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Mascha Madörin ist eine profilierte Forscherin zum und eine unbestechliche Kritikerin des Schweizer Finanzplatzes. In mancher Hinsicht ist sie auch eine Pionierin. Seit Jahren hat sie sich mit unbezahlter Frauenarbeit, mit Care-Ökonomie, mit einer Sorge- und Versorgungswirtschaft befasst. Am 26. Mai weilte sie zu einem Vortrag im bücherraum f in Zürich-Seebach über eine feministische politische Ökonomie. Der vollständige Vortrag lässt sich in einem Podcast nachhören.
Einige der Zahlen und Grafiken, auf die sich Madörin bezieht, sind in der nachfolgenden Zusammenfassung in einem grösseren pdf einsehbar.
In ihrem Vortrag skizzierte Mascha Madörin den theoriegeschichtlichen Hintergrund einer Ökonomie unter feministischem Gesichtspunkt, präsentierte danach Zahlen zur unbezahlten und zur Care-Arbeit und formulierte einige dringliche Fragen für eine besser / gerechter funktionierende Ökonomie. Ihre Ausführungen verknüpfte sie jeweils mit ihrer eigenen Theorieentwicklung und eigenen Forschungen.
Der Titel des Vortrags «Wer tut es, wenn nicht wir es tun?» repräsentiert eine neue gesamtgesellschaftliche Frage: Wie soll die zeitintensive Arbeit in Zukunft organisiert sein, vor allem auch die schlecht bezahlte und unbezahlte Arbeit? Es gibt natürlich eine lange Geschichte der Sorge- und Versorgungsarbeit, die ursprünglich von SklavInnen oder Leibeigenen erledigt wurde, zumeist aber waren es Frauen, die sie zu leisten hatten – bis heute.
Eins: eine Theoriegeschichte
Eine feministische Ökonomie, die gerade auch eine solche Frage thematisiert, ist systematisch erst ab Mitte der 1990-Jahre international diskutiert worden. Gegenwärtig stehen vor allem zwei Konzepte im Zentrum:
1. Gender and economics. Prägnant erläutert wird dieser Ansatz von Susan Himmelweit in ihrem Aufsatz «Why all economists should be feminist economists» von 2018.
Dieser Ansatz fragt nach den Geschlechterbeziehungen in der (bestehenden) Wirtschaft und entsprechenden Ungleichheiten. Das Grundprinzip lautet: Keine ökonomische Analyse, ohne nach Geschlechterverhältnissen zu fragen. Daraus entstand die Forderung nach gender budgeting, also nach konkreten Budgets, die auf eine Gleichberechtigung achten.
Madörin weist als Beispiel vor allem auf die Womens Budget Group in London hin, die seit 25 Jahren arbeitet und immer wieder detaillierte Studien veröffentlicht hat.
Auch in der Schweiz gab es zehn Jahre lang entsprechende Vorschläge für kantonale und lokale Budgets, die aber wegen fehlendem Geld nicht weitergeführt werden konnten.
Eine spezifische Variante stellt der Capability approach des Nobelpreisträgers Amartya Sen dar, der jedoch laut Madörin durchaus mit einer systemkonformen Humankapitaltheorie vereinbar ist.
2. Social provisioning approach. Dieser Ansatz wird unter verschiedenen Aspekten ausgeführt im «Routledge Handbook of Feminist Economics» von 2021. Hier geht es grundsätzlicher darum, wie in einer Gesellschaft Produktion und Dienstleistungen, Arbeit und Einkommen organisiert werden, die einerseits das gute Leben/Überleben ermöglichen, zugleich allerdings gesellschaftliche Voraussetzungen für die Akkumulation des Kapitals aufrechterhalten. Es handelt sich um einen Wirtschaftsbereich, der direkt wenig zur Akkumulation des Kapitals beiträgt, jedoch sehr viel zu unserem Lebensstandard. Diese Überlegungen berücksichtigen immer auch den Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit. Entwickelt wurden solche Überlegungen durch Forscherinnen in den USA und in Ländern des globalen Südens. Grundlegend dafür waren marxistische Denkansätze und solche der institutionellen Ökonomie.
Alle ForscherInnen sind sich dabei mittlerweile einig, dass der Bereich der Vorsorge, insbesondere die personenbezogenen Dienstleistungen anders funktionieren, eine andere Logik aufweisen als die herkömmlichen Ökonomiesektoren.
Economiefeministe ist als Plattform für eine feministische politische Ökonomie vor zwei Jahren in der Schweiz mit Hilfe einer privaten Anschubfinanzierung gegründet worden und hat als Arbeitsleitlinie den zweiten Ansatz gewählt: Sorge- und Versorgungswirtschaft wird als Teil der gesamten Wirtschaft verstanden, es geht also um makroökonomische Zusammenhänge und darum, die politische und soziale Ökonomie dieses Wirtschaftssektors und dessen Geschichte zu analysieren. Letztere ist noch nicht geschrieben. Dabei geht es immer auch um den Lebensstandard und ein gutes Leben: Wer leistet die Grundlage dafür, und wer hat Zugang zu Care und anderen personenbezogenen Dienstleistungen?
Zwei: Zahlen
Theoriegeschichtlich wie auch für Madörins eigene Entwicklung lassen sich einige Etappen feststellen. Ende der 1980er-Jahre wurden die ersten Daten zu unbezahlter Arbeit erhoben; die ersten für die Schweiz 1997, die bis heute sehr gut nachgeführt, aber zu wenig ausgewertet werden. Die Schuldenkrise im globalen Süden, die Politik von IWF und Weltbank rückte Mitte der 1990er-Jahre die verheerenden Konsequenzen der Austeritätspolitik vor allem für die Frauen in ihren verschiedenen Rollen als Ernährerin, Mutter, Erzieherin .. .in den Mittelpunkt. Die UN-Weltkonferenz der Frauen in Bejing 1995 bedeutete einen neuen Schub für gendergerechte Analysen. Im Gefolge der Finanzkrise 2008 stellten postkeynesianische Theorien das Dogma von Staatsschulden und Schuldenbremsen in Frage.
In neusten Debatten wird in sehr pluraler Form an verschiedene Aspekte von traditioneller und vor allem postkeynesianischer, postmarxistischer und institutioneller Ökonomie angeknüpft.
Ausgangspunkt der gegenwärtigen Überlegungen bleibt die Frage: Warum ist der Sorge- und Versorgungssektor weiterhin so gross? Mit der Pandemie ist die Care-Ökonomie noch wichtiger geworden und auch die Aufmerksamkeit dafür gewachsen. Teilweise spricht man von kitchen economics, also von dem, was vorwiegend Frauen* im Alltag, beim Einkaufen, Kochen, Kindererziehung und bezüglich Bildungs-, Gesundheits- und Mietkosten beschäftigt.
Mascha Madörin hat zu solchen Fragen schon früh im Rahmen des UN-Forschungsinstituts für soziale Entwicklung (UNRISD) an einem Projekt zur politischen und sozialen Ökonomie mitgearbeitet. Zugleich hat sie damals erste Daten zur Care-Ökonomie aus den verfügbaren Statistiken der Schweiz zusammengestellt.
Tabelle 1
(Zum Sorge- und Versorgungssektor zählen im Folgenden die Bereiche A, B und C. Die eigentliche Care-Arbeit ist enger definiert, ohne Sektor C. Die Zahlen stammen von 2016.)
Während in der Industrie der Anteil der Männerarbeit überwiegt, nimmt derjenige der Frauen bei personenbezogenen Dienstleistungen zu. Das ist nicht ganz überraschend, aber überraschend sind die Grössenordnungen und eine entscheidende Erkenntnis: Alle ökonomischen Bereiche sind durch asymmetrische Beziehungen zwischen Männern und Frauen geprägt.
Eine Veranschaulichung unter anderem Gesichtspunkt, nämlich nach den Anteilen der einzelnen Bereiche am Bruttoinlandprodukt (BIP) zeigt Tabelle 2:
Das heisst, jede Investition, jede staatliche Budgetausgabe hat andere Auswirkungen auf die Geschlechter. Das ist ein starkes Argument für gender mainstreaming und gender budgets. In der EU ist letzteres mittlerweile Pflicht; in der Schweiz ist es, wie schon gesagt, nach ersten Ansätzen versandet.
Vor der parlamentarischen Debatte zum Rentenalter hat Madörin ausgerechnet, dass die Frauen in der Schweiz im formellen Sektor 100 Milliarden Franken jährlich weniger verdienen als die Männer (Löhne plus Sozialversicherungen). Deswegen sollte eine Erhöhung des Rentenalters für Frauen nur zur Debatte stehen, wenn diese Ungleichheit aufgehoben würde. Leider haben sich auch die Frauenorganisationen auf einen faulen Kompromiss eingelassen. Das zeigt im Übrigen auch die mangelnde Politikwirksamkeit der Forschung.
Eine weiter gehende Analyse nach institutionellen Sektoren der Wirtschaft zeigt verblüffende Resultate:
So ist zum Beispiel die Bruttowertschöpfung der Zubereitung von Mahlzeiten grösser als diejenige des ganzen Bankensektors.
Das Volumen der unbezahlten Arbeit in der Schweiz ist seit 1997 etwa gleich stark gestiegen wie die Wohnbevölkerung. Eine Politik, die auf die Reduktion des unbezahlten Sektors setzt, hat bislang nur sehr begrenzt funktioniert. Das zeigt sich etwa in Norwegen trotz einem gut ausgebauten Krippensystem. Für diese Stagnation, die sich auch in anderen Ländern zeigt, gibt es verschiedene Erklärungen, etwa eine gezielte patriarchale Klassenpolitik oder abgebaute staatliche Unterstützungen. Die norwegische Studie erklärt diese Situation vor allem damit, dass es seit 1970 keine nennenswerte Innovationen gegeben habe, die Haushalten zugute kommen – eine in den USA viel diskutierte These. Mascha Madörin hält allerdings die Erkenntnis für wichtiger, dass Haushalts- und andere Sorgetätigkeiten nicht beliebig rationalisiert werden können. Diese Tatsache erfordert eine Weiterentwicklung ökonomischer Theorien und entsprechend viel theoretische Arbeit.
Auch die kapitalistisch betriebene Privatisierung des Gesundheitswesens stösst an Grenzen, insgesamt sind die Profitmargen zu klein. In Gastgewerbe und Gesundheitswesen sind die personenintensiven Tätigkeiten nicht beliebig reduzierbar, was den Lohnanteil trotz lohndrückender Massnahmen relativ hoch lässt. Bei Novartis macht er, umgekehrt, in der Schweiz nur noch etwa 8 Prozent aus. Das erzeugt in den Sektoren der Care-Ökonomie auch ein Akkumulationsproblem, wie Tabelle 4 (Folie 5) zeigt.
Im Übrigen lässt sich der Output personenbezogener Dienstleistungen nur verzerrend mit Marktpreisen messen. Das Einzige, was gemessen werden kann, ist der Zeitaufwand, und dann stellt sich die Frage, was genau bezahlt werden soll und wieviel. Diese politische Debatte muss erst noch geführt werden. Vielleicht müsste man Zeit und Geld als neben einander existierende Währungen einführen, wie es etwa Marilyn Waring vorgeschlagen hat.
Drei: Zukunftsfragen
Die entscheidende Zukunftsfrage für eine bessere Ökonomie bleibt, wie die gesellschaftlich notwendige Arbeit besser verteilt und bezahlt werden kann.
Marx hat eine Theorie der ökonomischen Erpressung entwickelt: Die Arbeiter sind gezwungen, zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Im Manchesterkapitalismus hatte das verheerende Folgen für die Gesundheit der ArbeiterInnenklasse. Der britische Ökonom Alfred Marshall (1842-1924) folgerte daraus, dass man die Kinder gut erziehen müsse. Seine Lösung dafür war aber eine zutiefst konservative: Die Frauen sollten zuhause bleiben und sich um das Wohlergehen der Kinder kümmern. Das wurde durch Gesetze abgesichert, die Lohnarbeit für Frauen erschwerten. Während Marshall ökonomisch liberal für den freien (Männer)-Markt eintrat, sollten sozial konservativ die Frauen am Herd bleiben. Die umgekehrte Forderung der Frauenbewegung, dass alle Frauen eine Arbeitsstelle finden sollten, führt zum dringlichen Problem der «Vereinbarkeit von Arbeit und Familie».
Dabei muss man die Gesamtwirtschaft immer als Summe aus bezahlter und unbezahlter Arbeit denken. Aber in unserer jetzigen Volkswirtschaftsrechnung werden Haushalte nicht als produktiv angeschaut. Wenn man das hochrechnet, findet man, dass die unbezahlte Arbeit mehr ausmacht als die bezahlte Arbeit in der ganzen traditionellen Wirtschaft und im Care-Sektor.
In der Konsequenz heisst das: Die Arbeitsmenge, die in einer Gesellschaft erledigt werden muss, ist viel grösser als jeweils thematisiert.
Das beeinflusst auch aktuelle Politdebatten. Ein, an sich begrüssenswertes Grundeinkommen regelt nicht die Frage, wer all die nicht immer angenehmen, anstrengenden Arbeiten der Sorge und Versorgung aber auch der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Infrastruktur erledigen würde.
Die Frage wird ebenso bei einem ökologischen Umbau der Wirtschaft wichtig: Wer leistet die zusätzliche Arbeit für Güter jenseits der Massenproduktion, für intensivere Kinderbetreuung usw.
So weit der durchaus kritische Ausblick von Mascha Madörin.
Die folgende lebhafte Diskussion mit dem Publikum drehte sich um den jüngsten Bundesgerichtsentscheid bei Scheidungen, um Lücken der Schweiz bei Krippen und Spitex sowie um Veränderungen durch neue Home Office