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Kommaqualen
Mein Lieblingskomma ist jenes, das einen eingeschobenen Nebensatz vor «und» beendet, und es fehlte in einem einzigen Samstagblatt mindestens dreimal.
Meistens ist das Fehlen des Kommas nur ärgerlich, manchmal aber auch sinnstörend: «Wir lernen (Herta Müllers Romanhelden) Auberg kennen, als er bereits weiss, dass er auf der Liste der Russen steht und den Koffer packt.» Die meisten Leute wissen es, wenn sie den Koffer packen. Über Auberg wollte man uns vermutlich nicht dies mitteilen, sondern sein Kofferpacken als Folge der Fahndung darstellen.
Leider ist es noch keine Garantie für die Richtigkeit eines Satzes, wenn das fragliche Komma gesetzt wird: «Sonova sei es gelungen, das Portfolio entscheidend zu verbreitern, und könne nun fast die gesamte Palette anbieten.» Das Problem liegt darin, dass «Sonova» im Dativ steht und daher im zweiten Teil des Hauptsatzes nicht als Subjekt dienen kann. Entweder baut man diesen Teil aus («und die Firma könne nun»), oder man ändert den ersten Teil: «Sonova habe es geschafft, ...»
Sinnstörung per Komma bringt man auch ohne eingeschobenen Nebensatz zustande:
«Dieses Präparat von Baxter besteht aus einem ganzen Virus und nicht nur aus Bestandteilen, wie die Impfstoffe von GSK und Novartis.» Durch Komma abgetrennt, bedeutet die Aussage über die beiden Konkurrenzprodukte, sie bestünden ebenfalls aus dem ganzen Virus. Gemeint war aber das Gegenteil, also: «... nicht nur aus Bestandteilen wie die Impfstoffe von GSK und Novartis».
«So bezeichnete 'Newsweek' in einer Titelgeschichte über das Vermächtnis von Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse.» Dank dem Komma warten wir am Schluss des Satzes immer noch auf die Mitteilung, wem denn die Bezeichnung gegolten habe, die im vorangegangenen Satz stand. Ohne Komma wäre klar: Der Begründer war gemeint. Dass Freud selber dieser Begründer war, ist freilich nur mit dem Komma eindeutig gesagt. Wenn man das nicht als bekannt voraussetzen will, dann muss man auf die kunstvolle Verschränkung zwischen dem Erblasser des Vermächtnisses und dem Objekt der Bezeichnung verzichten.
© Daniel Goldstein