Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03652.jsonl.gz/2063

Karin Suter zeigt im Kunsthaus Baselland ihre erste institutionelle Einzelausstellung. Die Künstlerin, welche bis 2004 an der FHNW/HGK bei Renée Levi und Jürg Stäuble studierte, ist mit ihrem frühen Arbeiten vor allem als Malerin und Zeichnerin aufgefallen. Seit einigen Jahren hat sie ihr Werk in Richtung Skulptur und Installation erweitert.
Für die Ausstellung Dwelling on Matter (bedeutet im physischen oder gedanklichen Sinne, Verweilen oder Wohnhaft-Sein in einer Materie oder einem Thema) konzipierte die Künstlerin eine Art poetische Landschaft bzw. einen Parcours, bestehend aus unterschiedlichen Sockeln und skulpturalen Gebilden. Sie geht dabei einer der wichtigsten bildhauerischen Fragestellungen seit Brancusi nach, nämlich jener nach dem Verhältnis zwischen Sockel und Skulptur bzw. deren Verhältnis zum Betrachter. Je höher ein Objekt präsentiert wird, desto mehr Einfluss, Macht und Bedeutung wird dem so Erhobenen im Allgemeinen visuell zugesprochen; der umgekehrte Effekt stellt sich ein bei der Verwendung von niedrigen Sockeln. Wenn die Künstlerin nun die Anzahl der auf Sockel dargestellten Objekte und Skulpturen beinahe zu einem Wald von Sockeln und Skulpturen steigert, so entgeht sie jener vermeintlichen Gleichung und nivelliert die Frage der Hierarchie. Die von Suter verwendeten Sockel sind von völlig unterschiedlicher Materialität: Ein Hocker kann ebenso zum Sockel werden wie ein auf zwei Holzböcken platziertes Brett, wodurch sie hinterfragt, ob jede Art von Sockel glaubhaft zum Träger eines ‹Erhöhten› werden kann, oder ob — wie in der Kunst von Brancusi — das gesamte Arrangement zur Skulptur wird, welches mit dem Rezipienten in Beziehung tritt.
Die Skulpturen generiert die Künstlerin teilweise aus gefundenen und weiterbearbeiteten Objekten oder auch aus Naturelementen. Das Horn eines Tieres wird beispielsweise in der Form verlängert und verändert. Ein beinahe verdorrtes Blatt oder eine gefundene Büste werden mit schwarzem Epoxidharz übergossen oder darin eingetaucht, was in der Folge die jeweiligen Strukturen hochglänzend versiegelt und konserviert. Die Spuren der Bearbeitung, die Fäden des zähflüssigen Harzes und sonstige Farbflecken lässt die Künstlerin sichtbar — als Form gewordene Materie. Ihr wiederkehrendes Formrepertoire basiert auf geometrischen Archetypen: Kreise, Kugel, Spiralen, Ellipsen, Quader oder Rechtecke dienen als veränderbare Urformen, die eine Erweiterung erfahren können.
Ein weiteres Thema, das die Künstlerin in ihrer neuesten Werkreihe aufgreift, ist jenes der Balance. Von den kompositionellen Überlegungen in der Malerei ausgehend, lotet Karin Suter auch in den skulpturalen Anordnungen jene Positionen aus, an denen die jeweilige Form gerade noch an einem bestimmten Punkt steht oder hängt. In manchen Skulpturen — die Künstlerin bezeichnet sie auch als «prekäre Situationen» — wird die Balance mittels Keilen oder Ziegelsteinen hergestellt. Der gefundene unregelmässig geschnittene Baumstumpf eines wilden Kirschbaums ist mit einem Ziegelstein abgestützt. Die Form, die eigentlich ein Sockel sein könnte, wandelt sich zur Skulptur und führt so das traditionelle Sockel-Skulptur-Verhältnis ad absurdum.
Angeregt von literarischen Quellen (Marianne Moore, Wallace Stevens, Daniel N. Tiffany, u.a.) gilt Suters jüngstes Interesse Automaten, Maschinen, Robotern und Uhren, die sie in manchen Skulpturen formal und inhaltlich aufgreift. Die Beherrschung der Natur mittels technischer Reproduktion und mimetischer Nachahmung stehen dabei im Fokus. Die Künstlerin setzt die Fragestellung um, indem sie auslotet was Kunst überhaupt sein kann. Ihre Installationen, Skulpturen, Zeichnungen und Malereien sind als konzeptuelle, prozessorientierte Versuchsanordnungen über die formalen Grundbedingungen eines Mediums und der Darstellung an sich zu verstehen. Sie handeln von Abstraktion und Suggestion, Verfremdung und Symbolik, mitunter auch Ornament und Textur.
Text von Sabine Schaschl