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Von Nadia Bajrami
Luca richtete sich zu voller Grösse auf und versuchte vergeblich, einen Blick auf den Brief in den Händen seiner Mutter zu werfen, die konzentriert am Pult sass. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, doch auch das half nicht. Also hüpfte er auf den alten Stuhl neben dem Pult – seinen heissgeliebten Mount Everest. Von oben herab starrte er nun gebannt auf das Papier, die Augen weit aufgerissen. Es sah aus, als hätte man ihm blaue Murmeln in das Marshmallow-Gesicht gedrückt. «Mama!», rief er halb ratlos, halb belustigt, «dieses Zeichen da oben links sieht aus wie ein Elefant!»
«Hör mal, mein Schatz, Mama braucht jetzt Zeit für sich allein, ja.»
«Aber ich hab doch gar nichts gemacht!»
Als die Mutter nicht antwortete, kraxelte er mit einem betont lauten Seufzer von seinem Berg herunter und stampfte aus dem Arbeitszimmer, dass der Boden vibrierte. Aber die Mutter reagierte noch immer nicht.
Im Wohnzimmer liess er sich auf das Sofa fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und schob trotzig die Lippen vor. Dann fiel Lucas Blick auf die Fernbedienung auf dem Salontisch. Bevor er nach dem Gerät langte, schaute er noch einmal in Richtung Arbeitszimmer, dann schaltete er den Fernseher an und suchte den Kanal mit seiner Lieblingsserie.
Ein sprechender Seestern jammerte, er sei auf der Strasse einer toten Miesmuschel begegnet. Der gelbe Schwamm – nicht weniger redselig – entgegnete: «Tote Miesmuscheln zu berühren – das ist gefährlich. Schlimme Krankheiten können übertragen werden, man kann sogar daran sterben.»
Luca rümpfte die Nase. Schluckte. Schauderte. Wie konnte etwas Totes einen tot machen? Er hatte immer gedacht, nur Lebendiges könne etwas töten.
Mit diesem mulmigen Gefühl machte er den Fernseher aus, legte die Fernbedienung weg und ging auf sein Zimmer.
Auf dem Weg dorthin kam er schnell auf andere Gedanken, denn es galt, wie immer, so über den Boden zu hüpfen, dass er nicht in die abgrundtiefen Canyons zwischen den Fliesen stürzte. In seinem Zimmer setzte er sich auf den bunten Auto-Teppich und bastelte aus Legosteinen ein Raumschiff mit Leoparden-Muster. Immer wieder versuchte er dabei, das Geräusch eines Raumschiff-Antriebs nachzuahmen, doch da er keine Ahnung hatte, wie sich so was anhörte, liess er sich ein Geräusch einfallen, das wie eine seltsame Mischung aus Mofa und Elektroroller klang.
Versunken in seine Arbeit und konzentriert auf sein Triebwerksgeräusch, hatte er nicht bemerkt, dass eine Wespe durch das offene Fenster ins Zimmer geflogen war und sich ins Bücherregal gesetzt hatte. Als der Düsenantrieb stockte und stotterte und der kleine Weltraumtechniker wütend mit den Armen fuchtelte, hob sie wieder ab und flog Schleifen im Zimmer. Sie brummte jetzt so laut, dass Luca auf sie aufmerksam wurde. Er zuckte, zog den Kopf ein und griff reflexartig nach einem Heft, das auf dem Boden lag.
Wespen gehörten definitiv nicht ins Weltall, also musste er den nervenden Brummer in die Flucht schlagen, und zwar richtig. In der einen Hand das Heft, in der anderen das Raumschiff, schlug er wild um sich, bis es still war.
Er hörte noch einmal genau hin, dann war er beruhigt.
Er hatte es geschafft. Er hatte das Weltall heldenhaft verteidigt und war nun in Sicherheit. Erleichtert widmete er sich wieder dem Raumschiff und zog nach erfolgreicher Reparatur neue Bahnen durch seine überirdische Welt. Direkt über dem Bücherregal entdeckte er einen neuen Planeten, neben der Spielzeugkiste gleich drei.
Nachdem er noch zwei Sterne am Rand des Teppichs gefunden hatte, knurrte ihm der Magen, und er wollte sich auch schon aufrappeln, als seine Finger etwas berührten. Er schaute genau hin und vergass zu atmen. Mitten auf dem Teppich, zwischen ein paar bunten Lego-Steinen, lag die Wespe, die er eben aus seinem Universum vertrieben hatte. Sie lag auf dem Rücken, die dürren Beinchen zeigten zum Planeten über dem Bücherregal. Und sie bewegte sich nicht.
Moment mal – hatte er die Wespe tatsächlich angefasst? Luca roch kurz an seinen Fingern und fragte sich, wie eine Wespe überhaupt rieche. Eine tote Wespe.
Er wurde bleich. Wie war das noch mal? Was hatte der blöde Schwamm gesagt? Schlimme Krankheiten… Luca spürte, wie ihm gleichzeitig heiss und kalt wurde.
Langsamer als sonst tapste er ins Arbeitszimmer der Mutter. Vorsichtig. Leise.
«Mama?», flötete er, «darf ich dich was fragen?»
«Hm?»
«Wie steht es eigentlich so mit – ich meine, mit Wespen?»
«Wespen? Wie kommst du denn –»
«Also, nehmen wir mal an… eine Wespe stirbt. Wespen sterben ja, oder?»
Sie hob den Kopf, kniff die Augen zusammen und sah ihn fragend an. «Korrekt, ja. Aber –»
«Und Wespen sind ja Tiere…»
«Ja, und Katzen und Hunde und Bienen sind auch Tiere. Keines lebt ewig – selbst wir Menschen sterben eines Tages.»
«Das weiss ich doch – aber wegen der Wespe, Mama!»
Ihr Blick verdüsterte sich, Falten zogen sich über die Stirn. «Wie bitte? Ich versteh gar nichts, Luca.»
Luca spürte, wie sein Herz pochte. Sie verlor allmählich die Geduld, aber er musste es wissen, selbst wenn ihm die Antwort nicht gefiel. Und er durfte nicht weinen. Astronaut mit einem riesigen Raumschiff war er; bis zur letzten Sekunde seines Lebens würde er nicht heulen. Trotzdem wollte er es wissen, unbedingt.
«Also rein theoretisch, Mama: Kann ein totes Tier Krankheiten übertragen?»
Luca war ein bisschen stolz darauf, diesen Begriff benutzt zu haben. Rein theoretisch. Den hatte er von seiner Mutter.
«Wie kommst du denn darauf?»
«In der Schule meinte Tobias, dass das möglich ist. Er sagte, er habe mal so was im Fernsehen gesehen.»
«Also, es ist schon möglich. Rein theoretisch.»
Die Mutter legte eine Pause ein und dachte nach. Dann erklärte sie: «Wenn dich zum Beispiel ein Fuchs beisst, der Tollwut hat, kann diese Krankheit auch auf dich übertragen werden. Verstehst du? Dann folgen Gliederschmerzen, schreckliche Krämpfe und Angst vor Wasser. Der Speichel läuft dir übers Kinn, und schlussendlich stirbst du.»
Luca schluckte.
«Also nur bei Füchsen, oder?»
«Auch bei Hunden und Wölfen.»
«Und rein theoretisch auch bei Wespen?»
«Hat dich etwa eine gestochen?»
Er zögerte, räusperte sich, machte den Mund auf und schloss ihn wieder. Er musste das Gespräch sofort beenden, andernfalls würde Mama etwas ahnen. Das durfte er natürlich nicht riskieren. Schliesslich war er Astronaut.
«Nein, nein. Ich dachte bloss», sagte er und ging so leise aus dem Arbeitszimmer, wie er reingekommen war.
Luca legte sich auf sein Bett. Wenn er den Kopf leicht drehte, sah er die Wespe auf dem Teppich. Sein Herz klopfte bis in den Hals hinauf, ihm wurde ganz übel.
Mit einer ruckartigen Bewegung zog Luca die Decke über den Kopf.
Und wartete.