Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/2755

Bild
Titel:
Einer der letzten Handsticker im Appenzellerland
Thema: Kultur
Datum: 20.11.1976
Masse: 5.8 x 2.7 cm
Standort: Privatbesitz Emmi Wirth, Herisau
Urheber/-in: Emil Nef, Herisau
Beschreibung:
Saalabzeichen für die Passivabende des Gemischten Chors Ramsen vom 20. und 27. November 1976 im Restaurant Ramsenhof (Eintritt: 3.30 Franken, Saalabzeichen: 2.20 Franken). Gestickt von Emil Nef, Herisau. Das weiss grundierte, rechteckige Abzeichen ist rot umrahmt und verläuft am unteren Ende in zwei Spitzen. Über die obere Hälfte erstreckt sich ein Kranz mit Blättern, Knospen, einer Blume und einer Schleife in den Farben grün, gelb, orange und rot; die Mitte des Kranzes ziert ein kleiner blauer Stern. Darunter sind die Signierung „Gem-Chor Ramsen“ in blauer Blockschrift (Grossbuchstaben) und die Jahreszahl „1976“ zu lesen. Letztere ist zweigeteilt auf die beiden Endspitzen; unterhalb ist wiederum je ein kleiner gelber Stern abgebildet. Die Ränder des Saalabzeichens sind stellenweise ausgefranst. Am oberen Rand zeichnen sich die Einstichlöcher der Sicherheitsnadel ab, mit der das Abzeichen an der Kleidung fixiert wurde.
Geschichte:
Emil Nef (1888-1988) war einer der letzten Handsticker im Appenzellerland; während 15 Jahren präsidierte er zudem den Zentralverband der Schweizerischen Handmaschinenstickerei. In seinem Lokal an der Degersheimerstrasse in Herisau, wo er ab 1913 wohnte, war der gebürtige Schönengründler und ursprüngliche Urnäscher bis ins hohe Alter tätig. Dabei fertigte er unter anderem die Saalabzeichen für die alljährlichen Passivabende (heute: Unterhaltungen) des Gemischten Chors Ramsen an, bei dem er selbst viele Jahre Mitglied war.
Zeichner oder Schreiner wäre Emil Nef gerne geworden, doch war es der Familie nicht möglich, den Sohn für eine Lehre zu entbehren; auch er musste einen Teil zum Einkommen beitragen. Der Vater besass ein kleines Hämetli mit zwei, drei Kühen, daneben stickte er; nach der Schule halfen auch die Kinder mit. Die Arbeit am Pantografen, die hauptsächlich den Männern vorbehalten blieb, erforderte Hilfeleistungen, für die meist Frauen und Kinder eingesetzt wurden – als sogenannte Fädler. Sie legten die rund einen Meter langen Fäden zurecht, führten sie durchs Nadelöhr und halfen diese einzusetzen, sie wechselten abgetrennte Fäden aus, schnitten nach dem Verstäten die Enden ab und behielten jene Nadelreihe im Auge, an der gerissene Fäden für den Sticker unbemerkt geblieben wären. Kinder bis zu zwölf Jahren verbrachten täglich drei bis vier Stunden im Sticklokal, bei Schülern zwischen zwölf und vierzehn Jahren waren es vier bis sieben Stunden. Für letztere bedeutete dies insgesamt mindestens zehn Stunden Arbeit.
Jugendliche und noch ledige erwachsene Familienmitglieder halfen oft ausser Haus bei einem anderen Einzelsticker, in einer Fabrik oder einem Ausrüstungsbetrieb aus. So tat es auch Emil Nef. Als aber der Sticker, bei dem er angestellt war, sich des Öfteren frei zu nehmen begann, setzte sich Emil Nef selbst an den Pantografen. In der Fabrik schliesslich mussten ihm die Arbeitgeber nur noch weniges beibringen.
War das Einkommen in den Fabriken in den 1870er-Jahren tiefer als in der Heimindustrie, schlug dies Anfang des 20. Jahrhunderts um: 26 Rappen erhielt ein Sticker für 100 Stiche, 2000 Stiche pro Tag lagen im Rahmen des Möglichen. Mit der maschinellen Anfertigung feiner Stickmuster drang die Mechanisierung auch in die appenzellische Textilindustrie vor, und die Maschinenstickerei etablierte sich zum neuen führenden Bereich. Während zunächst insbesondere die Fabrikindustrie voranzuschreiten schien, trumpfte alsbald die Heimindustrie nach, indem sie sich dem wirtschaftlichen Wandel anpasste und durch Spezialisierungen abermals ausweitete – dies bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Dennoch blieb die Handstickmaschine blosses Instrument; die Qualität der „Stickete“ hing weiterhin vom Handwerk des Stickers ab – und dieses beherrschte Emil Nef mehr als recht. 1961 begann er schliesslich, Alpaufzüge für Sennenhemden zu sticken: 17'000 Stiche waren für die Herstellung eines solchen nötig, 20'000, wenn der Senn besonders gross war.
Autorin: Susanna Schoch, Herisau
Literatur:
Dörler Anita: Freude an der Arbeit. In: Appenzeller Zeitung, 24.5.1985.
Tanner, Albert: Spulen – Weben – Sticken. Die Industrialisierung in Appenzell Ausserrhoden. Zürich 1982, S. 48-68, 317-374.
StAAR, ZFR-01-B08-37 Familienregister Urnäsch.
Tags:
Ähnliche Themen: