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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch VII.
19.
In bezug auf den Begriff Substanz dürfte das jetzt Gesagte genügen. Substanz wird aber nicht nur Genus, Spezies, Individuum genannt, sondern auch Materie, Form und Privation. Da hierbei die gleiche Teilung bleibt, besteht kein Unterschied. Bei dieser Auffassung von der Substanz teilt er das All auf folgende Weise ein. Die Welt besteht aus mehreren verschiedenen Teilen; der Teil, der sich von der Erde bis zum Monde erstreckt, ist ohne Voraussicht, ohne Regierung, durch seine eigene Natur befriedigt; der Teil hinter dem Monde aber ist bis zur Oberfläche des Himmels geordnet in bezug auf Regelmäßigkeit, Voraussicht und Leitung; die Oberfläche des Himmels, eine fünfte Substanz, ist von allen Naturelementen, aus denen die Welt besteht, losgelöst, und so ist diese Substanz nach Aristoteles1 die fünfte, gewissermaßen eine überweltliche Substanz. Und so hat er gemäß der Teilung der Welt seine Abhandlung eingeteilt. Er hat eine Abhandlung über die physischen Dinge verfaßt; darin hat er die Dinge zwischen Erde und Mond bearbeitet, die durch blinde Naturkraft und nicht durch Überlegung geleitet werden. Er hat aber auch nach den physischen Dingen ein eigenes weiteres Werk verfaßt, das über die Dinge hinter dem Mond handelt und demgemäß Metaphysik betitelt ist; ein weiteres Buch hat er über die fünfte [S. 198] Substanz verfaßt, seine Theodicee. Solcher Art ist die Einteilung des Alls im ganzen genommen und die der aristotelischen Philosophie. Seine Abhandlung über die Seele ist dunkel. Sie umfaßt drei Bücher; doch weiß man nicht, was er über die Seele denkt. Leicht ist es anzugeben, welche Definition er von der Seele gibt, was aber die Definition bedeutet, ist schwer zu ergründen. Nach ihm2 ist nämlich die Seele die Entelechie3 des organischen physischen Körpers, was aber diese ist, bedarf vieler Ausführungen und langer Untersuchung. Gott aber, der Urheber alles Guten, ist noch schwieriger zu erkennen als die Seele, auch für den, der gar lange forscht. Die Definition, die Aristoteles von Gott gibt, ist nicht schwer kennen zu lernen, aber unmöglich zu verstehen. „Er ist“, so sagt er4, „der Gedanke des Gedankens“, und dies ist absolut etwas Nichtexistierendes. Die Welt ist nach Aristoteles unzerstörbar, ewig; sie hat nichts Fehlerhaftes an sich, da sie von Vorsehung und Natur geleitet wird. Aristoteles hat aber nicht nur über Natur, Welt, Vorsehung und Gott Abhandlungen geschrieben, sondern er hat auch ein Werk über Ethik geliefert unter dem Titel: Ethische Bücher, durch die er bessernd auf die schlechte Moral der Hörer einwirkt.
Wenn man nun den Basilides darauf ertappt, wie er nicht nur dem Sinne nach, sondern sogar mit denselben Ausdrücken und Namen die Lehren des Aristoteles in unsere evangelische Erlöserlehre einschmuggelt, was können wir da anderes tun, als das fremde Gut abzugeben und seinen Schülern klarzumachen, daß ihnen als Heiden Christus nicht nützen werde5.
1: Gener. anim. II 3 S. 736 b 30.
2: [Peri psychēs] Περὶ ψθυχῆς II 1 S. 412 a 19 ff.
3: Wirklichkeit, Wirksamkeit, Form.
4: Met. XII 9 S. 1074 b 33 ff.
5: Gal. 5, 2.