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kuratiert von Sabine Schaschl
4. Juni bis 6. September 2020 / Vernissage: 3. Juni, 18 Uhr
Das Museum Haus Konstruktiv widmet Mira Schendel die erste museale Einzelausstellung in der Schweiz. Schendel (1919–1988), die in Zürich geboren ist und später in São Paulo ansässig war, zählte zu den einflussreichsten Künstlerinnen Lateinamerikas im 20. Jahrhundert. Die in Zusammenarbeit mit dem von Hauser & Wirth verwalteten Nachlass konzipierte Ausstellung legt den Fokus auf das zeichnerische und malerische Œuvre, das Schendel ab den 1960er-Jahren bis kurz vor ihrem Tod geschaffen hat.
Mira Schendel stammt aus einer italienisch-deutschen Familie und wird trotz ihrer jüdischen Herkunft kurz nach ihrer Geburt in Zürich katholisch getauft. 1922 zieht sie mit ihrer Mutter nach Mailand, studiert später Philosophie und nimmt Zeichen- und Malunterricht an einer privaten Kunstschule. Mit dem Erstarken des Faschismus emigriert sie 1939 zunächst nach Jugoslawien und wandert schliesslich 1949 nach Brasilien aus. Dort beginnt sie mit ihrer reduzierten, zuweilen figurativen Malerei. Sie schliesst Kontakte zur brasilianischen Kunstszene, die sie mit der konkreten und neokonkreten Kunst vertraut macht. Fast mehr noch interessiert sie sich für die westliche und fernöstliche Philosophie, für Theologie und Religion, für Literatur und Poesie sowie für Mathematik und Physik. Sie beginnt, eine eigenständige Formensprache zu entwickeln, in der sie Aspekte aus der konkreten Poesie, der Semiotik und Phänomenologie aufgreift.
Mitte der 1960er stösst Mira Schendel auf hauchdünnes, halbtransparentes Reispapier aus Japan, mit dem sie über längere Zeit experimentieren wird und das heute als Charakteristikum ihrer künstlerischen Arbeit betrachtet wird. Sie setzt es beispielsweise für ihre sogenannte Monotipias ein, Blätter, die sie mit Symbolen, Linien, Zahlen, Buchstaben und Worten von Hand bedruckt und – zwischen zwei Plexiglasscheiben fixiert – installativ von der Decke hängen lässt, sodass sie beidseitig zu betrachten sind. Daneben kreiert sie mit dem fragilen Papier Droguinhas, «kleine Nichts», die sie zu verdrehten, komplexen Objekten formt. Die Sarrafos zählen zu den letzten Werken, die Schendel geschaffen hat. Dabei handelt es sich um weiss bemalte Holzplatten, aus denen heraus jeweils ein angewinkelter schwarzen Balken in den Raum ragt. Diese Arbeiten stehen in einem ausgeklügelten Gleichgewicht zwischen poetischer Leichtigkeit und strenger Askese, ein Paradoxon, das viele ihrer Werke kennzeichnet.
Die Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv, die neben einer Vielzahl von Zeichnungen und Malereien auch ausgewählte Plexiglasobjekte und Notizhefte präsentiert, gibt einen Einblick in das rätselhaft schöne und schön rätselhafte Werk dieser aussergewöhnlichen Künstlerin.
Abbildungen oben:
Mira Schendel, Sarrafo, 1987 (1/2). Variantes II, 1965, 1964 (3) / Courtesy Nachlass Mira Schendel und Hauser & Wirth, Zürich / New York