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Gestern habe ich wieder eine Bewohnerin verloren. Am Sonntag sass sie noch unter den Leuten, hat mit ihnen gegessen und Weihnachtsfilme geschaut. Am Montagmorgen hat sie am Bettrand sogar noch ein Glas Orangensaft getrunken. Wenig später – auf dem WC sitzend – begann sie jedoch plötzlich, zu hyperventilieren. Ich habe sie gefragt, ob sie Schmerzen habe. Ganz leise hat sie geflüstert: «Ja.»
Ich habe sie aufs Bett getragen und eine halbe Ampulle Morphin gespritzt. Fünf Minuten später ist sie einfach gestorben. Die Frau war 76 Jahre alt und sonst eigentlich noch ziemlich fit.
Im vergangenen Monat haben wir neun Menschen verloren. Von 16 Menschen auf unserer Station haben nur sieben überlebt.
Zu den meisten von ihnen habe ich in den vergangenen Jahren eine Beziehung aufgebaut. Ich kenne ihre Abläufe, ihre Gewohnheiten. Ich weiss, wie ich mit ihnen umgehen muss. Wenn Demente in ihrer Welt gefangen sind, müssen wir in ihre Welt eintauchen und nicht versuchen, sie in unsere Welt zu holen.
Nur einen Bewohner hat es bisher nicht erwischt. Ich verstehe es wirklich nicht. Er läuft den ganzen Tag auf der Station umher und schüttelt allen die Hände. Schon vier Mal habe ich ihn getestet und er war immer negativ. Er ist ein Wunder.
Quelle (08.12.2020)