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Ein Mann, der an der Nordgrenze Chinas lebte, hatte das Talent, Geschehnisse zu deuten.
Eines Tages rannte sein Pferd ohne ersichtlichen Grund zu den Nomaden jenseits der Grenze. Alle versuchten, ihn zu trösten, aber der Mann sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es kein Segen ist?"
Ein paar Monate später kam sein Pferd zurück und brachte einen prächtigen Nomadenhengst mit. Alle beglückwünschten ihn, aber der Mann sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es keine Katastrophe ist?"
Ihr Haushalt war um ein Pferd bereichert, auf dem sein Sohn liebend gern ritt. Eines Tages stürzte er und brach sich die Hüfte. Alle versuchten, ihn zu trösten, aber der Mann sagte: "Warum seid ihr so sicher, dass es kein Segen ist?"
Ein Jahr später kamen die Nomaden mit Gewalt über die Grenze, und alle gesunden Männer nahmen Pfeil und Bogen und zogen in die Schlacht. Die chinesischen Grenzkämpfer verloren neun aus jeder Zehnerschar. Nur weil der Sohn lahm war, blieben Vater und Sohn am Leben und kümmerten sich umeinander.
Wahrlich, Segen wird zur Katastrophe und Katastrophe zu Segen. Der Wandel nimmt kein Ende, noch lässt sich das Geheimnis ergründen.
Tao, zit. in C. Feldmann, J. Kornfield: Geschichten, die der Seele gut tun.