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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Rheinsberg in Brandenburg wurde nicht nur durch Friedrich den Grossen bekannt, sondern auch durch Kurt Tucholsky (*09. Januar 1890 in Berlin; †21. Dezember 1935 in Göteborg).
Um bekannt zu werden, bedarf es bei Künstlern oft einer „Initialzündung“, ein Bild, eine Skulptur, eine Komposition oder ein literarisches Stück, das besonders auffällt und häufig auch Tabus berührt.
So war es auch bei Tucholsky mit der kleinen Erzählung „Rheinsberg – Ein Bilderbuch für Verliebte“, die im Jahr 1912 erschien. Ein junges, unverheiratetes Paar, Claire und Wolfgang, macht einen 3-tägigen Ausflug mit dem Zug von Berlin nach Rheinsberg. Es war zu dieser Zeit zumindest unschicklich, wenn nicht sogar ungesetzlich, unverheiratet ein Hotelzimmer zu belegen. Sie nennen sich „Ehepaar Gambetta“, Touristen, die sich in Rheinsberg und Umgebung vergnügen. Sie schauen sich einen Teil eines Theaterstückes an, in dem sie durch ein geöffnetes Fenstern schauen, sie gehen ins Kino und machen Bootstouren.
Natürlich gibt es nur Hinweise auf nächtliche Liebesbeweise: Sie „bot den Anblick einer Liebeskranken.“ „Ich meinerseits liege im Bett,“ sagte er. Die Kerzenflamme verlosch…“ und an anderer Stelle: „Wir haben nichts mehr zu verschleiern, wir wissen um alle Heimlichkeiten der Körper…“ oder „Eroberungen, bei denen der Reiz im Erobern besteht. Wir aber wollen besitzen.“ Die Erzählung ist in einem lockeren Stil geschrieben, leicht beschwingt, was auch durch die sprachlichen Äusserungen Claires offenbar wird. Ein Beispiel: „Wolfgang?“ „Claire?“ „Merks du nichts?“ „Wie bitte?“ „Obs du nichs merks?“ „Nein.“ „Na aber süh mir mal an!“
Das Rheinsberger Schloss wird selbstverständlich besichtigt, wie auch heute noch in Filzpantoffeln. Claire vergleicht Sanssouci, das Schloss in Potsdam, mit Rheinsberg und stellt fest, dass hier nicht überall „der zweite Friedrich“ ist, so wie dort. Der Text ist eine nette kleine Erzählung, die anregt, auf den Spuren der beiden Liebenden zu wandeln und ihre Schritte nachzuvollziehen.
Das wissen die Andenkengeschäfte und die Buchhandlungen in Rheinsberg auch. In einer Buchhandlung habe ich mindestens 6 Ausgaben von verschiedenen Verlagen entdecken können, ohne Berücksichtigung der „Gesammelten Werke“ Tucholskys. Ich habe ein Büchlein des Verlags Husum erstanden, das sehr preiswert ist und Fotos von Rheinsberg zeigt, jeweils richtig nach der Erzählung angeordnet. Dem Text liegt die 1960 im Rowohlt Verlag Hamburg erschienene Ausgabe der gesammelten Werke zugrunde, leider wurde „die Rechtschreibung den neuen amtlichen Regeln behutsam angeglichen.“
José, (Kurzform von Josephina) und ich haben eine Fahrradtour zum Stechlin See unternommen. Am Ufer des See kommt man zum Fontane-Haus. Ein Roman von Theodor Fontane (*30. Dezember 1819 in Neuruppin; †20. September 1898 in Berlin) heisst „Schloss Stechlin“ und beginnt so:
„Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar Dörfern, sonst aber ausschliesslich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heisst ‚der Stechlin’.“
Der Roman entstand in den Jahren 1895–1897. Es passiert nicht viel in diesem Roman, wie Fontane selbst zugesteht: „Zum Schluss stirbt ein Alter, und 2 Junge heiraten sich – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“
Der Handlungsverlauf dreht sich um Woldemar Stechlin, der einem alten Landadel mit dem Schloss Stechlin aus dem Dorf Stechlin am Stechlin See entstammt. In der an sich realistischen Erzählweise wird der reale See zu einem mythischen Gebilde stilisiert, der eine unterirdische Verbindung mit der ganzen Welt habe. Darin taucht Melusine auf, die märchenhafte Wasserfrau und Nixe. Ihr Name weist auf das Gemälde mit den Wasserfrauen von Böcklin hin. Abbildungen von ihr gibt es als Frau mit 2 Beinen oder auch mit einem Fischunterkörper. Fontane charakterisiert mit ihr den gefühlvollen Frauentyp.
Der Roman ist dem „Realismus“ zuzuordnen und konzentriert sich auf Gespräche, in denen die Figuren charakterisiert werden. „Der Roman erhebt also durchaus den Anspruch, als Abbildung der gesellschaftlich-politischen Gegenwart zu gelten; er entwirft ein Zeitpanorama ...“.
José und ich haben uns ein Boot gemietet, sind auf den See hinaus gepaddelt, auf die kleine Insel inmitten des Sees zu. Melusine ist im bis zu 65 m tiefen See geblieben und hat sich nicht gezeigt.
Entdeckt haben wir sie nicht „leibhaftig“, sondern in Abbildungen und Schnitzereien in Rheinsberg. Vor einer Galerie an der Strasse liegt eine Meerjungfrau in „realer“ Grösse, auf der man sogar ausruhen kann, mit Blick auf die Strasse, geschnitzt von dem Inhaber und Künstler Tony Torrilhon, einem Franzosen, den es hier hin verschlagen hat. Er arbeitet in verschiedenen Kunstrichtungen und Techniken: Radierungen, Malereien, Prägedrucken, Keramik, mit Kupferplatten und Schnitzereien. Seine Objekte überraschen durch eine Vielfalt von Ideen. Mich selbst haben das aus Kirschbaumholz geschnitzte Fahrrad und eine weitere Seenymphe, auch aus Holz geschnitzt, fasziniert, ausserdem seine Kupferstiche. Natürlich ist auch eine Plakette mit dem Abbild von Tucholsky dabei.
Quellen
Hinweis auf das vorangegangene Blog zur brandenburgischen Preussen-Kultur
10.08.2012: Preussen-Kultur in Brandenburg 1: Friedrichs Kartoffelklau