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Edelmarder
Martes martes
© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection
)
Die Familie der Marderartigen (Mustelidae) gilt als die ursprünglichste lebende Sippe von Landraubtieren. So unterschiedliche Arten wie das Mauswiesel (Mustela nivalis), der Streifenskunk (Mephitis mephitis), der Dachs (Meles meles), der Vielfrass (Gulo gulo) und der Fischotter (Lutra lutra) gehören zu dieser weltweit über sechzig Arten umfassenden Familie. Die gegenwärtige Vielfalt von Anpassungstypen an das Baum-, das Boden- und das Wasserleben weist auf das hohe geologische Alter der Marderartigen und auf eine frühzeitige Verzweigung der Stammform in verschiedene Entwicklungslinien hin. Fossilfunde bestätigen dies.
Mitglieder der Marderfamilie sind nicht zuletzt auch die Eigentlichen Marder der Gattung Martes
mit insgesamt acht Arten. Zwei davon kommen im westlichen Europa vor: der Steinmarder (Martes foina)
und der Edelmarder (Martes martes)
, von dem hier die Rede sein soll.
Kennzeichen: gelber Kehlfleck
Der Edelmarder ist von ähnlicher Gestalt und Grösse wie der Steinmarder. Ausgewachsene Individuen weisen bei einer Schulterhöhe von etwa 15 Zentimetern eine Kopfrumpflänge von im allgemeinen 40 bis 50 Zentimetern, eine Schwanzlänge um 25 Zentimeter und ein Gewicht von gewöhnlich zwischen 1,1 und 1,4 Kilogramm auf, wobei die Männchen durchschnittlich etwas grösser sind als die Weibchen.
Vom Steinmarder lässt sich der Edelmarder äusserlich hauptsächlich durch drei Merkmale unterscheiden: Erstens ist sein Kehlfleck hellgelb bis gelb, während er beim Steinmarder stets weiss ist. Zweitens ist sein Fell prächtig rotbraun gefärbt, während es beim Steinmarder ein «neutrales» Braun aufweist. Drittens ist seine Schnauze dunkler gefärbt als das restliche Fell, während sie beim Steinmarder eher etwas heller ist. Im übrigen ist der Edelmarder schlanker und hochbeiniger gebaut als der Steinmarder und weist stärker behaarte Fusssohlen sowie längere und grössere Ohren auf.
Neben diesen Körpermerkmalen unterscheidet sich der Edelmarder sehr deutlich durch seine Lebensraumvorliebe von seinem Vetter: Er ist ein typischer Bewohner geschlossener Waldungen und wird deshalb auch «Baummarder» genannt. Der Steinmarder bevorzugt dagegen, wie sein Name sagt, Felsgegenden mit lockerem Gehölz. Zudem hält sich letzterer gerne im Umfeld menschlicher Siedlungen auf und verbringt dort den Tag häufig auf Dachböden und in Scheunen, was ihm den Zweitnamen «Hausmarder» eingetragen hat. (Er ist es auch, der sich in einigen europäischen Städten gelegentlich als «Automarder» unbeliebt macht, weil er im Motorenraum von Kraftfahrzeugen an Kabeln und Schläuchen herumbeisst.) Der Edelmarder ist im Gegensatz zum Steinmarder sehr menschenscheu und meidet die Nähe von Städten und Dörfern nach Möglichkeit.
Schafe verdrängen Raubtiere
Obschon der Edel- und der Steinmarder in weiten Bereichen Europas nebeneinander leben, kommt auf den Britischen Inseln nur der Edelmarder vor. Auch in der Republik Irland, dem Ausgabeland des vorliegenden Briefmarkensatzes, findet man nur diese eine Marderart.
Noch vor fünfzig Jahren war der Edelmarder in Irland weitverbreitet gewesen. Heute ist er auf ein paar wenige Rückzugsgebiete beschränkt. Die umfangreichste Restpopulation lebt westlich des Shannon-Flusses zwischen Limerick und Sligo. Ein zweiter, weit kleinerer Restbestand ist in den Slieve-Bloom-Bergen im Zentrum Irlands zu Hause. Drei winzige «Splittergruppen» finden sich sodann im Tal des Boyne Flusses, bei Portlaw im Südosten Irlands und an ein paar Stellen im bergigen Südwesten des Landes.
Von alters her bejagt der Mensch den Edelmarder seines edlen Fells wegen, dem der flinke Räuber seinen Namen verdankt. Es gilt als das schönste unter allen Marderfellen. Kenner identifizieren das gegerbte Fell mittels einer «Backenprobe», bei der es der Wange entlang gezogen wird. Es sticht nicht und ist sehr anschmiegsam. Edelmarderfelle waren früher ein wichtiger Exportartikel der Britischen Inseln. Heute steht die Art unter gesetzlichem Schutz, und auch wenn hie und da noch einzelne Edelmarder gewildert werden, weil auf den Pelzmärkten weiterhin hohe Preise für ihr Fell bezahlt werden, so stellt die Bejagung doch keine nennenswerte Gefahr mehr dar.
Der Rückgang des Edelmarders in Irland im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat andere Ursachen: Er wurde dadurch ausgelöst, dass die irische Regierung im Verlauf der fünfziger Jahre die Schafhaltung in den wirtschaftlich benachteiligten Berggebieten des Landes mit massiver finanzieller Unterstützung förderte, um so die stark angestiegene Nachfrage nach Fleisch und Wolle befriedigen zu können. Überall im Land nahmen damals innerhalb kürzester Zeit die Schafbestände um ein Mehrfaches zu. Und nun begann das Übel: Zum Schutz ihrer Schafe und Lämmer führten die Schafhalter ein breitangelegtes Programm zur Vergiftung von streunenden Hunden und anderen «Schafräubern» durch. Landesweit wurden mit Strychnin vergiftete Köder ausgelegt. Dies brachte zwar einen gewissen Erfolg hinsichtlich der verwilderten Hunde. Gleichzeitig wurden jedoch die natürlich vorkommenden Raubsäuger sowie die verschiedenen Greifvögel aufs schwerste geschädigt. Von dieser unseligen Aktion besonders schlimm getroffen wurde der Edelmarder - zum einen, weil er auf menschliche Störungen ganz besonders empfindlich reagiert, zum anderen, weil er im Gegensatz etwa zu Fuchs und Dachs verlorenes Terrain nur äusserst langsam zurückzuerobern vermag. Dies ist umso betrüblicher, als der Edelmarder für die Schafhalter überhaupt keine Gefahr darstellte, sondern ihnen im Gegenteil wertvolle Dienste leistete: Als Aasvertilger half er nämlich mit, allerlei Infektionsherde zu beseitigen, an denen sich die Schafe unter Umständen hätten anstecken können.
Waldbewohner mit buntem Speisezettel
Der bevorzugte Lebensraum des Edelmarders sind artenreiche Mischwälder, in denen das Nebeneinander verschiedenartiger Laub- und Nadelbäume nicht nur für ein vielfältiges Angebot an Früchten, sondern auch für dichte Kleinsäugerbestände sorgt. So ist ganzjährig ein reichlich gedeckter Tisch gewährleistet. Neben Mischwäldern vermag der Edelmarder aber durchaus auch reine Laubwälder und reine Nadelwälder zu bewohnen. In diesen Waldtypen ist die Dichte der Edelmarderbestände aufgrund des magereren Futterangebots aber deutlich geringer als in Mischwäldern.
Als sehr geschickter und vielseitiger Räuber hat der Edelmarder einen recht bunten Speisezettel. Er passt sich bei der Nahrungsbeschaffung weitgehend dem jeweiligen jahreszeitlichen Angebot in seinem Lebensraum an: Er nimmt, was gerade reichlich vorhanden und leicht zu beschaffen ist. Dabei zeigt er eine grosse Neugierde allen neuen, unbekannten Dingen gegenüber, auf die er bei seinen Streifzügen trifft und die als Nahrung in Frage kommen. Aus diesem Grund könnte man ganze Seiten füllen, wollte man alle «Delikatessen» auflisten, welche von Zoologen anlässlich ihrer Edelmarderforschungen eingesetzt wurden, um die hübschen Tiere in Fallen zu locken: Sardinen in Spanien, Käse in der Schweiz, Himbeermarmelade in Schottland, Oliven in Italien, gekochte Kartoffeln in Irland usw.
In freier Wildbahn bilden Mäuse - hauptsächlich Rötelmäuse, Wühlmäuse und Spitzmäuse - die Hauptnahrung des Edelmarders. Auch Eichhörnchen jagt er gerne. Des weiteren überfällt er Frösche, Salamander und Schlangen sowie wirbellose Kleintiere aller Art, von Käfern über Regenwürmer bis hin zu Ameisen. Und wie bereits erwähnt verschmäht er auch Aas nicht. Seltener überwältigt er hingegen grössere Tiere wie Kaninchen, Junghasen oder Rehkitze. Und auch Vögel bilden einen eher geringen Teil seiner Nahrung. Stets weist der Speisezettel des Edelmarders aber auch pflanzliche Kost auf, so vor allem Baumfrüchte, Beeren und Nüsse. Tatsächlich kann der Edelmarder während der Sommermonate, wenn das Früchteangebot besonders gross ist, praktisch vollständig auf die Jagd verzichten, sich vorübergehend als reiner Früchteesser betätigen und seinen Bauch mit reifen Brombeeren, wilden Kirschen und Efeufrüchten füllen. Eine besondere Schwäche hat er im übrigen für Vogeleier sowie für Honig, den er aus den Nestern von Wildbienen ausgräbt, wann immer er auf solche trifft.
Weich gepolsterte Kinderstuben
Der Edelmarder ist hauptsächiich dämmerungs- und nachtaktiv. Den Tag verschläft er gewöhnlich in einem seiner Verstecke, von denen er innerhalb seines Territoriums eine ganze Reihe besitzt und zwischen denen er häufig hin und her wechselt. Im Westen Irlands befinden sich diese Lagerplätze oft in Felsspalten und Steinhaufen. Im übrigen Verbreitungsgebiet benützt er aber hauptsächlich Baumhöhlen aller Art sowie verlassene Krähen-, Bussard- und Eichhörnchennester. Sein Tagesversteck verlässt der Edelmarder gewöhnlich erst bei Sonnenuntergang und begibt sich dann auf seine nächtlichen Streifzüge. Mitunter kommt er aber auch am Tag für einige Zeit aus seinem Versteck hervor, um sich an der Sonne zu wärmen. Dabei sucht er meistens einen bequemen Ast in einem Baumwipfel auf, von wo aus er einen guten Überblick geniesst.
Der Edelmarder ist ein ungeselliger Einzelgänger. Männliche und weibliche Tiere kommen nur zum Zweck der Fortpflanzung kurzfristig zusammen, und ausser der «Mutterfamilie», also der vorübergehenden Verbindung des Weibchens mit seinen Jungen, gibt es beim Edelmarder keine echte Vergesellschaftung. Jedes Individuum besetzt und nutzt für sich allein ein Wohngebiet, dessen Fläche in Abhängigkeit von der Lebensraumqualität zwischen fünf und dreissig Quadratkilometern schwankt, wobei die Territorien der erwachsenen Männchen meistens deutlich grösser sind als die der Weibchen.
Auf ihren nächtlichen Fresswanderungen legen die Tiere im allgemeinen Strecken von 15 bis 20 Kilometern zurück, in Ausnahmefällen sogar bis über 60 Kilometer. Ist das Nahrungsangebot stabil und erfolgen keine nennenswerten Störungen durch den Menschen, so bleiben die meisten Edelmarder ihrem Territorium ihr ganzes Leben lang (gewöhnlich etwa zehn Jahre) treu.
Die Paarungszeit der Edelmarder fällt in Irland in die Monate Juli und August. Es ist eine sehr aufregende Zeit für die beteiligten Tiere, da der Wettstreit der Männchen um die brünftigen Weibchen sehr gross ist. Die Weibchen sind nach der Paarung acht bis neun Monate trächtig. Allerdings dauert die eigentliche Entwicklung der befruchteten Eier nur von Dezember oder Januar bis März bzw. April. Davor liegt ein halbes Jahr der Keimruhe, während der die Entwicklung der befruchteten Eier stillsteht. Diese biologische Einrichtung ist darum sehr sinnvoll, weil sie es möglich macht, dass sowohl die Paarungszeit als auch die Zeit der Jungenaufzucht - beides Lebensphasen, welche mit hohem Energieverbrauch verbunden sind - in Monate mit reichlichem Nahrungsangebot fallen.
Das Versteck, in welchem das Edelmarderweibchen seine Jungen zur Welt bringt, wird besonders sorgfältig ausgewählt. Denn hier sollen die in den ersten Wochen völlig hilflosen Jungen nicht nur vor Wind und Wetter geschützt sein, sondern auch vor etwaigen Fressfeinden wie Füchsen und Amerikanischen Nerzen (Mustela vison)
, welche in Irland in grösserer Zahl aus Zuchtfarmen entwichen sind. Diese «Kinderstube» richtet das Weibchen dann besonders sorgfältig mit Tierhaaren (z.B. Schafwolle), dürrem Gras und Blättern zu einem warmen, weichen Nest her.
Ein Wurf umfasst im allgemeinen zwei, mitunter aber auch bis zu fünf Junge. Die neugeborenen Edelmarder sind mit weniger als 30 Gramm Körpergewicht überaus klein, und ihre Augen sind anfänglich fest verschlossen. Sie sind in dieser Lebensphase vollständig auf die Betreuung durch ihre Mutter angewiesen. Die Augen öffnen sich schliesslich im Alter von vier bis fünf Wochen, und die Jungen können dann auch bald ihre ersten Ausflüge in die nähere Nestumgebung unternehmen und sich in Bewegungs- und Jagdspielen üben. Mit etwa acht Wochen werden sie entwöhnt. Und im Alter von vier bis fünf Monaten lösen sie sich von der Mutter und machen sich selbständig. Fertig ausgewachsen sind sie allerdings erst im Alter von ungefähr einem Jahr.
Ausbreitung nur mit menschlicher Hilfe möglich
In Irland ist der Mensch dabei, einige seiner früheren Freveltaten gegenüber der Natur wiedergutzumachen. So wird vor allem im Süden und Osten des Landes ein breitangelegtes Wiederaufforstungsprogramm durchgeführt. Dadurch entstehen nicht zuletzt für den Edelmarder neue, grossflächige Lebensräume. Das Problem ist jedoch, wie der Edelmarder solches «Neuland» erreichen soll. Man weiss, dass die Art marderlose Waldgebiete generell nur sehr langsam oder oft überhaupt nicht zu besiedeln vermag, da umliegendes, offenes Gelände eine schier unüberwindliche Schranke darstellt. In Irland kommt hinzu, dass die letzte grosse Population, welche ein gewisses Ausbreitungspotential besitzt, sich westlich des Shannon-Flusses befindet, welcher den Tieren die Einwanderung in den Süden und Osten des Landes verwehrt. Eine natürliche Kolonisierung der vom Menschen neugeschaffenen Lebensräume ist daher sehr unwahrscheinlich. Da sich der Edelmarder in Gefangenschaft nur sehr schwer züchten lässt, kommt auch ein Zuchtprogramm mit nachfolgender Ausbürgerung der gezüchteten Tiere nicht in Frage.
Die einzige Möglichkeit, den Edelmarder in den frisch angelegten Waldungen anzusiedeln, besteht deshalb darin, schonende, wissenschaftlich abgesicherte Umsiedlungsmethoden zu entwickeln, welche gewährleisten, dass einerseits eine für den «Neubeginn» ausreichende Zahl von Individuen in Fallen gefangen und übersiedelt wird, andererseits der Fortbestand der letzten Restbestände dadurch nicht gefährdet wird. Abklärungen in dieser Richtung sind im Gang, und es ist dem Edelmarder zu wünschen, dass sie möglichst bald in die Tat umsetzbare Resultate zeitigen werden.
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