Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03614.jsonl.gz/1463

Dicke Bücher machen mich begierig. Dabei sticht mich der Wunsch, eine Geschichte sollte nie zu Ende gehen. Nie.
Schätzungsweise vor einem Jahr stiess ich wieder auf ein Exemplar von so verführerischen Ausmassen. Ich zog es aus dem Regal der ZHB, oder nein, es stand noch im Provisorium an der Murbacherstrasse. Auffällig lockte es mit dem Titel Briefe!. Simon Garfield hatte es geschrieben und Jörg Findling, der Übersetzer, hatte zum Titel vermerkt: Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte. Im Original heisst das Werk weit pragmatischer: To the letter. A journey through a Vanishing World.
Die zersägten Kisten
Schon auf der ersten Seite wurde mir klar, dass dieser Simon Garfield ein literarischer Tausendsassa sei. Ein leidenschaftlicher Erzähler. Er berichtet gleich zu Beginn vergnüglich von einer Auktion in England, auf der eine Serie von Briefen eines gewissen Walkers versteigert werden sollte. Keine langweiligen Geschäftsbriefe, offizielle Mitteilungen und so weiter waren es, nein, die Geheimnisse eines Variété- und Entfesselungskünstlers namens Val A. Walker. Er weihte einen Freund in seine sämtlichen Tricks und Drehs auf den Bühnen der Welt ein. Und ganz besonders seine Erfindung, die zersägten Kisten, aus denen nach dem Zerstörungswerk eine völlig intakte wunderschöne Dame stieg.
Für Garfield sind Briefe Beweisstücke, er bezeichnet sie als das Öl im Getriebe des menschlichen Miteinanders. Er setzt eine Welt ohne Briefe einer Welt ohne Sauerstoff gleich.
Auf den letzten sechsundzwanzig Seiten findet sich eine Auflistung all der Literatur, die er durchforscht hat, eine gewaltige Recherchearbeit, um sein Thema einzukreisen. Darunter Geschichten wie jene über Oscar Wilde, der seine Briefe nicht etwa, wie es sich gehört, ordentlich zum nächsten Briefkasten trug, nein er versah sie zwar mit der Adresse und den nötigen Briefmarken, warf sie aber danach aus dem Fenster. Und die allermeisten sollen zu ihren Adressaten auf der englischen Inselwelt gefunden haben.
A propos England. Britannien bildete fast zweitausend Jahre vor dem Brexit die Nordgrenze des römischen Reichs. In einem abgelegenen hügeligen Gelände namens Vindolanda im Gebirge der Pennines hatten die Römer fünf Kastelle erbaut, um die Strasse nach Londinium und Rom zu überwachen. 1973, nachdem in Vindolanda schon seit geraumer Zeit gegraben worden war, kamen neben Krügen und Waffen unverhofft über tausendfünfhundert Jahre alte Aufzeichnungen ans Tageslicht. Einige davon waren bloss Listen, auf Lehm oder sehr dünne Späne gekratzt, die meisten nicht grösser als unsere Kreditkarten.
Eine Archäologin jedoch schaffte es, zahllose Privatbriefe mit Aufzählungen praktischer Gegenstände wie Socken, Sandalen, Unterhosen, die die Soldaten zugeschickt erhielten, zu entschlüsseln. Einige der Notizen waren gefaltet wie heutige Briefumschläge, und die entzifferten Worte, so banal sie uns scheinen, enthalten Hinweise auf den Alltag der Legionäre der ersten Jahrhunderte unserer Zeit. Ich muss zugeben, so was würde ich ungeheuer gerne auch mal finden.
Liebesbriefe im Krieg und Briefe mit blutigem Anhang
Weiterblätternd in dem Buch stosse ich in regelmässigen Abständen auf einen Briefwechsel aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Chris weilt in Griechenland mit seiner Kompanie, Bessie in England. Der Krieg hat ihre Träume zerstört. Oder immerhin deren Erfüllung in unbestimmte Zeiten verschoben. Sie müssen warten, bis der Wahnsinn vorbei ist.
Doch die Geschichte der Briefe aus aller Welt und aller Zeit verdankt diesem Umstand einen Schatz, der uns ohne Krieg versagt geblieben wäre. Chris schreibt zum Beispiel an Bessie: «Aber das Leben ist hart – vom Wünschen wird es nicht besser. Meine Gedanken sind viel zu oft bei Dir für mein körperliches Wohlbefinden und mein seelisches Gleichgewicht. Tagsüber gehst Du mir einfach nur runter wie Öl und nachts mache ich Ärger. «Verschlungen» beschreibt auch meinen Zustand gut, ein ziemliches Herumstrampeln, ohne Halt.»
Chris ist kein Dichter, er schreibt sein augenblickliches Empfinden nieder. Was ihn dabei antreibt und inspiriert, ist der Versuch, Bessie zu schildern, was die Verliebtheit mit ihm macht. Ihre Antworten finden sich ebenfalls zwischen den Seiten des Buchs, sind aber viel verhaltener. Doch wir können miterleben, wie ihre Liebe zu Chris wächst und gegen Ende von «Liebe!» immer intensiver wird, denn es naht ja das Wiedersehen. Chris muss aber noch Monate in Italien ausharren, bis es endlich zur Heirat kommt. Bevor das Buch in den Epilog übergeht, endet es mit den Worten: «Ich will dich fest drücken und Dir sagen, dass du mein bist und ich dein. Ich liebe dich! Chris.»
Aber davor stosse ich in meinem Wälzer auf etliche weitere Liebesbezeugungen. Darunter jene des paranoiden und haltlosen Königs Heinrich VIII. an Anne Boleyn im sechzehnten Jahrhundert. Es bleibt nicht bei den vollgekritzelten Bögen, der König lässt seiner Angebeteten bisweilen sogar einen Anhang in Form eines Hirschs, eines Rehbocks mitschicken, «von eigener Hand getötet», damit sie «an den Jäger denken lassen», wenn sie auf Annes Teller lägen. Was für ein Aufwand, wenn man bedenkt, dass damals einzig Kuriere auf Pferden unterwegs waren.
Anne war die Hofdame von Heinrichs erster Gattin gewesen, eine Schönheit, heisst es. Doch hatte sie ihm nach langem Liebeswerben bekanntlich nicht den ersehnten Thronfolger, sondern ein Mädchen geboren. Der beleibte Playboy war auch noch paranoid, weshalb er, obwohl einst «vom Pfeil der Liebe getroffen», seine einstige Abgöttin mit neunundzwanzig Jahren nach dreijähriger Ehe auf dem Schafott ermorden liess. Nichtsahnend, dass ihre Tochter Elisabeth dereinst ein Weltreich aufbauen würde.
Ich selbst habe in meinem Leben auch flammende Briefe erhalten. Aber ein totes Schwein war nie dabei, ebensowenig ein selbstgefischtes Fischlein. Dafür waren jene lettres d’amour meist ordentlich auf sauberes keusches Papier geschrieben. Während in alter Zeit, so behauptet mein Buch, manche unbezähmbare Leidenschaft auf die Rückseite bereits beschriebener Seiten geschmettert wurde. Heute gelingt es oft nur mit Mühe, sie zu entziffern. Aber in den Jahrhunderten nach Birkenrinden und Lehmtäfelchen war Papier spärlich vorhanden, war noch rar und kostbar.
Schluss mit Schönschrift
Da gibt es Abbildungen von Briefen in Garfields Buch, die etwas liederlich wirken. Unsere Lehrpersonen heute hätten sowas nie durchgehen lassen. Napoleon beispielsweise riss den oberen Rand eines grösseren Blattes weg, um auf diesem Fetzchen seine Liebe zu Joséphine zu beschwören. Just nach einem Streit und wenige Wochen bevor er auf seinem Ross Europa zu erobern begann. Dickere und dünnere Schriftzüge, bei denen die Tinte an der Feder bereits vertrocknet war, eine ganze Zeile durchgestrichen, überschriebene Wörter, überschriebene Buchstaben, geflickte Wörter, die zuvor sogar unterstrichen worden waren, zeugen von der Impulsivität des korsischen Heissblutes.
Der grosse Empereur war seiner Leidenschaft für Joséphine sichtlich ausgeliefert. Mit Haut und Haar und Knochen. Und gäbe es diese alten Briefe nicht, wer wüsste noch davon? Dabei sollte man auch die Rolle der Antiquariate nicht vergessen mit ihren Archiven, ihren Schachteln und Zettelchen, ihren Listen und unzähligen Verbindungen in Estriche und Abstellkammern. Wo blieben ohne sie solche unersetzlichen Zeugnisse vergangener Ekstasen?
So schenkte beispielsweise die Familie eines gewissen Albin Schram, Rechtshistoriker aus Prag, diesem Bonapartes schwer zu lesenden, fleckigen Brief. Der Beschenkte verkaufte ihn 1973 für mehrere tausend Pfund bei Sotheby’s. Doch schon 2007, zwei Jahre nach Schrams Tod, lag der Schätzwert des Gekritzels bei Christie’s zwischen dreissigtausend und fünfzigtausend Pfund. Was quälen wir uns und unsere Kinder denn noch mit der Schön- und Rechtschreibung, wenn ein schludriger Brief noch nach zweihundert Jahren einen derartigen Geldsegen einzubringen vermag!
Faszinierend auch, was Garfield zur Institution der Briefkästen schreibt, deren Geschichte auch nicht zu verachten ist. Sie ist noch nicht sehr alt. Als man damit begann, einander schriftliche Mitteilungen zu machen, schoben die Absender ihre Nachrichten unter einen Stein, eine Baumwurzel, in jedes Versteck, das dafür geeignet und dem Empfänger oder der Adressatin bekannt war. Wenig verlässlich, diese Sache! Daher gingen sie einen Schritt weiter und baten ein paar Jahrhunderte später einen Kurier oder eine Händlerin, die in die Gegend jenes bestimmten Wohnorts unterwegs waren, diesen Umschlag bitteschön dort in der Nähe jemandem abzugeben, beispielsweise in einem Laden, einem Wirtshaus. Wenn die Person, auf die die Anschrift passte, zufällig auftauchte, sollte man ihr den Brief zustecken. Das konnte Monate dauern. Es soll in einem Fall sogar ein Leben gedauert haben.
Mehr Briefverkehr dank der Briefkästen
Den ersten Briefkasten soll es 1633 in der schlesischen Stadt Liegnitz gegeben haben. Die Liegnitzer nutzten die Tatsache für sich, dass ihre Stadt an der Route Leipzig–Breslau liegt und stellten am Haynischen Tor ein hölzernes Kästchen für Boschaften auf, die die Boten im Vorübergehen mitnehmen sollten. Umgekehrt liessen die Kuriere die Post für das Städtchen im Behälter zurück. Bezahlt wurde noch nichts für diesen Dienst, denn schon Jahre davor war vereinbart worden, dass die Kuriere der Stadt unentgeltlich dienten. Acht Jahre später gab es auch in Hamburg einen ersten hölzernen Briefkasten, in Berlin soll es bis 1766 gedauert haben.
In Paris liess Louis XIV. im Jahr 1653 Briefkästen aufstellen und wollte ein richtiges Briefkastensystem aufbauen, das allerdings nur acht Jahre dauerte. Über hundert Jahre später besetzte Frankreich 1795 die linksrheinischen Gebiete Deutschlands, und jetzt installierten die Besatzer dort systematisch ihre Briefkästen. Beim Abzug 1814 liessen sie diese einfach zurück. Niemand aber wollte sie jetzt noch von den Hausmauern und Zäunen reissen. Im Gegenteil: die Rheinländer sandten ein Gesuch nach Berlin, sie möchten die praktischen kleinen Schreine unbedingt weiter nutzen dürfen.
In England – wir haben es oft in Filmen gesehen – rutschen die eingehenden Briefe bis heute unter der Haustür herein oder fallen durch einen Schlitz. Doch um seine Briefe aufzugeben, musste man noch 1851 durch die ganze Stadt zur Post laufen. Da beschloss ein Vielschreiber namens Anthony Trollope, das lasse er sich nicht länger gefallen. Er erfand die englischen Säulenbriefkästen, von denen ein Jahr später gleich vier auf der Kanalinsel Jersey in St. Heliers aufgestellt wurden. Im Zentrum Londons folgten vier Jahre später gleich sechs der roten Säulen mit Schlitz. Und heute leuchten einem diese überall in England entgegen.
Mein Thema ist hiermit noch lange nicht erschöpft, aber aus Platzgründen muss ich einen Schlusspunkt setzen. Ich hoffe, man verzeiht mir. Doch wenn Sie möchten, erzähle ich in ein paar Wochen ein wenig mehr aus Simon Garfields Briefe!
Ja
Nein