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| Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Sechste Homilie [Kap. II, Vers 17-III, Vers 7]
2.
Paulus kehrt wieder zum früheren Bilde zurück und bringt seine Gläubigen in Verbindung mit den Heiligen, ohne im geringsten eine Trennung von Christus zuzulassen. Bis zu dessen Wiederkunft also dauert dieser Bau. Deshalb also sagt Paulus: "Wie ein weiser Baumeister habe ich den Grund gelegt"; und an derselben Stelle weiter: "Einen anderen Grund kann niemand legen als den, welcher gelegt ist, welcher ist Christus"1 . Du siehst, daß die Bilder mit Rücksicht auf den vorliegenden Gegenstand, aber nicht so obenhin aufgefaßt werden müssen. Er spricht hier gleichnisweise, wie Christus es tut, wenn er den Vater einen Weingärtner und sich selbst einen Weinstock2 nennt.
Kap. III Vers 1: "Um dessentwillen bin ich, Paulus, der Gefesselte Jesu Christi für euch, die Heiden."
Nachdem er von der großen Fürsorge Christi gesprochen, kommt er schließlich auch auf seine eigene zu reden, die im Vergleich mit jener zwar recht unbedeutend, ja so gut wie nichts war, die aber doch auch geeignet war, die Heiden zu gewinnen. - "Deshalb bin auch ich gefesselt", sagt er. Denn wenn mein Herr um euretwillen das Kreuz trug, so muß ich um so mehr die Fesseln tragen. Er ist nicht nur selbst gefesselt worden, sondern er läßt es auch zu, daß seine Diener gefesselt werden "für euch, die Heiden". Mit große, Nachdruck sagt er: Nicht nur daß wir euch fürderhin nicht mehr verabscheuen, wir lassen uns sogar binden um euretwillen; und mir ist so große Gnade zuteil geworden.
V.2: "Wenn ihr etwa gehört habt von dem Walten der Gnade Gottes, sie mir euretwegen gegeben ist."
Damit spielt er auf die Vorhersage an, welche dem Ananias in Damaskus über ihn zuteil geworden ist, als Gott sprach: "Geh hin! Denn dieser ist mir ein ausgewähltes Werkzeug, meinen Namen vor Könige und Heiden zu tragen"3 . - Unter "Walten der Gnade" versteht er die Offenbarung. Das heißt: Nicht von Menschen habe ich gelernt; der Herr hat vielmehr auch mich, den einzelnen, der Offenbarung gewürdigt um euretwillen. Er selbst nämlich sprach zu mir: "Geh hin! Denn ich will dich weithin unter die Heiden senden"4 . - "Wenn ihr etwa gehört habt." Ja, es war ein gar mächtiges Walten, daß der Herr ihn, der sich bisher von keiner Seite hatte überzeugen lassen, von oben rief mit den Worten: "Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?"5 und ihn mit jenem unaussprechlichen Lichtglanze blendete. - "Wenn ihr etwa gehört habt", sagt er, "von dem Walten der Gnade Gottes, die mir euretwegen gegeben ist."
V.3: "Denn durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich schon vorhin in Kürze geschrieben habe."
Vielleicht hatte er es [ihnen] durch andere kundgetan oder durch Apollo geschrieben. Er zeigt hier, daß das Ganze Gottes Werk ist, daß wir nichts dazu beigetragen haben. Oder sage mir, ist es nicht so? Wurde nicht er, Paulus, dieser große und wunderbare Mann, dieser Gesetzeskundige, der zu den Füßen Gamaliels mit Sorgfalt unterrichtet worden war, durch die Gnade gerettet?. Mit Recht nennt er dies ein "Geheimnis". Denn ein Geheimnis ist es, daß Gott die Heiden plötzlich zu größerem Adel erhob als die Juden. - "Wie ich", sagt er, "vorhin geschrieben habe in Kürze", d. h. mit wenigen Worten.
V.4: "Woraus ihr, wenn ihr dies leset, erkennen könnt ..."
Er schrieb also beileibe nicht das Ganze, ja nicht einmal soviel, als nötig gewesen wäre zu schreiben. Dazu aber bewog ihn hier die Natur des Gegenstandes, anderswo wieder das mangelnde Verständnis, wie bei den Hebräern und bei den Korinthern. - "Woraus ihr, wenn ihr dies leset", sagt er, "erkennen könnt meine Einsicht in das Geheimnis Christi"; d. h. wie ich zur Einsicht, wie ich zur Erkenntnis dessen gelangte, was Gott gesprochen, oder daß Christus zur Rechten [Gottes] sitzt. Dann auch den Wahrspruch, daß er "nicht also tat allen Völkern"6 . Und um zu erklären, was das für ein Volk sei, dem Gott also getan, fügt er hinzu:
V.5: "welches zu anderen Zeiten nicht kundgemacht wurde den Menschenkindern, wie es jetzt durch den Geist seinen heiligen Aposteln und Propheten geoffenbart worden ist."
Wie sagst du? Also haben die Propheten es nicht gewußt? Warum sagt dann Christus: "Moses und die Propheten haben dieses von mir geschrieben"; ferner: "Wenn ihr dem Moses glaubtet, so würdet ihr wohl auch mir glauben"; und wiederum: "Ihr forschet in der Schrift, weil ihr glaubt, das ewige Leben darin zu finden, und sie ist es, die von mir Zeugnis gibt?"7 - Der Apostel will entweder sagen, daß es nicht allen Menschen geoffenbart worden ist; denn er setzt hinzu: "welches zu anderen Zeiten nicht kundgemacht wurde den Menschenkindern, wie es jetzt geoffenbart worden ist"; oder daß es nicht in dieser Weise kundgemacht wurde, nämlich durch den Mund der Tatsachen und Werke, "wie es jetzt durch den Geist seinen heiligen Aposteln und Propheten geoffenbart worden ist". - Erwäge nämlich: Petrus wäre nicht zu den Heiden gegangen, wenn er es nicht vom Geiste gehört hätte. Denn höre, was er sagt: "Gott hat also ihnen den Heiligen Geist verliehen gleichwie uns"8 . - Mit den Worten "durch den Geist" wollte Paulus besagen, daß Gott durch den Geist sie des Empfanges der Gnade gewürdigt hat. Allerdings redeten die Propheten davon; aber sie hatten kein so genaues Verständnis, da dies selbst den Aposteln mangelte, nachdem sie gehört hatten: denn es ging weit über menschliches Begreifen und gewöhnliches Erwarten hinaus.
V.6: "Daß die Heiden Miterben und Miteinverleibte und Mitteilnehmer sind."
1: 1 Kor 3,10f.
2: ῥίζα Joh 15,1
3: Apg 9,15
4: Apg 22,21
5: Apg.22,7
6: Ps 147,9
7: vgl. Joh 5,39.46
8: vgl. Apg 10,47