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Ton, der Rohstoff zur Herstellung von Ziegeln, kommt in der Schweiz reichlich vor. Der heute gewonnene Ton stammt meist aus der Eiszeit (Bardonnex), es werden aber auch Tonblasen aus dem Tertiär abgebaut (Allschwil). Ab der Jungsteinzeit wurde Ton zu Töpferware (Keramik) verarbeitet. Während der Römerzeit stellten private Betriebe und die Z.en der Legionen Backsteine und Dachziegel - grosse Leistenziegel (tegulae) und halbrunde Hohlziegel (imbrices) - sowie Röhren und Hypokaustplatten her, die häufig gestempelt wurden.
Im MA wurde im Häuserbau meist wieder Holz verwendet. Nach den grossen Stadtbränden schrieben die Obrigkeiten jedoch vor, dass die Dächer mit Ziegeln zu decken seien. In Genf und in der Waadt wurden im 15. Jh. viele Zivil- und Militärbauten aus unverputztem Vollziegel erstellt. Berühmtestes Beispiel dafür ist das Schloss Vufflens. Anders als in Nordeuropa üblich, wurden hier die Backsteine später meist verputzt.
Den Flurnamen nach zu schliessen, gab es bis ins 19. Jh. und sogar bis Anfang des 20. Jh. viele Z.en von lokaler Bedeutung. Im Mittelland dürfte jedes Dorf die nahe liegenden Tonvorkommen ausgebeutet haben. 1906 waren allein im Kt. Waadt noch 26 Z.en aktiv. Manchmal besass die Gem. den Betrieb und verpachtete ihn an Fachleute. Die Herstellung von Ziegeln (das Auslösen, Aufbereiten, Pressen, Trocknen und Brennen) erfolgte ausschliesslich in Handarbeit. Der Ton wurde während der warmen Jahreszeit gewonnen. Er wurde geknetet und von Fremdkörpern wie Steinen oder Wurzeln gereinigt. Nachdem Wasser zugesetzt worden war, liess man die Masse einen Winter lang ausfrieren, was den Ton feinkrümelig machte. Im folgenden Frühling wurde der Werkstoff erneut geknetet und bei Bedarf entfettet. Es wurden Backsteine oder meist flache Dachziegel geformt. Röhrenziegel oder halbrunde röm. Ziegel waren in der Schweiz selten. In der Deutschschweiz war wahrscheinlich seit jeher die dt. Form bekannt, bei der der Ziegel beidseitig bearbeitet wird. In der Waadt und in Genf wurden dagegen bis in 16. Jh. ausschliesslich einseitig bearbeitete Ziegel in franz. Form gepresst. Danach wurde die Tonware bis zu drei Monate in Scheunen luftgetrocknet und anschliessend in Öfen bei bis zu 1'000 Grad während ein bis zwei Wochen gebrannt. Dieses traditionelle Verfahren blieb bis ins 19. Jh. erhalten. Die schweren Ziegel und Backsteine wurden so nah wie möglich am Abbauort hergestellt und in der Umgebung verkauft. In der zum Ziegeleimuseum umgestalteten kleinen Ziegelhütte von Cham, die 1860/70-1933 in Betrieb war, wird dieser traditionelle Produktionsprozess gezeigt.
In der 2. Hälfte des 19. Jh. kamen neue Herstellungsverfahren auf. In den 1870er und 1880er Jahren wurde die Produktion teilweise mechanisiert. In der Ziegelfabrik Passavant-Iselin & Cie. in Allschwil kam die erste mechan. Falzziegelpresse der Schweiz zum Einsatz. Der 1858 vom Deutschen Friedrich Hoffmann erfundene Ringofen reduzierte den Brennstoffbedarf (Kohle oder Holzkohle) und ermöglichte dank seiner Kammern, in denen die Produkte in unterschiedl. Stadien des Brennens und Abkühlens lagerten, einen kontinuierl. Brand. Ab den 1870er Jahren waren in Heerbrugg und Bussigny-près-Lausanne Ringöfen in Betrieb. Entlang der Bahnlinien entstanden weitere Fabriken.
In der Westschweiz trieben die Fam. Barraud und die aus dem Malcantone stammenden Morandi die Modernisierung der Ziegelindustrie voran. Die Barraud wirkten ab 1872 in Bussigny, 1894 in Eclépens und 1904 in Chavornay. 1919 kauften sie die Z. in Yverdon und bauten 1943 eine Ziegelfabrik in Bardonnex. Die Morandi kauften 1889 Z.en in Corcelles-près-Payerne (Tonofen von 1864), 1934 in Payerne und 1944 in Peyres-Possens. 1953 übernahmen sie mit der Gétaz Romang Ecoffey SA die Werke in Bussigny und Bardonnex, später auch in Chavornay und Yvonand. Die Morandi Frères SA ging 2010 an die Z. Rapperswil Louis Gasser AG über. In der Deutschschweiz nahm die Fam. Schmidheiny eine führende Stellung ein. Jakob Schmidheiny erwarb 1867 das Schloss Heerbrugg und mechanisierte die zum Anwesen gehörende Z. Die Schmidheiny kauften oder bauten mehrere Z.en in den Kt. St. Gallen (1888 Kronbühl, 1903 Bruggwald, 1907 Espenmoos) und Thurgau (1900 Horn). Die beiden Söhne Jakobs gründeten 1905 in Zürich die Z. Heurieth, die sie 1907 mit der Z. Albishof und 1912 mit der Mechan. Backsteinfabrik Zürich zu den Zürcher Ziegeleien zusammenschlossen, die v.a. vom jüngeren Zweig der Fam. geleitet wurden. In der Westschweiz fassten die Schmidheiny 1938 Fuss, indem sie die Mehrheit an der 1907 gegr. Briqueterie, Tuilerie & Poterie de Renens (BTR) erwarben. Es gelang ihnen 1953 jedoch nicht, die Z. in Bussigny zu übernehmen. 1999 gingen die Betriebe der Schmidheiny (ZZ Wancor AG) an den belg.-österr. Konzern Wienerberger über. Zwar wurden auch im Tessin, v.a. im Sottoceneri, Ziegelerzeugnisse hergestellt, doch gingen die dortigen Ziegler häufig als Saisonniers nach Norditalien. In Teilen des heutigen Kantons nahm diese ab dem 16. Jh. belegte Emigration bedeutende Ausmasse an: Im Malcantone verliessen während der Saison praktisch alle Männer ihr Dorf. Das Verzeichnis der Wehrpflichtigen in Aranno weist 1858 unter den 81 Diensttauglichen 64 Ziegler aus. Beispiele für dauerhaft Ausgewanderte sind die Fam. Morandi, Bertoli und Fonti. Noch zu Beginn des 21. Jh. besassen die Bertoli Ziegelwerke in Casale sul Sile, die Fonti Z.en in Grignano Polesine (beide Venetien). Im Tessin konnte sich nur die 1921 gegr. Fabrik der Industria Ticinese Laterizi in Balerna halten.
Nach dem Ringofen veränderten im 20. Jh. weitere Erfindungen das Herstellungsverfahren. 1933 wurden in Corcelles Tonsilos errichtet. Der erste Tunnelofen Europas, vielleicht der Welt, ging 1958 in Crissier im neuen Werk von BTR in Betrieb: Fortan lief die Brennware durch den Ofen. Automatisierung und Informatisierung ermöglichten ab dem Ende des 20. Jh. neue Produktionsweisen, was den Ausstoss explodieren liess: 1864 wurden in Corcelles 80'000 Backsteine pro Jahr hergestellt, 2000 reichte für die gleiche Menge ein halber Tag. Der Tunnelofen in Crissier brachte 1958 eine Jahresproduktion von 60'000 t. Im Gegenzug nahm die Zahl der Arbeiter stetig ab. Ende der 1950er Jahre beschäftigte die Z. in Bardonnex über 300 Personen, 1995 waren es noch rund 50. Landesweit zählte die Branche 2000 noch 750 Beschäftigte gegenüber 3'400 1970. Die Produktivität stieg insgesamt merklich an: 1958 dauerte die Herstellung einer Tonne Ziegel zehn Stunden, 1978 1,2 Stunden. Der techn. Fortschritt ging mit einer Unternehmenskonzentration einher. In der Westschweiz wurde 1954 das Werk in Eclépens geschlossen, 1970 jenes in Bussigny und 1979 die Z. in Yvonand. In Zürich schloss die Z. Tiergarten 1974 und auf dem 10 ha grossen Gelände wurde eine Siedlung mit 541 Wohnungen gebaut. Der Verband Schweiz. Ziegelindustrie VSZ (bis 1997 Verband der Schweiz. Ziegel- und Steinfabrikanten) nimmt seit seiner Gründung 1874 die Interessen der inländ. Ziegelhersteller wahr: 1955 zählte der VSZ über 70 Mitglieder, 2000 knapp 15. Die verbliebenen Z.en (Corcelles, Payerne, Peyres-Possens und Bardonnex der Morandi Frères SA, Düdingen und Crissier der Gruppe Tuileries Fribourg & Lausanne SA, die Werke der Wienerberger AG und einzelne kleinere Betriebe) wurden erweitert und modernisiert. Alle streben eine Reduktion des Energiebedarfs an. So wird etwa die Restwärme in den Öfen für die Trocknung verwendet. Auf langen Strecken werden die Produkte vorzugsweise auf der Schiene transportiert. Alle aufgegebenen Lehmgruben wurden renaturiert (Biotop).
Die stark konjunkturabhängige Ziegelindustrie spürt die Entwicklungen v.a. der Baubranche unmittelbar. Die 2. Hälfte des 19. Jh. bis 1914 und die dreissig Jahre der Hochkonjunktur nach dem 2. Weltkrieg waren Blütezeiten, die 1930er und die 1980er Jahre hingegen Krisenjahre. 1970 wurden 63'600 neue Wohnungen erstellt und 1'500'000 t Backsteine (davon 210'000 in der Westschweiz) und 2'900'000 m2 Dachziegel (davon 400'000 in der Westschweiz) produziert. 2000 wurden 34'500 Wohnungen gebaut und 800'000 t Backsteine (davon 90'000 in der Westschweiz) und 4'000'000 m2 Dachziegel (davon 600'000 in der Westschweiz) hergestellt. Der Produktionsrückgang lässt sich auch damit erklären, dass immer häufiger Zementsteine verwendet werden.
Literatur
– Tuileries-briquetteries Morandi Frères S.A., 1952
– Encycl.VD 8, 148 f., 151
– L. Keusen, Les Keusen tuiliers depuis 1713, 1986
– W. Drack, R. Fellmann, Die Römer in der Schweiz, 1988, 125-130, 201-203
– K.-H. Ludwig, V. Schmidtchen, Metalle und Macht: 1000 bis 1600, 1992, 461-465
– H.O. Staub, Von Schmidheiny zu Schmidheiny, 1994
– Machines et métiers, Ausstellungskat. Lausanne, 1994, 46-53
– M. Grote, Les tuiles anciennes du Canton de Vaud, 1996
– S. Eberhardt-Meli, Artigiani della terra: i laterizi in Ticino e il lavoro dei fornaciai, 2001
Autorin/Autor: Lucienne Hubler / AL