Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03624.jsonl.gz/2286

5. Gotthard und Lukmanier in ihren Beziehungen zu Biasca
zu Biasca.
Zu Zeiten, als dem Gotthardpass noch jede grössere Bedeutung fehlte und er höchstens dem dürftigen Verkehr zwischen Urseren und der obern Leventina diente, so wie etwa heute der benachbarte Cavannapass oder der Unteralppass, war der Lukmanier schon weitherum bekannt und viel begangen. Funde aus vorgeschichtlicher Zeit und aus der Zeit der römischen Herrschaft, die auf dem Lukmanier selbst sowie an seinen Zugängen, in Ilanz, in Olivone und Malvaglia gemacht wurden, lassen mit Bestimmtheit darauf schliessen, dass dieser Pass den alten Rätern und durch diese den Römern bekannt war. Dass er anfänglich nur dem Lokalverkehr diente, ergibt sich aus seiner Lage. Er stellte einen Umweg dar, wenn man von den oberitalienischen Seen, die als bequeme Zugänge benutzt wurden, nach Chur und in die Bodenseegegend gelangen wollte. Splügen, Julier, Septimer und Bernhardin lagen da bedeutend günstiger. Aber die römischen Feldherrn werden den militärischen Wert des Lukmaniers, der die vorgenannten Pässe umging, zweifellos erkannt haben. Die Kaufleute aber benutzten den Lukmanier nicht, und so blieb ihm grösserer Verkehr daher fern.
Die Annahme, dass der Lukmanier von den Römern gelegentlich benützt wurde, stützt sich neben seiner leichten Zugänglichkeit auf die grossen Münzfunde von Malvaglia ( alle Rongie ) vom Jahre 1852 und auf den von Ilanz im Jahre 1904. Die beiden Fundstellen liegen auf dem südlichen und dem nördlichen Lukmanierzugang. Die « alle Rongie » bei Malvaglia waren zudem bis ins Mittelalter eine Saumstation, und es liegt daher die Vermutung nahe, dass sie diese Eigenschaft aus den Römerzeiten herübergenommen habe.
Die Entstehung des Klosters Disentis war der Entwicklung des Lukmaniers sehr förderlich. Es erleichterte die Überschreitung des Passes bedeutend, denn in den Zeiten seiner Entstehung war das Vorderrheintal bis weit hinab noch unbewohnt, eine Einöde des Gebirges, nach der sich denn auch ursprünglich das Kloster benannte ( dessertinum, d. i. die Wüste ).
Unter den vieltausend Reisenden, welche den Lukmanier überschritten haben, ragen welthistorische Persönlichkeiten hervor. Insbesondere sind es die deutschen Kaiser, die auf ihren Welschlandfahrten den Weg hierdurch wählten.
Doch früher schon, als die irischen Glaubensboten Kolumban und Sigisbert, denen die Gründung des Klosters Disentis zugeschrieben wird, diese Gegend noch nicht betreten hatten, zog wahrscheinlich ein Fürst über den Lukmanier. Childe-bertll ., der mit seinen Franken in das Land der Lombarden einfiel und auf den caninischen Feldern bei Bellinzona kämpfte, scheint den Weg über den Bernardino oder wahrscheinlicher noch über den Lukmanier genommen zu haben.
Auch ist es nicht ausgeschlossen, dass 614 Kolumban, als er in die Ebenen der Lombardei hinabstieg, um dort das berühmte Kloster Bobbio zu gründen, über den Lukmanier wanderte.
Dann sollen später, nach der Entstehung des Klosters Disentis, Karl der Grosse 781 und 801 und hierauf Karl der Dicke 833 den Lukmanier benützt haben. Doch das sind unverbürgte Angaben, und auch andere Alpenpässe machen Anspruch auf diese Überschreitungen. Fest steht dagegen, dass Otto I. im Jahre 965, von Italien kommend, mit seiner Gemahlin Adelheid den Lukmanier mitten im Winter überschritt. Auch von Heinrich II. wird eine Begehung im Jahre 1004 angenommen.
Im Anfang des 12. Jahrhunderts entstand auf dem Lukmanier ein Hospiz, woraus sich schliessen lässt, dass der Verkehr im Zunehmen war. Grosse Waldungen bedeckten damals noch den grössten Teil der Gegend, durch die der Pass führte, und gaben ihm den Namen. Lucus magnus, d. i. grosser Wald, was sich im italienischen « Lucomagno » deutlich erhalten hat und auch in der deutschen Bezeichnung Lukmanier unschwer zu erkennen ist.
Kaiser Friedrich I. Barbarossa machte sich den Lukmanier mehrmals zunutze. Er überschritt ihn 1164 und 1186 und zog 1176 deutsche Hilfstruppen über den Lukmanier nach. Er hielt sich damals mehrere Tage in der Burg Serravalle bei Semione auf. Das war vor seiner Niederlage bei Legnano.
Dann dauerte es einige Jahrhunderte, bis wieder ein deutscher Kaiser über den Lukmanier zog. 1413 und 1431 war es Kaiser Sigismund. Auch er war nicht willkommen in welschen Landen. 1431 war seine Reise durch das mailändische Gebiet, wozu auch die Tessintäler gehörten, nur so geduldet, und er musste im Winter unter bescheidenem Obdache zu oberst in der Val Blenio die Erlaubnis abwarten, weiterziehen zu dürfen 20 ).
Freundlicher wurde 1581 der Kardinal Karl Borromeus, der nachmalige San Carlo, auf seiner Reise über den Lukmanier ins Vorderrheintal empfangen. Es war die Zeit der Gegenreformation. Die asketische Einfachheit und die Frömmigkeit des Kardinals machten einen grossen Eindruck auf das Volk und festigten es in seinem alten Glauben.
Sonst war der Lukmanier, was den internationalen Verkehr anbetrifft, meist von den Pilgern bevorzugt, welche auf ihren Wallfahrten nach Rom oder weiterhin den Gebeinen des Heiligen Kolumban und Sigisbert in Disentis ihre Verehrung bezeugten. Der Transit der Kaufmannsgüter hob sich zwar etwas, wandte sich aber doch trotz aller Bemühungen nach den östlichen Bündnerpässen und vor allem dem Gotthard zu.
Erst später, zur Zeit, als am Gotthard schon die ersten Sprengschüsse des Tunnelbaues ertönten ( 1873 ), wurde der Lukmanier fahrbar gemacht, nachdem die Val Blenio schon 1821 eine gute Fahrstrasse erhalten hatte. Die Schwierigkeiten der Strassenanlage am Lukmanier lagen denn auch hauptsächlich auf der Bündnerseite.
Schon 1846 wurde eine Konzession zum Bau einer Lukmanierbahn erteilt und verschiedene andere Konzessionen, auch solche für die Greina, sind seither nachgefolgt, und immer steht noch keine Verwirklichung eines Bahnprojektes in Aussicht. Die Rivalität des Splügen werden hoffentlich Lukmanier und Greina seit August 1914 nicht mehr zu fürchten haben.
Eine ganz andere Entwicklung nahm der Gotthard. Der Beginn seines internationalen Verkehrs wird nicht durch die Welschlandfahrten der alten, deutschen Kaiser bezeichnet. Von einer Begehung durch die Römer fehlt jede Spur, mögen auch hoch oben an seinem Südzugange, bei Lavorgo, noch Funde gemacht worden sein, welche auf eine Besiedelung der Leventina im Bronzezeitalter schliessen lassen. Das Haupthindernis am Gotthard, der überhaupt ein viel wilderes Gebirge durchzieht als der Lukmanier, war die Schöllenen. Als dort die Überwindung der Felsen vermittels der stiebenden Brücke gelang, kam die Begehung rasch auf. Sie beginnt im Anfang des 12. Jahrhunderts, also spät und doch viel früher als man lange Zeit geneigt war, anzunehmen. Die älteste Urkunde, welche sich auf den Gotthardverkehr bezieht, ist jene von Osco aus dem Jahre 1237. Es geht aus ihr unzweifelhaft hervor, dass der Verkehr schon damals ein ziemlich reger war und dass sein Beginn noch eine Reihe von Jahren weiter zurückliegt. Und 1240 beschreibt Albert von Stade seine Reise von Italien her über das damals Monte Evelinus geheissene Gotthardgebirge so genau, dass auch damit die Zeiten früher Begehung dokumentiert sind.
Aber schon damals, als der Gotthard noch fast gar nicht und der Lukmanier nur wenig benützt wurden, war Biasca an der Vereinigung der grossen Täler Leventina und Val Blenio eine für den Verkehr höchst wichtige Stelle. Denn über Biasca führten die Zugänge zu den weiter oben gelegenen Ansiedelungen, deren es schon in vorgeschichtlichen Zeiten in der Leventina und Val Blenio gab. Unten bei Bellinzona, fast in der ganzen dortigen Talebene, birgt der Boden in unzähligen Gräbern Spuren jener Zeit, Gebrauchsgegenstände und Schmuck, darunter solche von so formenschöner Art, dass man leicht erkennt, woher damals schon die Bewohner dieser Täler ihre geistigen Anregungen empfingen. Neben diesen Überbleibseln ist uns von dieser alten Bevölkerung, den Lepontiern, von der wohl das Blut in manchem Tessiner Bauer weiterlebt, kaum mehr als der Name übriggeblieben. Doch soll in « Leventina » und « Leontica » die Erinnerung an diesen verschollenen Stamm der alten Räter bis heute weiterklingen.
Dass das sonnige Tessintal mit seinen grossen, leicht zugänglichen Seitentälern, der Mesolcina, der frohen Val Blenio, die man doch unmöglich übersehen konnte, von der volksreichen Poebene aus kolonisiert und sehr stark beeinflusst wurde, ist als sicher anzunehmen. Das untere, weite Tessintal ist ja durch den gut schiffbaren Langensee mit der Lombardei verbunden.
Auffallend ist es, dass aus jenen Zeiten in der nächsten Umgebung Biascas nur ein einziger und dürftiger Fund gemacht worden ist, bei der Einmündung des Brenno in den Ticino. Aber man hat sich die Zeit vor Augen zu halten, wo es noch keine Flusskorrektionen gab und wo sich der Ticino und Brenno das Bett nach ihrer Willkür wählten. Bei Biasca staute zudem der eine Fluss den andern, das führte zu Überschwemmungen und Uberdeckungen mit Flussgeröll. So war es bis in die Neuzeit hinein. Höchst wahrscheinlich schlummern auch im Boden Biascas noch viele Zeugen jener Zeiten, aus denen die Grabstätten Bellinzonas stammen. Gelegentlich sind Funde römischer Münzen gemacht worden; aus den Zeiten der Kaiser Aurelian bis Diokletian.
Wie das alte Alpenvolk der Räter und damit die Lepontier unter die Herrschaft der Römer gelangte, weiss man nicht. Auf jeden Fall werden harte Kämpfe vorausgegangen sein, bis es den Römern gelang, die alte Grenze Rätiens, die damals für das Tessintal auf dem Monte Ceneri lag, zu brechen. In der Talsperre von Bellinzona und wahrscheinlich auch am Eingang der obern Talschaften, Leventina und Val Blenio, also bei Biasca, werden sich die Lepontier den eindringenden Römern entgegengestellt haben. Rätien ist seit Kaiser Augustus unter römische Herrschaft gekommen. Vielleicht bezeichnet dieses Datum nur das Ende langwieriger Kämpfe, in denen Talschaft um Talschaft allmählich niedergerungen werden musste.
Also vom Verkehr war Biasca schon in alten, weit zurückliegenden Zeiten berührt und von Kriegsgeschrei widerhallten seine Felsen wahrscheinlich lange bevor die Urschweizer immer wieder mit stiernackiger Beharrlichkeit am Brenno erschienen.
Als dann am Ende des 12. oder zu Anfang des 13. Jahrhunderts der Gotthardpass seinen Aufschwung nahm, wurde sein Wert bald erkannt. Die deutschen Kaiser suchten sich seiner zu versichern und ebenso die ländergierigen Herzoge von Österreich. Aus diesen Verhältnissen heraus und wahrscheinlich auch unter dem Einflüsse der freiheitlichen Volksbewegungen in Italien entwickelte sich die junge Eidgenossenschaft. Sie war, wie Uri, ihr ältestes Glied, ursprünglich ein Passstaat. Die jahrhundertelang sich gegen Süden wiederholenden Übergriffe der Urkantone galten, im Grunde genommen, nicht den Tessintälern selbst, sondern der Sicherung des Gotthardpasses.
Als einmal die « Tre Valli » in der Hand der Urkantone lagen, hatte Biasca vor kriegerischen Einbrüchen Ruhe. Die Passstrassen dienten nunmehr, wenn man von den Durchzügen der vielen schweizerischen Söldnerscharen absieht, nur dem friedlichen Verkehr.
Biasca, das 1682 an beiden Enden des Fleckens ein Gasthaus besessen haben soll, wurde zwar kaum viel zum Übernachten gewählt, es lag etwas seitab von der Gotthardstrasse, so dass man aus diesem Grunde wahrscheinlich Osogna bevorzugte.
Dass gelegentlich in Biasca gewartet wurde, bis der Brenno wieder überschritten werden konnte, geht aus der Reisebeschreibung des Bernardino Tarugi ( 1584 ) hervor ( siehe Seite 77 ).
Im Jahre 1599 zog mit Erzherzog Albrecht von Österreich die glänzendste und grösste Reisegesellschaft durch Biasca, die es je gesehen hat ( siehe Seite 75 ).
Lebhaft ging es auf den Passstrassen, vor allem auf der Gotthardstrasse, zu, als die französischen Revolutionsheere in unserem Lande operierten. Da hatten die Ortschaften längs der Gotthardstrasse schlimme Tage. Im Spätherbst des Jahres 1798 erschienen französische Truppen im obern Tessin; die waren bekanntlich in ihren Ansprüchen nichts weniger als bescheiden.
Als im Frühling darauf ( Mai 1799 ) die Urner zu den Waffen griffen, spielten sich die letzten Phasen dieses Aufstandes, an dem hauptsächlich die Leventiner sich zuletzt beteiligten, nicht weit von Biasca ab. Zersprengte Gruppen bedrohten die Gotthardstrasse durch Überfälle und schädigten die 14,000 Franzosen, welche die Leventina hinabzogen, wohl mehrfach. Den Schaden hatten dann aber schliesslich die in der Nähe liegenden Ortschaften zu tragen. Auch Biasca wird seinen Teil abbekommen haben. Bald darauf zogen die französischen Generäle Lecourbe und Loyson, von den Österreichern unter General Heddik verfolgt, das Tessintal hinauf. Es kam zu lebhaften Kämpfen in der obern Leventina, 600—700 Verwundete wurden nach Corno zurücktransportiert. Aber schon Mitte Juni zogen die Österreicher wieder ab, talauswärts. Im August folgte ihnen der Rest nach, als in Uri drüben der geniale und energische General Lecourbe auf einen Schlag das Land in seine Macht brachte. Doch auch hier wendete sich das Blatt schnell wieder. Von Italien herauf stieg der siegreiche General Suwarow mit seinem grossen, russisch-österreichischen Heere. Am 21. September verliess er Bellinzona und schob gleichen Tages noch eine Kolonne nach Dongio in der Val Blenio vor. Diese Seitenkolonne von 6000 Mann unter General Rosenberg begleitete den direkten Angriff des 16,000 Mann starken Gros auf den Gotthard, indem sie über den Lukmanier und die Oberalp vorging. Das Gros erreichte am 22. September Giornico. Am folgenden Tage entriss es den in grosser Minderheit befindlichen Franzosen den Monte Piottino und erkämpfte sich darauf den Weg über den Gotthard. Der weitere Verlauf dieses Zuges berührte den Tessin nicht mehr direkt.
Kaum waren im Frühling darauf die Gebirgsübergänge wieder benutzbar, so setzte der Durchmarsch von Truppen von neuem ein. Anfang Mai 1800 marschierte General Dedowitch mit etwa 5000 Mann durch Biasca gegen den Gotthard, kehrte aber bei Faido um, nachdem er dort 800 Mann als Besatzung zurückgelassen hatte. Ende Mai waren die Österreicher verschwunden, denn jetzt stieg eine französische Kolonne von 20,000 Mann unter General Moncey die Leventina hinab. Das war eine Seitenkolonne jenes Heeres, das Napoleon über den grossen St. Bernhard nach Italien führte. Die Kolonne des Generals Moncey kam viel zu spät, denn am Gotthard hatte sie mit grossen Schwierigkeiten ( hoher Schnee und Mangel an Transportmitteln ) zu kämpfen gehabt. Das brachte den Gotthard bei den damaligen Strategen in Verruf.
Bis 1803 blieb aber gleichwohl die Gotthardstrasse eine sehr wichtige Etappen-linie des französischen Heeres. Fast täglich zogen militärische Abteilungen durch Biasca, Truppennachschübe, Blessierte, Gefangene etc. Wie alle Ortschaften längs der Strasse, litt es schwer unter diesen Durchzügen. Die Soldaten achteten das Eigentum nicht und stahlen wie die Elstern. Viel weniger mitgenommen wurde Biasca von den österreichischen und russischen Truppen. Der damalige Propst, Carlo Domenico Gut von Küssnacht ( Kanton Schwyz ), war ein eifriger, österreichischer Parteigänger, und da ein Neffe von ihm im österreichischen Heere die Stelle eines Obersten bekleidete, gelang es ihm, die unzähligen Belästigungen und Bedrängungen von Biasca fernzuhalten, welchen die andern Gemeinden unter dem russischen und österreichischen Kriegsvolke ausgesetzt waren. An die Gegend zu unterst an der Strada vecchia, wo diese sich mit der Kantonsstrasse vereinigte, knüpft sich heute noch die Erinnerung an jene Zeiten. Dort soll bei den Truppendurchmärschen Propst Gut gestanden haben, um die anmarschierenden Kolonnen auf die Strada vecchia an Biasca vorbeizudirigieren, was ihm vielfach gelungen sein soll. Man nannte daher die Kapelle, die dort stand, « Capella del prevosto ». Der Name der verschwundenen Kapelle hat sich auf die Gegend übertragen. Die alte Gotthardstrasse ( la strada vecchia, siehe Seite 79 ) berührte Biasca nicht. Ebenso führte schon der alte Saumweg, der ungefähr wie die Strada vecchia verlief, am Flecken vorbei. Aber Saumweg und Strasse gingen durch den Weiler Ponte, der somit für Biasca von grosser Wichtigkeit war.
Der Verkehr über den Gotthard übertraf jenen des Lukmaniers bald um ein Vielfaches. So war der Warentransport über erstgenannten Pass in frühern Zeiten schon den Biaskesen die wichtigste Einnahmequelle. Die Verhältnisse lagen also damals schon ziemlich so wie heute.
Das Saumwesen war daher recht gut organisiert, und zwar auf genossenschaftlicher Basis. Die technische Unterstützung des Verkehrs, den Unterhalt von Weg und Steg, der Bau der Ablagehäuser ( Susten ) besorgten von alters her die Saumgenossenschaften. In Biasca war es die Vicinanzia selbst. Jede Saumgenossenschaft besass das Transportmonopol für eine gewisse Wegstrecke. Ausserhalb derselben war ihr der Transport verboten. Hierin trat später unter der eidgenössischen Herrschaft eine Änderung ein, indem das Transportrecht von See zu See ( Langensee bis Vierwaldstättersee ) erweitert wurde. Ausserhalb der ursprünglichen Transportgrenze war dann aber die Fuhrleite zu zahlen.
Biasca hatte eine Sust; in ihr wurden über Nacht oder bei schlechtem Wetter die Waren untergebracht. Diese Sust wird sich ursprünglich im Flecken, in der Nähe der Kirche oder der Burg, befunden haben, wo sie dem Verkehr vom Lukmanier und Gotthard zugleich dienen konnte. Die Säumer werden gezwungen gewesen sein, den Weg durch den Flecken zu nehmen. Später befand sich die Sust nach Mitteilung des verstorbenen Ispettore Rossetti bei Ponte draussen, und das gab wahrscheinlich den Anlass zu der Entstehung der heute unter dem Namen Strada vecchia bekannten Abkürzung, durch die der eigentliche Flecken abseits der Gotthardstrasse geriet.
Bei der « Sosta », ein Wort, das sich in der Innerschweiz als Sust erhalten hat, stellten die Säumer ( Mulatèr ) ihre Tiere ein oder liessen sie auf der Weide nebenan grasen, während neue Aufträge abgewartet wurden. Dass dabei ein Wirtshaus nicht fehlen durfte, ist klar.
Bei der Sust erhob der Einzieher vom Kaufmann die « Furleite » und das Saum- oder Fuhrgeld. Während letzteres offenbar die direkte Entlohnung des Säumers war, ging die Furleite in die genossenschaftliche Kasse. Diese bestritt den Unterhalt der Strasse, Brücken und Susten. Für das Einlagern in den Susten war zudem ein Sustgeld zu zahlen. Die Kaufleute liessen sich daher eine Verwahrlosung der Saumwege nicht gefallen. Fand eine Reklamation bei der Säumergenossenschaft keine Berücksichtigung, so wurde bei den Behörden um Abhilfe ersucht. Als 1493 schweizerische Kaufleute sich über den schlechten Zustand der Strasse in der Nähe von Cresciano bei den Säumern vergeblich beschwert hatten, wandten sie sich an den Herzog von Mailand. Dieser Hess dann durch einen Kommissär von Bellinzona aus die Angelegenheit regeln.
Da die Säumergenossenschaft die Verantwortung für die Sicherheit des Transportes übernahm, so hatte sie bei Raub oder Diebstahl Entschädigung zu leisten. Das war schon in alten Zeiten so. Im Jahre 1376 zahlte beispielsweise die Vicinanzia von Biasca dem Luzerner Hans Spengler 60 Goldgulden Entschädigung für gestohlene Ware.
In der Sust übergab der Teiler der nächsten Saumgenossenschaft die Ware einem neuen Säumer, und zwar erfolgte dies nach einer bestimmten Regel. Jeder Säumer hatte nur ein Saumrecht. Er konnte daher nicht nach Belieben eine grosse Zahl Saumtiere halten und so den Transport eventuell ganz an sich ziehen. Auch wurde streng darauf gehalten, dass die Säumer nach ihrem Eintreffen zum Weitertransport an die Reihe kamen. Selbst die Erblichkeit des Saumrechtes war genau geregelt.
Ursprünglich fand bei der nächsten oder übernächsten Sust ein Wechsel der Säumer statt. Später wurden dann aber die Transportgrenzen, wie schon bemerkt, erweitert. Die nächsten Susten waren in Claro, Giornico und Malvaglia ( alle Rongie ). Bergaufwärts war die Wegstrecke des Säumers des Zeitbedarfes wegen meist kürzer bemessen als talabwärts. Zum Transporte wurden Pferde, Maultiere und auch Ochsen verwendet.
Das Umgehen der üblichen Saumwege, um sich derart den Abgaben zu entziehen, wurde als Schmuggel bestraft.
Wenn ich von einer Gotthardstrasse und Lukmanierstrasse gesprochen habe, so muss ich mich berichtigen. Was man heute unter Strasse versteht, waren diese Verbindungen nicht. Sie waren Saumpfade 21 ), wie sich schon aus der Beschreibung der Brennobrücke ergibt. Ja, als das Urnerloch noch nicht gebohrt war, war es fast gewagt, von einem durchgehenden Saumpfade zu sprechen. Der Gotthard war trotzdem recht lebhaft begangen, der Warentransport war aber, mit den heutigen Verhältnissen verglichen, recht gering. K.V. von Bonstetten erzählt in seinen « neuen Schriften », dass jährlich 7500 Maulesel über den Gotthard gingen, das sind 15,000 Balotti, meist rohe Seide, rohe Baumwolle, etwas Reis und Wein. Nach Italien gingen Käse und bearbeitete Tücher. Das war gegen das Ende des 18. Jahrhunderts. Während damals in einem Jahre 7500 Saumlasten, im Maximum also 1200 Tonnen über den Gotthard gingen, förderte 1914, vor Kriegsausbruch, die Gotthardbahn durchschnittlich täglich über 13,000 Tonnen in einer Richtung. Der Verkehr hat sich also ganz unglaublich vervielfacht. Ähnlich verhält es sich mit der Geschwindigkeit, mit der sich der heutige Verkehr vollzieht. Immerhin wurden damals wichtige Nachrichten viel rascher übermittelt, als man so gemeinhin anzunehmen pflegt.
Die Boten und Postkuriere reisten zu Pferd, und wo das nicht anging, zu Fuss. Zweimal in der Woche ging damals die Post nach dem Norden und ebenso viele Male kam sie über den Gotthard nach Süden. Der Postverkehr scheint im Jahre 1653 begonnen zu haben. Man brauchte von Flüelen bis Biasca drei Tagemärsche, und beliebt waren folgende Etappen: Flüelen-Andermatt, Andermatt-Dazio grande, Dazio grande-Osogna. 1798 bis 1803 betrieb ein Luzerner Haus eine Spedition mit eigenen Leuten und Pferden über den Pass.
Das erste Fuhrwerk, welches die Gotthardstrasse passierte, war die Kutsche des englischen Mineralogen Greville ( im Jahre 1725 oder 1755 oder erst 1775 ), die aber unzählige Male zerlegt und dann auf den Schultern von Trägern befördert wurde; ein Unternehmen, das sich nur mit englischem Starrsinn durchführen liess und dementsprechend Geld kostete. 1793 soll Greville von einem seiner Landsleute nachgeahmt worden sein, der es nicht besser traf, denn von einem Zeitgenossen, dem trefflichen Stefano Franscini, wissen wir, dass man selbst 1808 noch fast im ganzen Kanton Tessin auf das Säumen angewiesen war22 ). Dann aber nahm das junge, tessinische Staatswesen den Strassenbau energisch in die Hand. 1827 gab es bereits schon gute Strassen in allen grössern Tälern des Kantons. Bald waren dann auch die wichtigsten Pässe mit Strassen überzogen, 1830 der Gotthard, 1877 der Lukmanier.
Mit der Eröffnung der Gotthardstrasse wuchs der Verkehr sofort bedeutend. Er betrug schon im Anfang ( 1831—1833 ) 4000 Tonnen, also mehr als das Dreifache gegenüber der Saumperiode. Bis 1840 hatte er sich fast versiebenfacht, denn er stieg auf 8100 Tonnen, und jährlich passierten etwa 30,000 Reisende und 16,000 Haupt Vieh den Berg, was aber im Vergleich zum heutigen Verkehr immer noch ganz bescheidene Zahlen sind.
Der Postverkehr, der bis 1835 in Privathänden lag, dann an den Kanton Tessin und schliesslich an die Eidgenossenschaft überging, brachte immerhin recht lebhaften Verkehr nach Biasca. Die Gasthäuser Biascas hatten damals gewiss bessere Zeiten als heute, wo die Schnellzüge vorbeisausen. Die grossen Stallungen für die Postpferde im Pedemonte erinnern noch daran.