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Mehr denn je.
Hans-Peter Tschudi, SP-Bundesrat von 1959 bis 1973, der Vater – zumindest der unerschrockene, weitblickende, nimmermüde Förderer – der AHV, brachte die Bedeutung des beliebtesten Sozialwerkes der Schweiz mit einem Satz auf den Punkt: „Die Reichen brauchen die AHV nicht, die AHV aber braucht die Reichen.“ Dieser so einfache wie geniale Satz, verdeutlicht die einfache wie geniale Finanzierung der AHV. Ich erinnere mich noch gut an ein Interview, das ich mit einem, wie es damals hiess, Gnomen der Bahnhofstrasse, vor rund 30 Jahren führte. Der Mann im dunklen Nadelstreifen-Anzug, gerade 50 Jahre alt geworden, blickte besorgt, gar betroffen, in die Kamera und polterte: „Die AHV ist verdammt noch mal eine Reichtumssteuer.“ Das wollte er dann doch nicht so gesendet haben.
Im persönlichen Gespräch klagte er laut darüber und wurde ganz präzis: Er zahle für den – damals riesigen – Lohn(Red.) von 750`000 CHF, über 30`000 CHF in die AHV ein und seine Bank, seine Arbeitgeberin, auch. Heute bezieht der Mann, nun AHV-Bezüger, 80 Jahre alt, verheiratet, eine AHV-Rente von 21‘150 CHF im Jahr. Rechnen wir doch mal. Er startete seine sehr erfolgreiche Karriere als Banklehrling, zahlte also sehr früh in die AHV ein, machte schnell Karriere in der Bank. Genf, Lugano, London, Beirut, New York waren seine Stationen, und dann – die längste Zeit -natürlich die Bahnhofstrasse in Zürich. Bereits mit 30 bezog er, nach seiner Darstellung, ein ordentliches Gehalt. Am Schluss seines Berufslebens betrugen seine AHV-pflichtigen Bezüge weit über eine Million CHF, in etwa.
Gehen wir davon aus, dass er 46 Jahre in die AHV einzahlte und nehmen wir den bei ihm an sich niedrigen Durchschnittslohn von 500`000 CHF im Jahr als Bezugsgrösse an, zahlte er rund 1 Mio. CHF in die AHV ein, sein einziger Arbeitgeber, denn er hatte, auch. So kommen etwa 2 Mio. CHF zusammen. Teilt man diesen Betrag mit der Jahresrente von 21‘150 CHF, müsste er über 90 Jahre die AHV-Rente beziehen, also 155 Jahre alt werden, um das zu bekommen, was er und der Arbeiter einbezahlt hatten, ohne Zinsen und Zinseszinsen.
Das Rechenbeispiel zeigt, dass die AHV die Reichen mehr als braucht; sie ist schlicht auf sie angewiesen. Man mag sofort einwenden, dass das ein extremes Beispiel ist. Nur: Alle, die heute über 84`000 CHF im Jahr verdienen, werden nicht das zurückbekommen, was sie einbezahlt haben. Auf diesen Betrag bezieht sich die geltende Maximalrente von 2‘380 für Einzelpersonen, 3‘566 CHF für Ehepaare. Aber auch: Wer immer unter diesem Betrag (eine Bezugsgrösse, die immer wieder nach oben angepasst wird) verdient, kommt nicht zu einer Maximalrente der AHV.
Die AHV beruht auf einem: auf der Solidarität zwischen den Reichen, dem Mittelstand und den Armen. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bezeichnete in einer Reportage über die Schweiz die AHV einmal als eine sozialistische Errungenschaft. In der Tat: Die AVH hätte es heute schwer, hätte bei den geltenden Machtverhältnissen wohl kaum eine Chance. Gut, dass wir sie haben. Gut, dass wir sie immer wieder erneuern. Zu verdanken ist das Hans-Peter Tschudi, aber auch unseren Müttern und Vätern. Und den Politikern, die bis zum Jahre 2005 zu 10 Revisionen fähig waren. In den letzten 11 Jahren paralysierten sich die Männer und Frauen im politischen Betrieb in Bern. Und das Volk erteilte 2010 einer Reduktion des Umwandlungssatzes bei der zweiten Säule eine deutliche Abfuhr. Mit der Abstimmung am 25. September über die Initiative AHVplus kommt Druck ins politische System, wie das Stimmvolk auch entscheiden wird. Auch das ist gut so.