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Das goldene Mädchen aus dem Kürbis
Es war einmal ein Mann, der hatte eine Frau, die kein Kind bekam. Sie weinte deswegen viel. Einmal bat sie Gott: «Gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Kürbis ist!» Nach einiger Zeit gebar sie einen Kürbis. Die Frau sagte: «Gott hat mir das gegeben, um was ich ihn gebeten habe.» Sie wusch den Kürbis, rieb ihn mit Rotholz ein und rief eine Dienerin: «Kümmere dich um den Kürbis, wie man sich um ein Kind kümmert!» Die kleine Dienerin nahm den Kürbis und trug ihn spazieren. Sie ging vor die Stadtmauer, damit der Kürbis im Busch spielen könnte wie andere Kinder. Abends trug sie den Kürbis wieder heim und legte ihn auf seine Matte. Drei Jahre lang kümmerte sich die Dienerin um den Kürbis. Eines Tages waren sie wieder vor der Stadtmauer und der Kürbis lag auf dem Schoss der Dienerin. Da sprach der Kürbis: «Ich will mit dir sprechen!» Die Dienerin sprang erschrocken auf: «Du sprichst!» Der Kürbis sagte: «Ja, ich spreche, aber du musst keine Angst haben.» Der Kürbis sprang auf und aus dem Kürbis kam ein kleines Mädchen heraus, das war wunderschön. Noch nie hatte jemand ein so schönes Mädchen gesehen. Es war ganz und gar mit Gold geschmückt. Das Kürbismädchen spielte mit der Dienerin, dann sagte es: «Ich gehe wieder in meinen Kürbis, dann kannst du mich nach Hause bringen. Verrate aber meiner Mutter nichts, auch meinem Vater nicht.» So ging das Kürbismädchen wieder in den Kürbis, dieser schloss sich und die Dienerin trug den Kürbis heim. So ging das nun jeden Tag, die Zeit verging und das Kürbismädchen wuchs heran. Einmal kam ein Pferdebursche an der Stadtmauer vorbei, um Gras für das Pferd seines Herrn zu schneiden. Er sah die Dienerin am Boden sitzen, mit einem Kürbis auf dem Schoss. In diesem Augenblick sprang der Kürbis auf und ein Mädchen kam heraus, das war so schön, so goldgeschmückt und glänzend, dass der Pferdebursche seine Augen nicht abwenden konnte. Er lief zu seinem Herrn und sagte: «Ich habe ein Mädchen gesehen, das ist so wunderschön, schöner als alle Mädchen dieser Welt, es war vor dem Stadttor im Busch!» Der Herr schüttelte den Kopf und sagte: «Das muss wirklich etwas Besonderes gewesen sein, du bist ja ganz ausser dir.» Am nächsten Morgen begleitete der reiche Herr den Pferdeburschen zum Stadttor. Sie versteckten sich und mussten nicht lange warten, da kam die Dienerin mit dem Kürbis, setzte sich auf den Boden, der Kürbis sprang auf und heraus kam das schönste Mädchen, das der Mann je gesehen hatte. «Sie ist eines Königs würdig», dachte er. Der Herr ritt zum Königspalast, liess sich vor den König bringen und erzählten im alles. «Das ist ganz ausserordendlich!», rief der König aus, «dieses Mädchen will ich heiraten. Lasst den Vater des Kürbismädchens zu mir kommen.»Die Bediensteten holten den Mann und brachten ihn vor den König. «Ich bitte dich: Gib mir dein Kürbiskind zur Frau.»
«Man kann doch keinen Kürbis heiraten!», rief der Mann aus. «Aber wenn ihr es wünscht, will ich euch den Kürbis zum Geschenk machen.»
«Aber nein,» meinte der König, «du sollst mein Schwiegervater werden und mir den Kürbis anvertrauen. In ein paar Jahren werde ich dann den Kürbis heiraten.»
Der Vater des Kürbismädchens schüttelte den Kopf und sagte: «Wenn du es wünschst mein König, dann sei es so. Wenn du glaubst, dass du einen Kürbis heiraten kannst, dann gebe ich dir das Kürbiskind zur Frau.» Der König übergab dem zukünftigen Schwiegervater Perlen und schöne Kleider für die Schwiegermutter und der Vater kehrt nach Hause zurück. Es vergingen einige Jahre, da schickte der König einen Boten zu dem Mann mit dem Kürbiskind und liess ausrichten, dass er den Kürbis in zehn Tagen hole.
Nach zehn Tagen heiratete der König das Kürbiskind. Viele Leute kamen, um das Kürbiskind zu sehen. Die Dienerin trug den Kürbis in das Haus des Königs. Alle Leute riefen: «Der König hat das Kürbiskind geheiratet! Der König hat das Kürbiskind geheiratet!» Der König fragte die Dienerin: «Was muss ich tun, damit ich das Kürbismädchen sehen kann?»
«Du musst warten, bis die Nacht kommt», sagte die Dienerin. «Dann kommt das Mädchen heraus, um ein Bad zu nehmen. Sobald sie den Kürbis verlassen hat, nimm den leeren Kürbis und verstecke ohn.» Der König wartete. Als es dunkel wurde, versteckte er sich, bis sich der Kürbis bewegte und aufsprang. Die Kürbisschalen fielen auseinander und herauskam eine junge wunderschöne Frau, goldgeschmückt. Der König schaut und schaut und konnte seine Augen nicht mehr abwenden. Dann schlich er näher, nahm die beiden Kürbisschalen und versteckte sie. Als das Kürbismädchen gebadet hatte, kehrte es in sein Zimmer zurück, setzte sich auf das goldene Bett und fragte: «Wo ist mein Kürbis? Ich kann meinen Kürbis nicht sehen?»
Die Dienerin sagte: «Ich sah einen Mann hereinkommen und schnell wieder hinausgehen. Vielleicht hat er den Kürbis mitgenommen.» Das Kürbismädchen weinte, doch die Dienerin tröstete sie: «Weine nicht, morgen wird alles gut werden.» Das Kürbiskind schlief ein.
Der König liess am andern Morgen die Trommeln schlagen für seine neue Frau. Er betrat ihr Zimmer und sprach die lieblichsten Worte zu ihr. Sie aber sass auf ihrem goldenen Bett und sprach kein Wort. So ging das einige Tage lang. Der König war sehr betrübt. Er ging zur Dienerin und sagte: «Was muss ich tun, damit meine Frau mit mir spricht?»
«Stellt einen grossen Topf mit Wasser auf zum Baden und steigt mit den Kleidern hinein.» Der König liess einen grossen Topf in das Zimmer des Kürbismädchens bringen und mit Wasser füllen. Dann stieg er mitsamt den Kleidern hinein. Das Kürbismädchen begann zu lachen und sagte: «Wenn alle Männer auf diese Weise baden, ist dies ein seltsames Land.»
«Das Kürbismädchen spricht!», rief der König erfreut und stieg aus dem Bad. «Bringt mir trockene Kleider!»
Bis heute ist es so, dass eine Frau nach der Hochzeit erst mit ihrem Mann spricht, wenn er ein Bad genommen hat.Wenn man aber Gott um etwas bittet, soll man ihn um etwas Vernünftiges bitten und nicht um etwas so Verrücktes wie die Frau, die um das Kürbiskind bat.
Märchen aus dem Sudan, aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag