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Annette Mingels
Geboren 1971 in Köln (DE). Studium der Germanistik, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, Köln, Bern und Fribourg. Promotion in Germanistik. Lebte in Zürich, heute in Hamburg. (2003)
Werke (Auswahl)
Puppenglück.
Zytglogge Verlag, 2003
Puppenglück
Zytglogge Verlag, 2003
Aus: Annette Mingels. Puppenglück. Zytglogge Verlag, 2003
Bestandsaufnahme: Es ist Donnerstagmorgen und ich bin gestern verlassen worden. Nicht nur ein bisschen, so für eine Nacht oder zwei, sondern ganz und gar.
Wir sassen am Tisch in der Küche. Er ist gerade gross genug für uns zwei. Ich schaute dem Tee in der Kanne zu, wie sich die Kräuter im Glaseinsatz voll sogen und das Wasser braun färbten. Einzelne Fasern schlichen sich aus dem Sieb und schwebten ziellos umher, Möwen überm Meer. Am oberen Rand des Glases bildeten sich Perlen, die langsam zerrannen, um zurückzusacken ins Wasser, aus dem sie gekommen waren. Ich wartete, bis der Tee dunkel war. Wir mussten uns beruhigen.
Paul sagte, es habe keinen Sinn, ich sei nun einmal, wie ich sei. Ich hörte ihn wohl, aber vor allem betrachtete ich ihn: Nur auf einer Ecke des Stuhles sass er, eine unwillige Falte zwischen den Brauen, den Mund gequält verzogen, die Stirn immer wieder in die linke Hand stützend, während die rechte die Tasse drehte. Ein Knopf an seinem Hemd hing an einem dünnen Fädchen, bereit, sich jeden Moment fallen zu lassen. Bisweilen klang Pauls Stimme ganz zittrig, als hätte er nicht genug Luft zum Sprechen und müsste haushalten mit dem Atem.
Ich nippte am Tee, der meine Lippen fast verbrannte, und versuchte, trotz des Schmer-zes, immer grössere Schlucke zu nehmen. Der Kühlschrank summte rhythmisch und das Wasserrohr knackte. Während Paul mir meine Lethargie vorwarf, betrachtete ich den Korb fürs Brot. Bei alldem war ich aber nicht unbeteiligt, und um ihm das zu beweisen, schaute ich oft fragend oder verstehend, sagte auch einmal ja, und: Du hast Recht. Und als er um Verzeihung bat, nickte ich schnell und sagte: Ebenso.