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jede tief eingreifende Erkrankung des volkswirtschaftlichen Organismus, welche eine intensive Störung
des Gleichgewichts zwischen Produktion und Konsumtion mit gewissen im Verkehr und Handel hervortretenden Folgeerscheinungen
hervorruft. Die Bezeichnung dieser Zustände als Krisen ist zwar allgemein üblich, aber durchaus fehlerhaft. Die Störung
trifft nicht allein oder zuerst das Gebiet des Handels, sondern
vorzugsweise dasjenige der Produktion und Konsumtion; man sollte
also vielmehr von »Wirtschaftskrisen« als von »Handelskrisen«
sprechen, und in diesem Sinn wäre der Ausdruck »Absatzkrisen« (s. d.), der gewöhnlich nur zur Bezeichnung einer
Teilerscheinung dient, noch zutreffender.
Eine exakte Theorie der Handelskrisen ist nicht aufzustellen, da jede Krise von der andern in ihren Ursachen, ihrem Verlauf
und ihren Nachwirkungen irgendwie spezifisch abweicht. Indessen lassen sich doch gewisse gemeinsame Merkmale
der Entstehung und des Verlaufs der Krisen ableiten. Die Krisis kann in erster Linie durch ein weitverbreitetes Mißverhältnis
zwischen Erzeugung und Verbrauch oder durch große Veränderungen in den Verkehrs- und Marktzuständen mit Einschluß des
Geldumlaufs oder endlich durch allzu rasche Kapitalfixierungen veranlaßt werden.
Das Mißverhältnis zwischen Erzeugung und Verbrauch, welches im weitern Verlauf jeder Krise wahrnehmbar
wird, kann als erste Ursache in doppelter Hinsicht auftreten: entweder die Konsumtion wird plötzlich in starkem Maß eingeschränkt
aus Gründen, die dem wirtschaftlichen Leben fern liegen, z. B. infolge eines Kriegs oder einer Epidemie, ohne daß die Produktion
Gelegenheit hatte, sich einzuschränken;
Überproduktion führt, und dann spricht man von Spekulationskrisen im eigentlichen Sinn. Derartige Erscheinungen pflegen stets
an einen besondern Anlaß anzuknüpfen, an Änderungen der Gesetzgebung, neue Verkehrsmittel etc. Wie der Krieg die Absatzkrisen,
so ruft sehr häufig die glückliche Beendigung eines Kriegs die Spekulationskrisen wach.
In der Mehrzahl der Fälle sind die Ursachen so verwickelt, und es treten so allseitige Wechselwirkungen
auf, daß man kaum mehr die Unterscheidungsmerkmale festhalten kann. Bisweilen allerdings sind ganz bestimmte örtliche Veranlassungen
vorhanden, welche die Art der Krisen kennzeichnen. Gewöhnlich aber ist der Verlauf einer Krisis in folgender Weise zu denken.
Nach einer längern Periode eines im allgemeinen normalen Verkehrs haben sich Arbeitskräfte und Kapitalien
bedeutend vermehrt. Es werden neue Unternehmungen und zwar leicht im Übermaß geschaffen, was ein starkes Sinken der Preise
zur Folge hat. In der Periode der Überproduktion jagen die Produzenten einander die günstig gelegenen Grundstücke, Arbeiter
und Kapitalien ab und steigern so die Preise, Arbeitslöhne und Diskontsätze. Um sich bei dem Beginn der
rückgängigen Konjunktur möglichst zu halten, nehmen sie denKredit übermäßig in Anspruch, verteuern sich denselben, bis
endlich das Kartenhaus zusammenbricht, Güterpreise und Löhne fallen und ein allgemeines krankhaftes Mißtrauen die seitherige
Leichtgläubigkeit ablöst.
Wenn diese Vorgänge auf einzelne Gebiete der Wirtschaft beschränkt bleiben, so rufen sie örtliche und
partielle Krisen hervor, die verhältnismäßig leicht überwunden werden. Gelingt aber die Lokalisierung nicht, sondern wird
die Störung von einem Unternehmen auf die andern, etwa von der Eisenindustrie auf die Hütten- und Kohlenwerke überhaupt
oder von der Spinnerei auf die ganze Gruppe der Textilindustrien, übertragen, so geht gewissermaßen der
Krankheitsstoff in den ganzen volkswirtschaftlichen Körper über, und die allgemeinen, zuerst akuten, später chronischen
Erscheinungen nehmen nun unaufhaltsam ihren Verlauf. Die Ursache der raschen und weiten Ausbreitung von Krisen in neuerer Zeit
und die zunehmende Schwierigkeit ihrer örtlichen Begrenzung hängen mit der Entwickelung des ganzen Verkehrswesens
und der großartigen Rolle des Kredits zusammen.
5) zahlreiche Überführung von Einzelunternehmungen in Aktienunternehmungen. Beim Zusammentreffen dieser
Symptome ist der Ausbruch von Krisen mit größter Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Als Wirkungen und Folgen schwerer Handelskrisen
sind zunächst große Verschiebungen in den Preisen der verschiedenen Warenarten, dann rasches Sinken von Lohn und Zins (Diskontsätze)
und Lahmlegung oder auch völliger Verlust großer Kapitalsummen zu beobachten. Es folgen
Zahlungseinstellungen
und Bankrotte, an Stelle des kritiklosen Vertrauens tritt dann eine ebensolche Entmutigung ein, jeder sammelt Kassenbestände,
und es läßt sich eine förmliche Entkräftung des wirtschaftlichen Organismus beobachten.
Die am meisten in die Augen fallenden und empfindlichsten Folgen sind natürlich, daß zahlreiche Vermögensverluste eintreten
und meist die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden. In sozialer Hinsicht bedeutsam ist es, daß starke
Handelskrisen in der Regel den Unterschied zwischen Reichtum und Armut sowie die Abhängigkeit der letztern noch schroffer gestalten.
Anderseits darf man nicht verkennen, daß große Krisen »die großen Weltmarktsgewitter« sind und einen Reinigungsprozeß
bedeuten.
Krisen kommen in allen Zeitaltern vor; so brach nach Livius vor mehr als 2000 Jahren eine Handelskrisis im Lager
[* 7] des ältern Scipio vor Karthago
[* 8] aus, weil die Kaufleute zu viele Waren herbeigeschleppt hatten, und durch die große Florentiner
[* 9] Krisis von 1345, wo die Gesellschaften
der Scali, Peruzzi und Bardi fallierten, wurde der ganze Staat erschüttert. Mit bestimmtem Charakter treten
sie jedoch erst im 17. und 18. Jahrh. auf, und man führt hier als die beiden ersten eigentlichen
Handelskrisen jene von Lübeck
[* 10] im J. 1603 und die holländische Tulpenmanie 1634-1637 an; letztere ist dadurch merkwürdig,
daß sie sich nicht an Gegenstände des gemeinen Gebrauchs heftete, sondern an einen Artikel (Haarlemer
Tulpenzwiebeln), dem ein übermäßig hoher Wert beigelegt wurde; dieser folgte bald die englische Geldkrise von 1696, hervorgerufen
durch eine Veränderung im englischen Münzwesen
[* 11] und den dadurch vorübergehend eingetretenen Mangel an Zahlungsmitteln.
Ungleich tiefer gehend waren die Wirkungen des »Systems«, welches JohnLaw (s. d.) in Frankreich eingeführt
hatte, und durch welches zuerst der Irrtum Gestalt gewann, daß man durch Vermehrung der papierenen Umlaufsmittel das Gleichgewicht
der Güterpreise aufrecht erhalten und das Kapital eines Landes steigern könne. Dasselbe erfüllt den Zeitraum von 1716 bis
1720; es charakterisiert sich durch das erste Auftreten großartiger Gründungen, einer förmlich organisierten
Agiotage mit allen Ausschreitungen wilder Spekulationslust und durch den darauf folgenden Zusammenbruch mit vollständiger
Vermögensverschiebung.
Dasselbe gilt von den Hamburger Handelskrisen der Jahre 1763 und 1799, deren erstere durch die Beendigung
des Siebenjährigen Kriegs, deren letztere durch die Umwälzungen im Gefolge der großen französischen Revolution und des Seekriegs
der Franzosen mit den Engländern, durch die Überfüllung des westindischen Marktes mit europäischen Waren und die Ansammlung
unabsetzbarer angehäufter Vorräte in Hamburg
[* 12] verursacht war. Endlich darf im 18. Jahrh. in gewissem Sinn
jene Reihe von Folgeerscheinungen zu den Krisen gerechnet werden welche die französische Assignatenwirtschaft von 1790
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mehr
bis 1796, die stärkste Anwendung von Zwangspapiergeld, die je in einem Kulturstaat stattgefunden hat, mit sich brachte.
Das klassische Zeitalter der Krisen ist aber das 19. Jahrh., seit unter den Segnungen des Friedens die wirtschaftliche Entwickelung
von Westeuropa mit Riesenschritten vor sich ging. Da sind zuerst zu nennen: die englischen Handelskrisen
von 1815 und 1825. Die Anwendung der Dampfkraft in der Woll- und Baumwollindustrie, der Aufschwung der Kohlen- und Eisenindustrie
und die rasche Ausbreitung der Kolonial- und Handelsmacht Großbritanniens hatten schon Ende des 18. Jahrh. eine ungeahnte
Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte veranlaßt; selbst die KontinentalsperreNapoleons trieb England nur noch
mehr an, durch Pflege des Verkehrs mit den transatlantischen Ländern den Grund zu seiner Handelsblüte zu legen.
Viel tiefer als die Krisis von 1815 griff aber jene von 1825 in alle Kreise des geschäftlichen Lebens;
nach einer wilden Gründungs- und Spekulationsepoche, an welcher die ganze Gesellschaft beteiligt war, und welche, wie zu LawsZeiten, die unsinnigsten Unternehmungen aufnahmsfähig machte, erfolgte im Herbst 1825 der Zusammenbruch. Unzählige Fallimente
von Banken, industriellen und kaufmännischen Firmen, eine vollständige Börsenderoute und Stockung alles
Verkehrs waren die Folgen; die Verarmung griff tief in den ganzen Mittelstand, Arbeiterentlassungen und -Aufstände, Massenauswanderungen
waren die letzten Wirkungen.
Diese traurigen Erfahrungen hinderten nicht, daß sowohl in Großbritannien
[* 15] selbst als in den Vereinigten Staaten
[* 16] von Nordamerika
[* 17] ähnliche Katastrophen sich rasch wiederholten. So finden wir, daß das unsolide Gebaren der amerikanischen
Zettelbanken dort in den Jahren 1814, 1830, 1837 und 1839 Katastrophen hervorrief, welche besonders das Bankwesen trafen, und
daß sich auch in England die Überspekulation bald wieder auf das Gebiet des Zettelbankwesens warf und in den Jahren 1836 und 1839 Krisen
veranlaßte, deren Wiederholung man durch den Erlaß der Peelschen Bankakte entgegenzutreten versuchte.
Da in den 30er Jahren die Anwendung der Dampfkraft auf Verkehrsmittel schon zu einer gewissen technischen Vollkommenheit gelangt
war, so wurde bald eine Überzahl von Eisenbahnprojekten entworfen, mit deren Ausführung man 1844 begann.
Als aber in den beiden folgenden Jahren Kartoffelfäulnis, Mißwachs des Getreides, Fehlernte in Baumwolle
eintraten, die Steigerung des Wohlstandes ausblieb und an eine Rentabilität der Eisenbahnen nicht zu denken war, folgte 1847 wieder
eine größere Handelskrisis, die auch auf den Kontinent u. namentlich auf Süddeutschland ihre Rückwirkungen in empfindlicherm Grad äußerte
als irgend eine frühere. Bei dieser Krisis begann sich schon die heutige Eigenart solcher Erscheinungen
insofern vorzubereiten, als sie einen mehr generellen und universellen Charakteran sich trug; aber erst die große Krisis des
Jahrs 1857 trat ganz
allgemein auf.
Als nun im J. 1851 die kommerziellen Zustände in England und Nordamerika unsicher zu werden begannen,
infolge des Überflusses an Edelmetall die Überspekulation sich regte und die kontinentalen Kapitalisten ihre dortigen Anlagen
zurückzogen, regte sich auf dem Kontinent der Unternehmungsgeist, zumal der Staatsstreich in Frankreich ruhigere Zustände
verbürgte. Das Kaiserreich hatte einen wirtschaftlichen Aufschwung verheißen; als sein Gehilfe führte
Mirès das Prinzip der Aktienunternehmungen in größerm Maßstab
[* 22] in Frankreich ein.
Bald entstand auch der Crédit mobilier. Seine Thätigkeit und die zur Durchführung gemeinnütziger Staatsunternehmungen aufgelegten
Nationalsubskriptionen verbreiteten in weiten Kreisen die Lust am Börsenspiel. Österreich,
[* 23] welches am dringendsten darauf
hingewiesen war, die wirtschaftliche Thätigkeit seines Volkes zu beleben, beeilte sich, dem französischen
Beispiel zu folgen, und auch die deutschen Mittelstaaten teilten Zettelbankprivilegien mit vollen Händen aus; selbst in Preußen,
[* 24] wo die Regierung sich ablehnend dagegen verhielt, ähnliche Projekte zu fördern, wurde in der von der Diskontogesellschaft
zuerst angewandten Form der Kommanditgesellschaft das Mittel gefunden, den Konzessionszwang zu umgehen.
Im August und September 1856 trat ein Umschwung ein, die Banken nahmen Diskonterhöhungen vor; doch noch einmal flackerte die
Hausse auf.