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In diesem Blogbeitrag geben wir einen Einblick in die Trauer-Kommunikation auf Twitter. Wir untersuchen, wie Menschen ihre Trauer im Internet – hier konkret auf dem Microblogging-Dienst Twitter – ausdrücken. Zunächst gehen wir auf unsere Daten und methodischen Herangehensweisen ein, im Anschluss daran präsentieren wir einige Ergebnisse.
Als Datengrundlage haben wir ein Korpus mit Tweets erstellt, die mindestens einen der folgenden Hashtags enthielten: #RIP, #restinpeace, #RuheInFrieden oder #R.I.P. Berücksichtigt wurden ausserdem nur Tweets, die von Twitter als Deutsch getaggt worden waren und keine Retweets sind. Der gesicherte Zeitraum reicht von Twitters Gründung 2006 bis zum Zeitpunkt der Erhebung, die zwischen dem 11. und 13. November 2021 stattgefunden hat. Dieses initiale Korpus enthielt 137’617 Tweets. Aus diesem Korpus haben wir anschliessend für den vorliegenden Blogeintrag mithilfe eines regulären Ausdrucks ein Subkorpus von 13’421 Tweets extrahiert, das auf Tweets mit einer direkten Adressierung in der zweiten Person Singular fokussiert.
Der gesamte Weg der Datengewinnung ist geprägt von methodischen und epistemischen Schwierigkeiten. Zunächst geht natürlich die Wahl der Plattform an sich mit gewissen Einschränkungen, aber auch Chancen einher. Twitter erweist sich einerseits aus forschungspragmatischer Sicht als günstig, weil dort Daten (auch quantitativ) zugänglich sind, die man interessegeleitet erheben und auswerten kann. Andererseits repräsentiert Twitter als populäre Social-Media Plattform digitale, öffentliche Kommunikationspraktiken im Allgemeinen und Trauerpraktiken im Spezifischen, bildet aber gleichzeitig auch plattformtypische Muster aus (z. B. die unten beschriebenen Echo-Praktiken). An die Wahl der Plattform schliessen sich weitere Fragen an: Wie kann ein Korpus und damit die empirische Seite des Forschungsprozesses definiert werden, ohne damit die Ergebnisse vorwegzunehmen? Das schrittweise Vorgehen hat sich dabei als gewinnbringend herausgestellt, zumal die Datenerhebung nicht strikt von der Analyse zu trennen ist: Mit jeder neuen Stufe und jeder weiteren Sichtung werden Hypothesen verändert, und selbst Annahmen, die zu Beginn in Stein gemeisselt schienen, beginnen sich zu wandeln. Für eine händische Sichtung der Daten diente eine eigens entwickelte Web-Applikation, in der diverse manuelle und qualitative Filterungen vorgenommen werden können. So zeigte sich dabei rasch, dass trotz des Ausschlusses von Retweets durch plattformtypische Echo-Praktiken viele Duplikate im Subkorpus vorhanden waren. Beispielsweise haben 250 Nutzer:innen den Text „Deine Pfotenabdrücke werden für immer an unseren Herzen sein #RIP #SweetSoulsOfYulin“ getweetet, der als Kritik an einem chinesischen Hundefleischfestival zu lesen ist; zu diesem Thema gab es zudem zahlreiche weitere, inhaltlich und sprachlich sehr ähnliche Tweets (insgesamt rund 2060 Tweets, die auf nur 9 Originale zurückzuführen sind). Die gesammelten Tweets wurden deshalb zunächst von Duplikaten befreit und anschliessend mithilfe der Korpus-Management- und Textanalysesoftware Sketch Engine durchsucht. Die so berechneten N-Gramme zeigen, dass es sich um eine stark formelhafte Sprache handelt:
Auf dem ersten Platz befindet sich überraschenderweise (da nur nach den oben genannten Hashtags, aber nicht direkt nach Ruhe in Frieden im Text gesucht wurde) die Routineformel Ruhe in Frieden, deren Bedeutung zwar religiösen Ursprungs ist, die in Kontexten von Online-Trauerpraktiken aber in grossen Teilen verblasst sein dürfte. Neben den vier Hashtags, die häufig auch gemeinsam im selben Tweet vorkommen, wird die Formel auch ausserhalb der Hashtags aktualisiert. Was die N-Gramme darüber hinaus verdeutlichen, ist die enorme Relevanz einer zeitlichen Dimension, die sich insbesondere in der Versicherung von Überdauerung (dich nie vergessen), einem zeitlich unbegrenzten Gedenken/Erinnern, manifestiert.
Vor dem Hintergrund der sich daraus ergebenden Frage, in welcher Zeitform über die bzw. mit den in den Tweets adressierten Verstorbenen gesprochen wird, wurden in einem weiteren Schritt die verschiedenen Tempusformen (Präsens und Präteritum) von sein in der 2. Person Singular miteinander verglichen. Die im Folgenden abgebildete Grafik zeigt dabei die häufigsten Kollokationen (überzufällig häufige Kombinationen) der jeweiligen Wortformen bist und warst.
Der Vergleich macht deutlich, dass sowohl temporale Deiktika (jetzt, nun)wie auch lokale Deiktika (dort)häufiger mit der Präsensform bist verbunden sind. Dadurch wird die verstorbene Person in ein aus der Perspektive der Schreibenden aufgespanntes ‚Koordinatensystem‘ eingeordnet, das sowohl der zeitlichen als auch der räumlichen Verortung dient. Dass dieses lokale dort seinerseits besonders häufig mit einem irgendwie gearteten oben verbunden ist (dort oben), und somit eine vertikale Kommunikationsachse zwischen Hinterbliebenen und Verstorbenen hergestellt wird, verdeutlicht wiederum die Orientierung an einem christlich-westlich geprägten Bedeutungssystem.
Auffällig ist dabei, dass die verstorbenen Personen (oder auch Tiere) zwar direkt adressiert werden; das geschieht beispielsweise auch über Hashtags (z. B. #dufehlst). Sie scheinen somit auch nach ihrem Tod noch in gewisser Weise ansprechbar zu sein. Dennoch drückt sich gerade in den Verortungen oben und dort aus, dass sich das angesprochene Du in einem Bereich befindet, der den Hinterbliebenen fern und unzugänglich ist. Die Grenze zwischen Lebenden und Toten kann nur auf der sprachlich-imaginären Ebene überschritten werden. Sie befinden sich in unterschiedlichen Bereichen, die zwar einseitig von den Hinterbliebenen sprachlich anvisiert, aber letztlich nicht miteinander verbunden werden können. Die Verstorbenen sind jetzt dort und gerade nicht mehr hier.
Kollokationen, die exklusiv mit der Vergangenheitsform auftreten, gibt es keine, vielmehr kommen die restlichen Ausdrücke in der Grafik mit beiden Tempusformen vor (in unterschiedlichem Verhältnis). Das mag einerseits auf eine gewisse generelle Zurückhaltung hindeuten, von Verstorbenen in der Vergangenheit zu sprechen; andererseits zeigt es, dass solche Tweets in der Regel relativ zeitnah nach einem Todesfall verfasst werden und die Vergangenheitsform deshalb (noch) als unpassend, als – um in der Metaphorik des Koordinatensystems zu bleiben – zu weit entfernt erscheint. Auch diese Tendenz bestätigt sich in den Hashtags mit direkter Adressierung, die vorwiegend Verben (fehlen, lieben, vermissen) im Präsens enthalten; nur wenige Belege weisen andere Zeitformen auf (z.B. #duwirstfehlen, #duwarsteinervondenguten, #ichhattedichgeliebt).
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung, dass die lokale Deixis da, die aus linguistischer Sicht ambig ist und sowohl auf einen Fern- als auch einen Nahbereich verweisen kann, im Gegensatz zum eindeutigen dort mit beiden Tempusformen vorkommt. Darüber hinaus zeigt sich erneut, wie wichtig die Versicherung von Überdauerung, von zeitlich unbegrenztem Gedenken ist – sowohl wenn die verstorbene Person (noch) im jetzt verortet wird, als auch wenn sie in der Vergangenheitsform angesprochen wird.
Neben den direkten Adressierungen der Verstorbenen, die die Grenze des Todes kommunikativ überschreiten, enthalten gerade die Überdauerungsformulierungen einen deutlichen Transzendenzbezug. Dieser erscheint bei den untersuchten Formulierungen allerdings spannungsreich. Denn einerseits wird in der Formel ‚du wirst immer‘ ein Fortbestehen zugesichert, das über das irdisch-endliche Dasein hinausgeht. Andererseits wird gerade diese Überdauerungsformulierung fast ausnahmslos an die Praktiken von Erinnern und Gedenken oder an das Herz der Verfassenden geknüpft.
Zwar kann das Herz, über das phrasenhaft geschrieben wird (‚immer in meinem/unserem Herzen‘), als semantisch verblasste Formel gedeutet werden, die primär metaphorisch gebraucht wird. Doch auch dann bleibt die Spannung erhalten, da gerade diese Überdauerungszusage an den Handlungs- und Seinsbereich der Hinterbliebenen zurückgebunden wird. Das transzendent-ewig erscheinende ‚Für Immer‘ wird gerade nicht in einem transzendenten, den Schreibenden entzogenen Dort der Verstorbenen verortet. Vielmehr ist es im Handeln und im verkörperten Dasein der Trauernden selbst verankert. Auf diese Weise scheinen die Schreibenden sich selbst und den Verstorbenen zu vergewissern, dass diese auch nach ihrem Tod ein Fortbestehen bei den Hinterbliebenen haben. Umgekehrt scheint dasjenige, was die Hinterbliebenen im Hinblick auf ihre Verstorbenen artikulieren, durch deren Tod neu qualifiziert. Gedenken, Erinnern und das Herz beziehen sich deutlich auf die diesseitige, verkörperte Innerlichkeit der Trauernden. Durch ihre Zielrichtung in den jenseitigen Bereich der Toten jedoch wird ihnen ein Überdauerungs- oder gar Ewigkeitswert zugeschrieben.
Niclas Bodenmann studiert Computerlinguistik und ist Hilfsassistent bei den Projekten Eschatologische Raumsemantiken digitaler Friedhöfe und Trauerpraktiken im Internet im UFSP Digital Religion(s).
Karina Frick ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und leitet zusammen mit Christa Dürscheid das Projekt Trauerpraktiken im Internet im UFSP Digital Religion(s).
Nico Görlich studiert Digital Humanities und Geschichte und ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Trauerpraktiken im Internet im UFSP Digital Religion(s).
Lea Gröbel hat Theologie studiert und ist Doktorandin im Projekt Eschatologische Raumsemantiken digitaler Friedhöfe im UFSP Digital Religion(s).
Christina Margrit Siever ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und PostDoc im Projekt Trauerpraktiken im Internet im UFSP Digital Religion(s).