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Grindelwald ist einer der wenigen grossen Ferienorte in den Alpen, wo die Landwirtschaft neben einer starken Tourismusindustrie überlebt hat.Dieser Inhalt wurde am 15. November 2006 - 10:56 publiziert
Das Dorf im Berner Oberland profitiert seit Jahrzehnten von einer zerbrechlichen Symbiose zwischen Landwirtschaft und Tourismus.
"Der Tourismus braucht die Landwirtschaft, und die Landwirtschaft braucht den Tourismus." Davon ist Bauer Sämi Brawand überzeugt.
Brawand und seine Frau haben einen sechs Hektaren grossen Bauernhof mit acht Milchkühen oberhalb des Dorfs. Und wenn die Arbeit auf dem Hof fertig ist, kümmern sie sich um die Gäste in ihrem kleinen Restaurant.
Nur ein Skilift trennt die Scheune vom Restaurant, und der Liftbetreiber zahlt der Bauernkooperative eine Entschädigung für die Nutzung des Landes, auf dem der Lift steht.
Grindelwald hat heute rund 150 Bauernhöfe, etwa 80 Prozent des Landes werden noch kultiviert. Zwar hat die Zahl der Höfe in den letzten 20 Jahren abgenommen, dafür sind die Betriebe mit durchschnittlich 50 Hektaren grösser geworden.
Und fast alle Bauern sind direkt am Tourismusgeschäft beteiligt. So kommt zum Beispiel die Hälfte von Brawands Einkommen aus dem Restaurant.
Komplexe Gesetze
Über 90 Prozent des Umsatzes in Grindelwald wird im Tourismus erwirtschaftet. Ein Teil dieser Einkünfte wird wieder in die Landwirtschaft investiert, wie es in komplexen, Jahrhunderte alten Gesetzen über die Landnutzung geregelt ist.
Das Dorf ist in sieben Kooperativen, so genannte Bergschaften unterteilt, von denen jede einen Teil des Zentrums und des Landwirtschaftslands verwaltet, das bis zu den Alpwiesen reicht.
Die Bergschaften erhalten Beiträge von Hotel- und Ladenbesitzern sowie von den Lift- und Bahnbetreibern auf ihrem Land. Diese Beträge fliessen dann in die Unterstützung der Berglandwirtschaft.
Davon profitiert auch die Tourismusindustrie, denn dank den Bauern bleiben die malerischen Weidelandschaften erhalten.
"Wenn es keine Landwirtschaft mehr gäbe, sähe die Landschaft ganz anders aus", erklärt Brawand. "Alles wäre überwachsen und die Wälder würden nach und nach das Weideland überwuchern."
Ein besonderer Ferienort
In den letzten zwei Jahrzehnten wurden an der Universität Bern Studien durchgeführt, die zeigen, dass die Landschaft um Grindelwald anders ist als jene um andere grosse Ferienorte in den Alpen wie zum Beispiel Zermatt oder St. Moritz, wo die Landwirtschaft unbedeutend ist.
Wie Urs Wiesmann vom Geogranfischen Institut der Universität erläutert, ist Grindelwald einmalig in Bezug auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft.
"Man findet zwar Ähnliches auch an anderen Orten, aber nirgends in dieser vollständigen Kombination wie in Grindelwald", so Wiesmann.
Ausserdem verbindet die Landwirtschaft Leute und Gemeinschaft auch in sozialer Hinsicht. Das hilft ihnen, angesichts der städtischen Kultur, die mit dem Tourismus in die Berge kommt, ihre Identität zu erhalten, wie Wiesmann beifügt.
Brawand erklärt, dass er vor allem aus Stolz Landwirt bleibt. Wenn er sein Land aufgäbe und sich auf sein Restaurant beschränkte, hätte er viel kürzere Arbeitszeiten.
Geisterstadt
"Wir wollen nicht vom Tourismus allein leben", erklärt er. "Sonst würden viele Leute wie anderswo das Dorf nach der Saison verlassen und es zu einer Geisterstadt machen."
Laut Wiesmann genügt der Tourismus allein nicht, um die Landwirtschaft vor den weiteren Liberalisierungsmassnahmen wie der Abschaffung der Milchkontingente und dem Abbau der Exportsubventionen zu schützen, welche die Schweizer Regierung plant.
"Die Zukunft Grindelwalds ist schwer vorauszusagen, aber der Ort muss seine Nische bewahren können, sonst wird er zu einem reinen Trendferienort", warnt er.
"Dann aber wäre die Konkurrenz viel grösser und damit ginge der Umsatz zurück."
Wie Wiesmann weiter ausführt, geht der Trend in Richtung grösserer, zentralisierterer Bauernhöfe. "Viele traditionelle Bauernhäuser in den alten Siedlungsstrukturen werden dann leer stehen", fügt er bei.
"Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt", sagt Brawand. "Ich kann mir vorstellen, dass in den nächsten fünf oder sechs Jahren mehr Bauern ihren Betrieb aufgeben und verpachten. Ich denke, ein Teil des Landes wird nicht mehr so intensiv bewirtschaftet wir früher, aber bebaut wird es sicher weiter."
Und sogar im schlimmsten Fall, so Wiesmann, wird Grindelwald als Ferienort überleben.
"Da gibt es keinen Zweifel – es sei denn, der Eiger (der ‚Hausberg' Grindelwalds) zerbröckelt..."
swissinfo, Dale Bechtel in Grindelwald
In Kürze
Die Angaben zu Grindelwald stammen aus einer wissenschaftlichen Studie, die in den 1980er-Jahren eingeleitet wurde (s. Link).
Das Projekt "The Man and the Biosphere Grindelwald" der Universität Bern soll die Beziehungen zwischen der Wirtschaft, der Landnutzung und dem ökologischen Gleichgewicht in den Bergen aufzeigen.
Es wurde vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert.
Fakten
Grindelwald hat eine ganzjährige Bevölkerungszahl von 4'500 und verfügt über 12'000 Gästebetten.
Es hat rund 150 Landwirtschaftsbetriebe.
Das Dorf liegt am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau, die zu den bekanntesten Bergen der Schweiz zählen.
Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft werden auch in Zukunft jedes Jahr 3% der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe eingehen.
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