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2010 wurde in Argentinien ein Interviewbuch mit Jorge Mario Kardinal Bergoglio und dem Rabbiner Abraham Skorka, dem Rektor des lateinamerikanischen Rabbinerseminars in Buenos Aires, veröffentlicht, das eine tiefe interreligiöse Freundschaft der beiden Gesprächspartner belegt. Das Interview deckt eine grosse Anzahl von aktuellen Themen ab, über Gott und den Teufel, die Religionen, Atheisten, Gebet, Fundamentalismus, Tod und Sterbehilfe bis zu Abtreibung, Scheidung und Homosexualität.
Die deutschsprachige Ausgabe
2013 veröffentlichte der Riemann-Verlag in München eine deutsche Übersetzung: Papst Fraziskus: Über Himmel und Erde. Jorge Bergoglio im Gespräch mit dem Rabbiner Abraham Skorka, 255 S. In den interessanten Ausführungen liefert Bergoglio eine interessante Beschreibung des religiösen Amtes: «Ein religiöser Anführer kann sehr stark sein, sehr firm, doch ohne Aggression auszuüben. Jesus sagt, der Führende soll werden wie der Dienende. Für mich gilt diese Vorstellung für religiöse Vertreter jeder Konfession. Die wahre Macht der religiösen Führerschaft verleiht das Dienen (…). Der geistliche Führer teilt und leidet mit seinen Brüdern, und er dient ihnen» (236 f.). Unter dem Stichwort «Über die Ehe zwischen Personen gleichen Geschlechts» betont Bergoglio: «Man muss sehr klar von den Werten, Grenzen und Geboten sprechen, aber eine geistliche, pastorale Bedrängung ist nicht gestattet» (126). Der Einzelne hat also das Recht auf seine Entscheidung im Privatleben. Das Buch verdeutlicht, das vieles, was Bergoglio als Bischof von Rom verkündet, schon früher grundgelegt war.
2015 erschien im Matthias-Grünewald-Verlag in Ostfildern ein Dialogbuch mit den Schweizer Gesprächspartnern Michael Bollag und Christian Rutishauser SJ. Es weist im Vergleich zum argentinischen Dialogbuch Erweiterungen auf: Die nach sieben Themen geordneten Dialoge werden in einer Reflexion zusammengefasst und mit wichtigen jüdischen und kirchlichen Originaltexten mit Kommentar ergänzt. Ein Jude und ein Jesuit im Gespräch über Religion in turbulenter Zeit setzt höhere intellektuelle Anforderungen an die Leserschaft, ist aber genauso spannend. Ein Vorwort von Kurt Kardinal Koch, dem Verantwortungsträger für den Dialog im Vatikan, leitet das umfangreiche, höchst interessante Buch von 211 Seiten ein, gefolgt von einem Vorwort vom Rabbiner David Rosen.
Gemeinsame Ziele und Unterschiede
Der Dialog zeigt auf, dass Juden und Christen in vielem vor den gleichen Herausforderungen stehen. Juden und Christen haben eine gemeinsame lange Vergangenheit, aber der Rabbiner hält fest, dass keine der Beziehungen zu anderen Religionen so belastet ist wie zum Christentum, das Judentum hat mit dem Islam theologisch weniger Probleme als mit dem Christentum (140 f.). Dialog aber ist die beste Antisemitismusprävention (138), und Sabbat und Sonntag gehören zusammen (110). Der Jesuit dazu: «Ohne Pflege des Sonntags und des Siebentagerhythmus zerfällt sowohl die Glaubensgemeinschaft als auch die innere spirituelle Wachheit» (18), die gerade heute nötig sind. Form und Inhalt sind wichtig, das dreimalige tägliche jüdische Gebet kann uns dafür Vorbild sein!