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Was ein anderer an einem Tag schaffte, schuf Tim Smit in sechs Jahren. Schliesslich ist Smit nicht Gott, sondern gebürtiger Niederländer. Dann aber waren fünfzig Hektaren Einöde mit 100 000 Pflanzen aus aller Welt begrünt. Eden Project war fertig, ein Garten, aus dem jeder Besucher als besserer Mensch heimkehrt.
Smit spaziert durch seinen Regenwald. Mangroven und Bananenstauden umranken ihn. Fünfzig Meter über ihm prasseln Regentropfen auf eine Kuppel, die aus riesigen Seifenblasen zusammengeklebt scheint. Vor ihm winden sich gepflasterte Wege, Treppen und Brückchen. Sie führen durch Ozeanien, in den Amazonas, nach Westafrika. An künstlichen Felswänden rauscht Wasser hinab.
Die Jeans sitzt dem 61jährigen locker auf den Hüften, so dass sie am Hintern etwas hängt. Er trägt ein blaues Hemd, die einst wilde Haarpracht ist einer Stirnglatze gewichen. Smit ist eine Art Flower-Power-Kapitalist – er kann mit Geld umgehen, auch wenn es nicht sein eigenes ist. «Ich hasse die Hälfte der NGO, die voller Leute sind, die sich mit fremdem Geld einen Platz im Himmel sichern wollen», sagt er. Smit ist da anders. Zudem kann der Himmel warten, sofern er hineingelassen würde. Nie verliess er eine Party, um anderntags arbeiten zu gehen – «sollte ich je ein Spiesser werden, erschiesse ich mich». Gefällt es ihm an einem Ort, dann bleibt er.
So wie Ende der 1980er Jahre, als er während der Ferien in Cornwall «spontan» eine Farm kaufte und seine Frau und seine drei Kinder von London in den Süden Englands umsiedelte. Damals war er noch Songschreiber und Produzent. «Midnight Blue» etwa produzierte er zusammen mit der Opernsängerin Louise Tucker. Klassik traf hier erstmals auf Pop. Auch wenn es die Platte in England nie auf die vordersten Chartplätze schaffte, in Frankreich war sie 1983 der Weihnachts-Hit. Smit, der bei den Aufnahmen am Keyboard stand, blieben aus dieser Zeit eine Platinauszeichnung und das Wissen, «wie man Gefühle weckt». Für den späteren Hohepriester der Nachhaltigkeit ein entscheidender Vorteil. Aus seinem Vorhaben, in der Abgeschiedenheit Cornwalls weiter zu komponieren, wurde nichts. Smit verliebte sich in einen verwilderten Park names Heligan, obwohl er mit Grünzeug nie etwas anfangen konnte. «Im Grunde mag ich nur den Rebstock.»
Zuerst genügte Smit noch dieser Garten: Der studierte Archäologe besorgte sich einen Metalldetektor und begann in Heligan die Schilder aufzuspüren, die im 19. Jahrhundert die Pflanzen und Wege markierten, angelegt von Gärtnern im Auftrag von Lords und Ladies mit steifen Hemdkragen und spitzenbesetzten Sonnenschirmchen. Smit erweckte die verwilderte Landschaft zu neuem Leben. «Ohne Heligan gäbe es kein Eden Project», sagt Smit. «Heligan lehrte mich, Geschichten zu erzählen.»
Die Engländer sind verrückt nach Gärten. Anders als die Franzosen, die in ihren Barockgärten exakte Formen und geometrische Linien mögen, haben es die Briten gern wild. Ihre Gärten wollen ein authentisches Bild der Natur wiedergeben, wenn auch ein überhöhtes. Wo ein Bächlein fliesst, soll ein Wasserfall hinabstürzen, wo ein Stein liegt, wird ein Fels angekarrt. Wiesen, auf denen Schafe weiden, ungestutzte Bäume, Büsche und Hecken, zwischen denen Schweine ihre Rüssel in die Erde graben. Nichts darf gekünstelt oder nach Arbeit aussehen. Heligan wurde zum schönsten Garten Englands gekürt. Doch Smit wollte mehr: Die Vision vom grössten Gewächshaus der Welt hatte er im Frühling 1995. Mit einem Freund hatte er eine Flasche Whisky geleert. Sie sahen es vor sich, das Daheim für alle Pflanzen dieser Erde. Mit einem Bewässerungssystem aus Regenwasser, das auch zur Klospülung benutzt wird. Mit Böden aus alten Heineken-Flaschen und Stühlen aus rezyklierten Plastictassen. Ein Ort, an dem Schulklassen die Natur verstehen lernen und Häftlinge und Obdachlose Grundkurse in Botanik erhalten. Ein Garten, in eine architektonische Hülle gepackt, die jedem einen Weltwundermoment beschert. «Fitzcarraldo-Moment» nennt ihn Smit. Nach der Filmfigur, die im Dschungel ihren Traum von einem Opernhaus zu verwirklichen versucht.
«Die Leute denken immer, man solle Grosses nur in Städten bauen. Hätte ich Eden in London geplant, es wäre nie so erfolgreich geworden.» Über eine Million Menschen besuchten letztes Jahr Smits Eden Project nahe dem kleinen Städtchen St. Austell in Cornwall – jeder blieb im Durchschnitt fünf Stunden in dem Talkessel, in dem früher weisse Tonerde abgebaut wurde. Als Smit das Land für sich entdeckte, war es eine Einöde aus kahlen Hügeln und schlammigen Löchern. «Todgeweiht und trotzdem schweineteuer», sagt Smit und bleibt vor einem ausladenden Gewächs stehen: «Keine Ahnung was das ist, aber es ist schön.»
Anders als Fitzcarraldo hat Smit weder einen irren Blick noch Spucke im Mundwinkel, wenn er über Geld spricht: «Wenn man ein Paradies erbauen will, sollte man den richtigen Augenblick abwarten.» Smit warf sich nach dem Whisky keine Tablette ein und jammerte über seinen Kater. Smit fragte das Architekturbüro Nicholas Grimshaw – «ich mochte ihren Bahnhof Waterloo» – um einen Entwurf an, den er bei der Millenniumskommission einreichen wollte. Für Projekte zur Jahrtausendwende hatte die britische Regierung 1,3 Milliarden Pfund zur Verfügung gestellt. Die Chancen, für ein Projekt Geld zu bekommen, das in einer der wirtschaftlich schwächsten Regionen Englands Arbeitsplätze schafft, waren gut. Weniger attraktiv war die Summe, die Smit mit Kollegen berechnet hatte: 140 Millionen Pfund. Drei Jahre reiste Smit durch Europa, um Geld aufzutreiben, sass auf unzähligen Bank- und Behördenstühlen. Er redete, lobte sein Team und pries die Idee. «Wenn etwas Grosses entstehen soll, muss man die Leute begeistern. Man findet eher Mitstreiter, wenn sie das Gefühl haben: Ja, bei so einem Abenteuer wollte ich immer mal dabei sein.» Die Kommission sprach dem Eden Project 86 Millionen Pfund zu. Der Rest wurde über Kredite und Fördergelder der EU beschafft. Smit mag es, «wenn es nicht zu einfach geht».
Ursprünglich hatte Eden einen Himmel aus Glas; das Dach lag auf einer gebogenen Fachwerkkonstruktion. Was sich aber schon kurze Zeit später als viel zu schwer für den lehmigen Boden herausstellte. Schliesslich entschieden sich die Architekten für eine Stahlkonstruktion in Form von Sechsecken. Die Waben liegen nebeneinander, durch viele Tausend Stahlgelenke verbunden. Gedeckt ist das Tragwerk mit einem Kunststoff, der noch nie für eine solch grosse Fläche eingesetzt worden war. Aber es hält. Sogar als die James-Bond-Crew für die Dreharbeiten von «Die Another Day» auf den Waben herumturnte. Smits Gewächshaus wurde darin zu einem Eispalast: das Machtzentrum des Bösewichts.
Das Tropenhaus ist durch schwere Türen und ein Restaurant mit dem mediterranen Gewächshaus verbunden. Im Restaurant dringt das Öko-Feeling aus allen Poren, man isst bevorzugt vegan und vegetarisch, nach Möglichkeit Gemüse aus den eigenen Gärten. Unter den Duft des Tagesmenus, Fisch mit Linsen, mischt sich süsslicher Schweiss von Mitarbeitern und weckt Erinnerungen an einstige Bibellager.
Smit ist nicht religiös. Für ihn ist «die Geschichte vom Garten Eden» ein Bild dafür, dass es auf Erden stets grüne Plätze gab, die Mensch und Tier ernährten. Eden sei das Symbol dafür, dass Mensch und Natur in Harmonie leben könnten. Daher auch der Name, für den er sich zusammen mit Freunden entschied. «Auch wenn ich die überstimmen musste.»
Dass es eine Form des Gartens Eden gab, wie ihn die Genesis beschreibt, ist wahrscheinlich. Er steht für Fruchtbarkeit an einem Ort, der Jäger und Sammler gut leben liess. Uneinig sind sich die Wissenschafter aber darüber, wo denn dieses Paradies gelegen haben könnte. Beliebt ist die These von Juris Zarins von der Missouri State University. Zarins verglich den Text der Genesis mit Satellitenbildern, was den Archäologen zur Annahme brachte, dass der Garten Eden in einem heute überfluteten Flussdelta im Bereich des nördlichen Persischen Golfes lag. Andere Forscher legen den Garten nach Ost-Aserbaidschan, sehen in ihm den Tempelgarten Eridu in Südirak oder vermuten ihn unter Ruinen in Anatolien. Gegenden, in denen heute das kulturelle Erbe von Fanatikern in Einzelteile zerlegt wird.
«Macht sich, wer ein irdisches Eden baut, nicht auch angreifbar?» – «Sagen Sie so was nicht», sagt Smit und klopft, «touch wood», an den nächstbesten Baumstamm. Aus der Mittelmeerabteilung wurden mal drei Kakteen gestohlen. Neuerdings werden die fleischigen Blätter der Agaven als Zettel missbraucht. Gekritzel und Herzen. Damit ist die kriminelle Energie der Besucher erschöpft.
Die Pflanzen stammen aus privaten Züchtungen. Die meisten sind Raritäten oder waren das Prunkstück einer Sammlung. Jede Pflanze bekam ihren Lebenslauf und einen detaillierten Eintrag im Archiv. Smit hatte nie vor, mit dem Eden Project ein Dokumentationszentrum zu werden; heute gehört das Eden-Team zu den besten Pflanzenkennern Europas. Catherine ist eine von 55 Gärtnern, die sich um das Anwesen kümmern. Die Chefgärtnerin der Mittelmeerabteilung trägt am Gurt Schere und Funkgerät. Seit sie immer häufiger im Büro arbeiten muss, hat sie es im Kreuz. Darum ist es praktisch, dass sie notfalls aus der Badewanne zu Hause die Bewässerungsanlage per Fernbedienung in Gang setzen kann. Jedes Gewächs erhält die nötige Ration. Wüstenkraut aus Kalifornien braucht weniger als die Titanwurz aus Sumatra, deren Blüte, die grösste der Welt, sich nur alle paar Jahre für drei Tage öffnet. Wie bei einer Geburt sei das, sagt Catherine, die die Pflanzen in Eden kennt, seit sie kurz vor der Eröffnung des Gartens 2001 mit Lastwagen und Gabelstaplern angeliefert wurden. «Nichts darf ein Gewächs verstimmen.»
Dass Pflanzen erstaunlich hoch entwickelte Fähigkeiten besitzen, fiel vor über einem Jahrhundert schon Charles Darwin auf. Er erkannte als erster in der Wurzelspitze ein raffiniertes Sinnesorgan. Seine Gedanken vertraute er vor allem seinen Notizbüchern an. Eine Vorsichtsmassnahme; wer Pflanzen Intelligenz attestiert, macht sich zum Gespött. In der Biologie, so klagen Forscher, leben wir noch immer im aristotelisch-ptolemäischen Zeitalter. Selbst in der Schöpfungsgeschichte bekommt die Pflanze nicht den Raum, den sie verdiente. Dabei ist sie die Hoffnungsträgerin der Menschheit. Die Taube, die Noah aus seiner Arche losschickte, kam nicht mit einem Käfer, sondern mit einem Ölzweig zurück.
In Smits Eden gibt es keinen Baum der Erkenntnis, und der kleine Brunnen, der am Eingang plätschert, ist kein Jungbrunnen. Wichtiger als die Genesis ist ihm die Psyche. Der positive Einfluss von Gärten auf die Seele ist oft beschrieben und – im Gegensatz zur Intelligenz der Pflanzen – gut erforscht. Umweltpsychologen wie Rachel Kaplan sind sich sicher, dass etwa die Weite eines Gartens wichtig ist, um entspannend zu wirken. In Studien belegte sie, dass Angestellte, die bei ihrer Arbeit in die Natur blicken können, ihren Job mehr lieben, gesünder sind und mehr Lebensfreude haben. Auch genesen Patienten mit Sicht ins Grüne schneller als Kranke, die an eine weisse Wand starren.
«Jeder sollte einen Garten haben», sagt Smit und hat auch das bereits organisiert. In Indien, Südafrika und Kosovo buddeln und pflanzen Mitarbeiter des Eden-Trusts zusammen mit Kindern und Einheimischen an einer grüneren Zukunft. Eden ist eine Marke, mit der Smit zum grössten Umweltunternehmer der Welt werden will. Einer, bei dem alle Einnahmen in die Weiterentwicklung des Unternehmens und an die über 300 Mitarbeiter fliessen. Nicht an Aktionäre oder einen CEO. Geht es nach Smit, dann sollte jeder Kontinent einen Garten Eden haben. Keinen Vergnügungspark, sondern einen begehbaren Riesenlehrpfad, der der Bevölkerung Einnahmen garantiert: Bis heute hat sein Garten über 1,5 Milliarden Pfund nach Südengland gebracht. Im Norden Chinas hat er sich bereits nach geeigneten Plätzen umgesehen. Warum in der Mongolei? «Weil man Eden dort nie erwarten würde.»
Wenn Queen Elizabeth II. bei Smit vorbeischaut, hat sie in der Handtasche oft ein Mitbringsel dabei. Tim Smit trägt auch dann am liebsten Jeans. Vielleicht eine, die am Hintern nicht so hängt. «Schliesslich ist es mit der Queen nicht viel anders, als wenn man seine Oma trifft.» Doch statt Socken überreicht ihm die Königin meist eine weitere Ehrenmedaille des British Empire. Beides liegt bei Sir Tim zu Hause in «irgendeiner Schublade».
So entspannt kann nur einer reden, der einen Garten Eden erschaffen hat. Gottgleich bestimmte er denn auch, dass, wer zu Fuss oder mit dem Velo anreist, drei Pfund Eintrittsrabatt erhalte. Ob die Besucher an der Pforte die Wahrheit sagen, weiss aber nur der liebe Gott.
Von Gudrun Sachse, erschienen im NZZ Folio "Im Paradies", 2016.