Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03413.jsonl.gz/1899

Zukunft Friedhof – Bedeutung und Potenziale als öffentlicher Raum
Diplomarbeit einer Weiterbildung
Ausgehend von einer Arbeit im Rahmen des MAS Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung an der Hochschule Luzern HSLU spricht der Raumplaner Beat Geiger über die Bedürfnisse und Herausforderungen der Friedhofsnutzung aus planerischer und sozialräumlicher Sicht.
Friedhöfe sind Teil des öffentlichen Raumes. Sie befinden sich häufig in umfassend erschlossenen Lagen und bilden einen zentralen Bestandteil des Siedlungsgefüges. Neben der Zweckbestimmung als Ort der Totenruhe haben Friedhöfe weitere gesellschaftliche, kulturelle und stadtklimatische Funktionen. Mit der angestrebten Siedlungsentwicklung nach innen geraten unbebaute Flächen, damit auch Friedhöfe, jedoch zunehmend unter Druck.
Im Rahmen der Masterthesis des MAS Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung HSLU wurden anhand teilnehmender Beobachtungen und Expert:inneninterviews die Bedürfnisse und Herausforderungen der zukünftigen Nutzung von Friedhöfen aus planerischer und sozialräumlicher Perspektive untersucht.
Als theoretisches Konstrukt der sozialräumlichen Überlegungen diente die Publikation von Henri Lefebvre1, einem französischen Philosophen sowie Stadt- und Raumtheoretiker. Die raumplanerischen Grundlagen bildeten die rechtlichen Bestimmungen der Raumplanungsgesetzgebung.
Lefebvre beschrieb den Raum als gesellschaftliches Produkt und Ergebnis von Beziehungsverhältnissen. Der (soziale) Raum ist ein (soziales) Produkt. Er ist das Ergebnis von Beziehungsverhältnissen, wobei sich Raum und Gesellschaft gegenseitig bedingen. Lefebvre untergliederte den Raum in folgende drei Ebenen: räumliche Praktiken, Repräsentation des Raumes und Räume der Repräsentationen. Diese drei Ebenen bedingen sich gegenseitig und bilden einen in sich selbstständigen Produktionsprozess.
Im Hinblick auf den Raum Friedhof scheinen die sozialräumlichen Theorien und Überlegungen von Lefebvre als triadisches Konzept bedeutsam zu sein, da er vom dynamischen Gegenüber des gebauten, geplanten und gelebten Raumes abhängig ist. Die normierten und gesellschaftlich-ethischen Eigenheiten des öffentlichen Raumes Friedhofs sowie dessen Identität sind Faktoren, um den nichtmateriellen Wert erfassen zu können.
Anhand der Raumrepräsentation wird deutlich, dass es sich beim Friedhof um einen konstruierten Raum handelt, der durch Elemente der Architektur, der Bepflanzung und der Gestaltung charakterisiert ist. Es sind ästhetische und insbesondere auch normative Ideen, die für den Raum Friedhof handlungsleitend sind. Zugleich hat sich gezeigt, dass sich trotz der primären Funktion als Bestattungsort sowie der Bedeutungszuschreibungen an den Ort eine progressivere Entwicklung aus der sozialen Praxis heraus ergeben kann. Dies zeigt sich beispielsweise am bereits erfolgreich umgesetzten Projekt «Friedbühlanlage» beim Bremgartenfriedhof in Bern. Es kann aber auch auf weit frühere Umnutzungen verwiesen werden. Heute beliebte Parkanlagen in der Stadt Bern, z. B. der Rosengarten, der Monbijoupark und die Münsterplattform, wurden teilweise bis ins 19. Jahrhundert hinein als Friedhöfe genutzt.
Fallbeispiel Friedhof Bümpliz
Mit den empirischen Methoden wurde der Raum Friedhof anhand des Fallbeispiels Friedhof Bümpliz untersucht. Der Friedhof Bümpliz wurde mitunter als Fallbeispiel ausgewählt, da eine im Jahr 2021 geführte Debatte um die Schliessung des Friedhofs zu emotionalen Reaktionen führte. Über 5’000 Personen unterzeichneten eine Petition, mit der der Erhalt des Friedhofs gefordert wurde.
Anhand der Untersuchungen vor Ort wurde deutlich, dass der Friedhof als Raum in vielerlei Hinsicht anders als die übrigen öffentliche Räume funktioniert. Vorgaben im Hinblick auf die Raumnutzung scheinen weniger zentral, da die Nutzung des Friedhofes durch soziale Gepflogenheiten und Bedeutungszuschreibungen geregelt ist. Sind in anderen öffentlichen Parkanlagen häufig Vandalismus, Littering und Lärmbelästigungen zu verzeichnen, bleibt der Friedhof aufgrund seiner normierten Struktur sowie der Bedeutungszuweisungen verschont von solchen Verhaltensweisen.
Die Abgrenzung nach aussen ist auch in Bümpliz noch heute das zentrale Element des Friedhofs. Die Einfriedung erfüllt, wie bei anderen Anlagen auch, verschiedene Funktionen. Einerseits dient sie der Verhinderung von Ruhestörungen, andererseits der Abgrenzung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Die Einfriedung hat für den Raum eine bedeutsame Funktion, indem sie den Raumkörper nach innen raumbildend macht.
Insbesondere wirkt sich auch die Bestattungsfunktion des Friedhofs entscheidend auf die Struktur und das Erscheinungsbild des Raumes aus. Je nach Art der Gräber sind daher Wegstrukturen, Grünflächen und Bepflanzungen unterschiedlich. Das Wegsystem dient heute als Verbindungselement zwischen den angrenzenden Quartieren. Es handelt sich um optimale sowie sichere Verbindungwege für viele Menschen in der Umgebung der Anlage.
Aufgrund der Veränderungen der Sepulkralkultur ist der Wandel insbesondere bei Aussenräumen stark. Durch die Abnahme der Sarg- und die Zunahme der Urnen- sowie Gemeinschaftsgrabbestattungen wird pro Sterbefall weniger Fläche beansprucht. Durch die regelmässige Aufhebung von Gräbern nach der abgelaufenen Grabesruhe vergrössert sich die Überhangfläche zusätzlich. Diese Flächen verursachen einen hohen Pflegeaufwand, generieren jedoch keine Erträge mehr. Der zukünftige Umgang mit solchen Freiflächen ist demnach auch aus ökonomischen Gesichtspunkten zu überprüfen.
Die Stadt Bern hat sich der Bedürfnisse der Bevölkerung im Hinblick auf die zunehmende Individualisierung, die unterschiedlichen Ansprüche der Religionen und den Druck durch das sich verändernde Klima aktiv angenommen. Anhand der unterschiedlichen Bestattungsangebote wird ersichtlich, dass sich die Bedürfnisse gewandelt haben und bestmöglich darauf eingegangen wird. Darüber hinaus wurden Möglichkeiten für Begegnungen und Angebote für Besuchende geschaffen. Im Rahmen der Beobachtungen konnte ein differenziertes sowie vielfältiges Bild der Nutzung gewonnen werden. Zu nahezu allen Tageszeiten sind Menschen unterschiedlichen Alters anzutreffen. Ältere Personen tauschen sich aus, Kinder passieren die Anlage auf dem Weg zur Schule und Berufstätige verköstigen ihr Mittagessen auf Sitzbänken. Trotz der Zweckbestimmung als Bestattungsort liess sich eine facettenreiche Nutzung unterschiedlicher Besucher*innen beobachten.
Der Friedhof ist wesentlich von den Planer*innen geprägt. Sowohl die Struktur des Friedhofs als auch die konzeptionellen Überlegungen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Funktionen der Anlage. Die Herausforderung in diesem Kontext ist, auf das horrende Tempo der gesellschaftlichen Veränderung zu reagieren. Die gesellschaftlichen Bedürfnisse und Anforderungen an den öffentlichen Raum sind nur schwer vorherzusehen. Daher sind eine umfassende Anpassungsfähigkeit der städtischen Behörden und eine breite Auseinandersetzung der Planer*innen mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen erforderlich.
Die Tabuisierung des Todes und des Sterbens und der Säkularisierung hat dazu geführt, dass sich viele Menschen vom Raum Friedhof abwenden. Es sollte das Ziel sein, den Friedhof zu einem Teil des Lebens, nicht des Sterbens zu machen, und infolgedessen in partizipativen Prozessen auch Personen anzusprechen, die keiner Religion angehören.
Um den Friedhof daher als öffentlichen Raum wahrzunehmen, bedingt es zwingend einer Integration in gleichwertige Diskussionen im Hinblick auf andere Grün- und Freiräume. Es ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit der langfristigen Entwicklung der übergeordneten Leitbilder sowie der (Grünraum-)Entwicklungskonzepte erforderlich. Es sind Anstrengungen sowie bewusste Entscheide nötig, um die Bedürfnisse der Bevölkerung und weiterer Anspruchsgruppen geordnet erfassen und gemeinsam auf eine strategische Zielebene bringen zu können.
In Anbetracht der Megatrends der Gesellschaft sind Angebote für die neuen Generationen mit Mut und einer Portion Selbstverständlichkeit auszurichten. Mit traditionellen Konventionen in Konflikt zu geraten, kann nicht gänzlich vermieden werden. Es sollten kreative neue Angebote geschaffen werden, um so auch im Zuge der Siedlungsentwicklung nach innen den steigenden Bedarf an wertvollen Aussenräumen zu decken. Durch geringere Schwellen kann es gelingen, die Räume umfassender miteinander zu verweben. Auf diese Weise erscheint es möglich, den Raum zu entstigmatisieren und ihm eine zusätzliche Attraktivität zu verleihen.
Aufgrund der verdichteten Bauweise sind grosszügige Grünflächen zur Erholung erforderlich. Eine klare Nutzungszuweisung der verschiedenen Freiräume kann dabei helfen, diese Erholungsräume abzusichern. Der Friedhof kann als öffentlicher Freiraum funktionieren, mit dem die Bedürfnisse nach Ruhe und Rückzug befriedigt werden können. Mit einem Blick auf die Vergangenheit von Friedhofsanlagen wird aber auch ersichtlich, dass sie früher Teil des pulsierenden Lebens waren. So waren Friedhöfe (damals sog. Kirchhöfe) als Bestattungsorte zentral gelegen und belebte Treffpunkte der Bevölkerung für offizielle Aktivitäten. Es ging mitunter laut und lebendig zu. Sie dienten auch als Versammlungs- oder Gerichtsorte und waren Räume des freizeitlichen Lebens.
Durch die Auseinandersetzung mit derartigen historischen Entwicklungen können normative Handlungen – beim Friedhof sind heute die Handlungen durch das normative Modell der Pietät gegeben – vertiefter diskutiert werden. Die Entscheide zur zukünftigen Nutzung von Friedhofanlagen sollten nicht nur in informellen Planungsinstrumenten stipuliert, sondern auch raumplanerisch verbindlich abgesichert werden.
Die historischen Herleitungen kombiniert mit den Untersuchungen zum Raum als soziales Produkt zeigen auf, wie umfassend der Friedhof gesellschaftlichen Entwicklungen unterworfen ist. Durch politische Diskussionen und partizipative Ansätze sollte es ermöglicht werden, die zukünftige Ausrichtung sowie Entwicklung der Friedhöfe abzuwägen und die Massnahmen zur Initiierung der Weiterentwicklung dieses Raumes für die nächste Generation zu treffen. Die Diskrepanz zwischen einem Ruheort und einem Ort mit mehr Leben ist an keinem anderen öffentlichen Ort so gross wie auf dem Friedhof.
Die Maxime, Räume nicht nur funktional zu werten, müssen handlungsleitend werden. Das Erkennen der Verbindung zwischen dem gebauten, geplanten sowie gelebten Raum und dem Raum als soziales Produkt, aber auch des Zusammenwirkens dieser Räume, ist aus Sicht raumplanerischer Überlegungen zentral.
Hinweis: Es handelt sich beim vorliegenden Dokument um eine Zusammenfassung. Die Quellenangaben sind der vollständigen Masterthesis zu entnehmen.
- Henri Lefebvre (1974); «Die Produktion des Raums»: Lefebvre beschrieb den Raum als gesellschaftliches Produkt und Ergebnis von Beziehungsverhältnissen. Der (soziale) Raum ist ein (soziales) Produkt. Er ist das Ergebnis von Beziehungsverhältnissen, wobei sich Raum und Gesellschaft gegenseitig bedingen. Lefebvre untergliederte den Raum in folgende drei Ebenen: räumliche Praktiken, Repräsentation des Raumes und Räume der Repräsentationen. Diese drei Ebenen bedingen sich gegenseitig und bilden einen in sich selbstständigen Produktionsprozess.
MAS Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung
Die Masterthesis wurden im Rahmen der Weiterbildung «MAS Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung» an der Hochschule Luzern HSLU verfasst. Das MAS-Programm ist ein Kooperationsangebot der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und der Hochschule Luzern – Wirtschaft.
Begleitet wurde die Arbeit durch Dr. Markus Gmünder und Dr. Stephanie Weiss.
Autor
Beat Geiger / Panorama AG, Teilhaber, Raumplaner FSU / Dipl. Bauverwalter / Dipl. Gemeindeschreiber