Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03573.jsonl.gz/1198

In Deutschland haben Einkommen, Arbeitsstatus und Bildung einen deutlichen Einfluss auf die Sterblichkeit. Diese Erkenntnisse dürften für ganz Europa gelten.
Von Silvia Leek
Wie beeinflussen sozioökonomische Faktoren das Sterberisiko von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern? Um die Sterberisiken für den Untersuchungszeitraum vergleichbar zu machen, grenzten die Forscher des Max-Planck-Institutes die Zielgruppe auf das Alter zwischen 30 und 59 Jahre ein und rechneten den Einfluss des Alters heraus. Sie
werteten dabei die Daten der Deutschen Rentenversicherung mit mehreren Millionen Versicherten aus. Ihre Studie zeigt, welche Rolle gute Bildung, die Arbeit und vor allem das Einkommen spielen. Die neuen Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, einen Job zu haben: Arbeitslosigkeit verdoppelt das Sterberisiko. Noch wichtiger ist das Einkommen, vor allem für die Männer: Die Sterblichkeit des am schlechtesten verdienenden Fünftels lag um 150 Prozent über dem des am besten verdienenden Fünftels. Schlechtere Bildung erhöhte das Sterberisiko für Männer hingegen nur um etwa 30 Prozent.
Um die Sterberisiken vergleichbar zu machen, rechneten die Forscher den Einfluss des Alters heraus. So spielt es etwa keine Rolle, dass Arbeitslose im Durchschnitt älter sind als Menschen mit Job und schon daher in grösserer Zahl vorzeitig sterben. Vielmehr wurde die Altersstruktur aller Bevölkerungsgruppen statistisch so angeglichen, dass alle die gleiche Zusammensetzung hatten. Sterblichkeitsunterschiede sind darum nur noch auf die verbleibenden Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder Einkommen zurückzuführen. «Einen verschwindend geringen Einfluss auf das Sterberisiko hat die Wohnregion», sagt Pavel Grigoriev vom Max Planck Institut für demografische Forschung in Rostock. Zwar sei das Sterberisiko im Osten etwa für die Männer um ein Viertel höher als im Westen. Rechnet man aber die Einflüsse von Arbeitslosigkeit, Bildung, Einkommen und Nationalität heraus, verschwindet der Unterschied.
Dass die Sterblichkeit der Männer im Osten höher ist, liegt also daran, dass es dort einen höheren Anteil an Arbeitslosen, an weniger Gebildeten und an Menschen mit geringerem Einkommen gibt. Denn all diese Faktoren erhöhen die Sterblichkeit. Andere in Ost und West unterschiedliche Faktoren, wie etwa die medizinische Infrastruktur, scheinen hingegen eine unbedeutende Rolle zu spielen.
Wie extrem der sozioökonomische Status, vor allem Einkommen, Arbeitsstatus und Bildung, die Überlebenschancen beeinflusst, zeigt die am stärksten benachteiligte Gruppe der Männer im Osten: 14 Prozent zählen hier zur untersten Einkommens- und Bildungsschicht. Diese Gruppe hat im Vergleich zur höchsten Einkommens- und Bildungsschicht ein mehr als achtmal so hohes Sterberisiko. In Westdeutschland ist die am stärksten benachteiligte Gruppe unter den Männern mit rund elf Prozent Bevölkerungsanteil kleiner, und mit einem gut fünfmal so hohen Sterberisiko etwas weniger benachteiligt. Zumindest für die Männer sind die Sterberisiken im Osten also deutlich ungleicher verteilt als im Westen. Trotzdem beeinflussen auch im Westen Einkommen und Arbeitslosigkeit das Sterberisiko erheblich. Bei den Frauen sind die Unterschiede vor allem beim Einkommen weniger stark ausgeprägt. Arbeitslosigkeit und Bildung wiegen gleich schwer wie bei den Männern.
Ihre für Deutschland einmaligen Einsichten in die sozialen Zusammenhänge von Sterberisiken gelangen den Rostocker Forschern, indem sie Rentenversicherungsdaten von 27 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auswerteten. Sie fassten anonymisierte Informationen von allen Rentenversicherten in Deutschland zusammen, die im Jahr 2013 zwischen 30 und 59 Jahre alt waren. Im internationalen Vergleich, vor allem zu skandinavischen Ländern, sei Deutschland beim Thema Datenverfügbarkeit aber sehr schlecht aufgestellt. Vor allem Daten über Zusammenhänge zwischen Sterblichkeit und sozioökonomischem Status der Bevölkerung in Deutschland seien schwer zu bekommen, sagt Forscher Grigoriev. «Das liegt vor allem an der strengen Auslegung des Datenschutzes für staatliche Datensätze über die Bevölkerung in Deutschland.»
Verschiedene personenbezogene Daten zu verknüpfen, ist in Deutschland nicht erlaubt. Für Forscherinnen und Forscher wären solche Datensätze aber eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit, die mit anderen Faktoren zum Wohlergehen der Bevölkerung beiträgt. «In Deutschland werden an verschiedenen Stellen mit viel Aufwand und Einsatz von Steuergeldern große Mengen an Daten erhoben. Nicht nur die demografische Forschung in Deutschland würde stark davon profitieren, wenn sie leichter zugänglich wären», sagt Grigoriev. Für ihn steht ausser Frage, dass die wissenschaftliche Arbeit mit solchen Daten nur bei vollständiger Anonymisierung erlaubt sein darf, die eine Identifizierung von Einzelpersonen komplett unmöglich macht. Dies sei durch informationstechnische Vorkehrungen erreichbar und stehe auch nicht im Widerspruch zur Europäischen Datenschutzgrundverordnung. Letztlich interessiert sich die demografische Forschung nicht für die Einzeldaten bestimmter Personen. Sie nutzt sie nur als Zwischenschritt, um Ergebnisse für große Gruppen zu berechnen – wie etwa die Sterblichkeit für verschiedene Einkommensschichten.