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Im Jahr 1846 trafen sich deutsche Schriftstellerinnen erstmals zu einer offiziellen Versammlung in Weimar. Kunde davon gibt in aller Ausführlichkeit der in Leipzig erschienene „Actenmässige Bericht über die erste Versammlung deutscher Schrifellerinnen“. Er ist noch heute sehr amüsant zu lesen, vor allem auch deshalb, weil man als Leser erst langsam ahnt, dass es sich hier um eine Satire handelt. Die beschriebene Versammlung hat nämlich nie stattgefunden. Trotzdem vermittelt der anonyme Bericht ein gut informiertes Bild der damaligen Frauenliteratur und der Vielfalt ihrer Positionen, denn er lässt die tatsächlich führenden Schriftstellerinnen des Vormärz auftreten. 88 Schriftstellerinnen werden im Bericht als Teilnehmerinnen geführt, von 21 besitzt die Museumsgesellschaft Bücher.
Ihnen ist die neue Ausstellung in Foyer und Debattierzimmer gewidmet: „Ehrwürdige Matronen, holdselige Fräulein“.
Der ‚Actenmässige Bericht‘ findet sich heute in der Zentralbibliothek; er befand sich unter den 14‘000 Broschüren, die die Musemsgesellschaft 1893 der Stadtbibliothek geschenkt hat. Der Verfasser (oder die Verfasserin?) über die fiktive Schriftstellerinnenversammlung ist bis heute unbekannt, wahrscheinlich ist es der sehr fruchtbare Literat und Literaturhistoriker Oskar Ludwig Bernhard Wolff (1799-1851), dessen „Poetischer Hausschatz“ bis 1907 dreissig Auflagen erlebt hat.
Die Satire dieses so (pseudo‑)“actenmässig“ und bezüglich der auftretenden Frauen so kenntnisreich verfassten Berichts scheint sich trotz einzelner Pointen weniger gegen die Schriftstellerinnen als Frauen zu richten, als an ihrem Beispiel gegen die Versammlungswut im Vormärz: immer bemüht demokratisch, aber zu keinem Ergebnis fähig. Der Bericht zeigt das ganze Versammlungsbrimborium, sowohl den statuarischen wie den gesellschaftlichen Teil, in aller Ausführlichkeit und führt genüsslich vor, wie die Versammlung über die Organisation ihrer selbst und die Feier ihrer historischen Bedeutung nicht hinauskommt. Jeder konkrete Vorschlag für eine politisch-literarische Aktion, die über das Absingen von Liedern hinausginge, scheitert sofort an der politischen Zerrissenheit der Versammlung. Damit geht es ihr genauso wie der realen Versammlung der Schriftsteller ein Jahr zuvor in Leipzig.
Ein zentrales Thema der Frauenliteratur der Zeit, die Ehe und insbesondere die „Convenienzehe“, hinterlässt auch im „Bericht“ seine Spuren. Dem Zivilstand wird die gebührende Aufmerksamkeit nicht versagt, wenn eine Rednerin so beginnt: „Hochachtbare Damen! / Ehrwürdige Matronen, verehrungswürdige Gattinnen! / Holdselige Fräulein. Blühende Jungfrauen! / Hochansehliche Versammlung!“ Und das erste Abstimmungsprozedere führt zu folgender Szene:
„Ich werde die Stimmen sammeln rief sie [die Vorsitzende], sonst kommen wir nie zum Ziele. Die meine Frage bejahenden Damen stehen auf, die die Frage verneinenden bleiben sitzen.“
„Ach es sind Viele sitzen geblieben, die gern bejaht hätten“ – rief eine Stimme ziemlich laut.
„Die Versammlung missbilligt solche Bemerkungen“, sagte die Rednerin würdevoll.
Th. Eh.
Actenmässiger Bericht über die erste Versammlung deutscher Schriftstellerinnen, gehalten zu Weimar am 5., 6., und 7. October 1846. Hrsg. von den Secretairinnen. Leipzig: Wolfgang Gerhard 1846. – Signatur ZB: 1846/199.