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"PIA ZANETTI - FOTOGRAFIN"
08.03.2021 Ausstellung Fotostiftung Schweiz, Winterthur, bis am 24. Mai 2021
Bild: Pia Zanetti, London, England, 1967 © Pia Zanetti
Mit engagierten Reportagen hat sich Pia Zanetti, 1943 in Basel geboren, einen Namen gemacht. Hartnäckig behauptete sie sich in einer Domäne, die lange Zeit Männern vorbehalten war. Im Auftrag von Publikationen wie "Die Woche", "Espresso", "Stern", "Paris Match", "Elle", "Telegraph", "Das Magazin", "Du" oder "NZZ" bereiste sie ab den 1960er-Jahren zunächst Europa, später die ganze Welt.
Dabei galt ihr Interesse immer den Menschen, die sie auf der Strasse, bei der Arbeit, im Fussballstadion, beim Spielen oder beim Sinnieren beobachtete.
Unaufdringlich, einfühlsam, kritisch und präzis hielt sie die kleinen und grossen Dramen fest, die sich im Alltag abspielen. Pia Zanetti dokumentierte die Solidarität und den Widerstand gegen Unrecht, sie suchte aber auch unermüdlich jene glücklichen Momente, in denen Träume wahr zu werden scheinen.
Sie wusste schon früh, dass sie Fotografin werden wollte. Aber als die Schulabgängerin in Basel eine Lehrstelle suchte, gab es lauter Absagen – der zierlichen jungen Frau traute man diesen Beruf nicht zu. Schliesslich durfte Pia die Lehre bei ihrem 15 Jahre älteren Bruder absolvieren: Olivio Fontana betrieb ein Studio für Werbefotografie.
Anschliessend besuchte sie die Kunstgewerbeschule Basel, bevor sie sich, kaum 20-jährig, als Fotojournalistin selbstständig machte. Dabei lernte sie auch den Journalisten Gerardo Zanetti kennen, mit dem sie sich nicht nur privat, sondern auch beruflich verband. Als flexibles, offenes, entdeckungsfreudiges und effizientes Team hatten die beiden bald Erfolg: Gemeinsam entwickelten sie Ideen für Geschichten und beleuchteten für das Zeitschriftenpublikum im In- und Ausland den raschen gesellschaftlichen Wandel der europäischen Nachkriegszeit. Während sich Pia mit viel Feingespür auf unterschiedlichste Begegnungen einliess und die jeweilige Atmosphäre erfasste, lieferte Gerardo in fundierten Texten die Analysen dazu.
Zwischen Rom und London
In den 1960er-Jahren lebte das Paar in Rom und London, reiste kreuz und quer durch Europa und begab sich zuweilen auch ins ferne Ausland, so etwa nach Südafrika oder in die USA. Ab den 1970er-Jahren ordnete Pia ihre beruflichen Ambitionen zunehmend der Familienarbeit unter – zwei Söhne und eine Tochter waren zu betreuen –, die Familie liess sich zuerst im Tessin und später in Zürich nieder.
Trotzdem blieb die inzwischen etablierte Fotografin weiterhin im Geschäft. Neben den Bildberichten, für die es in den Medien immer weniger Platz gab, führte sie zum Beispiel zahlreiche Aufträge für Hilfswerke aus – in Afrika, Asien und Lateinamerika.
Als ihr Mann Gerardo im Jahr 2000 starb, ging sie ihren Weg alleine weiter. Sie balancierte sich durchs Leben und fand die richtige Mischung zwischen Brotjob und eigenen Projekten. Das Reisen, die Entdeckung fremder Lebenswelten, das respektvolle Staunen prägten ihre Arbeit auch weiterhin.
Bewegung und Emotionen
Fast immer sind Pia Zanettis Aufnahmen von Dynamik erfüllt, sei es durch das dargestellte Ereignis, sei es aufgrund einer inneren Spannung. Eines ihrer frühesten Werke zeigt Menschen in heftiger Bewegung: junge Männer, die zum stürmischen Sound von The Hurricans Beine und Arme fliegen lassen. Sie brechen für kurze Zeit aus ihrer geordneten Welt aus, verleihen dem Aufbruch in ein neues Zeitalter einen starken, sinnlichen Ausdruck – im Jahr 1960 in Basel noch keine Selbstverständlichkeit. Bewegung prägt auch ihre Strassenszenen aus Italien. Gekonnt setzt Pia Zanetti Unschärfe als Stilmittel ein, als wollte sie damit sagen, dass sich das Leben sowieso nicht festhalten lässt.
Dokumente werden zu Bildern
Gerne richtet die Fotografin ihre Kamera auf einzelne Figuren und Gesichter inmitten einer Ansammlung von Menschen – sei es auf der Strasse (so etwa in einer eindrucksvollen Farb-Serie aus New York), im Fussballstadion oder bei einer Kundgebung. Das Nebeneinander von Blicken, Gesten und Körperhaltungen ist voll von Lebensgeschichten, die weit über den einen Moment hinausgehen. Der im Mittelpunkt stehende Mensch ist eine oder einer unter vielen, die in diesem Augenblick etwas ganz Persönliches preisgeben.
Unvergesslich etwa das Gesicht eines schwarzen Südafrikaners auf einer Tribüne, ein Phantom ohne klare Konturen, dahinter eine schemenhaft erfasste Zuschauermenge: Ist sein Blick auf das Spielfeld gerichtet? Oder suchen seine Augen Halt in einer unsicheren Zukunft, die auch weiterhin von Rassismus und Gewalt geprägt sein wird? Die Aufnahme entstand 1968 in Johannesburg. Aber selbst ohne Erläuterung der historischen Umstände und der spezifischen Situation fesselt dieses Bild.
Ein Panorama menschlicher Befindlichkeiten
Seismografisch registriert Pia Zanetti auch jene inneren Bewegungen, von denen Menschen ergriffen werden; ihre Aufmerksamkeit gilt den Emotionen, die sich in Gesichtern und Körperhaltungen spiegeln.
Angst, Humor, Hoffnung, Verschlagenheit, Resignation, Trauer, Freude, Protest, Jubel, Staunen, Stolz, Arroganz, Misstrauen, Bitterkeit, Verzweiflung: In Pia Zanettis Werk tut sich ein Panorama menschlicher Befindlichkeiten auf – die Innenwelt der Aussenwelt.
Dennoch sind ihre Arbeiten alles andere als voyeuristisch. Sie fügen sich eher zu einem persönliches Album. Ihr Werk, geboren aus dem Wunsch, die Welt, die Menschen und ihre Lebensbedingungen zu verstehen, beruht auf hunderten von Begegnungen. Den Bewohnern einer psychiatrischen Klinik in Nicaragua begegnet sie ebenso offen und respektvoll wie den prominentesten Schriftstellern, Schauspielern oder Filmregisseuren.
Dem Einfühlungsvermögen und der Diskretion der Fotografin ist es zu verdanken, dass sie die abgelichteten Menschen niemals blossstellt. "Warum eigentlich sind fast alle Menschen, die Zanetti fotografiert, schön?", fragte sich die Autorin Nicole Müller, die oft mit ihr unterwegs war. Weil sich die Fotografin beim Fotografieren ganz zurücknehme und sich in einen anderen Zustand versetze, "um vollkommen durchlässig zu werden für die Dinge und Menschen vor der Kamera. Das ist ihre besondere Gabe. Diesen Raum zu schaffen, in dem sich die Menschen zeigen können."
Bilderfluss
Für die Ausstellung der Fotostiftung Schweiz hat Pia Zanetti ihr gesamtes Archiv gesichtet und eine Auswahl getroffen, um sie zu einer neuen, freischwebenden Erzählung zusammenzustellen.
Dass es möglich war, sowohl an den Wänden wie auch im Buch einen umfangreichen, assoziativen Bilderfluss zu komponieren, ohne sich dabei auf ein starres inhaltliches Korsett mit einzelnen Kapiteln abzustützen, spricht für die Qualität ihrer Arbeit.
So wie Pia Zanetti ein bestimmtes Thema zu einer Erzählung in Bildern entwickelt – eines der schönsten Beispiele dafür ist ihre Arbeit über den sterbenden Aralsee in Usbekistan –, so ergibt auch ihr ganzes Schaffen ein grosses, erzählerisches Epochenbild.
Was einst im fotojournalistischen Auftrag entstand, erweist sich als durchaus widerstandsfähig, verwandelt sich vom Dokument zum eigenständigen Werk. Gerade im Überblick tritt die Konsistenz dieses Werks zutage – als Resultat des beharrlichen Vertrauens in die eigene Bildsprache. Der subjektive Blick einer Autorin, die ihrer inneren Stimme folgt, genügt als roter Faden.
Die Ausstellung wird kuratiert von Teresa Gruber und Peter Pfrunder.
Begleitend erscheint die Publikation "Pia Zanetti. Fotografin", herausgegeben von Peter Pfrunder, bei Scheidegger & Spiess AG, Zürich, und codax publisher, Feldmeilen/Zürich.
cp
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Bild: Pia Zanetti, Fischer in Kapstadt, Südafrika, 1968 © Pia Zanetti