem die österreichische und tschechische Frage gelöst seien, ständen nach den Worten des Führers einer deutsch-französischen Verständigung auf lange Sicht keine wesentlichen Hindernisse entgegen.
Herr von Mackensen sagte endlich, dass angesichts der Entwicklung nun auch Rumänien etwas unruhig werde. Dieses Land müsse eben eine vernünftige Minderheitenpolitik treiben und hinsichtlich der allgemeinen Situation ähnliche Konsequenzen ziehen, wie dies Herr Stojadinovich in Jugoslavien getan habe.
Nun noch einiges hinsichtliche der Haltung Italiens. Von verschiedenen Seiten wird behauptet - ohne dass ich dies positiv nachzuprüfen in der Lage bin -, dass Herr Mussolini darüber sehr ungehalten ist, an der Entwicklung der letzten Tage nicht in direktem Masse beteiligt gewesen zu sein. Wie ich bereits in frühem Berichten bemerkte, hat sich eben doch die Meinung verbreitet, dass Berlin zurzeit weder auf Gegner noch auf Freunde hört, sondern ziemlich unbekümmert um Einwendungen und Ratschläge seinen Weg gehen will. Die Hoffnung bleibt, dass wenn die Gefahr plötzlich gross ist, Deutschland doch zurückweicht. Es ist jedenfalls mit Anerkennung zu vermerken, dass Italien alles tut, jeder Panikstimmung vorzubeugen, und dass es auch bisher ebenfalls mit jedem Ansatz zu einer Mobilisation zugewartet hat. Im Gegenteil ist mir gestern von sehr gut informierter Seite erklärt worden, Herr Mussolini setze absichtlich seine Reisen in Oberitalien fort um zu dokumentieren, dass Italien - wenigstens vorerst - seinen Weg der friedlichen Arbeit gehe.
P.S. Beiliegend übermittle ich Ihnen zum Schlüsse eine Aufzeichnung3 des Herrn Legationsrat Micheli über eine Besprechung, die er gestern mit dem amerikanischen Botschafter hatte. Wie ich bereits Gelegenheit hatte, Ihnen zu sagen, äussert sich der Botschafter und frühere Unterstaatssekretär Phillips stets mit grösstem Vertrauen gegenüber meinem Mitarbeiter, der mit ihm seit seiner Tätigkeit in Washington persönlich befreundet ist.
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