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Sonne Mond und Sterne – in der Uhr des mittelalterlichen Turmes von Sighişoara. Die himmlischen Allegorien haben wohl auch den Physiker Hermann Oberth inspiriert, der anfangs des 20.Jahrhunderts hier lebte. Sein 1923 veröffentlichtes Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ gilt als Grundlagenwerk für die Raumfahrt.
Die siebenbürgische Kleinstadt Sighişoara (deutsch Schässburg) – 1280 zum ersten Mal erwähnt und seit 1999 unter Unesco Weltkulturerbe – wird gewöhnlich mit Vlad Tepes in Verbindung gebracht. Der walachische Woiwode gilt gemeinhin als historisches Vorbild für Bram Stokers Romanfigur Dracula. Liegt vieles zum Leben des Woiwoden, der seine Feinde gerne gepfählt haben soll im Dunkeln, so sieht es bei einem anderen ebenfalls historisch verbürgten Bewohner des Städtchens anders aus. Die Rede ist von Hermann Oberth, der seine Jugend hier verbracht hat.
Als Hermann Oberth am 25.Juni 1894 im nahen Hermannstadt – heute Sibiu – geboren wurde, gehört Siebenbürgen zu Österreich-Ungarn, genau so wie das noch weiter östlich gelegene Galizien oder die Bukovina. Nach dem Ersten Weltkrieg war alles anders und Siebenbürgen gehört fortan zum jungen Staat Rumänien. Das sollte für den Physiker Folgen haben…
Die Biographen von Oberth berichten, wie er schon als junger Mann physikalischen Phänomenen nachstudierte. Besonders fasziniert war er offenbar von der Idee, mit einem Hilfsmittel die Erdanziehungskraft zu überwinden. Schon 1907 war ihm klar, dass Jules Vernes Ideen von einer Riesenkanone, die einen Menschen zum Mond schiessen würde, physikalisch unmöglich war.
Aber mit einer Rakete wäre das zu schaffen und genau darum geht es in seinem 1922 unter dem Titel eingereichte Dissertation „Die Rakete zu den Planetenräumen“. Die Uni Heidelberg lehnte die Arbeit ab – es fehlte offenbar an Kompetenz sie beurteilen zu können. Ein Jahr später wurde sie an der Universität Klausenburg angenommen und im gleichen Jahr auch als Buch publiziert.
Seine vorsichtig formulierten Prämissen erwiesen sich bald als wegweisende Gedanken für die Entwicklung der Raumfahrt.
• Prämisse 1: Beim heutigen Stand der Wissenschaft und der Technik ist der Bau von Maschinen, die höher steigen können, als die Erdatmosphäre reicht, wahrscheinlich.
• Prämisse 2: Bei weiterer Vervollkommnung können diese Maschinen derartige Geschwindigkeiten erreichen, dass sie nicht auf die Erdoberfläche zurückfallen müssen und sogar imstande sind, den Anziehungsbereich der Erde zu verlassen.
• Prämisse 3: Derartige Maschinen können so gebaut werden, dass Menschen (wahrscheinlich ohne gesundheitlichen Nachteil) mit emporfahren können.
• Prämisse 4: Unter gewissen wirtschaftlichen Bedingungen kann sich der Bau solcher Maschinen lohnen. Solche Bedingungen können in einigen Jahrzehnten eintreten.
Hermann Oberth war nicht allein – In Russland kam Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski (1857-1935) zu ganz ähnlichen Ergebnissen; In den USA kam diese Rolle Robert Goddard (1872-1944) zu.
Oberth studierte in München und Heidelberg und kam nach dem Studium zurück nach Siebenbürgen. Er lebte in Medias; als Gymnasiallehrer – und widmete sich weiter der Raketenforschung. In den 20er Jahren stiess er zum Verein für Raumschiffahrt und war an Raketenexperimenten am Tegeler See in Berlin beteiligt. Dort dürfte er auch den jungen Wernher von Braun kennengelernt haben.
(Oberth ist rechts neben der aufgestellten Rakete. Der junge Mann am rechten Bildrand ist Wernher von Braun. Weitere Personen: Klaus Riedel im weissen Kittel, Rudolf Nebel ganz links)
Oberth wirkte damals als Berater für das Ufa-Filmprojekt „Die Frau im Mond“ von Fritz. Er legte grössten Wert auf die physikalische Richtigkeit der Raketen- und Weltraumszenen und hatte den Auftrag für die Lancierung des Filmes eine richtige Rakete steigen zu lassen. Das Projekt misslang – und die Ufa weigerte sich am Schluss gar, die aufgelaufenen Kosten zu bezahlen. Oberth soll sie aus eigenem Sack berappt haben…
Währendem Wernher von Braun sich bald schon in den Dienst der Armee begab – und sich nicht scheute, dazu auch der SS beizutreten – musste der „Ausländer“ Oberth nach Rumänien zurück. 1941 gelang es seinem Schüler Wernher von Braun Oberth ins Raketenforschungszentrum nach Peenemünde an die Ostsee einzuladen. Allerdings war er – aufgrund seines rumänischen Passes – von der kriegswichtigen Forschung an der geheimen Raketenwaffe ausgeschlossen.
Man könnte das auch anders sehen: Sein rumänischer Pass bewahrte ihn vor einer weiteren Kompromittierung und einer Mitarbeit an der Raktenwaffe A4, später V2 für „Vergeltungswaffe“ genannt.. Sein Schüler Wernher von Braun hatte ja zeitlebens alle Mitverantwortung an dieser Waffe abgelehnt. Die V2 war die erste ferngesteuerte Raketenwaffe. Sie wurde von Zwangsarbeitern in Peenemünde und im berüchtigen Konzentrationslager Mittelbau Dora in Thüringen gebaut. Eine Tatsache, die dem ehrgeizigen Ingenieur Wernher von Braun unmöglich entgangen sein kann. Ob Hermann Oberth zeitlebens jemals mit dieser Frage konfrontiert wurde, weiss ich nicht. Auch seinen russischen Biograf der Ingenieur Boris Rauschenbach scheint sie nicht interessiert zu haben.
Die Verbindung mit Wernher von Braun sollte sich später noch einmal auswirken – 1955 bis zu seiner Pensionierung 1958 konnte Oberth im Raketenzentrum Huntsville in den USA arbeiten.
Noch vorher, 1948, soll Hermann Oberth auch eine Zeitlang in der Schweiz gelebt und für die Schweizer Armee Gutachten zum Thema Fernlenkwaffen verfasst haben.
Oberth kehrt nach seiner Pensionierung in den USA nach Feucht bei Nürnberg zurück, wo er sich nach dem Zweiten Weltkrieg niedergelassen hatte. Dort stirbt er 1989 im Alter von 95 Jahren.
Sigishoara hält Oberth in hohen Ehren: Es gibt eine Oberth-Strasse und einen Oberth-Platz und im mittelalterlichen Turm-Museum ist ihm ein kleiner Raum gewidmet. Auf dem Weg zum Turm entdecken wir auch ein in die Wand eingelassenes Denkmal mit einer Hermann Oberth Büste. Auch die Stadt Mediaş gleich neben Sighişoara feiert ihren Bewohner und hat ihm zu Ehren eine Rakete vor seinem Wohnhaus aufgestellt. Oberth konnte hier einige Jahren mit bescheidener Unterstützung des rumänischen Staates forschen. Ermöglicht hatte dies der König selber, der dem jungen Forscher eine Audienz gewährte
Bildnachweis: Alle Bilder Dominik Landwehr Winterthur 2010. Mit folgenden Ausnahmen:
– Das sw-Bild mit Wernher von Braun ist der Monografie “Wernher von Braun” von Johannes Weyer entnommen. Hamburg 2003.
– Buchtitel “Die Rakete zu den Planetenräumen”
– Handschriftlicher Auszug aus Oberths Disseration: Oberth Museum Sigishoara/Feucht
– Ufa- Filmplakate.
Hermann Oberth Museum Feucht