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Die Geschichte der Familie Chibret in der Ophthalmologie (Augenheilkunde) beginnt mit Paul Chibret, einem jungen Militärarzt aus der Auvergne, am Ende des Zweiten Kaiserreichs.
Während seiner Stationierung in der algerischen Stadt Constantine nahe der Grenze zu Tunesien beschäftigte er sich intensiv mit dem Trachom – einer bakteriellen Entzündung des Auges mit Chlamydia trachomatis – eine Passion, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Bei einem militärischen Feldzug in Ost-Kabylie erkrankte er im August 1871 an einer beidseitigen Chorioretinitis, an der er fast erblindete. So wurde er im darauf folgenden Monat zur Behandlung nach Europa zurückgeschickt und verschrieb sich nach seiner Genesung ganz dem Fachbereich der Ophthalmologie.
Nach seiner Rückkehr nach Frankreich bemühte er sich um eine Behandlung bei dem polnischen Professor Galezowsky und konsultierte Prof. Dr. Wecker sowie die bedeutendsten Augenheilkundler Europas, die zu dieser Zeit an den Pariser Augenheilkliniken praktizierten.
Schnell entwickelte er eine wahre Leidenschaft für das Gebiet der Augenheilkunde. Im Jahr 1875 kehrte er Paris und dem Militär den Rücken und folgte seinen Wurzeln in der Auvergne. Er liess sich mit einer Privatpraxis in Clermont-Ferrand nieder und wurde zum einzigen Augenarzt des Zentralmassivs.
Seine Praxis entwickelte sich rasch. Um nicht ganz in der Tagesroutine eines Augenarztes aufzugehen, vertiefte er sich erfolgreich in vielfältige Beobachtungsstudien und spezifische Fragestellungen. Sein offener, wacher Verstand verschaffte ihm so Anerkennung als Arzt, Chirurg, Forscher und Erfinder.
Die Liste der wissenschaftlichen Arbeiten von Paul Chibret ist umfangreich und berührt die unterschiedlichsten Felder der Augenheilkunde. Eine seiner Erfindungen ist das Chromatophotoptometer, das mit polarisiertem Licht arbeitet. Dieses einfache, kostengünstige und kompakte Instrument (20 cm) erzeugt 2.700 Farbschattierungen, die dem Augenarzt eine verlässliche Diagnose von Dyschromatopsie (Rot-Grün-Blindheit) und Farbblindheit ermöglichen.
Des Weiteren arbeitete Paul Chibret an der Entwicklung einer Methode zur Messung von Astigmatismus und gab ihr den Namen Skiaskopie. Auch die Erfindung einer Spritze zur Injektion und zum gleichzeitigen Absaugen kortikaler Ansammlungen in der hinteren Augenkammer nach einer Katarakt-Operation ist ihm zuzuschreiben.
GRÜNDUNG DER FRANZÖSISCHEN GESELLSCHAFT FÜR AUGENHEILKUNDE (SFO)
Ende des 19. Jahrhunderts, als die Wissenschaft Triumphe feierte, wurde ein engmaschiges Netzwerk aus Kongressen, wissenschaftlichen und medizinischen Fachgesellschaften und Akademien aufgebaut, das die stetig wachsende Zahl von Spezialisten in ganz Europa miteinander verband. Paul Chibret war einer dieser gelehrten Reisenden, die Kongresse und Akademien in ganz Europa besuchten. Er operierte in Russland und Polen und unterhielt eine lebhafte Korrespondenz mit seinen Augenarztkollegen. Die Nachkommen Paul Chibrets haben ihm zweifellos ihre engen Kontakte zu französischen und ausländischen Augenärzten zu verdanken. Die weiteren Entwicklungen zeigen eine ungewöhnliche Fortführung der Tradition der Chibret-Vorfahren durch die nachfolgenden Generationen.
Auf dem Amsterdamer Kongress im Jahre 1879 bemühten sich Dr. Chibret und Dr. Martin erstmals um die Gründung einer französischsprachigen Wissenschaftsgesellschaft für Ophthalmologie. Zwar scheiterte der erste Versuch, doch im Laufe der nächsten Jahre nahm das Projekt Gestalt an.
Im September 1882 veröffentlichte Paul Chibret sein neues Projekt in der Zeitschrift „Clinique d’Oculistique du Sud-Ouest“. Die „Société Française d’Ophtalmologie“, kurz SFO, feierte am 29. Januar 1883 in Paris ihre Geburtsstunde.
Die Problematik von Infektionsrisiken und Fragen der Aseptik beschäftigten Paul Chibret sein Leben lang. 1891 präsentierte er auf der Jahrestagung der SFO eine Abhandlung über bakterielle Bindehautinfektionen und im Jahr 1896 über das Trachom. Er empfahl strenge prä-, peri- und postoperative Hygiene- und Vorsorgemassnahmen, um die Risiken einer Endophthalmitis zu senken.
Paul Chibret wurde zum ersten Präsidenten dieser neuen Gesellschaft. Die noch heute gültige Satzung legt fest, dass der jeweilige Präsident immer aus der Provinz kommt, während der Generalsekretär der Gesellschaft seinen ständigen Sitz in Paris hat. Des Weiteren soll im Rahmen des jährlichen SFO-Kongresses ein Bericht vorgelegt werden, wobei keine Einschränkungen hinsichtlich der Nationalität gelten (Axenfeld war im Jahr 1906 der erste deutsche Berichterstatter).
Paul Chibret glich die Differenzen zwischen französischen und ausländischen Mitgliedern, zwischen privaten Fachleuten und Akademikern, zwischen Paris und den Provinzen aus. Er bestand darauf, die SFO allen zugänglich zu machen, insbesondere den deutschen Augenärzten, die nach der Abtretung Elsass-Lothringens an Deutschland in Folge der französischen Niederlage 1870 ausgegrenzt worden waren. Als Zeitpunkt für die Jahrestagung der SFO wählte er den Monat Mai, was den deutschen Augenärzten eine Kongressteilnahme in Paris ermöglichte und den französischen Ophthalmologen, im Sommer am Kongress der Heidelberger Gesellschaft teilzunehmen. Heute ehrt die abwechselnd von der SFO und der DOG (Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft) vergebene Paul-Chibret-Medaille diese französisch-deutsche Freundschaft.