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Chiffrieren,
Chiffrierschrift (spr. schi), eine Art der Geheimschrift (Kryptographie), die Zahlen oder Buchstaben nach einem nur dem Eingeweihten bekannten System der Bedeutung und Anordnung verwendet, also dem Uneingeweihten das Lesen der betreffenden Mitteilung unmöglich machen soll. Die Anwendung von Geheimschriften ist sehr alt. Bei den Juden bestand eine solche, die auf Umsetzung des Alphabets beruhte und bis beute noch unter dem Namen Alphabetum ATBaS bekannt ist. Es ist die einfachste Methode der Kryptographie, indem der erste Buchstabe des Alphabets (im hebräischen das A) durch den letzten (das T), der zweite (das B) durch den vorletzten (das S) ersetzt wird. So findet sich in nachexilischen Bestandteilen des Jeremia (25,26; 51,41) der Name Babylons (BaBeL) unter dem Namen Se Sa K- also statt B immer das S und K statt L. Auch bei Griechen und Römern finden sich Nachrichten über Geheimschriften. Im Mittelalter beschäftigten sich bedeutende Gelehrte mit der Aufstellung kryptograpbischer Systeme, u. a. Johs. Tritheim (Trithemius), aber mehr praktischen Wert und wesentlichen Aufschwung gewinnt die Kryptographie erst durch Athanasius Kircher und seinen Schüler Kaspar Schott. Ersterer erfand neben andern Methoden insbesondere ein sinnreiches System, das auf einer Kombination von Ziffern und Buchstaben nach folgendem Schema (s. nachstehende [* 1] Fig. 1) ^[Abb: Fig. 1.] beruht: Die wagerecht laufenden Buchstaben dienen für den «Schlüssel», die senkrecht laufenden für das Geheimnis.
Als Schlüssel dient irgend ein unter den Korrespondenten vereinbarter Spruch. Nun wird ein Brief, ein Buch oder irgend ein Schriftstück als Hülle für das Geheimnis benutzt. Es laute z. B. der als Schlüssel gebrauchte Wahlspruch «Wahrheit und Aufrichtigkeit seien unsere Losung», und das mitzuteilende Geheimnis sei: «Das Haus N. N. hat seine Zahlungen eingestellt». Man geht nun von dem ersten Buchstaben des Schlüssels (w) senkrecht und von dem ersten Buchstaben des Geheimnisses (D) wagerecht bis zu der Zahl, die beiden Reihen gemeinsam ist (24). In dem als Deckmittel dienenden Schreiben wird also in diesem Fall der 24. Buchstabe mit einem Punkte bezeichnet. Die beiden folgenden Buchstaben sind a (Schlüssel) und A (Geheimnis): das Feld, das sie beide gemein haben, ist
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1; man hat daher den 25. Buchstaben des gleichgültigen Schreibens mit einem Punkte zu versehen, zum Zeichen, daß die zweite Ziffer 1 ist. Die dritten Buchstaben sind h (Schlüssel) und S (Geheimnis), das beiden Rubriken gemeinschaftliche Feld ist wieder 1; wir zählen also von dem letzten Punkte an abermals einen Buchstaben im Deckschreiben ab und setzen unter ihn einen Punkt. Der Empfänger des Schreibens, dem natürlich der Wahlspruch «Wahrheit u. s. w.» bekannt sein muß, hat zunächst die Nummern der mit einem Punkt bezeichneten Buchstaben zu notieren, also im vorliegenden Falle 24. 1. 1. u. s. w., sodann unter w, dem ersten Buchstaben des Wahlspruchs, die Zahl 24 zu suchen und nun die wagerechte Linie nach links hin zu verfolgen, wobei er auf den Buchstaben D trifft. Wenn er so der Reihe nach weiter verfährt, wird er das Geheimnis leicht entziffern.
Weiter noch als Kircher geht Kaspar Schott, der in seinem Buche «De Magia universali» (Würzburg [* 4] 1676) sogar eine katoptrische Kryptographie giebt, die als Vorläufer unserer heutigen telegr. Chiffrierschrift angesehen werden kann. Ein nicht geringeres Verdienst als die beiden letztgenannten hat sich Thomas Willis um die Kryptographie erworben in seinem Buch «The Schoolmaster in the art of Stenography» (Lond. 1647). Neben den vielen neuen Methoden ergänzt und erweitert er auch die eigentliche Zifferschrift dadurch, daß er durch Kombinationen als «Schlüssel» für die Ziffer andere Ziffern gebraucht, derart, daß nach Übereinkommen der im schriftlichen Verkehr stehenden Personen zu den geschriebenen Ziffern noch andere zugezählt oder von ihnen abgezogen werden.
Das anfänglich bei der telegraphischen Kryptographie meist in Anwendung gebrachte System ist auf das oben dargelegte Kirchersche zurückzuführen und hat folgendes Schema (s. nachstehende [* 3] Fig. 2):
[* 3] ^[Abb. Figur 2].
Die erste wagerechte Linie, die Sprachlinie, enthält das Alphabet in der ursprünglichen Ordnung. In den folgenden wagerechten Zeilen wird der Anfang des Alphabets stets um einen Buchstaben vorgeschoben, ohne daß die Reihenfolge sonst geändert wird. Die am Anfange fehlenden Buchstaben werden nach dem z hinzugefügt. In der zweiten Reihe bezeichnet also z. B. b das a und a das z, in der letzten das z das a. und y das z. Der Absender einer Depesche hat demnach die Wahl zwischen 24 Alphabeten.
Die Linie, in der das von ihm benutzte Alphabet steht, heißt die Wahllinie, und der Buchstabe, mit dem diese Linie beginnt, der Schlüssel, den der Empfänger kennen muß. Die heutige Diplomatie könnte sich solcher Mittel, um ihre Geheimnisse zu bewahren, nicht bedienen, da eine in der oben angegebenen Weise geschriebene Depesche durch höchstens 24 mechan. Versuche (mit 24 Alphabeten) zu entziffern wäre. Viel schwieriger ist die Entzifferung, wenn die Buchstaben in dem verwendeten Alphabet nicht regelmäßig verschoben werden, sondern bunt durcheinander gehen, also etwa a durch x, b durch p u. s. w. bezeichnet werden. Z. B.:
a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z
c k z h m y r i a n s d o t b v l e p f q g x u w.
Mit Hilfe des dem Empfänger bekannten zweiten Alphabets (des Schlüssels) liest er den zweiten auf das Zeichen + folgenden Teil der Depesche: aiznt mdddtlomvylimifdeamopfli + hlmayfmoyemziey foywgmaemziehlma
^[richtig: aiznt mdddtlomrylimffdeamomkfli + hlmayfmoyemziey fmoywgmaemziehlma; per Programm kontrolliert], und findet die Worte: drei, fünf, sechs, fünf, zwei, sechs, drei. Er weiß nun, daß die Worte der eigentlichen Depesche der Reihe nach aus der angegebenen Zahl von Buchstaben bestehen. Wenn er dann die erste Hälfte jedes Wortes von vorn, die zweite dagegen von hinten liest, wobei, wenn das Wort aus einer ungeraden Anzahl von Buchstaben besteht, die größere Hälfte zum zweiten Teil gezogen wird, so liest er: «Ich komme morgen früh um sieben Uhr.» [* 5]
Ein in ein beliebiges Alphabet umgesetztes Schriftstück ist, wenn es nicht gar zu kurz ist, unschwer zu enträtseln, wie denn überhaupt, entgegen der frühern Meinung, jede geheime Depesche von einem geübten und geschickten Dechiffreur entziffert werden kann, wenn ihm genügende Zeit zur Auffindung des Schlüssels zu Gebote steht. Zunächst kommt es darauf an die Sprache [* 6] zu erkennen, in der das chiffrierte Schriftstück verfaßt ist; handelt es sich um die deutsche, französische oder lateinische, so hat man seine Aufmerksamkeit auf die Endbuchstaben zu richten.
Kommt ein Buchstabe am Ende nie verdoppelt vor, so hat man lateinisch vor sich; wenn nur ein einziger Buchstabe verdoppelt erscheint, so kann man auf französisch schließen; eine größere Anzahl verdoppelter Endbuchstaben verrät das Deutsche. [* 7] Der im Deutschen am häufigsten vorkommende Laut e ist alsbald zu erkennen, desgleichen das c, da dieses stets nur in Verbindung mit h oder k erscheint. Hat man ein zweibuchstabiges Wort mit anlautendem e entdeckt, so kann der zweite Buchstabe nur i, r oder s sein.
Kommt dieser zweite Buchstabe auch am Anfange eines andern zweibuchstabigen Wortes vor, so kann es nur ein i (im, in) oder s (so) sein, da mit r kein zweibuchstabiges Wort beginnt. Wenn auf dieses unbekannte x in einem zweibuchstabigen Worte sonst ein unbekanntes y oder auch z folgt, so muß jenes ein i sein. Mit Hilfe zweier bekannten Buchstaben errät man im kurzen Worte bald einen dritten und vierten; mit jedem Schritt wird es leichter und leichter. Vesin de Romani hat in dem Buche «La Cryptographie dévoilée» (1875) für eine Anzahl von Sprachen die unter eine bestimmte Formel fallenden zwei- und mehrbuchstabigen Wörter zusammengestellt. Die Formel abba hat z. B. im Deutschen Anna, Ebbe, Egge, [* 8] Esse, Otto, die Formel abcdabc im Französischen nur die Worte cherche und quelque.
^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.] ¶
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Vielfach werden auch Zeichen zum
Chiffrieren benutzt, z. B. diejenigen, welche sich aus nachstehenden
[* 9]
Figuren ergeben: ^[Abb. Textfigur]
Das Wort «Post» hiernach chiffriert würde aus folgenden Zeichen bestehen: ^[Abb.]
Die Buchstaben können in jeder beliebigen Reihenfolge in obige [* 9] Figuren eingesetzt werden.
Ferner giebt es Schablonenchiffres, bei welchen nur eine Umstellung der Textbuchstaben stattfindet. Ein
derartiger Apparat ist z. B. der Flammsche. Die Buchstaben des zu
chiffrierenden Textes werden durch die runden Öffnungen der
Schablone auf darunter liegendes Papier geschrieben. Sind alle Öffnungen mit Buchstaben versehen, so wird die Schablone gedreht,
in der Weise, daß die mit Ⅱ, später die mit Ⅲ und Ⅳ bezeichnete Seite nach oben kommt, und die
weitern Textbuchstaben eingetragen. Die am Schluß etwa verbleibenden Lücken werden mit beliebigen Buchstaben ausgefüllt.
Die Form einer Schablone ist folgende:
[* 9] ^[Abb. Figur 3]
Der Dechiffreur muß eine gleiche Schablone besitzen, die er auf den chiffrierten Text auflegt, wodurch er die richtige Aufeinanderfolge der Buchstaben findet. Unter den Buchstabensystemen nimmt das des dän.Ingenieurs Köhl den ersten Rang ein, bei dem die 25 Buchstaben des Alphabets zweistellige Zahlen erhalten, wozu jedoch nur fünf Ziffern benutzt werden können. Das Wesentliche dieses Systems besteht darin, daß, nachdem sämtliche Textbuchstaben mit den betreffenden Zahlen versehen sind, stets die zweite Ziffer des einen Buchstaben mit der ersten Ziffer des darauf folgenden verbunden wird und dadurch eine neue Zahl entsteht, welche den Chiffrebuchstaben bildet. Zur Chiffrierung des ersten und letzten Textbuchstaben wird die erste und die zweite Hälfte eines Schlüsselbuchstaben zu Hilfe genommen. Hat man sich erst die Zahlenbesetzung eingeprägt, so ist ein verhältnismäßig schnelles Arbeiten möglich, auch bietet das System genügende Sicherheit gegen unbefugte Dechiffrierung.
Immerhin verursacht das
Chiffrieren der einzelnen Buchstaben, wie bei diesem System so auch bei den oben erwähnten einen großen
Zeitaufwand, und man ist daher von jeher bestrebt gewesen, die Arbeit zu vereinfachen und abzukürzen.
Zu diesem Zwecke hat man schon seit fast 100 Jahren besondere Wörterbücher, teils handschriftlich, teils gedruckt hergestellt,
in denen man für jedes Wort eine bestimmte Zahl setzte; bei wichtigern Mitteilungen wurden diese Zahlen noch durch Addition
oder Subtraktion einer verabredeten Schlüsselzahl modifiziert.
In den auf dem Postwege beförderten geheimen Korrespondenzen deutete man die Wortbeugungen und Veränderungen durch besondere Schriftzeichen an, während man in den durch den optischen Telegraphen [* 10] beförderten nicht blos die Wörter und ganze Redewendungen, sondern auch die Wortbeugungen durch Zahlen ausdrückte. Eine ausgiebige Verwendung dieser Chiffriermethode für Telegramme trat aber erst nach der in den dreißiger Jahren erfolgten Herstellung der elektromagnetischen Telegraphenverbindungen ein.
Unter den in neuerer Zeit öffentlich bekannt gewordenen Systemen dieser Art, die sich alle mehr oder weniger an frühere Methoden und namentlich an die von Thomas Willis anlehnen, ist hervorzuheben das Sittlersche, welches mit 9999 Zahlengruppen der verhältnismäßig wortarmen franz. Sprache genügt; ferner das 1874 von dem Buchdruckereibesitzer Niethe in Berlin [* 11] der Öffentlichkeit übergebene, welches mehr als 20000 deutsche Wörter umfaßt, mit der Zahl 5001 beginnt und über 31000 hinausreicht.
Der Grundgedanke dieses Systems besteht darin, daß die bei den betreffenden Wörtern stehenden Zahlengruppen nicht als Chiffres benutzt werden, sondern daß letztere erst durch Addition bez. Subtraktion einer oder mehrerer zwischen den Korrespondenten vereinbarten Schlüsselzahlen gefunden werden müssen.
Vgl. Niethe, Das bei der Chiffrierabteilung des deutschen Reichskanzleramtes eingeführte telegr.
Chiffriersystem (2. Aufl., Berl. 1877).
Neuerdings ist in kaufmännischen und Börsenkreisen ein von dem internationalen Telegraphenbureau in Bern
[* 12] ausgearbeitetes Chiffrier-Lexikon
in Gebrauch, das sich von den vorangeführten Systemen dadurch unterscheidet, daß die zu
chiffrierenden
Wörter nicht durch Zahlengruppen, sondern durch andere Wörter aus den bekanntesten europ.
Sprachen dargestellt werden, die bis zu zehn Buchstaben enthalten, die Gegenwerte dieser Wörter werden von den Korrespondenten
selbst eingetragen. Das System hat vor dem Nietheschen und ähnlichen im außereuropäischen Taxierungsverfahren
den Vorzug der Billigkeit, weil jedes Chiffrierwort nur als ein Taxwort gerechnet wird, während jede Zahlengruppe des Nietheschen
Systems, da sie aus mehr als drei Ziffern besteht, doppelt bezahlt werden muß.
Die von Krohn herausgegebenen Chiffriersysteme («Buchstaben- und Zahlensysteme für die Chiffrierung von Telegrammen, Briefen und Postkarten», Berl. 1873), welche die Wahl zwischen 6400 Systemen gestatten, können bestimmten kaufmännischen Zwecken dienen, aber die Verbindung von Buchstaben und Ziffern in einer Depesche hat zur Folge, daß jedes einzelne Zeichen einer chiffrierten Depesche im innern wie äußern Telegraphenverkehr (Internationale Telegraphenkonferenz zu Rom [* 13] 1872) als ein Wort betrachtet und berechnet wird, während bei geheimen Depeschen, die nur aus Buchstaben oder Ziffern bestehen, im europ. Taxierungsverfahren fünf Zeichen als ein Wort gelten.
Erwähnt sei noch als praktisches Werk: «Deutsches Chiffrier-Wörterbuch» von Alexander Katscher (Lpz. 1889), das auf dem System der Anwendung von Buchstaben zur Bezeichnung anderer, einzelner Buchstaben des Alphabets, von Silben, Wörtern und Sätzen, die in dem Wörterbuche enthalten sind, beruht, wozu durch Permutationen «Schlüssel», die nach Millionen zählen, von jedem Schreibenden zu eigenem Gebrauch leicht gebildet werden können. Der neueste sog. Chiffrierapparat zum Gebrauch für überseeische Telegramme besteht aus einer mit
^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.] ¶