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25 Okt Kolumbianischer “Kantönligeist”
Jeden Abend um 20 Uhr wird derzeit vom kolumbianischen Nationalsender Caracol TV das Fernsehprogramm „Desafío Súper Regiones“ (Herausforderung der Super-Regionen) ausgestrahlt. Es handelt sich um eine Reality-Wettbewerbsserie, in der die Teilnehmenden auf einer Insel isoliert sind und um den Gewinn kämpfen – quasi eine Mischung aus „Big Brother“ und „Ninja Warrior“. Die zehn Teams, die gegeneinander kämpfen, repräsentieren jeweils eine bestimmte kolumbianische Region.
Costeños gegen Amazónicos
In einem Spiel traten vor Kurzem zwei Regionen gegeneinander an, die Costeños von der Atlantikküste und die Amazónicos aus der Urwaldregion. Die übrigen Regionen durften als Wächter den beiden Teams den Weg versperren. Die Amazónicos liessen sie frei passieren, aber die Costeños attackierten sie derart, dass diese keine Chance mehr auf den Sieg hatten. Da das Fernsehprogramm erst gerade gestartet war und sich die Costeños (noch) nicht als besonders stark gezeigt hatten, ist es wahrscheinlich, dass sich die anderen Teams durch ihre persönlichen Sympathien für die einzelnen Regionen leiten liessen.
Kulturelle Regionen in Kolumbien (Bildquelle: http://hablemosdeculturas.com/regiones-culturales-de-colombia/)
Mögliche Gründe für den Regionalismus
Der starke Regionalismus in Kolumbien steht immer wieder im Zentrum von Debatten. Kürzlich warf ein Politiker von der Küste den Paisas in Medellín vor, dass sie die Bundesgelder für den Bau von Autobahnen verschleudern würden, die nur der eigenen Region einen Nutzen bringen. Als Erklärung für diesen ausgeprägten Regionalismus wird häufig die Geografie und Topografie Kolumbiens herangezogen. Die klimatischen Unterschiede und die durch zahlreiche Berge und Täler voneinander abgeschnittenen Mikrokulturen haben regionale Besonderheiten hervorgebracht. Auch die Historie des Landes wird als möglicher Grund genannt, weil die konstitutionellen Reformen in der Vergangenheit immer wieder Teile der Bevölkerung ausgeklammert haben, was zu gegenseitiger Missgunst und Ablehnung geführt hat.
Häufige Vorurteile der kolumbianischen Regionen untereinander:
Die „Pastusos“ (Pasto) sind langsam, unberechenbar und etwas dumm. Die „Costeños“ (Cartagena, Barranquilla) sind faul, primitiv und offenherzig. Die „Paisas“ (Medellín) sind gute Händler, aber verschlagen und denken nur ans Geschäft. Die „Cachacos“ bzw. „Rolos“ (Bogotá) sind kaltherzig, verschlossen und können nicht tanzen und im Departement von Santander haben die Frauen die Hosen an.
Auswirkungen bis in den Fussball
Wie stark Erfahrungen aus der Geschichte nachwirken können, zeigt das Beispiel von Atlético Nacional, einem bedeutenden Fussballverein in Medellín, der zweitgrössten Stadt des Landes. Der Verein gewann die Copa Libertadores (die südamerikanische Champions League) zweimal, 1989 und 2016. Atlético Nacional ist aber auch einer der kolumbianischen Clubs, die immer wieder massiv angefeindet werden. Möglicherweise hat dies mit einer generellen Abneigung der übrigen kolumbianischen Regionen gegenüber den Paisas, also den Bewohnern in und um Medellín, zu tun. Die Paisas sind als sehr geschäftstüchtig bekannt, haben in ganz Kolumbien viele Geschäfte eröffnet und wirtschaftliche Entwicklungen vorangetrieben. Ihnen wird aber vorgeworfen, dass ihr Geld häufig aus dem Drogengeschäft und anderen illegalen Quellen stamme. Dass der Sieg von Nacional in der Copa Libertadores im Jahr 1989 zudem vom Drogenboss Pablo Escobar gekauft worden war, hinterliess bei den Kolumbianern einen bitteren Nachgeschmack. Das hält bis heute an, so dass sie bei Spielen zwischen Atlético Nacional und anderen südamerikanischen Teams lieber die Nachbarländer unterstützen.
Es bleibt zu hoffen, dass das beliebte TV-Format „Desafío“ den Zusammenhalt der Regionen über sportliches Fairplay positiv beeinflusst und nicht noch mehr Spannung in die Thematik hineinbringt.Zurück zum Blog