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Jean-Paul Dietrich war als Verteidigungsattaché in der russischen Hauptstadt tätig
Autor: Mit JEAN-PAUL DIETRICH sprach ARTHUR ZURKINDEN
Herr Dietrich, was muss man sich unter einem Verteidigungsattaché vorstellen?
Eine meiner Hauptaufgaben bestand darin, die sicherheitspolitische Lage in den akkreditierten Ländern zu verfolgen. Ich war nicht nur für Russland, sondern auch für die fünf Länder Zentralasiens zuständig. Der Verteidigungsattaché ist in seinem Fachgebiet ebenfalls Berater des Schweizer Botschafters und Verbindungsperson für die bilateralen Kontakte zwischen dem VBS und den Verteidigungsministerien der akkreditierten Länder. So galt es zum Beispiel, die Besuche von Schweizer Offizieren und Fachexperten in Russland und den andern Ländern zu organisieren. Ich war Mitglied der Geschäftsleitung der Botschaft.
Der Verteidigungsattaché ist mit seiner Abteilung also ein fester Bestandteil der Botschaft?
Ja, die Verteidigungs-Abteilung (VA) in der Schweizer Botschaft in Moskau – nebst der politischen und Wirtschaftsabteilung sowie dem Kooperationsbüro der DEZA und dem Swiss Business Hub – besteht aus einem siebenköpfigen Team, das ich leiten durfte. In Moskau befindet sich die momentan grösste Schweizer Botschaft. Sie beschäftigt mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wovon die Hälfte einheimisches Personal ist. Mein Mandat umfasste flächenmässig das grösste Gebiet im schweizerischen VA-Dispositiv.
Ihre Hauptaufgabe war es, die sicherheitspolitische Lage zu verfolgen. Was heisst dies konkret?
Dies heisst vor allem, Berichte zu erstellen und Informationen zu liefern an die Leistungsempfänger der Schweiz, also im VBS für den Strategischen Nachrichtendienst, für die Direktion für Sicherheitspolitik usw. Es gilt, Fragen aus Bern zu aktuellen Ereignissen möglichst zeitgerecht zu beantworten. Der Verteidigungsattaché sollte in der Lage sein, wichtige Trends und Lageentwicklungen zu erfassen. Ich erinnere zum Beispiel an den Umsturz in Kirgistan oder an die Unruhen in Usbekistan. Auch personelle Besetzungen wichtiger Führungspositionen der Streitkräfte könnten ein Thema sein.
Sie sind der Ansicht, dass Ihre Informationen, die Sie liefern, der Schweiz nützlich sind?
Ich bin fest überzeugt, dass die Institution des Verteidigungsattachés nach wie vor notwendig und die Aufgabe als ?Sensor? vor Ort wichtig ist, vor allem, wenn es darum geht, rasch eine erste Lageanalyse zu liefern. Ich konnte auch feststellen, dass immer mehr Stellen der Verwaltung Erwartungen an den Verteidigungsattaché haben. Wir sind keine legalen Spione, sondern arbeiten im völkerrechtlich klar vorgegebenen Rahmen. Die Themengebiete gehen natürlich über rein militärische Fragen hinaus. Die Knappheit an Wasser und anderen Ressourcen kann ebenso Ursache von Spannungen und Konflikten zwischen Ländern sein wie unkontrollierte Migration, Fundamentalismus, Terrorismus usw.
Und wie beschaffen Sie sich die Informationen?
Unter anderem aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Zeitungen, Zeitschriften, Agenturen wie Interfax oder Defence and Security. Wichtig sind aber auch die persönlichen Kontakte mit Verteidigungsattachés anderer Länder – in Moskau gibt es rund 120 -, mit Forschungsstellen, welche die Lage in Russland beobachten, mit Privatpersonen, auch mit Medienleuten. In Russland sind die Printmedien im Vergleich zum staatstreuen Fernsehen noch relativ unabhängig.
Und mit russischen Militärs?
Direkt nicht, aber wie gesagt organisieren wir Treffen mit Offizieren aus der Schweiz und Russland. Hingegen werden die Verteidigungsattachés in Russland zu geführten Truppenbesuchen eingeladen. In den zentralasiatischen Ländern hatte ich mehr Möglichkeiten zu individuellen Truppenbesuchen, einschliesslich der ausländischen Kontingente.
Sie haben nun mit Ihrer Frau Jeong-Mi und Ihrem Sohn Lukas während vier Jahren in Moskau gelebt. Mit welchen Eindrücken kehren Sie nun in die Schweiz zurück?
Es war für meine Familie ein Privileg, in Moskau leben zu dürfen. Ich habe einen Einblick in faszinierende Kulturen erhalten und traf mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen. Ich habe nun viel mehr Verständnis für eine Region gewonnen, die sich kontinuierlich in einer schwierigen Phase des Wandels befindet.
Sie haben sich in Moskau wie zu Hause gefühlt?
Ja, nach einer bestimmten Zeit fühlten wir uns wie zu Hause. Wir wohnten am Stadtrand von Moskau, an einem Wald gelegen, was mich sehr an die Schweiz erinnerte. Die Metro zu nehmen, war kein Problem. Ich hatte nie Angst und habe auch nie Probleme mit der Sicherheit gehabt. Wir haben das reiche Kulturangebot, das diese Stadt zu bieten hat, genutzt. Mein Sohn besuchte die deutschsprachige Schule.Moskau ist eine moderne Weltstadt, die sich enorm und positiv entwickelt hat. Viele wohlhabende Menschen leben in Moskau, was auch durch die unzähligen Luxusautos zum Ausdruck kommt. Es ist sehr eindrücklich, durch die Stadt zu fahren, vor allem auch nachts und im Winter, wenn all die wichtigen Gebäude, der Kreml, die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirchen usw., beleuchtet sind. An die Kälte gewöhnt man sich rasch, auch wenn es in Moskau bis zu minus 35 Grad kalt war. Sehr reichhaltig waren die gesellschaftlichen Verpflichtungen. Oft wurden wir von andern Attachés eingeladen. Umgekehrt haben wir sie empfangen. In bester Erinnerung werden mir ebenfalls die Besuche der Länder Zentralasiens mit ihren wilden Berglandschaften, ihren Steppen oder mit ihren Kulturdenkmälern bleiben. Ich habe in Moskau vier spannende Jahre verbracht.
Was würden Sie als Höhepunkt Ihres Aufenthalts in Moskau bezeichnen?
Ein Höhepunkt waren sicher die Feierlichkeiten in Moskau zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai 2005. Ich durfte den Besuch der Schweizer Delegation mit Bundespräsident Samuel Schmid an der Spitze vorbereiten. Geladen waren da die Staatsoberhäupter aller wichtigen Länder. Und so stand man plötzlich neben US-Präsident Georges W. Bush. Aber auch das Treffen mit Michael Gorbatschow am Vorabend der Feierlichkeiten war sehr eindrücklich.
Und wie geht nun Ihre Karriere weiter?
Ab 1. September werde ich im Stab «Sicherheitsausschuss Bundesrat» tätig sein, der unter anderem der Landesregierung in Krisenlagen Führungsunterstützung leisten muss. Da kommt mir meine reichliche Ausland-Erfahrung zugute. Ich war bereits in Korea in der neutralen Überwachungs-Kommission, als Uno-Beobachter in Syrien und Israel sowie als stellvertretender Kommandant einer schweizerischen Militärklinik in Namibia tätig.