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Dieser Name bezeichnet zweierlei: a) Einmal den Bach (auch Röllbach genannt), der in zwei Armen in den Weidegebieten Amasora und Isarina (Sevelen) entspringt; die Oberläufe vereinigen sich hinter Hüseren, heissen nun Röll; diese führt am hinteren Seveler Berg an den Berggütern Röll (!), Bach und Impertill vorbei über die Buchser Grenze ins Flat herab, von dort fliesst sie durch Feldrietli und Rietli und mündet im Gebiet Flös in den Giessen. – b) Röll heisst weiter eine Wieslandfläche in der Talebene zwischen Räfis und Buchs, westlich der Churerstrasse, zwischen Wäseli, Frol und Flös; sie ist heute weitgehend überbaut. Wessen Name zuerst da war, ob der des Bachlaufes, des Bergguts am Seveler Berg oder des Wieslands bei Räfis, lässt sich leicht beantworten: Es war der Bachname, der nachträglich auf bestimmte Zonen in seiner Nähe übertragen wurde.
Wer nun an das Studium der historischen Überlieferung dieses Namens geht, erlebt gleich eine kleine Überraschung: Der Name Röll ist das Ergebnis einer Kürzung, ist vor ein paar hundert Jahren zurechtgestutzt, um eine Silbe beschnitten worden; denn noch in den ältesten urkundlichen Nennungen lautete er Sarüll, Saröll und ähnlich … Der Fall ist interessant, wir wollen ihm weiter nachgehen.
Das erste Mal überhaupt stossen wir auf den Bachnamen im Jahr 1472: Da war in einer Urkunde vom Gebiet Grof die Rede, welches sich bekanntlich, hauptsächlich im Bereich der Schulhausstrasse, südwärts erstreckt bis zur Chlinen Grof, an den Röllbach und an das Gebiet Röll. Im Dokument heisst es: «Jtem ain mitmal agker in der Montzengraff und stosst abwert an die Sarull …». Hierzu einige Erläuterungen: Das schweizerdeutsche Wort Mitmal bezeichnete ein altes Flächenmass für Wies- oder Ackerland (entsprechend einer Vierteljuchart, also etwa 9 a = 0,09 ha). Und der Name †Munzengrof dürfte mit dem †Grofbühel identisch sein, eine seit längerem abgetragene kleine Erhebung oben in der Grof, nahe dem oberen Ende der heutigen Groffeldstrasse. Diese Situierung der †Sarull will allerdings zu den uns bekannten Verhältnissen nicht passen, verläuft doch der Röllbach heute einiges weiter südlich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sowohl der Buchser Bach als auch der Röllbach vor mehr als einem Jahrhundert «korrigiert» und umgeleitet worden sind. Vor diesen Eingriffen verliefen beide, wenn sie den Berghang verlassen hatten, nicht nordostwärts der Ebene zu wie heute, sondern nordwärts: Der Buchser Bach führte eng dem Hangfuss entlang vom Altendorf her oberhalb der Grof durch Steinen und Nebetbach (man beachte die Namen!) in Richtung Traube, Altes Rathaus, Widen und Stütli. Der Röllbach verlief parallel zum Buchser Bach, aber weiter östlich, vom Wäseli zur †Chrüzgassmüli und dann in Richtung gegen das Bahnhofsgelände. Die alten Verhältnisse sind noch auf der Siegfried-Karte von 1886/1887 schön sichtbar.
Auf der Siegfried-Karte von 1886/1887 lässt sich der ursprüngliche Verlauf von Buchser Bach und Röllbach verfolgen.
Doch nun zurück zu den urkundlichen Erwähnungen unseres Baches: 1484 ist die Rede von einem «guot zu Flat gegen Valcupp wertz enot Sirillenbach»; 1486 heisst es «saröll bach», 1540 «Serüllbach», 1543 «Syrill» (nämlich: «Jtem ein Stuck Egartly uff Löss, stost uffwert an Syrill» - «uff Löss» ist das heutige Flös). Im Jahr 1607 taucht dann zum ersten Mal die gekürzte Form «Rüll» auf, 1615 «Rülbach», und recht bald nehmen nun die Kurzformen ganz überhand. Ein letzter «Syryllbach» taucht nochmals 1720 als Nachzügler auf, im Werdenberger Urbar Nr. 39, S. 85. Doch bedeutet dies nicht viel, denn bei dieser unter Kennern eher berüchtigten Quelle handelt es sich um eine allzuoft reichlich gedankenlose Kopie eines Vorgängerurbars, deren Namensformen insbesondere mit viel Vorsicht zu bewerten sind. Man kann also sagen, dass spätestens ab dem 17. Jahrhundert in der gesprochenen Mundart der Übergang des alten Namens Sarüll zur Kurzform Röll abgeschlossen war.
Solche Namenkürzungen (durch Weglassung der schwachtonigen ersten Silbe) gab es hierzulande übrigens massenhaft: Lums in Ruggell geht auf altes †Salums zurück, Gritsch in Schaan auf †Gralitsch, Fina (mehrfach) in Liechtenstein auf †Rovina, Pir in Grabs auf †Muntpir, Grüel in Sevelen auf †Nagrüel, usw. Warum es dazu kam, liegt klar auf der Hand – es hängt zusammen mit den unterschiedlichen Wortstrukturen und Betonungsgesetzen des Romanischen einer- und des Deutschen anderseits. Die alte Form Sarüll, die zu den Überbleibseln der romanischen Epoche gehört, zeigt die für das Romanische typische Betonungsstruktur, nämlich |unbetonte Silbe Sa- + Tonsilbe -rüll|. Entsprechend verhalten sich auch Malbun, Pardiel, †Faldunga, †Valbell, usw. Das entsprach der gängigen Regel, solange hierzulande das Romanische als Volkssprache lebte. Mit dem Übergang zum Deutschen aber trat ein neues Betonungsmuster in den Vordergrund: der Deutschsprachige bevorzugt Wörter und Namen, deren Tonsilbe am Wortanfang liegt, oft auch Einsilbler, etwa: Bach, Gatter, Giessen, Halde, Loch, usw. Diese Tendenz begann sich nun (vorab im Gebiet nördlich von Wartau) auch auf die übernommenen vordeutschen Wörter und Namen auszuwirken. Nur in der Gemeinde Wartau, die besonders spät verdeutscht wurde, setzte sich diese Erscheinung nicht mehr durch; dort blieb die angestammte Betonung des romanischen Namengutes meist erhalten (Fontnas, Malans, Gretschins, Schalär, Gapleina, Ferstasis, usw.). Weiter nördlich aber gerieten nun, wie oben gezeigt, die alteinheimischen romanischen Namen in diesen Sog. So auch Sarüll: die Vortonsilbe Sa- wurde fallengelassen, es blieb *Rüll bzw. Röll übrig. Ohne Beachtung der urkundlichen Quellen wäre dieser entscheidende Punkt hier unerkannt geblieben.
Brücke über den Röllbach im Flat, unweit über dem Röllbachfall. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Woher stammt und was bedeutet der Name Sarüll? Es gibt da schon ältere Deutungsversuche.
Der Buchser Dr. Ernst Rohrer (seines Zeichens Chemiker, heimatkundlich begeistert und sprachwissenschaftlich interessiert, aber auch unbekümmert) dachte 1964 an ein «rätoromanisches serin ‘klein’», das indessen im Romanischen gar nicht existiert. Auch sein Rückgriff auf ein (uraltes) Sanskrit-Wort sar ‘fliessen’, das er mit der (modernen) romanischen Verkleinerungsendung -uel verbindet, kann nicht einleuchten: Solche willkürlich-phantastischen Kombinationen über ein paar Jahrtausende hinweg sind so nicht akzeptabel. Da blieb Heinrich Gabathuler schon näher bei der Sache, wenn er 1944 einen Zusammenhang mit dem Bachnamen Saar herstellte und diesen mit besagter Verkleinerungsendung -uel als ‘kleine Saar’ erklärte. Valentin Vincenz übernahm 1983 diese Deutung.
Wir müssen uns demnach auch mit dem Gewässernamen Saar beschäftigen. Dieser ist ja weit herum bekannt: Einerseits als Nebenfluss der Mosel in Frankreich und Deutschland, ferner als Quellfluss der Werra im deutschen Thüringen. Anderseits ganz in der Nähe: a) als Flüsschen Saar in Sargans, das sich im Saarkanal fortsetzt, der im Ortsgmeindguet weit östlich vom Sidenbom (Wartau) in den Rhein mündet; b) und als Unterlauf eines weitverzweigten Bachsystems am Seveler Berg (im Oberlauf gebildet aus Stoggenbach, Löchlibach, Heldbach, Haselbach, Nesslenbrünnelibach und Tüerbach). Dieser Saarbach fliesst vom Gut Saar (!) über den Bodeneggweiher nach Glat und von dort als Saarkanal durchs Glatriet nach Rans und Räfis, wo er ab der Heldau Giessen genannt wird. Der Name Saar scheint nun sehr alt zu sein, was aufgrund seiner weiten Verbreitung durchaus plausibel scheint. Man führt ihn auf das Gallische (Keltische) zurück, eine Sprache, die auch im Rheintal in vorchristlicher Zeit gesprochen wurde.
Unsere hiesigen Saar-Namen können – stets ausgehend vom gallischen Grundwort – grundsätzlich auf mehr als einem Weg erklärt werden. Einerseits als unmittelbar keltischer Reliktname, der hier schon in der vorrömischen Epoche als Name gelebt hat. Andererseits ist aber auch eine stufenweise Weitergabe des gallischen Wortes ins hiesige Latein und von dort ins Altromanische (noch als Sachwort, nicht als Name) in Betracht zu ziehen. Und als dritte Möglichkeit ist zu bedenken, dass nicht wenige Wörter sogar direkt aus dem Gallischen ins Alemannische oder Schweizerdeutsche eingegangen sind: ein schweizerdeutsches Wort das Sar ‘Flussgeschiebe, Seeschlamm’ ist überliefert. Es gibt tatsächlich Zeugnisse dafür, dass das im schweizerischen Mittelland in der Antike dominierende Gallische auch nach einigen Jahrhunderten römischer Herrschaft noch nicht ausgestorben war, als die im 5. Jh. einbrechenden Alemannen sich dort festsetzten. Gallisch-keltische Wörter können also durchaus auch ohne romanische Vermittlung ins Schweizerdeutsche gelangt sein.
An der Röll im Rietli, hinten das Räfiser Holz. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Bei uns im Rheintal ist allerdings die Annahme wahrscheinlicher, dass der fragliche Worttyp den Weg über das Altromanische genommen hat, in Form eines angenommenen altromanischen Wortes sar m. ‘Geschiebe führender Bach’. Dieser Ansatz kann als Deutung für den Grundnamen Saar zutreffen. Und die Annahme, dass dieses Wort im Romanischen existierte, wird zusätzlich bestärkt durch zwei weitere hiesige Namen, nämlich einerseits durch unser Röll, altromanisch Sarüll, und andererseits durch Isarina (Sevelen, Alpweide zwischen Wisliboden und Legi, im Quellgebiet der Röll [!]): Beide enthalten den Wortstamm sar mit je einer romanischen Verkleinerungsendung (-ügl und -ina). Gerade diese Ableitungen durch romanische Endungen sprechen dafür, dass auch das Grundwort sar- im Altromanischen existiert haben wird.
Fazit: Röll (und auch Isarina) bedeuten ‘kleinerer Bach, der Geschiebe mit sich führt’, und Saar kann als ‘Geschiebebach’ übersetzt werden.