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Schlüsselwörter: Systembildung - operative Schliessung - strukturelle Koppelung - Verhältnisses von Autopoiesis und Strukturbildung - Begriff der selbsterzeugten strukturellen Unbestimmtheit -
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Für eine erste, grobe Orientierung genügen uns zwei Begriffe, die auf sehr verschiedene Systembildungen angewandt werden können, nämlich (I) operative Schliessung und (2) strukturelle Kopplung.
Operative Schließung ist gleichbedeutend mit autopoietischer Reproduktion. Systeme, die sich auf diesem Evolutionsniveau etablieren, können sich nur aus eigenen Produkten reproduzieren. Sie können keine Elemente, keine unverarbeiteten Partikel aus der Umwelt importieren. Alles, was für sie im rekursiven Prozeß ihrer eigenen Reproduktion die Funktion eines (nicht weiter auflösbaren) Elements erfüllt und rekursiv bezugsfähig ist, ist ein Produkt des Systems selbst. Das gilt für die biochemische Reproduktion von Zellen (und dies war der Ausgangspunkt für Maturanas Definition von Leben als Autopoiesis), aber auch für komplexere Systeme wie zentralgesteuerte Nervensysteme oder Immunsysteme.
Auch Bewußtseinssysteme wird man als operativ geschlossen, also als autopoietisch charakterisieren müssen denn wie kann Bewußtsein sich anders stimulieren als durch Rückgriff auf bereits erzeugte eigene Bewußtseinszustände. Der methodische Vorteil dieses Begriffs ist daß er von »Wesens««-Annahmen absieht und statt dessen auf Genauigkeit in der Beschreibung von Operationen Wert legt, die, wenn sie (aus welchen Gründen immer) vorkommen und rekursiven Selbstbezug realisieren, operativ geschlossene Systeme erzeugen. Die Verschiedenheit der Systembildungen - von Zellen bis zu Gehirnen, von Bewußtseinssystemen bis zu Kommunikationssystemen - ist ein Resultat evolutionär erfolgreicher Operationsweisen.
Auch Strukturen autopoietischer Systeme können nur durch systemeigene Operationen aufgebaut und abgebaut, erinnert und vergessen werden. Wenn es schon keinen Import von Elementen gibt, gibt es erst recht keinen Import von Strukturen. Überdies setzen Strukturen Aktualisierung durch Operationen voraus. Sie bilden keine andere, »höhere« Ebene von Wesensmerkmalen oder relativ konstanten Eigenschaften der Systeme. (So mag es ein Beobachter beschreiben, aber dann aktualisiert er eine eigene Konstruktion.) Sie existieren nur im Moment ihres Gebrauchs in dem sie den Übergang von einer Operation zu einer anderen dirigieren. An die Stelle jener klassischen Unterscheidungen von konstanten und variablen Merkmalen tritt jetzt die Unterscheidung von autopoietischer Operation und Strukturbildung.
Autopoietische Operationen können sehr verschiedene Strukturbildungen hervorbringen. Lebende Zellen können (ohne an Leben einzubüßen) je nach Lokalisierung im Organismus sehr verschiedene Funktionen übernehmen. Die Evolution lebender Organismen hat eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen hervorgebracht
Auf dieses Problem der relativen Unbestimmtheit des Verhältnisses von Autopoiesis und Strukturbildung bezieht sich der Begriff der strukturellen Kopplung und, langfristig gesehen, die Vorstellung eines »structural drift«, die erklärt, weshalb autopoietische Systeme, gleichsam blind und ohne operativen Kontakt mit der Umwelt, Strukturen ausbilden, die zu bestimmten Umwelten passen und sich auf diese Weise spezialisieren, also die Freiheitsgrade, die ihre Autopoiesis an sich bereithielte, einschränken.
So lernen Kinder die Sprache, die dort gesprochen wird, wo sie aufwachsen. Im naturwissenschaftlichen Sprachgebrauch spricht man von einem Zusammenhang von fluctuation, constraints und amplification. Man könnte auch sagen, daß diejenigen Komplexitätsreduktionen bevorzugt werden, die den Aufbau einer im System verwendbaren Eigenkomplexität ermöglichen; und wiederum wäre Sprache dafür ein treffendes Beispiel.
Die Distanzen, die innerhalb des Einzelmenschen durch operative Schließungen und strukturelle Kopplungen erzeugt werden, führen zu sehr unterschiedlichen Problemen, wenn es darum geht, den Menschen als Einheit zu begreifen.
Während auf den Mikroebenen ein undurchsichtiger probabilistischer Determinismus herrscht, der, von außen gesehen, Erwartungsbildungen mit Offenheit für Störungen erlaubt, sind Großsysteme wie das Zentralnervensystem, das Immunsystem oder das Bewußtseinssystem durch selbstreferentielles Operieren, Eigenkomplexität und vor allem durch selbsterzeugte Unbestimmtheit charakterisiert. Es sind, kann man auch sagen, geschichtliche Systeme, die über ein Gedächtnis verfügen mit der Möglichkeit des Vergessens und des Erinnerns. Jede Operation dieser Systeme diskriminiert immer auch Vergessen und Erinnern und gewinnt durch Vergessen freie Kapazitäten für weitere Operationen. Was für wiederholte Verwendung, Wiedererkennen, Wissen usw. verfügbar ist, berukt konstitutiv auf der Repression von Informationen, die solches Identifizieren behindern würden.
Genau diese Doppelorganisation gewinnt intern jedoch keine Transparenz, weil dies dazu führen würde, daß das Vergessen erinnert wird. Folglich braucht die Psychoanalyse komplexe Theorien und gewagte Beweisverfahren, um die Logik dieses Vergessens, die Logik der Repression und Verdrängung nachzuvollziehen. Die Systeme selbst operieren im Horizont einer selbsterzeugten Unbestimmtheit, um sich die Freiheit der Selektion weiterer Operationen plausibel zu machen. Das heißt auch, daß sie als Systeme für sich selbst intransparent sind und daß das bewußte Setzen einer Ich-Identität eine Konstruktion bleibt, die zu sozialer Bewährung angeboten und bei Schwierigkeiten korrigiert oder nicht korrigiert wird.
Angesichts dieser »objektiven« Bedingungen unterliegen die Beobachtungsmöglichkeiten des Lehrers erheblichen Beschränkungen. Er wird Schwierigkeiten haben, festzustellen, ob die Schüler aufpassen oder nur so tun, ob sie »in or out of focus (sind) while sitting at their desks«. Erst recht ist individuelles Verhalten unvorhersehbar, und dies auch bei Individuen, die man zu kennen glaubt. Möglich ist dagegen eine Klassifikation des (erwarteten bzw. bereits abgelaufenen) Verhaltens mit Hilfe von Schemata wie artig/unartig oder Unruhe/aktive Beteiligung am Unterricht; und die Klassifikation kann benutzt werden, um Reaktionen vorzustrukturieren.
Im normalen zwischenmenschlichen Verkehr tritt das Schema bekannt/unbekannt an die Stelle einer genauen Kenntnis (Berechenbarkeit) der internen Operationen des anderen Systems. Man kann die Leerformel »bekannt« in gewissem Umfange mit Erfahrungen auffüllen, die durch Wiedererkennen der Person aktiviert werden können. In diesem Sinne hat es der Lehrer mit Schülern zu tun, die ihm bekannt sind. Er mag dieses Bekanntsein für Wissen halten; aber selbstverständlich ist dies kein wissenschaftliches Wissen und auch kein Wissen, das zur Berechenbarkeit des Verhaltens führen könnte. Aber es dient zur Fortschreibung dessen, was mit Bekanntsein assoziiert werden kann. Und es erleichtert die Kommunikation, weil man ein Gedächtnis voraussetzen kann.
Wir können uns hier nicht in weitere Einzelheiten verlieren, sondern kehren zu unserem Ausgangspunkt zurück. Die Frage war, wie das zu begreifen ist, was als Mensch der Erziehung vorgegeben ist. Schon ein sehr sparsamer Einsatz systemtheoretischer Mittel läft derart komplexe Sachverhalte erscheinen, daß der klassische humanistische Ansatz daran scheitert. (Man kann ihn natürlich trotzdem proklamieren, aber dann wider besseres, in der Gesellschaft verfügbares Wissen.) Weder kann man sagen, daß die Gesellschaft aus Menschen bestehe, denn das würde jetzt heißen, daß alle mikrophysikalischen Operationen ihrer Organismen als gesellschaftliche Operationen ausgewiesen werden müßten. Noch kann man, einen mikrophysikalischen, biochemischen, neurophysiologischen Determinismus einmal unterstellt, daraus ableiten oder gar: damit erklären, wie Menschen in der Gesellschaft zu behandeln sind
Vergleicht man dieses Konzept mit traditionellen Begriffen vom Menschen, so fällt auf, daß auf »immaterielle« Komponenten wie »Seele« oder »Geist« verzichtet werden kann. Diese Begriffe, die kaum ohne gesellschaftsbedingte Voreingenommenheit interpretiert werden können, werden ersetzt durch den Begriff der selbsterzeugten strukturellen Unbestimmtheit.
»Selbsterzeugt« meint ein Doppeltes, nämlich (1) daß keine Operation des Systems etwas bestimmen kann, ohne im gleichen Zuge einen Horizont des Unbestimmten, vor allem: eine Zukunft, mitzuerzeugen; und (2) daß die Unbestimmtheit nicht darauf reduziert werden kann, daß das System selbst die Umwelt nicht ausreichend kennt und auf Überraschungen gefasst sein muß. (Technisch gesprochen: es geht nicht um die Abhängigkeit von unabhängigen Variablen.) Das System versetzt sich selbst in den Zustand der Intransparenz und der Unbestimmtheit, um sich selbst Entscheidungsmöglichkeiten zu schaffen und Vergangenheit und Zukunft unterscheiden zu können.
Wenn dies so ist, können soziale Einflüsse, zum Beispiel solche der Machtausübung oder der Erziehung, daran nichts ändern, sondern nur diesen Mechanismus der gleichzeitigen Erzeugung von Bestimmtheiten und Unbestimmtheiten in Gang halten. Und dies, obwohl man gleichzeitig auf der mikrophysikalischen, biochemischen usw. Ebene der Selbstrealisation des Systems Determiniertheit annehmen muß. Daß dies möglich ist, wird durch die Begriffe der operativen Schliessung und strukturellen Kopplung erklärt.
Niklas Luhmann
Systemtheorie
Glossar Systemtheorie