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Als Kind in einem afrikanischen Armenviertel hatte Phiona Mutesi kaum genug zu essen. Dann lernte sie, Schach zu spielen. Mit 20 Jahren dreht Hollywood nun einen Film über sie.
Das Armenviertel Katwe im Westen der ugandischen Hauptstadt Kampala ist einer von unzähligen Slums in Afrika. Eine junge Frau aus Katwe und ein Hollywood-Film über sie verhelfen ihm nun zu ungeahnter Prominenz.
Als neunjährige Schulabbrecherin und Maisverkäuferin sah Phiona Mutesi hier im grössten Armenviertel Kampalas erstmals, wie schwarze und weisse Figuren über ein Schachbrett geschoben wurden. Sie fühlte sich sofort zu dem Spiel hingezogen.
Mutesi ist seitdem zu einer Weltklasse-Schachspielerin geworden. Mit 20 Jahren ist sie nun auch die Heldin des Disney-Films «Queen of Katwe», der gerade beim Filmfestival von Toronto Premiere feierte und jetzt in den nordamerikanischen Kinos anläuft. Darin spielt die Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong'o die Mutter von Mutesi, die selbst von der Katwe-Bewohnerin Madina Nalwanga dargestellt wird.
«Ich konnte es nicht glauben», sagt Mutesi in Toronto über die Erfahrung, den Film erstmals zu sehen. «Ich musste weinen.» Einige Szenen des Films wurden in den belebten Märkten und dunklen Gassen von Katwe gedreht. Die indische Regisseurin Mira Nair lebt seit fast 30 Jahren zeitweise in Kampala. Sie sehe dort täglich Elend, Würde und Lebensfreude, sagt Nair auf dem Filmfestival. «Das habe ich noch nie auf einer Filmleinwand gesehen.»
Mutesis Vater starb an Aids, als sie drei Jahre alt war. Mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern zog sie immer wieder um – mal nachdem sie ausgeraubt worden waren, mal weil ihre Hütte einzustürzen drohte. So erzählt es der Schriftsteller Tim Crothers in dem Buch, auf dem der Film basiert.
Eines Tages folgte Mutesi einem ihrer Brüder in eine behelfsmässig errichtete Kirche. Dort veranstaltete der örtliche Missionar Robert Katende Aktivitäten für Kinder, die kamen, weil dort Grütze ausgegeben wurde. Eine der Aktivitäten war Schach.
«Man ist in einer Umgebung, wo einem ständig zu verstehen gegeben wird, dass man nichts wert ist», sagt die kenianisch-mexikanische Schauspielerin Nyong'o in Toronto. Jemand wie der Missionar Katende könne Hoffnung schenken.
Zwei Jahre nach ihren ersten Schachzügen wurde Mutesi ugandische Juniorenmeisterin. Weitere drei Jahre später nahm sie mit 14 Jahren für ihr Land an der Schacholympiade in Sibirien teil. Im Jahr 2013 durfte sie in New York gegen ihr Idol, den ehemaligen Weltmeister Garri Kasparow, spielen. «Er hat gewonnen, aber ich habe durch die Niederlage viel gelernt», sagte die Jugendliche damals.
Heute lebt sie mit ihrer Mutter in einem Vorort von Kampala – in einem Haus, das die Kirchengemeinde für sie gebaut hat. Mutesi geht wieder zur Schule und steht kurz vor dem Abschluss. Sie sagt, sie wolle Jura studieren, um für die Rechte von Kindern in Armensiedlungen zu kämpfen.
In Katwe lernen Kinder weiterhin in dunklen, heissen Zimmern, Schach zu spielen. Mutesi habe bewiesen, dass es nicht nur ein Spiel für Reiche ist, sagt ihr Förderer Katende, der ebenfalls auf dem Filmfest in Toronto dabei ist.
Das Spiel, das Ausländer erst in den 1970er Jahren nach Uganda brachten, werde in dem ostafrikanischen Land dank Mutesi immer beliebter, erzählt die nationale Verbandschefin Vianney Luggya. «Sie hat uns alle inspiriert, das Spiel zu lieben», sagt auch der 17-jährige Richard Kato, der Mutesi nach eigenen Angaben damals – vor elf Jahren in der Kirche in Katwe – Schach beigebracht hat.
Verfasser: Henry Wasswa, Sinikka Tarvainen und Astrid Riehn, dpa (sda/dpa).