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Die Welt ist verrückt, nicht ich
Mit meiner ersten Psychiaterin war ich wenig zufrieden. Sie sass nur da und hörte mir zu. Dabei kritzelte sie ihre Notizhefte voll. Ich weiss bis heute nicht, was sie in ihre Blöcke geschrieben hat. Vielleicht Kochrezepte oder einen neuen Küchenplan. Nur selten hat sie etwas gesagt: «Mhm», «Was hat das bei Ihnen ausgelöst?», «Wie denken Sie heute darüber?», «Mhm». Sie sah aus wie die Psychiaterin von «Sopranos». Der oberste Knopf an ihrer Bluse war immer offen, auch im Winter.
Das Wartezimmer befand sich im Korridor. Mehrere Patienten warteten, bis sie an die Reihe kamen. Leider redet man da nicht miteinander. Ich war schon häufig beim Kinder- oder Tierarzt. Da fragt man gleich: Was hat Ihre Katze? Ihr Kind? Aber im Wartezimmer eines Psychiaters gilt anscheinend die Regel: Guck auf den Boden!
Die Psychiaterin wollte, dass ich einen IQ-Test bei ihr mache. Kein Problem, ich bin sehr clever. Die ersten Fragen waren kinderleicht: Markieren Sie das Wort, das nicht zu den anderen passt: Mann, Brecht, Ende, Heine, Defoe. Die richtige Antwort lautet natürlich Ende. Erklärung: Ende beginnt mit einem Vokal. Auch mathematische Fragen kamen vor: Führen Sie die Zahlenfolge fort: 11, 9, 7, 5, 3… Die richtige Antwort: 1.
Dann wurde es aber immer schwieriger. Was mich ins Schwitzen brachte, waren aber nicht die Fragen, sondern die Psychiaterin, die mich ständig anstarrte und nicht aufhören wollte, dämliche Notizen zu machen. Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Ich habe nun offiziell einen Intelligenzquotienten von 105 Punkten. Das ist zwar ein bisschen überdurchschnittlich, aber halt nicht so viel, wie ich mir vorgestellt habe. 105 Punkte – das ist wie der 7423. Rang am Zürcher Silvesterlauf. Mit 105 IQ-Punkten landet man höchstens bei den VBZ.
Der für mich niedrige Wert war dann der letzte Tropfen. Ich habe jetzt einen neuen Psychiater. Er praktiziert in Zürich. Leider darf ich seinen Namen nicht nennen. Er will das nicht, und ich respektiere das.
Mein neuer Psychiater ist ganz anders als die alte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir planlos über Gott und die Welt reden. Aber er hat natürlich einen Plan. Seine erste Frage lautet immer gleich: «Wie geht es Ihnen heute, Herr Frenkel?» Ich antworte stets, wann ich das letzte Mal Sex hatte. Das interessiert ihn dann sehr.
Was ich an meinem Seelenklempner am meisten schätze? Er kann auch quatschen. Er kritisiert und er lobt mich. Bei der letzten Sitzung hat er sogar gesagt: «Ich erkenne keine krankhaften Züge bei Ihnen.» Das hat mich beschwingt. Nach der Arbeit habe ich Blumen gekauft und meine Familie beim Abendbrot überrascht. Ich habe ihnen gesagt, was mein neuer Psychiater von mir hält. Damit auch die Kinder Freude daran haben, durften sie am Abend länger Fernsehen gucken.
Meine Frau traut der Sache noch nicht ganz. Aber was will sie machen? Mein Psychiater ist der Experte, nicht sie. Nun, da ich weiss, dass ich vollkommen normal bin, betrachte ich die Welt mit neuen Augen. Die Welt ist verrückt, nicht ich. Bei der nächsten Sitzung darf ich übrigens den IQ-Test wiederholen.