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Diop: In verschiedenen Koans werden Gleichnisse verwendet, um das Wesentliche auszudrücken.
WW: Das ist richtig. Bilder können das Wesentliche oft besser darstellen als viele Worte.
Diop: Können Sie mir dazu ein Beispiel geben?
WW: Gerne. Kyozan fragte den Chuyu: „Was bedeutet Buddhanatur?“ „Ich will es dir mit einem Gleichnis erklären“, sagte Chuyu. „Stell’ dir einen Raum vor mit sechs Fenstern. Darin befindet sich ein Affe. Draußen schreit jemand ‘Affe, Affe!’. Er antwortet sofort. Wenn jemand durch irgendein Fenster ‘Affe!’ ruft, dann antwortet er genauso. Das ist alles.“ „Und wenn der Affe schläft?“, fragte Kyozan. Chuyu stand aus seinem Zensitz auf, packte Kyozan und sagte: „Affe, ich hab’ dich!“
Diop: Welches Bild spricht Kyozan mit diesem Affen an?
WW: Was bedeutet Buddhanatur? Immer wieder wird im Zen nach dem Geheimnisvollen, dem Unergründlichen, der Buddhanatur gefragt. Worte können es nicht erklären, denn sie ist ein großes Geheimnis. Ein Geheimnis, das offen vor uns ausgebreitet liegt. Sie ist unsere eigene Ursprünglichkeit und Reinheit. Sie ist das, was unter all unseren Verkrustungen und Verhärtungen liegt. Sie ist reinste Natürlichkeit, ohne dass etwas daraufgesetzt oder hinzugetan wird. Unsere Buddhanatur ist reinstes Bewusstsein, das einfach nur wahrnimmt. Natürlich ist es sehr schwer, dies zu erklären. Und so geht es auch Chuyu. Deshalb erklärt er es anhand eines Gleichnisses. Er sagt: „Stell’ dir einen Raum vor mit sechs Fenstern. Darin befindet sich ein Affe. Draußen schreit jemand ‘Affe, Affe!’. Er antwortet sofort. Wenn jemand durch irgendein Fenster ‘Affe!’ ruft, dann antwortet er genauso. Das ist alles.“ Das ist das perfekte Echo der Leerheit. Schmerz ist nur Schmerz, Ton nur Ton, ohne jegliche Überlagerung, ohne Kommentator im Hintergrund. Chuyu will damit zum Ausdruck bringen, dass unsere Buddhanatur eigentlich so leer wie ein Raum ist. Aber dieser Raum hat sechs Fenster. Gemeint sind damit unsere fünf Sinne einschließlich des Bewusstseins. Nun dringen durch diese Fenster, unsere Sinnesorgane, Laute, die wir hören, Gerüche, die wir riechen, Formen, die wir sehen, usw. ein. Wenn jemand durch irgendein Fenster ‘Affe!’ ruft, dann antwortet er genauso. Das ist alles.“ Von draußen nehmen wir wahr „kalt“ und innen nehmen wir wahr „kalt“. Das ist alles. Von außen hören wir „Thomas“, innen hören wir „Thomas“. Das ist alles. Es ist gleichsam das Echo der Leerheit, wie ich es einmal genannt habe. Da wird nichts hinzugetan oder beurteilt. Es ist der glasklare Augenblick. Wir nehmen ihn jedoch nicht wahr, wenn wir das Fenster mit unseren Ansichten und unserem Beurteilen trüben. Jemand ruft „Thomas!“, und Thomas denkt: „Was will er denn nun schon wider von mir!“
Diop: Sie meinen, wir färben die Wirklichkeit ein?
WW: Ja. Johannes vom Kreuz erklärt es mit Hilfe eines Sonnenstrahls, der durch ein Fenster fällt. Er sagt: „Ein Sonnenstrahl fällt auf ein Glasfenster. Ist das Fenster nun durch Flecken getrübt oder angelaufen, so kann der Strahl es nicht erhellen und ganz in sein Licht umgestalten, wie wenn es frei von diesen Trübungen und durchsichtig wäre. Vielmehr wird es umso weniger erhellen, je weniger es von Trübungen und Flecken frei ist, und umso besser, je reiner es ist. Das liegt nicht am Strahl, sondern am Fenster.“ Dasselbe, was da hört, ist das, was gehört wird. Hörer und das Gehörte fallen in eins zusammen. Das, was hört, ist unsere Buddhanatur, das, was sieht, ist unsere Buddanatur. Das, was fühlt, ist unsere Buddhanatur. Unsere Augen sehen eine Vielzahl von Farben und Formen, unsere Ohren hören viele Geräusche. In dieser nichtdualen Achtsamkeit sollten wir verweilen. Wenn wir einfach still sind, werden wir den Ort erreichen, wo es keinen Fortschritt mehr gibt, kein Festhalten, kein Anhalten. Wenn wir alles ablegen, werden wir die Wahrheit erkennen.
Diop: Aber gibt es nicht in der buddhistischen Literatur diese häufig verwendete Metapher vom Affen, womit der gesamte Ablauf der Schaffung und Entwicklung des Ich umschrieben wird?
WW: Ja. Die Metapher spricht von einem Affen, der in einem leeren Haus mit fünf Fenstern eingesperrt ist. Die Fenster stehen für unsere fünf Sinne. Der Affe ist sehr neugierig; er streckt seinen Kopf aus jedem Fenster heraus und springt rastlos hin und her. Er ist in diesem leeren Haus gefangen. Dieses Haus ist begrenzt – ganz anders als der Urwald, wo der Affe umherhüpfte und sich von Ast zu Ast schwang. An diesem Punkt scheint die Zeit auf als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wo er das Rauschen des Windes in den Blättern und Zweigen hören konnte. Dies alles ist nun zu Materie erstarrt und zu seinem Gefängnis geworden. Anstatt auf einem Baum zu sitzen, ist der neugierige Affe nun von den Wänden einer materiellen Welt eingeschlossen, so als wäre ein lebendiger Wasserfall plötzlich zu Eis gefroren. In diesem erstarrten Haus ist es vollkommen still. Hier nimmt die Geschichte ihren Anfang. Das ständig fließende Leben wird zu greifbarer Zeit, zu einer festen Vorstellung von Zeit. Der neugierige Affe erwacht aus seiner Bewusstlosigkeit, doch er ist nicht völlig wach. Er stellt nur fest, dass er sich als Gefangener in einem Haus mit nur fünf Fenstern befindet. Er langweilt sich, indem er versucht, die Eisenstangen hinauf- und hinabzuklettern. Er wird durch die Vorstellung der Gefangenschaft derart fasziniert, dass sie ihm tausendfach verstärkt erscheint. Das Gefühl von Klaustrophobie wird immer lebendiger und akuter, je mehr er das eigene Eingesperrtsein zu erforschen beginnt. Dieses starke Interesse ist mit der Grund, dass er eingesperrt bleibt. Er ist ein Gefangener seiner eigenen Faszination. Natürlich ist unser neugieriger Affe nicht unaufhörlich mit Nachforschen beschäftigt. Langsam beginnt er zu merken, dass sich alles ständig wiederholt und uninteressant wird. Das lässt ihn neurotisch werden. Begierig auf Ablenkung, macht er sich an die nähere Untersuchung der Wände, um sich zu vergewissern, ob ihre scheinbare Festigkeit auch wirklich stabil ist. Der Versuch, nach dem Raum zu greifen und ihn zu besitzen, ist Verlangen. Wenn ihm der Raum als ein Gefängnis erscheint, aus dem er sich zu befreien sucht, ist das Hass. Hass ist eine Geisteshaltung, ein Gefühl, sich gegen das Eingeschlossensein wehren zu müssen. Schließlich wird der Affe ignorieren, dass er eingesperrt ist. Er stellt sich taubstumm und wird damit gleichgültig und träge gegenüber dem Geschehen, von dem er umgeben ist. Das ist Dummheit. Weil er nicht weiß, wie er in diesem Gefängnis gelandet ist, nimmt er an, er sei schon immer darin gewesen, und vergisst, dass er selbst es war, der den Raum zu festen Wänden gemacht hat. Wir haben eine unverrückbare Meinung darüber, wie die Dinge sind und wie sie sein sollten. Das ist Projektion. Wir projizieren unsere eigene Version von den Dingen auf das, was da ist. Damit aber tauchen wir ein in eine selbsterschaffene Welt von widerstreitenden Wertungen und Anschauungen.
Diop: Mein Affe im Inneren ist ein sehr geschwätziger Affe. Es will nicht das, was von draußen hereinkommt, er ist nie damit zufrieden.
WW: Wir können ihn nicht zum Schweigen bringen. Er schläft nie, ist immer präsent, deshalb packt ihn Chuyu, um ihn in die Wirklichkeit zu stoßen. Im Vers zum Koan heißt es: „Sieh dir die wechselnden Umstände an: Der Frühlingswind bläst und bewegt die Asche in der Pfeife.“
Diop: Was bedeutet das?
WW: Einen gefällten Bambus man nennt man „Pfeife“. Das eine Ende wird mit Asche gefüllt. Wenn nun der Wind geht, bläst er die Asche heraus und leert die Röhre. Die Form wird immer leerer.
Diop: Das ist ein schönes Bild für das Wirken der Leerheit.
WW: Ja. Nur auf diese Weise kann wirklich ein neues Leben entstehen.
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