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Der Publizist Joachim Ernst Berendt hatte schon recht, als er den Nazi-Grössen ein sicheres Kunstgespür attestierte. «In allen künstlerischen Bereichen», schrieb er, «erkannten sie mit absoluter Sicherheit, welche Art Kunst ihrer Ideologie entsprach, und welche ihr zuwider war.» Die berühmte Münchner Ausstellung «Entartete Kunst» von 1937 ist ein Beleg dafür.
Beinahe alle Künstler, die heute der klassischen Moderne zugerechnet werden, waren dort vertreten: Von Beckmann über Dix bis zu Käthe Kollwitz. Der Kunstliebhaber hätte den aktuellen künstlerischen Stand der Dinge in Deutschland erleben können.
Ehrenplatz für den Jazz
Ein Jahr später doppelte die Reichskulturkammer nach, in Düsseldorf öffnete eine Ausstellung mit dem Titel «Entartete Musik» ihre Tore. Natürlich bekam der Jazz hier einen Ehrenplatz.
In den Anfängen nach Hitlers Machergreifung hatte das Regime noch eine indifferente Meinung zum Jazz. Auch wenn die NS-Horden auf der Strasse lieber «Die Wacht am Rhein» sangen. Die Kader, oft gebildete und kultivierte Leute, liebten die Tanzmusik aus Amerika. Jazz wird allerdings von Schwarzen gespielt, und es wird ziemlich enthemmt getanzt dazu, deshalb wurde diese Musik im Laufe der ersten Hälfte der 1930er-Jahre zunehmend mit Argwohn beäugt.
Kurz polyglott, dann wieder antisemitisch
Dann, im Sommer 1936, fand die Olympiade in Berlin statt. Deutschland wollte sich der Weltöffentlichkeit von der offensten und liberalsten Seite zeigen. Antisemitische Plakate wurden entfernt, Berlin wurde kurzzeitig wieder zur polyglotten Metropole, die sie vor zehn Jahre gewesen war.
Ein Schweizer war in besonderem Masse Profiteur dieser Politik: der Bandleader Teddy Stauffer. Er gastierte mit seiner Big Band damals im Delphi-Palast an der Kantstrasse im grossbürgerlichen Westen Berlins. Er war ein Star, und er durfte es sein.
Jazz im Vernichtungslager
Nach den Olympischen Spielen wurde das Jazzerleben dann auch für Stauffer und seine Musiker schwieriger. Ab 1939 war endgültig Schluss damit. Teddy Stauffer ging zurück in die Schweiz und später nach Amerika. Seine Musiker, viele davon Juden, flüchteten. Jazz fand nur noch im Untergrund statt. Oder in den Vernichtungslagern.
Der deutsch-jüdische Gitarrist Coco Schumann musste seine Musik für die Schergen in Auschwitz spielen. «Zu unserem Swing marschierten die Arbeitskolonnen der Todgeweihten zu den Gaskammern», erzählte er. Schumann gehört zu den wenigen, die den Horror überlebt haben.
Jazzen im Versteckten
Gegen Ende des Krieges keimte in den Ruinen wieder neues Leben. Junge Musiker wie der Frankfurter Saxophonist Emil Mangelsdorff und seine Kollegen Horst Lippmann und Fritz Rau, die später die Konzertagentur «Lippmann + Rau» gründeten, jazzten im Versteckten, in Hinterzimmern und Kellern.
Sie alle wurden mehr als einmal von der Gestapo verhört und eingebuchtet. Die Musik aber half ihnen über die schlimmen Jahre hinweg: «Der Jazz hat mich an Leib und Seele entnazifiziert», meinte Fritz Rau im Rückblick.
Diktatoren swingen nicht, deren Söhne aber schon
Ein Satz, den Joachim Ernst Berendt in seinem Aufsatz über Jazz im Dritten Reich geschrieben hatte, muss noch nachgereicht werden, denn die Situation damals war nicht einmalig. «Die anderen Diktatoren, ob nun links oder rechts, haben die gleiche Sicherheit in ihrem Kunst- und Musikgespür. Es ist, als hätten sie sich untereinander abgesprochen: Diktatoren swingen nicht!»
Ein Postskriptum: Romano Mussolini, der jüngste Sohn des italienischen Duce, wurde nach dem Krieg einer der besten Jazzpianisten Italiens. Wenn das der Vater noch erlebt hätte!
Buchhinweis
Siegfried Schmidt-Joos: «Die Stasi swingt nicht – Ein Jazzfan im Kalten Krieg», Halle (Saale), 2016.