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Neue Schwierigkeitsbewertung für Techno-Kletterei
Thomas Tivadars « New aid scale »
Thomas Tivadar ist ein Exponent der vor allem in Techno-Routen besonders aktiven Bigwall-Kletterer. Er ist auch der Begründer des so genannten « Clean New Wave»-Stils, deren Anhänger die Bewertungen künstlicher Kletterei 1 unter dem Gesichtspunkt eines möglichst weitgehenden Verzichts auf den Einsatz von Bohrhaken vornehmen. Darauf beruht auch sein Bewertungsvorschlag. 2
Während in der freien Kletterei im Grossen und Ganzen eine Übereinstimmung in der Bewertung der Schwierigkeiten besteht – auch wenn in verschiedenen Ländern und Gebieten unterschiedliche Systeme zur Anwendung kommen –, herrscht im Bereich der Techno-Kletterei diesbezüglich wenig Klarheit. Manchmal wird auf den Aufwand beim Anbringen der Fortbewegungspunkte abgestellt, manchmal auf deren mutmassliche Haltekraft, und manchmal werden nochmals andere Aspekte miteinbezogen.
Neu definierte Bewertungskriterien Um zu einer einheitlichen Bewertung zu gelangen, schlägt Tivadar eine Zweiteilung der Schwierigkeitsskala vor: Einerseits sollen die durch die Beschaffenheit des Felsens sich ergebenden technischen Probleme zum Anbringen der Fortbewegungspunkte ( unter möglichst weitgehendem Verzicht auf Bohrhaken ) bewertet werden. Andererseits werden die mit einem Sturz verbundenen Fallhöhen und die Verletzungsgefahren herangezogen, wobei die Grösse des Risikos und die möglichen Konsequenzen einer Verletzung die Beurteilungskriterien bilden. Praktisch heisst das, dass die gesundheitliche Gefährdung zu einem Teil des Be-wertungsmassstabs wird, was in der Tat ein neues, allerdings auch ziemlich diskussionswürdiges Element in die Schwierigkeitsbewertung bringt – und in gewissem Sinne als eine Art Parallelent-wicklung zur Ernsthaftigkeitsskala verstanden werden kann.
Die Gefahrenbewertung Die Gefahrenbewertung wird in 4 Kategorien von « a » bis « d » eingeteilt:
– « a » bezieht sich auf Sturzhöhen, die vom nächstfolgenden, maximal 2 m tiefer angebrachten soliden Fixpunkt mit Sicherheit aufgehalten werden. Ein Auf-prall- oder Verletzungsrisiko ist nicht vorhanden.
– « b » beinhaltet Stürze über 5 m mit eventuellem gleichzeitigem Ausreissen von Fortbewegungspunkten. Es ist nur mit leichteren Verletzungen ( Hautabschürfungen, Prellungen ) zu rechnen. – « c » umfasst bereits Stürze bis zu 30 m, wobei ernsthafte Verletzungen nicht zu erwarten sind, oder es bestehen Sturzrisiken in nicht deﬁnierter Höhe, die dafür die Gefahr schwerer Verletzungen in sich bergen.
– « d » bedeutet, dass Stürze über 30 m möglich sind, aber ohne ernsthafte Verletzungen, oder es handelt sich um nicht deﬁnierte Sturzhöhen mit erheblichen und schweren Verletzungsgefahren ( bis Todesfolge ).
Die Gradeinteilung
Diese basiert einerseits auf der Beurteilung der Schwierigkeiten für das Anbringen oder Setzen, anderseits auf der Aus-reissfestigkeit von Fortbewegungspunkten. Die Techno-Einteilung geht von A0
1 Unter Techno-Kletterei ( manchmal künstliche Kletterei, früher auch « Artif»-Kletterei genannt ) versteht man die Überwindung von Passagen oder die Durchsteigung ganzer Wände, die sich nicht frei bewältigen lassen, durch den Einsatz von selber angebrachten Fortbewegungspunkten ( wie Friends, Klemmkeile, Cliffhanger usw.; vgl. den Beitrag von Thomas Ulrich in ALPEN 12/2000, S. 28–37 ) und zum Teil auch mit Hilfe von bereits steckendem Material. Hier werden dann Strickleitern eingehängt, auf denen man sich höher arbeitet. 2 Techno-Kletterer/innen, die sich für die viel präziser und ausführlicher formulierte Bewertungsskala interessieren, wenden sich direkt an: Thomas N. Tivadar, Lorstrasse 14, D-80335 München.
Siegerehrung bei der Kategorie Jugend B Herren: Remo Sommer, Felsberg, Daniel Winkler, Villars-sur-Glâne und Thomas Schmid, Neuenegg Foto: zvg/BSC DIE ALPEN 8/2001
bis A6, wobei die einzelnen Grade ab A1 ( exkl. ) bis A5 ( inkl. ) noch weiter in « Minus » ( untere Grenze ) und « Plus » ( obere Grenze ) unterteilt werden. Zu jedem dieser Grade und seiner Untertei-lungen kommt dann noch die oben vorgestellte Sturzhöhe- und Verletzungs-risiko-Bewertung.
Mit A0 wird – wie bisher – die Fortbewegung durch Verwendung der Fixpunkte als Griffe und/oder Tritte bezeichnet. A1 markiert den Beginn « einfacher », A2 den Beginn « schwierigerer » und A3 den Beginn « harter » Techno-Kletterei. Hier muss der Techno-Klette-rer bereits mit allen Felsformen – von der « Papierschuppe » über verrotteten Felsen bis zum Riesendach – vertraut sein. Ebenso muss er sich mit dem ganzen Techno-Material bestens auskennen und über alle Fortbewegungstricks Bescheid wissen. A4 bedeutet, dass Passagen von mehr als 10 m an Fortbewegungspunkten, die selbst bei optimaler Platzierung gerade noch das Körpergewicht zu halten vermögen ( d.h., bei einem Sturz reissen sie allesamt aus ), überwunden werden müssen. Im A5-Bereich steigen die « Ausreisspassagen » auf über 20 m, bei A5+ erstrecken sie sich über eine ganze « Superseillänge » von 55 bis 80 m. In dieser Techno-Schwierigkeit ﬁndet sich dann auch nur noch die Gefahrenstufe « d+ ». A6 gilt als kaum mehr verwendbarer Grad, wo selbst der Standplatz so schwach ist, dass er ausgerissen werden könnte und die ganze Seilschaft somit im wahrsten Sinne des Wortes in den Tod ﬂiegt. Entsprechend erhält dieser Grad die Gefahrenstufe « dd ».
Gemäss dieser Skala werden der Genfer-Pfeiler in der Eigernordwand im Bereich der künstlichen Kletterei mit A2 c und die schwierigsten Techno-Rou-ten am El Capitan ( Yosemite, USA ) mit A4+d bewertet.
Kommentar
Ähnlich wie bei anderen Bergsportdisziplinen, wo eine ganz schmale Leistungsspitze in extrem risikoreiche Sphären vorstösst ( Klettern im seilfreien Alleingang, Steilwandskifahren u.a. ), hat auch bei der heute wieder eine Renaissance erlebenden Techno-Kletterei die Suche nach den Grenzen des Machbaren neue Massstäbe gesetzt. Dabei spielt der Wett-kampfgedanke immer eine gewisse Rolle – auch wenn das oft nicht zugegeben wird. Erst durch den weitgehenden, die Bewertung bestimmenden Verzicht auf gebohrte Sicherungspunkte wird nämlich die objektive Grundlage für einen sportlichen Vergleich geschaffen, sodass sich die Leistung entsprechend einordnen lässt. Diese « Philosophie » der selbst auferlegten Beschränkungen zum besseren Leistungsvergleich kennzeichnet auch die « New aid scale » von Thomas Tivadar. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass vor allem weniger Routinierte und Hochtrainierte zu unkalkulierbaren Risiken verführt werden, indem sie sich Ziele setzen, die über ihrem persönlichen Grenzbereich liegen. Auch hier wird somit bald einmal die Frage aufgeworfen, ob deshalb auf solche Entwick-lungsformen überhaupt einzugehen ist. Doch: Was bereits getan wird, wird weiter getan, und was einmal erdacht worden ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. In objektiver Form darüber zu informieren ist somit nicht nur die logische Folge einer allseits offenen Berichterstattung, sondern letztlich auch die beste und ehrlichste Form von Un-fallprävention. a
eg In der ersten Seillänge – A4+d – der Route « Highway to Hell » am El Capitan ( Yosemite Valley, USA ) Fo to :A rc hi v T horn as Ti vada r DIE ALPEN 8/2001
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