Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03184.jsonl.gz/906

«Elite» ist ein ungeliebtes Wort. In unserer egalitären Welt macht sich verdächtig, wer es allein schon in den Mund nimmt. Dabei stammt es ursprünglich von der grundlegenden Kulturtechnik des Lesens ab: Elite kommt vom französischen élire und damit vom lateinischen legere, «lesen».
Es ist immer die Leistung, die darüber entscheidet, wer zur Elite zählt,
schreibt der deutsch-amerikanische Philosoph Herbert Marcuse. Und tatsächlich wird «Elite» im Frankreich des 18. Jahrhunderts zuerst vom aufstrebenden Bürgertum gebraucht. Gesellschaftliche Bedeutung sollen auf Tugend, Wissen und Leistung gründen und nicht bloss auf der Herkunft aus dem Adels- oder Königshaus.
Im frühen 19. Jahrhundert ist der Begriff «Elite» noch durchaus positiv. Revolutionen haben den verhassten Adel weggefegt, und die Industrialisierung pflügt die Gesellschaft um. Der Frühsozialismus beruft sich auf Platons «Herrschaft der Besten» und strebt nach einer «Herrschaft der Eliten». Liberale dagegen gestehen Zugehörigkeit zur Elite eher den Besitzenden und Gebildeten zu und prägen so das Wort in einem ökonomisch-technokratischen Sinn.
Am Ende wird «Elite» zum Kampfbegriff auf dem Schlachtfeld der Ideologien. Sozialphilosophen und Elitetheoretiker suchen eine Teilung der Gesellschaft in Ober- und Unterschichten zu rechtfertigen – oder aber zu verdammen. «Elite» gerät mehr und mehr in den Strudel von Sozialdarwinismus, Rassismus, Faschismus, Nationalsozialismus und wird am Ende, aller Realität zum Trotz, zum eigentlichen Unwort.
26 Buchstaben kennt unser Alphabet, dazu die drei Umlaute, macht deren 29. Und dann gibt’s noch einen, den wir in der Schweiz eigentlich gar nicht kennen, das Esszett. Bei ihm wird’s schwierig, denn hierzulande kennen wir die Rechtschreibregeln nicht, und selbst in Deutschland weiss man nicht so recht, wie er eigentlich heissen soll. Neben Esszett spricht man auch vom Doppel-S oder vom scharfen S, vom Buckel-, Rucksack-, Dreierles- oder Ringel-S.
Klar ist: Das Esszett steht für den stimmlosen s-Laut, so wie in weiß oder Fuß, und es ist eine Ligatur, also eine typografische Verbindung, aus einem langen ſ, das Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorben ist. Bei der zweiten, rechten Hälfte des Esszett aber ist Schluss mit der Klarheit. Die Schriftgelehrten streiten bis heute darüber, ob es ursprünglich ein normales s war oder eine 3 – oder aber ein kleines z mit Unterschlinge, ein ʒ. Tatsächlich war der Laut im Mittelalter als sz geschrieben worden, eine Schreibweise, die selbst die Gebrüder Grimm noch im 19. Jahrhundert verwendeten.
Auch mit den Regeln war es so eine Sache. In Sachen Esszett gab es nämlich deren zwei, benannt nach Johann Christoph Adelung oder nach Johann Christian August Heyse, beides Lexikographen im 18. Jahrhundert und gänzlich uneins, wann man denn nun ein Esszett und wann ein Doppel-s setzen sollte. Entschieden wurde die Sache im Sinne von Heyse, mit der Rechtschreibreform von 1996. Seither gilt: Das Esszett steht nach einem betonten Langvokal, so wie in Maße oder Buße, und nach einem Doppelvokal, so wie in heißen oder außen. Nach Kurzvokalen dagegen (Masse, Busse) steht immer ein gewöhnliches Doppel-s.
Etymologie, das ist die Wissenschaft, die die Herkunft der Wörter erforscht. Etymologie kommt vom altgriechischen etymos (wahrhaftig oder echt). Etymologie ist ein Fremdwort, das nur wenige kennen. Und das ist erstaunlich.
Genau genommen haben Menschen nämlich nur drei Fragen, wenn es um Sprache geht. Die erste – und häufigste: Wie schreibt man das? Die zweite, gerade bei Fremdwörtern: Was heisst das? Und schon die dritte: Woher kommt das?
Etymologie als eine Disziplin der Sprachwissenschaft war lange Zeit umstritten, und Etymologen wurden vielfach nicht ganz ernst genommen – was damit zusammenhängen mochte, dass ihre Wissenschaft mehr mit Raten und Behaupten zu tun hatte als mit wissenschaftlicher Forschung. Das änderte sich mit zwei Herren, die wir von ihrer Märchensammlung her kennen: den Gebrüdern Grimm. Beide – Jacob und der um ein Jahr jüngere Wilhelm Grimm – waren ausgewiesene Forscher, und beide suchten sie das Ursprüngliche, das Wahrhaftige in Sprache und Kultur. Sie nahmen das erste wissenschaftliche Werk der Etymologie in Angriff: das gewaltige Deutsche Wörterbuch, dessen erster Band 1854 erschien und das von ihren Nachfolgern erst 1960 fertiggestellt wurde. Noch heute ist das Deutsche Wörterbuch ein Pfeiler der Wissenschaft, die uns einwandfrei beweisen kann, dass der Hirsch, das Horn und unser Hirn viel enger miteinander verwandt sind, als wir das vermuten würden. Oder dass Mauer und Wand nicht nur anders gebaut werden, sondern viel mit dem Zusammenprall der römischen mit der germanischen Kultur zu tun haben.
Die Gebrüder Grimm übrigens haben den Aufschwung der Etymologie nicht mehr erlebt: Wilhelm Grimm starb schon 1859, Jacob vier Jahre später – über seinem letzten Artikel «Frucht».
In der Antike war Rhetorik eine hoch angesehene Wissenschaft, und ohne das Beherrschen der kunstvollen Rede war eine Laufbahn als Anwalt, Politiker oder Heerführer undenkbar. In Rhetorikschulen wie der des Apollonius Molon auf Rhodos büffelten selbst Redner aus dem fernen Rom wie Marcus Tullius Cicero die Formen des geschliffenen Vortrags bis zum Umfallen. Bis heute tragen die rhetorischen Formen griechische Namen.
Eine davon ist der Euphemismus. Sein Name kommt von euphemein, «Gutes berichten». Der Euphemismus ist ein Hüllwort, eine abmildernde, oft beschönigende Umschreibung für einen schwierigen, anstössigen Sachverhalt oder gar für ein Tabu. Anzutreffen ist er besonders häufig im Bereich von Sexualität, von Krankheit und Tod. Wenn er auf dem Betriebsausflug die fette Firmenchefin «mollig» macht, dann ist der Euphemismus noch ausgesprochen nett. Wenn das Altersheim allerdings in «Seniorenresidenz» umbenannt wird, die dann nicht mehr von Putzfrauen, sondern von «Raumpflegerinnen» gereinigt wird, dann fängt das Verschleiern an. Wahre Beschönigungsvirtuosen sind die Manager und Politiker: Die einen reden von «Humankapital» und meinen damit Arbeiter, deren Ausbildung und Entlöhnung viel zuviel Geld kostet, und von «Restrukturierung», wenn sie sie am Ende in Massen entlassen. Die anderen haben Unwörter wie «Kollateralschäden» und «ethnische Säuberungen» auf dem Gewissen – und damit unschuldige Kriegsopfer bis hin zum Völkermord. Kein Wunder, dass der Euphemismus, ursprünglich ein Stilmittel der Rhetorik, derart in Verruf geraten ist.
Dabei wäre er eigentlich der hübschere – sein hässlicher Bruder nämlich ist der Dysphemismus: Dessen Ziel ist die eigentliche Schmährede, von der Abwertung einer Person oder Sache bis hin zum handfesten Schimpfwort.
Ruckzuck im Buchladen oder online gekauft: Bücher sind ein Konsumgut. Das war nicht immer so. Der wahre Schatz mittelalterlicher Klöster waren dessen Bücher, und damit Besitz auch Besitz blieb, wurden die Bücher mit dem Federkiel kunstvoll markiert. Als Johannes Gutenberg ums Jahr 1450 den Buchdruck erfand, stieg auch der Bedarf an Eigentumsmarken, die man «Exlibris» nannte, wörtlich «aus Büchern».
Exlibris, das waren gedruckte Zettel, die sich in die Bücher einkleben liessen und die den kostbaren Bänden in nichts nachstanden – das erste bekannte Exlibris gegen Ende des 15. Jahrhunderts ist ein kolorierter Holzschnitt mit einer Engelsfigur, die das Wappen des deutschen Kartäusermönchs Hilprand Brandenburg von Biberach in den Händen hält. Die Namen der Exlibris-Künstler lesen sich wie ein Who is Who der Renaissance: Albrecht Dürer, Lucas Cranach der Ältere, Hans Holbein der Jüngere, Hans Baldung. Ihre Exlibris zeigen oft Wappen, weil die Ehre und Wohlstand des Besitzers symbolisierten. Beliebt waren auch Porträts, Allegorien und biblische Motive, später Bibliotheksansichten – mittlerweile als Kupferstich und Radierung. Im 19. Jahrhundert wurden Exlibris schliesslich selbst zum Sammlerobjekt: 1891 wurde in Berlin eine bis heute bestehende Gesellschaft gegründet, die das Heft «Exlibris, Zeitschrift für Bücherzeichen – Bibliothekenkunde und Gelehrtengeschichte» herausgab.
Gedruckte Exlibris sind selten geworden. Als Stempel aber hat das Exlibris bis heute überlebt: als kunstvoll geschnittener moderner Exlibrisstempel – oder als profane Bibliotheksmarke.