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Es war ein Schweinebraten, der die zehnjährige Mikayla fast das Leben kostete. Mehrere Tage lang hatte das Mädchen aus dem US-Bundesstaat Washington an Fieber, Durchfall und Magenkrämpfen gelitten, als sie mit einem Helikopter in das nächstgrössere Krankenhaus geflogen wurde. Das Fleisch hatten die Eltern bei einem Metzger gekauft und – wie empfohlen – 13 Stunden über dem Feuer gegrillt.
Mikayla war eine von fast 200 Personen, die im Sommer 2015 im US-Staat Washington eine Lebensmittelvergiftung durch Schweinefleisch erlitten. Sie alle wurden Opfer einer antibiotikaresistenten Salmonellenart, die sich in den USA rasant verbreitet. Grund für die Ausbreitung sind überfüllte Ställe und der übermässige Einsatz von Antibiotika, mit denen Grossfarmer Millionen Schweine, Kühe und Hühner behandeln. Die Erreger haben Resistenzen ausgebildet und befallen nach den Tieren auch Menschen.
Es gibt etwa 2500 verschiedene Arten von Salmonellen. Jene, die Mikayla infiziert hat, trägt den Namen 4,5,12:i-minus. Sie tauchten in den späten 80er Jahren in Portugal auf, verbreiteten sich dann in Spanien, Thailand, Taiwan, in der Schweiz und in Italien. Sie sind resistent gegen die vier am meisten verwendeten Antibiotika, befallen nicht nur Farmarbeiter und ihre Kinder, sondern verbreiten sich auf dem verkauften Fleisch. Eine Analyse von US-Regierungsdaten zeigte, dass 71 Prozent der im Supermarkt verkauften Schweineschnitzel resistente Bakterien aufwiesen. Gehacktes Trutenfleisch war gar zu 79 Prozent befallen.
«Niemand wagt es, sich gegen die Schweineindustrie zu stellen»
Nach den gravierenden Vorfällen in Washington machte sich die Gesundheitsbehörde auf die Suche nach den Verursachern. Eine Suche, die massiv erschwert wurde durch löchrige Gesetze und von den Schweinehaltern selbst, die Mitarbeitern der Behörden den Zugang zu ihren Ställen verwehrten. Unterstützt wurden die Bauern durch politisch einflussreiche Lobbyisten der Schweineindustrie.
Die Vertreter der Viehwirtschaft sitzen in den Beiräten der Landwirtschaftsdepartemente, unterstützen politische Kampagnen mit viel Geld und sitzen mit am Tisch, wenn Regulierungen und Gesetze entworfen werden. Dort haben sie dafür gesorgt, dass der Zugang zu Farmen generell der Zustimmung der Farmbesitzer bedarf. Kein Wunder, dass die Gesundheitsbehörden nicht einmal die grundlegendsten Informationen über die Zustände auf den Farmen erhalten.
Parthapratim Basu, ein ehemaliger leitender Veterinär bei der Lebensmittelsicherheit- und Inspektionsbehörde des Landwirtschaftsdepartements, sagte gegenüber der «New York Times», die Schweineindustrie verhindere regelmässig Zugang zu Informationen über den Gebrauch von Antibiotika: «Wenn es um Macht geht, wagt es niemand, sich gegen die Schweineindustrie zu stellen, nicht einmal die US-Regierung.»
Gesetz schützt Farmbesitzer
Die «New York Times» hat nun die Vorfälle im Staat Washington anhand von Regierungsdokumenten, medizinischen Unterlagen und E-Mails zwischen Wissenschaftlern und Gesundheitsbehörden sowie zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen rekonstruiert. Das Schlachthaus, wo acht von elf genommenen Proben positiv auf Salmonellen testeten, verwies die Behörden an die Farmen, die das verseuchte Fleisch geliefert hatten. Die Spur führte in den Nachbarstaat Montana, wo die dortigen Behörden informiert wurden, um den Zugang zu den Farmen zu erlangen.
Solche Untersuchungen sind jedoch äusserst heikel, weil sie schlecht fürs Geschäft sein können, und weil das Gesetz die Bauern schützt. Die Behörden haben kaum die Autorität, bei Farmern Fakten zu sammeln, ganz im Gegensatz zu Schlachthäusern. Dort wird ständig kontrolliert. Die US Food and Drug Administration hat zwar den Auftrag, Daten über den Einsatz von Antibiotika zu sammeln, aber Farmer sind nicht verpflichtet, Auskunft zu geben. Sie tun es höchstens freiwillig.
Kein Wunder haben die Behörden kaum Informationen über den Einsatz von Antibiotika auf einzelnen Farmen und damit auch keine Möglichkeit, die Rolle der Medikamente bei der Ausbreitung von Resistenzen nachzuverfolgen. Tara Smith, Professorin an der Kent State Universität und Fachfrau auf dem Gebiet von tierischen Resistenzen, sagte zur New York Times: «Man hat die Türe zur Forschung und zu Probennahmen geschlossen.»
Untersuchungen abgeblockt
Auch in Montana standen die Fachleute vor verschlossenen Türen. Nach einer offiziellen Anfrage an Montanas Gesundheitsbehörde erhielt der leitende Epidemiologe, der den Ausbruch in Washington untersuchte, einen Anruf von Liz Wagstrom, Chef-Veterinärin des National Pork Producers Council, eine Lobbygruppe für die Viehindustrie, die Kongressabgeordnete mit Millionenbeträgen unterstützt. Wagstrom war vor allem daran interessiert, welche Informationen die Untersuchungsbehörde an die Medien weitergab. Eine Untersuchung würde sowieso nichts Relevantes ergeben, meinte sie, schliesslich kämen Salmonellen auf allen Betrieben vor. Auch Offizielle des National Pork Board, eine Gruppe von Vorständen aus der Schweineindustrie, die von der Landwirtschaftsbehörde ernannt werden, mischten sich ein und nahmen an Krisensitzungen teil. Daten und Fakten erhielt die Untersuchenden jedoch keine.
Am 26. August, fast zwei Monate nach dem Ausbruch in Washington, stellte der Hauptverursacher seinen Betrieb ein. Gegen 120’000 Kilo Schweinefleisch wurden vom Markt genommen. Insgesamt wurden bis im September 178 Menschen infiziert, 30 hospitalisiert. Dann ebbte der Ausbruch ab. Das Montana Pork Producers Council schrieb an die Gesundheitsbehörden von Washington, «es ist klar, dass Untersuchungen von Farmen wenig bis gar nichts bringen», man sollte sich besser auf Schlachthäuser konzentrieren.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine