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Das Rätsel der Sphinx...
Auf der Strasse nach Theben hauste ein Ungeheuer mit dem Leib eines Löwen und dem Kopf einer Frau, die Sphinx. Sie gab jedem Wanderer, der vorüberkam, ein Rätsel auf, und wenn er es nicht lösen konnte, so warf sie ihn in einen Abgrund.
Das Rätsel lautete: "Welches ist das Tier, das am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen geht?" Ödipus auf dem Weg nach Theben, beantwortete die Frage: "Dieses Tier ist der Mensch; denn in seiner Kindheit kriecht er am Boden, wenn er erwachsen ist, geht er auf beiden Beinen, im Alter nimmt er einen Stock zu Hilfe."
Aus Schmerz über das gelöste Rätsel stürzte sich die Sphinx in den Abgrund.
Dem Rätsel der Sphinx verdanken wir eine der bekanntesten Stockepisoden. Jeder Orthopäde weiss jedoch zur Genüge, dass die Verwendung eines Stockes nicht nur älteren Menschen vorbehalten ist. Als Arzt kam ich ebenfalls in die Lage, Patienten unterschiedlichen Alters aus medizinischen Gründen einen Stock zu verschreiben, sogar den Gebrauch von eigentlichen Gehhilfen wie Krücken anzuordnen.
Mein offensichtlich berufsbedingtes Interesse an alten Stöcken machte sich um 1960 bemerkbar. Schon bald wurde ich mit der typologischen und materiellen Vielfalt meines Sammelgebietes konfrontiert. In den 1960/70erJahren kehrte ich nach einem Gang durch die Zürcher Altstadt, damals noch von mehr als einem Dutzend Antiquaren und Trödlern bevölkert, jeweils mit einer oder mehreren Neuerwerbungen nach Hause zurück. Auch der Gang an den samstäglichen Flohmarkt blieb nicht ohne Folgen. Schöne und interessante Stöcke waren anfänglich für wenig Geld zu haben und warteten zumeist etwas versteckt in Schirmständern und anderen Behältnissen auf Käufer. Vor Kopien oder schlimmen Basteleien brauchte man sich damals noch nicht zu fürchten.
Meine Sammelleidenschaft brachte mich auch mit Antiquaren, welche den Stöcken im Rahmen ihres Angebots ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten, in Kontakt. Am Rindermarkt in Zürich pries Siegfried Bühler je nach Tageszeit und Weinlaune seine Stöcke zu den Klängen einer Drehorgel an. Als Spezialist für antike Waffen brachte Otto Markes Kombinationsstöcke mit versteckten Gewehren oder Degen von Basel nach Zürich. Als graue Eminenz des französischen «Stockhandels» gilt zu Recht der ehemalige Schauspieler Gilbert Segas, ein Freimaurer, der entsprechende Spezialauktionen als Experte betreut und dem ich viele seltene Exemplare meiner Sammlung verdanke. Stöcke werden vor allem in Frankreich in Auktionen regelmässig angeboten. Gerne erinnere ich mich an den Besuch einer spektakulären Auktion der Galerie Jürg Stuker in Bern, 1977, in welcher hervorragende Objekte aus dem Besitz der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen unter den Hammer kamen. Damals erwarb ich nach einem hartnäckig ausgetragenen Bietergefecht zwei Heroldstäbe von 1598, die für den Grafen Eitel Friedrich I. von Hohenzollern-Hechingen, angefertigt worden waren. Wenn mich der Weg nach London führte, so war ein Gang zum Geschäft von Michael German unerlässlich. Am meisten verdankt die kleine Welt der Stocksammler Madame Catherine Dike, die als Sammlerin und Expertin 1982 die massgebliche Publikation, «Les cannes à système un monde fabuleux et méconnue» veröffentlichte.
Es war Madame Dike, die mich anregte, in der Loge eine kleine Ausstellung mit Freimauerstöcken einzurichten. Bei der Umsetzung dieser Idee hat sie tatkräftig mitgeholfen. Seit mehr als dreissig Jahren stand mir auch Jürg A. Meier, Waffenhistoriker und Experte, als Berater zur Verfügung. Die jetzige, erweiterte Ausstellung wurde mit seiner Hilfe organisiert. Über all die Jahre verhalf mir meine Sammeltätigkeit immer wieder zu interessanten und bereichernden Begegnungen.
Eine Stocksammlung lässt sich entweder nach funktionellen Gesichtspunkten oder nach den zur Herstellung der Stöcke verwendeten Materialien, Verarbeitungstechniken und Dekors gliedern. Mein Interesse galt den funktionellen Aspekten, im besonderen Masse dem weiten Feld der so genannten Systemstöcke. Es handelt sich hierbei um Stöcke, die neben ihrer angestammten primären Funktion, eine zweite Funktion beinhalten, beispielsweise Stöcke mit Messvorrichtungen, oder Stöcke, die andere Objekte, z. B, ein Fernglas, eine Geige, eine Tabakpfeife, einen Degen usw. bergen. Ebenso sehr interessierte ich mich für Stöcke, die gewissen Gesellschafts- und Berufsgruppen zugeordnet werden können. Dazu gehören auch die Stöcke der französischen Handwerksgesellen, «Compagnons», und der Freimaurer. Die speziellen, unverkennbaren Stockformen der Compagnons entwickelten sich im Verlauf des 18. vor allem aber im 19. Jahrhundert. Für das Brauchtum der Compagnons war die Bedeutung des Stockes ungleich grösser als für die Freimaurer. Bis ins zweite Viertel des 20. Jahrhunderts waren Stöcke ein verbreitetes männliches «Accessoire». Bei den Stöcken wurde die Verbindung zur Freimaurerei zumeist über den Dekor, weniger mittels spezieller Formen oder Funktionen hergestellt. Die Köpfe bekannter Freimaurer begegnen uns als Stockknäufe oder Griffe. Als grosse Zeit des Spazierstocks gilt das 19. und das frühe 20. Jahrhundert. In dieser Periode zeichneten sich die Stöcke durch besonderes handwerkliches Raffinement und Erfindungsreichtum aus.
Das Verschwinden des Spazierstocks erklärt der Modeforscher Max von Boehn 1928 mit dem Aufkommen der «Aktentasche», in der Schweiz als «Mappe» bezeichnet: «Erst seitdem jeder bessere Herr sich verpflichtet fühlt, immer eine Aktentasche mit sich herumzuschleppen, mag er auch nichts anderes darin haben, als eine Zeitung und seine Frühstückssemmel, ist der Spazierstock in den Hintergrund gedrängt worden, schon weil die wenigsten Herren geschickt genug sind, zwei Gegenstände tragen zu können, ohne sich und andere entsetzlich zu belästigen».
Mit dem Untergang dreier Kaiserreiche im Anschluss an den 1. Weltkrieg verloren die Stöcke als ein traditionelles Attribut der Aristokratie und des Militärs ihre gesellschaftliche Bedeutung. Im «Dritten Reich» war der Spazierstock, sofern dafür kein physischer Bedarf glaubhaft gemacht werden konnte, bereits als unmännlich verpönt. Nicht zuletzt trug auch das Auto, ebenso Motorfahrrad und Fahrrad, aus praktischen Gründen das ihre zum Verschwinden des Spazierstockes bei. Nachdem Spazierstöcke in der heutigen Männerwelt durch andere, prestigiösere Attribute ersetzt worden sind, freut es mich ganz besonders, wenn ein Teil meiner Sammlung im ehrwürdigen Logensitz der Modestia cum Libertate, Zürich, eine Heimstätte gefunden hat. Solange ich bei Kräften bin, werde ich mich weiterhin um die ausgestellten Objekte kümmern. Ich hoffe jedoch, dass auch kommende Generationen den übergebenen Sammlungsbestand mit der nötigen Sorgfalt betreuen und pflegen.
Dr. Josef Huwyler, Zürich, im November 2002
Die Stocksammlung kann auf Anfrage hin besucht werden