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Haben Sie mit der Eröffnung eines Strafverfahrens gegen den FIFA-Präsidenten gerechnet?
Mark Pieth: Ja, ich bin nicht erstaunt darüber. Ich habe es schon vor zwei Wochen anlässlich des Besuchs der US-Justizministerin Loretta Lynch prophezeit. Eigentlich zeichnete sich alles schon bei der Verhaftung des ehemaligen CONCACAF-Präsidenten Jack Warner ab.
Warum genau jetzt? Hat die Einleitung von Ermittlungen auch mit der Suspendierung von Generalsekretär Jérôme Valcke zu tun?
Das kann ich nicht sagen, dafür bräuchte man Einblick in die Ermittlungsakten der Bundesanwaltschaft.
Gerüchten zufolge wollte Blatter noch einmal antreten ... Jetzt stellt sich eher die Frage: Tritt er zurück?
Auch dazu kann ich Ihnen nichts sagen, das wären blosse Spekulationen. Für eine genaue Einschätzung bin ich zu wenig nahe am Geschehen dran.
Was bedeutet das Strafverfahren für die Wahl des neuen FIFA-Präsidenten im kommenden Jahr?
Die Schwierigkeit ist jetzt, einen Kandidaten zu finden, der nicht Teil des Systems Blatter war. Ich plädiere immer noch dafür, einen Übergangspräsidenten zu ernennen, der zwei Jahre lang interimsmässig die FIFA leitet und dann das Amt abgibt.
Wie kann man garantieren, dass ein solcher Übergangspräsident tatsächlich nur vorübergehend amtet?
Man müsste einen Kandidaten finden, der kein Machtmensch ist. Nicht wie Blatter. Die Frage ist, ob die FIFA den Mut hat, eine Franziskus-Wahl zu vollziehen. Also jemanden zur Wahl zu stellen, der andere Ideale und Ziele hat als Blatter und Co.
Wie geht die FIFA aus dem Strafverfahren gegen ihren Präsidenten hervor?
Das ist natürlich der Ober-GAU. Aber der Reputationsverlust des Weltverbands war ja zuvor schon offensichtlich. Wenn alle zwei Wochen irgendein Skandal auftaucht, ist das Image nachhaltig beschädigt.
UEFA-Präsident Michel Platini ist ebenfalls in das
Strafverfahren involviert. Einerseits als Empfänger einer treuwidrigen
Zahlung von zwei Millionen Franken und andererseits als Zeuge. Hoffnungen auf
das Amt des FIFA-Präsidenten kann sich der Franzose jetzt wohl
abschminken, oder?
Kandidaten, die ein laufendes Strafverfahren am Hals haben, haben natürlich ein denkbar schlechtes Bewerbungszeugnis. Allerdings wurde gegen Platini selber noch kein Strafverfahren eröffnet, das gilt es festzuhalten. Unabhängig davon ist es fraglich, ob Platini noch genug Integrität besitzt: Man bedenke etwa die Aussage zur Wahl von Katar als Austragungsort der WM 2022.
Im Raum steht der Verdacht auf ungetreue Geschäftsbesorgung und – eventuell – Veruntreuung. Welches Strafmass droht dem amtierenden FIFA-Präsidenten im schlimmsten Fall?
Das Strafgesetzbuch sieht im Fall der ungetreuen Geschäftsbesorgung Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor – dies allerdings nur, wenn sich der Angeklagte zusätzlich unrechtmässig bereichern wollte. Aber noch einmal: Noch wurde keine Anklage erhoben. Und seit dem Fall Swissair wissen wir, wie langsam und kompliziert die Mühlen der Justiz im Fall der ungetreuen Geschäftsbesorgung und Veruntreuung mahlen.
(wst)
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