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Sie hat zwar viel geschrieben, aber wenig publiziert: Die Tessiner Autorin Alice Ceresa war zeitlebens auf der Suche nach einem innovativen weiblichen Schreiben.
Von Annetta Ganzoni
Auf der Suche nach einem Verleger für ihr erstes Buch schrieb Alice Ceresa 1964 an den Verlagsleiter Elio Vittorini: „Ich werde nicht viele Bücher schreiben. Sobald ich gesagt habe, was ich zu sagen habe, werde ich schweigen." La figlia prodiga (Die verlorene Tochter) erschien 1967 im Einaudi-Verlag - als erste Publikation der neuen, experimentellen Reihe „La ricerca letteraria" (die literarische Suche). Der Verleger markiert damit Ceresas Verbindung zur italienischen Neoavanguardia.
Rückblickend meinte die Autorin 1994, sie habe zwar viel geschrieben, doch wenig publiziert. Ihr einziges literarisches Thema ist die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft - eine für Alice Ceresa mit der Suche nach innovativem weiblichen Schreiben eng verknüpfte Frage. So liegen im Nachlass der Vielschreiberin unpublizierte Materialien, einige auch mehrfach bearbeitet. Wie die 1952 veröffentlichte Erzählung Sabina e il fantasma, gedacht als Einstieg für Il ratto delle Sabine (Der Raub der Sabinerinnen). Von diesem unveröffentlichten Stoff finden sich mehrere Fassungen: ein Theaterstück, ein Märchen und ein traditionell wirkender Roman. Vielleicht folgert Ceresa aus ihrer Unzufriedenheit damit 1976, der Roman sei eine für Frauen ungeeignete Gattung.
Aus Alice Ceresas Nachlass wurde einzig das Piccolo dizionario dell'inuguaglianza femminile veröffentlicht. An diesem „Kleinen Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit" hatte Ceresa ab den frühen 1970er Jahren gearbeitete, einzelne Lemmata wurden in französischer und deutscher Sprache publiziert. Erst eine Kontextualisierung dieses unvollendeten Opus in der Entwicklung des Gesamtwerks zeigt seine Bedeutung als Etappe in der langen und qualvollen Suche nach einem künstlerischen Ausdruck weiblichen Schreibens.
Mehrere Verleger hatten anhand des Manuskripts der Figlia prodiga die Schreibkapazitäten Ceresas hervorgehoben, sich jedoch davor gescheut, einen so schlecht verkäuflichen Text zu verlegen. Den überraschenden Stil dieses Buches brachte als Erste die Philologin und Rezensentin Maria Corti mit der Traktat-Rhetorik früherer Epochen in Zusammenhang. Der Kritiker Stefano Stoja knüpft an diese Argumentation und an den einzigen Brief von Giorgio Manganelli in Ceresas Nachlass an, um eine Verbindung zwischen Texten dieses Avantgarde-Autors und dem Erstling Ceresas zu skizzieren: Die Beiden «sind Schriftsteller unterschiedlicher Potentialität im Ausdruck, aber in diesen Jahren teilten sie [...] ihre Ideen und ihre Schreibpraxis.» Manganelli hatte eine avantgardistische Literaturkonzeption entwickelt, auf die er sich in seiner Rezension zu La figlia prodiga bezog: Auch er fand den Roman als Genre uninteressant, die literarische Sprache insgesamt künstlich. Literarische Figuren seien seit jeher tot, Schriftsteller schrieben ausschliesslich in einer toten, weder gesprochenen noch sprechbaren Sprache (Jung e la letteratura 1973).
Alice Ceresa bezeichnete ihren Piccolo dizionario als literarischen Text: Trotz gegenteiliger Versprechung an den Verleger schrieb sie somit an einem weiteren Werk ohne Handlung und ohne Figuren in ironisch rhetorischem Traktatstil ‒ in einer pointiert «toten» und nicht «sprechbaren» Sprache. Sie hat es nicht fertiggestellt. Erst mit Bambine. Geschichte einer Kindheit von 1990/1997 fand Alice Ceresa zu einem erzählerischen Schreibstil und zu einer trotz ihrer Modernität breit rezipierten literarischen Sicht auf die Familie.
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