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1. Du fährst mit einem Rennwagen vor und steigst aus wie ein Rennfahrer.
2. Du bist ein kleiner Mann. Aber du hast Charme. Den machst du zur Waffe.
3. Du lädst die Frau, der du deine Ware verkaufst, zum Abendessen ein. Doch das tust du erst, nachdem sie den Vertrag unterschrieben hat. So kannst du mit der Einladung Dankbarkeit simulieren.
4. Du sollst sie zum Lachen bringen, zum Beispiel mit dem Witz von der Maus und der Kuh.
5. Du machst ihr Komplimente, die nicht wahr sein, aber so klingen müssen. Es ist wie im Journalismus. Die Leute glauben eine gute Geschichte.
6. Du bist hartnäckig. Frauen wollen keine Waschlappen.
7. Du lässt eine Tür offen, sonst fühlen sie sich eingeengt.
8. Du sollst sie aufleben lassen. Nichts verführt sie so zuverlässig wie der Klang der eigenen Stimme.
9. Du lässt keine Möglichkeit aus, das würdest du ja nur bereuen.
Das waren die Regeln von Mário Marques, als er im Aussendienst arbeitete. Sie halfen ihm, Frauen ins Bett zu bekommen. Das war in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, vielleicht müsste er sich heute etwas Neues ausdenken. Damals kam er auf seine Kosten. Erst reiste er mit Kosmetika durch Westdeutschland, dann mit Textilien durch Westeuropa. Eine Weile lang fuhr er auch Autorennen, heute werden seine Augen traurig, wenn er an den Nürburgring denkt, an die Fuchsröhre, das Schwedenkreuz, den Schwalbenschwanz und all die Kurven, aus denen es ihn rausschleuderte, als hätte er sich in ein Wurfgeschoss verwandelt. Er führte ein schnelles Leben. «Wäre meine Frau nicht meine Bremse gewesen», sagt er zärtlich, «wäre ich bis zum Mond.»
Im Sommer 1977 rast Marques nach Stockholm. Er steigt an diesem Tag besonders überzeugend aus seinem Auto, wirft die Tür besonders überzeugend ins Schloss. Am Abend lädt er die Frau zum Essen ein, mit der er einen Vertrag über die Lieferung von Frottétüchern ausgehandelt hat. Er erzählt Witze, macht Komplimente, der Lohn ist eine Liebesnacht. Wild und ausdauernd sei sie gewesen, eine Genugtuung für ihn, denn er habe Blondinen ja immer geliebt, sagt Marques, der heute ein 71 Jahre alter, fast faltenfreier Mann ist. Als er in seinem Stockholmer Hotelzimmer das Bett anschaut, sieht es so aus, als hätte er nur geträumt. Das Leintuch ist glatt. Marques hebt die Matratze. Das Leintuch ist an den Ecken mit Schnüren verknüpft. Er denkt zwei Dinge. Was für eine Idee, und was für eine Mühsal für die Zimmermädchen.
«Die Geschichte ist zu 99 Prozent wahr», sagt Marques. Über das eine Prozent will er nicht reden. Er wäre ihm auch lieber, wenn Stockholm nicht vorkäme. Einmal deutet er an, dass seine Frau die Geschichte nicht mag, doch er bricht mitten im Satz ab. Mit verschränkten Armen sitzt er da, den edlen Pullover über den Schultern, die hübschen Lederschuhe fest auf dem Boden seines Arbeitszimmers, dessen Tür auch Ende Oktober offen steht und den Blick auf das Weingut im Norden Portos freigibt, das er sich dank der zu 99 Prozent wahren Geschichte kaufte.
Wissenschafter, die sich mit den Momenten beschäftigen, in denen jemand etwas Neues denkt, würden nicht staunen über den Ort, an dem Marques seine Entdeckung machte. Auf Ideen kommt, wer sich auskennt und sich entspannt, das sind Ergebnisse aus der Neuropsychologie. Vielleicht erfand Mário Marques das Fixleintuch, weil er eine «wilde und ausdauernde» Nacht hinter sich hatte. Was Tücher und Stoffe betrifft, wusste er nämlich schon viel.
Er wuchs als Sohn eines Textilunternehmers in Guimarães auf, der Wiege Portugals, der Textilhauptstadt des Landes. Er verliess Portugal kurz vor seinem 18. Geburtstag, was unter Salazar nur wenige durften, eine Ausnahme waren Familien, die Unternehmenssteuern zahlten. Wäre er nicht gegangen, hätte ihn die Armee wohl an die Front nach Afrika geschickt, nach Guinea-Bissau, Angola, Moçambique, wo Portugal gerade seine Kolonien verlor. Er ging nach Köln, lernte in einem Jahr Deutsch, war klein, aber charmant, liess Türen offen und keine Möglichkeit aus. Er studierte Maschinenbau, hörte wieder auf, stieg um auf Wirtschaft, brachte das Studium zu Ende. Als Vertreter verdiente er 3000 Mark im Monat, fuhr Rennen mit einem Lotus, mit 25 heiratete er, mit 28 wurde er Vater, mit 34 reiste er nach Stockholm und war einen Moment lang ein Genie.
Er brauchte ein halbes Jahr. Weil dem Chef der Mut für Experimente fehlte, machte Marques sich selbständig. Er prüfte Stoffe, Elaste, Nähmaschinen. Nach sechs Monaten hielt er einen Prototyp in den Händen. Mit seinem Bruder gründete er eine Firma und nutzte die Kontakte, die er als Textilvertreter gesammelt hatte. In fünf Jahren flutete er Deutschland mit seinen Leintüchern, die er billig in Portugal herstellen liess. 800 Leute arbeiteten unter ihm, 20 Millionen Mark habe er im Jahr umgesetzt. Drei Hersteller in Deutschland boten ebenfalls Spannbettlaken an, Marques hatte auf seine Erfindung
Als er in den Wagen steigt, wird aus dem 71jährigen ein 17jähriger.
kein Patent angemeldet. Sie schienen etwa zur selben Zeit angefangen zu haben wie er. Dass er tatsächlich der Erfinder war, erfuhr er erst später, als der Südwestfunk eine Sendung über ihn drehte und in die Archive stieg. «Wir schlossen ein Gentlemen’s Agreement und teilten den Markt untereinander auf», sagt Marques. «Schliesslich gab es genug für alle.»
Eine Zahl, auf die er stolz ist: In den fünf Jahren bis 1983 sollen 97 Prozent der deutschen Haushalte Fixleintücher gekauft haben. Nach Deutschland erschloss Marques den Markt in Österreich, Italien, Schweden und der Schweiz, stellte mal einen Porsche 911 in seine Garage, mal mit einen Porsche 928, flog nach Brasilien in die Ferien, reiste an Messen in die USA, wo er aber wenig verkaufte, weil er nur das Tuch zu bieten hatte, sonst nichts. «Es ist wie beim Hamburger, der Cola und den Pommes frites. Die Amerikaner wollen das ganze Paket.»
Marques sass an acht Tagen pro Monat im Flugzeug, reiste an acht Tagen in Deutschland umher, verbrachte jeweils zwei Wochen in Porto. Wenn er Hausfrauen kennenlernte und sie erfuhren, wer er war, umarmten sie ihn manchmal. Auch heute komme es vor, dass eine Hausfrau ihm einen Kuss auf die Backe drücke. «Vor allem die reifen Frauen, Frauen um die fünfzig. Die wissen noch, wie anstrengend es einmal war, all die Betten zu machen.»
Etwas mehr als zehn Jahre lang blieb er im Geschäft, dann verlor er die Lust. Wollte lieber Tennis spielen, solange die Knie noch hielten. Sein Bruder übernahm die Firma, Mário Marques kaufte sich das Landgut bei Porto, die Quinta de Santa Cruz, tat ein Jahr nichts und kam sich im Vorruhestand fast abhanden. Klingelte bei Freunden, für die er keine Zeit gehabt hatte und die jetzt keine Zeit für ihn hatten. Hockte an seinem Swimmingpool, ging sich auf die Nerven. Blochte mit seinen Porsches durchs Land, kam sich hohl vor. Baute Kartoffeln an und wusste nicht, wohin mit den vierzehn Tonnen Ernte.
Einmal schaute er auf sein Land, auf dem früher ein Kloster stand, und entschied sich, dasselbe zu tun wie damals die Mönche. Er war 48 und wurde zum ältesten Schüler einer Winzerschule, die er im deutschen Weinsberg besuchte. Im ersten Jahr habe er nur Essig hergestellt, sagt er und schaut zur Tür hinaus auf die Reben, wo sie vor einer Woche die Weinlese machten.
«Kennen Sie den von der Maus und der Kuh?» fragt Marques und wartet wie immer keine Antwort ab. «Eine Maus rannte vor einer Katze davon und versteckte sich hinter einer Kuh. Die Katze kam näher, die Kuh schiss. Die Maus sah, was für ein Glück sie hatte. Sie liess sich zudecken. Nur der Schwanz schaute heraus. Daran zog die Katze die Maus aus dem Kuhfladen, machte sie ein wenig sauber und frass sie auf. Merke: Wer in der Scheisse steckt, soll den Schwanz einziehen.»
Für Marques gibt der Witz eine Ahnung davon, was er zwischen den Reben und den Weinfässern tat. Er habe sich reingekniet, nur so habe er einen Wein keltern können, der sich verkauft. Für eine Flasche verlangt er drei Euro ab Weinkeller, zu teuer für Portugal. So liefert er vor allem nach Deutschland und ist dafür wie früher als Vertreter unterwegs, heute aber ohne Rennwagen und Rennfahrerallüren. Obwohl Marques für guten Schlaf mit seinem Laken und seinem Wein viel getan hat, liegt er oft wach im Bett und denkt nach, wie er den Wein geschmeidiger machen könnte. Im Bett, sagt er, habe er immer noch die besten Ideen.
Marques, der jetzt zwei Stunden lang und mit etwas simulierter Begeisterung seine Geschichte erzählt hat, wird plötzlich unruhig. Er will essen. Seiner Assistentin ruft er zu, sie solle Wein holen. Er nimmt gern seinen eigenen mit, wenn er auswärts geht. Mit zackigen Schrittchen hastet er zu seinem tiefgelegten Mercedes, vorbei an seinem Swimmingpool, seinem Tennisplatz, seinen Reben, seinem Weinkeller, seinen Hunden, seinem Gärtner, seiner Hausangestellten und seiner Frau. Er muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihr ein Küsschen zu geben. Als er in den Wagen steigt, wird aus dem 71jährigen ein 17jähriger, der den Fuss nicht vom Gaspedal kriegt. Er hatte damals ein Moped, das er zu Schrott fuhr, später kamen fünf Autos dazu, mit denen er einen Totalschaden hatte. Marques bewegt sich am liebsten auf der Überholspur, Rotlichter blendet er aus, Lahmen schneidet er den Weg ab, Trennlinien sind für andere gezogen worden. Er hat seine Gründe. «Wenn ich langsam fahre, wird das Auto böse.»
Beim Essen langt er zu, trinkt aus zwei Weingläsern aufs Mal, schmatzt wie ein fröhliches Kind, scherzt und schäkert mit der Assistentin. Sie weiss, wie man lacht, wenn die Witze des Chefs kommen. Es stellt sich, am Ende des Essens, eigentlich nur noch eine Frage. Auf die weiss aber auch Mário Marques keine Antwort. Wie legt man ein Fixleintuch eigentlich zusammen? Er kann es nicht sagen. Er brauchte mal wieder einen Einfall.