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das Wunderland der Alten Welt, ehemals ein großes selbständiges Reich, jetzt
ein unter der Hoheit des türkischen Sultans von einem Vizekönig regierter Staat in Nordafrika. Der Name ist griechischen Ursprungs,
aber von ungewisser Bedeutung; nach Brugsch wäre das griech. Aigyptos entstellt aus Ha-ka-ptah, d. h.
Haus der Verehrung des Ptah.
[* 4] Der einheimische Name war Chemi oder Cheme (d. h. schwarzes Land); doch bezieht sich derselbe nicht
auf die dunkle Hautfarbe der Einwohner, denn diese war rotbraun, sondern auf die schwarze Erde, welche, vom Nil angeschwemmt,
den fruchtbaren Thalboden von dem angrenzenden TaTesch, d. h. das rote, der Wüste auffällig genug unterschied.
Bei den Hebräern hieß Ägypten Masar (im Dual Misraïm), in persischen Keilinschriften Mudhraja. Der heutige arabische Name ist
Masr, der türkische Gipt (der abgekürzte griechische, daher Gipti, die Kopten,
[* 5] die unzweifelhaften Nachkommen der alten Ägypter).
Ägypten begriff früher nur das Nilthal bis zu den ersten Katarakten südlich von Assuân. Infolge der erobernden
Politik seiner letzten Herrscher hat sich das Reich aber ungemein ausgedehnt, sowohl nach S. als nach SO. und SW. Große Länderstrecken
am WeißenNil bis zu den Nilseen und am Gazellenstrom wurden dem Staat einverleibt; dazu kamen Dar Fur
[* 6] und
die Somalstädte am ArabischenMeerbusen (Zeila, Berbera etc.) sowie das Land Harar.
Damit erstreckt sich das ägyptische Reich vom Kap Burlos (31° 35' nördl. Br.) bis zum Mwutansee (etwa 1½° nördlich vom
Äquator), d. h. durch 30 Breitengrade. Der Umfang Ägyptens läßt sich mit völliger Genauigkeit nicht
angeben, da ein großer Teil der Grenze sowohl nach W. als nach O. in die Wüste fällt. Allgemein anerkannte Zahlen gibt es
nicht. Schweinfurth rechnete noch 1877 die Somalländer südwärts bis zum FlußDschubb oder Juba hinzu, so daß sich nach ihm
das Areal Ägyptens auf 67,500 QMeilen belief.
Die Bodengestaltung, die Bewässerung und damit auch die Bewohnbarkeit der einzelnen Teile des Reichs sind
sehr verschiedene. Während in der nördlichen Hälfte nur das schmale Nilthal kulturfähig (freilich auch in ganz besonders
hohem Maß) und bewohnbar, der bei weitem größte Rest des ausgedehnten Gebiets aber reine Wüste ist, breiten sich in der
südlichen Hälfte, wo der Nil eine Reihe von Zuflüssen sowohl von der rechten als der linken Seite empfängt,
weite Ebenen aus, die zwar zum Teil steppenartig und unfruchtbar sind, daher höchstens zur Weide
[* 9] sich eignen, mit denen aber
überfeuchte Uferwaldungen und Waldgalerien abwechseln.
Das ägyptische Reich wird in seiner ganzen Ausdehnung
[* 10] von N. nach S. vom Nil durchströmt, dessen sämtliche Nebenflüsse,
wenn nicht in ihrer ganzen Länge, so doch in ihrem Unterlauf Ägypten angehören. Er ist der einzige Fluß des
Reichs. Ist der Strom in den südlichen Gegenden trotz mancher Hemmnisse als Verkehrsader schon von hoher Wichtigkeit, so wird
er in seinem untern Lauf zur Lebensbedingung für das eigentliche Ägypten. Dieses ist zum großen Teil völlig unfruchtbare Sand-
und Steinwüste, so daß von den mehr als 1 Mill. qkm dieses Gebiets (vom Mittelmeer bis Wadi Halfa) nach
einer Berechnung nur 24,195, nach einer andern 30,500 qkm kulturfähig sind, wovon 17,070 qkm auf das Delta,
[* 11] 13,430 auf das
Nilthal und das Fayûm entfallen. In diesem sich längs des Nils hinziehenden Tiefland bildet den UntergrundFels oder Sand, den
eine 10-12 m mächtige Schicht fruchtbaren Schlammes bedeckt: ein schmaler, im untern Teil nirgends über 30 km,
im obern selten mehr als 7 km breiter StreifenLandes, der durch seine Ergiebigkeit die geringe Ausdehnung ersetzt. Dieses eigentliche
Ägypten zerfällt nach seiner natürlichen Beschaffenheit in zwei Teile, Ober- und Unterägypten.
Unterägypten, das vom Mittelmeer bis zu dem Städtchen Beni Suef südlich vom Fayûm reicht, erhebt sich
nur wenige Fuß über die Meeresfläche und ist in der That als großenteils vom Nil selbst gebildet ein Geschenk des Stroms,
wie es schon Herodot genannt hat. Dies gilt namentlich von dem Delta zwischen den beiden Hauptarmen des
Nils und den mit diesen in Verbindung stehenden Kanälen, welches ganz aus angeschwemmtem Flußsand besteht. Es ist eine unabsehbare,
wenige Fuß über den Meeresspiegel sich erhebende steinlose Ebene, die zu den ergiebigsten Getreideländern der Erde gehört.
Da die Ursachen, welche die Entstehung dieses Landes zur Folge hatten, noch
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Große, bassinartige Vertiefungen, welche häufig unter dem Niveau des Nils liegen, bilden teils wirkliche Seen, teils kleine
Oasen, wie die an den Natronseen. Da aber diese Bassins ihr Wasser größtenteils vom Nil und seinen Kanälen
erhalten, so ist ihr Wasserstand von dem des Flusses und dessen Überschwemmungen ganz abhängig. Das im O. das Delta begrenzende
Land ist gleichfalls Wüste und zwar der nordwestlichste Teil der Wüste des Peträischen Arabien. Es stellt
sich dem Auge
[* 18] als weite, von welligen Hügelreihen durchzogene Sandebene dar und besteht an der Küste, wie das westliche Grenzland,
aus den jüngsten Meeresablagerungen.
Dieses Nilthal ist bei weitem der wichtigste Teil Ägyptens und allein Kulturland im wahren Sinn des Worts.
Es ist von Assuân an stromabwärts in der geringen Breite
[* 19] von 4-6 km zuerst gerade nach N. gerichtet, wird aber stellenweise
durch hervortretende Felswände sehr eingeengt, so namentlich am Dschebel Selseleh (Kettenberg), wo es
nur 1 km Breite hat. Erst bei Theben erweitert sich das Thal
[* 20] zu einer größern Ebene, wendet sich aber zugleich nach O., bis
Farschat sich bogenförmig krümmend.
Dann nimmt es nordwestliche Richtung an, behält diese bis Siut bei und wendet sich endlich unterhalb Kairo wieder etwas nach
NO. Etwa 20 km unterhalb Kairo, wo sich der Nil in zwei Hauptarme teilt, endet das Flußthal, und es beginnt
hier das Delta. Zwei Gebirgsketten, westlich das Libysche, östlich das ArabischeGebirge, begrenzen die Thalebene, öfters an den
Strom heran- und wieder in weiten Bogen
[* 21] zurücktretend, jenes mit sanft abgeböschten, dieses mit fast
senkrechten Rändern.
Die libysche Gebirgskette teilt sich bei Kairo und verliert sich bald ganz in der Ebene; die arabische steigt von den Umgebungen
der genannten Stadt, wo der zu ihr gehörige Mokattamberg sich nur 210 m über die Meeresfläche erhebt, allmählich gegen
S. an und erreicht bei Siut und noch mehr bei Theben ihre größte Höhe (640 m), welche sie eine Strecke
weit beibehält, bis sie sich gegen die Südgrenze des Landes hin wieder senkt und zuletzt in Hügeln endet. Beide Ketten haben
gleiche Höhe und schützen als hohe Dämme das Nilthal vor dem Eindringen des Wüstensands.
Hieran schließen sich Massen von Thonschiefer an, die zwischen Kosseïr und Kenneh von den schon im Altertum zu Kunstwerken
verarbeiteten Trappbreccien bedeckt sind. Im mittlern Teil des Landes tritt dann bis zu dem großen Oasenzug
versteinerungsloser Sandstein aus, welcher auch den Granit von Assuân sowie die eben erwähnten Trappbreccien bedeckt und stellenweise
in Quarz übergeht. Noch weiter ist der marine, nummulitenreiche, harte und dunkelrote Kalkstein verbreitet, der im Nilthal
eine Tagereise südlich von Esneh beginnt und meist horizontal geschichtet erscheint. Er lieferte das Material
zu den Pyramiden.
Den Kalkstein bedeckt in inselartigen, 60 m mächtigen Ablagerungen ein ebenfalls horizontal geschichteter Sandstein. Charakteristisch
für die geognostische Beschaffenheit des Landes ist endlich noch der Sand des Wüstenplateaus sowie auch der infolge der Nilüberschwemmungen
sich absetzende Schlamm, welcher einen großen Teil der Sohle des Nilthals bedeckt und insbesondere zur
Entstehung des Delta Veranlassung gegeben hat. Derselbe bildet eine feine thonige, etwas kalkhaltige, zur Hälfte ihres Gewichts
aus organischen Substanzen bestehende Masse, welche getrocknet fast steinhart wird und von jeher zur Ziegelbereitung benutzt
wurde. Im Delta wechseln mit ihr dünnere, aus Sand bestehende Lagen.
In den wüsten östlichen Regionen besteht der Sand aus mikroskopisch kleinen Korallenschalen (Bryozoen),
[* 25] worin sich aber auch marine Muscheln
[* 26] vorfinden. Die geologische Thätigkeit dauert gegenwärtig noch in ausgesprochener Weise
fort. Das Ufer des RotenMeers rückt fortwährend, gleich dem gegenüberliegenden arabischen empor. Bei Suez jedoch endigt dieses
Streben nach aufwärts, denn ein Sinken der Oberfläche wird im Delta des Nils deutlich sichtbar. So sind
die Kleopatrabäder bei Alexandria bereits wieder unter Wasser gesetzt; so entstand 1784 die Lagune bei Abukir durch einen Meereseinbruch;
so ist endlich der einst dicht bewohnte Boden des Mensalehsees überschwemmt worden, und noch jetzt sieht man dort unter dem
Wasser die verschwundenen Ortschaften.
Nimmt man Unterägypten mit dem fruchtbaren Delta aus, so beträgt der kulturfähige Boden an
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forlaufend
Flächeninhalt kaum mehr als 1/15 des Ganzen, und doch war von alters her eins der gesegnetsten Länder. So viel vermögen
die Überflutungen des Nils unter dem glühenden Himmel
[* 28] Ägyptens. Jene von den periodischen Regengüssen in den tropischen
Hochländern, denen der Fluß entströmt, herrührende Nilanschwellung ist für das regenlose Stromthal
Ägyptens der einzige Ersatz des mangelnden atmosphärischen Niederschlags und die Quelle
[* 29] der Fruchtbarkeit.
Der Nil tritt mit brausenden Stromschnellen ins Land ein, indem er zwischen der Insel Elephantine und der InselPhilä über zahllose
Klippen zwischen Felswänden dahinstürzt und sich dabei in viele Arme teilt, zwischen denen man bei hohem
Wasserstand 20 Inseln zählt. Bei niedrigem Wasserstand hat er auf dieser Strecke eine Breite von 1000-1200 m. Weiter nördlich
im ruhigen Lauf dahinströmend, verengert er sich wieder, so daß er bei Theben nur eine Breite von 400 m hat, die aber bei
Siut wieder bis zu 800 m wächst.
Bei Derût geht aus der westlichen Seite der Josephskanal (Bahr Yusuf), ein Werk derKunst, ab und folgt
in seinem 350 km langen Lauf dem Fuß der libyschen Bergkette bis unterhalb Kairo, wo er sich südlich von Terraneh mit dem
Rosettearm des Nils vereinigt. Ein Arm desselben wendet sich durch die Schlucht El Lahun nach dem Fayûm,
welches durch ihn in vielen Ästen bewässert wird 22 km unterhalb Kairo, wo das Thal sich zur Ebene erweitert, teilt sich der
hier ¾ Stunden breite Strom in mehrere Arme, von denen aber nur noch zwei, ursprünglich von Menschenhänden ausgegraben, die
von Rosette und Damiette, von Wichtigkeit sind, indem die übrigen im Lauf der Zeit mehr und mehr versandeten.
Das zwischen beiden Armen sich ausbreitende Delta wird von zahllosen Verbindungskanälen der Nilarme quer durchzogen. Im Anschluß
an den Bahr Yusuf wurde von Derût nach Siut der Ibrahimkanal und von Siut bis Sohâg der Sohâgiyekanal
erbaut. Von großer Wichtigkeit auch für den gesamten Wohlstand des Landes ist der Mahmudiehkanal bei Alexandria (s. d.). Ferner
sind in Oberägypten große Bassins zur Regulierung der Nilüberschwemmungen angelegt und behufs der Schließung und Öffnung
der beiden Hauptarme des Nils an dessen Gabelung große Dammbauten in Angriff genommen, die aber nicht vollendet
worden sind (Barrage des Nils).
Mit Hilfe von Ziehbrunnen (Schadufs), welche nur von einem Menschen in Bewegung gesetzt werden, von unsern Baggermaschinen ähnlichen
Schöpfrädern (Sakîye) und hydraulischen Maschinen, auf den Zuckerrohrplantagen des Chedive auch mit Dampfpumpwerken
bringt man das Nilwasser zuweilen durch mehrere übereinander liegende Etagen auch auf höher gelegenes Terrain, wo die Überschwemmungen
nicht
hingelangen. Das ganze kulturfähige Land ist durch Dämme in ungeheure Bassins eingeteilt, in welche das befruchtende
Wasser durch Kanäle eingeführt und so lange auf einer gewissen Höhe erhalten wird, bis die gehörige
Menge Nilschlamm abgesetzt ist. Ein willkürliches Überfluten des Landes ist jetzt ganz ausgeschlossen; Ägypten hat aufgehört,
zur Zeit der Nilschwelle wie ehemals ein großer See zu sein.
Von andern fließenden Gewässern ist in Ägypten nördlich von der Mündung des Atbara in den Nil nicht die
Rede. Auch der perennierenden Quellen entbehrt der größte Teil des Landes ganz. AndreQuellen, besonders mineralische, zum Teil
lauwarme, finden sich in dem Querthal zwischen Kosseïr und Kenneh und zunächst der Küste des RotenMeers, dann bei Kairo (Heluan),
besonders aber im Oasenzug, dessen Quellen eisen- oder schwefelhaltig und großenteils Thermen sind. Seen
sind in in ziemlich großer Anzahl vorhanden. Im Innern sind die bedeutendsten der salzige Birket el Kerun am Westrand vom
Fayûm (26,000 Hektar), die Bitterseen (30,000 Hektar) auf der Landenge von Suez und die sechs kleinen Natronseen (zusammen 6000 Hektar)
südöstlich von Alexandria.
Der im Altertum berühmteste aller ägyptischen Seen, der Mörissee, früher irrtümlich mit dem Birket el Kerun identifiziert,
ist längst eingetrocknet. Ansehnlicher als diese Binnenseen sind die vom Mittelmeer meist nur durch eine schmale, sandige
Landzunge getrennten salzigen Lagunenseen, worunter folgende die bedeutendsten sind: der Birket Mariut (der alte Mareotis)
bei Alexandria, der sich erst 1801 wieder füllte, als die englisch-türkische Armee bei der Belagerung von Alexandria die Dämme
des die Ebene vom See von Abukir trennenden Kanals von Alexandria durchstach, wodurch eine Fläche von 40,000 Hektar kultivierbaren
Bodens bedeckt wurde;
der Edkusee (34,000 Hektar), zwischen dem vorigen und dem Rosettearm, jetzt fast wasserleer;
der gleichfalls sehr seichte Burlos, zwischen dem Rosette- und Damiettearm, mit vielen Inseln und fischreich (112,000 Hektar),
und der Mensaleh (184,000 Hektar), der größte von allen, östlich vom Damiettearm bis Pelusium sich erstreckend
und erst in der neuern Zeit infolge der Vernachlässigung der Dammbauten entstanden, 67 km lang, durchschnittlich 33 km breit
und 1-1½ m tief, mit vielen Inseln, fischreich und vom Suezkanal durchschnitten.
Merkwürdig sind endlich noch die erst in
neuerer Zeit genauer bekannt gewordenen unterirdischen Wasserbecken im westlichen Oasenzug, welche schon
im Altertum zum Bohren artesischer Brunnen
[* 30] Veranlassung gegeben haben.
Die höher gelegenen südlichen Gegenden haben als einzige Jahreszeit nur einen trocknen und heißen Sommer und das ganze Jahr
über eine ziemlich gleichbleibende mittlere Temperatur, die mittlern und nördlichen dagegen eine kühle und eine heiße
Jahreszeit. Jene dauert vom Dezember bis März und gleicht derHerbst- und Frühlingszeit der gemäßigten LänderEuropas; diese
umfaßt die übrigen Monate und ist erst trocken, dann feucht. Der mittlern Temperatur nach gehört das südliche Ägypten zu den
heißesten Ländern der Erde, die außerhalb der Tropen liegen, während das Delta infolge der kühlenden
Einwirkung der Seewinde das südeuropäische Küstenklima teilt.
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