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Aikido ist Budo - das bedeutet: "den Kampf beenden". Nichtkämpfen wenn möglich, aber den Kampf annehmen, wenn er unausweichlich ist.
Technische Systematik
Ursprung des Lehrinhaltes - "Sanshinkai"
Sensei Masatomi Ikeda baute sein Lehrsystem gestützt auf den vom Aikikai Hombu-Dojo vorgegebenen Inhalten auf. Als Technischer Direktor des Aikikai Weltverbandes ist Sensei Hiroshi Tada, 9. Dan, Jg. 1929, tätig. Er erhielt noch Unterricht direkt von O-Sensei Morihei Ueshiba. Sensei Hiroshi Tada war über viele Jahre der Lehrer von Sensei Masatomi Ikeda und besucht die Schweiz noch immer regelmässig zu Lehrgängen im Sommer.
Die Herkunft der inhaltlichen Lehre lässt sich wie folgt darstellen:
|Aikikai-Sanshinkai-Ikeda.pdf|
Das vom Aikikai Weltverband verbreitete Aikido lässt sich in die drei Hauptthemen gliedern
- Tai waza - Techniken basierend auf dem Körpereinsatz, ohne Instrumente
- Aiki-jo - Techniken gestützt auf die Bewegungsabläufe und Verwendung des Jo
- Aiki-ken - Techniken gestützt auf die Bewegungsabläufe der Schwertanwendung, bzw. des Bokken
und wird unterstützt von den Schwerpunktbereichen
- Buki tori - Abwehr von Angriffen mit Tanto (Messer), Bokken (Schwert) und Jo (Stab)
- Ukemi - übersetzt: das "Empfangen der Technik"; damit ist die Ausübung der Rolle des Angreifers (Uke) gemeint und das damit verbundene Wissen, wie sich die Wirkung der Aikido-Technik entfaltet.
- Tai sabaki - übersetzt: "Körperbewegung", also strukturierte Bewegungsfolgen
In der Kombination dieser Themen mit den entsprechenden Inhalten und Übungen gliedert sich der Lehrstoff. Am Schema ist auch erkennbar, welche Inhalte nicht im Lehrplan enthalten sind, beispielsweise die Abwehr gegen Aikido-fremde Waffen.
In allen didaktischen Systemen im Aikikai Weltverband werden vier Haupttechniken als zentrale Basistechniken unterrichtet:
|Ikkyo||¦ Kotegaeshi||¦ Iriminage||¦ Shihonage|
Die gebräuchlichsten traditionellen Kriterien zur näheren Klassifizierung von Aikido-Techniken sind neben der Namensgebung auch Attribute, welche die Ausführung bezeichnen:
- Omote- und Ura waza - die Ausführung der Technik vor, bzw. hinter dem Kontrahenten
- Nage- und Osae waza - Wurf- und Immobilisationstechniken
Das ganze Repertoire im Aikikai umfasst vielleicht ca. 700 Techniken, wobei sich die einzelnen Techniken durch die oben genannten Wirkungsansätze identifizieren und von einander unterscheiden lassen. Das ist viel und es ist nicht notwendig, in einem Lehrsystem alle zu beherrschen oder zu üben. Aber es wird ein strukturiertes System benötigt, nach welchen diese kategorisiert werden können. Die Kategorisierung ist erforderlich, um die Auswahl zur Anwendung und zum Unterricht nach verständlichen, nachvollziehbaren Kriterien vornehmen zu können.
|Die acht grossen Basis-Wurftechniken

|Omote waza
||Ura waza

|Sumiotoshi||Aikigoshi|
|Kotegaeshi||Aiki Otoshi|
|Iriminage||Kaitenage|
|Shihonage||Udekimenage|
|Die acht grossen Basis-Immobilisationstechniken

|Omote waza
||Ura waza

|Ikkyo||Gokyo|
|Nikyo||Hijikimeosae|
|Sankyo||Uchikaiten-Sankyo|
|Yonkyo||Udegarami|
Sanshinkai Aikido - 16 Angriffsformen - 32 Basistechniken
Das von Sensei Masatomi Ikeda entwickelte Lehrsystem gründet technisch auf dem Aikikai Aikido. Als Lehrsystem zur Unterrichtserteilung hat er die grosse Zahl in einem System mit 16 Angriffsformen und 32 Basistechniken gegliedert.
Klassifizierungssystem von Aikido Techniken nach Sensei Ikeda Masatomi, 7. Dan, Shihan Aikikai Schweiz von 1977 bis 2002
Der Lehrinhalt und das den Techniken zugrunde liegende Bewegungskonzept von Sensei Ikeda lässt diese konzeptionelle Kategorisierung der Techniken differenzierter zu. Dadurch wird das System verständlicher mit dem Ziel, nicht nur die oft wiederholten, routinemässig geübten oder die im Lehrprogramm enthaltenen Basistechniken korrekt wiedergeben zu können, sondern auch alle künftigen vom Aikidoka erlernten Techniken dem System konform umsetzen zu können.
Es ist ein Klassifizierungssystem für den Unterricht. Es unterstützt den Aikido-Lehrer in der Auswahl der zu unterrichtenden Techniken, indem es für alle Techniken weiterführende Attribute zulässt. Das hilft den Schülern, Gemeinsamkeiten nicht nur aufgrund von Ähnlichkeiten der Bewegungsfolge zu erkennen, sondern eine differenziertere Betrachtung zu entwickeln.
Die von Sensei Ikeda angewandten Kategorien zur Klassifzierung sind
- 1. Ort der Ausführung vor (Omote waza) oder hinter (Ura waza) dem Partner.
- 2. Art der Ausführung als Halte- (Osae waza) oder Wurftechnik (Nage waza).
- 3. Hauptbewegungsrichtung der Ausführung mit den Attributen oben und unten, links und rechts, vorne und hinten sowie spiralig.
- 4. Zentrales Element des Wirkungsansatzes auf den Angreifer mit den Attributen wuchtig (Uchi-no-ri), haltend (Osae-no-ri), werfend (Nage-no-ri) und schneidend (Zan-no-ri).'
- 5. Gegensätzlichkeit von Ausführungs- und Wirkprinzipien gemäß dem Prinzip von Yin und Yang.
- 6. Art der Einatmung bei der Ausführung der Technik mit den Attributen tiefe Bauchamung durch den weit geöffneten Mund, schluckende Bauchatmung,kurze und knappe Einauchatmung, schneidendes Einatmen durch die knapp geöffneten Lippen.
|Techniktabelle A nach Sensei Ikeda 20080209.pdf|
|Techniktabelle B nach Sensei Ikeda 20100110.pdf|
|Techniktabelle Schwerpunktelemente 20080209.pdf|
Der ganze Hintergrund der Konzeption wird erst nach Jahren des intensiven Übens und der Auseinandersetzung erkannt und durchdrungen.
Erläuterung
(Anm. Ich versuche dies anhand meines gegenwärtigen Wissens und Könnens in einfachen Worten darzulegen. Es ist nicht meine Absicht, die technischen Details zu erklären, sondern das Prinzip, wie die Systematik und deren Grundlagen aufgebaut sind und wie die Tabellen zu lesen sind.
In vielen Dingen kann ich irren, denn eine akademische Erörterung kann ich mit Sensei Ikeda leider nicht mehr führen. Sollten bei der Leserschaft ein korrekteres Verständnis vorhanden sein, bin ich offen darfür und würde mich über entsprechende Belehrung sehr freuen! Martn Tanner, 5.1.2009)
Sie ist abgeleitet aus der Bereitschaftsposition "Jodan-no-Kamae" beim Schwertkampf. Sie bildet eine Patt-Situation beider Kontrahenten, wenn sich diese mit gezogenen Schwertern und bei gekreuzten Schwertspitzen gegenüber stehen.
In dieser Position ist nicht ersichtlich, wer Angreifer und wer Verteidiger ist; die Situation ist unentschieden.
(Illustration der Positon "Jodan-no-Kamae" im Schwertkampf mit Bokken)
Die Technik "Furizuki" entsteht unmittelbar aus dieser Position heraus und kann bei fehlender Aufmerksamkeit eines der Kontrahenten mit den Bewegungen "Maki" die Deckung öffnen und mit "Zuki" augenblicklich den Kampf entscheiden; ungeachtet dessen, ob sie vom Angreiffer oder vom Verteidiger angewandt wird.
Ob Tod und Verderben erwünscht ist, hängt einzig von der moralisch-ethischen Betrachtung des Anwenders ab. So entscheidet dieser, ob statt Furizuki eine andere technische Realisierung angewandt wird: Ikkyo ist deren Schwestertechnik. Sie steht ebenfalls in der Mitte der Darstellung im Spiegel.
Kommt Ikkyo zur Anwendung, steht Gnade im Vordergrund und Aikido wird erst möglich!
Das von Sensei Ikeda aufgebaute didaktische System differenziert die zwei mal zwei Stufen der 8 Basistechniken detaillierter.
In der Skizze mit den vier Hauptrichtungen und mit Ikkyo ura / Furizuki (als duales moralisch-ethisches Prinzip, nicht als Technik!) in der Mitte entstehen Ikkyo (als Technik), Kotegaeshi, Iriminage und Shihonage.
Diese gründen auf den oben erwähnten Hauptbewegungsrichtungen oben - unten / links - rechts / vorne - hinten / spiralig und entspringen aus den "Vater-" und "Mutter-Techniken" Tenchinage (Yang/Yon-no-te) und Genkeikokyunage (Yin/In-no-te), welche beide, wie in der Schwerthaltung üblich, zweihändig und mit der Summe zweier oben erwähnten Hauptbewegungsrichtungen realisiert werden:
- "Vater-Technik": Tenchinage - Yang / Yon-no-te, positive Haltung mit Projektion des Ki nach aussen, bzw. vorne, es wirkt Yang, Wucht, Aktivität auf den Kontrahenten ein; Bewegungsrichtung des oberen Armes = oben - unten; Bewegungsrichtung des unteren Arms = hinten - vorne
- "Mutter-Technik": Genkeikokyunage (Spiegelbild von Tenchinage) - Yin / In-no-te, weibliches Prinzip, negative Haltung mit Projektion des Ki in den Innenkreis der eigenen Armstellung; es wirkt Yin, Weichheit, Flexibilität auf den Kontrahenten ein; Bewegungsrichtung des oberen Armes = spiralig; Bewegungsrichtung des unteren Armes = links - rechts
Diesen beiden Vater-/Muttertechniken entspringen ihrerseits die Haupttechniken als Gruppen oder "Familien" zusammen mit anderen Techniken, welche ebenfalls auf den selben Bewegungsrichtungen basieren: Ikkyo als "Familienpfad" mit 'oben - unten' ist zusammen mit Ikkyo ura, Sumiotoshi, Gokyo, Aikigoshi und Maeotoshi zusammen gefasst.
Deren Gemeinsamkeit gründet auf der Kraft, welche Wasser (siehe Skizze) inne hat, wenn es von oben nach unten fallend einen Körper mit Wucht trifft. Das Gefühlt kennt jeder, welcher schon einmal am Meer von einer Welle fort gespült wurde: Dieser Kraft kann nichts entgegen gesetzt werden.
Mit dieser Wirkung wird Ikkyo auch in die Gruppe "Atemi waza" eingeteilt: 80 % Atemi mit gutem Körper-/Masseneinsatz, dem nichts entgegen gesetzt werden kann, 20 % technische Finesse. Dabei ist die Atmung frühlingshaft, frisch, jung, auch etwas ungestüm, wie ein junges Kalb auf der Frühlingsweide.
Diese Gleichnisse sind keineswegs naiv, sondern gründen auf jahrelangem intensiven Studium der Technik mit jahrelanger Erfahrung, wie es sich für einen Angreifer anfühlt, wenn Ikkyo perfekt ausgeführt wird und beinhaltet in der Reflexion auch Anleitung, wie Ikkyo optimiert werden kann.
Aus diesem Blickwinkel können die übrigen Haupttechniken ebenfalls in Familien kategorisiert und exakt mit Ausführungs- und Wirkungs-Attributen versehen werden.
Die Summe der vier Hauptechniken bildet Uchikaitenage. Die Technik schliesst alle vier Hauptbewegungsrichtungen und damit auch die Wirkungsprinzipien ein.
Mit dieser Struktur bildet das System darüber hinaus einen "Eskalations-Pfad". D.h. aus dem Zentrum heraus mit Furizuki wird entschieden, dass statt Tod und Verderben Aikido zur Anwendung gelangt. Dabei kann prioritär eine Technik realisiert werden, welche statt eines hohen Verletzungspotentials die direkte Umsetzung in eine Festhaltetechnik (Osae-waza) erlaubt, z.B. Ikkyo ura.
Bring dies nicht die erwünschte Klärung der Lage, können weitere Massnahmen realisiert werden, und so weiter.
Stufe 1: Das erste Anwendungsprinzip ist dabei Ikkyo, frühlingshaft, jung, etwas ungestüm. Allerdings auch nicht mit ausgesprochen hohem Ausfallpotential. Die Wucht der Technik gründet auf dem Element Wasser; "man wird wuchtig umgespült". Die Bewegung wird integral in eine Festhalteposition ("Osae-waza") am Boden überleitet.
Stufe 2: Die nächst höhere Eskalationsstufe, Kotegaeshi, Prinzip links - rechts, Erde, Sommer, hat schon definitiveren Charakter und ein höheres Ausfallpotential für Verletzungen der Hand, des Arms und der Schulter und beim Wurf natürlich des Körpers; "von der Lawine (Erde) getroffen, wird der Kontrahent augenblicklich immobilisiert".
Stufe 3: Iriminage ist die nächste Stufe der Eskalation. Das Ausfallpotential ist direkt gegeben! Es liegt höher, am Hals, aufgrund der Fixierung des Kopfes und des Halsbereichs bei der Technik. "Der Wind wirkt in luftiger Höhe stark auf einen Körper und kann diesen nicht nur umwerfen, sondern Äste am Baum werden abgebrochen." denn mit der Vor-Zurück-Bewegung kann der Hals ernsthaft verletzt werden und es droht gar der Tod.
Stufe 4: Shihonage besitzt grösstes Ausfallpotential. In seiner Natur liegt der definitive, endgültige Schnitt "Kesagiri", diagonal durch den ganzen Körper, von der Schulter zur Hüfte (Kesa = orange Schärpe der buddhistischen Mönche; Geri = Schnitt); "bei Feuer verbrennt man sich immer und die Gefahr ist augenblicklich lebensbedrohlich".
Shihonage beinhaltet das Aufziehen des Schwertes in einer Spiralbewegung und das Ausführen des Schnitts, unterstützt von einer Drehung des ganzen Körpers mit seinem ganzen Masseneinsatz. Die Atmung ist kurz und scharf, wie wenn man eisige Luft atmet. Die Ausführung endgültig. "Der Winter sorgt für den Tod in der Natur und für Schwaches folgt kein Frühling".
Diese Dinge sind auch philosophisch zu betrachten.
Es ist nicht notwendig, bei der Ausführung auf Verletzung und den Ausfall abzuzielen. Die Anwendung ist situativ, der Lage angemessen. Sie lässt immer einen Ausweg für den Angreifer, falls dieser den Angriff einstellt.
In diesen Dimensionen - zwischen Gnade und dem Ende - liegt die Entscheidung der Realiseriung beim Aikidoka.
Aikido ist Budo - das bedeutet: "den Kampf beenden". Nichtkämpfen wenn möglich, aber den Kampf annehmen, wenn er unausweichlich ist.