Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03501.jsonl.gz/3088

Auf diesem gleichmässig angelegten Friedhof ist jedes Grab anders. Ein schöner, aber ganz und gar nicht morbider Ort mit einer berührenden Geschichte.
Weil er kein Geld hatte, um für das Grabdenkmal seines Grossvaters zu bezahlen, schnitzte ihm Walter Cottier mit einem Taschenmesser ein Kreuz aus Holz. Beeindruckt vom Resultat gaben einige Familien in der Folge Kreuze bei ihm in Auftrag. Die Kommission des Friedhofs von Jaun wusste seine Arbeit ebenfalls zu schätzen und beschloss, ihn zum exklusiven Handwerker für die Anfertigung der Kreuze zu machen.
Jedes Grabdenkmal steht unter einem kleinen Schindeldach und besteht aus einem Kreuz mit Christusfigur, an der Rückseite ist ein Basrelief zu sehen. Eine Seite erinnert an das Leben oder die Aktivitäten der verstorbenen Person, die andere zeigt ein dafür symbolisches Element.
Von 1948 bis 1995, dem Jahr seines Todes, schnitzte Walter Cottier – ein Ziegenhirt aus bescheidenen Verhältnissen – der sich sein Handwerk selbst beigebracht hatte, Grabreliefs. Der naturverbundene Perfektionist war nie mit seiner Arbeit zufrieden. Manchmal gaben ihm die Familien Anweisungen für die gewünschten Verzierungen. Manchmal schenkten sie ihm ihr volles Vertrauen. So verhielt es sich beispielsweise für das Kreuz, das für das Grab eines sehr jungen Mannes bestellt wurde. Der mittellose Künstler wartete drei Jahre, bevor er dieses Weizenfeld mit Mohnblumen schnitzte. Im Vordergrund ist eine zerbrochene Ähre zu sehen.
Die Tradition setzt sich fort, lokale Schnitzer haben das Ruder übernommen. Sie stellen ihre Werkzeuge in den Dienst der trauernden Familien. Jeder hat einen eigenen Stil, das Ganze bleibt jedoch trotzdem stimmig.
Der musikliebende Schuhmacher ruht unter einem musizierenden Engel. Eine Lokomotive, Baustellenfahrzeuge, eine Dame mit Brille, die ihre Katze streichelt, ein Käser bei der Arbeit, ein Korb mit Strickutensilien, ein Wanderer mit Steigfellen, ein Computer in einer Bibliothek, eine Bernina Nähmaschine … Auf dem Friedhof geht das Leben der verstorbenen Bewohner von Jaun in Bildern weiter.