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Laut einer Ende Januar erschienenen Studie der Universität Mainz betreiben zwanzig Prozent der Studierenden Hirndoping. Eine andere Studie des Instituts für Hochschulforschung hatte noch vor einem Jahr festgestellt, dass lediglich fünf Prozent zu Ritalin (Methylphenidat) oder anderen Aufputschmitteln greifen. Sind diese Zahlen realistisch?
Boris B. Quednow: Die Zahl von zwanzig Prozent aus der Mainzer Studie halte ich tatsächlich für massiv übertrieben, zumindest wenn man die Definitionen von Neuroenhancement heranzieht. In der Mainzer Studie wurden neben den üblichen Verdächtigen wie Methylphenidat und Modafinil auch illegale Substanzen wie Amphetamin und Kokain und auch Koffein-Tabletten eingeschlossen, während Präparate, welche die Studenten selbst für Neuroenhancer hielten, nicht explizit ausgeschlossen wurden. Damit ist die Studie leider mit keiner früheren mehr vergleichbar und auch die Häufigkeit der Einnahme der spezifischen Substanzen kann nicht ermittelt werden.
Es wurden über 2000 Studierende befragt, damit ist die Studie doch breit angelegt.
Boris B. Quednow: Die Anzahl der Befragten ist nicht das Problem. Bei E-Mail-Befragungen, wie sie die Mainzer Forscher durchgeführt haben, kann man relativ schnell eine hohe Anzahl an Probanden rekrutieren. Mein Hauptkritikpunkt an der Studie besteht darin, dass sie sehr allgemein gefragt und nicht nach der Einnahme von bestimmten Substanzen unterschieden hat. Es heisst dort: «Nehmen Sie illegale oder pharmazeutische Substanzen, die man nicht in einer Drogerie oder im Supermarkt kaufen kann?» Es folgt eine Liste mit Beispielen wie Methylphenidat, Amphetamine, Koffeintabletten, Kokain und Mephedron, aber eben auch keine Negativbeispiele wie Vitamine oder Pflanzenextrakte.
Was ist an dieser Fragetechnik falsch?
Boris B. Quednow: Wenn jemand zum Beispiel ein Ginkopräparat oder Vitamintabletten einnimmt, die nur in der Apotheke zu kaufen sind, wäre dies nach der Definition der Studie auch ein Fall von Hirndoping. Ich bin mir sicher, dass viele Studierende aufgrund dieser Ungenauigkeit in der Fragestellung Angaben gemacht haben, die an der eigentlichen Fragestellung vorbeigehen. Zudem kann es bei E-Mail-Umfragen schnell auch dazu kommen, dass die Teilnehmenden aus Jux oder Desinteresse falsche Angaben machen und damit das Ergebnis verzerren. Die angewandte Methode der «Randomized Response Technique» ist leider sehr anfällig für sogenannte «Cheater».
Skeptisch stimmt mich auch, dass dieselben Autoren vor zwei Jahren eine Studie mit einer ähnlichen Studierendenpopulation veröffentlicht haben – damals waren allerdings keine Sportstudierenden und keine Sprachstudierenden dabei –, in der sie mit einer herkömmlichen Fragetechnik nachwiesen, dass nur ein bis zwei Prozent der Studierenden Hirndoping betreiben. Dieser riesige Unterschied lässt aufhorchen.
Wie erklären die Mainzer Forscher die massive Steigerung innerhalb von nur zwei Jahren?
Boris B. Quednow: Die Methode der «Randomized Response Technique» verspricht den Teilnehmenden absolute Anonymisierung. Dadurch soll die Bereitschaft, ehrlich zu antworten, deutlich erhöht werden, da auch auf peinliche Fragen offen geantwortet werden kann, denn der Zufall entscheidet bei diesem Verfahren darüber, ob der Student eine harmlose Frage beantwortet oder eine zum Hirndoping. Die Mainzer Forscher führen die ungewöhnlich hohe Rücklaufquote von etwa 90 Prozent auf diese Methode zurück.
Ist das als Erklärung ausreichend?
Boris B. Quednow: Die «Randomized Response Technique» wird häufig angewandt und hat sich bewährt. Trotzdem bleibt für mich das Ergebnis der Mainzer Studie fragwürdig. Allein die Gruppe der Sportstudierenden, die zum ersten Mal befragt worden ist, kann nicht für die hohe Prozentzahl verantwortlich gemacht werden, auch wenn Sportler möglicherweise eher dazu neigen, leistungssteigernde Substanzen einzunehmen.
Und ich habe noch einen weiteren Grund zur Skepsis: An der Mainzer Studie haben sehr viel mehr Frauen als Männer teilgenommen. Aus zahlreichen früheren Studien weiss man jedoch, dass Frauen normalerweise sehr viel vorsichtiger mit leistungssteigernden Substanzen umgehen und weniger Stimulanzien konsumieren als Männer. Der hohe Anteil der Frauen lässt diese Zahlen daher zusätzlich unglaubwürdig erscheinen.
Wenn Studierende zu Neuroenhancern greifen – welche Substanz bevorzugen sie dann?
Boris B. Quednow: Wahrscheinlich Ritalin, also Methylphenidat, da die Substanz im Verhältnis zu andern Substanzen wie Amphetamin und Modafinil einfacher zu bekommen ist. Viele konsumieren Methylphenidat aber eher als eine Art «Kokain light», weil es wach macht und auch sozial enthemmend wirken kann. Deshalb wird es von Studierenden nicht nur für die Prüfungsvorbereitung eingenommen, sondern auch vor dem Ausgang.
Ich schätze, dass wir wahrscheinlich ungefähr fünf Prozent gelegentliche Methylphenidat-Konsumenten unter den Studierenden in Zürich haben. Viele von ihnen haben ein Arztrezept dafür. Die Anzahl derjenigen, die die Substanz regelmässig und ohne medizinische Indikation konsumieren, ausschliesslich um besser lernen zu können, liegt wahrscheinlich nur bei etwa ein oder zwei Prozent.
Wie kommen Sie auf diese Zahlen?
Boris B. Quednow: Aus meiner Forschung zu den Folgen des Kokainkonsums. Von unseren Probanden, unter denen viele Studierende sind, nehmen wir Haarproben, um den Drogenkonsum nachzuweisen. Falls jemand regelmässig Methylphenidat einnimmt, würden wir das anhand der Haarproben erkennen. Auch bei unserer jüngsten Untersuchung mit 90 gesunden Probanden hat kein einziger regelmässig Methylphenidat eingenommen. Wenn 20 Prozent der Zürcher Studenten Methylphenidat einnehmen würden, hätten wir in dieser Stichprobe mit sehr vielen Studenten wesentlich mehr Methylphenidat-positive Personen finden müssen.
Es ist auch gar nicht so einfach, an Ritalin heranzukommen.
Boris B. Quednow: Methylphenidat muss von einem Arzt verschrieben werden. Einige Studierende bekommen das Rezept sicher auf legalem Weg, weil ihnen der Arzt eine Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert hat. Man kann Methylphenidat aber auch bei Drogen-Dealern an der Langstrasse erwerben.
Der Haupttransfer läuft jedoch wohl häufig über die Familie oder Freunde. Wenn ein Geschwister zum Beispiel Methylphenidat einnimmt, kann auch schnell mal etwas abgezweigt werden. Übers Internet Methylphenidat zu beziehen, ist in der Schweiz risikoreich, weil viele Pharma-Sendungen aus dem Ausland mittlerweile vom Zoll abgefangen werden.
Ist die dauerhafte Einnahme von Ritalin bei ansonsten Gesunden überhaupt schädlich?
Boris B. Quednow: Es gibt keine Studien, die mit gesunden Personen über einen längeren Zeitraum durchgeführt wurden. Und wir wissen auch nicht, was bei einer Dauereinnahme im Gehirn passiert. Bekannt ist lediglich, dass es bei Patienten, die Methylphenidat regelmässig einnehmen, zu Herz-Kreislauf-Problemen und anderen unangenehmen Nebenwirkungen kommen kann.
Und nicht jeder reagiert gleich: Manche gesunden Personen entwickeln unter Methylphenidat Angstzustände, innere Unruhe oder massive Schlafstörungen. Es muss aber an dieser Stelle noch einmal betont werden, dass Patienten mit einer Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung kognitiv wie sozial sehr von der Einnahme profitieren können, was die Gabe trotz der Nebenwirkungen bei diesen Patienten rechtfertigt.
Was passiert, wenn Studierende Ritalin einnehmen?
Die Wirkmechanismen von Methylphenidat und Kokain sind sehr ähnlich. Wir beobachten bei den gelegentlichen Kokain-Konsumenten bereits relativ starke Veränderungen sensorischer und kognitiver Funktionen, welche auf eine bereits veränderte Neurochemie hindeuten.
Die dauerhafte Einnahme von Kokain und wahrscheinlich auch Methylphenidat verändert daher die Hirnchemie. Beim Absetzen der Substanzen ist damit auch nicht alles gleich wieder so wie vor der regelmässigen Einnahme, sondern das Gehirn hat sich auf die stetige Stimulation eingestellt.
Die kognitive Leistungsfähigkeit durch Methylphenidat zu verbessern, ist die eine Sache, die andere ist, dass nach Absetzen der Substanz die Leistungsfähigkeit zunächst einbrechen kann. Wir planen im Moment mit dem Schweizerischen Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) eine Studie zur regelmässigen Einnahme von Methylphenidat bei Gesunden und den daraus resultierenden Folgen für die kognitiven Leistungen.
Ritalin hat den Ruf, dass es die Konzentration fördert. Macht es auch kreativer?
Substanzen wie Methylphenidat bekämpfen vor allem Müdigkeitseffekte. Die selektive Aufmerksamkeit wird erhöht, man kann besser fokussieren und mehr Dinge im Arbeitsgedächtnis halten. Methylphenidat hilft aber nicht, wenn zum Beispiel wechselnde Aufmerksamkeit gefragt ist, diese Funktion wird eher verschlechtert. Ein Gespräch mit unterschiedlichen Ansprechpartnern zu moderieren, fällt mit Methylphenidat enorm schwer. Kreative Prozesse sind sehr wenig erforscht, ich vermute aber, dass Methylphenidat die Kreativität eher nicht steigert.
Dann ist Ritalin für die Prüfungsvorbereitung eigentlich gar nicht so nützlich?
Die meisten Stimulanzien führen dazu, dass man sich besser fühlt und die eigene Leistung überschätzt. Der tatsächliche Gewinn ist daher nicht so gross wie der subjektiv empfundene. Studien mit Stimulanzien haben zudem gezeigt, dass durch das Ankurbeln des Arbeitsgedächtnisses das Langzeitgedächtnis eher leidet.
Es kann also sein, dass ein Ritalinkonsument in der Bibliothek lange gearbeitet und viel Stoff gepaukt hat, doch bei der Prüfung nicht alles abrufen kann, weil nicht der ganze Lernstoff im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden konnte. Die Einnahme von Methylphenidat verursacht bei vielen Personen ein subtiles, angenehmes Gefühl und steigert die Motivation. Ob dies am Ende zu einer höheren Prüfungsleistung führt, bezweifle ich allerdings.
In der im Interview erwähnten Studie der Universität Mainz wurden rund 2600 Fragebögen ausgewertet, die von repräsentativ ausgewählten Mainzer Studenten verschiedener Fakultäten ausgefüllt wurden. Die meisten Hirndoper gab es demnach unter den Sportwissenschaftlern (25 Prozent), die wenigsten unter den Sprach- und Erziehungswissenschaftlern (12,1 Prozent). Erschienen sind die Ergebnisse in der Fachzeitschrift «Pharmacotherapy».
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