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Gottes Filialleiterin und ihre Übersetzerinvon Susanne Leuenberger Die argentinisch-schweizerische Schriftstellerin Alfonsina Storni (1892–1938) war ihrer Zeit voraus. Ihre Biografin und Übersetzerin Hildegard Keller tritt mit ihr in der Buchhandlung Libromania in einen Dialog.
Sie bezeichnete sich mal als «lebhafte flackernde Lampe», die «verbale Seifenblasen» von sich gebe, oder auch als «hochempfängliche Antenne, die Stimmen und Wörter empfängt, die von irgendwoher kommen». An anderer Stelle notierte sie prosaischer: Sie sei 157 cm gross, kleide sich in Manchesterhosen wie ein Mann und trage Schuhgrösse 37. Mit nur 46 Jahren stürzte sich Alfonsina Storni nach jahrelanger Krebserkrankung am 25. Oktober 1938 ins Meer. Der hispano-amerikanischen Nachwelt blieb die argentinische Künstlerin mit den Tessiner Wurzeln, ähnlich wie Virginia Woolf oder Sylvia Plath, vor allem als Dichterin, die Suizid beging, im Gedächtnis.
Zwiegespräch mit der Künstlerin
In der Deutschschweiz ist Alfonsina Storni bis heute eine Unbekannte. Das liegt auch daran, dass ihre Texte bis auf eine Gedichtsammlung nie aus dem Spanischen ins Deutsche übertragen wurden. Die Literaturwissenschaftlerin Hildegard Keller hat dieses Versäumnis nun endlich nachgeholt. In Eigenedition hat sie sämtliche Gedichte, Kolumnen, Aphorismen, Theaterstücke, Briefwechsel und Nachrufe übersetzt und in vier Bänden veröffentlicht. Hildegard Keller hat aber auch Podcasts und Radio-Features produziert, sie schreibt an einer Biografie und macht Lesungen und Soirées, in denen sie Alfonsina Storni ihre Stimme leiht, denn: «Niemand schrieb treffender über Alfonsina Storni als Alfonsina Storni selbst. Sie war als Dichterin, Theaterautorin, Reporterin – und Frau – eine absolute Ausnahmeerscheinung», sagt sie.
Und ja, ihr Leben hatte es in sich: Alfonsina Storni wurde Ende des 19. Jahrhunderts in einem Tessiner Bergdorf in eine Auswandererfamilie geboren, mit vier Jahren reiste sie mit ihren Eltern zurück nach Argentinien, verbrachte ihre Kindheit in der Provinz und gelangte ledig und schwanger schliesslich nach Buenos Aires, wo sie ihren Traum, Künstlerin zu werden, verwirklichte – gegen die Zeichen der Zeit. «Weder ihre prekäre Existenz als alleinerziehende Mutter, die sich mit Brotjobs als Sekretärin, Journalistin und Lehrerin über Wasser hielt, noch die moralisch verbrämte Ablehnung, die einer Frau in der Männerdomäne Kunst damals entgegenschlug, hielten Alfonsina Stornis Kreativität und ihre Lust, immer wieder aus- und aufzubrechen, auf», sagt Keller.
Singulär erscheinen ihre unerschrockene Beobachtungsgabe, ihr Schalk und ihre Lebenslust, die auf eigenwillige, unverwechselbare Weise in ihren Texten zusammenfanden. So wunderte sie sich manchmal auch selbst über ihr unbändiges Schreiben, etwa in der Rede «Zwischen halboffenen Koffern und dem Zeiger der Uhr», die sie kurz vor ihrem Tod vortrug: «Aus welchen Rissen und Ritzen kommen meine Verse hervor? Haben vielleicht die Giftstoffe meines Urgrossvaters oder die meiner Grossmutter die Bahn freigemacht? Oder hat Gott auch in mir eine Vorstadtfiliale eingerichtet, wie er das in jedem Künstler tut?»
Storni schrieb auf Zugfahrten, im Kaffeehaus, im Büro oder sogar während Banketten. Ab Anfang der 1910er-Jahre veröffentlichte sie Gedichtbände, gewann Preise, sie schrieb Kolumnen für argentinische Zeitschriften, notierte Aphorismen, verfasste bald erste Theaterstücke, auch für Kinder, und wurde für Inszenierungen nach Europa eingeladen.
Sie nahm alles um sich herum auf und verarbeitete es in Lyrik und Prosa: Besonders gerne machte sie sich mit leisem Spott über den Kleinmut und die Banalität des grossstädtisch-bürgerlichen Lebens her. Etwa, wenn sie in «Die Dämmerungsaktiven» den Kaufhausrausch mancher ihrer Zeitgenossinnen beschrieb: «Nachdem [sie] sich mit Ideen für die neue Modesaison gesättigt haben, durchqueren sie erneut die Calle Florida und zeigen ihre Schätze. Sie bleiben vor einem Café stehen, das gerade en vogue ist, und gönnen sich einen leichten Aperitif mit wenig Alkohol. Zufrieden mit ihrem Ausflug verteilen sie sich in Autos, Strassenbahnen und Kutschen und kehren nach Hause zurück. Sie haben sich davon überzeugt, das Paradies sei ein Ort mit Liften und prächtigen Puppen, die wie Wellen an einem vorüberwogen.» Storni liess sich auf endlosen Zugreisen aber auch von der Weite Patagoniens inspirieren. Manche ihrer Landschaftsgedichte entfalten dabei die rohe Poesie und schroffen Konturen eines expressiven Gemäldes. Das ist schlicht grossartig, auch in der souveränen Übersetzung von Hildegard Keller, die Stornis lyrische Wucht bewahrt: «Wenige Wildblumen. Sie wachsen in Schwärmen wie Schwalben, stehen da in grossen Rechtecken in einem einzigen Farbton, blau, gelb, dunkelviolett. Ihr Wogen berührt den Fuss des Himmels.»
Club der toten Dichterinnen
Es seien mehrere Gründe gewesen, aus welchen sie sich 2009 an die Übertragung von Stornis Werk gemacht habe, sagt Keller, die von Haus aus auch Hispanistin ist: «Ich wollte zeigen, dass diese Autorin mehr ist als der stumme Mythos, zu dem man sie wie andere tote Künstlerinnen gemacht hat. Ich wollte, dass man ihr Werk in seiner ganzen Breite lesen kann.»