Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/959

AVENCHES - AVENTICUM - WIFLISBURG - Neapolis
Die Namen einer besonderen Römerstadt nördlich der Alpen
Startseite: www.dillum.ch
Ergänzend lese man zu diesem Artikel:
Die Büste von Kaiser Mark Aurel aus Avenches - eine goldene Fälschung
Ebenfalls lese man die illustrierten Betrachtungen über die bildlichen Gemeinsamkeiten zwischen Aventicum und Avignon.
Über Aventicum vergleiche auch die Bücher des Autors:
Die Ursprünge Berns (2020) und Die alten Eidgenossen (2019)
Aventicum, desertam quidem civitatem, sed non ignobilem quondam, ut aedificia semiruta nunc quoque demonstrant.
Aventicum, eine jetzt verödete Stadt, die aber einstmals berühmt war, wie deren halbzerstörte Bauwerke noch heute zeigen.
Ammianus Marcellinus, Res Gestae 15, 11, 12 (Übersetzung: Autor)
Anmerkung des Autors: Das berühmte Zitat beweist, dass "Ammianus" wie alle anderen "antiken" Autoren NACH der Römerzeit anzusetzen sind. - Wie hätten sie sonst den Untergang dieser Kultur kommentieren können?
Der Hügelrücken von La Tornallaz bei Avenches. Sicht von Westen.
Foto: Autor, 20.4.2016
Plan des Turms von La Tornallaz bei Avenches
"Römischer" Turm - "mittelalterlicher" Beobachtungsturm - Rekonstruktion des antiken Turms zu Beginn des 20. Jhs.
Die monumentale Stadtmauer von Aventicum: Sie stellt in ihrer Form eine Muschel dar.
Offizielle Stellen haben vor kurzem einige interessante Überlegungen zur römischen Stadtmauer von Aventicum gemacht.
Die Ringmauer der Römerstadt hatte eine Länge von 5,5 Kilometern und umschloss ein Gebiet von etwa 230 Hektaren.
Die Mauer war in ihren Fundamenten 3 Meter dick, um sich bis auf ihre Höhe von 5 Metern auf 2,4 Meter zu verjüngen.
Die Mauer trug einen zwei Meter breiten Wehrgang. Dieser war gegen die Aussenseite durch abgewinkelte Zinnen, sogenannte Belisar-Zinnen geschützt.
Zwei Tore in der Stadtmauer sind nachgewiesen, das West- und das Osttor. Von letzterem sind noch Reste sichtbar. Ausserdem hatte die Mauer ein paar kleine Durchgänge.
Vor der Mauer lag ein zwei Meter breites Glacis, eine sogenannte Berme. Darauf folgte in 3,6 Meter breiter und 1,6 Meter tiefer Spitzgraben.
Die Ringmauer hatte 73 Türme. Diese hatten eine Höhe von 10.8 Metern und dienten vor allem als Treppengänge.
Die Türme hatten einen hufeisenförmigen Grundriss und sprangen gegen die Innenfläche der Stadtmauer vor.
Nur der Turm La Tornallaz hat sich ganz erhalten. Dieser wurde im "Mittelalter" zu einem Signalturm umgebaut. - Heute hat er durch eine Renovation wieder sein ursprüngliches Aussehen erhalten.
Der Autor hat seit langem erkannt, dass der Perimeter der römischen Stadtmauer von Aventicum eine Muschel symbolisiert. Man vergleiche darüber den Artikel über Muschelformen von europäischen Altstädten.
Das ist kein Zufall: Aventicum - Avenches galt als Bischof-, also auch als Papststadt - wie zum Beispiel Avignon (Avenno). Und ein Bischof oder der Papst führt noch heute eine Muschel im Wappen.
Also enthält auch der Umriss von Avignon eine Muschel.
Überlegungen zum Bau der Stadtmauer
Wertvoll sind die Überlegungen, welche die archäologischen Stellen zum Mauerbau der Römerstadt Aventicum gemacht haben.
Bekannt ist, dass der Jura-Kalkstein der Stadtmauer in einem ufernahen Steinbruch zwischen Concise und Vaumarcus am Neuenburgersee gebrochen wurde. Mit Lastkähnen wurde er via die Broye nach Aventicum gebracht.
Man muss wissen, dass der Murtensee damals höher war, der See also bis an den Nordrand der Römerstadt reichte.
Man schätzt, dass für den Mauerbau etwa 200'000 Kubikmeter Gestein verwendet wurde. Dabei wurde die Aussenseite der Ringmauer mit handlichen behauenen Quadern verblendet.
Durch Berechnungen der Kapazität des Hafens von Aventicum und der Ladefähigkeit der Transportkähne sind die Fachleute zum Schluss gekommen, dass der Bau der Stadtmauer etwa zwölf Jahre gedauert hat.
Wehrmauer oder Repräsentations-Mauer?
Bei den Überlegungen wird auch nach dem Zweck der grossen Befestigungsanlage gefragt.
Richtig sagen die Fachleute, dass die Mauer wohl eher eine repräsentative Funktion hatte und das Prestige der Stadt erhöhen sollte. Denn zur Verteidigung eignete sich die Stadtmauer schlecht: Sie war zu lang, und die Stadt hatte keine nachgewiesene Garnison.
Wie alle alten Stadtbefestigungen hatte auch diejenige von Aventicum zuerst eine Funktion als Zollmauer und eine zur Überwachung der Einwohner.
Idiotische Datierung
Im Nordosten verläuft die römische Stadtmauer in einem früher sumpfigen Gebiet. Dort gab es keinen Stadtgraben. Und die Mauer wurde dort auf ein Fundament von eingerammten Eichenpfählen gebaut.
Die genannten Holzstücke nun wurden mittels der sogenannten Dendrochronologie untersucht. Dabei habe sich ein Alter von "72 - 79 nach Christus" ergeben. - Die Mauer sei also 2000 (!) Jahre alt und von dem römischen Kaiser Vespasian errichtet worden.
Aber die Dendrochronologie ist wie die C 14-Methode ein einziger Hokuspokus: Es gibt keine Methode, um aus einem organischen Material eine Datierung zu errechnen.
An dem Datierungsbetrug arbeiten Naturwissenschafter und Archäologen zusammen. Wenn Aventicum angeblich "vor 2000 Jahren" existiert hat, so muss es eben auf Teufel-komm-raus bewiesen werden.
Doch vor 2000 Jahren gab es noch keine menschliche Kultur; auch nicht vor 1000 und auch nicht vor 500 Jahren.
Die Römerstadt Aventicum ist auf die Zeit vor etwa 320 Jahren zu schätzen.
Die Storchensäule, französisch le Cigognier in Avenches VD
Mit dem deutschen Namen STORCH hat es eine besondere Bewandtnis.
Foto: Autor, 20.4.2016
Die sogenannte Storchensäule (Cigognier) in Avenches VD
Es ist dies die einzige immer aufrecht gebliebene römische Säule nördlich der Alpen.
Foto: Autor, 22.7.2000
Ergänzung 4.2016:
Die Storchensäule in Avenches heisst nicht zufällig so. Der deutsche Vogelname Storch hat eine christlich-religiöse Wurzel:
STORCH = STRC(M) ist aufzulösen als S.TRCM = SANCTAM THRACIAM, Sancta Thracia, heiliges Thrakien.
Thrakien ist das Heimatland von politisch-religiösen Erneuern, so von Alexander dem Grossen, von Spartakus und dem Volk der Türken (TRC). - Der Storch stellt also ein religiöses Symbol dar.
Die Storchensäule in Avenches erhielt ihren Namen angeblich dadurch, dass früher zuoberst Störche nisteten. - Das ist möglich. - Doch mehr noch wurde sie als religiöses Mahnmal angesehen.
In Historische Denkmäler in der Schweiz (2019) beschäftigt sich der Autor ebenfalls mit der Storchensäule (Cigognier) in Avenches. Dort hält er dafür, dass man die Säule absichtlich stehen liess: Sie diente als wichtiger Markpunkt der alten Landvermessung. - Und sicher sollte sie an das vergangene Aventicum erinnern, wie das obige Zitat des "spätrömischen" Schriftstellers Ammianus Marcellinus.
Einleitung
Dank Gernot Geise ist bereits seit Jahren bekannt, daß die vielgerühmten „Römer" bei kritischer Überprüfung ein großes historisches Problem darstellen: Gab es diese überhaupt? Welche Stadt oder welche Städte hießen „Rom"? Wo lag das Machtzentrum des „Römischen Reiches"? Wie lange bestand es? Wie und warum wurde es zerstört?
Neben allgemeinen Überlegungen halte ich, daß man diese Fragen auch an einzelnen Orten untersucht. Ausgewählt habe ich hier die Römerstadt Avenches (Aventicum) im Kanton Waadt in der Westschweiz. Sowohl durch eine Betrachtung der Struktur des Ortes, als auch durch Interpretation von jüngsten Ausgrabungen und vor allem durch etymologische Entschlüsselungen gelang es mir, überraschende neue Erkenntnisse zu gewinnen. Diese beleuchten nicht nur die Vorgeschichte des Platzes, sondern ebenso sehr die Römerzeit nördlich der Alpen allgemein.
Plan von Avenches von Johann Caspar Hagenbuch, 1727
Es ist dies der älteste Stadtplan der Stadt, welcher auch römische Stätten erwähnt.
aus:
Aventicum. Ville en vues; Avenches 2003, p. 61
Aventicum: eine Römerstadt ohne Fortsetzung
Schon 1999 habe ich in dem Artikel Zur langen Baugeschichte des Mittelalters (Pfister, 1999) gewisse Ungereimtheiten der "antiken" und vor allem "mittelalterlichen" Baugeschichte aufgezeigt. Die Absicht war, auf Grund von architektonischen und stilgeschichtlichen Merkmalen die Unhaltbarkeit der offiziellen Chronologie aufzuzeigen und zu versuchen, die Befunde neu zu verorten.
Unter dem Titel Aventicum oder Römerstädte ohne Fortsetzung (Pfister, 1999. 153 ff.) widmete der Autor auch eine Betrachtung dem römischen Avenches – Aventicum, jener großen Römerstadt in der Westschweiz in der Nähe der Jura-Seen (Murten-, Neuenburger-, Bielersee). Aventicum ist für baugeschichtliche Überlegungen besonders interessant, da das römische Avenches – in der Broye-Ebene gelegen – verlassen und vollständig zerstört wurde und das nachfolgende „mittelalterliche" Städtchen Avenches auf einem Hügel neben dem alten Ort zu liegen kam.
Avenches – Aventicum in der Westschweiz war die bedeutendste und größte Römerstadt auf Schweizerboden. Das belegt allein schon die fünfeinhalb Kilometer lange Wehrmauer, welche jener Ort besaß. Nur ein Teil der umschlossenen Fläche war überbaut. – Die Stadt besaß einen imposanten Haupttempel, von welchem noch eine Säule aufrecht steht – die einzige Säule in der Schweiz, welche aus der Antike erhalten ist. Ferner finden sich neben mehreren weiteren Tempeln ein großes Amphitheater, ein Theater, Thermen und weitere öffentliche Gebäude. Vor den Toren der Stadt wurden eine ausgedehnte Nekropole und einige bedeutende Grabmäler entdeckt.
Das antike Aventicum: Situationsplan
aus: Archäologie der Schweiz; 4.2001.2; S. 8
Die Stadt wird als Gründung der „Flavischen" Kaiser hingestellt und soll bei dem sagenhaften „Alamannensturm" „um 260 AD" zerstört worden sein. Rätselhafterweise hätte Aventicum „bis ins 6. Jahrhundert AD" eine schattenhafte Existenz zwischen Ruinen weitergeführt. – Ein Bischof „Marius" dient als Beleg dafür.
Da stellt sich die Frage, weshalb die „Römerstadt" verlassen wurde und der zentrale Platz an anderer Stelle eine Fortsetzung fand. – Man hat den Eindruck, daß die glanzvolle antike Stadt irgendwie verloren im Kontext der historischen Landschaft steht.
Ich habe die Tatsache, daß Aventicum trotz seiner baulichen Vorzüge verlassen wurde und keine Fortsetzung fand, dialektisch erklärt, indem die römische Baukultur überall da, wo sie sich festsetzte, verlassen, zerstört und geplündert wurde. Sie hatte offenbar ein grundsätzlich fremdartiges und arrogantes Wesen in sich und mußte so letztlich gegen die autochthonen und angepaßten Strukturen unterliegen.
Beiläufig soll hier angefügt werden, daß es in der Schweiz einen ähnlichen Fall gibt mit der Römerstadt Augusta Raurica östlich von Basel. Auch dort kann man sich fragen, weshalb dieser Ort zerstört wurde und das heutige Basel an anderer Stelle steht.
Neue Erkenntnisse über Aventicum
Schon in dem erwähnten Artikel habe ich auf Fakten hingewiesen, welche die Archäologie in jüngster Zeit über das römische Aventicum geliefert hat. Diese Erkenntnisse liegen nun gedruckt vor und zeigen, daß sich auch die offizielle Wissenschaft den oben skizzierten Schlußfolgerungen annähert.
Bisher wurde von einem absoluten Gegensatz zwischen Kelten und Römern ausgegangen. Das hatte zur Folge, daß die Siedlungen dieser beiden Kulturen strikt zeitlich und örtlich getrennt wurden. Die Römerstadt Aventicum in der Ebene wurde als Neugründung in der Nähe eines alten keltischen Oppidums angesehen. Und diesen keltischen Ort suchte man bisher beharrlich auf dem Hügel Bois de Châtel, 1,5 km südlich des heutigen Städtchens Avenches und 1 km südlich der ehemaligen römischen Stadtmauer. Auf dem erwähnten Berg wurden 1998 zwei Mauerschenkel eines – vielleicht unvollendeten – römischen Kastells neu vermessen, aber sonst keine Spuren eines Oppidums gefunden.
Der Autor plädiert, das keltische Oppidum in unmittelbarer Nähe der Römerstadt, auf dem heutigen Stadthügel zu lokalisieren.
Das Städtchen Avenches von SE
Aufnahme: Autor, 17.6.2004
Als Beweis dafür kann man erstens den Umstand anführen, daß diese Erhebung vollständig im Perimeter der über 5,5 km langen, rundlichen römischen Stadtmauer liegt. Dann ist die Lage des römischen Amphitheaters bedeutsam: Dieses liegt – wie in Römerstädten üblich – am Rande der bebauten Fläche und am Rande des "mittelalterlichen" Stadthügels. Die Theater-Ellipse verbindet also im Plan von Aventicum gleich einem Kettenglied den keltischen und den römischen zentralen Ort. Der Bois de Châtel als Stelle des Oppidums ist widerlegt.
In den neuesten Fundberichten der Gesellschaft Pro Aventico wird nun ebenfalls erwogen, das keltische Aventicum auf dem Stadthügel zu suchen.
Zudem haben neuere Ausgrabungen beim römischen Theater, die in derselben Fundschicht unter anderem die Fundamente zweier gallorömischer Umgangstempel und einer keltischen Graburne zu Tage gefördert haben, von neuem die Frage nach der Chronologie der Kulturfolgen aufgeworfen. Die offizielle Erklärung versucht, die Graburne in die La Tène-Zeit, die Tempel in die klassisch-römische Zeit, „um 150 n. Chr.", zu setzen. Aber die Evidenz aus den Funden ist doch wohl, daß man von einer ungefähren Gleichzeitigkeit der beiden Kulturen ausgehen muß.
Endlich hat sich der Autor mit einem berühmten Fund auseinandergesetzt, der untrennbar mit Avenches verbunden ist und seit Jahrzehnten als Markenbild dieses Ortes fungiert: Der Mark Aurel von Avenches. Eine goldene Fälschung. - Die Büste des Mark Aurel, die 1939 auf dem Cigognier-Areal gefunden wurde, ist sicher eine Schöpfung vom Ende der 1930er Jahre, hergestellt um der ehemaligen Römerstadt goldenen Glanz zu verleihen.
Luftaufnahme des Städtchens Avenches (Waadt)
Im Vordergrund ist das Amphitheater zu sehen.
aus: Celtes et Romains en pays de Vaud; Lausanne 1992, 72
Der Ortsname Aventicum
Unterdessen hat eine fortgesetzte Beschäftigung des Verfassers mit dem Problem Aventicum verblüffende neue Einsichten gebracht, sowohl was die zeitliche Verortung der Römerstadt wie auch deren Ursprung und Ende betrifft.
In der Baugeschichte hat der Autor sein Augenmerk auf die antiken Spolien gerichtet, welche in „mittelalterlichen" Bauwerken zu finden sind. Es hat sich gezeigt, daß man diese Fingerzeige nicht allgemein betrachten kann, sondern einzeln untersuchen muß.
Das römische Aventicum wurde ausgiebig als Steinbruch benutzt. Als besondere „mittelalterliche" Bauten in der Umgebung des antiken Platzes sind die Abteikirche von Payerne und das ehemalige Kloster Münchenwiler bei Murten zu erwähnen, in denen Spolien aus der Römerstadt verbaut wurden. – Vom stilistischen Aussehen her möchte der Verfasser diese Monumente der späten Romanik zuweisen und sieht deren Entstehung im späteren 16. Jahrhundert als plausibel. Weil man aber nicht annehmen kann, daß antike Bautrümmer während Jahrhunderten ungenutzt herumlagen, so fordert die Evidenz, die Antike und die mittelalterliche Neuzeit zeitlich zusammenzuschieben.
Als noch verblüffender erwiesen sich die Einsichten aus einer Analyse des Ortsnamens. Der Name AVENTICVM soll sich von der lokalen Stadtgöttin DEA AVENTIA, die auch inschriftlich bezeugt ist (Bögli, 80, 89) ableiten. Dahinter stehe das ligurische Wasserwort ava.
Neben Aventicum Helvetiorum ist durch eine Inschrift auch noch die pompöse Bezeichnung Colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Foederata überliefert. – Allerdings wurde dieser Stein angeblich „im 16. Jahrhundert" gefunden, was den Ursprung verdächtig macht. – Es muß eine Fälschung der Chronisten Stumpf oder Tschudi sein und wurde demzufolge gegen 1650 hergestellt.
Aus der Zeit der alten Eidgenossenschaft sind eine ganze Anzahl deutscher Umformungen von französischen Ortsnamen der Westschweiz überliefert, z.B. Moudon – Milden, Yverdon – Iferten, Nyon – Neuss. Diese Namensformen sind noch bekannt, werden aber im Volksmund heute nicht mehr gebraucht.
Auch Avenches hatte einen deutschen Namen: WI(F)LISBURG oder WIBELSBURG. Dieser aber ist nicht – wie die meisten anderen deutschen Namen – eine Umformung der lateinischen Bezeichnung, sondern ein eigener Name und damit etymologisch hochinteressant.
Wiflisburg lag im Wiflisburger Gau, zu welchem unter anderem auch Freiburg im Üechtland gehörte. Der Gau galt als Territorium der antiken Helvetier, der keltischen Bewohner der Schweiz. – Doch die „Helvetier" sind selbst eine Erfindung der Geschichtserfindung.
Was aber mit dem merkwürdigen Wiflisburg? Es besteht kein Zusammenhang mit Aventicum, auch nicht mit einem sonstigen Ortsnamen in der näheren Umgebung.
Die bisherige Ortsnamenforschung hat natürlich Wiflisburg registriert, ohne jedoch eine plausible Erklärung liefern zu können. Sowohl Otto Marti (Marti, 562) wie Peter Glatthard (Glatthard, 193) versuchten sich erfolglos an einer Deutung des Namens.
Ende 1999 hat sich denn der Autor an den Ortsnamen Wiflisburg herangemacht und innerhalb eines Tages das Rätsel gelöst. Grundlagen für die Erklärung von Wiflisburg waren für ihn die Methoden der etymologischen Entschlüsselung, wie sie Fomenko in seinem Werk beschrieben hat (Fomenko, 1994). Also daß man Wörter entvokalisieren, Silben vertauschen, möglicherweise sogar von rechts nach links lesen und anschließend revokalisieren muß, um zu einem Verständnis des Ursprungs zu kommen. Auch die Tatsache, daß hinter alten Namen ein bewußt verschleierter Klartext steht, hilft oft weiter.
Nach dieser Methode ist der Name Wiflisburg wie folgt zu deuten:
Der Ortsname ist zweiteilig: Wiflis-Burg, wobei der rätselhafte und damit interessante Teil der erste ist: WIFLIS ergibt entvokalisiert VPLS und weiter NPLS. - Das V ist ein umgestürztes N, und F und P sind identisch.
Die erste Erwähnung des Namens Wiflisburg findet sich in der Berner Stadtchronik von Konrad Justinger als Wibelspurg (Justinger, 69; vgl. auch Pfister, 2000, 139 ff.) - Doch die Justinger-Chronik kann erst etwa um 1650 entstanden sein.
In NPLS nun erkennt man ohne Mühe NEAPOLIS (ΝΕΑΠΟΛΙΣ), die verbreitete griechische Bezeichnung für NEUSTADT!
Unterdessen weiß ich, wie häufig Neapel in Europa und der ganzen alten Welt vorkommt. Der Name hat Symbolcharakter. Er steht gleichbedeutend mit Troja und bezeichnet einen festen Ort. - Aventicum mit seiner mächtigen Stadtmauer machte dem Namen alle Ehre.
Und ein Neapel-Ort steht meistens nicht allein, sondern in einem Kontext von weiteren ähnlichen Ortsnamen.
Avenches liegt im Tal der Broye. Diese hat die altdeutsche Namensform BRÜW, woraus über PRM der Name PRIAMUS, des Königs von Troja - Neapel herausspringt.
Und wenige Kilometer im Nordosten von Avenches liegt das Städtchen MURTEN, französisch MORAT = MRT > TRM = TROJAM, TROJA (vgl. darüber auch den Artikel Murten FR und Illiswil BE: Warum beide Orte den Löwen im Wappen haben).
Ebenfalls findet sich bei Avenches, gegenüber des Murtensees ein Vesuvberg in dem Mont VULLY, deutsch WISTENLACH = VESULIACUM, VESULIUM; VESUVIUM; VESUV!
Aventicum - Neapolis im kulturgeschichtlichen Kontext
Die Entdeckung eines griechischen Namens für die angeblich kaiserlich-flavische und lateinische Koloniestadt Aventicum in der heutigen Westschweiz erschüttert sowohl die traditionelle Zeitstellung der Kulturabfolgen und noch mehr die behauptete Geschichte des erwähnten antiken Ortes.
Bei einer Betrachtung der historisch-topographischen Verhältnisse von Avenches fällt sofort auf, daß die Bezeichnung Neapolis aufs Beste die urbanistische Situation in antiker Zeit ausdrückt: Von dem keltischen Oppidum auf dem Stadthügel von Avenches aus gesehen, erscheint der an seinem Fuße in der Ebene der Broye angelegte weitläufige römische Zentralort tatsächlich als eine Neustadt. – Und auch die Dialektik der Schicksale dieser beiden Städte wird dadurch einsichtig: Die (römische) Neustadt ist verschwunden, die (keltische) Altstadt hingegen ist geblieben.
Des weiteren ist seit langem offenkundig, daß die römische Baukultur im Grunde als griechisch oder griechisch-etruskisch zu bezeichnen ist. Als erster Stützpunkt des Griechentums in Westeuropa gilt Massilia – Marseille und das untere Rhonetal, die Provence. Von hier aus verbreitete sich die neue Kultur nach verschiedenen Seiten, zuerst aber ins obere Rhonegebiet, in welchem auch die Westschweiz mit Avenches liegt. Aventicum – Neapolis ist als wichtige Etappe im Rahmen der griechisch-etruskisch-römischen Eroberung Galliens zu sehen und belegt unzweifelhaft das Herkunftsgebiet der kulturellen Durchdringung. – Aventicum – Neapolis wäre übrigens nicht der einzige Polis-Ortsnamen im Rhonegebiet: Da gibt es noch Grenoble, das antike Gratianopolis.
Allgemein wird die ursprüngliche griechische Prägung der gallorömischen Epoche schlecht verstanden. Das rührt daher, daß die Belege dafür sehr dürftig sind. Und dürftig sind sie deswegen, weil die nachfolgende lateinisch-römische Zeit, aber vielleicht auch die Grosse Aktion der Neuzeit, die meisten Zeugnisse ausgelöscht hat.
Interessant für die Zeitstellung ist, daß die offizielle Archäologie den griechischen Einfluß am deutlichsten in einer älteren Eisenzeit erkennt, in einer jüngeren Eisenzeit schon weniger und in der gallorömischen Zeit nur noch in Ansätzen. Hier scheint zum ersten eine massive Überdehnung der Dauer der verschiedenen Epochen durch; zum zweiten auch, daß man auf ein striktes Hintereinander hält und ein Überschneiden der Zeiten ausschließt. Doch aus neuer Sicht muß man eine Synthese postulieren, welche eine ältere, griechisch-römische von einer jüngeren römisch-lateinischen Baukultur unterscheidet.
Die archäologische Evidenz spricht selbst dafür. In der Umgebung von Aventicum in älterer und neuerer Zeit freigelegte Mosaiken in römischen Villen, wie bei Cournillens/Cormérod und Vallon (Kanton Freiburg), zeigen ausschließlich Szenen aus der griechischen Mythologie, ebenso Fragmente von Mosaiken und Wandmalereien aus der Römerstadt selbst.
Theseus und der Minotaurus im Labyrinth
Mosaik aus einer Villa rustica im Gebiet von Cormérod und Cornillens
(Kanton Freiburg).
Ausgestellt in der Universität Freiburg/Schweiz
Aventicum als Zentrum der Helvetier
Aventicum galt in gallorömischer Zeit als Hauptstadt der Helvetier. Aber die alten Volksnamen sind unsicher und zweifelhaft – wie schon kurz angedeutet. In Caesars Gallischem Krieg werden die Helvetier bekanntlich erwähnt als das Volk, das eine Invasion Galliens unternahm, aber nach der Schlacht bei Bibracte gezwungen wurde, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Die angebliche Schrift Caesars geht noch weiter: Sie erwähnt bei den Helvetiern auch ein Volk der Tiguriner, das ebenfalls in der Gegend von Aventicum lokalisert wird. Tiguriner aber ist als Schimpfname eines Volkes zu entlarven, denn lateinisch tugurium bedeutet „elende Hütte". Die Helvetier der heutigen Westschweiz wurden also aus unerfindlichen Gründen bewußt herabgesetzt.
Der Schweizer Philologe Robert Baldauf hat schon vor ungefähr hundert Jahren dafür plädiert, Caesars Schriften aufgrund stilkritischer Befunde in die Renaissance zu versetzen (Baldauf, 1902) – wie alle „antiken" Literaturzeugnisse und die Bibel. Wenn dies richtig ist, so bekommt die Erzählung in einem anderen zeitlichen Kontext einen unerwarteten Sinn. Stehen vielleicht die angeblich antiken Helvetier als Chiffre für Ereignisse am Beginn der sicheren Geschichtszeit?
Aventicum war die Hauptstadt des Waldgaus, französisch Vaud. Johannes Stumpf spricht in seiner Chronik vom Wifflisburger Gaw. Und bei diesem Stichwort denkt man sofort an die alte Ketzergeschichte, nämlich an die Waldenser. Diese wurden nämlich sowohl von der römischen Kirche wie von den Protestanten mit besonderem Eifer verfolgt, wie das Wilhelm Kammeier in seiner Schrift Dogmenchristentum und Geschichtsfälschung darlegt.
Aber um diese Zeit wurden nicht nur die Waldenser verfolgt, sondern auch die Juden. Diese waren ebenfalls in den ketzerischen Regionen Südfrankreichs und Norditaliens – und demzufolge auch in der Westschweiz – verbreitet. Doch die Differenzierung zwischen Juden und Christen war damals offenbar noch nicht abgeschlossen. Anders gesagt sind alle späteren Häresien der katholischen Kirche aus einem jüdischen, volkschristlichen Substrat hervorgegangen, das in verschiedenen Gebieten noch lange dominierte. Eine solche Region scheint Avenches mit seinem Gau gewesen zu sein. Wenn sogar dessen eine antike Bezeichnung verschüttet wurde und nur auf Umwegen zum Vorschein kam, so gilt das auch für die Stadt selbst.
Man erinnert sich dabei an die erste schriftliche Erwähnung Aventicums bei Ammianus Marcellinus. Der Ort wird dort als ehemals bedeutsame, aber jetzt verödete Stadt bezeichnet (vgl. Eingangszitat). Aus den oben angedeuteten Zusammenhängen heraus kann man ableiten, daß die Stadt nicht deswegen verlassen wurde, weil sie römisch und alt war, sondern weil sie als Zentrum des Widerstandes gegen eine neue Religion und eine neue Herrschaftskirche bewußt verödet wurde.
Aventicum = Avennonem = Avignon
Sogar der angeblich lateinische Name AVENTICUM entpuppt sich bei einer Namensanalyse als gleichartig.
AVENTIC/UM ergibt VNTC = PNTS. Da T häufig als umgekehrtes L gelesen wird – und umgekehrt – ergibt sich die Konsonantenfolge PNLS. In der neu geordneten Reihenfolge NPLS sind alle vier Mitlaute der griechischen Bezeichnung für Neustadt enthalten. Sowohl Aventicum wie Wiflisburg gehen also auf Neapolis zurück.
Ebenfalls soll auf den Namen einer anderen Rhone-Stadt hingewiesen werden, die ähnlich wie Aventicum ist:
AVIGNON, lateinisch AVENNO, AVENNONEM ergibt entvokalisiert VNN, was sehr nahe bei AVENTICUM = AVENNICUM (VNN(T) ist.
Doch AVENNO bedeutet NINIVE (VNN > NNV)!
Zwischen der ersten Papst-Stadt Avignon und der alten Bischof-Stadt Aventicum bestehen also verschlungene und vorderhand schwer zu deutende Zusammenhänge.
Auf jeden Fall ist Aventicum wirklich eine besondere Römerstadt.
Tornallaz als Troja und Neapel
Der Name Neapel kommt auf dem Gebiet dieser Römerstadt nicht nur einmal vor. Erst bei einem kürzlichen Besuch habe ich den bekannten Namen La Tornalla(z) erkannt. Dieser Flurname haftet an dem Abschnitt der Stadtmauer, an dem sich das Ost-Tor und der einzige erhaltene Turm befindet.
Avenches - Aventicum - La Tornalla(z)
Der erhaltene Turm der Stadtmauer im Osten des Zentrums. Im Mittelgrund erkennt man den Weg, der zum Osttor führt.
Aufnahme: Autor, 17.6.2004
TORNALLA nun ist leicht zu deuten: TRM, also TROJAM, Troja. Und jene Sagenstadt ist ein Synonym für Neapel. Diese Neustadt bedeute zuletzt ganz einfach feste Burg, starke Festung. - Dafür habe ich in den verschiedenen Schweizer und europäischen Namenlandschaften eine Fülle von Belegen gefunden.
Literatur
Baldauf, Robert (1902): Historie und Kritik; Basel
Bögli, Hans (1991): Aventicum. Die Römerstadt und das Museum; Avenches
Chronique des fouilles archéologiques 1998; in: Bulletin de l’Association Pro Aventico 40, 1998, 209 – 232
Fomenko, A. (1994): Empirico-statistical analysis of narrative material and ist applications to historical dating. Vol. 1: The development of the statistical tools; vol. 2: The analysis of ancient and medieval records; Dordrecht
Geise, Gernot L. (2002): Die Irrealität des Römischen Reiches. Wer waren die Römer wirklich?; Hohenpeissenberg
Glatthard, Peter (1977): Ortsnamen zwischen Aare und Saane. Namensgeographische und siedlungsgeschichtliche Untersuchungen im westschweizerischen Sprachgrenzraum; Bern
(Justinger, Konrad): Die Berner-Chronik des Conrad Justinger; hrsg. von G(ottlieb) Studer; Bern 1871
Kammeier, Wilhelm (1938): Dogmenchristentum und Geschichtsfälschung; in: Wilhelm Kammeier, Die Wahrheit über die Geschichte des Spätmittelalters; Wobbenbüll 1979
Marti, Otto (1973): Aufbruch des Abendlandes. Völker und untergegangene Reiche im Europa der Urzeit; Zürich
Nouvelles données sur les origines d’Aventicum; in: Bulletin de l’Association Pro Aventico, 39, 1997, 29 - 100
Pfister, Christoph (1999): Zur langen Baugeschichte des Mittelalters. Kritik an der überlieferten Chronologie und Versuch einer Neubestimmung; in: Zeitensprünge 1/99, 139
Pfister, Christoph (2019): Die alten Eidgenossen. Bern und die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik.
Pfister, Christoph (2019): Die Matrix der alten Geschichte. Eine Einführung in die Geschichts- und Chronologiekritik.
Pfister, Christoph (2020: Die Ortsnamen der Schweiz. Mit einer Einführung über die vesuvianische Namensprägung Europas.
Pfister, Christoph (2020): Die Ursprünge Berns. Eine historische Heimatkunde Berns und des Bernbiets. Mit besonderer Berücksichtigung der Burgen und mit einem autobiographischen Anhang.
Topper, Uwe (1998): Die „Grosse Aktion". Europas erfundene Geschichte. Die planmäßige Fälschung unserer Vergangenheit von der Antike bis zur Aufklärung; Tübingen