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Für Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung mitten im Mittelmeer in Seenot geraten, bedeuten diese drei Worte die ganze Welt.
„Der einzige Satz, den sie hören wollen, ist ‚ihr seid in Sicherheit‘,“ sagt Abdelfetah Mohamed, der im Team für Nothilfe und Schutz an Bord der Ocean Viking arbeitet. Die Ocean Viking ist ein Schiff, dessen einzige Aufgabe ist, im Mittelmeer Menschen aus Seenot zu retten. Für die geretteten Menschen bedeuten die Worte “ihr seid in Sicherheit” vieles: Erstens werden sie nicht nach Libyen zurückgeschickt, wo sie oft für lange Zeit unter erbärmlichen Bedingungen inhaftiert sind. Aber es bedeutet auch, dass sie nicht auf dem Meer verloren gehen, ein Schicksal, das jedes Jahr eine Vielzahl von Männern, Frauen und Kindern ereilt.
Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration ist das zentrale Mittelmeer heute die tödlichste Migrationsroute der Welt, und in den letzten Jahren hat die Zahl der Menschen, die die Überfahrt versuchen, stark zugenommen. Die Ocean Viking hat es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass alle, die diese gefährliche Reise antreten, einen sicheren Hafen erreichen.
Fotos und Bericht von Alexia Webster
Ein Crewmitglied der der Ocean Viking sucht den Horizont nach einem Boot in Seenot ab, das in internationalen Gewässern zwischen Libyen und Italien gemeldet wurde. Die Ocean Viking, die von SOS MEDITERRANEE betrieben wird und an deren Bord die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) humanitäre Hilfe leistet, ist eines der wenigen Such- und Rettungsschiffe, die im Jahr 2022 von Nichtregierungsorganisationen im zentralen Mittelmeer eingesetzt werden.
Am frühen Morgen entdeckt die Besatzung der Ocean Viking ein überfülltes Schlauchboot, von dem sie später erfährt, dass es vor Kurzem aus Libyen abgefahren war. Die Besatzung der Ocean Viking schickt sofort Rettungsboote los.
Die Rettungsboote der Ocean Viking erreichen das in Seenot geratene Schlauchboot und beginnen, die erleichterten Insassen auf die Rettungsboote zu holen. Von dort aus werden sie an Bord der Ocean Viking gebracht, wo SOS MEDITERRANEE und die IFRC erste Hilfe, medizinische Versorgung, maternal health und Nahrungsmittel bereitstellen. Die Geretteten erhalten außerdem psychosoziale Unterstützung sowie Informationen über ihre Rechte und die Prozesse, die sie voraussichtlich erwarten, wenn sie in einem europäischen Hafen von Bord gehen.
„Als wir sahen, dass das Schiff kam, fühlten wir uns wie neugeboren,“ sagt Hayelom, einer der an diesem Tag geretteten Menschen. „Wir waren sicher, dass wir sterben würden. Ich wusste, es würde eine schwierige Reise werden. Aber wir haben den Tod als Alternative akzeptiert, anstatt in Libyen eingesperrt zu sein.“
„Das Einzige, was sie hören wollen, ist ‚ihr seid in Sicherheit‘,“ sagt Abdelfetah Mohamed, ein Freiwilliger des Italienischen Roten Kreuzes, der jetzt für die IFRC an Bord der Ocean Viking arbeitet. Abdelfetah ist selbst aus Eritrea geflohen. Seine Kenntnis mehrerer afrikanischer Sprachen und die Erfahrungen, die er selbst auf der Flucht vor dem Krieg und bei der Überquerung des Mittelmeers gemacht hat, ermöglichen es ihm, eine Verbindung zu den Geretteten aufzubauen und sie auf die schwierigen Schritte vorzubereiten, die vor ihnen liegen. „2011 kam ich mit einem kleinen Boot aus Libyen. Davor habe ich die Sahara durchquert. Diese Erfahrung bringt mich diesen Menschen also näher. Für sie ist dies ein wichtiger Moment. Ich wähle meine Worte also sehr gut und sage ihnen das alles mit Respekt und Würde. Das spüren sie und glauben mir.“
Die geretteten Menschen verbringen oft mehrere Tage an Bord der Ocean Viking, während das Schiff auf Genehmigung wartet, sie in einem sicheren Hafen an Land zu bringen. Es ist eine feierliche Zeit, eine Zeit der Erwartung und der Sorge um ihre unmittelbare Zukunft. Es ist auch eine Zeit der Zärtlichkeit, der Solidarität und der Reflektion, in der die Geretteten über das nachdenken, was vor ihnen liegt, was sie durchgemacht haben und über das Schicksal der Angehörigen, die sie zurückgelassen haben.
Auf dieser Reise gibt es auch neues Leben zu feiern. Das Kind wurde geboren, als eine Gruppe Überlebender kurz vor der Überfahrt in Libyen gefangen gehalten wurde. Zwar sind die meisten Menschen, die versuchen, das zentrale Mittelmeer zu überqueren, Männer, aber auch viele Frauen wagen die Überfahrt, manchmal mit Säuglingen oder kleinen Kindern.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Migrant sein würde,“ sagt Hayelom. „Es kam ganz plötzlich. Der Krieg begann ganz plötzlich im letzten Jahr, aufgrund der politischen Krise in Äthiopien. Wegen der Luftangriffe und Panzer flohen wir, um unser Leben zu retten. Im Sudan gab es ein Flüchtlingslager, also flohen wir in den Sudan, um unser Leben zu retten. Als wir das Lager im Sudan verließen, um Arbeit zu finden, wurden wir gekidnappt und nach Libyen gebracht. Vor neun Monaten kam ich zum ersten Mal nach Libyen. Im Moment möchte ich nicht nach Hause zurückkehren. Denn wenn ich in mein Land zurückkehre, werden sie mich in den Krieg schicken. Mein erster Traum in meinem Leben war es, in Frieden zu leben, zu lernen und meine Ausbildung abzuschließen. In der Zukunft möchte ich einige der Träume verwirklichen, die ich hatte. Ich wünschte, meine Familie könnte wissen, dass es mir gut geht, und sie könnten glücklich sein.“
Abdelfetah (weiß gekleidet in der Mitte) verbringt viel Zeit mit den Geretteten. Er erklärt ihnen die nächsten Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. „In dem Moment, in dem ich ihnen sage, ‚ihr seid in Sicherheit‘, denken sie, ‚Okay, was machen wir jetzt?‘. Und dann fange ich an, sie vorzubereiten. Ich fühle mich nicht nur dafür verantwortlich, ihnen etwas zu essen zu geben, mit ihnen zu reden und ihnen dann gute Nacht zu sagen. Ich möchte sie wirklich vorbereiten, denn viele von ihnen kommen mit großen Träumen an, und mit der Zeit erreicht sie der Schock. Also versuche ich, ihnen die Realität zu erklären. Ihr werdet von Hand zu Hand, von Zentrum zu Zentrum weitergereicht. Darauf müsst ihr euch also vorbereiten.”
Viele Gerettete wissen auch nicht, dass sie in dem ersten europäischen Land, in dem sie ankommen, bleiben müssen. In diesem Fall Italien. „Ich spreche darüber, was die Realität ist, wie Migrant*innen und Geflüchtete in Europa leben,” sagt Abdelfetah, der IFRC-Mitarbeiter, der sich nach der Rettung um die Überlebenden kümmert. „Wenn man in einem Land in Europa ankommt, kann man nicht weiterziehen. Ich kenne viele Menschen auf der Straße. Jedes Mal, wenn sie nach Deutschland gehen, werden sie zurückgeschickt. Sie gehen dorthin und werden zurückgeschickt. Und jetzt sitzen sie auf der Straße. Ich sehe sie an und sie tun mir leid. Es tut mir leid, was ihnen bevorsteht. Und deshalb sage ich: ‚Ich feiere, und dann stelle ich mich der Realität.‘“
„Ich habe viele, viele Dinge gesehen, die sich die meisten Menschen nicht vorstellen können,“ sagt Abdelfetah. „Ich kenne viele Menschen, die ein sehr gutes Leben hatten, und in einem Moment alles verloren haben. Und das lässt mich das Leben und alles was ich habe wertschätzen.“
Fotos von Alexia Webster / IFRC
Artikel aus dem IFRC-Magazin