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„Make America Great Again“ (deutsch: Macht Amerika wieder grossartig) trompetet der amerikanische Präsident Donald Trump immer noch in die Welt hinaus. Donald Trump benutzte den Slogan bereits vor 2015, also bereits vor seiner Kampagne zur Präsidentschaft. Im März 2015 behauptete er, er habe sich den Slogan selbst ausgedacht, was aber nachweislich nicht stimmt. Ronald Reagan war es, der den Slogan Let’s make America great again für seinen Präsidentschaftswahlkampf 1980 nutzte. Mit dem Slogan wollte er in der damaligen ideellen und wirtschaftlichen Krise, der sogenannten „Stagflation“, an den Patriotismus der Wähler appellieren. Dazu beschwor er eine frühere Zeit herauf, die noch keine Zweifel an der amerikanischen Überlegenheit zuliess. Damals versprach Reagan, Amerika „wieder grossartig“ zu machen. („For those who’ve abandoned hope, we’ll restore hope and we’ll welcome them into a great national crusade to make America great again“). Ronald Reagan bezog diese Aussage auf den Reputationsverlust der USA während der Regierungszeit von Jimmy Carter.
„Alle diejenigen, die hoffnungslos geworden sind, wollen wir am grossen nationalen Kreuzzug teilhaben lassen, um Amerika wieder grossartig zu machen.“Ronald Reagan in seiner Rede bei der Republican National Convention 1980
Der Slogan wurde seither auch von den Europäern verschiedentlich adaptiert und verfremdet. Anfang Juni 2017 schloss der französische Präsident Emmanuel Macron seine Rede zum Klimaschutz mit der Aufforderung: „Make Our Planet Great Again“. Und anlässlich des Besuches von Greta Thunberg in den USA wurde der Slogan zu „Make America Greta Again“ abgewandelt.
„Make Europe Great Again“? Vereinzelt war nach der Jahrtausendwende auch der Slogan „Macht Europa wieder grossartig“ zu hören. Die Europäische Union war ums Jahr 2000 herum noch recht erfolgreich. Wir Europäer waren vielfach noch überzeugt, dass wir ganz verschiedene nationale Interessen unter einen Hut bringen könnten: Osteuropa, Westeuropa, den Süden und den Norden. Heute aber, im Jahr 2020, müssen wir uns fragen: Was ist aus den grossen Erwartungen geworden, die um die Jahrtausendwende viele Europäerinnen und Europäer hegten? Was ist aus den Visionen und Träumen geworden, welche das EU-Parlament in Brüssel in die Welt setzte?
„Grosse Erwartungen“, so heisst ein Sachbuch-Bestseller des niederländischen Journalisten Geert Mak. Er ist den Spuren des europäischen Traums nach 1989 gefolgt und fragt sich, ob Europa ausgeträumt hat oder ob die Möglichkeit bestünde, an die frühere Grösse Europas anzuknüpfen. Auf der Suche nach einer stimmigen Antwort auf diese Fragen hat sich der Autor auf eine Reise durch Europa begeben. Auf dieser Reise traf er mit Schriftstellern zusammen, mit Politikern, mit Oppositionellen, mit Offizieren, mit Flüchtlingen und mit Menschen in Krisen-Situationen. Alle diese Begegnungen lassen Zweifel aufkommen, ob Europa den grossen Anforderungen der Gegenwart wirklich gewachsen ist.
Zweifel an der Zukunft Europas lassen Ereignisse aufkommen wie die Finanz- und Eurokrise, die Flüchtlingskrise, der Brexit, der Bruch mit Russland unter Putin, die Entfremdung mit den USA und vor allem die monotone und ideenlose Regelfabrik in Brüssel. Das Europäische Parlament ist ausserstande, eine funktionierende Krisenbewältigung für Europa zu bewerkstelligen. Insbesondere die transatlantischen Beziehungen sind nicht erst seit der Präsidentschaft von Donald Trump eingefroren oder wurden sogar ganz abgebrochen. So betrachtet, steht die europäische Idee kurz vor ihrem Niedergang.
Der europäische Traum hätte dabei doch so vielversprechend begonnen! Die Europäerinnen und Europäer hatten zu träumen angefangen mit den grossartigen Idealen der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Im 18. Jahrhundert war es, da setzte die Bewegung der Aufklärung ganz neue Akzente und hob Werte wie Toleranz, die Achtung der Menschenwürde, Gleichheit und Freiheit auf den Schild. Im frühen 19. Jahrhundert musste sich dann allerdings halb Europa nach dem Willen des französischen Kaisers Napoleon richten. Napoleon riss nach der Revolution die Macht an sich, bis er 1812 in Russland ein Fiasko erlebte. Napoleon hätte Europa unter seiner Herrschaft „grossartig“ machen wollen. Den Triumphbogen in Paris, den Triomphe du Carrousel zwischen Louvre und Tuilerien, liess er 1807 bis 1809 zum Gedenken an seine Grande Armée nach dem Vorbild des Septimus-Severus-Bogens in Rom erbauen. Die Quadriga auf dem Bogen geht auf eine Nachbildung der vier goldenen Pferde von San Marco in Venedig zurück. 1808 wurden ihr gar noch zwei Siegesgöttinnen zur Seite gestellt.
Nach dem Debakel, das Napoleon 1812 in Russland erlebte, versuchten die konservativen Siegermächte im Rahmen des Wiener Kongresses die vorrevolutionären Zustände wiederherzustellen. Doch das gelang nur vorübergehend. Der Weg hin zu einem „grossartigen Europa“ sollte sich als schwierig und steinig erweisen. Zwar war das 19. Jahrhundert noch stark bestimmt von demokratischen Ideen. Mit dem ungezügelten Nationalismus und dem damit einhergehenden Imperialismus der Grossmächte stürzte sich Europa aber selbst ins Unheil. Sowohl der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) als auch der Zweite Weltkrieg (1939 bis 1945) leiteten den Niedergang Europas und des europäischen Traums ein. Nach den Weltkriegen erstarrte Europa in zwei grossen politisch-ökonomischen Blöcken: die sozialistischen Nationen in Osteuropa und die kapitalistischen Nationen in Westeuropa. Der sogenannte „Eiserne Vorhang“ trennte die Staaten Europas voneinander. Erst Perestroika und Glasnost führten in der Sowjetunion Mitte der 1980er Jahre zu einem politischen Kurswechsel. 1989 fiel die Berliner Mauer, die Sowjetunion und der Warschauer Pakt lösten sich auf. Viele träumten nochmals von einem „grossartigen Europa“, doch leider nur für kurze Zeit.
„Das Jahrhundert Europas“ hatte man nach dem Mauerfall vor 20 Jahren ausgerufen. Doch seither verlaufen die Spuren des europäischen Traums im Sand. Der Rückzug ins Nationale und ins Private, und die Abkehr vom rein Bürokratischen der Regelfabrik in Brüssel lassen Slogans wie „Macht Europa wieder grossartig“ zu Slogans von Träumern und unrealistischen Euroturbos werden. Die eigene Geschichte hindert Europa am Griff nach den Sternen.
Text, Fotos und Radiosendung: Kurt Schnidrig