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Bild: Marcus Aurelius -Louvre
Was ist sinnvoll und förderlich für uns – und trotzdem mag es keiner?
Sinnvoll sind zum Beispiel Aussagen, die einem Sprechakttyp zugeordnet werden können. So sind Aussagen, die wahr oder falsch sind wie beispielsweise „Der Mond ist einer von zwei Erdtrabanten der Erde“ oder „Die Winkelsumme des Dreiecks beträgt (in der Euklidischen Geometrie) 180 Grad“ sinnvoll, weil die Verneinung der ersten eine wahre Aussage, die Verneinung der zweiten eine falsche Aussage ergibt.
Sinnlos sind Äusserungen wie „Bitte, leih mir mal dein Gehirn!“ oder „Siehst du, wie viele Leute sich im Nebenraum aufhalten?“ Sind sie nicht metaphorisch oder ironisch gemeint, so sind sie weder eine sinnvolle Aufforderung noch eine sinnvolle Frage.
Unsinnig sind Äusserungen, die keinem Sprechakt zugeordnet werden können. So ist die Aussage „Die Zahl Pi ist homosexuell“ oder „Obwohl meine Freund im Büro arbeitete, habe ich ihn im Park gesehen“ nur scheinbar behauptende Sprechakte, da auch in der verneinten Version nichts Sinnvolles dahinter steckt: „Die Zahl Pi ist nicht homosexuell“ und „ Obwohl mein Freund im Büro arbeitete, habe ich ihn nicht im Park gesehen.“[1]
Angst ist sinnvoll und förderlich für uns, egal ob wahr oder falsch, denn Angst hilft, uns vor Gefahren und Bedrohungen zu schützen und gibt uns die Kraft, Energie und Ausdauer, um zu entkommen oder Anforderungen zu bewältigen. Manche Ängste sind motivierend und leistungssteigernd. Sie fördern Offenheit und können die Problemlösung und Zielfindung erleichtern. So führt z.B. die Angst vor einer Prüfung, Deadline oder einem Vortrag dazu, dass wir uns gut vorbereiten.
Was passiert bei Angst?
Bei Angst bereitet sich der Körper entweder auf schnelles oder kein Handeln vor. Bekannt ist uns Kampf und Flucht, bei denen Stresshormone ausgeschüttet werden. Angst führt oft zu Vermeidungsverhalten. Bei Angst vor Tunnelfahrten werden grosse Umwege in Kauf genommen, Beförderungen werden abgelehnt, wenn Angst vor Leuten zu sprechen besteht.
Die Vermeidung der gefürchteten oder Angst erregenden Situation ist eine Scheinlösung. Zwar bringt sie gewünschte Erleichterung, die Lösung des Problems wird jedoch verhindert. Vermeidung schliesst die Erfahrung aus, dass Angst bewältigt werden kann.
Übrigens lässt sich das Wort „Stress“ gut als Synonym für Angst verwenden.
Probiere es aus: Das nächste Mal, wenn dir „Ich bin gestresst, weil…“ auf den Lippen liegt, formuliere mal: „Ich fühle mich ängstlich, weil…“ – in meiner Welt ändert dies die Welt, die wir sie so gerne für uns um uns herum gestalten.
Wider die Angst
Oft taucht die Frage auf: „Wie soll ich mit Angst umgehen?“ Nun, im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Du kannst dich der Angst unterordnen. Du denkst: „Ok, davor habe ich Angst, also lass ich das lieber.“ Deswegen machst du selten etwas Neues oder Aufregendes, weil du auf diese Weise deiner eigenen Angst seltener begegnest – oder:
Du akzeptierst Angst als Teil deines Lebens und siehst sie als Aufgabe. Angst kann dein Leben aufregend und erlebnisreich machen. Angst ist häufig ein gutes Indiz dafür, dass etwas Wertvolles am Entstehen ist. Mit Angst als Motivation erweitert sich deine Komfortzone.
Wer hilft?
Nun, zuerst kannst nur du dir helfen, indem du tust, was notwendig ist. Um es dir leichter zu machen, kannst du dir Impulse holen. Was Angst im Allgemeinen angeht, so scheint mir, muss man gar nicht so lange nach Impulsen suchen – ist das Problem mit der Angst doch nicht wirklich neu.
Schon Marcus Aurelius schrieb vor mehr als 1.800 Jahren die „Meditations“, sein Tagebuch und seine private Quelle für den Umgang mit sich selbst. Wie sich selbst führen und Weisheit entwickeln in Zeiten der Dunkelheit und Ängstlichkeit. Man darf annehmen, dass er nicht im Traum daran gedacht hatte, dass seine „Meditations“ (dtsch.: Selbstbetrachtungen – hier bei Amazon für null Euro) Jahrtausende überleben werden. Seine Worte sind einfach und ehrlich und die Sätze sind wie Einträge in einem Tagebuch gegliedert; die Seiten erscheinen wie eine Liste von Zitaten, unterschiedlich in der Länge. Er wollte, so darf angenommen werden, lediglich aufzeichnen, was er glaubte, was für ihn wichtig war.
Beim Lesen entsteht nicht das Gefühl, dass der Autor zum Zeitpunkt des Schreibens der mächtigste Mann auf dem Kontinent war. Die Schriften scheinen eher der Versuch gewesen zu sein, sich selbst durch seine dunklen Zeiten zu begleiten. Der Leser heute fühlt sich jedoch recht komfortabel: Es ist kaum möglich, nicht in jeder seiner Äusserungen zumindest ein Fünkchen Weisheit zu finden:
Warum versäumst du Zeit und Gelegenheit? Denn was sind alle diese Gegenstände um dich her anders als Übungsmittel für die Vernunft, die alles im Leben mit gründlichem Naturforscherblick ansieht? Verweile also bei ihnen, bis du sie dir völlig zu eigen gemacht hast, gleichwie ein starker Magen sich gewöhnt, alles zu verdauen, oder wie ein loderndes Feuer aus allem, was man hineinwirft, Flamme und Strahlenglut bildet.
Antonius, Marcus Aurelius. Selbstbetrachtungen (German Edition) (Kindle Locations 1844-1847). . Kindle Edition.
Ideen aus dem Buch – wider die Angst:
#1: Du hast nur ein Leben
Wenn du wüsstest, dass du im nächsten Monat sterben wirst, würdest du sehr wahrscheinlich aus deinem Trott erwachen – und eventuell anders mit deinem Leben umgehen. Lebe jetzt! Wie lange wartest du auf den perfekten Moment schon? Übrigens, der perfekte Moment kann sehr, sehr lange auf sich warten lassen. Der perfekte Moment ist jetzt.
#2: Zukunft und Vergangenheit…
…sind ein Konstrukt unseres Denkens. Wir können sie nicht besitzen – also können wir sie auch nicht verlieren. Was du verlieren kannst ist nur das Leben, das du gerade lebst. Hüte dich davor, die Chance des Tages, des Momentes, zu verpassen und dich an eine Zukunft zu klammern, die möglicherweise nicht existiert. Wir leben gerne in der Zukunft. Kennst du bestimmt auch. Lieblingssätze beginnen dabei: „Wenn…, dann…!“ Das Gleiche gilt für gestern. Schön, darüber zu reflektieren, wie super es gestern war, aber jetzt leben wir heute. Sollte doch jetzt super sein. Gestern ist vorbei und morgen kann warten.
#3: Verantwortung übernehmen
Entweder auf eigenen Füssen stehen oder andere müssen dich unterstützen. Entweder du übernimmst die Verantwortung für dein Leben oder du gibst die Macht über dein Leben ab. Wenn andere oder Umstände die Schuld tragen, dann gibst du automatisch die Macht über dein Leben ab. Wie kannst du einer wildfremden Person, die dich ärgert, Macht über deine Gefühle geben? Verantwortung übernehmen heisst auch, die Verantwortung für die eigenen Gefühle akzeptieren. Damit stehst du auf deinen eigenen Füssen und bestimmst den Werdegang deines Lebens.
#4: Alles was ein Ende hat, ist ertragbar
Somit ist jeder Schmerz, jeder Gedanke und jeder Zustand ertragbar. Es gibt kein unendliches Leiden, weil es kein unendliches Leben gibt. Da gibt es ein Licht am Ende des Tunnels. Selbst Angst verschwindet, sogar ohne eigenes Zutun – und Angst manifestiert sich zudem überwiegend in der Zukunft.
#5: Akzeptanz
Wie viele Menschen kennst du, die täglich über das Wetter, den Verkehr, die Arbeitskollegen, die Politik oder über die Farbe der Hose des Nachbarn meckern? Eine Gemeinsamkeit haben all diese Klagen: Sie sind sinnlos und nichts anderes als Zeitverschwendung! Der Zustand oder die Situation wird sich durch dein Klagen nicht verändern. Entweder du kannst Dinge beeinflussen oder nicht. Wenn nicht, dann ist Akzeptanz gefragt.
#6: Zielorientiert handeln
Wir alle, auch wenn wir irgendwann sterben, verfügen über unsere Zeit. Die können wir weder aufsparen noch haben, lediglich sich nehmen. Der eine nutzt diese Zeit, um es seinen Liebsten recht zu machen, der andere, um es seinem Chef recht zu machen. Dabei kommt manches zu kurz. Aurelius meint, dass wir uns aus der Zeit, die wir geschenkt bekommen, in gewisser Weise nur uns selber widmen sollen, unseren Zielen, Träumen und Idealen. Warum etwas tun, was uns nicht unseren Zielen näherbringt? Alles andere würde lediglich zu Unzufriedenheit führen und bedeutet eine Verschwendung von Zeit – und Zeit kann man nicht mit der Kreditkarte kaufen.
#7: Sucht kontrollieren
Menschen sind süchtig nach Lob. Wir suchen für jede Tat, die wir irgendwo vollbringen Anerkennung. Ob in der Familie, bei Freunden oder im Job. Sag‘ doch bitte einer, dass ich das toll gemacht habe. Ein Meister dieses Faches war Napoleon. Er zeichnete seine Soldaten mit Orden, Titel oder Medaillen aus:
„Ich habe etwas Lächerliches über die Menschen herausgefunden. Sie sind bereit,
für Orden und bunte Bänder zu sterben.“
Das macht uns schwach und lässt uns ein Leben in Abhängigkeit führen. Aurelius versteht dieses Streben nach Belohnung nicht. Verlangen denn deine Augen nach einer Belohnung für das Sehen? Ruhm, Namen und Belohnung sind schneller vergessen als dir lieb ist.
Hauptsache sicher!
Alle wollen einen sicheren Job, ein sichere Beziehung, gesichertes Einkommen, gesichertes Umfeld und sichere Gesundheit. Das Verlangen nach Sicherheit, als Gegensatz zur Unsicherheit – auch bekannt als Angst – wägt uns sicher, so scheint es. In der Tat gibt es aber keine Sicherheit, das ist ein Trugschluss. In meiner Welt gibt es nur drei Sicherheiten: 1) Es gibt keine Sicherheit, 2) wir wissen, dass wir sterben und 3) wir wissen nicht, wann wir den letzten Atemzug nehmen. Selbst der Sprung von der Brücke kann querschnittgelähmt überlebt werden.
Stell dir mal vor, du würdest gerne jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr dasselbe haben. Das wäre dann Routine – und – ok – eine Art von Sicherheit. Funktioniert trotzdem nur solange, wie du sichergehen kannst, dass sich jeden Tag dieselben Dinge wiederholen. Der Inbegriff des Hamsterrads. Frag dich: „Lebst du jeden Tag, 365 Mal im Jahr?“ oder lebst Du „365 verschiedene Tage im Jahr?“ Hand auf Herz, was ist dir lieber?
Sicherheit gibt es nicht. Es ist ein Mythos. Du lebst in einer Welt, die sich, zumindest bisher, kontinuierlich dreht. Alles ist in Bewegung. Nicht einmal das Eintreffen der Bahn auf dem Weg zum Flughafen ist sicher.
Innere Sicherheit
Flexibilität schützt dich vor Unsicherheit. Flexibilität entwickelst du nur, wenn du eine Tugend in dir trägst: Deine innere Sicherheit. Erst wenn du dir sicher bist, dass du mit jeder noch so bescheidenen Situation umgehen kannst (hast du ja auch schon oft genug bewiesen), besitzt du die innere Sicherheit. Die sieben Impulse mögen dir dabei helfen. Sie sind zeitlos. Und; deinen Glauben an dich und deine Fähigkeiten – den kann dir niemand nehmen. So gibt es also keinen Lohn für die Angst.
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