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SRF: Wie ernst ist die Lage auf den internationalen Finanzmärkten - oder war das kein Minicrash letzte Woche?
Marc Chesney: Doch das war es. Zwischen Juni 2012 und Juni 2014 sind die Aktienkurse weltweit um zirka 50 Prozent gestiegen. Die Börse hat floriert, doch die Gesellschaft und die Wirtschaft leiden. Das war in gewisser Weise ein Paradoxon. Insofern war die Korrektur der Kurse zu erwarten. Die Frage war nur: Wann?
Wie stabil ist denn die Finanzbranche derzeit?
Sie meinen wie instabil, denn die Finanzbranche hängt am Tropf der Zentralbanken. Diese investieren riesige Geldmengen im Finanzsektor und hoffen, dass die Banken Kredite an die Wirtschaft weitergeben. Leider funktioniert das nicht wirklich. Der Finanzsektor ist fragil.
Der Finanzplatz ist sehr mächtig, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Sie rufen zum Widerstand auf. Doch wie sollen sich einzelne Bürger gegen die Macht der Finanzbranche wehren?
In der Schweiz sollten wir die direkte Demokratie dazu benützen, eine Zertifizierung für Finanzprodukte einzuführen. In allen Industriesektoren gibt es solche Zertifizierungsprozesse. Es ist beispielsweise nicht möglich, defekte Autos zu verkaufen oder gefährliche Medikamente. Wieso ist das bei toxischen und komplexen Finanzprodukten möglich? Man sollte in der Schweiz – analog zum Pharmabereich – eine Institution aufbauen, welche die Produkte der Grossbanken analysiert und sie nur zulässt, wenn sie für die Wirtschaft nützlich sind. Die Institution könnte – analog zu Swissmedic – Swissfinance heissen.
Seit der Finanzkrise ab 2007 sind viele Gesetze verschärft worden, die Banken müssen mehr Eigenkapital halten und es gibt den Banken-Stresstest. Das alles reicht Ihnen nicht?
Das reicht nicht. Stichwort Eigenkapital: Derzeit halten die Grossbanken zwischen drei und fünf Prozent ihrer gesamten Verpflichtungen an Eigenkapital. Das ist nicht genug, es braucht viel mehr; vielleicht 20 oder sogar 40 Prozent. Davon sind wir heute weit entfernt. Ausserdem ist die Regulierung viel zu komplex: Basel I umfasste 30 Seiten, Basel II rund 300 Seiten, Basel III umfasst 600 Seiten. Das ist nicht umsetzbar. Der Finanzsektor ist komplex, deshalb brauchen wir eine einfache Regulation, ohne Ausnahmen. Sie sollte vielleicht 20 Seiten umfassen.
Sie plädieren für einfache Lösungen. Gleichzeitig verlangen Sie eine Transaktionssteuer, um die Finanzwirtschaft mehr zur Kasse zu bitten. Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit...
Das glaube ich nicht, sie ist sehr einfach zu verstehen: Theoretisch könnte man in der Schweiz alle Steuern abschaffen und zugleich eine Transaktionssteuer von vielleicht 0,5 Prozent einführen. Statt Steuern in Höhe von 15 oder 20 Prozent würden wir also nur ein halbes Prozent auf alle Transaktionen und Einkäufe bezahlen. Das wäre auch gut für die Wirtschaft und die Unternehmen; sie könnten mehr Arbeitsplätze schaffen. Nur Grossbanken und Hedgefonds, die für den Hochfrequenzhandel verantwortlich sind, wären dagegen. Das positive: Die Zahl der Finanztransaktionen würde zurückgehen und auch die Steuern für die Bürger und Unternehmen würden sinken.
Glauben Sie wirklich, die Schweiz könnte allein solch einschneidende Massnahmen nicht nur beschliessen, sondern auch durchsetzen?
Ja. Wir haben eine direkte Demokratie, die sollte man auch benützen. Man sollte eine Volksinitiative lancieren zur Einführung einer Transaktionssteuer oder eines Zertifizierungsprozesses für Finanzprodukte.
Die mächtige Finanzbranche hat sich Ihrer Meinung nach von der Realwirtschaft völlig abgekoppelt. Wieso gibt es nicht mehr Politiker, die sich dagegen wehren, dass die Finanzwirtschaft das Primat über die Politik hat?
In Europa wählen die Bürger ihre Volksvertreter. Aber zum Thema Finanzpolitik gibt es eigentlich keine Auswahl: Die Leute wählen zwar links oder rechts, aber die Finanzlobbys entscheiden, was gut ist für das Land. Das ist wie wenn Sie in ein Restaurant gehen und auf der Speisekarte gibt es nur ein Menü. Sie können zwar die Gewürze wählen, aber der Hauptgang ist gesetzt. Beim Thema Finanzpolitik ist der Hauptgang bereits bestimmt. Wir brauchen weltweit mutige, verantwortungsbewusste Politiker, die wissen, dass sie von den Bürgern gewählt sind – und nicht von den Lobbys.
Das Gespräch führte Ursula Hürzeler
Marc Chesney
Prof. Dr. Marc Chesney lehrt Finanzen an der Universität Zürich. In seinem neuen Buch «Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise: Der Aufstieg der Finanzaristokratie und das Versagen der Demokratie» kritisiert er den Aufstieg der Finanzaristokratie und ruft zum Widerstand auf.