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D. ist ein politisch aufgeladener analyt. Begriff aus der Zeit des Kalten Krieges und der Dekolonisation (Kolonialismus). Oft als Synonym für sog. Entwicklungsländer verwendet, beinhaltet er eine kapitalismuskrit. Sicht auf die Probleme dieser Staaten, weshalb er nie in offizielle Dokumente Eingang gefunden hat. Erstmals in der franz. Nachkriegspolitik lanciert, war der Begriff immer mit einer diffusen Hoffnung auf einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus verbunden. Eng damit verknüpft war das Ziel einer - sowohl gegen die Nato als auch gegen den Warschauer Pakt gerichteten - Blockfreiheit, wie es die an der Konferenz von Bandung (Indonesien) 1955 vertretenen unabhängig gewordenen Staaten formulierten. Als neutraler Staat von den sog. Blockfreien umworben, ging die Schweiz auf Distanz, weil sich diese nicht klar zur Marktwirtschaft bekannten.
In den 1960er Jahren wurde der Begriff D. von der Dritte-Welt-Bewegung auf die Gesamtheit der Entwicklungsländer in Asien, Afrika und Lateinamerika ausgeweitet. Gemeinsam mit Vertretern der D. schrieb die Bewegung dem Westen als Träger von Kolonialismus und Imperialismus eine besondere Verantwortung für die Unterentwicklung zu, welche sie im Unterschied zu den grossen Entwicklungsagenturen und der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank) weniger als Rückständigkeit, sondern als Abhängigkeit verstand. Als bewegende Kraft erwiesen sich der christl. bzw. sozialist. Solidaritätsgedanke und die Überzeugung, dass der im Nachkriegseuropa verwirklichte Sozialstaat ein Modell für die Welt als Ganzes sein könne. Konferenzen und Debatten der Vereinten Nationen (UNO) förderten das Bewusstsein gemeinsamer Interessen aller Entwicklungsländer, doch die wirtschaftl. Entwicklung wirkte so differenzierend, dass sich in den 1970er Jahren neue Begriffe aufdrängten - Vierte Welt für die ärmsten Staaten, Schwellenländer für die Entwicklungsländer mit eigener Industrie -, ehe der Zerfall der Sowjetunion und das Scheitern des Staatssozialismus Ende der 1980er Jahre der Begrifflichkeit insgesamt den Boden entzogen. Für eine genauere Kategorisierung, die keine eurozentrist. Sichtweise impliziert, werden heute auch engl. Begriffe benützt (z.B. LIC = low income countries).
Die Schweiz wurde von den Veränderungen innerhalb der Staatenwelt tangiert, obwohl sie nie eine Kolonialmacht und nicht Mitglied der UNO war. Zum einen blieb das Land auf Rohstoffe aus Entwicklungsländern (v.a. Erdöl) und auf die Absatzmärkte in den Schwellenländern angewiesen. Multinationale Konzerne wie Nestlé, Ciba, Asea Brown Boveri, Alusuisse, Roche, Sandoz und Holderbank tätigten bedeutende Direktinvestitionen in der verarbeitenden Industrie und im Energiesektor, v.a. in Brasilien und Argentinien, seit den 1980er Jahren auch vermehrt in asiat. Staaten. Handelshäuser wie die Gebr. Volkart (Winterthur) und André & Cie. (Lausanne) nahmen im Baumwoll-, Kaffee-, Kakao- und Getreidehandel führende Positionen ein. Zürich entwickelte sich zu einem Zentrum des Goldhandels mit Südafrika zur Zeit der Apartheid, die Grossbanken zu Kreditgebern und Vermögensverwaltern mit Weltgeltung. Zum andern hatte Bundesrat Max Petitpierre in seinem Bestreben, das Land aus der Nachkriegsisolation herauszuführen, Solidarität und Universalität zu Grundpfeilern der Aussenpolitik gemacht. Die Zunahme bewaffneter Konflikte in den Entwicklungsländern führte zu einer Ausweitung der Tätigkeit des IKRK (Rotes Kreuz, Humanitäre Hilfe) in diese Gebiete. In der Aussenwirtschaftspolitik verfolgte die Schweiz allerdings im Rahmen des Gatt (WTO) eine konsequent auf die Liberalisierung des Welthandels zielende Strategie (Aussenwirtschaft).
An den Widersprüchen zwischen humanitärem Anspruch und Gewinnmaximierung entzündete sich seit den späten 1960er Jahren die Kritik der Dritte-Welt-Bewegung, die sich in der Schweiz in antikolonialen Solidaritätsgruppen, Studentengruppen, Hilfswerken, kirchl. Gruppierungen und den versch. Organisationen der polit. Linken (Erklärung von Bern) sammelte und Entwicklungspolitik mit Sozialkritik und Vergangenheitsbewältigung verknüpfte. Mobilisierend wirkten der Algerienkrieg (v.a. in der Westschweiz), Skandale wie der gesetzwidrige Verkauf von Waffen ins nigerian. Bürgerkriegsgebiet durch den Oerlikon-Bührle-Konzern, der mit allen Mitteln moderner Werbung vorangetriebene Absatz von Milchpulver in Lateinamerika, der Vietnamkrieg, der Staatsterror in Argentinien, Brasilien und Chile, gegen den der Bund nicht offiziell Stellung bezog, sowie das Verhalten der Banken, welche die Schweiz zur weltweit wichtigsten Drehscheibe für Fluchtgeld aus Entwicklungsländern machten. Während Wirtschaftsvertreter und die offizielle Schweiz privates Unternehmertum und freien Handel als besten Entwicklungsmotor lobten, prangerten die Kritiker aus der Dritte-Welt-Bewegung, allen voran der Genfer Soziologe Jean Ziegler, die multinationalen Konzerne als Ausbeuter und Verursacher der Unterentwicklung an, die Grossbanken als Hort von schmutzigem Geld und die Schweiz als Hehlernation. Gemäss den sog. Dependenztheorien bedingten sich der Reichtum der Schweiz und die Armut der Entwicklungsländer wechselseitig. Die Kritiker forderten daher mit Erfolg ein öffentl. Engagement für langfristige Entwicklungszusammenarbeit (Entwicklungshilfegesetz von 1976). Ausserdem betrieben sie, wie die rechtsstehenden Republikaner, die Ablehnung eines Kredits in der Höhe von 200 Mio. Fr. für die Weltbanktochter IDA (1976); erfolglos blieb die Bankeninitiative bzw. die Forderung nach Aufhebung des Bankgeheimnisses, der Widerstand gegen die weltweite Durchsetzung des Patentrechts und das Eintreten für eine Neue Weltwirtschaftsordnung nach dem Grundsatz, dass faire Preise der D. mehr helfen würden als Entwicklungshilfe. Zahlreiche ehrenamtlich und mehrheitlich von Frauen betriebene Dritte-Welt-Läden und die 1992 nach holländ. Vorbild gegr. Max-Havelaar-Stiftung zeigen hier einen mögl. Weg.
Literatur
– Jb. Schweiz-D., 1982- (franz. 1981-)
– R. Gerster, Nord-Süd-Politik, 1995
– Traverse, 1998, H. 2
– R. Holenstein, Was kümmert uns die D., 1998
– K.J. Kuhn Entwicklungspolit. Solidarität, 2011
Autorin/Autor: Albert Wirz