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Schweigen
Rainer Wieczorek: “Tuba-Novelle”
Schreiben. Über Beckett schreiben. Schreiben müssen. Um jeden Preis schreiben müssen. Trotz aller Schreibhemmungen schreiben müssen. Gegen die Musik einer Tuba anschreiben müssen. Und doch nicht schreiben! Davon handelt die “Tuba-Novelle”. Es geht um innere und äussere Störungen und darum, manchmal mehr zu sagen, wenn man schweigt. – Grandios!
Von Andrea Müller-Schmuki.
Ein Protagonist – vorerst nur einer – und er taucht nur als “er” auf: keine Namen, keine Charakteristika, keine Informationen. Der Hauptakteur dieser teilweise etwas verworren erscheinenden Geschichte ist ein Essayist. Und sowohl stilistisch als auch graphisch verschmilzt er mitunter mit dem Erzähler, und nicht nur mit ihm, sondern auch mit dem Existentialisten Samuel Beckett, über den er neun Monate lang an einem Essay schreibt. Zwischen dem Essayisten und Beckett gibt es auch sonst so einige Parallelen. Nicht nur der Ort – ein Landhaus in Frankreich, in dem der Essayist zu schreiben versucht und teilweise sogar ganze sechs Zeilen in einem Tag schafft, meistens aber weniger – ist dem Landhaus, in dem Beckett die meisten seiner literarischen Einfälle und auch viele Schreibblockaden hatte, nicht unähnlich.
Störungen
Die “Tuba-Novelle” beginnt damit, dass der Essayist gleichsam wie Beckett durch widrige Umstände, nämlich aufgrund einer Störung durch einen Nachbarn, vom Schreiben abgehalten wird. Bei Beckett war es eine Jagdhütte, die in seiner Nähe gebaut wurde und die ihn einfach nicht in Ruhe arbeiten liess, da Becketts Ärger über die Hütte seine Konzentration störte. Beim Essayisten ist es vielmehr jemand, der in das Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite einzieht und den ganzen Vormittag über auf seiner Tuba spielt. Nicht dass diese Tatsache den Essayisten stören würde, weil er keine Musik mag. Ganz im Gegenteil: Er mag Musik und er mag die Tuba als Instrument. Nur: Der Tubaspieler spielt so gut, dass der Essayist sich nicht mehr auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren kann: Immerzu versucht er gegen die Staccato-, Binde-, Prallthriller- oder Sforzato-Übungen und die verschiedenen Sonaten des Tubaspielers anzuschreiben, doch der grosse Bass erscheint dem Essayisten einfach zu mächtig und er selber verstummt.
Literatur und Musik
Die “Tuba-Novelle” ist nach “Zweite Stimme” die zweite Künstlernovelle Wieczoreks. Ganz klar wird aber in der ganzen Erzählung nicht, um welchen Künstler es hauptsächlich geht: um Samuel Beckett, um den Essayisten oder vielleicht doch um den Tubaspieler. Darunter leidet die Geschichte jedoch zu keinem Zeitpunkt, denn diese drei Figuren wären gar nicht unabhängig von einander vorstellbar. Spätestens nach der Hälfte des Buches ist jedoch nicht mehr das Schreiben oder das Nicht-Schreiben das Hauptthema, sondern die Musik: Immer wieder finden sich Notensysteme im Buch abgedruckt und nur wer direkt von einer geschriebenen Note einen Ton, eine Melodie im Kopf hat, kann beim Lesen auch wirklich etwas damit anfangen. Auch die Sprache setzt einiges an Musikwissen und -verständnis voraus. So dürfte es dem Leser sonst nur schwer verständliche sein, was zum Beispiel eine None ist und weshalb sie schwieriger zu spielen ist als etwa eine Quinte.
Die “Tuba-Novelle” ist eine kurze, sprachlich sehr überzeugende Geschichte über Musik, das Zusammenspielen und über das Schreiben sowie über Schreibhemmungen. Zu empfehlen: allen musikbegeisterten Lesern – und allen lesebegeisterten Musikern.
Dittrich
119 Seiten, CHF 25.50