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Extreme Wetterlage
Die anhaltende und starke südliche Strömung hat in 24 Stunden sehr hohe Niederschlagmengen auf der Alpensüdseite und in den Alpen verursacht. An einzelnen Standorten des westlichen Tessins fielen über 400 mm in den letzten 72 Stunden. Am Samstagvormittag ist diese Unwetterlage mit dem Durchzug einer Kaltfront zu Ende gegangen. Beim Frontdurchgang hat sich die Niederschlagsintensität nördlich der Alpen, besonders im Berner Oberland und in der Innerschweiz verstärkt. Damit sank die Schneefallgrenze in einzelnen Regionen vorübergehend auf 800 bis 1000 Meter.
Grosswetterlage
Im Laufe des Samstags verlagerte sich das Sturmtief «Brigitte» unter Auffüllung von der Biskaya nach Südengland. An der Ostflanke des Tiefs herrschte eine starke Südströmung, die feuchte und milde Luft vom westlichen Mittelmeerraum zu den Alpen führte. In der ersten Tageshälfte überquerte die dazugehörende Kaltfront die Alpen aus Süden. In den letzten 24 Stunden lag die Frontalzone quasi stationär quer über den Alpen und verursachte auf der Alpensüdseite, in den Walliser Südtälern, im Urserental und allgemein dem Alpenhauptkamm entlang extrem hohe Niederschlagsmengen.
Auf der Kaltfrontrückseite liessen die Niederschläge in der zweiten Tageshälfte von Südwesten her merklich nach und die Bewölkung lockerte sich nach dem gleichen Muster ebenfalls auf. In den Bergen schwächte sich der Wind aus südlicher Richtung etwas ab, aber die Böenspitzen übertrafen weiterhin gelegentlich die 100 km/h Marke.
Bilder der starken Niederschläge auf der Alpensüdseite
Hochwasser des Flusses Melezza in Intragna am Samstagvormittag.
Starker Gradient der Schneefallgrenze
Da die Kaltfront über mehrere Stunden in Nord-Süd-Richtung quer über den Alpen lag, bildete sich ein aussergewöhnlich starkes West-Ost Gefälle bei der Schneefallgrenze. Bis etwa Samstagsmittag blieben die östlichen Landesteile vor der Kaltfront in der verhältnismässig warmen Luft.
Am Samstagvormittag lag die Schneefallgrenze in Naluns im Unterengadin sowie auf dem Corvatsch und dem Berninapass zwischen 2700 und 3000 Metern. Richtung Westen sank die Schneefallgrenze stetig: Beim Gütsch ob Andermatt lag die Schneefallgrenze um 2200 Meter und auf den Jurahöhen zwischen 1400 und 1500 Metern. Beim Kaltfrontdurchgang sank die Schneefallgrenze in einzelnen Tälern aufgrund der Abkühlung durch die intensiven Niederschläge noch deutlich tiefer.
Klimatololgische Einordnung Starkniederschlag Oktober 2020
Das Niederschlagsereignis begann in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 2020. Allerdings waren die Niederschlagsintensitäten gering und das Ereignis beschränkte sich auf die Alpensüdseite. Im Laufe des Vormittags des 2. Oktober (Freitag) nahmen die Intensitäten der Niederschläge zu und erreichten in der Nacht auf den 3. Oktober (Samstag) ihren Höhepunkt. Am Vormittag des 3. Oktober liessen die Niederschläge zumindest vorübergehend nach. Das Niederschlagsereignis wird demnach durch eine Analyse des 1-Tagesniederschlags vom 2. Oktober (2. Oktober Morgen 6 Uhr bis 3. Oktober Morgen 6 Uhr UTC!) sehr gut abgedeckt, weshalb sich die Auswertungen auf diese Klimagrössen fokussieren. Sollten die Niederschläge auch am 3. Oktober tagsüber oder bis in die Nacht auf den 4. Oktober mit bedeutenden Mengen anhalten, wird dies in einem Update am 4. Oktober (Sonntag) festgehalten.
Niederschlagsereignis 2. Oktober Morgen 8 Uhr bis 3. Oktober Morgen 8 Uhr (1-Tages Ereignis)
Das Niederschlagsereignis betraf in seiner stärksten Ausprägung hauptsächlich die Alpensüdseite sowie die Gebiete des westlichen und zentralen Alpenhauptkamms. Mit dem z.T. orkanartigen Südwind wurden aber auch in den angrenzenden Gebieten wie z.B. Teilen des Berner Oberlandes, des Kantons Obwalden und dem Kanton Uri beträchtliche Niederschlagsmengen registriert.
In den Hauptniederschlagsgebieten der Alpensüdseite und in den angrenzenden Gebieten vom Wallis (Alpenhauptkamm, Oberwallis) über das Gotthardgebiet bis nach Nordbünden erreichten die Niederschlagsmengen verbreitet 100 bis 250 mm. Im westlichen Tessin wurden sogar Niederschlagsmengen von bis zu 400 mm in 24 Stunden registriert. Den höchsten Wert erreichte Camedo mit 421 mm (erste flächige Analyse vergl. unten angeführte Abbildung).
Niederschlagsmengen in Rekordhöhe
An einigen Messstationen wurden ausgesprochen hohe 1-Tages Niederschlagsmengen nahe den Rekordwerten oder gar neue Niederschlagsrekorde registriert.
Seltenes Niederschlagsereignis
Die statistische Einordnung der 1-Tagesniederschläge in die langjährigen klimatologischen Messreihen von MeteoSchweiz zeigt, dass Niederschlagssummen dieser Grössenordnung sehr selten auftreten. In den eingangs erwähnten Hauptniederschlagsgebieten kann von einer Auftretenshäufigkeit von etwa 10 bis 30 Jahren ausgegangen werden. In einem Dreieck «Simplon – Gotthardregion – Locarno» muss sogar von einem extremen 1-Tagesniederschlagsereignis ausgegangen werden, das regional seltener als alle 50 Jahre auftritt.
Südsturm
Zusätzlich zu den aussergewöhnlichen Niederschlägen traten auch heftige Sturmböen auf. Die höchsten Windgeschwindigkeiten wurden in den Berglagen und in den Föhntälern der Alpennordseite registriert. Die Windgeschwindigkeiten betrugen in den Kammlagen verbreitet 120 bis 160 km/h lokal auch noch höher. Die stärkste Böe wurde auf dem Matro (Kt. Tessin) mit 181.1 km/h gemessen. Die grösste Windgeschwindigkeit auf der Alpennordseite wurde mit knapp 160 km/h in Elm verzeichnet. In den verhältnismässig kurzen Zeitreihen von Elm (seit 1997) und Matro (seit 1993) entsprechen die Messwerte in Elm Rang 1 und auf dem Matro Rang 2. Erwähnenswert sind sicher auch die stürmischen Winde in den Niederungen des Tessins. Hier wurden in der Nach vom 2. auf den 3. Oktober verbreitet Windgeschwindigkeiten von 70 bis 100 km/h registriert.
Auch wenn die Winde lokal orkanartig ausfielen, waren sie grossräumig betrachtet deutlich weniger aussergewöhnlich als die Niederschlagsmengen. Im vorliegenden Analysezeitraum bis 3. Oktober 2 Uhr Lokalzeit zeigen sich Auftretenshäufigkeiten von 1 bis 3 Jahre. Regional ergaben sich in den Föhntälern und auf der Alpensüdseite auch seltenere Ereignisse mit einer Jährlichkeit von ca. 3 bis 8 Jahren.