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Vergiftete Flüsse, Steuerhinterziehung, Unterdrückung von GewerkschafterInnen: Die Liste der Vorwürfe gegen den Zuger Konzern Glencore Xstrata ist lang. Ein neues Buch dokumentiert die Details.
Ganz am Schluss des Buchs taucht das Wort dann doch auf. «Im Januar 2013 fand im Rahmen der ‹Tour de Lorraine› in Bern ein Veranstaltungszyklus zum Thema Rohstoffe unter dem Titel ‹Drecksgeschäfte› statt.» Denn die Namen von vergangenen Veranstaltungen lassen sich nicht mehr verbieten.
«Drecksgeschäfte» hätte auch das Buch über den Zuger Rohstoffkonzern Glencore Xstrata heissen sollen, das diese Woche erschienen ist. Aber im Februar kam die Drohung per Post: Die Herausgeberin, die NGO Multiwatch, solle schriftlich erklären, das Wort weder im Titel noch im Inhalt zu verwenden. Sonst würden juristische Schritte eingeleitet. Weil sie einen langen Rechtsstreit befürchtete, während dessen die Herausgabe des Buchs blockiert wäre, lenkte Multiwatch ein.
Wie etwas heisst, macht viel aus. Das weiss man beim Rohstoffkonzern, der vor einem Jahr fusionierte. Vor zwanzig Jahren hiess Glencore noch Marc Rich + Co Holding AG. Der Rohstoffhändler Marc Rich war nicht ganz freiwillig in Zug: In den USA drohten ihm 325 Jahre Haft, unter anderem wegen Steuerhinterziehung. Rich brachte Handelspartner zusammen, die «offiziell nichts miteinander zu tun haben wollten». Als der Apartheidstaat Südafrika dringend Öl brauchte, sprang Rich ein – trotz Uno-Embargo. Ebenso als die Sowjetunion Getreide aus den USA kaufte oder als Pinochets Chile Abnehmer für sein Kupfer suchte.
Der Name Marc Rich hatte also nicht den besten Klang. Da half die 1994 erfolgte Umbenennung der Holding in Glencore. Der Zuger Grüne Jo Lang schreibt im Buch: «Das Rebranding ist während eines Jahrzehnts höchst erfolgreich: Das mediale Interesse an Glencore ist bedeutend kleiner als das an der Marc Rich + Co.»
Verträge mit der Polizei
Das änderte sich erst wieder mit dem Börsengang von Glencore 2011. Er spülte dem Kanton Zürich 160 Millionen Steuereinnahmen in die Kassen, weil Glencore-CEO Ivan Glasenberg in Rüschlikon wohnt. Im Frühling 2013 fusionierte der Konzern mit seinem «kleineren Zwilling» Xstrata. Diese Firma war 1926 als Südelektra in Zürich gegründet worden, um an der Elektrifizierung Südamerikas mitzuverdienen, verlegte sich später auf Banking und Aktienhandel, dann auf Rohstoffe.
Die Liste der Vorwürfe, die das Buch dokumentiert, ist lang. Oft geht es um Unternehmen, an denen Glencore Xstrata beteiligt ist, oder um Tochterfirmen. Das hat System: In Kolumbien betreibt die Glencore-Tochter Prodeco Kohleminen – ihrerseits mit Tochterfirmen. Die komplizierte Struktur macht es für Gewerkschaften fast unmöglich, etwas zu erreichen, weil sie mit jeder Firmenleitung separat verhandeln müssen. Wer sich organisiert, riskiert ohnehin viel: Als Angestellte der peruanischen Xstrata-Mine Tintaya eine Gewerkschaft gründeten, wurden sie entlassen und erst wiedereingestellt, als sie sich zum Austritt verpflichteten. Im südafrikanischen Marikana massakrierte die Polizei vor zwei Jahren 34 streikende Minenarbeiter – Xstrata war zu einem Viertel an der Mine beteiligt. In Peru hat Glencore Xstrata sogar eigene Verträge mit der Polizei abgeschlossen.
Tochterfirmen helfen Glencore Xstrata auch bei der Steuervermeidung, etwa in Kolumbien, weil kleine Firmen weniger Schürfabgaben zahlen als grosse. Noch skandalöser ist das Transfer Pricing: Die Tochterfirmen in den Abbauländern exportieren die Rohstoffe viel zu billig, präsentieren in der Buchhaltung Verluste und müssen kaum Steuern zahlen. So fällt der grosse Gewinn erst in Zug an.
Wo Rohstoffe aus der Erde geholt werden, leidet die Umwelt. Rund um die Löcher in der Landschaft wird das Klima trockener, der Grundwasserspiegel sinkt, Schwermetalle sickern in Flüsse oder werden sogar bewusst darin entsorgt, der Regen wird sauer, AnwohnerInnen leiden unter Asthma, Ausschlägen, Krebs.
Unverbindliche Empfehlungen
Glencore Xstrata ist auch Europas zweitgrösster Händler von Agrarrohstoffen, besitzt selber Land und kontrolliert die ganze Produktion vom Anbau bis zum Handel. Der Konzern verdient am Verkauf von Getreide an das Uno-Welternährungsprogramm und mischt in Südamerika im Agrotreibstoffbusiness mit. Wie geschickt er agiert, zeigt ein Beispiel aus Russland: 2010 hatte Glencore Verkaufsverträge für 160 bis 170 US-Dollar pro Tonne Weizen abgeschlossen. Weil russische Agrarunternehmer die Ernte zurückhielten, stieg der Tonnenpreis auf 220 US-Dollar. Glencore hätte also Verluste gemacht und drängte darum die russische Regierung, die Weizenexporte zu verbieten. Nun konnte Glencore seine Verträge wegen «höherer Gewalt» für ungültig erklären. Der Konzern verkaufte stattdessen Weizen aus anderen Ländern – zum höheren Preis.
Die Schweiz ist heute der grösste Rohstoffhandelsplatz der Welt. Aber sie hat noch keinen Umgang damit gefunden – in ihrem Rohstoffbericht gibt sie nur unverbindliche Empfehlungen ab. Einige Gemeinden im Zürcher Säuliamt sind da weiter. Haben wir dieses Geld wirklich verdient?, fragten sich besorgte BürgerInnen, als der grosse Glencore-Geldsegen in ihren Dörfern ankam. Sie starteten Initiativen, um einen Teil des Gelds an Hilfswerke weiterzugeben – damit es wieder dort landen kann, wo Menschen für Rohstoffe ausgebeutet werden. SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi schimpfte über das «Gutmenschenvirus», aber fünf von sechs Gemeinden nahmen die Initiativen an.
Die Diskussion steht am Anfang, denn die grosse Frage stellt das Buch erst zum Schluss: «Welche Rolle spielen wir als KonsumentInnen in der Rohstoffausbeutung?» Woher kommt das Kupfer in unseren Dachrinnen, der Weizen in unserem Brot?