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Gilberto Gil weiss früh, dass er Musiker werden will. Nicht Terrorist oder Staatsfeind. Aber offenbar ist er den Militärs trotzdem ein Dorn im Auge. Nationalismus wird gross geschrieben in der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien. Besonders in der Anfangszeit, Mitte der 1960er-Jahre.
Gilberto Gil aber macht keinen Hehl aus seinem sehr freizügigen Umgang mit Musik. Er liebt die Musik seines Vaterlandes, das schon. Aber auch die Musik aus Amerika und England, den Rock’n’Roll, vor allem aber die Beatles, insbesondere ihr Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band»: Das hört er ständig. Und alles, was er hört, lässt er in seine Musik einfliessen.
Tropicalismo als Synonym für musikalische Freiheit
«Tropicàlia: ou Panis et Circensis» heisst ein Album, das Gilberto Gil 1968 zusammen mit einem Musiker-Kollektiv aufnimmt. Bald heisst der Stil, in dem alles möglich ist, Tropicalismo: ein Synonym für musikalische Freiheit. Nur: Freiheit ist bedrohlich für jede Diktatur.
Zusammen mit einem musikalischen Seelenverwandten aus Bahia, Caetano Veloso, wird Gilberto Gil immer berühmter mit seiner Musik – und frecher: Im Dezember 1968 veräppeln Veloso und Gil am Fernsehen die Nationalhymne. Ein paar Wochen später, im Februar 1969, werden sie verhaftet.
Exil in London
Nach drei Monaten Gefängnis (einer davon in Isolationshaft) und vier Monaten unter Hausarrest muss Gilberto Gil das Land verlassen. Über Frankreich kommt er nach London – gemeinsam mit seiner Familie, immerhin – und bezieht ein Haus in Chelsea. Zusammen mit Caetano Veloso, den dasselbe Schicksal ereilt.
Das Exil prägt Gilberto Gil. Zwar dauert seine Zeit in London nur bis 1972, und er macht das Beste draus. Er lernt in London den Reggae kennen und lieben, spielt mit der Art Rock Band «Yes», auch mit «Pink Floyd» und gibt überhaupt Vollgas als Musiker.
Aktiver Bürgerrechtler
Nach seiner Rückkehr nach Brasilien konzentriert er sich zunächst auf seine Arbeit als Musiker, mit viel Erfolg. Aber sein Interesse geht darüber hinaus.
Als Schwarzer wird er zu einer wichtigen Figur des Black Consciousness Movement in Brasilien. Er engagiert sich zum Beispiel für die Afro-Brasilianische Afoxé-Tradition. Ende der 1970er-Jahre bereist er Westafrika. Einer seiner grössten Hits ist 1980 ein Cover von Bob Marleys «No Woman, No Cry» – «Não Chore Mais».
Ausflug in die Politik
Kurz nach dem Ende der Militärdiktatur steigt Gilberto Gil – parallel zu seiner Arbeit als Musiker – in die Politik ein, zunächst in die Lokalpolitik seiner Heimat Salvador de Bahia. 2003 schliesslich wählt der damalige Präsident Lula da Silva Gilberto Gil zum Kulturminister.
Nach ein paar Jahren hat Gilberto Gil dann aber genug. Möglich, dass er sich so weit oben doch wieder zu sehr wie im Exil vorgekommen ist. 2008 kehrt er der Regierung den Rücken und konzentriert sich wieder ganz auf die Musik. Sie ist seine erste und letzte Liebe.