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Marianne Gronemeyer analysiert in ihrer Studie «Motivation und politisches Handeln», was sozial Benachteiligte dazu motiviert, sich für eigene Interessen einzusetzen. Sie verknüpft ihre theoretischen Überlegungen mit konkreten Lebensgeschichten. Ich entdeckte ihre Studie im Rahmen unserer Arbeitsgruppe «Kritische Psychologie» an der Uni Basel. Die Studie begleitet mich bis heute.
Nach der kollektiven Kapital-Lektüre im Basler Rosshof, dem Sekretariat der Progressiven Organisationen, lasen wir in den 1970er-Jahren im kleinen Kreis Klaus Holzkamps «Kritische Psychologie» (1972) und «Sinnliche Erkenntnis» (1973). Zudem interessierte Marianne Gronemeyers Studie «Motivation und politisches Handeln» (1976). Sie fundierte theoretisch den Bestseller, den der Berliner Rotbuchverlag über die alternative «Scuola di Barbiana» publizierte. Pater Lorenzo di Milani gründete diese «Schüler/innen-Schule» in der Toscana für Landarbeits-Kinder, die in der öffentlichen Schule «versagten». Er schaffte die Noten ab, stimmte das Tempo auf die Langsamsten ab, setzte die älteren Kinder als Tutorinnen ein und orientierte den Unterricht an den Fragen der Schulkinder, die zum Beispiel wissen wollten, wie ein Traktor funktioniert. Dies mit dem frappanten Resultat, dass nun alle Kinder die Abschlussprüfung bestanden und damit die Voraussetzungen für eine Berufslehre erbrachten. Die Empörung über das «Versagen» war solange machtlos gegen die Resignation, bis eine produktive Handlungsalternative entstand. Von sich aus unternahmen die Eltern und Kinder zunächst wenig. Die tief verwurzelte Überzeugung von der eigenen Unzulänglichkeit lähmte sie. Ein externer Impuls half, Unrecht aufzudecken und eigene Ressourcen zu mobilisieren.
Sozial Benachteiligte nehmen auch heute ihr «Schicksal» resigniert hin. Sie interpretieren zugeschriebene «Defizite» als persönliches Versagen und lasten sich selber an, was an gesellschaftlichen Verhältnissen liegt. Der Mangel verstellt den Blick. Wichtig ist hingegen das Bewusstsein, dass missliche Situationen veränderbar sind. Der Hinweis auf kollektive Betroffenheit entlastet von persönlichen Schuldgefühlen, die bei sozial Benachteiligten unter Bedingungen der Vereinzelung verbreitet sind. Sozial Benachteiligte empfinden ihre Ohnmacht als individuelle Schwäche. So lassen sich gesellschaftliche Probleme einfacher auf jene abwälzen, die unauffällig bleiben (wollen). Wenn sie ihr «Schicksal» akzeptieren, laufen sie weniger Gefahr, beim Versuch, etwas zu verändern, abermals zu scheitern. Wer sich mit dem Vorhandenen zufrieden gibt, schützt sich gegen weitere Enttäuschungen. Die Angst führt zum Rückzug. Sie behindert das Denken und Ausprobieren. Der Pakt mit dem Verzicht macht den Verzicht aushaltbar. Dagegen helfen Erfahrungen gelungener Lebenspraxis.
Das Zutrauen in eigene Kompetenzen erfordert konkrete Schritte, die in absehbarer Frist möglich sind. Die Erfahrung, dass Veränderungen möglich sind, motiviert weitere Versuche. Die blockierende «Du sollst»-Anforderung verwandelt sich in eine «Ich kann etwas»-Haltung. Sie knüpft an vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten an, die oft zugeschüttet sind. Hilfreich ist die Kompetenzmotivation. Sie unterstützt die Entfaltung eigener Kräfte und kontrastiert Defizit-orientierte Ansätze sowie alte behavioristische Reiz-Reaktionskonzepte, die heute wieder in Input-Output-Modellen neu aufleben. Zum Beispiel an Hochschulen. Da fragen mich zuweilen pragmatische, auf Anreize getrimmte Studierende, wie viele Kreditpunkte sie bekommen, wenn sie ein zusätzliches Buch lesen.
Theoretisch vertritt Marianne Gronemeyer eine Antithese zu Ulrich Beck. Er geht in der «Risikogesellschaft» (1986) davon aus, dass wir auf dem Weg von der industriellen zur reflexiven Moderne zunehmend in der Lage sind, künftige Probleme zu antizipieren und präventiv darauf zu reagieren. Marianne Gronemeyer beschreibt indes, wie das erhöhte Krisenbewusstsein dazu führen kann, sich ins Schneckenhaus zu verkriechen oder blind vorwärts zu flüchten. Das macht sie implizit auch gegen mechanische Interpretationen von Verelendungstheorien geltend, die annehmen, je schlechter es Menschen gehe, desto mehr würden sie sich wehren. Marianne Gronemeyer weist indes darauf hin: Wer mit dem Rücken zur Wand steht, ist kaum in der Lage, sich aus freien Stücken für eigene Interessen zu engagieren. Ich nahm ihre Studie kürzlich wieder zur Hand. Sie inspirierte mich, einen Artikel für das Marxistische Wörterbuch zum Stichwort «Mangel» zu schreiben.
Gronemeyer, Marianne: Motivation und politisches Handeln. Grundkategorien politischer Psychologie. Hamburg: Hoffmann & Campe 1976.