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Was ist Zersiedelung?
Die Zersiedelung in der Schweiz hat über die vergangenen Jahrzehnte laufend zugenommen. Seit 1985 wurden 584 km2 überbaut, was mehr als der Fläche des Genfersees entspricht. Das zeigt sich deutlich an der gewachsenen Siedlungsfläche für den Wohnraum. Die ständig wachsenden Bauzonen führen dazu, dass weiterhin grossflächig, verschwenderisch und zerstreut gebaut wird. Eine ähnliche Entwicklung findet ausserhalb der Bauzonen statt, wo immer mehr Bauten erstellt werden, die nicht für die Landwirtschaft, sondern für zonenfremde Zwecke genutzt werden. Die Zersiedelung führt zu Mehrverkehr und zusätzlichem Strassenbau, der wiederum den Bodenverschleiss antreibt.
Abbildung 1: 1985-2009: Die Siedlungsfläche fürs Wohnen ist 2.5mal so stark gewachsen wie die Bevölkerung.
Der Grad der Zersiedelung wird aber nicht nur vom Flächenverbrauch per se bestimmt, sondern auch durch dessen räumliche Aufteilung. Je weiter zerstreut die Gebäude erstellt werden, umso mehr nimmt die Zersiedelung zu. Und je mehr die Zersiedelung zunimmt, desto länger werden die Verkehrswege und desto mehr Verkehr entsteht. Durch den Strassenbau werden zahlreiche Naturräume zerschnitten und viel Boden geht verloren. Von 1985 bis 2009 hat beispielsweise die Fläche für Autobahnen um 49 % und die Fläche für Parkplätze um 55 % zugenommen. Auch hier ist das Wachstum ein Vielfaches des Bevölkerungswachstums (BFS, 2015).
Abbildung 2: Seit 1985 wurde in der Schweiz die Fläche des Genfersees zubetoniert. Das ist insbesondere deshalb bedenklich, da ca. 70 % der Schweizer Fläche von vornherein nicht nutzbar sind.
Erhebungen, welche die Zersiedelung unter Berücksichtigung all dieser Faktoren (Siedlungsausdehnung, Siedlungsstreuung, Siedlungsdichte) berechnen, kommen zu einem klaren Schluss: Die Zersiedelung hat seit Messbeginn in den Dreissiger Jahren ununterbrochen zugenommen (Schwick & Spichtig, zit. in BAFU, 2017b). Dies war nur deshalb möglich, weil die Bauzonen in der Schweiz ständig erweitert bzw. die Bauzonenreserven so gross angesetzt wurden, dass die Zersiedelung gar nicht begrenzt werden konnte. Diese Tatsache besitzt bis heute Gültigkeit. Das zeigt sich auch an der Bautätigkeit in jüngerer Zeit. Der Anteil der Einfamilienhäuser am gesamten Wohnbaubestand hat sich von 2000 bis 2016 gerade mal um 1.3 % auf 68.4 % reduziert (BFS, 2016). Es geht dabei nicht um die Einfamilienhäuser als solche, sondern um das Bauen mit niedriger Dichte. Die Statistik zeigt, dass Siedlungen mit sehr niedriger Dichte fast konstant zwei Drittel der Wohnbauten ausmachen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden jährlich zwischen 5000 und 12’000 Wohnbauten erstellt, die lediglich zwei Stockwerke hoch sind. Dass diese Entwicklung mehr als verschwenderisch ist, zeigt sich auch an einem wachsenden Anteil an leerstehenden Ein- und Mehrfamilienhäusern, der so hoch ist wie seit zehn Jahren nicht mehr (BFS, 2018). Das Potenzial für einen haushälterischen Umgang mit dem Boden wird also nicht ansatzweise ausgeschöpft.
Obwohl die Zersiedelung zu grossen Teilen durch die stetige Ausweitung der Bauzonen zu erklären ist, hat auch das Bauen ausserhalb der Bauzonen einen immer grösseren Einfluss. Derzeit befinden sich 22 % aller Gebäude ausserhalb der Bauzonen, d.h. vor allem in der Landwirtschaftszone (ARE, 2016). Eigentlich ist das Nicht-Baugebiet, sofern es nicht einen besonderen Schutz geniesst, vorab für die Landwirtschaft bestimmt. Ausserhalb der Bauzonen sind aber lediglich 48 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig, während die Beschäftigten im Dienstleistungssektor fast 40 % ausmachen (ebend.). Das zeigt, dass ein sehr grosser Teil der Bauten ausserhalb der Bauzonen dort eigentlich fehlplatziert ist. Schliesslich sind die Gebäude in der Landwirtschaftszone so weit verstreut, dass viele Strassen für die Erschliessung benötigt werden. So machen Verkehrsflächen zwei Drittel der Siedlungsflächen ausserhalb der Bauzonen aus. Soll die Zersiedelung gestoppt werden, muss neben der Begrenzung der Bauzonengrösse auch das Bauen ausserhalb der Bauzonen auf die für die Landwirtschaft benötigten Zwecke (sowie einzelne Ausnahmen und spezifische Bauten von öffentlichem Interesse) beschränkt werden.
Die gravierenden Folgen der Zersiedelung
Durch die Zersiedelung entstehen viele Probleme. So verschwindet immer mehr Kulturland, welches für die Landwirtschaft von fundamentaler Bedeutung ist. Durch die Zersiedelung steigt auch das Verkehrsaufkommen immer weiter an, was negative Auswirkungen auf unsere Umwelt und unsere Lebensqualität hat. Weiter gefährdet die Zersiedelung die Biodiversität. Einmal überbauter Boden ist für immer zerstört, deshalb müssen wir ihn schützen.
Lebensqualität
Die Zersiedelung hat negative Auswirkungen auf die Lebensqualität. Durch das steigende Verkehrsaufkommen entstehen mehr Lärm und Abgase. Zusätzlich wird die Distanz zu unverbauten Grünflächen immer grösser, wodurch dem Menschen mehr und mehr der Kontakt mit der natürlichen Umgebung fehlt. Für die menschliche Entwicklung im Kindesalter ist eine natürliche Umgebung essentiell, um Lernerfahrungen abseits der konstruierten und materiellen Welt zu machen. Aber auch für Erwachsene sind Grünflächen und intakte Landschaften als Naherholungsgebiete von grosser Bedeutung. Der Erhalt von Wiesen bedeutet auch, dass die Freizeit in nächster Nähe verbracht werden kann.
Die Bewohnerinnen und Bewohner der dichtest besiedelten Gebiete sparen ausserdem viel Zeit im Vergleich zur Bevölkerung in den schwach besiedelten Regionen (ARE, 2018): Sie legen jeden Tag in ihrer Freizeit fünf Kilometer, für die Arbeit zwei Kilometer und für die Einkäufe drei Kilometer weniger zurück. Nachhaltige Verdichtung bringt mehr Lebensqualität als endlose Zersiedelung.
Landwirtschaft und Landschaft
Die Landwirtschaft verliert mit jedem Quadratmeter Boden, der überbaut wird, ein weiteres Stück ihrer wichtigsten Ressource. Überbauung bedeutet immer auch eine Versiegelung des Bodens. Die Verdichtung zerstört dessen Struktur und damit den Wasser- und Sauerstofftransport, sowie auch den Lebensraum von Bodenorganismen. Damit geht auch die Fähigkeit verloren, den Pflanzen einen guten Nährboden zu bieten. Da eine Wiederherstellung von degradierten Böden kaum möglich ist (Blume et al., 2010), sind versiegelte Böden in der Regel für immer zerstört. Der fruchtbare Boden in der Schweiz schwindet deshalb stetig. Der Verlust der landwirtschaftlichen Fläche gefährdet die Versorgung mit lokalen Lebensmitteln. Das Stoppen der Zersiedelung ist eine grundlegende Voraussetzung, um die wertvolle Ressource Boden zu bewahren.
Weiter übernimmt der Boden diverse wichtige Funktionen in unserem Ökosystem. Durch die Verdichtung des Bodens kann das Wasser nicht mehr gleich gut abfliessen, was bei Überschwemmungen weitreichende Folgen haben kann. Auch kann die Zersiedelung einen negativen Einfluss auf den Grundwasserspiegel und die Wasserqualität haben (Jaeger et al., 2008).
Ein intaktes Landschaftsbild ist ein wichtiger Standortfaktor für den Tourismus, aber auch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz. Deshalb liegt es besonders auch im Interesse der Land- und Berggemeinden, dass sich die Schweiz nicht in eine Betonwüste verwandelt.
Verkehr
Der grosse Teil des täglichen Verkehrs ist darauf zurückzuführen, dass wir an anderen Orten arbeiten, einkaufen und unsere Freizeit verbringen als wir wohnen. Dies lässt sich auch nicht gänzlich verhindern, denn oftmals haben wir keine freie Wahl des Arbeits- und Wohnortes. Die Statistik zeigt aber, dass beinahe 50 % des Gesamtverkehrs Freizeitverkehr ist und dass das Verkehrsaufkommen ständig wächst (BFS 2015). Daher ist es die Aufgabe der Raumplanung, dafür zu sorgen, dass die Distanzen zwischen Wohnen, Arbeit und Freizeit nicht immer länger werden. Dafür braucht es eine bessere Raumplanung, die nicht ständig neue Grünflächen überbaut und damit die Distanzen weiter vergrössert, sondern die Nutzung auf der bisherigen Siedlungsfläche verbessert.
Die Anzahl der Personenwagen und die Fläche für Parkplätze sind von 1985 bis 2009 um mehr als 50 % gestiegen, während die Bevölkerung in dieser Zeit nur um 17 % gewachsen ist (BFS 2018). Der Autoverkehr hängt stark mit der Zersiedelung zusammen. Die umweltfreundliche Alternative, der öffentliche Verkehr, funktioniert am besten in den Städten. Auf dem Land sind der Fahrplan und das Haltestellennetz oft zu wenig dicht, um das Auto ersetzen zu können. Dies ist eine Konsequenz der geringen Siedlungsdichte, wo sich ein hochfrequentes ÖV-Netz nicht lohnt. Mit einer besseren Raumplanung und somit einem dichteren ÖV-Netz würden mehr Leute auf den ÖV umsteigen. Es wären viel weniger Parkplätze nötig. Dies bestätigt auch das Bundesamt für Raumentwicklung (2018) in einer Studie, die den Zusammenhang zwischen Dichte und Mobilitätsverhalten untersucht. So werden in den dichtesten Gebieten der Schweiz 50 % der Distanzen entweder zu Fuss oder mit dem ÖV zurückgelegt. In den am dünnsten besiedelten Gebieten sind es gerade einmal 20 %.
Biodiversität
Die Biodiversität leidet vor allem durch die sogenannte Landschaftszerschneidung. Zusätzliche Strassen und neue Gebäude ausserhalb der bestehenden Siedlungsgebiete trennen natürliche Lebensräume. Beispielsweise kann das Wild eine Autobahn nicht überqueren. Ähnlich eingeschränkt sind für das Ökosystem unverzichtbare Insekten und andere Tierarten. Auf Einheitsrasen finden Bienen keine Blüten mehr. Viele Wiesen werden zu Siedlungsgebiet und damit häufig total versiegelt oder zumindest ihres Biotopwerts beraubt. Die Artenvielfalt ist auf die Vernetzung der natürlichen Lebensräume angewiesen, welche durch die Zersiedelung immer weiter zerstört wird.
Dorfleben
Das typisch schweizerische Dorfleben ist in vielen Gemeinden zusehends im Verschwinden begriffen. Wohnumgebungen, in denen man die Nachbarn kennt und im lokalen Verein mitwirkt, werden seltener. Dies hat damit zu tun, dass sich die eigentlichen Dörfer im traditionellen Sinn mehr und mehr in grosse Agglomerationen auswachsen. Der Grossteil der Schweizer Bevölkerung wohnt in Agglomerationen. Diese sind zu gross für ein Dorf und zu klein für eine Stadt. Es fehlt eine historische Entwicklung, die entweder typisch ländlich oder typisch städtisch ist. Darum kommen häufig sowohl das Nachbarschaftsgefühl aus dem Dorf als auch die kulturellen Angebote aus der Stadt zu kurz. Die Agglomerationen sind ein Produkt der Zersiedelung. Der entstehende Siedlungsbrei ist gewissermassen „seelenlos“. Er überzieht das Land mit Infrastruktur und lässt dabei das soziale Leben und die Lebensqualität ausser Acht. Deshalb werden Dörfer nicht gerettet in dem sie unbegrenzt Land einzonen und überbauen können.
So stoppt die Initiative die Zersiedelung
Um den fortschreitenden Verlust von Grünflächen zu stoppen braucht es dringend griffige Lösungen. Mit der Initiative «Zersiedelung stoppen – für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung (Zersiedelungsinitiative)» wird die Zersiedelung durch Kompensation von neu eingezonten Bauzonen wirksam gestoppt, das Kulturland erhalten und eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Siedlungsentwicklung nach innen gefördert.
Hauptforderungen der Initiative
- Zersiedelung stoppen: Kompensation von neu eingezonten Flächen:
Die Ausscheidung neuer Bauzonen soll kompensiert werden, indem eine andere, mindestens gleich grosse Fläche mit mindestens gleich grossem landwirtschaftlichem Ertragswert ausgezont wird. So werden der massvolle Umgang mit dem Boden und die Produktionskapazität des Kulturlandes in Zukunft sichergestellt. Die Fläche der Bauzonen soll gesamtschweizerisch das heutige Niveau nicht überschreiten. Die heute existierende Fläche an Bauzonenreserven darf jedoch auch in Zukunft für neue Bauten genutzt werden.
- Bauten ausserhalb der Bauzone: Schädlichen Wildwuchs verhindern:
Der raumplanerische Grundsatz der Trennung von Bau- und Nicht-Bauzonen soll eingehalten werden. Er ist eine Grundvoraussetzung, um die unverbauten Landschaften zu erhalten und zu verhindern, dass immer mehr Landstriche durch Verkehrswege zerschnitten werden. Die Zersiedelungsinitiative verhindert, dass der Wildwuchs von Bauten ausserhalb der Bauzonen trotz zunehmendem Druck weiter zunimmt. In Zukunft soll das Bauen ausserhalb der Bauzonen erlaubt sein, wenn die Bauten und Anlagen entweder für die standortgebundene bodenabhängige Landwirtschaft benötigt werden oder wenn es sich um standortgebundene Bauten von öffentlichem Interesse handelt. Beschränkte Ausnahmen kann der Gesetzgeber vorsehen, wenn es sich beispielsweise um Berghütten oder Vogelwarten handelt. Ebenso gilt für aktuell bestehende Bauten Bestandesgarantie, auch wenn sie gemäss Initiative nicht ausserhalb der Bauzone stehen dürften. Darüberhinausgehende Aufweichungen des verfassungsmässigen Prinzips der Trennung von Bau- und Nicht-Bauzonen sollen jedoch verhindert werden.
- Die Schweiz weiter entwickeln: Fördern von nachhaltigem Bauen und Wohnen:
Nachhaltiges Wohnen bedeutet einen sparsamen Umgang mit der Ressource Boden und eine Infrastruktur, die kurze Verkehrswege erlaubt. Der Wohnraum soll daher nahe bei den Arbeitsplätzen liegen, funktional durchmischt und mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen sein. Ebenfalls soll er eine hohe Lebensqualität bieten. Die Verbesserung der Rahmenbedingungen verlangt, dass Hürden für nachhaltige Quartiere abgebaut werden. In der Zonenplanung der Gemeinden sollen Anreize zur verdichteten Bauweise geschaffen werden. Dies geschieht ohne Zwang gegenüber den Hauseigentümern und unter Berücksichtigung besonders schützenswerter Bausubstanz. Damit wird eine qualitativ hochwertige Entwicklung der Gemeinden am richtigen Ort gefördert.
- An die Zukunft denken: Grünflächen und Kulturland erhalten:
Alles in allem sollen so unsere Grünflächen in der Schweiz erhalten bleiben und auch für zukünftige Generationen als wertvolle Grundlage für die Landwirtschaft und als Erholungsraum zugänglich bleiben.
Der Initiativtext