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Nicht erst seit der Rückkehr der Krise haben die Proletarierinnen und Proletarier aller Länder nichts zu lachen. Umso wichtiger ist es, dass sie sich wenigstens im Gesang vereinigen. Zum Tag der Arbeit stellt die TagesWoche sieben klassische Protestlieder aus aller Welt vor.
1. Das Bürgerlied
Den Reigen unserer kleinen Auswahl internationaler Protest- und Kampflieder eröffnet das «Bürgerlied», a cappella gesungen von karaokefrau.
Das auch in der deutschen Revolution von 1848/1849 beliebte Lied wurde 1845 von Adalbert Harnisch zur Melodie von «Prinz Eugen, der edle Ritter» verfasst. In ihm kommt die Aufbruchstimmung des deutschen «Vormärz» zum Ausdruck, exemplarisch etwa in der Feststellung, dass es eben einen Unterschied mache, «ob wir Neues bauen oder Altes nur verdauen wie das Gras verdaut die Kuh».
2. Die Internationale
Mochten die Anhänger der II., der III. und der verschiedenen IV. Internationalen in vielem unterschiedlicher Ansicht sein – in einem war man sich einig: die «Internationale» ist der Klassiker der Arbeiterlieder. Ihr Text wurde unmittelbar nach der brutalen Niederschlagung der Pariser Commune 1871 vom Belgier Eugène Pottiers verfasst.
Gewissen Einsichten, die in den Lyrics dieses Songs ihren Niederschlag gefunden haben, kann man sich auch heute kaum entziehen («Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun – uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!»). Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass der Unterschied zwischen Theorie und Praxis in der Praxis grösser ist als in der Theorie, wie die Cartoons von Seyfried in dieser Fassung deutlich machen.
3. Sebben che siamo donne
Ein Lied aus der Zeit, als Mann und Frau beim Wort «Lega» nicht zuerst an die Lega Nord oder die Lega dei Ticinesi dachten. Ein Kampflied italienischer Landarbeiterinnen, die keine Angst haben und sich zu wehren wissen («abbiam delle belle buone lingue»). Den Padroni wird das Lachen schon noch vergehen. Wurde ziemlich sicher (lang ist’s her) auch in Bernardo Bertoluccis Film «Novecento» (1976) angestimmt.
4. Sixteen Tons
Keines der typischen Kampflieder der amerikanischen Arbeiterklasse – oder etwa doch? Wenn das Sein das Bewusstsein verstimmt, kann es auf jeden Fall ganz schön kritisch werden. Da lädt ein Kumpel 16 Tonnen Kohle auf, und was ist sein Lohn? Er ist einen Tag älter geworden und sein Schuldenberg noch etwas grösser. Das muss man auch im Himmel oben zur Kenntnis nehmen: «Saint Peter, don’t you call me, ’cause I can’t go: I owe my soul to the company store.»
5. The Times They Are a-Changin‘
Anfang der 1960er-Jahre stand den USA mit der Bürgerrechtsbewegung Protest ins Land, zunächst noch in Clubs oder am Newport Festival, später dann auch in den Strassen und den Innerstätten. Eine der Stimmen des damaligen Protests gehörte dem jungen Bob Dylan.
In seinem 1964 veröffentlichten Song «The Times They Are a-Changin’» findet er für den Willen dieser Generation, eine neue, bessere Welt zu schaffen, eindrückliche Bilder. Peter, Paul and Mary nahmen den Song in ihr Repertoire auf – ein Clip aus der Zeit, als die Haare erst noch länger werden sollten. Dylan-Aficionados wird nicht entgehen, dass das Video bei der dritten Strophe einsetzt.
6. Grandola vila morena
José Afonso schrieb dieses Lied 1964 für den Arbeiterverein Sociedade Musical Fraternidade Operaria Grandolense der portugiesischen Stadt Grandola. Es ist im Stil der Chorgesänge des südportugiesischen Alentejo komponiert. Sein Text betont die Brüderlichkeit in der sonnigen Stadt, in der man an jeder Ecke auf einen Freund und in jedem Gesicht auf Gleichheit trifft.
Das verbotene Lied war in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 mehrmals auf einem katholischen Radiosender zu hören – als Zeichen zum Sturz der autoritären Diktatur und als Beginn der Nelken-Revolution. Heute sind die Nelken verwelkt, aber «Grandola vila morena» ist das Lied der Revolution geblieben.
7. In Mueters Stübeli
Die 1970er-Jahre sahen nicht nur das Ende einer Reihe von Diktaturen und des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit, sondern auch breiten Widerstand gegen die Atomenergie. Dabei wurde ebenfalls gesungen – anlässlich der Platzbesetzung in Kaiseraugst zum Beispiel eine spezielle Version des Traditionals «In Mueters Stübeli». Auch wenn es – unter anderem dank Windenergie – im Stübeli gemütlich ist, sollten wir ab und zu aus dem Fenster schauen und vors Haus treten: am 1. Mai und auch sonst unterm Jahr.
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