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In Therapien wird manchmal eher zufällig deutlich, dass Patienten u.a. ein Problem mit Sammeln und Horten haben, sei es, dass das nebenbei erwähnt wird oder dass dieses Problem durch Expositionsübungen (z. B. bei Zwangsstörungen) bei Patienten zuhause deutlich wird.
Lange fasste man diese Problematik als Subgruppe von Zwangsstörungen oder als Kriterium bei zwanghaften Persönlichkeitsstörungen auf, bevor klarer wurde, dass diese Problematik spezifische Merkmale aufweist und als eigenständiges Störungsbild betrachtet werden muss. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland (vermutlich ähnlich in der Schweiz) jeder zwanzigste Mensch dadurch eine massive Beeinträchtigung (bei ihm selber und bei seinem Umfeld) erlebt.
Sammeln und Horten war zunächst grundsätzlich eine sinnvolle Verhaltensweise für Menschen (z. B. Sammeln von Nahrung, Brennholz), die sich aber bei Betroffenen zu einer grossen Belastung und Einschränkung entwickelte, so dass im Diagnosemanual DSM-5 die Diagnose Pathologisches Horten (in der Gruppe der Zwangsspektrumserkrankungen) aufgenommen wurde.
Kriterien sind: Anhaltende Schwierigkeiten, persönliche Gegenstände fortzugeben oder wegzuwerfen, unabhängig von ihrem tatsächlichen Wert; Gefühl, Besitztümer aufbewahren zu müssen; massive Anspannung beim Versuch, sich ihrer zu entledigen, was zu einer Überfüllung oder gar Vermüllung der Wohnung führt, so dass die Nutzung der Wohnung – auch Garagen, Hofeinfahrten, Arbeitsumfeld – und überhaupt der häusliche, soziale oder berufliche Alltag dadurch beeinträchtigt ist.
Gründe für das Horten: Die emotionale Bedeutung von Gegenständen (z. B. Erinnerungen) oder die Identifizierung mit Gegenständen (wegwerfen fühlt sich an, wie wenn ein Teil ihrer selbst vernichtet würde). Auch der vermeintliche Informationsgehalt (z. B. Zeitschriften, Rechnungen), die Vorstellung, die Gegenstände noch gebrauchen zu können oder der ästhetische Wert (z. B. eine interessante Form, eine besondere Farbe: ein ‚besonderer Schatz’) können weitere Gründe sein.
Typischerweise wird aber nicht viel Zeit mit all diesen Gegenständen verbracht, oft um zu vermeiden, sich mit dem Gedanken an Wegwerfen konfrontieren zu müssen. Von pathologischem Horten – in Abgrenzung zu Sammeln – wird gesprochen, wenn es dem eigenen Wohlergehen und demjenigen anderer Menschen schadet und das Leiden nicht aus eigener Kraft beendet werden kann. Unbehandelt ist der Verlauf in der Regel chronisch progredient, d. h. die Symptomatik nimmt mit wachsendem Alter zu und geht oft mit anderen psychischen Störungen einher (z. B. zwanghaftes, exzessives Kaufen oder Kleptomanie, ADHS oder sozialen Ängsten).
Bedeutsame Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung scheinen dysfunktionale Grundüberzeugungen zu sein im Bereich Selbstwert (nicht liebenswert oder unfähig), Modellverhalten primärer Bezugspersonen, Belastung durch Depressionen, Ängste und körperliche Erkrankungen, Probleme mit der Informationsverarbeitung (z. B. Aufmerksamkeit aufrechterhalten, Dinge zu ordnen, Handlungen zu planen und Entscheidungen zu fällen), schliesslich ungünstige Annahmen über die Bedeutsamkeit bzw. den Wert von Gegenständen, ein hohes Verantwortungserleben, Gefühle der Verletzlichkeit, Traurigkeit, Schuld oder Ärger und Misstrauen in die eigene Gedächtnisleistung. Pathologisches Horten kann die Funktion haben, Sicherheit zu geben, Freude auszulösen (z. B. wenn sich etwas doch als nützlich erweist), aber auch negative Gefühle zu vermeiden, die beim Wegwerfen entstehen würden.
Therapeutisch ist der erste Schritt, gemeinsam ein individuelles Modell zur Entstehung und Aufrechterhaltung zu entwickeln, genaue Verhaltensanalysen zu erarbeiten, um danach in ‚Versuchungssituationen’ (z. B. kaufen, anhäufen) neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln und zu üben, üben, üben (Exposition). Neben dem ‚Nichts-Neues-Anhäufen’ kommt die Phase des Aufräumens und Wegwerfens mit Hilfe von in der Therapie erarbeiteten ‚Entscheidungslisten’ und Erarbeitung des konkreten Vorgehens.
Literatur:
Külz, K. A., Voderholzer, U. (2018). Pathologisches Horten. Göttingen: Hogrefe. Fortschritte der Psychotherapie. Band 69.
Lic. phil. Barbara Heiniger Haldimann