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Um sich auf die Weltreiterspiele in Tryon vorzubereiten, ging Felix Vogg vor einem Jahr in die Eventing-Hochburgen der USA. In Ocala im Norden Floridas sowie in Pennsylvania fand der CC-Reiter perfekte Bedingungen für seinen Sport. Mit neuen Pferden und neuer Motivation setzt der 28-Jährige voll auf die Karte Military mit dem Ziel Olympische Spiele in Tokio 2020. Erste Zwischenetappe ist der CCI5* in Kentucky Ende April – danach beendet Vogg sein USA-Abenteuer und kehrt nach Radolfzell zurück.
Erst hört man Hufe, die im Galopp über den Grasboden trommeln, dann taucht zwischen den Natursprüngen ein Reiter auf. Felix Vogg setzt mit seinem braunen Pferd erst über einen Baumstamm, dann über einen hölzernen Kasten und durch ein Eulenloch, bevor er in Richtung des grossen Wasserkomplexes wieder verschwindet. Der Military-Garten ist gespickt mit festen Hindernissen aller Art, Gräben, Teichen, Wällen mit verschiedenen Auf- und Absprungmöglichkeiten – eine riesengrosse Spielwiese für CC-Reiter oder «Eventer», wie man sie in den USA nennt. Das Privatgelände in der «Pferdegemeinde» Ocala im Norden Floridas – für eine Trainingseinheit bezahlt der Reiter pro Pferd 50 Dollar – befindet sich keine zehn Fahrminuten von der Farm entfernt, auf der Vogg mit seinen acht Pferden eingemietet ist. Später wird er sagen: «Für meinen Sport sind die Trainingsbedingungen hier einfach perfekt.» Doch erst wechselt er von einem Pferd auf das nächste: Vom siebenjährigen Maximus, der aus dem Stall Hauri in Seon den Weg in die USA gefunden hat, auf die sechsjährige Stute Viscina, die ebenfalls erst seit ein paar Wochen in den USA weilt. Pferdepflegerin Audrey hat Viscina bereits im Schritt und Trab aufgewärmt, sodass der Schweizer sein Training gleich fortsetzen kann. Die 19-jährige Texanerin kümmert sich derweil um Maximus, reitet noch ein bisschen Schritt, lädt ihn dann in den Trailer, der ganz in der Nähe unter Bäumen parkiert und macht ein weiteres Pferd parat, den fünfjährigen Blue. Dieser traut sich kurz darauf hinter «Führpferd» Viscina mutig über seine ersten kleinen Gräben.
Durchstarten mit neuen Pferden
Alle drei Nachwuchspferde, die an diesem sonnigen Vormittag in Ocala so vertrauensvoll unter Vogg springen, sind noch nicht lange unter seinem Sattel. Erst seit Kurzem in seinem Stall ist auch die vielversprechende zehnjährige Cayenne, die zuvor unter der finnischen Juniorin Johanna Pohjonen im Sport ging, bevor sie über Elmo Jankari den Weg zu Felix Vogg in die USA fand. Bei ihrem allerersten Einsatz unter dem Radolfzeller gewann die schwedische Schimmelstute Mitte Februar auf Anhieb die nationale Viersternprüfung auf der Rocking Horse Farm in Altoona. «Wenn ich mich qualifiziere, könnte ich mir vorstellen, Cayenne in diesem Jahr an der EM zu reiten», sagt Vogg.
Spektakulär: Felix Vogg und Cayenne am «Carolina International» Ende März.
Seit Ende Jahr in seinem Beritt hat er die achtjährige Holsteiner Stute Cartania sowie den elfjährigen Archie Rocks, ein amerikanisches Vollblut, das in seiner Karriere rund 30 Rennen gelaufen ist, bevor es den Beruf wechselte und über Maya Simmons und Bruce Davidson in den Eventing-Sport fand. Und dann ist da auch noch Frieda, die blutgeprägte sechsjährige Heraldik-Tochter, die er seit letzten Sommer hat und die zunächst noch im Stall von Michael Jung blieb, bevor sie im Januar in die USA nachkam. Mit Ausnahme des elfjährigen Westfalen Colero, mit dem Vogg die WM in Tryon im vergangenen Herbst bestritt, gehören alle Pferde zur einer Hälfte seiner Familie und zur anderen der Firma «Phoenix Eventing Sàrl», die in Commugny im Waadtland eingetragen ist. Dahinter steht die Genfer CC-Mäzenin Stéphanie Hoffmann, die bis 2015 selber nationale Militarys bestritten hat und die im französischen St. Jean de Gonville, rund 20 Minuten von Genf entfernt, eine grosse Pferdesportanlage mit Schwerpunkt Vielseitigkeit erstellt hat. Mit dieser Verstärkung im Rücken möchte der in Deutschland geborene, aber für die Schweiz reitende Gesamtweltcupsieger von 2012 noch einmal so richtig durchstarten und alles auf die Karte Vielseitigkeit setzen. «Ich will wissen, wie weit ich kommen kann, was ich im Pferdesport erreichen kann», sagt der 28-Jährige, der mit seinen Brüdern Christian und Ben am Bodensee aufgewachsen ist, auf dem Gut Weiherhof, das seine Eltern Jürgen und Daniele betreiben. Die Leidenschaft für das Vielseitigkeitsreiten ist in der Familie Vogg genetisch bedingt: Schon Felix’ Grossvater mütterlicherseits, Roland Perret, vertrat die Schweiz in dieser Disziplin an den Olympischen Spielen 1956.
Genau 60 Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, taten es ihm seine Enkel Ben und Felix, die schon im Nachwuchsbereich erfolgreich waren, gleich. Ihre beiden Olympiapferde Noé de Vatys und der von Roland Perret gezogene Onfire gingen beide noch die EM 2017 in Strzegom (POL), wurden danach pensioniert und verbringen heute ihren Lebensabend in Frankreich.
Auch um seine Zukunft hatte sich Vogg damals intensiv Gedanken gemacht: Nach Stationen in Warendorf, bei Michael Jung und Dirk Schrade, kehrte er 2016 auf den Hof seiner Eltern zurück – und ging erst einmal ins Büro. «Rund ein Jahr lang arbeitete ich in der Firma meines Vaters», erzählt Vogg. Der Reitsport spielte für ihn in dieser Zeit nur noch eine Nebenrolle.
Von der US-Sportbegeisterung angesteckt
So richtig «gepackt» hat es ihn dann wieder in den USA. Anfang 2018 reiste er mit seinem damals noch ziemlich grünen Colero nach Wellington, um sich für den WEG-Testevent vorzubereiten. Auf die Idee brachte ihn seine Tante Nadine Beck, die mit ihrer Familie in Minnesota lebt und mit ihren Springpferden gelegentlich in der kalten Jahreszeit in Florida an den Start geht. In Wellington trainierte der junge Schweizer allerdings nur gerade zwei Wochen, dann zog es ihn weiter in die CC-Hochburgen wie Aiken in South Carolina oder nach Unionville in Pennsylvania, wo er mit Boyd Martin und Philipp Dutton erfahrene Trainer fand – und zu Beginn ziemlich fror: «Ich hatte gar keine warmen Kleider dabei, weil ich nur für Wellington gepackt hatte.» Dafür brannte das Eventing-Feuer wieder in ihm: Die Begeisterung, welche die sportfanatischen Amerikaner auch dem Reitsport entgegenbringen, wirkte ansteckend. «Es ist unglaublich, wie viele bekannte und wichtige Leute in den USA im Pferdesport involviert sind», sagt Felix Vogg und nennt Baseball- und Basketballspieler, die in den USA Nationalhelden sind und Pferde besitzen.
Im «American Style» mit Pick-up und Auflieger-Trailer zu den Trainings.
Oder den Skirennfahrer Bode Miller, der Rennpferde hält – und wichtige Sponsoren, wie Jacqueline Mars, die Erbin des gleichnamigen US-Schokoriegel-imperiums, die Frühstücksflockenkönige von Kelloggs oder der Besitzer der Sportartikelfirma Under Armour, die kräftig in den Reitsport investieren. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann es einem Pferdesportler sogar passieren, dass sich ein Sponsor einfach mal so per E-Mail meldet. So geschehen bei Felix Vogg. «Mir hat eine Anwältin geschrieben, die in einem Zeitungsbericht über mich gelesen hatte und mir anbot, meine Visumkosten zu übernehmen», erzählt der Reiter, der mit einem sogenannten «O»-Visum für «Personen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten» in den USA weilt. Ein solches Visum, das meist an Künstler und Sportler ausgestellt wird, kostet in der Regel zwischen 10000 und 15000 Dollar pro Jahr.
Beziehungsstatus: kompliziert
«Was ich hier erleben darf, ist eine einmalige Erfahrung», wird sich Vogg schon in den ersten Wochen seines USA-Abenteuers bewusst und er beschliesst, nach dem Carolina International im März 2018 in den USA zu bleiben und sich mit Colero auf die WEG vorzubereiten. Ein bisschen war auch die Liebe «schuld» an diesem Entscheid: Felix Vogg freundete sich mit seiner Reiterkollegin Caroline Martin an, eine der erfolgreichsten U25-Eventerinnen der USA. «Aber Beziehungen sind hier in den USA auch ein bisschen komplizierter», musste er feststellen. Das junge Paar vereinbarte kürzlich eine Beziehungspause. Vogg verliess den gemeinsamen Stall und bezog mit seinen Pferden Boxen auf der benachbarten Sterling Pond Farm – einem Südstaatenidyll mit einem alten Baumbestand an knorrigen, mit spanischem Moos behangenen Eichen, unter denen nun seine Pferde weiden. Für sich selber hat er ein kleines Häuschen in der Nähe gemietet.
Geländetraining – tolleTrainingsbedingungen auf dem grossen Militaryplatz.
Seine acht Pferde reitet er täglich. Die jungen Pferde gehen in der Saisonvorbereitung zweimal in der
Woche auf den Geländeparcours, die älteren einmal, zudem steht für jedes Pferd Galoppieren in den Hügeln sowie je einmal Dressur und Springen pro Woche auf dem Trainingsplan, Letzteres mit dem Australier Scott Keach, der seit 2009 in Ocala lebt und ganz in der Nähe eine Farm mit grossem Springplatz besitzt. Keach, der bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul in der Vielseitigkeit an den Start ging und 2016 in Rio de Janeiro im Springreiten, lobt seinen Schüler aus Europa: «Felix ist ein fleissiger Arbeiter und er kann gut und schnell umsetzen, was ich ihm sage.»
Vogg mit Trainer Scott Keach.
Nach den vielen Stunden, die er tagtäglich im Sattel sitzt, geht Vogg noch jeden Abend ins Fitnessstudio und arbeitet an seiner Kraft, dem Oberkörper und der Stabilisation der Körpermitte. Was dabei zu kurz kam, ist sein gesellschaftliches Leben. Mit Boyd Martin, der eine deutsche Frau hat, und mit seinem Trainer Phillip Dutton ist er mittlerweile auch gut befreundet, aber Zeit, um Freundschaften ausserhalb des Sports zu schliessen, hatte er keine. «Ich fühlte mich manchmal schon etwas alleine», gibt er zu. «Für mich war aber stets klar, dass ich nicht für immer in den USA bleiben möchte.»
Die Rückflüge sind bereits gebucht
Eigentlich hatte er vor, bis Ende Jahr in den USA zu bleiben: «Aber Ende März habe ich mich anders entschieden und werde nun früher als geplant wieder zurück nach Europa kommen.» Der prestigeträchtige «Kentucky Three Day Event» vom 25. bis 28. April, der auf diese Saison noch einen Stern mehr bekommen hat und der einzige CCI5* in den USA ist, wird nun in zweifacher Hinsicht von grosser Bedeutung für Vogg sein: Zum einen wird sein Spitzenpferd Colero zum ersten Mal eine schwere lange Prüfung gehen und damit einen ersten grossen Schritt in Richtung Tokio 2020 machen. Und zum anderen wird er nach dem Turnier in Kentucky seine Zelte in den USA abbrechen: «Es war eine gute Zeit, aber ich denke, für meine sportliche Zukunft habe ich die besseren Möglichkeiten in Europa.»
Felix Vogg und seine Vierbeiner sind noch bis Ende April auf der «Sterling Pond Farm» zu Hause.
Einige Rückflüge sind schon gebucht: «Colero wird unmittelbar nach Kentucky zurückfliegen», so Vogg, der auf das elterliche Gut Weiershof zurückkehren wird. «Ich möchte mir dort etwas Eigenes aufbauen – mir ist bewusst geworden, dass ich damit bereits jetzt beginnen möchte.» Ausserdem sei es auch für die Mitbesitzerin seiner Pferde schöner, wenn diese wieder in der Nähe seien. An seinen sportlichen Zielen ändert sich mit der Rückkehr nach Europa nichts: «Ich möchte zwar gerne bei den Europameisterschaften antreten, wenn ich mich dafür qualifiziere, aber mein Fokus liegt klar auf den Olympischen Spielen in Tokio.»
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 14/2019)
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