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Mit dem Aufkommen des Films Ende des 19. Jh. entstand ein neuer Typ öffentl. Aufführungsraums, der sich vorerst am Theater orientierte, wie der Begriff "Lichtspieltheater" erkennen lässt. Die architekton. Ausgestaltung des Äusseren, v.a. aber des Inneren des K.s variiert historisch beträchtlich. Immer jedoch ist gute Kinoarchitektur auch Erlebnisarchitektur, welche die Kunden plakativ anzusprechen sucht und den Wechsel von der realen Welt in die phantastische des Films erleichtern will (Christoph Bignens).
Der Übergang von den Wanderkinos, die in Jahrmarktbuden, Hinterzimmern von Gaststätten und Ladenlokalen gastierten, zu den ständigen Etablissements vollzog sich 1900-10; in ländl. Gebieten hielten sich die ambulanten Vorführer vereinzelt bis in die 1970er Jahre. Die ersten stationären Lichtspieltheater, die in den Städten der Schweiz eröffnet wurden, sind heute verschwunden; es ist schwierig, ihre genaue Geschichte zu rekonstruieren.
Ab 1910 wurden die ersten üppig ausgestatteten Kinopaläste oder sog. Kathedralen erbaut. Ein Beispiel dafür ist das Orient (Zürich, 1913, Jakob Haller und Karl Schindler), dessen gediegenes Interieur für den sozialen Aufschwung des neuen Massenmediums steht. Die Epoche des Stummfilms brachte bis Ende der 1920er Jahre eine landesweite Konsolidierung des Kinobestands, mit der auch eine Verfestigung des Verleihgewerbes einherging. Die Entflechtung von Vorführung und Distribution entwickelte sich zu einem klass. Strukturmerkmal der Branche, das - mit Ausnahmen - bis heute gültig ist.
Die Ausbreitung des K.s vor 1930 ist als Vorlauf zum Aufschwung zu sehen, der mit dem ab 1928 aufkommenden Tonfilm einsetzte und zur eigentl. Gründerzeit führte. Mit dem Tonfilm verschwanden Kinoorchester, Kino- und Lichtorgeln sowie die bunten Effektbeleuchtungen, und es entstanden neue Saalformen. V.a. in den 1930er und 50er Jahren war die künstlerische und architekton. Avantgarde massgeblich am Bau von neuen K.s beteiligt, die z.T. internat. Beachtung fanden. Im schmucklosen Roxy (Zürich, 1932, Carl Hubacher, Rudolf Steiger und Max Bill) sorgte an heissen Tagen ein Schiebedach, ansonsten eine Klimaanlage für frische Luft. Das Studio 4 (Zürich, 1949, Werner Frey und Roman Clemens) und das Cinévox (Neuhausen am Rheinfall, 1957, Max Bill) waren beide im Bauhausstil konstruiert worden: Trotz der unterschiedl. Ausgestaltung ist ihnen die je eigene formale Übereinstimmung der Einzelteile gemeinsam. Das Paris (Genf, 1957, Marc-Joseph Saugey) gilt als eine geschickte Antwort auf das Breitwandverfahren.
Die eigentl. "Klassik" des Tonfilms, deren Anfang in engem Zusammenhang mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise stand, die einen idealen Nährboden für die Sehnsucht der Zuschauer nach einer "heilen Welt" schuf, dauerte bis in die 1960er Jahre an. Damals war das K. am erfolg- und einflussreichsten. Noch Anfang der 1960er Jahre bewegten sich die Filmvorführer sowohl in der Stadt als auch auf dem Land in einem konkurrenz-, risiko- und anspruchslosen Gewerbe. 1963 erreichte die Anzahl der K.s in der Schweiz ihren Höhepunkt: Waren 1931 in den Kt. Bern 47, Zürich 35, Waadt 30 und Tessin 21 K.s gezählt worden, so wiesen die gleichen Kantone nun 105, 86, 67 und 42 K.s auf. Deren Anzahl verringerte sich bis 1992 auf 64, 63, 46 und 23.
Die "Nachklassik", deren Ende auf die Zeit um 1990 datiert wird, gestaltete sich wegen der zunehmenden Konkurrenz durch das Fernsehen und aufgrund des anwachsenden Freizeitangebots schwierig. Von den Kinobetreibern war plötzlich eine Spezialisierung gefordert, die auch betriebswirtschaftl. Kenntnisse und kompetente Programmierungsarbeit einschloss. Eine Folge davon war das Aufkommen der Programmkinos. Immerhin konnte in den 1990er Jahren der Besucherrückgang der 70er und 80er Jahre gestoppt werden.
Der zunehmende ausländ. Einfluss, der vom Verleih auf die Vorführung übergriff, setzte die Unternehmer ebenso unter Druck wie der Konzentrationsprozess, der sich ab 1970 in der Bildung eigentl. Kinoketten niederschlug. Musste sich früher ein K. die besten Filme beschaffen, sind die Verleiher heute gezwungen, sich für ihre Filme die besten Säle zu sichern. Während sich die Produktion noch auf künstler. Freiheit berufen kann, sind Verleih und Vorführung den Zwängen des Marketings unterworfen.
Autorin/Autor: Pierre Lachat
Die Branche zeichnete sich zu Beginn des 21. Jh. durch Kontinuität aus, weil sie wandlungsfähig geblieben war. Viele Kinobetreiber konnten sich zumindest in den Stadtzentren halten und widerstanden weiterhin dem Druck mächtiger multinationaler Verleihfirmen. Eine oft sehr anspruchsvolle Programmgestaltung, der hohe techn. und architekton. Standard der Theater sowie die breite Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit dem Thema Film prägten die schweiz. Kinolandschaft. Die Kinobetreiber können sich dabei auf einen circuit parallèle stützen: Seit 1945 wählen Filmklubs und kommunale Veranstalter ihre Filme ausschliesslich nach kulturellen Gesichtspunkten aus.
Die Jahre nach 1990 waren gekennzeichnet durch massive Investitionen in alte und neue Kinobetriebe sowie durch die Errichtung von Multiplex-Theatern in den städt. Aussenquartieren, womit das Geschehen teilweise aus den traditionellen Zentren verschwand. Als Erstes wurde 1993 das Cinémax in Zürich eröffnet. Äusserlich sieht dieses K. seinen Vorläufern ähnlich, im Innern hingegen ist es als komplexes Unterhaltungscenter aufgebaut. Wie in den Stummfilmpalästen steht das "Sehen und Gesehenwerden" wieder im Zentrum. Im Unterschied zu den Nachbarländern verzeichneten solche Bestrebungen in der Schweiz vorerst keinen durchschlagenden Erfolg. Ebenfalls nicht durchzusetzen vermochte sich bisher das Superformat Imax, dessen erste Realisierung im Verkehrshaus Luzern steht (1996).
Autorin/Autor: Pierre Lachat