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Die Zuwanderung konfrontiert Städte mit einer enormen Herausforderung: Wie können sie beim städtischen Wohnbau eine gute soziale Durchmischung sicherstellen? Ein viel diskutierter Ansatz stellt die Optimierung von Wohnraum in Geschäftsvierteln ins Zentrum. Rückenwind erhält diese Variante durch architektonische Innovationen. In Nanterre (FR) bei Paris beispielsweise hat die iranische Architektin Farshid Moussavi im Geschäftsviertel La Defense den ersten Wohnbau seit 30 Jahren realisiert. Dieser gilt als Meilenstein in der Architektur für verschiedene Nutzergruppen.
In den 70er Jahren entstand das Geschäftsviertel La Défense, das sich heute über vier Gemeinden des Metropolitanraums Paris einschliesslich Nanterre erstreckt. Im Laufe der Jahre wurde das Gebiet östlich von La Défense durch immer höhere Bürotürme dicht bebaut. Im Westen von La Défense konzentrierten sich die Investoren jedoch auf das Gebiet in unmittelbarer Nähe vom L’Arche und schufen so nicht nur ein visuelles Ungleichgewicht. Dieses sollte durch ein Stadterneuerungsprojekt behoben werden. Im Jahr 1996 wurde die Optik des Viertels mit der Trennung in zwei Ebenen und durch den Bau einer Betonplatte mit Blick auf die Autobahn verändert. Auf der oberen Ebene befindet sich «La Jetée», ein 400 Meter langer hölzerner Pier, der optisch in Richtung Himmel emporsteigt. Unterhalb Plattform führt eine Autobahn durch. Ebenfalls befinden sich dort Grünflächen.
Das Stadterneuerungsprojekt Esplanade von Nanterre führte zu einem explosionsartigen Anstieg der Bautätigkeit. Im Jahr 2017 entwarf Farshid Moussavi, die renommierte in England lebende Architektin aus dem Iran, in diesem bis anhin einseitig genutzten Stadtteil aus Büros und Geschäftsräumen den ersten Wohnblock seit 30 Jahren. Das Wohnhaus mit dem Namen «îlot 19» säumt die Esplanade und verleiht ihr zusammen mit den Nachbargebäuden Struktur. Das neue Gebäude markiert einerseits die Grenze zwischen Stadt und Hinterland und verbindet gleichzeitig La Defense mit denTerrassen von Nanterre.
«îlot 19» gewährt den Zugang zu dem im Jahr 1996 geschaffenen Steg.Im mittleren Teil der ersten drei Stockwerke sind rund 100 Studentenwohnungen und im Erdgeschoss Gewerbeflächen angeordnet. Sie beleben die Promenade des Jardins de l’Arche. Die stegähnliche Promenade bildet eine direkte Fußgängerverbindung zum Grande Arche. Alle Wohnungen sind in Randlage angeordnet. Dank fünf Erschliessungskernen konnte auf lange Korridore verzichtet werden. Die dadurch entstandenen vier separaten Zugänge beugen gleichzeitig möglichen Konflikte vor. Insbesondere die Studentenwohnungen werden über eine eigene Lobby erschlossen.Ergänzt werden die ersten drei Etagen sowie die sechs darüber liegenden Stockwerke mit neun Sozial- und 72 «bezahlbaren» Wohnungen. In den beiden obersten Stockwerken des elfgeschossigen Baus hat die aus dem Iran stammende Architektin Moussavi zehn Maisonette-Penthouses untergebracht.
In Richtung Süden sind die einzelnen Stockwerke um jeweils zwei Grad gegeneinander verschoben, damit möglichst viele Wohnungen einen Blick auf die historische Achse und den Grande Arche haben.
Alle Wohnungen sind komplett verglast und mit einer Loggia oder einem Balkon versehen. Aluminium-Schiebe-Rollläden sorgen für Privatsphäre und Schatten. Der Richtung Südwesten orientierte Eingangsbereich liegt am westlichen Ende der historischen Pariser Achse, die den Louvre im Osten mit dem Arc de Triomphe im Zentrum und La Défense im Westen verbindet. Das Gebäude selbst bietet auf drei Seiten einen offenen Blick über die Stadt.
Mit den unterschiedlichen Wohnformen und den 11 500 Quadratmetern Wohnfläche ist das Gebäude Wohnort für ganz unterschiedliche Menschen. Auch wenn die günstigeren Wohnungen in den unteren Etagen des Gebäudes und die teureren in den oberen Etagen liegen, ist die soziale Trennung von aussen nicht sichtbar. Dies ist eine bewusste Entscheidung der Architektin, die eine visuelle Trennung umbedingt vermeiden wollte. Obwohl die Bewohner aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen stammen, hat Farshid Moussavi am unteren Ende des Gebäudes einen Begegnungsort geschaffen. Durch eine räumliche Barriere zwischen Studenten und übrigen Bewohnern werden negative Konfrontationen vermieden.
«Eine günstige Wohnung muss auch einfach und günstig ausgestattet werden. Was die Anordnung der Gebäudevolumen sowie die Materialisierung betrifft, sollte ein Gebäude seinen Bewohnerinnen und Bewohnern unabhängig von ihrem sozialen Status ein Gefühlt der Geborgenheit vermitteln.»
Farshid Moussavi, Architektin, Farshid Moussavi Architektur und Architektin des Projekts «îlot 19» in Nanterre.
Ausserdem: Die tragenden Mauern des Gebäude sind auf die Trennwände zwischen den Wohnungen, das Treppenhaus und auf die Fassade beschränkt, so dass eine möglichst hohe Flexibilität bei der Innengestaltung der Wohnungen besteht. Da alle Wohnungen relativ klein sind, ist dies als weiterer Pluspunkt zu werten. Darüber hinaus wurden sehr hochwertige Materialien verwendet, um längerfristig die Kosten für Renovationen tief zu halten. Die Eingänge sind als schicke Begegnungsorte mit einem tollen Ambiente konzipiert und mit Holztischen und Bänken von Donald Judd ausgestattet.
Bild: ©archdaily.com