Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/1460

mehr
Granate und rote Spornblume auf den Felshügeln von Sitten.
2) und 3). Berg- und subalpine Region.
Eine der auffallendsten Eigentümlichkeiten der Flora des mittlern Wallis ist die beträchtliche Höhenlage der obern Verbreitungsgrenzen von Kulturland und wildwachsender Vegetation, besonders in den südl. Seitenthälern. Der Anbau des Weizens (Triticum vulgare var. aestivum) reicht bis 1700 m (Törbel, Fee) und 2000 m (Findelen); der Roggen (Seeale cereale var. hibernum), die eigentliche subalpine Getreideart des Landes, wird auf der N.-Flanke bis 1650 m (Ried im Lötschenthal) und auf der S.-Flanke bis Saint Luc (1675 m), Törbel und Ayer (1750 m), Saas Fee (1950 m), Chandolin (1970 m), Zermatt (1850 m) und Findelen (2100 m) gebaut; Gerste in Saint Luc (1680 m) und Törbel (1750 m). Die Kartoffel reicht in Fee bis 1800 m, ob Törbel bis 1860 m, in Chandolin und Safnischmatten (Binnenthal) bis 1900 m; der Flachs in Saas und Bellwald bis 1600 m, der Lein in Fee und Törbel bis 1800 m. Der Nussbaum ist an etwa 15 Standorten über 1100 m beobachtet worden, ebenso noch in Vissoye bei 1220 m und ob Grengiols in 1280 m. Die Kastanie geht bis 1200 m hinauf.
Die Rebe endlich steigt höher als sonstwo in Europa (exkl. die südeuropäischen Halbinseln), und zwar in Conthey, Ayent und Siders bis 900 m, im Visperthal bis über 1000 m: Zeneggen bis 1058 m, ob Kalpetran bis 1100 m, unter Bitzenen bis über 1060 m und nördlich vom Staldbach bei Visp bis 1200 und 1220 m. Bis zu oberst hinauf folgen den Weinbergen und übrigen Kulturen die üblichen Begleitpflanzen;
so finden sich die blaue Kornblume, die Kornrade, der gemeine Kümmel und die Scheele noch in den höchstgelegenen Feldern von Chandolin und Findelen.
Einige dieser sonst überall vertretenen Begleiter erscheinen hier durch verwandte Arten ersetzt; so die Fumaria officinalis durch F. Vaillantii, F. Chavini und F. Schleicheri, der Sinapis arvensis durch Brassica campestris etc. Zahlreiche mediterrane Elemente machen diesen Aufstieg mit, einige wenige dringen sogar bis zur alpinen Region vor. Das in der Ebene verbreitete Sisymbrium austriacum steigt mit seiner var. hyoseridifolium in den Thälern der S.-Seite bis 2500 m hinauf; desgleichen Alsine mucronata, Potentilla rupestris, Astragalus depressus, Hieracium tomentosum und H. pictum, Nepeta nuda in den Thälern der Dranse und der Borgne, Asphodelus albus auf den Alpweiden von Lens und Naters, Plantago serpentina in den Thälern von Entremont und Zermatt; ferner Bulbocodium vernum, Carex nitida, Stipa pennata, Melica ciliata etc. Die obern Verbreitungsgrenzen erfahren eine erstaunliche Ueberhöhung, indem die höchsten Standorte von 60 Pflanzenarten im Wallis, von H. Jaccard mit den selben Grenzwerten in den St. Galleralpen (nach Wartmann und Schlatter) verglichen, einen Ueberschuss von durchschnittlich mehr als 600 m Höhe gezeigt haben.
Das Vorhandensein dieser zahlreichen südlichen Arten wird von Dr. John Briquet einer xerothermischen Periode zugeschrieben, die auf die letzte Eiszeit gefolgt wäre und deren Steppenklima eine Eroberung der Alpen um den Genfersee durch die mediterrane Flora gestattet hätte. Die im äussern Wallis bis zur Klus von Saint Maurice hinauf reichenden meridionalen Elemente stammen alle aus Südfrankreich und sind längs dem Rhonethal bis hierher gewandert. Ganz anders liegt die Sache bezüglich der Herkunft der bemerkenswerten südl. Pflanzengesellschaften im innern Wallis, deren grosser Reichtum einer passiven Einwanderung der südwesteuropäischen Flora über die Passlücken der südl. Walliseralpen während der genannten xerothermischen oder Steppenperiode seine Entstehung verdankt. Indem diese Einwanderung sich hauptsächlich über den Grossen St. Bernhard und den Simplon vollzog, bereicherten sich in erster Linie die von diesen Pässen hernieder steigenden Thalschaften.
Die Waldungen im mittleren Wallis bieten einen ganz anderen Anblick dar, als diejenigen des Gebietes von Saint Maurice an thalauswärts. Die Laubbäume bilden nirgends mehr eigentliche Wälder. Die Eiche tritt bloss vereinzelt auf und reicht bis in etwa 1200 m hinauf; sie wird begleitet vom schneeballblättrigen Ahorn bis Leuk und vom Feldahorn bis Naters, während Esche, Bergahorn und Bergulme in der obern Kulturregion so ziemlich überall verbreitet sind. Die Silberpappel tritt von Branson bis Leuk ziemlich häufig auf; Zitterpappel und warzige Birke (Betula verrucosa) bilden da und dort einzelne Gruppen, besonders an den nordwärts gekehrten Hängen des Hauptthales und den gen W. schauenden Flanken der südl. Nebenthäler.
Höher oben folgt die Moorbirke (Betula pubescens). Die beiden Linden, ganz besonders die Sommerlinde trifft man da und dort am Waldsaum oder an Wegrändern bis in 1500 m hinauf. Buche und Edelkastanie sind verschwunden und werden durch die Waldföhre ersetzt, die von Fully bis Deisch die für das Wallis so charakteristischen Waldungen bildet. Sie stehen auf alten Moränen, Schuttkegeln und kiesigem Alluvialland, sowie an den warmen beidseitigen Felshängen des Rhonethales und reichen an günstigen Stellen bis 1750 und 1800 m, ausnahmsweise auch bis 1950 m (Chandolin im Eifischthal) hinauf.
Weiter oben tritt an die Stelle der Waldföhre die überall ziemlich gemeine Bergföhre, von deren Standorten in der Kette der Berneralpen die Combe d'Arbaz, Les Planards von Lens und die Alpweiden von Raron, in den Ketten südl. vom Hauptthal die Alpweiden von Champey und Chandolin, der obere Pfinwald, das Turtman-, Zermatter-, Nanz- und Saltinethal genannt sein mögen. Die unterhalb Saint Maurice selten auftretende Lärche wird ostwärts mehr und mehr gemein und bildet hier endlich für sich allein bis zu 50% aller Waldbäume.
Während sie vom Genfersee bis Martinach und bis Saxon hinauf noch in der Thalsohle selbst gedeiht, steigt sie im mittlern Wallis nicht tiefer als bis zu 1000 m hinunter (mit Ausnahme einiger der tiefgreifenden Mündungsschluchten der südl. Nebenthäler), um dann hinter Leuk neuerdings sich zu senken und bei Ergisch in 900 m, bei Brig in 800 m zu gedeihen. Die obere Verbreitungsgrenze erreicht ihr Maximum im Eifisch-, Turtman- und Zermatterthal, wo sie bis zu den ausnahmsweise hohen Koten von 2300-2400 m hinaufgeht. Die Fichte (Rottanne) bildet den hauptsächlichsten und oft ausschliesslichen Bestandteil der Waldungen der Kette der Berneralpen bis Leuk, sowie zahlreicher nordwärts schauender Wälder der südl. Hochkette. Hier ¶
mehr
vergesellschaftet sie sich auch mit der Lärche, der sie nach oben zu die Alleinherrschaft überlässt. Durchschnittlich reicht die Fichte im Kanton Wallis bis zu 2000 m hinauf, welchen Grenzwert sie im S. oft noch um 100-200 m übersteigt. Weit seltener erscheint die dem Seeklima angepasste Weiss- oder Edeltanne, die sich meist bloss in kleinen Gruppen oder als vereinzelte Exemplare mitten in den Fichtenbeständen ansiedelt. Eine Ausnahme machen kaum von der Sonne beschienene Schluchten und nordwärts exponierte Gehänge, wo wir stellenweise ziemlich umfangreiche Weisstannenbestände finden, wie z. B. in den Schluchten der Salence, Lizerne, Morge, Liène und Dala, sowie südl. vom Hauptthal in der «Grande Forêt» von Sembrancher, am Mont Chemin, im Ober Pfinwald, im Albenwald von Birchen, im Gamsekithal und am Glishorn bis in 1850 m Höhe.
Ihre grösste Höhe in der Schweiz erreicht die Weisstanne mit bis zu 2000 m am Praghorn ob Raron. Die Arve (Pinus cembra) endlich ist in den Waldungen des untern Wallis und am Gehänge der Berneralpen sehr selten und findet sich bloss in einzelnen isolierten Exemplaren. Dagegen wird sie in den südl. Nebenthälern ziemlich gemein, indem sie hier oft schöne Baumgruppen und ganze Wälder bildet und stellenweise bis zu 1500 m hinabsteigt. So findet sie sich im obern Trientthal, in den Thälern der Prinze und der Borgne, am rechten Ufer der Arolla, in grosser Menge im Val Reschy und am rechten Ufer der Navizance, wo sie fast reine Bestände bildet; ferner als Waldbaum inmitten andrer Arten im obern Turtmanthal und am rechten Ufer der Zermattervisp bis 2350 m, als vorwiegender Waldbaum im Nanzthal und im Aletschwald. Die Waldungen im O.-Abschnitt des mittlern Wallis setzen sich nach E. Muret folgendermassen zusammen: Lärche 50%, Fichte 30%, Waldföhre 15%, Arve 5%. Die übrigen Arten treten in so kleinen Mengenverhältnissen auf, dass sie in der Statistik vernachlässigt werden können.
Der Nadelwald beherbergt als Unterholz, auf Lichtungen oder in Tobeln zahlreiches Strauchwerk;
so Lonicera coerulea und L. nigra, Rosa alpina, die kleine, zarte und niedliche Linnaea borealis;
ferner Sambucus racemosa, Lonicera alpigena, Salix grandifolia, Ribes alpinum und R. petraeum, Sorbus aria und S. aucuparia;
an sonnigen Gehängen zahlreiche Rosen, wie Rosa rubrifolia, R. coriifolia, R. pomifera und R. cinnamomea (diese besonders in den Visperthälern);
der elegante Alpengoldregen (Cytisus alpinus) bildet einen Schmuck gewisser Nebenthäler von Fully bis Leuk und des untern Entremont, während der Rutengeissklee (Cytisus radiatus) vom Haut de Cry bis Siders die Waldföhrenbestände begleitet.
4) Alpine Zone.
Ihre untere Grenze liegt in den verschiedenen Thalschaften verschieden hoch. In den Berneralpen, wo die höchsten Dorfsiedelungen bis 1400-1500 m (Leukerbad 1415 m, Blatten im Lötschenthal 1540 m) reichen, endigt der Wald gewöhnlich um 1900 m, während sich südl. der Rhone in dieser Höhenlage noch Kulturland und selbstständig besiedelte Häusergruppen und Weiler finden. In den Thälern der Dix, von Bagnes und Anniviers (Eifisch) reichen die Alpweiden in sonstwo in der Schweiz unerreichte Höhen hinauf. So stehen die Hütten der Alpen Chanrion in 2410 m, La Barma in 2467 m, Lautaret in 2523 m, Crettaz in 2404 m, Praz Gras in 2483 m, Zaté in 2484 m, Cottier in 2477, Lovegnoz in 2430 m, Nava in 2511 und 2518 m, Barneusa in 2511 m, Sombayna in 2600 m, der Fluhalp im Findelenthal in 2612 m, also noch weit höher als die Gipfel von Altmann und Säntis.
Diese Zahlen zeigen uns das hohe Aufsteigen des Graswuchses in den durch intensive Insolation so begünstigten Thälern des südl. Wallis. Die Vegetation selbst aber geht noch höher, bis zur Grenze des ewigen Schnees (2800 m und höher). Man findet hier oben noch zahlreiche Holzpflanzen;
so in tiefern Lagen die Grün- oder Alpenerle, die an nordwärts gerichteten, feuchten Steilhängen stellenweise eigentliche Wälder en miniature bildet;
dann an felsigen Stellen häufig Sorbus chamaemespilus und Daphne mezereum;
die in der ganzen S.-Kette gemeine rostblätterige Alpenrose, die weite Hänge überdeckt und an geeigneten Stellen bis 2600 m und höher vordringt;
ferner längs Wasseradern und auf Gletschermoränen zahlreiche Weiden, wie Salix myrsinites, S. hastata, S. arbuscula, S. helvetica und S. glauca, noch höher Salix retusa, S. serpyllifolia und S. reticulata.
Während die genannten Typen allgemein verbreitet sind, zeigen sich andre an bestimmte Standorte gebunden: Salix caesia an der Gemmi, S. albicans in Dzéman ob Collonges und am Rhonegletscher. Auf Torfboden und nassen Wiesen nahe den Gipfelkämmen reift ziemlich häufig die schwarze Rauschbeere (Empetrum nigrum) und in Menge das Vaccinium uliginosum bis 2800 m und höher. Die obersten Kämme selbst weisen so ziemlich überall Polster der reizenden Alpenheide (Loiseleuria procumbens) auf. Den genannten Laubsträuchern gesellen sich zwei Nadelhölzer bei: der Sevibaum (Juniperus sabina), gemein in der untern Region, ob Fully, am Grossen St. Bernhard und um Zermatt bis 2400-2500 m ansteigend, und der Zwergwachholder, an den Felsgehängen bis 2600-2800 m überall gemein. Schlagintweit hat ihn am Monte Rosa noch in 3600 m aufgefunden.
Von den Kräutern gehört eine Anzahl den Kalkgebieten der Kette der Berneralpen an, u. a. Ranunculus parnassifolius, Alchimilla splendens, Saxifraga cernua, Chrysanthemum coronopifolium, Crepis pygmaea und C. hyoseridifolia, Phyteuma Halleri, Rhododendron hirsutum, Scheuchzeria palustris, Carex longifolia, Trisetum argenteum. An den beiden Enden des Gebietes, Mont Fully und Alpen östl. Leuk, zeigt sich, der reichern Abwechslung im geologischen Bau (Gneise, Glimmerschiefer, Quarzite, Kalkfelsen) entsprechend, auch eine reichere Flora. So zählt man auf der Alpe de Fully etwa 60 Arten, die im reinen Kalkgebiet weiter ostwärts nicht mehr gedeihen; so u. a. Anemone sulfurea, Sisymbrium pinnatifidum, Silene exscapa, Cerastium alpinum, Geranium rivulare, Sedum alpestre, Saxifraga exarata, Bupleurum stellatum, Adenostyles leucophylla, Erigeron Schleicheri, Achillea nana, Veronica bellidioïdes, Juncus ¶