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Kenianer legen grossen Wert auf einen gepflegten Auftritt. Der Anzug muss perfekt sitzen. Saubere Schuhe sind Pflicht. Dass sich dahinter wichtige gesellschaftliche Werte verstecken, hätte ich selber nie erraten.
Im Treppenhaus meines Wohnblocks ist mir kürzlich ein älterer Herr begegnet. Sein Hut warf einen Schatten auf das dunkle Gesicht. Mir fielen seine breiten Schultern auf. Ich realisierte sogleich, dass das von ihm getragene dunkelbraune Sakko jedoch mindestens eine Nummer zu gross war und ihm weit über den Gürtel reichte. Auch die farblich perfekt passende Hose war viel zu lang und stand auf seinen Schuhen auf. Darunter trug er strahlend weisse Turnschuhe. Dieses Outfit irritierte mich und weckte gleichzeitig meine Neugier.
Als ich zwei Tage später nach der Arbeit durch das Stahltor in den Innenhof trat, säuberte Wachmann Alex gerade seine dunkelblauen Sneakers und lächelte. Er treffe heute Abend seine Freundin, er wolle sie in naher Zukunft heiraten. Damit ihm niemand Konkurrenz machen könne, müsse er sich im besten Licht präsentieren. Da gehörten saubere Schuhe unbedingt dazu. Ich schmunzelte, wünschte ihm für das Treffen viel Erfolg und wollte mehr über dieses Phänomen herausfinden.
Graue Turnschuhe waren eine schlechte Wahl
Ich persönlich ziehe es vor, fremde Städte zu Fuss zu erkunden. Ich kann mich dadurch anhand der Stadtpläne besser orientieren. Nach einer Runde durch das Stadtzentrum und verschiedene Quartiere hüllten sich meine Schuhe in ein rotes Kleid. Unglücklicherweise habe ich meine grauen Turnschuhe eingepackt. Die trockene, feine, eisenhaltige, rote, afrikanische Erde eroberte innert kurzer Zeit meine Schuhe. Nun bin ich dazu verdonnert, diese jeden Morgen auf dem Balkon vom roten Staub zu befreien, bevor ich die Wohnung verlasse.
Die grauen Turnschuhe wären grundsätzlich kein Problem. Da Fussgänger in Nairobi aber aufgrund fehlender Trottoirs immer wieder auf die Strasse ausweichen oder durch dreckige Strassengräben gehen müssen, werden die Schuhe schnell schmutzig. In Europa nehme ich das mit dem Schuheputzen nicht so genau, begnüge mich meistens damit, dreckigen Stellen auszuweichen oder den Schmutz später von den trockenen Schuhen zu klopfen. Dazu kommt, dass Sauberkeit im öffentlichen Raum einen hohen Stellenwert hat und die Schuhe länger sauber bleiben. Hier ist die Situation eine andere.
Sauberkeit im öffentlichen Raum als Kontrast
In Nairobi wirft der Kontrast zwischen dem gepflegten persönlichen Auftritt und teilweise zugemülltem öffentlichem Raum einige Fragen auf. Die Stadtverwaltung scheint zwar bemüht, diesen sauber zu halten. Viele Personen kümmern sich aber nicht wirklich darum. Ich staune jeweils über diese feinen kulturellen Unterschiede und den aussergewöhnlich gepflegten Auftritt Kenianern.
Es gäbe übrigens zahlreiche weitere Beispiele, um dieses gepflegte Erscheinungsbild zu illustrieren, das sich nicht auf die Kleidung beschränkt. Private Vor- und öffentliche Parkplätze werden täglich gewischt. Zudem habe ich noch nie so viele blitzblank geputzte Autos und entsprechende Waschplätze gesehen.
Modischer Auftritt als Spiegel gesellschaftlicher Grundwerte
Ich fragte mich natürlich, ob es für dieses Phänomen eine spezielle Erklärung gibt. Ich habe dazu verschiedene Personen in meinem neuen Umfeld gefragt. Sie haben mir erklärt, dass der gepflegte Auftritt gesellschaftliche Grundwerte und Prinzipien repräsentieren soll, die Kenia in eine erfolgreiche Zukunft führen werden. Schweizer seien ja bekannt für Pünktlichkeit und ihre vorausschauende Planung. In Kenia sei der gepflegte Auftritt ein Symbol für pflichtbewusste, zuverlässige und rücksichtsvolle Bürger.
Auch in der Schweiz prägten von der Mode beeinflusste urbane Werte das Ideal des städtischen Bürgertums. Die formellen und informellen Kleidervorschriften wurden allerdings zum Beispiel durch die 68-Bewegung aufgeweicht. Bis heute sind aber auch in der Schweiz modische Trends ein Spiegel gesellschaftlicher Werte und Entwicklungen.
In Kenia werden die entsprechenden Werte und Prinzipien in den Schulen durch die Lehrpersonen vermittelt. Ein gepflegtes Auftreten ist Teil der Erziehung. Die neue Generation soll dies verinnerlichen, denn sie wird das Land dereinst in eine erfolgreiche Zukunft führen, so die weitverbreitete Meinung.
Mein persönlicher Irrtum
Ich interpretierte den gepflegten Auftritt fälschlicherweise zuerst als oberflächlichen Schein – vermutlich deshalb, weil in Europa viele Vorurteile darüber kursieren, wie die Menschen im Afrika südlich der Sahara sein sollen. Für mich ist es deshalb wichtig, hier mit Menschen ins Gespräch zu kommen, um meine existierenden Bilder zu überprüfen.
So habe ich erfahren, dass das gepflegte Erscheinungsbild ein individuelles Statement ist: Zusammen für ein besseres Kenia, für weniger Armut und mehr Gerechtigkeit, für eine erfolgreiche moderne Zivilgesellschaft. Der gepflegte Auftritt soll Eindruck machen und verschiedene Charakterzüge wie Ordentlichkeit oder Zuverlässigkeit signalisieren.
In den Slums soll dieses Erscheinungsbild übrigens eine ebenso grosse Bedeutung haben. Das mag insofern erstaunen, als dass die Menschen dort vor allem darum kämpfen, überhaupt etwas zu Essen zu bekommen. Ich hoffe, dass ich die Chance bekommen werde, selber vor Ort mehr zu erfahren. Ich für mich halte mich nun ebenfalls daran, saubere Schuhe zu tragen. Ich will ja kein schlechtes Vorbild sein.