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Universität und Fakultät in den Zeiten der Pandemie
Liebe Freunde, liebe Freundinnen und liebe Mitglieder der Theologischen Fakultät
In seinen Vorträgen von 1852 in Dublin anlässlich der Gründung einer katholischen Universität legte John Henry Newman sein Konzept einer humanistischen Universitas dar (dt. in der Übersetzung von Edith Stein: „Die Idee der Universität“, 2004). Die Forschung ist einhellig der Meinung, dass diese Vorträge den Vergleich mit den Schriften Friedrich Schleiermachers („Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn“, 1808) oder Wilhelm von Humboldts („Über die Innere und Äußere Organisation der Wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“, 1810) nicht zu scheuen brauchen. Diesen drei Leuchten des europäischen Geistes geht es im 19. Jahrhundert um eine Universität, die nicht so sehr von utilitaristischen, beruflichen Ausbildungen oder von der Vermittlung von „Wissenskram“ (learning) geprägt ist; vielmehr wird sie verstanden als Ort der „Wahrheitssuche“ in der gemeinsamen Produktivität zwischen „magistrorum und studiorum“ sowie des Anstosses von Lebensprozessen im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklung ihrer Mitglieder zum Wohle der Gesellschaft.
Der primäre Zweck einer humanistischen Universität ist nicht die utilitaristische Vermittlung von „Wissenskram“, sondern die „Wahrheitssuche“ in der gemeinsamen Produktivität zwischen „magistrorum und studiorum“
Fanatiker und Quacksalber
Gewiss, das utilitaristische Element, das durch die Bolognareform verstärkt worden ist, ist den europäischen Universitäten von Anfang an auch in die Wiege gelegt worden: bereits im 13. Jahrhundert waren sie akademische Institutionen, an denen Juristen und Kleriker, Philologen und Mediziner ausgebildet wurden. Aber mit dem humanistischen „Studium generale“ war dies in eine Universitätskultur eingebettet, in der es selbstverständlich war, „Fragen“ (quaestiones) aller Art interdisziplinär zu behandeln und Disputationen über die Grenzen der Fakultäten hinweg auszutragen. Man interessierte sich für die Fragen und Methoden der anderen Fakultäten, weil man wusste, dass alle letztlich mit „dem Menschen und der Welt“ zu tun haben. Gerade dazu ist eine „Universitas“ da: zur gegenseitigen Ergänzung und Berichtigung der Wissenschaften, zur ethischen Förderung ihrer Mitglieder und zur Keimzelle einer besseren Gesellschaft. Zu keiner Zeit fehlten aber die von Newman kritisierten „Fanatiker und Quacksalber“ (bigots and quacks), die von sich und ihrer Disziplin so überzeugt sind, dass sie alles verachten, was mit ihrem Spezialgebiet nicht direkt zu tun hat. Auch die theologischen Fakultäten sind dagegen nicht gefeit.
Lehrmeister und Lebemeister
Und was wären die klassischen Universitäten ohne das Zusammenleben zwischen Lehrenden und Lernenden gewesen, ein Zusammenleben, das nicht selten die hierarchischen Grenzen verwischte, weil viele Fragen der „Lernenden“ den „Lehrenden“ zu denken gaben und so eine gemeinsame, produktive Suche nach der Wahrheit entstand? Aufgrund dieses Zusammenlebens konnte man auch unterscheiden, ob die „Magistri“ nur „Lese- und Lehrmeister“ waren, oder auch „Lebemeister“, wie Meister Eckhart anmahnte, d.h. glaubwürdige Vorbilder, nach denen man sich im Leben orientieren konnte.
Gefahren in den Zeiten der Pandemie
In den Zeiten der Pandemie läuft die Universität Gefahr, noch mehr als sonst im Schatten der Bolognareform zum Ort der trockenen, utilitaristischen Wissensvermittlung zu werden – dazu noch im Fernstudium, ohne lebendige Kontakte zwischen Forschenden, Lehrenden und Studierenden, die zu einer „gemeinsamen Produktivität“ führen könnten. Dies ist für eine Fakultät wie die theologische besonders gefährlich, in der das Studium der christlichen Theologie und anderer Religionen auch die Lebensart und die existenzielle Erfahrung prägen sollte. So ist die Pandemiesituation ein Zustand, aus dem wir zwar das Beste machen müssen, aber im Bewusstsein dessen, dass wir uns an eine Universität ohne den lebendigen Austausch von Angesicht zu Angesicht nicht gewöhnen dürfen. Wenn die jetzige Erfahrung zur vermehrten Entwicklung von Fernstudien oder hybriden Formen führt (wir wollen an unserer Fakultät auch solche Möglichkeiten prüfen), so dürfen wir auch dabei die „Idee der Universität“ nicht vergessen.
Wenn diese für uns alle (besonders aber für die Studierenden!) schweren Zeiten überstanden sind, so hoffe ich, dass wir mit dem Bräutigam des Hoheliedes, dieses biblischen Bestsellers und Quellgrunds mystischer Metaphorik, sagen werden:
„Denn vorbei ist der Winter,
verrauscht der Regen.
Auf der Flur erscheinen die Blumen;
die Zeit zum Singen ist da.
Die Stimme der Turteltaube
ist zu hören in unserem Land.“ (Hld 2,11-12)
Dann werden wir in einem Fakultäts- bzw. Campusfest das Wiedersehen in Fleisch und Blut feiern und uns auf die Bedeutung der Universität erneut zurückbesinnen.
Prof. Mariano Delgado, Dekan