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Zuerst wurde er Proletarier und sah die Welt vom Lastwagen aus. Dann studierte er Geografie, und heute erklärt Philippe Rekacewicz globale Phänomene in Form von Karten.
Mit achtzehn beschloss Philippe Rekacewicz, Proletarier zu werden. Der frischgebackene Maturand heuerte bei einer Transportfirma an und fuhr vier Jahre lang Lastwagen kreuz und quer durch Europa. Doch als er eines Tages vor dem Montblanc in einem Schneesturm stecken blieb, ohne Geld, ohne Proviant und ohne Heizung, beschloss er, das Proletarierdasein aufzugeben. Es war zu hart. Philippe Rekacewicz schrieb sich an der Sorbonne ein und begann, Geografie zu studieren. Er wollte verstehen, warum die Landschaften, die er mit dem Lastwagen durchfahren hatte, so unterschiedlich waren. «Vor mir tat sich eine sensationelle Welt auf», sagt der heute 44-Jährige rückblickend. «Ich entdeckte durch die Geografie ein neues Universum. Die Geografie erklärt, wie sich politische Entscheidungen und gesellschaftliche Organisationsformen auf den Raum auswirken, wie sie sich in die Landschaft einschreiben. Und das konkreteste Werkzeug der Geografie ist die Kartografie.»
Der blutige Strich
Seit 1988 entwickelt und zeichnet Philippe Rekacewicz die thematischen Karten, die zu einem Markenzeichen der französischen Monatszeitung «Le Monde diplomatique» (vergleiche Seiten 2 und 3) geworden sind: kraftvolle visuelle Elemente, die den Betrachtenden politische und wirtschaftliche Tatsachen buchstäblich vor Augen führen. So zeigt etwa die letztes Jahr publizierte Karte, wie «illegale» MigrantInnen beim Versuch, nach Europa zu gelangen, ums Leben kommen - durch Ertrinken, Ersticken, Polizeigewalt oder im Minenfeld zwischen der Türkei und Griechenland. Der Schengenraum ist mit einem dicken roten Strich markiert - einem blutigen Strich, wie der Kartograf sagt. Diese Karte sei ihm sehr wichtig, denn sie zeige auf fast brutale Art und Weise, dass Europa für achtzig bis neunzig Prozent der Weltbevölkerung ein völlig abgeschotteter Raum sei. Rekacewicz spricht deshalb auch von der Macht der grafischen Elemente. Es gehe darum, Form, Farbe und Bewegung dazu zu verwenden, den Benutzenden eine politische oder wirtschaftliche Botschaft verständlich zu machen. «Ein dicker roter Pfeil vermittelt nicht dieselbe Botschaft wie ein dünner blauer - egal, wie die Legende lautet. Ein dicker schwarzer Strich, der zwei Länder trennt, sagt etwas anderes aus als ein dünner weisser. Der Benutzer spürt das intuitiv.»
Ist das bereits Manipulation? Natürlich sei er bestrebt, die Information so wenig wie möglich zu manipulieren, sagt Philippe Rekacewicz. Doch es sei unmöglich, die Realität genau abzubilden. Das gilt nicht nur für thematische, sondern auch für topografische Karten: Sie sind nie getreue Abbilder des jeweiligen Territoriums, weil nie alles Vorhandene abgebildet werden kann. Sie alle beinhalten eine «Auslassungslüge». Der Kartenmacher ist gezwungen, zu gruppieren, zu vereinfachen, eine Auswahl der Elemente zu treffen, die er abbilden will. So wohlbegründet die Auswahl auch ist, in Wirklichkeit ist sie vor allem von den Kenntnissen, dem Gespür und den Absichten des Kartografen diktiert, beziehungsweise von den Wünschen seiner AuftraggeberInnen. Was er darbietet, ist deshalb ein gefiltertes Dokument, das eher seine Weltansicht bezeugt, als dass es eine «bildliche Übertragung» des Vorgefundenen ist. Deshalb ist Philippe Rekacewicz heute der Meinung, dass eine Karte ein fundamental subjektives Dokument sei, das viel weniger die Realität als eine Meinung zeige.
Die Karte, sagt Rekacewicz, ist durch ihre politische Dimension der Austragungsort vielfältigster Manipulationen, offensichtlicher wie unsichtbarer. Sie kann ein Propagandainstrument der Mächte in Wirtschaft und Politik sein. Staaten, Lobbygruppen, multinationale Konzerne und internationale Organisationen bedienen sich ihrer, um ihre Macht zu festigen oder uns ihre jeweilige Weltsicht einzuprägen. Eine Karte verleiht ein Gefühl von Macht und nährt die Illusion, man beherrsche ein bestimmtes Gebiet. Die Bedeutung der Repräsentation eines Territoriums werde immer wieder unterschätzt. Der Kartograf weist auf das Beispiel Marokko hin: Jedes Mal, wenn er auf einer Karte für «Le Monde diplomatique» eine Grenze zur - von Marokko besetzten - Westsahara zeichne, handle er sich Ärger ein (vgl. Seite 11). «Die Ausgabe kann dann in Marokko nicht verkauft werden, und das bedeutet 7000 verkaufte Exemplare weniger. Marokko ist für uns ein wichtiger Markt.»
Im Februar 2001, während der Uno-Umweltministerkonferenz, unterbrachen die VertreterInnen der Volksrepublik China die Sitzung und boykottierten die weitere Debatte mit der Begründung, auf einer Karte und in einem der Arbeitsdokumente sei Taiwan als unabhängiger Staat aufgeführt. Sie wollten erst wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren, wenn die entsprechenden Dokumente aus dem Verkehr gezogen waren. Da China ein wichtiges Geberland ist, wurden die Forderungen erfüllt. Weitere Beispiele liefert der Israel-Palästina-Konflikt: Die Bezeichnung «Israel» war in zahlreichen arabischen Staaten bis Mitte der achtziger Jahre in Atlanten und Büchern verboten. In Israel wiederum gibt es extremistische Siedler, die Karten produzieren, in denen zwar die kleinsten israelischen Siedlungen eingetragen sind, Städte wie Betlehem oder Ramallah aber fehlen - weil diese für die Hersteller der Karten schlicht und einfach nicht existieren. «Diese Geisteshaltung der völligen Verleugnung drückt sich kartografisch durch Leere, durch ein Nichts, aus. Das ist ein sehr häufiges Phänomen», erklärt Rekacewicz. «Deshalb muss man sehr vorsichtig sein, wenn man auf andere Karten Bezug nimmt. Man muss immer genau wissen, woher sie stammen und die Angaben mit Vertrauensleuten gegenchecken. Das braucht Zeit. Deshalb braucht die Herstellung einer Karte manchmal Wochen oder sogar Jahre.»
Anarchisten der Kartografie
Karten können aber nicht nur als Herrschaftsinstrumente dienen, sondern auch subversiv sein. So nutzen etwa die Mitglieder des argentinischen Grupo de Arte Callejero, die sich als Anarchisten der Kartografie verstehen, Karten als Mittel der politischen Aktion. An der Biennale 2003 präsentierten sie mit der Cartografía del control (Kartografie der Kontrolle) einen Kartenausschnitt von Buenos Aires, der das Gebiet entlang des stark verschmutzten Flusses Riachuelo zeigt. Auf der Karte trugen sie Zentren wirtschaftlicher Macht, Akte militärischer Repression, Orte kriegerischer Konflikte, militarisierte Zonen und Militärbasen der USA ein. Ein weiteres Werk stellt eine Karte mit den Aufenthaltsorten aller Henker der argentinischen Diktatur samt Adressen dar.
Philippe Rekacewicz zeigt sich von dieser subversiven Kartografie zwar fasziniert, grenzt sich aber gleichzeitig davon ab. Die Gefahr der Manipulation von Daten im Interesse der politischen Aktion sei zu gross, sagt er. In anderen Fällen bewegten sich die Werke an der Grenze zu Verschwörungstheorien. So etwa die Werke des Pariser Bureau d’études oder diejenigen des US-amerikanischen Künstlers Mark Lombardi. Das Bureau d’études etwa zeigt in komplexen Grafiken Kontakte zwischen grossen multinationalen Unternehmen, Geheimgesellschaften und verschiedenen Staaten auf. Ähnlich die Werke von Mark Lombardi: Ein Gewirr handgezeichneter Pfeile, Kurven und Linien auf einem riesigen Blatt Papier bringt multinationale Konzerne, nichtstaatliche Organisationen (NGO), Regierungen, Lobbyisten und Thinktanks miteinander in Verbindung. Von weitem sehen die Netzwerke wie Wolken aus; erst aus der Nähe entpuppen sie sich als gigantische Diagramme. Lombardi hatte all die Informationen, die er für die Grafiken benützte, auf dem Internet und in anderen Medien gefunden, hatte also keinerlei Zugang zu vertraulichen Informationen. Er sei lediglich ein Herr, der Zeitungen lese und sich Interessantes markiere, gab Lombardi einmal zu Protokoll. Trotzdem erlebte das New Yorker Whitney Museum, das kurz nach den Terroranschlägen in New York 2001 eine von Lombardis Grafiken ausstellte, eine unliebsame Überraschung: Das FBI verlangte, das ausgestellte Werk prüfen zu dürfen. Denn dieses zeigte in einem seiner Abschnitte indirekt Verbindungen zwischen den Familien Bush und Bin Laden auf.
Duft des Radiergummis
Zeitungen lesen, Informationen sammeln, Gebiete bereisen, Kontakte pflegen: Das ist die Basis der Arbeit des Kartenmachers Rekacewicz. Er liest jeden Morgen Zeitung und legt Artikel geordnet nach Themen und Länder ab. Alle paar Monate nimmt er die gruppierten Artikel wieder hervor und merkt manchmal erst dann, dass er Bruchstücke einer grösseren Entwicklung gesammelt hat, die erst im Zusammenhang ihre volle Bedeutung erlangen. Das sei eine der Quellen seiner Inspiration, erzählt Rekacewicz. Oft entstehen die Ideen für Karten auch durch den Austausch mit den KollegInnen von «Le Monde diplomatique». «Der "Diplo" ist eine besondere Zeitung. Er ist ein grosses Diskussionsforum. Die Basis der Arbeit ist Brainstorming.» Von einem Kollegen auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, versucht er, das Problem zu visualisieren und zu transformieren, seine Bedeutung zu erfassen und es in den Kontext der Globalisierung zu stellen. Dann beginnt er, Daten zu sammeln und SpezialistInnen zu kontaktieren. An den Computer setzt er sich erst, wenn er im Geiste die Karte konstruiert und von Hand eine Skizze gezeichnet hat. Philippe liebt diesen manuellen Teil der Arbeit. «Dabei fühle ich mich an meine Kindheit erinnert. Ich liebe es, den Kontakt mit dem Material zu bewahren, den Duft des Radiergummis und der Farbstifte zu riechen.» Die Karte ist nicht nur ein hochpolitisches Instrument, sondern auch ein Bild, das mit künstlerischen Mitteln erschaffen wurde. In der Kartografie fliessen exakte Wissenschaft und Kunst zusammen. Für die Kartenmacher früherer Jahrhunderte war die Karte fraglos ein Kunstwerk, manchmal sogar ein Lebenswerk. Der Kartenmacher von heute ist zuallererst Geograf. Durch seine künstlerischen Fähigkeiten, durch die Wahl der Formen und Farben kann er jedoch jedem seiner Werke ein eigenes Gesicht verleihen. Und damit beeinflusst er nicht zuletzt die Art und Weise der Interpretation.