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«Winter» von Tori Amos Songs und ihre Geschichten
Tori Amos debütierte in den 1990ern mit Songs aus weiblicher Perspektive, wurde zur feministischen Ikone und erfand sich immer wieder neu. Zu ihren bekanntesten und beliebtesten Liedern zählen «Cornflake girl», «Winter» oder «Professional widow».
Text: Urs Musfeld
Geboren 1963 in einer Kleinstadt in North Carolina als Tochter strenggläubiger Eltern (ihr Vater war Methodisten-Prediger), beginnt Tori Amos bereits im Alter von zweieinhalb Jahren mit dem Klavierspiel und mit fünf erhält sie ein Stipendium am renommierten Peabody Konservatorium, der heutigen John Hopkins School of Music in Baltimore. Weil sie allerdings im Verlauf der Jahre die Rockmusik der Klassik vorzieht, wird sie mit elf vor die Tür gesetzt.
Amos’ Weigerung, während ihres Studiums Noten zu lesen, inspiriert sie zum Namen ihrer Band «Y Kant Tori Read». Mitte bis Ende der 1980er-Jahre versucht sie mit dieser in Los Angeles gegründeten Synthie-Pop-Gruppe ihr Glück, mit wenig Erfolg. Nach nur einem Album startet Tori Amos ihre Solokarriere.
Mit der ersten Single «Me and the gun» (1991), der Verarbeitung ihrer eigenen Vergewaltigung, und dem Debutalbum «Little Earthquakes» (1992) gelingt ihr der Durchbruch als Singer/Songwriterin. Der Albumtitel ist Programm: Viele kleine Klangeruptionen, alles zittert und bebt. Bildstarke, introvertierte Songs, oft nur mit Piano-Arrangements, machen die Sängerin zu einer unverwechselbaren Stimme der Popmusik.
Amos› Überlegungen zu wichtigen persönlichen Themen – Religion, Beziehungen, Geschlecht, Kindheit – beinhalten genauso oft Wut, Sarkasmus und trotzige Unabhängigkeit wie Schmerz oder Zärtlichkeit; manchmal geschieht all das im selben Song.
Das knapp sechsminütige «Winter», ein Dauerbrenner unter den Fans, ist ein Lied dessen Bedeutung sich im Verlauf der Zeit weiterentwickelt hat. Für Tori Amos ein Anlass, auf unterschiedliche Art über das Familienleben nachzudenken: Erkundung des Selbstwertgefühls, des Älterwerdens und der Beziehung zu ihrem Vater.
«Beim Schreiben von «Winter» gab es ein Bild meines Grossvaters mütterlicherseits und dann ein Bild meines Vaters im Schnee», sagt Amos. Beide haben bereits einen wichtigen Einfluss auf ihr Leben und ihre Kreativität gehabt.
«Winter» ist ein Coming-of-Age-Song, wunderschön instrumentiert, eindrücklich gesungen und scharfsinnig, voller Metaphern geschrieben.
Snow can wait, I forgot my mittens
Wipe my nose, get my new boots on
I get a little warm in my heart when I think of winter
I put my hand in my father’s glove
Der Schnee kann warten, ich habe meine Handschuhe vergessen
Ich wisch mir die Nase ab, zieh meine neuen Stiefel an
Mir wird ein bisschen warm ums Herz, wenn ich an den Winter denke
Ich stecke meine Hand in den Handschuh meines Vaters
Amos beschwört die Landschaft ihrer Kindheit herauf.
I run off where the drifts get deeper
Sleeping Beauty trips me with a frown
I hear a voice, «You must learn to stand up
For yourself ‹cause I can’t always be around»
Ich renne dorthin, wo die Verwehungen tiefer werden
Dornröschen löst bei mir ein Stirnrunzeln aus
Ich höre eine Stimme: «Du musst lernen, selbst aufzustehen
Weil ich nicht immer da sein kann»
He says, when you gonna make up your mind?
When you gonna love you as much as I do?
When you gonna make up your mind?
‹Cause things are gonna change so fast
All the white horses are still in bed
I tell you that I’ll always want you near
You say that things change, my dear
Er sagt, wann wirst du dich entscheiden?
Wann wirst du dich genauso lieben wie ich es tue?
Wann wirst du dich entscheiden?
Denn die Dinge werden sich so schnell ändern
All die weissen Pferde sind noch im Bett
Ich sage dir, dass ich dich immer in meiner Nähe haben möchte
Du sagst, dass sich die Dinge ändern, meine Liebe
Die weissen Pferde liegen wie Kuscheltiere im Bett. Gegenüber der amerikanischen Musikzeitschrift Rolling Stone erklärt Tori Amos: «Die weissen Pferde sind deine Träume. Wege, von denen du dachtest, dass du sie gehen würdest und die du nicht erlebt hast, und all diese potenziellen Erfahrungen sind jetzt weg. Die magische Welt ist aus deiner Welt verschwunden. Viele Teenager fühlen sich von dieser Welt ausgeschlossen. Sie wissen nicht mehr, wie sie zurückkommen sollen, weil man beim Versuch, erwachsen zu werden, das Gefühl hat, die magische Welt beschneiden zu müssen.»
Boys get discovered as winter melts
Flowers competing for the sun
Years go by and I’m here still waiting
Withering where some snowman was
Jungen werden entdeckt, während der Winter schmilzt
Blumen wetteifern um die Sonne
Die Jahre gehen vorbei und ich warte hier immer noch
Verdorrt, wo ein Schneemann war
Das Kind wird älter, entdeckt die Anziehungskraft des andern Geschlechts. Es lebt immer noch im Märchenmodus. Statt des erträumten Kristallpalastes, sieht es nur sich selber.
Mirror, mirror, where’s the crystal palace?
But I only can see myself
Skating around the truth who I am
But I know, Dad, the ice is getting thin
Spieglein, Spieglein, wo ist der Kristallpalast?
Aber ich kann nur mein Spiegelbild sehen
Ich weiche der Wahrheit aus, wer ich bin
Aber ich weiss, Vater, das Eis wird dünn
Sie versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen, aber die Zeit wird immer knapper und ihr Vater macht sich Sorgen.
Hair is grey and the fires are burning
So many dreams on the shelf
You say I wanted you to be proud
I always wanted that myself
Dein Haar ist grau und die Feuer brennen
So viele unerfüllte Träume
Du sagst, ich wollte, dass du stolz bist
Ich wollte das immer selbst
Im Schlusschor verschwinden die rauschenden Streicher für einen Moment, und Amos‘ Stimme wird zu einem Flüstern.
In ihrer Autobiografie Piece By Piece aus dem Jahr 2005 beschreibt Tori Amos, wie sich die Bedeutung des Liedes für sie im Laufe der Jahre verändert hat: «Es verändert sich ständig. Wenn ich jetzt «Winter» singe, habe ich nicht unbedingt die gleichen Bilder vor Augen wie bei der letzten Tour oder der Tour davor. Als ich den Song schrieb, dachte ich an eine Beziehung zwischen einem Mädchen und ihrem Vater oder einem Grossvater. Oder jedem anderen Mann, der diesen Platz einnimmt. Denn wie wir wissen, gibt es Väter, die diesen Platz nicht einnehmen. In meiner Perspektive geht es nicht immer um ein Mädchen und ihren Vater.»
«Under The Pink» (1994), das Nachfolgealbum von «Little Earthquakes», wird zu Amos’ grösstem Erfolg, Die Single-Auskopplung «Cornflake girl» gehört zu ihren bekanntesten Songs, inspiriert von der Lektüre eines Buches über Genitalverstümmelung. Das Lied dreht sich um weibliche Selbstbestimmung und die Bedeutung von Solidarität unter Frauen.
Ihr bisher letztes, 16. Studioalbum «Ocean To Ocean» ist 2021 erschienen. Die auf dieses Jahr wegen Covid verschobene Europatournee hat Tori Amos im April auch nach Zürich geführt.
Auf «Echoes – Ancient & Modern», dem neuen Album der britischen Produzenten-Legende Trevor Horn (Paul McCartney, Tina Turner, Frankie Goes To Hollywood, The Buggles), ist Amos mit der Neuinterpretation eines Songs des amerikanischen Rappers Kendrick Lamar zu hören.
Zur Frage, ob man sich überhaupt vornehmen kann, etwas Bleibendes zu schaffen, meint die 60-jährige Musikerin: «Auf meinem Weg habe ich verstanden, dass jedes Alter gewisse Zwänge mit sich bringt. Wenn etwas Resonanz haben soll, dann muss es sich an der Gegenwart spiegeln.»
- Wie gefällt Ihnen die Musik Tori Amos? Erzählen Sie uns doch davon. Wir würden uns sehr darüber freuen.
- Mehr «Songs und ihre Geschichten» von Urs Musfeld finden Sie hier.
Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/