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Frau Niehues, Sie haben den Zusammenhang zwischen der Einkommensungleichheit innerhalb eines Landes und der Wahrnehmung bzw. Beurteilung der Ungleichheit durch die Bürgerinnen und Bürger untersucht. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Es ist kaum ein Zusammenhang erkennbar.
Oh. Das müssen Sie mir genauer erklären.
2009 wurden im Rahmen des International Social Survey Programme in vielen Ländern jeweils rund tausend Personen befragt: «Sind die Einkommensunterschiede in Ihrem Land zu gross?» Zwischen den Ja-Anteilen bei der Antwort und der tatsächlichen Einkommensungleichheit, gemessen am Gini-Koeffizienten der Einkommen (nach Umverteilung), ist praktisch kein Zusammenhang erkennbar (vgl. Abb. 1). Am häufigsten beantworteten die Ungarn die Frage mit «voll und ganz» – doch die Einkommensungleichheit ist in Ungarn vergleichsweise gering, in etwa auf dem Niveau der skandinavischen Länder. Andererseits äussern z.B. die Spanier und die Briten eher geringe Besorgnis über die Einkommensungleichheit, während sie in Wirklichkeit oberhalb des Durchschnitts liegt. Das Extrembeispiel sind die USA: Sie haben von den untersuchten Ländern mit Abstand die grösste Einkommensungleichheit, trotzdem waren nur 29 Prozent der Befragten «voll und ganz» der Meinung, die Unterschiede seien zu gross – und damit weniger als in Schweden, das häufig als Musterbeispiel für soziale Egalität gilt.
Der Befund hat mich auch überrascht. Aber das Ergebnis erweist sich als sehr robust, auch bezüglich des verwendeten Ungleichheitsmasses. Statt des Gini werden heute häufig die Top-Income-Shares am Gesamteinkommen zitiert. Auch hier sieht man nahezu keine Korrelation. Nimmt man die Markteinkommen, also die Einkommen vor Umverteilung, verändern sich die relativen Positionen der Länder etwas, aber noch immer ist keine systematische Beziehung zwischen der Einkommensverteilung und ihrer Beurteilung auszumachen. 2018 wurden im Rahmen einer anderen Untersuchung1 ähnliche Daten erhoben: Hier zeigte sich, wenn überhaupt, sogar ein negativer Zusammenhang, also: weniger Besorgnis um das Thema Ungleichheit bei grösserer tatsächlicher Ungleichheit.
Kann das kulturelle Gründe haben? Vielleicht sind einfach die wettbewerbsorientierten Amerikaner mit ihrem Aufstiegsnarrativ eher bereit, Ungleichheit zu akzeptieren, als die eher sozialistisch orientierten Skandinavier?
Das spielt sicherlich auch eine Rolle, ja. Aber die Daten zeigen durchaus eindrücklich, dass das Urteil über die Ungleichheit sehr stark mit der Wahrnehmung derselben zusammenhängt. Klar, gibt es gewisse Unterschiede: Die Franzosen nehmen z.B. ihre Gesellschaft nur als ein bisschen ungleicher wahr als die US-Amerikaner; sie antworten aber viel öfter, die Einkommensunterschiede seien zu gross. Doch gesamthaft ist die Korrelation zwischen Wahrnehmung und Urteil sehr hoch. Zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Ungleichheit gibt es dagegen teilweise sehr grosse Unterschiede!
Wie fand man das heraus?
Im Rahmen des International Social Survey Programme2 wurden die Einwohner auch gebeten, die Gesellschaft ihres Landes einem von fünf Typen zuzuordnen. Basis waren Diagramme, in denen sieben Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichen Bevölkerungsanteilen dargestellt wurden (vgl. Abb. 2). Typ A weist die grösste Ungleichheit auf: «Eine kleine Elite oben, nur sehr wenige Menschen in der Mitte und die grosse Masse der Bevölkerung unten», wird diese Gesellschaftsform im Fragebogen beschrieben. Typ B hat eine Pyramidenform: Die Bevölkerungsanteile in den Gesellschaftsschichten nehmen mit der Höhe der Schicht ab. Typ D ist hingegen die idealisierte Mittelschichtsgesellschaft: Die meisten Menschen befinden sich in der Mitte der Gesellschaft. Aus ihr resultiert auch die geringste Ungleichheit. In Ungarn glaubten nun 57 Prozent der Befragten, ihre Gesellschaft sei Typ A, und sogar fast 90 Prozent waren der Meinung, die meisten Menschen würden eher im unteren Gesellschaftsbereich leben (Typ A + B). Diese Meinung teilten in Frankreich immer noch enorme 70 Prozent der Befragten und in Deutschland über…