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"Celebrate Diversity" lautet das Motto des Eurovision Song Contest vom 9.-13. Mai in Kiew. Tatsächlich schwimmen im Einheitsbrei aus Eurodance und Balladen einige Rosinen - allen voran der Beitrag Italiens, der alles hat, was es braucht, sogar einen klugen Text.
Der bei allen Wettbüros am höchsten favorisierte Song "Occidentali's Karma" von Francesco Gabbani zitiert Heraklit, Shakespeare, Marx und Erich Fromm. Vor allem aber macht sich der Song lustig über die im Westen verbreitete Praxis, sein Seelenheil in östlichen Philosophien zu suchen. Der Sänger wird von einem Gorilla unterstützt, der fabelhaft tanzen kann.
Der Text bezieht sich nämlich auch auf Desmond Morris' Bestseller "Der nackte Affe" (1967), in dem der Mensch als haarloser Primat qualifiziert wird. Morris persönlich sagte in Interviews, ausser von John Lennon und Bob Dylan habe er noch nie so einen intelligenten Songtext gehört wie "Occidentali's Karma".
Der Dr. Jeckyll des Pop
Manche der diesjährigen ESC-Beiträge zelebrieren die Diversität in Form von Stilbrüchen: Die Hymne "My Friend" des Kroaten Jacques Houdek beispielsweise ist ein Crossover-Duett für einen einzigen Sänger - er singt abwechselnd mit hoher Stimme Pop auf englisch und mit tiefer Stimme Oper auf italienisch.
Houdek ist ein glühender Verehrer des Song Contest. Sechs Mal machte er beim kroatischen ESC-Vorentscheid erfolglos mit. Nach 13 veröffentlichten Alben hat man ihn heuer direkt gewählt - vielleicht, damit er endlich Ruhe gibt.
Bisher gibt es noch keine Live-Version von Houdeks Jeckyll-and-Hyde-Nummer, man weiss nicht, ob der Sänger seine Doppelrolle stemmen kann. Es heisst, er werde ein vertikal zweigeteiltes Kostüm tragen und sich je nach Stimmlage von der einen oder der anderen Seite zeigen. Das könnte ganz schön peinlich werden. Ins Final wird er es wohl nicht schaffen.
Rumänien und Schweiz tauschen Rollen
Zittern dürfte auch ein anderes Crossover-Projekt, "Yodel it" von Ilinca feat. Alex Florea aus Rumänien. Die Mischung aus Rap und Jodel spaltet die Gemüter, man liebt's oder man hasst's. Erstaunlich immerhin, wie gut Jodel, satte Bässen und harte Drums harmonieren.
Jodeln hat in Rumänien übrigens Tradition, ebenso wie etwa bei den Pygmäen und den Inuit. Aber dass Rumänien jodelt und beim Schweizer Beitrag eine Rumänin singt, wirkt dennoch ulkig.
Dass Timebelle - die Rumänin Miruna Manescu, ihr Landsmann Emanuel Daniel Andriescu und der Schweizer Samuel Forster - am 11. Mai im zweiten Halbfinal einen Endrundenplatz für die Schweiz sichern, ist höchst ungewiss. Die internationalen Wettbüros sehen den Schweizer Beitrag zur Zeit unter den letzten zehn.
In Fanforen findet Timebelles "Apollo" aber viel Zuspruch. Vor allem natürlich aus Rumänien, aber auch aus Aserbaidschan, wo man das Lied aus dem dortigen Vorentscheid 2016 kennt.
Portugal greift ans Herz
Mehr als ein Geheimtipp ist dieses Jahr Portugal. "Amar Pelos Dois" (Lieben für zwei) ist ein Jazz-Walzer im Stile der 50er-Jahre, in dem ein Mann eine Frau fragt, ob sie sich nicht vorstellen könnte, zu ihm zurückzukehren? Falls nicht, dann werde er eben für zwei lieben. Das Lied ist altmodisch, simpel, sentimental und wird vom "Hipster" Salvador Sobral mit viel Gefühl vorgetragen.
Es geht das Gerücht, dass Sobral, der aus einer alten Adelsfamilie stammt, unter seinem voluminösen Hemd eine lebenserhaltende Apparatur trägt, weil er auf ein Spenderherz wartet. Die ersten ESC-Proben bestreitet er aus gesundheitlichen Gründen nicht selber, seine Schwester Luisa, die das Lied komponiert hat, vertritt ihn. Über seinen Gesundheitszustand sagt er nur soviel: "Das geht keinen etwas an".
Das Jahr der Küken
2017 könnte am ESC das Jahr der ganz Jungen werden, gleich drei 17-Jährige gehören zu den Favoriten: der Australier Isaiah - der erste Aborigine in der Geschichte des ESC - die Belgierin Blanche und der Bulgare Kristian Kostov.
Kostov ist in Moskau geboren und aufgewachsen und dürfte Russland allenfalls etwas entschädigen für den Ausfall der russischen Kandidatin. Ihr war von der Ukraine die Einreise verweigert worden, weil sie zuvor ohne Visum auf der Krim ein Konzert gegeben hat. Die Ukraine wertet das als Verletzung ihrer Hoheitsrechte.
Die Klopapier-Hymne
Mit zunehmender Professionalisierung des Wettbewerbs wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, sich darüber lustig zu machen. Eine der wenigen, die dieses Jahr im Netz ein bisschen Häme auf sich zieht, ist die Isländerin Svala. Ihr Song "Paper" gilt als Hymne all jener, die nach erledigtem Geschäft merken müssen, dass das Klopapier alle ist.