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Ich schlief überraschenderweise sehr gut in meinem Schlafsack im Kühlschrank. Die ungeheizte Herberge in Saint Jean Pied de Port entliess mich heute ausgeschlafen und motiviert auf den Weg zum Pilgerbüro. Dort bestellte mir die nette Pilgerin aus Leidenschaft ein Taxi um nach Roncesvalles zu gelangen.
Guillaume, der Taxifahrer, war total entzückt von mir und meinem Schweizer Französisch. Das höre man sofort. Es klingt weicher und schöner als das "französische Französisch". Ich fragte, ob er öfter Pilger rumfahre. Er erzählte mir während der ganzen 40 minütigen Fahrt von seinen Erlebnissen als Taxifahrer auf dem Jakobsweg. Er habe schon so viele Pilger gesehen. Junge und Alte. Er erzählte auch, dass es sogar Pilger geben würde, welche sich jeweils 3 km vor Roncesvalles absetzen lassen würden, damit man nicht merke, dass sie die Kilometer nicht zu Fuss zurück gelegt haben. Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen.
In Roncesvalles angekommen, staunte ich über den Schnee. Knöcheltief lag er und begleitete mich bis zum ersten Dörfchen Burguette, wo ich Wasser und Getreidestängel kaufte. Ich traf das erste Mal auf meinem Weg auf einen anderen Pilger, ein Koreaner. Auch er deckte sich mit Wasser ein. Weiter dem Jakobsweg folgend verschwand der Koreaner hinter mir jedoch plötzlich und ich stapfte alleine weiter durch den Schnee. Es war so anstrengend, dass ich schwitzte wie ein Sportsaunagänger kurz bevor er die Sauna verlässt.
Der Schnee erschwerte mir die ganze Sache wirklich. Jeder Schritt fühlte sich an wie drei Meter. Ich war offenbar trotzdem schnellen Schrittes unterwegs, denn ich überholte zwei Einzelpilger, welche ebenfalls keuchend über den Camino Frances krochen.
Und kurz bevor ich mich auf den Weg nach oben auf den Pass Alto Erro machte, traf ich in einem Supermercado einen italienischen Pilger, welcher mich direkt ansprach. Er fragte, ob wir gemeinsam Mittagessen wollen draussen auf der Treppe. Wir taten dies und er redete und redete, als hätte er seit Tagen keinen Menschen mehr gesehen. Er erzählte mir, dass er seit 4 Wochen unterwegs sei - und zwar von Santiago de Compostela zurück nach Hause! Als ich ihm erklärte, dass ich das Selbe umgekehrt mache, umarmte er mich und fing an, mir sein Leben zu offenbaren. Wenn dir fremde Menschen ihre Geschichte erzählen, als wärst du ihr bester und längster Freund, dann weisst du: Du bist auf dem Camino de Santiago.
Auch er lässt die Wege auf französischem Boden aufgrund der Witterung aus und auch aus finanziellen Gründen, da er Geld spart, um durch die Schweiz pilgern zu können. Er lebt nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt und hat Verwandte im Tessin, welche er besuchen wird. Ich erklärte ihm, dass ich Zuhause gestartet war und leider in Fribourg abbrechen musste und nun auch den Teil in Frankreich auslassen musste, ich ihn jedoch nachholen werde. Er fing an zu strahlen und schlug vor, dass wir irgendwann gemeinsam starten werden, wo wir aufgehört hätten. Also er dann in Saint Jean Pied de Port und ich in Fribourg und irgendwo auf dem Weg würden wir uns kreuzen. Diese Idee fand ich so toll, dass ich begeistert zustimmte. Wir tauschten nun die E-Mail Adressen aus, damit wir in Kontakt bleiben können.
Nach dieser tollen Begegnung machten wir uns wieder auf den Weg - er Richtung nach Hause und ich nach Santiago de Compostela. Wir winkten uns noch lange zu und dann tauchte ich wieder in meine Gedanken ein. Ich wanderte mit einer unglaublichen Leichtigkeit den ersten Hügel hinauf, wo ich auf Alwin traf. Ein Australier, welcher doch tatsächlich eine Zigarette anzündete kurz vor dem strengen Aufstieg auf den Alto Erro. (Später erzählte er mir, er hätte sich beinahe übergeben vor Anstrengung nach der Zigarette) Über einen tollen Waldweg gelangte ich auf die Passhöhe. Dort ass ich den Rest meines Mittagessens (selbstgemachtes Sandwich) und pilgerte dann die letzten 3.4km steil nach Zubiri hinunter. Auf der Brücke in Zubiri wartete schon Alwin, welcher nicht sicher war, wo er nächtigen soll. Ich schlug ihm vor, gemeinsam eine Unterkunft zu suchen. Er humpelte vor Schmerzen in den Füssen neben mir her. Die auf der offiziellen Liste als offen deklarierten Herbergen waren geschlossen. Einmal quer durch Zubiri durch und wieder zurück zur Brücke, wo die einzige Herberge geöffnet war. Für 15€ inklusive Frühstück nächtigen wir nun hier. In der Unterkunft trafen wir auf einen Engländer, Patrick, welcher nur einen Arm hat. Er pilgert seit 15 Jahren über alle möglichen Jakobswege. Er freute sich sehr, dass auch ich meine Passion in den Pilgerwegen gefunden hatte. Wir tauschten uns über die von uns begangenen Caminos aus und auch der ebenfalls anwesende Amerikaner, dessen Name ich nicht mehr weiss, klinkte sich ins Gespräch ein. Auch er pilgert nicht zum ersten Mal.
Mit Alwin machte ich mich um ca 16:00 nach einer warmen Dusche auf, um im Supermercado unser Abendessen einzukaufen. Die Wahl fiel schliesslich auf Pasta mit Tomatensauce und Käse. Ich gönnte mir einen kleinen Luxus und kaufte mir für mein übrig gebliebenes Brot vom Mittag Nutella. (Ich freue mich schon aufs Frühstück.. hihi)
Gegen 19:30 kochte ich uns Pasta. Nach einiger Zeit kam ein total erschöpfter und durchnässter Pilger in die Küche. Mit nur einem kleinen Rucksack und einem Plastiksack mit Wasser und etwas zu Essen darin stand er da. Alwin und ich nahmen ihm seine Sachen ab und legten seine komplett nassen Schuhe zum Ofen. Völlig kaputt liess er sich auf den Stuhl fallen. Den Tränen nahe erzählte uns der französische Pilger, dass er ab Valcarlos gelaufen sei und seit Roncesvalles keine offene Herberge gefunde habe und nun fast zwei Stunden im Dunkeln durch den Wald irrte.
Wir stellten ihm einen Teller Spagetthi hin und langsam beruhigte er sich. Dieser arme Kerl musste über 32km durch Schnee, Kälte und zum Schluss durch die Dunkelheit steil den Berg abwärts nach Zubiri wandern. Eine Herbergsliste besitzt er nicht, da das Pilgerbüro in Saint Jean Pied de Port schon zu war, als er vor zwei Tagen durchs Dorf lief. Er fragte uns, wo wir morgen hin gehen würden, er wolle nicht noch einmal so einen Tag erleben. Ich liess ihn meine Herbergsliste abfotografieren, fügte jedoch hinzu, dass die Liste nicht verbindlich sei. Alle, welche in dieser Herberge nächtigen (gesamthaft sieben Pilger), pilgern morgen nach Pamplona. Auch der Franzose wird morgen dort hin kommen.
Wir verbrachten dann alle noch einen lustigen Abend und seit 22:00 liegen wir alle im Bett. Um mich herum schnarcht es wie wild. Doch mit Musik im Ohr geht das ganz gut.
Erkenntnis des Tages:
Pilgern verbindet.