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Bereits am 7. September 2013 hatte Xi Jinping in einer Rede in der kasachischen Hauptstadt Astana eine neuartige Entwicklungsagenda, die sogenannte «Belt and Road Initiative» – kurz «BRI» vorgestellt. China wolle inskünftig viel stärker umfangreiche Mittel in Infrastrukturprojekte entlang der Seidenstrasse investieren, um diese Länder bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu unterstützen. Begrifflich knüpfte Xi dabei an die alte Seidenstrasse an, die Europa seinerzeit über weitverzweigte Karawanenrouten mit China verband und in den Büchern des Entdeckers Marco Polo eingehend einem breiten Publikum beschrieben wurde. Die neue Seidenstrasse soll Aufträge für chinesische Firmen sichern und neue Absatzmärkte für chinesische Produkte erschliessen. Als Schlüsselstaaten der neuen Seidenstrasse gelten etwa Pakistan oder Kasachstan.
Diese Initiative ist breit aufgestellt: Neben klassischen Infrastrukturprojekten wie Bahnstrecken oder Häfen finden sich seit 2015 auch Projekte der «Digital Silk Road» darunter, wo etwa Kooperationsprojekte im Bereich künstliche Intelligenz oder sogar E-Commerce finanziert werden. Aktuell fliessen fast zwei Drittel aller für die neue Seidenstrasse aufgewendeten Mittel in Energieprojekte. Neben Pipelines und Anlagen im Bereich Gasförderung und -versorgung und der erneuerbaren Energien legt China zunehmend auch den Fokus auf Kernenergie.
Mit der grünen Seidenstrasse kommt automatisch die Kernenergie
2017 forderte der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres in einer Rede am alljährlich vom chinesischen Präsidenten ausgerichteten «Belt and Road Forum», dass die neue Seidenstrasse dringend grüner und in diesem Sinne nachhaltiger werden müsse. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, verschoben sich die Aktivitäten Chinas entlang der Seidenstrasse daraufhin zunehmend Richtung klimafreundlicher Stromerzeugung und damit Kernenergie. Um mögliche Kooperationen im Bereich Kernenergie bekannter zu machen, wurde in Peking im April 2019 ein «International Summit» anlässlich des «China’s Nuclear Energy Sustainability Forum» organisiert. Der Präsident der China National Nuclear Corporation (CNNC) Yu Jianfeng betonte dabei in seiner Eröffnungsrede die Wichtigkeit von nuklearen Energiekooperationen im Rahmen der neuen Seidenstrasse. Die beiden in Pakistan im Jahr 2016 und 2017 in Betrieb gegangenen chinesische Kernkraftwerkseinheiten Chashma-3 und -4 wurden dabei als Vorzeigeprojekte gelobt.
Vieles bleibt im Dunkeln
Es gilt an dieser Stelle zu erwähnen, dass die chinesischen Behörden nie explizit kommuniziert haben, inwiefern sie Kernenergie konkret als Bestandteil der neuen Seidenstrasse betrachten. Wenn man jedoch die zahlreichen gehaltenen Reden von chinesischen Politikern und veröffentlichten Strategiedokumente analysiert, wird offensichtlich, dass Kernenergie als tragender Pfeiler der Belt and Road Initiative gesehen wird. So hat die Medienstelle des chinesischen Staatsrates im Oktober 2023 ein im Westen wenig beachtetes White Paper zur künftigen Entwicklung der neuen Seidenstrasse veröffentlicht. Kernenergie findet darin prominente Erwähnung im Rahmen der angestrebten Industriekooperationen. Interessant ist dabei insofern der umfassende Ansatz, mit den die Fortentwicklung der Kernenergie in den Partnerstaaten verfolgt wird. So hat China ein spezielles Stipendienprogramm ins Leben gerufen (Atomic Energy Scholarship of China) um künftige Nuklearingenieure der Länder, in denen chinesische Kernanlagen geplant werden, auszubilden. Jährlich profitieren über 200 Masterstudenten und Doktoranden von Zuwendungen aus diesem Programm.
Um die Rolle der Kernenergie im Rahmen der neuen Seidenstrasse zu verdeutlichen, wird im Folgenden auf einige konkrete geplante oder sich in Bau oder in Betrieb befindende Anlagen eingegangen, an denen China massgeblich beteiligt ist:
Das Kernkraftwerk Chashma in Pakistan
Am 21. November 2017 unterzeichneten die pakistanische Atomenergiekommission und die CNNC ein Kooperationsabkommen zur Errichtung einer chinesischen HPR1000-Anlage (besser bekannt unter dem Namen Hualong One) am Standort Chashma. Im Juli 2023 starteten die Bauvorbereitungen an der Kernkraftwerkseinheit Chashma-5. Bereits die übrigen früher errichteten Reaktorblöcke in Chashma basieren auf chinesischer Technologie. Mit diesem Projekt sei der Export des neuen Hualong-One-Reaktors, der sonst erst in einigen chinesischen Provinzen in Betrieb ist, geglückt, so CNNC. Das Unternehmen CNNC profitiere insbesondere vom Umstand, dass sie zahlreiche solcher Anlagen in China selber errichtet und dadurch die Anlage, obwohl neu, wesentlich schneller und besser für das Ausland skalieren könne. Damit habe es einen bedeutenden Vorteil gegenüber Konkurrenten aus Europa oder USA, die bei den entsprechenden Ausschreibungen in diesen Ländern schlussendlich auch unterlegen seien.
Das Projekt Igneada in der Türkei
2018 betonte der türkische Aussenminister Mevlut Cavusoglu auf einer Energiekonferenz der «Belt and Road»-Partnerländer, die türkischen Bestrebungen im Energiebereich mit der neuen Seidenstrasse abstimmen zu wollen. Dabei wurde die türkisch-chinesische Zusammenarbeit im Nuklearbereich betont. Bereits im Oktober 2015 hatte der damalige türkische Energie- und Naturressourcenminister bekannt gegeben, dass man ein drittes Kernkraftwerk in Igneada in Kirklareli bauen möchte. Aktueller Favorit als Reaktorlieferant ist die chinesische State Nuclear Power Technology Corporation, die vier Blöcke vom einheimischen Typ CAP 1400 zum Preis von EUR 20 Mrd. offeriert. Die definitive Technologiewahl ist noch nicht erfolgt.
Usbekistan: Die chinesischen Ambitionen scheitern an russischen Interessen
Zu guter Letzt soll noch auf ein Beispiel eingegangen werden, bei dem China seine Ambitionen im Rahmen der neuen nuklearen Seidenstrasse nicht verwirklichen konnte. Im Juli 2019 kündigte der usbekische Energieminister Alischer Sultanow den Bau zweier zusätzlicher Reaktoren an, die an den Ufern des Tuzkansees erstellt werden sollen, wo es Platz für insgesamt vier Einheiten gibt. Der chinesische Aussenminister reiste deswegen im Juni 2022 in die usbekische Hauptstadt Taschkent zur Unterzeichnung einer Absichtserklärung zur Nuklearkooperation im zivilen Bereich. China hoffte, in Zentralasien und damit in der Kernregion der neuen Seidenstrasse, neue Reaktoren bauen zu können und die nukleare Seidenstrasse damit wesentlich zu erweitern. Nur einen Monat später schloss Usbekistan aber eine weitreichende Absichtserklärung mit dem russischen Unternehmen Rosenergoatom. Rosenergoatom ist bereits für den Bau der anderen zwei geplanten Reaktorblöcke am Tuzkansee vorgesehen. Welche Faktoren zugunsten russischer Reaktoren ausschlaggebend waren, wurde von usbekischer Seite nie explizit kommuniziert. Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass China in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion mehr Mühe bekundet, seine Interessen im Rahmen der neuen Seidenstrasse durchzusetzen.
Der Autor bedankt sich bei Henrique Schneider für die wertvollen Inputs zu diesem Beitrag.
Kommentar: Die geopolitischen Implikationen der «Nuclear Silk Road» und Chancen für die Schweiz
Lukas Aebi
Diejenigen Länder, die sich für chinesische Reaktoren entscheiden, binden sich auf lange Zeit relativ eng an das Land. Der Export chinesischer Reaktoren trägt ausserdem dazu bei, dass China verglichen mit anderen Ländern inzwischen mit Abstand am meisten Kernreaktoren baut. Entsprechend ist damit zu rechnen, dass chinesische Reaktoren auch immer mehr zu einem Standard in den Regelwerken der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) werden. Die nuklearen Exporte entlang der neuen Seidenstrasse werden diese Entwicklung zweifelsfrei beschleunigen. Für die Schweiz bietet die nukleare Seidenstrasse trotz Neubauverbot Chancen. Auch vor dem Hintergrund des Klimawandels entspricht die nukleare Seidenstrasse den Schweizer Prioritäten in der Klimapolitik, da die zu wählenden Alternativen in den jeweiligen Ländern mit grosser Sicherheit klimaschädlicher wären. Gerade das chinesische Stipendienprogramm im Bereich Kernenergie bietet für die Schweiz Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Aufbauend darauf, dass die Schweiz exzellente Ausbildungs- und Forschungsstätten im Ingenieursbereich aufweist, wäre eine vertiefte Kooperation unter Umständen sehr gewinnbringend für beide Seiten. Die Schweiz könnte hier relativ einfach einen Beitrag zur Sicherheit der nuklearen Seidenstrasse leisten, wenn junge Ingenieure aus den Seidenstrassen-Staaten an den hiesigen Universitäten in Kerntechnik ausgebildet würden.
Verfasser/in
Lukas Aebi, Geschäftsführer Nuklearforum Schweiz