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| Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

18. Cap. Rückblick. Übergang zum Schriftbeweis. Schon der Name „Auferstehung der Toten“ sagt hinlänglich, was dieselbe sei.
Soviel möchte ich als Unterbauten errichtet haben, um den Sinn der Schriftstellen, welche ein Wiedererscheinen des Leibes in Aussicht stellen, zu sichern. Da für dasselbe so viele Gewährschaften von höchster Beweiskraft sprechen: die Vorzüge der betreffenden Substanz selbst, die Macht Gottes, dann die vorhandenen Beweise derselben, die Rücksichten auf das Gericht und dessen wesentliche Erfordernisse, so wird es nicht zu umgehen sein, die Schriftstellen in dem durch diese so zahlreichen Gewährschaften gebotenen Sinne zu verstehen, nicht aber den Klügeleien der Häretiker entsprechend, die aus blosser Ungeneigtheit zum Glauben hervorgehen. Man hält es bloss für etwas Unglaubliches, dass eine durch Vernichtung unfindbar gewordene Substanz wieder hergestellt werde, nicht weil es für die betreffende Substanz selber unerreichbar oder für Gott unmöglich und für das Gericht unpassend wäre. Jene Lehre wäre allerdings unglaublich, wäre sie nicht von Gott verkündet worden. Sie müsste jedoch, wäre sie auch nicht von Gott verkündigt worden, von selbst vorausgesetzt werden, als gerade deswegen nicht ausdrücklich verkündigt, weil sie durch so viele Autoritäten von vornherein nahegelegt ist. Ertönt aber nun diese Lehre sogar aus dem göttlichen Munde selber, so darf sie nicht [S. 443] im entferntesten anders verstanden werden, als jene Gewährschaften, wodurch sie, auch abgesehen von den göttlichen Aussprüchen, gepredigt wird, es verlangen.
Sehen wir uns also zuerst danach um, unter welchem Titel diese Hoffnung bekannt gemacht worden sei. Eine einzige Bekanntmachung Gottes, meine ich, ist es, die bei allen aushängt: „Auferstehung der Toten!“ Zwei leicht verständliche, bestimmte, propere Worte! An sie will ich mich halten und untersuchen, an welche Substanz sie gerichtet sind. Wenn ich höre, dass dem Menschen „Auferstehung“ in Aussicht stehe, so werde ich notwendigerweise fragen müssen, was an ihm denn das Schicksal gehabt habe, hinzufallen, da ja doch wohl nur das ein Aufstehen zu erwarten hat, was zuvor hingefallen ist. Wer nicht weiss, dass der Leib im Tode hinfällt, der kann auch nicht wissen, dass er steht im Leben. Den Urteilsspruch Gottes: „Du bist Erde und wirst zur Erde werden“1 verkündigt die Natur. Wer das nicht gehört hat, der sieht es. Jeder Tod besteht in einem Hinstürzen der Glieder. Diesem Lose des Leibes hat der Herr selbst Ausdruck gegeben, da er, mit derselben Substanz überkleidet, sagte: „Zerstöret diesen Tempel, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufrichten“.2 Er gab damit zu verstehen, wen die Zerstörung treffe, wen das Verschwinden, wen das Hinfallen, wen also auch das wieder aufgerichtet und aufgehoben werden. Wiewohl er eine Seele in sich trug, die bange war bis zum Tode,3 so doch keine, die im Tode hinfiel; denn es heisst in der hl. Schrift: „Er hatte dieses aber von seinem Leibe gesagt“.4
So ist es denn also der Leib, welcher im Tode hinstürzt und vom Hinfallen den Namen Kadaver5 erhält. Von der Seele dagegen braucht man den Ausdruck fallen gar nicht; denn sie stürzt nicht hin ihrer Lage nach. Sie ist es im Gegenteil, welche, wenn sie ausgehaucht wird, das Hinstürzen des Körpers bewirkt, sowie sie es auch ist, welche ihn, wenn sie wieder einzieht, von der Erde aufrichten wird. Was durch seinen Eintritt die Aufrichtung bewirken wird, das kann nicht fallen; was durch seinen Hinausgang zu Boden wirft, das kann nicht hinstürzen. Ich will mich noch knapper ausdrücken, die Seele fällt nicht einmal mit dem Körper gemeinschaftlich in Schlaf und schnarcht auch nicht mit dem Leibe. Denn sie ist sogar im Schlafe noch regsam und bewegt; sie würde aber ruhen, wenn sie daläge, und daliegen, wenn sie hinstürzte. So fällt sie dem wirklichen Tode nicht selber zur Beute, so wenig als seinem Nachbilde.
Betrachte nun in gleicher Weise, an welche Substanz sich der darauffolgende Ausdruck „der Toten“ hefte. Wir müssen freilich hierbei [S. 444] zugeben, dass die Häretiker zuweilen der Seele Sterblichkeit zuschreiben. Würde die sterbliche Seele zur Auferstehung gelangen, dann wäre dies ein günstiges Vorzeichen dafür, dass sie dem Leibe, der ebenso sterblich, die Auferstehung mitteilen werde. Doch es muss nunmehr dem betreffenden Ausdruck seine Bestimmung vindiziert werden. Weil aufstehen Sache eines hingefallenen Wesens ist, nämlich des Leibes, so wird letzterer auch in dem Namen „Toter“ stecken, weil es sich um das Aufstehen hingefallener Wesen handelt, und das sind eben die Toten. So lernen wir es auch von Abraham, dem Stammvater des Glaubens, dem Mann der göttlichen Freundschaft. Da er nämlich zur Beerdigung der Sara von den Söhnen Cheth einen Platz forderte, drückte er sich also aus: „Gebt mir den Besitz eines Grabes bei Euch, und ich werde mein Totes begraben“,6 natürlich den Leib. Denn zum Begraben der Seele würde er keinen Platz begehrt haben, auch wenn er sie für sterblich gehalten und sie wirklich verdient hätte, „das Tote“ genannt zu werden. Wenn also der Körper das Tote genannt wird, so wird die Auferstehung, da sie Auferstehung der Toten genannt wird, eine Auferstehung der Körper sein.
1: I. Mos. 3, 19.
2: Joh. 2, 19.
3: Matth. 26, 38.
4: Joh. 2, 21.
5: Kadaver kommt nämlich her von cadere.
6: I. Mos. 23, 4.