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| Epiphanius v. Salamis († 403) - Gegen die Antidikomarianiten (Panarion Haer. 78.)

7.
Ich hörte nämlich von jemand, daß einige sich unterfangen, von ihr zu sagen, daß sie nach der Geburt des Erlösers mit einem Manne ehelich verkehrt habe. Und ich wundere mich nicht darüber. Denn die Unwissenheit derer, welche den genauen Sinn der Hl. Schrift nicht verstehen, läßt auf dieses und jenes verfallen, treibt hin und her solche, die mit ihrem eigenen Verstande hinter die Wahrheit kommen wollen. Vor allem: Als Joseph die Jungfrau angetraut erhielt auf Grund des Loses, das sie zu jenem Schritte gezwungen hatte, da wurde sie ihm nicht übergeben zur ehelichen Verbindung, — wenn ich sagen soll, was wahr ist; weil er Witwer war. Aber gesetzmäßig heißt er ihr Mann. Aber schon aus der Konsequenz der jüdischen Überlieferung ergibt sich, daß ihm die Jungfrau nicht der ehelichen Verbindung wegen übergeben wurde, sondern damit er aufbewahrt würde zum Zeugnis für das, was da kommen sollte, damit das Heilswerk der Menschwerdung nicht in falschem Lichte dem Volke erscheine, sondern in Wahrheit bezeugt sei, ohne Mannessamen im Hl. Geist gewirkt in Wahrheit. Denn wie konnte ein so hochbetagter Greis die Jungfrau zum Weibe haben, da er schon von seiner ersten Frau her ein Witwer war mit soviel Jahren? Dieser unser Joseph war nämlich ein Bruder des Kleophas, ein Sohn des Jakob mit dem Beinamen Panther; sie beide stammen ab vom sogenannten Panther.
Es hatte unser Joseph seine erste Frau aus dem Stamme Juda, und diese gebar ihm Kinder, sechs an der Zahl, vier Söhne und zwei Töchter, wie das Evangelium nach Markus und Johannes deutlich zu verstehen gibt. Sein Erstgeborener war Jakobus, zubenannt Oblias, was soviel als Mauer bedeutet, den man auch den Gerechten nannte. Er war ein Nazoräer, was soviel ist als "ein Heiliger". Dieser erhielt zuerst den bischöflichen Sitz, er war somit der erste, dem der Herr seinen Thron auf Erden anvertraut hat. Er wurde auch genannt "Bruder des Herrn". Wie ja auch der Apostel dies bezeugt, wenn er sagt: "Einen andern der Apostel aber sah ich nicht als Jakobus, den Bruder des; Herrn"1 . Bruder des Herrn aber wird er genannt, weil er mit ihm auferzogen war, also nicht der Natur, sondern der Gnade nach. Denn als Maria mit Joseph vermählt war, schien sie des Mannes Weib zu sein, aber sie pflog mit ihm keine Leibesgemeinschaft. Unter dieser Voraussetzung wird die nahe Verwandtschaft seiner Söhne mit dem Erlöser als Bruderverhältnis bezeichnet, bezw. es wurde auch als solches gerechnet. Analog dazu wird ja auch Joseph, obwohl er zur Geburt des Erlösers im Fleisch keine [eheliche] Gemeinschaft pflog, als Vater gerechnet nach [göttlicher] Fügung; auch sagt der Evangelist Lukas über den Erlöser: "Er war, wie man glaubte, des Joseph Sohn"2 , wie ja auch Maria selbst zu ihm spricht nach dem Lukasevangelium:3 "Siehe, ich und dein Vater haben dich mit Schmerzen. gesucht." Wer nun möchte Joseph als Vater des Herrn ansprechen, der ihm gegenüber in gar keinem ursächlichen Verhältnis stand, da ja doch die Menschwerdung ¬gerade ohne Mannessamen stattfand, — aber nach dem Plane der Vorsehung wurden die Rollen so verteilt.
1: Gal. 1, 19.
2: Luk. 3, 28.
3: Ebd. 2, 48.