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Red. Die folgende Recherche wurde zwischen Dezember 2019 und Januar 2020 für die Schweizer NGO Public Eye durchgeführt und erstmals im März dieses Jahres veröffentlicht. Um die Interviewten vor Repressionen zu schützen, wurden sämtliche Namen im Text geändert. Der Plantagenarbeiter Daniel, der mit richtigem Namen Lenin Merino heisst, ist am 11. Juli 2020 an Covid-19 verstorben. Die Hintergründe dazu hier.
Ein gutes Dutzend Männer sitzt an diesem späten Nachmittag bei einem Verkehrskreisel ausserhalb Machalas – sie plaudern, surfen auf Facebook, warten. Sie sind hier, weil sie auf den Vorarbeiter irgendeiner Bananenplantage hoffen, der ihnen für den Folgetag eine Jornada bestätigt: Arbeit für einen Tag. Es ist eine Lotterie, der täglich Tausende Frauen und Männer in ganz Ecuador ausgesetzt sind.
Ausserhalb des Bananensektors gebe es kaum Jobs, erzählen die Männer am Kreisel. Höchstens hie und da mal ein paar Tage als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle. Auf die Frage, wie er sonst zu Geld komme, sagt ein 17-Jähriger unumwunden: «Über den Verkauf von Drogen.» Das sei wesentlich lukrativer, als sich auf den Bananenplantagen abzuschuften, meint sein Kollege.
Tagelöhner hoffen auf einen Arbeitseinsatz in einer Bananenplantage. Viele gehen leer aus. (Bild: Ramiro Aguilar Villamarín/PublicEye)
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden in dieser Gegend Bananen angepflanzt, wie vielerorts im ecuadorianischen Tiefland. Der Andenstaat ist seit den 1950er Jahren der grösste Bananenexporteur der Welt, knapp ein Drittel aller international gehandelten Bananen kommt aus Ecuador. Rund 5000 Produzenten und Produzentinnen gibt es, von Kleinstbetrieben zu Grossplantagen, der Sektor beschäftigt über 200’000 Menschen, indirekt sind rund zwei Millionen Menschen vom Bananenanbau abhängig.
Steuern sparen am Genfersee
Die meisten ecuadorianischen Plantagenbesitzer verkaufen die Bananen an Zwischenhändler, welche sie an internationale Bananenhändler weiterverkaufen – etwa an Chiquita. Das Unternehmen beliefert vornehmlich Europa und Nordamerika und hat zwei Hauptsitze: Das US-amerikanische Geschäft wird in Fort Lauderdale (Florida) abgewickelt. Das Europageschäft seit 2009 im Kanton Waadt.
Früher lag der europäische Hauptsitz des Konzerns im belgischen Antwerpen, wo Chiquita Gewinnsteuern von über 20 Prozent zahlen musste. Mit dem Umzug in die Schweiz fiel die Steuerbelastung laut einem Bericht des Schweizer Fernsehens aus dem Jahr 2010 auf 2,5 Prozent. Der Konzern hatte sich gerade noch rechtzeitig vor dem Ablauf der sogenannten «Lex Bonny» im Kanton Waadt registriert: Das Gesetz hatte es strukturschwachen Gebieten in der Schweiz erlaubt, neu zuziehenden Firmen während zehn Jahren die Steuern ganz zu erlassen.
Dieses Privileg lockte Anfang der 2000er Jahre eine ganze Reihe namhafter Konzerne an den Genfersee-Bogen. Mittlerweile ist das Steuerprivileg für Chiquita abgelaufen. Zehn Jahre nach dem Umzug nach Rolle verlegte Chiquita seinen Hauptsitz einige Kilometer weiter, nach Etoy. Ob dort ein neuer Steuerdeal ausgehandelt wurde, ist nicht bekannt.
Seit 2014 publiziert Chiquita keine Zahlen mehr. Die Bananenhändlerin wurde von einem Joint Venture des brasilianischen Orangensaftexporteurs Cutrale mit der Safra Group, zu der auch die Schweizer Bank J. Safra Sarasin gehört, aufgekauft. Die neuen Besitzer nahmen Chiquita von der Börse.
Wer aktuelle Informationen zu Chiquita und ihren Zulieferern will, muss sich mit Branchenkennerinnen unterhalten, mit Produzenten und Arbeiterinnen. Medienanfragen beantwortet die Firma mit umständlichen Allgemeinplätzen. Statt harten Fakten gibt es bunte PR-Broschüren.
Militärputsch und Schutzgelder an Paramilitärs
Dafür lässt sich über die Firmenhistorie einiges herausfinden. Denn Chiquita kann auf eine lange, unrühmliche Geschichte von Anschuldigungen wegen Menschenrechtsverletzungen zurückblicken. Selbst der Ausdruck «Bananenrepublik» geht auf Chiquita, beziehungsweise deren Vorgängerunternehmen United Fruit Company (UFC) zurück. Der Begriff stand für die krassen sozialen Ungleichheiten in mittelamerikanischen Staaten, deren abhängige und teilweise korrupte Regierungen von der UFC praktisch kontrolliert wurden.
In den 1950er Jahren unterstützte die UFC einen Militärputsch gegen den reformwilligen Präsidenten Guatemalas; 1961 beteiligte sich die Firma finanziell an der Invasion der Schweinebucht, einem militärischen Putschversuch der USA gegen Kuba. 1972 verhalf die UFC in Honduras einem Diktator zur Macht. Und nach dem Namenswechsel 1990 bezahlte Chiquita Schutzgelder an kolumbianische Paramilitärs.
Anfang dieses Jahrhunderts schliesslich wurde bekannt, dass sich Chiquita mit seinen Konkurrenten über Preise und Verkaufsmengen von Bananen und Ananas abgesprochen hatte. Mit einer Selbstanzeige sicherte sich der Konzern damals Straffreiheit. Bis heute berichten NGOs über Arbeitsrechtsverletzungen auf den Bananenplantagen – etwa wegen Pestizidvergiftungen und der Unterdrückung von Gewerkschaften.
Krasse Verstösse gegen das Arbeitsrecht
Ecuador ist für Chiquita besonders zwischen Oktober und Mai ein wichtiger Bananenlieferant. 2014 bezog Chiquita 18 Prozent aller Bananen aus Ecuador. Entsprechend haben alle Plantagenarbeiter, die wir treffen, schon für Chiquita-Produzenten gearbeitet. Anfang 2020 machen wir uns auf, einen Augenschein zu nehmen.
Aufgrund unserer Recherchen gehen wir davon aus, dass der Konzern in Ecuador kaum eigene Plantagen besitzt und die Bananen zum grössten Teil von Zwischenhändlern kauft. Die entsprechenden Verträge werden oft kurzfristig aufgesetzt, typischerweise laufen sie über ein oder zwei Jahre. Schon vor 13 Jahren forderte Public Eye (damals noch als «Erklärung von Bern») von den transnationalen Bananenunternehmen, auch in den Zulieferbetrieben ökologische und soziale Mindeststandards durchzusetzen.
Doch getan hat sich seither wenig und das Elend auf den Zulieferbetrieben ist nach wie vor vielschichtig. Die niedrigen Löhne sind eines der grössten Probleme der Erntehelfer und -helferinnen, wie uns einer der Tagelöhner erzählt. Je nach Plantagenbetreiber erhalten sie zwischen 20 und 25 Dollar pro Tag, manchmal weniger. Wenn man bei diesem Lohn Vollzeit arbeitet, erreicht man knapp den gesetzlichen Mindestlohn von monatlich 400 Dollar.
Schon der Mindestlohn reicht kaum zum Leben. Aber die Plantagen heuern nicht jeden Tag gleich viele Arbeiterinnen und Arbeiter an. Und wer Pech hat, wird pro Schachtel entlohnt, was den Leistungsdruck enorm erhöht. Manche Produzenten stellen ausserdem migrantische Arbeitskräfte aus Kolumbien oder Venezuela ein, die teilweise für einen Tageslohn von 12 bis 15 Dollar schuften. Das entspräche bei acht Stunden einem Stundenlohn von 1,50 bis 1,90 Dollar. «Doch oft dauert die Jornada länger», sagt ein Arbeiter. «Manchmal sind es zehn oder zwölf Stunden am Tag.» Dieser Willkür sind die Arbeiterinnen und Arbeiter in Ecuadors Bananenplantagen schutzlos ausgesetzt.
Zahlreiche Personen, mit denen wir sprechen, erzählen uns, dass selten Verträge abgeschlossen und kaum Beiträge an Sozialversicherungen einbezahlt würden. Wird ein Pflücker krank, wird eine Waschanlagen-Arbeiterin schwanger, hat ein Verpacker einen Unfall oder steht bei einer Hilfsarbeiterin ein Besuchsmorgen in der Schule an, dann ist das deren Problem.
Arbeiterinnen und Arbeiter in Ecuadors Bananenindustrie sind der Willkür ihrer Arbeitgeber schutzlos ausgeliefert. (Bild: Ramiro Aguilar Villamarín/PublicEye)
«Für uns interessiert sich niemand», bringt es einer der Männer am Strassenrand von Machala auf den Punkt. Wer aufmuckt oder sich gewerkschaftlich organisieren will, laufe Gefahr, entlassen zu werden, oder seinen Namen auf einer schwarzen Liste wiederzufinden und nirgendwo mehr angestellt zu werden, so die Arbeiter.
Auch Kinder schuften in Plantagen
Wir treffen Daniel bei der Arbeit auf einer Bananenplantage. Schon als Kind packte er Bananenbüschel in riesige Plastiksäcke ein – einer der härtesten Jobs auf den Plantagen. Seine Arbeit bedingt nicht nur ständiges Rauf- und Runterklettern auf der Leiter, die Enfundadores, wie sie genannt werden, sind ununterbrochen synthetischen Pestiziden ausgesetzt. Imprägniert mit Fungiziden oder Insektiziden, sorgen die Plastikhüllen dafür, die Früchte vor Wetter, Ungeziefer und Pilzen zu schützen.
Die Bananen werden vor dem Abpacken mit Fungiziden behandelt, damit sie während des Transports nicht verrotten. (Bild: Ramiro Aguilar Villamarín/PublicEye)
Als er sich von seinem älteren Bruder instruieren liess, war Daniel zwölf Jahre alt. Die Buben brauchten das Geld, um ihre Mutter und die Geschwister über die Runden zu bringen. Und auch wenn es die Produzenten verneinen oder geflissentlich darüber hinwegschauen: Missbräuchliche Kinderarbeit ist in Ecuadors Bananenindustrie nach wie vor Realität. Darauf weisen nicht nur Menschenrechtsorganisationen immer wieder hin. Auch das US-Arbeitsministerium führt Bananen aus Ecuador seit Jahren auf einer Liste mit Produkten auf, bei denen die Gefahr gross ist, dass sie unter Beteiligung von missbräuchlicher Kinderarbeit hergestellt wurden.
Es ist bekannt, dass der Agrarsektor ein Hochrisikosektor für Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen aller Art ist, auch Public Eye hat kürzlich einen ausführlichen Bericht dazu publiziert. Eine der schlimmsten Formen dieser Rechtsverletzungen ist die missbräuchliche Kinderarbeit. Ganze Generationen werden davon abgehalten, die Schule zu besuchen und sich und ihren Familien so einen Ausbruch aus der Armutsspirale zu ermöglichen. Chiquita müsste das nach all den Jahrzehnten begriffen haben, doch der Konzern schreibt in seinem reich bebilderten Nachhaltigkeitsbericht von 2019 lediglich, dass er «Kinder als potenziell verletzliche Gruppe identifiziert» habe und nun besser verstehen müsse, was die Auswirkungen auf sie seien.
Daniel, der mit richtigem Namen Lenin Merino heisst, arbeitete seit seinem zwölften Lebensjahr auf Bananenplantagen. Pestizide haben seine Gesundheit stark angegriffen. Im Juli ist der 30-Jährige an Covid-19 gestorben. (Bild: Ramiro Aguilar Villamarín/PublicEye)
Daniel, der sich seit Kindesalter auf verschiedenen Bananenplantagen verdingt, könnte dem Konzern sicher einiges darüber erzählen, wie sich diese Arbeit auf sein Leben ausgewirkt hat. Heute ist er 30 Jahre alt und packt immer noch Bananen ein, allerdings auf einem Bio-Betrieb, ohne synthetische Pestizide. Darüber ist er sehr froh, denn der Gifteinsatz hat ihn vor zehn Jahren schwer krank gemacht. Ein Arzt warnte ihn damals, eine einfache Grippe könnte für ihn tödlich sein. Deshalb sammelte Daniel eine Zeitlang Meeresfrüchte an der Küste, aber einige Jahre später kam er zurück zu den Bananen. Daniel verdient heute täglich zwischen 25 und 30 Dollar und gehört mit seiner faktischen Festanstellung – wenn auch ohne Arbeitsvertrag – zu den Privilegierten.
Von weitem sind die Propeller mehrerer Kleinflugzeuge zu hören. Täglich drehen sie ihre Runden ausserhalb Machalas, der selbsternannten Bananenwelthauptstadt nahe der peruanischen Grenze. Sie sprühen ihre Pestizide aus drei bis fünf Metern Höhe auf die endlosen grünen Monokulturen. Direkt neben den Plantagen stehen Schulen, Wohnhäuser und Strassen.
Einer, der den aggressiven Chemikalien ausgesetzt war, ist Francisco. Der junge Arzt hat vergangenes Jahr ein Praktikum auf dem Land absolviert, unweit von dort, wo die Propellerflugzeuge ihre Runden drehen. Bald schon fielen ihm die häufigen Fälle von Nesselfieber auf; er habe monatlich ein bis zwei Patienten mit Juckreiz, Quaddeln oder aufgeschwollenen Lippen behandelt.
Als der 26-Jährige seine Patientinnen und Patienten auf dem Land besuchte, stellte er fest: Die Plantagen hatten im Laufe der Jahre und mit der Ausbreitung der Monokulturen deren Häuser beinahe eingenommen. Teilweise stehen die Bananenpflanzen bis unter das Vordach der Nachbarn. Gemäss Francisco sind die Anrainer der Plantagen dem höchsten Gesundheitsrisiko ausgesetzt – abgesehen von den Arbeiterinnen und Arbeitern selbst.
In zahlreichen Gesprächen bestätigen uns diese, dass sie während der Sprühflüge oft mitten in der Plantage stehen und sich notdürftig mit einem Stück Stoff bedecken müssen. Dabei müssten sie eigentlich gewarnt werden und dürften die Plantage nach den Flügen zwölf bis achtundvierzig Stunden lang nicht mehr betreten. Doch in der Praxis waschen sie sich hinterher lediglich die Augen aus und versuchen, ihre Haut so gut wie möglich von dem öligen Gemisch zu trocknen.
Wenn Sprühflugzeuge über den Plantagen ihre Runden drehen, werden auch Wohnhäuser und ihre Bewohner mit giftigen Chemikalien eingenebelt. (Bild: Ramiro Aguilar Villamarín/PublicEye)
Bezeichnend dafür ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich beim Bananenwaschen versehentlich Wasser mit Chlorgranulat über Brust, Bauch und Beine geleert hatte. Da sie auf die Arbeit angewiesen war und sich nicht traute, ihren Posten fürs Umziehen zu verlassen, brannte sich das Desinfektionsmittel während Stunden in ihren Körper. Erst sieben Tage später kam sie zu Francisco – mit Verätzungen zweiten Grades. «Aus Angst, den Job zu verlieren», sagt der Arzt, «versuchen diese Menschen solche Arbeitsunfälle zu verheimlichen und warten, bis es nicht mehr anders geht.»
Schmiergeld ölt den Bananen-Handel
Für Andrea war von Anfang an klar, dass sie in ihrer Plantage auf synthetische Düngemittel und Pestizide verzichten und biologisch produzieren möchte. 2017 begann sie ihre Früchte über eine Kooperative an Chiquita zu verkaufen. Allerdings erinnert sie sich nur ungern an diese Zeit. «Wir hatten von Anfang an Probleme mit Chiquita», sagt sie. «Ganze Paletten wurden mit fadenscheinigen Begründungen zurückgewiesen, und das sind immerhin rund fünfzig Schachteln Bananen.»
Es sei um fehlendes Gewicht der Ware gegangen oder um Mini-Narben an einzelnen Früchten. «Wenn man dem Kontrolleur von Chiquita aber genügend Geld auf den Tisch legte, spielte das auf einmal keine Rolle mehr.» Mehrere hundert Dollar habe sie so regelmässig draufzahlen müssen, erzählt Andrea. Heute seien die Zwischenhändler wegen der neu installierten Kameras in den von Drittfirmen angemieteten Lagerhallen etwas vorsichtiger. «Nun wird das Geschäft einfach im Vorraum abgewickelt.»
Wir treffen Enver, einen Agraringenieur, der den Bananensektor seit Jahren verfolgt und die Geschäftspraktiken kennt. Etwas angespannt sitzt er auf dem Stuhl in seinem Büro ausserhalb der Wirtschaftsmetropole Guayaquil, die beiden Arme auf die Lehne gestützt, und sagt, was in Ecuador viele denken: «Die Bananenindustrie funktioniert wie eine Mafia. Fünfzig Prozent findet legal statt, fünfzig unter dem Tisch.»
Enver wollte zuerst nicht mit uns sprechen. Schon gar nicht über den Bananenhändler Chiquita, bei dem er mehrere Jahre angestellt war. Er war dafür zuständig, bei den Zulieferern von Chiquita die Plantagen, die Bewässerungssysteme und die Unkrautbekämpfung zu kontrollieren und den Zustand der Früchte zwischen Ernte und Verschiffung zu prüfen.
Als wir dem Mittvierziger den Zweck unserer Recherche erklären, willigt er ein. «Es ist wichtig zu wissen, dass es hier nicht um eine einzelne Firma geht», sagt Enver, «es geht um ein ganzes System.» Sein Vorgesetzter bei Chiquita habe als einer von vielen regelmässig Schmiergelder eingestrichen – und zwar sowohl von den Zwischenhändlern selbst als auch von den mit ihnen eng verbandelten Produzentenkooperativen, den Asociaciones Bananeras.
Aus herkömmlichen Früchten werden Bio-Bananen
Eigentlich wäre der Bananenhandel in Ecuador streng reglementiert. Der Staat definiert Jahr für Jahr einen Mindestpreis für herkömmlich produzierte Bananen und verpflichtet die Zwischenhändler, den Produzenten diesen Preis pro Schachtel zu bezahlen. Aktuell liegt er bei 6.40 Dollar pro Schachtel. Der Free-on-Board-Preis für konventionelle Bananen beläuft sich zurzeit auf 8.23 Dollar. Das ist der Preis, den die internationalen Bananenkonzerne bezahlen sollten, um die Schachteln auf ihre Frachter zu hieven. Theoretisch.
Wie überall in der Agrarindustrie spielen Jahreszeiten und Wetter eine entscheidende Rolle bei Angebot und Nachfrage. Denn wenn auf der Nordhalbkugel Sommer ist, gibt es sowohl in Nordamerika als auch in Europa und Asien viel Konkurrenz im Früchteregal. Und wenn in Ecuadors Tiefland Regenzeit herrscht, also etwa zwischen Januar und April, steigt das Angebot. Diese Volatilität führt dazu, dass sich Produzenten und Zwischenhändler immer wieder entscheiden müssen: entweder das Geschäft verlieren oder die Ware unter dem vorgeschriebenen Mindestpreis loswerden.
Bananentausch auf offener Strasse: Es kann durchaus vorkommen, dass Bananen erster Klasse kurz vor der Verschiffung durch Bananen zweiter Klasse ersetzt werden. (Bild: Ramiro Aguilar Villamarín/PublicEye)
Eine Strategie, so erzählt uns Enver in seinem Büro, bestehe darin, herkömmlich produzierte Früchte als Bio-Bananen zu verkaufen, von denen wesentlich weniger produziert werden. Das sei eine weitverbreitete Praxis. Die Nachfrage nach Bio-Bananen sei hoch, die konventionellen Früchte seien aber billiger zu produzieren. «Mein Chef», erinnert er sich, «hat in diesen Fällen jeweils beide Augen zugedrückt.» Er habe einem Zwischenhändler die herkömmlich produzierten Bananen für sieben Dollar pro Schachtel abgekauft, in den eigenen Büchern aber einen Einkaufspreis von neun ausgewiesen. «Die restlichen zwei Dollar», sagt er, «teilte er sich mit dem Zwischenhändler: Ein Dollar ging als Schweigegeld an ihn, den anderen Dollar strich mein Chef ein. Bei wöchentlich mehreren hundert Schachteln kam so ein ordentlicher Betrag zusammen.»
Konzerne stehlen sich aus der Verantwortung
Mit Zwischenhändlern zu arbeiten, ist praktisch für den Konzern, denn so müssen sich andere mit dem Papierkram abmühen. Auch die Zollkontrollen müssen die Zwischenhändler organisieren und selbst finanzieren. Wenn wegen Verzögerungen bei der Abfertigung ein Container nicht verladen werden kann, verliere er auf einen Schlag 10’000 Dollar, klagt Santiago, der Geschäftsführer einer Zwischenhandelsfirma. Ein Container transportiert rund 1000 Schachteln Bananen, also zwischen 20 und 22 Tonnen.
Chiquita erleidet in so einem Fall kaum Schaden. Werden ganze Paletten aufgrund eines noch so kleinen Makels abgewiesen, landen die Bananen in den Futtertrögen von Schweinen oder Kühen. Auch diesen Verlust tragen laut Santiago die Zwischenhändler.
Die Verantwortung für die Gesundheit und das Auskommen der Arbeiterinnen und Arbeiter, die auf den Plantagen schuften, bleibt an den Plantagenbesitzerinnen hängen. Chiquita hat scheinbar kein Interesse am Kontakt mit der Arbeiterschaft, das wurde bei unseren Gesprächen deutlich.
Im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht schreibt Chiquita: «Wir fordern von unseren Mitarbeitern und allen in unserem Namen tätigen Mitarbeitern – einschliesslich Geschäftspartnern, Lieferanten, Dienstleistern, unabhängigen Auftragnehmern und jedem ihrer Subunternehmer – die Einhaltung aller Gesetze und Vorschriften in den Ländern, in denen sie und Chiquita tätig sind.»
Die Einhaltung der lokalen Gesetze ist eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich keine spezielle Erwähnung verdient. In Bezug auf die Bananenproduktion ist diese Aussage zudem zynisch: Seit über einem Jahrhundert dominieren internationale Konzerne diese Industrie. Sie sind so mächtig, dass sie die Spielregeln im Markt festlegen können. Vielfach haben sie in der Vergangenheit in die Politik eingegriffen, um sich eine günstige Ausgangslage zu sichern.
Nachhaltigkeitsbroschüren reichen nicht, um eine Verbesserung der Arbeitssituation in den Produktionsländern herbeizuführen. Und durch Freiwilligkeit allein ändert sich offensichtlich nichts. Marktführer wie Chiquita müssen verpflichtet werden, menschenrechtliche Sorgfaltsprüfungen vorzunehmen, wie sie etwa die Konzernverantwortungsinitiative fordert.
Erst wenn die multinationalen Unternehmen die negativen Auswirkungen ihrer Aktivitäten entlang der gesamten Produktionskette regelmässig analysieren, können sie auch die richtigen Massnahmen zur Verhinderung von Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen treffen.
Die Konzernverantwortungsinitiative fordert ausserdem, dass die Firmen öffentlich über identifizierte Risiken und getroffene Massnahmen berichten. Im Falle der Bananen dürfte man entsprechend Aussagen zu den drängendsten Problemen wie missbräuchliche Kinderarbeit, Korruptionspraktiken, die häufigen Vergiftungsfälle durch Pestizide, die Vertragslosigkeit oder die fehlenden Sozialversicherungen bei den Zulieferbetrieben erwarten.
Der ganze Bananensektor sei von diesen Missständen durchdrungen, erzählt man uns im Süden Ecuadors an jeder Strassenecke. Wir haben bei unseren Recherchen keine Hinweise darauf gefunden, dass die Situation auf Chiquita zuliefernden Plantagen grundlegend anders ist, deshalb gehen wir davon aus, dass auch Chiquita in seiner ecuadorianischen Lieferkette mit solchen Problemen konfrontiert ist. Inwiefern sich der Konzern dieser Risiken bewusst ist, er diese analysiert und Massnahmen zur Verhinderung von Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen ergreift, bleibt unklar. Zu unseren detaillierten Fragen wollte Chiquita keine Stellung nehmen.
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Keine. Romano Paganini lebt in Lateinamerika und betreibt von dort aus unter anderem die Website mutantia.ch