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-10.11.2022-
Vorgeschichte
Mit der 1961 beschlossenen Beschaffung des Mirage IIIS drängte sich die Ausrüstung mit den entsprechenden Luft–Luft Lenkwaffen auf. Das im Mirage eingebaute Feuerleitsystem Hughes «TARAN-18» war auf die Allwetter-Lenkwaffe Hughes HM-55S abgestimmt. Der Beschaffungsumfang belief sich auf 225 Stück à 178’000$. Die Waffen wurden zwischen 1965 und 1968 abgeliefert. Die Schweizer Luftwaffe evaluierte gleichzeitig in den USA die Infrarotlenkwaffe «Sidewinder» AIM-9B / Flz. Lwf. LL-Lwf-63 (genannt SIWA). Der Infrarot-Suchkopf der SIWA kann die Hitze des Abgasstrahls eines Feindflugzeugs auf relativ grosse Distanz «sehen» und sich selbst ins Ziel lenken. Nach der Ablieferung der ersten SIWA im Herbst 1963 flog eine Delegation mit drei Hunter nach Kalmar in Schweden zur praktischen Einsatz-Erprobung. Diese Flugzeuge waren mit den erforderlichen SIWA-Installationen ausgerüstet. Beim «Ziel» handelte es sich um eine Rakete, welche mit einer Infrarotquelle bestückt war und vom mitfliegenden Kameraden im zweiten Hunter ein paar Sekunden vor dem scharfen Schuss abgefeuert wurde. Alle weiteren Hunter wurden 1964/65 im Eidgenössischen Flugzeugwerk F+W für das Mitführen von SIWA umgebaut. Der vierte «SIWA»-Schütze, Hauptmann Walter «Spywa» Spychiger war auch bei den nächsten vier Schiesskampagnen – ab 1977 in Vidsel – im Einsatz und hat wahrscheinlich am meisten scharfe CH-Waffen geschossen.
AIM-9B (LL-Lwf 63) – Erste Serienversion mit ungekühltem Bleisulfid-(PbS) -Detektor-Suchkopf mit 4° Blickfeld und rotierendem Spiegel.
Die drei Hauptleute Ernst Kuhn, Hans Häfliger (KTA-Testpilot) und Paul Birrer. Der zweite Testpilot, Walter Spychiger fehlt auf dem Bild.
Die vier Sidewinder-Schützen stossen auf ihre erfolgreichen Einsätze an (rechts Walter «Spywa» Spychiger)
Veranlassung und Zweck
Die Entwicklung und Verbesserungen der Luft-Luft-Lenkwaffen erfolgten in raschem Tempo. Der laufende Vietnamkrieg verstärkte und beschleunigte diesen starken Trend. Das berühmte US-Kampfflugzeug «Phantom» wurde nur noch mit Lenkwaffen ausgerüstet. Die Sowjetunion und China kopierten emsig. Die Schweizer Luftwaffe beschaffte 1974 die verbesserte AM-9E 3 / Flz. Lwf. LL-Lwf-63 / SIWA. Im Training wurden die SIWA auf Hunter und nach der Ablieferung der Mirages an die Truppe, vor allem auch die FALCON, täglich eingesetzt. Die Luft-Boden-Lenkwaffe NORAS «Flz Lwf LB 66» (Aerospatiale AS-30) gehörte ab Beginn zum Arsenal des Mirage. 1967 wurden vier scharfe Lenkwaffen sehr erfolgreich gegen realistische Ziele (Betonmauern) in Cazaux (F) verschossen. Im Frühling 1966 wurden in Holloman (USA) 40 HM-55S FALCON auf verschiedenste Ziele eingesetzt. Ein paar Jahre später drängte sich eine systematische Überprüfung aller Lenkwaffenparameter sowie der Treffgenauigkeit und Wirkung im Ziel auf.
Schiess-Kampagnen
Ziel aller Kampagnen war es, die Funktion der Waffensysteme Mirage, Tiger und Hunter zu verifizieren und sicherzustellen, dass die Waffen durch die teilweise lange Lagerdauer keine Schäden davongetragen hatten. Es ging auch darum, die Waffenleistung nach «Updates» und Neuanschaffungen vor allem der Infrarotlenkwaffen AIM-9 Sidewinder zu überprüfen und die Einsatztechnik anzupassen. Die Modalitäten zur Benutzung der gesamten Infrastruktur Vidsel wurden jedes Mal in Form eines gegenseitigen «Memorandum of Understanding» (MOU) mit dem zuständigen Amt der schwedischen Regierung «Försvarets materielverk» (FMV) geregelt. (Programm Management / Benützung der RNF Range (Miete) / Flugführung / Flugsicherung / Datenerfassung / Bereitstellung von Luft- und Bodenzielen / Materialtransporte / Unterkunft / etc.
In den Jahren 1977, 1981, 1986 und 1991 führten die «Gruppe für Rüstungsdienste» GRD und die Schweizer Luftwaffe in VIDSEL gemeinsame Verifikations- und Truppen-Schiessen mit den Lenkwaffen und Kanonen der MIRAGE, TIGER und HUNTER durch. Die zahleichen Erkenntnisse zeigten die Notwendigkeit solcher periodisch durchzuführender Schiessen deutlich auf. Die unterschiedlichen Programme der GRD und Truppe wurden in gemeinsamer Absprache, unter Berücksichtigung einer möglichst kosteneffektiven Abwicklung, erarbeitet. Insbesondere wurde auch auf eine unnötige Duplizierung der Schiessfälle geachtet. Zusätzlich soll, wenn irgendwie möglich, pro Zielpräsentation mehr als ein Schiessfall realisiert werden.
Raketenversuchsgelände Vidsel in Nordschweden
Die Schweiz ist viel zu klein und zu dicht besiedelt, um ein «scharfes» Lenkwaffenschiessen durchführen zu können. Die gute Zusammenarbeit in der Zeit der Evaluation des Saab J-35 DRAKEN in den Jahren 1957 und 1960 mit den schwedischen Behörden machte sich nun bezahlt. In einem gegenseitigen «Memorandum of Understanding» MOU einigte man sich auf einen Vertrag zur Miete und Benützung des Lenkwaffen-Versuchsgeländes «Robotförsöksplats Norrland» (RFN) VIDSEL. Das Geschwader F 21 der schwedischen Luftwaffe benutzt Vidsel bis heute als operationelle «Homebase». Der Flugplatz liegt 80 km nordwestlich des internationalen Flughafens Luleå/Kallax, knapp südlich des Polarkreises. Die Distanz Dübendorf – Vidsel beträgt 2’300 km.
Übersicht Testgelände, Flugplatz und Umgebung RFN Vidsel
Air Base Vidsel
Infrastruktur des Flugplatzes:
- Piste 11 / 29, Länge 2’230 m, Breite 35 m
- Vier Unterstände / Alarmstandorte
- Bremskabel und Fangnetz
- Instrumentenlandesystem ILS und Landeradar GCA
- Alle Werkstätten und Einrichtungen zum Betreiben einer operationellen Base
Infrastruktur der Raketen-Versuchs-Einrichtung:
- Führungsraum – Einsatzzentrale mit alle Informationen in real time mit bestens ausgebildetem Personal
- 3 Radar-Stationen
- 6 Telemetrie-Anlagen
- Kinotheodoliten «Elektro-Optisches-Tracking-System» (EOTS)
- Zieldrohnen Beechcraft MQM-107B, hier bezeichnet als Rb 06B. Startrampe und Flugführung
- Saab J 32 Lansen Zielschleppflugzeuge
- Auswertegeräte
- Filmbearbeitung
- Briefing und Debriefing-Räume mit den entsprechenden Geräten
- Rettungs-, Transport- und Bergehelikopter
Die Raketenversuchs-Station Vidsel ist bestens geeignet, um die Flugzeuge während der «Schiessfälle» vom Boden zu leiten sowie aussagekräftige Resultaterfassungen und Auswertungen von scharfen Waffeneinsätzen professionell durchführen zu können. Das schwedische Überwachungsradar für das Gebiet «Norbotten» ist nahe der Kleinstadt Bodø installiert. Die Flugplätze Fällfors sowie Luleå/Kallax dienen als Ausweichflugplätze. Fällfors liegt 80 km südlich von Vidsel, verfügt über eine 2 km Piste und ist von einem riesigen Waldgebiet umgeben. Das Testgelände von 70 km Länge und 35 km Breite liegt nördlich der Air Base Vidsel mitten in der unbewohnten Tundra Lapplands und grenzt an das noch viel grössere Testgelände der «European Space and Sounding Rocket Range» (kurz Esrange). Esrange ist ein Ballon- und Raketenstartplatz für den Start von Höhenforschungsraketen in der Nähe von Kiruna in Schweden und wird von mehreren europäischen Ländern betrieben. Die einzigen Bewohner sind Rentiere, Elche und einige Bären sowie Kleingetier und Vögel.
Ausschnitt Testgelände Vidsel
Ausrüstung des Raketenversuchsgeländes Vidsel
- Operationelle Air Base
- Komplett ausgerüstetes Testzentrum
- Führungsradar
- Zielverfolgungsradar
- Telemetrie
- Dopplerradar (Wetter)
- Kinotheodoliten zur «Verfolgung» der Waffen und Ziele
- Datalink-Verbindung zur Base
Unterstände für die Erstellung der Flugbereitschaft
Testzentrum / Test-Leader
Führungsradar auf der Air Base Vidsel
Eines der beiden Zielverfolgungsradars und Telemetrie-Sender in der Testrange. Übertragungen zur Zentrale in Echtzeit
Kinotheodolit zur Verfolgung der Lenkwaffen und des Ziels
Ferngesteuerte Drohne RB06 MQM-107A
Kampagne 1977
Seit der Einführung des Mirage IIIS 1966 wurde die Infrarot-Lenkwaffe Sidewinder (SIWA) und die Radar-Lenkwaffe FALCON nie mehr im scharfen Schuss überprüft. Das gleiche galt für die Luft-Boden-Lenkwaffe AS-30 NORAS. Mit dem Rüstungsprogramm 1973 wurde ein erstes Mal an der SIWA für CHF 55 Mio. eine Kampfwertsteigerung vorgenommen, diese erhielt danach die Bezeichnung AIM-9E3.
AIM-9E3- Neuer Suchkopf / verbesserte Aerodynamik / modifizierte Elektronik.
In den Jahren 1977 und 1978 kaufte die Schweiz bei der Firma Hughes eine grössere Anzahl von Occasion Falcon AIM-26B. Ein entscheidender Unterschied der AIM-26B zur HM-55S war, dass die AIM-26B mit einem Datalink-System ausgerüstet war, welches eine erneute Zielaufschaltung während des Marschfluges der Lenkwaffe ermöglichte.
Verantwortlichkeiten
Der Gruppe für Rüstungsdienste (GRD) oblag die Leitung der Kontakte zum schwedischen Vertragspartner für die Gesamtdelegation. Die Fliegertruppe (Fl Trp) war vertreten durch das Bundesamt für Militärflugplätze (BAMF) und die Flugwaffenbrigade 31 (Flwaf Br 31). Das BAMF war zudem zuständig für die Logistik, d.h. die Bereitstellung und den Unterhalt der Flugzeuge und Lenkwaffen.
Personelles
Um umfangreiche Schiess-Programme optimal durchführen und die geforderten Leistungen erbringen zu können, waren ca. 75 Personen für die gesamte Dauer oder zum Teil für kurze Perioden nach Vidsel abkommandiert worden. Dieses Personal setzte sich aus folgenden Spezialisten zusammen:
Heinz Kneubühl, Chef Systemanalyse in der Gruppe für Rüstungsdiente war bei allen vier Kampagnen in Vidsel der verantwortliche Chef vor Ort. Für die Fliegertruppen war Oberstleutnant im Generalstab Fernand Carrel zuständig.
- 2 Projektleiter (GRD/Fl Trp)
- 2 Flugversuchsleiter (GRD/Fl Trp)
- 19 Piloten (12 davon zeitweise)
- 1 Flugverkehrsleiter
- 11 Ingenieure
- 1 Administrator
- 39 Logistikpersonal
Material
Ausser den Betriebsstoffen musste alles aus der Schweiz nach Schweden mitgenommen werden.
- Alle Gerätschaften zur Sicherstellung des Flugbetriebs
- Werkzeuge für die Flugbereitschaft und Reparaturen
- Ersatzmaterial
- Ersatztriebwerke
- Waffen und Munition
- Datenerfassung
- Alle Mess- und Auswertegeräte
- Administration
«Live-Report» von Hptm Ueli Aeschlimann, Kommandant Fliegerstaffel 16:
«Der Höhepunkt in meiner Tätigkeit als Miragepilot war die Teilnahme an den Schiessversuchen mit Kriegsmunition und Lenkwaffen (Luft-Luft und Luft-Boden) in Vidsel im Herbst 1977. Nach der gründlichen Vorbereitung in der Schweiz flogen wir mit drei Mirages IIIS am 5. August von Dübendorf nach Ronneby in Südschweden (auftanken). Wegen schlechten Wetters in Nordschweden erfolgte der Weiterflug erst drei Tage später. Unsere Ingenieure und die Bodenmannschaft hatten sich schon auf der «neuen» Air Base eingerichtet und empfingen uns freundlich. Endlich konnte es richtig losgehen.
Unser Programm umfasste:
- SIDEWINDER AIM 9E/3 – unterschiedliche Distanzen und Angriffswinkel
- FALCON HM 55-S – unterschiedliche Distanzen und Angriffswinkel
- NORAS AS-30 auf fixe Ziele am Boden, verschiedene Distanzen
- Kanonen 30mm auf manövrierendes, flugzeugähnliches Schleppziel
Während der ganzen Kampagne ging es darum, die technische Einsatzbereitschaft der Waffen zu überprüfen, den Einsatz der Waffen im scharfen Schuss zu erproben und damit auch unsere Taktik sowie die Einsatzverfahren zu bestätigen. Mit den Vorbereitungsflügen gewöhnten wir uns sehr rasch an die schwierige Geographie – riesige Wälder und grosse Seen ohne markante Anhaltspunkte. Auffallend waren für uns die meist guten und klaren Sichtverhältnisse. Selbst bei Niederschlägen blieb die Sicht relativ gut. Dank einer systematischen und sehr gründlichen Vorbereitung in der Schweiz hatte sich die Schweizer Delegation rasch im neuen Umfeld eingelebt. In mehreren Trainingsflügen überprüften wir die Zweckmässigkeit der «Schiessfälle» und Zieldarstellungen. Jeder Pilot hatte mehrere, präzis definierte «Schiessfälle» zugeteilt erhalten und konnte nun diese im fiktiven Einsatz mehrmals durchspielen. Auf den schwedischen Flugplätzen werden andere Anflugverfahren mit tieferen Minimalbedingungen durchgeführt, und deshalb übten wir entsprechend. Bereits nach wenigen Einsätzen fühlten wir uns schon recht heimisch in der fast menschenleeren Gegend nahe am Polarkreis.
Das standardisierte Morgenbriefing (Befehlsausgabe) für den ersten «hot»-Schiessfall fand am 31.8.77 um 04:00 Uhr statt. Englisch war während der ganzen Kampagne die Umgangssprache. Der Flugversuchsleiter hatte sich aufgrund der Meteoverhältnisse entschlossen, «meinen» Schiessfall TANGO-SIX (SIWA) durchzuführen. Für mich war das ein historischer Moment, denn ich durfte erstmals eine scharfe Lenkwaffe schiessen und zudem das Programm der Flugwaffe eröffnen. Kurz nach 05:00 Uhr startete ich an diesem wunderschönen Tag und entschwand bald im rotgefärbten Morgenhimmel in Richtung «Shooting range». Trotz des historischen Moments war ich überraschenderweise nicht nervös. Im TEST RUN konnte ich mich an das in tiefer Höhe einfliegende Schleppziel gewöhnen, welches an einem 6 km langen Kabel vom Schleppflugzeug Saab J 32 Lansen gezogen wurde.
Auch im HOT RUN führte mich der Jägerleitoffizier mit ruhiger, aber bestimmter Stimme in die Angriffsausgangsstellung. Nach der Zielerfassung mit dem Bordradar und meinen letzten Feinkorrekturen betätigte ich im richtigen Zeitpunkt den Waffenabzug (Trigger) und wartete …(!). Nach einer «langen» Sekunde zischte die SIWA mit einem erstaunlich geringen Abschusslärm vom linken Flügel weg und flog in einer eleganten Kurve dem Ziel entgegen. Es war ein grossartiger Moment, der mir am Funk einen kräftigen Jauchzer entlockte. Breits am nächsten Tag begann das Kanonenschiessen Luft-Luft. Ausnahmsweise führten wir unsere Kanonen-Schiesseinsätze über dem offenem Meer im Bottnischen Meerbusen durch, da wegen der „Elch-Huntingweek“ die Test Range vorübergehend nicht benutzbar war. Das Schleppziel VM-6 wurde wiederum von einer J 32 Lansen geschleppt. Das flugzeugähnliche Ziel hatte 8 Meter Spannweite und etwa 2 Meter Länge und bestand aus drei stromlinienförmigen Flugkörpern. Da alle drei «Rümpfe» am Kabel zum Schleppflugzeug befestigt waren, flog das Ding sehr stabil durch die Luft. Mit dem auf dem mittleren Rumpf montierten Schusszähler konnten die Treffer im 4-, 8- und 12- Meter Radius registriert werden.
Saab J 32 Lansen mit Schleppziel und angebautem Schusszähler (Kanonen Luft-Luft)
Speziell zu erwähnen ist die Tatsache, dass wir wegen der tiefen Temperatur des Meeres (unter 13° C) wasserdichte Anzüge der Schweden tragen mussten. Im Falle eines Schleudersitzabschusses über offenem Meer sind die Überlebenschancen ohne diesen Anzug nur gering. Das Kanonenprogramm war ein voller Erfolg mit ausserordentlich guten Resultaten. Wir haben mit und ohne Radarvermessung, im Ueberschallbereich sowie im Kurven- und Geradeausflug gut getroffen. Der einzige Nachteil unseres Erfolgs war die Tatsache, dass die Schweizer die abgeschossenen Ziele bezahlen mussten. Wir waren echt stolz auf unseren Mirage IIIS, aber auch froh, dass die Schweiz die Mirage und nicht den schwedischen Draken beschafft hatte.
Der 7. Oktober 1977 war für mich ein Grosskampftag. Nach einem dreiwöchigen Flugunterbruch wegen des schlechten Wetters konnten wir heute wieder einmal voll fliegen. Für mich war der erste Schiesseinsatz mit der Luft – Boden Lenkwaffe NORAS AS 30 geplant. Die Sichtverhältnisse in der Test Range waren super – die Landschaft präsentierte sich im schönsten Winterkleid. Ich musste mich zuerst an die Winterlandschaft gewöhnen, weil der Vorbereitungsflug vor einigen Wochen noch ohne Schnee stattgefunden hatte. Das Zielgebiet sah plötzlich ganz anders aus. Nach zwei „Dry Runs“ machte ich mich für den scharfen Schuss bereit. Die Flug-Elemente und Manipulationen stimmten. Auf Meldung «ONE» des Count Downs, betätigte ich den Trigger, worauf sich die Lenkwaffe mit einem ohrenbetäubenden Lärm vom Flugzeug löste. Zuerst dachte ich, mein Flugzeug sei explodiert, weil die Lenkwaffe mit einem schwarz-braunen Rauchschweif davonflog. Ich hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, weil ich nun mit der linken Hand das Flugzeug steuern musste – das sich mit hoher Unterschallgeschwindigkeit dem Ziel näherte – und mit der rechten Hand steuerte ich den gut sichtbaren Leuchtpunkt der Lenkwaffe. Ich war erstaunt, wie leicht und fein sich die Lenkwaffe steuern liess. Das Zeitgefühl hatte ich völlig verloren, deshalb konzentrierte ich mich darauf mit feinen Steuerkorrekturen der rechten Hand, den Leuchtpunkt der Lenkwaffe mit dem sich annähernden Ziel in Überdeckung zu bringen. Plötzlich sah ich einen gewaltigen Dreck- und Rauchpilz und realisierte dadurch, dass die Lenkwaffe mitten im Ziel eingeschlagen hatte. Sofort degagierte ich auf die freie Seite und machte mich für einen tiefen Überflug des Zielgebiets bereit, um die genaue Trefferlage zu überprüfen. Vom Ziel war nicht mehr viel übriggeblieben – mein erster AS 30 Schuss hatte voll getroffen!
AS-30 NORAS LB 66 Luft-Boden Lenkwaffe
Nach der Landung hiess es „Bereitmachen“ für den nächsten Schiesseinsatz. Infolge kurzfristiger Umdispositionen wurde mein Schiessfall „TANGO TWO“ für den heutigen Abend vorgesehen. Ich stieg auf 7’500 m/Meer und konnte Richtung Westen die Atlantikküste erkennen. In der Bereitstellung beschleunigte ich auf Mach 1.2 und hatte frühzeitig Sichtkontakt mit dem Ziel. Sobald das Audio-Signal (Zeichen, dass der Suchkopf das Ziel erfasst hatte) gut und eindeutig im Kopfhörer hörbar war, schoss ich die SIWA. Dank den idealen Sichtverhältnissen konnte ich die Lenkwaffenflugbahn bis zum Vorbeiflug am Ziel verfolgen. Gemäss den Theodoliten-Messungen betrug die Annäherung zum Ziel zwischen 0.5 bis 1 Meter – das hätte wiederum einen sauberen Treffer bedeutet. Die Annäherungszünder waren nicht aktiviert und die Rakete nicht mit Sprengstoff versehen. Meine vierte und letzte Lenkwaffe – ein sehr flacher Angriff mit der NORAS AS 30, war sehr schwierig zu steuern. Trotzdem erzielte ich einen «Direct-Hit».
Fazit:
Die ganze Schiesskampagne in Nordschweden war ausserordentlich erfolgreich und brachte in allen Bereichen wertvolle Erfahrungen. Unsere Mirage IIIS waren sehr zuverlässig und es traten keine wesentlichen, technischen Probleme auf. Alle Piloten waren sich damals einig, dass jeder Staffelpilot einmal in seinem Pilotenleben eine scharfe Kriegslenkwaffe verschiessen sollte, weil der beste Trainingsflug niemals einen Echteinsatz ersetzen kann.
AIM-26B FALCON
Zieldrohne gleitet am Fallschirm zu Boden und kann wieder verwendet werden
Kampagne 1981
In der Zeit vom 25. März bis 16. Juni 1981 fand die zweite Kampagne in Nordschweden statt.
Der Transport des Materials erfolgte mit 5 Hercules C-130 der Schwedischen Luftwaffe
- 49 Fachspezialisten und 12 Piloten sorgten für den reibungslosen Ablauf der Kampagne und den korrekten Einsatz der Waffen
- Es wurden 137 Einsätze in 55 Flugstunden geflogen
- 30 Lenkwaffen wurden eingesetzt
- 4’000 Schuss 20/30 mm Munition wurden verschossen
Die Auswertung der Schiessfälle 1977 hatte mehrere Anträge zur Verbesserung der SIWA AIM-9E bewirkt. Die hierfür erforderlichen Änderungen wurden im Rahmen des Rüstungsprogramms vom 22. Februar 1978 (75 Mio. CHF) ausgeführt. Sie bringen folgende Leistungsverbesserungen:
- wesentliche Steigerung der Manövrierfähigkeit der Lenkwaffe;
- Erhöhung der Sicherheit der Zielerfassung und damit der Treffwahrscheinlichkeit;
- Verbesserung der Zuverlässigkeit des Aufschlagzünders;
- Erhöhung der Reichweite in grösseren Flughöhen.
AIM-9P-3 Einbau des aktiven Laser-Annäherungszünders der AIM-9L der USAF. Raucharmer Raketenmotor.
Bei den verschiedenen «Schiessfällen» wurden alle neuen, erweiterten Möglichkeiten der AIM-9P-3 mit gutem Erfolg ausgetestet. Die verschiedenen «Angriffsgeometrien» waren auch auf die neuen Luftkampftaktiken und Manövrier-Möglichkeiten des kürzlich eingeführten F-5E/F TIGER II abgestimmt.
Hier zwei typische Einsätze, geflogen von Hptm Beat Neuenschwander:
Schiessen im Überschallbereich auf grosse Distanz bei Nacht
- Ziel auf 6000m/G, Mach 0.65, geradeausfliegend
- Tiger auf 5’500 m/G, Mach 1.15 (Überschall)
- Zielkreuzungswinkel (TCA) 40°
- Schussdistanz 18’000 feet
- Volltreffer
Einsatz mit Kriegskopf bei Nacht, aus Frontalsektor mit grosser Schussdistanz
- Ziel auf 6000m/G, Mach 0.65, geradeausfliegend
- Tiger auf 5’400m/G, Mach 0.85
- Zielkreuzungswinkel (TCA) 150°
- Schussdistanz 18’000 feet
- Volltreffer
Kanonenschiessen
Hier ging es neben dem konventionellen Angriff mit Vorhalt-Visierung vor allem um das Erproben des Snap-shot, im Langsamflug und mit Überschall.
Übung Kanonen-Schiessen «Snap-shot» auf 10’000 m/G mit Mach 1.1 und 3g
Ziel M 0.8 und 1,5 g
Ergibt eine enorm rasche Annäherung und hohe Beschleunigung beim Schuss. «Snap-shot» im «slow-fight» (im Langsamflug). Zielflugzeug und Jäger fliegen unter 300 km/h und kreuzen mit grossem Winkel.
Prinzip “Snap Shot”
«Live-Report» von Major Rudolf Wicki (Tüzi) «Hot SIWA»
«Mein spektakulärster F-5 Sidewinder-Schuss war nach einer intensiven Vorbereitungsphase auf 23:30 Uhr angesagt. Alle Beteiligten (vor allem ich) befanden sich in höchster Konzentration und Anspannung für die «hot mission». Nach dem Start in dunkelster Nacht (kein Licht bis Norwegen) wurde ich durch den hochprofessionellen schwedischen Radarkontroller Hans-Åke Carlsson in Richtung meines Ziels geführt. Ein “J32 Lansen“ schleppte den mit einer speziellen Infrarot-Signatur (MiG-21) versehenen Flugkörper an einem 6’000 Meter(!) langen Drahtseil. Nur jetzt keinen Fehler machen, dachte ich, im Wissen darum, dass sich das ganze Schweizer Team hinter dem Radaroperator aufgestellt hatte. Also – alles nochmals kontrollieren: Höhe, Geschwindigkeit M 0,9, Film und Recording ein, Waffen entsichern, Radar justieren, das Ziel erfassen, den Suchkopf freigeben und eine letzte Kurskorrektur machen. Dann endlich: “Sidewinder-Ton“ im Kopfhörer und die Anweisung “cleared to fire“. Nach dem Betätigen der Waffenauslösung war es wie im Science-Fiction Film: ein gleissender, riesiger Blitz vom Raketentriebwerk, der die schwedische Tundra (aus 5’000 Metern Höhe) weitherum taghell ausleuchtete, und die Rakete schoss mit einem ohrenbetäubendem Lärm Richtung Ziel davon. Bis zum Ausbrennen der Rakete blieb diese gespenstische Arena erhalten. Und dann das Pünktchen auf dem i: Hans-Åke meldete am Funk “direct-hit“. Meinen Jauchzer hörte man sicher bis ins Berner Oberland. Das Kanonenschiessen fand wie 1977 über dem zugefrorenen Bottnischen Meerbusen statt. Das Lansen-Schleppflugzeug zog das flugzeugähnliche Ziel (mit Schusszähler) an einem 600 Meter langen Drahtseil. Der Zielparcours bestand aus hochgezogenen Kehrtkurven «lazy eight» und erzeugte dadurch stark wechselnde Geschwindigkeiten, Beschleunigungen und Vorhaltewinkel. Mein bestes Resultat war: von 120 Schuss landeten 108 im Trefferbereich des Ziels. Fazit: Gute Kanone, gutes Zielgerät und ordentlicher Schütze.»
Allwetter-Lenkwaffe Hughes FALCON AIM-26B ab Mirage IIIS
In den Jahren 1977 und 1978 kaufte die Schweiz bei der Firma Hughes 256 Occasion Falcon AIM-26B für total (!) 700’000$. Ein entscheidender Unterschied der AIM-26B zur HM-55S war, dass die AIM-26B mit einem Datalink-System ausgerüstet war. Dieses System ermöglichte eine erneute Zielaufschaltung während des Marschfluges der Lenkwaffe. Diese spezielle Eigenschaft wurde unter verschiedenen Angriffs-Winkeln, Flughöhen, Zielflugzeug-Manövern und Geschwindigkeiten ausgetestet.
Hptm Christian Feller schiesst AIM-26B FALCON
Fazit der Kampagne 1981:
Die Zusammenarbeit mit der Direktion der schwedischen Verteidigungsmaterialverwaltung (FMV), der “Robotförsöksplats Norrland” (RFN / Raketentestgebiet Nord) und der schwedischen Luftwaffe (Geschwader F 21) funktionierte reibungslos. Die akribische Umsetzung der 1977 gemachten Erkenntnissen hatte sich in Form von guten bis sehr guten Schiess-Resultaten manifestiert. Die kürzlich beschafften Occasions-Lenkwaffen AIM-26B FALCON erfüllten ihr Pflichtenheft vollauf und die aktuellen Schiessfälle ermöglichten das Feintuning der Elektronik. Die Schüsse mit der neuen SIWA AIM-9P-3 bestätigten eine bemerkenswerte Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten. Das Gleiche galt für die Anpassung der Einsatz-Taktik und -Technik.
Telemetrie-Installation im Tiger J-3001
Aus Umweltschutz-Gründen wurden die Lenkwaffen im Zielgebiet geborgen
Debriefing im Kontrollzentrum
Text: Rudolf Wicki, Oberst a D
Quellen:
– Bundesarchiv
– Homepage Luftwaffe
– Ulrich Aeschlimann, Oberst i Gst a D
– Walter Spychiger, ehemaliger Testpilot KTA/GRD
– Rudolf Wicki, Oberst a D
Bilder:
– Titelfoto -Zielschleppflugzeug Lansen und zwei Mirages IIIS mit FALCON Lenkwaffe
– Homepage RFN Vidsel
– Fotodienst KTA/GRD
– Privatarchiv Walter Spychiger
– Eigene Fotos Rudolf Wicki