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Es gab Zeiten, da wohnten sie in einem beengenden Käfig. Jetzt dürfen Brüste alles. Und das ist gut so.
Kaum ein anderes Kleidungsstück hat Frauen mehr unterdrückt als das Korsett, eine Art Vorläufer des BHs. Soziologen und Kulturwissenschaftler sind sich im Wesentlichen einig darüber, dass sich der männliche Blick auf den weiblichen Körper in der erzwungenen, weiblichen Sanduhr-Silhouette manifestiert. Das Schnüren der Wespentaille brache allerhand gesundheitliche Probleme mit sich. So gilt Kaiserin Sissi (ja, die mit Franzl) als eine der ersten historisch überlieferten Magersüchtigen.
Es muss sich deshalb wie ein Befreiungsschlag angefühlt haben, als Mary Phelphs Jacob in den 1910er-Jahren ihr Fischbein-Korsett zerschnitt und damit quasi den ersten modernen BH erfand (Archäologen konnten schon bei den alten Griechen BH-ähnliche Konstrukte nachweisen, so ganz mausallein hat sies also nicht erfunden). Sie liess ihre Entdeckung patentieren, verkaufte die Rechte dann aber recht schnell. Ein Fehler. Sie hätte Millionen verdienen können. Denn schnell entdeckten ihre Geschlechtsgenossinnen, wie viel bequemer das neue Körbchen für ihre Liebsten zwei war.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der BH zu einem Symbol der weiblichen Befreiung. Erst zogen Frauen ihn an und fühlten sich freier. Dann verbrannten sie ihn (zum Beispiel anlässlich einer Miss America Wahl 1968). Kaum ein Kleidungsstück ist historisch dermassen politisch aufgeladen wie das Stück Unterwäsche. Der Weg ist noch lange nicht zu Ende.
So sorge die Begründerin des #saggyboobsmatter-Movements, Chidera Eggerue, gerade in England für Schlagzeilen. Sie verwirrte die Hörerinnen und Hörer einer BBC-Radiosendung mit Phrasen wie «toxische Maskulinität». Die Antithese zum body-positiven-Hängebusen (der hängt ja nicht per se, der ist bei #saggyboobsmatter im Durchschnitt einfach etwas grösser, das geht es auch um Schwerkraft) schickt alljährlich Victoria’s Secret über den Laufsteg. Der Wäschehersteller wird scharf kritisiert für sein unrealistisches und anachronistisches Frauenbild. Die Zahlen sprechen für sich. Die Engelshösli stürzen ab. Der Push-up BH ist out.
Denn Instagram-Berühmtheiten wie Kendall Jenner, Emily Ratajkowski oder Gigi Hadid haben dem BH privat eh längst adieu gesagt. Und wie aktuelle Bilder vom Golden Globes Red Carpet zeigen: Unter viele Roben passt sowieso kein zusätzliches Kleidungsstück. Brüste werden nicht mehr schamvoll bedeckt, sondern spielerisch inszeniert. Frau bestimmt selbst, wie viel sie zeigt. Aus dem männlichen Blick ist zumindest auf dem Carpet ein Spiel mit der weiblichen Selbstinszenierung geworden. Wie viel Kleid noch angezogen ist, entscheidet heute nur noch die Trägerin.
Ob das Dekolleté gepusht, «wonderbraisiert» oder komplett vom Winde verweht wird, entscheiden die Damen heutzutage selbst. Das ist doch nach der Debatte um Madonnas Hintern mal eine gute Entwicklung.