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Die Zeitreise beginnt im Jahr 1895, in den öffentlichen Gärten Venedigs. Eine internationale Ausstellung wurde soeben eingeweiht, heute zählt sie zu den bedeutendsten Schauplätzen für Gegenwartskunst: die Biennale von Venedig. Alle zwei Jahre, so will es das Konzept, zeigen zahlreiche Nationen das Beste aus ihrer Kunstszene – ähnlich wie bei den Olympischen Spielen, die damals ebenfalls in den Startlöchern standen.
Wie präsentierte sich die Eidgenossenschaft vor 119 Jahren? Zunächst mal gar nicht. Obwohl sie von Beginn an eingeladen war, bevorzugte die Schweizer Kunstelite die internationale Kunstausstellung in München. Erst 25 Jahre später liess sie sich durch 38 Künstler aus allen Landesteilen vertreten.
Gute Beziehungen im Krieg
Im Oktober 1922 ergriff Benito Mussolini die Macht und die Biennale wurde zur “Heroisierung der Nationen« instrumentalisiert. In der Folge distanzierten sich immer mehr Länder vom faschistischen Regime, nicht aber die Schweiz, die als Vertreterin der “freien Welt” weiterhin ausstellte.
Selbst im Kriegsjahr 1942, als auch Venedig bombardiert wurde, sendete die Schweiz drei Künstler an die Biennale. Mit ihrer Teilnahme wollte die Eidgenossenschaft die guten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Italien pflegen. Mit Erfolg: Für seine realistischen Bronzefiguren erhielt Otto Charles Bänninger die höchste Auszeichnung an der Biennale, den damaligen “Duce-Preis”.
Kompromissreiche Kulturpolitik
Nach dem Krieg erlebte auch die Biennale einen Aufschwung. Immer mehr Nationen präsentierten Werke ihrer erfolgreichsten Künstler – nicht zwingend die aktuellsten. Die Biennale war noch keine Plattform, die sich durch Arbeiten zeitgenössischer Kunstschaffenden auszeichnete. Bis im Jahr 1968 war sie eine Verkaufsausstellung, die Käufer im Bildungsbürgertum ansprechen sollte.
Seither hat sich die Kunstszene gewandelt: Die Eidgenossenschaft fördert auch experimentellere Kunst und Avantgarden. Dennoch, “Provokationskunst” aus der Schweiz gab es nie, wie das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) in seiner neusten Publikation darlegt. Als möglicher Grund wird aufgeführt, dass die Gremien, welche die Kunst für die Biennale auswählten, ausgewogen zusammengesetzt wurden: Vertretende aller Sprachregionen suchten jeweils nach breit gestützten Kompromissen. Dennoch wurden, wie weitere Aufsätze darstellen, wurden Kunstpositionen aus der italienisch- oder französischsprachigen Schweiz kaum repräsentiert.
Grenzen und Globalisierung
In einer globalisierten (Kunst-)Welt angelangt, fragt man sich: Hat das Nationenkonzept der Biennale noch Gültigkeit? Im Jahr 1993 stellten mehrere Länder ihre Grenzen infrage. Zum Beispiel Österreich, in dessen Pavillon der Schweizer Christian Philipp Müller seine Fotoarbeit “Grüne Grenze” ausstellte. Auf den Fotografien ist zu sehen, wie er die österreichischen Landesgrenzen durch Wälder und Wiesen wandernd überschreitet – wofür er in Tschechien ein dreijähriges Einreiseverbot bekam.
Die Schweiz hingegen stellt nur Schweizer Kunstschaffenden die Bühne der Biennale zur Verfügung. Einzig im Jahr 2005 lud Kurator Stefan Banz explizit vier Kunstschaffende mit Migrationshintergrund ein. Die Secondos Gianni Motti, Marco Poloni, Shahryar Nashat und Ingrid Wildi setzten sich aber mit anderen Fragen als derjenigen der Nationalität auseinander.
Weltzirkus der Kunst
Inzwischen finden laut der “Biennal Foundation” über hundert Biennalen auf der ganzen Welt verteilt statt. Neben der (Selbst-)Darstellung von Gegenwartskunst haben sie noch etwas gemeinsam: Sie sind Marketingprojekte, die zielsicher jeden Ort in einen Tourismusmagneten verwandeln.
Die Biennale von Venedig hat dieses Ziel übertroffen: Täglich nimmt die kleine Lagunenstadt bis zu 170’000 Touristen auf. Die Ausstellung, die 1895 in einem einzelnen Gebäude begann, verteilt sich nun über die ganze Stadt.
Zur Vertiefung:
Im September 2013 erschien die zweibändige Publikation “Biennale Venedig. Die Beteiligung der Schweiz, 1920-2013”. Die insgesamt 700 Seiten schweren Bücher vertiefen die rund hundertjährige Geschichte der Biennale. In fünfzehn Aufsätzen von verschiedenen Autorinnen und Autoren beleuchtet das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) die nationalen Kunstvertretungen. Der separate, reich illustrierte Materialband bietet eine Liste aller bisherigen, offiziellen Schweizer Ausstellenden und Kommissionsmitglieder.
Die Publikation spiegelt nicht nur einen Teil der jüngeren Schweizer Kunstgeschichte wider, sondern gibt auch einen Einblick in die kultur- und aussenpolitischen Machtspiele der letzten hundert Jahre.
“Biennale Venedig. Die Beteiligung der Schweiz, 1920-2013” erschien beim Verlag “Scheidegger & Spiess”. Die zweibändige Publikation ist über den Handel oder beim Verlag für 99 Franken erhältlich.