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Die Erfahrung zeigt, dass fussballerische Fähigkeiten und Sprachbegabung zwei Eigenschaften sind, die nicht zwingend Hand in Hand gehen. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass Füsse und Zunge beim Menschen weit voneinander entfernte Körperteile sind.
Dennoch kann es selbstverständlich vorkommen, dass sich eine einzelne Person sowohl fussballerisch als auch sprachlich auf hohem Niveau bewegt. Bekanntestes Beispiel dieser Doppelbegabung dürfte der Portugiese José Mourinho sein. Die internationale Laufbahn des gegenwärtigen Trainers des Chelsea Football Club begann beim FC Barcelona. Allerdings war er dort nicht etwa als Spieler oder Coach angestellt, sondern als Übersetzer. Der englische Trainer Bobby Robson hatte Mourinho 1996 von Portugal nach Barcelona mitgenommen. Robson selbst konnte sich ausschliesslich in seiner Muttersprache verständigen. Deswegen hatte er bei seinen Trainerstellen in Lissabon und Porto erfahren, wie wertvoll es ist, einen sprachbegabten Mann an seiner Seite zu haben.
José Mourinho, der neben Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Katalanisch und Französisch auch gut Englisch spricht, kam also gleichsam über die Sprache zu seinem ersten wichtigen Fussballengagement. Und er nutzte die günstige Gelegenheit, sich an der Seite eines erfahrenen Fachmanns fussballtechnisch weiterzubilden. Als Robson in Barcelona gefeuert wurde, blieb Mourinho und bot seine Übersetzerdienste fortan Robsons Nachfolger Louis Van Gaal an. Zwanzig Saisons später gehört der charismatische Exübersetzer zu den erfolgreichsten Trainern der Fussballgeschichte. Seinen Ehrennamen «The Special One» gab er sich bei seinem allerersten Interview als Trainer des FC Chelsea gleich selbst. Es war im Sommer 2004, als er der versammelten englischen Presse den memorablen Satz diktierte: «Please don’t call me arrogant, but I’m European champion and I think I’m a special one» (Bitte bezeichnet mich nicht als arrogant, aber ich bin Champions-League-Sieger, und ich denke, dass ich einzigartig bin).
Seither sind über elf Jahre vergangen. Mourinho ist nach erfolgreichen Tätigkeiten in anderen Ländern wieder zurück bei Chelsea FC, und er liebt es noch immer, an Pressekonferenzen spezielle Dinge von sich zu geben. So behauptete er neulich nach einer Niederlage seiner Mannschaft, die englischen Schiedsrichter hätten Angst, Penaltys für Chelsea zu pfeifen. Wörtlich sagte Mourinho: «The English referees are afraid to give our side penalties.» Der englische Fussballverband wertete diese Aussage als grobe Unsportlichkeit. Mit diesem Satz habe er angedeutet, die Schiedsrichter seien nicht unparteiisch. Eine derartige Aussage diskreditiere den englischen Fussball. Der Verband belegte Mourinho mit einer Busse von 50 000 Pfund.
Umgehend legte Mourinho gegen das Urteil Berufung ein. Sein Englisch sei nicht besonders gut, weshalb man seine Aussagen nicht wörtlich nehmen dürfe, versuchte er sich zu rechtfertigen. Er habe nicht sagen wollen, die Schiedsrichter hätten Angst. Er habe bloss gemeint, es sei schwierig für die Schiedsrichter, weil sie unter Dauerbeobachtung stünden. Zudem wies Mourinho darauf hin, dass sein elsässischer Berufskollege Arsène Wenger, Trainer von Arsenal London, erst vor wenigen Wochen ungestraft habe sagen dürfen, ein Schiedsrichter sei weich und naiv gewesen.
Die zuständige Instanz lehnte Mourinhos Berufung ab. Als ehemaliger Übersetzer und als Mann des Worts könne er sich keinesfalls auf mangelnde Englischkenntnisse berufen. Sein Englischniveau sei anerkanntermassen überdurchschnittlich, weshalb er die volle Busse auf sich nehmen müsse.
Der Gebüsste schwieg nicht. In einem Fernsehinterview kommentierte er das Berufungsurteil spontan als «disgrace» (Schande), womit er unfreiwillig bestätigte, in der Sprache Shakespeares über einen recht differenzierten Wortschatz zu verfügen.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Obwohl er die englische Sportpresse verfolgt, sind seine Englischkenntnisse disgraceful.