Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03427.jsonl.gz/867

Wissen
History Points auf dem Areal
Text: Michael van Orsouw, Bilder: Archiv für Zeitgeschichte ETHZ und weitere (s. Bildlegenden)
Die Landis & Gyr produzierte vorerst ihre Elektrizitätszähler. Doch schon 1919 setzte sie auch auf Zentraluhr-Anlagen. Diese sorgten dafür, dass in Grossbetrieben, Schulen oder Spitälern auf allen Etagen und allen Abteilungen die gleiche Zeit herrschte – diese Gleichzeitigkeit war im industriellen Zeitalter wichtig für synchrones Arbeiten.
Wer heute vom Bahnhof Zug auf das LG-Areal kommt, entdeckt auf der Fassade des grossen Verwaltungsgebäudes (Gubelstrasse 22) rechts oben eine Industrieuhr. Im Innern des Gebäudes, das heute vor allem als Stadthaus genutzt wird, ist nochmals eine ähnliche Industrieuhr zu sehen. Das sind keine Zufälle, sondern hat mit der Geschichte des Ortes und der Landis & Gyr zu tun.
Weil die Landis & Gyr in ihren Elektrizitätszählern präzise Zähl-
mechanismen einbaute, lag die Diversifikation zu Zentraluhr-Anlagen, einem verwandten Geschäftsbereich, nahe. 1919 beteiligte sich die LG deshalb an der Spezialfirma Schweizerische Magneta AG mit Sitz in Zürich, ab 1922 verlagerte die LG deren Produktion nach Zug in ihr Werk an der Hofstrasse. Um sich auf dem Markt behaupten zu können, nannte die LG ihre Uhren-Abteilung Inducta AG. Diese weitete sukzessive ihre Angebotspalette aus und stellte Werksuhren, Spezialuhren, Stempeluhren, Schaltuhren, Fernmess- und Fernsteuereinrichtungen sowie Personensuchuhren her.
Ihre Stärke dabei war, dass die Uhren synchron über ein einziges, hochpräzis laufendes Zentraluhrwerk – die sogenannte «Mutteruhr» – gesteuert wurden und die sichtbaren Uhren mit Zeigern und Zifferblättern lediglich Nebenuhren waren. Bis zu 150 solcher Nebenuhren konnten von einer einzigen Mutteruhr das Zeitsignal übernehmen! Das hatte den grossen Vorteil, dass alle Uhren stets synchron liefen und dass sie keinerlei Stromzufuhr von aussen benötigten. Damit war der Gleichtakt in Grossbetrieben gegeben, der durch die Fabrikationsstrassen, Fliessbandarbeit und erste Automatisierungen von elementarer Bedeutung war: «Time is money», dieser Leitspruch des industriellen Zeitalters bekam hier seine technische Unterstützung in Zeitfragen. Nicht nur die Industrie war dankbare Abnehmerin der Inducta-Uhren: Auch Schulen, Hotellerie, Restaurants, Elektrizitätswerke, Kunsteisbahnen oder Kliniken waren Käufer dieser Spezialuhren, die einen Durchmesser von bis zu drei Metern haben konnten.
Für Landis & Gyr war die Uhrenabteilung eine willkommene und naheliegende Erweiterung, aber sie war auch sehr platzintensiv. Deshalb kam es der Direktion sehr gelegen, dass sie 1924 an der Baarerstrasse 113 die Fabrikräumlichkeiten der ehemaligen Glühlampenfabrik kaufen konnte. So kam 1927 die Fabrikation der Inducta-Uhren in die einstige «Glüehli», wie die Fabrik im Volksmund hiess. Damit machte die Landis & Gyr ihren ersten Schritt weg vom Werk an der Hofstrasse, hin zum bahnhofsnahen Gelände. Notabene, bevor die ganze LG-Fabrikation 1929 mit den Neubauten an die Gubelstrasse kam. Die Fabrikation der Uhren befand sich im Erdgeschoss der «Glüehli», im ersten Stock waren die Uhrenkontrolle, das Konstruktions- und das Betriebsbüro untergebracht, das Dachgeschoss diente als Magazin.
Innerhalb des weiterwachsenden Landis & Gyr-Konzerns war der Inducta ein wechselhaftes Leben beschieden. Die Uhrenabteilung schrieb über Jahre Verluste, die Lieferzeiten der verhältnismässig kleinen Uhrenfabrik waren mit bis zu 12 Monaten sehr lang, zudem beschränkte sich das Absatzgebiet auf die Schweiz. In einem internen Untersuchungsbericht von 1946 heisst es kritisch: «Einmal soll die Abteilung sterben und das nächste Mal wird sie wieder mit Pomp aus der Versenkung herausgeholt. Es hat vermutlich «oben» niemand die erforderliche Zeit zur dauernden Lenkung und Befruchtung der dafür engagierten Kräfte. Der ganze Aufbau ist ein Stückwerk.»
Die Inducta-Uhren krankten an einem Phänomen, das in der Schweizer Industrie wiederholt festzustellen war: Die Produkte galten als qualitativ hochwertig, aber sie waren sehr teuer. Mehr noch: sie galten als Luxus. Die Uhrenproduktion in der LG war «wie ein Fremdkörper im menschlichen Organismus». Deshalb war die Konzernleitung der LG sehr vorsichtig und bewilligte 1946 nur die provisorische Weiterführung dieses Geschäfts. Schon vier Jahre später, im Jahr 1950, setzte die LG der Uhrenproduktion in Zug ein Ende: Die Produktion der Inducta-Spezialuhren ging inklusive der 21 Patente an die SAIA AG, eine weitere Tochterfirma der LG, für Schaltapparate in Bern/Murten über, welche diese bis 1962 weiterführte. Später ging das Inducta-Knowhow an die Turmuhrenfabrik in Gwatt bei Thun über, welche heute noch unter dem einstigen LG-Markennamen Inducta-Spezialuhren herstellt.
Im Gebäude an der Baarerstrasse siedelte die Landis & Gyr in der Folge verschiedene Nutzungen an, unter anderem ein legendäres Arbeiterinnenheim mit bis zu 300 Italienerinnen. Aber die Inducta-Uhren an der Fassade des Hauptgebäudes und in verschiedenen Innenräumen auf dem LG-Areal sind als sichtbare Referenz an die Geschichte des Ortes geblieben.