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Dem Neuling wird dieses Kapitel als Einführung in meine Arbeit dienen. Für diejenigen, die schon mit meinen Ideen vertraut sind, wird es eine Revision der Konzepte sein, auf deren Basis sich meine heutigen Erkenntnisse und Methoden entwickelt haben.
Als ich meine Arbeit als Homöopath begann, konnte man diesen Beruf mit einem Mann vergleichen, der auf einem Feld steht und ab und an willkürlich mit einem Luftgewehr in die Luft schießt. Manchmal flog ein Vogel genau in seine Schusslinie und wurde getroffen. Dann sagte der Homöopath: „Welch großartiger Schuss!“ Die Patienten mussten sich darum bemühen, in die Schusslinie zu kommen. Es fehlte die Verlässlichkeit in der Behandlung und der Methode. Jeder von uns hatte einige brillante Resultate, aber dies war nicht durchgehend. Ein Fall konnte ein Erfolg sein, aber die nächsten fünf waren Fehlschläge. Mir wurde klar, dass Verlässlichkeit eine Notwendigkeit war, wenn Homöopathie ein glaubwürdiges Behandlungssystem werden sollte. Das Verschreiben konnte nicht willkürlich und zufällig geschehen. Daher galt all meine Anstrengung der Suche nach einer Methode, die – eingebettet in die Philosophie der Homöopathie – verlässlich und reproduzierbar war.
Im Folgenden werden wir meinen Weg von Anfang an nacherleben und dabei alle Meilensteine auf meinem Weg des Verständnisses der Homöopathie nachvollziehen.
Die Zentrale Störung
Als ich mit meiner Praxis begann, repertierte ich meine Fälle ziemlich mechanisch. Zu Anfang wählte ich einige charakteristische Symptome aus, denn das schien die Repertoriumsarbeit zu vereinfachen. Als wir uns unsere erfolgreichen Fälle ansahen, fiel uns Folgendes auf: Fälle, in denen wir aufgrund von Gemüts- und Allgemeinsymptomen verschrieben hatten, waren erfolgreicher als diejenigen, in denen wir unsere Verschreibung auf eigentümliche Symptome oder die Pathologie gestützt hatten.
Ich versuchte zu verstehen, warum diese Verschreibungen gewirkt hatten und nicht jene, bei denen wir uns auf die Pathologie verlassen hatten. Damals kam mir in den Sinn, dass die Heilmittel, wenn sie höher als 12 C potenziert werden, keine materielle Substanz mehr enthalten und nur noch Energie verbleibt. Somit können potenzierte Heilmittel keine körperlichen, physiologischen oder chemischen Veränderungen im Körper hervorrufen, sondern nur dynamische Wirkungen haben. Dieses Aha–Erlebnis veränderte meine Perspektive der Homöopathie, und ich versuchte von nun an zu verstehen, was genau mit „dynamischer Störung“ gemeint ist.
Beim Praktizieren konnte ich sehen, dass Patienten, die mit Hilfe des gleichen Heilmittels gesundeten, ähnliche Gemüts- und Allgemeinsymptome hatten, aber unterschiedliche, von Person zu Person verschiedene, eigenartige oder lokale Symptome aufwiesen. Verschiedene Gemüts- und Allgemeinsymptome fassten wir als „Zentrale Störung“ zusammen. Wir verstanden damals, dass die Zentrale Störung zuerst kommt und später dann pathologische und lokale Veränderungen auftauchen. Es ist, als ob die Pathologie – wie eine Schlingpflanze auf einem Stock – auf der Zentralen Störung „gedeiht“. Um die Krankheit zu heilen, muss die Zentrale Störung korrigiert werden und dann kann sich die körperliche Pathologie nicht mehr halten.
Mit Hilfe unserer erfolgreichen Behandlungen haben wir zwei Prinzipien identifiziert:
Das erste Prinzip
Ein Heilmittel, welches die Gemüts- und Allgemeinsymptome in einem Fall abdeckt, hat größere Chancen zu heilen, als eines, das eigentümliche Symp-tome enthält, aber nicht die Gemüts- und Allgemeinsymptome.
Das zweite Prinzip (Folgesatz aus dem ersten Prinzip)
Deckt ein Heilmittel eigentümliche Symptome ab, ohne die Gemüts- und Allgemeinsymptome abzudecken, wird es auf jeden Fall fehlschlagen.
Die Zentrale Störung kommt zuerst. Es kann keine Wirkung auf die einzelnen Anteile geben, ohne dass es parallel eine Wirkung auf das Ganze gibt. Ohne Zentrale Störung kann es keine Pathologie geben. Eigentümliche Symptome entspringen der individuellen Anfälligkeit und Sensibilität des Patienten oder Prüfers (im Falle einer Mittelprüfung). Daher sind sie unvollständig. Die Symptome, die wiederholt bei mehreren Prüfern und in mehreren Prüfungen des gleichen Heilmittels auftauchen, sind die Gemüts- und Allgemeinsymptome.
Der Zustand anstelle der Symptome
Als ich Heilmittel in diesem Licht untersuchte, bemerkte ich, dass es zweierlei Gemütssymptome gibt:
- Erstens gibt es grundlegende Gefühle
- und zweitens Expressionen.
Ein ganz einfaches Beispiel: Das Symptom „Angst allein zu sein“ ist ein Ausdruck, während „Gefühl von Kraftlosigkeit und Unfähigkeit, sich selbst zu schützen“ ein grundlegendes Gefühl ist. Um zu unterscheiden, ob ein gegebenes Symptom eine Expression oder ein Gefühl war, fragte ich immer: „Warum?“. Wenn ich eine zufrieden stellende Antwort bekam, klassifizierte ich das Symptom als Expression. War da keine Antwort und das Thema war „Was?“ und nicht „Warum?“, dann klassifizierte ich das Symptom als grundlegendes Gefühl. Die grundlegenden Gefühle sind häufig Symptome aus der Mittelprüfung und sind verlässlicher als die Expressionen.
Es war zwar einfach, einige der Symptome in eine der beiden Kategorien zu klassifizieren, aber es gab viele Symptome, speziell charakteristische Symptome und einzigartige Symptome, die in mehrere Komponenten aufgeteilt werden konnten. Während die Komponenten an sich auch in anderen Heilmitteln auftauchen, ist die charakteristische Kombination oft einzigartig für ein bestimmtes Heilmittel. Zum Beispiel hat „Aconit“ das Symptom „sagt den Zeitpunkt des Todes voraus“. Dieses Symptom hat nun zwei Komponenten: Eine davon ist „Angst vor dem Tod“ und die andere ist die Fähigkeit der Voraussage (bzw. Hellsichtigkeit). In der Kombination ergeben sie das Symptom „sagt den Zeitpunkt des Todes voraus“. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ein Einzelsymptom von „Kali carb“ ist: „Wunsch nach Gesellschaft, aber behandelt sie ungeheuerlich“. In diesem Symptom sind die drei Hauptkomponenten von „Kali carb“ enthalten. Das erste ist das Bedürfnis nach und die Abhängigkeit von Gesellschaft, ähnlich „Calc carb“, „Phos“, „Puls“ und „Stram“. Die zweite Komponente ist „behandelt sie ungeheuerlich“, das bedeutet, dass jemand verärgert und unzufrieden mit der Person ist, von der sie abhängig ist. Die dritte Komponente ist „Streitsucht“. Im Verständnis dieser drei Komponenten kann man sich vorstellen, was eine „Kali carb-Person“ einzigartig macht, dass sie nämlich sehr abhängig von anderen ist, dass sie um diese sehr besorgt ist (beispielsweise um Familienmitglieder), aber dass sie gleichzeitig nie mit ihnen zufrieden sein kann, sehr streitsüchtig und reizbar ist. Die gleiche Idee wird durch die folgenden Symptome vermittelt: „streitet mit seiner Familie“ und „streitet mit seinem Brot und Butter“, welche in „Phatak’s Concise Materia Medica“ aufgelistet sind.
Die Kombination der Komponenten ergibt die charakteristischen Symptome und einzelne Symptome repräsentieren ungewöhnliche Kombinationen.
Es reichte also nicht aus, einfach die Gemütssymptome zu repertieren, sondern man musste diese charakteristischen Kombinationen von Symptomen bei den Patienten erkennen. Durch das Praktizieren und weiteres Studium wurde klar, dass die Gemütssymptome keine einzelnen, separaten Symptome sind, sondern, dass es im Hintergrund etwas gibt, das sie zu verbinden scheint. Es war deutlich, dass im Patienten ein bestimmter Seins-Zustand besteht, der aus mehreren Symptomen und Komponenten gebildet wird. Und es gibt da etwas Tieferes oder Fundamentaleres, auf dem dieser Zustand basiert. Jedes Heilmittel und jeder Patient hat einen besonderen Seins-Zustand, zusammengesetzt aus Gemüts-, Allgemein- und körperlichem Zustand. Der Gemütszustand ist eine spezielle Kombination von Geistes- und Gemütssymptomen.
Es ist kein Wunder, dass Hahnemann in Paragraph 211 des „Organon der Heilkunst“ schrieb: „Dieß geht so weit, dass bei homöopathischer Wahl eines Heilmittels, der Gemüths Zustand des Kranken oft am meisten den Ausschlag giebt, als Zeichen von bestimmter Eigenheit, welches dem genau beobachtenden Arzte unter allen am wenigsten verborgen bleiben kann.“ Er hat nicht geschrieben, dass die Geistes- und Gemütssymptome die Mittelwahl bestimmen, sondern der Gemütszustand. Jetzt verstand ich, dass ich den Gemütszustand des Patienten erkennen musste.
Die Wahnidee
Wahnideen sind Gefühle, die nicht vollständig auf Fakten basieren, aber sie sind trotzdem noch Gefühle. Der Unterschied von reinen Gefühlen und Wahnideen ist der, dass die letzteren übertrieben sind, fixierter und dass sie oft in Bildern ausgedrückt werden. Die Idee, die Wahnideen bei der Beschreibung des Gemütszustands zu verwenden, kam mir, als ich sah, dass die Rubriken „fühlt sich unglücklich“ und „Wahnidee, er ist unglücklich“ die gleichen Heilmittel in „Kent`s Repertitorium“ enthalten. Also beschreiben diese beiden Rubriken das gleiche Gefühl, das „sich unglücklich fühlen“. Ich studierte die Rubriken der Wahnideen und versuchte zu verstehen, was die Wahnidee in Bezug auf Gefühle bedeutet.
Der Zustand ist eine innere Haltung
Mithilfe meiner Fälle verstand ich, dass der gesamte Krankheitszustand ein Verhalten oder eine innere Haltung ist, die vielleicht vom Organismus angenommen wurde, um in einer bestimmten Situation zu überleben. Diese Situation, die im Hintergrund steht, verbindet die verschiedenen Symptome des Gemütszustands oder das, worauf der Gemütszustand basiert.
Diese innere Haltung verbleibt, auch wenn die Situation nicht mehr besteht oder sich verändert hat, aber der jeweilige Mensch nimmt sie weiterhin so wahr und reagiert so, wie es der ursprünglichen Situation entsprach. Solch eine unpassende Haltung und unverhältnismäßige Reaktion verursacht einen konstanten Stress im Organismus und ruft eine spezielle Pathologie im Menschen hervor oder verschlimmert diese. Daher kann man sagen, dass Krankheit eine innere Haltung ist, die der Organismus angenommen hat, um in einer falsch wahrgenommenen Situation zu überleben. Diese innere Haltung bringt den Organismus in einen bestimmten Seins-Zustand.
Nehmen wir das Heilmittel „Acidum fluor“. Die Symptome sind: „Gleichgültigkeit gegenüber denen, die er mag, aber spricht auf angenehme Art mit Fremden“, „gesteigertes sexuelles Verlangen“ und „Fehlen von Moralität“. Auf den ersten Blick scheinen diese Symptome nicht verbunden zu sein, aber wenn man sich die Situation eines Mannes vorstellt, der mit jemandem verheiratet ist, der ganz und gar nicht zu ihm passt und der diese Ehe auflösen muss, dann sind die Symptome dieser Situation angemessen. Ein Einzelsymptom von „Acidum fluor“ ist „Wahnidee, muss die Ehe auflösen“.
Untersuchungen und Fälle wie diese waren wie Offenbarungen für mich. So konnte der Gemütszustand als eine Haltung erkannt werden, die vom Organismus als Antwort auf eine bestimmte Situation angenommen wurde. Sogar nachdem die Situation nicht mehr existiert, nimmt die Person fälschlicherweise wahr, dass die Situation noch besteht. Die Person ist daher nicht fähig, die wirkliche, reale Situation zu sehen und reagiert, als ob die frühere oder ursprüngliche Situation immer noch bestehen würde. Die Haltung basiert somit auf einer falsch wahrgenommenen Situation oder Wahnidee und ist daher unangemessen oder unpassend. Krankheit ist daher eine inadäquate Haltung oder, wenn man etwas tiefer geht, eine falsche Wahrnehmung der Realität oder eine Wahnidee.
Man könnte also sagen: „Krankheit ist eine Wahnidee und Bewusstwerdung ist Heilung.“