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Im dt. Sprachraum bürgerte sich der von Friedrich Ludwig Jahn geschaffene, vermeintlich auf altdt. Wurzeln zurückgehende Ausdruck Turnen als umfassende Bezeichnung für Leibesübungen ein, während im rom. Sprachgebiet dafür der von griech. gymnós ("nackt") abgeleitete Terminus Gymnastik üblich wurde. Hier ist vom modernen Turnen und der in der Schweiz ab der Restauration verbreiteten T. die Rede. Im Zentrum stehen dabei die Verbände und die ideolog. wie polit. Auswirkungen der T., weniger die techn. und erzieher. (Körpererziehung) oder die sportl. Aspekte (Sport).
Kurze Zeit nachdem Jahn 1811 in Deutschland das Turnen eingeführt hatte, das sich auf patriot. Ideale stützte und das dt. Volk nach der Niederlage im 4. Koalitionskrieg zu neuem Leben erwecken sollte, entstand auch in der Schweiz eine T. Die kollektive Ausführung von Turnübungen, manchmal an Turngeräten wie Barren, Reck, Kletterseil und Pauschenpferd, ging mit einem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl einher, das durch Symbole und Rituale wie Lieder, Fahnen, Uniformen und Leitsprüche geweckt werden sollte. Erste, aus Studentenkreisen hervorgegangene Turnergruppen entstanden 1816 in Bern, 1819 in Basel und 1820 in Zürich. Nach 1820 sind Turnaktivitäten in Chur, Aarau, Luzern und Genf bezeugt. Dt. Emigranten und Bewunderer Jahns, die das Turnen aus polit. Gründen in ihrer Heimat nicht ausüben konnten, trugen zur Verbreitung der T. in der Schweiz bei. Diese bot nicht nur die Möglichkeit zu körperl. Betätigung, sie war auch ein Mittel zur Verbreitung liberaler und nationaler Ideen und hatte daher polit. Charakter. Deshalb wurde sie von reaktionären Denkern und vom konservativen Klerus bekämpft.
Autorin/Autor: Marco Marcacci / CHM
Nach 1830 eröffneten die kant. Umwälzungen der T., die sich nun freier organisieren konnte, neue Möglichkeiten, und ihre Vorkämpfer verschafften ihren demokrat. Anliegen und nationalen Gefühlen Gehör. Am 23. und 24.4.1832 trafen sich rund 60 Turner aus Zürich, Bern, Luzern, Basel und Baden mit der Absicht, einen gesamtschweiz. Verein zu gründen, zu einem Turnwettkampf in Aarau. Der Anlass wurde Eidg. Turnfest genannt und stellte den Gründungsakt des Eidg. Turnvereins (ETV) dar, dessen erste Statuten 1833 an einer Versammlung in Zürich genehmigt wurden.
Ziel des ETV war es, die Turner und Turnvereine durch Freundschaftsbande und patriot. Gefühle zu vereinen, die nationale körperl. und geistige Erziehung der Schweizer Jugend zu fördern, Turnübungen zu entwickeln und zu pflegen und diese in der Bevölkerung zu verbreiten. Die bis 1874 alljährlich, danach alle zwei bzw. drei Jahre durchgeführten Eidg. Turnfeste waren eigentl. Nationalfeste, die den Bürgersinn förderten (Eidgenössische Feste). Nach 1848 wurde die T. zum Sprachrohr demokrat., fortschrittl. und laizist. Werte. Im Turnen sah man einen Beitrag zum Aufbau eines blühenden Landes, das sich dank der polit. und ökonom. Modernisierung gefestigt hatte.
Diese Stossrichtung zeigt sich auch in der geogr. Verbreitung und soziolog. Zusammensetzung der Turnvereine, denn mind. bis zum 1. Weltkrieg entstanden diese v.a. in den städt., industrialisierten und ref. Gebieten der Schweiz. Die grösste Konzentration an Turnern war in den Kt. Schaffhausen, Zürich, Basel, Neuenburg und Glarus zu verzeichnen, während die Vereine in den Alpenkantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug, Tessin und Wallis die niedrigsten Mitgliederzahlen aufwiesen. Bis etwa Mitte des 19. Jh. waren die Turner v.a. Studenten; 1882 hingegen machten die Angestellten und Beamten 20%, die Handwerker 17%, Kaufleute und Industrielle 16%, Uhrmacher 14%, Fabrikarbeiter 13%, Freiberufler und Studenten 9%, Bauern 2% und andere 7% aller Mitglieder aus. Gegenüber den Freiberuflern, Industriellen und Arbeitern war die Bauernbevölkerung stark untervertreten. Die Zahl der dem ETV angeschlossenen Vereine stieg von 1850 bis 1900 von 23 auf 543, die Zahl der Mitglieder von 1860 bis 1900 von 1'200 auf 39'000.
1893 entstand in Zürich eine der ersten Frauenturngruppen. 1908 gründeten ca. 30 Vereine, die insgesamt über 1'000 Turnerinnen vertraten, die Schweiz. Damenturnvereinigung (Vereine). 1925 schloss sie sich mit über 250 Vereinen und ca. 7'000 Turnerinnen aus rund 15 Kantonen als Unterverband dem ETV an.
Autorin/Autor: Marco Marcacci / CHM
Die patriot. Ausrichtung des Turnens wurde ab 1874 besonders deutlich, als in der ganzen Schweiz das obligator. Knabenschulturnen eingeführt wurde, das die männl. Jugend in schulpflichtigem Alter auf den Militärdienst vorbereiten sollte. Obwohl zwischen dem Turnen im Verein und dem schul. Turnunterricht unterschieden wurde, spielte der ETV auch in der Lehrerausbildung eine wichtige Rolle. Diese Tendenz trat noch deutlicher hervor, als 1907 im neu gegr. freiwilligen militär. Vorunterricht das Turnen dem ETV unterstellt wurde (Militärische Ausbildung). Nach dem 1. Weltkrieg wurde das Turnen, das als moderne Form der eidg. Kriegstugenden dargestellt wurde, vermehrt in den Dienst der Landesverteidigung gestellt. 1940 erreichte diese Militarisierung ihren Höhepunkt, als das Militärdepartement einen Entwurf für einen obligatorischen militär. Vorunterricht vorlegte. Trotz reger Unterstützung durch die Turn- und Sportverbände wurde diese Vorlage von Volk und Ständen verworfen.
Auch in der Polemik gegen die modernen Sportarten, die nach 1880 als gefährl. Konkurrenten aufkamen, zeigte sich die patriot. Ausrichtung des Turnens. Gewisse Turnerkreise glaubten, nur das Turnen basiere auf der notwendigen volkserzieher. und wissenschaftl. Grundlage, ohne die der Sport als nichtige Leidenschaft mit schlechtem erzieher. Einfluss zu betrachten sei. Diesen Kontroversen versuchte man entgegenzuwirken, indem man die Turnvereine und die anderen Sportverbände gleichwertig in die Landesverteidigung einbezog.
Das Aufkommen internat. Wettkämpfe im Kunstturnen, worin die Schweiz in der Zwischenkriegszeit weltweit glänzte, führte 1920 zur Gründung des eidg. Kunstturnverbands, der in techn. und administrativer Zusammenarbeit mit dem ETV Spitzenturner ausbildete und einstufte. Das Wachstum des ETV hielt auch in der 1. Hälfte des 20. Jh. an. 1912 zählte er 68'000, 1945 184'000 Mitglieder.
Autorin/Autor: Marco Marcacci / CHM
Ab Ende des 19. Jh. bekam der ETV die Konkurrenz von Turn- und Sportbewegungen anderer ideolog. Ausrichtung zu spüren, die ebenfalls föderativ strukturiert waren und kant. sowie eidg. Feste organisierten, aber eine grössere Anzahl von Sportarten anboten. 1874 schlossen sich einige innerhalb des Grütlivereins entstandene Turnsektionen zu einem separaten Verband zusammen, welcher der sozialist. Bewegung nahestand. Dieser aus polysportiven Vereinen gebildete Verband, in dem jedoch die Turnsektionen überwogen, nahm 1923 den Namen Satus (Schweiz. Arbeiter-Turn- und Sportverband) an. Der Satus war in der Deutschschweiz und in den ref. Westschweizer Kantonen verbreitet, zählte 1925 192 Vereine mit 16'600 Mitgliedern und wuchs bis 1960 auf 425 Vereine mit 38'800 Mitgliedern an. Der Wohlstand der Nachkriegszeit, der die sportl. Betätigung allen Gesellschaftsschichten zugänglich machte, stürzte den Verband in eine tiefe Krise. 1993 wurde nach langen Diskussionen entschieden, jegl. Bezug auf die sozialist. Ideenwelt fallenzulassen und den Satus als gesellige Freizeitorganisation zu präsentieren, in der Personen jeden Alters Sport treiben konnten. Aus dem nach 1848 entstandenen kath. Milieu ging 1919 der Schweizerische Kath. Turn- und Sportverband hervor, der sich die Förderung einer vom christl. Geist durchdrungenen turner. und sportl. Betätigung zum Ziel setzte. In der Westschweiz war dieser kath. Verband gar nicht und im Tessin nur marginal vertreten. 1919 zählte er 23 Sektionen mit rund 1'000 Mitgliedern und 1959 313 Sektionen mit insgesamt 33'500 Mitgliedern. Wie der Satus, mit dem er seit den 1970er Jahren gemeinsame Veranstaltungen und Feste organisierte, musste sich auch der kath. Verband neu ausrichten. 2000 wurde der Bezug zur Konfession aufgegeben und der Name in Sport Union Schweiz geändert.
Der bis in die 1960er Jahre vom Patriotismus geprägte ETV passte sich etwas später an die modernen sportl. und kulturellen Tendenzen an. Die turner. Darbietungen, v.a. an den seit 1972 alle sechs Jahre durchgeführten eidg. Festen, verloren ihre frühere militär. Steife und verwandelten sich in choreograf. Auftritte, welche die Farben und Klänge der Jugendkultur adaptierten. 1985 schlossen sich der Männer- und Frauenverband zum Schweiz. Turnverband (STV) zusammen. Unter dem Motto "Turnen für Jedermann" bieten die Mitgliedervereine des STV eine breite Auswahl an Sportaktivitäten und Freizeitbeschäftigungen an, die auf die besonderen Bedürfnisse und Anforderungen der versch. Gruppen von Kindern bis Senioren zugeschnitten sind. Auch die Trendsportarten rhythm. Gymnastik und Aerobic haben im STV Fuss gefasst und seit längerer Zeit werden in den Sektionen des STV andere Sportarten wie Leichtathletik, Volleyball, Handball, Orientierungslauf, Skifahren und Schwimmen ausgeübt. 2011 zählte der STV ca. 385'000 Mitglieder (wovon 152'000 aktive Erwachsene und 140'000 aktive Jugendliche) in 3'500 Vereinen und Sektionen.
Autorin/Autor: Marco Marcacci / CHM
Autorin/Autor: Marco Marcacci / CHM