Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/1310

Brunnen beim Oelhof (1946–1955)
«Als wär’s gestern gewesen!»
Gastfreundschaft wird in Leibstadt gross geschrieben. Auch, wenn es bisweilen skurrile Gäste sind, die an die Tür klopfen. Anna Blülle, von 1943 bis 1981 Lehrerin in Leibstadt, erinnert sich an ein Erlebnis, als sie mit ihrer Familie in diesem Hof lebte:
Wir wohnten damals im neu umgebauten Ölhof. Es war schon sehr spät, als jemand an den geschlossenen Laden des Küchenfensters klopfte. Unerschrocken öffnete die Mutter und rief nach mir: «Anna, komm, da spricht jemand Französisch!»
Ein fremder Mann, der keineswegs Französisch, sondern Hochdeutsch sprach (deswegen verstand ihn Mutter nicht), bat um Aufnahme. Mein Vater lag krank im Bett, also musste ich in seinem Namen mit dem Fremden verhandeln: «Alle Zimmer unseres grossen Hauses sind belegt. Wir geben Ihnen das nötige Geld, damit Sie im «Adler» übernachten und frühstücken können.»
Davon wollte der Bittsteller aber nichts wissen. «Man hat mich zu Ihnen gewiesen!» beharrte er.
«Kann ich Ihren Ausweis sehen?», fragte ich. «Ja. Ich habe ihn im Velogepäck auf der anderen Seite des Hauses.» Zusammen gingen wir hin. Er schnürte seine Bagage auf und zeigte mir den Pass: «Willi Vierling, Student, Karlsruhe.»
Wir liessen den Fremden eintreten. Er staunte: «Wohnen hier alle Leute so schön?» Dann erzählte er: «Ich komme per Rad von Karlsruhe. Mein Ziel ist Rom. Auch möchte ich auf Sizilien das Grab meines gefallenen Onkels aufsuchen. Von Basel ostwärts fahrend, erreichte ich Stein. Da wählte ich die Strasse entlang dem Rhein. Die Dunkelheit zwang mich nun, ein Nachtlager zu suchen. Ich bin dankbar, wenn ich bei Ihnen bleiben darf.»
Ein freies Zimmer konnten wir dem Fremden zwar nicht anbieten, aber eine vorrätige Matratze. Die legten wir in die Stube und richteten ihm einen Schlafplatz ein. An die Stubentür hefteten wir eine Notiz für Fridli, der im Ausgang war: «Bitte nicht eintreten! Die Stube ist von einem schlafenden Fremdling besetzt.»
Morgens frühstückten wir gemeinsam. Unser Gast hatte gut geschlafen und konnte sich ausgiebig für die Weiterreise stärken. Dankbar schrieb er ins Gästebuch:
Auf dem Weg von Karlsruhe nach Rom fand ich freundliche Unterkunft bei guten Menschen.
Willi Vierling, 20. Oktober Im Anno Santo 1950
Wir haben nie erfahren, wer uns den Fremden geschickt hat. Aus Italien sandte er uns vom erreichten Ziel freundliche Grüsse. Dann brach der Kontakt ab.
Das Bänkli
In der Nähe vom alten Oelhof wird eine Geschichte von Anna Blülle erzählt. Hier wurden die bereits bestehenden Bänke beim Brunnen genutzt und in Zusammenarbeit mit dem Bauamt und einer regionalen Zimmerei restauriert und aufgefrischt.