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Das Shoah Memorial liegt im Pariser Vorort Drancy auf einem Eckgrundstück. Seine der Rue Jean Jaurès zugewandte Schmalseite bildet die Front und ist auf die Cité de la Muette ausgerichtet. Diese zwischen 1932 und 1934 realisierte U-förmige Wohnsiedlung war unter der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 als Internierungslager zur Deportation der jüdischen Bevölkerung umfunktioniert worden. 1976 wurde an der Strassenseite der Grünanlage des Baukomplexes ein Mahnmal von Shlomo Selinger aufgestellt; 1988 kam ein Güterwaggon der französischen Staatsbahn hinzu. Die Cité de la Muette gilt heute als bedeutendstes bauliches Zeugnis der Shoah in Frankreich.
Das als Museum und Gedenkstätte errichtete Memorial ist ein viergeschossiger Bau aus lasiertem Beton. Leicht zurückgesetzt zur Strassenflucht öffnet er sich mit den Fenstern der oberen Ebenen in ganzer Breite zur Cité de la Muette. Im Erdgeschoss bildet eine rahmenlose, gegenüber der Front etwas eingezogene und schräg verlaufende Spiegelfassade den Eingangsbereich. Sie ist so konstruiert, dass sie die Sicht auf die Wohnanlage und das Mahnmal einfängt und der Besucher das Gebäude im Anblick des ehemaligen Internierungslagers betritt. Im Innern passiert der Besucher eine Sicherheitsschleuse und gelangt über das geschlossene Treppenhaus in die übrigen Etagen. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind die Räume für Dokumentation und Archiv sowie die pädagogischen Ateliers für den Schülerunterricht untergebracht. Die oberste Ebene ist ein permanenter Ausstellungsraum, in dem Akten, Briefe, Bilder und Filme die Bedingungen im Internierungslager schildern. Alle drei Geschosse sind als programmatische Einheit konzipiert, in der Vermittler und Besucher sich gemeinsam bewegen; es gibt keine Trennung zwischen öffentlichem Bereich und Verwaltungstrakt.
Die Gestaltung und damit die Funktion des Memorial erfüllen sich in der Vermittlung der Erinnerung an die Shoah. Das Gebäude mit seinen übereinander geschichteten Ebenen und seiner zum Ort der Geschichte geöffneten Front soll einen lebendigen Umgang mit der Erinnerung gewährleisten. Es ist als „Mémoire composée“ konzipiert, als funktionelle Einheit, mit der die Erinnerung wachgehalten und immer wieder erarbeitet wird: über die unmittelbare Anschauung von Ort und Objekten sowie mittelbar durch didaktische Veranschaulichung. Die Architektur gewinnt durch die programmatische Ausrichtung auf den Ort einen zeichenhaften Charakter. Mit der verspiegelten Eingangsfassade schafft sie ein indirektes und kraftvolles Memento, das die Gegenwart der Geschichte sichtbar macht und zur Reflexion des Geschehenen aufruft.
in Zusammenarbeit mit Eric Lapierre und J. L. Cohen
Wettbewerb: 1. Preis, 2006
Datum: 2006—2011
Auftraggeber: Mémorial de la Shoah
Ort: 110-112 avenue Jean-Jaurès, Drancy, Frankreich
Bruttogeschossfläche (BGF): 1.701 m²
Programm: Ausstellungsräume, Empfangshalle, Büro-, Schulungs- und Konferenzräume
Bauingenieur: Setec Bâtiment
Technische Gebäudeplanung: Alto-Ingénierie
Landschaftsarchitekt: Vogt Landschaftsarchitekten
Architekt vor Ort: d2a Management, Eric Lapierre Expérience
Fassadenplanner: RFR Structures
Museografie: Agence Fluo, Heller Enterprises