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Paolo Della Bella war der erste Schweizer, der in der höchsten russischen Liga spielte. hockeyfans.ch sprach mit dem Italo-Schweizer vor dem CHL-Finale zwischen seinem Ex-Club Metallurg Magnitogorsk und seinem einstigen Gegner ZSC Lions.
Von Martin Merk
Der Tessiner Paolo Della Bella hat es zwar nie zu einem Länderspiel geschafft, doch von der Eishockey-Welt blieb ihm so gut wie nichts verborgen. In seinen jungen Jahren stand er für Lugano, Ambrì und Davos im Einsatz, bis er nach Nordamerika ging um bei der University of Ottawa zu studieren und zu spielen. Die Rückkehr zu Ambrì im Sommer 2000 war nur von kurzer Dauer. Bei Spielen in Magnitogorsk wurde er gleich dort behalten und feierte als Ersatztorhüter hinter dem ukrainischen Nationalgoalie Igor Karpenko den Meistertitel, wobei er es auf 16 Spiele in der russischen Superliga schaffte. Es folgte ein Jahr in der Schweiz (Lugano, La Chaux-de-Fonds), ein weiteres Nordamerika-Abenteuer in Knoxville (ACHL), ein Gastauftritt bei Ajoie und 2003 der Umzug nach Italien. Wie er Magnitogorsk erlebte, welche Chancen er den ZSC Lions gibt und was er heute macht, verrät er im Interview.
Paolo Della Bella, wie war das damals, als Metallurg dir ein Angebot machte und was dachtest du am Anfang darüber?
Ich war mit Ambrì für ein Vorbereitungsturnier und den europäischen Supercup in Magnitogorsk. Ich zeigte eine gute Leistung und bekam dann das Angebot. Russland hat die stärkste Liga in Europa. Natürlich musste noch ein paar Wörter Russisch lernen, aber ich dachte mir: „Wieso nicht? Wag mal etwas Neues!“
Wie war es in den ersten Tagen in Magnitogorsk? Wie würdest du die Stadt beschreiben?
Nun, das ist ja fast zehn Jahre her, das heutige Russland ist anders als früher. Die Stadt war damals eher noch im sowjetischen Lebensstil. Für mich war es nicht einfach. Ich konnte nichts lesen, verstand die Strassenschilder nicht, konnte kaum etwas finden, aber ich begann zu lernen. Ich fand viele Freunde und die Leute halfen mir.
Wie war es dort bezüglich sozialer Gesichtspunkte damals?
Wenn man die Stadt nicht kennt und kommt, denkt man, es hat nichts. Keine Restaurants, keine Geschäfte. Sie sind nicht gut beworben und daher fast versteckt. Aber die Spieler zeigten mir dann mehr Sachen, die man tun kann, als ich überhaupt Zeit hatte.
Weisst du von Sachen, die sich seither verändert haben?
Sicher mal haben sie eine neue Eishalle erhalten, auch eine neue Kirche. Die Stadt ist europäischer geworden, man hat ganz andere Einkaufsmöglichkeiten. Ich denke auch bei den Clubs ist der Stil nicht mehr so sowjetisch.
War es sehr kalt in der Arena? So im Vergleich zur Valascia in Ambrì...
Nein, wir hatten dort einen Aufenthaltsraum, auch eine Küche. Ich verbrachte viel Zeit dort, wohnte schon fast dort, von dem her kann es gar nicht so kalt gewesen sein.
Wurdet ihr vor den Spielen auch „einkaserniert“ damals?
Ja vor jedem Spiel hatten wir die „Basa“, das war für mich etwas ganz Neues. Es war aber nicht dort. Vor jedem Spiel gingen wir etwa 50 Minuten von der Stadt entfernt in einen Komplex und verbrachten die Zeit als Team zusammen.
Was waren deine Highlights in Magnitogorsk?
Die meisten Spiele, die ich bestreiten durfte, waren für mich Highlights, vor allem an einen 2:1-Sieg gegen Dynamo Moskau kann ich mich gut erinnern, das war wohl mein grösstes Spiel. Ich wurde danach auch von Ralph Krueger angerufen und für das B-Nationalteam nach Morges nominiert. Witzigerweise war „Russland B“ Metallurg Magnitogorsk, so spielte ich gegen meine Kollegen. Am Schluss kam dann die Meisterfeier, das war natürlich auch riesig. Damals war es immer eine grosse Genugtuung, wenn nicht eine Mannschaft aus Moskau Meister wurde wie früher immer.
Gab es auch Tiefpunkte? Und welche?
Das war sicher im Januar, als mein Teamkollege Sergej Zemchenok (dritter Torhüter) ermordet wurde. Er wurde erschossen. Man sagte es mir, als ich zum Training kam und ich dachte zuerst an einen schlechten Scherz, aber es war keiner. Der Club bot mir danach auch an, dass ich eine Freigabe erhalten würde, falls ich mich nicht mehr wohl fühlte in Russland, aber ich blieb und es war letztendlich eine gute Entscheidung.
Was waren deine speziellsten Erlebnisse, an welche du dich lange erinnern wirst?
Aus meiner Perspektive sicher die Flugreisen. Ich war mir ja immer Busreisen gewohnt, wo man dann sein Gepäck verstaut. Das Fliegen war dann wie das Busfahren hier. Wir mussten unsere ganze Ausrüstung selbst ins Flugzeug nehmen und verstauen.
Was können die ZSC Lions in Magnitogorsk erwarten?
Es ist immer hart, ein Auswärtsspiel zu bestreiten, gegen den besten Club Europas, der sogar die New York Rangers so sehr forderte, erst recht. Sie kommen auch aus einer stärkeren Liga ans Spiel, haben ein viel höheres Budget. Aber die ZSC Lions sind für mich dieses Jahr eines der besten Teams, das wir in der Schweiz je hatten. Sie machten einen sehr guten Job und ich denke, dass es eine knappe Sache wird.
Ambrì besiegte Metallurg ja einst im europäischen Supercup. Denkst du, dass auch die ZSC Lions eine Chance haben?
Über eine ganze Saison würde das kaum gehen, aber in einem Spiel ist immer alles möglich.
Wie wird denn die Atmosphäre sein?
Es ist anders als in der Schweiz. Da sind nicht 6000 schreiende Fans wie in Ambrì, aber sie machen schon Lärm. Die Stimmung in Russland ist vielleicht irgendwo zwischen der Schweiz und Nordamerika anzusiedeln. Sie spielen im Stadion auch immer gute Musik und für die Zuschauer sind die Cheerleaders sicher ein Hingucker.
Für wen schlägt denn dein Herz in diesem Finale?
Ich habe mein Herz ein bisschen auf beide Seiten. Einerseits mag ich meinen Ex-Club, als Schweizer drücke ich aber auch den ZSC Lions die Daumen.
Was geschah seither in deinem Leben?
Nach Lugano spielte ich in den Staaten bei Knoxville. Ich kam dann kurzzeitig auch in die AHL und war dort Ersatz hinter Ilja Bryzgalov, was sicher auch ein Highlight war. Leider ist aber vor Saisonbeginn mein Vater verstorben, das war eine harte Zeit für mich. Danach spielte ich kurz NLB-Hockey und übernahm danach den Familienbetrieb in Italien. Ich spielte für Varese und als der Club Konkurs bin, wechselte ich zu den Milano Vipers.
Wieso hast du dich entschlossen, nach der Auflösung der Milano Vipers letzten Sommer in der zweithöchsten Spielklasse für die neugegründeten Milano Rossoblu zu spielen?
Der Präsident hatte genug, immer wieder Geld reinzustecken in ein Team aus einer Liga, wo er jedes Jahr um eine Modusänderung bangen musste. Der General Manager, Trainer und andere Leute haben es dann geschafft, einen Club für die zweithöchste Spielklasse zu gründen. Ich wurde angefragt, ob ich bleiben würde und mir gefiel das Projekt mit jungen Spielern etwas aufzubauen. Auf einmal war ich mit 31 Jahren der älteste Spieler im Team und das ist eine gute Erfahrung.
Der Familienbetrieb wird wohl nun die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Was machst du da genau?
Ich und meine Frau haben den Betrieb nach dem Tod meines Vaters übernommen. Unsere Marke heisst Sottocoperta, wir machen Kindermode und vertreiben sie auf der ganzen Welt. Wegen dem Geschäft kann ich auch nicht mehr allzu weit weg ziehen. Mir gefällt es im Beruf und ich habe gute, vertrauenswürdige Leute um mich herum, die es auch möglich machen, dass ich noch Eishockey spielen kann. Das Geschäft wird wie ein eigenes Baby. Unsere Kleider werden in verschiedenen Ländern auf der Welt vertrieben. Auch in einigen russischen Städten, in Magnitogorsk aber noch nicht.