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Neozoe: Schwebegarnelen
neue funde
Am Bodensee wurden diverse Stellen nach Schwebegarnelen abgesucht. Zwischen Konstanz und Friedrichshafen wurden überall einzelne Garnelen oder auch grössere Schwärme gefunden. Der Bodensee-Obersee ist also bereits über grosse Strecken besiedelt. Vom Untersee gibt es noch keine Nachweise, es muss aber angenommen werden, dass die Garnele auch hier schon drin ist.
"Crevetten" im Bodensee und Genfersee
Im August 2006 wurden im Bodensee bei Bregenz bei Gewässeruntersuchungen viele kleine „Garnelen“ entdeckt.
Es handelte sich dabei um „Schwebegarnelen“, durchsichtige, 1–1.5 cm grosse Krebschen, die in Ufernähe im Wasser oder in Grundnähe schwimmen und sich von winzigen Planktonorganismen ernähren. Die Heimat der Schwebegarnelen ist die Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. In Mitteleuropa kommen sie natürlicherweise nicht vor. Die 4–5 cm grossen Süsswassergarnelen, die man im Rhein oder im Gardasee findet, gehörten in andere Krebsfamilien und sind nicht mit den viel kleineren Schwebegarnelen verwandt.
Schon seit einiger Zeit machen sich verschiedene Wassertiere aus der Schwarzmeerregion in Mitteleuropa breit, bekanntestes Beispiel ist die Wandermuschel („Dreikantmuschel“, „Zebramuschel“), die in den siebziger Jahren den Anfang machte. Es folgten der Höckerflohkrebs und andere Flohkrebsarten, die Donauassel, verschiedene Wurmarten und bald werden wohl auch die ersten Fische aus dem Donaugebiet bei uns auftauchen. Auch aus Übersee und Asien gelangen Tiere zu uns, die sich in einigen Fällen erfolgreich ansiedeln und stark vermehren können. Diese Neuankömmlinge schwimmen nicht aus eigener Kraft nach Mitteleuropa, sondern werden mit Schiffen oder Frachtgut verschleppt. Im Fall der Schwebegarnelen im Bodensee besteht auch die Möglichkeit, dass sie aus einem Aquarium in den See entlassen wurden.
Nach dem Erstfund bei Bregenz im August 06 tauchten die Schwebegarnelen im Oktober 06 bereits bei Rorschach auf, wo sie sich stark vermehrten und den ganzen Winter in Massen am Ufer in 2 bis 8m Tiefe herum schwammen. Im Frühling 07 verschwanden die Krebschen wieder und den ganzen Sommer hindurch wurden nur ganz vereinzelte Exemplare gefunden. Im Winter 07 begann der Tanz von neuem und es bildeten sich wieder dichte Schwärme bei Rorschach. Beim Abtauchen in der Nacht schwirren sofort abertausende dieser filigranen Tierchen im Lichtkegel der Tauchlampen.
Ein Grüppchen Schwebegarnelen tagsüber am Seegrund. In der Nacht bilden die Tiere dichte Schwärme im Wasser und werden vom Schein der Tauchlampen magisch angezogen.
Im Dezember 07 wurden nun auch im Genfersee „Crevetten“ entdeckt, die sich innerhalb weniger Wochen explosionsartig vermehrten. Es handelt sich dabei ebenfalls um Schwebegarnelen aus dem Schwarzmeergebiet, allerdings nicht um dieselbe Art wie im Bodensee. Der wissenschaftliche Artname der „Bodenseegarnelen“ ist Limnomysis benedeni, während die „Genferseegarnele“ auf den Namen Hemimysis anomala hört, Die lateinischen Namen der beiden Tiere zeigen, dass sie verschiedenen Gattungen angehören und nicht direkt miteinander verwandt sind.
Schwebegarnelen ähneln äusserlich stark den „Crevetten“. Sie sind aber viel kleiner und nicht direkt mit ihnen verwandt.
In der Nacht wagen sich die Garnelen im Schutz der Dunkelheit weiter ins offene Wasser und näher an die Oberfläche. Tagsüber halten sie sich eher in Grundnähe auf, offenbar gehen sie tagsüber auch in grössere Tiefen, wie Hansruedi Wittwer berichtet, der diesen Winter viele Garnelen bis in über 30m Tiefe gesehen hat. Vermutlich wird man in den besiedelten Gewässern in den kommenden Jahren immer etwa dasselbe Szenario beobachten können: eine dichte „Garnelensuppe“ während einigen Wochen im Winter, ansonsten nur vereinzelte Tiere oder kleinere Gruppen. Es ist auch damit zu rechnen, dass auch in anderen Seen plötzlich Garnelen auftauchen werden.
Schwebegarnele auf einer Armleuchteralge. Die Tiere halten sich tagsüber mit Vorliebe an Wasserpflanzen, Ästen, Holzstücken oder anderen Strukturen auf.
Im Schein der Tauchlampe glänzen die grossen Augen der Tiere. Dadurch kann man an Hölzern ruhende Schwebegarnelen leichter entdecken.
Bei jeder Invasion von fremden Tierarten (sog. Neozoen) stellt sich die Frage nach den Auswirkungen auf die betroffenen Ökosysteme und die Folgen für Mensch und Tier. Die Prognosen bewegen sich jeweils zwischen düsteren „Schreckensszenarien“ und unverhofftem „Segen für Mensch und Tier“. So gibt es auch bei den Schwebegarnelen Spekulationen, dass einige Fischarten nun einen reicher gedeckten Tisch vorfinden und künftig zulegen könnten. Genauso denkbar (und in mindestens einem Fall auch nachgewiesen) ist aber auch, dass die Garnelen das Kleinfutter für einheimische Kleinkrebschen (Waserflöhe, Hüpferlinge) wegputzen, und diese an manchen Orten deshalb zurückgedrängt würden. Jede neue Art führt zu Veränderungen in einem Lebensraum. Die Veränderungen können komplexe Folgeerscheinungen nach sich ziehen, die in einigen Fällen dramatisch sind, meistens jedoch unspektakulär, aber dennoch vorhanden. Der Rückgang der Wasserflöhe im oben erwähnten Beispiel hatte zum Beispiel am Ende auch Rückgänge bei den Fischen zur Folge, die als Jungtiere halt eben Wasserflöhe als Nahrung brauchen und mit Schwebegarnelen nichts anfangen können…
Wir wissen schlicht noch viel zu wenig über die Auswirkungen von Neozoen in neuen Lebensräumen. Jeder neue Fall ist ein Lehrbeispiel, das uns neue Erkenntnisse ermöglicht. In diesem Sinne seid ihr alle wieder einmal aufgerufen, die Augen offen zu halten und eure Beobachtungen zu melden! Wo hat es Garnelen? In welcher Tiefe? in welchen Mengen? Zu welcher Tages- und Jahreszeit? Sind sie in der Wassersäule oder eher am Boden? Hat es dort Wasserpflanzen oder Steine? Solche einfachen Beobachtungen, die jeder Taucher machen kann sind über längere Zeit und von vielen Orten gesammelt von grossem Wert! Und wer sonst als die Taucher könnten besser feststellen was unter Wasser so alles abläuft?
Ein Meldeformular für Eure Beobachtungen findet Ihr hier