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Im Winterhalbjahr 1892/93 begab sich Richard Strauss auf eine grosse Mittelmeer-Reise, um ein hartnäckiges Lungenleiden, das er sich im vorigen Frühjahr zugezogen hatte, auszukurieren. Er hatte Zeit, viel Zeit, und vertrieb sie sich mit Lektüre. Zu den Büchern, die er zur Hand nahm, gehörte auch Friedrich Nietzsches Schrift Jenseits von Gut und Böse, die er mit zunehmender Begeisterung verschlang. «Kennen Sie dieses Buch?», fragte er Cosima Wagner in einem Brief aus Taormina. «Es ist ein tolles Gemisch von Absurditäten und dann wieder Gedanken, die ich für das Bedeutendste mit halte, was ein Menschenkopf ersinnen kann.»
Sukzessive arbeitete sich Strauss durch den gesamten Nietzsche; vor allem Also sprach Zarathustra hatte es ihm angetan. Was Nietzsche selbst in Ecce homo über sein berühmtes Buch «für Alle und Keinen» vermerkt hatte, stimmte exakt mit Strauss’ eigenen Empfindungen überein: «Hier redet kein ‹Prophet›, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht ‹gepredigt‹, hier wird nicht Glauben verlangt.» Nicht glauben zu müssen wirkte auf Strauss, den katholisch Getauften (der später aus der Kirche austrat), wie ein Zauberwort – und fand bald in seinem Schaffen Widerhall. Bereits in das Libretto zu seiner Oper Guntram, an dem er während der Mittelmeerreise arbeitete, flossen Gedanken ein, die dem Zarathustra verwandt sind: «Mein Leben bestimmt / Meines Geistes Gesetz; / Mein Gott spricht / Durch mich selbst nur zu mir!», lässt Strauss dort den Titelhelden bekenntnishaft erklären.
Mit Also sprach Zarathustra, seiner 1895/96 entstandenen «Tondichtung (frei nach Friedrich Nietzsche)», erwies Strauss dem Philosophen dann expressis verbis seine Reverenz. Nach Nietzsches Tod wollte er wiederum eine viersätzige Sinfonie in memoriam komponieren, doch das Projekt gelangte nicht über Anfänge hinaus. Merkwürdigerweise bewirkte ausgerechnet die Nachricht, dass Gustav Mahler gestorben war, die Rückbesinnung auf die alten Skizzenblätter – vielleicht weil Mahler einst zur selben Zeit, als Strauss den Zarathustra schuf, mit seiner Dritten Sinfonie eine eigene Nietzsche-Adaption vorgelegt hatte. Im Mai 1911 jedenfalls, wenige Tage nach Mahlers Tod, findet sich in Strauss’ Tagebuch die folgende Eintragung: «Der Jude Mahler konnte im Christentum noch Erhebung gewinnen. […] Mir ist absolut deutlich, dass die deutsche Nation nur durch die Befreiung vom Christentum neue Tatkraft gewinnen kann. […] Ich will meine Alpensinfonie: den Antichrist nennen, als da ist: sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur.»
Strauss legte das Werk denn auch als heidnisches Naturpoem an. Nietzsches Vorwort zu seiner 1888 verfassten Schrift Der Antichrist mag ihm dabei als Leitfaden gedient haben: «Man muss geübt sein, auf Bergen zu leben – das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter sich zu sehn», heisst es dort, und als bessere Werte werden propagiert: «Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten.» Bis kurz vor Vollendung der Partitur hielt Strauss an seinem Plan fest, die Tondichtung Der Antichrist: Eine Alpensinfonie zu benennen – erst in der Reinschrift tilgte er den ersten Teil des Namens. Fürchtete er, der als Preussischer Hofkapellmeister in Berlin eine gesellschaftlich hochrangige Stellung einnahm, mit einem solchen Titel am Ende anzuecken und an Renommee zu verlieren? Ein solches Denken war Strauss gewiss nicht fremd.
Susanne Stähr