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In fünf der sechs Departemente, die an die Schweiz grenzen, hat Marine Le Pen den ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewonnen. In Dannemarie-Lès-Glay, einem kleinen Dorf im Jura, nur einen Katzensprung von der Grenze entfernt, kam die Kandidatin des Front National auf 62% der Stimmen. Reportage aus dem Frankreich, das am Sonntag für die Abschottung stimmen wird.
"Man kann die Einwanderung nicht dulden, wenn doch nicht einmal unsere Jungen Arbeit haben. Das muss sich ändern", erklärt Pierre Kohler. Der pensionierte Franzose, der früher bei Peugeot-Citroën in Montbéliard arbeitete, ist an diesem kalten und regnerischen Tag Anfang Mai gerade damit beschäftigt, seine Zuchtenten zu füttern.
Im Verlauf des Gesprächs sagt Kohler dann allerdings ohne mit der Wimper zu zucken, Arbeitslosigkeit gebe in Dannemarie-Lès-Glay, einem kleinen Dorf, das in einem grünen Tal an der Grenze zum Kanton Jura liegt, keinen Anlass zur Sorge. "Die Leute, die keine Arbeit haben, sind Faulpelze. Die meisten Berufstätigen des Dorfes arbeiten in der Schweiz, wo sie einen sehr guten Lebensunterhalt verdienen", erklärt er weiter.
Kohler will nicht explizit sagen, auf welche Seite er bei dieser Präsidentschaftswahl neigt. Im ersten Durchgang hatten sich in dem Dorf aber 62% der Stimmenden – auf der Wählerliste standen 92 Namen – für Marine Le Pen entschieden, ein Rekordergebnis im Departement Doubs.
Zum Land schauen Schweizer Bauern
In Dannemarie-Lès-Glay gibt es weder Massenarbeitslosigkeit noch Kriminalität, und die Einwanderung bleibt ein eher vager Begriff aus dem nationalen Wahlkampf. Im Dorf lebt nur gerade ein Ausländer. Aldo C. kommt ursprünglich aus Italien, ist mit einer Französin verheiratet und lebt seit 35 Jahren in der Gemeinde. "Die Einwohner hier haben immer für den Front National gestimmt. Im zweiten Durchgang dürfte Le Pen auf mehr als 80% der Stimmen kommen", sagt Aldo C. voraus.
Wenn es Migration gibt, ist sie wirtschaftlich bedingt. Und sie fliesst in die entgegengesetzte Richtung jener Migration, die der Front National anprangert. "Auch unter jenen Einwohnern, die in der Schweiz arbeiten, wird es solche geben, die nicht zögern werden, für die Kandidatin zu stimmen, welche die Grenzen dicht machen will", staunt Aldo C.
In seinen Augen lässt sich die massive Stimmabgabe für die extreme Rechte vor allem mit der besonders starken Isolation der Gemeinde erklären. Dannemarie-Lès-Glay ist nicht nur ein Dorf ohne Kirchturm, es hat auch keine Läden, keine Schulen und keinen Treffpunkt, an dem soziale Bande geknüpft und das Angst machende Unter-Sich-Sein aufgebrochen werden könnten. "Sogar die Bauern sind verschwunden." Deren Land werde heute von Schweizer Bauern beackert, sagt Aldo C.
Unverständnis im Schweizer Jura
In Grandfontaine, einem Dorf im Schweizer Jura kaum zwei Kilometer Luftlinie von Dannemarie-Lès-Glay entfernt, kann sich die Gemeindepräsidentin Marguerite Vuillaume nicht wirklich erklären, wie es zu dieser blauen Le-Pen-Welle kam, die praktisch an ihre Haustüre schwappte. "Ausser einigen Einbrüchen, die auf organisierte Banden aus Osteuropa zurückgehen, gibt es in unserer Grenzregion praktisch keine Kriminalität", betont sie.
Und die Beziehungen zwischen benachbarten Schweizern und Franzosen waren nach Angaben von Vuillaume eigentlich immer gut. "Ich habe nie die geringsten Spannungen zwischen den Einwohnern meiner Gemeinde und den Grenzgängern bemerkt", sagt sie, die als Vertreterin der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP, Mitte-rechts) gewählt wurde.
Dannemarie-Lès-Glay ist aber keine Ausnahmeerscheinung: In 22 der 30 Gemeinden in der grenznahen Region zum Kanton Jura lag Le Pen nach dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl an erster Stelle, in den anderen acht ging der erste Platz an François Fillon.
Die Kandidatin des Front National erzielte ihre besten Resultate in ganz Frankreich in ländlichen Regionen und kleineren Städten.
Angst vor dem Niedergang
Das ist der Fall in Indevillers, einem kleinen Dorf an den Ausläufern des Doubs, des Grenzflusses zwischen der Schweiz und Frankreich. Le Pen erhielt hier im ersten Durchgang fast 40% der Stimmen. Ein Prozentsatz, der in den letzten Jahren von Wahl zu Wahl stieg. Diese Entwicklung löst beim parteilosen Gemeindepräsidenten Sorge aus.
"Ich habe Mühe, zu verstehen, was die wirklichen Gründe für diese Protestwahl sind. Das Leben hier ist friedlich und angenehm. Gewiss, die Dienstleistungsangebote sind begrenzt. Aber nach einer kurzen Fahrt im Auto hat man Zugang zu einer breiten Palette von Kulturangeboten und anderen Freizeitaktivitäten", erklärt Claude Schneider.
Im Alltag sieht der Gemeindepräsident eine zunehmende und tief liegende Angst vor der Zukunft, vor allem unter den Jüngsten. "Viele befürchten einen sozialen und beruflichen Abstieg im Vergleich mit der Generation ihrer Eltern. Dazu kommt die Angst, dass die französische Kultur nicht mehr vorherrschend sein könnte", erklärt er.
Die immer stärker vernetzte und mit einer Flut von Informationen der nationalen Fernsehketten überhäufte ländliche Bevölkerung hege gegenüber ihren Behörden immer weiter gehende Forderungen, erklärt der Gemeindepräsident von Indevillers.
"Vor zehn Jahren kamen die Leute zu mir, weil sie ein Baugrundstück wollten, vor fünf Jahren eine Schule, und heute fordern sie, dass man ein 4G-Netzwerk installiert. Aber natürlich können wir nicht die gleichen Dienstleistungen anbieten wie eine grosse Metropole, und das führt zu Frustrationen."
Nostalgie in der Politik
Jacques Lévyexterner Link, Professor für politische Geografie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), hat die territorialen Merkmale der Wahl zugunsten des Front National untersucht. Seine Studien bekräftigen zu einem grossen Teil die Beobachtungen des Gemeindepräsidenten von Indevillers.
"Marine Le Pen erzielt die besten Resultate in stadtnahen Gebieten, wo die Armutsrate am niedrigsten ist. Die Angst vor der Zukunft ist also nicht mit einer objektiv schlechten Wirtschaftslage verbunden, sondern mit der Schwierigkeit, sich eine Öffnung vorzustellen und ein Zusammenleben mit allen möglichen Andersartigkeiten", unterstreicht Lévy.
Der Geograf räumt auf mit der Vision eines ländlichen Frankreichs, das angeblich aufgegeben wurde, dem die öffentlichen Dienstleistungen, Geschäfte oder gar Arztpraxen vorenthalten worden sein sollen und das deshalb auf diese Protestwahl setze. "Diese Dienstleistungen gibt es überall dort, wo es Einwohner hat. Die 'medizinische Wüste', die in den Medien so oft aufgegriffen wird, hängt oft von einem diffusen Gefühl der Verlassenheit ab, das vor Ort nicht konkret bekräftigt werden kann."
Die soziologisch betrachtet sehr vielfältige Wählerschaft des Front National trifft sich nach Angaben Lévys beim zentralen Element der Vision Frankreichs, die Le Pen bemüht: Ein sehr starker Bezug zur Vergangenheit, mit dem berühmten "früher war alles besser". "Das ist übrigens das Erfolgsrezept aller populistischen Parteien in Europa, einschliesslich der Schweizerischen Volkspartei in der Schweiz", sagt Lévy.
Am Sonntag, beim zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich, dürfte Marine Le Pen gegenüber Emmanuel Macron in Dannemarie-Lès-Glay und in den anderen ländlichen Gemeinden des Departments Doubs erneut klar obenauf schwingen.
Emmanuel Macron umgarnt Grenzgänger
Emmanuel Macron will in den Regionen Frankreichs, in denen der Immobilienmarkt heute angespannt ist, den Wohnbau ankurbeln. Das betreffe vor allem die "Grenzregion zur Schweiz", wie er in einem kurz vor dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl ausgestrahlten TV-Interview erklärte.
Der Pro-Europäer Macron, der im Rennen um das Amt des Präsidenten im zweiten Durchgang gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen antritt, richtete sich damit direkt an die rund 175'000 Grenzgänger, die in der Schweiz arbeiten und manchmal Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu einem erschwinglichen Preis zu finden.
In Genf, wo der Wohnungsmarkt besonders angespannt ist, tönt die Idee des Kandidaten der Bewegung "En Marche!" aber nicht wirklich verlockend. "Mir wäre lieber, Macron würde nach einer allfälligen Wahl den weiteren Ausbau des grenzübergreifenden S-Bahn-Netzes ankurbeln, statt mit neuen Immobilien die Region zu zersiedeln", erklärte der für die Raumplanung zuständige Genfer Staatsrat Antonio Hodgers gegenüber der NZZ am Sonntag.
Nach Ansicht von Hodgers sind die rund 153'000 Grenzgänger in der Region Genf vor allem von Verkehrsproblemen betroffen. Mit dem Bau von mehr Wohnungen in der französischen Grenzregion werde diese Situation nicht verbessert, ganz im Gegenteil, erklärte der Grüne.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)