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Es sind die Lieder seiner Jugend, bevor er Elvis und den Rock’n’Roll entdeckt hatte, die Paul auf diesem Album singt. Songs aus dem Great American Songbook. Mancher Künstler hat sich schon an ihnen versucht, Brian Ferry oder Rod Stewart. Als letzterer mit seinem ersten Album erschien, plante Macca bereits seines. Und stoppte das Unterfangen für ein paar Jahre. McCartney besitzt mit seinem Musikverlag die Rechte an einigen Songs aus dem Great American Songbook, so zum Beispiel am Katalog von George Gershwin. Dieser, wie auch andere Autoren, fehlen in der Songkollektion auf «Kisses On The Bottom». Dafür treten bei den Musikern alte Bekannte auf.
Zum ersten Mal in seiner Karriere spielte Paul kein Instrument. Begleitet wird er von der Jazz-Pianistin Diana Krall und ihrer Band. Diese Kollaboration ist nicht überraschend, seit 2002 ist Krall mit Elvis Costello verheiratet. Ende der 80er-Jahre schrieben Costello und McCartney eine Hand voll Songs, die zwischen 1989 und 1993 auf den jeweiligen Alben erschienen waren. Produziert hat «Kisses On The Bottom» der 30-fache Grammy-Gewinner Tommy LiPuma, der Randy Newman, The Crusaders, Miles Davies und Diana Krall produziert hat. Als Steve Wonder von den Aufnahmesessions in Los Angeles gehört hatte, besuchte er spontan Paul im Studio. 1982 veröffentlichten sie auf «Tug Of War» das funkige «What’s That You’re Doing?» und vor allem die Hitsingle «Ebony And Ivory». Bei seinem Besuch packte Steve Wonder seine Mundharmonika aus und improvisierte das Solo auf «Only Our Hearts», einem der beiden neuen McCartney Songs. Beim anderen, «My Valentine», ist Eric Clapton an der Gitarre. Unverkennbar – auch wenn Clapton seit zwei Jahren sich mit dem Jazz auseinander setzt und er, wenn er nicht soliert, einer der songdienlichsten Gitarristen ist. Claptons Gitarrenspiel ist vom ersten Ton an unverkennbar, sowohl auf «My Valentine» akkustisch, auf «Get Yourself Another Fool», packte er die gute alte Stratocaster aus. Zehn Jahre sind es her, seit Clapton und McCartney auf Pauls 9/11-Song «Freedom» zusammen gerabeitet haben und miteinander das Gedenkkonzert für George Harrison organisiert haben.
Paul swingt
Wie schon bei seinem letzten Cover-Album, der Rock’n’Roll-Sammlung «Run Devil Run» von 1999, bei der Rockschwergewichte wie David Gilmour und Ian Paice spielten, steuerte Paul zwei (bei der Deluxe Edition drei) Songs bei. Macca war gut beraten, sich auf absolute Jazz Profis zu verlassen, das hört man bei der Neuinterpretation von McCartneys Nummer «Baby’s Request», die 1979 das letze Wings-Album «Back To The Egg» abrundete. Jazzten damals Wings eindrücklich gut, wird einem nun bewusst, dass es dennoch eine jazzende Rockband war. Bei der Version mit der Diana Krall Band swingt der Song und das erst noch uptempo. Schade, ist «Baby’s Request» bloss auf der Deluxe Edition zu hören, es ist ein Höhepunkt auf dem Album. Ein Formatfehler, den Paul und/oder seiner Plattenfirma schon 2007 bei «Memory Almost Full» unterlaufen war, «Why So Blue» und «222» sind die besten Songs des Albums und gehören zu seinen besten aus dem vergangenem Jahrzehnt, finden sich aber nur auf der Special Edition.
Quincy Jones hatte das Vergnügen, «Kisses On The Bottom» schon vorab zu hören: «Das sind ein paar der besten Songs, die je geschrieben worden sind und es braucht ein spezielles Talent, um diese zum Leuchten zu bringen. Paul brachte nicht nur 1/8 Noten, um sie zu singen, er weiss, wie man früher geswingt hat». Kein Wunder, Pauls Vater, Jim McCartney war Trompeter der Jim Mac Band, 1975 veröffentlichte Paul unter dem Pseudonym The Country Hams Jim McCartneys Songs «Walking In The Park With Eloise» und «Bridge Over River Suite».
viriler Altersdiskant
McCartney gilt als grosser Perfektionist. So erstaunt einmal mehr, wie Macca, der zwar seit bald einem Vierterljahrhundert seine Haare färbt, gerade bei seinem grössten Kapital, der Stimme, zum Alter steht. Männer kriegen in der Regel einen virilen Altersdiskant, die Stimme wird dünner. Auf «Chaos And Creation In The Backyard» (2005), «Memory Almost Full» (2007) und «Electric Arguments» (2008), aber vor allem auf der Single «(I want to) Come Home» (2010) ist Pauls dünner werdende Stimme zu hören. Einige Kritiker bemängeln, dass McCartney, wie auf «My Valentine», seine dünner werdende Stimme voll zum Tragen kommen lässt. Andere Kritiker loben gerade diesen Fakt und finden, der Song zeige Paul besonders verletzlich. Es spricht für Macca, dass er den virilen Altersdiskant nicht durch Verdoppelung übertüncht. John Lennon, der mit Pauls Vorliebe für das Great American Songbook nichts anfangen konnte, liess bei den Beatles seine Stimme seinen Minderwertigkeitskomplexen wegen verdoppeln. Im Jahr, in dem Paul 70 wird, ist festzuhalten, dass er die Shouterphase von 1969/70 mit «Oh, Darling» und «Maybe I’m Amazed» biologisch nicht mehr erreichen kann. Dies tut «Kisses On The Bottom» aber keinen Abstrich, Paul küsst den Boden auf einem sehr hohen Level.
Der Titel, der auch gerne mit Küsse auf den Hintern übersetzt wird, stammt übrigens aus dem Album Opener «I’m Gonna Sit Right Down An Write Myself A Letter», einem Hit von Fats Waller von 1935: «I’m gonna sit right down and write myself a letter and make believe it came from you. I’m gonna write words oh so sweet. They’re gonna knock me off of my feet. A lot of kisses on the bottom , I’ll be glad I got ‘em’.»
Paul McCartney und Steve Wonder. Das Foto wurde 2010 anlässlich der Verleihung der Kennedy Ehrenmedallie durch Präsident Obama im Weissen Haus aufgenommen.

Trackliste CD/LP/Digital
I'm Gonna Sit Right Down And Write Myself A Letter
Home (When Shadows Fall)
It's Only A Paper Moon
More I Cannot Wish You
The Glory Of Love
We Three (My Echo, My Shadow And Me)
Ac-Cent-Tchu-Ate The Positive
My Valentine
Always
My Very Good Friend The Milkman
Bye Bye Blackbird
Get Yourself Another Fool The Inch Worm
Only Our Hearts
Baby's Request *
My One And Only Love *
* Bonus Tracks Deluxe Edition