Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/383

«Mein musikalischer Ansatz ist vergleichbar mit jenem der Osmose», sagt Uwe Schmidt. «Ich kann gar nicht genug neue Musik hören und sauge sie auf wie ein Schwamm.» In solchen Momenten verwandelt sich der in Santiago de Chile lebende Frankfurter Musiker in sein Alter Ego Señor Coconut. Den muss man sich als einen Gentleman vorstellen, gekleidet in luftdurchlässigen Zwirn, der von seinem südamerikanischen Schreibtisch aus ein kleines Musikimperium verwaltet. «Es war eine Fiebervision - ich wachte auf und hatte plötzlich diesen Namen. Er klang musikalisch. Mein Lebensgefühl ist generell ein musikalisches. Dieses Alter Ego produziert ein bestimmtes Bild, so wie eine Note ein bestimmtes Gefühl produziert.»
Uwe Schmidts Musikschaffen ist facettenreich. Ende 2005 ist «Coconut FM» erschienen, eine von ihm zusammengestellte Sammlung von Reggaeton- und Funk-Carioca-Tracks aus Latein- und Mittelamerika. Sie gibt einen ersten Überblick auf eine noch unübersichtliche neue Popszene, deren Modus Operandi mit den einfachen Mitteln der frühen US-amerikanischen Hip-Hop-Szene vergleichbar ist. Anderseits sind von Uwe Schmidt unter Pseudonymen wie Atom™, L/B oder Lassigue Benthaus seit 1990 unzählige Soloalben erschienen, allesamt techno- oder ambientorientiert, aber immer mit einem feinen Gespür für Pop.
Derzeit erfordert ein neues Señor-Coconut-Album seine ganze Konzentration, zumal es «Yellow Fever» betitelt ist. Weniger fiebrig als vielmehr cool widmet sich «Yellow Fever» dem Œuvre des japanischen Technopoptrios Yellow Magic Orchestra (YMO). Schmidt kennt die drei Musiker persönlich; mit Haruomi Hosono verbindet ihn eine lange Bekanntschaft, die in zwei Produktionen für den Japaner mündete. Nun unterstützen alle YMO-Mitglieder (in Japan absolute Superstars) das «Yellow Fever»-Projekt und spielen als Gäste mit. Der Señor latinisiert darauf die rein elektronisch eingespielten YMO-Songs, unterlegt ihnen andere Rhythmen und ersetzt die Synthesizerschlaufen von einst durch Bläsersätze und Samples. Nun wirkt die verspielte Elektronik lasziver; beim ersten Hören klingt das fast organisch, im Kopfhörer lassen sich die vielen kleinen Tricks und Fallstricke besser heraushören.
«Beim Auseinandernehmen von Musik entstehen meine eigenen Ideen. Es geht dabei nicht so sehr um eine gedachte Referenz, im Prinzip verfolge ich damit die Improvisation.» Der Deutsche Uwe Schmidt stellt sich in seinem fiktiven lateinamerikanischen Charakter Señor Coconut vor, japanische Musik zu covern. Das Endergebnis klingt aber genauso wenig lateinamerikanisch, wie sich die Musik von YMO auf japanische Referenzen beschränkt. Das YMO hatte in den späten Siebzigern seinerseits bereits die Easy-listening-Exotica-Musik des amerikanischen Bandleaders Martin Denny aus den frühen Sechzigern für sich entdeckt und sie mit elektronischen Instrumenten verfremdet. Nun führt Señor Coconut diese Coverversionen wiederum an eine andere Stelle im musikalischen Kosmos. «Was mich an der lateinamerikanischen Musik fasziniert, ist ihre Improvisation auf bereits vorhandene Strukturen. Man nennt das Descarga. Es zu erlernen, erforderte einen Bruch mit meinen eigenen Hörgewohnheiten.» Aus dem Technoproduzenten von einst ist nun ein Musikerneuerer geworden, der sich weder von Genre- noch von Ländergrenzen und auch nicht von Epochen bremsen lässt.
Von unten tröpfeln einzelne Trompetentöne in den ersten Stock des Konzertsaals Waschhaus in Potsdam, wo das Gespräch mit Schmidt stattfindet. Am Abend wird die Generalprobe seines «Orchesters» stattfinden, die Musiker spielen sich schon mal ein. Später wird Schmidt sie vom Laptop aus dirigieren, die analogen Instrumente seiner Mitmusiker mit Samples und Einspielungen mischen und die Livemusik mit Effekten bearbeiten. Er nennt diese Methode «hypereklektisch.» Für die Plattenaufnahmen hat er neben YMO noch andere befreundete Musiker von verschiedenen Enden des elektronischen Spektrums um Beiträge gebeten. Es reizte ihn, untereinander inkompatible Musiker wie Mouse on Mars, Towa Tei (Dee-Lite) und Schneider TM unter einen Hut zu bringen.
Nach der Uraufführung in Potsdam bricht Señor Coconut zu einer längeren Tournee auf. «Ich werde Santiago de Chile für zwei Monate nicht sehen. In dieser Zeit wird sich das Stadtbild konkret verändert haben. Das gibt mir dann neuen Input.» Vor neun Jahren hat Schmidt seine Zelte in Frankfurt abgebrochen und ist ins südamerikanische Exil gegangen. «Ich musste feststellen, dass sich über die Distanz zur Heimat keine neue finden lässt, dass man die alte aber definitiv verliert.» Wenigstens hat er in seiner Musik ein neues Zuhause gefunden.
Señor Coconut: «Yellow Fever». Essay Recordings/RecRec.
Various Artists: «Coconut FM». Essay Recordings/RecRec.
Señor Coconut in: WINTERTHUR Salzhaus, Sa, 17. Juni, 21 Uhr, mit DJ Sunny Icecream.