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1937 wurde im nationalsozialistischen Deutschland das «Gesetz über die Neugestaltung deutscher Städte» erlassen. Mit sogenannten Gauforen sollte ein monumentales Zeichen der Herrschaft der NSDAP gesetzt werden. Den Grossplanungen lag ein einheitliches Schema zugrunde: eine „Halle der Volksgemeinschaft“ und ein Aufmarschplatz mit Partei- und Verwaltungsbauten. Das Gauforum Weimar ist die einzige bis 1944 weitgehend fertiggestellte Anlage dieser Art.
1974, zur Zeit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), wurde die ehemalige Gauhalle zu einer Mehrzweckhalle umgestaltet, 2001, nach dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung beider Deutschland, sollte sie zu einem Einkaufszentrum, Erlebnispark und „Welcome-Center“ mit historischer Dokumentation für Touristen umgebaut werden. Die Stadt liess 2002 zwei Gutachten einholen, welche die Möglichkeiten bei der Fassadengestaltung für das „Weimar Atrium“ aufzeigen und gewährleisten sollten, dass das Gauforum denkmalpflegerisch sinnvoll erhalten bleibt.
Wenn es um den Erhalt eines Gebäudes geht, bedeutet entwerfen auch, eine Nutzung zu finden, die sich als neuer Sinn in seine Struktur einzuschreiben vermag. Es kann aber ebenso sein, dass die Weigerung, ein Gebäude neu zu nutzen, die einzige mögliche Antwort auf die gestellte Frage ist.
Das Gutachten von Diener & Diener schlug vor, die Halle von den Einrichtungen aus der DDR-Zeit zu befreien und ihre gewaltige nackte Stahlbetonkonstruktion zu zeigen: als Mahnmal für oder besser gegen den Nationalsozialismus – und das Einkaufszentrum wie eine Markthalle auf der grossen, vom Appellplatz zum Parkplatz umfunktionierten Freifläche vor der Gauhalle zu errichten – ein Platz, dessen wechselnde Namen die Geschichte spiegeln: Karl-August-, Adolf-Hitler-, Karl-Marx- und schliesslich geschichtslos Weimar-Platz.
Die „Halle der Volksgemeinschaft“ auf den Zustand von 1944 zurückzubauen, macht den Bau in seiner architektonischen wie in seiner politischen Dimension als Denkmal unter freiem Himmel erlebbar. Erst die Entblössung legt die unklar gewordene Bedeutung des Bestands wieder frei: Die ihrer Bestimmung nie übergebene Halle steht nur da, ohne Nutzung, ohne anderen Nutzen als den, uns an den Wahn des „Dritten Reiches“ zu erinnern. Anstatt die Geschichte zu entsorgen, wird sie durch dieses eindrückliche Monument des nationalsozialistischen Herrschaftsanspruchs und seines Scheiterns zurückgeholt – wäre zurückgeholt worden, muss man hinzufügen, denn inzwischen ist das „Weimar Center“ in Betrieb.
Mit Auszügen aus: Martin Steinmann, Architecture engagée – Notizen zu Diener & Diener, in: Diener & Diener. London/New York: Phaidon, 2011; Ulrike Steiner, Gauforum Weimar. Rückholung der Erinnerung, in: Von Innen und Aussen bewegt. Diener & Diener, München: Architekturmuseum der TU München, 2004.
Wettbewerb: 2002
Datum: 2002—
Ort: Weimar, Deutschland
Programm: Einkaufszentrum