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Nach einer Hyperinflation schaffte die Regierung in Simbabwe 2009 den eigenen Dollar ab. Heute kann man offiziell in neun verschiedenen Währungen zahlen. Doch die Wirtschaft hat sich nur vordergründig erholt.
«Neun Dollar fünfzig», sagt die Kassierin im Bon-Marché-Supermarkt in Avondale, einer Vorstadt Harares. Sie hat gerade die Einkäufe von Jon Moyo zusammengerechnet. Als Moyo ihr eine Zehn-US-Dollar-Note entgegenstreckt, lässt ihn die Kassiererin wissen: Sie hat kein Wechselgeld. Als Ersatz kann er zwischen einem Schuldschein, einigen Süssigkeiten und Guthaben für sein Prepaidhandy wählen. Er entscheidet sich für das Guthaben. Dieses Mal hat er Glück. Manchmal beschränkt sich die Wahl auf Kondome und chinesische Ramschfeuerzeuge.
Kuda Murewa, die gleich nach ihm an die Reihe kommt, lehnt das Angebot ab: Sie will Rückgeld. «In diesem Fall müssen sie warten», sagt die Kassiererin. Nach wenigen Minuten kommt der Filialleiter aus dem Büro und gibt ihr das Rückgeld – in südafrikanischen Rands.
Vor einigen Jahren wären Moyo und Murewa mit einem dicken Bündel von wertlosen Simbabwe-Dollars in den Supermarkt gekommen – und hätten vor leeren Regalen gestanden. 2008 befand sich die Wirtschaft im freien Fall, die Güterpreise erhöhten sich allein im Juli um schwindelerregende 231 Millionen Prozent – danach berechnete niemand mehr neue Zahlen. Aufgrund dieser Hyperinflation liess Simbabwe im Jahr danach die eigene Währung fallen und führte den Rand, den US-Dollar, den Euro, das britische Pfund und den botswanischen Pula als legale Zahlungsmittel ein. Anfang 2014 kamen der chinesische Yuan, die indische Rupie, der japanische Yen und der australische Dollar hinzu. Doch trotz neun Währungen ist das Kleingeld knapp. Und die US-Noten sind vom vielen Wechseln so dreckig, dass US-TouristInnen sie gerne als Souvenir mit nach Hause nehmen.
Versagen der Wirtschaftspolitik
Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1980 hatte Simbabwe eine erfolgsversprechende Wirtschaft. Ein Simbabwe-Dollar wurde zu 1,47 US-Dollar gehandelt. Die verarbeitende Industrie, die vorwiegend Textilien und andere Konsumgüter produzierte, war nach Südafrika die zweitstärkste der Region. Das Land konnte zudem landwirtschaftliche Produkte exportieren. Doch die Wirtschaftspolitik des unabhängigen Staats scheiterte. «Stetiges Drucken von Geld, Korruption, Steuerflucht und konfuse Eigentumsrechte waren Teil einer giftigen Mischung, die die Wirtschaft zerstört», sagt der Ökonom Takunda Mugaga.
Im Jahr 1991 sah sich die Regierung gezwungen, ein Strukturanpassungsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zu durchlaufen. Gegen Gewährung von Krediten wurden die Staatsausgaben gekürzt und die Märkte geöffnet. In der Folge wurde der Binnenmarkt mit günstigen Importgütern – hauptsächlich aus Südafrika und China – überschwemmt. Die lokale Industrie brach ein.
Laut Kumbirai Katsande, Expräsident der Vereinigung der Industrien Simbabwes (CZI), trugen aber auch «unattraktive» Investitionsgesetze der Regierung zur Krise bei. Als Robert Mugabe 1980 die Macht übernahm, versuchte er, der benachteiligten schwarzen Bevölkerungsmehrheit bessere wirtschaftliche Perspektiven zu ermöglichen. Per Gesetz verpflichtete er bestehende Unternehmen, 51 Prozent ihrer Anteile an die lokale Bevölkerung zu übergeben. Dies habe potenzielle InvestorInnen abgeschreckt und einzelne Unternehmen zu einem Wegzug in die Nachbarländer bewogen, sagt Katsande. Diese würden nun Güter nach Simbabwe exportieren.
Im Gegensatz zur Industrie blieb in Simbabwe die Landwirtschaft, die jeweils um die vierzig Prozent der Deviseneinnahmen ausmachte, bis ins Jahr 2000 stabil. Dann lancierte die Regierung radikale Landreformen. Nahezu alle der 4500 weissen BäuerInnen verloren ihr Land an Schwarze – meist Mitglieder von Mugabes Partei Zanu-PF. Ihnen fehlten das Wissen und die Erfahrung sowie staatliche Subventionen, um die Produktion zu erhalten. Deshalb ist die frühere Brotstube der Region heute von Importen und Nahrungsmittelhilfe abhängig.
Kurzfristige Stabilisierung
Hinzu kamen politische Unruhen. Mit der Gründung des Movement for Democratic Change im Jahr 1999 stand Mugabe zum ersten Mal eine ernst zu nehmende Opposition gegenüber. Den Wahlen von 2002 folgten blutige Auseinandersetzungen, bei denen Mugabes Regime schwere Menschenrechtsverletzungen beging. Die Europäische Union und die USA verhängten daraufhin Sanktionen gegen Simbabwe. Wenig später blockierten auch der IWF und die Weltbank ihre Kreditzahlungen, da Simbabwe mit der Rückzahlung der Schulden in Verzug geriet.
Damit drehte sich die Abwärtsspirale weiter. Die hohe Arbeitslosigkeit wurde vom informellen Sektor absorbiert, in dem Import- und Exportgeschäfte getätigt wurden – meist in US-Dollar. Menschen, die das Land aufgrund der wirtschaftlichen Situation verliessen, sendeten Geld in Fremdwährungen zurück: Gegen zwei Milliarden US-Dollar flossen so jährlich nach Simbabwe. Auch als die Zentralbank Ende 2013 Hundertbillionenscheine zu drucken begann, zahlten die Menschen weiterhin mit Fremdwährungen. Schliesslich zog die Regierung die Konsequenz und löste den Simbabwe-Dollar auf.
Die Zulassung ausländischer Währungen konnte die Wirtschaft kurzfristig stabilisieren. Die Inflation sank auf einstellige Prozentwerte, die langen Schlangen vor Banken und Lebensmittelläden verschwanden. Allerdings konnte der Währungswechsel nicht verhindern, dass die heimische Industrie noch schwächer wurde: Die Nachfrage wurde vermehrt mit südafrikanischen Gütern gedeckt.
Auch der haushohe Wahlsieg der Zanu-PF im Juli letzten Jahres hat die Wirtschaft nicht stabilisiert. Im Februar hat die EU immerhin Gelder von acht ranghohen Regierungsmitgliedern wieder freigegeben (während die Sanktionen gegen Mugabe und dessen Frau bestehen bleiben). Um politische Reformen zu ermöglichen, sollen ab 2015 EU-Gelder wieder direkt an die Regierung fliessen.
Reine Schönheitskorrekturen
Katsande vom CZI vergleicht Simbabwes wirtschaftliche Situation mit einem todkranken Patienten ohne sichtbare Symptome. Waren Engpässe in der Benzinversorgung oder leere Regale deutliche Anzeichen der Wirtschaftskrise von 2008, so scheint heute vordergründig alles normal zu sein. «Doch auch wenn dies nicht wirklich sichtbar ist: Die Wirtschaft ist in einem schlechten Zustand. Das Land braucht dringend Investitionen. Doch Mugabes Regierung hat kein Geld dafür», sagt Katsande.
Genauso pessimistisch ist Ökonom Mugaga: «Die Wirtschaft von Simbabwe ist am Rand des Abgrunds. Sie muss wieder produktiver gemacht werden. Dafür brauchen wir wieder Kredite vom IWF und von der Weltbank.» Er stellte sich Anfang dieses Jahres gegen die Erweiterung der «Regenbogenwährung». Diese sei nicht mehr als eine Schönheitskorrektur und werde die Wirtschaft nicht positiv beeinflussen.
Dennoch: In Simbabwe sind die Erinnerungen an die Hyperinflation noch wach. Kaum jemand will wieder Simbabwe-Dollars in den Händen halten. Mary Gwesche, eine Gemüsehändlerin, sagt: «Wir wollen nicht zurück in eine Zeit, in der wir Milliarden von Dollars hatten, mit denen wir nichts kaufen konnten.» Sie kann beruhigt sein. Als Finanzminister Patrick Chinamasa das Budget für 2014 vorstellte, versicherte er: «Das Multiwährungsregime ist hier, um zu bleiben.»
Aus dem Englischen von Jonas Aebi.