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Grabung im Sommer 1949
In der Heimatschutzgruppe Oberaargau hat sich unter der Leitung der
Herren E. und R. Pfister in Langenthal ein Ausschuß gebildet, der sich
mit Unterstützung verschiedener Institutionen die Freilegung und
Untersuchung der Burg Grünenberg zur Aufgabe gemacht hat. Unter
Oberaufsicht von Herrn Dr. Bosch führte der Berichterstatter mit einem
deutschen und internationalen Studentenlager, häufig unterstützt von
Herrn Balmer mit seinen Schülern, die erste Grabungsetappe in der Zeit
vom 18. Juli bis zum 17. September 1949 durch.
In einem ersten Schritt galt es, die Mauerzüge der vermutlich hier
begrabenen Reste des Palas abzuklären. Sowohl in diesem Schnitt
als auch in anschließenden Untersuchungen drängte sich immer
wieder die Frage auf: Ist Grünenberg tatsächlich 1383 zerstört
worden, wie A. Plüss nachdrücklich betont oder behält Chronist […]
[…] Seb. Seemann recht, wenn er berichtet: «Bernensium centuriones
ferme duas arces Gruenenberg: Schnabel et Langenstein ceperunt».5
Eine leichte Einsenkung in der SO-Ecke der Burganlage hat den
zweiten Schnitt bestimmt, der zu unserer Enttäuschung zuerst eine
durch Schatzgräber verursachte Störung, anschließend aber mehr als
2 Kisten Glas ergab. Hunderte von Butzenscheiben, linsen- und
dreieckförmigen Glasteilen, wovon einige in Bleifassung, ließen hier
einen interessanten Bau vermuten. Einige mit feinsten Pinselstrichen
bunt bemalte Scherben, worunter der Kopf eines Heiligen mit Schein,
ließen hier die Burgkapelle vermuten. Unter dieser humösen, mit
zahlreichen Glasscherben durchsetzten Trümmerschicht lagen über
200, z. T. Unbeschädigte, schmucklose Bodenplatten aus Ton im
Bauschutt, unterlagert von Holzkohleresten. Zwischen und unter
diesen Platten lagen einige mit Fabelwesen, wie Greif und
Meerkatze, gemusterte Stücke. (Nach Zemp No. 65, 67)6
Mehrere Platten mit Innenstempel, die einen Kentauren, dem ein
Drache in den Nacken springt, einen Greif und das in den Cisterzienserklöstern beliebte Symbol des Meerweibchens
darstellen, gehören zu den seltenen, grün glasierten Bodenplatten,
wie sie bisher nur in Altbüron und Zofingen gefunden worden sind
(Zemp No. 32). Ca. 20 cm unter diesem zerstörten Boden lagen
einige gestempelte Platten in situ und veranlaßten die flächenhafte
Freilegung der vermuteten Kapelle.
Die Kapelle, doppelt so lang wie breit, ist, so weit es die Gesamtanlage
der Burg zuließ, nach Osten orientiert und wird durch eine schmale,
mit verzierten Backsteinen umrahmte Pforte im Westen betreten.
Der ältesten Bauperiode der Kapelle, deren Altarraum vom Chor durch
eine niedere Schranke aus Sandsteinblöcken getrennt wird, entspricht
ein durch Brandeinwirkung rötlich gefärbter, hohler Altarunterbau.
Wenn Grünenberg um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert erbaut worden ist, dann ist die erste Bauperiode der Kapelle in die erste Hälfte
des 13. Jahrhunderts zu setzen. – Mit dem Aufblühen der Backsteinfabrikation in St. Urban wurde der erste Boden der Kaplanei,
wohl etwas nach der Mitte des 13. Jahrhunderts, überbaut. Dazu sind
für das Chor zwei Muster verwendet worden: Adler-Teufel-Löwe und Palmetten. Im fast gänzlich zerstörten Altarraum (Schatzgräberei!)
liegen noch einige Platten mit drei verschiedenen Blattmustern und
der antithetischen Darstellung von Greif und Drache. – Dieser erste
Plattenboden der zweiten Bauperiode weist zwei auffallende
Einsenkungen auf, die Gräber vermuten ließen, obschon sich nach
den Fontes rer. Bern. IV die Ruhestätte der Grünenberger in St. Urban
befindet. Die Untersuchung konnte nicht mehr abgeschlossen werden.
Die dicken, einfarbigen, roten, blauen und grünen, am Rande
retouchierten Glasscherben, sowie weiße und rostfarbene Wandverputzstücke mit rötlicher, schlichter Linienornamentik
geben ein Bild vom Aspekt der zweiten, spätromanischen Burgkapelle.
Ein Lampenfragment aus der Asche über diesem Boden datiert ins
erste Viertel des 14. Jahrhunderts.7 Der Boden der dritten Bauperiode
lag ebenerdig zum Eingang so, daß die Stufen des vorhergehenden
Baues überdeckt wurden. Die paar glasierten Platten, die auf diesem
Niveau lagen, gehörten kaum zu dieser Anlage des 14. Jahrhunderts,
der die Glasmalerei zuzureihen ist.
Die Fabrikation der verzierten Backsteine dürfte das zweit Jahrzehnt
des 14. Jahrhunderts nicht überlebt haben. Über dem plötzlichen
Aufhören der gemusterten Platten herrscht Dunkel. Vielleicht besteht
ein Zusammenhang mit einer Klosterreform der sehr strengen
Cisterzienser, denen eine neue Regel die Herstellung von verzierten
Backsteinen mit oft unchristlichen Motiven gänzlich verbot. Die zweite
Burgkapelle, die architektonisch eine Parallele hatte in der benachbarten
Burg Altbüron, bietet Muster, die weit über dem Niveau der provinzialen
Kunst, die in St. Urban auch vertreten ist, stehen.8 (Vergl. Abb. Mit
Palmettenmuster.) Die Anlage würde es reichlich verdienen, späteren
Generationen erhalten zu bleiben. – Ein bisher unbekanntes Stempelchen
mit Sternmuster dürfte einem Kind in die Hände gefallen sein, das seine
Freude daran fand, zwei Platten nach eigenem Geschmack zu ergänzen.
Diese Spielerei, sowie Eindrücke von Hunden, Katzen und Krähen wirken
befruchtend auf die Vorstellung mittelalterlichen Lebens im klösterlichen Betriebe von St. Urban. Die engen Beziehungen der Grünenberger mit
dem Kloster, deren Stifter die Brüder Werner und Lütold von Langenstein
waren, brachen erst 1393 ab mit der Ermordung Heimos von Grünenberg,
dessen übermütiges Auftreten einige fromme Mönche zur frevlerischen Tat
aufreizte.9
Die Ausgrabung in der dem heiligen Georg gewidmeten Schloßkapelle
hat ergeben, daß sie 1383 nicht zerstört worden ist. Es ist kaum anzunehmen, daß die eingangs erwähnten Burgenbrecher vor der
geheiligten Stätte Halt gemacht haben, woraus man schliessen möchte,
daß eben die Schnabelburg restlos geschleift wurde, was auch die hohen
für die Handwerker ausgesetzten Prämien rechtfertigen würde. Eine
Zerstörung der Kapelle 1443 ist sehr fragwürdig. Sie wird auch nach
diesem Datum erwähnt und wird nach Ansicht von A. Plüss in der
Reformationszeit zerfallen sein, da eine 1443 zerstörte Kapelle einen
neuen Boden bedingt hätte. Eine vierte Bauperiode konnte jedoch nicht
festgestellt werden. Zum Schluß möchte der Berichterstatter nicht verfehlen,
all denen zu danken, die in irgend einer Weise dazu beigetragen haben,
die Grabung erfolgreich zu gestalten und die Wühlarbeit gewisser Elemente
einzudämmen.
René Wyss, Herzogenbuchsee.
Fussnoten
Hinweis: Werden die Originale wörtlich zitiert, wird zur Unterscheidung vom gewöhnlichen Text eine Serifen-Schrift (wie z. B. Times New Roman) verwendet.
1 WYSS, René: Grünenberg, In: Ur-Schweiz, Jahrgang XIII, Nr. 3, Basel, 1949. S. 42-47.
2 Vergl. B. Schmid und Fr. Moser, Die Burgen und Schlösser des Kt Bern, I. Teil.
[Anmerkung: Von «beherrschen» in einem militärischen Sinn kann keine Rede sein, dazu liegen die Melchnauer Burgen zu weit über dem Talgrund. Allerdings zeigten sie den Sitz der Herrschaft an im Sinne eines weit sichtbaren Machtsymbols; vgl. dazu die moderne Burgenforschung, u. a. ZEUNE.]
3 J. Käser, Topogr. Hist. und statist. Darstellung des Dorfes und Gemeindebez. Melchnau. Conrad Justinger: Berner-Chronik.
4 A. Plüss, Die Freiherren von Grünenberg in Kleinburgund: Arch. d. hist. Ver. Kt. Bern, Bd. XVI, Heft 1.
[Anmerkung: PLÜSS und auch WYSS verwechseln die beiden Ausdrücke «brechen» und «schleifen». Der Ausdruck «eine Burg brechen» bedeutet, dass eine Burg als Befestigung unbrauchbar gemacht wird, was mit wenigen baulichen Veränderungen oder dem Einreissen eines kleinen Teils der Mauer geschehen kann. Eine Burg schleifen dagegen heisst, das Bauwerk gänzlich einreissen und abtragen – ein Vorgehen, das überhaupt nur selten nachgewiesen ist und auch viel zu teuer gekommen wäre.]
5 Seb. Seemann, Die St. Urbaner Chronik, ed. Liebenau 1897, Cist. Chr.
6 J. Zemp. Die Backsteine von St. Urban, Festgabe Landesmus. Zürich 1898.
7 K. Heid, Die Burg Schönenwerd bei Dietikon, vergl. Abb. 43, Fig. 6.
8 W. Stotzer, Grabung am Schlosshügel in Büren a. A. In Urschweiz 1949, No. 1. Vergl. Die Fliese, die charakt. für die prov. Kunst ist, aber nicht aus St. Urban stammen.
9 Die Beziehungen der Familie Grünenberg zum Kloster St. Urban blieben auch später bestehen, eigentlich bis zu deren Aussterben. Wilhelm nämlich, der letzte männliche Grünenberger, bedachte das Kloster bei seinem Tode um 1454/56 mit Gaben.