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Orange ist nicht gleich Orange! Da wäre die süsse Orange, die auch als Apfelsine (Citrus sinensis) bekannt ist. Und dann gibt es die bittere Orange, die häufig Pomeranze (Citrus aurantium) genannt wird. Aus der grossen Familie der Rautengewächse (Rutaceae) sind ihre Eltern gewissermassen die grosse, saure Pampelmuse (Citrus maxima) und die kleine, süssliche Mandarine (Citrus reticulata). Je nachdem, welcher Elternteil bei der Kreuzung dominierte, entstanden entweder süsse Apfelsinen oder bittere Pomeranzen. Gemeinsam ist beiden, dass ihre Früchte an Bäumen wachsen, die bis zu zehn Meter hoch werden können.
Siegeszug in Europa
Heute kennen wir vor allem die süssen Apfelsinen. Ganz anders sah es in unserer Gegend früher aus. Etwa um das 10. Jahrhundert eroberten zuerst die bitteren Pomeranzen den Mittelmeerraum, von wo aus sie im restlichen Europa nach und nach bekannt wurden – insbesondere die heimkehrenden Kreuzfahrer trugen zur Verbreitung bei. Erst später im 16. Jahrhundert gelangten schliesslich die süssen Apfelsinen aus China nach Europa. Zu dieser Zeit begannen reiche Adlige damit, Orangenbäume und andere seltene Gewächse in ihren Gärten zur Schau zu stellen. Die empfindlichen Orangenbäume mussten dann im Herbst zum Überwintern in sogenannte Orangerien gebracht werden. Diese grossen Gebäude hatten in der Regel grosse Fensterfronten nach Süden und hohe Tore zum Ein- und Ausfahren der zum Teil recht grossen Kübelpflanzen. Ab Mai wanderten die Gewächse schliesslich wieder zurück ins Freie. Alten Aufzeichnungen zufolge waren dazu im Potsdam des 18. Jahrhunderts rund 40 Personen zusammen mit mehreren Fuhrwerken etwa zwei Wochen lang beschäftigt.
Von Herakles und den Hesperiden
Natürlich ranken sich um die edlen Früchte viele Sagen und Legenden. Schon einmal von den goldenen Früchten der Hesperiden gehört? Unter den Früchten auf unserer Erde entspricht die Orange wohl am ehesten dieser göttlichen Frucht. Bei der Hochzeit von Zeus und Hera beschenkte nämlich die Erdmutter Gaia das Brautpaar mit einem Baum voller goldener Früchte, die ewige Jugend, Schönheit und Klugheit verleihen. Hera liess diesen Lebensbaum in ihrem Garten am Rande der Erde anpflanzen. Vier schöne Jungfrauen, auch Hesperiden oder Töchter der Nacht genannt, behüteten ihn. Der hundertköpfige Drache Ladon wurde zudem zu seinem Bewacher auserkoren. Einzig dem griechischen Helden Herakles gelang es, drei dieser wertvollen Früchte zu rauben.
Dünne Apfelsinenschalen…
Neben dem Geschmack ist die Schale ein typisches Unterscheidungsmerkmal der beiden Orangenvarietäten. So hat die Apfelsine eine vergleichsweise dünne und glatte Schale. Durch Kaltpressung kann daraus das ätherische Orangenschalenöl gewonnen werden. Es hat einen heiteren, süss-fruchtigen Duft. Es regt die Lymphe an und strafft das Gewebe. Kein Wunder, dass es sich in Massageölen gegen Cellulite findet. Doch Achtung: Es enthält phototoxische Furanocumarine. Dies bedeutet, dass sich braune Flecken bilden können, wenn die Haut direkt nach dem Kontakt mit ätherischem Orangenschalenöl starker Sonnenbestrahlung ausgesetzt wird.
… und dicke Pomeranzenschalen
Die Schale der Pomeranzen ist im Vergleich recht porös, dick und mit vielen grossen Ölzellen durchzogen. Das Fruchtfleisch ist für den direkten Verzehr viel zu sauer. Aus den Blättern der Pomeranzen kann hingegen ein wertvolles ätherisches Öl durch Wasserdampfdestillation extrahiert werden. Dieses Petitgrain-Öl ist ein fröhliches Öl, das die Nerven beruhigt und die Stimmung aufhellt. Auf körperlicher Ebene wirkt es zudem krampflösend und entzündungshemmend. So sorgt in Erkältungszeiten eine Duftlampe mit diesem Öl für eine frische Atemluft im Krankenzimmer.
Edles Neroli-Öl
Das ätherische Öl aus den Pomeranzenblüten wirkt noch stärker auf psychischer Ebene: es ist nervenstärkend und schafft Vertrauen. Vor einer Prüfung ist es hilfreich, einen Tropfen auf ein Taschentuch zu träufeln und immer wieder daran zu riechen – dies ist ein regelrechter Nervenschmeichler. Der Duft ist wie ein warmer Sonnenstrahl, der Trauer, Kummer oder Schreckmomente aus unserem Gemüt vertreibt. Im 17. und 18. Jahrhundert war es als Essentia Neroli bekannt – ein unbezahlbarer Wohlgeruch zur damaligen Zeit. Auch heute noch zählt echtes Neroli-Öl genauso wie ätherisches Rosenöl zu den teuersten ätherischen Ölen. Der Grund: aus grossen Blütenbergen lässt sich nur wenig ätherisches Öl gewinnen, d. h. die Ausbeute ist gering.
Heilsame Orangen
In den Apotheken des 18. und 19. Jahrhunderts wurden edle und vor allem teure Spezereien aus Pomeranzen, Apfelsinen und anderen Zitrusfrüchten hergestellt. So wurden die Samen der Zitrusfrüchte als Semi aurantiorum als Mittel gegen starkes Fieber angepriesen. Des Weiteren wurde die Vitamin-C-Mangelkrankheit namens Skorbut bereits mit dem Saft von Pomeranzen und anderen Zitrusfrüchten instinktiv richtig behandelt, obwohl zur damaligen Zeit noch Unwissen über ihren hohen Vitamin-C-Gehalt herrschte. Und mancher Apotheker hütete in einer Schublade getrocknete, unreife Früchte der Pomeranzen – diesen Kurassao-Äpfeln wurden zuweilen mystische Wirkungen nachgesagt. Sicher überliefert ist, dass sie manchmal in die Fontanelle kleiner Kinder gelegt wurden, um ein vorzeitiges Schliessen zu verhindern.
Pomeranzen für den Bischof
Zum Schluss noch etwas ganz anderes: Angenommen, Sie sitzen in einer Quizshow und bekommen die Frage: „Was ist ein Bischof?“ Mögliche Antworten sind ein Getränk, ein Hut, ein Tier oder ein Fluss. Wüssten Sie die richtige Antwort? Richtig ist auf jeden Fall ein Getränk. Es wird aus Wein, Zucker und grünen Pomeranzenschalen zubereitet – im 18. Jahrhundert war es das absolute Modegetränk. Beliebt in der Küche ist auch noch heute das Orangenblütenwasser, das bei der Herstellung des ätherischen Neroli-Öls als Nebenprodukt anfällt. Es ist auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich und eignet sich hervorragend zum Verfeinern leckerer Speisen. Besonders in der orientalischen Küche werden damit Desserts aromatisiert.
Egal, ob Apfelsine oder Pomeranzen, beide Früchte lassen unseren Leib und unsere Seele strahlen.