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(Winterthur)(PPS) Als im Jahr 1999 in Ecuador infolge einer schweren Banken- und Währungskrise ein grosser Teil der Finanzinstitute bankrottgingen, verschlechterte sich insbesondere die Situation der wirtschaftlich ärmsten Bevölkerungsmitglieder des Landes. Das sind zu einem großen Teil Angehörige einer der 14 indigenen Ethnien Ecuadors. Für sie wurde es mit der Wirtschaftskrise noch schwerer, Kredite aufzunehmen. Aber seit einigen Jahren öffnen sich neue Türen.
Von Helene Zurfluh.
Maria Digna Remache Chato gehört der indigenen Bevölkerungsgruppe der Panzaleos an. Sie benötigt aktuell einen Kredit für eine zweite Landparzelle am anderen Ende ihres Dorfes im Hochland von Zentralecuador. Mit dem Kredit möchte sie ihren kleinbäuerlichen Betrieb vergrößern und weitere Lebensmittel anbauen.
Die Zugehörigkeit zur Ethnie der Panzaleos, so erzählt sie, mache es schwierig, einen Kredit von einer kommerziellen Bank zu erhalten. Banken verlangen materielle Sicherheiten und Garantien, welche Angehörige der indigenen Bevölkerungsgruppen häufig nicht bereitstellen können. Indigene Bewohner Ecuadors machen 36 Prozent des Landes aus und gehören bis heute zu den wirtschaftlich ärmsten Menschen des Landes. Das hat eine lange Geschichte. So wurden die indigenen Bewohner jahrhundertelang gesellschaftlich und wirtschaftlich massiv benachteiligt, ausgebeutet und ausgegrenzt. Auch noch lange nach dem Ende der Kolonialzeit blieb ihnen der Zugang zu fairer Lohnarbeit häufig ebenso verwehrt, wie zu Bankkrediten und der Möglichkeit ein Sparkonto zu eröffnen.
Neues Land für regionale Lebensmittel
Jetzt ist sich Maria Digna Remache Chato sicher, dass sie von der indigenen Spar- und Kreditgenossenschaft COAC Ambato wiederum einen Kredit erhalten wird, um zusätzliche 4'000 Quadratmeter à 15 Euro je Quadratmeter kaufen zu können. Damit wird sich ihre Anbaufläche auf insgesamt 11'000 Quadratmeter vergrößern. Sie plant, neben Kohl, Randen, Zwiebeln und Salat noch weitere Lebensmittel anzubauen und zum Verkauf anzubieten.
Als nunmehr 12-jähriges Mitglied von COAC Ambato kann sie auf die Unterstützung der Genossenschaft zählen, zumal sie bisher jeden ihrer Kredite – der letzte belief sich auf 6'000 US-Dollar – immer pünktlich zurückgezahlt hat. Ihre Beziehung zu den Mitarbeitern der COAC Ambato ist sehr eng und basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Von Anfang an hat sie die Genossenschaft unterstützt: als sie vor zwölf Jahren den ersten Kredit beantragte, hatte sie noch keinerlei materielle Sicherheiten vorzuweisen und bekam trotzdem eine Chance. „Die Kooperative half, wie es keine Bank getan hätte“, so Digna Remache.
„Wir leiten jetzt Banken, sind wirtschaftlich erfolgreich und bringen gleichzeitig auch unsere indigene Identität zum Ausdruck“
„Es macht auch einen wichtigen Unterschied für die indigenen Klientinnen und Klienten, wenn ihnen am Bankschalter jemand gegenübersitzt, der oder die selbst eine indigene Tracht trägt und ihre Sprache spricht“, so Santos Chango, leitender Manager der COAC Ambato. „Indigene Menschen waren für die wohlhabende Oberschicht jahrelang gerade gut genug, um ihre Lasten zu tragen und ihre Dienstboten zu sein“, resümiert Chango. „Heute kann heute jeder sehen: Wir leiten jetzt Banken, sind wirtschaftlich erfolgreich und bringen gleichzeitig auch unsere indigene Identität zum Ausdruck“, so der Ökonom.
Die Genossenschaft Ambato wurde nach der ecuadorianischen Bankenkrise von 1999 durch eine Gruppe von indigenen Familien gegründet. „In dieser Zeit hatten Menschen auf dem Land kein Zugang zu Krediten, was ein erhebliches Problem darstellte“ berichtet Chango.
Die Entwicklung der Spar- und Kreditgenossenschaft ging zügig voran. Heute hat COAC Ambato zwölf Büros in sechs Landesprovinzen und 68.000 Mitglieder. Die Kooperative ist durch die staatliche Finanzaufsicht reguliert und verfügt über Eigenmittel von rund 10 Millionen US-Dollar. Seit 2006 ist COAC Ambato ein Partner von Oikocredit. Dank dem Darlehen von Oikocredit hat die Genossenschaft mehr Sicherheit bei der Rückfinanzierung ihrer Kredite (siehe Hintergrund).
Die Zielgruppe der Genossenschaft sind nicht nur indigenen Ursprungs, sondern vielmehr alle Bewohner des ländlichen Raums in der Region um Ambato, da dort der Bedarf nach Finanzdienstleistungen besonders hoch ist. „Wir schließen niemanden aus“, so Chango.
Trotz des dramatischen Wirtschaftseinbruches Ende der 1990er Jahre, der durch fallende Ölpreise ausgelöst wurde, hat Digna selbst keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch erlebt. „Nach allem“ sagt sie, „baue ich noch immer Lebensmittel an und Menschen haben etwas zu essen!“
Bildlegende: Maria Digna Remache Chato, Kleinbäuerin und Mitglied der Mikrofinanz-Genossenschaft COAC Ambato in Ecuador
Kontakt:
Oikocredit deutsche Schweiz
Martin Werner
T. 044 240 00 62
M. 079 378 74 01
Zur Person: Helene Zurfluh besucht ihre Geldanlage in Ecuador
Seit drei Jahren ist Helene Zurfluh (34), Betriebsökonomin FH (wohnhaft in Oberwil BL und ursprünglich aus Seedorf UR), Oikocredit Anlegerin und ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei Oikocredit deutsche Schweiz. Überzeugt hat sie dabei, dass „nicht hohe Gewinne, sondern eine gerechtere Welt und Chancen für alle“ das angestrebte Ziel der internationalen Entwicklungsgenossenschaft sind. In Ecuador begab sie sich mit anderen Oikocredit AnlegerInnen und Oikocredit Mitarbeitern/ Ehrenamtlichen auf die Suche nach der Wirkung ihres sozial angelegten Geldes. Sie besuchte sie vor Ort drei Oikocredit-Partner der Mikrofinanz und deren Kunden. Sie traf auf Menschen, die mit dem Kapital von Oikocredit-AnlegerInnen ihre wirtschaftliche und soziale Situation verbessern konnten.
Dank dieser Woche in Ecuador konnte Helene Zurfluh erfahren, was eine nachhaltige Geldanlage in Ländern des globalen Südens bewirken kann. Aufgrund des vorangegangenen Erdbebens in Ecuador, wurden ausserdem die lokalen Unterstützungsmassnahmen von Oikocredit thematisiert.
Über Oikocredit: Pionier der Entwicklungsfinanzierung und sozial-ethischer Geldanlage
Als Pionier der sozial verantwortlichen Geldanlage bietet die 1975 gegründete internationale Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit derzeit 51 000 Anlegerinnen und Anleger eine sozial verantwortliche Geldanlage. Über den Deutschschweizer Ableger Oikocredit deutsche Schweiz haben 1‘800 Privatpersonen und Organisationen (Kirchengemeinden, Hilfswerke, Stiftungen, Fairer Handel) über 40 Millionen Schweizer Franken investiert. Mit dem Kapital vergibt Oikocredit International Kredite und Kapitalbeteiligungen an Mikrofinanzorganisationen, Genossenschaften, Fairhandelsorganisationen und andere sozial orientierte Unternehmen (Landwirtschaft und Erneuerbare Energien) in insgesamt 70 Entwicklungs- und Schwellenländern. Oikocredit hat aktuell 911 Millionen Euro an 797 Partnerorganisationen vergeben und ist damit einer der größten privaten Entwicklungsfinanzierer weltweit (Stand 31.03.2016).
Ecuador. Oikocredit vergab 1978 den ersten Kredit an eine ecuadorianische Organisation und hat in Ecuador aktuell ein Projektfinanzierungsportfolio in Höhe von 48,67 Millionen Euro. Davon sind 96 Prozent in Organisationen im Bereich Mikrofinanz und die anderen vier Prozent im Bereich der Landwirtschaft investiert. Seit 2006 ist COAC Ambato ein Partner von Oikocredit (Stand 31.12.2015).
Oikocredit deutsche Schweiz
Haus zum Schwert
General-Guisan-Strasse 47
8400 Winterthur