Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03531.jsonl.gz/392

Zwischen den Mauern von Musegg und Gaza liegen Welten. Und doch ist den Mauern eines gemeinsam: Sie sind sichtbare Zeichen der Trennung von Menschen mit verschiedenen religiösen, politischen oder gesellschaftlichen Hintergründen.
Christoph Lichtin
Was geschieht hinter, entlang und auf einer Mauer? Wie wird an einer Mauer kommuniziert? Wie lassen sich Mauern überwinden? Ausgewählte Beispiele von Mauern schlagen einen Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, von der Museggmauer über die Berliner Mauer zum Gazastreifen und zu ummauerten Villenvierteln. Auch heute entstehen Mauern, die eine existentielle Dimension haben: Sie prägen das Leben der Menschen, egal auf welcher Seite sie stehen.
Anhand der Luzerner Museggmauer lässt sich darlegen, wie sich eine historische Funktion verändern kann. Der ursprüngliche Grund zur Errichtung der Museggmauer war ein militärischer. Darüber hinaus hatte diese Mauer aber seit jeher eine repräsentative Aufgabe als architektonische Stadtkrone mit Fernwirkung. Später hatte die Museggmauer vor allem zu verhindern, dass Unberechtigte die Stadt betreten. Diese Funktion der strikten Zuwanderungskontrolle hat sich heute an einen anderen Ort verschoben, nämlich an die Ränder Europas, beispielsweise nach Ceuta, einer kleinen spanischen Exklave an der Grenze zu Marokko, wo Tausende von Einwanderern aus Afrika versuchen, die massive Grenzanlage zu überwinden.
Die Museggmauer indessen steht heute bildhaft für die Trennung von Stadt und Land. Während auf der einen Seite der Mauer die Stadt verdichtet zusammengewachsen ist, ist auf der anderen Seite ein freies Feld mit einem Bauernhof erhalten geblieben. Markiert die Mauer noch eine historische Trennlinie, lässt der Siedlungsdruck diese Zonen immer mehr verschwinden.
Mauern, die ein Gelände trennen, haben immer mit Schutz und Macht zu tun. Der Anlass, eine Mauer zu bauen, kann unterschiedlich sein, stets ist es jedoch eine Menschengruppe oder Organisation auf der einen Seite, die sich gegen eine andere zur Wehr setzen und sich abgrenzen will. Mauern sind sichtbare Zeichen von Macht und Repräsentation: Die Menschen an, vor und hinter der Mauer müssen sich mit ihr auseinandersetzen, mit Worten oder mit Taten. Und ist sie einmal gebaut, will sie auch überwunden werden.
Macht, Repräsentation, Kommunikation, Überwindung und Aggression sind denn auch die Leitthemen der Ausstellung, die anhand der ausgewählten Beispiele aufgezeigt werden. So wird etwa thematisiert, wie sich vielerorts Reiche hinter dicken Mauern, in sogenannten «Gated Communities», verschanzen, weshalb Obamas Besuch an der Klagemauer so hohe Wellen schlug, und dass Mauern auch in einer globalisierten Welt, nicht an Brisanz verloren haben.
Die Ausweitung auf Kloster-, Gefängnis- und Friedhofsmauern verdeutlicht, dass Mauern auch ein Ordnungsprinzip repräsentieren. Sie markieren verschiedene Zonen mit klar zu unterscheidenden Menschengruppen: Etwa die Schuldigen von den Rechtschaffenen oder die Toten von den Lebenden.
Ausgehend von der Beendigung der Restaurierung der Luzerner Museggmauer, veranschaulicht die aktuelle Sonderausstellung «Die Mauer – von Musegg bis Gaza» im Historischen Museum Luzern verschiedene Funktionen von Mauern. Die Ausstellung beinhaltet Fotografien, Videos, Hörstationen, Objekte, Videospiele und Animationen.
Informationen zur Sonderausstellung oder der erwähnten Theatertour finden sich auf der Seite des Historischen Museums.