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Der Traum von Paris: Weiter wachsen ohne Kohle, Öl und Gas
Fossile Energie trieb das Wachstum der Menschheit an. Lässt sich das bis 2050 wenden? Das ist die klimapolitische Frage.
Bis zum Jahr 1800 lebten weniger als eine Milliarde Menschen auf dem Planeten Erde. Trotz industrieller Revolution, die vor allem auf der Nutzung von Kohle basierte, dauerte es mehr als hundert Jahre, bis sich die Bevölkerung weltweit auf zwei Milliarden verdoppelte. Ein rasantes Wachstum setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als die Menschheit begann, neben Kohle auch schnell wachsende Mengen an Erdöl und Erdgas auszubeuten: Allein von 1960 bis zur Jahrtausendwende verdoppelte sich die Weltbevölkerung von drei auf sechs Milliarden. Seither wächst sie jedes Jahr um weitere 1,2 Prozent, bis heute auf 7,8 Milliarden Personen. Allerdings ist diese starke Zunahme nicht allein auf den Einsatz der komfortablen fossilen Energieträger zurückzuführen, sondern auch auf technische und medizinische Fortschritte.
Sowohl Korrelation als auch Entkopplung
Stärker als die Bevölkerung wuchsen bis heute der Ausstoss des klimarelevanten Gases CO2, das aus der Verbrennung von nicht nachwachsender fossiler Energie resultiert, sowie die globale (inflationsbereinigte) Wirtschaftsleistung. Den Verlauf dieser drei wesentlichen Wachstums-Indikatoren im Zeitraum von 1960 bis 2020 zeigt die folgende Grafik:
Mit der Bevölkerung und Wirtschaft wuchs immer auch der CO2-Ausstoss. Quellen: UNO, BP, Weltbank. Grafik: Hp.Guggenbühl
Tendenziell besteht also eine Korrelation zwischen der Zunahme von Bevölkerung, fossilem Energieeinsatz und Wirtschaftsentwicklung, gleichzeitig aber auch eine relative Entkopplung (absolut wird die Entkopplung erst, wenn die Wirtschaft wächst und der CO2-Ausstoss schrumpft):
- Die Differenz zwischen Bevölkerungszuwachs und stärkerem Zuwachs der CO2-Emissionen zeigt, dass der globale fossile Energiekonsum pro Kopf seit 1960 zugenommen hat.
- Die Differenzen von Bevölkerungs- und CO2-Zunahme zum noch steileren Wachstum der Weltwirtschaft zeugen von einer Produktivitäts-Steigerung sowohl der produzierenden Personen (höheres Sozialprodukt pro Kopf) als auch der eingesetzten fossilen Energie (zunehmende Energieeffizienz).
60 Jahre Entwicklung, Umkehr in 30 Jahren
Das rasante Wachstum von Bevölkerung, Wirtschaft und fossilem Energiekonsum hat jedoch eine Kehrseite. Der Ausstoss des Treibhausgases CO2 heizt das Klima auf. Diese Klimaerwärmung soll nun begrenzt werden auf weniger als zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad. Das beschlossen die Regierungen 2015 an der Klimakonferenz von Paris. Um diesen Klimavertrag zu erfüllen, so rechnen die meisten Klimaforscher, muss der Ausstoss von CO2 und weiteren Treibhausgasen bis 2050 auf null sinken. Was das bedeutet, führt die folgende, bis 2050 fortgeschriebene Grafik vor Augen:
Die Klimapolitik erfordert eine radikale Trendwende.
Das klimapolitische Ziel «null CO2» gilt netto. Das heisst: Wenn der Wald weltweit schneller wächst, als er abbrennt oder abgeholzt wird, dann darf 2050 weiterhin ein bisschen fossile Energie eingesetzt werden. Wenn hingegen die Wälder schneller schwinden als wachsen, muss die Menschheit den fossilen Energieeinsatz schon früher beenden. Auf jeden Fall erfordert das Ziel «netto null CO2 bis 2050» eine radikale Wende des Energiekonsums. Und das in nur 30 Jahren. Denn seit dem Abschluss des Vertrags von Paris sind weitere fünf Jahre ins Land gezogen, in denen die CO2-Emissionen weiter gestiegen sind; sie dürften auch im laufenden Jahr weiter steigen (siehe Grafik bis 2020).
Zusätzlich erschwert wird die radikale Wende des globalen CO2-Trends, weil die Weltbevölkerung gemäss demografischen Prognosen weiter zunimmt. Die Leistung der Weltwirtschaft, die angeblich einem Wachstumszwang unterliegt, soll ebenfalls weiter zunehmen; der jährliche Zuwachs von einem Prozent von 2020 bis 2050, von dem die obige Grafik ausgeht, liegt am unteren Ende der Erwartungen von Wirtschaft und Regierungen.
Acht Fragen auf dem Weg zum Zwei-Grad-Ziel
Vergleicht man das klimapolitische Ziel, dem die meisten Regierungen in Paris grundsätzlich zustimmten, mit der langfristigen Entwicklung, so stellen sich acht Fragen:
1. Wie lassen sich am Ende der fossilen Periode zehn Milliarden Menschen auf dieser Erde ernähren, wenn sich vor Beginn der fossilen Periode nicht einmal eine Milliarde Menschen satt essen konnten?
2. Kann die Weltwirtschaft weiterwachsen, wenn ab 2020 weniger und ab 2050 kein Erdöl sie mehr schmiert?
3. Wer kann den fünf Milliarden Menschen mit (noch) unterdurchschnittlichem CO2-Ausstoss in Asien, Südamerika und Afrika verbieten, den gleichen, auf fossiler Energie basierenden Lebensstil anzustreben, den eine Milliarde Menschen in den USA, Europa und Australien ihnen seit 60 Jahren vorlebt?
4. Warum suchen private und staatliche Konzerne gegenwärtig immer noch unerschlossene Erdöl- und Erdgasfelder – zum Beispiel unter dem östlichen Mittelmeer –, wenn schon die bekannten Erdölvorräte den klimapolitischen tragbaren Ölkonsum weit überschreiten?
5. Warum strebten die Regierungen nicht schon 1972 die Abschaffung der fossilen Energiesklaven an, als die ersten WissenschafterInnen vor den Grenzen des Wachstums warnten, der globale CO2-Ausstoss weniger als halb so gross war und für den Umstieg noch viel mehr Zeit blieb als heute?
6. Kannten die Regierungsleute die Konsequenzen, als sie 2015 in Paris beschlossen, die Erwärmung der Erde auf weniger als zwei Grad zu begrenzen?
7. Träumten sie, Wind- und Sonnenenergie, die heute weniger als vier Prozent des globalen Energiekonsums decken, würden es schon irgendwie richten?
8. Oder rechneten sie – zu Recht – damit, dass sie im Jahr 2050 keine Verantwortung mehr tragen, wenn das Klima nicht hält, was ihr Vertrag verspricht?
Antworten sind willkommen - spätestens bis zur nächsten Klimakonferenz 2020 in Glasgow.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
Weiterführende Informationen
Der neuste Ausblick auf die Klimakatastrophe
Zwang zum Wirtschaftswachstum erfordert Ausbeutung der Natur
Warum die Klimapolitik nicht hält, was sie verspricht
Dossier: Klimapolitik kritisch hinterfragt
Dossier: Führt Wachstum zum Glück oder Crash
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6 Meinungen
1. Ja, 10 Milliarden Menschen können mit genug Nahrung versorgt werden, wenn wir von den industriellen Anbaumethoden weg, zu Permakultur kommen und uns vor allem vegetarisch ernähren. Mehr dazu im Dokumentarfilm «Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen»
2. Der Wachstumszwang der heutigen Wirtschaft ist die Folge eines Geldsystems, das auf Schuldenmachen, der Geldschöpfung durch private Banken, Zinsen und Zinseszinsen basiert. Da die weltweiten Schulden rund 230 Billionen betragen, denen eine reale Geldmenge von 37 Billionen gegenübersteht, ist es unmöglich, dass die menschliche Zivilisation schuldenfrei wird. Es braucht darum einen globalen Schuldenerlass und dann ein globales Vollgeldsystem. Es gibt zahlreiche Alternativmodelle, zum heutigen System, das prinzipiell nur kollabieren kann.
3. Niemand kann das verbieten. Die einzige Möglichkeit ist, dass wir Reichen uns selbst deprivilegieren indem wir a) alle externen Effekte internalisieren, b) uns vom mangelhaften Index BIP als Messlatte für Wohlergehen verabschieden und beispielsweise den Better Life Indesx der OECD heranziehen und c) wir selber erkennen, dass es viele nachhaltige Konzepte gibt, die wir noch als Verzicht fürchten aber - wenn wir sie praktizieren - als Steigerung von Lebensqualität empfinden. Beispielsweise mit dem Velo zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren.
1/n
4. Aus einer kognitiven Dissonanz heraus. Aus der Überforderung, in anderen Modellen zu denken. Es ist eine Tragödie, dass diese «Mächtigen» noch immer die Welt anführen dürfen.
5. Weil man kurzfristig dachte. So wie heute immer noch. Die Menschheit verhält sich wie ein kollektiver Kettenraucher: Wir wissen, dass unser Tun uns umbringt, abder dieser Schaden liegt in einer abstrakt fernen Zukunft. Das ist genetisch codiert. In der Steinzeit war es sinnvoll, der momentanen Belohnung mehr Gewicht zu geben, als der langfristigen Stabilität.
6. Sie hätten sie kennen können. Allerdings hatten es die Wissenschaftler nicht geschafft, ihre eindeutigen Befunde und Forderungen statt in korrekten Zahlen, in emotionale Bilder zu kleiden.
7. Die politischen Entscheidungsträger*innen träumen noch immer. Sie sind unfähig, in den Dimensionen zu denken, die notwendig wären. Sie werkeln in Minischritten an dem herum, was politisch machbar ist und das ist beit Weitem ungenügend, als sich vehement dafür einzusetzen, dass das machbar wird, was notwendig ist.
8. Wer heute die notwendigen Paradigmenwechsel verhindert, muss persönlich haftbar werden!
Nein, die Menschheit muss ab sofort auf 4 Milliarden reduziert werden und dann nicht mehr wachsen. Ist diese Antwort qualitativ richtig, erübrigen sich die weiteren 7 Fragen.
Wie das gehen soll?
1. Vermeidung der jährlich 50 Millionen unfreiwillig geschwängerten Frauen (WHO).
2. Begrenzung des weltweiten Bevölkerungswachstums auf null. China hat es schon versucht. Übernationale Regelung durch ein «Zeugungsrecht» gültig für alle 193 UNO-Mitgliedstaaten.
Das ergibt zwar Sitze im Parlament, aber keinen Sinn. Aber was stört das einen richtigen Politiker, denn der weiss ja selbst am besten, dass er seine Macht schon längst freiwillig dem Kapital abgetreten hat.
Für die Schweiz liegen die Massnahmen zur Klimakrise ebenfalls auf der Hand: 1. Falls überhaupt noch Autokauf, dann elektrisch. 2. Alle 900´000 Ölheizungen werden mit erneuerbaren Heizsystem ersetzt, insbesondere Wärmepumpen. 3. Alle Dächer und teilweise Fassaden dienen gleichzeitig der Solarproduktion. 4. Der Fleischkonsum wird mit Pflanzenfleisch ersetzt. 5. Zur Deckung des Winterstrom wird aus Südeuropa und Nordafrika günstiger Wind- und Solarstrom bezogen. Fazit: 1. Die Energienutzung wird in 10-15 Jahren mindestens 4 Mal effizienter, CO2 neutral und kostengünstiger. 2. Die Auslandabhängigkeit wird massiv reduziert, die Beschäftigung leicht erhöht und das Wachstum nachhaltiger. Die Massnahmen müssen auf allen Ebenen kommuniziert und eingefordert werden. Eine CO2 Abgabe auf allen Energieträgern mit Rückverteilung beschleunigt die Umstellung und gewährleistet die Sozialverträglichkeit. Mehr zum Thema: www.energie-wende-ja.ch.
https://nordborg.ch/2020/02/05/kognitive-dissonanz/
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