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Ursulina Gruber geht um das alte Haus an der Strassenecke herum und schaut immer wieder nach oben. «Vielleicht da, bei diesem Fenster?», sagt sie und zeigt mit dem Finger auf eine Lukarne. Die 63-Jährige hält einen Brief der Zürcher Vormundschaftsbehörde über ihre Mutter in der Hand. Darauf findet sich diese Adresse in Zürich Hottingen. Hier hat ihre Mutter wohl einmal gewohnt und gearbeitet.
«Die Auskünfte der bisherigen Arbeitgeber Mauch, Bäckerei, Gemeindestrasse 62 in Zürich 7, (…) bei denen Karoline Gruber seit ihrem im September 1956 erfolgten Zuzug nach Zürich tätig war, lauten übereinstimmend sehr ungünstig» (Brief des Amtsvormunds vom 1. April 1957)
Dieser Bericht ist etwas von ganz Wenigem, das Ursulina Gruber von ihrer Mutter geblieben ist. Nur ein paar Tage nach der Geburt hat man die kleine Ursulina ihr weggenommen, in eine Pflegefamilie gegeben und ihr einen neuen Namen verpasst: Ursula Spillmann. 50 Jahre später darf sie sich wieder Ursulina Gruber nennen. Weil sie für ihren Namen gekämpft hat. Denn erst als Erwachsene hat sie erfahren: Sie ist die Tochter einer jenischen Schweizer Fahrenden. Auf der Suche nach ihrer Herkunft ist sie auf eine Geschichte gestossen, die beispielhaft für viele Fahrende ist. Heute bezeichnet sie sich als sesshafte Jenische (siehe Box unten, «Fahrende in der Schweiz»).
Ursulina Gruber geht die drei Stufen zum Eingang des Hauses hinunter und späht durch die Schaufenster. Heute ist das Gebäude ein Wohnhaus, sie erkennt aber noch Spuren der ehemaligen Bäckerei. «Da hinten stand sicher die Theke, an der meine Mutter gearbeitet hat.»