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Zwei Jahre ist es nun her, als sich Marc-Andrea Hüsler als Tennisspieler neu erfand. «Ich fand heraus, wie der Match aussehen muss, den ich gewinne. Ich bin der Pilot, ich muss bestimmen, was auf dem Platz abläuft.» Das war im September 2020 in Kitzbühel.
Zwei Jahre später hat der Pilot ein neues Ziel erreicht, das in diesem Jahrtausend erst Stan Wawrinka und Roger Federer gelungen war: Er gewann als Schweizer ein ATP-Turnier. Im Final von Sofia besiegte Hüsler den Norweger Rune und festigte seinen Platz unter den besten 100 Tennisspielern der Welt.
Kitzbühel vor zwei Jahren wurde zum Turnier, an dem er sich als Pilot neu erfand, wie er damals dem Tagesanzeiger berichtete. Damals stürmte er – mit einigen Enttäuschungen im Gepäck – bis ins Halbfinale. Er gewann insgesamt fünf Matches, vier davon gegen Top-100-Spieler, darunter jenes gegen den top gesetzten Italiener Fabio Fognini, damals die ATP-Nummer 12 der Welt. Fognini kehrte von einer Fussverletzung auf die Tour zurück und wurde von Hüsler regelrecht vorgeführt: 6:1, 6:2 lautete das Resultat.
«Ich werde nie ein Spieler sein, der wegen seiner Defensivkünste gewinnt», sagte er nach dem Turnier. Nun ist der Pilot in eine neue Sphäre geflogen. Wie kam es so weit?
Nach dem Abschluss seiner Matura entschied sich der Zürcher dazu, professionell Tennis zu spielen. Zu Beginn seiner Profi-Karriere hatte er noch einige Probleme, sich gegen die gleichaltrige Konkurrenz durchzusetzen. Doch durch professionelles Training und mehr Turnier-Erfahrung konnte er schnell sein Niveau verbessern.
Im April 2018 wurde Hüsler zusammen mit Jakub Paul für zwei Wochen von Roger Federer nach Dubai eingeladen. «Das war sehr cool. Wir konnten so oft trainieren, wie wir wollten. Es war beeindruckend zu erfahren, wie Federer trainiert. Einerseits siehst du, dass du mitspielen kannst – andererseits siehst du, wie viel noch fehlt zur Spitze», sagte Hüsler damals gegenüber dem «Blick». Bereits im Herbst 2017 durfte er mit Federer im Rahmen der Swiss Indoors in Basel ein Training absolvieren.
Dank einer Wildcard durfte der damals 22-jährige Hüsler 2018 an den Swiss Open in Gstaad teilnehmen. Dort gelang ihm bei seinem ATP-Debüt gleich ein Drei-Satz-Sieg über den Routinier und ehemaligen Top-10-Spieler Nicolas Almagro aus Spanien.
Nach seinem Sieg über Almagro folgte noch im selben Jahr das erste Aufgebot im Davis-Cup für Hüsler. Für ihn ging damit ein Kindheitstraum in Erfüllung: «Schon als kleiner Bub sass ich vor dem Fernseher und beobachte die Schweiz am Davis-Cup spielen.»
Trotz ungünstiger Voraussetzungen und ohne Gepäck konnte sich Marc-Andrea Hüsler beim Challenger-Turnier in Mexiko durchsetzen. Im Finale bezwang er den favorisierten Spanier Adrian Menéndez und sprang damit erstmals unter die Top-300 der Weltrangliste.
2020 dann das Turnier in Kitzbühel, mehr durch Zufall fährt Hüsler auf gut Glück an das 250K-ATP-Turnier. Da er es beim Challenger-Turnier in Prostejov (Tschechien) nicht in die Qualifikation geschafft hat, tritt er in Österreich an. Dies stellt sich im Nachhinein als absoluter Glücksfall heraus.
Hüsler wird von Spiel zu Spiel stärker, schafft es den Gegnern sein Spiel aufzuzwingen. Welches vor allem von seinem dominanten Aufschlagspiel lebt. Er schaltet der Reihe nach fünf Top-100-Spieler aus. Nimmt Fognini in unter einer Stunde aus dem Turnier. Bis im Halbfinale schliesslich gegen den Serben Miomir Kecmanovic das Aus kommt.
Anschliessend schafft es Hüsler seinem Spiel eine gewisse Konstanz zu verleihen. Er gewinnt die Challenger-Turniere in München und Mexico-City. Durch den Sieg in München stösst Hüsler bis auf Platz 148 der Weltrangliste vor.
2022 sollte das bislang erfolgreichste Jahr für den 26-Jährigen werden. Zunächst gelang ihm beim ATP-Turnier im August in Winston-Salem der Sprung bis ins Halbfinale. Dadurch verbesserte er sich in der Rangliste auf den 85. Platz und schaffte erstmals den Einzug unter die Top-100 der Welt.
In Sofia gelang Hüsler Ende September sein bisher grösster Karriere-Erfolg. Im Finale bezwang er den favorisierten Dänen Holger Rune (ATP 31). Durch diesen Sieg steht er jetzt auf Rang 64 der ATP-Weltrangliste. Im Gespräch mit «20 Minuten» verriet er, dass er Gratulations-Nachrichten von Leuten erhalten habe, «die ich gar nicht kenne».
Auch Federer fieberte mit. «Ich habe gehört, dass Federer den Match mit seinen Kindern verfolgt hat und vor dem TV mitfieberte», verriet der Zürcher Hüsler.
Der 1,96 Meter grosse Linkshänder wurde mit dem Sieg in Sofia zum dritten Schweizer, welcher im 21. Jahrhundert einen ATP-Turniersieg einfahren konnte. Die anderen beiden sind Roger Federer und Stan Wawrinka. Zudem ist Hüsler der erste Schweizer Turniersieger seit Roger Federer 2019 in Basel.
Auch in den Tagen nach seinem Sieg muss Hüsler die Geschehnisse noch verarbeiten. Jedoch geht sein Blick schon wieder nach vorne. «Das nächste Ziel ist ein Sieg in einem Grand-Slam-Feld», verrät er im Interview mit dem «SRF».
Dass er mit den ganz Grossen mithalten kann, ist ihm spätestens seit dem Turnier in Kitzbühel klar. Auch gegen Spieler vom Kaliber eines Daniil Medwedew hat er sein Können bei einem Future-Turnier in Italien unter Beweis gestellt. Vom Spielstil eines Roger Federer Serve & Volley konnte er sich einiges abschauen. Sollte er seinen Aufstieg nun weiter fortsetzen können, dürfte er auch noch weitere Plätze im ATP-Ranking gutmachen. Doch so schnell der Aufstieg in diesem Jahr für Hüsler kam, so schnell kann es für ihn auch wieder nach unten gehen. Um unter die Top-50 zu kommen, bedarf es eines weiteren Leistungssprunges von Hüsler, denn Luft wird oben bekanntlich immer dünner.