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Aufbau der Heimindustrie
Jakob Zürrers Vater war Knecht in der Mühle von Kappel. Er starb zwei Jahre nach Jakobs Geburt bei einem Unfall mit seinem Pferdefuhrwerk und die Mutter Anna früh an Tuberkulose, sodass der sechsjährige Jakob als Waise zurückblieb. 1820 trat er eine Handelslehre an und gründete 1825 zwanzigjährig zusammen mit seinem Paten Mathias Hägi eine eigene Firma, zuerst als Ferggerei für einen Stadtzürcher Seidenfabrikanten. Die Ferggereien (ferggen heisst auf Alt- Zürichdeutsch «bringen und holen») waren die Verteilzentren für die Heimarbeit. Dort bezogen die Heimweber die Seidengarne und lieferten die fertigen Stoffe ab. Die Handelshoheit der Städte konnte nach dem Einmarsch der Franzosen nicht mehr aufrecht erhalten bleiben und die Ferggereien auf dem Land konnten bald selbständig ihre Geschäfte entwickeln. Im Jahre 1834 übergab Mathias Hägi das Geschäft Jakob Zürrer. Die Belegschaft war zu diesem Zeitpunkt auf ca. 700 Heimweber angewachsen, die im Knonauer Amt sowie in den Kantonen Zug, Schwyz und Nidwalden wohnten.
Aufbau der Heimindustrie
Übergang zur Fabrikarbeit
Die 2. Generation Emil und Theophil Zürrer leiteten den Übergang vom Ferggerei-Betrieb in die Fabrikarbeit ein. Emil und Emilie Zürrer-Schwarzenbach übernahmen die Wohnung der Eltern im grossen Geschäftshaus (Grandezza, Zugerstrasse 18), Theophil und Ida Zürrer-Schwarzenbach bauten sich das ebenfalls noch stehende Haus Zugerstrasse Nr. 21 in Hausen. Emil war technisch begabt und erkannte, dass die mechanischen Baumwoll-Webstühle auch für die Seidenverarbeitung einsetzbar waren, was ihm 1860 nach vier Jahren Entwicklungsarbeit auch gelang. Mit seinem Schwager gründete er die MSA (Mechanische Seidenweberei Adliswil), welche dem Ort einen grossen Aufschwung brachte. Die MSA wurde 70 Jahre später in der Krise um 1930 in die Knie gezwungen und die Aktien zu einem Liquidationswert verkauft. Die Geschäfte gingen in Hausen am Albis weiter. Theophil brachte aus Lyon einen kompletten Webstuhl mit, der fähig war, auch schwere Seidenstoffe zu weben. Als erste Firma der Zürcher Seidenindustrie produzierten die Zürrers damit einen schweren Faille-Stich. 1875 wurde in Hausen das erste Fabrikgebäude, der markante Hochbau auf dem Bild erstellt, mit einer Winderei, einer Zettlerei und 40 Lyoner Webstühlen.
Vom Patron zur Kollektivgesellschaft
Mit Oberst Theophil Zürrer-Schwarzenbach starb 1905 der letzte aus der 2. Generation. Paul, Sohn seines Bruders Emil, war in der Mechanischen Seidenweberei Adliswil engagiert. Das Geschäft in Hausen lag in den Händen seiner Kinder Robert, Theophil jun. und Fanny. Aktiv in der Firmenleitung war Theophil jun. als Vertreter der 3. Generation. Nach dem frühen Tode von Theophil Zürrer jun. 1912 regelte ein Kollektivgesellschaftsvertrag das Gesellschaftskapital und Geschäft zwischen den verbleibenden Geschwistern Robert und Fanny und der Witwe Emmy Zürrer-Syfrig. Emmy war zur Hälfte, Robert und Fanny je zu einem Viertel beteiligt. 1920 verstarb Robert Zürrer und seine Familie zog sich aus dem Geschäft zurück. Während der folgenden Jahre wurde die Firma von Direktor Huber und Buchhalterin Emma Frick geführt, der Verkauf von August Scheller. Tochter Fanny, welche als Jägerfanny mit dem Vater die Leidenschaft fürs Reiten und Jagen teilte, heiratete 1904 Gustav Weisbrod, den Sohn des Weinhändlers Franz Peter Weisbrod aus Affoltern, der 1873 aus der Kurpfalz in die Schweiz gezogen war.
Aufschwung und Diversifikation
Die drei Söhne von Fanny und Gustav Weisbrod-Zürrer, Hans, Richard und Hubert führten die Firma weiter. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 begann für das Seidengeschäft eine neue Durststrecke. Wiederum wurde von Liquidierung des Geschäftes gesprochen. Die Abwertung des englischen Pfundes 1931 trieb die Preise im wichtigsten Exportmarkt England in die Höhe. Um diese Aufträge trotzdem ausführen zu können, entschieden die Brüder, dass der 27-jährige Richard eine Seidenweberei im englischen Darwen aufbauen soll (im Bild). Die Seidenweberei im Aeugstertal und die Faconweberei Baer in Ebertswil, wurden geschlossen und die Webmaschinen nach England transportiert. Auf dem Bahnhof Mettmenstetten seien den aufgeladenen Maschinen von aufgebrachten Webern Steine nachgeworfen worden, aus Protest gegen den «Arbeitsplatzvernichter». Zwölf Arbeiterinnen und Angestellte hatten intensiven Englischunterricht in der Kantine in Hausen erhalten und reisten mit, um im neuen Unternehmen mitzuwirken. Richard gründete 1933 in England die «Lancashire-Silk-Mills» sowie die Verkaufsgesellschaft «Zurrer-Silks».
Kreativität als Schlüssel zum Erfolg
1942 wurde Ronald Weisbrod als einziger Sohn von Richard und Lucette Weisbrod-Glardon neben drei Schwestern in England geboren, wo er die Grundschule besuchte und später in Trogen die Kantonsschule. Bei seinem Onkel Hans in Ebertswil bereitete er sich auf die Maturität vor und kam so in engeren Kontakt mit dem Familienunternehmen in Hausen. Er entschloss sich gegen ein Architekturstudium und stieg ins Seidengeschäft ein. 1967 begann Ronald Weisbrod als Juniorpartner in Hausen und heiratete 1971 die Ärztin Renate Aebli aus dem Glarnerland, die er in Paris im Auslandsemester kennen gelernt hatte. Es wurden ihnen drei Kinder geschenkt: Lilian, Oliver und Christin. 1984, nach dem Tod von Hans Weisbrod, übernahm Ronald Weisbrod die Verantwortung für die Leitung des Betriebes. Wurden bis anhin vor allem Uni-Stoffe produziert, kreierte man jetzt in eigenen Ateliers mit grossem Engagement und beträchtlichem finanziellen Aufwand jährlich über 1000 neue Stoffmuster. Ronald Weisbrod überwachte mit seinem künstlerischen Flair persönlich die zahlreichen Neuentwicklungen. Die Marke «e-motion», welche 1992 lanciert worden ist, bringt es auf den Punkt: Mode hat mit Emotionen, mit Faszination und Stimmungen zu tun.
Innovationen und globale Kräfte
Die beiden jungen Biologen Oliver und Sabine Weisbrod-Steiner traten 2001 in den Betrieb ein und arbeiteten von Beginn weg als Jobsharing-Team. Sie bildeten sich zusätzlich in Management und Betriebswirtschaft sowie Kursen an der Textilfachschule weiter. Daraus resultierte die Einführung der Eigenmarke WEISBROD im Accessoire-Bereich mit in der Schweiz hergestellten Krawatten und Schals. Der Schritt direkt an den Markt war ein Wagnis, denn bis anhin war die Firma ein Zulieferer der grossen Marken im Modebusiness und agierte dezent hinter den Kulissen. Ausser den Kundinnen des Stoffladens kannte kaum jemand die traditionelle Textilfirma in Hausen am Albis. Doch der Schritt war nötig, denn die traditionellen Kunden aus der Mode in Europe verschwanden zusehends oder begannen grosse Mengen immer häufiger bei günstigeren Anbietern einzukaufen. Die Treue schwand.