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Menschlichkeit und Sprache
Ich bin ein Mensch, der schöne Wörter mag, wie z.B. Zeitweh. Ich mag gerne deftige Witze, aber ich mag keine grobe Sprache. Ich bin müde von Wörtern, die ständig in den Medien erwähnt werden wie z.B. Demut. Nicht dass ich die Qualität des Wortes nicht schätze, es geht mir vielmehr darum, dass Wörter missbraucht werden, wenn sie mühlenartig runtergeleiert werden. Ich mag auch keine Wörter wie z.B. Change Management und Human Ressource. Ich empfinde sie schon beim Schreiben als eckig und fremd. In der Arbeit werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Human Ressource (als menschliche Ressource) bezeichnet. Ich lese immer öfters, dass sich die Bezeichnung nicht mehr lange halten wird. Die Entmenschlichung wird benannt. In meiner Arbeit als Pädagogin fühle ich mich zwar nicht als Effizienzmaschine, aber auch hier begegnet mir das Wort. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die schon einige Jahre zurückliegt. In meiner Tätigkeit als Pädagogin begleitete ich einen jungen Mann mit einer geistigen Behinderung in die Universitätsklinik nach München. Dem Mann drohte eine mögliche Erblindung, weil sich die Hornhaut ablöste. Deswegen wurde eine Hornhauttransplantation in die Wege geleitet. Als ich den Klienten ins Krankenhaus brachte, ihm seine Kleidung brachte, ihm für die Operation gut zusprach, wollte ich nach Hause fahren. Plötzlich fing der junge Mann bitterlich zu weinen an. Er schluchzte. Ich glaube nicht, dass er wegen der drohenden Erblindung diesen Gefühlsausbruch durchlebte, sondern vielmehr weil er alleine zurückbleiben musste. Er warf sich in meine Arme und die Tränen wollten nicht mehr aufhören zu fliessen. Ich blieb länger als geplant. Ich hielt ihn fest. Währenddessen kam ich mit den zwei Männern ins Gespräch, die das Zimmer mit dem jungen Mann teilten. Sie waren neugierig. Einer von ihnen, man würde ihn als gestandenen Mann in Bayern bezeichnen. Sein Erscheinungsbild wirkte väterlich. Er hatte lustige Augen. Er fing mit dem jungen Mann zu sprechen an. Die anspruchsvolle Situation konnte nicht durch die Handlung einer Human Ressource gelöst werden, sondern es war die reine Menschlichkeit. Das Miteinander. Das Trösten. Das Nachempfinden können eines Vorheimweh (das Wort "Vorheimweh" mag ich übrigens auch).
Auch bei dem Begriff "Change Management" machte ich in meiner Tätigkeit als Dozentin für Teamleiterinnen und Teamleiter in helfenden Berufen eine spannende Erfahrung. Bei der Entwicklung des Inhalts begegneten mir viele Modelle aus der Psychologie und Trauerbegleitung. Ich stellte mir die Frage, ob es manchmal nicht ehrlicher wäre, wenn die Dinge beim Namen genannt würden. Veränderungen machen oft Angst und können Verunsicherungen auslösen. Sicherlich benötigt es auf der strukturellen Ebene eine übergreifende Betrachtungsweise und eine gute Planung. Aufgaben, Werte und Qualitätsansprüche verändern sich. Auch müssen Veränderungsprozesse nicht immer eine negative Entwicklung bewirken. Ganz im Gegenteil. Wenn ich auf die letzten dreissig Jahre als Pädagogin zurückblicke, sehe ich eine enorme positive Entwicklung. Die Kombination aus Fachlichkeit, Verständnis für Vielfalt und Mitmenschlichkeit ist in meinen Augen mehr zusammengewachsen. Nun wirst du dich fragen, was das alles jetzt mit Yoga zu tun hat.
Aufgehobensein
Ich finde recht viel. Auch in der Yogawelt begegnet mir häufig eine Sprache, die mich manchmal ermüdet. Wörter wie z.B. Glücklichsein springen einem oft plump entgegen. Glücklichsein ist ein wunderbares Gefühl, aber es wirkt im alltäglichen Gebrauch undeutlich und unberechenbar. Dagegen sind altmodische Wörter wie z.B. freiherzig, lebensheiter, nachtberührt und schmerzwund viel aussagekräftiger.
Ich schätze die Momente der Poesie und Bildsprache im Yoga. Wörter wie Aufgehobensein, Aufatmen und Dazwischenraum bedeutet mir etwas. Auch als Mama/Papa, Freundin/Freund, Nachbarin /Nachbar... können wir der alltäglichen Sprache mehr Farbe und Ausdruck verleihen. Gestern hörte ich das Interview mit der Kommunikationsprofessorin Miriam Meckel, die sich auf das Gebiet "Künstliche Intelligenz" spezialisiert hat. In diesem Interview erzählte sie, dass sich wohl viele Fachleute geirrt haben mit der Annahme, dass vor allem die Handwerksberufe durch Roboter ersetzt werden. Tatsächlich sind aber die kreativen Berufe wie z.B. Autorinnen/Autoren und Malerinnen/Maler betroffen. Die Künstliche Intelligenz nähert sich der Kreativität und Empathie. Die Identität des Menschen scheint ins Wanken zu geraten. Diese Eigenschaften wie Kreativität und Empathie, die sich der Mensch zu eigen machte und mit denen er sich als Mensch begründete, wird ihm zum Teil abgenommen. Der Journalist reagierte erschrocken auf ihre Aussagen und fragte: "Und was können wir jetzt machen?" Miriam Meckel gibt diese Antwort: "Menschlicher werden" Ich denke an Franz (so nenne ich ihn einfach mal... den väterlichen Freund meines Klienten im Krankenhaus). Ja... menschlicher werden. Das wäre schön! Der Schriftsteller Grossmann beschreibt sein Buch so: Dann komme nach dem Schmerz der Moment der Süsse Versöhnung mit sich, zwischen dem, der man war, und dem, der man ist. Ich glaube nicht, dass die Künstliche Intelligenz solche Bücher hervorbringen oder eine Yogastunde der Besänftigung geben wird.