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Kaum ist der Lärm des Adorno-Jahres verhallt, da wird das Kant-Jahr eingeläutet. Im Adorno-Jahr gab es allein drei voluminöse Biographien nebst zahllosen weiteren Publikationen, Symposien, Kongressen – ausgerechnet über den vehementen Kritiker des «Biographismus» und der Kulturindustrie. Da darf man bei einem wie Kant keinesfalls zurückstehen. Ihm sind ebenfalls drei neue Biographien gewidmet – einem Denker, der nach weitverbreitetem Vorurteil kein eigentliches Leben hatte, jedenfalls das nicht, was man so «Leben» nennt. Keine Liebes-, keine Frauen-, keine Männergeschichten, keine familiären Dissonanzen, keine Süchte, keine Exzesse. Stattdessen die unspektakuläre Mühe und Arbeit eines Gelehrten-, eines Professorenlebens. Die Lebenskrisen ereignen sich, wenn überhaupt, im Denken.
Heinrich Heine hat in seiner «Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland» den angeblichen Mangel an Leben mit dem ihm eigenen Witz protokolliert. Gewiss, da ist auf der einen Seite der revolutionäre Denker mit seinen «weltzermalmenden Gedanken», der an «Terrorismus den Maximilian Robespierre weit übertraf», indem er mit dem «Schwert eines Scharfrichters» den guten alten Gott köpfte. Aber sonst?
«Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben. Denn er hatte weder Leben noch Geschichte. Er lebte ein mechanisch geordnetes, fast abstraktes Hagestolzenleben, in einem stillen, abgelegenen Gässchen zu Königsberg, einer alten Stadt an der nordöstlichen Grenze Deutschlands. Ich glaube nicht, dass die grosse Uhr der dortigen Kathe-drale leidenschaftsloser und regelmässiger ihr äusseres Tagwerk vollbrachte wie ihr Landsmann Immanuel Kant. Aufstehn, Kaffeetrinken, Schreiben, Kollegienlesen, Essen, Spazierengehn, alles hatte seine bestimmte Zeit, und die Nachbaren wussten ganz genau, dass die Glocke halb vier sei, wenn Immanuel Kant in seinem grauen Leibrock, das spanische Röhrchen in der Hand, aus seiner Haustüre trat und nach der kleinen Lindenallee wandelte, die man seinetwegen noch jetzt den Philosophengang nennt. Acht mal spazierte er dort auf und ab, in jeder Jahreszeit, und wenn das Wetter trübe war oder die grauen Wolken einen Regen verkündigten, sah man seinen Diener, den alten Lampe, ängstlich besorgt hinter ihm drein wandeln, mit einem langen Regenschirm unter dem Arm, wie ein Bild der Vorsehung.»
Diese Karikatur hat sich durchgesetzt; Kant war und blieb: «der Mann nach der Uhr» – ein Automat, eine wohlregulierte Maschine. Friedrich Nietzsche meinte es nicht anerkennend, wenn er Kants «Königsberger Chinesentum» glossierte. Er stellte dem «Automaten der ‹Pflicht›» die böse Diagnose: «Kant wurde Idiot.» Georg Simmel denunzierte Kant gar als «Begriffskrüppel». Noch der vielgerühmte Biograph Arsenij Gulyga stellte 1977 fest: «Kant hat keine andere Biographie als die Geschichte seiner Lehre.»
Und wenn Hartmut und Gernot Böhme mit einer ebenso stimulierenden wie umstrittenen Psychoanalyse Kants für Dramatisierung und Psychologisierung zu sorgen versuchten, dann um den Preis weitreichender Spekulationen über einen gepanzerten, in jedem Sinn «verstopften» Zwangscharakter, der den «Wahnsinn der Vernunft» illustrieren sollte. Dafür wusste die Vernunft der beiden Autoren aber selber erstaunlich viel, etwas zuviel nach Meinung ihrer ebenfalls gut gepanzerten Kritiker.
Korrekturen am Bild Kants
Auf dem Hintergrund dieser Tradition sorgen nun alle drei der neu erschienenen Biographien für eingreifende Korrekturen – auch in bezug auf die hier und da eingerissene Verwirrung der Massstäbe. Man darf sich getrost wieder daran erinnern, dass allein Kant, nicht Hegel noch Marx, nicht Schopenhauer oder Nietzsche, nicht Husserl oder Heidegger, heute der einzige deutsche Philosoph von unumstrittener Weltgeltung ist.
Die überaus gelehrte und detaillierte, quellenkritische Biographie von Manfred Kühn zeigt, dass die ersten Autoren, die Kant aus persönlicher Bekanntschaft porträtierten und die spätere Biographik prägten, die Theologen Borowski, Jachmann und Wasianski, sich weitgehend auf den späten Kant konzentriert haben. Kühn weist nach, dass der von Kants Freund Theodor Gottlieb von Hippel, dem Königsberger Oberbürgermeister, karikierte «Mann nach der Uhr» nach dem Vorbild von Kants britischem Freund Joseph Green gemodelt war. Kühn betont um so mehr das…