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Pakete füllen, beschriften, zukleben. Im Lager neues Material holen, sortieren, verpacken, abschicken. Was klingt, wie in einem Logistikzentrum eines Online-Händlers, ist in Wahrheit ein kleines Wohnzimmer im Norden der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá.
«Bringst Du mir bitte einen neuen Faden», ruft Ana Aldana ihrem ältesten Sohn Brian zu. Direkt neben dem Wohnzimmer in der Küche steht eine Nähmaschine. Dahinter auf den Herdplatten liegen Scheren, Fäden, grüne und blaue Filzstoffe oder Knöpfe in allen möglichen Formen. Die Familie Aldana verkauft online Secondhand-Kleider.
Die Kleidungsstücke werden fotografiert. Die Bilder werden dann - versehen mit einer Preisangabe - in einer App gezeigt. Die per App eingegangenen Bestellungen werden in Schachteln verpackt und direkt zur Kundschaft gebracht.
Umgerechnet verdient die Familie so rund 800 Franken im Monat. Brian ist für den Transport der Waren zuständig. Seine jüngere Schwester sortiert das Lager. Die Mutter Ana Aldana flickt die alten Secondhand-Kleider.
«Ich musste mich in der Pandemie neu erfinden», erklärt Ana, die vorher als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft gearbeitet hatte. Über ein Jahr lang sei der Laden in der Pandemie geschlossen gewesen und dann Konkurs gegangen. Sie verlor ihre Stelle. Dann sei ihr die Idee mit den alten Kleidern gekommen. Ihr Sohn Brian war Turnlehrer in einer Primarschule in Bogotá. Während der Pandemie fiel der Unterricht aus, danach wurde sein Vertrag nicht erneuert.
Ganz Südamerika leidet
Die Pandemie hat Südamerika in eine der schwersten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte gestürzt. Laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gingen 43 Millionen Arbeitsplätze verloren. In vielen Ländern konnten die Menschen nicht auf Unterstützungsprogramme mit Kurz- oder Heimarbeit zurückgreifen. Schlicht, weil die Regierungen dazu keine Mittel haben.
Die meisten Arbeitsplätze, die in den letzten Monaten wieder geschaffen wurden, sind im informellen Sektor. Also ohne Sozialversicherung und ohne Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerschutz. So erging es auch der Familie Aldana. Sie haben sich zwar mit dem Online-Handel ihre Existenz gesichert, wenn sich allerdings keine Kleider verkaufen, gibt es abends nichts zu essen.
Nicht nur das sei schwierig, sondern auch das Familienleben leide, sagt Brian: «Wir sind unter Druck und streiten oft. Wir arbeiten bis tief in die Nacht und die Nachfrage steigt immer mehr.»
Online-Geschäft relativ jung
Während es weltweit schon längst normal ist, Kleider, Spielsachen, Bücher oder Haargel online zu bestellen, so war das in Südamerika lange nicht selbstverständlich. Die Pandemie hat das verändert. Der Anteil der Bevölkerung, der online einkauft, verdoppelte sich laut der US-Nachrichtenagentur Bloomberg auf 67 Prozent.
Das hat auch damit zu tun, dass sich viele angesichts der schlechten Gesundheitssysteme immer noch vor einer Corona-Ansteckung fürchten und Geschäfte mit vielen Leuten meiden.
«Wir sparen so viel Geld», sagt Ana. Mit dem Online-Handel zu Hause müssen sie nicht mit dem teuren Bus zur Arbeit fahren. Gespart werden auch die Kosten für einen Lagerraum und ein Büro. «Wir zahlen auch nur einmal für Elektrizität und die Familie ist immer zusammen.» Der letzte Monat lief so gut, dass sich die Familie jetzt zum ersten Mal überhaupt einen Kühlschrank leisten kann.