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24.08.2021 |News
Wie die Tabakindustrie mit der Preisgestaltung die Tabakbesteuerung unterwandert
Die Besteuerung von Tabakprodukten ist das wirksamste Mittel zur Eindämmung des Tabakkonsums, daher setzt die Tabakindustrie eine Reihe ausgeklügelter Preisgestaltungsstrategien ein, um die präventive Wirkung von Steuererhöhungen zu unterlaufen.
Neue Forschungsergebnisse zeigen, wie Tabakkonzerne auf verschiedenen Märkten unterschiedliche Preisstrategien anwenden, um Steuererhöhungen zu unterlaufen und die Menschen zum Rauchen zu bewegen. Wenn ein Staat eine Steuererhöhung auf Tabak beschliesst, wälzen die Tabakhersteller die Kosten auf die Konsumenten ab, richtig? Nicht ganz wie eine neue Studie belegt.
Forscher der University of Bath haben herausgefunden, dass die Tabakindustrie eine Vielzahl von Preisgestaltungsstrategien einsetzt, um Steuererhöhungen zu unterlaufen oder deren Effekt abzuschwächen. Dadurch bleiben die Anzahl Raucher/-innen und die Gewinne der Industrie hoch.
Preisgestaltungsstrategien
Das Forschungsteam hat in seiner Metaanalyse folgende sechs zentrale Preisgestaltungstrategien identifiziert:
1. Differenziertes Abwälzen der Steuererhöhung:
- Overshifting: die Tabakhersteller wälzen die Steuererhöhung auf die Konsumenten ab und erhöhen den Verkaufspreis zusätzlich darüber hinaus
- Undershifting: die Tabakhersteller übernehmen die anfallenden Mehrkosten der Steuererhöhung zu Lasten der eigenen Marge und verhindern damit eine Preiserhöhung oder zögern sie hinaus.
2. Einführung neuer Marken/Produkte:
- neue, billigere Marken, Varianten und Produkte, die darauf abzielen, Kunden, die sich ihre Stammmarke nicht leisten können, zum Umstieg zu bewegen, anstatt dass sie mit dem Tabakkonsum aufzuhören
- teurere Produkte, die sich an Kunden richten, die bereit sind, mehr für "Luxusmarken" zu bezahlen
3. Flexible Preisgestaltung und Promotionen
Die flexible Preisgestaltung ermöglicht es für verschiedene Kundinnen und Kunden entsprechend ihren finanziellen Möglichkeiten unterschiedliche Preise zu verlangen. Promotionen sind temporäre Preisnachlasse wie z. B. 3 für 2-Aktionen. Dies ermöglicht es der Tabakindustrie, preissensible Raucher/-innen zu halten und gleichzeitig neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen.
4. Das Glätten der Preiserhöhungen
Um nach der Einführung von Steuererhöhungen Preissprünge zu verhindern, übernimmt die Tabakindustrie fürs Erste die Zusatzkosten der Steuererhöhung. Danach werden die Preise in kleinen, regelmässigen Schritten erhöht. Diese kleinen Schritte haben kaum oder keinen senkenden Einfluss auf den Tabakkonsum.
5. Anpassung der Packungsgrösse
In dem die Anzahl Zigaretten in einer Packung reduziert werden, wird die Preiserhöhung vor den Konsumentinnen und Konsumenten verschleiert.
6. Anpassung der Produkte oder deren Deklarierung
Tabaksteuern unterscheiden sich von Produkt zu Produkt. In dem die Produkte angepasst oder anders deklariert werden, können Steuererhöhungen umgangen werden.
Unterschiedliche Strategien für unterschiedliche Märkte
Die Untersuchung zeigt, dass die beliebteste Strategie die differenzierte Abwälzung der Steuererhöhung war, wobei das Overshifting in Ländern mit hohem Einkommen häufiger vorkam und das Undershifting häufiger in Ländern mit niedrigem Einkommen. Dies deutet darauf hin, dass die Tabakindustrie in den einkommensschwachen Ländern eine Strategie der Marktausdehnung hat und in den einkommensstarken Ländern eine Strategie der Gewinnmaximierung. In der Schweiz ist das Overshifting die Regel, wenn es zu Steuererhöhungen kommt. In einkommensschwachen Ländern hat die Industrie zudem neue Versionen früherer Marken eingeführt - oder neue, billigere Marken, die auf Frauen und jüngere Menschen abzielen.
Gezielte Taktiken und Gesetzeslücken
Aus der Studie geht hervor, dass die Tabakindustrie gezielte Werbetaktiken entwickelt hat, um die Kosten des Rauchens für die Raucher/-innen zu senken. Dazu gehören Gutscheine, Promotionskampagnen sowie Preisunterschiede je nach Ort oder Art des Geschäfts. Diese Strategie steigert die Gewinne und ist auf einkommensschwache oder preissensible Verbraucher ausgerichtet, wie z. B. junge Menschen. In der Schweiz sind Promotionsaktionen gang und gäbe und ermöglichen somit den Konsumentinnen und Konsumenten die Kosten des Tabakkonsums zu senken, was die Bemühungen der Tabakprävention unterwandert.
Frühere Untersuchungen zum britischen Markt haben gezeigt, dass Zigarren ein gutes Beispiel für Änderungen der Produktdeklaration sind, da sie niedriger besteuert werden als Zigaretten und von einigen Beschränkungen ausgenommen sind. Die vorliegende Untersuchung zeigt, wie die Tabakindustrie diese Gesetzeslücken ausnutzte, indem sie Billigzigarren und preisgünstige, zigarettenähnliche, gefilterte Zigarillos auf den Markt brachte.
Die Strategien der Industrie aufdecken und ihnen entgegentreten
Es ist erwiesen, dass die Besteuerung von Zigaretten das wirksamste und kosteneffizienteste Mittel ist, um das Rauchen einzudämmen, da hohe Preise Raucher/-innen dazu bewegen, mit dem Rauchen aufzuhören oder weniger zu rauchen, und junge Menschen davon abhalten, mit dem Rauchen anzufangen. Deshalb ist es wichtig, die Strategien der Unternehmen zu verstehen, mit welchen sie die Besteuerung unterlaufen.
Literaturverzeichnis
Sheikh, Zaineb Danish; Branston, J. Robert; Gilmore, Anna B. (2021): Tobacco industry pricing strategies in response to excise tax policies: a systematic review. In: Tob Control, tobaccocontrol-2021-056630. DOI: 10.1136/tobaccocontrol-2021-056630. (https://tobaccocontrol.bmj.com/content/early/2021/08/01/tobaccocontrol-2021-056630)