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Hr. Hentig empfiehlt, statt »endgiltig« zu sagen »in höchster Instanz«; denn »endgiltig« entschieden sei eine Sache auch dann, wenn sie von einem Amtsgericht entschieden, dagegen kein Rechtsmittel eingelegt und so das Erkenntnis rechtskräftig geworden sei. Es dürfte durchaus schädlich wirken, wenn für die Veröffentlichung in der Zeitschrift andere Entscheidungen in Betracht kommen sollten, als diejenigen letzter Instanz. Es würden bei Annahme seines Antrages nur solche Rechtsfragen zur Kenntnis der Leser gelangen, die vom Reichsgericht entschieden seien, denn nur diese Autorität könne für das praktische Leben eine Richtschnur geben, wie man zu handeln habe, wenn man im Einklange mit der Rechtsprechung bleiben wolle.
Hr. Zeman empfiehlt, es bei der vom Vorstande vorgeschlagenen Wortfassung zu belassen. Es handle sich ja zunächst um einen Versuch, um eine Aufforderung und Ermächtigung für die Redaction der Zeitschrift, gewisse Rechtsfragen zu behandeln, und der Generalsekretär sei durch die gegenwärtigen Verhandlungen des Vereines unterrichtet. Der Antrag des Hrn. Hentig sei eine Amendirung des Vorstandsantrages, und eine solche sei nach dem Statute nicht zulässig, sondern nur Annahme oder Ablehnung.
Hr. Hentig macht auf die Schwierigkeiten aufmerksam, welche der Redaction erwachsen möchten, wenn man durch den Wortlaut des Beschlusses derselben zu weiten Spielraum gäbe; sie würde den Ansprüchen interessirter Parteien ausgesetzt werden, welche günstige Entscheidungen, auch wenn
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noch nicht in letzter Instanz gefällt, für ihr Geschäft auszunutzen versuchen würden. In solchem Falle würde ihr auch die formelle Bearbeitung Schwierigkeiten bereiten. Das sei aber nicht der Fall, wenn die Fassung angenommen würde, wonach nur Reichsgerichtsentscheidungen publicirt werden dürfen, weil diese vom Reichsgerichte selbst für die Publication vorbereitet und alles desjenigen Inhaltes, der die Parteien kennzeichne und einen anderen als rechtlichen Hintergrund habe, möglichst entkleidet werden. Das Reichsgericht suche eben schon die Sache so darzustellen, den betreffenden Process so vollständig loszulösen von allen geschäftlichen Beziehungen, dass in den meisten Fällen auch nicht einmal die mit der Sache Vertrauten die Parteien wieder erkennen können, ausser durch die mitveröffentlichten Anfangsbuchstaben der betreffenden Namen. Um also die Redaction der Vereinszeitschrift von dieser Mühsal zu entlasten und sie nicht
der Gefahr auszusetzen, der Gegenstand von Angriffen zu
werden nach der Richtung hin, dass diese Aufnahme versagt, jene gestattet würde, aus diesen Gründen sei es gut, nicht allgemein die Ermächtigung zu erteilen, sondern eine ganz bestimmte Richtschnur vorzuschreiben. Hr. Haase macht darauf aufmerksam, dass nach dem Antrage des Hrn. Hentig die Entscheidungen der vom Vereine selbst beantragten höchsten Instanz in Patentsachen, weil vom Reichsgerichte losgelöst, nicht in der Zeitschrift veröffentlicht werden dürften. Einer Aufforderung des Hrn. Zeman entsprechend äussert sich Hr. Peters dahin, dass, da eine ganz neue Richtung in der Zeitschrift durch diesen Vorstandsbeschluss angeordnet werden solle, er wünschen müsse, die Grenzen so eng wie möglich gezogen zu erhalten. Es werde sich erst durch längere Praxis herausstellen, ob ohne Gefahr für die Interessen der Mitglieder und ohne Gefahr für das Ansehen der Zeitschrift ein weiterer Spielraum gegeben werden könne. Deshalb sei ihm diejenige Fassung am willkommensten, welche in dieser Beziehung ganz scharf und genau sage: Bis hierher und nicht weiter! Denn je mehr freien Spielraum man der Redaction gebe, um so mehr sei sie Anklagen und Zumutungen von Seiten einzelner Interessenten ausgesetzt. Er würde also mit Hrn. Hentig empfehlen, das Wort »Reichsgericht« hineinzusetzen, wenn dieses Wort für alle ins Auge zu fassenden Fälle ausreichend wäre. Handele es sich um Patentstreitigkeiten, so sei bekanntlich nur ein Teil derselben vom Reichsgerichte zu entscheiden, während ein anderer Teil, nämlich im Erteilungsverfahren, vom Patentamt endgiltig entschieden werde. Ausserdem sei ihm nicht bekannt, ob die neuerdings ins Leben gerufenen Unfallgenossenschaften in sich selbst endgiltige Entscheidungen treffen können, oder ob ihre Entscheidungen dem Reichsgerichte zur Revision zu übergeben seien. Würden diese Genossenschaften endgiltig ihre Bestimmungen treffen können, so müssten dieselben doch auch mit einbegriffen werden. Gleiches gelte von Polizeiverordnungen in den einzelnen Gebieten des Landes, die einer reichsgerichtlichen Revision auch nicht unterliegen, während sie oft von höchstem Interesse für die Industrie seien. Weil also das Wort »Reichsgericht« nicht für alle diese Fälle ausreiche, so sei derjenige Ausdruck zu suchen, welcher die Redaction decke gegen die Zumutung, anfechtbare Sachen aufzunehmen, dagegen es ihr zur Pflicht mache, in letzter Instanz durch Rechts- oder Staatsbehörden entschiedene Sachen mitzuteilen. Hr. Kesseler ist der Ansicht, dass die Wortfassung des Vorstandes entschieden verbesserungsbedürftig sei; wenn sie nun nach dem Statut nicht verbessert werden könne, so solle man die Sache lieber bis zum nächsten Jahre vertagen. Der Vorsitzende macht dagegen den Vorschlag, dass der Vorstand vor der Sitzung des nächsten Tages nochmals zusammentreten und der Hauptversammlung einen geänderten Antrag einbringen möchte, womit sich die Versammlung einverstanden erklärt. Zu den allgemeinen Vereinsangelegenheiten wird der Wunsch ausgesprochen, dafür zu sorgen, dass die nächste Hauptversammlung unmittelbar vor oder nach dem nächstjährigen deutschen Bergmannstage in Düsseldorf stattfinden möge, und darauf die Sitzung geschlossen.
Band XXIX. NO. 38 19. September 1885.
Der Nachmittag wurde zu einem Ausfluge nach Finkenwalde benutzt; auf drei Dampfern gings durch den Dunzig und über den Dammschen See nach Katharinenhof, einer reizend am waldigen Ufer belegenen Besitzung, wo Hr. Commerzienrat Delbrück in liebenswürdigster Weise den Wirt machte, dann durch den Park zu den grossartigen Steinbrüchen, welche das Rohmaterial für die dortigen Cementfabriken liefern. Darauf folgte unter freundlicher Führung der Leiter derselben die Besichtigung der Cementfabrik »Stern«, den Herren Töpffer, Grawitz & Co. gehörig, und vereinigten sich schliesslich sämmtliche Teilnehmer, um im Töpfferschen Parke eine von den Herren Töpffer und Grawitz freundlichst dargebotene Erquickung einzunehmen. Die bekannte prachtvolle Grotte des Parkes und ein für den Tag errichtetes Zelt boten bei der sich steigernden Ungunst der Witterung Schutz und Raum genug zu fröhlichstem Treiben. Aber ebenso wenig wie die frohe Laune vermochte der Regen beim Heimwege die prachtvolle bengalische Beleuchtung des Parkes, der Steinbrüche und der Cementfabrik zu stören, und mit hunderten von Stocklaternen, wohlweislich unter Regenschirmen geschützt, wurde der Heimweg durch das festlich beleuchtete Finkenwalde angetreten. Wenn hier auch der Extrazug etwas länger warten liess, als manchem durchaus nötig schien, so war das doch den meisten kein Hindernis, schliesslich im schönen gotischen Rathauskeller in Stettin des Tages Lust und Last nochmals erinnernd zu geniessen.
Dritte Gesammtsitzung am Mittwoch den 19. August.
Nachdem gemäss dem Beschlusse des gestrigen Tages der Gesammtvorstand nochmals über den Antrag des Magdeburger Bezirksvereines, betr. die Aufnahme technischer Rechtsfragen in die Zeitschrift, in Beratung getreten war, teilt der Vorsitzende mit, dass derselbe beschlossen habe, die ursprünglich vom engeren Vorstande beantragte Wortfassung: »Es sollen nur solche technische Rechtsfragen von bedeutendem allgemeinem Interesse in die Zeitschrift aufgenommen werden, welche endgiltig durch Gerichte oder Behörden entschieden sind«, zur Annahme zu empfehlen.
Der Antrag des Vorstandes wird hierauf angenommen.
Um entsprechend mehrfach geäusserten Wünschen das Mitgliederverzeichnis frühzeitiger als bisher fertig stellen zu können, bittet der Generalsekretär um die Hilfe der Bezirksvereine, von deren Listeneinsendung er in dieser Beziehung abhängig sei.
Hr. Schöne spricht den Wunsch aus, dass in dem Mitgliederverzeichnis die Stellung usw. des einzelnen Mitgliedes ausführlicher angegeben werden möchte als bisher; der Generalsekretär erklärt sich, falls der Wunsch allgemein gehegt werde, gern dazu bereit, nachdem er auf die nicht unerhebliche Vermehrung der Kosten aufmerksam gemacht hat; bisher sei der Gedanke leitend gewesen, dass die Adresse als sichere Postadresse ausreichen müsse.
Die Anregung des Hrn. Schöne findet die Zustimmung der Versammlung.
Es folgt der Vortrag des Hrn. A. Martens: Ueber neuere Festigkeitsprüfungsmaschinen, welcher ausführlich zur Veröffentlichung gelangen wird.
Der Vorsitzende dankt dem Vortragenden und teilt mit, dass der ferner noch auf der Tagesordnung stehende Vortrag des Hrn. Dr. Fischer-Hannover wegen dessen plötzlicher Erkrankung leider ausfallen müsse. Er richtet an die Anwesenden die Bitte, die noch zur Verfügung stehende Zeit durch kleinere technische Mitteilungen nützlich auszufüllen und sich dabei nicht durch das Bedenken hindern zu lassen, dass diese unerwartete Aufforderung den einzelnen so unvorbereitet treffe.
Diesem Wunsche des Vorsitzenden entspricht bereitwilligst Hr. Hammer, welcher aus dem Stegreif in grossen Zügen ein Bild des Bergbaues und der grossen maschinellen Einrichtungen der Mansfelder Kupferschiefer-bauenden Gewerkschaft giebt!); zum Schluss erwähnt der Vortragende, dass in den nächsten Tagen ein hundertjähriges Jubiläum bevorstehe, welches uns allen, insbesondere unserer Maschinentechnik, sehr bedeutungsvoll sei; er berichtet darüber folgendes: »Am 25. August 1785 wurde im Mansfeld schen, in dem
1) In der Hoffnung, von dem Herrn Redner demnächst eine ausführlichere Ausarbeitung seines höchst fesselnden Vortrages zu erhalten, unterlassen wir hier dessen vollständige Wiedergabe.
XXVI. Hauptversammlung des Vereines am 17., 18. und 19. August 1885 in Stettin. 733
Teile, der damals unter preussischer Hoheit stand, und zwar unter dem Rothenburger Oberbergamt, die erste Dampfmaschine in Betrieb gesetzt. Nun, m. H., ich habe lange geglaubt, das wäre überhaupt die älteste Maschine in Deutschland; in unserer Zeitschrift habe ich aber gelesen, dass die Herren in Cassel den Anspruch erheben, in Cassel
sei die erste Maschine gebaut worden. Auch soll ja schon
1730 in Saarbrücken eine solche Maschine gewesen sein. Ich will also nicht behaupten, es sei dies die erste Maschine, die in Deutschland in Betrieb gekommen, aber, m. H., aus den Acten, die mir zufällig in die Hände gekommen sind, ergiebt sich, dass es die erste Maschine ist, die in Deutschland gebaut wurde, mit deutschem Materiale, durch deutsche Leute, ohne jede ausländische Zuthat. Im Jahre 1782 trat unter dem damaligen Berghauptmann in Clausthal eine Commission zusammen, welche darüber beriet, wie man dem durch das Wasser in Bedrängnis geratenen Bergbaue zu Hilfe kommen könnte. Man beschloss, eine Feuermaschine anzulegen, und schickte zu diesem Zwecke das Ministerium in Berlin den Oberbergamtsassessor Bückling auf eine Studienreise nach England. Nach seinen späteren Leistungen muss das ein höchst begabter Mann gewesen sein, für die damalige Zeit ein geborener Techniker und Maschinenbauer. Er kommt mit Notizen zurück, macht in Berlin ein Modell, legt es in Berlin vor usw. Nun muss ich bemerken, dass dies ganze Unternehmen damals aus der Anregung Friedrichs des Grossen hervorgegangen war. Aus den Acten ist zu ersehen, das alles auf Allerhöchsten Specialbefehl Sr. Majestät geschah, und dass man für diese Sache auch einen Landesmeliorationsfonds hatte, aus dem die Kosten bestritten wurden. Der König gab also seine Zustimmung, eine solche Maschine auszuführen. Dazu hat man dann ein Paar Jahre gebraucht, denn es machte natürlich grosse Schwierigkeiten, ein solches Werk – es war die alte Boulton'sche Maschine – zum ersten Male zu vollführen. Diese Maschine ist folgendermassen zusammengesetzt: den Cylinder, als das Hauptstück, hat man in Berlin in der königlichen Geschützgiesserei aus Kanonenbronze gegossen; die Holzteile sind an Ort und Stelle angefertigt; die Schmiedeisenteile sind in Oberschlesien geschmiedet, in Sausenberg, einem noch heute bestehenden kleinen Hammer; die Gusswaren sind in Zehdenick in der Mark gegossen (Heiterkeit), und der Kupferkessel ist in dem damaligen Kupferhammer in Neustadt-Eberswalde angefertigt. Alsdann wurde die aus allen diesen Teilen bestehende Maschine auf dem König-Friedrich-Schacht aufgestellt. Die Pumpen sind zum Teil auf dem Mägdesprung und Ilsenburg gegossen; kurzum, alle diese Werke waren damals schon in gewisser Beziehung leistungsfähig, dergleichen Maschinenteile herzustellen, «Wir können in der That auf den 25. August 1785 mit Stolz zurückblicken, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass man auch damals schon der eigenen Kraft zutraute, im eigenen Lande die ersten gangbaren Maschinen zu bauen. Aus den Acten ergiebt sich, m. H., dass schon damals gewisse Gusswaren in grossen Dimensionen fabricirt wurden. Ich kann in dieser Beziehung ein beachtenswertes Gussstück anführen, das sich noch heute an einer Brücke in Schlesien über dem Striegauer Wasser befindet. Wären wir damals in unserem Fortschritt nicht gehemmt worden, so wären wir wohl schon früher so weit gekommen, wie wir heute sind. Da kamen aber die Kriege dazwischen; die Geldbewilligungen wurden schon unter Friedrich Wilhelm II. immer kümmerlicher, bis in den grossen Kriegen, zu Beginn dieses Jahrhunderts, diese Anfänge vollständig vernichtet wurden. Dann kam der Stilstand in den zwanziger und dreissiger Jahren, und erst seit dem atmet die Industrie wieder auf. Gewiss, hätten wir damals in Ruhe und Frieden fortarbeiten können, wir wären schon viel weiter gekommen, als wir heute sind! (Lebhafter Beifall und Dank des Vorsitzenden.) Hr. Zeman erinnert an die Anregungen, welche die Mansfelder Gewerkschaft in der Frage der unterirdischen Kraftübertragung durch ein Preisausschreiben gegeben habe, und fragt, ob Hr. Hammer in der Lage sei, über die Gewinnung des Kupfers auf elektrolytischem Wege etwas mitzuteilen. Hr. Hammer erwidert, dass die betreffenden Versuche noch nicht als abgeschlossen zu betrachten seien.
Hr. Schilling teilt mit, dass er zufälligerweise in der Lage sei, etwas näheres darüber angeben zu können. Hr. Prof. Hampe in Clausthal habe über diesen Gegenstand eine grosse Arbeit geliefert, der Minister habe aber bestimmt, dass die Arbeit nicht veröffentlicht werden solle, weil das fiskalische Bergwerk in Oker nach diesem Verfahren das elektrolytische Kupfer mit sehr grossem Vorteil darstelle. Die Frage sei also vollständig gelöst, nur sei über das »Wie« leider wenig zu erfahren. s Hierauf erteilt der Vorsitzende das Wort Hrn. Dr. Delbrück, welcher, anknüpfend an die Verhandlungen des ersten Tages, sich wie folgt äussert: »M. H.! Die Aufforderung des Herrn Vorsitzenden ist mir sehr erwünscht gekommen, da ich glaube, dass es gelingen dürfte, in dieser Versammlung, die ja auch ein grosses Interesse an dieser Frage hat, inbezug auf die Verwendung der Schlacken einen Ausgleich zu finden. Wenn zwei Parteien sich im Streit befinden, so meine ich, ist der erste Schritt zum Frieden immer der, dass man zunächst einmal die Grenzen ganz genau markirt. Nur bei dem Ueberschreiten dieser Grenze von einer der beiden Seiten kann es Streit geben. Diese Grenzlinie ist leicht zu ziehen und genau zu bezeichnen. Es besteht zwischen den Schlacken und dem Cement eine gewisse Aehnlichkeit darin, dass beide lösliche Kieselsäuren in sich enthalten, beide Thonerde und beide Kalk. Aber der Unterschied liegt darin, dass der Portlandcement viel grössere Mengen Kalk enthält als die Schlacke, und die Folge davon ist, dass die Schlacke für sich ein nur sehr geringes Erhärtungsvermögen besitzt, also an und für sich als Mörtel nicht gebraucht werden kann, sondern eines Zuschlages bedarf; oder vielmehr, die Schlacke muss als Zuschlag zu einem anderen Mörtel gebraucht werden. Nun giebt ja bekanntlich die Verbindung der Schlacke mit Kalkhydrat einen sehr guten Mörtel, und es ist vollauf berechtigt, dass die Hüttenbesitzer danach streben, diesen Mörtel, dem jetzt der Name Puzzolancement beigelegt ist, in den Handel zu bringen, um so die grossen bei ihnen als Ballast liegenden Schlackenmassen los zu werden. Wir Cementfabrikanten werden gegen den Puzzolan, wie wir es bisher auch nicht gethan haben, niemals auftreten. Der Puzzolanmörtel hat vor dem Portlandcement voraus, dass er billiger ist. Wir haben nur dann gegen diesen Mörtel Stellung zu nehmen, wenn etwa ein Puzzolanmörtelfabrikant die Behauptung aufstellt, die wir bestreiten, dass der Puzzolanmörtel besser sei, als der Portlandcement. Welchem dieser beiden Mörtel in Anbetracht ihrer Brauchbarkeit und ihres Preises der Vorzug zu geben sei, das wird das bauende Publikum ohne unser Zuthun schliesslich zu entscheiden wissen. Die Frage, welche uns aber nun in hervorragendem Masse beschäftigt, ist die, ob das Schlackenmehl geeignet ist, dem Portlandcement zugesetzt zu werden, ob der Portlandcement das Bedürfnis hat, Schlackenmehlzusätze zu erhalten, um ein besserer Mörtel zu werden, und ob die Schlackenmehlfabrikanten berechtigt sind, uns ihr Schlackenmehl aufzuzwingen. Man behauptet, das Schlackenmehl sei geeignet, den freien Kalk im Cement zu binden und seine schädlichen Eigenschaften zu neutralisiren. Das ist bei einem gut und normal zusammengesetzten Cement entschieden nicht erforderlich. Man könnte also das Schlackenmehl zum Cement nur dann mit Vorteil zusetzen, wenn man gleichzeitig Kalk zusetzte. Dann brauchte man zum Cement Puzzolancement, man hätte also ein Gemisch von zwei Cementen, und dazu ist gar keine Veranlassung vorhanden. Wir haben nachgewiesen, dass das Schlackenmehl dem Cemente zugesetzt lediglich wirkt, wie irgend ein anderer dem Cemente zugesetzter toter Körper. Wir haben die gleichen Mengen an fein gemahlenem Sand, Steine, Kalksteine, Thon und, was dergleichen indifferente Körper mehr sind, dem Cemente beigemengt und haben gezeigt, dass in allen Fällen diese Zusätze bei gleicher Feinheit der Mahlung die gleiche Wirkung haben. Aus diesen Gründen sträuben wir uns dagegen, dass ein Cementfabrikant seiner Ware Schlackenmehl zusetze, weil wir dies als eine Verfälschung betrachten müssen und für schädlich halten. Wenn nun trotzdem die Hüttenbesitzer nicht davon ab. lassen wollen, ihren lästigen Ueberfluss an Schlacken gelegent
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lich der Portlandcementverwendung los zu werden, so giebt es dafür eine Grenze, wo wir uns vertragen können. Wir sagen: Bringt Ihr Eure Schlacken zu gleicher Zeit mit dem Cement, aber von ihm getrennt, auf den Markt! Wir haben das den mischenden Fabrikanten schon früher zugerufen: Weshalb trennt Ihr denn die Sache nicht? Weshalb offerirt Ihr nicht einen Sack Cement und eine bestimmte Menge Schlackenmehl dazu, die auf dem Bauplatze zugemischt wird?
An vielen Orten ist ein grosser Mangel an gutem Sand zur
Bildung des Cementmörtels, und an diesem ist Schlackenmehl ganz am Platze, denselben zu ersetzen. Aber wie jeder Mensch den Sand an der Baustelle zusetzt und nicht vorher dem Cemente beigemischt kaufen will, so biete man auch den Schlackensand gesondert an. Da wäre wiederum eine Grenzlinie gezogen, jenseits welcher wir uns vertragen könnten. Wenn nun in allerneuester Zeit, wie ich vorgestern schon sagte, ein neues Verfahren angepriesen wird, den Cement bis zur Staubfeinheit zu zerkleinern und dann mit Kalkhydrat gemischt zu verkaufen, so ist dies um deswillen so auffällig, weil es zum Teile dieselben Personen sind, die früher durchaus dem Cement einen Ueberschuss von Kalk andichteten und nun im Gegenteil in einem Zusatze von Kalk das Heil des Cementes erblicken. Aber auch gegen diese Zumischung, in so weit sie der Fabrikant vor dem Verkaufe vollzieht, müssen wir uns erklären. Wir behaupten: In dem Zusatze zum Cement ist ein Anfang der Mörtelbildung, er gehört nicht in die Fabrikation, sondern auf den Bauplatz, und das ist der Punkt, an dem wir fest halten, und wenn die Schlackenmehlfabrikanten diesen Standpunkt anerkennen, so werden wir ihnen die Freundeshand reichen und brauchen uns nicht ferner die Köpfe mit Streiten heiss zu machen.« Hr. Schilling: »M. H.! Sie dürfen nicht denken, dass ich nach Stettin gekommen bin, um gegen Portlandcement oder für Schlackenzusatz eine Lanze zu brechen. Ich habe gegenüber der Behauptung des Hrn. Commerzienrat Delbrück, dass durch das Mischen eine Sache schlechter werde, nur gesagt: Es ist nicht alles Mischen eine Verschlechterung! Ich halte auch das Schlackenmehl nicht für indifferent, sondern für einen Körper, der hydraulisch bindet. Das beweist der Umstand, dass das Schlackenmehl mit der Zeit zersetzt wird. Es gebraucht natürlich mehr Zeit zum Erhärten, als der Portlandcement; wenn man jedoch Kalkhydrat zusetzt, kommt die Erhärtung früher zu Stande. Ich habe nur dem Vorurteil entgegen treten wollen, als ob durch den Zusatz von Hochofenschlacke eine wesentliche Verschlechterung herbeigeführt werde. Ob der Cement nun dadurch verbessert wird oder nicht, das ist mir ganz gleichgiltig, das mögen die Fabrikanten unter sich ausmachen. Ich, als Leiter eines grossen Hochofenwerkes, habe ein gewisses Interesse daran, dass man mit den Schlackenbergen aufräume. Wir erzeugen jeden Tag 50 Doppelwagen Roheisen und 50 bis 60 Doppelwagen Schlacken; das giebt einen ganz gewaltigen Haufen. (Heiterkeit.) Von unserer Schlacke eignen sich ungefähr 50 pCt. für den Cement. Was die Leute betrifft, denen wir dieses Schlackenmehl liefern, so habe ich für meine Person noch keinen einzigen Doppelwagen Schlackenmehl an eine Portlandcementfabrik geliefert, ganz einfach aus dem Grunde, weil in dem Teile des Werkes, welches diese Schlacken producirt, die gesammte Schlacke ins Wasser läuft. Uebrigens habe ich in keiner Weise beabsichtigt, das Fabrikat der Portlandcementfabriken herunter zu setzen, habe nur entgegnet, dass ein Zusatz von geeignetem Schlackenmehl dessen Beschaffenheit nicht beeinträchtige.« Hr. Selwig: »M. H., wenn ich hier als Laie in der Cementindustrie das Wort nehme, so geschieht das, weil ich allerdings im Gegensatze zu vielen der hier anwesenden Herren, insbesondere im Gegensatze zur Mehrzahl der Portlandcementfabrikanten, ein Interesse an der Puzzolancementindustrie habe. Ich sage das frei heraus und spreche zunächst meine Freude aus über die mir äusserst sympathischen Schlussworte des Hrn. Commerzienrat Delbrück, es müsse Friede geschlossen werden zwischen beiden Industrieen. Ich glaube, dass beide gleichberechtigt sind. Die Puzzolancementindustrie, welche als die jüngere vorläufig nur ein ganz bescheidenes
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Band XXIX. No. 38. 19. September 1885.
Dasein geführt hat, ist natürlich wie jede neue Industrie, welche einer älteren den Rang streitig machen will, Angriffen ausgesetzt. Lebensfähig ist dieselbe allerdings erst seit ganz kurzer Zeit geworden, und zwar einzig und allein durch eine von den Herren R. Bosse und F. Wolters in Braunschweig (nicht von Hrn. Herrmann in Thale) gemachte Erfindung, von welcher Hr. Commerzienrat Dr. Delbrück sagte, dass sie mit grosser Anmassung in die Welt gesetzt sei. Es ist dieses ein Verfahren, Cemente und Cementgemische jeder Art zu hydraulisiren - und zu verstärken. Hr. Herrmann ist an dieser Erfindung nur insofern beteiligt, als sie in seiner Puzzolancementfabrik in Thale, an welcher Hr. Bosse früher interessirt war, zuerst praktisch angewandt worden ist, ferner insofern, als die zuerst ohne Vorwissen und gegen den Willen der Erfinder unternommene Einführung der Erfindung sein Werk ist.
Das Bosse-Wolters’sche Verfahren verdient in der That allseitige Beachtung, ganz besonders auch die der Portlandcementfabrikanten, da es sich ja auch zur Verbesserung von ungemischtem Portlandcemente sowie zur Herstellung wirklich guter gemischter Portlandcemente eignet. Völlig unentbehrlich ist dasselbe für die Puzzolancementindustrieindem ein allen Anforderungen genügender, dem Portlandcemente völlig gleichkommender Puzzolancement, d. h. ein Cement aus Schlacke, Kalk und sonstigen Zuschlägen, wenn der Brennprocess erspart werden soll, ohne Anwendung desselben bisher nicht erzeugt werden konnte. Das von mir gesagte finden Sie bestätigt in einer kleinen Broschüre (Separatabdruck aus dem »Wochenblatt für Baukunde« 1885. No. 52 bis 53), »Vergleichende Untersuchungen über Portlandund Puzzolancement, Fabrikation und Anwendung, vom Architekten R. Bosse, Braunschweig, in deren Besitz jedenfalls die sämmtlichen hier anwesenden Portlandcementfabrikanten sein werden. Es sind darin alle die Nachteile angeführt. welche der Puzzolancement früher besass, besonders der einer zu langsamen Erhärtung und verhältnismässig geringen Druckfestigkeit. Diese Eigenschaften, durch welche er gegen den Portlandcement noch zurückstand, hat nun der Puzzolancement durch Anwendung des Bosse-Wolters’schen Verstärkungsverfahrens entschieden verloren, so dass er jetzt dem besten Portlandcemente nicht nur in allen seinen Eigenschaften gleichkommt, sondern sogar noch gewisse Vorteile, z. B. den einer grösseren Ausgiebigkeit, vor Portlandcement besitzt.
Ich halte es für durchaus möglich, dass ein Frieden zwischen beiden gleichberechtigten Industrieen geschlossen werden kann, sobald nur sämmtliche Beteiligten den guten Willen haben, Frieden zu schliessen.
Ich möchte noch auf einen anderen Punkt aufmerksam machen. Es ist bei den früheren Verhandlungen über Mischung von Portlandcement mit Schlacke fast immer nur von zerfallener Hochofenschlacke die Rede gewesen. Dieselbe verhält sich allerdings anfänglich wie ein ziemlich indifferenter Körper; aber nach einiger Zeit werden nach meiner Ansicht ihre Bestandteile aufgeschlossen werden, und es wird die Verbindung derselben mit den übrigen im Cemente vorhandenen oder sonst hinzugefügten Stoffen erfolgen. Wenn also zunächst die Zug- und Druckfestigkeit des Cementes infolge hinzugesetzter zerfallener Hochofenschlacke geschwächt wird, so kann man sich darüber nicht wundern; nach kürzerer oder längerer Zeit wird aber, wie ich glaube annehmen zu können, die Festigkeit des gemischten Cementes die des ungemischten nahezu oder ganz errreichen. Ferner habe ich hervorzuheben: dass die granulirte gemahlene Schlacke, dem Cemente hinzugemischt, sich durchaus anders als zerfallene verhält; sie besitzt die Eigenschaft, sich ohne weiteres mit dem ausserdem hinzugesetzten Kalke zu einem wirklich guten Cemente zu verbinden, ja sie liefert, mit Kalk allein gemischt und in richtiger Weise verarbeitet, einen ausgezeichneten Cement. Durch eine ganze Reihe von Zerreissungs- und anderen Versuchen, welche teils in der königl. Prüfungsstation für Baumaterialien in Berlin, teils von Hrn. Bosse angestellt sind, ist dieses nachgewiesen worden. Soweit mir bekannt, ist überhaupt der Puzzolancement ausser durch das Bosse-Wolters’sche Verfahren durch geeignete Zuschläge in neuester Zeit derartig verbessert, dass er in keiner Weise dem ungemischten Portlandcemente nachsteht, insbesondere nicht »treibt« und vollkommen wetterbeständig ist.«
XXVI. Hauptversammlung des Vereines am 17., 18. und 19. August 1885 in Stettin. 735
Nachdem hiermit die Tagesordnung erschöpft, nimmt Hr. Kohlert das Wort, um dem Vorsitzenden für seine umsichtsvolle Leitung der Verhandlungen und dem Vorstande für die geschickte, aber mühevolle Vorbereitung der Hauptversammlung den Dank der Anwesenden auszusprechen.
Vorsitzender: »M. H., für die grosse Liebenswürdigkeit sage ich Ihnen namens des Vorstandes Dank. Wenn ich eine solche Hauptversammlung betrachte, so ist sie für mich ein Album mit vielen Bildern. Wenn wir ankommen, ist das Buch geschlossen. Wie die Bilder erscheinen werden, ist abhängig von vielen Factoren, von Licht und Wärme, von Farbe, von Liebe, die uns entgegen getragen wird, von Liebe, die wir suchen und bringen, von Freunden, die wir sehen. Alle diese Factoren geben den Bildern die Wärme und die Farbe, die wir nachher wieder ins Leben mitnehmen. Ein solcher Factor, m. H. ist erstens die Stadt, die uns empfängt. Der Herr Oberbürgermeister wünschte, sie möchte die Königin der Ostsee werden. Ja, m. H., wir können viele Königinnen an unserer Ostsee gebrauchen. Es schadet nichts, dass ihrer mehrere sind, sie mögen sich nur vertragen. Schon jetzt trägt diese Stadt ein Diadem im Haar, das ist die Betriebsamkeit ihrer Bürger, die Betriebsamkeit ihrer Handelsleute, die Betriebsamkeit ihrer Industriellen. Die Stadt hat uns lieb und warm und freundlich empfangen, und ihre betriebsamen Bürger, der Handelsstand und die Industriellen, sie haben uns herzlich aufgenommen, uns ihre Werke frei und offen gezeigt und ehrlich gesprochen. Ihr, der Stadt, vor allem Dank! (Bravo!) so
Einen anderen Dank habe ich zu sagen der Presse. Wir alle leben mit der Schrift und von der Schrift, und ohne Presse kann kein Mensch mehr existiren, vor allen Dingen nicht der Ingenieur. Herzlich sind wir von ihr empfangen worden! Am ersten Tage, als wir hier eintraten, da stand ein Gruss in der »Neuen Stettiner Zeitung«, so frisch von der Leber weg – er war schön! Ich danke Ihnen! (Bravo!)
Ich danke dann Ihnen selbst, m. H., für die Würde, die Sie aufrecht erhalten haben in allen diesen Tagen; sie hat es möglich gemacht, die Versammlung in schöner Weise zu Ende zu führen. Ich weiss, der Wert liegt nicht in der Leitung, er liegt in der Versammlung selbst. Ich danke auch den Vortragenden, m. H.; sie haben das aus freiem Herzen, aus freien Stücken gethan, bezw. meiner kurz ergangenen Aufforderung sofort Folge gegeben. Sie haben gesehen, welchen Beifall diese spontane That der Herren gefunden hat, und ich hoffe, dieser Beifall wird nachklingen. Wir werden künftig nicht wieder zu fragen haben: »Wünscht noch einer der Herren das Wort zu irgend einer Mitteilung?« sondern sie werden strömen, diese Mitteilungen! (Bravo!) Das ist die Folge ihrer freien That, m. H. Ich danke ferner dem Pommerschen Bezirksverein. (Bravo!) M. H., es war ein kühnes Unternehmen für den pommerschen Bezirksverein, uns hierher einzuladen nach den Vorgängen in Mannheim. Wir hatten uns dort köstlich unterhalten und schöne Tage durchlebt an den Ufern des Rheines, als uns der pommersche Bezirksverein freundlich und warm hierher lud. Tief betrauern wir, dass, der uns lud, heute nicht unter uns weilt; wir haben in unserer Vorstandssitzung durch Aufstehen unserer Liebe zu ihm Ausdruck gegeben. Dem Pommerschen Bezirksverein aber herzlichen Dank! Ich bitte, erheben Sie sich aus Anerkennung für den Pommerschen
Bezirksverein von Ihren Sitzen! (Geschieht.)
Nun, m. H., noch eins! Auch dem Vorstande dieses Hauses haben wir Dank zu zollen. Wer in den Mauern eines solchen Hauses tagt, das aus freiem Bürgersinne der Stadt als Gemeingut geschaffen, wo Licht und Wärme und Luft uns anheimelt, wo alles leichter, wo der Blick so frei, die Sprache so leicht ist, soll auch mit Dank nicht kärglich sein. Das Haus ist uns gegeben in liebenswürdiger Bereitwilligkeit, und ich bitte Sie, auch dem Vorstande dieses Hauses durch Erheben von Ihren Sitzen Ihren Dank zu zollen.«
(Geschieht.)
Hr. Zeman bittet, noch ganz besonderen Dank dem
Vorsitzenden Hrn. Becker auszusprechen, dessen Amtsdauer
deutscher Ingenieure.
Der Sitzung folgte ein Spaziergang durch die prächtigen Anlagen zu dem hoch am Ufer der Oder gelegenen Garten der Loge, wo ein reiches Frühstück, gespendet von der Stadt Stettin und den Industriellen der Umgebung, neue Kräfte zu den Anstrengungen des Nachmittags verlieh. Zu Schiffe ging's dann oderabwärts, an all den betriebsamen Werken in Grabow und Bredow entlang, zum »Vulcan«, dieser grössten Schiffsbauanstalt Deutschlands, deren vorzüglich eingerichtete Werkstätten unter kundiger Führung eingehend besichtigt wurden, desgleichen die noch in der Ausrüstung begriffene, für die kaiserl. deutsche Marine bestimmte Panzercorvette Oldenburg. Während einige kleinere Trupps auch noch die benachbarten Werke besuchten, wanderte das Gros der Gesellschaft, durch die zweistündige Besichtigung völlig befriedigt, zu dem reizenden Vergnügungsort Elisenhöhe, um dort bei guter Verpflegung und prächtiger Aussicht auf die Oder und den Damm'schen See des Abends zu warten, der uns das Hauptereignis des Tages bringen sollte, die Oderufer beleuchtung. Und fürwahr, die Stettiner können stolz sein, solch Schauspiel ihren Gästen geboten zu haben. In
langsamer Fahrt kehrten die 3 Dampfer oderaufwärts nach Stettin
zurück, begleitet von zahlreichen kleineren Dampfböten, umschwärmt von zahllosen Nachen und Ruderböten, um auf der fast eine Stunde währenden Fahrt an den flammenden Ufern entlang den Festteilnehmern eine Ueberraschung nach der andern, einen Anblick immer
schöner als den vorhergehenden zu bieten. In Flammen standen die zahlreichen Werke am Strand und weit bis ans Ufer hinauf, die ankernden Schiffe, die Werften und Flösse; dazwischen das Prasseln der Raketen und Schwärmer, das Donnern der Böller; kein Wunder, dass lautloses Entzücken auf den Schiffen herrschte, und erst am Bollwerk in Stettin die Zunge wieder Worte des Entzückens über das Gesehene fand. Dass solchem seltenen Genusse die Stimmung bei dem Commers entsprach, der in den Räumen des Vereinshauses die Gesellschaft wieder zusammenführte, bedarf wohl nicht der Versicherung des Berichterstatters. Doch mags bei dem einen früh, bei dem andern spät geworden sein, bis er sich anschickte, von des Tages Arbeit auszuruhen: pünktlich zu früher Stunde fanden alle sich am folgenden Tage zur Festfahrt nach Swinemünde und Heringsdorf ein. Bei schönstem Wetter trug das reich geschmückte Festschiff »Kaiser« die Gesellschaft die Oder hinab, vorbei an den Plätzen so mancher frohen Stunde der letzten Tage, zum Haff, zur Kaiserfahrt, nach Swinemünde; nach kurzer Rast im dortigen Kurhause gings wieder zu Schiff, zum Hafen hinaus, wo die Vorrichtungen zur Rettung Schiffbrüchiger mittels des Raketenapparates in natura im vollsten Sinne des Wortes vorgeführt wurden, und dann weiter zum lieblichsten aller Ostseebäder, nach Heringsdorf, dessen reich geschmückter Landungssteg schon fernher einladend grüsste. Mag auch das Ausbooten manchem, insbesondere den Damen, Herzklopfen bereitet haben, am Strande, in den prächtigen Buchenwaldungen war solches schnell vergessen. -So nahte denn mit raschen Schritten das letzte gemeinsame Festmahl im Kurhause, wo wiederum in unermüdlicher Fürsorge Hr. Commerzienrat Dr. Delbrück als Wirt die Gäste begrüsste und für deren leibliches Wohl sorgte; manch Wort des herzlichsten Dankes würzte auch dieses Mahl, bis unerbittlich für einen Teil der Gesellschaft die Zeit der Abfahrt nach Rügen, für andere des Rückweges nach Stettin nahte. Bei weitem die Mehrzahl waren letztere, und in fröhlichster Stimmung, im bunten Durcheinander von Musik, Reden und Scherzworten schloss für sie mit der Ankunft am Bollwerk in Stettin, ihrer besten Vorgängerinnen würdig, die 26. Hauptversammlung. Th. Peters.
Mitteilungen von der Gewerbe- und Industrieausstellung in Görlitz 1885.