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Nehmen Sie sich selber ernst!
Kinder mögen es nicht, wenn ihre Eltern ihnen etwas vorspielen. Sie wollen die Eltern «in echt».
Um persönliche Autorität zu entwickeln, braucht es ein Mindestmass an Selbstwert. Deshalb möchte ich kurz den Begriff Selbstwert definieren, der aus zwei Komponenten besteht:
- Wie gut kenne ich mich selbst? Mein inneres und äusseres Verhalten, meine Gefühle, Werte und persönlichen Grenzen? Diese Komponente entwickelt sich das ganze Leben lang. Das Tempo hängt davon ab, wie mein Umfeld mit mir interagiert.
- Wie stehe ich in moralischer und gefühlsmässiger Hinsicht zu mir, mit dem, was ich über mich selbst weiss?
«Eine Mutter, die 24 Stunden zur
Verfügung steht und darunter leidet,
ist nicht glaubwürdig.»
Jesper Juul
Besonders Frauen haben noch Schwierigkeiten sich ernst zu nehmen
Nach einem meiner Vorträge wurde ich von einer Mutter gefragt: «Ich habe drei Kinder – eine Tochter von vier Jahren und zwei Söhne, sechs und neun Jahre alt. Ständig wetteifern sie um meine Aufmerksamkeit und streiten sich deswegen oft. Mein Mann reist viel, und ich arbeite halbtags. Ich bin so erschöpft, dass ich nicht mehr weiterweiss. Wie bringe ich meine Kinder dazu, dass sie mit Streiten aufhören und ich endlich ein bisschen Luft habe?» Meine Antwort darauf war, dass sie damit anfangen sollte, sich selbst ernst zu nehmen, nämlich ihre persönlichen Bedürfnisse und Grenzen. Sie schüttelte den Kopf, wohingegen ihre Freundin eifrig nickte. «Was würden Sie denn vorschlagen?», fragte mich die Mutter.
«Meine Energie gehört mir, ich nutze sie so, wie ich will»
Die Frau war schockiert. Sie könne ihre Kinder doch nicht mitten in der Nacht aufwecken. Was, wenn sie sich dann abgewiesen fühlen? Was ist, wenn sie mich hassen? Und kann ich so egoistisch sein? Es war mir völlig klar, dass ich mit meinem Vorschlag gegen die Unterdrückung, Selbstunterdrückung und ein über Generationen geprägtes falsches Verständnis von wirklicher Mutterliebe kämpfte. Ich konnte ihr also nur anbieten, über meinen Vorschlag nachzudenken.
Zwei Wochen später bekam ich eine E-Mail: «Ich wusste, dass Ihr Vorschlag richtig war, aber ich hatte sehr viele Bedenken. Es hat deswegen eine ganze Woche gedauert, bis ich mich traute. Allerdings weckte ich die Kinder nicht auf. Ich rief sie vor dem Schlafengehen des jüngsten Kindes zusammen und sagte, was Sie mir vorgeschlagen hatten. Zuerst waren die Kinder still, dann aber kam der älteste Sohn und umarmte mich ganz lange und fest. Die zwei anderen Kinder kamen nach, und wir waren alle erleichtert und glücklich.
Zu dem finden, was uns wirklich wichtig ist
Viele von uns erleben diese Krisen in Beziehungen mit unseren Kindern, Partner, Eltern. Oder wir fühlen uns im Job ausgebrannt, bevor wir den Mut haben, wieder zu uns und zu dem zu finden, was uns wirklich wichtig ist. Wenn uns das gelingt, ändert sich unsere Ausstrahlung, und andere Menschen verhalten sich uns gegenüber plötzlich ganz anders. Nun ist das erste Stockwerk der persönlichen Autorität gebaut, und alles andere werden wir mit weniger Schmerz und weniger moralischem Skrupel erfahren.
Wir müssen nicht perfekt oder besonders nett sein, nur wir selbst
Wir müssen nicht perfekt oder besonders nett sein, um unsere Existenz zu rechtfertigen – nur wir selbst. Das ist es, was unsere Kinder und auch andere uns zu sagen versuchen, wenn wir sie als extrem unmöglich, total lästig und extrem provokativ erleben. «Wir wollen nicht, dass du uns etwas vorspielst!», meinen sie damit: «Wir wollen dich in echt!»
Niemand sollte eine Kränkung einfach hinnehmen, auch nicht von Kindern oder Jugendlichen – aber die Idee, sie würden damit aufhören, ohne dass wir Erwachsene uns als Menschen entwickeln, ist eine Illusion. Die Zeit, in der wir unsere Führung allein auf Macht aufbauen konnten, ist vorbei. Genauso verhält es sich mit der Macht zu bestrafen oder zu belohnen. Ihr Kind braucht persönliche Autorität – womöglich viel mehr, als Sie glauben, dass Sie diese brauchen. Es ist die beste Prävention der Welt, aber auch ein sehr wichtiger Faktor in Ihrer Beziehung, wenn eine Krise auftritt. Ausserdem wird es Ihre anderen Beziehungen bereichern, wenn sie wächst. Es hat mich in etwa 50 Jahre gekostet, um meine zu entwickeln. Zum Glück sind nicht alle so dickköpfig wie ich!
Zum Autor:
Jesper Juul hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter Ehe geschieden.