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Vater werden oder nicht
Die Mutter aller Fragen Teil II
Wie beschäftigen sich Männer mit der Kinderfrage? Und welche Gedanken machen sie sich zu Care-Arbeit und der «tickenden biologischen Uhr»? Nach dem ersten Teil von «Die Mutter aller Fragen» mit Delia Imboden hat die FRIDA-Autorin Tamara Funck nun zwei Männer zum Gespräch geladen. Severin Jenny ist Vater von zwei Kindern. Samuel Lichtin weiss noch nicht, ob er Kinder haben will. In einem Café in Basel treffen sie das erste Mal aufeinander.
Basel, 12.12.2023
Samuel Lichtin: Das ist fast wie ein Blind Date …
Severin Jenny: Stimmt! (lacht)
Samuel Lichtin: Ich bin Samuel. Der, der keine Kinder hat. Dann gehe ich davon aus, du hast Kinder?
Severin Jenny: Ja. (lacht) Ich habe einen fünfjährigen Sohn und eine Tochter, die gerade eins wurde. Ich heisse Severin.
Darf ich fragen, wie alt du bist?
Ich bin dieses Jahr 30 geworden.
Ich werde dieses Jahr 33, also bin ich drei Jahre älter als du.
Du hast keine Kinder?
Nein, ich habe keine Kinder. Ich wusste immer: Wenn ich Kinder haben würde, wäre ich glücklich. Wenn ich keine Kinder haben würde, wäre ich genauso glücklich. Ich brauche keine Kinder zum Glücklichsein, oder um mich komplett zu fühlen.
Du machst dir aber Gedanken dazu?
Ja. Meine Partnerin und ich reden oft über das Thema. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder austauschen und voneinander wissen, wie wir zur Kinderfrage stehen.
Auf jeden Fall. Offen darüber reden ist wichtig.
Es gibt ja Leute, die sich nicht vorstellen können, keine Kinder zu haben. Das kenne ich nicht. Zum Glück hat meine Partnerin die gleiche Meinung. Oder eben, wir haben keine Meinung. Wir können uns gut vorstellen, Kinder zu haben und wir können uns gut vorstellen, keine Kinder zu haben. Du hast dich für Kinder entschieden, wie kam das?
Das erste Kind war total ungeplant.
Der Geburtstermin war an meiner Masterprüfung!
(lacht)
Es ist eine lustige Geschichte, die ich gerne erzähle, aber eigentlich war es eine schwierige Zeit. Dem ganzen Umfeld und dem Studienleiter von der Schwangerschaft zu erzählen, war anstrengend. Die Frage «Wollen wir das wirklich?» stand im Raum.
Wir haben uns dafür entschieden. Schlussendlich kam unser Sohn auf die Welt und 30 Stunden später ging ich an meine Masterabschlussprüfung.
Wirklich?
Ja.
Boah.
Jetzt kann ich darüber lachen, aber es war wirklich nicht immer einfach. Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ist es die richtige Entscheidung? Als das Kind dann da war, gab es nichts Schöneres. Ich war damals 25 Jahre alt. Heute, mit 30 Jahren, bin ich an einem anderen Punkt. Viele in meinem Umfeld und Freundeskreis, die im gleichen Alter sind wie ich, machen sich jetzt diese Gedanken oder sie versuchen ein Kind zu bekommen.
Bist du fast schon froh, dass du es hinter dir hast? (lacht)
Ja, voll. (lacht) Es ist schon eine Erleichterung zu wissen, dass ich zwei Kinder habe. Dazu sind sie noch so unterschiedlich.
Das fühlt sich vollkommen an.
Wie du erzählst und dein erstes Kind bekommen hast, so scheint es mir: Den perfekten Zeitpunkt für ein Kind gibt es nicht …
Nein, das glaube ich auch.
Vielleicht geht es vielmehr darum, was man daraus macht. Da zeigt sich, wie perfekt der Zeitpunkt war. Wusstest du immer schon, dass du mal Kinder haben willst?
Meine Frau und ich haben uns schon früh in der Beziehung Gedanken gemacht, ob wir Kinder wollen und konnten uns das vorstellen. Auch die Idee, jung Eltern zu sein, fanden wir toll. Wir sind ein Paar, seit ich 18 Jahre alt bin. Als sie schwanger wurde, waren wir schon sieben Jahre zusammen.
Ich höre immer wieder: Ein Kind ist wie kein Kind. Zwei Kinder, das ist dann erst richtig viel Arbeit. Würdest du das unterschreiben?
Nein, das stimmt nicht.
Von keinem Kind auf ein Kind, das ist der allerallergrösste Umbruch in einem Leben, den man haben kann.
Echt?
Ja, das ist wie … es gibt nichts Vergleichbares. Man schläft nicht mehr wie vorher. Man hat Verantwortung für einen Menschen, für ein Wesen, das total wehrlos ist – zumindest das erste Jahr. Man verliert seine Freiheit auf eine gewisse Art. Das erste Jahr eines Kindes ist etwas vom Anstrengendsten, was man erleben kann.
Beim zweiten Kind konnte ich viel bewusster miterleben, wie man im ersten Jahr zurückgeworfen wird. Ich bin Musiker. Ich musste mir die Konzerte und Proben am Abend einteilen und traf dafür keine Freunde mehr. Durch meinen Beruf bin ich am Abend eher weg, gleichzeitig wollte ich meine Frau nicht alleine lassen mit den zwei Kindern. Beide am Abend ins Bett zu bringen, war zeitweise sehr anstrengend und fast nicht möglich alleine.
Sich als Vater der Verantwortung zu entziehen, das ist leicht. Meine Frau und ich teilen uns aber die Verantwortung, und somit auch die Anstrengung.
Ist das zweite Kind einfacher, weil man selber mehr Erfahrung hat?
Das zweite Kind wirft einen erneut zurück, aber man hat es schon einmal erlebt. Das macht es einfacher, das stimmt. Meine Tochter hatte gerade ihren ersten Geburtstag. Sie kann jetzt laufen. Sie kann sich verständigen. Das ist eine Erleichterung.
Die persönliche Freiheit kommt zurück und auch mehr Zeit für uns als Paar.
Wenn du keine Kinder hast, kannst du einfach in den Tag leben. Du kannst dein Leben selber gestalten. Mit Kindern muss man versuchen, einen Alltag zu schaffen. Ist man mal länger unterwegs, ist das Kind am nächsten Tag müde und es wird ein so anstrengender Tag. Der Tag geht dann nicht mehr vorbei.
Hat dich das überrascht, oder wusstest du, dass das auf dich zukommen würde?
Das hat mich schon überrascht. Ich habe auch lange nicht verstanden, woran es liegt und warum gewisse Tage anstrengend, andere okay sind …
«Learning by Doing» also?
Ja, genau. Geholfen hat uns auch unsere gemeinschaftliche Wohnform. Als meine Frau schwanger war, wohnten wir noch in getrennten WGs. Wir standen vor der Entscheidung, ob wir in eine schöne Altbauwohnung im Kleinbasel ziehen oder ins Hinterhaus ihrer Schwester.
Wir entschieden uns dafür, mit einer anderen Familie zu leben, mit meiner Schwägerin, meinem Schwager und ihren drei Kindern.
Das war die beste Entscheidung. Wir konnten viel von ihnen abschauen und der schon da gewesene Familienalltag gab uns Struktur. Sie bekamen ein viertes Kind und mein Neffe und mein Sohn sind wie Zwillingsbrüder aufgewachsen.
Wie wohnt ihr jetzt?
Die Familien-WG hat sich bewährt. Wir wohnen immer noch so: sie im Haus, wir im Hinterhaus, zusammen als WG mit gemeinsamen Räumen. Wir haben uns sogar entschieden, gemeinsam ein Haus zu kaufen, damit wir noch mehr als WG zusammenwohnen können.
Das würde ich allen empfehlen, wenn es irgendwie geht. Wenn man als frischgebackene Eltern in einer coolen, hippen Altbauwohnung wohnt, ist man schnell einsam. Vom dritten Stock runter laufen, etwas vergessen und erneut Windeln wechseln zu müssen … man ist noch nicht mal auf dem Spielplatz. Ich kann meine Tochter vor die Haustür setzen und der Austausch ist schon da. Wir sind integriert in eine Familie, bei der die Struktur und alles schon da ist.
Das glaube ich. Für das Kind sind soziale Kontakte das A und O. Es ist wichtig, dass das Kind nicht nur Mami und Papi hat, sondern auch noch gleichalterige und andere Menschen. Ich weiss aber nicht, ob es für mich das Beste wäre, mit anderen Menschen in einer so grossen WG zusammenzuwohnen.
Ich weiss nicht, ob ich das könnte. Ich wohne tatsächlich gerade in einer dieser hippen Altbauwohnungen im Kleinbasel. (lacht)
Ha! (lacht)
Die Vorteile fürs Kind sehe ich, aber ich weiss nicht, ob ich damit glücklich wäre. Ich habe lange in WGs gewohnt, in grossen WGs, das war super, aber auch anstrengend. Das war Arbeit. Ich kann mir vorstellen, dass Elternsein auch Arbeit ist. Dann wäre es wie doppelte Arbeit.
Das dachte ich auch. Ich habe nie nur mit meiner Freundin gewohnt, wir zogen direkt von unseren WGs in die Familien-WG. Es war also eine krasse Entscheidung.
Nach sieben Jahren Beziehung eine grosse Veränderung! Das sagt man doch immer so, dass nach sieben Jahren eine Veränderung stattfindet. (lacht)
Ja! (lacht) Das war die richtige Entscheidung. Es ist ein tolles Gefühl, 30 zu sein und zwei Kinder zu haben.
Ich habe etwas Tolles erreicht im Leben und habe noch alle Zeit, um mich im Beruf zu verwirklichen.
Das merke ich natürlich: Ich habe mich die letzten Jahre nicht auf meine musikalische Karriere fokussiert. Ich habe mein Musikerdasein in kleinen Schrittlein weiterentwickelt, das fühlt sich eigentlich auch gut an. Ein krasses Durchstarten geht nicht. Dass ich Vater wurde, hat mir eine Ruhe gegeben. Früher hatte ich das Gefühl, andere spielen viele Konzerte und ich nicht … ich fühlte mich nicht gut genug, wenn ich nicht angefragt wurde. Inzwischen kann ich mich ein bisschen zurücklehnen und sagen, hey, ich habe zwei Kinder, wenn ich nicht jedes Wochenende drei Konzerte spiele, ist das auch okay.
So wie du dein Leben beschreibst, haben dir deine Kinder Ruhe gebracht. Stimmt das?
Ja, Ruhe im Sinne von Struktur und Sinn. Meine Kinder geben mir Sinn in meinem Leben. Ich habe jeden Tag einen Grund, um sechs oder sieben Uhr aufzustehen – wenn das Kind eben aufwacht. Ich muss da sein. Das gibt mir Ruhe. Redest du mit deinem Kollegenkreis eigentlich über die Kinderfrage oder den Kinderwunsch?
In meinem Freundeskreis gibt es nicht so viele Eltern. Zwei, drei haben ein Kind, die anderen nicht. Unter uns Freunden und Kollegen reden wir aber schon über den Kinderwunsch. Die Fragen, ob man Heiraten und Kinder will, werden ab 30 diskutiert – vor allem wenn man in einer Beziehung ist. Kollegen, die früher noch eher gesagt haben, dass sie keine Kinder wollen, verspüren jetzt teilweise einen Kinderwunsch oder sagen zumindest, dass sie sich vorstellen können, ein Kind zu haben.
Zu dir sagte aber noch niemand «Ahhh, du bist 33, du solltest dich entscheiden, die biologische Uhr tickt …!»?
Nein. Als Mann verspüre ich nicht den gleichen gesellschaftlichen Druck, wie wenn ich eine Frau wäre. Ich werde selten konfrontiert mit dem Thema. Ich höre von Frauen, dass Leute auf sie zu kommen, Kommentare fallen wie «ah, du hast noch keine Kinder» oder sie gefragt werden, ob sie sich vorstellen können, Kinder zu haben. Die Frage wurde mir so noch nie gestellt oder ich kann mich nicht daran erinnern …
Wieso beschäftigt dich die Kinderfrage gerade mit 33 Jahren?
Ich konnte mir die Frage davor gar nicht stellen. Ich habe noch eine Zweitausbildung gemacht und studiert. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich das Studium beendet hatte und den richtigen Job fand. Ich hätte mir nicht vorstellen können, während meines Studiums Vater zu werden. Wenn es passiert wäre, hätte ich mich dieser Frage natürlich gestellt.
Seit ich arbeite, ist die Kinderfrage viel mehr ein Thema. Ich habe einen guten Job, ich verdiene Geld. Letztes Jahr war ich drei Monate auf einer Reise durch Südamerika, die ich unbedingt machen wollte.
Ich wäre ready, wenn es jetzt passieren würde.
Der perfekte Zeitpunkt würde ich sagen!
Ich kann es mir vorstellen. Ich kann mir aber auch vorstellen, keine Kinder zu haben. Das macht es schwierig. Es gibt keine prägende Kraft in mir, die sagt «ja» oder «nein». Es wäre schön, wenn es einfach passiert, so wie bei dir. Der Schwangerschaftstest ist positiv und dann einfach «go for it»!
Ja.
Und gleichzeitig darf die Entscheidung nicht unterschätzen. Ich habe viereinhalb Jahre mit Jugendlichen in Krisen gearbeitet. Es ist eine grosse Verantwortung, ein Kind. Ich musste schon erleben, was es bedeutet, wenn Eltern bei ihren Kindern viel kaputt machen. Da habe ich einen gewissen Respekt davor. Kann ich das, ein Kind aufziehen? Ich glaube, dass ich es kann, trotzdem darf man es nicht unterschätzen. Es ist gut, sich diese Gedanken zu machen.
Auf jeden Fall! Spürst du eigentlich eine Dringlichkeit, bald zu entscheiden, ob du ein Kind möchtest oder nicht?
Nein, ehrlich gesagt spüre ich keine Dringlichkeit. Ich kann mich sehr schnell einer Situation anpassen. Vereinfacht gesagt: Wenn meine Partnerin und ich in die Ferien gehen, können wir überall hingehen. Wir haben überall eine tolle Zeit und finden überall etwas Schönes.
Wenn ich ein Kind hätte, würde ich gewisse Dinge, die ich jetzt sehr gerne mache, ersetzen mit neuen Dingen, mit neuen Interessen. Wo sind die besten Spielplätze? Wo sind die besten kinderfreundlichen Cafés?
Ich kann mich darauf einstellen, dass es anders wird mit einem Kind.
Darum verspüre ich auch nicht so einen Druck. Ich habe keine Angst vor der Veränderung, wenn es eine geben würde.