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29.06.2021
In wissenschaftlichen Daten gibt es eine geschlechterbezogene Lücke, die eine dezidiert weibliche Form hat. Frauen gehen beim Erfassen von Daten oft vergessen oder werden ignoriert. Die fehlende Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Datenerhebungen stellt eine subtile Form von Diskriminierung dar und kann für Frauen fatale Folgen haben.
Durch die fehlenden Daten über Frauen entsteht eine unbeabsichtigte Verzerrung wissenschaftlicher Studien. Diese wird auch «Gender Data Gap» oder «Gender Data Bias» genannt und ist in eine Reihe von weiteren Gender Gaps einzuordnen. Gender Gaps bezeichnen im Allgemeinen die signifikanten Unterschiede zwischen den sozialen Geschlechtern («gender»). Das können beispielsweise der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern sein oder geschlechterspezifische Unterschiede in der politischen Partizipation.
Die Erhebung geschlechterspezifischer Daten ist für die Identifizierung von Gender Gaps beziehungsweise für die Gleichstellung von Frau und Mann unerlässlich. Trotzdem sind geschlechtersensitive Daten eine Seltenheit. Das kommt nicht von Ungefähr: In einer Welt, in welcher Männer über Jahrtausende hinweg die unausgesprochene Selbstverständlichkeit darstellten, wurde die Frau als das «andere» Geschlecht nur am Rande in wissenschaftliche Studien miteinbezogen.
Die Folgen des Gender Data Gaps sind unterschiedlicher Natur. Sie können harmlos sein und den Alltag von Frauen etwas umständlicher gestalten. So ist etwa die Standardtemperatur in Büros immer etwas zu kühl für eine durchschnittliche Frau oder die Regale in den Läden immer so hoch, dass sie nur mit Mühe von Frauen erreicht werden können. Jedoch kann die Datenlücke für Frauen auch lebensbedrohlich werden. So beispielsweise durch die Sicherheitsvorrichtungen in Autos, welche die weiblichen Körpermasse nicht berücksichtigen. Wenn eine Frau in einem Autounfall verwickelt ist, wird sie im Vergleich zu Männern mit 48 % höherer Wahrscheinlichkeit schwer verletzt und mit 71 % höherer Wahrscheinlichkeit mittelschwer verletzt.
Trotz der bestehenden Datenlücke werden bereits heute medizinische Diagnosen anhand der Künstlichen Intelligenz gestellt oder Bewerbungsprozesse mithilfe von Algorithmen geführt. Diese Algorithmen basieren auf statistischen Schlussfolgerungen, welche aus erhobenen Daten berechnet werden. Sind die zugrundeliegenden Daten nicht geschlechtersensitiv, ist auch der Algorithmus lückenhaft und verzerrt. In einer Welt, die immer mehr von – männerbezogener – Big Data regiert wird, ist es dringend geboten, die Geschlechterlücke in den Daten zu schliessen.
Unterschiede im biologischen Geschlecht
Der Gender Data Gap durchzieht viele verschiedene Lebensbereiche: unsere Gesundheit, Kultur, Wissenschaft, Stadtplanung und Ökonomie. In der Medizin beispielsweise steht der männliche Körper seit jeher synonym für den menschlichen Körper. Aus diesem Grund bildet er nach wie vor die bevorzugte Grundlage für Medikamententests, die medizinische Forschung sowie die Behandlung von Patient*innen. Dies, obwohl die Wissenschaft in jedem Gewebe und Organsystem des Körpers, aber auch im Auftreten, Verlauf und Ausprägung der meisten häufigen menschlichen Erkrankungen grundlegende Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Körper erkannt hat.
Erst vor wenigen Jahren haben Forscher*innen entdeckt, dass Frauen nach einem Herzinfarkt mit höherer Wahrscheinlichkeit sterben als Männer. Ein entscheidender Grund hierfür dürften die geschlechterspezifischen und wenig bekannten Symptome von Frauen sein: Insbesondere bei jüngeren Frauen treten nicht die «typischen» Brustschmerzen, sondern Bauchschmerzen, Kurzatmigkeit, Übelkeit und Müdigkeit auf. Herzinfarkte werden bei weiblichen Patientinnen folglich häufig übersehen oder fehldiagnostiziert. Weiter werden bei Frauen etwa Medikamente viel langsamer abgebaut, wodurch eine angepasste Behandlung angebracht wäre. In der Praxis geschieht das aber nur selten: Ihnen werden meist dieselben, für sie zu hohen Dosen verabreicht.
Der Abwesenheit geschlechterspezifischer Daten liegt nicht zuletzt das Contergan-Skandal in den 70er-Jahren zugrunde. Damals wurde schwangeren Frauen gegen Morgenübelkeit der Wirkstoff Thalidomid (Contergan) verschrieben. Aufgrund der Abgabe des Medikaments kamen weltweit ungefähr 5'000 - 10'000 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Aus diesem Grund wurde Frauen im gebärfähigen Alter in vielen Weltregionen die Teilnahme an Medikamententests untersagt.
Raumplanung grenzt Frauen aus
Die geschlechterspezifische Datenlücke ist nicht nur in der Medizin zu beobachten, sondern auch im Alltag. So sind es sich Frauen etwa gewohnt, vor der Toilette Schlange zu stehen. Diese triviale Tatsache hat einen nennenswerten Grund: Gleichgrosse Männertoiletten können aufgrund der Urinale von mehr Personen gleichzeitig benutzt werden. Zudem benötigen Frauen 2,3-mal so viel Zeit wie Männer auf den Toiletten, weil sie häufig in Begleitung von Kindern oder Care-bedürftigen Menschen unterwegs sind und Tampons oder Binden wechseln müssen. Die «gerechte» Flächenplanung von Toiletten führt also im Endeffekt zu einer Benachteiligung von Frauen. Ein Perspektivenproblem: Die nötigen Daten existieren zwar, sie werden aber bei der Planung sanitärer Anlagen nicht berücksichtigt.
Die UNO-Frauenkommission stellt anhand der heutigen Forschungslage weiter die Bevorzugung typisch männlicher Fortbewegungsarten fest. So bewegen sich Frauen und Männer unterschiedlich im öffentlichen Raum: Frauen sind weltweit weitaus häufiger zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Männer hingegen benutzen öfters das Auto. Ausserdem legen Frauen aufgrund ihrer Care-Arbeit kompliziertere Strecken zurück als Männer: Sie bringen die Kinder zur Schule, fahren anschliessend selbst zur Arbeit und erledigen später noch den Einkauf. Männer hingegen bewegen sich gradliniger und fahren häufiger lediglich zur Arbeit und wieder zurück.
Eine Studie aus Schweden hat schliesslich aufgezeigt, dass sogar die Praxis des Schneeräumens die Frauen benachteiligen kann. Sie kommt zum Schluss, dass bei der Schneeräumung die Strassen priorisiert werden, obwohl das Unfallrisiko auf beschneiten Fusswegen per se höher ist. Die meisten Unfälle ereignen sich im Winter demnach auf Fuss- und Fahrwegen. Während die Strassen mehrheitlich von arbeitstätigen Männern benutzt werden, bewegen sich auf den Fuss- und Fahrwegen vorwiegend Frauen. Sie werden bei den Sicherheitsabwägungen schlicht vergessen und sind durch die Priorisierung der Strassen einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt. Wenn entgegen der bisherigen Praxis auch Fuss- und Fahrradwege bei der Schneeräumung berücksichtigt würden, könnten nicht zuletzt auch Gesundheitskosten eingespart werden.
Gender Data Gap: international bereits länger ein Thema
Dass es eine geschlechtsspezifische Datenlücke zulasten der Frauen gibt und diese zu einer systematischen Diskriminierung führt, ist international seit längerer Zeit bekannt. Seit den 90er-Jahren wird «Gendermainstreaming» als langfristige Strategie propagiert, um die strukturellen Ursachen der geschlechterspezifischen Diskriminierung zu beseitigen. Gendermainstreaming basiert auf der Erkenntnis, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt und aus diesem Grund alle Politiken und Programme hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern untersucht, bewertet und gegebenenfalls angepasst werden müssen.
Das Prinzip der Nichtdiskriminierung und der Gleichberechtigung der Geschlechter wurde bereits in der Charta der Vereinten Nationen anerkannt und in der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verankert. Durch die vierte Weltfrauenkonferenz in Peking im Jahre 1995 nahm die globale Gleichstellungspolitik dann eine beachtliche Wende. Erstmals wurde allgemein festgehalten, dass ein grosser Bedarf an geschlechtsspezifischen Statistiken besteht und diese im Zuge der Gleichstellung eine entscheidende Rolle spielen. Auch der Begriff «Gendermainstreaming» wurde durch die Konferenz stark geprägt. Insgesamt 189 UNO-Mitgliedstaaten – darunter auch die Schweiz – verabschiedeten als Resultat der Weltfrauenkonferenz einen Aktionsplan. Mit diesem verpflichteten sich die Mitgliedstaaten, nationale und internationale statistische Dienste dafür zu nutzen, statistische Daten über Einzelpersonen nach Geschlecht und Alter zu sammeln, aufzubereiten, zu analysieren und schliesslich vorzulegen.
Um verstärkt auf die Wissenslücke bezüglich verzerrter Datenlage zulasten der Frau hinzuweisen, gründete die Statistikabteilung der UNO (UN Statistics Division) im Jahr 2006 eine Inter-Agency and Expert Group on Gender Statistics (IAEG-GS) und implementierte das Global Gender Statistics Programme. Damit soll die Vertreibung, die Nutzung und der Zugang zu geschlechterspezifischen Daten gefördert werden. Die Statistikabteilung der UNO veröffentlicht zudem alle fünf Jahre ein World’s Women Report, um auf Basis von Trends und Statistiken auf den aktuellen Stand der globalen Gleichstellung aufmerksam zu machen. Schliesslich hat die UN-Foundation auf Initiative von Hillary Clinton im Jahr 2012 die Plattform Data2X ins Leben gerufen. Sie setzt sich für die Schliessung des weltweiten Gender Data Gap ein und versucht auf gendersensitive Daten aufmerksam zu machen sowie diese breitflächig zur Verfügung zu stellen.
Auch im Rahmen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung kommt dem Gender Data Gap eine grosse Bedeutung zu. Die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) wurden im Jahr 2015 von 193 UNO-Mitgliedstaaten verabschiedet. Das fünfte Ziel der Agenda verlangt die Gleichstellung von Frauen und Männer. Trotzdem sieht sich die Agenda mit der Herausforderung konfrontiert, ein gendergerechtes Monitoring gewährleisten zu können. Zur wirksamen Überwachung der Fortschritte für Frauen und Mädchen innerhalb der formulierten Ziele braucht es gemäss eines Berichts von UN-Women eine Verbesserung der geschlechtsdifferenzierten Daten, Statistiken und Analysen.
Schliesslich setzt sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene die internationale Organisation Open Data Watch für die Verbesserung der Datensysteme nationaler statistischer Ämter ein. Der Gender Data Gap bildet ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.
Die Schweiz hat Nachholbedarf
In der Schweiz postuliert Artikel 8 Absatz 1 und 2 der Bundesverfassung ein Gleichheitsgebot sowie ein Diskriminierungsverbot – unter anderem aufgrund des Geschlechts. Im Jahr 1981 trat zudem der Gleichstellungsartikel (Art. 8 Abs. 3 BV) in Kraft, gemäss welchem die Gesetzgebenden in den Bereichen Familie, Ausbildung und Beruf für eine tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann zu sorgen haben. Ebenso wird darin der Anspruch für Mann und Frau auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit gewährt. Basierend auf diesem Gesetzgebungsauftrag wurde im Jahr 1996 – kurze Zeit nach der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking – das Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Die allgemeine Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Daten wurde in diesem Erlass jedoch nicht thematisiert.
Doch jüngst kam Bewegung in die Thematik: Am 28. April 2021 verabschiedete der Bundesrat die erste nationale Gleichstellungsstrategie 2030. Darin wird erstmals konkret das Ziel einer geschlechterspezifischen Datenerhebung in den Statistiken und Studien des Bundes formuliert. Der Bund entspricht damit unter anderem den Motionen von Herzog Eva (Motion 20.3588) und Marti Min Li (Motion 20.3498). Bis Ende 2021 sollten konkrete Massnahmen erarbeitet werden, wie den Zielen der Gleichstellungsstrategie Rechnung getragen werden kann.
Nebstdem beschäftigte sich die Zeitschrift der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF in der Fachzeitschrift «Frauenfragen 2020» mit dem Thema «Digitalisierung und Geschlecht». Die Professorin Isabelle Collet weist in ihrem Beitrag auf die Gefahren der Künstlichen Intelligenz und Algorithmen hin, falls diese auf Daten basieren, die Frauen und Männer nicht gleichermassen berücksichtigen. Jüngst wurden zudem auch in der Zivilgesellschaft Forderungen laut. So machte der Schattenbericht der NGO-Koordination Post Beijing im Mai 2021 auf die Datenlücke von Transpersonen, nicht-binären Menschen sowie intersexuelle Frauen aufmerksam und forderte, dass Daten konsistent nach Geschlecht, Alter und Behinderungen aufgeschlüsselt werden.
Eine spezifisch weibliche Perspektive
Es ist insbesondere dem Buch «Unsichtbare Frauen» von Caroline Criado-Perez zu verdanken, dass es der Gender Data Gap in den gesellschaftlichen Diskurs geschafft hat. Die britische Journalistin und Feministin listet Seite um Seite wissenschaftliche Studien auf, die aufzeigen, wie die Frauen in den Daten vergessen gehen.
Ihre zahlreichen Beispiele verdeutlichen, wie es statistische Dienste nach wie vor versäumen, den strategischen Ansatz «Gendermainstreaming» im Bereich der Datenerhebung anzuwenden. Es muss eine umfangreiche Sensibilisierung stattfinden, damit bei der Datenerhebung und -auswertung die geschlechtersensitive Perspektive konsistent miteinbezogen wird. Um den Gender Data Gap zu schliessen und die daraus resultierende geschlechterspezifische Diskriminierung zu beseitigen, muss die Unterrepräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Daten behoben, die Daten nach Geschlecht aufgeschlüsselt und schliesslich bei wissenschaftlichen Studien – zusätzlich zur bislang angenommenen «genderneutralen» Sichtweise – eine spezifisch weibliche Perspektive eingenommen werden.
Die UNO hat auf internationaler Ebene eine Vorreiterrolle eingenommen. Jetzt muss auch die Schweiz einen Umgang mit geschlechtersensitiven Daten erlernen, welcher den menschenrechtlichen Ansprüchen genügt.
Weiterführende Informationen
- «Invisible Women»
Buch von Caroline Criado-Perez, 07. März 2019
- Warum Frauen sich im Büro warm anziehen müssen
Sendung auf Nuovo SRF, 21. Juni 2019
- Gender Data Gap
Kolumne von Nina Kunz des Tages Anzeigers, 4.9.2020
- "Wir sind keine Einzelfälle"
Interview von Zeit Online, 10. März 2021
- Das Patriarchat der Daten
Artikel der WOZ, 14. Mai 2020
- Frauenfragen 4.0: Digitalisierung und Geschlecht
Fachzeitschrift «Frauenfragen» 2020 der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF