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30. Juni 2015
Camenzind + Co. AG, Seidenspinnerei, Gersau
An einem heissen Sommernachmittag hatten 16 Personen Gelegenheit zu erfahren, warum Seide ein so kost-bares Produkt ist. Das Familienunternehmen in Gersau wurde bereits 1730 gegründet, hat seither alle Stürme in der Textilbranche erfolgreich gemeistert und seit 1892 wird unter dem Namen «Camenzind» produziert. Camenzind investiert laufend in neue Technologien, exportiert 98 % der gesamten Produktion von jährlich 100 - 120 Tonnen in die ganze Welt, beschäftigt rund 35 Personen und wird von Nicole Camenzind, zusammen mit ihrem Bruder Mathias, in fünfter Generation geführt.
Ein paar Details zur Seide: Ursprünglicher Geburtsort der Seide ist China. Jahrhunderte später, ungefähr im Jahr 1400 n.Chr. wurden in der Lombardei erste Maulbeerplantagen angelegt. Im 19. Jahrhundert erreichte die Zucht der Seidenraupe (und dadurch die Gewinnung von Seide) ihren Höhepunkt. Von Italien aus verbreitete sich die Seidenproduktion über den Gotthard auch an den Vierwaldstättersee. In Gersau wurde 1730 erstmals Schappeseide verarbeitet. 1846/47 entstand die erste grosse Seidenfabrik, 13 Jahre später die zweite und kurz darauf noch eine dritte. Der Transport – sowohl von Rohstoffen als auch von fertigen Seidenprodukten – erfolgte damals ausschliesslich über den Seeweg.
Und so entsteht Seide – ein wahres Wunderwerk der Natur: Winzige Seidenräupchen von etwa 3 mm Länge ernähren sich von Maulbeerbaumblättern. Nach mehrmaliger Häutung erreicht die Raupe eine Länge von ca. 9 cm und dann wickelt sie sich in einen Cocon ein, scheidet aus ihrer Spinndrüse einen dünnen Seidenfaden aus (Fibroin). Zum Festmachen umgibt sie ihn mit Seidenleim (Sericin). Während 3 Tagen und 3 Nächten legt eine Raupe rund 3000 m Seidenfaden um sich. Es entsteht ein Cocon, der gerade mal 1,5 bis 2,5 Gramm wiegt. Um 1 kg Seide zu gewinnen, werden 5 – 10 kg Cocons benötigt (ergo 2500 – 5000 Stück). Die Cocons werden im heissen Wasser aufgeweicht und mit Bürsten wird das äussere Ende des Fadens abgelöst und abgewickelt. So kann etwa ein Drittel des insgesamt 3’000 m langen Fadens als Rohseide gewonnen werden. Sieben bis acht Coconfäden werden beim so genannten Abhaspeln zu Grège vereinigt.
Nach der Rohseidenverarbeitung werden die Resten in einem grossen Bottich bei über 90 Grad Celsius mit heissem Seifenwasser abgekocht (entbastet). Dabei wird der Seidenleim (Sericin) fast vollständig entfernt und es geht bis zu 40% des Gewichts verloren. Übrig bleibt ein feines, weiches und weiss schimmerndes Fasermaterial. Dieses Rohmaterial kauft Camenzind in China ein und verarbeitet dieses zu hochwertigen und unterschiedlich dicken Seidenfäden und Garnen. Diese bestehen zu 100 Prozent aus Schappeseide (Bombyx mori), rohweiss und zwar vom feinsten (Nm 300/1, d.h. 300 Meter Faden auf ein Gramm Garn!)) bis zum groben Garn (Nm 2/1). Camenzind produziert aus reiner Schappe- oder Tussah-Seide auch Bouclé-Seidengarne sowie Cablés für ganz besondere Ansprüche. Auch edle Mischgarne, Seide gemischt mit anderen hochwertigen Naturfasern wie Kaschmir, Leinen, Wolle, Angora, Alpaka und Baumwolle, erweitern das Angebot.
Nicole Camenzind informiert 16 interessierte UNS-Mitglieder über die Geschichte des Unternehmens. Auf dem Tisch neben Nicole sehen wir einen Querschnitt vom Weg eines Cocon (hier sichtbar vor dem blauen Seidenschal – klein, oval, rohweiss) zur Seide und zu möglichen Endprodukten.
Die weltweit geschützte Marke für alle Schappeseidengarne und Seidenmischgarne aus dem Hause Camenzind + Co. AG heisst SWISS MOUNTAIN SILK.
In grossen Behältern wird die reine Schappeseide, das weiss schimmernde und weiche Fasermaterial, aus China geliefert. Im Hintergrund des Bildes sehen wir fertig gezwirnte und auf Kronen aufgewickelte Seide.
Hier wird die Schappeseide in unterschiedlichen Stärken gezwirnt und im nächsten Verarbeitungsgang aufgewickelt (siehe nächstes Bild).
Die gezwirnte Seide wird auf sogenannte Konen oder Strangen gewickelt, um später – bei den Camenzind-Kunden – zu unterschiedlichsten Seidenprodukten verarbeitet und gefärbt zu werden.
Schon das erste Gebäude der Spinnerei wurde neben dem Gersauer Dorfbach erstellt. Und seit über 100 Jahren wird die Wasserkraft für die Seidenspinnerei optimal genutzt. Die Anlagen wurden letztmals im Jahr 2010 der modernen Technik angepasst. Heute wird ein Grossteil des gesamten Strombedarfs durch eigene Anlagen produziert und es werden ca. 100 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart.
Und wie gewohnt, sitzen einige Teilnehmer/innen nach der Betriebsbesichtigung noch zu einem kühlen Drink mit anschliessendem Nachtessen zusammen. Hier im Restaurant Seegarten in Gersau.