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WOZ: Mussten Sie schon mal Bücher aus dem Sortiment entfernen?
Margot Ortiz: Ja, schon mehrfach.
Auline Sanchez: Wenn wir ein Buch etwa anhand der Vorschau eingekauft haben und erst später beim Auspacken oder Lesen feststellten, dass es Abbildungen oder Begriffe enthält, die wir für problematisch erachten. Umgekehrt haben uns auch schon Kund:innen auf Autor:innen aufmerksam gemacht, die links scheinen, aber Positionen vertreten, die wir nicht im Laden repräsentieren möchten.
Können Sie Beispiele nennen?
Sanchez: Ehrlich gesagt, lieber nicht. Wenn wir uns dafür entschieden haben, einem Buch die Plattform zu nehmen, möchten wir es nicht in der Zeitung promoten.
Sind Sie dafür, gewisse Bücher zu verbieten?
Ortiz: Es gibt schon Bücher, bei denen ich mir wünschte, sie würden verboten. Die Gedanken von Antifeministen wie Jordan Peterson etwa müssten meiner Meinung nach nicht gedruckt werden, erst recht nicht bei einem Grossverlag.
Melina Korros: Ich finde Verbote etwas problematisch, weil es fast unmöglich ist zu definieren, woran ein Verbot festgemacht werden soll. Besser finde ich es, Bücher im Laden einfach nicht anzubieten.
Sanchez: Dem stimme ich zu. Als Geschäftsführerinnen haben wir eine Verantwortung für die Inhalte, die wir im Laden auslegen. Gesetzliche Verbote sind da weniger zielführend, denn solche Bücher stehen nicht im luftleeren Raum; ein Verbot löst auch nicht die problematischen Haltungen auf, die ihnen zugrunde liegen. In erster Linie bräuchte es einen anderen Umgang mit diskriminierendem, verletzendem und gewaltvollem Gedankengut – dann hätten solche Bücher auch keinen Nährboden und keine Leser:innenschaft.
Immer wieder werden gerade Bücher, die prominent boykottiert werden, zu Kassenschlagern. Autoren wie Peterson provozieren Boykotte geradezu, um dann behaupten zu können: «Seht, die fürchten alle die Wahrheit!»
Korros: Schon, aber das hat auch damit zu tun, dass ein prominenter Boykott dem Buch viel Aufmerksamkeit verschafft, was wiederum mit Einfluss und Bekanntheit des Autors zusammenhängt. Aber wenn viele Buchhandlungen still für sich entscheiden, ein Buch nicht einzukaufen, bleibt das auch in diesen Kreisen, und niemand muss sich empören.
Sanchez: Einen Skandal zu schaffen, kann auch Teil einer bewussten Marketingstrategie sein. Da möchten wir natürlich nicht mitspielen. Zum Beispiel bei Alice Schwarzer: Ihre Bücher haben wir nie ins Sortiment aufgenommen, und wir würden sie auch nicht bestellen – that’s it.
Denken Sie nicht, dass gerade einige der frühen Werke von Schwarzer für die feministische Bewegung relevant sind?
Ortiz: Mag sein. Aktuell vertritt sie primär Positionen, die wir ablehnen. Die «Emma» verkaufen wir auch nicht.
Sanchez: Für die deutsche feministische Bewegung hatte sie eine gewisse Relevanz, aber das wiegt in unseren Augen ihre heutigen Positionen und Publikationen nicht auf. Sie ist rassistisch und transfeindlich, und deswegen möchten wir ihre Bücher bei uns nicht anbieten. Ich glaube nicht, dass wir dadurch inhaltlich etwas auslassen. Mittlerweile gibt es viele spannende und nichtdiskriminierende Ansätze, denen wir lieber eine Bühne geben.
Welchen Umgang wünschen Sie sich mit älteren Büchern, die Wörter oder Konzepte beinhalten, die heute nicht mehr vertretbar sind?
Ortiz: Idealerweise würden diese in einer Neuauflage entsprechend ergänzt und kontextualisiert, mit einem Vorwort etwa. Diskriminierende Wörter könnten ersetzt oder belassen und mit einem Hinweis versehen werden. Begegnet uns ein solches Buch im Verkauf, versuchen wir das gegenüber den Kund:innen jeweils aktiv anzusprechen, und erklären, warum wir es trotzdem im Sortiment haben – zum Beispiel, weil es ein wichtiges Zeitdokument darstellt. Eine Zeit lang arbeiteten wir mit Etiketten, die wir als eine Art Minitriggerwarnung auf Bücher geklebt haben. Damit haben wir aber aufgehört, da es Sisyphusarbeit ist. Wir können nie wirklich wissen, was für jemanden einen Trigger darstellen kann.
Etwas ketzerisch könnte man sagen: Es wird immer jemanden geben, der oder die sich von einem bestimmten Buch verletzt oder diskriminiert fühlt oder etwas einfach nicht mag. Wie weit gehen Sie auf das subjektive Befinden Ihrer Kundschaft ein?
Sanchez: Eine schwierige Frage. Ich glaube, wenn wir nur Bücher verkauften, die auf allen Ebenen allen entsprächen, wäre unser Sortiment sehr schmal. Unser Ziel ist es nicht, dass sich alle mit allem hier im Laden identifizieren können, sondern dass sehr viele verschiedene Menschen etwas finden, das ihnen zusagt.
Korros: Wenn aber jemand auf uns zukommt und Kritik an einem Buch oder einer bestimmten Autor:in äussert, nehmen wir das immer ernst und versuchen, uns mit der Kritik inhaltlich auseinanderzusetzen.
Ortiz: Und am Ende dieses Prozesses sind wir eben auch nur drei Einzelpersonen, die nicht immer derselben Meinung sind. Es gehört ein Stück weit dazu, Widersprüche und Uneinigkeiten auszuhalten.
Auch wenn Korros, Ortiz und Sanchez Paranoia City kollektiv führen, sind sie froh, etwa im Weihnachtsverkauf auf die Unterstützung von Freund:innen zählen zu können.