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Gönne deiner Seele ein wenig Stille, denn deine Erlösung naht. Foto: Keystone
Als Josef mit Maria von Nazareth nach Bethlehem reiste, ahnten sie nicht, dass einst die Jahre von der Geburt ihres Sohnes an gezählt würden. Und das war nicht die einzige Zeitenwende. Auch das Römische Reich befand sich im Umbruch. Augustus war der Nachfolger Cäsars, und mit Cäsar begann die Umwandlung der Republik in eine Monarchie.
Cäsar hatte eine absolutistische Herrschaft nach dem Vorbild Alexanders des Grossen mit einem gottähnlichen «Kaiser» («Cäsar») vorgeschwebt. Sein Grossneffe Augustus merkte, dass die Zeit dafür nicht reif war. Er ging behutsam vor, schmeichelte den Aristokraten und baute für die Proletarier den Sozialstaat aus. Rom wurde zur grossartigen Versorgungs- und Vergnügungsanstalt.
Für die Entrechtung wurden die Proletarier mit staatlichen Pfründen und Alterspensionen abgespiesen. Auch die Senatoren interessierten sich weniger für rechtsstaatliche Grundsätze als für ihr persönliches Wohlergehen. Alles sah harmlos aus, denn Augustus wollte weder Gott noch König sein, sondern nur der Erste (Prinzeps) unter den Bürgern. Die Amtszeitbeschränkung liess er aufheben und sicherte sich die Spitze auf Lebenszeit. Damit war das Blendwerk – monarchische Wirklichkeit hinter republikanischer Kulisse – perfekt gelungen. Die verschleierte Alleinherrschaft brachte immerhin Frieden und Sicherheit für 200 Jahre.
Staatliche Machtdemonstration
Soeben hatte Augustus angeordnet, dass sich alle Bürger in ihrem Heimatort für die Steuererhebung zu melden hätten. Josef und seine Verlobte Maria wanderten von Nazareth nach Bethlehem über 30 Stunden reiner Marschzeit. Die schwangere Maria bewegte sich langsam und benötigte viele Pausen. Auch andere Leute waren zum gleichen Zweck unterwegs. Als im Bethlehem alle Hotelzimmer besetzt waren, musste ein Stall als Notschlafstelle dienen. Die staatliche Machtdemonstration wurde zur Demütigung. Josef murrte jedoch nicht. So das Lukasevangelium.
Matthäus erwähnt Augustus nicht. Seine Weihnachtsgeschichte ist beliebt durch die Könige aus dem Morgenland. Wegen der drei Geschenke – Gold Weihrauch, Myrrhe – nimmt man an, dass sie zu dritt waren. Sie sind nicht als Könige, sondern als Magier betitelt, waren also Sterndeuter.
Die Sterndeutung war zwischen Wissenschaft und Religion angesiedelt. Sie erforschte kosmische Gesetzmässigkeiten und deutete sie. Gute Magier waren in der Lage, künftige Lebensumstände vorauszusehen und den Machthabern Empfehlungen abzugeben. Deshalb waren sie an den Fürstenhöfen geschätzt und grosszügig besoldet.
Diesen Magiern wurde durch ihre Sternbeobachtung die Geburt eines politischen Judenkönigs angezeigt. Aus diesem Grund gingen sie zuerst zum König Herodes. Als der davon hörte, fürchtete er um seine Macht und befahl bald den Knabenmord in Bethlehem. Verunsicherte Machthaber sind brandgefährlich. Aber die Erwartung eines neuen Königs war ein Irrtum.
Bürokratisches Kaiserreich
Jesus kommt also zwischen zwei Heilsprogrammen zur Welt: Augustus steht für die Erlösung durch den paternalistischen Staat, der seinen Untertanen Sicherheit und Wohlergehen verspricht. Und die Sterndeuter verkörpern die Wissenschaft, von der sich die Menschen Erleichterung und Fortschritt versprechen.
Zwischen diesen imposanten Ideen könnten Maria, Josef und Jesus glatt vergessen werden. Aber das Gegenteil geschah. Trotz des Irrtums stiessen die Magier auf sie. Und trotz aller Sicherheit, die das römische Kaiserreich verkörperte, liess es sich 300 Jahre später vom Christusglauben überwältigen.
Das Kaiserreich war inzwischen völlig bürokratisch geworden, und typischerweise wollte sich der einzelne von der Verantwortung drücken. Politische und wissenschaftliche Heilsprojekte können offenbar zwischenmenschliche Beziehungen nicht ersetzen. Die Beziehung einer Mutter zu ihrem neugeborenen Kind, wie sie an der Weihnacht im Zentrum steht, ist der Prototyp der Liebe.
Stille für die Seele
Und die Liebe Gottes durchbricht alles. Die Hirten, die als erste von der Geburt hörten, hatten eine bescheidene Stellung. Heute würden die Engel wahrscheinlich Rastplätze aufsuchen, wo Chauffeure in ihren Kabinen nächtigen. Die Hirten werden aufgerufen, sich nicht zu fürchten. Ängste lassen sich entfachen wie Zunder und haben mit den realen Bedrohungen oft nichts zu tun.
Die Weihnacht ist wie die sanfte Hand, die den Kopf eines Kindes liebevoll in eine Richtung dreht, damit es das sieht, worauf es ankommt. Schau nicht auf das obrigkeitliche Imponiergehabe und die wissenschaftlichen Knallpetarden! Richte deinen Sinn auf die Beziehungen, auf die Liebe, auf die Menschen, auf die Schöpfung und auf Gott. Nimm dir eine Auszeit von allem Wirrwarr. Gönne deiner Seele ein wenig Stille, denn deine Erlösung naht.