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You like me so much more than you think you do.
Wenn ich mich in Figuren aus Filmen wiedererkenne, ist das selten besonders angenehm. Das sind nämlich für gewöhnlich nicht die erfolgreichen Helden, sondern meist die leicht angeknacksten, unbalancierten Menschen. Wie etwa der orientierungslose Roger Greenberg (Ben Stiller, «Night at the Museum: Battle of the Smithsonian», «There’s Something About Mary») in der schonungslos enthüllenden und sorgfältig beobachteten Dramödie «Greenberg» von Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach. Wenigstens sind auch die Unterschiede auffallend.
Roger Greenberg verbringt nach einem Aufenthalt in einer Psychiatrischen Klinik ein paar Wochen in Los Angeles, wo er auf das Haus und den Hund Mahler seines Bruders Phillip (Chris Messina, «Away We Go») aufpassen soll. Der reist mit seiner Familie in die Ferien nach Vietnam. Falls Roger Hilfe brauchen sollte, kann er sich an die junge Assistentin Florence (Greta Gerwig) von Phillip wenden. Roger ist jedoch jeweils in Gesellschaft ein wenig verloren und überfordert und versucht daher die Kontakte zur Aussenwelt auf ein Minimum zu reduzieren. Er beabsichtigt, einfach nichts zu machen. Das gelingt ihm nicht wirklich.
Roger kontaktiert Ivan (Rhys Ifans), den Gitarristen einer Band, die Roger durch seine Sturrheit vor über 15 Jahren zerstört hat. Beide Männer sind an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie ihre bisherigen Entscheidungen hinterfragen. Die Ehe von Ivan droht zu zerbrechen. Darüber ist Roger gar nicht unglücklich, da er die Frau sowieso nie leiden konnte. Roger überlegt sich derweil, die Beziehung zu seiner früheren Freundin Beth (Jennifer Jason Leigh), die eben eine Scheidung hinter sich hat, wieder aufzuwärmen. Doch viel stärker fühlt er sich zu Florence hingezogen, die er durch sein Verhalten allerdings immer wieder verletzt. Da erkrankt Mahler an einer Autoimmun-Krankheit.
Ganz so unstabil wie Roger Greenberg bin ich nicht wirklich. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, unter gewissen Bedingungen in ein paar Jahren in einer ähnlichen Situation zu landen. Immerhin kann ich diese Möglichkeit erkennen und diesen Kurs womöglich vermeiden. Roger Greenberg verfügt hingegen nicht über eine allzu ausgeprägte Fähigkeit, seine eigenen Schwächen wahrzunehmen. In seiner Wut auf die Welt – er schreibt fleissig Beschwerdebriefe an den Bürgermeister von New York, Starbucks und andere Unternehmen – bemerkt er nicht, dass dieses Symptom die eigentliche Ursache seiner Unzufriedenheit ist. Oder wie er es selbst durch die Aussage seines Psychiaters ausdrückt: er lebt in der Vergangenheit, weil er sie selbst gar nie gelebt hat.
Das hört sich alles ein wenig schwer verdaulich an. Wirklich niederdrückend ist «Greenberg» allerdings keineswegs. Die Unfähigkeit der Hauptfigur, mit seiner Umwelt bedeutungsvolle Unterhaltungen und Beziehungen zu führen, wird mehr von der humorvollen, leicht ironischen und melancholischen Seite betrachtet. Greenberg gerät ständig in Situationen, von denen er überfordert wird, ob das nun sein Geburtstag in einem Restaurant ist, die Party seiner früheren Kollegen oder ganz besonders die intimen Kontakte mit Florence, der es nach dem Scheitern einer langen Beziehung selber ein wenig an Überzeugung und Zuversicht mangelt. Auch die jungen Menschen an einer ausgelassenen Party sind ihm suspekt und erschrecken ihn durch ihr Selbstvertrauen. Und ärgern ihn, weil sie sich nicht Duran Duran anhören wollen.
Die Gespaltenheit dieser lebensechten Figuren wird durch die Dialoge aus dem Drehbuch von Noah Baumbach treffend geschildert. Über besonders viel Handlung verfügt der Film nicht. Er ist vielmehr eine tiefschürfende Charakterstudie von Menschen, die sich durch ihre Vergangenheit quälen lassen und lernen müssen, wie sie ihre eigene Verletzlichkeit akzeptieren können, um das Leben anzunehmen, das sie nicht geplant haben. Baumbach inszeniert diese Geschichte der späten Selbsterkenntnis mit viel Einfühlungsvermögen und einem Gespür für visuellen Humor. Verlassen kann er sich auch auf seine grossartigen Schauspieler.
Der ansonsten meist sehr laute Komödien-Star Ben Stiller nimmt sich in seiner Rolle so stark zurück, dass er sich zwischendurch fast völlig in seiner verletzlichen Figur auflöst. Unterstützt wird er dabei durch Vertreter des alten und neuen unabhängigen US-Kinos. Die Besetzung lässt beinahe den Eindruck entstehen, dass eine eigentliche Wachablösung im Gange ist. Die Independent-Ikone Jennifer Jason Leigh hat nur eine kleine Rolle, dafür tritt die Mumblecore-Darstellerin Greta Gerwig eindrücklich ins Rampenlicht. Stellt sich die Frage, ob die ausdrucksstarke junge Schauspielern in den nächsten Jahren dem Schönheitsideal von Hollywood nacheifern und durch Abmagerung ihre Weiblichkeit verlieren oder aber dem unabhängigen Kino treu bleiben wird. «Greenberg» ist auf jeden Fall ein vorzügliches Lebenszeichen für die Vitalität des Kinoschaffens abseits von Hollywood.
Fazit: «Greenberg» ist eine gleichsam unterhaltende wie berührende Dramödie über nur schwer überwindbare Hindernisse im Leben.
Bewertung:
(Bilder: © Ascot Elite)
Ein Kommentar to “«Greenberg» von Noah Baumbach mit Ben Stiller”
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