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Panel: Sozialistische Machtformen – sozialistische Wissensordnungen? Osteuropa als Thema einer Globalgeschichte des Wissens
Verantwortung: Philipp Casula / Stefan Guth
Referierende: Philipp Casula / Andrej Markovic / Borbála Zsuzsanna Török
Kommentar: Heinrich Hartmann
Wer an sozialistische Wissensordnungen denkt, dem kommt möglicherweise das ehemals staatlich gelenkte Osteuropa als wenig erforschtes Feld in den Sinn. HEINRICH HARTMANN, Kommentator des Panels, plädierte jedoch dafür, Osteuropa nicht nur als die geografische Erweiterung Europas anzusehen, sondern als ein Forschungsfeld mit grossem Potential: Das Aufbrechen von Dichotomien und verstärktes transnationales Denken liessen Konzepte Osteuropas zu einem Wissensprodukt werden. Dabei spielt primär das „Wissen über sich selbst“ eine Rolle, wie die erste Präsentation gezeigt hat.
PHILIPP CASULA stellte sein Forschungsprojekt vor, das sich mit der Darstellung des Nahen Ostens in der Sowjetunion befasst. Dabei untersucht er die Begrifflichkeiten, mit denen der Orient in der Sowjetunion erfasst und wie der jeweils Andere präsentiert wurde. Die Diskussion um den Orientalismus in der Sowjetunion brach mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ab; der Begriff hatte vor allem in Bezug auf das zaristische Russland existiert. Casula will seine Quellen einer Diskurs- und Begriffsanalyse und einer Medienanalyse unterziehen, wobei sowohl akademisches als auch populäres Wissen abgedeckt werden soll.
Analysiert werden zum einen Reiseberichte, da Reisende nicht nur wissenschaftliche Berichte, sondern auch politische Einschätzungen verfassen mussten, zum andern auch die sogenannten spravki; dies sind Berichte von Wissenschaftlern für die Politik, die auf Anfrage angefertigt wurden. Auch publizierte Quellen, etwa populäre Literatur, Zeitungen, Tagebücher und andere Memoiren sollen hinzugefügt werden. Insbesondere visuelle Quellen, wie etwa Fotografien aus der Zeitschrift „Azija in Afrika Segodnja“, runden den Quellenkorpus ab. Casula unterstrich die Auswahl der visuellen Quellen mit einigen Fotografien, die den Mix aus verschiedenen Wissens- und Darstellungsformen aufzeigen. Der Orient wurde nicht nur als geografische Region dargestellt, sondern funktionierte in der Sowjetunion auch als Chiffre für Machtgefälle. In der Zeitschrift „Azija in Afrika Segodnja“ wurde der Orient immer wieder mit „Zwischen Tradition und Moderne“ betitelt – ein Verweis auf eine gegensätzliche Entwicklung, womit das Paradoxon des Orients beschrieben werden sollte.
Der Orient hatte jedoch auch eine anti-imperialistische Funktion für die Sowjetunion, indem ihm eine Partnerrolle im „Kampf gegen den Imperialismus“ zugeschrieben wurde. Der Orient wurde zudem nicht als Ort der Rückständigkeit inszeniert, sondern – und anders als in westlichen Darstellungen – als dynamisches Gebiet in der Realisierung der Moderne, was durch Technologie, Waffen und Maschinen verbildlicht wurde. An dieser Stelle hob Casula hervor, dass sich die Sowjetunion zwar antiwestlich generierte, gleichzeitig aber genauso wie der Westen für die Moderne plädierte.
ANDREJ MARKOVIC behandelte in seinem Vortrag die Entstehung, Entwicklung und Professionalisierung der Wirtschaftswissenschaften im sozialistischen Jugoslawien. Dabei konzentrierte er sich auf die Zeitspanne der 1940er bis 1960er Jahre. Markovic hob hervor, dass die Wissensgeschichte im Sozialismus nicht nur prohibitiv und restriktiv angeschaut werden dürfe. Sozialistische Systeme müssten differenziert betrachtet und den Unterschieden, die sich in der Wirtschaft zeigten, grössere Beachtung geschenkt werden. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens beispielsweise beabsichtigte, das agrarisch geprägte Land zu industrialisieren und zu modernisieren. Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten orientierten sich neu und setzten sich zum Ziel, ihr Wissen an die breite Bevölkerung weiterzugeben. Mithilfe von Fachvereinen sollte die Wissenszirkulation sichergestellt werden. Nach dem Bruch mit der Sowjetunion und mehreren Reformen kam es zu einer kulturpolitischen Öffnung Jugoslawiens, die auch Folgen für die Wirtschaft hatte. Westliche Werke und Fachliteratur wurden gebilligt und angelsächsische Vorbilder dominierten mehr und mehr. Der Wissensaustausch fand zunehmend auch mit den USA statt, indem jugoslawische Fachleute in den Westen übersiedelten: Die Wissenszirkulation wurde in den Westen integriert.
In eine thematisch ähnliche Richtung führte der Vortrag von BORBÁLA ZSUZSANNA TÖRÖK. Sie vertiefte in ihrer Präsentation den Status der Soziologie im kommunistischen Ungarn. Török nannte die Soziologie eine sogenannte pariah science, da sie eine Wissenschaft mit ausgegrenztem Status dargestellt habe. Den Grund dafür schrieb Török dem wissenschaftlichen Milieu des Ostblocks zu. Die Geistes- und Sozialwissenschaften galten generell als inkompatibel mit dem Marxismus und die Soziologie wurde im Besonderen als bürgerliche Wissenschaft diskreditiert, was um 1950 sogar zur Verbannung aus den Universitäten führte. Nach zwei Jahrzehnten der Marginalisierung erfolgte die Rückkehr in die Wissenslandschaft; der Fokus lag nun auf der Produktion soziologischen Wissens. Ab den 1980er Jahren konnte die Disziplin schliesslich wieder als Grundausbildung studiert werden und es bildeten sich soziologische Institute heraus. Diese Relegitimierung erfolgte aus verschiedenen Gründen, vor allem aber aufgrund der poststalinistischen Entspannung.
Das Auf und Ab der Domäne der Soziologie widerspiegelt den Bedarf der Partei nach Gesellschaftsforschung: Einerseits war ein Interesse vorhanden, „Probleme“ zu erkennen, um eine bessere Lenkung vornehmen zu können, andererseits aber wurde strikte Treue zur marxistisch-leninistischen Ideologie verlangt. Gesellschaftliche Tabuthemen durften nicht angeschnitten werden, was nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 der Fall gewesen war. Statistische Zentralämter nahmen eine ganz besondere Rolle in Ungarn ein: Sie stellten die Thinktanks der sozialistischen Systeme dar; einen politisch geschützten Ort, wo empirische Untersuchungen mit westlichen Methoden ausprobiert werden konnten. Vorhanden war nicht nur hochqualifiziertes Personal, sondern auch die technische Ausrüstung für mathematische Erhebungen wie etwa Computer. Budapest war in den 1960er Jahren Versuchslabor für statistische Projekte und somit ein Ort der offiziellen Wissenslegimitierung. Das statistische Zentralamt bot insbesondere für die Soziologin Zsuzsa Ferge Zuflucht, die als eine der Ersten das stalinistische Gesellschaftsmodell kritisiert hatte.
Trotz der unterschiedlichen thematischen und geografischen Fokussierungen der Vorträge, kreisten sie alle um den zentralen Punkt des Panels: Der Wissensvermittlung unter verschieden politischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Dabei liegt der Mehrwert zweifelsohne in der Betrachtung, wie die Länder auf ihre eigene Art und Weise mit den von der Sowjetunion aufgedrängten Richtlinien bezüglich ihrer Wissenschaften umgingen. Besonders interessant sind hierbei die Mittel und Wege, mit denen eine eigene nationale wissenschaftliche Identität beibehalten wurde, die die Zeit der totalitären Herrschaft überdauerte.
Panelübersicht:
Casula, Philipp: Sowjetische Wissensformen und die Darstellung des Nahen Ostens
Markovic, Andrej: Sozialistische Wirtschaft – sozialistische Wissensordnung? Die Wirtschaftswissenschaften im sozialistischen Jugoslawien
Török, Borbála Zsuzsanna: Pariah science? Die Soziologie im kommunistischen Ungarn zwischen Parteiverbot und Duldung