Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03590.jsonl.gz/197

DMZ – GESELLSCHAFT ¦ Daniel Birkhofer ¦
KOMMENTAR
...ein paar lose und damit nicht abschliessende Gedanken zum Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit in Corona-Zeiten (Die Thematik der Corona-Zeit ist genau so exemplarisch für andere Ereignisse mit hochgradigen Un- und Unterbestimmtheiten wie die Klimakrise zum Beispiel)...
Die Rufe nach zum Beispiel "Liberté" oder die Antworten darauf wie "Lieber Tee" sind zwei mögliche und unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Medaille: die Medaille des Umgangs mit Unsicherheit mit ihren Kehrseiten...
Mögliche Fragen dazu zur eigenen "Reinigung" bezüglich dem offenbaren Spannungsverhältnis von Freiheit und Notwendigkeit:
- Ist Freiheit und Notwendigkeit überhaupt kombinierbar?
- Kann ich frei sein, wenn ich das Notwendige tun muss?
- Oder: Kann ich das Notwendige tun, wenn ich frei bin?
Könnte es auch sein, dass mich die Vernunft, die Einsicht oder das bessere Argument zu etwas zwingen, das mich dann ja aber gerade in dem Moment unfrei machen würde?
(ergänzend dazu: würde ich also den vermeintlichen "Preis" dafür bezahlen wollen, aus Prinzip auf meinen "Prinzipien" beharren zu wollen, auch wenn diese nicht mehr vernunfts-, einsichtsmässig oder argumentativ zu halten wären?)
Man kann diese Fragen als bedeutungslos oder als blosse logische Spielerei abtun; aber wenn Alltagsroutinen, uns lieb gewordene Gewohnheiten, Bequemlichkeiten etc. unterbrochen werden, bringt uns das alle in eine Situation des Unbehagens, Unwohlseins und der Verängstigung.
Unser Alltag scheint hochgradig bedroht zu sein - ich kann mich nicht mehr auf meine reflexionsfreie Alltagsbewältigung berufen; meine Komfortzone und mein Topos der Scheinsicherheiten ist weg; die dadurch entstandene "Lücke" muss zuerst gefüllt werden...
Die persönlich entstandene Demütigung zufolge eigener Unsicherheitsempfindungen und kognitiven Dissonanzen schreit nach einem Schlupfloch aus der dunklen "Lücke" hinaus.
In genau solch einer Ambivalenz-, Dissonanz- und Unsicherheitssituation, bricht die volle Diskontinuität auf mich und die Gesellschaft hinein.
Die reduktionistische Formel lautet mehrheitlich und gemeinhin: Lockdown oder Eigenverantwortung.
Dabei geht es aber um nichts Geringeres als um die Frage, ob das grosse Versprechen der Moderne (Gesellschaft der Technokratie-Gläubigkeit mit ihrer fixen Idee der Findung des "Lösungsheils" im Rahmen technokratischer Antworten auf menschlich entstandene Problemstellungen...) tatsächlich einlösbar ist.
Oder anders ausgedrückt: Ist der Corona-Krise eine Handlungsmacht entgegenzusetzen, die sowohl unserer Freiheit entstammt als auch das Notwendige wird tun können?
Und genau hier zeigt sich das Missverhältnis von Einsichten (hüben wie drüben) und Handlungsfähigkeit; Wissen und Lösungsperspektiven liegen sich dabei krass "in den Haaren".
Ob dabei die Rufe nach "Liberté" oder die Antworten darauf wie "Lieber Tee" ausreichen werden, wird sich im konkreten Lebens-und Handlungsvollzug noch zeigen...
Es braucht womöglich viel Zeit, um die Vernarbungen, entstanden durch die spaltenden Verhaltensweisen wieder etwas verheilen zu können, um dadurch den Weg wieder "freier" zu machen, um über Freiheit und Notwendigkeit seriöser und "willentlicher", aus der Überzeugung der gegenseitigen kooperativen Abhängigkeiten denken, fühlen und handeln/sprechen zu wollen und vor allem sollen (Frankl würde hier gerne vom "Willen zum Sinn" sprechen...)
Hiermit schliesse ich meine paar wenigen und nicht abschliessenden Gedanken zur Thematik eines hochaktuellen Spannungsverhältnisses mit viel Lern- und gegenseitigem Entwicklungspotenzial...
Ausflugstipps
Unterstützung
Rezepte
Persönlich - Interviews