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Ihr Gesang ist «glockenklar» oder «engelsgleich». So sprechen viele Musikliebhaber über traditionelle Knabenchöre wie die Regensburger Domspatzen oder die Wiener Sängerknaben. In Berlin wollte jetzt ein Mädchen Mitglied in einem solchen Chor werden – beim altehrwürdigen Berliner Staats- und Domchor.
Die Verantwortlichen haben das Mädchen abgelehnt. Die Begründung: Ihre Stimme entspreche nicht dem Klangbild des Chores, es gäbe anatomisch begründete Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungenstimmen. Die Mutter findet, das sei diskriminierend, und klagte dagegen. Heute entscheidet das Berliner Verwaltungsgericht.
Gibt es stichhaltige Gründe dafür, Mädchen nicht in Bubenchöre aufzunehmen? Ein Gespräch mit der Konzertsängerin und Stimmexpertin Barbara Böhi.
Barbara Böhi
Die Sopranistin arbeitet unter anderem auch als Chorstimmbildnerin bei Schweizer Konzertchören und hat das Sing Stimm Zentrum Zürich mitbegründet.
SRF: Der Berliner Domchor argumentiert, die Stimme des neunjährigen Mädchens würde nicht dem Klangbild des Knabenchors entsprechen. Singen Mädchen so viel schlechter als Jungen?
Barbara Böhni: Es geht nicht um gut oder schlecht. Es geht um Fragen der Physiologie. Man kann schon generell sagen, dass ein neunjähriges Mädchen anders klingt als ein Knabe.
Sitzt man zum Beispiel morgens um zehn Uhr auf dem Pausenhof einer Schule und hört die Kinder rufen, dann kann man meistens genau sagen, ob ein Mädchen oder ein Knabe gerufen hat. Diese klanglichen Unterschiede manifestieren sich auch in der Singstimme.
Was genau klingt anders? Was sind die physiologischen Unterschiede?
Die Jungen haben vielleicht eine etwas kräftigere und dunklere Stimme, die Mädchen eine etwas hellere. Diese Unterschiede zeigen sich vor allem im Alter zwischen 11 und 13.
Dann sind die älteren Jungen die tragendsten Stimmen dieser Chöre, weil sie auch technisch am meisten können. Ihr Kehlkopf ist schon relativ gross, aber noch nicht im Stimmbruch. Ihre Stimmen machen diesen spezifischen Chorklang aus.
Heisst das aus Ihrer Sicht, es ist also berechtigt, dass vor allem Knabenchöre so berühmt sind? Mädchenchöre gibt es ja durchaus, nur kennt die fast niemand.
So kann man das nicht sagen. Es kann durchaus sein, dass die Stimme eines Mädchens einen solchen Klangcharakter hat. Die Unterschiede sind fliessend. Grob geschätzt hat vielleicht jedes 20., 30. oder 40. Mädchen einen ähnlichen Klangcharakter wie ein gleichaltriger Knabe.
Grundsätzlich würden Sie aber sagen, dass Knabenchöre einen spezifischen Klang haben, der auch rechtfertigt, dass es Chöre wie die Regensburger Domspatzen oder die Wiener Sängerknaben gibt, die nur aus Jungen bestehen.
Ein Umdenken ist durchaus angebracht. Als Chor würde ich aber das Klangideal nicht aufgeben. Ich würde bei der Aufnahme wirklich darauf achten, dass nur Mädchen zugelassen werden, die knabenähnliche Stimmen haben.
Hier geht es um eine historische Aufführungspraxis. Als Musikerin würde ich da keine Kompromisse eingehen. Ich glaube aber, dass es solche Mädchen gibt, und dass die in der heutigen Zeiten auch bei Knabenchören zugelassen werden sollten.
Das sind aber Einzelfälle?
Ja, wahrscheinlich.
Der Berliner Domchor behauptet, dass das Mädchen nicht abgelehnt worden sei, weil es ein Mädchen ist, sondern weil ihre Klangfarbe nicht dem Chor entsprochen habe. Sie haben aber erklärt, dass die allermeisten Mädchen die Stimmkraft von Jungen gar nicht entwickeln könnten. Würden Sie sagen, dass die Begründung des Chors nur vorgeschoben ist?
Das kann ich nicht beurteilen, weil ich das Mädchen nicht gehört habe. Dass der Grund nicht vorgeschoben ist, kann der Chor in Zukunft beweisen, wenn er Mädchen zulässt, die die Stimmqualität mitbringen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, alle Kandidaten hinter einem Vorhang vorsingen zu lassen.
Das Gespräch führte Katharina Brierley.