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Blu-ray-Review: Der wohl grösste Pechvogel der Welt
Wir schreiben das Jahr 1987. Claireece "Precious" Jones (Gabourey Sidibe) ist 16 Jahre alt, schwarz, stark übergewichtig und wohnt in Harlem. Sie ist bereits zum zweiten Mal schwanger, und zwar von ihrem Vater, der sie missbraucht hat, seit sie ein Kind ist. Ihre Mutter (Mo'Nique), eine deprimierte Arbeitslose, die ständig zu Hause vor dem Fernseher hängt, gibt Precious täglich zu verstehen, dass sie keinen Pfifferling wert und zu gar nichts zu gebrauchen ist.
In der Schule hat sie sich einigermassen durchmogeln können, obwohl sie weder schreiben noch lesen kann. Doch nun droht sie aufgrund ihrer Schwangerschaft von der Schule zu fliegen. Die Rektorin empfiehlt ihr ein alternatives Lerninstitut namens "Each One Teach One". Dort lernt Precious in der Schulklasse der engagieren Lehrerin Miss Rain (Paula Patton) allmählich, sich in ihrem schwierigen Leben zurechtzufinden und an eine bessere Zukunft zu glauben.
Lee Daniels, der in Sachen Regiearbeit bisher "nur" Shadowboxer vorweisen kann, hat mit Precious den Roman Push von Sapphire verfilmt: einer Autorin, die ihre Erlebnisse auf einer Sonderschule in Harlem beschreibt und so von der Figur der Mrs. Rain im Film dargestellt wird. Precious ist ein haarsträubender Film, der mächtig unter die Haut geht, trotzdem kann sich Daniels mit seinen Stilmitteln, wie zum Beispiel der Farbenvielfalt, schnellen Schnitten und einer Art Videosequenzen, die immer dann auftauchen, wenn Precious in ihrer Fantasiewelt lebt, von übertriebener Schwermut befreien. Sein Werk weist eine ganz besondere Eigenständigkeit auf.
Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe, welche bisher in Hollywood nicht in Erscheinung getreten ist, zeigt sich in der Rolle von Precious grossartig. Sie lebt ihren Charakter als niedergeschlagenes Mädchen und kann in jeder Hinsicht überzeugen. Komikerin Mo'Nique spielt die Mutter von Precious als eine hasserfüllte Frau, die mit ihrem Leben schon längst abgeschlossen hat und nur noch darin verweilt, um täglich ihrer Tochter zu zeigen, wie erbärmlich all ihre Mitmenschen sind. Mo'Nique hat Precious' Mutter so nicht nur ein Gesicht gegeben, sondern diese regelrecht in ein Monster verwandelt; in einen Bösewicht, der so real scheint, dass sich eine unglaubliche Wut im Körper bildet. Sie hat dieser abgrundtief schlechten Frau alles gegeben, was sie benötigt, um für den Film als Hass-Objekt Nummer eins dazustehen.
Ebenfalls eine gute Figur macht Mariah Carey als Sozialarbeiterin, die man ungeschminkt aufs Erste gar nicht wiedererkennt. Trotz vieler starker schauspielerischen Leistungen kann der Film hauptsächlich auch der guten Vorlage danken. Die Story über das Leben eines Mädchens, das vergewaltigt, misshandelt, gedemütigt wird und in keiner Art und Weise jemals Glück in ihrem Dasein hatte, ist schon eine sehr interessante Ausgangslage für einen zum Nachdenken anregenden Film. Das Drama fährt ein, trotzdem darf man sich schon fragen, ob hier die Autorin nicht ein wenig mit ihrer Geschichte übertrieben hat.
Fazit: Lee Daniels' Precious ist eine erschütternde Geschichte, eine Geschichte, die Fragen aufwirft. Ebenso zeigt der Film, wie der Glaube an sich selbst einen Menschen auf den richtigen Weg zurückführen kann. Das Drama ist keine leichte Kost und auch die unkonventionellen Stilmittel des Regisseurs machen den Film nicht einfacher. Doch die Schauspieler alleine sind Grund genug, sich den Film anzusehen.
Die Blu-ray-Disc zeigt den Film in sehr guter Bild- und Tonqualität, vor allem die Farben kommen gestochen scharf daher. Auf der Disc befinden sich eindrückliche Probeaufnahmen und eine wichtige unveröffentlichte Szene. Ein überaus interessantes Gespräch zwischen Sapphire und Lee Daniels zeigt, wie sehr sich der Regisseur mit der Autorin und deren Geschichte befasst hat.
Yannick Suter [yan]
Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.
Der Film heisst übrigens so, weil der Film ursprünglich "Push" hiess, und erst dieses Jahr ist in den USA bereits ein anderer Film mit demselben Namen ins Kino gekommen, nämlich Push mit Chris Evans und Dakota Fanning. Und der neue Titel "Precious" ist laut IMDB halt auch schon mehrfach vergeben, drum das Romananhängsel.
Glaub ich nicht, Filme mit dem gleichen Titel rauszubringen war ja noch nie ein Problem. Dünkt mich eher so, also wolle da jemand seinen Namen überall lesen.
Aber nicht, wenn die Filme im selben Jahr starten - und mit dem Sundance-Filmfestival-Start von Precious wurden die Filme auch noch fast zur selben Zeit in den Medien beworben. Obige Info zum Titeltausch wäre sonst auch auf der IMDB-Precious-Seite unter Trivia zu finden: http://www.imdb.com/title/tt0929632/trivia