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Vorträge MWS FS 2017
Alle Vorträge finden im Vortragssaal des Musikwissenschaftlichen Seminars statt.
Wenn nicht anders angegeben, beginnen die Vorträge jeweils um 18.15 Uhr.
21. November 2017 – László Vikárius
Béla Bartóks Der wunderbare Mandarin – gattungsspezifische Überlegungen zu Komposition, Quellen und Fassungen
Béla Bartók komponierte 1918/19 sein drittes und letztes Bühnenwerk, die „Pantomime“ Der wunderbare Mandarin zu einer ganz turbulenten Zeit in Ungarn nach dem ersten Weltkrieg. Zu einer Orchestrierung der in der Form eines vierhändigen Auszugs abgeschlossenen Komposition kam es weder dann noch in den darauffolgenden ersten Nachkriegsjahren. Inzwischen spielte der Komponist das Werk allein oder zusammen mit einem Musikerpartner, wie z. B. dem Dirigenten István Strasser 1920 zweimal in Berlin, gelegentlich in der damaligen Werkfassung vor. Schließlich konnte er die Orchestrierung im Sommer 1924 unternehmen. Fünf Jahre nach dem Abschluss der Komposition revidierte er die Musik auf Grund neuer musikalischen Erlebnisse und Erfahrungen. Die Revision betraf einige Stellen, wie den Schluss, besonders wesentlich. Seitdem die Schlüsselquelle, der vierhändige Klavierauszug in der Basler Paul Sacher Stiftung restauriert worden ist und außer einzelnen durch Überklebung bedeckten Passagen auch zwei zueinander geklebten Seiten zum Vorschein gekommen sind, scheint die bisher aus den Quellen nur lückenhaft bekannte Erstfassung schlussendlich vollständig erkenn- und rekonstruierbar zu sein. Der Vortrag soll die wesentlichsten kompositorischen Quellen und den teilweise symphonischen Überarbeitungsprozess der ursprünglich sehr stark auf eine musikalische Gestik aufgebauten Pantomime-Musik dieses radikalsten modernistischen Werkes beleuchten.
László Vikárius (1962) leitet das Bartók-Archiv (seit 2005) am Institut für Musikwissenschaft, Geisteswissenschaftliches Forschungszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, und ist Editionsleiter der Béla-Bartók-Gesamtausgabe. Seine Edition von Für Kinder (Frühfassung und revidierte Fassung) erschien 2016 (Bd. 37 der Reihe, hrsg. unter Mitarbeit von Vera Lampert). Er ist auch außerordentlicher Professor der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest und war Vorsitzender der Ungarischen Musikwissenschaftlichen Gesellschaft zwischen 2007 und 2016.
Er studierte von 1984 bis 1989 Musikwissenschaft an der Franz-Liszt-Musikakademie (heute Universität). Er beendete sein Studium 1992 mit einer Diplomarbeit über ein musiktheoretisches Traktat in lateinischer Sprache aus dem 15. Jh., betreut von László Dobszay und Janka Szendrei. 1988 wurde er Mitarbeiter des Bartók-Archivs Budapest unter der Leitung László Somfais. Nach seinem einmonatigen Aufenthalt in Florenz erhielt er verschiedene Stipendien (Zoltán Kodály Stipendium 1990/91, TMB-Nachwuchsstipendium 1992–1995, János Bolyai Forschungsstipendium 2000–2003). Dank eines Schweizer Stipendiums studierte er am Basler Institut für Musikwissenschaft (Schwerpunkt Polyphonie des Mittelalters und der Renaissance), währenddessen er auch in der Paul-Sacher-Stiftung Forschungen betrieb.
Seit 1996 lehrt er an der Franz-Liszt-Musikakademie. Er wurde im Jahre 2000 zum wissenschaftlichen Assistenten, 2004 zum außerordentlichen Professoren ernannt. Er nimmt an internationalen Konferenzen regelmäßig teil und hat in Zeitschriften wie Hungarian Quarterly, International Journal of Musicology, Magyar Zene [Ungarische Musik], Musical Quarterly, Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa, MusikTheorie, Studia Musicologica und Studien zur Wertungsforschung Aufsätze über Bartóks Leben und Werk veröffentlicht.
Seine Doktorarbeit, Modell és inspiráció Bartók zenei gondolkodásában [Modell und Inspiration im musikalischen Denken Bartóks] erschien 1999. Er war Herausgeber der Faksimileausgabe Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg (2006, mit Kommentar), die Somfai Festschrift (mit Vera Lampert, 2005), Bartók and Arab Folk Music (CD-ROM, mit János Kárpáti und István Pávai, 2006), Vera Lampert, Folk Music in Bartók’s Compositions: A Source Catalog (2008) und hat auch Ausstellungskataloge herausgegeben, Bartók and Kodály – anno 1910 (mit Anna Baranyi, 2010), Bartók the Folklorist (2014), Bartók the Pianist (mit Virág Büky, 2017).
9. Mai 2017 – Siegfried Mauser
Weberns Variationen op. 27 und Klaviermusik der Wieder Schule
Die Klaviermusik im Oeuvre der Hauptvertreter der zweiten Wiener Schule nimmt zwar quantitativ keinen breiten Raum ein, dennoch markieren einzelne Werke wesentliche entwicklungsgeschichtliche Umbrüche. Unter diesem Aspekt sollen Arnold Schönbergs Klavierstücke op. 11, op. 19 und op. 33 a und die Webernschen Klaviervariationen op. 27 gespielt und theoretisch interpretiert, sowie in einen größeren historischen Kontext gestellt werden.
Siegfried Mauser (*1954) studierte Klavier, Musikwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in München und Salzburg, wo er sich 1981 promovierte. 1982 wurde er bereits an die Staatliche Hochschule für Musik Würzburg berufen. Später grundete er an der Universität Mozarteum Salzburg ein «Forschungsinstitut für musikalische Hermeneutik». Neben verschiedenen Lehraufträgen und Professuren stand er von 2003 bis 2014 der Münchner Hochschule für Musik und Theater und von 2014 bis 2016 der Universität Mozarteum Salzburg als Rektor vor.
Er ist weiterhin als Konzertpianist aktiv und hat in dieser Tätigkeit unter anderem mit den Dirigenten Péter Eötvös, Johannes Kalitzke, Kent Nagano und Jonathan Stockhammer und den InstrumentalistInnen Tabea Zimmermann, Jörg Widmann und Thomas Zehetmair. Des Weiteren hat er zahlreiche Werke unter anderem von Wolfgang Rihm, Hans Werner Henze und Jörg Widmann zur Uraufführung gebracht.
Als Musikwissenschaftler verfasste er zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen musikalischen Analyse, Musikästhetik und Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und ist u.a. Herausgeber des «Handbuchs der musikalischen Gattungen».
23. Mai 2017 – Andrea F. Bohlman
Lutostawskis politische Refrains
Dieser Vortrag untersucht am Beispiel Witold Lutosławski das Verhältnis zwischen Komponisten und den politischen Bewegungen ihrer Gegenwart. Während die «Solidarność» Bewegung gegen die kommunistische Partei Polens in den frühen 1980er Jahren an Zugkraft gewann, versuchte die polnische Gesellschaft und Lutosławskis internationales Publikum immer mehr die Stimme des prominenten Komponisten in der zentralen Diskurs über demokratische Wertvorstellungen und bürgerliche Gesellschaft zu stellen. Viele Kritiker, Musikwissenschaftler und Aktivisten analysierten und feierten Lutosławskis Dritte Sinfonie (1983) für ihre explizite politische Aussage. Der Komponist selber aber weigerte sich, sich überhaupt mit der Bewegung auseinander zu setzen und sprach nur selten über die politischen Umstände. Mit einer ethnographischen Sensibilität setze ich im Vortrag die Rezensionsgeschichte der Sinfonie in Beziehung mit Lutosławskis «Performance» der Solidarität mit der polnischen Opposition in öffentliche Interviews und privaten Gesprächen. Ich vertrete die Position, dass sein Verhältnis zur Politik mehr ein Produkt seiner sozialen Netzwerken und seiner Selbstdarstellung als Künstler war, als ein Produkt eines Impuls einen Regimewechsel zu bewirken.
Andrea F. Bohlman is Assistant Professor of Music at the University of North Carolina at Chapel Hill and, for the 2016–17 academic year, a fellow at the Wissenschaftskolleg zu Berlin. She is completing a monograph on the stakes of music for the Solidarity movement in Poland and has published on music and protest (in the Journal of Musicology) and on amateur recording and materiality (forthcoming in Twentieth- Century Music). Her work incorporates tools from sound and media studies with an integrative approach to ethnographic method and archival work. She is deeply invested in exploring the diverse musics that permeate musical cultures past and present, whether these are popular, sacred, art, or experimental. This interest in listening across and beyond boundaries is integral to her work on music and social movements, amateur sound media, and song festivals, for example.