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«Diese spiegelglatte Riesenfläche ist unglaublich und unbeschreiblich. Wenn das Meer lebhaft bewegt ist, meint man immer, hinter dem Horizont müsse ein Rand, ein Ende sein. Jetzt aber habe ich das Gefühl, als gäbe es nirgendwo eine Grenze, nirgendwo. Ich denke über die Wörter Grenze und Zaun nach und schüttle den Kopf, weil ich nicht weiss, was sie bedeuten.»[1]
Im Frühjahr 2022 hat ein junger Mann der Bibliothek der Museumsgesellschaft das Buch «Quest» von George Dibbern als Geschenk überlassen. Die deutsche Übersetzung «Unter eigener Flagge» befand sich bereits im Bestand unserer Bibliothek und wird nun durch das englische Original ergänzt. Der 1889 in Kiel geborene Dibbern beschreibt darin sein bewegtes Leben, das sich zu einem grossen Teil mit und auf der See abspielte. Nach dem Schulabschluss entzieht sich George Dibbern dem Wehrdienst und fährt zwei Jahre lang zur See. In Australien geht er an Land und reist nach Neuseeland weiter. Dort lebt er bei den Maori, bis er 1918 als Kriegsfeind interniert und 1919 nach Deutschland deportiert wird. In Deutschland heiratet er und gründet eine Familie. Erfolglos versucht er sich irgendwie durchzuschlagen. Aufgrund seiner politischen Ansichten und der schwierigen wirtschaftlichen Situation gelingt es ihm aber nicht, richtig Fuss zu fassen. Berufs- und mittellos verlässt er 1930 Frau und Töchter und sticht mit seinem letzten Besitz, der motorlosen Segelyacht Te Rapunga, und seinem Neffen als Steuermann in See. Anderthalb Jahre lang segelt George Dibbern auf dem Weg zu seinem Ziel Neuseeland durchs Mittelmeer. Zahlende Passagiere ermöglichen das Abenteuer. Dann folgt die Überquerung des Pazifiks nach Panama, von wo aus die Reise über San Francisco nach Neuseeland weitergeht. 1934, 15 Jahre nach seinem letzten Besuch, läuft die Te Rapunga im Hafen von Auckland ein. Dort erwartet ihn ein Brief seiner Frau, die ihm mitteilt, dass sie und die Töchter ihm nicht nach Neuseeland nachreisen werden. Dibbern segelt weiter und hält Vorträge, um seine Vision einer grenzenlosen brüderlichen Welt, frei von jeder nationalen Zugehörigkeit, zu verbreiten. Seinen deutschen Ausweis ersetzt er durch einen selbstgestalteten «Weltbürgerpass», am Mast der Te Rapunga hängt seine eigene Flagge. In New York berichtet er in einer populären Radiosendung von seinem Leben als «Weltbürger», als «man without a country», und gibt sein Manuskript beim W.W. Norton Verlag ab. Als «Quest» 1941 erscheint, sitzt Dibbern in Neuseeland allerdings wieder im Internierungslager, aus dem er erst nach dem Krieg entlassen wird. Das Buch über die abenteuerliche Segelreise von Kiel nach Auckland und Dibberns Suche nach dem Sinn seines Daseins gewinnt die Bewunderung von Henry Miller, der mit Dibbern in Kontakt tritt und sowohl ihn als auch dessen Familie in Deutschland bis zu Dibberns Tod 1962 unterstützt. Dank Millers Fürsprache erscheint 1965 eine deutsche Übersetzung von «Quest» beim Hamburger Claassen-Verlag unter dem Titel «Unter eigener Flagge». Dieses Buch kommt im März 1966 in die Bibliothek der Museumsgesellschaft. Knapp 60 Jahre später findet auch das englischsprachige Original den Weg zu uns.
Herzlichen Dank dafür dem namenlosen Stifter!
[1] Unter eigener Flagge, S. 228f.
Dibbern, George: Quest, New York, W. W. Norton, 1941. Signatur L 1372.
Dibbern, Georg: Unter eigener Flagge, Hamburg, Claassen, 1965. Signatur M 5976