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Kathrin Halter
21. Juli 2022
Sie spricht rasch und lebhaft, macht kein Aufhebens von sich und kommt gleich zur Sache. Also auf das Wesentliche, ihre Arbeit. Gerade schneidet Caterina Mona wieder einmal einen Film, diesmal den neuen Spielfilm von Simon Jaquemet, «Electric Child». Auch hat sie sich schon ein zweites eigenes Spielfilmprojekt vorgenommen, doch das muss jetzt erst einmal ruhen. Wichtiger ist die baldige Premiere ihres Erstlings «Semret» am Filmfestival von Locarno. Für Caterina Mona ist es auch eine Art Heimspiel, ihre Eltern stammen nämlich aus dem Tessin, das Italienische ist ihre Muttersprache. Auch hat sie für sieben Ausgaben beim Festival mitgewirkt, beim Guest-Management und als Koordinatorin von Spezialprojekten.
Aufgewachsen ist Caterina Mona (*1973) allerdings in Grüningen, in Zürich studiert sie fünf Semester Englisch. Die Liebe zum Film, von ihrer kürzlich verstorbenen Mutter Tiziana Mona mitgegeben, führt sie dann ans INSAS (Institut National Supérieur des Arts du Spectacle) nach Brüssel. Dort erwirbt sie ihr Film-Diplom, und zwar als Script-Supervisor (Continuity) und Editor, zwei Fächer, die man dort gemeinsam studiert. Ein paar Jahre lang arbeitet sie als Script-Supervisor und lernt dabei, wie sie sagt, schon viel über Schauspiel und Regie. Bald beginnt sie Filme zu schneiden, «Ricordare Anna» (2005) von Walo Deuber, «Max Frisch, Citoyen» (2008) von Matthias von Gunten oder «Die Kinder vom Napf» (2011) von Alice Schmid zählen zu ihrer Filmografie. Daneben arbeitet sie für Festivals, ausser für Locarno (1998-2008) auch für die Berlinale (2004-2006), dort als Filmkopie-Koordinatorin sowie im Pressebüro.
Die Entscheidung, selber Filme drehen zu wollen, entsteht bei Caterina Mona über Umwege aus ihrer damaligen Lebenssituation heraus. 2007 kommt ihre Tochter, 2008 ihr Sohn auf die Welt; so beginnt sie sich für den Hebammenberuf zu interessieren. Mit Sechsunddreissig macht sie ein Praktikum in einer Klinik und überlegte sich einen Berufswechsel. Es ist dann eine slowakische Pflegefachfrau, erzählt sie lachend, die sie resolut dazu ermutigt, beim Film zu bleiben. Aus den Spital-Erfahrungen entstehen auch Ideen für eigene Filme, die Caterina Mona in Buenos Aires, wo sie mit ihrer Familie anschliessend sechs Monate lebt, zu Papier bringt. So entstehen das Drehbuch zu «Lost», ihrem ersten, 15-minütigen Kurzfilm, der 2015 in Locarno uraufgeführt wird, sowie erste Skizzen zu «Semret».
Befreundete eritreische Nachbarn
Der Langfilm-Erstling erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden eritreischen Hilfspflegerin aus Zürich, die eine Weiterbildung zur Hebamme machen möchte, doch einfach wird es ihr nicht gemacht. Es ist schliesslich die kontaktfreudige vierzehnjährige Tochter, die den Kontakt zur eritreischen Community sucht und die Mutter immer wieder dazu zwingt, sich aus der Isolation zu lösen, die sie gefangen hält.
Zu ihrem Stoff findet Caterina Mona durch Nachbarn: Als sie 2014 mit ihrer Familie nach der Rückkehr aus Argentinien in eine Zürcher Genossenschaftssiedlung zieht, lernt sie dort zwei eritreische Familien kennen; zwei der Jungs gehen mit der Tochter zur Schule, man befreundet sich. Zur Recherche gehört auch eine zehntägige Reise in das afrikanische Land. Das Casting (Corinna Glaus) erweist sich zuerst als schwierig, schliesslich finden sich Hauptdarstellerin Lula Mebrahtu in England und Hauptdarsteller Tedros Teclebrhan, ein berühmter Comedian («Teddy Comedy»), in Deutschland. Weitere eritreische Rollen werden von Laien verkörpert. Die Dreharbeiten sind für Caterina Mona dann etwas vom Schönsten, was sie je gemacht habe; im Team fühlt sie sich sicher und frei. Den Schnitt übergibt sie Noemi Preiswerk; für den unverstellten Blick, den eine Montage erfordert, sei sie selber viel zu nahe dran an ihrem Material.
Das Locarno Film Festival hilft «Semret» gleich zweifach weiter: 2018 nimmt die Regisseurin an Alliance4Development teil, wo sie ein Treatment vorlegt, World-Sales trifft und Rückmeldungen erhält, die sie bestärken. 2021 folgt die Teilnahme an First Look, wobei diesmal bereits ein Rohschnitt vorhanden ist. Verkäufe resultieren noch (fast) keine, dafür ist Caterina Mona froh um diese erste Plattform – und sie gewinnt den zweiten Preis. Dass «Semret» nun breitleinwand-füllend auf der Piazza Grande läuft, fühle sich immer noch surreal an. Surreal schön.
Originaltext Deutsch
10. August, 21.30
Piazza Grande, Locarno