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Wer vor Mitte des letzten Jahrhunderts geboren wurde, konnte beobachten, dass auch die Küche dem Wandel der Zeiten folgte. Sylvia Müller beschreibt ihre Erinnerungen an «Wasserglas»-Eier, hartes Brot und spezielle Gartechniken in der Kriegszeit.
Während der Kriegs- und Nachkriegszeit war die Ernährung in der Schweiz – allgemein gesehen – bescheiden, fettarm und lange Zeit von den Rationierungsmarken abhängig. Diese wurden anfangs des zweiten Weltkrieges eingeführt und jedermann konnte damit die ihm zugeteilte Menge an Lebensmitteln, Toilettenartikeln, Textilien und Schuhen einkaufen.
Tauschhandel: gewusst wie…
Zur Reifezeit der Früchte gab es eine Extra-Zuteilung von Einmachzucker. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir in Schulpausen, wenn wir die Extra-Milch und das Stück Brot für Schulkinder gegessen und die Jod-Tablette gelutscht hatten,
regen Tauschhandel mit den Rationierungsmarken trieben. Wir tauschten Marken für Butter gegen solche für begehrtes Fleisch, Zucker gegen Mehl, Seife gegen Textilien oder Eier. Alle wussten, dass Eier im «Wasserglas» fast unbeschränkt haltbar waren. Das Glas mit der glitschigen Lauge war in der Drogerie erhältlich. Für Kuchen konnte man auch das markenfreie Eipulver verwenden.
Ein einig Volk von Selbstversorgern
Viele Männer waren im Militärdienst und Hausfrauen wurden während dieser Zeit sparsam und erfinderisch. Notvorräte – genau vorgeschrieben – wurden regelmässig kontrolliert und aufgestockt. Ablaufdaten waren völlig unbekannt. Es kam natürlich vor, dass Würmer ausgesiebt werden mussten. Gemüse und Kartoffeln waren markenfrei und Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen – von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) – ordnete sogleich eine sogenannte «Anbau-Schlacht» an. Das hiess, dass auf den meisten möglichen Grünflächen der Schweiz Kartoffeln gepflanzt wurden, was die Landbevölkerung fast zu einem Volk von Selbstversorgern machte.
Migros? Tabu!
Natürlich wusste man damals noch nichts von einem Supermarkt oder von Grosshändlern wie der Migros. Ja, es wurde von Markenfirmen wie beispielsweise in Bern «Wander» oder «Tobler» sehr ungern gesehen, wenn jemand in den ersten kleinen Migros-Läden einkaufte.
Grund war, dass die von Gottlieb Duttweiler gegründete Migros keine Markenartikel führte, sondern billigere Eigenmarken. Das bedeutete für die Markenfirmen billige Konkurrenz. Mehl, Zucker, Griess, Mais und Hülsenfrüchte wurden beim Kolonialwaren-Händler mit speziellen kleinen Schaufeln aus der Schublade in Papiertüten geschöpft und abgewogen. Der Preis wurde anschliessend auf einer alten, imposanten Kasse eingetippt. Wenn etwas auch nur um einen Rappen teurer wurde, löste das fast einen Volksaufstand aus. Brot wurde einheitlich aus dunklem Mehl gebacken und durfte nicht ganz frisch verkauft werden, sondern musste ein bis zwei Tage alt sein. Damit wollte man wohl verhindern, dass die Leute zu viel davon konsumierten.
Modern und gesund – schon damals
Ach ja: Das langsame Garen ist nicht, wie manche vielleicht denken mögen, eine Erfindung der Neuzeit. Nein, während des Krieges stand in vielen Haushalten eine hölzerne, grosse Kochkiste, in die man angekochte Speisen, meistens Eintöpfe, stellte. So wurden diese unter hermetisch verschlossenem Deckel in Eigenwärme fertig gegart. Dies brauchte keinen Strom.
Jahre später entdeckten Wissenschaftler, dass die einfache, sparsame Ernährung der Kriegsjahre gesund und zuträglich gewesen war. Auch in dieser aussergewöhnlichen Zeit musste in der Schweiz kaum jemand Hunger leiden.