Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03267.jsonl.gz/208

Das Bauchfett – der «neue» Killer!
Nein, neu ist die Erkenntnis nicht, dass das Körperfett nicht in jedem Fall die gleiche gesundheitliche Bedeutung hat. Schon lange glaubten wir zu wissen, dass die «typischen» weiblichen Rundungen mit einer Ansammlung von Fett hauptsächlich im Bereich von Hüften, Gesäss und Oberschenkeln gesundheitlich weniger gefährlich seien als der Bauch, im Volksmund liebevoll auch «Trommel» genannt. Wir müssen im «D-Journal» weit zurückblättern, bis wir den Artikel finden, welcher den Zusammenhang zwischen der Fettverteilung und dem Diabetesrisiko bespricht. Es wird dort gesprochen vom Apfeltyp mit bauchbetonter Fettverteilung und dem Birnentyp mit vorwiegendem Gesässfett. Wer diese Einteilung nicht einfach «von blossem Auge» machen will, der wird den Taillenumfang und den Hüftumfang messen und das Verhältnis der beiden Messungen als Zahl ausdrücken. Dieses «Taillen-zu-Hüft-Verhältnis» oder auf englisch waist to hip ratio = WHR sollte bei Männern möglichst unter 1,0 liegen, bei Frauen – die im Allgemeinen eine breitere Hüfte haben – unter 0,85.
Interessanterweise sind Apfel, Birne und WHR in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund gedrängt worden. Es wurde üblich, die Körpermasse auszudrücken in Form des body mass index = BMI. Dieser wird definiert als Körpergewicht (in kg) geteilt durch das Quadrat der Körpergrösse (in Metern). Der allseits bekannte und akzeptierte «kritische» Wert liegt bei 25,0 kg/m2. In zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass nicht nur die Wahrscheinlichkeit, einen Typ-2-Diabetes zu bekommen, sondern auch das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag zu erleiden, abhängig ist vom BMI – jedenfalls bei uns Europäern. Dies gilt indes viel weniger ausgeprägt bei Menschen aus dem Nahen und Fernen Osten. In der Tat haben diese bei gleichem BMI eindeutig mehr Körperfett. Dies zeigt deutlich die Limite der BMI-Messung, insbesondere wenn verschiedene Menschenrassen verglichen werden.
In einer kürzlich durchgeführten epidemiologischen Studie – der Interheart study – wurde das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden verglichen mit dem body mass index einerseits und dem Bauchumfang, der vereinfachten Variante der «waist to hip ratio», anderseits. Die Untersuchung von immerhin 27000 Menschen in 52 Ländern zeigte dabei, dass der Bauchumfang das Herzinfarkt-risiko klar besser voraussagen kann als der BMI.
Allerdings gilt auch bei dieser Messung, welche üblicherweise im Stehen gemacht wird, mit dem Messband auf dem Beckenknochen aufliegend, dass die absoluten Werte nicht für die Menschen aller Rassen das gleiche Risiko angeben. Wie aufgrund des oben Gesagten erwartet werden kann, haben Menschen aus dem Nahen und Fernen Osten schon bei geringerem Bauchumfang ein erhöhtes Infarktrisiko. Die kritischen Werte sind in der Tabelle zusammengefasst. Die für uns gültigen Limiten liegen bei 88 cm bei Frauen und bei 102 cm bei Männern.
Das wirkliche «Gift» für Herz und Kreislauf ist allerdings nicht das Fett, das wir unterhalb der Haut (subkutan), aber ausserhalb des Bauchfells mit uns tragen, sondern dasjenige, das die inneren Organe umgibt bzw. zum Teil sogar in sie eingelagert wird. Der Fachmann spricht von intraabdominellem oder viszeralem Fett. Gut bekannt ist die Fettleber, die bei Leuten mit einem metabolischen Syndrom nicht selten ist. Wie der Körper entscheidet, von einem gewissen Punkt an das Fett nicht allein subkutan zu speichern, sondern auch innerhalb des Bauchraumes einzulagern, ist noch nicht in allen Einzelheiten geklärt. Wahrscheinlich steht jedem Menschen individuell
ein gewisser Speicherraum zur Verfügung. Ist dieser aufgebraucht, beginnt sich das Fett im Sinne eines «Überfliessens» auch intraabdominell einzulagern. Auch bei sehr stark übergewichtigen Leuten sind dies letztlich «nur» ein paar Kilogramm. Diese sind allerdings von herausragender gesundheitlicher Bedeutung.
Erfreulicherweise besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen der Abnahme von subkutanem und von intraabdominellem Fett. Wir dürfen darauf zählen, dass jedes Kilogramm, das wir durch Fasten abnehmen können, automatisch auch zu einer Reduktion des Bauchfetts führt. Mit jedem Zentimeter Bauchumfang verlieren wir auch Fett im Bauch. Gleiches gilt übrigens auch für regelmässige körperliche Aktivität. Nicht selten stellen Leute fest, dass sie nach Aufnahme einer sportlichen Tätigkeit ihren Gürtel zwar enger schnallen können, auf der Waage aber keinen sichtbaren Erfolg haben. Fett wird offensichtlich umgebaut in Muskeln. Wegen der Abnahme des Bauchumfangs verringert sich das intraabdominelle Fett trotz fehlender Gewichtsreduktion.
Zum Schluss noch etwas Interessantes und auch Tröstliches: Gesundheit lässt sich, zumindest was den Stoffwechsel anbetrifft, nicht kaufen. Wird Fett nämlich nicht auf «natürlichem» Weg verloren, also durch Fasten, sondern abgesaugt, was ja nur ausserhalb des Bauchraumes möglich ist, können keinerlei gesundheitliche Effekte gemessen werden. Blutzucker, Blutdruck und Blutfette bleiben gänzlich unverändert. Auch begüterte Menschen, welche sich das Absaugen von Fett leisten können, profitieren gesundheitlich nur, wenn sie weniger essen!
Dr. med. K. Scheidegger