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Zwanzig Jahre falsche Bewirtschaftung wieder ausbügeln, fünf Euro pro Quadratmeter mit weniger Arbeit und mehr Freude verdienen. Mit solchen Aussagen wurde die Konferenz in Marcelin eröffnet. Stefan Sobkoviak ist Permakulturpraktiker aus Quebec und ist viel unterwegs, um Vorträge darüber zu halten. Seit 1992 entwickelt er beständig seinen Obstgarten zu einer Art Selbsternte-Permakulturgarten weiter. Der Weg dahin war nicht einfach und voller Tücken. Aber der Referent ging von folgender Überlegung aus: Trotzdem, dass der Obstgarten nach den Bioobstbaurichtlinien bewirtschaftet wurde, war er kein funktionierendes Ökosystem. Als studierter Biologe hat Stefan Sobkoviak jedoch eine andere Herangehensweise an die Konzeption des Anbaus.
In seinem Vortrag berichtet Sobkovia zuerst von den Fehlern, die er in zwanzig Jahren gemacht und den Einsichten, die er daraus gewonnen hat. Er erwähnt die nicht so schönen und auch die schönen Momente, wie die Ernten, die Rückkehr der Vögel oder ein einfacher Sonnenuntergang. Er stellte fest: Die Natur ist auf ihre Art perfekt, es genügt also, sie zu kopieren.
Von der technischen Seite her besteht seine Herangehensweise darin, die Probleme zuerst genau zu identifizieren, um sie danach besser lösen zu können. Angesichts eines Problems, ändere sich die Wahrnehmung. Anstatt dagegen zu kämpfen oder es beseitigen zu wollen, sei es viel wichtiger, die Ursache genau zu ergründen. Man findet diese Überlegungen in der ersten Massnahme für Biodiversität wieder, die Sobkoviak realisiert hat. Es war eine Installation von Nistkästen, um die Raupen, die ein Hauptproblem im Obstgarten waren, mit ihren natürlichen Jägern zu bekämpfen.
Ein Permakultur-Obstgarten
Die Entwicklung seiner Obstgärten basiert auf Permakultur-Prinzipien. Permakultur ist eine Methode, um zum Beispiel einen Obstgarten langfristig zu planen und ein stabiles und sich selbst erhaltendes System zu schaffen, das eine Minimierung der externen Zufuhr von Nährstoffen bei gleichzeitiger Maximierung des Ertrags zum Ziel hat.
Bei Sobkoviak sind die Grundlagen der Diversifizierung Stickstoff fixierende Pflanzen (Leguminosen) und Äpfel, Birnen, Pflaumen etc. Die Rolle der Stickstoffsammler ist klar, den Stickstoff in das System zu bringen, aber auch, die Dominanz von Rosengewächsen, die man in vielen Obstanlagen vorfindet, aufzuweichen. Sie dienen auch dazu, anderen Arten, zum Beispiel von Blattläusen, einen Lebensraum zu bieten, damit die Nützlinge überleben können, wenn die Obstschädlinge vertilgt sind. In der Permakultur hat jedes Element mindestens drei Funktionen, die aber nicht unmittelbar zur Ertragsbildung beitragen müssen.
Ein anderes wichtiges Element ist die Anlage des Gartens in Etagen oder Niveaus, wie man sie in einem Wald finden kann. Jeder Baum ist demnach mit vier Beerensträuchern und zirka 15 ausdauernden Pflanzen oder Bodendeckern umgeben. Das ganze System ist so angeordnet, dass « allées épiceries » entstehen, was mit «Einkaufsalleen» übersetzt werden könnte, in denen die Pflanzen nach ihrer Abreifezeit (10 Tagesintervalle) angeordnet sind, um die Ernte zu vereinfachen.
Die Tiere finden wieder einen Lebensraum
Um eine funktionierendes Ökosystem zu entwickeln, muss man unbedingt Tiere mit einbeziehen. Schafe können den Infektionsdruck von Krankheiten und Schädlingen reduzieren, indem Sie die Blätter und Früchte fressen, die auf dem Boden liegen. Ihre Hinterlassenschaften düngen die Kulturen. Stefan Sobkowiak erwähnt auch den Einsatz von Geflügel wie Hühner und Truthähnen. Die Truthähne sind Allesfresser und wären daher in der Lage, zum Beispiel die Wühlmauspopulation in Schach zu halten. Dieser Ansatz müsste allerdings in Obstgärten, in denen entsprechende Probleme auftreten, getestet werden. Diese Tiere stellen überdies auch eine nicht zu vernachlässigende Einkommensquelle in diesem System dar. Sie bringen sogar mehr ein als die Früchte des Obstgartens.
Grenzen des Systems
Interessanterweise zögert Stefan Sobkowiak nicht, in das System aktiv einzugreifen, wenn sein Ansatz an die Grenzen kommt. Zum Beispiel benützt er Molke um gegen Pilzinfektionen vorzugehen, oder Plastikfolien, um das Wachstum von Unkräutern in den Reihen einzudämmen. Es muss erwähnt werden, dass der Einsatz von Plastikfolien viele der Anwesenden erstaunt hat. Nach Versuchen von Mulch in Form von Holzhackschnitzeln, die sich aber nach sechs Monaten bereits zersetzt haben, hat er sich für diese Lösung entschieden. Bestimmte Rohstoffe sind in seiner Region schwer erhältlich. Auch bestimmte Produkte, darunter laut Sobkowiak wirkungsvolle wie Kaolinit oder Kaolin, können nicht einfach eingesetzt werden, da sie auf den unten wachsenden Gemüsen Flecken verursachen.
Weitere Schwierigkeiten? Stefan Sobkoviak erwähnt lächelnd: Mehr Stechmücken, die Grösse der Körbe für die Kunden, eine sehr viel komplexere Betriebsführung, zu viel Bestäubung.
Die Vermarktung
Die «Einkaufsalleen» und der Entwurf des Systems zeigen, dass neben der Produktion auch die Vermarktung mit in die Konzeption mit einbezogen wurde. Zum Beispiel animiert die Vielfalt der Früchte die Kunden zu Impulsivkäufen. Und wirklich, die Vielfalt an Früchten, Gemüse, Blumen und Kräuter lädt förmlich zum Ernten ein. Um im Permakulturgarten ernten zu dürfen, muss man Mitglied sein. Jedes Mitglied bezahlt einen jährlichen Beitrag von 55 kanadische Dollars (9 kg Früchte sind darin inbegriffen) zusätzlich zu den Einkäufen, die im Garten getätigt werden. In ertragsstarken Jahren sind die Mitglieder eingeladen, die Überschüsse ohne zusätzliche Kosten zu ernten.
Experimente, Innovation und Entdeckungen
Es ist interessant, wie Stefan Sobkowiak selbst darüber staunt, wie ein Insekt, das vormals als Schädling wahrgenommen wurde, nun zu einem Element der Biodiversität geworden ist. Sobkowiak unterstreicht auch die Wichtigkeit, das Beobachten wieder zu lernen und durch die Reflexion daraus Innovationen zu entwickeln.
Stefan Sobkowiak hat uns ein System präsentiert, das er für sich selbst und für seine Produktions- und Vermarktungsbedingungen entwickelt hat. Da jedes System einzigartig ist, und selbst wenn wir uns von den Überlegungen und den Methoden von ihm inspirieren lassen, muss doch jeder selbst mit der Permakultur herumexperimentieren um ein System zu entwickeln, das den jeweiligen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst ist.
Hélène Bougouin und David Vulliemin, FiBL
Weitere Informationen
Das FiBL hat in der Schweiz zwei Obstanlagen konzipiert und aufgebaut, um die externe Zufuhr von Nährstoffen zu reduzieren. Der erste befindet sich in Frick im Aargau. Diese Anlage besteht aus vielen Elementen (Hecken, Blühstreifen, Sandwich-Systeme, Nistkästen, resistente Sorten, etc.) und hat zum Ziel, nötige Eingriffe auf ein Minimum zu reduzieren. Ein weiterer Versuch wurde 2014 auf dem Gelände der Agrilogie in Marcelin, Kanton Waadt, angelegt. Er besteht aus zwei Varianten. Eine Variante ist ein Agroforstsystem mit Gemüseproduktion, die zweite Variante ist eher ein Permakultursystem. Auch hier ist das Ziel, mit Biodiversitätselementen die externen Einträge zu minimieren. DV
(Übersetzung aus dem Französischen: Matthias Klaiss, FiBL)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 07.04.2015