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Die Vorläufer des Kantonsspitals Liestal waren über Jahrhunderte chronisch unterfinanziert, die Platz- und Versorgungsverhältnisse dementsprechend. Eine aktive Spitalbaupolitik setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Heute verfügt Liestal über ein modernes Zentrumsspital mit drei eigenen Unikliniken.
In Liestal gab es bereits im Mittelalter ein «Spital», ja sogar zwei: das obere und das untere. Mit den Begriffen Armen- und Siechenhaus sind die beiden Einrichtungen allerdings treffender beschrieben. Die dramatischen Schilderungen Martin Birmanns aus den 1840er-Jahren, wonach sich «das Lager der Armen […] als faulender Misthaufen, ganz von Würmern durchzogen»1 zeigte und die Insassen im Siechenhaus2 wie Heringe zusammengepackt waren, sind oft zitiert worden. Das kantonale Bauinspektorat sah schliesslich ein, dass nur ein Neubau eine ihrer Bestimmung gerecht werdende Anstalt ermöglichen würde.
Das sogenannte Pfrundhaus wurde 1854 eröffnet. Erstmals gab es eine Trennung von Kranken, Irren und Pfründern. Doch bald war auch im neuen Gebäude der Platz zu knapp, die separaten Abteilungen Makulatur. Wiederum war es nicht der Kanton3, sondern der ehrenamtliche Armeninspektor Birmann, der die Initiative ergriff, diese Zustände zu beseitigen. Die von ihm privat in Auftrag gegebenen Pläne für ein «besonderes» Krankenhaus verfingen, und am 22. Juli 1877 konnte mit knapp 80 Betten das erste Baselbieter Spital nach heutigem Verständnis eingeweiht werden4. Die Baukosten von 250.000 Franken wurden aus dem Vermögen des Landarmenguts bezahlt5. In die Zuständigkeit des Kantons überführt wurden die Krankenanstalten erst mit dem Spitalgesetz von 19306, eine eigene Sanitätsdirektion wurde sogar erst 1947 geschaffen7.
Chronische Überbelegung und Befreiungsschlag
Im Wesentlichen8 waren die Raumverhältnisse des Spitals nach 1877 unverändert geblieben. Bevölkerungswachstum und «erhöhte Frequenz»9 führten deshalb um 1930 zu einer fast dauernden Überbelegung, die sich in den Kriegsjahren ab 1939 weiter akzentuierte10. In ehemals für 75 Patienten genutzten Räumen waren nun 140 untergebracht, die durchschnittliche Tagesbelegung lag über der eigentlich maximalen Kapazität. Spitzen von über 165 Patienten – bei 139 verfügbaren Betten und 20 Notbetten – waren keine Seltenheit. Ein einziger Chefarzt trug, unterstützt von einem Oberarzt und drei bis vier Assistenten, die Verantwortung für die Grunddisziplinen Chirurgie, innere Medizin und Geburtshilfe. Man kann sich nur ansatzweise vorstellen, welche Präsenzzeiten dies bei durchschnittlich 130 bis 150 Patienten erforderte.
Als Spitalverwalter Hans Ammann zu Händen der Kantonspolitik die Zustände in der bestehenden Anstalt beschrieb, fehlten zwar Gestank und Schädlingsbefall, drastisch waren Ammanns Schilderungen, 100 Jahre nach Martin Birmann, allemal (vgl. Kasten).
Und sie verschärften sich ein weiteres Mal, als Basel-Stadt 1947 seine Spitaltaxen für Auswärtige, und das waren überwiegend Baselbieter, drastisch anhob. Die Kantonsbeiträge gemäss dem ersten Spitalabkommen BS/BL von 1948 änderten zu wenig daran, dass sich viele Baselbieter eine Behandlung in Basel nicht mehr leisten konnten. Die Folge: Noch mehr Patienten strömten nach Liestal – auch aus dem Bezirk Arlesheim, woher bisher nur 10% der in Liestal behandelten Patienten gekommen waren. Dass Baselland ein neues Spital brauchte, war klar. Da jedoch noch entschieden werden musste, wo dieses gebaut werden sollten, war es erst 1962 soweit, dass das neue Liestaler Spital eröffnet werden konnte. Mit der deutlichen Annahme11 des Spitalgesetzes von 195712 beschlossen die Baselbieter einen entscheidenden Schritt zur Lösung der «Spitalbaufrage» – und das grösste Bauvorhaben in der Geschichte des Kantons.
Dauerüberfüllung: Spitalverwalter Hans Ammann beschreibt die Platzverhältnisse im Liestaler Spital 1930-1954
Provisorien und Professionalisierung
Es brauchte indes angesichts der von Spitalverwalter Ammann beschriebenen Zustände auch kurzfristige Massnahmen, um die Raumnot zu lindern. Sanitätsrat Roland Straumann aus Waldenburg warb mit Verve dafür, die Räumlichkeiten des im Vorjahr aufgegebenen, sofort betriebsbereiten Sanatoriums Erzenberg in Langenbruck zu übernehmen, das «ausserordentlich schön, ruhig und staubfrei […]in nebelfreier, sonniger, geschützter Höhe» liege und zu jährlich 12’000 Franken günstig gemietet werden könne13. Aufgrund der Synergien vor Ort fiel der Entscheid von Regierung und Landrat14 jedoch klar zugunsten des Baus einer Durisol-Baracke in Liestal aus, die es ermöglichen würde, das eigentliche Spital von den Langzeitpflegefällen zu entlasten. Das «Provisorium» ging noch 1954 in Betrieb – es sollte fast 50 Jahre lang in Betrieb bleiben und noch bei einem weiteren grossen Spitalumbau (1998 bis 2002) nützliche Entlastungsdienste leisten.
Erst 1953 wurden in Liestal «in Erwägung, dass in der kantonalen Krankenanstalt eine Trennung der medizinischen Fachabteilungen den heutigen wissenschaftlichen Erfordernissen entspricht», separate Chefarztstellen für Chirurgie und für innere Medizin geschaffen – definitiv entscheiden musste das Stimmvolk.15 Die Baselbieter konnten der Argumentation folgen und nahmen die Vorlage am 20. Juni 1954 an. Der neu eingestellte Chirurg, Hans Robert Willenegger, leistete noch in den alten, prekären Räumlichkeiten so gute Arbeit, dass er ab 1958 ausserordentlicher Professor für Chirurgie an der Uni Basel wurde – und damit ein Vorbote der späteren ordentlichen Professuren und Unikliniken im Baselbiet16. Das ist bemerkenswert.
Mit der Eröffnung des neuen Kantonsspitals 1962 und des Bruderholzspitals 1973 beruhigte sich die Lage rund um die «Spitalbaufrage». Der Kanton Basel Land verfügte nun über ausreichend Spitalbetten. Ja, es deutete sich sogar bereits an, dass die vorhandenen Kapazitäten dereinst zu gross sein würden. Das Spital konnte sich um sich selbst kümmern und begann 1963 als eines der ersten Spitäler der Schweiz mit der Ausbildung von Pflegepersonal, um den Wegfall der Spitalschwestern und den gleichzeitig erhöhten Personalbedarf aus eigener Kraft kompensieren zu können: Waren 1962 rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Kantonsspital Liestal tätig – darunter 38 Ärztinnen und Ärzte – wuchs die Zahl der Beschäftigen bis 1987 auf 850 und bis 2011 auf 173117 – mehr als viermal so viele wie zu Beginn.
Auf die politische Agenda kam die Spitalpolitik erst wieder, als das bald 40-jährige Spital renoviert werden musste. Bei der umfassenden Erneuerung von 1998 bis 2002, kam es zu massiven Kostenüberschreitungen, die zwei Nachtragskredite nötig machten und den Landrat sogar zur Einrichtung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission veranlassten. Der Bau selbst, zwar nicht budgetgerecht, aber terminkonform am 22. November 2002 fertiggestellt, wurde dabei allerdings nicht beanstandet. 99% der Kosten fänden sich als Gegenwert im Gebäude, befand die als Expertin befragte neue Kantonsarchitektin Marie-Theres Caratsch. «Mitschuld» an den zahlreichen kostenintensiven Änderungen am laufenden Projekt hatte neben der Überforderung des Hochbauamtes auch das sich wandelnde Profil des Kantonsspitals Liestal: Ging es zu Beginn der Planungen 1988 noch darum, ein klassisches Kantonsspital zu sanieren und den erhöhten Ansprüchen anzupassen, so musste das Projekt später auch der Entwicklung des Standorts Liestal zu einem Zentrumsspital mit teilweise universitärer Prägung gerecht werden.18
Bereits am 15. April 1996 wurde der am Kantonsspital Liestal tätige Bernhard Leibundgut erster Chefarzt der neu ins Leben gerufenen Urologischen Universitätsklinik beider Basel. Erstmals ging damit eine Professur der Universität Basel nach Baselland – auch eine Frucht des Universitätsvertrags von 1994, mit dem sich Baselland erstmals «ernsthaft» an den Kosten der Universität Basel beteiligte. Es folgten eine medizinische Uniklinik und 2014 das Universitäre Zentrum für Hausarztmedizin. Auch der Vorsteher der Liestaler Pathologie lehrt als Extraordinarius in Basel. In der Viszeralchirurgie steht Liestal auf der Interkantonalen Spitalliste zur hochspezialisierten Medizin19; in der Orthopädie, etwa im Bereich Fuss- und Sprunggelenk, werden auch ohne das Label «Uni-Klinik» international anerkannte Spitzenleistungen erbracht.
Demgegenüber ist die Formulierung, Liestal bleibe in der künftigen Spitalgruppe beider Basel ein «erweiterter Grundversorger mit Schwerpunkten»20, auffällig zurückhaltend. Der Standort Liestal besitzt ein klares, starkes Profil und mit den Bezirken Liestal, Sissach und Waldenburg ein natürliches Einzugsgebiet. Nur wenige Stimmen21 gehen davon aus, dass sein aktuelles Profil in absehbarer Zeit zur Diskussion gestellt werden könnte.
Quellenangaben
1 Birmann (1894, I).
2 Birmann (1894, I). Nach der Kantonstrennung von 1833 wurde das obere Spital aus wirtschaftlichen Gründen zur Kaserne umfunktioniert und alle Insassen ins bereits überfüllte Siechenhaus, das untere Spital, gebracht.
3 Birmann (1894, I).
oder die zuständige Aufsichtskommission für das Landarmengut.
4 Die „Irren“ wurden in einem separaten, in den 1880er-Jahren errichteten Anbau untergebracht.
5 Indem sich die katholischen Gemeinden des Unterbaselbiets in das Landarmengut einkauften, wurde die benötigte Bausumme verfügbar.
6 Gesetz betreffend die Errichtung einer Irrenheilanstalt, die Organisation und Verwaltung der kantonalen Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten.
7 Die Vorläuferin der heutigen Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion.
8 Im Rahmen diverser Umbauten – darunter 1906 dem Anbau separater Operationssäle – wurde die Kapazität schrittweise auf 139 erhöht.
9 Ammann (1948), 6. Bei den Berechnungen zur optimalen Bettenzahl für das Bruderholz nannte man dasselbe Phänomen einige Jahre später «Spitalfreudigkeit».
10 Anfang/Mitte der 1930er-Jahre hatte für wenige Jahre eine leichte Entspannung – auch in den absoluten Patienten- und Pflegetagszahlen – eingesetzt. Gleichzeitig konnte der Bettenbestand noch einmal von 130 auf 139 erhöht werden.
11 8884 Ja gegen 980 Nein, bei einer allerdings sehr niedrigen Stimmbeteiligung von 27,1 Prozent.
12 Gesetz über das Spitalwesen vom 24. Januar 1957. Nebenbei beendete das Gesetz auch die Verwirrung um die Bezeichnungen für die verschiedenen Kranken-, Pflege- und Heilanstalten: Vor seiner Annahme war die Bezeichnung „Kantonsspital“ die Pfrund (mit Krankenabteilung), das somatische Spital hiess Kantonale Krankenanstalt (vgl. Rotzetter 1993, 61).
13 LRV 7406 betreffend Verwendung des Sanatoriums Erzenberg in Langenbruck und betreffend die Behebung der Raumnot in der Krankenanstalt durch die Erstellung einer Durisol-Baracke, vom 12. März 1954.
14 ebd., ausserdem LRV 7414: Bericht der landrätlichen Kommission für die Spitalbaufrage über die Verwendung des Sanatoriums Erzenberg in Langenbruck und betreffend die Behebung der Raumnot in der Krankenanstalt durch den Bau eines Durisol-Pavillons vom 23. April 1954; LR-Beschluss vom 29. April 1954.
15 Gesetz betreffend die Errichtung einer zweiten Chefarztstelle in der kantonalen Krankenanstalt in Liestal vom l8. Februar 1954
16 Willenegger entwickelte sich zum weltweiten Pionier und anerkannten Kapazität auf dem Gebiet der Klassifizierung und Behandlung von Knochenbrüchen. Unter anderem erhielt er 1989 den Marcel-Benoît-Preis, die höchste wissenschaftliche Ehrung der Schweiz. https://personenlexikon.bl.ch/Hans_Willenegger /
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D44444.php
17 In 1247 Vollzeitstellen.
18 Vgl. Bericht der PUK zu den Vorkommnissen rund um den Projektablauf des Um- und Erweiterungsbaus am Kantonsspital Liestal vom 18. Juni 2003
19 Interkantonale Spitalliste zur hochspezialisierten Medizin (HSM), Stand 01.06.2017.
www.gdk-cds.ch/fileadmin/docs/public/gdk/themen/hsm/hsm_spitalliste/hsm_spitalliste_20170601_d_def.pdf
20 https://www.spitalgruppe.ch/standorte/was-ist-am-standort-liestal-geplant
21 Der langjährige Gesundheitsspezialist der Basler Zeitung, Martin Brodbeck, deutet dies z.B. in der BaZ vom 20.12.2014 an, indem er darauf hinweist, dass bei der Reduktion des stationären Angebotes für das Bruderholz «und später wohl auch Liestal» kein «Denkmalschutz» wie der Laufentalvertrag im Weg stehe.