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Er war Mitglied des legendärsten Streichquartetts der Musikgeschichte und unterrichtete den weltberühmten Dirigenten Nikolaus Harnoncourt. Am 30. Oktober vor 50 Jahren starb in Zug der Cellist Paul Grümmer. Seine Tochter allerdings sollte in Zug noch weiter eine Rolle spielen.
Werner Hoppe
Als Paul Grümmer wenige Jahre vor seinem Tod die Erinnerungen an sein Leben als Violoncellist zu Papier brachte, gab er seiner Autobiografie den simplen Titel «Begegnungen». Und tatsächlich traf dieser zuletzt in Zollikon bei Zürich wohnhafte Künstler im Verlauf seiner beeindruckenden Laufbahn mit den berühmtesten Musikern seiner Zeit zusammen.
Mit der Stadt Zug war der deutsche Meistercellist über seine hier lebende Tochter Sylvia Grümmer verbunden. Die 1911 in Wien geborene und dort sowie in Köln und Berlin ausgebildete Musikerin hatte es zur Solo-Gambistin des Philharmonischen Orchesters Berlin (den heutigen Berliner Philharmonikern) gebracht. Als Folge einer im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs erlittenen Rückenverletzung musste sie ihre Karriere jedoch aufgeben und leitete später das Bircher-Sanatorium bei Oberwil am Zugersee.
Vor dem König von England
1879 im thüringischen Gera in eine Künstlerfamilie geboren, lernte Paul Grümmer von seinem Vater zunächst das Violinspiel, bevor er sich dem Violoncello zuwandte. Seine Lehrer gehörten zu den Stars am damaligen Cellistenhimmel: Julius Klengel in Leipzig und Hugo Becker in Frankfurt am Main.
«Kein anderer Cellist – vielleicht mit Ausnahme von Gregor Piatigorsky – hatte so einen wunderbaren Ton wie Paul Grümmer.»
Nikolaus Harnoncourt, Dirigent
Die eigene Karriere lancierte der junge Cellist mit einem mehrjährigen Aufenthalt im post-viktorianischen England, wo er nicht nur ausgedehnte Tourneen mit seinem Leipziger Pianistenkumpel Wilhelm Backhaus unternahm, sondern auch dem damaligen König Edward VII. vorspielen durfte.
1905 wurde Paul Grümmer zum Ersten Solocellisten des Wiener Konzertvereinsorchesters (den heutigen Wiener Symphonikern) ernannt. Die folgenden Jahre in der kaiserlich-königlichen Donaumetropole erwiesen sich für den aufstrebenden Musiker, der bald auch als Professor an der dortigen Musikhochschule tätig war, als äusserst fruchtbar. Zunächst traf er auf den Primgeiger Adolf Busch und gründete 1913 mit ihm das Konzertvereinsquartett, aus dem 1919 das legendäre Busch-Quartett (mit Gösta Andreasson an der 2. Violine und Karl Doktor an der Viola) hervorging.
Wiedererwecker der Viola da Gamba
Das Busch-Quartett, dem Grümmer bis 1930 angehörte, wurde für seinen unerhört modernen Fokus auf den Gesamtklang des Streichquartetts bekannt. Nicht mehr die «schöne» Melodie stand im Vordergrund; vielmehr sollte das dichte Klanggewebe von vier eigenständigen Stimmen hörbar werden, um damit die Schönheit der musikalischen Struktur zu erhellen. Paul Grümmer beschrieb das Musizieren im Busch-Quartett als «Höhepunkt unseres musikalischen Daseins».
Ebenfalls in Wien begann sich Grümmer intensiv mit dem historischen Vorgänger seines Leibinstruments auseinanderzusetzen: der Viola da Gamba. Er gilt als Wiederentdecker dieses Saiteninstruments aus der Renaissance- und Barockzeit, das zwischen den Beinen gehalten wird. Indem er eine wegweisende Gambenschule verfasste und fortan die Kniegeige mit ihren «sphärenhaften Klängen» zurück auf die Konzertpodien brachte, schuf er wichtige Grundlagen für eine historisch informierte Aufführungspraxis.
500-Kilogramm-Bombe und der Weg nach Zug
1926 wurde Paul Grümmer an die Musikhochschule in Köln berufen, 1932 nach Berlin. Sein wohl prominentester Schüler war von 1944 bis 1948 der heute als Pionier der Historischen Aufführungspraxis weltberühmte Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der einmal über seinen Lehrer meinte: «Kein anderer Cellist – vielleicht mit Ausnahme von Gregor Piatigorsky – hatte so einen wunderbaren Ton wie Paul Grümmer.»
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs tourte Paul Grümmer als Solist, Kammermusiker und zeitweise sogar mit seinem eigenen Orchester durch Europa und Amerika. Dazwischen gab er Meisterkurse in Lissabon, Salzburg oder Zürich. 1946 verlegte er seinen Wohnsitz ins zürcherische Zollikon und zog sich allmählich aus dem internationalen Konzertbetrieb zurück. Er unterrichtete aber bis ins hohe Alter und empfing hier Künstlerfreunde aus der ganzen Welt.
Seine Tochter Sylvia Grümmer trat noch 1944 als Gamben-Solistin mit den Berliner Philharmonikern auf. Dann, in den letzten Kriegstagen, schlug eine 500-Kilogramm-Bombe in ihrem Haus in Wien ein und verletzte sie schwer. Dank dem Arzt Max Edwin Bircher (einem Sohn des Birchermüesli-Erfinders Maximilian Oskar Bircher-Benner) konnte Frau Grümmer zwar später in der Schweiz behandelt und operiert werden, musste jedoch wegen einem durch verletzte Nerven bedingten Zittern sowohl ihre Solokarriere beenden als auch auf eine ihr angebotene Viola-da-Gamba-Professur an der Musikhochschule in Wien verzichten.
Schlammlawine zerstört Klinik
Eine neue Berufung fand die arbeitslos gewordene Musikerin ab 1949 als Leiterin des von ihrem Arzt Max Edwin Bircher gegründeten Sanatoriums «Murpfli» südlich von Oberwil am Zugersee. Als weiss beschürzte Pflegeschwester Sylvia gehörte sie für mehr als ein Vierteljahrhundert zum Oberwiler Dorfbild, bis die Klinik im August 1975 tragischerweise durch eine vom Zugerberg herunterdonnernde Schlammlawine vollständig zerstört wurde.
Wiederum stand Frau Grümmer mit leeren Händen da, besann sich aber auf ihre musikalischen Fähigkeiten, packte ihre Tenorgambe aus dem Jahr 1667 in ihr klappriges Auto und verdiente ihren Lebensunterhalt noch bis in hohe Alter als Gambenlehrerin und Kirchenmusikerin. Sylvia Grümmer wurde über hundert Jahre alt, sie starb 2012 in Oberwil.
Paul Grümmer starb vor 50 Jahren am 30. Oktober 1965 im Alter von 86 Jahren im Zuger Bürgerspital. Neben seiner bis heute gebräuchlichen Schule für das Violoncello erinnern zahlreiche ihm gewidmete Kompositionen von Max Reger, Ermanno Wolf-Ferrari oder Alexander Tscherepnin an den wohl berühmtesten «Zuger» Cellisten.
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