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Doch noch namhafte Schweizer Beteiligung im Wettbewerb von Venedig – zumindest hinter der Kamera: Der Tessiner Kameramann Renato Berta ist verantwortlich für die wunderschönen Bilder in «Il giovane favoloso», dieses italienischen Wettbewerbbeitrags von Mario Martone. Berta erhielt dafür im Juni dieses Jahres den prestigeträchtigen deutschen Kamerapreis.
Mario Martone konzentriert in seiner Filmbiografie ganz auf den Menschen Giacomo Leopardi (1798–1837), den italienischen Dichter, Übersetzer und Philosophen. Auf dessen Lebenskampf als kranker und körperlich deformierter Mann, der immer wieder gegen die Depression kämpfte und anschrieb.
Ersticken im kalten Umfeld
Der Film macht eine grosse Klammer um das Leben dieses so wichtigen italienischen Dichters. Er beginnt – nach einem sehr kurzen Vorlauf aus der Kindheit Leopardis mit seinen zwei Lieblingsgeschwistern – mit dem jungen Mann. Er steht noch ganz am Anfang seiner literarischen Karriere und erstickt fast im bigotten, kalten und sehr konservativen Umfeld in der Kleinstadt Recanati.
Die Familie hat eine riesige Bibliothek, und der Vater unterstützt die dichterische Laufbahn des ältesten Sohnes zunächst. Aber Giacomo (sehr eindrücklich zwischen philosophisch-poetischem Furor und grossem Leiden dargestellt von Elio Germano) überwirft sich immer mehr mit dem streng konservativen und gläubigen Vater. Schliesslich freundet er sich mit Pietro Giordani an, einem antiklerikalen Schriftsteller. Nicht nur seine Familie verübelt ihm diese Freundschaft, und bald darauf bricht Leopardis aus dem Familienumfeld aus.
Der Dichter bleibt unsterblich
Nach diesem ersten Teil überspringt der Film zehn Jahre, zeigt nur noch die beiden letzten Stationen im Leben Leopardis, der zusammen mit Alessandro Manzoni zu den wichtigsten italienischen Dichtern des 19. Jahrhunderts zählt. Leopardi ist in Florenz und trifft hier auf Fanny Targioni Tozzetti (Anna Mouglalis), der er (mittlerweile schon ziemlich verwachsen wegen einer Knochenkrankheit) eine unerwiderte Liebe entgegenbringt.
Diese unerwiderte Liebe und die mangelnde Anerkennung der Intellektuellen in Florenz, denen die melancholisch-pessimistische Haltung Leopardis nicht gefällt, treiben den Dichter schliesslich nach Neapel. Am Fusse des Vesuv stirbt er mit nur 39 Jahren. Im Film jedoch stirbt Leopardi nicht. Regisseur Martone beendet seinen Film vorher, der Dichter bleibt auch im Film unsterblich. Das ist nur eine der vielen Feinheiten in dieser wunderschönen, differenzierten und sehr persönlich gefärbten Biografie.
Immer krummer und gebrechlicher
Der Film ist wort- und bildgewaltig, wunderschön ausgestattet, zweieinhalb Stunden lang. Und dennoch ist «Il giovane favoloso» kein schweres Werk, kein von den Werken des Dichters überladenes Literaturepos. Martone sucht «seinen» Leopardi nicht primär in den Gedichten und Schriften (obwohl man zum Glück einige der schönsten Gedichte zu hören bekommt), sondern im krassen Gegensatz zwischen diesem labilen Männchen, das im Lauf des Films immer skurriler, gebrechlicher und krummer wird, und der Grösse und Bedeutung seiner Werke.
Das funktioniert auch beim Zuschauen: Manchmal fragt man sich, ob diese leidende, schwer atmende, hinkende Figur auf der Leinwand tatsächlich einer der grössten italienischen Dichter sein soll. Die Antwort gibt Leopardi im Film selber : «Die Wahrheit ist im Zweifel zu finden. Nur wer zweifelt, sieht die Wahrheit hinter den Dingen.»