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Gefleckte Ameisenjungfer - Euroleon nostras
Feldgrille - Gryllus campestris
Gewöhnliche Mauereidechse - Podarcis muralis
Provence-Grasmücke - Sylvia undata
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Jersey bildet zusammen mit Guernsey, Herm, Alderney, Sark und ein paar kleineren Eilanden die so genannten «Kanalinseln», eine Inselgruppe im südwestlichen Bereich des Ärmelkanals. Mit einer Landfläche von 116 Quadratkilometern ist Jersey die grösste der Kanalinseln und zudem deren südlichste. Nur 25 Kilometer liegt Jersey von der Nordwestküste Frankreichs, jedoch 160 Kilometer von Englands Südküste entfernt. Dieser Nähe zu Frankreich zum Trotz gehört Jersey wie die übrigen Kanalinseln zu England: Als ein «Überrest» des ehemaligen normannischen Herzogtums ist es im Besitz der englischen Krone. Es wurde jedoch nie dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Nordirland einverleibt und untersteht demzufolge nicht der britischen Regierung. Politisch gesehen ist es stets eine «Landvogtei» geblieben, das heisst ein selbstständiges Staatsgebilde mit eigenen Gesetzen, eigener Verwaltung, eigenem Geld und eigenen Briefmarken.
Jersey wird vom warmen, aus dem Golf von Mexiko stammenden Golfstrom umspült und weist deshalb ein ausgeprägt ozeanisches, beinahe mediterranes Klima auf. Die Niederschläge sind mit jährlich 750 bis 1000 Millimetern recht gering, und die Sonnenscheindauer ist mit durchschnittlich fast 2000 Stunden im Jahr überraschend lang.
Dank des milden Klimas und dank der Nähe zum europäischen Kontinent beherbergt Jersey zahlreiche Tierarten, welche eher für die südlichen Bereiche Europas typisch sind und hier am Nordrand ihrer Verbreitungsgebiete vorkommen. Zu ihnen zählen die Gefleckte Ameisenjungfer (Euroleon nostras)
und die Feldgrille (Gryllus campestris)
aus der Klasse der Insekten, die Gewöhnliche Mauereidechse (Podarcis muralis)
aus der Klasse der Reptilien und die Provence-Grasmücke (Sylvia undata)
aus der Klasse der Vögel.
Die Gefleckte Ameisenjungfer
Die Gefleckte Ameisenjungfer gehört zur Familie der Ameisenjungfern (Myrmeleonidae), welche insgesamt mehr als 2500 Arten umfasst und weltweit verbreitet ist, wobei die meisten Arten in den Tropen und Subtropen heimisch sind. Die Familie ist Teil einer verhältnismässig urtümlichen Insektenordnung namens Netzflügler (Neuroptera), welche unter anderem noch die Familien der Florfliegen (Chrysopidae) und der Bachhafte (Osmylidae) umfasst. Die erwachsenen Gefleckten Ameisenjungfern ähneln in ihrer Gestalt Libellen: Sie haben einen langen, schmalen Leib, grosse Augen und vier transparente Flügel. Letztere sind - wie bei allen Netzflüglern - von einem dichten Netzwerk von Adern durchzogen. Die Länge der zierlichen Insekten bemisst sich auf etwa 3 Zentimeter, ihre Flügelspannweite auf ungefähr 7 Zentimeter. Arttypisch sind kleine dunkle Flecken auf allen vier Flügeln.
Wie bei vielen Insekten sind die erwachsenen - geschlechtsreifen und flugfähigen - Gefleckten Ameisenjungfern kurzlebige Geschöpfe: Sie werden durchschnittlich nur drei bis vier Wochen alt. Den Grossteil ihres Lebens, nämlich rund zwei Jahre, verbringen sie als Larven, welche völlig anders gebaut sind als die erwachsenen Tiere: Es sind dickliche, höchstens 1,5 Zentimeter lange Kreaturen, welche keine Flügel, jedoch Grabbeine und auffallende Kieferzangen besitzen. Sie werden als «Ameisenlöwen» bezeichnet.
Nach dem Schlüpfen aus dem Ei gräbt sich der Ameisenlöwe an seinem Geburtsort - d.h. an einer sonnigen, sandigen, vor Regen geschützten Stelle - einen Trichter in den lockeren Boden. Dann wühlt er sich am Trichtergrund ein, bis nur noch der Kopf mit den geöffneten Kieferzangen herausschaut. So lauert er auf Beute.
Wenn Ameisen oder andere kleine Insekten am Trichterrand vorbeikommen, rutschen sie infolge des nachgiebigen Bodens in die Tiefe - direkt in die Zangen des Jägers. Er packt seine Opfer, lähmt sie mit einem beim Biss sofort eingespritzten Gift und saugt ihnen dann den Lebenssaft aus. Sofern die Beutetiere beim Herabrutschen an der Trichterwand Halt finden und emporzuklettern versuchen, bewirft sie der Ameisenlöwe mittels ruckartiger Bewegungen seines Kopfs zielsicher mit Sand, wodurch sie unweigerlich den Halt verlieren und erneut abrutschen. Die ausgesaugten Opfer wirft der Ameisenlöwe schliesslich mittels derselben Schleuderbewegung seines Kopfs aus dem Trichter. Ameisen bilden eine sehr häufige Beute und gaben den Ameisenlöwen bzw. -jungfern ihren Namen.
Zweimal überwintert der Ameisenlöwe tief im Boden, dann, gegen Ende seines zweiten Lebensjahrs, verpuppt er sich: Er spinnt sich im Boden einen Seidenkokon und verwandelt sich darin in eine Puppe. Innerhalb der Puppenhülle erfolgt die wundersame Verwandlung vom plumpen Ameisenlöwen zur grazilen Ameisenjungfer. Ende Juli, Anfang August schlüpft diese aus dem Kokon, presst gleich danach Luft und Blutflüssigkeit in die Adern ihrer noch weichen, stark zerknitterten Flügel und streckt sie dadurch zu ihrer vollen Länge. Wenig später fliegt sie zielstrebig auf einen nahe gelegenen Nadelbaum, denn solche bilden die Treffpunkte der männlichen und der weiblichen Ameisenjungfern. Wir wissen heute, dass die Männchen Duftstoffe absondern, welche von den Weibchen noch in mehreren hundert Metern Entfernung wahrgenommen werden können und sie direkt zu den Männchen hinführen. Nach der Begattung suchen die Weibchen eine Stelle am Boden, die sich als Kinderstube eignet, und legen dort ihre Eier ab. Damit ist der Lebenskreislauf geschlossen.
Die Gefleckte Ameisenjungfer wurde 1932 erstmals auf Jersey verzeichnet. Es ist anzunehmen, dass sie die Insel auf natürlichem Weg erreicht hat. Wahrscheinlich wurde ein begattetes Weibchen mit dem Wind von Frankreich her auf die Insel getragen. Seither hat sich die Art über weite Bereiche der Insel ausgebreitet. Und sie hat nach und nach auch die Nachbarinseln Guernsey, Herm und - vor wenigen Jahren - Sark zu besiedeln vermocht.
Die Feldgrille
Die Feldgrille gehört innerhalb der Ordnung der Schreckenartigen (Orthoptera) zur Familie der Eigentlichen Grillen (Gryllidae). Ihre Länge bemisst sich auf 1,7 bis 2,3 Zentimeter, wobei die Männchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Weibchen.
Im zentralen und südlichen Europa ist die Feldgrille weit verbreitet. Nordwärts erstreckt sich ihr Verbreitungsgebiet bis zu den Niederlanden, und es reicht auch nach England. Dort ist die Art inzwischen jedoch extrem selten.
Die Feldgrille benötigt als Lebensraum warmes, trockenes, nährstoffarmes und entsprechend schütter bewachsenes Wiesland. Die (flugunfähigen) erwachsenen Individuen leben in selbst gegrabenen Erdröhren und ernähren sich von verschiedenen pflanzlichen wie auch tierlichen Stoffen. Die Männchen befreien vor dem Röhreneingang eine Stelle von Pflanzen und «Unrat». Dort lassen sie ihren Zirpgesang ertönen, indem sie ihre Vorderflügel etwas aufrichten und dann gegeneinander reiben. Dabei wird eine so genannte «Schrillader» über eine «Schrillkante» gestrichen. Das dabei entstehende Zirpgeräusch wird durch eine kreisförmige Flügelmembran, den «Spiegel», akustisch verstärkt.
Der Sinn des Zirpens ist es, Weibchen anzulocken, deren Gehörorgane sich übrigens nicht am Kopf, sondern im Kniebereich der Vorderbeine befinden. Die Weibchen legen ihre Eier nach der Begattung mithilfe ihres Legestachels, der mehr als einen Zentimeter lang sein kann, an geeigneten Stellen einzeln in den Boden.
Die Jungen schlüpfen im Juli oder August aus den Eiern. Sie sehen ihren Eltern recht ähnlich, weshalb sie als «Nymphen» und nicht als «Larven» bezeichnet werden. Sie ernähren sich anfangs hauptsächlich von zarten Graswürzelchen. Im Herbst graben sie sich einen etwa dreissig Zentimeter tiefen Gang in den Boden und überwintern dort. Im nächsten Frühling erlangen sie - bei der letzten Häutung, also ohne ein Puppenstadium zu durchlaufen - die Geschlechtsreife und kümmern sich in der Folge ihrerseits um die Fortpflanzung.
In den nördlichen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets benötigt die Feldgrille besonders warme und trockene Sommer, um sich erfolgreich fortpflanzen zu können. Sie benötigt ferner zum Überleben magere Wiesen. Solche sind im Verlauf des 20. Jahrhunderts europaweit selten geworden, weil sie entweder mittels Düngung in ertragreichere Fettwiesen umgewandelt wurden oder aber mangels Rentabilität nicht mehr genutzt wurden und sich über kurz oder lang in Buschland verwandelten. Diese Entwicklung hat die Feldgrille vielerorts selten werden und in England nahezu aussterben lassen.
Erfreulicherweise gibt es auf Jersey noch geeignete Lebensräume für die Feldgrille. Zu nennen ist beispielsweise Ouaisne Common, ein zehn Hektaren grosses Naturschutzgebiet im Südwesten der Insel, welches gesunde Bestände nicht nur der Feldgrille, sondern auch der Gefleckten Ameisenjungfer und der Provence-Grasmücke beherbergt.
Die Gewöhnliche Mauereidechse
Wie die Gefleckte Ameisenjungfer ist die Mauereidechse erst in der jüngeren Vergangenheit in Jersey eingetroffen. Allerdings scheint sie die Insel nicht eigenständig erreicht zu haben, sondern dürfte irgendwann zwischen 1830 und 1860 vom Menschen eingeführt worden sein. Über die Hintergründe ist nichts bekannt.
Die Mauereidechse gehört innerhalb der Familie der Echten Eidechsen (Lacertidae) zur 18 Arten umfassenden Gattung der Mauereidechsen (Podarcis)
. Sie kommt in weiten Teilen Europas vor: Im Süden erstreckt sich das Areal vom zentralen Spanien ostwärts durch Frankreich, Italien und die Balkanländer bis nach Kleinasien; nordwärts reicht es bis nach Tschechien, Bayern und Südbelgien. Die Kopfrumpflänge beträgt bis etwa 7 Zentimeter, die Schwanzlänge ungefähr das Doppelte hiervon.
In ihrem Vorkommen ist die Mauereidechse an felsige Orte gebunden, und zwar solche natürlicher wie künstlicher Art. In letzterem Fall handelt es sich beispielsweise um Feldbegrenzungsmauern und Häuserruinen. Tatsächlich gehört sie zu den nicht sehr zahlreichen Tierarten, welche in den vergangenen Jahrhunderten von den Tätigkeiten des Menschen profitiert haben, weil er ihren Lebensraum vermehrt hat. Auf Jersey kommt die Mauereidechse im Bereich von fünf verfallenen Festungen an der Küste vor. Der grösste Bestand findet sich beim Fort Lester in der Bouley-Bucht.
Die Mauereidechse ist eine sehr flinke Echse, welche ein breites Spektrum wirbelloser Tiere bejagt und verzehrt. Die kalte Zeit des Jahrs verbringt sie tief in einer Felsspalte oder einer Mauernische verborgen im Winterschlaf. Im Frühsommer legt das Weibchen ein bis drei Mal etwa ein halbes Dutzend Eier unter Steinen oder in Felsritzen ab. Die Entwicklungszeit der Keimlinge wird durch die Umgebungstemperatur beeinflusst und dauert ein bis zwei Monate. Die Jungen weisen beim Schlüpfen eine Gesamtlänge von etwa sechs Zentimetern auf und können von Anfang an für sich selbst sorgen.
Die Provence-Grasmücke
Die Provence-Grasmücke gehört innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes) zur artenreichen Familie der Grasmücken (Sylviidae). Erwachsene Individuen weisen eine Gesamtlänge von durchschnittlich 12,5 Zentimetern auf, haben eine Flügelspannweite von bis zu 18 Zentimetern und wiegen etwa 10 Gramm.
Das Verbreitungsgebiet der Provence-Grasmücke ist verhältnismässig klein: Es umfasst die Iberische Halbinsel, den Süden und Westen Frankreichs, Südengland, das südliche Italien, Korsika, Sardinien und Sizilien sowie Teile Nordafrikas. In den nördlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets bewohnt der kleine Vogel vornehmlich dornenreiche Dickichte in tief gelegenen Heidelandschaften; weiter südlich kommt er in einem breiteren Spektrum von Lebensräumen vor, beispielsweise in Hecken mit viel Brombeer-Gestrüpp.
Wie alle Grasmücken ist die Provence-Grasmücke eine sehr bewegliche Insektenesserin. Zu Gesicht bekommt man sie allerdings selten, da sie sich vornehmlich im Gezweig der von ihr bewohnten Dickichte umherbewegt und sich kaum je über den Büschen blicken lässt. Dies ändert sich einzig während der Brutsaison: Dann setzen sich die Männchen innerhalb ihrer Reviere immer wieder gut sichtbar auf eine Zweigspitze und lassen ihren grasmückentypischen Gesang vernehmen.
Die Bruten finden in den nördlichen Teilen des Verbreitungsgebiets im April statt. Das Paar baut sein kleines, napfförmiges Nest aus Grashalmen, Blättern und feinen Zweigen gut versteckt im unteren Bereich eines Buschs. Das Gelege besteht aus drei bis fünf Eiern. Die Jungen schlüpfen nach zwölf Tagen aus den Eiern, und nochmals zwölf Tage später sind sie bereits flugfähig und verlassen dann in Begleitung ihrer Eltern das Nest.
Im Unterschied zu vielen anderen Grasmücken ist die Provence-Grasmücke meistenorts kein Zugvogel, der jeweils im Herbst südlichere, insektenreichere Gefilde aufsucht; sie bleibt als Standvogel das ganze Jahr über in ihrem Brutgebiet. Allerdings ist sie kein sehr robuster Vogel, weshalb die Bestände in den nördlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets in harten Wintern stark schwinden. In England wäre die Art deshalb im strengen Winter 1962/63 beinahe ausgestorben. Auf Jersey hat das ozeanische Klima den örtlichen Bestand der Provence-Grasmücke bisher vor grösseren Bestandsschwankungen bewahrt.
Alle vier vorgestellten Tierarten befinden sich wie gesagt auf Jersey am nördlichen Rand ihrer Verbreitungsgebiete. Die Lebensbedingungen sind hier für sie nicht optimal, sondern marginal; ausserdem sind ihre lokalen Bestände aufgrund der begrenzten Fläche der Insel verhältnismässig klein. Längerfristig ist ihr Fortbestand darum weit weniger sicher als derjenige der Bestände in den zentralen Bereichen der Artverbreitungsgebiete. Aus diesem Sichtwinkel betrachtet, müssen sie auf Jersey als gefährdet eingestuft werden. Sie bedürfen unseres ständigen Augenmerks, damit nötigenfalls rechtzeitig Massnahmen zu ihrem Schutz getroffen werden können.
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