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Die SFAR im Dienste der wissenschaftlichen Forschung
Auszug aus: Schweizerische Stiftung für Alpine Forschungen 1939 bis 1970. Erschienen in Zürich 1972
Die Gletscherforschung hat in der Schweiz eine alte Tradition. Immer wieder hat das Phänomen der Eiszeiten Forscher und Laien gleichermassen gefesselt. Wachsen und Schwinden von Gletscherzungen beschäftigte seit eh und je unsere Bergbauern, wie schon die Sagen vom Vrenelisgärtli, in den Glarner-Alpen, oder die Legenden über die Verwüstungen von einstmals blühenden Alpen durch Gletschervorstösse berichten.
Die jährlichen Gletschermessungen, die am Rhonegletscher seit mehr als einem Jahrhundert durchgeführt wurden, haben eine Fülle von Daten geliefert, die zum Teil erst in der Mitte des 20 Jahrunderts aufgearbeitet werden. Aus Messungen über Veränderungen der Gletscherzungen sind Untersuchungen über den Wasserhaushalt von Gletschern und Firnen herausgewachsen. Das Studium der Wasserbilanz war notwendig, um zuverlässige Unterlagen für die technische Planung der grossen alpinen Staubecken zu gewinnen. Für diese technisch ausgerichteten Arbeiten genügte die Oberflächenvermessung der Gletscher nicht mehr; die Planer brauchten Angaben über das Eisvolumen, den jährlichen Firnzuwachs, den Wasserabfluss und die Fliessgeschwindigkeit des Eises. Sie fragten nach Modellen, die erlauben sollten, die vielschichtigen Zusammenhänge einer Wasserbilanz aus Messwerten zu errechnen. Die Lösung der vielen Aufgaben verlangte von den Forschern die Entwicklung neuer Messtechniken. Die Suche nach Gesetzmässigkeiten der Gletscherveränderungen rief nach vergleichenden Beobachtungen in den Polargebieten und in den Gletscherregionen ausseralpiner Hochgebirge. Unter all diesen Voraussetzungen passte die Glaziologie ausgezeichnet in den Aufgabenbereich der Stiftung. Die Förderung der Gletscherforschung durch die Stiftung nahm ihren Anfang mit den beiden Baffinland-Expeditionen 1950 und 1953, die vom Arctic Institute of North America unter Leitung von Col. Patrick D. Baird organisiert wurden. Beiden Expeditionen schloss sich eine von der Stiftung ausgerüstete schweizerische Arbeitsgruppe an. Eigentlich waren 1950 die drei Teilnehmer Hannes Mülli, Hans Röthlisberger und Franz Elmiger als Bergsteiger verpflichtet, doch erfasste der Geophysiker Hans Röthlisberger die ausgezeichneten Möglichkeiten, welche die Hochlandvereisungen der arktischen Insel für glaziologische Untersuchungen boten. Als drei Jahre später die zweite Expedition zur Erforschung der Penny Icecap in Baffinland geplant wurde, rüstete Röthlisberger eine Arbeitsgruppe aus, die mit seismischen Methoden Eisdickenmessungen am Rande der Eiskappe und an verschiedenen Stellen eines etwa 20 Kilometer langen Abflussgletschers plante. Die Arbeitsgruppe sollte im Frühjahr mit einem Skiflugzeug auf der Eiskappe abgesetzt werden und später ihre Ausrüstung und den benötigten Sprengstoff auf handgezogenen Schlitten etappenweise über den Gletscher zum Basislager transportieren.
Der Arbeitsgruppe von 1953 gehörten vier Schweizer an. Unter Leitung von Hans Röthlisberger übernahm Ing. Hans Weber die Verantwortung für den technischen Unterhalt der empfindlichen Geräte. Der Arbeitsphysiologe Jürg Marmet war für Vermessungsarbeiten zuständig. Der Botaniker Fritz Hans Scbwarzenbach arbeitete vor der Schneeschmelze als Sprenggehilfe und widmete sich später in Zusammenarbeit mit andern Teilnehmern botanischen Untersuchungen. Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Arbeitsgruppe sind in mehreren Publikationen veröffentlicht worden.
Einen weiteren Beitrag an die Förderung der Gletscherforschung hat die Stiftung mit der finanziellen Unterstützung der internationalen Grönland-Expedition EGIG I und EGIG II geleistet. Unter Leitung des französischen Polarforschers P. E. Victor befassten sich diese Expeditionen mit Untersuchungen des grönländischen Inlandeises. Dabei standen Fragen der Schnee-Metamorphose, der Eisbilanz, der Oberflächenvermessung des Inlandeises und der Datierung von bestimmten Eisschichten im Vordergrunde. Die technische Organisation dieses internationalen Forschungsprogrammes lag in den Händen der Franzosen; die über mehrere Jahre laufenden Expeditionen haben neben den wissenschaftlichen Ergebnissen wertvolle Erfahrungen expeditionstechnischer Art gebracht. Sie zeigten, wie in modernen Polarexpeditionen Raupenschlitten, Flächenflugzeuge, Helikopter, modernste Vermessungs- und Verbindungsmittel eingesetzt werden können. Die Kosten für die schweizerischen Teilnehmer an diesem Forschungsprogramm wurden zum grössten Teil vom Schweizerischen Nationalfonds übernommen. Die Stiftung leistete an das erste Projekt einen finanziellen Beitrag und ermöglichte durch einen Überbrückungskredit den Anschluss schweizerischer Teilnehmer an das Projekt EGIG II.
Die wissenschaftlichen Arbeiten der schweizerischen Teilnehmer sind in der offiziellen Publikationsreihe der EGIG veröffentlicht. Sie sind mit den Namen Marcel de Quervain, Robert Haefeli, Hans Peter Kasser, Fritz Kobold und André Renaud verknüpft.
Wollte die Stiftung mit der finanziellen Unterstützung der EGIG-Programme die Anstrengungen schweizerischer Fachleute zur Mitarbeit in internationalen Forschungn auszeichnen, so suchte sie in den nachfolgenden Jahren vor allem den akademischen Nachwuchs auf dem Gebiete der glaziologischen Forschung zu fördern. Da für die Ausbildung von Forschern in geographisch ausgerichteten Wissenschaften vergleichende Arbeiten in anderen Regionen der Erde besonders wertvoll sind, wurde fachlich gut ausgewiesenen Studenten die Teilnahme an wissenschaftlichen Polarexpeditionen oder an Forschungsreisen in den Himalaya und in die afrikanischen Gebirge ermöglicht.
Bezeichnend für die Art und Weise, wie die Stiftung die Förderung des akademischen Nachwuchses auf dem Gebiet der Glaziologie an die Hand nahm, ist das Beispiel von Fritz Müller, der 1970 als Professor für Geographie an die ETH berufen wurde. Im Jahre 1952 reiste er erstmals als Assistent des Geologen Erdhart Fränkl in die Arktis. Im Rahmen der dänischen Ostgrönland-Expedition unter Lauge Koch widmete er sich geomorphologischen Untersuchungen in dem auf 80 Grad nördlicher Breite gelegenen Kronprins Christians Land. Im folgenden Jahr begleitete er wiederum Erdhart Fränkl bei der Durchquerung von Peary Land (siehe Berge der Welt, Bd. XII, 1958/59). Später arbeitete er an einer Dissertation über die merkwürdige Periglazialerscheinung der "Pseudovulkane" (Pingos).
Inzwischen liefen in der Schweiz die Vorbereitungen für die auf 1956 festgesetzte Everest-Expedition unter Leitung von Albert Eggler. Es gelang, Mittel für eine glaziologisch-geomorphologische Untersuchung des Khumbu-Gletschers am Mount Everest freizusetzen. Mit dieser als wissenschaftliche Rekognoszierung zu betrachtenden Arbeit wurde Fritz Müller betraut. Er hat die Ergebnisse seiner als Pionierleistung zu wertenden Untersuchungen später in einem Manuskript niedergelegt, wobei die Stiftung an die Ausarbeitung der Arbeit finanzielle Beiträge leistete.
Die ungewöhnlich reiche Expeditionserfahrung, die sich Fritz Müller bei den Arbeiten in der amerikanischen Arktis, in Grönland und im Himalaya erworben hatte, trugen ihm nach mehrjähriger Mitarbeit am Institut für Hydrologie und Glaziologie der ETH eine Berufung als Leiter der McGill University-Expeditionen nach Axel-Heiberg-Land ein. Die Erforschung dieser weit nördlich gelegenen Insel des nordamerikanischen Archipels wurde vom kanadischen Unternehmer Jacobsen angeregt.
Fachleute der McGill University und des Arctic Institute of NorthAmerica in Montreal übernahmen die wissenschaftlichen Untersuchungen. In seiner Eigenschaft als permanenter Expeditionsleiter, als Koordinator der wissenschaftlichen Arbeiten und später als Professor für Glaziologie am Department of Geography der McGill University hat sich Fritz Müller persönlich dafür verwendet, einer ganzen Reihe schweizerischer Nachwuchsleute eine Ausbildungschance zu bieten. In diesen Bestrebungen hat ihn die Stiftung durch Gewährung von Reisebeiträgen an schweizerische Teilnehmer, durch Beschaffung und Spedition von speziellen Ausrüstungsgegenständen unterstützt. Rund ein Dutzend Studenten der Naturwissenschaften verschiedener schweizerischer Hochschulen nahmen an den Axel-Heiberg-Land-Expeditionen teil, u.a. Otto Hegg, Albert Maag, Hans und Jakob Weiss, Jürg Leisinger und Karl Schroff.
Eduard Leuthold und Jürg Marmet bestiegen im Rahmen der Axel-Heiberg-Expedition 1961 zum ersten Male eine Reihe attraktiver Berge in der inzwischen als Swiss Range benannten Bergkette auf der Westseite der Insel. Der höchste Gipfel der Bergkette ist offiziell Foundation Peak benannt worden, in Würdigung der von der Stiftung geleisteten Unterstützung.