Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/2134

Unter dem Titel Die alten Filme hat der Maro-Verlag 13 Kurzgeschichten von William S. Borroughs in der Übersetzung von Carl Weissner veröffentlicht – offenbar nicht ohne Erfolg, liegt doch vor mir die mittlerweile 5. Auflage von 2018. (Die erste, als Neuauflage bezeichnete Ausgabe ist demnach 1995 erschienen; es scheint schon früher, 1979 (?), eine Ausgabe gegeben zu haben. Der deutschen Sammlung scheint keine US-amerikanische zu entsprechen. Mit Sicherheit kann ich das allerdings nicht sagen; die bibliografischen Angaben auf dem Vorsatzblatt sind ungefähr so verwirrend, wie die Stories selber.) Der Titel ist dabei so sinnvoll, wie die einzelnen Stories, denn mit Film haben alle irgendwie zu tun. Mit Film haben alle eigentlich nichts zu tun. Sie vermitteln dem Leser den Eindruck, dass hier einer im Kino sitzt, aber nicht weiss, welchen Film er da nun sieht.
Allen Stories ist gemeinsam, dass sie auf den Leser wirken wie niedergeschriebene Alpträume. Burroughs hatte für kurze Zeit bei Alfred Korzybski „General Semantics“ studiert, eine Wissenschaft (oder Pseudo-Wissenschaft – so sicher bin ich mir da nicht), die eine Art Selbsthilfe-Therapie anbietet. Bekannt ist Alfred Korzybskis Satz The map is not the territory (Die Karte ist nicht das Gelände), mit dem zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass, was wir wahrnehmen (= für wahr nehmen!) nur ein Abbild der Realität ist, nicht diese selber. „General Semantics“ will eine Anleitung dafür bieten, wie wir wenigstens partiell zur eigentlichen Realität vorstossen können.
Ich weiss nicht, wie weit William S. Borroughs von Alfred Korzybskis Theorie wirklich beeinflusst wurde, aber die hier vorliegenden Kurzgeschichten wirken allesamt so, als ob hier einer den Schleier der Maya gelüftet habe. Hinter dem Schleier verbergen sich Angst und Horror, konsequente Inkonsequenz der menschlichen Handlungen. Aber vielleicht ist der, der den Schleier gelüftet hat, auch nur verrückt geworden.
So weit ich sehe, liebt man entweder Borroughs’ Art, Geschichten zu schreiben, heiss und innig, oder man kann überhaupt nichts damit anfangen. Mir für meinen Teil sind diese Alpträume (die, im Gegensatz zu den Fragmenten Kerouacs keine „echten“ Träume sind – allenfalls durch Borroughs’ berüchtigten Drogenmissbrauch hervorgerufene Wachträume) – mir für meinen Teil also kommen diese Alpträume vor wie Einblicke in eine Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist. Man kann darin eine politisch motivierte Kritik an den USA sehen, hat das auch getan. Ich denke, dass Borroughs Absicht darüber hinaus ging. Aber so genau weiss ich das nicht; seine Geschichten gehen, offen gestanden, über meinen Horizont. Vielleicht bin ich einfach zu spiessbürgerlich für sie.

Zum Hören: