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Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung
Natürlich heisst es im Original: «Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung». Aber genau diese Einsicht reicht in der heutigen Zeit nicht aus. Betrachten wir die «Erkenntnis» wie einen Prozess, so ist das Prozessresultat Wissen, welches aus Einsicht und Erfahrung gewonnen wird. Erfahrung muss man sammeln, da führt kein Weg daran vorbei. Es gibt allerdings eine gewissen Anzahl an «Einsichten», die man zumindest kennen und verstehen sollte.
Diese Einsichten alleine nützen Ihnen erst mal wenig; betrachten wir diese allerdings im Kontext der Digitalisierung oder der Industrialisierung 4.0 in Kombination mit politischen Entscheidungen, dann wären Sie gut beraten, wenn Sie diese Einsichten kennen und sich daran orientieren würden. So würden Sie auch ohne Programmierkenntnisse die Einsichten der Vordenker nachvollziehen können. Diskussionen im Kontext zu e-Voting, Billag, Bildung, Überwachung, Netzneutralität, Geosperren oder Netzsperren wären so viel interessanter zu führen, wenn die Befürworter solcher Instrumente nur halbwegs bewaffnet an die Diskussionen erscheinen würden. Die Lösungen auf die Probleme im aktuellen Zeitalter könnten nachhaltiger gefunden werden.
Freie Software (als soziale Bewegung)
- Publikationsjahr: 1985 (im Jahr 2018 33 Jahre alt)
- Autor: Richard Stallman
- Infos: www.fsf.org
Kerninhalt
Software wird dadurch definiert, dass ein Nutzer mit dem Empfang der Software die Nutzungsrechte mitempfängt und diese ihm nicht vorenthalten oder beschränkt werden.
Insbesondere bedeutet es,
- die Freiheit der Kontrolle über die Software (und zwar uneingeschränkte Freiheit der Kontrolle und Unabhängigkeit durch Erhalt des genauen Quellcodes, um Analysen und Änderungen der Software zu erlauben,
- die soziale Freiheit der Kollaboration, um aktiv mit beliebigen anderen Nutzern und Entwicklern kooperieren zu können (die Software darf kopiert und weitergegeben werden, im Original oder mit Veränderung).
Dem Empfänger der Software werden per Lizenz folgende Freiheiten einräumt:
- «Freiheit 0»: Die Freiheit, das Programm auszuführen, wie man möchte, für jeden Zweck.
- «Freiheit 1»: Die Freiheit, die Funktionsweise des Programms zu untersuchen und eigenen Bedürfnissen der Datenverarbeitung anzupassen.*
- «Freiheit 2»: Die Freiheit, das Programm weiterzuverbreiten und damit seinen Mitmenschen zu helfen.
- «Freiheit 3»: Die Freiheit, das Programm zu verbessern und diese Verbesserungen der Öffentlichkeit freizugeben, damit die gesamte Gemeinschaft davon profitiert.*
* Für die Freiheiten 1 und 3 ist der Zugang zum Quelltext Voraussetzung, da sonst das Verändern eines Programms schwierig bis unmöglich ist.
Zudem darf der Programmcode von jedermann ohne jegliche Einschränkungen genutzt, weiterverbreitet und weiterverwendet werden.
Einfluss der Bewegung aus gesellschaftlicher Sicht
- Freie Software wird von manchen Menschen als Beitrag zur Diskussion über die Wirtschaftsordnung angesehen.
- Als weitaus grösseren Beitrag sieht der Autor die Möglichkeit, Freie Software als Beitrag zur Reduktion der digitalen Kluft anzusehen.
Einfluss der Bewegung aus politischer Sicht
Die Denkhaltung verändert die Sichtweise, wie ein Staat mit seinen Erzeugnissen umgehen soll, komplett.
So kann neu und geprägt von dieser Philosophie in etwa folgende Denkhaltung angetroffen werden:
Ein Staat, der im öffentlichen Interesse handelt und mit öffentlichen Geldern Leistungen bezahlt, müsste eigentlich dazu verpflichtet werden, seine Software als freie Software zu entwickeln. Sämtliche vom Staat produzierte Software, Daten oder Artefakte sollten der Allgemeinheit verfügbar gemacht werden – diese wurden schliesslich von der Allgemeinheit bezahlt.
Einfluss dieser Philosophie auf die politischen Themen der Schweiz
Betrachtet man Diskussionen der Mediengebühren, Verstosse gegen die Netzneutralität, Zwang zur Verwendung von proprietären Lehrmitteln und ähnliches im Kontext der Philosophie der Freien Software, so sind diese staatlichen aufgebrummten Hürden (Gesetze) nicht mehr zeitgemäss.
Paradigmenwechsel
Früher galt als normal, dass jeder einzelne Einsatzzweck von Software lizenziert werden musste. Das konnte so weit gehen, dass selbst Hersteller von Software die Übersicht verloren haben, ob man gewisse Aktionen nun durchführen darf oder nicht. Teilweise war proprietäre Software eine unkontrollierte Geldmaschine: Im Zweifelsfall verkaufte man nochmals eine Lizenz. Ausführbarer Code kann zudem ohne hohen Aufwand beliebig vervielfältigt und mit neuen Lizenzregeln versehen werden.
Beispiele dieser unschöne Art, jemandem etwas gegen Geld anzubieten, was er nicht wirklich frei verwenden darf, gibt es viele:
- Auf ein Architekturhaus darf ohne Freigabe des Architekten keine Klimaanlage gebaut werden, obwohl es im Sommer unerträglich heiss wird.
- Eingekaufte Fotos dürfen nicht einfach so für Internet, Printmedien und andere Zwecke verwendet werden, obwohl man das Foto eingekauft und den Autor somit bezahlt hat.
- Mit der Ablösung der Kassetten zum Medium CD (und später MP3) konnte es passieren, dass man bis zu 3x dem Künstler für bereits zur Nutzung lizenzierte Musik hätte Geld bezahlen sollen.
- Eingekaufte elektronische Lehrmittel kosten zwar gleich viel wie die gedruckten Bücher, können aber nach 2 Jahren nicht mehr genutzt werden obwohl sie bezahlt sind.
Es erübrigt sich zu erwähnen, dass dieser Umgang mit Menschen grosse Verärgerung auslöst. Wer will sich schon mit schwachsinnigen Lizenzregelungen auseinander setzen, wenn er etwas einkauft? Und wer will sich schon irreführen lassen?
Geld verdienen in der Freiheit
Lange Zeit war für eine Mehrheit von Menschen unklar, womit man in einer Welt ohne unsinnigen Lizenzen oder noch unsinnigeren Patenten Geld verdienen kann. Ursprünglich wurden diese Lizenzen und Patente eingeführt, um die Urheber zu schützen.
Der Autor vertritt die Meinung, dass Ideengebilde nutzlos sind. Jährlich verfallen Patente und der ursprüngliche Gedanken darf nach Verfall verwendet werden. Wem nutzt dies, ausser den Patentanwälten?
Menschen und Firmen haben versucht, Freie Software zu verteufeln, sie ins Lächerliche zu ziehen oder als «minderwertig» abzuwerten. Heute gibt es eine Vielzahl von Unternehmen, welche sehr erfolgreich freie Software produzieren und Geld damit verdienen (Auch Milliardenkonzerne). Firmen, welche die Bewegung bekämpft haben, produzieren freie Software.
Adaptionen
Typische Weiterentwicklungen aus dem Gedankengut der Freien Software:
- Open Source (1998): Software
- Open Content (1998): Inhalte
- Open Government Data (2011): Daten aus Verwaltungen des öffentlichen Sektors
- Open Access (1990er-Jahre): Freier Zugang zu wissenschaftlicher Literatur
- Open Education (2001): Frei verfügbare Bildung
- Open Educational Resources (1997): Lehrmittel
Welchen Nutzen hat diese Philosophie für Politiker?
Heute können Sie in der Philosophie von Freier Software ganze Studiengänge absolvieren. Dadurch wird Bildung in vielen Ländern finanzierbar und zugänglich. Ich möchte hier anhand von zwei Beispielen kurz aufzeigen, wie sich unsere Dankhaltung dank Freier Software verändern könnte:
Gesundheitskosten/Medikamentenkosten
Freie Software als soziale Bewegung kann uns z.B. helfen, die Gesundheitskosten in den Griff zu kriegen. In einer freien Welt würde es keine Patente mehr geben. Firmen hätten eine eigene Forschungsabteilung. Als Gegenleistung profitieren diese von Erfahrungen von anderen Forschungsteams und auch aus anderen Firmen, welche ihr Wissen teilen.
Pharmakonzern und freie Medikamente sind kein Widerspruch. Freie Software und Geld verdienen ist es ja auch nicht.
Mediengebühren
Wir geben heute bedingungslos Zwangsgebühren für Medien aus. Obwohl wir mit diesem Geld die Arbeit von Journalisten bezahlen, sind die Inhalte nicht wirklich frei zugänglich. Der Konsumenten-Nutzen ist recht bescheiden. Es ist stossend, wenn mittels Zwangsgebühren stark subventionierte Medienhäuser zusätzlich eine Abogebühr verlangen und ihre Inhalte nicht unter einer freien Lizenz stellen.
Medienunternehmen werden wohl demnächst stark unter Druck geraten, weil ihre alten Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. In einem Marktgebiet von 8 Millionen Einwohner kann man im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr mit Geschäftsmodellen aus dem letzten Jahrtausend arbeiten. Das Arbeiten an Berichten wird in einer solchen Welt zu mühsam und der Computer, welcher automatisch einfache Berichte zusammenstellen kann, zu einer ernsthaften Konkurrenz. «Exklusivinhalt» ist im Zeitalter des Internets lächerlich. Die Punkten eher mit einer Philosophie denn einem nicht vernetzten und unfreien Inhalt.
Ich bin überzeugt: Das Erfolgsgeheimnis liegt auch hier in freien Medienberichten und freier Berichterstattung.