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Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.
Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.
Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.
Kulturreise Tessin (Sopraceneri), 18.-23. Juli 2020
Früher, da hielt jeder Schnellzug in Biasca, mal abgesehen vom rot-beige gestreiften Trans-Europa-Express Gottardo, in dem es nur Plätze der ersten Klasse mit Zuschlag gab.
Biasca ist dort, wo die alte Gotthardbahn den Talboden erreicht und keine weitere Steilstufen mit Kehrtunneln nach unten führen. Der Halt bot den Reisenden die Gelegenheit, vom Zug aus die dunklen, hoch aufragenden, von Gletschern abgeschliffenen Felsen zu betrachten und den Bach, der sich von ganz oben über mehrere Wasserfälle in die Tiefe stürzte, dann unter einer kühnen Steinbrücke neben einer Kapelle durchfloss und schliesslich in einem letzten tiefen Fall vor einer steilen Felswand zerstäubte.
Der Wasserfall beeindruckte mich als Kind. Ich ahnte nicht, dass sich am Bach unter der Steinbrücke hoch über dem Bahnhof der Badestrand von Biasca versteckt.
In Biasca begann unsere Kulturreise, die wir kurzfristig organisierten, weil sich im Frühling und Frühsommer angesichts der Coronakrise kaum jemand für eine Auslandreise erwärmen konnte.
Die alte Kleinstadt, die im Jahr 830 erstmals erwähnt wurde, ist das Zentrum der ambrosianischen Täler Leventina, Blenio und Riviera, die früher dem Domkapitel von Mailand gehörten und in denen die Messe bis heute nicht nach dem römischen Ritus aus der Zeit von Papst Gregor zelebriert wird, sondern nach dem älteren Ritus, den der Kirchenvater und Mailänder Bischof Ambrosius im vierten Jahrhundert eingeführt hatte.
Die erste Kirche der drei Täler ist die den Heiligen Petrus und Paulus geweihte Kirche hoch über dem Städtchen. Einer der beiden Wege zum Badestrand unter der Steinbrücke führt direkt an der reich mit Fresken geschmückten Kirche vorbei.
Wir hatten uns für eine Unterkunft im Zentrum von Biasca entschieden, gleich neben der Bushaltestelle Biasca Centro/Borgo. Dort trafen wir uns auf der Terrasse des Restaurants, bezogen unsere Zimmer, fuhren dann mit dem Bus nach Giornico (genauer bis zum Bushalt Giornico Paese) und holten uns beim freundlichen Wirt der Osteria an der Via San Gottardo 37 den Schlüssel für die Kirche Santa Maria del Castello.
Dann gingen wir der Hauptstrasse entlang nach oben durch das Dorf, das eine unübliche Dichte an Kirchen besitzt, und wunderten uns über die vielen verlassenen und zum Verkauf angebotenen Häuser.
Wir kamen zum Denkmal, das am 1. August 1937 eingeweiht wurde und daran erinnert, dass im Dezember 1478 ein Heer der Mailänder Herzöge, das vom Tal her gegen das Dorf vorrückte, in einen Hinterhalt der Bewohner der Leventina geriet.
Beim Denkmal führt eine moderne Brücke über den Fluss Tessin, von der aus man die zwei historischen Steinbrücken erblickt, die die beiden Arme des Flusses überqueren. Eine Quartierstrasse führt zur Kirche auf dem Schlosshügel – das Schloss der Mailänder wurde 1513 zerstört.
Ein Fresko von 1448 in der Schlosskirche zeigt den Heiligen Georg, der den Rachen eines Drachen durchsticht. Die gerettete Prinzessin hält mit unbeteiligter Miene den Drachen locker an einer Leine und hebt mit der anderen Hand ihren Rock ein wenig hoch.
Noch seltsamer ist der dreiköpfige Jesus in der nahen Kirche San Nicola oder San Nicolao, als Symbol für die Dreieinigkeit gemeint.
Gemalt wurden die beiden Fresken mit einem Abstand von über dreissig Jahren von Malern aus dem lombardischen Seregno, die sich mit ihrer Werkstatt in Lugano niedergelassen hatten.
Im Sommer ist am Samstag und Sonntag jeweils nachmittags das Museum der Leventina in der Casa Stanga geöffnet. Das Haus, eine Herberge aus dem 16. Jahrhundert, ist geschmückt mit den Emblemen illustrer Gäste, die dort auf ihrem Weg über den Gotthard übernachteten. Die lohnende Ausstellung stellt die Frage, was die Identität der Bewohner der Leventina ausmacht.
Um 17 Uhr waren wir zurück in Biasca, stiegen durch die Kastanienwälder zur Steinbrücke bei der Kapelle Santa Petronilla hoch, ein Teilnehmer benutzte die Gelegenheit und badete. Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendessen im Ristorante mit Pizzeria namens Pomodoro, das wir hiermit mit gutem Gewissen allen hungrigen Reisenden empfehlen.
Der nächste Vormittag begann mit einer weiteren Busfahrt, und zwar bis zur Haltestelle Acquarossa-Comprovasco, von 1911 bis 1973 Endpunkt einer elektrischen Schmalspurbahn. Dort, im Restaurant Stazione, kann man den Schlüssel abholen zur bekanntesten Kirche des Bleniotals. Es handelt sich um die Kirche San Carlo von Negrentino oberhalb Prugiasco. Die Kunsthistoriker nennen sie auch Sant’Ambrogio Vecchio, weil sie ursprünglich dem Mailänder Bischof und Kirchenvater geweiht war, dessen Reliquie wir im Februar 2020 unter dem Altar der Kirche Sant’Ambrogio in Mailand entdeckt hatten (siehe Reisebericht Mailand, Pavia, Genua). In einer zweistündigen Rundwanderung, die als Sentiero Storico 2 mit braunen Wegweisern ausgeschildert ist, gelangt man zur Kirche und wieder zurück.
Das ehemalige Dörfchen Negrentino und die Kirche liegen am historischen Saumpfad über den Passo di Nara, der ins mittlere Leventinatal führt und dabei die früher nicht begehbare Biaschina-Schlucht meidet. Der Saumpfad liegt geographisch im Bleniotal, politisch gehörte er aber bis 1798 zur Talschaft Leventina und damit zu Uri. Diese Zugehörigkeit dokumentiert bis heute der grosse Uristier am Kirchturm.
Von der Kirche aus überblickt man das Bleniotal. Es ist aber vor allem der bemalte Innenraum, der Besucherinnen und Besucher anzieht. Die Christusfigur aus dem 11. oder beginnenden 12. Jahrhundert mit einem Lorbeerkranz in der Hand hat verschiedene Kunsthistoriker zu Publikationen motiviert. Sehenswert sind auch die Malereien der Seregnesi aus dem 15. Jahrhundert und das Gemälde des Heiligen Ambrosius, das wohl Antonio da Tradate um 1500 gemalt hat.
Es zeigt den im Jahr 397 verstorbenen Kirchenvater auf einem Pferd und mit einer Geissel in der Hand. So soll er in der Schlacht von Parabiago 1339 erschienen sein. Der Anführer des Mailänder Heeres war schon gefangen, die Schlacht schien verloren, da halfen Gebete und eine wundersame Erscheinung des Mailänder Stadtheiligen.
Seit 2007 hilft eine neue Fussgängerbrücke den Wanderern, die die Schlucht hinter der Kirche überqueren und ins Dörfchen Leontica gelangen wollen. Dort hat der alte Mann Felice gelebt, über dessen ruhige Existenz die Leserschaft des preisgekrönten Schriftstellers Fabio Andina Bescheid weiss. Von Leontica führt der Sentiero Storico zurück ins Tal. Die Zeit bis zur Abfahrt des Busses überbrückt man im Restaurant Stazione gerne bei einem kühlenden Getränk.
Das Reisegepäck ruhte während unserer Wanderung im Hotel. Ohne Umsteigen fuhren wir dann vom Zentrum von Biasca ins Zentrum von Bellinzona, mit dem Postauto. In der politischen Hauptstadt des Tessins bezogen wir unser Hotel unter einem Turm der Stadtbefestigung, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Das Hotel ist klein. Es hat keinen Lift, dafür ein gutes und gut besuchtes Restaurant.
Fresken gibt es nicht nur in Giornico und Negrentino, sondern auch in Bellinzona. Etwas ausserhalb der Stadtmauern, an der Strasse nach Lugano, entstand in der bewegten Zeit zwischen 1480 und 1505 ein Kloster der Franziskaner. Die Querwand in der Klosterkirche Santa Maria delle Grazie grenzte die Mönche von den Besuchern ab. Ein bis heute unbekannter Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts hat auf dieser Wand eine grosse Darstellung der Kreuzigung gemalt, umrahmt von fünfzehn kleinen Szenen aus dem Leben Jesu. Wer die Malerei der beginnenden Renaissance liebt, wird diese Fresken nicht vergessen.
Von der Kirche Santa Maria delle Grazie gelangt man durch die Bahnunterführung und über eine Treppe direkt zum Park der Villa dei Cedri, wo bis im November eine zeitgenössische Kunstausstellung zu sehen ist mit dem Titel “Hortus conclusus. L’illusione di un paradiso”.
In Bellinzona sollte man jedenfalls nicht einfach vorbeifahren auf dem Weg in den Süden. Beim Flanieren in der kompakten Altstadt zwischen den Mauern der Stadtbefestigung sollte man es auch nicht versäumen, einen Blick zu werfen in den Innenhof des Rathauses.
Man kann sich fragen, ob militärische Festungen als Kulturerbe taugen. Im Fall von Bellinzona wurde argumentiert, dass es sich um den einzigen Ort der Alpen handelt, wo eine Befestigung ein ganzes Tal absperrt, und die UNESCO fand die Argumentation überzeugend. Ein gutes Argument für den Besuch ist auch die Tatsache, dass das Museum im Castelgrande am Montag geöffnet ist. Diesen Umstand nutzten wir für einen Besuch am Vormittag. Vom Castelgrande aus gelangt man zu Fuss auf die Murata, die das Tal vom Castelgrande aus gegen Westen abriegelt. Wer mehr Zeit zur Verfügung hat, kann auch die beiden anderen Burgen Montebello und Sasso Corbaro besuchen.
Die Stadtbefestigung, die die Mailänder Herzöge zum Schutz vor den gefährlichen Eidgenossen gebaut haben, wurde von diesen zwar belagert, aber nie erobert. Die Bellinzonesi selbst schlossen sich in unsicheren Zeiten der Eidgenossenschaft an.
Aber im Wappen ihrer Stadt haben sie, wie übrigens auch die Bewohner von Biasca, den biscione bewahrt, die Schlange als Symbol der Visconti, der Herzöge von Mailand.
Kurz vor der Ankunft in Locarno fährt der Zug durch einen Tunnel. Was direkt über dem Tunnel liegt, sieht man vom Zug aus nicht, dafür auf den genauen Karten der Landestopografie. Es ist die Villa La Baronata, die der Anarchist Michail Bakunin mit dem Geld seines Freundes und Mitstreiters Carlo Cafiero im Frühling 1873 gekauft hat als Zentrum für die kommende anarchistische Weltrevolution.
Bakunin, der ewig an finanzieller Not leidende Revolutionär mit adliger Herkunft, wohnte seit 1869 in Locarno, wo der Lebensunterhalt billiger war als in Genf. Mit dem Kauf der Baronata hoffte Bakunin auch auf eine Rückkehr seiner Frau Antonia, die zu ihren Eltern nach Sibirien zurückgekehrt war, um dort ihr drittes Kind zu gebären, das wie die zwei ersten von ihrem Liebhaber Carlo Gambuzzi in Neapel stammte. Cafiero billigte aber die Art, wie Bakunin das ihm anvertraute Geld ausgegeben hatte, nicht. Das Projekt Baronata scheiterte, Bakunins Revolutionspläne auch. 1876 starb Bakunin in Bern, als er seinen Arzt besuchte.
Bakunins Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft aber überlebte und inspirierte einerseits die Terroristen, die um die Jahrhundertwende den französischen Präsidenten Carnot, den italienischen König Umberto I, den amerikanischen Präsidenten McKinley, die Kaiserin Sissi und andere Mächtige umbrachten, andererseits die Gründer des Projektes Monte Verità oberhalb von Ascona.
In Locarno angekommen, bezogen wir erst mal unsere Hotelzimmer im Zentrum und machten dann einen Rundgang zur Via della Pace mit dem Gebäude, in dem der kurzlebige Frieden von Locarno nach dem Ersten Weltkrieg verhandelt wurde, zur Piazza Grande, weiter zum seit fünfzehn Jahren leerstehenden Grand Hotel, in dem die Geschichte des Locarno Film Festival begann, dann zur ältesten Kirche des Locarnese (San Vittore in Muralto) und schliesslich an die Uferpromenade.
Am folgenden Tag stand eine dramatische Busfahrt ins Val Lavizzara auf unserem Programm. Die Fahrt führt von Bignasco aus in eine horizontale Welt mit tief eingeschnittenen Schluchten und Dörfern, die an steilen Hängen kleben. Wer mit dem Auto fährt, achtet auf die Leitplanken und Kreuzungsmöglichkeiten auf der engen Strasse mit Haarnadelkurven. Das kleine Postauto hingegen, das fünfmal pro Tag fährt, erlaubt dem Passagier einen ungefährlichen Blick in die Tiefe und in die Höhe.
In Camblee stiegen wir aus, folgten dem Fussweg talaufwärts und gelangten bald von oben ins Dörfchen Mogno mit dem berühmten Kirchenbau von Mario Botta.
In einem Interview erklärte der Architekt, warum er bereit war, nach der Zerstörung der alten Kirche durch eine Lawine eine neue Kirche zu bauen an einem Ort, der keine Einwohner mehr hatte und in dem seit einiger Zeit kein Gottesdienst mehr abgehalten wurde. Botta war einverstanden unter der Bedingung, dass er die Kirche nicht für eine Lebensdauer von 50 Jahren, sondern für 500 Jahre bauen konnte. Die Idee gefiel ihm, in einer Zeit, die Funktionalität verlangt, eine Kirche zu bauen aus einem spirituellen Grund, zur Erinnerung, dass dort früher eine Kirche stand.
Auf den ersten Blick erinnert wenig an die alte Kirche, aber die neue Kirche übernimmt die Orientierung der alten. Ein neuer Damm oberhalb des Dorfes soll zukünftige Schnee- oder Schlammlawinen ablenken. Um die Kirche trotzdem für alle Fälle widerstandsfähig zu bauen, hat der Grundriss die Form einer Ellipse, und an der Seite, die dem Berg zugewandt ist, hat die Mauer eine maximale Dicke von zweieinhalb Metern. Das Erstaunliche ist, dass der Bau aus schwarzen und weissen Steinen aus der Umgebung so elegant und luftig wirkt, dass man als ahnungsloser Betrachter keineswegs eine solch dicke Mauer vermutet.
Nach einem Picknick auf einer frisch gemähten Wiese nahmen wir das nächste Postauto, stiegen in Bignasco um und fuhren bis Cevio Centro scolastico. In der Nähe der Haltestelle steht die Kirche, die im 19. Jahrhundert dank dem Beitrag der Auswanderer in Kalifornien renoviert werden konnte, wie eine Gedenktafel erwähnt. Auf dem Platz neben der Kirche grüssen die Sensenmänner eines ehemaligen Beinhauses. Von dort führt ein kurzer Fussweg zum Dorfkern Cevio Vecchio mit der ehemaligen Residenz der eidgenössischen Vögte und dem Museo Valmaggia.
Neben Dokumenten und Bildern zum Thema Auswanderung zeigt das Museum Zeugnisse vergangener Handwerkskunst, Gefässe aus Speckstein zum Beispiel. Die historischen grotti vor den Felslöchern mit ihren alten Steintischen sollte man auch aufsuchen. Den kühlen Luftstrom aus dem Innern der Felsen schätzt man bei heissem Sommerwetter besonders. Nicht weit davon steht auch ein bewirtschaftetes grotto, das sich für eine Pause eignet und dessen schützendes Dach man besonders schätzt, wenn der Donner eines aufziehenden Gewitters von den Talwänden widerhallt.
Der nächste Tag begann mit einem Besuch des Schlosses, das die Mailänder Herzöge in Locarno hinterlassen haben. Sehenswert sind die archäologischen Funde von Gläsern aus der Römerzeit und die Ausstellung moderner Kunst in der Casorella, der Residenz der mächtigen Familie Orelli.
Jean Arp oder Hans Arp und seine Frau Sophie Taeuber-Arp (die Künstlerin auf einer alten Fünfzig-Franken-Banknote) haben in Locarno gelebt, sind in Locarno begraben und haben der Stadt viele Werke vermacht. Gemälde und Reliefs sind in der Casorella ausgestellt, Skulpturen von Jean draussen an der Uferpromenade Richtung Lido.
Wladimir Rosenbaum war der erste, der Jean Arp ein Werk abstrakter Kunst abkaufte. So stellt es zumindest der Historiker Peter Kamber in seinem lesenswerten Buch «Geschichte zweiter Leben» dar. Rosenbaum, ein Jude aus dem Zarenreich, der als Kind in die Schweiz kam, und seine Frau Aline Valangin, Enkelin des schweizerischen Friedensnobelpreisträgers Ducommun, sind auf dem Friedhof von Ascona begraben (gleich neben dem Bushalt San Materno). Rosenbaum bestand 1925 in Zürich die Prüfung als Anwalt, beteiligte sich als Anwalt am Bau einer Genossenschaftssiedlung (Neubühl in Wollishofen), verdiente viel und gewann Prozesse, die die Öffentlichkeit beschäftigten. Die Wohnung von Wladimir und Aline in Zürich war Treffpunkt der Avantgarde, in ihr und im Palast Barca in Comologno im Onsernonetal fanden kreative und politisch engagierte Menschen Zuflucht, die in den 1930er Jahren vor den italienischen Faschisten und den deutschen Nationalsozialisten flohen.
1937 wurde dem Juden Rosenbaum das Anwaltspatent entzogen. Es wurde ihm Waffenhandel zugunsten der demokratisch gewählten Regierung der spanischen Republik vorgeworfen, die sich gegen die Putschistengeneräle um Francisco Franco wehrte. Die ihm vorgeworfenen Taten standen im Widerspruch zur damaligen Neutralitätspolitik. Weniger neutralitätspolitische Bedenken hatte die offizielle Schweiz bei der Lieferung von Waffen und Munition an Deutschland und Italien, auch noch während dem Weltkrieg.
Verziert ist der Grabstein von Rosenbaum und Valangin mit einem Yin und Yang-Symbol, das wir auch prominent auf den alten Fotografien des Sanatoriums auf dem Monte Verità finden. Neben dem Friedhof führt ein signalisierter Wanderweg auf die bewaldete Schattenseite des Wahrheitsbergs. Der Aufstieg ist so auch bei Hitze zu bewältigen und vermittelt einen Eindruck der Vegetation, die die ersten Siedler um das Jahr 1900 vorfanden.
Sonne, frische Luft, vegetarische Ernährung, Gleichberechtigung der Geschlechter, eine Kleidung, die nicht beengt, Ausdruckstanz, Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung und nach Wahrheit: die Menschen, die hier ein neues Leben suchten, hatten vieles im Sinn. Sie verstrickten sich auch in Widersprüche. Während einige Gründer ein Sanatorium bauten und betrieben, wollten andere möglichst naturnah und anspruchslos leben. Viele Tendenzen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart haben einen Bezug zum Monte Verità. Wer sich in die Geschichte des Berges vertiefen will, sollte genügend Zeit einplanen für die Ausstellung in der Casa Anatta, dem Wohnsitz der Gründer Henry Oedenkoven und Ida Hofmann.
Vor dem Ende des Nachmittags empfiehlt sich ein Abstieg über die Treppen (Scalinata Ruga) nach Ascona und ein Besuch des Museo Comunale d’Arte Moderna. Ein Stockwerk ist der Malerin Marianne Werefkin gewidmet. Die Schülerin des naturalistischen Malers Ilya Repin und langjährige Lebensgefährtin und Fördererin des Expressionisten Alexej Jawlensky hat über zwanzig Jahre in Ascona gelebt. Ihr Grab in der Form eines russisch-orthodoxen Kreuzes findet man auch auf dem Friedhof.
Vom Museum gelangt man durch Passagen zur Casa Serodine mit ihren Renaissance-Skultpuren, in der Rosenbaum nach dem Abbruch seiner Anwaltskarriere ein zweites Leben als Antiquar führte, und zur Uferpromenade von Ascona.
Die ist mit ihren Restaurants und Cafés kein Geheimtipp.
Problematisch ist vor allem ihr Name: Piazza Giuseppe Motta. Geehrt wird der Aussenminister der Eidgenossenschaft von 1920 bis 1940, ein einseitiger Interpret schweizerischer Neutralität. Während seiner Amtszeit weigerte sich die Schweiz, diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion zu unterhalten, wehrte sich auch 1934 gegen die Aufnahme der UdSSR in den Völkerbund. Unter Mottas Führung machte die Schweiz nicht mit bei den Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien, als Mussolinis Armee Abessinien, das heutige Äthiopien, einen Mitgliedsstaat des Völkerbunds, angriff, dabei auch Giftgas einsetzte und das System der kollektiven Sicherheit aushebelte, das nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen worden war. Zu dieser Politik passte, wie die Schweiz und andere Staaten Europas zusahen, wie die von Deutschland und Italien unterstützten Putschisten die spanische Republik zerstörten.
Die antikommunistische Besessenheit der damaligen Schweiz trug gewiss dazu bei, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg durch keine Genfer Konvention geschützt waren, dass drei Millionen sowjetische Gefangene in Lagern starben oder umgebracht wurden, dass nach dem Krieg eine Million deutscher Kriegsgefangene nicht mehr aus der Sowjetunion heimkehrten.
Aber denken wir nicht daran, geniessen wir stattdessen den Blick auf den See und die Berge!
Von der Haltestelle Ascona Centro fährt der Bus zurück nach Locarno. Wer im Tessin noch nicht genügend Fresken gesehen hat, sollte neben der Bushaltestelle unbedingt noch die Kirche Santa Maria Misericordia im Innenhof des Collegio Papio betreten.
Am letzten Abend unserer Reise erreichten wir das Restaurant in der Altstadt von Locarno für eine gemeinsames Essen gerade noch rechtzeitig. Während draussen ein kräftiger Gewitterregen niederprasselte, assen und tranken wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die wir auf dieser Kulturreise kennengelernt hatten und die wir hoffentlich auch bei weiteren Reisen wiedersehen werden.
Den Zeitpunkt der Heimreise am nächsten Morgen überliessen wir den Mitgliedern unserer kleinen Gruppe, die sich fünf Tage lang tapfer an die Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln gehalten hatte.
Nachträglich wird uns bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, während einer Pandemie als Gruppe unterwegs zu sein. Wir spüren nach der Reise Erleichterung, aber auch die Bereitschaft, weitere Reisen unter ähnlichen Bedingungen zu organisieren.
Burgdorf und Lützelflüh, 4. Juli 2020
Sind Burgdorf und Lützelflüh lohnende Reiseziele für einen ganztägigen Kulturausflug?
Das fragen sich wohl einige. Jedenfalls nehmen weniger Interessierte an unserem Ausflug teil als am Rundgang durch Basel zwei Wochen zuvor.
Unsere Antwort auf die anfängliche Frage lautet trotzdem: jawohl, zweifellos.
Baedekers Führer Schweiz, der Guide Michelin Suisse, und das Handbuch Svizzera des Touring Club Italiano erwähnen drei Sehenswürdigkeiten in Burgdorf: das Schloss, die Stadtkirche, das Museum Gertsch. Noch nicht allen bekannt ist das alte Schlachthaus mit der permanenten Ausstellung des Eisenplastikers Bernhard Luginbühl.
Unser Rundgang beginnt beim Stadtplan gegenüber dem Bahnhof. Auf dem Plan ist ersichtlich, dass es in Burgdorf nicht eine Altstadt gibt wie anderswo, sondern, klar voneinander abgetrennt, die untere Altstadt und die obere Altstadt.
Marianne, die Burgdorferin, verteilt den Ankommenden gleich einen Stadtplan. Sie macht auf verschiedene Gaststätten aufmerksam, die sich für die Mittagspause empfehlen, und führt uns in die kleine Hunyadigasse, wo sich eine Papeterie im Gebäude mit den Anschriften «Kleines Theater» und «Cinema Palace» eingenistet hat. Sie bringt uns dann zur ruhigen Parkanalage mit dem Ententeich, unterhalb des renovierten Sandsteingebäudes, früherer Sitz einer Ersparniskasse. Hier gibt es eine Einführung zu Burgdorf.
Die Stadt liegt am Ausgang des Emmentals, flussaufwärts Hügelland, flussabwärts fliesst die Emme weiter durch flaches Land, durch das untere Emmental.
Mit etwa 16,400 Einwohnern ist die Stadt eher klein, sie steht nach ihrer Einwohnerzahl an sechster Stelle im Kanton, nach Bern, Biel, Thun, Köniz und Ostermundigen und vor Steffisburg, Langenthal und Lyss.
Eine kleine Stadt muss dafür sorgen, dass man sie nicht vergisst.
In den 1850-er Jahren sorgte Burgdorf für einen Anschluss an die neue Centralbahn, indem die Stadt die Brücke über die Emme und den Tunnel auf der Strecke nach Wynigen finanzierte. Die Bahngesellschaft hätte die Bahnlinie sonst über Kirchberg gebaut, durch die Ebene, in der später die Autobahn und die Schnellbahnstrecke gebaut wurden.
Industrien haben früh dafür gesorgt, dass die Stadt nicht vergessen wird. Im obersten Stock des Schlosses zeigt die Ausstellung Burgdorfs Industriegeschichte.
In Burgdorf wurden im 18. Jahrhundert Kanonenrohre ausgebohrt, so schossen sie präziser, die Kanonen verkauften sich auch im Ausland. Im 19. Jahrhundert wurde eine Bleiweiss- und Farbenfabrik eröffnet, später die Fabrik für Motormäher und andere landwirtschaftliche Maschinen, die im steilen Gelände benützt werden können. Und seit dreissig Jahren produziert man in und um Burgdorf Injektions- und Infusionssystemen für die Selbstmedikation, die sich auf dem Weltmarkt behaupten. Die Geschichte der Stadt wird nicht von Königen oder Bischöfen geprägt, nicht von Sängern oder Dichtern, sondern von Unternehmern.
Marianne bringt uns dann zum Museum Franz Gertsch, dessen Bau grösstenteils von einem solchen Unternehmer finanziert worden ist. Sie führt uns weiter durch die Gassen der unteren Altstadt, wo sich entlang der Bäche Mühlen und andere Industrien entwickelt haben, bis zum ehemaligen Spittel der Barfüssermönche, das später als Schlachthaus gedient hat, und in dem heute die Werke des Künstlers Bernhard Luginbühl (1929-2011) ausgestellt sind, vor allem Eisenplastiken, aber nicht nur. Die weissen Keramikplättchen in der ehemaligen Kapelle bezeichnen den Ort, an dem früher Kutteln geputzt wurden.
Luginbühl, ein Freund von Jean Tinguely, liebte das Rohe und taufte seinen ersten Sohn wohl nicht zufällig auf den Namen Brutus. Er wurde nicht nur durch seine Eisenkonstruktionen bekannt (eine steht auf dem Berner Bahnhofplatz), sondern auch durch spektakuläre Verbrennungsaktionen von monumentalen Holzplastiken – die Videos sieht man im Museum.
Am Schlachthaus selbst wurde bei der Umwandlung zum Museum wenig verändert. Der Ort des Grauens verstärkt das Gruselige der Kunst und umgekehrt. So passt hier alles zusammen.
Von der Unterstadt lenkt Marianne uns dann in die Oberstadt, vorbei am renovierten Stadthaus und dem Stadtwappen, zu dem nicht nur die Farben schwarz und weiss gehören, sondern als obligatorischer Bestandteil auch die goldene Umrahmung. Von dort gehen wir weiter zum Gerechtigkeitsbrunnen, zum samstäglichen Markt, durch die Marktlaube und weiter zur Kirche.
Auf dem ruhigen Platz vor der Kirche bietet sich die Gelegenheit zu einigen Bemerkungen zur Stadtgeschichte.
Ich beginne mit Bekanntem. Die meisten Zeitgenossen wissen, dass die Franzosen 1798 in die Schweiz einmarschiert sind, dass die République helvétique une et indivisible entstand, ein Einheitsstaat mit einer ersten Verfassung, aber ohne Kantone, dass dieses Konstrukt nicht lange funktionierte, dass Napoleon beim Verhandeln zwischen den zerstrittenen Kantonen half und 1803 die Mediationsverfassung in Kraft trat. Bekannt ist auch, dass Napoleons Russlandfeldzug für ihn und seine Truppen ein Desaster wurde, dass Frankreich den Krieg in Europa schliesslich verlor, und dass 1814 und 1815 der Wiener Kongress stattfand mit dem Ziel, Europa wieder nach altem Muster zu ordnen.
Weniger bekannt ist wohl, dass am 23. Dezember 1813 österreichische Truppen in Bern einmarschierten, dass die Behörden die Verfassung für aufgehoben erklärten und die Macht an die «rechtmässigen Landesherrn» zurückgaben, also an diejenigen Mitglieder des Grossen Rats von 1798, die Ende 1813 noch lebten.
Ich versuchte, den Teilnehmern des Rundgangs einen Überblick zu geben über die politischen Entwicklungen im Kanton Bern zwischen 1813 und 1831, aber den will ich hier nicht wiederholen und vor allem nicht noch weiter zusammenfassen. Stattdessen empfehle ich die gut lesbaren Kapitel über diese Zeit im Standardwerk «Geschichte des Kantons Bern seit 1798» des Historikers Beat Juncker. Den Text findet man auch online.
Nur so viel: ab 1814 waren in der Stadt und Republik Bern wieder die stadtbernischen Patrizier an der Macht wie vor dem Einmarsch der Franzosen. Eine Verfassung gab es nicht mehr, rechtliche Grundlage der Herrschaft war eine kurze «Urkundliche Erklärung des Grossen Raths von Bern» vom 21. September 1815. Der Staat bemühte sich zwar um eine beschränkte Beteiligung von Vertretern der ländlichen Gebiete an der Verwaltung des Staats, aber die Patrizier planten keinen Übergang zu demokratischen Verhältnissen oder zu einem modernen Rechtsstaat.
Drei bestens vernetzte Brüder aus Burgdorf, die drei Gebrüder Schnell, führten die Bewegung an, die 1830 und 1831 die Patrizierherrschaft im Staat Bern beendeten. Sie formulierten und verbreiteten die wichtigsten politischen Forderungen, die zur Abdankung der Machthaber führten, und beteiligten sich an der Redaktion einer neuen Verfassung, die Ende Juli 1831 in der Volksabstimmung angenommen wurde. Die Stadt Burgdorf mit ihren Zeitungen wurde dank ihnen während einiger Jahre das Zentrum der Demokratiebewegung.
Dreissig Jahre früher, von 1799 bis 1804, wirkte der Erzieher Heinrich Pestalozzi in Burgdorf, zuerst in der Unterstadt, dann im Schloss, und entwickelte dabei seine pädagogische Methode. Nach seinem vierbändigen Roman «Lienhard und Gertrud» war Pestalozzi, der sich von den Gedanken des Genfers Jean-Jacques Rousseau inspirieren liess, in ganz Europa bekannt. Die revolutionäre französische Nationalversammlung verlieh ihm 1792 das Ehrenbürgerrecht, und Pestalozzis Schule in Burgdorf wurde von aufklärerischen Geistern aus dem In- und Ausland besucht, denn Erziehung und elementare Bildung der Bevölkerung waren für das beginnende demokratische Zeitalter von zentraler politischer Bedeutung. Gefördert wurde Pestalozzi von Mitgliedern der liberalen Familie Schnell. In Burgdorf schrieb Pestalozzi das Buch «Wie Gertrud ihre Kinder lehrt» (veröffentlicht 1801).
Zeitgenosse der Gebrüder Schnell war Johann August Sutter, der seine Tuch- und Kurzwarenhandlung in Burgdorf 1834 in den Konkurs führte, nach Amerika auswanderte, im Jahr 1839 die Bucht von San Francisco erreichte und vom mexikanischen Gouverneur eine Gebiet von etwa 200 Quadratkilometern als Konzession erhielt, auf der er die kalifornische Hauptstadt Sacramento und eine Kolonie mit dem Namen Neu-Helvetien gründete, ein Fort errichtete und am Genozid an der einheimischen Bevölkerung mitwirkte. 1848 wurde auf seinem Land Gold gefunden, es kam zum «Gold Rush». Die Situation auf seinen Besitzungen wurde dadurch unkontrollierbar. Bis zu seinem Lebensende kämpfte Sutter erfolglos um Kompensationen des amerikanischen Staates.
In der Burgdorfer Stadtkirche fällt vor allem der spätgotische Lettner auf, der nach der Reformation als Orgelempore verwendet wird, und die geschnitzten Sitze an den Seitenwänden.
Marianne erzählt der Gruppe dann, was in der Kirche am Festtag der «Solennität» geschieht, der jährlich am letzten Montag des Monats Juni stattfindet – ausgenommen 2020, wegen der Pandemie. Beim Abstieg in die moderne Unterstadt weist sie die Gruppe hin auf eine sehenswerte Fabrikantenvilla. Marianne fühlt sich wohl in ihrer Stadt, das spürt man beim Rundgang durch Burgdorf.
Die Gruppe löst sich nach dem Rundgang auf in Untergruppen, die die Museen besichtigen, weiter in der Stadt herumspazieren und zu Mittag essen. Es herrscht dazu sonniges, aber nicht zu heisses Wetter mit klarster Fernsicht.
Mit Marianne sehen wir uns im Museum Franz Gertsch die grossformatigen Bilder aus den 1970-er Jahren an, die bis anfangs Oktober ausgestellt sind. Die Fotografien, die Gertsch als Ausgangspunkt für seine Gemälde gewählt hat, hätten es wohl in den 1970-er Jahren nicht alle in ein durchschnittliches Fotoalbum geschafft. Man sieht Künstlerkollegen von hinten, ohne Gesichter. Oder Frau und Kinder beim Picknick – der Kopf eines Kindes nur zur Hälfte auf dem Bild. Trotzdem haben die Gemälde etwas Faszinierendes in ihrer Farbigkeit und in ihrer Machart. Im grosszügigen Museumsgebäude kommen sie gut zur Geltung.
Das Schloss mit seinen Sammlungen, Präsentationen und seinem Rittersaal, das alte Schlachthaus, das Museum Gertsch: alle drei seien hier zum Besuch empfohlen.
Nach einer kurzen Zugfahrt erreichen wir Lützelflüh, das Dorf, in dem der Pfarrer Albert Bitzius (1797-1854) zum Schriftsteller Jeremias Gotthelf wurde.
Um Bitzius zu verstehen, sollte man sich nochmals die beginnenden 1830-er Jahre vergegenwärtigen. Bitzius war anfänglich ein aktiver Unterstützer der demokratischen Umwälzung von 1830/31. Als Pfarrer wandte er sich aber in späteren Jahren gegen die Radikalität der Liberalen, die mit ihren Freischarenzügen dazu beitrugen, dass es zum Sonderbundskrieg von 1847 kam.
Als Pfarrer war Bitzius nicht besonders erfolgreich. Er hatte Mühe mit dem mündlichen Ausdruck, seine Predigten waren nicht sehr verständlich, die Kirche blieb am Sonntag halb leer. Bitzius stellte auch fest, dass die Menschen sich in ihrem Verhalten nicht von der christlichen Lehre leiten liessen.
Das Schreiben hatte für Bitzius deswegen vor allem ein pädagogisches Ziel, Erziehung war für ihn ein zentrales Anliegen. Bitzius hatte Pestalozzi 1826, ein Jahr vor dessen Tod, an einer Tagung noch persönlich getroffen und war nicht zufällig während zehn Jahren Schulkommissär und 1835 Mitbegründer der Armenerziehungsanstalt Trachselwald.
1837 publizierte Bitzius ein Buch mit dem Titel «Der Bauerspiegel» mit dem Untertitel «Lebensgeschichte des Jeremias Gotthelf von ihm selbst erzählt». Es erzählt, wie der herzige «Miassli» durch ungünstige Verhältnisse zum «Güterbub» wird, wie es ihm in der Schule ergeht, wie er sich abarbeitet und trotzdem verschuldet, wie er als verschuldeter Mann nicht heiraten darf, wie die geliebte Anneli bei einer Fehlgeburt stirbt, wie Jeremias zum Trinker und Raufbold wird und wie er schliesslich in fremden Diensten verwundet wird. Erst nach diesem Erstlingswerk nannte Bitzius sich als Autor Jeremias Gotthelf.
Die im “Bauernspiegel” beschriebene bäuerliche Gesellschaft hat mich schockiert. Erwartete ich eine heile Welt? Keine Spur davon. Stattdessen werden alle lokalen Ausformungen menschlicher Bosheit, Dummheit und Sturheit genaustens beschrieben samt den seelischen Leiden, die mit ihnen als Ursache und Wirkung verbunden sind.
Es waren wohl vor allem die dem damaligen Publikumsgeschmack entsprechenden Gotthelf-Verfilmungen der 1950-er und 1960-er Jahre, die dazu führten, dass Gotthelf mit der bäuerlichen «guten alten Zeit» assoziiert wurde, die es nie gegeben hat. Der Film «Uli der Knecht» kam 1954 in die Kinos, es wurden 1,6 Millionen Eintritte verkauft. Das bedeutet nicht, dass die Filme deswegen schlecht waren – sie gehören auch zu unserer Kultur. Regie führte der Burgdorfer Franz Schnyder, der mit seinem ersten Film «Gilberte de Courgenay» 1941 einen Beitrag zur geistigen Landesverteidigung geleistet hatte.
Der Besuch des Museums, des Gotthelf-Zentrums, lohnt sich in Lützelflüh. Man muss sich Zeit nehmen und die Schubladen öffnen, in denen die Informationen zum Schriftseller versteckt sind. Auch die Ausstellung im Nebengebäude zur Entwicklung der Talkäsereien ist sehenswert.
Bei der Rückfahrt nach Bern hielt unser Zug in Hindelbank. Vom Bahnhof sind es zu Fuss zwanzig Minuten bis zur Kirche. Einfacher wäre es gewesen, vom Bahnhof mit dem Postauto gleich bis zur Haltestelle «Hindelbank Post» zu fahren.
In der Kirche Hindelbank befindet sich ein pompöses Grabmal für Hieronymus von Erlach (1667-1748), «schillernde Persönlichkeit von ausserordentlicher staatsmännischer Begabung» laut dem Historischen Lexikon der Schweiz, Erbauer des Schlosses Hindelbank und des Erlacherhofs in Bern. Der Bildhauer Johann August Nahl wohnte im Pfarrhaus, als er seine Arbeit am Grabmal begann.
Am Karsamstag 1751 starben die junge Frau des Pfarrers und das Kind bei einer unglücklich verlaufenden Geburt. Das Grabmal, das Nahl für die beiden geschaffen hat, zeigt, passend zu Ostern, die Auferstehung der beiden Verstorbenen. Die junge Frau stemmt die Grabplatte, die in drei Teile zerbricht, nach oben, und drängt nach draussen. Der Säugling folgt ihr. Auf der Grabplatte steht: «Herr, hier bin ich und das Kind, das du mir gegeben hast», gefolgt von einem Gedicht von Albrecht von Haller.
Konkreter kann man Auferstehung wohl nicht darstellen. Im ausgehenden 18. Jahrhundert war das Grabmal der Maria Magdalena Langhans in Hindelbank eine weitherum bekannte und auf Drucken reproduzierte Sehenswürdigkeit.
Bildungsreisende und Kulturschaffende, unter ihnen Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Schweizerreise, besuchten jeweils die Kirche, wenn sie in Hindelbank die Postkutsche wechselten.