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Liebe Gina, woher kommst du?
Aufgewachsen bin ich in Uetendorf und ging auch da zur Schule. Mit dem lokalen Skiklub bin ich seit Kleinkind verbunden und fahre noch heute gern Ski. Als ich neun Jahre zählte, zog meine Familie für eine Weiterbildung meines Vaters nach Italien. Das war für mich sprachlich und kulturell eine grosse Herausforderung. Ich war überglücklich, als ich nach neun Monaten wegen der Sekundarschulprüfung zurück in die Schweiz zügeln durfte. Nach der Sekundarschule besuchte ich das Gymnasium Thun mit dem Schwerpunktfach Russisch. Nach der Matura war ich richtiggehend müde vom Schulbankdrücken. Aus Interesse an fremden Kulturen und auch dank meiner Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch wurde ich Flugbegleiterin.
«Das Leben und die Reisen in verschiedenen Ländern offenbarten mir viel Gewalt und soziale Ungerechtigkeiten. Dies verstärkte in mir den Wunsch, in der humanitären Hilfe tätig zu werden.»Gina Bylang (41)
Nach zweieinhalb Jahren entschloss ich mich für ein Studium in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule in Olten, weil dort Praktika in fremden Ländern angeboten wurden. Im Süden von Chile durfte ich ein halbjähriges Sozialarbeitspraktikum erleben und lernte dabei Spanisch. Nach ein paar Jahren als Sozialarbeiterin in der Schweiz begleitete ich als Freiwillige ein Selbsthilfeprojekt für Frauen in Kamerun. Danach lebte ich eineinhalb Jahre in Kolumbien, wo ich mich als Englischlehrerin durchschlug.
Das Leben und die Reisen in verschiedenen Ländern offenbarten mir viel Gewalt und soziale Ungerechtigkeiten. Dies verstärkte in mir den Wunsch, in der humanitären Hilfe tätig zu werden. Deshalb entschloss ich mich für den Masterabschluss in diesem Bereich. Sechs Jahre lang arbeitete ich im Auftrag der Schweizerischen humanitären Hilfe mit UNO- und Rotkreuz-Organisationen zusammen. In den Krisengebieten in Afrika und im Mittleren Osten ging es hauptsächlich um den Schutz von Geflüchteten vor sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt und um den Umgang mit deren Auswirkungen. Dies wurde zu meinem Spezialgebiet.
Wo stehst du im Moment?
Ich fühle mich trotz der vielen Jahre im Ausland immer noch stark verwurzelt mit meiner Heimat; ich liebe sie. In Uetendorf, Bern und der ganzen Schweiz habe ich Familie, viele Freunde und auch drei Patenkinder. Aus dem Kontakt mit diesen entstand der Wunsch, mich wieder hier niederzulassen.
«Ich schätze es sehr, hier in der Schweiz leben zu können, und fühle mich privilegiert. Gerade deshalb engagiere ich mich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit.»Gina Bylang (41)
Heute lebe und arbeite ich in Bern als Beraterin bei einer Opferhilfestelle für von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Kinder. Soziale Gerechtigkeit und Schutz vor Gewalt sind mir auch hier bei uns sehr wichtig. Als Nebenjob arbeite ich immer noch für eine internationale humanitäre Organisation und bleibe damit meinem bisherigen Lebensthema weiterhin treu.
Ich schätze es sehr, hier in der Schweiz leben zu können, und fühle mich privilegiert. Gerade deshalb engagiere ich mich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit, nicht nur geschlechterspezifisch, sondern auch unter Generationen, Völkern und Kulturen.
Wo gehst du hin?
Ich bin ein spontaner Mensch und lebe im Hier und Jetzt. Ich entscheide viel nach dem Bauchgefühl und habe ein Urvertrauen, dass sich Interessantes ergeben wird. Trotzdem mache ich mir Gedanken zum Weltgeschehen, zum Klima und den endlichen Ressourcen und versuche, einen Beitrag zur positiven Veränderung zu leisten.
«Nach mir die Sintflut» ist für mich keine Alternative, denn wir müssen alle mithelfen, damit sich etwas
ändert.