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Gestern schaute ich mir einen Film an, in dem die männliche Hauptfigur Harold plötzlich eine Stimme hört. Zunächst denkt er, er werde observiert oder verfolgt, dann, er sei verrückt. Bis er irgendwann herausfindet, dass das, was in seinem Leben gerade geschieht, immer mit dem übereinstimmt, was die Stimme gerade sagt. Sie scheint nicht nur genau zu wissen, was er tut, sondern auch, was er fühlt und denkt. Jemand erzählt ihm in seinem Kopf also sein eigenes Leben, als wäre es eine Geschichte. Nachdem ihm die Psychiatrie nicht weiterhelfen kann, landet Harold bei einem Literaturprofessor, und gemeinsam finden sie heraus, dass er tatsächlich die Hauptfigur im Roman einer berühmten Schriftstellerin ist.
Mich hat diese Idee völlig fasziniert. Wie wäre es, wenn wir tatsächlich alle einen Schriftsteller hätten, der konstant unser Leben, unsere Geschichte schreibt? Würden wir dieser Schöpferfigur trauen? Würden wir alles wissen wollen, was unser Schriftsteller für uns geplant hat? Und wenn ja, wäre das zu unserem Vorteil oder würde es uns um wertvolle Lektionen oder gar um den Verstand bringen? Wie oft haben wir schon gesagt „Wenn ich das gewusst hätte!“ Tun wir aber nicht, denn „Little did he know …“ – „Er ahnte nicht …“ ist unter den Geschichtenerzählern fast genauso berühmt wie „Es war einmal …“ Ist es also gut, dass wir unseren Schriftsteller nicht hören können? Ihn machen lassen, ihm blind vertrauen? Schliesslich müsste er ja restlos alles über uns wissen; unsere Träume und Wünsche, unsere Ängste, unsere Schwächen und unsere Talente. Er hätte uns ja geschaffen und uns unser Leben auf den Leib geschrieben.
Aber dennoch gibt es Momente, in denen wir gerne mit ihm verhandeln würden. Das Schicksal abwenden. Unseren grössten Fehler rückgängig machen. Auch unser Held Harold versucht das, denn dummerweise erfährt er, dass er bald sterben wird – sobald die Schriftstellerin ihre Schreibblockade überwunden hat und sich über die Art seines Todes klargeworden ist. Er versucht also, seinem Schicksal zu entgehen und bringt damit die Schriftstellerin beinahe zur Verzweiflung. Doch als er erfährt, wie er zu Tode kommen soll, wird er tatsächlich zum Helden; er opfert seine eigenen Wünsche zugunsten von etwas Grösserem, in diesem Fall einem literarischen Meisterwerk. Er ergibt sich seinem Schicksal.
Ist er deswegen ein Feigling? Hätte er nicht bis zuletzt kämpfen müssen? Sein Mitspracherecht in seiner Geschichte einfordern? Protestieren? Irgendwie eingreifen, notfalls mit Gewalt? Hätte er nicht das Recht dazu gehabt? Wie oft versuchen wir das auch in unserem Leben. Wir begehren auf. Wir beklagen uns. Wir beneiden andere, die es scheinbar besser getroffen haben mit ihrem Schriftsteller als wir. Wir strampeln uns ab, um unsere Geschichte umzuschreiben. Und vergessen dabei, dass der Schriftsteller, im Gegensatz zu uns, in die Zukunft blicken kann. „Little did he know“ dass das Ende gut sein wird. „Sie ahnte nicht“ dass ihre Chance noch kommen würde, obwohl es alles andere als danach aussah. Und dann, wenn wir alles versucht haben, wenn wir endlich eingesehen haben, dass unser Schriftsteller nicht zu erweichen ist, ja, wenn wir ein ganz klein wenig akzeptieren können, dass wir wahrscheinlich doch nicht ganz alle Wendungen in unserer Geschichte kennen, die da noch auf uns warten, erst dann ist es möglich, dass uns unser Schriftsteller die Chance plötzlich vor die Nase schreibt. Dann seufzen wir erleichtert auf, umarmen all die langen Jahre, in denen wir nichts ahnten und uns mal besser, mal schlechter mit unserer Geschichte arrangierten. Plötzlich erkennen wir Zusammenhänge, akzeptieren Wunder und danken unserem Schriftsteller auf den Knien, dass er unsere Geschichte genau so, haargenau so geschrieben hat und nicht anders.
Wenn wir also das nächste Mal mit unserem Schriftsteller zu dealen versuchen, wäre es manchmal vielleicht gar nicht schlecht, wenigstens einen Satz von ihm in unserem Kopf zu hören: „Little did she know …“
PS: Wer das Ende des Films wissen möchte – es ist „Stranger than Fiction“.