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Liegt die grösste Gefahr für Pensionskassen darin, ihre Renditeziele zu verfehlen? Statt ihr Risiko zu reduzieren, müssen sie es diversifizieren.
Angesichts enorm tiefer Zinsen, der Tendenz zur Kostenreduzierung und einer Bevölkerung, die schneller altert als erwartet, ist das aktuelle Umfeld für Unternehmen und Pensionskassen weiterhin komplex. Alle diese Aspekte machen das Erreichen der Ziele, die sich die zweite Säule gesetzt hat, schwierig.
Das grösste Risiko für die zweite Säule stellt allerdings die Art und Weise dar, wie Entscheide getroffen werden. Der Fokus auf potenzielle Risiken geht aktuell soweit, dass die Bedeutung der Pensionskassen torpediert werden könnte. Um eine Rendite zu erzielen, muss man Risiken eingehen, und je höher die erwartete Rendite ist, desto grösser ist das Risiko. Versucht man nun mit allen Mitteln, das Risiko zu minimieren oder gar zu vermeiden, bringt dies eine Reduzierung der erwarteten Rendite mit sich. Betrachtet man eine Pensionskasse als Gesellschaft, ergibt sich folgende Schlussfolgerung: Besteht die Strategie dieser Gesellschaft einzig darin, Risiken zu reduzieren bzw. zu umgehen, droht innerhalb kürzester Zeit die Insolvenz.
Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass im Bereich der zweiten Säule 90 Prozent des Risikos bisher auf das Konto der Volatilität ging (was zumindest in den letzten 20 bis 30 Jahren stimmte). Leider haben sich die Zeiten geändert. Heute speist sich das Risiko aus wesentlich mehr Quellen wie etwa der Zinssensibilität, der Schwierigkeit, die gesetzten Ziele zu erreichen, oder aber der Konzentration in bestimmten Kategorien (etwa Immobilien in der Schweiz). Mittlerweile hängt das Risiko nur noch zu 50 Prozent von der Volatilität ab. Versucht man nun, die Volatilität zu reduzieren oder auf einem tiefen Niveau zu halten und den Preis für die geringste Total Expense Ratio (TER) zu gewinnen, besteht die Gefahr, aufgrund des nicht diversifizierten Risikos in eine Falle zu tappen. Irgendwann wird womöglich ein Versicherter den Stiftungsrat einer Pensionskasse deshalb verklagen, weil letztgenannter kein Risiko eingegangen ist und somit die Renditegenerierung aktiv behindert hat.
Abschied von der zweiten Säule
Je mehr der Umwandlungssatz gesenkt wird, desto mehr Kapital muss ein Versicherter ansammeln, um die gleiche Lebensqualität zu erlangen. Wenn ein Stiftungsrat nicht nur die Kosten, sondern auch das Renditeziel senkt, sieht es düster aus. Für den Versicherten wird weniger Kapital angespart, das umgewandelt werden kann, und der Umwandlungssatz ist tiefer. Es trifft den zukünftigen Rentner also doppelt: Tiefere Umwandlungssätze werden auf ein tieferes Kapital angewandt. Diese Denkhaltung bzw. Vorgehensweise kann man auch als aktive Erosion der zweiten Säule bezeichnen.
Es versteht sich von selbst, dass die Entscheidungsträger in Sachen zweiter Säule nicht ausschliesslich versuchen sollten, die Kosten zu senken und Risiken zu vermeiden. Sie müssen auch Entscheide treffen und den dritten beitragenden Faktor, d. h. den Markt, aktiv nutzen. Natürlich sollten dabei unnötige Kosten vermieden werden. Aber am Ende des Anlagetages zählt nur eines: die erwirtschafteten Mittel nach Kosten. Und wenn es in der heutigen Zeit notwendig ist, aufgrund von Renditeerwartungen gewisse teurere Anlagekategorien aufzunehmen, darf dies nicht aufgrund einer reinen Kostenbetrachtung scheitern. Einfach nur zu versuchen, für eine geringe Volatilität zu sorgen oder diese sogar zu reduzieren, könnte Verantwortliche in eine sehr riskante Lage bringen.
Derzeit befinden wir uns an einem Wendepunkt in der Geschichte der zweiten Säule. Die Anlage in anderen Kategorien scheint zunächst schwierig zu sein, da sie ein gewisses Verständnis sowie bewusste Vorbereitungen voraussetzt. Dies impliziert auch hohe Kosten, die sich jedoch langfristig in einer höheren Nettorendite niederschlagen, was eine höhere Rente bedeutet. Krempeln Sie also jetzt die Ärmel hoch und beginnen Sie, anders anzulegen und nicht mehr so wie in den letzten 20 bis 30 Jahren. Andere Marktbedingungen erfordern einen anderen Ansatz.
Dieser Artikel ist ursprünglich in Ausgabe No 108 (Mai 2017) der Zeitschrift BANCO erschienen.