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Der Walfangroman „Moby-Dick“ wird heute zu den wichtigsten Werken der amerikanischen, wenn nicht gar der Weltliteratur gezählt. Das Leben seines Autors Herman Melville war jedoch von Misserfolgen und persönlichen Rückschlägen bestimmt. Als drittes von acht Kindern kommt Herman am 1. August 1819 in New York City zur Welt. Erst nach dem Tod des hoch verschuldeten und geistig umnachteten Vaters 1831 ergänzt die Mutter den Familiennamen um ein „e“ von Melvill zu Melville.
Aufgrund der massiven Geldnot der Familie verlässt Herman die Schule bereits früh und arbeitet: als kaufmännische Hilfskraft in einer Bank, auf einer Farm, im Pelzgeschäft seines Bruders Gansevoort, das wie das Geschäft des Vaters pleite geht, als Lehrer. Mit 19 Jahren veröffentlicht Melville erste Texte, 1839 heuert er auf einem Kauffahrteischiff an und von 1840 bis 1843 fährt er auf verschiedenen Walfangschiffen. Ein weiteres Jahr als Matrose auf der Fregatte United States folgt, bevor 1846 Melvilles erster Südseeroman „Typee“ zunächst in England, dann in den USA erscheint, wo er großes Aufsehen erregt. 1848 wird der Folgeroman „Omoo“ veröffentlicht. Melville heiratet und wird Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern.
Er schreibt für Zeitungen und veröffentlicht weitere Romane, die jedoch nicht an den Erfolg der ersten beiden anküpfen können. Auch sein heute hoch gelobter „Moby-Dick“ wird nach seinem Erscheinen 1851 von der Kritik zerrissen und zu Melvilles Lebzeiten nur 3000-fach verkauft. Melvilles Gesundheitszustand verschlechtert sich mit zunehmendem Alter, seine Ehe droht mehrfach zu zerbrechen, die meisten seiner Geschwister sterben vor ihm und beide Söhne begehen Selbstmord.
Da er vom Schreiben nicht leben kann, tritt Melville 1866 eine Stelle als Zollinspekteur im Außendienst im Hafen von New York an, die er bis 1885 inne hat. Täglich den Hafen vor Augen bleibt seine Liebe zur See zeitlebens erhalten und er in erster Linie ein Dichter des Meeres. Nach dem Misserfolg seiner Romane konzentriert sich Melville auf kürzere Erzählungen und die Versdichtung. Häufig kombiniert er Prosa und Lyrik. So auch in seinem Gedichtband „John Marr and Other Sailors“, den der mare-Verlag nun in deutscher Erstübersetzung präsentiert.
John Marr und die anderen Matrosen stehen für die gestrandeten Seeleute, die an Land feststellen, dass ein Seemann niemals zur echten Landratte werden kann. Und so schwelgen John Marr („Seit jener Zeit auf gemeinsamer Wacht, Jungs, warum redet ihr nicht mehr mit mit, Eurem Wachkameraden manch einsamer Nacht?“) oder Bräutigam Dick („Aye, und wieder seh ich mich leewärts schreiten, Fernglas unterm Arm und den Knüppel parat, Wendend am Schanzkleid, denk ich an Zeiten, Als von Stolz ich erfüllt war und auf großer Fahrt.“) in Erinnerungen an die glanzvolle Epoche der Seefahrt, die mit dem amerikanischen Bürgerkrieg ein jähes Ende fand, sowie die alten Kameraden. In „Kieselsteine“, dem letzten seiner Seestücke, kommt Melville schließlich zu dem Schluss: „Befreit von Schmerz, preis ich die unmenschliche See – Segne die Engel, die vier, die dorthin zieh´n; Denn sogar ihr gnadenloser Atem hat mich geheilt, Vermengt mit bekömmlichem Tau namens Rosmarin.“
1888, drei Jahre vor seinem Tod, unternimmt Herman Melville eine letzte Seereise zu den Bermudas. In den USA als Autor nahezu vergessen, erhält er in jener Zeit Briefe von Bewunderern seines Werkes aus England. Den Gedichtband „John Marr und andere Matrosen“ verlegt er anonym und auf eigene Kosten. Die nur 25 gedruckten Exemplare verschenkt er an Freunde und seine neuen englischen Bewunderer.
Das jetzt erschienene schmale feine Büchlein mit türkisfarbenem Lesebändchen im Pappschuber enthält neben der feinsinnig von Pascal Cloëtta illustrierten deutschen Übersetzung auch die amerikanische Originalfassung des Textes. Der Übersetzer Alexander Pechmann trägt mit seinen „Anmerkungen“ zum besseren Verständnis der Gedichte (mit ihren Anspielungen und Bezugnahmen) bei. Seine unvollständige Erklärung der seemännischen Begriffe „dippen“ und „koppeln“ ist da leicht verschmerzbar. Ein wunderbares Buch!