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Charly ist ein lebenslustiger, zwei Monate alter Chihuahua-Welpe. Der Besitzerin ist aber aufgefallen, dass der Rüde viel kleiner und leichter ist als seine beiden Wurfgeschwister (450 g gegenüber 750 g) und dass er einen auffallend grossen Kopf aufweist.
In der Tat ist Charly sehr klein. Er weist ausserdem einen ventralen Strabismus auf (Schielen gegen unten), sein Kopf ist sehr gross und enthält eine riesige Fontanelle: Auf der ganzen Oberseite des Kopfes hat sich der Schädel nicht zusammengefügt und erscheint beim Abtasten sehr weich. Ansonsten ist der Welpe aktiv, interessiert, kann normal gehen und laufen, spielt normal mit seinen Geschwistern und kann sich normal versäubern.
Das beobachtete Bild ist typisch für einen Hydrocephalus, einen "Wasserkopf". Zur Beweisführung wird ein Ultraschall angefertigt:
Durch die fehlende Knochenschicht aufgrund der offenen Fontanelle kann das Hirn problemlos mittels Ultraschall untersucht werden - im Normalfall wäre dies unmöglich, weil Knochen den Ultraschall reflektiert. Es ist sehr deutlich zu erkennen, dass das Hirn eine sehr grosse Menge an Flüssigkeit enthält - die normalerweise nur geringste Mengen an Liquor (Nervenwasser) enthaltenen Ventrikel sind stark aufgebläht, das Hirngewebe wird dadurch stark komprimiert und ist deutlich weniger umfangreich als normal.
Charly erfüllt gegenwärtig trotz seiner starken Behinderung die Mindestanforderungen für eine genügende Lebensqualität - er ist munter und aufgestellt und scheint schmerzfrei, er kann sich selbst versäubern, frisst und trinkt gut und spielt mit seinen Wurfgeschwistern. Ruft ihn die Besitzerin, kommt er angerannt.
Obwohl unklar ist, wie lange der Welpe mit seiner Behinderung leben kann und ob das Problem zunehmend ist und z.B. zu Krampfanfällen führen kann, möchte die Besitzerin Charlie vorerst behalten. Sollte seine Missbildung zunehmend zu Problemen führen, wird der Hund wohl leider eingeschläfert werden müssen.
3 Wochen später begutachten wir Charlie erneut: In der Zwischenzeit hat der Welpe deutliche neurologische Ausfallserscheinungen entwickelt: Er zeigt eine Hypermetrie aller vier Beine (übertriebenes Hochheben der Pfoten/Hahnentritt) und scheint deutlich ataktisch (gleichgewichtsgestört). Da er aber weiterhin frisst und sich versäubert sowie munter und interessiert erscheint, wird weiter zugewartet.
Als Hydrocephalus (Hydro = Wasser; Cephalon = Kopf) wird ein Krankheitsbild bezeichnet, bei welchem die im und um das Hirn normalerweise vorhandene geringe Menge an Liquor (Nervenwasser) stark vermehrt ist. Da sich durch den umliegenden Schädelknochen dadurch ein zunehmender Druck aufbaut, wird das Nervengewebe des Hirnes mehr und mehr komprimiert, was zu entsprechenden neurologischen Störungen führen kann. Ursache eines Hydrocephalus kann entweder eine angeborene oder krankheitsbedingte Abflussstörung des Nervenwassers darstellen; auch vermehrte Bildung von Hirnwasser bei gleichbleibender Abflussmenge kann seltener zu diesem Krankheitsbild führen.
Beim Chihuahua und anderen Zwergrassen ist der Hydrocephalus ein recht oft gesehenes Krankheitsbild - in milden Fällen bleibt er klinisch unbemerkt, in schweren Fällen kann er zu gravierenden neurologischen Ausfällen (Lernschwierigkeiten, Seh-/Hörstörungen, Aggression, Anfälle) führen; das Problem ist in der Regel langsam progressiv. Das Schielen der Augen gegen unten wird durch die Missbildung der Augenhöhlen bewirkt.
Therapeutisch können Medikamente versucht werden, welche die Hirnwasserbildung hemmen. In Theorie können auch beim Hund künstliche Entwässerungssysteme aus der Humanmedizin implantiert werden: Hierbei wird über ein Schlauchsystem das Hirnwasser in die Bauchhöhle oder den rechten Herzvorhof abgeführt - in Charly's Fall sicher aus technischen, finanziellen und ethischen Gründen keine wirkliche Option.
Leider zeigte Charly im Verlauf der nächsten Wochen eine stetig zunehmende Koordinationsstörung der Beine, bis der Hund zuletzt kaum noch geh- und stehfähig war. Eine Euthanasie war deshalb leider nicht mehr vermeidbar.
Eineinhalb Jahre nach der Publikation dieses Berichts wurden wir deswegen plötzlich in den sozialen Medien (Facebook) harsch kritisiert. Urheber der Kritik waren offensichtlich untereinander verlinkte Personen aus Deutschland, welche uns einerseits fachliche Fehlinformationen und andererseits eine unethische Entscheidungsfindung vorwarfen. Da eine sachliche Diskussion angesichts der aufgeheizten Stimmung kaum zustande gekommen wäre, entschlossen wir uns zur Deaktivierung der Kommentarfunktion und Verfassen dieses Positionsbezugs innerhalb des Fallberichts selbst. Es ist uns wichtig, zu unterstreichen, dass wir unsere Arbeit jederzeit nach den Richtlinien der „Good Veterinary Practice“ verrichten und das Wohlergehen unserer Patienten unser höchstes Gut darstellt. Manchmal wird dieses Ziel unter Einbezug aller Faktoren durch die schonende Euthanasie eines Tieres erreicht.
1. Vorwurf der fachlichen Fehlinformation: Der Satz „Therapeutisch können Medikamente versucht werden, welche die Hirnwasserbildung hemmen“ wurde als Fehlinformation angeprangert, weil eine Publikation (Kolecka et al, Acta Vet Scand 2015) bei 6 Hunden keine Symptomverbesserung nach 6 Wochen Behandlung mit Acetazolamid beobachtete. Als Limitationen der Studie wurde von den Autoren selbst die geringe Anzahl Patienten sowie die arbiträr nach Lehrbüchern gewählte Dosis des Medikamentes erwähnt. Es sei nicht auszuschliessen, dass andere Dosen die Hirnwasserproduktion hemmen könnten.
Während wissenschaftlich klar gezeigt wurde, dass eine chirurgische Intervention einer medikamentellen Behandlung überlegen ist, kann doch nicht ausgeschlossen werden, dass ein Einzelfall von Medikamenten profitieren könnte. Ein Fallbeschrieb von 2013 (Amude et al; Semina: Ciencias Agrarias) belegt beispielsweise, dass bei einem mit Omeprazol und Cortison behandelten Hund eine deutliche Verbesserung der Symptomatik erreicht werden konnte. Die vorsichtige Formulierung in unserem Artikel „…können Medikamente versucht werden…“ entspricht diesem Wissensstand und impliziert keineswegs, dass Medikamente die Therapie der Wahl sind oder bei Charly waren. Angesichts des Entscheides gegen eine Operation hätte ein Versuch mit einem Medikament aber zumindest keinen Schaden angerichtet und möglicherweise eine Verbesserung bewirkt.
2. Vorwurf der unethischen Entscheidungsfindung: Die Krankheit von „Charly“ hätte unweigerlich zum Tod geführt. Die Kritiker monierten, dass der Hund zwingend chirurgisch hätte behandelt werden müssen und eine Euthanasie damit unethisch war. In Gesprächen mit den Besitzern waren die Möglichkeiten (inklusive chirurgischer Intervention) einer Behandlung dargelegt worden. Aus diversen Gründen hatten sich die Besitzer gegen eine Behandlung und für eine Euthanasie entschieden - eine Entscheidung, die wir respektierten. Eine chirurgische Behandlung ist nur durch einen erfahrenen Neurochirurgen möglich (der erwähnte technische Aspekt), kostet eine erkleckliche Summe (der erwähnte finanzielle Aspekt) und hat eine gewisse Komplikationsrate (der erwähnte ethische Aspekt): Eine Studie aus dem Jahr 2013 (Biel et al, J Am Vet Med Assoc) konstatierte eine postoperative Komplikationsrate von 22%; 36% der operierten Hunde starben schlussendlich trotz der Operation an neurologischen Komplikationen oder mussten euthanasiert werden. Konkret wurde der letzte, durch uns an einen Neurochirurgen für einen Ventrikuloperitonealen Shunt überwiesene Chihuahua schlussendlich 2x operiert, der Besitzer hatte ein knappes Dutzend Konsultationen am Universitätsspital zu absolvieren, und der Hund zeigte trotz Behandlung eine chronische Gleichgewichtsstörung mit Defiziten in den Haltungs- und Stellreaktionen.
Welche high-end-Behandlungen ein Tierbesitzer durchführen lassen will oder nicht, fällt unter das Thema der Ethik. Als Tierärzte müssen wir beratend zur Seite stehen und obenstehende Sachverhalte aufzeigen; eine Entscheidung muss aber schlussendlich der Besitzer selbst fällen. Dass unsere Praxis keineswegs den Einsatz von modernen, aufwendigen und teure Behandlungsmethoden ablehnt, zeigt schon der nächste Fallbericht (Mai 2016). Ethik ist eine komplizierte und individuelle Angelegenheit: Beispielsweise könnte man sich fragen, wie ethisch die Zucht einer Rasse (Chihuahua) ist, welche aufgrund von zuchtbedingten Schädeldeformationen ein sehr deutlich erhöhtes Risiko eines Hydrocephalus aufweist. Der Mensch ist also letztendlich hauptsächlich daran schuld, dass Charly überhaupt krank wurde.
Eine Anprangerung durch Personen, welche bei der Entscheidungsfindung im Fall von Charly weder anwesend noch sonstwie beteiligt waren, müssen wir deshalb aufs Entschiedenste zurückweisen und hoffen, dass es bei diesem einen Ereignis bleibt.