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Städtevergleich Mobilität - studieren statt interpretieren!
Kaum wurde der «Städtevergleich Mobilität 2015» publiziert, wurde der Bericht von diversen Exponenten in der Stadt Winterthur kommentiert und das Mobilitätsverhalten der Winterthurer Bevölkerung und sowie die Verkehrspolitik in Winterthur harsch kritisiert. «In diese Studie werden Aussagen hineininterpretiert, die so nicht hergeleitet werden dürfen, und gegenläufige Erkenntnisse systematisch ignoriert» ärgert sich Romana Heuberger, ehemalige Verfassungsrätin und Verfechterin eines leistungsfähigen Gesamtverkehrsnetzes.
Der «Städtevergleich Mobilität» wurde Anfang November 2017 zum zweiten Mal publiziert. In Auftrag gegeben wurde der Bericht durch die Städte Basel, Bern, Luzern, St.Gallen, Win-terthur und Zürich, welche die «Charta für eine nachhaltige städtische Mobilität» unterzeich-net haben mit dem Ziel, den öffentlichen Verkehr (ÖV) und den Fuss- und Veloverkehr zu fördern. Der Bericht betrachtet die Veränderung des Mobilitätsverhaltens der Bevölkerung in den genannten Städten zwischen 2010 – 2015. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob ein solcher Städtevergleich überhaupt sinnvoll ist, da sich die Städte betreffend Gesamtfläche, Siedlungsgebiet, Verkehrsflächen und Zusammensetzung der Bevölkerung sehr stark unterscheiden.
Interpretierte Daten sind keine Fakten
Die Studie basiert zu einem grossen Teil auf der Mikrozensus-Befragung des Bundes, welche in der ganzen Schweiz durchgeführt wird. Im Mobilitätsbericht wird festgehalten, dass
«die Ergebnisse insbesondere von kleineren Teilstichproben wie z.B. den befragten Einwohnerinnen und Einwohnern einer einzigen Stadt» mit Vorsicht interpretiert werden müssen.
«Trotzdem werden die Ergebnisse von diversen Winterthurer Exponenten als Fakten dargestellt und bereits politisch ausgeschlachtet», was Romana Heuberger als unredlich empfindet. «Wo bleibt die kritische Frage, ob die Daten in Bezug auf Winterthur überhaupt ein korrektes Abbild der aktuellen Situation aufzeigen»?
Mobilitätsverhalten hat sich verändert
Glaubt man der Studie, so hat sich das Mobilitätsverhalten der Winterthurer Bevölkerung ver-ändert, obwohl von verschiedenen Exponenten das Gegenteil behauptet wird. Betrachtet man das Gesamtverkehrsverhalten der Winterthurer Bevölkerung, so ist der Anteil des MIV von 36 auf 35 Prozentpunkte (um knapp 3 Prozent) gesunken bzw. der ÖV-Anteil von 19 auf 20 Prozentpunkte (also um 5%) gestiegen. Zudem findet eine Verlagerung vom Fuss- zum Veloverkehr statt.
Abenteuerliche Aussagen zu Modalsplitt und Parkplätzen
Stark kritisiert wird von den Grünen der Anteil des MIV am Binnenpendlerverkehr, welcher angeblich bei 30% liegt. Als Pendler werden Erwerbstätige ab 15 Jahren bezeichnet, die den Wohnort verlassen um ihren Arbeitsort zu erreichen. Nicht berücksichtigt werden Schüler und Studierende. Auch nicht berücksichtigt werden sogenannte nichtpendelnde Erwerbstätige (wohnen und arbeiten am gleichen Ort). Deren Anteil hat sich laut Studie in den letzten 5 Jahren in allen Städten mindestens verdoppelt und beträgt zwischen 8 bis 10 Prozent der in den Städten wohnhaften Erwerbstätigen. «Wie kann also eine Aussage zum Mobilitätsverhalten der Binnenpendler relevant sein, wenn ein massgeblicher Teil der Bevölkerung gar nicht erfasst wird?» fragt Heuberger kritisch. «Und wie kann der bald ehemalige Verkehrsplaner Aussagen zum Einfluss von Parkplätzen auf das Mobilitätsverhalten der Pendler machen, wenn er nach eigenen Angaben gar nicht weiss, wie viele Parkplätze es in der Stadt Winterthur gibt?»
Lösungen statt Grabenkämpfe in der Verkehrspolitik
Heuberger zeigt sich enttäuscht darüber, dass aufgrund dieser doch kritisch zu beurteilenden Studie hüben wie drüben bereits wieder auf den politischen Gegner geschossen und Wahlkampf betrieben wird. Dabei sind bereits zahlreiche Massnahmen eingeleitet, die eine weitere Veränderung der Mobilität in unserer Stadt bringen werden. Die Einführung einer zeitgemässen Verkehrssteuerung sowie eine intelligente Buspriorisierung wird eine deutliche Leistungssteigerung des Verkehrsnetzes in der Innenstadt ergeben – für den ÖV und den MIV. Die Einführung der Standstreifenbewirtschaftung auf der A1 im 2022 ergibt eine deutliche Entlastung der Innenstadt zu Hauptverkehrszeiten. Auch der Bau des Brüttener Tunnels ist beschlossen und wird umgesetzt (auch wenn es dauert).
Winterthurer Zeitung, 15. November 2017