Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/2742

Harndrang bezeichnet einen Blasenreiz, der bei zunehmender Blasenfüllung entsteht und mit dem Bedürfnis verbunden ist, Urin auszuscheiden. Dies ist eine normale Funktion der Blase. Ein ständiger, besonders starker oder unbeherrschbarer Harndrang kann aber Anzeichen für eine Störung sein.
Der menschliche Körper produziert täglich 1 bis 1,5 Liter Urin, mit dem er Abbauprodukte ausscheidet. Die tatsächliche Menge hängt unter anderem von der Flüssigkeitszufuhr ab. Der Urin bildet sich in den Nieren und sammelt sich konzentriert in der Harnblase an, wobei die Blasenwand zunehmend unter Spannung steht. Ist die Blase voll (d.h. ist die Kapazitätsgrenze der Blase von 300-500 ml erreicht), entsteht ein Harndrang: In der Blasenwand finden sich reizaufnehmende Zellen (sog. Rezeptoren), die die Wandspannung registrieren und an die für die Blasenkontrolle zuständigen Bereiche im zentralen Nervensystem melden.
Der Mensch kann dem Harndrang nachgeben und auf die Toilette gehen oder ihn unterdrücken – er kann die Funktion der Blase also bewusst steuern (d.h. ihre Kontrolle geschieht willkürlich). Für den Verschluss der Blase (sog. Kontinenz) sorgen zum einen Muskelgeflechte um den Blasenausgang und die hintere Harnröhre und zum anderen die Beckenbodenmuskulatur. Wenn diese Muskeln willentlich erschlaffen und gleichzeitig der Blaseninnendruck durch harnaustreibende Muskeln steigt, beginnt die Blasenentleerung (sog. Miktion).
Bei gesteigerter Trinkmenge ist ein häufiger Harndrang mit Blasenentleerung normal. Steigt die tägliche Urinmenge aber auf über 2 bis 3 Liter pro Tag, bewegt sich dieser Wert nicht mehr im Normalbereich. Häufig tritt diese sogenannte Polyurie in Kombination mit einem verstärkten Durstgefühl auf. Besteht lediglich ein vermehrter Harndrang ohne eine erhöhte Urinausscheidung, sprechen Mediziner von einer Pollakisurie. Wenn ein verstärkter Harndrang nur nachts auftritt und man in einer Nacht mehr als zweimal die Blase entleeren muss, liegt eine Nykturie vor. Ein nicht beherrschbarer (imperativer) Harndrang kann bis zur Blaseninkontinenz führen.
Ein gelegentlich verstärkter Harndrang kann seine Ursachen in einer übermäßigen Flüssigkeitszufuhr und Alkohol- oder Kaffeekonsum haben. Ebenso verstärken entwässernde Medikamente (sog. Diuretika), umgangssprachlich als Wassertabletten bezeichnet, den Harndrang. In manchen Fällen lösen psychische Einflüsse wie eine extreme seelische Belastung oder Stress einen verstärkten Harndrang aus: Vor allem nervöse Menschen können (z.B. beim Geräusch von plätscherndem Wasser oder bei Kälte) schnell einen Harndrang verspüren.
Ein häufiger oder vermehrter Harndrang kann seine Ursachen aber auch in verschiedenen Krankheiten haben:
Ursache für einen vermehrten nächtlichen Harndrang, das heisst einem Harndrang im Liegen, kann eine Einengung oder Entzündung der unteren Harnwege (z. B. Blasenentzündung) sein. Vor allem bei älteren Männern kann eine gutartige Prostatavergrösserung den Harndrang im Liegen vergrössern. Bei einer Herzinsuffizienz werden nachts verstärkt eingelagerte Ödeme der Beine über die Harnblase ausgeschwemmt.
Ein vermehrter Harndrang ohne erhöhte Harnmenge kann bei Prostataerkrankungen, der sogenannten überaktiven Blase (Reizblase) und in der frühen Schwangerschaft auftreten.
Um festzustellen, ob ein ständiger oder vermehrter Harndrang krankhaft ist, ist ein Arztbesuch zu empfehlen. Der erste Schritt zur Diagnose besteht in einer ausführlichen Befragung:
Diese und andere Fragen helfen dem Arzt dabei, die Art des Harndrangs zu bestimmen und die möglichen Ursachen einzugrenzen. Hierbei kann auch ein sogenanntes Miktionstagebuch hilfreich sein, in dem man einträgt, in welchen Situationen der Harndrang auftritt und was man vorher getrunken hat.
Zur weiteren Harndrang-Diagnose gehört auch eine Blutuntersuchung, um die Elektrolytkonzentrationen, den Blutzucker und den Kreatininwert zu messen. Außerdem ist es sinnvoll, die Urinwerte und die Osmolarität des Bluts zu bestimmen. Die Osmolarität beschreibt die Konzentration des Bluts.
Je nachdem, welche Ursache der Arzt für den Harndrang vermutet, können zur Diagnose weitere Untersuchungen zum Einsatz kommen, zum Beispiel eine Ultraschalluntersuchung der Harnwege und der Prostata, eine Blasenspiegelung oder eine Röntgenuntersuchung der Harnblase. Hinweise für die Funktion der ableitenden Harnwege liefern urodynamische Untersuchungen, mit deren Hilfe man bestimmen kann, wie viel Urin die Blase speichern kann, ob die Beckenmuskulatur richtig arbeitet und die Harnröhre verschließen kann. In manchen Fällen kontrolliert der Arzt bei vermehrtem Harndrang auch die Funktion anderer Organe wie beispielsweise die des Herzens.
Die gegen vermehrten Harndrang eingesetzte Therapie ist individuell sehr unterschiedlich. Liegt bei Ihnen keine organische Ursache für den Harndrang vor, kann Ihnen ein sogenanntes Blasentraining helfen: Hierzu notieren Sie alle Besuche auf der Toilette und beginnen im zweiten Schritt damit, den aufkommenden Harndrang bewusst zu unterdrücken. Ziel ist es, Ihre Blase allmählich wieder an größere Füllmengen zu gewöhnen, sodass der Harndrang später einsetzt.
Außerdem besteht bei verstärktem Harndrang die Möglichkeit, zur Therapie Medikamente einzusetzen, die den Harndrang unterdrücken können. Wirksame Mittel gegen Harndrang sind:
Ist ein ständiger oder vermehrter Harndrang psychisch bedingt, kann eine Psychotherapie helfen. Auch Entspannungstechniken wie autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung können bei Harndrang zur Therapie beitragen.
Ist ein erhöhter Harndrang das Symptom einer anderen Grunderkrankung (wie Prostatavergrößerung oder Diabetes), ist die gezielte Therapie dieser Krankheit erforderlich.