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Die Lager der Verteidiger und Gegner des Wolfs sind in der Schweiz unmöglich zu versöhnen. Auch 20 Jahre nach der Rückkehr des Raubtiers – geschützt durch ein internationales Abkommen – bleiben die Fronten verhärtet. Reportage und Bilanz.
Die Geburtskarten waren bereit, es fehlte nur noch das Foto: Dieses kam Mitte August: Die Schweiz hat in ihrem bisher einzigen Wolfsrudel, jenem am bündnerischen Calanda-Massiv, drei junge Wölfe entdeckt. "Wir haben seit 2012 junge Wölfe in diesem Rudel", sagt der Verantwortliche für Wildtiere des Kantons Graubünden. "Es gibt also keinen Grund, warum wir dieses Jahr keinen Wurf haben sollten."
Dieser vierte Wurf seit 2012 wurde also anhand von Bildern der kleinen Wölfe bestätigt, die von im Gebirge verteilten Fotofallen aufgenommen wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Zahl der Neugeborenen grösser ist als drei. In den letzten Jahren konnte jeweils im Herbst die Geburt von fünf oder sechs Jungen nachgewiesen werden.
Gleichzeitig blicken die Verteidiger des Wolfs auf die Region um das Augstbordhorn im Kanton Wallis. Werden der Wolf M46 und die Wölfin F14 ein zweites Rudel in der Schweiz gründen? Bis Ende des Sommers sollte die Antwort bekannt sein.
Situation heute
Zwischen dem kalabrischen Südzipfel Italiens und den Alpen werden zwischen 800 und 1000 Wölfe geschätzt, darunter leben 200 bis 300 im Alpengebiet.
In der Schweiz werden in allen Regionen regelmässig Wölfe gesichtet: 2001 im Tessin und in Graubünden, 2006 im Kanton Bern, 2007 in der Waadt, 2008 in Obwalden und 2009 in Luzern und Schwyz.
Ende 2014 wurde erstmals in Zürich, dem bevölkerungsreichsten Kanton, ein Wolf entdeckt. Er war von einem Zug überfahren worden.
Im Juni 2015 wurden in den Kanton Obwalden und Uri in der Zentralschweiz Schafe gerissen. Auch Walliser Schafhalter verloren Tiere.
Gegenwärtig sind in der Schweiz 27 Wölfe offiziell bestätigt. Aus Sicht von Raubtierschutz-Verbänden eine "sehr moderate" Zahl. Laut der "Gruppe Wolf Schweiz" hätte es in der Schweiz Platz für "einen Bestand von rund 200 Tieren".
Wie viele Wölfe im Rudel am Calandamassiv auf der Grenze der Kantone Graubünden und St. Gallen dieses Jahr geboren werden, ist noch nicht bekannt. "Am 14. Juni 2015 wurde ein Weibchen mit gut sichtbaren Zitzen oberhalb des Dorfs Vättis (Kanton St. Gallen) durch den regionalen Jägerverband fotografiert", sagt Fridolin Zimmermann von KORA, den "Koordinierten Forschungsprojekten zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz". Diese Fachstelle überwacht im Auftrag der Eidgenossenschaft die Entwicklung von Raubtierpopulationen in der Schweiz.
KORA hat seit 1998 in der Schweiz 57 Männchen (M01 bis M57) und 15 Weibchen (F01 bis F15) gezählt, also insgesamt 72 Wölfe. Der Tod von 15 Wölfen aus dieser Zahl ist offiziell bestätigt. Andere sind gestorben, ohne dass dies bemerkt wurde oder haben die Schweiz verlassen.
Dass ein Wolf in ein anderes Land ausgewandert ist, lässt sich nur dann feststellen, wenn dieses Land seine Analysen mit den gleichen genetischen Markern durchführt, was beispielsweise bei Italien nicht der Fall ist.
Diese – eher amüsante – Art und Weise, die Situation des Wolfs in der Schweiz zu präsentieren, berücksichtigt natürlich nicht die Ängste und die Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung gegenüber dem Raubtier. Das Wallis hat soeben den Abschuss eines noch nicht identifizierten Wolfs autorisiert, der zwischen dem 19. Juni und 8. August 38 Schafe gerissen haben soll. Denn seit seiner bestätigten Ankunft in der Schweiz im Juli 1995 scheiden sich am Wolf die Geister.
"Regulator-Rolle"
Im Juli 2015 zogen die Befürworter des Wolfs eine "zwiespältige" Bilanz der Entwicklung der Wolfspopulation in der Schweiz. Einzig der WWF wies zum Jubiläum auf die Nützlichkeit des Wolfs hin. "Wald und Natur sagen Danke!", schrieb die Umwelt-Organisation. Die Begründung: "Werden Wildtiere wegen der Wolfspräsenz wieder scheuer und verhalten sich artgerechter, wirkt sich dies positiv auf den Jungwald aus", so der WWF.
Der Wolf habe die Schafhalter auch gezwungen, ihre Herden während der Sömmerung auf den Alpen besser zu schützen. "Der freie Weidegang, d.h. Schafe, die unbeaufsichtigt den Sommer in den Bergen verbringen, ist historisch gesehen eine neue Erscheinung, die den Nutztieren nicht nur gut bekommt: Von rund 200'000 gesömmerten Schafen sterben jährlich rund 4000, die meisten von ihnen an Krankheiten und Abstürzen. Weniger als 10 Prozent aller Abgänge gehen aufs Konto von Grossraubtieren", so die Umwelt-Organisation.
Der Wolf habe dazu geführt, dass sich viele Schafhalter Herdenschutzhunde angeschafft hätten – traditionellerweise Pyrenäenberghunde oder Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde. Der Wolf rette damit, "so ungewohnt das vielleicht tönt, hunderten von Schafen das Leben", kommentiert der WWF.
"Killer-Instinkt"
Behauptungen, welche die Gegner des Wolfes, die Schafe verloren haben, zur Weissglut bringen. Wie etwa Daniel Imholz und Werner Herger, Schafhalter aus dem Urner Dorf Isenthal. Die Gemeinde am Untersee, dem südlichsten Arm des Vierwaldstättersees, ist nur über eine gewundene Strasse mit engen Kurven erreichbar. Um die Sommerweiden der Schafhalter des Dorfes zu erreichen, müssen von hier aus eine Seilbahn und anschliessend rund zwei Stunden Wanderweg unter die Füsse genommen werden.
Hier sömmerten sie ihre Schafe. "Sömmerten" in der Vergangenheit, denn Mitte Juni mussten sie ihre Schafe von der Weide herunterholen, nachdem vermutlich ein Wolf in der Region um die 50 Schafe gerissen hatte, darunter gegen 20 von Imholz und Herger.
"Dieser Wolf hat einen Killer-Instinkt", regt sich Herger auf. "Er jagt nicht wegen des Hungers, sonst hätte er nicht derart viele Schafe angegriffen", betont er. "Nachdem der Wolf da war, haben Spezialisten untersucht, wie wir unsere Herden schützen könnten. Sie mussten zugeben, dass es schwierig wäre, hier Hunde einzusetzen", ergänzt Imholz.
"Schafe zu schützen, ist fast überall möglich", sagt Christina Steiner, Tierärztin und Präsidentin des Vereins "CHWOLF", der Schafhalter betreffend Schutzmassnahmen unterstützt. "Es stimmt, dass es eine Weile dauert, bis die Schafe keine Angst mehr vor den Hunden in ihrer Herde haben. Falls die Investition zu gross ist, etwa weil das Gelände sehr hügelig oder steinig ist, ist es möglich, dass gewisse alpine Zonen für die Sömmerung aufgegeben werden müssen."
Das Tal retten
Das ist auch der Punkt von Daniel Imholz: "Wir sind die Garanten für den Schutz des Tales. Nun sind aber die Schafe eine wichtige Einkommensquelle. Ohne uns schliesst die Schule, und das Tal wird sich entvölkern. Die Luchse haben hier bereits gewütet. Die Zahl der Rehe hat bereits beträchtlich abgenommen. Sogar Gämsen gibt es weniger. Es besteht die Gefahr, dass der Wolf unser Tal tötet!", klagt er.
"Es ist wahr, dass der Wolf nur ein Teil des Puzzles ist, und dass wir sowieso darum kämpfen müssen, hier die Landwirtschaft aufrecht zu erhalten", so Imholz weiter. "Falls man ihn abschiesst, bleibt das Problem ungelöst." Er habe "wohl keine Wahl" und werde sich Herdenschutzhunde anschaffen müssen.
Im Bündnerland, wo das einzige Wolfsrudel der Schweiz lebt, haben sich Herdenschutzhunde in den letzten Jahren weitestgehend durchgesetzt. Die Situation sei "recht entspannt", sagt der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi. "Das Rudel ist relativ unproblematisch", betont er. "Doch wir haben Glück, dass wir ein ziemlich einfaches Gelände haben."
Die "Bestie des Val Ferret"
Am 16. Juli 1995 findet der Landwirt Armel Perrion aus Liddes (Kanton Wallis) ein mit dem Tod ringendes Schaf. Vier seiner Schafe wurden von einem Wolf gerissen, der bald schon den Namen "Bestie des Val Ferret" erhält. Bis im September verliert Perrion 22 Schafe. Einem anderen Schafhalter werden bei fünf Angriffen sogar 65 Tiere getötet. Diese Ereignisse markieren die Rückkehr des Wolfes in die Schweiz.
Offiziell wurde der letzte "Schweizer" Wolf 1871 in der Nähe von Iragna (Kanton Tessin) abgeschossen. In Italien überlebte der Wolf in kleinen Zahlen in den Abruzzen. Seit 1972 unter Schutz, konnte er sich in Italien wieder ausbreiten. 1987 erschien er erstmals wieder in den italienischen Alpen, 1992 im französischen Nationalpark Mercantour.
Ein anderes Grossraubtier, der Bär, wanderte erstmals 2005 wieder in die Schweiz ein.
Im Kanton Wallis, wo der Wolf 1995 seinen ersten Auftritt hatte, klingt es ganz anders. Hier gibt es nur selten Herdenschutzhunde, und öfters ist von getöteten Schafen zu lesen. Schafhalter, Jäger und Politiker rufen daher häufig nach Abschussbewilligungen – die nur unter sehr strikten Einschränkungen vergeben werden, steht doch der Wolf unter dem Schutz eines internationalen Abkommens, das 1979 in Bern unterzeichnet wurde.
Regelung möglich
Nun verfügen die Kantone seit Mitte Juli 2015 über neue Möglichkeiten, die Wolfpopulation zu regeln. Die entsprechende Verordnung wurde abgeändert. Für einen Abschuss müssen einige Bedingungen erfüllt sein – wie etwa grosse Schäden oder die Gefährdung von Menschen.
"Wölfe sind, für sich gesehen, keine Gefahr für die Menschen", erklärt Christina Steiner. "Sie gehen ihm aus dem Weg, den Häusern aber nicht. Ein Wolf kann gefährlich werden, wenn er die Scheu gegenüber den Menschen verliert, etwa weil er gefüttert wird."
Mit der neuen Verordnung kann bis die Hälfte des jüngsten Wurfs abgeschossen werden, falls das Bundesamt für Umwelt (Bafu) sein Ok dazu gibt. Im Gegenzug sind bei einzelnen Wölfen nunmehr die betroffenen Kantone allein für eine Abschussbewilligung zuständig – ebenfalls unter gewissen Bedingungen. Bisher mussten sie dafür grünes Licht bei einer interkantonalen Kommission beantragen.
"Die Verordnung überlässt den Kantonen einen zu grossen Interpretationsspielraum", kritisiert Steiner. "Es ist nicht immer einfach, die jungen von den erwachsenen Tieren zu unterscheiden. Und wenn die Eltern abgeschossen werden, ist das Rudel in Gefahr, sich zu zerstreuen. Die Jungen werden auf einfache Beute aus sein, was zu einem Anstieg der Schäden führen kann."
Die Verordnung "sieht explizit vor, dass die Eltern schonend behandelt werden sollen", antwortet Bafu-Sprecherin Rebekka Reichlin. "Im Zweifelsfall erhalten die Wildhüter das Recht zum Abschuss nicht." Aus diesem Grund sind die Walliser der Meinung, der Text gehe nicht weit genug. Peter Scheibler, Chef der Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere des Kantons, ist der Meinung, dass man "das Prozedere zur Abschussbewilligung hätte vereinfachen müssen".
Ganz klar zeigt sich am Wolf in der Schweiz ein Graben "Stadt-Land". Den Städtern wird unterstellt, sie neigten dazu, eher "Wolfsfreunde" zu sein. Für den Bündner Georg Brosi kühlen sich die Emotionen und anfänglichen Befürchtungen schliesslich ab.
In Isenthal hält Dainel Imholz an seinem Standpunkt fest. "Wenn man in der Stadt lebt, ist es einfach zu sagen, dass die Rückkehr des Wolfes eine gute Sache sei", enerviert er sich. "Die Städter hingegen fordern, man müsse etwas gegen die Füchse unternehmen. Bei uns hingegen haben wir überhaupt keine Probleme mit dem Fuchs!"
(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)