Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/2466

Guillermina ist 51 Jahre alt und lebt mit vier ihrer sieben Kinder im Distrikt von San Jéronimo / Cusco. Sie bewohnen einen Raum und eine kleine Nische, welche als Küche genutzt wird. Dafür bezahlt sie eine monatliche Miete von 150 Soles (≈42 US$). Das Bad muss sie mit anderen Mietern teilen.
Guillermina arbeitete als Köchin und verkaufte Frühstück an die Leute auf dem Markt, an die Verkäufer von Gemüse, von Kleidern und vieles andere. Mit Beginn der Quarantäne hat die Regierung den Strassenhandel verboten, Guillermina kann also ihr Geschäft nicht mehr weiter betreiben.
Wie war dein Alltag vor der Pandemie?
Früher verkaufte ich Mahlzeiten auf meine eigene Rechnung. Ich bereitete nach dem Frühstück das Essen für meine Kinder und danach für die Kunden auf dem Markt zu. Ich verteilte das Essen in Tupperware an die Frauen, welche normalerweise mein Essen kauften. Darnach sammelte ich die Tupperware wieder ein, kehrte nach Hause zurück und wusch Geschirr und Besteck ab. Danach legte ich mich ein bisschen auf mein Bett, um mich zu entspannen, und dann bereitete ich das nächste Essen vor, schälte Kartoffeln, enthülste Bohnen, hackte den Fisch und so. Ich wusch das ab, was ich gebraucht hatte.
Abends schaute ich manchmal Fernsehen mit meinen Kindern oder ich schlief ein, wenn ich sehr müde war. Meine Kinder kamen von der Arbeit, waren manchmal müde und gingen früh schlafen. Den Mate-Tee tranken wir nachts, manchmal mit Brot, manchmal ohne.
Und jetzt? Wie sieht dein Tag heute aus?
Ich wache traurig auf. Ich stehe um halb 6 auf, manchmal schon um 4 Uhr, manchmal auch schon um 3 Uhr in der Frühe, mache mir Gedanken, was ich heute machen werde, ich habe kein Geld, wo ich einkaufen werde, woher ich das Geld nehme, wie ich die Miete bezahle, wie das Gas kaufen, es ist kein Geld da. Traurig!
An einigen Tagen habe ich Essen auf den Markt gebracht, das man bei mir bestellt hatte, aber die Polizei hat es mir weggenommen, und so hatte ich nachher weder Geld noch Essen. Meine Kinder mussten Arbeit suchen und ich blieb allein zu Hause, ich fühlte mich total schlecht. Später haben mich einige Frauen wieder beauftragt, Essen im Versteckten zu bringen, und das habe ich zwei, drei Tage auch gemacht und habe etwas verdient. Aber am letzten Tag hat mich ein Polizist dabei erwischt, hat in meine Geldbörse geschaut, hat mir aber das Geld nicht weggenommen, sondern einfach gesagt: «Du wirst in Zukunft kein Essen mehr bringen, Frau, sonst wirst du viel bezahlen müssen.» So habe ich nachher nicht mehr Essen geliefert.
Manchmal bringen meine Kinder etwas Geld nach Hause, aber damit koche ich nicht mehr. Manchmal haben wir keinen Tee für den Tag über, wenn ich sonst kein Geld habe. Ich muss Geld zusammenbringen, um die Miete zu bezahlen, das Licht, das Wasser, so lebe ich nicht mehr. Tag und nacht sitze ich in meinem Haus, gehe nicht raus, bin traurig, ohne Arbeit, es hat keine Arbeit. Meine Kinder können nicht arbeiten, nur ein, zwei Tage haben sie gearbeitet. Ich höre Radio.
Schliesslich haben wir den Bonus von 389 Soles erhalten. Damit habe ich Essen gekauft, für meine Kinder. In der Nacht haben wir Fernsehen geschaut, meine Lieblingsserie, und sind eingeschlafen.
Was war für dich die wichtigste Veränderung zwischen der Zeit vor und der Zeit während der Pandemie?
Meine Arbeit.
Wie siehst du die nähere und fernere Zukunft für dich und deine Kinder?
Ich werde gut mit meinen Kinder sein. Sie werden nicht so viel arbeiten, nur zwei, drei Tage, mit ihnen werde ich also kochen, plaudern, fernsehen, während ich ihre Sachen wasche und herrichte. So stelle ich mir das vor.
Was denkst du, wird sich in Peru mit dieser Pandemie ändern?
Ich möchte in mein Dorf zurückkehren. Meine Kinder wollen das nicht, aber ich will es.
Nachwort:
Bei Abschluss dieses Dokuments hat Guillermina eine temporäre Anstellung bei der Gemeinde San Jeronimo für Unterhaltsarbeiten im Distrikt erhalten. An diesem Morgen war sie am Übermalen der Bänke auf dem Dorfplatz.