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Wohnhaus aus Naturstein im Tessin
Giubiasco, 2004
Unter den vielen Häusern, die entfernt in Richtung Berge liegen und die Voralpenhänge zwischen Giubiasco und Bellinzona besiedeln, sticht das von Renato Maurizio geplante Haus sofort heraus. Seine Form verneint die Anonymität, verweigert das Pittoreske und die Gleichmässigkeit durch die Windung der beiden Hausfronten und durch die Diskontinuität seiner Profile. In seinem stereometrischen Einfallsreichtum stellt das Ganze eine ganz borrominische Virtuosität zur Schau. An wen kann man sich andererseits sonst anlehnen, wenn man von den asketischen Landschaften des Bergells zur Ausführung eines Auftrags in den sonnigen und festlichen Kanton Tessin kommt, um sich einzugewöhnen, sich inspirieren zu lassen und den genius loci zu spüren, wenn nicht an den grössten unter den Architekten dieses Landes: Francesco Borromini, der Rivale des Gian Lorenzo Bernini in Rom.
Die romanische Bauart, die Maurizio sehr am Herzen liegt, hat er dennoch nicht aufgegeben – sonst würde es sich um eine reine Transformismussache handeln, ein Laster, das dem Architekten aus dem Bergell keinesfalls zuzuschreiben ist – vielmehr wird sie mit einer barocken Spannung verbunden, die sich auf das Licht stützt, dieses aber nicht selbst aufruft, und die sich in gewundenen Linien verschlingt, sodass sich offensichtliche Spuren der bei Häusern in den Bergen üblichen Rechtwinkligkeit in einem Planimetrienetz mit einem stark geschlossenen Gepräge einbinden.
Die Form: Kehren wir nochmals auf sie zurück, denn es handelt sich dabei um das Generationsprinzip dieses Projektes. Um den zur Verfügung stehenden Grund auszunützen, hat Maurizio den Grundrissplan auf fliessend ausgelegt, ähnlich der leicht verzerrten Form des Buchstabens „C“, deren Endpunkte durch eine unterbrochene, stumpfwinklig gebogene Linie verbunden sind, um möglichst viel Sonne einfallen zu lassen. In diesem „C“ befinden sich weitere Grundrisse, einer für jedes Stockwerk, die den „Kreis mit Rechteck“ um sich drehen, um geschlossene Räume und breite, volle und leere Balkons zu schaffen. Innerhalb dieser Koordinaten hat Maurizio die Wohnfunktionen organisiert und dabei sein Schema durch einen grossen Freiraum im Obergeschoss bereichert in dem die Küche, die Esszone und das Wohnzimmer mit grossem Kamin – ein Echo seiner Alpentäler – in ungewöhnlicher Breite angeordnet sind. Dabei hat er mit grossem Gleichgewichtssinn weiss verputzte Oberflächen und Einsätze aus Holz und Metall vermischt. Als Gegenstück zu diesem inneren Gewebe besteht aussen eine Oberhaut, die wegen der Grosszügigkeit an Erfindungsvorschlägen als exzellent definiert werden muss. Die deutlichsten dieser Erfindungen wird von den runden und gespitzten Fronten dargestellt – ein ausgesprochener borrominischer Touch – eine höher als die andere, um die bewegte Höhenanordnungen der Innenräume zu offenbaren, die mit puristischen quadratischen Fenstern ohne Fensterläden ausgestattet sind: Beide tragen dazu bei, ein quadratisches und rationales Volumen durch eine suggestive morphologische Aneinanderreihung abzuschliessen.
Von grossem Interesse ist auch die Orchestrierung der Materialien und Farben: für die gebogenen Teile Stein statt Verputz und Zement, Glas für die geraden Teilen, ersteres gräulich und das zweite Orangenrot, weiss gedämpft mit Transparenzen bei den letzteren.
Aus: „Häuser in den Bergen“ Architekt Renato Maurizio