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Man kann es nicht oft genug sagen: Die Juweliere sind keine Geschichtenerzähler, sondern Vermittler von Geschichte. Diese Nuance und die Berufung wurden im Lauf der Jahrhunderte durch die Erzählungen der grossen Reisenden bestätigt, die von legenden- und prophezeiungsumrankten Diamanten handelten, von weinroten Steinen, die dem Heiligen Römischen Reich zu Ruhm verhalfen, indem Wien und Byzanz auf einem einzigen Diadem vereinigt waren, oder von Edelsteinen von Hindu-Statuen des Gottes Rama-Sita, die zu königlichen Insignien der europäischen Höfe wurden. Die grossen Abenteurer, Spezialisten vor der Zeit von Import/Export, haben insgesamt in ihrem be- scheidenen Bereich wohl mehr zum Dialog zwischen den Kulturen beigetragen als die viel berühmteren und manchmal unheilvollen königlichen Erlasse, militärischen Verträge oder diplomatischen Abmachungen.
Herrschaft der Geometrie
In Frankreich erlebte die Juwelierskunst einen Höhepunkt durch eine Handvoll grosser Juweliere, die sich spontan rund um die Place Vendôme versammelten: Mauboussin, Chaumet, Boucheron, Van Cleef & Arpels, Mellerino dits Meller. Erstklassige Juweliere, speziell zu erwähnen ist zu dem Cartier. Ein Beispiel genügt, um die künstlerische Überlegenheit des Bijoutiers an der Rue de la Paix zu beschreiben. 1920er-Jahre: Die später Art déco genannte Bewegung besticht durch die Verwendung geometrischer Formen, «gewollte Einfachheit» und den Ruf nach einer «offensichtlichen Symmetrie» und lehnt oft Spiralen, das Pittoreske und, ganz allgemein, alles, was nach Verzierung aussieht, ab. Der Einfluss von Le Corbusier, der sich aufs ganze 20. Jahrhundert auswirkte, ist noch stark. Der Gefallen am «Maschinismus» und den «aerodynamischen» Linien fand mit «pylône» (Mast), «roulement à billes» (Kugellager), «moteur» (Motor) auch im Schmuck Ausdruck und prägte das Werk von Juwelieren wie Gérard Sandoz, Jean Fouquet, Raymond Templier oder Jean Després, über die L’OFFICIEL damals begeisterte Artikel schrieb.
Cartiers Virtuosität
Bei Cartier ist die Art déco jedoch anders. Gewiss, Louis Cartier lehnt die Ästhetik des «modernen Schmucks» nicht ab, er steht sogar an der Spitze der Bewegung. Gewiss, er versteht den Drang, die Schönheit da zu suchen, wo sie ist, sei es in einer Sicherheitsnadel oder einer Schraubenmutter. Aber er versucht auch, die Strenge der geometrischen Formen zu durchbrechen, durch Lotusblumen, Chimären und Drachen, durch harte Steinskulpturen, die an ein China oder Japan wie aus dem Traum erinnern, durch Farben, die Fantasien aus dem Islam hervorrufen, und Linien, die Landschaften aus Fernost aufleben lassen. Die Nachwelt gibt ihm recht. Die Sammler lobten seine Fähigkeit, eine exotische Fauna mit dem technischen Fortschritt zu verbinden, der damals einhellig als ultimativer Garant für das soziale Weiterkommen galt. Kurz gesagt, konnte bei Cartier eine geometrische Figur ebenso gut an ein riesiges Zahnrad in einer Maschine aus «Moderne Zeiten» von Chaplin erinnern wie auch an die Linien eines auf Porzellan gemalten Emaille-Motivs aus der Qing-Dynastie.
Sehnsucht nach der Ferne
Der Wille, Schmuckstücke mit Elementen einer fernen Fantasiewelt zu verzieren, blieb lange Zeit im ästhetischen Repertoire vieler Juweliere. Im Lauf der Jahrzehnte verschwand er jedoch immer mehr. Die Angst vor überflüssigen Details, übermässiger Verzierung, einer Geschmacksverirrung oder Abweichung von geltenden Doktrinen führte zu einer Nüchternheit, die manchmal an Brutalismus grenzte. Nach und nach wurden die Formen eines Paradiesvogels oder eines blühenden Flieders, die fantastischen Schätze Russlands, Ägyptens, Persiens oder Indiens durch Reissverschlüsse, Nägel, Handschellen, Rasierklingen, Vorhängeschlösser und Gasrohre ersetzt – staatenlose Motive, aus denen jedoch Meisterwerke des zeitgenössischen Schmucks hervorgingen. Insbesondere durch Nicolas Bos bei Van Cleef & Arpels erleben wir seit einigen Jahren die Wiederkehr einer universellen Neugierde, die auch eher altmodische Vorstellungen von Wohlgefallen und Entzückung wieder zulässt.
Sublime Einflüssen
Der wieder erweiterte Horizont und die Lebensfreude zeigen sich dieses Jahr vor allem in den Kollektionen der Haute Joaillerie. Bei Chaumet, wo Claire Dévé-Rakoff eine vom kenianischen Künstler Evans Mbugua inspirierte Kollektion vorgestellt hat, finden sich traditionelle Farben aus Afrika. Mellerino dits Meller wählt für seine Schmuckstücke die frischen Töne der Borromäischen Inseln. Und während Piaget das Licht der Arktis einfängt, De Grisogono unter Fawaz Gruosi mediterranes Blau mit Chlorophyll-Grün kombiniert, Caroline Scheufele bei Chopard in Zusammenarbeit mit Nelly Saunier ein verblüffendes Federcollier kreiert, inspiriert von den Trachten und der Handwerkskunst der Mongolei, schafft Cartier eine Ode an die lebhaften Farben der Erde und verwendet für ein Stück die feinen Farbschattierungen Japans, für ein anderes die kräftigen Kontraste des Orients.
Auch beim übrigen Schmuck entstehen Kollektionen, die weder Geografie noch Eklektizismus ignorieren: Die Schmuckstücke rücken Motive aus vergangenen Zeiten in den Vordergrund, verwenden wie selbstverständlich klassische oder barocke, skurrile Figuren oder verherrlichen die Schönheit der Natur. Dabei denken wir vor allem an die Bulgari-Kollektion «Fiorever», die in den Formen einer Wildblume mit vier diamantbesetzten Blütenblättern die Erinnerung an Fresken aus einem römischen Garten und die Überbleibsel eines Mausoleums in Santa Costanza vereint.
Zurück zu einem gewissen Klassizismus also? Nicht wirklich. Die Historiker werden eher von einem Postmodernismus sprechen, denn es geht hier nicht wie am Ende des 19. Jahrhunderts darum, Kuriositäten zu sammeln, eine plötzliche Vorliebe für Orientalismus oder ein neues Verlangen nach Exotismus zu befriedigen, sondern vielmehr darum, ohne Wertung den Teil der Wahrheit einer jeder Kultur und jedes Kontinents zu berühren, die Vielseitigkeit der Welt darzustellen.