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Thomas Nehrlich und Michael StroblVon 1791 bis 1796 absolvierte Alexander von Humboldt eine rasante Karriere im preußischen Bergbau, die ihn bis in den Rang eines Oberbergrats und in zahlreiche Bergwerke, Minen und Stollen führte. Nachdem er an der Freiberger Bergakademie von Abraham Gottlob Werner (1749–1817) in Natur- und Montanwissenschaften ausgebildet worden war und den praktischen Bergmannsdienst kennengelernt hatte, war Humboldt in Bergwerken unter anderem in Franken, an der Saale und im Fichtelgebirge tätig. Zu seinen Aufgaben gehörten zahlreiche Grubenbefahrungen und Besichtigungen von Manufakturen, über die er Gutachten vorlegte.1 Neben diesen Auftragsarbeiten und im engeren Sinne montanwissenschaftlichen Berichten über Ressourcenvorkommnisse, Abbauverfahren, Ertrag und Produktivität widmete sich Humboldt eigenen Forschungen in verschiedenen Fachgebieten: Unter anderem führte er chemische Analysen von Grubenwettern durch, untersuchte unterirdische Pflanzenarten und entwickelte zum Schutz der Bergleute ein Atemgerät, das er im Selbstversuch testete.Die Publikationen, die aus diesen bergbaukundlichen Arbeiten hervorgingen, sind keineswegs monodisziplinär, sondern weisen bereits die für Humboldt später so typischen fächerübergreifenden Perspektiven auf: So erscheint 1793 die auf Latein verfasste Monographie Florae Fribergensis specimen zur Höhlenbotanik; und 1799 veröffentlicht Humboldt mit Ueber die unterirdischen Gasarten und die Mittel, ihren Nachtheil zu vermindern einen Band mit chemischen Forschungsergebnissen. Diese frühen Buchwerke bilden zwar keinen Schwerpunkt der Humboldt-Forschung – sie liegen z. B. nicht in philologischen Editionen vor –, doch der Einfluss des Freiberger Studiums und der Bergbau-Tätigkeit auf Humboldts Wissenschaft ist natürlich erkannt worden.2 Humboldts zahlreiche Aufsätze und Abhandlungen zur Geologie, die er bis kurz vor seinem Tod veröffentlichte, wurden dabei jedoch bisher weitgehend außer Acht gelassen. Auf der neuen Grundlage seiner Schriften lässt sich das Verständnis von Humboldts Geologie daher erheblich erweitern, insbesondere in dreierlei Hinsicht:1. Material: Selbst innerhalb der einschlägigen Forschung sind Humboldts geologische Schriften, wie die allermeisten seiner unselbständigen Veröffentlichungen, kaum bekannt.3 Die Berner Ausgabe enthält rund 35 zu Lebzeiten weitverbreitete Veröffentlichungen zum Thema sowie ihre zahlreichen Nachdrucke und Übersetzungen. Dadurch wird ein großer Teil von Humboldts geologischer Forschung wieder zugänglich, der seine Forschungsbiographie vervollständigt und seinen ganzen Beitrag auf diesem Wissensfeld ausweist. Und der Stand der Wissenschaftsgeschichte zum Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird rekonstruierbar, den Humboldt mitprägte und den seine Zeitgenossen rezipierten.2. Zeitraum: Humboldts geognostische und oryktognostische bzw. geologische und mineralogische Arbeiten sind durchaus nicht auf seine kurze Zeit als Bergbau-Beamter in den 1790er Jahren beschränkt, die bisher in der wissenschaftshistorischen Forschung im Vordergrund stand. Bereits seine erste, noch vor dem Studium in Freiberg verfasste Monographie hat einen geologischen Fokus: Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein (1790). Humboldt führte die Beschäftigung mit tellurischen Gegenständen lebenslang fort, erweitert um die Beobachtungen und Erkenntnisse, die er vor allem auf seinen beiden großen Reisen gewonnen hat, 1799 bis 1804 in die Amerikas und 1829 nach Zentral-Asien. Zu berücksichtigen sind also keineswegs nur Humboldts frühe geologische Buch-Publikationen, sondern daneben auch die zahlreichen kleineren Veröffentlichungen bis ins hohe Alter hinein.3. Focus: Nicht nur das Material selbst, auch das Themenspektrum von Humboldts Geologie erweitert sich auf Grundlage der Schriften: Mehr als in seinen Büchern tritt in seinen Abhandlungen Humboldts vulkanologische Forschung in den Vordergrund. Von allen geologischen Phänomenen haben Vulkane Humboldt zeitlebens am meisten fasziniert. Auf seinen Reisen bestieg er u. a. auf Teneriffa den Pico del Teide (3718 m) und in den Anden den Cotopaxi (bis 4600 m). Den erloschenen Chimborazo, der damals als höchster Berg der Welt galt, hat er als erster Mensch bis in eine Höhe von rund 5600 m erklommen. Mehrmals hat er Vulkane gezeichnet, u. a. für die Vues des Cordillères (1810–1813, u. a. Tafel 10, 16, 25, 41, 42, 43, 54, 61).Humboldt hat Vulkane in Europa, Asien und Amerika untersucht und durch den Vergleich eine globale Perspektive entwickelt. Seine Vulkanforschung bildet den eigentlichen thematischen Kern und den quantitativen Schwerpunkt von Humboldts Geologie, wie sie in seinen Schriften dokumentiert ist.
Lebensthema Vulkanologie
Während seiner Bergbau-Zeit in den 1790er Jahren nahm Humboldt in einer ganzen Reihe von Schriften an geologischen Debatten seiner Zeit teil. Er bezog Stellung u. a. zum Basaltstreit bzw. zur Neptunismus-Plutonismus-Kontroverse, der wohl virulentesten geologischen Frage um 1800, bei der es um nichts Geringeres als die Entstehung der Erde ging – durch langsame Sedimentierung aus den Ozeanen, wie Humboldts Freiberger Lehrer Abraham Gottlob Werner behauptete, oder durch plötzliche Eruptionen des Erdinneren, wie u. a. James Hutton (1726–1797) vermutete. Er schaltete sich außerdem in die kuriose Debatte um das Verhältnis zwischen Vulkanen und Pyramiden ein. Diese Texte sind Teil von Humboldts geologischem Frühwerk, das in lokalen Untersuchungen bestand und sich von der Wernerschen Lehre noch nicht gelöst hatte.Infolge seiner Reisen, 1799 bis 1804 nach Amerika und 1829 nach Russland, außerdem zeitlebens durch ganz Europa, weitete sich Humboldts Perspektive: In der zunehmend vergleichenden Auseinandersetzung mit andinen, europäischen und später auch zentralasiatischen Vulkanen verfasste er Abhandlungen über regionale und globale geologische Prozesse. Ausführliche Studien widmete er einzelnen Vulkanen wie dem Jorullo (1809), 4 dem Cotopaxi (1817)5 und dem Teide (u. a. 1818).6 Neben geologischen und mineralogischen Erkenntnissen enthalten diese Texte entsprechend Humboldts inter- und transdisziplinärem Forschungsparadigma u. a. ethnologische, botanische, linguistische und historische Beobachtungen. Humboldts wohl wichtigster theoretischer Beitrag zur Vulkanologie ist der von Goethe rezipierte Aufsatz „Über den Bau und die Wirkungsart der Vulcane in verschiedenen Erdstrichen“ (1823), der eine interkontinentale Synthese der vorangehenden Einzelstudien darstellt. Daneben verfasste Humboldt in den 1820er und 1830er Jahren montanwissenschaftliche Berichte u. a. über den Bergbau in Mexiko (1811), Platinvorkommen in Südamerika (1826) und Goldminen in Russland (1830).7Aus historischer Perspektive befasste sich Humboldt mit dem erdgeschichtlichen Phänomen des Vulkanismus insgesamt und mit der Geschichte einzelner Vulkane – u. a. mit dem Verlauf ihrer Ausbrüche und mit der Etymologie ihrer Namen. Wie Leopold von Buch (1774–1853), der als weiterer bedeutender Werner-Schüler besonders die Vulkane der Auvergne, Italiens und der Kanaren studierte und mit dem er sich intensiv austauschte, wechselte Humboldt auf Grundlage seiner über die Jahre gewonnen Erkenntnisse von einer ursprünglich neptunistischen Perspektive zu einer dezidiert plutonistischen Position, die sich nicht zuletzt durch seine Forschungen schließlich allgemein durchsetzte. Darunter sind Vergleichsstudien zu andinen und asiatischen Vulkanketten und zur Gebirgsbildung, u. a. in dem Aufsatz „Ueber die Bergketten und Vulcane von Inner-Asien und über einen neuen vulcanischen Ausbruch in der Andes-Kette“ (1830). Indem Humboldt die besondere geographische Verteilung der Vulkane thematisierte (z. B. den Pazifischen Feuerring), wies er auf die viel spätere Entdeckung der Plattentektonik voraus.Auch Humboldts Spätwerk enthält Vulkan-Schriften. In dem Reisebericht „Ueber zwei Versuche den Chimborazo zu besteigen“ (1837) schilderte Humboldt 35 Jahre nach den Ereignissen erstmals zusammenhängend seinen Aufstieg auf den Vulkan Chimborazo, die bekannteste Episode seiner Amerikareise. Ab den 1840er Jahren konzentrierte er sich auf die universalistische Darstellung seiner geologischen Erkenntnisse im Kosmos. Bis zu seinem Tod publizierte er aber auch weiterhin vulkanologische Aufsätze: So berichtigte er 1856 falsche Darstellungen seiner über 50 Jahre zuvor durchgeführten Höhenmessungen des Popocatépetl; und 1858 erschien ein Aufsatz mit einer aktuellen Auflistung aktiver und inaktiver Vulkane.8
Rhetorik, Ästhetik, Biographik und Epistemik der Geologie und Vulkanologie
Humboldts geologisch-vulkanologische Texte sind nicht nur wissensgeschichtlich von Interesse, sondern auch in Hinsicht auf ihre rhetorische Faktur – insbesondere ihre Metaphorologie –, auf ihre brisanten politischen Implikationen sowie auf ihre literarische Qualität und ästhetikgeschichtliche Anschlussfähigkeit. Durch ihre Verknüpfung mit Humboldts Reisen sind sie außerdem biographisch aufschlussreich. Und sie lassen Humboldts wissenschaftliche Entwicklung vom Neptunisten zum Plutonisten und vom jugendlichen Debattenteilnehmer zum weltberühmten Autor des Kosmos nachvollziehen. Unter diesen Gesichtspunkten werden Humboldts wichtigste und einschlägigste geologische Schriften hier thesenhaft vorgestellt.
Frühe Debatten: Neptunismus vs. Plutonismus, Pyramidenstreit
Noch ohne je einen aktiven Vulkan mit eigenen Augen gesehen zu haben, nahm Humboldt zwischen 1790 und 1795 in mehreren Aufsätzen zu geologischen Debatten Stellung. Insbesondere zum „Basaltstreit“, der Frage also, ob Basaltgestein marinen oder tellurischen Ursprungs sei, veröffentlichte er Beiträge, u. a. über neptunistisch gedeutete Wassereinschlüsse in Basaltsäulen, über Basalt-Vorkommen an Gewässern und über Fossilienfunde. Diese Texte zeigen einen bisher kaum bekannten frühen Humboldt, der sich umsichtig, engagiert und diplomatisch an der Diskussion seiner Zeit beteiligte und sich als Wissenschaftler positionierte.9Hinter den aktuellen Debatten seiner Zeit erkannte Humboldt bereits früh weiterreichende geologische Forschungsfragen. Kurz vor seiner Reise nach Südamerika veröffentlichte er 1799 den Aufsatz „Die Entbindung des Wärmestoffs, als geognostisches Phänomen betrachtet“, der die Entstehung unseres Planeten in einem theoretischen Modell beschreibt und sich dabei mit der Rolle auseinandersetzt, die Vulkane bei der Entwicklung der Erde gespielt haben.10 Humboldt begann bereits hier, sich von der neptunistischen Theorie seines Lehrers Werner zu lösen.Die frühen Forschungsdebatten, an denen sich Humboldt beteiligte, sind nicht frei von Kuriositäten. So äußerte er sich 1791 süffisant zum sogenannten Pyramidenstreit: Samuel Simon Witte hatte 1789 die These aufgestellt,11 die Pyramiden von Gizeh und Persepolis seien Reste vulkanischer Eruptionen, und behauptet: „[D]ie harten, glatten, genau zusammengefügten Steine, welche das Innere der Pyramiden ausmachen, [sind] nichts anderes als Basalt-Auswürfe; die Steine der äußeren Bekleidung Basalttafeln […].“ In seiner selbstbewussten „Gegenerklärung“ zitiert der erst 21-jährige Humboldt ungerührt Wittes Vorwurf, seine „freylich sehr zerstreuten miner[alogischen] und unmineralogischen Beobacht[ungen]“, seien „leider! so wenig bedeutend als zutreffend“. In seiner Verteidigung begnügt sich Humboldt mit dem Verweis auf gewichtige Kritiker Wittes und fordert ihn zum Beleg seiner Thesen auf: „Ich werde im festen Glauben an die Zeugnisse der Classiker u. neuerer Reisebeschreiber die Widerlegung meiner Zweifel […] erwarten.“12
Bergwerke: Engagement, Kritik, Kompromiss
Die örtlichen, physischen, sozialen und politischen Bedingungen von Humboldts geologischer Forschung lassen sich anhand der Bergwerke und Minen nachvollziehen, in denen sie stattfanden. Von 1791 bis 1796 machte Humboldts im preußischen Staatsdienst als Bergbeamter Karriere:13 Als Oberbergrat revolutionierte er Abbauverfahren, legte Stollen an, analysierte unterirdische Grubenwetter, entwickelte im Selbstversuch eine Grubenlampe und ein Atemschutzgerät und engagierte sich sozial für die Bergleute und ihre Kinder. Im oberfränkischen Steben, wo er sich zwischen 1793 und 1795 häufig aufhielt, um von dort Bergwerke zu besichtigen, gründete er die erste Arbeiter-Berufsschule und schrieb die Lehrmaterialien selbst.14 In dieser produktiven Zeit begann und vertiefte Humboldt viele wissenschaftliche Beschäftigungen, die er sein ganzes Leben über verfolgen sollte: Geologie, Botanik (unterirdischer Pflanzen), chemische Atmosphärenuntersuchungen und kameralistische Analysen, die später zu globalen staatwissenschaftlichen und ökonomischen Thesen über den Welthandel führten.Die Bergwerke, die Humboldt in Südamerika (1799–1804) begutachtete,15 nahm er zum Anlass für Kritik am Kolonialismus. Er erkannte ihre schlechte und ineffiziente Führung und die Ausbeutung (und regelrechte Versklavung) der indigenen Arbeiter. Anhand von vordergründig rein statistisch-ökonomischen Verzeichnissen und Berechnungen zum Gold-, Silber- und Platingewinn der ‚Neuen Welt‘ im Vergleich mit Europa und später im Vergleich mit dem Zarenreich rechnete Humboldt die immense Werteverschiebung durch das koloniale Wirtschaftssystem vor.16Als Kompromiss, um seine zweite große Reise 1829 nach Zentral-Asien bis an die Grenzen Chinas zu ermöglichen, sagte Humboldt Zar Alexander (bzw. seinem Ministerium) zu, sich in seinen Schriften öffentlicher Kritik an den Zuständen des Reichs zu enthalten.17 Als Bergbau- und Hüttenfachmann war er während der Expedition letztlich auch der Schatzsucher des Zaren, auf der Suche nach Diamanten und Platin. Tatsächlich fand er im Ural den ersten Diamanten der ‚Alten Welt‘. Dieser spektakuläre Fund war zum einen relevant in der sogenannten „Querelle d’Amérique“ um die vermeintliche Defizienz des amerikanischen Kontinents, zu der sich Humboldt mehrfach äußerte, indem er die geologische Ähnlichkeit zwischen der eurasischen und der amerikanischen Landmasse belegte. Zum anderen bediente er die wirtschaftlichen Interessen und den Bedarf an Edelmetallen und -steinen des Zarenreichs. Mehr noch als in Amerika, wo er Minen für die spanische Krone inspizierte, hat sich Humboldt dadurch nicht nur politisch kompromittiert, sondern auch ökonomisch instrumentalisieren lassen.Nicht zuletzt hatte Humboldts Expertise Anteil am Bau des Rothschönberger Stollns (1844–1882), der bis heute das gesamte Freiberger Bergbaurevier entwässert. Er gehört inzwischen als herausragende bergbauliche Leistung zum UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge. Da er bei Meißen in die Elbe führen sollte, entwickelte der Oberberghauptmann August von Herder das aufwändige Projekt unter dem Namen ‚Tiefer Meissner Erbstollen‘, für dessen Begutachtung er Alexander von Humboldt gewinnen konnte.18 Dieser befürwortete den Bau unter weitsichtiger Berücksichtigung seiner soziologischen, technischen und ökonomischen Folgen.19
Der Vulkan Pico del Teide als Initiationsort der Humboldtian Science
In Briefen aus der ersten Phase seiner Reise, der Überfahrt von La Coruña nach Südamerika (1799–1800), die Humboldt regelmäßig zur Publikation an verschiedene Redaktionen in Europa schickte, berichtete er von Reiseerlebnissen bis hin zu seiner Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent in Cumaná im heutigen Venezuela.20 Die erste Station der Reise war Teneriffa, das Humboldt geologisch zu Afrika zählte. Hier bestieg er den kanarischen Vulkan Teide und schilderte in enthusiastischen Reisebriefen den Aufstieg auf den Gipfel und den Abstieg in den Krater.21 Der Teide wird in diesen Schriften – mit Bezug auf Horace-Bénédict de Saussures Montblanc-Besteigung 1787 – zum Initiationsort von Humboldts Wissenschaftsprogrammatik stilisiert.22 Weit vor Abschluss der Reise und vor allen großen Buchveröffentlichungen etablierte Humboldt in diesen kleinen, aber wirkmächtigen und weitverbreiteten Veröffentlichungen erfolgreich das Selbstbild des innovativen, ästhetisch beschreibenden Reise-Wissenschaftlers. Als lebhafte Expeditions- wie Forschungsberichte enthalten sie – gemäß Humboldts multidisziplinärem Forschungsprogramm – landschaftliche, mineralogische, geologische, klimatische, botanische und ethnologische Beobachtungen.
Politische Metaphorik der Geologie
Seine Thesen zur geologischen Situation Südamerikas formulierte Humboldt so, dass sie auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der spanischen Kolonien bezogen werden konnten. Er knüpfte dabei an eine junge rhetorische Tradition an: Seit der Französischen Revolution war die Vulkan-Metaphorik zu einem Instrument der politischen Rede geworden. Die Jakobiner etwa verwendeten das Bild des Vulkanausbruchs zur Rechtfertigung der gewaltsamen Revolution.Auch bei Humboldt sind Erschütterungen nicht nur auf Erdbeben zurückzuführen, sondern zugleich als Hinweise auf die vor dem ‚Ausbruch‘ stehende Revolution der Kolonien zu lesen. 1803 schrieb er in einem publizierten Brief über Südamerika: „Seit [dem Erdbeben von] 1797 ist dieser ganze Welttheil in Bewegung: alle Augenblicke erleiden wir fürchterliche Erschütterungen; und das unterirdische Getöse in den Ebenen von Riobamba ist als wenn ein Berg unter unsern Füßen einstürzte.“23 Noch in Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod von 1835 bedient sich St. Just einer ganz ähnlichen Rhetorik, wenn er u. a. vom „Auflodern des tellurischen Feuers“ und von einem „vulkanischen Ausbruch“ spricht, um in einer ausgefeilten Allegorie der Naturgesetzlichkeit die Unausweichlichkeit der terreur zu rechtfertigen (vgl. Szene II,7). Auch wenn Humboldt 1843 gleich am Beginn der Einleitung zu Asie centrale vom „soulèvement des masses“ spricht, sind damit vordergründig die geologischen Formationen gemeint.24 Mit Blick auf das zaristische Polizeiregime jedoch, das Humboldt auf seiner Russland-Reise hautnah kennengelernt hatte, gewinnt eine solche Formulierung auch eine brisante politische Dimension. 25
Die Debatte um die ‚Neue Welt‘
Vulkanismus ist in Humboldts Schriften kein allein wissenschaftliches Phänomen, sondern hat politische Implikationen. Das zeigt nicht zuletzt der Aufsatz „Ueber die Urvölker von Amerika“ aus dem Jahr 1806, mit dem Humboldt, von seiner Amerika-Reise zurückgekehrt, die langjährige wissenschaftliche Auswertung und Nachbereitung seiner Feldforschung begann. Er bezog darin Stellung in der sogenannten „Querelle d’Amérique“, d. h. im Streit um den geologischen, historischen und kulturellen Stellenwert Amerikas gegenüber dem alten Europa, der u. a. auf Buffons Degenerationsthese zurückging und an dem sich auch Hegel beteiligte.26 Entgegen der Mehrheitsmeinung von der Minderwertigkeit der ‚Neuen Welt‘ argumentierte Humboldt auf Grundlage seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse vor Ort für deren Gleichberechtigung. Der Vulkanismus, der beide Erdteile verbindet, wurde dabei zum geologischen Argument für eine universalistische Perspektive auf Erdgeschichte und für eine emanzipatorische Aufwertung des vermeintlich jüngeren und defizitären Kontinents.27
Vulkanologische Historiographie
Nach seiner Rückkehr nach Europa wertete Humboldt seine Reisebeobachtungen jahrzehntelang aus. Dabei erweiterte er die Vulkanologie u. a. um eine historiographische Dimension. Nicht nur die Feldforschung vor Ort und die Beschreibung des gegenwärtigen Zustands stehen in den entsprechenden Veröffentlichungen im Fokus, sondern die Natur-, Ereignis- und sogar Sprachgeschichte einzelner Vulkane. In Schriften aus den Jahren 1817, 1818 und 1826 führt Humboldt exemplarisch solche vulkanologischen Geschichtsschreibungen vor: Er rekonstruiert den Ausbruch des Jorullo von 1759, er spürt der Herkunft des Namens Cotopaxi nach, und er verfolgt die Eruptionsgeschichte des Teide ab dem 16. Jahrhundert bis in seine Gegenwart.28
Globale Vulkanologie
1824 veröffentlichte Humboldt einen Aufsatz über den Rio Vinagre, der zum einen exemplarisch für sein multidisziplinäres Vorgehen ist: Darin leiten prägnante chemische Analysen von an Vulkanen entspringenden sauren Flüssen über zu Auszügen aus Humboldts südamerikanischem Reisetagebuch und schließlich zu einer Reise nach Italien im Jahr 1822, wo er einen Ausbruch des Vesuv miterlebte. Zum anderen ist der Aufsatz bedeutsam, weil Humboldt in der Auswertung seiner eigenen Reisebeobachtungen so weit fortgeschritten war, dass er eine komparatistisch-synthetische Perspektive einnehmen konnte: „Diese Dämpfe sind nach meinen Beobachtungen, in den Kratern des Vesuv, des Pic de Teneriffa und des Vulkans Jorullo in Mexiko, am häufigsten reines Wasser, ein anderesmal enthalten sie Salzsäure.“29 Im Zuge seiner zweiten großen Expedition, die er 1829 60-jährig nach Russland unternimmt – er nennt sie seine „Sommerreise nach dem Ural“30 –, beschäftigt sich Humboldt mit asiatischen, zum Teil nicht mehr aktiven Vulkanen, u. a. Araltube, Ararat, Demavend, Peschan, Seiban Dagh und Turfan. Damit wurde sein Blick auf die Vulkane vollends global. In der ein Jahr später veröffentlichten umfangreichen Studie „Ueber die Bergketten und Vulcane von Inner-Asien und über einen neuen vulcanischen Ausbruch in der Andes-Kette“ zieht Humboldt die Summe seiner vulkanologischen Studien und verknüpft souverän Einzelbetrachtungen verschiedenster Vulkane mit interkontinentalen Vergleichen. Räumlich argumentiert er global, zeitlich sowohl erdgeschichtlich als auch aus eigener biographischer Anschauung: „Indem ich Ihnen in dieser Abhandlung […] Nachricht über einen bisher unbekannten Vulcan des Alten Continents […] mittheile, füge ich noch einige Worte über einen […] nach längerer Ruhe wieder erwachten (von neuem thätig gewordenen) Vulcan der Andes-Kette im Neuen Continente hinzu. Als ich diesen Vulcan […] trigonometrisch maß, ahnete ich nicht, daß selbst ich noch seine Wiederbelebung erleben sollte. Ich glaubte damals, er sey nur in vorhistorischen Zeiten entflammt gewesen, und würde eben so wenig als die Trachythügel der Auvergne widerum thätig werden.“31
Vulkane haben Humboldt nicht nur als Forschungsgegenstände fasziniert, sondern auch als Naturerfahrung und alpinistische Herausforderung. Unter erheblichen Strapazen hat Humboldt, wie schon zum Teil erwähnt, zahlreiche Vulkane bestiegen, darunter auf Teneriffa den Pico del Teide (3718 m) und in den Anden den Jorullo (1330 m), den Cofre de Perote (4282 m), den Cotopaxi (bis 4600 m), den Toluca (4690 m), beide Gipfel des Pichincha (4698 m und 4784 m), den Puracé (4756 m) und den Antisana (5753 m). Seine Beschreibungen dieser Gipfelstürme schildern körperliche und räumliche Grenzerfahrungen als fesselnde Abenteuer im Hochgebirge: „Wir waren bis tief im Crater; vielleicht weiter, als irgend ein Naturforscher. Gefahr ist wenig dabei; aber Fatigue von Hize und Kälte. Im Crater brannten die Schwefeldämpfe Löcher in unsere Kleider, und die Hände erstarrten bei 2° R. Gott! Welche Empfindungen!“32Die Bergbesteigungen bereiteten Humboldt jedoch nicht nur Vergnügen. Ungeschönt und lakonisch beschrieb er die Symptome der Höhenkrankheit, denen er und seine Reisebegleiter ausgesetzt waren: „Wir fingen nun nach und nach an, alle an grosser Ueblichkeit zu leiden. Der Drang zum Erbrechen war mit etwas Schwindel verbunden und weit lästiger als die Schwierigkeit zu athmen.“33 […] „Auf dem Vulcan von Pichincha fühlte ich einmal, ohne zu bluten, ein so heftiges Magenübel von Schwindel begleitet, dass ich besinnungslos auf der Erde gefunden wurde, als ich mich eben auf einer Felsmauer über der Schlucht von Verde-Cuchu, von meinen Begleitern getrennt hatte, um electrometrische Versuche an einem recht freien Punkte anzustellen.“34Wie bei Humboldt üblich, gehen in diesen Schilderungen Reisebericht und wissenschaftliche Beobachtungen – in diesem Fall zur empirischen Höhenphysiologie – Hand in Hand: „Wir bluteten aus dem Zahnfleisch und aus den Lippen. Die Bindehaut (tunica conjunctiva) der Augen war bei allen ebenfalls mit Blut unterlaufen. Diese Symptome der Extravasate in den Augen, des Blutausschwitzens am Zahnfleisch und an den Lippen hatten für uns nichts Beunruhigendes, da wir aus mehrmaliger früherer Erfahrung damit bekannt waren.“35Humboldts Bergbesteigungen waren nicht sportiver Selbstzweck, sondern ermöglichten ihm wissenschaftliche Erkenntnisse, die auf andere Weise nicht zu erlangen gewesen wären, z. B. zur Pflanzengeographie und zu vertikalen Vegetationsschichten, zu Klimazonen, zu geologischen Lagerungen und Schichtungen und zum Verlauf von Bergketten. Wie schon sein alpinistischer Vorläufer Saussure 1787 auf dem Mont Blanc erlebte auch Humboldt den Ausblick von den höchsten Berggipfeln als Möglichkeit, eine Überschau über Strukturen und Zusammenhänge zu gewinnen. Vom kolonialen Herrschaftsgestus einer Gipfelbesteigung mit Nationalflagge könnte Humboldts Blick, der Wissenschaft und Ästhetik verbindet, unterschiedlicher nicht sein: „Hinab von dieser Höhe (11300 Fuß), die dunkelblaue Himmelsdeke über sich, alte Lavenströme zu den Füssen; und dieser Schauplaz der Verheerung (3 Quadrat-Meilen Bimstein) umkränzt von Lorbeerwäldern; unter diesen die Weingärten, zwischen denen Pisangbüsche sich bis ins Meer erstreken; die zierlichen Dörfer am Ufer des Meeres, und 7 Inseln, von denen die Palma und Gran-Canaria sehr hohe Volcane haben, wie eine Landcarte unter uns.“36
Chimborazo: Der höchste Berg der Welt
Mehr als alle anderen Vulkane, die er erklommen hat, hat der im heutigen Ecuador gelegene Chimborazo Humboldts Bild in der Öffentlichkeit geprägt: „Der Chimborazo ist der ermüdende Gegenstand aller Fragen gewesen, die seit meiner ersten Rückkunft nach Europa an mich gerichtet wurden.“37 Der erloschene Chimborazo galt damals als höchster Berg der Welt, und Humboldt hat ihn 1802 als erster Mensch bis in eine Höhe von rund 5900 m erklommen. Obwohl ihn eine Gletscherspalte vom Erreichen des Gipfels abhielt, stellte er damit einen noch jahrzehntelang bestehenden Höhenrekord auf. Humboldts eigener Umgang mit der Chimborazo-Episode steht jedoch im Widerspruch zu ihrer öffentlichen Bedeutung: Erst 1837, als inzwischen höhere Berge entdeckt und sein Rekord gebrochen worden waren, veröffentlichte der fast 70-Jährige in einem entlegenen Jahrbuch einen ausführlichen Bericht über seine bahnbrechende Vulkan-Besteigung, die ihn 35 Jahre zuvor schlagartig weltberühmt gemacht hatte: „Ueber zwei Versuche den Chimborazo zu besteigen“.38 An dieser Veröffentlichungspraxis zeigt sich Humboldts bescheidener und selbstironischer Umgang mit seinem letztlich doch gescheiterten Gipfelsturm. Schon im Titel stellte er seinen eigenen Versuch neben die Besteigung von Jean-Baptiste Boussingault (1802–1887), der ihn 1831 um einige Meter übertroffen hatte. Statt seinen Höhenrekord publizistisch auszuschlachten, hielt er den Bericht also lange Zeit zurück und stellte zunächst die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Expeditionen in den Vordergrund. Im Rückblick spielte Humboldt seine Leistungen sogar grundsätzlich herunter: „Das Erreichen grosser Höhen ist von geringem wissenschaftlichen Interesse […].“39
Ästhetik der Vulkane
Dass Vulkane im 18. und 19. Jahrhundert ein ästhetisches Problem darstellen, hielt z. B. Goethe auf seiner Italienischen Reise fest. Der Vesuv sei ein „mitten im Paradies aufgetürmte[r] Höllengipfel“ und der Blick in den Krater „weder unterrichtend noch erfreulich“.40 Humboldts eigene literarische Vulkanbeschreibungen schwanken zwischen Enthusiasmus im Angesicht der majestätischen Berge einerseits (Teide), Entsetzen und sogar Abscheu vor der verwüsteten und lebensfeindlichen Natur der Hochgebirge andererseits. Seine Schilderungen lesen sich zum einen Teil überschwenglich positiv: „Gestern Nacht kam ich vom Pic zurük. Welcher Anblik! Welch ein Genuß!“41 „Der Kotopaxi hat die schönste und regelmäßigste Form unter allen kolossalen Spizzen der hohen Anden. Er ist ein vollkommener Kegel, welcher, mit einer ungeheueren Lage Schnees bedeckt, bei Sonnenuntergang in blendendem Glanze strahlt, und sich auf dem azurnen Himmelsgewölbe mahlerisch heraushebt.“42Zum anderen Teil fallen sie düster und melancholisch aus: „Le peu de séjour que nous fîmes à l’énorme hauteur […], fut des plus tristes et des plus lugubres; nous étions enveloppés d’une brume qui ne nous laissoit entrevoir de temps en temps que les abîmes affreux qui nous entouroient. Aucun être animé, pas même le condor, qui sur l’Antisana planoit continuellement sur nos têtes, ne vivifioit les airs. De petites mousses étoient les seuls êtres organisés qui nous rappeloient que nous tenions encore à la terre habitée.“43 […] „Wir blieben kurze Zeit in dieser traurigen Einöde, bald wieder ganz in Nebel gehüllt. Die feuchte Luft war dabei unbewegt. Keine bestimmte Richtung war in den einzeln Gruppen dichterer Dunstbläschen zu bemerken, daher ich nicht sagen kann, ob auf dieser Höhe der dem tropischen Passat entgegengesetzte Westwind wehet. Wir sahen nicht mehr den Gipfel des Chimborazo, keinen der benachbarten Schneeberge, noch weniger die Hochebene von Quito. Wir waren wie in einem Luftball isolirt.“ 44Humboldts ambivalente Schilderungen lassen sich an ästhetische Diskurse des späten 18. und des 19. Jahrhunderts anschließen. Nicht von ungefähr hat Kant in der Kritik der Urteilskraft (1790) das Erhabene u. a. anhand von Vulkanen charakterisiert: „Vulkane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt […] machen unser Vermögen zu widerstehen, in Vergleichung mit ihrer Macht, zur unbedeutenden Kleinigkeit. Aber ihr Anblick wird nur um desto anziehender, je furchtbarer er ist, wenn wir uns nur in Sicherheit befinden; und wir nennen diese Gegenstände gern erhaben.“45Im Erhabenen jedoch erschöpfen sich Humboldts Darstellungen nicht, zumal er das Kriterium der Gefährlichkeit mitunter bestreitet und etwa dem Teide attestiert: „Gefahr ist wenig dabei“.46 Tatsächlich lässt sich in Humboldts Schilderungen auch eine ganz entgegengesetzte Ästhetik identifizieren, wenn etwa Karl Rosenkranz in seiner Ästhetik des Häßlichen (1853) das Abjekte betont: Die Beschreibung von Schlammvulkanen in den Vues des Cordillères führt Rosenkranz als Idealfall einer Darstellung abstoßender, ekelerregender anorganischer Natur an.47In seiner Betonung der extremen Höhe der Berge, ihrer lebensfeindlichen Natur und der Isolation des Bergsteigers ging Humboldt über alpinistische Schilderungen seiner Zeit hinaus und bereitete die Darstellung andersweltlicher Orte in der Science-Fiction-Literatur des 19. Jahrhunderts vor, z. B. bei Jules Verne.
Geologie und Vulkanologie in Humboldts Buchwerken
Geologie und Vulkanologie waren Hauptinteressensgebiete Humboldts. Daher findet sich auch in fast allen Buchwerken eine mehr oder weniger intensive Beschäftigung mit diesen Disziplinen. Schon seine erste wissenschaftliche Monographie, Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein (1790), hat ein geologisches Thema.48 Und seine berühmteste graphische Darstellung, das „Tableau physique“ aus dem Essai sur la géographie des plantes (1807), zeigt ebenfalls einen rauchenden Anden-Vulkan.In den Vues des Cordillères, et monumens des peuples indigènes de l’Amérique (1810–1813), einem innovativen Bildatlas, der die Schilderung der Amerika-Reise in kurzen Einzelessays mit präzisen und prächtigen Abbildungen vereint, beschreibt Humboldt Vulkane der titelgebenden südamerikanischen Kordillere, d. h. der Anden, und illustriert sie mit kolorierten Stichen. In teilweise doppelseitigen Bildtafeln werden dargestellt: Cotopaxi (Tafel 10), Chimborazo (16, 25), Carguairazo (16), Turbaco (41), Cayambe (42), Jorullo (43), Pichincha (61) und, vom Beginn der Reiseroute, der Pico del Teide auf Teneriffa (54).Teilweise gibt es textliche Entsprechungen zwischen Humboldts selbständigen und unselbständigen geologischen Veröffentlichungen und handschriftlichen Vorlagen. Die als Aufsatz veröffentlichte Schilderung des Chimborazo-Aufstiegs z. B. beruht auf den seinerzeit unveröffentlichten Aufzeichnungen im Reisetagebuch.49 Den epochemachenden Aufsatz „Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane“ nahm Humboldt in die zweite Auflage der Ansichten der Natur (1826) auf. Und sein letzter vulkanologischer Aufsatz, „A. von Humboldt’s neueste Arbeit über die Vulkane der Erde“ (1858), ist seinerseits ein Auszug aus dem vierten Band des Kosmos (1845–1862).Auch weitere Buchwerke in Humboldts Spätwerk enthalten geologische Untersuchungen. In Asie centrale (1843) beschreibt Humboldt die „Gebirgssysteme und vulkanischen Phänomene im innern Asien“ (Band 2) und ergänzt damit seine unselbständigen Veröffentlichungen zum gleichen Thema. Im vierten Band des Kosmos (1858) findet sich schließlich Humboldts umfangreichste Darstellung der gesamten ‚tellurischen‘ Phänomene. Der erste Teil handelt von Größe, Gestalt und Dichtigkeit der Erde sowie von ihrem Magnetismus; der zweite behandelt die „Reaction des Innern der Erde gegen die Oberfläche“, darunter auch „Vulkane, nach der Verschiedenheit ihrer Gestaltung und Thätigkeit“. Humboldt greift durchgehend auf seine Untersuchungen vor Ort zurück, zitiert jedoch auch neueste, noch kurz vor Abschluss des Bandes entstandene Literatur (z. B. von Louis Agassiz, Leopold von Buch, Christian Gottfried Ehrenberg), so dass der Band den damaligen aktuellen Forschungs- und Wissensstand der Geologie widerspiegelt. Der postum erschienene, von Eduard Buschmann fertiggestellte fünfte Band (1862) enthält ein umfangreiches Register zum Kosmos; die Einträge zu „Vulkanen“ erstrecken sich über 37 Seiten (S. 1176–1212).Noch 1853, gegen Ende seines Lebens, widmete Humboldt den südamerikanischen Vulkanen den Bildatlas Umrisse von Vulkanen aus den Cordilleren und Mexico. Ein Beitrag zur Physiognomik der Natur mit 12 Stichen nach vor Ort entstandenen Zeichnungen – u. a. in Zusammenarbeit mit Karl Friedrich Schinkel – der die geologischen Texte in seiner im selben Jahr erschienenen Aufsatzsammlung Kleinere Schriften bebildert.
Humboldts Vulkane in Wissenschaft, Literatur, Kunst
Humboldts geologische Arbeiten, insbesondere seine Analysen, Beschreibungen, zeichnerischen Darstellungen und narrativen Reiseberichte von Vulkanen, sind vielfältig aufgenommen und produktiv weiterverarbeitet worden. Die vielleicht prominenteste Rezeption hat Humboldts Vulkanologie durch Goethe erfahren. Humboldt schickte dem befreundeten Dichter 1823 ein Widmungsexemplar seines Aufsatzes „Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in verschiedenen Erdstrichen.“50 Humboldt verhandelt darin pflanzengeographische und vulkanologische Erkenntnisse im globalen Maßstab und gibt entscheidende Hinweise auf die weltweite geographische Verteilung der Vulkane, die im 20. Jahrhundert für die Theorie der Plattentektonik relevant wurde. Die Abhandlung, in der Humboldt ein vulkanistisches Erklärungsmodell für die Bildung der Erdoberfläche der älteren neptunistischen Lehre entgegensetzte und sich dadurch endgültig von seinem Lehrer Werner ablöste, beeinflusste Goethe nachhaltig.51 Davon zeugen nicht nur eine würdigende Rezension 52 und mehrere Nachlassaufzeichnungen, sondern vor allem die Aufnahme des Vulkanmotivs in Faust II (1832):53So ist die Kontroverse zwischen Anaxagoras und Thales im 2. Akt als Figuration des Konflikts zwischen ‚Plutonisten‘ und ‚Neptunisten‘ lesbar: Der eine behauptet: „Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen“, der andere hält dagegen: „Im Feuchten ist Lebendiges erstanden“ (V. 7855f.); der eine fragt: „Hast du, o Thales, je, in einer Nacht, / Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?“, der andere antwortet: „Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen / Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen; / Sie bildet regelnd jegliche Gestalt, / Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt“ (V. 7859–7864). Der revolutionäre Ausbruch der Hölle schließlich, der das „Hochgebirg“ hervorbrachte, auf dem der 4. Akt beginnt, inszeniert eine ‚teuflische‘ Vision des politischen Vulkanismus. Mephistopheles’ Schilderung des Hergangs gipfelt in der Engführung von Volkserhebung und Vulkanausbruch, die auch die Redner der Französischen Revolution und Humboldt metaphorisch unternommen hatten:
Als Gott der Herr – Ich weiß wohl auch warum –Uns, aus der Luft, in tiefste Tiefen bannte,Da, wo zentralisch glühend, um und um,Ein ewig Feuer flammend sich durchbrannte,Wir fanden uns bei allzugroßer Hellung,In sehr gedrängter unbequemer Stellung.Die Teufel fingen sämtlich an zu husten,von oben und von unten aus zu pusten;Die Hölle schwoll von Schwefel-Stank und Säure,Das gab ein Gas! Das ging ins Ungeheure,So daß gar bald der Länder flache Kruste,So dick sie war, zerkrachend bersten mußte.Nun haben wir’s an einem andern Zipfel,Was ehmals Grund war ist nun Gipfel.Sie gründen auch hierauf die rechten LehrenDas Unterste ins Oberste zu kehren.Denn wir entrannen knechtisch-heißer Gruft,Ins Übermaß der Herrschaft freier Luft.Ein offenbar Geheimnis wohlverwahrtUnd wird nur spät den Völkern offenbart. (V. 10075–10094)
Die politische Dimension von Humboldts geologischen Schriften hatte unmittelbare Wirkung: In den südamerikanischen Ländern, die er bereiste, wurde sein Gipfelsturm am Chimborazo zum nationalen Gründungsmythos und zum Symbol der Selbstbestimmung des Kontinents. Die Besteigung des Chimborazo wurde durch Simon Bolívar, den ‚Befreier‘ Südamerikas, literarisch verarbeitet, in dem visionären Prosagedicht „Mi delirio sobre el Chimborazo“ (1822),54 noch heute ist der Berg auf dem ecuadorianischen Staatswappen zu finden. Außerdem hat diese berühmteste Episode aus Humboldts Reisen das Bild ihres Autors nachhaltig geprägt, sogar ganz buchstäblich. Vulkane wurden in der künstlerischen Rezeption zum regelmäßigen Attribut Humboldts, ersichtlich z. B. an Porträts von Friedrich Georg Weitsch, Karl von Steuben und Julius Schrader, die ihn jeweils vor vulkanischer Kulisse darstellen.55 Bemerkenswert an der Ikonographie dieser ‚Porträts vor Vulkan‘ ist das räumliche Verhältnis zwischen Humboldt und dem Chimborazo: Sitzt Humboldt im frühsten Gemälde noch am Fuß des Chimborazo, steht er bei Steuben auf gleicher Höhe wie der Berg; im letzten Porträt schließlich überragt er ihn als Greis, während sein weißes Haar den schneebedeckten Gipfel spiegelt.56Humboldts Vulkan-Beschreibungen haben auch nach seinem Tod Schriftsteller unterschiedlichster Genres beeinflusst:57 Sie wurden zum Allgemeingut der Abenteuer- und Science-Fiction-Literatur des 19. Jahrhunderts (insbesondere in Jules Vernes Voyage au centre de la terre, 1864), aber auch der zeitgenössischen Gelehrtensatire (Daniel Kehlmann).58 Auch Maler ließen sich von Humboldt inspirieren: Nach dem Vorbild seiner literarischen und bildlichen Darstellungen insbesondere der ‚Neuen Welt‘ und als Reaktion auf seine Forderungen an die Landschaftsmalerei, die Natur gleichzeitig wissenschaftlich getreu und grandios darzustellen, entstand ab den 1820er Jahren in den USA die sogenannte Hudson River School (u. a. Albert Bierstadt, Thomas Cole, Asher Durand, John Frederick Kensett und Sanford Robinson Gifford). Ihre Vertreter stellten den amerikanischen Kontinent zum ersten Mal als ästhetisch überwältigende Landschaften dar und wirkten so am nationalen Selbstverständnis der USA mit.59 Vulkan-Darstellungen gehörten zu ihrem festen Repertoire (vgl. Bierstadts Darstellungen des Mount Hood und des Mount Adams sowie Coles Gemälde des Ätna). Ebenfalls der Hudson River School zugerechnet, reiste z. B. der US-amerikanische Landschaftsmaler Frederic Edwin Church auf Humboldts Spuren durch Südamerika und porträtierte die „Physiognomie“ der Anden, u. a. mit großformatigen Ölgemälden des Pichincha und des Cayambe. Im Hintergrund seines wohl berühmtesten Südamerika-Gemäldes, The Heart of the Andes (1859), thront selbstverständlich der Chimborazo. Sein Monumentalbildnis des ausbrechenden Cotopaxi (1862) wurde von der amerikanischen Öffentlichkeit durchaus als geologische Parabel auf den Bürgerkrieg verstanden.60In der jüngeren Vergangenheit sind Humboldts Vulkan-Abenteuer zum Filmstoff geworden: 1989 verfilmte Rainer Simon in einer der letzten DEFA-Produktionen die Besteigung des Chimborazo mit Jan Josef Liefers – wenige Wochen vor dem Mauerfall forderte Humboldt hier Reisefreiheit. 2012 verfilmte Detlev Buck Kehlmanns Roman, und 2016 kam die Vulkan-Dokumentation In den Tiefen des Infernos von Werner Herzog in die Kinos, der in Edgar Reitz’ Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (2013) selbst Humboldt gespielt hatte.
Perspektiven
Alexander von Humboldts geologische Arbeiten entstanden in einer Zeit, in der die Vorstellung einer deep time Gestalt annahm, eines vom Menschen losgelösten, über Jahrmillionen verlaufenden Prozesses, dessen extrem langsame Veränderungen der menschlichen Wahrnehmung entzogen seien, sich aber u. a. in Gesteinsschichten rekonstruieren ließen. Das Interesse für Erdgeschichte hat sich insbesondere in der deutschsprachigen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts niedergeschlagen, u. a. bei Autoren wie Goethe, Hoffmann und Novalis, der ebenfalls in Freiberg studiert hatte.61 Von allen Schriftstellern, die die Literarisierung der Tiefenzeit unternahmen,62 hat Humboldt selbst am meisten Zeit in der Tiefe verbracht, vor allem während seiner Bergbau-Karriere, aber auch bei Besichtigungen von Minen in Amerika und Zentral-Asien. Seine vulkanologischen Studien führten ihn außerdem in die Höhe, von wo aus er in die rauchenden Krater der Feuerberge hinab- und die Erstreckung der Vulkanketten weithin überblickte.Wie sehr Humboldts berühmte Reiseberichte und vielrezipierten Forschungen die erdgeschichtlich und alpinistisch interessierte Literatur angeregt haben, kann auf Grundlage seiner Schriften untersucht werden. Neben der rezeptionsgeschichtlichen Frage, inwiefern Humboldts Geologie stilbildend für die Literatur wurde, ließen sich dabei fünf Ansätze verfolgen: 1. Wie ließe sich Humboldts Geo-Prosa mit ihren brisanten politischen Implikationen und ästhetischen Eigenschaften unter dem breiteren Gesichtspunkt einer Rhetorik der Naturwissenschaft fassen? 2. Wie fügt sich Humboldts Höhenrekord in den Anden in die Geschichte des Bergsteigens und in eine Reihe alpinistischer Hochleistungen ein? Inwiefern befördert er eine Konjunktur von Besteigungsversuchen im späteren 19. und 20. Jahrhundert – von Edward Whymper (u. a. Matterhorn) über Edmund Hillary (Mount Everest) bis zu Reinhold Messner?63 3. Dem Vergleich zwischen Gebirgen widmete Humboldt noch die letzte Abbildung, die in seinen Büchern erschien: die zwölfte Tafel in seinem Bildatlas Umrisse von Vulkanen (1853), auf der er die Höhenunterschiede und „Culminations-Punkte“ europäischer, amerikanischer und asiatischer Gebirge auftrug.64 Wie können Humboldts empirische Erkenntnisse über die europäischen Alpen, die Vulkane in Italien und auf Teneriffa, die Anden und später den Ural und seine holistische Perspektive auf den globalen Vulkanismus für die vergleichende Gebirgsforschung und die Mountain Studies fruchtbar gemacht werden? 4. Wie kann aus komparatistischer Perspektive Humboldts Werk in die Geschichte literarischer Inszenierungen von Bergen und Bergbesteigungen eingeordnet werden, die u. a. von Petrarcas Aufstieg auf den Mont Ventoux (1336) über Büchners alpines Psychogramm Lenz (1835) und Thomas Manns Gebirgsroman Der Zauberberg (1924) bis hin zu Max Frischs geologisch-anthropologischer Studie Der Mensch erscheint im Holozän (1979) und Gerhard Falkners Gebirgsjagd-Novelle Bruno (2008) führt?65 5. Wie lassen sich Humboldts geologisch-vulkanologische Forschungen – indem sie die Naturforschung von regionalen und kontinentalen Ansätzen hin zu globalen Studien ausweiten – als ideengeschichtliche Horizonterweiterung verstehen?66
Abbildungen
Abb. 1: Tafel 3 aus „Nachricht von des Hrn. Oberbergraths von Humboldt, Rettungsapparat, in den Gruben und Minengängen, bey bösen Wettern und Pulverdampf. Aus einer ausführlichen Handschrift des Hrn. Erfinders gezogen“, in: Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde mit Rücksicht auf die dazu gehörigen Hülfswissenschaften 1:1 (1797), S. 144–161, 183.Abb. 2: „5. El Altar“ (Ausschnitt), nach einer Skizze von Humboldt gezeichnet von Karl Friedrich Schinkel, in: Umrisse von Vulkanen aus den Cordilleren von Quito und Mexico. Ein Beitrag zur Physiognomik der Natur. Stuttgart und Tübingen: Cotta 1853.Abb. 3: „Titelei“ von Samuel Simon Witte Vertheidigung des Versuchs über den Ursprung der Pyramiden in Egypten und der Ruinen von Persepolis und Palmyra, Leipzig: Müller 1792. Abbildung: Österreichische Nationalbibliothek (data.onb.ac.at, 03.05.2021).Abb. 4: Tafel 54, „Vue de l’intérieur du Cratère du Pic de Ténériffe“ (Ausschnitt), aus: Vues de Cordillères et monuments des peuples indigènes de l’Amérique. Paris: Schoell 1810 [–1813].Abb. 5: Auguste Desperet, „Troisième éruption du Volcan de 1789, Qui doit avoir lieu avant la fin du monde, qui fera trembler tous les trônes et renversera une foule de monarchies“, in: La Caricature, Nr. 135, Pl. 279 (6. Juni 1833), Bibliothèque nationale de France, département Estampes et photographie, RESERVE QB-370 (94)-FT4 (gallica.bnf.fr, 03.05.2021).Abb. 6: Ausschnitt der ersten Seite des Aufsatzes „Ueber die Urvölker von Amerika, und die Denkmähler welche von ihnen übrig geblieben sind“, in: Neue Berlinische Monatschrift 15:3 (März 1806), S. 177–208, hier 177. Abbildung Bayrische Staatsbibliothek München (www.digitale-sammlungen.de, 03.05.2021).Abb. 7: Tafel 41, „Volcans d’air de Turbaco“, aus: Vues de Cordillères et monuments des peuples indigènes de l’Amérique. Paris: F. Schoell 1810 [–1813].Abb. 8: Ausschnitt aus dem berühmten„Tableau physique des Andes et Pays voisins“, der die Gipfel und die Beschriftung zeigt: „Point du Chimborazo auquel MM. Bonpland, Montufar et Humboldt ont porté des Instruments le 23 Juin 1802 […]“, aus Essai sur la géographie des plantes; accompagné d’un tableau physique des régions équinoxiales, Paris: Schoell/Tübingen: Cotta 1807.Abb. 9: Ausschnitt aus dem Exemplar von „Über den Bau und die Wirkungsart der Vulcane in verschiedenen Erdstrichen von Alexander von Humboldt. Gelesen in der öffentlichen Versammlung der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 24. Januar 1823“, Separatum. Berlin: Krause 1823, aus Goethes Bibliothek, Goethehaus Weimar, mit handschriftlicher Widmung Humboldts. Zitiert nach Thomas Schmuck, „Humboldt in Goethes Bibliothek“, in: HiN – Alexander von Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien, 17:32, S. 63–81.Abb. 10: Frederic Edwin Church, Cotopaxi, 1862, Detroit Institute of Arts (www.dia.org, 03.05.2021).Abb. 11: Filmstill: Jan Josef Liefers als Humboldt in den Anden aus Rainer Simon, Die Besteigung des Chimborazo, DDR/BRD 1989.
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