Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/2270

In den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschlossen drei Familien aus Deutschland, ihr Glück in Südamerika zu versuchen. Sie hiessen Polter, Herzog und Godet und stammten aus Leipzig, Erfurt und Weimar. Sie kannten sich nicht. Der Zufall aber wollte es, dass sie alle in Lissabon dasselbe Schiff bestiegen, das Auswanderer nach Guyana bringen und dann weiter bis nach Buenos Aires fahren sollte. Unterwegs erlitt das Schiff einen Motorschaden und musste den nächsten Hafen anlaufen – Port-Louis.
Im Verlauf der Überfahrt hatten sich die Polters, Herzogs und Godets angefreundet. Und da das Schiff nun mehrere Wochen im Hafen von Port-Louis lag, unternahmen sie gemeinsam Ausflüge an Land. Die Insel gefiel ihnen und als sich die Möglichkeit bot, ein Stück fruchtbaren Bodens am südlichen Rand des Waldes von Duvet zu kaufen, beschlossen sie, das Wagnis einzugehen. Sie bauten erst Weizen, dann Mais und Hülsenfrüchte an, züchteten Schweine und Hühner. Sie errichteten Häuser aus Holz (Vater Polter war Architekt) und gaben ihrer kleinen Siedlung stolz den Namen Palmheim. Alles sah sehr gut und sehr ordentlich aus. Allein mit der Landwirtschaft wollte es nicht wirklich klappen – was vielleicht auch daran lag, dass ihnen die Erfahrung fehlte, stammten sie doch allesamt aus städtischem Umfeld.
Eines Tages jedoch fanden sie heraus, dass sich der Lehmboden in der Umgebung ihrer kleinen Siedlung ausgezeichnet für die Anfertigung feinster Ziegelsteine eignete. Wie es der Zufall wollte, hatte Vater Godet früher als Ingenieur in einer Ziegelei gearbeitet – bis er als ehemaliges Mitglied der kommunistischen Partei von seinem Posten zurücktreten musste. Also konstruierten sie einen Ofen und brannten Backsteine – zunächst für ihren eigenen Bedarf, dann für einen Nachbar in St. Anne an Pyès und wenig später für eine kleine Baufirma in Gwosgout etc.
Heute finden sich Ziegel aus Palmheim auf der ganzen Insel – ja wenn irgendwo Backsteine verbaut werden, dann findet sich darauf fast immer das charakteristische Logo mit den drei Palmen und den Initialen P, G und H. – Das Dörfchen Palmheim ist seither gewachsen und neue Zuwanderer haben sich niedergelassen. Die Polters, Herzogs und Godets haben es - mit einer Ausnahme – vermieden, untereinander Beziehungen einzugehen. Sie haben sich mit Einheimischen und anderen Einwanderern verheiratet und heute laufen folglich Kinder aller Hautfarben durch das Dorf. Die deutsche Sprache (und Literatur) allerdings wurde in Palmheim immer gepflegt und auch heute noch sprechen die meisten der gut 700 Einwohner fliessend Deutsch.
First Publication: 12-2006
Modifications: 16-2-2009, 30-9-2011, 24-7-2013