Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03337.jsonl.gz/2731

Kurbiografie Gottlieb Brunner
Ich wurde am 16. März 1931 in Zürich- Altstetten als erstgeborener von Gottlieb und Emma geb. Ogi auf die Welt gestellt. Beide Eltern lernten sich als Angestellte im Hotel eines Verwandten in Wengen kennen. Sie zogen nach Zürich. Er als gelernter Maurer, sie wegen ihrer bestehenden Schwangerschaft als Hausfrau. Der Junge gedieh gut. Aber die Ehe der Eltern schien schon bald zu bröckeln. Jedenfalls verabscheute der Vater das Bier nicht + verbüsste auch öfter als kl. Dieb viele Tage im Gefängnis. Da die Arbeit in den 30er Jahren nicht so ohne weiteres vorhanden war, verlor er wegen seines Hanges seine Stelle, hockte zu Hause herum, und wusste aus Geldmangel weder aus noch ein, so, dass die Mutter eines Tages aus Angst vor Gewalt die Nachbarin holte. Mit dem Kind das diese mitbrachte machten die beiden Kinder Fangis, bis es dem Hausherrn missfiel und Gottlieb an den Füssen packte, hochhob und auf den Boden schleuderte. Dabei blieb er kurz liegen. Um Mietzins einzusparen hatten sie einen Zimmerherrn. Einmal als der Vater wieder im Knast war erwachte Gottlieb beim Morgengrauen und sah dass seine Mutter einen Bettherrn hatte. Trotz seinen etwa 7 Jahren kapierte er da einiges und verachtete seine Mutter in Zukunft. Solches musste er auch später mehrmals miterleben. Umgezogen wurde oft. 1939 am 3. Aug. zügelten sie nach Spiez. Der Vater konnte in Interlaken in einem Stollen arbeiten. Im kalten Winter passierte es, dass des Knaben Schlitten in Brüche ging. Der Vater versuchte diesen zu flicken, was nicht zu seiner Zufriedenheit gelang. Aus Wut schlug er dem Knaben mit dem Hammer auf den Kopf. Nach Stationen in Unterseen + Interlaken + Goldswil landeten sie schliesslich in Kaiserstuhl im Kt. Obwalden.
Da sich die Mutter dort nicht mehr imstande fühlte eine geordnete familie zu führen schickte sie Gottlieb zu ihrer Mutter nach Kandergrund. Dort konnte er nur ½ Jahr bleiben, weil sie ihn als Witwe mit kleiner Pension nicht länger ernähren konnte. Kurz darauf schickte die Mutter ihn zum Grossbauern Schmid an der Obermatt in Detligen. Dem Knaben, – inzwischen knapp 11 Jährig erging es dort nicht gut. Er musste in einem kalten Zimmer schlafen. Da er aber Bettnässer war, war dies sicher nicht die beste Lösung. Ausserdem wurde er deswegen und auch sonst wegen jeder Kleinigkeit mehrmals geschlagen. Als nach etwa einem halben Jahr die Mutter einmal vorbeikam hat er es ihr geklagt. Worauf sie ihn gleich mitnahm. Zu dieser Zeit wohnte sie mit dem Vater und der 3 jährigen Schwester Dora in nur einem Zimmer in Stein/Meiringen. Kurz vor Silvester kam der Vater mit einem Rausch nach Hause. Kurz darauf hat es in einem Haus ganz in der Nähe lichterloh gebrannt. Der Vater bemerkte vor Zeugen, - das brennt gerade wie ein Christbaum. Da der Brand kurz nach seiner Rückkehr ausbrach wurde ihm dies offenbar zur Last gelegt und von der Polizei abgeführt. Da die Gemeinde sah in was für prekären Verhältnissen Brunners wohnten mussten sie dort ausziehen. Gottlieb wurde durch die Behörde zu einem Bauern in Hausen bei Meiringen gebracht, wo er aber wegen des Bettnässens nur etwa 3 Wochen geduldet wurde. Die Mutter ging zum Schwager Hans in Innertkirchen. Dort war sie aber auch nicht lange. Jedenfalls erhielt sie von der Schwägerin bald einmal Hausverbot. 3Mal dürfen sie raten warum! Jetzt hiess es für Gottlieb ins Spital Interlaken zur Behandlung des Bettnässens wo ihm auch der Nabelbruch und die Phimose operiert wurden. Das Bettnässen verfolgte Gottlieb praktisch bis zur Pubertät. Da sich herausstellte dass Brunners letzte offizielle Niederlassung in Goldswil bei Ringgenberg war, ist dann diese Behörde aktiv geworden und verfrachtete Gottlieb im Frühjahr 1942 zum Bergbauern Chr. Blatter an der Matte in Habkern. Habkern war gleichzeitig sein Heimatort. Seine Schwester Dora kam zu einem Kleinbauern/Alphirt Schwendimann nach Polern.
Für Gottlieb wurde anfangs gut gesorgt. Er erhielt eine halbleinene Hose und ein Paar sehr schwere hohe Schuhe die noch mit Tricouni Beschlagen war. Dies wegen dem steilen Gelände. Ausserdem ein Werktags und ein Sonntagshemd und 2 Paar Socken. Von da an bis er eine Lehrstelle antreten konnte hat er nie Unterhosen getragen. Auch im tiefsten Winter nicht. Dies war den 5 Damen vorbehalten. Die Fam. Blatter hatte nämlich 4 Töchter jeweils im 5Jahres abstand. Die erste war 2 Jahre älter als Gottlieb. Arbeiten musste er wie die Grossen. Einzig ein bisschen weniger Gewicht wurde ihm beim Tragen zugestanden. Und tragen musste man alles. Denn im ganzen Dorf hatte es um diese Zeit, nebst jenem vom Posthalten nur ein Ross. Im Winter konnte man bei genügend Schnee mit dem Hornschlitten Holz oder Lische transportieren. Im Sommer, wenn das Vieh auf der Alp war, musste er bei gutem Wetter um 3.30 aufstehen und Heu mähen. Gegen 8 Uhr kam die Bäuerin mit dem Morgenessen und begann mit dem Worben. Die Töchter besorgten den Haushalt und kochten ein einfaches Mittagessen das sie dann brachten. Nachmittags konnte man Worben oder das Heu vom Vortag eintragen. Bei schlechtem Wetter musste Gottleib Brennholz spalten oder Mist austragen. Im Winterhalbjahr war Tagwache um 4 Uhr. Dann ging es zu einer der Weiterum verteilten Scheunen um das Vieh zu besorgen. Nach dem Melken musste Gottlieb die Milch mit der Brente zur Käserei bringen. Dann nach Hause. Schnell etwas essen und ab in die Schule. Diese hatte in den tiefen Wintermonaten am Mittag nur gerade 1 Std. Mittag. Dies reichte gerade um schnell nach Hause essen zu gehen. Jene die weiter weg wohnten bekamen ein kleines einfaches Mittagessen. Nach der Schule musste er bei Schnee oft mit dem Hornschlitten nach dem Lombach und noch ein gutes Stück weiter zur Triste. Dort hatte der Bauer bereits 4-5 grosse Lischenbündel Streue bereit zum Abtransport. Diese brachten sie dann zu jener Scheune wo das Vieh war. Am Sonntag nach der Unterweisung musste Gottlieb immer zum Gottesdienst bleiben. Der Bauer war nämlich im Kirchgemeinderat. Das hätte sich nicht geschickt wenn einer wegbliebe. Einmal hat der Pfarrer die Gemeinde aufgerufen die Unterweisiger gehen zu lassen damit sie für das bevorstehende Skiklubrennen die Langlaufloipe vorspuren könnten. Gottleib musste als einziger bleiben. In der Schule wurde er zwar akzeptiert, als Verdingbub musste er aber auch dort einiges einstecken. Gefördert wurde er von niemandem. Auch von Lehrer und Pfarrer nicht. Zum Glück wurde er kaum einmal geschlagen. Allerdings kam man ihm anderweitig gründlich bei. Vorerst wurde ihm stets das Bettnässen vorgehalten. Frische Wäsche bekam er deswegen aber auch nicht. Waschen konnte er sich auch nur am Brunnentrog neben dem Haus dessen Wasser Ganzjährig 4°C hatte. Baden war ein Fremdwort. Weil man seinen Vater kannte und auch die ganze Sippe nicht den allerbesten Ruf hatte, wurde ihm von der Pflegemutter bei dem kleinsten Anlass stets das Vorleben seines Vaters vorgehalten. Du wirst auch so wie der Alte, hiess es jeweils. Wie er etwas dafür könnte dass dieser so war. Übrigens kam die Sippe in Verruf weil gleich 2 ledige Schwestern des Vaters uneheliche Kinder hatten deren Väter nicht bekannt waren. In einem 650 Seelendorf wo jeder jeden kennt, ist dies verheerend. Zu sagen ist, dass die Grosseltern von Gottlieb immerhin 2 Häuser mit etwas Land hatten. Auch wenn das eine Haus sehr klein war.
Am Sonntag wurde prinzipiell nicht gearbeitet, nur das Vieh besorgt. Deshalb wäre Gottlieb ab und zu gerne seine Grosseltern besuchen gegangen. Sie wohnten in einem andern Dorfteil nur etwa ½ Std. entfernt. Dies wurde ihm aber strickte verweigert. Es blieb ihm daher nichts anderes übrig als ab und zu auf Schleichwegen durch den Traubach zu ihnen zu gelangen. Er befürchtet dass er verpfiffen worden wäre, hätte ihn jemand gesehen. So gelang es ihm immerhin in den 4 Jahren die er dort verbringen musste seine Verwandten 3-4 Mal zu sehen.
2 Mal ist sein Vormund, Pfarrer von Grünigen aus Ringgenberg, zu Besuch gekommen. Er befragte Gottleib jeweils wie es ihm gehe und ob es ihm gefalle. Gottleib sagte aber aus Furcht nichts Negatives. Auf die Frage was er einmal lernen möchte antwortete er: Schmied oder Schreiner. Schmied komme nicht in Frage weil er zu schmächtig sei, hiess es. Eine Schreiner-Lehrstelle finde er leider auch nicht weil für ihn nur eine mit Kost und Logis beim Meister in Frage komme. Er könne aber, - bis er eine Lehrstelle finde, im kommenden Frühjahr zum Bauern von Bergen in Ringgenberg. Dort gehe es im Sommer auf die Alp Axalp. Das Frühjahr kam, und der Pfarrer von Habkern konnte eine Konfirmandenreise organisieren. Es sollte zu Fuss nach Beatenberg gehen und von dort mit Standseilbahn und Schiff hinüber ins Gwattzentrum. Geplant waren 3 Tage mit Privaten Kosten von Fr. 5.- pro Teilnehmer. Gottlieb durfte wiederum als einziger nicht gehen. Hilfe oder Zuspruch vom Pfarrer hat er nicht erhalten. Die Bäuerin argumentierte, -. er sei zum Arbeiten da und nicht zum Feiern.
Dass die Bäuerin mich stets erniedrigte und demütigte kann ich aus heutiger Sicht nur damit in Zusammenhang bringen, dass sie mich als Eindringling betrachtete. Auch dass sie altershalber vermutlich kaum noch einen Stammhalter kriegen konnte, und ich deswegen also als Nichtsnutz unerwünscht war. Nach der Konfirmation wurde ich ohne Kommentar vom Vormund am 29. April 1946 abgeholt. Zu einer Lehre kam es aber dann doch nicht. Der Vormund erklärte, dass er immer noch keine Lehrstelle gefunden habe, und nahm mich gleich mit, ohne ein Ziel zu nennen. Allerdings ging es nach Bern in die Waldau. Vermutlich zum Auskurieren des Bettnässens, weil sich dieses bis dahin kaum gebessert hatte, - dachte ich. Genaues wurde mir nie gesagt, und auch später habe ich nie erfahren, was da alles vorging. Mir wurden dort, vor allem Anfangs, jede Menge Injektionen und Elektroschocks verpasst. Auch mit Tabletten wurde ich vollgestopft. Ab da habe ich oft Gedächtnislücken. Heute betrachte ich die ganze Übung von damals, dass ich als Versuchskaninchen herhalten musste, weil die Vormundschaftsbehörde mit mir offenbar nichts Gescheiteres anzufangen wusste. Oder war die Aussicht auf Pharma - Provisionen der Anlass. Untergebracht wurde ich im Parterre der Abt. 3 im damaligen alten Gebäude. Der Schlafsaal fasste vielleicht 10-15 Betten, die von allerlei Menschen belegt waren. Alte und jüngere. Viele schnarchten, dass man nicht schlafen konnte. Freizeit hatte ich dort zur Genüge. Ich konnte, (oder durfte) ja nichts machen. An einem Sonntag, beim Schwingen mit einem starken Burschen brach ich den linken Unterarm knapp hinter der Handwurzel. Dort wurde in der Insel zur Stabilisierung eine Metallplatte eigesetzt. Diese wurde viel später wieder herausgenommen. Während der Unfallzeit durfte ich über ein Wochenende meine Mutter in Bern Breitenrain wo sie in einer Mansarde wohnte, besuchen. Nachts musste ich bei ihr im gleichen Bett schlafen. Plötzlich erwachte ich nachts, als sie mir mein Glied anfasste und daran herummachte. Ich fand dies ungehörig, hatte Angst, stand auf, verbrachte den Rest der Nacht auf dem einzigen vorhandenen Stuhl und schämte mich zu Tode, weil meine Mutter mit mir so was machen wollte. Am darauf folgenden Sonntag gingen wir in die Stadt, wo auch das Foto mit meinem verletzten Arm entstanden ist. Die darauf folgende Nacht wollte ich nicht mehr bei ihr verbringen und ging fast fluchtartig nachmittags zurück in die Waldau. Auf den Tag genau nach einem Jahr am 28. April 1947 erschien der Vormund, nahm mich mit und brachte mich zum Bauern von Bergen in Ringgenberg. Er sprach unterwegs, dass ich dann im Frühjahr und Sommer auf die Alp könne. In Ringgenberg verbrachte ich etwa 4-5 Wochen, dann nahte der Alpaufzug.
Schon nach wenigen Wochen wurde das Grossvieh zu Fuss von Ringgenberg nach der privaten Voralp Rotschen tief hinter der Schweibenalp gezügelt. Kälber und Schweine wurden in Brienz am Bahnhof abgeholt und auch mitgenommen. Nach über 12 Stunden Marsch, zuletzt auf sehr steilem und gefährlichem Pfad gelangten sie gegen Abend an. Kaum oben Kalbte eine trächtige Kuh. Am Morgen befahl ihm der Senior Bauer der den Sommer über als Senn wirkte, - er soll dem neuen Kalb zu saufen geben. Gottleib fragte, - wo ist der Zauggen ? (Schnuller) Es brauche keinen, es soll saufen lernen, hiess es. Da Gottleib aber wusste, dass dies zu Anfang nicht gelingen konnte hatte er mit dem Kalb bedauern und stecke dafür 2 Fingen in V Form ins Maul des Kalbes was sofort zu saugen begann. Dies sah nun der Bauer und beschimpfte Gottleib dermassen. Er solle das nicht wieder tun sonst werfe er ihn in den nahen tiefen Wassertümpel des Giessbachs. Gottlieb hatte das Gefühl nichts Ungerechtes getan zu haben und antwortete keck: Er möchte dann sehen wer zuerst schwimme! Dies war dem Bauern offenbar zu viel. Jedenfalls sprach er kein Wort mehr mit ihm. Gab keine Befehle, keinen Morgengruss. Nichts. Gottleib kannte das Gewerbe zur genüge und tat seine Pflicht. Nach 3 Wochen sollte es nun auf die richtige Alp Chrutmettli oberhalb Axalp gehen. Da erweichte sich der Bauer mit ein paar kurzen Anweisungen betreffs Umzugsvorbereitungen. Gottlieb musste das entbehrliche in 2 Tagen auf die ihm unbekannte Alp tragen. Nachher wurde gezügelt. Ab da wurde aber kein Wort mehr gesprochen. Auch auf eine Frage kam keine Antwort. Dies ging so bis am 1. August. Die Alp bestand aus etwa 10-12 bestossene Alphütten. Die Sennen trugen gemeinsam Holz für das 1. Aug. Feuer zusammen. Auch Gottlieb half mit. Am Abend hockten alle ausser dem Bauer gemütlich beisammen. Nach und nach entfernte sich einer nach dem andern um zu Bett zu gehen. Einzig der Alpvogt Hans Michel mit seinen aus Brienz heraufgekommenen 2 Söhnen und Gottlieb blieben noch eine Weile. Plötzlich fragte der Alpvogt was eigentlich mit uns drüben los sei? Irgendetwas stimme da seiner Meinung nach nicht. Dies war die 1. Gelegenheit dass Gottleib seine Sorgen loswerden konnte. Der Alpvogt bemerkte, dass er leider nicht helfen könne, da der Vormund zuständig sei. Nach einer Weile gab er seinen Söhnen den Auftrag was sie in der kommenden Woche in Brienz unten tun sollten. Da ergriff Gottlieb die Gelegenheit und fragte, - ob es nicht möglich wäre dass er auch mitgehen könnte. Er würde ja gerne mitarbeiten wie er es schon immer gewohnt sei. Der Bauer erwiderte aber, dass er leider kein zusätzliches Personal beschäftigen könne. Nach einigem hin und her hat er dies aber gutgeheissen, mit der Auflage, dass seiner Frau der Auftrag erteilt werden solle dem Vormund sofort Bericht zu erstatten. Was auch getan wurde. Einige Tage später ist der Vormund erschienen, ohne dass Gottlieb davon wusste. Er war zu diesem Zeitpunkt gleich neben dem Haus. Das erste was der Vormund beim herankommen auf einige Meter Entfernung zu ihm sagte, war: Du Pürsteli, wenn du dies noch einmal machst kommst du in eine Anstalt. Die Bäuerin hat ihn offenbar schon erwartet und stand gleich oben auf der Laube und hörte dies natürlich mit. Da sie Gottlieb und seine Daseins-Umstände inzwischen kannte war ihr dies offenbar zu viel des guten. Sie hat dem Vormund regelrecht Vorhaltungen gemacht. Wenn Jemand ein Nichtsnutz sei dann solle er sich selbst an der Nase nehmen. Gottlieb sei ein ganz patenter arbeitsamer Bursche der etwas Besseres verdiene als ständig auf ihm herum zu Hacken. Sie gingen in die Stube und nach sehr kurzer Zeit ist der Vormund verschwunden mit der Zusicherung er wolle sich erneut einsetzen. Nach etwa 2 Wochen kam der Bericht, er finde wirklich nichts Geeignetes. Aber er könnte wieder auf die gleiche Alp, allerdings zu jemand anderem. Bald startete Gottlieb ins Ungewisse. Auf der Alp traf er auf den Senn Hans Feuz aus Stechelberg. Dieser war anfangs 20. Und die Hütte lag fast Dach an Dach mit der vorherigen. Gottlieb störte dies nicht. Die restliche Alpsaison ging ohne Zwischenfälle zu Ende. Er konnte nun bei einem der 3 Bauern ( Ernst Fuchs) für die er oben tätig war, den Winter über in Brienz verbringen, und im darauf folgenden Jahr wieder auf die Alp Chrutmettli mit dem gleichen Senn wirtschaften. Diese Zusammenarbeit war auch in dieser 2. Alpsaison 1948 wie im Rest des Vorjahres für Gottlieb sehr zufrieden stellend, weil er voll akzeptiert wurde. Im vorigen Herbst und Frühjahr, wie auch im kommenden Herbst hatte er ja nur das Vieh von Ernst Fuchs zu besorgen. Wobei es von Stall zu Stall hinunterging bis man kurz vor Weihnachten unten im Tal anlangte. 6 Kühe plus Kleinvieh. Da er auf sich selbst angewiesen war musste er jeweils auch Käse herstellen. Dies hatte er oben auf der Alp inzwischen gelernt. So entstanden pro Tag jeweils sog. Mutschli mit einem Gewicht von 4 -7 Kg. die fast alle gut geraten sind. Gegen Ende Oktober 1948 ist der Vormund erschienen und hat von einer möglichen Lehrstelle erzählt. Es sei vielleicht nicht dasjenige was er sich vorstelle. Er könne aber immer noch absagen. Sie gingen zusammen nach Brienzwiler und schauten den Kleinschreiner-Betrieb an.
Da dieser nichts mit Landwirtschaft zu tun hatten wurde der Lehrvertrag unterschrieben und Gottlieb konnte an 16. Nov. die Lehrstelle als Kleinschreiner-Lehrling antreten. Mit einem Schuhkarton voll abgetragener, verlumpter Wäsche sei er angekommen, plus das war er anhatte. - sagte einmal seine Lehrmeisterin. Sie Telefonierte allen Bekannten und Verwandten und bettelte Wäsche und Kleider zusammen. Als erstes spedierte sie ihn in die Badewanne, so roch er, hat sie gesagt. Gottlieb lebte sich recht gut in den Betrieb und die Familie ein. Und hier bekam er erstmals zu spüren was eine Familie eigentlich ausmacht. Hier fühlte er sich erstmals wohl. 1949 hatte er Gelegenheit mit Verwandten des Lehrmeisters das Wetterhorn zu besteigen. Um zu etwas Sackgeld zu kommen durfte Gottlieb in seiner Freizeit für die 2 Schützengesellschaften als Zeiger operieren, was ihm erstmals ermöglichte mit Geld lernen umzugehen. Mit einem Berufskollegen aus Brienz zusammen bauten sie in der Freizeit das alte Fischerboot vom Vater seines Freundes um und frönten so dem Segeln so gut es das Wetter und der Föhn zuliessen. Einmal, als die Lehrmeistersleute die ältere Tochter ins Welsche brachten, konnte Gottlieb zu seiner Tante nach Mülenen. Mit den 20 Fr. die er vom Lehrmeister erhielt, kaufte er sich in Interlaken eine Mundharmonika. Unterwegs zur Tante übte er kräftig und konnte nach seiner Rückkehr bereits einige Lieder spielen. Diese trug er zu Hause vor und Tanzte zudem gleichzeitig mit deren jüngeren Tochter
Die 3 Jahre Lehre gingen ohne grosse Probleme vorüber. Kurz vor der Prüfung 1951 sagte sein Lehrmeister zu ihm, - wenn du eine gute Note heimbringst, kaufe ich dir eine anständige neue Kleidung. Die hat sich Gottleib redlich erfochten. Mit einem Notendurchschnitt von 1.8 hat er abgeschlossen. Inzwischen war er aber schon über 20 Jährig und wurde ohne Tamtam aus der Vormundschaft entlassen. Einige Zeit später erkundigte sich Gottleib bei der Ringgenberger Gemeinde was mit seinem Geld das er früher verdient habe geschehen sei? Es hiess lakonisch einzig. Es sei nichts mehr übrig. Sie hätten davon doch ein Velo und eine Kleidung bezahlt. Nebst den 360 Fr. Lehrgeld im 1. Jahr. Nun, Gottlieb schluckte einmal Tief und liess es damit bewenden.
Berufslaufbahn
Der Lehrmeister offerierte Gottlieb einen Lohn von Fr. 1.85 wenn er bleiben wolle. Gottlieb erfuhr aber durch einen Onkel, dass er in Zürich wesentlich mehr erhalten könne. Wenn er wolle, könne er auch bei ihm Logieren. Also dampfte Gottlieb ab. Nach der RS Ende Mai 1952 konnte er nicht in die Firma zurück weil offenbar zu wenig Arbeit vorhanden war. Da er sofort ein Dach über dem Kopf, Verdienst + zu Essen brauchte kehrte er notgedrungen zu seiner Mutter nach Bern. Dort konsultierte er den Anzeiger und fand etwas Passendes. Telefonierte und konnte gleichentags vorsprechen. Schon am Montag begann seine Tätigkeit als Hausbursche/Portier in der Pension Guntenmatt in Gunten. Nach Saisonende im Herbst arbeitete er in der Metzgerei Meinen in Bern, wo er im Frühjahr durch einen Mitarbeiter erfuhr, dass im Jungfraujoch noch Arbeiter im Stollenbau benötigt würden. Er meldete sich und fuhr hoch. Es wurde in 2 Schichten gearbeitet. Nach jeweils 2 Wochen gab es bezahlte Heimreise und anschliessend Schichtwechsel. Wenn Gottlieb Nachtschicht schieben musste ging er tagsüber oft klettern anstatt schlafen. Viele der umliegenden Berge hat er bestiegen. Oft mit Arbeitskameraden. Bei einem Urlaub lernte Gottlieb eine Frau kennen mit der er jeweils im Kursaal zum Tanzen ging. So gegen den Herbst beklagte sie sich: Sie könne ihn ja nur alle 2 Wochenenden sehen. Ob er nicht in Bern auch Arbeit finden würde? Und er fand im Strassenbau welche. Erst als die Liebe zueinander bereits gefestigt war, stellte sich heraus, dass seine Freundin, Frau Gertrud Ammann (sie war Witfrau mit 2 kl. Knaben) von der Sozialen Fürsorge bedrängt wurde. Als diese erfuhren, dass Frau Ammann einen Freund hatte (gesagt wurde Liebhaber) wurde er auf das Amt zitiert und entsprechend bearbeitet dass die beiden quasi zur Heirat gezwungen wurden. Im Gegenzug erhielten sie eine günstige Liegenschafts-Wohnung zugesprochen. Im Jan. 1954 konnte Umgezogen werden und im Frühjahr fand die die Hochzeit statt. Am 30. Juni 55 wurde der Sohn Max im Frauenspital geboren. Gertrud liess den Knaben gleich Taufen ohne Gottlieb vorher in Kenntnis zu setzen. Solche Mätzchen sollten noch einige folgen. Durch Zufall bekam er Kontakt zu einem „Schnoregygeler“. Zusammen mit 2 andern gründeten sie den Klub < Jeremys>. Nach etwa 1 Jahr erhielten sie ein Engagement von Käse Künzi und mussten während einem Jahr jeweils dienstagabends bei einem Männer-Fondueabend aufspielen. Einer der Spieler war gelernter Maler. Dieser forderte Gottleib auf doch auch bei seinem Arbeitgeber zu arbeiten. Auf die Bemerkung er sei ja nicht Maler, entgegnete dieser; Er werde ihn entsprechend instruieren. Also machte Gottlieb mit und lernte ein ganz anderes Metier kennen. Als der Arbeitgeber nach 1 Jahr den Lohn nicht nachbessern wollte, kündete Gottlieb und wechselte die Stelle zur Firma ARM Malerei/Gipserei und wurde dort Chauffeur/Magaziner. Seine Hauptarbeit war, bestellte Artikel auf die Baustellen zu führen, in der Werkstatt aufräumen und ab und an auf dem Bau mitzuhelfen. Wenn Vertreter kamen, wollte der Geschäftsführer diese nicht in seinem Büro sehen. Deshalb wurde in der Werkstatt verhandelt. Gottlieb bekam dadurch sehr viel Neuheiten mit wenn er anwesend war, so, dass er nach 3 Jahren Theoretisch wesentlich besser informiert war als ein gewöhnlicher Maler. Allerdings in der Praxis konnte er noch nicht mithalten. Der Freund vom Mundharmonikaklub hat mit seinem Bruder selbst ein Malergeschäft aufgemacht und Gottlieb hergelotst. Leider war Mitte Dezember aus mit Arbeit. Gottlieb stand da mit Familie mit insgesamt 4 Kindern kurz vor Weihnachten. Der 2. eigene Sohn Beat kam am 25. März 1961 zur Welt. Zum Glück fand er wieder Arbeit per Anf. Jan. 1963 bei der Malerei SALA. Nach etwa 10 Arbeitstagen auf einer grossen Baustelle im Liebefeld hat sich der Vorarbeiter verabschiedet, weil er noch Heiraten wollte und anschliessend den Wachtmeister abverdienen musste. Am nächsten Montag Morgen wusste von den anwesenden 25 Malern und Hilfsmalern keiner wie es weitergehen sollte. Und man wartete auf die Ankunft des Geschäftsführers. Dieser kam, - sah sich ein wenig in der Runde um, - und sagte; Brunner ihr übernehmt den Bau. Gottlieb fühlte sich schon ein wenig „gebauchpinselt“, andererseits aber spürte er einen grossen Druck und Verantwortung auf sich zukommen. Er begriff nicht weshalb er als Ungelernter dieses Amt ausführen sollte, da doch einige gelernte Maler anwesend waren. Auch ältere. Erst später realisierte er, dass seine Aversion gegen den Bierkonsum wohl ausschlaggebend sein könnte. Per 1. Mai konnte der Bau ordnungsgemäss übergeben werden. Anschliessen musste er eine Grossbaustelle in Bolligen übernehmen. Gottlieb war dort nicht nur für seine Arbeiter zuständig. Nein, er musste mit dem Architekten verhandeln der ihm den Auftrag erteilte auch die Aufsicht über alle anderen Malerbetriebe zu wachen dass die vorgeschriebenen Farbmuster auch korrekt nachgemischt und appliziert werden. Da sich nicht alle Firmen ganz daran hielten musste er anschliessend für die ganze Überbauung die Farben mischen. Das war in der Regel pro Woche an die 3-4 Ölfässer voll Aussendispersion. Bei einer Kontrolle entdeckte er, dass einer seiner Arbeiter einen Anstrich an einem Fenster vergessen hatte. Am folgenden Morgen drückte er diesem den entsprechenden Farbkessel in die Hand und forderte ihn auf dies nachzuholen. Dieser hatte scheinbar noch Nachbrand oder sonst eine schlechte Laune. Darum sagte er zu Gottlieb: Du Bürsteli, - ich war schon Maler als du noch in die Hosen gemacht hast. Im ersten Moment war ich Perplex. Sagte darauf aber. Das kann ich ja ändern. Und meldete mich zur Malerprüfung an. Via den Geschäftsführer erfuhr ich was ich noch lernen musste. Ein halbes Jahr später habe ich die Prüfung mit 4.8 abgeschlossen, worauf ich einmal als der Chef persönlich aufkreuzte ihm den Fähigkeitsausweis vorgezeigt und um Lohnaufbesserung gebeten. Was er verweigerte. 4 Wochen später habe ich gekündet und selbst angefangen obwohl dies ein grosses Risiko war mit inzwischen 4 Kindern und einer Frau die mit Geld einteilen Mühe hatte.
Die ersten 11 Monate arbeitete ich als Tapezierer im Unterakkord. Als dieser Auftrag ausging musste ich mich selbst umsehen, worauf ich für verschiedene Malermeister meist sehr teure Tapeten aufziehen musste die diese ihren Leuten nicht zutrauten. Nebenbei suchte ich via Inserate Malerarbeiten hereinzubringen, was mit der Zeit einigermassen gut gelang. Jedenfalls konnte ich während meiner 16-jährigen Selbständigkeit meist 1 bis 2 Arbeiter beschäftigen. Diese dauerte bis am 6. April 1983. Während diesen 16 Jahren ging die Ehe in die Brüche. Nachzutragen ist, - dass der Sohn Beat am 22. Juli 1972 durch einen Unfall ums Leben kam, was die Ehe sehr belastete. Da ich keine Schmutzwäsche waschen will, sage ich, dass es sicher bei beiden gehapert hat. Etwa 2 Jahre nach der Scheidung, 1978, fand ich wieder eine Frau, mit der ich heute nach weit über 30 Jahren immer noch glücklich verheiratet bin. Meine Frau Renate war in jungen Jahren im Tessin und hat die warme Sonne geschätzt. Also sagte sie eines Tages: "Komm, hör auf. Was willst du dich für andere abmühen. Verkauf dein Geschäft und wir ziehen aus. Am liebsten ins Tessin". Gesagt, getan. Wir suchten im Sottoceneri ein Grundstück. Nach einem Jahr fand Renate etwas das vielleicht in Frage kommen könnte wenn ich es gesehen hätte. Also bei nächster Gelegenheit hin und ich war begeistert. Dass wir arbeiten können, das wussten wir. Dass daraus aber eine Plackerei wurde wie seinerzeit die Pioniere im wilden Westen, - das erlebten wir anschliessend. Wir rodeten 1982 bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Stauden und kl. Bäume bis das Land einigermassen frei war. In der gleichen Zeit fertigte ich in der Werkstatt eine Baubaracke an, erstellte neue Pläne für den Umbau des vorhandenen Baufälligen Rustico, liess diese von einem Architekten begutachten und von diesem bei der Behörde beantragen. Nach der Baubewilligung verkaufte ich den Betrieb an meinen langjährigen Arbeiter für einen Pappenstiel und begann mit den Bauarbeiten In Vaglio am 7. April 1983
Als erstes musste ich die hintere und linke Seitenwand abtragen. Dann die restlichen Wände unterfahren. Erst dann konnte ich mit dem Aufbau beginnen. Sämtliches Baumaterial musste ich mit meinem Kleinbus transportieren, weil ein breiteres Fahrzeug nicht durchkam. In die Baracke hatte ich einen Wohnteil abgetrennt den ich notdürftig bewohnen konnte. Wasser zum Bauen lieferte der Bach nebenan. Trinkwasser musste ich allerdings am Dorfbrunnen in Kanistern besorgen. Meistens war ich allein. Ab und zu ging ich nach Bern um Teile einzukaufen die im Tessin nicht, oder nur in schlechter Qualität erhältlich war. Manchmal kam Renate zu Hilfe wenn ich eine Hand mehr benötigte. Im Normalfall blieb sie in Bern weil ihr Sohn noch in Ausbildung war. Das Bauen ging dank günstigen Wetterverhältnissen und sehr langen Arbeitstagen flott voran. 12-16 Stundentage waren die Regel. Am 21. Juni 1984 konnte zum ersten Mal im noch nicht ganz fertigen Haus übernachtet werden und die Familie war wieder komplett. Jetzt war noch das Finish Innen und Assen zu machen sowie die Zufahrt befestigen. Sonnenkollektoren und Rebberg inkl. Dies dauerte noch bis gegen Ende Jahr.
Weil ich noch zu Jung und zu Agil war um die Hände in den Schoss zu legen, suchte ich mir eine Arbeit. Da ich mich als ehemaliger Selbständiger nicht bei einem Tessiner Malermeister unterordnen wollte suchte ich etwas anderes und fand es als Hauswart in einer sehr grossen Eigentums-Feriensiedlung zwischen Melide und Morcote. Diese Arbeit führte ich während 5 Jahren zur Zufriedenheit aller aus. Da inzwischen im Tessin aber 3 Mal sehr viel Schnee gefallen ist (bis 1,2 m) und wir zu Hause blockiert waren begannen wir uns zu überlegen: Was passiert wenn jemand Krank wird. Kein Arzt kann dich mit dem Auto erreichen, und die Rega könnte nicht Landen wegen Telefonstangen. Zudem hatte ich Probleme mit der Sprache die ich nicht mehr richtig lernte. Also suchten wir uns wieder nach der Deutschschweiz zu verschieben bevor wir Alt werden. Wir verkauften die Tessiner Liegenschaft und zogen in die Deutschschweiz zurück. Ich fand eine Stelle als Maler/Transporteur im Alters-und Pflegeheim Utzigen, das ich 4 Jahre lang machte. Mit dem Ausbruch der Angina Pectoris war meine Berufslaufbahn zu Ende.
Als angeschlagener Rentner
wollte, und konnte ich mich noch nicht ergeben. 2002 meldeten wir uns bei der EXPO an und durften in Murten Behinderte betreuen. Einmal konnten wir Behinderte in ihren Weihnachtsferien nach dem Burgund begleiten. Im Hasliberg kochten wir für eine, und ein Jahr später im Eriz für 2 Schulklassen während ihrer Forstwoche das Essen. Im Übrigen vertrieben wir uns die Zeit mit Wandern und Gartenarbeit.
G. Brunner 16.Nov.2010
Biografie als PDF
zurück