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|FotoTheorie

Die feinen Unterschiede
Der ästhetische Sinn als Sinn für die Distinktion - Paris 1979
von Pierre Bourdieu
Die ästhetische Einstellung bildet somit eine Diemsion eines objektiven, Sicherheit und Abstand voaussetzenden, distanzierten und selbstsicheren Verhaltens zur Welt; bildet eine Manifestation jenes Systems von Einstellungen, dessen Existenz sich gesellschaftlichen Bedingtheiten in Verbindung mit einer ganz besonderen Klasse von Daseinsbedingungen verdankt, nämlich Bedingtheiten, die zu einem bestimmten historischen Augenblick die paradoxe Form einer denkbar umfassendsten Freiheit gegenüber den Zwängen des ökonomischen Notwendigen annehmen.
Sie stellt sich darüber hinaus aber auch den distinktiven Ausdruck einer privilegierten Stellung innerhalb des Sozialraumes dar, dessen Unterscheidungswert sich objektiv in Relation zzu unter anderen Bedingungen erzeugten Manifestationen bemisst. Wie jede Geschmacksäusserung eint und trennt die ästhetische Einstellung gleichermassen.
Als Produkt einer bestimmten Klasse von Existenzbedingungen eint sie all jene, die aus denselben Bedingungen hervorgegangen sind, unterscheidet sie aber zugleich von allen anderen vermittels dessen, was sie wesentlich besitzen.
Der Geschmack ist die Grundlage alles dessen, was man hat - Personen und Sachen - , wie dessen, was man für die anderen ist, dessen, womit man sich selbst einordnet und von den anderen eingeordnet wird.
Die Geschmacksäusserungen und Neigungen d.h. die zum Ausdruck gebrachten Vorlieben, sind die praktische Bestätigung einer unabwendbaren Differenz. Nicht zufällig behaupten sie sich dann, wenn sie sich rechtfertigen sollen, rein negativ, durch die Ablehnung und durch die Ablehnung von anderen Geschmacksäusserungen.
Mehr noch als anderswo ist in Sachen des Geschmacks omnis determinatio nagatio; so ist wohl auch derGeschmack zunächst einmal Ekel, Widerwille - Abscheu oder tiefes Widerstreben ("das ist zum Erbrechen") - gegenüber dem anderen Geschmack, dem Geschmack des anderen.
Über den Geschmack streitet man nicht - nicht, weil jeder Geschmack natürlich wäre - was er, als Habitus, ja auch gewissermassen ist - , mit der Konsequenz, den anderen Geschmack dem Skandalon der Gegen-Natur zu überantworten, ihn als abartig zu verwerfen: Die ästhetische Intolerenz kann durchaus gewlttätig werden.