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Lars von Triers neuer Film ist eine schwarzhumorige Übung in filmischer Philosophie. Dabei treibt er nicht nur seine eigenen Dämonen aus, sondern hält unserer Gesellschaft einen schmerzhaften Spiegel vor.
Umrahmt werden fünf mörderische Episoden aus dem Leben des Massenmörders Jack (Matt Dillon) von Gesprächen mit einem mysteriösen Wissenden namens Verge (Bruno Ganz), der neben dem Englischen und dem Deutschen auch das Italienische beherrscht. Jack ist ein intelligenter, gebildeter Mensch, seines Zeichens Architekt. Doch den Sinn in seinem Leben findet er nicht (mehr?) in seinem Beruf, sondern vielmehr in immer waghalsigeren Morden…
Lars von Trier leidet zwar manchmal unter Depressionen, und sein Humor entspricht sicher nicht dem «bon gout». Aber er ist eben doch einer der wichtigsten Regisseure unserer Zeit. Seit Carl Theodor Dreyer hatte kein Däne einen so grossen Impact wie er – und Dreyer ist ja auch ein grosses Vorbild für Lars von Trier, der eigentlich nur Lars Trier heisst und entfernt auch mit dem norwegischen Regisseur Joachim Trier verwandt ist. In Lars von Triers neuem Film geht es letztlich um die Frage, was Kunst ist: Zerstörung – oder Liebe? Von Ismail Kadare gibt es ein bezeichnendes Zitat: die Ästhetik des Negativen sei tiefer [1].
Lars von Trier selbst illustriert diesen Satz in fast allen seinen Filmen, gleichzeitig ist sich der Regisseur aber bewusst, dass dies nur im Rahmen der Gesellschaftskritik zulässig sein kann, nie als blosse «art pour l’art». In früheren Filmen ist diese Gesellschaftskritik oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt, so wollte sich Lars von Trier von der Generation der (sozialdemokratisch bzw. kommunistisch gesinnten) Eltern distanzieren – sein schwieriges Verhältnis zu seiner Familie wurde dabei noch verkompliziert, als seine Mutter 1989 ihm auf ihrem Totenbett gestand, dass sein leiblicher Vater ein Däne mit zumindest teilweise deutschen Vorfahren war – und kein jüdischer Däne. Fritz Michael Hartmann war allerdings im Widerstand tätig – 1991 spielte Lars von Trier in «Europa» einen Juden, der einen Nazi deckte bzw. rettete. Dänemark bzw. der dänische Widerstand hingegen konnte fast alle dänischen Juden vor der Ermordung durch die Besatzungsmacht retten.
Schon nur dadurch hatte das Leben von Hartmann einen Sinn. Auch jeder Terrorist, jeder Massenmörder, jeder Scherge des Genozids sucht den Sinn, aber am falschen Ort. Vielleicht ist es doch nicht der Sinn, sondern vielmehr die «Fame», die David Bowie im Film immer wieder besingt. Wie Hitler seine «raison d’être» in Antisemitismus und Rassismus fand, so findet der Attentäter von Strasbourg seinen Lebenssinn in einem mörderischen Dschihadismus – und Jack seine Erfüllung im Massenmord, mit dem er die Welt von weniger intelligenten Menschen «säubert». Dieser Mangel an Empathie ist es doch, der Genozid, Terrorismus und Massenmord verbindet. Lars von Trier findet in seinen Filmen nicht nur Sinn, sondern natürlich auch stilistische Meisterhaft. Einen positiven Sinn – trotz allem. Und mehr als nur schöne Bilder.
Noch zum Schluss: Auch wenn der Film in den USA (in den 70er-Jahren) spielt, so ist dies doch ein sehr europäischer Film, gerade so europäisch wie von Triers «Europa». Hingehen – zusammenzucken – und weiterschauen!
«The House That Jack Built». Dänemark/Frankreich/Deutschland/Schweden 2018. Regie: Lars von Trier. Mit Matt Dillon, Bruno Ganz, Uma Thurman, Riley Cough, Sofie Gråbøl, Siobhan Fillon Hogan u.a. Basler Premiere am 3. Januar 2019 im Stadtkino Basel.
[1] https://www.nzz.ch/ein_schriftsteller_nichts_sonst-1.2233650
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