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Endlich auf Deutsch zu lesen: Das über tausend Seiten dicke letzte Buch des chilenischen Autors Roberto Bolaño ist ein atemberaubendes Feuerwerk der Erzählkunst.
«2666» eilte zuletzt ein Ruf voraus, der skeptisch stimmen konnte. Zu ungebrochen war die Zustimmung zum mehr als tausend Seiten starken Roman des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño. Im englischsprachigen Raum hatte das Buch eine an Hysterie grenzende Begeisterung ausgelöst, der US-Verleger Lorin Stein sprach gar von einem «intellektuellen Harry Potter».
Doch tatsächlich sind alle Abwehrreflexe unangebracht. Das letzte Buch Bolaños, der 2003 im Alter von fünfzig Jahren starb, ist frei von langweiligen Zugeständnissen: unfassbar gute, im besten Sinne atemberaubende Literatur.
Boxen in Santa Teresa
Dabei setzt der Roman, der sich aus fünf nur punktuell miteinander verknüpften Teilen zusammensetzt, behäbig an. Der erste Teil hat eines der ödesten Literatursujets zum Thema: die Literaturwissenschaften. Vier KritikerInnen finden über ihr Interesse an dem verschollenen Schriftsteller Benno von Archimboldi zusammen und entwickeln eine unberechenbare Ménage-à-quatre.
Ein Beziehungsroman, beginnt man zu vermuten. Doch bald findet man sich in einer ganz anderen Geschichte wieder. Einer ungewissen Spur Archimboldis folgend, reisen die AkademikerInnen in die nordmexikanische Grenzstadt Santa Teresa und treffen dort auf den chilenischen Hochschullehrer Oscar Amalfitano. Dieser, alleinerziehender Vater einer siebzehnjährigen Tochter, Rosa, leidet unter Schizophrenie und tut sich immer schwerer, den Faden zur Umwelt nicht abreissen zu lassen.
Da taucht Quincy Williams alias Oscar Fate auf, ein afroamerikanischer Journalist, der auf Themen der Schwarzenbewegung spezialisiert ist. Er wird zu einem Boxkampf nach Santa Teresa geschickt, stellt dort jedoch fest, dass die Frauenmorde von Santa Teresa – der Bezug zu den realen Ereignissen von Ciudad Juárez liegt auf der Hand – ein weitaus wichtigeres Thema wären. Fate begegnet Rosa, verliebt sich und rettet das Mädchen vor Männern, die vielleicht mit den Morden zu tun haben – vielleicht auch nicht.
Im vierten Teil des Buchs widmet sich Bolaño ganz diesen Morden. Er erzählt von den Opfern, die sich in den Schwitzbuden der Exportindustrien verdingen, von Polizisten, die zu ermitteln vorgeben, vom deutschstämmigen Einwanderer, dem man die Verbrechen anhängen will, vom Geflecht aus Mafia und Politik, das die Morde deckt.
Auch hier wird nichts aufgelöst. Und so landet man im letzten Teil beim Landarbeiterkind Hans Reiter alias Benno von Archimboldi, der als Wehrmachtssoldat an der Besetzung der Sowjetunion teilnimmt. Reiter stösst in einem ukrainischen Bauernhaus auf die Aufzeichnungen des jüdischen Schriftstellers Ansky, die wiederum das Drama der russischen Revolution, die Rolle der literarischen Avantgarde und eine eigentümliche Science-Fiction-Geschichte erzählen.
Nüchtern und bildreich
Wenn man «2666» Revue passieren lässt, könnte man meinen, Bolaño habe nicht so recht gewusst, wohin mit seiner Geschichte. Doch trotz der unzähligen losen Enden stellt sich beim Lesen nie der Eindruck ein, man werde mit Belanglosem belästigt. «2666» ist ein Feuerwerk der Erzählkunst. Ein paar Seiten lang glaubt man Alfred Döblin zu hören, dann Michail Bulgakow, Julio Cortázar oder Adolfo Bioy Casares und landet wieder bei Bolaños nüchternem und doch bildreichem Stil, der einen die Nähe von Wahnsinn und Tod spüren lässt.
Über den französischen Philosophen Gilles Deleuze wurde einmal behauptet, sein Denken werde eines Tages als «Philosophie des 20. Jahrhunderts» gelten. Mit dem netzwerkartigen «Rhizom» (1976) beschrieb Deleuze eine Denkfigur, die sich von linearen Entwicklungs- und Erklärungskonzepten löst. Bei Bolaño wird Lesen zu einem rhizomatischen Vergnügen: «2666» ist eine Verkettung assoziierter Erzählungen, bei der Geschichten ohne hierarchische Zuordnung und auf jeder Ebene mit anderen Knoten bilden können.
Heraus kommt eine Form des Erzählens, die sprachlich klar und doch in der Struktur berauschend ist. Unwillkürlich fragt man sich, was dieser Bolaño, der sich als Schüler der surrealistischen Lyrik verschrieb, sich nach dem Putsch in Chile einige Zeit im revolutionär-literarischen Milieu El Salvadors bewegte und ab Ende der siebziger Jahre mit einfachen Jobs in Spanien durchschlug, wohl noch für Literatur hätte erschaffen können. «2666» war ein Anschreiben gegen den Tod, dem Bolaño am Ende nicht entkam. Herausgekommen ist ein Roman, der das Konventionelle eindrucksvoll zerbricht und doch nie selbstvergessen wirkt. Literatur wie aus der Zukunft.