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Die Fachjury von «Schweizer Jugend forscht» prämierte die Arbeiten des 56. Nationalen Wettbewerbs. Den Einzug ins Finale schaffte der Richterswiler Nicolas Dickenmann und erhielt für seine Arbeit «China First» das Prädikat «sehr gut».
Interview: Reni Bircher
Nicolas Dickenmann wurde 2002 geboren und schloss letzten Sommer das Gymnasium an der Kantonsschule Freudenberg in Zürich ab. Nach der Matura begann er sein Studium an der ETH als Elektrotechniker.
Herr Dickenmann, was gab den Ausschlag, sich für Ihre Maturaarbeit dem Thema Wirtschaftswachstum in China zu widmen?
Ich habe mich gefragt, wie aus einem Entwicklungsland so schnell eine Industrienation -werden kann, während andere, wie zum Beispiel Brasilien, an diesem Versuch seit Jahrzehnten arbeiten. Das hat mich persönlich sehr interessiert. Dann habe ich mir einen Bereich gesucht, wo innert kurzer Zeit eine enorme Entwicklung stattgefunden hat und handfeste Vergleiche möglich waren. Somit fiel meine Wahl auf China und die Eisenbahnindustrie. China hat innerhalb kürzester Zeit technologisch aufgeholt und seine Wirtschaft international konkurrenzfähig gemacht.
In den letzten Jahren konnten sie sich einiges an Wissen und Technologie aus dem Westen aneignen. Wenn man etwa einen Zug der Siemens anschaut und gewisse in China produzierten Züge, so sind diese nahezu identisch. In meiner Arbeit «China First» untersuchte ich detailliert, wie Chinas Eisenbahnindustrie innerhalb von 20 Jahren zum global grössten Player aufsteigen konnte.
Woran liegt dieses enorme Wachstum?
«China First» zeigt, welche Strategien die chinesische Regierung dabei angewandt hat: den Zukauf von Know-how westlicher Eisenbahnhersteller, die Konsolidierung der gesamten Eisenbahnindustrie zu einem gigantischen Staatsunternehmen (CRRC), der rasante Ausbau der Hochgeschwindigkeitsnetze und schliesslich die angestrebte Expansion nach Europa und in die restliche Welt.
In meiner Arbeit legte ich dar, welche Interessen die einzelnen Akteure verfolgten und wie sie vorgingen. Offensichtlich wird, mit welchem Kalkül die chinesischen Entscheidungsträger handelten und wie kurzfristig orientiert die westlichen Hersteller agierten.
Wie kann eine solche Wechselseitigkeit mit China funktionieren? Kann sie überhaupt funktionieren?
Die Frage ist ja, warum westliche Regierungen diesen ganzen Prozess zugelassen haben. Die eigentliche Idee dahinter war vermutlich, dass jedes Land durch eine starke Wirtschaft und steigendem Wohlstand zu einer funktionierenden Demokratie werden kann. Mittlerweile dürfte allen klar geworden sein, dass das in China nicht passieren wird. Ganz im Gegenteil: In den letzten Jahren hat die Repression stärker zugenommen, obwohl der Wohlstand gestiegen ist. Die Regierung reagiert auch immer aggressiver gegen westliche Forderungen und solche der eigenen Bevölkerung. Von der Wachstumsstrategie her ist es vergleichbar mit Taiwan, Südkorea oder Japan, nur dass diese sich tatsächlich zu einer Demokratie entwickelt haben. Nun sollte man den einseitigen Know-how-
Transfer und Marktzugang unterbinden, was auch ein bisschen passiert, denn in Europa sieht man den Handel mit China inzwischen kritischer. In der Schweiz gibt es seit ein paar Jahren auch Regelungen, die es verbieten, dass weitere (strategische) Firmen in kritischen Sektoren, wie Computermikroprozessoren, an Staatsunternehmen verkauft werden. Das Problem bezüglich der Hochgeschwindigkeitszüge ist nun aber, dass China versucht, diese an andere Länder zu verkaufen, währendem sie ihren Heimatmarkt protektionistisch geschlossen halten.
Wie reagiert die westliche Politik darauf oder wie sollte sie reagieren?
Ein einzelnes Land kann da kaum etwas bewirken, die WTO müsste wohl China dazu bringen, ihren Markt zu öffnen. Solange kein Druck ausgeübt wird, wird sich China auf seiner bequemen Position ausruhen. Ziel soll sein, dass China nicht mehr einseitig Zugang zum europäischen Markt bekommt, ohne den eigenen Markt westlichen Firmen zu öffnen.
Europa hat in den letzten Jahren Massnahmen ergriffen, um der Einseitigkeit des Handels entgegenzuwirken. Dabei erörtert und bewertet «China First» die Reaktionen der europäischen Eisenbahnhersteller sowie der europäischen Politik.
Die westlichen Eisenbahnhersteller versuchen die CRRC (China Railway Rolling Stock Corporation) durch die Steigerung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, aber auch durch das Ausnutzen von Eintrittsbarrieren und Appelle an die Politik, zu begegnen. Während die europäischen Hersteller sich angesichts der neuen Konkurrenz konsolidieren wollen, steht die europäische Politik vor grossen Dilemmas. Gleichzeitig will man einen funktionierenden Wettbewerb innerhalb Europas, aber andererseits muss man auch im globalen Wettbewerb bestehen können. Die Wettbewerbskommission hat die Alstom-Siemens-Fusion aus Angst vor schwindendem Wettbewerb in Europa verboten. Dies sorgte für viel Kritik von verschiedenen Seiten, und die spätere Alstom-Bombardier-Fusion wurde trotz ähnlicher Vorbehalte in Folge erlaubt.
Sehen Sie in der raschen Entwicklung des Wirtschaftsstandortes China eine Gefahr?
Das Erlangen westlichen Wissens fand auf legalem Weg statt, schlägt nun aber einen Weg ein, der für den europäischen Markt nicht unbedingt gut ist. Das haben wir uns aber selbst zuzuschreiben … Wirtschaftlich ist China zu einer starken Konkurrenz geworden, eine Zusammenarbeit liesse sich allerdings bewerkstelligen, wenn Europa entsprechende Massnahmen ergreift. Bedauerlich wäre es, wenn sich China von diesem «Öffnungskurs» abwendet, und die CRRC zeigt Anzeichen dafür, diesen Kurs einzuschlagen. Angesichts der damaligen Situation Chinas als Entwicklungsland lässt sich dies möglicherweise noch rechtfertigen, nun ist aber zu fordern, dass sich China aufgrund seiner erstarkten Position ebenfalls an die internationalen Standards hält.
Was sind die Schlussfolgerungen, die Ihre Recherchen ergeben?Meine Arbeit konnte den Aufstieg der chinesischen Eisenbahnindustrie darlegen und die Reaktionen Europas analysieren. Ein Gespräch mit einer Person mit chinesischer Perspektive sowie ein Austausch mit einem europäischen Eisenbahnhersteller wären sehr interessant gewesen, dies kam aber leider aus verschiedenen Gründen nicht zustande. «China First» könnte helfen, für konkrete Vorschläge ein Fundament zu legen, um der neuen Konkurrenz zu begegnen und Reziprozität gegenüber China zu erreichen. Die Forschung zu diesem aktuellen Thema ist noch nicht weit fortgeschritten. Hier soll «China First» einen Beitrag leisten.
Durch die Bewertung der Experten erhielten Sie für Ihre Arbeit ein «sehr gut». Was ist nun dieser Sonderpreis HSG Alumni, den Sie gewonnen haben?
Ich kann im März 2023 an einem Startup-Event der Universität St. Gallen teilnehmen, mit bezahlter Anreise und Übernachtung. Das finde ich wirklich cool, und es hat mich überrascht, dass der Arbeit so viel Beachtung geschenkt wird.