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Ewige Baustelle: Stadt Zürich
„Baustellen!", ruft der Verfasser dieser Zeilen, und stöhnt beim Versuch, einen brauchbaren Vergleich anzustellen, wie im Fieber. Dabei ist vorerst entschieden worden, das Baustellen-Vorkommen der gegenwärtigen Heimatstadt nicht mit einer oder zwei helvetischen, sondern gleich mit einer gebündelten Anzahl ausländischer Städte abzuwägen. Hierfür hat er sich eines noch nicht lange zurückliegenden Unterfangens bedient: Im Mai des Jahres 2006 war man im Laufe einer Mittelmeer-Kreuzfahrt innert Wochenfrist bei verschiedenen, relativ weit auseinanderliegenden Städten der westlichen Hemisphäre Häfen angelaufen, um am jeweiligen Bestimmungsort zu wandeln und mit weit aufgesperrten Augen das jeweilige Stadtbild in sich aufzusaugen. Man lief zu Fuss im verschlungenen nordafrikanischen Tanger umher, dann in Spaniens Barcelona, in Picassos Geburtsstadt Malaga und einmal auch auf Palma de Mallorca, wo mindestens seinerzeit nicht überall deutsch gesprochen wurde. Selbst die Nachbarinsel Ibiza betrat des Verfassers Fuss, wo es staubig-steinigen Boden abzutreten galt - unversehrten Boden, im weitesten Sinn. Und dann war man überhaupt zu allererst im französischen Marseille nach Kräften ausgeschritten. Unter Sonnenschein war man beherzt des Wegs gegangen, vom Hafen aus in Richtung Stadt, entlang der breiten Avenuen ebenso wie in den schmalen Gassen ...
Das alles in Erinnerung gerufen,
kommt nun die Frage hinzu, ob an einem dieser Orte je eine Baustelle besonders auf Strassen und Gassen einen Weg versperrt hatte. Musste man als Tourist hin und wieder über gefährliche Strassengräben hinweg seiltanzen? Wurde man beispielsweise im Rücken von einer herumlungernden Asphaltwalze überrascht oder frontal von verlassen daliegenden Baustellen-Absperrungen angehalten und umgeleitet? In Marseille? In Tanger oder Malaga? - Vermutlich nicht, oder nicht, dass man drei Jahre später noch davon wüsste! Und in Barcelona? ... - Wurde denn damals überhaupt nirgends eine nennenswerte Baustelle von mir gesichtet? Nicht ein lumpiger Strassengraben, der es wert gewesen wäre, drei Jahre im Touristenhirn haften zu bleiben? - Na, wie es scheint wohl eher nicht! Sonst würde man sich doch entsinnen!
Man würde sich entsinnen,
da der gewöhnliche Tourist den Anblick eines fremden Stadtbildes stets kritisch prüft. Unbewusst sucht das Touristenauge immer den Vergleich zu seiner Heimatstadt. So wird im Allgemeinen eine andere Stadt als die ‚eigene' erst dann für schön und ‚stattlich' befunden, nachdem im gleichen Atemzug mit dem eigentümlichen Charme des Fremden auch eine herzerfrischende Sauberkeit festgestellt worden ist - eine fremdartige überlegene Reinheit - die buchstäblich zum Essen auf dem Boden einlädt. Freilich ist es ein Pflaster, das man soeben zum ersten Mal begeht! Aber wo keine lästigen, staubverpesteten Baustellen den Augen und Ohren Ungemach bereiten oder den Drang zum freien Gehen beeinträchtigen, würde man selbst als Tourist von gehobenem Stand vor lauter Abenteuerlust getrost vom sauber gefegten Boden essen, soviel ist sicher. Zwar hätte ich weder in Barcelona noch auf Ibiza noch in Marseille vom Boden gegessen - schon gar nicht in Tanger - hingegen muss gesagt werden, dass all diese Städte wohl in keiner Weise mit derjenigen Stadt konkurrieren können, in der ich seit über acht Jahren lebe, und die - nebenbei gesagt - ohne Zweifel den Ruf geniesst, eine der saubersten Städte der Welt zu sein. In Sachen Baustellen ist sie die Schlimmste, der einsame Spitzenreiter, und das sage ich jetzt, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, jedoch nicht ohne Trauer und Mitgefühl für die eigentlich grossartige Stadt. Und so trauere und klage ich umso mehr, weil es in dieser delikaten Angelegenheit in städtischer Hinsicht weltweit selbst an einem einzigen würdigen Kameraden fehlt, der dieses herbe Schicksal mit der Stadt in der ich lebe teilt.
Die Leserschaft wird mir Recht geben:
Ich habe mich lange zurückgehalten. Aber jetzt ist der Moment gekommen, die Katze aus dem Sack zu lassen:
Vom Baustellenkoller übermannt wird man erst in der kleinen Schweizer Weltstadt, die Zürich heisst. Übermannt werden besonders all jene Leute, die mindestens einmal in ihrem Leben in einer anderen Stadt als in Zürich weilten und daher den Vergleich haben. Denn nirgends - wirklich nirgends! - wird man eine Dichte von Baustellen antreffen, wie sie zum gegebenen Zeitpunkt in der Stadt Zürich anzutreffen sind.
Nein,
wenn es nur um die lästigen Baustellen geht, hätte ich nie in die Ferne schweifen müssen, das weiss ich jetzt. Aber nehmen wir doch trotzdem an, ich würde es wieder tun. Als Bewohner und Steuerzahler der Stadt Zürich wage ich zu behaupten, dass ich getrost sogar noch einmal nach Ägypten reisen könnte, wie ich es vor etwas mehr als zwei Jahren aus Versehen bereits schon getan habe. - Ich könnte also gegen meinen Willen noch einmal, sagen wir: nach Kairo fliegen, nur um dort angekommen einmal mehr festzustellen, dass selbst die Ägypter seit 4000 Jahren keine anständigen Baustellen mehr zustande bringen, aus dem einfachen Grund, weil sie seit der Fertigstellung der Pyramiden anderweitig beschäftigt sind. In Kairo, ja auch in Luxor und Assuan scheint der Ägypter einzig bestrebt, dem Touristen mit der Vermarktung des Pharaonenerbes das Blut aus den Adern zu saugen und ihn mit einer vorher nie erlebten Penetranz um den letzten klaren Verstand zu bringen, vor allem mit der unaufhörlichen Frage, ob man nun entweder auf einem Kamel oder auf einem Esel reiten will, obschon rundherum alle Welt merkt, dass man unter allen Umständen zu Fuss gehen möchte. Nein und nochmals nein, es ist endgültig und unwiderruflich: Man kann auf der Welt gehen wohin man will, so leicht wird sich keine Stadt finden, deren Stadtbild von Baustellen derart geprägt ist, wie es in der Stadt Zürich der Fall ist.
Man kann tatsächlich bis zum Mond reisen,
obwohl es nicht nötig ist, derart weit zu gehen. Um Klarsicht zu üben muss man noch nicht einmal nach China reisen. Gerade die Chinesen werden, wenn es um das Erkennen von Baustellen geht, die Klarsicht eingebüsst haben. Dies schreibe ich, ohne auch nur einen einzigen chinesischen Bürger dazu befragt zu haben. Es bedarf lediglich eines gewissen, gut geschulten Einfühlungsvermögens für kulturelle Angelegenheiten, um zu folgendem Schluss zu kommen: Ein waschechter Chinese kann heutzutage gar nicht länger sagen, was der Unterschied zwischen einer vorhandenen und einer nichtvorhandenen Baustelle ist, zumal seine Heimatstadt alle 24 Stunden ein gänzlich neues Gesicht verpasst bekommt. So soll es schon des Öfteren passiert sein und gerade heutzutage zunehmend vorkommen, dass ein aus dem Kurzurlaub zurückkehrender Chinese vorsorglich schon im heimischen Flughafen nachfragt, wo seine Heimatstadt (und somit sein Haus) momentan gerade liegt. Nun, das überrascht nicht weiter; ohne Zweifel schiessen in China die Baustellen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt sehr viele Baustellen! Hohe, flächendeckende Baustellen, und eine neue Autobahn, etwa alle fünf Minuten. Jedoch sieht der Chinese in einer Baustelle schon lange keine Baustelle mehr, sondern vielmehr den wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes! - Womit China als städtischer Kamerad zur schlimmsten Baustellen-Stadt des Planeten Erde so gut wie wegfällt.
Wer in der Stadt Zürich lebt und klug ist,
bleibt solange in Zürich, bis er es dort wirklich bis zum Erbrechen über hat; sodann wird nicht etwa wegen irgendwelchen Sehenswürdigkeiten in die Ferne gereist, sondern einzig und allein um des Reisens willen. Wer als Stadtzürcher noch klüger sein will, spart sich teure Flugkosten und Flughafentaxen, indem man innerhalb der eigenen Landesgrenzen hin und wieder einen kleinen Ausflug unternimmt. Man nehme nur mich als Beispiel: Um in der Baustellen-Studie einen Vergleich anzustellen, hat es mir neulich schon vollauf genügt, einfach nur innerhalb der Schweiz ein wenig herumzugurken. Man kann, genau so wie ich es gemacht habe, mit dem Auto oder besser noch per Bahn nach Basel fahren - vielleicht sogar nach Muttenz oder Birsfelden - um von der dortigen Lage einen Eindruck zu gewinnen und sich mittels Vergleich vom katastrophalen Baustellen-Härtefall meiner gegenwärtigen Heimatstadt zu überzeugen. Aber dann wiederum war ich in Muttenz und Birsfelden und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich seitdem nicht wirklich besser fühle. Weder Muttenz noch Birsfelden sind flächenmässig gross genug, um für Zürich als brauchbares Vergleichsmuster herzuhalten, und für eine Fahrt nach Basels Stadtkern war mir die Zeit zu knapp geworden. Aber ich hatte genug gesehen, nämlich nicht eine einzige störende Baustelle! Ich hätte also getrost zu Hause bleiben können, wenn es nur darum gegangen wäre, das Auge an unnützen Baustellen laben zu wollen und bekümmert festzustellen, wie schlimm es zu Hause ist. Und schlimm ist es in der Tat, sehr schlimm.
Zürichs Baustellen, denen wir tagtäglich bei unseren Erledigungen begegnen,
sind auf den ersten Blick verschieden; tatsächlich unterscheiden sie sich aber im Wesentlichen kaum voneinander. Sie haben zum Beispiel alle denselben Effekt, uns kostbare Zeit aus den Knochen zu saugen, noch bevor wir überhaupt in ihre Nähe kommen (was praktisch schon vor der Haustüre der Fall ist). Nehmen wir als erstes die Ampelsignale beim Strassenbau: Welcher Autolenker hat nicht schon bei einer Strassengruben-Baustelle gewartet. Die Ampel steht auf rot, die eine der beiden Fahrbahnen ist abgesperrt, dahinter wird diffuses getan oder eben nicht getan. So wird gewartet. Man blickt ein wenig um sich und auch geradeaus, bis man verblüfft feststellt, dass die Strassengrube samt Absperrung in der Länge allerhöchstens drei Meter misst und von der Gegenrichtung auch nach einer Minute Warten nicht ein einziges Fahrzeug dahergefahren kommt. Man befindet sich in einer Seitenstrasse! Es herrscht freie Bahn! Man könnte also ohne Sicherheitsrisiko aufs Gas treten! Doch die Ampel ist und bleibt auf rot und inzwischen ist die zweite Warteminute angelaufen ...
Das obige Beispiel ist eines von vielen anderen, die es ebenso wert wären, hier erwähnt zu werden. Ein zweites Beispiel werde ich weiter unten wiedergeben; es wird sich um die Standardsituation handeln, die mindestens in den Städten am meisten verbreitet ist und in Sachen Meisterschaft mit Sicherheit schon lange ihren Höhepunkt erreicht hat - mit dem Nachteil nur, ihn zu halten. - Aber nähern wir uns doch zunächst noch einem eher nichtigen Beispiel: dem Hochbau. Gemeint sind namentlich all die Baustellen, wo Gebäude von jeglicher Grösse und Höhe errichtet werden. Diese Baustellen stellen in der Regel weder für den Passanten noch für den Automobilisten ein nennenswertes Hindernis dar. Man könnte im besten Fall argumentieren und sagen, der Flugverkehr sei betroffen. Doch ansonsten: Wenn eine Stadt hoch hinaus will gibt es daran nichts auszusetzen, mindestens im wirtschaftlichen Sinn nicht. Baulich gesehen kann sich das Wachstum für die Stadt Zürich erst dann nachteilig entwickeln, nachdem sich der erste Grossunternehmer und Immobilienmakler in die Stadtregierung eingekauft hat, mit dem Ziel, im Stadtbild Grosses zu vollbringen. Ab da ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die 80 Meter-Auflage in Zürich der Geschichte angehört und bald hier bald dort ein Hochhaus an den Wolken kratzt. Man könnte Vermutungen anstellen, welcher Grosskonzern im Laufe des Höhenwettkampfes am höchsten bauen und als Sieger hervorgehen wird. Ich selbst tippe auf einen 600 Meter hohen Nestlé-Turm, der mitten aus dem Zürichseebecken ragt und täglich Farbe und Form ändert. Es ist Tatsache: Auch im Hochbau wird mehr und immer mehr gebaut werden, und so wird das gegenwärtige Zürich, ja einmal auch die Altstadt, die schon von einer Vielzahl Generationen von Zürchern geliebt worden ist, langsam aber sicher den Ansichten radikal-moderner Politiker weichen müssen und dank listig angelegten, idiotischen Abstimmungen innert wenigen Jahrzehnten ganz verschwinden. Es ist immer wieder erschreckend, wie viele pietätlose Leute an der Spitze fungieren, Leute, denen jeglicher Sinn für den historischen Wert eines Hauses, einer Stätte oder gar einer ganzen Wohngegend abgeht. Altes wird abgerissen und Neues hingestellt, einzig um teure Sanierungs- und Renovationskosten einzusparen und den späteren Mietzins erheblich erhöhen zu können. Dabei brüsten sich manche dieser Unternehmer noch für ihr soziales Denken, da sie mit ihren Neubauten ein paar zusätzliche Wohnungen schaffen.
Der Expansion in ihrer mannigfaltigen Gestalt ist seit Auftauchen des Menschen keine Grenzen gesetzt und dem Lechzen nach Reichtum und Ruhm leider auch nicht. Und dann ist auch die Zuwanderung ausländischer Bürger im Schweizer Ländle derart im Steigen begriffen, dass mindestens der überdurchschnittliche Menschenfreund und Visionär schon jetzt mit dem Projekt einer gigantischen Wohnsiedlung auf der Spitze des Matterhorns liebäugelt.
Doch nun zum nichtigen Beispiel in dieser Beziehung, nämlich zum Baukran.
Wer hat in der guten, alten Schweiz nicht einen oder mehrere Kräne im Blickfeld, sobald einmal aus irgendeinem Fenster der Wohnung ins Freie gespäht wird. Die Antwort lautet: Kaum jemand. Nichtsdestotrotz wird der Kran in der Regel hingenommen, und zwar so, als hätte er schon seit hunderten von Jahren an eben der Stelle gestanden, wo er den betroffenen Bewohnern seit einiger Zeit die Aussicht beeinträchtigt. Tatsächlich habe ich in meinem langen Leben noch von keinem einzigen Fall gehört, in dem ein Baukran als störendes Objekt Gegenstand eines echten Dramas gewesen wäre. Zu friedlich wirkt er in seiner unförmigen Gestalt, die irgendwie an einen Storch erinnert - beinahe unbeholfen und damit alles andere als bedrohlich. Tatsächlich stört zumindest ein einzelner Kran das Gesamtbild einer harmonischen Umgebung nur sehr bedingt, mag er auch während eines halben oder ganzen Jahres unmittelbar vor unserer Nase stehen. Was stört ist höchstens das Gebäude, welches sich entlang dem Kran nach oben entwickelt. Überhaupt hat so ein Kran den Vorzug, von einigermassen filigraner Statur zu sein. Man schaut ihn an und möchte fast glauben, dass er sich am liebsten unsichtbar machen würde. Doch dann wird der Kran vom Kranführer wieder in Bewegung gebracht, auf dass das Schauspiel des Lastentransports und damit das Bild einer betriebsamen Baustelle neu gegeben ist. Nein, der Baukran dient mehr schlecht als recht als Gegenstand der bildhaften Verschandelung eines Ortes. Zu würdevoll steht er da, um vom Betrachter verdammt zu werden, und zu unergiebig ist die Gesamtsumme des Kraches, den er macht. Ausserdem hat sich der Kran schon viele Male als äusserst lehrreiches Instrument zur Messung von Fallgeschwindigkeiten bewährt, wovon nur wenige wissen. Man hat Lasten fallen lassen - nicht mit Absicht, wie etwa Galileo Galilei es vom berühmten Turm in Pisa getan hat. Dann hat man von übermütigen Kranführern gehört, die sich in Zeiten der Schweizer Hochkonjunktur den Tag hin und wieder dadurch verschönerten, indem sie die erbsengrossen Häupter bestimmter Passanten in ihre Messversuche mit einbezogen. Das war mit Sicherheit ein kühnes Stück und allem voran als Spass zu verstehen. Und das ist nur eine von vielen sympathischen Anekdoten um den Kran aus den Sechziger- und Siebzigerjahren.
- Dabei versteht es sich von selbst, dass damals nur den Behüteten auf den Kopf gespuckt wurde.
Nein, geschätzte Leserinnen und Leser: Der Baukran mit seinen Auswüchsen ist nicht der Gegenstand, der hier behandelt werden soll. Der Baukran als solches ist harmlos und kann nichts dafür. Dieser Essay betrifft viel eher den Tiefbau! - Ja, es geht um den Tiefbau, und damit um die vielen hundert Strassengräben und -hürden, die wie von magischer Hand Jahr für Jahr von heute auf morgen vor unserer Nase angelegt werden.
Im Mai des Jahres 2009
wird man beim Umherschweifen in der Stadt Zürich den Eindruck nicht los, dass bald die ganze Innenstadt untergraben, nein umgegraben sein muss. Ein gelungenes Beispiel bildet die unmittelbare Umgebung beim Zürcher Hauptbahnhof, wo erst neulich durch die ständige Bodenerschütterung des Linienverkehrs im ‚Shopville' ein unterirdischer Deckenkollaps herbeigeführt worden ist bzw. stattgefunden hat. Anno 2009 gleicht aber nicht nur die Gegend um den Zürcher Hauptbahnhof oberflächlich und unterirdisch einem Meerschwamm. Wer in Zürich wohnt, weiss wovon ich rede. Die Stadtzürcher sind in den letzten Jahren immer mehr zu Hürdenläufern erzogen worden; sie sind abgehärtet und von der Vielzahl Baustellen nicht erst seit gestern in der Empfindung gelähmt, mich inbegriffen. Nehmen wir also Zürichs Besucher, denn sie kommen nicht selten mit frischluftgeblähten Lungen und neutralen Herzens daher. Ihre Seele ist nicht etwa durch Bagger, Planierraupe und Presslufthammer mit Vorurteilen beladen. Ihnen, den Besuchern, wird die Veränderung des Stadtbildes von Zürich ohne Frage sogleich ins Auge fallen - die Veränderung und somit der augenscheinliche Fakt, dass ganz Zürich mehr noch als je zuvor eine einzige grosse Baustelle ist.
Der ‚vermehrte Eindruck'
Heutzutage kann der vorübergehende Stadtbesucher seinen blossen Eindruck von der Baustelle Stadt Zürich ohne langes Zögern gegen den vermehrten Eindruck eintauschen - immer vorausgesetzt, dass er nicht gerade die neue monumentale West-Umfahrung benützt hat, die ihn eigentlich von der Stadt hätte fernhalten sollen, wenn ich es recht verstanden habe. - In Zürich Stadt hat das Tiefbauamt das Zepter übernommen! Das war nicht immer so offensichtlich, weswegen man sich fragen muss, was derart schiefgegangen ist. Es wird doch nicht an der krankhaften Ästhetik der Zürcher Stadtregierung liegen? Oder ist es wirklich nur der 2. Platz, der uns all das eingebrockt hat? Wie wir wissen, rangiert die Stadt Zürich auf der Liste der lebenswertesten Städte der Welt neuerdings nur noch auf dem 2. Platz - nach Wien! Infolgedessen darf im täglichen Stadtbild selbst die kleinste Bodenunebenheit - ob im Rasen, im Asphalt oder im Kopfsteinpflaster - nicht länger geduldet werden! „Eine Strasse, die in dieser unserer Weltstadt Zürich bestehen will und es wert sein soll, etwa mit dem Strassenverzeichnis der Stadt Zürich in Verbindung gebracht zu werden, hat gewissen Ansprüchen zu genügen. Ordnung muss sein!", wird der gemeinsam erarbeitete Plan der Stadtregierung und des Tiefbauamts der Stadt Zürich lauten, und eben darum steht im Jahre 2009 - ganz egal, wo man sich in der Stadt Zürich gerade befindet - schon an der nächsten lauschigen Ecke, im nächsten hübschen Strassenzug oder auf dem nächsten, von Bäumen überdachten Platz, mit grosser Bestimmtheit seit heute früh oder aber vorgestern Nacht schon die uns allen bekannte rot-weisse Bau-Absperrung, wohinter vielleicht einer harmlosen Bodenunebenheit im Auftrag der Regierung mit aller Entschiedenheit der Garaus gemacht werden soll.
Die ausführenden Arbeiter
Hierfür - man kann es gar nicht oft genug sagen - ist aus reiner Humanität und sozialem Mitgefühl für den Gastarbeiter ein ganzer Trupp bestens ausgerüsteter Strassenarbeiter und Handlanger angeheuert und aufgeboten worden. Aber richten wir unser Augenmerk doch auf die Arbeiterschar! Diese Arbeiterschar, zusammengestellt im Frühling des gegebenen Jahres 2009, ist meines Erachtens nicht länger eine gewöhnliche Strassenarbeiterschar bestehend aus Italienern, Albanern oder Kosovaren, wie in früheren Zeiten, nein! Wäre dem so, dann würde so eine Kleinigkeit wie die nichtige Bodenunebenheit innert eines einzigen Tages ohne jeden Kommentar, ohne Eigenlob bezwungen und erledigt werden. Wären an diesem meinem Beispiel einer Baustelle, wie es sie auf Zürichs Strassen gegenwärtig etwa 300 bis 400 gibt, tatsächlich hurtige Gastarbeiter am Werke, also unsere ausländischen Freunde, so könnte man, übertrieben gesagt, bereits am selben Abend seinen Fuss über jene Stelle bewegen, wo noch tagsüber mit der uns allen bekannten Emotionslosigkeit gegen die Bodenunebenheit angekämpft wurde. Ich weiss es, weil ich diesbezüglich die Art der Italiener, der Albaner und der Kosovaren kenne: Wenn es darum geht Schluss zu machen, sind sie den Schweizern um Lichtjahre voraus. Sie denken praktisch und in jeder Beziehung familiär. Deshalb verlassen sie die Stelle, welcher sie so tatkräftig zur absoluten Ebenheit verholfen haben, so bald als möglich und nicht selten beinahe unmerklich - ‚von heute auf morgen', könnte man sagen. Dies ist in der Regel nach einem Jahr der Fall. Ein letzter Besenstrich über die planierte Stelle aus Dreck und Schotter und weg sind sie, zurückbeordert vom Tiefbauamt der Stadt Zürich, um dem engen Zeitrahmen gerecht zu werden und sogleich eine neue Strasse in Angriff zu nehmen - sie umzujäten, zu verbessern und zu verschönern. Aber was ist mit der besiegten unebenen Stelle, wo schon nach dem ersten Regenguss ein dreckiges, nasses Wasserloch entsteht? Wie wird weiter verfahren, wo anstelle der Bodenwelle bald ein Schlagloch von beträchtlicher Grösse ist? Nun, die Antwort liegt auf der Hand: Vorerst bleibt die geflickte neue Oberfläche des sorgfältig zugeschütteten Grabens noch ein Weilchen in ihrer ‚Rohform' bestehen, auf dass die planierte oder festgewalzte Erde noch ‚ein wenig absacken' kann, bevor man ihr mittels Teer und Wasserwaage den letzten Schliff verpasst. Wer kennt ihn nicht, den unfertigen Flecken im Strassenbild, die erdige Narbe, wo doch eigentlich gleich vor dem ersten Abrücken mit Teer oder Asphalt eine halbwegs gute Lösung zurückgelassen werden könnte? Ich würde wohl behaupten, dass eine leicht abgesackte, asphaltierte Stelle in der Strasse immer noch besser zu befahren ist als eine aus Dreck und Schotter bestehende abgesackte Stelle. Ist es also unbedingt notwendig, den betreffenden Flecken - egal in welcher Strasse oder Gasse er sich befinden mag - durchschnittlich solange unvollendet zu belassen, bis eine ganze Generation von Kindern herangewachsen ist und eines schönen Tages einer der Arbeitersöhne alt genug, das Erbe des Vaters aufzunehmen, den Teer herzukarren, und an derselben Stelle für das Tiefbauamt der Stadt Zürich wieder eine Absperrung zu errichten, um - diesmal gerechtfertigt - dem einige Jahre alten Schlagloch jetzt und für einige Zeit endlich den definitiven Schliff zu verpassen?
Warum man beim Tiefbau derart kompliziert verfährt, warum das immer wieder so gemacht wird, das ist meines Erachtens eines der grossen Rätsel des Lebens.
Was wird überhaupt genau gemacht?
Kommen wir am Ende zu der gerechtfertigten Frage. Und ich werde den Versuch wagen, das Geheimnis zu lüften, das eigentlich gar keines ist. Aber eines nach dem anderen. Inzwischen wissen wir zumindest schon soviel: In der Stadt Zürich wird jede Strasse, jeder Weg und jede Gasse im festgelegten Rhythmus von ein paar wenigen Jahren abgesperrt und mit Pressluftbohrern aufgerissen, um der Oberfläche eine neue Ebenheit und der Strecke ein neues Bild, einen neuen Zauber zu verpassen. Zum Vergleich: Auf den Strassen von New York City ist es nicht unüblich, dass auch mal ein ganzer Lastwagen in der Versenkung verschwindet; es passiert ab und an und niemand stört sich sonderlich daran. Weshalb auch! Das verlorengegangene Fahrzeug wird spätestens vom nächsten heranbrausenden U-Bahn Zug wieder gefunden werden; beim nächsten Mal passt man hinter dem Steuer eben besser auf und weicht dem Schlagloch kurzerhand aus, das ist alles. Was soll also dieses Aufreissen und Zuschütten von Zürichs Strassen alle paar Jahre - wegen jeder beliebigen Kleinigkeit? Weiss man bei der Stadt nicht besser mit den Steuergeldern umzugehen? Offenbar nicht! Dies wird auf der Internet-Website des Tiefbauamts der Stadt Zürich auf eindrückliche Weise belegt und bezeugt. Wer will, soll nach Meinung des Tiefbauamts einen Einblick haben können und etwa mit der Einsicht der Baustellen-Liste verstehen lernen, weshalb man nicht anders kann, als der Unsitte vom unaufhörlichen Tief- und Strassenbau hundertfach und milliardenschwer zu frönen. Nun, eine solche Möglichkeit soll man beim Schopfe packen! weswegen ich für diesen Essay die Website des Tiefbauamts der Stadt Zürich gerne besucht und mein ganzes Einfühlungsvermögen in Nachforschungen investiert habe. Das erste Beispiel ist von mir wahllos herausgepickt worden, aber das macht nichts! Denn die Baustellen-Liste in alphabetischer Reihenfolge liest sich ganz allgemein so:
... Dienerstrasse - Kreis 4, Bau Nr. 06075, Bauzeit: 27.10.2008 - 10.08.2009, Baubereich: Langstrasse bis Magnusstrasse, Projektleiter: G.M. (Tel. ...), Projektbeschrieb: Ersatz Kanalisation, Oberbauerneuerung. Ersatz Abwasserleitungen.
In etwa dasselbe steht in acht von zehn Projektbeschrieben: Ersatz von dieser und von jener defekten Kanalisation, dieses und jenes defekten Rohres. Das Ersetzen von defekten Wasserleitungen ist mindestens ebenso populär. - Nachdem ich mich eine Weile davon überzeugt hatte keimte in mir die Frage auf, weswegen das Tiefbauamt der Stadt Zürich anstelle von defekten Leitungen und Rohren nicht einfach intaktes Material verlegt!
Goldiges Beispiel Stadelhoferplatz
Aber wenden wir uns ab von Leitungsrohren und Bodenunebenheiten. Richten wir unser Augenmerk doch auf etwas Gewagteres und also auf die momentane ‚Umgestaltung' vom Zürcher Stadelhoferplatz. Über dieses Projekt, welches nach dem diesjährigen Sechseläuten in Angriff genommen worden ist, verlautet das Tiefbauamt folgendes:
„Nach dem Sechseläuten 2009 werden die Bauarbeiten am Stadelhoferplatz und an der Theaterstrasse zwischen Bellevue und Falkenstrasse beginnen. Einerseits werden die 30-jährigen Geleise erneuert und am Stadelhofen eine neue Tramspur gelegt. Andererseits wird der Platz, der als Gartenbaukunstwerk (Es gibt dort kein Kunstwerk, und falls doch, dann allerhöchstens den Brunnen. Anm. A.B.) unter Schutz steht, saniert. Der Platz erhält unter anderem eine neue Kiesoberfläche. Die neue Beleuchtung gemäss Plan Lumière wird dafür sorgen, dass der Stadelhoferplatz ab Oktober 2009 des Nachts in zauberhaftem Licht erstrahlt ..."
Das obige Projekt mit seinem künstlerischen Anspruch ist mir neulich mehrfach unangenehm aufgefallen und passt sehr gut hierher. Das Projekt war schon ein Skandal, bevor ich überhaupt nur davon wusste! - Warum? - Meine Kollegen und ich sassen nach getaner Arbeit beim Bahnhof Stadelhofen, genauer vor dem Restaurant ‚Weisses Kreuz', um bei einem wohltuenden kalten Bier noch eine letzte, unvermeidbare Sitzung abzuhalten. Das Bier war zwar kalt und nass, aber dennoch wurden unsere Zungen belegter, je mehr wir tranken. Zum Schluss hatten wir alle miteinander ein halbes Vermögen für Bier ausgegeben, ohne unseren Durst entsprechend gestillt zu haben. Als wir dann aber beim Restaurant Stadelhofen um die Ecke bogen, wurden wir allesamt von etwas sehr Feinem, nämlich von einer mehr oder weniger dichten Staubwolke angeweht und berieselt, und mit dem ganzen Lärm in den Ohren verstanden wir plötzlich: Schuld an unseren belegten Zungen, an unserem ungestillten Durst waren aufgequirlter Dreck und Strassenstaub der dortigen Baustelle am Stadelhoferplatz! Und so gingen meine Kollegen und ich am Ende auseinander, mit noch grösserem Durst als wir ihn zu Anfang gehabt hatten, aber ohne jede Hoffnung auf finanzielle Entschädigung seitens der Stadt, obschon wir alle treue Steuerzahler der Stadt Zürich sind. Was, frage ich mich, ist ein Skandal, wenn nicht das!
- Und der Projektbeschrieb? Sie haben ihn weiter oben gelesen: ‚Zauberhaftes Licht, Plan Lumière'!
- Die Gesamtkosten für die Sanierung des Stadelhoferplatzes betragen alleine 25 Millionen Franken, und als Bauende wird Oktober 2009 angegeben! - Wenn es so sein soll, dann ist es eben so, aber nicht mit meiner Zunge, meine Herren!
Die ewig unfertige Stadt
Ja, die Stadt Zürich wird vom Tiefbauamt andauernd verschönt und verbessert, ob es jemandem gefällt oder nicht. Die Grünen, die Linken und so manche von den Liberalen stimmen doch allen Umgestaltungs- und Sanierungsmassnahmen blindlings zu, sobald nur auch ein neuer Baum im Projekt inbegriffen ist. Ich aber möchte lieber vor Augen halten, wie viel Kulturgut und originales Zürich uns von den städtischen Abrissbirnen, den Baggern, Pressluftbohrern und sonstigem genommen worden ist und genommen wird, wie viel Ruhe und wertvolle Beschaulichkeit draufgegangen ist und draufgeht mit völlig unnützen Projekten, wie etwa die Umgestaltung des Helvetia-Platzes eines ist. Auch ich mag Bäume! nur müssen sie nicht gleich in ein millionenschweres neues Umfeld gepflanzt werden! Und überhaupt frage ich mich: Warum diese zwanghafte Verwandlung? Haben die Stadtplaner über die Jahrhunderte tatsächlich soviel falsch gemacht? In der Zwinglistadt wird man den Eindruck nicht los, dass keiner von ihnen je das Sprichwort von Rom und seinen vielen Wegen, die dorthin führen, gekannt hat. Nein, die Stadt Zürich ist nie als Metropole gebaut worden, sie ist keine ewige Stadt - ebenso wenig wie sie nie ein 1000-jähriges Reich gewesen ist. Dem entsprechend wird man als ihr Bewohner den Eindruck nicht los, dass es mit den ganzen Baustellen mehr auf sich haben muss als nur die oberste Bodenerde tüchtig aufzulockern und einigermassen termingerecht wieder zusammenzuwalzen. Man wird den Eindruck nicht los, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht, obwohl uns das Tiefbauamt für alles eine Baustellen-Liste präsentiert. Instandsetzungen und Reparaturen sind ohne Zweifel von Zeit zu Zeit notwendig. Niemand möchte über die heute 36 Jahre alte Hardbrücke fahren, wenn sie gerade altersbedingt am Einstürzen ist. Aber ebenso wenig möchte jemand von einem millionenschweren Baum erschlagen werden, den man erst gestern neu eingepflanzt hat.
So hege ich meine Zweifel, ob all die ersonnenen und ausgeführten Ausbesserungen und Umgestaltungen, die unter dem Deckmantel der Stadtverschönerung mit 300 - 400 jährlichen Baustellen vorgenommen werden, der Stadt Zürich und ihren Bewohnern langfristig zugute kommen. Die Stadt Zürich von gestern lebt nur noch in unserer Erinnerung. Werden wir uns morgen an heute erinnern können? Doch heute schreiben wir das Jahr 2009 - Wo im Stadtbild immer viel Arbeit ist und der Schweizer-Franken rollt, da ist auch die Wirtschaft am rollen.
Leider hat sie zu rocken aufgehört.
A.B. Mai 2009