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Der chinesische Garten
Die chinesische Zivilisation entstand in einer weiten Ebene, die etwa auf der Höhe des amerikanischen Bundesstaates Tennessee und der Mittelmeerinsel Kreta liegt. Westlich davon entspringt in den Vorbergen des Himalaya der Huang Ho, der Gelbe Fluss, der dann in einem großen Bogen nach Osten in Richtung der Meere fließt, die den Rand des Pazifischen Ozeans bilden. Im Winter ist die Ebene kalt und staubig, die Sommerregen sind spärlich und unberechenbar. Ein Garten Eden ist diese Gegend niemals gewesen.
Zur Zeit der erste historischen belegten chinesischen Dynastie waren diese Menschen bereits Ackerbauern und damit sesshaft geworden. Hier gediehen auch viele einheimische Getreidearten, Früchte -Pfirsiche, Birnen, Pflaumen, Persimonen und Aprikosen - und schließlich Pflanzen wie die kleine gelbe Chrysantheme, die wegen ihrer medizinischen Eigenschaften schon lange geschätzt wurde, bevor man sie als Zierpflanze züchtete. Weil die Chinesen vom Ackerbau lebten, verehrten sie den Boden im Rahmen dessen, was man auch als bezeichnet hat. Der Mensch wurde nicht als ein Wesen angesehen, das sich grundsätzlich von allem anderen Erschaffenen unterschied, und wie alle Formen des Lebens hingen auch sein Glück und sein Gedeihen von der erfolgreichen Anpassung an die Kräfte der Natur und vor allem des Gartens ab. Diese Ansicht findet sich bei vielen ackerbauenden Gesellschaften, aber in China entwickelte sie sich zum Ideal der harmonischen Kooperation, das mehr als zweitausend Jahre lang im Mittelpunkt der chinesischen Philosophie stand.
Ein anderer, später entstandener Schöpfungsmythos macht anschaulich welch bescheidene Stellung die Chinesen dem Menschen innerhalb der Natur zumaßen. Diesem Mythos zufolge lag der Ursprung der Welt in einem Ur-Ei, aus dem sich ein Gott entwickelte, der achtzehntausend Jahre lebte. Dann starb er. Sein Haupt spaltete sich und wurde zu Sonne und Mond sein Blut bildete die Flüsse und Meere, sein Haar die Pflanzen, seine Glieder wurden zu Bergen, seine Stimme ergab den Donner, sein Schweiß den Regen, sein Atem den Wind und seine Flöhe wurden zu den Vorfahren des Menschen. Tatsächlich weißt diese Idee allerdings in zwei Richtungen, denn auch wenn der Mensch zwischen den Bergen und Wassern der Erde nicht größer ist als ein Floh, so wird doch die Natur ihrerseits im Bild des Menschen begriffen.
Es war ein Bild, das die Chinesen nicht zögerten zu verbessern. Für sie war der Mensch derjenige Faktor, durch den sich die reiche Potential der Natur voll verwirklichen ließ. Daher überhöhten und idealisierten sie die ersten fünf Kaiser, von denen, wie die Legende berichtete die Chinesen die Geheimnisse des Feuers, der Viehhaltung, des Ackersbaus, der Bewässerung und die Bändigung der Wasserfluten gelernt hatten. Im Besitz dieser Kenntnisse und in der Zuversicht göttlicher Belehrung machten sie sich daran, das Land zu roden, zu terrassieren, umzugraben, zu bepflanzen und zu bewässern, bis die Gestalt und selbst das Klima Nordchinas für ihre Vorfahren nicht wiederzuerkennen gewesen wären. Diese Historiker stimmen mehr oder weniger darin überein,. das die Chinesen ihre Umwelt nachhaltiger Beeinflusst haben als alle anderen Völker der Erde, einschließlich der alten Ägypter, und die Natur dankte ihnen ihren Eifer und ihre Hingabe, indem sie ihnen (zumindest bis zur Mitte des 18 Jahrhunderts) die fruchtbarsten Ackerböden der Welt schenkte.
Da alles so zu ihrem Besten geriet, konnten die Chinesen die Veränderung ihrer Umwelt ohne Bedenken als eine Verbesserung der Natur betrachten. In der Tat haben zahlreiche Besucher des Landes in dem komplizierten System der Bodenbestellung in China ein zutreffendes Symbol für das harmonische Verhältnis der Chinesen zu ihrem Land gesehen, und viele haben den Gedanken geäußert das die bestellten Felder die ganze Landschaft als einenGarten erscheinen lassen. Wenn das stimmt, dann ist es ein westlicher, kein chinesischer Garten. Denn so schön das Mosaik ihrer Dämme und Felder auch war - in ihren Lustgärten mochten die Chinesen es, anders als die Ägypter , nicht reproduzieren.
Die Ägypter bewohnten eine unwirtliche Gegend, und als sie schließlich Gärten anlegten,, pflanzten sie ihre Blumen in der gleichen rationalen Weise wie ihr Getreide - sie hatten keine Vorstellung eine <üppigen Wachstums>, die über das hinausgegangen wäre, was sie aus der Wüste gemacht hatten. Die Mauern, welche die ägyptischen Gärten umgaben, sorgten dafür, das die unberührte Natur draußen blieb. so daß die tätige Hand des Menschen das Innere verschönern konnte.
Die Chinesen dagegen lebten inmitten einer außergewöhnlichen schönen und großartigen Landschaft, die jenerseits ihrer Felder und rechtwinkligen Häuser und unabhängig von all ihrer Arbeit und Mühe ganz einfach vorhanden war. Das flößte ihnen nicht nur Ehrfurcht ein, sondern erinnerte sie auch an jene erhabene und nichtpersonale Ordnung des Universums, in die der Mensch, und sei er noch so tüchtig und erfolgreich,. sich doch zu fügen hatte. Eben diese Vorstellung war es, die ihre Lustgärten zu reproduzieren suchten. Die Mauern, die eine chinesischen Garten umgaben, dienten letzen Endes also dazu., menschliches zu Tun und Wesen draußen zu halten.
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