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Am Samstag feiert Jamaika seinen Unabhängigkeitstag. Doch so ganz unabhängig ist das Land auch sechzig Jahre nach dem Ende der britischen Herrschaft noch nicht.
Es ist später Nachmittag, die Hitze staut sich zwischen dem Asphalt und der langen Steinmauer, auf der das Konterfei von Bob Marley prangt. Mehrere Mangobäume, deren Äste hoch über die Mauer hinausreichen, spenden etwas Schatten im Innenhof des Culture Yard, eines zum Museum umfunktionierten ehemaligen Sozialwohnungsbaus in Trenchtown. Die Mangos sind reif, und zwei Männer versuchen, ein paar Früchte von den höher liegenden Ästen herunterzuholen, angefeuert von drei Frauen, die auf der gegenüberliegenden Strassenseite sitzen. Ansonsten sind um diese Zeit nicht viele Leute unterwegs. In einigen Stunden, wenn sich die Luft etwas abgekühlt hat, wird im Viertel, das zu einem grossen Teil aus einfachen Häusern aus Zement, Backstein und Wellblech besteht, wieder mehr Leben einkehren.
Im März hatten sich hier um die gleiche Zeit Hunderte Trenchtowner:innen versammelt, um der Ankunft von Prinz William und Herzogin Kate beizuwohnen. Als der königliche Konvoi eintraf, jubelte die Menge. Prinz William und Herzogin Kate, beide betont locker gekleidet, widmeten dem Armenviertel in Jamaikas Hauptstadt Kingston, das als Geburtsstätte des Reggae gilt, einen ausführlichen Besuch. So schaffte es Jamaika wieder einmal in die Abendnachrichten auf der ganzen Welt. Aber nicht nur der Besuch des royalen Paars auf der Karibikinsel war ein Thema, sondern auch die Antwort eines Teils der jamaikanischen Bevölkerung darauf: Wütende Aktivist:innen hatten sich bereits kurz vor der Ankunft der Royals vor dem Gebäude der britischen High Commission, der diplomatischen Vertretung in Kingston, versammelt. Darunter Rastafaris, die Flaggen in den Farben Rot, Gelb und Grün schwenkten, und Leute, die Pappschilder mit der Aufschrift «Sey Yuh Sorry!» hochhielten und damit das britische Königshaus aufforderten, sich für die Sklaverei zu entschuldigen.
Ein Brief an die eigene Regierung
Jamaika ist nach wie vor Teil des Commonwealth of Nations, dem Nachfolgekonstrukt des kolonialen britischen Empires, dessen Mitgliedstaaten wie Kanada, Belize oder Grenada der britischen Krone zu Treue verpflichtet sind. Und so trägt Königin Elizabeth II. unter anderem den Titel «Queen of Jamaica» und ist formell das Staatsoberhaupt des Inselstaats. Auch wenn weder die Queen selbst noch ihr Stellvertreter, der Generalgouverneur von Jamaika, faktisch grossen Einfluss auf das Politikgeschehen nehmen, ist es gerade die symbolische Macht, die Aktivist:innen endlich brechen wollen.
Der Zusammenschluss aus Einzelpersonen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, der den Protest am 22. März organisierte, nennt sich Advocates Network Jamaica. Noch vor dem Eintreffen des royalen Paars hatte das Netzwerk in einem offenen Brief eine Entschuldigung gefordert und dabei gleich sechzig Gründe mitgeliefert, für die das Königshaus um Verzeihung bitten sollte. Sechzig Gründe für sechzig Jahre der Unabhängigkeit, die am kommenden Samstag, dem 6. August, gefeiert werden soll. Auf der Liste stehen konkrete Verbrechen, die im Rahmen des transatlantischen Sklavenhandels und auf den Plantagen begangen wurden, aber auch die aktuelle, sehr restriktive Visavergabepraxis Grossbritanniens für jamaikanische Bürger:innen oder die Weigerung der britischen Regierung, eine Diskussion über Verantwortung und finanzielle Wiedergutmachung zu führen.
Rosalea Hamilton war eine derjenigen, die am 22. März auf der Strasse vor der British High Commission protestierten. Sie ist Mitverfasserin des Briefes an das britische Königshaus. Seit Jahren setzt sie sich als Aktivistin, Wissenschaftlerin und politische Beraterin mit Demokratisierungsprozessen und der kolonialen Geschichte Jamaikas auseinander. «Die Forderung nach Unabhängigkeit ist nicht neu», stellt sie gleich zu Beginn des Gesprächs mit der WOZ klar. So haben sich die zwei wichtigsten Parteien Jamaikas, die Jamaica Labour Party und die People’s National Party, bereits 1995 gemeinsam für eine vollständige Loslösung vom Vereinigten Königreich ausgesprochen.
Viel ist seither aber nicht passiert. Im Mai verfassten Hamilton und ihre Mitstreiter:innen darum einen weiteren offenen Brief, dieses Mal adressiert an die eigene Regierung, in dem sie diese auffordern, einen konkreten Zeitplan für den Übergang Jamaikas von einer konstitutionellen Monarchie zu einer Republik vorzulegen. Um diesen Schritt zu vollziehen, müssen nicht nur zwei Drittel der Parlamentsabgeordneten, sondern auch eine Mehrheit der Bevölkerung dem Vorschlag zustimmen. Diese scheint bereit zu sein für ein Leben ohne die Queen. Während sich 2012 noch eine Mehrheit für eine Beibehaltung des Status quo aussprach, gaben 2020 knapp sechzig Prozent der befragten Jamaikaner:innen bei einer repräsentativen Studie an, eine Loslösung vom britischen Königshaus zu befürworten.
Keine süsse, alte Dame
Daniel Buckmaster gehört zu denjenigen, die der Forderung nach einer Loslösung nicht viel abgewinnen können. Er sitzt am frühen Abend gemeinsam mit einem Freund und dessen kleiner Tochter vor einer Bar in Trenchtown, etwa hundert Meter von dem Ort entfernt, wo sich Ende März die Royals eingefunden hatten. «Jamaika hätte besser gar nie unabhängig werden sollen», meint der Mitarbeiter des Erziehungsdepartements. Er hält, wie viele seiner Landsleute, die Politiker:innen der beiden grossen Parteien für gleichermassen korrupt und unfähig, etwas gegen die hohen Armuts- und Kriminalitätsraten Jamaikas zu unternehmen. Zwar fordert auch er eine offizielle Entschuldigung für die in der Kolonialzeit begangenen Verbrechen, findet aber gleichzeitig, viele der aktuellen Probleme des Landes seien hausgemacht. «Ich habe mein ganzes Leben in Trenchtown verbracht, und es hat sich hier nie wirklich etwas verändert, egal was unsere Politiker behaupteten», sagt Buckmaster weiter. «Was hat uns die Unabhängigkeit also gebracht?» Er befürchtet, dass sich die Zustände verschlimmern könnten, wenn die wenige verbleibende Kontrolle durch die Brit:innen wegfällt.
Ob es tatsächlich zur Absetzung der Queen als Staatsoberhaupt kommt, wie es im vergangenen Jahr der Karibikstaat Barbados vorgemacht hat? Rosalea Hamilton ist davon überzeugt. «Dank der sozialen Medien und insbesondere dank der ‹Black Lives Matter›-Bewegung haben sich die Jamaikaner:innen in den letzten zwei Jahren intensiver mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt als je zuvor.» Auch die Wahrnehmung der Queen habe sich verändert. «Ich hatte selbst fast mein ganzes Leben lang das Bild einer süssen, alten Dame im Kopf.» Aber, betont Hamilton: «Der Reichtum der britischen Krone baut auf dem Leid und Tod unserer Vorfahr:innen auf.» Aus diesem Grund fordert das Advocates Network nicht nur volle Unabhängigkeit, sondern auch Reparationszahlungen.
Ein Mitglied des Advocates Network, das sich dank seiner akademischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Reparationsbewegung bestens auskennt, ist der Politikwissenschaftler und Kulturhistoriker Clinton Hutton. Er wohnt in einem abgelegenen Haus in den Blue Mountains, einer Bergregion im Osten Jamaikas, die während der Kolonialzeit entflohenen Sklav:innen als Rückzugsort diente.
Hutton setzt sich aufs Sofa, hinter dem ein abstraktes Gemälde mit viel Blau und mit gelben, orangen und grünen Flächen hängt. Er habe es selbst gemalt, es sei aber noch nicht fertig, sagt er. «Der Titel steht schon fest: Redemption Song.» Es wird nicht der einzige Verweis auf Bob Marley bleiben während dieser Stunde, in der Hutton vom Ende der Sklaverei und dem Kampf um Unabhängigkeit von 1962 erzählt, zwischendurch Exkurse in die Geschichte anderer karibischer Inseln macht und dabei immer hörbarer empört ist.
Was Hutton besonders hervorhebt: Die koloniale Geschichte beeinflusst die Gegenwart nach wie vor massgeblich. «Ich bin ein Mann der Vergangenheit, der in der Gegenwart lebt und in die Zukunft geht», zitiert er dazu den Reggaemusiker Peter Tosh. Als Argument gegen Reparationszahlungen werde immer wieder angeführt, das sei alles schon ewig her und habe mit der heutigen Generation nichts mehr zu tun. «Als ob es keinen Zusammenhang gäbe zwischen der Sklaverei und dem heutigen Vermögen von Unternehmen oder bestehender Infrastruktur in Grossbritannien», sagt Hutton und fügt hinzu: «Es wurden sogar Reparationen bezahlt, einfach an die Falschen: die Plantagenbesitzer!»
Superstars und Royals
Tatsächlich nahm die britische Regierung beim Inkrafttreten des Slavery Abolition Act 1834 Anleihen in der Höhe von zwanzig Millionen Pfund auf, um die Plantagenbesitzer für den Verlust ihrer «Ware» – der Sklav:innen – zu entschädigen. Die Zinse für dieses Darlehen wurden erst 2015 fertig abbezahlt, was bedeutet, dass die britischen Bürger:innen bis vor kurzem mit ihren Steuern dafür bezahlten. Nachdem dies publik wurde, kam erneut Bewegung in die jamaikanische Reparationsdebatte, die seit Jahrzehnten von verschiedenen Bewegungen immer wieder aufgenommen wird.
Die erste organisierte Gruppe, die Reparationen forderte und dies bis heute tut, war die in den dreissiger Jahren entstandene Kultur- und Religionsgemeinschaft der Rastafari, erklärt Hutton. Deren Musik, der Reggae, thematisierte denn auch entsprechend oft Themen wie Sklaverei, soziale Ungerechtigkeit oder die Rückkehr nach Afrika. Auch wenn die Musik nicht ausnahmslos allen Jamaikaner:innen gefällt, ist Reggaemusik im öffentlichen Raum omnipräsent. Peter Tosh und Burning Spear schallen aus den Lautsprechern von Bars, Restaurants und Geschäften, aus den riesigen Boxen, die auf Autodächern befestigt sind, und aus den Radios der Sammeltaxis – derweil einem das Konterfei von Bob Marley von Hausmauern, T-Shirts und Stickern entgegenlächelt. Während physische Erinnerungsorte an den Kolonialismus und sein Ende spärlich zu finden sind, scheint es, als würden die Songs von Bob Marley diese Funktion übernehmen.
Kein Zufall also, dass William und Kate auf ihrer Reise auch Trenchtown einen Besuch abstatteten. Hier habe man die Royals herzlich empfangen, sagen Mitarbeitende des Culture Yards, in dem Bob Marley seine Jugendjahre verbrachte. Der Protest, das seien nur ein paar Leute gewesen.
Viele Leute im Viertel sind, so scheint es, stolz auf dessen Geschichte und Bedeutung für die Musikszene. Und stolz darauf, von Superstars wie Beyoncé und Jay-Z oder eben von William und Kate besucht zu werden. Oder zumindest indifferent: Ein Mann, der Führungen durch die Nachbarschaft und zu den ehemaligen Häusern von Reggae- und Rocksteady-Legenden wie Alton Ellis oder Ken Boothe führt, demonstriert, wie ihm Prinz William die Hand schüttelte. «So», sagt er, gibt einen unangenehm schlaffen Händedruck und lacht.
Das Advocates Network ist derweil seit März ununterbrochen daran, Druck auf die Politik auszuüben: mit offenen Briefen, Workshops in Schulen und Interviews seiner Vertreter:innen in den Medien. «Unser Motto ist ‹Wi Naa Ease Up›», schreibt Rosalea Hamilton in einer Textnachricht einige Wochen nach dem Treffen mit ihr. «Das bedeutet, dass wir nicht aufhören werden, für Veränderung zu kämpfen!»