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von Torsten Lorenz
An einem kalten, feuchten Abend im November 1843 fanden sich in einer ärmlich eingerichteten Wohnung in der nordenglischen Industriestadt Rochdale bei Manchester einige notleidende Arbeiter ein. Nachdem sie erfolglos mit den Fabrikbesitzern über höhere Löhne verhandelt, Protestkundgebungen und Streiks durchgeführt hatten, waren sie der Verzweiflung nahe. Ihre letzte Hoffnung sahen sie darin, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und in einer gemeinsamen Anstrengung die Lebensumstände ihrer Familien zu bessern. Die Anwesenden verpflichteten sich, wöchentlich einen Betrag von zwei Pence in eine Gemeinschaftskasse einzuzahlen, aus der ein Gemeinschaftsunternehmen finanziert werden sollte. Zwar schien der Betrag gering, doch hatte die Mehrzahl der Anwesenden Schwierigkeiten, selbst solch geringe Summen an Bargeld aufzubringen. So verging noch beinahe ein Jahr, bis die Rochdaler Flanellweber die ersten Früchte ihrer Anstrengungen ernten und am 24. Oktober 1844 mit der «Rochdale Society of Equitable Pioneers» die erste moderne Genossenschaft registrieren lassen konnten.1
In ihrem utopisch anmutenden Programm verkündeten die «redlichen Pioniere», «Einrichtungen für das materielle Wohl und die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage» der Genossenschaftsmitglieder schaffen zu wollen. Zu diesem Zweck wollten sie z. B. eine Siedlung gründen, in der die Mitglieder selbst Produktion, Verteilung und Erziehung regelten. An konkreteren Schritten sahen sie vor: die Gründung eines Ladens, der Grundbedürfnisse der Arbeiter befriedigen und dazu Lebensmittel, Kleidung und Bedarfsartikel zu günstigen Preisen an die Arbeiter verkaufen sollte, den Ankauf oder Bau von Häusern, um Mitgliedern Wohnraum zu geben, die Produktion von Gütern bzw. Kauf oder Pacht von Boden, um arbeitslosen Genossen ein Einkommen zu verschaffen, sowie schliesslich die Errichtung eines Gasthauses, in dem nur alkoholfreie Getränke ausgeschenkt werden sollten. Atmete das Programm den Geist der Ideen Robert Owens (1771–1858), eines utopischen Sozialisten und Sozialreformers, der zwei Jahrzehnte zuvor mit der Gründung egalitärer Kolonien experimentiert hatte, so knüpften die praktischen Schritte an die Aktivitäten William Kings (1786 –1865) an, der bereits in den 1820er Jahren einen Konsumverein in Brighton gegründet und der entstehenden Genossenschaftsbewegung mit der Zeitschrift The Cooperator ein Bindeglied gegeben hatte.
Nachdem die Pioniere unter den anfangs 40 Mitgliedern 28 Pfund gesammelt hatten, mieteten sie das Erdgeschoss eines Lagerhauses an und eröffneten am 21. Dezember 1844 einen Laden, in dem sie bescheidene Mengen Mehl, Butter, Kaffee, Zucker, Haferflocken und Kaffee verkauften. Zu Anfang von den konkurrierenden Kaufleuten mit Spott überzogen, entwickelte sich der genossenschaftliche Laden allen Erwartungen zum Trotz gut; da die Preise realistisch kalkuliert waren, warf er einerseits Gewinn ab, andererseits brachte er dem Verein neue Mitglieder. Hatte die Genossenschaft Ende 1845 noch 74 Mitglieder und ein Kapital von 181 Pfund gehabt, so waren zwei Jahre später bereits 100 Personen und ein Kapital von 286 Pfund in den Büchern verzeichnet. Zu Beginn der 1850er Jahre hatte sich die Genossenschaft konsolidiert und begann – nachdem sie zuvor bereits das Warenangebot schrittweise erweitert hatte – zu expandieren und z. B. eine genossenschaftliche Mühle zu bauen.
Neben der Besserung der materiellen Verhältnisse widmeten sich die Rochdaler Pioniere der Bildung ihrer Mitgenossen, um diese in die Lage zu versetzen, sich selbst aus ihrer Not zu befreien. Nachdem bereits 1850 eine Bücherei und ein Leseraum eingerichtet worden waren, wurden seit 1853 stets 2,5 Prozent des Ertrags in die Bildungseinrichtungen investiert und neben Büchern andere Lehrmittel wie Landkarten sowie Zeitungen angeschafft. Da die Genossenschaft mit ihrem Angebot nicht nur materielle, sondern auch soziale Bedürfnisse befriedigte, stieg die Zahl der Mitglieder bis 1864 auf 4747 und das Kapital auf 62 000 Pfund. Die «Rochdale Society of Equitable Pioneers» war damit ein bedeutender Handelsbetrieb geworden, der zahlreichen Menschen in Rochdale und Umgebung nicht nur günstige Waren anbot, sondern auch Arbeit gab, und die erste Konsumgenossenschaft, die sich dauerhaft behaupten konnte.
Worauf beruhte der Erfolg der Rochdaler Pioniere? War es die geglückte Kombination bekannter wirtschaftlicher Grundsätze, war es das Engagement der Genossenschafter oder blosser Zufall? Sicher trug jeder der drei Faktoren auf seine Weise zum Gelingen des Rochdaler Experiments bei. Die Genossenschaftshistoriographie betonte – nicht ganz uneigennützig – das Demokratieprinzip nach dem Grundsatz «ein Mann – eine Stimme». Es war der direkte Gegensatz zum altliberalen, bei Wahlen und in Kapitalgesellschaften gültigen Prinzip, wonach sich das Stimmrecht nach dem eingebrachten Vermögen bemass. In der Genossenschaft hingegen besass jedes Mitglied, egal ob reich oder arm, ob Mann oder Frau, unabhängig von der Höhe seiner Anteile nur eine Stimme in der Generalversammlung, welche das oberste Organ der Genossenschaft war. In der Tat wies das Demokratieprinzip in die Zukunft, denn es verankerte Gleichheitsgrundsatz, Partizipation, Mehrheitsentscheidung und das Prinzip der demokratischen Kontrolle in Wirtschaft und Gesellschaft, in der Perspektive aber auch in der Politik.
Ebenfalls gegen eine Dominanz der Besitzenden richtete sich der Grundsatz der offenen Mitgliedschaft: Ihm zufolge konnte jeder Interessierte der Genossenschaft zu den gleichen Bedingungen beitreten wie die bisherigen Genossen. Auf diese Weise unterstrich man den egalitären Charakter der Genossenschaft und suchte zu verhindern, dass ihre Erträge nur dem Kreis der Mitglieder zugute kamen. Dem diente auch der Grundsatz, wonach auf die Mitgliedsanteile nur ein fester Zinssatz und keine Gewinnbeteiligung gezahlt wurde. Letztere erfolgte statt dessen über eine Rückvergütung auf die Einkäufe des Mitglieds: Je mehr ein Genosse einkaufte, desto grösser sollte seine Überschussbeteiligung sein. Dieser Grundsatz wurde zum Charakteristikum der Genossenschaften: Nicht die Kapitalbeteiligung, sondern der Güterbezug entschied über den Anteil am Ertrag, der einem Mitglied zufiel. Auf diese Weise wurde die Treue des Mitglieds gegenüber «seiner» Genossenschaft honoriert. Auf die Erziehung der Mitglieder zu sparsamem Wirtschaften zielte der konsequent eingehaltene Grundsatz der Barzahlung, der angesichts der seinerzeit gängigen Praxis des «Anschreibens» eine Revolution der Sitten versprach. Nicht weniger revolutionär war angesichts der weit verbreiteten Warenverfälschung auch der Grundsatz, nur unverfälschte Ware bei vollem Gewicht zu liefern.
Schliesslich verschrieben sich die Rochdaler Pioniere schon gut zwei Jahrzehnte vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht in England der Bildung ihrer Mitglieder und versuchten durch den Grundsatz religiöser und weltanschaulicher Neutralität Konflikte von ihrer Genossenschaft fernzuhalten. Die Rochdaler Prinzipien wurden zum Vorbild für Genossenschaftsgründungen in ganz Europa, vor allem im konsumgenossenschaftlichen Sektor. Sie gaben nämlich eine konkrete Handreichung dafür, wie engagierte Menschen in solidarischer Selbsthilfe ihre Not lindern konnten, und konkretisierten ein Modell, in dem nicht der Mensch der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte.
Die Rochdaler Genossenschaft war die prominenteste, aber keineswegs die einzige genossenschaftliche Initiative in Europa um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die stockende Errichtung kapitalistischer Verhältnisse schuf nämlich überall ähnliche Problemlagen, die engagierte Menschen mit Hilfe genossenschaftlicher Vereine zu überwinden suchten. Bauern, Handwerker und das ungeliebte Kind der Industrialisierung – das Proletariat – kämpften mit der wirtschaftlichen Not und dem drohenden sozialen Abstieg. Die alten Sicherungssysteme von Gutsherrschaft und Zünften waren abgeschafft, die moderne Sozialversicherung aber noch nicht entstanden. Seitdem die Hungerkrise auf dem Kontinent 1846 die Probleme verschärfte, entstanden vielerorts in Europa kleine Vereinigungen, die auf solidarischer Grundlage nach der Linderung der Not strebten. Sie knüpften an die überkommenen genossenschaftlichen Formen an, wie z. B. die dörfliche Wald- und Weidenutzung, aber auch an städtische Gilden und Zünfte. Von diesen unterschieden sich die modernen Genossenschaften aber vor allem darin, dass sie sich als marktwirtschaftliche Akteure verstanden und danach strebten, ein Gegengewicht zu der in den Händen weniger Menschen konzentrierten Angebots- und Nachfragemacht zu bilden.
Einig in diesem Zweck unterschieden sie sich jedoch in Form, ideellem Hintergrund und Zielgruppe: Während der 1845 in Chemnitz errichtete «Spar- und Konsumverein Ermunterung» und die 1850 im sächsischen Eilenburg gegründete «Lebensmittel-Assoziation» sich an Arbeiter richteten und zu den ersten Konsumgenossenschaften auf deutschem Boden gehörten, hatte die «Rohstoffgenossenschaft für Tischler und Schuhmacher» des Liberalen Hermann Schulze-Delitzsch (1808 –1883) die von der wirtschaftlichen Transformation gebeutelten Angehörigen des Handwerks als Zielgruppe. Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 –1888) wiederum, der im Hungerjahr 1846 den «Weyerbuscher Hilfsverein» gründete, richtete sich an Landwirte und vertrat christlich-soziale Ideen.
Neben der sozialen Frage erhielt die entstehende Genossenschaftsbewegung durch das Scheitern der Revolution von 1848 einen zusätzlichen Impuls. Nachdem ihre Hoffnungen auf einen politischen Wandel gescheitert waren, wandten sich namentlich Schulze-Delitzsch und Raiffeisen stärker als zuvor ihrem sozialreformerischen Projekt zu, initiierten zahlreiche Genossenschaftsgründungen und formten die lokalen Initiativen zu einer sozialen Bewegung. Vordergründig unpolitisch, barg diese Bewegung gleichwohl einigen Sprengstoff für die politischen Verhältnisse: Indem sie demokratische und solidarische Werte in wachsenden Bevölkerungsschichten verankerte, drohte sie das undemokratische politische System von unten auszuhebeln.
Es ist daher kaum überraschend, dass sich seit den 1860er Jahren auch die staatlichen Behörden für die Genossenschaften zu interessieren begannen und auf Initiativen von Schulze-Delitzsch eingingen, der 1864 in Berlin den «Allgemeinen Verband der auf Selbsthilfe beruhenden Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften» ins Leben gerufen hatte und als Abgeordneter des preussischen Abgeordnetenhauses für die Verabschiedung eines Genossenschaftsgesetzes kämpfte. Die 1867 in Preussen, 1868 in Sachsen und dem Norddeutschen Bund erlassenen und 1871 auf Deutschland ausgedehnten Genossenschaftsgesetze trugen der bisherigen Entwicklung des genossenschaftlichen Sektors Rechnung und erkannten das Genossenschaftswesen als wichtigen Faktor in Wirtschaft und Sozialpolitik an. Zugleich versuchten die Behörden, die Genossenschaften in ein Programm konservativer Modernisierung einzubauen und einerseits die Fortentwicklung der Wirtschaft zu betreiben, andererseits aber die sozialen Strukturen zu bewahren. Dies sollte über die indirekte Förderung der von der Transformation bedrohten Schichten wie Handwerker und Bauern sowie die Fortschreibung der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse erfolgen und Unsicherheit und Unruhe in diesen Schichten ableiten.
Das Genossenschaftswesen wuchs, da es wirtschaftliche Grundbedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten befriedigte und die Kooperative eine flexible Form darstellte, die sich an unterschiedlichste Bedürfnisse anpassen liess. Dementsprechend differenzierte sich der genossenschaftliche Sektor aus: Kreditgenossenschaften gewährten ihren Mitgliedern Betriebskredite, Konsumgenossenschaften boten ihnen Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs zu wohlfeilen Preisen an, Bedarfsgenossenschaften erwarben Saatgut, Düngemittel oder handwerkliche Grundstoffe und verkauften sie an ihre Mitglieder, während Molkereigenossenschaften die Milch der angeschlossenen Betriebe abnahmen und sie weiterverkauften bzw. zu Käse o. ä. verarbeiteten. Auf diese Weise trugen sie zur Integration ihrer Mitglieder in die entstehende Marktwirtschaft bei. Dies wurde auch auf einem zweiten Weg angestrebt: Indem die Genossenschaften ihre Mitglieder in betrieblichen und allgemeinwirtschaftlichen Dingen berieten, förderten sie ökonomisch rationales Handeln und damit mittelbar die Anpassung an das im Wandel begriffene wirtschaftliche Umfeld. Charakteristisch war die hilfswirtschaftliche Funktion der Genossenschaft gegenüber ihren Mitgliedern bzw. deren Betrieben: Diese wirtschafteten weiterhin eigenständig, griffen aber auf das Kredit- bzw. Warenangebot ihrer Genossenschaft zurück. Produktivgenossenschaften – Vollgenossenschaften, bei denen die Mitglieder ihre Betriebe zu einem gemeinsam produzierenden Betrieb zusammenschlossen – hatten in Deutschland keinen dauerhaften Erfolg. •
Literatur:
Aschhoff, Günther/Henningsen, Eckart: Das deutsche Genossenschaftswesen. Entwicklung, Struktur, wirtschaftliches Potential. Frankfurt a. M. 1995.
Faust, Helmut: Geschichte der Genossenschaftsbewegung. Ursprung und Weg der Genossenschaftsbewegung im deutschen Sprachraum. Frankfurt a. M. 1977.
Mändle, Eduard/Swoboda, Walter (Hg.): Genossenschafts-Lexikon. Wiesbaden 1992.
Erstdruck in Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Dresdner Hefte 91: Im Selbsthilfeprinzip. Genossenschaftswesen in Dresden, Seite 4–13
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