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Stell dir vor, du bist plötzlich selbst Patient. Du erlebst direkt, was die Operationsaufklärung bei dir auslöst. Du begegnest dem Assistenzarzt und vielleicht auch dem Medizinstudenten und siehst, wie sie auf dich wirken. Du bist plötzlich von der Pflege abhängig. Dies ist mir geschehen…[1]
Ich erinnere mich zurück an meine Studentenzeit, als ich einen Film[2] sah. Darin wurde beschrieben, wie ein Chef einer Intensivstation selbst Patient auf seiner Intensivstation wurde. Aus dem Erlebten hat dieser Chef nach der Wiederaufnahme seiner Arbeit einige Änderungen umgesetzt: in den Zimmern wurden Uhren eingeführt (zur Orientierung), es wurde darauf geachtet nicht laute Geräusche zu machen und meiner Erinnerung nach wurde auch darauf geachtet, dass man zum Patienten spricht.
Anfangs Mai dieses Jahrs wurde ich selbst Patient. Zu Beginn einer Wanderung auf den Chasseral am 21. März spürte ich bei Anstrengung ein Klemmen in der Brust und hatte Atemnot. Ich musste mehrmals innehalten. Meine Frau (meine Hausärztin!) und ich sagten, dass ich dies abklären sollte. EKG, Labor, Echo und Ergometrie 2 Tage später waren unauffällig. Der Kardiologe empfahl ein Koronar-CT (Herzkatheter sei zu viel, nichts machen sei bei den Symptomen zu wenig).
Das Koronar-CT liess ich in meinen Ferien 4 Wochen später durchführen. Eigentliche Beschwerden hatte ich nicht, obwohl ich im Nachhinein meine Schmerzwahrnehmung am Hinterfragen bin. Dort zeigte sich der hochgradige Verdacht auf eine subtotale proximale RIVA-Stenose (ich musste mich als Kinderchirurgen wieder mit dem Begriff RIVA auseinandersetzen 😊). Ab sofort erhielt ich Aspirin Cardio 100mg und ein Statin zur Senkung des Cholesterins. Damit trat ich in den «Medikamentenstrudel» ein (weiteres dazu in der nächsten Folge).
4 Tage Später wurde ein Herzkatheter durchgeführt, welcher 2 Engnisse in Serie aufzeigte, die sich nicht für ein Stent eigneten. Deswegen empfahl der Kardiologe eine Bypass-Operation. Der «Medikamentenstrudel» wurde ergänzt mit Fragmin (Low-Heparin zur Verhinderung von Thromben im Engnis) und für den Notfall Isoket-Spray (falls das Engnis zuginge).
Nun wurde ich für arbeitsunfähig erklärt (nicht einfach für einen Arzt!), musste ein Projekt im Spital absagen und mich mit der neuen Realität der mir bevorstehenden Bypass-Operation auseinandersetzen. Ich ging durch verschiedene Phasen hindurch:
1. Abklärung, warten bis Ferien, nicht rechnen damit, dass ein Eingriff notwendig ist (nichtsahnend den normalen Alltag leben). Dies war die Phase vor dem Koronar-CT.
2. Konfrontiert werden mit der Diagnose und der Konsequenz einer Operation.
3. Mitteilung im Mitarbeiter-Gottesdienst (über Zoom) als Gebetsanliegen (wobei ich es eher noch locker nahm)[3].
4. Operations-Gespräch mit Herzchirurgin. Klärung Operation, Operationsbeginn, postoperative Rehabilitation, Zeit des Spitaleinrittes (Vorabend, Gespräch mit Anästhesie hatte ich schon), Dauer der Arbeitsunfähigkeit und Besprechung betreffend der postoperativen Instabilität des Thorax. Die Operation konkretisierte sich damit weiter.
5. Langsame Annahme der Situation:
Zuerst begann ich mehrere Dinge abzuschliessen: eine kleine Arbeit in unserer Gemeinde (Papier «Umgang mit Missbrauch und Gewalt bei Minder- und Volljährigen”), die Steuererklärung 2020, das Geschenk zu dem Geburtstag meiner Frau (der war 10 Tage nach der Operation)[4] und Arbeiten für die Praxis meiner Frau. Ich habe mir dann sogar überlegt, ob ich die AGEAS[5]-Sitzung zur Organisation der Herbsttagung zwei Tage vor der Operation nicht absage, das Gruppencoaching für den Beta-Kurs «Mit Spirit durch das Medizinstudium» für Medizinstudenten nicht plane und das Bloggen unterbrechen soll, da ich nicht wusste, wie es mir nach der Operation ergehen würde. Ich habe sogar gedacht, dass ich die Erbregelung, die für Ende Juni dieses Jahres vorgesehen war, noch schnell vorziehen solle. Es kam Untergangsstimmung auf: was, wenn es das Ende ist?
Dann wurde mir jedoch sehr schnell klar, dass ich doch weitermachen sollte. Ich habe jeden Schritt vor der Kenntnis der Operation doch nach bestem Wissen und Gewissen in Abstimmung mit Gott gemacht. Wenn etwas nicht dran ist würde mir Gott dies zeigen. Ich habe also 2 Tage vor der Operation die AGEAS-Sitzung durchgeführt, das Gruppencoaching in einer anderen Zoom-Sitzung vorbereitet und ein Blog vor der «Pause» veröffentlicht (“Viel tun in der Medizin und doch Gott machen lassen, aber wie”). Hinzu kam, dass ich in der AGEAS-Sitzung von einem Team-Mitglied sehr ermutigende Worte erhielt und für mich gebetet wurde. Die Annahme der Situation mit Gott war vollzogen. Am Samstagabend zwei Tage vor der Operation hatte ich das Gefühl, nun ist so weit alles gemacht und ich bin bereit für die Operation.
6. Jetzt begann die «Vorbereitungsliturgie»:
Dies begann schon 3 Tage vor der Operation: Duschen mit einer Speziallösung (desinfizierend) ohne zusätzlich Seife, Mundspülung und Salbe in die Nasenlöcher; könnte man dies eine «Salbung» nennen? 😊
Packen für das Spital und für die Rehabilitation.
Kommunikation nach der Operation sicherstellen (Handy-Code vereinfacht und der Familie bekanntgegeben, Zoom-Verbindung als Link erstellt und der Familie weitergegeben usw.).
Fahrt in das Spital; Ich wurde von meiner Frau gebracht.
Die Verabschiedung: ich musste mich an der Eingangstüre von meiner Frau verabschieden, da sie nicht mit hineindurfte (habe sie erst 10 Tage später wieder gesehen).
Eintritt in das Spital allein: Abgabe meines Portemonnaies und Schlüssels beim Empfang, Empfang und raufführen auf mein Zimmer durch die Pflege.
Konkrete Umwandlung zum Patienten: Anziehen des Spital-Nachthemdes, Gewichtmessung, Blutentnahme, fast Radikalrasur (aufwendig!), letzte Dusche.
7. Letzte Kommunikation mit der Welt per Chat.
8. Kurzer Nachtschlaf.
9. Weg in den Operationssaal
Letztes Adieu an die Familie über Chat (knapp noch das Adieu von meiner Frau gesehen);
Temesta als Prämedikation eingenommen (tat seine Wirkung, siehe unten, relativ schnell);
Transport im Bett über Gang, Lift und Eingang Operationstrakt in die Operationsvorbereitung.
Begrüssung einer Person der Narkose und….
10. Ich wachte auf der Intensivstation auf … Das weitere in der nächsten Folge.
Hier noch ein paar Gedanken im Werdegang vom Arzt zum Patienten:
– Ich trat ein in ein mir fremdes Fachgebiet und musste den Personen (Kardiologen, Herzchirurgin) und schlussendlich auch dahinter Gott mein Vertrauen geben.
– Die Phasen bis zur Annahme einer Operation auch mit Hilfe von Gott sind wahrscheinlich für alle gleich; ich glaube, dass die nächste Operationsaufklärung bei meinen Patienten nicht mehr das gleiche sein wird.
– Gott hat alles in der Hand, das heisst vor dem Wissen einer Operation und danach. Eigentlich sollte sich in den Projekten nicht viel ändern, sonst habe ich in der Führung Gottes etwas nicht verstanden oder nicht richtig gemacht. Natürlich ist dies eine heikle Aussage, da es immer wieder Überraschungen gibt und nur Gott alles in der Hand hat. Hier besteht eine Spannung zwischen dem Vertrauen in die Führung Gottes und der eigenen Fehlbarkeit.
[1] Im Blog https://robertstern.ch/blog/deine-fragen-sind-mir-wichtig-sag-mir-was-dir-am-herzen-liegt/ habe ich dies («Aus meiner aktuellen Situation: Sicht eines Arztes, der Patient wurde…») als einer der Themata vorgeschlagen. In einer Antwort per E-Mail wurde dieses Thema gewünscht.
[2] Leider finde ich die Referenz und den Film selbst nicht mehr.
[3] Mich hat es aber da schon sehr berührt, wie gewissenhaft durch die Gebetsverantwortlich gesagt wurde, dass ich dann sagen solle, wann genau am Montag die Operation sei (das wusste ich noch nicht). Man wollte um diese Zeit beten.
[4] Schliesslich fuhr ich mit meiner ältesten Tochter und meinem jüngsten Sohn 2 Tage vor der Operation in ein Möbelhaus und konnte mit Beratung meiner Kinder mich für ein Geschenk entscheiden.
[5] Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Ärzte Schweiz.
[6] In den nächsten Wochen habe ich, so Gott will, vor, noch zweimal zu diesem Thema zu schreiben: Nach der Operation und in der Rehabilitation.