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Sébastien Buemi: «Senna war der bessere Fahrer als Schumacher»
Autorennfahrer Sébastien Buemi spricht über seinen schweren Unfall in Silverstone, seine Chancen auf ein Formel-1-Comeback, und er lässt auch Michael Schumacher nicht unerwähnt.
Kurz vor 14 Uhr im Büro einer Zürcher PR-Agentur: Sébastien Buemi soll an diesem Nachmittag für die Red Bull Race Days werben, die am kommenden Wochenende auf dem Airport Grenchen stattfinden.
Buemi, 30, sitzt allein in einem Besprechungszimmer. 30 Minuten Gesprächszeit sind bestätigt. Er lächelt, als der Journalist zur Tür herein kommt, scheint gut gelaunt. Und dies, obwohl der Autorennfahrer an diesem Nachmittag doch im Viertel- bis Halbstundentakt den Journalistinnen und Journalisten vorgeführt wird.
Herr Buemi, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in der nächsten 25 Minuten möglichst viele Fragen – und Sie antworten möglichst schnell und spontan. Passt Ihnen eine Frage nicht, sagen Sie einfach «weiter».
Okay.
Wie geht es Ihnen?
Sehr gut.
Vor wenigen Tagen sind Sie während einer Testfahrt in Silverstone, England, schwer verunfallt. Sie kamen mit Tempo 270 in der Abbey-Kurve von der Fahrbahn ab. Welche Erinnerungen haben Sie an den Unfall?
Das Auto erlitt Totalschaden – ich hatte Glück im Unglück und konnte unverletzt aussteigen. Die Formel-1-Autos sind mittlerweile so sicher gebaut, dass den Fahrern auch bei Unfällen mit sehr hoher Geschwindigkeit fast nichts mehr passiert.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie spürten, dass das Auto von der Strecke abkommt?
Viel Zeit zum Denken blieb mir nicht. Ich versuchte, das Auto wieder unter die Kontrolle zu kriegen, realisierte aber schnell, dass das nicht möglich sein würde – danach hoffte ich, dass der Aufprall nicht zu brutal sein würde.
Wurde Ihre Hoffnung erfüllt?
Nein. Der Aufprall war hart, sehr hart. Ich konnte einen Moment lang nicht mehr richtig atmen.
Wissen Sie schon, was den Unfall verursacht hat?
Sicher ist nur, dass es ein technisches Problem war – möglicherweise hat es mit der Hinterachse zu tun. Die Abklärungen laufen noch.
Unfälle gehören zum Berufsrisiko eines Rennfahrers.
Das stimmt. Aber natürlich hofft man immer, dass einem selber nichts passiert.
Unterhalten Sie sich mit anderen Rennfahrern über die Gefahren Ihres Sports?
Nein. Ein Fahrer, der Angst hat oder kein Vertrauen in sein Auto, kann nicht ans Limit gehen und hat das Rennen bereits vor dem Start verloren.
Welches ist die absolute Höchstgeschwindigkeit, die Sie bisher mit einem Rennwagen erreichten?
In Monza, Italien, schaffte ich einmal 355 Stundenkilometer.
Am kommenden Wochenende werden Sie während der Red Bull Race Days auf dem Airport Grenchen einen Formel-1-Boliden des Aston Martin Red Bull Racing Teams vorführen. Wie schnell werden Sie über die Startpiste rasen?
Ist die Piste genügend lang, werde ich über 300 Stundenkilometer schaffen.
Lächeln. Das total relaxte Buemi-Lächeln. Man denkt: Der Unfall in Silverstone hat ihn nicht wirklich schocken können. Sein Selbstvertrauen scheint unverrückbar gross.
Sind Sie ein guter Verlierer?
Nein.
Wann zuletzt geweint?
Vor anderthalb Jahren – bei der Geburt meines zweiten Kindes.
Hatten Sie je Todesangst in Ihrem Leben?
Nein.
Wovor haben Sie Angst?
Seit ich Vater geworden bin, ist meine grösste Angst, dass meinen Kindern etwas Schlimmes passieren könnte.
Gibt es Tiere, die Ihnen Angst machen?
Haie mag ich nicht besonders. Wenn ich weiss, dass welche im Wasser sind, gehe ich im Meer nicht schwimmen.
Was würden Sie aus einem brennenden Haus retten: die Katze oder den Formel-1-Rennwagen?
Die Katze.
Seit wann können Sie einen Mercedes von einem BMW unterscheiden?
Ich erinnere mich daran, wie Michael Schuhmacher 1994 zum ersten Mal Weltmeister geworden ist. Da war ich sechs Jahre alt. Ich nehme an, damals habe ich auch bereits die verschiedenen Automarken auf der Strasse unterscheiden können.
1994 fuhren Sie Ihr erstes Kart-Rennen. Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfänge Ihrer Karriere?
An mein erstes Rennen kann ich mich gut erinnern. Es war ein Minikart-Rennen in Osogna im Tessin. Ein schwieriger Lauf. Ich war mit Abstand der Jüngste im Feld und zahlte Lehrgeld. Ein Jahr später, als ich zum zweiten Mal in Osogna antrat, gewann ich mein erstes Kartrennen.
Wirklich wahr, dass Sie jeden Tag drei bis fünf Stunden trainieren?
Früher, als ich Formel-1-Rennen fuhr, machte ich täglich Kraft- und Cardio-Training.
Und heute?
Heute fahre ich mehr Rennen – das ist eh das beste Training. Ich bin in der Formel E engagiert, fahre im Team Toyota die FIA-Langstrecken-WM und bin Testfahrer von Red Bull Racing.
Welche Muskeln sind für einen Formel-1-Fahrer besonders wichtig?
Mit einem Formel-1-Rennwagen bin ich deutlich schneller unterwegs als mit einem Langstrecken-WM-Auto. Stehen Formel-1-Testfahrten an, erhöhe ich deshalb in den Wochen davor die Krafteinheiten für den Oberkörper. Ohne intensives Nackentraining wäre ich sonst nach zehn Runden bereits platt.
Wie viele Stunden dauert ein Formel-1-Testtag?
Normalerweise fahren wir von 9 bis 12 und von 12 bis 18 Uhr – in dieser Zeit fahre ich rund 100 Runden, also etwas mehr als anderthalb Grand-Prix-Distanzen.
Sie sind zweifacher Le-Mans-Sieger, gewannen das 24-Stunden-Rennen dieses und letztes Jahr. Wie sieht Ihre Vorbereitung für das berühmteste Langstreckenrennen der Welt aus?
Von Januar bis Mai absolviere ich jeweils vier- bis sechsmal ein spezielles Ausdauertraining. Dabei fahren wir sechs Toyota-Fahrer abwechselnd während 30 bis 35 Stunden lang jeweils während zwei, drei Stunden mit dem Rennauto. Dieses Training hilft mir extrem – nicht zuletzt auch deshalb, weil wir das Training auf einer deutlich kurvenreicheren Strecke absolvieren. In Le Mans hingegen gibt es viele Geraden.
Was machen Sie in Le Mans eigentlich zwischen Ihren Renneinsätzen, also in den Pausen?
Das Allerwichtigste in Le Mans ist, dass man von der allerersten Minute an mit seinen Kräften haushaltet. Und ich rede jetzt nicht nur vom eigentlichen Rennwochenende. Ich reise bereits eine Woche vorher nach Le Mans. Vor dem Start ist an jedem Tag irgendetwas los – Trainingsfahrten, Sponsorentermine und vieles mehr. Wer da zu viel Kraft verbraucht, ist bereits vor dem Rennen platt und hat keine Chance auf den Sieg.
Gute Antwort. Buemi mag Tempo. Aber er weiss auch: Damit er noch schneller sein kein, ist es hin und wieder gut, einen Moment lang innezuhalten.
Wie schaffen Sie es, während des Rennens Kräfte zu sparen?
Ein Team besteht aus drei Fahrern. Jeder Fahrer sitzt also zweimal rund vier Stunden lang im Auto und hat dazwischen acht Stunden Pause. Während meine beiden Kollegen fahren, habe ich keinen Einfluss auf das Rennen, deshalb verschwinde ich meistens möglichst schnell in mein Zimmer und versuche mich auszuruhen, vielleicht sogar ein paar Stunden zu schlafen, damit ich meine Batterien wieder aufladen kann.
Wie müde sind Sie nach dem Rennen?
Zuerst wirkt noch das Adrenalin, nach ein, zwei Stunden kommt dann aber die grosse Müdigkeit. Danach will ich nur noch schlafen – es dauert zwei, drei Tage, bis ich wieder im richtigen Rhythmus bin und mich einigermassen erholt habe.
Ihre Formel-1-Lieblingsstrecke?
Spa-Francorchamps.
Ihre Formel-E-Lieblingstrecke?
Rom mag ich sehr. Bern war auch super – obwohl die Verhältnisse zu eng waren und der Rundkurs ungeeignet ist für ein Formel-E-Rennen.
Wie ist das Gefühl, vor heimischem Publikum ein Rennen zu fahren?
Es ist ein unglaubliches Gefühl. Ich wollte in Bern unbedingt aufs Podest fahren – umso glücklicher war ich, als ich es geschafft hatte. Meine Familie, die mich sonst normalerweise nicht zu den Rennen begleitet, war in Bern ebenfalls anwesend. Unvergesslich war der Moment, als ich gemeinsam mit meinem Sohn Jules auf das Podest steigen konnte.
Von 2009 bis 2011 fuhren Sie für das Scuderia Toro Rosso in der Formel 1. Träumen Sie von einem Comeback in der Formel 1?
Gäbe es eine Möglichkeit, würde ich mir die Sache sicher ganz genau überlegen. Allerdings käme für mich eine Rückkehr in die Formel 1 nur infrage, wenn das Angebot von einem absoluten Top-Team käme. Ich will jetzt nicht arrogant tönen, aber ich bin zurzeit extrem glücklich und auch erfolgreich mit meinen Engagements in der Formel E, der Langstrecken-WM und als Testfahrer.
Mehr als die Hälfte der Interviewzeit ist vorüber – festzuhalten ist: Buemi weiss wirklich genau, was er will.
Clay Regazzoni oder Joe Siffert?
Eine schwierige Frage – beides waren grosse Rennfahrer. Mein Grossvater kannte Joe Siffert gut, er hat mir viel von ihm erzählt. Trotzdem ist mir Clay Regazzoni, der Formel-1-Vizeweltmeister von 1974, wahrscheinlich näher.
Warum?
Er fuhr noch Rennen, als ich auf die Welt gekommen bin.
Ayrton Senna oder Michael Schumacher?
Ayrton Senna. Michael Schumacher gewann zwar viel mehr Rennen. Trotzdem glaube ich, dass Senna der bessere Fahrer war. Als er Weltmeister wurde, war die Ausgangslage viel knapper – Senna hatte harte Duelle mit Alain Prost auszukämpfen. Als Schumacher von 2000 bis 2004 seine WM-Titel Nummer drei bis sieben holte, lag das unter anderem auch daran, dass sein Auto der Konkurrenz deutlich überlegen war.
Lewis Hamilton und Sie haben das genau gleiche Formel-1-Auto zur Verfügung: Wer würde das Rennen gewinnen?
Lewis Hamilton wäre wahrscheinlich besser, denn er hat viel mehr Erfahrung mit einem Formel-1-Auto als ich. Würden wir in einem Formel-E-Auto fahren, hätte ich die Nase vorn. Es wäre schlimm, wenn dem nicht so wäre.
Die Formel 1 steckt seit geraumer Zeit in der Krise. Die Zuschauerzahlen sinken, sowohl beim Fernsehen als auch an Strecken. Woran liegt das?
Die Zuschauerzahlen an den Rennstrecken sind in den letzten Jahren wieder gestiegen. Ich denke, Liberty Media (Anmerkung der Redaktion: Dem US-Medienkonzern gehört die Königsklasse des Automobilsports seit dem Rückzug des Briten Bernie Ecclestone im Jahr 2016) macht keinen schlechten Job. Beim Fernsehen hingegen haben wir ein echtes Problem: In Frankreich und England kann man die Formel 1 nur noch auf Pay-TV-Sendern schauen. Das führte dazu, dass heute viel weniger Menschen Formel 1 gucken. Oft ist zudem schon früh klar, wer das Rennen gewinnen wird, was die Sache auch nicht spannender macht. Die letzten Rennen allerdings, insbesondere Hockenheim, waren jedoch alle extrem spannend.
Die Formel-1-Rennen finden seltener auf klassischen Strecken statt, sondern häufig in wechselnden Ländern, die wenig mit Rennsport zu tun haben, beispielsweise in Abu Dhabi, Aserbaidschan, Russland und Bahrain. Hält die Formel 1 zu wenig an Traditionen fest?
Ich gebe zu, viele der neuen Rennstrecken mag ich sehr – besonders gut gefällt mir Abu Dhabi. Gleichzeitig wäre es aber enorm schade, nein, schlimm, wenn traditionsreiche Rennen wie etwa Hockenheim aus dem Kalender gestrichen würden.
Ist die Formel 1 überreguliert? Oder wird die Vergangenheit mit echten Kerlen, die weder Tod noch Partys scheuten, zu stark romantisiert?
Heute dreht sich in der Formel 1 alles um das liebe Geld. Die Fahrer haben extrem viele Verpflichtungen bei ihren Sponsoren, deshalb können sie nicht mehr so verrückte Dinge tun, wie das noch James Hunt oder Clay Regazzoni vor 40 Jahren getan haben – es würde ein Verlust der Geldgeber drohen.
Was ist komplizierter zu fahren – ein Formel-1- oder ein Formel-E-Auto?
Ein Formel-1-Auto ist grundsätzlich schwieriger zu lenken. Die Formel E wird allerdings auf Rundkursen in Städten gefahren, und dort sind die Beläge deutlich schlechter als auf einer Rennstrecke – was die Sache auch ziemlich schwierig macht.
Die Cockpits der Rennautos sind gespickt mit Knöpfen, Schaltern und Displays. Ist die Generation Playstation im Vorteil?
Vielleicht half es früher, als noch nicht alle Kinder Game Boy gespielt haben. Heute gibt es aber fast keinen Fahrer mehr, der in seiner Jugend nicht Playstation gespielt hätte.
Als Rennfahrer wollen Sie möglichst schnell unterwegs sein. In welchen Bereichen des Lebens gehen Sie es gern langsam an?
Ich liebe fast überall Tempo – ausser, wenn ich mit zusammen meiner Frau am Sonntagnachmittag Kaffee trinke. Aber als Eltern von zwei kleinen Kinder haben solche ruhigen Zeiten zurzeit Seltenheitswert.
Kürzlich sagte Sebastian Vettel in einem «Spiegel»-Gespräch: «Heutzutage fehlt mir zu oft das Innehalten, das Bewundern für das Geleistete.»
Als Rennfahrer ist man heute so gut, wie die Platzierung im letzten Rennen gewesen ist. Wie viele Erfolge du davor gefeiert hast? Egal! Kaum fährst du einmal ein schlechtes Rennen, wird sofort Kritik laut. Auch Sebastian Vettel muss das gerade erfahren. Er wurde bisher viermal Formel-1-Weltmeister und jetzt ist er in dieser Saison zwei, drei schlechte Rennen gefahren – und schon heisst es, er solle besser zurücktreten. Das finde ich schade und ist total respektlos.
Abseits des Erfolgs: Was hat Ihnen der Rennsport gegeben?
Ich konnte viel reisen und durfte mit unglaublich spannenden Menschen zusammenarbeiten.
Türe auf. Pressefrau kommt rein. Der Journalist hält zwei Finger hoch. Noch zwei Fragen. Sie, die Dame von der Presse, lächelt erfreut. Denn der nächste Fragesteller wartet bereits. Endspurt!
Welche Menschen flössen Ihnen Respekt ein bezüglich deren Haltung oder Lebensleistung?
Während meiner Zeit als Formel-1-Fahrer lernte ich Sebastian Vettel und Fernando Alonso näher kennen. Ich sah, warum sie so gut sind, warum sie mehr Rennen als andere Fahrer gewinnen. Ich sah auch, wie unglaublich diszipliniert sie leben. Davon konnte ich viel profitieren. Ich finde es deshalb auch extrem cool, dass ich seit zwei Jahren im gleichen Langstrecken-WM-Team fahren darf wie Alonso. In der Formel 1 ist der Teamkollege, im Gegensatz zur Langstrecken-WM, eben gleichzeitig auch ein Konkurrent. Das macht die Sache um einiges komplizierter.
Das war nett. Schönen Gruss an Alonso.
Fahren Sie in zehn Jahren immer noch Autorennen?
Ich hoffe, dass ich bis dahin noch manches Rennen und einige Meisterschaften gewinnen kann. Aber ob ich dann noch als Rennfahrer aktiv sein werde? Keine Ahnung. Wer weiss, vielleicht werde ich am Rand einer Kartstrecke stehen und meinen Kinder zusehen, wie sie Rennen fahren.
Mehr Infos zu den Red Bull Race Days am 10./11. August in Grenchen gibt es unter diesem Link.Zurück zur Startseite