Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/1389

Eins der meistaufgeführten Werke von Giuseppe Verdi ist keine Oper, sondern die Messa da Requiem. Seltener zu hören ist sein allerletztes Werk: die «Quattro pezzi sacri». Der Chor Cantus Basel bringt sie zur Aufführung und stellt dem Basler Publikum zugleich einen unbekannten Komponisten vor: Lorenzo Perosi, dessen Oratorium «Transitus animae» hier wohl zum ersten Mal zu hören ist. Basel, Stadtcasino. Konzert am 5. September, 19 Uhr. www.cantusbasel.ch
Cantus Basel: Geistliche
Musik von Giuseppe Verdi und Luigi Perosi: Seelen und Skalen
Von Christian Thurneysen
So sehr uns Italien vorrangig als Land mit grosse Operntradition bekannt ist, das berühmte Komponisten wie Verdi, Rossini oder Puccini hervorgebracht hat, so selten sind wir uns bewusst, welch grosse Bedeuting die katholische Kirche im Werk ebendieser Komponisten hat. eines der meistaufgeführten Werke Giuseppe Verdis beispielsweise ist die "Missa da Requiem": ein Höhepunkt der italienischen Skralmusik.
Auch die «Quattro Pezzi Sacri», sein allerletztes Werk, hat Verdi nicht für die Oper geschrieben. Doch während das Requiem seinen festen Platz im Repertoire der Chöre hat, werden die vier geistlichen Stücke eher selten aufgeführt (in Basel zuletzt vom Regiochor Binnigen); zu Unrecht, gehören doch diese vier Werke zum Reifesten, was an choraler Kirchenmusik komponiert wurde. Ausgangspunkt der Komposition allerdings war die ganz und gar weltliche Aufforderung der «Gazzetta Musicale di Milano» im Jahr 1888, eine rätselhafte Tonleiter (scala enigmatica) mit Harmonien zu versehen. Verdi meisterte diese Aufgabe im ersten Stück «Ave Maria» mit Bravour. Die drei weiteren Stücke «Stabat Mater», «Laudi alla Vergine Maria» und «Te Deum» schrieb Verdi im Alter von 83 Jahren und wollte sie unaufgeführt lassen. Glücklicherweise konnte er vom Gegenteil überzeugt werden: Die italienische Erstaufführung unter Arturo Toscanini wurde ein Riesenerfolg.
Der Konzertchor Cantus Basel bringt zusammen mit dem Cantus Zürich aber nicht nur das letzte geistliche Werk des grossen Opernkomponisten Verdi zur Aufführung, sondern stellt dem Basier Publikum auch einen Komponisten vor, der zeitlebens nie eine Oper geschrieben hat. Diese überraschende Tatsache mag einer der Gründe sein, weshalb der 1872 in Tortona geborene Lorenzo Perosi nicht die Popularität seiner Zeitgenossen erlangt hat. Nach seinen Studien in Rom und Mailand wurde Perosi Kapellmeister in Imola und anschliessend Chorleiter der Markuskirche in Venedig. Den Entschluss, sich ausschliesslich dem Komponieren geistlicher Musik zu widmen, fasste Perosi im Jahr 1897, nachdem er selbst die Priesterweihe empfangen hatte. Als Lorenzo Perosi ein Jahr später zum musikalischen Leiter der Sixtinischen Kapelle in Rom ernannt wurde, verlegte er sein Schaffen in den Vatikan, wo er im Jahr 1956 verstarb.
Perosis Oratorium «Transitus animae» wird wohl zum ersten Mal in Basel aufgeführt. Der Dirigent Walter Riethmann hat mit seinen beiden Chören und dem Sinfonieorchester «Consortium Musicum» ein Oratorium einstudiert, das im strengen Sinne eigentlich gar keines ist: In «Transitus animae» fehlt nämlich die Erzählerfigur, der so genannte «Orator». So hören wir also vielmehr eine Kantate für Mezzosopran, Chor und Orchester. Lorenzo Perosi komponierte dieses Werk zur Einweihung eines neuen Konzertsaales im Jahr 1907, zu einem Zeitpunkt, da er sich bereits voll als musikalischer Leiter des Vatikans etabliert hatte. Die Übersetzung des Titels verrät, dass es in diesem Chorwerk um das Hinübergehen der Seele ins Reich Gottes geht. In seiner Musik beschreibt der Komponist das letzte Gebet der Seele vor dem Tode (gesungen von der Mezzosopranistin Barbara Kandler). Ihre demütige Bitte um Reinwaschung und Vergebung aller Sünden steigert sich im Verlauf der Kantate bis hin zu leidenschaftlichem Flehen um Gnade und Barmherzigkeit. Als Gott sich ihrer schliesslich erbarmt, ist der «anima» die Aufnahme ins Paradies gewiss. Die Komposition schliesst mit den Worten «in paradisum deducant te Angeli»: Ins Paradies mögen Engel dich geleiten.
BASEL. Wer glaubt, geistliche Musik sei kraftlos und langweilig, wurde von den beiden Konzertchören Cantus Basel und Cantus Zürich sowie dem Consortium Musicum mit einem mitreissenden Konzert im Stadtcasino Basel eines besseren belehrt. Unter der Leitung von Walter Riethmann bewiesen die Mezzosopranistin Barbara Kandler, das Orchester und die beiden vereinten Chöre, dass geistliche Musik sehr emotional und packend sein kann.
Eröffnet wurde das Konzert mit einem Werk vom weniger bekannten italienischen Komponisten Lorenzo Perosi, der 1872 geboren, die meiste Zeit seiner Karriere als musikalischer Leiter der Sixtinischen Kapelle in Rom verbrachte. 1907 schrieb er das «Transitus animae», eine geistliche Kantate für Mezzosopran, Chor und Orchesterbegleitung, in der der Übertritt in die Ewigkeit im Augenblick des Todes beschrieben wird. Fast modern und mit dunklen Akkorden beginnt das Werk, hellt sich aber schon bald auf und schreitet in leuchtenden Farben fort, wobei allerdings gelegentlich die Grenze zum Kitsch überschritten wird.
Etwas verhalten und unsicher klangen die ersten Takte. Doch bald hatte sich das Orchester gefangen und begleitete die Solistin und den Chor engagiert und kraftvoll. Der Mezzosopran Barbara Kandler sang seine Partie mit voller Stimme und dezentem Vibrato. Allerdings war ihre Plazierung hinter dem Orchester etwas unglücklich gewählt; an den lauten Stellen ging ihre Stimme oft im Orchesterklang unter.
Nach der Pause erklangen dann die «Quattro Pezzi Sacri» von Giuseppe Verdi. Einfacher und weniger süsslich, klarer in der Stimmführung, wurde schon nach wenigen Takten die Überlegenheit Verdis über Perosi klar, wobei allerdings der Maestro nicht immer der Versuchung zu wiederstehen vermochte, in die Trickkiste seines Opernrepertoires zu greifen. Unter der kundigen Leitung von Walter Riethmann interpretierte das Orchester das Stabat Mater präzise und engagiert. Erst gegen Ende des abschliessenden Te Deums waren bei den Bläsern ein paar verwackelte Einsätze zu hören. Auch die beiden Chöre intonierten ihre Partie sauber und ohne nennenswerte Fehler. Einzig die Textverständlichkeit war leider nicht immer, gewährleistet und gelegentlich hätte man sich noch etwas mehr interpretatorische Kraft vorstellen können. Trotz einiger Makel aber war es ein gelungenes Konzert.
Basler Zeitung vom 7. September 2004
Himmlischer und irdischer Glaube: Der Chor "Cantus" im Casino
Von Bosch
Zwei Kulturen der Musik. Wollte man geistliche Musik unterscheiden nach solcher, die eher Himmlisches ausdrückt, und solcher, die durch die Darstellung menschlicher Not und Angst Irdisches schildert, so gehörte Lorenzo Perosis Oratorium «Transitus animae» eindeutig zur ersten Kategorie. Was nicht verwundert, war der Komponist doch Priester und sein Blick eher auf Gott gerichtet als auf die Menschen. Verständlich aber auch, dass Perosi gedrängt wurde, Opern zu schreiben. Seine Melodien sind so eingängig wie klangschön - der Erfolg wäre ihm damit sicher gewesen.
Perosis Schilderung des Übertritts der Seele ins ewige Leben durchzieht eine Stimmung von ruhigem Ernst, die auch da anhält, wo man sich vom Text her einen andern Klangcharakter vorstellen könnte. Anklänge an Choräle oder Gregorianik bezeichnen die Herkunft der Musik, doch ihr starker Fokus auf das Religiöse lässt sie auch wie vom vielen musikalischen Weihrauch betäubt erscheinen. Barbara Kandlers Mezzosopran prägte das Werk. Mit dunkler, voller Stimme versetzte sie die nicht allzu zahlreichen Zuhörer im Stadtcasino in eine Stimmung, in der man sich von der Musik treiben liess. Mühelos verband sie Homogenität im Ausdruck und Abwechslung in der Gestaltung. Indes wirkte der Chor streckenweise blass. So gut die Sängerinnen und Sänger polyphone Passagen herausarbeiteten, so sehr vermisste man eine pointiertere Dynamik. Sorgfältigere Diktion im allerletzten Abschnitt hätte die Paradiesesvision noch intensiver strahlen lassen.
OPERNHAFTES GEGENSTÜCK. Von Verdi weiss man, dass er sich mit der Kirche nicht immer leicht tat. Und das ist hörbar - gerade in der Gegenüberstellung mit Perosis Werk. In den «Quattro Pezzi Sacri» findet sich ein klarer Bezug zum Menschlichen, die Musik hat Ecken und Kanten, ist reich an Einfällen, überrascht. Bangen und Hoffen werden hörbar. Klangschön waren die A-cappella-Teile. Ergreifend schlicht gerieten die «Laudi alla Vergine Maria», schwebend, fast ätherisch das «Ave Maria». Doch auch hier fehlte der Mut zum Ausdruck.
Ausgezeichnet war dafür der Eindruck des Orchesters Consortium Musicum, das ebenso farbenreich begleitete, wie es auf die Chorstimme Rücksicht nahm. Dass der Chor im Forte hier und da überdeckt wurde, verwunderte angesichts der grossen Zahl von Sängerinnen und Sängern, während die Instrumente stets differenziert und transparent blieben. Wenn auch nicht gross, so war das Ungleichgewicht zu Gunsten des Orchesters doch hörbar.
tsr. Die Klage der Chordirigenten ist allgegenwärtig, dass man mit der Aufführung unbekannter Werke kein Publikum hinkriege. Am Sonntag hat Walter Riethmann mit seinen beiden Chören Cantus Basel und Cantus Zürich im sehr gut besuchten Neumünster das Oratorium «Transitus animae» von Lorenzo Perosi aufgeführt.
Beklemmung, Angst und Ergebenheit
Der 1872 geborene italienische Komponist ist hierzulande selbst Musikern wenig bekannt- Von 1898 bis zu seinem Tod im Jahr 1956 wirkte er als Kapellmeister an der Sixtinischen Kapelle in Rom und komponierte ausschliesslich geistliche Musik. Sein lateinisches Oratorium «Transitus animae» für Mezzosopran, Chor und Orchester entstand 1907. Die Solistin drückt den Zustand der menschlichen Seele aus, die sich angesichts des Todes auf das Jenseits vorbereitet, während der Chor die Gemeinde repräsentiert, die für die sterbende Seele betet.
Die beiden Cantus-Chöre brachten eine bewegende Aufführung zustande. Der milde und gefühlvolle Charakter von Perosis Musik kam den weichen Stimmen der etwa hundert Sängerinnen und Sänger sehr entgegen. Bei den dramatischen Abschnitten hätte man sich ein noch etwas kräftigeres Profil vorstellen können. Die Mezzosopranistin Barbara Kandler gestaltete ihren Part mit einer beeindruckenden Mischung aus Beklemmung, Angst und Ergebenheit. Der grosse Ambitus ihrer Stimme war ihr dabei sehr hilfreich.
Dynamisch und ekstatisch
Die von Chromatik getränkten "Quattro Pezzi Sacri" von Giuseppe Verdi, insbesondere die bei den A-cappella-Stücke, stellten dann für den Chor die Nagelprobe dar. Und er bestand sie ausgezeichnet. Die Intonation war meistens rein, die wechselnden Affekte wurden deutlich herausgestellt, und die dynamische Palette reichte, etwa im "Te Deum", vom ekstatischen "Sanctus" bis zum raunenden "Miserere".
Das von Riethmann ins Leben gerufene Orchester Consortium Musicum mit dem Konzertmeister Pascal Druey leistete sowohl bei Perosi wie bei Verdi professionelle Unterstützungsarbeit.