Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03402.jsonl.gz/2383

Die wahre Geschichte eines einfachen Kranführers aus Nordengland, der es 1976 schaffte, an der British Open Golf Championship teilzunehmen, ohne jemals zuvor auf einem Golfplatz gestanden zu haben, war längst überfällig, verfilmt zu werden: Mit List, Durchhaltevermögen und unendlichen Optimismus spielte sich Maurice Flitcroft in die Herzen der Bevölkerung und zog sich den Hass der Golfelite zu. Craig Roberts verarbeitet den Stoff in «The Phantom of the Open» zu einer Feelgood-Komödie für die ganze Familie.
Maurice Flitcroft (Mark Rylance) arbeitet in einer Werft als Kranführer und entdeckt durch Zufall seine Leidenschaft für den Golfsport. Mithilfe eines Handbuchs und mit ein paar Schlägern übt er sein neues Hobby im Wohnzimmer oder am Strand aus und fühlt sich professionell genug, um sich beim British Open einzuschreiben. Da er nicht einmal weiss, was ein «Handicap» ist, trägt er sich als Profi ein, obwohl ihn kein Golfclub in der Umgebung aufnimmt. Dass er mit 121 Schlägen als schlechtester Golfspieler der Welt abgestempelt wird, tut seinem Ehrgeiz, sich zu verbessern, keinen Abbruch; und weil er von zukünftigen Turnieren ausgeschlossen wird, bedient er sich auch des einen oder anderen Identitätswechsels, um weiterspielen zu können.
Unterstützung erhält Maurice von seiner Frau Jean (Sally Hawkins), seinen Freunden von der Werft sowie seinen Zwillingssöhnen (Christian und Jonah Lees). Einzig der älteste Sohn (Jake Davies) trägt nicht zur Familienharmonie bei und schämt sich für seinen Vater, dessen hartnäckige Naivität durchaus ernst gemeint ist und sich auch von Schwierigkeiten aller Art nicht beirren lässt.
«Mark Rylance, der gegenwärtige Inbegriff des britischen Charakterdarstellers, schafft es nicht nur durch die Verlangsamung seiner Sprache, der Rolle des Maurice Flitcroft gerecht zu werden: Er unterstreicht diese auch wunderbar mit seiner Mimik und den schelmischen Blicken, die ihn zum Volkshelden werden lassen.»
Mark Rylance, der gegenwärtige Inbegriff des britischen Charakterdarstellers («The Trial of the Chicago 7», «Don’t Look Up»), schafft es nicht nur durch die Verlangsamung seiner Sprache, der Rolle des Maurice Flitcroft gerecht zu werden: Er unterstreicht diese auch wunderbar mit seiner Mimik und den schelmischen Blicken, die ihn zum Volkshelden werden lassen, während die verstaubte vor Wut Golfelite schäumt. Jedes Detail an diesem gutmütigen, linkischen Träumer sitzt und kann im Abspann anhand von Originalinterviews mit dem echten Flitcroft verglichen werden. Es ist unschwer zu erkennen, dass Regisseur Craig Roberts – bekannt als Hauptdarsteller in Richard Ayoades «Submarine» (2010) – und Drehbuchautor Simon Farnaby, einer der Co-Autoren der Biografie-Vorlage des Films, auf Flitcrofts Seite stehen und es sich zur Aufgabe gemacht haben, den schlechtesten Golfspieler aller Zeiten zum Superhelden zu krönen.
Undankbar ist allerdings die Rolle der wunderbaren Sally Hawkins («Happy-Go-Lucky», «The Shape of Water») als liebenswürdige, geduldige, optimistische Ehefrau, die auch ihre Discodancer-Kids nach Strich und Faden verwöhnt und dermassen anspruchslos ist, dass es fast schon wehtut. Sie erträgt auch die beruflichen Niederlagen und den Umzug vom Vorstadthäuschen in einen Trailerpark mit engelsgeduldigem Optimismus und verliert dabei nie ihr Lächeln.
Hat die wahre Jean Flitcroft das alles wirklich so kritiklos mitgetragen? Oder verschweigt uns dieses Bioptic die eine oder andere Auseinandersetzung eines einfachen Ehepaares, das sein ganzes Erspartes in die Illusion eines Träumers steckt? Andererseits spielt sich die Geschichte während der Aufstiegsjahre der Margaret Thatcher ab, die den Feminismus ja nicht unbedingt unterstützt hat und in deren Gesellschaft die Frauen nach wie vor von der Gunst ihrer Ehemänner abhängig waren. Dennoch hat Sally Hawkins etwa in «Made in Dagenham» (2010), der in den Sechzigerjahren spielt, gezeigt, wozu engagierte Frauen fähig sind. Schade, wurde sie hier wieder ins vorherige Jahrhundert zurückkatapultiert, was ihr absolut nicht gerecht wird.
«‹The Phantom of the Open› punktet mit seiner unglaublichen, aber wahren Geschichte sowie seinen liebenswürdigen Charakteren.»
Aber vielleicht war es auch genau so gewollt, denn Farnaby schrieb auch das Skript zu «Paddington 2» (2017), wo Hawkins ebenfalls mitspielte – und wo, wie auch hier, das liebevolle, nostalgisch verstaubte Grossbritannien mit seinen magisch-romantischen Momenten im Zentrum steht. Hier verwandelt sich sogar der Vollmond in einen Golfball. Trotzdem: «The Phantom of the Open» punktet mit seiner unglaublichen, aber wahren Geschichte sowie seinen liebenswürdigen Charakteren. Ein bisschen mehr Reibung hätte dem Ganzen aber durchaus gut zu Gesicht gestanden.
–––
Kinostart Deutschschweiz: 11.8.2022
Filmfakten: «The Phantom of the Open» / Regie: Craig Roberts / Mit: Mark Rylance, Sally Hawkins, Rhys Ifans, Jake Davies, Christian Lees, Jonah Lees / GB / 132 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.
In Craig Roberts' Tragikomödie «The Phantom of the Open» setzt sich ein naiver Kranfahrer gegen die versnobte Golfelite durch und wird so zum Volkshelden. Seicht, aber sehr unterhaltsam.