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Das Zimmer im Hotel President Wilson in Genf kostet 420 Franken pro Nacht. Ein Klacks für eine Frau, die gerade daran ist, in ihrer Heimat ein Milliardengeschäft abzuwickeln. Als Mitglied des Königshauses von Bahrain ist sie geradezu verpflichtet, standesgemäss zu wohnen. Schliesslich verkehrt sie in den höchsten Kreisen. Die Frau hat an jedem Finger einen Ring und mindestens drei Deals am Laufen, die sie noch reicher machen werden. Sie riecht förmlich nach Geld. Die noble Genfer Gesellschaft nimmt rasch Witterung auf, als Fatima A.* 2013 in der Stadt auftaucht.
Vier Jahre später steht fest: Die noble Genfer Gesellschaft hat sich gründlich getäuscht. Und nicht nur sie.
«Fatima war charmant, eine gute Gesprächspartnerin. Es war nett, mit ihr zusammen zu sein.»
Suad H*., ehemaliger Finanzberater
Als der Zürcher Suad H.* die bahrainische Prinzessin kennenlernt, fährt er einen Porsche, betreut eine kleine, handverlesene Schar von reichen Kunden als Berater für alternative Finanzvehikel und macht sich um Geld keine Sorgen. «Ein Geschäft, das mir eine Million einbrachte, interessierte mich damals nicht», sagt er. «Ich hatte genug auf dem Konto.»
Der erste Kontakt zwischen Suad H. und Fatima A. im Jahr 2010 bleibt unverbindlich. Fatima erzählt von einer «absolut sicheren» Anlagemöglichkeit, Suad hört höflich zu. Man tauscht Visitenkarten und Handynummern aus und verspricht, in Kontakt zu bleiben. Zum Jahreswechsel 2013 schickt die Prinzessin Neujahrsgrüsse. Nun gehen immer öfter SMS hin und her, man telefoniert über Skype.
Im Frühling 2013 kommt Fatima A. nach Genf. Sie habe sich in ihn verliebt, erzählt sie Suad H., und sie wünsche sich ein Armband mit Edelsteinen. Wenig später möchte sie noch eine Louis-Vuitton-Handtasche und 7000 Franken, um ein grosses Paket Wertpapiere von einer Bank zur nächsten zu transferieren. Suad H. erfüllt die Wünsche, ohne sich gross Gedanken zu machen.
Ihre Kreditkarte ist stets defekt oder irrtümlich gesperrt
Es sei nicht Liebe gewesen, sagt er heute. «Fatima war charmant und eine gute Gesprächspartnerin. Es war nett, mit ihr zusammen zu sein. Aber verliebt war ich nie.» Trotzdem fährt Suad H. fast täglich mit seinem Porsche von Zürich nach Genf. Er übernachtet bei ihr im «President Wilson» und nimmt frühmorgens den Weg zurück unter die Räder. Wenn sie ausgehen, bezahlt er, denn Fatimas Kreditkarte ist immer wieder aus den verschiedensten Gründen defekt oder ihr Konto irrtümlich gesperrt. Aber, so versichert sie ihm immer und immer wieder, das sei bald kein Problem mehr.
Fatima A., die den Adelstitel Shaika führt, gehört zu einem Seitenzweig der bahrainischen Herrscherdynastie und damit zu den Reichen dieser Welt. Sie hat von ihrem verstorbenen Vater ein Grundstück in den Vereinigten Arabischen Emiraten geerbt, dessen Wert normales Vorstellungsvermögen übersteigt. Eine halbe Milliarde Dollar soll es wert sein, vielleicht auch eine Milliarde oder gar noch mehr.
Sagt sie.
Suad H. ist nicht blauäugig – oder meint, es nicht zu sein.
Als Suad H. immer weniger Lust hat, zwischen Zürich und Genf zu pendeln, bietet sie ihm ein Geschäft an: zehn Millionen Euro, wenn er sie beim Landverkauf berät, potenzielle Käufer prüft und sie seinen Geschäftspartnern vorstellt. Schliesslich erwartet Fatima A. einen Gewinn von Hunderten von Millionen Dollar aus ihrem Landverkauf, die irgendwie investiert werden müssen. Für Suad H. klingen die versprochenen zehn Millionen nach einem guten Geschäft. Er schlägt ein.
Suad H. ist nicht blauäugig – oder meint, es nicht zu sein. Er hat einst in der Compliance-Abteilung einer Grossbank gearbeitet und weiss, wie man Kunden und Geschäftspartnerinnen durchleuchtet. Seine Recherchen zu Fatima A. bringen ein Resultat, das ihn einen kurzen Moment lang stutzig macht: Auf einer US-Website warnen Geschädigte vor einem Anlagebetrüger und dessen Komplizin, «Princess Fatima A.» aus Bahrain. Doch Fatima A. ist am Golf ein Allerweltsname, und Suad glaubt der Prinzessin, die versichert, dass sie nichts mit der Sache zu tun habe.
Gut gekleidet und weltgewandt
Fatima A. bewegt sich so natürlich durch eine Welt von Luxusboutiquen, Nobelhotels und Privatbanken, dass niemand an ihr zweifelt. Sie ist stets gut gekleidet, weltgewandt im Auftreten und kennt sich in der Welt der Superreichen aus. Ob sie über den Kauf eines Rolls-Royce verhandelt, über Finanzgeschäfte diskutiert oder teuren Schmuck begutachtet: Die Frau weiss offensichtlich, wovon sie spricht. «Sie konnte jeden überzeugen, dass sie steinreich ist», sagt Suad H. «Jeden.»
Im Herbst 2013 zieht Fatima A. zu Suad H. nach Zürich. Auch da spricht sich ihr märchenhafter Reichtum schnell herum. Auf Fatimas Drängen hin vermittelt ihr Suad Treffen mit seinen Kunden. Ihnen berichtet sie von den angeblichen Geschäften, die Ärzte, Unternehmer und Banker sind interessiert. Auch am Zürichsee erliegt man Fatima A.s verlockenden Versprechen. Die Aussicht auf Geld, viel Geld, blendet alle.
Eine Zürcher Privatbank legt ihr gar einen Vertrag als «Business Introducer» vor. Fatima A. soll solvente Kundinnen und Kunden ins Bankenviertel locken und dafür standesgemäss entschädigt werden. Sobald der Neukunde mehr als zehn Millionen Franken bei der Bank deponiert, beginnt die Geldquelle für Fatima A. zu sprudeln. Ab Einlagen von 25 Millionen wird sie zu 40 Prozent an den Bankgebühren beteiligt.
Die Bank schweigt zu diesem Geschäft. Zu vermuten ist jedoch: Es blieb bei der gegenseitigen Absichtserklärung. Denn Fatima A., die angeblich steinreiche Prinzessin aus Bahrain, hat auch danach immer noch Probleme mit der Kreditkarte oder mit dem irrtümlich gesperrten Bankkonto. Doch mit ihrem Charme bringt sie es fertig, dass andere für sie die Brieftasche zücken, wenn der Kellner im Nobelrestaurant die Rechnung bringt.
Traum vom goldenen Fisch
Fatima A. schafft es weiterhin, alle zu täuschen. Chris P.* etwa, einen Banker und Freund von Suad H. Er berät die Bahrainerin bei Geschäften, die allesamt im Sand verlaufen. Weil ihr Konto plötzlich blockiert ist. Weil ihre Familie nicht einverstanden ist. Oder aus unzähligen anderen Gründen. «Sie hatte immer neue Erklärungen, weshalb ein Deal nicht zustande kam», sagt Chris P. «Anfänglich erschienen mir diese plausibel, aber irgendwann glaubte ich nicht mehr richtig an diese Geschäfte.» Aber die Verlockung sei immer da gewesen:
«Jeder Banker träumt davon, einmal einen goldenen Fisch an der Angel zu haben.» Chris P. trifft Fatima im edlen «Baur au Lac» in Zürich – im Glauben, dass sie dort residiert. «Sie kannte jede Kellnerin beim Vornamen und bewegte sich in dem Hotel so, als wäre es das Natürlichste der Welt.» Erst viel später erfährt er zufällig bei einem Gespräch mit Suad H., dass die bahrainische Prinzessin bei ihm wohnt.
2015 droht die schöne Luxuswelt von Fatima A. plötzlich einzustürzen. In Genf klagt ein spanischer Geschäftsmann auf die Herausgabe von Wertpapieren. Vor Gericht stellt sich heraus, dass er diese als Eigenkapital für grössere Investitionen auf Fatima A. übertragen hat – für Geschäfte, die nie zustande gekommen sind. Stattdessen hat die Prinzessin die Wertpapiere zu einer anderen Bank transferiert und sie damit dem Eigentümer entzogen.
Fatima A. realisiert schnell, dass ihr in diesem Fall keine Tricksereien helfen, und willigt ein, die Wertpapiere zurückzugeben. Anstelle der Zinsen, die sie mit ihren monatelangen Aufenthalten im Nobelhotel President Wilson verprasst hat, überschreibt sie ihm ihre Anteile an weiteren Wertpapieren.
Uhrmacher mit grossen Plänen
Die Episode bleibt in der Genfer High Society unbemerkt. Fatima A. zieht am Lac Léman und in Zürich weiterhin ihre Kreise. Einer Genfer Immobilienmaklerin gaukelt sie vor, ein Hotel für ihre Familie kaufen zu wollen. Als sie für eine «Transaktion» schnell 20'000 Franken benötigt, leiht die Frau ihr das Geld. Dieselbe Maklerin führt sie auch in den Kreis einer Juwelierin ein, deren Kundschaft exklusiv Superreiche sind. Es gibt Bilder aus dieser Zeit: Fatima A. zusammen mit anderen – tatsächlichen – Kundinnen, Fatima in der Villa der Juwelierin in Portugal, Fatima bei einer Party der Juwelierin. Heute möchte die Frau die Episode nur noch vergessen. Ihr Assistent erklärt, sie habe «sehr rasch bemerkt, dass da irgendetwas nicht stimmen kann». Und seine Chefin möchte bitte schön ihren Namen nicht in der Presse lesen.
Auch ein Uhrmacher aus Genf fällt auf Fatima A. herein. Ihm stellt sie in Aussicht, in Bahrain ein Franchise seines Geschäfts zu eröffnen. Der Mann ist derart begeistert, dass er auch gleich einwilligt, mit der Prinzessin 40 Filialen einer spanischen Restaurantkette in der Schweiz zu installieren. Selbst Visitenkarten mit dem Titel «VIP Business Development» lässt der Uhrmacher für sie drucken. Ab diesem Moment trägt Fatima A. ein exklusives Uhrenmodell am Handgelenk – ein Geschenk des Hauses. Aus beiden Geschäftsideen wird: nichts. Fatima A. habe «viele Ideen gehabt», sagt der Uhrmacher heute. «Aber sie hatte Probleme mit ihrer Familie, und deshalb liessen sich diese Projekte letztlich nicht realisieren.»
Flucht aus der Schweiz
Probleme mit der Familie , Probleme mit dem Verkauf ihres wertvollen Grundstücks in den Vereinigten Arabischen Emiraten, versehentlich blockierte Kreditkarten – im Herbst 2017 lässt sich die Fassade von der steinreichen bahrainischen Prinzessin nicht mehr aufrechterhalten. Die Immobilienmaklerin, die Fatima A. 20'000 Franken geliehen hat, verlangt ihr Geld zurück und droht mit einer Anzeige bei der Polizei. Fatima A. bezahlt im letzten Moment – und verschwindet aus der Schweiz.
Mehr als vier Jahre lang hat sie zwischen Zürich und Genf die Reichen mit der Illusion von noch mehr Reichtum verführt. Sie hat Investments in Millionenhöhe in Aussicht gestellt und dabei kaum einen Rappen Geld besessen. Sie hat Geschäfte in Bahrain versprochen, die nie zustande kamen. Sie hat mit Privatbanken über Anlagen im achtstelligen Bereich verhandelt, während sie sich nicht einmal eine Prepaidkarte für ihr Handy leisten konnte.
Der finanzielle Schaden, den sie dabei angerichtet hat, ist erstaunlich gering. Ein paar Handtaschen, die sie sich von potenziellen Geschäftspartnern schenken liess, eine Uhr aus dem oberen Preissegment und viel Zeit von hochbezahlten Bankern, die sie in Anspruch nahm. Mehr war da nicht.
Oder doch? Suad H. hat durch Fatima A. fast alles verloren: seine Kunden, die ihm nicht mehr trauen. Hunderttausende von Franken, die er, geblendet von ihrem angeblichen Reichtum, in sein Leben mit ihr investierte. Den Porsche.
Nach Fatima A.s Abreise schaltete Suad H. eine Website auf, auf der er seine Erlebnisse mit ihr beschrieb. Fatima A. antwortete innert Tagen mit einer Anzeige gegen ihn, seither ist die Site verschwunden.
Suad H. lebt heute von der Sozialhilfe . Und Fatima A. lebt wieder in Bahrain. Auf die Fragen des Beobachters antwortet nicht sie, sondern ihr Anwalt: Seine Klientin weise alle Anschuldigungen zurück.
* Name der Redaktion bekannt
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