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Geschichten von Menschen im Krisengebiet in Israel, an der Front und aus der Zivilgesellschaft. In dieser neuen tachles-Kolumne porträtiert die Autorin Menschen im Krisengebiet. Heute mit Yafit Sagit.
Yafit wurde vor 57 Jahren in Sao Paulo geboren. Bis zum Alter von zweieinhalb Jahren hiess sie als jüngstes Kind der Familie Sutzkever, das ein rothaariges Mädchen mit blauen Augen, noch Sonia Elise. 1969, nach dem Sechstagekrieg, beschloss ihr Vater Schlomo Sutzkever, seine Wahlheimat Brasilien zu verlassen und nach Israel auszuwandern, genauer gesagt in den Kibbuz Gadot: "Der Kibbuz befindet sich 50 km Luftlinie von Damaskus und nur 40 km vom Libanon entfernt", so Yafit. Ihre ersten Erinnerungen als Kind kann Yafit genau erzählen: Der Plexiglastisch, den sie für riesig hielt, in der kleinen Wohnung im Kibbuz, der süsse Geruch der Datteln auf dem Tisch, der Staub der Strasse, die Sonne, die zwischen den Palmen aufging.
Wenn sie über ihren Vater Schlomo spricht, der in der grossen Synagoge von Sao Paolo vorsang, hält sie sich die Augen zu, um ihre Emotionen zu verbergen. "Wenn mein Vater sang, schwiegen die Menschen und die Vögel, weil die Schönheit seiner Stimme so ergreifend war".
Yafit spricht über die Vergangenheit, um heute stärker zu sein. Sie möchte eine Verbindung zwischen dem, was war und dem, was ist aufrechterhalten. Sie möchte nichts dem Zufall des Vergessens überlassen. Das ist das Geheimnis der Resilienz dieser Mutter von fünf Kindern. Ihr Sohn Itai liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Wie durch ein Wunder wurde er gerettet. Ihr anderer Sohn Assaf, ist irgendwo vor den Toren von Gaza eingezogen worden. Ihre Schwiegertochter Lomer ist ebenfalls Reservistin.
Die Nachrichten auf ihrem Telefon unterbrechen den Fluss ihrer Worte, ein Foto von Assaf mit Helm und Sonnenbrille, er lächelt, und Emojis in Form von Herzen und Küssen. Worte der Unterstützung, der Zärtlichkeit und der Zuneigung. Ihre Cousine Priscilla aus Sao Paolo war gerade erst in Israel angekommen, um am 3. Oktober ein paar Wochen Urlaub mit ihrer Familie zu verbringen. Seit ihrer Ankunft wurde gefeiert, und man besuchte sich gegenseitig. Auf den grünen Rasenflächen des Kibbuz, 200 Meter vom Fluss Jordan entfernt, erzählte die Familie vom Alltag und von vergangenen Geschichten. Die Geschichte der Familie Sutzkever, von Onkel Abraham, einem der grössten jiddischen Dichter, der wie Yafit‘s Vater in Smorgon in der Nähe von Vilnius geboren wurde.
Es sind die Geschichten von erzwungener oder freiwilliger Einwanderung. Wer gezwungen wird, das Dorf seiner Kindheit zu verlassen, bleibt für immer ein Flüchtling, sagt Yafit.
Am 7. Oktober brach Yafit gegen 5 Uhr morgens mit ihrer Cousine Priscilla nach Jerusalem auf.
Yafit ist glücklich, Zeit allein mit Priscilla zu verbringen. Sie fährt und fährt von Tiberias in die Heilige Stadt. Die Sonne geht auf, rosa, orange und dann gelb, in der sich auflösenden Nacht. Es gibt nur wenige oder gar keine Autos auf der Straße, aber Yafit macht sich keine Sorgen. Die Leute ruhen sich aus, es ist Shabbat, Simchat Tora. Yafit, die als Reiseleiterin arbeitet, soll eine Gruppe brasilianischer Touristen durch die Altstadt begleiten und dann in die Mitte des Landes fahren, um mit Priscilla ein paar Tage Urlaub am Meer zu verbringen. Die Kinder sind alle beschäftigt und ihr Mann Shimon verlässt den Bauernhof und die Hühnerställe so gut wie nie. „Wir kamen gegen 7.45 Uhr vor dem Hotel an, wo meine Kunden auf mich warteten. Ich gab Priscilla mein Auto, da wir uns außerhalb der Stadt bei einem anderen Familienmitglied verabredet hatten.“ Der Fahrer ihrer brasilianischen Kunden, ein Palästinenser aus Jerusalem, fragte sie, ob sie nicht wisse, was los sei. "Ich verstehe es nicht sofort. Ich frage meine Kunden, ob sie trotz der angespannten Situation das israelische Museum besuchen wollen.“ Sie erhält eine SMS vom Tourismusministerium mit der Aufforderung, die Touristen in die Hotels in Sicherheit zubringen, die Kinder senden unentwegt SMS. Sie erhielten den sms Nr 8 von der Armee wurden sofort in Ihren Einheiten zurückgerufen und wollen nicht sagen, wo sie sich befinden. Yafit trifft sich gegen Mittag mit ihrer Cousine. Sie bleiben noch seit zwei Stunden in sicheren Unterkünften bei Freuden. Yafit beschließt, zum Kibbuz Gadot zu fahren, um der hereinbrechenden Nacht und den Raketen, die den Sternenhimmel durchlöchern, zu entgehen. „1973 waren wir elf Kinder allein im Haus der Kleinen des Kibbuz“, erzählt sie, „und wir verbrachten eine Woche im Bunker. Die beiden Erwachsenen, die uns begleiteten, sagten uns, dass wir ein Buch und eine Decke mitnehmen sollten. Jeder von uns bekam ein Exemplar von Hasamba, einem Klassiker der Kinderliteratur. Während dieser Woche lasen wir Hasamba von Ygal Mossinson immer wieder. Am Ende des Krieges kam einer der Erwachsenen und holte mich ab. Er sagte zu mir: ‚Komm, ich möchte, dass du in deiner Sprache mit Journalisten sprichst‘. Ich war seit Tagen nicht mehr aus dem Bunker gekommen und hatte meine Eltern nicht mehr gesehen“. Yafit erinnert sich an die Mikrofone und Kameras, die auf sie gerichtet waren. Die Kleine, die von den Blitzlichtern geblendet wurde, verstand nichts von den Fragen, die ihr gestellt wurden. "Der Kibbuz hat unser Leben zum Guten verändert und manchmal, ohne an die psychologischen Folgen für den Einzelnen zu denken. Das Kollektiv war der Grund für die Existenz, nicht der Einzelne. So veränderte mich der Kibbuz bis hin zum Namen: von Sonia Elise, die zu Yafit wurde“. Sie holt ihr Handy heraus und zeigt ein Foto von einem zehn Monate alten Baby, Ihre Enkelin Mika, und hält ein Schluchzen zurück. „Ich denke an die 30 entführten Kinder in Gaza.“ Sie schluckt ihre Tränen und fügt hinzu, dass es am schwierigsten ist, einen Platz in ihrem Herzen zu finden, um nicht diejenigen zu hassen, die so verabscheuungswürdig sind.