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von Alois Ebneter
Wieso komme ich dazu, einen Text über den Alpsegen zu gestalten? Dies wohl, weil ich zu Beginn der Coronazeit gefragt wurde, ob ich nicht einen Stadtsegen (Alpsegen, in der Stadt gerufen, und an die Coronaverhältnisse angepasst) auf dem Dach der ökumenischen Haldenkirche in St. Gallen rufen würde. Damals habe ich sofort zugesagt, obwohl ich über den Hintergrund des Alpsegens gar nicht viel wusste.
Wer einen tiefen Glauben an die heilvolle Wirkung des Segensrufes auf der Alp hat, kann durchaus diese Art Gebetsrezitation in die Stadt übertragen. Wie auf der Alp, wo neben dem Sennen vielleicht keine Menschenseele in der Nähe ist, so kann der Stadtsegen auch in die laute Stadt gerufen werden und ein ganzes Quartier einhüllen. Es ist dann ein Segenswunsch für alle, die ihn hören und auch für jene, die ihn nicht hören. Früher glaubte ich immer, ein Segen könnte nur von einem Priester gespendet werden. Nun war ich sehr erfreut, dass ich eine solche Aufgabe in der ökumenischen Gemeinde Halden erfüllen durfte.
Der Alpsegen, in der Innerschweiz Betruf genannt, ist in katholischen Berggebieten der Schweiz verbreitet. Man ruft ihn im Gebiet rund um den Säntis, im Sarganserland, in der Innerschweiz, im Goms und in der Surselva. Er wird aber auch im Fürstentum Liechtenstein, im Vorarlberg und im süddeutschen Allgäu praktiziert.
Der Betruf ist ein ursprünglich vorchristlicher Alpsegen, welcher vom Senn beim Einnachten mit der sogenannten Volle, einem megafonähnlichen Trichter aus Holz, oft in alle vier Himmelsrichtungen gesungen wird. 1609 verbot die Luzerner Obrigkeit das Ritual, da es heidnisch sei. Erst später haben dann die Kirchenoberen versucht, die Texte in eine christlichere Form zu bringen, indem man zum Beispiel die Rufform «Loba» (für die Anrufung der Kuh) in das «Gott ze lobe» umwandelte und so aus dem Viehsegen einen christlichen Text schuf, und so hat die Kirche diesen Ritus dann auch toleriert.
Heute rufen auch Frauen den Alpsegen. Die aktuellen Texte sind von Region zu Region und gar von Alp zu Alp verschieden. Auf dem Lande ist es wie selbstverständlich, dass man die Tradition mitträgt. Städter sind fasziniert und begeistert vom Betruf und möchten ihn immer wieder erleben. Sie spüren beim abendlichen Ritual eine uralte Sehnsucht, die sie selbst haben.
Es handelt sich um eine Art Sprechgesang mit Rufmelodik ohne Liedform. In dieser Art Gebetsrezitation werden Maria und verschiedene Schutzheilige angerufen zum Schutz für das Vieh, die Alp und die Menschen da oben. Der Älpler bittet in seinen 4 bis 5 Rezitationstönen: «Bhüet üs Gott, Vech und Hab und alles wo do ume isch».
Da mich vor allem die Gedanken des Schutzringes auf den Alpen im Urnerland begeisterten, so möchte ich es nicht unterlassen auf das Buch eines Urner Arztes hinzuweisen. In diesem Buch mit dem obigen Titel beschreibt Eduard Renner (erstmals erschienen 1941) wie im Weltbild der Urner Bergler die magische, vorchristliche Welt mit der christlichen Welt durchaus versöhnt sind. Der Senn, der den allabendlichen Betruf macht, legt somit einen goldenen Ring um die Alp, um diese vor dem sogenannten Es zu schützen. Mit diesem Es bezeichnen die Bergler dasjenige, was wir heute als das Unbewusste bezeichnen würden. Der Betruf ist ein Schutzring gegen das Es, gegen das Unbewusste.
Der Senn steht in der Mitte dieses durch den Betruf symbolisch gebildeten Ringes oben auf der Alp. Unten im Tal sind es die Kirchenglocken, die einen Schutzring bilden. Oben auf der Alp hört man die Glocken aus dem Tal nicht mehr, denn da oben steht auch keine Kirche, wodurch der Senn auf der Alp sozusagen zum Priester wird. Er bildet damit einen an sich vorchristlichen magischen Schutzring.
Da mich die Symbolik in dieser Bergkapelle interessiert hat, reiste ich für diesen Beitrag ins Isenthal. Von Isleten am Vierwaldstättersee geht es über eine schmale, steile Strasse zum Bergdorf Isenthal. Von dort führt eine Strasse weiter nach St. Jakob im Grosstal. Dann führt uns eine 8er Kabine hinauf auf über 1500 m zur Siedlung Gitschenen.
Zum Bau dieses Andachtsraumes kam es aufgrund eines Gelübtes. Obwohl erst vor gut 20 Jahren gebaut, hat man das Gefühl, die Kapelle stehe schon seit Urzeiten an diesem Ort. Die Betrufkapelle ist für alle Religionen offen, so hat schon eine buddhistische Hochzeit darin stattgefunden.
Über dem Altar befindet sich oben ein Dreieck in die Wand eingelassen, die Trinität. Unten ein fast gleichschenkliges Kreuz, das Kreuz des irdischen Lebens. Dazwischen sehe ich den goldenen Ring mit dem goldenen Punkt in der Mitte, ein uraltes Gottesbild. Sind da nicht Parallelen zum buddhistischen Kreissymbol oder dem kreisrunden Meditationsbild des Niklaus von Flüe (an der Hinterwand der Kapelle) oder gar der hinduistischen Mandalas?
Was denkt der/die Rufende dabei? Sonja Lieberherr (Vom Zauberklang der Dinge: Folge 9 auf youtube) sagt, dass sie den Alpsegen auch für die Murmeltiere und die Hirsche rufe. Sie sagt alles gehöre dazu, alles sei eins. Ich zitiere: «In Gedanken bin ich mit allem verbunden, es ist eine Gemeinschaft. Ja, im Alpsegen erfahre ich ein unglaubliches Miteinander».
Es gibt dann auch keine Trennung zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Sonja sagt : «Es ist wichtig, dass ich ihn für alle rufe, für diejenigen, die da sind – und für jene, die nicht da sind. Ich empfinde den Alpsegen als etwas sehr Tiefes».
Weiterführende Quellen und Beispiele
Goldener Ring über Uri, Eduard Renner 1941, 1969
Wissen und Ahnung, Theodor Abt, 2007
Alpzeit, Gelebte Traditionen im Toggenburg, Andreas Bachofner, 2012
Die Betrufkapelle von Gitschenen, Doku in der Kapelle
Stadtsegen