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ANNA GEHEEB - 1875 BIS 1960 – wer weiss noch von ihr!
Die Eltern leben im Städtlein Geisa in Röhn. Anna ist ein Wildfang! Bald aber auch ein trotziges, ungehorsames Kind! Läuft von zu Hause weg, wird wieder eingefangen, läuft wieder weg ... Schliesslich gibt man sie, auf Vermittlung von Paul Geheeb, für einige Monate zu Minna Cauer nach Berlin. Dank ihrer Vermittlung kann sie die Kindergärtnerinnenausbildung im dortigen Pestalozzi-Fröbel Haus absolvieren. Danach (1893/94) arbeitet sie für ein Jahr an der Seite ihres Bruders Paul (auch nicht immer ein einfaches Verhältnis!) in der "Trüperschen Anstalt" auf Sophienhöhe bei Jena. Die Tage verbringt sie mit den mehr oder weniger gestörten Kindern dieses für damalige Zeiten sehr modernen Heimes; an den Abenden lernt sie Latein, um - das ihr grosser Traum! - einmal das Abitur machen und studieren zu können -, nicht irgendetwas, nein, Medizin will sie studieren, obschon alle - auch der sonst an sich ganz aufgeschlossene Paul und dessen "mütterliche Freundin" Minna Cauer, diese radikale Kämpferin für die Eigenständigkeit der Frau - diese Idee für verrückt halten.
Nachdem Trüper sie ein oder zweimal "belästigt" hat, packt sie ihre Sachen und geht. Minna Cauer verhilft ihr zu einer Stellung in einem Hause in Manchester in England. Dort lebt sie die nächsten Jahre, hungert sich durch, lernt viel - mehr Latein und Französisch, aber auch viel über Proletarierelend und Frauenstimmrechtswbewegung und ähnlich weltliche Dinge. 1898 oder 1899 hat sie es dann irgendwie geschafft. Sie macht in Berlin ihr Abitur. Dann geht sie nach Zürich, wo sie als 15 jähriges Mädchen die ersten Studentinnen gesehen und entschieden hat, dass auch sie einmal zu diesen gehören wolle! Dort beginnt sie ihr Studium. Ein oder zwei Jahre später Rückkehr nach Deutschland (Halle, später Marburg), Fortsetzung und Abschluss des Medizinstudiums -, dank ersten Versuchen mit vielem Wenn und Aber jetzt auch in Deutschland möglich.
Während der Ferien und einer längeren Krankheit reist sie mit einer Freundin, lernt auf einem Gut in Ostpommern reiten und schiessen ...Dann , etwa 1907 ein Mann, eine Verlobung, ein Kind - "die erste und einzige Liebe meines Lebens!" ... Der Mann verschwindet schon nach ein oder zwei Jahren wieder aus Anna Geheebs Leben - vermutlich von ihr in die Wüste geschickt. Anna Geheeb jetzt, um 1910 als allein erziehende Mutter in Berlin. Sie sucht eine Assistentenstelle als Ärztin in einem Berliner Krankenhaus, um ihre Ausbildung abschliessen zu können, doch die Schwierigkeiten sind zu gross. Sie bräuchte eine Teilzeitstelle oder eine Stelle, wo sie das Kind mitnehmen könnte, aber das ist schwierig -, sehr schwierig. Sie scheint schliesslich im pädagogischen Bereich unterzukommen -, eine der Not, nicht dem ursprünglichen Wunsche entsprechende Lösung.
Im Geheeb-Archiv der Ecole d'Humanité, jetzt in Darmstadt, Deutschland, liegen rund 1,000 Briefe aus den Jahren 1884 bis 1959 oder 60, die Anna Geheeb in diesem Zeitraum an ihren Bruder Paul geschrieben hat. Auch ein Manuskript mit Lebenserinnerungen und einige Briefe an ihren später zeitweilig verschollenen Sohn sind vorhanden. Ein noch fast unberührter Schatz an Quellen, der uns sicher auch mehr darüber sagen würde, was Anna Geheeb vor, während und nach dem ersten Weltkrieg getan, wo und wie sie gelebt, wovon sie geträumt, woran sie gelitten oder gedacht hat.
Als Otto und Clothilde Erdmann (beide ehemalige Mitarbeiter in der Odenwaldschule von Annas Bruder Paul Geheeb) 1925 auf Burg Nordeck bei Giessen ein Landerziehungsheim eröffnen, ist sie als Schulärztin mit dabei. Wie sie ihre Arbeit sah und erlebte, in wiefern sie sich auch "pädagogisch" engagierte, ob sie mit vielen Menschen Kontakt hatte oder ganz zurückgezogen innerhalb der kleinen Gemeinschaft auf der Burg lebte, ob man sie dort liebte oder hasste -, all das wissen wir nicht! In ihren Briefen dürfte wiederum einiges davon zu finden sein -, vielleicht auch in den Schulnachrichten von Burg Nordeck, deren Jahrgänge im Archiv der Odenwaldschule liegen.
Anna Geheeb lebt und arbeitet während der 30er Jahre und während des ganzen zweiten Weltkrieges auf Nordeck: Viel Arbeit, vermutlich auch viele interessante Erfahrungen und Begegnungen, aber wohl noch mehr Einsamkeit und Schwere! Je länger der Krieg sich hinzieht, desto isolierter ist sie: Ohne zu begreifen, was da eigentlich geschieht, erlebt sie, wie ihr Deutschland, ihre geliebten Städte - das alte München, "wie wir es kannten", ihr liebes Frankfurt und Marburg und Hamburg und Berlin - von dem "immer frecher werdenden" Feind zerbombt wird! Sie arbeitet ohne Ferien und fast ohne freie Tage von morgens früh bis spät in den Abend; versorgt jetzt auch die Dörfer der Umgebung mit den immer zahlreicheren Flüchtlingen. In ihrem Tagebuch erzählt sie ihrem nach Brasilien ausgewanderten Sohn, von dem sie seit bald drei Jahren nichts mehr gehört hat, von dieser schrecklichen Zeit. Ohne zu wissen, ob ihr Peter diese Aufzeichnungen je erhalten wird, erzählt sie ihm von den Verwandten in München, die jetzt auch ausgebombt sind und von Onkel Paul und Tante Edith und ihrer kleinen Flüchtlingsschule in den Schweizer Bergen. Sie erzählt davon, wie sie Ende Januar 1945 per Bahn und Rad nach Giessen fährt; erzählt von den dortigen Verwüstungen und von den Amerikanern, die Ende März, einige Tage nach ihrem 70 Geburtstag in Nordeck einmarschieren ...
Nach Kriegsende wird das Landschulheim vorerst einmal geschlossen; Otto Erdmann hat sich während der Nazizeit zu sehr kompromitiert. Frau Dr. Geheeb richtet in der Burg vorübergehend ein Erholungsheim für Erwachsene ein, denn - von etwas muss man ja leben und Aufgeben zählt nicht! - 1947 ist die Bewilligung dann da. Das Landschulheim kann seinen Betrieb wieder aufnehmen. Endlich kann Anna Geheeb für ein paar Monate ausruhen! Sie fährt in die Schweiz, zu ihrem Bruder. Dort lebt man zwar auch noch äusserst primitiv und provisorisch, aber im Gegensatz zu den Verhältnissen in Deutschland leben Paul und seine Frau Edith mit ihrer inzwischen glücklich in Goldern, weit hinter dem Brünigpass und hoch über der Aare ettablierten "Schule der Menschheit" im Paradies! Es gab dort einige Menschen, die sich noch 50 Jahre später an Annas tiefe Stimme und den dicken Qualm erinnern, der einem in ihrem Zimmer empfing, wenn man ihr - gegen zehn oder halb elf Uhr - das Frühstück ans Bett brachte! Anna Geheeb rauchte wie ein Schloot! Das liess sie sich auch von ihrem antialkholischen und antinikotinischen Bruder mit seinen so viel vernünftigeren Ernährungsgewohnheiten nicht nehmn!
Bald ist Anna Geheeb wieder an der Arbeit. Erst 1953, als auch Otto Erdmann und seine Frau Clothilde sich zur Ruhe setzen, verlässt auch sie - 78 jährig - die Burg. Ein halbes Jahr später ist sie auf dem Weg nach Brasilien. Sie will ihren Peter noch einmal sehen! Von einem langen Ritt durch den Tschungel ist in ihren Briefen die Rede und von vielen Kindern, die ihr Junge inzwischen von seiner indianischen Frau gekriegt habe. Nach Europa zurückgekehrt lebt sie in München bei ihrer Schwägerin. Es gehe ihr nicht gut, heisst es jetzt. Sie sei verwirrt, manchmal auch böse. Dann, irgendwann im Verlauf des Jahres 1960 stirbt sie.
Anna Geheeb war keine berühmte Frau wie ihr Bruder Paul, der Gründer der Odenwaldschule. Doch ihre Versuche der beruflichen und persönlichen Emanzipation, ihre Erlebnisse als eine der aller ersten Medizinstudentinnen an verschiedenen deutschen Universitäten, ihr Dasein als "alleinerziehnde Mutter" ab 1908, ihr Engagement in der Landerziehungsheimbewegung ab 1912, ihre enge Verbindung mit Otto und Clothilde Erdmann, ihre Mitarbeit auf Burg Nordeck ab 1925 und ihr Erleben der Kriegsjahre - all dies sind Themen, die uns der Bearbeitung wert scheinen, und die angesichts des vorhandenen Quellenmaterials auch bearbeitet werden können!