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Als Marcel sich zum ersten Mal verkleidete, war er eine Haremsdame. Das heisst: er war eigentlich ein ganz normaler Schuljunge, der Fingernägel abbiss und sich vor Maikäfern graute - aber seine Clique beschloss aus ihm eine Haremsdame zu machen. Sie hatten irgend ein Sujet über die Basler Webstube. Und obwohl Marcel heute nicht mehr weiss, was eine Haremsdame in diesem Sujet zu suchen hatte, war er eine.
Sie schneiderten ihm blaue Pluderhosen. Nähten Strass-Klunker auf sein Kopftuch. Und liessen ihn so auf die Fasnacht los.
In der Nacht auf seinen ersten Morgenstraich hatte Marcel dann kein Auge zugetan. Er wälzte sich auf dem Bett wie ein gestrandeter Wal auf Sand. Immer wieder knipste er das Licht an. Und die Larve der Haremsfrau schaute ihn mit gespenstischen Augen an.
Marcel's Mutter kam ins Zimmer. "Du musst jetzt schlafen... das wird ein langer Tag!" mahnte sie den Kleinen. Sie gab ihm ein Zückerchen mit Baldrian. Und rieb seine Beine mit Essigwasser ein.
Er schlief trotzdem nicht.
Weil es seine erste Fasnacht war, hatten sie ihm für den Morgenstraich ein etwas verlottertes Kostüm und eine Larve geliehen. Es war ein viel zu grosser Waggiskopf. Marcel sah kaum aus den Augenschlitzen. Wie ein betrunkenes Nilpferd torkelte er mit seiner Steckenlaterne durch die teerdunkle Nacht dem Zug voran.
Marcel wäre lieber heimgegangen.
Mit der Haremsdame wurde auf einen Schlag alles anders. Schon als er mittags die Pluderhosen anzog und den glitzernden Umhang überwarf, wurde sein Gang schwebender. Als er nun gar seine neue Identität über den Kopf stülpte und sich im Spiegel betrachete, spürte er die Verwandlung: er war dieser Welt entrückt. Ja, er wurde - hokuspokus - zu einer andern Person auf einem neuen Planeten. Die Haremsdame zwinkerte ihm geheimnisvoll entgegen.
Sie zogen los und er verteilte Zeedel und Bonbons. Er überlegte genau, wem er seine Gunst schenkte: der netten, alten Frau dort... dem frechen, kleinen Buben - und dort war ja Frau Zülle. Die alte Zülle war der Aerger seiner Kindertage. Immer meckerte sie herum, wenn er im Hof mit dem Ball spielte. Nun stand er vor ihr, klopfte mit dem Teppichklopfer auf sie ein und nannte sie "den Brechreiz des Quartiers!".
Die Zülle schaute verdutzt - und Marcel genoss den Zauber der Anonymität. Es war wie in seinen Träumen, wo er sich manchmal unsichtbar machen konnte.
Damals wurde Marcel zum Fasnächtler. Und merkte: dass man nur in der Maske sich selber sein kann.
Später, als die Welt ihn als mächtigen Direktoren hofierte und ihm dieser Hof schon fast peinlich war, tröstete er sich: "Na ja - bald ist Fasnacht. Da schlüpfst Du wieder mal drei Tage lang in dein wahres Ich. Und sagst den Leuten, was Du denkst".
"Herr Gispel - die Oel-Männer aus Kuwait sind da..." meldete die Sekretärin.
Marcel erhob sich seufzend. Das würde schwer werden. Er ging zum Situngszimmer. Eine Gruppe von Männern mit arabischen Kopftüchern erwartete ihn. Ueber ihnen hing der verwitterte Larvenkopf einer Haremsdame an der Wand.
"Meine Herren - freut mich, dass Sie hier sind...", strahlte der Direktor die Delegation an.
Marcel schaute nur kurz zum Larvenkopf. Dieser zwinkerte ihm zu.
"Machen wir Nägel mit Köpfen", sagte der CEO, "in einer Woche ist Fasnacht!".