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意拳Yiquan ist eine Kampfkunst, die auf Wang Xiangzhai 王芗斋 (1885-1963) zurückgeht. Wang war auch unter dem Namen Nibao 尼宝 bekannt und nannte sich später Yuseng 宇僧 (Mönch des Kosmos) und MaoDun LaoRen 矛盾老人 (Alter Mann der Gegensätze). Wang hatte schon als Junge vom legendären Guo Yunshen 郭云深 (1820-1901) Xingyiquan gelernt. An der Wende zum 20.
Jahrhundert reiste er im ganzen Land herum und hatte Begegnungen mit herausragenden Boxern dieser Zeit. Dabei hat er auch festgestellt, dass viele Schulen des chinesischen Boxens zwar ästhetisch schön anzusehen waren, aber selten wirklich als Kampfkünste praktiziert wurden. Er kritisier-te auch, dass viele der üblichen Trainingsmethoden langfristig den Körper schädigen. Die erprobte praktische Essenz, die Details der ursprünglichen Kampfkunst begannen offenbar bereits damals immer mehr in den Hintergrund zu treten. Das war in einer Zeit, als im ganzen Land und in allen Bereichen neue Wege gesucht wurden. Wang Xiangzhai hat das traditionelle XingyiQuan 形意拳 zusammen mit anderen Einflüssen massgeblich umgestaltet. Oder besser: nach seinen Ideen auf das Wesentliche reduziert. In diesem Prozess entstand eine Kunst, die ohne festgelegte, lange Formen auskommt und sich stark auf das Grundlegende beschränkt: die Kultivierung von Geist und Bewusstsein, die über den Körper einen klaren, natürlichen Ausdruck finden. Der Geist ist grenzen- und formlos und in diesem Sinn heisst es, dass im Yiquan alles enthalten ist: 意含宇宙 (Das Yi umfasst das Universum)*. Weil aber standardisierte Bewegungen fehlen hat sich diese Kunst bereits in der 2. Generation in verschiedene Richtungen entwickelt. Zu den bekannten SchülerInnen Wangs gehörten seine Tochter Wang Yufang, die sich ganz dem Gesundheitsaspekt gewidmet hat, dann aus der frühen Phase Qi Zhidu, Zhao Daoxin, Zhang Changxin, You Pengxi, später die Han Brüder Xingqiao und Xingyuan, Bu Enfu, Zhang Entong, Li Jianyu, Yu Yongnian, Yang Shaogeng (1922-2007) und natürlich Yao Zongxun 姚宗勋 (1917-1985), der Vater meines Lehrers Yao Chengguang 姚承光. Yao Chengguang's Zwillingsbruder Yao Chengrong 姚承荣 unterrichtet ebenfalls in Beijing. Sie sind Teil der 3. Generation, mit einigen mittlerweile auch international bekannten Lehrern.
2. und 3. Generation Yiquan Yao Zongxun und Yao Chengguang
Wang Xiangzhai
Yao Zongxun
Training mit Yao Zongxun Anfang 80iger Jahre
Die Basis ist das Zhanzhuang 站桩 (stehen wie ein Säule), eine Methode, die in den chinesischen Kampfkünsten lange gut behütet nur wenigen zugänglich war. Trainiert wird auch im Sitzen und Liegen. Alle weiteren Ûbungsmethoden in Bewegung bauen darauf auf.
Zhang Changxin, Cui Ruibin, Yao Zongxun
Yang Shaogeng und Yao Zongxun
Zuerst müssen wir uns in einer relativ statischen Position an die richtige Ausrichtung und (Ent)spannung des Körpers herantasten. Je kräftesparender und stabiler wir stehen, desto effizienter kann die darauf folgende Bewegung sein. Gleichzeitig arbeiten wir mit 'Yi'. 'Yi' ist ein Begriff, in dem je nach Zusammenhang verschiedene Bedeutungen mitschwingen können (siehe Begriffe/Übersetzungen). Meist wird er übersetzt als 'Vorstellung', 'Absicht', 'Idee' und manchmal auch 'Bewusstsein'. Kurz gesagt ist 'Yi' eine formgebende Kraft, mit der Pro-zesse des Bewusstseins in konkrete Aktionen geführt werden. Aber schon die Vorstellung, was wir mit einer Übung erreichen wollen, kann dem 'Yi' zugeordnet werden. Im Yiquan ha-ben wir dazu ausgeklügelte Trainingsmethoden. Zu Beginn geben wir uns mental kleine Auf-gaben, die körperlich umgesetzt werden. Das fördert die Konzentration, die Gedanken bleiben gebündelt und beim Körper. Wir arbeiten zum Beispiel mit der Vorstellung von Wasser um-geben zu sein. Die Idee von Widerstand, Temperatur, Weichheit, Strömung, Wellen, etc. klingt im Körper mit und regt subtile Anpassungen in der Körperspannung an. Das Netz von Faszien und Muskeln wird so mit der Zeit bis ins Innerste gespürt und aktiviert und die Verbindungen zur Kraftübertragung werden effizienter. Über diese Arbeit mit Bildern und das Spüren tief in den Körper können zudem im Gehirn neue, sonst unerschlossen bleibende Verknüpfungen aktiviert und in Variationen ausgebaut werden. Im Yiquan heisst das 'mit der Idee das Konk-rete herbeiführen'. Es geht aber nicht um eine Visualisation, sondern um das entsprechende Gefühl im Körper und darum, jeden neuen 'Yi'-Impuls spontan in Resonanz zu bringen. Wichtig ist dabei, hinter die mit Bildern/Vorstellungen verbundenen emotionalen Filter direkt in den Körper zu spüren. Wir wollen die Essenz von dem, was wir wahrnehmen erforschen und erkennen. Was statisch aussieht ist ein lebendiger Prozess, ein Erkunden und Vereinen des Innen und Aussen, des Körpers und der Kräfte, die auf uns wirken. Diese Prozesse an der Schnittstelle von Bewusstsein, geistiger Aktivität und körperlichem Ausdruck werden dann immer mehr verfeinert. Wir suchen den Hunyuan Zustand, die Vereinigung der Gegensätze, die Kraft in allen (6) Richtungen. Im Raum zwischen den Gegensätzen tasten wir uns an die unvoreingenommene Einheit, das Potential, aus dem heraus alles möglich ist. Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern nur noch die Singularität, die Präsenz im Hier und Jetzt: Ruhe in der Bewegung. In diesem langen Prozess lernen wir durch kleine Verschie-bungen in der Wahrnehmung Reibungen mit unserer Umgebung immer mehr zu vermeiden. Aus therapeutischer Sicht hilft das zum Beispiel, im Alltag Gewohnheiten anzugehen, die uns zurückhalten und ein-schränken. Über das Push-Hands und andere Partnerübungen bringen wir diese Qualitäten langsam in die kämpferischen Aspekte. Es heisst, dass wir später auf höchstem Niveau intuitiv und ohne Verzögerung auf alle auf uns wirkenden Kräfte die jeweils 'richtige' Antwort haben. Alles geschieht in direkter Wahrnehmung des Moments natürlich, gleichzeitig und in Resonanz. In einer Kampfsituation ist diese gebündelte Kraft für den Gegner verheerend und nimmt ihm oft sehr schnell die Lust weiterzukämpfen. Wer das auch nur ansatzweise von einem Meister erlebt hat, wird es so schnell nicht wieder vergessen. Es macht aber wenig Sinn, über diesen höchsten Ausdruck von Kampfkunst zu spekulieren. Vorerst braucht es ganz einfach Bescheidenheit, Respekt und viel Arbeit mit der richtigen Methode. Wang Xiangzhai betonte dabei die Wichtigkeit von intelligentem und bewusstem Training. Methoden sind nicht Selbstzweck, sondern erübrigen sich, wenn eine bestimmte Qualität integriert, eine Fähigkeit entwickelt ist. Ob es um die Kampfkunst, die Gesundheit oder die Belebung der Selbstheilungskräfte geht, es gibt keine Trennung zwischen diesen Aspekten. Das Geniale und gleichzeitig Schwierige am Yiquan scheint mir, dass der Rahmen, ohne den eine freie Entwicklung nicht möglich ist, minimal bleibt. Es sind Trainingsmethoden, die in ihrer Ganzheit viele Aspekte unseres Seins berühren und entwickeln, ohne diese Prozesse einzeln thematisieren zu müssen. Soweit mein jetziges Verständnis, das sich mit jedem Training weiterentwickelt.
Yao Chengguang
* In der altchinesischen Vorstellung ist der Mensch ein Mikrokosmos des Universums und gleichzeitig ist das Universum in uns enthalten. Ich lese diesen Satz (unter anderem) so, dass wir für jeden Aspekt der äusseren Welt, auf den wir unsere Aufmerksamkeit richten, eine Verbindung im Inneren finden können. Wenn wir also z.B. mit der Vorstellung (Yi) von Wasser arbeiten sind wir nicht (nur) auf die Erinnerung an unsere tatsächlichen Erfahrungen mit Wasser angewiesen (die sehr indirekt und gefiltert ist), sondern es besteht ein unmittelbarer, direkt abrufbarer Bezug im 'Inneren', der aber mit Training erschlossen werden muss.
Mit Yao Chengguang 2018 Mit Yao Chengguang 2001
Mit Yang Shaogeng Bülach 2019
Yao Chengguang und Xie Yongguang
Mit Yao Chengguang Cover WuHun 2003
Der Anfang mit Yao Chengguang 2001
Lineage: Wang Xiangzhai-Yao Zongxun-Yao Chengguang-Markus Schiesser
ZhanZhuang 站桩 (Stehen wie eine Säule)
ShiLi 试力 (Experimentieren mit der Kraft)
MoCaBu 摩擦步 (Reibender Schritt)
FaLi 发力 (Ausstossen der Kraft)
ShiSheng 试声 (Experimentieren mit der Stimme)
TuiShou 推手 (Pushhands)
JiJiFa 技击法 (Kampfmethoden)
JianWu 健舞 (Health Dance)
Wang Xiangzhai 4. von rechts