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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Bitte lesen Sie diesen Text Wort für Wort ohne Eile! Schnelllesen schadet!
Zunächst unmerkbar legte sich langsam eine schleichende Müdigkeit über das Land. Sie lastete schwer nicht nur auf den Schultern der Menschen, sondern auf dem ganzen Körper. Es war, als ob die Luftmasse über den Köpfen an Gewicht zugenommen hatte, vielleicht nicht das, aber als ob sie für den Menschen jetzt körperlich spürbar geworden war. Gleichzeitig zog die Schwerkraft der Erde sie fühlbarer nach unten.
Die es immer so eilig habenden Raser drossselten das Tempo und verzichteten darauf, andere Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn von der Überholspur nach rechts zu drängen. Ganz allmählich stellten sich alle Fahrer auf eine moderate Geschwindigkeit ein. Sie zwangen sich, ihre Augen geöffnet zu halten, denn die Augenlider drückten sie fast zu. Viele Menschen blickten nur noch durch einen schmalen Schlitz, den sie mit aller Kraft offen hielten, um wenigstens dahindurch noch das vor ihnen fahrende Fahrzeug beobachten zu können, um früh genug abzubremsen, wenn es erforderlich werden würde.
Die Luft wirkte wie Blei auf alle Lebewesen. Die Atemfrequenz pro Minute nahm spürbar ab, dafür achtete man mehr darauf und atmete tiefer ein, beinahe mit einem Seufzen. Niemand hastete mehr durch die Strassen, alle hatten einen gemächlichen Schritt angenommen. Sie blickten sich wie Halbschläferige an und gingen schweigend aneinander vorbei, denn Sprechen bedeutete eine Kraftanstrengung, die fast nicht zu bewältigen war.
Die Aufenthaltszeiten in den Cafés und Restaurants verlängerte sich auffällig. Jeder Schluck aus der Tasse oder aus dem Glas, jeder gefüllte Löffel wurde bedächtig in den Mund geschoben, langsam geschluckt und gekaut.
Ein verringerter Pulsschlag, eine langsamere Lebensweise führte auch zu einem ruhigerem Stoffwechsel bei allen Säugetieren, so auch bei den Menschen. Es gab kein Fastfood mehr, die Zubereitung der Burger und Fritten dauerten seine Zeit, das Essen wurde mehr durchgart und die Mahlzeiten benötigten entsprechend länger, die Nahrung wurde langsamer verdaut, die vom Körper verwertbaren Inhaltsstoffe besser aufgenommen und verarbeitet, was allgemein zu mehr Gesundheit führte.
Die Jugendlichen hatten zwar noch ihre Handys und Smartphones in der Hand, aber das rasche Tippen auf das Display oder das Eingeben von Botschaften sah man nicht mehr, jede Bewegung der Finger auf das Gerät zu und wieder zurück vollzog sich langsam und ohne Eile.
Das Laufen im Freien wurde beschwerlicher, nach einigen wenigen schwerfälligen Schritten suchten die Personen in den Parks Bänke auf, andere legten sich einfach auf das kurz geschnittene Gras und ruhten sich von den Strapazen aus. Ab und an schaute jemand auf die Uhr und man konnte die Verzweiflung sehen, denn es war unmöglich, Verabredungen und Termine einzuhalten. Jogger und Schnellläufer waren ganz aus dem Strassenbild verschwunden.
Die Vögel hörte man nur morgens, über Tag schwiegen sie, nur wenige Flügelschläge liessen sie langsam, mehr schwebend, vorankommen. Die Hunde an den Leinen ihrer Besitzer legten sich einfach auf den Weg, keine Aufmunterung, weiter zu laufen, fruchtete und so setzten sich die Menschen einfach an den Wegesrand und warteten darauf, dass die Tiere wieder genug Kraft geschöpft hatten, um ihren Weg fortzusetzen.
In den Bahnhöfen zeigten die Tafeln bei allen Zügen verspätete Ankunftzeiten an. Doch niemand der Passagiere empörte sich darüber. Schweigend sassen sie auf den Bänken, lehnten an Pfeilern und liessen die Zeit vorbeirinnen. Es pressierte nicht.
Ja, die Zeit: die Uhren liefen langsamer, was bisher eine Minute war, dauerte jetzt dreimal so lange. Also hatte ein Tag nach der bisherigen Zeitspanne nicht 24 sondern 72 Stunden.
Erst nach einer gewissen Gewöhnungszeit stellten sich Menschen und Tier darauf ein, dass alles gemächlicher ablief. Am Sonntagmorgen läuteten die Glocken nicht mit schnellen lauten Schlägen, sondern jeder einzelne Klöppelschlag klang langsam aus, bevor der nächste kam.
Man sagte, das Zeitalter der Entschnellung sei eingetreten. Hektik und Hast gab es nicht mehr. Was manche Unermüdliche früher mit der Bezeichnung "lahmarschig" verunglimpft hatten, das zwangen ihnen die neuen Verhältnisse jetzt selbst auf.
Erst jetzt erkannte man die Wahrheit des geflügelten Wortes "Eile mit Weile", nämlich im ruhigen Rhythmus der Zeit langsam zu reagieren. Wörter wie "dahinstürmen, sich tothetzen, hasten, flitzen, spurten, sich tummeln" verloren ihre Bedeutung, verschwanden nach einiger Zeit fast aus dem Wortschatz der Menschen. "In der Ruhe liegt die Kraft" wurde die Maxime in allen Angelegenheiten des Lebens.
Am bisherigen Massstab gemessen, schliefen die Menschen jetzt nicht mehr 8, sondern 24 Stunden lang, die Prozedur des Wachwerdens, des Aufstehens, der Morgentoilette und des Ankleidens dauerte entsprechend länger. Erstaunt schauten sie auf die Waage, ihr Körpergewicht hatte merklich zugenommen. Oder war das der veränderten Schwerkraft anzulasten? Der Schaf brachte zwar ein wenig Energie, aber die - fast depressiv zu nennende - Müdigkeit stellte sich schon nach kurzer Zeit wieder ein.
Sogar der sonst so rasch arbeitende Wasserkocher benötigte seine Zeit, bis das Teewasser sprudelte. Wobei das Aufwallen des kochendenen Wassers eher ein langsames ploppendes Geräusch der Wasserblasen war, als ein wildes Aufwühlen.
War es ein Segen oder ein Fluch, dass es keine technischen Möglichkeiten gab, die gewonnene Zeit wieder zunichte zu machen? Es war, als ob der Gemütszustand der Trägheit ein physikalisches Gesetz geworden war.
Stressbedingte Krankheiten nahmen mit der Zeit ab, wegen des langsameren Pulsschlages war die Gefahr von Herzinfarkten und Schlaganfällen geringer geworden. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Ärzten musste sich umorientieren und widmete sich jetzt der Altersvorsorge und der Geriatrie, denn durch die Entschnellung des Lebens gab es immer mehr Menschen, die sehr sehr alt wurden, nicht so alt wie angeblich Methusalem laut der Bibel geworden war, aber dennoch bedeutend länger als 250 Jahre.
Nach einiger Zeit masssen die Astrophysiker, dass sich die Erde langsamer drehte, die Umlaufzeit um die Sonne betrug 3x so lange als früher, ja selbst das gesamte Universum hatte, gemessen an der vorherigen Zeit, an Geschwindigkeit verloren. Aus kosmischer Sicht bestand noch nie ein Grund, sich zu überschlagen, und jetzt überhaupt nicht mehr. Nichts stimmte mehr, die Uhren, die Übertragungszeiten, selbst die Lichtgeschwindigkeit. Viele technische Einrichtungen mussten angepasst werden.
Die veränderten Umstände übertrugen sich auf Fauna und Flora, Ebbe und Flut, die Mondphasen, und vieles mehr. Es war spannend mitanzusehen, wie ein Fussballspiel ablief, jede Phase eines Ballfluges war von jedem Zuschauer, nicht nur von dem, der die Szene im Fernsehen sah, in Zeitlupe zu beobachten. Die Schrauben der Kunstspringer und das Eintauchen in das Wasser des Schwimmbeckens waren genau nachzuverfolgen.
Was vorher spontan und plötzlich auftrat, Beifallsbekundungen, Schreie der Begeisterung, alles dauerte seine Zeit.
Wer schon vorher gern an einem Bach gesessen war und dem langsam plätscherndem Wasser nachgesinnt hatte, kannte das Gefühl, wie es ist, wenn die Zeit fast stillsteht.
Auch die Aufforderung "die Seele baumeln zu lassen", die gerne besonders für die Urlaubszeit anbefohlen worden war, jetzt, in den langsamen Zeitläuftene selbstverständlich geworden, "nicht mehr der Rede Wert", weil es keine Ausnahmesituation mehr war.
Musiker überlegten, Musikstücke, die schon immer Lento, Adagio, Adagietto gespielt worden waren, schneller aufzuführen, so zäh waren sie durch die verlangsamte Zeit jetzt geworden, "wie Kaugummi" sagten die Leute, schon fast angewidert. So wurde Mahlers 5. Symphonie wieder hörenswert. Dieses Adagietto war ein Stück, mit dem Gustav Mahler die neue Zeit schon mehr als 100 Jahre früher vorausgeahnt haben musste, endlos schön und endlos traurig, langsam vor sich hinschreitend, beruhigend.
Der Puls des Musikliebhabers hatte sich schon damals um 10-15 Schläge pro Minute verringert, und nicht wenige Menschen waren beim Zuhören und Geniessen in Schlaf gefallen, so entspannend war der Genuss. Das Agitato des Trauermarsches aus der 2. Klaviersonate von Chopin oder der Bolero von Maurice Ravel gehören auch in diese Reihe des Ruhetonus.
Einige Literaturfreunde holten die Bücher von Peter Handke hervor, sie lasen seine "Langsame Heimkehr", seine Texte in "Langsam im Schatten".
Und genauso empfanden die Menschen nach der Zeitenwende das Leben. Hektik, Stress, Eile, Hetze, diese Wörter gehörten der Vergangenheit an, Gemächlichkeit, Gelassenheit, Trägheit, Ruhe und Frieden waren die Wörter der neuen Zeit. Man war nicht mehr "auf der Suche nach der verlorenen Zeit", denn sie war nicht mehr verloren, sie wurde genossen und nur darauf kam es an. Die Gesichter zeigten ein träumerisches Glücksgefühl.
Sogar das Führen von Kriegen hörte auf, zu langsam und zu anstrengend war es geworden, zu zeitaufreibend die Entscheidungsprozesse. Die Soldaten schliefen nach jeder Feuersalve ein, so müde machend war ihr Beruf. Friedliche Zeiten brachen an, turbulente gehörten der Vergangenheit an..
Die Entschleunigung des Lebens brachte die Menschen dazu, auch die kleinen, unscheinbaren Dinge des Lebens stärker zu beachten, den Flug der Biene in den Kelch der Blüte, das langsame Kreisen des Bussards über dem Feld, das Fallen der Blätter von den Bäumen zu Beginn des Herbstes, den wunderschönen Gesang der Amseln, das stille, in-sich-gekehrte Lächeln eines Passanten, den Blick eines Babys aus seinem Kinderwagen.
Immer mehr Kinder liessen Drachen in den Himmel steigen, setzten sich in den Sand oder auf die Wiese und beobachteten stundenlang seine Bewegungen in der Höhe.
Die Evolution hatte einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht, ("... und sie erkannte, dass es gut war!"), sie gönnte sich eine Pause, ein Goldenes Zeitalter hatte begonnen!
Ein Freund, Programmierer von Beruf, erzählte mir, dass er manchmal für eine einzige Zeile der Software, die er schrieb, einen ganzen Tag benötigte, kreative Prozesse seien mit Eile und Hetze nicht vereinbar. Auch Schriftsteller kennen das Phänomen. Wie oft liegt die Lösung eines Problems am Morgen nach einer langen Schlafphase klar vor uns!