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I Warum Bäume nicht in den Himmel wachsen
Die Vorstellung einer endlosen Reihe ist ein Alptraum.
Der Kentaur auf dem Paket der Kentaurhaferflocken hält (oder hielt mindestens zu Florin Granwehrs und meiner Kinderzeit) ein Paket in der Hand mit dem Bilde eines Kentauren, der ein Paket in der Hand hält mit dem Bilde eines Kentauren, der ein Paket in der Hand hält mit dem Bilde...
Die lineare Progression kennt kein natürliches Ende und keine Vollendung. Sie kann allenfalls abgebrochen werden. Wachsendes hingegen strebt einem immanenten Ziel entgegen. Es trägt in sich die Weisheit seiner spezifischen Grösse in Bezug auf Lebensdauer, Ausmass, Proportionen und so fort.
Wer Kuben aufeinander stellt, einer etwas kleiner als der vorhergehende, so wie sie im Baukasten vorkommen, wird irgend einmal aufhören müssen, weil die Kleinheit der Würfel die Handhabung nicht mehr erlaubt. Aber fertig gedacht ist der Turm deswegen nicht. Er setzt sich fort in Spähren, die zwar theoretisch gedacht, aber nicht mehr vorgestellt werden können, bis auch die bildliche Handhabung versagt, wenn schon der Turm noch immer nicht fertig ist: der Turm von Babel.
Eine Rottanne wird 50 Meter hoch, eine Buche 35, eine Roggenähre 150 cm. Das Leben des Menschen nimmt seinen Verlauf innerhalb einer gegebenen Zeitspanne. Irgend einmal ist es vollendet.
Die Vorstellung des unaufhörlichen Lebens ist ein Alptraum.
II Kanon Quersumme 9
Gibt es das, den regelmässigen, vollendeten Turm? Den Turm, der weder durch die Willkür des Architekten fertig wird, noch einer, der wegen äusserlicher Bedingungen wie Kleinheit der Bausteine aufhören muss, zu wachsen? Gibt es das, den Turm, der in sich selbst die Anlage zu seiner Vollendung trägt?
Es gibt ihn. Granwehr hat ihn gefunden. Seine Findung besteht in der Übertragung der Kreisgeometrie auf die Proportionen der Bausteine. Man stelle sich einen Turm vor, den klassischen Turm aus dem Baukasten aus immer kleiner werdenden Würfeln. Die Seitenmasse der Kuben sind regelmässig abgestufte Teile der Summe 360. Sowohl die Endsumme wie auch die Summe der Quersummen der Seitenmasse haben die Quersumme 9.
Ein Beispiel: der Turm ist 360 hoch. Wird der Turm mit sechs Bausteinen gebaut, so heissen die Seitenmasse der Kuben: 35, 45, 55, 65, 75, 85. Das ergibt zusammengezählt 360; die Quersumme davon: 9.
Dialog zu Kreisgeometrie und Turm:
Ein Turm wie ein Kreislauf; er fängt an und hört auf.
Und wenn man einen weiteren Kubus auf den Turm stellen würde? Einen mit Seitenlänge 25?
Dann wäre der Turm falsch, nicht nur rechnerisch auch optisch. Die Kurve erhält einen Knick. Die Form macht die Geometrie, nicht umgekehrt.
Was macht es für einen Unterschied, ob ein Turm vollendet ist oder ob er aufhört zu wachsen?
Der vollendete Turm ist richtig, vielleicht kann man auch sagen, schön.
Wen interessiert das? Was nützt das?
Niemanden! Nichts! Der Turm hat keine soziale Verantwortung. Es ist der selbstgenügende Wert des gedanklich Richtigen. Auch mit Geschmack hat das nichts zu tun. Geschmack ist schlecht. Schlechter Geschmack: eine Tautologie.
III Die Raumnaht
Sieben Elemente aus verschweisstem Stahlrohr. Alle gleich hoch, nämlich drei Meter. Ihr Grundriss ergibt sich aus der fortschreitenden Abwicklung der Winkel nach dem Kanon Quersumme 9. Die Winkel drehen sich im Uhrzeigersinn von der Achse weg, in Zehnerschritten. Die verwendeten Winkelmasse heissen 10,20, 30, 40, 50, 60, 70, 80. Zusammen ergeben sie die Summe 360; Quersumme: 9. Ihre Quersummen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 ergeben 36; Quersumme: 9. Die Raumnaht hat sich erfüllt. Der rechte Winkel hat in ihr nichts verloren, keine zwei Linien sind parallel, und sie ist doch regelmässig.
Granwehr schreibt:
Plastik ist Raumwandlung
Raum hat kein Argument
Mit euklidischen Mitteln
nicht euklidisch
Auch im schlimmsten Fall
ist es gar nicht so schlimm
Quadrat Dreieck Kreis
sind nur Idealfälle
der Geometrie
Hat man begriffen? Sieht man durch? Kann man nach Hause tragen und abheften, was sich als zwar kompliziertes, aber nachprüfbares geometrisches Konzept herausgestellt hat? Das zu meinen, wäre Illusion, mehr noch, Irrtum. Denn erst in seiner physischen Gestalt wird das Konzept erlebbar. Erst wenn der Künstler Granwehr der Findung des Geometrie-Denkers Granwehr zur soliden Existenz verhilft, fallen Gedanke und Gestalt deckungsgleich zusammen. Die Entscheidungen, die Granwehr trifft, um ein kompliziertes Gesetz von Wachstum und Erfüllung einer Form in Raum und Eisen erstehen zu lassen, sind zwar beschreibbar, aber unerklärlich. Sie sind nicht willkürlich, den sie bewegen sich in den Mustern von Granwehrs künstlerischer Denkstruktur; aber sie sind einmalig, weil nur er sie so treffen kann.
Die Raumnaht organisiert den Raum: geometrisch, emotional, intellektuell, atmosphärisch. Sie blüht auf, gewährt Einsichten, verlöscht, verweigert sich, drängt sich auf, zieht sich zurück, gibt dem, der sie durchschreitet, kaum in Worte zu fassende Erkenntnisse über sein Verhältnis zum Raum, in dem er sich befindet und zu sich selbst. Die Raumnaht erweist sich als ein Meditationsstück zum Thema Raum: hin und her schwingend zwischen einer vertrackten, aber überprüfbaren Geometrie und einer gelassenen, klaren, magischen und letztlich unerklärlichen Raumkraft.
IV Am Schnittpunkt von drei Linien
Granwehrs Plastik steht an einem neuen, verhältnismässig einsamen Ort. Müsste für sie ein Punkt gefunden werden in einem Koordinatensystem der Kategorien künstlerischen Denkens, er fände sich nicht auf einer Fläche sondern im Raum. Der Punkt definiert sich durch die Kreuzung von drei Strängen (was – wohl kaum per Zufall – das Modell abgibt für ein Thema, das Granwehr in seinen Figuren immer wieder formuliert). Die drei Stränge heissen: Konzept, physische Gestalt und metaphysische Stosskraft.
Das Konzept ist rigoros in seiner Unterwerfung unter die mathematischen Regeln, exzentrisch in seinem Gegenstand und kindlich – oder künstlerisch – in seiner Zweckfremdheit.
Die physische Gestalt von Granwehrs Plastiken wird geprägt durch seine Unversöhnlichkeit gegenüber dem Halbguten oder Fastrichtigen und durch seine Verachtung für oberflächliche Reize oder zufällige Materialschönheiten. Der Poesie des Abfalls und des Zufalls kommt eine befreiende Rolle zu in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Sie kann Granwehr nichts bringen. Ein manischer Perfektionszwang verdammt ihn zum dreiwöchigen Exerzitium, eine Chromstahlplastik von Hand zu polieren. Die Hintergrundschwärze auf der photographischen Aufnahme einer Figur ist von absoluter Wichtigkeit. Am Gelingen einer Verbindungsstelle von drei Eisenrohren hängt sein Seelenfriede. Die Präzision der Maschine entzückt ihn, und der Respekt, den er dem guten Modellbauer oder Metaller entgegenbringt, ist grenzenlos. Wie ein anachronistischer Block steht Granwehrs cholerischer Perfektionismus im Geplätscher zeitgemässer Bastlersensibilitäten. – Harmonie? Ja. Poesie? Ja, auch. Aber sie ist ein Nebenprodukt. Sie stellt sich ein, ungebeten. Sie ist diejenige des Raumes: ergreifend, umfassend. Sie hat nichts zu tun mit der Romantik des Scheins. Glühend im Anspruch, ist sie spröde im sich Geben.
Jede Konfrontation mit Granwehrs Plastik ruft unweigerlich die Empfindung hervor, dass da mehr ist, als das Auge auf Anhieb zu sehen vermag. Zwar bewegt sich Granwehr unter den Konkreten und Konstruktiven, und das mit Eleganz und gutem Recht. Seine Figuren sind raumgreifende Konstrukte (Peter Erni), die nach den Regeln der Kunst erdacht und gemacht sind. Sie sind aber auch Gestalt gewordene Konzepte eines Zahlenmystikers und Welträtsellösers. Ein Gesetz zu suchen, das die Regeln des Wachstums, das Werden und Vergehen der Natur in Zahlen abbildet, ist in seinem Anspruch transzendental.
Granwehr ist ein Rutengänger in der geordneten und hell ausgeleuchteten Welt der konstruktiven Kunst. Er unterwandert ihre währschafte Diesseitigkeit, ihre auf dem rechten Winkel und der Parallele fussende Rationalität, ihre seriellen Ordnungen. Dabei bedient er sich ihrer Methoden und ihres Instrumentariums, aber die Zielsetzung – oder vielleicht auch nur das Lebensgefühl – hat sich verschoben.
Das macht Granwehr zu einem eminent zeitgenössischen Künstler. So perfektionistisch die Artistik, so hochrangig und kühl das Artefakt, Granwehrs Kunst zielt darüber hinaus. Sprache und Botschaft, wennschon sie sich gegenseitig bedingen, gehorchen verschiedenen Kräften. Die Geometrie ist nicht Endzweck von Granwehrs Kunst, sondern Kontroll- und Ordnungsmittel. Was an Schönheit abfällt auf dem Weg, wird gelassen mitgenommen.
V Zeit und Ort
Der Nährgrund von Granwehrs Kunst ist die Moderne. Sie ist die Matrix seiner Formensprache. Aber die Moderne ist nicht das einzige Beziehungsgefüge, in welchem Granwehrs Kunst verstanden werden kann. Diese Kunst transportiert einen Weltentwurf, der über die Moderne hinausreicht oder vielleicht auch weit hinter sie zurückgeht. Die Ausdrucksmittel, in ihrer Ausrichtung auf Selbstdisziplin und Überprüfbarkeit, signalisieren Mass und Rationalität. In ihrem Anspruch und ihren Implikationen jedoch ist diese Kunst masslos. Im Visier hat sie etwas, das die positivistische Aussage eines nach geometrischen Regeln konstruierten Objektes hinter sich lässt.
Einen Schlüssel zu dieser Auslegung liefert Granwehr selbst im Namen, den er dieser Ausstellung gibt und der auch der Name eines Kapitels seines Werkes ist: Dinge 1 : x. Die Formel ergibt definierte Zahlen nur solange, als für das x nicht 0 eingesetzt wird; dann aber liest der Taschenrechner «error», Irrtum. Was für das mathematische Denken nicht sein kann und darf, damit kann das künstlerische Denken umgehen. Die undefinierte Grösse steht für einen Bereich, der jenseits einer mathematischen Logik angesiedelt ist. Die Geometrie in Granwhers Werk erweist sich als ein Ritus im strengen Wortsinne, als ein Vorgehen nach festgelegter Ordnung. Der Ritus aber, so hat Gottfried Benn geschrieben, ist der formale Aspekt des Mythos.
In den Dingen 1 : x spiegeln sich die kontinuierliche Auseinandersetzung eines Raumdenkers mit den Phänomenen der Geometrie. Wie ein Wassertropfen zum Meer und wie ein Sandkorn zum Berg verhalte sich diese Untersuchung von geometrischen Gesetzmässigkeiten zum geheimnisvollen Gesamtzusammenhang, den Granwehr als Kontinuität der Dinge bezeichnet.
Hier wird darüber nachgedacht, warum eine Spirale sich nach links oder nach rechts dreht, was geschieht, wenn zwei oder drei Stäbe sich durchdringen, welche geometrischen Regeln eine Verzweigungsstelle gehorcht oder wie zwei Ebenen sich verhalten, die sich durchdringen und an ihren Durchdringungspunkten fixiert sind. Hier stellt sich die Erkenntnis ein, dass ein Holzstab auf einer Strecke zwischen a und b seine innere Richtung ändern kann und dass eine Figur, die nur mit rechten Winkeln konstruiert wurde, wenn sie im Raum steht, langsam aus der euklidischen Geometrie herauskippt.
Von Sol LeWitt gibt es 122 Variationen des unfertigen offenen Würfels. Sie sind das Gegenteil von Granwehrs Dingen 1 : x. Sie fordern den Betrachter auf, mitzuwirken und in Gedanken Linien zu ziehen, bis der Kubus fertig ist. Die Dinge 1 : x wollen nichts vom Betrachter. Sie argumentieren nicht, sie artikulieren Raum, sie erschliessen ihn. Raumgesetze scheinen auf und verblassen wieder.
In welchem Winkeln entfernt sich ein Ast vom Stamm? Welche Höhe erreicht ein Baum, welche Länge ein Leben? Ein Code lenkt Wachstum, Form, Lebenszeit. Jeder kleinste Teil birgt in sich die Information des Ganzen. Es ist, als ob Granwehr sich zum Ziel gesetzt hätte, dem genetischen Code der Geometrie auf die Spur zu kommen.
Wenn Zeit – Zeit in der ein Künstler lebt und Zeit, die sich in seinem Werk niederschlägt – wichtig ist für das Verstehen von Kunst, so gilt das gleiche für Ort. Zwar ist Ort auf den ersten Blick eine weniger schicksalshafte Kategorie als Zeit. Ort kann freier gewählt werden als Zeit. Wenn Ort aber Herkunft, Kinderzeit, geistige Heimat heisst, dann gewinnt auch er das Kaliber des Unvermeidlichen. Dass Granwehrs Kunst in Zürich in der Schweiz entsteht, hat die Gesetzmässigkeit eines Naturphänomens. Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, wo die Herausforderung, mit den Mitteln der konkreten Kunst über die konkrete Kunst hinauszugehen, angenommen werden musste, dann ist es Zürich.
Selbstverständlich enthält der letzte Satz eine Denkfigur, die nur im Nachhinein gedacht werden kann. Denn niemals lässt sich wichtige Kunst auf ein Szenario von Aktion und Reaktion reduzieren. Unter den komplexen Mechanismen, welche eine künstlerische Produktion steuern, stellen die geistigen Umweltbedingungen eine Kraft dar. Wie ein Künstler sie nutzt, auf sie eingeht oder über sie hinausgeht, darin liegt Antwortmaterial auf Fragen nach der Bedeutung eines künstlerischen Werkes.