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Die Katastrophe in Deutschland zeigt, wie ganze Häuser, Fundamente und Landstriche von den Fluten weggeschwemmt wurden. Ob das in der Schweiz auch möglich wäre, weiss der Hochwasser-Spezialist Andreas Zischg von der Universität Bern.
Andreas Zischg
Andreas Zischg ist Professor für Modellierung von Mensch- und Umweltsystemen an der Universität Bern. Er beschäftigt sich mit Hochwassergefahren und den Folgen von Extremereignissen.
SRF News: Waren Sie überrascht zu sehen, wie manche Häuser in den deutschen Flutgebieten wie Sandburgen in sich zusammenfielen?
Andreas Zischg: Ja, das sind sehr tragische Bilder, man ist da sprachlos. Die Kraft des Wassers war in diesen Fällen wirklich sehr gross.
Deutschland ist nicht dafür bekannt, dass Häuser schlampig gebaut würden. Wie viel Wasser braucht es denn, bis ein Haus einstürzt?
Es kommt auf die Fluthöhe und die Fliessgeschwindigkeit des Wassers an. Wenn das Wasser mindestens zwei Meter hoch kommt und es mit mindestens zwei Metern pro Sekunde fliesst, wird es kritisch. Dann kann ein ganzes Haus mitgerissen werden oder die Fundamente können erodieren – was dazu führen kann, dass das Haus in sich zusammenbricht.
Es ist die gleiche Wirkung wie bei der Sandburg am Strand.
Ist also das Bild der Sandburg richtig: Solange sie nur von wenig Wasser getroffen wird, bleibt sie stehen, wenn es mehr wird, wird sie zerstört?
Genau. Gut zu sehen ist dieser Effekt in Erftstadt, wo der rekordhoch kommende Fluss in eine Kiesgrube geflossen ist und dann über rückschreitende Erosion die Stadt getroffen hat. Es ist die gleiche Wirkung wie bei der Sandburg am Strand.
Müssten Häuser in der Nähe von Flüssen also anders gebaut werden, um solche Auswirkungen von Hochwasser zu verhindern?
Grundsätzlich ist es immer ein Abwägen zwischen dem Platz, den man dem Fluss zugesteht und dem Raum, den wir für unser Leben beanspruchen. Wenn man solche Katastrophen präventiv wirklich angehen möchte, müsste man massenweise Häuser und Strassen in der Nähe der Flussufer entfernen und die Flüsse viel breiter machen.
Wenn man solche Katastrophen völlig verhindern wollte, müsste man massenweise Häuser und Strassen in der Nähe der Flussufer entfernen.
Sind ähnliche Bilder von eingestürzten und fortgeschwemmten Häusern auch in der Schweiz denkbar?
Die Schweiz hat vorwärtsgemacht mit der Kartierung, die Gefahrenzonen sind jetzt bekannt. In den rot ausgewiesenen Zonen sind bei einem Extremereignis Personen in einem Gebäude gefährdet – betroffen sind in der ganzen Schweiz rund 19'000 Gebäude. 8500 davon sind bewohnte Häuser, in denen rund 60'000 Menschen wohnen.
Ist diese Situation mit anderen Ländern – etwa Deutschland – vergleichbar?
Die Schweiz hat in den letzten Jahren einige schlechte Erfahrungen gemacht – man denke an die Hochwasserereignisse von 1987, 1999 oder 2005 – und ist inzwischen stark sensibilisiert. Es wurden auch grosse Mittel in den Hochwasserschutz investiert.
Auch ein guter Hochwasserschutz hätte in den Katastrophengebieten kaum viel geholfen.
Doch das Problem bei solch extremen Ereignissen wie jetzt in Deutschland bleibt: Das Wasser kommt so rasend schnell, dass man nicht mehr viel machen kann. Auch ein guter Hochwasserschutz hätte in den Katastrophengebieten Deutschlands kaum viel geholfen.
Mit der Klimaerwärmung müssen wir in Zukunft vermehrt mit solchen Ereignissen rechnen. Was kann man da tun?
Das muss man im Einzelfall abklären. Manche Flüsse steigen langsam, wie unsere Gewässer im Mittelland. Das kann man Stunden oder Tage voraussehen und die entsprechenden Massnahmen ergreifen. Das Problem sind aber die Starkflut-Ereignisse in hügeligen oder gebirgigen Regionen. Dort können starke Gewitter extreme Hochwasser auslösen, die kaum vorhersehbar sind. Das kann auch bei uns passieren.
Das Gespräch führte Isabelle Maissen.