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Selina Walder schloss 2004 ihr Architekturstudium an der Accademia di architettura di Mendrisio bei Valerio Olgiati ab, bei dem sie von 2004 bis 2006 als Assistentin arbeitete. Sie kuratierte 2009/2010 die Ausstellung «DADO - gebaut und bewohnt von Valerio Olgiati und Rudolf Olgiati» im Gelben Haus Flims. Georg Nickisch diplomierte 2005 in Mendrisio bei Peter Zumthor, arbeitete an der Accademia als Assistent des Lehrstuhls von Jonathan Sergison und war Gastdozent an der Haute école d'art et de design in Genf (HEAD). Im Jahr 2007 gründeten sie gemeinsam die Firma Nickisch Walder mit Sitz im bündnerischen Flims.
Das Studio gewann anschliessend den Wettbewerb für das neue Plantahof-Auditorium in Landquart in Zusammenarbeit mit Valerio Olgiati (2008). Das Projekt für die Renovierung des Schulgebäudes aus dem 19. Jahrhundert in Valendas wurde mit der Auszeichnung Umsicht – Regards – Sguardi 2017 geehrt. Die Restaurierung wurde durch eine Planung in mehreren Etappen und mit begrenzten Mitteln durchgeführt, wobei die in den letzten Jahrzehnten vorgenommenen Eingriffe, die das Gesamtbild veränderten, beseitigt wurden.
Das «Refugi Lieptgas» (2012) liegt neben einem kleinen Weg, der in den Flimser Wald führt. Die Holzkonstruktion diente ursprünglich den Bauern als Zufluchtsort. Gemäss den gesetzlichen Vorgaben, die den Erhalt des historischen Gebäudes oder zumindest den Erhalt des bestehenden Charakters verlangen, verwendeten die Architekten die Holzbalkenkonstruktion der alten Hütte als Schalung für die Herstellung der monolithischen Betonwände des Neubaus. Die Innenseite der hölzernen Umfassungswand wurde zur Aussenseite der neuen Betonwand und prägt die Kante wie eine in die Oberfläche eingeschriebene Erinnerung.
Die Hütte ist in zwei Räume aufgeteilt: das Wohnzimmer, in dem man kochen, essen und in der Nähe des Kamins verweilen kann, und einen Raum im unteren Stockwerk, in dem man sich in einem grossen, beheizten Betonblock am Fenster ausruhen und darin baden kann. Ein kleiner Anbau beherbergt das Treppenhaus, einen Hauswirtschaftsraum und die Toiletten. Mit einer Nettofläche von 35 m2 ist die Hütte auf das Wesentliche reduziert und bietet die geschützte Intimität eines Nests.
Drei Öffnungen rahmen den Blick auf den Wald: Ein Fenster mit Sitzplatz bietet einen romantischen Blick auf die Waldlichtung, eine runde Öffnung an der Decke beleuchtet den Kamin und rahmt die Spitzen der benachbarten Buchen ein, und im Untergeschoss inszeniert ein grosses Fenster den Blick auf einen Felsen. Die Weisskieferdekore für Schränke, Türen und Fenster wurden exakt auf die Betonkonstruktion aufgebracht und lassen die Wahrnehmung der monolithischen Rohkonstruktion unverändert.
Das Gesamtbild suggeriert den gleichen Eindruck von Unmittelbarkeit und Einfachheit wie die in den über die Berge von Flims verstreuten Hütten: ein Artefakt, das vertraut erscheint und gleichzeitig etwas Unerwartetes offenbart. In der Architektur ist die Schaffung einer Atmosphäre eng mit der Umwandlung von Materialien in expressive Materie verbunden: Das Nebeneinander von Gestein, Zement, Glas und Wasser schafft eine starke emotionale Spannung im gebauten Raum.
Anlässlich des 150. Jahrestags der Erstbesteigung des Matterhorns durch den britischen Bergsteiger Edward Whymper wurde von Juli bis September 2014 auf dem Hirli (2880 m ü.M.) ein Basislager eingerichtet. Die 25 Unterstände aus Grundmodulen von 2.25 x 3.375 m in Form eines Zelts wurden wie eine Art Origami am Hang des Berges aufgestellt. Sie sind aus Aluminium gefertigt und wurden durch verstellbare Stützen leicht von der kalten Felsoberfläche abgehoben, sodass eine horizontale Holzfläche entstand. Grössere Hütten, die mit energiesparenden Glühbirnen beleuchtet und mit Gasheizkörpern beheizt wurden, beherbergten die Gemeinschaftsräume zum Essen und Kochen.
Die zweilagige Konstruktion folgt dem Prinzip des traditionellen Zelts, mit einer stabilen Aluminium-Aussenschale und einem weichen Innenfutter aus wasserdichtem Gewebe. Die Geometrie des Zelts – ein Schutzdach und ein Archetyp einer Wohnung in seiner primitivsten und einfachsten Form – ist statisch wirksam, um das Gewicht der Windkräfte auf den Boden zu übertragen. Das Design der Struktur ist präzise: Die dreieckigen Türen öffnen sich wie der Rand eines Vorhangs, der Türgriff ist schräg gestellt, lichtdurchlässige Module lassen Licht durch.
Die filigranen Strukturen standen im Kontrast zur massiven Felswand und verdeutlichten den temporären Charakter des Basislagers. Die demontierten Container haben keine Spuren des Ereignisses am Boden hinterlassen und stehen für eine spätere Verwendung zur Verfügung. Die malerische Kulisse der Schweizer Alpen eignet sich hervorragend für die Ansiedlung zeitgenössischer Architektur. Nickisch Walders Kreationen sind einzigartig und schwer zu reproduzieren – eben radikale Architektur für extreme Landschaften.
In einer neuen Reihe stellen wir in loser Folge Architektinnen und Architekten unter 40 Jahren vor, die in der Schweiz oder im Ausland tätig sind. Wir starten im Tessin. Weitere Beiträge dieser Serie finden Sie hier.