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Ein riesiger Eisberg mit dem Namen A-74 und einer Fläche von 1'270 km² hat sich in den Morgenstunden des 26. Februars 2021 vom 150 m dicken, auf dem Meer schwimmenden Brunt-Schelfeis gelöst.
Auf dem Brunt-Schelfeis hat die britische Forschungsorganisation BAS (British Antarctic Survey) ihre zeitweise besetzte Forschungsstation Halley aufgebaut. Im arktischen Sommer 2020/21 haben 12 Forscher/innen auf der Halley gelebt. Mitte Februar 2021 wurde die Stationen zu Beginn des arktischen Winters geschlossen und das Forscherteam mit einem BAS Twin Otter-Flugzeug abgeholt und nach Rothera gebracht.
BAS-Wissenschaftler/innen haben seit mehr als 10 Jahren einen grossen Eisabbruch erwartet. Die ersten Anzeichen auf ein bevorstehenden Eisabbruchsereignis wurden im November 2020 beobachtet. Ein neuer Riss breitete sich rasch in Richtung eines Risses in der Nähe der rund 35 km entfernten Stancomb-Wills-Gletscherzunge aus. Der neue Riss erhielt die Bezeichnung North-Rift.
Der North-Rift ist die dritte grössere Eiskluft, welche auf dem Brunt-Schelfeis während der letzten Dekade aktiv war.
Im Januar 2021 breite sich der Eisriss jeden Tag mehr als 1 km nach Nordosten aus. Der Riss durchschnitt das 150 m dicke Schelfeis von oben nach unten. Am 26. Februar 2021 verbreiterte sich die Eiskluft innerhalb von wenigen Stunden auf einige hundert Meter. Der riesige Eiskörper löste sich vom übrigen Schelfeis. Der Eisberg erhielt vom USNIC den Namen Eisberg A-74 zugewiesen (siehe: Bezeichnung von Eisbergen).
Gegenwärtig ist noch nicht klar, wie sich der neu abgespaltene Eisberg A-74 in Zukunft verhalten wird. Es ist möglich, dass sich A-74 vom Brunt-Schelfeis entfernt und vom Antarktischen Küstenstrom ins Weddell-Meer geschoben wird oder, ob A-74 auf Grund läuft und beim Schelfeis liegen bleibt.
Nach Ansicht der BAS-Forscher/innen bestehet zwischen den Schelfeis-Aktivitäten beim Brunt-Schelfeis und jenen beim Larsen-Schelfeis kein Zusammenhang. Die Eisabbrüche beim Brunt-Schelfeis sind natürliche Vorgänge und nicht Aussergewöhnliches. Es gibt keine Hinweise, dass der aktuelle Eisabbruch mit dem globalen Klimawandel begründet werden kann.
Die auflaufenden Eisberge zerstören die am Meeresgrund lebende Pflanzen und Organismen wie u.a. Seesterne, Würmer, Schwämme, Seeigel. Diese Organismen speichern riesige Mengen an Kohlenstoff in ihren Körper. Nach einer Zerstörung gelangen diese Kohlenstoffverbindungen mit der Zeit ins Meerwasser und möglicherweise später auch in die Atmosphäre.
Eisberge zerbrechen im Verlaufe der Zeit in tausende von kleineren Eisstücke. Diese schwimmenden Eisinseln gefährden den Schiffsverkehr.
Beim Abschmelzen der Eisberge werden riesige Mengen von mineralischen Partikel frei, welche als Nahrung für viele Planktonarten dienen. Dieses Plankton gehören zu den Nahrungsketten von zahlreichen Meerestiere.
Die Struktur von schwimmenden Schelfeise sind komplex. Die Auswirkungen von Spaltenbildungen und Eisabbrüchen sind unvorhersehbar. Die BAS verfolgt die Eisbewegungen auf dem Brunt-Schelfeis mit grosser Sorge. 2016 verschob die BAS mit mobile Station Halley 32 km in Richtung Festland, um den Spalten "Chasm 1" und "Halloween Crack" auszuweichen. Mit diesen Massnahmen will die BAS verhindern, dass sich die Forschungsstation plötzlich auf einem driftenden Eisberg befindet. Zwischen Halley und dem antarktische Festland gab es bis im Februar 2021 keine tiefgreifenden Eisspalten. Seit 2017 wird Halley nur noch während des arktischen Sommers mit Personal besetzt. Während der Dunkelheit im antarktischen Winter wäre eine allfällige Evakuierung äussert schwierig.
Die Spalten "Chasm 1" und "Halloween Crack" haben sich seit 18 Monaten nicht mehr vergrössert.
Die BAS-Teams beobachten täglich die Entwicklung der Eisspalten auf dem Brunt-Schelfeis. Das Brunt-Schelfeis wird das ganze Jahr hindurch rund um die Uhr von Messgeräten beobachtet. Ein Netz von automatischen, hochpräzisen GPS-Messgeräten registriert jede Bewegung und Verformung im Eisköper und meldet die Daten nach Cambridge in Grossbritannien, wo sie aufbereitet und analysiert werden. Die Geräte arbeiten auch, wenn die Halley-Station ohne Personal ist und die Temperaturen unter -50°C fallen. Zusätzlich werden für die Analyse auch Daten der ESA- und NASA-Erdbeobachtungssatelliten sowie und des DLR-Satelliten "TerraSAR-X" verwendet.
Die Forschungsstation Halley VI
Die Forschungsstation Halley VI liegt in einer Zone, welche empfindlich auf klimatische Einflüsse reagiert. Die Station übernimmt deshalb eine wichtige Stellung innerhalb der internationale Überwachung der Wettervorgänge in der Atmosphäre und im Weltraum. 2013 wurde Halley als 29. Station auf der Erde und 3. Station in der Antarktis insglobale Stationsnetz der «Global Atmosphere Watch (GAW)» der Weltmeteorologie-Organisation WHO integriert.
Seit dem arktischen Sommer 2018/19 installierte BAS am Forschungsstandort Halley eine autonome Stromversorgung und ein automatisches Datenmangementsystem, welches auch während den 8 extrem kalten, windigen und lichtarmen Wintermonaten Daten sammeln und nach Grossbritannien übermitteln kann.
Seit 1956 werden in der Forschungsstation Halley Ozonmessungen vorgenommen. 1985 hat Halley das bekannte Ozonloch über der Antarktis nachgewiesen.
Seit 1956 bis heute hat die aktuelle Station Halley VI insgesamt 5 Vorgängerstationen.
Die Eispalte «Chasm 1»
2021 ist das nordöstliche Ende von "Chasm 1" noch 2 km vom Schelfeisrand entfernt. Erreicht die Spalte den Schelfeisrand, so wird sich ein neuer Eisberg vom Brunt-Schelfeis lösen. Seit Mitte 2019 hat sich allerdings diese Spalte nicht vergrössert.
"Chasm 1" zeigte rund 35 Jahre lang keine Veränderungen. Satellitenbilder zeigten erst ab 2012 eine Ausdehnung dieser Eisspalte. 2015/16 untersuchte ein Forscherteam vor Ort den Zustand der Spalte im Brunt-Schelfeis. Die Auswertung der Daten veranlasste die BAS die 8 Model ihrer Forschungsstation Halley im arktischen Sommer 2016/17 abzukoppeln mit mTraktoren 32 km weiter ins Inland zu verschieben.
Der «Halloween Crack»
Im Oktober 2016 entdeckten die Forscher rund 17 km nördlich der Forschungsstation Halley eine bedeutenden Riss im Schelfeis. Der Riss wird fortan "Halloween Crack" genannt. Der Riss unterläuft eine Strecke, auf welcher die Forschungsstation in der Vergangenheit mit Gütern versorgt wurde. Möglicherweise spaltet sich die Eisfläche nördlich des Halloween Cracks als nächster Eisberg vom Schelfeis ab.
Der «North Rift Crack»
Im November 2020 öffnete sich in Nord-Brunt eine neue Eisspalte, welche den Namen «North Rift crack» erhielt. Dieser Riss vergrösserte sich in Richtung der schon vorhanden «Brunt-Stancomb Chasm».
Das Brunt-Schelfeis ist das am intensivsten überwachte Schelfeis auf der Erde. Auf dem Schelfeis sind 16 GPS unterstütze Messgeräte in ein Netzwerk eingebunden. Tägliche werden die Daten über die Eisbewegungen gesammelt und nach Cambridge (GB) übermittelt. In die Datenauswertung werden auch Bilder der Satelliten Sentinel 2 (ESA), Landsat 8 (NASA), NASA Worldview und TerraSAR-X (DLR) miteinbezogen. Während Feldexpeditionen liefern Dronen und Radarmessungen weitere Daten über die Oberfläche und das Innere des Eiskörpers. Die Wissenschaftler/innen sind über die Beschaffenheit der zahlreichen Eisspalten auf dem Brunt-Schelfeis bestens informiert.