Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/606

Verschieden davon sowohl im geologischen Aufbau wie im landschaftlichen Charakter ist die s. Grenzkette.
Sie hebt sich mit schroffen Felswänden unmittelbar aus dem Thalboden empor, trägt weder Alpweiden noch Sennhütten und
gestattet kaum einigen wenigen
Bäumen Raum zur Entwickelung. Ihre kühnen Gipfelformen streben über mächtigen Eisströmen
als schlanke Türme oder schmale Felsnadeln in die Lüfte. Sie besteht zum grössten Teil aus einem schönen
Granit mit grossen Feldspäten, aus Gneiss und Amphibolschiefern.
Drei Seitenthäler zum
Bergell haben sich in sie eingeschnitten,
die nach oben in den grossen Gletschern
Forno,
Albigna und
Bondasca endigen. Um diese
Gletscher sind die höchsten Gipfel der
Kette mit ihren mannigfaltigen Formen gruppiert. (Vergl. darüber den Art.
Bernina-Massiv).
DasBergell ist der Typus eines Stufenthales, insofern als von der
Maloja bis Chiavenna sechs Terrassenflächen
unterschieden werden können, von denen die drei obern das
Hoch-Bergell
(SopraPorta), die drei untern das
Nieder-Bergell (Sotto
Porta) bilden. Die Grenze zwischen beiden Abteilungen liegt bei
Promontogno, wo sich das Thal verengt und ehemals
ein römisches
Thor stand. Das
Nieder-Bergell weist in Bezug auf Klima und Vegetation schon ganz südlichen Charakter auf:
Weinrebe, Kastanie,
Mais, Feigen-, Pfirsich- und Maulbeerbaum etc. Im Gegensatz dazu ist das Klima des Hoch-Bergells ein rauhes
und sein landschaftlicher Charakter ein weitaus strengerer; wir sind hier bereits im Hochgebirge, Alpweiden
und Wälder ersetzen die Getreidefelder und Fruchtbäume.
Hang. Hier finden sich schon Aecker und Fruchtbäume, von denen der Nussbaum ein milderes Klima verrät. Diese drei Terrassen
sind von einander durch stark verengte Thalstufen getrennt.
Geringer an Höhenunterschied und weniger scharf von einander getrennt sind die drei tiefer gelegenen Terrassen. Die erste
beginnt bei der Porta und endigt an der Landesgrenze; sie trägt die DörferPromontogno, Bondo, Castasegna
und das auf einem Hochplateau stehende Soglio. Die Vegetation zeigt gemischten Charakter: neben Weinlauben, Pfirsich- und
Maulbeerbaum und ganzen Kastanienhainen trifft man noch auf Vertreter der alpinen Flora wie Alpenrose, Lärche und Arve. Letztere
gedeiht in den verwilderten Parkanlagen des ehemaligen SchlossesSoglio in Gemeinschaft mit der Kastanie.
Die zwei untersten Thalterrassen liegen schon auf italienischem Gebiet, zu dem sie auch in Bezug auf Klima, Vegetation, Fauna
und Sitten der Bewohner zu rechnen sind.
Die das Thal entwässernde Maïra oderMera entspringt nicht an der Maloja, sondern im Seitenthal von Marozzo,
das von Casaccia nach W. abzweigt und am Fusse des Septimer vorbeigeht. Die Wasser des obersten Thalstückes, des Val Duana,
streben auf unterirdischem Laufe der Maïra zu.
Die verhältnismässig geringe Höhenlage u. die günstige Exposition zur Sonne bedingen die glücklichen klimatischen Verhältnisse
des Bergell. So erfreut sich z. B. das in 700 m gelegene Castasegna einer mittlern Jahrestemperatur von
10° und hat 165 cm jährliche Regenhöhe. Dies verleiht der Vegetation und Fauna ihren italienischen Charakter, der sich
auch in den italienisch sprechenden Bewohnern kundgibt. 78% davon gehören der reform. Konfession an, der Rest ist katholisch.
Damit ist das Bergell beinahe das einzige Beispiel einer reformierten italienischen Landschaft, was zweifellos
von seinen Beziehungen zum reformierten romanischen Engadin herrührt. Im Gegensatz dazu sind die ebenfalls von italienisch
sprechenden Bewohnern besiedelten ValMesocco (Misox) u. ValPoschiavo (Puschlav) ganz oder zum grössern Teil katholisch geblieben.
Klima und Boden begünstigen im Bergell in erster Linie Viehzucht und Milchwirtschaft, während Ackerbau
zurücktritt und erst im Nieder-Bergell (Sotto Porta) zu voller Entwicklung gelangt.
Belebt wird das Thal durch den regen Waarentransit
und Fremdenverkehr von Ober-Italien, Como und dem Veltlin nach dem Engadin; Haltepunkte sind u. a. Vicosoprano, Promontogno und
Castasegna.