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«Made in USA» gibt es nicht mehr
Die täglichen Wirtschaftsnachrichten sind nach wie vor von der Wirtschaftspolitik dominiert. Werden die Demokraten und die Republikaner einen Kompromiss zur Überwindung des «Fiscal Cliff» finden? Wird die neue Führung in Beijing das chinesische Wachstumsmodell ändern? Kommt die Bankenunion in der Eurozone oder kommt sie nicht, und wenn ja, in welcher Form?
Nur ab und zu hört man etwas über die globale Verteilung von Produktion und Konsum, d.h. über die materiellen Grundlagen unseres Lebens. So hat etwa die Nachricht, dass Apple einen Teil seiner Computer wieder in den USA herstellen lassen will, für grosses Aufsehen gesorgt. Leider aber ist diese Entscheidung von vielen Medien falsch interpretiert worden. Man hat sich zu sehr auf den Standortwettbewerb zwischen den Ländern gestürzt, ohne die neue Realität der globalen Industrie zu berücksichtigen.
Vor fünfzig Jahren war es noch üblich gewesen, dass ein Produktionsbetrieb in einem bestimmten Land alles vor Ort produzierte oder produzieren liess. «Made in USA» war eine zutreffende Beschreibung. In den letzten Jahrzehnten aber begannen die grossen multinationalen Firmen, ihre Produktion weltweit aufzuspalten. Der Handel von Gütern (Trade in Goods) hat sich seither immer mehr zu einem Handel von Aufgaben (Trade in Tasks) entwickelt, sodass ein Produkt bis zu seinem Verkauf an den Konsumenten mehrmals die nationalen Grenzen überschreitet. Heute bestehen mehr als 50 Prozent des Welthandels aus dem Verschieben von Halbfabrikaten innerhalb von grossen Firmen oder zwischen grossen Firmen und ihren Zulieferern. Wenn Apple den Mac künftig in den USA herstellen lässt, so betrifft das nur die Endfertigung. Die meisten Halbfabrikate, die für den Mac benötigt werden, werden weiterhin aus Asien stammen. Das Label «Made in USA» ist sinnlos geworden. Ricardos Modell muss erweitert werden.
Die Welthandelsorganisation (WTO) hat in einem lesenswerten Bericht die neuen Handelsrealitäten beschrieben (hier). Folgende Grafik zeigt zum Beispiel, wo überall eine japanische Autofirma ihre Einzelteile herstellen lässt. Das Hin- und Herschieben der Einzelteile ist begünstigt durch Freihandelsabkommen (AFTA, AFTA-CEPT).
Die neue internationale Arbeitsteilung hat nicht nur die herkömmlichen Labels überflüssig gemacht. Sie war auch mit ein Grund, dass der Welthandel während der heissen Phase der Finanzkrise (viertes Quartal 2008) um 20 Prozent geschrumpft ist. Aufgrund der grossen Unsicherheit verlangsamten die grossen multinationalen Firmen ihren Produktionsprozess, was sich sofort in einem geringeren Handelsvolumen der Halbfabrikate zeigte (hier eine schöne Übersicht über die Debatte).
In der Regel muss man vorsichtig sein, wenn jemand die «Globalisierung» für eine Entwicklung verantwortlich macht. Beim Strukturwandel des Welthandels ist der Begriff hingegen voll angebracht. Heute existiert eine internationale Verflechtung der Produktionsstandorte, die historisch beispiellos ist.
24 Kommentare zu ««Made in USA» gibt es nicht mehr»
Ws würde einen gewaltigen Schub neuer Arbeitsplätze in den Industrieländern geben, wenn die Transpoartkosten endlich nach dem Verusacherprinzip abgegolten werden müssten.
In Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten 10 Jahren muss ich festlegen, dass der Sozialismus wieder im Vormarch ist. Der Staat übernimmt zur Zeit alle finanzielle Tätigkeit, diktiert auch die Preise. Ist Chinas Wirtschaftsmodell ein Vorbild für westliche Länder? Für viele Politiker ist es ein verlockender Gedanke, wenn der Staat der Wirtschaft diktieren könnte, werden die Politiker noch mächtiger und ansehlicher. Was mit der Demokratie und die Errungschaft der westlichen Zivilisation geschehen wird, interessieren sie eigentlich nicht. Es ist fatale Entwicklung, die gigantische Gefahr verbergt, dass die westliche Gesellschaft und Kultur, die in letzten 400 Jahren aufgebaut wurde, systematlsch vernichtet wird.
Das Bildungssystem sowie die Gewerkschaften sind in den USA, genau wie bei uns, fest in linker Hand. Das, lieber Herr Sommerer, sind die Demokraten, nicht die Republikaner.
Herr Sommerer bezog sich wohl auf die mangelnde Ausbildung der Arbeiterschaft, und dafür sind in den USA gerade die Republikaner sehr wohl stark verantwortlich (und sicher zuletzt die Gewerkschaften!). Ginge es nach ihnen, würde man im Bereich Bildung ja nahezu alles streichen was über Lesen und Schreiben lernen hinaus geht. Schliesslich muss mehr Budget fürs Militär her, damit man ja die mächtigste Supermacht bleibt. Der armselige Zustand des amerikanischen Bildungswesens ist ganz sicher nicht zur Hauptsache der Linken geschuldet…
Off topic, jedoch das grundsaetzliche Problem der oekonomischen Lehre ansprechend und die Krise erklaerend.
http://www.economist.com/blogs/freeexchange/2012/12/reforming-macroeconomics
Es muss nicht nur die Theorie von Ricardo erweitert werden, das betrifft die Theorie der Makroökonomie und Geldpolitik. Die Wirtschaftstheorien, die aus der 30er und 60er entstanden sind, sind heute nicht mehr tragfähig, weil die Unternehmen nicht mehr Landsgrenzen oder Nationalität gebunden sind. Die Mobilität der Fertigung ist die Ursache für die Asymetrie in der Wirtschaft. Dies erklärt auch warum die multinationalen Unternehmen heute verantwortungslos handeln können, bspw. in Fragen von Shareholdvalue, der Umwelt, HR. Dies erklärt auch warum die Privat- und Staatsverschuldung permanent steigen, und der Einfluss der Unternehmer in der Politik immer stärker zunimmt. Wenn wir so weiter machen, wie bis hier, dann wird die Demokratei schrittweise abgeschafft.
@ Lieber Hr. Straumann:
Es ist masslos untertrieben, dass die Theorie Ricardos erweitert werden muss. Das makroökoonomische Standardmodell funktioniert nicht richtig, bzw. keine empirische Evidenz kann die Richtigkeit solcher Modelle bestätigen. Das ist der Ursache für die Schieflage des Staatshaushaltes. Leuten wie Paul Krugman, propagieren eine inflationierte Geldpolitik, die die Wirtschaft und Gesellschaft vermehrt zerstört und das Ungleichgewicht in der Einkommensverteilung und der Verteilung des Vermögnes fördert, anstatt es abzubauen. Leuten wie Krugman missbrauchen der ökonomischen Theorie um das Wachstum kurzfristig zu pushen, bzw. das Wachstum in die Gegenwart und die Verschuldung in die Zukunft zu verschieben; die Zentralbank Ökonomen unterstützen diese Vorhaben noch, ohne sich über die Zukunft gedanken zu machen.
Die Demokratie wurde schon zuneigen guten Teil abgeschafft. Selbst in der Schweiz ist gegen die Deutungshoheit der links-obrigkeitlich gelenkten Mainstreammedien kaum noch etwas echt Liberales zu erreichen oder zu bewahren. Und unser hochintelligentes, selbständig denkendes Parlament löst derweil das brennende Problem der Gratis-Plasticsaecklein….
Engineering, Zusammenbau, Software und Endtest ergeben schon made in USA.
Verflechtete Produktionsstandorte sind wohl nur der erste Schritte hin zu einer immer mehr softwaregesteuerten Produktion, in der die Produktionsstätte für alle offen stehen – Vorreiter im Chipbereich ist Global Foundries – und in dem ein Design automatisch in Teile aufgeteilt wird, deren Fertigung dann auf die allen zugänglichen Produktionsstätten verteilt wird. Heute sind wir in einer Vorstufe zu einem solchen offenen System und viele der Produktionsstätten sind noch im Besitz der Herstellerfirma des Produkts.
Ein völlig offenes und softwaregestützte System würde es Designfirmen erlauben die Produktion per Knopfdruck ab dem fertigen Design zu starten und würde die ganze Welt zu einer vielteiligen automatischen Fabrik machen.
Tja, und dann brauchen wir nur noch den Konsumenten zu automatisieren, damit die einen Maschinen Produkte herstellen, welche andere Maschinen konsumieren, und wir haben endlich wieder Zeit anderes zu tun, als zu arbeiten oder zu konsumieren.
Mittlerweile liest man doch recht abenteuerliches: Assembled in USA / Swiss Design und dergleichen mehr. Das soll alles etwas assozieren, dass es längst nicht mehr gibt. Guter Artikel! Andererseits: So neu ist das alles auch wieder nicht. Schon in der Seidenstoffweberei, in der ich in den Achzigern die Lehre gemacht habe, stand auf Seidenkrawatten „Made in France“, obwohl der Stoff in der Schweiz gewoben worden ist.
Warum wurde denn dort „Made in France“ angegeben?
Der Grund, weshalb (zB) Apple in China produzieren lässt, liegt nicht nur im Preis und der mangelhaften Ausbildung/Qualifikation der lokalen Arbeiterschaft (danke, Republikaner!), sondern vor allem in der Tatsache, dass in China viel flexibler produziert wird. Als Apple die iPhone Bildschirme auf Glas umstellen wollte, konnten die Chinesen die Produktion in 2 Wochen umstellen. In den USA hätte es 3 Monate gedauert.
Ich bin auch nicht ganz sicher, ob tatsächlich Halbfabrikate hin- und hergeschoben werden (Artikel: „mehrmals die nationalen Grenzen überschreitet“). Es ist wohl eher so, dass einfach alle Teile (Halbfabrikate und wiederum deren Teile) irgendwo anders eingekauft, statt lokal hergestellt werden. Ich glaube also eher nicht, dass eine Million halbfertiger boards ohne Chip nach Taiwan gehen und dann mit Chip zurückkommen.
Und was Ricardo angeht: Wurden die (Neo-)Klassiker nicht durch die Finanz- und Schuldenkrise endgültig und unwiederbringlich widerlegt? Sollte man ihre Kadaver nicht zusammen mit ihren überholten Theorien in der Hölle verrotten lassen? Märkte im ewigen Gleichgewicht, keine Schulden, keine Krisen…
@ Ralph Sommerer
„Ich glaube also eher nicht, dass eine Million halbfertiger boards ohne Chip nach Taiwan gehen und dann mit Chip zurückkommen.“. Das ist nicht eine Glaubensfrage, sondern eine Frage der ökonomischen Logik.
Ein mir bekannter Schweizer Unternehmer stellt Sensorchips her. Die Wavers mit der echten Schaltung der ICs werden in Südkorea gefertigt, die Scheiben dann in die Schweiz transportiert und hier gebondet (Anschlüsse auf dem Chip mit Golddraht mit den Beinchen am IC verbinden) und in den Plastikkörper eingegossen. Wenn der Chip fertig getestet ist, wird er entweder „nakt“, oder auf einer Trägerplatine mit etwas Hilfselektronik als Modul exportiert.
Bei der Produktherstellung kann man an praktisch jeder Stelle des Produktionsprozesses einen Transportweg dazwischenschalten, wenn das für die Qualität oder die Kosten Vorteile bringt. Transporte sind billig. Auch über die Landesgrenzen hinweg, wenn man konzernintern die Steuerfragen einmal gelöst hat (Transfer-Pricing etc.).
Dass kaum noch 2 Produktionsschritte hintereinander am selben Ort gemacht werden, ist wohl eine (eigentlich blödsinnige) Realität, aber „hin- und her“ impliziert Zyklen (X hin, X+1 zurück), und so weit unten sind wir ja wohl hoffentlich noch nicht, oder doch?
…aber sicher. Das istbnur noch eine Frage der ökonomischen Produktionslogik.
Aber: Es gibt Spezialhersteller, die fertigen sogar gewöhnliche Schrauben selber, weil ihnen die Qualität der angebotenen Schrauben zu wenig zuverlässig ist.
Fazit: Ländergrenzen und Transportdistanzen spielen in der Produktionslogik nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Fatal dabei ist bloss, dass alle Staaten das Transportwesen subventionieren. Würde die Schweiz das Flugpetrol so besteuern wie das Autobenzin, wären Lufttransporte unbezahlbar.
EIgentlich hätte ich mir diese rhetorische Frage sparen können, wissen wir doch, dass etwa Kartoffeln von Deutschland zum Waschen nach Italien gekarrt werden, weil dort das Wasser billiger ist, oder dass Calida ihre Pyjamas in der Schweiz zuschneidet, dann nach Portugal oder Spanien zum Zusammenbüezen schickt, wonach sie wieder in die Hehre Schweiz zurückkehren. Und letztlich bedeutet ja „just in time“ Produktion nichts anderes, dass Material-Lager quasi auf die Landstrasse verlegt werden. Das einzige, was ich in Ihrer Antwort allenfalls zu bemängeln habe, ist der Wortteil „Logik“ in „Produktionslogik“, denn erstere impliziert das Verwenden der Grosshirnrinde statt nur der Brieftasche.
Ich habe im Übrigen aber nichts gegen Welthandel (auch von Halbfabrikaten oder Schrauben), aber gegen den Missbrauch von Mobilität für andere Zwecke als dem Ausgleich von Überangebot und Mangel.
@ Ralph
Ich verstehe nicht, weshalb diese Einschränkung auf Ausgleichsbewegungen. Ist das moralisch motiviert?
Aus meiner Sicht kann transportieren wer was will – solange er die echten Transportkosten bezahlt. Müsste der Verkehr seine gesamten echten Kosten selber finanzieren, würde sich das italienische Kartoffelwaschen sehr rasch von selber erledigen. Es gibt aber mE keinen ethisch vertretbare Rechtfertigung für die heutige Subventionierung des Transportgewerbes (inkl SBB etc).
> aber “hin- und her” impliziert Zyklen (X hin, X+1 zurück),
ich denke das hat jetzt eher mit unterschiedlichem Sprachgefühl zu tun. Sie nehmen die Formulierung wörtlicher als der Autor. Tatsächlich habe auch ich das „Das Hin- und Herschieben der Einzelteile“ so gelesen wie es vermutlich vom Autor gemeint war: als „Das Rumschieben der Einzelteile“
Der entscheidende Faktor in der Apple-Absicht liegt doch darin, wieder Produktionsarbeitsplätze in den USA zu schaffen. Vielleicht nur als Feigenblatt, vielleicht aber wirklich auch aus ökonomischen Gründen. Dass die Teile aus allen möglichen – mehrheitlich asiatischen Ländern stammen – war ja zu erwarten. Ich denke nicht, dass man sich hier andere Vorstellungen gemacht hat.
Und genau deshalb verwendet Apple nicht das Logo „Made in USA“ sondern „Assembeld in USA“. Und das habe ich auch fast überall in den Medien so gelesen.
Sie haben „fast überall in den Medien gelesen“, aber wohl noch nie ein Apple-Produkt in der Hand gehalten. Auf meinem iPhone 5 steht unmissverständlich: „Designed by Apple in California. Assembled in China.“ Denselben Satz finde ich auch auf meinem iPad und dem MacBook Pro.
Nur ein kleiner Hinweis zum 2. letzten Satz:
Strukturhandel heisst wohl Strukturwandel.