Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03586.jsonl.gz/1976

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Ich kann mir vorstellen, wenn ich in der Schweiz von einer in Deutschland nördlich der Alpen liegenden Landschaft rede, die sich „Gebirge“ nennt, ernte ich angesichts des Hochgebirges nur ein spöttisches Lächeln.
Es handelt sich immer um ein so genanntes Mittelgebirge, die es sie in Deutschland vielfach gibt. Sie teilen Deutschland zwischen Nord und Süd. Von Norden aus gesehen schliessen sich die Mittelgebirge an das Norddeutsche Tiefland an.
Worüber ich heute schreibe, wird auch das „Rhenoherzynikum“ (nach Rhein und Harz) genannt, einer der drei „variszischen Gebirgsbögen“. Wie schon im Namen bezeichnet, befinden wir uns am nördlichen Rand südlich des Norddeutschen Tieflands mit dem „Harz“ als nördlichste Erhöhung der „Mittel-Gebirgs-Schwelle“, die Oberbezeichnung über verschiedene Mittelgebirge von den Ardennen in den westlichen Nachbarländern bis weit nach Böhmen hinein.
In einem dieser Mittelgebirge, das zum „Rheinischen Schiefergebirge“ gehört, und wiederum in viele geografische Teile aufgeteilt ist, im „Rothaargebirge“, befindet sich das „Süderbergland“ dessen Kerngebiet das “Hochsauerland“ ist. Der grösste Fluss, der dort entspringt, ist die Ruhr, bekannt ist das westlich des Gebietes gelegene „Ruhrgebiet“, ein Grossraum mit vielen Städten, wie Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Oberhausen, Duisburg und anderen, einstmals das bedeutendste Industriegebiet Nordrhein-Westfalens mit vielen Kohlezechen und Hochöfen, das dann allerdings nicht mehr bergig ist, sondern ziemlich flach.
Wir befinden uns seit 1945 im Bundesland Nordrhein-Westfalen, ein so genanntes „Bindestrichland“, das nach dem II. Weltkrieg im Einfluss des Siegerlandes Groß-Britannien aus 3 unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt wurde: aus der ursprünglichen Preussischen Rheinprovinz (Nordrhein), aus Westfalen und der Eingliederung des vormals selbstständigen Lipperlandes, des Gebietes am Fluss die Lippe.
In einer westfälischen Kleinstadt im Hochsauerland, in Meschede, bin ich geboren, allerdings bereits im kindlichen Alter von 8 Jahren zog unsere Familie nach Gelsenkirchen, also ins Gebiet Nordrhein, um, in die Geburtsstadt meines Vaters, deren bekanntester Stadtteil Schalke ist, und ein wichtiger Fussballverein zudem, der danach benannt ist. Nichtsdestotrotz stammt fast die gesamte 6-köpfige Familie mit Ausnahme des Vaters aus dem Sauerland.
Wieso „Sauerland“, das haben sich schon oft Touristen und andere Besucher gefragt und das Adjektiv „sauer“ auf den dort lebenden Menschenschlag bezogen. Das ist aber falsch.
Um herauszubekommen, wie das Sauerland zu seinem Namen kam, müssen wir die deutsche Sprachgeschichte bemühen. Ursprünglich war es eine zusätzliche Bezeichnung zu einem Namen, Suderlande, Sudland, das die jeweilige Person als eine geografische Erläuterung seinem Namen angefügt hatte, aus einem Land im Süden. Wikipedia nennt „den Zeugen Wesselo de Suderlande“ aus dem Jahre 1266.
Sprache verändert sich bekanntlich, und ab dem 13. Jahrhundert schwand das intervokalische d, aus Suderland wurde Suerland, jedenfalls in den nicht begüterten Schichten des Volkes.
In den höheren Schichten wurde daraus „Süderland“, ein Begriff, den ich so oder ähnlich oben schon erwähnt habe. Bei der Umwandlung des Begriffs „Suerland“ aus dem Mittelniederdeutschen ins Hochdeutsche wurde aus dem langen „u“ in „Suerland“ ein Diphtong, nämlich das „au“, also aus Suerland wurde Sauerland. Das Sauerland als Teil Westfalens hatte im 17. und 18. Jahrhundert den Ruf, rückständig und arm zu sein.
Besonders „rückständig“, diesen Ruf hat das Sauerland nie ganz verloren, was nicht zuletzt auch mit dem dort praktizierten tiefgläubigen Katholizismus zu tun hatte.
In der Zeit der Romantik war es unter anderem ein Schriftsteller, der versuchte, daran etwas zu ändern: Friedrich Wilhelm Grimme (1827-1887), unter anderem mit seiner 7-teiligen Schrift „Das Sauerland und seine Bewohner“.
Ein Teil dieses Buches ist mir vor kurzem in die Hände gefallen. Hierin habe ich besonders etwas über meine Heimatstadt Meschede gelernt.
Jedenfalls passe der Ansicht des Autors nach das oft erwähnte Vorurteil, die Westfalen und damit auch die Sauerländer seien stur und bekämen den Mund nicht auf, nicht auf die Mescheder:
„Meschede hat nun einmal das leichtlebigste Völkchen des ganzen Sauerlandes, dessen Element die heitere Gegenwart ist, dessen Philosophie sich um das beste Glas Bier, um Kegel und Billard dreht, ( - ) der Fremde, und wäre es der ernsteste Passagier, fühlt sich von dem eigentümlichen ‚Winde’ sofort luftig angeweht, die Philosophie vom besten Glas Bier findet Eingang in unser noch so stoisches Herz, und wenn wir 3 Stunden nach der Polizeistunde daran denken, unserer munteren Trinkgesellschaft Gute Nacht zu wünschen, so haben wir ein Dutzend Duzbrüder mehr. Vivat Meschede!“
„Die heitere Gegenwart“, darin erkenne ich meine Mutter wieder, in der Frage nach dem besten Glas Bier der Streit um die im Sauerland ansässigen Brauereien Warsteiner, Veltins und Krombacher und bei der Geselligkeit besonders die Tage, an denen das Schützenfest stattfindet.
Noch etwas erwähnt F.W.Grimme und dieses Argument war mir fremd:
„Das ganze obere Ruhrtal von Meschede bis Niederfeld aufwärts heisst allgemein das ‚Strunzertal’. Weil die Leute daselbst gar munter und gesellig sind, Sonntags kegeln und Scheibe schiessen, auch werktags lieber im Rock als im Kittel gehen, flotte Kirmes feiern, mitunter es auch auf eine Handvoll Wind und Flunkern nicht ansehen, so hat die biderbere Nachbarschaft sie in das böse Gerede gebracht, sie ‚strunzten’, d.i. Prahlen und Flunkern, sei ihr einziges Gewerbe. Doch die Strunzertäler haben sich allmählich einen Ehrentitel aus dem Worte gemacht und strunzen weiter, (..) und Meschede schliesslich strunzt dergestalt, dass – man darf es nur leise sagen – der ‚Mescheder Wind’ landesberühmt ist, aber immer, wie man sagt, heiteres Wetter macht; ja hier strunzt selbst der Bettler und trägt seinen Brotbeutel mit Grazie.“
Was soll ich dazu sagen: Bei uns zu Hause war nie Geld da, aber nach aussen hin war das nicht zu merken. Angeberei war vielen Stadtbewohnern nicht fremd, und so schnitzte mein Onkel natürlich die schönsten Kirchenfiguren im Lande. Wie auch die Feierlichkeiten, seien sie kirchlich oder weltlich, immer die schönsten und gelungensten waren.
Ja, wenn ich mir es überlege, ist da schon etwas dran, an diesem Argument!
Vielleicht merken und hören es auch die vielen Winterurlauber aus den Niederlanden, die besonders dann, wenn genügend Schnee gefallen ist, in Strömen in das Sauerland „einfallen“.
Sie „ballen sich“ vor allem etwas abseits von Meschede im Örtchen Winterberg in der Nähe des Berges, der „Kahler Asten“ genannt wird. Im Wetterbericht des WDR (Westdeutscher Rundfunk) nach den Regionalnachrichten im Fernsehen erhält der Kahle Asten ein besonderes Gewicht, denn dort ist es immer ein paar Grad kälter als sonst wo im Bundesland. Dabei ist der Kahle Asten nach dem Langenberg (843,2 m) und dem Hegekopf (842,9 m) mit 841,9 m über Null „nur“ der dritthöchste Berg im Rothaargebirge und nach dem Langenberg der zweithöchste Berg in Nordrhein-Westfalen. Weshalb das so ist, wird schnell klar, denn dort befindet sich eine Wetterwarte.
Womit wir wieder zu dem Begriff „Gebirge“ zurückkommen, ich muss den Schweizern schon recht geben, wenn sie darüber nur schmunzeln, schliesslich werden noch nicht einmal 1000 m erreicht!
Ohne Tourismus ginge es der Gegend nicht besonders gut, es könnte ja sein, dass dem einen oder anderen Leser die Lust geweckt worden ist, sich das Sauerland und Meschede einmal höchstselbst anzuschauen.
Auch wenn ich schon viele Jahrzehnte dort nicht mehr ansässig bin, man bleibt doch immer ein wenig „Sauerländer“! Seit einiger Zeit sind meine Frau und ich mit einem Paar befreundet, bei dem der weibliche Part auch aus dem Sauerland stammt. So werden häufig Erinnerungen an die frühe Kinderzeit wachgerufen, eine Art von „oral history“, wie man diesen Zweig der Geschichtswissenschaft nennt: „Wie war das noch damals mit …?“ „Ja so war’s“.
Quelle
Auszug aus: Friedrich Wilhelm Grimme, Das Sauerland und seine Bewohner, Verlag Jos. Grobbel, Fredeburg, 1980
und Wikipedia.de
siehe auch:
2 weitere Blogs zum Sauerland:
http://www.blogatelier.com/index.php?id=996&blognr=4450
http://www.blogatelier.com/index.php?id=996&blognr=4453