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Chester & Liverpool
Wie der Kapitän gestern angekündigt hatte, legten wir extrem früh in Liverpool an. Es galt, Zeit zu gewinnen, ist doch das Ausschiffen bereits per 17 Uhr geplant. Ich war kurz nach 7 an Deck – und musste buchstäblich nach Luft schnappen: Direkt hinter dem Scff ragte eine wunderschöne Fassade empor, gekrönt von 2 schrägen Vögeln. Mir war nicht bewusst gewesen, dass wir hier direkt in der Stadt liegen würden – und meine Erinnerungen an Liverpool handelten von einer dreckigen, düsteren Stadt. Allerdings war ich in den 80er Jahre hier, das war mitten in der Depression. Wir sind damals schnell wieder abgereist, und deswegen hatte ich hier auch keinen Ausflug in die Stadt gebucht, sondern nach Chester:
Das historische Städtchen an der Grenze zum heutigen Wales war, lange vor Liverpool, eine der wichtigsten Handelsstädten der Region. Bereits die Römer kamen im 1. Jahrhundert nach Christi den River Dee hoch und siedelten sich rund um den Naturhafen an. Etwa im achten Jahrhundert folgten die Wikinger, allerdings nicht plündernden Horden aus Skandinavien, sondern jene, die sich schon einige Jahre zuvor in Dublin angesiedelt hatten und von dort vertrieben worden waren.
Chester ist bekannt für seine architektonische Schönheit, die älteste Pferderennbahn, eine wunderbare Kathedrale mit dem wohl schönsten Kirchencafé, im ehemaligen Speisesaal der Mönche und einem sehenswerten viktorianischen Friedhof (den ich allerdings nur von weitem sah), wo es einen Grabstein von Father Christmas gibt, und das Grab eines fanatischen Sammlers, der sich seinen Sarg aus lauter Zündholzschachteln gezimmert hatte, inkl. Licht und Gegensprechanlage. Allerdings entfernten seine Erben vor der Beerdigung die Batterie …
Ich hätte hier auch auf den Spuren von Alice im Wunderland wandeln können, denn der Autor, Lewis Carroll, stammt aus Chester. Eine der vielen möglichen Erklärungen über die Ursprünge der Chestershire Cat, die sich bis auf ihr Grinsen auflöst, hat mit dem lokalen Käse zu tun: Dieser wird nach einem alten Rezept der Römer hergestellt und offenbar zu einem runden Laib geformt, der manchmal an einem Ende mit einem Schwanz und am anderen Ende mit einem grinsenden Katzengesicht vollendet wird. Ass man diesen, verschwand erst der Kopf, dann der Körper, zum Schluss erst das Grinsen … https://www.catster.com/lifestyle/cheshire-cat-lewis-carroll
Ich zog es vor, nicht in ein komisches Kaninchenloch zu kriechen, sondern marschierte einfach drauflos, als der Bus uns vor dem Storyhouse (einem Gemeindezentrum mit Kino und Bibliothek) absetzte. Die alten Stadtmauern haben eine Länge von rund 3 Kilometern, daraus schloss ich, dass das Ganze recht übersichtlich sein würde, und ich hatte rund 2,5 Stunden Zeit für meine Erkundungen.
Als erstes besichtigte ich die Kathedrale, die eigentlich eine alte Abtei ist, die später umgebaut worden ist. Die Architektur ist sehr eindrücklich, es hat wunderbares Holzwerk und grossartige Fenster – einige sehr alt, andere offenbar moderner. Die Kirche wird heute noch genutzt, wobei es für Kinder eine eigene Kapelle gibt, in der sie auch spielen dürfen. Auch die Besichtigungstour hat einen eigenen Pfad für Kinder, wo ein fiktiver Mönch aus seinem Leben erzählt und den Kindern Fragen stellt – sehr gut gemacht! Zu guter Letz gibt es auch eine fast fertige Lego-Kathedrale: BesucherInnen können einen Stein kaufen und, nach Anleitung, selber einbauen. Der Erlös wird karitativ eingesetzt.
Anschliessend schlenderte ich durch die Gassen und Gässchen, die teilweise sehr Harry-Potter-mässig daherkommen. Auf dem Markt gönnte ich mir einen Park Pie, bevor ich zum Amphitheater und dem Schloss spazierte. Das Wetter war nicht grossartig, aber trocken und warm genug, dass ich da ohne Jacke rumschlendern konnte.
Nach der Rückkehr hätte ich direkt aufs Schiff gehen können, aber ich zog es vor, beim Albert Dock auszusteigen und mir doch noch einen kleinen Teil von Liverpool anzusehen. Und eine Teepause gab’s natürlich auch, wenn auch nicht so crazy wie bei Alice …
Die Bauten in Liverpool sind bunt gemischt: Klasssizistisch, Gregorianisch, Viktorianisch, modern bunt gemischt. Die gorssartige Fassade, die mich heute morgen begrüsst hatte, gehört zum Royal River Building – heute ein Museum. Die Vögel, die von unten etwas klein wirken, sind etwas höher als zwei Doppeldeckerbusse und stellen Liver Birds dar. König John wollte seinerseits ein Wappen für die Stadt, das auf seinem königlichen Siegel basierte. Allerdings ging dieses auf dem Weg zum Künstler verloren, und da dieser noch nie einen Adler gesehen hatte, aber gehört zu haben schien, dass das ein grosser Vogel sein, nahm er als Vorbild einen Kormoran – den grössten Vogel, den die Menschen hier kannten. Man sagt, einer der Vögel sei ein Männchen, der andere ein Weibchen. Das Weibchen schaut auf die See und wartet darauf, dass ihr Mann gesund heimkommt. Das Männchen schaut ins Landesinnere, was beim Fussball passiert, und wartet darauf, dass der Pub aufmacht.
Ich aber wartete gar nicht, sondern ging zurück aufs Schiff. Nicht, dass die AidaVita noch ohne mich weiterfährt …
Rechtzeitig zur Ausfahrt kam heute auch die Sonne zurück, sodass man den Aufenthalt an Deck hätte geniessen können. Da aber dort das Officer Shaken stattfand – eine Cocktailstunde mit den Offizieren der Aida, war es für meinen Geschmack zu laut und zu überlaufen, und ich zog mich wieder in eine meiner Nischen zurück. Die Schiffsrinne ist hier relativ schmal, links und rechts schauen teilweise Sandbänke hervor, in dahinter stehen zahlreiche Windräder. Die See ist wiederum sehr ruhig, und in der Nacht sollen die Wellen noch tiefer sein als bis jetzt: Knapp einen halben Meter sind gemeldet. Wird also wieder nichts mit in den Schlaf wiegen … Aber da ich doch wieder über 10 Kilometer spaziert bin, dürfte das Einschlafen auch so kein Problem werden.