Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03160.jsonl.gz/1200

Vegetation
und Böden
Madagaskar
habe die Farbe, das Aussehen und die Konsistenz eines
Ziegelsteins, sagte der Kolonialbeamte Emile-Félix Gautier um
die Jahrhundertwende. Der Arzt und Botanist Philibert Commerson
hingegen meinte 1771, nur ein paar Generationen vorher,
Madagaskar sei des Naturalisten verheissene Land.
Beides
sind sehr generalisierte Aussagen und stimmen nur bedingt. Die
Flora und Fauna Madagaskars sind in vielen Bereichen einmalig
und so variationsreich, dass auch heute noch längst nicht
alle Arten 'entdeckt' und wissenschaftlich beschrieben sind.
Doch die oft labilen Biotope sind gefährdet, insbesonders
durch die Aktivitäten der Menschen. Die durch Brandrodung
oder Buschfeuer (Weidebrand) freigelegten Flächen
unterliegen schutzlos den Einflüssen von Wind und Wetter. Das
tropische Klima zersetzt den Oberflächenboden, die starken
Regen schwemmen sie aus, die Bodenfauna wird zerstört.
Übrig bleibt unfruchtbarer, steinharter Laterit, der durch
das oxydierte Eisen rot aussieht und bei Regenzeit seifig wird.
Auf den lateritdurchsetzten Hügeln (tanety) gedeihen nur noch
harte Gräser - wenn überhaupt. Das Regenwasser reisst
tiefe Schrammen in die Hügelflanken, sodass die für das
Hochland typischen Erosionsrinnen (lavaka) entstehen. Diese sich
wie überdimensionale Krallenrisse in die Hügel einkerbenden
lavaka bilden das letzte Stadium einer langen Kette an Erosion
und Zerstörung. Sie brauchen hunderte von Jahren, bis sie
sich stabilisieren und allenfalls wieder erholen.
Die
ursprüngliche Natur litt in den vergangenen Jahrhunderten dort,
wo sie sich für die Anbaubedürfnisse des Menschen eignete und
für die Weide seiner Rinder. So wurden die fruchtbaren Vulkanböden
von Itasy schon früh gerodet und bebaut. In den letzten
Jahrzehnten jedoch nahm die Bevölkerung drastisch zu,
sodass der Druck auf Land immer grösser wurde und wird,
ebenso wie die Nachfrage nach Holz und Kohle. In allen Fällen
leidet 'das Naturparadies Madagaskar.'
Bauern
suchen fruchtbares Ackerland, Hirten brauchen ergiebige Weiden,
Köhler wollen Holz. Naturschützer stehen dabei auf der
schwächeren Seite des Machtkampfes. Unterstützt werden sie
vom Staat nur verbal, wenn überhaupt.
Im
Osten ist die Vegetation dank der reichlichen Regenfälle
und des milden Klimas sehr üppig und variationsreich. Doch der
Einfluss des Menschen hat sich bereits stark auf die Biotope
ausgewirkt.
Die
madagassische Sprache kennt zwei Wörter für Waldgebiete:
ala für Primärwald und savoka für wiedergewachsenen Wald.
Nur in einem schmalen Streifen entlang des Ostabhangs findet
sich noch der dichte feuchte Tropenwald (ala), etwas mehr noch
in der unzugänglichen Region zwischen Maroantsetra und
Antalaha. Es wird geschätzt, dass in ganz Madagaskar 75%
des Primärwaldes zerstört sind. 1985 waren nur noch
3,8 Mio. Hektaren ursprünglicher Primärwald übrig. Die
heutigen Waldgebiete des Ostens sind dominiert von savoka mit
seinen schnellwachsenden Bäumen, den Bambushainen, Lianen
und Ravenala. Die früher bewaldeten, kleinen Hügel sind heute
infolge von Brandrodung allenfalls mit Büschen bewachsen,
zwischen denen sich die majestätischen Ravenala (Baum des
Reisenden) erheben. Diese Entwicklung ist eine Folge der
intensiven Brandrodung (tavy) für den Reisanbau, der inzwischen
mangels Landreserven auch an steilen Hängen vorgenommen
wird. Durch tavy gingen im Osten 11,2 Mio. Hektaren Wald
verloren. Insbesonders das häufige Vorkommen der Ravenala
ist Folge und Zeichen der Zerstörung des Waldes, ebenso wie
die dichten Bambuswälder auf eine Degenerierung der
Bodendecke hinweisen.
Trotzdem
hat der Osten mit seiner wuchernden und üppigen Vegetation an
Attraktivität kaum verloren: Waldgebiete wechseln sich mit
Parklandschaften und Sumpfgebieten ab. Palmen wachsen entlang
der Küste.
Gravierend
hat sich die landwirtschaftliche Nutzung von Naturland auf dem
Hochland ausgewirkt. Dort herrschen heute nackte Hügel und mit
Reis bepflanzte Talgründe vor. Studien haben gezeigt, dass
Madagaskar und so auch das Hochland weitgehend mit Wald bedeckt
war, als die ersten Menschen vor tausend und mehr Jahren auf die
Insel kamen. Es bleibt jedoch ungelöst, ob das Hochland vor
dem Menschen durchgehend bewaldet war oder teilweise von einer
Grassavanne mit Akazien bestanden war.
Doch
der Mensch brachte Feuer mit. Die madagassischen Mythen sprechen
von einem Urbarmachen des Bodens durch Feuer (afotroa) durch
ihre Vorfahren. Nicht ausgeschlossen ist, dass auch eine
vorangegangene Trockenheit die Feuer verbreitete. Mitte des 18.
Jahrhunderts jedenfalls schritt der Forschungsreisende Mayeur
noch im Wald auf seiner Etappe von Antananarivo nach Antsirabe,
100 Jahre später wurden die Merina als Ambaniandro
verspottet, als Leute, die - mangels Baumschatten - unter der
Himmelssonne leben. (Doch vielleicht liegt dem ein Hörfehler
zugrunde, denn auf dem Hochland benannte man auch das alte Volk
der Vazimba mit Antanandro (jene unter dem Himmel).
Waldgebiete
sind auf dem Hochland nur noch in Überresten vorhanden.
Meist ist die durch Buschfeuer degradierte Prärie mit
harten Gräsern bedeckt (bozaka), Felder und Erde sind nackt
und schattenlos den Regenfällen ausgeliefert. An wenigen
Orten wurden zwar Aufforstungen mit Eukalyptus und Mimosen
gemacht, doch ursprüngliche Wälder, meist zu Wäldchen
geschrumpft, finden sich nur noch in Gebieten, die durch
Traditionen geschützt sind wie Gräber und Heilige Hügel.
In bevölkerungsarmen Gebieten wachsen schmale Galeriewälder
entlang der Flüsse. An einigen Orten hat sich nach Jahrzehnten
wieder ein kleiner Baumbestand in der ruhenden Nische einer
alten lavaka gebildet.
Doch
weite Zonen sind zu Regionen ohne Hoffnung geworden, nämlich
dort, wo sich der Laterit im Laufe von Jahrhunderten tatsächlich
zu Backsteinfeldern verhärtet hat. Diese Gebiete sind so
gut wie tot und gleichen einer düsteren Mondlandschaft: nichts
wächst mehr, ausser vereinzelten Gräsern, kaum ein
Lebewesen hält sich dort mehr auf. Auf halbem Weg zwischen
Antananarivo und Mahajanga findet sich eine derartige
Landschaftsform, tampoketsa genannt, ebenso auf dem einsamen
Plateau von Horombe.
Die
meist nach Westen fliessenden Gewässer haben einen Teil der
abgetragenen Hochlanderde in den flachen Überschwemmungsebenen
und Mündungsgebieten abgelagert. So existiert im Westen eine
grosse Anzahl an verschiedenen Böden, die sehr fruchtbare
Gebiete darstellen. Die Nutzung der Böden für
landwirtschaftliche Zwecke hat auch dort zu einer Reduzierung
und Degradierung der ursprünglichen Flora und Fauna geführt.
Gewöhnlich
(zu 80%) herrscht entlang der Westküste eine Savannenlandschaft
mit hohen Gräsern vor, durchsetzt von Bäumen, die den
Buschfeuern widerstehen, wie die Satrana-Palme oder der Baobab.
Noch heute hat sich der ursprüngliche Trockenwald in einigen
Gebieten des Westens halten können. Im Unterschied zum
Regenwald des Ostens wachsen im Trockenwald Bäume, die ihre
Blätter im regenlosen Winter verlieren. Eindrücklich zeigt
dies der sogenannte ’Schweizer Wald’ im Nden von Morondava.
(Der Name wurde in den letzten zwanzig Jahren üblich, weil in
dieser Region die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit mit
waldschützenden Projekten aktiv war.)
Im
fast wasserlosen Süden leben die pflanzlichen und tierischen
Überlebenskünstler. Der sandige Boden hat zu unzähligen
Adaptionen geführt, ebenso wie die unzuverlässigen Regenfälle.
Etliche Pflanzen haben sich der Wasserknappheit dermassen
angepasst, dass sie nur vom Morgentau überleben können.
Schon
1927 wurden zum Schutz von Flora und Fauna Naturreservate (Réserves
Naturelles Intégrales) geschaffen, eine Pioniertat der
damaligen Kolonialbehörde, die dadurch etliche Biotope vor
dem Eingriff der Menschen schützte. Viele Tiere und Pflanzen
kommen auch in Madagaskar nur in sehr eingeschränkten
Regionen vor.
Heute
existieren zwei Nationalparks (Isalo und Montagne d'Ambre) von
einer Fläche von rund 100’000 Hektaren, die für
touristische Zwecke offen stehen. Dazu kommen 569’000 Hektaren
Réserves Naturelles Intégrales und 376’000 Hektaren Réserves
Spéciales.
Diese Parks dürfen nur mit Sonderbewilligungen besucht und
wirtschaftlich nicht genutzt werden. Damit stehen mit über
einer Million Hektaren 1,8 % der Landesfläche unter Schutz.
Doch die Restriktionen bestehen oft nur auf dem Papier, vor Ort
ist kaum und in jedem Fall ungenügend Personal stationiert.
Somit entgehen Aktivitäten wie Abholzung, Tierfang und tavy
meist jeglicher Kontrolle.
In
den letzten Jahren sind weitere Naturschutzgebiete entstanden,
auch sie oft als Deklaration und nur auf Papier. Doch
internationale Organisationen setzen viel Energie ein, diese
politischen Absichtserklärungen umzusetzen und Naturparks
zu schaffen.