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Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) ist Russland der weltweit grösste Exporteur von Öl und sein Erdgas versorgt die europäische Wirtschaft. Die USA, die EU und andere Länder haben Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt und ihren Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen des Landes angekündigt; die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten haben sich verpflichtet, die Einfuhr von russischem Öl zu verbieten oder schrittweise herunterzufahren.
Der Krieg hat die politischen EntscheidungsträgerInnen dazu veranlasst, ihre Energiepläne zu überdenken, was in vielerlei Hinsicht weitreichende Auswirkungen haben könnte: von der aufkommenden Nahrungsmittelkrise bis hin zu den weltweiten Bemühungen, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.
Die Energiekrise
Im Moment ist die wichtigste Frage, die sich den führenden PolitikerInnen der Welt stellt, wie sie ihre Energieabhängigkeit von Russland beenden können. Die USA und das Vereinigte Königreich haben als erste grosse Länder russisches Öl verboten, doch sind beide nur zu einem geringen Grad von diesen Importen abhängig.
Die EU hat im Jahr 2021 etwa 45 % ihres Erdgases, mehr als ein Viertel ihres Öls und etwa die Hälfte ihrer Kohle aus Russland importiert. Dies dürfte sich jedoch ändern. Nach dem im April verhängten Embargo für russische Kohle beschloss der Europäische Rat am 30. Mai, 90% der russischen Ölimporte bis Ende 2022 einzustellen – mit einer Übergangsfrist für Ungarn – und die EU strebt an, ihre russischen Gasimporte in diesem Jahr um zwei Drittel und ab 2027 um 100% zu reduzieren. Ende März versprach US-Präsident Joe Biden, mehr Flüssigerdgas nach Europa zu liefern. Europäische EntscheidungsträgerInnen diskutierten auch mit Japan und Südkorea über die Neuverteilung von Flüssigerdgas, das ansonsten für diese beiden Länder bestimmt gewesen wäre.
Das Panorama an Optionen zur Wahrung der kurzfristigen Energiesicherheit in der EU könnte einerseits die verstärkte Nutzung von Kohlekraftwerken, insbesondere in Deutschland, einschliessen, sollte aber andererseits die Bemühungen hin zu einem Übergang zu sauberer Energie beschleunigen, insbesondere über gesteigerte Investitionen in die Energieeffizienz.
Längerfristige Perspektiven
Auch wenn die nächsten Jahre schwierig werden dürften, könnten die langfristigen Auswirkungen auf die Energiepolitik und die Treibhausgasemissionen in Europa positiv sein. Der Stromsektor unterliegt nämlich dem europäischen Handelssystem, das die kumulierten Kohlenstoffemissionen deckelt, sodass ein vorübergehender Anstieg der Stromerzeugung, beispielsweise aus Kohle, den Preis für CO2-Gutschriften in die Höhe treiben und zu Emissionsreduktionen an anderer Stelle führen dürfte.
Auf globaler Ebene ist die Energiesituation weniger klar. Der Krieg in der Ukraine könnte in anderen Weltregionen die Energiewende verlangsamen und die Treibhausgasemissionen erhöhen. Insbesondere Südostasien könnte sich wieder vermehrt der Kohle zuwenden, wenn Europa tatsächlich den internationalen Markt für Flüssigerdgas an sich reisst. Und dann ist da noch Russland selbst, das 2020 fast 5% der weltweiten Emissionen ausstiess und angesichts seiner derzeitigen Prioritäten wahrscheinlich keine Fortschritte bei der Dekarbonisierung machen wird. Was China betrifft, so hat es trotz seiner Verpflichtungen zur Senkung der CO2-Emissionen angekündigt, seinen Kohleverbrauch 2022 zwecks Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung zu erhöhen.
Von Petrostaaten zu Elektrostaaten
Darüber hinaus wird das bis 2050 zu erreichende Netto-Null-Ziel zu einer Machtverschiebung von Öl und Gas produzierenden Ländern hin zu den Ländern führen, die über reichliche Vorkommen an Rohstoffen verfügen, die beispielsweise für den Bau von Stromnetzen, Batterien und Solarpanels benötigt werden. Die IEA schätzt, dass bis 2050 70% der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien stammen könnten, was eine massive Steigerung gegenüber den derzeitigen 9% darstellt.
Die Hauptkomponenten für diese Transformation sind eine Reihe von Mineralien, zu denen Kupfer, Kobalt, Lithium, Mangan und etliche Seltene Erden gehören. Die IEA hat für den Zeitraum 2020 bis 2040 einen erheblichen Anstieg der Nachfrage nach diesen «grünen Mineralien» prognostiziert.
Die Energiewende bietet die Aussicht auf kolossale Gewinne für Länder mit grossen Metallvorkommen. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) werden die Preise für diese Metalle voraussichtlich über einen längeren Zeitraum hinweg beispiellose historische Höchststände erreichen; die Preise für Kobalt, Lithium und Nickel könnten im Vergleich zu den Werten von 2020 um mehrere hundert Prozent steigen. Im Hinblick auf die Energiewende ist dies zweifelsohne eine schlechte Nachricht. Die Rohstoffknappheit und der Anstieg der Rohstoffpreise könnten sich auf das Wachstum, insbesondere den Verkauf von Elektrofahrzeugen, äusserst negativ auswirken. Für jene Länder, in welchen sich die Reserven dieser Metalle befinden, wäre diese Entwicklung, die die aus natürlichen Ressourcen generierten internationalen Finanzströme verändern würde, hingegen ein Segen.
Neue Abhängigkeiten und ... altbekannte Missstände
Die Produktion vieler für die Energiewende relevanter Mineralien ist geografisch stärker konzentriert als jene von Erdöl oder Erdgas. Die Länder, die über «grüne Mineralien» verfügen, lassen sich vereinfacht in drei Kategorien einteilen: westliche Demokratien (wie Australien, das für 52% der Lithiumproduktion verantwortlich zeichnet), autoritäre Regime (die Demokratische Republik Kongo produziert 69% des Kobalts, China 64% des Graphits und 60% der Seltenen Erden, Russland 11% des Nickels), und demokratische Schwellenländer (wie Indonesien, das 33% der Nickelvorkommen besitzt, Chile, wo 28% des Kupfers und 22% des Lithiums gewonnen werden, oder Peru, das 12% des weltweiten Kupfers abbaut). Insgesamt wird geschätzt, dass 50% der «grünen Mineralien» unter der Kontrolle autokratischer oder autoritärer Regime stehen. Der Konzentrationsgrad ist mit Blick auf die Weiterverarbeitung noch höher: Hier ist China in allen Bereichen stark vertreten.
Eine Kernfrage lautet deshalb, ob die Regierungen dieser mineralreichen Länder die wachsende globale Nachfrage und die steigenden Preise für diese Rohstoffe für sich nutzen und durch eine geeignete Regierungsform eine inklusive Entwicklung, insbesondere eine gerechte Verteilung der generierten Einkünfte unter der Bevölkerung, begünstigen werden. Oder ob sich die Geschichte wiederholt und diese Staaten dem Rohstofffluch (resource curse) zum Opfer fallen. Zur Bewältigung der explodierenden Metallnachfrage schlägt der IWF die Schaffung einer neuen internationalen Institution vor, ähnlich der IEA für Energie, die eine zentrale Rolle bei der Verbreitung und Analyse von Daten, Industriestandards und der internationalen Zusammenarbeit spielen könnte.
Ausserdem werden gegen viele der Unternehmen, die diese Mineralien gewinnen, immer wieder Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden laut. Gemäss dem Transition Minerals Tracker des Business & Human Rights Resource Centre, welches die Menschenrechtspolitik und -praxis von jenen Unternehmen überwacht, die sechs relevante Rohstoffe der Energiewende (Kobalt, Kupfer, Lithium, Mangan, Nickel und Zink) abbauen, wurden zwischen 2010 und 2021 fast 500 Verdachtsfälle von Menschenrechtsverletzungen festgestellt, 61 davon allein im Jahr 2021.
(Teilweise) Grund zur Hoffnung
Die gute Nachricht ist einigen ExpertInnen zufolge, dass bis 2050 40% bis 75% des Bedarfs in der EU durch Recycling gedeckt werden könnten, wenn die Länder mit dem höchsten Verbrauch an «grünen Mineralien» zeitnah in die Infrastruktur investieren und ihre verbindlichen Recyclingquoten anheben.
Die Energiewende und die daraus resultierende neue Geopolitik dürften daher von Volatilität und Turbulenzen geprägt sein und sowohl für Länder, die reich an «grünen Mineralien» sind, als auch für solche, die von ihnen abhängen, erhebliche Herausforderungen mit sich bringen.