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Die kommende Ausstellung der Kunsthalle Zürich ist dem US amerikanischen Konzeptkünstler Christopher Williams gewidmet. Im Sinne eines erweiterten Ausstellungsraums präsentiert Williams sich nicht nur in der Kunsthalle, wo 28 Fotografien des Künstlers aus der Serie For Example: Dix-Huit Leçons Sur La Société Industrielle (Revision) (2003 bis heute) gezeigt werden. Das mit dem Künstler und Kritiker John Kelsey konzipierte Radioprogramm Radio Danièle, in einer ersten Version Anfang 2007 in Bologna realisiert, wird für Zürich erweitert und in Zusammenarbeit mit Radio LoRa während der gesamten Dauer der Ausstellung von Sonntag- bis Mittwochnacht gesendet. Mit Albert Oehlen und John Kelsey erarbeitet Christopher Williams überdies ein Filmprogramm, das in einem der Arthouse Kinos zu sehen sein wird.
Christopher Williams
© Photo: Stefan Altenburger Photography
© Photo: Stefan Altenburger Photography
Christopher Williams (*1956), der in Los Angeles lebt und arbeitet, studierte in den 1970er Jahren am California Institute of Arts bei der ersten Generation der Konzeptkünstler an der Westküste – unter anderem bei John Baldessari und Douglas Huebler. Im Gegensatz zur ersten Generation konzeptueller Fotografen jedoch, setzt Williams in seinen Werken Perfektion und Ästhetik als Wirkungsträger ein.
Williams Fotografien, Videos, Installationen, Skulpturen und Performances erforschen die Bedingungen von Präsentation und Repräsentation und stellen vermittelte Wahrnehmung und wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Realität in Frage: Wie beeinflussen unsere Kommunikationsmechanismen und ästhetischen Konventionen die Wahrnehmung und das Verständnis von Realität?
Der Titel des 2003 begonnenen Projekts – For Example: Dix-Huit Leçons Sur La Société Industrielle (Revision) – bezieht sich auf die 1962 erschienenen Vorlesungen "Dix-Huit Leçons Sur La Société Industrielle" des französischen Soziologen Raymond Aron. In diesen untersucht Aron die Wachstumsfaktoren des fordistischen Kapitalismus und der sowjetischen Planwirtschaft.
Williams fotografische Vorgehensweise steht in Bezug zur industriellen Gesellschaft und ihrer Schnelllebigkeit und formuliert zugleich eine Kritik. So lässt der Künstler, der sich selber als Regisseur seiner Bilder versteht und die Aufnahmen von professionellen Studios und Fotografen produzieren lässt, die Fotografien in Verfahren abziehen, die heute kaum noch verwendet werden: die schwarz-weiss Abzüge realisiert er als Silbergelatine- oder Platin-Prints, die farbigen im Dye-Transfer-Verfahren. Diese Entscheidung hat für ihn nichts Nostalgisches, sondern er versteht sie als "den Versuch, diese Prozesse im Begriff ihres Verschwindens zu begreifen". Im Bildrepertoire spiegelt sich das Thema durch Anleihen an die Werbe-, Mode- und Architekturfotografie. Formale Gemeinsamkeit der Arbeiten ist die Isolation der Objekte vor meist neutralem Hintergrund.
Eine Nähe zur neuen Sachlichkeit und Williams Vorbild Albert Renger-Patzsch (1897-1966) ist augenfällig. Ähnlich wie dieser versucht Williams mittels Fotografie Strukturen und Phänomene der sichtbaren Welt in ihrer "Essenz" zu erfassen. Bei genauem Hinsehen werden jedoch bewusst eingefügte Störmomente offensichtlich. Durch die Bilder soll eine subtile Verschiebung unserer Wahrnehmung evoziert werden – dazu tragen nicht zuletzt die Bildtitel bei, die als Teil der Arbeiten verstanden werden müssen.
Auf den ersten Blick scheint die Serie der Duschbilder Model # 105M – R59C Kestone Shower Door... (2005) an Werbefotografie der 1960er Jahre zu erinnern. Auf den zweiten wird augenscheinlich, dass das Modell um einiges älter ist als man das gemeinhin aus der Werbebranche kennt. Meist posiert sie lächelnd vor der Kamera, auf anderen Arbeiten schaut sie gedankenverloren aus dem Bild. Dem Gesicht wird im Bildaufbau nur eine Hälfte des Bildes zugestanden, die andere nimmt die Duschkabine bzw. der in das Bild gehaltene Farbstreifen ein. Sichtbare kleine Hautunreinheiten sind der Tatsache geschuldet, dass Williams die Fotografien nicht nachbearbeitet.
Die Arbeit Kiev 88 (2003) zeigt den russischen Nachbau einer Hasselbladt, dem erfolgreichsten Modell einer Mittelformatkamera. Williams bemerkt, dass dieser Nachbau für ihn sei wie "using NASA technology in order to represent a harpoon". Folglich steht die Professionalität der "Werbe"-Aufnahme im Gegensatz zur Einfachheit des Modells.
Auch in den Arbeiten Velosolex 2200 Nr. 2 (2005) und Tropical House (Prototyp) (2005), spielen, neben dem künstlerischen Konzept der objektiven Darstellung, weitere Referenzen zu politischen und geopolitischen Fragen eine Rolle: Das Triptychon Velosolex 2200 Nr. 2 zeigt ein Fahrrad in drei Ansichten. In den französischen Kolonien Afrikas und Asiens war es ein beliebtes Modell. Die Legende des Fotos besagt, dass das Rad aus Vietnam nach Frankreich exportiert und schliesslich in einem Studio in Los Angeles fotografiert wurde. Auch Tropical House (Prototyp) erzählt von einer interkontinentalen Reise: 1949 entwarf der französische Architekt Jean Prouvé das "Tropical House" als Prototyp eines leicht zu errichtenden Fertighauses für billiges Wohnen in den französischen Kolonien. Bis 1999 standen sie in Brazzaville im Kongo, dann wurden sie vor dem Bürgerkrieg "gerettet" und zur Restaurierung zurück nach Frankreich gebracht. 2005 reiste eines der Häuser nach Los Angeles zu einer Ausstellung ins UCLA Hammer Museum, wo die Aufnahme während einer Ausstellung entstand.
Steht formal das künstlerische Konzept der Objektivität im Mittelpunkt, so unterwandert Williams dieses mit der Formulierung seiner Bildtitel: In einer zunächst kryptisch anmutenden Liste werden alle möglichen Informationen, die an das Bild geknüpft werden können, im Titel zusammengetragen: Angaben zum fotografierten Objekt, Name des Fotostudios, Datum, Material und Prozess. Doch eine Angabe fehlt – der Name des ausführenden Fotografen. So stellt Williams die Frage nach dem Wert von Information und der Autorenschaft zur Disposition; gleichzeitig zeigt er sich als subtiler Erzähler mit einem Faible für versteckte Anekdoten.
Am 26. Januar 1976 ging eine der ersten freien Radiostationen Italiens in Bologna auf Sendung: „Radio Alice“. 2007 organisierte Christopher Williams, zusammen mit John Kelsey, parallel zu einer Ausstellung in der Galleria d’Arte Moderna in Bologna Radio Danièle – in Erinnerung an Radio Alice und als Hommage an die französische Regisseurin Danièle Huillet (1936-2006). Die beiden Organisatoren luden mehr als 60 Künstler, darunter Bernadette Corporation, Dan Graham, Paul McCarthey, Seth Price und Lawrence Weiner ein, einen Beitrag fürs Radio zu gestalten. Diese reichten von Lesungen, Musikeinspielungen und Konzerten bis hin zu experimentellen Tonaufnahmen. Auf "Radio LoRa 97,5 – alternatives Lokalradio Zürich" wird dieses Programm über die Dauer der Ausstellung in der erweiterten Zürcher Version fortgeführt.
Im Rahmen des Kölner Film Festivals 1992 wurden Albert Oehlen und Christopher Williams eingeladen, ein Filmprogramm zu gestalten, in dem jeder gezeigte Film – einem Dialog gleich – eine Antwort auf den vorangegangenen gibt: Albert Oehlen startete das Screening am 27. September mit Change von Peter Wirth aus dem Jahr 1971; den Abschluss bildete Stille Nacht O Tannenbaum von Hermann Jauk aus dem Jahr 1967. Der Dialog wird nun in Zürich in einem der Arthouse Kinos erweitert und fortgesetzt.
Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung und Swiss Re