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Nachgefragt - Interviews zum Thema Laufen
Die 100 Kilometer von Biel - Bieler Lauftage
Interview mit Kamel Jarjour, 60
Kamel ist im Libanon aufgewachsen. Als Student kam er 1972 in die Schweiz an die Universität in Freiburg. Zum 60. Geburtstag läuft Kamel dieses Jahr das zweite Mal die 100 Kilometer von Biel. Bei der ersten Teilnahme vor zwei Jahren hat er mit einer Zeit von 11:45:41 die Ziellinie überquert.
Kamel, du nimmst dieses Jahr zum zweiten Mal an den 100 Kilometern von Biel teil. Wie, um alles in der Welt, kommt man auf die Idee, 100 Kilometer am Stück zu laufen?
Im Swiss-Runnersmagazin habe ich jeweils die Berichte über die verschiedenen Läufe gelesen. Jedes Mal hat es mich fasziniert, wenn ich die Beschreibung des 100-km-Laufes von Biel gelesen habe. Ein Lauf durch die Nacht - das hat mich besonders angesprochen.
Wann hast du mit regelmässigem Lauftraining angefangen?
Im Jahr 2002, ich war damals 51, haben mich Arbeitskollegen motiviert, mit ihnen laufen zu gehen.
Bei welcher Laufveranstaltung hast du das erste Mal Wettkampfluft geschnuppert?
Der Arbeitskollege, der mich zum Laufen motiviert hat, erzählte, dass im 2003 der 1. Zürich-Marathon stattfinden würde. Er fragte, ob ich mit ihm auf den Marathon trainieren wolle. So lief ich in 4:25 in Zürich meinen ersten Marathon. Im gleichen Jahr kam der Swiss Alpine Marathon K42 und dann im Herbst der 1. Beirut Marathon dazu.
Du hast schon 20 Marathonläufe absolviert. Welches war für dich der emotionalste Marathon-Lauf?
Der Beirut-Marathon, die erste Ausgabe gleich nach Ende des Krieges, war der emotionalste Lauf für mich, weil er in meinem Heimatland stattfand.
Wann beginnt deine Vorbereitung auf den 100 km Lauf von Biel?
Die Vorbereitung dauert bei mir 8 Monate. Im Oktober habe ich mit dem Training begonnen.
Wie kannst du dieses Laufpensum in deinen Berufsalltag integrieren?
Ich laufe jeden Tag zur Arbeit und am Abend wieder zurück.
Wie hast du dich auf die 100 km von Biel vorbereitet?
Ich habe festgestellt, dass ich zwischen 80 und 100 Kilometer pro Woche laufen muss. Die Steigerung habe ich langsam vorgenommen und immer wieder lockere Wochen eingestreut. In den 8 Monaten bin ich 2500 km gelaufen. Da ich jeden Tag zu meiner Arbeit hin und zurück laufe und diesen Weg von 6 bis etwa 12 Kilometer ausbauen konnte, habe ich von Montag bis Freitag schon 50 bis 60 Kilometer gesammelt. Am ersten Samstag laufe ich 20 km und erhöhe die Distanz jeweils zweimal, bis ich am vierten Samstag 30, 35 oder 40 km am Stück gelaufen bin. Dann starte ich wieder mit 20. Einmal in der Vorbereitung bin ich am Stück 50 Kilometer gelaufen.
Welches ist das wichtigste Training für einen solchen Ultra-Lauf?
Die langen Läufe und man muss viele Laufkilometer sammeln.
Wie viele Kilometer bringst du in einer normalen Vorbereitungswoche zusammen?
Vom Januar bis April bringe ich monatlich 350 bis 490 km zusammen. Im Schnitt gibt das die 80 bis 100 km pro Woche. Dafür laufe ich etwa 10 bis 12 h pro Woche. Sonntag ist immer Ruhetag.
Vor was hast du am meisten Respekt, wenn du an den 100 km Lauf denkst?
Komme ich ins Ziel – ja oder nein? 100 Kilometer sind eine grosse Grenzerfahrung und Herausforderung. Bei einem Marathon ist es schon unklar, wie der Lauf enden wird. Bei 100 Kilometer ist das um ein Mehrfaches unsicherer. Wenn ich die 50-km-Marke überschreite und merke, das geschafft zu haben, dann läuft es mit grosser Wahrscheinlichkeit auch in der zweiten Hälfte gut.
Wie empfindest du das Laufen in der Nacht?
Das Laufen in der Nacht ist wunderschön. Du fängst in der Stadt an, nach Nidau kommst du in die dunkle Nacht, die dich bis am Morgen früh begleitet. Licht gibt es in den kleinen Städten. In Aarberg standen so viele Leute auf der alten Brücke, dass man kaum Platz hatte zum Durchlaufen. Das Geräusch, wenn der Wind sanft über ein Weizenfeld streicht, kommt in der Nacht viel besser zur Geltung. Zwischendurch zeigte sich der Mond und ich konnte die Stirnlampe ausschalten. Du erlebst das Nacht- und Tagwerden 1:1.
Wie teilt man sich einen solchen Lauf ein, damit man auch auf den 10 letzten Kilometern noch laufen kann?
Ich habe in meinem Kopf ein Programm. Immer 5 Kilometer-Abschnitte. Auf dem Handy habe ich alle 20 Kilometer meiner Familie ein SMS geschickt, dass ich wieder einen Teil geschafft habe. Das ist eine sehr gute Motivation. Bei km 84, vor Büren an der Aare, kam ein Anruf. Ein Arbeitskollege wollte wissen, wo ich steckte. Er hat sich bereit gemacht und mich dann auf dem letzten Teil in den Morgen begleitet.
Leidest du während des Laufes?
Es gibt Phasen, da muss man stark leiden. Von Geralfingen bis Bibern (km 68 bis 78) ist eine sehr lange Gerade, welche ganz leicht aufwärts führt. Dort brauchte ich mein Spezialprogramm. In dieser Zeit wechselte ich ab mit 1 min Gehen, und 2 min Joggen. Bis es dann wieder normal weiter ging. Ein Arzt hat mir später erklärt, dass dies eine natürliche Reaktion des Körpers sei: Man hat die ganze Nacht nicht geschlafen, der Körper ist müde und würde sich in dieser Zeit eigentlich wieder ans Aufwachen machen. Dieser Kontrast macht dem Körper zu schaffen und es braucht Zeit, bis es wieder geht.
Gibt es den schönsten und den schwierigsten Kilometer oder Streckenabschnitt?
Den schwierigsten Teil habe ich eben beschrieben. Der schönste Teil ist wie bei jedem Lauf das Ziel, dass man vor Augen sieht. Ich habe mich noch zu einen Sprint verleiten lassen. Es war so schön - und das nach 99 Kilometern! Einfach wunderbar!
Bereitest du dich mental besonders auf diesen Lauf vor?
Ja sicher. Ich visualisiere viel. Ich stelle mir die Strecke vor. Ich laufe für mich vorher im Kopf die 100 km – Strecke auf dem Plan genau ab.
Welche Tipps hast du bezüglich Laufausrüstung?
Man hat die Möglichkeit, Kleider und Schuhe abzugeben und kann bei Km 55 die Kleider und Schuhe wechseln. Das ist eine tolle Motivation zum Weiterlaufen. Die 10 min für das Umziehen sind nur gewonnen Zeit. Nebst einem Trinkgurt mit einer 7dl-Flasche habe ich natürlich noch die Stirnlampe dabei, welche unverzichtbar ist.
Welche Tipps hast du bezüglich Ernährung während des Laufes?
Ich verpflegte mich an den Trinkstellen mit den Produkten, welche angeboten werden. Die Verpflegung ist gut organisiert. Man braucht nichts mitzuschleppen. Die Trinkflasche füllte ich jeweils an den vielen Verpflegungsstationen wieder auf. Für die Not hatte ich zwei Gel-Beutel dabei, welche ich aber nicht brauchte.
Hast du beim Laufen einen Coach dabei?
Nein, ich laufe ganz alleine. Ich brauche keinen Coach.
Was ist dein erster Wunsch, wenn du im Ziel bist?
Essen. Mein Wunsch ist, eine Pizza oder ein Reisgericht oder einfach etwas anderes zu essen. Du hast einfach genug von der klaren Suppe, dem Sportlergetränk und den anderen Sachen. Ach ja, und ein Drinkjoghurt ist eine perfekte Erfrischung danach.
Schaffst du diese lange Strecke, ohne Blasen an den Füssen zu bekommen?
Ja, ich schaff das ohne Fussblasen. Ich habe auch beim Marathon überhaupt keine Probleme damit.
Wie geht es dir nach dem 100-km-Lauf?
Mir geht es gut. Ich bin glücklich. Die Beine sind noch ein paar Tage müde, aber Schmerzen habe ich keine. Ich gehe am nächsten Tag auch normal wieder arbeiten – aber ausnahmsweise nicht laufend…
Was verpasst ein Mensch, der nicht läuft, im Leben?
Gesundheit, Freude und Genugtuung.
Welches ist deine grösste Motivation, regelmässig laufen zu gehen?
Für mich ist die Motivation zum Laufen die Freude am Laufen selbst. Ich fühle mich nicht gezwungen. Im Winter, wenn es morgens noch dunkel ist, Eis und Schnee hat - egal. Ich laufe einfach. Die reine Lauffreude bringt mich dazu. Ich weiss nicht, wie es aussieht, wenn ich nicht mehr laufen kann.
Du läufst schon sei 9 Jahren. Was hat sich bezüglich Laufen und Lauftraining bei dir verändert?
Ich gehe bei der Arbeit viel direkter auf die Lösungen zu. Ich fühle mich spritziger und habe den Kopf einfach freier. Disziplin, Zielgerichtetheit, Power. Gegner und Mitarbeiter fühlen diesen Power.
Was hast du für weitere Ziele, wenn du den 100 km Lauf geschafft hast?
Mein Ziel ist, den letzten Marathon mit 75 Jahren laufen zu können. Dann schaue ich weiter.
Kamel, herzlichen Dank für das Interview und viel erfolg in zwei Wochen bei deiner zweiten Teilnahme am 100-km-Lauf von Biel!
Tipp: Handbuch Ultralauf
Mit Anleitungen für ein strukturiertes Training für Ultradistanzen. Praktische Tipps zur Ausrüstung und Ernährung, sowie Pläne für 50-km-Läufe, 100-km-Läufe und andere Distanzen.
Wolfgang Olbrich, Handbuch Ultralauf, 192 Seiten