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Wieder ist eine Woche um, der Juli 2015 ist nun Geschichte und der August beginnt sich abzurollen. Das liest sich komisch und es fühlt sich auch komisch an. Rollt, oder wickelt, sich Zeit ab? Ist Zeit wirklich oder ist es nichts als ein geistiges Konstrukt? Irgendwo las ich: Das Produkt unserer Gedanken ist Zeit und das Produkt unserer Empfindungen und sinnlichen Erfahrungen ist Raum. Raum und Zeit gibt es als Solches gar nicht. Es sind gedankliche Konstruktionen die man nur benötigt, solange man sich als getrenntes Wesen wahrnimmt. Dann gibt es ein ich und ein Du, zwei getrennte Objekte. Dann gibt es ein gestern und ein morgen, ein zeitlicher Ablauf.
Ist das nun "die Realität" oder nur ein geistiges Konzept? Durch Umwelt und Erziehung werden wir dahingehend geprägt, dass wir uns als getrennte Wesen, als Individuen begreifen. Du und ich sind verschieden, wir sind getrennte Wesen, mit ganz eigenen Fähigkeiten und eigenständigen Erfahrungen. Mit den meisten anderen Individuen stehen wir in Konkurrenz, mit Wenigen (Freunden) schliessen wir Frieden. Doch stimmt das wirklich? Was ist das, was in mir "Ich" sagt? Und ist dieses "Ich" etwas anderes als das "Ich" meiner Freunde oder meiner Feinde? Wer bin "Ich"? -> Die Frage aller Fragen...
Die naheliegendste Antwort auf diese Frage ist: "Ich" bin die Summe meiner körperlichen Wahrnehmung, meiner Sinnesempfindungen und meines Geistes (Gedanken und Gefühle). Wenn man dann aber versucht die einzelnen Teilaspekte zu hinterfagen, so wird die Sache immer nebulöser und unerklärbar. Das liegt vor allem daran, dass einem das "Ich" als kontinuierliche, gleichbleibende Grösse erscheint, während Sinneserfahrungen, Gefühle und Gedanken sehr flüchtig sind, stets kommen und gehen, meist ohne dass wir das bewusst steuern können. Doch "Ich" dachten wir schon als kleines Kind und "Ich" erlebte die erste grosse Liebe und deren Verschmelzen mit einen anderen "Ich". "Ich" schreibe heute diese Zeilen und "Ich" werde alt, schrumplig und eines Tages sterben... Wobei halt, das kann ich so nicht mit Sicherheit sagen. Dies würde bedeuten, dass "Ich" mein Körper bin... ist dem wirklich so?
Dem widerspricht, dass ich im Traum durchaus körperliche Empfindungen wahrnehme, obwohl mein Körper unbeteiligt im Bett liegt. Oder auch, dass sich mein "Ich" heute nicht wirklich älter anfühlt als mit 10, 20, 30 oder 40 Jahren. "Ich" bleibt gleich. Nicht der Zeit unterworfen, weder jung noch alt. Vielleicht ist die Aussage "Ein Mensch wird geboren, wächst auf, wird alt und stirbt" gar nicht wahr, sondern ein Glaube, wie früher die Menschen glaubten, dass die Erde eine Scheibe ist.
Auf meiner Suche bin ich immer wieder abgeprallt. Ich kam zu der Einsicht, dass ich nicht meine Gadanken bin, denn die kommen und gehen, ohne dass ich das allzu sehr beeinflussen kann. Genau gleich verhält es sich mit meinen Gefühlen. Gefühle der Trauer, Freude, Enttäuschung, Liebe, Hoffnung, etc. werden sehr oft durch äussere Umstände ausgelöst. Ich erfahre Gefühle, doch ich bin sie nicht. Und nun noch die Körpergeschichte. Natürlich spüre ich meinen Körper, nehme Schmerz wahr und merke wie der Körper altert, doch bin "ich" deshalb mein Körper? Eher nein... Was oder wer bin "Ich" also?
Ich weiss es nicht.
Von der anfänglichen Identifikation mit Körper, Seele und Geist ist nichts mehr übrig geblieben. Ich erkenne, dass ich in der Welt als Individuum wahrgenommen werde, dass ich mich sehr häufig auch mit dieser Individualität identifiziere, doch die Zweifel, dass "Ich" das wirklich bin werden grösser und grösser. Das erinnert mich an einen Spruch, den ich irgendwo gelesen habe: "Zuerst war ich jemand, dann war ich niemand und dann war ich alles in allem." Ich bin beim "niemand" angelangt. Weder dieses, noch jenes...
An dieser Stelle will ich klarstellen, dass dies kein negativer Zustand ist. Sich mit "nichts" zu identifizieren ist eher neutral als negativ. Es erzeugt eine gewisse Dîstanz, aus der man das eigene Leben, das eigene Denken und Handeln betrachtet und hinterfragt. Man fühlt sich dabei etwas weniger stark involviert und kriegt Zeit um die Reaktion auf aktuelle Ereignisse zu überprüfen. Dadurch fällt einem auf, dass man bis anhin meist mechanisch reagierte, nach altbekannten Mustern funktionierte und dass man sich daurch bessere Resultate verbaut. Wer auf ein gleiches Ereignis gleich reagiert, wird auch das gleiche Resultat erhalten. Lernfähig ist anders...
Schwierig an der "Nicht-Identifikation" ist, dass viel innere Sicherheit wegfällt. Das Bild, welches ich von mir hatte ist dahin. Ich weiss nicht mehr genau was ich bin oder was ich will. Es braucht sehr viel Vertrauen. Vertrauen worauf oder worin? Ich weiss es nicht. Auf "das Leben" auf "Gott" auf "unendliche Bewusstsein" auf "das Gute". Das ist schwierig zu sagen. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen mir jedoch, dass dieser Weg nicht gefährlich ist, dass ich keine Angst haben muss, eines Tages in der Irrenanstalt zu landen. Ich werde weder schizophren noch drifte ich sonstwie entscheidend ab. Ich will das Leben, mein Leben, verstehen lernen. Das ist alles. Ich funktioniere jedoch nach wie vor als Mitglied dieser Gesellschaft. Ich verdiene mein eigenes Geld und falle auch sonst niemandem zur Last. Vieles hat sich in der Vergangenheit sogar zum Positiven entwickelt. Dass ich nun seit 4 Monaten nicht mehr rauche ist nur ein kleines, letztes Beispiel dafür. Ja, es kommt schon gut.
Ich sehe der Zukunft auch durchaus positiv entgegen. So wie aus "jemand" nun "niemand" wurde, so wird daraus wohl irgendwann "alles in allem". Das wäre dann die wohl endgültige Antwort auf die Frage "Wer bin ich?"