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Schweizer Illustrierte: Wie haben Sie sich kennengelernt?
Fredy Knie: Es war Anfang der 70er-Jahre. Die Vorstellung war ausverkauft, Mary-José stand vor der Kasse und bekam kein Ticket mehr. Rolf kannte sie flüchtig und nahm sie mit ins Zelt.
Mary-José Knie: Ich war als Mannequin gerade in Zürich und schon damals ein Zirkusfan.
FK: Wir jungen Knies gingen nach der Vorstellung noch ins «Mascotte», wo Pepe Lienhard spielte, und haben sie mitgenommen.
MJ: Ich schwärmte schon als junges Mädchen für Fredy. In Neuenburg habe ich immer bewundert, wie er Wasserski fuhr.
Sie haben ihn nicht angesprochen?
MJ: Nein, ich war ja erst 15 oder 16.
Wie haben Sie ihn denn erobert?
MJ: Ich hatte viele Jobs als Mannequin, ich besuchte ihn wieder in Basel, dann ist es bald passiert.
Und Sie haben schnell geheiratet?
FK: Ja, im Jahr darauf, 1972. Und 1973 kam Géraldine zur Welt.
Gibt es ein Geheimnis für diese im Showbiz ungewöhnlich lange Ehe?
MJ: Wir respektieren uns. Arbeiten zusammen. Und im Wohnwagen sind wir ein normales Paar.
Er war doch Ihr Lehrmeister?
MJ: Ja, ich musste alles lernen, er hat mich oft … (sie macht eine Geste, als ob jemand zuschlägt).
FK: Tu nicht so, als ob ich dich geschlagen hätte! (Er lacht.)
MJ: Neeeein. Ich wurde durch Zufall Artistin.
FK: Ich wollte nicht unbedingt, dass sie im Zirkus auftritt, dazu muss jemand wirklich fanatisch sein. Aber sie lernte dann heimlich bei den Ungarn reiten. Da sagte ich ihr, wir könnten schon weitermachen, aber dann richtig.
Waren Sie streng mit ihr?
FK: So streng wie mit allen, die ich anlerne, egal, ob Grosskinder oder Tochter. Da bin ich streng.
Und das geht? Abends verliebtes Ehepaar, tagsüber ist er der strenge Chef und sie die Schülerin, die barsch zurechtgewiesen wird?
MJ: Nur am Vormittag (lacht).
Haben Sie nie zickig getan?
MJ: Nein, ich war manchmal traurig, weil mir was nicht gelungen ist.
Das ist schon speziell, dass die Frau eines Knies, die nicht aus einer Artistenfamilie kommt, es bis in die Manege schafft?
FK: Ja, die andern landeten immer an der Kasse.
MJ: Ich war auch an der Kasse – von sieben bis acht, und dann ab in die Manege!
Hat das Herumreisen im Wohnwagen Ihnen nichts ausgemacht?
MJ: Ich war und bin Fan davon!
FK: Sie schwärmt für dieses Leben.
Hatten Sie nie den Wunsch, ein schönes Haus zu beziehen?
MJ: O nein, o nein!
FK: Wir haben bei Rapperswil eine schöne Wohnung, da sind wir zweieinhalb Monate im Winter, sonst immer im Wohnwagen. Wir wollen beim Zirkus sein, ich will, dass ich da bin, wenn etwas geschieht. Das ist mein Leben.
Sie könnten ja mit 70 kürzertreten.
FK: Ja, ich könnte sagen, ihr Jungen, jetzt macht ihr das. Aber ich würde wahnsinnig. Ich trainiere mit den Jungen am Morgen, mit dem Schwiegersohn, der immer noch weiterlernt, und mit meinen Grosskindern, das macht mir Freude.
Nahmen die Knies Sie gut auf?
MJ: Ja, sofort.
Weil Sie so nett sind?
MJ: Mit seiner Grossmutter konnte ich stundenlang im Wohnwagen sein.
FK: Als wir uns kennenlernten, hatte sie ganz kurze Haare. Das war damals was Neues. Sie war auch sehr braun. Als meine Grossmutter, eine zweihundertprozentige Schweizerin, sie erstmals sah, sagte sie zu mir: «Du, das ist aber keine Schweizerin.» Ich sagte: «Doch, doch, Nonna, sie ist aus Neuchâtel.»
MJ: Sie dachte, ich sei aus Südamerika.
FK: Dabei war sie überhaupt nicht ausländerfeindlich …
MJ: Ich zeigte ihr meinen Pass!
FK: Ich musste so lachen!
MJ: Sie war ja auch froh, dass du in die Armee gegangen bist. Das wollte sie unbedingt. Für sie war das Foto von Fredy in Uniform mit dem Pferd das Grösste.
Welches sind die grössten Qualitäten von Fredy?
MJ: Dass er geduldig ist und …
FK: … kochen kann!
MJ: Ja, er kann wirklich kochen.
Und Sie nicht?
MJ: Nein! Ich habe nie gekocht. Gebt mir sechs Paar Reitstiefel zum Putzen, das mache ich sehr gut, Putzen kann ich fantastisch.
FK: Ich konnte auch lange nicht kochen. Meine Mutter kochte immer sehr gut. Und als sich meine Eltern trennten, hat mein Vater eine polnische Haushälterin angestellt, und wir assen natürlich bei ihm. Die hat so schrecklich gekocht, da sagte ich: «Nein, das mache ich nicht mehr.» Dann trat Mary-José in mein Leben, und ich hoffte, dass sie kochen kann. Sie hat dreimal so eine Hero-Büchse geöffnet mit weissen Böhnli, da sagte ich mir: «So kann es nicht weitergehen. Ich kann das ja lernen.» Und ich habe einfach bei den vielen Artisten aus allen Ländern zugeschaut, wie sie kochen. Heute kann ichs ganz gut.
Regelmässig?
MJ: Er kocht sehr gut!
FK: Ich koche jeden Tag! Für die ganze Familie, acht Personen sitzen am Tisch. Kinder, Enkel, alle!
Mittags?
FK: Mittags und abends! Zweimal am Tag, wenns geht. Rüsten und Abwaschen besorgt eine Angestellte, aber ich koche.
Und die Enkel schätzen es?
FK: Und wie! Letzte Weihnachten waren wir erstmals seit Jahren nicht zusammen, Géraldine und ihre Familie waren in Stuttgart.
Da hat die kleine Chanel angerufen und gesagt: «Nonno, ich vermisse deine Küche!» Ich bin ja in der Küche ein gutmütiger Tschooli, manchmal mache ich drei Menüs, damit jeder zufrieden ist.
Also ist die grösste Qualität von Fredy, dass er gut kochen kann?
MJ: Das hat er so gesagt. Für mich ist am wichtigsten, dass er einen wunderbaren Charakter hat, er ist ausgeglichen, hat viel Geduld …
FK: … ja, geduldig, aber sehr direkt.
Und welches sind die grössten Qualitäten von Mary-José?
FK: Sie kann nicht kochen. Dafür darf ich! (Mary-José lacht laut.)
Was nervt Sie an ihr?
FK: Dass sie zu Hause zu viel putzt.
Stört Sie der Staubsauger?
FK: Das wird gemacht, wenn ich draussen bin. Ich sage ihr einfach immer, sie brauche nicht so viel aufzuräumen.
War Mary-José die erste Frau, mit der Sie ausgegangen sind?
FK: Nein, ich war ja nicht blöd …
MJ: Das sind aber intime Fragen!
Gibt es denn noch Geheimnisse zwischen Ihnen?
FK: Nein, das glaube ich nicht. Man könnte ja nicht zusammenleben, wenn man sich etwas vormachen würde, es braucht …
MJ: … gegenseitiges Vertrauen.
Dieser Wagen ist nicht grösser als ein Studio. Ist das nicht zu eng?
FK: Wir kennen nichts anderes.
Sie brauchen kein Zimmer, wohin Sie sich zurückziehen können?
FK: Wenn ich Ruhe brauche, was selten ist, geh ich mit den Hunden spazieren oder in den Stall.
Wann hatten Sie das letzte Mal einen grossen Krach?
FK: Gross ist relativ. Wenn wir uns anschnauzen, wird mal weniger miteinander geredet. Tags darauf ist alles wieder okay.
MJ: Er ist sturer als ich! Bei ihm gehts etwas länger.
FK: Aber es geht auch lang, bis ich verrückt werde. Sehr lang.
Wie gehen Sie mit Lob um?
FK: Schlecht. Ehrlich, ich bin sehr schlecht im Loben. Weil ich von meinem Vater nie ein Lob bekommen habe.
Und als Sie die Nummer mit dem Tiger auf dem Nashorn entwickelten?
FK: Ja, da hat er mir einmal ein Kompliment gemacht. Ich will nichts Negatives über meinen Vater sagen, es war eine andere Zeit – wir hatten es sehr streng, es war recht so. Darum haben wir unsere Kinder anders erzogen.
Hat er Sie je gelobt?
MJ: Nein, nicht gross. Ich wollte zum Beispiel die Ungarische Post machen, wo man gleichzeitig auf zwei Pferderücken steht, das macht Ivan jetzt. Da sagte dein Vater: «Nein, das kann ein Mädchen nicht, das hat es noch nie gegeben.» Da habe ich mir in den Kopf gesetzt, es unbedingt zu machen. Und als ich es geschafft hatte, hat er nicht gesagt, das sei fantastisch. Aber er war schon ein wenig stolz, das habe ich gemerkt.
Haben Sie auch Ferien?
FK: Meine letzten waren 1998 …
(Mary-José lacht laut und lange.)
FK: Ich bin extra weit weg nach Hawaii geflogen, wo mich niemand kennt. Dann war ich den ganzen Tag am Telefon. Und als ich heimkam, fragte ich mich, wozu in die Ferien gehen. Für mich ist im Winter Ferien, wenn ich keine Vorstellung habe.
Was machen Sie dann?
FK: Für mich sind Ferien, wenn ich mich einen Tag lang nur meinen Pferden widmen kann.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Zirkusdirektor? Denken Sie an Pensionierung?
FK: Ich bin längst pensioniert.
Werden Sie mit 80 noch im Sägemehl stehen?
FK: Nein.
MJ: Aber als Mann könnte er das gut.
FK: Für mich ist nicht der Auftritt das Wichtigste, wichtig ist, dass der Betrieb weiterläuft. Und dass ich die ganze Tiergeschichte an die Jungen weitergeben kann. Ich mache schon jetzt in den Vorstellungen fast nichts mehr, komme mir manchmal vor wie Hitchcock, der in seinen Filmen nur mal über die Strasse geht. Mich freuts, wenn die Leute an unseren Jungen Freude haben. Das ist für mich die Zukunft.
Und wie lange bleiben Sie in der Manege?
MJ: Keine Ahnung, früher dachte ich, ich werde mit 40 zu alt sein für die Manege (lacht).
FK: Das Wichtigste ist die Gesundheit.
Ich finde, das Alter steht Fredy gut.
MJ: Jaja, er sieht gut aus.
FK: Schade, dass ich nicht alt zur Welt kam.
Wenn Sie einem jungen Menschen raten müssten, was zu tun ist, damit eine Ehe hält, was würden Sie sagen?
FK: Mich heiraten.
MJ: Vertrauen, reden, immer den Dialog finden.
FK: Sofort die Richtige wählen – wie ich! Und die Schwächen und Fehler akzeptieren, keiner ist fehlerlos. Eine Frau finden, die so schön ist wie Mary-José, so zirkusbegeistert und so ambitiös, das gibt es nicht jeden Tag.
FK: Das ist ein Sechser im Lotto.
MJ: Und ich habe «Bingo» mit meinem Zirkusprinzen.