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Er war der erste Ausländer, der 1935 diese Wände sah: Der Schweizer Lorenz Saladin. Aber er kam nicht, wie man vermuten könnte, mit einer schweizer oder einer deutschen Expedition, sondern war allein unter Russen. Wie schaffte es ein Schweizer, Zugang zu der sowjetischen Szene der Extrembergsteiger zu bekommen, zumal in den schwierigen Jahren Stalins? Warum weiß heute kaum mehr jemand etwas über diesen Abenteurer? Saladin war eine schillernde Gestalt: Bergvagabund, Fotograf, Kommunist. 1896 im Kanton Solothurn geboren, hielt er es nicht lange zu Hause aus, geschweige denn in einem Beruf. Er durchstreifte Nordamerika und Südamerika zu Fuß, verdingte sich als Tellerwäscher, Nachtwächter, Schwimmwart.
Auf einer Expedition in den Kaukasus freundete er sich mit den Brüdern Abalakow an, die später Alpinlegenden werden sollten. Als eingefleischter Antifaschist hatte er Kontakt zum Komintern und konnte noch in den schwierigen Jahren 1935 und 1936 in die Sowjetunion einreisen. Er wurde gar von der sowjetischen Gewerkschaft finanziell unterstützt – vermutlich der einzige Ausländer, dem das je gelang. 1935 zog es ihn in den Südwesten Kirgisiens zu den Tälern des Tamingen- und Karavshingebietes. Doch nicht zum Urlaubsvergnügen, sondern als „Industriekletterer“: Für das sowjetische Bergbauministerium halfen die Abalakows und Saladin einer geologischen Expedition bei der Suche nach Zinn. Die Bergsteiger sicherten Gletscher und Übergänge, holten Gesteinsproben aus den Wänden und halfen, die Gegend zu kartieren. Dafür war Kost und Logie gratis. Auch ein gutes Image gab es: Geologen und ihre Helfer galten als Helden, genossen gar einen „Tag des Geologen“.
An den freien Tagen bestiegen sie die unberührten Gipfel der Gegend, die Saladin oft mit deutsch klingenden Namen versah: Hockhorn, Sattelhorn, Pik Zinn. Saladin starb nach der dritten Besteigung des 7010 Meter hohen Khan Tengri an der Folge einer Blutvergiftung – er hatte schwarzgewordene Hautstellen mit einem schmutzigen Messer aufgeschnitten. Nach ihm ist ein Berg im Tien Shan benannt, russischen Alpinhistorikern ist sein Name geläufig. Im Westen wurde er, wohl auch aufgrund seiner politischen Einstellung, bald vergessen.
Der Autor Robert Steiner; Foto: Rainer Eder
Seinen russischen Gefährten sollte die Bekanntschaft später teuer zu stehen bekommen. Während der Stalinschen Terrorwelle wurde ihnen der Kontakt zum europäischen Ausländer als Spionage ausgelegt, Saladins Kamera galt als Beweisstück.
Viele wurden erschossen, wie Saladins bester Freund Georgi Charlampiew. Auch Witali Abalakow verbrachte zwei Jahre im Gulag, wo ihm einige Zähne ausgeschlagen wurden.
Lorenz Saladin war ein herausragender Fotograf, der es auf intuitive Weise verstand, Berg und Mensch in Bilder einzufangen. Er dokumentierte auch das Leben kirgisischer Nomaden, die Kollektivierung. 1938 entdeckte die mondäne Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, die für ihren Reichtum und die Morphiumsucht war, seine Fotografien und veröffentlichte das Buch: „Lorenz Saladin – ein Leben für die Berge“. Es ist, mit einem Nachwort versehen, 2007 im Lenos Verlag wiederaufgelegt worden.
Den Fotografien, die 70 Jahre verstaubten, wird der von Emil Zopfi und Robert Steiner 2009 im AS Verlag herausgegebene Bildband „Tod am Khan Tengri – Lorenz Saladin“ gerecht.