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Allah - gesetzgebender und liebender Gott
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen
"O ihr Menschen, gedenket der gnade Gottes gegen euch. Gibt es einen Schöpfer außer Gott, der euch vom Himmel und von der Erde her versorgt? Es gibt keinen Gott außer ihm! Wie könnt ihr euch da abwendig machen lassen?" (Sure 35, Vers 4)
Es ist eine weitverbreitete Vorstellung, das Islamische Gottesbild zeige einen grausamen und despotischen Gott, der den Menschen eine Unzahl von Verboten auferlegt habe, aber keine Liebe kenne. Gott sei im Islam nur der strenge Richter, der jeden Verstoß gegen seine Anordnung bestrafe und der Mensch sein Sklave, der keine wirkliche Beziehung zu Gott haben könne.
Mensch in der Schöpfung
Gott ist Ursache und Erhalter der Schöpfung. Er ist absolute Realität, unerschaffen und ewig und nichts ist ihm gleich. Der Mensch hat von Gott die Fähigkeit erhalten, mittels seiner Vernunft über die gesamte Schöpfung - einschließlich seiner selbst - reflektieren zu können. Gott hat den Menschen zu seinem "Stellvertreter auf Erden" gemacht (vgl. Sure 2, Vers 31)
Der Mensch ist einerseits relativ, vergänglich und erschaffen, nimmt andererseits in der Schöpfung die höchste Stufe ein. Er besitzt eigene Attribute Gottes in relativierter Form.
Ein Mensch, der seine Relativität und Erschaffenheit eingesehen hat, wird feststellen, daß er auf Richtlinien angewiesen ist, die ihm ermöglichen, auf Erden harmonisch und sinnvoll zu leben.
Gott hat daher den Menschen immer wieder Propheten gesandt, die ihnen Offenbarungen Gottes übermittelten, aus denen sie lernen konnten, wie sie ihre Aufgabe als Stellvertreter Gottes bewältigen konnten. Nach Islamischer Auffassung war der letzte dieser göttlichen Gesandten der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm). Jedoch werden alle anderen Gesandten vor ihm anerkannt und im Qur'an als Beispiele und Modelle rechtschaffener Menschen angeführt. Die erste Offenbarung überhaupt, die Muhammad (s.) empfing lautete:
"Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat, Er hat den Menschen erschaffen aus einer Samenzelle. Lies! Denn Dein Herr ist der Allgütige, Der durch die Feder lehrte, dem Menschen lehrte was er nicht wusste..."(Sura96, Vers1ff)
Schon in der ersten Offenbarung an Muhammad (s.a.) weist Gott darauf hin, daß er der Allgütige ist, der die Menschen lehrt. Er teilt den Menschen auch mit, daß Er ein gütiger Schöpfer ist, der das Gute für die möchte. Daher ist eine Unterwerfung unter seinen Willen für Vernünftige Geschöpfe keine Demütigung, sondern eine Erhöhung.
Liebe und Gesetz
Die Leitung und Führung, die Gott den Menschen durch seine Gesandten gebracht hat, ist Ausdruck Seiner Gnade und Liebe. Dass Gott den Menschen zu seinem Stellvertreter auf Erden gemacht hat, daß er ihn lehrt und ihm reichlich Unterhalt und Versorgung zuteil werden lässt, das alles zeigt, daß Gott seine Schöpfung liebt. Gottes Liebe gegenüber der Schöpfung und insbesondere Gottes Liebe zum Menschen manifestiert sich in der Schöpfung und ist für jeden Menschen, der von seiner Vernunft Gebrauch macht , zu erkennen. Einer der 99 schönsten Namen Gottes lautet "Al-Wadud", der Liebende. Da der Mensch leitungsbedürftig ist, ist es eine Form von Gottesliebe, wenn er ihm Gesetze gibt.
Was aber bedeutet eigentlich die Formulierung "Gott gibt Gesetze"?
Viele Menschen haben hier oft missverständliche Vorstellungen, denn sie denken bei dieser Formulierung sofort an eine sinnentleerte Kasuistik. Der Qur'an aber lehrt uns, das die Gesetze Gottes Richtlinien für das menschliche Handeln sind, deren Einhaltung den Menschen ein friedliches und harmonisches Zusammenleben ermöglicht. Alle Gesetze, die Gott den Menschen gibt, haben einen Sinn und Gott fordert die Menschen auf, diesen Sinn zu verstehen. Der Mensch als Stellvertreter Gottes auf Erden soll wissen, was er tut und nicht bloß mechanisch Befehle ausführen. Hierin liegt die besondere Stellung des Menschen begründet: er soll aus freien Stücken heraus das Gute akzeptieren, weil er verstanden hat, was gut ist!
Wenn einem diese Tatsachen bekannt sind, dann wird einen Nichtmuslim auch nicht mehr verwundern, daß der Muslim Mystik und Gesetz als vollkommen miteinander im Einklang stehend betrachtet. Mystik bedeutet Annäherung an Gott. Gott annähern kann man sich aber nur, wenn man die Schöpfung zu begreifen versucht, da diese als Göttliche Manifestation Gottes Attribute erkennen läßt.
Selbsterkenntnis
Zur Erkenntnis Gottes gehört aber auch Selbsterkenntnis. Der Mensch muss zuallererst sich selbst begreifen, denn nur ein Mensch, der seine eigene Relativität und Leitungsbedürftigkeit erkannt, wird sich mit Freuden in den Willen Gottes ergeben. Ein Mensch, der seine Relativität nicht erkannt hat, wird hochmütig sein und keine Autorität anerkennen wollen. Er wird nicht seiner gottgegebenen Vernunft folgen, sondern seinem Ego, welches ihm Trugbilder vorspiegelt und zur Auflehnung gegen Gottes Gebote bringt.
Genau dies ist die Absicht des Islam: Sich Gottes Liebe und Barmherzigkeit immer und überall bewusst zu sein und nur die Dinge zu tun, die Gott dem Menschen erlaubt hat, weil diese zu seinem besten sind.
Natürlich kennt der Islam auch die Intensive Verbindung zwischen Gott und dem Menschen, in der der Mensch alles vergessen soll, was um ihn ist. Das Gebet ist dem gläubigen Muslim mindestens fünf mal am Tag vorgeschrieben. Es ist die intensivste Verbindung zwischen ihm und Gott, in der seine Nähe am stärksten gefühlt werden kann.
Jeder Mensch besitzt einen Geist, einen Verbindungsstrahl, der ihn mit dem göttlichen Licht verbindet. Je mehr der Mensch lernt, diesen Verbindungsstrahl von den Einflüssen seines Egos freizuhalten, desto intensiver wird der Einstrom des göttlichen Lichts.
Jenseits und Diesseits bilden eine Einheit und sind nicht voneinander zu trennen. Es ist nicht so, daß der Mensch auf Erden leiden soll, damit er im Paradies Freude empfinden darf. Gott ein solches Denken zu unterstellen wäre unvernünftig und nicht mit seiner Größe, Weisheit, Gnade, Gerechtigkeit und Liebe vereinbar.
Befreiung
Gott möchte, daß die Menschen ihr Ego so erziehen, daß sie sich dem Paradies als würdig erweisen. Er möchte, daß sie nicht ihren niederen Gelüsten folgen, sondern ihre Vernunft gebrauchen und sich Gott anzunähern versuchen. Vor allen Dingen aber sollen sie sich von allen Abhängigkeiten außer der Abhängigkeit Gott gegenüber befreien und nur Gott alleine dienen. Diese Abhängigkeiten können unterschiedlicher Natur sein. Es können sowohl Abhängigkeiten auf politischer Ebene sein, indem man z.B. Gesetzen folgt, die nichtgöttlichen Ursprungs sind. Oder aber es können Abhängigkeiten auf persönlicher Ebene sein, indem man sich z.B. etwa von Rauschmitteln oder ganz allgemein von Konsumzwängen abhängig macht. Jegliche Form von Abhängigkeit, die das menschliche Ego verleitet, sich von Gott abzuwenden, stellt eine Gefahr für den Menschen dar. Die Erziehung des Egos ist daher die vorrangigste Aufgabe des Menschen. Wenn ein Mensch sich ehrlich bemüht, diese Aufgabe zu bewältigen, wird Gott ihm dabei helfen. Das Leben wird zu einer ständigen Begegnung mit Gott:
"Gedenket Meiner und Ich will eurer gedenken; und danket Mir und seid nicht undankbar gegen Mich"(Sura 2, Vers 153)
Gott verspricht dem Menschen, daß er ihm nahe sein wird, wenn dieser sich gottergeben verhält und vom Schlechten ablässt. Wenn der Mensch sich entschlossen hat, auf Gott zuzugehen, so kommt Gott ihm entgegen und hilft ihm bei seinen Schwierigkeiten:
"Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen: Ich bin nahe. Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu mir betet. So sollen sie auf mich hören und an Mich glauben, auf daß sie den rechten Weg gehen mögen." (Sure 2, Vers 187)
Dies soll nicht zur Passivität verleiten. Wenn das Leben eine ständige Begegnung Gottes mit dem Menschen sein soll, bedeutet dies, daß der Mensch auch selbst etwas tun muss, um seine Aufgabe erfüllen zu können. Er darf nicht glauben, das sein Glaube und sein Vertrauen auf Gott ihn seiner Verantwortung entheben würden. Er soll vielmehr seine Aufgaben mit göttlicher Hilfe wahrnehmen.
Das Verhältnis Diener-Herr, wie es zwischen dem Menschen und Gott besteht ist nicht von despotischer Natur. Der Mensch ist Knecht, weil ihm aufgrund seiner Relativität als geschaffenes Wesen gar nichts anderes übrig bleibt. Denn der Mensch ist in seinen Möglichkeiten begrenzt. Gott aber ist der liebende und barmherzige Herr, Der den Menschen leitet und führt, um ihn zu erhöhen. Es íst die Knechtschaft Gott gegenüber, die den Menschen erhöht, denn sie befreit ihn von allen anderen Abhängigkeiten.