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| Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])

Elfte Homilie.
4.
Viele machen nämlich außer dem, was bereits gesagt worden ist, noch folgenden Einwurf: „Wenn der Mensch der König der Thiere ist, warum wird er denn von vielen derselben an Stärke, Gewandtheit und Schnelligkeit über- [S. 233] troffen? Denn das Pferd ist schneller als der Mensch, der Ochs geduldiger, der Adler schwingt sich leichter empor, der Löwe ist stärker.” Was sollen wir auf Dieses erwidern? Dieses, daß wir auch daraus ganz besonders die Weisheit Gottes und die Ehre erkennen, deren er uns gewürdiget hat. Wohl ist das Pferd schneller als der Mensch, allein der Mensch ist geschickter als das Pferd, in Geschwindigkeit eine weite Reise zu thun. Denn ein Pferd, und sei es unter allen das schnellste und stärkste, wird an einem Tage kaum zweihundert Stadien laufen, ein Mensch aber, der fortwährend frische Pferde anspannt, wohl zweitausend zu machen vermögen. Was also bei jenem die Schnelligkeit leistet, das leistet bei diesem in weit größerem Maaße Einsicht und Kunst. Denn obgleich der Mensch nicht so schnellfüßig ist wie das Pferd, so stehen ihm doch die Füße desselben nicht minder, wie seine eignen, zu Diensten. Kein Thier hat so viele Macht, ein anderes sich dienstbar zu machen: der Mensch aber macht sich an alle und zwingt durch mannigfaltige Kunstgriffe, die ihm Gott an die Hand gibt, jegliches Thier zu demjenigen Dienste, wozu es vorzüglich taugt. Besäßen die Füße der Menschen eine solche Kraft wie die der Pferde, so wären sie zu andern Verrichtungen weniger tauglich, z. B. beschwerliche Wege zu machen, auf Berge zu steigen, auf Bäume zu klettern; denn daran werden die Pferde durch ihre Hufe gehindert. Obgleich also die menschlichen Füße schwächlicher sind, so sind sie doch zu mehreren Verrichtungen tauglich; es erwächst (dem Menschen) aus ihrer Schwäche kein Nachtheil, indem er sich der Stärke des Pferdes zu bedienen vermag, ja in Bezug auf die Mannigfaltigkeit des Gebrauches das Pferd weit übertrifft. Wohl ist der Adler beschwingt und hebt sich leichtlich empor; ich aber besitze Einsicht und Kunst, wodurch ich alle geflügelten Thiere herabzuziehen und zu fangen vermag. Willst du auch meine Schwingen sehen? Ich habe Schwingen, die noch viel leichter sind als jene (des Adlers), die mich etwa nicht zehn oder zwanzig Meilen in die Höhe, nicht bis in den Himmel, sondern über den Himmel selber, ja über den [S. 234] Himmel aller Himmel empor tragen, wo Christus ist und sitzet zur rechten Hand Gottes. Die Thiere haben ferner ihre Waffen am Leibe, so der Ochs seine Hörner, das Wildschwein die Zähne, der Löwe die Klauen; mir aber hat Gott die Waffen nicht an den natürlichen Leib gesetzt, sondern ausser denselben, um anzuzeigen, daß der Mensch ein zahmes Wesen und der Gebrauch dieser Waffen für mich nicht immer zeitgemäß sei; denn zuweilen lege ich sie ab, zuweilen ergreife ich sie wieder. Damit ich also ledig und frei nicht genöthiget bin die Waffen beständig zu tragen, darum hat Gott sie von meinem Lelbe gesondert. Wir übertreffen nämlich die Thiere nicht allein dadurch, daß wir eine vernünftige Seele besitzen, sondern wir überragen sie auch in Bezug auf den Leib; denn Gott hat auch diesen so eingerichtet, daß er sowohl dem Adel der Seele entspricht als auch ihre Befehle zu vollziehen sich eignet. Er hat den Leib nicht ohne Grund so gemacht, sondern gerade so, wie er sein muß, wenn er einer vernünftigen Seele dienstbar sein soll. Wäre er nicht also beschaffen, so würden dadurch die Thätigkeiten der Seele gar sehr gehindert. Das leuchtet aus den Krankheiten ein. Denn wenn der Zustand des Leibes nur ein wenig von der ihm zukömmlichen Einrichtung abweicht, so werden dadurch viele Thätigkeiten der Seele gestört; ich gebe ein Beispiel: wenn das Hirn zu heiß oder zu kalt ist. So können wir also auch aus unserm Körper auf vielfache Weise die Vorsehung Gottes ersehen, nicht bloß darum, weil er ihn vom Anfang besser erschaffen, als es der jetzige ist, auch nicht darum, weil er den gegenwärtigen Leib zu einem brauchbaren Werkzeug gemacht, sondern auch darum, weil er ihn wieder erwecken wird zu einer weit größern Glorie. Willst du aber noch von einer andern Seite her lernen, welch große Weisheit Gott am menschlichen Körper geoffenbart hat, so will ich das sagen, was Paulus am allermeisten und immer zu bewundern scheint. 1 Was ist aber das? [S. 235] Gott hat es so eingerichtet, daß immer ein Glied einen Vorzug vor dem andern hat, aber nicht auf die nämliche Weise, sondern er hat es also geordnet, daß sich einige Glieder durch Schönheit, andere durch Stärke hervorthun; z. B. das Auge ist schön, die Füße aber sind stärker; das Haupt steht in Ehren, und doch kann es zu den Füßen nicht sagen: Ich bedarf eurer nicht. Und Dasselbe läßt sich auch an den Thieren bemerken, Dasselbe an Allem, was lebt. Der König bedarf also der Unterthanen, die Unterthanen des Königs, sowie das Haupt der Füße. So ist es auch unter den Thieren: einige sind stärker, aber andere schöner; manche ergötzen uns, manche aber verschaffen uns Kleidung; so z. B. ergötzt uns der Pfau, ernähren uns Hühner und Schweine, kleiden uns Schafe und Ziegen und arbeiten Ochs und Esel für uns. Es gibt auch noch andere Thiere, die uns zwar keinen dieser Vortheile bieten, aber wohl unsere Kraft üben, wie z. B. die wilden Thiere den Muth der Jäger erhöhen, durch die Furcht vor ihnen unser Geschlecht unterweisen und es vorsichtiger machen und durch die Arzneien aus ihren eigenen Gliedmassen zu unserer Gesundheit nicht wenig beitragen. Wenn dir also Jemand die Frage aufwirft: „Warum fürchtest du denn bei deiner Herrschaft über die Thiere den Löwen?” so gib ihm zur Antwort: Am Anfang, als die Menschen noch bei Gott in Gnaden standen und sich im Paradiese befanden, ist es nicht also gewesen; sondern ich wurde, nachdem ich den Herrn beleidigt, denen untergeordnet, die vorher mir dienten, aber dennoch nicht gänzlich, denn ich bin im Besitz einer Kunst, wodurch ich die Thiere beherrsche. So geschieht es auch in vornehmen Häusern, daß die Kinder, obgleich sie adelig sind, solange sie ein geringes Ansehen haben, sich vor manchem Bediensteten fürchten und sich diese Furcht noch mehr steigert, wenn sie irgend einen Fehler begehen. Dasselbe können wir auch von den Schlangen, Skorpionen und Vipern sagen, daß sie uns furchtbar sind wegen unserer Sünden. —
1: I. Kor. l2, 21.