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Mikkel Hindhede (1862 – 1945) – Eiweissfrage und Hungersnot
Mikkel Hindhede war Sohn eines Bauern in Jütland (Dänemark). Er bestand in den 1880er Jahren sein Doktorexamen an der Universität Kopenhagen mit grosser Auszeichnung. Akademische Kreise setzten grosse Hoffnungen auf den jungen Arzt. Doch an Stelle seine Fähigkeiten in den Dienst der Fakultät zu stellen, nahm er die Landarztstelle seines Heimatdorfes an. Etwas später wurde er als Leiter des neuen Skanderborg-Spitals berufen. Diese Aufgabe erfüllte er auf ungewöhnliche Weise. Er verabreichte Medikamente nur in seltenen Fällen und operierte ebenfalls selten. Die Ärzteschaft Dänemarks forderten ihn auf, zurückzutreten. In seiner Verteidigungsrede sagte Hindhede: «Es scheint, dass es Ihnen besser gefallen hätte, wenn ich mein Spital so schlecht geführt hätte, dass viermal mehr Patienten gestorben wären». Da das Krankenhaus besonders gute Ergebnisse aufweisen konnte, musste die Anklage fallen gelassen werden.
Schon Mikkel Hindhedes Vater hielt nicht viel von Medikamenten. Er war ein einfacher, selbständiger und charaktervoller Mann. Als Hindhede auf einer Physiologie-Vorlesung hörte, dass der Mensch eine tägliche Eiweisszufuhr von 118 g benötige, sagte er sich, dass er in diesem Falle ja alles gefährlich falsch machen würde. Er fragte sich, wie es möglich sei, dass Vater, Mutter und er so zäh und gesund geworden sind trotz niedriger Eiweisszufuhr. Nun wollte er aber doch viel mehr Fleisch essen, damit er noch stärker würde. Und er ass viel mehr Fleisch, wurde dabei aber seltsamerweise immer schlapper.
Danach nahm er den Selbstversuch auf und ass wieder wenig Fleisch wie früher. Er wollte herausfinden, mit wie wenig Eiweiss der Mensch sich wohl und kräftig fühlen würde. Den Versuch machte er für sich ganz alleine ohne Aufsehen. Wie zu Hause hielt er sich dabei auch an die Nahrung der Jahreszeit und lebte zum Beispiel im Juni-Juli vorwiegend von neuen Kartoffeln, Milch und viel Erdbeeren. Seine tägliche Eiweisszufuhr betrug rund 25 g, weniger als ein Viertel von dem, was der Professor als Bedarf genannt hatte. Wie lange würde er das wohl aushalten können? Aber Hindhede machte sich darüber keine Sorgen. Das würde er schon rechtzeitig merken und, bevor das letzte Stündlein nahte, sein Leben mit einem Beefsteak retten. Er beobachtete sich gespannt. Wochen und Monate vergingen und er spürte nichts Negatives. Er fühlte sich sogar aussergewöhnlich wohl, arbeitslustig und in Form. Seine Familie schloss sich der Kost an und blieb dabei.
In der Viehfütterung setzte sich Hindhede für den heimischen Rübenanbau ein. Die Landwirtschaft wurde revolutioniert; er war nun ein bekannter Mann und sein Wort galt in weiten Kreisen.
Als nun im ersten Weltkrieg die Nahrung knapp und zu Beginn des Jahres 1917 von den Alliierten die Blockade über Europa verhängt wurde, fiel der Schlag für Dänemark besonders hart aus. Die Landwirtschaft war der Haupterwerb dieses Landes. Hindhede wurde zum Vorsitzenden des Haushaltausschusses Dänemarks bestellt. Es eilte. Er hatte einen genialen Plan zur Abwendung einer Hungersnot. So genial, dass die Welt staunte. Im angrenzenden Deutschland herrschte eine Hungersnot in fürchterlichem Ausmass. Auch in der Schweiz gab es Hungersnot, Krankheiten, entsetzliche Grippeepidemien und soziale Unruhen.
Hindhede erklärte, dass entweder die Menschen oder die Schweine verhungern würden. So wurden 80% des Schweinebestandes zu hohen Preisen an Deutschland und Grossbritannien verkauft, die diesen Handel sehr gerne eingingen. Die Zahl der Milchkühe wurde auf zwei Drittel vermindert, das Bierbrauen halbiert und das Schnapsbrennen gänzlich abgestellt, um Korn und Kartoffeln für die Menschen zu erhalten. Hindhede sorgte für die allgemeine Einführung von Vollkornbrot in Gestalt von grossen, derben, flachen, mürben Fladen. Gemüse- und Obstbau wurde eifrig gefördert. Obwohl die Butterration mit einem halben Kilo pro Woche auf die Hälfte des bisherigen Verbrauchs und die Fleischration auf 40 g pro Tag herabgesetzt wurde, kam es weder zu Schwarzhandel noch zu Unzufriedenheit. Die Reichen erhielten zwar viel mehr Butter und Fleisch, auch Weissbrot, nur sehr viel teurer. Kartoffeln, Gerstengrütze, Vollkornbrot sowie Frischmilch erhielt die ganze Bevölkerung mehr als genug und erst noch billig. Die Milch wurde sogar als besser befunden, Kein Wunder, denn die Kühe lebten ja nun von natürlichem Grasfutter. Die ganze, vorher der Schweinemast vorbehaltenen Kleie diente jetzt direkt der Ernährung.
Hindhede hatte durch seine Versuche an Menschen überzeugend bewiesen, dass der Mensch zur Deckung seines Eiweissbedarfes weder Fleisch, Eier Käse und Milch zuführen muss und folgende Schlussfolgerung gezogen: «Du brauchst die Eiweissfrage nicht zu stellen. Von diesem Stoff bekommt man stets genügend, es handelt sich eher darum, nicht zu viel davon einzunehmen.»
Das Erstaunlichste aber kam unerwartet. Dank Hindhede’s Ernährungstheorie war Dänemark damals das einzige Land, in der keine Hungersnot, keine Grippeepidemie und keine sozialen Unruhen herrschten. in den Nachbarländern Dänemarks herrschte eine hochvirulente Grippewelle und Hungersnot, die mehr Opfer verschlang als der Krieg. Weit und breit war Dänemark das einzige Land, in dem die Sterblichkeitsrate tief lag. Die einzig mögliche Erklärung für dieses Phänomen, das wie ein Wunder erschien, besteht darin, dass dieses Vorgehen die natürliche Abwehrkraft der Bevölkerung mobilisierte durch zwar genügende, aber knappe Nahrung, reich an Schutzstoffen, arm an tierischem Eiweiss, Fabrikzucker und Auszugsmehlen.
Nach dem Krieg geschah Merkwürdiges, denn die Welt vergass das Rationierungswunder von Dänemark und die grosse Leistung Hindehedes. Hindhede wurde sogar totgeschwiegen und die Tatsachen wurden verdreht. Gewisse wirtschaftliche Kreise versenkten somit Mikkel Hindhede in das «Geheimarchiv der Ernährungslehre».
Quelle: Bircher, Dr. Ralph : Geheimarchiv der Ernährungslehre