Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03554.jsonl.gz/174

Als 1934 an der Universität Basel beide Lehrstühle für Geschichte neu besetzt werden mussten, war es klar, dass für diese Aufgaben nur Schweizer und keine Deutschen infrage kamen.
Der in Zürich aufgewachsene Werner Kaegi (Jg. 1901), seit 1935 Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Basel, war seiner Natur nach eher zurückhaltend und jedem grossen Publikumsauftritt abhold; trotzdem glaubte auch er sich an ein etwas grösseres Publikum wenden zu müssen. Er leistete seinen Beitrag zur Stärkung der schweizerischen Gegenposition, indem er zum Beispiel die Bedeutung des Kleinstaates oder der Rheingrenze oder die Bedeutung von Abstammungs- und Einheitslegenden hervorhob.
Der in Bern aufgewachsene Edgar Bonjour (Jg. 1898), ebenfalls 1935 zum Ordinarius für Schweizer Geschichte und Neuere Allgemeine Geschichte gewählt, wurde insbesondere mit seiner über die Jahre anwachsenden Neutralitätsgeschichte zum grossen Darsteller und Rechtfertiger der schweizerischen Sonderposition. Schon früh leistete Bonjour mit wichtigen Reden seinen Tribut an die Bedürfnisse der Zeit. So hielt er im Mai 1939 auf deren Wunsch drei Vorträge vor der Basler Studentenschaft und sorgte mit einer schriftlichen Version (Werden und Wesen der Schweizerischen Demokratie. Basel 1939.) für eine weitere Verbreitung seiner Gedanken.
In zeittypischer Manier minimierte er die Bedeutung der französischen Revolution für die Schweiz: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden als verzückende Zauberworte abgetan, die mit dieser «Beschwörungsformel» gemeinte Sache sei damals in der Schweiz in Vorformen ja bereits vorhanden gewesen. Wichtig war auch die Festrede, die Bonjour im August 1944 zum 500-Jahr-Jubiläum der Schlacht von St. Jakob hielt.
Bonjour hat nach dem Krieg eine aktualisierte Fassung von Fellers Geschichte der schweizerischen Historiographie herausgegeben und dabei auch die Leistungen einiger Kollegen unter dem Aspekt der staatsbürgerlichen Nützlichkeit gewürdigt. Von Ernst Gagliardis dreibändiger Schweizergeschichte, die 1934/37 in 2. Auflage erschienen war, sagte er, sie habe in den Vorkriegsjahren, wie «eine Welle eidgenössischer Selbstbesinnung durchs Land ging», als «geistiges Arsenal» gedient. Und von Karl Meyer heisst es, er habe mit seiner These, wonach die Eidgenossenschaft gegen Ende des 13. Jahrhunderts aus einer Verschwörung gegen die Fremdherrschaft hervorgegangen sei, den nationalen Widerstandswillen der Gegenwart angesprochen und gefördert: «Seine Darstellung des urschweizerischen Befreiungskampfes gegen habsburgische Übergriffe fand auch deshalb ein so starkes Echo im Volk, weil sie in der Zeit wachsender Bedrohung der Schweiz durch das nationalsozialistische Deutschland vorgetragen wurde.»
Zur Basler Gruppe der staatsbürgerlich engagierten Historiker gehörte auch Adolf Gasser (Jg. 1903), seit 1936 Privatdozent, erst 1950 zum Extraordinarius befördert. Seine Themen: Ausbildung der Landeshoheit, Volksfreiheit «genossenschaftlichen Unterbau» des schweizerischen Staates, Gemeindeautonomie. Werner Möckli, ein "Junghistoriker" der kritischen 1970er Jahre bemerkte, es sei für den Geist der Zeit bezeichnend gewesen, dass Gasser 1939 «als geistigen Schild gegen den Totalitarismus nicht eine Theorie der Demokratie, sondern eine die entferntesten Anfänge ausleuchtende ‹Geschichte der Volksfreiheit› publizierte».
Das engagierte Interesse der Historiker war über die Zäsur von 1945 hinaus gefragt. Als Churchill 1946 in die Schweiz kam, erwog die Universität Zürich dem illustren Kriegspremier den Ehrendoktorwürde zu verleihen und zögerte doch (Mussonlis Ehrendoktor der Universität Lausanne von 1937 eingedenk), diesen Schritt zu tun. An der Universität Basel überlegte man sich damals einen Moment lang, ob man einspringen soll. Edgar Bonjour, dessen Memoiren dies zu entnehmen ist (1983, S. 145ff), war am Zürcher Bankett zu gegen und stand sogar als Redner auf Piket. Es kam nicht zum Auftritt, hier verzeichnenswert ist trotzdem, was er gesagt hätte. Hier ging es nicht um Geistige Landesverteidigung, sondern um Basels "kriegsentscheidenden" Beitrag in der Schlacht von El Alamein (1942): Die von der Basler Chemischen Industrie produzierten DDT Powders hätten nämlich die britischen Truppen von dem ihre Schlagkraft lähmenden Ungeziefer befreit.