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Der Uhrenindustrieverband hat erstmals gefälschte Uhren mit hoher Komplikation aus China beschlagnahmt. Die Fälschungen verursachen beträchtliche Gewinnausfälle und schaden dem Image der Schweizer Uhrenmarken.
Wenn man ganz, ganz genau hinschaut, erkennt man dennoch einige Unregelmässigkeiten: Ein Schraubspalt, der eine mikroskopische unsaubere Stelle zeigt, ein Gehäusestück aus Kohlenstoff, das durch Plastik ersetzt wurde oder der fehlende Antireflex auf der Glasscheibe.
Aber ausgenommen dieser Details, deren Erkennen auf den ersten Blick sogar Experten Mühe bereitet, sieht die gefälschte Hublot "Big Bang", die im letzten Dezember von den Schweizer Zollbehörden beschlagnahmt wurde, täuschend ähnlich aus wie das Original.
Das Aussehen, das Gewicht, aber auch der Geruch, weil das gefälschte Armband wie beim Original mit Vanille-Duft parfümiert wurde, sind verblüffend ähnlich. Am eindrücklichsten ist jedoch das Herzstück der Uhr.
"Das ist das erste Mal, dass ich eine gefälschte Tourbillon-Uhr in den Händen halte, ein mechanisches Modell von hoher Präzision. Die Fälscher beherrschen nunmehr die Herstellung von ultra-komplizierten Uhrwerken", sagt Michel Arnoux gegenüber swsissinfo.ch in seinem Büro in Biel. Er ist Chef der Antifälschungs-Abteilung des Verbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH).
In dieser Industriestadt am Fusse des Juras mit 50'000 Einwohnern, wo der grösste Uhrenkonzern der Welt, die Swatch Group, ihren Hauptsitz hat, nimmt man mit einer gewissen Beunruhigung die Entwicklung des chinesischen Fälschungsmarktes aufmerksam unter die Lupe. Dieser Markt greift nunmehr den Hochpräzions-Sektor der Uhrenindustrie mit voller Wucht an.
Gelder aus Online-Sportwetten
Im Gegensatz zu den Rolex-Uhren, die auf den asiatischen und lateinamerikanischen Märkten für einige Dutzend Franken verkauft werden, verursachen die gefälschten Uhren, die den Kunden täuschen und für mehrere tausend Franken umgesetzt werden, einen beträchtlichen Gewinnausfall für die betroffenen Firmenmarken.
Die Betriebsinhaber, die sich trauen, über das delikate Thema zu sprechen, verbergen ihre Besorgnis nicht. "Die Fälschungen kosten die Uhrenindustrie jährlich Milliarden von Franken", erklärte kürzlich Swatch-Group-Chef Nick Hayek in der Gratiszeitung 20 Minuten. "Das Schlimmste ist, dass die Kopien immer professioneller hergestellt werden."
Das Interesse der Fälscher steht sicher im Zusammenhang mit dem Boom der Luxusuhren-Industrie, aber nicht nur: "Infolge der Uhrenindustriekrise 2008-2009 mussten die chinesischen Hersteller von Uhrwerken hoher Komplikation ihren Lagerbestand zu niedrigen Preisen verscherbeln, um ihn abzubauen. Gleichzeitig suchte die chinesische Mafia (Triaden) neue Absatzmärkte, um ihre mit Online-Sportwetten eingefahrenen riesigen Summen zu investieren", sagt Michel Arnoux.
Produkte "aus zweiter Hand"
Auch wenn es sehr schwierig ist, die "organische" Verbindung zwischen organisiertem Verbrechen und Uhrenfälschern zu ermitteln, ist für den FH klar, dass die beiden ineinander übergreifen.
Um ihre Produkte umzusetzen, benutzen die Fälscher hauptsächlich Internet-Austauschbörsen für Privatpersonen von der Art wie e-Bay.
"Infolge der Krise haben viele New Yorker oder Londoner Börsenmakler ihre Uhren im Internet zu Schleuderpreisen verscherbelt. Die Fälscher haben sich da sofort hineingedrängt und vorgegeben, sie würden Produkte aus 'zweiter Hand' verkaufen", erklärt Michel Arnoux.
Am anderen Ende der Leitung gibt es zahlreiche Laien und Uhrenliebhaber, die der Versuchung erliegen, ob sie sich nun des betrügerischen Kaufs bewusst sind oder nicht. "In den letzten Jahren sind die Preise stark gestiegen. Deshalb wenden sich die Liebhaber nunmehr den Uhren aus 'zweiter Hand' zu", so Arnoux vom FH.
Vom Wunsch, (nicht) kopiert zu werden
Niemand gesteht es offen, aber in Kreisen der Schweizer Uhrenindustrie wird geraunt, dass das von gewissen Marken praktizierte "Hochputschen" der Preise sowie die restriktive Angebotspolitik die Fälscher ermutigt haben könnten.
Dazu kommt, dass die Schweizer Marken mit der drastischen Einschränkung ihres Verkaufsnetzes in den traditionellen Märkten (USA, Europa) Hunderte von Einzelhändlern gezwungen haben, sich mit Produkten aus "zweiter Hand" einzudecken. "Dieser Parallelmarkt, in den USA und in Europa durchaus legal, verschafft den Fälschern richtiggehend Luft", sagt Arnoux.
Jean-Claude Biver, charismatischer Patron der Marke Hublot, hat in den letzten Jahren mehrmals erklärt, wie stolz er gewesen sei, als seine Uhren zum ersten Mal kopiert wurden – ein Beweis für den internationalen Status der Marke.
Doch heute hat sich der Diskurs radikal geändert. Denn der Schaden ist bei weitem grösser als nur allein die direkten wirtschaftlichen Verluste. Michel Arnoux: "Wenn der Konsument keinen Unterschied mehr ausmachen kann zwischen einer echten und einer gefälschten Uhr, verliert er das Vertrauen. Das ist ein schwerer Schlag gegen das Markenimage der Schweizer Uhrenindustrie."
Aktionen vor Ort
Um dieses Phänomen einzudämmen, verfügt der Uhrenindustrieverband über ein Team von 40 bis 50 chinesischen Inspektoren vor Ort. "Unsere Strategie besteht darin, dass wir die Operationen vermehren, um damit die Produzenten unter stetigen Druck zu setzen", so Michel Arnoux.
In der Provinz Guangdong, dem Epizentrum der Uhrenfälscherei, werden in Zusammenarbeit mit der Polizei täglich Operationen durchgeführt. "Allerdings oft mit bescheidenen Resultaten", fügt der FH-Vertreter bei.
"Alles ist aufgesplittert, und es gibt keine offizielle wirtschaftliche Verbindung zwischen den verschiedenen Akteuren. Die Bauteile werden manchmal in legalen, seriösen Unternehmen hergestellt und dann in klandestinen Ateliers montiert und graviert."
Gleichwohl gehen regelmässig kleine Fische ins Netz, so wie bei einer Operation im vergangenen März, als 280'000 Halbfabrikate in einem klandestinen Atelier beschlagnahmt wurden. Doch ist es viel schwieriger, die Spuren zu verfolgen und die Köpfe der Organisation anzugreifen. Diese sind in andere kriminelle Aktivitäten verwickelt und profitieren oft vom Schutz der Behörden.
Memorandum für Schneider-Ammann
Der Kampf gegen Uhrenfälschungen muss auch die Trockenlegung der illegalen Verteilernetze anstreben. Dank einer von der Ingenieurschule Biel entwickelten Software konnten 2010 auf Internet-Austauschbörsen für Privatpersonen 320'000 Inserate zurückgezogen werden.
Die Schweizer Zollbehörden ihrerseits haben auf Grund von Risikoanalysen 230 Beschlagnahmungen vorgenommen. "Aber lediglich 2 bis 3% des Welthandelsvolumens wird von den Zollbehörden kontrolliert", betont Arnoux.
Die Schweizer Uhrenindustrie hofft, dass ihre Sorgen von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann an die chinesischen Behörden übermittelt werden, wenn dieser vom 8. bis 15. Juli im Rahmen einer wirtschaftlichen Mission China besuchen wird. "Die Fragen bezüglich geistigen Eigentums und Urheberrechten stehen zuoberst auf dem Memorandum, das wir für Bundesrat Schneider-Ammann vorbereitet haben", sagt der FH-Vertreter.