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Geschichte
Chronik des 21. Jahrhunderts als Hörbuch
Dorothee Meyer-Kahrweg, Feature-Redakteurin beim Hessischen Rundfunk, hat mit diesem Hörbuch eine reichhaltige Sammlung wichtiger Quellen überwiegend zur deutschen und besonders wichtiger Ereignisse der europäischen und der Weltgeschichte gesammelt. Zu jedem Jahrzehnt findet man Tondokumente zur Politik-, Kultur-, Medien-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte, so auf den ersten beiden CDs beispielsweise zwei Reden des Kaisers Wilhelm II., eine Rede des Generalfeldmarschalls und eine des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, die Ausrufung der Weimarer Republik durch Philipp Scheidemann 1918 oder die Ansprache des Reichspräsidenten Friedrich Ebert nach seiner Vereidigung 1919; dazu Sportreportagen, viel Musik natürlich oder kabarettistische Szenen und Hörspiele, aber auch z.B. Gedichte.
Zwischen den einzelnen Hörquellen wird eine äußerst knappe Moderation bzw. Zusammenfassung der wesentlichsten Ereignisse vorgenommen. Somit wendet sich die Edition eher an Menschen, die zumindest über grobe Kenntnisse der deutschen Zeitgeschichte verfügen. Die einzelnen Tondokumente und Moderationen sind im derzeit gängigen Feature-Stil bisweilen übergangslos aneinandergeschnitten, so dass man während des Hörens ständig gezwungen ist, die kleinen Beihefte zu Rate zu ziehen, um sich zu orientieren. Einige Beispiele: "1924: Das Jahr nach der Inflation. In Gorky bei Moskau stirbt Wladimir Iljitsch Lenin. [...] Thomas Mann veröffentlicht den "Zauberberg". Und in den USA rollt der zehn Millionste Ford vom Band." O-Ton: "Als wir nach Dunkelwerden von unserer Höhe durch Wolken und Nebel in die Nacht hinunterstießen, sahen wir uns unten über einer weiß schäumenden, tobenden See, die ein heftiger Nord-Ost-Sturm ..." "Luftfahrtpionier Hugo Eckener startet 1924 mit dem Zeppelin [...]" (CD 2, "Die 20er Jahre", Track 7). Und: Sketch von Karl Valentin und Liesl Karlstadt: "[...] I war a Mensch, der im Schlaf träumt hat, dass er a Enten ist, die wo an Wurm fressen wui. - Ja, ja, des versteh i scho, aber jetzt moin i, momentan bist doch koa Enten mehr, des musst doch zugeben. - Des verstehst du net, für solchene Träume bist du no zu jung." O-Ton: "Der erste Reichstag nach der Umwälzung hat unter den denkbar traurigsten inneren und äußeren Verhältnissen seine Aufgabe zu lösen versucht. [...]" "Vor den Reichstagswahlen im Mai 1924 zieht Reichstagspräsident Paul Löbe Bilanz der vergangenen Legislaturperiode." (CD 2, Track 7). Oder: "Im Dezember 1926 erhalten Gustav Stresemann und der französische Außenminister Aristide Brilland für ihre Bemühungen um eine europäische Verständigung den Friedensnobelpreis." O-Ton: "Der Grundstein des Hauses wurde von Leopold Ullstein mit der Berliner Zeitung gelegt, aus der sich erst Jahrzehnte später die Berliner Zeitung am Mittag, die BZ entwickelte." "Der Friedensnobelpreis, das ist auch ein Medienereignis, nachzulesen in den vielen Zeitungen der Weimarer Republik. [...]" (CD 2, Tracks 8 / 9).
Konzentrierter, klarer und weniger sprunghaft wird es dann mit CD 3: "Die 30er Jahre". Die Tracks zu Hitlers Machtergreifung, der Gleichschaltung oder dem "Ausverkauf von Kultur und Wissenschaft" geben gute Einblicke in das Geschehen. Hier finden sich auch aufschlussreiche Hördokumente, die wenig bekannt sind, wie Ansprachen vor dem Nationalsozialistischen Juristenbund oder dem Reichsstand des deutschen Handels 1933 sowie ein Werbespot für Kienzle-Uhren mit dem Motto: "Deutsch die Uhr, deutsch der Klang" (CD 3, Track 7).
Für die Zeit ab der Mitte der 1950er Jahre fühlt sich die Autorin der Ernsthaftigkeit dann offenbar wieder weniger verpflichtet. Bunte Schlagermusik wird zwischen politische Reden geschnitten, als gäbe es da etwas, das man besser nicht allzu ernst nähme: 1958 kündigt Chruschtschow den Status von Berlin auf. Nach Ausschnitten aus Reden Walter Ulbrichts und Willy Brands singen Mona Baptiste und Bully Buhlan: "Mir ist so komisch zumute, ich ahne und vermute: Heut liegt was in der Luft ..." Danach kommt Konrad Adenauer zum verbesserten deutsch-französischen Verhältnis zu Wort, die Furcht vor einem Angriff der Deutschen auf Frankreich aus Rache wegen des verlorenen Krieges, "das sei alles nun vorüber, sei alles vorbei". Die "Annäherung der einstigen Erzfeinde" dürfen die Ohayos mit "Chanson d'amour" kommentieren. Das Saarland gelangt schließlich entsprechend dem Wunsch ihrer Bevölkerung wieder zu Deutschland, obwohl Adenauer bereit war, es Frankreich zu überlassen: "Rataratara - Chanson, chanson d'amour" (CD 7, Track 12). Einige Minuten später folgt auf die Vereidigung von Heinrich Lübke als Bundespräsident "Reich mir die Hände, bleib immer bei mir. Mein ganzes Leben schenk ich dir dann dafür. Aha - nur du, du, du allein ..." von Melitta Berg, wonach Erich Ollenhauer zum Godesberger Programm der SPD spricht. Caterina Valente verabschiedet die Hörer mit "Ciao, ciao, bambina" (Track15).
Ab den 1970er Jahren wird das Ganze dann streckenweise auch inhaltlich etwas flach, so beim Thema Waldsterben oder dem Attentat auf Olof Palme (CD 12). Ob diese letzten CDs - abgesehen von den Passagen zum Ende der DDR und der deutschen Vereinigung - in zehn Jahren noch Bestand haben werden, erscheint auch deshalb fraglich, weil zu viele Themen aufgenommen wurden, die wohl längerfristig nicht mehr als sehr bedeutsam angesehen werden, wie der Sturz Rudolf Scharpings als SPD-Vorsitzender 1995 durch Oskar Lafontaine oder die Steuerhinterziehung des Vaters des Tennis-Stars Steffi Graf (CD 15). Leider ist außerdem nach den Beatles die Musik in den letzten CDs kein eigenes Thema mehr, sondern wird meist nur noch insofern in kurzen Ausschnitten eingeblendet, als sich der Text inhaltlich einfügt, und das, obwohl der Techno im Titel der beiden 90er-Jahre-CDs erscheint.
Besonders schade aber ist, dass auf die Dokumentation der Quellen kein großer Wert gelegt wurde. Dies betrifft vor allem die Zeit von 1900 bis 1929 (CDs 1 und 2): Dass Kaiser Wilhelms II. "Hart sein im Schmerz ..." das älteste heute erhaltene politische Tondokument ist, erfährt der Hörer nicht. Zu welchem Zweck und mit welcher Intention sprach der Kaiser 1918 seinen "Aufruf an das deutsche Volk" von 1914 zur Aufzeichnung nochmals nach? War der Wortlaut unverändert? Gleiches gilt für Reden von Scheidemann, Noske, Ebert und anderen. Hier wäre Quellenkritik angebracht. Bei einem "Hörbild", aufgezeichnet 1914 als "Vaterländische Aufnahme der Dt. Grammophon zum Besten deutscher Krieger und deren Angehörigen" (CD 1, Tracks 9 und 10), erfährt man nichts zu den Sprechern oder dem Inhalt. Hier wird beispielsweise ein Lied mehr gegrölt als gesungen, "Die Wacht am Rhein" von 1840, das im Kaiserreich zum populären Marschlied wurde. Der Text ist aber so gut wie unverständlich und viele Hörer werden das Stück kaum erkennen können.
Wünschenswert wäre somit ein ausführliches Begleitbuch mit genauen Information zu den Quellen, in dem auch Kürzungen und Schnitte in den Hörtexten kenntlich gemacht werden sollten; zumindest zu den älteren Tondokumente müssten außerdem Transkriptionen beigegeben werden. Bei vielen Reden ist naturgemäß die Aufnahmequalität dermaßen schlecht, dass man sie nur nach mehrmaligem Hören und mit Mühe verstehen kann. Auch enthalten die ersten CDs nicht übersetzte Hörtexte in englischer, französischer, russischer oder polnischer Sprache, die teilweise auch für Menschen, die aller dieser Sprachen mächtig sind, schwer verständlich sind.
Insgesamt aber sind die meisten dieser 15 CDs spannend anzuhören und eignen sich auch hervorragend zur Veranschaulichung des Politik- oder Geschichtsunterrichts an Schulen.