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«10 vor 10»-Beitrag «Coronavirus: Fakecheck» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 22. März 2020 beanstandeten Sie Sie die Sendung «10 vor 10» (Fernsehen SRF) vom 19. März 2020 und dort den Beitrag über virale Videos mit dem Titel «Coronavirus: Fakecheck».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Die Sendung verstiess meiner Ansicht gegen das Sachgerechtigkeitsgebots, sowie gegen die Grundrechte und Menschenwürde (Diskriminierung).
Ab Minute 4:13 (SRF Play Version) wird ein Interviewausschnitt aus der Sendung Punkt.PRERADOVIC vom 13.03.2020 mit dem Lungenspezialisten Dr. Wolfgang Wodarg gezeigt.[2] Es geht hierbei in der SRF-Sendung um das Kapitel ‘Punkt 2. Kein neues Virus’. Der Ausschnitt entspricht dem Interviewteil in Punkt.PRERADOVIC ab Minute 2:07. Herr Wodarg sagt: <Wie wollen Sie den Wissen, ob nicht schon in Peking, oder Anderswo, oder in Italien diese Viren bereits vorhanden waren. Man hat ja früher nie danach suchen können.>
SRF reisst hier eine Aussage von Herr Wodarg aus dem Zusammenhang und unterstellt diesem, dass er behaupte, dieser spezifische Virenstamm habe bereits Jahre zuvor existiert. Diese Aussage hat Herr Wodarg jedoch im gesamten Video nie gemacht. Bereits seine folgenden Worte im Punkt.PRERADOVIC-Video lauten: <Es ist ein neuer Virus der dort gefunden wurde...>.
Worauf sich Herr Wodarg in der von SRF zitierten Aussage bezieht, ist die rasche Verbreitung. Es könnte gut sein, dass die Viren in Italien oder China bereits einige Wochen vorher da waren. Allerdings hat man da noch nicht getestet. Oder um es in den Worten der SRF-Journalistin Claudia Badertscher auszudrücken: <Da werden also Tatsachen miteinander vermischt, welche einfach nichts miteinander zu tun haben.>
Ich könnte jetzt noch andere Dinge dieser Sendung beanstanden. Zum Beispiel die merkwürdige Grafik, welche weder Angaben über Zeitraum noch die Messwerte beinhaltet (wurde hochgerechnet oder Anzahl positiv getesteter mit Todesrate verglichen?). Ebenfalls die Aussagen von Richard Neher bezüglich seiner ausgewerteten Todesanzeigen. Dies kann man höchstens als Indikator für weitere Untersuchungen nehmen. Eine wissenschaftliche Aussage ist dies nicht. Insbesondere fragwürdig, da Herr Neher noch Ende Januar in diversen Medien ausgesagt hat, dass keine grosse Gefahr besteht (Watson, Tamedia). Wird jetzt wenigstens auch Herr Neher einem Fakecheck unterzogen? Auch die Aussage von Frau Badertscher, dass der <Konsens in der Forschung eindeutig sei> ist keinesfalls gegeben. Siehe Beispielsweise die Aussage des Stanford-Professors John Ioannidis, welcher die hohe Mortalitätsrate ebenfalls in Frage stellt.[3]
Aber lassen wir es dabei. Denn wenn man bedenkt, dass Herr Wodarg im Video betonte, dass es ein neuer Virus ist, kann man hier nicht mehr von einem journalistischen Patzer sprechen. Aus meiner Sicht wurde dies in voller Absicht getätigt um Herrn Wodarg zu diskriminieren. Sehr bedenklich bezüglich des Auftrags von SRF.»
B. Gerne nehme ich dazu wie folgt Stellung: Sie sind der Meinung, dass der von Ihnen beanstandete Beitrag gegen das Sachgerechtigkeit und gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen habe. Ich gehe der Reihe nach auf die beiden Vorwürfe ein:
a) Sachgerechtigkeitsgebot: Sie beziehen sich auf die Video-Aussagen von Dr. Wolfgang Wodarg. Ich habe mir dieses Video mehrfach angesehen. Dr. Wodarg sagt darin, es sei jedes Jahr so, dass Corona-Viren im Umlauf seien. «Es ist nichts Neues, dass es ein neues Corona-Virus gibt». Das gebe es immer wieder durch Mutationen. Es lohne sich nicht, dies jedes Mal mit Tests zu überprüfen. Man habe dieses Jahr «eine mildere Sterblichkeitsrate als in früheren Jahren» und «nicht mehr Atemwegerkrankungen als in den Vorjahren.»
Es ist die Aufgabe der Medien, nach der Wahrheit zu suchen. Der Schweizer Journalistenkodex verlangt in seiner 1. Ziffer von den Journalistinnen und Journalisten: «Sie halten sich an die Wahrheit ohne Rücksicht auf die sich daraus für sie ergebenden Folgen und lassen sich vom Recht der Öffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren.» [4] Wenn jemand sich quer stellt und als gesichert geltenden Einsichten widerspricht, dann verlangt das Wahrheitsgebot, dass die Medien mit Hilfe von Recherchen die Fakten überprüfen und falsche Fakten, Fakes und Lügen als solche kennzeichnen.
Genau das hat die Sendung «10 vor 10» in dem von Ihnen kritisieren Beitrag gemacht. Sie hat die Aussagen von Rolf Kron und von Dr. Wolfgang Wodarg, beides Ärzte, auszugsweise wiedergegeben. Dr. Wolfgang Wodarg, promovierter Psychiater, ausgebildeter Internist, Medizinethiker, früherer Amtsarzt in Flensburg, SPD-Bundestagsabgeordneter von 1994 bis 2009 und 1999-2009 für die SPD Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg, brandmarkt die Bekämpfung des Corona-Virus als «Panikmache». Er versteht sicher etwas von der Materie, verkennt aber, dass es sich beim neuen Coronavirus nicht um ein endemisches handelt wie vier der bisherigen, sondern um ein pandemisches wie Mers und Sars, das sich exponentiell ausbreitet, und dass es dagegen noch keinen Impfstoff und kein Heilmittel gibt. In der Sendung widerlegen die beiden von «10 vor 10» befragten Professoren die Thesen von Dr. Wodarg, und zwar aufgrund von empirischen Daten. Beide sind renommierte Forscher. Der Virologe Prof. Dr. Volker Thiel ist Direktor des Instituts für Virologie und Immunologe an der Universität Bern und Angehöriger der gemeinsamen bernisch-zürcherischen Veterinärmedizinischen Fakultät.[5] Der Epidemologe Prof. Dr. Richard Neher ist assoziierter Professor am Biozentrum der Universität Basel. Er war Postdoc an der University of California in Santa Barbara und Forschungsgruppenleiter am Max Planck-Forschungszentrum.[6]
Sie, Herr X, ziehen zum «Beweis», dass Dr. Wodarg doch Recht hat, den Statistikwissenschaftler John Joannidis, Professor an der Stanford University, bei. Dieser ist aber als Statistiker vor allem an einer sauberen und vollständigen Datenlage interessiert.
Erst nach dem Beitrag von «10 vor 10» haben sich die Wissenschaftsredaktionen zweier renommierter Printmedien in sorgfältigen Artikeln ebenfalls mit der Argumentation von Dr. Wodarg auseinandergesetzt und sie widerlegt – am 20. März 2020 im «Spiegel» [7], am 21. März 2020 in der «Neuen Zürcher Zeitung.[8] Am Schluss des «Spiegel»-Artikels steht: «Wenn abwegige Einzelmeinungen anerkannten Fakten scheinbar gleichberechtigt gegenübergestellt werden, entsteht ein falscher Eindruck – eine sogenannte false Balance oder falsche Gewichtung. Sie zu vermeiden, ist gerade in Krisenzeiten wichtig.» Auch im Lichte solcher Analysen komme ich zum Schluss, dass «10 vor 10» sachgerecht vorgegangen ist.
b) Diskriminierungsverbot: Jemand, der sich exponiert und Angriffe startet wie Dr. Wodarg, muss sich auch der Kritik stellen. Er findet die gegenwärtig von den Behörden beschlossenen Maßnahmen «fahrlässig» und verlangt einen Untersuchungsausschuss, der die Politiker zur Verantwortung zieht. Er wirft den Regierungen vor, verantwortungslos zu handeln. Da ist es nicht verwunderlich, wenn sich die Medien kritisch mit seinen Thesen auseinandersetzen. Diskriminierend ist das in keiner Weise und eine Verletzung der Menschenwürde schon gar nicht.
c) Fazit: Ich kann Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
C. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann
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