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Er eroberte ein Weltreich, dann raffte eine ominöse Krankheit Alexander den Grossen dahin. Weil sein Körper nicht verweste, hielt man ihn für einen Gott. Jetzt äussert eine Forscherin eine schreckliche Vermutung.
Der Scheintod ist einer der schlimmsten Albträume. Dazuliegen, ohne sich bemerkbar machen zu können. Das Klagen der Hinterbliebenen zu hören, ohne sie trösten zu können. Den Vorbereitungen der Bestatter ausgesetzt zu sein, ohne sich wehren zu können. Und schliesslich im Dunkeln des Grabes zu liegen und zu wissen, es gibt keinen Weg mehr zurück.
Möglicherweise musste der makedonische Herrscher Alexander der Grosse vor seinem Tod diesen Albtraum durchleben. Das vermutet die Medizinerin Katherine Hall von der neuseeländischen Universität von Otago. Denn der Feldherr, schreibt sie in einem Aufsatz im «Ancient History Bulletin», habe möglicherweise am Guillain-Barré-Syndrom gelitten.
Mit Arrian, Plutarch, Diodorus and Curtius beschreiben gleich vier antike Autoren den Tod Alexanders des Grossen mal mehr und mal weniger ausführlich. Zwar verfassten sie alle ihre Berichte erst lange nach dem Ableben des Makedonenherrschers, doch stimmen die Beschreibungen weitgehend überein. Nach einem Trinkgelage begann Alexander, über Unwohlsein und ein leichtes Fieber zu klagen.
Seine Truppen aber brauchten ihn. Vier Tage lang schleppte er sich weiterhin durch die Stadt Babylon, wo er mit seiner Armee gerade die Eroberung der Arabischen Halbinsel vorbereitete. Doch seine Kräfte liessen nach, immer öfter mussten Diener ihn stützen oder sogar tragen. Das Fieber wurde immer stärker.
Neun Tage nach den ersten Anzeichen der Krankheit ging es ihm sehr schlecht. Sprechen konnte er da bereits nicht mehr, doch sein Geist war wach wie immer. Am folgenden Tag liess er seine Soldaten noch in einer Parade an sich vorbei marschieren und «grüsste jeden Einzelnen von ihnen, hob seinen Kopf und gab ihm, auch wenn es ihm sehr schwer fiel, ein Zeichen mit seinen Augen», berichtet Arrian. Alexander der Grosse starb am elften Tag seiner Krankheit, am 28. Tag des Monats Daesius, dem 10. Juni im Jahr 323 vor Christus. Es war Sommer in Mesopotamien und unerträglich heiss. Doch merkwürdigerweise, schreibt Curtius, zeigte Alexanders Körper sechs Tage lang keinerlei Anzeichen des Todes.
Über den Tod des Herrschers ist viel spekuliert worden. An übermässigem Alkoholkonsum sei er gestorben, an Malaria , an Typhus, am West-Nil-Fieber oder gar an den Folgen eines Giftanschlags, mutmassten moderne Forscher. Doch die meisten Thesen basierten nur auf der Beschreibung der Krankheitssymptome. Der merkwürdige Zustand des Körpers nach dem Tod wurde meist als frei erfunden abgetan, als angeblicher Beleg für die Göttlichkeit des verstorbenen Herrschers.
Er sei aber gut zu erklären, wenn Alexander gar nicht tot war, sondern nur scheintot, schreibt Hall nun in ihrem Aufsatz. Dann passe das Krankheitsbild hervorragend auf die Diagnose Guillain-Barré-Syndrom, ausgelöst durch eine Infektion mit Campylobacter pylori, einer häufig vorkommenden Bakterienart.
Die Autoimmunreaktion von Alexanders Körper auf die Infektion lähmte von den Beinen aufsteigend seine Muskeln, reduzierte den Sauerstoffbedarf, verlangsamte seine Atmung und führte nach Abklingen der anfänglichen Fieberschübe zu einer Unterkühlung. Als sich dann auch noch seine Pupillen weiteten und erstarrten, wurde der grosse Makedone für tot erklärt – obwohl er möglicherweise noch tagelang im Koma weiterlebte.
Zu dieser Diagnose, berichtet Hall, passen nicht nur die Symptome, sondern auch die Umstände von Alexanders Tod. Zum einen komme die Variante des Guillain-Barré-Syndroms, die Hall als Todesursache im Verdacht hat, besonders häufig im Gebiet des heutigen Irak vor, im antiken Mesopotamien. Sie trete vornehmlich im späten Frühjahr oder Frühsommer auf, befalle mehr Männer als Frauen und treffe vor allem Menschen im mittleren Alter von durchschnittlich 32 Jahren. Als Alexander in Babylon rund 90 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt Bagdad zu Beginn des Sommers ins Koma fiel, war er gerade 32 Jahre alt.
Wie aber konnte niemand bemerken, dass der Herrscher noch am Leben war? Der Tod ist, anders als landläufig vermutet, gar kein punktuelles Ereignis, sondern ein Prozess – und damit nicht klar definiert. Es gibt keinen Zeitpunkt, der ihn markiert, kein Signal, keinen Paukenschlag, keine Tür, die zuschlägt. Stattdessen schleicht das Leben sich davon. Die Mediziner benutzen daher ein Wort für ihn, das seine Natur viel treffender beschreibt: Exitus – der Ausgang. Noch im Jahr 2013 forderten zwei Anästhesisten öffentlich eine Überprüfung und Vereinheitlichung der medizinischen Kriterien für die Feststellung des Todes, weil diese mitunter sogar von Krankenhaus zu Krankenhaus verschieden sind.
Zwei entscheidende Stationen auf diesem langen Weg ins Jenseits sind das Hirn und das Herz. Sie geben in den meisten Fällen nicht gleichzeitig ihre Funktion auf. Die Reise zur anderen Seite beginnt in der Regel mit dem Atemstillstand. Sind die Lungen inaktiv, kann das Herz aber noch eine Weile weiterhin Blut durch den Körper pumpen und die Organe mit Sauerstoff versorgen. Erst wenn die Herztätigkeit schwächer wird und sie keinen Sauerstoff mehr bekommen, versagt eins nach dem anderen seinen Dienst.
Welches Organ wie früh aufgibt, hängt von der Stoffwechseltätigkeit ab – von seinem Bedarf am dafür notwendigen Sauerstoff. Das Gehirn ist das aktivste Organ. Etwa zehn Minuten reicht der Sauerstoff nach dem Einstellen der Lungenaktivität noch aus, dann kann das Gehirn seiner Aufgabe nicht mehr nachgehen. Leber und Niere halten ein wenig länger durch, sie sind erst nach 20 bis 30 Minuten irreversibel geschädigt. Haut und Knochen benötigen nur wenig Sauerstoff. Noch Stunden nach dem Herzstillstand können sie auf Sparflamme Stoffwechselaktivitäten betreiben.
Unter extremen Bedingungen, schreibt Hall, könnte dieser Prozess sich möglicherweise sogar tagelang hinziehen. Ist der Stoffwechsel durch Lähmung und Unterkühlung auf absolute Sparflamme hinuntergefahren, reicht sehr wenig Sauerstoff für die Aufrechterhaltung des Minimalbetriebs. Insgesamt sind 15 Fälle von Guillain-Barré-Syndrom mit einem Verlauf bekannt, bei denen die Patienten in einem tiefen Koma lagen, auf keine Stimuli reagierten und die selbsttätige Atmung bereits eingestellt hatten.
Die Pupillen dieser Patienten waren geweitet und erstarrt. Die angeschlossenen Maschinen zeigten, dass jegliche Funktionen des Hirnstamms erloschen waren – an sich ein untrügliches Zeichen für den Eintritt des Todes. Doch tatsächlich haben 13 dieser Patienten nicht nur überlebt, sondern trugen nicht einmal Hirnschäden davon. Nur an die Zeit im Koma hatten sie keinerlei Erinnerung.
Die Einbalsamierer am Hof Alexanders jedenfalls weigerten sich, mit ihrer Arbeit zu beginnen. Möglicherweise war ihre Reaktion absolut korrekt und Alexander lag noch tagelang im Koma. Das aber, beruhigt Hall die Leser, wäre zumindest am Ende so tief gewesen, dass er mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr bei Bewusstsein war.
Verwendete Quellen: