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Ausgangslage
Gemäss einer Studie der Welt-Gesundheitsorganisation WHO «Health Behaviour in Schoolaged Children study» aus dem Jahr 2001/02 weist die Schweiz im europäischen Vergleich eine hohe Rate an positiven HIV-Tests aus. Im Alter von 15 Jahren haben 20,6 % der Mädchen und 25,1 % der männlichen Jugendlichen bereits Geschlechtsverkehr. Eine Befragung von Jugendlichen im Kanton Zürich ergab leicht höhere Prozentwerte. Als Teil der Gesundheitserziehung gehört die Sexualerziehung in erster Linie in den Verantwortungsbereich der Eltern und Erziehungsberechtigten. Im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion um die HIV/AIDS-Prävention wurde die Sexualerziehung bereits Ende der 80er-Jahre in die Lehrpläne integriert. Sie ergänzt den Erziehungsauftrag der Eltern. Die Bildungsdirektion misst der Gesundheitserziehung eine hohe Bedeutung bei. Um diesen Aspekt speziell zu gewichten, ist Gesundheitsförderung (Bewegung, Suchtprävention) als eines der Legislaturziele der Amtsperiode 2007 – 2011 festgelegt worden.
HIV/AIDS-Prävention. Rechtliche Grundlagen
Am 9. August 1988 hat der damalige Erziehungsrat das Konzept «AIDS-Aufklärung in den Schulen des Kantons Zürich» beschlossen. Demnach hat auf der Sekundarstufe der Volksschule, an den Mittelschulen und den Berufsschulen seit dem Schuljahr 1989/90 regelmässig eine Information über AIDS zu erfolgen. Auf der Primarstufe wird auf eine HIV/AIDSPrävention verzichtet.
An der Volksschule sind die Lehrpersonen im Rahmen der Zielsetzung des Lehrplans für die Volksschule des Kantons Zürich verpflichtet, Aspekte der Sexualerziehung und der HIV/AIDS-Prävention in ihren Unterricht einzubauen. Das Konzept HIV/AIDS-Prävention an Mittel- und Berufsfachschulen vom 19. Januar 2007 sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler mindestens einmal während ihrer Schulzeit mit der HIV/AIDS-Prävention in Berührung kommen. Es existieren keine allgemeingültigen kantonalen und verbindlichen Lehrpläne. Jede Schule unterrichtet nach ihrem eigenen Lehrplan. Die Schulen werden von der Fachstelle Suchtprävention des Mittelschul- und Berufsbildungsamt unterstützt.
Zur Unterstützung der Lehrkräfte veröffentlichte die lebens- und fachkundliche Stelle des damaligen Pestalozzianums bereits 1993 zwölf Thesen zur Sexualerziehung in der Schule.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) legt alle vier Jahre das nationale HIV/AIDS-Programm (NHAP) fest und passt dieses der jeweils aktuellen epidemiologischen und sozialpolitischen Situation an. Das NHAP 2004 – 2008 verlangt, dass die HIV/AIDS-Prävention in allen Curricula der Volks-, Mittel- und Berufsschulen verbindlich und stufengerecht integriert ist. Die Fachkommission für Aidsfragen des Kantons Zürich hat fünf Ziele als prioritär erklärt, darunter die HIV/AIDS-Prävention an den Volks-, Mittel- und Berufsschulen im Kanton Zürich.
Am 13. März 2007 wurde im Kantonsrat das Postulat «Sexualpädagogik an der Volksschule» (KR-Nr. 91/2007) eingereicht. Dieses verlangt, mit geeigneten Massnahmen die Voraussetzungen für einen wirksamen, an professionellen Strukturen orientierten, nachhaltigen Sexualkunde- und HIV/AIDS-Unterricht an den Schulen zu sorgen.
Der Kantonsrat hat am 2. April 2007 ein neues Gesundheitsgesetz (GesG, LS 810.1) beschlossen, das voraussichtlich im Sommer 2008 in Kraft gesetzt wird. Dieses verpflichtet den Kanton und die Gemeinden dafür besorgt zu sein, dass Schülerinnen und Schüler der Volks-, der Mittel- und der Berufsfachschulen dazu angeleitet werden, ihre Gesundheit zu fördern und Erkrankungen zu verhindern. Die Weiterbildung der Lehrpersonen und die Bereitstellung von Lehrmitteln ist Sache des Kantons. Die Schulärztinnen und Schulärzte im Verbund mit anderen Fachstellen haben die Schulen in der Gesundheitsförderung und in der Gesundheitsberatung zu unterstützen.
Stand der HIV/AIDS-Prävention an zürcherischen Schulen
Im Auftrag der Bildungsdirektion wurde der HIV/AIDS-Unterricht an den zürcherischen Schulen im Schuljahr 2000/01 evaluiert, wobei nur die Volksschule untersucht wurde. Befragt wurden einerseits die Lehrpersonen der Volksschule, andererseits die Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Berufsfachschulen zu ihren Erfahrungen während der Volksschulzeit. Mit der Zielsetzung, die aktuelle Situation im Bereich HIV/AIDS-Prävention an den zürcherischen Schulen zu verbessern, führte die Fachkommission für Aidsfragen des Kantons Zürich im Frühjahr 2005 noch einmal eine Umfrage zum HIV/AIDS-Unterricht an den zürcherischen Schulen durch. Die Resultate sind publiziert im Bericht «HIV/AIDS-Prävention an Zürcher Schulen», Stand 10. Januar 2006.
Die Ergebnisse der Umfragen zeigen, dass die Schule grundsätzlich als der richtige Ort angesehen wird, um den 12- bis 14-jährigen Schülerinnen und Schülern Erstinformationen über HIV/AIDS zu vermitteln. Gemäss der Studie ist allerdings nur rund zwei Dritteln der an der Volksschule tätigen Lehrpersonen bekannt, dass HIV/AIDS-Prävention obligatorischer Inhalt des Lehrplans ist. Die Lehrpersonen bemühen sich um einen attraktiven Unterricht, gleichwohl vermögen die Ergebnisse oftmals weder den Wünschen der Jugendlichen noch dem angestrebten Wissensstand zu genügen. Gemäss einer neueren Untersuchung sind nur rund 60 % der Schulabgängerinnen und -abgänger über HIV/AIDS ausreichend informiert.
Der Unterricht wird grösstenteils von den Klassenlehrpersonen selber erteilt, Schulärztinnen und Schulärzte und externe Fachpersonen werden kaum beigezogen. Jährlich werden 4 bis 6 Stunden der Thematik gewidmet, zumeist im Rahmen des Biologieunterrichts. Als Hauptprobleme der schulischen HIV-AIDS-Prävention orten Lehrerinnen und Lehrer die fehlende Zeit in Zusammenhang mit überfüllten Lehrplänen und das Fehlen von finanziellen Mitteln für den Beizug externer Fachpersonen.
Die Lehrpersonen gehen davon aus, dass ihnen die Hauptverantwortung für die Durchführung der HIV/AIDS-Prävention obliegt. Sie selber stellen bei sich aber Ausbildungsdefizite fest. Viele geben an, von dieser Aufgabe überfordert zu sein. Entsprechend wird der Wunsch geäussert, den Anteil des Sexualpädagogikunterrichts in der Grundausbildung angemessen zu verstärken. Studierende der Pädagogischen Hochschule durchlaufen in ihrer Grundausbildung nur ein obligatorisches Modul Sexualpädagogik. Dies vermag dazu beizutragen, dass trotz der Verankerung im Lehrplan der HIV/AIDS-Unterricht im Schulalltag nur teilweise, gemäss Umfrageergebnissen vielfach in wenig geeigneter Form und/oder in ungenügender Qualität stattfindet. Eine entsprechende Qualitätskontrolle fehlt weitgehend. Die Lehrpersonen wünschen, für den Unterricht vermehrt externe Fachpersonen beiziehen zu können.
Um eine qualitativ befriedigendere HIV/AIDS-Prävention an den Schulen zu gewährleisten, schlägt die Fachkommission für Aidsfragen vor, die HIV/AIDS-Prävention an den Volks-, Mittel- und Berufsfachschulen zum verbindlichen Lehrinhalt zu erklären, die Durchführung und die Realisierung der HIV/AIDS-Prävention systematisch zu kontrollieren, die Grundausbildung der Lehrkräfte zu verbessern und die bestehenden schulexternen Angebote auszubauen.
Erwägungen
Angesichts der Tatsache, dass in der Bevölkerung die Zahl der neu mit HIV-infizierten Personen wieder ansteigt, die Aidserkrankung auch zwanzig Jahre nach ihrer Entdeckung immer noch nicht heilbar ist und die Resultate bei der Entwicklung eines Impfstoffes immer noch wenig erfolgversprechend sind, ist es unbestritten, dass die HIV/AIDS-Prävention in den Schulen konsequent weiterführt werden muss. Bis zum Alter von 15 Jahren haben alle Jugendlichen über die Thematik ausreichend informiert zu sein.
HIV/AIDS-Prävention als verbindlicher Lerninhalt
Im Lehrplan für die Volksschule des Kantons Zürich finden sich sexualpädagogische Ziele und Lerninhalte zur HIV/AIDS-Prävention im Unterrichtsbereich «Mensch und Umwelt» in «Lebenskunde» und dem Inhaltsaspekt «Individuum und Gemeinschaft». Die im Lehrplan aufgeführten sexualpädagogischen Ziele und Inhalte bewegen sich in einem Rahmen, der den Wertvorstellungen unserer heutigen Gesellschaft entspricht. Die Forderung der Fachkommission für Aidsfragen nach der Verankerung der HIV/AIDSPrävention im Lehrplan der Volksschule ist erfüllt.
Quantitative Verbesserung des HIV/AIDS-Unterrichts (Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen, Bereitstellung von geeigneten Unterrichtsmaterialien)
Gemäss §§ 49 und 50 des neuen Gesundheitsgesetzes vom 2. April 2007 haben Kanton und Gemeinden dafür zu sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler der Volksschule dazu angeleitet werden, ihre Gesundheit zu fördern und Erkrankungen zu verhüten. Der Kanton sorgt für die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte und stellt die entsprechenden Lehrmittel bereit. Die Gemeinden sorgen für die Prävention. Die Ausbildung der Lehrpersonen der Volksschule findet an der Pädagogischen Hochschule Zürich statt. Der Besuch des Moduls «Sexualpädagogik» ist für alle Studierenden obligatorisch. Die Lehrpersonen sind daher grundsätzlich befähigt, den entsprechenden Unterricht gemäss Lehrplan zu erteilen. Allerdings wünschen amtierende Lehrpersonen in vermehrtem Masse, ihre Kenntnisse in HIV/AIDS-Prävention auffrischen zu können. Entsprechend sollen in der freiwilligen Weiterbildung Kurse und Seminarien in angeboten werden. Hierfür hat das Volksschulamt gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Zürich, der Fachstelle «lust&frust» und allenfalls weiteren Fachorganisationen besorgt zu sein. Das Volksschulamt der Bildungsdirektion hat in Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe Schweiz, der Zürcher Aids-Hilfe, der Fachstelle für Sexualpädagogik «lust&frust» und der Fachstelle für Aids- und Suchtmittelfragen der Gesundheitsdirektion Kanton Zürich eine Liste empfohlener Bücher und Materialien für die HIV/AIDS-Prävention und den Unterricht in Sexualpädagogik auf den Sekundarstufen I und II und im ausserschulischen Jugendbereich zusammengestellt. Diese wird laufend aktualisiert und ergänzt. Das Volksschulamt der Bildungsdirektion wird beauftragt, Gemeinden, Schulleitungen und Lehrpersonen in geeigneter Form über diese Zusammenstellung zu informieren.
Verbesserung der bestehenden schulexternen Angebote
Die Fachstelle für Sexualpädagogik «lust&frust» ist Koordinations- und Anlaufstelle für alle Fragen der Sexualpädagogik. Einerseits berät sie Fachpersonen und Schulen in der HIV/AIDS-Prävention, andererseits Jugendliche in Fragen rund um ihre Sexualität. Sie wird gemeinsam von der Zürcher Aids-Hilfe und dem Schulärztlichen Dienst der Stadt Zürich geführt. Der Betrieb der Fachstelle wird von der Bildungsdirektion (Fr. 75’000 pro Jahr), dem Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich (Fr. 105’0000 pro Jahr) und von privaten Sponsoren finanziert.
In den vergangenen Monaten und Jahren ist nicht zuletzt angesichts der komplexen Materie die Nachfrage nach externen Unterstützungsleistungen betreffend die HIV/AIDS-Prävention kontinuierlich gestiegen. Bereits seit einiger Zeit übersteigt das Interesse die Kapazitäten der Fachstelle «lust&frust» um ein Mehrfaches.
Die Qualität der Arbeit und der Leistungen der Fachstelle sind ausgewiesen. Um die Nachfrage und damit die Qualität der HIV/AIDS-Prävention zu verbessern, erachten es Volksschulamt und Mittelschul- und Berufsbildungsamt als gerechtfertigt, das kantonale Leistungsangebot zu erweitern, und analog dem Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich, die kantonalen finanziellen Unterstützungsleistungen für «Lust&Frust» angemessen zu erhöhen. Es ist geplant, den jährlichen Unterstützungsbeitrag des Kantons (Pauschale) von Fr. 75’000 auf Fr. 135’000 zu erhöhen. Es ist vorgesehen, Fr. 45'000 zu Lasten des Budgets des Volksschulamtes und Fr. 90'000 zu Lasten des Budgets des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes im Konsolidierten Entwicklungs- und Finanzplan (KEF) 2009 – 2012 aufnehmen.
Antrag
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Bildungsrat:
- Die HIV/AIDS-Prävention ist ein Teilbereich des Konzepts «Gesundheitsförderung», welches durch die Bildungsdirektion während der Legislatur 2007 – 2011 erarbeitet wird. Das Konzept der HIV/AIDS-Prävention wird im Sinne der Erwägungen zur Kenntnis genommen.
- Die regelmässige HIV/AIDS-Prävention auf der Sekundarstufe der Volksschule wird weitergeführt. Schulpflegen und Schulleitungen werden eingeladen, die Erteilung von HIV/AIDS-Prävention an den Schulen der Volksschule auf der Basis der Lehrplanziele konsequent durchzusetzen.
- Das Volksschulamt der Bildungsdirektion wird beauftragt, Gemeinden, Schulleitungen und Lehrpersonen sind in geeigneter Form über die zur Verfügung stehenden Unterrichtsmaterialien zu informieren.
- Das Volksschulamt der Bildungsdirektion wird beauftragt, gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule und weiteren Fachorganisationen im Rahmen der Weiterbildung der Lehrpersonen geeignete Angebote in der HIV/AIDS-Prävention bereit zu stellen.
- Mitteilung an: Fachstelle für Aidsfragen Zürich (Mitglieder); Fachstelle für Sexualpädagogik Lust&Frust, Langstrasse 21, 8021 Zürich; Verband Zürcher Schulpräsidien VZS; Synodalvorstand, Lehrpersonenkonferenzen; Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband ZLV ; Mittelschullehrerverband; Berufsschullehrerverband; VPOD Zürich Lehrberufe; SekZH; Vereinigung der Schulleiterinnen und Schulleiter; Schulleiterkonferenz der Berufsschulen und der Mittelschulen; PHZH (Rektorat , Prorektorate Ausbildung und Weiterbildung);, Bildungsdirektion (Bildungsplanung, AJB, MBA, VSA).