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Fotobände sind häufig gross und schwer. Oftmals repräsentieren sie. Coffeetable Books. Es gibt Ranglisten von den «schönsten Coffeetable Books». In meiner Hand liegt ein kleines, handliches Fotobuch. «Henry Frank. Father Photogrtapher». Ein Leineneinband in Grün, der Titel gleicht einer kleinen Visitenkarte. Herausgegeben von Steidl. Eine gute Adresse. Eine sehr gute.
Familienbilder aufgenommen von Robert Franks Vater. Alle Aufnahmen in schwarz-weiss. Bei keinem Bild eine Legende. Alles Familie. aber man weiss nicht, wer wer ist. Man ist auf Vermutungen angewiesen und kann, darf raten, phantasieren, behaupten. Wunderbar das allererste Bild: Robert Franks Mutter hält mit beiden Händen eine Kamera und wird fotografiert. Ist’s sie? Hinter der Frau ein Kinderwagen mit grossen Rädern. Ob da ein Kind im Wagen liegt? Zwei Aufnahmen später wieder der Kinderwagen. Ein Kind schaut aus dem Wagen. Ein Mädchen. Der Schatten des Fotografen – hätte Robert einen solchen Fotografenfehler geduldet? – ist auf dem Bild zu sehen, die Frau trägt einen schwarzen Pelzmantel. Ist’s denn auch wirklich Robert Franks Mutter? In welcher Stadt wurde das Bild aufgenommen? Ich versuche herauszufinden, ob ich die Häuser kenne. Nein, ich muss passen. Nehmen wir an, es sei Zürich. Dort ist Robert Frank geboren, dort hat er seine Kindheit verbracht.
Wenige Seiten später zwei Frauen im Hof, zwei Kinder neben ihnen, sie sind verkleidet. ist’s das jüdische Fest Purim oder ist jetzt Fasnacht? Und wie kommt der grosse Schäferhund hinzu? Hatten Franks überhaupt einen Hund? Ein Bild später schauen sich ein Mann und eine Frau an, ein schönes Paar. Was ich jetzt schreibe, klingt seltsam: die Frau könnte ich kennen, denke ich. Aber wie soll das möglich sein? Das Bild muss Jahre vor meiner Kindheit aufgenommen worden sein. Henry Frank hat von 1890 bis 1976 gelebt. Wir könnten uns getroffen haben. Spätestens in seinen letzten zehn Lebensjahren. In Zürich. Aber solche Kleider haben Menschen zu meiner Zeit nicht getragen. Nicht in den 60er Jahren. Nicht einmal meine Grosseltern. Vielleicht als sie noch jung waren. Vor meiner Zeit. Eine Aufnahme in einem Hof fotografiert. Man möchte viel mehr wissen, aber das Büchlein will einem nicht alle Tore öffnen.
Vielleicht wusste Robert Frank nicht, wo und wann die Aufnahmen gemacht wurden. Und vielleicht konnte er nicht einmal alle Personen benennen. So oder so: ein wunderbares Büchlein, das ich nicht kannte! Ich blättre durch das Buch, ich sehe auffallend häufig Frauen und Autos. Alte Autos. Der Fotograf liebte Autos. Ob es seine Autos waren? Und Frauen mochte er. Während die Fotografierten stets den Fotografen anschauen, entdecke ich ein Bild, auf dem niemand zur Kamera blickt: Ein zoologischer Garten, künstliche Felsen. Alle Personen im Bild blicken in Richtung des Geheges. Ist es der Bärengraben von Bern? Oder der Bärenfelsen im Zürcher Zoo? Auf einem anderen Bild drei Kinder: Zwei Jungens tragen ein Mädchen. Ich meine, Robert Frank zu erkennen, das könnte der Junge rechts im Bild sein.
Und wo steht die Litfaßsäule mit dem Plakat, das zur Bundesfeier aufruft? Im Hintergrund keine Häuser, keine Ortschaft zu erkennen. Und welchen Beruf hatte nun Robert Franks Vater: Radiohändler oder Fahrradhändler? Da widersprechen sich Sohn Robert und Wikipedia. Es bleibt so vieles offen. Ich kenne Freunde von Roberrt Frank. Ich könnte ihnen Fragen stellen. Aber ich lass’ es sein. Ich mag das, ich mag die alten Bilder, die sich von Neuem erzählen lassen. Danke Wolfgang Straub für das schöne Buch!
Henry Frank. Father Photographer. 1890-1976. Edited by Robert Frank and François-Marie Bauer, Steidl, Göttingen. Das grosse Bild aus dem besprochenen Buch.
Eingeworfen am 01.12.2021