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PFAHLBAUER

PFAHLBAUTEN
|Pfahlbauer|
Die Pfahlbauten wurden vor 150 Jahren "wieder entdeckt": Im Winter 1853/1854 war der Wasserstand der Schweizer Seen aussergewöhnlich niedrig. An vielen Orten versuchte man die Gunst der Stunde zu nutzen und Hafenanlagen zu erweitern oder dem See Land abzugewinnen. Bei solchen Arbeiten stiess man in Meilen am Zürichsee 30cm unter dem Seegrund auf morsche Pfähle, Knochen, Keramik und Gegenstände aus Stein, Holz und Bronze. Der Gelehrte Ferdinand Keller entwickelte zusammen mit Naturwissenschaftlern die europäische Pfahlbautheorie. Keller verband dabei Schilderungen des altgriechischen Geschichtsschreibers Herodot (5. Jahrhundert v. Chr) von Pfahlbauten im See Prasisas (Persien) mit zeitgenössischen Reiseberichten von Pfahlbausiedlungen in Neuguinea.
Die Pfahlbautheorie von Ferdinand Keller wurde von den Zeitungen ebenso begeistert aufgenommen wie von wissenschaftlichen Zeitschriften und spornte einfache Bauern und Fischer ebenso wie Lehrer und Pfarrer dazu an, selbst nach Überresten von Pfahlbauten zu suchen. Innerhalb von 10 Jahren wurden so in der Schweiz und am deutschen Bodenseeufer mehr als 50 Pfahlbausiedlungen gefunden. Die Fundorte konzentrieren sich auf das Schweizer Mittelland vom Genfersee über die grossen Mittellandseen bis zum Bodensee und die anschliessende schwäbisch-bayerische Hochebene zwischen den Alpen und dem Jura. Eine zweite Häufung von Pfahlbauten findet sich in der norditalienischen Poebene bis gegen Kroatien hin. Bald entstand auch ein schwunghafter Handel mit Fundgegenständen, die in private Sammlungen und Museen in aller Welt gelangten. Die Pfahlbauten galten nicht zuletzt deshalb als Sensation, weil man bis zu ihrer Entdeckung kaum etwas über die Geschichte der Schweiz vor der Zeit der Helvetier und Römer gewusst hatte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts flachte das öffentliche Interesse an den Pfahlbauten und am Leben der Pfahlbauer wieder ab.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden vielerorts Moore entwässert, um landwirtschaftliches Nutzland zu gewinnen. Bei grossen Torfabdeckungen im Federseemoor nördlich des Bodensees wurden über 100 Hausgrundrisse freigelegt. In der Schweiz leitete Karl Keller-Tarnuzzer (1891-1973) von 1925 bis in die 1950'er Jahre mehrere Ausgraben von Pfahlbausiedlungen am Bodensee-Ufer und an anderen Orten im Thurgau.
Genauere Untersuchungen der vielen neuentdeckten Pfahlbauten sowie neuere Erkenntnisse aus anderen Wissenschaften (Tier- und Pflanzenkunde, Entwicklung des durchschnittlichen Wasserstandes der Seen) liessen Zweifel daran aufkommen, ob es zulässig ist, Bilder heutiger Pfahlbauten in Asien einfach 1:1 auf die jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Pfahlbauten in Mitteleuropa zu übertragen. Die Pfahlbautheorie von Ferdinand Keller hatte vor 150 Jahren angenommen, die Pfahlbauten seien ausschliesslich über dem Wasser errichtet worden, um sich vor wilden Tieren zu schützen. In den 1920'er Jahren ging man von Pfahlbauten im seichten Wasser unmittelbar am Ufer aus, in den 1940'er Jahren von stellte man sich die Pfahlbauten am Ufer vor. Heute geht man davon aus, dass alle Formen vorkamen und dass die Pfahlbausiedlungen im Laufe der Jahrhunderte teilweise auch verlegt werden musste, wenn sich der Wasserstand zu stark veränderte.
Ab 1937 ruhte die Pfahlbauforschung in Deutschland, weil die herrschenden Nationalsozialisten nicht an Themen interessiert waren, die keinen Beitrag zur Verherrlichung des "Germanentums" lieferten. In der Schweiz legten während des Zweiten Weltkrieges 30 internierte polnische Soldaten unter der Leitung von Karl Keller-Tarnuzzer in Pfyn-Breitenloo 17 Pfahlbauten sowie zahlreiche Werkzeuge und Haushaltgegenstände frei, im folgenden Jahr das Grabungsfeld Arbon-Bleiche 2. Karl Keller-Tarnuzzer veröffentlichte seine Forschungsberichte unter dem Kürzel "K.K.-T." in zahlreichen Zeitungsartikeln und verhalf damit der Pfahlbauforschung im Thurgau zu neuer Popularität. Die Funde von Pfyn wurden auf die Zeit von 3900 - 3500 v. Chr. datiert und einer eigenständigen Kulturepoche zugewiesen, der man den Namen Pfyner Kultur gab. Der Name Pfyn stammt übrigens von der römischen Grenzsiedlung Ad Fines = An der Grenze.
Die Hochkonjunktur der 1960'er und 1970'er Jahre führte auch zu einem grossen Landhunger. Vielerorts stiess man bei Bauprojekten ausserhalb der bestehenden Siedlungen auf archäologische Funde und musste dann kurzfristig Notgrabungen durchführen, um die Zeugen der Vergangenheit zu bergen, so 1962 am Egelsee bei Niederwil TG (Bau eines Abwasserbeckens für die Zuckerfabrik Frauenfeld).
Aus dem Bielersee fischte Hans Iseli während 60 Jahren unermüdlich mit einer Kelle Überreste der Pfahlbauer und inventarisierte über 10'000 Fundstücke gewissenhaft in seinem Pfahlbau-Fundbuch. Die Auswertung seiner Sammlung durch den Archäologischen Dienst Bern trug wesentlich zum Verständnis der Pfahlbauer bei. Seine Sammlung ist seit 1989 im Pfahlbaumuseum Lüscherz der Öffentlichkeit zugänglich.
Die jüngsten Pfahlbau-Funde stammen aus einer Region, wo man sie bisher nicht erwartet hatte: 2003 entdeckte ein Hobbytaucher bei Kehrsiten am Vierwaldstättersee etwa 2000 bis 3000 Pfähle auf dem Seegrund. Erste Analysen der ETH Zürich ergaben, dass an der gleichen Stelle mehrere Siedlungen gebaut wurden, wahrscheinlich um 4000, 3400 und 3200 v. Chr. Definitive Ergebnisse liegen noch nicht vor. (siehe Neue Luzerner Zeitung vom 12.12.2003, S. 34)
Während der Eiszeiten (600'000 v. Chr. - 10'000 v. Chr.) waren grosse Teile der heutigen Schweiz und Österreichs ebenso wie Nordeuropa mit Eis (Gletschern) bedeckt. Am Rande der Eiswüsten konnten kleinere Gruppen von Menschen als Jäger und Sammler überleben. In der Mittelsteinzeit waren sie Höhlenbewohner. Nach und nach verfeinerten sie die Herstellung von Werkzeugen, erfanden das Beil und begannen, erste Haustiere zu zähmen (Hunde) und Pflanzen zu züchten. In der nun folgenden Jungsteinzeit (Neolithikum, hierzulande ab etwa 4000 v. Chr.) war das Klima deutlich milder, die Landschaft im Schweizer Mittelland wurde geprägt durch Laubmischwälder, Seen und Moore. Das waren nun die Umweltbedingungen, unter denen die Kultur der Pfahlbauer entstehen konnte. Doch woher kamen die Menschen?
Aus Westeuropa wanderten andere Pfahlbauer über das Genfersee-Gebiet ins Mittelland ein. Sie brachten die so genannte Megalith-Kultur [Kultur der grossen Steine] mit: Sie bauten tischförmige Grabkammern (Dolmen, Beispiele in der Schweiz: Petit Chasseur im Wallis, Auvernier NE und kreisförmige Kultstätten (weltbekannt: Stonehenge, England, kleineres Beispiel aus der Schweiz: Menhire von Yverdon).
Die Pfahlbauer sind keine einheitliche Kultur, insgesamt werden im Alpenraum rund 30 verschiedene Kulturgruppen der Jungsteinzeit, Bronzezeit und beginnenden Eisenzeit zwischen 5000 und 800 v. Chr. unter diesem Begriff zusammengefasst.
Die Pfahlbauer beider Gruppen errichteten ihre Wohnhäuser aus Holz als Ständerbautenim flachen ufernahen Wasser oder am Ufer und deckten sie mit Schilf, Böden isolierten sie mit Lehm und Rinde gegen Feuchtigkeit.
Aus den Funden kann man schliessen, dass die Pfahlbauer mit Pfeil und Bogen, Speeren, Fallen und Netzen jagten. Sie fischten mit Angelruten, Harpunen und Netzen, waren aber auch Ackerbauern und Viehzüchter.
Aus Wildgetreide (Weizen, Gerste, Hirse, Emmer=Flachweizen) züchteten die Pfahlbauer nach und nach ertragreichere Sorten und pflanzten sie systematisch an. Die Pfahlbauer verzehrten auch wild wachsende Früchte, Beeren und Nüsse sowie Gemüse (u.a. Karotten, Federkohl, Bärlauch). (siehe: Speisezettel der Pfahlbauer mit Bildern aus Funden). Um die Anbau- und Weideflächen zu vergrössern, rodeten die Pfahlbauer Wald. Dünger war jedoch noch unbekannt. Wenn die Erde ausgelaugt war, zogen sie weiter. Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Pferde wurden gezähmt und als Nutztiere gehalten, die Milchwirtschaft nahm ihren Anfang. Im Winter wurde das Vieh mit Laub gefüttert, Schweine auch mit Vorräten von Eicheln und Bucheckern. Durch Rodung entstanden mehr und mehr Wiesen, ab etwa 2500 v. Chr. legte man auch Heuvorräte für den Winter an. Etwa zur gleichen Zeit begann man die Schafwolle zu Kleidern zu verarbeiten. Getreide für den Winter wurde in grossen Krügen aufbewahrt und erst unmittelbar vor dem Backen gemahlen.
Die Erfindung der Bronze um etwa 2000 - 1800 v. Chr brachte bei der Herstellung von Werkzeugen und Waffen gewaltige Fortschritte und erleichterte den Alltag der Pfahlbauer zweifellos stark, hatte aber ansonsten auf die Grundzüge der Lebensweise der Pfahlbauer keinen allzu grossen Einfluss: sie lebten weiterhin in ihren Pfahlbauten und sorgten als Ackerbauern, Viehzüchter, Jäger und Fischer für ihren Lebensunterhalt. Gegen Ende der Bronzezeit wurden auch Hülsenfrüchte (Bohnen und Linsen) angebaut.
Am 27. Juni 2011 hat die UNO-Kulturorganisation UNESCO 111 Pfahlbautsiedlungen in den Alpenländern, davon 50 in der Schweiz, als Weltkulturerbe anerkannt. Die zum Weltkulturerbe gehörenden Pfahlbaustätten in der Schweiz befinden sich in den Kantonen Aargau, Bern, Freiburg, Genf, Luzern, Neuenburg, Nidwalden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, St. Gallen, Thurgau, Waadt, Zug und Zürich.
|Steinzeit||Helvetier|

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