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Die Akupunktur ist die am weitesten verbreitete Therapieform der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). In China wird die Akupunktur seit mindestens 3.000 Jahren praktiziert, womit sie eine der ältesten Behandlungsformen überhaupt ist. Neueste Funde aus der Steinzeit weisen darauf hin, dass die Anfänge möglicherweise sogar 8.000 Jahre zurückreichen.
Prinzip
Im Mittelpunkt des medizinischen Konzeptes der Akupunktur steht die Vorstellung einer universellen, fliessenden Lebenskraft (Qi), durch die alle Lebensäusserungen sowie die Funktion sämtlicher innerer Organe (z.B. Magen, Lunge und Nieren) beeinflusst werden. Wird dieser Fluss gestört oder ist schlicht zu wenig Energie vorhanden, entwickeln sich Krankheiten, Schmerzen oder andere gesundheitliche Beeinträchtigungen.
Das Qi fliesst durch sogenannte Meridiane, die den Körper wie Verkehrswege durchziehen und mit der notwendigen Lebensenergie versorgen. Es existieren 12 paarige und 2 unpaarige Hauptleitbahnen, auf denen insgesamt 361 Akupunkturpunkte liegen. Diese können entweder durch Druck (Akupunktmassage) oder durch Akupunkturnadeln stimuliert werden, sodass sich die Energieflüsse harmonisieren.
Bei einem aufrecht stehenden Menschen verlaufen sechs der 12 paarigen Meridiane von oben nach unten. Dies sind die Yang-Meridiane, die das männliche, aktive Prinzip verkörpern. Die sechs Yin-Meridiane verlaufen in umgekehrter Richtung und bilden die weibliche, nährende Seite des Kosmos ab. Die beiden unpaarigen Meridiane verlaufen an der hinteren und der vorderen Mittellinie des Körpers.
Ein gesundes Leben ist nach Vorstellung der Chinesen nur möglich, wenn sich beide Polaritäten (Yin und Yang) in einem harmonischen Gleichgewicht befinden. Mithilfe der Akupunktur lässt sich die Balance zwischen den Polaritäten wiederherstellen. Die Lebenskräfte werden aktiviert, sodass der Patient eine deutliche Steigerung der Lebensfreude und des Selbstwertgefühls erfährt. Weitere Effekte sind eine verbesserte Immunabwehr und eine Reduzierung von Stress, der nach neuesten Erkenntnissen für mehr als 80 Prozent aller Krankheiten verantwortlich ist.
Wirkungsweise
Bei einer Akupunkturbehandlung werden die Punkte, die sich entlang der Meridiane befinden, durch Nadeln aktiviert. Das Ziel besteht darin, die den Punkten zugeordneten Organe zur Selbstheilung anzuregen. Der genaue Wirkmechanismus ist bisher nicht gänzlich geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass der von den eingestochenen Nadeln ausgehende Reiz bestimmte Reaktionen von Gewebe- und Nervenzellen bewirkt.
Um die Wirkungsweise der Akupunktur zu verstehen, ist es notwendig, sich gedanklich von westlichen Behandlungskonzepten zu lösen. Die Schulmedizin konzentriert sich in der Regel auf das Beseitigen von Symptomen; bei der chinesischen Medizin wird dagegen ein ganzheitlicher Behandlungsansatz verfolgt. Der Körper wird als eine komplexe Ansammlung von Systemen gesehen, die miteinander in Beziehung stehen. Die Akupunktur stellt insofern einen Gegenentwurf zur Schulmedizin dar, bei der zumeist versucht wird, die betroffenen Körperzonen bzw. Organe direkt zu behandeln.
Akupunktur: Einsatzgebiete und Indikationen
In westlichen Ländern wird die Akupunktur hauptsächlich zur Schmerzlinderung eingesetzt. Dabei wird oft übersehen, dass diese uralte Therapieform bei einer Vielzahl von Erkrankungen eine deutliche Besserung des Gesundheitszustands bewirken kann. Hier sind einige der wichtigsten Anwendungsgebiete der Akupunktur:
- Akne
- Angststörungen und Depression
- Burn-out-Syndrom
- Chronische Sinusitis und Bronchitis
- Erkrankungen des Bewegungsapparates
- Krebsleiden
- Lähmungen
- Migräne
- Polyneuropathie
- Regelstörungen
- Rheuma
- Schwangerschaftsübelkeit
- Tennisellbogen
- Tinnitus
- Trigeminusneuralgie
- Verdauungsstörungen (z. B. Reizdarm)
Des Weiteren kann die Akupunktur auch zur Behandlung von Suchterkrankungen (z.B. Heroin- oder Alkoholabhängigkeit), bei Störungen in den Wechseljahren, zur Geburtsvorbereitung sowie in der Schlaganfall-Rehabilitation eingesetzt werden.
Diagnose
Vor einer Akupunkturbehandlung wird eine ausführliche Erhebung des Istzustandes vorgenommen. Dabei verlässt sich der Arzt auf seine Sinne und sucht den Körper nach Mustern ab, die auf einen gestörten Energiefluss hindeuten. Weitere Bestandteile der Diagnose sind Wärme- und Kälteempfindungen, die Gesichts- und Pulsdiagnose sowie die Zungendiagnose (siehe unten). Der Befund wird nach den acht Kategorien Yang-Yin, Aussen-Innen, Schwäche-Fülle und Hitze-Kälte erstellt.
Zungendiagnostik
Die Zungendiagnostik ist eine der wichtigsten Untersuchungstechniken der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die Zunge wird als ein Spiegel des Körpers betrachtet, der intensiv mit dem Gehirn und den inneren Organen vernetzt ist. Verändert sich das Aussehen dieses wichtigen Körperteils, ist es sehr wahrscheinlich, dass die korrespondierenden Bereiche des Organismus ebenfalls Veränderungen aufweisen.
Zur Bewertung der Zunge werden folgende Parameter herangezogen:
- Beweglichkeit
- Form
- Grösse
- Spannkraft
- Zustand der Oberfläche
- Zustand der Unterseite (insb. der Venen)
Hier sind einige Beispiele für Veränderungen, die auf Störungen im Körper des Patienten hinweisen können:
- Braune Färbung → Verdauungsstörungen und krankhafte Veränderungen im Darm
- Gelbliche Beläge → Störungen von Galle oder Leber
- Intensive Rotfärbung → Scharlach
- Dicker, weissgelber Belag → Pilzinfektion
- Gräuliche Färbung → Blutarmut
- Zahlreiche Zahnabdrücke und ungleichmässiger Belag → Verdauungsstörungen
In der chinesischen Medizin gilt die Zunge (ähnlich wie Fusssohlen, Ohrmuscheln und Handflächen) als Träger von Reflexzonen. Eine Massage wirkt sich positiv auf die Funktion der inneren Organe aus; allerdings wird eine solche Behandlung von einigen Menschen als unangenehm empfunden.
Verlauf einer Akupunkturbehandlung
Bei einer Akupunktursitzung wird der Patient entspannt gelagert. Typischerweise liegt er oder sie auf einer Liege oder sitzt bequem. Vor dem Einstechen einer Nadel wird die jeweilige Stelle leicht massiert. Beim Einführen verspürt der Patient eine schwache elektrisierende Empfindung, die nach kurzer Zeit verschwindet.
Richtig durchgeführt, ist eine Akupunkturbehandlung kaum schmerzhaft. Es wird jedoch angestrebt, ein individuelles Nadelgefühl auszulösen, das auch als „De Qi“ bezeichnet wird. Charakteristisch ist ein dumpfes, ziehendes Gefühl am Einstichpunkt. Manche Patienten berichten auch von Wärmeempfindungen. Nach Vorstellung der Chinesen ist das „De Qi“-Gefühl ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Lebensenergie sich harmonisiert hat und wieder im Fluss ist.
Der Therapieerfolg wird begünstigt, wenn man tief und ruhig in den Brustkorb hineinatmet. Auf diese Weise gelingt zum einen mehr Sauerstoff in den Körper, zum anderen lösen sich durch die verlängerte Ausatmung Spannungen.
Behandlungsfrequenz
Die Behandlungsfrequenz wird auf Basis der anfänglich erstellten Diagnose in einem Therapieplan festgelegt. Üblicherweise werden pro Woche eine oder zwei Sitzungen durchgeführt. Zwischen den beiden Behandlungsserien, von denen jede 10 bis 12 Termine beinhaltet, wird eine mehrwöchige Pause eingelegt.
Alles in allem dauert eine Akupunkturbehandlung zwischen 3 und 5 Monaten. Je nach Befund kann die Therapiedauer aber auch verlängert oder verkürzt werden. Bei Krankheitsbildern wie Migräne oder Kopfschmerzen werden nach einigen Monaten 2 bis 3 Sitzungen zur Auffrischung durchgeführt.
Arten von Akupunkturnadeln
Für die verschiedenen Anwendungen stehen Medizinern eine Vielzahl unterschiedlicher Arten von Akupunkturnadeln zur Verfügung. Am häufigsten werden Nadeln aus dünnem Edelstahl verwendet, die nach der Behandlung entsorgt werden. Bei der Ohrakupunktur werden hauptsächlich Silber- oder Goldnadeln eingesetzt.
Die Länge der Nadeln hängt in erster Linie davon ab, in welchen Bereich des Körpers sie eingestochen werden sollen. Im Gesichtsbereich bieten sich kürzere Nadeln von wenigen Zentimetern Länge an, während bei der Behandlung von Muskelsträngen weitaus längere Nadeln zum Einsatz kommen.
Nebenwirkungen der Akupunktur
Wie bei den meisten alternativen Behandlungsmethoden (unter anderem bei der Silbertherapie) zeigen sich auch bei der Akupunktur nur wenige Nebenwirkungen, die allesamt harmlos sind. Dazu gehören beispielsweise kleine, punktförmige Blutungen an den Einstichstellen. Mitunter bildet sich auch der eine oder andere blaue Fleck.
Bei sensibel reagierenden Patienten kann es zu vorübergehendem Herzklopfen oder vermehrtem Schwitzen kommen. Dies ist jedoch als Zeichen dafür zu sehen, dass das autonome Nervensystem durch die Behandlung angesprochen wurde. In sehr seltenen Fällen kommt es zu einer Nervenzreizung, die bis zu vier Wochen anhalten kann.
Während der Behandlung treten oft körperliche Reaktionen wie Kribbeln oder Zittern auf. Derartige Empfindungen sind darauf zurückzuführen, dass sich die für die Krankheit verantwortlichen Blockaden lösen und die Energie beginnt, wieder ungehindert durch den Körper zu fliessen.