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Als D. wird ein Typ der ländl. Siedlung bezeichnet, bei dem die Wohn- und Arbeitsstätten räumlich konzentriert sind und einen mehr oder weniger geschlossenen Kern inmitten der landwirtschaftlich genutzten Flur bilden. Grössenmässig schwankt es zwischen dem Weiler und dem Grossdorf. Als kleinster selbstständiger Siedlungsverband verfügt das D. über eine je nach Ort einfache bis vielgliedrige gemeinschaftssichernde Infrastruktur. Im Unterschied zu Stadt und Flecken ist die zentralörtl. Funktion sekundär oder fehlt ganz. Vor der Industrialisierung war die Dorfsiedlung im Mittelland sowie im inner- und südalpinen Gebiet vorherrschend. In den Voralpen und im Jura dominierte die Einzelhofsiedlung. Für das traditionelle D. ist die enge Beziehung unter den Dorfbewohnern typisch, welche durch die notwendige Zusammenarbeit in der Landwirtschaft verstärkt wurde. Dörfer unterscheiden sich nach Siedlungsformen (u.a. Strassen-, Zeilen-, Haufendorf) und nach typisierenden Funktionen (z.B. Bauern-, Fischer-, Arbeiterdorf).
Lange waren Vorstellungen von der hist. Entwicklung des D.es vom dogmat. Bild beherrscht, das Juristen als Rechtshistoriker im 19. Jh. entworfen hatten. Gegen deren Lehre vom gemeingenossenschaftl. Ursprung der Dörfer z.Z. der germ. Ansiedlung (Markgenossenschaft) wandten sich als Erste Wirtschaftshistoriker, v.a. die Wienerschule von Alfons Dopsch; sie hoben die herrschaftl. Komponente bei der Entstehung hervor. Klarheit schufen aber erst neuere Befunde der Archäologie und Siedlungsgeschichte, die auf eine langsame Entwicklung des D.es aus frühma. Kleinsiedlungen und die Herausbildung der dörfl. Strukturen im Hoch- und SpätMA hinwiesen. Gewonnene Erkenntnisse werden durch die laufende wirtschafts- und sozialgeschichtl. sowie die neuere rechtsgeschichtl. Forschung bestätigt. Deren Wegbereiter, Karl Siegfried Bader, brachte die fest gefahrene Rechtsgeschichte in den 1960er Jahren u.a. dadurch wieder in Bewegung, dass er der ortsgeschichtl. Forschung neue Impulse verlieh. Die Volkskunde trug ab Ende des 19. Jh. mit der Erarbeitung von Aspekten der dörfl. Volkskultur (Bauernhaus, Siedlung, Sachgüter, Sitte, Bräuche, Feste) zur schweiz. Dorfforschung bei. Diese erfuhr in den 1960er bis 80er Jahren eine wesentl. Erweiterung durch soziolog. Untersuchungen und die von Paul Hugger initiierte Erarbeitung gegenwartsbezogener Dorfmonografien.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Archäolog. Bodenfunde und ethnograf. Untersuchungen zeigen, dass Wildbeutergesellschaften ein in der Regel nicht-sesshaftes Leben führten und keine dauernden Wohnstrukturen kannten. Ihre Aufenthaltsorte - Höhlen, Felsdächer (Abri), Freiland mit Unterständen, Zelten oder Hütten - werden aufgrund der kurzfristigen, period. oder jahreszeitl. Nutzung und der Verwendung vergängl. Baumaterialien deshalb meist neutral als Lagerplätze bezeichnet, wobei eine spezif. Funktion (Wohnplatz, Jägerlager, Werkplatz) bisweilen aus dem Fundmaterial ersichtlich ist (Wohnen). Dies gilt für die Zeitspannen des Paläolithikums und Mesolithikums (z.B. Neuchâtel-Monruz, Les Gripons in Saint-Ursanne).
Mit dem Übergang zu einer auf Ackerbau und Viehzucht gründenden Lebensform änderte sich auch das Siedlungsverhalten der Menschen. Typisch für das Neolithikum waren die Feuchtbodensiedlungen an den Seeufern und Mooren des Mittellandes (Ufersiedlungen), etwa in Egolzwil, Twann oder Zürich-Mozartstrasse, die - als Wohnplätze einer nunmehr sesshaften Bevölkerung - nebst fester Holz-Lehm-Architektur gemeinsame strukturelle Elemente aufweisen: geschlossenes Siedlungsareal, planmässige Überbauung, Zäune, Wege, Fluren. Die überbaute Fläche variierte zwischen 500 und 10'000 m2 und wies ein halbes bis mehrere Dutzend gleichzeitiger Häuser auf. Die Siedlungen besassen ein agrarisch nutzbares Umland und - nicht immer auffindbare - Friedhöfe (Lausanne-Vidy). In Anlehnung an die Terminologie jüngerer Epochen werden sie als Dörfer bezeichnet. Ihre durchschnittl. Lebensspanne betrug jedoch nach dendrochronolog. Untersuchungen nur 20-40 Jahre. Daneben existierten nachweislich Stationen, die strategische oder rein wirtschaftl. Funktionen erfüllten (Cazis-Petrushügel, Chavannes-le-Chêne).
Das D. als Lebensraum einer Bevölkerung mit landwirtschaftl. Subsistenz blieb auch in der Bronzezeit eine vorherrschende Siedlungsform (Greifensee-Böschen), wobei dörfl. Einheiten von Bauern und Handwerkern auch aus dem Alpenraum bekannt sind (Savognin-Padnal). Deutl. Unterschiede in der Grösse der Stationen wie auch in der Menge und Zusammensetzung des Fundmaterials einerseits (Zürich-Alpenquai) und das Auftauchen oftmals befestigter Höhensiedlungen an verkehrsgünstiger oder strateg. Lage andrerseits (Montlingerberg) sind Anzeichen für eine verstärkte Gliederung der Siedlungsorganisation. Später wird dies mit den Zentralorten der Hallstattzeit (Châtillon-sur-Glâne) und den kelt. Oppida (Basel-Münsterhügel) fassbar. Allerdings ist es schwierig zu beurteilen, ob der Unterschied zwischen einfachen Dörfern und Zentralorten lediglich ein gradueller und/oder funktionaler ist, oder ob wir es - wie in anderen Gegenden Europas - bereits mit einem Gegensatz zwischen ländl. Kleinsiedlungen und proto-urbanen Zentren und entsprechenden sozio-polit. Auswirkungen zu tun haben. In der Eisenzeit gewann daneben, soweit es die bislang dürftigen archäolog. Quellen erkennen lassen, die ländl. Streusiedlung an Bedeutung, während Dörfer selten dokumentiert sind (Glis-Waldmatte). Im Zuge der Einrichtung der röm. Staatsverwaltung werden die rechtl. Aspekte der versch. Siedlungsformen erstmals greifbar. Neben der Stadt (Municipium, Colonia, Forum) gab es den Vicus, nicht eine dörfl. Siedlung, sondern ein kleinerer oder grösserer Zentralort mit Handwerk, Gewerbe, Sakralbauten und Thermen, der rechtlich abhängig war (die Vici Lausanne und Moudon z.B. von der Colonia Aventicum). Die vorherrschende Siedlungsform auf dem Lande war die Villa rustica, ein Einzelgehöftkomplex, dessen Grösse von einem bäuerl. Mittelbetrieb bis zu einem Gutshof reichen konnte, auf dem sehr viele Leute lebten (Römischer Gutshof). Solche Gutshöfe konnten zu Siedlungskernen von ma. Dörfern werden, was aber nicht in jedem Fall heisst, dass Siedlungskontinuität vorliegt.
Autorin/Autor: Philippe Della Casa
Im Mittelland führten das Bevölkerungswachstum und die Ausbreitung der Dreizelgenwirtschaft mit kollektiv-genossenschaftl. Feldbestellung (Zelgensysteme) während des HochMA zum Ausbau bestehender Siedlungen und zum Zusammenschluss benachbarter Weiler und Höfe zu Dörfern. Es bildeten sich allmählich die unterschiedl. Siedlungszonen mit Dörfern bzw. mit Streusiedlungen heraus. Gunst oder Ungunst des Naturraums (Topografie, Klima, nutzbarer Boden, Wasservorkommen) entschieden über die Entwicklungschancen von Dörfern. Solche entstanden in Schutzlagen an Talrändern und -hängen, auf Talterrassen und Hochplateaus, wo auch Durchgangswege verliefen. Um möglichst wenig ackerfähiges Land überbauen zu müssen, wurden die Dorfanlagen meistens auf minimaler Fläche konzentriert (besonders ausgeprägt in Rebbaudörfern der West- und Südschweiz).
In der Endphase des Landesausbaus (13. und 1. Hälfte des 14. Jh.) führte der Bevölkerungsdruck dazu, dass aus Mangel an geeigneten Standorten immer mehr auch ungünstige Siedlungsplätze erschlossen wurden, die in der spätma. Krisenzeit aufgegeben werden mussten. Besonders Einzelhöfe und Weiler, deren Kulturland wenig hergab, waren von dieser Entwicklung betroffen. Vereinzelt wurden auch ganze Dörfer zu Wüstungen und verschwanden restlos (z.B. das Kirchdorf Waldkirch BE, das im 16. Jh. zu einer Weide des Nachbardorfes Niederbipp wurde). Im Allgemeinen aber erfuhren die dörfl. Siedlungen lediglich einen zeitlich begrenzten Schrumpfungsprozess durch den Abgang einzelner Höfe. Das im HochMA entstandene Siedlungsmuster blieb im Grossen und Ganzen bis zu Beginn der Industrialisierung bestehen. Im Alpenraum hingegen dürfte sich dieses auch noch später wesentlich verändert haben: So verdichteten sich Weiler z.T. erst in der frühen Neuzeit zu Dorfsiedlungen.
Die Grösse ma. Dörfer darf nicht überschätzt werden: Die Mehrzahl war mit 10-20 Gehöften (ca. 50-100 Einw.) klein bis mittelgross. Schon 3-5 Gehöfte (ca. 15-25 Einw.) galten als D. und 40-120 Höfe (ca. 200-600 Einw.) als Grossdorf wie z.B. Wohlen (AG) mit über 66 Höfen (12.-14. Jh.) oder Grossandelfingen mit 55-58 Haushalten (1467-70).
Zum Merkmal des D.es im Mittelland wurde der Etter, der prakt. und rechtl. Bedeutung hatte, indem er Mensch und Tier vor Eindringlingen schützte und den dörfl. Friedensbereich von der Flur und vom Flurrecht abgrenzte. Innerhalb des Etters lagen die privaten Hofstätten in eher zufälliger Gruppierung, jede mit Wohnhaus, Ökonomiegebäuden und Garten, durch einen Zaun gegen Nachbarn und den öffentl. Dorfbereich abgeschirmt. Dieser umfasste das Wegnetz (Dorfgassen), den Dorf- und Gerichtsplatz, die Brunnen und die Viehtränken.
Die gemeinsam genutzte gewerbl. Infrastruktur, ursprünglich herrschaftlich, später kommunal bzw. privat, bestand aus Ehaften wie Mühle, Wirtshaus, Schmiede, Trotte und Backofen. Allen dienten die vom D. oder vom Dorfpfarrer gehaltenen Zuchttiere (Stier, Hengst, Eber) und das Waschhaus. Grössere Dörfer zeichneten sich durch mehr Infrastruktur und öffentl. Institutionen wie Kirche, Marktplatz und herrschaftl. Dingplatz (Versammlungsort) aus, diese waren z.T. auch von regionaler Bedeutung.
Die an den Dorfraum grenzenden Fluren standen teils in Privatbesitz, so v.a. Äcker und Wiesen, teils in Gemeinnutzung wie Allmenden, Wälder und Weiden. Zum öffentl. Nutzungsbereich zählten Gewässer und das Strassennetz als Verbindung nach aussen. Bei der dörfl. Dreizelgenwirtschaft standen die privaten Äcker unter Flurzwang (Anbausorten, -termine); die angesäten Ackerflächen wurden durch Schutzzäune (Efad, Efried) vom beweideten Land abgetrennt. Innere und äussere Dorfanlage waren von der geografisch-topograf. Lage weitgehend geprägt, was insbesondere bei Dörfern am Transitverkehr, an wichtigen Verkehrswegen des Mittellandes und am Fuss der Pässe sowie bei Flussdörfern, ins Gewicht fiel. Deren Lage erforderte zwar vermehrte Aufwendungen, z.B. für Strassen, Brücken und Susten, brachte aber auch Verdienst, z.B. aus Geleite, Fähre und Flösserei.
Von den Dörfern des Mittellandes unterschieden sich die alpinen Dorfsiedlungen, deren Raumorganisation allerdings eine grosse Vielfalt aufwies. Im nördl. Tessin und in weiten Teilen des Wallis und Graubündens (nicht aber im Engadin) umfassten die Hauptsiedlungen im Tal primär Wohnbauten, während die Wirtschaftsgebäude oft auf mehreren Höhenstufen über die ganze Flur gestreut waren. Teilweise dienten die Nebensiedlungen auch als temporäre Wohnsitze, wie die Maiensässe im Tessin, in deren Umgebung nicht nur Wiesen und Weiden, sondern auch Äcker bewirtschaftet wurden.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Bis ins 14. Jh. lag zwischen den Dörfern noch eine Art "Niemandsland", je nach Region wenig begangener Urwald, in der Mehrzahl aber Moor- und Waldflächen, die von den Dörfern aus beweidet wurden. Verstärkte Weidetätigkeit und wachsende Herden führten ab 1300 zum Streit zwischen Nachbardörfern um das nicht aufgeteilte Land. Man behalf sich vorerst mit Absprachen um interkommunale Weidgänge, bis die aufreibenden Konflikte vom 15. Jh. an die Festlegung von Grenzen erzwangen. Hier liegt der Ursprung der meisten heutigen Gemeindegrenzen, die für lange Zeit sichtbar aus Holzzäunen zwischen Weiden bestanden. Zahlreich waren auch Konflikte zwischen Dorfgemeinschaften und Einzelhöfen in der Umgebung der Dörfer. Aussenhöfe hegten ihr Land ein (deshalb auch "Steckhöfe" genannt) und verwehrten dem Dorfvieh den Zugang, beanspruchten aber, Dorfallmende, Brach- und Stoppelweide nutzen zu können.
In der Voralpen- und Alpenregion kam es ebenfalls zur Ausscheidung von Nutzungsgrenzen zwischen den lokalen Siedlungsverbänden (in der Leventina schon 1227, in Val Lavizzara 1374). Auf der polit. Ebene spielte sich allerdings eine entgegengesetzte Entwicklung ab: Vom 13. Jh. an schlossen sich Dörfer, Weiler und Einzelhöfe zur Erreichung polit. und wirtschaftl. Ziele zu Talschaften zusammen.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Viele Dörfer entstanden aus grundherrschaftl. Siedlungsverbänden, besonders aus solchen der im Landesausbau tätigen Mönchsorden (u.a. Benediktiner). Auch die im SpätMA aufgelösten Eigenwirtschaften der Zisterzienser (Grangien), ebenso Grundherrschaften anderer geistl. und weltl. Herren konnten Ausgangspunkt für die Dorfbildung sein, wobei es keine Rolle spielte, ob ein oder mehrere Grundherren im selben Ort über "Land und Leute" geboten. Sass der Grundherr selbst mit Burg oder Kloster im D., war er mit und neben den Dorfleuten an der Flur beteiligt und musste sich mit diesen absprechen.
Mit der Auflösung vieler grundherrl. Eigenbetriebe verlagerte sich die Herrengewalt auf die Gerichtsherrschaft im D. (Twing und Bann). Dorfleute übernahmen nun ursprünglich herrschaftl. Ordnungsaufgaben neben oder anstatt der Herrschaft, womit Aufsichtsfunktionen (z.B. Kontrolle der Zäune, Öfen, Brunnen) und das Recht zu büssen allmählich an das D. überging. Ehemalige herrschaftl. Beamte wurden zu Dorfbeamten wie der Bannwart, Hirt, Vierer, Weinschätzer usw.; oft blieb der Herrschaft nur noch die Bestellung der höheren Ämter (Ammann, Meier, Weibel, Untervogt). Durch Teilhabe an der Herrschaft und Mitwirkung im Gericht bildete sich als Ersatz für die einstige Hofgenossenschaft die Gemeinde der Dorfleute (Baursame). Diese entwickelte sich oft zum aktiven Gegenspieler der Herrschaft, insbesondere wenn Bauern an Allmenden, Wäldern und Bewässerungen, an denen sie nur Nutzungsrechte hatten, Eigentumsansprüche durchzusetzen versuchten. Daraus entstandene Streitigkeiten und Prozesse konnten sich über Jahrzehnte hinwegziehen (Nutzungskonflikte).
Bei wachsender Bevölkerung wurde das Zusammenleben im D. komplizierter und musste geregelt werden. Während Ordnungsaufgaben im Dorfinnern und auf der Flur anfänglich z.T. noch durch herrschaftl. Hofrechte geregelt waren, begannen grössere Dörfer im 14. Jh. ihre Dorfwirtschaft und das dörfl. Zusammenleben selber zu ordnen. Das Dorfrecht wurde dem D. vom Herrn verliehen oder im Dorfgericht unter Mitwirkung der Dorfgenossen aufgestellt und beschworen. Als Offnung vom 15. Jh. an verschriftlicht, wurde es später erneuert und ergänzt (z.B. Wohlen AG: 1406 erstellt, 1487, 1609, 1691 und 1703-05 erneuert). Geregelt wurden u.a. die Aufnahme und Besteuerung neuer Dorfgenossen, die Wahl von Dorfbeamten, der Weinausschank, der Bau und Unterhalt von Wegen, Brücken und Zäunen. Periodisch wurde das Dorfrecht an der Dorfversammlung vorgelesen und von ihr beschworen.
Dorfrecht (Rechtsame, Gerechtigkeit) hiess auch das an den Hofbesitz gebundene und z.T. nach diesem bemessene Nutzungsrecht an den Dorfgütern, das sich mit dem Hof vererbte und bei der Hofteilung ebenfalls aufgeteilt wurde. Zuzüger hatten sich einzukaufen. Beim Wegzug verlor der Dorfgenosse das Dorfrecht, das an den Wohnsitz gebunden war; kehrte er zurück, musste er es erneuern lassen. Nur Leute mit Dorfrecht waren in der Gemeinde stimmberechtigt und in Dorfämter wählbar.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Neben der dominierenden Landwirtschaft umfasste die dörfl. Wirtschaft auch ergänzende Handwerke. Diese entwickelten sich im 15. und 16. Jh. aus dem grundherrl. Hofgewerbe zum dörfl. Bedarfsgewerbe und von bäuerl. Nebengewerben zur Haupttätigkeit. Je nach Ort wurde auch für die Märkte der Umgebung oder den Export (v.a. Weberei) produziert. Viele Dörfer wiesen eine charakteristische, ihrer Lage und der landwirtschaftl. Spezialisierung angepasste gewerbl. Struktur auf: Zum See- und Flussdorf gehörten Fischerei, Flösserei und Schiffsbau, zum D., das an einer wichtigen Verkehrsverbindung lag, Gasthäuser, Fuhrhalterei, Schmiede und Wagnerei, zum Rebbaudorf die Küferei.
Von Anfang an waren die Dörfer sozial gegliedert. Die Grundherrschaft stützte sich auf grosse (Huben) und mittlere bäuerl. Betriebe ( Schupposen) sowie auf Tagländer (lat. diurnales, Kleinanwesen) ab. Auch als die Bauern im SpätMA durch die Gewährung der Erbleihe Nutzungseigentümer an ihren Gütern geworden waren, lebte diese Gliederung in den dörfl. "Besitzklassen" der reichen Bauern (Huber, Meier), der mittleren Bauern (Schuppisser) und der Taglöhner weiter.
Im Dorfleben waren unterschiedliche genossenschaftl. Vereinigungen der Dorfleute integriert. Sozusagen als Gegenpol zur Gemeinde der stimmfähigen Männer vertraten Knabenschaften (Abteien) die Anliegen der ledigen jungen Männer, religiöse Bruderschaften entstanden v.a. in Pestzeiten, und schon im 15. Jh. gründeten Landhandwerker erste berufl. Bruderschaften (Zünfte).
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Das erneute Bevölkerungswachstum der Frühneuzeit, das auf dem Land je nach Region im letzten Viertel des 15. oder zu Beginn des 16. Jh. einsetzte, löste in den Dörfern neue Bautätigkeit aus. Allgemein herrschte die Tendenz vor, neue Häuser v.a. innerhalb des Etters auf unüberbauten, bestehenden Ehofstätten oder auf neu durch Obrigkeit und Dorfgemeinde bewilligten zu errichten. Da Ackerland die Grundlage der bäuerl. Existenz war, wurde dieses nur beschränkt zur Erweiterung des dörfl. Baugrundes freigegeben und in den Etterraum einbezogen. Aber auch dem Hausbau innerhalb des Etters waren Grenzen gesetzt, da bei der Holzbauweise und z.T. Strohbedachung jede Siedlungsverdichtung die Gefahr von Dorfbränden vergrösserte. Zudem lag die beliebige Vermehrung von nutzungsberechtigten Höfen nicht im Interesse der Dorfgemeinschaft. Vom 17. Jh. an haben v.a. grosse Dörfer die Schaffung neuer Ehofstätten und Neubauten durch Baureglemente praktisch unterbunden.
Der wachsenden Bevölkerung blieb daher nur die Unterteilung bestehender Häuser in mehrere Wohneinheiten: Wohn- und Ökonomieräume wurden unterteilt, Küche, Keller und Gang meist gemeinsam genutzt. Da das dörfl. Genossenrecht am Hausbesitz hing, waren Hausanteile überwiegend Eigentum ihrer Bewohner. In der Regel ging die Teilung quer durch die Häuser: 1798 waren in Wohlen (AG) von 92 Häusern deren 66 unter 2-9 Familien aufgeteilt - bei durchschnittl. Belegung mit 15 Personen pro Haus ergaben sich höchst prekäre Wohnverhältnisse. Vergleichsweise besser war die Wohnsituation in Kleinstädten (z.B. 1798: Aarau 6,1 Einwohner pro Haus; Brugg 4,8), dies als Folge einer rigoros praktizierten Abschliessung der Städte gegenüber Zuzügern. Auch die Dörfer wehrten sich im 17. und 18. Jh. mit hohen Einkaufsgebühren und dem Näherkaufsrecht für Dorfbewohner gegen den Zuzug von Auswärtigen.
Da die Dörfer armen Leuten die Niederlassung erschwerten, wichen diese, z.T. in wilder Landnahme, auf schlechte, für die bäuerl. Lebensweise ungeeignete Böden am Rand von Dörfern aus, v.a. auf Allmenden, Schachen (Flussauen) und in Schluchten, und leiteten damit den frühneuzeitl. Siedlungsausbau ein. Im 16. und 17. Jh. entstanden durch die Ansiedlung von Taunern, Heimarbeitern und Störhandwerkern Allmend- und Schachendörfer, die sich aus kleinen Häusern mit wenig Land für die Selbstversorgung zusammensetzten. Solche Armendörfer waren rechtlich benachteiligt und entbehrten einer dörfl. Infrastruktur, so dass sie wirtschaftlich vom alten D. abhängig blieben.
Sonderdörfer, viele mit Wurzeln im SpätMA, werden in der Frühneuzeit besser fassbar. Dazu zählen die saisonal bewohnten Maiensäss- und Alpdörfer mit minimaler Infrastruktur, aber auch Hüttendörfer in den Regionen des Bergbaus und der Glasproduktion mit dominierenden Gewerbebauten (Hochofen, Glasofen, Hammerschmiede, Giesserei) neben Taverne und Knappenhaus (Reste z.B. in Lauterbrunnen). Neu wurden durch Brand zerstörte Dörfer als Plansiedlungen nach Bauvorschriften der Obrigkeit wieder aufgebaut (z.B. 1557-60 Roggwil und Madiswil im Oberaargau).
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Zwar blieb im frühneuzeitl. D. die Landwirtschaft Grundlage der Dorfwirtschaft. Beim geltenden Erbrecht mit Realteilung ernährten aber viele stark unterteilte Höfe die bäuerl. Familien nicht mehr, so dass nur Zusatzverdienst, v.a. aus Taglöhnerei und nebengewerbl. Handwerk, das Überleben sicherte. Aus dieser Notlage entwickelten sich noch im 16. Jh. das Dorfhandwerk und etwas später die verlagsweise Heimarbeit zu dörfl. Wirtschaftszweigen. Damit boten frühneuzeitl. Dörfer ähnlich wie Städte unterschiedl. Existenzmöglichkeiten und verschafften vielen Mittellosen ein Einkommen. Einzelne Dörfer entwickelten sich zu bedeutenden Zentren der meist regional spezialisierten gewerbl. Produktion.
Wirtschaftl. Wandel und Bevölkerungswachstum veränderten das soziale Gefüge in gewerblich und in landwirtschaftlich geprägten Dörfern nachhaltig. Der schmaler werdenden Oberschicht aus Vollbauern und hofbesitzenden Gewerbetreibenden und einer bäuerlich-gewerbl. Mittelschicht stand eine überproportional wachsende Unterschicht gegenüber. An der Wertschätzung der einzelnen Schichten änderte sich allerdings wenig. Die vollbäuerl. Lebensweise galt nach wie vor als erstrebenswertes Ideal, obschon sie für die Mehrheit der Dorfbewohner unerreichbar blieb. Die Angehörigen der landlosen und kleinbäuerl. Schichten, im 18. Jh. fast überall in der Mehrheit, suchten sich mit Hackbau in Bünte und Garten und einigen Ziegen so gut wie möglich selbst zu versorgen.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
In mancher Beziehung ähnelten sich dörfl. und kleinstädt. Verhältnisse: D. und Kleinstadt beharrten auf den hergebrachten Dorf- bzw. Stadtrechten und ergänzten diese bloss durch neue Satzungen. Hier wie dort bildete die kollektiv-genossenschaftl. Arbeit bzw. Nutzung gemeinsamer Güter und Anlagen die Basis der Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft, an der nur Anteil hatte, wer das volle Bürgerrecht hatte. Hintersassen aber blieben meist ausgeschlossen.
Hier wie dort bildeten sich Familienherrschaften, im D. eigentl. "Dorfpatriziate", die oft über Generationen dörfl. und kirchl. Ämter (Gerichtssässe, Chorrichter, Untervogt usw.) besetzten und als Dorfvorsteher (Ehrbarkeit) ihr D. nach aussen vertraten. Sie verfügten über ein in der tägl. Praxis erworbenes Rechtswissen, kannten sich im Schriftverkehr aus und führten ihr eigenes Siegel. Besonders Korn- und Weinhandel treibende Grossbauern, Müller und Wirte waren oft durch Heiraten mit gleichgestellten Familien anderer Dörfer liiert.
Der Dorfbevölkerung des Ancien Régime waren städt. Art und Lebensweise stetes Vorbild: Vom 17. Jh. an nannten sich die Dorfgenossen "Bürger". Sie ahmten städt. Moden in der Kleidung, im Würfel- und Kartenspiel, beim Konsum von Kaffee, Branntwein und Tabak nach, auch wenn sie dabei gegen obrigkeitl. Mandate verstiessen. Sie führten, städt. Kultur nacheifernd, dörfl. Theater- und Lesegesellschaften ein, und die Dorfmagnaten liessen sich samt Ehefrau porträtieren. Die Stadt erwies dem D. insgesamt wenig Gegenliebe: Während die Oberschicht, über ihre Landgüter mit dem Dorfleben verbunden, im Umgang mit Dorfbewohnern keine Mühe zeigte, v.a. Landvögte willkommene Taufpaten von Kindern der Ehrbarkeit und Auftraggeber der billiger arbeitenden Dorfmeister waren, legte umgekehrt die städt. Handwerkerschaft Verachtung für Dorfmeister an den Tag. Diese wurden einerseits verächtlich als Stümper (Nichtskönner) tituliert und schikaniert, anderseits aber auch um ihre bessere Selbstversorgung aus Bünte und Garten benieden.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Vielerorts entzweiten Kämpfe der Tauner gegen die Bauern um den Gemeinnutzen und Machtkämpfe zwischen Parteien und Familien um Besitz und Position ganze Dorfschaften, Nachbarn stritten in kleinl. Prozessen um schlecht gemachte Zäune und Wegrechte, regulär ausgebildete Dorfmeister gingen gegen Heimweber und Stümper vor. Dorfleben war für viele mit Mangelernährung und Hunger infolge saisonaler Krisen verbunden. Dem Dorfbewohner erschien daher die nahe Stadt als geschützter Hafen, deren Bürger durch soziale Institutionen in Krankheit, Armut und Alter einen gewissen Schutz genossen, wohingegen den armen, kranken und alten Dorfbürgern die entehrende Versorgung "im Kehrgang" (d.h. turnusmässige Unterbringung bei anderen Familien) drohte. Im Unterschied zur abgeschirmten, daher wenig innovativen Kleinstadt war das D. in der Regel offener gegenüber neuen, alternativen gewerbl. und kaufmänn. Berufen. Hier siedelten sich Krämer, Textilverleger, Hausierer, Orgelbauer, Bierbrauer usw. an, mit dem Resultat, dass bereits im 18. Jh. grosse Gewerbedörfer den meisten Kleinstädten den Rang abliefen und gerüstet waren für den wirtschaftlich-technischen und industriellen Wandel nach 1800.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Die Helvetik stellt für die Geschichte des D.es eine wichtige Zäsur dar. Nach jahrhundertelanger Unterstellung unter die städt. Herrschaft erlangte es die rechtl. Gleichstellung, seine Bewohner waren nicht mehr Untertanen, sondern gleichberechtigte Bürger. Durch die Munizipalverfassung wurden die Dörfer rechtlich, politisch und verwaltungsmässig zu Gemeinden erhoben und dank der - allerdings nur schrittweise durchgesetzten - Handels- und Gewerbefreiheit auch wirtschaftlich und sozial gleichgestellt.
Die Niederlassungsfreiheit bedeutete für die Dörfer eine grosse Umstellung. Die rechtl. Schranken zum Fernhalten von Zuzügern fielen weg. Da man die Nutzung der Gemeindegüter aber weiterhin nicht allen Dorfbewohnern zugänglich machen wollte, wurde neben der neuen Einwohnergemeinde an fast allen Orten eine Bürgergemeinde (auch Ortsbürgergemeinde oder Korporation genannt) gegründet, welche die Inhaber der alten Allmend- und Waldnutzungsrechte umfasste. Der Ausscheidungsprozess zwischen den versch. Gemeindeformen konnte sich über Jahrzehnte hinziehen; je grösser die Gemeingüter waren, desto hartnäckiger verliefen die Auseinandersetzungen.
Die neuen Freiheiten bewirkten bis in die 1830er Jahre ein allg. Bevölkerungswachstum, dank steigender landwirtschaftl. Produktion sowohl in agrar. Dörfern als insbesondere auch in wirtschaftlich diversifizierten Handwerker- und Heimarbeiterdörfern. Trotz Agrarreformen war die Raumordnung in vielen Dörfern des Mittellandes weiterhin von der Dreizelgenwirtschaft geprägt, so dass das Ackerland vorerst von der Überbauung verschont blieb.
Der grosse Wandel kam ab 1850 mit Eisenbahnbau und fortschreitender Industrialisierung, die das D. in einen bis heute wirksamen Veränderungsprozess einbezogen: Bevölkerung und Industrie konzentrierten sich zunehmend entlang den neuen Verkehrsträgern und Energieverteilern. Die bestehenden Städte wuchsen schnell an, neue Industriestädte entstanden. Der Anteil der in Dörfern lebenden Bevölkerung ging stark zurück. Allerdings waren die ländl. Siedlungen von dieser Entwicklung unterschiedlich betroffen. Abgelegene Dörfer erlitten durch die Abwanderung erhebl. Bevölkerungsverluste. Gut erschlossene Dörfer v.a. in Gebieten mit heimindustrieller Tradition entwickelten sich zu Industrie- und Arbeiterdörfern, eine Tendenz, die in der Schweiz ausgeprägt war, weil die Industrialisierung vergleichsweise dezentral verlief. In Dörfern, die von der Eisenbahn erschlossen wurden, veränderte sich das Siedlungsgefüge markant: Die Bahnhofstrasse wurde zur ersten Geschäftsstrasse und oft auch zum Kern des ersten Dorfquartiers. Vororte schlossen sich ab 1860-70 in rascher Entwicklung dem städt. Wachstum an und erlebten in Bauweise und -dichte eine massive Urbanisierung. Ihnen brachte die Verstädterung, wie z.B. dem Industriedorf Oerlikon (seit 1934 Gem. Zürich), schon bald nach 1900 Errungenschaften wie Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk, Abfuhrwesen, moderne Schulhäuser, Krankenautobetrieb, unentgeltl. Geburtshilfe, Arbeitslosenversicherung, Tramlinie, Wochenmarkt und tieferen Steuerfuss. In den Vororten zeichneten sich nach 1860 zukünftige Agglomerationen ab bzw. bereiteten sich spätere Eingemeindungen (Gemeindezusammenschluss) vor, die 1893 in Zürich erstmals entscheidend zur Ausdehnung der Stadt beitrugen. Im Zeichen des Tourismus wandelten sich derweil Dörfer an Seen und im Berggebiet zu Fremdenverkehrsstädten, wie u.a. Montreux, Interlaken und St. Moritz.
Nach 1960 leitete die allg. Motorisierung die Verstädterung des D.es ein. Sie löste den Bauboom aus, der rund um stadtnahe Dörfer Neubauquartiere und ganze Schlafstädte entstehen liess. Die einst das dörfl. Leben prägende Landwirtschaft wurde selbst in stadtfernen Gemeinden immer mehr in eine Nebenrolle gedrängt. Eine gewisse "Entstädterung" brachte ab 1970 ein mehr flächenhaftes Bevölkerungswachstum: Autobahnen und tiefe Benzinpreise erlaubten einer wachsenden Zahl von Pendlern, ihren Wohnort fast beliebig dezentral vom Arbeitsort zu wählen. Dies führte zu einer Ausdehnung des äusseren städt. Agglomerationsgürtel auf Dörfer in immer weiterem Umkreis um die Stadt, der im Fall von Basel, Genf und Zürich weit über die Kantons- bzw. über die Landesgrenze reicht. Auch das Mendrisiotto ist heute in eine grenzüberschreitende Agglomeration mit Como und Varese eingebunden.
In diesem 150 Jahre währenden Prozess war das D. existenzbedrohender Veränderung ausgesetzt: Einerseits entvölkerte die Abwanderung aus Randgebieten, v.a. aus der alpinen Zone der Kt. Graubünden und Tessin, aber auch aus verkehrsfernen Regionen des Hügellandes, des Napf- und Voralpengebiets und Juras ganze Dörfer. Anderseits wuchsen im Zeichen des "schweiz. Wirtschaftswunders" der Nachkriegszeit Industrie- und Tourismusdörfer zu Städten heran; Vororte wurden zu Trabantenstädten oder Stadtquartieren. Mit neuen Funktionen, z.B. von regionalen Einkaufs- und Verteilzentren des Versandhandels, entwickelten sich verkehrsgünstig gelegene Dörfer wie das aarg. Spreitenbach (2010 10'831 Einwohner aus über 70 Nationen) zu grossen Agglomerationssiedlungen mit hohem Immigrantenanteil und mit einem von Hochhäusern geprägten Ortsbild.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Bis in die 1960er Jahre, als eine überhitzte Siedlungsentwicklung einsetzte, hatten die alten Industriedörfer ihren dörfl. Charakter meist bewahrt. Sie boten den hässlichen Anblick ungeregelter Überbauung wie das Strohindustriedorf Wohlen (AG) mit kunterbunt aneinandergereihten Verlegerhäusern, Fabrikantenvillen, Fabriken, Bauernhöfen, Wohnhäusern mit Läden und ersten Warenhäusern. Die Arbeiterschaft, mehrheitlich aus dem D. selbst, war integriert. Für Zuzüger gab es firmeneigene Arbeiterhäuser am Dorfrand mit Pflanzland zur allgemein üblichen Selbstversorgung. Noch führten dörfl. Markttage, Feste und Theateraufführungen der Jugendvereine die Einwohner auch des Grossdorfs zusammen. Erst nach 1960 verdrängte der Verkehr Leichenzüge und kirchl. Prozessionen von der Hauptstrasse und bewog die letzten Bauern zur Aussiedlung aus dem Dorf. Nun erst entstanden mit dem Zuzug von Arbeitskräften, darunter immer mehr Immigranten, Neubauquartiere mit Quartierschulhaus, Sportplatz, Schwimmbad und Filialen der Grossverteiler, Banken und der Post. Trotz eigener Infrastruktur stellte sich ein Gemeinschaftsgefühl weder im Quartier noch im D. ein. Das D. war zwar verstädtert, doch war es weit entfernt davon, Stadt zu sein. Nicht zuletzt fehlte trotz Anstrengungen (u.a. Ausstellungen, Kirchenkonzerte, Vortragsreihen) das kulturelle Angebot der Stadt.
Schon in den 1960er Jahren setzte in grösseren Industriedörfern eine Art Rückbesinnung auf das D. ein: Ortsgeschichten wurden in Auftrag gegeben und der Grundstein zu Ortsmuseen gelegt. Eingeschlafene Bräuche und Feste wie Ernte- und Waldfeste, Fasnachts- und Räbeliechtli-Umzüge lebten wieder auf. Mit der Popularisierung des Heimatschutzgedankens in den 1970er Jahren bildeten sich Dorfvereine zur Pflege des Dorfbildes und Erhaltung hist. Gebäude. In den gesichtslosen, neu erstellten Quartieren schuf man "Dorfplätze". Vieles entstand auf Privatinitiative, oft mehr durch Zugezogene als Alteingesessene. Insbesondere die Kirchen engagierten sich mit gemeinsamen Anlässen in neuen kirchl. Zentren.
Obschon längst im Siedlungsbild der Stadt aufgegangen, hatten einst selbstständige Dörfer als Quartiere grosser Städte nie aufgehört, ihre Sonderart zu behaupten und zu betonen. Sie pflegen Reste ihrer einstigen dörfl. Infrastruktur von der Dorfkirche, über alte Bauten bis hin zur dörfl. Ladenstruktur. Ihre auf das ehemalige D. bezogene Quartierkultur äussert sich in regem Vereinsleben, in Vereins- und Quartierfesten, in Quartiermuseen und -festschriften.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Anders lagen die Probleme in bäuerl.-kleingewerbl. Dörfern. Noch blieb trotz Abschaffung des Zelgbaus genossenschaftl. Arbeit, z.B. im Wegbau, bei Meliorationen und Güterzusammenlegungen, ein alle verbindendes Element. Der Wandel kam durch die Mechanisierung und Motorisierung, die Arbeitskräfte überflüssig machten, und im Alpwirtschaftsgebiet durch Wegbau, die Sommerdörfer unbewohnt lässt, weil Alpen vom Taldorf aus betrieben werden. Viele Dörfler wanderten mangels Arbeitsstellen ab, was die dörfl. Infrastruktur schrumpfen liess. Um als D. zu überleben, entschied man sich zu übergemeindl. Infrastruktur: Schulhaus, Altersheim, Gesundheitswesen, Kläranlagen usw. werden von Nachbardörfern im Gemeindeverband betrieben und genutzt.
Übergänge zwischen Stadt und D. sind heute fliessend, zumal vieles, was einst nur die Stadt auszeichnete, Allgemeingut geworden ist. Neu ist hingegen ein wieder erwachtes Selbstbewusstsein des D.es, nicht zuletzt, weil immer noch viele Menschen, selbst wenn sie ihr Brot in der Stadt verdienen, das Leben im D. wählen, sei es, um sich das Einfamilienhaus und ihren Kindern einen sichereren Schulweg zu leisten, sei es in der Erwartung nach mehr Lebensqualität. Trotz enormen Veränderungen in den letzten zwei Jahrhunderten lebt so ein Teil der nachbarschaftlich-dörfl. Werte weiter.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler