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Anders als im Nachbarland Frankreich, mit dem sie die koloniale Vergangenheit verbindet, sind Migranten aus dem Maghreb in der Schweiz eine kleine Minderheit. Die rund 18'000 Personen – rund 1% der ausländischen Bevölkerung – sind im Allgemeinen gut ausgebildet und nehmen aktiv am sozialen Leben teil.
Eine Studie des Staatssekretariats für Migration (SEM) bringt Licht in die Lebensweise einer vielfältigen Bevölkerung, die – nach den Worten der Autoren – "nur in den Augen jener Personen als zusammengeschweisst und homogen erscheinen, die nicht dazu gehören".
Die 2014 publizierte Studie im Umfang von 150 Seiten, die vom Schweizerischen Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien der Universität Neuenburg (SFM) geleitet wurde, erinnert zuerst an die charakteristischen Gemeinsamkeiten der drei Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Die Bevölkerung praktiziert zu 95% einen sunnitischen Islam und malikitische Riten, spricht arabisch und die Sprache der Berber, und alle drei Länder standen unter französischer Herrschaft.
Zu den weiteren Charakteristiken gehört, dass die Bevölkerung sehr jung ist (mehr als 25% sind jünger als 14-jährig) und ihr bevorzugter Einwanderungsort Westeuropa ist. Die Immigration begann nach dem Zweiten Weltkrieg und nahm mit der ersten Ölkrise in den 1970er-Jahren zu, bevor sie als Folge der von der Europäischen Union verlangten Visa-Pflicht anfing abzunehmen.
Die Schweiz ist für einen kleinen Teil der maghrebinischen Bevölkerung seit den 1980er-Jahren ein Auswanderungsziel. Oft handelt es sich um Studenten, politische Oppositionelle der diktatorischen Regimes oder Menschen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen.
Die relativ einfachen Immigrationsbedingungen wurden ab 1991 nach der Kündigung eines Vertrags von 1963 und der Einführung der Visa-Pflicht für Bürger aus den Maghreb-Staaten deutlich erschwert. Mit der Anwendung des Schengen-Abkommens im Dezember 2008 hat sich die Situation nicht verändert.
Ende 2010 lebten etwas mehr als 18'000 Personen aus den Maghreb-Staaten in der Schweiz (Marokko: 7469, Tunesien: 6418, Algerien: 3822). Die meisten wohnen in den grösseren Städten sowie in frankophonen Kantonen und haben den Status von Personen mit ständigem Wohnsitz. Die untenstehende Tabelle zeigt die Anzahl Menschen aus den Ländern des Maghrebs in der Schweiz zwischen 1981 und 2010.
Demografische Struktur und Zivilstand
Unter den Einwanderern aus Marokko sind mehr Frauen als Männer (10 Frauen auf 7 Männer). Unter den Immigranten aus Algerien und Tunesien sind die Männer etwas zahlreicher (107 Männer auf 100 Frauen).
Die Alterspyramide zeigt, dass ein grosser Teil der Tunesier und Algerier in der Schweiz zwischen 25 und 39 Jahre alt sind. Kinder und ältere Menschen sind nicht so zahlreich, wie es bei eingewanderten Bevölkerungsgruppen oft der Fall ist, unter denen viele vor allem eine Stelle und eine Verbesserung der Lebensbedingungen suchen.
35% der Einwanderer aus Marokko sind zwischen 30 und 39 Jahre alt. Unter ihnen gibt es viele aktive Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Am zahlreichsten ist die aktive Bevölkerung unter den Marokkanern. Am meisten ältere Personen findet man unter den Algeriern, am meisten junge Leute bei den Tunesiern. Die grosse Mehrheit der Angehörigen der Maghreb-Staaten sind verheiratet (zwei Drittel der Algerier und Marokkaner, 59% der Tunesier. Die Mehrheit der Immigranten lebt in stabilen familiären Verhältnissen. 24% der Marokkaner sind ledig, bei den Tunesiern 32%.
Mehr als die Hälfte der Marokkaner, Tunesier und Algerier, die sich in der Schweiz niedergelassen haben, sind mit Schweizer Staatsbürgern verheiratet. Mehr als die Hälfte der marokkanischen Frauen sind mit Schweizern verheiratet. Bei Tunesierinnen und Algerierinnen trifft dies nur für einen Drittel zu.
Aufenthaltsbewilligungen
In der Schweiz gibt es verschiedene Aufenthaltsbewilligungenexterner Link für Ausländer. Der Ausweis B ermächtigt zu einem zeitlich begrenzten Aufenthalt, Ausweis C zu einer langfristigen Niederlassung. Es gibt auch provisorische oder saisonale Aufenthaltsbewilligungen. Die Verteilung der unterschiedlichen Bewilligungen unter der maghrebinischen Bevölkerung zeigt seit 1994 eine Zunahme jener Personen, die von einem provisorischen Status zu einem permanenten Status kommen. 2009 hatten 90% der Marokkaner und Tunesier sowie 87% der Algerier einen gefestigten Status (Ausweis B oder C).
Die Migration der Menschen aus dem Maghreb hat verschiedene Gründe: Familienzusammenführungen, Stellensuche, Ausbildung, politisches Asyl. Von den 2002 anwesenden Marokkanern waren mehr als zwei Drittel in die Schweiz immigriert, um ihre Familie zu treffen. 2005 waren es 80%. Marokkaner, die 2002 aus Ausbildungsgründen in die Schweiz kamen, machten weniger als 20% aus.
In den letzten Jahren hat die Anzahl Einbürgerungen unter den Immigranten aller Maghreb-Staaten zugenommen. Zwischen 1992 und 2010 wurden jedes Jahr 200 bis 280 Tunesier sowie 150 bis 200 Algerier eingebürgert. Untenstehende Tabelle zeigt die Entwicklung der Einbürgerungen zwischen 1992 und 2010.
Geografische Verteilung
Die Mehrheit der Einwanderer aus dem Maghreb hat sich in der Westschweiz niedergelassen. 64% der Algerier, 67% der Marokkaner und 56% der Tunesier leben in frankophonen Kantonen. Genf und Waadt haben mehr als die Hälfte der Marokkaner und Algerier aufgenommen. 30% der Tunesier leben in Deutschschweizer Kantonen, vor allem in grösseren Städten.
Arbeitsmarkt
Die Maghreb-Staaten gehören nicht zu den Regionen, aus welchen die Schweiz viele Arbeitskräfte rekrutiert. Trotzdem nehmen viele Menschen aus dem Maghreb am aktiven Leben in der Schweiz teil, und drei Viertel sind erwerbstätig (bei den Schweizern sind es fünf Sechstel).
Im Vergleich zu anderen Ausländern aus Nicht-EU/EFTA-Staaten sind die Einwanderer aus dem Maghreb aktiver auf dem Arbeitsmarkt.
Diese Daten und Kommentare aus der Studie des SEM zeichnen ein Bild, das die herkömmlichen Vorstellungen von Immigranten aus dem Maghreb korrigiert. Sie sind im Allgemeinen gut ausgebildet und integriert, aktiv auf dem Arbeitsmarkt wie im sozialen Leben und weder extrem konservativ noch verschlossen gegenüber den Rechten der Frauen.
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch