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76 Prozent der beschriebenen Nebenwirkungen nach der ersten Covid-Impfung können dem Nocebo-Effekt zugeordnet werden. Das sind die Erkenntnisse einer neuen Studie der Harvard Medical School in Zusammenarbeit mit der Beth-Israel-Deaconess-Klinik in Boston.
Während der klassische Placebo-Effekt gefühlt positive gesundheitliche Auswirkungen hat, obwohl ein wirkstofffreies Präparat verabreicht wurde, wird von einem Nocebo-Effekt gesprochen, wenn dabei negative gesundheitliche Auswirkungen erlebt werden.
Die Metaanalyse der drei Studienautorinnen untersuchte die Resultate von 12 vorgängigen Studien zu milden Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schmerzen im Arm. Dabei wurden die Angaben von 45'380 Studienteilnehmenden aus zwei Gruppen ausgewertet. Die eine Gruppe (22 '802 Personen) erhielt eine reguläre Impfung, die andere (22' 578 Personen) eine unwirksame Salzlösung.
46 Prozent der tatsächlich Geimpften klagten nach der ersten Spritze entweder über Kopfschmerzen oder Müdigkeit, gar zwei Drittel über Schmerzen im beimpften Arm. Interessant: Auch 35 Prozent der Empfänger der Salzlösung klagten entweder über Kopfschmerzen oder Müdigkeit, 16 Prozent über Armschmerzen oder Schwellungen.
Aus diesen Zahlen lässt sich berechnen, dass rund 76 Prozent der häufigsten milden Nebenwirkungen auf den Noceobo-Effekt oder andere Einflüsse zurückzuführen sind.
Bei der zweiten Spritze nahm der Nocebo-Effekt ab. In der Salzlösungsgruppe verringerten sich die gefühlten Nebenwirkungen. Nur noch 32 (vorher 35) Prozent rapportierten Kopfschmerzen oder Müdigkeit und 14 Prozent (vorher 16) Probleme mit dem Arm. In der Gruppe der tatsächlich Geimpften verstärkten sich hingegen die Nebeneffekte: von 46 Prozent auf 61 für Kopfschmerzen und Müdigkeit und neu 73 Prozent mit lokalen Schmerzen im Arm.
Im Durchschnitt kann deshalb davon ausgegangen werden, dass bei zwei Impfungen rund zwei Drittel der meistgenannten milden Nebenwirkungen eine andere Ursache als die Impfung selbst haben.
Als Ursache für den Nocebo-Effekt bei Covid-Impfungen kommen Angst, die Erwartungshaltung und der Fehler, andere Erkrankungen fälschlicherweise mit der Impfung in Verbindung zu bringen, infrage.
Obwohl gerade die Erwartungshaltung durch eine vollständige Aufklärung vor der Impfung aktiviert werden kann, plädiert Dr. Kaptchuck, ein Hauptautor der Studie, im «Guardian» dafür, den Impfkandidatinnen und -kandidaten reinen Wein einzuschenken: «Es wäre falsch [auf Aufklärung zu verzichten]. Ehrlichkeit ist der beste Weg.»