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Zu Besuch mit der Schreibmaschine
Das Projekt «Writers in Residence» quartiert jedes Jahr Autor*innen in Zürich ein.
Eine Einladung, sechs Monate in einer fremden Stadt zu leben und sich vollkommen dem Schreiben zu widmen. Josephine Rowe hat sie angenommen und kurzerhand ihr Flugticket gebucht. Von August bis Dezember lebt die Australierin in Zürich im Rahmen des «Writer in Residence»-Projekts. Die Wahl des oder der «Writer in Residence» liegt beim Literaturhaus, in welchem sich Pablo Assandri um das Projekt kümmert. Eine gemeinnützige Stiftung stellt den Autor*innen jeweils eine Wohnung zur Verfügung. Unter den 21 weiteren Schriftsteller*innen, die seit 2010 bereits in Zürich residierten, waren zum Beispiel auch Ken Bugul aus Senegal und Georgi Gospodinov aus Bulgarien. Ziel des Projekts ist es, international bekannten Autor*innen eine Möglichkeit zu geben, im deutschen Sprachraum literarisch Fuss zu fassen. Daher muss mindestens ein Werk des Autors auf Deutsch übersetzt worden sein. Die jeweils gastierenden Autor*innen sind bei ihrem Aufenthalt lediglich an eine Bedingung gebunden: Sie müssen eine Lesung im Literaturhaus Zürich halten.
Diese bestritt die 1984 nahe Melbourne aufgewachsene Autorin Josephine Rowe am 5. Oktober. Thema des Abends war ihr 2016 erschienener Debütroman «A Loving, Faithful Animal», der vom Herausgeber des US-amerikanischen Magazins «The New Yorker» publiziert wurde. Für ihre Kurzgeschichten, Gedichte und Essays wurde sie bereits zweimal zur Sydney Morning Herald Best Young Australian Novelist gewählt. Seit Rowe im Alter von 15 Jahren von zu Hause ausgezogen ist, lebte sie keine zweieinhalb Jahre am selben Ort. Einige Zeit verbrachte sie in Kanada und den USA, wo sie Stipendiatin mehrerer Universitäten ist.
Die Handlung von «A Loving, Faithful Animal» spielt 1990 in einer australischen Kleinstadt und wird von vier Familienmitgliedern erzählt. Der Roman hat autobiographische Bezüge und handelt von der Bedeutung des Vietnamkriegs für Australien. Rowes Familie wurde vom Krieg stark geprägt, da ihr Vater selbst in Vietnam kämpfte. Aus Australien wurden 60’000 Soldaten nach Vietnam einberufen; eine grosse Zahl bei einer damaligen Gesamtpopulation von lediglich 12 Millionen.
Über ihren Protagonisten, den Vietnamveteran und Familienvater Jack, sagt Rowe in der Lesung, dass er wie andere Schicksalsgenossen lange gebraucht habe, um nach dem Einsatz an der Front wieder nach Hause zu kommen. Selbst wenn sie schon längst wieder bei ihren Familien waren, die mentale und emotionale Rückkehr konnte Jahrzehnte dauern. Rowes Roman macht das zu wenig aufgearbeitetete Kriegstrauma sichtbar. Gleichzeitig möchte Rowe ihre eigene Vergangenheit verarbeiten: «Ich habe Teile davon geschrieben, um sie zu vergessen, um sie loszulassen», sagt die Autorin.
Auch Heimat ist ein wichtiges Thema in ihrem Roman. Ob in ihrem nächsten Werk also Zürich eine Rolle spielen wird? Rowe fühlt sich in der Limmatstadt auf jeden Fall wohl. Ihre Zeit widmet sie dem Lesen und Schreiben – auf einer Schreibmaschine! «Das klingt schrecklich hipsterhaft, ist aber keine ästhetische Wahl», erklärt sie. Vielmehr verbessere es ihren Arbeitsfluss und halte sie als fragmentarische Denkerin davon ab, zu sehr zwischen verschiedenen Textabschnitten zu springen. «Manche Seiten sind geknickt. Die haben dann drei Tage in der Maschine gesteckt, während ich auf Notizzetteln den weiteren Handlungsverlauf erarbeitet habe.» Man darf gespannt bleiben, wozu sie ihre Zeit in Zürich inspirieren wird.