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Literaturrecherche
Das Bibliografieren gehört zu den anspruchsvollsten Arbeitstechniken des Geschichtsstudiums. Die Kunst besteht darin, aus der vorhandenen Forschung und dem Angebot der Bibliotheken, die einen Bestand von mehreren Millionen Büchern umfassen können, genau jene 15-20 Bände und Aufsätze ausfindig zu machen, die für die erfolgreiche Bearbeitung eines Themas das aktuell verfügbare Wissen präsentieren. Die erforderlichen Suchstrategien lassen sich grob unterteilen in systematisches und unsystematisches Bibliografieren. Die Qualität einer Proseminararbeit hängt im entscheidenden Mass davon ab, ob die relevante Literatur gefunden wurde.
Die Literaturrecherche benutzt spezifische Suchhilfen, von denen die meisten im Internet verfügbar sind. Auf keinen Fall sollte mit den gewöhnlichen Internet-Suchmaschinen nach Fachliteratur gesucht werden, so legitim und sinnvoll zum Beispiel die Recherchen im Internet via Google und Wikipedia im Allgemeinen sein können. Daher: Freies Internetsurfen kann Anregungen, Ideen und unter Umständen auch nützliche Literaturtipps vermitteln, jedoch nicht die fundierte Ausgangslage für die Beschäftigung mit einem geschichtswissenschaftlichen Thema schaffen. Unsystematisches und/oder systematisches Bibliografieren stellen die einzigen Wege dar, um an die relevante Literatur zu gelangen.
Beim unsystematischen Bibliografieren wird ausgehend von einigen bekannten Werken neueren Datums (Literaturliste eines Seminars, Bücher aus den Regalen der Bibliothek, Tipps von Dozentinnen und Dozenten oder Mitstudierenden) aus den jeweiligen Literaturverzeichnissen der vorliegenden Bücher bibliografiert. Mit den damit gefundenen Titeln wird genauso verfahren.
Das unsystematische Bibliografieren – auch Bibliografieren nach dem Schneeballprinzip genannt – führt meist schnell zum Ziel einer bibliografischen Auswahl. Es ist aber auch mit Gefahren verbunden. Erstens leitet die Arbeit von anderen die Auswahl, womit Unvollständigkeit und Zufall eine Rolle spielen. Zweitens ist die Gefahr gross, neuere Literatur zu verfehlen, besonders wenn die Literatur, die als Ausgangspunkt gewählt wird, schon etwas älter ist.
Weitere günstige Ausgangspunkte für das unsystematische Bibliografieren sind:
Systematisches Bibliografieren ist das Erstellen einer Bibliografie anhand von gezielt ausgewählten bibliografischen Hilfsmitteln, die für bestimmtes Thema relevant sind. Wenn diese identifiziert und durchgearbeitet worden sind, sollte alle wichtige Literatur zum Thema erfasst sein.
Der wichtigste Schritt beim systematischen Bibliografieren ist die Auswahl der bibliografischen Hilfsmittel. Da keine Bibliografie Vollständigkeit erlangt, müssen zwingend mehrere Hilfsmittel gewählt werden. Nebst bibliografischen Datenbanken und Bibliothekskatalogen gehören auch ausgewählte Zeitschriften in die Liste der relevanten Hilfsmittel.
Während man beim unsystematischen Bibliografieren den vorgetretenen Pfaden der Forschungsliteratur folgt, arbeitet man beim systematischen Bibliografieren autonom: Man macht sich nicht von der Literaturauswahl derer abhängig, die vorher auf dem Feld gearbeitet haben, sondern kommt zu einer eigenständigen Auswahl. Es ist nämlich möglich, dass ein Aufsatz oder Buch von der Forschungsliteratur übersehen oder verschwiegen worden ist.
Bibliothekskataloge
In einem Bibliothekskatalog finden sich nur die Bücher, die in der Bibliothek tatsächlich vorhanden sind: Was nicht angeschafft wurde, kann auch nicht gefunden werden. Digitale Zusatzdienste wie der Zugriff auf digitale Texte haben das Angebot der meisten Kataloge erweitert. Oftmals sind solche Zusatzdienste nur verfügbar, wenn man über das Uni-Netz auf den Katalog zugreift (oder vom privaten Computer aus via VPN-Client). Auch bei Katalogen mit erweiterten Funktionen gilt, dass diese nicht vollständig sind. Eine Katalogsuche kann deshalb immer nur Teil einer Recherche sein, die durch andere Methoden zu ergänzen ist. Insbesondere Zeitschriften- und Sammelbandartikel müssen gezielt auf anderen Wegen gesucht werden.
Die einfache Suche via Suchfeld, wie sie viele Kataloge ermöglichen, liefert meist viel zu viele Resultate. In der Regel besteht die Möglichkeit, das Suchresultat nachträglich via sogenannte Facetten einzuschränken bzw. zu filtern. Eine gezielte Suche in bestimmten Feldern, vornehmlich die Suche nach Schlagworten, kann bessere Resultate erzielen als die einfache Suche. Jeder Suchkatalog hat dabei andere Optionen für die erweiterte Suche. Bibliografieren über online-Kataloge muss geübt werden, zumal die Schlagwortsuche einige Tücken bereit hält. Die Vergabe von Schlagworten durch die jeweiligen Fachreferentinnen und Fachreferenten der Bibliothek ist nicht immer einheitlich, Schlagwortsysteme können sich ändern. Es sollten stets verschiedene Schlagworte (auch in unterschiedlichen Rechtschreibvarianten, in der Titelstichwortsuche auch in verschiedenen Sprachen) ausprobiert werden. Es kann auch hilfreich sein, bei schon gefundenen Werken die Stichworte nachzuschauen und nach diesen zu suchen. Die UB Basel ist eine sehr gut sortierte Bibliothek: Wenn man nichts zu einem Thema findet, sollte man lieber noch mal nachfragen, ob man tatsächlich auf eine Lücke gestossen ist oder ob man bloss nach den falschen Schlagworten gesucht hat.
Bibliografien
Im Unterschied zu Bibliothekskatalogen sind Bibliografien nicht an einen spezifischen Bestand gekoppelt. Sie sind innerhalb des jeweiligen Bereichs dem Ideal der Vollständigkeit verpflichtet (welches natürlich nie ganz erreicht werden kann). Ist für das eigene Forschungsthema eine spezialisierte Bibliografie vorhanden, lohnt es sich auf jeden Fall, über diese in die Recherche einzusteigen. Es besteht dabei jedoch die Gefahr, dass ganz aktuelle Werke nicht gefunden werden, denn die Erstellung der Bibliografie braucht eine gewisse Zeit (die jährlichen Berichte der Bibliografie der Schweizergeschichte etwa erscheinen normalerweise drei bis vier Jahre nach dem Ende des Berichtsjahrs). Ein Blick in die Liste der bibliografierten Zeitschriften und Bestände zeigt an, wie breit die Bibliografie angelegt ist.
Repertorien und Fachportale
Die Suche in Zeitschriftenrepositorien (wie z. B. Jstor) oder auf Fachportalen kann sehr ergiebig sein. Allerdings ist hier oft weniger klar, nach welchen Kriterien zum Beispiel Zeitschriften aufgenommen werden. Oft ist es nicht von wissenschaftlichen, sondern von rechtlichen Kriterien abhängig, ob digitalisierte oder genuin digitale Texte in einem Repositorium erscheinen. Das erwähnte Problem der zu grossen Resultatmenge stellt sich vor allem bei Zeitschriftenrepositorien, die eine Suche im Volltext ermöglichen.
Was suche ich überhaupt? Es gibt verschiedene Wege, das gleiche Werk zu finden. Ein Überblick über die bibliografischen Hilfsmittel findet sich im Bereich Forschungsressourcen. Ein Buch etwa findet man über die Titel- oder Schlagwortsuche im Bibliothekskatalog oder über die Abstract-, Titel- oder Schlagwortsuche einer bibliografischen Datenbank. Ein Zeitschriftenartikel kann über eine Suche in der Zeitschriftenbibliografie, über die Volltextsuche in einem Zeitschriftenrepositorium oder in einer bibliografischen Datenbank gefunden werden.
Während bis in die 1990er-Jahre Bücherverzeichnisse materiell als Druckwerke und Karteikartenkataloge existierten, finden bibliografische Recherchen heute fast ausschliesslich am Computer statt. Weil die Suche am Computer für ganz unterschiedliche Suchen ganz ähnlich daherkommt - die Eingabe eines Suchbegriffs im Suchfeld führt zu einer Resultatliste - lohnt es sich, gut zu überlegen, welche Art von bibliografischer Angabe mit der jeweiligen Suche überhaupt gefunden werden kann. Dies kann anhand der folgenden Kriterien beurteilt werden:
Bestand
Worin wird überhaupt gesucht? Eine Suche im Katalog einer kleinen Bibliothek wird weniger Resultate ergeben als die Suche in einer allgemeinen Bibliografie oder eine Metasuche über grosse Bestände. Gerade bei Bibliografien und Zeitschriftenrepositorien lohnt es sich, einen Blick in die verwendeten Bestände zu werfen.
Textgattungen
Welche Art von Texten ist überhaupt im Verzeichnis zu finden? Sind es Bücher, Zeitschriftenartikel, Rezensionen, oder diverse Literaturangaben? So sind in einem Bibliothekskatalog in der Regel die einzelnen Artikel eines vorhandenen Sammelbandes nicht verzeichnet.
Suchkriterien
Was wird durchsucht? Titelangaben, Schlagworte, Abstracts, Volltext? Eine Suche im Volltext ergibt meist mehr Resultate (aber weniger spezifische) als die Suche in Titel und Schlagworten. Spezifisch auf die Geschichtswissenschaft ausgelegte Datenbanken umfassen zum Teil die Möglichkeit, nach behandeltem Zeitfenster zu filtern (z.B. Historical abstracts).
Aktualität
Wie aktuell ist das Verzeichnis? Nach Erscheinen eines Textes geht es oft eine gewisse Zeit, bis er in den Verzeichnissen erscheint. Brandneue Erscheinungen sind noch nicht in den Bibliotheken angekommen – hier schweigen also auch die Bibliothekskataloge. Zum Teil werden sie schon als „erwartet“ eingetragen. Bibliografien, insbesondere solche, die jeweils einen Berichtszeitraum abdecken wie die Bibliografie der Schweizergeschichte, hinken stärker hinterher. Rezensionen müssen erstellt werden und erscheinen Monate oder Jahre später. Wenn ein gerade eben erschienenes Buch für eine Proseminararbeit übersehen wird, ist dies nicht weiter tragisch – niemand verlangt, dass sich Studierende die Fachliteratur für eine Proseminararbeit über den Buchhandel beschaffen. Neu erschienene Aufsätze und Rezensionen müssen jedoch in einem bestimmten Rahmen mitberücksichtigt werden. Daher sollten von Zeitschriften, bei denen vermutet werden kann, dass sie Aufsätze oder Rezensionen zum Thema enthalten könnten, die jeweils aktuelle Ausgabe (liegt immer ungebunden im Lesesaal sowohl des Histi als auch der UB) und die letzten drei, vier Jahrgänge eingesehen werden. Viele deutschsprachige Zeitschriften veröffentlichen ihre Inhaltsverzeichnisse auch bei H-Soz-Kult.
Für eine Proseminararbeit macht es keinen Sinn, mit ausschliesslich systematischem Bibliografieren vier Wochen lang zuzubringen, ehe man mit dem Lesen der Texte beginnt. Grundsätzlich gilt: je grösser und langfristiger die Forschungsarbeit angelegt ist, desto systematischer muss bibliografiert werden.
Bei einer Proseminararbeit ist das unsystematische Bibliografieren daher das vorherrschende Prinzip, aber es sollte durch systematische Elemente ergänzt werden, um zumindest in Ansätzen zu einer eigenen Auswahl der Sekundärliteratur und damit zu einem eigenen Blickwinkel auf das Thema zu kommen. Für Masterarbeiten sollten die systematischen Elemente des Bibliografierens dann deutlicher zum Tragen kommen – ein guter Grund, sie auch schon während der Proseminararbeiten einzuüben. Ein wichtiges Grundprinzip des Bibliografierens besteht darin, immer auf verschiedene Ressourcen zurückzugreifen, da keine Bibliografie vollständig ist.
Man kann nur dann bibliografieren, wenn man weiss worüber. Dies hat zur Folge, dass in den verschiedenen Etappen der Arbeit mit fortschreitendem Wissensstand immer wieder bibliografiert werden muss. Zu Beginn einer Arbeit ist es erforderlich, sich zunächst das Orientierungswissen anzueignen, um sich in einer ersten bibliografischen Phase die Fachliteratur zu erschliessen, mit der man sich anschliessend in das Thema einarbeiten kann. Nach dieser ersten Lesephase folgt eine weitere Bibliografieretappe, aufgrund derer dann die Liste der Literatur erstellt wird, die in der eigentlichen Lesephase abgearbeitet wird.
Im Schreibprozess können schliesslich erneut Fragen auftreten, die ein gezieltes Nachbibliografieren erforderlich machen. Aus all dem ergibt sich, dass man während des Studiums die Kenntnis der wichtigsten Speziallexika, Handbücher, Zeitschriften, Bibliografien und sonstige Hilfsmittel haben muss, um den Bibliografierprozess so souverän, effizient und zeitsparend wie möglich zu gestalten. Um Einblick in weitere Grundlagen und Überblicksliteratur zu erhalten, bieten sich die Einführungen in das Geschichtsstudium an, die im Handbuchbereich der Bibliothek des Departements Geschichte stehen (Signaturen HB 6).
Bibliografieren heisst auch entscheiden, welche Literaturtreffer berücksichtigt werden sollen und welche nicht. Dafür ist eine genaue Einschränkung des Themas hilfreich und allenfalls die Dokumentation der nicht gewählten Texte.
Eine Literaturrecherche für eine (Pro-)Seminararbeit verläuft idealtypisch in den folgenden Phasen:
1. Erste Übersicht verschaffen
- Konsultation von Enzyklopädien, Handbüchern und speziellen Lexika (z.B. Lexikon des Mittelalters, Enzyklopädie der Neuzeit)
- Sichten der bereits vorhandenen Literatur: Literaturliste aus dem Seminar, Unterlagen zum eigenen Referat, Hinweise der Dozentin/des Dozenten.
Anhand dieser ersten Übersicht schälen sich Themen, Stichworte und Autoren heraus, nach denen weiter gesucht wird.
2. Erste Bibliografierphase
Suche nach Literatur in:
- 1-2 Bibliothekskatalogen
- 5-6 Zeitschriften jeweils 3-4 Jahrgänge (beginnend mit der aktuellen Ausgabe im Lesesaal oder online rückwärts bibliografieren)
- 2-3 Bibliografien bzw. Bibliografie-Datenbanken (z.B. IBZ, Historical abstracts)
- 1-2 Zeitschriften-Volltextdatenbanken
3. Zweite Bibliografierphase
Nach dem Einlesen wird eine Literaturliste erstellt (auch mittels schneeballartigem Bibliografieren in der gefundenen Literatur). Aufgrund der Lektüre ergeben sich Themen, die in den unter 1. genannten Suchmöglichkeiten gezielt nachbibliografiert werden. Eventuell werden weitere Zeitschriften und Bibliografien hinzugezogen. Auch später beim Schreiben wird beim Auftauchen spezieller Fragen nachbibliografiert.
Obwohl ein Grossteil der Recherchemöglichkeiten und sogar der Literatur inzwischen digital verfügbar ist, hat sich am Bibliografieren grundsätzlich nichts geändert: Wissenschaftliche Texte werden in vielfältiger Weise publiziert und nirgendwo zentral gesammelt. Die im Internet oder in Datenbanken zugänglichen Bücherverzeichnisse heben die räumliche Distanz jedoch auf – dadurch sind Wege in den Dschungel der Forschungsliteratur, die früher räumlich fassbar waren, nun beliebig zugänglich, und diese Tatsache erfordert eine höhere Aufmerksamkeit. Es mag banal klingen, aber die Vielfalt der Bücher ist derart gross und unübersichtlich, dass es sich lohnt, sich darüber klar zu werden, woher ein Buch kommt. Wollte man früher einen bestimmten Aufsatz bibliografieren, musste man zuerst in die UB, um dort in den Bänden der Internationalen Zeitschriftenbibliographie (IBZ) die bibliografischen Angaben nachzuschlagen, dann an den Zettelkatalog der UB, um dort die Signatur der Zeitschrift zu erfahren und wieder ans Regal, um dort den Band herauszusuchen. Heute ist das alles nicht mehr nötig; alle diese Schritte können online abgewickelt werden – unter Umständen ist der gesuchte Aufsatz sogar als Volltext zugänglich. Das Internet beschleunigt und erleichtert das wissenschaftliche Arbeiten. Der Nachteil besteht darin, dass die Aufhebung der räumlichen Distanz dazu führt, dass man zuweilen die einzelnen Ebenen im Computer leicht durcheinander bringen kann: Habe ich gerade einen Bibliothekskatalog, eine online-Datenbank oder eine digitale Aufsatzsammlung vor mir oder bin ich sonstwo im Internet?