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Elemente
Dynamismus
(griech.), im physikal. Sinn jene Theorie der Materie, welche dieselbe, im Gegensatz zum sogen. Atomismus, aus lebendigen und wirksamen Kräften, statt, wie dieser, aus ihrer Qualität nach unveränderlichen kleinsten Massenteilchen (Molekülen, Atomen), konstruiert. Dieselbe sucht daher sämtliche Erscheinungen, welche der Materie zugeschrieben werden (Raumerfüllung, Dichtigkeit etc.), auf eine oder mehrere Kräfte zurückzuführen, welche deren Wesen ausmachen. So wird die Ausdehnung [* 2] derselben durch den Raum als Folge einer ausdehnenden, ihre Begrenzung im Raum dagegen als Wirkung einer zusammenziehenden Kraft [* 3] angesehen. Jene bringt die Erscheinung der wachsenden, diese die der abnehmenden Entfernung zwischen den Teilen der Materie hervor, weshalb die erstere auch wohl als abstoßende (vis repulsiva), die letztere als anziehende Kraft (vis attractiva) der Materie bezeichnet wird. Wirkte die erstere allein, so würde sich die Ausdehnung ¶
forlaufend
zwar ins Unendliche erweitern (der Stoff ins Endlose zerstreuen), aber keine begrenzte Ausdehnung (kein Körper) zu stande kommen. Wirkte die zweite allein, so käme gar keine Ausdehnung zum Vorschein, sondern der ganze Stoff bliebe in einem einzigen unteilbaren Punkt zusammengedrängt. Wirkliche Materie, wie sie den Ergebnissen der Erfahrung entspricht, wird erst durch das gleichzeitige Wirken beider entgegengesetzter Kräfte, von welchen jede die andre teilweise hemmt, als Spannungszustand möglich.
Durch dasselbe wird nicht nur wirkliche Raumerfüllung, indem die abstoßende Kraft die anziehende hindert, den Stoff in einen Punkt zusammenzupressen, die anziehende Kraft aber die abstoßende hindert, denselben ins Endlose verfließen zu lassen, sondern auch Stetigkeit derselben und, je nach dem verschiedenen Spannungsgrad obiger Kräfte an verschiedenen Orten des erfüllten Raums, eine verschiedene Dichtigkeit des raumerfüllenden Stoffs an verschiedenen Orten des Raums zu gleicher oder an demselben Ort zu verschiedener Zeit begreiflich gemacht.
Philosophisch betrachtet, leidet der an dem Übelstand, daß das Bestehen einer Kraft ohne Träger, [* 5] an dem sie haftet (»Kraft ohne Stoff«),
ein logischer Widerspruch ist. Physikalisch angesehen, hat er den Wert einer Hypothese, deren
Bestand davon abhängt, ob sich sämtliche erfahrungsmäßig gegebene Erscheinungen der Materie mit derselben vereinigen lassen.
In beiden Hinsichten hat der
Dynamismus in neuerer Zeit vielfachen Widerspruch erfahren. Realistische Metaphysiker,
wie Leibniz, Herbart (in jüngster Zeit auch Lotze), haben gegen ihn geltend gemacht, daß der Begriff der Kraft ein Inhärenzbegriff
sei, welcher als Korrelat jenen der Substanz voraussetze.
Statt sich daher mit der Zurückführung der Materie auf Kraft zu begnügen, müsse dieser, um nicht bodenlos
zu sein, selbst wieder ein reales Substrat (Monaden, Reale, einfache Substanzen) zu Grunde gelegt werden. Atomistische Physiker,
insbesondere Fechner, haben gegen ihn angeführt, daß es thatsächlich Erscheinungen gebe, welche sich schlechterdings nur
unter der Voraussetzung atomistischer Zusammensetzung der Materie befriedigend erklären ließen. Als solche nennt Fechner aus
dem Gebiet der Licht- und Wärmeerscheinungen folgende vier, die er als »Grunde erster Ordnung« gegen den
Dynamismus bezeichnet:
1) Die optische Erscheinung der Farbenzerstreuung [* 6] ist mit der Undulationstheorie (der »Lebensfrage der Physik«) nur unter Voraussetzung des Atomismus der Materie vereinbar.
2) Der Zusammenhang der Erscheinungen des polarisierten Lichts mit jenen des gewöhnlichen ist nur unter derselben Voraussetzung denkbar.
3) Die Gesetze der Wärmeleitung [* 7] (durch Körper) und der Wärmestrahlung [* 8] (durch leeren Raum) vertrugen sich nur unter der nämlichen Annahme.
4) Das Gesetz, daß die Wärme
[* 9] am stärksten in der Richtung senkrecht auf die Oberfläche der Körper ausstrahlt, dagegen in
den schiefen Richtungen die Strahlung nach dem Gesetz des Sinus schwächer wird, ist für den Atomismus eine
natürliche Folgerung, aus dem
Dynamismus hingegen nicht abzuleiten möglich. Weitere Gründe gegen den
Dynamismus enthält Fechners Schrift
»Die physikalische und philosophische Atomenlehre« (2. Aufl.,
Leipz. 1864).