Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03297.jsonl.gz/1082

BildGeschichte 01/2016
Die Uhr war das Wichtigste
Von Edith Hausmann
Das Bild zeigt mich mit meiner Firmgotte. Sie war eine Verwandte mütterlicherseits. Sie hat Leokadia oder Lukrezia geheissen, Ich habe sie nach der Firmung nie mehr gesehen. Kontakte zur Verwandtschaft fanden nur zu Beerdigungen statt. Meine Mutter meinte auch, dass sich ihre Verwandtschaft unserer Familie schäme. Mein Vater war ein ungehobelter Innerschweizer, der zudem zu viel trank und Knecht bei Bauern gewesen war. Zur Zeit des beginnenden Baubooms in den sechziger Jahren hat er sich von der Knechtschaft befreit und ist Bauarbeiter geworden. Das reichte meiner Mutter nicht. In ihrer Verwandtschaft gab es Bahnbeamte und Versicherungsvertreter. In Solothurn, woher sie stammte, waren die Leute vornehmer. Sie unterschrieb auch mein Zeugnis der 1. Klasse mit ihrem Ledigennamen „von Arx".
Jetzt, da ich dieses Bild betrachte, scheint mir die Firmung eine Art Initiationsritual gewesen zu sein. Denn ich trage wie meine Firmgotte ein Kostüm und eine Handtasche. An den Stoff des Kostüms erinnere ich mich genau. Er war grau mit feinen, farbigen Noppen. Aus Anlass der Firmung durfte ich mir bei einer Coiffeuse Wasserwellen legen lassen. Mir gefielen diese Wellen gar nicht, sodass ich diese zu Hause sofort rauszuwaschen versuchte. Mit dem Resultat, dass das, was übrig blieb, kaum noch Frisur genannt werden konnte. Meine Mutter schimpfte und bedauerte das Geld, das sie dafür ausgegeben hatte.
Meine Gotte schenkte mir zur Firmung eine Uhr. Das war damals üblich und gehörte wahrscheinlich auch zur Initiation. Bald würde es im Leben auch um Pünktlichkeit gehen. Ich habe die Uhr viele Jahre getragen. Danach habe ich nie mehr eine Uhr besessen. Mir reichten die Uhren auf Kirchtürmen, an Schulhäusern, in Ladenlokalen, gar in Beizen, da wohl um die Gäste an die Sperrstunde zu erinnern. Aus letzteren sind sie verschwunden. Es soll konsumiert und nicht an die fehlenden Stunden Schlaf vor dem folgenden Arbeitstag erinnert werden.
Edith Hausmann (1949) hat in den letzten 10 Jahren vor der Pensionierung bei Caritas Luzern als Fundraiserin/PR-Fachfrau gearbeitet, davor in weiteren NGOs in ähnlicher Funktion. Für Peace Watch Switzerland war sie in Palästina und in Mexiko als freiwillige Menschenrechtsbeobachterin tätig.