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Historische Romane sind meist dickleibige Wälzer, die ein opulentes Geschichtspanorama vor dem Leser ausbreiten und nicht selten Quantität mit Qualität verwechseln. Dass es auch anders geht, zeigt Alberto Nessi mit seinem Roman «Nächste Woche, vielleicht». Auf knapp 170 Seiten entwirft das Buch ein vielschichtiges Porträt des 1840 im Tessin geborenen Sozialisten José Fontana, der mit sechzehn nach Lissabon auswanderte und später Mitbegründer der Sozialistischen Partei Portugals wurde. Nessi verknüpft Fontanas Lebensgeschichte eng mit den sozialen und politischen Bewegungen des späten 19. Jahrhunderts, setzt aber statt epischer Breite ganz auf die Kraft knapper, poetischer Bilder. Anhand eines fiktiven Tagebuchs lässt er den Protagonisten selbst von der düsteren, engen Welt der Kindheit im Mendrisiotto erzählen, von der bitteren Armut der Menschen, ihrem Aberglauben und ihrer Schicksalsergebenheit. Schon hier wird der Keim des sozialen Gewissens gelegt, das Fontana nach seiner Emigration Partei für die Sache der Arbeiter ergreifen und zum kämpferischen Sozialisten werden lässt. Angesteckt von der Aufbruchstimmung der Arbeiterbewegung, schreibt er Manifeste, organisiert Streiks und wendet sich an Karl Marx höchstpersönlich mit der Bitte um eine Solidaritätsadresse. Zugleich jedoch zeigt sich hinter dem kämpferischen Agitator ein zutiefst skeptischer Geist, der dem Wahlspruch des Weggefährten Eça de Queiroz, «Jeder Fuss möchte Flügel sein», seine eigene melancholische Sicht der Dinge entgegenhält: «Wir sind wie die Ameisen, wir schleppen unsere Körnchen, um den Ameisenhaufen zu errichten, dann kommt ein Gewitter und treibt uns auseinander.»
Die Geschichte scheint dem zweifelnden Revolutionär recht zu geben. Während die Genossen in Lissabon noch den Kampf der Arbeiter um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten vorantreiben, kommen aus Paris Nachrichten von der blutigen Niederschlagung der Kommune von 1871. «Manchmal verzage ich und sage mir, dass es sich nicht lohnt zu kämpfen, weil das Böse in der Welt das Gute überwiegt», notiert Fontana in sein Tagebuch. Dennoch wird er nicht müde, gegen die bestehenden Verhältnisse anzukämpfen, weil man dem Unrecht nicht nachgeben dürfe und Solidarität auch eine Frage der menschlichen Würde sei. Das ist gewiss kein revolutionäres Weltverbesserungsprogramm. Aber es ist eine Lehre, die unmittelbar den Bogen zum Heute schlägt und nach dem Stellenwert von Solidarität und Menschenwürde in unserer Gesellschaft fragt. Nicht zufällig findet sich im Buch auch ein Hinweis auf das Gefängnis von Abu Ghraib samt einer Aufzählung der dort begangenen Misshandlungen. Alberto Nessis Roman auf ein nostalgisch gefärbtes Historiengemälde zu verengen, hiesse seine Absicht gründlich zu verkennen. «Nächste Woche, vielleicht» ist ein wichtiges, ein ganz und gar aktuelles Buch.
vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld
Alberto Nessi: «Nächste Woche, vielleicht». Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Zürich: Limmat, 2009