Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/1979

Was geschieht mit Afrikas Land?
Was geschieht mit Afrikas Land?
Oder ist Cecil Rhodes zurückgekehrt?
Vierteilige Nachdenklichkeit und Betrachtungen von aussen und innen
I.
Um was geht es bei der Landfrage?
Etwas Soziologie und viel Menschlichkeit
Nach der Kolonialzeit, beginnend mit 1960, dem Jahr der grossen Unabhängigkeiten, erwarteten Optimisten zwei dringend notwendige Neugestaltungen auf Afrikas Kontinent:
1. eine Neufestlegung der Grenzen, vor allem auch, um Länder einheitlicher und lebensfähiger zu machen. Warum sollte dieser schon rein klimatisch leicht verwundbare Kontinent 54 plus Staaten haben? Nach dem Kolonialismus fiel das gemeinsame Dach weg; man blieb allein in der Traufe stehen, meistens zu klein und zu arm, um frei überleben zu können;
2. eine Neuaufteilung bestimmter Ländereien im südlichen und östlichen Afrika. In vier Gegenden brannte das Landproblem auf den Nägeln, in Zimbabwe, Namibia, Südafrika und (versteckt) in Kenya.
Sowohl die neue Grenzziehung als auch eine neue Landaufteilung wurden vor sich her geschoben und blieben bis jetzt ungelöst. Es wurde viel geredet, aber Taten folgten nie.
Verschiedene grundsätzliche Fragen den Landbesitz betreffend wurden nicht aufgearbeitet, somit sind sie Ideologien sperrangelweit offen. Ich gehe hier nicht auf indische und lateinamerikanische Landfragen speziell ein; doch nur schon ein Hinschauen auf Indien oder Brasilien zeigt, dass die Landfrage sich immer wieder anders stellt: DIE Lösung gibt es nicht. Ist sie bei Indien stark mit der Kastenzugehörigkeit verbunden, so ist sie in Brasilien viel mehr das Resultat eines Zusammenpralls zweier voneinander weit verschiedene Denk- und Agrarsysteme; eins davon arbeitet zusammen mit dem Tropenwald, das andere nutzt weite Flächen, die Pampas. Afrikas Landprobleme haben sowohl mit verschiedenen Agrarsystemen als auch mit Kolonialismus zu tun, mit entweder extensiver oder intensiver Landwirtschaft, mit dem Ineinander pastoraler Kulturen und Hackkulturen, resp. direkter Bodenbebauungskulturen.
1. Die heikelste und auch emotionalste Frage rührt ans Grundsätzliche. Ist das Landproblem Afrikas eine Frage zwischen Schwarzen und Weissen? Betrifft der Land“komplex“ auf dem afrikanischen Kontinent nur Schwarze? Ist er eine Angelegenheit des Rassismus? Falls Land und Hautfarbe einen wesentlichen Zusammenhang hätten, dann müsste das Land der ganzen Welt ursprünglich Weissen und Schwarzen, gelblichen Fernöstlern und rötlichen Indios zugeteilt gewesen sein. Dann hätten jedoch keine Mischehen stattfinden dürfen. Doch nun haben wir heute Mischlinge; habe diese etwa alle Landrechte verloren? Seit Urbeginn migrierten Menschen, wurden anderswo sesshaft, vermischten sich – falls andere bereits ansässig – mit Menschen, die entweder auch eingewandert oder verstreut schon vorher in der Gegend anwesend waren.
2. Mit Hilfe der Gen-Forschung wissen wir heute, dass es auf unserem Globus keine Urvölker oder Ureinwohner mehr gibt, d.h. alle Menschen wanderten oder migrierten, suchten sich vielleicht ein angenehmeres Klima, für ihre Lebensweise und zum Unterhalt passendes Land, rodeten Wälder und nahmen an, fruchtbarere Böden zu erhalten. Kurz und gut: nutzbares Land hat überall seine Geschichte.
3. Als eine Folgerung daraus muss der Schluss heissen, dass es kein Land gibt, von dem jemand mit Recht sagen kann, das war unser Land seit Beginn der Geschichte. Man überbrückt Mythen und macht aus ihnen Geschichte oder Wirklichkeit. So haben weder die Juden ein legitimes historisches Recht, noch Indianer Nordamerikas, noch die Aborigines in Australien oder die Maori Polynesiens. Immer ging ein Raub des Goldenen Vlieses voraus; es gab nicht nur Frauen- sondern auch Landraub.
4. Wir haben es bei Land stets mit Ausschnitten aus einer Geschichte zu tun. Also: etwas Geschichte, sehr viel Mythos, verbunden mit Glaube und Vorstellung. Es sei nochmals wiederholt. Erstens sind all diese „Urvölker“ genetisch bereits gemischt, also hybrid. Zweitens sind sie alle von anderswo eingewandert; sehr oft vor sich her- oder abgeschoben durch andere migrierende Völker- Gruppen. Anlass zur Aus- und Weiterwanderung waren sehr oft klimatische Bedingungen oder Ereignisse wie Taifune, Erdbeben, El Ninos, Tsunami, Dürre oder vielleicht auch Seuchen; es könnten auch Einbrüche aus dem Kosmos oder Vulkanausbrüche im Meer gewesen sein.
5. Eng mit der Landfrage verknüpft sind die Minderheiten, die betr. Land entweder verstossen oder vergessen werden. In Vietnam gibt es 53 Volksminoritäten. In Afrika haben wir im südlichen Afrika etwa die Khoi und San, im Kongo die Pygmäengruppen, in Kamerun im Norden Bergvölker, usw. All diesen Minoritäten ist in keinem Land bis heute Gerechtigkeit widerfahren. Doch – was wäre gerecht? In Botswana haben die Khoisan durch Jahrzehnte hindurch für ihre Landrechte gekämpft, bis sie 2008 vom Obersten Gericht bestimmte Rechte zugestanden erhielten. Letztlich ging es viel mehr um Diamanten und Schürfrechte, die ohne Landbesitz nicht zu haben sind.
6. Wir dürfen nicht von heutigen Zuständen und Selbstverständlichkeiten ausgehen. Ein Blick in die Agrargeschichte zeigt, dass vor der Sesshaftigkeit, die stark durch die Getreidekultur bedingt wurde, es den Pastoralismus gab. Viele heutige Forscher nehmen immer noch voller Vorurteile und blind an, dass diese Hirtenvölker ganz wild auf dem Land herum wanderten, weil sie anscheinend keine Landrechte kannten. Sie nennen diese Lebensweise diskriminierend Nomadismus/Nomadentum. Erst langsam kommen wir im Westen dahinter, dass es traditionell geregelte Regelkreise gab und noch gibt. Es kann mit dem Transhumanzsystem in den Alpen verglichen werden, bei dem Bergbauern vom Tal ins Maiensäss ziehen, dann weiter hoch auf die Alp, bis zum Wildheuet als Vorsorge fürs Vieh im Winter im Tal; die Älpler ziehen ab August wieder stufenweise talwärts. Etwas Ähnliches findet bei den Peul (Fulani) statt. Zu den beststudierten und beschriebenen Modellen gehören die Waso Borana (Gudrun Dahl, Suffering Grass. 1979) und die Maasai. Auch die Khoi und San hatten in der Kalahari-Wüste ihre zeitlichen und räumlichen Wanderkreise (G.B. Silberbauer, Hunter & Habitat. 1972). Wichtig ist bei allen der Ausgangspunkt, zu dem immer wieder – selbst wenn es, wie bei den Peul - drei Jahre dauert, bis sie zurückkehren. Das Landrecht blieb hier im Hintergrund; es ging viel mehr um Wegrechte, Durchgangsrechte, Weiderechte und zu welchen Zeiten und mit welcher Herde man auf den abgeernteten Boden kommen durften, usw.
7. Auf dem afrikanischen Kontinent geht es stark um Land, das entweder Briten und Holländer (Buren) oder Deutsche in Anspruch nahmen und bewirtschafteten. Man kann sich mit Recht fragen, warum existiert dieses Landproblem im südlichen und östlichen Afrika, kaum aber in dieser angespannten Form in Westafrika? Wahrscheinlich haben Briten und Deutsche ein ganz anderes Land- und Bodenverständnis nach Afrika mitgebracht, haben dementsprechend Land bebaut, haben vielleicht dadurch Begehrlichkeiten bei den Menschen, die vorher da waren, geweckt. Die lokalen Bauern erkannten, wie das stets stattfindet, wenn zwei Kulturen aufeinandertreffen, was mit ihrem Land auch hätte gemacht werden können. Bei ihnen begann ein stiller Neid zu keimen; die Weissen verstanden nicht, begannen sie als primitiv zu bezeichnen und auszulachen, weil sie es nicht auch mit Weizen und Gerste, mit Pflug und Egge geschafft hatten. Man sah nicht zwei Agrarsysteme, die beide Daseinsberechtigung haben konnten, sondern setzte sie gegeneinander als Fortschritt gegen Rückständigkeit. Die Europäer auf dem afrikanischen Kontinent sahen nie das Zusammenleben zweier Agrarkulturen, etwa so wie es für die Hausa und Fulani in Nordnigeria oder Nordkamerun selbstverständlich war. Europäer hatten kaum je Verständnis für agrarische Mischkulturen; sie wollten das Eindeutige und Klare. Bei ihnen ging es stets ums Entweder-oder. So wurde die europäische Landwirtschaft zum Kulturmissionsgut. Daraus entstanden Verachtung und Hass, die bis heute hinter der Landfrage ebenfalls stehen.
8. Heute gibt es auf beiden Seiten kein Zurück mehr. So können die Afrikaner heute im Zeitalter des Nation-building mit klaren Grenzen nicht mehr zurück zu einer grenzüberschreitenden Nutzung. Dazu kommt dass heute gepflegte Räume eingezäunt werden. Die Idylle der Hausa cum Fulani gehört endgültig der Geschichte an. Die Peul müsssen sich neue Wege finden, genauso wie die Grenzregionen zwischen Kenya, Uganda, Sudan und Äthiopien (Turkana-See) und zwischen Äthiopien und Somalia. Hätte man an Regelungen in Rwanda-Burundi zwischen dem Vieh der Tutsi und den Äckern der Hutu gedacht, hätte bestimmt einer der grausamsten Konflikte afrikanischer Geschichte vermieden werden können. Es geht heute, wo es sowohl eine menschliche als auch tierische Überbevölkerung gibt, nicht mehr, dass die eine Gruppe ihr Vieh frei laufen lässt und die Äcker der anderen zerstört. Wir sehen ein, dass die Landfrage (auch) zu einer Grenzfrage, zu einer komplexen Kulturfrage wird,. zu einer Herausforderung, dass man nicht bei aktueller Geschichte längst Vergangenes restituiert.
9. Die Lage in der heutigen Landwirtschaft bedingt eine bestimmte Grösse des Betriebs, der ökonomisch etwas erwirtschaftet. Die Zeit der reinen Subsistenz ist – auch für Afrika – vorbei. Man darf es nicht zu einem neuen Fall Jamaika kommen lassen. Dort fand in den frühen Siebzigerjahren eine Landreform statt. Die Regierung teilte zwischen 13 und 14 Acres zu. 10 Jahre später hatten alle Kleinbauern verkauft und hatten ins Tourismusgeschäft mit Ferienwohnungen gewechselt. (Gerulf Augustin hat 1980 für die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie gemacht.).
10. Ehrlicherweise muss daher gefragt werden, für was die fordernden Landlosen und hoch verschuldeten Kleinbauern das Land wollen? Für Afrika – das haben Südafrika und teilweise Zimbabwe gezeigt (Imfeld machte eine Evaluation für DEZA und HEKS)- : Die Rückkehrer gingen nicht aufs Land zum Bauern zurück. gingen in die Stadt als Jobsucher, Es geht um Häuserbau, Immobilien und Spekulation, für all das alles Land Grundlage ist, aber kaum um Landwirtschaft. Aber die wenigsten wären fähig, eine effiziente Landwirtschaft im heutigen Kontext zu betreiben, denn sie haben es nie gelernt. Jedermann glaubt, man brauche einfach Land und dann laufe es von selbst. Selbst wenn die Grossfarmen Südafrikas, Namibias und Zimbabwes als Ganzes übergeben würden, sie würden innert kürzester Frist verfallen. Sowohl das afrikanische Gesellschaftsgefüge als auch der nie gelernte Umgang mit Kapital und Management, mit Unterhalt und Planung haben keine Prädisposition für die Übernahme solcher Farmen. Diese müssen anders aufgeteilt und afrikanischen Denk- und Handlungsweisen angepasst werden.
Schluss
Das alles umgibt die Landfrage mit Ohnmacht, mit einem dunklen und tragischen Nimbus. Eine befriedigende Lösung kann sich momentan niemand vorstellen. Nochmals sei es betont: Man kann nicht mit Land abstrakt, beinahe geometrisch, einfach verteilend umgehen, ausser man greife auf Wurzeln und Traditionen zurück. Vielleicht hat man vorderhand Land auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara öffentlich zu lassen; eine Privatisierung ohne strikte Kontrolle wäre Missbrauch und Korruption Tür und Tor geöffnet.
II.
Was ist afrikanisches Land?
Was geschah mit Afrikas Land seit der Kolonialzeit?
Fortan meine ich und schreibe ich über Afrika südlich der Sahara. Nach der Wüste Sahara folgt der Sahelgürtel, also ein Ökoton zwischen Wüste und Steppe. Der Sahel umfasst heute die Staaten Senegal, Burkina Faso, Mali, Niger, Tschad und in den Sudan hinein. Die Franzosen nannten diesen Streifen den Sudangürtel, und da dieser zu ihrem Kolonialbesitz gehörte, hiess er Frankosudan und ihre Bewohner waren die Sudan-Neger. Anschliessend folgt die grosse Trockensavanne, die übergeht in die Urwälder des Kongo und hinüber bis zu den Seen im afrikanischen Grabenbruch. Südlich davon kommen wir auf das Hochplateau von Malawi über Zambia und Zimbabwe, um abzufallen ins südliche Afrika.
Afrikas Bodenfläche ist karg und mit viel Dornen und akazienähnlichen Bäumen bewachsen. Die Humusschicht ist minimal und höchstens für Hirsearten geeignet. Für eine kontinentaleuropäische Landwirtschaft eignen sich nur ostafrikanische Flächen entlang der Küste des Indischen Ozeans, also Teile Kenyas und Tansanias, weiter südlich die Hochfelder von Malawi, Zambia und Zimbabwe, ganz im Süden Teile Südafrikas und Namibias.
Nur etwa 13 Prozent des Bodens südlich der Sahara sind landwirtschaftlich ideal zu nutzen. Grosse Teile können höchstens als Weideland genutzt werden. Für eine Bearbeitung mit dem westlichen Pflug kommen nur relativ kleine Flächen in Südafrika in Frage, am idealsten mit rund 50% Potential war wohl der Pflug im heutigen Zimbabwe; in Namibia sind es genau die Teile, die die Deutschen und Oromo nutzten.
Neben der minimalen Humusschicht ist Wasser das Hauptproblem. Die Böden halten nur in wenigen Gegenden ohne zusätzliche künstliche Bewässerung die Fruchtbarkeit aufrecht. Es gibt zwar regelmässig alljährlich eine Grosse und Kleine Regenzeit, doch wenn diese zu früh oder verspätet eintreffen, dann geht die Saat zugrunde, weil sie entweder nicht keimen kann oder verdorrt. Der afrikanische Bauer ist ein Risikofarmer.
Die Khoi und San waren Meister der Anpassung und Einfühlung. Sie vermochten bis weit in die Kalahari hinein einfache Formen von Agrarkulturen zu betreiben. Ihnen am nächsten kamen die Buren, einfache Bauern, aus Holland eingewandert. 1652 landete Jan van Rietberg mit 90 Männern am Kap. Die Buren sind Kalvinisten, leben asketisch, karg und bescheiden. Sie vermochten sich wie die Khoisan der Landschaft anzupassen, weil sie sie liebten, wie etwa der grosse Naturalist Laurenz van der Post (etwa im Buch „Vorstoss ins Innere. Afrika und die Seele des 20. Jahrhunderts“). Wer diese Lebensweise nicht fortsetzt, vermag landwirtschaftlich kaum zu überleben. All diese Fakten und Bedingungen werden meist in der Debatte um eine Landreform übersehen oder bewusst verdrängt. Selbst die Schwarzen gehen von dem aus, was sie gesehen haben und meinen, die Böden würden weiterhin das hergeben, was sie bis vor kurzem taten. Sie übersehen den verschwenderischen und schädlichen Dünger- und Spritzmitteleinsatz verbunden mit einer strikten Agraraskese.
Ähnlich den Buren in Südafrika und z.T auch in Rhodesien verhielten sich die Deutschen.
Die Briten kamen nach Südafrika wegen Gold und Diamanten, wegen Kupfer und Eisenerz, Kohle und Phosphat. Später kamen andere Metalle hinzu, etwa Platin, Titan und Uran. So nahmen sie wenig Rücksicht auf das Land; sie waren auf eine Bergwerkskultur ausgerichtet. Die Folgen davon sind verheerend. Darauf wies Dr. Anthony Turton, Natural Resource and Environment Unit Fellow, Director von CSIR (Council for Scientific and Industrial Research) in seiner Keynote Address am 18. Nov. 2008 in Pretoria hin, dass die meisten Städte Südafrikas, besonders verheerend für Johannesburg und Pretoria, auf Gift gebaut sind, da die Städte für die Minenarbeiter und ihre Familien sorglos in der Nähe von Goldbergwerken und anderen Bergbaugebieten mit dem Ausstss von viel Giften (etwa durch den Einsatz von Zyankali), das zum Abbau von Gold eingesetzt wurde, errichtet worden waren. Dr. Turton präsentierte Erkenntnisse, Resultate und mögliche Folgen für die Zukunft öffentlich, und er wurde sofort entlassen.
Die Briten brachten das industrielle Konzept der Landwirtschaft nach dem südlichen Afrika, also nicht mehr Bauernhöfe, sondern Farmen und Fabriken. So eine Landwirtschaft können Afrikaner nicht übernehmen, denn niemand hat sie zum Bauernfabrikmanager ausgebildet. Des Weiteren muss festgehalten werden, dass dieses gross gekotzte Landwirtschaftskonzept niemals profitabel war und nur dank der immensen Subventionen (bis zu 70%) bestehen konnte. Die Farm des südlichen Afrika, so wie sie sich die Weissen im Kopf als Zivilisation eingebildet hatten, kann keine Zukunft haben.
Ein für afrikanische Bauern ebenfalls unmöglich zu bewältigendes Modell wurde in Rhodesien (heute Zimbabwe) geschaffen. Da entstanden hoch differenzierte Tabakanlagen, eine Fabrik mit genaustem räumlichem und zeitlichem Ablaufplan, mit geplanter Ernte, mit hoch differenzierten Trocknungsanlagen und Verarbeitungsmethoden. So etwas können frühere Angestellte nicht übernehmen, denn man hat sie nie fürs Ganze angeleht. Der Zerfall war vorprogrammiert; und daran sind nicht die Afrikaner schuld. Ähnliches kann bei den Baumwollkulturen festgestellt werden. Hier haben wir gute Vergleichsmöglichkeiten, wie die Weissen Baumwollplantagen und ihre Verarbeitung handhab(t)en und wie die afrikanischen Kleinbauern im Nordwesten mit Baumwollkulturen umgehen.
Die Franzosen hatten nochmals ein ganz anderes Verhältnis als Buren und Briten zum Land; für sie hat Land primär etwas Mystisches; weiter bedeutet Land eine Erweiterung des französischen Kulturerbes und seiner Ausflüsse in die Verhaltensweisen, Land war ein göttliches Legat, daher besass Land etwas Königliches, in das in spezieller patriarchaler Mission „Heiden und Primitive“ langsam hineingenommen wurden. So konnten die französischen Kolonialisten sagen: Die Afrikaner sind am Anfang des Werdegangs zum Franzosen, zumal ihre Vorfahren Gallier waren.
Die Franzosen nahmen daher das Land nicht weg, sondern befahlen, was die lokalen Bauern darauf anpflanzen sollten. Im Senegal spezialisierten sich die Franzosen auf Erdnusskulturen und spannten die Mouriden - Bruderschaft ein. So kam es zu einer einzigartigen Einheit von Erdnuss und einer islamisch - sufischen Bruderschaft. In der Sahelzone spezialisierten sich die Franzosen auf Baumwolle. An der Elfenbeinküste wurde das Land den Chiefs oder Häuptlingen (Houphouet-Boigny, der 1. Präsident, gehörte dazu) gelassen, sofern sie sich auf den von der Kolonialregierung angeordneten Anbau von Ananas, Kaffee und Kakao usw. einliessen.
Nochmals ein anderes Verhältnis zu Land hatten die Portugiesen in Afrika. Die meisten Kolonialisten kamen total verarmt aus Portugal nach Angola oder Mocambique. Sie waren auch daheim keine guten Farmer, und so blieb es in den Kolonien. Ihre Landwirtschaft kam der der Afrikaner sehr nahe. Dieses verarmte Bauernproletariat vermischte sich rasch und ohne grosse Schwierigkeiten mit den Einheimischen.
Die Landsituation der Europäer in Zimbabwe:
Bei der Unabhängigkeit 1980 kündigte die Regierung eine „grosse Landreform“ an. Es sollten innert 3 Jahren 156 000 Familien neues Land erhalten. Eine Weltbankstudie kurz nach der Unabhängigkeit zeigte auf, dass in den fruchtbaren Regionen ganze 3,5 Mio Hektaren Land (entspricht 55% des fruchtbaren Bodens) brachliegen oder schlecht genutzt werden. Manche Farmer gar hatten sich Land auf Vorrat angeeignet, denn wer wollte schon 4000 Hektaren (mehrere hatten diese Grösse) sinnvoll bewirtschaften? 13 Farmen machten 51% des enteigneten Landes mit 84 000 Hektaren aus. Die Regierung kündigte ursprünglich an, dass sie 89 Farmen enteignen wolle, nach erstem Hin und Her hielt sie an 54 fest. Zimbabwe hatte vor der Unabhängigkeit etwa 4300 weisse Farmer. Ende 2005 waren neun Zehntel davon – meist ohne Kompensation – enteignet. Es existierten also noch rund 400 europäische Farmen. Die Enteignungen gingen ab 2005 weiter. Die meisten Farmen wurden Politikern und Günstlingen der Mugabe Partei ZANU übertragen. Die neuen Eigentümer verpachteten z.T. parzellenweise an meist inkompetente Kleinfarmer. Die einstige koloniale Grosslandwirtschaft ist 2009 zerfallen. Von Sorge ums Land kann kaum die Rede sein.
Die Landumverteilung in Namibia:
Die namibische Regierungspartei SWAPO hat 2003 die Enteignung von 198 Farmen, die meisten in Besitz von Weissen, bekannt gegeben. Bis 2003 hatte die Regierung seit 1995, als die Reform begann, erst 124 Farmen erworben. Das entsprach etwa 700 000 Hektaren Land. Ziel wären 9,5 Mio Hektaren in 5 Jahren gewesen. Man war von 2 222 Menschen ausgegangen. 2004 hatten die Behörden eine erste Serie von 18 bis 20 Farmer aufgefordert, ihre Bauernhöfe an den Staat zu veräussern. Die Regierung war vom Prinzip willing-seller, willing-buyer ausgegagen. Die kommerziell nutzbaren Farmen wurden weitgehend geschont. Die Regierung versucht einen Mittelweg zwischen direkter Verstaatlichung und Eigentum, was Devisen einbringt, zu gehen. 2008-09 radikalisiert sich die Lage nach dem Vorbild Zimbabwes. Der Staat vergütet zwar die enteigneten Farmer; die Kompensation befriedigt die einstigen Besitzer nicht. Die verstaatlichten Farmen werden schlecht bewirtschaftet, heisst es. Den neuangesiedelten Bauern fehlt das Bargeld für Investitionen und, wie ein Regierungsreport zugesteht, „eine zufrieden stellende sowohl technische als auch Manager-Ausbildung solcher Betriebe“. Der Bericht stellt fest, dass mehr und mehr Neusiedler had opted to abandon their plots for a chance at a better life in urban areas.
Landreform in Südafrika:
Die Regierung setzt auf Freiwilligkeit und bezahlt Willigen Marktpreise. Das Enteignungsgesetz will, dass bis 2014 30% des kommerziell genutzten Landes im Besitz von Nichtweissen ist. 1998 gehörten der schwarzen Bevölkerung nur 4,7% des Landes. Anders ausgedrückt: Zweidrittel des Landes befanden sich im Besitz von weniger als
60 000 weissen Farmern. Da im Laufe der Zeit das Land von den Schwarzen weggenommen wurde, ist es begreiflich, dass es etwa 80 000 Rückerstattungsklagen gab.
Südafrika setzt auf das Freiwilligkeitsprinzip; natürlich geht es schleppend voran. Zwischen 1988 und 1999 vermochte die Regierung nicht mehr als 4% aufzukaufen. Im Februar 2006 verspricht Mbeki acceleration. 2007 fand die erste Zwangsenteignung statt. Wer Land erhält, muss es nutzen; das Prinzip heisst: Use it or lose it Im März 2009 ging die Regierung gegen eine „unproduktive schwarze Kooperative“ vor. Hindernisse sind: 1. viel Land gehört den Kirchen. 2. die Schwarzen haben Ahnengrabstätten über das ganze Land verstreut. 3. Die Regierungspolitik hält die Bodenpreise hoch.
Im für Land zuständigen Ministerium in Südafrika hiess es 2004: „Die meisten haben sowohl die klimatischen als auch die geologischen Bedingungen des Landwirtschaftens im südlichen Afrika unterschätzt. Zudem wurde vergessen, dass es etwa 10 Jahre braucht, bis ein Farmer hier eingearbeitet ist. Doch wer besitzt dazu das Kapital?“
Schluss:
Afrikas Menschen, sowohl Bauern wie Politiker, müssen realisieren, dass es zuerst gilt, ein afrikanischen Böden angepasstes Farmsystem zu entwickeln und dann dementsprechend Böden oder Land zuzuteilen, resp. aufzuteilen, zu bebauen und nutzen. Der Übergang von der Kolonialzeit zur Jetztzeit hat noch nicht stattgefunden. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass der koloniale Überbau mit der entsprechenden Infrastruktur plötzlich (etwa 1964 Kenya, 1980 Zimbabwe oder 1998 Südafrika) weggefallen war, und keine neuen Konzepte kamen über die verwirrten Köpfe aufs Tapet. Leer ging man zum Kopieren über. Die Kolonialbauern waren gestützt vom „Mutterland“; oder in Südafrika, wo die Apartheidpolitik die Grossbauern, wie einst in Europa zur Kriegszeit, massiv stützte. Also, es kann nicht gleich weitergehen, denn Kolonialismus und Landwirtschaftsform waren eins. Eine neue Agrarpolitik muss ausgedacht und ausprobiert werden; erst dann kann auch die Landfrage angegangen werden. Vielleicht könnte Afrika etwas von den verschiedenen europäischen Güterzusammenlegungen lernen. Auch sie waren langwierig, brauchten unendlich viel Geduld, Kompromisse zwischen Privaten und Bauern, und mussten immer wieder ins richtige Licht von Gemein- und Privatwohl gesetzt werden.. Alle Agrarier sind sich bewusst, dass es weder weltweit noch in Afrika oder Lateinamerika eine dauernde Lösung der Land- und Landwirtschaftsfrage geben kann. Landwirtschaft befindet sich seit Beginn der Menschheit dauernd im Wandel.
III.
Vielleicht schaffen es dieses Mal die anderen von aussen
Aus Asien kommen sie und kaufen Boden, um ihn fruchtbar zu machen
2006 rief der FAO Generaldirektor Jacques Diouf die Weltwirtschaft auf, „Joint Venture Verträge mit Ländern, die kaum finanzielle Ressourcen haben, aber grosse Land-, Wasser- und menschliche Potentiale“ haben. Doch es kam anders, als 2008 eine Welthungerkrise hereinbrach, ergriffen fernöstliche und arabische Länder die Initiative, um in Afrika Land zu kaufen. Dieses Treiben nahm in kürzester Zeit solche Dimensionen an, dass eine ziemliche Unruhe in die Entwicklungsszene kam. Die FAO sogar war ob der Vorgänge beunruhigt und erstellte zusammen mit dem britischen International Institute for Economics and Development eine Analyse unter dem Titel Land Grab or Development Opportunity, die am 20.Mai 2009 veröffentlicht wurde. Der Bericht sah das Phänomen nicht nur negativ, warnte jedoch davor, dass Nahrungsmittelsicherheit nicht durch Profit ersetzt würde. Die Unruhe war wohl ausgelöst worden, nachdem dem koreanischen Daewo Strategics Madagaskar nach schweren inneren Unruhen gekündigt wurde.
Zu negativ konnte eine UN Organisation gar nicht sein, denn nur 2 Jahre zuvor hatten einige UN Organisationen, ob das World Food Program nicht Land kaufen sollte und Nahrungsmittel selbst produzieren sollte. Grund war, dass das WFP an seine Grenzen gekommen war.
Seit der Nahrungsmittelkrise 2008 werfen etwas arrogant oder von oben herab Asiaten und Araber in die Debatte: „Ist es nicht sinnvoll, dass jemand dieses ungenutzte Land fruchtbar macht?“ Den Afrikanern fehle es sowohl an Geld als auch an Knowhow für Grossfarming, also schiessen sie, die Asiaten, es vor und sie, die Afrikaner, folgen später nach.
Nun ist der Zweifel hereingebrochen, nachdem die Financial Times noch am 20. Aug. 2008 mit einer ganzen Seite sich der Foreign fields vorsichtig angenommen hatte. Zwei spätere Editorials in diesem Finanzblatt bedeutet doch einiges. Spätestens jetzt sollten alle realisiert haben, dass wir es mit einem Weltproblem zu tun haben. Am 13. 1. 09 Rhodes Redux und am 27.5.09 Fix the land deals. Dieser 2. Kommentar ist ausserordentlich nachdenklich und fordert Reiche und Arme nach, breiter und vertiefter über Nahrungsmittelsicherheit nachzudenken und die gemeinsamen Interessen zu erkennen. Frage: Was könnte wirklich beiden Seiten dienen? Es wird gewarnt, sofort in den alten Ideologiestreit zurückzufallen.
Es folgt nun eine Übersicht der neuen Landnahme oder. wie es auch heisst, zur Erweiterung der Ernährungsbasis, um weniger von den steigenden Weltmarktpreisen von Nahrungsmitteln abhängig zu sein. Es folgt eine Aufzählung der Land-Verträge – soweit bekannt - auf dem afrikanischen Kontinent (alle Preisangaben in Dollar):
• Algerien: Chinesen haben eine grössere Landfläche gekauft. Vertrag und Grösse sind unbekannt. Spekuliert wird, dass es sich um Boden, der unter sich Erdöl enthält.
• Angola wurde angegangen von Investoren aus Brasilien, Portugal, Grossbritannien und US. Verträge sind keine bekannt.
• Äthiopien: Saudiarabien erwirbt für 100 Mio eine Grossfarm. Mit minimalen Pachtzinsen werden in Asien weitere Interessenten gesucht.
• Ghana: Chinesen haben ein grösseres Gelände zur Nahrungsmittelproduktion erworben. Einzelheiten unbekannt.
• Kenya: Qatar (Zad Holding) pachtet 40 000 ha zum Anbau von Früchten und Gemüse; Gegenleistung: Bau eines Hafens für 2,3 Mrd.
• Libyen: versucht nicht nur in Afrika mit dabei zu sein, es hat 2008 247 000 ha Land in der Ukraine gekauft.
• Madagaskar: von dort kommt der bis anhin dramatischste Deal, Auf folgendem Hintergrund: das Land besass 8 Mio ha Kulturland, davon wurden 2 Mio bewirtschaftet. Potential wäre 35 Mio nutzbares Land. Der koreanische Konzern Daewo Logistics, der ein Jahr zuvor bereits 20'000 Hektar Agrarland in Indonesien gepachtet hatte) hat im November 2008 mit der Regierung einen dubiosen Pachtvertrag auf 99 Jahre für 1,3 Mio ha (die Hälfte von der Grösse Belgiens) im Westen (rund um Morondava und der Küste entlang gegen Norden) gemacht. Zusätzlich waren später weitere 1,2 Mio ha vorgesehen. Pacht sollte nicht bezahlt werden; doch wurde der Bau von Hafen, Strassen, Kraftwerke, Bewässerungsanlagen (irrigation systems), Jobs, Schulen und Kliniken/Spital. Daewo versprach, 2000 ha Mais und Palmöl zum Rückexport nach Korea anzubauen. Man muss wissen, dass Madagaskar jährlich vom World Food Programme Nahrungsmittel für 600 000 Menschen erhält. – Die Regierung hatte auch Verträge mit anderen Firmen (Exon-Mobil erzeugt Biosprit, Rio Tinto) unterzeichnet. – Im Frühjahr 2009 kam es zum Volksaufstand gegen diesen Ausverkauf. Die Regierung musste schliesslich gehen. Der neue Präsident Andry Rajoelina kündigt am 18. 3. 2009 den Vertrag mit Daewo.
• Mali: Chinesen und Franzosen haben grösseres Gelände, das durch einen Stausee bewässert wird, zum Reisanbau gekauft.
• Moçambique wird im Londoner Report Grab erwähnte, jedoch ohne konkrete Angaben.
• Sudan: Spektakulär geradezu sind die Landvergaben in diesem Land. Im Südsudan agiert Philippe Heilberg, ein dubioser Investor, Wall Street Spekulant, früherer CIA Agent, der im Südsudan die Seiten je nachdem wechselte, zusammen mit Paulino Matip, einem Warlord mit eigener Armee, mit Firmensitz auf den Virgins Islands. Verflochtener geht es schon nicht mehr. Seine Investmentfirma Jarch Capital mit Jarch Management (mit 2 weiteren rätselhaften Gestalten, der frühere Botschafter und sog. Afrikaexperte, Joseph Wilson, und Gwyneth Todd, Berater im Pentagon unter Bill Clinton) pachtet 400 000 ha. Helberg gibt gegenüber Wall Street Journal zu, dass er zwar von Landwirtschaft nichts verstehe, doch er „suche Partner für Joint Ventures zur Landentwicklung“. – Im Norden des Sudan hat Abu Dhabi 28 000 ha für 99 Jahre gepachtet. - Ebenfalls im Norden Saudiarabien mit einem 22’000 ha Projekt zum Anbau von Weizen, Reis, Mais, Soja, Bohnen und Alfalfagras. Die Staatsfirma mit Namen Hadco (Hail Agricultural Development Co) plant bis 2010 den Anbau von 6000 ha Weizen. Pachtvertrag läuft auf 48 Jahre. Versprochen sind 500 Jobs und eine Fee von 130 pro Feddan (=1,04 ha). Saudiarabien sucht weitere 100'000 ha Land, sagt es offen, es sei für die saudische Versorgung. – Kuwait unterzeichnete einen „gigantischen strategischen Partnerschafts Deal mit der Khartoum-Regierung“. - Auch China hat Land-Deals gemacht.
• Tanzania hat Land an arabische Länder über Zwischenfirmen verpachtet. Die Lage ist daher unklar.
• Uganda hat mit Ägypten einen Pachtvertrag für eine halbe Million Land verkauft, um Weizen und Mais anzubauen.
• Zambia hat in den letzten Jahren 400 weisse Farmer aus Zimbabwe und Südafrika aufgenommen; sie versprachen innert 3 Jahren selbstversorgend zu sein.
• Zimbabwe besitzt nach der Kategorisierung der weissen Rhodesier insgesamt 22 Mio Tribal and Communal Land; 6,6 Mio ha sind non-arable. 10,3 Mio Land wurden von Weissen kommerziell genutzt. Dass ausgerechnet in der Zeit der „grossen Landreform“ grössere Flächen an China verkauft werden, ist wirklich mysteriös.
Es gibt auch einen Wettlauf um Agrarland in Asien (Vietnam, Bahrein, usw.). Afrika ist also nicht allein Landjägern ausgesetzt.
Ist diese Jagd nach Land Neokolonialismus oder doch eine Chance? Wir müssen vier Dinge kritisch vor Augen halten:
1. Das alles ist doch eine sehr einseitige merkantile Landwirtschaft, also Agrobuisness;
2. zur Verbesserung der Ernährungslage trägt dieses Agrobusiness lokal minimal bei, denn es handelt sich um Export, alle Beteiligten geben zu, dass sie die Produktion „heimschaffen“ würden; man bezeichnet den Vorgang als food for a global market;
3. also zur Verbesserung der Ernährungslage in Afrika tragen diese Landverpachtungen oder –käufe nichts bei; sie werden Afrika auch psychisch schaden, denn letztlich ist der Vorgang eine Verdemütigung und eine Anklage der Unfähigkeit;
4. Produktion wird zwar gesteigert und nur so verbessert sich rein statistisch die Versorgungslage, nicht jedoch auf lokaler Basis oder für Afrika insgesamt. Man kann zwar behaupten, die Produktionsmenge sei um so und so viele Prozent gesteigert worden; Hunger wurde jedoch nicht reduziert.
Fairerweise muss ich erwähnen, dass China bereits reagiert hat, in jüngster Zeit zurückhaltender geworden ist und Ende Mai der Vize-Agrarminister wissen liess: „Wir müssen uns bei der Sicherung unserer Nahrungsmittel auf uns verlassen.“
Afrikas Staaten können die Landentwicklung nicht allein vorzunehmen, denn es fehlen Infrastruktur, Knowhow und Kapital. Zur Infrastruktur zählen Elektrifizierung, Telefon, Strassen, Eisenbahn und interner Luftverkehr. Wenn jedoch alles von aussen gebaut oder entwickelt wird, kommt Afrika kaum weiter. Intern muss Afrikas Landrecht radikal erneuert werden. Land in den Händen der Chiefs verhindert jeglichen Fortschritt und öffnet Tür und Tor zur Korruption.
Schlussfolgerung: Alle aufgezählten Länder-Beispiele sind ganz und gar kolonial, d.h. man nutzt Boden in der Ferne, um daheim die Ernährungslage abzusichern. Wird also an diesem Konzept nichts verbessert, dann bleibt es durch und durch imperial und kolonial. Was sehr nachdenklich macht, ist der Verlust lokaler Kontrolle. Es zählen Statistik und Geschäft, nicht Menschen und Mitwelten (Ökologie).
IV.
An was alles sollte bei einer Landreform gedacht werden?
So etwas wie eine Checkliste, die unbedingt weitergeführt werden muss
1. Land neu aufteilen oder verteilen, sollte nicht einfach eine Zerstückelung wie beim Zerschneiden eines Kuchens sein. Lebensräume sollen geachtet und erhalten bleiben. Man hat also auch an Grossräume und nicht bloss an privates Eigentum zu denken. Vor einer Neuaufteilung sollten Zonen errichtet werden.
2. Man darf und kann nicht ausschliesslich an die neuen Eigentümer denken, sondern auch an ihr Umfeld. Land muss in eine Öko- und Sozialsystem eingebettet sein. Folge: Land muss von einer Planungsstelle grossflächig zugeteilt werden.
3. Mehrere der gigantischen Farmen im südlichen Afrika können leicht gevierteilt werden; im Schnittpunkt kann ein Dorf errichtet werden.
4. Mit einer Land-Zuteilung haben auch die angebauten und kultivierten Produkte geplant zu werden. Man kann nicht total zerstückelt bauern. Es braucht also sowohl Raum- wie Produkteplanung. Im ehemaligen Rhodesien liess die Kolonialregierung einen Teil des Karanga-Volkes vom südlichen, überbevölkerten Teil des Landes nach dem Nordwesten umsiedeln und verordnete, dass die Bauern Baumwolle anpflanzen. Es war eine der sinnvollsten Umsiedlungen im südlichen Afrika.
5. Da Landwirtschaft flankiert werden muss, damit sie sowohl belebt als auch überlebt, kann an Tourismus gedacht werden. Es können auch Verarbeitungsbetriebe landwirtschaftlicher Erzeugnisse sein, um nicht nur Rohstoffe zu produzieren, sondern sie auch selbst weiter zu verarbeiten, um zu Mehrwert (added value) zu kommen. Ich denke an Dörranlagen, an Kräuterverarbeitung zu Bonbons, vielleicht eine Kaffeerösterei, lokalen Nescafe, usw. Ein Beispiel wären die Masai, die heute stark in den Tourismus eingegliedert sind. Ein weiteres Beispiel war der Versuch einer Kaffee-Verarbeitung (afrikanischer Nescafe) in Mwanza, Tansania. In Südafrika wurden Parks und Tierreservate errichtet statt Land verteilt, das wenig gebracht hätte. Die heutigen Bauern (eine neue Form) sind Parkwärter, Tierbetreuer, etc.
6. Landwirtschaft allein hat heute ausgedient. Bei einer Landreform kommen verschiedene Berufe aufs Tapet, vom Juristen bis zum Landschaftsarchitekten. Es geht z.B. nicht einfach um Land, sondern auch um die Berücksichtigung der Kinder mit Spielplätzen und Schulen.
7. An die Schule muss bei einer Landreform gedacht werden. Bis anhin liess man ausgerechnet die Schule von der Planung aus; das ist meine Erfahrung wenigstens von der Evaluation in Südafrika.
8. Eigentlich darf eine Landreform nie von einem Einzelnen ausgehen. Es geht um Familien, um Dörfer, ja sogar um die Region, um Nachbarschaften, um Infrastruktur insgesamt.
9. Man sollte bei einer Landaufteilung nicht Isolationismus fördern. Land zu besitzen ist gut, aber Land in Einsamkeit zu pflegen und bebauen, ist unmenschlich und mörderisch. Für Afrikas Menschen sind Friedhofanlagen ganz wichtig. Man kann die Toten auf einen zentralen Friedhof zusammenführen. Die grosse Zerstreuung von heute wird mehr und mehr sinnlos.
10. Der singuläre Familienbetrieb ist an die Grenze und somit ans Ende gekommen. Neue Organisationsformen sollten entwickelt werden. Ein Betrieb oder noch besser mehrere Betriebe können eine AG, eine GmbH oder eine neue Form von Genossenschaft formen. Diese kommenden Organisationsweisen können nur Afrikaner vor Ort entwickeln.
11. Gerade im südlichen Afrika kann festgestellt werden, dass die neu zugeteilten Farmen Landarbeiter anstellen. Daher sind die Rechte dieser Arbeiter genauso wichtig wie ein vages Recht auf Land. Nicht nur die Kolonialisten einst, sondern erst recht die neuen schwarzen Besitzer beuten die Landarbeiter gnadenlos aus.
12. Es geht um Planung mindestens von Dörfern mit Häuschen für Landarbeiter, Einkaufszentren, kleinen und grösseren Läden, um Unterhaltungsmöglichkeiten, sei es Kino oder Kleintheater, sei es Tanzlokale und Internetcafes, u.a.
13. Ganz wichtig ist die Energieversorgung. Schon die Planung kann daran denken, mehrere Höfe zusammen zu nehmen, um ein mögliches geschlossenes Energieversorgungssystem aufzubauen.
14. Noch wichtiger ist Wasser und die landwirtschaftliche Bewässerung. Es ist wirklich sinnlos, Land zuzuteilen, ohne auf vorhandenes und mögliches Wasser Rücksicht zu nehmen. Land ohne Wasser bedeutet Wüste.
15. Zu- und Ausfahrtstrassen haben geplant und/oder errichtet zu werden. Das wird fortgesetzt mit einer Restaurationsversorgung, resp. einer Beiz oder/Bar im Dorf, einem Kiosk. Belebung muss her; diese kommt nie von selbst, dazu braucht es Infrastruktur, Werbung, Kommunikation und Phantasie.
16. Das wäre eine mögliche Aufgabe für ältere Menschen auf dem Hof; sie geben sich mit Besuchern ab; wissen, dass sie nicht feindlich und ablehnend sein können. Senioren – männlich und weiblich – sind wichtig für die Kinder. Wichtig ist diese Aufgabe bei Zeiten, wo alle Erwachsenen auf der Farm gebraucht werden.
17. Bis dahin ging ich von der Gleichheit von Mann und Frau aus, dennoch könnten oder sollten Frauen eine spezielle Aufgabe haben. Frauen sollen sich mehr ums Biologische und Ökologische eines Hofs mit Garten und Pflanzplätzen kümmern. Männer übersehen diese eher subtilen Aspekte leicht.
18. Ich denke an die Pflege und Weiterentwicklung der Hortikultur, von Kultivation von Blumen und Gemüse für die eigene Versorgung. Wichtig ist, dass mindestens ein Teil davon einen Bezug zur Ernährung hat. Mit all den vielen heute vorhandenen Gemüsearten ist eine Selbstversorgung rund um das Jahr möglich.
19. Schon bei den Strassen ist es eingeschlossen: der Mensche braucht den Markt, und der afrikanische ganz besonders. Frauen lieben den Markt ganz besonders. Produkte auf dem neuen Hof können auch etwas geplant werden. Vielleicht fordert dies die Männer.
20. Auf diesen neuen Höfen muss Sorge um Bäume, Hecken, Sträucher und selbst das Gestrüpp getragen werden. Kühe oder Weizen allein machen in Zukunft keine Landwirtschaft mehr aus. Es benötigt je nach Gegend bestimmte Bäume (etwa Canarium Schweinfurtii, Marula oder Baobab). Es braucht darüber hinaus dringend Windschutz; die Bauern Afrikas sind ganz intensiv gefordert, sowohl eine neue Agrarkultur aufzubauen als auch mit allen Mitteln Bodenerosion zu minimalisieren.
21. Vorsorge ist die beste Versicherung. Langsam haben auch in Afrika Versicherungen für die Landwirtschaft entwickelt werden; Man denkt an zuviel Regen, an Trockenheit, an Stürme, an Heuschrecken, usw. Hier ist alle Phantasie für Insurance-Gambler offen.
22. Kleinkredite sind besonders zu Beginn ganz wichtig. Es braucht dies und jenes, doch alles bedingt Bargeld, denn die alte Subsistenzwirtschaft ist vorbei. Asien ging voraus; Afrika muss folgen; auch das gehört als ein Teil zur Landreform. Die Kredite werden am besten über Frauen laufen.
23. So wie in Europa etwa vor 150 Jahren endlich eine systematische Ausbildung der Bauern einsetzte, Landwirtschaftsschulen entstanden, so müssen diese mit jeder Landreform zusammen auch kommen. Keiner ist einfach ein geborenes Bauer oder Landwirt. Es beginnt schon mit der Zusammenarbeit von Mann und Frau, also der Arbeitsteilung, die nicht diskriminierend ist, den Einbezug der Kinder, Umgang mit Landarbeitern. Wichtig und zentral für Afrika ist die Planung, vor allem auch deshalb, weil afrikanische Menschen wenig Zukunftsdenken haben. Weiter und wichtig ist die Sorge rund um das Land (Ökologie), der Werkzeuge und Maschinen (Wartung). Eine Landwirtschaftsschule in Afrika muss andere Themen als in Europa einschliessen.
24. Afrika braucht eine angepasste Agrarforschung; nicht alles soll von aussen kommen und meist nicht angepasst sein. Die afrikanischen Universitäten sind gefordert; sie müssen nicht dauernd europäischer oder amerikanischer Forschung hinten nach hinken. Es gibt sogar ein illustres Beispiel aus der Kolonialzeit, wenn man das rhodesische Extension Service nimmt, welches weltweit einmalig war. Es brauchte nicht Gen-Treatment, um Baumwolle, Tabak oder Farmgräser und Mais dem Boden und Klima einmalig anzupassen.
25. Was nicht vergessen werden darf, zum Bauern gehören auch Kultur und Folklore, Sport und Wettbewerbe. Solches entsteht in einem lebendigen Vereinsleben. Gleichzeitig sind Vereine auch Wesen und Stärke der Zivilgesellschaft. Man denke an die Schweiz –einfach ein Beispiel und vielen anderen möglichen – mit all den Schwingclubs, Hornusservereinen, Jodlerclubs, Kirchen- und Männerchöre, Volksmusikanlässe oder afrikanisches Rasenboccia, usw.
Al Imfeld, Juni 2009