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Der Begriff „Komplementärmedizin“ erlebt seit einigen Jahren einen imposanten Aufschwung. Dabei werden aber meines Erachtens zentrale Fragen nicht gestellt.
Entsprechend schwierig ist eine klare Definition des Begriffs „Komplementärmedizin“.
Auf der Website des Bayerischen Rundfunks findet sich dazu folgendes Beispiel:
„Komplementärmedizin………meint alle Methoden, die die Schulmedizin ergänzen, unter anderem Akupunktur, Traditionelle Chinesische Medizin, Ayurveda, Homöopathie.“
Sehr simpel. Komplementärmedizin ist alles, was die „Schulmedizin“ ergänzt. Das ist nicht viel mehr als eine Übersetzung. „Komplementär“ bedeutet schliesslich „ergänzend“.
Damit ist aber noch keine der wichtigen Fragen gestellt oder gar beantwortet.
Im Begriff „Komplementärmedizin“ steckt eine Vorstellung vom „Ganzen“. Was umfasst denn genau das „Ganze“, zu dem „Komplementärmedizin“ die „Schulmedizin“ ergänzt?
Die Beschreibung auf BR-online führt als Beispiele „Akupunktur, Traditionelle Chinesische Medizin, Ayurveda, Homöopathie.“ auf, lässt aber mit der Formulierung „unter anderem“ völlig offen, was sonst noch dazu gehört.
Sind mit dem Ganzen unterschiedslos alle Heilungskonzepte der Welt gemeint?
Dann wäre das Ganze die totale Beliebigkeitsheilkunde. Jede Heilungsidee und Heilungsphantasie der Welt gehört dann zur „Komplementärmedizin“ und ergänzt die „Schulmedizin“ zum Ganzen. Wozu ein solch allumfassender Begriff dann noch nützlich wäre, scheint mir ausgesprochen fraglich. So völlig undefiniert hat der Begriff „Komplementärmedizin“ allerdings auch einen gewissen Charme: Wer will schon nicht „das Ganze“, vor allem wenn es um die Heilung von Krankheit geht.
Das läuft auf ein „anything goes“ heraus. Jedem seine eigene Heilmethode. Man kann das als liberales Postulat sehen. Jeder soll schliesslich – wie schon Friederich II. gesagt hat – nach seiner Façon selig werden.
Man kann diese Gleich-Gültigkeit aller Heilvorstellungen aber auch als Relativismus sehen und als Grundlage für unbegrenzten Konsum. Jedes Nachdenken über Sinn, Zweck und Wirksamkeit von Heilmethoden stört potentiell den Konsum. Darum wehren sich nicht nur die Propagandisten der einzelnen Methoden, sondern oft auch die Konsumierenden gegen Anflüge von Reflexion über Sinn, Zweck und Wirksamkeit.
Im Bereich der Religion gibt es einen starken Trend, dass sich Gläubige aus verschiedensten Fragmenten ihre eigene Privatreligion zusammenbasteln. Sehr Ähnliches ist im Bereich der Heilkunde zu beobachten: Es gibt einen unübersehbaren Trend zur „Privatmedizin“. Aus dem reichen Fundus der Heilsysteme aller Zeiten und Weltgegenden werden als passend erscheinende Fragmente zu einem privaten „Ganzen“ zusammengefügt. Dass die einzelnen Puzzleteile in diesem „Privat-Medizin-Gebäude“ sich oft fundamental widersprechen, scheint keine Rolle zu spielen.
Ausgeklammert bleibt auch die Frage, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn jeder und jede mit seiner Privatreligion und Privatmedizin quasi auf einem eigenen Planeten hockt und die Auseinandersetzung über gemein geteilte Werte und Kriterien damit weitgehend unterbleibt.
Die Frage nach gemeinsam geteilten Werten und Kriterien lässt sich nicht mehr vom Tisch wischen, wenn es darum geht, welche Verfahren der „Komplementärmedizin“ von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden sollen und welche nicht.
Dann wird nämlich wohl den meisten Menschen ziemlich schnell klar, dass das Ganze nicht alle Methoden umfassen kann, und daher auch kein Ganzes mehr ist. Konkret stellt sich nach dieser Ernüchterung die Frage, welche Komplementärmedizin-Verfahren denn die „Schulmedizin“ zum Ganzen ergänzen dürfen und welche nicht – und nach welchen Kriterien diese Unterscheidung getroffen wird.
Wer daher pauschal und undifferenziert die Anerkennung der Komplementärmedizin fordert müsste meines Erachtens klarstellen, ob er oder sie damit alle Methoden meint, und wenn das nicht der Fall ist, nach welchen Kriterien er oder sie unterscheiden will, was anerkannt werden soll und was nicht. Hier weichen Lobbyisten der Komplementärmedizin sehr oft aus.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch