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Wird die Weltwirtschaft bald schon in die nächste Katastrophe stürzen, ausgelöst von Chinas Kreditblase, Europas Deflationstendenz, der Geldflut der japanischen Notenbank? Oder steht die Konjunktur trotz aller bösen Omen vor einer Renaissance, mit Griechenlands Rückkehr an die Kapitalmärkte und den zwar volatilen, aber immer noch hohen Börsenkursen? Darüber lässt sich gut spekulieren zwischen Karfreitag und österlicher Auferstehung.
Leider ist für solche Meditationen die Volkswirtschaftslehre ein kaum verlässlicherer Wegweiser als für die Erlösungshoffnungen die Theologie. Ein Grund mehr, über die Feiertage den neuen Essay «Money, Blood and Revolution» von George Cooper zu studieren. Das Werk analysiert auf brillante, pointierte Weise die Krise der ökonomischen Wissenschaft. Und entwirft interessante Perspektiven, wie sie zu überwinden wäre.
Cooper entwickelt die These, dass der heutigen Volkswirtschaftslehre eine tiefgreifende Erneuerung bevorsteht. Wie die ptolemäische Astronomie im 15. Jahrhundert immer raffiniertere Hypothesen und «Hyperzyklen» postulieren musste, um trotz ihrer falschen Grundannahme – nämlich dass die Planeten sich um die Erde drehen – die Bahnen der Himmelskörper einigermassen berechnen zu können, so versteigt sich die heutige Ökonomie in immer esoterischere mathematische Modelle, die die reale Funktionsweise der Wirtschaft dennoch nicht beschreiben, geschweige denn voraussagen können.
Coopers Darstellung der Denkschulen, die die heutige Ökonomie dominieren, und der bizarren Widersprüche, die sich aus ihrem fundamentalen Dissens ergeben, ist bestechend. So wird zum Beispiel einerseits die universitäre Ökonomie stark von neoklassischen Modellen dominiert, die davon ausgehen, dass Marktkräfte, die nicht verzerrt werden, zu einem optimalen Gleichgewicht tendieren. Andererseits betreiben alle Notenbanken einen massiven «monetaristischen» Interventionismus und versuchen über Geldmengensteuerung der gebeutelten Realwirtschaft auf die Beine zu helfen. Wie passt das zusammen? Überhaupt nicht. Nach Cooper sind solche Widersprüche das Symptom der fundamentalen Defizite der heutigen Nationalökonomie.
Einen Grundfehler des vorherrschenden Paradigmas erblickt er darin, dass zwar theoretisch die Tugend des Marktes im Anreiz zum Wettbewerb liegt, dass aber die gängigen ökonomischen Modelle Marktteilnehmer gar nicht als Konkurrenten im strengen Sinn, sondern als «Maximierer» beschreiben. Das rationale Wirtschaftssubjekt will, laut Lehrmeinung, seinen Gewinn maximieren. Der Wille zu maximalem Gewinn ist aber nicht deckungsgleich mit dem Willen, die Mit-Wettbewerber zu schlagen. Letzterer hat eine kollektive Dimension – meine Leistungsbereitschaft hängt davon ab, wie gut die Konkurrenten sind, die ich schlagen will – und ist sehr viel komplexer zu modellieren. Marktteilnehmer verhalten sich in der Regel wie Usain Bolt: Sie rennen nicht so schnell, wie sie könnten, sondern nur schnell genug, um zu gewinnen. Deshalb versagt laut Cooper die Ökonomie bereits vor der Aufgabe, die wirtschaftlichen Grundanreize zu formalisieren.
Das mangelnde Verständnis für die Einflüsse des sozialen Umfeldes führt auch dazu, dass die heutige Volkswirtschaftslehre die Wichtigkeit der institutionellen Rahmenbedingungen unterschätzt. Für Cooper ist wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, wie sie sich mit der Industrialisierung zu entwickeln begann, untrennbar mit demokratischen Regierungsformen verknüpft. Langfristige wirtschaftliche Wohlfahrt ist an ein institutionelles Setting gebunden, das die Einkommenstransfers von der Unter- zur Oberschicht (über Unternehmensgewinne und Kreditzinsen) durch Gegentransfers von oben nach unten (über progressive Steuern und Sozialleistungen) kompensiert. Wenn die Transfers nur in eine Richtung laufen, wird das System ineffizient und instabil.
Mit einem wirtschaftlichen «Zirkulationsmodell» will Cooper darlegen, weshalb zwar Einkommensunterschiede nötig sind, um Wettbewerb zu erzeugen, andererseits aber auch Ausgleichsmechanismen existieren müssen, damit der Wettbewerb nicht aufgrund zu grosser Einkommenspolarisierung zerstört wird.
Vernichtend urteilt Cooper über die Politik des billigen Geldes, mit der die Weltwirtschaft seit Jahrzehnten gedopt wird: Billiges Geld fördert Privatverschuldung – also längerfristig Vermögenstransfers von unten nach oben. Sinnvoller wäre gewesen, mit Staatsverschuldung gegen die Krise anzugehen und so von oben nach unten umzuverteilen. Die Auferstehung der Weltwirtschaft könnte auf sich warten lassen.