Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03545.jsonl.gz/602

Im modernen Grossbritannien leiden 40 bis 50 Prozent der Menschen (auch) an Krebs, wenn sie sterben. Für die vorindustrielle Zeit wurde bisher bloss eine Häufigkeit von einem Prozent angenommen. Doch das ist offenbar falsch, wie britische Wissenschafter mit Röntgen- und CT-Untersuchungen in Cambridge herausgefunden haben. Zwischen dem Jahr 600 und 1600 dürfte demnach die Krebshäufigkeit zum Todeszeitpunkt bei neun bis 14 Prozent gelegen sein.
«Die Mehrheit der Krebserkrankungen entwickelt sich aus Weichteil-Gewebe, das bei menschlichen Überresten aus dem Mittelalter längst verschwunden wäre. Nur ein Teil der Krebsleiden breitet sich auch in Knochen aus – und wiederum nur wenige dieser Metastasen sind an der Oberfläche der Knochen sichtbar. Deshalb suchten wir auch im Inneren von Knochen nach Zeichen für bösartige Erkrankungen», wurde Piers Mitchell vom britischen «After the Plague»-Projekt von der amerikanischen Fachgesellschaft für Onkologie (ASCO) zitiert.
Die wissenschaftliche Studie von Mitchell vom Institut für Archäologie in Cambridge in Grossbritannien und seinen Co-Autoren ist in der Fachzeitschrift «Cancer» veröffentlicht worden.
Die Forschenden untersuchten 143 Skelette und Skelettteile von Menschen, die zwischen dem 6. und dem 16. Jahrhundert auf sechs mittelalterlichen Friedhöfen in und um die Universitätsstadt begraben worden waren.
Bisher war man davon ausgegangen, dass Durchfallerkrankungen, Pest, Unterernährung und Verletzungen sowie die Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen die Haupttodesursachen für die Menschen des Mittelalters gewesen sind. Jetzt allerdings sieht die Sachlage anders aus. «Wir müssen Krebs zu den häufigsten Erkrankungsarten hinzuzählen, welche die Menschen im Mittelalter betrafen», sagte die Paläopathologin Jenna Dittmar.
Bei den menschlichen Überresten von 96 Männern, 46 Frauen und einer Person, deren Geschlecht nicht festgestellt werden konnte, wurden Wirbelsäulen, Oberschenkel und Beckenknochen per Röntgen und CT untersucht. Bei Knochen von fünf Personen (3,5 Prozent) wurde das Vorliegen von Metastasen direkt belegt. Die meisten Fälle betrafen das Becken.
Die Wissenschafter gingen von einer Treffsicherheit der CT-Scans von 75 Prozent aus. Gleichzeitig kommt es nur bei einem Drittel bis der Hälfte der tödlichen Krebserkrankungen zu Knochenmetastasen. Daraus ergibt sich, dass neun bis 14 Prozent der Menschen im Mittelalter mit einem Krebsleiden starben.
In Grossbritannien leiden 40 bis 50 Prozent der Menschen zu ihrem Todeszeitpunkt (auch) an Krebs. Dieser drei- bis vierfach höhere Anteil im Vergleich zum Mittelalter in Grossbritannien lässt sich auf mehrere Fakten zurückführen: Erstens ist die Krebshäufigkeit eine Funktion des erreichten Lebensalters, und die Lebenserwartung ist drastisch gestiegen. Eine der häufigsten Krebsursachen ist das Rauchen – und Tabak wurde erstmals im 16. Jahrhundert aus Amerika nach England gebracht. (aeg/sda/apa)