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Edgar Mittelholzer
A Swarthy Boy
Edgar Mittelholzer, 1909–1965, gilt als bedeutender Schriftsteller Guyanas. Sein Urgrossvater war aus Innerrhoden nach Südamerika ausgewandert. In seiner Autobiographie A swarthy boy schildert Mittelholzer unter anderem einen Besuch in Innerrhoden.
Neu-Amsterdam ist eine kleine Stadt an der Mündung des Flusses Berbice. Acht Meilen flussaufwärts liegt die Zuckerrohrplantage, auf der zu Anfang des 19. Jahrhunderts mein Urgrossvater Jan Vincent Mittelholzer Verwalter von einigen wenigen hundert Morgen Land und den dazugehörigen Negersklaven war. Viel weiter, etwa 50 Meilen flussaufwärts, lag die Plantage der Familie De Vreede, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihre Blüte hatte. Sie war schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder vom Dschungel überwuchert. Um 1760 war die Plantage De Vreede zusammen mit ihren Nachbarn Peereboom, Hollandia, Lilienburg usw. voller Leben, und Schiffe fuhren den Fluss herauf, um Güter aus Europa zu bringen und die Produkte des Landes wegzuführen. Der Verwalter der Plantage De Vreede war ein Deutschschweizer, Herr C. Mittelholzer, der erste Mittelholzer, soweit sich jemand erinnert, der in diesen Teil der Welt kam. Er kam aus dem Kanton Genf, war aber wahrscheinlich in Appenzell geboren, von wo die Familie stammt. Sie hatte seit dem frühen 16. Jahrhundert zwei Stammsitze, Rämsen und Mittelholz. Wie mir der jetzige Chef der Familie in Appenzell, Dr. Johann Mittelholzer, ein Veterinär-Chirurg, erzählte, hatten die Mittelholzer immer ein bisschen Zigeunerblut; viele von ihnen wanderten aus.
Bei einem Besuch in Appenzell zeigte man mir ein grosses altes Buch, dessen vergilbte Seiten gefüllt waren mit sauberen, winzigen Buchstaben in deutscher Sprache. Was zwischen den altersgrauen, dicken Deckeln stand, hätte gut den Text von drei ausgewachsenen Romanen abgegeben. Mein Verwandter erklärte mir, bis jetzt hätte er dies alles nicht entziffern können. Er versicherte mir aber, es scheine sich um eine Beschreibung des Lebens auf einer holländischen Plantage in Südamerika zu handeln. Um 1866 sei dieses Buch von einem unbekannten Absender aus Übersee an seinen Vater geschickt worden, im Zusammenhang mit dem Tod eines überseeischen Mittelholzer. Ein Begleitbrief sei nicht dabei gewesen, nur ein schwerer silberner Löffel, den er mir ebenfalls zeigte. Ich fragte mich immer, was das ‹C› im Namen dieses ersten Südamerika-Mittelholzer bedeute, und als Folge meines Besuches in Appenzell bin ich, so hoffe ich, der Sache auf die Spur gekommen.
Dr. Johann Mittelholzer ist mit seinen 78 Jahren so aktiv und sprühend lebhaft wie ein 30 oder 40 Jahre jüngerer Mann, und er hat, wie auch seine Kinder, ein lebhaftes Interesse an der Familiengeschichte. Kurz nach meinem Besuch schrieb er mir, seine älteste Tochter hätte wegen meines Interesses an dem Buch aus Südamerika die ganzen Pfingsten damit zugebracht, die Schrift zu entziffern. Ich zitiere: «Den ganzen Tag blättert sie herum und findet eine ganze Reihe von Notizen von mehreren Mittelholzern aus dem 18. Jahrhundert, und in dieser Zeit war bei den männlichen der Vorname Constanz sehr beliebt, und nun erinnere ich mich auch, in meiner kleinen Münzsammlung einen sogenannten Tauftaler zu haben, auf dem eingeprägt ist: Patin Constantia Mittelholzer.»
Das ‹C› meines Vorfahr[en], der die De Vreede Plantage verwaltete, dürfte ziemlich sicher auf den Namen Constanz zurückzuführen sein, und seine Patin war vielleicht eine gute alte Tante.
Ausser diesem Buch und dem silbernen Löffel ist als einziger Überrest aus dem 18. Jahrhundert noch ein Säbel vorhanden. (Mein Vater nannte ihn scimitar, so oft er von ihm sprach.) Vor ungefähr 30 Jahren sah ich ihn noch im Hause meines Onkels John in Georgetown; er hing dort in einer dunklen Ecke an einer Mauer. Seither ging er über an seinen ältesten Sohn Frank, meinen ersten Cousin.
Man erzählt, dass unser Vorfahre diesen Säbel brauchte, als er während des blutigen und wilden Negeraufstandes 1763 in den Dschungel fliehen musste. Er habe mindestens einem seiner Angreifer die Hand abgehackt und eine Anzahl umgebracht, bevor er sich endlich befreien konnte. Er war einer der dreissig Weissen, die in der Kapelle der Plantage Peereboom belagert worden waren; beim Ausbruch wurde er angeschossen, konnte sich aber durch einen Sprung in den Fluss retten und davonschwimmen.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 98–99.
Erstpublikation: Edgar Mittelholzer: A Swarthy Boy. London: Putnam, 1963. Ein schwärzlicher Knabe. Deutsche Teil-Übersetzung. Typoskript 1968. S. 2–4.