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Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura
Jean-Jacques Rousseau in unserer RegionJuragewässer - Region / Agglomeration Biel - Stadt Biel - Alte Berufe - Boote und Segelschiffe - Ein- und Auswanderung - Naturerlebnis - Persönlichkeiten - Pflanzen - Religion - Tiere
Rousseaus Aufenthalt auf der Petersinsel
Im Leben des Schriftstellers und Philosophen Jean-Jacques Rousseau (Genf 28. 6. 1712 - Ermenonville 2. 7. 1778) kam dem Aufenthalt auf der St. Petersinsel im Herbst 1765 eine besondere Bedeutung zu. Rousseau bemerkte rückblickend:
"Ich habe an so manchem reizendem Orte geweilt; nirgends aber fühlte ich mich so wahrhaft glücklich wie auf der St. Petersinsel mitten im Bielersee, und an keinen Aufenthalt denke ich mit solch süsser Wehmut zurück. Man hat mir kaum einen zwei Monate währenden Aufenthalt auf dieser Insel gegönnt. Ich aber hätte ohne einen Augenblick der Langeweile zwei Jahre, zwei Jahrhunderte und die ganze Ewigkeit auf ihr verbracht. Für mich sind diese zwei Monate die glücklichste Zeit meines Lebens. Mein Glück war so vollkommen, dass es mir genügt hätte für mein ganzes Dasein und der Wunsch nach einem anderen Zustand nicht einen Moment in mir aufgestiegen wäre."
Am 12. September 1765 gelangte Rousseau auf die St. Petersinsel, kurz darauf folgte ihm Thérèse Levasseur, seine langjährige Lebensgefährtin. An seinem vorherigen Zufluchtsort, in Môtiers, war er während drei Jahren respektiert und geschätzt worden, bis die Hetze eines protestantischen Pfarrers die Dorfbevölkerung gegen den *gottlosen Fremden" aufbrachte. In der Hoffnung, die Berner Regierung werde seinen Aufenthalt dulden, wählte der erneut Vertriebene die St. Petersinsel zu seinem nächsten Zufluchtsort.
Den Weg zu seinem Refugium legte Rousseau auf einer Barke zurück, denn der Heidenweg, der heutzutage die Insel mit Erlach verbindet, stand noch unter Wasser. So fand Rousseau eine weitgehend abgeschlossene kleine Welt für sich vor - ein Fundament für das Glücksgefühl, das er dort erlebte.
Ganz allein waren die Neuankömmlinge nicht: Im einzigen Wohnhaus der Insel, einem ehemaligen Cluniazenserpriorat, lebten der Inselschaffner Gabriel Engel und seine Frau Salome, die Rousseau und Thérèse eine bescheidene Kammer im ersten Stock des Gutshauses überliessen. Rousseau genoss die Freiheit, den Tag ganz nach seinen Bedürfnissen und Vorlieben zu gestalten. Am liebsten machte er Spaziergänge, um die Insel zu erkunden, nicht selten begab er sich dabei in ein Ruderboot, wo er sich vom sanften Wellengang schaukeln liess.
Die Pflanzenwelt der Insel faszinierte ihn. Immer wieder sammelte er Pflanzen, und in seinem Zimmer verbrachte er viele Stunden mit der Anfertigung von Herbarien - er presste und trocknete die gefundenen Pflanzen, bestimmte sie und klebte sie auf Papier.
Ein besonderes Vergnügen bereiteten Rousseau die Ausfahrten mit dem Boot, die er bei schönem Wetter mit seinem Hund Sultan unternahm. Dabei begab er sich oft zu einer kleinen, in Richtung Erlach gelegenen Insel, um sie näher zu erkunden. Bald kam ihm die Idee, dieses Eiland mit Kaninchen zu bevölkern. Er bestellte die Tiere in Neuenburg und brachte sie in Begleitung einiger Damen feierlich an ihren Bestimmungsort. Fortan besuchte er den später "Kanincheninsel" genannten Ort noch öfter, um die Vermehrung der neuen Inselbewohner mitzuverfolgen.
Rousseau genoss die Einsamkeit, immer wieder suchte er aber auch den Kontakt mit anderen Menschen. Ab und zu arbeitete er auf den Feldern und half bei der Obsternte. Auch mit den Kindern der Weinbauern gab er sich gerne ab.
Rousseaus Briefwechsel in diesem Zeitraum zeigt aber, dass er doch nicht in gänzlicher Abgeschiedenheit lebte - er liess sich sogar die Zeitung auf die Insel bringen.
Nach etwa sechs Wochen nahm Rousseaus Aufenthalt auf der Petersinsel ein ziemlich plötzliches Ende. Sobald nämlich die Berner Regierung vom Aufenthaltsort des unbequemen Denkers vernommen hatte, zögerte sie nicht lange. In ihrem Schreiben vom 10. Oktober, das an Klarheit nichts zu wünschen übrig liess, befahl sie Emanuel von Graffenried, dem Landvogt zu Nidau, Rousseau wegzuweisen.
Die Nachricht traf den Exilierten schwer. Am 18. Oktober erbat er sich in einem Brief an den Landvogt einen Aufschub - vor der Abreise müsse er einige häusliche Angelegenheiten regeln. Vergeblich versuchte der Landvogt, dem Wunsch seines Gastes Gehör zu verschaffen. Mit einem Eilboten erhielt er den Befehl, Rousseau "biss Künftigen Samstag" wegzuweisen.
Am 25. oder am 26. Oktober verliess der Genfer Philosoph die St. Petersinsel für immer. Er liess sich von Kirchberger nach Biel fahren, wo er im Gasthof "Weisses Kreuz" ein Abendessen einnahm . Thérèse blieb vorerst noch zurück.
Rousseaus Aufenthalt in Biel
Die Bieler Alexander Wildermeth und Rodolphe Vautravers hatten Rousseau gute Aufnahme und ein sicheres Asyl zugesichert. Nach seiner Ankunft wurde er jedoch bei J. H. Masel in einer Dachkammer an der Untergasse untergebracht. Später erinnerte er sich:
"Sofort beeilte sich Wildermeth, mir eine Wohnung zu verschaffen, und rühmte mir als einen guten Fund eine hässliche, kleine, rückwärts gelegene Kammer im dritten Stock nach dem Hof zu, wo ich meine Augen an dem Gerüst stinkender Häute eines Sämischgerbers weiden konnte. Mein Wirt war ein kleiner Mann mit gemeinem Gesicht und ein rechter Schelm, der mir am folgenden Tag als ein Wüstling, Spieler und eine im Stadtviertel sehr übel berüchtigte Person geschildert wurde. Er hatte weder Frau noch Kinder noch Bedienung; und in mein einsames Zimmer traurig eingesperrt, war ich im heitersten Lande der Welt so einquartiert, dass ich in wenigen Tagen an der Schwermut hätte sterben können."
Nachdem er die zweite Nacht in Biel am 28. Oktober bei R. Vautravers verbracht hatte, verliess Rousseau die Stadt am 29. Oktober in Richtung Basel, um von dort aus nach England weiterzureisen.
Quellen:
Piatti, B. (2001). Rousseaus Garten, Basel: Schwabe
Bourquin, W. und Bourquin, M. (1999). Stadtgeschichtltiches Lexikon, Biel: Büro Cortesi
Fuite en Angleterre. http://www.rousseau-chronologie.com (03.01.2012)
Autor: Christoph Lörtscher / Quelle: -1848
Format: Christoph Lörtscher