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Pierre Cabotz
Von Walter Kalt
Mit 1 Bild.Luzern, Sektion Pilatus ).
Wie gewöhnlich hatten wir noch ein gutes Glas getrunken, als wir nach Gryon kamen, und die Argentine stand blass und wütend vor einer grauen Wand von Gewitterwolken. Das sahen wir durch die Fenster der Wirtschaft. Die Bauern waren nicht beim Trinken. Viele von ihnen mochten auf der Alp sein oder waren mobilisiert worden.
Das Gebirg war dunkel vom Regen, und der Himmel war auch dunkel, und düster sahen die Hütten von Bovonnaz und Collatels aus.
Als wir den Wagen nach dem Chalet fuhren, begegneten wir einigen Bauern, und darunter war Pfulg, der sein Gefährt heimwärts lenkte.
Von den Weiden tönten die Glocken der Herden in den Abend.
Xav hatte ein prachtvolles Essen bereitet. Wir waren hungrig und assen eine geraume Weile, und als der Schatten der Nacht über die Alp herabsank, steckten wir uns noch eine Pfeife an. Es war ein milder Abend, aber die Sterne hatten sich hinter schwerem Gewölk verborgen.
Am Morgen fuhren wir dem Avançon nach hinauf nach Solalex. Sennen trieben ihre « Bänzen » vor sich her, und in einer Lichtung gingen sie über die Matte, um den Weg frei zu machen.
Die Sonne traf vereinzelte Stämme, die unsern Weg säumten und blendete unsere Gesichter, wenn wir aus dem Wald fuhren. Grad vor uns stand die Argentine mit ihren hohen, kalten Steilwänden.
Von Solalex gingen wir zu Fuss weiter und erstiegen die Talstufe, die auf die Ebene von Anzeindaz führt. Ganz an der Lehne des Tour d' Anzeindaz gischtete der Bach, und an den Hängen des Mayen ästen Gemsen.
Bei Flotrons Refuge klebten und schnallten wir die Felle auf unsere Bretter und querten die sumpfigen Stellen des Baches. Später legten wir uns die Ski an und schritten über gewelltes Gelände bergwärts und erreichten die noch kühle Mulde d es Paneyrossazgletschers, die gegen den Col des Chamois führt.
Vereinzelt stiegen vor uns kleine Skifahrergruppen ebenfalls bergan. Zuletzt erreichten wir eine kleine Schneezunge und kletterten zu Fuss gegen den Col. Dann schauten wir uns den Cabotz an. Und es sah so aus, wie wenn es sehr schön würde, über seinen Grat zu klettern.
Wir liessen die Rucksäcke dort und griffen zuerst zaghaft in den Fels. Jetzt brannte die Sonne schon heiss ins Gestein. Es ging gemächlicher vorwärts, aber das Herz schlug schneller, und wir versuchten etwa einen Jutz.
Der Berg lebte, Stimmen kamen herüber von den Wänden und Steine schlugen auf. Unten war der Gletscher — still —, und ein feuchter Schatten glitt aus den Wänden der Tête à Pierre Grept über seine sanften Wellen. Dort, wo ihn die Sonne noch traf, zog Perry seine Christianias.
Das sahen wir dam alles vom Gipfel aus noch besser. Über die Schattenseite des Berges hinaus durch das Tal von Les Plans in die heisse, flimmernde Rhoneebene zu den Pappeln, die dort standen und den Fluss säumten und darüber hinweg das Val d' Illiez, das vom Dunst des Mittags aufgelöst schien.
Über die Tête à Bosset hin lagen still die Häuser von Gryon, und der Friede war ringsum.
Kletterer begegneten uns, sie hatten vorher auf dem Gipfel ein herrliches Lied gesungen und stiegen die Gipfelwand abwärts.
Mit einem Male verfinsterte sich der Himmel, und der Donner krachte drüben in die Wände der Diablerets. Tropfen fielen, als wir das Seil auf-rollten, und im Hinabsteigen zum Skidepot sagte Xav, ob ich es nicht fühlte in den Stirnhaaren. Ich frug, was er denn spüre. Xav antwortete, dass er dort einen elektrischen Reiz, der von der Luftspannung herrührte, fühle. Und dann sah ich, wie ihm der ganze Haarschopf gerade auf dem Kopf stand. Dann fühlte ich ebenfalls ein leises Knistern.
Wir eilten über den Hang abwärts, währenddem der Regen ausblieb.
Auch Donner war keiner mehr vernehmlich bis dort, wo mir ein Ski unter dem rechten Bein wegfuhr und es mich recht kräftig hinschlug. Und geblitzt hat 's mir nachträglich. Er wollte mir dann nochmals absausen, das war schon unten an der Endmoräne, aber ich konnte ihn mit dem Stock zurückhalten und andrehen. Ich ärgerte mich auch etwas dabei, aber es war bald vorüber. Durch die Fetzen des grauen Rauches keilte sich von neuem die Sonne, als wir bei Flotron einkehrten.
Während wir beim Wein sassen, kamen die Sennen von Derborence vorbei und tranken einen Halben und gingen dann weiter über den Pas de Cheville, glaube ich, und erzählten sich etwas zur Kurzweil, weil es Sonntag und der Weg noch lang war.
Dann wandten auch wir uns zum Gehen und eilten, weil der « Chêne » uns schnelle Beine gemacht hatte, über Steintrümmer und Gesträuch und Bachrinnen nach Solalex.
Es war spät im Nachmittag, ebengrad die Zeit, wo sich die Bergsteiger talwärts wenden in dem stolzen und sieghaften Gefühl, etwas geleistet oder errungen oder irgendetwas Schönes erlebt zu haben.
Und jedesmal kehrt es zurück, das Gefühl; denn alle tausend Wege, die von den Bergen führen, sie sind ihm vertraut.
Wir kennen die tausend Wege in die Täler, kennen ihre zarte Frische und ihre Musik, kennen das bedauerliche, tragische « Zu Ende sein », die Erinnerung, ihr immerdardauerndes Gewissen und ihre ewig einsame Dämmerung.
Auf den Weiden klangen die Glocken der Herden. Nacht floss in die Täler, über die Gebirge, über die Hütten im stillen Schoss des Bergs, und die Glocken läuteten den ewigen Hunger unserer Jugend.
NB. Ich habe mit dieser Erzählung beabsichtigt, einmal der etwas zu absoluten Art eines spezifischen Tourenberichtes zu entgehen, um die Substanz, das Wertvollste, in der Begegnung mit dem Berg festzuhalten.
Selbstverständlich bleibt es beim Versuch.
Die Alpen — 1941 — JLes Alpes.21 Die Pierre Cabotz, oder vielmehr Pierre qu'abotze, will heissen der überhängende Stein, war einer der letzten Gipfel in den Waadtländer Alpen, der seinen Besteiger fand. Es war im Jahre 1891, als sein Haupt von M. H. Pascal mit den Führern J. Veillon und L. Marlettaz betreten wurde.