Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/2884

Mitte Juni begann die Wintersaison im Sydney Opera House, nachdem in den Monaten zuvor zwei der hauseigenen Produktionen im State Theatre in Melbourne zu sehen waren. Diesmal ergänzte eine Neuinszenierung von „Carmen“ die seit Januar erfolgreiche Bizet-Oper „The Pearlfishers“, ebenfalls auf Französisch mit englischen Obertiteln aufgeführt.
Als Regisseur konnte die Opera Australia zu ihrem 60. Jubiläum erneut John Bell gewinnen, der mit seiner Fassung von „Tosca“ vor drei Jahren bereits ein starkes dramaturgisches Ausrufezeichen setzte. Er verschob den Spielort von Sevilla anno 1820 ins Kuba der Gegenwart bzw. wie man sich den Übergang dort vorstellen kann. Dadurch entstand ein Kreativschub bei Bühne, Kostümen und Choreografie, wobei das Originalwerk trotzdem noch im Auge blieb.
Ausstatter Michael Scott-Mitchell gestaltete im Retro-Chic den städtischen Platz, der während der gesamten Vorstellung weitgehend unberührt blieb und den Trent Suidgeest ins rechte Licht rückte. Lediglich im zweiten Akt wurde die rechte Wand vorgezogen und mimte mit rasch herbeigeholten Stühlen und Tischen als Schenke, die Getränke wurden aus einem oben offenen VW Bus serviert.
Erstaunlicherweise blieb dieselbe Häuserkulisse stehen, als der dritte Akt eigentlich die Schmugglerhöhle darstellen sollte; hier sah es eher aus wie die Fabrik mit demselben Eingang, als die Schmuggler ihre Waren auf einen Pritschenwagen hievten. Dieser diente im vierten Akt glitzernd geschmückt als Escamillos „Toreromobil“, der bei der bunten Prozession gemeinsam mit Carmen hoch oben thronend wie ein gegenwärtiger Celebrity Star die Jubelrufe in der Menge genoss.
Sehenswert waren vor allem die bunt gestalteten Kostüme von Teresa Negroponte, mit denen sie die bewusst vergilbten historischen Fassaden Kubas in lebendigem Kontrast ergänzte. Allerdings waren die überwiegend kurzen Schnitte der Fabrikarbeiterinnen gleichermaßen zeitgenössisch wie Micaëlas Erscheinung als Geschäftsfrau mit Kabinenroller, als sie zu Beginn scheinbar frisch aus dem Flieger steigend ihren Don José bei seinen Soldatenkameraden aufsuchte. Carmen erschien in einem Farbspektrum von Rot bis Magenta, dabei wirkten ihre Kostüme bewusst nicht zu üppig, sondern ergänzten ihre betörenden Bewegungen. Schön anzusehen waren auch die knallbunt gekleideten Gassenjungen.
Zu den optischen Highlights gehören die an kubanische Rhythmen erinnernden Tanzszenen von Choreografin Kelley Abbey wie etwa zu Beginn des zweiten Aktes, die einem rassigen Musical in nichts nachstanden. Das galt ebenso für die berühmte Torero-Arie von Escamillo, die in einem fulminant aufgestellten Selfie-Gruppenfoto endete. Dies war der vom Publikum humorvoll genommene, eigentlich schon übertriebene Höhepunkt der Anbiederung an die Gegenwart, ansonsten driftete diese Inszenierung nicht übertrieben in die Moderne.
Aus den insgesamt 70 Darstellern ragte der südkoreanische Tenor Yonghoon Lee als Don José heraus, der sowohl mit seiner in allen Höhelagen brillierenden Singstimme als auch mit seinem Schauspiel begeisterte; rasch war er Carmen völlig verfallen und später wie vom Teufel besessen, etwa beim Messerstechen mit Escamillo in der Kampfregie von Nigel Poulton.
Als gleichermaßen verführerische wie trotzige Carmen wickelte die französische Mezzosopranistin Clémentine Margaine die Männer um ihren Finger; mit ihrer warmen, voluminösen Stimme gab sie eine mitreißende „Habanera“ (hier lag die Inspiration für Kuba als Spielort) und dominierte die späteren Duette mit Don José.
Für einen großen Gewinn sorgte die Sopranistin Natalie Aroyan als Micaëla, die aus ihrer Rolle des braven Mädchens vom Lande im Kleid einer Geschäftsfrau besonders stimmlich viel herausholte, ihre Arie „C’est les contrabandiers le refuge ordinaire“ gehörte zu den gesanglichen Highlights des Abends. Ganz in seiner Rolle als selbstgefälliger Escamillo ließ sich Michael Honeymann vom Ensemble feiern und sang seine berühmte Arie „Votre toast, je peux vous le rendre“ mit seinem geschmeidigen Bariton. Lediglich Bassbariton Adrian Tamburini gab seinen Leutnant Zuniga rollendeckend gesanglich zurückhaltend, wenngleich er seinen Charakter spielerisch passend ausfüllte.
Die dramaturgisch und optisch spannende Inszenierung begeisterte das Publikum nach längerer Theaterpause und sorgte nach der weltweit gerühmten Aufführung der „Pearlfishers“ für eine weitere sehenswerte Produktion. Im Kontrast zur hiesigen Version von „La Bohème“, die ins Berlin der 1930er Jahre gesetzt wurde, beherrschte John Bell – neben der Herausarbeitung der psychologischen Elemente zwischen Carmen und Don José – glücklicherweise die Gradwanderung zwischen dem klassischen Werk und einer modernen Neuinterpretation.
Dabei widerstand er der Hektik des 21. Jahrhunderts ebenso wie Dirigent Andrea Molino, der die Partitur in wohl variierenden Tempi erklingen und sich von der Hektik der Tanzszenen nicht anstecken ließ, die gemeinsam mit den Chorszenen diese neue Fassung der „Carmen“ in Sydney abrundeten.