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Wenn jemand fragt, was das Wichtigste für die Gleichstellung von Mann und Frau ist, zögere ich keine Sekunde: die Elternzeit. Damit meine ich nicht ein paar Tage «frei» für die erschöpften Eltern. Ich meine die Zeit, die ein Arbeitgeber der von ihm beschäftigten Person zugesteht, um sich dem neugeborenen Kind zu widmen. Davon träume ich seit 43 Jahren.
Während meiner zweiten Amtszeit im Nationalrat erwartete ich mein drittes Kind. Meine Pflichten als Politikerin und als Mutter jonglierte ich da seit sechs Jahren. Das neue Baby würde mein Leben nicht vereinfachen. Doch damals wie heute war der Gedanke, sein Kind in eine Krippe unter der Bundeskuppel zu geben, nicht auf der Tagesordnung.
Zur Person
Als die Waadtländerin zu ihrem Mann ins Wallis zog, verlor sie das kantonale Stimmrecht. Diese Ungerechtigkeit machte Gabrielle Nanchen zur Feministin. 1971 ist die SPlerin eine der ersten Frauen im Nationalrat. Dort bleibt sie acht Jahre und engagiert sich für die Mutterschaftsversicherung, den Kündigungsschutz von Schwangeren und das Recht auf den Schwangerschaftsabbruch. Nanchen, 77, ist dreifache Mutter und dreifache Grossmutter.
Wie machen sie es anderswo? Die nordischen Länder haben ein Wundermittel für Geburtenrate, Berufstätigkeit der Frauen, Gleichstellung und Kinderbetreuung gefunden. Dort ist die Elternzeit seit den 1960ern auf dem Vormarsch. In Schweden dauert sie heute 16 Monate, muss von Mutter und Vater bezogen werden und wird weitgehend vergütet. 1977 reichte ich eine parlamentarische Initiative ein, um in der Schweiz eine richtige Familienpolitik zu entwickeln, die Mutterschaftsversicherung und Elternzeit einschliesst.
Das Kind, das ich damals erwartete, ist nun gross geworden – und selbst Vater eines kleinen Jungen, mit dem er viel Zeit verbringt. Deshalb kennt er die Momente, wo Blicke und ein Lächeln genügen, um die Liebe der ganzen Welt auszudrücken. Er hat gelernt, was Frauen seit je weitergeben: Unannehmlichkeiten und Schlaflosigkeit zu ertragen, um die Bedürfnisse des anderen vor seine eigenen zu stellen. Er staunte, als sein Spatz stehen lernte und mit festem Schritt den Weg seines Lebens antrat. Indem mein Sohn sich traut, mit ihm seine Gefühle auszudrücken, wächst seine «weibliche» Seite.
Mehr denn je braucht die Erde Männer und Frauen, die wissen, wie man sich um sie und ihre Bewohner kümmert. Männer und Frauen, die mutig und entschlossen sind, aber auch einfühlsam und fürsorglich. Die Einführung der Elternzeit könnte dazu beitragen.