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Anabella Sibrián ist die Direktorin der internationalen Plattform gegen Straflosigkeit in Guatemala, Honduras und El Salvador (Pi). Die Pi ist ein Verein mit Sitz in der Schweiz und Büros in Guatemala-Stadt und Tegucigalpa. Peace Watch Switzerland (PWS) ist Mitglied der Pi. Die Menschenrechtsorganisation sucht Freiwillige, bildet sie aus und entsendet sie als Menschenrechtsbeobachter_innen nach Guatemala, Honduras, Kolumbien und Palästina/Israel. Im folgenden Interview mit PWS spricht Anabella Sibrián über die Arbeit der Pi im Spannungsfeld von sich permanent professionalisierenden NGOs sowie Menschenrechts- und Friedensorganisationen an der Basis.
Anabella, kannst du uns bitte kurz die Arbeit der Pi vorstellen?
Die Pi ist eine Initiative, welche Menschenrechtsverteidiger_innen in (vorwiegend indigenen) Gemeinschaften der südlichen Hemisphäre befähigen möchte, selbstbestimmt internationale Advocacy-Arbeit leisten zu können. Momentan fokussieren wir dabei auf Guatemala, Honduras und El Salvador. Wir versuchen, Methodologien des Lernen-und-Tuns zu entwickeln, denn Adovcacy lernt man mehr in der Praxis denn in der Theorie.
Die Pi arbeitet einerseits in konfliktiven Situationen von Menschenrechtsverteidigern_innen und Basisorganisationen, andererseits mit sich immer stärker professionalisierenden NGOs. Was bedeutet das für ihre Arbeit?
Unsere Priorität sind die Basisorganisationen, sozialen Bewegungen und Menschenrechtsverteidiger_innen in den Gemeinden. Denn diese sind es, die historisch gesehen schlechteren Zugang zu den Räumen internationaler Advocacy haben. Bis jetzt waren sie eher Informationslieferanten_innen für die spezialisierten Organisationen in der nördlichen Hemisphäre. Selbst wenn sie ab und zu eingeladen wurden, sich in solche Räume einzubringen, konnten sie selten selbst hinreisen und sich selbstbestimmt beteiligen. Hier setzen unsere Bemühungen an. Gleichzeitig versuchen wir, mit den spezialisierten Organisationen Synergien zu nutzen und Allianzen zu schmieden, damit die Basisorganisationen ihre Stärkungsprozesse weiterführen können.
Welche Auswirkungen hat die Professionalisierung in der Friedensförderung für die Arbeit der Pi?
Die Dialektik zwischen der Theorie und der Praxis ist fundamental; doch was oft als Professionalisierung verstanden wird, tendiert dazu, auf der technischen Ebene zu verhaften und das politische Handeln zu ersetzen. In der Regel verfügen die Menschen in den Gemeinden, die schlechteren Zugang zu technischen Arbeitsweisen haben, über mehr politische Klarheit in ihrem Tun. Die in der Pi zusammengeschlossenen Organisationen möchten aus einer Friedensförderungsperspektive den engen Kontakt mit der Realität der ländlichen Gemeinden und der indigenen Bevölkerung aufrechterhalten, um ihre Adovacy-Arbeit darauf ausrichten zu können.
Wir funktioniert die Dynamik zwischen professionellen NGOs und Friedens- bzw. Menschenrechtsorganisationen an der Basis?
Sie sollte in horizontalen Allianzen bestehen und – wenn immer möglich – die Rolle der Protagonisten_innen den Leuten aus den sozialen Bewegungen überlassen. Dies ist nicht immer einfach, denn viele Räume internationaler Advocacy-Arbeit erfordern das Beherrschen des Englischen, was bei Gemeinde-Führungspersonen meist nicht der Fall ist. Wir müssen uns von der Pi aus weiterhin dafür einsetzen, dass die Advocacy-Räume im Norden den Menschen aus dem Süden besseren Zugang zur Teilnahme erlauben. Wenn dies erreicht wird, bereichern wir uns in den beiden Weltregionen gegenseitig.
Wo siehst du die Rolle von Freiwilligen in der Friedensförderung?
Die Freiwilligen tragen einerseits mit ihren spezialisierten Kenntnissen zur Stärkung der technischen Fähigkeiten in den Basisorganisationen bei; andererseits sind sie nach ihrer Rückkehr eine mögliche Sensibilisierungs- und Informationsquelle für die Bevölkerung in ihrem Herkunftsland. So können Freiwillige zum Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen sowie zu gleichberechtigten und respektvollen Beziehungen für ein friedliches Zusammenleben beitragen.
PWS entsendet Freiwillige in Konfliktgebiete, zum Beispiel nach Guatemala und Honduras, um Menschenrechtsverteidiger_innen zu begleiten. Worin siehst du die Vorteile dieser Freiwilligenarbeit innerhalb der Friedensförderung durch professionalisierte NGOs, worin die Herausforderungen?
Einen der grössten Vorteile sehe ich darin, dass die Freiwilligen sowohl mit Mitarbeitenden professioneller NGOs als auch mit Menschen in den Gemeinden eng zusammenleben und -arbeiten. Die Herausforderung für die Organisationen, mit denen die die Freiwilligen arbeiten, liegt darin, dass sie ein paar minimale Anforderungen erfüllen müssen, um von dieser Unterstützung profitieren zu können. Denn in der Regel handelt es sich um Kontexte, in denen täglich auf Notfälle reagiert werden muss und die Planung sich als sehr schwierig erweist. Falls die Freiwilligen den Anspruch haben, bei ihrer Ankunft ein für sie zusammengestelltes Programm und detaillierte «Terms of Reference» vorzufinden, könnten sie angesichts der spärlichen Planung frustriert sein. Wenn sie aber mit offenem Geist kommen und sich bewusst sind, dass sie es sind, die sich an die Dynamiken der Organisationen anpassen müssen und nicht umgekehrt, können sie eine aussergewöhnliche Zusammenarbeit und vor allem sehr menschliche Begegnungen mit ihren Nächsten erleben.