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Von Hans Speck
Bei uns zu Hause hängt im Gästezimmer eine vom bekannten Glarner Fotografen Glarner-Fieger aufgenommene Schwarz-Weiss-Foto, auf der eine Gruppe von Eissägern, Mitarbeitern und Helfern beim Rhodannenberg sich vor dem Fotografen posiert. Einer der "Eissäger“ soll ein Bruder von meiner Grossmutter Katharina (Tidi) Schmuckli, geborene Kubli, gewesen sein. Meine Mutter hat dieses Foto stets aufbewahrt und nach dem Tode meines Vaters ist diese kleine Trouvaille beim Aufräumen des Hauses zum Vorschein gekommen.
Zuerst wurde gesprengt!
Mit dem "Gletschern“ im Klöntal ist die Eisgewinnung gemeint, die jeweils im Januar begann, wenn das Eis im Klöntalersee mindestens eine Dicke von fünfzig Zentimetern erreicht hatte. Kaum zu glauben, doch Fotos zeigen diese schwerfälligen Eis-Kolosse. Anfänglich waren es jeweils ein paar Dutzend Männer und an die zwanzig Schlittenfuhrwerke, die ins Klöntal fuhren. Die Männer, alle in dicke Mäntel gehüllt, trugen schwere Rohrstiefel bis zu den Knien, gefütterte Handschuhe, Pelzkappen und Überstrümpfe. Sie waren mit mächtigen Waldsägen, Haken, Pickeln, Hämmern und Seilen ausgerüstet. Und was überrascht: Einer trug stets Schwarzpulver mit sich, denn in die dicke Eisschicht musste zuerst ein Loch gesprengt werden, bevor man mit dem "Gletschern“ beginnen konnte.
Bis 300 Schlitten im Einsatz
Das gebrochene Eis wurde nach Glarus und Netstal und von dort mit der Bahn in die verschiedensten Regionen der Schweiz und ins Ausland transportiert. Bierbrauereien, Hotels, Restaurants, Spitäler, Konditoreien und sogar Reedereien für ihre Ozeandampfer waren Abnehmer. Der Bedarf war enorm: Um das Jahr 1890 wurden täglich bis 300 Schlitten verladen! Das hatte zur Folge, dass die Nachfrage zunahm und der Preis stieg. Der Zentner (50 Kilo) galt damals 1.20 Franken, während die Fuhrleute täglich für ihren Einspänner 40 Franken und für den Zweispänner 70 bis 80 Franken erhielten. Nicht verwunderlich, dass das "Gletschern“ im Klöntal bei Bauern, Holzern und Taglöhnern ein willkommener Nebenverdienst war und man darum in der Öffentlichkeit vom "Eldorado des Verdienstes“ sprach. Auch Fuhrleute aus dem Muothatal und der March standen im Einsatz. Sie logierten und verpflegten sich in vielen Wirtshäusern, was wiederum dem Gastgewerbe grossen Verdienst brachte. Unter den Fuhrleuten waren aber auch Innerschwyzer, wie einem Bericht im "Bote der Urschweiz“ vom 7. März 1877 zu entnehmen ist. Unter dem Titel "Am Klöntalersee“ ist weniger vom "Gletschern“ die Rede, als von Klagen über Preistreiberei, Ausbeutung, Kleiderverschleiss und Ruin der Gesundheit :
Aus dem Bote der Urschweiz vom 7. März 1877
Geträumtes Gold nicht gefunden!
In den letzten Februartagen noch befanden sich mehr als 300 Pferde in Netstal und in den Ställen am Klöntalersee. Sie besorgten den Eistransport vom See bis zur Bahn. Mehrere Hundert von Arbeitern waren mit der Ausbeutung des Eises beschäftigt. Die Lieferanten zahlten selbst 7 Franken Taglohn per Mann und 30 Franken pro Pferd. Weil das Eis gratis und ohne Entschädigung gebrochen werden konnte und die steigenden Eis-Preise lockten, wollte sich jeder, der ein Pferd hatte, im Klöntalersee statt Eis – Gold holen. Aber das ging nicht so leicht und mancher ist seitdem aus dem geträumten Goldlande enttäuscht zurückgekehrt. Denn die Strasse, die vom See hinweg nach Netstal führt, ist schmal und schlecht unterhalten. Nur hie und da sind Ausweichpunkte angebracht, die Zwischenstrecken aber können nur von einem einzelnen Fuhrwerk passiert werden. Diesem Grunde ist es auch zuzuschreiben, dass der Fuhrmann mit Pferd und Wagen nur Schritt für Schritt fahren und oftmals an der gleichen Stelle drei Stunden lang warten muss, um wieder vorwärts zu kommen. Auch die Witterung kann selbst die kräftigste Gesundheit ruinieren, denn viele Fuhrleute mussten in nassen Kleidern ihr Schlaflager aufsuchen. Dazu kam, dass Stallbesitzer, Heu-Bauern, Schmiede und Wirte immer höhere Preise verlangten. So ist trotz dem grossen Lohn der Profit für Mann und Pferd sehr gering. Es sind nun auch schon mehrere Fuhrleute wieder nach Hause zurückgekehrt, ohne im Glarnerlande das geträumte Gold gefunden zu haben. Die hohen Preise sind wohl lockend, aber wenn man die Auslagen, die Reparaturkosten an "Schiff und Geschirr“, den Abgang an den Zugtieren und den Ruin der Gesundheit, an Kleidern und Schuhwerk berechnet, so ist es nicht zu verwundern, wenn die hiesigen Fuhrleute es bald wieder vorziehen, den Schneepflug zu Hause zu führen.
Ende der "Eiszeit“ im Klöntal
Exakt aus dem Jahre 1877 ist über das "Gletschern“ im Klöntal eine Lithographie (siehe Titelbild dieser Seite) erhalten. Im gleichen Jahr bestätigte die Glarner Landsgemeinde zudem, dass das Eisbrechen weiterhin jedermann offen stehe, ab dem Jahre 1878 allerdings gegen eine Gebühr, die zum Unterhalt der Strasse verwendet werde. Doch der Stau des Klöntalersees und die neuen Kühlmaschinen brachten bald das Ende der Eisgewinnung. Nur in den Krisenjahren (nach dem 2. Weltkrieg) wurde nochmals Eis gebrochen, letztmals im Jahre 1953 durch die Brauerei Wädenswil.