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Am 7. März 2019, einem Tag vor dem Internationalen Frauentag, würdigten die Bundesparlamentarierinnen und Bundesparlamentarier die ersten ins Bundeshaus gewählten Frauen. Im Dezember 1971 nahmen elf Pionierinnen im Nationalrat und deren eine im Ständerat Einsitz. Ihre Namen, Vornamen und Mandatsdauer wurden nun unter die Nummer des jeweiligen Ratspultes eingraviert, an dem sie bei Amtsantritt sassen.
Mit diesen Gedenktafeln wird nicht nur an den ausserordentlichen Werdegang der Pionierinnen im Bundeshaus erinnert, sondern auch des Einzugs der Frauen ins Parlament gedacht, dieses für die Legislative und die Schweizer Demokratie so wichtigen Ereignisses.
Die nachfolgenden Biographien geben einen Überblick über diese aussergewöhnlichen Lebensgeschichten. Sie werden ab diesem Sommer auf der Innenseite der Pulte angebracht sein, an denen die Parlamentarierinnen bei Amtsantritt sassen.
Einige dieser Parlamentarierinnen setzten sich aktiv für die Bürgerrechte der Frauen ein, alle aber haben sie einen Lebenslauf, der von ihrer Entschlossenheit zeugt. Diese Frauen waren Pionierinnen in fast allen Bereichen, in denen sie – beruflich oder politisch – tätig waren.
Die elf Pionierinnen im Nationalrat
Hedi Lang-Gehri (1931–2004) sass am Pult 138, als sie 1971 für die Sozialdemokratische Partei in den Nationalrat einzog, welchem sie drei Legislaturen angehörte.1981 wurde die Zürcherin als zweite Frau zur Nationalpräsidentin gewählt. Von 1970 bis 1978 war sie zudem Gemeinderätin von Wetzikon, bevor sie 1983 als erste Frau überhaupt in eine Kantonsregierung gewählt wurde. Ihr Amt als Regierungsrätin des Kantons Zürich übte sie bis 1985 aus. Besondere Anliegen waren ihr die Familien-, Sozial- und Gleichstellungspolitik.
Martha Ribi-Raschle (1915–2004) sass am Pult 92, als sie 1971 für die Freisinnig-Demokratische Partei in den Nationalrat einzog, welchem sie drei Legislaturen angehörte. Als Adjunktin und spätere Leiterin des Stadtärztlichen Dienstes der Stadt Zürich galt die Zürcherin im Parlament als Fachfrau für Soziales und Gesundheit, war aber auch im Bildungsbereich überaus bewandert. Neben Familie und Arbeit absolvierte sie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Sie war 1963 der FDP beigetreten und von 1973 bis 1983 Vizepräsidentin der FDP Schweiz. Von 1971 bis 1972 war sie zudem Mitglied des Zürcher Kantonsrates.
«Josi» (Josephine) J. (Johanna) Meier (1926–2006) sass am Pult 150, als sie 1971 für die Christlichdemokratische Volkspartei in den Nationalrat einzog, welchem sie drei Legislaturen angehörte. 1983 wurde die Luzernerin in den Ständerat gewählt, dessen Mitglied sie bis 1995 war und den sie 1991/92 als erste Frau präsidierte. Im Parlament engagierte sich die Luzernerin für die aussenpolitischen Belange der Schweiz sowie für Sozial- und Familienpolitik. Ihre Worte anlässlich der Frauensession 1991 bleiben unvergessen: «Vor 20 Jahren wollte man uns zurückhalten mit dem Slogan ‹Die Frau gehört ins Haus!›. Wir brauchten Jahre, bis wir diesen Satz richtig verstanden. Jetzt haben wir ihn endlich verinnerlicht, mit Hilfe der jungen Generation. Natürlich gehören wir ins Haus: ins Gemeindehaus, ins Bundeshaus!» Von 1971 bis 1976 gehörte sie neben dem Nationalrat auch dem Grossen Rat des Kantons Luzern an.
Elisabeth Blunschy-Steiner (1922–2015) sass am Pult 78, als sie 1971 für die Christlichdemokratische Volkspartei in den Nationalrat einzog, welchem sie vier Legislaturen angehörte. 1977 wurde die Schwyzerin als erste Frau zur Nationalratspräsidentin gewählt. Im Parlament setzte sie als promovierte Juristin und Anwältin ihren Kampf fort, den sie in den 1960er-Jahren als Mitglied der Expertenkommission für die Revision des Familienrechts begonnen hatte. Sie engagierte sich zudem für eine Besserstellung der Frau in der AHV sowie für das neue Ehe-, Adoptions- und Kindesrecht.
Lilian Uchtenhagen (1928–2016) sass am Pult 32, als sie 1971 für die Sozialdemokratische Partei in den Nationalrat einzog, welchem sie fünf Legislaturen angehörte. Von 1970 bis 1974 war sie zudem Gemeindeparlamentarierin der Stadt Zürich. Als Wirtschaftswissenschaftlerin und Doktorin der Staatswissenschaften fiel sie im Parlament insbesondere durch ihre wirtschaftliche Kompetenz auf. Die Zürcherin setzte sich vor allem für eine verstärkte Kontrolle der Banken ein. 1983 ging sie als erste Frau der Schweiz und einzige Kandidatin ihrer Fraktion in die Bundesratswahlen. Die bürgerliche Parlamentsmehrheit wählte jedoch Otto Stich, einen ihr genehmeren Parteikollegen. Dies löste nicht nur in der SP, sondern landesweit einen Sturm der Empörung aus und führte zu Diskussionen darüber, ob die SP aus dem Bundesrat austreten sollte.
Liselotte Spreng (1912–1992) sass an Pult 141, als sie 1971 für die Freisinnig-Demokratische Partei in den Nationalrat einzog, welchem sie drei Legislaturen angehörte. Die Freiburger Ärztin befasste sich vor allem mit Familienrecht, humanitärer Hilfe und Medizinethik. Zudem war sie von 1971 bis 1976 Freiburger Grossrätin sowie Präsidentin des Freiburger Verbands für das Frauenstimmrecht, wodurch sie ihren Beitrag zur Verbreitung dieser Bewegung in ihrem Heimatkanton leistete.
Hanny Thalmann (1912–2000) sass am Pult 114, als sie 1971 für die Christlichdemokratische Volkspartei in den Nationalrat einzog, welchem sie zwei Legislaturen angehörte. Die St-Gallerin prägte das Berufsbildungsgesetz mit und engagierte sich für eine Mutterschaftsversicherung. 1943 hatte sie als erste Frau an der Handels-Hochschule St. Gallen in Wirtschaftswissenschaften promoviert und von 1968 bis 1983 nahm sie als erste Frau Einsitz im Erziehungsrat des Kantons St. Gallen.
Gabrielle Nanchen (*1943) sass an Pult 17, als sie 1971 für die Sozialdemokratische Partei in den Nationalrat einzog. Die gebürtige Waadtländerin hatte sich mit ihrem Walliser Ehemann in dessen Heimatkanton niedergelassen und so das Stimmrecht auf kantonaler Ebene verloren. Als Reaktion auf das, was sie als Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen empfand, ging sie in die Politik und liess sie sich als Nationalratskandidatin aufstellen. 1979, nach der Geburt ihres dritten Kindes, entschied die Walliserin, nicht mehr für den Nationalrat zu kandidieren. In den zwei Legislaturen in der grossen Kammer trat sie für das Recht auf Abtreibung, die Gleichstellung von Mann und Frau, das flexible Rentenalter und den Elternurlaub ein. Sie war ausserdem das erste Ratsmitglied, das die Abschaffung des Saisonnierstatuts verlangte.
Tilo Frey (1923–2008) sass an Pult 139, als sie 1971 für die Freisinnig-Demokratische Partei in den Nationalrat einzog. Sie hatte eine kamerunische Mutter und einen Schweizer Vater und war so zugleich erste Neuenburgerin und erste Farbige in der grossen Kammer. Eine Legislatur lang setzte sie sich für die Lohngleichheit von Mann und Frau, eine gerechtere Familienpolitik und eine Verbesserung der Erbrechte der Frau ein. Sie engagierte sich seit 1959 in der Politik, jenem Jahr, als der Kanton Neuenburg das Stimm- und Wahlrecht für Frauen eingeführt hatte, und sass auch von 1964 bis 1974 im Neuenburger Stadtparlament, dessen Präsidentin sie 1970/71 war, sowie von 1969 bis 1973 im Grossen Rat ihres Heimatkantons.
Nelly Wicky (1923-2020) sass an Pult 21, als sie 1971 für die Genfer Partei der Arbeit in den Nationalrat einzog. Die Genferin machte sich eine Legislatur lang für eine Mutterschaftsversicherung und die Militärdienstverweigerer stark. Während der fast dreissig Jahre im Genfer Stadtparlament (1963–1991) setzte sie sich für die Bevölkerung der Arbeiterquartiere am Stadtrand ein, wo sie als Primarlehrerin tätig war.
Hanna Sahlfeld-Singer, geboren 1943, sass am Pult 132, als sie 1971 für die Sozialdemokratische Partei in den Nationalrat einzog. Sie war Pfarrerin der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, musste aber auf ihr Amt verzichten, da dieses mit einem Nationalratsmandat nicht vereinbar war. Für eine zweite Legislatur trat die St. Gallerin nicht mehr an, weil ihr Mann, der ebenfalls reformierter Pfarrer war, aufgrund des politischen Engagements seiner Frau keine Arbeit mehr als Pfarrer finden konnte. Die Familie zog nach Deutschland. Sie war die erste Parlamentarierin, die während ihres Mandats Mutter wurde.
Die Pionierin im Ständerat
Lise Girardin (1921–2010) sass an Pult 18, als sie 1971 für die Freisinnig-Demokratische Partei in den Ständerat einzog. Die Genferin setzte sich eine Legislatur lang für eine Mutterschaftsversicherung, die Entkriminalisierung der Abtreibung und das Adoptions- und Kindesgesetz ein. Nachdem sie 1967 als erste Frau in der Genfer Stadtregierung Einsitz genommen hatte – der sie bis 1979 angehörte –, wurde sie als erste Frau in den Ständerat gewählt. Ausserdem war sie – ebenfalls in Genf – die erste Schweizer Bürgermeisterin (1968, 1972 und 1975).
zwölf tafeln zur erinnerung an den langen kampf der frauen
Ständeratspräsident Jean-René Fournier betonte am Donnerstagmorgen zu Sitzungsbeginn in seiner Hommage an Lise Girardin, dass mit der Wahl der ersten Bundesparlamentarierinnen ein hundertjähriger Kampf für die Bürgerrechte der Frau gekrönt wurde (Hommage im Ständerat). Er erinnerte daran, dass die Schweizer Stimmbürger ihren Mitbürgerinnen mehrmals das Stimm- und Wahlrecht verwehrt hatten.
Nationalratspräsidentin Marina Carobbio begrüsste die beiden Pionierinnen Hanna Sahlfeld-Singer und Gabrielle Nanchen, die von der Tribüne aus die Zeremonie zu Ehren der ersten Nationalrätinnen mitverfolgten. Die Gedenktafeln sollen der Nationalratspräsidentin zufolge sicherstellen, dass die neuen Generationen den Kampf und den Mut der Pionierinnen im Bundeshaus nie vergessen werden (Hommage im Nationalrat).