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Geschichte
Nationalsozialistische Modernisierer und Hitlers willige Wissenschaftler
Seit den 1960er Jahren diskutieren die Historiker das Verhältnis von Nationalsozialismus und Moderne, angestoßen durch die Arbeiten Ralf Dahrendorfs und dessen These von der "unbeabsichtigten Modernisierung" der deutschen Gesellschaft durch die nationalsozialistische Idee der Volksgemeinschaft. Der Widerspruch zwischen der archaischen Blut-und-Boden-Ideologie und den eingesetzten modernen Technologien (vor allem Kriegstechnologien) ist auffällig. Jeffrey Herf spricht deshalb von einer "reaktionären Modernität". Die seit Anfang der 1990er Jahre erneut aufflammende Diskussion, wird dadurch erschwert, dass kein einheitlicher Begriff von "Modernisierung" vorhanden ist. Dabei setzt Rainer Zitelmann voraus, dass es keinen zwangsläufigen Zusammenhang von Modernisierung und Demokratisierung gibt. Darüber hinaus verwirft er auch die These von der "ungewollten Modernisierung" und beschreibt sie im Gegenteil als durchaus beabsichtigt.
Auf sanften Nachdruck des Verlegers Reiner Militzke hat nun der Humanmediziner Till Bastian, der seit 1982 als freier Schriftsteller publiziert, versucht, abseits der akademischen Debatte unter plakativem Titel den "Umfang nationalsozialistischer Innovationen in gebotener Kürze" (S. 200) darzustellen, ein hehres, aber auch schwieriges Unterfangen wie sich zeigt.
Da ihm die mit dem Begriff "Modernisierung" verknüpften Probleme durchaus bewusst sind, kommt er zu einer "bescheidener gearteten Fragestellung", die "pragmatisch orientiert" ist. Sie lautet: "Ist der Nationalsozialismus innovativ gewesen, insbesondere technisch innovativ - und, genauer betrachtet, auf welchen Gebieten, in welchen Themenbereichen?" (S. 9-10). Bastian räumt selbst ein, dass die Fakten und Befunde, die er präsentiert, der Fachwissenschaft nicht neu sind. Die Originalität des vorliegenden Werkes sei jedoch ihre komprimierte Zusammenstellung, die den "historisch nicht professionell versierten Leserinnen und Lesern" einen "umfassenden Überblick" (S. 11) verschaffen soll.
Während sich die Historikerdebatte mehr mit der theoriebeladenen Frage nach der Gesamtheit der "sozialen Revolution" und der gesellschaftlichen Modernisierung durch den Nationalsozialismus oder mit Einzelthemen beschäftigt, greift Bastian sich also gezielt die technologischen Neuerungen heraus. Behandelt werden in fünf Kapiteln: Auto, Radio, Düsenjäger und Rakete, Kunststoffe und Atombombe. Ausgeklammert bleiben von vornherein "besonders problematische Sachgebiete" (S. 12), beispielsweise die Medizin.
Dabei versucht Bastian jeweils zunächst die Vorgeschichte bzw. Inspirationsquellen zu erhellen, bevor er die Entwicklung der jeweiligen Technologie in der Zeit des Nationalsozialismus darstellt. Hier zeigt er, welche Rolle die Vorlieben und Initiativen der führenden Nationalsozialisten ("Autofreak" Hitler, Filmfan Goebbels) spielten, aber auch wie sich die Interessen von Industrie und Wissenschaft mit denen des nationalsozialistischen Regimes deckten. Schließlich verfolgt er die Nachkriegskarrieren der "Technokraten" und die Nachwirkungen ihrer Innovationen bis in die Gegenwart. Der im Nationalsozialismus beschrittene Weg zur Mobilität durch Auto- und Autobahnbau hat unsere heutige Gesellschaft zweifellos ebenso geprägt wie der Bau der Atombombe, auch wenn die letztendlich keine "deutsche", sondern eine "amerikanische" geworden ist.
In einem Nachwort stellt sich Bastian die Frage nach den Motiven der nationalsozialistischen Technokraten und liefert Hypothesen zu ihrer Sozialpsychologie. Fixpunkte, so konstatiert er, seien gewesen: der Antisemitismus und der Glaube an die Überlegenheit des deutschen Geistes, hier in Form der deutschen Wissenschaft und Technik. Bastian kommt zu dem Schluß, dass der Nationalsozialismus "wissenschaftlich-technologisch durchaus kreativ gewesen" sei, "und die Elite der deutschen Wissenschaftler und Ingenieure [...] sich an den jeweiligen Kreationen willig, ja begeistert beteiligt" (S. 202) habe. Dem kann nicht widersprochen werden.
Das Buch ist leicht und schnell zu lesen. Manchmal kommt es sprachlich allerdings auch ein bißchen zu locker daher, wenn beispielsweise "Zarah Leander [...] dem Publikum Gesangsnummern [...] entgegenröhrt" (S. 86). Darüber hinaus hätte dem Lektorat durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden können.