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Lass mich dich mitnehmen auf eine innere Reise.
Stell dir vor du stehst auf einer üppige und prächtige Blumenwiese. In einem Meer aus Grün stechen die bunten Blüten in allen Farben hervor. Rosa, Gelb, Lila, Blau, Weiss. Es duftet süss und mild. In dieser Wiese toben die unzähligsten Arten an Insekten und Schmetterlingen. Bienen summen. Grillen zirpen. Zu deiner Rechten erstreckt sich ein Waldstück. Birken, Buchen, Ahorne und Ulmen teilen sich die Fläche. Das Wehen des Windes lässt die Blätter friedlich rascheln. Vögel zwitschern sich von Krone zu Krone allerlei wichtige Informationen zu. Worum es heute wohl geht? Im Schatten der Bäume lassen sich die Pilze treiben. Weit hinten am Feld siehst du den Fuchs vorbeiziehen, er wird wohl einem Nager hinterher jagen. Du siehst wie sich die Wolken bilden. Vielleicht kommt bald der Regen und bringt den Pflanzen Wasser? Du stehst in dieser Pracht und nun stelle ich dir eine Frage. Wenn ich dich nun auffordere, aus dieser Artvielfalt, die Wichtigste zu bestimmen, welche würdest dz wählen? Und warum? Wären es etwa die Bäume? Weil sie mehr Verantwortung tragen und viele andere Lebensformen versorgen? Oder vielleicht die Bienen, weil sie die Pollen verbreiten und so die Blumenwiese erhalten? Oder wären es die Vögel, die durch ihr Essverhalten die Vermehrung der Büsche garantieren? Oder würdest du zu dem Schluss kommen, dass alle Arten in diesem Bild wichtig sind und wir den Beitrag aller Arten brauchen, damit das Geschehen so prachtvoll vor dir gedeiht?
Angenommen du entscheidest dich dafür, dass eine Art die wichtigste ist. Zum Beispiel die Bienen. Die Bienen gehen von Blume zu Blume und tragen die Pollen herum. Die Blumen werden bestäubt und es entstehen weitere Blümchen und Pflänzchen. Würden wir also in diesem vielseitigen Bild die Bienen auserwählen, und sie fördern, hätten wir folglich bald eine Vielzahl an bunten Blumen. Doch damit es viel mehr Blumen geben kann, braucht es auch mehr Raum. Es hätte dann also mehr Bienen und mehr Blumen, jedoch nehmen die Blumen dann vielleicht den Platz der Bäume oder der Hecken ein. Weniger Hecken gleich weniger Vögel. Weniger Bäume gleich weniger Lebensraum für eine Vielzahl an Tieren, Pilzen und Pflanzen. Werten und fördern wir also eine Gruppe mehr, als die Andere, verdrängen wir Lebensräume. Ich hoffe du bist mit mir mir einig, wenn ich sage, es geht nicht darum, eine Art als die Wichtigste zu bestimmen und zu fördern, sondern darum zu erkennen, dass alle gleich wichtig sind. Weil sie miteinander zusammenhängen.
Übertrage ich dieses Bild auf die Gesellschaft, auf uns Menschen, sehe ich es im Moment so: Die Bäume [nur als Beispiel, es könnten auch die Vögel sein] sind die Wichtigen. Oder treiben wir es noch ein bisschen weiter und sagen die Birken sind die Besten. Wir lernen alle von klein auf, dass die Birken die Wichtigen sind. Wenn du wichtig sein willst, solltest du eine Birke werden. Jetzt bist aber eine zarte kleine Blume. Versuche mal als zartes kleines Gänseblümchen eine robuste Birke zu sein. Wie sähe das aus? Die Vorstellung ist so absurd, ich will mir das gar nicht ausmalen.
Jetzt streben wir also eine Gesellschaft an, in der wir möglichst viel Platz für Birken einräumen. Und dafür setzt sie vieles daran, Blumen und Bienen, Vögel und Pilze in ein Birken-Kostüm zu zwängen. Dann haben wir zwar super starke und schöne Birkenbaum-Wälder. Doch ein Planet, der nur aus Birkenwald besteht? Ist das erstrebenswert? Wenn du es so siehst, mit diesem Bild, stimmst du sicher mit mir überein, dass dies völlig absurd ist. Du stimmst mir sicher zu, dass wir mehr als nur Birken brauchen, um ein vollkommenes Bild zu gestalten. Warum also nicht auch auf die Gesellschaft übertragen und sagen, wir brauchen mehr Kreative. Mehr Abenteurerinnen. Mehr Spassvögel. Mehr Ruhe. Weniger Disziplin. Weniger Kontrolle. Weniger Leistung. Und mit weniger meine ich auch lediglich weniger. Nicht keine. Ich erkenne die hohe Qualität in den Tugenden der Disziplin und des Ehrgeizes, Doch im Augenblick wird alles daran gesetzt, diese Eigenschaften als wertvoller zu erachtet, als andere. Nicht nur, dass wir uns dadurch selbst verbiegen, auch nehmen wir auf diese Art Lebensräume für andere Arten weg. Blumen, Vögel und Bienen haben keinen Platz. Deshalb frage ich dich, so von Birke zu Birke, «Willst du wirklich die ganze Fläche für dich alleine brauchen und somit verhindern, dass andere Arten existieren?» dann antwortest du bestimmt mit: «Nein, natürlich nicht!» Doch genau das tun wir im Moment. Wir bemerken es leider gar nicht mehr. Und nicht nur anderen tun wir was an, sondern auch uns selbst. Angenommen du bist im wahren Kern eine Blume – und eine kleine feine zarte noch dazu – dich dann in ein Birken-Kostüm zu zwängen kostet dich Kraft und Energie. Energie, die du dann am Ende des Tages nicht mehr hast, um gut für dich zu sorgen. Du brauchst so viel Energie für das Aufrechterhalten des Kostüms, dass du mit der Zeit vergisst, dass du eigentlich eine Blume wärst. Und du lebst wider deiner Natur. Vielleicht erfährst du eine einschneidendes Erlebnis, wie ein Burn Out oder einen Unfall, was in dir die Frage nach dem «Wer bin ich» an die Oberfläche holt und du fängst an dich zu erinnern, dass du eigentlich nie dieser Baum warst. Dann begibst du dich auf den Weg und gehst der Frage nach und entdeckst die Blume in dir. Und weil du nie gelernt hast, eine Blume zu sein, beginnt ein langer Prozess. Denn nicht nur für dich zu erkennen, was deine wahre Natur ist, sondern auch diese wunderschöne Natur in der Welt der Birken zu zeigen, braucht eine Menge Mut. Sich wohl zu fühlen, voller Selbstliebe zu strahlen und zu sagen «Hei seht mal, ich bin eine wunderschöne und einzigartige zarte Blume», das ist wirklich anspruchsvoll.
Im Moment erlebe ich oft, dass die Blumen [aber auch Vögel und Bienen!], die sich zu erkennen geben, eine zaghafte Art an den Tag legen. So à la «Es ist ok eine Blume zu sein. Du bist gut, wie du bist. Du bist auch wichtig.» Es sieht erstmal so aus, als würden wir uns einreden, dass dies stimmt, weil wir es uns noch nicht glauben. Doch genau dahin will ich kommen! Dass wir uns selber glauben, wie wundervoll wir sind. Dass wir wichtig sind in unserer Einzigartigkeit. Dass wir wertvoll und erwünscht sind. Dass wir alle anfangen zu erkennen, wer wir wirklich sind. Ob wir die Blume oder die Biene sind. Ob wir ein rauher Felsen im weiten Gebirge oder das Wehen der Bäume sind. Wer sind wir wirklich im tiefen Inneren? Wer bist du? Bist du ein Wolfsrudel-Führer:in oder ein Schaf in der Herde? Bist du Pilz im unendlichen Geflecht vernetzt oder bist du ein Tropfen im Morgentau? Oder bist du tatsächlich ein Baum? Aber wenn ja, welcher? Die Bonsai oder die Ulme? Der Eukalyptus oder die Eiche? Und erkennst du deinen Wert? Siehst du zum Beispiel, dass die Aufgabe der Kellerassel mindestens genau so wichtig ist, wie die der Birken? Es braucht alle Arten, um eine Bild vollkommen zu machen und jede Art hat eine andere Aufgabe. Somit ist jede Aufgabe wichtig. Auch wenn sie klein scheint. Sie ist nicht wirklich klein. Denn viele kleine Tropfen ergeben einen gigantischen Ozean.*
*Ich sehe die Komplexität deines Wesens und masse mir nicht an, dich wirklich als Blume oder als Baum zu sehen. Es dient lediglich als Metapher.