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Lehrer Müller
Die vierte bis sechste Klasse ging Sara zu Lehrer Müller in die Schule. Herr Müller begann früh, Sara speziell zu fördern. Er hatte ihre Wissbegierde und ihren Lerneifer
erkannt und gab ihr immer zusätzliche Aufgaben und Aufträge, die sie herausforderten. In der sechsten Klasse verbrachte sie die Zeit in der Schule damit, für den Lehrer die Prüfungen für ihre Mitschüler:innen auf Wachsmatrizen zu schreiben, für ihn Arbeitsblätter vorzubereiten oder im hinteren Teil des Schulzimmers Stroh zu bügeln für die zu bastelnden Strohsterne oder an Sonderaufgaben für die Prüfungsvorbereitung für das Gymnasium zu arbeiten. Lehrer Müller hatte ihr versprochen, sie ins Gymnasium zu bringen.
Sara erzählte dies ihren Eltern, die sie dafür ausschimpften. Ganz bestimmt würde ihre jüngste Tochter nicht das Gymnasium besuchen, schliesslich machten das ihre älteren Geschwister auch nicht und überhaupt, sie war ja nur ein Mädchen und das sollte möglichst bald eine Lehre machen und selber Geld verdienen und dann heiraten.
Das Tor zum Bildungs-Himmel öffnet sich einen Spalt
Eines Tages rief Lehrer Müller Sara zu sich und ging mit ihr in den Flur hinaus. Er sagte zu ihr: «Hör mir gut zu. Heute Abend bin ich bei euch zuhause. Ich werde mit deinen Eltern reden. Und was immer ich auch sage – Du hältst deinen Mund.» Sara versprach es ihm.
Lehrer Müller kam nach dem Abendessen. Er sagte Saras Eltern, dass er Sara auf die Prüfungen für das Gymnasium vorbereite, weil er sie für intelligent genug halte, um das Gymnasium zu besuchen. Saras Eltern wehrten ab. Nein, das gehe überhaupt nicht, nie würden sie Sara den Besuch des Gymnasiums erlauben, das sei völlig ausgeschlossen. Sara solle so wie alle Kinder der Gemeinde ins Nachbardorf in die Sekundarschule gehen, sie sei nichts Besseres. Lehrer Müller sah Sara an und sagte dann zu ihren Eltern: «Lassen Sie sie doch die Aufnahmeprüfung machen. Sie wird sie nicht bestehen, und dann sieht sie ein, dass das nichts für sie ist und wird ihren Ehrgeiz vergessen müssen.» Sara schluckte leer und schwieg. Ihr Vater fand das eine gute Idee und Sara durfte an die Prüfung.
Statt an der Prüfung zu versagen, bestand sie auf Anhieb und ihre Eltern waren fassungslos. Sie bestellten wütend Lehrer Müller wieder zu sich. Dieser erklärte ihren Eltern: «Nun, da hat sie wohl gezeigt, dass sie intelligent genug ist.» Saras Vater wurde laut und sagte, es komme keinesfalls in Frage, dass Sara in die Stadt ins Gymnasium fahre. Das sei nicht gut für sie, sie sei ohnehin schon viel zu stolz auf ihre guten Noten. Und überhaupt, wie stehe man denn da im Dorfe, man wolle nicht was Besseres sein. Lehrer Müller schaute Sara lange an und sagte dann bedächtig: «Vielleicht ist es das Beste, wenn sie die Probezeit macht und nicht besteht. Dann muss sie zurück in die Dorfschule und dann hat sie für ihren Stolz.» Die Eltern von Sara liessen sich vom Dorflehrer beeindrucken und stimmten zu.
Sara ging ins Gymnasium. Zu ihrem Erstaunen waren fast alle ihre Klassenkamerad*innen von deren Eltern ins Gymnasium geschickt worden und alle wurden stark unter Druck gesetzt, dass sie keinesfalls schlechte Noten heimbringen dürften. Es waren Arzt-, Pfarrers-, Lehrers- und Direktorenkinder, deren Eltern bereits höhere Bildung hatten und von ihren Kindern erwarteten, dass sie selbstverständlich das Gymnasium besuchten. Während ihre Klassenkamerad:innen also schwitzten und stöhnten und oft Angst vor ihren Eltern hatten, wenn sie ungenügende Noten machten, war Sara diesbezüglich ziemlich entspannt und erzählte ihren Eltern kaum, dass sie bloss eine einzige ungenügende Note gemacht hatte in der ersten Lateinprüfung.
Schritte durchs Tor
Und es kam, wie es kommen musste. Sara bestand die Probezeit problemlos mit besten Noten – das erfuhren die Eltern aus dem Promotionsbrief der Schule. Das gab einen grossen Streit zuhause. Ihr Vater tobte und rief im Gymnasium an. Der Klassenlehrer zusammen mit dem Deutschlehrer, beide Prof. Dr., der Eine noch ein ´von´ im Namen, bestellten Saras Eltern in die Schule. Sara wartete vor der Schule auf ihre Eltern. Sie kamen nach einer langen Stunde, setzten sich ins Auto und fuhren schweigend nach Hause. Die Mutter erzählte ihr dann, nachdem der Vater sich in die Scheune verzogen hatte, wie das Gespräch abgelaufen war. Sie zeigte sich äusserst beeindruckt von den Professoren und offenbar war auch mein Vater eingeschüchtert. Die zwei Herren konnten mit Saras Eltern aushandeln, dass Sara die Pflichtschuljahre im Gymnasium abschliessen dürfe. Sie sagten, dass danach dann einer Lehre nichts im Wege stünde. Saras Eltern beugten sich also der Autorität der Professoren- und Doktortitel.
Im Bildungs-Licht
Sara war glücklich. Die Schule machte ihr riesig Spass und sie entdeckte die Bibliothek mit ihren vielen Büchern und eine ganz neue Welt – so anders als die Enge des Elternhauses. Nach drei Jahren Gymnasium aber meldete ihr Vater sie ab. Wiederum liess die Schule nicht locker und bestellte ihre Eltern zum Gespräch. Dieses Mal war Sara beim Gespräch dabei. Das Gespräch war kurz, aber sehr eindrücklich. Dieses Mal waren drei Lehrer dabei, die Saras Eltern nicht viel mehr sagten als «Sie dürfen uns unsere beste Schülerin nicht nehmen». Sie lobten Sara über alle Massen, was sie für ein seriöses und lebenstüchtiges Mädchen sei und nie negativ auffalle. Saras Eltern waren geschmeichelt und konnten nicht nein sagen.
Ohne Lehrer Müller und ihre Lehrer im Gymnasium hätte Sara nie ein Studium machen können, damals in den 60-er Jahren auf dem Land. Aber auch heute noch sind die Gymnasiast*innen aus gebildetem Elternhaus weit in der Überzahl. Auch heute noch sind intelligente Kinder, die von zu Hause aus weniger gefördert werden (können), auf engagierte Lehrpersonen angewiesen.