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Der Fluch der Austerität
Es war einmal ein Land.
Es ächzte unter einer horrenden Schuldenlast gegenüber dem Ausland von mehr als 100 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung.
Seine ausländischen Gläubiger, besonders die Nachbarn auf dem eigenen Kontinent, waren erbarmungslos in ihrer Forderung, dass das Land seine Schulden zurückzahlt.
Eine Wirtschaftskrise, deren Ursprung weit weg lag, stürzte das Land in eine Rezession.
Das Land war in ein starres Wechselkursregime eingebunden und konnte seine Währung nicht abwerten.
Die Regierung des Landes verschrieb sich einer Austeritätspolitik. Sie versuchte tapfer, die staatlichen Ausgaben zu senken, die Löhne der Staatsangestellten zu kürzen und die Steuern zu erhöhen – um genügend Mittel zur Verfügung zu haben, um die ausländischen Schulden zu bedienen.
Das Land fiel in eine Depression.
Die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenrate stieg auf 26 Prozent.
Die offiziell ausgewiesene Industrieproduktion schrumpfte um 42 Prozent.
Das Bruttoinlandprodukt wurde immer kleiner. Die Einnahmen des Staates sanken. Die Schulden in Prozent des Bruttoinlandproduktes wurden immer grösser.
Die Banken kollabierten.
In den Strassen der Städte bildeten sich spontane Protestzüge, Unruhen folgten. Tote auf den Strassen.
Dann, es war ein Januar, eine Volksabstimmung: Es gewann eine Partei mit einem charismatischen Mann an der Spitze, eine Partei, die der Bevölkerung ein Ende der wirtschaftlichen Leiden versprach. Eine Partei, die dem Volk wieder Stolz und Zuversicht gab.
Das Land heisst Deutschland.
Die Zeit: 1930 bis 1933.
Fast eins zu eins lässt sich die obige Erzählung heute auf Griechenland anwenden. Griechenland ging in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls durch eine brutale Depression, in deren Verlauf die Wirtschaftsleistung um mehr als 25 Prozent eingebrochen ist.
Die zigmal wiederholte Kritik, wonach die griechische Regierung halt jahrelang nichts unternommen hat und das Land jetzt die Rechnung dafür erhält, ist nur eines: schlicht nicht wahr. Griechenland hat die Löhne der Staatsangestellten gekürzt, Zehntausende von Staatsangestellten entlassen, das Rentenalter erhöht, die Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen massiv gekürzt und vieles mehr. Mehr Details dazu in diesem Blogbeitrag meines Kollegen Markus Diem Meier, in dieser Kritik des irischen Ökonomen Karl Whelan und in dieser Rede des Nobelpreisträgers Amartya Sen.
Das Resultat dieser Austeritätspolitik war: eine brutale Depression.
Und wie zu erwarten war, kollabierten im Zuge der Depression die Steuereinnahmen des Staates, während die Schulden in Prozent des BIP immer weiter in die Höhe stiegen. Der an der Brown University in den USA lehrende Ökonom Mark Blyth hat den Irrsinn der in einem rezessiven Umfeld zu harsch angewandten Austeritätspolitik in diesem Video bereits vor zwei Jahren äusserst treffend dargelegt.
Nun kommt es in den folgenden Wochen also zum Showdown zwischen der griechischen Regierung und den Kreditgebern, vertreten von der Eurogruppe der Eurozonen-Finanzminister, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds.
Wir wollen hier gar nicht spekulieren, wie der Showdown ausgehen wird. Vielleicht kommt es zu einem für alle Seiten einigermassen gesichtswahrenden Kompromiss (bei dem freilich keines der grundlegenden Probleme gelöst wird), vielleicht kommt es zu einem Zahlungsausfall, vielleicht zu einem chaotischen Default und einem Sturm auf die griechischen Banken (dieser «Bank Run» findet übrigens bereits statt), vielleicht zu einem Austritt aus der Währungsunion.
Wir werden sehen.
Wichtig aber ist: Nichts, was heute in und um Griechenland geschieht, kommt überraschend. Es war seit Jahren absehbar, dass das Land durch die von aussen aufgedrückte Austeritätspolitik immer weiter in die Depression getrieben wird. Und es war seit Jahren absehbar, dass Griechenland nie und nimmer in der Lage sein wird, seinem Schuldenberg zu entwachsen.
Natürlich sind Griechenlands Premier Tsipras und sein Finanzminister Varoufakis Hasardeure, die überall in Europa anecken und es geschafft haben, sogar die Regierungen Spaniens, Italiens und Portugals gegen sich aufzubringen. Doch darum geht es gar nicht.
Tsipras und Varoufakis sind nicht die Ursache der Misere, sie sind die Folge der Misere. Sie und ihre Partei Syriza wurden im Januar von einem Volk gewählt, das die seit mehr als fünf Jahren andauernde Depression nicht ertragen hat.
Tsipras und Varoufakis sind die Folge der Depression, sie sind die Folge der von den Euro-«Partnerländern» aufgedrückten Austeritätspolitik.
Wir wollen gar nicht erst beginnen, uns zu überlegen, wer in Frankreich oder den Niederlanden vom Volk gewählt würde, wenn diese Staaten fünf Jahre lang eine dermassen heftige Depression durchlaufen müssten.
Oder in Deutschland. Oder, ja, in der Schweiz.
Einige Links in ähnlicher respektive eigener Sache:
- Jean-Claude Trichet, der frühere Präsident der EZB, gibt in diesem Interview mit meinem Kollegen Tommaso Manzin seine Einschätzung zu Griechenland und zur aktuellen Geldpolitik der EZB ab.
- Mein Kollege Peter Rohner geht in diesem Beitrag der Frage nach, was den Griechenland eigentlich exportieren könnte, wenn das Land eine schwächere Währung hätte.
- In diesem Blogbeitrag letzte Woche haben wir die Argumente der Ökonomen Heiner Flassbeck und Thomas Straubhaar gegeneinander antreten lassen. Das «Hamburger Abendblatt» hat ein Streitgespräch mit den beiden durchgeführt. Hier die Abschrift des Gesprächs, in dem Flassbeck sagt, Europa sei «im Kern zerstört».
- In diesem Blogbeitrag zieht Paul Krugman lesenswerte Parallelen zwischen Griechenland 2015 und Argentinien 2001.
- Und hier der sechste Teil unserer Serie über historische Spekulationsblasen: Die Panik von 1792.