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von Karen Schärer
Bislang hat die Schweiz alles darangesetzt, Transmenschen von einer geschlechtsangleichenden Operation abzuhalten. So kann man jedenfalls die hohen Hürden deuten, die Transfrauen und Transmänner vor einem gewünschten Eingriff zu überwinden hatten. Rigide Richtlinien diktierten die Abläufe auf dem Weg hin zur Erscheinung, die dem empfundenen Geschlecht entspricht. Bevor Transpersonen in der Schweiz Zugang zu Hormonen und einer geschlechtsangleichenden Operation bekommen konnten, wurde ein sogenannter Alltagstest verlangt: Ein volles Jahr lang mussten sie in der gegengeschlechtlichen Rolle leben – und dies ohne jegliche medizinische Unterstützung.
Eine Person, die mit einem männlichen Körper geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert (Transfrau), musste also zwölf Monate lang in der Öffentlichkeit als Frau auftreten. Von Transmännern wurde umgekehrt verlangt, als Mann zu leben. Dies, ohne dass vorgängig oder parallel dazu Hormone verabreicht werden konnten, die beispielsweise ein männliches Attribut wie eine tiefere Stimme hervorbringen, und ohne dass die im geschminkten Gesicht störenden Bartstoppeln vorgängig dauerhaft hätten entfernt werden dürfen. Psychiater David Garcia vom Universitätsspital Zürich sagt: «Während des Alltagstests musste sich die Transperson auf die Güte von Fremden verlassen.»
Der Test war für Transmenschen eine Prüfung, die einem Spiessrutenlauf gleichen konnte, denn er machte die Betroffenen angreifbar. «Wer als Transperson deutlich erkennbar ist, ist viel grösseren Risiken der Diskriminierung sowie körperlicher und verbaler Gewalt ausgesetzt», sagt Jurist Alecs Recher von der Lobbyorganisation Transgender Network Switzerland (TGNS). «Was man in dieser Situation braucht, ist eine medizinische Behandlung. Unter Druck gesetzt zu werden, ist nicht hilfreich, sondern aus ethischer Sicht kritisch.» Recher findet das ganze Konzept eines Probelaufs im Alltag verunglückt: «Der Alltagstest an sich war eine komplette Fehleinschätzung. Man kann auf diese Weise nicht stellen, wie das Leben mit einer medizinischen Angleichung sein wird.»
War der Alltagstest überstanden, bekamen Transmenschen Zugang zu Hormonen. Erst nach einem vollen weiteren Jahr allerdings stand dann die geschlechtsangleichende Operation an. Nun können Transpersonen aufatmen, die ihr Outing und die Transition noch nicht hinter sich haben: Den Alltagstest gibt es nicht mehr.
Diesen Monat wurden in der Zeitschrift «Schweizerisches Medizin-Forum» neue Beratungs- und Behandlungsempfehlungen bei Transpersonen publiziert. Erarbeitet wurden sie von einem interdisziplinären Team bestehend aus Psychiatern, Chirurgen, Hormonspezialisten und Gynäkologen. Die Verfasser, zu denen auch David Garcia gehört, schlagen in diesen Empfehlungen ganz neue Töne an.
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Quelle: Aargauer Zeitung vom 21.5.2014