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Weibliche Werte in männlichem Tumult: Frauen(rollen) im Bourbaki Panorama
Gegenüber den in Massen ankommenden Männern sind die Frauen in Edouard Castres Monumentalwerk nur spärlich vertreten. Die wenigen Frauen entsprechen überdies dem bürgerlichen Ideal ihrer Zeit: Dem patriotischen, freiheitsliebenden und erwerbstätigen Mann stehen sie als fürsorgliches, unterstützendes und mitfühlendes «Supplement» zur Seite. Diese Auffassung von Komplementarität war zentral für das 19. Jahrhundert. Es steht sehr genau fest, was Frau und Mann zu tun und lassen haben: Alleine dem Mann wird die Fähigkeit zum Intellekt zugesprochen. Während er aktiv handelt und kreiert, verbleibt der passiven und schwachen Frau einzig die reaktive «Wiederherstellung». Der Mann kreiert und zerstört, die Frau pflegt und repariert. Fürsorge und Hilfsbereitschaft gegenüber dem Mitmenschen gelten sodann selbstverständlich als elementar weibliche Charaktereigenschaften.
Wohltätigkeit
«Helfen, ohne zu fragen wem!» war Henry Dunants Leitsatz. Er gilt als Grundsatz der humanitären Hilfe des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, das er 1863 gründete. Im bürgerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts organisiert und etabliert sich auch das Engagement im Namen der Wohltätigkeit. Von Anfang an beteiligen sich daran vor allem Frauen. Für Frauen aus der Mittel- und Oberschicht gehört ein karitatives Engagement gar zum guten Ton. Henry Dunant seinerseits war stark von Frauen inspiriert. Er wurde von ihnen finanziell und ideell unterstützt. Dunant war zudem ein früher Verfechter der Gleichstellung und tat dies kund: Seiner Auffassung entsprechend fordere die Gerechtigkeit die Gleichstellung beider Geschlechter.
Weibliches Prinzip
Was sagen uns die Frauendarstellungen im Bourbaki Panorama? Wie Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, war auch der Rotkreuzhelfer und Maler Edouard Castres von der friedensfördernden Wirkung «weiblicher» Werte überzeugt: Im Verständnis der Zeit ergänzten sich das gewalttätige und zerstörerische männliche mit dem lebenserhaltenden und friedensfördernden weiblichen Prinzip – eine zentrale Botschaft der Bourbaki Panoramas. Die Frauen erscheinen individuell und – ganz entgegen der offiziellen Auffassung – «tätig». Selbstverständlich helfen, ernähren und pflegen sie und entsprechen damit auf den ersten Blick ganz dem zeitspezifischen Rollenideal. Sie haben allerdings eine weitere Funktion: Gleichsam als «Ikonen» der Nächstenliebe präsentieren sie uns, wie die Welt durch gegenseitige Anteilnahme zu mehr Frieden gelangt. Sie sind Vermittlerinnen von Castres Botschaft. Diese ist universal und gilt selbstverständlich für alle Geschlechter.