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«Eigentlich bin ich ein Lagerfeuermusiker»
Von Max de Boer zu Max Berend
Eigentlich heisst Max zum Nachnamen de Boer, nicht Berend. Berend, ein gängiger friesischer Name in Holland, ist sein zweiter Vorname. Der Entscheid, als Künstler auf ihn zurückzugreifen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist die korrekte Aussprache von de Boer für Nicht-Holländer oft eine Herausforderung: ‘de Buur’, ‘de Böör’ – wie sagt man’s richtig? Zudem ist de Boer in Holland ein gewöhnlicher, weit verbreiteter Name. Vor allem aber geht es Max Berend um die eigene Selbstwahrnehmung als Mensch und Künstler, also die Frage: Wer bin ich?
Max de Boer ist der junge Mann, der einen Bachelor in Tourismus und einen Master in Internationalem Management gemacht hat und in Brüssel die Karriereleiter hochgeklettert ist bis hinauf in die Geschäftsleitung; der eines Tages im Anzug seinen Grosseltern gegenüber stand, ihnen von seinem Brüsseler Alltag erzählte und ihren erstaunten Blicken entnehmen musste: Das ist gut, das ist schön. Aber ist es auch wichtig? Vor diesem Hintergrund entspricht das Ablegen des Namens dem Ablegen eines Kleides, das Max Berend lange getragen hat, ihm mit der Zeit zu eng geworden ist und heute nicht mehr zu ihm passen will.
Gut bürgerlicher Beruf oder Musik
Mit achtzehn stand Max Berend vor der Frage, ob er sich für einen gut bürgerlichen Beruf entscheiden oder sein Leben der Musik widmen wollte. Er habe sich für den gut bürgerlichen Beruf entschieden, weil sein Tun damals von der Frage bestimmt gewesen sei, wie andere in sähen und was sie von ihm erwarteten. Erst viel später habe er sich gefragt, wie er sich sehe und wir er gerne sein wolle.
Womöglich haben die Erfahrungen, die er als knapp sechzehnjähriger Kinderanimator auf einem Campingplatz in Lindau gemacht hat, diesen Prozess von der Fremd- zur Selbstbestimmung beeinflusst. Er habe sich wohl gefühlt in einem internationalen Team, das ihm Vertrauen geschenkt und ihm die Möglichkeit gegeben habe, sich gestalterisch und künstlerisch frei auszudrücken. Sein Selbstvertrauen sei damals stark gewachsen, meint Max Berend.
Loslassen, sich von fremden Erwartungen lösen, tun, was er tun wollte, dem Herzen folgen, nicht dem Verstand: dafür brauchte Max Berend Mut – und Menschen, die ihn dabei unterstützten und heute den Künstler Max Berend genauso schätzen, wie sie damals den erfolgreichen Geschäftsleiter Max de Boer geschätzt haben. Die Lieder auf ‘Red Little Paper Kite’ haben viel mit diesem Prozess und diesen Menschen zu tun.
Bündner Enge und holländische Weite
Max Berend ist in Davos aufgewachsen. Hier sind viele Lieder seiner CD entstanden. Leicht war die Zeit im Bündner Kurort für ihn nicht. Abgesehen davon, dass es landschaftlich in den Bergen naturgemäss eng ist, gab es nur etwas, womit man sich hervortun konnte: Sport. Enge ist das Stichwort; geistige und räumliche.
Dennoch ist Max Berends Verhältnis zu Davos gut. «Ich bin Davoser», sagt er. Freunde, Aufwachsen, Ausbildung – dafür stehe der Ort für ihn. Wenn er nach Davos komme, dann sei das ein «Heicho». Deshalb wird es dort auch eine Plattentaufe geben: am 12. November im KaffeeKlatsch am Postplatz.
So viel zu Davos. Und zu Holland?
Er sei tief in der holländischen Kultur verankert, sagt Max Berend. Holland bedeute für ihn Familie: Grosseltern, Eltern, Schwester, Cousins und Cousinen. Mit seiner Schwester Iris und seiner Partnerin Bettina spreche er holländisch. In der Familie hätten sie stets die traditionellen holländischen Feste gefeiert: Sinterklaas beispielsweise oder den Königinnentag. Spiele die Elftal, dann könne er aus sich herausgehen und sehr emotional werden. Das traut man diesem ruhigen, besonnenen jungen Mann auf den ersten Blick nicht zu. Aber sein Herz schlägt orange; und das soll es auch.
Stellt sich die Frage, warum Max Berend sein erstes Album auf Englisch aufgenommen hat und nicht auf Holländisch. Das habe einen praktischen Grund, meint er. Singe er auf Holländisch, könne er seine Familie bedienen; singe er auf Deutsch, seine Freunde. Auf Englisch hingegen erreiche er sowohl die einen wie die anderen. Zudem fühle er sich in der englischen Sprache zurzeit noch eine Spur sicherer als in der holländischen.
Liedermacher der leisen Töne
Max Berend bewegt sich in der Tradition der klassischen Liedermacher. Er liebt die leisen Töne; das Laute, Schrille liegt ihm fern. Er mag Jim Croce, dessen Lied ‘I Got A Name’ er gerne komponiert hätte; das Schweizer Duo Lo und Leduc, das ihn sprachlich beeindruckt; Mike ‘Michael’ David Rosenberg, bekannt unter dem Künstlernamen Passenger, weil er es vom Strassenmusiker auf die grossen Bühnen geschafft hat und sich dabei immer treu geblieben ist. Es sei beeindruckend, wenn der Mann auf dem Gurten Festival mit seiner Gitarre die Hauptbühne betrete, seine Lieder vortrage und das Publikum ihm andächtig zuhöre. Auch ausserhalb seines Genres findet Max Berend Vorbilder und Quellen der Inspiration. Den holländischen Rapper Koen Jansen, Künstlername Diggy Dex, schätzt er sehr, nicht nur wegen des Tiefgangs seiner Texte, sondern auch als Mensch. Billy Joel und Elton John erwähnt er. Und natürlich die Beatles.
Auf die Frage, in wessen Vorprogramm er als aufstrebender junger Künstler gerne einmal spielen würde, nennt Max Berend Pegasus, eine Band aus Biel, die er sehr schätzt, weil sie sich nahe an seinem Musikgenre bewegt und ihre Lieder auch unplugged funktionieren. Das ist ihm, dem Mann der leisen Töne, wichtig. Der Name Amistad fällt, eine Band aus Deutschland, die ihn ebenfalls beeindruckt. Und dann die Grossen: Ed Sheeran, Passenger, Katie Melua – für sie zu eröffnen, so Max Berend, wäre wunderschön. Bei Sophie Hunger, die er zusammen mit Katie Melua als wichtige Einflüsse nennt, hätte er allerdings Bedenken, wüsste er doch nicht, ob er mit seinen Liedern ihr Publikum bedienen könnte.
Die Revolution kann warten
Ein Lied, das Max Berend ebenfalls gerne geschrieben hätte, ist ‘Working Class Hero’ von John Lennon: ein scharfes, sozialkritisches Statement, wie es typisch ist für den bissigsten der vier Beatles. Dennoch verzichtet er in seinen Liedern auf Gesellschaftskritik, bewegt sich mehr im Privaten, Persönlichen. Sein Bedürfnis, die Welt zu verändern, sei im Moment nicht so gross, meint er; vielleicht komme das noch. Die viel zitierte ‘political wokeness’, bei der man nur noch sich selbst sehe, sei nicht sein Ding. Alle redeten, niemand höre zu, keiner stelle Fragen. Schliesslich gebe es einen Grund, weshalb Menschen die Dinge so sähen und nicht anders. Verstehen wäre weiterführender als schreien. Natürlich läuft nicht alles rund auf der Welt; anzuprangern gäbe es genug. Erstmal geht es aber darum, sich selbst zu verändern, nicht die Welt; Max de Boer hinter sich zu lassen und Max Berend zu werden und zu sein.
Lieder der Dankbarkeit
Auslöser für den Entscheid, eine CD mit Liedern aufzunehmen, war unter anderem eine Box mit alten Fotos. Er habe sie geöffnet, so Max Berend, die Bilder gesehen und das Bedürfnis verspürt, den Menschen zu danken, die ihm wichtig seien und die ihn dorthin begleitet hätten, wo er heute in seinem Leben stehe:
In ‘Red Little Paper Kite’, dem Titelsong, geht es um seine jüngere Schwester Iris. Wenn das Leben seinen normalen Gang gehe, so Max Berend, sei sie als Letzte noch da, wenn alle anderen gegangen seien, die seine Welt zurzeit ausmachten.
‘Stars – Song For Salome’ thematisiert die Freundschaft zu einer jungen Frau. Sie habe ihn gelehrt, der zu sein, der er sein wollte; sich von Max de Boer zu lösen und Max Berend zu sein. Das Lied ist bedrückend, wenn man weiss, dass die junge Frau viel zu früh gehen musste und Max Berend das Lied zum ersten Mal auf ihrem Begräbnis gespielt hat.
‘Pete’s Garden’ ist dem Grossvater mütterlicherseits gewidmet. Er habe sich stets schwergetan, den Zugang zu Kindern zu finden, erinnert sich Max Berend; doch in seinem Garten, wenn um ihn herum alles geblüht habe, habe er auf einmal sehr zugänglich sein können.
In ‘Flowers On My Gravestone’ beschäftigt sich Max Berend mit dem eigenen Tod. Der Text ist inspiriert von der eigenen Grabrede, von der er sich wünscht, sein bester Freund möge sie dereinst halten. Seine Freunde sollen Blumen auf seinen Grabstein legen, die dann, so hofft er, zusammen einen möglichst grossen Strauss ergeben.
In ‘Woman In The Rain’ geht es um die Mutter, die innere Zerrissenheit, die sie umtreibt, um Identität, die Frage, wo bin ich zuhause, wo gehöre ich hin.
‘Old Brown Café’ beschreibt ein altes, stolzes Café im Amsterdamer Rotlichtviertel, das Max Berend oft mit seinem Vater besucht hat. Mag hier auch ein Ort im Vordergrund stehen und weniger eine Person, so ist das Lied doch vom Grossvater väterlicherseits inspiriert, einem stolzen Seemann. Das Café kam in der holländischen Krimiserie ‘Baantjer’ vor, die Max Berend oft mit ihm zusammen sah.
‘My Best Friend’ ist dem eigenen Vater gewidmet und berührt durch seine Intimität. Das Lied ist mehr als eine Liebeserklärung; es ist ein starkes, beeindruckendes Commitment.
In ‘Dunes (Martha’s Song)’, einem Duett mit Sara di Caro, steht die Grossmutter väterlicherseits im Mittelpunkt. Der weibliche Part ist ein Text, den die Grossmutter einst für ihren Enkel geschrieben hat; der männliche ist Max Berends Antwort darauf, eine Antwort, die er ihr nicht geben konnte, solange sie noch lebte.
‘The Swing’ schliesslich ist inspiriert von Max Berends Partnerin Bettina. Hier steht nicht ein Mensch im Vordergrund, der geht, sondern einer, der kommt. Das Lied steht für den Neustart und thematisiert die Vertrautheit, die zwischen den beiden herrscht. Der Nebel lichtet sich, das Schwere tritt in den Hintergrund, eine gewisse Leichtigkeit, symbolisiert durch das Schaukeln, ist erkennbar.
Eine gesunde Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit kennzeichnet die Lebensphilosophie von Max Berend: Er sieht die dunklen Seiten des Lebens, vergisst aber die hellen nicht; sieht nicht nur die Blumen auf dem eigenen Grabstein, sondern auch den kleinen roten Papierdrachen, den er am Strand mit seiner Schwester steigen lässt.
Am einfachsten zu schreiben sei ‘Old Brown Café’ gewesen, sagt Max Berend. Gut zwanzig Minuten habe er dafür gebraucht. Das liege möglicherweise daran, dass der Text etwas allgemeiner gehalten sei als die anderen. Schwerer hingegen habe er sich mit ‘Stars – Song for Salome’ getan. Das Lied an der Beerdigung seiner Freundin zu spielen, sei sehr prägend gewesen; es danach Patrick Vido, mit dem er die CD eingespielt und produziert hat, und Sara di Caro, mit der er es im Duett singt, anzuvertrauen, sei ihm nicht leicht gefallen. Am Ende aber haben beide, Patrick Vido und Sara di Caro, nicht nur dieses, sondern alle Lieder der CD mit ihrem musikalischen und gesanglichen Beitrag veredelt.
Vom Bröckeln und Wegbrechen
Die meisten Lieder auf ‘Red Little Paper Kite’ handeln von der Erfahrung des Bröckelns. Max Berend musste sie mehrfach machen: der frühe Tod der Freundin aus ‘Stars – Song for Salome’, der Verlust der Grosseltern, die Trennung von der Partnerin, damals in Brüssel, die Scheidung der Eltern, mit der er, dem die Familie so viel bedeutet, sich schwer getan hat. Es geht um Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit. Aber auch um Zuversicht. Unsere kleine Welt ist nicht stabil, so sehr wir uns das manchmal auch wünschen mögen. Sie wandelt sich jeden Tag, bröckelt, Teile brechen plötzlich weg; aber sie erneuert sich auch, Menschen kommen hinzu, neue Beziehungen entstehen, die gedeihen, wenn wir sie pflegen. Nostalgie ist ein wichtiges Gefühl. Es zeigt, wie wichtig uns Vergangenes ist; das Leben aber wird vorwärts gelebt. Das scheint auch Max Berend erkannt zu haben, ist doch ‘The Swing’ mit seiner leisen Aufbruchstimmung kaum zufällig das letzte Stück auf ‘Red Little Paper Kite’. So darf man denn gespannt sein auf sein nächstes Projekt. Es nennt sich ‘She, the Sea’ und soll dem Leben gewidmet sein.
Rückbesinnung auf das Wesentliche
In einer Zeit, die schnelllebig und hektisch geworden ist, in der nichts Bestand hat, in der man mehr über Digitalisierung und künstliche Intelligenz spricht, statt über Menschen, sind die Lieder von Max Berend eine Wohltat. Denn sie lehren uns etwas Wichtiges: Wir sind nicht die Summe unserer Erfolge; wir sind die Summe unserer Beziehungen. Sie bilden das Netz, das uns trägt. Menschen helfen uns, unseren Weg zu finden, ihn zu gehen und die zu werden, die wir sind. Irgendwann gehen sie, weil das zum Leben nun mal dazu gehört; aber sie hinterlassen Spuren – in unseren Herzen und, wie im Fall von Max Berend, in einem Lied. Das ist tröstlich. Denn Erinnerungen bröckeln nicht; und sie brechen auch nicht weg.
In dem mit viel Liebe zum Detail gestalteten Booklet zur CD schreibt Max Berend, er habe sich auf ‘Red Little Paper Kite’ mit seinen Geschichten auseinandergesetzt. Mit seinen Liedern möchte er sein Publikum ermutigen, es ebenfalls zu tun. Er spricht vor allem jene an, die gelegentlich den Glauben verlieren, sich unterwegs verirren und das Leben dennoch lieben, obwohl es manchmal ein wenig chaotisch sein kann.
Aber wir haben nicht nur alle unsere Geschichten, denen wir uns stellen müssen; wir haben auch Menschen in unserem Umfeld, die uns wichtig sind und denen wir vielleicht einmal Danke sagen möchten. Es muss nicht zwingend mit einem Lied sein; es reicht ein kurzes «Schön, dass es di git!» Hauptsache, es kommt von Herzen. So wie die Lieder von Max Berend.
Max Berend
‘Red Little Paper Kite’
Release: 15. Oktober 2021
Plattentaufe: 12. November 2021 in Davos, KaffeeKlatsch am Postplatz