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Maxwell Bennett und Peter Hacker verfassten gemeinsam ein unglaublich umfangreiches und detailliertes Buch zu den Neurowissenschaften, in dem sie bislang wenig reflektierte Begriffe der Neurowissenschaften zu analysieren versuchten. Dieses Buch wurde kontrovers diskutiert und kurze Zeit später ist ein weiteres Buch erschienen, welches diese Debatte zum Inhalt hatte. Bennett und Hacker bringen in diesem neuen Buch ihre Thesen auf den Punkt, es kommen aber auch Kritiker wie Daniel Dennett und John R. Searle zur Sprache. Diese Rezension beruht auf diesem "Debattenbuch" (Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache), das seinerseits auf dem Werk "Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften" basiert.
Gehirn-Körper Dualismus
Bennett und Hacker geht es in ihrem grossen Werk nach eigenen Worten vor allem um das Anliegen, die Inkohärenz des Gehirn-Körper-Dualismus nachzuweisen, der den Leib-Seele Dualismus abgelöst habe (S. 186). Erstaunlich ist dabei allerdings, dass kaum ein Wissenschaftler behauptet, dass Gehirn und Körper unterschiedliche Substanzen wären, weshalb der Vergleich mit dem Leib-Seele Dualismus offensichtlich problematisch ist und sich die Frage stellt, ob Bennett / Hacker nicht einen Kategorienfehler begehen. Denn das Gehirn ist ein Teil des Körpers, die Seele im Leib-Seele Dualismus aber eben gerade nicht.
Bei der Ablehnung eines Gehirn-Körper Dualismus geht es den Autoren zum einen darum, zu zeigen, dass das Gehirn kein Organ des Bewusstseins, dass Bewusstsein keine Eigenschaft des Gehirns sei. Nicht allein das Gehirn, sondern der ganze Körper, ja der ganze Mensch sei Bedingung für Bewusstsein (S. 193). Der Ansicht, dass für den Menschen auch der Körper Bedingung ist für Bewusstsein gibt es kaum etwas entgegenzusetzen. Denn schliesslich funktioniert das Hirn nicht ohne Herz, gehört der ganze Körper zum "Bewusstseinsraum", empfinden wir zwar Schmerzen im eigenen kleinen Zeh, nicht aber im kleinen Zeh unserer Freundin oder unseres Freundes. Auch ist die Trennung von Gehirn und Körper bei weitem nicht so einfach durchzuführen, wie manche Neurowissenschaftler einen glauben machen (Damasio 2013, S. 33: "dass die Vorstellung von einer scharfen Grenze zwischen Körper und Gehirn problematisch ist.").
Doch Bennett und Hacker geht es um mehr. Sie sind der Ansicht, dass sich der Schmerz als Beispiel für eine bewusste Erfahrung dort befinde, wo man mit dem Finger hinzeige, dass der Schmerz sich also nicht "im" Hirn befinde oder vom Hirn "generiert" werde, sondern dass sich der Schmerz tatsächlich dort befinde, wo es schmerzt (S. 205). Es sei nicht der Geist der schmerze, sondern der kleine Zeh. In diesem Sinne verstehen sie vermutlich auch ihren "Gehirn-Körper Dualismus" - das Bewusstsein finde nicht allein im Hirn, sondern im ganzen Körper statt, es gebe kein "Ich", das vom Körper getrennt sei, das "Ich" sitze nicht irgendwo im Hirn und nehme dort wahr, sondern das "Ich" sei irgendwie der ganze Mensch.
Diese Vorstellung tönt zwar schön, scheint aber nicht den Tatsachen zu entsprechen. Besonders deutlich wird dies, wenn man mit ihr Phantomschmerzen zu erklären versucht. So behaupten Bennett und Hacker, dass wenn jemand Phantomschmerzen im Bein habe, es wirklich das (nicht mehr existierende!) Bein sei, das weh tue (S. 210). Dass diese Vorstellung absurd ist, erscheint offensichtlich, wie John R. Searle mit einem einfachen Beispiel demonstriert: Liegt der beinamputierte Mensch in einem Bett, müsste sich der Schmerz unter der Bettdecke befinden, wo sich das Bein befinden würde, wäre es nicht amputiert worden (S. 167). Die Entgegnung von Bennett / Hacker, dass man im Kopf nur Kopfschmerzen und keine Schmerzen im Bein haben könne (S.210) wirkt eher hilflos - Beinschmerzen ohne Bein existieren nachgewiesenermassen, nicht aber Beinschmerzen ohne Hirn.
Doch auch wenn Bennett / Hacker hier wider Erwarten recht haben sollten, würde es sich bei dem von ihnen kritisierten Gehirn-Körper Dualismus definitiv nicht um ein Analogon zum Leib-Seele Dualismus handeln. Es lohnt allerdings nicht, sich weiter mit dieser Fragestellung zu beschäftigen, da sie gar nicht Bennett / Hackers Vorstellung entspricht, sondern ihre Konzeption noch weit radikaler ist.
Der mereologische Fehlschluss - Fehlschluss
So schreiben sie an anderer Stelle, dass es auch nicht der Körper sei, der wahrnehme, sondern eben der Mensch als Ganzes - der allerdings nicht sein Körper sei (S. 190f. Bennett / Hacker: der Mensch als Ganzes nimmt wahr). Es handle sich um einen "mereologischen Fehlschluss", wenn man dem Gehirn - oder auch dem Körper - Eigenschaften zuschreibe, die nur dem Ganzen zukommen könnten. Bewusstsein sei etwas, das dem Menschen als Ganzem zukomme, Bewusstsein beziehe sich immer auf den ganzen Menschen und nicht auf einen Teil des Menschen. Schliesslich sehe, denke oder erinnere sich nicht die Grosshirnrinde, sondern das Lebewesen als Ganzes (S. 192-199). "Denn es ist gewiß besser, nicht zu sagen, das Gehirn habe Mitleid, lerne oder denke nach, sondern der Mensch tue dergleichen. Dementsprechend bestreiten wir, daß es sinnvoll ist zu sagen, das Gehirn habe Bewußtsein, spüre Empfindungen, nehme wahr, denke, wisse oder wolle etwas. Denn das sind Eigenschaften von Lebewesen, nicht ihres Gehirns." (S. 188)
So berechtigt solche Einwände zu sein scheinen, vermischen Bennett und Hacker mit ihrem "mereologischen Fehlschluss" allerdings verschiedene Fragestellungen. Geht es ihnen darum, zu zeigen, dass Bewusstsein eine Eigenschaft des Menschen und nicht des Gehirns ist, so haben sie zumindest teilweise recht. Bei der dem Buch zugrundeliegenden Debatte geht es allerdings vor allem um die Frage, wie Bewusstsein entsteht und darauf haben sie keine Antwort. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass Bewusstsein durch das Gehirn hervorgebracht wird ("entsteht") und zugleich Eigenschaft des menschlichen Körpers als Ganzem ist (insofern es eben via Hirn und Nerven mit dem Körper verknüpft ist). Insofern liessen sich die beiden Fragestellungen vereinen - eine Lösung, die Bennett / Hacker allerdings ablehnen.
Bewusstsein kann aber (logisch) nicht Eigenschaft des Menschen als Ganzem sein, wenn unter diesem der Mensch inklusive Bewusstsein verstanden wird. Etwas kann nicht Eigenschaft seiner selbst sein. Unter dem Menschen als Ganzem muss also der Mensch ohne Bewusstsein verstanden werden, da ein Mensch mit Bewusstsein auch nicht als Ganzes sein eigenes Bewusstsein hervorbringen kann.
Der Mensch ohne Bewusstsein ist aber zuerst einmal sein Körper, der für Bennett / Hacker nicht "das Ganze" ist. Somit aber sind sie gezwungen, etwas über den Körper Hinausgehendes anzunehmen, das nichtkörperlich ist und nicht durch den Körper hervorgebracht wird und das den Menschen erst zum Menschen macht. Ist dieses "Etwas" wirklich nichtkörperlich, dann sind Bennett / Hacker gezwungen, einen Leib-Seele Dualismus anzunehmen, also die Vorstellung, dass der Mensch aus Körperlichem und Nichtkörperlichem besteht, wobei das Nichtkörperliche nicht aus dem Körperlichen hervorgeht (oder umgekehrt).
Einen solchen Substanzdualismus lehnen sie allerdings vehement ab, weshalb ihre Position auch nicht zu überzeugen vermag. Vielmehr scheinen sie sich nicht bewusst zu sein, dass sie durch die unreflektierte Verwendung von Begriffen wie "wir", "der ganze Mensch", "die Person" etc., die sie nirgends genauer erläutern, ihren Leib-Seele Dualismus mit der Floskel des "Ganzen" kaschieren. Dies ist insofern ironisch, als sie ihren Gegnern vor allem den unreflektierten Umgang mit Begriffen vorwerfen.
Maxwell R. Bennett, Peter M. Hacker. Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010.
John R. Searle, Daniel C. Dennett, Maxwell R. Bennett, Peter M. Hacker. Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache. Suhrkamp 2010.