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2.1 Die Schweiz ist hagelgefährdet
Die Schweiz zählt zusammen mit Süddeutschland, Österreich, Norditalien, dem französischen Jura und dem Elsass zu den hagelgefährdetsten Gebieten Europas. Das Auftreten von Gewittern – und demzufolge auch von Hagel – ist äusserst sprunghaft, am häufigsten bilden sie sich zwischen Mai und September. Die topografische Beschaffenheit der Schweiz begünstigt Wärmegewitter, bei welchen durch intensive Sonneneinstrahlung erwärmte, feuchte Luft schnell in grosse Höhen aufsteigt. Kaltfrontgewitter hingegen werden ausgelöst durch heftiges Zusammentreffen feuchter Warmluft mit einer Kaltluftfront. Sowohl bei Kaltlufteinbruch wie bei Sonneneinstrahlung bilden sich gewaltige Wolkentürme, die sich bis in eine Höhe von 12 oder mehr Kilometer ausdehnen können. Bildet sich bei Wärmegewittern Hagel, so ist das Schadenausmass geografisch sehr begrenzt, während sich bei Kaltfrontgewittern sogenannte Hagelzüge formieren, die sich über die ganze Schweiz von Südwesten nach Nordosten erstrecken und mehrere Kilometer breit sein können.
In einer Gewitterwolke kann sich im Bereich des Aufwindkanals Hagel bilden. Die durch Kondensation entstandenen Wassertröpfchen koppeln sich an die in der Luft vorhandenen Staubpartikel und gelangen durch die Aufwinde in sehr kalte Luftschichten, wo sie gefrieren. In 12,000 Metern Höhe herrschen nur noch wenig Turbulenzen und so fallen die kleinen Eiskörner wieder in tiefere Schichten, und während dieses Vorgangs frieren weitere Wassertröpfchen an diese Eiskörner, die dadurch grösser und grösser werden. Dieses Auf und Ab im Aufwindkanal kann sich beliebig lang wiederholen und erklärt die unterschiedliche Grösse von Eiskörnern. Wenn der Aufwind in der Gewitterwolke nicht mehr stark genug ist oder die Eiskörner gross und schwer geworden sind, fallen sie aus der Wolke. Kleine Hagelkörner tauen auf dem Weg nach unten auf und werden zu grossen Regentropfen, grössere fallen auf die Erde. Im Allgemeinen beträgt der Durchmesser von Hagelkörnern 10 bis 15 Millimeter, gelegentlich erreichen sie aber auch die Grösse von Tennisbällen (Durchmesser 65 mm, 60 g).
Mit Radar können Niederschlagsteilchen in der Atmosphäre vermessen werden. Das Schweizer Radarbild setzt sich zusammen aus den Radarbildern der drei Wetterstationen in La Dôle, auf dem Albis und auf dem Monte Lema. Diese Radarinformationen erlauben den Meteorologen, eine sehr genaue kurzfristige Vorhersage über Niederschläge zu machen. Seit 2000 bezieht die Schweizer Hagel die eintägigen Hagelkarten; darauf ist das Hagelgeschehen der letzten 24 Stunden in der Schweiz und dem angrenzenden Ausland ersichtlich.
Dank der Radaraufzeichnungen über das Hagelgeschehen können weiter greifende Beobachtungen gemacht werden. Sogenannte Klimakarten erstrecken sich über eine längere Zeitperiode und geben Aufschluss über die geografische Verteilung und Intensität des Hagels in diesem Zeitraum. So wird es zum Beispiel möglich, zu erkennen, in welcher Region der intensivste Hagelschlag niederging, in welchen Monaten die stärksten Hagelschläge erfolgten, wie die topografische Beschaffenheit der Region Einfluss haben kann auf die Tageszeit, an welcher es hagelt, und so weiter. Je länger der beobachtete Zeitraum ist, desto besser lassen sich Gesetzmässigkeiten erkennen. Die Ergebnisse lassen Tendenzen zu nachhaltigen Veränderungen im Hagelgeschehen erkennen und in die Planung miteinbeziehen.
2.2 Das Klima ändert sich
Die Klimaforscher sind sich einig, dass eine Klimaerwärmung stattfindet. Die Hagelversicherung bekam diese Häufung der Extremsituationen vor allem regional in Form von schweren Hagelstürmen, Überschwemmungen, Erdrutschen, Übersarrungen und Lawinen zu spüren. Aussergewöhnlich beim Schadenverlauf der letzten 15 Jahre war vor allem das lokal katastrophale Ausmass der Schäden und der kurze Zeitabstand zwischen Extremereignissen. Vier verschiedene Grosswetterlagen waren für die Auslösung der fünf extremen Hagelereignisse der letzten 80 Jahre verantwortlich.
Mit dem Wetterradar lassen sich Niederschlagsgebiete verfolgen und grosse intensive Hagelzellen erkennen. Solche Radarmessungen werden aber erst ab etwa 1980 systematisch in der Schweiz durchgeführt. Somit existieren keine langen Messreihen, die bezüglich Häufigkeit und Trend von Extremereignissen untersucht werden könnten. Über die Ausdehnung eines Hagelgebiets geben aber auch die Schadensmeldungen Auskunft. Die Schadenstatistik erlaubt eine naturwissenschaftliche Betrachtung der Auswirkungen der Klimaänderung auf extreme Hagelereignisse. Die Anzahl betroffener Gemeinden gibt Auskunft über die Ausdehnung eines Sturmsystems – unter der Annahme, dass von mindestens einem Landwirt ein Schaden gemeldet wird, wenn ein Sturmsystem mit Hagelschlag über eine Gemeinde zieht. Die "starken" Hagelereignisse, die in 100 bis 200 Gemeinden Schäden verursachten, nehmen nach 1980 als Folge häufiger, extremer Wettersituationen zu, während sie von 1960 bis 1980 eher konstant waren. Die unstabilen Luftmassen führen vermehrt zu intensiver Gewittertätigkeit mit regional verheerenden Folgen. Die geografisch ausgedehnten von Südwest nach Nordost ziehenden Hagelfronten haben sich in ihrer Häufigkeit hingegen kaum verändert.
2.3 Hagelereignisse werden zunehmen
Seit 1940 hat die Häufigkeit der vier Grosswetterlagen, die für die extremen Hagelereignisse verantwortlich waren, im Sommer in Zentraleuropa deutlich zugenommen. Falls die Häufigkeit der vier Grosswetterlagen im atlantisch-europäischen Raum mit der Klimaänderung weiter zunimmt, werden auch die für Sturmsysteme "günstigen" Bedingungen häufiger. Es müsste mit mehr extremen Wetterereignissen gerechnet werden. Auch der zunehmende Trend innerhalb der regional schadenintensiven Hageltage könnte sich fortsetzen.
Die mögliche Zunahme von Extremereignissen beschäftigt auch die Landwirtschaft. Da sie unter freiem Himmel stattfindet, gehört sie zu den Hauptbetroffenen des Klimawandels. Rund 80 Prozent des landwirtschaftlichen Ertrags hängen direkt vom Wetter ab. Die Forschungsanstalt Agroscope FAL in Reckenholz ZH ist bestrebt, die Auswirkungen der globalen Klimaänderung auf die Landwirtschaft in verschiedenen Regionen der Schweiz systematisch abzuschätzen und zu beurteilen, wie anfällig bestimmte Futter- und Ackerbausysteme für Klima- und Witterungsänderungen sind. Die gewonnen Erkenntnisse erlauben es, Anpassungsstrategien für die Bewirtschaftung zu entwerfen und zu diskutieren.
2.4 Schwere Schadenjahre
Ein schwarzes Jahr der Hagelversicherung war 1927, welches Schäden in nie erreichtem Ausmass brachte. Die noch nicht rückversicherte Gesellschaft musste bei Prämieneinnahmen von 3,3 Mio. Franken Entschädigungszahlungen von 6,7 Mio. Franken leisten. Dies machte die Einforderung eines Nachschusses von 60 Prozent unvermeidlich und führte im Folgejahr zu zahlreichen Kündigungen. Im Jahr 1928 wurde mit vier schweizerischen Gesellschaften ein Rückversicherungsvertrag abgeschlossen.
1950 war das schadenreichste Hageljahr in der Geschichte der Schweizerischen Hagel-Versicherungs-Gesellschaft. Bei einem Prämienvolumen von 9,7 Mio. Franken und einer Versicherungssumme von 297,8 Mio. Franken mussten für die 36,417 gemeldeten Schäden 18,18 Mio. Franken Entschädigung aufgewendet werden.
Auch 1967 war ein schweres Hageljahr: Jeder vierte Versicherte wurde von Hagel betroffen und die Schadenbelastung betrug 183 Prozent.
1975 war das schlimmste Hageljahr seit 100 Jahren. Die nicht abreissen wollende Kette von Hagelschlägen begann bereits am 29. Mai mit unerwartet grossen Schäden und gipfelte in der Nacht vom 18. auf den 19. September in einem einzigen Hagelzug von 200 km Länge, der zwischen Genf und dem Basler Jura Schäden von 18 Mio. Franken verursachte. In diesem Katastrophenjahr wurden Entschädigungen von 58,5 Mio. Franken ausbezahlt und die Schadenbelastung erreichte eine Rekordhöhe von 240 Prozent.
1994 wurde erstmals die 100-Millionen-Grenze (101,6 Mio. Fr.) für Entschädigungen überschritten. An einem einzigen Tag, am 2. Juni, wurden 6,400 Schäden verzeichnet und die Schadenbelastung lag bei 186 Prozent.
Der bisher schadenreichste Tag in der Geschichte der Schweizer Hagel war der 8. Juli 2004, als ein Hagelzug durch die Schweiz über 6,800 Schäden an Kulturen hinterliess. 2004 wurden in der Schweiz Kulturen im Wert von 2,1 Mrd. Franken versichert, die Prämieneinnahmen betrugen 53 Mio. Franken, für die Prämienrückvergütung wurden 9,7 Mio. Franken aufgewendet. Mit den insgesamt 14,009 gemeldeten Schäden hatte die Hagelversicherung im vergangenen Jahr ein schlechtes Ergebnis zu verzeichnen.