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Familie heisst Arbeit teilen. Transformationen der symbolischen Geschlechterordnung
Die Soziologin und Geschlechterforscherin Tomke König hat in ihrem Habilitationsprojekt Prozesse untersucht, in denen Paare mit kleinen Kindern zu einem arbeitsteiligen Arrangement kommen. Die Erzählungen der Frauen und Männer machen deutlich: Es ist nicht länger selbstverständlich, dass eine Frau nur dieses und ein Mann nur jenes in der Familie tun kann, muss oder darf. Die Arbeitsteilung ist heute Gegenstand von Verhandlungen, in denen das Spektrum möglicher Geschlechterarrangements zunimmt. Doch die Veränderungen stossen auch an eine Grenze: Die Sphäre der Erwerbsarbeit wird nach wie vor höher bewertet als die Sphäre des Privaten und es hat daher für Frauen und Männer unterschiedliche Konsequenzen, wenn sie Erwerbs-, Haus- und Fürsorgearbeit übernehmen.
Die Paradoxie von Wandel und Persistenz: Aus einer mikrosoziologischen Perspektive interviewt König gegen- und gleichgeschlechtliche Paare unterschiedlicher sozialer Milieus, die mit kleinen Kindern zusammen in einem Haushalt leben: Was tun Frauen, was tun Männer? Und wie begründen sie jeweils ihre Praxen? Welche Formen von ‚Weiblichkeit’/‚Mütterlichkeit‘ und ‚Männlichkeit’/‚Väterlichkeit‘ sind aktuell denkbar, sagbar und machbar?
Charakteristisch für die aktuelle Situation ist, dass die einzelnen Individuen unterschiedliche normative Vorstellungen und Erwartungen gleichzeitig haben, und es dadurch vielschichtige Kombinationen von „Neuem“ und „Altem“ gibt. Frauen wollen beispielsweise ‚gute Hausfrauen‘ sein, aber sie wollen die Arbeit in der Familie weder unsichtbar noch alleine erledigen. Männer sind bereit, ihre Familie alleine zu ernähren, aber auch die Zeit mit ihren Kindern hat für sie einen hohen Stellenwert. Viele Paare sind der Meinung, dass die Arbeitsteilung nichts mit dem Geschlecht zu tun haben sollte und wollen jeweils alle Formen der Arbeit ausüben. Um diese gerechte Arbeitsteilung zu realisieren, sind sie wiederum darauf angewiesen, einen Grossteil der Hausarbeit an andere Frauen zu delegieren. König untersucht auch die Situation gleichgeschlechtlicher Paare mit Kindern. Diese wenden sich klar gegen herrschende Vorstellungen von Familie. Gleichzeitig können sie der Meinung sein, dass eine/r von beiden mit der Geburt des Kindes die Erwerbsarbeit unterbrechen sollte. Nicht nur die Vorstellungen der Befragten weisen vielschichtige Kombinationen von ‚Neuem‘ und ‚Altem‘ auf. Auch in der Praxis finden sich neue und alte Handlungsmuster gleichzeitig.
Neue Identitätspraxen: Viele der befragten Frauen und Männer definieren sich nicht mehr nur über die Aspekte, die in der hegemonialen Geschlechterordnung dem jeweils anderen Geschlecht vorbehalten sind. Denk- und sagbar ist zum Beispiel für Männer geworden: „Ich verdiene kein Geld und ich bin ein guter Vater“. Und es gibt Frauen, die sagen: „Ich bin erwerbstätig und ich bin eine gute Mutter“. Über die unterschiedlichen Ansprüche, die die Befragten an sich selbst stellen, werden neue Identitätspraxen ge- und erfunden. Wie König zeigt, lassen diese ein Kernstück der symbolischen Geschlechterordnung brüchig werden – nämlich die geschlechtstypisierende Zuweisung des Privaten (= weiblich) und des Beruflichen (= männlich).
In Arrangements, in denen beide Partner_innen alle Formen der Arbeit ausüben und sich somit die Grenze zwischen der privaten und der beruflichen Sphäre auflöst, erhalten die einzelnen Tätigkeiten häufig eine veränderte Bedeutung. So wird zum Beispiel die Bedeutung der Erwerbsarbeit relativiert und die Haus- und Fürsorgearbeit als sinnstiftend wahrgenommen. Für diese Paare stellt sich allerdings auch verschärft die Frage, wer sich wann und wie und mit wessen Hilfe erholen kann. König resümiert: Durch die aktuellen Veränderungen ist eine zentrale Aufgabe, die die Hausarbeit in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft übernimmt, nicht mehr gesichert – die Reproduktion der Arbeitskraft. Die Doppelbelastung trifft also nicht mehr nur Frauen, sondern auch Männer.
Das Private und das Berufliche werden weiterhin unterschiedlich bewertet: Auch wenn Frauen und Männer alle Formen der Arbeit ausüben, so bleibt das Private – das zeigen auch andere Untersuchungen – ein Bereich, der den Status einer Person abwertet, die sich darin aufhält. Wer ‚nur‘ für Haus- und Fürsorgearbeit im Privaten zuständig ist, erfährt (auf Dauer) keine gesellschaftliche Anerkennung – unabhängig davon, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Das Berufliche ist hingegen weiterhin ein Bereich, der den Status einer Person aufwertet. Dabei bedeutet es für Frauen und für Männer etwas Unterschiedliches, wenn sie sich in diesen Sphären aufhalten. Frauen zum Beispiel, die beruflich erfolgreich sein wollen, müssen wie ‚richtige‘ Männer handeln. Ausserdem ist es für Frauen schwierig bis unmöglich, sich im Bereich des Privaten eine eigensinnige Form von Weiblichkeit zu bewahren. Wenn sie sich aus der Sphäre des Beruflichen ganz zurückziehen, unterwerfen sie sich oft einem bestimmten normativen Ideal von Weiblichkeit. Männer, die kein Geld verdienen und für Kinder und Haushalt zuständig sind, werden wiederum wegen ihrer „abweichenden“ Männlichkeit diskriminiert und sozial ausgegrenzt.
Was tun? Empfehlung für gesellschaftspolitisches Handeln
Wenn Frauen und Männer alle Formen der Arbeit ausüben, so macht die Untersuchung von König deutlich, wird die binäre Logik der symbolischen Geschlechterordnung (privat=weiblich, beruflich=männlich) von den sozialen Akteur_innen nicht mehr eindeutig reproduziert. Will man diese Entwicklung, die sich auf der Ebene der Individuen abzeichnet, strukturell unterstützen, so müsste auch in Politiken auf eine bewertende Differenzierung des Beruflichen und des Privaten verzichtet werden. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn sozialstaatliche Ressourcen vermehrt unabhängig von Lohnarbeit und dem Versicherungsprinzip zugänglich gemacht würden. An die Stelle einer (Identitäts-)Politik, die sich auf Frauen und/oder Männer richtet, müsste eine Politik treten, die auf Situationen zielt und eine gesellschaftliche Infrastruktur bereitstellt, die es allen ermöglicht, alle Arten von gesellschaftlich notwendiger Arbeit (pflegerische, soziale, politische und kulturelle Arbeit, existenzsichernde Erwerbsarbeit) zeitlich, räumlich und inhaltlich in Einklang zu bringen.
Tomke König hat Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main studiert und war dort 1993-1998 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. 1999 promovierte sie zum Dr. phil. mit der Arbeit „Gattinnen. Die Frauen der Elite“ und war danach wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem internationalen Forschungsprojekt („Coping with and avoiding social exclusion“). 2002-2010 war sie Forschungsassistentin und Lehrbeauftragte am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Seit dem Wintersemester 2011 vertritt sie die Professur „Sozialwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung“ an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.
Publikationen zum Thema familiale Geschlechterarrangements:
König, Tomke (erscheint März 2012): Familie heißt Arbeit teilen. Transformationen der symbolischen Geschlechterordnung. Konstanz: UVK.
König, Tomke; Jäger, Ulle (2011): Der Wandel der Geschlechterordnung und die Krise der Reproduktionsarbeit. In: Demirovic, Alex; Dück, Julia; Becker, Florian; Bader, Pauline (Hrsg.): VielfachKrise. Im finanzdominierten Kapitalismus. (In Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Beirat von Attac). Hamburg. S.147-164.
König, Tomke (2007): Familiale Geschlechterarrangements zwischen staatlicher Regulierung und privater Angelegenheit. Eine Analyse des medialen Diskurses um die Einführung des Elterngeldes. In: Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien, 25. Jg., Heft 3 + 4, 2007, S. 55-68.
König, Tomke (2006): Familiale Geschlechterarrangements oder wie Paare Arbeit teilen und dabei Geschlecht herstellen. In: Elternschaft. Freiburger FrauenStudien 18. Zeitschrift für Interdisziplinäre Frauenforschung. Freiburg i.Br., S. 15-36.
König, Tomke; Maihofer, Andrea (2004): „Es hat sich so ergeben“. Praktische Normen familialer Arbeitsteilung. In: Familiendynamik 29, Heft 3, S. 209-32.
König, Tomke (2008): „Väter in Familie und Beruf“. In: Uni Nova, Basel, S. 24-26.