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Während Sie diesen Artikel lesen, versucht irgendwo auf der Welt eine Forscherin oder ein Wissenschaftler, Viren «schärfer» zu machen. Sie sollen ansteckender werden oder gefährlicher, sich den gängigen Behandlungsmethoden entziehen, oder mehrere dieser Eigenschaften in sich vereinen.
In den USA beispielsweise werden derzeit Viren des Affenpockenviren-Stamms, der momentan weltweit für Infektionen sorgt, mit Dutzenden von Genen eines anderen Affenpockenviren-Stamms ausgestattet. Dieser andere Stamm ist mindestens zehnmal tödlicher. Das Vorhaben wurde 2018 genehmigt, die US-Steuerzahler finanzieren es – erfuhren aber erst jetzt in den Medien davon. «The Daily Mail» berichtete darüber.
Oft weichen Virologen bei ihrer Forschung auf harmlose Ersatzviren aus oder sie studieren nur einzelne Bestandteile von Viren, die für sich genommen ungefährlich sind. Immer wieder aber werden auch Experimente unternommen, bei denen Laien die Haare zu Berge stehen.
So zum Beispiel 2012, als Wissenschaftler Vogelgrippe-Viren derart veränderten, dass sie hochgefährlich für Frettchen (und mutmasslich auch für Menschen) wurden. Oder als sie den Erreger der Spanischen Grippe synthetisch nachbauten.
Mit Steuergeldern finanziert
Mitte Oktober setzten Forschende in Boston eine Erfolgsmeldung ab: Es sei ihnen gelungen, Viren zu erschaffen, die das Hochansteckende von «Omikron» mit dem Tödlichen des anfänglichen Sars-2-Virus in sich vereinen. Bezahlt haben diese Experimente US-amerikanische und deutsche Steuerzahler.
Anders als «Omikron», an dem keine einzige Versuchsmaus starb, verendeten acht von zehn Versuchsmäusen an diesem neuen Virus. Zudem entkam es den Antikörpern im Blut von geimpften Personen etwa gleich gut wie Omikron (Infosperber berichtete).
Man stelle sich vor, ein ähnliches Virus – hergestellt in einem Labor mitten in einer Stadt mit über 600’000 Einwohnern – würde versehentlich entkommen. «Omikron» infizierte innerhalb von rund 100 Tagen halb Europa. Was würde passieren, wenn sich ein solches neuartiges, viel tödlicheres Virus mit dem gleichen Tempo verbreitete und die Bevölkerung nicht immun dagegen wäre? In einem solchen Fall könnte die Versorgung ganzer Nationen mit Lebenswichtigem zusammenbrechen.
Weltweit gibt es gegenwärtig etwa 60 bis 70 Hochsicherheitslabore der höchsten Stufe BSL-4, allein in Europa befinden sich 25. Dreiviertel dieser Labore sind in Städten. Mindestens 27 weitere sollen weltweit gebaut werden. Doch nur ein Viertel der Länder mit BSL-4-Laboren hat bei einem Ranking in Bezug auf die Sicherheit gut abgeschnitten, berichteten zwei Wissenschaftler in «The Conversation». Die Schweiz gehörte dazu.
Schweizer Forschende müssen Haftpflichtversicherung abschliessen
Wissenschaftler in der Schweiz müssen unter anderem eine Haftpflichtversicherung abschliessen, wenn sie mit gentechnisch veränderten oder krankmachenden Organismen auf Sicherheitsstufe 3 (mässiges Risiko) oder 4 (hohes Risiko) arbeiten. Die Deckungssumme beträgt von Gesetzes wegen 20 Millionen Franken für allfällige Personen- und Sachschäden sowie zwei Millionen Franken zur Deckung von Schäden an der Umwelt.
Laborunfälle werden ganz überwiegend nicht registriert
Zu den BSL-4 Laboren kommen schätzungsweise 1’500 Labore der Sicherheitsstufe BSL-3. Auch hier: Tendenz steigend. Selbst in Ländern wie Deutschland ist nicht bekannt, wie viele BSL-3-Labore es gibt: «Eine zentrale Liste […] konnte […] nicht gefunden werden», heisst es in einem Bericht der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags.
«Sicher ist, dass diese Laborunfälle in grosser Zahl geschehen. Ich habe von einer dreistelligen Zahl gehört. Genau weiss das niemand.»Roland Wiesendanger, Professor an der Universität Hamburg
Wie viele Unfälle in Sicherheitslabors passieren, ist unbekannt. Laborunfälle mit Bakterien und Viren würden grösstenteils nicht erfasst, schreibt ein ehemaliger Professor des bekannten Pasteur-Instituts in Paris auf «the microbiologist». Es gibt keine weltweite Meldepflicht für Laborunfälle, und selbst in Ländern, wo es sie gibt, wird sie längst nicht immer eingehalten.
«Sicher ist, dass diese Laborunfälle in grosser Zahl geschehen. Ich habe von einer dreistelligen Zahl gehört. Genau weiss das niemand», sagt Roland Wiesendanger, Professor an der Universität Hamburg. Er beschäftigt sich seit Beginn der Pandemie mit der Herkunft des Virus. «Allein das Sars-CoV-1-Virus entkam mindestens viermal aus Laboren in China, Taiwan und Singapur. Deshalb ist es in hohem Masse leichtsinnig und verantwortungslos, solche Labore im Zentrum von Millionenmetropolen zu etablieren, wie dies zum Beispiel in Wuhan, aber auch in vielen europäischen Grossstädten, der Fall ist.» Zusammen mit Kollegen fordert Wiesendanger ein sofortiges Moratorium für die Forschung mit gefährlichen, potenziell pandemie-auslösenden Erregern und die Schaffung einer «International Pandemic Pathogen Agency» nach dem Vorbild der «Internationalen Atomenergie Agentur», die solche Vorhaben überwacht und notfalls verbietet (Infosperber berichtete).
«The Intercept» berichtete nach Durchsicht offizieller Dokumente von Hunderten von Laborunfällen in den letzten 18 Jahren – allein in den USA.
Rund drei Viertel der Laborunfälle sind auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen, so eine Schätzung.
Einige Beispiele für Laborunfälle:
- Vermutlich sechsmal entkam das Sars-1-Virus laut einem Artikel im «Bulletin of the Atomic Scientists» aus Laboren in China, Taiwan und Singapur. In einem Fall infizierte sich 2003 ein Student, der gar nicht mit diesen Viren gearbeitet hatte. Seine Virenproben waren mit Sars-Viren kontaminiert. Im Verlauf von Tagen konsultierte er zwei Ärzte und die Notfallstation eines Spitals, bis er schliesslich Tage später stationär in das Spital aufgenommen wurde.
In einem anderen Fall erkrankte ein Wissenschaftler auf oder kurz nach einem Rückflug von einer Konferenz in Singapur nach Taiwan an Sars. Er ahnte, dass er sich bereits vor seiner Abreise nach Singapur damit infiziert hatte, schwieg aus Angst vor Schimpf und Schande aber und blieb fünf Tage zu Hause. Erst als sein Vater ihm angeblich mit Suizid drohte, begab er sich in ein Spital. Angesteckt hatte er sich vermutlich beim Versuch, aus einem Sack auslaufende Laborabfälle zu entsorgen. Alle seine etwa 70 Kontaktpersonen in Singapur kamen in Quarantäne, niemand steckte sich an.
Weitere Fälle betrafen zwei Forschende in China, die nicht mit Sars-Viren gearbeitet hatten, sich aber dennoch irgendwie ansteckten. Noch krank, reiste eine der beiden mit dem Zug heim. Sie steckte ihre Mutter an, die starb. Es kam insgesamt zu neun Erkrankungsfällen. Die Ursache des Ausbruchs waren dem Vernehmen nach ungenügend inaktivierte Sars-Viren, die in einer Zubereitung in einem normalen Labor herumstanden.
- 2007 gelangten kontaminierte Abwässer aus dem Leck eines Hochsicherheitslabors im britischen Surrey in die Umwelt. Starke Regenfälle trugen dazu bei, dass die Abwässer sich mit dem Schlamm auf einem Baugelände mischten, von wo aus Lastwagen den Schlamm mit den Reifen weiterverbreiteten. In der Umgebung erkrankten in der Folge fast 280 Tiere an Maul- und Klauenseuche und wurden getötet, rund 1’600 weitere wurden ebenfalls gekeult. Grossbritannien durfte zeitweise kein Fleisch mehr exportieren, der ökonomische Schaden belief sich Schätzungen zufolge auf etwa 200 Millionen Pfund.
- In einem Labor mitten in Manhattan biss ein Frettchen, das absichtlich mit der «Spanischen Grippe» infiziert worden war, einen Forscher durch zwei Paar Schutzhandschuhe hindurch in die Hand. Das Risiko einer Ansteckung wurde als klein erachtet. Der Forscher bekam eine Grippeimpfung und das Grippemittel Tamiflu. Mit der Weisung, sich in einer der am dichtest besiedelten Städte der USA daheim in Quarantäne zu begeben, wurde er nach Hause geschickt. Der Hergang, der sich 2011 zutrug, wurde jetzt erst öffentlich bekannt.
- 2014 flossen im belgischen Städtchen Rixensart 45 Liter einer konzentrierten Lösung mit abgeschwächten Polio-Viren in die Umwelt. Daraufhin wurden Personen, die mit Wasser des dortigen Flusses in Kontakt kamen, sicherheitshalber gegen Kinderlähmung geimpft.
- Eine Studentin in den USA verschwieg tagelang, dass sie sich 2016 in einem BSL-3 Sicherheitslabor einen Nadelstich zuzog, als sie einer infizierten Maus etwas spritzte. Sie kam mit einer gefährlichen Chikungunya-Infektion ins Spital. Eine andere Studentin steckte sich vermutlich im Labor mit Salmonellen an, sagte aber, die Infektion rühre von einem Sandwich her. Viele Labormitarbeiter seien Studierende. Wenn sie Sicherheitsprobleme ansprechen würden, könne dies ihren «Karriere-Suizid» bedeuten, schrieb «The Intercept».
- Aus einer unzureichend desinfizierten Anlage im chinesischen Lanzhou entwichen im Sommer 2019 Brucella-Bakterien, die sich mit dem Wind verteilten. Bis November 2019 erkrankten mehr als 10’000 Menschen in der Umgebung an Brucellose.
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- Im November 2021 infizierte sich eine vollständig gegen Covid geimpfte Labormitarbeiterin in Taiwan mit der Delta-Variante. Sie steckte sich bei infizierten Versuchstieren an, wie der genetische Vergleich der Viren bewies. Eine Untersuchung ergab, dass das Laborpersonal vorgeschriebene Sicherheitsregeln grob missachtet hatte. Die Angestellte kündigte nach dem Vorfall selbst, ihr Chef ging (wie sowieso geplant) in Rente. Besonders stossend war, dass ebendieser Chef der oben erwähnte Wissenschaftler war, der sich 2003 mit Sars angesteckt hatte. Aufgrund des damaligen Vorfalls erliess Taiwan im Jahr 2003 strengere Sicherheitsregeln – die aber offenkundig nicht genügten. Gegenüber dem Wissenschaftsmagazin «Science» sagte der betroffene Wissenschaftler, Laborunfälle seien nie komplett vermeidbar.
Mehrere Zehntausend Menschen weltweit können Viren kreieren
Etwa 30’000 promovierte Personen verfügen derzeit über die Fähigkeiten, unkomplizierte Bauanleitungen fürs Zusammenbauen von Viren auszuführen, schreibt der US-Professor Kevin Esvelt in einem aktuellen Bericht des «Geneva Centre for Security Policy». Allein in den USA hätten in den letzten 20 Jahren circa 2’500 Menschen einen Doktortitel in Virologie erlangt, dazu kämen Bioingenieure, Biomedizinerinnen und synthetische Biologen, die ebenfalls in der Lage sind, Viren zu erschaffen.
«Schritt-für-Schritt-Bauanleitungen, mit denen ansteckende Viren aus einer Erbgutsequenz und Standard-Laborreagenzien hergestellt werden können, sind weithin verfügbar, speziell detaillierte und verlässliche Instruktionen gibt es für Grippe- und Coronaviren, also den Familien, die mindestens fünf Pandemien verursacht haben», so Esvelt. Selbst besonders fähige Extremisten wären in der Lage, Viren herzustellen, die eine Pandemie verursachen und den bekannten Schutzmassnahmen trotzen könnten.
Die Bauteile für ein Spanisches Grippevirus kosten 1’500 Dollar
Esvelt liefert auch Zahlen: Die Preise für die Bauteile von Viren sind in den letzten 20 Jahren stark gefallen. Für rund 1’500 Dollar könne man alle Bausteine kaufen, die es brauche, um beispielsweise das Virus herzustellen, das die Spanische Gruppe verursachte. Um ein Coronavirus zu konstruieren, müsse man circa 2’000 Dollar aufwenden. Dazu addierten sich Reagenzien und die Laboraustattung, die meist für unter 50’000 Dollar erhältlich seien.
Der grösste Verkäufer von Gen-Bausteinen prüfe bei besonders heiklen Virus-Bestandteilen, an wen er verkaufe; kleine Anbieter täten dies vermutlich nicht, so dass auch dubiose Gestalten an die Virus-Bausteine gelangen könnten, schreibt Esvelt.
Gegenwärtig erarbeiten verschiedene Gruppen Vorschläge, wie die Forschung mit gefährlichen Erregern besser reguliert und überwacht werden kann.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.