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40 Jahre nach der ersten Aargauer Nationalrätin: Pionierinnen wünschen sich Nachfolgerinnen
Seit 48 Jahren sind in der Schweiz Frauen mitgemeint, wenn vom «Stimm- und Wahlvolk» die Rede ist. Bis zur Volksabstimmung über das aktive und passive Frauenstimmrecht war Politik, und damit fast alle Entscheide, die das hiesige Zusammenleben betreffen, reine Männersache.
Diesem Umstand ist es zum grössten Teil geschuldet, dass der Kanton Aargau bis dato 187 Männer nach Bundesbern geschickt hat und nur 13 Frauen. Nach der Einführung des Frauenstimmrechts sollte es noch acht Jahre dauern, bis die erste Aargauerin ins nationale Parlament gewählt wurde: Die Sozialdemokratin Ursula Mauch aus Oberlunkhofen sass ab 1979 während 16 Jahren im Nationalrat.
Erst 2007 schaffte es mit Christine Egerszegi (FDP) die erste Aargauerin in den Ständerat. Ein Jahr früher wurde die Merenschwanderin Doris Leuthard (CVP) von der vereinigten Bundesversammlung in den Bundesrat gewählt. 2010 und 2017 war sie Bundespräsidentin, per Ende 2018 trat sie aus der Politik zurück.
Im fünfköpfigen Aargauer Regierungsrat nahmen bis heute drei Frauen Einsitz: Die erste war Stéphanie Mörikofer (FDP, 1993-2001), es folgten Susanne Hochuli (Grüne) und Franziska Roth (SVP, später parteilos).
Am 20. Oktober wurden aus dem Aargau und schweizweit mehr Frauen in den Nationalrat gewählt als jemals zuvor (Text unten). Das Rennen um die zwei Ständeratssitze, sowie den nach dem Rücktritt von Franziska Roth freigewordenen Sitz im Regierungsrat wird im zweiten Wahlgang am 24. November entschieden.
Für den Ständerat kandidieren nach dem ersten Wahlgang noch Ruth Müri (Grüne) und Marianne Binder (CVP) sowie Thierry Burkart (FDP) und Hansjörg Knecht (SVP). Die Kandidierenden für den Regierungsratssitz sind Yvonne Feri (SP) und Jean-Pierre Gallati (SVP).
Die AZ hat die Aargauer Wegbereiterinnen, die jeweils erste Frau in National-, Stände-, Bundes- und Aargauer Regierungsrat, gefragt, ob und inwiefern die Geschlechterfrage bei diesen Wahlen für sie persönlich eine Rolle spielt.
«Regierung ohne Frau wäre 2019 relativ seltsam»
Stéphanie Mörikofer (FDP) war im Aargau die erste Regierungsrätin. Sie hat sich am 20. Oktober sehr darüber gefreut, dass neu so viele Nationalrätinnen den Aargau in Bern mitvertreten: «Jetzt können wir sagen, dass die Gleichstellung der Geschlechter in etwa erreicht ist. Davon geht man in der Regel aus, wenn in einem Gremium beide Geschlechter mit je mindestens 40 Prozent vertreten sind.»
Dass in der neuen Ständeratsdelegation aus dem Aargau unbedingt eine Frau sein müsse, mag sie aber so nicht sagen. Längere Zeit hätten ja zwei Frauen den Aargau vertreten. Mörikofer: «Christine Egerszegi und Pascal Bruderer haben das sehr gut gemacht.» Dann vertraten Philipp Müller und Bruderer den Aargau.
So wie bisher werden einmal zwei Frauen, einmal zwei Männer, dann wieder ein Mann und eine Frau den Aargau vertreten. Mörikofer: «Für mich zählt, dass die Verteilung im Ständerat in Bern insgesamt stimmt.»
Etwas anderes ist für sie die Aargauer Regierung, ein relativ kleines Gremium. Da sei es wichtig, dass es aus Frauen und Männern zusammengesetzt sei, betont sie. So wie beim Ständerat nennt die frühere Regierungsrätin auch hier ganz bewusst keine Namen, nur so viel: «Eine Kantonsregierung ohne Frau, und das im Jahr 2019, fände ich relativ seltsam.»
Es müsse heute doch selbstverständlich sein, dass zwei oder auch mal drei Frauen dabei sind: «Frauen sehen manche Dinge etwas anders als Männer. Nur wenn sie in der Regierung vertreten sind, kann man diese Sichtweisen dort ausdiskutieren und zu besseren Lösungen kommen.»
Doris Leuthard: Mann und Frau ist besser
Freude ob dem deutlich gestiegenen Frauenanteil bei den Wahlen vom 20. Oktober bekundet auch Doris Leuthard (CVP), die erste Aargauer Bundesrätin und Verkehrs- und Energieministerin. Leuthard findet nicht, dass es reicht, wenn der Frauenanteil im Ständerat insgesamt hoch ist.
Sie findet es besser, wie sie gegenüber der AZ sagt, wenn Frauen und Männer – die ja auch je etwa die Hälfte der Bevölkerung stellen – jeweils direkt in der zweiköpfigen Aargauer Ständeratratsdelegation vertreten sind.
Bis heute sind insgesamt zehn Frauen in die Landesregierung gewählt worden, die erste war Elisabeth Kopp aus Zürich (FDP, 1984-1989). Doris Leuthard schaffte es am 14. Juni 2006. Die frühere Bundesrätin ist im Unterstützungskomitee von Ständeratskandidatin Marianne Binder. Zur Zusammensetzung der Aargauer Regierung durch Frauen und Männer äussert sie sich nicht.
Frauenstreik und Umdenken bei Parteien als Treiber
Anders Ursula Mauch. Für sie ist klar, dass sie am 24. November die Frauenkandidaturen unterstützt. «Ruth Müri und Yvonne Feri gebe ich schon aus ideologischen Gründen meine Stimme», sagt die Sozialdemokratin. Aus ihrer Sicht gehört aber so oder so eine Frau in den Ständerat. Auch dass Yvonne Feri im Regierungsrat das Männer-Quartett ergänzen soll, erachtet sie als selbstverständlich.
Ursula Mauch wurde am 21. Oktober 1979 für die SP als erste Aargauerin in den Nationalrat gewählt. Fast wäre damals ihre Nomination gescheitert, ihre Parteikollegen hatten gar nicht daran gedacht, dass sie auch eine Frau aufstellen könnten – gewehrt hätten sie sich gegen ihre Kandidatur aber auch nicht, sagt die inzwischen 84-Jährige.
40 Jahre später präsentiere sich die Situation zum Glück anders. «Es hat in allen Parteien ein Umdenken stattgefunden. Dass bei den diesjährigen Nationalratswahlen so viele Frauen gewählt worden sind, werte ich als äusserst positiv.» Der Erfolg komme aber nicht von ungefähr. Ursula Mauch ist sicher, dass der Frauenstreik und die Tatsache, dass die Gleichstellung im Wahljahr in den Fokus gerückt wurde, mitgeholfen haben.
«Ich kann jetzt nicht sagen, es habe genug Frauen», stellt sie klar, «so lange die angemessene Verteilung der Geschlechter überhaupt thematisiert werden muss, ist die Gleichstellung nicht erreicht.» Schliesslich habe es noch nie eine Frauen-, aber von Anbeginn eine Männermehrheit im Parlament gegeben, ohne dass dies als störend empfunden werde, sagt sie. Hingegen sei vielfach thematisiert, teilweise auch kritisiert worden, als zum ersten und bisher einzigen Mal mehr Frauen als Männer im Bundesrat sassen.
Das war von 2010 mit der Wahl von Simonetta Sommaruga bis Ende 2011, als Micheline Calmy-Rey zurücktrat. Eine Zeit, auf die Ursula Mauch gerne zurückblickt. «Ich empfand das als effizient. In dieser Konstellation ist etwa der Atomausstieg eingeleitet worden. Frauen sind aus meiner Sicht eher bereit, das Risiko einzugehen, etwas Unpopuläres zu tun», sagt sie.
Parteien sollen vor den Wahlen für Ausgeglichenheit sorgen
Selber hat Ursula Mauch den Schritt in den Regierungsrat nicht geschafft. Sie kandidierte 1985 als erste Frau überhaupt. Im zweiten Wahlgang verlor sie gegen Victor Rickenbach (FDP). «Als ich kandidiert habe, war die Zeit für eine Regierungsrätin noch nicht reif», sagt sie rückblickend.
Bei der Regierungsratswahl hatte die Freisinnige Christine Egerszegi im ersten Wahlgang die Kandidatin der Grünliberalen, Doris Aebi, unterstützt und nicht jene ihrer eigenen Partei, Jeanine Glarner. Aebi ist aus dem Rennen. Christine Egerszegi setzt aber weiterhin auf die Frauen-Kandidaturen. «Ich bin überzeugt davon, dass es in diesen Gremien Frauen braucht. Das werde ich unterstützen», sagt sie mit Blick auf die zweiten Wahlgänge.
Es ist noch nicht lange her, dass die Mellingerin als erste Frau für den Aargau in den Ständerat gewählt worden ist, das geschah erst 2007. Zuvor sass Egerszegi seit 1995 im Nationalrat. Diesen präsidierte sie 2006/2007, im Jahr 2015 trat sie aus der Politik zurück.
Ausgeglichenheit der Geschlechter gab es während einer Legislatur von Egerszegi im Ständerat allerdings auch nicht. Vier Jahre lang repräsentierte sie zusammen mit der aktuellen Ständerätin Pascale Bruderer den Aargau. Diese Doppelvertretung von Frauen ist für Egerszegi kein Argument dafür, jetzt keine Frau zu wählen.
«Jahrelang waren es zwei Männer, die den Aargau im Ständerat vertraten. Das darf zwar vorübergehend auch wieder vorkommen; das Ziel muss aber sein, den Kanton möglichst breit zu repräsentieren. Die Geschlechterverteilung spielt dabei eine Rolle.» In erster Linie müssten die beiden Ständeräte aber gut zusammenarbeiten, denn: «Ideologien oder Parteiengeplänkel treten in der kleinen Kammer in den Hintergrund.»
Für die Alt-Ständerätin ist klar, was es braucht, damit mehr Frauen gewählt werden. «Die Diskussion muss bei der Nominierung der Kandidierenden stattfinden. Es ist zentral, dass die Parteien ausgeglichene Listen präsentieren.» Wer schliesslich gewählt wird, liege aber richtigerweise alleine bei den Wählerinnen und Wählern.