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Das Wahljahr 2015 hat für Kanadas Ministerpräsidenten Stephen Harper schlecht begonnen. Seine Konservative Partei verlor in der Provinz Alberta nach 44 Jahren an der Macht die Mehrheit an die sozialdemokratische Partei Neue Demokraten. Ein schlechtes Zeichen auch für Stephen Harper – in Alberta hat er seine politische Karriere gestartet, er ist der Provinz noch immer eng verbunden, seine Regierung vertrat stets auch die Interessen ihrer Ölindustrie.
Welche Folgen die Niederlage in der Heimat für seine politische Zukunft hat, lässt sich dennoch schwer voraus sagen. Sicher ist, dass sich Kanada in den letzten Jahren grundlegend verändert hat und dass diese Veränderung Harpers Konservativen zugutekommt. Das sagt John Ibbitson, Chef der Hauptstadtredaktion der Qualitätszeitung «The Globe and Mail».
Öl verschiebt den wirtschaftlichen Schwerpunkt
Zum einen habe sich der wirtschaftliche Schwerpunkt des Landes von Osten nach Westen verlagert. In den Prärieprovinzen Alberta und Saskatchewan fand ein grosser Öl-Boom statt.
Dank der Nachfrage aus den Tigerstaaten in Asien wurde massiv in die Ölförderung investiert. Es wurden viele gut bezahlte Stellen geschaffen, die Bevölkerung Albertas nahm in nur gerade zehn Jahren um fast ein Viertel zu.
In kurzer Zeit wurde die Provinz zur reichsten Kanadas. Die Mehrheit der Bevölkerung der Prärieprovinzen im Westen denkt ländlicher, konservativer und religiöser als jene im urbanen Osten Kanadas, der bisher im Land den Ton angab. Mit dem Ölreichtum nahm die Macht der Elite im Westen stark zu. Angeführt von Stephen Harper übernahm sie zuerst in der Konservativen Partei die Macht und dann auch in der kanadischen Bundespolitik.
Der neue Reichtum im Westen führte zur Entmachtung der alten Elite im Osten. John Ibbitson nennt diese die «Laurentian elite», angelehnt an den St. Lorenz-Strom, in dessen Einzugsgebiet die Städte Toronto, Montreal und Ottawa liegen. Diese Elite hatte Kanada zuvor während Jahrzehnten mit einer wirtschaftlich liberalen, gesellschaftlich progressiven und stark auf Konsens ausgerichteten Politik dominiert. Ihr Entmachtung führte im Osten Kanadas zu Katzenjammer.
Grossstädte und ihre Agglomerationen driften auseinander
Die zweite grosse Veränderung, die Kanada in letzter Zeit durchgemacht hat, wirkt sich vor allem in der Wirtschafts-Metropole Toronto aus. Es kam zu einer starken Polarisierung zwischen der Bevölkerung der Stadt und jener der Vorstädte, der Suburbs. Durch den Zuzug von urbanen, gut ausgebildeten Fachleuten wurde die Stadt Toronto selber immer progressiver.
Auf der anderen Seite wurden die immensen Vorstädte immer konservativer. Stephen Harper verstand es, den konservativen Trend in den Vorstädten mit dem Versprechen tiefer Steuern und dem klaren Vorrang für Wirtschafts- vor Umweltinteressen zu bedienen und die Wahlkreise rund um Toronto auf die politische Linie der Provinzen im Westen zu bringen.
Einwanderer – neue Wähler für die Konservativen
Die dritte Entwicklung, die den Erfolg Harpers erklärt, ist überraschenderweise die starke Zuwanderung aus dem Ausland. Von der Bevölkerung Torontos wurde fast die Hälfte im Ausland geboren. In den letzten Jahren holte Kanadas Regierung vor allem gut ausgebildete Leute aus Indien und China ins Land. Sie entstammen der dortigen Mittel- und Oberschicht.
Viele von ihnen haben einen Unternehmergeist und stehen daher der Konservativen Partei nahe. Zudem bringen sie aus ihrer Heimat – beispielsweise was die gleichgeschlechtliche Ehe angeht – konservative Vorstellungen mit.
Harper veranstaltet regelmässig Treffen mit wichtigen Vertretern dieser Einwanderergruppen und pflegt die Einwanderer gezielt als Wählerbasis. John Ibbitson sagt, Harper sei der erste konservative Regierungschef in der westlichen Welt, der seine Macht zu einem wichtigen Teil auf Einwanderer stütze.