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Die Ampel
von Cedric Weidmann
Der Song heisst Portugal.
Da ist der Morgen, aus dem die Sonne herausscheint wie eine Mango durch einen Plastiksack. Auf der Strasse liegt noch der Regen der Nacht oder Tau, sonst sind alle Strassen sauber gewischt, die Läden haben noch nicht geöffnet. Da ist diese Ampel, die ein wenig länger als nötig auf Rot steht. Es sind vielleicht nur die drei, vier Sekunden, in denen alle Autos und alle Fussgänger zugleich Rot haben, aber sie reichen als Zeitspanne aus, sie innerlich zu beschädigen. Sie hasst diese Ampel, besonders am Morgen, wenn weder Autos fahren, noch Menschen da sind. Sie hasst es, wie sie ihren Nachhauseweg künstlich, über jedes nachvollziehbare Mass, verlängert und wie sie sie zwingt, sich in den Bereich der Illegalität zu begehen, wenn sie morgens zu spät dran ist und bei Rot über die Kreuzung huscht.
Eduard hat ihr erklärt, was das soll. Die Rotwelle ist künstlich verzögert, damit weniger Autos in die Stadt kommen. So kann die Stadtverwaltung dafür sorgen, dass die Strassen nicht überfüllt sind. Eduard weiss es und hat es ihr deutlich erklärt und sie hat sich gegen seine Brust geschmiegt, zufrieden mit der Erklärung oder wenigstens nachgiebig und aufopferungsvoll, weil in der Welt nun einmal alles mit rechten Dingen zu und her gehen müsse und weil drei oder vier Sekunden verlängerte Wartezeit nicht dasjenige sei, was zu den unrechten Dingen gezählt werden müsste. Aber jetzt wo sie draussen steht und der nasse Wind in ihr Gesicht weht und sie friert in ihrer Bluse, für die erst in einigen Stunden die richtige Temperatur herrscht, scheint ihr diese Frau, die an Eduards Brust klebt, fremd und lächerlich.
Da ist diese erste Sekunde, wo sie den Drang, die Hände vors Gesicht zu schlagen, unterdrückt, ein Hund ist auf der anderen Strassenseite, der Hund nagt an einer Eisenkette, seine Hoden knallen gegen die Eisenkette, als er sie markiert und zur Überprüfung beschnüffelt, sie will nicht mehr am Leben sein und sie steht breitbeinig da und schaut den grauen BMW an und da ist die zweite Sekunde, der BMW-Fahrer sieht ihren Blick, erwidert ihn, er trägt eine dicke Hornbrille und einen Anzug und neben ihm sitzt ein Jüngerer in dunklem Pullover, vielleicht sein Sohn mit einem Bart. Da ist die dritte Sekunde und ihr Blick fällt auf den Mann der gegenüber steht, fährt an seinen kräftigen Beinen hoch, er steht aufrecht und sieht ihr ins Gesicht, die Hand streichelt nachdenklich über die glattrasierte Wange und als sie ihren Blick auf sein Gesicht richtet, kantig und ohne ein einziges Versprechen, das über Unfreundlichkeit hinausgeht, lächelt er. Ihr fällt ein, dass sie ihn öfters hier gesehen hat, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie atmet erstaunt aus, sie liebt diesen Mann. Wie hat er ihr immer entgehen können? Sie ist sehr kurzsichtig.
Da ist das Grün der Ampeln und nun schleppt sie sich fast gelähmt über den Fussgängerstreifen und der Mann geht an ihr vorbei.
„Alles in Ordnung?“, fragt er sie.
„Ja“, antwortet sie und lächelt zurück. Der Mann nickt und geht weiter bis zur anderen Strassenseite und sie beginnt, den Rest ihres Wegs fortzusetzen. Die Männer aus dem BMW schauen sie ausdruckslos an und sie bemerkt, wie schön sie alle sind. Es ist alles in Ordnung, denkt sie, die Ampel wird gelb. Es ist ein bisschen wärmer geworden, als sie auf der anderen Strassenseite ankommt und sie zieht die Ärmel der Bluse ein wenig zurecht.