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Der Text im Atlas
Aus parteipolitischer Sicht veränderte sich im 20. Jahrhundert wenig im Kanton Bern: Die heutige SVP behauptete ihre Vormachtstellung in viele Gemeinden. Interessant sind die Aufsplitterungen hin zu verschiedenen kleineren Parteien in den 60er-Jahren (beginnende Konsumgesellschaft) und in den 80er-Jahren (Umweltdiskussion). Die SP als zweite Kraft kam ab der Einführung des Proporzes 1919 in den Nationalrat. Sie legte vor allem in den Agglomerationen zu, beispielsweise im Aaretal zwischen Thun und Bern. Der nachfolgende Text und die beiden Abbildungen stammen aus dem Historisch-statistischen Atlas des Kantons Bern.1
Nationalratswahlen 1919–1995
Die Struktur der Parteienlandschaft des Kantons Bern hat sich zwischen 1922 und 1995 nicht grundlegend verändert. Nach wie vor stellt die SVP die prägende Kraft dar. Bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung im Jahre 1917 hatte sie sich als stärkste Partei im Kanton etabliert. Dabei proklamierten die Vertreter der «Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei», wie die SVP damals hiess, keine neue Weltanschauung, sondern wollten den wirtschaftlichen Forderungen der Landwirtschaft und des Kleingewerbes mit frischen Kräften Nachdruck verleihen, da sich diese durch den grossbürgerlichen Freisinn nicht mehr vertreten fühlten.
Wahlplakat der SP: «Gerechtigkeit erhöht ein Volk! Eidgenossen, am 13. Okt. stimmet: Ja!«.2
Bis 1931 erzielte die BGB bei den Nationalratswahlen jeweils den höchsten Wähleranteil. Die Wahlen von 1935 brachten einen vorübergehenden Einbruch, hauptsächlich verursacht durch die Abspaltung der Schweizerischen Bauernheimatbewegung (Jungbauern), die mehr staatliche Interventionen in der Wirtschaftspolitik forderte.
Das Auftauchen der Jungbauern liess die SP, die 1890 erstmals zu Nationalratswahlen angetreten war, zur stärksten Partei werden. Aufgrund des Majorzwahlrechts kam sie trotz eines beachtlichen Wähleranteils (bereits 1902 erzielten die Kandidaten der SP rund einen Fünftel der Stimmen) erst 1908 zu ihrem ersten Nationalratssitz. Nach der Einführung des Proporzes konnten die Sozialdemokraten ab 1919 eine Abordnung in den Nationalrat entsenden, die ihrem Wähleranteil entsprach.
Die FDP und die CVP konnten ihre Wähleranteile lange Zeit stabil halten. Nach der Abtrennung des Kantons Jura erlitt die CVP 1979 jedoch einen Einbruch; der Wechsel des Laufentals zum Kanton Basel-Land führte zu einer weiteren Schwächung.
Wahlplakat der BGB: «Starker Mittelstand – freies Vaterland».3
In den 1960er Jahren setzte eine markante Auffächerung des Parteiensystems ein. Diese in vielen westlichen Gesellschaften beobachtete Erscheinung dokumentiert die Ablösung der Industriegesellschaft durch die entstehende Konsumgesellschaft. Mit der schwindenden Bedeutung althergebrachter Werte wie Pflichterfüllung, Sparsamkeit und Arbeit traten auch in der Politik die Ideologien in den Hintergrund, was zu einer Erosion der Parteibindungen der Wähler führte. Neue, zum Teil themenorientierte Parteien konnten sich so etablieren. Der Wertewandel bewirkte auch, dass sich die traditionell materialistisch orientierte Sozialdemokratie vermehrt postmaterialistischen Themen zuwandte. Ein Teil ihrer Stammwählerschaft, der im Modernisierungsprozess auf der Strecke blieb und den Wertewandel nicht mitmachte, kehrte der SP enttäuscht den Rücken und wählte die als Gegenbewegung entstandenen neuen Rechtsparteien wie die Schweizer Demokraten (ehemals Nationale Aktion).
Zu einer weitere Aufsplitterung kam es in den 80er Jahren, als im Zuge der einsetzenden Umweltdiskussion alternative Parteien wie die Freie Liste oder das Grüne Bündnis Erfolge verbuchen konnten. Die zeitlich leicht verschobenen Gewinne der Freiheitspartei (ehemals Autopartei) sind als Gegenreaktion zu deuten.
Beim Vergleich der Wahlen der Jahre 1922 und 1995 (vgl. Karten) fällt auf, dass das Verteilungsmuster der Mehrheitsparteien mit wenigen Ausnahmen ähnlich geblieben ist: Die BGB respektive SVP hat ihre Mehrheit zwar in sehr vielen Gemeinden halten können, doch fällt diese 1995 nicht mehr derart hoch aus wie 1922; damals betrug der Anteil in 164 von 312 «BGB-Mehrheitsgemeinden» 80 % oder mehr, in acht Gemeinden gar 100 %. Solche Mehrheiten kamen vor allem in kleinen Gemeinden zustande, in denen sich die Stimmen auf einige wenige Parteien verteilten.
Abweichungen finden sich in den Agglomerationen Bern, Biel und Thun sowie im Südjura: Während Gemeinden mit SP-Mehrheiten 1922 vor allem auf einen kleinen Umkreis um die Städte Bern und Biel konzentriert waren, weiteten sich diese Zone bis 1995 auch auf die Region zwischen Bern und Thun aus. Im Südjura hingegen sind Gemeinden mit SP-Mehrheiten seltener geworden: Ein Grund dafür ist, dass viele Arbeitsplätze in der Uhrenindustrie im Laufe der Strukturkrise verloren gegangen sind. Dafür stellt neben der auffallend stark vertretenen FDP die separatistische Alliance Jurassienne in 17 Gemeinden die Mehrheit. Diese Sammelorganisation aus Anhängern verschiedener Parteien erreichte als einzige Gruppierung neben der SVP auch 1995 noch Mehrheiten von über 50 %.
Alois Fässler (lic. phil.-hist.), Lukas Wenger
1 Fässler, Alois (lic. phil.-hist.)/Wenger, Lukas: Nationalrats- und Grossratswahlen 1922–1995, in: Pfister, Christian (Prof. Dr.)/Egli, Hans-Rudolf (PD Dr.): Historisch-Statistischer Atlas des Kantons Bern, 1750–1995, Umwelt, Bevölkerung, Wirtschaft, Politik, Bern, 1998. 144.
2 Abstimmungsplakat des «Schweizerischen Aktions-Comités für den Nationalrats-Proporz» 1918. Plakatsammlung Museum für Gestaltung, Zürich.
3 Plakat der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), heute Schweizerische Volkspartei (SVP), in den Nationalratswahlen 1951. Graphische Sammlung der Schweizerischen Landesbibliothek, Bern.