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von Al’Leu
Der Maler und Bildhauer Karl Lukas Honegger wurde im August 1902 geboren. Er wuchs in Zürich als Sohn eines bescheidenen kaufmännischen Angestellten einer alteingesessenen Seidenfirma auf. Seine Mutter stammte aus dem böhmischen Österreich. Der Vater aus dem Zürcher Oberland. Zusammen mit seiner Schwester erlebte er eine beschützte Kindheit.
Nach der zweiten Sekundarklasse absolvierte er eine dreijährige Lehre als Theatermaler. Im Lehrbetrieb wurden vor allem die Kulissen für das Stadttheater Zürich ausgeführt.
Am 2. Mai 1923 reiste er per Zug nach Berlin, wo er seine Ausbildung zum Kunstmaler an der privaten Reimann- Kunstschule begann. Für den aus dem bürgerlichen Zürich kommenden Karl Lukas Honegger war Berlin eine faszinierende, aber auch verwirrend fremde Stadt. Berlin war kurz davor, die drittgrösste Metropole der Welt zu werden. Der Spartakus-Aufstand war immer wieder Anlass zu Schiessereien, welche zahlreiche Tote forderten.
Die Auswirkungen der Hyperinflation sind bei Honeggers Ankunft in Berlin unerträglich, das Geld entwertet sich beinahe im Stundentakt. Die Lebensmittelpreise waren explodiert, ein Ei kostete 320 Milliarden, eine Packung Butter 5,6 Billionen Mark. Massenelend und grenzenlose Verschwendungssucht erreichten im Berlin von 1923 ein noch nie gesehenes Ausmass. Während die Mehrheit verzweifelt gegen den Hungertod kämpfte, war eine Minderheit so unersättlich verschwendungssüchtig, als gäbe es kein morgen.
Karl Lukas Honegger konnte ohne Aufnahmeprüfung an die Berliner Kunsthochschule wechseln. Er verliess diese jedoch bald wieder wegen dem unfairen Verhalten einiger Mitstudenten.
Um die damals aktuellen Kunstströmungen kümmerte sich Honegger wenig und gab auch offen zu, diese nicht zu verstehen. Eine Ausnahme bildete die im Berlin der Zwanzigerjahre erstarkende Bewegung der Neuen Sachlichkeit. Diese kam mit ihrer magisch klaren Formgebung seinen künstlerischen Vorstellungen entgegen. Im Bildverständnis der Neuen Sachlichkeit schuf Karl Lukas Honegger vor allem beeindruckende Bildnisse wie das vom Gutsbesitzer Herr von Hagen und sein Selbstbildnis mit Pelzmütze.
Doch die wirklich entscheidenden Wertmassstäbe für sein künstlerisches Schaffen waren die alten Meister und der Formenreichtum der Natur.
Wenn man Honeggers Werke der zwanziger und dreissiger Jahre durchsieht, findet man immer wieder deutliche Einflüsse deutscher Lichtmaler wie Adolf von Menzel, Max Liebermann und Max Slevogt. Ein meisterhaftes Beispiel dafür ist das Landschaftsbild Vorfrühling im Osthavelland.
Bedeutend ist auch der Einfluss der deutschen Romantik auf Honeggers Kunstverständnis und Weltbild. In ihr fand er das, was er besonders schätzte Geheimnisdurchdrungenen Geist, Lieblichkeit, Herbheit und Gemütstiefe.
Honegger betrachtete die französischen Maler der damaligen Moderne als oberflächliche Formalisten und als zu augenorientierte Sinnesmenschen. In der deutschen Kunst fand er Werke, die seiner Ansicht nach viel mehr das Gemüt betonten und inhaltliche Werte viel stärker ins Zentrum der künstlerischen Aussage stellten. Der immer heftiger werdende Zweite Weltkrieg zwang Karl Lukas Honegger zur Rücksiedlung in die Schweiz. Er empfand diesen Neuanfang als den schwersten in seiner Künstlerexistenz.
In der damals stark auf Frankreich ausgerichteten Kunstszene der Schweiz war er zwangsläufig ein Aussenseiter und blieb dies auch, da er nicht gewillt war, opportunistisch die aktuellen Themen und die stilistischen Eigenheiten des herrschenden Zeitgeistes in sein Schaffen einzubeziehen.
Mit 45 Jahren beschloss er, bei Alfons Maag (1891 bis 1967) in die Bildhauerlehre zu gehen. Diese Ausbildung dauerte fünf Jahre. In Alfons Maag hatte er einen strengen Meister in der Tradition der Adolf von Hildebrand-Schule gefunden, welcher ihn gründlich im Modellieren und in den Techniken der Steinbildhauerei unterwies.
In seinem Atelier in Zollikon und später in der idyllischen Kittenmühle entstanden eine beachtliche Zahl von Tier-, Akt- und Bildnisskulpturen aus Stein sowie Plastiken in den unterschiedlichsten Formaten aus Bronze und Gips.
Seine Bilder und Zeichnungen wurden durch Reisen und Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen inspiriert. Zahlreiche Werke entstanden aus Karl Lukas Honeggers religiöser Vorstellungswelt, die sein ganzes Erwachsenenleben geprägt hat. Ein Schlüsselerlebnis für diese Motive war zweifellos sein Besuch bei Therese Neumann. Die mythische Seherin ermahnte ihn in jungen Jahren, sich nicht dem herrschenden Zeitgeist anzupassen.
Karl Lukas Honegger war ein Künstler, der immer ehrlich seiner eigenen Vorstellungswelt treu geblieben ist. Er schielte auch nie aus wirtschaftlichen oder anderen Gründen auf Gängiges, sondern folgte in seinem Schaffen immer seiner inneren Stimme.
Dies macht den 2003 im Alter von 101 Jahren verstorbenen Karl Lukas Honegger für die Nachwelt nicht nur als eigenwillige Künstlerpersönlichkeit interessant, sondern auch als einen zum Expressiven neigenden Dokumentaristen seiner Psyche, seiner Wertvorstellungen und seiner grossen Erlebens- und Darstellungskraft …