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Verhängnisvoll: Der Maler Oskar Kokoschka (Valentin Postlmayr) will seine Geliebte Alma (Emily Cox) besitzen und an sich binden. (DCM)
Besessener Mann, befreite Frau
Zum Interview mit Valentin Postlmayr und Dieter Berner
Der Wiener Walzer hatte ausgetanzt. Die Moderne bahnt sich um die Jahrhundertwende (1900) ihren Weg. Die Wiener Session mit Carl Moll oder Gustav Klimt war angesagt. Gustav Mahler wurde als Komponist, Dirigent und Direktor der Wiener Hofoper gefeiert. Alma Schindler hatte ab 1900 Kompositionsunterrichte genommen. Alma (Emily Cox), jung, attraktiv, lebenslustig, war vom Direktor Mahler (Marcello de Nardo) angetan. Sie heirateten 1902. Er war dazumal 41 Jahre alt, sie 22. Die Liaison wurde brüchig. Er ist ein besessener Musiker, dem Noten und Takt wichtiger sind als Frau und Familie. Sie ist verliebt in die Liebe, lässt nichts anbrennen. Sie flirtete mit anderen, lernte den jungen Architekten Walter Gropius kennen, hatte eine Affäre, von der Ehemann Mahler erfuhr.
Doch das ist nur historische Vorgeschichte, Intro und Vorgeplänkel zum Spielfilm «Alma & Oskar». Mit Gustav Mahlers Tod 1911 rückt Alma, die sich eingeengt und eingebunden fühlte, in den Mittelpunkt. Sie lebt nach eigenem Takt, fast triebhaft und hemmungslos. Die wohlhabende Witwe ist umworben. Der expressionistische Maler Oskar Kokoschka (Valentin Postlmayr) ist ein junger Wilder, dem Kaiser Franz Ferdinand (Cornelius Obonya) wenig abgewinnen konnte, Alma sich aber von Kokoschka angezogen fühlt, sich für ihn einsetzt und keck ein Porträt mit ihr verkündet.
Bei der Arbeit am besagten Porträt springt der Funken über. Sex – das der Beginn einer Leidenschaft zwischen Höhen und Tiefen, die, wie Zeitgenossen warnen, nur zum Bruch führen kann. Er will sie besitzen, sie sprengt die Fesseln. Alma, die Muse, nimmt sich Freiheiten, die ihr verwehrt werden. Sie trennen sich 1914. Er zieht in den Krieg, gilt als gefallen, überlebt schwer verletzt. Sie sucht ihn im Spital zu Dresden auf.
Und diese Passagen zum Schluss prägen sich ein: Oskar Kokoschka lässt eine lebensgrosse Puppe mit Almas Antlitz anfertigen, die ihn wie eine Lebensgefährtin begleitet vom Essenstisch bis zum Bett. Kokoschkas Drama «Orpheus und Eurydike» ist von der zerbrochenen Liebe inspiriert, es wurde 1918 uraufgeführt. Oskar dankte bei der Premiere dem Publikum mit der Puppe an der Seite. Alma ist anwesend und wendet sich ab. Der letzte Akt.
In diesem Schlussbild kumuliert die toxische Liebschaft von Alma und Oskar. Seine Beute ist leblos, ein Ersatz. Die «Beute» Alma hat sich befreit. Das Liebesdrama konzentriert sich radikal auf diese Seelen und auf zwei grundverschiedene Lebensentwürfe und -haltungen. Da bleibt wenig Raum für Nebenfiguren wie Almas Freundin Lilly (Táňa Pauhofová), Adolf Loos (Wilfried Hochholdinger), ein Freund Kokoschkas, oder Walter Gropius (Anton von Lucke), dem Architekten und Bauhaus-Gründer, den Alma 1915 heiratete.
Wenige Szenen schildern die musischen Ambitionen Almas – einmal als Dirigentin, dann als Komponistin und Sängerin. Wie gesagt, Regisseur Dieter Berner hat sich kompromisslos auf das exzentrische Paar konzentriert. Die Wiener Kunstszene und Gesellschaft sind Staffage. Sein Film, sehr physisch angelegt, legt augenfällig Zeugnis einer possessiven Leidenschaft ab. «Alma & Oskar» – das ist auch das Drama einer Befreiung, exzellent verkörpert durch Emily Cox (Alma), einer Schauspielerin («The Last Kingdom») mit britisch-irischen Wurzeln, und Valentin Postlmayr («Soko Donau», «Tatort»), einem österreichischen Schauspieler, der demnächst in der Schweizer Produktion «Jakobs Ross» zu sehen sein wird.
Die Koproduktion «Alma & Oskar» nach einem Drehbuch von Hilde und Dieter Berner zwischen Österreich, Deutschland, Tschechien und der Schweiz wurde unter anderem in der Walzmühle zu Frauenfeld gedreht, und zwar betrifft das die Szenen in Kokoschkas Atelier.
Österreich/Deutschland, Schweiz, Tschechien 2023
88 Minuten
Regie: Dieter Berner
Buch: Hilde und Dieter Berner
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Ensemble: Emily Cox, Valentin Postlmayr, Gerhard Kasal, Marcello de Nardo, Wilfried Hochholdinger, Cornelius Obonya
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