Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03403.jsonl.gz/2989

VON MARTIN AMREIN
Der verhängnisvolle Fehler geschieht in der Südkurve des Hockenheimrings: Nachdem ein junger russischer Rennfahrer die Kontrolle über seinen Wagen verloren hat, will er quer über die Rennbahn abbiegen. Dabei übersieht er den heranbrausenden Seat Leon von Christina Surer. Es kommt zur Kollision. «Plötzlich war alles nur noch schwarz», erzählt die Schweizer Rennfahrerin heute, drei Jahre nach dem Unfall.
Der Aufprall damals war so massiv, dass sich Surers Hals überdehnte und sie mit dem Kopf hart aufschlug. In den folgenden Tagen hatte sie starke Nackenschmerzen, Gedächtnislücken und Probleme mit dem Gleichgewicht, brauchte absolute Ruhe. Die Diagnose der Ärzte: Schleudertrauma.
Gemäss einer Studie der Schweizer Unfallversicherungen (SSUV) erleiden hierzulande jährlich 25000 Personen ein Schleudertrauma. Die meisten von ihnen sind nach ein paar Wochen wieder beschwerdefrei. Bei 10 bis 15 Prozent entwickeln sich die Symptome zu einem chronischen Leiden. Auf solche Patienten könnten nun schwierige Zeiten zukommen. Anfang Woche hat das Bundesgericht entschieden: Wer an den Folgen eines Schleudertraumas leidet, hat in der Regel keinen Anspruch mehr auf eine IV-Rente.
Für Christina Surer ist eine Rente kein Thema. Nach dem Unfall musste sie zwar eine Halskrause tragen und drei Monate lang auf Sport verzichten. Heute geht es ihr aber gut. «Ich bin wieder arbeitsfähig, zu mindestens 120 Prozent», scherzt sie.
Weniger Glück hatte René Kälin. Er gehört zu jenen Schleudertrauma-Patienten, die durch ihre chronischen Beschwerden stark eingeschränkt sind. 1999 erlebte er einen schweren Auffahrunfall, zwei Jahre später kam noch ein Velounfall dazu.
Seither ist er gerade noch 50 Prozent arbeitsfähig. Traut er sich mehr zu, verschlimmern sich seine Schmerzen: «Sie steigen jeweils vom Nacken hoch und lagern sich als Kopfschmerzen in der Stirn ab», sagt er. Darauf folgten Verspannungen in Nacken, Schultern und Rücken. René Kälin ist Gemeindepräsident im zürcherischen Mettmenstetten. Er hat sein Büro zu Hause, wo er regelmässige Pausen einlegen kann. Akten liest er im Bett liegend. Der 49-Jährige ist auf eine IV-Rente angewiesen.
Vor den Unfällen konnte René Kälin beruflich als Organisator vollen Einsatz leisten und war begeisterter Freizeitsportler. Heute führt er ein anderes Leben. Um seine Beschwerden im Zaum zu halten, braucht er täglich eine Stunde Mittagsschlaf. Er besucht eine Physiotherapie, macht Körperaufbautraining – und schluckt Schmerzmittel.
Das Urteil des Bundesgerichts könnte für ihn Folgen haben. Laut Gericht müssen Patienten, deren Schmerzen sich nicht organisch nachweisen lassen, künftig ohne Rente auskommen. Weder auf Röntgenbildern noch auf anderen bildgebenden Verfahren sind bei René Kälins Halswirbeln Bruchstellen auszumachen. Doch genau das ist bei Schleudertrauma-Patienten keine Seltenheit: «Ein Schleudertrauma entsteht durch eine heftige Beuge- und Streckbewegung des Nackens, die zu kleinen Schäden an der Halswirbelsäule führt.
In vielen Fällen sind diese nicht nachzuweisen», sagt Adrian Siegel, Professor für Neurologie. Das Schleudertrauma bezeichnet keine Verletzung, sondern umschreibt ein Krankheitsbild. «Dazu gehören Symptome wie Schmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Tinnitus oder emotionale Probleme.»
Laut Adrian Siegelhat das Bundesgericht seine Kompetenzen überschritten, indem es nun über einen medizinischen Sachverhalt geurteilt hat. Es schreibe nämlich vor, bei der Abklärung von Patienten mit einem Schleudertrauma gleich vorzugehen wie bei der Beurteilung von psychischen Krankheiten. «Damit verkennt das Bundesgericht, dass ein Schleudertrauma nicht nur psychische, sondern auch körperliche Folgen hat.»
Man müsse aber auch sehen, weshalb es überhaupt zum Bundesgerichtsurteil gekommen sei: «Viele Patienten haben Schindluder getrieben», sagt Siegel. «Schon nach dem geringsten Unfall liessen sie sich krankschreiben, um die Versicherungen wie Milchkühe zu melken.»
Eine Korrektur bei der Zusprechung von IV-Renten sei deshalb nötig. Doch nun schlage das Pendel zu stark auf die andere Seite aus: «Jene Patienten, die tatsächlich schwer eingeschränkt und auf eine Rente angewiesen sind, werden durch das Urteil bestraft.»
Würde René Kälins Rente gestrichen, könnte es sein, dass sein Einkommen in Zukunft nicht mehr ausreichte. Dann wäre er auf Sozialhilfe angewiesen. «Es ist sinnvoll, jeden Fall genau abzuklären», sagt Christina Surer. «Ich finde es aber falsch, dass nun alle Patienten in denselben Topf geworfen werden.» Es gebe Leute, die wirklich stark unter den Folgen eines Schleudertraumas leideten. Dass damit nicht zu spassen ist, hat sie am eigenen Leib erfahren.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!
Wer an den Folgen eines Schleudertraumas leidet, hat in der Regel kein Anrecht mehr auf eine IV-Rente. Künftig könnten Betroffene von der Sozialhilfe abhängig sein.
VON MARTIN AMREIN