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Luisa Casati, die «göttliche Marchesa», war nach der Jungfrau Maria die meistgemalte Frau der Weltgeschichte. Denn als reichste Frau Italiens konnte sie jedem Künstler den Auftrag erteilen, sie zu porträtieren, von Man Ray bis Andy Warhol. Die 1881 geborene Exzentrikerin war die Hohepriesterin der sinnlichen Vergnügungen, die grösste aller Grandes Dames, die fatalste aller Femmes in den Pariser Salons, an den italienischen Maskenbällen, bei den Premieren, Vernissagen und in den Sommerfrischen Anfang des vergangenen Jahrhunderts.
Casati kaufte im Vorbeigehen Palazzi, richtete Feste für Millionen von Franken aus, spazierte nachts mit ihrem Gepard am samtenen Halsband über Venedigs Markusplatz. Ein zwei Meter grosser Schwarzer schritt voran, um mit einem zwölfarmigen Kandelaber den Weg zu leuchten. Legendär auch die Schäferstündchen mit dem virilen Lyriker Gabriele D’Annunzio, den sie laut schreiend und auf weisse Orchideen gebettet in einer Gondel liebte, die nachts durch die Kanäle Venedigs glitt. Hatte sie auf eine Einladung keine Lust, schickte sie bei den Gastgebern eine Sänfte vorbei, in der eine nach ihr modellierte lebensgrosse Wachspuppe sass, die an ihrer Statt bei Tisch Platz nehmen sollte. Um den Hals trug sie jahrelang ihre zahme Boa constrictor. Logisch, dass eine so extravagante Figur zur Ikone werden musste.
Inspiration für Lagerfeld, Dior & Co.
Die ehemalige «Vogue»-Chefin Carine Roitfeld liess sich in typischer Casati-Manier abbilden, die Augen dunkel geschminkt, die roten Haare lodernd wie Höllenflammen. Auch Tilda Swinton posierte als Luisa Casati. John Galliano, Christian Dior, Karl Lagerfeld liessen sich von ihrem rauschhaften Stil inspirieren, und Georgina Chapman benannte ihr Label Marchesa nach ihr. Nun hat die französische Autorin Camille de Peretti der exzentrischen Gräfin ein literarisches Denkmal gesetzt – mit dem biografischen und teils autobiografischen Roman «Der Zauber der Casati», in dem sie das Leben der Marchesa mit ihrem eigenen gegenschneidet.
Was fasziniert eine junge Französin (32), Mutter zweier Kinder, die sich selbst als imaginationsarm bezeichnet, als hochdiszipliniert und arbeitssüchtig, eine strebsame lebenslang Klassenbeste, deren einzige Ausschweifung eine heute geheilte Magersucht ist, was also fasziniert einen solchen Kontrollfreak an der opiumrauchenden, kokainschnupfenden Casati, die ihr Leben, ihre Liebe und ihren Reichtum verschleuderte, bis sie arm wie eine Pennerin 1957 in London starb?
Winzige Bissen vom Lammbraten
Paris, Rue Saint-Honoré, Hotel Mandarin Oriental. Im Restaurant Camelia sitzt Camille de Peretti, zart, blass, sehr hübsch im leuchtend blauen Mohairpullover, elegant mit dem seidenen Schal im Haar. Sie fügt sich nahtlos ein in die auf die Spitze getriebene Ästhetik des Lokals, die hingetupften minimalistischen Kamelienarrangements, den mit Händen zu greifenden guten Geschmack. «Tja, warum die Casati?», überlegt sie, während sie manierlich winzige Bissen vom Lammbraten kaut und ihren Bordeaux in homöopathischen Dosen zu sich nimmt. «Die Exzentrik? Die Tatsache, dass sie sich alles erlaubt hat?»
Peretti selbst hat sich in ihrem Leben bisher wenig bis gar nichts erlaubt, was abseits lag vom nach oben führenden Weg. «Meine Mutter kommt aus einer bitterarmen Familie. Meine Oma war Magd und mein Grossvater Waldarbeiter. Er ist an den Folgen seines Alkoholismus gestorben, als das siebte Kind unterwegs war.» Auch ihre Mutter, eine Krankenschwester, sei alleinerziehend gewesen. Und der klangvolle Name? «Hört sich schön an, da ist aber nichts dahinter. Mein Vater hat sich nicht um uns gekümmert, weder emotional noch finanziell.» Ihre Mutter sei nicht mit ihm verheiratet gewesen. «Trotzdem wollte sie, dass wir seinen Nachnamen tragen – damit wir es vielleicht damit etwas leichter haben in der französischen Gesellschaft.»
Immer die Beste
Von der Mutter angetrieben, entwickelt die kleine Camille einen beängstigenden Ehrgeiz: bestes Lycée der Stadt, bestes Baccalauréat, Classe prépa, büffel, büffel, büffel, dann Grande École. Sie studiert Ökonomie an der Éssec (selbstredend eine der renommiertesten Wirtschaftsunis der Welt), arbeitet studienbegleitend bei einer Bank, dann im Finanzwesen, dann Zusammenbruch. Magersucht, 43 Kilo; ein bisschen weniger noch, sagt der Arzt, und es wäre lebensbedrohlich geworden. «Solche Tiefen sind schrecklich. Aber wenn man sie erst einmal hinter sich hat, ist man danach unzerbrechlich», behauptet Camille de Peretti. In der Therapie formuliert sie ihren Wunsch, Schriftstellerin zu werden, den sie immer schon verspürte («Mais non, bei uns gibts keine Faulpelze!», antwortete Maman stets darauf). Und zieht die Sache jetzt durch, mit demselben Fleiss, der gleichen Akribie, mit der sie ihr bisheriges Leben angepackt hat.
Sie schreibt einen Roman über ihre Magersucht («Thornytorinx»), der in Frankreich, der Diktatur der Ästhetik, wo Zuchtmeisterin Perfektion die Knute schwingt, einschlägt wie eine Bombe. Das Buch wird ein Bestseller und Camille de Peretti Dauergast in den Talkshows. Sie legt einen zweiten Roman nach. Dann einen dritten: «Wir werden zusammen alt», ihr erstes auch auf Deutsch übersetztes Buch. Darin geht es um ein Altersheim. Peretti teilt das Heim in 64 Felder auf und setzt das Ganze dann mittels mathematischer Algorithmen und eulerschen Quadraten in ein Erzählschema um. Zwanghaft? «Psychorigide, sagt meine Lektorin!»
«Ich kann mir nichts vorstellen»
Auch an ihr neues Buch setzte sich Peretti mit beinhartem Bienenfleiss. Wahrscheinlich ist «Der Zauber der Casati» die einzige Biografie der Marchesa, die den Tatsachen wirklich gerecht wird. Denn Peretti grub sich – einmal emsig, immer emsig – durch alle Archive, stieg in die Geburtsvilla der Marchesa ein, fand eine Gesellschaftskolumne im «Figaro» der Zwanzigerjahre, mittels derer sie die grossen Roben der Casati rekonstruierte. «Ich kann mir nichts vorstellen, kann nichts erschaffen, kann nur Selbsterlebtes und Dinge, die wirklich stattgefunden haben, beschreiben.» Die Casati jedoch, die Lady Gaga des Fin de Siècle, deren Leben von vielen, auch von Peretti, als inhaltsleer gegeisselt wurde, hat ein Kunstwerk geschaffen: sich selbst.
Und es gab viele, die dies erkannten, so etwa der Journalist und Zeitgenosse Woodrow Wyatt: «Wenn das Leben der Marchesa auch ebenso ausschweifend wie wertlos gewesen sein mag – man kann nichts mitnehmen aus dieser Welt. Und solange sie in ihr lebte, funkelte sie wie eine wunderbare Libelle.»
— Camille de Peretti: Der Zauber der Casati. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, 288 Seiten, ca. 29 Franken
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Camille de Peretti: Der Zauber der Casati. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, 288 Seiten, ca. 29 Franken