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- Geschrieben von Amira Hafner-Al Jabaji
- Veröffentlicht: 20. September 2015
Sie wollten sich nicht - auch nicht durch Gott - schwächen lassen, indem Er sie zu einer Vielzahl von Völkern machen und sie auf dem Erdball verteilen würde. Es scheint als habe der Mensch von Beginn weg Mühe mit der Akzeptanz von Vielfalt und Verschiedenheit und eine Abscheu und Angst davor zerstreut über den Erdball verteilt zu sein. Und so leisten die Menschen Widerstand. Widerstand gegen Gott und seinen Plan, die Menschen zu verschiedenen Völkern, Kulturen und Gemeinschaften zu machen. Im Koran, Sure 5, Vers 48 wird von diesem Plan ebenfalls berichtet: Da heisst es:
„..und wenn Gott es so gewollt hätte, Er hätte euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht...“.
Tiefer betrachtet ist es nicht die Sprachenvielfalt und die dadurch entstandene Verwirrung, welche die Ursache für die Schwächung des Menschengeschlechts
ist. Was die Menschen vielmehr schwächt, ist ihr Mangel an Demut, ihre Selbstüberschätzung, welche exemplarisch am Turmbau zu Babel beschrieben wird.
Der Genesis-Text legt aber auch nahe, dass die gemeinsame Sprache, der gemeinsame Codex, das Einander-Verstehen und der Konsens die Stärke der menschlichen Gemeinschaft ausmacht. Wir würden dem heute kaum widersprechen und stimmen wohl alle zu, dass Nichtverstehen, Missverstehen durch Uneineindeutigkeiten und die daraus entstehenden Interpretationsmöglichkeiten eine Schwächung für die Gemeinschaft bedeuten und dass das Zusammenleben dadurch komplizierter und unsicherer wird.
Ohne gemeinsame Sprache, so denken wir allgemein, gibt es auch keinen gemeinsamen Codex, keine gemeinsamen Werte und ergo keinen Konsens. Vielleicht ist da etwas dran, vielleicht stört und aber eigentlich mehr, dass ohne gemeinsame Sprache Hierarchien nicht funktionieren, gesellschaftliche Strukturen zerbröseln, Informationen nicht, falsch oder mehrdeutig weitergegeben und Verarbeitet werden.
Der Genesis Text scheint vordergründig die Botschaft zu verkünden: Ohne gemeinsame Sprache kann der Mensch keine grossen Taten vollbringen.
Nun müssen wir uns aber fragen, welches denn die grossen Taten des Menschen sind? Und wer urteilt über die Grösse der menschlichen Taten? Nehmen wir unseren menschlichen Massstab, so halten wir die materiellen Errungenschaften, unsere Infrastruktur, unserer Wehrhaftigkeit, die Wirtschaftkraft, die Effizienz unserer Gesellschaft und unseren Wohlstand für die wirklich grosse Taten. Und um sie zu erreichen, ist gemeinsame Sprache zweifelsohne wichtig, ja sogar sehr wichtig.
Aber ist sie auch das Wichtigste, insbesondere dann, wenn wir uns vor Augen halten, dass Gott die Taten der Menschen nach Seinen Massstäben beurteilt? Wie wichtig ist da noch gemeinsame Sprache? Für wie wichtig sollen wir unsere sprachliche ,kulturelle, ethnische und religiöse Einheit und Einigkeit in diesem Land halten, wo doch ganz offensichtlich Gottes Plan der menschlichen Vielfalt und Verschiedenheit immer unübersehbarer wird und für uns in der Schweiz immer klarer Realität ist?
Setzt Gott mit seinem Plan der Vielfalt die einigende Herkunft des Menschen ausser Kraft? Mitnichten. Doch wie wollen wir mit dieser Ambivalenz von Vielfalt und Gemeinsamkeit des Menschengeschlechts umgehen?
Der Text aus der Apostelgeschichte mag hier eine Antwort liefern: Hier wird nun die Vielfalt der Sprache nicht als Schwächung, sondern als Privileg, als Segen und Wunder Gottes beschrieben.
Anders als im Genesis –Text, wo die Sprachenvielfalt durch Gottesferne zustande kommt, ist sie im Text des 2.Testaments ein Ausdruck der Gottesnähe.
Ich glaube nicht, dass sich hier die Bibeltexte widersprechen oder dass der eine Bibeltext glaubwürdiger wäre als der andere.
Wie so oft in unseren heiligen Schriften, auch im Koran, legen uns diese Texte nahe uns stetig mit der Ambivalenz unseres Seins auseinanderzusetzen. Ambivalenz auszuhalten ist die beste Vorbeugung gegen Verabsolutieren und damit gegen Fanatismus und Intoleranz.
In der Apostelgeschichte wird der Vielheit der Sprachen die Einheit der Botschaft gegenüber gestellt.
Der Text endet inhaltlich dort, wo der Genesis-Text beginnt:
„...wir hören sie in unseren Sprachen Gottes grosse Taten verkünden.“ , heisst es.
Die gemeinsame Herkunft ist immer auch die gemeinsame Hinkunft des Menschen. Dies ist die Klammer, die all unsere Verschiedenheit zusammenhält.
In allen Religionen ist das Verkünden Gottes grosser Taten zentral. Es soll uns alle dazu ermahnen demütig, gerecht, milde, freundlich, mitfühlend und barmherzig zu sein .
Sprache und die damit versandten Botschaften können sowohl das Beste der Menschen wie auch ihr Schlechtestes hervorbringen. Mit Worten können Schmerz, Leid und gar Gewalt erzeugt werden. Aber auch Besänftigung, Trost, Mut und Frieden werden durch Sprache erwirkt.
Bei aller Ambivalenz, die manchmal schwer auszuhalten ist, mag uns der islamische Mystiker Jalaluddin Rumi (gestorben 1273 n.Chr.) eine tiefe und hilfreiche Einsicht mitgeben, wenn er sagt:
„Die Sprache Gottes ist das Schweigen. Alles andere ist dürftige Übersetzung.“