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Das Fürstentum L. existiert seit 1806 als unabhängiger, 160 km2 umfassender Kleinstaat mit Hauptort Vaduz und besteht aus elf Gemeinden. Als Nachbarland der Schweiz und Österreichs grenzt es an die Kt. St. Gallen und Graubünden und ans Bundesland Vorarlberg. Um 1600 ca. 3'800 Einw.; 1784 4'317; 1812 5'797; 1852 8'162; 1901 7'531; 1950 13'757; 1980 25'215; 2000 32'863. L.s Bevölkerung ist zu vier Fünfteln katholisch, seit 1921 steht die röm.-kath. Kirche als Landeskirche unter staatl. Schutz.
Erste Hinweise auf die Anwesenheit von Menschen in L. stellen Steingeräte vom Belzebühl bei Eschen aus der Mittelsteinzeit dar. Ab der mittleren Jungsteinzeit war L. besiedelt, wie ein Schuhleistenkeil der Grossgartacher-Kultur vom Malanser und ein tiefstichverzierter Becher mit Schnurösen der Rössener-Kultur vom Gutenberg belegen. Da die Täler versumpft waren, wurden v.a. die Hügelkuppen des Eschnerberges besiedelt, z.B. der Borscht, der Malanser und das Lutzengüetle, auf dem Ende des 5. Jt. v. Chr. Menschen der Lutzengüetle-Gruppe wohnten. Von der Siedlungstätigkeit während der Pfyner- und der Horgener-Kultur (4. Jt. v.Chr.) zeugen Pfostenlöcher, Gruben und Herdstellen. Auf dem Lutzengüetle wurden Steinbeile und Knochennadeln hergestellt. Gräber aus dieser Zeit sind in L. nicht bekannt. Die neolith. Bewohner L.s betrieben Ackerbau und Viehwirtschaft und standen mit Menschen im bündner., ostschweiz., süddt. und südalpinen Raum in Verbindung.
In der Bronzezeit nahm die Anzahl Siedlungen wegen einer Klimaänderung und wohl auch wegen der Suche nach Erzvorkommen zu. Nun wurden auch die Hangterrassen und Hügelkuppen am Drei-Schwestern-Massiv bewohnt - u.a. Nendeln-Sägaweiher (Gamprin), der Krüppel ob Schaan und die Kohlera bei Planken - und höhere Alpenregionen begangen, wie ein Hockergrab in der Höhle Girenstein auf 1900 m und Waffen wie Lanzen und Beile aus dem Hochtal Malbun belegen. Aus jener Zeit sind das Grab eines Kriegers in Gamprin-Au und Spuren von Brandgräbern in Vaduz und auf dem Runden Büchel in Balzers bekannt. Kult. Handlungen dürften im Schellenberger und Ruggeller Riet ausgeübt worden sein, wo Schmuck und Waffen deponiert wurden. In der Spätbronzezeit verstärkten sich Einflüsse der inneralpinen Laugen-Melaun- und der süddt. Urnenfelderkultur. Trotz des Gussformfundes auf dem Borscht lebten die Bewohner von L. wohl weiterhin von Landwirtschaft. Am Eschnerberg hielten sie erstmals Pferde.
In der Eisenzeit bildete sich die regionale Kultur der Alpenrheintalgruppe, die Tamins- und Schneller-Keramik hervorbrachte. Ob ihre Träger Räter oder Kelten waren, ist unklar. In der älteren Eisenzeit wurde der Borscht zu einem mit Ringwall befestigten Refugium ausgebaut. Aus der mittleren und jüngeren Eisenzeit sind vereinzelte Hüttengrundrisse und ein Gräberfeld mit 30 Brandgräbern auf dem Runden Büchel in Balzers erhalten. Die Brandopferplätze auf dem Schneller und dem Gutenberg wurden anscheinend in der gesamten Eisenzeit aufgesucht. Auf dem Gutenberg wurden neun bronzene Votivfiguren aus der Zeit vom 5. bis zum 1. Jh. v.Chr. gefunden, von denen sieben Menschen und je eine einen Eber und einen Hirsch darstellten. Mit dem Handel über die Alpen gelangten Elemente der Golasecca-Kultur nach L. In der mittleren und jüngeren Eisenzeit wuchs der kelt. Einfluss aus dem süddt. Raum, was an der Graphittonkeramik, dem Glas- und Bronzeschmuck und den Fibeln ersichtlich ist. Republikan. Münzen weisen auf Handel mit den Römern, Schlackefunde aus dem Malbun und vom Borscht auf Eisenverarbeitung hin.
Autorin/Autor: Ulrike Mayr
Nach dem Alpenfeldzug von Drusus und Tiberius 16-15 v.Chr. wurde die Region Teil der röm. Provinz Raetia. Als Neuerungen wurden u.a. das Mörtelmauerwerk im Hausbau, der Sommer- und Winteranbau sowie die Walnuss in der Landwirtschaft eingeführt, und die lat. Sprache bürgerte sich ein. Aus der Frühzeit der röm. Herrschaft in L. sind zwei Legionärshelme vom Typ Hagenau aus Schaan und augusteische Münzen überliefert. In fast allen Gemeinden entstanden um 100 n.Chr. röm. Gutshöfe. In Balzers entwickelte sich damals eine grössere Siedlung; vielleicht - darauf könnten die vielen Pferdeknochen im Fundmaterial hindeuten - handelte es sich dabei um eine Strassenstation. Die unruhigen Zeiten des 3. und 4. Jh. führten zum Bau einer Fluchtsiedlung auf dem Krüppel ob Schaan und eines Kastells in Schaan. Ende des 4. Jh. waren offenbar alle Villen wegen der germ. Überfälle und der bestehenden polit. Unsicherheit verlassen. Die ab dem 5. Jh. um die Kirchen St. Peter in Schaan, St. Martin in Eschen, St. Maria in Bendern und St. Peter und Paul in Mauren gewachsenen Siedlungen zeugen aber von einer kontinuierlichen rom. Besiedlung.
Im 7. Jh. wanderten alemann. Sippen ein und bildeten zunächst von den Einheimischen getrennte Gruppen, die ihre Gräber (in Eschen und Schaan) reich mit Waffen und Schmuck ausstatteten. Auf ihre spätere Christianisierung deuten die fast beigabenlosen alemann. Gräber auf dem Runden Büchel aus dem 8. Jh. hin.
Autorin/Autor: Ulrike Mayr
Mit der fränk. Grafschaftsverfassung 806 kam das Gebiet des heutigen L.s zu Unterrätien, wobei der südl. Teil (heutiges Oberland) zum ministerium in planis, der nördl. (Unterland) zum ministerium vallis drusiana (Walgau) zählte. Kirchlich gehörte das Unterland zum Drusian. Kapitel des Bistums Chur, das Oberland zum Kapitel Unter der Landquart, dem 1370 auch das Unterland angeschlossen wurde. 1717-1808 bildete L. ein eigenes Kapitel im Dekanat Walgau. Güter und kirchl. Rechte hatten u.a. die Klöster Pfäfers, St. Luzi in Chur, St. Johann im Thurtal, das Stift Schänis und das Churer Domkapitel inne. Die Pfarrei Bendern umfasste bis 1637 auch schweiz. Gebiet.
Das churrät. Reichsgutsurbar (um 840) verzeichnet in L. Besitz des fränk. Reichs und des Klosters Pfäfers. 917 kam Churrätien zum Herzogtum Schwaben im Hl. Röm. Reich, dem L. bis 1806 angehörte. Nach Erbteilungen der ab 1182 in Unterrätien regierenden Gf. von Montfort bildeten sich rechtsrheinisch unterhalb der St. Luzisteig bis zum Schaaner Riet und um den Eschnerberg die Gerichtsgem. Vaduz und Schellenberg, in denen bis 1317 die Herren von Schellenberg begütert waren. Vor 1300 liessen sich Walser auf dem Triesnerberg nieder; sie verloren im frühen 17. Jh. ihre Freiheitsrechte. 1258 kamen Vaduz und der südl. Teil Schellenbergs an die Gf. von Werdenberg-Sargans, die 1342 den Besitz teilten. Damit entstand die Grafschaft Vaduz mit Sitz der Landesherren auf der Burg Vaduz. Die Habsburger, die ab 1322 die Herrschaften Vorarlbergs vereinnahmten, gelangten 1309/14 in den Besitz der Herrschaft Gutenberg in Balzers und blieben dies bis 1824.
1396 bestätigte Kg. Wenzel in Prag die Grafschaft Vaduz (mit Schellenberg) als Reichslehen. Dessen landesherrl. Privilegien wurden im 15. und 16. Jh. bestätigt und erweitert. Die sich festigende Landeshoheit war allerdings der Sogwirkung der in der Nachbarschaft entstehenden Bündnisse ausgesetzt. Landammann und Leute am Eschnerberg (Schellenberg) gehörten 1405-08 dem Bund ob dem See (mit Appenzell und St. Gallen) an.
1416 erwarben die Frh. von Brandis vom letzten Werdenberger Gf. zu Vaduz, dem mit ihnen verwandten Churer Bf. Hartmann, insbesondere Vaduz sowie den südlichen und 1430-37 den nördl. Teil Schellenbergs. Damit war die heutige Gebietseinheit geschaffen. Im 15. Jh. wurden L. und seine Einwohner in die Appenzellerkriege (1405-08), den Streit um das Toggenburger Erbe (Alter Zürichkrieg) und den Schwabenkrieg (1499) involviert und schwer geschädigt. Die Eidgenossenschaft expandierte mittels Bündnissen und späterer Übernahme der adligen Herrschaften Sargans, Werdenberg und Sax bis zum Rhein, der ab 1500 die Grenze zu den Herrschaften Vaduz und Schellenberg bildete. Jenseits des mittels Fährten und Furten überwundenen Grenzflusses besassen die vaduz. Untertanen bis 1853 beträchtl. Güter in Werdenberg. Umgekehrt stammten die meisten Gläubiger der Landschaften Vaduz und Schellenberg um 1700 aus Bünden. Um den Rhein entwickelten sich aber auch Wuhrstreitigkeiten zwischen den Gem. L.s und den linksrhein. eidg. Gemeinden, die bis ins frühe 19. Jh. dauerten. Die Liechtensteiner Obrigkeit fürchtete sporadisch das Übergreifen von Unruhen (1719-22) oder revolutionären Ideen (1790 bzw. 1798) aus der Eidgenossenschaft.
1510 verkaufte Johannes von Brandis, Dompropst in Chur, Vaduz und Schellenberg an seinen Neffen Rudolf von Sulz. Die Gf. von Sulz wehrten reformator. Einflüsse aus der Bündner Nachbarschaft ab und unterdrückten Bauernunruhen. Ab 1513 wurde das in Vaduz und Schellenberg bis 1808 gültige Gewohnheitsrecht, der sog. Landsbrauch, schriftlich erfasst. Die beiden Landschaften wählten aus dem Dreiervorschlag des Landesherrn je einen Landammann, der u.a. den Vorsitz beim zweimal tagenden Gericht innehatte. Die Rechtsstellung der Einwohner vereinheitlichte sich bis 1500 zu einer milden, bis 1808 dauernden Leibeigenschaft.
Karl Ludwig von Sulz veräusserte 1613 Vaduz und Schellenberg an seinen Schwiegersohn, den Gf. Kaspar von Hohenems; der ebenfalls interessierte Fürstabt von St. Gallen ging leer aus. Das 17. Jh. war von Misswirtschaft, Pest und Hexenverfolgungen sowie von Plünderungen und Brandschatzungen während des Dreissigjährigen Kriegs und der Bündner Wirren geprägt. 1693 bot der verschuldete Jakob Hannibal von Hohenems den Drei Bünden die südl. Vaduzer Gem. zum Kauf an. Auf Vorstellungen der Bevölkerung hin setzte das Hl. Röm. Reich den Grafen ab und schrieb zur Schuldendeckung die Landschaften Schellenberg und Vaduz zum Kauf aus. Diese gelangten 1699 bzw. 1712 an den Fürsten Hans-Adam I. von L., der die reichsunmittelbaren Gebiete brauchte, um Einsitz auf Reichs- und Kreistagen zu erlangen. Kaufinteresse hatten u.a. auch der Fürstabt von St. Gallen und der Fürstbf. von Chur gezeigt. 1719 erhob Ks. Karl VI. Vaduz und Schellenberg zum Reichsfürstentum L.
Autorin/Autor: Arthur Brunhart
1806 wurde L. Mitglied des Rheinbundes und erlangte dadurch die Souveränität. 1808 vereinte Fürst Johann I. die gesamte Staatsgewalt in der Person des Fürsten. Die Verwaltung L.s übernahm das Oberamt in Vaduz, dem ein vom Fürsten berufener ausländ. Landvogt vorstand. Während des damit einhergehenden Modernisierungsschubs wurde 1805 die Schulpflicht eingeführt, 1807 eine Steuerordnung erlassen, 1809 das Grundbuch geschaffen und 1812 das Allg. Bürgerl. Gesetzbuch Österreichs übernommen.
Der Dt. Bund nahm L. 1815 auf. 1818 erliess Johann I. eine spätabsolutist. landständ. Verfassung. Die Revolution von 1848 zielte auf polit. Veränderung und wirtschaftl. Liberalisierung. Im Mai 1849 gestand Fürst Alois II. der Bevölkerung mehr polit. Rechte zu, die er jedoch 1852 wieder zurücknahm. Im gleichen Jahr schloss L. den Zoll- und Steuervereinsvertrag mit Österreich. Die 1862 von Fürst Johann II. erlassene Verfassung machte L. zur konstitutionellen Monarchie; Parlament, Regierung und Gericht beschränkten fortan die fürstl. Macht. Die Volksvertretung (Landtag) bestand aus 15 Abgeordneten, von denen drei vom Fürsten ernannt und zwölf von den Bürgern indirekt bzw. ab 1918 direkt gewählt wurden. Der vom Fürsten ernannte Landesverweser - von 1862 bis 1921 immer ein Österreicher - stand der Regierung vor.
Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns führte auch in L. zu einer innen- und aussenpolit. Neuorientierung. 1918 wurden als erste Parteien die Christlich-soziale Volkspartei und die Fortschrittl. Bürgerpartei gegründet. Die Verfassung von 1921 knüpfte an jene von 1862 an und führte die Volksinitiative und das Referendum nach schweiz. Vorbild ein. Sie verankerte die Staatsgewalt in Fürst und Volk (Dualismus); der Staat wurde als "konstitutionelle Erbmonarchie auf demokrat. und parlamentar. Grundlage" (Art. 2 Landesverfassung) definiert. Der Landtag (Parlament) bestand zunächst aus 15 Abgeordneten, die im Majorz bzw. ab 1939 im Proporz gewählten wurden. 1984 wurde das Frauenstimmrecht per Volksabstimmung eingeführt, 1988 die Zahl der Abgeordneten auf 25 erhöht. Die Kollegialregierung setzte sich aus drei, seit 1965 aus fünf (bis 2003 gebürtigen) Liechtensteinern zusammen, die der Fürst auf Vorschlag des Landtages ernennt. Die Zivil- und Strafgerichtsbarkeit üben das Landgericht, das Obergericht und der Oberste Gerichtshof aus. Die Verwaltungsgerichtsbarkeit ist der Verwaltungsbeschwerdeinstanz (ab 2003 Verwaltungsgerichtshof) und die Verfassungsgerichtsbarkeit dem Staatsgerichtshof zugeordnet. Der Landesfürst ist Staatsoberhaupt und vertritt den Staat nach aussen. Gesetze bedürfen seiner Sanktion. Das Not-, das Begnadigungs- und das Abolitionsrecht (Recht der Niederschlagung von Strafverfahren) stehen ihm zu. Ebenso kann er den Landtag auflösen.
1938 trat Fürst Franz Josef II. die Thronfolge an und siedelte von Wien nach Vaduz über, das zur dauernden Residenz der Fürsten von L. wurde. Nach seinem Tod übernahm Fürst Hans-Adam II. 1989 die Regentschaft. 2004 betraute dieser den Erbprinzen Alois mit der Ausübung der ihm zustehenden Hoheitsrechte.
1992 kam es wegen Uneinigkeit zwischen Fürst und Regierung über den Termin der Abstimmung zum EWR-Beitritt - für diesen sprach sich das Volk 1992 und 1995 aus - zu einer Staatskrise. Ab diesem Jahr wurden Verhandlungen zwischen Fürstenhaus, Regierung und Parlament über eine Novellierung der Verfassung von 1921 geführt. 2003 nahm das Volk nach einer hitzig geführten Abstimmungsdebatte die vom Fürsten vorgeschlagene Verfassungsrevision mit einer Mehrheit von knapp zwei Dritteln an. Neu eingeführt wurde das Recht der Gemeinde, aus dem Staatsverband auszutreten, das Misstrauensverfahren gegen den Landesfürsten und das Monarchieabschaffungsverfahren. Geändert wurden die Modalitäten der Richterbestellung und der Amtsenthebung der Regierung bzw. einzelner Regierungsmitglieder. Beseitigt wurde die Kompetenz des Staatsgerichtshofes als Entscheidungsinstanz bei Streitigkeiten zwischen Regierung und Landtag über die Auslegung einzelner Verfassungsbestimmungen. Fürst oder Landtag können nun jederzeit die Regierung entlassen, der Fürst wirkt massgeblich bei der Richterbestellung mit. Die politische Stellung des Monarchen wurde insgesamt gestärkt. Die im In- und Ausland kristisierte Verfassungsrevision beschäftigte auch den Europarat. Den Antrag des Monitoringkomitees, ein Monitoringverfahren für L. einzuleiten, lehnte die Parlamentar. Versammlung im Jan. 2004 ab. Stattdessen soll ein „Dialog“ mit L. geführt werden, um die verfassungsrechtl. und polit. Praktiken des Landes nach dem Inkrafttreten der neuen Verfassung auf ihre Übereinstimmung mit den demokrat., rechtsstaatl. und grundrechtl. Prinzipien des Europarates zu überprüfen.
1997 trennte Papst Johannes Paul II. das Territorium L.s vom Bistum Chur ab und errichtete die zehn Pfarreien umfassende Erzdiözese Vaduz, um den Churer Bischofsstreit zu lösen. Der umstrittene Churer Bf. Wolfgang Haas, ein Liechtensteiner, wurde erster Erzbischof. Gemäss Verfassung ist die röm.-kath. Kirche die Landeskirche und geniesst als solche den vollen Schutz des Staates.
Bis 1921 bestimmte der Fürst die Aussenpolitik, die durch die Mitgliedschaften im Rheinbund und im Dt. Bund sowie durch den 1852-1919 gültigen Zoll- und Steuerverein mit Österreich geprägt war. Mit dem Kt. St. Gallen wurden 1837 und 1847 Vereinbarungen über die Rheinkorrektion getroffen, mit der Schweiz 1838 ein Freizügigkeitsabkommen und 1874 ein Niederlassungsvertrag abgeschlossen. L. koordinierte 1911 mit Österreich den Post-, Telegrafen- und Telefondienst, gab aber ab 1912 eigene Briefmarken aus. Im 1. Weltkrieg blieb L., das 1868 die Armee abgeschafft hatte, neutral, hatte jedoch grosse Schwierigkeiten mit der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung. Nach dem Kriegsende musste sich L. um die Anerkennung seiner Neutralität und Souveränität bemühen. Sein Gesuch um Aufnahme in den Völkerbund wurde 1920 abgelehnt, lediglich die Schweiz stimmte ihm zu. Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns kündigte L. 1919 den Zollvertrag mit Österreich und intensivierte die Beziehungen zur Schweiz, die ab 1919 seine diplomat. und konsular. Interessen vertrat. 1920 wurde ein Postvertrag (1999 aufgelöst), 1923 ein Zollanschlussvertrag unterzeichnet. L. beteiligte sich an einigen Konkordaten der Schweizer Kantone und arbeitete eng mit den Kt. Graubünden und St. Gallen sowie dem Bundesland Vorarlberg zusammen. Erste liechtenstein. Gesandtschaften wurden in Bern (1919-33, ab 1944) und Wien (1919-23, ab 1983) eingerichtet. Später folgten Vertretungen beim Hl. Stuhl (1985), in Berlin (1999), Washington (2000), beim Europarat (1978), bei der UNO (1990), bei der EFTA (1991) und anderen internat. Organisationen und Organen. Die Schweiz hat keine Vertretung in L. Der Bundesrat ernannte 2000 einen nichtresidierenden Botschafter in L. Mit Österreich pflegt L. enge Beziehungen in den Bereichen Rechtshilfe, soziale Sicherheit und Bildungswesen. 1950 wurde L. Mitglied des Internat. Gerichtshofs in Den Haag, 1978 des Europarats, 1990 der UNO, 1991 der EFTA ( seit 1960 assoziiertes Mitglied), 1994 des GATT, 1995 des EWR (ab 1972 war L. ins Freihandelsabkommen Schweiz-EWG einbezogen) und der WTO.
Bei den Landtagswahlen 1922 gewann die Christl.-Soziale Volkspartei die Mehrheit der Sitze. In ihre Regierungszeit fielen 1923 der erw. Zollanschlussvertrag, der die Übernahme vieler schweiz. Rechtsvorschriften nach sich zog, sowie die Neugestaltung des Sachenrechts nach schweiz. Vorbild und 1924 die Einführung des Frankens als liechtenstein. Währung. Mit dem Personen- und Gesellschaftsrecht (PGR) legte L. 1926 den Grundstein für den Finanzplatz, der einen bedeutenden Teil zu den Staatseinnahmen beiträgt. Als polit. Folge der sog. Sparkassa-Affäre 1928, in die u.a. der Präsident der Volkspartei verwickelt war, verdrängte die Bürgerpartei die Volkspartei von der Macht, die sie bis 1970 behaupten konnte. Die neue Regierung musste hauptsächlich den Wiederaufbau nach den verheerenden, durch einen Bruch des Rheindamms bei Schaan verursachten Überschwemmungen von 1927 und die Wirtschaftskrise bewältigen. 1939/1949 trat L. der Schweiz, die diesbezüglich grossen Druck ausübte, aus militär. Gründen Staatsgebiete an der Grenze zu Graubünden (u.a. am Ellhorn und Fläscherberg) gegen eine finanzielle und territoriale Entschädigung ab.
Die 1930er Jahre waren von heftigen innenpolit. Auseinandersetzungen geprägt; es ging um Arbeit, Proporz und ideolog. Ausrichtung. 1936 schloss sich die eher liberale Volkspartei mit dem 1933 gebildeten ständestaatl.-autoritären Liechtensteiner Heimatdienst zur neuen Partei Vaterländ. Union zusammen. Unter dem Eindruck des Anschlusses Österreichs an Hitlerdeutschland gingen Bürgerpartei und Vaterländ. Union 1938 eine Koalition ein, womit die polit. Befriedung auch für die Kriegszeit gelang. Die offen nationalsozialist. Volksdt. Bewegung in L. verfolgte 1938-45 den Anschluss ans Dritte Reich, doch der Putschversuch, den sie in Absprache mit der Feldkircher SA am 24.3.1939 organisiert hatte, scheiterte am Widerstand von Regierung und Bevölkerung. Die Beziehungen zur Schweiz halfen, die Kriegsjahre politisch und wirtschaftlich relativ gut zu überstehen. L. führte nach 1945 die Sozialversicherungen nach schweiz. Vorbild ein, 1954 die AHV, 1958 die Familienausgleichskasse, 1960 die Invaliden- und 1969 die Arbeitslosenversicherung. 1981 schloss L. einen Währungsvertrag mit der Schweiz. Neue polit. Parteien entstanden, darunter die Christl.-Soziale Partei (1962-74) und die Freie Liste (1986, seit 1992 im Landtag vertreten). Andere Splitterparteien nahmen entweder nicht an den Wahlen teil oder waren nicht stark genug, um ein Mandat zu erringen.
Bis Anfang des 20. Jh. lebte L. vorwiegend von der Agrarwirtschaft. Wirtschaftl. Krisen führten ab 1850 zu Auswanderungswellen, meist in Richtung Nord- und Südamerika. Ab 1861 setzte v.a. in der Textilbranche die Industrialisierung ein. 1872 wurde die Eisenbahnlinie Feldkirch-Buchs eröffnet. Mit dem steilen wirtschaftl. Aufschwung nach 1945 verschob sich die industrielle Produktion schwerpunktmässig auf hochtechnolog. Bereiche wie Befestigungstechnik (Hilti AG), Heiz- und Lufttechnik (Hoval AG), Vakuumtechnologie (OC Oerlikon Balzers AG), Präzisionsmechanik (ThyssenKrupp Presta AG), Zahnheilkunde (Ivoclar-Vivadent AG), Convenience food (Hilcona AG) oder Elektronik (Neutrik AG). Die Zahl der in L. Erwerbstätigen stieg von 1950 bis 2005 von 6'338 auf 30'170 an. 2005 stellte der 3. Sektor 54,8%, der 2. Sektor 43,9% und der 1. Sektor 1,3% der Arbeitsplätze. L. entwickelte sich zu einem internat. Finanzplatz. Das betreute Kundenvermögen der Banken betrug 2005 128'719 Mio. Fr. Die durch das PGR ermöglichten Unternehmensformen und die günstige Steuerbedingungen veranlassten ausländ. Unternehmen, ihre Hauptsitze und Holdinggesellschaften in L. anzusiedeln. Den Missbräuchen (Geldwäscherei, Steuerbetrug usw.) versuchte L. auf Druck von aussen wiederholt mit Gesetzesreformen entgegenzuwirken, sodass der Finanzplatz seit dem ausgehenden 20. Jh. eine Entwicklung vom Offshore- zum Onshoregeschäft durchlief.
Mit dem Aufschwung wurde L. zum Einwanderungsland. 2005 war gut ein Drittel der Wohnbevölkerung ausländ. Nationalität, ein Drittel davon Schweizer. Von den insgesamt 30'170 Erwerbstätigen waren 2005 rund zwei Drittel Ausländer und ein Drittel Liechtensteiner. Knapp die Hälfte waren Zupendler, grösstenteils aus Österreich und der Schweiz, während die Wegpendlerzahl gering war. 2004 wohnten 2'612 Liechtensteiner im Ausland, davon 1'626 in der Schweiz. 2005 beschäftigten liechtenstein. Firmen 28'905 Mitarbeiter jenseits der Landesgrenzen. An erster Stelle des liechtenstein. Exportvolumens der 31 Mitgliedsunternehmen der Liechtenstein. Industrie- und Handelskammer aus dem Industriesektor stand 2005 der EWR (44,1%), gefolgt von Asien/Pazifik (23,8%), Amerika (18,1%) und der Schweiz (11,7%). Der Staatshaushalt belief sich 2005 auf 733,2 Mio. Fr. laufenden Aufwand und 858 Mio. Fr. laufenden Ertrag. Die Schweiz hatte durch den Zollanschlussvertrag, die engen und vielfachen Vertragsbeziehungen und durch die aussenpolit. Einbettung L.s wesentl. Anteil an dessen wirtschaftl. Aufschwung.
Zusätzlich zu den berühmten Fürstl. Sammlungen, die Hauptwerke europ. Kunst aus vier Jahrhunderten umfassen (seit 2004 zum Teil im Liechtenstein-Museum in Wien ausgestellt), weist L. ein breites Angebot an Museen auf (Postmuseum 1936, Landesmuseum 1954, staatl. Kunstsammlung 1968, Skimuseum 1993, Kunstmuseum 2000, versch. Dorf- und Spezialmuseen). Die Landesbibliothek (1961), die Musikschule (1963) und das Theater am Kirchplatz (1970) tragen ein reiches kulturelles Leben mit, das von der Pflege des Brauchtums bis zur modernen Kunst reicht.
L. verfügt über ein begrenztes Ausbildungs- und Lehrangebot auf Hochschulniveau, nämlich das Liechtenstein-Institut (1986), die Internat. Akademie für Philosophie (1986), die Univ. für Humanwissenschaften (2000) und die Hochschule Liechtenstein (2005). Dank bilateraler Verträge mit der Schweiz und Österreich können Liechtensteiner an den dortigen Universitäten und Fachhochschulen studieren, was die meisten der rund 750 Studierenden (2004/05) taten. Die Lehrer- und die Berufsausbildung erfolgt mehrheitlich an schweiz. Ausbildungsstätten.
Autorin/Autor: Rupert Quaderer