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Samstagsbrief für den 25. November 2017
Liebe Leserin, lieber Leser,
im September haben wir begonnen mit einer Prinzipienlehre zur Persönlichkeitsbildung. Prinzipien helfen, damit wir uns nicht verzetteln in allen möglichen Anwendungsfällen. Was heisst Prinzip? Es ist ein schönes lateinisches Wort, zweiteilig: prim = zuerst; capere = in die Hand nehmen, ergreifen. Wir haben es also über Monate zu tun mit Begriffen, die in jedem Fall zuerst ergriffen werden müssen.
In der Taufe haben wir die Laienpriesterweihe empfangen; deshalb sind wir für die Kinder: mütterliche, väterliche und priesterliche Erzieher und beachten dabei das Gesetz der Loslösung und der Übertragung.
Im Allgemeinen bringt die Pubertät Loslösung und damit das Bedürfnis zur Übertragung. Wir suchen andere Väter und Mütter.
Übertragung mit fünfzehn
Ich war fünfzehn und war im Gymnasium. Ich hatte Lehrer, die im Grundberuf Priester waren. Für die Schule waren sie Fachlehrer geworden. Sie waren alle beliebt oder nicht – in ihren Fächern.
Einer jedoch fiel aus der Reihe. Er hatte kein Fach, keine besondere Ausbildung, keine spezielle Bedeutung im Betrieb, kein eigenes Schulzimmer. Er hatte nichts als ein enges Büro im obersten Stock.
Aber etwas hatte er; er war freundlich, durch und durch. Warum konnte ich damals sagen: Wenn er an mir vorbeigeht, schaut er ganz und gar freundlich? Wenn er stehen bleibt, ist er ganz da, freundlich, ganz und gar freundlich? Ich begann das Gespräch mit ihm zu suchen. Ich ging gerne zu ihm. Ich hatte nie Angst anzuklopfen. An ihm fürchtete ich nichts, gar nichts. Ich wusste: Er versteht mich und nimmt mich an.
So blieb es bis zu seinem Tod und darüber hinaus.
Übertragung mit fünfundzwanzig
Ich war fünfundzwanzig, war an der Hochschule und wohnte in einem Studienhaus mit Gleichaltrigen. Es gab im Haus auch zwei, drei Ältere, darunter einer, der mir besonders Eindruck machte. Er arbeitete am Institut für Physik, in einem anderen Stadtteil. Untertags sah ich ihn kaum. Warum wollte ich mit ihm reden?
Jeden Abend sah ich Licht in seinem Zimmer. Einmal kam der Moment, wo ich mit einer etwas künstlichen Physik-Frage vor der Tür stand, klopfte und eintrat.
Ich sah im Dunkeln den Lichtkreis einer Stehlampe auf dem Pult, übersät mit Blättern, Zahlen und Zeichen. Ich sah einen tiefgebeugten Kopf und die eine Hand, die linke, mit dem Bleistift, die andere mit der brennenden Zigarette. Der Mann schaute mich mit äusserst aufmerksamen Augen an. Unser Gespräch dauerte eine Stunde. So begann ein Jahre dauerndes Fragen und Antworten.
Als meine Priesterweihe näher rückte, fragte ich den Physiker, ob er die Stelle des geistlichen Vaters übernehmen könne; den Freundlichen lud ich ein, mir eine Primizpredigt zu halten.
P. Werner Hegglin