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Georg Simmel: Soziologie
Untersuchungen über
die Formen der Vergesellschaftung
Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage)
Kapitel X:
Die Erweiterung der
Gruppe und die Ausbildung der Individualität (S.527-573)
(> 527) Die Themata, um die herum die Untersuchungen dieses Buches zu
einzelnen Kapiteln gesammelt sind, waren bisher einzelne Begriffe des
soziologischen Gebietes überhaupt, die einer großen Vielfältigkeit
und oft Gegensätzlichkeit der historischen, diese Begriffe darbietenden
Gestalten und Gestaltungstypen Raum gaben.
Die von dem praktischen Einteilungszweck geforderten Zusammenfassungen
hatten ein inneres Recht nur darin, daß die Erscheinungen und
Reflexionen den fraglichen Begriff gemeinsam enthielten: der Inhalt der
einzelnen Kapitel war nicht in einer einheitlichen Behauptung
auszudrücken, deren Beweis allmählich erwuchs, sondern nur in einer
Summe von Behauptungen, die sich unter seinem Titel zusammenfanden.
Die nun folgende Untersuchung soll einen andern Typus exemplifizieren:
sie dient der Aufweisung eines einzigen, wenn auch in vielen
Modifikationen, Hüllen und Mischungen auftretenden Zusammenhanges;
nicht ein Begriff, sondern ein Satz ist ihren Teilen gemeinsam.
Statt eine singuläre abstrahierte Form in die Erscheinungen, in denen
sie sich finden mag und deren Inhalt durch sie in keiner bestimmten
Richtung festgelegt wird, zu verfolgen, soll nun hier eine bestimmte
Korrelation und wechselseitig bestimmte Entwicklung von Formen der
Vergesellschaftung dargelegt werden.
Das individuelle Besonderssein der Persönlichkeit und die sozialen
Einflüsse, Interessen, Beziehungen, durch die sie ihrem Kreise
verbunden ist, zeigen im Lauf ihrer beiderseitigen Entwicklung ein
Verhältnis, das an den verschiedensten zeitlichen und sachlichen
Abteilungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit als typische Form
auftritt: jene Individualität des Seins und Tuns erwächst, im
allgemeinen, in dem Maße, wie der das Individuum sozial umgebende Kreis
sich ausdehnt.
Von den mannigfaltigen Arten, auf die diese Ausdehnung geschieht und die
hervorgehobene Korrelation trägt, nenne ich zuerst die in der
Annäherung bisher getrennter Kreise vor sich gehende.
Haben wir zwei soziale Gruppen, M und N, die sich scharf voneinander
unterscheiden, sowohl nach den charakteristischen Eigenschaften wie nach
den gegenseitigen Gesinnungen, deren jede aber in sich aus homogenen und
eng zusammenhängenden (> 528) Elementen besteht: so bringt die
quantitative Erweiterung eine steigende Differenzierung hervor; die
ursprünglich minimalen Unterschiede unter den Individuen nach
äußerlichen und innerlichen Anlagen und deren Betätigung verschärfen
sich durch die Notwendigkeit, den von immer mehreren umkämpften
Lebensunterhalt durch immer eigenartigere Mittel zu gewinnen; die
Konkurrenz bildet im numerischen Maß der an ihr Beteiligten die
Spezialität des Individuums aus.
Wie verschieden nun auch der Ausgangspunkt dieses Prozesses in M und N
gewesen sei, so muß er diese doch allmählich einander verähnlichen.
Es steht doch nur eine relativ begrenzte und sehr langsam vermehrbare
Anzahl wesentlicher menschlicher Formationen zur Verfügung.
Je mehr von
diesen sich in einer Gruppe vorfinden, d. h. je größer die
Unähnlichkeit der Bestandteile von M unter sich und derer von N unter
sich wird, desto wahrscheinlicher wird sich eine immer wachsende Anzahl
von Bildungen im einen ergeben, die solchen im andern ähnlich sind; die
nach allen Seiten gehende Abweichung von der bis dahin für jeden
Komplex für sich gültigen Norm muß notwendig, eine - zunächst
qualitative oder ideelle - Annäherung der Glieder des einen an die des
andern erzeugen.
Schon deshalb wird dies geschehen, weil unter noch so verschiedenen
sozialen Gruppen die Formen der Differenzierung gleich oder ähnlich
sind: die Verhältnisse der einfachen Konkurrenz, die Vereinigung vieler
Schwacher gegen einen Starken, die Pleonexie Einzelner, die Progression,
in der einmal angelegte individuelle Verhältnisse sich steigern, die
Attraktion oder Repulsion, die zwischen Individuen auf Grund ihrer
qualitativen Differenzierung eintritt usw.
Dieser Prozeß wird oft, noch abgesehen von allen inhaltlichen
Interessenverknüpfungen, zu realen Beziehungen der auf diese Weise
einander angeähnlichten Elemente beider - oder vieler - Gruppen
führen.
Dies beobachtet man z. B. an der internationalen Sympathie, die
Aristokraten untereinander hegen und die von dem spezifischen Inhalt des
Wesens, der sonst über Anziehung und Abstoßung entscheidet, in
erstaunlichem Maße unabhängig ist.
In der gleichen Weise -- durch die Spezialisierung innerhalb jeder
einzelnen, von der andern ursprünglich unabhängigen Gruppe -entstehen
die Sympathien aber auch an dem andern Pole der sozialen Skala, wie der
Internationalismus der Sozialdemokratie sie zeigt und wie sie die
Gefühlsgrundlage der früheren Gesellenverbände gewesen ist.
Nachdem der soziale Differenzierungsprozeß zu der Scheidung zwischen
Hoch und Niedrig geführt hat, bringt die bloß formale Tatsache einer
bestimmten sozialen Stellung die durch sie charakterisierten Mitglieder
der verschiedenartigsten Gruppen in innerliche, oft auch äußerliche
Beziehung.
Mit einer solchen Differenzierung der sozialen Gruppe wird die Nötigung
und Neigung wachsen, über ihre ursprünglichen Grenzen in räumlicher,
ökonomischer und geistiger Beziehung hinauszugreifen und neben die
anfängliche Zentripetalität der einzelnen Gruppe bei wachsender
Individualisierung und dadurch eintretender Repulsion ihrer Elemente
eine zentrifugale Tendenz als Brücke zu andern Gruppen zu setzen.
Während z. B. (> 529) ursprünglich in den Zünften der Geist
strenger Gleichheit herrschte, der den Einzelnen einerseits auf
diejenige Quantität und Qualität der Produktion einschränkte, die
alle andern gleichfalls leisteten, andrerseits ihn durch Normen des
Verkaufs und Umsatzes vor Überflügelung durch den andern zu
schützen suchte, - war es doch auf die Dauer nicht möglich, diesen
Zustand der Undifferenziertheit aufrecht zu halten.
Der durch irgendwelche Umstände reich gewordene Meister wollte sich
nicht mehr in die Schranken fügen, nur das eigene Fabrikat zu
verkaufen, nicht mehr als eine Verkaufsstelle und eine sehr beschränkte
Anzahl von Gehilfen zu halten und Ähnliches.
Indem er aber das Recht dazu, zum Teil unter schweren Kämpfen gewann,
mußte ein Doppeltes eintreten: einmal mußte sich die ursprünglich
homogene Masse der Zunftgenossen mit wachsender Entschiedenheit in
Reiche und Arme, Kapitalisten und Arbeiter differenzieren; nachdem das
Gleichheitsprinzip einmal so weit durchbrochen war, daß Einer den
Andern für sich arbeiten lassen und seinen Absatzmarkt frei nach seiner
persönlichen Fähigkeit und Energie, auf seine Kenntnis der
Verhältnisse und seine Chancenberechnung hin, wählen durfte, so
mußten eben jene persönlichen Eigenschaften mit der Möglichkeit, sich
zu entfalten, sich auch steigern und zu immer schärferen
Spezialisierungen und Individualisierungen innerhalb der Genossenschaft
und schließlich zur Sprengung derselben führen.
Andrerseits aber wurde durch diese Umgestaltung ein weites Hinausgreifen
über das bisherige Absatzgebiet ermöglicht; dadurch, daß der
Produzent und der Händler, früher in einer Person vereinigt, sich
voneinander differenzierten, gewann der letztere eine unvergleichlich
freiere Beweglichkeit und wurden früher unmögliche kommerzielle
Anknüpfungen erzielt.
Die individuelle Freiheit und die Vergrößerung des Betriebes stehen in
Wechselwirkung.
So zeigte sich bei dem Zusammenbestehen zünftiger Beschränkungen und
großer fabrikmäßiger Betriebe, wie es etwa anfangs des 19.
Jahrhunderts in Deutschland stattfand, stets die Notwendigkeit, den
letzteren die Produktions- und Handelsfreiheit zu lassen, die man den
Kreisen kleinerer und ,engerer Betriebe kollektivistisch einschränken
konnte oder wollte.
Es war also eine zwiefache Richtung, in der die Entwicklung von dem
engen homogenen Zunftkreise aus führte und die in ihrer Doppelheit die
Auflösung desselben vorbereiten sollte: einmal die individualisierende
Differenzierung und dann die an das Ferne anknüpfende Ausbreitung.
Deshalb zeigte sich auch die Differenzierung der englischen
Gildenmitglieder in Händler und wirkliche Arbeiter am stärksten bei
den Gewerben, die articles of foreign demand arbeiteten, wie Gerber und
Zeugmacher.
Die Spaltung, die sich in diese Korrelation mit der Erweiterung verwebt,
betrifft nicht nur den Inhalt der Arbeit, sondern auch ihre
soziologische Direktive.
Solange die kleine primitive Gruppe sich selbst genügt, findet selbst
bei einer gewissen technischen Arbeitsteilung doch die durchgehende
Gleichheit statt, daß jeder für die Gruppe selbst arbeitet, daß jede
Leistung soziologisch zentripetal ist.
Sobald aber die Schranken der Gruppe gesprengt werden und sie in (>
530) den Austausch von Spezialprodukten mit einer anderen tritt, so
entsteht innerhalb ihrer die Differenzierung zwischen denen, die die
Produkte für den auswärtigen Handel und denen, die die Produkte für
den inneren Konsum erzeugen - zwei ganz entgegengesetzte innere
Lebensrichtungen.
Die Geschichte der Bauernbefreiung zeigt z. B. in Preußen einen in
dieser Beziehung ähnlichen Prozeß.
Der erbuntertänige Bauer, wie er in Preußen bis etwa 1810 existierte,
befand sich sowohl dem Lande wie dem Herrn gegenüber in einer
eigentümlichen Mittelstellung; das Land gehörte zwar dem letzteren,
aber doch nicht so, daß der Bauer nicht gewisse Rechte auf dasselbe
gehabt hätte.
Andrerseits mußte er zwar dem Herrn auf dessen Acker fronen,
bearbeitete aber daneben das ihm zugewiesene Land für seine eigene
Rechnung.
Bei der Aufhebung der Leibeigenschaft wurde nun dem Bauer ein gewisser
Teil seines bisherigen, zu beschränkten Rechten besessenen Landes zu
vollem und freiem Eigentum übermacht, und der Gutsherr war auf Lohnarbeiten
angewiesen, die sich jetzt zumeist aus den Besitzern
kleinerer, ihnen abgekaufter Stellen rekrutierten.
Während also der Bauer in den früheren Verhältnissen die teilweisen
Qualitäten des Eigentümers und des Arbeiters für fremde Rechnung in
sich vereinigte, trat nun scharfe Differenzierung ein: der eine Teil
wurde zu reinen Eigentümern, der andre zu reinen Arbeitern.
Wie aber hierdurch die freie Bewegung der Person, das Anknüpfen
entfernterer Beziehungen hervorgerufen wurde, liegt auf der Hand; nicht
nur die Aufhebung der äußerlichen Bindung an die Scholle kam dafür in
Betracht, sondern auch die Stellung des Arbeiters als solchen, der bald
hier, bald dort angestellt wird, andrerseits der freie Besitz, der
Veräußerlichungen und, damit kommerzielle Beziehungen, Umsiedlungen
usw. ermöglicht.
So begründet sich die im ersten Satz ausgesprochene Beobachtung: die
Differenzierung und Individualisierung lockert das Band mit den
Nächsten, um dafür ein neues - reales und ideales - zu den
Entfernteren zu spinnen.
Ein ganz entsprechendes Verhältnis findet sich in der Tier- und
Pflanzenwelt.
Bei unseren Haustierrassen (und dasselbe gilt für die Kulturpflanzen)
ist zu bemerken, daß die Individuen derselben Unterabteilung sich
schärfer voneinander unterscheiden, als es mit den Individuen einer
entsprechenden im Naturzustände der Fall ist; dagegen stehen die
Unterabteilungen einer Art als Ganze einander näher, als es bei
unkultivierten Spezies der Fall ist.
Die wachsende Ausbildung durch Kultivierung bewirkt also einerseits ein
schärferes Hervortreten der Individualität innerhalb der eigenen
Abteilung, andrerseits eine Annäherung an die fremden, ein Hervortreten
der über die ursprünglich homogene Gruppe hinausgehenden Gleichheit
mit einer größeren Allgemeinheit.
Und es stimmt damit vollkommen überein, wenn uns versichert wird, daß
die Haustierrassen unzivilisierter Völker viel mehr den Charakter
gesonderter Spezies tragen, als die bei Kulturvölkern gehaltenen
Varietäten; denn jene sind eben noch nicht auf den Standpunkt der
Ausbildung gekommen, der bei längerer Zähmung die Verschiedenheiten
der Abteilungen vermindert, weil er die der Individuen vermehrt.
Und hierin ist die (> 531) Entwicklung der Tiere der ihrer Herren
proportional: nach dem Bilde, das wir uns von primitiven
Kulturzuständen (der Begriff kann hier ohne Schaden in einer gewissen
Unbestimmtheit bleiben) zu machen pflegen, sind die Individuen der
Stämme von großer qualitativer Gleichheit und praktisch geschlossener
Einheit; dagegen stehen die Stämme als Ganze einander fremd und
feindlich gegenüber: je enger die Synthese innerhalb des eigenen
Stammes, desto strenger die Antithese gegenüber dem fremden; mit
fortschreitender Kultur wächst die Differenzierung unter den Individuen
und steigt die Annäherung an den fremden Stamm.
Ein Engländer, der viele Jahre in Indien gelebt hatte, sagte mir, daß
es für den Europäer unmöglich wäre, den Eingeborenen da irgend
näher zu kommen, wo Kasten beständen; wo dagegen keine
Kasteneinteilung herrsche, sei dies leicht.
Die Geschlossenheit der Kaste, durch eine ebenso entschiedene
Gleichartigkeit nach innen wie entschiedenen Abschluß nach oben und
unten getragen, verhindert offenbar die Ausbildung dessen, was man das
Allgemeiner-Menschliche nennen muß und was das Verhältnis zu dem
Rassefremden ermöglicht.
Dem entspricht es durchaus, daß die breiten ungebildeten Massen eines
Kulturvolkes unter sich homogener, dagegen von denen eines andern Volkes
durch schärfere Charakteristiken geschieden sind, als Beides unter den
Gebildeten beider Völker statt hat.
Innerhalb der Kultur wiederholt sich jenes synthetisch-antithetische
Verhältnis, wenn das ältere deutsche Innungswesen darauf geht, die
Genossen ganz eng zu verbinden, um die Genossenschaften ganz streng zu
trennen.
Die moderne Assoziation, der Zweckverband, dagegen bindet die Genossen
nur so weit, legt ihnen nur so weit Gleichheiten auf, wie der
festumschriebene Zweck es verlangt und läßt ihnen im übrigen völlige
Freiheit, duldet jede Individualität und Heterogeneität ihrer
Gesamtpersönlichkeiten; dafür aber strebt sie zu einer umfassenden
Einheit aller Verbände durch die ineinandergreifenden Arbeitsteilungen,
die Nivellierungen durch Rechtsgleichheit und Geldwirtschaft, die
Interessensolidarität der nationalen Wirtschaft.
In diesen Beispielen ist angedeutet, was der Verlauf der Untersuchung
allenthalben zeigen wird: daß die Unindividualisiertheit der Elemente
in dem engeren Kreis, ihre Differenziertheit in dem weiteren sich ebenso
in dem Nebeneinander koexistierender Gruppen und Gruppenelemente zeigt,
wie in dem Nacheinander der Stadien, durch welche die Entwicklung einer
einzelnen Gruppe hindurchgeht.
Jener Grundgedanke läßt sich verallgemeinernd so wenden, daß in jedem
Menschen ceteris paribus gleichsam eine unveränderliche Proportion
zwischen dem Individuellen und dem Sozialen besteht, die nur die Form
wechselt: je enger der Kreis ist, an den wir uns hingeben, desto weniger
Freiheit der Individualität besitzen wir; dafür aber ist dieser Kreis
selbst etwas Individuelles, scheidet sich, eben weil er ein kleiner ist,
mit scharfer Begrenzung gegen die übrigen ab.
Und entsprechend: erweitert sich der Kreis, in dem wir uns betätigen
und dem unsere Interessen gelten, so ist darin mehr Spielraum für die
Entwicklung unserer Individualität; aber (> 532) als Teile dieses
Ganzen haben wir weniger Eigenart, dieses letztere ist als soziale
Gruppe weniger individuell.
Es ist also nicht nur die relative Kleinheit und Enge der Gemeinschaft,
sondern auch, oder vor allem, ihre individualistische Färbung, der das
Nivellement ihrer Individuen korrespondiert.
Oder in ganz kurzem Schema: die Elemente des differenzierten Kreises
sind undifferenziert, die des undifferenzierten Kreises differenziert.
Dies ist natürlich kein soziologisches »Naturgesetz«, sondern
sozusagen nur eine phänomenologische Formel, die den regelmäßigen
Erfolg von regelmäßig sich zusammenfindenden Geschehensreihen in einen
Begriff zu fassen sucht; sie bezeichnet keine Ursache von Erscheinungen,
sondern die Erscheinung, deren ganz tiefgelegener allgemeiner
Zusammenhang sich in jedem einzelnen Fall als der Erfolg sehr
mannigfaltiger, aber in ihrem Zusammenwirken die gleichen
Formungskräfte entbindender Ursachen darstellt.
Die erste Seite dieser Zusammenhänge - die Undifferenziertheit unter
den Mitgliedern der differenzierten Gruppe - zeigt in einer Art, die
gerade auf die innerlichsten Motivierungen zurückgeht, die soziale
Ordnung des Quäkertums.
Als ganzes, als Religionsprinzip, von dem extremsten Individualismus und
Subjektivismus, bindet es die Gemeindeglieder in höchst
gleichförmig-demokratische, alle individuellen Unterschiede möglichst
ausschließende Lebens- und Wesensart; dafür mangelt ihm aber jedes
Verständnis für die höhere staatliche Einheit und ihre Zwecke, so
daß die Individualität der kleineren Gruppe einerseits die der
Einzelnen, andrerseits die Hingabe an die große Gruppe ausschließt.
Und nun stellt sich dies im einzelnen darin dar: in dem, was
Gemeindesache ist, in den gottesdienstlichen Versammlungen, darf jeder
als Prediger auftreten und reden, was und wann es ihm beliebt; dagegen
wacht die Gemeinde über die persönlichen Angelegenheiten, z. B. die
Eheschließung, so daß diese ohne Einwilligung eines zur Untersuchung
des Falles eingesetzten Komitees nicht stattfindet.
Sie sind also individuell nur im Gemeinsamen, aber sozial gebunden im
Individuellen.
Beide Seiten jener Formel exemplifizieren sich an den Unterschieden
zwischen den politischen Gestaltungen der Nord- und Südstaaten der
Vereinigten Staaten, und zwar am deutlichsten in der Zeit vor dem
Bürgerkriege.
Die Neu-England-Staaten in Nordamerika hatten von vornherein einen
starken lokal-sozialen Zug; sie bildeten townships mit entschiedener
Bindung des Einzelnen an die Pflichten gegen das Ganze, während dieses
Ganze verhältnismäßig sehr klein, aber sehr selbständig war.
Die Südstaaten dagegen, mehr von einzelnen Abenteurern bevölkert, die
keine besondere Neigung zu local self-government hatten, bildeten sehr
bald sehr umfassende counties als Verwaltungseinheiten, ja, die
eigentliche politische Bedeutung liegt bei diesen in dem Staat als
Ganzen, während ein Neu-England-Staat mehr eine combination of towns
ist.
Den unabhängigeren, bis zu anarchischen Neigungen individuellen
Persönlichkeiten des Südens entsprach das abstraktere, farblosere
allgemeine Staatsgebilde, das sie zusammenfaßte, während die strenger
regulierten Persönlichkeiten (> 533) des Nordens zu engeren,
städtischen Bildungen neigten, die aber als Ganze stark individuelle
Färbung und autonome Besonderheiten besaßen.
Man könnte, unter allen oben angedeuteten Vorbehalten, von einem
Quantum der Tendenz zur Individualisierung und der zur
Undifferenziertheit sprechen, das durch die persönlichen,
geschichtlichen, gesellschaftlichen Umstände bestimmt ist und das
gleiche bleibt, mag es sich an der rein persönlichen Gestaltung oder an
der der sozialen Gemeinschaft, der die Persönlichkeit angehört, zur
Geltung bringen.
Wir führen sozusagen eine doppelte oder, wenn man will, halbierte
Existenz: einmal als Individuum innerhalb des sozialen Kreises, mit
fühlbarer Abgrenzung gegen dessen übrige Mitglieder, dann aber auch
als Mitglied dieses Kreises, in Abgrenzung gegen das, was ihm nicht
angehört.
Wenn nun ein Bedürfnis nach Individualisierung überhaupt und ebenso
nach ihrem Gegenteil in uns lebt, so mag sich das ebenso an der einen
wie an der andern Seite unserer Existenz realisieren.
Dem Plus an
Befriedigung, das etwa der Differenzierungstrieb im Sinne der
Sonderpersönlichkeit den Gruppengenossen gegenüber gewinnt, wird ein
Minus derjenigen Differenzierung entsprechen, die eben dasselbe Wesen in
der Vereinigtheit mit seinen Gruppengenossen, als bloßes Sozialwesen
gewinnt; d. h. die gesteigerte Individualisierung innerhalb der Gruppe
wird mit einer herabgesetzten Individualisierung der Gruppe selbst
zusammengehen, - und ebenso umgekehrt - wenn ein bestimmtes Maß des
Triebes gedeckt werden soll.
So hat ein Franzose über die Vereinssucht in Deutschland bemerkt. c'est
elle qui habitue l'Allemand d'une part à ne pas compter uniquement sur
l'Etat; d'autre part à ne pas compter uniquement avec lui-même. Elle
l'empêche de s'enfermer dans ses intérets particuliers et de s'en
remettre à l'Etat de tous les intérets généreaux.
In dieser negativen Ausdrucksweise ist also besagt, daß eine Tendenz
zum Allgemeinsten und eine zum Individuellsten vorhanden ist, daß aber
beide hier sich nicht an radikal getrennten Sondergebilden differenziert
befriedigen; sondern der Verein stelle ein Mittleres dar, das dem
vorhandenen dualistischen Triebquantum in einer gewissen
Verschmolzenheit genugtut.
Benutzt man dies als heuristisches Prinzip (d. h. nicht die wirkliche
Kausalität der Erscheinungen damit aufzeigend, sondern nur behauptend:
sie verlaufen so, als ob ein solcher Doppeltrieb sie beherrschte und
seine Verwirklichungen an jenen verschiedenen Seiten unseres Wesens
gegeneinander ausgliche), so haben wir daran eine allgemeinste Norm,
welcher die Größenunterschiede der sozialen Gruppen nur die häufigste
Gelegenheit zum Hervortreten bieten, die sich indes auch aus andern
Veranlassungen realisiert.
So bemerken wir z. B. in gewissen Kreisen, ja vielleicht bei Völkern,
wo das Extravagante, überspannte, launenhaft Impulsive sehr
vorherrscht, doch eine sklavische Fesselung an die Mode.
Die Verrücktheit, die einer begeht, wird automatenhaft von allen andern
nachgeäfft.
Andre dagegen, mit mehr nüchterner und soldatisch
zugeschnittener Form des Lebens, die als Ganzes lange nicht so (>
534) bunt ist, haben doch einen viel stärkeren Individualitätstrieb,
unterscheiden sich innerhalb ihres gleichförmigen und einfachen
Lebensstiles viel schärfer und prägnanter voneinander, als jene in
ihrer bunten und wechselnden Art.
So hat also einerseits das Ganze sehr individuellen Charakter, aber
seine Teile sind untereinander sehr gleich; andrerseits ist das Ganze
farbloser, weniger nach einem Extrem zu gebildet, aber seine Teile sind
untereinander stark differenziert.
Die Mode ist schon an und für sich als Form des sozialen Lebens ein
eminenter Fall dieser Korrelation.
Die Geschmücktheit und Akzentuierung, die sie der Persönlichkeit
verleiht, kommt dieser doch nur als Mitglied einer Klasse zu, die sich
gemeinsam durch die Adoptierung der neuen Mode von den andern Klassen
abhebt (sobald die Mode zu diesen andern herabgestiegen ist, wird sie
von jenen verlassen und es kommt eine neue für sie auf); die
Verbreitung der Mode bedeutet das Nivellement der Klasse nach innen zu
und ihr Sich-Herausheben gegenüber allen andern.
Für den Augenblick indes kommt es hier hauptsächlich auf die
Korrelation an, die sich an den Umfang der sozialen Kreise knüpft und
die Freiheit der Gruppe mit der Gebundenbeit des Individuums zu
verbinden pflegt; ein gutes Beispiel davon zeigt das Zusammenbestehen
kommunaler Gebundenheit mit politischer Freiheit, wie wir es in der
russischen Verfassung der vorzarischen Zeit finden.
Besonders in der Epoche der Mongolenkämpfe gab es in Rußland eine
große Anzahl territorialer Einheiten, Fürstentümer, Städte,
Dorfgemeinden, welche untereinander von keinem einheitlichen staatlichen
Bande zusammengehalten wurden und also als Ganze großer politischer
Freiheit genossen; dafür aber war die Gebundenheit des Individuums an
die kommunale Gemeinschaft die denkbar engste, so sehr, daß überhaupt
kein Privateigentum an Grund und Boden bestand, sondern allein die
Kommune diesen besaß.
Der engen Eingeschlossenheit in den Kreis der Gemeinde, die dem
lndividuum den persönlichen Besitz und gewiß auch oft die persönliche
Beweglichkeit versagte, entsprach der Mangel an bindenden Beziehungen zu
einem weiteren politischen Kreise.
Bismarck sagte einmal, in einer französischen Stadt von 200 000
Einwohnern herrsche viel beschränktere Kleinstädterei als in einer
deutschen von 10 000, und begründete dies damit, daß Deutschland aus
einer großen Anzahl kleinerer Staaten besteht.
Offenbar läßt der ganz große Staat der Kommune eine geistige
Selbständigkeit und Geschlossenheit, und wenn ein immerhin relativ
kleines Gemeinwesen sich als Ganzes fühlt, muß jene Bewertung des
Minimalen stattfinden, die eben Kleinstädterei ist.
In einem kleineren Staate kann sich die Kommune mehr als Teil des Ganzen
fühlen, sie ist nicht so auf sich angewiesen, hat nicht soviel
Individualität und entgeht deshalb leichter jenem inneren
vergewaltigenden Nivellement der Individuen, dessen Folge, gemäß
unserer psychologischen Unterschiedsempfindlichkeit, ein gesteigertes
Bewußtsein für die kleinsten und kleinlichsten Vorgänge und
Interessen sein muß.
Innerhalb eines engen Kreises kann man in der Regel die Individualität
nur auf zweierlei Weisen bewahren entweder indem (> 535) man ihn
führt (weshalb starke Individuen manchmal gern »auf dem Dorf der
erste« sind) oder: indem man nur äußerlich in ihm existiert, im
Wesentlichen aber sich von ihm unabhängig hält.
Dieses aber ist nur entweder durch große Charakterfestigkeit oder durch
Schrullenhaftigkeit möglich, wie sie gerade besonders häufig in
kleinen Städten auffällt.
Die Kreise der sozialen Interessen liegen konzentrisch um uns: je enger
sie uns umschließen, desto kleiner müssen sie sein.
Nun ist aber der Mensch nie bloßes Kollektivwesen, wie er nie bloßes
Individualwesen ist; darum handelt es sich hier natürlich nur um ein
Mehr oder Minder und nur um einzelne Seiten und Bestimmungen der
Existenz, an denen sich die Entwicklung vom Übergewicht des einen zu
dem des andern zeigt.
Und diese Entwicklung wird Stadien haben können, in denen die
Zugehörigkeiten zu dem kleinen wie zu dem größeren sozialen Kreise
nebeneinander in charakteristischen Folgen hervortreten.
Während also
die Hingabe an einen engeren Kreis im allgemeinen dem Bestande der
Individualität als solcher weniger günstig ist, als ihre Existenz in
einer möglichst großen Allgemeinheit, ist psychologisch doch zu
bemerken, daß innerhalb einer sehr großen Kulturgemeinschaft die
Zugehörigkeit zu einer Familie die Individualisierung befördert.
Der Einzelne vermag sich gegen die Gesamtheit nicht zu retten; nur indem
er einen Teil seines absoluten Ich an ein paar andre aufgibt, sich mit
ihnen zusammenschließt, kann er noch das Gefühl der Individualität,
und zwar ohne übertriebenes Abschließen, ohne Bitterkeit und
Absonderlichkeit wahren.
Auch indem er seine Persönlichkeit und seine Interessen um die einer
Reihe andrer Personen erweitert, setzt er sich dem übrigen Ganzen
sozusagen in breiterer Masse entgegen.
Zwar der Individualität im Sinne des Sonderlingtums und der
Innormalität jeder Art wird durch ein familienloses Leben in einem
weiten Kreise weiter Spielraum gelassen; aber für die Differenzierung,
die dann auch dem größten Ganzen zugute kommt, die aus der Kraft, aber
nicht aus der Widerstandslosigkeit gegenüber einseitigen Trieben
hervorgeht - für diese ist die Zugehörigkeit zu einem engeren Kreise
innerhalb des weitesten oft von Nutzen, vielfach freilich nur als
Vorbereitung und Übergang.
Die Familie, deren Bedeutung zuerst eine politisch-reale, mit wachsender
Kultur mehr und mehr psychologisch-ideale ist, bietet als
Kollektivindividuum ihrem Mitgliede einerseits eine vorläufige
Differenzierung, die es auf diejenige im Sinne der absoluten
Individualität wenigstens vorbereitet, andrerseits einen Schutz, unter
dem die letztere sich entwickeln kann, bis sie der weitesten
Allgemeinheit gegenüber bestandsfähig ist.
Die Zugehörigkeit zu einer Familie stellt in höheren Kulturen, wo doch
zugleich die Rechte der Individualität und der weitesten Kreise sich
geltend machen, eine Mischung der charakteristischen Bedeutung der engen
und der erweiterten sozialen Gruppe dar. - Es ist schon für die Tierwelt die ganz gleiche Beobachtung gemacht
worden, daß die Neigung zur Familienbildung in umgekehrtem Verhältnis
zur Bildung größerer Gruppen steht; das monogame und selbst polygame
Verhältnis hat etwas so Exklusives, die Sorge für die Nachkommenschaft (> 536)
beansprucht die Eltern in so hohem Maße, daß die
weitergehende Sozialisierung bei derartigen Tieren darunter leidet.
Darum sind die organisierten Gruppen unter den Vögeln
verhältnismäßig selten, während z. B. die wilden Hunde, bei denen
völlige Promiskuität der Geschlechter und gegenseitige Fremdheit nach
dem Akt herrscht, meistens in eng zusammenhaltenden Meuten leben; bei
den Säugetieren, bei denen sowohl familienhafte wie soziale Triebe
herrschen, bemerken wir stets, daß in Zeiten des Vorherrschens jener,
also während der Paarungs- und Erzeugungszeit, die letzteren bedeutend
abnehmen.
Auch ist die Vereinigung der Eltern und der jungen zu einer Familie eine
um so engere, je geringer die Zahl der jungen ist; ich erwähne nur das
bezeichnende Beispiel, daß innerhalb der Klasse der Fische diejenigen,
deren Nachkommenschaft völlig sich selbst überlassen ist, ihre Eier zu
ungezählten Millionen ablegen, während die brütenden und bauenden
Fische, bei denen sich also die Anfänge eines familienhaften
Zusammenhaltes finden, nur wenige Eier produzieren.
Man hat in diesem Sinne behauptet, daß die sozialen Verhältnisse unter
den Tieren nicht von den ehelichen oder elterlichen, sondern nur von den
geschwisterlichen Beziehungen ausgingen, da diese dem Individuum viel
größere Freiheit ließen als jene, und es deshalb geneigter machen,
sich eng an den größeren Kreis anzuschließen, der sich ihm eben
zunächst in den Geschwistern bietet, so daß man das Eingeschlossensein
in eine tierische Familie als das größte Hemmnis für den Anschluß an
eine größere tierische Gesellschaft angesehen hat.
Jene eigentümliche soziologische Doppelrolle der Familie: einmal eine
Erweiterung der eigenen Persönlichkeit zu sein, eine Einheit, in der
man das eigene Blut kreisen fühlt und die allen andern sozialen
Einheiten gegenüber geschlossen und uns als Glied einschließend
auftritt; dann aber doch einen Komplex darzustellen, in dem der Einzelne
sich von allen andern unterscheidet und ein Selbstsein und Gegensatz
gegen sie ausbildet - diese Doppelrolle bewirkt unvermeidlich eine
soziologische Zweideutigkeit der Familie, läßt sie bald als ein
einheitliches Gebilde erscheinen, das wie ein Individuum wirkt, und
damit in größeren und größten Kreisen eine charakteristische
Position einnimmt, bald als ein mittlerer Kreis, der sich zwischen das
Individuum und den sie selbst umfassenden großen Kreis einschiebt.
Die Entwicklungsgeschichte der Familie, wie sie mindestens an einer
Reihe von Punkten noch erkennbar scheint, wiederholt in sich das Schema,
nach dem sie zunächst als der umfassende Kreis auftritt, der die
Lebensperipherie seiner Individuen einschließt, selbst aber von großer
Unabhängigkeit und Geschlossenheit ist; dann aber sich zu einer engeren
Gestaltung zusammenzieht, und dadurch geeignet wird, die Rolle des
Individuums in einem über jene erste erheblich erweiterten
Sozialkreise zu spielen.
Als die Mutterfamilie durch die Geltung der männlichen Macht verdrängt
war, war es zunächst nicht sowohl die Tatsache der Erzeugung durch den
Vater, die die Familie als eine darstellte, als vielmehr die Herrschaft,
die er über eine bestimmte Anzahl von (> 537) Menschen ausübte,
unter denen sich nicht nur seine Leibesnachkommen, sondern Zugelaufene,
Zugekaufte, Angeheiratete und deren ganze Familien usw. befanden und
unter einheitlichem Regimente zusammengehalten wurden.
Aus dieser ursprünglichen patriarchalischen Familie heraus
differenziert sich erst später die jüngete der bloßen
Blutsverwandtschaft, in der Eltern und Kinder ein selbständiges Haus
ausmachen.
Diese war natürlich bei weitem kleiner und individuelleren Charakters
als die umfassende patriarchalische jene ältere Gruppe konnte
allenfalls sich selbst genügen, sowohl zur Beschaffung des
Lebensunterhaltes wie zur kriegerischen Aktion; hatte sie sich aber erst
in kleine Familien individualisiert, so war der Zusammenschluß der
letzteren zu einer nun erweiterten Gruppe, zu der überfamiliären
Gemeinschaft des Staates möglich und erfordert.
Der Platonische Idealstaat hat nur diese Entwicklungsrichtung
fortgesetzt, wenn er die Familie überhaupt aufhob und an Stelle dieses
mittleren Gebildes nur einerseits die Individuen, andrerseits den Staat
bestehen ließ.
Im übrigen ist es eine typische Schwierigkeit des soziologischen
Erkennens, die an jener Doppelrolle der Familie ihr deutlichstes
Beispiel findet: wo nicht einfach eine größere und eine kleinere
Gruppe sich gegenüberstehen, so daß die Stellung des Individuums in
ihnen sich ohne weiteres vergleichen läßt, sondern wo mehrere, sich
immer erweiternde Kreise übereinander gebaut sind, da kann sich das
Verhältnis scheinbar verschieben, insofern ein Kreis im
Verhältnis zu dem einen der engere, im Verhältnis zu einem dritten der
weitere sein kann.
Diesseits des größten, überhaupt noch wirksamen Kreises um uns herum
haben alle in ihm befaßten diesen Doppelsinn: sie funktionieren
einerseits als Einheiten individuellen Charakters, oft unmittelbar als
soziologische Individualitäten, andrerseits, nach ihren Elementen zu,
als Komplexe höherer Ordnung, die vielleicht selbst wieder außer ihren
Individuen noch Komplexe niederer Ordnung in sich schließen.
Es ist eben immer das mittlere Gebilde, das das betreffende
Verhältnis, - innere Kohäsion, äußere Repulsion - dem allgemeineren,
höheren, und dem individuelleren, tieferen Gebilde gegenüber aufweist.
Letzteres ist ein relatives Individuum im Verhältnis zu jenen,
gleichviel ob es im Verhältnis zu noch anderen ein Kollektivgebilde
ist.
Wo also, wie hier, die normale Korrelation zwischen drei, durch ihre
Maße bezeichneten Instanzen gesucht wird: dem primär individuellen
Element, dem engeren und dem weiteren Kreise - da wird unter Umständen
ein und derselbe Komplex, je nach den Beziehungen, in die er tritt, alle
drei Rollen spielen können.
Dies verringert den
Erkenntniswert der Feststellung dieser Korrelation durchaus nicht,
sondern beweist im Gegenteil ihren formalen, jeder inhaltlichen
Bestimmtheit zugänglichen Charakter.
Es gibt natürlich genug soziologische Konstellationen, in denen sich
der Wert der Individualität und das Bedürfnis nach ihr ausschliesslich
auf den einzelnen Menschen zuspitzt, wo sich gegen diesen jeglicher Komplex
Mehrerer unter allen Umständen als die prinzipiell andre Instanz abhebt.
Andrerseits aber zeigte sich doch (> 538) schon, dass der Sinn und
Trieb der Individualität nicht immer an den Grenzen der Einzelpersönlichkeit
Halt macht, dass er etwas Allgemeineres, Formaleres ist, das auch
eine Gruppe als ganze, den Einzelnen gerade als deren Element ergreifen
kann, sobald nur etwas Umfassenderes, Gegensätzliches da ist, an dem
das - jetzt relativ individuelle -Kollektivgebilde sein bewusstes
Fürsichsein, seinen Einzigkeits- oder Unteilbarkeitscharakter gewinnen
kann.
Daraus erklären sich Erscheinungen, die der hier behaupteten Korrelation
zu widersprechen scheinen, wie die folgende aus der Geschichte der Vereinigten
Staaten.
Die anti-föderalistische Partei, die sich zuerst Republikaner,
dann Whigs, dann Demokraten nannte, hat die Selbständigkeit und Souveränität
der Staaten auf Kosten der Zentralisierung und des nationalen Regimentes
verteidigt immer aber mit Berufung auf das Prinzip der individuellen Freiheit,
der Nichteinmischung des Ganzen in die Angelegenheiten des Einzelnen.
Zu einem Widerspruch gegen die Beziehung der individuellen Freiheit
gerade zu dem relativ grossen Kreise ist dabei keine Gelegenheit,
weil das Individualitätsgefühl hier den engeren, viele Einzelne
einschliessenden Kreis mit durchdrungen hat, dieser letztere also
hier dieselbe soziologische Funktion übt, wie sonst das Einzelindividuum.
Die Grenze zwischen den Sphären, die der Individualitätstrieb
erfüllt und denen, die er als seinen Gegensatz fordert ' ist deshalb
prinzipiell gar nicht festzulegen, weil er sich von dem Persönlichkeitspunkt
her auf eine unbestimmte Zahl konzentrischer Gebilde um die Persönlichkeit
herum erstrecken kann; seine Stärke zeigt sich einmal darin, dass
irgendeine von ihm erfüllte Sphäre die ihr benachbarte sofort
als gegensätzlich und antiindividualistisch bestimmt, ein andermal
gerade darin, dass das Unterschiedsbedürfnis nicht so schnell
eintritt und auch diese Nachbarsphäre noch individualistisch gefärbt
wird.
Die politische Gesinnung der Italiener z. B. ist im ganzen ein Regionalismus:
jede Provinz, oft genug jede Stadt ist auf ihre Eigenheiten und Freiheiten
ausserordentlich eifersüchtig, oft unter völligem Gegensatz
gegen andre und völliger Ignorierung vom Wert und Recht des Ganzen.
Danach müsste unsere allgemeine Formel scheinbar schliessen
lassen, dass die Elemente innerhalb dieser einzelnen individualisierten
Abteilungen untereinander kollektivistisch, zur Egalisierung gestimmt wären.
Dies ist aber keineswegs der Fall; sondern die Familien unter sich sind
dann wieder die Individuen unter sich sind von äusserstem Selbständigkeits-
und Unterscheidungsdrang.
Hier wie in dem amerikanischen Fall sind die drei Schichten unserer
Korrelation: die Einzelindividuen, kleinere Kreise aus diesen, eine grosse,
alle umfassende Gruppe - allerdings gegeben.
Allein zu jener charakteristischen Beziehung zwischen der ersten und
der dritten Schicht, unter gemeinsamem Gegensatz gegen die zweite, liegt
keine Veranlassung vor, weil diese zweite für das praktische Bewusstsein
unter den Aspekt der ersten gerückt ist; das Individualitätsgefühl
hat hier gleichsam das Mass des Individuums überschritten und
hat jene soziale Seite der (> 539) Einzelnen mitergriffen, die sich in
der Regel als der Gegensatz zu ihrer individuellen konstituiert.
Dass nun im Allgemeinen in jenem dreigliedrigen Aufbau das erste
und das dritte Glied aufeinander hinweisen und eine gemeinsame Antithese
- in den allerverschiedensten Bedeutungen dieses Wortes - gegen das mittlere
bilden, offenbart sich, nicht weniger als in den objektiven Verhältnissen,
an den Beziehungen der Subjekte zu jenen Instanzen.
Eine persönlich leidenschaftliche Hingabe des einzelnen Menschen
pflegt den engsten und den weitesten Kreisen zu gelten, nicht aber den
mittleren.
Wer sich für seine Familie auf opfert, wird es vielleicht auch
für sein Vaterland tun, vielleicht auch für eine ganz allgemeine
Idee wie »die Menschheit« und die an ihren Begriff geknüpften
Forderungen, vielleicht auch, in den Zeiten, als »die Stadt«
den weitesten praktischen Lebenskreis ausmachte, für seine Stadt und
ihre Ehre.
Für Zwischengebilde aber wird er es schwerlich tun, weder für
seine Provinz, noch für einen Zweckverband; für einen Menschen
oder für die ganz wenigen, die einen Familienkreis bilden, und dann
wieder für unübersehbar Viele mag es geschehen - für einhundert
Menschen aber bringt sich kaum jemand zum Opfer.
Die psychologische Bedeutung der rein räumlichen »Nähe
und Ferne;« korrespondiert durchaus dem übertragenen Sinne ihrer,
wenn sie gerade die ganz »Nahen« und die ganz »Fernen«
unter eine praktisch einheitliche Kategorie rückt.
Es knüpft sich das innigste Herzensinteresse einerseits an denjenigen,
den wir fortwährend vor Augen haben, mit dem unser tägliches
Leben verbunden ist, andrerseits an den, von dem uns weite, unüberbrückbare
Entfernung mit eben so grosser Erregung wie Unbefriedigung der Sehnsucht
scheidet, während eine verhältnismässige Kühle,
ein geringeres Erregen des Bewusstseins demjenigen zukommen wird,
der uns zwar nicht ganz nahe, aber doch auch nicht unerreichbar fern ist.
Die genau gleiche Form wird durch die von einem ausgezeichneten Kenner
Nordamerikas bemerkte Tatsache erfüllt, dass dort die county
geringe Bedeutung habe: it is too large for the personal interest of the
citizens: that goes to the township. It is too small to have traditions
which command the respect or touch the affections of its inhabitants: these
belong to the state.
Diese »Berührung der Extreme« gilt ebenso unter negativem
Vorzeichen.
Die indische Kaste ist endogam; aber innerhalb ihrer gibt es wieder
einen ganz engen Kreis, in dem die Heirat verboten ist.
So gilt die Heiratsmöglichkeit hier - und sonst noch sehr häufig,
ja, in gewissem Sinne vielleicht durchgehend, mindestens für die Praxis
der Eheschliessungen - nur für den engeren Kreis: sowohl der
weiteste wie der allerengste ist ausgeschlossen. Und nun zeigt sich dieser
Modus der Korrelation wieder ebenso in dem historischen Nacheinander: die
Kraft und der Umfang, mit der die Zunft ehemals das Individuum ergriff,
gilt jetzt überhaupt nicht mehr diesem Typus von Kreisen, sondern
einerseits dem engeren Kreis der Familie, andrerseits dem weiteren des
Staates.
Dass die relativ individuellste und die relativ weiteste Gestaltung
sich so aufeinander beziehen, gleichsam über den Kopf der mittleren (>
540) hinweg - das ist die an diesem Punkt erreichte Fundierung der
im Vorhergehenden wie im Folgenden hervortretenden Tatsache, dass
der grosse Kreis die individuelle Freiheit begünstigt, der kleinere
sie einschränkt.
Der Begriff der individuellen Freiheit deckt hier vielerlei, durch
die Mannigfaltigkeit unsrer Interessenprovinzen differenzierte Bedeutungen,
etwa von der Freiheit der Gattenwahl bis zu der Freiheit wirtschaftlicher
Initiative.
Ich führe gerade für diese beiden je ein Beispiel an.
In den Zeiten strenger gruppenmässiger Scheidungen nach Clanen,
Familien, Berufs- und Geburtsständen, Kasten usw. pflegt, den vorgeschrittenen
oder liberalen Zuständen gegenüber, nur ein relativ enger Kreis
zur Verfügung zu stehen, in dem der Mann oder die Frau heiraten kann.
So weit wir aber diese Verhältnisse übersehen und nach gewissen
Analogien der Gegenwart beurteilen können, war die Wahl von den Individuen
aus durchaus nicht diffizil, der geringeren Differenziertheit der Personen
und der ehelichen Verhältnisse entsprach es, dass der
einzelne Mann sich bei äusserlicher Passlichkeit ohne erheblich
spezifische, innere Direktiven und Exklusivitäten von beiden Seiten
fast mit jedem Mädchen des betreffenden Kreises zusammentun konnte.
Diesen Zustand hat nun die gewachsene Kultur nach zwei Seiten hin verschoben.
Der Kreis möglicher Gattenwahl ist ausserordentlich erweitert
durch die Mischung der Stände, die Beseitigung religiöser Schranken,
die Herabsetzung der elterlichen Autorität, die freiere Beweglichkeit
im lokalen wie im sozialen Sinne usw.
Dafür aber ist die individuelle Selektion eine sehr viel strengere,
Tatsache und Recht der ganz persönlichen Neigung, das Bewusstsein,
dass unter allen Menschen diese zwei für einander und nur für
einander »bestimmt« sind - dies ist zu einer, noch für
den Bürgerstand des 18. Jahrhunderts, unerhörten Entwicklung
gekommen.
Ein tieferer Sinn der Freiheit kommt hier auf: individuelle Freiheit
heisst Freiheit, die durch die Individualität beschränkt
ist.
Dem Einzelnen erwächst aus der Einzigkeit seines Wesens eine entsprechende
Einzigkeit dessen, was ihn ergänzen und erlösen kann, eine Eindeutigkeit
der Bedürfnisse, deren Korrelat es ist, dass ein möglichst
grosser Kreis möglicher Wahlobjekte zur Verfügung, stehe;
denn je individueller die Wünsche und inneren Notwendigkeiten sind,
desto unwahrscheinlicher, dass sie in einem eng umgrenzten Gebiet
ihre Befriedigung finden.
In dem früheren Zustand umgekehrt bestand eine viel geringere
Beschränkung durch die Festgelegtheit der Persönlichkeiten: der
Einzelne war von sich aus sehr viel freier, zu welcher Wahl er schreiten
wollte, weil an Stelle zwingender Differenziertheit eine ungefähre
Äquivalenz aller in Betracht kommenden Gegenstände der Wahl bestand;
der Kreis dieser Gegenstände brauchte deshalb kein erheblich umfänglicher
zu sein.
So legte der relativ unentwickelte Zustand zwar dem Individuum eine
soziale Einengung auf, mit der sich aber die negative Freiheit der Undifferenziertheit
verband, das durch die blosse Gleichwertigkeit der Gegenstände
gegebene liberum arbitrium; in den höheren Verhältnissen dagegen
sind die sozialen Möglichkeiten sehr erweitert, aber sie beschränken
sich durch jenen positiven Sinn (> 541) der Freiheit, durch den jede Wahl
der eindeutig determinierte Ausdruck der unverwechselbaren Persönlichkeitsart
ist oder wenigstens der Idee nach sein soll.
Und nun in dem allgemeinen gesellschaftlichen Sinn der Freiheit: der
Feudalismus stellte lauter enge Kreise her, die Individuum an Individuum
banden und eines durch die Verpflichtung gegen das andre beschränkten.
Deshalb war innerhalb des Feudalsystems weder Raum für nationalen
Enthusiasmus oder öffentlichen Geist, noch für individuelle Unternehmungslust
und private Energie; dieselben Bindungen, die es nicht zu den höchsten
geistigen Einheitsgebilden sozialer Art kommen liessen, verhinderten
nach unten hin die Betätigung der individuellen Freiheit.
Gerade darum aber bleibt es eine durchaus treffende und tiefe Begriffsbestimmung,
wenn in der Feudalzeit der »freie« Mann derjenige ist, der
unter Landrecht, d. h. unter dem Recht des weitesten Kreises steht; gebunden,
unfrei ist derjenige, der einem Feudalverband angehört, d. h. sein
Recht aus diesem engeren Kreise, unter Ausschluss von jenem weiteren,
zieht.
Wenn die Freiheit nun auch in die Extreme schwingt und, wie ich oben
andeutete, die grösste Gruppe den extremen Bildungen und Verbildungen
des Individualismus, der misanthropischen Vereinzelung, den barocken und
launenhaften Lebensformen, der krassen Selbstsucht grösseren
Spielraum gewährt, so ist dies doch nur die Folge davon, dass
die weitere Gruppe geringere Ansprüche an uns stellt, sich weniger
um den Einzelnen kümmert und deshalb das volle Auswachsen auch der
perversesten Triebe weniger hindert als die engere.
Die Grösse des Kreises trägt hier negative Schuld, und
es handelt sich sozusagen mehr um Entwicklungen ausserhalb als innerhalb
der Gruppe, zu welch' ersteren die grössere ihren Mitgliedern
mehr Möglichkeit gibt als die kleinere.
Die Bedeutung der Individualität überhaupt geht nach zwei
Seiten auseinander; die eine ist die oben hervorgehobene, die Freiheit,
die Selbstverantwortlichkeit, die dem Menschen in weiten und bewegten sozialen
Umgebungen zukommt, während die kleinere Gruppe im doppelten Sinn
die »enge« ist - nicht nur nach ihrem Umfange, sondern nach
der Beengung, die sie dem Individuum antut, der Kontrolle, die sie über
dieses ausübt, dem geringen Radius der Chancen und der Bewegtheiten,
die sie ihm gestattet.
Die andre Bedeutung der Individualität aber ist die qualitative:
dass der einzelne Mensch sich von den andern einzelnen unterscheide,
dass sein Sein und sein Tun nach Form oder Inhalt oder beiden nur
ihm allein zukomme, und dass dieses Anderssein einen positiven Sinn
und Wert für sein Leben besitze.
Die Ausgestaltungen, die das Prinzip oder das Ideal des Individualismus
in der Neuzeit erfahren hat, unterscheiden sich nach der Akzentuierung
jener ersten oder dieser zweiten Bedeutung seiner.
Das 18. Jahrhundert erstrebte im ganzen die Individualität in
der Form der Freiheit, der Ungebundenheit der persönlichen Kräfte
durch Bevormundungen irgendwelcher Art, ständische oder kirchliche,
politische oder wirtschaftliche.
Dabei aber galt die Voraussetzung, dass die aller historisch-sozialen
Fesselungen entledigten Individuen sich im wesentlichen als einander gleich
zeigen würden, dass »der Mensch schlechthin«, mit
(> 542) aller Güte und Vollkommenheit seiner Natur, in jeder Persönlichkeit
enthalten sei und nur von jenen verzerrenden und ablenkenden Bindungen
befreit zu werden brauchte.
Dass der Mensch, sobald er nur Freiheit hat, sie benutzt, um sich
zu differenzieren, um zu herrschen oder versklavt zu werden, besser oder
schlechter als die andern zu sein, kurzum die ganze Verschiedenheit der
individuellen Kräfte zu entfalten - das entging jenem Individualismus,
für den »Freiheit und Gleichheit« zwei sich friedlich
vertragende, ja, einander fordernde Werte waren.
Es ist aber ersichtlich, wie mit ihm die Sprengung aller engen und
beengenden Einungen verknüpft war teilweise als seine historisch-reale
Wirkung, teilweise mindestens als Sehnsucht und Forderung.
In der französischen Revolution wurde doch sogar den Arbeitern
untersagt, Verbindungen zwecks Erlangung besserer Arbeitsbedingungen einzugehen,
weil eine solche Verbindung die Freiheit des einzelnen Mitgliedes beschränke!
Dieser Individualismus hat deshalb eine durchaus »weltbürgerliche«
Gesinnung zum Korrelat, selbst der nationale Zusammenschluss tritt
hinter der Idee der »Menschheit« zurück, an Stelle der
Partikularrechte der Stände und Kreise steht prinzipiell das Recht
des Individuums, das bezeichnenderweise das »Menschenrecht«
heisst, also dasjenige, das der Zugehörigkeit zu dem weitesten
überhaupt denkbaren Kreise entquillt. - Den andern Sinn der Individualität, dessen oben angedeuteten Widerspruch
gegen diesen das 18. Jahrhundert im ganzen nicht gesehen hat, hat das 19.
ausgebildet, theoretisch vorzüglich in der Romantik, praktisch in
dem Dominieren der Arbeitsteilung.
Dass der Einzelne eine Stelle einnimmt und einnehmen soll, die
er und kein andrer ausfüllen kann; dass diese sozusagen in der
Organisation des Ganzen auf ihn wartet und dass er suchen soll, bis
er sie findet; dass mit dieser Unverwechselbarkeit des Seins und dieser
zugespitzten Differenziertheit der Leistung der personale wie der soziale,
der psychologische wie der metaphysische Sinn der menschlichen Existenz
erfüllt werde - das ist eine Idealbildung des Individualismus, die
offenbar mit jener Idee des »allgemeinen Menschen«, der in
jedem vorhandenen ,gleichmässigen Menschennatur, die nur der
Freiheit zu ihrer Herausstellung bedürfe, gar nichts zu tun hat, ja
ihr grundsätzlich widerspricht: dort liegt der Wertakzent auf dem,
was den Menschen gemeinsam ist, hier auf dem, was sie unterscheidet.
Allein gerade in bezug auf die Korrelation, die ich jetzt zu erweisen
suche, kommen sie überein.
Die Vergrösserung des Kreises, der jener erste Begriff der
Individualität entsprach, begünstigt auch das Aufkommen des zweiten.
Obgleich er nicht auf das Ganze der Menschheit hinsieht, obgleich er
statt der Atomisierung der Gesellschaft in gleichartige und schlechthin
nur »freie« Individuen vielmehr die Einzelnen wegen ihrer arbeitsteiligen
Besonderheiten sich gegenseitig ergänzen und einander bedürfen
lässt, obgleich er historisch statt der freien Weltbürgerschaft
den Nationalismus und einen gewissen Liberalismus begünstigt, so
ist doch auch er an eine relativ erhebliche Grösse der Gruppe
gebunden, in der er entstehen und bestehen kann.
Wie unmittelbar die blosse Erweiterung des Wirtschaftskreises, (> 543) die Vermehrung der Bevölkerung, die räumliche Unbeschränktheit
der Konkurrenz zur Spezialisierung der Leistungen drängt, braucht
nur erwähnt zu werden.
Mit der geistigen Differenzierung ist es nicht anders, und zwar hier
insbesondere, weil diese durch das Zusammenkommen latenter geistiger Anlagen
mit objektiv vorliegenden geistigen Produkten zu entstehen pflegen.
Die unmittelbare Wechselwirkung der Subjekte oder die rein innerliche
Energie des Menschen bringt selten alles heraus, was er an geistiger Besonderheit
besitzt, vielmehr scheint dazu ein gewisser Umfang dessen, was man den
objektiven Geist nennt, zu gehören: die Traditionen und die in tausend
Formen niedergeschlagenen Erfahrungen der Gattung, die Kunst und das Wissen,
die in ergreifbaren Gestalten vorliegen, der ganze Bildungsstoff, den die
geschichtliche Gruppe als etwas Uebersubjektives und doch prinzipiell jedem
Zugängiges besitzt.
Es ist das Eigentümliche dieses allgemein sich darbietenden, in
objektiven Gebilden kristallisierten Geistes, dass er gerade das Material
und die Anregung gibt, die besondere, persönliche Geistesart auszubilden:
es ist das Wesen der »Bildung«, dass unsre rein persönliche
Anlage sich bald als Form jenes objektiv-geistig gegebenen Inhaltes, bald
als Inhalt einer objektiv-geistig gegebenen Form verwirklicht; nur in dieser
Synthese gewinnt unser geistiges Leben seine volle Eigenheit und Personalität,
nur in ihr verkörpert sich fühlbar sein Unverwechselbares und
ganz Individuelles.
Dies ist der Zusammenhang, der die geistigen Differenzierungen an die
Grösse des Kreises heftet, aus dem uns der objektive Geist kommt;
dieser Kreis kann der real-soziale sein, er mag mehr abstrakter, literarischer,
historischer Art sein - immer wird mit seinem Umfang die Chance steigen,
gerade an seinen Darbietungen, so objektiv und allgemein sie seien, die
Besonderheit, die Einzigkeit, das Fürsichsein unsres inneren Lebens
und seine intellektuelle, ästhetische, praktische Produktivität
zu entwickeln. -
Der Individualismus der Gleichheit, der nur dann nicht von vornherein
eine contradictio in adjecto ist, wenn man unter Individualismus die Selbständigkeit
und von keiner engeren sozialen Bindung eingeschränkte Freiheit versteht,
und der Individualismus der Ungleichheit, der die Konsequenz jener Freiheit
auf der Basis der unendlichen Mannigfaltigkeit menschlicher Anlagen zieht
und sie dadurch mit der Gleichheit unverträglich macht - diese beiden
Formen des Individualismus in ihrer fundamentalen Gegensätzlichkeit
finden sich in dem einen Punkte zusammen: dass eine jede die Möglichkeit
ihrer Entwicklung in dem Masse findet, in dem der Kreis um das lndividuum
ihr durch seine quantitative Erweiterung dazu den Raum, die Anregung und
den Stoff gewährt.
Ich komme nun auf den oben angedeuteten Zusammenhang zurück: zwischen
starker Ausbildung und Wertschätzung der Individualität und kosmopolitischer,
das nächste soziale Milieu des Individuums gleichsam überspringender
Gesinnung - und erinnere zunächst an die Lehre der Stoiker.
Während der politisch-soziale Zusammenhang, in dem der Einzelne
steht, noch bei Aristoteles den Quellpunkt der ethischen Bestimmungen bildet,
heftet sich das (> 544) stoische Interesse, was das Praktische betrifft,
eigentlich nur an die Einzelperson, und die Heraufbildung des Individuums
zu dem Ideale, welches das System vorschrieb, wurde so ausschliesslich
zur Ägide der stoischen Praxis, dass der Zusammenhang der Individuen
untereinander nur als Mittel zu jenem idealen individualistischen Zweck
erscheint.
Aber dieser freilich wird seinem Inhalt nach von der Idee einer allgemeinen,
durch alles Einzelne hindurchgehenden Vernunft bestimmt.
Und an dieser Vernunft, deren Realisierung im Individuum das stoische
Ideal bildet, hat jeder Mensch teil; sie schlingt, über alle Schranken
der Nationalität und der sozialen Abgrenzung hinweg, ein Band der
Gleichheit und Brüderlichkeit um alles, was Mensch heisst.
Und so hat denn der Individualismus der Stoiker ihren Kosmopolitismus
zum Komplement; die Sprengung der engeren sozialen Bande, in jener Epoche
nicht weniger durch die politischen Verhältnisse wie durch theoretische Überlegung
begünstigt, schob den Schwerpunkt des ethischen Interesses
einerseits nach dem Individuum hin, andrerseits nach jenem weitesten Kreise,
dem jedes menschliche Individuum als solches angehört.
Die historische Wirklichkeit ist diesem Schema in unzähligen Abwandlungen
gefolgt.
Wenn der mittelalterliche Ritter mit seiner Lebensrichtung auf das
ganz Individuelle der Bewährung und Geltung einen entschieden kosmopolitischen
Zug verband, wenn sein Auf-sich-selbst-Gestelltsein den Formen Raum gab,
die eine europäische Ritterschaft über alle nationalen Grenzen
hinweg schufen - so waren mit dieser Formel auch die Richtungen bezeichnet,
die im alten deutschen Kaiserreich überhaupt lebendig wurden und es
schliesslich auflösten.
Denn es ging zugrunde, einerseits durch den Partikularismus seiner
Bestandteile, andrerseits durch die bindenden Beziehungen zu den übrigen
Bestandteilen der gesamteuropäischen Politik, durch Zusammenziehung
und Ausdehnung, die das nationale Zwischengebilde zersprengten.
Jener Partikularismus war eben schon an und für sich durch die
gleiche, wenn auch in eine andre Dimension erstreckte Konstellation hervorgerufen.
Wo nämlich schon differenzierte oder auf Differenzierung angelegte
Elemente in eine umfassende Einheit zusammengezwungen werden, da ist gerade
oft gesteigerte Unverträglichkeit, stärkere gegenseitige Repulsion
die Folge davon; der grosse gemeinsame Rahmen, der doch einerseits
Differenzierung fordert, um als solcher bestehen zu können, bewirkt
andrerseits eine gegenseitige Reibung der Elemente, eine Geltendmachung
der Gegensätze, die ohne dies Aneinanderdrücken innerhalb der
Einheit nicht entstanden wäre.
Die Vereinheitlichung in einem grossen Gemeinsamen ist das, wenngleich
vorübergehende Mittel zur Individualisierung und ihrem Bewusstwerden.
So hat gerade die weltherrschaftliche Politik des mittelalterlichen
Kaisertums den Partikularismus der Völker, Stämme und Fürsten
erst entfesselt, ja ins Leben gerufen; die beabsichtigte und teilweise
durchgeführte Zusammenfassung in einem grossen Ganzen hat dasjenige,
was sie freilich dann zu sprengen berufen war: die Individualität
der Teile - erst erschaffen, gesteigert, bewusst gemacht.
In anschaulicherer Gestaltung ist die Kultur der italienischen (> 545)
Renaissance dieser Norm gefolgt.
Sie bildete einerseits die vollkommene Individualität aus, andrerseits
die weit über die Grenzen der engeren sozialen Umgebung hinausgehende
Gesinnung und Gesittung; dies spricht sich direkt z. B. im Worte Dantes
aus, dass - bei all seiner leidenschaftlichen Liebe zu Florenz - ihm
und Seinesgleichen die Welt das Vaterland sei, wie das Meer den Fischen;
indirekt und gleichsam a posteriori beweist es sich dadurch, dass
die Lebensformen, die die italienische Renaissance schuf, von der ganzen
gebildeten Welt angenommen worden sind, und zwar gerade, weil sie der Individualität,
welcher Art sie auch immer sei, einen vorher ungeahnten Spielraum gaben.
Als Symptom dieser Entwicklung nenne ich nur die Geringschätzung des
Adels in dieser Epoche.
Der Adel ist nur so lange von eigentlicher Bedeutung, als er einen
sozialen Kreis bezeichnet, der, in sich eng zusammengehörend, sich
um so energischer von der Masse aller andern, und zwar nach unten und nach
oben abhebt; seinen Wert zu leugnen, bedeutet das Durchbrechen beider Kennzeichen,
bedeutet einerseits die Erkenntnis vom Werte der Persönlichkeit, gleichviel
welchem Geburtskreise sie angehört, andrerseits eine Nivellierung
gegenüber denjenigen, über die man sich sonst erhoben hat.
Beides findet sich in der Literatur der Renaissance vorbehaltlos ausgesprochen.
-> Exkurs über den Adel
Das größte weltgeschichtliche Beispiel endlich für die Korrelation zwischen der sozialen Erweiterung und der individuellen Zuspitzung des Lebens nach Inhalten und Formen zeigt das Aufkommen der Geldwirtschaft.
Die Naturalwirtschaft erzeugt kleine, relativ in sich geschlossene Wirtschaftskreise; schon die Schwierigkeit des Transportes beschränkt deren Umfang und entsprechend läßt die Technik der Naturalwirtschaft es nicht zu einer erheblichen Differenzierung und Individualisierung der Betätigungen kommen.
Die Geldwirtschaft ändert diesen Zustand nach zwei Seiten hin.
Die allgemeine Akzeptiertheit des Geldes sowie seine leichte Transportfähigkeit, schließlich seine Sublimierung im Giroverkehr und Wechselversand (> 553) lassen seine Wirkungen in unbegrenzbare Fernen ausgreifen und schaffen schließlich aus der gesamten Kulturwelt einen einzigen Wirtschaftskreis mit ineinandergreifenden Interessen, sich ergänzenden Produktivitäten, gleichartigen Usancen.
Und auf der andren Seite bewirkt das Geld eine ungeheure Individualisierung der wirtschaftenden Menschen: die Form des Geldlohnes macht den Arbeiter unendlich viel unabhängiger, als jede irgend naturalwirtschaftliche Entlohnung, der Geldbesitz gibt dem Menschen eine früher unerhörte Bewegungsfreiheit, die liberalen Normen, die regelmäßig mit der Geldwirtschaft verbunden sind, stellen den Einzelnen in freien Konkurrenzkampf gegen jeden andern, endlich erzwingt diese Konkurrenz ebenso wie jene Ausdehnung des Wirtschaftskreises eine sonst gar nicht in Frage kommende Spezialisierung der Tätigkeit, auf die Spitze getriebene Einseitigkeiten ihrer, die nur durch die Ausgleichungen im Rahmen eines ganz großen Kreises möglich sind.
Innerhalb der Wirtschaft ist das Geld das Band, das die maximale Ausdehnung der wirtschaftlichen Gruppe mit der maximalen Differenzierung ihrer Mitglieder, nach der Seite der Freiheit und Selbstverantwortlichkeit, wie nach der der qualitativ-arbeitsteiligen Differenzierung, in Beziehung setzt; oder richtiger, das Geld entwickelt die kleinere, geschlossenere, in sich gleichartigere Gruppe der Naturalwirtschaft in eine andre, deren einheitlicher Charakter in die beiden Aspekte der Erweiterung und der Individualisierung auseinandergeht.
Die politischen Entwicklungen verwirklichen diese Konstellation auf einer großen Zahl singulärer Gebiete, freilich unter mannigfachen Variierungen des Grundverhältnisses.
Etwa so, daß von dem kleineren, eng sozialisierten Kreis. nicht ein pari-passu-Fortschritt zu der großen Gruppe und der Differenzierung der Persönlichkeiten erfolgt, sondern eine Wahl und Alternierung: der Akzent des entwickelteren Zustandes fällt entweder auf die Herstellung einer umfassenden Allgemeinheit und die Bedeutungssteigerung der Zentralorgane oder auf die Verselbständigung der einzelnen Elemente.
Oder auch, die Erweiterung des Kreises steht mit der Ausbildung der Persönlichkeit nicht für die Angehörigen des Kreises selbst im Zusammenhang, wohl aber mit der Idee einer höchsten Persönlichkeit, an die gleichsam der individuelle Wille abgegeben wird.
Ich führe einige Beispiele aus den verschiedenen Gebieten der Politik an.
Auf dem agrarischen hat die Auflösung des bäuerlichen Gemeinbesitzes seit dem Ende des Mittelalters sich in diesen Formen vollzogen.
Die sich entwickelnden zentralistischen Staaten schlugen den Gemeindebesitz, die gemeine Mark, einesteils als öffentliches Gut zum Staatsbesitz, gliederten sie dem Verwaltungsorganismus des Staatsganzen an; andernteils, soweit dies nicht geschah, teilten sie sie unter die Berechtigten als Privatbesitz auf.
Und in dieser letzteren Tatsache für sich machen sich wiederum die beiden auf das Individuelle und auf das Allgemeinste gleichzeitig gehenden Tendenzen merkbar: denn diese Aufteilung wurde einerseits von römischen Rechtsbegriffen mit ihrer Inthronisierung der Individualinteressen geleitet, andrerseits von der Vorstellung, daß die Gemein- (> 554) heitsteilung zum Besten der Landeskultur, also gerade wieder der größten Allgemeinheit gereiche.
Unter sehr andern materialen und Gesamtverhältnissen hat noch im 19. Jahrhundert eine Phase aus der Geschichte der Allmend, des Kollektivbesitzes der schweizerischen Gemeinden, die gleiche Form gezeigt.
Insoweit die Allmenden in den Besitz von Teilgemeinden, Orts- und Dorfkorporationen übergegangen sind, sind sie in einigen Kantonen (Zürich, St. Gallen u. a.) von der Gesetzgebung mit der Tendenz behandelt, dieselben entweder an die einzelnen Genossen aufzuteilen, oder an größere Landgemeinden übergehen zu lassen, weil jene kleinsten Verbände eine zu geringe personale und territoriale Basis besäßen, um ihren Besitz für das öffentliche Wesen recht fruchtbar werden zu lassen.
Die oben hervorgehobene Form agrarpolitischer Maßnahmen ist in der nach-mittelalterlichen Entwicklung in Deutschland auf das Gebiet der inneren Politik überhaupt verbreitert.
Die Obrigkeiten behandelten die Sonderkreise der sich gegeneinander und gegen das Ganze abschließenden Einungen mit der differenzierten Tendenz: sie einerseits zu rein privatrechtlichen Gebilden zu machen, die eine persönliche Angelegenheit individueller Teilnehmer wären, andrerseits sie zu Staatsanstalten zu erheben.
Diese Korporationen, die die mittelalterliche Gesellschaft dominiert hatten, waren allmählich derartig erstarrt und verengert, daß das öffentliche Leben in eine inkohärente Summe egoistischer Teilgruppen zu zerfallen drohte. Ihnen gegenüber und sie auflösend setzte sich nun mit Beginn der Neuzeit der Gedanke der allumfassenden Allgemeinheit durch, und zwar in der Form des fürstlichen Absolutismus, von dem, seinem Prinzip nach, das »gleiche Gesetz für alle« ausging, d. h. die Lösung des Individuums einesteils von den Hemmungen seiner Praxis durch die Privilegien von Korporationen, andrerseits von den Vorrechten, die es selbst als Mitglied solcher genoß, die es aber doch in eine oft unnatürliche Vereinigtheit mit den Genossen zwangen.
Es handelte sich also ganz grundsätzlich darum, die engen, in sich homogenen, sozusagen mittleren Verbände, deren Vorherrschaft den früheren Zustand bezeichnet hatte, zu zerstören, um die Entwicklung zum Staate aufwärts und zu der unpräjudizierten Freiheit des Individuums abwärts zu führen.
Daß dieser Staat wiederum seine praktische Wirksamkeit in der Form der höchsten Personalität, des unbeschränkten Herrschers, fand, ist so wenig eine Gegeninstanz gegen das fundamentale Schema, daß dieses sich vielmehr in einer außerordentlich großen Zahl von Fällen gerade so verwirklicht, und zwar sowohl im Nacheinander wie im Zugleich.
Dies ist der oft betonte Zusammenhang, den die Geschichte zwischen Republikanismus und Tyrannis, zwischen Despotismus und Nivellement gezeigt hat.
Alle Verfassung, die ihren Charakter von der Aristokratie oder der Bourgeoisie entlehnt, kurz, die dem sozialen und politischen Bewußtsein eine: Mehrzahl aneinander grenzender engerer Kreise bietet, drängt, sobald sie überhaupt über sich hinaus will, einerseits nach der Vereinheitlichung in einer persönlichen führenden Gewalt, andrerseits zum Sozialismus mit anarchischem Anstrich, der mit dem Auslöschen aller Unterschiede das absolute Recht der freien (> 555) Persönlichkeit herstellen will.
Die Sprengung der engen Gruppenbeschränkung innerhalb eines irgendwie zusammengehörigen Ganzen hat eine so strikte Beziehung zu der Akzentuierung der Individualität, daß ebensowohl die Einheit einer herrschenden Persönlichkeit wie die individuelle Freiheit aller Gruppenelemente sich, nur wie zwei Variationen des gleichen Motives, an sie ansetzt.
Von politischen Aristokratien, die immer nach dem soziologischen Typus der geschlossenen und streng begrenzten Kreise gebaut sind, hat man bemerkt, daß sie in größeren Verhältnissen oft keine erheblichen kriegerischen Erfolge haben; und dies mag auf ihre Aversion gegen jene beiden Instanzen zurückgehen, die, in der Alternative oder im Zugleich, zu ihrer Ablösung bestimmt sind: sie scheuen sich einerseits, das Gesamtvolk zu Erhebung und vereinigter Aktion aufzurufen, sie sind andrerseits mißtrauisch gegen einzelne Generale mit weiten Vollmachten und großen Erfolgen.
So entschieden ist die Korrelation zwischen der volonté générale und der Autokratie, daß sie oft genug als offizieller Deckmantel für Absichten, die schließlich auf die Unterdrückung der ersteren gehen, benutzt worden ist.
Als der Earl of Leicester zum Generalstatthalter der Niederlande berufen war (1586), strebte er zu einer unumschränkten Herrschaft, über die Köpfe der engeren, bis dahin dominierenden Körperschaften, der Generalstaaten und der Provinzialstände, hinweg; und zwar unter dem Vorgeben unbedingt demokratischer Prinzipien - der Volkswille sei der absolute Herrscher, und er habe Leicester berufen.
Ausdrücklich aber wird dabei hervorgehoben, daß Kaufleute und Advokaten, Bauern und Handwerker überhaupt dicht in das Regiment hineinzureden, sondern einfach zu gehorchen hätten.
Es wurde also die - vorgeblich - nivellierende Demokratisierung so weit getrieben, daß sowohl die höheren wie die niederen Stände entrechtet wurden und nur die ideelle Einheit des abstrakten »Volkes überhaupt« übrig blieb; und die Gegner sprachen es sehr bald aus, daß dieser neu entdeckte Begriff des »Volkes« nur bezwecke, dessen unbedingte Souveränität auf einen Mann zu übertragen.
Weitere Ausgestaltungen wiederum gewinnt unser Grundverhältnis in der Kommunalpolitik.
Schon im Mittelalter zeigte sich in den englischen Städten das Verhältnis, daß die größeren durch einzelne Korporationen oder Magnaten beherrscht wurden, während in den kleineren das Volk als Ganzes die Herrschaft hatte.
Dem kleineren Kreise entspricht eben eine Homogeneität der Elemente, die die Gleichmäßigkeit ihres Anteils an der Herrschaft trägt, im größeren aber auseinandergetrieben wird und auf der einen Seite die bloße Masse privater Individuen, auf der andern die herrschende Einzelpersönlichkeit
läßt.
In einer gewissen rudimentären Form zeigt die Verwaltung der nordamerikanischen Städte das gleiche Schema.
Solange die Städte klein sind, hat sich als der geeignetste Modus ergeben, daß ihre Ämter durch je eine Mehrheit von Personen geleitet werden; wachsen sie aber zu Riesenstädten an, so sei es zweckmäßiger, das Amt nur je einer Person anzuvertrauen.
Die großen Verhältnisse fordern für ihre Repräsentation und Leitung die individuelle, voll verantwortliche Persönlichkeit; der kleinere Kreis (> 556) konnte sich in undifferenzierterer Weise selbst verwalten, indem immer eine größere Anzahl seiner Elemente unmittelbar am Ruder war.
So entspricht dieser soziologische Unterschied durchaus der Entwicklung, mit der die allgemeine politische Tendenz der Einzelstaaten der Union den hier zu erweisenden Grundtypus belegt: jene soll in den letzten Jahrzehnten durchaus auf eine Schwächung des Parlamentarismus losgehen, und ihn nach zweierlei Richtungen hin ersetzen: einmal durch unmittelbares Plebiszit, andrerseits durch monarchische Einrichtungen, durch Uebergabe der Gewalt an Einzelpersonen.
Endlich gibt die kirchliche Politik Beispiele, die ihre Analogie schon in rein religiösen Entwicklungen finden.
Der Polytheismus des Altertums hatte viele von den Zügen, die ich hier im Begriff der »engeren Gruppe« zusammengefaßt habe.
Die Kulte setzten sich meistens mit scharfen, innerlichen wie lokalen Grenzen gegeneinander ab, die Kreise der Gläubigen waren zentripetal, oft gleichgültig, oft feindselig gegeneinander; die Götter selbst waren oft aristokratisch rangiert, mit komplizierten über- und Unterordnungen und getrennten Wirksamkeitssphären.
Dieser Zustand führte zu Beginn unsrer Zeitrechnung im Gebiet der klassischen Kultur zum Monotheismus, zur Inthronisierung eines einzigen und persönlichen Gottes, der nun die Machtgebiete jener singulären und getrennten in sich vereinigte; und dies bedeutet - indem unsre Korrelation an diesem Punkte fast als logische Notwendigkeit auftritt -, daß die Schranken zwischen den Kreisen der Gläubigen fielen, daß ein Hirt und eine Herde wurde, daß im Religiösen ein »großer Kreis« entstand, dessen Mitglieder in völligem Nivellement, in der »Gleichheit vor Gott« standen.
Die Bindung der religiösen Gemeinschaft an die politische - dieses Kennzeichen der vorchristlichen Religiosität -, die Zentrierung der religiösen Gruppe um den ihr allein gehörigen Sondergott, der beliebig vielen andern neben sich Raum gab, fiel fort.
Damit aber zugleich die der politischen homogene Solidarität dieser Gruppe, die Religion als politisch-soziale Pflicht, die Haftbarkeit jedes Elementes für Verfehlungen der Gemeinsamkeit gegen ihren Gott.
Es entstand das religiöse Individuum mit seiner unbedingten Selbstverantwortlichkeit, die Religiosität des »Kämmerleins«, die Unabhängigkeit von jeglicher Bindung an Welt und Menschen gegenüber der einen, die in der unabgelenkten, unvermittelten Beziehung der Einzelseele zu ihrem Gott gegeben war - zu dem Gotte, der darum nicht weniger, ja gerade deshalb der »ihre« war, weil er gleichmäßig der Gott aller war.
Die Individualität innerhalb der nivellierten großen Allgemeinheit, wie sie aus der Auflösung und Zusammenschmelzung aller früheren Sonderkreise entstand, war das Gegenbild der absoluten und einheitlichen Persönlichkeit des Gottes, der aus der gleichen Analyse und Synthese aller früheren Einzelgötter erwachsen war.
Und diese Entwicklungsform, die das Christentum in seiner ursprünglichen Reinheit zeigte, wiederholte sich noch einmal an der Politik der katholischen Kirche.
Auch in ihr erhob sich von neuem die Tendenz zur Bildung gesonderter Kreise, scharfer Rang- und Interessenab- (> 557) grenzungen, eine Aristokratie des Klerus über den Stand des Laien.
Aber schon Gregor VII. vereinigte mit der Absolutheit seines individuellen Machtstrebens eine entschiedene Demagogie, die die stärksten Gegensätze zusammenführte und über den Kopf der exklusiven aristokratischen Bischöfe hinwegging.
Nachdem der Zölibat diese Bestrebung aufs wirksamste unterstützt hatte - denn der verheiratete Priester hätte einen Rückhalt an einem engeren Kreise gehabt und so viel eher eine geschlossene Opposition in der Kirche erzeugt, während er so in seiner individuellen Isoliertheit vorbehaltlos dem unbedingt Allgemeinen anheimfiel -, nahm der Jesuitismus sie mit dem größten Erfolge auf.
Denn allenthalben hat er die ständische Neigung des Klerus bekämpft, hat den universellen Charakter des Priesters betont, der ihn mit den Gläubigen aller Stände sich eins fühlen läßt, und hat im Gegensatz zu jeder aristokratischen Kirchenverfassung einerseits eine einheitliche Nivellierung aller Gläubigen, andrerseits einen päpstlichen Absolutismus zu Zielpunkten.
Man könnte vielleicht das ganze Verhältnis, das hier gemeint ist, und das in den mannigfachsten Modis des Zugleich, des Nacheinander, des Entweder-Oder Gestalt gewinnt, symbolisch so ausdrücken, daß die engere Gruppe gewissermaßen eine mittlere Proportionale zwischen der erweiterten und der Individualität bildet, so daß jene, in sich geschlossen und keines weiteren Faktors bedürfend, das gleiche Resultat der Lebensmöglichkeit ergibt, das aus dem Zusammen der beiden letzteren hervorgeht.
Ich wähle jetzt einige Beispiele aus dem Rechtsleben, und zwar aus Gebieten von absoluter historisch-materialer Differenz.
So hatte etwa die Allgewalt des römischen Staatsbegriffes zum Korrelat, daß es neben dem ius publicum ein ius privatum gab; die für sich ausgeprägte Verhaltungsnorm jenes allumfassenden Ganzen forderte eine entsprechende für die Individuen, die es in sich schloß.
Es gab nur die Gemeinschaft im größten Sinne einerseits und die einzelne Person andrerseits; das älteste römische Recht kennt keine Korporationen, und dieser Geist bleibt ihm im allgemeinen.
Umgekehrt gab es im deutschen Recht keine andern Rechtsgrundsätze für die Gemeinschaft wie für die Einzelnen; aber diese Allgemeinheiten sind nun auch nicht die allumfassenden des römischen Staates, sondern kleinere, durch die wechselnden und mannigfaltigen Bedürfnisse der Einzelnen hervorgerufene.
In kleineren Gemeinwesen bedarf es nicht jener Abtrennung des öffentlichen Rechts vom privaten, weil das Individuum in ihnen inniger mit dem Ganzen verbunden ist.
Als eine einheitliche Entwicklung zeigt sich diese Korrelation an dem Recht der Blutrache, z. B. in Arabien.
Das Wesen dieser beruht durchaus auf der Solidarität scharf begrenzter Stammesgruppen und auf ihrer Autonomie: sie galt dem ganzen Stamme oder der Familie des Mörders und wurde von dein ganzen Stamme oder der Familie des Ermordeten vollzogen.
Dem gegenüber ging Mohammeds Tendenz mit voller Klarheit auf die hier behauptete Auseinanderlegung.
Ueber jener Sondergruppe und sie durch die gemeinsame Religion nivellierend, sollte sich eine natio- (> 558) nale oder staatliche Allgemeinheit erheben, von der das Rechtsurteil ausginge, die das partikulare Interessenrecht durch eine höchste, allseitig anerkannte Autorität ersetzte; und entsprechend sollte das Urteil nun auch das schuldige Individuum für sich allein treffen, die Kollektivverantwortlichkeit der Sondergruppe sollte fortfallen: die größte Allgemeinheit und die individuell umschriebene Persönlichkeit standen sich jetzt, als die Differenzierungsprodukte jener mittleren Gebilde, allein gegenüber.
Mit derselben Klarheit, wenn auch an völlig verschiedenem Inhalte, tritt dieser Formtypus. als Stadienfolge einer einheitlichen Reihe im alten Rom auf, als die Entwicklung dort die patriarchalische Familiengruppierung sprengte.
Wenn die bürgerlichen Rechte und Pflichten in Krieg und Frieden nun ebenso den Söhnen zukamen wie dem Vater, wenn die ersteren persönliche Bedeutung, Einfluß, Kriegsbeute usw. erwerben konnten, so war damit in die patria potestas ein Riß gekommen, der das patriarchalische Verhältnis immer weiter spalten mußte, und zwar zugunsten der erweiterten staatlichen Zweckmäßigkeit, des Rechtes des großen Ganzen über jedes seiner Mitglieder, aber auch zugunsten der Persönlichkeit; denn sie konnte aus dem Verhältnis zu diesem Ganzen eine Geltung gewinnen, die das patriarchalische Verhältnis unvergleichlich eingeschränkt hatte.
Endlich vollzieht sich der formal gleiche Prozeß in einer eigentümlich gemischten Erscheinung, aus der er nur bei genauer Festhaltung des Grundgedankens herauszuerkennen ist.
Bis zu den Normannenzeiten scheint in England dem einzelnen sheriff, dem königlichen Richter, je eine Gemeinde dauernd zugewiesen worden zu sein, so daß die Rechtsprechung eine gewisse lokale Färbung oder Gebundenheit hatte, in der das Interesse der Gemeinde und das des Staates sich verschmolzen.
Beides tritt aber seit der Mitte des 12. Jahrhunderts auseinander: die königliche Jurisdiktion wird nun von den Richterkommissionen, die große Gebiete durchreisten, vollzogen und so ersichtlich in einer viel höher allgemeinen, lokal ungebundeneren Weise, während die Gemeindeinteressen durch die wachsende Bedeutung der lokalen Jury wahrgenommen wurden.
Die Gemeinde in ihren rein inneren Interessen vertrat hier die Rolle des Individuums in unsrer Korrelation, sie war ein soziales Individuum, dessen Rechtsleben sich früher mit dem der staatlichen Allgemeinheit in einer undifferenzierteren Einheit abgespielt hatte, nun aber ein reineres Für-sich-Sein gewann und mit diesem neben dem, nun um ebensoviel reiner ausgestalteten Recht der großen Allgemeinheit, oder auch ihm gegenüber, stand.
Es ist nur eine Folge des Gedankens einer solchen Beziehung zwischen Individuellem und Sozialem, wenn wir sagen: je mehr statt des Menschen als Sozialelementes der Mensch als Individuum und damit diejenigen Eigenschaften, die ihm bloß als Menschen zukommen, in den Vordergrund des Interesses treten, desto enger muß die Verbindung sein, die ihn gleichsam über den Kopf seiner sozialen Gruppe hinweg zu allem, was überhaupt Mensch ist, hinzieht und ihm den Gedanken einer idealen Einheit der Menschenwelt nahe legt.
Es braucht an dieser Tendenz nicht irre zu machen, wenn (> 559) sie im Erfassen dieser letzteren Idee, das eigentlich logisch erfordert ist, noch durch allerhand historische Beschränkungen gehemmt wurde.
So finden wir bei Plato einerseits ein Interesse am rein Individuellen, an der Vollendung der Einzelpersönlichkeit, das sich zum Freundschaftsideal verbreitert, andrerseits eines an der reinen Staatlichkeit, unter völliger Vernachlässigung der dazwischen liegenden Vereinigungen und der von diesen getragenen Interessen.
Die Art, wie er die Bildung und Betätigung des einzelnen Menschen, den Wert seiner Seele als selbständigen Sondergebildes betont, sollte konsequenterweise auch die letzte Schranke, die der griechisch-staatlichen Form, sprengen, wie es bei andern Philosophen seiner Epoche auch geschah; es ist nur die Zufälligkeit seiner politischen Tendenzen und national-griechischen Gesinnung, die ihn hindert, die eigentliche Folgerung aus seiner Idealbildung für das Individuum zu ziehen: daß jenseits dieses nur die ganze Menschheit als Kollektivwert stehen darf.
Ähnlich liegt es, wenn am Christentum die absolute Konzentrierung aller Werte auf die Seele und ihr Heil herausgehoben und dabei doch das Band verkannt wird, das hiermit zwischen dem Christentum und der Gesamtheit aller menschlichen Existenzen geknüpft wird, dieser auf die ganze Menschheit ausgehende Vereinheitlichungs- und Angleichungsprozeß (wie abgestuft auch die Gleichheit sei) vielmehr an der Zugehörigkeit zur Kirche seine harte Schranke findet - wie etwa Zwingli erklärte, daß alle Orden, Sekten, Sondervereinigungen usw. fortfallen müßten, weil alle Christenmenschen Brüder seien - aber eben nur diese.
In ganz konsequenter Weise dagegen ist der extreme Individualismus häufige Verbindungen mit der Lehre von der Gleichheit aller Menschen eingegangen.
Es liegt psychologisch nahe genug, daß die furchtbare Ungleichheit, in welche der Einzelne in gewissen. Epochen der Sozialgeschichte hineingeboren wurde, die Reaktion nach zwei Seiten hin entfesselte: sowohl nach der Seite des Rechtes der Individualität, wie nach der der allgemeinen Gleichheit; denn beides pflegt im gleichen Grade den größeren Massen zu kurz zu kommen.
Nur aus diesem zweiseitigen Zusammenhange heraus ist eine Erscheinung wie Rousseau zu verstehen.
Die steigende Entwicklung der allgemeinen Schulbildung zeigt dieselbe Tendenz: sie will die schroffen Unterschiede der geistigen Niveaus beseitigen und gerade durch die Herstellung einer gewissen Gleichheit jedem Einzelnen die früher versagte Möglichkeit zur Geltendmachung seiner individuellen Befähigungen gewähren.
Ich habe oben schon von der Form gesprochen, die unsere Korrelation in der Idee der »Menschenrechte« angenommen hatte.
Der Individualismus des 18. Jahrhunderts wollte nur Freiheit, nur Aufhebung jener »mittleren« Kreise und Zwischeninstanzen, die den Menschen von der Menschheit trennten, d. h. die Entwicklung jenes reinen Menschentums hinderten, das in jedem Individuum den Wert und Kern seiner Existenz beide, nur überdeckt und vereinseitigt durch die historischen Sondergruppierungen und Sonderbindungen.
Sobald das Individuum also wirklich auf sich gestellt wird, auf das Letzte und Wesentliche in ihm selbst, so steht es auf der gleichen (> 560) Basis wie jedes andre, die Freiheit offenbart die Gleichheit; die Individualität, die wirklich eine solche, und nicht durch soziale Vergewaltigungen abgelenkt ist, repräsentiert die absolute Einheit des Menschengeschlechts und ist in sie eingeschmolzen.
Es bedarf keiner Ausführung, wie diese theoretisch-ethische Ueberzeugung des 18. Jahrhunderts sich aus durchaus praktisch-realen Zuständen aufarbeitete und eine unabsehliche Wirksamkeit auf eben diese gewann.
Jener spätere Sinn des Individualismus: daß die Tatsächlichkeit der menschlichen Natur ein Anderssein an Qualität und an Wert eines jeden gegenüber einem jeden enthalte und daß die Entwicklung und Steigerung dieses Andersseins die sittliche Forderung sei - dieser Sinn ist freilich unmittelbar die Verneinung jeder Gleichheit.
Denn ganz unzulässig scheint es mir, gerade daraus eine Gleichheit zu konstruieren, daß jeder so gut wie jeder andre ein Besonderer und Unvergleichlicher ist.
Denn daß er dies ist, ist ja gar keine positive, ihm für sich eigene Qualität, sondern entsteht gerade nur in der Vergleichung mit den andern, welche anders sind, nur im Urteil des Subjekts, das in dem einen das nicht findet, was es im andern gefunden hat.
Am unmittelbarsten leuchtet dies bei der Vergleichung nur zweier Objekte ein: der schwarze Gegenstand und der weiße Gegenstand haben ersichtlich nicht darin eine gemeinsame Qualität, daß jener nicht weiß und dieser nicht schwarz ist.
Liegt also inbezug auf die Gleichheit des Menschengeschlechts bei qualitativer Singularität der Einzelnen nur ein sophistischer Wortmißbrauch vor, so ist doch das Ideal der Einheit des Menschengeschlechts mit dieser Voraussetzung keineswegs unvereinbar.
Denn man kann die Verschiedenheit der Individuen, auch wenn sie weder eine wirtschaftliche Produktion noch überhaupt eine unmittelbare Kooperation aller bedeutet, als eine Art Arbeitsteilung auffassen.
Dies geht freilich in die Spekulationen soziologischer Metaphysik über.
Je unvergleichbarer der Einzelne ist, je mehr er seinem Sein, seinem Tun und seinem Schicksal nach an einer nur durch ihn ausfüllbaren, in der Ordnung des Ganzen nur ihm vorbehaltenen Stelle steht, desto mehr ist dieses Ganze als eine Einheit zu fassen, ein metaphysischer Organismus, an dem jede Seele ein Glied ist, mit keinem andern vertauschbar, aber alle andern und ihre Wechselwirkung für das eigene Leben voraussetzend.
Wo das Bedürfnis besteht, die Gesamtheit der seelischen Existenz in der Welt als eine Einheit zu empfinden, wird durch diese individuelle Differenziertheit, in der sich die einzelnen Wesen notwendig ergänzen, einander bedürfen, jedes den Platz ausfüllt, den alle andern ihm lassen - durch diese wird jenem Einheitsbedürfnis und dadurch der Erfassung der Daseinstotalität eher genügt, als durch die Gleichheit der Wesen, bei der im Grunde jedes an Stelle eines jeden treten könnte und der Einzelne dadurch eigentlich überflüssig und ohne rechten Zusammenhang mit dem Ganzen erscheint.
Das Gleichheitsideal indes, das in einem ganz andern Sinn die äußerste Individualisierung mit der äußersten Erweiterung des Kreises zueinander gehöriger Existenzen vereinigt, ist durch nichts mehr gefördert worden als durch die christliche Lehre von der unsterblichen und unendlich (> 561) wertvollen Seele.
Die ihrem Gotte gegenüber auf sich allein gestellte Seele in ihrer metaphysischen Individualität, der einzige absolute Wert des Daseins, ist in dem, worauf es schließlich allein ankommt, jeder andern gleich; denn im Unendlichen und im Absoluten gibt es keine Unterschiede: die empirischen Differenzen der Menschen kommen gegenüber dem Ewigen und Transzendenten, in dem alle gleich sind, nicht in Betracht.
Die Einzelnen sind eben nicht nur die Summen ihrer Eigenschaften, wobei sie dann natürlich so verschieden wären, wie diese es sind; sondern jenseits ihrer ist ein jeder durch Persönlichkeit, Freiheit und Unsterblichkeit eine absolute Einheit.
Damit bietet die Soziologie des Christentums das größte geschichtliche und zugleich metaphysische Beispiel für die hier behauptete Korrelation: die von allen Bindungen, von allen historischen, um irgendwelcher Zwecke willen gebildeten Beziehungen freie Seele, im absoluten Für-sich-Sein nur den jenseitigen Mächten zugewandt, die für alle dieselben sind, bildet mit allen andern zusammen ein homogenes, alles Beseelte restlos einschließendes Sein; die unbedingte Persönlichkeit und die unbedingte Erweiterung des Kreise; der ihr gleichen sind nur zwei Ausdrücke für die Einheit dieser religiösen
Ueberzeugung.
Und so sehr dies Metaphysik oder eine Sinngebung für das Leben überhaupt ist, so ist doch unverkennbar, in wie weitem Umfang es als apriorische Gesinnung und Stimmung die geschichtlichen Verhältnisse der Menschen zueinander, die Attitude, mit der sie sich gegenübertreten, beeinflußt hat.
Ja, die soziologische Bedeutung, die die allgemeine Weltanschauung als Ursache wie als Wirkung innerhalb der hier behaupteten Korrelation besitzt, zeigt sich sogar, wenn die Frage nach Enge oder Weite des Umgebungsbildes nicht einmal an der Menschenwelt Halt macht, sondern die Objektivität überhaupt ergreift, deren Formen von uns so oft nach der Analogie mit den sozial gewohnten gebildet werden.
Man kann wohl sagen, daß dem Altertum ebenso die weiteste und reinste Vorstellung der Objektivität, wie die tiefste und zugespitzteste der Subjektivität fehlte.
Der Begriff des Naturgesetzes als einer schlechthin sachlichen, gegen alle »Werte« gleichgültigen Allbeherrschung des Seins war ihm nicht weniger fremd, als der eigentliche Begriff des Ich mit seiner Produktivität und seiner Freiheit, seiner Problematik und seinem, die Welt aufwiegenden Werte; die Seele ging weder so weit aus sich heraus noch so weit in sich hinein, wie es später durch die Synthese, oder auch Antithese, des christlichen Liebensgefühles mit der modernen Natur- und Geschichtswissenschaft geschehen ist.
Dies kann nicht ohne inneren und mindestens mittelbaren Zusammenhang mit der politisch-sozialen Struktur der griechischen Welt sein.
Die ungeheuere innere Prärogative des engeren staatlichen Kreises bannte den Einzelnen, im großen und ganzen, in ein gewisses mittleres Welt- und Lebensbild zwischen dem Allgemeinsten und dem Persönlichsten, und die ganze, durch diese Einschränkung gegebene Existenzform mußte fallen, um der Entwicklung nach jenen beiden extremeren Seiten hin Raum zu geben. (> 562)
Unmittelbarer als in ihrer Bedeutung für das kosmisch-metaphysische Bild wird unsre Korrelation auf dem ethischen Gebiete anschaulich.
Schon die Zyniker sprengten jene, für das Griechentum sonst typische Bindung an das engere soziale Gebilde, indem sie einerseits einer kosmopolitischen Gesinnung, andrerseits einer individualistisch-egoistischen huldigten und das Zwischenglied des Patriotismus ausschalteten.
Die Erweiterung des Kreises, den der Blick und das Interesse des Einzelnen füllt, mag vielfach die besondere Form des Egoismus aufheben, die die reale und ideale Beschränktheit der sozialen Sphäre erzeugt, mag eine Weitherzigkeit und einen enthusiastisch ausgreifenden Schwung der Seele begünstigen, zu dem es die Verquickung des persönlichen Lebens mit einem engen Interessenkreis solidarischer Genossen nicht kommen läßt; aber wo die Umstände oder der Charakter diesen Erfolg verhindern, wird, bezeichnend genug, gerade der extrem entgegengesetzte leicht eintreten.
Im größten Maßstabe haben, wie ich schon erwähnte, die Geldwirtschaft und die mit ihr verbundenen liberalistischen Tendenzen einerseits die engeren Einungen, von den zunftmäßigen bis zu den nationalen, gelockert oder gelöst und die Weltwirtschaft inauguriert, andrerseits den wirtschaftlichen Egoismus in allen Graden der Rücksichtslosigkeit begünstigt.
Je weniger, infolge der Vergrößerung des Wirtschaftskreises, der Produzent seine Konsumenten kennt, desto ausschließlicher richtet sich sein Interesse nur auf die Höhe des Preises, den er von diesen erzielen kann; je unpersönlicher und qualitätsloser ihm sein Publikum gegenübersteht, um so mehr entspricht dem die ausschließliche Richtung auf das qualitätlose Resultat der Arbeit, auf das Geld; von jenen höchsten Gebieten abgesehen, auf denen die Energie der Arbeit aus dem abstrakten Idealismus stammt, wird der Arbeiter um so mehr von seiner Person und seinem ethischen Interesse in die Arbeit hineinlegen, je mehr ihm sein Abnehmerkreis auch persönlich bekannt ist und nahe steht, wie es eben nur in kleineren Verhältnissen
statthat.
Mit der wachsenden Größe der Gruppe, für die er arbeitet, mit der wachsenden Gleichgültigkeit, mit der er dieser nur gegenüberstehen kann, fallen vielerlei Momente dahin, die den wirtschaftlichen Egoismus einschränkten.
Nach vielen Seiten ist die menschliche Natur und sind die menschlichen Verhältnisse so angelegt, daß, wenn die Beziehungen des Individuums eine gewisse Größe des Umfanges überschreiten, es um so mehr auf. sich selbst zurückgewiesen wird.
Dabei handelt es sich nicht nur um die rein quantitative Ausdehnung des Kreises, die an und für sich schon die persönliche Interessiertheit für jeden seiner Punkte bis zu einem Minimum herab vermindern muß; sondern auch um die qualitative Mannigfaltigkeit innerhalb seiner, die es verhindert, daß sich das Interesse mit eindeutiger Bestimmtheit an einen einzelnen Punkt hefte, und die so den Egoismus gewissermaßen als das logische Resultat aus den gegenseitigen Paralysierungen unverträglicher Ansprüche übrig
läßt.
Aus diesem formalen Motiv heraus hat man z. B. die Buntheit und innere Heterogeneität der Habsburgischen Besitzungen für eine der Veranlassungen dazu gehalten, daß die Habsburger mit ihrer ganzen (> 563) Politik nur ihr Hausinteresse im Auge hatten.
Endlich ist es die räumliche Weitererstreckung des Interessenkreises - mit seiner eigentlichen Vergrößerung nicht notwendig zusammenfallend -, die das Subjekt mindestens seinem engeren Kreise sich egoistisch gegenüberstellen läßt.
Bis zu Heinrich III. und Eduard I. waren die englischen Stände dadurch schroff geschieden, daß ihre Interessen vielfach über das Vaterland hinausreichten: ein englischer Edelmann hatte viel höheres Interesse an einem auswärtigen, vom Adel geführten Krieg, als an den heimischen Kämpfen um das Recht; ein Stadtbürger war viel mehr für die Ordnung der niederländischen Handelsverhältnisse als für die der englischen Städte interessiert, wenn es sich nicht gerade unmittelbar um die seine handelte; die großen Kirchenbeamten fühlten sich viel mehr als Glieder einer internationalen kirchlichen Einheit, als daß sie spezifisch englische Sympathien gezeigt hätten.
Erst seit der Zeit der genannten Könige begannen diese Klassen sich wirklich zu einer einheitlichen Nation zu verschmelzen, und die gegenseitige Absonderung hörte auf, deren egoistischer Charakter durchaus mit jener kosmopolitischen Interessenausdehnung assoziiert gewesen war.
Jenseits dieser Bedeutung, die die Erweiterung des Kreises für die Differenzierung der Willensbestimmungen besitzt, steht die für die Herausbildung des Gefühles vom persönlichen Ich.
Niemand zwar wird verkennen, daß der Stil des modernen Lebens gerade wegen seines Massencharakters, seiner hastigen Vielfältigkeit, seiner alle Grenzen überspringenden Ausgleichung unzähliger, bisher konservierter Eigenheiten zu unerhörten Nivellierungen gerade der Persönlichkeitsform des Lebens geführt hat.
Allein die Gegenrichtungen hierzu dürfen ebensowenig verkannt werden, so sehr sie in dem erscheinenden Gesamteffekt abgelenkt und paralysiert sein mögen.
Daß das Leben in einem weiteren Kreise und die Wechselwirkkung mit ihm an und für sich mehr Persönlichkeitsbewußtsein entwickelt, als es in einem engeren Kreise wächst, liegt vor allem daran, daß die Persönlichkeit sich gerade durch den Wechsel der einzelnen Gefühle, Gedanken, Betätigungen dokumentiert.
Je gleichmäßiger und unbewegter das Leben fortschreitet, je weniger sich die Extreme des Empfindungslebens von seinem Durchschnittsniveau entfernen, desto weniger stark tritt das Gefühl der Persönlichkeit auf; je weiter aber jene sich spannen, je energischer sie ausschlagen, desto kräftiger fühlt sich der Mensch als Persönlichkeit.
Wie sich überall die Dauer nur am Wechselnden feststellen, wie erst der Wechsel der Akzidenzen die Beharrlichkeit der Substanz hervortreten läßt, so wird offenbar das Ich dann besonders als das Bleibende in allem Wechsel der psychologischen Inhalte empfunden, wenn eben dieser letztere besonders reiche Gelegenheit dazu gibt.
Die Persönlichkeit ist eben nicht der einzelne, aktuelle Zustand, nicht die einzelne Qualität oder das einzelne, wenn auch noch so eigenartige Schicksal; sondern etwas, das wir jenseits dieser Einzelheiten fühlen, für das Bewußtsein aus deren erlebter Wirklichkeit erwachsen - wenn diese gleichsam nachträglich entstandene Persönlichkeit auch nur das Zeichen, die ratio cognoscendi einer (> 564) tiefer einheitlichen Individualität ist, die jener Mannigfaltigkeit bestimmend zugrunde liegt, die uns aber nicht unmittelbar, sondern nur als das allmähliche Ergebnis jener vielfachen Inhalte und Bewegtheiten des Lebens bewußt werden kann.
Solange die psychischen Anregungen, insbesondere der Gefühle, nur in geringer Zahl stattfinden, ist das Ich mit ihnen verschmolzen, bleibt latent in ihnen stecken; es erhebt sich über sie erst in dem Maße, in dem gerade durch die Fülle des Verschiedenartigen unserem Bewußtsein deutlich wird, daß es seIbst doch allem diesem gemeinsam ist, gerade wie sich uns der höhere Begriff über Einzelerscheinungen nicht dann erhebt, wenn wir erst eine oder wenige Ausgestaltungen seiner kennen, sondern erst durch Kenntnis sehr vieler solcher, und um so höher und reiner, je deutlicher sich das Verschiedenartige an diesen gegenseitig abhebt.
Dieser Wechsel der Inhalte des Ich, der das letztere als den ruhenden Pol in der Flucht der psychischen Erscheinungen eigentlich erst für das Bewußtsein markiert, wird aber innerhalb eines großen Kreises außerordentlich viel lebhafter sein, als bei dem Leben in einer engeren Gruppe.
Die Anregungen des Gefühles, auf die es für das subjektive Ichbewußtsein besonders ankommt, finden gerade da statt, wo der sehr differenzierte Einzelne inmitten sehr differenzierter andrer Einzelner steht, und nun Vergleiche, Reibungen, spezialisierte Beziehungen eine Fülle von Reaktionen auslösen, die im engeren undifferenzierten Kreise latent bleiben, hier aber gerade durch ihre Fülle und Verschiedenartigkeit das Gefühl des lch als des schlechthin »eigenen« provozieren.
Ein indirekterer Weg, auf dem die relativ große Gruppe eine besondre innerpersönliche Freiheit und Fürsichsein ihrer Mitglieder erreicht, geht durch die Organbildung hindurch, die - wie früher hier untersucht worden ist - die ursprünglich unmittelbaren Wechselwirkungen der Individuen aus diesen auskristallisieren läßt und auf besondere Personen und Komplexe überträgt.
Je reiner und vollständiger diese Arbeitsteilung geschieht - ersichtlich in dem Maße der Vergrößerung der Gruppe -, desto mehr wird das Individuum aus den durch sie ersetzten Wechselwirkungen und Verschmelzungen befreit und seinen zentripetalen Angelegenheiten und Tendenzen überlassen.
Die Organbildung ist das Mittel, die Einheitlichkeit der Gruppe mit der größten Freiheit der Individuen zu vereinen.
Freilich binden die Organe jedes Gruppenelement an sich und dadurch an jeden andern; aber das Entscheidende ist, daß die dieser Verfassung vorangehenden, unmittelbaren Wechselwirkungen die Totalität des Menschen in einer Weise in die spezielle Leistung hineinziehen, die einen unverhältnismäßigen Kraftverbrauch
veranlaßt.
Wer nicht sein Leben lang Richter ist, sondern nur, wenn die Gemeinde zusammenberufen wird, ist nicht nur so lange an seiner eigentlichen Tätigkeit behindert, sondern er ist bei der Ausübung des Richteramtes in ganz andrer Weise mit nicht hingehörigen Vorstellungen und Interessen beladen als der Berufsrichter.
Wenn er dagegen in dem vorgeschrittenen Zustand einmal mit dem Gericht zu tun hat, so ist das nur dann, wenn auch wirklich sein ganzes Interesse dafür engagiert ist.
Solange jeder Hausvater Priester ist, muß (> 565) er so funktionieren, ob er dazu gestimmt ist oder nicht; gibt es eine Kirche mit einem Berufspriester, so geht er in diese, wenn er sich wirklich dazu gedrungen fühlt und also ganz bei der Sache ist.
Solange keine Produktionsteilung besteht, muß der Einzelne verbrauchen, was eben einmal produziert ist, vielleicht mit ganz andern inzwischen erwachten Bedürfnissen und Wünschen; sobald Sonderproduzenten für jedes Bedürfnis da sind, kann sich jeder aussuchen, was er gern mag, so daß er nicht mit geteilten Gefühlen zu konsumieren braucht.
So bedeutet die Herausdifferenzierung sozialer Organe nicht, daß der Einzelne von der Verbindung mit dem Ganzen losgebunden sei, sondern, daß er nur den sachlich gerechtfertigten Teil seiner Persönlichkeit an die Verbindung wendet.
Der Punkt, an dem er sich jeweilig mit der Gesamtheit oder der Verfassung des Ganzen berührt, zieht jetzt nicht mehr nicht dazugehörige Teile seiner Person in die Beziehung hinein.
Mit dem Organ, dem Erfolge und Kennzeichen des Wachstums der Gruppe, werden die Verflechtungen gelöst, durch die das Individuum in seine Zustände und Betätigungen Elemente hineinnehmen und hineingeben muß, die zu dem, was es von sich aus will, nicht gehören. -
Endlich, auf dem Gebiete der Intellektualität, entwickeln sich die Verhältnisse unsrer theoretischen Vorstellungen oft nach dem genau gleichen Formtypus, den wir hier an den Verhältnissen der Individuen untereinander beobachtet haben, und bestätigen dadurch vielleicht mehr, als einzelne soziale Beispiele es könnten, dessen tiefen, über alle Einzelheiten hinausreichenden Sinn, man möchte sagen: seine sachliche, Bedeutung, die sich in allen empirischen Fällen nur historisch und nur mit annähernder Reinheit realisiert.
->
Exkurs über die Analogie der individualpsychologischen und der soziologischen Verhältnisse
Unsere Begriffsbildung nimmt den Weg, dass zunächst eine
gewisse Anzahl von Objekten nach sehr hervorstechenden Merkmalen in eine
Kategorie einheitlich zusammengefasst und einem andern ebenso entstandenen
Begriff schroff entgegengestellt wird.
In demselben Masse nun, in dem man neben jenen, zunächst
auffallenden und bestimmenden Qualitäten andre entdeckt, welche die
unter dem zuerst konzipierten Begriff enthaltenen Objekte individualisieren,
in demselben müssen die scharfen begrifflichen Grenzen fallen.
Die Geschichte des menschlichen Geistes ist voll von Beispielen für
diesen Prozess, von denen eines der hervorragendsten die Umwandlung
der alten Artlehre in die Deszendenztheorie ist.
Die frühere Anschauung glaubte zwischen den organischen Arten
so scharfe Grenzen, eine so geringe Wesensgleichheit zu erblicken, dass
sie an keine gemeinsame Abstammung, sondern nur an gesonderte Schöpfungsakte
glauben konnte; das Doppelbedürfnis unseres Geistes, einerseits nach
Zusammenfassung, andrerseits nach Unterscheidung, befriedigte sie so, dass
sie in einen einheitlichen Begriff eine grosse Summe von gleichen
Einzelnen einschloss, diesen Begriff aber um so schärfer von
allen andern abschloss und, wie es entsprechend der Ausgangspunkt
der hier entwickelten Formel ist, die geringe Beachtung der Individualität
innerhalb der Gruppe durch um so schärfere Individualisierung dieser
den andern gegenüber und durch Ausschluss einer allgemeinen Gleichheit
grosser Klassen oder der gesamten organischen Welt ausglich.
Dieses Verhalten verschiebt die neuere Erkenntnis nach beiden Seiten
hin; sie befriedigt den Trieb nach Zusammenfassung durch den Gedanken einer
allgemeinen Einheit alles Lebenden, welche die Fülle der Erscheinungen
als blutsverwandte aus einem ursprünglichen Keime hervortreibt; der
Neigung zur Differenzierung und Spezifikation kommt sie dadurch entgegen,
dass ihr jedes Individuum gleichsam eine besondere, für sich
zu betrachtende Stufe jenes Entwicklungsprozesses alles Lebenden ist; indem
sie die starren Artgrenzen flüssig macht, zerstört sie zugleich
den eingebildeten wesentlichen Unterschied zwischen den rein individuellen
und den Arteigenschaften; so fasst sie das Allgemeine allgemeiner
und das Individuelle individueller, als die frühere Theorie es konnte.
Und dies eben ist das Komplementärverhältnis, das sich auch
in den realen sozialen Entwicklungen geltend macht.
Die psychologische Entwicklung unseres Erkennens zeigt auch ganz im
allgemeinen diese zweifache Richtung.
Ein roher Zustand des Denkens ist einerseits unfähig, zu den höchsten
Verallgemeinerungen aufzusteigen, die überall gültigen Gesetze
zu ergreifen, aus deren Kreuzung das einzelne Individuelle hervorgeht.
Und andrerseits fehlt ihm die Schärfe der Auffassung und die liebevolle
Hingabe, durch die die Individualität als solche verstanden oder auch
nur wahrgenommen wird.
Je höher ein Geist steht, desto voll- (> 569)
kommener differenziert er sich nach diesen beiden Seiten; die Erscheinungen
der Welt lassen ihm keine Ruhe, bis er sie auf so allgemeine Gesetze zurückgeführt
hat, dass alle Besonderheit vollkommen verschwunden ist und keine
noch so entlegene Kombination der Erscheinungen der Auflösung in jene
widerstrebt.
Allein wie zufällig und flüchtig diese Kombinationen auch
sein mögen, sie sind doch nun einmal da, und wer die allgemeinen und
ewigen Elemente des Seins sich zum Bewusstsein zu bringen vermag,
muss auch die Form des Individuellen, in der sie sich zusammenfinden,
scharf perzipieren, weil gerade nur der genaueste Einblick in die einzelne
Erscheinung die allgemeinen Gesetze und Bedingungen erkennen lässt,
die sich in ihr kreuzen.
Die Verschwommenheit des Denkens setzt sich beidem entgegen, da die
Bestandteile der Erscheinung sich ihr weder klar genug sondern, um ihre
individuelle Eigenart, noch um die höheren Gesetzmässigkeiten
zu erkennen, die ihr mit andern gemeinsam sind.
Es steht damit in tieferem Zusammenhange, dass der Anthropomorphismus
der Weltanschauung in demselben Masse zurückweicht, in dem die
naturgesetzliche Gleichheit der Menschen mit allen andren Wesen für
die Erkenntnis hervortritt; denn wenn wir das Höhere erkennen, dem
wir selbst und alles andre untergeordnet sind, so verzichten wir darauf,
nach den speziellen Normen dieser zufälligen Komplikation, die wir
selbst ausmachen, auch die übrigen Weltwesen vorzustellen und zu beurteilen.
Die für sich bestehende Bedeutung und Berechtigung der anderweitigen
Erscheinungen und Vorgänge in der Natur geht in der anthropozentrischen
Betrachtungsart verloren und färbt ganz und gar von dem Kolorit des
Menschentums ab.
Erst die Erhebung zu dem, was auch über diesem steht, zu der allgemeinsten
Naturgesetzlichkeit, schafft jene Gerechtigkeit der Weltanschauung, die
jedes Ding in seinem Fürsichsein, seiner Individualität erkennt
und anerkennt.
Ich bin überzeugt: wenn alle Bewegungen der Welt auf die allbeherrschende
Gesetzmässigkeit der Mechanik der Atome zurückgeführt
wären, so würden wir schärfer als je vorher erkennen, worin
sich jedes Wesen von jedem andern unterscheidet.
Dieses erkenntnistheoretische und psychologische Verhältnis erweitert
sich, wenngleich dieselbe Entwicklungsform beibehaltend, sobald es sich
statt um Naturgesetze um metaphysische Allgemeinheiten handelt.
Neben der Abstraktionskraft des Verstandes ist es hier die Wärme
des Gemütes, die aus seinem Innersten die metaphysische Blüte
hervortreibt, die Innigkeit des Mitlebens mit den Erscheinungen der Welt,
die uns die allgemeinsten, überempirischen Triebkräfte ahnen
lässt, von denen sie im Innersten zusammengehalten wird.
Und ebendieselbe Tiefe und Sammlung des Empfindens flösst
uns oft eine heilige Scheu vor dem Individuellen der inneren und äusseren
Erscheinungen ein, die uns nun gerade hindert, in allgemeineren Begriffen
und Bildern gleichsam ein Asyl für die Not oder auch nur für
die Unerklärlichkeit des augenblicklichen Erlebens zu suchen.
Nicht woher dieses Schicksal kommt und wohin es geht, macht das aus,
worauf es uns ankommt, sondern dass es gerade dieses Eigenartige,
in dieser bestimmten Kombination mit (> 570) nichts andrem
Vergleichbare ist. Während die höchsten metaphysischen Verallgemeinerungen
dem verfeinerten Gefühlsleben entspringen, ist gerade ein solches
oft genug von dem Aufnehmen und Betrachten der empirischen Welt der Einzelheiten
zu sehr ergriffen, ist zart genug organisiert, um alle die Schwankungen,
Gegensätze, Wunderlichkeiten in dem Verhältnis des Individuellen
zu bemerken, an denen der Stumpfsinnigere vorüberempfindet, und begnügt
sich mit dem blossen Anschauen und Anstaunen dieses wechselvollen
Spieles der Einzelheiten.
Ich brauche es kaum auszusprechen, dass es die ästhetische
Naturanlage ist, die diese Differenzierung am vollendetsten darstellt;
sie sucht einerseits die Ergänzung des Irdisch-Unvollkommenen im Bau
einer Idealwelt, in der die reinen typischen Formen wohnen, andrerseits
die Versenkung in das Allereigenste, Allerindividuellste der Erscheinungen
und ihrer Schicksale.
Der Enge des Lebens - dem metaphysisch-seelischen Pendant der »engeren
Kreise« - entfliehen wir pari passu nach beiden Richtungen.
Die ästhetische Stimmung, die produktive wie die rezeptive, gibt
den Blick für das Typische, das schlechthin überindividuelle
in der einzelnsten, unvergleichbarsten Erscheinung, und für die Werte
des persönlichsten Lebens, die das Weiteste und absolut Umfassende
durchfluten. Der eigentliche Gegner der ästhetischen Tendenz ist deshalb
die Philistrosität, die am Mittleren klebt, die sich in dem kleinen
Kreise einschliesst und weder das Recht zur Individualität noch
die Pflicht zum Allgemeinsten anerkennt.
Sind dies, wie ich schon andeutete, eigentlich sozialphilosophische
Ueberlegungen, die nicht an und für sich, sondern nur als Verdeutlichungen
und Bestätigungen des behaupteten soziologischen Zusarnmenhanges hierher
gehören, so erweitert sich dieser letztere von sich aus nun noch zu
einem letzten und allerallgemeinsten Aspekt.
Jener Zusammenhang gilt nicht nur innerhalb der Gesellschaft,
sondern er kann die Gesellschaft als Ganzes einschliessen. Die Menschheit
hat die Vergesellschaftung als ihre Lebensform kreiert - was sozusagen
nicht die einzige logische Möglichkeit war; vielmehr hätte die
Gattung Mensch auch ungesellig sein können, wie es ungesellige Tiergattungen
neben den geselligen gibt.
Da nun aber einmal jene Tatsache besteht, so verführt sie leicht
dazu, die direkt oder indirekt gesellschaftlichen Kategorien für die
einzigen und jedenfalls anzuwendenden zu halten, unter denen die Inhalte
des menschlichen Seins zu betrachten wären.
Allein dies ist ganz irrig.
Die Tatsache, dass wir Gesellschaftswesen sind, rückt diese
Inhalte unter einen, aber keineswegs den einzig möglichen Gesichtspunkt.
Man kann - um den ganz generellen Gegensatz zu nennen, - die freilich
in der Gesellschaft lebendigen und nur innerhalb ihrer verwirklichten Inhalte
rein ihrem Sachgehalt nach erschauen, erkennen, systematisieren.
Die innere Gültigkeit, die Zusammenhänge, die sachliche Bedeutung
aller Wissenschaften und Techniken und Künste ist völlig unabhängig
davon, dass sie innerhalb eines sozialen Lebens realisiert werden
und nur in diesem die Bedingungen dazu finden, geradeso unabhängig,
wie ihr Sachsinn von den psychologischen Prozessen ist, durch die ihr Entdecker
sie (> 571) fand.
Sie können natürlich auch unter diesem psychologischen oder
jenem, sozialen Gesichtswinkel betrachtet werden.
Es ist völlig legitim zu untersuchen, unter welchen gesellschaftlichen
Verhältnissen es zu der Naturwissenschaft, die wir besitzen, kommen
konnte.
Aber die Richtigkeit ihrer Sätze, ihr systematischer Zusammenhang,
die Zulänglichkeit oder Unvollkommenheit ihrer Methoden hat keinerlei
gesellschaftliches Kriterium, ist von der Tatsache ihres sozialgeschichtlichen
Auftretens nirgends beeinflusst, sondern unterliegt ausschliesslich
immanenten, zeitlosen, d. h. rein sachlichen Normen.
Und so haben alle Inhalte des Lebens diese doppelte Kategorie über
sich: sie können als Resultate der gesellschaftlichen Entwicklung,
als Gegenstände der menschlichen Wechselwirkungen betrachtet werden,
aber mit demselben Rechte auch auf ihren Sachgehalt hin, als Elemente logischer,
technischer, ästhetischer, metaphysischer Reihen, die ihren Sinn in
sich und nicht in ihren von sozialen Verhältnissen abhängenden
geschichtlichen Verwirklichungen besitzen.
Neben diese Kategorien aber treten nun noch zwei wesentliche andre.
Alle jene Inhalte des Lebens werden unmittelbar von Individuen getragen.
Irgend jemand hat sie erdacht, irgend jemandes Bewusstsein erfüllen
sie, irgend jemandem bestehen sie zu Lust oder Leid.
Indem sie gesellschaftlich
sind, sind sie doch zugleich auch individuell, verständlich aus den
seelischen Vorgängen in diesem oder jenem Individuum, teleologisch
in bestimmte Bedeutungen für dieses oder jenes Individuum auslaufend.
Dass sie nicht zustande gekommen wären, wenn dieses Individuum
nicht in Gesellschaft lebte, ist freilich richtig, aber ebensowenig wären
sie sozial wirklich geworden, wenn sie nicht von Individuen getragen würden.
Wenn ich einerseits frage: welche Bedürfnisse trieben dies Individuum
zu seiner religiösen Betätigung, welche persönlichen Schicksale
haben es bewogen, eine Sekte zu gründen, welchen Wert hat dieses Tun
und Erfahren für die Entwicklung seiner Seele so konkurriert diese
Fragestellung nicht im geringsten mit der andern, die sich die gleichen
Tatsachen vom Standpunkt der Gesellschaft aus unterwirft: welches historische
Milieu hat jene inneren Bedürfnisse aufwachsen lassen, welche formalen
Wechselwirkungen unter Individuen und in ihrem Verhältnis zu Aussenstehenden
machen sie zu einer »Sekte«, welche Bereicherungen oder Zerspaltungen
erfährt der öffentliche Geist durch derartige religiöse
Bewegungen?
Das Individuum und die Gesellschaft sind, sowohl für die historische
Erkenntnis wie für die Bewertung und Normierung, methodische Begriffe
- sei es, dass sie das Gegebene der Ereignisse und Zustände unter
sich aufteilen, sei es, dass sie dessen Einheit, die wir unmittelbar
nicht erfassen können, unter zwei verschiedene Gesichtspunkte rücken,
vergleichbar etwa der Betrachtung eines Bildes, die es einmal als physiologisch-optisches
Phänomen, ein andermal als Kulturprodukt versteht, oder einmal von
seiner malerischen Technik, ein andermal von seinem Inhalt und Gefühlswerte
her.
Darf man dies mit begrifflichem Radikalismus ausdrücken, dem die
Praxis natürlich nur ganz fragmentarisch nachkommt, so sind alle menschlich-seelischen
Geschehnisse und Ideal- (> 572) bildungen restlos als Inhalte und Normen
des individuellen Lebens zu verstehen, ebenso restlos aber als Inhalte
und Normen des sozialen, wechselwirksamen Daseins, wie für Spinoza
das kosmisch-absolute Dasein einmal unter dem Attribut der Ausdehnung,
ein andermal, und ebenso vollständig, unter dem des Denkens aufzufassen
ist - una eademque res, sed duobus modis expressa.
Jenseits dieser beiden ist noch ein dritter Standpunkt ihnen methodisch
koordiniert, obgleich seine Ausführung, der Summe der Einzelprobleme
gegenüber, unsern Mitteln nur weit unvollkommener, gelingt und seine
theoretische Allgemeinheit sich für das wirkliche Erkennen auf ganz
wenige Überlegungen zusammenzieht.
Ich hob hervor, dass die Vergesellschaftung nur die historisch-soziale
Form wäre, die die Gattung Mensch ihrem Leben gegeben hätte und
die für die wissenschaftlich-begriffliche Analyse keineswegs mit dem
letzteren einfach identisch ist.
Man kann deshalb die Gegebenheiten und Inhalte der geschichtlichen
Wirklichkeit, unabhängig von ihrer spezifisch gesellschaftlichen Genesis
und Bedeutung, nach dem Wert und Sinn fragen, den sie als Elemente des
Menschheitslebens, als Etappen von dessen Entwicklung besitzen.
Dass diese »Menschheit« keinen konkreten Zusammenhang
besitzt, kein Einheitsbewusstsein, keine kontinuierliche Entfaltung,
ist durchaus kein Einwurf.
»Die Menschheit« ist, wenn man will, eine »Idee«,
wie »die Natur«, vielleicht auch wie »die Gesellschaft«,
eine Kategorie, unter der einzelne Erscheinungen betrachtet werden können,
ohne dass ihre damit bezeichnete Bedeutung eine isolierte Existenz
führte oder als eine besondere Qualität herauszupräparieren
wäre.
Aber wir können jedem Zustand, jeder Beschaffenheit, jeder Handlung
eines Menschen gegenüber fragen: was bedeutet es als Stadium der Menschheitsentwicklung,
welche Vorbedingungen musste die ganze Gattung leisten, ehe dies möglich
war, was hat die Menschheit als biologischer, ethischer, seelischer Typus
dadurch an Wert gewonnen oder verloren?
Wenn diese Fragen in einer bestimmten Weise beantwortet werden, so
ist keineswegs ausgeschlossen, dass sie, in derselben Weise vom Standpunkt
der Gesellschaft aus gestellt, der das handelnde Individuum angehört,
ganz entgegengesetzt beantwortet werden.
Mag das regelmässig nicht der Fall sein, mag das, was der
Gesamtgeschichte der Menschheit zu Nutzen oder Schaden ausschlägt,
gewöhnlich auch für den engeren, den gesellschaftlich verbundenen
Kreis die gleiche Bedeutung haben, mag das sozial Wesentliche ohne weiteres
auch ein für die Entwicklung oder für das System der Menschheit
Wesentliches sein - alles dies verhindert nicht, dass die Einordnung
und Wertung vom Gesichtspunkt des Menschheitsganzen aus für jeden
beliebigen Lebensinhalt eine dem Prinzip nach andre ist, als die vom Gesichtspunkt
der Gesellschaft aus, und dass beide voneinander in ihren Grundmotiven
unabhängig sind, so sehr es immer eine und dieselbe Tatsache, ein
und derselbe Mensch, ein und derselbe Kulturinhalt sein mag, der unter
die eine und unter die andre Rangierung fällt.
Obgleich nun die Kategorie
der Werte und Entwicklungen des Menschheitstypus von der Kategorie des
Seins und Tuns des Indivi (> 573) duums ebenso methodisch gesondert ist,
wie von der des gesellschaftlich-wechselwirkenden Lebens, so stehen dennoch
jene ersten beiden in einer inneren Verbindung, die sie gleichsam als eine
Partei der sozialen Kategorie als der andern gegenüberstellt.
Das Material der Menschheitsidee und der von ihr aus gestellten Fragen
sind die Individuen, und es ist für jene nur eine sekundäre Angelegenheit,
ob die Betätigungsbeiträge dieser Individuen zu der Zuständlichkeit
und Ausbildung der Menschheit in der Form einer Vergesellschaftung geleistet
werden, oder in der einer rein persönlichen Betätigung in Denken
Gesinnung, künstlerischem Bilden, in der biologischen Verbesserung
oder Verschlechterung der Rasse oder in dem religiösen Verhältnis
zu Göttern und Götzen.
In irgendeiner derartigen Form freilich muss die Existenz und
das Handeln des Individuums verlaufen, und sie bildet die Technik oder
das Zwischenglied, durch das die Individualität zum praktisch wirksamen
Element der Menschheit werden kann.
Aber bei all der gar nicht diskutablen Unentbehrlichkeit dieser einzelnen
Formen, unter denen die Vergesellschaftung obenan steht, bleiben doch die
methodischen Pole der Betrachtung des Menschenlebens: die Menschheit und
das Individuum.
Sachlich wie historisch mag diese Korrelation gegenüber der Tatsache
der Gesellschaft von wenig ausgedehnter Wichtigkeit sein - obgleich dieses
Kapitel doch ihre Wirksamkeit an einer Reihe geschichtlicher Epochen aufgezeigt
hat und der moderne Individualismus mehr als einmal darauf zurückgekommen
ist.
Aber sie bleibt zum mindesten die ideelle Hilfskonstruktion, mit der
der »Gesellschaft« ihr Platz in der Reihe der die Lebensbetrachtung
methodisch ordnenden Begriffe angewiesen wird.
Wie innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung die engere, »sozialisiertere«
Gruppe ihr inneres wie geschichtliches, alternierendes wie simultanes Gegenstück
daran gewinnt, dass sie zu der grösseren Gruppe sich erweitert,
zu dem Einzelelement der Gesellschaft sich spezialisiert - so erscheint
von dem an dieser Stelle letzterreichbaren Punkte aus die Gesellschaft
überhaupt als eine spezielle Aggregierungsform, jenseits deren, ihre
Inhalte andren Betrachtungs- und Wertungsformen unterordnend, die Idee
der Menschheit und die des Individuums steht.