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Wer ist dieser Mann?
Charles Hodge (1797-1878) war für mich bisher ein Stück unentdecktes Land. Ich wusste, dass er einer der wichtigsten Figuren der „Alten Schule aus Princeton“ war. Mir ging es ebenso wie dem Historiker Mark Noll, der im Vorwort zugibt, dass er Hodge als trockenen, kopflastigen Gelehrten einsortiert hatte. Diesem Vorurteil wird in dieser ersten umfassenden Biografie gründlich der Boden entzogen. Hodge verkörperte eine Mischung aus scharfsinnigem Denken und einer tiefen Frömmigkeit. Nur den einen Aspekt hervorzuheben oder beide voneinander zu trennen, würde heissen, seiner Person und seinem Lebenswerk nicht gerecht zu werden. Wie kann ich das so bestimmt sagen? Hoffecker, der sich über Jahrzehnte mit dem Presbyterianismus und Princeton beschäftigt hat (bereits 1981 veröffentlichte er „Piety and the Princeton Theologians: Archibald Alexander, Charles Hodge, and Benjamin Warfield“), zitiert ausgiebig aus dem Werk von Hodges. Dieser hatte sich nicht nur inhaltlich stark mit der ersten grossen amerikanischen Erweckung (Great Awakening) unter Jonathan Edwards und George Whitefield (1740-1760) auseinandergesetzt („The Constitutional History of the Presbyterian Church in the United States of America“). Selber durchlebte er die Zeit der Zweiten Erweckung (1800-1840) unter Charles G. Finney. In einer seiner zahlreichen Debatten innerhalb des Presbyterianismus setzte er sich mit der Verbindung von Verstand und Gefühlen auseinander. Er plädierte vehement für einen integrativen Ansatz.
Sprachrohr des Presbyterianismus
Hoffecker nimmt sich Zeit und Raum, die einzelnen Lebensetappen zu beschreiben. Dabei legt er den Schwerpunkt nicht auf dessen persönliches Leben, sondern auf dessen Werk (Schreibanlass, geschichtliche und kirchenpolitische Hintergründe). Der eine oder andere mag einwenden, dass er die Betonung zu stark auf den Presbyterianismus des 19. Jahrhunderts gelegt habe. Sachlich stimme ich zu. Doch man bedenke: Hodge war dessen erstes Sprachrohr. Dies geschah nicht zuletzt durch seine extensive Tätigkeit als Autor und Editor des Princeton Review. Hodge betätigte sich aber auch als Protokollant und Kommentator der Generalsynode. Oftmals entstanden daraus Dutzende von Seiten starke Abhandlungen. Hoffecker beschreibt Hodge als Vertreter eines gelebten Konfessionalismus inmitten gesellschaftlicher, aber auch innerkonfessioneller Kontroversen. Man darf dazu sicher sagen, dass Hoffecker der portraitierten Person wohlwollend gegenübersteht.
Lernpunkte aus der Jugendzeit
Ich greife nun einzelne Begebenheiten Hodges' Leben heraus. Dies geschieht auf dem Hintergrund der eigenen Interessen und Anklängen ans eigene Leben.
Hodge verlor kurz nach seiner Geburt den Vater. Seine Mutter war eine initiative, gottesfürchtige Person, die für ihre Söhne schuftete, mit ihnen litt und für sie betete. Es war ihr ein grosses Anliegen, den beiden Söhnen eine erstklassige Ausbildung zu ermöglichen (der Bruder, dem Charles sehr verbunden blieb, wurde Arzt). Das geistliche Leben war eng mit dem Alltag verknüpft. Elternhaus, Kirche und Schule wirkten in der Erziehung zusammen. Es wurde grosser Wert darauf gelegt, ein christliche Sicht auf die Welt und das Leben zu entwickeln.
Hodge profitierte enorm von väterlichen Mentoren. Ashbel Green, Pastor der Gemeinde, war feuriger Katechet. Die Unterweisung schloss auch Hausbesuche ein. (Ich würde mir diese Art von kombiniertem häuslichem und kirchlichem Unterricht wünschen.) Zudem wurden in Princeton am Sonntagnachmittag erbauliche Stunden in persönlichem Rahmen abgehalten. Später war die entscheidende Figur im Leben von Charles Princeton-Principal Archibald Alexander (er übte diese Funktion 1812-1840 aus). Nicht von ungefähr wurde er zum Namensgeber für den ältesten Sohn von Charles.
Die Bekehrung von Charles beschreibt Hoffecker als Resultat des gesamten Bildungsprozesses und der Betreuung durch die genannten Schlüsselpersonen. Alle zogen am selben Strang. Deshalb war die Bekehrung die (über-)natürliche Folge seiner Erziehung, nicht ein dramatischer Einschnitt (Pos. 743). Hoffecker meinte später: "While a danger existed that such childhood training might degenerate into “mere formality and hypocrisy,” resulting in a life 'destitute of religion,' a worse mistake would be to go to the opposite extreme and ignore Christian nurture." (2787-2788)
Die Mutter baute in ihrem Eifer einen grossen Druck auf ihren Sohn auf. Welche Leistung er auch immer brachte (er führte ein sehr diszipliniertes Leben), es war stets zu wenig. Hoffecker tönt kurz an, dass es nach seinem Europaaufenthalt (1826-1828) zu einer Abkühlung in der Beziehung gekommen sei. Oftmals wird heute eine solche Jugend psychologisch durchs Band negativ gedeutet. Wir würden sagen, Hodge hätte sich nicht frei entfalten können. Für mich war es aber tröstlich zu lesen, dass Gott auch diese Unausgewogenheit in der Jugendzeit mitbenutzt hat. Kleines Detail: Nach dem College pausierte Hodge infolge Erschöpfung für ein Jahr, um ausgiebig zu lesen. Gute Idee!
Eigene Ausbildung und Position bezüglich theologischer Ausbildung
In der intensiven Auseinandersetzung mit dem universitären System Frankreichs und vor allem Deutschlands während Hodges Europaaufenthalt (1826-1828) schärfte Charles seinen Blick für die Vor- und Nachteile des US-amerikanischen Systems.
Der sog. „Athener Ansatz“, in dem er erzogen und trainiert wurde, hielt die paideia, die Instruktion im Sinne der Kombination von Inhaltsvermittlung und „Kulturentwicklung der Seele“ hoch. Charakterentwicklung war das oberste Ziel der Vorbereitung auf den pastoralen Dienst (923-925). Die Disziplinierung des Geistes, das Entwickeln der Frömmigkeit und der gemeinschaftlichen Gefühle (social affections) gingen Hand in Hand.
Diese Vorgehensweise unterschied sich stark von der „wissenschaftlichen“ Ausbildung im Sinne einer Spezialisierung innerhalb eines bestimmten Gebietes, weitgehend losgelöst von der gesamten Theologie und noch mehr vom persönlichen geistlichen Leben. Auch wenn Hodge zeitlebens ein sorgfältiges methodisches Arbeiten hochhielt, wollte er dies nie von der persönlichen geistlichen Entwicklung der forschenden Person und der Gemeinschaft, der sie diente, loslösen.
In Erinnerung bleibt mir das Tagebuch von Charles während dessen sechsmonatiger Zeit als Praktikant. Minutiös notierte er sich Zeit, Ort, Text, Botschaft und Resonanz. Im Zentrum seiner Reflexion stand jedoch der eigene geistliche Zustand.
Nicht zu vergessen ist seine (52-seitige) Dissertation. Hodge brachte zu Papier, was heute noch der einer der Bibel untergeordneten Hermeneutik wohl ansteht: Das Studium der Bibel sollte unter der Voraussetzung geschehen, dass ihre Bücher „die Schrift“ darstellen. Dementsprechend sollten sie unter dem Eindruck, dass sie Gottes Wort seien, studiert werden. Hodge betrachtete dies jedoch nie als Entschuldigung für Nachlässigkeit, im Gegenteil. Angesichts der Vielzahl an weisen und belesenen Gelehrten mahnte er ein fleissiges und ausgiebiges Forschen an.
Ein vorbildlicher Charakterzug ist die Selbständigkeit von Charles. Er beantragte nicht nur seinen Aufenthalt in Europa in eigener Initiative, er eignete sich die alten Sprachen mit Hilfe von Privatlehrern an. Er freute sich über entstehende Kontakte und liess sich von denen in neue Kreise einführen. Er schämte sich nicht vor Kontakten zu Regierungskreisen, Adel und Militär. Seine natürliche Neugier führte ihn in kurzer Zeit zu neuen Bekanntschaften.
Natürlich interessierte es mich zu erfahren, wie Charles den Glauben in der eigenen Familie mit acht Kindern weitergab. Es gibt diesbezüglich nur wenige Hinweise, jedoch wichtige: Hodge gestaltete Familienandachten (so wie er auch am Sonntagnachmittag erbauliche Predigten hielt; obwohl sein Sohn ihn nie mit Notizen sah, fand er später in seinem Schreibtisch Stapel sorgfältig skizzierter Dispositionen.) Offenbar hatte er auch eine offene Tür zum privaten Bereich, so dass seine Kinder stets Zugang zu ihm hatten (1453-1454).