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Vor beinahe 100 Jahren, nämlich im Jahre 1920 trat ein junger Medizinstudent in die von Sigmund Freud (1856 - 1939) gegründete Internationale Psychoanalytische Vereinigung ein. Es handelte sich um Wilhelm Reich (1897 - 1957), der damit einer der jüngsten Psychoanalytiker überhaupt wurde. Reich befreundete sich rasch mit Freud, und Freud schien für lange Zeit zu glauben, in Reich endlich seinen lange gesuchten “Kronprinzen”, seinen Nachfolger gefunden zu haben. 1934, also 14 Jahre nach Beginn dieser Freundschaft, wurde Wilhelm Reich aus der IPV ausgeschlossen. Wie konnte es dazu kommen?
Als Grund für den Ausschluss Wilhelm Reichs aus der IPV wurde von offizieller Seite her angegeben, dass Reichs politische Aktivitäten in der IPV nicht geduldet werden würden. Man bezog sich auf Reichs Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Deutschlands und seinen Beiträgen zum sogenannten Freudomarxismus, einer Denkrichtung, die die Erkenntnisse der Psychoanalyse mit denjenigen, von Karl Marx (1818 - 1883) beschriebenen Erkenntnissen des sogenannten “Historischen Materialismus” zu verbinden versuchten. Dieser Grund scheint - betrachtet man die damaligen Verhältnisse - plausibel und weckt keinerlei Gedanken, dass mehr hinter dem Ausschluss stecken könnte, als blosse politische Differenzen. Die Sache verhält sich anders, wenn man das Faktum betrachtet, dass Reichs politische Affären schon ein Jahr früher, also 1933 ebenfalls mit dem Ausschluss aus der KPD geendet haben.
Wilhelm Reich schien den Ausschluss aus der IPV aus mancherlei berechtigten Gründen nicht nachvollziehen zu können. So veröffentlichte er im Jahr 1935 in der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie einen Beitrag, in dem er die offiziellen Gründe bezüglich seines Ausschlusses anzweifelte (http://www.lsr-projekt.de/zpps/zpps.html).
Es stellt sich die Frage, was Wilhelm Reich so bedrohlich für die Psychoanalytiker gemacht haben könnte, dass sie es unter falschem Vorwand und mit enorm fragwürdigen Methoden meisterten, ihn aus ihrer Vereinigung zu werfen, und zukünftig - bis heute - das Tabuthema “Reich” erfolgreich zu meiden und zu verdrängen. Dieser Frage kann auf den Grund gegangen werden, wenn man beachtet, welche Positionen Reich im Gegensatz zu Freud vertreten hat. Erst wenn man Wilhelm Reich als verdrängten Antipoden Freuds zu betrachten beginnt, erschliesst sich ein Themengebiet, das erst in der heutigen Zeit wieder aktuell zu werden beginnt.
Das Thema Sexualität - so könnte man meinen - spielt in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle. Schlagwörter wie “Sex sells” sind keine Seltenheit, und die Vermarktung des Geschlechtslebens hat in den letzten zwei Jahrzehnten konstant zugenommen. Man könnte aufgrund dieses Sachverhalts zu der Schlussfolgerung gelangen, dass wir uns in einer sexuell aufgeklärten Zeit befinden. Denn wie - so könnte man fragen - wäre es möglich, noch offener mit der Sexualität umzugehen als heute?
Wilhelm Reich beschäftigte sich mit diesen Fragen schon zu seinen Anfangszeiten als praktizierender Psychoanalytiker. In seinem Werk “Die Funktion des Orgasmus” (1927) schuf Reich ein einzigartiges Kriterium, anhand welchem es - gemäss Reich - möglich sei, die psychische Gesundheit zu messen. Dieses Kriterium nannte er die orgastische Potenz: “Unter der orgastischen Potenz werden wir die Fähigkeit eines Menschen verstehen, zu einer Befriedigung zu gelangen, die der jeweiligen Libidostauung adäquat ist; ferner die Fähigkeit, weit häufiger zu dieser Befriedigung gelangen zu können, als den Störungen der Genitalität unterworfen zu sein.“ [1]
Es ist bezeichnend, charakterisiert man den Weg der Sexualaufklärung von damals bis in die heutige Zeit, dass in der Definition der psychischen Gesundheit, die heute im psychologischen Universitätsbereich gang und gäbe ist die Sexualität keine, bzw. nur eine untergeordnete Rolle dafür spielt. [2] Reichs Thesen der psychischen Gesundheit einerseits und seine Idee des freien, nicht mehr moral-gesteuerten Auslebens der eigenen genitalen Triebe andererseits, klingen auch noch für heutige, anscheinend sexuell aufgeklärte Personen reichlich befremdend.
Betrachtet man diese Diskrepanz der heutigen Vorstellungen der psychischen Gesundheit, und derjenigen Wilhelm Reichs, so kann man sich vorstellen, was denn nun die hauptsächliche Motivation der IPV gewesen sein muss, Reich möglichst endgültig aus den Annalen der Psychoanalyse zu tilgen: Es war Reichs Versuch, die Aufklärung zu einem konsequenten Ende zu führen, und sein Wunsch, die Sexualität einschränkungslos die psychischen Barrieren, welche in jedem Individuum die Sexualität hemmen, durchbrechen zu lassen, was dazu führte, dass seine Ideen bis in die heutige Zeit hinein ohne argumentative Auseinandersetzung mit ihnen, grundsätzlich gemieden werden. Die Sexualität bleibt somit eng an noch nicht geklärte Fragen gebunden: Wie stellt man sich freies Ausleben des eigenen Trieblebens vor? Und weshalb kann Triebhemmung, so wie sie auch heute noch scheinbar zugunsten des kulturellen Lebens praktiziert wird, zu Neurosenbildungen führen? Welchen Wert haben die Ergebnisse der Sexualökonomie für die Erziehung der Kinder?
Was damals den ansonsten aufklärerisch auftretenden Psychoanalytikern so gefährlich erschien, und weshalb Reichs Ideen auch heute noch nicht ihre potentielle Aktualität verloren haben, soll unter anderem in den nächsten Artikeln der Paria besprochen werden.
[1] Reich, Wilhelm: Die Funktion des Orgasmus, zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens, hrsg. von Thomas de Munter, Amsterdam 1965, S. 18
[2] In einem Bericht der „Nationalen Gesundheitspolitik Schweiz“ aus dem Jahr 2004, definiert sie die psychische Gesundheit wie folgt: “Der vorliegenden nationalen Strategie liegt ein Verständnis von psychischer Gesundheit als Resultat komplexer dynamischer Interaktionen zwischen biologischen, psychologischen, sozio-ökonomischen, sozio-kulturellen und institutionellen Faktoren zu Grunde. Psychische Gesundheit ist somit nicht ein Zustand, der sich als Folge von persönlicher Disposition und individuellem Verhalten manifestiert, sondern ein vielschichtiger Prozess, der neben individuellen Aspekten massgeblich von exogenen Faktoren beeinflusst wird (WHO, Mental Health Report, 2001). Neben dem Gefühl des Wohlbefindens bedeutet psychische Gesundheit auch, an den eigenen Wert und die eigene Würde zu glauben und den Wert der anderen zu schätzen.“ (http://www.gdk-cds.ch/fileadmin/pdf/Themen/Gesundheitssystem_und_Strategien/Nationale_Gesundheitspolitik/Pdf1579.pdf, aufgerufen am 28. April)
Über die Sexualität ist damit freilich wenig gesagt, betrachtet man die Undefiniertheit der in der Definition genannten „biologischen“ Faktoren.