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Wenn China ein Problem sieht und anpackt, hat die Lösung oft gigantische Dimensionen. So auch beim Thema Wasserknappheit. Der Süden ist wasserreich, der Norden leidet unter grosser Trockenheit. Bereits Staatsgründer Mao Zedong träumte davon, Wasser im Süden für den Norden auszuleihen. Heute ist Maos Idee Realität.
Das sogenannte Süd-Nord-Wasserumleitungsprojekt sammelt das Wasser im Süden und leitet es über ein Kanalsystem in den Norden. Es besteht aus einer östlichen, zentralen und westlichen Pipeline.
Während die Westroute noch in Planung ist, nahm die Ostroute bereits 2013 den Betrieb auf. Ein Jahr später folgte die Eröffnung der Zentralroute. Jener Teil der Umleitung, welche in Betrieb ist, umfasst rund 3000 Kilometer.
Geografische und menschengemachte Gründe
Der Widerspruch: Obwohl China zu einem der wasserreichsten Länder der Welt gehört, hat es im Norden ein Knappheitsproblem. Das hat geografische Gründe, erklärt der prominente Wasserexperte Ma Jun: «Der Süden ist feucht und nass. Dort sind mehr als 80 Prozent der Wasserressourcen. Chinas Norden hat nur deren 20 Prozent. Aber im Norden lebt fast die Hälfte der Bevölkerung.»
Im Norden Chinas liegt der Grossteil der Ackerbauflächen und Bodenschätze. Entsprechend schnell haben sich dort Industrie und Städte entwickelt. Zudem gelangte ein Grossteil des Abwassers jahrzehntelang ungefiltert in Flüsse und Seen. Das verstärkte die Knappheit zusätzlich.
Mittlerweile hat sich zwar laut dem Umweltexperten Ma Jung bei der Wasserverschmutzung einiges getan, ganz gelöst sei das Problem aber nicht.
15 Tage ist ein Wassertropfen unterwegs
Die wichtigste Pipeline ist die Zentralroute. Sie startet im Danjiangkou-Wasserreservoir und versorgt rund 20 Städte im Norden Chinas mit Trinkwasser, drunter die Stadt Peking.
Allein die Strecke von Danjiangkou bis Peking durchquert mehrere Provinzen und ist über 1000 Kilometer lang. Es dauert rund 15 Tage bis ein Wassertropfen aus dem Süden den Norden erreicht hat.
Der Bau des Kanalsystems hat Milliarden verschlungen und viel Kritik geerntet. Umweltschützer warnten vor den ökologischen Folgen und der Zerstörung ganzer Landschaften. Die Wasserumleitung verlangte von den Menschen grosse Opfer.
Rund 340’000 Menschen mussten dem Projekt Platz machen. Im Gegenzug profitieren von der Wasserumleitung bis heute rund 120 Millionen Menschen.
Für die Landwirtschaft ist das Wasser zu teuer
Nur längst nicht alle im trockenen Norden sind angeschlossen. Bauer Chen Ruxian lebt in der Nähe der Ost-Route – ein paar Stunden Autofahrt von der Stadt Zibo entfernt.
Wasser erhält er bisher keins: «Wir sind vom Wetter abhängig. Letztes Jahr hat es zwei Monate lang nicht geregnet.» Weil er nicht länger warten konnte, hat er trotzdem angepflanzt, gewachsen sei aber nichts.
Die Gegend sei gebirgig und könne nur schlecht Wasser speichern. «Die Regierung hat versucht, Brunnen zu graben», erzählt Chen Ruxian, «aber das Grundwasser reicht nicht aus. Dürre ist deshalb seit langem ein ungelöstes Problem.»
Zwar soll die Stadt Zibo bald Trinkwasser aus der Wasserumleitung erhalten, Pläne, dass auch die Bauern davon profitieren sollen, gibt es nicht. Das weit transportierte Wasser ist für die Landwirtschaft schlichtweg zu teuer.
Wassereffizienz jahrzehntelang vernachlässigt
Nicht nur rund um Zibo wird die Route ausgebaut. Denn der Bedarf an sauberem Leitungswasser nimmt nicht ab, sondern steigt.
Der Umweltexperte Ma Jun warnt vor einem voreiligen Ausbau: Bei Wasserknappheit gebe es nur zwei Möglichkeiten.
«Man erhöht entweder das Wasserangebot oder man verbessert die Effizienz. China hat jahrzehntelang einzig auf die Ausweitung des Angebots gesetzt.»
Wasserexperte Ma Jun fordert daher ein Umdenken. Viel wichtiger als Wasser teuer zu transportieren, wäre es, Wasser zu sparen.