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Leseprobe »Doktor Turban«
Tuscheln
Zu erzählen gibt es eigentlich wenig, Mademoiselle, sehr wenig. Mein Vater war Fleischer. Wir hatten eine kleine Metzgerei in der Wedingstrasse, vielleicht können Sie sich an das Geschäft erinnern. Ich war damals neun oder zehn. Der Laden war rundum mit weißen Kacheln verkleidet. Vaters Ware war nicht besser und nicht schlechter als die Ware anderer Fleischer. Im Hinterraum hatte es eine kleine Schlachtbank, mehrere Stahlhaken, aufgehängte Tierkörper, Beile und Messer in allen Größen. An der Wand hingen einige blutbefleckte Schürzen, neben der Tür standen Vaters große schwarze Stiefel.
Das Geschäft lief leidlich. Meine Mutter bediente die Kundschaft, meist einfache Leute aus dem Quartier, Hausfrauen, Alte, Arbeiter. Gekauft wurde vor allem Wurst, Blut-, Leber- und Bratwurst, ab und an auch Schinken, Speck, Haxen oder, eher selten, Steaks. Wir wohnten im selben Haus über dem Laden. So haben mich die Geräusche des Schlachtens, der Geruch von Fleisch und Blut seit frühester Zeit begleitet, haben mein Wesen in diesen schweren, roten Ton getaucht. Das Brüllen der Kälber, das Spritzen des Blutes, das Abstechen der Körper, all dies ist mir vertraut, ist der dunkle Klang meiner Kindheit. Warum ich später Vegetarier wurde, vermag ich nicht zu sagen; mag sein, daß ich diese Gerüche, diese Geräusche nicht mehr aushielt; mag sein, daß ich nur meinen Vater nicht mehr aushielt.
Die Ereignisse, nach denen Sie mich fragen, liegen weit zurück. Wenn ich heute in meinem Opel durch die Stadt kurve, Sie vom Bahnhof zum Hotel, vom Hotel zum Bahnhof und von dort nach irgendwo bringe, dann kommt es mir vor, wie wenn all diese vergangenen Dinge mit mir und meinem Leben nichts zu tun hätten. Tiefes Unbehagen befällt mich, wenn ich daran denke. Ich muss gestehen, daß mich Ihre Fragen quälen. Sie quälen mich, weil ich weiß, daß mich auch meine Antworten auf Ihre Fragen quälen; ja im Grunde ist mir alles eine Qual, auch Ihr oder mein Schweigen wäre mir eine Qual.
Nun sitzen Sie aber mal neugierig im Fond meines Wagens und stellen mir die Fragen, die Sie stellen müssen: Sie haben recht. Bestimmt haben Sie schon seit langer Zeit auf diesen Moment gewartet. Wahrscheinlich haben Sie sich minutiös darauf vorbereitet, sind auf alles, auch das Schlimmste, gefasst. Zwei große Scheine haben Sie mir hingestreckt und mir bedeutet, den Funk zur Zentrale auszuschalten. Haben mich angewiesen, zu fahren, wohin ich will: zu fahren und zu erzählen. Nun gut, ich will kein Spielverderber sein. Wenn es Ihnen so wichtig ist - und es scheint Ihnen wichtig zu sein, denn sonst hätten Sie die lange Reise nicht angetreten -, will ich, auch wenn es mir schwerfällt, versuchen, mich zu erinnern.