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Schweizer Banken für Agrarhändler irrelevant
Zürich, Lausanne, 1. Dezember 2021
Die Schweiz hat sich zum weltweit grössten Handelshub für Agrarrohstoffe wie Getreide, Soja, Zucker, Kaffee oder Kakao entwickelt. Die Nähe zur Finanzbranche gilt neben der politischen Stabilität und dem günstigen Steuerklima als einer der Gründe für diese Standortwahl, denn der Rohstoffhandel ist ein kapitalintensives Geschäft. Vor allem Investitionen in und der Unterhalt von Lager-, Verarbeitungs- und Logistikkapazitäten, um Millionen Tonnen von Agrarrohstoffen zu verarbeiten und um die Welt zu transportieren, sind sehr kostspielig. Das dafür nötige Kapital können die Händler zum Beispiel in Form von Krediten oder über die Ausgabe von Aktien oder Anleihen aufnehmen.
Schweizer Banken beim Kreditgeschäft irrelevant
Wie diese Finanzierung im Falle der Schweizer Agrarhändler im Detail aussieht, war bis anhin unbekannt. Basierend auf einer Studie, die Public Eye bei der niederländischen Non-Profit Organisation Profundo in Auftrag gegeben hat, ist nun klar: Wie bei Händlern von Öl, Metallen und mineralischen Rohstoffen, deren Finanzierung Public Eye im Bericht Trade Finance Demystified (2020) durchleuchtete, spielen Schweizer Banken auch bei der Finanzierung der Schweizer Agrarhändler kaum eine Rolle. Beim Kreditgeschäft über den Untersuchungszeitraum von sechs Jahren beispielsweise machen die Beiträge der Schweizer Banken gerade mal 3,2% der insgesamt knapp 300 Milliarden US-Dollar aus.
Mit Abstand am meisten erhielten die untersuchten Trader von in den USA domizilierten Finanzinstituten, nämlich 53 Milliarden US-Dollar (18% der Kredite). An zweiter Stelle liegen mit 35 Milliarden US-Dollar britische Geldhäuser, gefolgt von französischen (US$ 32 Mrd.) und chinesischen (US$ 31,6 Mrd.). Abgeschlagen auf Platz 12 kommen schliesslich die Schweizer Banken. Am meisten Kredite aus der Schweiz erhielten die Trader von der Credit Suisse, welche insgesamt 4,7 Milliarden US-Dollar (1,6% der Kredite) vergab. Die UBS sprach Kredite in der Höhe von 3 Milliarden US-Dollar – lediglich 1% der Gesamtkredite. Weitere nicht ins Gewicht fallende Kredite stammten von der Zürcher Kantonalbank oder der Banque Cantonale de Genève.
Die Daten zeigen deutlich: Von einer indirekten Aufsicht der Schweizer Banken über den Agrarhandelssektor kann keine Rede sein.
Bankenaufsicht über Agrarhändler ein Mythos
Noch deutlicher wird dies, wenn man die Händler und ihre Finanzierungsstrategien individuell betrachtet. Beim grössten und privat gehaltenen Agrarhändler Cargill beispielsweise stammten nur 2% der Gesamtfinanzierung im Untersuchungszeitraum aus Bankkrediten, der weitaus grössere Teil kam von privaten oder institutionellen Geldgebern. Von den erhaltenen Krediten in der Höhe von 57 Milliarden US-Dollar kamen lediglich 817 Millionen (1,4%) von Schweizer Banken.
Bei der ebenfalls privat gehaltenen Louis Dreyfus Company (LDC) machten die Kredite in der Höhe von 15,5 Milliarden US-Dollar zwar über 30% der Gesamtfinanzierung aus, davon stammten jedoch nur 365 Millionen (oder 2,3%) von Schweizer Finanzinstituten. Schweizer Banken haben also kaum einen Hebel, um die Geschäftstätigkeiten der Trader im Hinblick auf Geldwäscherei oder Korruption zu «beaufsichtigen».
Menschenrechts- und Umweltrisiken vernachlässigt
Dennoch stellt sich der Bundesrat seit Jahren auf den Standpunkt, in der Schweiz bestehe keine Notwendigkeit für eine Regulierung des Rohstoffsektors, da die Händler unter indirekter Aufsicht der sie finanzierenden Banken stünden. Dass die Schweizer Banken nur einen vernachlässigbar kleinen Anteil an der Finanzierung haben, wird dabei schlicht ignoriert.
Hinzu kommt, dass in Zusammenhang mit den Agrarhändlern eher Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen im Vordergrund stehen als Geldwäscherei und Korruption. Dies verdeutlichte eine Untersuchung von Public Eye (November 2021), welche Missstände wie Arbeitsrechtsverletzungen, Umweltverschmutzung oder Landgrabbing auf den von Schweizer Händlern kontrollierten Plantagen aufdeckte, erneut. Allesamt Missstände, die von der Bankenaufsicht nicht abgedeckt werden.
Die indirekte Bankenaufsicht greift also in mehrfacher Hinsicht bei den Agrarhändlern nicht. Und eine umfassende, rechtlich verbindliche Sorgfaltsprüfung zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstössen fehlt in der Schweiz ebenfalls. Die grosse Regulierungslücke beim intransparenten Hochrisikosektor Rohstoffhandel muss dringend geschlossen werden. Die Einführung einer Rohstoffmarktaufsicht, wie sie Public Eye seit Langem fordert, ist so dringlich wie eh und je.
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Methodologie
Public Eye beauftragte 2020 die niederländische Non-Profit Organisation Profundo, die Finanzierung der wichtigsten Schweizer Agrarhändler - Archer Daniels Midland (ADM), Bunge, Cargill, Chiquita, COFCO, Glencore Agriculture (heute Viterra), Louis Dreyfus Company (LDC), Olam, und Sucocítrico Cutrale - zu recherchieren und zu analysieren. Untersucht wurden einerseits die Finanzierung der Händler mittels Krediten und der Verpflichtung zur Übernahme von Aktien- und Anleiheemissionen (sogenanntes Underwriting) von 2014 bis 2020, andererseits Investitionen in Aktien und Anleihen (shareholding und bondholding) per Stichtag 30.09.2020. Die Daten sind bei Public Eye einsehbar.
Die Datenlage brachte einige Herausforderungen mit sich. So waren beispielsweise keine Daten zur Finanzierung von Glencore Agriculture verfügbar; es musste auf Finanzdaten für die ganze Glencore-Gruppe zurückgegriffen werden. Da das Agrarhandelsgeschäft umsatzmässig nur einen kleinen Anteil am Gesamtgeschäft von Glencore ausmacht, dürften auch nur wenige Kredite in diesen Bereich geflossen sein. Da Glencore mit Abstand die meisten Krediten erhielt, verzerrt dies die errechnete Gesamtsumme der von den Schweizer Agrarhändlern erhaltenen Kredite. Dies ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Schlussfolgerung der Analyse: Eine indirekte Aufsicht durch die Schweizer Banken über den Agrarhandelssektor in der Schweiz existiert nicht.