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Am Weltsozialforum (WSF) in Tunis hielt sich letzte Woche auch eine Schweizer Delegation auf. Eine skurrile Darbietung lieferte dort Ständeratspräsident Claude Hêche (SP/JU). Er hatte sich offiziell als Mitglied der Delegation angemeldet. Vielleicht ohne genau zu wissen, worum es sich bei dem Forum handelte? 2013 war die damalige Nationalratspräsidentin, die Grüne Maya Graf, Teil der Delegation gewesen, also musste es wohl wichtig sein.
In Tunis bestellte Ständeratspräsident Hêche zehn JournalistInnen, die als KorrespondentInnen vom WSF berichten sollten, in die Botschaftsresidenz ausserhalb der Stadt. Sie trafen ihn dort zum ersten Mal – nachdem sie und der Rest der Delegation bereits eine Woche voll intensiver Gespräche mit lokalen GewerkschafterInnen, PolitikerInnen, Arbeitslosen und JournalistInnen hinter sich hatten. Hêche erwähnte das Forum oder die tunesischen sozialen Bewegungen mit keinem Wort. Hingegen bewarb er blumig die Hilfsprogramme der Schweiz in Tunesien (die von der Delegation schon Tage zuvor ausführlich begutachtet worden waren), sprach über seine Treffen mit wichtigen tunesischen Honoratioren und über Bedenken des tunesischen Staats, was seine persönliche Sicherheit anging; Tunesien habe wenig Geld, um diese zu garantieren. Er wollte das Budget nicht strapazieren, sass also in der sicheren Botschaft und sprach bei Walliser Weisswein über Solidarität.
Zur Linken von Claude Hêche hatte ein junger Herr der Parlamentsdienste Platz genommen und flüsterte dem Ständeratspräsidenten ab und zu etwas ins Ohr. Jemand fragte, ob er denn nicht, wie angekündigt, für das Weltsozialforum in Tunis sei? «Attentat», «Terminänderungen», «Sicherheit», sagte der Schweizer Politiker. Aber doch, er sei dort gewesen! Fünf Minuten – gnädige Stimmen sprachen gar von sieben oder acht – hatte Claude Hêche tatsächlich am internationalen ParlamentarierInnenforum verbracht, das erstmals im Rahmen des WSF stattfand. Er hätte dort auch eine Rede halten sollen; diese wurde dann von seiner Parteikollegin Susanne Leutenegger Oberholzer übernommen. Das richtige Weltsozialforum, wo sich reale Menschen aus aller Welt treffen, hatte sich Hêche dann auch noch angeschaut. Der Spaziergang über das Gelände dauerte noch einmal einige Minuten, und weg war er, unser Ständeratspräsident in der Botschaftskarosse. Er habe immerhin Werbung für die Sache gemacht, indem er in den Medien als offizielles Mitglied der Delegation gegolten habe, sagte er.
In der Residenz ausserhalb der Stadt sprach Hêche derart frei von Leidenschaft oder einer politischen Haltung, dass man sich fragen musste, welcher Partei er wohl angehöre. Stoisch sass Botschafterin Rita Adam auf dem Sofa neben ihm. Nur einmal verlor sie kurz die Contenance, als die Mitarbeiterin der «Neuen Zürcher Zeitung» sich erkundigte, ob die Gelder des geflüchteten Diktators Ben-Ali, die immer noch in der Schweiz blockiert sind, ein Thema der magistralen Gespräche gewesen seien. Claude Hêche wich aus, schweifte ab – «Es dauert seine Zeit», «Gewaltentrennung», «Rechtsstaat», «grosse Erfahrung mit derartigen Fällen» und so weiter –, bis ihm die Diplomatin zu Hilfe eilte. In einem Rechtsstaat wie dem unsrigen gebe es die Gewaltentrennung, und in juristischen Verfahren sei eben auch Geduld gefragt, sagte sie. Nach einer Dreiviertelstunde war der Pressetermin beendet mit der erlösenden Frage des hohen Schweizers: «On passe à l’apéro maintenant?»
Sina Bühler ist freie Mitarbeiterin der WOZ.