Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/1353

Vieles schon erlebt hat Das Haus am Werderschen Markt, heute Sitz des Deutschen Aussenministeriums und Gegenstand eines Buches, das Hans Wilderotter (der heisst wirklich so!) herausgegeben hat.
Das geeinte Deutsche Kaiserreich brauchte für seine Finanzpolitik natürlich auch eine geeinte Bank. Seit 1877 war die Zentralbank des Deutschen Reichs am Werderschen Markt mitten in Berlin untergebracht, überstand hier relativ unbeschadet Krieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise. Zur Zeit der Nazis erlangte die Reichsbank, 1934-1937 unter der Regie ihres Präsidenten Hjalmar Schacht massiv erweitert und ausgebaut (Adolf Hitler wohnte der Grundsteinlegung des Erweiterungsbaus persönlich bei), äusserst zweifelhafte Berühmtheit durch ihre Rolle im Zusammenhang mit Raubgold; sogar Goldzähne von Ermordeten aus den Konzentrationslagern wurden hier zwischengelagert. Andererseits dienten die Untergeschosse der Bank mit ihren Stahlkammern während des Krieges auch als Luftschutzkeller. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die ehemalige Reichsbank zunächst Heimstätte des „Berliner Stadtkontors“ (so einer Art Behelfsbank für die zerstörte Stadt), dann zog das Finanzministerium der Deutschen Demokratischen Republik ein. 1959 schliesslich gab es einen neuen Hausherrn: Walter Ulbricht. Rund 30 Jahre lang war das Haus am Werderschen Markt Sitz des Zentralkomitees der SED und damit die Machtzentrale der DDR. Hier informierte Ulbricht 1968 die Genossen über die Vorgänge in der Tschechoslowakei und hier wurde er drei Jahre später von Erich Honecker gestürzt. Hier wurde der Bau der Berliner Mauer befohlen und hier stimmte die Volkskammer der deutschen Wiedervereinigung zu. Seit der Übersiedlung der Bundesregierung von Bonn nach Berlin residiert hier das Auswärtige Amt, das Aussenministerium der Bundesrepublik Deutschland.
Wahrhaft historisch, dieses Gebäude, das muss man sagen! Zittern und Beben tut es vielleicht nicht, aber Angst und Pein und Not gesehen hat es auf jeden Fall. Haben Sie übrigens gewusst, dass 27 Generäle der Nationalen Volksarmee sich ihre Sporen in der Wehrmacht abverdient hatten? Und dass wesentlich mehr Angehörige der DDR-Elite eine braune Vergangenheit hatten, als man offiziell zugeben wollte?