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Zwischen 2014 und 2019 verbrachte der amerikanische Fotograf, Schriftsteller und Kritiker Teju Cole seine Sommer in der Schweiz und erforschte die Räume zwischen den Bergen. Daraus entstand das Buch "Fernweh".Dieser Inhalt wurde am 02. Mai 2020 - 11:00 publiziert
Der Zeitpunkt hätte (un)angemessener nicht sein können. Die Publikation von "FernwehExterner Link" im Februar fiel mit der Verhängung umfassender Massnahmen in fast allen europäischen Ländern, einschliesslich der Schweiz, zusammen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.
Plötzlich wurde das, was eine visuelle und zeitlose Erkundung der Räume der Schweiz in all ihrer stillen und leeren Pracht sein sollte, zu einer Art dunklem Spiegel der unmittelbarsten Wirklichkeit.
Als Gastkünstler im Literaturhaus Zürich verbrachte Cole die Hälfte des Jahres 2014 damit, das Land zu bereisen und zu fotografieren. Gleichzeitig schrieb er einen Text über die nigerianische Stadt Lagos, wo er seine Kindheit verbrachte.
Nichts war für ihn gegensätzlicher als diese beiden Themen: "Ich bin ohne Berge aufgewachsen, in der Nähe der Lagune und des Meeres, in einer Stadt, in der die einzigen Höhen die Wolkenkratzer sind. Ich war an die Extreme des städtischen Lebens gewöhnt: Menschenmassen, Verkehr, Energie, Kriminalität. Aber die Extreme der Natur kannte ich nicht, die heftigen Stürme, die schwindelerregenden Landschaften."
Cole wurde es während seiner Zeit in der Schweiz nie langweilig. Als Fremder auf der Durchreise genoss er das Gefühl, in der Zeit zu schweben, allein in einer Art Nicht-Ort zu segeln. Der Begriff "Fernweh" bedeutet in gewisser Weise das Gegenteil des traditionellen "Heimwehs" – es ist der Wunsch, die Sehnsucht, die Nostalgie, weit weg zu sein.
Fernweh, Heimweh, nach Teju Cole
Die Legende besagt, dass die Schweizer Söldner, die seit dem 15. Jahrhundert in allen europäischen Kriegen kämpften, harte Kerle waren. Selbstmitleid war ihnen fremd. Aber sie empfanden eine verwirrende Nostalgie für ihr Land, seine Täler, seine kristallklaren Seen und seine schützenden Berge. Sie nannten dieses Gefühl Heimweh.
Diese intensive psychosomatische Störung wurde erstmals 1688 von Johannes Hofer, einem französischen Medizinstudenten an der Universität Basel, behandelt. Er gab ihr den Namen Nostalgie (von den griechischen Wörtern nostos = Rückkehr und algos = Leiden). Der Begriff kam in der englischen Sprache Ende des 18. Jahrhunderts in Form von homesickness auf.
Heimweh erhielt, nachdem es in die deutsche Standardsprache übergegangen war, ein Antonym: Fernweh. Dies ist der Wunsch, von zu Hause weg zu sein, mit einer Nuance von Traurigkeit, Melancholie.End of insertion
Nach diesem ersten Aufenthalt kehrte Cole für die nächsten fünf Sommer in dieses exotische Alpenland zurück. Er war überzeugt, dass man die Berge verstehen muss, um die Schweiz zu verstehen. Dem Fotografen fehlte es nie an Denkanstössen.
Die Alpenüberquerung, vor und nach dem Bau des Gotthardtunnels, war ein Abenteuer, das einige der besten Köpfe, Künstler und Schriftsteller Europas inspirierte und herausforderte. In Kunst und Literatur vermittelten sie ein ideales Bild der Schweiz, das sich in der ganzen Welt verbreitete. Seit Jahrzehnten kommen beispielsweise indische Filmemacher hierher, um einige der Musikszenen in ihren romantischen Bollywood-Komödien zu drehen.
Bei allem Stolz auf ihre lange "moderne" Geschichte, die sich über mehr als 700 Jahre erstreckt, kann sich die Schweiz der Vorstellung, die andere von ihr haben, nicht entziehen.
So wurde das Land wohl im 19. Jahrhundert von der britischen Tourismusindustrie als exotisches und billiges (!) Reiseziel für eine wachsende Bourgeoisie der Mittelklasse erfunden. Bereits davor, vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, hatte die Schweiz einen prominenten Platz in der Vorstellung der britischen Aristokratie eingenommen: als Zwischenstopp auf der Grand Tour, einer Reise durch Kontinentaleuropa, die junge Männer des Adels (und sogar junge Frauen, sofern sie von einer Anstandsdame begleitet wurden) als Initiationsritus durchführten, um gut informierte Herren und Damen zu werden.
Das Land erfüllte die projizierten Erwartungen – billiger aber wurde es dadurch sicher nicht.
Cole seinerseits kennt die Schweiz, wie wir sie uns vorstellen, ihre Geschichte und Geografie sehr gut. Er macht auch keinen Hehl aus seinen Zweifeln und ist sich nicht sicher, ob sich das, was er tut, intellektuell und kreativ lohnen wird.
Cole verwendet Bilder und Texte, um antike Vorstellungen über die Schweiz zu entwickeln. Seine Gedanken und Reflexionen tauchen neben einer Galerie von Bildern auf, die langweilig erscheinen mögen, und erwecken sie zum Leben.
Welche Eindrücke er auch immer zu vermitteln vermag, eines ist sicher: Cole ist definitiv dem Club der Künstler und Denker beigetreten, welche die Postkarte der Schweiz prägen, die sich in unser kollektives Unbewusstes gebrannt hat.
(*) alle Legenden sind Teju Coles Essay Far Away from HereExterner Link (New York Times Magazine, 27.09.2015) entnommen.
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