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Liebe Leserinnen und Leser
Sie sprechen vermutlich jeden Tag darüber. Aber sprechen Sie von dem Covid? Oder von der Covid? Heisst es der, die, das Corona – oder einfach Covid und Corona, ganz ohne Artikel?
In Frankreich ist das en détail diskutiert worden. Die Mehrheit der Sprecher und der Journalistinnen hatte seit Monaten ganz entspannt le Covid gesagt und geschrieben. Aber am 7. Mai hielt die Académie française, die seit bald 400 Jahren den Sprachgebrauch des Französischen festschreibt, dagegen.
Ihre Mission ist es, der französischen Sprache «klare Regeln zu geben, um sie pur zu machen, eloquent, und fähig, die Künste und die Wissenschaften zu behandeln». Die Académie schrieb also Anfang Mai, man möge bitte la Covid statt le Covid sagen.
Warum la statt le? Und wie kommen Wörter überhaupt zu ihrem Genus – ihrem grammatischen Geschlecht?
Drei Prinzipien können hinter dem Genus eines Wortes stecken:
Semantische Prinzipien, also Prinzipien der Wortbedeutung, greifen vor allem dann, wenn wie bei Personen und Tieren ein natürliches Geschlecht vorliegt: die Frau, der Mann, die Henne, der Hahn, la poule, le coq, so weit alles klar. Aber auch andere Gruppen von Wörtern, die eine ähnliche Bedeutung haben, können dasselbe Genus tragen: Bäume zum Beispiel sind im Deutschen meist feminin (die Eiche), im Französischen maskulin (le chêne). Hiervon gibt es immer wieder Ausnahmen – «das Grundprinzip ist arbiträr», sagte Stephan Schmid, Sprachwissenschaftler an der Universität Zürich, am Telefon (andere nennen es «Kraut und Rüben»).
Basteln wir aus die Kirsche und der Kuchen das Wort Kirschkuchen, so kommen morphologische Prinzipien (Wortform) zum Tragen: Der Kirschkuchen erhält das Genus des Kuchens (die Kirsche dient lediglich dazu, den Kuchen näher zu beschreiben). Macht man aus einem Adjektiv und der Endung -heit ein Substantiv, so ist es immer feminin: die Krankheit. Im Französischen kann man aufgrund von Wortendungen für rund 80 Prozent der Wörter das Genus vorhersagen: Wörter auf -age sind häufig maskulin (le voyage), Wörter auf -ion feminin: la station. (Ob das Prinzip dahinter morphologisch oder phonologisch ist, ist umstritten, tut für unsere Zwecke aber nichts zur Sache.)
Deutsche Wörter wie Kirsche und Torte, die auf ein schwach lautendes -e enden, sind in 90 Prozent der Fälle feminin, Wörter auf -en wie Garten dagegen oft maskulin. Hier regiert die Lautung, also phonologische Prinzipien, die sich anhand von erfundenen Wörtern besonders gut illustrieren lassen: Wenn Sie von einem Grumpf hören – ist das ein maskulines, ein feminines oder ein neutrales Wesen? Tatsächlich ist es bei Wörtern mit nur einer Silbe oft so, dass Konsonantenhäufungen auf maskulines Genus hinweisen. Der Knatsch. Der Murks. Wahrscheinlich auch gemäss Ihrem Sprachgefühl der Grumpf.
Zurück zu Corona. Mit Covid verhält es sich ähnlich wie mit dem Kirschkuchen – zumindest, wenn man auf die Académie hört:
Covid ist ein Akronym, ein Wort, das sich aus Anfangsbuchstaben anderer Wörter zusammensetzt (corona virus disease). Es erhält, so betont es die Académie, das Genus des Kerns dieser Wortgruppe. Würde man Kirschkuchen etwa abkürzen mit KK, wäre es der KK, weil der Kuchen. Bei Covid ist der Kern the disease: im Englischen zwar ohne Genus, in der französischen Übersetzung aber la maladie und deshalb la Covid.
Wie kam nun fast ganz Frankreich und die Mehrheit der Romands auf die Idee, von le Covid zu sprechen?
Die Académie vermutet, le Covid sei einfach analog zu le virus entstanden. Gerade zu Beginn der Pandemie war noch nicht allen klar, dass Sars-CoV-2 le virus bezeichnet und Covid-19 la maladie.
Was die Académie nicht sagt: Vielleicht haben die Sprecherinnen wie beim Grumpf ihr phonologisches Sprachgefühl aktiviert und deshalb le Covid gesagt. Die Endung -id(e) ist ambivalent, etwa gleich viele maskuline und feminine Wörter enden so: la ride. Le liquide. Aber die maskulinen solchen Wörter scheinen tendenziell geläufiger zu sein, die femininen gehören oft zum technischen Wortschatz.
Zudem ist das Maskulinum in vielen Sprachen das unmarkierte, das unauffälligere Genus – das, was im Zweifel gewählt wird. (Damit argumentieren auch gern diejenigen, die sich gegen gendergerechte Sprache aussprechen – hierzu ein andermal mehr.)
Es gäbe also auch durchaus Gründe, Covid sein männliches Genus zu lassen.
Und im Deutschen? Sollte es die Covid heissen, analog zu die Krankheit? «Nein! Nie», sagt Sprachwissenschaftler Stephan Schmid, «zumindest gemäss meinem Sprachgefühl. Aber ich bin auch nur ein Datenpunkt im psycholinguistischen Fragebogen.»
Sie sehen schon: Man kann so oder so argumentieren. Und grammatische Regeln entstehen nicht nur durch akademische Lenkung, sondern auch und vor allem im tagtäglichen Gebrauch durch Sprecherinnen und Sprecher. Hören Sie doch wie der Sprachwissenschaftler auf Ihr Sprachgefühl – und das Ihrer Mitmenschen. Ihnen redet ja keine Regulatorin in die Sprache.
Richtig konsequent wäre es gewesen, das tönt die Académie an, wenn man nach den beiden lateinischen Wörtern corona und virus auch das lateinische morbus gewählt hätte. Es trage dieselbe Bedeutung, Krankheit, sei aber «universeller» als das englische disease. Chance verpasst, chère France: Hätte man sich in Eigenregie statt auf das globale Englische auf das zwar tote, aber «universellere» Latein bezogen, dürfte man nun getrost le Covim sagen – denn morbus ist maskulin.
Die wichtigsten Nachrichten des Tages
Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’871 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 9 Fälle mehr, wobei am Wochenende und an Feiertagen in der Regel weniger Personen getestet werden. Gestorben sind bisher im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung 1657 Personen.
Unterschriften sammeln erlaubt: Ab heute darf man in der Schweiz wieder Unterschriften für Volksinitiativen und Referenden sammeln. Das sei zwar wegen der Hygiene- und Verhaltensregeln nach wie vor schwierig, schreibt die Bundeskanzlei, aber ein «weiterer Aufschub ist nicht gerechtfertigt». Sie hat ein Schutzkonzept erarbeitet. Zu insgesamt 17 verschiedenen Anliegen sammeln Initiativ- und Referendumskomitees derzeit Unterschriften.
Bewegung an Pfingsten – ohne Masken: Am Pfingstwochenende waren Naherholungsgebiete und Ausflugsziele in den Bergen gut besucht, und dementsprechend stark belegt waren auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Masken trügen jedoch weniger als 5 Prozent der Reisenden, sagte eine Sprecherin von Postauto gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Trump verlässt WHO: Er drohte schon lange damit. Am Freitagabend hat der amerikanische Präsident nun kommuniziert, die Vereinigten Staaten würden ihre Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation beenden und die bisher dort investierten finanziellen Mittel anderen globalen Gesundheitsprojekten zur Verfügung stellen.
Die interessantesten Artikel
Zum schwedischen Sonderweg haben wir (und viele andere) schon an mehreren Stellen geschrieben, debattiert, Daten visualisiert. Falls Sie noch nach Fakten oder Argumenten für die abendliche Runde am Stammtisch oder auf der Picknickdecke suchen: Der deutsche «Spiegel» hat heute eine Zwischenbilanz in Zahlen publiziert.
Auch nach Neuseeland haben wir hin und wieder geblickt und damit auf Premierministerin Jacinda Ardern, die «ihre Landsleute mit scharfen Massnahmen und sanften Worten [durch die Corona-Krise] navigiert hat». Republik-Autorin Solmaz Khorsand hat die Neuseeländerin mit einem Seitenblick auf die Krise porträtiert.
Vielleicht sind Sie froh um die hiesigen Lockerungen. Aber vielleicht trauern Sie den ruhigeren Shutdown-Tagen doch etwas nach. Für diesen Fall möchten wir Ihnen einen Artikel der «New York Times» ans Herz – oder ans Ohr – legen: Hören Sie sich durch New York, vor und nach dem dortigen Lockdown.
Frage aus der Community: Ich habe eine Grafik gesehen, die Covid-19 im Vergleich mit anderen Todesursachen ganz oben zeigt. Krass. Ist das korrekt?
Sie meinen diese Grafik, die in den sozialen Netzwerken gerade wie wild geteilt wird? Sie stellt Covid-19 Ende Mai als häufigste Todesursache weltweit dar, vor Malaria und Mangelernährung.
Wir schicken voraus: Einzelne Werte oder deren genaue Verhältnisse zueinander haben wir nicht überprüft. Denn noch wichtiger als das, was diese Grafik zeigt, ist das, was sie nicht zeigt. Die Darstellung ist irreführend, denn der Autor betreibt systematische Rosinenpickerei:
Er lässt die häufigsten Todesursachen weg.
Weltweit sterben die meisten Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die zweithäufigste Todesursache ist Krebs – weit, weit vor Malaria und Mangelernährung. An Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben 2017 mehr als 17 Millionen Menschen, mehr als 9 Millionen an Krebs. Im Zusammenhang mit Covid-19 gab es bisher mehr als 370’000 Todesfälle (davon fast ein Drittel in den USA). Das sind richtig, richtig viele Todesfälle, und das zu betonen ist wichtig. Nicht weniger wichtig ist es aber, die Zahlen im korrekten Kontext zu zeigen.
Um fair zu bleiben: In der Fussnote zur Grafik steht ein Hinweis. Die aufgeführten Todesursachen entsprächen, ohne Covid-19, etwa 7 Prozent der jährlichen Todesfälle. Nur: Was die Grafik unterschlägt, kann die Fussnote in der Regel auch nicht mehr retten. Es ist ein bisschen wie mit Medikamenten: Die wichtigsten Informationen sollten da stehen, wo sie auch gelesen werden. Also eher nicht in der untersten Zeile der Packungsbeilage.
Zum Schluss ein Blick in die USA, wo Diskriminierung gerade mehrfach die Sterberaten mitbestimmt
Seit Tagen protestieren Menschen in den Vereinigten Staaten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt, nachdem vergangene Woche ein Polizist den Afroamerikaner George Floyd so lange mit dem Knie auf den Boden gedrückt hatte, bis er starb. «I can’t breathe», sagte Floyd, I can’t breathe steht auf Plakaten der Demonstrantinnen in den USA, in London, Berlin, heute auch an der Zürcher Langstrasse. Für Afroamerikaner ist das Risiko, durch polizeiliche Gewalt zu sterben, bedeutend höher als für weisse Amerikaner.
Auch an der Atemwegserkrankung Covid-19 sterben in den USA mehr Schwarze als Weisse – rund dreimal mehr. Warum?
Unsere Immunsysteme können sich unterschiedlich gut gegen Viren wehren. Und die Umgebung, in der wir aufwachsen und leben, prägt sie mit: unsere Ernährung, die Qualität der Luft, die wir atmen, unser Zugang zum Gesundheitssystem, der Stress, dem wir ausgesetzt sind. «Entbehrung» ist ein Risikofaktor – und sie trifft schwarze Amerikaner stärker als Weisse.
Forschende fanden aber auch systematische Diskriminierung jenseits von sozioökonomischen Ungleichheiten. Ärztinnen gehen mit Patienten je nach Hautfarbe unterschiedlich um. Dahinter steckt oft nicht bewusster Rassismus, wohl aber unbewusste diskriminierende Handlungen und Äusserungen.
In diesem Kontext ganz besonders:
Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.
Bis morgen.
Marie-José Kolly
PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: <email-pii>.
PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.
PPPS: Wird es eine zweite Welle geben? Die Frage beschäftigt uns immer wieder und vermutlich noch lange. Es ist aber eine ganz andere Frage als «Wird es nach dem Erdbeben noch Nachbeben geben?» – das schreibt Samia Hurst, Bioethikerin an der Universität Genf, in einem Tweet. Es sei eher so wie bei der Frage, ob die Nachbarn noch weitere Kinder kriegen würden – es komme halt auf ihr Verhalten an.