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Ich lernte diesen merkwürdigen Japaner kennen in einem Zug, als ich heute zu der kranken Grossmutter nach Basel eilte. Tief versunken lass ich einen Roman Namens Hüterin der Gewürze, den ich als Geburtstagsgeschenk bekam. Keine Aufmerksamkeit schenkte ich ihm, als er sich einfach mir gegenüber hinsetzte. Zuerst sprach er mir auf Japanisch an. Mein Japanisch konnte ihm gerade klar machen, dass ich kein Wort Japanisch spreche. Er gab nicht auf und ist kommunikativ wie ein Japaner. Er fragte, ob ich Chinesin bin. „Was!?“ ich schüttelte meinen Kopf und lass weiter. „Was machen Sie hier in Europa?“ „Was machen Sie hier in Europa?“ fragte ich unfreundlich einfach zurück. Erleichtert erzählte er mir, dass er ein Architekt sei und seit einem Jahr im Nordrheinwestfalen lebe. In Japan fühlte er sich eingeengt, in Deutschland fühle er sich als ein unbekannter Aussenseiter. „Waren Sie schon Mal in Omotesando (die Bahnhofstrasse in Tokyo)?“ „Ja. Nur einmal.“ „Kennen Sie Tod’s?“ Ich schüttelte meinen Kopf. Grosse Enttäuschung stand in seinem Gesicht. Er habe mit dem Architekt von diesem berühmten Bauwerk geschafft. Meine Herkunft von ungebildeter Unterschicht hat sich dadurch verraten. Aber auch wenn ich all Ornamente dieses Menschen nicht erkenne, würde ich mich gerne mit ihm unterhalten, weil er nicht zufällig hier sass. Ich ging auf ihn ein. Ihm erzählte ich, was ich hier mache – eben Verkäuferin, Verkäufer von Tee.
Der unbekannte Japaner versuchte interessiert zu sein, obwohl er scheinbar sein altes Kulturgut nicht kennt, nur von Architektur lebt. „Was für einen Unterschied liegt zwischen Grüntee und Oolong?“ Oh, wie sollte ich denn auf mein gebrochenes Englisch diese Dinge erklären?
Ein Grüntee ist nicht fermentiert, schmeckt treu zu seiner pflanzlichen Substanz. Man könnte sich so vorstellen, dass man Salatblätter im Garten pflückt und gleich in den Wok wirft. Das Wichtigste dabei ist, das Gemüse so lang zu garen, dass die rohe grasige pflanzliche Note nicht zur Sprache kommt. Erfahrende Hausfrau oder Hausmann ist genau so wie ein erfahrener Teemaker, der weiss, wie lang er sein Gemüse im Wok „quälen“ lässt. Später trocknet man das Gemüse, aber nicht so lange, so dass es Feuer bekommt. Auch nicht zu kurz, dass das Gemüse bzw. der Tee trocken und dadurch stabil bleibt. Der Geschmack von diesem Gemüse bzw. der Tee variiert sich durch die Länge des Garens, die Art des Garens – im Wok und die Sorte des Gemüses. Aber ein im Wok verarbeitetes Gemüse schmeckt immer noch nach Gemüse. In diesem Sinne ist der Grüntee ein naturtreues Gebilde des Teepflanzens. Das beste Beispiel ist ein guter Sencha ohne Fisch Geschmack!
Ein Oolong? Ein Oolong ist solche Gemüse, das man nach dem Pflücken im Garten noch kurz liegen lässt, so dass es seine Feuchtigkeit verliert. Man lässt das Gemüse so lange liegen, dass seinen Charakter anfängt, sich zu verändern. Zuerst duftet es, wenn man den Duft verkennt und den Zeitpunkt verpasst, fängt das Gemüse an, zu faulen – eine noch stärkere Veränderung seines Wesens als Gemüse (bzw. Teeblätter). Dann kochte man die Teeblätter bzw. das Gemüse aus dem Garten im Wok. Anschliessend könnte man sie im Ofen trocknen und weiter rösten. Die wesentliche Veränderung des Teepflanzens durch Fermentation und Röstung verleiht dem Tee eine andere Dimension. Die Fermentation und Röstung verändern den Tee als Blatt zu einer Blüte oder zu einer Frucht und am besten beides gleichzeitig! Meine leuchtenden Augen erzählten dem fremden Menschen von einer ihm unbekannten Welt. Er war gefesselt von seinem bekannten alltäglichen Getränk und zugleich fremder Welt. Ein wunderschöner Oolong schmeckt nicht mehr nach einem pflanzlichen Blatt, sondern nach Blumen, nach Früchten und nach Bildern, die unsere Erinnerungen färben! Was ist mein Lieblingstee? „Buddha Hand.“
Mir war egal, ob der Japaner mich verstand. Ich hatte Freude, jemandem zu erzählen, was mich berührte. Später geht man sowieso auf unterschiedliche Wege und der Zug ist nur eine Kreuzung. Dann fragte er mich, ob ich Francesco Milizia kenne? Sicher nicht. Er sagte mir, dass er ein Lieblingszitat von diesem Mann hat. Er hat dieses Zitat auf seinem Schreibtisch.
„Wer die Natur nachahmt, rigoros und realitätsgetreu, so wie sie ist, ist – gewissermassen – nicht mehr als Historiker, aber wer sie komponiert, übersteigert, umändert und verschönert, ist ihr Poet.“
Er sagte, dass der Grüntee, der Sencha, den er seit Kindheit ohne Beachtung trinkt, ist ein Historiker von einer treuen Seele. Der Oolong, von dem er heute zum ersten Mal hörte, müsste ein Poet für das Leben sein! Plötzlich war der Wagen nicht mehr der Wagen von SBB. Ich seufzte. Wie poetisch, dieser Vergleich! Dieser Mensch müsste selbst ein Poet sein. Inner kurze Zeit begriff er, das Wesen des Tees und druckte es so aus, aus der Natur eines Poeten. Ich wünsche, ich hätte mein Japanisch schon längst verbessert!
Zum Schluss bekam ich wieder eine Visitenkarte. Nach dieser Kreuzung gehen die Wege wieder auseinander. Die Unbeständigkeit ist die einzige Beständigkeit. Ich erwiderte dieser Visitenkarte mit einer japanischen Sayonara Verbeugung. Sayonara, mein lieber Poet!