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Aktualisiert: 30. Mai
Über den Weiler «Auf dem Rain» haben wir schon berichtet (vgl. BLOG). Der alte Kern bestand aus drei bäuerlichen Wohnhäusern, dem noch stehenden Doppelbauernhaus (Rainstrasse 10/12) mit Scheune, dem alten Widumhof (Rainstrasse 15, 1957 abgerissen) und einem alleinstehenden Haus (Rainstrasse 6), über dessen Bewohner im 20. Jahrhundert wir ebenfalls bereits berichtet haben (BLOG Maerki-Bapst).
Rainstrasse 6
Dass Herr Gustav Maerki mit seiner Ehefrau Albertina, geb. Bapst, im 20. Jahrhundert bis zum Abriss des Hauses Ende der 1950er Jahre Eigentümer und Bewohner der Rainstrasse 6 war, kann man den Adressbüchern der Stadt Zürich entnehmen. In was für einem Anwesen das Ehepaar mit Familie gelebt hat, davon zeugt eine Zeichnung, die das Haus mit Umgelände um 1900 zeigt. Damals gehörte es dem Künstler und Maler Johannes Weber. Dieser nahm sich als Zeichner seines Hochsitzes viel künstlerische Freiheit heraus – man bemerke etwa das glarnerische Hochgebirge im Hintergrund! Dennoch zeigt das Bild sicher korrekt, wie stattlich, wie herrschaftlich, das Haus damals aussah!
Das Haus stand auf dem Grund eines Bauernhauses, das 1812 bereits im Brandkataster Wollishofens verzeichnet war. Damals gehörte es einem Heinrich Horner, dem «alt Kirchenpfleger», dessen Sohn Johannes (*1772) im regenerierten Zürich (ab 1830) zwölf Jahre Kantonsrat war. Es dürfte also ein recht feudales Bauernhaus gewesen sein, lag sein Versicherungswert 1812 doch bei 4'400 Gulden – keine Villa, aber ein stattliches Haus. Die Brandkataster zeigen auch, dass im Verlaufe des 19. Jh. zunächst das Bauernhaus grössere Umbauten erdulden musste, und dass die letzte Besitzerin der Liegenschaft vor 1900, Pauline Weber, das alte Haus durch eine Villa ersetzte; deren Wert belief sich 1901 dann auf stolze 55'000 Franken!
Johannes Weber. Hohenrain (Rainstrasse 6) in Wollishofen. Aus: Zürcher Chronik.
Das Haus musste in den 1940er Jahren einen feudalen Eindruck hinterlassen haben, als der Möbelfabrikant und -Designer Maerki-Bapst darin wohnte. Dennoch wurde es Ende der 1950er Jahre abgerissen – es wurde Opfer der Verdichtung bzw. des grossen Gartens, der nach moderner Überbauung durch Mehrfamilienhäuser rief. Konkret wurden die zwei eher unscheinbaren Wohnblocks, die heute noch an der Rainstrasse 6/8 stehen, erbaut. Später erschloss man auch das abfallende Gelände gegen die Tannenrauchstrasse hin und baute es zu – zuletzt mit den grossen ausholenden zehneckigen Bauklötzen der UBS.
Das Ersetzen der Villa Rainstrasse 6 mit städtischen Mehrfamilienhäusern war eine logische Folge der Urbanisierung, jener Entwicklung, die mit der Eingemeindung einsetzte und politisch gewollt war. Im Bereich Rain begann sie um 1900, und machte aus dem alten «Fussweg» hinter dem Weiler «Auf dem Rain» eine Quartierstrasse. Auslöser waren die Jugendstilvilla Rainstrasse 19 (1907) und die seeseitigen Ein- und Mehrfamilien-Villen (Rainstrasse 22-32), die wir schon im BLOG Fernöstliche Träume bewundern konnten. In gewisser Weise kopierten die Architekten der Nummern 22-32 das Original Nummer 6 – herrschaftliche Sitze mit herrlichen Gärten, und mit Blick auf den See!
Diese Logik wurde auch in späteren Bauphasen nochmals wiederholt, so insbesondere bei der Überbauung Rainstrasse 62-78: zwar etwas einfacher im Stil, aber dennoch Eigenheim mit Seesicht!
Rainstrasse 62-78
Die Rainstrasse beginnt mit der Nummerierung bei der Butzenstrasse und führt bis zum Friedhof Manegg. Die höheren Nummern nennen wir die «hintere Rainstrasse». Diese wurde anfangs der 1920er Jahre im Rahmen eines architektonischen Pilotprojekts des bekannten Zürcher Architekten Karl Moser, zusammen mit einem Kompagnon, dem Architekten «Oberst Ulrich» erschlossen. Ein herrliches Foto des Fotografen Heinrich Wolf-Bender zeigt die neu erbaute Siedlung im noch bäuerlich anmutenden Umfeld kurz vor 1930 – es gibt noch keine Hinweise auf das 1931 fertiggestellte Raindörfli:
Karl Moser-Häuser, Rainstr. 62-78. Foto: Heinrich Wolf-Bender.
Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Die Aufnahme von Wolf-Bender illustriert mustergültig, wie die Mosersche Überbauung wirken wollte! Obwohl nicht feudale Herrensitze wie die Nummern 6 oder 22-32, sollten die stattlichen Doppeleinfamilienhäuser mit Blick auf den See den sogenannt guten Mittelstand anziehen: Direktoren, allenfalls stellvertretende Direktoren, Juristen, Architekten etc. waren die ersten Käufer. Der erste Käufer überhaupt war Max Schwab, Direktor, der 1924 das Haus Nummer 64 übernahm. Seine Tochter Margit lebte zeitlebens im Hause und starb erst unlängst – mit über 95 Jahren! Von Margit wissen wir auch, wie und weshalb sich der Berner Maler Friedrich Traffelet (1897-1954) aquarellierenderweise – es dürfte um 1940 herum gewesen sein – an die Rainstrasse verirrte...
Rainstrasse 64. Aquarell von Friedrich Traffelet (1897-1954). Privatbesitz.
Karl Moser, 1860-1936, war ein Schweizer Architekt und Absolvent der ETH, der sich zunächst, von 1885-1915, in Bürogemeinschaft mit Robert Curjel (Karlsruhe) vor allem in Deutschland betätigte (vgl. Blog VILLA RUDOLPH). Der erste Weltkrieg und grosse Aufträge brachten ihn zurück in die Schweiz. Er eröffnete 1915 sein Büro in Zürich und wurde im gleichen Jahr auch ETH-Professor (1915-1928). Moser baute an der Limmatstadt zahlreiche Gebäude: Kirchen und grosse öffentliche Bauten wie das Kunsthaus und das Kollegiengebäude der Universität. Unter den Kirchen sind katholische wie St. Anton ebenso wie reformierte (die Kirche Fluntern). Er war auch mit den Herausforderungen Wollishofens als Stadtquartier gut vertraut, wirkte er doch als Mitglied und Sachverständiger einer städtischen Kommission, die den Wohnbau in Wollishofen gestalten und promovieren sollte.*
Im genannten Beitrag über die Rainstrasse von 2010 im Zürcher Taschenbuch habe ich die Entwicklung des Rain-Feldweges, der zu den Äckern und Baumgärten führte, zur feinen Wohnstrasse mit urbanen Villen und attraktiven Häusern, zur beliebten Wohnlage und zu Tempo 20 beschrieben. Das will ich hier nicht wiederholen. Ich möchte nur gerade noch einen Punkt hervorheben, der mir damals (noch) nicht aufgefallen war.
Rainstrasse 63
Über dieses – inzwischen leider entschwundene – Juwel wurde im Zusatzblog Addio! berichtet. An der Rainstrasse 63 richtete sich ein Kulturbeflissener um 1930 einen persönlichen Garten Eden ein. Dabei orientierte er sich an einer antikisierenden Italianità, die den Betrachter in «pompejanische» Stimmung versetzte. Erbaut wurde das Haus um 1930, damals war die Gegend noch praktisch unverbautes Bauernland. Eigentlich hätte die Parzelle der Vergrösserung des Friedhofs Manegg dienen sollen, doch diese wurde später gegen die Speerstrasse hin realisiert. Als Heinrich Wolf-Bender das Haus fotografierte, war die Welt noch in Ordnung. Das Haus war noch ganz neu.
Rainstrasse 63. 1931. Foto: Wolf-Bender Heinrich. Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Der langjährige Besitzer liess sich in Marmor «verewigen». Über dem Türbogen hiess es: «GVALT. WEIBEL». Dr. Walther Weibel (1882-1971) war Redaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung mit Kürzel «Dr. W.». Er war auch literarisch und zudem als Übersetzer tätig (u.a. von Churchills Reden). Seine Dissertation und seine kulturelle Liebe galt aber ganz Italien. Inschriften sind Schriften für die Ewigkeit, doch auch seine Marmortafel musste den Weg alles Irdischen gehen.
Ein Detail noch: Der Garten hatte – wie die römischen Villen in Pompeji – ein Bassin mit Pergola. Von dieser pompejanischen Wollishofer Herrlichkeit ist heute nichts mehr zu sehen, erahnen lässt sie sich aber schon noch!
Verwunschener, aber verschwundener Garten Rainstrasse 63, im Sommer 2021. Foto SB.
Heute ist diese Herrlichkeit Geschichte. Der Neubau Rainstrasse 63 wurde unlängst im Rohbau fertiggestellt und wird im Laufe des Jahres 2023 bezogen.
(SB)
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* Zu den Moserhäusern vgl. auch meinen Beitrag über die Rainstrasse im Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 2011.
https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=zut-001%3A2011%3A131%3A%3A297&referrer=search#297