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Kindheitserinnerungen wurden wach. Sie sind der eine Grund, warum ich mir dieses Buch vom Verlag als Rezensionsexemplar ausgebeten habe. Den anderen Grund pflege ich jeweils folgendermaßen zu formulieren: „Brasilien geht immer!“
Kindheitserinnerungen: Ich muss etwa vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als mich mein Vater in die Stadt mitnahm, um für uns Schuhe zu kaufen. Das war sehr aufregend für mich. Einerseits die Stadt als solche (als Kinder waren wir selten bis nie dort). Andererseits die Tatsache, dass ich zum ersten Mal Schuhe kaufen durfte wie ein Erwachsener: in einen Schuhladen gehen, auswählen, anprobieren, kaufen, nach Hause nehmen. Über dem Schuhladen prangte der Schriftzug Bata. Ich war damals – und noch lange Zeit später – der Meinung, es handle sich dabei um eine genuin einheimische Firma. (Vielleicht verwechselte ich sie auch mit Bally.) Erst Jahrzehnte später erfuhr ich, dass Bata eigentlich tschechischen Ursprungs war. Den Schuhladen in der Stadt gibt es übrigens nicht mehr. Ich glaube sogar, dass das Gebäude unterdessen abgerissen und durch ein neues, moderneres ersetzt worden ist.
Nun aber zum Buch: Mit Baťa im Dschungel stellt uns die Autorin Markéta Pilátová einen Zweig der Gründerfamilie jener Schuhfabriken und -läden vor, an deren einen ich mich noch so gut erinnere. Zentrale Figur ist Jan Antonín Baťa, der Stiefbruder des Firmengründers Tomáš Baťa und dessen Nachfolger als Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer. Um ihn herum seine Familie – vor allem deren weibliche Mitglieder. Es wird – so weit ich das beurteilen kann: wahrheitsgetreu – die Geschichte des Konzerns und der Batamanen erzählt, der Familienmitglieder und einiger Mitarbeiter des Baťa-Konzerns; eine Geschichte, die, was Jan Antonín Baťa betrifft, in der Zwischenkriegszeit beginnt. Kurz zusammengefasst, wird geschildert, wie die Familie zunächst von den Nationalsozialisten enteignet wird (obwohl Jan Antonín Baťa sogar nach Berlin fliegt, um Hermann Göring davon zu überzeugen, dass dies eine schlechte Idee sei – Göring hörte offenbar kaum zu; Jan Antonín Baťa war aber auch ein schlechter Diplomat, wie er selber zugibt). Die Baťas galten den Nationalsozialisten als tschechische Juden. Es kam noch schlimmer: Jan Antonín Baťa, der sich weigerte, die deutsche Besetzung der Tschechoslowakei öffentlich zu verurteilen, weil er Repressalien gegen „seine“ Leute in den tschechischen Werken fürchtete (wohl zu Recht), wurde auf Betreiben der tschechischen Exil-Regierung von den Alliierten Großbritannien und USA auf eine schwarze Liste gesetzt. Somit galt er den Kommunisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Prag herrschten, als Kollaborateur, und hatte nun gar keine Chance mehr, den Betrieb je wieder zurück zu erhalten. In der Zwischenzeit waren er und seine Familie schon lange nach Brasilien ausgewandert, dort eingebürgert und – zumindest in der zweiten und dritten Generation – auch heimisch geworden. Versuche Jan Antoníns, die Schuhfabrikation in Brasilien wieder anlaufen zu lassen, sind aber nur zum Teil geglückt. Daran war, wie er am Schluss selber zugibt, sowohl die Unfähigkeit des Mitteleuropäers Schuld, sich an die brasilianische Mentalität anzupassen, wie die letzten Endes noch im ausgehenden 19. Jahrhundert verwurzelte Denkweise Jan Antoníns, der sich nur seinen Sohn als Nachfolger in der Leitung des Familienimperiums vorstellen konnte – ein Sohn, der zwar bemüht war, aber keinerlei diesbezügliche Neigung aufwies, während eine seiner Enkelinnen wohl, wie er nun einsieht, sowohl Neigungen wie Fähigkeiten gehabt hätte. Wie zur Strafe erhält denn der Sohn auch kaum eine Stimme in diesem Roman.
Diese Geschichte erzählt Markéta Pilátová offenbar an Hand authentischer Dokumente. Die Autorin hat eine Zeitlang davon gelebt, tschechischen Emigranten in Südamerika ihre alte – halb vergessene oder gar nie richtig gelernte – Muttersprache beizubringen, und ist dabei auch in Kontakt mit einer Enkelin Jan Antoníns gekommen, mit der zusammen sie die alten Unterlagen durchstöberte.
Das wirklich Gute an diesem Buch ist aber nicht die Geschichte, sondern die Art und Weise, wie sie von Markéta Pilátová erzählt wird. Das Buch ist nämlich nicht chronologisch aufgebaut und die Geschichte der Batamanen wird polyphon erzählt. Sprich: In relativ kurzen Kapiteln kommen immer andere Familienmitglieder als Erzähler zum Zug. Sie erzählen alle aus ihrer persönlichen Sicht, ergänzen und korrigieren, was andere bereits erzählt haben oder bereiten eine weitere Erzählsicht einer weiteren Person vor. Dabei springen sie in der Vergangenheit vor und zurück. Und manchmal finden wir uns auch in der Gegenwart wieder. Ja, viele der Personen erzählen als Tote, mit der (besseren) Einsicht, die ihnen der Tod nun gegeben hat. Selbst ein altes, nun verfallendes Fabrikgebäude in Brasilien kommt zu Wort. Dank dieser Erzählweise ist das Buch frisch zu lesen; der ständige Wechsel der erzählenden Figuren fasziniert und hält bei der Stange. Einzig gegen Schluss des Romans lässt die Autorin zunächst Jan Antonín, dann seine Enkelin, in je einem langen Monolog die Geschichte des Imperiums chronologisch erzählen. Das riecht ein bisschen sehr nach Parteischrift, nach Rechtfertigung verfasst pro domo. Hier wäre es zu wünschen gewesen, dass Markéta Pilátová auch die Firmengeschichte aufgebrochen und auf mehrere Personen verteilt hätte. Oder es dann bei Andeutungen gelassen hätte. Wir hatten ja im Grunde genommen zum Zeitpunkt, als Jan Antonín und Dojojó (Dolores, die Enkelin) ihren geschichtlichen Abriss liefern, als Lesende bereits verstanden, was alles passiert ist. Aber es war offenbar der Wunsch der Familie, dass der Standpunkt Jan Antoníns (und sei es in einem Roman!) deutlich zu seinem Recht komme, nachdem er über Jahrzehnte, unter verschiedensten Regimes, bei allen Gerichten dieser Welt seinen Kampf um die Rückgabe der tschechischen Werke verloren hatte. Dabei war er immer voller Hoffnungen und Pläne – Jan Antonín Baťa dachte groß, ganz groß. (Eine seiner Ideen war es zum Beispiel, den Autor Karel Čapek zu überreden, die Leitung der Personalabteilung des Baťa-Konzerns zu übernehmen. Jan Antonín ist überzeugt, dass Čapek, hätte er das Angebot angenommen, ein besseres Lebensende vor sich gehabt hätte.) Doch letzten Endes scheiterte Baťa immer wieder an mangelndem Einfühlungsvermögen. Erst nach seinem Tod beginnt er all dies einzusehen.
Das Buch erzählt also die Geschichte vom Aufbau und Untergang eines Familienimperiums. Es erzählt aber ebenso – und das fasziniert mich sogar bedeutend mehr als die Saga des Imperiums – von den allgemein gültigen Problemen der Auswanderer, die irgendwann keine Heimat mehr haben, weil sie in der alten nicht mehr sein können, die neue aber nur halbherzig angenommen haben. Selbst ihre Muttersprache verliert bereits die erste Generation der Auswanderer mit den Jahren, ohne die Sprache ihrer neuen Heimat je richtig und akzentfrei zu beherrschen. Die zweite Generation kennt meist die alte Heimat nur noch vom Hörensagen oder als vage Kindheitserinnerung; die dritte ist bereits im neuen Land heimisch und spricht oft die Sprache der Großeltern gar nicht mehr oder radebrecht sie allenfalls. Es wird so die Geschichte erzählt von Gewinn und Verlust auch außerhalb des kaufmännischen Sektors, von Ende und Neuanfang – und ein bisschen von menschlicher Hybris und von menschlicher Vanitas. Es ist aber auch die Geschichte von viel Liebe, vor allem innerhalb der Familie der exilierten Baťas.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es ist raffiniert erzählt und vielschichtig.
Markéta Pilátová: Mit Baťa im Dschungel. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Klagenfurt: Wieser, 2020.
Mit Dank an den Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.