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Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Vielfalt und Solidarität in der Wirtschaft? Die Utopie «Parecon» von Michael Albert ist am 11. Oktober Thema eines Podiums in Zürich.
Im Grunde ist es ein einfaches Prinzip: ProduzentInnen und KonsumentInnen beschliessen gemeinsam, was sie gerne hätten und ob sie es gerne produzieren würden. Alle andern Systeme der Zuweisung von finanziellen Mitteln, Produktivkräften und Material sind irrational und funktionieren nur über kostspielige Umwege. Beim Marktsystem findet man erst nachträglich heraus, was man gebraucht hätte, und muss viel fortschmeissen. Beim Zentralplanungssystem wird niemand gefragt, und es wird an allen vorbeigewirtschaftet. Und bei beiden werden riesige Bürotürme mit allerlei Angestellten gefüllt, die krampfhaft versuchen herauszufinden, was die wirklich Beteiligten eigentlich wollen (sollten).
Wenn man Arbeit zudem als Teil des Lebens anschaut, sozusagen als eine Form von «Konsum», dann ist bei der Produktion von Gütern der Spass an der Arbeit genauso wichtig wie der Spass am Produkt. Klar, dass sich dieser Gesichtspunkt heute überhaupt nicht durchsetzen kann. (Schon die Herstellung von lustigen Disney-Figuren scheint in China niemandem Spass zu machen.) Die Folgen sind Unfälle, Krankheiten, Burn-out, Leistungsverweigerung, schlechte Qualität, Krisen und so weiter. Das, was wir Kapitalismus nennen, kann überhaupt nur überleben, weil wir so nett sind, es jeden Tag zu retten, weil die wahren Kosten externalisiert oder sozialisiert werden und weil ein ganzes Repressionsarsenal jede falsche Bewegung weg davon bestraft.
Wozu überhaupt Wirtschaft?
Michael Albert beschreibt in seinem Buch «Parecon» (siehe WOZ 25/06) einigermassen detailliert, wie die demokratische Kommunikation in der Wirtschaft so organisiert werden könnte, dass Grundwerte wie Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Vielfalt und Solidarität garantiert sind. Er kommt dabei auf ein abgestuftes Rätesystem, das territorial organisiert ist: Jedes Quartier, jede Region, jede Nation hat Konsumentenräte, jeder Betrieb, jede Branche, jede Nation wiederum Arbeiterräte. Diese Räte kommunizieren in einer Art Vernehmlassungsverfahren, bis ein Gesamtplan entsteht. Michael Albert hat viel über die Gestaltung und Bewertung der Tätigkeiten selbst nachgedacht. Alle stellen sich also ein «Tätigkeitsbündel» zusammen, das verhindert, dass einige wenige ihre Kreativität oder gar ihre Genialität auf Kosten anderer, die die Drecksarbeit machen, ausleben können. Selbst der Gehirnchirurg muss also einmal Toiletten putzen. Und dabei werden weder Eigentum, Talent noch Ausbildung entlöhnt, sondern der Einsatz - das heisst die Verbesserung der eigenen Bestleistung. Es kann also sein, dass jemand mit sehr geringer Leistungsfähigkeit (z. B. ein Mensch mit einer Behinderung) einen höheren Lohn bekommt als jemand, der seine Arbeit problemlos erledigt. Was sich daraus ergibt, ist ein persönlicher Einsatzlohn.
Michael Alberts Vorschläge sind einleuchtend, die vorgebrachten Kritikpunkte meist ideologisch oder schlicht interessenbestimmt. Michael Albert gibt sich unverständlicherweise langfädig mit allen möglichen Kritikpunkten ab, beantwortet allerdings die folgenden wichtigen Fragen nicht:
1. Wozu überhaupt Wirtschaft? Parecon ist ein Vorschlag zur Überwindung des kapitalistischen durch ein anderes Wirtschaftssystem. Es basiert auf dem Gebrauchswertprinzip. Die einzigen Bilanzen, die zählen, sind die Sozial- und Ökobilanz. Wenn Menschen und Natur nachhaltig mitmachen, dann ist eigentlich alles möglich.
2. Warum soll eine «wirtschaftliche» Sphäre von einer gesellschaftlichen und politischen abgetrennt werden, wenn sowieso keine unterschiedlichen Systemeigenschaften mehr bestehen? Es geht ja nicht mehr um eine Wirtschaft, die irgendwie «komplementär» zum übrigen Leben existiert, sondern nur noch um einen gesellschaftlichen Stoffwechsel als ganzen. Zum Beispiel kann ein Stadtparlament, in dem Produzent-Innen und KonsumentInnen heute schon vertreten sind, direkt über die gesamte Herstellung und Verteilung einer erweiterten Palette von kollektiven oder öffentlichen Gütern beschliessen: vom Wasserwerk bis zu den Kulturinstituten. Diese öffentlichen Leistungen könnten noch beträchtlich ausgedehnt werden, bis zu Bauleistungen und Medikamenten. Die demokratische Mitwirkung aller kann garantiert werden.
3. Warum muss das demokratische Rätesystem in gleicher Art über alle Typen von Gebrauchswerten beschliessen? Verschiedene Produkte erscheinen in ganz andern sozialen und geografischen Zusammenhängen, je nach ihrem Gebrauchswert (und darum gehts ja beim Transkapitalismus). So könnte beispielsweise die Landwirtschaft direkt mit KonsumentInnengemeinschaften kombiniert werden und als Totalgenossenschaft in sich «selbstverwaltet» funktionieren. Regional könnte man damit schon einen grossen Teil des Lebensunterhalts abdecken, ganz ohne Zusatzorgane und Geldkreisläufe. Für Industrieprodukte könnten hingegen - wie schon heute ansatzweise - Zweckgenossenschaften auf regionaler, kontinentaler und globaler Ebene gegründet werden. Sind Nahrungsmittel und öffentlicher Konsum für alle garantiert, so ist die Erpressung mit der Lohnarbeit schon fast aufgehoben.
4. Sicher sind Räte demokratisch, aber Demokratie wird abstrakt, wenn sie nicht auf einer gelebten Alltagskommunikation gründet. Mit Sitzungen allein ist eine funktionierende Gesellschaft nicht konstituierbar, höchstens eben eine «société anonyme». Zu den regulatorischen Vorschlägen müsste auch ein lebbares Gesellschaftsmodell kommen. Geschieht dies nicht, werden eben die Wirtschaftssphäre wieder «ausgebettet» und werden sich Eigendynamiken entwickeln, die bei einem «abgekürzten Verfahren» enden - vielleicht bei einem sozialen Kapitalismus à la Migros.
5. Global gesehen scheint sich Michael Albert über die ökologischen Grenzen jeglichen gesellschaftlichen Stoffwechsels auf diesem Planeten nicht akut bewusst zu sein. Ein grosser Teil des heutigen aufgeblasenen Wirtschaftswesens wird mangels Nachhaltigkeit sowieso verschwinden müssen und daher auch nicht mehr viel Arbeit für Räte geben. Allerdings bedeutet das nicht Rückkehr in die Steinzeit, denn Ressourcen können bis zehnmal effizienter eingesetzt werden. Wäre es nicht wichtig, eine Art globales Grundabkommen über strategische Ressourcen und die Beschaffenheit der Produkte (langlebig, effizient, polyvalent, kompatibel) abzuschliessen, bevor die Räte ihre Bestelllisten aufstellen?
Es ist zu befürchten, dass ein Bauplan für eine nachkapitalistische Gesellschaft noch einige Forschungsarbeit erfordern wird. Fast sicher kann eine wirtschaftliche Sphäre nicht isoliert herausgenommen und umreguliert werden. Die Überlegungen von Michael Albert leisten einen erfrischenden Beitrag zu diesem «grossen Plan», vor allem in den Bereichen der Grundwerte, der gerechten Gestaltung der Arbeit.
Wo sind die fantasievollen ProgrammiererInnen, die ein Computersimulationsspiel dazu erfinden, mit dem wir schon mal anfangen könnten zu üben? Eine sofortige Alternative zum Weltkapitalismus ist überfällig - das Ding wird allmählich lästig.
Der 1946 geborene Zürcher Schriftsteller P.M. befasst sich schon seit Jahren mit alternativen Gesellschaftsmodellen. Bereits 1983 erschien sein utopischer Gegenentwurf «bolo ’bolo».
«Fabrikgespräche»
Einladung zur Diskussion
Michael Albert ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zu wirtschaftspolitischen Themen, zur Globalisierung und zu internationalen Beziehungen. Zusammen mit dem Ökonomen Robin Hahnel begann der US-Amerikaner Anfang der achtziger Jahre mit der Entwicklung des Modells der partizipatorischen Ökonomie (Parecon). Er ist Mitbegründer des progressiven US-Verlags South End Press sowie der Zeitschrift «Z-Magazin» und der weltweit stark beachteten Internetplattform zmag.org. Auf dieser Website befindet sich auch eine umfangreiche Textsammlung zu Parecon. Michael Albert lebt in Boston, lehrt am Massachusetts Institute of Technology und arbeitet unter anderem mit Noam Chomsky zusammen. Alberts Buch «Parecon. Leben nach dem Kapitalismus» ist kürzlich in deutscher Sprache im Trotzdem-Verlag erschienen. Seine Vision eines nachkapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells wird in vielen Ländern diskutiert. Die indische Umweltaktivistin Arundhati Roy schrieb etwa: «Parecon ist ein starkes Argument für eine absolut notwendige Vision für ein demokratischeres, weniger hierarchisches, alternatives Wirtschaftsmodell.»
Am 11. Oktober kommt Michael Albert in die Rote Fabrik nach Zürich. In einer Veranstaltung innerhalb der Reihe «Fabrikgespräche», organisiert von der WOZ und der Roten Fabrik, wird Albert seine Ideen vorstellen und diskutieren. Dazu eingeladen sind die feministische Ökonomin und WOZ-Autorin Mascha Madörin sowie VertreterInnen von Zürcher Kollektivbetrieben. Moderiert wird die Veranstaltung von WOZ-Redaktor Daniel Stern.
«Fabrikgespräche» in: Zürich, Clubraum Rote Fabrik, 11. Oktober, 20 Uhr, Eintritt: 10 Franken.