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Die (alt)ägyptische hölzerne Dienerstatuette, die als Vorbild für die Figur des Joseph in Thomas Manns Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ diente
Die (alt)ägyptische hölzerne Dienerstatuette, Fotos: Gabi Hollender
Thomas Mann beschreibt den jungen Joseph im ersten Band seiner Tetralogie mit folgenden Worten: „… dass ein Siebzehnjähriger so schlanke Beine und schmale Hüften, einen so wohlgestalteten Thorax, eine so goldbraune Haut der beifälligen Anschauung entgegenstellt […]“[1]. Man kann sich gut vorstellen, dass der Dichter, als er diese Sätze verfasste, tatsächlich auf die vor ihm auf seinem Schreibtisch stehende ägyptische Dienerfigur geschaut hat. Zudem formuliert Thomas Mann das „Steh-Schreiten“ der Figur an einer anderen Stelle so treffend mit „im Gehen stehend und gehend im Stehen“[2], dass dies heute für die Beschreibung einer ähnlichen Stand-Schreitfigur im Ägyptischen Museum zu Berlin verwendet wird[3].
Wie nun kommt diese doch sehr „antik“ aussehende und scheinbar von den Zeiten mitgenommene Figur in den Ruf, eine Fälschung, oder netter ausgedrückt, eine moderne Arbeit zu sein?
Im Jahr 1992 brachte der Ägyptologe Alfred Grimm das Buch „Joseph und Echnaton“ heraus[4]. Darin beschäftigt er sich zu Beginn vor allem mit dem Einfluss des Leiters des Ägyptologischen Instituts München, Wilhelm Spiegelberg (1870-1930), auf die Entstehungsgeschichte des Josephromans. Bei der Beschreibung eines Fotos von August 1930 mit Thomas Mann am Schreibtisch in München sitzend kommt er auch auf die Holzfigur zu sprechen[5]. Sie gehöre dem Typus nach zu den sogenannten Dienerfiguren[6]. Thomas Mann habe sie wahrscheinlich als „Souvenir“ seiner Ägyptenreise im Frühjahr desselben Jahres mitgebracht und sie sei eine Fälschung[7].
Da war das Wort „Fälschung“, das seitdem dieser Holzfigur auf Thomas Manns Schreibtisch anhängt und weiterverbreitet wird.
Doch Alfred Grimm täuscht sich in seinen Annahmen gleich zweifach. Zum einen ist die Holzfigur sehr wahrscheinlich ein „Souvenir“ der ersten Ägyptenreise Thomas Manns im März 1925. Auf einem Foto des Münchner Arbeitszimmers[8] sieht man den ägyptischen Diener auf dem Schreibtisch stehen, ähnlich wie auf obigem Foto. Doch handelt es sich bei diesem Schreibtisch um den Vorgänger des Möbelstücks auf der Fotografie von 1930. Da dieses Model bis 1928 oder 1929 im Arbeitszimmer stand, muss Thomas Mann die Figur bereits vor 1930 erworben haben.
Dazu bietet sich der erste Ägyptenbesuch im März 1925 mit einem „Tagesausflug“ nach Luxor an. Dies und zugleich auch die Echtheit der Figur belegt ein Brief Thomas Manns an Eberhard Hilscher vom 1.6.1954: „ … Spiegelberg bestätigt mir die Echtheit[9] eines kleinen hölzernen Grab-Sklaven, den ich aus Luxor mitgebracht.“ [10]
Thomas Mann kannte Wilhelm Spiegelberg, Ordinarius für Ägyptologie an der Universität München, seit 1927 persönlich und hat in der Frühphase des Romans „Joseph und seine Brüder“ des Öfteren seinen Rat gesucht. „Ich habe mich gefreut, einen Brief zu erhalten von dem Sohn Wilhelm Spiegelbergs, der mich in München, zur Zeit als ich an den Joseph-Romanen schrieb, oft beraten hat, und mit dem ich die ägyptische Sammlung der Glyptothek durchwanderte“[11].
Thomas Mann liess sich von Spiegelberg auch seine Lieblingsidee zum Josephsroman „absegnen“, nämlich den Joseph als Zeitgenossen Echnatons zu konzipieren, um den hebräischen Monotheismus mit der alleinigen Sonnenverehrung des Echnaton in Beziehung setzen zu können.
Der Höhepunkt der Bekanntschaft war sicherlich die mit Spiegelberg geplante und zum Teil von ihm begleitete grosse Ägyptenreise Thomas und Katia Manns vom Frühjahr 1930. Zugleich war es der Endpunkt, da Wilhelm Spiegelberg Ende desselben Jahres überraschend verstarb.
„Die „Geschichten Jaakobs waren schon fertig, als ich, Anfang 1930, die Orientreise nach Ägypten und Palästina antrat, die kaum noch als Studienreise gelten konnte, sondern nur der Nachprüfung meiner von fern bewerkstelligten Versenkung an Ort und Stelle diente.“[12]
Katia und Thomas Mann 1930 vor dem ptolemäerzeitlichen Tempel von Deir el-Medineh, Luxor, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf unbekannt / TMA_0178
Wenn nun der gelehrte Ägyptologe Wilhelm Spiegelberg die Holzfigur für echt erachtete, leitet dies zu der Frage weiter, wie es dem erfahrenen Ägyptologen Alfred Grimm passieren konnte, sie als Fälschung zu bezeichnen.
Dazu böte folgender Gedanke eine Lösung. Es stehen heute auf Thomas Manns Schreibtisch nämlich ZWEI im Stil sehr ähnliche hölzerne ägyptische Dienerfiguren von allerdings unterschiedlicher Grösse. Doch Alfred Grimm spricht in seiner Abhandlung nur von einer Grabfigur. Deshalb vermute ich, dass er sich bei der erwähnten „persönlichen Inaugenscheinnahme“ nur die zweite Figur angesehen haben muss, die tatsächlich „eindeutig eine moderne Arbeit“ ist.
Über diese zweite Grabfigur gibt es leider keinerlei weitere Informationen, wie oder wann sie in den Besitz Thomas Manns gekommen ist. Vielleicht weist ein Tagebucheintrag vom 5.6.1941 auf sie hin: „Bei Franks nachher Sherry. Sie beschenkten mich [mit] einem ägyptischen Figürchen …“.
So lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die erste ägyptische Dienerfigur tatsächlich eine altägyptische ist und aus der 12. Dynastie, ca. 1900 v. Chr., stammt.
Sie hat Thomas Mann seit ihrem Erwerb 1925 genauso treu ins Exil begleitet, wie es sein berühmter Schreibtisch getan hat. „Er [der Grab-Sklave] hat alle meine Umzüge mitgemacht und steht noch heute, wenn auch in recht gebrechlichem Zustand, bei mir im Arbeitszimmer.“[13]
Die altägyptische Dienerfigur ist 1955 im Arbeitszimmer in Kilchberg im Bücherregal untergebracht, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Photographisches Institut der ETH Zürich / PI_56-M-0097 / CC BY-SA 4.0.
Heute stehen beide Figuren einträchtig nebeneinander auf Thomas Manns Schreibtisch im Ausstellungsraum des Thomas-Mann-Archivs.
Beide Statuetten auf Thomas Manns Schreibtisch im Thomas-Mann-Archiv, Foto: Gabi Hollender
In diesen Tagen ist die Beschäftigung mit Thomas Manns Josephsromanen wieder besonders aktuell: Am 19. April 2018 erscheint die lange erwartete Ausgabe „Joseph und seine Brüder I & II“ der Grossen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns, die in Zusammenarbeit mit dem Thomas-Mann-Archiv Zürich von Jan Assmann, Dieter Borchmeyer und Stephan Stachorski herausgegeben wird.
Links:
Anmerkungen:
[1] Mann, Thomas: Gesammelte Werke in 13 Bänden, Frankfurt/Main 1974, Bd. 4, S. 395.
[2] Ebenda, S. 751.
[3] Stand-Schreitfigur, Holz, 12. Dynastie um 1900 v. Chr. ÄM 16600.
[4] Grimm, Alfred: Joseph und Echnaton: Thomas Mann und Ägypten, Mainz: Zabern 1992.
[5] Ebenda, S. 46.
[6] Diese wurden den Verstorbenen vor allem in der 11.-12. Dynastie (Mittleres Reich) mit ins Grab gegeben, damit sie Arbeiten für den Grabherren, die Grabherrin verrichten konnten, die die materielle Versorgung im Jenseits sicherstellten. Diese dreidimensionalen Modelle lösten die Wanddekorationen in den Gräbern des Alten Reiches ab, weshalb sich diese Holzfiguren sehr gut datieren lassen.
[7] Alfred Grimm bezeichnet sie in einer Fussnote „nach persönlicher Inaugenscheinnahme eindeutig [als] eine moderne Arbeit“. Grimm 1992, S. 451, Anm. 123.
[8] ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotografin: Hertha Ramme-Diem TMA_4354
[9] Die Echtheit der Figur wurde mir zudem vom Kurator der ägyptischen Sammlung im Antikenmuseum Basel, André Wiese, bestätigt, als die Statuette zur Befestigung eines gelockerten Armes im November 2006 einen halben Tag in der dortigen Restaurationsabteilung zubrachte.
[10] Thomas Mann, hrsg. Von Hans Wysling, Frankfurt/Main 1979, Dichter über ihre Dichtungen Bd. 14.2, S. 349.
[11] Brief Thomas Manns an Herbert Spiegelberg vom 4. Juli 1954. Grimm 1992, S. 29.
[12] Zitiert nach Grimm 1992, S. 41.
[13] Brief Thomas Manns an Eberhard Hilscher vom 1.6.1954, Wysling 1979, S. 349.