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Was sollte das denn? Bisher hatten Drogenexzesse zum Punk gehört wie die stachligen Haare und die lauten Gitarren. Und jetzt stand da 1980 in Washington D. C. plötzlich ein bleicher, kahlrasierter Teenager auf der Bühne und schrie: «Don’t smoke, don’t drink, don’t fuck.» Die Musik war hart, geradeaus und so schnell, dass man sie ohnehin nur nüchtern spielen konnte. «Mönchsrock», spotteten viele, aber bald entstand um die Band eine Bewegung, die sich nach einem anderen Song zum gleichen Thema «Straight Edge» nannte. Ihre Mitglieder malten sich stolz ein X auf die Hand, ursprünglich das Zeichen, dass sie zu jung waren, um Alkohol zu bekommen. Ihr «Erfinder» musste sich jahrelang erklären – ihm ging es um eine klare, kritische Sicht auf die Welt, ähnlich wie es Teile der ArbeiterInnenbewegung propagiert hatten. «Ich bin nicht gegen Sex, ich bin gegen Ficken, wenn ihr den Unterschied versteht.»
Später entstanden zu seinem Ärger auch rechte, homophobe Straight-Edge-Szenen. Doch da waren seine Texte schon lange differenzierter, die Musik vielfältiger geworden: Seine neue Band, 1987 gegründet, setzte auf synkopische, Dub-inspirierte Basslinien und einen zweiten Sänger. Während der erste manchmal klang wie ein wütendes Kind, brachte der zweite, seit seiner Jugend Beatles-Fan, Verletzlichkeit und Pop in die Gruppe. Er hatte, zusammen mit dem Schlagzeuger, auch schon einige Bands hinter sich; das erste Album, auf der auch diese beiden noch im Teenageralter waren, gilt heute als Gründungsdokument der Emo-Bewegung – «emotional hardcore», damals noch ohne Schminke und Markenkleidung.
Die Band begann monatelang zu touren, und schon der erste Song der ersten EP wurde zur Hymne der HausbesetzerInnenbewegung vieler Länder. Sie setzte auf Unabhängigkeit von der Musikindustrie: eigenes Studio, eigene Produktion, eigenes Label. Mit dem Erfolg von Nirvana Anfang der Neunziger landete praktisch die ganze US-Independentszene bei grossen Firmen. Die Band aus Washington war fast die einzige, die konsequent ihren eigenen Weg ging. Die Zusammenarbeit mit dem New Yorker Experimentalfilmer Jem Cohen führte 1999 zu einer wunderschönen, aus assoziativen Super-8-Sequenzen zusammengesetzten Filmcollage.
Doch dann, 2003, war es plötzlich vorbei. Kleine Kinder und Todesfälle in der Familie verunmöglichten das intensive Tourleben, die Band machte Pause – und fand nicht mehr zusammen. Doch offiziell hat sie sich nie aufgelöst, und ihre Mitglieder machen alle noch Musik. Es gibt also noch Hoffnung.
Der Erste ist Ian MacKaye (geboren 1962) mit der Band Minor Threat, der Zweite Guy Picciotto (geboren 1965) mit der Band Rites of Spring. Die gemeinsame Band, in der auch Drummer Brendan Canty und Bassist Joe Lally eine wichtige Rolle spielten, heisst Fugazi. Der erste, bis heute bekannteste Song «Waiting Room» untermalte unter anderem ein Video über das besetzte Zürcher Wohlgroth-Areal.