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Sind Computer die besseren Anwälte? Drei Studenten der University of Cambridge wollten es herausfinden und haben einen ungewöhnlichen Wettbewerb organisiert: Sie liessen 112 Londoner Anwälte gegen die künstliche Intelligenz «Case Cruncher Alpha» antreten. Die Maschine gewann die «Lawyer Challenge». Und das nicht knapp.
Das Experiment
Während einer Woche bearbeiteten die Anwälte anonymisierte britische Versicherungsfälle. Dieselben Fälle hatte zuvor der Ombudsmann beurteilt und überprüft, ob ein Versicherungsanspruch besteht. «Case Cruncher Alpha» erhielt in derselben Zeit die gleiche Aufgabe.
Während die Anwälte am Ende der Woche zusammen 775 Fälle einreichen konnten, ackerte sich der Computer durch alle ihm gefütterten Fälle: insgesamt 23'291.
Computer schlägt Anwalt
Der Computer war aber nicht nur effizienter, er hatte auch die bessere Trefferquote. Er entschied 21'174 Fälle (86,6 Prozent) so wie der Ombudsmann. Die 112 Anwälte kamen auf eine Erfolgsquote von 62,3 Prozent.
Auch ein Blick auf die Kosten lässt die Anwälte alt aussehen. Für den von den Studenten entwickelten Algorithmus fielen einmalige Hardware- und Entwicklungskosten an, zuzüglich Strom. In der Annahme, ein britischer Anwalt verdient 300 Pfund (rund 390 Franken) pro Stunde und die Bearbeitung eines Falles hätte eine Stunde gedauert, wäre die Kostenrechnung für die 775 Fälle explodiert: 232'500 Pfund wären angefallen.
Ist «Case Cruncher Alpha» also echte Konkurrenz für Anwälte oder sogar für Richter? Ludwig Bull, das wissenschaftliche Hirn hinter der «Lawyer Challenge», winkt ab. Aber die künstliche Intelligenz (KI) biete eine neue Bewertungsmethode, eine Art neue Benchmark. Was in den Gerichtsälen passiere, könne so quantitativ durchleuchtet werden, nicht nur durch Sprache, sondern auch durch Mathematik, erklärt Bull im Interview.
Ludwig Bull
Initiator «Lawyer Challenge» und Co-Gründer von CourtQuant
Der 22-Jährige ist zwar in Deutschland geboren, hat aber den Grossteil seines Lebens in den USA, Russland und Frankreich verbracht. Vor kurzen schloss er sein Jura-Studium an der University of Cambridge ab. Nebenbei hatte er sich die Grundlagen von Informatik und maschinellen Lernverfahren in einem Fernkurs der Universität Stanford angeeignet.
SRF News: Die Resultate des Experimentes «Lawyer Challenge» sind eindeutig. Müssen Anwälte jetzt Angst um ihren Job haben?
Ludwig Bull: Die Angst vor Vollautomatisierung ist übertrieben. Der Beruf des Juristen ist viel zu komplex. Kundenberatung, Verhandlung, Verträge entwerfen zum Beispiel kann durch künstliche Intelligenz nicht vollständig automatisiert werden.
Was die Voraussage des Ausgangs von Fällen angeht, kristallisiert sich jedoch immer mehr heraus, dass Juristen dies nicht so gut können wie künstliche Intelligenz. Das hat unsere «Lawyer Challenge» gezeigt. Es wird einige Jahre dauern, bis die Anwälte begreifen, dass gewisse Sparten ihrer Arbeit nicht so rechtlich kompliziert sind, wie die meisten denken.
Ideologische Präferenzen sind schwer mit Gerechtigkeit zu vereinbaren.
Wie entstand die Idee zum Experiment?
Bereits während des Studiums störte mich, dass Rechtswissenschaft nicht als exakte Wissenschaft betrieben wird. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass mit Sprache keine absoluten, wissenschaftlich korrekten Aussagen getroffen werden können. Deshalb belegte ich fast nur noch Informatik-Kurse. Die gelernten Informationen über künstliche Intelligenz wendete ich dann immer mehr darauf an, rechtliche Daten zu durchleuchten.
Wozu kann künstliche Intelligenz im Recht einen Beitrag leisten?
Das Ergebnis eines Falles hängt viel weniger vom geltenden Recht und Fakten ab, sondern von den ideologischen Präferenzen von Richtern und dem Zusammenspiel von verschiedenen Personen, Instanzen und der Identität des Klägers. Diese Faktoren sind wichtig, um den Erfolg einer Klage vorauszusagen. Wenn Richter wegen ihren Entscheidungen in der Kritik stehen, wie dies auch in der Schweiz zum Beispiel bei der Ausschaffungspraxis der Fall ist, ist Transparenz noch viel wichtiger.
Ideologische Präferenzen sind schwer mit Gerechtigkeit zu vereinbaren. Mir träumte es von einem perfekten, neutralen Richter. Darum habe ich mit meinem ehemaligen Mitstudenten «CourtQuant» gegründet, weil wir diesen Missstand des Transparenzproblems lösen wollen.
Worum geht es beim Projekt «CourtQuant»?
Wir haben die Technologie der Challenge in eine Plattform eingebettet, die für jeden zugänglich ist. Habe ich ein Rechtsproblem, kann ich dieses auf der Plattform eingeben und bekomme drei Antworten: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, den Fall zu gewinnen? Wie wahrscheinlich ist es, dass der eingegebene Anwalt den Fall für mich gewinnt? Und drittens: Welcher Anwalt in meiner Gerichtsbarkeit meinen Fall am ehesten für mich gewinnen könnte.
Auf welchen Daten basiert die Plattform?
«CourtQuant» bedient sich öffentlich zugänglichen Datenbanken, oder die Daten müssen von Verlagen gekauft werden. Gerichtsurteile sind in der Regel öffentlich einsehbar, da öffentliches Interesse für deren Offenlegung besteht.
Nach dem Sammeln der Daten werden die Namen von Anwälten, Richtern und weitere benötigte Fakten durch Algorithmen extrahiert. Daraus setzt sich der Meta-Datenpool zusammen. Wir können anhand dieser riesigen Datenmengen Faktoren identifizieren, welche Fallausgänge beeinflussen.
In der EU und den USA ist der Zugang zu den Daten sehr leicht. Nächstes Ziel zur Erweiterung ist die Schweiz.
Das Gespräch führte Viviane Soldenhoff.