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Warum schneidet die SVP immer so schlecht ab bei den Ständeratswahlen, obwohl sie bei den Nationalratswahlen mit Abstand die stärkste Partei ist? Und warum trifft dies bei der SP nicht zu, obwohl sie, wie die SVP, eine Polpartei ist? Die Masterarbeit von Benjamin Schlegel zu den Ständeratswahlen 2015 ist zu interessanten Ergebnissen gekommen.
Man könnte meinen, die Parteien im Bürgerblock würde sich bei den Ständeratswahlen gegenseitig unterstützen. Dem ist aber nicht so. Personen, welche die FDP-Liste bei den Nationalratswahlen 2015 eingelegt haben, unterstützen ihre eigene Partei am stärksten. Soweit so gut. An zweiter Stelle kommt nun aber nicht die CVP oder SVP, wie man denken könnte, sondern die SP, die 15.5 Prozent der FDP-Stimmen erhielt. An die CVP-Ständeratskandidaten gingen hingegen nur gerade 12.1 Prozent der Stimmen.
Nicht nur bei der FDP punktet die SP
Das Gleiche gilt auch für die CVP-Basis, die schweizweit gesehen der SP gegenüber der FDP den Vorzug gaben bei der Wahl des Ständerates. Ebenso trifft das auf die BDP- und GLP-Basis zu, wo die SP ebenfalls bereits an zweiter Stelle kommt. Von den Grünen und den Sozialdemokraten bekamen die SP-Kandidaten nochmals viele Stimmen dazu. Nur bei der SVP-Basis konnten die SP-Ständeratskandidaten kaum punkten.
SVP-Kandidaten bekommen von anderen Parteien keine Unterstützung
Anders sieht es bei den SVP-Kandidaten aus. Die FDP-Basis unterstützte SVP-Ständeratskandidaturen erst an vierter Stelle (ca. 10.5% der Stimmen) und die Unterstützung aus der CVP ist quasi inexistent (3.5% der Stimmen).
Ursachenforschung bei der SVP…
Was sind die Ursachen für diese extreme Differenz zwischen SVP und SP? Bei der Tamedia-Nachwahlbefragung konnten die Umfrageteilnehmer aus mehreren Gründen auswählen, welche für sie entscheidend waren. Zur Auswahl standen die Persönlichkeit des Kandidaten, die Parteizugehörigkeit, das politische Profil, das Geschlecht, die Amtsführung, Kompetenz oder ein anderer Grund.
Hat ein Wähler als Wahlgrund die politische Position oder die Parteizugehörigkeit eines Kandidaten angegeben, so war seine Wahrscheinlichkeit, dass er einen SVP-Ständeratskandidaten unterstützte grösser, als wenn für ihn keiner dieser Gründe entscheidend waren.
Die Kompetenz hingegen wurde kaum als Grund bei der Wahl eines SVP-Kandidaten angegeben. Da die Mitte-Wähler in der Regel die Position der SVP nicht teilen, gaben sie ihnen auch keine Stimme.
Die SVP schneidet bei den Ständeratswahlen so schlecht ab, weil die Wähler ihre Kandidaten und Kandidatinnen in erster Linie als Parteisoldaten sehen und sie deshalb hauptsächlich von ihrer eigenen Basis gewählt werden. Die extremen Positionen und die stramme Parteiführung bringt zwar Vorteile für die Nationalratswahlen, scheint sich aber bei den Ständeratswahlen nicht auszuzahlen.
… und bei der SP
Anders sieht es bei den SP-Ständeratskandidaten aus. Bei diesen waren die Gründe Kompetenz und Persönlichkeit ausschlaggebend für einen Grossteil der Wählerinnen und Wähler. Aus diesem Grund wurden sie auch von vielen Mitte-Wählern unterstützt, da die Wähler nicht das politisches Profil des Kandidaten vor Augen hatten, sondern seine Persönlichkeit und Kompetenz. Und dies über alle Partei-Basen hinweg.
Der SP gelingt es also im Unterschied zur SVP ihre Kandidaten als kompetente Persönlichkeiten zu vermarkten und schneidet deshalb bei den Ständeratswahlen überdurchschnittlich erfolgreich ab.
Die Tamedia-Nachwahlbefragung wurde von Sotomo im Auftrag von Tamedia durchgeführt. Die Umfrage fand am Wahlwochenende der National- und Ständeratswahlen im Oktober 2015 statt. Fast 40’000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Umfrage online ausgefüllt. Die Daten wurden anschliessend nach Kanton, Alter, Bildung sowie dem Entscheidungsverhalten bei vergangenen Wahlen und Abstimmungen gewichtet.
Der Wählerfluss (von den Nationalratswahlen zu den Ständeratswahlen) wurde mit einer gewichteten Häufigkeitstabelle berechnet. Welche Gründe für die Wahl entscheidend waren, wurde mithilfe einer multinomialen Regression eruiert.
Alle scheinen sich einig zu sein: Social Media sind ein wichtiges Werkzeug für Politikerinnen und Politiker, Campaigner und sogar Bundesräte. Doch wozu ist Social Media wirklich gut? Sind die Netzwerke mehr als ein Marketingtool und taugen sie sogar für Prognosen? Für den Monat September hat Bruno Wüest das Netzwerk Schweizer Politiker unter die Lupe genommen.
Die zentralsten Nutzer von Twitter
Welche Schweizer Politiker sind besonders zentral? Bruno Wüest hat sich dieser Frage angenommen und die Schweizer Politiker auf Twitter untersucht.[2,3] Daraus ist die untenstehende interaktive Grafik entstanden. Erstens fällt auf, dass es sehr wenige Akteure mit einer hohen Zentralität gibt. Der grösste Teil der politischen Twitter-Nutzer folgt nur sehr wenigen Accounts und hat selbst wenige Follower. Zudem lässt sich die Wichtigkeit eines Akteurs nicht immer mit der Gesamtzahl Follower feststellen, wie das Beispiel von Arnaud Bonvin zeigt. Mit relativ wenig Followern ist er trotzdem für das Twitter-Netzwerk der Schweizer Parteien sehr zentral. Interessant ist zudem, dass unter den am besten vernetzten PolitikerInnen überaus häufig FDP-Accounts sind (Chrisitian Wasserfallen, Claudine Esseiva, Arnaud Bonvin, Christa Markwalder und der nationale FDP-Account FDP.DieLiberalen). Die FDP versteht es offensichtlich am besten, sich auf Twitter zu vernetzen. Andere Accounts wie derjenige von Cédric Wermuth und Nathalie Nickli, welche in früheren Analysen noch obenaus geschwungen sind, haben deutlich an Wichtigkeit verloren.[4]
Entwicklungen im Vergleich zum Vormonat
Wenn die Entwicklung der «Follower» an der Zahl zu Beginn des Monates gemessen wird, dann bilden wieder die glp und die SP die Schlusslichter.[5] Die Septemberabstimmungen scheinen keine nennenswerte Entwicklung verursacht zu haben. Die EVP, die CVP, die EVP und die FDP sind ähnlich stark gewachsen, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.
Die Grünen und die BDP legen prozentual am meisten zu, was im Falle von ersteren mit der Initiative «Grüne Wirtschaft» zusammenhängen dürfte. Interessant wird im Zusammenhang mit der Grünen Partei sein, ob sich der Abstimmungskampf im Vorfeld der Atomausstiegsinitiative (27. November 2016) in der Entwicklung der Followerzahlen niederschlägt.
Facebook
Auf Facebook sieht die Lage anders aus. Gemessen an der Anzahl «Likes» zu Beginn des Monates haben die BDP, die glp, die CVP und die Grünen am wenigsten zugelegt. Das Wachstum der SP ist wieder auf ein normales Niveau gefallen, während die SVP prozentual am stärksten gewachsen ist und sich damit wieder stärker von der SP abzusetzen vermag.
Wrap-Up: Zu Beginn jedes Monats veröffentlichen wir die aktuelle Entwicklung der «Likes» und «Followers» der nationalen Parteiaccounts auf Twitter und Facebook. Natürlich sind diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen. So bedeutet eine hohe Anzahl von «Likes» zum Beispiel noch nicht, dass eine Partei besonders gut über den eigenen Tellerrand hinaus «mobilisiert». Es kann auch sein, dass das Netzwerk einer Partei einfach grösser ist als das einer anderen Partei. Dennoch weisen die absoluten Zahlen zumindest auf das Potential von Viralität hin.
[2] Die vollständige Analyse von Bruno Wüest finden Sie auf seiner Homepage.
[3] Wer ist zentral und was ist Zentralität überhaupt? Zentralität lässt sich auf viele Arten feststellen. Die folgende Grafik stützt sich dafür auf die Eigenwert- und Betweenness-Zentralität. Twitter-Akteure mit einem hohen Eigenwert haben viele Friends und Follower, und deren Friends und Follower haben wiederum viele Friends und Follower und so weiter und so fort – bis zum Rand des Netzwerkes. Die Betweenness-Zentralität hingegen entspricht der Anzahl kürzester Verbindungen zwischen allen Usern, die über den betrachteten Akteur führen. Ein Akteur mit einer hohen Betweenness-Zentralität verbindet viele andere Nutzer miteinander auf direktem Weg. Weil die Eigenwert-Zentralität auf die Accounts fokussiert und die Betweenness-Zentralität die Verbindungen berücksichtigt, ergänzen sich die beiden Analysen gut zu einem Gesamtbild. Zusätzlich ist die Anzahl Followers in der Grösse der Punkte dargestellt. Alle Angaben sind mit einer Aktivierung durch den Mauszeiger ersichtlich.
[4] Den Beitrag zur Schweizer Tweetokratie finden Sie hier.
[5] Die Beobachtungsperiode startet am 1.9.2016 und endet am 31.9.2016.
Die SVP hat entschieden, keine Inseratenkampagne zum Referendum gegen die Asylgesetzrevision zu führen. Bleibt damit auch die Mobilisierung aus? Droht nach der Spitzenbeteiligung vom 28. Februar nun eine ernüchternd tiefe Partizipation? Zur Beantwortung dieser Frage blicke man doch zurück auf den 9. Juni 2013.
Stell dir vor, es ist Abstimmung und keiner geht hin. Keine Bange, so weit wird es am 5. Juni noch nicht einmal im Entferntesten kommen. Stell dir nun aber vor, es herrscht Abstimmungskampf zu einem SVP-Referendum und am Hauptbahnhof sind keine Strassenplakate zu sehen. Letzteres braucht man sich nicht vorzustellen, denn es ist real: Keinen Werbe-Rappen will die SVP für ihr Referendum gegen die Asylgesetzrevision ausgeben. Wie wird sich das auf das Abstimmungsergebnis auswirken?
Aufwühlende Kampagnen mobilisieren Gegner und Befürworter
Wer Geld in eine Sache investiert, erwartet in aller Regel eine Rendite. Diese Dividende müsste im Falle von Abstimmungskampagnen doch ein möglichst vorteilhaftes Abstimmungsresultat sein, oder etwa nicht? In der Tat wird das Geld nach Abstimmungen mit hoher Regelmässigkeit ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, Niederlagen an der Urne zu erklären. Doch ob man mit Geld einen Abstimmungserfolg tatsächlich erkaufen kann, ist in der Wissenschaft höchst umstritten.[2] Der vorliegende Beitrag ist jedoch gar nicht dem Zusammenhang zwischen Geld und dem Abstimmungsausgang gewidmet, sondern einer anderen «Dividende», die nur selten thematisiert wird: die Beteiligungshöhe. Erstaunlich ist das schon, denn wie Bernhard (2012) aufzeigt, zielen Abstimmungskampagnen in der Schweiz in erster Linie darauf ab, die eigene Anhängerschaft an die Urnen zu treiben. Persuasion oder das «Chasing» von Stimmbürgern, die sich noch nicht festgelegt haben, ist bestenfalls sekundäres Ziel. Gerade bei asyl- oder ausländerpolitischen Vorlagen sind die meisten Meinungen ohnehin längst gemacht. Konversion ist deshalb fast so schwierig wie die Bekehrung eines überzeugten Gläubigen. Die Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft fällt mit einer emotionalen Kampagne hingegen ungleich leichter. Störend ist aus der Sicht der Werber bloss, dass mit aufwühlenden Kampagnen nicht nur die eigene Anhängerschaft, sondern oft auch der politische Gegner mitmobilisiert wird. Aber immerhin: Die Beteiligungsquote schnellt umso mehr in die Höhe, je höher die Werbeausgaben, oder etwa nicht?
Zweifel sind abgebracht, denn kürzlich hat sich ein Beitrag mit der Mobilisierungswirkung der Plakate- und Inseratekampagnen auseinandergesetzt und dabei festgehalten, «dass die Mobilisierung nicht mit klassischer Politwerbung allein erzielt werden kann …».[3] Als Beleg werden einzelne Vorlagen vorgebracht, bei denen Millionen in den klassischen Abstimmungskampf investiert wurden, aber vergleichsweise tiefe Beteiligungsquoten erzielten.
Nützen all die Millionen demnach gar nicht viel?
Das wäre doch etwas erstaunlich. Denn bislang ging man davon aus, dass (sichtbare) Werbeanstrengungen einen erheblichen Signalisationseffekt haben. Damit ist gemeint, dass eine intensive Kampagne dem Stimmbürger signalisiert, dass es sich um eine bedeutsame Abstimmung handeln muss. Mit anderen Worten: Ein mit Abstimmungsplakaten vollgepflasterter Hauptbahnhof macht dem Bürger deutlich, dass am kommenden Abstimmungswochenende etwas enorm Wichtiges auf dem Spiel steht. In einer quantitativen Analyse mit mehr als bloss zwei oder drei Fällen sollte doch ein solcher Signalisationseffekt erkennbar sein.
Unterschiedlicher Betrag, dieselbe Wirkung?
Untenstehende Abbildung ist das Ergebnis einer solchen Analyse. Dabei wurden aber noch folgende Sachverhalte mitberücksichtigt: Erstens, bei Multipack-Abstimmungen schwanken die Beteiligungsziffern zwischen den Vorlagen desselben Urnenganges nur höchst geringfügig. Wer sich entscheidet, teilzunehmen – zum Beispiel wegen der DSI – der nimmt oft an allen Vorlagen teil, also beispielsweise auch bei der Nahrungsmittelspekulations-Initiative – eine Vorlage, die, wäre sie alleine vorgelegt worden, niemals eine Beteiligung von 63 Prozent generiert hätte. Um den Mobilisierungseffekt von Kampagnen messen zu können, dürfen solche Vorlagen wie die letztgenannte nicht in der Analyse berücksichtigt werden (bzw. nur, wenn für das «Clustering» eines Urnenganges kontrolliert wird). Zweitens, müssen wir – wie Kriesi (2005) gezeigt hat – von einem abnehmenden Grenznutzen der Werbeausgaben ausgehen. Der Schritt von 500’000 CHF Werbeausgaben zu 1 Mio. CHF Werbeausgaben hat aller Voraussicht nach einen deutlich stärkeren Effekt auf die Mobilisierung als derselbe Schritt von 10 Mio. CHF auf 10.5 Mio. CHF. Deshalb wurden die Werte für die Kampagnenausgaben logarithmiert.[4]
Die Abbildung zeigt, dass es – zumindest bivariat – einen Zusammenhang gibt zwischen den Ausgaben für klassische Abstimmungswerbung und der Beteiligungshöhe. Er ist bei Weitem nicht so stark, um von einem «ehernen Gesetz» sprechen zu können. Und es ist richtig, dass hier alle Vorlagen, die im Schatten einer Zugpferd-Vorlage standen, nicht berücksichtigt wurden und demnach potentielle «Falsifikatoren» der Mobilisierungshypothese fehlen. Aber für «Lokomotivvorlagen» ist ein Zusammenhang zwischen Werbeausgaben und Partizipationshöhe sichtbar.[5] Er wäre im Übrigen noch etwas deutlicher, würde man die «einsame» Vorlage am linken Rand der Abbildung aus der Analyse entfernen. Bei diesem Datenpunkt handelt es sich um die Abstimmung über die Volkswahl des Bundesrates (9. Juni 2013). Wir haben sie trotz der hohen Hebelwirkung («leverage»), die sie auf die Bestimmung des Schätzers ausübt, nicht aus der Analyse ausgeschlossen. Denn dieser Fall ist höchst interessant. Die SVP hatte auch damals – reichlich überraschend – kaum Inserate geschalten. Die APS-Inserateanalyse weist beispielsweise kein einziges Zeitungsinserat zu dieser Abstimmung aus.[6]
Am gleichen Tag wurde zudem noch über eine weitere Vorlage abgestimmt – ganz genau, über die Asylgesetzrevision, für die ebenfalls kaum Inserate aufgegeben wurden (der Abstimmungsausgang war hier von vornherein klar). Trotzdem betrug die Beteiligung knapp 40 Prozent. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass doch ein paar Franken mehr in die Abstimmungskampagnen flossen als dies allein aufgrund der Inseratenzahl zu erwarten wäre. Die SVP hat damals nämlich eine eigene Abstimmungszeitung an alle Haushalte verschickt, in welcher Werbung für die eigene Volkswahl-Initiative gemacht wurde. Würde die man die Kosten des Extrablattes von rund 950’000 CHF in die entsprechende logarithmierte Inseratenzahl «umrechnen», würde die Abstimmung viel eher auf der Schätzlinie zu liegen kommen.[6] Im Übrigen: Ob eine solche Aktion heuer geplant ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
Was aber die schwierige Beziehung zwischen dem Geld und der Abstimmungsmobilisierung anbelangt, so können wir sagen: Es ist (oft) wie im wirklichen Leben: Geld kann zumindest nicht schaden.
[2] Zur Frage, ob Abstimmungen käuflich sind siehe: Milic, Thomas, Bianca Rousselot und Adrian Vatter (2014). Handbuch der Abstimmungsforschung. Zürich: NZZ Verlag.
[3] Den Beitrag der Sonntagszeitung können Sie hier lesen.
[4] Um Clusteringeffekte zu berücksichtigen, liessen sich – alternativ – auch robuste Standardfehler schätzen. Tut man dies für alle Vorlagen, so bleibt der Mobilisierungseffekt nach wie vor signifikant.
[5] Die Anzahl Inserate ist ein Mischindikator aus Hanspeter Kriesis Aggregatdaten und den MediaFocus-Daten (zur Messung beider Indikatoren siehe Fussnote 1).
[6] Mehr zur APS-Inseratenanalyse finden Sie hier.
Die Anhänger der Schweizer Polparteien SP und SVP unterscheiden sich fundamental: Während bei Kernthemen SP-Sympathisanten in Scharen zu den Gegnern überlaufen, kann die SVP bei ihren Hauptanliegen auf Unterstützung der Basis zählen.
Die SP hat ein Problem. Bei eigenen oder generell linken Initiativen stimmen ihre Anhänger oft nicht parteikonform. Das heisst, das Abstimmungsverhalten der Parteibasis weicht stark von der nationalen Parteiparole ab. Das gilt vor allem für die eigentlichen Kernthemen der SP: Wirtschafts- und Sozialfragen.
Bei der 1:12-Initiative hielten sich beispielsweise lediglich etwa zwei von drei SP-Sympathisanten und bei der Mindestlohn- und der Gesundheitsinitiative sogar nur etwas mehr als jeder Zweite an die Parole der Partei. Obwohl die SP-Spitze auf einer Linie war. Ein interner Zwist erklärt die Abweichung nicht. Bei den drei Abstimmungen wich keine einzige kantonale Sektion von der nationalen Empfehlung ab. Trotzdem liefen die SP-Anhänger in Scharen ins Lager der Gegner über.
Abstimmungen sind ein Stimmungstest. Sie zeigen, wie sehr die Wählerschaft der eigenen Parteilinie folgt – oder eben nicht. Die Parteilinie wird dabei durch die Abstimmungsparole vorgegeben. Die Parolen widerspiegeln aber primär die Haltung der Parteieliten und nur beschränkt jene der Parteibasis. Wie die Basis über eine Sachfrage denkt, zeigt sich erst am jeweiligen Abstimmungssonntag. Die Abstimmungsforschung in der Schweiz hat gezeigt, dass Parteisympathisanten sich zwar oft an der Parole ihrer bevorzugten Partei orientieren, aber längst nicht immer.
Während die SP Mühe hat, die Basis bei eigenen Anliegen auf der Parteilinie zu halten, ist die Stimmdisziplin hoch, wenn es sich um rechte Initiativen oder Referenden handelt. Gegen den politischen Gegner sind die Reihen geschlossen und SP-Sympathisanten weichen kaum von der Parole ab, wenn Anliegen aus rechten Kreisen, vor allem der SVP kommen. Ergreift die SP aber zu gleichen Themen ein Referendum – zum Beispiel gegen eine Verschärfung des Ausländer- oder Asylrechts, bröckelt dieser Zusammenhalt bereits wieder. Die SP braucht offenbar ein klares «Feindbild», um einheitlich zusammenzustehen.
Im Gegensatz zur SP hat die SVP wenig Probleme, ihre Sympathisanten bei Kernfragen auf Kurs zu halten. Bei Abstimmungen über eigene Initiativen in der Ausländer- und Aussenpolitik sind die Annahmeraten bei der SVP-Wählerschaft fast schon phänomenal hoch. Das gilt auch dann, wenn die SVP Referenden in diesem Themenbereich ergreift.
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Bei linken Referenden im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik hat die SVP hingegen Mühe, ihre Basis von der Parteimeinung zu überzeugen – genauso wie die SP, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Dies hat beim Elektrizitätsmarktgesetz (EMG) zur verblüffenden Situation geführt, dass SVP-Anhänger das Liberalisierungsprojekt stärker bodigten als SP-Anhänger. Bei anderen linken Referenden wie dem BVG-Umwandlungssatz oder den Öffnungszeiten der Tankstellenshops lagen die Nein-Anteile von SP- und SVP-Anhängern zumindest nahe beieinander.
Gering ist die Parolenkonformität bei der SVP ausserdem bei Abstimmungen, bei denen alle grösseren Parteien dieselbe Parole wie die SVP fassen. Während sich die anderen Wählerschaften meistens an diese Empfehlung halten, weichen die SVP-Wähler vergleichsweise oft davon ab.
Die Gründe dafür sind im gesellschaftlichen Strukturwandel und der Veränderung der Parteienlandschaft zu suchen. Die tieferen Einkommensschichten, einst die treue Klientel der Sozialdemokratie, wählen heute häufiger SVP als SP.[1] Sie tun dies nicht wegen, sondern trotz der Sozialpolitik der SVP. Denn ausschlaggebend für die Wahl einer Partei ist bei den Büezern nicht etwa die Sozialpolitik, sondern immer häufiger die Ausländer- und Aussenpolitik.
Die Wählerschaft der SP wiederum setzt sich zu einem erheblichen Anteil aus sogenannten «sozio-kulturellen Spezialisten» zusammen. Dies sind beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer, Journalisten und Journalistinnen oder im Gesundheits- und Sozialwesen tätige Personen. Diese Berufskategorien wählten früher noch stärker bürgerlich. Mittlerweile wählen sie meist links, hauptsächlich aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Überzeugungen.
Weil viele SP-Wählende mittlerweile zu den besser Verdienenden zählen, unterscheiden sich ihre materiellen Interessen zudem zusehends von der offiziellen Sozial- und Wirtschaftspolitik der SP, was die Partei bei eigenen Initiativen vor Probleme stellt. Die Gefolgschaft bröckelt.
Dieser Artikel wurde als Gastbeitrag auf dem Datenblog des Tages-Anzeiger veröffentlicht.[2]
Wie fast immer bei Datenauswertungen handelt es sich um eine Abstraktion der Realität, welche mit gewissen Unsicherheiten einhergeht. Folgende Punkte sollten Sie auf jeden Fall beachten:
Berücksichtigt wurden alle Vox-Umfragen seit 1999.
Wie immer bei Umfragen handelt es sich bei den ausgewiesenen Werten um Schätzungen. Schätzungen sind aber mit Unsicherheiten behaftet. Eine relevante Kennzahl ist dabei die Fehlermarge. Diese ist von verschiedenen Parametern abhängig und beträgt für die hier untersuchten Fälle durchschnittlich etwa acht Prozentpunkte.
Wenn Sie die Fehlermarge kennen, können Sie das Intervall, in welchem der reale Wert mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent liegt, ausrechnen. Dazu addieren sie die Fehlermarge zum ausgewiesenen Schätzwert, womit sie die Obergrenze des 95-Prozent-Vertrauensintervalls erhalten. Anschliessend subtrahieren sie die Fehlermarge vom Schätzwert und erhalten die entsprechende Untergrenze.
Die Fehlergrenze variiert zwischen den einzelnen Abstimmungen. Wir bitten Sie deshalb, die jeweiligen Werte zur Kenntnis zu nehmen. Diese erfahren Sie, wenn Sie über die Schätzpunkte in der interaktiven Grafik fahren.
Die Einteilung der einzelnen Vorlagen in ein Politikfeld beruht auf der Arbeit von Politikwissenschaftler Hans-Peter Kriesi. Wir haben diese Einteilung vereinfacht, indem wir einzelne Kategorien zusammengelegt haben.
Das schlechte Abschneiden der CVP-Familieninitiative hat überrascht. Vor allem auch deshalb, weil mit der SVP die grösste Partei an der Delegiertenversammlung die Ja-Parole beschlossen hat. Unsere Analyse der Abstimmungsergebnisse auf Bezirksebene legt jedoch nahe, dass die Parteianhängerschaft der SVP das CVP-Anliegen nicht unterstützt haben.
Als die nationale Delegiertenversammlung der SVP Ende Januar 2015 eine Ja-Parole zur CVP-Initiative beschloss, kam dies etwas überraschend. Denn bei der entsprechenden Schlussabstimmung im Nationalrat (Ende September 2014) stimmte eine klare Mehrheit der SVP-Vertreter noch dagegen. Der Entscheid der SVP-Delegiertenversammlung änderte – so glaubte man damals – die Ausgangslage des CVP-Begehrens: Ihre Chancen stiegen plötzlich – jetzt, da die (Parolen-)Unterstützung der wählerstärksten Partei der Schweiz «gesichert» war. Doch offenbar zog die SVP-Basis nicht mit. Die untenstehende Grafik, welche den Ja-Stimmenanteil der CVP-Initiative unter anderem dem SVP-Wähleranteil gegenüberstellt, zeigt, dass sich die Zustimmung zur Initiative verringert, je höher der Anteil der SVP-Wähler im Bezirk ist. Gewiss, bei den vorliegenden Daten handelt es sich um Aggregatdaten und bei diesen besteht stets die Gefahr des ökologischen Fehlschlusses. Aber der negative Zusammenhang zwischen SVP-Anteil und dem Anteil Ja zur CVP-Initiative ist ziemlich ausgeprägt und deshalb ein ernst zu nehmendes Indiz dafür, dass sich die SVP-Basis nur bedingt an die Empfehlung ihrer Partei hielt.
Anders bei der CVP: Ihr Wähleranteil in den Bezirken korreliert positiv (wenn auch nicht sonderlich stark) mit der Zustimmungsrate zur Initiative. Das ist zugegebenermassen wenig überraschend. Es ist ja auch zu erwarten, dass die CVP-Wählerschaft die eigene Initiative unterstützt. Es kontrastiert jedoch augenscheinlich zum Muster des SVP-Wähleranteils.
Romandie unterscheidet nicht
Der Vergleich mit der SVP-Familieninitiative wiederum fördert vor allem eine interessante Erkenntnis zu Tage: Während die beiden Familieninitiativen in der Deutschschweiz doch recht unterschiedlich bewertet wurden, stimmten die französischsprachigen Bezirke bei beiden Vorlagen in der Tendenz ähnlich. Woran dies liegt, ist aufgrund der Aggregatdaten nicht zu beantworten. Denkbar ist, dass vergleichbare individuelle Beweggründe für eine Zustimmung gefunden werden können. Möglicherweise spielte die Urheberschaft der Initiative in der Romandie eine unwichtigere Rolle oder die beiden Vorlagen wurden – ganz einfach – ähnlich wahrgenommen.
Erneut wurde am Wochenende eine Vorlage zur steuerlichen Entlastung von Familien an der Urne verworfen. Auf der Hand liegt der Vergleich mit einer ähnlich gelagerten Initiative der SVP, worüber im November 2013 abgestimmt wurde.
Im Gegensatz zum Volksbegehren der SVP vermochte der CVP-Vorschlag vom Sonntag in keinem einzigen Bezirk eine Mehrheit der Stimmbevölkerung zu überzeugen. Den höchsten Zuspruch erhielt die CVP-Initiative im Bezirk Porrentruy des Kantons Jura mit 46.6% JA-Stimmen. Demgegenüber konnte die Schweizerische Volkspartei 2013 wenigstens 29 von 148 Bezirken für ihr Anliegen gewinnen, wobei als Spitzenreiter der Bezirk Entlebuch zu fast 60% dafür votierte. Natürlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die beiden Volksinitiativen unterschiedliche Mechanismen zur Entlastung der Familien forderten: Während die SVP einen Steuerabzug für Eltern, die ihre Kinder selber betreuen, wünschte, wollte die CVP Kinder- und Ausbildungszulagen von der Steuerpflicht befreien. Nichtsdestotrotz hätte bei beiden Vorlagen eine steuerliche Entlastung für (insbesondere mittelständische) Familien resultiert. Betrug der JA-Stimmenanteil zur SVP-Initiative im Kanton Glarus immerhin 42%, wies derselbe Kanton – der zugleich einen Bezirk darstellt – mit lediglich 16.6% den schweizweit geringsten JA-Stimmenanteil zur CVP-Familieninitiative aus.
Von der Steuerentlastung betroffen
Der Anteil Kinder und Jugendliche in einem Bezirk kann als Indikator für die Betroffenheit von der Steuerentlastung gewertet werden. Da sowohl Kinder- als auch Ausbildungszulagen steuerfrei geworden wären, hätten «kinderreiche» Bezirke, also solche, in denen tendenziell mehr Familien ihren Wohnsitz haben, stärker profitiert. Tatsächlich zeigen unsere Analysen, dass Bezirke mit einem höheren Anteil unter 19-Jähriger der CVP-Initiative mehr Unterstützung zusprachen. Je mehr Kinder und Jugendliche in einem Bezirk wohnhaft sind, desto grösser war der JA-Anteil zur CVP-Familieninitiative. Interessant fällt diese Betroffenheits-Analyse im Vergleich zur SVP-Vorlage aus. Damals spielte die Betroffenheit scheinbar keine Rolle: Ein steigender Anteil Kinder und Jugendliche bedeutete 2013 nicht, dass die SVP-Familieninitiative auf grösseren Zuspruch stiess. Die Regressionslinie zeigt keinen positiven Zusammenhang wie in ersterer Grafik. Dies könnte darauf hindeuten, dass bei der SVP-Initiative eher ideologische Beweggründe als Betroffenheitsfaktoren ausschlaggebend für die Stimmabgabe waren.