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Der Artikel von Christian Burr-Furrer, Flavia Huber, Andrea Zwicknagl, Christian Feldmann und Andréa Winter nimmt als Ausgangspunkt den «Trialog», ein wichtiges Konzept, das seit Ende der 80iger-Jahre im deutschen Sprachraum Einzug gehalten hat. Aus der Universitätsklinik Hamburg stammend hat es in Österreich und auch in der Schweiz, jedoch bisher bedauerlicherweise weniger im Französisch sprechenden Landesteil, Einzug gehalten. Die Hauptidee dieses Ansatzes sieht «Psychoseseminare» vor, während derer sich Betroffene, Angehörige und Fachleute vereint sehen, um gemeinsam alltagsrelevante Fragen zu erörtern, die sich aus den psychischen Krankheiten der betroffenen Teilnehmer ergeben. Dieser Ansatz belegt das bereits damalige Verständnis für psychische Erkrankung, gemeindenaher und destigmatisierender Psychiatrie, die sich mit Betroffenen und Angehörigen auf Augenhöhe sieht und mit ihnen wichtige Sinnaspekte der Störung, wie «Recovery» und Reintegration in das Arbeitsleben vorsieht.
Dieser Ansatz schien in den 90iger-Jahren umso revolutionärer, als die psychiatrische Wirklichkeit die Stimme der Betroffenen nur selten zu Wort kommen liess. Dreissig Jahre später sind viele Aspekte der gemeindenahen Sozialpsychiatrie in allen Regionen der Schweiz umgesetzt worden. Wichtige Ansätze jedoch, wie die Inklusion der Betroffenen in die Gestaltung und Organisation der psychiatrischen Institutionen, werden häufig noch nicht genügend eingeführt. Ein weiterer Aspekt, der von Herrn Professor Bock, einem der Mitbegründer dieses Ansatzes, verfochten wird, ist die Sprache des Faches, die sich auf eine Co-Konstruktion mit den Betroffenen stützen sollte: «Im Vordergrund muss stehen, die Sprache des Erkrankten ernst zu nehmen, sich auf diese Sprache einzulassen und unsere Fachsprache hintanzustellen. Wir brauchen eine gemeinsame Sprache und nicht eine medizinische Fremdsprache» (Interview Thomas Bock, Deutsches Ärzteblatt, 2015).
Die Biographie der namhaften Mitbegründerin der Bewegung, Frau Dorothea Buck (geboren 1917) spricht ihre eigene Sprache. Aufgrund der Diagnose einer Schizophrenie (Bethel, 1936) wurde sie unter der NS-Diktatur noch im selben Jahr in Bethel als 19 jährige zwangssterilisiert. Sie war später als Bildhauerin tätig und eine bedeutende Persönlichkeit der Bewegung «Psychiatrie-Erfahrener», die in Europa eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Psychiatrie spielte. Eine prägende Erfahrung während ihres Aufenthalts in der Psychiatrie in Frankfurt (1943), war die «Sprachlosigkeit» und die fehlende Kommunikation zwischen Betroffenen und Fachkräften. Sie konnte Ihr eigenes Erleben während des Nationalsozialismus in der Psychiatrie in die Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen zur Entstigmatisierung einbringen: «Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äusseren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern» (Zitat Dorothea Buck).
Neben den Betroffenen und den Fachleuten spielen in den Psychose-Seminaren auch Angehörige eine zentrale Rolle. Ob Eltern oder Kinder der Betroffenen, sie erleben die Erkrankung häufig als bedrohlich, weil ihnen gezielte Informationen fehlen und sie sich auch heute noch selten als aktive Teilnehmer des therapeutischen Prozesses erleben. Diese Angehörigen stehen aus diesem Grund einem Austausch mit dem Ziel der Kontext- und Sinnfindung häufig sehr offen gegenüber und zeigen Interesse an den beschriebenen Seminaren.
Die Beschreibung des Status quo dieses interessanten Ansatzes in der Schweiz kann uns weit über den Psychosebereich hinaus wichtige Impulse für eine innovative und für Betroffene sowie Angehörige verständliche und sinngebende und destigmatisierende Psychiatrie vermitteln.
Der Artikel von Joel M.Walder und Koautoren nimmt die Frage der Eugenik auf, die, wie oben erwähnt, bei der Bewegung «Psychiatrie-Erfahrener» eine zentrale und schmerzliche Rolle gespielt hat. Dieser Übersichtsartikel, in dem die Literatur detailliert gesichtet wird, zeigt eine Kontinuität des Nationalsozialistischen Gedankenguts bis in die 1990er-Jahre auf. Es ist die Rede von einem gewissen «eugenischen Impuls» der das Denken und Handeln in der Behandlung psychisch kranker Frauen möglicherweise bis in die heutige Zeit (allerdings nicht mehr ideologiebezogen) beeinflusst. Der Erfahrungsbericht von Frau Oberholzer mit einem kritischen Blick auf die Psychiatrie zeigt ebenfalls, inwiefern die Zeitschrift SANP auch eine sinnvolle Plattform für den Wandel der Psychiatrie in der Schweiz darstellen kann, indem sie die wichtige Nachricht einer Betroffenen mitteilt: Die Autorin bittet die Therapeuten, sie als eine zentrale Mitspielerin für ihre Gesundung zu sehen, statt sie auf ihre Symptome zu reduzieren. In ihrer Übersichtsarbeit zeigen Mohamed Eshmaweya, Daniele Zullino und Julius Popp, inwiefern Depression und Delirium bei Patienten assoziiert sein können. Sie liegen oft als schwierige Differentialdiagnosen vor, deren Unterscheidung jedoch für die richtige und spezifische Behandlung unabdingbar ist. Der Artikel von Amit Bagaria, et al. gibt einen Überblick über die klinischen Kriterien und diagnostischen Symptome des Wildervanck Syndroms, auch Cervico-Oculo-Acoustic Syndrom genannt. Rainer Schaefert et al. nehmen eine Bestandsaufnahme vor und geben eine inhaltliche Orientierung zu funktionellen Körperbeschwerden und somatischen Belastungsstörungen. Komla Nyinèvi Anayoa und Mitautoren schreiben über die seltenen bithalamischen Infarkte, verursacht durch eine Okklusion einer Normvariante, der Arteria Percheron. Angesichts eines plötzlich einsetzenden Komas scheint es demnach unerlässlich, ein dringendes zerebrales Diffusion-MRT durchzuführen, um die Diagnose dieser spezifischen bilateralen Thalamus-Ischämie nicht zu übersehen. Mit einem Fallbeispiel legen Monika Müller und Daniele Zullino eine akute Ischämie bei einer jungen Frau mit Drogenabhängigkeit anhand von konkreten Fragen dar. Catharina Lammer und Co-Autoren analysieren den Film «Gridlock» (1997), der das Leben von Menschen mit Opiatabhängigkeit beschreibt. Der Film hebt die bürokratischen Labyrinthe und die Ineffizienz des Gesundheitssystems für diese am stärksten marginalisierten Gruppen unserer Gesellschaft hervor und bietet damit Denkanstösse für die Gestaltung unserer Arbeit. Schliesslich befragt Karl Studer in einem Interview Frau Dr Erb aus St. Gallen über die Herausforderungen und die Möglichkeiten einer Chefärztin der KJPP. Die Aktualität des Interviews richtet den Fokus auf den Wandel des Fachs, die Erwartungen sowie die spezifischen Rollen der Fachpersonen in einem multidisziplinären Team.
Dieses Heft bietet somit viele interessante Berichte und regt dazu an, sich mit der Geschichte der Neurologie und Psychiatrie und deren Einfluss auf die heutigen Strömungen und den noch ausstehenden Änderungen zu beschäftigen.
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