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Plötzlich blieb die S-Bahn stehen, und Norbert Braunwalder sass allein im Abteil auf dem Abstellgleis. Zum Glück machte der Zugführer eine letzte Kontrolle, sonst hätte der 45-jährige Zürcher im verschlossenen Wagen übernachten müssen. «Weil ich gehörlos bin, bekam ich die Durchsage nicht mit, dass alle Reisenden wegen eines technischen Defekts am letzten Bahnhof hätten aussteigen müssen.» Wären die Züge mit einer visuellen Anzeige ausgestattet, hätte Braunwalder nicht zu Fuss bis zur nächsten Station gehen müssen.
In der Schweiz sind rund 10 000 Menschen gehörlos. Manche werden gehörlos oder schwerhörig geboren. Auch Krankheit oder Unfall können zu Gehörverlust führen. Während sich Schwerhörige mit Hörgeräten behelfen können und lautes Reden wahrnehmen, bleibt die Welt für Taube völlig still.
Gebärdensprache ist keine Pantomime
«Trotzdem sind wir Gehörlosen nicht taubstumm», betont der Schweisser Roland Hermann. «Wir kommunizieren untereinander in der Gebärdensprache, und mit Hörenden verständigen wir uns in Worten und indem wir ihnen von den Lippen ablesen.» Deshalb wird der Begriff «taubstumm» von Gehörlosen als unzutreffend und diskriminierend empfunden.
Gebärdensprache ist auch keine Pantomime, wie viele meinen, sondern eine eigenständige visuelle Sprache, in der all das präzise ausgedrückt werden kann, was sich mit oraler Sprache sagen lässt. Die Gebärdensprache ist Roland Hermanns Muttersprache, denn auch seine Eltern sind gehörlos. Die Lautsprache erlernte Hermann an der Gehörlosenschule. Wie wird ein A artikuliert, wie soll ein S zischen, wie bildet man ein E oder ein I? All das unterrichten speziell ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, die wie die Gehörlosen zweisprachig sind: Sie beherrschen sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache.
Früher wurde Gehörlosen die gesprochene Sprache nicht beigebracht und die Gebärdensprache war sogar verboten, weil sie angeblich den Erwerb der Lautsprache behindere. Kein Wunder, waren Gehörlose vor mehr als 100 Jahren oft taub, stumm und schlecht gebildet.
Auch heute noch ist der Zugang zu Information und Bildung für Gehörlose schwierig. Nicht nur weil sie viel Zeit brauchen, um die orale Sprache zu lernen, sondern auch weil weder an Universitäten noch an öffentlichen Schulen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung stehen.
Auch der Medienkonsum ist erschwert. Die einzige Sendung des Schweizer Fernsehens, die in Gebärdensprache übersetzt wird, ist die Wiederholung des «Kassensturz» am Samstagvormittag. Immerhin wurden letztes Jahr 1692 Stunden des gesamten Programms untertitelt. «Aber haben Sie schon mal die Tagesschau um 19.30 Uhr ohne Ton, nur mit der Live-Untertitelung, auf Teletext 777 gesehen?», fragt Roland Hermann, der sich als Präsident des Schweizerischen Gehörlosenbunds (SGB) für die Rechte der Gehörlosen und Hörbehinderten in Bildung, Beruf, Gesellschaft und Kultur einsetzt.
Mit Erfolg. Auf der politischen Ebene tut sich etwas: Letzten Herbst setzte sich der Ständerat für eine verstärkt hörbehindertengerechte Aufbereitung von Fernsehsendungen ein. Auch der SGB macht Druck. «Damit Gehörlose gesellschafts- und kommunikationsfähig werden, sollen sie das gleiche Informationsangebot wie Hörende erhalten», heisst es in einer SGB-Resolution.
Eine Forderung, die prominente Unterstützung gefunden hat: Mit Hilfe von Dolmetschern gab die Sängerin Sina unlängst ein Konzert für Gehörlose, denn Rhythmus und Musik können nicht nur mit den Ohren, sondern auch über den Körper wahrgenommen werden. Nur der Applaus ist anders: Statt zu klatschen, strecken Gehörlose die Arme in die Höhe und bewegen die Hände. «Diese tonlose Energie war der tosendste Applaus, den ich je bekommen habe», erinnert sich die Walliser Sängerin. «Ich stand auf der Bühne und fror am ganzen Körper.» Im Umgang mit Gehörlosen kennt Sina keine Hemmungen: «Es braucht Zeit, Lust, Neugier und die Bereitschaft für diese andere Form der Kommunikation.»
Radiotipp
Mehr zum Thema Gehörlosigkeit: DRS-3-Ratgeber, Mittwoch, 8. Oktober, 10.15 Uhr (Wiederholung: Samstag,
11. Oktober, 15.20 Uhr)