Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03622.jsonl.gz/2453

Reise nach Ixtlan
Die Lehren des Don Juan
Das Nicht - Tun
Quelle: Reise nach Ixtlan
Das Nicht - Tun
Don Juan sah sich um und deutete auf einen großen Felsblock. »Dieser Stein hier wird durch Tun zum Stein«, sagte er. Wir blickten einander an, und er lächelte. Ich wartete auf eine Erklärung, aber er schwieg. Schließlich mußte ich ihm sagen, daß ich nicht verstanden hatte, was er meinte.
»Das ist Tun!« rief er.
»Wie bitte?«
»Auch das ist Tun.«
»Wovon sprichst du, Don Juan?«
» Tun ist das, was den Stein zu einem Stein und den Busch zu einem Busch macht. Tun ist das, was dich zu dir selbst und mich zu mir selbst macht.« | Ich sagte ihm, daß seine Erklärung mir überhaupt nichts erklärte. Er lachte und kratzte sich an den Schläfen.
»Das ist die Schwierigkeit mit dem Sprechen«, sagte er. »Es führt dazu, daß man immer alles durcheinanderbringt. Wenn man anfängt, über das Tun zu sprechen, endet es immer damit, daß man über etwas anderes spricht. Es ist besser, einfach zu handeln.« »Nimm diesen Stein zum Beispiel. Ihn anschauen ist Tun, aber ihn sehen ist Nicht-tun.«
Ich mußte gestehen, daß seine Worte für mich keinen Sinn ergaben.
»Oh doch, das tun sie!« rief er. »Du bist nur davon überzeugt, daß sie es nicht tun, denn genau das ist dein Tun. Es ist die Art, wie du dich mir und der Welt gegenüber verhältst.«
Wieder deutete er auf den Stein.
»Dieser Stein ist ein Stein durch all das, was du in bezug auf ihn zu tun weißt«, sagte er. »Das nenne ich Tun. Ein Wissender zum Beispiel weiß, daß der Stein nur durch das Tun ein Stein ist; wenn er also nicht will, daß der Stein ein Stein ist, dann braucht er bloß zum Nicht-tun überzugehen. Verstehst du, was ich meine ?« Ich verstand ihn keineswegs. Er lachte und machte noch einmal den Versuch, es mir zu erklären.
»Die Welt ist die Welt, weil du weißt, welches Tun erforderlich ist, sie dazu zu machen«, sagte er. »Würdest du sie nicht durch. Tun zu dem machen, was sie ist, dann wäre die Welt anders.« Er sah mich neugierig an. Ich hörte auf zu schreiben. Ich wollte ihm einfach zuhören. Er fuhr fort und erklärte, daß es ohne dieses gewisse »Tun« in der Umwelt nichts Vertrautes gäbe.
Er beugte sich vor, nahm einen kleinen Stein zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand und hielt ihn mir vor die Augen.
»Dies ist ein Kiesel, weil du das Tun beherrschst, das ihn zu einem Kiesel macht«, sagte er.
»Was sagst du da?« fragte ich in absoluter Verwirrung.
Don Juan lächelte. Anscheinend versuchte er, ein boshaftes Vergnügen zu verbergen.
»Ich weiß gar nicht, warum du so verwirrt bist«, sagte er. »Du bist doch ein Freund von Worten. Du solltest dich wie im Himmel fühlen.«
Er warf mir einen geheimnisvollen Blick zu und hob zwei oder dreimal die Augenbrauen. Dann deutete er auf das Steinchen, das er mir vor die Augen hielt.
»Ich will sagen, daß du dies hier zu einem Kiesel machst, weil du das dafür erforderliche Tun kennst«, sagte er. »Um nun die Welt anzuhalten, mußt du jedes Tun einstellen.«
Er wußste offenbar, daß ich ihn immer noch nicht verstanden hatte, und schüttelte lächelnd den Kopf. Dann nahm er einen Zweig und deutete damit auf die unebene Kante des Kiesels.
»Bei diesem Steinchen zum Beispiel«, fuhr er fort, »ist das erste, was das Tun bewirkt, daß es ihn auf diese Größe schrumpfen läßt. Ein Krieger muß also, wenn er die Welt anhalten will, einen kleinen Stein oder etwas beliebig anderes vergrößern, und zwar durch Nicht-tun.«
Er stand auf, legte den Kiesel auf einen Felsblock und bat mich, näherzutreten und ihn genau zu betrachten. Er sagte, ich solle die Löcher und Vertiefungen im Kiesel ansehen und versuchen, jede kleine Einzelheit wahrzunehmen. Wenn ich mich an das Detail halte, sagte er, verschwänden die Löcher und Vertiefungen, und dann würde ich verstehen, was Nicht-tun bedeutet.
»Dieser verfluchte Kiesel wird dich heute noch den Verstand kosten«, sagte er.
Ich machte wohl ein sehr bestürztes Gesicht. Er sah mich an und lachte schallend. Dann tat er so, als sei er wütend auf den Kiesel und schlug ihn zweioder dreimal mit dem Hut.
Ich forderte ihn auf, sich genauer zu erklären. Es sei ihm doch möglich, alles und jedes zu erklären, meinte ich, wenn er sich nur bemühte.
Er warf mir einen verschlagenen Blick zu und schüttelte den Kopf, als sei die Situation hoffnungslos.
»Gewiß kann ich alles erklären«, sagte er lachend. »Aber kannst du es verstehen ?«
Seine Anspielung verblüffte mich.
»Das Tun macht, daß du den Kiesel von dem größeren Felsblock trennst«, fuhr er fort. »Wenn du Nicht-tun lernen willst, dann mußst du sozusagen lernen, sie zu vereinigen.«
Er deutete auf den kleinen Schatten, den der Kiesel auf den Felsblock warf, und sagte, das sei kein Schatten, sondern Leim, der beide miteinander verbinde. Dann drehte er sich um und ging fort, wobei er sagte, er werde später wiederkommen, um nach mir zu schauen.
Lange starrte ich den Kiesel an. Ich konnte mich nicht auf die winzigen Details in den Löchern und Vertiefungen konzentrieren, aber der kleine Schatten, den der Kiesel auf den Felsblock warf, erwies sich als höchst interessant. Don Juan hatte recht; er war wie Leim. Er bewegte und veränderte sich. Ich hatte den Eindruck, er würde unter dem Kiesel hervorgepreßt.”
Als Don Juan zurückkehrte, erzählte ich ihm, was ich an dem Schatten beobachtet hatte.
»Das ist ein guter Anfang«,.sagte er. »Ein Krieger kann an den Schatten alles ablesen.«
Dann schlugeer vor, ich solle den Kiesel nehmen und ihn irgendwo begraben.
»Warum ?« fragte ich.
»Du hast ihn lange angesehen«, sagte er. »Jetzt hat er etwas von dir aufgenommen. Ein Krieger versucht immer, die Kraft des Tuns zu beeinflussen, indem er sie in Nicht-tun verwandelt. Es wäre Tun, wenn du den Kiesel einfach herumliegen läßt, weil er doch nur ein kleines Steinchen ist. Nicht-tun bedeutet, mit diesem Kiesel so zu verfahren, als sei er viel mehr als nur ein Stein. Du hast diesen Kiesel nun sehr lange in dich aufgenommen, und jetzt ist er du, und mithin darfst du ihn nicht herumliegen lassen, sondern mußt ihn begraben. Hättest du aber persönliche Kraft, so würde das Nicht-tun bewirken, daß du ihn in ein Kraft-Objekt verwandelst.«
»Kann ich das jetzt tun?«
»Dein Leben ist nicht fest genug, um das zu tun. Wenn du sehen könntest, dann wüßtest du, daß deine starke Anteilnahme diesen Kiesel in etwas recht Abstoßendes verwandelt hat. Daher ist es das Beste, wenn du ein Loch gräbst und ihn beerdigst und seine Kraft von der Erde absorbieren läßt.« »Ist all das wirklich wahr, Don Juan?« "
»Würde ich auf deine Frage mit ja oder nein antworten, so wäre das Tun. Aber da du das Nicht-tun lernen sollst, muß ich dir sagen, daß es in Wirklichkeit ganz gleichgültig ist, ob es wahr ist oder nicht. Genau das ist ja der Vorsprung, den ein Krieger gegenüber. dem Durchschnittsmenschen hat. Ein Durchschnittsmensch sorgt sich darum, ob die Dinge wahr oder falsch sind, ein Krieger aber tut das nicht. Ein Durchschnittsmensch verhält sich in einer bestimmten Weise zu Dingen, von denen er weiß, daß sie wahr sind, und in einer anderen Weise zu Dingen, von denen er weiß, daß sie nicht wahr sind. Wenn die Dinge als wahr gelten, dann handelt er und glaubt an das, was er tut. Aber wenn die Dinge als unwahr gelten, dann macht er sich nicht die Mühe, zu handeln, oder er glaubt nicht an das, was er tut. Ein Krieger hingegen handelt in beiden Fällen. Wenn die Dinge als wahr gelten, dann handelt er, um zu tun. Wenn die Dinge als unwahr gelten, dann handelt er trotzdem, um nicht-zu-tun. Verstehst du, was ich meine?«
»Nein, ich verstehe keineswegs, was du meinst«, sagte ich.
Don Juans Ausführungen weckten in mir eine streitlustige Stimmung. Ich konnte in dem, was er sagte, keinen Sinn erkennen. Ich sagte ihm, dies alles sei für mich Kauderwelsch, er aber verspottete mich, und sagte, ich hätte nicht einmal bei dem, was ich am liebsten täte, nämlich beim Reden, einen untadeligen Geist. Er machte sich sogar über mein Sprachvermögen lustig und fand es fehlerhaft und unzulänglich.
»Wenn du es nur mit dem Maul schaffen willst, dann sei ein Maul-Krieger«, sagte er und lachte dröhnend.
Ich war deprimiert. Meine Ohren summten. Ich empfand eine unangenehme Hitze im Kopf. Ich war wirklich verstört und hatte wahrscheinlich ein rotes Gesicht.
Ich stand auf, ging in den Chaparral und beerdigte den Kiesel. »Ich habe dich nur etwas auf den Arm genommen«, sagte Don Juan, als ich zurückkehrte und mich wieder setzte. »Aber ich weiß wohl, daß du nicht verstehst, wenn du nicht sprichst. Sprechen heißt für dich Tun. Aber Sprechen ist unzulänglich, und wenn du wissen willst, was ich unter Nicht-tun verstehe, dann mußt du eine einfache Übung ausführen. Da es ums Nicht-tun geht, ist es egal, ob du die Übung jetzt oder in zehn Jahren machst.«
Er hieß mich niederlegen, nahm meinen rechten Arm und beugte ihn im Ellbogen. Dann drehte er meine Hand, so daß die Handfläche nach vorn gerichtet war: er bog meine Finger, sodaß es aussah, als hielte ich einen Türknauf in der Hand, und dann fing er an, meinen Arm in einer Kreisbewegung vor und zurück zu bewegen, die dem Schieben und Ziehen eines an einem Rand befestigten Hebels glich.
„Ein Krieger«, sagte Don Juan, »führt diese Bewegung immer dann aus, wenn er etwas aus seinem Körper ausstoßen will, etwa eine Krankheit oder ein unangenehmes Gefühl.« Dem lag die Vorstellung zugrunde, eine imaginäre Gegenkraft zu schieben und zu ziehen, bis man das Gefühl hatte, daß ein schwerer Gegenstand, ein fester Körper die freie Bewegung der Hand bremste. Bei dieser Übung bestand das »Nicht-tun« darin, daß man sie fortsetzte, bis man den schweren Körper mit der Hand fühlte, und dies trotz der Tatsache, daß es doch allem Anschein nach unmöglich war, ihn zu fühlen. Ich fing an, meinen Arm zu bewegen, und nach kurzer Zeit wurde meine Hand eiskalt. Ich hatte ein breiiges Gefühl in der Hand. Es war, als rührte ich in einer schweren, zähflüssigen Substanz. Plötzlich fuhr Don Juan auf und packte meinen Arm, um meine Bewegung zu beenden. Ich zitterte am ganzen Körper, als würde ich von einer unbekannten Kraft gerüttelt. Als ich aufrecht saß, sah Don Juan mich prüfend an, und dann ging er um mich herum, bis er sich wieder an die Stelle setzte, wo er zuvor gesessen hatte. »Das war genug«, sagte er. »Du kannst diese Übung ein andermal ausführen, wenn du mehr persönliche Kraft hast«, sagte er. »Habe ich etwas falsch gemacht ?« »Nein. Das Nicht-tun ist nur etwas für sehr starke Krieger, und du hast noch nicht die Kraft, um damit fertigzuwerden. Jetzt würdest du mit der Hand nur grauenhafte Dinge einfangen. Übe dich also schrittweise, bis deine Hand nicht mehr kalt wird. Sobald deine Hand warm bleibt, wirst du wirklich die Linien der Welt fühlen können.« Er machte eine Pause, als wollte er mir Zeit geben, ihn nach diesen Linien zu fragen. Aber bevor ich dies tun konnte, erklärte er, daß es unendlich viele Linien gebe, die uns mit den Dingen verbinden. Die Übung des »Nicht-tuns«, die er mir soeben gezeigt hatte, so sagte er, würde es einem ermöglichen, eine aus der sich bewegenden Hand hervortretende Linie zu spüren, eine Linie, die man nach Belieben überall hintun oder hinwerfen könne. Dies sei nur eine Übung, sagte Don Juan, denn die von der Hand geformten Linien seien nicht dauerhaft genug, um in einer praktischen Situation von wirklichem Wert zu sein. »Ein Wissender setzt andere Teile seines Körpers ein, um dauerhafte Linien hervorzubringen«, sagte er. »Welche Teile des Körpers, Don Juan?« »Die dauerhaftesten Linien, die ein Wissender hervorbringt, kommen aus seiner Körpermitte«, sagte er. »Aber er kann sie auch mit den Augen herstellen.«
»Sind die Linien real?«
»Natürlich.«
»Kann man sie sehen oder berühren ?«
»Sagen wir mal, man kann sie fühlen. Der schwierigste Teil auf , dem Weg eines Kriegers ist, zu erkennen, daß die Welt ein Gefühl ist. Beim Nicht-tun fühlt man die Welt, und man fühlt die Welt durch ihre Linien.«
Er unterbrach sich und sah mich neugierig an. Er zog die Brauen hoch, riß die Augen auf und blinzelte dann. Mir war, als sähe ich ein blinzelndes Vogelauge. Auf der Stelle empfand ich Unbehagen und Übelkeit. Es war, als würde ein Druck auf meinen Magen ausgeübt.
»Siehst du, was ich meine?«, sagte Don Juan und wandte die Augen ab.
Ich erzählte ihm, daß mir übel geworden sei, und er antwortete in sachlichem Ton, das wisse er wohl, denn er habe versucht, mich mit seinen Augen die Linien der Welt fühlen zu lassen. Ich konnte . die Behauptung, daß er selbst mir dieses Gefühl bereitet habe, nicht akzeptieren. Ich äußerte meine Zweifel. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß er meine Übelkeit verursacht hatte, denn er hatte mich in keiner Form körperlich berührt.
» Nicht-tun ist sehr einfach, aber auch sehr schwer«, sagte er. »Es geht nicht darum, es zu verstehen, sondern es zu beherrschen. Das Sehen ist natürlich die höchste Vollendung eines Wissenden, und zum Sehen gelangt man nur, wenn man durch die Technik des Nicht-tuns die Welt angehalten hat.«
Ich lächelte unwillkürlich. Ich hatte nicht verstanden, was er meinte.
»Wenn man es mit Menschen zu tun hat«, sagte er, »sollte man “ sich nur bemühen, ihrem Körper etwas zu vermitteln. Das ist es, was ich bis jetzt mit dir gemacht habe. Ich lasse deinen Körper etwas wissen. Wen kümmert es, ob du es verstehst oder nicht ?« »Aber das ist unfair, Don Juan. Ich möchte alles verstehen, sonst wäre es ja Zeitverschwendung, daß ich herkomme.« »Zeitverschwendung!« rief er, wobei er meinen Tonfall parodierte. »Du bist wirklich eingebildet.«
Er stand auf und sagte, wir würden nun auf den Lavagipfel zu unserer Rechten steigen.
Der Aufstieg zum Gipfel war qualvoll. Es war eine richtige Felskletterei, nur daß wir keine Seile hatten, um uns gegenseitig zu helfen und zu sichern. Don Juan sagte mir immer wieder, ich solle nicht hinabsehen ; und ein paarmal, als ich am Fels abglitt, mußte er mich buchstäblich wieder hinaufziehen. Ich war nicht wenig verlegen, weil Don Juan, der doch so viel älter war, mir helfen mußte. Ich sagte, ich sei in schlechter körperlicher Verfassung, weil ich zu faul sei, um irgendwelche Übungen zu machen.
Er antwortete, sobald man einen gewissen Grad persönlicher Kraft erreicht habe, seien Übungen oder dergleichen Training unnötig, denn um in einwandfreier Verfassung zu bleiben, brauche man sich lediglich im »Nicht-tun« zu üben.
Als wir den Gipfel erreicht hatten, legte ich mich hin. Ich war nahe daran, mich zu übergeben. Er rollte mich mit dem Fuß hin und her, wie er es früher schon einmal getan hatte. Allmählich kam ich durch diese Bewegung wieder ins Gleichgewicht. Aber ich war nervös. Mir war, als wartete ich irgendwie auf irgendeine plötzliche Erscheinung. Unwillkürlich sah ich mich mehrmals nach beiden Seiten um. Don Juan sagte kein Wort, blickte aber ebenfalls jeweils in die Richtung, in die ich schaute.
»Schatten sind etwas Eigenartiges«, sagte er plötzlich.
»Du hast wohl bemerkt, daß uns einer folgt.«
»Ich habe nichts dergleichen bemerkt«, protestierte ich laut.
Don Juan sagte, mein Körper habe trotz meines hartnäckigen Leugnens den Verfolger bemerkt, und er redete mir zu, es sei nichts Besonderes, von einem Schatten verfolgt zu werden. »Es ist nur eine Kraft«, sagte er. »In diesen Bergen wimmelt es von Kräften. Es ist nur so etwas wie eines jener Wesen, das dich damals in der Nacht erschreckte.«
Ich wollte wissen, ob ich es auch selbst wahrnehmen könne. Er erklärte, daß man tagsüber seine Gegenwart nur fühlen könne. Ich verlangte eine Erklärung, warum er es einen Schatten nannte, wo es doch offenbar nicht dasselbe war wie etwa der Schatten eines Felsens. Er entgegnete, beide hätten dieselben Linien, daher seien beide Schatten. Er deutete auf einen hohen Felsblock, der direkt vor uns lag. »Sieh dir den Schatten dieses Felsens an«, sagte er »
Der Schatten ist der Felsen, und doch ist er es nicht. Wenn man den Felsen ansieht, um zu wissen, was der Felsen ist, so ist das Tun. Aber wenn man seinen Schatten ansieht, so ist das Nicht-tun. Schatten sind wie Türen, die Türen zum Nicht-tun. Ein Wissender zum Beispiel kann die innersten Gefühle der Menschen erkennen, indem er ihre Schatten beobachtet.« »Gibt es in den Schatten eine Bewegung ?« fragte ich. »Man könnte sagen, daß es Bewegung in ihnen gibt, oder man könnte sagen, daß sich in ihnen die Linien der Welt zeigen, oder man könnte sagen, daß Gefühle von ihnen ausgehen.« »Aber wie können Gefühle von Schatten ausgehen, Don Juan ?«
»Wenn man glaubt, daß Schatten nichts als Schatten sind, so ist das Tun«, erklärte er. »Dieser Glaube ist töricht. Stell es dir folgendermaßen vor: Mit allen Dingen der Welt hat es so viel mehr auf sich, daß es auch mit den Schatten mehr auf sich haben muß. Was sie zu Schatten macht, ist ja lediglich unser Tun.«
Ein langes Schweigen folgte. Ich wußte nichts mehr zu sagen. »Das Ende des Tages ist nah«, sagte Don Juan und blickte zum . Himmel auf. »Du mußt dieses strahlende Sonnenlicht benutzen, um eine letzte Übung auszuführen. «.
Er geleitete mich zu einer Stelle, wo zwei mannshohe Felszacken in etwa zwei bis drei Metern Abstand parallel nebeneinander standen. Don Juan blieb, das Gesicht nach Westen gewandt, fünf Meter vor ihnen stehen.
Er zeigte mir, wohin ich mich stellen sollte, und befahl mir, die Schatten der Felszacken anzusehen. Er sagte, ich solle sie beobachten und genauso mit den Augen schielen, wie ich es üblicherweise machte, wenn ich den Boden nach einem geeigneten Rastplatz absuchte. Er erläuterte seine Anweisungen: Wenn man nach einem Rastplatz suche, dann müsse man schauen, ohne den Blick auf eine bestimmte Stelle zu fixieren, doch wenn man Schatten beobachte, dann müsse man mit den Augen schielen und die Augen dennoch auf ein scharfes Bild einstellen. Es komme dar‚auf an, durch das Schielen die beiden Schatten zu überlagern. Dadurch lasse sich ein bestimmtes, von den Schatten ausgehendes Gefühl wahrnehmen. Ich machte eine Bemerkung darüber, wie vage er sich ausdrückte, doch er behauptete, es sei wirklich nicht möglich, mit Worten zu schildern, worum es ihm ging.
Mein Versuch, diese Übung auszuführen, schlug fehl. Ich strengte mich an, bis ich Kopfschmerzen bekam. Don Juan kümmerte sich nicht weiter um mein Versagen. Er kletterte auf einen kuppelförmigen Felsen und schrie mir von dort oben zu, ich solle zwei ähnlich aussehende, schmale, kleine Steine suchen. Die gewünschte Größe gab er mir mit den Händen an.
Ich fand zwei solche Stücke und reichte sie ihm. Don Juan plazierte die beiden Steine in etwa dreißig Zentimeter Abstand in Felsritzen, wies mich an, mich mit nach Westen gewandtem Gesicht über sie zu stellen, und forderte mich auf, mit Hilfe ihrer Schatten dieselbe Übung noch einmal zu versuchen.
Diesmal war es etwas ganz anderes. Es gelang mir sofort, so zu schielen, daß ich die beiden Schatten als zu einem einzigen verschmolzen wahrnahm. Ich stellte fest, daß das Sehen ohne Fusionierung der Bilder dem so zustandegekommenen Schatten eine unglaubliche Tiefe und so etwas wie Transparenz verlieh. Verblüfft starrte ich hin. An der Stelle, auf die ich meinen Blick konzentrierte, war jedes kleine Loch im Fels genau zu erkennen; und der darüberliegende zusammengesetzte Schatten wirkte wie ein Film von unglaublicher Transparenz. Ich bemühte mich, nicht zu blinzeln, denn ich fürchtete, das so flüchtig zustande gekommene Bild zu verlieren, Schließlich zwang mich das Jucken meiner Augen, zu blinzeln, aber gleichwohl verlor ich die Einzelheiten nicht aus dem Blick. Ja, das Bild war sogar nun, nachdem die Hornhaut befeuchtet war, noch klarer geworden. In diesem Augenblick war “mir, als sähe ich aus unermeßlicher Höhe auf eine Welt hinab, die ich noch nie erblickt hatte. Auch bemerkte ich, daß ich den Blick über die Umgebung des Schattens gleiten lassen konnte, ohne den Brennpunkt meines Gesichtskreises zu verlieren. Dann war mir für einen Augenblick nicht mehr bewußt, daß ich einen Stein ansah. Mir war, als landete ich in einer Welt, die jenseits alles Vertrauten und Vorstellbaren lag. Diese ungewöhnliche Wahrnehmung hielt eine Sekunde an, und dann war plötzlich alles ausgeschaltet Automatisch schaute ich auf und sah Don Juan direkt über den Steinen stehen; er sah mich an. Sein Körper verdeckte .die Sonne.
Ich schilderte ihm meine ungewöhnliche Wahrnehmung, und er erklärte, er habe mich unterbrechen müssen, weil er.»sah«, daß ich im Begriff stand, mich darin zu verlieren.
Er fügte hinzu, daß wir alle die natürliche Neigung hätten, uns hineinzuversenken, wenn : Eindrücke dieser Art auftreten, und daß ich, indem ich mich hineinversenkte, das »Nicht-tun« beinah in mein altes, vertrautes »Tun« verwandelt hätte. Er sagte, ich hätte stattdessen den Anblick aushalten sollen, ohne ihm zu verfallen, denn das »Tun« sei eine Art des Verfallens.
Ich beklagte mich, daß er mir vorher hätte sagen sollen, was mich erwartete und was ich tun sollte, doch er meinte, er habe nicht wissen können, ob es mir gelingen würde, die Schatten zu vereinigen.
Ich mußte eingestehen, daß ich das »Nicht-tun« weniger denn je begriff. Don Juan hielt mir entgegen, ich solle zufrieden sein, weil ich mich immerhin richtig verhalten hatte, weil es mir gelungen war, die Welt, indem ich sie verkleinerte, zu vergrößern, und weil ich - obgleich weit davon entfernt, die Linien der Welt zu spüren - die Schatten der Steine richtig als eine Tür zum Nicht-tun benutzt hatte.