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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Am 31. Mai 1916 lichteten die Schlachtkreuzer um 3 Uhr -morgens Anker. Es waren „Lützow“ (das Flaggschiff des Befehlshabers der Aufklärungsschiffe, des Vizeadmirals Hipper), „Derfflinger“, „Seydlitz“, „Moltke“ und „von der Tann“.
Wir hatten die Nacht auf Schillig Reede vor der Einfahrt in den Jadebusen geankert gehabt. Vor uns liefen die kleinen Kreuzer und einige Torpedobootsflottillen aus. Es war eine schöne klare Nacht, die bald einem prächtigen Morgen wich. Die Sonne ging strahlend auf, überschüttete die See mit ihren goldenen Lichtern und zeigte uns bald das so oft angestaunte unvergeßliche Bild der gesamten Hochseeflotte auf dem Marsche gegen den Feind. In weiter Ferne vor uns fuhren die kleinen Kreuzer in Kiellinie, umgeben von einem Gürtel von Torpedobooten, die die Kreuzer auf der Suche nach feindlichen U-Booten rastlos umkreisten, wie eine Anzahl Schäferhunde ihre Herde.
Dann kamen die Schlachtkreuzer. Fünf gewaltige Schiffe, mit trotzigen Namen, der Stolz der Flotte. „Lützow“ und „Derfflinger“ vom selben Typ, beide erst im Kriege fertig geworden, „Lützow“ erst zwei Monate vor der Schlacht in die Flotte eingereiht. Eine der ersten Fahrten der „Lützow“ war die Fahrt gegen Lowestoft gewesen. „Derfflinger“ und die übrigen drei Schlachtkreuzer waren Kampfgenossen schon von Scarborough, dem Gefecht auf der Doggerbank (24. Januar 1915) und Lowestoft. Alle Schlachtkreuzer waren kampferprobte Schiffe mit einem ausgewählten Offizierkorps und einer ausgezeichneten, noch durch keine schädlichen Einflüsse angekränkelten Mannschaft. – Wir waren auf dem „Derfflinger“ am 31. Mai 1398 Mann, es fehlte kein Beurlaubter, nur ganz wenige Kranke. Die Beurlaubten hatten gerade am Tage vorher auf Urlaub fahren sollen, da kam der Befehl zur verschärften Bereitschaft und so hielten wir sie zurück. Die Tatsache, daß zufällig keine Beurlaubten fehlten, war ein großer Vorteil für das einwandfreie Zusammenarbeiten im Gefecht.
Kommandant des „Derfflinger“ war Kapitän zur See Hartog, erster Offizier Korvettenkapitän Fischer (Max), Navigationsoffizier Korvettenkapitän v. Jork. Die mir unterstellten Offiziere der Artillerie waren: zweiter Artillerieoffizier Kapitänleutnant Lamprecht, dritter Artillerieoffizier Kapitänleutnant Haußer, vierter Artillerieoffizier Kapitänleutnant v. Mellenthin; die Turmkommandeure Kapitänleutnant Freiherr v. Speth-Schülzburg, Oberleutnants zur See Hankow und v. Boltenstern; die Beobachtungsoffiziere Oberleutnant zur See v. Stosch und Leutnant zur See der Reserve Schulz; der Befehls-übermittlungs-OffizierLeutnant zur SeeHoch und derBg-Offizier Leutnant zur See Friedrich. Torpedooffiziere waren: Kapitänleutnant Kossak, Leutnants zur See Schilling und v.d. Decken. Adjutant und Signaloffizier Leutnant zur See Peters. Funkentelegraphie-Offizier Leutnant zur See Thaer. Schiffsarzt Oberstabsarzt Dr. Freyer. Leitender Ingenieur Marinestabsingenieur Kühn. Sämtliche Offiziere mit Ausnahme des auf einen Kursus abkommandierten Kapitänleutnants v. Mellenthin waren an Bord.
Auch die Schlachtkreuzer waren von einer Schar von Torpedobooten umgeben, die wie ein aufgeregter Mückenschwarm um uns herumfuhren. Auf uns war bei unseren zahlreichen Streifzügen durch die Nord- und Ostsee schon mancher Torpedo von englischen Unterseebooten geschossen worden, doch war bis dahin nur „Moltke“ einmal getroffen worden. Auf eine Mine war beim Vorstoß gegen Lowestoft die „Seydlitz“ gelaufen, so daß sie flügellahm umkehren mußte, nachdem sich der Admiral auf die „Lützow“ umquartiert hatte. Es galt also gut aufzupassen, damit wir diesmal alle fünf bis zur norwegischen Küste gelangten, bis wohin wir vorstoßen sollten.
Weit hinter uns sahen wir bei dem klaren Wetter das Gros, unsere Linienschiffe. 22 Linienschiffe standen in der Linie, eine stolze Armada. Vorneweg das dritte Geschwader, unsere modernsten Schiffe, mit dem Flaggschiff „König“ an der Spitze, dann das Flottenflaggschiff „Friedrich der Große“ mit dem Flottenchef, Admiral Scheer, an Bord. Dann das erste Geschwader, die Schiffe der „Helgoland“- und „Nassau“-Klasse, und schießlich das zweite Geschwader, die veralteten Linienschiffe der „Deutschland“-Klasse, darunter mein altes Schiff, die „Hessen“, auf der ich fünf Jahre lang als Artillerieoffizier so manches Schießen geleitet hatte.
Die Linienschiffe waren von einer größeren Anzahl von kleinen Kreuzern umgeben, die als Seitendeckung zu beiden Seiten der Flotte fuhren. Außerdem tummelte sich natürlich auch um die Linienschiffe der übliche Mückenschwarm der U-Boote und minensuchenden Torpedoboote. Wir liefen westlich von Helgoland und der Amrumbank nach Norden. Die Hälfte der Artilleriemannschaften hatte die Geschütze besetzt, die andere Hälfte schlief angezogen auf Hängematten neben den Geschützen oder in der Nähe ihrer sonstigen Gefechtsstationen, wie Munitionskammern, Artilleriezentralen usw. Während der Nacht blieb ich auf der Kommandobrücke. Eine besondere Funktion hatte ich nicht auf dem Marsche. Der zweite und der dritte Artillerieoffizier wechselten sich ab als Leiter der Kriegswache. Mein Kommandant vertrat den Grundsatz, daß der erste Offizier, der erste Artillerieoffizier und der erste Torpedooffizier auf dem Kriegsmarsche soviel wie möglich schlafen und sich ausruhen
sollten, damit sie ihre Nerven völlig intakt hätten, wenn das Schiff ins Gefecht käme. Ein ausgezeichneter Grundsatz, der bei uns nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis konsequent durchgeführt wurde. Für mich war jede solche Fahrt also die reine Erholungsreise. Lagen Meldungen vom Feinde vor, gab es etwas Außergewöhnliches zu sehen oder war das Wetter besonders schön, so hielt ich mich natürlich auf der Brücke auf. Im übrigen aber schlief ich, las oder spielte Schach in der Messe und ging nur etwa aller zwei Stunden einmal eine Ronde durch die ganze Artillerie, unterhielt mich dabei mit den auf Kriegswache befindlichen Offizieren und Geschützführern und kontrollierte, ob alles in Ordnung war. Gewöhnlich begleitete mich „Heinzelmännchen“ auf meinen Gängen durchs Schiff, und eigentlich stets stießen wir auf etwas, was sofort instandgesetzt werden mußte. Da trommelte „Heinzelmännchen“ dann seine Schar zusammen, die Elektrotechniker, die Eisenbearbeiter, die Spezialisten für die Befehlsübermittlungs-Anlagen, — und binnen kürzester Zeit hatte ich die Meldung: „Aufsatztelegraph am Backbord drittes 15 cm-Geschütz ist wieder klar!“ „Störung am linken Geschoßaufzug von Turm ,Cäsar4 ist beseitigt!“ und ähnliches.
Natürlich war ich auch immer auf der Brücke, wenn wir in ein Gebiet kamen, wo kurz vorher U-Boote oder Minen gemeldet waren und in dunklen Nächten, wenn Torpedobootsangriffe zu erwarten waren. Aber ich konnte mir das einrichten, wie ich wollte und so gestalteten sich diese Vorstoßtage für mich gewöhnlich zu einer äußerst angenehmen Zeit.
Ich hatte eine große zweiteilige Kammer im obersten Deck, nicht dicht an der Bordwand, sondern etwas zurückgezogen. Infolgedessen konnte ich, abgesehen von stürmischem Wetter, stets die Seitenfenster offen haben. So hatte ich von meiner Kammer aus einen guten Überblick über die See und merkte sofort, wenn irgend etwas Besonderes vorging.
Nachdem ich also am 31. Mai den Sonnenaufgang genossen hatte, — ein Schauspiel, das mich auf hoher See stets von neuem entzückte, während es mich vor Anker im braunen Jadewasser nicht zum Aufstehen verlocken konnte — legte ich mich noch für ein paar Stunden schlafen und erschien dann rasiert, gewaschen und ausgeschlafen zum Frühstück in der Messe, während sich sonst die meisten Offiziere den Luxus des peinlichen Toilettemachens in See verkneifen mußten, da sie ihre in den unteren Decks gelegenen Wohnräume nicht betreten konnten, weil alle Zugänge dorthin der Minengefahr wegen abgeschottet und verrammelt waren. Nachdem ich gefrühstückt hatte, setzte ich mich in meine gemütliche Kammer, erledigte einiges Schreibwerk und genoß den Blick über die See. Vor Tisch noch ein Rundgang durch die Artillerie, dann kam das Mittagessen, bei dem natürlich Thema war: werden wir etwas vom Feinde sehen? Das Ziel unserer Reise war diesmal weiter gesteckt als bisher. Die Kreuzer und Torpedoboote sollten in der Nacht zum 1. Juni im Skagerrak Jagd auf die feindlichen und neutralen Handelsschiffe machen. Da war anzunehmen, daß in dieser Nacht unsere Anwesenheit im Skagerrak gemeldet werden würde, daß die englische Flotte sich baldigst von England aus in Bewegung setzen würde und daß somit mit einem Zusammentreffen mit dem englischen Gros unter Umständen am 1. Juni gerechnet werden mußte. Außerdem waren in der Nähe der norwegischen Küste aber häufig Verbände von englischen Panzerkreuzern und leichten Kreuzern gemeldet worden, und mit diesen erschien ein Zusammentreffen in der Nacht zum 1. Juni wahrscheinlich, war auch schon am Nachmittage des 31. Mai nicht ganz ausgeschlossen. Daß sich die ganze englische Hochseeflotte bereits in See befand und noch dazu gerade einen Punkt ansteuerte, den auch wir ansteuerten, ahnte kein Mensch in der deutschen Flotte, auch der Flottenchef nicht. Und ebenso hat in der englischen Flotte nach allen bekannt gewordenen Nachrichten kein Mensch gewußt, daß die deutsche Flotte sich in See befand. Es liegt so gar keine Veranlassung vor, dies nicht zu glauben, und doch wird im Binnenland immer wieder gefragt: Woher wußten die Engländer, daß wir vor dem Skagerrak standen? Oder: Woher wußten wir, daß die Engländer in die Ostsee eindringen wollten?
Alles solches Gerede ist müßiges Geschwätz. So wie beide Admiralitäten es gemeldet haben, ist die Skagerrak-Schlacht zustande gekommen: durch ein zufälliges Zusammentreffen der beiden Flotten bei einem ihrer häufigen Vorstöße in die Nordsee. Wenn man bedenkt, daß die Nordsee größer als Deutschland ist und wie leicht es in einem solchen Riesengebiet für zwei marschierende Flotten ist, aneinander vorbeizufahren, so muß man über den eigentümlichen Zufall staunen, der die Spitze unserer Aufklärung genau auf die Spitze der englischen Aufklärung geführt hat. Die Skagerrak-Schlacht hat sich in ihren Anfängen entwickelt, wie ein sorgfältig vorbereitetes, schulmäßiges Gefechtsbild, bei dem programmäßig zuerst die kleinen Kreuzer, dann die Schlachtkreuzer und schließlich die Gros in Gefechtsberührung kommen sollten.
Bei unserer Mittagstafel um 12 Uhr, bei der die auf Kriegswache befindliche Hälfte der Offiziere fehlte, herrschte eine angeregte, begeisterte Stimmung. Fast alle rechneten damit, daß wir diesmal zum Schießen kommen würden, aber niemand sprach von etwas anderem als von leichten Streitkräften oder einem älteren Panzerkreuzerverband. An die Möglichkeit, daß die ganze englische Flotte nur noch wenige Stunden von uns entfernt stehen könnte, dachte keiner. Einige wenige waren pessimistisch und meinten, wir machten doch bald wieder unverrichteterweise kehrt. Der Oberstabsarzt hatte in See beständig einen großen Taschenkompaß bei sich, der lag auch bei Tisch neben ihm, da die Panzerblenden der Fenster der Offiziersmesse geschlossen waren und man infolgedessen die See nicht übersehen konnte, also auch nicht merken konnte, wenn Kurs geändert wurde. Wir nannten ihn unseren Unterdecksstrategen. Sein Kompaß wurde jetzt bei Tisch eifrigst kontrolliert. Im ganzen ging doch ein Zug durch die Messe, als ob wir vor irgendeinem besonderen Erlebnis stünden. Wie immer, wenn wir auf unseren Streifzügen durch die Nordsee in See waren, trank bei Tisch niemand einen Tropfen Alkohol. Wenn wir auch keinen einzigen Verächter von Wein, Weib und Gesang unter uns hatten! Aber bei jeder Kriegsfahrt hielten wir es wie jeder Sportsmann während der Wettkämpfe, wir waren vom Ankerlichten bis zum Ankern auf der heimatlichen Reede meist völlige Abstinenzler.
Wir rauchten unsere Zigarren, dann zogen die jüngeren Offiziere auf Kriegswache, die abgelösten Offiziere erschienen zu Tisch. Ich ging in meine Kammer, legte mich zur Siesta auf meine Koje, sah den blauen Ringen meiner Zigarre nach und träumte von Kampf und Sieg. Wenn es doch diesmal zum Artilleriekampfe käme! Mein ganzes Berufsleben kam mir so verfehlt, so nichtig vor, wenn ich nicht wenigstens einmal in heißer Hochseeschlacht gefühlt hatte, was es heißt zu kämpfen. Hieb auf Hieb, Schlag auf Schlag, so mußte es kommen. Ich wußte aus zwölfjähriger Schießpraxis: Schießen hatte ich gelernt. Das war ein Sport, den ich verstand. Hatte ich das Ziel im Sehrohr und hatte erst die erste Salve krachend die Rohre verlassen, dann brachte mich nichts mehr aus meiner Ruhe. Allerdings, noch wußte ich nicht, wie es mir im dichten Hagel feindlicher Geschosse gehen würde. Aber daran dachte ich nicht. Das würde sich schon finden.
Um zwei Uhr rasselten die Trommeln durchs Schiff. Lange Wirbel. Das Signal zu „Geschützreinigen“. Jedermann, mit Ausnahme der Offiziere, hat sich daraufhin auf seine Gefechtsstation zu begeben. Diese Stunde ist für den Artillerieoffizier die wichtigste Stunde des Tages. Beim Geschützreinigen werden alle Mechanismen bewegt, gereinigt, geschmiert, alle Apparate werden auf richtige Adjustierung kontrolliert. Ich ging von Geschütz zu Geschütz, „Heinzelmännchen“ begleitete mich. Im Turm „Bertha“ war ein Förderseil des Munitionsaufzuges abgesprungen, beim Wiedereinlegen stellte sich heraus, daß eine Stelle dieses Drahtseiles stark beschädigt war. Ich entschied, daß ein neues Seil eingezogen würde. Zeitdauer etwa eine Stunde. Eine Stunde lang mußte uns der Feind wenn irgend möglich den Gefallen tun nicht zu kommen! Ich kontrollierte, ob die Geschützmannschaften mit allem versehen waren, womit sie im Gefecht ausgerüstet sein sollten. Am 29. Mai hatte die Flotte nach langem Drängen endlich einige tausend Gasmasken von der Armee bekommen. Damit wurden auf Befehl des Flottenchefs die Schlachtkreuzer und die modernsten Linienschiffe ausgerüstet. Am 30. Mai waren sie schnell noch verpaßt worden, auch waren sie bei kurzem Gefechtsdienst zur Übung umgelegt worden. Jetzt kam es darauf an, zu kontrollieren, daß jedermann seine Gasmaske wirklich in greifbarer Nähe bei seiner Gefechtsstation hatte. In den Geschütztürmen lag die Bereitschaftsmunition neben den Geschützen, überall in der befohlenen geringen Zahl. Die Geschütze der Mittelartillerie waren bereits geladen, um einem etwa auftauchenden U-Boot sofort eine Salve aufs Haupt prasseln zu können.
Für die Zeit von 3 bis 4 Uhr hatte mir der erste Offizier, der an Bord die Diensteinteilung regelt, die Artilleriemannschaften zur Verfügung gestellt und ich hatte als Dienst Geschützexerzieren und Feuerleitungsübungen angesetzt. Ich weiß, nicht zum Entzücken meiner Offiziere und Mannschaften! Aber ich wußte nur zu gut, welche Verantwortung ich trug. Ich konnte mich für das einwandfreie Funktionieren des ganzen komplizierten Apparates nur verbürgen, wenn noch einmal jede Maschine und jeder Apparat in Bewegung gesetzt war, wie im Gefecht selber. Der dritte Artillerieoffizier, der die Mittelartillerie leitete, betrat mit mir zusammen den vorderen Artillerieleitstand zur Feuerleitungsübung. Etwas brummend. Wir schnallten uns unsere Kopftelephone um, und nun ging es los: „Normalschaltung für Gefecht an Backbord!“ In den Artilleriezentralen wurden etwa 40 Schalthebel auf die befohlene Schaltung gelegt. An alle Stellen im Schiff gelangte der Befehl „Schaltung für Gefecht an Backbord“. Ich hatte mein Sehrohr auf einen unserer kleinen Kreuzer gerichtet und befahl: „Nach Richtungsweiser!“ Alle übrigen Sehrohre der Artillerie und alle Geschütze brachten die elektrischen Zeiger in Deckung und wurden dadurch haarscharf auf die Stelle des Zieles eingerichtet, die ich selber von meinem Richtunteroffizier anvisieren ließ. Ich rufe: „Frage: E-U?“ Das hieß auf deutsch: Der erste Artillerieoffizier will sofort vom Artillerie-Beobachtungsoffizier gemeldet haben, wie groß er die Entfernungszunahme bzw. -abnahme pro Minute mittels seines E-U(Entfernungs-Unterschieds)-Anzeigers schätzt und berechnet. Und der Bg-Offizier soll melden, welcher Entfernungsunterschied pro Minute sich aus dem Unterschiede der gemessenen Entfernungen ergibt. „Meldung vom Vormars: Im Vormars fehlt der neue E-U-Anzeiger!“ „Himmeldonnerwetter! Das Ding soll sofort aus der Artillerieschreibstube geholt werden, Feuerwerksmaat X. soll sich nach dem Dienst bei mir melden. Der Vormars arbeitet vorläufig mit dem alten E-U-Anzeiger!“
Ich möchte hier kurz von dem E-U-Anzeiger erzählen. Er war in seiner neuesten Form von Korvettenkapitän Paschen, dem ersten Artillerieoffizier der „Lützow“, erfunden worden. Er diente gleichzeitig zur Ermittlung des Entfernungs-Unterschiedes pro Minute (E-U) und zur Ermittlung des Schiebers. Mit der Beschreibung der Ermittlung des Schiebers will ich den Leser hier nicht quälen, es genüge ihm zu wissen, daß man dem Geschütz für all die Einflüsse, die dem Geschoß eine seitliche Ablenkung geben, eine seitliche Verbesserung mittels einer sogenannten Schiebereinstellung gibt. Die Einflüsse, die das Geschoß seitlich von seiner ursprünglichen Basis ablenken, sind: Wind, Fahrt des Schiffes und der Geschützdrall. Hierzu kommt noch eine Verbesserung, die man für die Fahrt des Gegners anwenden muß. Der ausgezeichnet durchkonstruierte Apparat des Korvettenkapitäns Paschen gestattete, daß man nach Einstellung der geschätzten Fahrt und des geschätzten Kurses des Gegners die Schieberverbesserung ohne jede Rechnung ablesen konnte; nur für den Wind mußte der Artillerieoffizier selber noch eine Verbesserung anbringen. Der Hauptzweck des E-U-Anzeigers war die Ermittlung des Entfernungs-Unterschiedes pro Minute. Man stellte an diesem Apparat zuerst die eigene Fahrt ein, die vom vorderen Kommandostand bei jeder Fahrtänderung in den vorderen Artillerieleitstand gemeldet wurde. Dann schätzte man die Fahrt und den Kurs des Gegners und stellte diese ein. Man konnte dann den Entfernungsunterschied ohne jedes Rechnen am E-U-Anzeiger ablesen. Solche Apparate hatten wir an den verschiedensten Stellen des Schiffes, allerdings meist in einer älteren Form, die die Ablesung des Schiebers noch nicht mit gestattete. Fiel der Vormars aus, so konnte sich der Artillerieoffizier den E-U auch an einer anderen Stelle des Schiffes ausrechnen lassen, wobei es nicht darauf ankam, daß der Mann am E-U-Anzeiger selber den Feind sah. Natürlich mußte ihm dann aber der Artillerieoffizier im Gefecht laufend alle Angaben über Kurs und Fahrt zurufen, was für die Leitung des Feuers sehr störend war. Außerdem hatten die Artillerieoffiziere selber solche Apparate zur Hand und kontrollierten mit ihnen im Gefecht die Meldungen der Beobachtungsoffiziere bzw. rechneten sie selber den Entfernungsunterschied aus, falls die Verbindung mit den Beobachtungsoffizieren unterbrochen war.
Die Feuerleitungsübung nahm weiter ihren Lauf. „150 Hundert! Salve feuern!0 Der Feuerbefehl wurde von der Artilleriezentrale mittels Telephon und Feuerglocke an die 30,5 cm-Türme gegeben. Im Moment des Befehls „Feuern!“ — beim Scharfschießen im Moment des Schusses — reißen die hinter den Befehlsübermittlern im Vormars, Artillerieständen und Artilleriezentralen sitzenden Aufschlagmelder die Hebel der „Aufschlagmeldeuhren“ zurück. Erwartungsvolles Schweigen.
Nach Beendigung der der Schußentfernung entsprechenden Flugzeit soll aus jeder Aufschlaguhr ein kräftiges Blöken ertönen, Töne, die man tatsächlich nur mit verschieden abgestimmten Blöktönen einer Schafherde vergleichen kann. Ich mußte in meinem Kopftelephon gleichzeitig die Töne der Aufschlagmeldeuhren der schweren Artillerie vom Vormars, vorderen Artilleriestand und Artilleriezentrale hören. Ich hörte aber nur eine Uhr, die Uhr im Vormars. „Frage: Warum sind die Aufschlagmeldeuhren nicht bedient worden?“ „Meldung: Aufschlagmeldeuhren sind bedient worden, funktionieren nicht 1“ Neue Arbeit für „Heinzelmännchen“. Ich befehle: „In sämtliche Aufschlagmeldeuhren sofort neue Elemente einsetzen!“ Und so ging es weiter, bis ich schließlich die Überzeugung hatte, daß alle Schäden aufgedeckt, daß die Artillerie restlos klar zum Gefecht war. Mit diesem angenehmen Gefühl begab ich mich in die Messe, um mir im bequemen Ledersofa eine Tasse guten Kaffees ausgezeichnet schmecken zu lassen.
In dieser Situation hätte ich es noch lange aushalten können, doch bereits um 4 Uhr 28 Minuten rasselten die Alarmglocken durchs Schiff, die beiden Tambours schlugen Generalmarsch, und die Maate der Wache pfiffen und riefen: „Klar Schiff zum Gefecht!“
Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.