Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/2143

Spätestens seit der 750-Jahrfeier im Jahre 1976 weiss man es: Gunzgen ist nicht etwa nur ein, vor allem in den letzten Jahren, etwas aus den Fugen geratener Weiler ohne grosse Vergangenheit. Aus den geschichtlichen Reminiszenzen, welche alt Gemeindeammann Walter Aerni im Jahre 1976 für die damalige Festschrift zusammengetragen hat, entnehmen wir, dass Gunzgen eine Geschichte hat - eine Geschichte, welche notabene älter ist als jene der alten Eidgenossenschaft!
Wann alles angefangen hat, weiss eigentlich niemand so genau. Erstmals schriftlich erwähnt wird unser Dorf in einer Urkunde aus dem Jahre 1226, in welcher Bischof Heinrich von Basel dem Grafen Adalbero von Froburg bestätigt, dass letzterem auf ewige Zeiten unter anderem ein Freigut in "Gunzichon" vermacht worden sei.
Nun stammt aber der Name "Gunzichon" aus dem Alemannischen. Und da die Alemannen, wie wir uns alle aus dem Geschichtsunterricht erinnern, um das Jahr 500 n. Chr. in unsere Gegend eingewandert sind, darf mit Fug und Recht angenommen werden, dass "Gunzichon" mindestens 700 Jahre älter ist als besagte Urkunde. Gestützt wird diese Vermutung durch den Umstand, dass der Name "Gunzichon" von der vermutlich noch älteren Ortsbezeichnung "Gunzinchoven", welche allerdings nicht urkundlich verbürgt ist, abgeleitet sein dürfte.
Wenn man gar die im Stierenban und im Eichliban gemachten Streufunde aus der Jungsteinzeit und die Grabhügel aus der Hallstattzeit zur Bestimmung der Geburtsstunde unseres Dorfes heranzieht, kann mit Erstaunen festgestellt werden, dass eine erste, wenn vielleicht auch nur vorübergehende Besiedelung unseres Gemeindegebietes in die Jahre 850 bis 500 vor Christus zurückreicht. Soll noch jemand sagen, Gunzgen hätte keine Geschichte!
Doch wenden wir uns nun der Zeit nach 1226 zu. Eine nächste, wichtige Etappe in der Geschichte unseres Dorfes spielt im Jahre 1375. Damals verwüsteten Söldner des französischen Königs im Krieg gegen Herzog Leopold von Oesterreich weite Teile unseres Landes. Wie durch ein Wunder überstand die Siedlung Gunzichon das kriegerische Geschehen.
1415 kommt Gunzichon zu Bern und Solothurn. Acht Jahre später bahnt sich der erste Schritt zur heutigen Ortsbezeichnung an: Gunzichon heisst jetzt "Guntzkon". Über "Gunzigen" bis "Gunzgen" dürfte es nur noch ein kleiner Schritt gewesen sein. Die Berner verzichten 1463 auf ihren Besitzanteil und überlassen Gunzgen, zusammen mit Fulenbach, Boningen, Kappel, Wangen und Hägendorf den Solothurnern. Diese Siedlungen bilden zusammen mit der Herrschaft Fridau bis zum Jahre 1798 das niedere Amt Bechburg.
1515 zählt Gunzgen gemäss Bevölkerungsstatistik zirka 65 Einwohner. Diese Erhebung dient offensichtlich dem Zweck, dem Vogt von Bechburg einen Überblick über seine möglichen Steuerzahler zu verschaffen. Denn schon 1558 schreibt dieser an die Obrigkeit in Solothurn, Gunzgen weigere sich, seine jährlichen Abgaben zu bezahlen! Überhaupt scheinen die Gunzger darauf aus zu sein, sich mit der Obrigkeit anzulegen. 1619 sieht sich diese veranlasst, die Gunzger schriftlich zu ermahnen, die Steine von den Strassen zu räumen. Im Falle der Zuwiderhandlung werde Gunzgen mit einer empfindlichen Busse belegt.
1643 wird nach dreijähriger Bauzeit die St. Katharinen-Kapelle eingeweiht. Für das notwendige Bauholz hat der Vogt von Bechburg vor Baubeginn ein Gesuch an die Obrigkeit in Solothurn gestellt. Es handelt sich hier wahrscheinlich um eines der ersten Subventionsbegehren in unserem Kanton, mit dem Unterschied zu heute, dass der geforderte Zustupf nicht in Bargeld, sondern in Naturalien , in unserem Falle eben Bauholz, ausgerichtet wurde. Nicht unwesentlich zur Verwirklichung dieses Bauvorhabens beigetragen hat ein wohlhabender Gunzger Namens Hans Strub. Möglicherweise im Hinblick auf sein Seelenheil hat dieser 600 Gulden an die Kosten beigesteuert. Von dieser edlen Geste zeugt heute noch eine Gedenktafel an der Südwand unserer Pfarrkirche.
1687, genau genommen am 6. März, beschliesst die Obrigkeit in Solothurn, dass Gunzgen, Kappel und Boningen von Hägendorf abgetrennt werden und demzufolge eine eigene gemeinsame Pfarrei gründen können, deren Kirche in Gunzgen zu stehen habe. Flugs bestellt Gunzgen eine Woche später einen Pfarrer und beschliesst Ende Mai den Bau eines Pfarrhauses. Doch einige Tage später reklamiert Kappel den Pfarreisitz für sich. Und weil Kappel schon damals etwas grösser ist als Gunzgen, gibt die Regierung diesem Begehren statt. Damit wird die St. Katharinen-Kapelle zur Filiale der Pfarrei Kappel degradiert, was dem gegenseitigen Einvernehmen nicht gerade förderlich war. Ob wohl dieses Ereignis dazu geführt hat, dass der Volksmund heute noch behauptet, das Schönste an Kappel sei der Wegweiser nach Gunzgen?
1739 zählt Gunzgen 200 Einwohner und 38 Häuser. Zwar ist das Statistikwesen im Kanton Solothurn zu dieser Zeit noch nicht so weit entwickelt wie zum Beispiel im Kanton Genf, der glaubwürdig nachweisen kann, dass die durchschnittliche Lebenserwartung Anfangs des 18. Jahrhunderts um die dreissig Jahre beträgt. In Gunzgen weiss man immerhin, dass im Mittel zwei Kinder pro Familie üblich sind. Diese Zahl dürfte in den folgenden Jahren stark gestiegen sein, denn 1783 löst sich Gunzgen von Kappel und gründet eine eigene Schulgemeinde. Dieser wird 55 Jahre nach der Gründung vom kleinen Rat attestiert, dass sie ihre Sache besser mache als die Nachbargemeinden, obwohl die Ortsgemeinde Gunzgen sich nicht sonderlich um die Schule kümmere.
1816/1817 sind Hungerjahre infolge Missernten. Ausser einigen Bauern und Handwerkern sind die meisten Leute sehr arm, was vor allem junge Männer dazu bewegt, in fremde Kriegsdienste zu treten. Auch nachdem sich die Situation bessert, bleibt die Armut ein Problem, so dass 1832 eine Armenkommission eingesetzt werden muss. Über Jahre hinweg werden jene, denen es etwas besser geht verpflichtet, einige Körbe Kartoffeln, sowie einige Mass Gerste und Erbsen als Almosen für die Notleidenden bereitzuhalten. Als almosenberechtigt gilt nur, wer dafür eine behördliche Bestätigung einholt. Wer über dieses Papier verfügt, darf jeweils nach dem Sonntagsgottesdienst nach Almosen betteln gehen.
1837 zählt Gunzgen bereits 539 Einwohner. Fünf Jahre später besuchen 75 Schüler die Landschule im eigenen Dorf. Der einzige Lehrer bezieht ein Jahresgehalt von 150 Franken. Dieser macht seine Sache so gut, dass Gunzgen laut Bericht des Erziehungsdepartementes in Bezug auf die Ausbildungsqualität von 18 geprüften Schulen im Bezirk Olten den 5. Rang belegt. Im gleichen Bericht wird festgehalten, dass Gunzgen ein anderes Schulzimmer benötigt, was 1845 zum Bau eines neuen Schulhauses führt. Die Kosten für den Neubau belaufen sich auf 4'000 Franken.
1854 ist wohl das bitterste Jahr in der neueren Geschichte unseres Dorfes. Die anhaltende Notlage zwingt 27 Männer und Frauen zusammen mit 31 Jugendlichen zur Auswanderung nach Amerika. Die für damalige Verhältnisse immensen Reisekosten in der Höhe von insgesamt 12'000 Franken müssen durch die Gemeinde aufgebracht werden. Diese versucht durch den Verkauf von Eichen und Rinden, sowie Erträgen aus Gülten, den finaziellen Schaden in Grenzen zu halten. Allen Schwierigkeiten zum Trotz kann 6 Jahre später die alte Kapelle erweitert und zur Pfarrkirche ausgebaut werden. Gleichzeitig wird die Pfarrei selbständig und der erste Pfarrer wird definitiv eingesetzt.
1880 zählt Gunzgen nur noch 366 Einwohner. Trotzdem wird drei Jahre später eine zweite Feuerspritze angeschafft. Es vergehen zehn Jahre, bis sich dieser Kauf als weitsichtige Entscheidung erweist, denn das Jahr 1893 ist das Jahr der Feuersbrünste. Am 10. April fallen 7 Häuser den Flammen zum Opfer, 47 Personen werden obdachlos und ein Teil der Gemeindebücher geht unwiederbringlich verloren. Nur 5 Tage später brennen im Forenban 2,5 Jucharten Wald nieder und am 5. Mai zerstört eine weitere Brandkatastrophe in der Allmend nochmals 4 Häuser. Dabei verlieren 26 Personen ihr Dach über dem Kopf.
1905 gründet Hägenorf eine Bezirksschule. Im ersten Jahr wird diese von nur gerade zwei Schülern aus Gunzgen besucht, die übrigen bleiben weiterhin in Neuendorf, bis das Erziehungsdepartement dies unterbindet und Gunzgen von Amtes wegen dem Bezirksschulkreis Hägendorf zuteilt. Einmal mehr muss Gunzgen sich wider Willen einem Obrigkeitlichen Erlass beugen.
1909 erfolgt das wohl letzte Ereignis in unserer Chronologie, das die Entwicklung unserer Gemeinde in der Vergangenheit mitgeprägt und deshalb gewissermassen Anspruch auf historischen Charakter hat: An der Gemeindeversammlung vom Sonntag, den 14. März wird die Ausscheidung der drei Spezialgemeinden, nämlich Einwohner- Bürger- und Kirchgemeinde, beschlossen. Damit wurde gewissermassen ein jahrhunderte langer Entwicklungsprozess abgeschlossen.
Beenden wir doch unseren historischen Streifzug mit einem kleinen Zahlenspiel im Zusammenhang mit der Bevölkerungs-Entwicklung unseres Dorfes. Wie bereits festgestellt, zählte Gunzgen anno 1837 vorübergehend 539 Einwohner. Im Jahre 1880, also 43 Jahre später war der Bestand auf 366 gesunken. Bis 1950 stieg die Zahl wieder auf 582, was einer Zunahme von 216 Köpfen in einem Zeitraum von 70 Jahren gleichkommt. In den nächsten 25 Jahren wurde ein Anstieg um 242 auf 824 Personen redistriert. Im Jahre 1988 konnte der 1000. Einwohner gefeiert werden. Heute zählt Gunzgen 1'640 Einwohner (Stand Dezember 2011).
Sie sehen - Gunzgen ist nicht mehr Gunzichon
Hinweis:
Ende August 2011 ist das 240-seitige Buch "Gunzger Geschichten" erschienen.
Darin sind 100 interessante Geschichten und Anekdoten - die meisten aus den letzten zwei Jahrhunderten - aufgezeichnet und mit Bildern illustriert. Zudem enthält das Buch 10 Biografien von Gunzger Persönlichkeiten und Originalen.
Das Buch ist immer noch zum Subskriptionspreis von Fr. 36.- erhältlich,
- entweder am Schalter der Gemeindeverwaltung oder
- direkt beim Autor Walter Aerni <email-pii>