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Die Fahrt auf der Solveig VII durch Berlin ist nautisch anspruchsvoll und wird begleitet von einem dichten Strom von Erinnerungen - geschichtlichen und persönlichen.
Als ich im April 1962 mein Studium an der Freien Universität Berlin begann, war die Mauer gerade erst acht Monate alt. Im Studentendorf in Schlachtensee wohnten damals viele Studierende, welche von Ostberlin aus regulär an der FU eingeschrieben waren und sich an jenem berühmten 13. August 1961 innert weniger Stunden hatten entschliessen müssen, auf welcher Seite der entstehenden Mauer sie künftig bleiben wollten. Viele blieben im Westen mit wenig mehr als ihrer Mappe mit ein paar Vorlesungsunterlagen, die sie für den Tag eingepackt hatten. Für sie war es ein Abschied für viele Jahre von ihren Familien und von ihrem vergangenen Leben.
Besuche in der DDR
Bewohner von Westberlin durften die Grenze zu Ostberlin damals nicht passieren, und für Westdeutsche war der Grenzübertritt oft unangenehm. So wurde der Kommilitone aus der Schweiz, welcher im Bahnhof Friedrichstrasse mit seinem Pass bei der strikten polizeilichen Einreisekontrolle etwas besser behandelt wurde, zum begehrten Meldeläufer zwischen Ost und West. Ich erinnere mich an bewegende Besuche bei Eltern, welche über Nacht von ihren Söhnen und Töchtern getrennt worden waren. Manchmal nahm ich aus Ostberlin auch ein paar Bücher, Vorlesungsmanuskripte oder Fotos zurück ins Studentendorf.
Natürlich nutzte ich meine Reisen nach Ostberlin auch für anderes, wie etwa Museumsbesuche. Das Pergamonmuseum war damals erstmals nach dem Krieg wieder zugänglich. Auf dem Weg zur von der Spree umflossenen Museumsinsel schaute ich jeweils gerne in das träge dahinfliessende Wasser hinunter, auf dem sich kaum je ein Schiff zeigte. Der Verkehr auf der Spree war nach dem Mauerbau fast ganz zum Erliegen gekommen; nur oberhalb der Schleuse am Mühlendamm betrieb die DDR einen Ausflugsverkehr nach Köpenick und in den Müggelsee. Das isolierte Westberliner Stück der Spree, das am Schloss Charlottenburg vorbeiführt, blieb ungenutzt und machte einen traurigen Eindruck.
Fünf Jahrzehnte später
Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich fünfzig Jahre später mit einem eigenen Boot an der Museumsinsel vorbeifahren fahren würde, nicht alleine, sondern zusammen mit einer ganzen Flotte von Ausflugsschiffen, auf denen täglich Tausende von Touristen die Sehenswürdigkeiten von Berlin besichtigen, die Museen, den Dom, das neue Kanzleramt und den Hauptbahnhof mit seinem imposanten durchsichtigen Gewölbe, von dem man beim ersten Schneefall nicht wusste, ob die Konstruktion der Belastung standhalten würde.
In Anbetracht meiner emotionalen Bindung an das Berlin meiner Studentenzeit erstaunt es nicht, dass im Sommer 2011 die erste Fahrt auf unserem Schiff, der Solveig VII, durch das Zentrum von Berlin zu einem der aufregendsten Momente des Hobbykapitäns gehörte. Dieses besondere Gefühl und das leise Prickeln im Magen ist bis heute geblieben, wie ich vor ein paar Tagen realisierte, als wir, von Potsdam kommend, in Richtung Köpenick unterwegs waren.
Präsente Geschichte: die NS-Zeit
Wir hatten beim Motorbootclub (MBC) Berlin im Wannsee übernachtet. Der Hafenmeister, Günter Albrecht, ist im Laufe der Jahre ein guter Freund geworden, der die Solveig und ihre Crew trotz vierjähriger Abwesenheit als alte Bekannte begrüsste. Wie schon in der Mark Brandenburg verfolgt einen in Berlin und ganz speziell am Wannsee die Geschichte auf Schritt und Tritt. In Sichtweite des MBC liegt jene Villa, einst in jüdischem Besitz, in der während des Krieges die geheime Konferenz stattgefunden hatte, an der die totale Vernichtung der Juden beschlossen worden war.
Ganz in der Nähe wohnte damals der Maler Max Liebermann. Er starb, bevor seine Villa enteignet wurde. Seiner überlebenden Frau drohte später die Deportation in ein KZ; sie nahm sich 1943 das Leben. Heute befindet sich in der Villa das Liebermann-Museum. Und so gibt es unter der Adresse „Am Grossen Wannsee“ noch manches Haus mit einer wechselvollen Geschichte. Das gegenüberliegende Ufer wird durch das Wannseebad mit seinem langen künstlichen Sandstrand dominiert, auch dies eine berühmt-berüchtigte Stätte des Dritten Reichs.
Der Wannsee ist eigentlich nichts anderes als eine grössere Bucht der Havel, welche zwischen Potsdam und Spandau die Form eines lang gezogenen Sees annimmt. Über eine weite Strecke bildete die Havel die Grenze zwischen Westberlin und der DDR. Ich erinnere mich deutlich an die Eisbrecher, welche in jenem kalten Winter 1962/63, in dem auch der Zürichsee zufror, eine Fahrrinne offen hielten, nicht wegen der Schifffahrt, denn diese war längstens eingestellt, sondern um die Grenze zu Westberlin „zu sichern“.
Auf dem Wasserweg nach Berlin
Doch zurück in die Gegenwart, in den Sommer 2017: Gegen neun Uhr morgens steure ich die Solveig aus dem Wannsee in die Havel hinaus, umrunde sorgfältig die rote Boje auf der Steuerbordseite, welche die Einfahrt zum Wannsee markiert, drehe Richtung Norden und folge strikte der signalisierten Fahrrinne, denn die Gewässer sind hier voller Untiefen. Südlich von Spandau verengt sich der Havelsee zu einem richtigen Fluss. Jetzt macht sich auch die Gegenströmung des Flusses bemerkbar. Unterhalb der Schleuse Spandau mündet rechts die Spree in die Havel. Würden wir der Havel folgen und die Schleuse Spandau passieren, so kämen wir in den Tegelersee; auch er ist nichts anderes als ein Stück Havel.
Wir zweigen nach rechts ab und folgen der Spree. Noch ahnt man die Nähe der grossen Stadt nicht. Vom Land aus sind diese untersten Kilometer der Spree praktisch nicht einsehbar. Es ist eine eigene Welt mit vielerlei Gerüchen und Tönen. Das Quaken der Enten vermischt sich mit dem Brummen der meist unsichtbar bleibenden Bulldozer. Bewaldete Ufer wechseln sich mit Industrieanlagen ab. Links ein Kohlekraftwerk, welches direkt mit Frachtkähnen aus Hamburg oder Amsterdam beliefert werden kann, rechts – man merkt es am Geruch – das städtische Klärwerk und die Kehrichtverbrennung.
Nach sechs Kilometern erreichen wir die Schleuse Charlottenburg. Der Schleusenwärter weist uns an, am Steg für die Sportboote auf ein hinter uns fahrendes Frachtschiff zu warten. Gemeinsam mit diesem überwinden wir etwas später den Niveauunterschied von kaum mehr als einem Meter. Für uns, die wir die komplizierte Topografie der Schweiz gewohnt sind, ist es schwer vorstellbar: Von der Stadt Brandenburg über Potsdam bis nach Charlottenburg liegen die Havel und ihre Seitengewässer alle auf dem gleichen Niveau.
Dichter Verkehr
Während der Frachter im Kanal zum Westhafen weiterfährt, folgen wir der Spree, welche in vielen Windungen bis ins Stadtzentrum von Berlin führt, vorbei am Schlosspark Charlottenburg, am Tiergarten, am Schloss Bellevue. Die meisten Frachtschiffe umfahren die innerstädtische Spree auf dem Teltowkanal. Aber allein bleiben wir deswegen nicht, ganz im Gegenteil. Immer häufiger tauchen, natürlich immer in engen Kurven oder vor schmalen Brückendurchfahrten, grosse Ausflugsschiffe auf. Viele von ihnen fahren nur auf einer begrenzten Strecke der Spree und wenden jeweils überraschend mitten im Fluss.
Wehe dem Hobbykapitän, der nicht genau aufpasst und den Funkverkehr auf Kanal 10 abhört, auf dem die Schiffe untereinander ihre Routen absprechen. Ich kann daher verstehen, dass seit einigen Jahren tagsüber der innerstädtische Teil der Spree für jene Privatboote gesperrt ist, welche über keine Funklizenz verfügen. Die Polizei überprüft dieses Verbot rigoros, wie wir es auch schon erlebt hatten. Die Crew der Solveig gehört dank ihrer Ausrüstung zu den Privilegierten und darf auch zur Mittagszeit am neuen Kanzleramt vorbeifahren, immer in der Hoffnung, Angela Merkel würde gerade aus dem Fenster schauen.
Nun ist auf der Solveig Teamarbeit angezeigt. Meine Frau meldet mir jeweils anhand der Karte, wie die nächste Brücke heisst, der wir uns nähern. Einige Durchfahrten sind sehr eng und nur im Einbahnverkehr passierbar. Über Funk melde ich mich jeweils rechtzeitig an: „Sportboot zu Berg, Moltke Brücke.“ Manchmal kommt dann als Antwort die Bitte, wir sollten noch vor der Kurve warten, der „Erlkönig“ komme in Talfahrt entgegen. Viele Schiffsführer sind zuvorkommend und melden ihren Kollegen weiter, dass hinter dem eigenen Schiff noch ein Sportboot folgt. Wir haben aber auch schon anderes gehört wie: „Achtung, bei der Schillerbrücke kommt dieses olle Sportboot entgegen.“
Sightseeing im Stadtzentrum
Darüber kann man nur lachen und höchstens mit einer entsprechenden Antwort über den Funk quittieren, denn nun folgen sich die Sehenswürdigkeiten Berlins in schneller Folge: Rechts also das neue Kanzleramt (Angela abwesend), links der Hauptbahnhof und vis-à-vis der Reichstag und daneben, an der rot-weissen Fahne erkennbar, die Schweizer Botschaft, welche zu meiner Studentenzeit als sogenannte Schweizer Delegation einsam am Rande des Tiergartens stand und das einzige Gebäude weit und breit war, welches im Spreebogen den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte. Schon taucht links, kurz vor dem Bahnhof Friedrichstrasse die Anlege für Sportboote auf, wo wir kürzlich übernachtet haben, dann folgen rechts der Dom und die Museumsinsel und schliesslich die Mühlendammbrücke mit der gleichnamigen Schleuse.
Die meisten Ausflugsschiffe wenden hier; eine Schleusendurchfahrt würde für den eiligen Touristen zu viel Zeit kosten. Wir warten kurz, bis der Schleusenwärter das Signal auf Grün schaltet. Nochmals steigen wir 1,5 Meter auf das obere Spree-Niveau, das sich über viele Kilometer bis in die grossen, südöstlich von Berlin liegenden Seen erstreckt, den Müggelsee, den Seddinsee und wie sie alle heissen.
Nach Köpenick
Oberhalb der Mühlendammschleuse folgen wir ein Stück der auf einer alten, backsteinernen Brücke gebauten S-Bahnlinie zum Ostbahnhof. Voller Freude stellen wir fest, dass die Inschrift am Bahnviadukt direkt über dem Wasser der Spree, „Pull the plug“, mit einem senkrecht nach unten zeigenden Pfeil alle Säuberungsaktionen der Stadt überlebt hat.
Oberhalb der Schillingbrücke bildete die Spree über mehr als einen Kilometer die ehemalige Grenze zwischen West- und Ostberlin. Hier wurde ein langes Stück der Mauer, welches in einer gewissen Distanz vom Fluss auf dem DDR-Ufer verläuft, als Teil der Mauer-Gedenkstätte stehen gelassen. Das Spreeufer war hier zu DDR-Zeiten politisches Niemandsland.
Später fahren wir an der grossen Parkanlage von Treptow vorbei. Die Spree ist hier breit und hat wenig Verkehr; eine wohltuende Beruhigung nach der anstrengenden Fahrt durch das Stadtzentrum. Hinter einer Flussbiegung taucht nun zur Linken das Rathaus von Köpenick auf. Es erinnert daran, dass die Geschichte nicht nur blutrünstig ist, sondern manchmal auch Platz bietet für heitere Possen. Mit Carl Zuckmayers unsterblich gewordenem Hauptmann von Köpenick endet unsere Reise nach einer siebenstündigen Fahrt. Bei der Werft Engelbrecht, wo später die Solveig überwintern wird, machen wir fest, entkorken eine gute Flasche Wein und lassen in Gedanken noch einmal diesen ganz speziellen Tag auf dem Wasser an uns vorbeziehen.