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P. bezeichnet die wissenschaftl. Disziplin, die sich mit der Theorie und Praxis der Erziehung befasst. Pädagog. Denken, das bereits in der griech. Philosophie und der röm. Stoa eine Rolle spielte, erlebte aufgrund der Vorstellung von der Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen v.a. in der Aufklärung einen grossen Aufschwung. Entscheidende Anregungen gingen dabei von Jean-Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi aus, deren Werke die pädagog. Diskussion weltweit beeinflussten.
Vor der Schaffung spezif. Professuren unterrichteten die für P. zuständigen Hochschullehrer vorwiegend Philosophie. P. wurde, in der Regel für angehende Gymnasiallehrer, lediglich nebenamtlich unterrichtet. Ab 1870 wurden an den philosoph. Fakultäten der Univ. Basel, Bern, Zürich und Genf die ersten Lehrstühle eingerichtet, welche die P. explizit in ihrem Curriculum führten. Damit begann die Verankerung der P. als eigenständige Disziplin mit wissenschaftl. Anspruch. Die ersten Lehrstuhlinhaber lehrten indessen oft noch eine stark philosophisch geprägte P. Allmählich gewann die Disziplin ein von der seminarist. P. der Lehrerinnen- und Lehrerbildung unterscheidbares Profil, obwohl sich unter den Lehrstuhlinhabern bis weit ins 20. Jh. hinein auch ehem. Seminardirektoren befanden. Die Etablierung der universitären P. zwischen 1870 und 1970 erfolgte über unterschiedl. Lehrstuhlkombinationen: Extraordinariate anderer Fächer, die P. beinhalteten, Extraordinariate in P., Ordinariate anderer Fächer, die P. enthielten, Lehrstühle für P. Erst nach dem 2. Weltkrieg löste sich die P. von der Philosophie. In den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jh. orientierten sich die Lehrstühle der P. in Bern, Freiburg und Zürich an der pädagog. Psychologie, in St. Gallen an der Wirtschaftspädagogik. In der franz. Schweiz war die Spezialisierung der Disziplin weiter fortgeschritten, führte man doch in Genf autonome pädagog. Lehrstühle bereits 1890 ein, ergänzt um einen Lehrstuhl für Experimentelle P. dreissig Jahre danach. Aus unterschiedl. institutionellen, wissenschaftl. und schulpolit. Kontexten entwickelte sich v.a. in Genf im Gefolge der Forschungen Jean Piagets eine entwicklungspsycholog. Schule, während sich die aus der geisteswissenschaftl. Tradition stammende systematisch-historische P. der dt. Schweiz - nicht zuletzt aufgrund der Einflüsse der Geschichtswissenschaft und der hist. Sozialwissenschaft - auch real-, mentalitäts- und institutionengeschichtlich ausrichtete.
Ab den 1990er Jahren fand die akadem. Lehrerbildung weitgehend an den neu eingerichteten Pädagog. Hochschulen statt, während die P. an den Univ. Basel (ab 2009), Bern, Freiburg, Genf sowie Zürich als Hauptfach und an der Univ. Neuenburg als Nebenfach gelehrt wurde. Freiburg bot einen Hauptfach-Studiengang Heilpädagogik an (in Genf éducation spéciale innerhalb des Hauptfachs). In Zürich war Sonderpädagogik als Nebenfach vertreten, während die Univ. Basel ein Diplom in Spezieller P. vergab und Neuenburg eine Ausbildung zur Therapie von Sprach- und Artikulationsstörungen anbot. Nachdiplomstudiengänge in P. fanden sich an den Hochschulen der franz. Schweiz. Im Wintersemester 1992-93 studierten an den Universitäten 2'264 Personen P., betreut von rund 30 Professoren der P. und sechs Professoren der Sonderpädagogik. 2002-03 studierten 2'077, 2007-08 2'745 Personen universitäre P., bei durchschnittlich 90 Abschlüssen pro Jahr seit 1991. Der Frauenanteil stieg zwischen 1991 und 2007 von 64 auf 70%. 2007 waren im Fach Sonderpädagogik 843 Studenten eingeschrieben, davon 766 Frauen.
Literatur
– Erziehungswissenschaft(en) 19.-20. Jh., hg. von R. Hofstetter, B. Schneuwly, 2002, 79-97, 425-453
– Emergence des sciences de l'éducation en Suisse à la croisée de traditions académiques contrastées, hg. von R. Hofstetter, B. Schneuwly, 2007
Autorin/Autor: Hans-Ulrich Grunder