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Irland: Lebenswasser von der Grünen Insel
Slainte! Der gälische Ausdruck für Prost bedeutet wortwörtlich übersetzt: «Auf gute Gesundheit!»
© Patrick Bolger
Irland ist neben seinem Nachbarn Schottland wohl das bekannteste Land, wenn es um die Produktion von Whiskey geht. Dennoch: Bis vor ein paar Jahren waren Besucher der Insel wohl meist enttäuscht, denn sie trafen auf der ganzen Insel nur drei Whiskeybrennereien an, die das irische Lebenswasser in die ganze Welt schickten. Bushmills, die in Nordirland gelegen ist und daher dem Königreich Grossbritannien angehört, die Midleton-Brennerei ganz im Süden und Cooley’s -Distillery in der Mitte des Landes teilten sich den Whiskeymarkt untereinander auf. Um diesen Umstand verstehen zu können, muss man kurz die Geschichte des irischen Whiskeys beleuchten. Wie bei seinem schottischen Pendant, lässt sich kein genauer Zeitpunkt der Erfindung des Getränks ausmachen.
Dass keltische Druiden schon berauschende Getränke aus Getreide herstellten, ist nur mündlich überliefert. Gerne wird die Legende erzählt, dass der heilige Patrick, Schutzpatron der Insel, die Destillation eingeführt hat. Historisch gesehen kam diese Technik allerdings erst rund sechshundert Jahre nach dem Wirken des Missionars nach Nordeuropa. Der erste schriftliche Hinweis führt auf die Nachbarinsel. 1494 wurde dort der Verkauf einer gewissen Menge Gerstenmalz zum Zwecke der Herstellung von »aqua vitae« (Lebenswasser) festgehalten. Der Käufer, ein Mönch namens John Cor, stammte aus Irland, und so zeugt die Urkunde auch davon, dass hier die Destillation von Getreide bekannt war. 1608 vergab König James I. ein Brennrecht für Antrim County an den Adeligen Sir Thomas Phillips. Die Bushmills Distillery, die in dieser Grafschaft steht, bezieht sich heute noch auf dieses Datum. Mit der zum Teil brutalen Unterdrückung irischer Freiheitsbestrebungen ab 1649 und einer hohen Besteuerung wanderte die Produktion eher in, na sagen wir private Hände.
1823 wurde das Steuerwesen in Bezug auf Whiskey modernisiert, was auch den irischen Brennern zugutekam. Von nun an konnte man eine königliche Lizenz erwerben und dann legal Whiskey produzieren. Dass Schwarzbrennen bis dahin quasi ein Volkssport gewesen sein musste, dokumentiert Alfred Barnard in seinem 1886 verfassten Standardwerk über die Brennereien des Vereinigten Königreichs. Die Zahl der illegalen Brennereien in Irland hatte sich von 8192 im Jahr 1834 auf 829 im Jahr 1884 reduziert. Barnard zählte 28 legale Brennereien in Irland, von denen heute noch einige dem Namen nach bekannt sein dürften: Jameson, Powers, Locke’s und Bushmills.
Leider verpassten die Iren ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts einige Trends, was zu mehreren Krisen führte. 1831 liess sich Aeneas Coffey, ein irischer Steuerbeamter, seinen Apparat zur kontinuierlichen Destillation (Patent Still) schützen. Während die schottischen Whiskyerzeuger die Chance erkannten und ihren schweren Malts leichte Whiskys (vgl. Blended Scotch) hinzufügten und damit einen Boom auslösten, versäumten die Iren den Trend weitgehend. Dazu kam, dass Mitte des 19. Jahrhunderts wegen schwerer Hungersnöte und einer -riesigen Auswanderungswelle der irische Markt praktisch zum Erliegen kam. Zur Zeit der Prohibition (1920–1933), als Alkohol in den USA zwar verboten war, die Nachfrage aber trotzdem stetig stieg, machten die irischen Brenner einen entscheidenden strategischen Fehler, indem sie darauf verzichteten, Whiskey in die USA zu schicken.
Damit nicht genug, denn skrupellose Geschäftemacher in den USA machten sich den bis dato sehr guten Ruf des irischen Whiskeys zunutze und schrieben auf die Labels des schlimmsten Fusels oftmals »Irish Whiskey«. Damit ruinierten sie den Ruf des echten Irish Whiskeys nachhaltig. Dazu kam, dass Irland nach den Osteraufständen 1916 einen Unabhängigkeitskrieg mit England führte, der 1921 endete. Allerdings belegten die Briten irische Waren mit Embargos, und so fielen sämtliche Überseemärkte unter englischer Kontrolle für irischen Whiskey weg.
Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg, in dem Irland zwar neutral, aber trotzdem von den allgemeinen Umständen betroffen war, trugen nicht dazu bei, die irische Whiskeywirtschaft zu beleben. Auch nach dem Krieg schafften es die meisten nicht, international zu punkten, sondern konzentrierten sich auf den viel zu kleinen heimischen Markt. Die Folge war, dass in den 1950er-Jahren immer mehr Brennereien aufgeben mussten. Die verbleibenden – Jameson, Powers und Cork Distillers – schlossen sich 1966 zur Irish Distillers Group zusammen. 1975 wurde in Midleton (Cork County) eine moderne Brennerei gebaut und alle anderen Standorte, auch die seit 1780 in Dublin befindliche Bow Street Distillery (Jameson), geschlossen. Damit gab es auf der Insel nur noch zwei Whiskeybrennereien. Beide sind in Besitz grosser Konzerne. 1987 gründete der Ire John Teeling die Cooley Distillery und kaufte alte Markenrechte wie etwa Locke’s und Kilbeggan.
Damit begann der irische Whiskey, langsam aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen. Im Fahrwasser des allgemeinen Whiskeybooms der letzten Jahre gelang es auch langsam, wieder Leben in die irische Whiskeylandschaft zu bringen. 2012 wurde die Dingle Distillery gegründet, 2014 erfolgte die Grundsteinlegung für die Wiedererrichtung der Tullamore Dew Distillery an historischem Ort. Auch die Familie Teeling ist nach dem Verkauf ihrer Cooley Distillery an Beam Suntory wieder aktiv und hat in Dublin eine kleine Brennerei aufgemacht. Weitere Investoren folgten diesen Beispielen, und so finden wir heute wieder eine blühende Destillerielandschaft vor. Mit 24 aktiven Brennereien ist das Niveau, das Barnard Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb, fast wieder erreicht. Da auch zahlreiche weitere Projekte in Planung sind, wird es wohl bald übertroffen werden. Natürlich braucht es dann einige Zeit, bis die Neuen am Markt mit gut gereiften Abfüllungen aufwarten können, allerdings lohnt es sich schon jetzt, die irische Whiskeyszene zu beobachten.
Umso mehr freut es Kenner und Liebhaber des irischen Stils, immer neue Abfüllungen zu finden. Diageo hat mit »Roe & Co« einen tiefgehenden Blend vorgestellt, Marktführer Jameson hat mit dem kräftigeren »Black Barrel« und der »The Whiskey Makers Series« aufhorchen lassen. Die private Destillerie Glendalough punktet mit Single Malts, die in ungewöhnlichen Fässern wie etwa japanischer Mizunara-Eiche oder Porter-Bier-Fässern gelagert worden sind. Auch Tullamore hat das Fassfinishing für sich entdeckt, zum Beispiel mit Cider Casks. Weitere Privatinitiativen wie The Irishman und Teeling komplettieren die Innovationsbestrebungen der irischen Whiskeyszene. Aber auch die Traditionalisten kommen weiterhin auf ihre Kosten: Single Pot Still Whiskeys wie Redbreast und Green Spot, getorfter Single Malt von Connemara, ungetorfter von Locke’s oder einfach schöner Blended Irish Whiskey von Paddy, Power’s, Kilbeggan oder Bushmills machen nicht nur am St. Patrick’s Day Lust auf den einen oder anderen Dram.
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