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Wie die meisten Menschen lesen auch PolitologInnen Zeitungen. Doch sie machen es mit anderen Filtern. Für Sie sind Zeitungsinformationen auch Ausgangslagen für die Schnellanalyse dessen, was politikwissenschaftlich Relevantes berichtet wird. Und das kann auch für Nicht-PolitologInnen ganz nützlich sein.
Werner Patzelt, Politikprofessor in Dresden, der eine erfolgreiche Einführung in die Politikwissenschaft verfasst hat, machte hierfür zwei Vorschläge, die man sich gut merken kann.
PPP: der dreifach differenzierte Politikbegriff
Im Deutschen haben wir nur einen Begriff für “Politik”; im Englischen sind es drei: “PPP” steht für “policy”, “politics” und “polity”.
“Policy” umschreibt den Inhalt einer Politik, “politics” den Prozess der Entscheidung, und “polity” die strukturellen resp. kulturellen Voraussetzungen, aufgrund derer eine Entscheidung hierzu stattfindet.
In einem Artikel zum Handeln eines politischen Akteures (z.B. Staatspräsident, Ministerin, Parlamentarier, Gerichtvorsteher, Polizeibehörde, ParteivertreterInnen, Quartierverein) stellt sich also zuerst die Frage, um was es geht: um ein Programm, um eine Entscheidung oder um das System.
Meist reicht eine der drei Begriffsbestimmungen, gelegentlich braucht man zwei, selten drei. Das zeigt, wie undifferenziert der deutsche Politikbegriff ist. Es verweist auch darauf, mit Vorteil in den englischen Politik-Kategorien zu denken.
MINK: die vier zentralen Politikdimensionen
Nun sind wir wieder beim Deutschen. Das Wort besteht aus den Anfangsbuchstaben der vier zentralen, politikwissenschaftlichen Dimensionen: der Macht, der Ideologie, den Normen und der Kommunikation.
Ideologie ist die selektive Wahrnehmung oder Schilderung einer Ausgangslage. Es interessiert vor allem, was ausgeblendet wird und bleibt. Denn es gilt: Politische Akteure handeln aufgrund ihrer Ideologie, also ihrer selektiven Definition von Realität. Sie unterscheiden sich von anderen Akteuren aufgrund der Unterschiede im Zugriff auf Situationen und Veränderungen.
Wenn gehandelt wird, steuern Normen jegliche Handlung. Politologisch relevant ist vor allem, wie ein Akteur mit rechtlichen, politischen oder sozialen Normen umgeht, denn so lassen sich seine Absichten bestimmen. Regierungen müssen in der Regel legal und konventionell handeln. Oppositionelle dagegen spielen mit dem Tabubruch, der Normverletzung oder dem Gesetzbruch, um auf ihre speziellen Situation aufmerksam zu machen.
In einer Entscheidung haben jene Akteure Macht, welche die Chancen haben, ihren Willen auch gegen das Widerstreben anderer durchzusetzen. Macht zeigt sich auch, wenn man Entscheidungen verhindern oder die Voraussetzung von Entscheidungen so gestalten kann, dass der eigene Wille begünstigt wird. Macht zeigt sich in jeder Entscheidung, in der Unterscheidung von Entscheidern und Entscheidbetroffenen.
Schliesslich ist Kommunikation der direkte oder medial vermittelte Austausch von Informationen und Sinndeutungen. Kommunikation ist bei der Konstitution ideologischer Wirklichkeiten massgeblich, Kommunikation zeigt den Umgang mit Normen, und mit Kommunikation propagieren Akteure auch Ziele und Mittel, die in Entscheidungen eingesetzt werden.
Nicht immer sind alle vier Dimensionen werden durch jede politische Handlung angesprochen. Das liegt in der Natur der Sache. Meist kommt in Zeitungsartikeln jedoch die Akteurskommunikation in Kombination mit Ideologien, mit Normen oder mit Macht in Verbindung vor.
Meine Erfahrung
Meine Erfahrung bei der Anwendung des Schemas sagt mir: Das MINK-Schema kann bei der Zeitungslektüre immer dann verwendet werden, wenn ein politische Akteur handelt und man nach den politikwissenschaftlich relevanten Begriffen und Dimensionen dieser Handlung fragt. Das erschliesst einem Zusammenhänge, ob sie im Bericht vorkommen oder nicht. Und genau das hilft, die letztlich meist positionslose Zeitungslektüre, deren Informationen jenseits von Sensationen sofort wieder vergessen werden, politologisch interessanter zu gestalten!
Claude Longchamp
Werner Patzelt: Einführung in die Politikwissenschaft. Grundriss des Faches und studiumbegleitende Orientierung, Passau 1993 resp. eine der Neuauflagen davon