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Der C6 Laboratoire war eine tollkühne Rennkiste – und der radikalste aller je gebauten Avions Voisin. Hommage an eine Konstruktion, die ihrer Zeit weit voraus war Das hier gezeigte Automobil entstand aus Trotz und in nur fünf Monaten. Es handelt sich um einen reinrassigen Rennwagen mit seinerzeit aussergewöhnlichen technischen Details.
Hinter dem C6 Laboratoire steht Gabriel Voisin (1880–1973). Der hatte Architektur und Maschinenbau studiert, Ende des 19. Jahrhunderts einen der ersten Gleitflieger gebaut, 1905 kurz mit Luftfahrt-Pionier Louis Blériot kooperiert und dann selbst eine Flugzeug-Fabrikation auf die Beine gestellt. Im Ersten Weltkrieg gehörte er zu den führenden Lieferanten der französischen Luftwaffe. Nach 1918 arbeitete Voisin mit dem Architekten Le Corbusier zusammen oder produzierte Fertighäuser. 1919 wandte er sich schliesslich dem Automobil zu – wohl wissend, dass dem die Zukunft gehören würde. Seine aeronautischen Kenntnisse und Erfahrungen nahm Voisin freilich mit, was sich schon im Markennamen Avions Voisin widerspiegelte. In den folgenden Jahren entstanden elitäre Strassenfahrzeuge, deren Stärken in Komfort, Laufruhe und Sicherheit zu suchen waren. Die mögliche Höchstgeschwindigkeit spielte für den Vollblut-Konstrukteur eine eher untergeordnete Rolle. Der gesellschaftlich zunehmend relevante Motorsport war für Voisin dagegen ein probater Weg, seine Produkte zu promoten. Zahlreiche Langstreckenrekorde steigerten Absatz und Renommée; schon bald sollte die Marke zur ersten Wahl der französischen High Society gehören.
1922 gelang dem noch jungen Unternehmen ein beachtlicher Rennerfolg: Beim Französischen Grand Prix für Tourenwagen in Strasbourg erreichte der Voisin C3 S souverän die Podiumsplätze 1 bis 3.
Ein ungenau verfasster Paragraph im Reglement, der die Fahrzeugbreite definierte, hatte den Triumph möglich gemacht. Denn Voisin liess seitlich einfach zwei Beulen in die aerodynamische Karosserie dengeln und entsprach damit dem Regelwerk, was dem Organisationskomitee des französischen Automobilclubs gar nicht schmeckte: Für den GP 1923 in Tours wurden deshalb Einschränkungen beschlossen, die eine Teilnahme der überlegenen C3-Typen unmöglich machten. Windschlüpfige Autos waren ihrer Zeit so weit voraus, dass sie einfach nicht verstanden und deshalb abgelehnt wurden. Voisin war ob dieser kurzfristigen «Schikane gegen den Fortschritt» so erbost, dass er entschied, in einer anderen Klasse anzutreten, für die jene Änderungen nicht galten – dem Geschwindigkeits-GP.
Dieser Schritt war tollkühn, denn Voisin hatte weder die vier erforderlichen Autos noch den geeigneten Zweiliter-Motor, der in jener Kategorie ebenfalls vorgeschrieben war. Er verfügte aber über herausragende Ingenieure, die das Unmögliche möglich machen sollten. Sein Antriebsexperte Marius Bernard arbeitete gerade an einem Reihenvierzylinder-Aggregat, dem just zwei Töpfe hinzugefügt wurden, woraus sich ein Hubraum von 1984 cm3 ergab. Da es sich jedoch um einen Schiebermotor nach Knight-Patent handelte, war klar, dass dessen 80 PS nie an das Leistungspotential der Konkurrenten wie Bugatti 32 Tank, Delage 2 LCV, Fiat 805-405 oder Sunbeam 2L-GP heranreichen würden – zumal Voisin wegen der delikaten Schmierung und aus Furcht vor einem blamablen Ausfall die Höchstdrehzahl auf 4000/min und damit auch die Leistung auf 75 PS beschränken sollte.
Das Leistungsdefizit musste also kompensiert werden, und hier kam ein weiterer Flugzeugingenieur namens André Lefèbvre ins Spiel. Er entwickelte in der Voisin-Versuchsabteilung und in Windeseile ein gertenschlankes, rund 4,5 Meter langes Auto, dessen tragende Struktur optisch an einen Flugzeugflügel erinnerte, aus einem Verbund von Aluminium und Eschenholz bestand und somit ohne Rahmen auskam – es darf vom weltersten Automobil-Monocoque gesprochen werden. Speziell an diesem C6 Laboratoire waren auch die Spurweiten von 145 cm vorn und nur 75 cm hinten. Bremsen an allen vier Rädern waren in den 20er-Jahren ebenfalls höchst ungewöhnlich. Auf ein Differential wurde aus Gewichtsgründen verzichtet; das ganze Auto wog lediglich 750 Kilogramm und damit deutlich weniger als seine Rivalen. In der Spitze war der C6 dann auch ganze 175 km/h schnell.
Im Rennen selbst sollte das nicht ausreichen: Die vier Voisin sahen kaum Land und nur der von Levèbvre pilotierte Wagen kam ins Ziel – hinter drei Sunbeam und einem Bugatti immerhin auf Platz 5. Gabriel Voisin sah es sportlich: «13 unserer Wettbewerber, darunter einige der grössten Namen in der Welt der Geschwindigkeit, bissen ins Gras. Wir dagegen zählten zu den Überlebenden.» Ende 1923 wagte er einen zweiten Versuch in Monza, doch alle drei eingesetzten C6 fielen vorzeitig aus.
So bleibt der Laboratoire eine Episode der Automobilgeschichte. Immerhin lieferte der C6 für den folgenden GP-Voisin Jahrgang 1924 noch nützliche Daten, überlebt hat er nicht: Die vier gefertigten Fahrzeuge existieren längst nicht mehr, weshalb der Franzose Philippe Mock das bemerkenswerte Auto 1993 akribisch nachgebaut hat; das Unikat gehört heute dem Mullin-Automobilmuseum (siehe nächste Doppelseite).
Die Genialität des Konstrukteurs und Rennfahrers André Lefèbvre blieb indes nicht unbemerkt. 1927 gewann er die Rallye Monte Carlo und wechselte 1933 zu Citroën: Dort entwarf er mit Traction Avant, Typ H, 2CV und der nicht nur heroischen, sondern göttlichen DS vier Meilensteine des Hauses.