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Überlegungen zu einer asymmetrischen Wehrtechnologiestrategie
von Franz Betschon*
Teil 2: Wie lange macht die bisher praktizierte Weiterentwicklung von konventionellen wehrtechnischen Systemen noch Sinn?
Trotz behaupteter Beendigung des Kalten Krieges und offensichtlicher Überlegenheit asymmetrischer Kriegführung werden in der wehrtechnischen Industrie im früheren Westen, immer noch mit den alten Paradigmen hochtechnologische Waffensysteme weiterentwickelt. Die Frage nach der Preis/Leistungsentwicklung dieser Art der Kriegführung wird kaum gestellt. Dies, obwohl derart hochgezüchteten Armeen in den letzten Jahrzehnten praktisch alle Kriege gegen schlechter gerüstete Gegner verloren haben. Dies gilt nicht nur für alle Indochina Kriege, sondern auch praktisch für alle Kriege im Mittleren Osten, Libanon und Gaza inklusive. Nur grosse Schäden angerichtet zu haben, bedeutet noch keinen Sieg.
Man weiss, dass die Weiterentwicklung eines technischen Systems nicht linear erfolgt, vielmehr wächst der Systempreis als Funktion der Leistung exponentiell (Bild 1).
Die Technologiestrategen haben auch erkannt, dass es jeweils eine Leistungsschallgrenze gibt, die zwar technisch übertroffen werden kann, aber nur zu unverantwortlichen Mehrpreisen. Beispiel: Überschallpassagierflugzeuge sind zwar machbar (Concorde) aber trotzdem fliegen wir seit Jahrzehnten nur mit ungefähr Mach o,8 (80 % der Schallgeschwindigkeit) durch die Welt. Setzt also eine Entwicklung auf der Entwicklungslinie (Exponentialkurve) a beim Punkt A an, so endet sie nach einiger Zeit beim Punkt B. Es gibt natürlich noch andere Entwicklungslinien, z. B. b oder c, ein Hin- und Herspringen ist aber ohne Paradigmenwechsel nicht möglich. Entwicklungslinien bedeuten, dass längs ihnen Systeme mit ansonsten gleichem Grundkonzept weiterentwickelt werden, also beispielsweise Flugzeugtriebwerke, Werkzeugmaschinen oder Jagdflugzeuge. In dieser Darstellung sind Geraden die Linien (X, Y etc.), längs denen ein gleiches Preis/Leistungsverhältnis besteht.
Mindestens für zivile Anwendungen, aber eigentlich auch für wehrtechnische, gibt es eine Preisschallgrenze. Es ist die Grenze, die die Verantwortlichen für Projektfreigaben in der Regel nicht überschreiten wollen. Im Wehrbereich scheint der militärisch-industrielle Komplex bisher andere Verhaltensweisen durchdrücken zu können. Für diesen Bereich gibt es keinen Markt, der automatisch ein Korrektiv bewirkt, und so können Beschaffungsinstanzen und Industrie in gegenseitigen Absprachen weiterhin die absurdesten Systeme „militärisch“ begründen.
Erreicht also eine Entwicklung den Punkt B, wo Handlungsbedarf entsteht, wird für die Anwender guter Rat teuer. „Abmagern“ führt erfahrungsgemäss zu einem viel grösseren Leistungsabfall als der Preis reduziert werden kann und auch der Einsatz von wertanalytischen Methoden bringt vergleichsweise wenig, das Projekt sitzt in der Preis/ Leistungs-Falle. Alle diese Hinweise gelten nicht nur für wehrtechnische Systeme sondern für zivile gleichermassen. Hingegen ermöglicht der zivile Markt, der nicht manipuliert werden kann, Paradigmenwechsel in der sinnvollen Abfolge. Beispiel: Der seinerzeitige Kleinwagen VW Golf I hat sich von einem billigen Einsteigermodell im Jahre 1974 zu einem Fahrzeug der gehobenen Mittelklasse entwickelt, der seinen Preis bis heute (Golf VI) fast verdoppelt hat. Vor einiger Zeit wurde er daher von VW unten einfach durch ein neues Einsteigermodell, den Lupo, ergänzt.
Die langen Entwicklungs-, Evaluations- und Beschaffungszeiten lassen umgekehrt ein wehrtechnisches Projekt noch lange in die falsche Richtung laufen und ein Richtungs-(Paradigmen-)wechsel ist sehr schwer oder praktisch unmöglich. Somit ist es erklärbar, warum die neuesten militärischen Systeme schon bei der Truppeneinführung vom technologischen Inhalt her veraltet sind, in der Folge aber mindestens noch 20 Jahre weiter leben müssen. Geändert hat sich auch der Stellenwert der zugehörigen Technologien. Die Wehrtechnologien sind nicht mehr die Mütter aller Technologien! Diese Ehre gebührt heute eher z.B. Derivaten der Unterhaltungselektronik, dem Internet, dem Gaming (Playstations) etc.
Verlässt man die fixe Idee, das Produkt müsse unbedingt auf der Entwicklungslinie a aufsetzen, weil das Wunschpflichtenheft dazu führt, so kann man mit wenigen Abstrichen an diesem eine neue Entwicklung realisieren. Das Produkt hat dann viele „nice to haves“ nicht und ist in dem Sinne kein Statussymbol mehr. Aber dieses Produkt des „armen Mannes“ kann unter Umständen auf dem Markt (dem Gefechtsfeld) durchaus mehr als nur bestehen. In diesem Sinne war die Beschaffung der F5E Tiger II in der Schweiz eine kluge Überlegung, eben ein Paradigmenwechsel. Der Tiger entstand aus einem Überschalltrainer, dem Northrop Talon, und damit letztlich aus einem Leichtbaujägerprogramm und nicht als konventionelles Jagdflugzeug. Statt dem F/A-18 hätte 1 – 2 Jahre später schon der Gripen beschafft werden können. Nicht auszudenken, wie dies für die Schweiz politisch Sinn gemacht hätte und wie butterweich heute eine zweite Serie bestellt werden könnte. Die damaligen Vorbehalte gegenüber dem Gripen sind bekannt, machen aber auch im Nachhinein immer noch keinen Sinn. Der Gripen hatte nicht den richtigen „Stallgeruch“.
Ein anderes, ziviles Beispiel: Im grössten Werkzeugmaschinenmarkt der Welt, in China, konnten früher europäische Hersteller Hochpräzisionsmaschinen mit sehr guten Margen verkaufen, weil bestimmte Produkte fast Kultstatus besassen, die man sich leisten wollte, um seinen eigenen Technologiestand zu dokumentieren. Vor allem im Gefolge der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise fand jedoch ein Paradigmenwechsel statt und heute wird dort fast systematisch nur noch die Maschine gekauft, die das beste Preis Leistungsverhältnis hat. Ein schweizerischer Werkzeugmaschinenhersteller hat deshalb schon vor 10 Jahren nach einem solchen Paradigmenwechsel eine Maschine für China gebaut, die bei praktisch gleicher Leistung 30% billiger war.
Irgendwann werden Geschichtsschreiber nachvollziehen, dass nicht in erster Linie die Schuldenspirale sondern die unfassbare Vernichtung von materiellen Gütern durch Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der eigentliche Grund für die neuerlichen schweren Krisen des Weltwirtschaftssystems sind. Unvorstellbar, was mit dem Betrag eines auch nur einjährigen Budgets des US-Verteidigungsministeriums (> 650 Mia. USD) alles hätte finanziert werden können: Die nachhaltige Bewässerung der Sahelzone beispielsweise, grossartige bemannte Raumfahrtprojekte, Eliminierung des Welthungers etc. Berücksichtigt ist dabei immer noch nicht die mutwillige Zerstörung grosser ziviler Infrastrukturen und wahrscheinlich sind durch unsere Kriegswut auch in der ganzen Menschheitsgeschichte nie so viele wertvolle Kulturgüter unersetzbar vernichtet worden, wie seit der Mitte des letzten Jahrhunderts (ZweiterWeltkrieg nicht eingerechnet).
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* Franz Betschon, Dipl. Masch. Ing. ETH, Dr. sc. Techn. ETH durchlief eine Industriekarriere und sitzt heute in diversen Verwaltungsräten. Er hat mehrere Bücher über Sicherheitspolitik verfasst. Militärisch war er u.a. Chef Sektion Operationen im Stab FF Trp, USC Log im Stab FF Trp und zuletzt Gst Of im Stab USC ND im Range eines Oberst i Gst.
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Der nächste Teil beschäftigt sich mit den „Finanziellen Tatsachen„