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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ZEHNTES BUCH. Das durch das Gedächtnis, die Einsicht und den Willen dargestellte Bild der Dreieinigkeit nach seinem Bestande.
4. Kapitel. Der Geist kennt sich nicht teilweise, sondern ganz.
6. Was sollen wir also sagen? Etwa, daß er sich teilweise kennt, teilweise nicht kennt? Es ist indes töricht, zu behaupten, daß er nicht als ganzer weiß was er weiß. Ich sage nicht, daß er das Ganze weiß, [S. 77] sondern daß er, was er weiß, als ganzer weiß. Wenn er also etwas von sich weiß, dann kann er es nur als ganzer wissen, und daher weiß er von sich in seiner Ganzheit. Er weiß aber, daß er etwas weiß, und er kann etwas nur als ganzer wissen. Also weiß er von sich in seiner Ganzheit. Was ist ihm sodann von sich selbst so bekannt, wie die Tatsache, daß er lebt? Er kann aber nicht zugleich Geist sein und zugleich nicht leben, da er sogar noch darüber hinaus Einsicht hat. Leben besitzen ja auch die Seelen der Tiere, aber sie haben keine Einsicht. Wie also der Geist ganz Geist ist, so ist er auch als ganzer lebendig. Nun weiß er aber, daß er lebt. Also kennt er sich in seiner Ganzheit. Letztlich, wenn der Geist sich zu kennen sucht, dann weiß er schon, daß er Geist ist. Sonst wüßte er ja nicht, ob er sich sucht und nicht statt seiner etwas anderes sucht. Es könnte ja sein, daß er gar nicht Geist ist und daß er daher, indem er den Geist sucht, sich selbst gar nicht sucht. Wenn daher der Geist, da er sucht, was Geist ist, sich sucht, so weiß er in der Tat, daß er selbst Geist ist. Wenn er also von sich weiß, daß er Geist ist und daß er ganz Geist ist, so kennt er sich in seiner Ganzheit. Nehmen wir indes einmal an, der Geist wisse nicht, daß er Geist ist, wenn er sich aber sucht, dann wisse er nur, daß er sich sucht. So könnte er dann auch etwas anderes suchen, da er das Gesuchte nicht kennt; damit er aber nicht das eine statt des anderen sucht, weiß er ohne jeden Zweifel, was er sucht. Wenn er aber weiß, was er sucht, und sich selbst sucht, dann kennt er doch sicher sich selbst. Was soll er also noch weiter suchen? Wenn er sich teilweise kennt, teilweise aber sich noch sucht, dann sucht er nicht sich, sondern einen Teil von sich. Wenn nämlich von ihm selbst die Rede ist, dann ist von ihm in seiner Ganzheit die Rede. Wenn er sodann weiß, daß er von sich noch nicht ganz gefunden ist, dann weiß er, wie groß er in seiner Ganzheit ist. Und so sucht er, was [S. 78] ihm noch fehlt, wie wir gewöhnlich zu erreichen suchen, daß wieder in unseren Geist zurückkehre, was uns entfallen, aber doch noch nicht gänzlich entwichen ist — wenn es kommt, kann man ja feststellen, daß es das Gesuchte war. Wie kann indes der Geist in den Geist zurückkehren, gleich als ob der Geist nicht im Geiste sein könnte? Dazu kommt, daß der Geist, wenn ein Teil gefunden ist und er sich nicht in seiner Ganzheit sucht, sich doch als ganzer sucht Also ist er sich als ganzer gegenwärtig, und es gibt weiter nichts zu suchen. Es ist nämlich nichts mehr da, was gesucht werden könnte; es ist nur noch der Geist da, der sucht. Wenn er sich also als ganzer sucht, dann fehlt ihm nichts von sich selbst. Wenn es aber so ist, daß er sich nicht als ganzer sucht, sondern so, daß der Teil, der gefunden ist, den Teil sucht, der noch nicht gefunden ist, dann sucht der Geist nicht sich, da ja kein Teil von ihm sich sucht. Der Teil nämlich, der gefunden ist, sucht sich nicht; der Teil aber, der noch nicht gefunden ist, sucht sich ebenfalls nicht, weil er von dem Teil, der schon gefunden ist, gesucht wird. Weil daher weder der Geist als ganzer sich sucht noch irgendein Teil von ihm sich sucht, sucht sich der Geist überhaupt nicht.