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Reisen 2007-2010
Unsere "USA Jahre" von 2007 bis 2010
Etwas wehmütig schauen wir zurück auf bereichernde Begegnungen und fantastische Reiseerlebnisse.
Diese Autonummer hat ihren Ehrenplatz in unserem Hauseingang und wird die Erinnerungen wach halten.
Wie es begann ...
Die Versuche unsere Zelte vorübergehend ganz in den USA aufzuschlagen, scheiterten an der für uns unerreichbaren Aufenthaltsbewilligung. So entschieden wir uns für einige Jahre „Pendlermodus“. Das bedeutete, dass wir die uns als Touristen pro Jahr zustehenden 180 Tage Aufenthalt möglichst ausgiebig zu nutzen suchten. So flogen wir jedes Jahr im Frühjahr/Frühsommer und im Spätsommer/Herbst für jeweils rund drei Monate nach Nordamerika.
Die ersten Vorbereitungen trafen wir in den Ferien im Herbst 2006 mit einer eigentlichen „Erkundungswoche“ in Montgomery, Alabama. Wohnungs- und Möbelsuche, Autokauf, Versicherungen und weiteres mehr hatten wir damit soweit vorbereitet, dass unser „Einzug“ im Frühjahr 2007 speditiv ablaufen konnte.
Am Sonntag, den 1. April 2007 übernahmen wir unsere 3-Zimmerwohnung im Wohnquartier „Barrington“ im Ostteil der Stadt Montgomery. Innerhalb zweier Tage war alles eingerichtet und auch Telefon, Internet und TV funktionierten.
Nach einigen Ausflügen in die nähere Umgebung starteten wir am 22. April zur ersten unserer Reisen in den USA. Unsere ausgiebigen Reisepläne waren ja der Anlass gewesen, weshalb wir uns für einige Zeit einen „Stützpunkt“ in den Vereinigten Staaten leisten wollten.
Unsere Reisepläne
Drei grosse Reisethemen standen für uns schon früh fest. Da war zum einen die Route 66, welche wir in zwei Teilen in den Jahren 2007 und 2008 von Chicago bis Los Angeles vollständig „abklapperten“ und es uns dabei zur Pflicht machten, jeden Meter der noch vorhandenen historischen Strassenstücke unter die Räder zu bekommen und seien sie auch noch so holprig und abgelegen.
Hatten wir mit der Route 66 die USA von Ost nach West durchquert, so führte uns der Mississippi von Nord nach Süd durch das Land. In Ergänzung früherer Reisen am Unterlauf von St. Louis nach New Orleans, suchten wir 2009 die Quelle des Mississippi auf und folgten dem „Old Man River“ von da bis nach St. Louis. Damit erhielten wir Gelegenheit, Land und Leute von der Quelle bis zur Mündung dieses geografisch, aber auch wirtschaftlich und kulturell bedeutenden Stromes kennen zu lernen. Die regionalen Eigenheiten und Unterschiede in Mentalität, Lebensart, Landschaft und Klima zwischen Nord und Süd wurden uns auf dieser Reise eindrücklich bewusst.
Zum Dritten stand der Westen der USA ganz oben auf unserer Liste. Angeregt durch frühere Ferienreisen durch Utah und Arizona, suchten wir 2009 uns noch unbekannte Orte in diesen Staaten auf. Fortgesetzt haben wir diese Reise dann zum Yellowstone Nationalpark und durch den nördlichen mittleren Westen.
Nebst diesen mehrwöchigen Touren unternahmen wir etwas kürzere Reisen nach Florida, Washington DC, West Virginia (2007); nach Las Vegas, Atlanta und in die Nationalparks im Süden Kaliforniens und Texas (2008); nach New Orleans und ins südliche Louisiana; in den südlichen Ausläufer der Appalachen und in den Norden Alabamas (2009).
Zwischen diesen Reisen und vor allem im Frühjahr 2010 lernten wir auf Ausflügen den Staat Alabama näher kennen. Die Palette reichte dabei von historischen Stätten über Wanderungen in einigen State Parks, Besuch von Herbstmessen, Rodeos, Autorennen, Catfish Farm (Fischzucht), Pfirsich Festival, Autofabrik Hyundai bis zum Austesten historischer Restaurants. Von den letzteren haben wir eine stattliche Anzahl geschafft und waren jedes Mal positiv überrascht von der einfallsreichen und schmackhaften traditionellen Küche und der Gastfreundschaft der Leute.
Erlebnisse mit Land und Leuten
Es war in diesen Jahren unser Privileg, völlig unabhängig von jeglichem Zeitdruck und einzig abgestimmt auf unsere Interessen und die Wetterlage reisen zu können. Zudem sind die USA nach wie vor ein Land, in welchem das Strassennetz, die Hoteldichte, die ausgedehnten Öffnungszeiten von Restaurants und Geschäften und die meist hervorragend bezeichneten und dokumentierten touristischen und historischen Plätze das individuelle Reisen einfach machen. Das liess uns jeglichen Raum für ungeplante Stopps und Routenänderungen. So blieben wir an manchen Orten „hängen“, um mit Einheimischen zu plaudern und so wiederum mehr über Lebensumstände, Alltagsprobleme und lokale Geschichte(n) zu erfahren. Dabei wird man sich immer wieder der Ausdehnung und der Vielfalt dieses Landes bewusst. Die USA sind zwar politisch gesehen eine Nation. Aber die USA muss letzlich als ein Kontinent betrachtet werden. Schon rein geografisch und klimatisch lassen sich beispielsweise die drei Küsten (Atlantik, Pazifik, Golf von Mexiko) kaum vergleichen; das Tal eines Mississippi und jenes des Colorado River könnten unterschiedlicher nicht sein; die endlosen fruchtbaren Felder im Mittleren Westen bilden eine andere „Welt“, als die Wüstengebiete im Südwesten; im Südosten klagen die Leute über die heissfeuchten Sommer und in den Rocky Mountains über die oft nicht enden wollenden harten Winter. Und wie überall formt das jeweilige Umfeld den Charakter der Leute. In den USA wird dieser Faktor noch überlagert von der ursprünglichen Herkunft der Einwohner. Ein Schwarzer im Süden, ein „Italiener“ in New York, ein „Schweizer“ in Wisconsin, ein „Deutscher“ oder „Pole“ in Iowa oder ein Abkömmling der Cajuns Louisiana können trotz einheitlichem amerikanischen Pass so unterschiedlich in ihrer Art sein, wie ein Hamburger und ein Neapolitaner.
Bei aller Vielfalt aber ist Amerika (noch) weitgehend eine westliche Kultur. Auch in der amerikanischen Wahrnehmung endet „der Westen“ an der Pazifikküste und jenseits des Stillen Ozeans liegt der „ferne Osten“ und hinter Mitteleuropa beginnt gleich der „Mittlere Osten“. Somit sind auch Vergleiche mit der westeuropäischen Lebensweise durchaus legitim. Dabei stellten wir fest, dass die Chancen und Risiken der Gesellschaften beidseits des Atlantik im Grunde genommen weitgehend gleich gelagert sind, auch wenn Ausprägung und Wahrnehmung sich teilweise recht markant unterscheiden. So sind etwa die unterschiedlichen Meinungen und Ansichten zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Jungen und Alten, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern oder zwischen Politikern und „Volk“ weitgehend vergleichbar. Es ist daher sicher nicht verfehlt, die Entwicklungen in den USA laufend zu verfolgen und abgeleitet davon die richtigen Schlüsse für unser Umfeld zu ziehen; so etwa auf den Gebieten der technischen und wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung, der gesellschaftlichen Entwicklungen und Grenzen derselben, der Migration, der Staatsfinanzen, aber auch der Kriminalität und der Drogen.
Wir haben die USA als eine Nation erlebt, die vor Herausforderungen steht, wie sie in dieser Ausprägung und Komplexität vielleicht noch nie da waren. Präsident Obama fährt politisch einen neuen Kurs, von dem noch nicht klar abzusehen ist, wie er Politik und Gesellschaft auf Dauer beeinflussen wird. Sicher scheint uns aber, dass dieser Kurswechsel parallel zu den anstehenden Problemen viele Leute zusätzlich verunsichert. Vertrauenswürdige Kommunikation und Zusammenarbeit über politische und kulturelle Grenzen hinweg sind gefragt. Althergebrachte ungelöste Fragen im Verhältnis Schwarz-Weiss, das bisher konzeptlose Vorgehen im Bereich der illegalen Einwanderung oder im Bereich Energie und Umwelt vermischen sich nun mit den neuesten Krisen auf dem Immobilienmarkt, im Kreditwesen der Banken und der privaten Haushalte. Dass das Ganze sich vor dem Hintergrund einer schnell wachsenden Verschuldung der öffentlichen Hand auf Bundes- und Staatsebene, vor aussenpolitisch heiklen Situationen im Mittleren und Fernen Osten und verhärteten politischen Fronten im Lande selber abspielt, das alles lässt noch manche schwierige Jahre wenn nicht Jahrzehnte erwarten. Auch der teilweise markante politische Einfluss sehr extremer Gruppierungen von links und rechts erschwert oder verhindert oft einen Konsens. Da die USA militärisch, politisch und wirtschaftlich auf absehbare Zeit eine Supermacht bleiben werden, können wir uns dem Blick über den Atlantik nicht verweigern. Wir wollen ja weiterhin selber entscheiden können, was uns gefällt und was nicht. Dazu ist es sicher hilfreich zu erkennen, wieweit uns die Handlungsweise der USA betrifft und beeinflusst.
Was bleibt?
Unauslöschliche Erinnerungen von Reisen, Erlebnissen und Begegnungen. Eindrücke von einem Land, mit dem wir uns als „Teilzeitbewohner“ doch recht nahe befassen konnten.
Was werden wir vermissen und was nicht?
Zunächst werden wir natürlich den direkten Kontakt zu unseren Freunden und Bekannten in USA vermissen. Zwar kann man mit Telefon und Internet heute problemlos Distanzen überbrücken, aber die Gespräche und gemeinsamen Unternehmungen entfallen.
Dazu gibt es weitere Dinge – in zufälliger Reihenfolge genannt –, die wir vermissen werden. Die einfache, unkompliziert Weise, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, selbst im Wissen, dass nicht jede Plauderei zwingend zu einem bleibenden Kontakt führt. Die Kundenfreundlichkeit in Gastronomie und Läden aller Art. Die ausreichenden und grosszügig dimensionierten Parkplätze, dank derer man ohne Verrenkungen dem Auto entsteigen kann, die Einkaufsmöglichkeiten hinsichtlich Öffnungszeiten ebenso wie betreffend des Angebots. Wohltuend ist auch die Tatsache, dass man in den USA Grossanlässen – gerade im Sport – beiwohnen kann, ohne Krawalle befürchten zu müssen. Zum Teil hängt das sicher auch damit zusammen, dass der Respekt gegenüber den Anderen und den Ordnungshütern noch intakter ist, als bei uns.
Zu den Dingen, die wir nicht unbedingt vermissen werden, zählen unter anderem die feuchtheissen Tage im Südosten, Autofahrer am Handy - die trotz oder wegen
ihrem teurem „Schlitten“ kein Geld für eine Freisprechanlage haben - eine oft überbetonte Hierarchiegläubigkeit (oder -Angst?) in öffentlichen und privaten Organisationen, welche sich in langwierigen Abläufen und fehlender Initiative und Flexibilität manifestieren oder die nicht wenigen krankhaft Übergewichtigen, welche zu allem Übel von der übrigen Gesellschaft auch noch Mitleid und Rücksichtnahme einfordern wollen.
Was wir wohl nie ganz verstehen werden …
… ist etwa die Tatsache, dass in einem Land, das über Spitzentechnologie in der Raumfahrt verfügt, viele Gegenstände und Geräte des täglichen Bedarfs eher an vergangene Zeiten erinnern. Oder dass das selbe Land, welches über 18 der 20 weltbesten Universitäten verfügt, in manchen Staaten ein qualitativ gelinde gesagt nicht gerade hochwertiges öffentliches Schulsystem besitzt. Das Ausmass der politischen Korruption - dies mag vielleicht eher im Süden der USA ein Problem sein – verleitet manchmal dazu, bösartige Vergleiche mit gewissen afrikanischen Staaten zu ziehen. Es scheitern immer wieder gesellschaftliche und rechtliche Projekte zum Vorteil der Bevölkerung und deren Sicherheit auf Stufe der Staaten und Gemeinden an für uns unverständlicher persönlicher Sturheit und Vetternwirtschaft.
Und doch ...
... die Erlebnisse und Erfahrungen in einem fremden Land sollen ja auch immer wieder Anlass dafür sein, selber in den Spiegel und vor die eigene Haustür zu schauen. Denn erst Fragen wie: „Was machen wir anders und wie und warum?“ führen zu einem objektiveren Urteil über Fremdes und Ungewohntes und helfen uns, andere Leute, Ländern und Sitten zu verstehen. So haben auch wir uns ab und zu an der eigenen Nase nehmen müssen oder standen vor der Frage: „Wie genau läuft das eigentlich bei uns?“. Oder wir ertappten uns dabei über etwas den Kopf zu schütteln, was auch in unserer Heimat ähnlich krumm läuft oder es in Bälde tun wird.