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Valentino Rossi hat in seinen besten Jahren die Gegner mit einer psychologischen Raffinesse sondergleichen je nach Situation ignoriert, geschmäht, verspottet und provoziert. Er war nicht nur in jeder Beziehung als Rennfahrer besser. Er führte auch jahrelang mit feinster Klinge gegen alle seine Rivalen einen «Nervenkrieg». Sete Gibernau und Max Biaggi sind daran zerbrochen. Nicky Hayden, Casey Stoner und Jorge Lorenzo haben zwar Valentino Rossi mehrere Titel entrissen. Aber diese Niederlagen hat das Publikum als «Betriebsunfälle» und nicht als Entthronung taxiert. Zumal es durchaus Erklärungen dafür gibt, warum der Italiener seit 2009 nicht mehr Weltmeister geworden ist.
Am 5. Juni 2010 erlitt «Vale» durch einen Sturz im Training zum GP von Italien in Mugello einen Beinbruch. Zum ersten Mal in seiner Karriere musste er auf Rennen verzichten. 2011 und 2012 hatte er bei Ducati nicht das Material um zu siegen. Jene, die ihn besiegten, hatte er bei früheren Gelegenheiten in Grund und Boden gefahren. Er blieb für seine Fans sozusagen «im Felde unbesiegt». Nur äussere Umstände hatten zu den Niederlagen geführt.
Erst letzte Saison, nach der Rückkehr zu Yamaha und dem Einstieg von Marc Marquez in die «Königsklasse», stellte sich erstmals auch für seine Anhänger die Frage: Geht die Karriere des grössten, des charismatischsten Töffpiloten aller Zeiten doch zu Ende?
Der Gedanke ist eigentlich unerträglich, Valentino Rossi könnte zum Schluss seiner Karriere ein «Hinterherfahrer» werden. Aber es ist inzwischen sogar denkbar, dass Valentino Rossis Rekorde (106 GP-Siege, 9 WM-Titel) von Marc Marquez dereinst übertroffen werden. Der 14 Jahre jüngere Spanier steht bereits bei 35 GP-Siegen und drei WM-Titeln. Er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er besser ist als alle seine Rivalen – mit einer Ausnahme: Marc Marquez. Gegen den Spanier war, ist und bleibt er chancenlos.
Nun ist Valentino Rossi der erste Töff-Superstar, der auch seinen Rückzug vom Gipfel des höchsten Ruhmes in einen Triumphzug verwandelt. Er weiss sehr wohl, dass er gegen Marc Marquez keine Chance hat. Dass hier einer aufgetaucht ist, der ganz einfach besser ist. Würde er das spanische Jahrhunderttalent ignorieren, schmähen, provozieren oder gar verspotten – dann wäre seine Karriere ruhmlos beendet. Er würde sich lächerlich machen.
Also hat sich Valentino Rossi mit Marc Marquez quasi verbündet. Bei den offiziellen Medienauftritten überhäuft er den jungen Rivalen artig mit Komplimenten und es fehlen auch nicht die Umarmungen auf dem Podest. Und er zelebriert hier beim GP von Spanien in Jerez erst recht seine Bewunderung und Freundschaft für Marc Marquez – und der Titelverteidiger macht dieses Spiel mit.
Die Wirkung dieser Strategie ist durchschlagend: Valentino Rossis Charisma und Popularität sind gross wie eh und je. Er ist nicht der chancenlose ehemalige Weltmeister, der statt Bewunderung am Ende Mitleid erntet. Nein, er ist der väterliche Freund und Vertraute des neuen Superstars. Gerade so als habe er, Valentino Rossi, entschieden, die Fackel an den Rivalen weiterzureichen, den er selber ausgesucht hat.
Valentino Rossi bleibt auch in der letzten Phase seiner Karriere im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er und nicht sein Rivale schreibt das Drehbuch für dieses letzte Kapitel. Ein Schauspiel, Berechnung oder handelt er spontan so, weil er tatsächlich so denkt und fühlt und seinen Rivalen bewundert?
Es ist auf jeden Fall Valentino Rossis beste Rolle. Er hat so auch wieder viel mehr Spass an der Rennfahrerei. Er lässt sich diesen Spass an der Sache nicht durch negative Gefühle verderben. Der neue Superstar nimmt ihm nicht die mediale Aufmerksamkeit und die Bewunderung des Publikums. Er teilt beides mit ihm. Valentino Rossi bleibt der Grösste aller Zeiten. Sein Vertrag läuft am Ende dieser Saison aus. Inzwischen ist nicht einmal mehr sicher, dass er dann tatsächlich aufhört.