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Das heutige Belarus ist ohne seine jüdische Bevölkerung kaum vorstellbar. Die ersten Juden kamen bereits im 14. Jahrhundert noch zur Zeit des Großfürstentums Litauen in das Gebiet. Doch schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs stellten sie etwa eine Million Einwohner und damit 15% der damaligen Bevölkerung. So war es gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch unmöglich gewesen, einen Ort zu finden, in dem keine Synagoge stand. Aber die Katastrophe des 20. Jahrhunderts erstickte die außergewöhnliche Kultur der belarussischen Juden nahezu vollständig im Keim. Zwischen 1941 und 1945 starben hier 983 Tsd. Juden, davon 85 Tsd. aus dem Ausland. In 207 Ortschaften wurden über 300 Ghettos errichtet.
Trotz aller Erwartungen kam es in der Nachkriegszeit nicht zur Wiedergeburt der jüdischen Kultur. Der staatliche Antisemitismus der 1970er Jahre führte dazu, dass es in der 12-bändigen „Belarussischen Sowjetischen Enzyklopädie“ keinen Eintrag über die Juden gab. In diesem Werk fand sich weder Platz für Marc Chagall noch für Chaim Soutine.
Die jüdische Bevölkerung ging aufgrund von Migration und Assimilation weiter zurück. Die Erlaubnis zur freien Ausreise im Jahr 1989 legte schließlich den Grundstein für die Massenemigration nach Israel.
Heute leben in Hlybokaje, einer kleinen Stadt im Nordwesten des Landes etwa 19.000 Menschen. Doch wie in vielen anderen Orten, die früher jüdisch geprägt waren, finden sich unter ihnen keine Juden mehr. Dennoch kommen jedes Jahr am Vortag der Zerstörung des Ghettos einige von ihnen hierher, um die Gräber ihrer Angehörigen zu besuchen. Es sind nur sehr wenige, die diese Katastrophe überlebt haben. Sie verließen die Stadt entweder vor dem Eintreffen der Deutschen oder versteckten sich in den Wäldern oder auf den Höfen von befreundeten Bauern. Sie flohen an Orte, in denen sie unbekannt waren oder überlebten das Ghetto wie durch ein Wunder. Heute sind diese früheren Bewohner von Hlybokaje schon alt. Sie kommen aus Israel, Deutschland, Russland oder den USA.
Hlybokaje entstand Ende des 14. Jahrhunderts etwa 200 Kilometer nordöstlich von Vilnius und 90 Kilometer südwestlich von Polozk. Der malerische See, an dessen Ufer die Stadt gegründet wurde, gab dem Ort seinen Namen. Zur Entstehung des Ortes trug auch Vitold, der Herrscher des Großfürstentums Litauen, bei, indem er im Jahr 1388 den in Westeuropa verfolgten Juden gestattete, sich in seinem Gebiet niederzulassen. Das erste schriftliche Zeugnis von Hlybokaje wird auf das 1414 datiert. Etwa in dieser Zeit entstand auf einem flachen Hang eines der Hügel auch ein kleiner Marktplatz, der von neugebauten Häusern umgeben war. Entlang des Ufers wurden Häuser errichtet, die später die Doschkizkuju-Straße bildeten. Inmitten von Wohnhäusern befanden sich hier später ein Getreidespeicher, verschiedene Lagerstätten, Pferdeställe sowie die erste Bäckerei und Wassermühle des Ortes.
Hlybokaje war die Heimat vieler berühmter Personen. Besonders Eliezer Ben-Jehuda sollte man an dieser Stelle erwähnen, der 1859 in der Nähe von Hlybokaje in Luschki geboren wurde. Ben-Jehuda gilt heute als die wichtigste Kraft bei der Verbreitung und Vervollständigung des modernen Ivrits.
Das Aufblühen der nationalen Kultur und des Handels erlebte die jüdische Gemeinschaft während der Zugehörigkeit zum Staat Polen-Litauen, in welchem die jüdische Bevölkerung alle bürgerlichen Rechte besaß. In der Stadt Hlybokaje gab es zu dieser Zeit fünf Synagogen und genauso viele bet midraschim (Seminare oder Häuser zur Auslegung der Lehre), dazu zwei jüdische Schulen, die jüdische Handelsfachschule „Chandljuwka“, zwei polnische Schulen und ein Gymnasium, in dem Kinder verschiedener Nationalitäten und Religionen unterrichtet wurden. Außerdem wurde die Zeitung „Der Gluboker Lebn“ herausgegeben. In der reichen und aktiven Bibliothek fanden sich nicht nur Werke jüdischer Schriftsteller, sondern auch Klassiker der Weltliteratur in hebräischer Übersetzung. Nach der Etablierung der sowjetischen Macht im Jahr 1939 wurden die Synagogen in der Stadt geschlossen und die Gottesdienste in den christlichen Kirchen verboten. Die politischen Parteien und die jüdische Gemeinde wurden aufgelöst. Die Regale in den Geschäften wurden leerer, die Verstaatlichung von Firmen und Eigentum nahm ihren Anfang.
Am 2. Juni 1941 kam die deutsche Armee nach Hlybokaje und errichtete eines der größten Ghettos auf dem Gebiet von Belarus. In den darauffolgenden Jahren starben im Ghetto Hlybokaje mehr als 10000 Juden auf grausame Weise.
Die Gefangenenlisten verbrannten gemeinsam mit dem Judenrat. Insgesamt konnten sich nur etwa 500 Gefangene des Ghettos retten. Lediglich eine unvollständige Liste von Opfern, unter denen sich auch Juden aus Dokschiz befanden, ist noch erhalten.
Nach dem Krieg wurde auf dem Erschießungsplatz das erste Ehrenmal für die Opfer der Katastrophe errichtet. Auch an weiteren Orten der Massenmorde wurden mit Mitteln von Lew Artur Simonowitsch, Rahili Joffe, Lejb Joffe sowie Salman und Dona Feigelson Denkmäler aufgestellt.
Im Park an der Tschkalow-Straße, wo im Massengrab 4500 Opfer des Genozids ruhen, wurde eine Gedenkstätte erbaut. Auf Steinplatten steht dort in vier Sprachen geschrieben: „Passant, verbeuge dich vor diesem heiligen Ort. Hier liegen die Opfer des jüdischen Ghettos. Sie wurden im Jahr 1943 von den deutschen Nationalsozialisten ermordet. Die Erinnerung an sie soll ewig bleiben.“ Lew Artur Simonowitsch, der das Ghetto von Hlybokaje überlebte und sich später für die Erinnerung an die Getöteten einsetzte, ernannte die Stadt Hlybokaje im Jahr 2006 zum Ehrenbürger.
Wir bieten Ihnen eine viertätige Reise in die Stadt Hlybokaye. Während dieser Reise können Sie unter anderem die Heimat ihrer Vorfahren ergründen, mehr über Ihre familiären Wurzeln erfahren oder Grabstätten besuchen.
Diese Reise nach Hlybokaje ist eine von mehreren Reisen, die wir für Sie organisieren können.
Heute landen Sie in Minsk, wo Sie unser deutschsprachiger Gruppenleiter am Flughafen empfängt. Bei sehr früher Ankunft bieten wir Ihnen eine Rundfahrt durch Minsk an, wobei auch eine Exkursion zum Thema Holocaust möglich ist. Später brechen wir mit dem Bus nach Hlybokaje auf. Die Fahrtzeit in die 163 Kilometer entfernte Stadt beträgt etwa zwei Stunden. Auf Wunsch der Touristen kann auf dem Weg auch die Gedenkstätte Chatyn besichtigt werden.
Auskunft: Chatyn ist ein Dorf in Belarus, das am 22. März 1943 im Zuge einer Vergeltungsaktion von Mitgliedern der deutschen SS zerstört wurde. Als kollektive Strafe für die angebliche Unterstützung der Partisanen wurden 149 Bewohner des Dorfes bei lebendigem Leibe verbrannt oder erschossen. Im Jahr 1969 wurde an der Stelle des Dorfes eine Gedenkstätte eröffnet. Chatyn wurde zu einem Symbol der massenhaften Vernichtung der friedlichen Bevölkerung auf dem Gebiet der besetzten UdSSR durch die die Nationalsozialisten und ihrer Verbündeten.
In Hlybokaje übernachten unsere Gäste im wunderschönen Familienhotel „Usadba Jakimowitsch“.
Nach dem Frühstück begleitet Sie der Gruppenleiter auf eine lange Exkursion durch die Stadt. Die Führung beginnt auf dem Hauptplatz (früher Marktplatz), dem historischen und gegenwärtigen Zentrum von Hlybokaje. Während des Rundgangs erfahren Sie, wie der Ort am Ufer des Sees „Glubokoe“ (später Kogalnoe) gegründet wurde und welche Entwicklung er im Laufe der Zeit durchlief. Darüber hinaus erfahren Sie auch, wie in dieser Region eine bevölkerungsstarke jüdische Gemeinde entstand und welche Rolle sie in der Geschichte des Ortes spielte. Leider sind heute aus dem reichen jüdischen Erbe nur noch einige wenige Wohnhäuser, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurden, erhalten geblieben. Die Einheimischen nennen diese Häuser „Kamenizy“ (Steinhäuser).
Später werden Sie den Park des Sieges (Park Pobedy) aufsuchen. Dort befindet sich eines von drei Massengräbern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Auf dem Platz des 17. September (früher Sobornaja) werden Sie zwei Kirchen besichtigen. Hier befindet sich außerdem der im Jahr 2012 errichtete Ehrenweg berühmter Söhne und Töchter der Stadt. Unter anderem kann auf diesem Weg die Büste von Eliezer Ben-Jehuda, dem Vater des modernen Ivrit, bewundert werden.
Später werden Sie auf den städtischen Friedhof gelangen, wo sie auch die Kapelle des Heiligen Ilja bestaunen können, die mit Mitteln des Klosters der Unbeschuhten Karmeliten gebaut wurde. Auch befindet sich dort eine Säule, die Ende des 18. Jahrhunderts zu Ehren der Verfassung Polen-Litauens errichtet wurde.
Der morgendliche Teil der Exkursion endet mit einem Spaziergang auf der neuen Uferstraße des Sees „Kogalnoe“.
Danach bieten wir Ihnen an, im Café Neon zu Mittag zu essen und sich zu erholen. Das Café befindet sich auf dem Platz des 17. September.
Der zweite Teil der Exkursion wird dem Thema Krieg gewidmet sein. Er beginnt mit einem Spaziergang durch die Straßen, in denen die Nationalsozialisten in den Jahren 1941 bis 1944 eines der größten Ghettos in Belarus führten. Daraufhin werden Sie die Gedenkstätten im Park an der Tschkalow-Straße und im Wald Borok besichtigen, bevor ein Besuch auf dem ältesten jüdischen Friedhof in Belarus die Exkursion abschließt. Dieser Friedhof war während der Belagerung von den Deutschen auf brutale Art und Weise zerstört worden. Heute sind noch einige Gedenksteine, darunter welche aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zum Teil erhalten.
Das Programm dieses Tages ist an den Zielen ihrer Reise ausgerichtet.
Unter anderem können Sie das Dorf besuchen, in dem Ihre Vorfahren lebten (wenn sie nicht direkt aus Hlybokaje stammten), sich mit Einheimischen unterhalten oder am örtlichen Friedhof die Gräber Ihrer Verwandten suchen.
Bei vorheriger Anmeldung können Sie auch im Archiv der Stadt forschen, wenn dieses für Sie interessante Dokumente enthält.
Alternativ können Sie das Gespräch mit dem örtlichen Heimatforscher und Kenner der Geschichte von Hlybokaje, Grigorij Scharipkin, suchen. Auch ein Treffen mit den ältesten Bewohnern der Stadt, die sich noch an die Zeit vor dem Krieg erinnern können, ist möglich.
An diesem Tag verabschieden Sie sich von der Stadt Hlybokaje. Vielleicht sagen Sie aber auch nur: „Bis zum nächsten Mal.“ Der Gruppenleiter begleitet Sie zum Minsker Flughafen.