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Für einen Blog auf der Homepage von Laure Wyss ( www.laurewyss.ch ) wühlte ich ein bisschen in der Korrespondenz und veröffentlichte bis dato die folgenden Beiträge. Auch wenn ich diesen Blog nicht mehr bediene, habe ich vor, diese Arbeit noch fortzusetzen, bevor ich die Originalbriefe und viele Fotografien dem Literaturarchiv in Bern übergeben werde.
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Die Anrede
Vor mir ein Stoss von Briefen von ihr an mich. Sie beginnen meistens mit Lieber Klaus. Dann gibt es auch welche, die mit Lieber Minet oder Lieber Chlöis oder Chlous anfangen, seltener einmal mit Mein liebes Chlöiseli oder Lieber Chlöisi. Die unterschiedlichen Namensgebungen deuten auf ein ganzes Gefühlsarsenal hin, das meiner Mutter zur Verfügung stand, wenn sie mir schrieb. Manchmal kam es auch vor, dass sie mich mit Mein Sohn oder Mein lieber Sohn ansprach. Die strengsten Briefe jedoch begannen mit Lieber Nikolaus. Diese Ansprache verhiess meistens nichts Gutes, es sei denn, meine Mutter versuchte damit, sich selber Distanz zu verschaffen von ihrem Sohn, den sie zuweilen zu sehr liebte und vermisste.
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Das unvollständige Datum
Für ihre Briefe an mich benutzte sie zu ihren Zeiten als Redaktorin meistens die Schreibmaschine. Ich nehme an, sie schrieb diese im Büro. Später wechselte sie mehr und mehr zu Handschriftlichem, auch wenn ihre Briefe dadurch nicht gerade lesbarer wurden. Von Hand schrieb sie meistens auf A5-Blättern.
Aus der Distanz von Jahrzehnten beschäftigt mich allerdings etwas Anderes: Ich kann ihre Briefe nur sehr ungenau einem bestimmten Jahr zuordnen. Ob einer aus dem Jahre 1975 stammt oder aus 1981 erschliesst sich erst aus dem Kontext, und auch dieser ist nicht immer eindeutig. Es scheint, als ob sie ihren Briefen keine historische Bedeutung beigemessen hätte. Wäre die Nennung des Jahres für sie mit zu viel Pathos verbunden gewesen? Ihren Briefen an mich schien sie keinen historischen Wert beizumessen. Sie wurden ganz aus dem Moment und für den Moment geschrieben. Sie beziehen sich auf die letzten Begegnungen, auf die Zweifel und Erfolge ihres Sohnes und auf die eigenen, auf den Austausch aktuellen (Verwandten-) Klatsches, jetzt, am 14. September oder am 19. Oktober. Das hatte zu genügen. – Konnte sie sich überhaupt vorstellen, dass ich ihre Briefe aufbewahrte, sei es aus Respekt oder weil sie mir tatsächlich etwas bedeuteten, oder weil ich mir vornahm, sie später einmal wieder zu lesen, dann, wenn sie vielleicht schon tot sein würde?
Bei mir liegen ihre Briefe stossweise in Schachteln herum, ungeordnet, gedacht für später. Ist dieses Später nun da? Bald würde meine Mutter hundert Jahre alt. Ein guter Anlass, die Postsendungen an mich wieder einmal hervorzunehmen und zu sichten. Nicht systematisch und wissenschaftlich sondern nach dem Zufallsprinzip. Wühlen, hervorklauben, lesen, wieder weglegen, weiter wühlen, innehalten, sich erinnern, sich ein paar Gedanken dazu machen, etwas schreiben, weiter wühlen, übergehen, erschöpft liegen lassen, noch einmal lesen, fantasieren, rot werden…
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Briefe als Bindemittel
Ich könnte ihre Briefe zählen. Meiner Einschätzung nach sind es weit über hundert. Dann hätte ich sie wenigstens alle wieder einmal zur Hand gehabt. Ich lasse es. Ich könnte sie ordnen und versuchen, die unterlassenen Jahreszahlen herauszufinden. Auch diese Arbeit lasse ich bleiben. – Mein Privileg als Sohn besteht in der launischen Anwendung eines emotional gesteuerten Zufallsprinzips…
Für den Zeitraum von 1970-72 jedoch besteht eine gewisse Ordnung. Eine systematische Auswertung dieses Teils würde sich deshalb anbieten. Damals weilte ich in Lateinamerika und brachte bei meiner Rückkehr ihre Briefe gebündelt in einem grossen Umschlag zurück. Dreissig Jahre später, als meine Mutter starb, fielen dann ergänzend dazu noch meine eigenen Lateinamerika-Briefe an sie wieder in meine Hände. Eine Weile glaubte ich, auf Grund dieser Faktenlage bereits das Herzstück meines Vorhabens gefunden zu haben. Die Dokumente waren vollständig, chronologisch verortbar und ein eindrückliches Beispiel für den aufwendig inszenierten Loslösungsversuch eines Sohnes von seiner Mutter und umgekehrt, der sich insofern als Fiasko erwies, als die Briefe über die Zeit eher inniger wurden, statt sich allmählich auf einem emotional etwas blasseren courrant normal einzupendeln. Für Psychologen ein gefundenes Fressen, ein Fallbeispiel einer gescheiterter Loslösung mittels geografischer Distanz. Ihre Worte wussten mich an sie zu binden. Doch was geht das andere schon an?
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Ferndiagnosen (1)
Meine Mutter war nach gängigem Schweizer Massstab unterversichert. Pension und AHV genügten im Alter nicht für ein geruhsames Alltagsleben in gewohnter Umgebung. Für eine anständige Pflege oder für einen allfälligen Spital- oder Kuraufenthalt hätte das Geld schon gar nicht gereicht. Dieses Malaise führte dazu, dass sie nach ihrer Pensionierung in Sachen Einkünfte eine gewisse Impertinenz an den Tag legte und Buchhändlern, Bibliothekaren und Frauenkränzchen mit ihren Honorarforderungen für Lesungen wohl mächtig auf den Keks gehen konnte. Mit diesen Einkünften und mit ihren Büchern, Ehrungen und anderweitigen Unterstützungen, Zuwendungen und Förderungen konnte sie sich aber bis ins hohe Alter immer auf der sicheren Seite wissen.
Beim Durchpflügen ihrer Briefe stosse ich immer wieder auf Bemerkungen, die nahelegen, dass sie sich aber noch eines ganz anderen Versicherungssystems bediente. Dieses bestärkte sie im Glauben, trotz Unterdeckung gut über die Runden zu kommen. So konsultierte sie zum Beispiel verschiedentlich die Tochter von C.G. Jung, Gret Baumann-Jung, und liess sich von ihr Aspekte und Einflüsse ihres Horoskops erklären. Und sie beschäftigte im Laufe ihres Lebens nicht wenige Fernheiler, Handaufleger und das eine oder andere Medium, die wegen ihrer feinstofflichen Talente und ihres direkten Zugangs zur Totenwelt Prognosen über den weiteren Verlauf ihres Lebens stellen konnten. In mütterlicher Sorge schloss sie mich immer in ihre Fragen mit ein.
In einem Brief, den sie mir 1971 nach Lima, Peru, schickte, schrieb sie: Ich verfolge mit guten Gedanken, Vergrösserungsglas und Eifer Deine Unternehmungen. Seit kürzlich auch ein wenig mit Herzklopfen, klar, TV und Radio und Tagi melden nichts als schreckliche Verschüttungen und Ueberschwemmungen und Unglücke aus Peru. Ich griff heute deshalb wieder einmal zu den Sternen, dh. ich las die Notizen, die ich einmal zu Deinem Horoskop gemacht hatte, da sind die Aspekte derart gut, so gut und beruhigend wie Deine Briefe, sodass ich alle Unruhe begrabe.
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Ferndiagnosen (2)
Ganz aussergewöhnlich auch ihre Freundschaft zu Anita, der schwedischen Gattin eines Staatsanwaltes in Stockholm. Lange Zeit wusste ich nicht, was die beiden so innig verband, denn ich verstand kein Schwedisch. Doch die Telefonate zeichneten sich durch ihre übergebührlichen Längen aus. Später erfuhr ich, dass Anita zu Mutters feinstofflichem Versicherungsgürtel gehörte. Zum Beweis, dass sie seriös war und über hellseherische Fähigkeiten verfügte, erzählte meine Mutter gerne die Geschichte von Anitas Gespür, einen Parkplatz zu finden. Offenbar konnte sie ihrem Mann am Steuer immer im Voraus und mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wo einer zu finden sei. So hätten die beiden noch nie in ihrem Leben einen Parkplatz suchen müssen.
Meine Mutter pflegte also alle paar Monate Anita anzurufen um sich bei ihr zu erkundigen, wie es denn um sie und um mich bestellt sei. Nach der Konsultation rief sie mich jeweils an und teilte mir mit, Anita habe gesagt, es gehe mir gut. Des Winters empfahl Anita zusätzlich, ich müsse etwas mehr Vitamin C zu mir nehmen. Meine Mutter traute mir nicht ganz, ob ich dieser Anregung auch wirklich Folge leiste. So begab sie sich jeweils selber in die Elephanten-Apotheke und liess mir jeweils eine Hunderter-Schachtel Burgerstein Vitamin C retard zukommen, das ich allerdings nicht sehr diszipliniert einnahm, wie man sich vorstellen kann.
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Den Vater im Blick
Winkelwiese, 4. August [vermutlich 1988]
Mein lieber Chlous
(…) Am Mittagstisch im ,Bären’, grad vor einer Woche, sah ich Dich in einem Winkel, der mir neu war, und ich konstatierte, dass Du die Augen – oder vielleicht einfach den Blick – Deines Vaters hast, das hat mich seltsam berührt und tief gefreut. Ich dachte schon immer, dass Du die rasche Gescheitheit Deines Vaters geerbt hast, seinen klugen Kopf, das war von jeher ein Vergnügen und eine grosse Befriedigung, und jetzt entdeckte ich die Aehnlichkeit im Blick. (…)
Es ist in diesem Falle wohl weniger meine Eitelkeit, die mich antreibt, diese Briefstelle ins Blickfeld zu rücken, als vielmehr das seltene Mal, wo meine Mutter meinen Vater überhaupt erwähnt, und dies erst noch in positivem Sinne. Sie lässt durchscheinen, was sie an diesem Manne attraktiv gefunden hatte, damals, als sie sich mit ihm anfreundete und sich von ihm schwängern liess. (Wie es weiterging mit den beiden, erzählt ausführlich das Buch Mutters Geburtstag.)
Wir sitzen also in einem Bären auf einem unserer Fahri (so nannten wir in der Familie die relativ ziellosen Autoausflüge übers Land und durch abgelegene Ortschaften, wo dann in einem Bären oder Leuen, im Rössli oder Goldenen Schwert abgestiegen und eine währschafte Mahlzeit eingenommen wurde), und meine Mutter sieht in meinen Augen Züge meines Vaters. Dies wäre weit weniger verwirrlich gewesen, wenn mein Vater bei meiner Mutter in positiver Erinnerung gespeichert gewesen wäre. Aber die Sachlage wollte es, dass die Ähnlichkeit mit dem Vater Sprengstoff in sich barg. Sollte ich ausgerechnet diesem Manne nachschlagen, der meiner Mutter das Leben ziemlich schwer gemacht hatte? Und was würde das dann bedeuten für die weitere Entwicklung meiner eigenen Persönlichkeit und für Mutters Einschätzung von mir?
Als ob sie das Zwiespältige ihrer Aussage ahnt, hängt sie, kaum hat sie die Ähnlichkeit des Blickes entdeckt, Lobendes über meinen Vater an und lässt so durchblicken, dass es offenbar doch Gründe gab, wieso sie sich seinerzeit auf ihn eingelassen hatte. Beim Wiederlesen dieser Briefpassage fällt mir dazu heute noch ein, dass meine Ähnlichkeit zum Vater auch Verpflichtung bedeutete. Ich hatte es bis zu einem gewissen Grad in der Hand, diesem Mann wenigstens halbwegs wieder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihn einem Menschen ähneln zu lassen, den meine Mutter über alle Zweifel hinweg einmal geliebt hat.
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Zwei Briefe aus Südfrankreich
Im Jahre 1974 mauserte sich meine Mutter langsam zur Schriftstellerin, arbeitete an längeren Texten, wie zum Beispiel an den Frauenprotokollen (erschienen 1976) und suchte sich dafür ruhige Orte, was ihr auch immer wieder gelungen ist. Im September jenes Jahres verbrachte sie ein paar Wochen auf dem grossen Anwesen der wohlhabenden Familie Gugelmann in Notre Dame de Grâce bei Cannes.
Zum Verständnis der Briefe noch so viel: vermutlich plauderte sie im Vorfeld von ihrem Vorhaben, eine Riesen-Villa bewohnen zu dürfen, und weckte so bei verschiedenen Freundinnen Begehrlichkeiten, sie dort unten zu besuchen. Als sie merkte, dass sich Besuche ankündigten, half ich auf ihre Bitte hin bei der Verbreitung falscher Informationen mit, indem ich behauptete, sie liege dort unten mit Fieber im Bett und könne zurzeit ziemanden empfangen… Dann kommt am Anfang des zweiten Briefes meine Mutter nicht um eine pädagogische Intervention herum, allerdings so verpackt, als ob ich, der wegen seiner Faulheit eigentlich zu kritisieren gewesen wäre, als Vorbild dastehe. Meine Mutter war stets eine Meisterin im Verpacken von Kritik. Das war eine sehr typische Art von ihr. Und ein letztes: ich bereitete mich zu jener Zeit auf Korsika vor, weil ich dort als junger Volkskunde-Student an einer Feldforschung teilnehmen musste.
1. Brief
Lieber Klaus
Wegen Handke sah ich weder den Montblanc noch das Meer, die Reise dauerte 5 Minuten. Merci auf den Hinweis, ich habe jetzt auch den Titel für „schöne genaue Geschichten“.
Hier überfiel mich eine derartige Müdigkeit, dass es nur noch für Françoise Sagan längt. Ich glaube, ich werde das Terrain hier in den drei Wochen nicht verlassen, bei Korkeichen, Olivenbäumen, hohem Eukalyptus und Oleander bleiben. Das Meer ist von hier oben schöner, unten Rummel, Leute, Lärm. Also Verbarrikadierung in Notre Dame de Grâce, das ist genau das, was ich nötig habe. Heute habe ich das Zimmer noch nicht verlassen, keine Lust auf Sonne, aber das wird sich geben. Also alles bestens.
Es plagt mich ein wenig, dass ich B. enttäuscht habe, aber ich muss jetzt total allein sein.
Bei Dir hoffentlich auch alles bestens. Ich lerne von dir, nicht tätig zu sein, war es zu sehr.
Herzlichste Grüsse
M.
2. Brief
Lieber Klaus,
das Zeitproblem versuche ich nachzuvollziehen, kann es auch teilweise, wenn ich mich an die öde Uni-Zeit zurückerinnere. Nur: Du hast ja vorher ein Stück Welt eingefangen, einen Kontinent lang, das gibt doch mehr Fussfassung, um die Don Quixoterien als solche zu durchschauen – und sie dann nutzbar zu machen für spätere Höhenflüge. Ich glaube nur nicht, dass nichts passiert wenn nichts passiert. Dein heutiges Schreiben-können beweist das pure Gegenteil. Du schreibst sehr gut.
Ich schreibe express nicht aus Not, nur weil die gewöhnlichen Briefe bisher in der Schweiz nicht ankamen. Deiner in 2 Tagen hierher.
Meine neue Telefonnummer: 38.63.67 (code 003393) am besten zwischen 7 und 11 Uhr morgens oder abends spät. Briefadresse dieselbe. Bewohne nämlich eine andere Villa, den Coup de vent, gehe aber vorläufig in Notre Dame de Grâce essen. Alles Gugelmann’sch. Die Domestiken verreisen am nächsten Samstag in die Ferien, dann werde ich Selbstversorger hier. Der Eisschrank ist schon voll! Und dann sind immer noch Gärtner in der Nähe, M. Justin und Jean. Und zwei wilde Schäferhunde, Ulla und Ulysse, mit denen habe ich mich angefreundet, sie bringen mich zwar fast um vor Freundschaft. Ich gehe mit ihnen jeden Abend eine Stunde spazieren und werfe sie in den swimming pool zum Abkühlen. Ulysse schwimmt freiwillig, Ulla macht Lämpen. – Es ist ein hartes Schicksal für mich, jeden Morgen zu entscheiden, ob ich das Frühstück auf der Ostterrasse am Steintisch oder unter Platanen vorn einnehmen soll, ob ich das grüne oder das braune Geschirr wähle, für welches der 2 Badezimmer ich mich entscheide, ob ich im living room oder im Studio die Olivetti bearbeite. Bin dabei, mich zu versiebenfachen, um dem Komfort nachzukommen. Aber Sonne und Wärme, die dunkeln Bougainvillées, die herrlichen Bäume, die farbigen Zinien übertreffen alles. War nur einmal an der Küste mit Mme. Gugelmann, ziemlich schrecklich. (Sie ist verreist jetzt, sie war besser als die Küste übrigens.) Ja, die W.s sind genau das, was mir zu meinem Glück fehlt – die würden sich hier in den rosa Betten wälzen! Kam in Panik, sah mein Arbeitsglück zerrissen, aber gut gelogen, junger Mann. Die Arbeit an den Manuskripten geht besser voran, als ich zu hoffen wagte.
Le Monde brachte bis dato nichts Korsisches, ist voller Chile und Aethiopien, aber ich halte Ausschau. Schade, dass Du nicht von hier aus nach Korsika hinüber schwimmen kannst.
(…)
Habe natürlich Deinen Brief enorm geschätzt, vielen Dank. Er kam am Samstag und war der erste Gruss von aussen. Tagi kommt kaum, fehlt mir mitnichten.
Lass es Dir trotzdem gut gehen, lieber Sohn. Herzliche Grüsse
Maman mère
Habe TV, die actualités sind sehr interessant.
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Eine verspielte Seite
Auch wenn meine Mutter gerne und viel lachte, gehörten Verspieltheit und Fantasiererei vielleicht nicht gerade zu ihren bekanntesten Eigenschaften. Doch sie liebte Menschen, die witzig waren und skurrilen Hobbys frönten, und sie konnte leicht eintauchen in andere Welten und dort mittun. So mochte sie zum Beispiel José ganz besonders, den Ehegatten der Wirtin Mireille. Diese führte in Mornac an der französischen Atlantik-Küste ein Restaurant. Meine Mutter nahm dort regelmässig ihre Suppe ein und ass anschliessend gebratenen Fisch. War das Restaurant gut besetzt, half José aus beim Servieren. Josés Leidenschaft jedoch manifestierte sich in seinen 235 Plüschbären, die ein ganzes Zimmer füllten und ihm wegen deren unabhängigen Art mit Badeausflügen in die Seudre oft Sorgen bereiteten. Diese Ausgangslage inspirierte meine Mutter zu einem längeren poetischen Text. Anführer der Bären war Lascar, der dem Text und auch dem ganzen Gedichtband den Titel verlieh. Dass Laure Wyss diese Geschichte zu Papier brachte, kostete übrigens den Sohn viel Mühe und Ermunterung.
Gerne erinnere ich mich auch an Momente meiner Kindheit, wo ich intensive Freundschaften zu imaginären Freunde und Tieren pflegte. Meine Mutter ging auf meine Marotten mit grosser Geduld und gebührender Ernsthaftigkeit ein und erkundigte sich immer wieder einmal, wie es meinem Lieblingshund Sämi, dem Affen Bongo oder dem Zebra Ritza gehe, die ich jeweils vor den Eingängen zur Bäckerei oder zur Metzgerei anband und sie dort schön warten hiess. Beim Verlassen der Läden gab ich ihnen die mir über die Theke gereichte Süssigkeit oder das Wursträdchen zum Fressen. Beim Losbinden aber vergass ich zuweilen ein Tier, und dann war es meine Mutter, welche die Leine löste und das Zebra oder den Affen mit nach Hause führte.
Nun hat mir im vergangenen Jahr eine ehemalige Mitarbeiterin von Laure Wyss, Vreni N., einen Brief zugehalten, der meine Mutter in ungewohnt zärtlich-spielerischem Lichte zeigt, auch wenn sie nie aus dem Auge verliert, wer der wahre Adressat ihrer Zeilen ist. Es handelt sich um einen Brief an Seraina, der am 19. November 1983 geborene Tochter ihrer Mitarbeiterin.
Carona, 12. 12.
Liebe kleine Seraina,
vielen lieben Dank für Deinen schönen Brief. Wie gut du beschreiben kannst, wie schnell Du alles einsiehst, wies so läuft, wie gut du formulierst, Du kleiner Racker. Das gutschreiben hast du von deiner Mama, die mir am 11.11. – da gab es dich noch nicht, liebes Kind, jedenfalls nicht im Bettli, in dem du jetzt liegst – einen ganz tollen Brief geschrieben hat und auch von Papa, der sich ja berufsmässig mit schreiben befasst, ich kenne zwar vorläufig nur ein Gedicht von ihm, aus frühern Zeiten, als er um Deine Mama warb. Das gehört ja alles zusammen, dass Deine Mama und Dein Papa so liebevoll freundlich und ermutigend zu mir und meiner Schreiberei stehen, das ist ganz wichtig für mich, es belebt mich, freut mich, hilft mir weiter. Denn das Mühevolle des Lebens hört eben nie auf, liebe Seraina, auch im altwerden nicht. Deswegen wünschen Dir alle Leute Glück, damit Du das Mühevolle bestehst. Drum ist es gut, dass Du jetzt schon übst, mit Bauchweh und so. Ich wünsche trotzdem, dass es bald vorbeigehe und auch, dass Du durchschlafen kannst – und Mama und Papa auch. […] Aber alle sehen, dass man da etwas Geduld haben muss mit der Seraina: wenn man solche Fingerchen hat wie Du, liebes Kindchen, so feine zarte schlanke, da geht’s eben nicht so glatt und rund wie im Kinderbuch, so wie in allne positiven Ratschlägen. Deswegen wirst Du dann halt auch fähig sein, alles Zärtliche, das auf dich kommt, ganz tief zu geniessen, alle Freuden dieser Welt, die auf Dich warten.
Seraina, sag den Eltern, dass ich kurz vor Weihnachten oder an Weihnachten nach Zürich zurückkomme und mich dann einmal, im Januar vielleicht, wenn Ihr Weihnachten und Neujahr überstanden habt, im Hause melde, wo Du jetzt lebst. Bis da begnüge ich mich mit der Foto, bewundere den eleganten grünen Anzug und Deine schönen Augen, die wunderbare Kopfform.
Hier gabs neulich einen Waldbrand, es loderte wie verrückt im dürren Kastanienwald. Jetzt hats auf alles schwarz gewordene geschneit, man wandert im Nebel. So schaukle ich weiterhin zwischen extremen Gegensätzen, das gehört wohl zu mir, ich finde mich damit ab, neuerdings sehr gut sogar, und endlich macht mir Schreiben ganz grosse Freude.
Sei tausendmal gegrüsst, zusammen mit Mama und Papi und allem, was Du gern hast, was Dich gern hat. Sicher auch das Haus, sicher auch das Nilpferd und der Schlubbi, der ein Hund ist? Oder ein Bär? Oder ein Esel?
Herzlich
Laure
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Am Tag der Annahme des Eidg. Frauenstimm- und Wahlrechts
Wie nebenher und erst gegen Schluss ihres Briefes erwähnt meine Mutter die Annahme des Eidg. Frauenstimm- und Wahlrechts vom 7. Februar 1971, eines doch epochalen Ereignisses, für welches sie als Journalistin und Aktivistin jahrelang gekämpft hat. Allerdings konnte sie im Kanton Zürich mit dieser staatsbürgerlichen Einrichtung schon ein wenig üben, denn auf kantonaler Ebene trat das Frauenstimmrecht ja schon ein paar Monate früher in Kraft.
Zu Anfang des Briefes macht sie Rückmeldungen auf meine Berichte aus Bogota, Kolumbien: ich wohnte damals bei der Schriftsteller-Familie Sanchez, die allerdings Pleite ging und das Haus verlassen musste und damit ich mit ihnen. – Was meine Mutter sehr beschäftigte waren meine Erwägungen, meinen Job in der Buchhandlung Buchholz schon nach wenigen Monaten an den Nagel zu hängen und dafür zu reisen, nach Kuba zum Beispiel…
Bei der Kuh Elise schliesslich handelt es sich um eine Illustration des Eisenplastikers Bernhard Luginbühl, welche er auf Bestellung für einen Zeitungsbeitrag im Tages-Anzeiger Magazin gezeichnet hat. Luginbühl schenkte sie darauf meiner Mutter. Das Bild befindet sich noch heute im selben Wechselrahmen…
Montag früh, 8. Februar 71
Lieber Chlöisi
Vor mir habe ich Dein heiteres Aerogramm vom 29. (mit Bericht von Weg-Beobachtungen und Mitteilung Deiner literarischen Bemühungen, alles Dinge, die mich freuen zu lesen) und Deine Karte mit der Pleite-Mitteilung der Sanchez-Familie: auch eine Literatur-Erfahrung würde ich sagen, wenn auch eine bestürzend schmerzliche, denn Deine Bleibe war Dir doch sehr lieb. Und so ein passendes Zimmer gibt doch Halt und Zuversicht für alle weiteren Départs. Nun, Du nimmst es als Schwierigkeit, die zu meistern ist, und sie wird auch, dh. Du wirst auch. Viel Glück fürs weitere. Jetzt wo ich etwas mehr weiss über den Buchladen verstehe ich, dass Deine südamerikanische Erfahrungslinie eher von dort wegstrebt. Was richtig ist für einige Monate, ist manchmal für ein Jahr nicht richtig. Und eine Karriere als Buchhändler hast du offensichtlich nicht im Sinn, auch keinen Jahresausweis für später. Lass dir immerhin ein Zeugnis ausstellen, wenn Herr B. solches tut. Nur nebenbei: H. machte mich darauf aufmerksam, dass man für Cuba seinen Pass ‚verlieren’ muss, weil mit Cuba-Visum drin kein anderes südamerikanisches Land einem aufnimmt. Das weisst du sicher, auch, , dass Schweizer Konsulate da ausnahmsweise für ‚Verlierer’ Verständnis zeigen […]
Von hier sehr wenig und so gar nichts Neues. F. wohnt für eine Woche hier. U. wurde 50 und ich improvisierte innert einer Stunde aus dem Kühlschrank resp. aus der Kühltruhe ein Essen für die Familie, weil die Familie wenig Phantasie zeigte, das Geburtstagskind zu überraschen. ‚Elise’ aus Bern, vorläufig in einem Wechselrahmen, ist das grösste Ereignis, sie ist mächtig und sieht unglaublich gut aus. Muss einiges ringsum wegtun, so kolossal ist Elise. – C. tauchte wieder einmal auf, sie hat Krach mit dem Vater und macht sich finanziell selbständig, höchste Zeit, scheint mir. Wir gingen dann zusammen ins Stimmlokal, es war Hochstimmung, die ganze Trittligasse stimmte paarweise, kantonal weisst Du. Und am Sonntag erfuhren wir, dass wir es nun haben, das eidg. Stimm- und Wahlrecht. Frau K., Stimmenzählerin, telefonierte, Kreis 1 habe übermächtig angenommen, wir müssten also im Kreis 1 wohnen bleiben, der sei schon recht. Man ist natürlich schon froh, dass dieses Traktandum nun erledigt ist. […] Alles Gute. Bevor Du in die Slums steigst, wird man ja von dir hören. Frau Buchholz wird Dich sicher vermissen, hoffentlich versteht sie dich.
Hej, Hoj, viele Grüsse
Deine Mutter»
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Geburtstagsbrief von 1971
Im Brief zu meinem Geburtstag reagiert meine Mutter auf einen offenbar zornigen Brief, den ich zuvor geschrieben hatte und der sich mit den ungerechten Zuständen in diesem Kolumbien befasste und mit dem ausbeuterischen Kapitalismus. Der Zorn schien sich mit grippeähnlichem Fieber zu vermischen.
Mutters Brief ist ein schönes Beispiel, wie sehr sich ihr journalistisches Talent zum Recherchieren auch im Umgang mit der leichten Erkrankung ihres Sohnes weit weg in Kolumbien zeigte.
9.2.71
Lieber Minet
das Zorniger-Junger-Mann-Aerogramm kam gestern, mit schönen Marken. Der Zorn kleidet dich gut, am 22. Geburtstag einen wilden Zorn zu haben ist sicher ganz bekömmlich. Nur das mit der Grippe gefällt mir nicht so ohne weiteres, gehe doch einmal zu einem Arzt. (es gibt den jüdischen Arzt, Internist, der die Pianistin Erika Wolfensberger geheiratet hat, der soll sehr gut sein. Die Adresse gibt man Dir sicher auf dem Konsulat. Dem kannst du einen Gruss von Prof. Schmid sagen […]. Dann könntest Du auch die junge Frau F. anrufen und fragen, die sind mit einer kolumbianischen Aerztin, die in ihrem Haus wohnt, scheints befreundet und haben, schon wegen der Kinder, sicher sympathische Beziehungen zur Aerzteschaft. Die Buchholzens [Buchhändler] kennen sicher ehemalige deutsche Aerzte. Ich bin nicht ängstlich, aber in diesem so andern und sicher anstrengenden Klima muss ein Europäer schon aufpassen. Beiliegend ein Lappen [= 100 Schweizer Franken] für das oder anderes. Für ein tolles Geburtstagsessen vielleicht? Wie gern würde ich Dir eins kochen. (Bin in dieser Hinsicht frustriert.) An Deinem Geburtstag werde ich etwas unternehmen, das mich aus meiner Lethargie herauszieht und aus dem kränklichen Januar, entweder München oder die Westschweiz mit Y. und A.-C. [einer Nichte], wohl eher B. [Freundin in München] (Wir stehen unter dem Eindruck der Entgleisung des TEE München-Zürich. Leonard Steckel [Schauspieler] wurde getötet.)
Doch zu Deinen 22. Heiteres, mein Lieber! Alle herzlich guten Wünsche für Dich. Das mit der Sanchez-Pleite ist Pech, aber das erste grössere Deiner südamerikanischen Unternehmungen. Und Schwierigkeiten stärken. Ich wünsche dir trotzdem, dass Du bald eine gute Unterkunft findest. Ich halte die Daumen. […]
Zu meinem Geburtstag wünsche ich mir dann ein Telefongespräch mit Dir, das Du aufgeben müsstest auf meine Rechnung. Oder wie liesse sich das machen? Wir müssten es schon verabreden, dass ich dann zuhause bin spät nachts. Wenn Du es einmal gäbig tun könntest, sag es mir doch, könnte ja geburtstäglich vor Juni sein, näher Deinem Geburtstag. Oder kann ich Dich anrufen? Wo? Wann?
Ich grüsse Dich am 20. mit grosser Freude an Dir. Deine unzulängliche Mutter