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BLOG vom: 10.05.2014
Bärengraben Würenlingen AG: Riesentasche mit Sondermüll
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
Mit dem ehemaligen, trostlosen Berner Bärengraben hat der Bärengraben von Würenlingen AG im unteren Aaretal nur den Namen gemeinsam. 46 Jahre lang wurden Kehricht und auch Sondermüll oberhalb von Würenlingen (Bezirk Baden AG) „entsorgt“: 3 500 000 Tonnen. 60 bis 20 Meter hoch lagern die Abfälle übereinander; seit 2003 wurde ausschliesslich noch Kehrichtschlacke angekarrt, bis die Grube gegen Ende 2010 aufgefüllt war. Schaulustiges Volk hat dort nichts zu suchen.
Das ehemalige tiefe Loch, eine Art Riesentasche mit vollendeter Tarnung, am Fusse der Felswand oberhalb der Station Siggenthal AG am östlichen Rand des Aaretals versteckt, ergab sich durch den Kalksteinabbau für die Zementindustrie bis zum Ende der 1950er-Jahre. Das Zementwerk Siggenthal (heute: Holcim), 1912 entstanden, ist eines der grössten der Schweiz.
Dann blühte die Sondermüllgeschichte auf. 1963 erteilte die Ortsbürgergemeinde Würenlingen dem Gemeindeverband „Kehrichtverwertung Region Baden-Brugg“ die Bewilligung zum Ablagern von Sperrgut und des Siebüberlaufs (was beim Sieben nicht durchs Sieb fällt) aus der Kehrichtverwertungsanlage. 1964 bis 1970 betrieb der Gemeindeverband die Deponie, die dann von der Ortsbürgergemeinde übernommen wurde, die offenbar nicht genau wusste und wohl auch nicht wissen konnte, worauf sie sich einliess. Die Giftigkeit es Abfalls, der hierhin geliefert wurde, nahm immer abenteuerlichere Formen an, und es ist erstaunlich, dass niemand eingeschritten ist. Die Basler chemische Industrie karrte Giftbrühen in allen Regenbogenfarben an und sorgte für Ablenkungsmanöver, indem die umweltbewussten Menschen gegen das Kernkraftwerkprojekt Kaiseraugst zu Felde geschickt wurden. Die Chemische finanzierte Provokateure, etwa durch Freistellung von Fachpersonal wie einen Ingenieur zu Agitationszwecken.
Die Deponie wurde zu einer Multikomponentendeponie, eine Abwandlung der globalisierten Multikultigesellschaft. Die Abfälle enthielten auch Sondermüll, laut einer vorsichtigen amtlichen Schätzung etwa 10 Prozent, verteilt über den gesamten Deponiekörper. Es dauerte bis 1986/87, bis der Bärenschlaf beendet war und die Deponie Würenlingen wenigstens von den Medien alter Schule, die damals noch eine Funktion als Umweltgewissen verspürten, als „gesundheitsgefährdende Altlast“ erkannt wurde. Die Behörden sahen sich aufgrund des öffentlichen Drucks veranlasst, auch auf der Grundlage von hydrogeologischen Untersuchungen näher hinzusehen. 1990 erkannte die Aargauer Regierung eine Sanierungspflicht, die an die Betreiberin, die Ortsbürgergemeinde, abgeschoben wurde, rechtlich einwandfrei.
War die die Sondermülldeponie Kölliken die berühmteste, so ist der Bärengraben, dieser Vorläufer der SMDK, die grösste Deponie im Aargau und eine der grössten in der Schweiz; man hat es hier also mit lauter Superlativen zu tun. Die letztere spülte der Ortsbürgergemeinde viel Geld in die Kassen. Und jetzt flattern dieser die Rechnungen ins Haus, und der geäufnete Sanierungsfonds mit rund 38 Mio. CHF soll für die nächsten 80 Jahre die Betreuungskosten decken. Und dann?
Solche Giftlager (Reaktordeponien, weil in ihrem Innenleben immer etwas läuft, indem chemische Reaktionen stattfinden) sind unendliche Hypotheken, falls nicht mit Millionenaufwendungen ein für allemal Tabula rasa gemacht wird. Schon am 04.11.1992 berichtete der Aargauer Regierungsrat an den Grossen Rat, dass aus der Deponie Bärengraben „unkontrolliert Sickerwasser“ austrete, welches das Grundwasser im Aaretal verunreinige, gewissermassen flüssiger Bärendreck. Noch in 1.5 km Entfernung konnten die Gifte mit analytischen Methoden nachgewiesen werden; dazu gehörten neben leicht löslichem Chlorid, Nitrate und Sulfate auch verschiedene problematischere Gifte organischer Natur. Im Prinzip müsste nach mindestens 1500 Schadstoffen gesucht werden; doch die Perimeter für die Beurteilung der Flüssigkeitsqualität sind auf ein minimes Sortiment reduziert, entsprechend hoch ist die Risiko-Dunkelziffer.
Die Abgänge aus dem oberliegenden Kölliken, vom grössten Grundwasserstrom der Schweiz (Suhren-Aaretal) mittransportiert, wurden hier also noch ergänzt, und laut der Regierungsbotschaft vom 04.11.1992 erreichten die Schmutzfrachten aus der Deponie Bärengraben eine Menge, die sich 100 Tonnen pro Jahr näherte, enorme Dimensionen. Deshalb schlugen Fachleute eine hydrologische Isolierung der Deponie durch einen Stollen unten an der Deponie vor. Zudem wurde ein umfangreiches Entgasungssystem mit Aktivkohlefiltration gebaut.
Im Bereich des heute humusierten und begrünten Deponiekörpers, dessen Zugang für die Allgemeinheit wegen der Explosions- und Steinschlaggefahren verständlicherweise verboten ist, gibt es viele Infrastrukturanlagen wie Notbrunnen, Hydranten, Entlüftungen usw. Und die Aufforstungen, die jetzt gerade am Hang im obersten Deponiebereich stattfinden – die einzelnen Bäumchen sind mit Plastikröhrchen gegen Wildverbiss geschützt –, dienen dazu, die Versickerung von Niederschlägen zu reduzieren, d. h die Bäume sind gebeten, möglichst viel Wasser zu verwerten und zu verdunsten. Die Aufforstungsfläche am Hang, welche die oberste Deponieschicht talseitig verziert, sieht wie ein Soldatenfriedhof aus; ein paar Greifvögel-Ansitzstangen sind ebenfalls angebracht. Eine Oberflächenentwässerung (hydrologische Isolierung) erwies sich als die preisgünstigste Sanierungsstrategie. Dazu gehören ganz unten beim Steinbruchweg ein Stollenbau und Felsbohrungen zur Erschliessung und Ableitung von Sickerwasser; die Kosten waren auf 35 Mio. CHF veranschlagt. Zuoberst ist die Deponie mit Kehrichtschlacke und Hackschnitzel überdeckt. Ein Weihnachtsbaum (Douglasie) liegt auch dort, vermittelt keine besonders frohe Botschaft.
Vom Aaretal und den gegenüber liegenden Hügeln wie vom Geissberg aus ist von der Deponie nichts auszumachen. Man sieht nur einen gleichaltrigen Jungwald ohne markante Einzelbäume, der den Iberig empor klettert und fast ganz oben mit einem breiten und hohen Kalksteinfelsband gekrönt ist, auf dem sich Föhren etabliert haben. Die Felswand besteht aus verhältnismässig kompaktem Juragestein, dem aber nicht ganz zu trauen ist. Wagt man sich verbotenerweise unter ihm durch, muss man jederzeit damit rechnen, von einem kleineren oder grösseren herausbrechenden Stein, wie sie auf dem Boden liegen, erschlagen zu werden.
Die Stimmung innerhalb des struppigen Walds, welcher den Bärengraben talseitig abschirmt, nimmt manchmal surreale Züge an, besonders auf einer Altstoffsammelstelle bei einer grossen Scheune, wo auch ein altes Polizeiauto vor sich hin rostet und sein Isolationsmaterial hinausquellen lässt. Ein Altkleiderbehälter und Einrichtungen für die Altölsammlung sind auch dort; doch hat man das Gefühl, dieser aufgeräumte Sammelplatz gammle still vor sich hin. In einem keinen Gebäude sind relativ neue Einrichtungen für die Deponiegasreinigung (Luftpumpe, grosser Filter und Abluftrohr ins Freie) installiert. An der Scheunenwand sind ein Gemeinde- und ein Fasnachtswappen („Steibruchschränzer“) montiert, flankiert von 2 Kuhschädeln. Unten steht eine aus Eisenabfällen gefügte, fröhlich dreinschauende Puppe mit Trachtenhut. Aus einem betagten, im Zerfall begriffenen Holzbrunnen fliesst klares Wasser, das ich aber doch nicht zu trinken wagte, auch wenn ein solcher Selbstversuch aber durchaus aufschlussreich hätte sein können.
Mir ging es einfach ums Überleben, woraus der Leser erahnen mag, dass auch im höheren Alter noch ein gewisser Selbstbehauptungsdrang vorhanden ist. Und unter solchen Auspizien könnte man auch dies denken: Nach mir die Sintflut. Worauf sich das gute schlechte Gewissen mit dem Einwand meldet: Was für eine Welt hinterlassen wir eigentlich unseren Nachkommen?
Als Journalist war ich seit Jahren in die Problematik der Produktion und Abschiebung von Industriegiften involviert. Und wenn ich heute aus zeitlicher Distanz und bei der zunehmenden Bekanntschaft mit Sondermülldeponien (wie neuerdings mit jener im Rothacker in Walterswil SO) zurückblicke, komme ich aus dem Staunen über die Menge des aufgehäuften Sondermülls nicht hinaus. Sie überschreitet unser Vorstellungsvermögen und unsere Fähigkeiten, diese Berge zurückzubauen, erst recht. Die Menschheit torkelt von einer Verwirrung in die andere, findet den Ausweg nicht mehr. Das alles erkennt man besonders deutlich im Rückblick.
Die mit Barrieren gesicherten Gelände mehren sich: „Zutritt verboten. Lebensgefahr.“
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