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Eingesparte Treibhausgase sind längst nicht mehr nur Ziele, sie sind auch Handelsware. Der sogenannte Clean Development Mechanism, 1997 im Kyoto-Protokoll festgelegt, legte den Grundstein für den internationalen Markt mit CO2-Zertifikaten. Der Mechanismus erlaubte es, in Entwicklungsländern getätigte Emissionsminderungen zu zertifizieren und auf die Reduktionsziele der Industrienationen anzurechnen. Auch das nachfolgende Übereinkommen von Paris unterstützt Kooperationen zur Erreichung von nationalen Klimazielen – unter anderem die Möglichkeit, dass Staaten direkt miteinander kooperieren, um eingesparte Emissionen zu handeln. Parallel dazu hat sich ein schnell wachsender, kaum regulierter Markt für die freiwillige Kompensation von Treibhausgasen entwickelt, auf dem Unternehmen CO2-Zertifikate erwerben können, um die Emissionen ihrer Produkte auszugleichen.
«Solche Marktmechanismen können wertvolle Anreize schaffen, Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig Entwicklungsländern dabei helfen, sich nachhaltig zu entwickeln», erklärt der Ökonom Axel Michaelowa, der die Gruppe «Internationale Klimapolitik» am Lehrstuhl «Politische Ökonomie für Entwicklungs- und Schwellenländer» der UZH und am Center for Comparative and International Studies leitet.
Die Internationalität der Klimapolitik bringt vielfältige Herausforderungen mit sich: Die Länder müssen einen Konsens finden, welche Massnahmen zu ergreifen sind. Neben klimabedingten Problematiken wie der Klimamigration stellen sich Fragen zur Umsetzung, zur Überprüfung, zur Durchsetzung und der Finanzierung von Klimamassnahmen. Michaelowa beschäftigt sich in seiner Forschung in erster Linie mit den letzten beiden Aspekten und untersucht, welche Marktinstrumente tatsächlich Emissionsminderungen erbringen und wie Entwicklungsländer sinnvoll in die Minderung des Klimawandels miteingebunden werden können.
Schon seit seiner Kindheit befasst sich Michaelowa mit dem Klimawandel: «Das ist das Thema, das deine Generation beschäftigen wird», sagte Axel Michaelowas Vater, ein Physikprofessor, als er dem kleinen Jungen einen Artikel über den Klimawandel in die Hand drückte. Seither hat Michaelowa die Thematik nicht mehr losgelassen. Auf Skitouren im Gebirge setzte er sich mit dem Gletscherschwund auseinander und eignete sich im Privaten immer mehr Kenntnisse an. «Ich wollte Umweltökonomie studieren, doch das gab es damals noch gar nicht», erzählt Michaelowa. Kompromissbereit studierte er Volkswirtschaft und erhielt eine auf Handelspolitik angelegte Doktoratsstelle am Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg. «Ich war jung und mutig», erklärt er sich sein Glück, dass er 1994 Forschungsgelder vom Bundesministerium für Wirtschaft für ein Projekt über Marktmechanismen im internationalen Klimaschutz erhielt.
«Das Forschungsgebiet bestand damals aus 50 Leuten weltweit und ich hatte drei Jahre Zeit, um mich zu etablieren», erzählt Michaelowa. Zielstrebig besuchte er möglichst viele Konferenzen und bewies sich nicht nur als innovativer Forscher, sondern auch als gefragter Berater für klimapolitische Angelegenheiten. 2003 gründete er das mittlerweile über 50 Mitarbeiter zählende Spinoff «Perspectives», mit dem er Privatunternehmen, Regierungen und NGOs in klimapolitischen Fragen unterstützt. Heute arbeitet Michaelowa in einem symbiotischen System zwischen Forschung und Praxis: Während seine theoretischen Erkenntnisse in seine Beratungstätigkeit einfliessen, gewinnt er aus den aktuellen Herausforderungen der Praxis Ideen für zukünftige Forschungsfragen.
Wenn die Reduktion auch ohne das Klimaschutzprojekt stattgefunden hätte, dürfen keine CO2-Zertifikate ausgestellt werden, da es sich um keine echte Einsparung handelt.
Sowohl im Kontext der Marktmechanismen als auch der öffentlichen Klimafinanzierung stellt sich die Frage: Finden Klimaschutzinvestitionen in Entwicklungsländern wirklich statt oder wird hier in grossem Stil manipuliert? So gleichen manche von Michaelowas Papers einer Art wissenschaftlichem Investigativjournalismus. Gemeinsam mit seiner Frau Katharina Michaelowa, Professorin für Politische Ökonomie und Entwicklungspolitik an der Universität Zürich, hat er über 600'000 Berichte von Entwicklungsprojekten ausgewertet, die gemäss dem Marker-System der Organisation of Economic Co-operation and Development (OECD) zur Stabilisation oder Reduzierung von Treibhausgasen beitragen sollen.
Die ernüchternde Einsicht: «Zwei Drittel der Projekte entsprachen nicht dem ihnen zugeteilten Ziel zur Minderung des Klimawandels», sagt Axel Michaelowa. Das Ehepaar konnte zudem nachweisen, dass die ungerechtfertigte Zuteilung mit der ideologischen Ausrichtung der Regierung und den Präferenzen der Wählerschaft zusammenhängt. «Die OECD hat intensiv darüber diskutiert und die Berichterstattung angepasst», beschreibt Michaelowa den Einfluss seiner Resultate.
Die Einschätzung, wie viel CO2 ein Projekt tatsächlich einspart, ist schwierig. Die meisten Kohlenstoffmärkte basieren auf dem sogenannten Baseline-and-Credit-System. Dabei wird ein Referenzfall – auch Baseline genannt – erarbeitet, der berechnet, wie viele Treibhausgasemissionen ohne das Klimaschutzprojekt entstanden wären.
Die Differenz der Emissionen des Referenzfalls und jenen nach dem Klimaschutzprojekt ergibt die CO2-Emissionen, die eingespart und somit zertifiziert werden können. «Wenn die Reduktion auch ohne das Klimaschutzprojekt stattgefunden hätte, dürfen keine CO2-Zertifikate ausgestellt werden, da es sich um keine echte Einsparung handelt», sagt Michaelowa. Ein Grundsatz, der gerne hintergangen wird, insbesondere auf dem milliardenschweren, kaum regulierten Markt für freiwillige Kompensationen von Treibhausgasen.
«Das ist ein richtiger Wilder Westen!», fasst Michaelowa zusammen. Auf dem freiwilligen Markt können Unternehmen CO2-Zertifikate erwerben, um die Emissionen ihrer Produkte auszugleichen. Jüngst machen die Enthüllungen zur Überschätzung von CO2-Kompensationsprojekten die Schlagzeilen. Gemäss den Recherchen von Journalisten handelt es sich bei mehr als 90 Prozent der CO2-Zertifikate, die die Zertifizierungsfirma Verra für Projekte zum Schutz von Regenwäldern ausgegeben hatte, um keine echten Einsparungen.
Bereits 1997 hat Michaelowa untersucht, wie realistische Referenzfälle entwickelt werden. «Mein theoretischer Hintergrund hat mir sehr dabei geholfen, als ich in den frühen 2000er-Jahren Referenzfälle für grosse Firmen erarbeitete», erzählt er. «Beim Clean Development Mechanism erreichte ich eine 90-prozentige Erfolgsquote.» Über die Verbesserung des Baseline-and-Credit-System denkt er auch in seinem letztjährigen Paper «Towards net zero» nach. Da die Baselines oft statisch berechnet werden, die Produktion von Gütern durch Aktivitäten auf dem Kohlenstoffmarkt jedoch steigt, steigen auch die absoluten Emissionen oder fallen nur langsam. Dadurch vergrössert sich der «Emission Gap» – die Lücke zwischen den geschätzten Treibhausgasemissionen unter Berücksichtigung der angekündigten Klimaschutzbeiträge und den für die Erreichung der Ziele des Übereinkommens von Paris erforderlichen Emissionen.
Michaelowa schlägt vor, einen sogenannten Ambition Coefficient bei der Berechnung der Referenzfälle einzuführen, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Die zertifizierbaren Einsparungen eines Projekts würden dabei über die Zeit sinken – in Zusammenhang mit den Ambitionen und Möglichkeiten eines Landes, Netto-Null zu erreichen. Der Koeffizient würde bei Industrienationen schneller gegen Null sinken als bei Entwicklungsländern. Dies würde dazu führen, dass Entwicklungsländer auch nach 2050 noch Zertifikate für Emissionsreduktionen ausstellen könnten, während bei reichen Ländern der Koeffizient um 2035 Null erreicht. Ab diesem Zeitpunkt könnten sie nur noch Emissionsgutschriften für Negativemissionen generieren.
Michaelowas Vorschlag zu dynamischen Baselines liegt derzeit auf dem Tisch des UN-Überwachungsausschusses für den internationalen Kohlenstoffmarkt unter dem Pariser Abkommen. «Ich denke nicht, dass er auf Länderebene eingeführt wird», sagt er. «Länder, die dadurch eingeschränkt würden, möchten dies verhindern.» Die grösste Hürde auf dem Weg zum 1.5-Grad-Ziel sieht Michaelowa in ebendieser politischen Ebene und den Gegenkampagnen von bestimmten Interessensgruppen. Auch in der Schweiz beobachtet er diese Problematik: «An internationalen Konferenzen werde ich oft gefragt, warum die Schweiz als reiches Land noch so weit von ihren Emissionszielen entfernt ist», erzählt er. «Dann muss ich leider sagen, dass ein griffiges und international vorbildliches Klimaschutzgesetz 2021 im Referendum scheiterte. Aber ich hoffe, dass der erneute Anlauf in 2023 gelingen wird». Deshalb kämpft Michaelowa an allen Fronten von der Forschung über die Beratung bis hin zur Politik für sein Anliegen. Denn technisch seien die 1.5 Grad noch gut erreichbar, ist er überzeugt.