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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

VIII. Rede
8.
Gorgonia zeichnete sich durch Enthaltsamkeit aus und übertraf hierin alle Frauen ihrer Zeit, um nicht zu sagen, die in dieser Beziehung viel gerühmten Frauen des Altertums so sehr, daß sie von den beiden in der Regel unterschiedenen Ständen, dem ehelichen und unehelichen Stande, wovon der eine erhabener und göttlicher, aber auch opferreicher und gefährlicher, der andere erniedrigender und ungefährlicher ist, die Schattenseiten mied und das Schönste erkor, die Erhabenheit des ehelosen Lebens mit der Ungefährlichkeit des ehelichen Lebens verbindend. Sie pflegte die Enthaltsamkeit, ohne sich zu brüsten. Als Ehefrau eignete sie sich die Vorzüge einer Unverheirateten an und zeigte, daß weder der eine noch der andere Stand ohne weiteres mit Gott und der Welt verbindet oder davon trennt, daß man also weder den einen als solchen allgemein fliehen, [S. 237] noch den anderen in jeder Beziehung empfehlen darf. Der Geist ist es, der sowohl die Ehe, wie die Jungfräulichkeit zum Guten lenkt. Durch sein schaffendes Wort werden beide wie eine Masse geformt und gebildet, um zur Tugend zu werden. Nicht war Gorgonia, da sie sich fleischlich verbunden hatte, deshalb vom Geiste getrennt, und obwohl sie in ihrem Manne ihr Haupt sah, anerkannte sie gleichwohl ihr oberstes Haupt. Nachdem sie nur kurze Zeit der Welt und dem Fleische gedient hatte, soweit es nämlich das Gesetz des Fleisches oder vielmehr der Geber dieses Gesetzes verlangt hatte, weihte sie sich vollständig Gott. Das Schönste und Erhabenste ist, daß sie ihren Mann für sich gewann und in ihm nicht einen mürrischen Herrn, sondern einen gütigen Mitarbeiter erhielt. Doch sie machte auch noch die Frucht des Leibes, ihre Kinder und die Kinder der Kinder, zu einer Frucht des Geistes. Ihre ganze Familie und ihr ganzes Haus schuf sie zu einer einzigen Seele, um sie Gott zu weihen. Sie ehrte ihre Ehe durch ihr würdiges Eheleben und die schönen ehelichen Früchte. Solange sie lebte, war sie ihren Kindern ein Vorbild für alles Gute, und nachdem sie abberufen war, hinterließ sie ihrem Hause ihren Willen als stumme Predigt.