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Tools for Thought
Eine neue Software-Generation für das persönliche Wissensmanagement
3 Die Zettelkasten-Methode
3.1 Niklas Luhmanns Zettelkasten
Viele Anbieter von Software-Lösungen für das persönliche Wissensmanagement verweisen auf den Zettelkasten des deutschen Soziologen Niklas Luhmann. Dieser hat zwischen 1952 und 1997 alles, was ihm wichtig erschien, von Hand auf karteikartengrossen Zetteln notiert und in Karteikästen abgelegt. Im Verlauf seiner wissenschaftlichen Arbeit sind so rund 90’000 thematisch geordnete und über Querverweise verknüpfte Zettel entstanden. Sie waren die Grundlage für Luhmanns enorme Publikationstätigkeit.
Niklas Luhmann war weder der erste noch der einzige Wissensarbeiter, der einen Zettelkasten benutzte, wie etwa die Publikationen von Markus Krajewski zeigen. [18] Aber weil Luhmann oft über seine Arbeitsmethode gesprochen und geschrieben hat [19] und weil sein Zettelkasten derzeit an der Universität Bielefeld komplett digitalisiert und umfassend erforscht wird, ist dieser besonders bekannt.
Es kann hier nicht darum gehen, Luhmanns Zettelkasten im Detail zu beschreiben, zumal dies Johannes Schmidt im Rahmen des Bielefelder Forschungsprojekts bereits ausführlich getan hat. [20] Zudem bietet Sönke Ahrens eine gut lesbare Einführung, die direkt auf die eigene wissenschaftliche Arbeit übertragbar ist. [21] Wer möchte, kann sogar die digitalisierte Version des Zettelkastens online einsehen. [22]
Eine vertiefte Beschäftigung mit Luhmanns Zettelkasten wäre aber auch deshalb wenig hilfreich, weil es in der vorliegenden Arbeit um digitale Werkzeuge geht, während Luhmanns Methode auf Papier basiert. Gewisse Elemente dieser Methode (insbesondere die alphanumerischen Identifikatoren der einzelnen Zettel, die er für die Sortierung und für Verweise genutzt hat) kompensieren lediglich die Limitierungen eines physischen Zettelkastens und ergeben in einer Software keinen Sinn. Apps, die eine möglichst direkte Umsetzung von Luhmanns Zettelkasten anstreben (wie beispielsweise Zettelkasten von Daniel Lüdecke), sind deshalb eher umständlich und mit den modernen Tools for Thought nicht zu vergleichen.
Mein Ziel ist es vielmehr, die grundlegenden Prinzipien dieser Methode herauszuarbeiten und anschliessend zu untersuchen, wie diese Prinzipien in digitalen Lösungen umgesetzt und allenfalls erweitert werden. Dabei werde ich auch zu zeigen versuchen, dass die Referenz auf Luhmann zwar durchaus ihre Berechtigung hat, dass aber die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten eröffnet, was die Zettelkasten-Metapher etwas fragwürdig erscheinen lässt.
3.2 Kernelemente von Luhmanns Arbeitsmethode
3.2.1 Eine einzige Wissensbasis
Luhmann hat sämtliche Notizen aus seiner wissenschaftlichen Arbeit in seinem Karteisystem abgelegt. Er hat damit das Prinzip einer einzigen Wissensbasis ausgesprochen konsequent verfolgt, [23] und diese hat mit insgesamt 90’000 Zetteln einen enormen Umfang erreicht.
Dass die Pflege einer solchen Wissensbasis aufwändig ist, liegt auf der Hand. Für Luhmann hat sich dieser Aufwand gelohnt, weil er dank des Zettelkastens sehr effizient publizieren konnte. In einem Interview erklärte er einmal, dass das Verfassen von Notizen und ihre Einarbeitung in den Zettelkasten die grösste Arbeit darstelle:
«Meine Produktivität ist im wesentlichen aus dem Zettelkasten-System zu erklären. […] Der Zettelkasten kostet mich mehr Zeit als das Bücherschreiben.» [24]
Auf das 4C-Modell übertragen könnte man also sagen: Luhmann hat sehr viel in die Connect-Phase investiert, dadurch aber einen grossen Effizienzgewinn in der Create-Phase erzielt.
3.2.2 Unterschiedliche Kategorien von Notizen
Mindestens so wichtig wie das Ablagesystem des Zettelkastens ist Luhmanns Vorgehen beim Verfassen der Zettel. Dieses Vorgehen hat er teilweise selbst beschrieben, und spätestens seit den bereits erwähnten Publikationen von Johannes Schmidt und Sönke Ahrens ist es uns im Detail bekannt. Luhmann hat alles Gelesene in einem zweistufigen Prozess ausgewertet und dabei die drei folgenden Kategorien von Notizen unterschieden.
Flüchtige Notizen
Flüchtige Notizen (engl. Fleeting Notes) dienen einzig dazu, Ideen festzuhalten, die gerade nicht in den aktuellen Arbeitskontext passen, aber nicht vergessen gehen sollen. Ähnlich wie bei der «Getting Things Done»-Methode von David Allen [25] geht es darum, den Kopf für die aktuelle Tätigkeit freizubekommen, indem man Pendenzen einem zuverlässigen System übergibt.
Flüchtige Notizen sind formlos. Sie werden nicht in den Zettelkasten integriert und auch sonst nicht dauerhaft archiviert, sondern lediglich im Hinblick auf ihre Weiterverarbeitung zwischengelagert.
Literaturnotizen
Literaturnotizen (engl. Literature Notes) entstehen während der Lektüre: Sie enthalten – nebst den bibliografischen Daten – die wichtigsten Aussagen eines Texts.
Luhmanns Literaturnotizen erfüllen zwei Kriterien, die wir als wesentlich für die Condense-Phase des 4C-Modells definiert haben. Erstens sind sie selektiv: Luhmann hat nur notiert, was ihm im Hinblick auf seine eigenen Publikationen interessant und nützlich erschien. Dadurch fallen seine Literaturnotizen zu einem einzelnen Buch oder Aufsatz ausgesprochen knapp aus. Zweitens hat er seine Literaturnotizen in eigenen Worten formuliert.
Den Vorteil dieser Form von Literaturnotizen hat Luhmann folgendermassen beschrieben:
«Die vielleicht beste Methode dürfte wohl darin bestehen, sich Notizen zu machen – nicht Exzerpte, sondern verdichtete Reformulierungen des Gelesenen. Die Wiederbeschreibung des bereits Beschriebenen führt automatisch zum Trainieren einer Aufmerksamkeit für ‹frames›, für Schemata des Beobachtens oder auch für Bedingungen, die dazu führen, dass der Text bestimmte Beschreibungen und nicht andere bietet.» [26]
Die Literaturnotizen sind noch nicht das Endprodukt: Auch wenn Luhmann sie dauerhaft aufbewahrte, so gehören sie dennoch in die Kategorie der Temporary Notes.
Permanente Notizen
Das, was den Kern von Luhmanns Zettelkasten ausmacht, sind Zettel mit Permanente Notizen (engl. Permanent Notes). Diese entstehen durch die Verarbeitung von flüchtigen Notizen einerseits und von Literaturnotizen andererseits. Diesen Vorgang bezeichnete Luhmann als «Verzetteln».
Luhmanns Zettel enthalten knappe, aber ausformulierte Notizen. Dabei befasst sich jede Notiz mit einem einzigen, eng gefassten Thema oder Gedanken. Dieses Prinzip der atomaren Notizen wurde ein Stück weit durch das Ablagesystem vorgegeben: Die Zettel bieten nur beschränkt Platz, und vor allem müssen sie in den jeweiligen thematischen Zusammenhang eingeordnet werden. Darüber hinaus sind atomare Notizen aber auch eine zwingende Voraussetzung für präzise Verweise (die Luhmann über die bereits erwähnten alphanumerischen Identifikatoren realisierte).
3.2.3 Organische Struktur
Luhmann hat seinen Zettelkasten zunächst in grössere Themen unterteilt und diese dann weiter untergliedert. Allerdings hat er dafür keine vordefinierte Systematik wie etwa die Universelle Dezimalklassifikation benutzt, sondern seine eigenen Themen definiert, die seinen Interessen und Arbeitsschwerpunkten folgten. Zudem hat er das Themenraster nicht von Anfang an festgelegt, sondern über die Jahre nach seinen Bedürfnissen weiterentwickelt.
Kennzeichnend für Luhmanns Zettelkasten ist somit ein individuelles und dynamisches Ordnungssystem, das über die Zeit organisch gewachsen ist. Dies unterstreicht dessen subjektiven Charakter: Der Zettelkasten war ausschliesslich als persönliche Wissensbasis gedacht, und Luhmann nahm sich deshalb die Freiheit, ihn nach seinen eigenen Gesichtspunkten zu strukturieren.
3.2.4 Kombination aus Hierarchie und Netzwerk
Grundsätzlich betrachtet kann man Informationen entweder in Hierarchien oder in Netzwerken organisieren.
Hierarchische Informationsarchitekturen haben den Vorteil, dass sie die Informationssuche nach dem Top-Down-Prinzip ermöglichen: Man wählt eine Hauptkategorie, danach die passende Unterkategorie usw., bis man die gewünschte Information gefunden hat. Auch das Einsortieren von neuen Informationen funktioniert nach diesem Prinzip. Sofern der Kategorienbaum sinnvoll definiert wird, ist sowohl die Recherche als auch die Pflege eines hierarchischen Informationssystems vergleichsweise einfach.
Der wesentliche Nachteil von Hierarchien besteht darin, dass es für eine bestimmte Information nicht immer einen eindeutigen Ort im Kategorienbaum gibt. Das kann dazu führen, dass vorhandene Information nicht gefunden wird, weil man sie an einer anderen Stelle erwartet. Es kann aber auch dazu führen, dass eine Information in Form von Kopien mehrfach an unterschiedlichen Orten abgelegt wird – was dann die Pflege des Informationsbestands verkompliziert.
Dieses Problem haben netzwerkartige Informationsarchitekturen nicht: Man kann eine Informationseinheit mit beliebig vielen anderen verknüpfen und somit alle denkbaren Zusammenhänge abbilden. Dafür ist es schwieriger, sich in einer Netzwerkstruktur systematisch in ein Thema einzuarbeiten. Und wer sich von Verweis zu Verweis hangelt, fühlt sich unter Umständen rasch desorientiert – ein Phänomen, das man im digitalen Raum als Lost in Hyperspace bezeichnet.
Auf den ersten Blick ist Luhmanns Zettelkasten hierarchisch organisiert, denn er ist in thematische Abteilungen mit bis zu vier Unterebenen gegliedert. Im Detail weicht er allerdings vom hierarchischen Ordnungsprinzip ab, indem er Zettel mit weiterführenden Gedanken direkt hintereinanderstellt, statt sie konsequent in die jeweilige Themenhierarchie einzusortieren. Zudem nutzt er häufig Verweise, um Zettel zu referenzieren, die an anderer Stelle im Zettelkasten stehen (insgesamt dürften es rund 45’000 Verweise sein). Auch das Schlagwortregister mit rund 3’200 Einträgen ist ein Instrument, um thematisch zusammengehörige Zettel zu vernetzen.
Zur Bedeutung der Vernetzung schrieb Luhmann:
«Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält. Eine Notiz, die an dieses Netz nicht angeschlossen ist, geht im Zettelkasten verloren, wird vom Zettelkasten vergessen.» [27]
Und an anderer Stelle:
«Es ist danach wichtig, dass man nicht auf eine Unmenge von Punkt-für-Punkt Zugriffe angewiesen ist, sondern auf Relationen zwischen Notizen, also auf Verweisungen zurückgreifen kann, die mehr auf einmal verfügbar machen, als man bei einem Suchimpuls oder auch bei einer Gedankenfixierung im Sinn hat.» [28]
Ich würde nicht so weit gehen, zu argumentieren, dass Luhmann konsequent Hierarchien und Netzwerkstrukturen miteinander kombiniert hat. Aber er hat ganz offensichtlich Elemente aus beiden Organisationsprinzipien genutzt.
[18] Krajewski 2017, Krajewski 2014.
[19] Luhmann 1981, Luhmann 2000.
[20] Schmidt 2016, Schmidt 2015, Schmidt 2014.
[21] Ahrens 2017.
[23] Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass Luhmann zwei verschiedene Zettelkästen angelegt hat: Der Zettelkasten 1 umfasst die Notizen aus der Zeit, als Luhmann noch als Verwaltungsbeamter tätig war (1952–1961); der Zettelkasten 2 ist das Produkt seiner wissenschaftlichen Karriere (1961–1997).
[24] Zit. nach Schmidt 2015, S. 154.
[25] Allen 2015.
[26] Luhmann 2000, S. 155.
[27] Zit. nach Schmidt 2015, S. 164.
[28] Luhmann, Zettelkasten II, Zettel 9/8b, https://niklas-luhmann-archiv.de/bestand/zettelkasten/zettel/ZK_2_NB_9-8b_V (Hervorhebungen gem. Original).