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Urs Klemm amtete in den beiden letzten Jahren als Mitglied des Board of Directors von Rotary International. In seinem Rückblick beleuchtet er positive Aspekte, hält aber auch fest, wo ihn der Schuh drückt.
Seit dem 1. Juli bist du nicht mehr Mitglied im Board of Directors von Rotary International. Wie fühlt sich das an?
Urs Klemm: Meine zwei Jahre in diesem Gremium haben mir einen tiefen Einblick in das Netzwerk von Rotary ermöglicht. Gleichzeitig war diese Zeit durch umfangreiche Verpflichtungen ausgelastet. Das Rotationsprinzip hat auch seine guten Seiten: Mit dem Ende meiner Amtszeit als RI-Direktor habe ich Freiheiten zurückgewonnen und es haben sich neue Perspektiven für mich eröffnet.
Perspektiven auf einen weiteren Karriereschritt?
Die Frage ist, was man sich unter einer rotarischen Karriere vorstellen muss. Sicher bin ich nicht darauf erpicht, Weltpräsident zu werden.
Dein Club, der RC Aarau, war bereits 1992/93 «Homebase» der Nummer 1 von Rotary: Robert Barth. Das wär doch etwas für dich?
Bob Barth ist damals in einer speziellen Situation in diese Charge gewählt worden. Die Gestaltungsmöglichkeiten eines Weltpräsidenten waren vor dreissig Jahren bedeutend grösser als heute. Dank seines unternehmerischen Hintergrunds war er ein Glücksfall für Rotary. Er war der Begründer des Grant-Modells, legte die Basis für den Aufbau des RI-Centers in Evanston und leitete wichtige personelle Veränderungen ein.
Mit welcher Erwartung hast du Deine Aufgabe als Zentralvorstandsmitglied von RI in Angriff genommen?
Ich war zuständig für Rotary in der Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, den Niederlanden und Flandern. Namentlich in unseren Zonen schreibt Rotary eine Erfolgsgeschichte. Aufgrund gesammelter Erfahrungen darf ich feststellen, dass Rotary in der Schweiz hervorragend gelebt wird.
«DIE UNGLAUBLICHE VIELFALT, MIT DER ROTARY GELEBT WIRD»
Deine Funktion bot Dir die Gelegenheit zu Begegnungen rund um die Welt. Wie divers präsentiert sich Rotary?
Während der zweiten Hälfte meiner Amtszeit durfte ich an einer Friedenskonferenz unseres Rotary Peace Project Incubator in Bosnien-Herzegowina teilnehmen. In Uganda besuchte ich mit Urs Herzog Flüchtlingslager, Spitäler und das Peace Center an der Makarere University. Es zeichnen sich erfolgversprechende Projekte ab. In Beirut war ich zur Wiedereröffnung von Spitälern, die vor drei Jahren durch eine verheerende Explosion zerstört wurden, eingeladen. Unsere Distrikte und die Rotary Action Group for Reproductive, Maternal and Child Health (RMCH) haben hier hervorragende Beiträge geleistet. Beeindruckt hat mich in Indien das Anämie-Bekämpfungsprogramm, welches der D1990 gestartet hat. Zusammen mit meiner Gattin Hélène konnte ich in Pakistan bei Polio-Impfungen mitwirken und die grossartige Leistung der Beteiligten würdigen. All diese Begegnungen zeigten die unglaubliche Vielfalt auf, mit der Rotary gelebt wird.
In Deine Amtszeit fielen zwei Institute, Prag 2021 und Basel 2022. Das Institute in Basel war zweifellos ein Höhepunkt in deiner Amtszeit.
Ganz klar. Mit diesem Anlass konnten wir Zeichen setzen, unterstreichen, was Rotary alles bewirken kann. Die Beteiligung war absolut super.
Im Vorfeld war man besorgt, ob der Anlass überhaupt finanziert werden könne.
Aufgrund der Erfahrungen in Prag waren wir vorsichtig, das Organisationskomitee kämpfte um jeden Franken auf der Ausgabenseite. Zum Schluss ist alles gut herausgekommen. Unsere drei Distrikte 1980, 1990 und 2000 haben sich frühzeitig bereit erklärt, eine Defizitgarantie von je 40 000 Franken bereitzustellen. Mehr als die Hälfte davon konnten wir ihnen zurückzahlen. Der überwiegende Teil der Kosten von knapp über einer halben Million Franken wurde durch Teilnahmegebühren sowie durch Beiträge von Sponsoren und Rotary Clubs gedeckt.
Viele Rotarierinnen und Rotarier waren vor und hinter den Kulissen aktiv.
Nach anfänglich zögerlichem Echo wurden wir mit Anmeldungen förmlich überrannt, wir erreichten gegen 600 Rotary-Mitglieder. Viele davon gehörten allerdings zu jenen seltsamen Menschen, die sich erst kurz vor der Türöffnung für ein Meeting einschreiben, was die Vorbereitung einer Veranstaltung erheblich erschwert. Das gesamte Projektteam hat eine ausserordentliche Leistung erbracht. Dafür spreche ich allen Mitwirkenden ein aufrichtiges Dankeschön aus.
Und was hast Du bezüglich der Weiterentwicklung von RI bewirkt?
Ich durfte Projekte und Anlässe fördern und an der Weiterentwicklung von Rotary mitarbeiten. Vor zwei Jahren wollte man Rotary quasi neu erfinden. Mit dem Projekt «Shaping Rotarys future» wollte man die Distrikte auflösen und durch zwanzig bis vierzig Regionalzentren ersetzen. Sogenannte «Leaders» ohne jegliche Budgethoheiten oder andere Befugnisse hätten beauftragt werden sollen, je 25 Rotary Clubs zu betreuen. Diese «Leaders» wären gewissermassen als Statthalter der regionalen Offices mandatiert worden: Ein Vorhaben, das nicht nur bei uns, sondern auch in Asien und Indien strikte abgelehnt wurde. Wir konnten erreichen, dass es im Rahmen der Vorbereitung des Council on Legislation begraben wurde.
«MAN MUSS DEN MUT HABEN, ZU UNMÖGLICHEN IDEEN NEIN ZU SAGEN»
Etwas zu verhindern, entspricht keiner Vorwärtsstrategie.
Einverstanden. Jedoch muss man auch den Mut haben, zu unmöglichen Ideen Nein zu sagen und damit den Weg für praxisnähere Lösungen zu ebnen. Selbstverständlich haben wir auch verschiedene Voten eingebracht, wie es mit Rotary weitergehen könnte.
Rotary International kämpft in England, Schottland und Irland und auch in Australien mit eklatanten Mitgliederrückgängen.
Während der letzten drei Jahre verzeichnete Nordamerika eine Abnahme von sechs, Australien siebeneinhalb und das United Kingdom von elf Prozentpunkten. Demgegenüber steigerten sich die Zahlen in Indien um 20 und in Afrika um 25 Prozent. Mittelfristig werden Indien und einige asiatische Länder Nordamerika überrunden, langfristig wird dies auch mit Afrika der Fall sein. Für England und Australien hat man Pilot-Projekte bewilligt, man versucht, durch neue, fusionierte Distrikte, Regionalzentren und Direktmitgliedschaften Rotary zu retten. Wir aber sollten uns bezüglich künftiger Organisation nicht an Krisenregionen, sondern an Erfolgsgebieten orientieren und solche Änderungen selektiv oder gar nicht übernehmen.
Rotary International erweckt den Eindruck eines schwerfälligen Tankers, der nur mit Mühe bewegt werden kann.
In Evanston ist im Verlauf der Jahre eine riesige Administration herangewachsen, bestehend aus über 40 Einheiten mit 31 Direktorinnen und Direktoren. In diesem heterogenen Gebilde erfüllen viele motivierte Leute die ihnen übertragenen Aufgaben einwandfrei. Andere beschäftigen sich mit Prozessen, mit denen wir wenig anfangen können. Sie schreiben Papiere, die in unseren Breitengraden eine eher kontraproduktive Wirkung erzielen. Vieles ist amerikanisch geprägt. Für Amerika mag manches davon goldrichtig sein, für uns nicht. Das Africa-/Europe-Office in Zürich leistet aus unserer Sicht eine ausgezeichnete Arbeit.
Aus deiner Antwort spüren wir ein Unbehagen heraus.
Wir müssen uns zahlreichen Herausforderungen stellen. Die Entwicklung geht allerdings schleppend voran, viele Regularien werden von internen Komitees formuliert und dem Board of Directors pfannenfertig serviert. Als einzelnes Mitglied kann man im Zentralvorstand dagegen wenig ausrichten.
«DIE REGIONALISIERUNG BIETET GROSSE CHANCEN»
Welche Handlungsoptionen bieten sich unter diesen Voraussetzungen?
Die Regionalisierung anstelle der Zentralisierung bietet grosse Chancen. Wir werden flexibler und können den Bedürfnissen bestehender und künftiger Mitglieder besser Rechnung tragen. Durch Multidistriktorganisationen wie beispielsweise unseren Governorrat steigern wir die Effektivität. Dasselbe trifft für eine Kommunikation zu, die den kulturellen Gegebenheiten Rechnung trägt. Schliesslich gilt es auch, sich mit anderen Servicebewegungen stärker zu vernetzen. Ideal wäre mehr Kompetenzdelegation in den Bereichen Foundation, Finanzen und Personalplanung.
Werden wir Europäer an der Spitze von RI überhaupt wahrgenommen?
Dies hängt von uns ab. Ich habe zur Förderung der Regionalisierung in unseren Zonen Regionalkomitees gegründet, die gemeinsam mit dem zuständigen Director sowie dem Trustee eine Scharnierfunktion zwischen Distrikten und RI wahrnehmen. Es bleibt allerdings viel zu tun. Namentlich in Committees und dem Board of Trustees sind wir untervertreten. Da bis 2031 keine europäische Stadt für eine Convention ausgewählt worden ist, haben wir beschlossen, in regelmässigen Abständen «Europa-Summits» durchzuführen. Ich gehe davon aus, dass solche Zeichen wahrgenommen werden und Wirkung erzielen.
Wie lautet deine Schlussbotschaft?
Wir werden an unseren Beiträgen zur Verwirklichung einer nachhaltigen Zukunft gemessen. Es liegt an uns, die dazu erforderlichen Voraussetzungen in unserem Umfeld zu schaffen und Rotary vorwärtszubringen. Ich wünsche uns allen eine gute Fortschreibung unserer gemeinsamen Erfolgsgeschichte.
PEOPLE OF ACTION
Urs Klemm, geboren am 15. Februar 1947, ist in Rheinfelden aufgewachsen. Nach einer Zeichner-Lehre studierte er an der Universität Basel physikalische Chemie und promovierte zum Dr. phil. II chem. Darauf folgten Zusatzausbildungen als Wirtschaftsingenieur und Lebensmittel-Chemiker. Nach privatwirtschaftlichen Tätigkeiten (unter anderem in den Bereichen Umweltschutz und Wasserversorgung) trat er ins Bundesamt für Gesundheit ein, in welchem er von 1996 bis 2007 als stellvertretender Direktor für die Lebensmittelsicherheit verantwortlich war. Zuletzt unterstützte er als selbständiger Berater Organisationen der Gastronomie und des Konsumentenschutzes. Seit 1994 dessen Mitglied, präsidierte er 2012/13 den RC Aarau. 2014/15 war er Governor des Distrikts 1980. Er war Mitgründer der Rotary Stiftung Schweiz und initiierte verschiedene Schweizer Rotary Actiongroups. Der D1980 wählte ihn zu seinem Delegierten im Council on Legislation (CoL). International amtierte Urs als Assistant Regional Rotary Foundation Coordinator und Endowment/Major Gifts Adviser. In den Rotary-Jahren 2021/22 und 2022/23 vertrat er die Zone 16A im Board of Directors von RI. Urs Klemm ist seit 1974 verheiratet mit Rot. Hélène Klemm (RC Basel International), Vater eines Sohnes sowie einer Tochter und Grossvater zweier Enkelkinder.