Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/2374

Der Mensch folgt dem Gesetz der Erde,
die Erde folgt dem Gesetz des Himmels,
der Himmel folgt dem Gesetz des Dao [des ‚Weges‘].
Das Dao folgt seinem eigenen Lauf.
So dichtete der Philosoph und Mystiker Laozi (5. Jh. v.Chr.) in seiner berühmten Schrift Dao De Jing („Buch vom ‚Weg‘ und seinem Wirken“). Die zentrale Lehre des Daoismus besteht darin, dem Menschen seine Stellung und seine Aufgabe im Universum bewusst zu machen. Er soll sich nicht, wie etwa in der abendländischen Tradition, als „Krone der Schöpfung“, als „maître et possesseur du monde“ (R. Descartes, 1596-1650) betrachten, sondern um sein Eingebundensein ins grosse Ganze wissen. Er soll Selbstüberschätzung und Selbstsucht abstreifen, nachgiebig und bescheiden werden. Nur so, indem er den Gesetzen von Himmel und Erde folgt, und nicht, indem er der Natur, den Lebewesen und seinesgleichen seinen Willen aufzuzwingen versucht, dient er auch am besten seinen wahren Interessen und seinem Wohlergehen.
Der Weise, er setzt sein Selbst hintan,
und so kommt auch er selbst voran.
Indem er sein Selbst vertreibt,
er auch selbst erhalten bleibt.
Weil er nichts Eigenes begehrt,
wird ihm sein Eigen nicht verwehrt.
Aus dieser Grundüberzeugung heraus entwickelten die Daoisten im alten China über Jahrhunderte hin vielfältige Methoden, um das menschliche Leben mit der Natur und dem Universum in Einklang zu bringen. Alle Charakteristika der authentischen chinesischen Kultur haben hier ihren Ursprung. Man strebte nach der grossen Harmonie von Himmel, Erde und Mensch. Die agrarische Lebensweise der Bevölkerung förderte das Interesse an genauer Beobachtung der klimatischen Veränderungen im Jahreslauf sowie der Zyklen von Sonne, Mond und weiteren Gestirnen. Da der Mensch selbst als Mikrokosmos betrachtet wurde, als ein Wesen, das von den gleichen Gesetzen bestimmt ist wie das ganze Universum und in dem sich somit auch die gleichen Prozesse abspielen wie im Makrokosmos, fanden die Ergebnisse der Naturbeobachtung und die Konzepte der Naturphilosophie nicht nur in der Landwirtschaft und in mancherlei staatlichen Vorkehrungen Anwendung, die man heute dem Natur- und Umweltschutz zurechnen würde, sondern beispielsweise auch – in Gestalt der Energielehre Feng Shui – in Architektur, Städtebau, Garten- und Landschaftsgestaltung; in den Kampfkünsten („Nichts auf der Welt ist so weich und nachgiebig wie das Wasser, und doch bezwingt es das Harte und Starke“, Dao De Jing); in der Medizin, die zu einem grossen Teil auf den Theorien von Yin und Yang sowie von den fünf Elementen oder Wandlungszuständen (Wu Xing) beruht – und nicht zuletzt in allen Bereichen der Gesundheitspflege und -vorsorge (Yang Sheng) wie der Ernährungslehre, dem Qi Gong und der daoistischen Liebeskunst.
Die grossen Geistestraditionen im alten China – Daoismus, Konfuzianismus und später noch der Buddhismus – standen zwar in manchen Fragen in Opposition zueinander, haben sich aber dessenungeachtet über die Jahrhunderte hin immer stark ausgetauscht und gegenseitig beeinflusst. So teilt der Daoismus ein entscheidendes methodisches Prinzip mit dem Konfuzianismus: das tägliche Üben, die stete, geduldige Kultivierung seiner selbst. Von Kongzi (Konfuzius, 551-479 v.Chr.) ist dieser Ausspruch überliefert:
Mit fünfzehn hatte ich mich zum Lernen entschlossen.
Mit dreissig stand ich fest, mit vierzig war ich frei von Zweifeln.
Mit fünfzig erkannte ich den Willen des Himmels.
Mit sechzig war ich immer noch lernbegierig.
Mit siebzig konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen,
ohne gegen das Rechte zu verstossen.
Erst gegen Ende seines Lebens also, so bekennt der Meister hier, hatte er für seine Person das Ziel, die Einheit von Himmel, Erde und Mensch, erreicht – erst als die Wünsche seines Herzens auf natürliche Weise, ungezwungen, mit dem übereinstimmten, was er im Denken schon Jahrzehnte zuvor erkannt hatte, dem Willen des Himmels. Der zur Vollendung gelangte Weise entspricht dem Dao – er darf sich erlauben, „seinem eigenen Lauf“ zu folgen, „ohne gegen das Rechte zu verstossen“. Zu Laozi zurückkehrend, finden wir eine Stelle im Dao De Jing, die sich in ihrer Knappheit und Dichte vortrefflich als Lebensregel für den persönlichen ‚Weg‘ der Kultivierung eignet:
Wisse das Einfache zu schätzen, umfange das Ungekünstelte,
verringere die Selbstsucht, zügle die Begierden.
Der Sinn dieser Devise geht indes über das Alltagspraktische und Ethische noch weit hinaus. Anders als Konfuzius und seine Schüler strebten die Daoisten nicht nur das Sich-Angleichen an den Willen des Himmels, sondern entsprechend ihrer Makrokosmos-Mikrokosmos-Anschauung die persönliche Unsterblichkeit durch Einswerdung mit dem Dao selbst, dem unerschöpflich zeugenden Urquell des Universums an. Die daoistische Selbstkultivierung hat eine spirituelle Dimension, sie geht in eine mystische Praxis über. Nochmals Laozi:
Wer ohne Begehren schaut,
dem offenbart sich das Geheimste;
wer begehrend schaut,
erblickt nur das Begrenzte.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wie die Konfuzianer beschreiten auch die Daoisten den Weg der Selbstkultivierung im Sinne einer Läuterung und Selbstüberwindung, um zur Einheit mit Himmel und Erde zu gelangen und so der natürlichen Harmonie in allen Bereichen des Lebens zu entsprechen. Darüber hinaus verfolgen sie das Ziel, in spirituellem Sinne „unsterblich“ zu werden, indem sie sich als der Mikrokosmos, den sie individuell verkörpern, mehr und mehr dem Lebensquell Dao selbst anzugleichen streben. Zu diesem Prozess gehört, dass sie sich „ent-ichen“, sich gleichsam leer machen. Denn leer, eigenschaftslos, „nicht-seiend“, ist das Dao, aus dem doch die ganze Fülle des Seins hervorgeht.
Hier wird ein Paradox deutlich. Das Dao zeugt und schafft spontan, es „folgt seinem eigenen Lauf“. Alles wirkt es, aber ohne eigentliches Handeln, da frei von Vorsatz und Absicht. Sein Tun ist ein – allerdings unerschöpflich produktives – Nicht-Tun (Wu Wei). Der sich daoistisch Kultivierende steht also vor der Herausforderung, sich einerseits seinem spirituellen Ziel (als Einswerdung, mystische Schau, Unsterblichkeit oder wie auch immer umschrieben) ohne Übungsmethoden überhaupt nicht nähern zu können, das Ziel aber andererseits niemals zu erreichen, so lange noch irgendeine Form von Eigenwillen, so lange noch Absichten und Begierden im Spiel sind. Das Dao De Jing beginnt mit den Versen:
Das Dao [der ‚Weg‘], das man bezeichnen kann,
ist nicht das ewige Dao.
Entsprechend könnte man für den Übungsweg formulieren: „Das Ziel, das man von sich aus, durch eigenes Tun erreichen kann, ist nicht das wahre Ziel“. Die Übungsmethode muss diesem Paradox gewachsen sein. Laozi lehrt:
Wer sich dem Lernen hingibt, nimmt täglich zu.
Wer sich dem Dao hingibt, nimmt täglich ab –
nimmt ab und abermals ab und kommt so zum Nicht-Tun.
Verweilend im Nicht-Tun bleibt doch nichts ungetan.
Mein verehrter langjähriger Lehrer Meister Li Zhi Chang pflegte uns Schülern daher im Unterricht jeweils zu Beginn einer meist sehr anspruchsvollen, hohe Konzentration erfordernden inneren Übung die paradoxe Anweisung mitzugeben: „Wir üben schlampig“, „Wir üben, als ob wir etwas verblödet wären“ oder gar „Wir üben nicht“. Manchmal empfahl er auch die Vorgehensweise „Mit der Form der Übung beginnst – im Formlosen endest du“. Im Formlosen, Chaotischen – der Grundeigenschaft des eigenschaftslosen, geheimnisvollen Dao.