Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03429.jsonl.gz/1220

Selbstkontrolle und Geduld sind keine angeborene Fähigkeiten. Wesentlich sind die (positiven) Erfahrungen, die als Kind gemacht werden.
Geduld ist nicht jedermanns Sache. Bislang ging man davon aus, dass Geduld ein angeborener Charakterzug sei. Nun haben Psychologen den klassischen «Marshmallow-Test» aus den 1960er-Jahren überarbeitet und sind zum Schluss gekommen, dass Kinder geduldiger sind, wenn sie zuvor positive Erfahrungen gemacht haben. Oder anders: wenn es sich lohnt. Die Forscher sprechen von «zuverlässigen» und «unzuverlässigen» Situationen. «Auf Belohnung warten zu können, spiegelt nicht nur die Fähigkeit eines Kindes zur Selbstkontrolle, es zeigt auch seinen Glauben an den praktischen Sinn des Wartens», berichtet Celeste Kidd, Hauptautorin der Studie, wie wissenschaft-aktuell.de schreibt. «Das Aufschieben einer Belohnung ist nur dann eine vernünftige Entscheidung», so die Kognitionsforscherin, «wenn das Kind glaubt, dass es nach akzeptabler Wartezeit tatsächlich ein zweites Marshmallow bekommt.» Getestet wurden drei- bis fünfjährige Buben und Mädchen. In zwei Versuchen konnten die Kinder entscheiden, ob sie ein paar Minuten warten wollten, um mehr Buntstifte und später mehr Aufkleber zu bekommen, oder ob sie sich mit den bereits vorhanden Spielsachen begnügen wollten. Beide Male wurden nur die Kinder aus der Gruppe «zuverlässige Umgebung» mit den versprochenen Sachen belohnt. Der anderen Gruppe wurde gesagt, dass es die Belohnung nun doch nicht gäbe. Im dritten Versuch dann hatten die Kinder lediglich ein Marshmallow auf dem Tisch. Es wurde ihnen in Aussicht gestellt, dass sie einen zweiten bekommen, der jedoch zuerst geholt werden müsse. Wie lange dies dauert, wurde nicht gesagt. Das Ergebnis war eindeutig: Die Kinder, die zuvor nicht belohnt wurden, warteten durchschnittlich drei Minuten. In der anderen Gruppe betrug die Wartezeit im Schnitt 12 Minuten. Einige spielten mit der Süssigkeit, andere verdeckten ihre Augen oder versuchten zu schlafen, um der Versuchung zu widerstehen. Für die Forscher ist klar: Schon kleine Kinder verlieren ihr Vertrauen, wenn das Umfeld nicht verlässlich ist und Versprechen nicht gehalten werden. Diese kindlichen Erfahrungen prägen das Erwachsenenleben, man ist eher ungeduldig.
Foto: fotolia.com