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Ethnographische Museen nehmen ihrem Wesen gemäss an den Kulturbeziehungen eines Landes teil. Dies umso mehr, als sich die Ethnologie anfangs des 20. Jahrhunderts eher dem Studium ferner und exotischer Völker als der Gesellschaft widmet, in der sie sich entwickelt. Gleichwohl müssen die Museen ihre Sammlungen dem einheimischen Publikum und den Forschenden vermitteln.
Während der 1970er Jahre befasst sich das Politische Departement mit der Frage, wie die Kulturaussenpolitik die sogenannte Dritte Welt, und zwar die südlich der Sahara gelegenen afrikanischen Länder, einbeziehen könnte. Wie lässt sich eine hauptsächlich auf geschriebene Sprache und allgemein bekannte Stereotypen bauende Kulturpolitik an eine Bevölkerung adressieren, die kulturell weiter entfernt und oft des Lesens unkundig ist? Bis zu diesem Zeitpunkt hat die technische Zusammenarbeit der Schweiz diese Frage nur am Rand in ihre Überlegungen einbezogen.
1976 veröffentlicht die von Paul Stauffer geleitete Kultursektion des Politischen Departements einen Bericht, der einen geheimnisvollen „zweiten Weg“ vorstellt. Worum geht es?
Der „zweite Weg“ soll das Defizit der seit Kriegsende praktizierten, auf Ausstrahlung ausgerichteten Kulturaussenpolitik mildern, indem er die ethnographischen Museen und die an Schweizer Universitäten ausgebildeten Ethnologen für den Kulturaustausch mit der Dritten Welt mobilisiert. Paul Stauffer geht von der Grundannahme aus, die entkolonisierten Länder seien auf der Suche nach ihrer Identität und müssten kulturelles Erbe erst wieder zusammensuchen. Ein Teil dieses Erbes befindet sich in einzelnen Schweizer Sammlungen, und immer mehr Forschende befassen sich mit damit. 1974 wird in Genf die Gesellschaft für Afrikastudien gegründet.
Es geht nicht um die Restitution von Kulturgütern seitens der Schweizer Museen, sondern um eine auf Ausbildung und Infrastruktur fokussierte Zusammenarbeit beim Aufbau kultureller Institutionen in den betreffenden Ländern. Diese Ausrichtung spiegelt die Diskussionen der von der UNESCO organisierten Konferenz von Venedig (1970), in deren Mittelpunkt die jedem Land zustehende „kulturelle Entwicklung“ steht.
Tatsächlich bildet sich vor allem die Einsicht heraus, dass die Entwicklungspolitik bei der Ausarbeitung ihrer Projekte die kulturelle Komponente nicht ausblenden darf. 1977 bestätigt dies Francesca Prometta, leitende Beamtin im Politischen Departement:
„Wenn es uns gelänge, das kulturelle Element […] in unsere Zusammenarbeit mit der Dritten Welt einzufügen, wäre dies eine Etappe, um das Problem zu überwinden, das sich aus dem Umstand ergibt, dass die ausschliesslich auf das Modell der wirtschaftlichen und technischen Leistung ausgerichtete Entwicklungshilfe für das Empfängerland immer auch eine Verwestlichung darstellt.“
Pro Helvetia verwirklicht diese Ziele in Teilen. Eine Nord-Süd-Kommission wird eingesetzt, die Drittwelt-Festivals in der Schweiz unterstützt, um einen wirklichen Dialog zu fördern und nicht nur eine einseitige Ausstrahlung von der Schweiz ins Ausland. In Biel findet beispielsweise ein Afrikaatelier statt, und das Internationale Filmfestival Freiburg erhält Beiträge von Pro Helvetia und von der technischen Zusammenarbeit. Im Zuge der Aufgabenbereinigung gibt Pro Helvetia nach der Jahrtausendwende die Unterstützung von Südkultur in der Schweiz auf. An ihre Stelle tritt die von den Hilfswerken getragene Initiative ArtLink mit einem Mandat der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit. (mg)
Archivbestände:
BAR, E 2003 (A), 1990/3/400