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Ende Oktober 2013 flog Jacob Rothschild (geb. 1936), britischer Investmentbanker aus der Rothschild-Dynastie, in inoffizieller Sache von London nach Basel. Der Chauffeur, der ihn in einem Range Rover an seinen Bestimmungsort fuhr, schilderte den Besucher als einen «großen, hageren, alten Mann», der nicht im Fonds des Wagens, sondern neben ihm Platz nehmen wollte. «Er hatte eine eigenartige Ausstrahlung, kalt und wie ein Vakuum.» Unterwegs wurde der übliche sparsame small talk getrieben. Auf die Bemerkung des Fahrers, dass er Deutscher sei und seit zehn Jahren in der Schweiz lebe, meinte der Gast, der zu den pekuniär einflussreichsten Männern des Planeten gehört, dass er sich «glücklich schätzen solle, in der Schweiz zu leben», worauf dieser meinte: «Ja, bin ich.» Die Rothschild-Bemerkung ist aufschlussreich. Bereits im Januar 2013 hatte der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker eine Parallele zwischen dem Vorkriegsjahr 1913 und dem Jahr 2013 gezogen; im Dezember letzten Jahres wurde sie auch von Angela Merkel aufgegriffen, und fast zeitgleich mit Rothschilds Besuch machte der Schweizer Außenminister Didier Burkhalter in Genf die Viele überraschende Äußerung von «einer möglichen Implosion der europäischen Konstruktion», so die BAZ vom 20. Dezember 2013 unter der Überschrift «Burkhalter befürchtet Untergang der EU».
Falls die bereits Leck geschlagene EU wie eine Titanic senkrecht in die Tiefe sinkt, so werden an der bis zuletzt sichtbaren Heck-Reling ein paar Rettungsringe mit Schweizer Flagge hängen, um die ein Kampf der Überlebenden entbrennt.
Einer dieser Rettungsringe heißt BIZ, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Die in einem eleganten Rundturm untergebrachte Institution genießt Exterritorialität und Steuerfreiheit. Die Chefs der größten Notenbanken der Welt – vom Federal Reserve bis zur Nationalbank Chinas und dem EZB-Chef Mario Draghi – treffen sich regelmäßig zu inoffiziellen, aber bestimmenden Sitzungen. Wenn es ein Gremium gibt, das sich schon jetzt über die Post-Euro-Phase Gedanken macht, dann dieses.*Rudolf Steiner machte bereits 1918 einen sehr aktuellen Hinweis: «Tonangebend ist eine Gruppe von Menschen, welche die Erde beherrschen wollen mit dem Mittel der beweglichen kapitalistischen Wirtschaftsimpulse. Zu ihnen gehören alle diejenigen Menschenkreise, welche diese Gruppe imstande ist, durch Wirtschaftsmittel zu binden und zu organisieren.»
Eine solche Gruppe von Menschen kommt regelmäßig in der BIZ zusammen.** Solange der Turm von Basel steht, können wir uns «glücklich schätzen», in der Schweiz zu leben.
Dieses zweifelhafte, fragile Glück wird den wahren Freunden der Geisteswissenschaft allerdings dadurch getrübt, dass in der Nähe Basels unlängst ein neues Trojanisches Pferd installiert wurde. Auf Renommee erpichte «Anthroposophen» vollführen Tag und Nacht wahre Freudentänze um das Pferd. Es nennt sich «SKA» (Kritische Ausgabe der Werke Steiners). Das Projekt des «renommierten Stuttgarter Wissenschaftsverlags frommann-holzboog» (Dornacher Buchankündigung) wurde vom Rudolf Steiner Verlag in letzter Minute kooperativ in seine Tore eingelassen. Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stehen wir auch in einem Geisteskampf – um die wahre Substanz von Steiners Geisteswissenschaft. Wer statt Renommee Erkenntnis sucht, wird in den Analysen von Wilfried Hammacher und Arnold Sandhaus die nötigen Urteilsgrundlagen finden. Es steht jedem frei, sich in den Sattel des Trojanischen Pferds zu schwingen oder – aufzuwachen.
Kassandra
* Siehe die Neuerscheinung von Adam Lebor: Tower of Basel, The Shadowy History of the Secret Bank that Runs the World. New York 2013.
** Siehe www.perseus.ch «Kampf um den russischen Kulturkeim»