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Staudämme, Tunnel und Brücken sind die Steckenpferde des Tessiner Ingenieurs Giovanni Lombardi. Zur Zeit plant er einen Tunnel von Europa nach Afrika an der Strasse von Gibraltar
Trotz seiner 81 Jahre ist Giovanni Lombardi immer noch weltweit unterwegs. Auch im Auftrag der Weltbank.
Die Werkliste von Giovanni Lombardi ist lang: Der Gotthard-Strassentunnel, Talsperren im Verzasca-Tal, in Österreich, Mexiko und Italien sind nur einige Beispiele seiner Tätigkeit. Doch alles Bisherige, selbst der Tunnel unter dem Ärmelkanal, ist im Vergleich mit seinem jüngsten Projekt ein "Kinderspiel", wie er sagt.
Denn Bauingenieur Lombardi ist daran, einen Eisenbahntunnel zwischen Spanien und Marokko zu entwerfen. Seine Firma in Minusio führt ein Konsortium, das den Auftrag erhalten hat, bis 2008 einen konkreten Plan für diesen Tunnel vorzulegen. Ausser den technischen und wirtschaftlichen soll er auch die rechtlichen Aspekte und den Umweltschutz berücksichtigen.
Beteiligt sind Partner-Unternehmen aus Marokko, Turin und Madrid. Ob das Projekt je verwirklicht wird? "Das ist nicht meine Sache", sagt der Ingenieur. Sein Interesse konzentriere sich auf die technische Machbarkeit.
In seinem Büro in Minusio breitet Lombardi die Pläne vor sich aus. Er zeigt auf die Meerenge von Gibraltar, die zwar die engste Stelle zwischen den Kontinenten ist, aber wegen einer Wassertiefe von 600 Metern nicht für die Verbindung geeignet ist.
Drei-Röhren-Tunnel
Das von ihm entworfene Trassee für eine Dreiröhrenverbindung (Hinfahrt, Rückfahrt und Notzugang) verläuft zwischen Tarifa und Tanger und ist 40 km lang. Das Meer ist hier nur 300 Meter tief.
Er rechnet vor, dass der Wasserdruck von 500 Tonnen pro Quadratmeter bewältigt werden müsse, und zeigt, dass der Tunnel maximal 2,97 Steigungsprozente aufweist. Mehr liegt für die Eisenbahn nicht drin
Es gehört zu den Stärken von Giovanni Lombardi, nicht immer den kürzesten, dafür aber den geologisch besten Weg durch die Erde zu suchen. Das hat ihm schon in den 1960er-Jahren den Zuschlag für den Bau des Gotthard-Strassentunnels gebracht.
Damals hatte er eine geniale Idee: Statt die direkte Achse zwischen Göschenen und Airolo zu nehmen, entwarf er ein gebogenes Trassee, das mehr oder weniger den Taleinschnitten im Gebirge folgte. So konnte die Höhe der Belüftungsschächte geringer gehalten werden und der Zugang war deutlich einfacher. "Eigentlich eine banale Idee, aber man musste darauf kommen", lacht Lombardi.
Der Kosmopolit
Trotz seiner 81 Jahre ist der Ingenieur voll berufstätig. Er ist auch Verwaltungsratspräsident der Lombardi AG, doch der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt seit 20 Jahren auf der Tätigkeit als Berater und Gutachter.
In dieser Funktion reist er rund um die Welt, beurteilt Projekte und Bauten, sitzt in Experten-Kommissionen, auch im Auftrag der Weltbank, die in viele Vorhaben investiert. Gerade ist er aus Südafrika gekommen, demnächst muss er für drei Wochen nach Argentinien, um acht Staudämme zu untersuchen. In insgesamt 60 Ländern war er schon aktiv.
"Ich habe eine Tessiner Identität, aber ich fühle mich als Kosmopolit", sagt Lombardi. Und nicht nur wegen der Berufstätigkeit. Aufgewachsen ist er in den französischen Pyrenäen, nachdem sein Vater 1916 vom Tessin nach Frankreich emigriert war. Für einige Jahre besuchte er die Primarschule in Lugano, später das Rosenberg-Kolleg in St.Gallen, bevor er 1944 die Eidgenössische Matur in Basel ablegte – mit dem landesweit besten Notendurchschnitt.
Es folgten das Bauingenieurstudium an der ETH Zürich, praktische Tätigkeiten in Bern sowie die Promotion, bevor er im Tessin ein eigenes Büro eröffnete.
Es waren die goldenen 1950er-Jahre, als in der Schweiz noch die letzten grossen Talsperren realisiert wurden. Danach verlagerte Lombardi seinen Schwerpunkt auf den Tunnelbau: Gotthard, Umfahrung Locarno, Umfahrung Neuenburg, Tunnel Luzern-Stans, etliche Projekte in Luxemburg sowie Alptransit.
Sprachgewandter Tessiner
Lombardi verfügt nicht nur über ein enormes Wissen, sondern ist auch witzig und vielsprachig. Neben Italienisch, Französisch und Deutsch beherrscht er Englisch und Spanisch. "Ich lese auch Rumänisch und Katalanisch, aber nur technische Texte."
Drei längst erwachsene Kinder hat Lombardi mit seiner Frau Christiane, die schon als Honorarkonsulin von Frankreich im Tessin wirkte. In die beruflichen Fussstapfen des Vaters ist niemand gestiegen. Aber Sohn Filippo hat es als Tessiner CVP-Ständerat zu landesweiter Bekanntheit geschafft.
Wegen seiner vorrangigen Auslandstätigkeit hat Giovanni Lombardi seinen Wohnsitz vor vielen Jahren vom Tessin nach Monaco verlegt. Ein Steuerflüchtling also? Lombardi lacht.
"Ich musste bis zu 80% Steuern bezahlen, weil es keine Doppelbesteuerungs-Abkommen gab, verstehen Sie?" Und fügt dann an: "Nein, ich habe übertrieben, es waren höchstens 78,5."
swissinfo, Gerhard Lob, Minusio
Giovanni Lombardi
Wurde 1926 in Lugano geboren.
Nach der Matura in Basel (1944)studierte er an der ETH Zürich Bauingenieur.
In den 1950er-Jahren eröffnete er im Tessin ein Ingenieur-Büro.
Später spezialisierte er sich auf Tunnelbau.
Sein Name ist eng mit dem Gotthard-Strassentunnel verknüpft.
Er ist Präsident der Ingenieurfirma Lombardi AG in Minusio, die auch an der Bauleitung des Gotthard-Basistunnels beteiligt ist.
Bekannt ist er auch als Konstrukteur zahlreicher Staumauern im Tessin, in Mexiko und Italien.
Das Politechnikum von Lausanne verlieh im 1986 den Ehrendoktortitel, jenes von Mailand 2004.