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Reinhart Morscher. Plakatentwurf für Schweppes. 1972. Kreidezeichnung. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
Das bittere Etwas
Die Erfolgsgeschichte von Schweppes beginnt vor mehr als 200 Jahren in der Schweiz. 1972 beschreitet Reinhart Morscher mit seiner Werbegrafik für die britische Exklusivität neue Wege. Der am 11. Februar 1938 geborene Grafiker wäre gestern 80 Jahre alt geworden.
Schweppes! – Wer kennt es nicht, das bittere Etwas? Wer aber verbindet das exklusive Erfrischungsgetränk aus England mit der Schweiz? Tatsächlich beginnt die über 220-jährige Geschichte des ältesten Softdrinks der Welt in Genf. Johann Jakob Schweppe, Genfer Bijoutier deutscher Herkunft, experimentiert um 1780 mit der Anreicherung von Wasser mit Kohlensäure. 1790 gründet er zusammen mit dem Genfer Apotheker Henri-Albert Gosse eine Sodawasserfabrik. Ein Prospekt aus dem gleichen Jahr preist künstliches Mineralwasser erstmals als Tafelgetränk an. Während der Revolutionswirren emigriert Schweppe nach London und gründet 1792 ein neues Unternehmen. Englische Industrielle entwickeln das Sodawasser weiter und verleihen ihm 1897 den Namen Schweppes.
Ein Blick in die Geschichte von Schweppes. Video: Schweppes / Youtube
Englisch und exklusiv
«Schweppes is a product of distiguished class for discerning people» – die Weltmarke wird seit den frühen 1970er-Jahren auch in der Schweiz produziert. Wie es dazu kam, weiss Christian Jaquet, damals Mitinhaber der Berner Werbeagentur Hablützel & Jaquet: «Bei einem Gin and Tonic soll Jack Gauer, Patron des Berner Nobelhotels Schweizerhof, nach Kriegsende in London auf den bitteren Geschmack gekommen sein. Die Entdeckung von Schweppes hat ihn derart gefreut, dass er das Tonic Water kistchenweise zu importieren begann. Als die Nachfrage nach der englischen Exklusivität immer grösser wurde, hat sich ein Freund von Gauer, der Besitzer der Mineralquelle von Weissenburg im Simmental, erfolgreich um eine Produktion von Schweppes in der Schweiz bemüht.» 1972 lanciert Hablützel & Jaquet eine Werbekampagne für Schweppes in der Schweiz. Grafischer Leiter des Ateliers ist Reinhart Morscher, der Vorarlberger aus Bludenz mit Wahlheimat in Basel und Bern.
«Experimentelle Grafik»
Morscher gelingt mit seinem ersten Schweppes-Plakat ein Wurf. Er experimentiert mit schwarzer und roter Fettkreide auf Schweppes-Etiketten, deckt Schriftzüge ab, setzt Buchstaben- und Wortfolgen aus Etikettenschnipseln neu zusammen und schafft so eine grafische Sprache, die über Abdeckungen, Farbkonzentrationen und leere Flächen kommuniziert. Die eigenwillige Umsetzung des Markenbildes wird dem Auftrag – «unique to the trademark, adult und stylish» –, der Devise und dem Anspruch der Marke in einfacher und schon auf den ersten Blick überzeugender Weise gerecht. Die Jury des Eidgenössischen Departements des Innern prämiert das Plakat denn auch als eines der besten Schweizer Plakate des Jahres 1973.
«Fläschchen, die die Welt bedeuten»
Besonders reizvoll ist eine Serie von Ideenskizzen für fotografische Zeitschrifteninserate. Die mit dem noch jungen Filzstift gezeichneten Skizzen weisen Morscher als Meister der Kombination von Wort und Bild aus. Es ist kein Zufall, dass er an der Höheren Schule für Gestaltung Basel von 1984 bis 1998 nicht nur visuelle, sondern auch verbale Kommunikation unterrichtet hat. Auch der gute Draht zu Martin Suter und der Kontakt mit Beat Keusch, beide zuerst bei der Werbeagentur GGK in Basel, dann bei Stalder & Suter, sowie das gemeinsame Interesse für die experimentelle Lyrik von Ernst Jandl und die Texte von Dieter Roth passen bestens ins Bild.
Andruck für ganzseitiges Schweppes-Inserat. Um 1973. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum
«Meister des Freiraums»
Reinhart Morscher, der in Basel die Schule für Gestaltung besucht und an der Universität ein paar Semester Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat, ist schon als «Meister des Freiraums in der Kommunikation» bezeichnet worden. Die Charakterisierung trifft auch und gerade auf seine Werbung für Schweppes zu. Er generiert die Aussage mit Abdeckungen und Leerstellen in einem bekannten Kontext. Die eigenwillige Arbeitsweise – Reinhart Morscher selbst spricht von «Eingriffen» – hat einen lebensgeschichtlichen Hintergrund; während seiner Jugendzeit in Bludenz hat er von seinem Vater Briefe aus der Kriegsgefangenschaft erhalten. Die Brieftexte wiesen von der Zensur herausgeschnittene Stellen auf. Besonders schön zeigt sich die Arbeitsweise mit «Eingriffen» am Beispiel des Plakats für die Ausstellung Text und Bild am Strassenrand im Gutenberg-Pavillon in Mainz sowie der Reinzeichnung für ein Zeitungsinserat für Schweppes mit dem Sujet Sprudel. Mit dem Locher aus der Etikette ausgestanzte «Blöterli» steigen zum oberen Rand des Inserats auf. Der Werbetext lautet: «Schweppes – dépille depuis 1792».
Reinhart Morscher in Basel, 2004. Aufnahme: Armin Vogt. Privatbesitz
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