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Atomwaffen für die Schweiz?
Mit den Atombombenabwürfen von 1945 wurde der Welt das unglaubliche Vernichtungspotenzial dieser Waffen bewusst. In der Schweiz galt der ETH-Professor Paul Scherrer als Experte auf dem Gebiet der Kernphysik. Scherrer wurde zu einer Schlüsselfigur in der zivilen Nutzung der Kernenergie in der Schweiz. Allerdings waren militärische und zivile Atomforschung in der Schweiz anfangs miteinander verwachsen. Die "Studienkommission für Atomenergie", die Scherrer leitete, arbeitete von 1945 an auch an den Grundlagen für die militärische Nutzung der Kernenergie. Während der Entscheid des Bundesrates über die Prüfung der Ausstattung der Armee mit Kernwaffen 1945 noch unter Geheimhaltung stand, wurde dieser 1958 ganz offen kommuniziert.1
"In Übereinstimmung mit unserer jahrhundertealten Tradition der Wehrhaftigkeit ist der Bundesrat deshalb der Ansicht, dass der Armee zur Bewahrung unserer Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören die Atomwaffen. Der Bundesrat hat infolgedessen das Eidgenössische Militärdepartement beauftragt, die mit der Einführung von Atomwaffen in unserer Armee zusammenhängenden Fragen weiter zu verfolgen und ihm zu gegebener Zeit Bericht und Antrag zu Händen der eidgenössischen Räte zu unterbreiten."2
Besonders prominente Befürworter einer schweizerischen Nuklearbewaffnung aus der Armeespitze waren Oberstkorpskommandant Jakob Annasohn (Generalstabschef 1958-1964) und Oberstdivisionär Etienne Primault. Primault, Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen äusserte sich, in Bezug auf die angestrebte Beschaffung des Kampflugzeuges Mirage, in der Landesverteidigungskommission 1957 wie folgt: "Wenn man ein Flugzeug hätte wie beispielsweise den Mirage, der fähig sei, mit Atombomben bis nach Moskau zu fliegen, so könnte man sich einen Einsatz auch im Feindesland vorstellen."3
Primaults Aussage entspricht allerdings nicht der Wahrheit, unter anderem wäre die mögliche Einsatzdistanz des Mirage III für den Luftweg von Payerne nach Moskau zu gering gewesen.4 Die bei den Militärs verbreitete Ansicht der Nutzung einer Atombombe hätte allerdings in deren Dissuasionswirkung gelegen, sie hätte also der Abschreckung gedient. In den fünfziger Jahren war noch die Annahme verbreitet, der Einsatz von Atombomben auf dem Schlachtfeld würde zur Normalität werden und eine Nuklearbewaffnung würde folglich der Aufrechterhaltung der bewaffneten Neutralität dienen.5
Aufgrund der Mirage-Affäre 1964 wurde das Vorhaben einer Schweizer Nuklearbewaffnung ausgebremst, da nun weniger Mittel zur Verfügung standen. 1968 unterzeichneten die USA, die Sowjetunion und Grossbritannien den Nonproliferationsvertrag, die Schweiz folgte ein Jahr später.6 Innerhalb der Vorgaben des Atomsperrvertrages wurde allerdings weiterhin versucht, den Status eines nuklearen Schwellenlandes zu halten, wobei die fehlenden finanziellen Mittel ernsthafte Schritte in der Entwicklung von Kernwaffen verunmöglichten. Das Vorhaben nahm mit der Auflösung des zuständigen Ausschusses 1988 sein endgültiges Ende.7
Korpskommandant Josef Feldmann stand der Evaluation einer Nuklearwaffenbeschaffung durch die Schweiz aufgrund der Dissuasionswirkung positiv gegenüber. In unserem Gespräch vom 5. September 2020 erklärte er, die Unterzeichnung des Atomsperrvertrages habe eine geringere Handlungsfreiheit für die Schweiz zur Folge gehabt.