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Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts bestand in Tägerwilen eine mit Oboe, Klarinette, Fagott, Hörnern, Trompeten und Posaunen besetzte Kirchenmusik (wahrscheinlich eine Abteilung der von Lehrer Müller 1822 gegründeten „Musik- und Singgesellschaft“), doch verlagerte sich das Interesse bald auf Blasmusik eher weltlicher Richtung. Grosse Verdienste um die Entstehung und das spätere Gedeihen des Vereins hatte über mehrere Generationen hinweg eine Familie Dütsch, von der die meisten Vetreter „Milcher“ waren; das heisst, täglich Milch nach Konstanz brachten.
Ein D.H. Dütsch betreute schon 1869 in Tägerwilen eine Schulmusik. Dessen Sohn Heinrich Dütsch lernte in Konstanz von dortigen Regimentsmusikern die musikalischen Grundbegriffe und brachte es soweit, dass er als talentierter Kornettist im Musikverein Kreuzlingen mitspielen konnte. Seine Kenntnisse gab er dann an einige junge Burschen in Tägerwilen und Gottlieben weiter. Mit diesen musizierte er unter anderem 1891 an der 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft beim Schloss Castell. Weil die meisten Schüler von Heinrich Dütsch in Gottlieben wohnten, wurde dort 1899 die „Musikgesellschaft Gottlieben“ gegründet. Präsident war Wilhelm Hippenmeyer (Flaschner), Dirigent Wilhelm Hippenmeyer (Schneider), der aber als Militärmusikinstruktor bald nach Weimar übersiedelte. Sein Nachfolger wurde der erst 16-jährige Jakob Dütsch, Sohn des Heinrich.
Geprobt wurde deshalb anfänglich in der Wohnstube der Familie Dütsch am Palmenweg in Tägerwilen. 1902 entstand daneben der Musikverein Tägerwilen, ebenfalls unter der Leitung des jungen Jakob Dütsch. Zwei Jahre später, nachdem es bei den Gottliebern zu mehreren Austritten gekommen war, vereinigten sich die beiden Vereine zur „Musikgesellschaft Tägerwilen-Gottlieben“, welche sich dann ab 1914 (als keine Gottlieber mehr mitspielten) wieder „Musikverein Tägerwilen“ nannte. Neben der Schwierigkeit, ein geeignetes Probelokal zu finden, war das grösste Problem die Beschaffung von Instrumenten. Da nur wenig Geld vorhanden war, behalf man sich mit Occasionen. Der talentierte Cornettist Jakob Dütsch übte das Amt des Dirigenten 56 Jahre lang aus und übergab 1958 als 74-jähriger den Dirigentenstab an seinen Sohn Jakob Dütsch-Sigrist, der dann wiederum 20 Jahre lang das Werk seiner Vorfahren fortsetzte und den MVT bis zur 1. Stärkeklasse führte. Eine Uniform konnte sich der Verein während vielen Jahren nicht leisten; man begnügte sich mit einheitlichen Mützen. Erst 1922 wurde die erste Uniform, ein Geschenk der Bürgergemeinde, eingeweiht. Diese Uniform wurde während 32 Jahren getragen und nach der Neuuniformierung 1954 dem kleinen Musikverein Ittenthal im aargauischen Fricktal geschenkt. Eine erste Fahne erhielten die Musiker erst 1949.
1908 nahm der MVT zum ersten Mal an einem Musikfest (in Radolfszell) teil und errang als kleinster Verein auf Anhieb den ersten Rang.Im Laufe der Jahre konnte er immer grössere Erfolge an Musiktagen im In- und Ausland feiern, nicht zuletzt dank der Tüchtigkeit und dem unermüdlichen Einsatz des Dirigenten. Höhepunkte waren jeweils die kantonalen und eidgenössischen Musikfeste. Daneben wurden aber auch Garten-, See-, Früh- und Platzkonzerte und, meistens an einem Samstagabend im Januar, ein Jahreskonzert oder eine Abendunterhaltung mit Theater gegeben. Während der Fasnachtszeit veranstaltete der Musikverein jeweils einen Bock- oder Kappenabend, der ab 1950 zum Maskenball avancierte. Immer wieder folgten sie Einladungen zu Fasnachtsumzügen und anderen närrischen Anlässen jenseits der Grenze. Während den sechziger und siebziger Jahren nahm der Musikverein regelmässig an der Tägerwilen Strassenfasnacht teil. Aber auch wenn ein anderer Ortsverein einen festlichen Anlass feierte, war er stets dabei.
Zur Förderung des Nachwuchses wurde 1927 eine Jugendmusik gebildet; die Leitung übernahm der Klavierbauer und Kornettist Carl Häussler, der schon 1900 den Musikverein Kreuzlingen dirigiert hatte. Er starb jedoch bereits 1930, und die Ausbildung des Nachwuchses wurde wieder eingestellt. Das Problem war aber auch eine Generation später wieder aktuell. Um die Lücken im Korps aufzufüllen, organisierte der Militärtrompeter und Aktuar Jacques Dütsch 1960 einen eigenen Jungbläserkurs und formierte aus den Teilnehmern eine „Jungmusik Tägerwilen“. Da sich die damalige Knabenmusik Kreuzlingen dadurch konkurrenziert fühlte und dagegen protestierte, wurde diese vereinsinterne Ausbildung 1968 aufgegeben. Zehn Jahre später nahm man sie jedoch wieder auf und bildete erneut eine eigene Jugendmusikschule. Die neue „Jungmusik“ wird seit deren Gründung 1978 geleitet von Ernst Dütsch-Hauri.
An den kantonalen Musikfesten in den siebziger und achtziger Jahren zeigte es sich immer deutlicher, dass es für einen kleinen Verein mit reiner Blechbesetzung immer schwieriger wurde, den stark gestiegenen Anforderungen zu genügen. 1990 beschloss man deshalb die Umstellung zu einer Harmoniebesetzung, und schon bald zählte der MVT zehn Holzbläserinnen zu den Aktiven. Eine bedeutende Stellung nimmt die vom leider allzu früh verstorbenen Hans Gisin gegründete Tambourengruppe ein. Während Jahrzehnten fanden die Proben in einem Schulzimmer statt, doch seit 1997 hat der MVT ein eigenes Probelokal; ein in Fronarbeit umgebautes ehemaliges Feuerwehrdepot.
Im Jubiläumsjahr 2002 zählte der Verein dank der umsichtigen Präsidentin Edith Ott und dem motivierenden Dirigent Andreas Scheideck 43 begeisterte Aktivmitglieder und spielte in der 3. Stärkeklasse. Die Teilnahme am eidgenössischen Musikfest 2001 in Fribourg war in musikalischer wie auch kameradschaftlicher Hinsicht ein weiteres bedeutendes Ereignis in der Geschichte des Musikvereins Tägerwilen. Nach einer interimsweisen Präsidentschaft von Christoph Zürcher (2005) führte Walter Tanner den Verein von 2006-2014. Im Jahr 2011 verabschiedete sich der beliebte Dirigent Rolf Altwegg in den Ruhestand und wurde zum Ehrendirigent ernannt. Sein Nachfolger Patrick Wirz verliess den MVT nach drei Jahren aus beruflichen Gründen. Seit 2014 präsidiert Renate Königshofer-Duppenthaler den Verein, und ebenfalls seit 2014 folgten mehrere Dirigentenwechsel (siehe Tabelle unten). 2016 hat der Verein beschlossen, die von Janine Dütsch geleitete MVT-Musikschule der professionell geführten Jugendmusikschule Arbon-Horn zu übergeben, während die MVT-Jugendformation „Young Tunes“ weiterhin von Fabienne Deucher-Dütsch geleitet wird. Leider hat die von Ramon Hegi geleitete MVT-Tambourengruppe beschlossen, ihre Formation nach den Jahreskonzerten 2017 aufzulösen; wir werden sie vermissen!
Nach diesen turbulenten Jahren hat der MVT das Glück, dass der bewährte und beliebte Dirigent (wie auch Musiklehrer) Thomas Gmünder ab August 2017 die musikalische Leitung übernehmen wird. Heinz Zürcher (MVT-Chronist) rev. 21.05.2017
Die Chronik mit weiteren Details als PDF finden sie hier: