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Um die Fruchtbarkeit von Schweizer Männern ist es schlecht bestellt. Aktuelle Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen, dass jeder sechste zwischen 18 und 25 Jahren unfruchtbar ist. Entscheiden sich Paare für eine künstliche Befruchtung, liegt der Grund für die ungewollte Kinderlosigkeit in 35 Prozent der Fälle beim Mann.
Wie sich Lifestyle-Faktoren auf die Fertilität auswirken, warum Forschungsteams hormonaktive Substanzen verdächtigen, die Spermienqualität negativ zu beeinflussen, und wie zwei ungewollt kinderlose Männer doch noch Väter wurden, lesen Sie in «Jeder sechste Mann ist unfruchtbar».
Im untenstehenden Interview erklärt die Medizinerin Brigitte Leeners, an welchen Projekten Forscherinnen und Forscher arbeiten und weshalb sie keine Angst hat, dass wir aussterben werden.
Brigitte Leeners, wie reagieren Männer, wenn Sie ihnen sagen, dass ihre Spermien schlecht sind?
Ein Kind zeugen zu können, ist für viele Männer Teil ihrer Identität. In vielen Kulturen wird Zeugungsfähigkeit mit Männlichkeit gleichgesetzt. Entsprechend belastend ist eine Einschränkung der Fruchtbarkeit. Wir können die Männer aber beruhigen, indem wir ihnen sagen, dass die männliche Unfruchtbarkeit ein ultrahäufiges Problem ist. 80 Prozent der Kinderwunschbehandlungen, die weltweit durchgeführt werden, sind ICSI-Behandlungen, intrazytoplasmatische Spermieninjektionen, was nichts anderes heisst, als dass man dem Spermium den Weg in die Eizelle abnimmt.
«Wir sehen tatsächlich mehr junge Männer, die ihre Spermien einfrieren lassen.»
Frauen gehen regelmässig zur Gynäkologin, immer mehr lassen ihre Eizellen einfrieren. Müsste man junge Männer auffordern, sich früh genug um ihre Spermien zu kümmern?
Wir sehen tatsächlich mehr junge Männer, die ihre Spermien einfrieren lassen. Man kann bei uns vorsorglich ein Spermiogramm machen lassen. Allerdings wissen wir zu wenig über die Ursachen von schlechter Spermienqualität, um danach evidenzbasierte Empfehlungen abgeben zu können. Es gibt Ansätze mit Nahrungsergänzungsmitteln wie Zink und Selen und Verbesserungen des Lebensstils, aber damit verbessern wir ein Spermiogramm nie so, dass wir auf eine ICSI verzichten können. Auch mit dem gesündesten Lebensstil passiert da zu wenig. Die Spermien erholen sich nicht substanziell.
Es gibt Forscher, die in erster Linie Lifestyle-Faktoren verantwortlich machen.
Ein gesunder Lebensstil ist wichtig. Wir wissen, dass die Spermien von Rauchern weniger fit sind – und dass starkes Übergewicht sich negativ auf die Spermienqualität auswirkt. Aber das erklärt nicht, warum so viele, auch junge, gesunde Männer ohne Unterstützung nicht zeugungsfähig sind.
«Man weiss zum Beispiel, dass Söhne von Müttern, die während der Schwangerschaft vermehrt Umweltchemikalien ausgesetzt waren, wenig fruchtbar sind.»
Der israelische Forscher Hagai Levine ist überzeugt, dass hormonaktive Chemikalien der Hauptgrund für die weltweit sinkende Fertilität sind.
Dafür gibt es starke Hinweise. Dank einer Erhebung an der Universität Genf weiss man zum Beispiel, dass Söhne von Müttern, die während der Schwangerschaft vermehrt Umweltchemikalien ausgesetzt waren, wenig fruchtbar sind.
Lässt sich der Kontakt zu diesen Stoffen vermeiden?
Nein, belastend sind beispielsweise Weichmacher in Kinderspielzeug. Sie werden im Fettgewebe eingelagert. Im Laufe des Lebens kommen weitere Stoffe hinzu, durch die Ernährung, das Trinken aus Plastikflaschen, durch Kosmetika und anderes mehr. Schliesslich hat man im Körper eine wilde Mischung verschiedener Chemikalien, die teilweise aufgrund ihrer Halbwertszeit während eines Menschenlebens gar nicht mehr abgebaut werden. Sie wirken nicht nur auf die Eltern, sondern auch auf den Nachwuchs, der nach der Geburt selbst wieder Chemikalien ausgesetzt ist. Auch jemand mit einem hohen Gesundheitsbewusstsein kann sich dem nicht entziehen.
Während die männliche Fruchtbarkeit abnimmt, passiert in der Reproduktionsmedizin viel.
Ich bin selbst gespannt, wohin die Reise geht. Wir generieren heute aus Stammzellen Vorstufen von menschlichen Spermien. Vielleicht brauchen wir in 100 Jahren gar keine Männer mit Spermien mehr.
Sie forschen auch im Bereich der Gentechnik.
Ich bin im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunktes «Human Reproduction Reloaded» Co-Leiterin des Projekts «Gene editing», einer molekularbiologischen Methode, um DNA gezielt zu verändern. Wir leuchten in der menschlichen Fortpflanzung die Risiken und Chancen von gentechnischen Eingriffen aus. Sinn des Projektes ist es, ein Regelwerk für die Schweiz zu formulieren. Vor dem Hintergrund der Entwicklung in anderen Ländern müssen wir uns mit diesen Möglichkeiten auseinandersetzen.
Aussterben werden wir also nicht?
Nein, das glaube ich nicht, aber ich würde es begrüssen, wenn wir versuchten, die natürliche Fruchtbarkeit zu erhalten. Das wäre wohl im Sinne der meisten. Wenige greifen ohne Not auf Kinderwunschbehandlungen zurück – oder möchten Designerbabys. Was die meisten Menschen sich wünschen, ist ein genetisch eigenes Kind.