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Zu den wohl häufigsten Gesundheitsproblemen gehören zweifellos Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit, Fettsucht). Übergewicht und Adipositas werden definiert als eine abnormale oder übermäßige Ansammlung von Körperfett, die gesundheitsschädigend sein kann. Ihre Vorbeugung ist in allen entwickelten Ländern, aber auch in den sogenannten «unterentwickelten» Ländern ein Problem für das öffentliche Gesundheitswesen.
Im Jahr 2016 erklärte die WHO, dass 1,9 Milliarden Erwachsene Übergewicht hätten, wovon 650 Millionen fettleibig seien; 39% der Erwachsenen ab 18 Jahren waren 2016 übergewichtig und 13 % waren adipös.
In der Schweiz beträgt die Prävalenz der Adipositas 11% und in den USA 35,1 % bei Er- wachsenen und 16,9 % bei Kindern.
Zur Bestimmung von Übergewicht und Adipositas werden das Gewicht und die Größe herangezogen; um den Körpermasseindex oder Body-Mass-Index (BMI) zu berechnen, dividiert man das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße. Der normale BMI liegt zwischen 19 und 24,9 kg/m2, während Übergewicht durch einen Wert von 25 bis 29,9 kg/m2 und Adipositas durch einen Wert über 30 kg/m2 definiert wird.
Adipositas wird seit 1997 von der WHO als eine chronische multifaktorielle und rezidivierende Krankheit beschrieben, die verschiedene Komplikationen mit sich bringt: Herz- Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkerkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten, Schlafapnoe, psychologische und soziale Leiden und erhöhtes Risiko einer Depression oder einer kognitiven Beeinträchtigung.
Welches sind die Gründe für Übergewicht und Adipositas?
Es gibt viele verschiedene Gründe für Übergewicht und Adipositas, aber das Umfeld hat seit Anfang der 90er Jahre zu dieser Epidemie des Übergewichts und der Fettleibigkeit erheblich beigetragen.
Als einen der ursächlichen Faktoren muss man natürlich den genetischen Aspekt nennen. Tatsächlich fördern viele Gene die Gewichtszunahme und nachweislich kommt Adipositas in ganzen Familien vor. Wenn also der Vater oder die Mutter fettleibig ist, gilt das als Risikofaktor für die Kinder. Dennoch ist die Genetik nicht schuld an dem enormen Zuwachs der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas, der in den letzten 30 bis 40 Jahren beobachtet wurde. Weniger körperliche Betätigung und übermäßiges Essen sind die Hauptgründe. Unsere Lebensgewohnheiten haben sich in den letzten 40 Jahren stark verändert. Eine große Rolle spielte dabei, dass Nahrungsmittel nun im Überfluss zur Verfügung stehen, oft auch als Fertignahrung, die viel Zucker und Fette enthält, damit sie für den Verbraucher schmackhafter ist. Stress aus beruflichen Gründen und wegen sozialer Verpflichtungen hat diese Epidemie auch noch weiter verstärkt, häufig in Form von Stresskompensation. Ferner hat man schon vor mehr als 20 Jahren eine Beziehung zwischen der Schlafdauer und dem Körpermasseindex festgestellt. Eine kurze Schlafdauer zwischen 5 und 7 Stunden täglich wurde mit einer Verringerung bestimmter appetitsteuernder Hormone wie Leptin und Ghrelin in Verbindung gebracht, was zu vermehrtem Appetit und einem höheren BMI führt.
Adipositas hat, wie oben bereits erwähnt, zur Folge, dass sich das Risiko für eine Vielzahl von Krankheiten erhöht und letztlich die Lebensqualität und -dauer abnehmen.
Im Jahr 2000 kalkulierte man, dass in Amerika die Fettleibigkeit in Lauf eines Jahres zu einer Übersterblichkeit von 112.000 Personen führte. Diese Zahlen sind nicht erstaunlich, wenn man die gesundheitlichen Konsequenzen der Adipositas bedenkt: erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere Herzinfarkt und Schlaganfall, sowie von Typ-2-Diabetes mit all den bekannten chronischen Komplikationen wie Nephropathie, Neuropathie und Retinopathie, und Auswirkungen auf die Mobilität, Krebserkrankungen sowie das Risiko kognitiver Beeinträchtigung und Demenz.
Was muss man also tun, um diesen Teufelskreis der fortschreitenden Gewichtszunahme und verminderten Mobilität zu durchbrechen?
Zunächst einmal muss man sich des eigenen Lebensstils, der Lebensqualität und der Auswirkungen bewusst werden, die eine gesunde Lebensführung auf einen selbst und die Familie haben könnte. Diese Bewusstwerdung ist unerlässlich, um Veränderungen zu planen und vor allem umzusetzen. Manchmal sind es minimale Veränderungen: mehr wöchentliche Aktivitäten wie Wandern, Radfahren, Schwimmen, Gymnastik oder sonstige Betätigungen, die dafür sorgen, dass der Kalorienverbrauch etwas höher als zuvor ist. Auch mit leichten Änderungen in der Ernährung erreicht man eine allmähliche Gewichtsabnahme; Vorrang hat natürlich der Verzicht auf kalorienreiche Lebensmittel wie Brot, Käse, Aufschnitt, süße Getränke, Süßigkeiten, Kuchen, Gebäck und natürlich auf übermäßigen Alkoholkonsum (eine Flasche Wein enthält etwa 750 kcal.). Für jemanden, der sich nicht besonders viel bewegt und täglich ungefähr 1800 bis 2000 Kalorien zu sich nimmt, ist eine Flasche Wein eine Kalorienbombe. Sehr häufig gelingt mit solch kleinen Anpassungen ein tägliches Kaloriendefizit von 300 kcal., was nach 30 Tagen auf ein Defizit von 9000 kcal. angewachsen ist und somit ein Kilo Fett. Wie man sehen kann, führen kleine Veränderungen zu echten Verbesserungen und einer allmählichen Gewichtsabnahme von etwa 1 kg pro Monat, also 12 kg pro Jahr.
Eine Möglichkeit ist auch das Intervallfasten, bei dem man am Tag 8 Stunden Kalorien aufnimmt und 16 Stunden fastet. Dieses Fasten soll mehr Energie, eine Regeneration der Zellen und Schutz vor Demenz bieten, und oft wird es auch mit einem Gewichtsverlust in Verbindung gebracht.
Es ist jedoch schwierig, wie wir alle wissen, diese Anpassungen langfristig einzuhalten. Ganz zu schweigen von Diäten, die aus physiologischer Sicht und im Hinblick auf den Stoffwechsel und die Neuropsychologie völlig widersinnig sind.
Wenn eine Anpassung der Lebensweise, sowohl der Ernährung als auch der körper- lichen Aktivität, nicht ausreicht, ist der zweite Schritt der Einsatz von medikamentösen Hilfsmitteln. In der Vergangenheit wurden viele Medikamente zum Abnehmen entwickelt, doch leider haben sich all diese Behandlungen nicht nur als unwirksam, sondern auch als gefährlich erwiesen und zu inakzeptablen Nebenwirkungen geführt, besonders kardio- vaskulärer Art.
Heutzutage sind die Behandlungen wirksamer und haben akzeptable Nebenwirkungen. Die anerkanntesten Medikamente sind GLP1-Hormonanaloga oder GLP1-Rezeptor- Agonisten GLP1 ist ein vom Darm produziertes Hormon, das bei der Nahrungsaufnahme freigesetzt wird, insbesondere wenn die Nahrung Kohlenhydrate enthält. Dieses Hormon hat drei Wirkungen:
- Erstens auf die Bauchspeicheldrüse, indem es die Insulinkonzentration erhöht und die Glukagonkonzentration im Blut senkt, wodurch ein guter Blutzuckerspiegel erreicht wird.
- Zweitens verringert es den Appetit.
- Und drittens verlangsamt es die Magenentleerung.
Dieses Hormon wird hauptsächlich vom Darm, aber auch vom Gehirn produziert, und dient zur Steuerung des Appetits. Die Pharmaindustrie hat GLP1-Analoga entwickelt, die gegen den Enzymabbau im Blut resistent sind und deren Wirkung von einigen Stunden bis zu einer Woche anhalten kann. Diese Substanzen werden seit etwa zehn Jahren bei der Behandlung von Diabetes ein- gesetzt. Sie haben sich als äußerst wirksam bei der Verbesserung der Diabeteskontrolle, der Gewichtsreduktion, der Vermeidung von Hypoglykämie und der Verringerung von Herz- und Nierenkomplikationen erwiesen. Und genau in diesem Zusammenhang sind die genannten Wirkstoffe zur Behandlung der Adipositas verwendet worden. Gegenwärtig ist in der Schweiz ein Molekül unter dem Namen Liraglutid oder Saxenda in einer Dosis von 3 mg/Tag für die Behandlung von Fettleibigkeit zugelassen. In Zukunft wird eine noch wirksamere Substanz, Semaglutid in einer Dosis von 2,4 mg, wahrscheinlich in der Schweiz zugelassen werden. Die Nebenwirkungen dieser Wirkstoffe, die im Wesentlichen im Magen-Darm-Trakt auf- treten – Übelkeit, zuweilen Blähungen und Durchfall – werden in den allermeisten Fällen durch eine allmähliche Erhöhung der Dosen verhindert, um die negativen Auswirkungen so weit wie möglich auf ein Mindestmaß zu beschränken. Bei Einnahme dieser Substanzen kann man im Lauf eines Jahres mit einem Gewichtsverlust von 5 bis 15 kg rechnen. Als letztes Mittel kann eine metabolische oder bariatrische Operation vorgeschlagen wer- den. Diese Therapieoption kann nur Patienten mit einem Body-Mass-Index von mehr als 35 kg/m2 angeboten werden. Selbstverständlich leiden diese Patienten unter den schlimmsten Folgen ihres Übergewichts. Die metabolische Chirurgie erfordert eine rigorose Auswahl der Patienten, die in der Mehrzahl einer Magen-Bypass-OP oder einer Schlauchmagen-OP unterzogen werden, wodurch man im Schnitt 30 bis 40 kg Gewicht verliert.
Eine mit welchen Mitteln auch immer erzielte Gewichtsreduktion – sei es durch Anpassung des Lebensstils, medikamentöse Behandlung oder metabolische Chirurgie – senkt das Risiko für Krankheiten wie oben beschrieben, also z. B. Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verminderte Mobilität, Schlafapnoe-Syndrom, Krebs und Demenz. Dies ist mit zahlreichen Studien gut belegt worden, bei denen Patienten, die nach einer metabolischen OP 30 bis 40 kg weniger auf die Waage brachten, über mehrere Jahre hinweg beobachtet wurden. Diese Patienten hatten trotz der Operation ein deutlich niedrigeres Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko als nicht operierte Patienten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man besser versuchen sollte, Übergewicht und Adipositas durch einen Lebensstil mit körperlicher Betätigung und einer adäquaten Ernährung vorzubeugen. Wenn Übergewicht oder Adipositas aber schon da sind, muss man sich irgendwann einmal die Faktoren bewusst machen, die eine Gewichtszunahme ermöglicht haben. Wenn man alle Faktoren analysiert und sich ihrer bewusst ist, kann man oft korrigierend eingreifen, auch wenn diese Korrektur im Lauf der Zeit bescheiden bleiben mag. Falls die Korrektur unzureichend ist, kann der Arzt eine medikamentöse Therapie oder sogar eine metabolische Operation vorschlagen.
Die Behandlung der Adipositas ist multidisziplinär: mit einem auf Endokrinologie spezia- lisierten Arzt, einem Ernährungsberater, einem Gastroenterologen, einem Kardiologen, einem Lungenarzt, manchmal einem Psychologen oder Psychiater und bei Bedarf sogar einem Chirurgen. Diesen Schritt sollte jeder übergewichtige oder fettleibige Mensch wa- gen, denn er befreit oft von Frustration und Angst und lässt uns den Enthusiasmus und die Energie wiederfinden, die vorher für immer verloren schienen.
Und Sie, wie weit sind Sie? Haben Sie diese Analyse schon durchgeführt? Wenn nicht, ist es an der Zeit, sich all der Faktoren bewusst zu werden, die Ihre Gewichtszunahme verursacht haben, und sich von dieser Last ein für allemal zu befreien.