Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03232.jsonl.gz/247

«Wie würde ich mich fühlen?»
Einer der Hauptpunkte des Artikels ist der Aufruf Houellebecqs, existenzielle Aspekte des Lebens nicht an Ämter und Dienstleistungsstellen auszulagern. Die Frage «Wie würde ich mich/würden Sie sich fühlen?» taucht immer wieder im Text auf. Houellebecq beobachtet besorgt, wie die Schranke zur Selbsttötung stetig gesenkt wird, bis der Suizid für die Suizidalen, wie für diejenigen, die ihnen das Gift verabreichen, eine beängstigende Niederschwelligkeit erreicht. Houellebecq schreibt gegen diese hygienische und entlastende Entfremdung an. Er stellt die Frage, ob man selbst einem Freund das Gift geben würde und wie man sich fühlen würde, wenn er es schliesslich nähme. Er zieht eine Parallele zur Todesstrafe und zum Fleischkonsum. Wie würde ich mich fühlen, jemanden umzubringen, der gesellschaftlich sein Recht auf Leben verwirkt hat? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich das Tier, das ich essen will, zu töten hätte? Die Gesellschaft kennt vielerlei Mechanismen, das Individuum vor diesen harten Realitäten abzuschirmen und ihm gleichzeitig den Zugang zu deren Vorteilen zu ermöglichen. Das Schockierende liegt für ihn nicht im Wunsch eines Leidenden, sich das Leben zu nehmen, sondern in der gesellschaftlichen Praxis, wie diesem Wunsch begegnet wird.
Das unwerte Leben
Houellebecq endet bei einigen Beispielen aus der Science-Fiction Literatur, in denen mit eindrücklicher Weitsicht bereits Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts über diese Thematik reflektiert wurde. Seine Befürchtungen sieht er in der Kurzgeschichte «Die Prüfung» (1954) von Richard Matheson am treffendsten dargestellt: Dem Problem der Überbevölkerung und der Überalterung der Gesellschaft begegnet man damit, dass alle über achtzig regelmässig getestet werden. Wer die physischen und psychischen Anforderungen nicht mehr erfüllt, wird durch eine Injektion getötet. Es war keine leichte Entscheidung, dieses Gesetz zu implementieren, doch die gesellschaftlichen Herausforderungen liessen scheinbar keine Alternative zu. Seither bewährt es sich. Sauber, egalitär und fair liess sich die Überbevölkerung in den Griff bekommen. Ein Mann sitzt mit seinem betagten Vater zusammen und lernt für den Test. Es wird klar, dass der Vater ihn nicht bestehen wird. Am nächsten Tag wartet die Familie schweigend auf das Resultat. Houellebecq rät eindringlich dazu, diese Kurzgeschichte zu lesen, denn sie sage alles, was es zur Thematik zu sagen gibt.
Die Stimme eines Predigers in der Wüste
In christlichen Kreisen ist es weit verbreitet, die Entwicklungen im Umgang mit dem assistierten Suizid und Euthanasie mit Sorge zu betrachten und sich dagegen zu wehren. Mit Michel Houellebecq hat sich eine starke säkulare Stimme dazugesellt. Wer weiss, ob die Stimme eines Predigers in der moralisch-spirituellen Wüste heutzutage nicht mit zerzausten Haaren, Zigarette im Mund und einem übergrossen Winterparka daherkommen kann?
Michel Houellebecq, 1958 in La Réunion (Frankreich geboren), ist seit seinem Erstlingsroman «Ausweitung der Kampfzone» eine wichtige, wenn auch polarisierende Stimme im Literaturbetrieb. In Romanen, Essays, Gedichten und Artikeln widmet er sich den existenziellen Herausforderungen des postmodernen Menschen: Einsamkeit, Glaubensverlust, Kapitalismus, Gentechnik, Politik, Sex, Entfremdung, Liebe. In seinen Werken finden gnadenlose Gesellschaftskritik und ein tiefer Humanismus zusammen. Das irritiert, berührt und fordert die Leserschaft immer wieder aufs Neue. Sein letztes grosses Werk «Vernichten» erschien im Januar 2022.
1 Michel Houllebecq, «The European Way to Die», «Harper’s Magzine, Februar 2023, https://harpers.org/archive/2023/02/the-european-way-to-die-euthanasia-assisted-suicide-michel-houellebecq/, abgerufen am 8. Februar 2023.
2 Michel Houellebecq, «Une civilisation qui légalise l’euthanasie perd tout droit au respect», «Le Figaro», 5. April 2021. https://www.lefigaro.fr/vox/societe/michel-houellebecq-une-civilisation-qui-legalise-l-euthanasie-perd-tout-droit-au-respect-20210405
Zweitens macht es die Katholiken darauf aufmerksam, über den Tellerrand zu blicken. Es gibt sehr viel gute säkulare Philosophen und auch Anhänger anderer Religionen, mit denen man sich für die gemeinsame Sache stark machen kann. Beispielsweise teilen sehr viele Moslems und auch säkulare Denker die Kritik der Katholischen Kirche an der Genderideologie. Es gilt sich zu vernetzen und dort gemeinsam zu wirken, wo man Gutes bewirken kann. Dies wurde in den letzten Jahren verpasst.