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Edit und ihre Familie leben seit mehr als 30 Jahren auf der Finca Longo Mai. Sie kamen als Flüchtlinge aus dem ehemaligen Kriegsland San Salvador. Mit nicht mehr als ihren Kleidern und einem Säugling auf dem Arm. Unsere Gastgeber haben eine klassische Flüchtlingsgeschichte.
Die Vereinigung «Longo Mai» ist eine Geburt der 68er Bewegung. Sie startete in Europa mit der Idee ein Stück Land zu kaufen und es gemeinschaftlich zu nutzen. Zuflucht für Hippies, Andersdenkende und Kommunisten.
Eine solche Anlage gibt es in Frankreich, Deutschland, Österreich, in der Ukraine und in Costa Rica. Hier entstand die Finca Longo Mai vor etwa 40 Jahren. Knapp 40 Kilometer von der Grossstadt San Isidro entfernt. Ein Ort, an dem Flüchtlinge bleiben und autonom werden sollten.
Edit und ihre Familie waren einer der ersten Familien aus San Salvador, die auf die Finca flüchteten. Damals standen fünf kleine Häuser auf dem riesigen Land. Heute sind es hunderte. Ihr und ihrer Familie gehöre nichts, erzählte mir Edit. Sie besitzen das Land nicht. Sie besitzen gar nichts. Sie nutzen es.
«Ich kenne die Idee etwas zu besitzen gar nicht.» Erklärte mir Edit. «In San Salvador besassen wir nichts und hier besitzen wir nichts. Wir besitzen das, was wir nach unserem Tod mit ins Grab nehmen. Nichts.»
Edit zeigt eine beeindruckende Anspruchslosigkeit. Und sie wirkt glücklich.
Sie und ihre Familie arbeiten wie die Wilden auf der Finca, um das Land zu bewirtschaften und sich einen Teil ihres Lebensunterhalts zu verdienen. Viele auf der Finca verdienen sich ein paar Colones durch Tourismus. Andere durch kleinere Jobs oder sie verkaufen Früchte und Gemüse auf dem Markt.
Auf die Frage, was die Nachteile hier an diesem Leben seien, hielt Edith kurz inne und schüttelte dann vehement den Kopf. «Keine. Nein, es gibt welche. Natürlich. Die gibt es immer. Die Finca Longo Mai ist für mich ein Paradies. Es ist unser Paradies und wir scheren uns nicht um die Nachteile.»
Nachteile kennt Edit aus ihrem Land – San Salvador – genug. Sie erklärte mir, dass sie entweder durch Bombe, Schüsse oder kriminelle Erpresser gestorben wäre. Dort gab es kein Leben, meinte Edit. Sie liess viel hinter sich. Ihre Familie, von denen viele im Krieg umkamen. Erst vor wenigen Monaten sei ihr Bruder gestorben. Einige Erpresser hätten Geld von ihm verlangt. Er zahlte nicht, er hatte Frau und Kinder zu ernähren. Das kann er jetzt nicht mehr. In Edits Wohnzimmer hing ein Bild einzeln an einer Wand – ein Foto ihres verstorbenen Bruders.
«Es ist eine wundervolle Idee einfach ein Stück Land zu kaufen und es denen zu geben, die gar nichts haben. Wir konnten hier das Land kultivieren und unser eigenes Essen anzubauen. Wir haben ein glückliches Leben.»
«Würdest du je wieder zurück nach San Salvador»? Fragte ich Edit. Sie schüttelte vehement den Kopf. «Nein, niemals. Dort bestehlen und ermorden sich die Menschen. Hier herrscht Friede. Hier wächst unser Essen und es geht uns gut.»
Das, was in Europa als Kooperative funktioniert – alles wird geteilt, von der Arbeit bis zum Geld – funktioniert in der Longo Mai in Costa Rica nicht wirklich. Edit erzählte mir, dass die Familien hier nicht zusammen arbeiten. Jeder bewirtschaftet sein eigenes Stück Land. «Wir tauschen untereinander Lebensmittel aus und helfen uns gegenseitig. Nur als Ganzes für ein Ziel zu arbeiten, das geht nicht.»
Warum? Edith erzählte mir etwas von einem starken Familienzusammenhalt und unterschiedlichen Kulturen. Das wichtigste sei, meinte sie, dass es hier anders ist als in Europa und auf seine eigene Weise funktioniert
Sie hat Recht. In der Longo Mai steht eine kleine katholische Kirche, es gibt eine Schule für die Kinder, einen Spielplatz und einen Mini Supermarkt. Wir schickten Nathan und Elea nach wenigen Tage alleine los, um sich selbst ein Eis zu kaufen. Hier in der Longo Mai kennt sich alles und jeder. Eine grosse, freundliche Gemeinschaft – in der jeder sein eigenes Stück Land kultiviert.
Eine tolle Idee. Warum machen wir es nicht so mit dem Flüchtlingen in Europa? Diskutiere ich mit Michael. Wir denken die Gedanken zu Ende und merken, dass in Europa alles ein bisschen komplizierter ist. Angefangen von Arbeitsbewilligungen bis zu Asylgesetzen.
Roland Spendlingwimmer verwaltet die ganze Longo Mai. Er ist Mitbegründer dieser Kooperative. Und Mitbegründer des Circo Fantazztico. Das Projekt, das uns in die Longo Mai geführt hat. Ein Projekt mit und für Jugendliche aus San Isidro. Jugendliche aus Vororten, die mit Drogen und Obdachlosigkeit Probleme haben und denen der Zirkus eine Alternative bietet.
«Viele der Jugendlichen leben mit uns auf der Longo Mai und besuchen den Zirkus mit dem Bus.» Erzählte mir Edit. Wir besuchten den Circo Fantazztico ebenfalls. Mit dem Fahrrad. Und berichten darüber im nächsten Post.[