Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/3889

Eine Konzerthalle aus Papier
Gefäss:
Der japanische Stararchitekt Shigeru Ban ist für den Einsatz von Papier und Pappe in seinen Konstruktionen bekannt. In der von einem Erdbeben schwer beschädigten Stadt l’Aquila schuf er aus dem ungewöhnlichen Material ein Konzertgebäude
Der 6. April 2009 war für die zentralitalienische Stadt Aquila ein schwarzer Tag: Ein Erdbeben der Stärke 6,3 beschädigte oder zerstörte gegen 15000 Gebäude. 308 Menschen starben, weitere 67000 verloren ihr Obdach.
Im Sommer desselben Jahres hielt die G8 ihre Gipfelkonferenz in der schwer beschädigten Stadt ab, und die anwesenden Regierungschefs versprachen rasche Hilfe. Doch von den versprochenen Geldern und Hilfsleistungen kam nur wenig in der Stadt 90 Kilometer nördlich der Hauptstadt Rom an. Der Wiederaufbau, auch von Seiten der italienischen Regierung, wird als „sehr schleppend“ beschrieben.
Paper Concert Hall
Ihr Wort hielt hingegen die Regierung Japans: Sie hatte angekündigt, der für ihre Musikszene berühmten Stadt, auch das „Salzburg der Abruzzen genannt“, einen temporären Konzertsaal zu errichten. L’Aquila erhielt dieses in Form der „Paper Concert Hall“ des Stararchitekten Shigeru Ban, dessen Erweiterungsbau des Tamedia-Hauptsitzes in Zürich derzeit realisiert wird.
Als Bauplatz für die Konzerthalle wählte Ban eine unbenutzte Tramhaltestelle. So konnte das vorhandene, einfache Stahlrahmendach mit langer Spannweite wieder genutzt werden. Als Stützelemente für die Halle verwendete man Röhren aus günstiger, leichter Recyclingpappe, die in einer Fabrik am Stadtrand hergestellt wurden. Die Röhren weisen einen Durchmesser von 60 Zentimetern und eine Höhe von knapp 6 Metern auf.
Sandsäcke für die Akustik
Im Innenraum der „Paper Concert Hall“ wird die quadratische Halle schräg von einem elliptischen Saal durchschnitten. Die ovale Tragstruktur aus Stahlgerüsten und eng aneinandergereihten Kartonröhren, diesmal mit je einem Durchmesser von 25 Zentimetern, bildet die Wand des Konzertsaals. Für eine optimale Akustik sorgen simple Sandsäcke, die zwischen die Säulen platziert und zum Foyer hin durch einen roten Vorhang bedeckt sind.
Seine Vorliebe für Karton als Baumaterial entstand 1986. Damals arbeitete er an einer Alvar-Aalto-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York. „Anfangs wollte ich dafür Holz verwenden, was schließlich auch sehr gut zu Aaltos Designverständnis gepasst hätte.“ Doch Holz, das erkannte Ban rasch, wäre einerseits zu teuer gewesen und anderseits nach dem Ende der Ausstellung sinnlos auf den Müll geworfen worden. „Also habe ich nach einem alternativen Material für Holz gesucht und in den vielen Papp-Rollen gefunden, die vom Drucker- und Faxpapier in meinem Studio übrig blieben und normalerweise immer weggeworfen werden. Dabei sind sie ein überaus stabiles Baumaterial, das Holz nicht nachsteht. So begann ich, Pappe für meine Arbeit einzusetzen.“
Inzwischen ist der Einsatz von Papier und Karton eine der Markenzeichen Shigeru Bans, der zu den wegweisenden Figuren der Architekturszene gehört. Beim fünfgeschossigen Erweiterungsbau des Tamedia-Hauptsitzes kommt aber Holz zum Einsatz. Dieses sei erneuerbar, besitze eine hervorragende CO2-Bilanz und habe sehr viel mit der Schweiz zu tun. Ausserdem: „Mit Holz haben sie automatisch das Gefühl, in einer Landschaft zu sein.“ (bk)
Hintergrund
Der bald 55-Jährige Shigeru Ban gründete 1995 die NGO „Voluntary Architects’ Netword“ (VAN), die Katastrophenhilfe im Bereich der Konstruktion leistet. Schönes für Reiche zu bauen, sei zwar eine nette Aufgabe, aber dies habe ihm als Motivation für seine Arbeit nie gereicht: «Ich wollte immer auch für Menschen in Notlagen bauen und mein Wissen für die Öffentlichkeit einsetzen», sagte Ban vor Kurzem in Zürich, anlässlich des Tagesanzeiger-Meetings.
Aus diesem sozialen Engagement des Architekten Daraus resultierten in den letzten knapp zwei Jahrzehnten verschiedene papiergestützte Häuser, Schulen, Brücken oder Museen. So schuf der Japaner Notunterkünfte für die Opfer des Erdbebens in Kobe 1995, wobei er sowohl Papp-Häuser als auch einzelne Wohnboxen konstruierte, die zum Beispiel Turnhallen in einzelne Wohnbereiche unterteilen und den Bewohnern so etwas Privatsphäre verschaffen. In Kobe baute er sogar eine Kirche aus Pappröhren. Auch nach dem Tsunami vom 11. März 2011 wurden auf die Schnelle Tausende von Ban provisorischen Wohnhäusern errichtet.
Seine Gebäude erweisen sich dabei für Katastrophengebiete als ideal: Dank ihrer Materialwahl kosten sie wenig und der Baustoff ist leicht zu transportieren. Auch der Rückbau der provisorischen Unterkünfte stellt kaum Probleme dar, da sich Pappe, Karton und Papier problemlos recyclieren lassen. (bk)