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„Ich kriege wieder das Kribbeln“
Der Zermatter Diego Perren spielte mit dem Team Lausanne Olympique in den 90er Jahren bis 2004 an der Weltspitze des Curlings. 1998 gewann das Team auf der Olympiade in Nagano die erste Goldmedaille in der olympischen Geschichte gegen Kanada. Ein Interview über Yoga als mentales Training, dem unbegründeten Mauerblümchendasein des Curlings und eine uralte Schweizer Angst.
Herr Perren, spielen Sie überhaupt noch Curling? Wie sieht das Leben nach dem Leistungssport aus?
Bis 2004 habe ich Wettkampf-Curling gespielt, das volle Programm mit Vorbereitung in Kanada im Herbst, dann nach Schottland, auch noch einige Auslandsturniere, Schweden, Norwegen, die Vorrunden, Ausscheidungen für die Nationalmeisterschaften, Hauptrunde, Finalrunde. Wenn`s gut lief bis Ende April, Anfang Mai Weltmeisterschaften – das war das Jahresprogramm. 2004 haben wir die letzte Saison zusammen gespielt. Dann gab es einen Cut und ich habe ein Jahr lang gar nichts mehr gemacht. 24 Jahre lang hatte ich volles Programm. Da wird man mit der Zeit auch ein wenig übersättigt. Seit drei bis vier Jahren spiele ich wieder zwei bis drei Turnierchen – nur noch zum Spass. Ich geniesse es jetzt, ich spiele mit meinen Freunden. In Aarau gibt es ein Turnier, im Engadin, vielleicht noch in der Zentralschweiz, das war`s. Nur noch zum Plausch. Ich spiele Curling wie im Breitensport. Rein zum Vergnügen.
Welche Sportarten üben Sie sonst aus?
In meiner aktiven Zeit habe ich viel Ausgleichssport betrieben. Tennis ist eine sehr gute Sportart im Sommer, für die Grundkondition. Im Sommer gehe ich auch auf`s Mountainbike, und natürlich Wandern. Das habe ich bis heute beibehalten. Zermatt hat auf Initiative von Alex Aufdenblatten Ende der 70er Jahre eine 2-Rink-Curlinghalle gebaut, die ausgerechnet im Jahr Ihres Olympiasieges geschlossen wurde.
War somit nicht klar, dass die Spitzenleistungen des Curling Clubs Zermatt der 80er und 90er Jahre nicht gehalten werden konnten? Was war der Grund für diese Schliessung?
Hinter der Halle stand eine Genossenschaft, der Club und die Gemeinde am Anfang, später noch mit dem Kurverein. Es wurde teilfinanziert von der Gemeinde, ein wenig vom Kurverein, den Rest musste der Club tragen. Das Verhängnis dieser Curlinghalle war die Eismaschine, ein Prototyp dazumal, sehr anfällig für Reparaturen. Das wurde sehr teuer. Allgemein wurde der Unterhalt der Halle teuer. Die Gemeinde hat sich zurückgezogen. Der Kurverein hat mit dem Club noch etwas finanziert. Gleichzeitig haben immer weniger Leute in der Halle Curling gespielt. Ich war am Schluss einer der wenigen, die die Halle benutzt haben. Es war auch kein Nachwuchs mehr da. Dazumal hatten wir noch ein Junioren-Team, die haben sich dann verstreut wegen der Ausbildungsplätze. Dann war das gestorben. Sie waren ja mitten in Ihrer sportlichen Karriere.
Wo haben Sie denn trainiert?
Das war ein grosses Problem für mich. Die Eisaufbereitung in der Halle, die ja sehr schlecht war, hatte mich gezwungen, mich zu organisieren. Ich habe mir überlegt: Wo habe ich einigermassen Voraussetzungen zum Trainieren. Das war in Crans-Montana, 93 bis 95, dann schloss die Curlinghalle da auch. Dann musste ich nach Leukerbad ausweichen. Dann konnte ich ein Jahr in Leukerbad trainieren, dann schloss diese ebenfalls.
Was war denn da los im Oberwallis?
Der Curlingsport war in den 70er und 80er Jahren sehr beliebt, speziell im Oberwallis, dann stagnierte es aus irgendwelchen Gründen. Nach unserem Olympiasieg gab es noch mal einen Boom, aber es war mit den Einrichtungen schon zu spät, die waren alle schon zu. Keiner hat mehr so richtig die Initiative ergriffen. Der einzige Club, der noch sehr aktiv ist, ist der Curlingclub Visp. Sie haben schon über 300 Mitglieder, was sehr gross ist. Sonst ist es kein Thema mehr.
Seit 1951 ist der Curlingclub Zermatt 15 Mal Schweizer Meister im Open Air Curling gewesen, darunter einige Male in Zermatt selbst.
Wann findet in Zermatt wieder so eine Schweizer Meisterschaft statt?
Wir müssen unterscheiden zwischen dem Hallen-Curling, das ist das Elite Curling, und Open Air. Wir können das noch auf dem Natureis organisieren wie vor drei Jahren. Es braucht eine gewisse Grösse, um so eine Meisterschaft zu organisieren, eine gewissen Zahl Eis-Rinks. Es gibt nicht viele Stationen in der Schweiz, die das durchführen können. St. Moritz, Silvaplana im Engadin, Lenzerheide, Zermatt, in der Lenk, vielleicht noch in Crans-Montana. Die Chance, dass eine Schweizer Meisterschaft in Zermatt, im Open Air, stattfindet, ist sehr gross. 1998 kam die Wende im Curling, die Konkurrenz aus Fernost wird immer stärker.
Welche Chancen haben denn die Schweizer Curler, wenn alle ihren ganz normalen Berufen nachgehen müssen?
Olympiasieger 1998Die Schweiz hat international immer gute Chancen, und zwar aus zwei Gründen: Wir trainieren sehr viel im Ausland, obwohl es bis dato keine Profis gibt. Das gibt es aber noch nicht mal in Kanada, was das Mass aller Dinge ist. In der Schweiz ist es so geregelt, dass der Verband finanzielle Unterstützung leistet für Turniere im Ausland. Es ist schon fast Pflicht, wenn man finanziell unterstützt werden will, dass man ins Ausland geht. Kanada ist immer ein grosses Thema, zwei bis drei Wochen. Dann Skandinavien, zwei bis drei Turniere. Schottland ebenfalls. Die Spitzenteams in der Schweiz nützen das auch aus und lernen da viel. Der Spielstandart in der Schweiz ist dadurch international gesehen top. Das zeigen auch die Resultate. Die Schweiz war bis auf wenige Ausnahmen immer in den Top-Vier oder Top-Fünf, sei es WM oder EM. Als Curling noch Demonstrationswettkampf war, einmal in Albertville und einmal in Calgaray, wären wir immer in den Medaillenrängen gewesen. In Albertville Silber und in Calgaray Olympiasieger. Das zieht sich durch über die letzten fünfzehn, sechzehn Jahre.
Es ist aber dennoch zunehmend schwerer Sponsoren zu finden. Ist es den Schweizer Unternehmern egal, dass die Schweizer Curler an der Weltspitze stehen?
Curling ist eine schlecht zu vermarktende Sportart. Es gibt keine Industrie, die dahintersteht wie zum Beispiel beim Snowboarden, da gibt es die Kleidung, die Bretter, Bindungen. Ein grosser Markt, den man auch promoten kann. Im Curling ist das nicht möglich. Es gibt wohl Geschäfte, die Curling-Artikel verkaufen, aber es gibt zuwenig Breite. Nach 98 sind wir auf Sponsorensuche gegangen. Wir haben 50 Grossfirmen in der Schweiz angeschrieben, Versicherungen, Banken, Industrie, mit der Bitte, uns im kommenden Jahr während der Saison uns als Olympiasieger zu unterstützen. Wir bekamen 49 negative Antworten. Man sagte uns: Wenn es zu verkaufen wäre, dann könnten wir etwas machen.
Curling ist eine Randsportart und wird das Mauerblümchendasein fristen. Und wer war der eine, der Ihr Team unterstützt hat?
Emil Frey, der grösste Schweizer Autohändler. Das war aber ein Geschenk, das wir bekommen haben: Ein Auto und etwas Geld. Wenn man sich ansieht, welche Berufsgruppen hinter Curlern stehen – Curling gilt als das Schach auf dem Eis - das ist doch Brain, Technik. Mathematisches, Strategie.
Gibt es keine Firmen, die sich damit identifizieren können?
Man sollte es meinen, aber es wird zu wenig studiert, hinterfragt: Was hätten wir für Möglichkeiten, das besser an den Mann zu bringen? Die Ansätze versanden. Es dreht sich heute nur noch um`s Geld, auch bei den Vermarktungsfirmen, bei den Werbeagenturen. Die brauchen einen Aufhänger, einen Kopf, den sie hinstellen können, und eine Industrie, die dahintersteckt, die man dann aktivieren kann. Obwohl im Curling die Gegebenheiten durchaus vorhanden wären, auch hier in Zermatt, mit dem Matterhorn, mit der Aufmachung. Es ist ja eine Weltmarke, das Matterhorn, aber irgendwie geht der Knopf nicht auf. Wir sind, gemessen an den Erfolgen, immer noch der erfolgreichste Curlingverein der Schweiz. Trotzdem schließt die Curlinghalle, wir haben keinen Nachwuchs. Ich habe Angst, dass sich alles verliert.
Das Wichtigste in jeder Sportart ist: Wie kann man die Jugendlichen motivieren? Im Curling hat man nur Erfolg, wenn man die Freude am Sport mitbringt. Und dass man in der Welt herumreist. Wer das machen will, dafür ist Curling keine schlechte Sportart.
Es kann doch nicht egal sein, auf dem Balken einen Flickflack zu schlagen, einen Stein zu werfen oder einen Ball zu schiessen!
Curling ist eine sehr komplexe Sportart, Schach auf Eis. Wenn jemand gerne Schach spielt, spielt er gerne Curling. Man muss immer überlegen. Es gibt verschiedenen Situationen, verschiedene Strategien. Interessant ist auch der Teamgeist. Vier Individuen in einem Team. Wenn einer eine Schwäche hat, ist es die Aufgabe der Teammitglieder, den wieder hochzubringen und zu motivieren, innerhalb kürzester Zeit. Das dritte Element ist das Physische. Obwohl es einfach aussieht, ist es sehr anstrengend. Wenn man es auf einem hohen Niveau spielt, muss man körperlich in sehr guter Verfassung sein. Das vierte Element ist der mentale Bereich. Man muss fähig sein, in einem grossen Stadion, in geschlossenen Hockey-Arenen, sich vor einem grossen Publikum zu konzentrieren. Dass man fokussiert sein kann, dass man abschalten kann, dass man nur seine Aufgabe sieht. Diese vier Elemente müssen Hand in Hand gehen, müssen harmonieren. Man muss taktisch immer auf der Höhe sein, mitdenken, mitstudieren. Einer bestimmt die Taktik, aber alle anderen müssen wissen warum, und immer damit einverstanden sein. Je länger man zusammenspielt, umso besser harmoniert das. Man kennt mit der Zeit viel Privates, Persönliches. Man weiss, wie jeder reagiert, wie der tickt, wo jeder seine Stärken und Schwächen hat – das muss man ins Spiel mit einbeziehen.
Glauben die Schweizer Curler immer, dass ihr Sport keine Zuschauer findet? 1924 soll das Schweizer Team bei der ersten Olympiade in Chamonix aus solchen Gründen ja nicht angetreten sein. Die Briten gelten somit als erste Olympiasieger – das wurde erst nachträglich 2006 so festgelegt. Wurmt Sie das nicht – als Sportler und Schweizer?
Bei den Schotten gab es ja immer den Streit: Schottland oder Kanada – Wo liegt die Wiege des Curlingspiels? Das geht seit 100 Jahren hin und her. Die Schotten haben in den Verbandsspitzen die Positionen innegehabt, wo sie das ein bisschen steuern konnten. Vier Jahre lang war ein Schotte Präsident des Weltcurlingverbandes, auch in den Gremien gab es viele Schotten. Mich wurmt das nicht, denn es gibt ja den Status offiziell, das war 1998, und daran gibt es nichts zu rütteln. Das hat den Schotten sauer aufgestossen, dass sie es 1998 nicht geschafft haben. Sie versuchen immer wieder Gründe und Ausreden zu bringen, das resultiert aus alten Überlieferungen und Streitereien. Tatsache ist für mich, dass es vom IOC abgesegnet wurde als offizielle Sportart für die Olympiade und dass wir in sämtlichen Geschichtsbüchern aufgeführt sind als die ersten Olympiasieger dieser Sportart. Für uns ist das kein Problem, sondern ein Problem der Schotten und Kanadier. Die Grundangst der Schweizer, dass es zu internationalen Anlässen zu wenig Zuschauer haben könnte, ist schon ein alter Hut. Die Schweizer hatten immer ein bisschen die Einstellung, dass das Curlingspiel nicht attraktiv genug, zu wenig lukrativ sei, zu wenig die Massen anspricht, dass man vor leeren Tribünen spielen muss. Das ist eine Schweizer Urangst, die geht nie mehr raus. Es ist unbegründet. 1996 hatten wir in Kanada eine WM gespielt: 16`000 Zuschauer jeden Tag. Das war knalle voll. In Schottland: bis zu 8000 Zuschauer. Auch in der Schweiz bei Nationalmeisterschaften wird Curling vor grosser Kulisse gespielt. Auf der Olympiade in Turin hatte das Finale der Damen das höchste Publikumsrating des gesamten Turniers überhaupt. Angeblich entwickelt sich Curling bei deutschen Sportjournalisten zu einer Trendsportart, obwohl wir davon noch nicht viel gelesen haben.
Was kann man denn tun, um die Faszination besser zu vermitteln?
Das beste Werkzeug ist das Fernsehen. Die Übertragung der Kommentare müsste verbessert werden, um die Sportart den Laien noch plausibler, noch einfacher zu erklären. Dazu braucht es Experten. Das hat sich mittlerweile stark verbessert. Unser Medium ist Eurosport, die immer mehr übertragen, und auch Fachleute beiziehen. Da müsste man noch besser ansetzen, auch mit den Verantwortlichen von Eurosport selber enger zusammenarbeiten. In Nagano hat uns drei Tage vor dem Wettkampf Eurosport angerufen und hat uns gefragt, ob wir ihnen jemanden zur Verfügung stellen könnten zum Kommentieren! Der grösste Sportsender in Europa! Irgendwie haben sie das hingekriegt, aber es war eine Katastrophe, wie das übertragen wurde. Es war eine Farce. Die hätten das lieber sein lassen sollen. Aber sie haben seit 98 unheimlich viel gemacht für den Curlingsport. Sie haben ihre Kameraseinstellungen verbessert, von oben auf das Haus, Seiteneinstellungen, wie die Leute die Steinabgabe machen, von hinten gefilmt. Man hat den Leuten Mikrophone angesteckt, dass man hören konnte, was besprochen wurde. Das macht es viel interessanter. Es gibt viele Leute, die sehen das zum ersten Mal, und die kriegen dann einen guten Kommentar mit. Dann bekommt man schnell eine Idee und ein Spielverständnis. Ich kenne viele, die das einmal gesehen und gesagt haben, sie würden es sehr telegen finden, auch zum Zuschauen. Proficurler sind ja älter als andere Spitzensportler. Es kommt auf andere Werte an als auf einen jungen leistungsfähigen Körper.
Ich habe gelesen, dass Sie auch Yoga gemacht haben. Stimmt das?
Das stimmt. Das hat mit dem mentalen Element zu tun. In diesem Bereich haben wir stark gearbeitet. Zu fokussieren, in sich zu gehen. Wir haben Yoga gemacht, wir haben Atemtechniken geübt, um ruhig zu werden und uns auf unsere Aufgabe konzentrieren können. Gian Simmen, der 1998 das zweite Schweizer Gold mit dem Snowboard in der Halfpipe holte, ist gerade auf einem internationalen Wettbewerb in Davos mit 31 Jahren der beste Schweizer geworden – auf Platz 7.
Würden Sie nicht gerne auch nochmal antreten?
Doch. Wieder. Ich hatte eine Zeit, da war ich froh, dass ich Abstand kriege vom Spitzensport. Aber ich habe mich immer informiert und zugeschaut, wenn es international etwas gab. Ich bin auch zu Finalrunden der Schweizer Meisterschaft gegangen. Ich kriege wieder das Kribbeln für den Wettkampf. Wenn ich in Bern in der Curlinghalle sitze und zuschaue, die Atmosphäre rieche – dann krieg ich das Kribbeln. Für mich wäre es sicher ein Thema, wenn jemand auf mich zukommen würde, und mich fragen würde, ob wir noch mal für vier Jahren spielen wollten. Die Zeit wäre zu investieren. Vier Jahre volle Pulle, dafür wäre ich zu haben, für Elitecurling. Natürlich wird man nicht jünger und die Kondition lässt nach, aber Curling kann man auch noch mit über 50 spielen. Bestes Beispiel ist Kanada, die Teams haben ein Durchschnittsalter von 50 Jahren. Da ist sehr viel Erfahrung und Präzision dabei. Da steht das Körperliche nicht mehr so im Vordergrund. Aber es braucht die richtigen drei Spieler, damit man nicht wieder von Null anfängt. Das Curling hat sich seit 1998 technisch ja wahnsinnig stark entwickelt. Aber innerhalb von zwei Saisons wäre man sicherlich wieder auf einem sehr guten Niveau. Das wäre eine Option.
Vielen Dank für das Gespräch und „Gut Stein“ für die Horu-Trophy!