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Bird ist unser Nachbarsjunge
Bird lebt mit seinen Eltern und Grosseltern gegenüber auf der anderen Strassenseite. Sein Grossvater ist der beste Kaen-Spieler (Bambus-Mund-Orgel) des Dorfes, mit ihm bin ich schon mit dem Saxofon bei Prozessionen spielend durchs Dorf gezogen. Bird spielt ebenfalls sehr gut Kaen, spielt auch Saxofon in der Saxofon-Klasse bei mir und….er singt!
Die Musiklehrerin der Dorfschule hat Bird im August zu einem nationalen Gesangswettbewerb angemeldet. Sie wählte für ihn den Song „More Than I Can Say“ aus, ein rockiger Song aus den 70ern von Leo Sayer. Sie verwendete zum Üben und Einstudieren eine Karaoke-Version. Vorausscheidungen gab es in unserer Amphoe (Gemeinde) und im Changwat Udon Thani (Grossbezirk)…..und Bird gewann zum grossen Erstaunen aller beide Vorausscheidungen.
Die grosse Ausscheidung
Er wurde sofort der Star des Dorfes und die nächste Ausscheidung wurde zum grossen Diskussionspunkt, denn die jeweils zwei besten Sänger jedes Changwat des Isaans sollten sich Mitte Dezember in Nakhom Phanom messen. Dort würden von all diesen Sängerknaben die drei Besten des Isaan auserkoren, die dann als Vertreter der Region am nationalen Finale in Bangkok auftreten dürfen. In der Altersklasse von Bird würden sich dann in der Hauptstadt 15 Jungs messen, aus jedem der fünf Landesteile (Prakhang) drei. Spannende Aussichten für einen kleinen Jungen eines kleinen Bauerndorfes aus der ärmsten Region Thailands!
Der Augenblick war gekommen, die Musiklehrerin stand mit Bird in meinem kleinen Studio und bat um meine Mithilfe: ich sollte Bird nun hinsichtlich Musikalität, Englisch (Aussprache) und Show coachen. Freudig stürzte ich mich in diese Aufgabe.
Vorbereitungen und Proben
Als erstes stellte ich fest, dass die Tonlage des Soundtracks nicht auf Bird‘s Stimmlage passte, er krähte den Song etwa anderthalb Tonschritte zu hoch in den Raum. Mit einer Studio-Software transponierte ich den Soundtrack erst einmal nach unten. Dann seine englische Aussprache! Leo Sayer in Thinglish! Thinglish ist diese sympathische Mischung aus der Landessprache Thai und Englisch. Eine Mischung die dadurch entsteht, weil die meisten Englisch-Lehrpersonen in diesem Land gar kein Englisch sprechen. Mehr zu diesem Thema in einem späteren Blog.
In einer kleinen Studioproduktion sang ich selber (zwecks Aussprache) den Song ein. An der Instrumentalstelle, wo Bird dann seine Tanzeinlage haben sollte, bot sich ein kleines Saxofon-Solo an, um das nackenhaarsträubende Karaoke-Synthesizer-Gewobbel etwas zu verfeinern……..letztendlich hatten wir ein paar akzeptable Soundtracks zum üben und dann auch für die Bühne…..aber Bird hatte weder Stereoanlage noch CD-Player. In der Verwandtschaft fanden wir das entsprechende Gerät, in einem Musikgeschäft in Udon Thani kaufte ich das passende Mikrophon dazu. Die Proben konnten beginnen.
An jeder Probe war mein kleines Studio gerammelt voll mit Menschen! Alle kamen sie, Eltern, Grosseltern, Verwandtschaft, das ganze Quartier, das ganze Dorf..…
Einerseits war das gut so, Bird konnte vor Publikum üben. Andererseits war es mitten im Isaan – will heissen – es artete meist in eine Party aus, wo alle lautstark durcheinander gestikulierten und Bird ganz einfach…..unterging, bis ich einmal mehr gezwungen war meine Autorität zu markieren und ein Machtwort brüllte.
Aber Bird nahm es cool. Die Kids hier sind sich gewöhnt, dass sich erst einmal alle anderen – insbesondere die Lehrer (sie tragen ja auch militärische Uniformen!) – in Szene setzten müssen bevor sie, die Kleinen, an der Reihe sind. Befehle – Gehorsam –hinten an stehen.
Wir kamen vorwärts, Tag für Tag, Woche um Woche, Bird wurde immer besser und sicherer, seine Showeinlage natürlicher und sympathischer…………es wurde eine lange und harte Arbeit für ihn, aber auch für mich. Denn wie sich herausstellte, übte Bird zu Hause kaum, trotz organisierter Gerätschaft. Die Schüler seien sich nicht gewohnt, alleine und selbstständig zu Hause zu arbeiten, wurde mir erklärt.
Nachdem nun alle ihren Senf hundertfach dazugegeben hatten, war Bird reif für die Bühne! Der 13. Dezember nahte.
Der grosse Tag für Bird
Nakhom Phanom liegt etwa 250 km östlich von unserem Dorf, also traten wir diese „Kulturreise“ schon am Vortag an und fuhren mit je einem Auto und einem Pickup voller Leute – Bird, Eltern und Geschwister, die Musiklehrerin und Ehemann (ebenfalls Lehrer) sowie meine Partnerin und ich – gen Osten. Unterwegs verschiedene Stopps zum Essen, Kaffee trinken, Wasser lassen…….erstes Ziel: die Stadt That Phanom am Mekong River, auch hier im Osten Grenzfluss zu Laos. Der berühmte Tempel Wat Phra That Phanom beherbergt einen Brustsplitter Buddhas und ist deshalb einer der wichtigsten Pilgerorte Thailands.
Es war die Absicht der beiden Lehrer, hier für Bird‘s Glück zu beten, eine kleine Zeremonie (Tamboon) abzuhalten. Wir alle verbrachten die Abendstunden im Tempel, wunderschönes Licht der untergehenden Wintersonne, bezaubernde Atmosphäre. Zusammen mit hunderten von angereisten Pilgern umrundeten wir den Jedi (Tempelturm) drei Mal mit Kerzen und Räucherstäbchen in Händen…… BIRD MUSS GEWINNEN !
Bird‘s grosser Tag: die Familie etwas nervös, Bird relaxt und wir alle in guter Stimmung nach einem deftigen Isaan-Frühstück. Nur mir schmerzte der Rücken nach der harten Unterlage in der einfachen Unterkunft.
Wir fuhren die 60 km zur Nakhom Phanom University auf den Campus, wo in einem hübschen Wäldchen eine Bühne aufgestellt war und sich die verschiedenen Gruppen um ihre Sänger auf Matten am Boden niedergelassen hatten.
Wettbewerb
Überall ernste und gespannte Gesichter, die Luft knisterte, erstmals kam so eine Art Wettbewerbs-Stimmung auf, der Konkurrenzkampf war zu riechen, die Luft begann zu pulsieren.
In jeder Gruppe waren sofort die Gesangs-Coachs auszumachen, da wurde eindringlich auf die Sängerknaben eingesprochen, Texte repetiert, gemahnt und Showelemente geschliffen….mit einer Ausnahme: unsere Gruppe, wir hatten es einfach lustig zusammen, denn was der Bird kann, kann er, da nützen auch diese letzten Minuten Schleiferei nichts mehr.
Ich war nicht der einzige Farang (Ausländer)-Coach, da war noch ein schwarzer Mann, aus Nigeria wie sich herausstellte. Er war der Englischlehrer des Knaben aus Mukdahan, einer grösseren Provinzstadt mehr im Süden des Isaan. Als ich ihn ansprach und mich vorstellte, war die Konkurrenz offensichtlich, denn er spreizte die Flügel wie ein Gockel und war sehr distanziert…….He, take it easy Kollege, wollte ich sagen, aber ich verkniff es mir mit einem Schmunzeln.
Die Jury bestand aus drei Personen, die einzige Dame sollte später in der Jurierung eine wesentliche und einflussreiche Rolle spielen.
Und da war auch der obligate, von den Kids viel bewunderte Ton-Techniker mit einem Laptop vor seiner Nase. Wie leider immer wieder, auch er die absolute Inkompetenz in Person. Er war nicht fähig, die von mir mitgebrachte CD im richtigen Lautstärkeverhältnis zu Bird‘s Gesang abzuspielen….was hab ich mich aufgeregt! Zu seiner Entlastung muss ich erwähnen, dass auch in Europa die Tontechniker, mit wenigen Ausnahmen, meine Feinde waren!
Und dann ging‘s los!
Der erste Junge betrat die Bühne, der Soundtrack begann aus den Lautsprechern zu dröhnen – eine Popballade. Voller Inbrunst begann er in seiner vorpubertären hohen Stimme zu singen, und mir standen die Haare zu Berge. Dasselbe musikalische Trauerspiel setzte sich bei den nächsten sechs Jungs fort: sie waren von den Songs schlichtweg überfordert, das Treffen der Töne war Glückssache und das Englische, na ja, Thinglisch in voller Härte, eben.
Den stolzen Blicken der jeweiligen Coachs zu entnehmen, wollten diese sich vor allem mit höchst anspruchsvoller Songauswahl profilieren. Alle klatschten und waren glücklich – mir taten die Jungs ganz einfach leid.
Und dann sang Bird!
…und er sang – trotz mieser Lautstärkeverhältnisse – ausgezeichnet, seine Show war grossartig und die Intonation seiner Stimme perfekt! Der Junge war der Hammer! Ich kriegte rote Ohren vor Begeisterung.
Man sollte den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber wenn alle anderen so sangen wie beschrieben, hatte Bird schon gewonnen, oder war mindestens unter den ersten Drei die nach Bangkok ins Finale gehen würden……so dachten wir alle.
Wir hörten uns noch weitere nachfolgende Interpreten an, leider dasselbe Trauerspiel wie gehabt, Ballade um Ballade, jede haarsträubender wie die andere, mit einer Ausnahme: der Junge aus Mukdahan—mit dem Coach aus Nigeria—war gar nicht so schlecht, aber auch diese Ballade müsste bei jeder objektiven Jury klar durchfallen…….
Irgendwann hatte ich Poart Hoa (Kopfweh) und wir brachen auf ohne das Ende der Show abzuwarten, denn das Resultat würde allen Wettbewerb-Teilnehmern sowieso erst ein paar Tage später schriftlich mitgeteilt.
Nun hatten wir erst einmal Hunger!
Wir fuhren unter die Friendship Bridge II in der Nähe von Mukdahan und schlugen uns vor der Heimreise in einem der typischen Thai-Restaurants mit Fisch und anderen Leckereien die Bäuche voll.
Den Besuch der Grenzstation nach Laos sowie eines Museums mit Aussichtsturm in Mukdahan selber sollten unsere Kulturreise abrunden, später stand uns dann noch eine 4-stündige Heimreise bevor, wieder mit einigen Stopps……
Der Wettbewerb war am Freitag, die Nachricht kam am Dienstag drauf. Die beiden Lehrer überbrachten das Resultat, alle waren bei uns im Haus versammelt:
BIRD WURDE 12ter!!…?…??
Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit meinerseits. Die Thais nahmen es gelassen und sofort überwiegte das Fröhliche wieder, es wurde gelacht und gewitzelt und auf das aufgetischte Essen geschielt.
Nachdem ich mich vom Schock erholte, hatte ich nun doch noch ein paar Fragen – das haben wir Farangs so an uns. Thais hinterfragen ja nie! Mit einer Selbstverständlichkeit wurde mir erst einmal erklärt, dass der schwarze Mann die Dame der Jury regelmässig zu Bette trage und sie das offenbar sehr möge………..und dass ein kleiner Junge aus einem kleinen Dorf wie das unsere gar nie gewinnen kann….!!! Die ersten drei Jungs kamen aus: 1.Rang Mukdahan (der Junge mit dem schwarzen Coach), 2.Rang aus Ubon Ratchathani, 3.Rang aus Nakhon Ratchasima………..alles grosse Städte im Isaan!
Das ist „gelebte Korruption“,
dachte ich bei mir, in Farang-Manier leicht angeärgert. Anstatt als arme Landregion mit den Besten nach Bangkok zu gehen und dort die Qualitäten zu präsentieren die es hier zweifelsohne gäbe, obsiegt die kleinprovinzielle korrumpierte Denkweise, mit dessen sängerischem Resultat man sich in der Weltstadt bestimmt lächerlich machen wird.
Trotzdem, wir hatten allen Grund zu feiern und das taten wir ausgiebig, laut und fröhlich!
Die Musiklehrerin meinte dann noch zuversichtlich: in einem Jahr käme ja die nächste Gelegenheit wieder um erneut anzutreten………………..OHNE MICH! SORRY ! Trotzdem, es hat Spass gemacht! Und wie bei jedem Jahreswechsel hoffe ich im Stillen, dass es nächstes Jahr ein bisschen besser werden möge für dieses schöne Land mit seinen liebenswerten Menschen.
In diesem Sinne, euch allen ein gutes neues Jahr!
Andi & Nicha