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Die ersten ökumenischen Kirchenzentren werden in Europa um 1970 gebaut. Die meisten Bauten dieses Typus entstehen in den folgenden Jahrzehnten, danach finden sich nur noch vereinzelte Beispiele. Je nach Ort und Situation folgen die Zentren unterschiedlichen Modellen, dabei interessiert vor allem die Frage, wie das ökumenische Miteinander in den Bauten Gestalt annimmt, beziehungsweise welches Verständnis von Ökumene diese spiegeln.
Das erste ökumenische Kirchenzentrum der Schweiz wird in Langendorf gebaut und 1971 eingeweiht. Der Zufall wollte es, dass hier die katholische Pfarrei und die reformierte Kirchegemeinde zur gleichen Zeit Kirchenneubauten in Auge fassten. Bereits 1964, also im selben Jahr, da das Zweite Vatikanische Konzil das «Dekret über den Ökumenismus» verabschiedete, beschlossen die beiden Gemeinden, ihre Bauprojekte zusammen anzugehen und einen gemeinsamen Wettbewerb durchzuführen. 125 Projekte wurden eingereicht, den Zuschlag erhielt der Architekt Manuel Pauli. Sein Bau besteht aus zwei getrennten Kirchen, zwischen denen eine öffentlicher Weg hindurchführt. Dadurch, dass sie jedoch einem quadratischen Gesamtgrundriss eingeschrieben uns symmetrisch aueinandern bezogen sind, werden sie gleichzeitig als Einheit wahrgenommen. Verbindende Elemente sind auch der gemeinsame Kirchenturm sowie der gemeinsame Platz zwischen den Kirchen. Das Gebäude ist weitgehend fensterlos, schottet sich nach aussen ab. Das Weiss der Oberflächen verstärkt zusätzlich den Charakter eines Fremdkörpers, eines Andersortes. Der Bau hat etwas von einer kleinen Idealstadt, Symbol des gemeinsamen Glaubens, dem die beiden getrennten Konfessionen verpflichtet sind.
Die Gottesdiensträume, die man je über eine aus dem Untergeschoss ins Obergeschoss führende Rampe erreicht, weisen beide den Grundriss eines Kreissegmentes auf. Die liturgischen Zentren finden sich einander gegenüber in den Eclen des Gesamtkomplexes. Die beiden Gottesdiensträume beziehen sich spiegelbildlich aufeinander. Die Ausstattung im Innern ist leicht unterschiedlich bezüglich Lichtführung und Gestaltung der liturgischen Orte, worin das Anliegen zu erkennen ist, konfessionelle Eigenheiten nicht zu verwischen, sondern zu stärken. Neben dem reformierten Gottesdienstraum befinden sich ein Gemeindesaal, der beiden Konfessionen zur Verfügung steht. Gemeinsam genutzt werden auch die Unterrichts- und Jugendräume im Ergeschoss.
Text von Prof. Dr. Johannes Stückelberger
EINHEIT IN LEBENDIGER VIELFALT
Gedanken zur gestalterischen Grundkonzeption von Manuel Pauli
ln der zukünftigen Zentrumsbildung von Langendort, geplant als eine Abfolge von öffentlichen Bauten, Geschäfts- und Bürobauten, ver bunden durch Plätze und Grünräume, bilden die kirchlichen Bauten einen besonderen Kristallisationspunkt. Die Situierung der kirchlichen Gruppe und deren Durchbildung geschah in der Überzeugung, dass ihr folgende Eigenschaften innewohnen sollen:
Auszeichnung gegenüber ihrer Umgebung durch ihre um 45° zur Strasse und Baulinie abgedrehte Stellung im Gelände und durch die Gestaltung der Baukörper.
Bereicherung in der Erlebensteige des entstehenden Ortskerns: Der Fussgänger soll, indem er seine täglichen Gänge ausführt, eine anregende Vielfalt an Bauten, Plätzen, Anlagen durchschreiten.
Konzentration in der Anlage und Baumasse: Es ergibt sich daraus nicht nur eine willkommene Vergrösserung der umliegenden Grünfläche, sondern auch Vorteile in bauökonomischer, installationstechnischer und betrieblicher Hinsicht.
Differenzierung im Bereich der kirchlichen Bauten selbst: Es ergeben sich darin eine Reihe von Beziehungen. Die Umgebung, Parkwiese mit Baumgruppen und Spazierwegen, mit Stützmauern und Plätzen umgibt die Baukörper, die nach aussen geschlossen kompakt und homogen wirken sollen, gewissermassen als «Positivform». Im lnnern der Baugruppe ist, diesmal als «Negativform», ein Durchgang ausgespart, eine Art Kirchgasse, ein besonderer Aussenraum also, der überleitet von der Umgebung zu den Baukörpern selbst und in diese letzteren hineingreift. Im lnnern der Bauten entwickelt sich eine weitere räumliche Abfolge über die gedeckten Vorplätze, Eingangshallen, Rampenaufgänge zu den Andachtsräumen.
Die Baugruppe
Der Glockenträger sowie die beiden Andachtsräume in der Grundrissform von Kreissektoren stehen in einem gemeinsamen Quadrat und bilden auch dessen äussere Begrenzung. Diese gemeinsame Basis soll als Grundkonzept der Anlage sichtbar bleiben: als ansteigende, klar begrenzte Ebene, die sich durch die Baugruppe legt, eine reiche geometrische Formenlandschaft erzeugend.
Der solcherart entstandene innere Freiraum dient mit den daran anschliessenden Nebenräumen dem gemeinsamen Treffen. Er eignet sich vorzüglich für festliche Anlässe unter offenem Himmel.
Die Andachtsräume bilden demgegenüber die willkommene Rückzugsmöglichkeit zur konfessionseigenen Sammlung, zum Gottesdienst.
Als Gegenstück zum Gebauten ist die umliegende Naturlandschaft zu verstehen: Bäume, Gras und Steine. Die Umgebung soll sich durch besondere Schlichtheit in der Gestaltung auszeichnen.
Das ökumenische Kirchenzentrum bildet eine integrierte Baugruppe, in der jeder Bestandteil nur in der Gesamtheit seinen Sinn findet. (Und wenn hier der Vergleich erlaubt ist: Auch die christlichen Glaubensbekenntnisse dürfen ja heute keine Kampffronten mehr bilden, sondern ein ausgewogenes, sich ergänzendes Nebeneinander).
Charakter der Andachtsräume
Allgemein sollen die Räume harmonisch, in sich ruhend wirken, unabhängig davon, ob gerade eine Andacht abgehalten wird. Hierzu tragen nachstehende Massnahmen bei: horizontale Decken, Böden in Blickrichtung leichtfallend, Lichtführung von oben, zur Vermeidung von Blendwirkungen und zur Lärmabschirmung, leichte Orientierbarkeit und Übersichtlichkeit der Innenräume, weitgehende Einheit in den verwendeten Materialien, möglichst hell. Weiträumigkeit trotz bescheidenen Raumabmessungen durch das Spiel konkaver und konvexer Flächen und durch Ausweitung des Raumes nach oben anstelle der üblichen stufenweisen oder zeltartigen Verengung.
Katholische Kirche: Die Vielfalt der liturgischen Funktionen lässt sich nicht an einem Punkt unterbringen und durchführen. Orte der Handlung liegen um die versammelte Gemeinde. Die Lichtführung folgt dieser Abwicklung. Die Gemeinde soll den verschiedenen Handlungen folgen können, deshalb offen radiale Bank-Bestuhlung. Der Kirchenraum umgibt die Gemeinde als aktive Umhüllung. Die kultbedingten Einbauten und Gegenstände sollen diese Grundhaltung durch eine weiträumig perimetrische Disposition unterstreichen.
Reformierte Kirche: Der Raum ist geprägt vom Ort der Verkündigung. Abendmahls- und Tauftisch sowie Kreuz, Kanzel und Kerzenträger bilden seine Mitte. Die Gemeinde schart sich um diesen Punkt, auf den auch das Licht geführt wird: deshalb konzentrisch radiale Bestuhlung. Der Kirchenraum begrenzt das Geschehnis im passiven Sinn. Die zentralliegenden Requisiten für den Gottesdienst bilden eine bildhauerische Einheit, sie sind der eigentliche künstlerische Ausdruck des Raumes.
Der Kirchgemeindesaal lässt sich mittels einer gut ausgestatteten Küche auch für Bankette verwenden. Eine bewegliche Podienbühne erlaubt mannigfaltige Verwendungen und lnszenierungsarten. Zwei Schiebewände schaffen die erforderliche akustische Abtrennung zum Kirchenraum. Geöffnet ergibt sich ein Grossraum, in dem bis zu 700 Personen Platz finden können. Die Bestuhlungsrichtung des Kirchgemeindesaals wird bei solchen Anlässen um 180° gewendet.
Obschon also beide Kirchenräume auf dem gemeinsamen geometrischen Grundkonzept des Viertelkreises aufgebaut sind und obwohl sie in denselben Materialien ausgeführt wurden, durften sie nicht identisch bleiben. Unterschiede entstehen, wie oben dargelegt, durch die verschiedene Lichtführung, durch die Bestuhlung und die Disposition des festen Inventars. Die Gestaltung der Altarwand und die verschiedenartigen Einbauten und Nebenräume bieten gleichfalls Möglichkeiten zur Differenzierung.
Die künstlerischen Beiträge endlich, gewissermassen in die Innenräume hineingebaut, verleihen den beiden Andachtsräumen Charakter und Prägung.
Baukonstruktion
Die konstruktive Durchbildung der Baugruppe erfolgte im Hinblick auf eine möglichst einheitliche Materialwahl Es sollte vermieden werden, dass durch die Anwendung von vielen verschiedenen, an sich geschmackvollen und attraktiven Baustoffen der Eindruck einer raffinierten Baumusterkollektion entsteht, die einer ruhigen und harmonischen Raumentfaltung entgegenwirkt. Hierbei wurden drei grundsätzliche Alternativen erwogen:
Der Natursteinbau erfüllt bestens die Erfordernisse nach Materialeinheit, kann jedoch heute aus finanziellen Gründen nicht verantwortet werden.
Der Putzbau genügt den genannten Bedürfnissen auch in preislicher Hinsicht. Die Schwierigkeit liegt hier im Unterhalt. Bei der Putzfassade sind periodische Anstrich- und Wiederinstandsetzungsarbeiten zu erwarten, dies besonders bei grossen, fensterlosen Flächen. Der Beton-Elementbau bietet hier den Vorteil einer wartungsfreien und rissebeständigen Aussenhaut. Die Fertigbauweise und ihre mannigfaltigen Möglichkeiten zur Behandlung der Betonoberfläche geben uns Mittel in die Hand, den Beton zu einem lebendigen und ansprechenden Baustoff zu machen, der zudem alle vorliegenden Forderungen erfüllen kann. Die Bauten erhielten deshalb tragende Wandkonstruktionen m zweischaligen, 35 cm starken Schwerbetonelementen; eine Normbreit von 1.50 m erlaubte die Ausführung der gesamten Abwicklung mit Ausnahme der sehr kleinen Radien, wobei die Elementlänge von max. 9 m der jeweiligen Raumhöhe der Bauten entspricht. Die Elemente wurden auf die vorgängig durch Rammpfähle gesicherten Fundamente bzw. Bodenplatten mittels Pneukran aufgestellt, an den Stössen zusammengeschweisst und ausgefugt. Die Montage erfolgte somit sehr rasch. Die Decken wurden daraufhin auf konventionellen Schalungen erstellt.
Wandelemente, Decken und Böden
Für die Solothurner-Gegend charakteristisch ist die Verwendung des Jura-Kalksteins an manchen öffentlichen und vor allem monumentalen Bauten. Dieser weisse Stein hat die Eigenschaft, durch Patinierung mit der Zeit noch weisser zu werden. Im Falle unserer Kirchenbauten verbot sich der Kalkstein aus Kostengründen. Dafür wurde für die vorgerfertigten inneren und äusseren Wandelemente ein Material als Betonvorsatz gewählt, das in seiner Erscheinung die Solothurner Tradition fortsetzen möchte. Es handelt sich um weissen Marmorsplit, verbunden mit Weisszement. Nach dem Abbindeprozess wird die Oberfläche sandgestrahlt. Auf diese Weise entsteht eine lebendige, leicht raue, weisse, jedoch mit geringen Farbnuancen bereicherte und deshalb auch gegen Verwitterung nicht heikle Haut. Böden und Decken sollen sich, soweit möglich, diesem dominierenden Ausdruck beiordnen.
Die innere Gestaltung
Die Belichtung der Kirchenräume erfolgt über sekurisierte, klare Verbundglasoblichtbänder bei Tag und bei Dunkelheit. Dies im Sinne einer Wirkungsidentität. Nebst der Lichtführung und der für den Gebrauch als Kult- und Versammlungsraum ausgerichteten Akustik wurde der Aufenthaltsbehaglichkeit besondere Bedeutung beigemessen. Um den Trittschall zu dämmen, sind die Böden teilweise mit Nadelfilzteppich ausgelegt.
Die Bänke (kath. Kirche) resp. Stühle (ref. Kirche) sind gepolstert und mit Kunstleder bezogen. Ausser den liturgischen kommen keine Farben vor. Teppichfelder und Bestuhlung bilden «Inseln» im Weiss, auf welchen sich die Besucher niederlassen.
Beizug der Künstler
Bauherrschaft und Planer waren sich von Anfang an darüber einig, dass in den Kirchenräumen kein «Sammelsurium» an kultischen Objekten und künstlerischem Schmuck Einzug halten sollte. Über den Weg eines Wettbewerbes wurden Künstler gesucht und gefunden, die in der Lage waren, für die räumliche Gestaltung der liturgischen Bestandteile der jeweiligen Kirchen ein Gesamtkonzept vorzulegen.
Angel Duarte, Sion, gestaltet die Kreuzmotive für die Aussenräume und die Apostelkreuze der kath. Kirche aus einer harmonikalen Abwandlung eines geometrischen Konstruktionsprinzips.
Gianfredo Camesi, Paris, fasst die Vielzahl der Gegenstände, die für den katholischen Kultus gefordert werden, zusammen, indem in spannungsvoller Weise die Materialien Chromstahl, weisser Kunststein, Plexiglas und Holz in einfachen Grundformen zur Anwendung gelangen.
Rolf lseli, Bern, wählt für das geistige Zentrum der reformierten Gemeinde das Material Holz, um es unverfälscht, massiv, sein ganzes Gewicht zeigend vorzulegen. Es entstehen daraus Abendmahls- und Tauftisch, Kreuz, Kanzel und Kerzenträger, wobei alle unter sich und zum umgebenden Raum in eine lebendige Beziehung treten.
Rudolf BIättler, Luzern, ist beauftragt, die liturgischen Farben in der kath. Kirche räumlich und atmosphärisch zum Klingen zu bringen.
Folgende Gedanken leiteten die künstlerische Ausgestaltung der Innen- und Aussenräume: Es sollte mit einem bescheidenen Budget möglichst viel an künstlerisch bearbeiteten Objekten erlangt werden. Es kam deshalb von vorneherein ausser Betracht, dass Bildhauer und Maler eigenhändig Werke anfertigen und aufstellen würden. Vielmehr wurde von den Künstlern verlangt, dass sie Konzepte vorlegen, nach denen die Ausführung der entsprechenden Arbeiten dem Bauhandwerk übertragen werden konnte. Als Grundlage für solche Ausführungen dienten Modelle und Werkzeichnungen, die von den Künstlern in Zusammenarbeit mit den Planern und den Mitgliedern einer von der Bauherrschaft bestellten Kunstkommission erstellt worden waren. Ein solches Vorgehen hat die darin gesteckten Erwartungen insofern bestätigt, dass nun im kirchlichen Zentrum Langendorf durch namhafte Künstler der jüngeren Schweizer Generation repräsentative Werke entstanden sind.
Text Manuel Pauli, Architekt, Zürich