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Francis Bacons Essays erschienen zum ersten Mal 1597. Eine erweiterte Auflage entstand 1612; eine nochmals erweiterte, die letzte zu seinen Lebzeiten, erschien 1625. Francis Bacon gilt als der Mann, der rationales Denken und Logik in die Wissenschaft eingeführt hat. Wenn er selber auch in den Naturwissenschaften auch nichts Neues oder Großes zu entdecken vermochte, war es doch er, der ihr ein Verfahren vorschrieb, das bis heute eingehalten wird, wenn ein naturwissenschaftliches Resultat Gültigkeit beanspruchen soll: Die Reproduzierbarkeit eines Ergebnisses durch Reproduzierbarkeit des dazu führenden Experiments und die Gegenkontrolle durch Veränderung einzelner Parameter. Darauf beruht bis heute sein Ruhm in der Geschichte der Naturwissenschaften.
Seine nun hier vorliegenden Essays haben aber mit Naturwissenschaft wenig zu tun. Es sind rhetorisch ausgefeilte Aufsätze zu Themen wie Von der Herrschaft, Vom Gespräch oder Von Parteien – Themen also, die wir heute am ehesten der politischen Philosophie, wenn nicht gar der politischen Praxis, zuordnen würden. Bacon gibt hier Ratschläge, wie sich ein Mann (Frauen kommen in den Essays nicht vor!) in einer gegebenen Situation zu verhalten habe. Meist holt er dafür ein Beispiel aus der Bibel oder der Antike und entfaltet dann die Argumente für eine bestimmte Haltung, die Argmente dagegen, und – ganz wichtig – eine letzten Endes gültige, vermittelnde Position, die darauf hinausläuft, dass auch eine negative Charaktereigenschaft unter Umständen doch gepflegt bzw. angewendet werden soll oder kann. Eine situative Ethik, sozusagen.
Wenn ich oben geschrieben habe, dass Bacon Ratschläge gibt, wie sich ein Mann zu verhalten habe, so ist unterschlägt das den genauen ‘Anwendungsbereich’ für seine Essays. Es gilt folgendermaßen zu präzisieren: Bacons Mann ist nicht irgendein Mann, sondern eigentlich immer ein Mann in einer – wie wir heute sagen würden – Führungsposition. Sehr weit oben in der Hierarchie, wenn nicht ganz zuoberst. Seine Essays stellen einen Fürstenspiegel dar, oder, wie das heute so schön heißt, ein Handbuch für (angehende) CEOs. Bacon ist auch hier Rationalist, Rationalist bis zum Zynismus. (William Blake soll auf das Titelblatt seiner Kopie der Essays gekritzelt haben: „Guter Rat für das Reich des Satans!“) In dieser seiner Einstellung trifft sich Bacon mit dem ziemlich genau 100 Jahre älteren Werk Il Principe von Niccolò Machiavelli (den er denn auch fleißig zitiert): Beide sind sie Rationalisten und Realpolitiker bis ins Mark. Bescheidenheit ist eine Zier, doch – so finden beide – weiter kommt man ohne ihr…
Mit jenen Essais, die die Gattung der Essays begründet haben, denen von Montaigne, haben Bacons Essays wenig Gemeinsamkeiten. Zwar wird auch der Franzose das eine oder andere Mal zitiert, aber das Introspektive, auch Selbstkritische, das Montaigne auszeichnet, geht dem Engländer völlig ab. Seine eigene Person, sein Ich, kommt, wenn überhaupt, nur marginal vor – woher soll also die Introspektion kommen? Seine Ratschläge erfolgen allgemein und ex cathedra – mit einem konkreten Menschen, und nun gar dem Menschen Bacon, haben sie nichts zu tun. Hier schließt sich der Kreis zum naturwissenschaftlichen Denken, in dem die Person des Versuchsleiters eines Experiments ebenso wenig Erwähnung findet, ja finden darf. Bacon zieht also aus der Naturwissenschaft eine Nutzanwendung auf moralphilosophische Überlegungen. Deshalb wirken letztere auf den Leser kalt. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes un-menschlich – geschrieben, ohne den Menschen mit einzubeziehen, weder den, der hinter der Feder, noch den, der vor den gedruckten Seiten sitzt. So lassen sich Sentenzen bilden, die sich in ihrer Allgemeinheit ausgezeichnet dafür eignen, aus dem Zusammenhang gerissen und zitiert zu werden. Aus diesem Grund wurden denn Bacons Essays auch zum Steinbruch für Poesie-Alben-Zitate der gehobeneren Art…
Dieses Werk muss man mögen. Ich bin da eher bei Blake: Mein Ding ist Bacons gepflegter, aber (im Gegensatz zu Bierce!) völlig humorloser Zynismus weniger.
Francis Bacon: Essays. [Eine Auswahl] In der überarbeiteten Fassung der Übertragung von Paul Melchers. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Helmut Winter. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag, 1993. (= insel taschenbuch1514)

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