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Literatur
Wenn Listen Ordnung versprechen - und Fragen aufwerfen
Woody Allen würde ihre Listen mögen. Davon ist Sofia, die Protagonistin von Lena Goreliks aktuellem Buch "Die Listensammlerin" (2013), in dem zwei Geschichten parallel erzählt und geschickt miteinander verknüpft werden, überzeugt.
Da ist einerseits die Lebensgeschichte von Grischa, Sofias Onkel, der sich als Jugendlicher in der ehemaligen Sowjetunion (s)einen Platz zu erkämpfen und auf die sozialen Missstände aufmerksam zu machen versucht. Und andererseits jene von Sofia, die der bevorstehenden Herzoperation ihrer kleinen Tochter Anna besorgt entgegenblickt und sich mit dem ihr zugesprochenen Platz innerhalb der Familie und der Gesellschaft ebenfalls schwertut.
Zwischen den parallel erzählten Geschichten und ihren Charakteren existieren wiederum mehrere Parallelen. Sowohl Onkel Grischa, dessen Existenz Sofia stets verheimlicht worden war, als auch Sofia schreiben Listen. "Die Listen gaben mir Kraft und Ruhe wie anderen das Gebet, Alkohol, Drogen, ein Therapeut, die Zigaretten und das Shoppen", erklärt Sofia ihren Listenzwang, "eine Neurotikerin aus Überzeugung." Während Sofia ihre Listen zu verschiedenen Themen wie "das sowjetische Erbe meiner Mutter" oder "Sätze, die man von Ärzten nie hören möchte" in prallgefüllten Ordnern ablegt, tauchen die Listen von Onkel Grischa in einer verschwunden geglaubten Holzschatulle auf. Auf einmal ist verständlich, warum Sofias Mutter, Grischas Schwester, daran gelegen hat, das Listenschreiben der eigenen Tochter in Kindesjahren zu therapieren.
Grischa und Sofia hadern beide mit dem Gedanken, den Erwartungen ihrer Mütter nicht gerecht zu werden. "Was ich Mama wünsche" heißt eine von Grischas Listen und aufgeführt sind beispielsweise die Punkte "einen anderen Sohn (an meiner Stelle)" und "einen Sohn, der ihr nicht antun würde, was ich ihr antun werde".
Sofia wiederum umschreibt die Beziehung zu ihrer Mutter als "deutsch-unentspannt" und russisch-verkorkst", ist der Mutter aber dennoch näher und ähnlicher, als sie es zugeben mag. Die eigene Tochter etwa tauft sie auf den Namen der Mutter. Das Netz der Mutter-Tochter-Beziehung ist mit viel Gespür, nachvollziehbar und realistisch aufgespannt. In beiden Erzählsträngen liegt eine Großmutter in einem Pflegeheim auf nahezu unwürdige Art und Weise im Sterben. Sofias Großmutter haut von dort eines Nachts ab, vermutlich weil sie sich das Schicksal der anderen, russischen Großmutter, die geblieben ist, ersparen will.
Mit vordergründiger Leichtigkeit schreibt Gorelik beeindruckend präzise und unterhaltsam. "Mir fehlten die Worte, um den Gedanken so zu formulieren, dass ich meine Mutter nicht verletzte. Ich staunte wie immer, wenn mir die Worte fehlten. Worte sind doch mein Metier, was nach zu wenig klingt, weil Worte doch alles sein müssten für jemanden, der schreibt, wenn nicht Worte, was dann?" sagt Sofia in einer von vielen Szenen, in denen sie und ihre Mutter aneinander vorbeireden. Worte fehlen hingegen nicht, wenn es darum geht, der erzählten Gegenwart anhand von pointiert geschriebenen Dialogen und Beobachtungen gleichzeitig Witz, Ironie und Tiefgang zu verleihen.
Geprägt von Erzähltalent und Feingefühl ist denn auch eine der Schlüsselszenen, in der die kleine Anna, die während dem Urlaub am Meer soeben noch mit Kübel und Schaufel im Sand gespielt hat, plötzlich verschwunden ist. Während Flox, Sofias Freund, den Namen seiner Tochter brüllend den Strand absucht, erstarrt Sofia in vordergründiger Gleichgültigkeit und erstellt darauf eine "Liste von Menschen, die Flox beim Suchen helfen". Erst als Anna wieder auftaucht, ist auch Sofia wieder da: "Ich lachte und weinte, ich war nun wieder zurück, von wo auch immer ich gewesen war, und Flox weinte nur, ohne zu lachen." Erstmals wird Sofias Wahn, Listen zu schreiben, für den Leser fassbar.
Lena Gorelik debütierte 2004 mit dem Roman "Meine weißen Nächte" und wurde mit "Hochzeit in Jerusalem" (2007) für den deutschen Buchpreis nominiert. Ebenfalls auf sich aufmerksam gemacht hat die 32jährige Autorin mit dem Aufsatz "'Sie können aber gut Deutsch!' Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft" (2012), in dem sie für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang der Deutschen mit ihren Migranten plädiert. Dass Gorelik, die 1992 von Russland nach Deutschland emigrierte, dabei aus dem eigenen Fundus an Erfahrungen schöpft, macht die Texte nahbar und an gewissen Stellen erschreckend authentisch.
Im Krankenhaus, in dem Sofias Großmutter letztlich stirbt und die kleine Anna wenige Stunden nach Großmutters Tod von Flox zum OP-Saal geschoben wird, finden alle zusammen. Sofia, der eine emotionale Trauer um den Tod der Großmutter vorerst nicht möglich ist, überarbeitet ihre Listen. Sie notiert die typischen Großmutter-Sätze: "Butter schadet nicht, Butter macht glücklich", "Kuchen ist Kuchen. Kuchen kommt nicht vom Bäcker" oder "Schmerz ist Schmerz, deshalb tut er weh." Tatsächlich, Woody Allen würde ihre Listen mögen.