Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/19

Hier bildet Louise Bourbon zwei Briefe ab. Kapitel 4 ist der Brief von Marie Anne, der Tochter von König Louis XIV und Königin Louise. Der zweite Brief, Kapitel 10, ist der letzte Brief der Königin an ihren Ehemann, den König. Es ist wundervoll sie zu lesen und dabei Geschichte zu erleben.
Kapitel 4
Der Geist erweitert die Stunde zum Jahrhundert und zieht ein Weltalter in eine Stunde zusammen.
L'esprit élargit l’heure en siècle et décline une ère en une heure.
Ralph Waldo Emerson
Marie Anne, 1739
Alles geht zu Ende. Ich bin die letzte Hinterbliebene, die letzte, von der man weiß, will ich sagen. Ich werde bald sterben, ich spüre es. Ich muss meine Angelegenheiten regeln. In diesem Zusammenhang habe ich sie wieder hervorgeholt – die gemeinsamen Aufzeichnungen, Notizen, Berichte, Briefe meines Vaters und meiner Mutter.
Ich habe wahrhaft illustre Eltern – mein Vater ist der verstorbene König von Frankreich und Navarra, meine Mutter die verstorbene Madame de La Vallière, wie man sie mittlerweile wieder nennt – noch nicht einmal ihren Namen hat man ihr gelassen, geschweige denn, ihren Titel - und ich, ich bin ein Bastard. Ein königlicher Bastard zwar, aber immer noch ein Bastard, ich bin unehelich geboren, das zählt, nicht, wie meine Eltern zueinander standen, und man glaube mir, die Welt vergisst nie. Sie vergibt, aber sie vergisst nie. Viele Dinge werden Königen vergeben, solange sie am Leben sind, und manche noch nicht einmal dann. Die Erben bezahlen für die Sünden ihrer Eltern – für gewöhnlich. Meine Eltern bezahlten bereits zu ihren Lebzeiten.
Die Truhe befindet sich auf meinen Knien, offen. Ich lese, wahllos. Die Worte verschwimmen vor meinen Augen. Ich betrachte die Handschriften, die mir so sehr bekannt sind, die großen geschwungenen Lettern meiner Mutter, sehr fein, sehr weiblich, die markanten Schriftzüge meines Vaters. Ich weine. Erinnerungen, lange aus meinem Kopf verdrängt, dringen unaufhaltsam an die Oberfläche.
Die Zeiten haben sich geändert.
Ich lebe zurückgezogen, weg von diesem Hof, der sich so sehr seit dem Tod meines Vaters verändert hat, dass dort meines Bleibens nicht mehr war. Diese schwarze Sonne, die wir nun unseren König nennen, mag nicht über meinen Vater sprechen, und eine Person wie ich ist ‚persona non grata‘, wie man so schön sagt – alle Bastarde des verstorbenen Königs sind eine permanente Beleidigung für unseren neuen Herrn. Mehr noch aber sind es die Kinder, die nicht unehelich sind.
Ich habe viel Zeit, seitdem ich mich zurückgezogen habe. Zeit, um meine eigenen Aufzeichnungen zu beenden, die beinhalten, was ich noch weiß, was ich noch erlebt habe.
Was soll ich tun? Diese Aufzeichnungen, die meiner Eltern, meine eigenen, sie sind der größte Wert in meinem Leben. Ich kann nicht erlauben, dass sie in falsche Hände fallen. Mein Erbe, dieser Karrierist? Niemals! Louis César de La Baume Le Blanc, Großneffe meiner Mutter und damit ein entfernter Cousin von mir, wird meine Hinterlassenschaften erben.
Er, der sich lieber Duc de Vaujours nennt, weil der Name de La Vallière Unmut beim neuen König auslöst, wird das Erbe nicht bewahren, ich weiß es. Diesem Nutznießer ist es gelungen, sich beim König zu etablieren. Sein Fortkommen hat er im Kopf und das seiner Familie. Der Inhalt dieser Truhe auf meinen Knien ist das größte Erbe meiner Eltern, mehr noch das Zeugnis einer großen Liebe. Er gibt auch Zeugnis einer wahren Geschichte, die in Vergessenheit geraten wird, wenn sie niemand bewahrt. Ich habe den Inhalt vor den Händen des Herzogs bewahrt, er hätte alles zerstört. Ich habe sie vor den Händen des neuen Königs bewahrt. Dem Duc de Vaujours? Niemals. Er würde alles ruinieren. Und nun? Wem vertraue ich sie an?
Als ich noch ein Kind war, war es schwer für mich, zu verstehen, dass zwar mein Vater der König von Frankreich war, meine Mutter aber nicht die Königin. Meine Mutter – diejenigen, die noch am Leben sind und sich ihrer erinnern können, kannten sie zeitweilig unter dem Namen Louise de la Miséricorde, unter dem Namen, den sie annahm, als sie der Welt entsagte und sich in ein Konvent zurückzog.
Unter dem Namen Louise de La Vallière geboren, war sie eine Zeitlang zudem die bekannteste gefallene Frau Frankreichs, und die, deren Geschichte ein großes Wunder ist. Ein einfaches Mädchen von kleinem Adel aus der Provinz wird Königin. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.
Sie war es, die das alles ertragen musste, den Schimpf, die Schande. Sie, nicht mein Vater, der unangreifbar war, sacro-sainct, auf dem Zenit seiner Macht. Diejenigen, die sie als die Frau kennen, die sie wirklich war, sind tot und haben eine unglaubliche Geschichte mit in ihr Grab genommen.
Ich weine erneut. Bei Gott, ist dies alles, was von ihr geblieben ist? Von der gefallenen Frau zur Büßerin, schrieb diese Klatschbase, diese Marquise de Sévigné, einmal. Zu meiner Trauer gesellt sich Zorn. Diese Menschen, die nichts wissen und nichts wussten, schwätzen nach ihrem Gutdünken.
In Wahrheit ist meine Mutter die einzige Frau, die mein Vater jemals liebte, so sehr, dass er Dinge tat, die man ihm nicht vergibt.
Die offizielle Geschichtsschreibung erzählt von vielen Dingen und verschweigt noch einige mehr. Nur wenn man denjenigen lauscht, die sie wirklich erfahren haben, wird man die Wahrheit erkennen. Um die Geschichte zu verstehen, muss man die Anfänge kennen.
Hier ist sie nun also: die gemeinsame Geschichte meiner Eltern – die wahre Geschichte über all das, was wirklich geschehen ist. Und die wahre Geschichte meiner Mutter, die so viel mehr war als gefallene Frau oder Büßerin. Die wahre Geschichte der Sonne des Königs. Die wahre Geschichte der Reyne Soleil, der Sonnenkönigin. Ich atme tief. Ich nehme die ersten Seiten zur Hand.
Kapitel 10
Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmögliche, Unwahrscheinliche.
La foi est l'amour de l'invisible, confiance dans l'impossible et dans l'invraisemblable. Johann Wolfgang von Goethe
Der letzte Brief der Louise de La Vallière
Aus den Aufzeichnungen des Königs, der letzte Brief seiner Frau; 1714, im Konvent der Karmeliterinnen verfasst.
Mein Liebling, mein Herz, mein geliebter Ehemann,
wenn Du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr am Leben sein. Ich gestand es Dir nicht, doch seit längerem leide ich an einem Fieber, das mich mehr und mehr schwächt. Ich werde es nicht überleben, ich weiß es.
Der König darf Krankheit und Tod nicht ausgesetzt sein, und ich ahnte es, wusste es, dass ich, als ich mich zurückzog, dies zum Sterben tun würde. Dank den Schwestern, die mich nie vergessen und mir hier Aufnahme bereitet haben!
Ich habe stets geglaubt, Dich zu überleben - welche Anmaßung, mein Herz. Ich muss nun vor Dir gehen. Ich bedauere zutiefst, mein Louis, Dich allein lassen zu müssen, noch dazu in diesen Zeiten. Da ist dieser schreckliche Krieg, den Du führen musst, Dein Unwohlsein.
Mein Leben ist zu Ende, ich kann es spüren. Die Tatsache an sich ist nicht bedauerlich, aber Dich allein zurückzulassen, dieser Gedanke macht mir das Herz brechen. Genug der Klagen, ich will Dich nicht in Trauer versetzen - dies ist mein letzter Brief für Dich.
Mon amour, mit diesem Brief sende ich Dir meine Aufzeichnungen – meine wahren Aufzeichnungen. Ich habe nahezu jeden Tag geschrieben, das weißt Du – in den Zeiten, als ich noch ein Leben in der Welt führte, und auch zu den Zeiten, als ich mich im Konvent verbergen musste, und auch in den Tagen danach, die zu den glücklichsten meines Lebens zählen.
Du kennst meine Handschrift, Geliebter, du wirst beurteilen können, dass die Aufzeichnungen meine eigenen sind. Ich sende Dir noch andere Dinge mit – die Aufzeichnungen, die wir gemeinsam verfasst haben. Erinnerst Du Dich, Louis, erinnerst Du dich an diesen einen Tag in Versailles, an dem Du mich batest, deine eigene, Deine wahre Geschichte zu erzählen, aufzuschreiben?
„Die Historiker schreiben, was ich ihnen sage, was sie schreiben sollen, und alle anderen schreiben, was sie schreiben wollen“, sagtest Du mir.
„Schreibe meine wahre Geschichte auf“, batest Du mich, „ich werde nichts vor Dir verbergen. Was auch immer ich vor der Welt verberge, Dir werde ich berichten. Sei Zeugin meines Lebens, meines ganzen Lebens.“
Bei deinem letzten Besuch – wie teuer sind sie mir, und doch solltest du das nicht tun, dich selbst der Krankheit aussetzen, dennoch kommst du jeden Tag – wir beide wussten nicht, dass dies Dein letzter Besuch sein würde – hast Du mir die letzten Zeilen diktiert. Ich habe alles aufgeschrieben, mein Louis, und ich sende Dir all meine Berichte, meine Notizen – die meinen und die Deinen. Lies, mein Louis, lies noch einmal die ganze Geschichte. Und dann, bitte ich Dich, gib sie an Marie Anne als ihr Erbe. Sie soll die Geschichte ihrer Eltern kennen und bewahren, die doch so anders ist als das, was in den Büchern geschrieben stehen wird. Sie soll alles wissen, auch das, was wir vor ihr verborgen haben.
Mon Louis, ich bat Dich, von mir fern zu bleiben, um den Tod von Dir fernzuhalten. Schwache Frau die ich bin! Nun bedauere ich diesen Wunsch und fürchte, dass Du ihm Folge leisten wirst.
Wirst Du dennoch bei mir sein, geliebter Gatte, wenn ich gehen muss? Noch einmal, mein Geliebter, möchte ich in Deine Augen sehen, diese Augen, die immer voller Liebe und Zärtlichkeit auf mir ruhten, noch einmal meine Finger mit deinen verschlingen.
Du musst den Tod meiden, Louis, und dennoch: meine letzte Hoffnung, geliebter Gatte, ist es, dass Du bei mir sein wirst, wenn ich gehen muss, und ich glaube, es wird bald sein. Nein, hinfort mit den egoistischen Einfällen. Der König Frankreichs darf den Tod nicht sehen. Du wirst es spüren, wenn es soweit ist. Ein letzter Kuss für Dich, Geliebter. Meine letzten Gedanken werden Dir gelten, mon époux.
Ich sende Dir kein Adieu, mein Louis, ich sende Dir Au revoir.
Du bist mein Herz und meine Seele, meine Liebe und mein Leben. Für immer und ewig. Eine letzte Bitte noch – nimm meinen Ring, den ich von Dir erhalten habe, und trage ihn bis zu Deinem eigenen Tod. Zeige nicht Deine Trauer, mein Herz. Lumière de ma vie, Licht meines Lebens, so nennst du mich. Das Licht Deines Lebens verblasst, aber es wird nicht aufhören zu leuchten. Solange ich in Deinen Gedanken bin, Du mich in deinem Herzen bewahrst, bin ich für Dich lebendig. Achte auf Marie Anne, unsere Tochter, Ihr beide werdet einander brauchen, und achte auch auf unsere anderen Kinder, gleichgültig, ob sie wissen, wer ihre Mutter ist. Sorge für Louis Auguste, er benötigt deine Fürsorge mehr als all die anderen.
Ich muss Euch verlassen. Wisse dieses: Niemals, niemals habe ich aufgehört, Dich zu lieben, mein Geliebter. Ich liebte Dich vom ersten Augenblick unserer ersten Begegnung an, und diese Liebe höret niemals auf. Mein Ehemann vor Gott und vor den Menschen für immer.
Denke an unseren Schwur zurück, Louis, wenn Dein Herz schwer ist. Au revoir, mein Geliebter, au revoir. Wo auch immer ich sein werde, ich werde über Dich wachen. Wir werden uns eines Tages wiederfinden, ich weiß es. In einem anderen Leben, zu einer anderen Zeit. Unser Schöpfer in seiner Güte wird uns vergeben. Unser Schöpfer in seiner Größe wird uns Liebende sein lassen. Die Liebe kommt von Gott, und sie lebt durch Gott.
Für immer die Deine. Je t’aime, mon époux, éternellement.