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WohnlandschaftenNo. 33 | 2019/1
«Obacht Kultur» No. 33, 2019/1 zum Thema Wohnen.
Auftritt: Thomas Stüssi. Bildbeiträge: Florian Graf, Walter Angehrn. Texte: Julia Weber, Ingrid Feigl, Christian Rothmaler u.v.m.
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Frischluft
Die bleichen Blumen seiner Mutter
von Julia Weber
Er würde gerne seine Mutter anrufen, sagt Karl, und dass er aber wisse, dass sie schlafe. Er würde sie gerne fragen, wie ihr Tag gewesen sei, und ihr von seinem erzählen. Sie liege in ihrem Bett mit dem Kopf auf dem riesigen, weichen Kissen, ihr Kopf versinke in den ausgebleichten Blumen am Abend, wenn sie sich hinlege, und sie tauche erst am Morgen gegen fünf Uhr früh wieder auf. Es sei schwer, mit ihr zu telefonieren, weil sie so früh zu Bett gehe und früh aufstehe, und er gehe spät zu Bett und stehe spät auf. Sein Spät sei ihr Früh, das sei kompliziert. Er denke oft an ihr goldgraues Haar, das aus den ausgebleichten Blumen falle, in denen sie seit vierzig Jahren schlafe. Er habe ihr einmal vor vielen Jahren neue Bettwäsche geschenkt. Violette, er habe damals lange überlegt und sich dafür entschieden, weil Violett auch die Farbe der Veilchen sei und das Veilchen ihre Lieblingsblume. Sie habe gelächelt, sanft und liebevoll, und gesagt, sie freue sich sehr. Sie habe anfangs die Bettwäsche extra hervorgenommen, wenn er kam, extra die Decken und die Kissen damit bezogen. Irgendwann jedoch habe sie nicht mehr daran gedacht, er aber habe immer daran gedacht. Er habe aber nichts gesagt zu den bleichen Blumen in ihrem Bett.
«Manchmal sei er in ihr Zimmer geschlichen, wenn sie geschlafen habe auf dem ockerfarbenen Sofa im Wohnzimmer. Auch ihre Beine und Füsse seien ockerfarben gewesen in den Strümpfen.»
Manchmal sei er in ihr Zimmer geschlichen, wenn sie geschlafen habe auf dem ockerfarbenen Sofa im Wohnzimmer. Auch ihre Beine und Füsse seien ockerfarben gewesen in den Strümpfen, bei denen unten an den Fersen und vorne an den Zehen und an der Seite am abstehenden Gelenk die Haut durchgeschimmert habe, durch den gespannten Nylonstoff. Sie habe ihre alten Hände auf den weichen Bauch gelegt, wenn sie schlief, und die Hände seien in diesem Bauch versunken wie der Kopf in den Blumen. Manchmal würde er sich wünschen, die Härchen oberhalb ihrer Oberlippe auszuzupfen. Er wünsche sich diesen Knochen an der Seite ihrer Füsse weg, der abstehe und aussehe, als steche er bald aus dem Fleisch heraus. Er wünsche sich das Ocker weg und auch das Nylon. Als er Bub war, da sei sie schön gewesen, da sei sie jung gewesen, da sei nichts abgestanden oder aus ihr gewachsen, da sei noch alles möglich gewesen. Und er habe die Fingernägel so gerne am kalten Stoff der blühenden Blumen gerieben.
Als er noch keine ganzen Sätze habe sprechen können, als er noch an ihrer Brust gelegen habe, als sie ihm über den Kopf gestreichelt habe mit einer jungen, glatten Mutterhand und der Weichheit und ihrer Wärme.
Er habe sich nie getraut, sie zu fragen, ob ihr die Bettwäsche vielleicht nicht gefalle, er sei irgendwann darauf gekommen, dass sie die Veilchen auf das Grab seines Vaters setze, jedes Jahr, und dass sie die Farbe der Veilchen, also das Violette, wohl traurig machen müsse, weil es sie an ihn erinnere oder an seine Abwesenheit. Auch habe das Veilchen ja die Farbe vom blauen Auge, sagt er, und seine Mutter mit dem Veilchen in der Küche manchmal, wenn er nach Hause kam.
Wenn Vater und Mutter auf dem Sofa im Wohnzimmer, wenn er seine Hand irgendwo auf ihr und sie die Hände im Schoss und er als Kind vor ihnen stehend. Wenn ihr Blick kalt wurde. Wie der Kuchen, der aus dem Ofen genommen wurde, zuvor, abkühlt. Ein ausgekühlter Blick. Und er, der Vater, der sagte, mein Sohn weint nicht. Mein Sohn riecht nicht an den Blumen auf der Weide, mein Sohn beobachtet nicht das Reh im Wald und schnitzt sich keine Königin aus Holz.
Als Junge sei er durch die Strassen geschlichen, auf dem Nachhauseweg habe er sich versteckt, hinter der Garage, in den gros-sen Reifen, dort, wo niemand ist und wo niemand hört, dort habe er geweint. Und die Tränen, die gut geschmeckt hätten, salzig und ehrlich. Und er habe an nichts gedacht beim Weinen, er sei gedankenlos gewesen. Eigentlich sei das Weinen ein Streicheln, ein Sich-selbst-Streicheln.
Eines Tages sei er in seinem Zimmer gesessen. Die Tür hellblau und ein Zaubermantel mit gelben Sternen an der Tür, an der Wand seine Helden. Er habe auf dem Bett gesessen. Und habe geheult und geweint voller Lust. Er habe gejammert und sich in seine Decke gelegt. Als er zur Ruhe gekommen sei, habe er zwei Füsse gesehen, in seinem Zimmer, und als er den Füssen mit dem Blick gefolgt sei, habe er seinen Vater gesehen. Die riesigen Füsse des Vaters in den Schweinslederhausschuhen, die eigentlich so laut geknarzt hätten, dass man den Vater immer und überall im Haus habe hören können, und sein Blick in Karls Gesicht. Und er habe ihn angesehen und er habe erkennen können, dass der Vater ihn, Karl, nicht erkannt habe. Er sei dem Vater so fremd gewesen, das habe er gesehen, was er da getan habe, als dass er es hätte einordnen, verstehen können.
Er habe ihm gesagt, dass er das Weinen praktiziere, weil er es liebe.
Und der Vater habe ihn angesehen und habe sich umgedreht und sei gegangen.
Sie hätten nie mehr darüber geredet, sagt Karl. Sie hätten überhaupt nur noch sehr selten geredet, und er glaube, hätte er ihn jemals gefragt, ob er glücklich sei, hätte der Vater ihn vielleicht gefragt, ob man das essen könne, oder er hätte ihn, Karl, auf der Stelle erschlagen.
Karl, der auf dem Balkon steht und raucht. Sein langer Körper, wie ein Papierdrachen im Wind. Seine Arme, die sich bewegen.
«Hurensohn, habe der Vater am Abend am Tisch im Licht der Lampe gesagt, auf deren Schirm eine Kuh abgedruckt gewesen sei und eine Bauernfrau im roten Gewand. Und er, Karl, der das Gewand betrachtet habe und gedacht habe, er wäre sehr gerne diese Frau oder die Kuh.»
Karl, der fragt, ob sie denn ihr Leben lang in dieser Bettwäsche schlafen wolle, in der er sie. Und in der Bettwäsche, dessen Kissenbezug er ihr in das Gesicht und gerufen habe, Hure. Die Bettwäsche, die ausgebleicht sei von den dreissig Jahren Schlaf und seinem Aufstehen um fünf Uhr und seinem unruhigen Schlaf. Die Bettwäsche, die ausgebleicht sei, wie auch die Teller, aus denen er gegessen habe nach der Arbeit am Abend, und sein Gesicht so ausgebleicht wie das Geschirr heute. Und die Worte des Vaters am Abend am Tisch, vom Abteilungsleiter, der die Schichten leider verlängern müsse, weil Umsatzsteigerung, weil Wachstum, Hurensohn, habe der Vater am Abend am Tisch im Licht der Lampe gesagt, auf deren Schirm eine Kuh abgedruckt gewesen sei und eine Bauernfrau im roten Gewand. Und er, Karl, der das Gewand betrachtet habe und gedacht habe, er wäre sehr gerne diese Frau oder die Kuh. Und die zehn Jahre vor dem Tod des Vaters, als er nur noch in dieser Bettwäsche gelegen habe, am Morgen, wenn er, Karl zur Schule gegangen sei, er, der durch den Spalt in der Tür geschaut habe und das Bier gerochen und den Zigarettenrauch und den Vaterbauch gesehen, unter den Blumen, ein Blumenberg im Bett. Und das Bettgestell aus dunklem, schweren Holz, das gestöhnt habe, wenn er sich bewegt habe. Und der Vater, der die Mutter rief und dann auch das Stöhnen der Mutter und Karl, der aus dem Haus geschlichen sei und hören konnte, wie der Vater rief, es sei alles gut, es sei viel besser so, viel besser nicht mehr in diesem Scheissbetrieb, Hurensohn. Oder er habe es am Abend gerufen oder in der Kneipe oder in Karls Zimmer, nachdem er ihn noch einmal weinen gesehen habe und Karl, der auf seinem Balkon steht.
Er würde gerne seine Mutter anrufen, sagt Karl, und dass er aber wisse, dass sie schlafe. Er würde sie gerne fragen, wie ihr Tag gewesen sei und ihr von seinem erzählen.
Julia Weber ist 1983 in Moshi (Tansania) geboren. Von 2009 bis 2012 studiert sie literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. Im Jahr 2012 gründet sie den Literaturdienst und 2015 gemeinsam mit Gianna Molinari die Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht. 2017 erscheint ihr erster Roman «Immer ist alles schön» beim Limmat-Verlag in Zürich. 2019 gründete sie das Autorinnen-Kollektiv «RAUF» mit. Julia Weber lebt und arbeitet in Zürich.