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Psychologie
Interpretation und Wahrnehmung
Eric Kandel, geboren 1929 in Wien, emigrierte 1939 mit seiner jüdischen Familie in die USA und ist seit 1974 Professor an der Columbia University in New York. Im Jahre 2000 erhielt er den Nobelpreis für Medizin.
Das Geistesleben vom Wien der Jahrhundertwende liege ihm im Blut, schreibt er, wo "die angesehensten Köpfe der Wissenschaft, Medizin und Kunst eine Revolution in Gang setzten, die den Blick auf den menschlichen Geist und die menschliche Wahrnehmung für immer verändern sollte", wie der Verlag zu Recht verlauten lässt.
Die Bedeutung unseres unbewussten Geisteslebens, das bereits Platon im 4. Jahrhundert vor Christus und im 19. Jahrhundert besonders Schopenhauer und Nietzsche bewusst war, wurde nicht nur von Freud, sondern auch von Schnitzler, Klimt, Kokoschka und Schiele propagiert. "Charakteristisch für diese Epoche, die die Wiener Moderne einläutete, war der Versuch, mit der Vergangenheit zu brechen und in der Kunst, Architektur, Psychologie, Literatur und Musik neue Ausdrucksformen zu erforschen. Sie war die Geburtsstunde der bis heute anhaltenden Bestrebungen, diese Disziplinen miteinander zu verknüpfen." Dass es solche Bestrebungen Einzelner geben mag, bezweifle ich nicht, doch scheint mir die Entwicklung eher in die entgegengesetzte Richtung zu gehen - immer noch eine neue Disziplin wird erfunden.
Der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Kunst, für den Kandel plädiert, in Gang zu bringen, ist nicht einfach und erfordert möglicherweise besondere Umstände. "Wien um 1900 gelang der Schritt hierzu, weil die Stadt relativ klein war und - mit Universität, Kaffeehäusern und Salons - ein soziales Klima bot, in dem Wissenschaftler und Künstler leicht einen Gedankenaustausch pflegen konnten. Zudem profitierte dieser erste Dialog von der Entwicklung eines gemeinsamen Interesses, das sich auf unbewusste geistige Prozesse konzentrierte."
"Das Zeitalter der Erkenntnis" ist ein auf vielfältige Weise informatives, nicht immer leicht zu lesendes Buch, das mich immer mal wieder verblüfft innehalten liess. So malte Kokoschka im Frühjahr 1910 den Psychiater Auguste Forel und zwar so, dass der Betrachter den Eindruck hat, Forel habe einen Schlaganfall in der linken Hirnhälfte erlitten. Forel hatte die Wahl, das Porträt anzunehmen oder abzulehnen - und lehnte ab. Zwei Jahre später erlitt er einen Schlaganfall, "der sein Gesicht und seinen Arm genauso in Mitleidenschaft zog, wie Kokoschka es gemalt hatte. Ob Kokoschka die Abbildung zufällig so angefertigt hatte oder ob der Blick des Künstlers für Details und sein Gespür für die physische und psychische Konstitution seines Modells ihn befähigt hatten, eine vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns als Vorboten eines Schlaganfalls zu erkennen, bleibt ungeklärt."
Mein besonderes Interesse gilt der visuellen Wahrnehmung und dazu hat Kandel Spannendes zu berichten: "Würde sich das Gehirn allein auf die Informationen stützen, die es von den Augen erhält, wäre Sehen sogar unmöglich." Beim Sehen geschieht ein sogenannter Top-down-Prozess der Hypothesenüberprüfung und das meint, dass bevor wir ein Objekt wahrnehmen können, muss unser Gehirn, ausgehend von Informationen, die ihm die Sinne liefern, bereits unbewusst schlussfolgern, um welches Objekt es sich handeln könnte.
Gombrich erkannte, dass der Akt des Sehens wesentlich auf Interpretation beruht. Sobald wir etwas sehen, interpretieren wir dieses etwas unbewusst. "Die Interpretation ist also ein untrennbarer Bestandteil der visuellen Wahrnehmung."
Neben dem Top-down-Prozess der Hypothesenüberprüfung gibt es auch die Bottom-up-Verarbeitung und das meint, dass nicht nur das Gehirn dem Körper Informationen liefert, sondern ebenso der Körper dem Gehirn. Der kognitiven oder bewussten Erfahrung eines Gefühls geht eine physiologische Reaktion des Körpers vor. "Wenn wir also in eine potentiell gefährliche Situation geraten - ein Bär sitzt mitten auf unserem Weg - , beurteilen wir nicht zuerst bewusst die Angriffslust des Bären und empfinden dann Angst. Vielmehr reagieren wir zunächst rein instinktiv und unbewusst auf den Anblick des Bären - wir stürzen Hals über Kopf davon - wir empfinden erst später bewusst Angst."
"Das Zeitalter der Erkenntnis" erläutert anhand zahlreicher Forschungsergebnisse (das Werk liest sich weitestgehend wie eine Geschichte der Hirnforschung im 20. Jahrhundert), wie Wahrnehmung funktioniert. So stellte etwa der Psychologe Nico Frijda fest, dass, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, entscheidend dafür ist, was wir fühlen. "Aufmerksamkeit ist gleichsam der Dirigent eines Sinfonieorchesters, der verschiedenen Instrumentengruppen - Streichern, Hörnern, Holzbläsern - zu unterschiedlichen Zeiten ihren Einsatz gibt, um jeweils andere musikalische Effekte, andere bewusste Erfahrungen zu erzielen."
Eric Kandel glaubt, nichts im geistigen Leben sei dem Zufall überlassen und vertritt einen reduktionistischen Ansatz. Die Befürchtung vieler, "dass eine reduktionistische Betrachtung menschlichen Denkens die Faszination, die geistige Vorgänge auf uns ausüben, vermindert oder sie trivialer erscheinen lässt" teilt er hingegen nicht; er hält das Gegenteil für wahrscheinlicher: "Zu wissen, dass das Herz eine muskuläre Pumpe ist, die das Blut durch den Körper transportiert, hat unsere Bewunderung für seine grossartige Funktionsweise nicht im Geringsten geschmälert."
Fazit: eine wunderbar lehrreiche Lektüre. Übrigens: das Buch ist schon allein deswegen zu empfehlen, weil es sehr schön gemacht ist, vor allem die Bildqualität der Gemälde ist exquisit.