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Ihnat Abdziralovič
Gleich zu Anfang dieses 1921 verfassten Essays wird Belarus als “die Grenze zwischen Ost und West” dargestellt, eine Kultur ohne scharfe Konturen. Die Tragödie der belarusischen Nation sieht Kančeŭski im Schwanken zwischen Ost und West. Der Ausweg bestehe aber nicht in der Entscheidung zugunsten des Westens oder des Ostens und ihren kulturellen Formen, sondern vielmehr in der Entwicklung einer beweglichen, zwangsfreien, “fließenden” Form.
Diese noch nicht existente Lebensform soll sich aus Kreativität speisen, die Kančeŭski als kosmische Kraft und Lebensgrundlage sieht. Den sozialen Bewegungen mangelt es seiner Ansicht nach an sozialer Kreativität, die unentbehrlich ist, wenn es darum geht, sich von den Zwängen der existierenden Lebensformen zu befreien.
Die neue “fließende” Form wäre eine Lösung auch für die Entwicklung der belarusischen Identität, die seit jeher keine scharfen Konturen besitzt.
In der Sowjetunion war der Essay bis zur Perestrojka nicht zugänglich. Seit der Wendezeit übt dieser Text großen Einfluss auf die belarusischen Intellektuellen aus. Mit dem Namen des Autors ist die Internetseite “des offenen belarusischen Denkens” genannt worden, wo Intellektuelle ihre programmatischen Texte veröffentlichen.
Seit den belarusischen Protesten 2020, die sich durch besondere Kreativität auszeichneten, fanden die Begriffe der „fließenden Form“ und der „sozialen Kreativität“ noch mehr Verbreitung.
Außerhalb von Belarus ist dieses Buch kaum bekannt. Eine zweisprachige Ausgabe würde einerseits einen neuen Blick auf Belarus, auf ein “konturloses” Land ermöglichen, andererseits ist die Idee der fliessenden Form kulturwissenschaftlich interessant. Eine Form, die beweglich und veränderbar ist, aber trotzdem nicht formlos wird, ist ein Konzept, das auch in unserer Gegenwart produktiv sein könnte.
Ihnat Kančeŭski, Künstlername: Ihnat Abdziralovič (1896 - 1923)
war ein belarusischer Dichter, Philosoph und Publizist, der als bedeutender Denker der belarusischen Unabhängigkeitsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts gilt.
Kančeŭski wurde in die Familie eines Gerichtsschreibers in Wilna (Vilnius) geboren. 1913 wurde er an der Technischen Hochschule in St. Petersburg aufgenommen, wechselte aber im folgenden Jahr an die Moskauer Universität.
Nachdem er 1916 zunächst in die Zarenarmee eingezogen wurde, kehrte er bereits nach der Februarrevolution nach Moskau zurück, wo er die Höheren Genossenschaftskurse an der Schanyawsky-Universität besuchte.
Kančeŭski war Sozialrevolutionär und unterstützte die ukrainische Nationalbewegung. Er arbeitete in verschiedenen genossenschaftlichen Einrichtungen in Wilna und Smolensk. Ab 1919 zog er nach Minsk und war in der Sovnarkhoz tätig, dem Zentralverband der Verbraucherverbände von Belarus. Nach seinem Umzug nach Wilna war er auch dort im Genossenschaftsverband beschäftigt.
In Wilna veröffentlichte er Gedichte, politische Artikel und Rezensionen. Sein bekanntestes Werk ist der Essay “Der ewige Weg“ („Адвечным шляхам“).
In den frühen 1920er Jahren erkrankte er an Tuberkulose und starb nach mehreren Jahren erfolgloser Behandlung am 23. April 1923.
Der belarusische Verlag, in dem das Buch erscheinen sollte, bleibt aus Sicherheitsgründen unbekannt.
Maryja Martysewitsch ist Lyrikerin, Übersetzerin, Publizistin und Veranstalterin von Kulturprojekten. Geboren 1982 in Minsk. Sie übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Englischen, Polnischen, Russischen, Ukrainischen und Tschechischen ins Belarusische, ist Koordinatorin vielseitiger Kulturprojekte und Organisatorin von Literaturveranstaltungen. Seit 2017 ist sie Herausgeberin der Buchreihe “Amerykanka” und, seit 2020, der Serie “Gradus” im Zmicier Kolas Verlag. Von ihr erschienen zahlreiche übersetzte und vier eigene Bücher. Für ihr Buch “Sarmatyja” erhielt sie 2019 zwei Literaturpreise. Sie lebt in Minsk.
Der Verlag steht noch nicht fest.