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Er wollte das historische Paris abreissen und Hochhäuser an dessen Stelle bauen. Autobahnen sollten nicht um die Stadt herum, sondern mitten in sie hinein geführt werden. In Berlin ist eine Ausstellung des Schweizer Architekten Le Corbusier zu sehen.Dieser Inhalt wurde am 22. September 2009 - 15:36 publiziert
Wohnmaschine. Das hört sich ziemlich schrecklich an. Maschinen stehen nicht gerade für die Attribute, mit denen wir unser Daheim verbinden: gemütlich, warm und behaglich soll es zuhause sein.
"Coocooning" nennen Innenarchitekten die Vorliebe, aus den vier Wänden ein kuscheliges Nest zu machen. "Coocooning" ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was sich der Schweizer Architekt Le Corbusier unter Wohnen vorstellte.
In seinen Hochhäusern, eben Wohnmaschinen, sollte Wohnen ökonomisch, zweckmässig und reibungslos funktionieren – gerade so, wie etwa eine Nähmaschine ihren Dienst erfüllt. Le Corbusiers städtebauliche Visionen waren ebenso radikal, zum Beispiel der "Plan Voisin" von 1925: eine Hochhausstadt für drei Millionen Bewohner auf dem Grundriss des historischen Zentrums von Paris.
Die Ausstellung "Le Corbusier – Kunst und Architektur", die noch bis 5. Oktober im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, zeigt eine Rekonstruktion dieses utopischen Masterplans. Gleichermassen fasziniert wie abgestossen steht der Besucher davor.
Anstelle von Kirchen, kleinen Gassen und Plätzen, die den Charme der französischen Metropole ausmachen, setzte der kühne Stadtplaner rechtwinklig angeordnete Wohnblöcke mit 200 Meter hohen Hochhäusern, die von einem Netz innerstädtischer Autobahnen durchzogen werden.
Le Corbusier unterschied zudem kompromisslos zwischen Wohnstadt, Bürostadt und Amüsierstadt. Die gemütliche Kneipe um die Ecke, das kleine Geschäft im Parterre eines Wohnhauses waren in seinen Entwürfen nicht vorgesehen.
Streit um Raumhöhe
Die Berliner Ausstellung umfasst über 380 Originalexponate. Darunter sind Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Pläne, Erstausgaben von Le Corbusiers Büchern sowie natürlich seine weltbekannten Möbelstücke – etwa die Liege LC4, die heute zu den Bauhaus-Klassikern gehört.
Die Komplexität und Widersprüchlichkeit seiner Werke zieht sich wie ein roter Faden durch die Schau. So kann man seine Einfamilienhäuser, weisse Flachdachbauten auf Eisenbetonpfosten, als Kunstwerke betrachten. Doch die gut durchdachten Grundrisse mit veränderbaren Wänden, die Langfenster und die Flachdächer mit Dachgarten machen sie auch für unser Empfinden attraktiv.
Auch die heutigen Bewohner des 1958 gebauten Le Corbusier-Hochhauses beim Berliner Olympiastadion schwärmen von ihren hellen und praktischen Wohnungen über zwei Etagen, die viel Platz bieten, obwohl die Wohnfläche gar nicht so gross ist.
Was allerdings die ursprüngliche Raumhöhe betrifft, wandte der Stararchitekt mit der charakteristischen schwarzen Eulenbrille ein ziemlich egoistisches Masssystem an, nämlich seine eigene – eher bescheidene - Körpergrösse. Die Berliner Bauverwaltung konnte die Sozialbaumindesthöhe von 2,50 nur mit Mühe durchsetzen; Le Corbusier beabsichtigte lediglich 2,26 Meter.
Genial oder eher grössenwahnsinnig?
Die Berliner Ausstellung, die vom Vitra Design Museum erarbeitet wurde, zeigt auch zahlreiche Exponate von Zeitgenossen Le Corbusiers, um die wechselseitige Beeinflussung der untereinander befreundeten Künstler zu zeigen. Dazu gehören Originalmöbel von Charlotte Perriand und Jean Prouvé sowie Gemälde von Robert Delaunay, Fernand Léger, Georges Braque und André Bauchant.
Aufgeteilt ist die Schau in die drei Bereiche Contexts, Privacy and Publicity sowie Built Art. Durch die räumliche Trennung sollen laut den Kuratoren wichtige Leitthemen von Le Corbusiers Oeuvre sichtbar werden: seine Faszination für die moderne Grossstadt, sein Interesse am Orient, seine Hinwendung zu organischen Formen in den 30er-Jahren, aber auch sein Interesse an neuen Technologien und Medien.
Ob Le Corbusier ein Genie war, der viele Entwicklungen im Städtebau vorwegnahm, oder seine Wohnkonzepte vielmehr menschenfeindlich und grössenwahnsinnig waren, darüber lässt sich auch in der Berliner Ausstellung trefflich streiten. Etwa, wenn man vor den Plänen für die Neubebauung Algiers steht, die nie realisiert wurde: Kilometerlange "Wohnschlangen" aus aneinander gereihten Hochhäusern, deren zusammenhängendes Dachband Le Corbusier für eine Autobahn nutzen wollte.
An Selbstbewusstsein hat es dem stets korrekt in schwarzem Anzug gekleideten Architekten jedenfalls nicht gemangelt. So verweist sein Künstlername nicht nur auf den Namen seines Grossvaters, sondern auch auf das französische Wort für den Raben, le corbeau. Und ein Rabe ist nicht nur der Bote des Schönheitsgottes Apollo, auch der germanische Gott Odin verdankt seine Weisheit zwei Raben, die auf seiner Schulter sitzen.
Paola Carega, swissinfo.ch
"Le Corbusier – Kunst und Architektur"
Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die von den Berliner Festspielen ausgerichtet wird, läuft noch bis zum 5. Oktober 2009 und ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet.End of insertion
Anwärter für UNESCO-Welterbe
Le Corbusier wurde 1887 als Charles-Edouard Jeanneret in La-Chaux-de-Fonds geboren. Der Sohn einer alteingesessenen Familie absolviert die Kunstgewerbeschule und wendet sich schon früh der Malerei und Architektur zu.
1917 verlegt er seinen Wohnsitz und Arbeitsmittelpunkt endgültig nach Paris. Ab den 20er-Jahren ist Le Corbusier als Städteplaner in der ganzen Welt tätig und errichtet bedeutende Grossbauten wie das Nachtasyl der Heilsarmee in Paris (1929-1933), das brasilianische Erziehungs- und Gesundheitsministerium in Rio de Janeiro (1938-1943) oder das Regierungsviertel im indischen Chandigarh (1952–1961).
1965, mit 78 Jahren, stirbt Le Corbusier in Cap-Martin beim Baden im Meer. Bis heute ist er einer der schillerndsten und meistdiskutierten Architekten. Sein Werk hat nach wie vor einen beträchtlichen Einfluss auf Architektur und Städtebau.
22 architekturgeschichtlich besonders bedeutende Bauwerke und städtebauliche Ensembles von Le Corbusier sind derzeit nominiert für den UNESCO-Welterbetitel, darunter auch vier Gebäude in der Schweiz.
Zwar hat das UNESCO-Komitee Ende Juni den Antrag vorderhand abgelehnt. Doch im kommenden Jahr will das Gremium noch einmal darüber beraten.
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