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Hintergrund
Wer war sich bewusst, dass Motown und Michael Jackson fast gleich alt sind? Anfang 1959, als der King of Pop gerade mal fünf Monate alt war, gründete Berry Gordy Jr. in Detroit mit einem Familiendarlehen von gerade einmal $800 das R&B Label Tamla Records, das später zu Motown Records wurde. (Motown entstand im Übrigen aus den Begriffen „Motor“ und „Town“, da es sich bei Detroit um die grösste Autoproduktionsstadt der USA handelte.) Boxen und Musik waren bis dahin Berry Gordys grosse Leidenschaften. „Mit beiden konnte ich Mädchen kriegen, aber dann kam Nat King Cole daher und er war romantisch und wurde nicht zusammen geschlagen. Und so sah ich ein, dass ich wohl besser mit dem Boxen aufhören sollte“, erzählte Berry Gordy dem renommierten Talkshow Host Tavis Smiley in einem der Interviews Anfang 2009 zum Anlass des 50. Jahrestages von Motown. 1, 2
Und so fing in einem älteren Haus, das Gordy kurz nach Erwerb ambitiös „Hitsville, U.S.A.“ nannte, und dessen Garage er zu einem Recording Studio umbaute, alles an. Mit Zielstrebigkeit und Unterstützung durch die gesamte Künstlerfamilie bei Motown—zu denen Jackie Wilson, Smokey Robinson, Marvin Gaye, The Supremes, The Temptations, The Four Tops, Gladys Knight & the Pips, The Commodores, Stevie Wonder und natürlich die Jackson 5 gehörten—erschaffte Berry Gordy neue Möglichkeiten für Minderheiten und machte den „Motown Sound“ zum weltweiten Phänomen.
Infolge der anhaltenden Rassenunruhen, gerade in den Südstaaten, waren die Anfangszeiten für Motown sehr hart. Aber die Künstler damals, wie Smokey Robinson, beteuerten, dass sie es trotz der gewaltigen Ausbrüche (manchmal wurde sogar auf sie geschossen) durchziehen wollten. Sie wussten, dass es wichtig ist und „wir lieben, was wir tun“. Aber auch die Mitarbeiter aller Hautfarben und Religionen, die am Hauptsitz in Detroit arbeiteten, liessen sich nie abschrecken und kamen jeden Tag zur Arbeit. Sie alle haben für Motown gekämpft. Und entsprechend waren Integrität, Treue, Liebe und Wahrheit für Motown mehr als nur Worte; es waren ihre wichtigsten Pfeiler. 2
Rolling Stone Journalist Mikal Gilmore reflektierte, dass die Jackson 5 eine Erkenntnis darstellten, die die Bürgerrechtsbewegung erst ermöglicht hatte und die fünf oder sechs Jahre vorher nicht möglich gewesen wäre. Denn zu einer Zeit, als Amerika sich noch unwohl fühlte, was das Streben der Minderheiten nach Macht betraf, verkörperten die Jackson 5 ein angenehmes Ideal schwarzen Stolzes, das Zusammengehörigkeit und Ambition statt Opposition widerspiegelte.
Am Anfang
Berry Gordy wurde gefragt, wie sich Stevie Wonder und Michael Jackson, die ja beide als Kinder zu Motown kamen, voneinander unterschieden. Stevie Wonder war zuerst da und Berry Gordy gab zu, dass er am Anfang versuchte, Michael nicht einmal zu sehen, denn Stevie war einfach unglaublich gut. Dabei, so gestand Berry Gordy, mochte er nicht mal Stevies Singerei, aber er liebte es, wie Stevie die Mundharmonika spielte.
„Aber all diese Arbeit und der Ärger“ , sagte Berry Gordy lachend. Stevie musste einen Privatlehrer und einen Produzenten haben, die immer mit ihm reisten und seine Mutter war auch immer dabei. Es war wie eine Entourage „und dieses blinde Kind brachte uns noch nicht mal Geld ein.“ Seine Mutter war total liebenswert und „sie liebte ihr Kind so sehr und dachte, er wäre besser, als er war – damals. Seine Mutter wollte so viel von uns und er wollte unbedingt bei Motown sein.“ Und als Suzanne de Passe dann ganz begeistert zu Berry Gordy kam und sagte, sie habe diese kleine Gruppe entdeckt, fragte er sie: „Eine neue Gruppe?“ „Ja, es sind Kinder.“ Und Berry Gordy sagte: „Nein, nein. Ich habe Stevie Wonder und das reicht mir. Ich will keine Kinder oder Privatlehrer oder dieses und jenes [mehr].“ Aber sie insistierte, dass er sich die Jungs einfach nur einmal anhören sollte. Er würde dann verstehen. Berry Gordy sagte okay und der Rest ist Geschichte. 2
In seiner Autobiographie Moonwalk erinnerte sich Michael Jackson, wie Berry Gordy ihnen allen nach dem erfolgreichen Vorsingen im Herbst 1968 sagte: „Ich werde Euch zur grössten Sache dieser Welt machen und man wird in den Geschichtsbüchern über Euch schreiben.“ 4
In dem Jahr, als die Brüder bei Motown unterzeichneten, hatte das Label neun Nummer Eins Hits – inklusive Marvin Gayes Song I Heard It Through the Grapevine, der zur bis dahin meist verkauften Single in der Geschichte von Motown geworden war.
„Ich lungerte im Detroit Studio herum“, erinnerte sich Gaye in einem Interview von 1983, „und ich hörte diesen Sound aus einem der Räume. Jemand sang Who’s Loving You. Ich schaute rein und sah diese fünf Kinder in ein Mikrophon singen. Der Kleinste war so klein, dass er auf einem Milchharass stehen musste. Und der war der Lead Sänger. Ich konnte es nicht glauben. Der verrückte Bobby Taylor war sie am Produzieren. ‚Hey Marvin’, sagte Bobby, der es liebte, mich zu reizen. ‚Darf ich vorstellen: Michael Jackson. Er wird dich in einer Woche von der Chartspitze ablösen.’“ 5
Alle schienen damals bereits zu wissen, dass sie da ein einzigartiges Talent vor sich hatten. Berry Gordy sicherte den Jackson 5 zu: „Eure erste Platte wird Nummer eins, Eure zweite Platte wird Nummer eins und Eure dritte Platte wird Nummer eins.“ Und er hatte recht: I Want You Back, ABC und The Love You Save kamen alle auf Platz eins. Und am Ende waren es dann sogar die ersten vier Songs in Folge, denn 1970 schaffte es I’ll Be There auch noch zur Nummer eins. 4, 6
In memoriam
Nach Michaels Hinscheiden wurde Berry Gordy von Tavis Smiley nochmals zum Interview gebeten, um über seine persönliche Beziehung mit Michael zu sprechen, bevor das Kind, das „wie ein Sohn“ für ihn war, ein internationaler Musiksuperstar wurde.
Bei Motown ging es um Liebe und Wettbewerb, betonte Berry Gordy. Zum Beispiel, erzählte er, hatten die Gordys und Jacksons jede Woche ein Basketballspiel und da ging es immer sehr kompetitiv vor. Aber sie alle liebten es und jeder wollte gewinnen. Berry Gordy erzählte auch, wie sehr Michael Gordys Haus in Bel Air liebte, als er und seine Brüder nach ihrem Umzug nach Los Angeles dort wohnten. Und, so erinnerte er sich mit einem grinsenden Gesicht, er habe Michael nie glücklicher gesehen, als dieser sein eigenes Haus kaufte, das zweimal so gross wie Gordys war: „Berry, das musst Du sehen!“
Berry Gordy nutzte dieses Interview aber auch, um klar zu machen, dass es immer noch viele Leute gibt, die glauben, dass Michaels Erfolg einfach selbstverständlich war, quasi über Nacht kam. Was viele Leute nicht realisieren, sei, wie hart Michael von Anfang an für seinen Erfolg gearbeitet hatte. Michael „hat von der Arbeit geträumt“ , so Berry Gordy. Er habe geübt, als andere spielten und wenn die Proben fertig waren und die Musiker noch etwas weiterspielten, habe er ihnen immer ganz genau zugeschaut. „Er war immer voll konzentriert. Hat nicht gespielt oder sich sonst wie abgelenkt. Und er wollte das. Er war ein Genie – schon mit neun, zehn Jahren“, so Berry Gordy. 2
Auch Clarence Paul, der verstorbene Motown Produzent und Komponist, erinnerte sich gegenüber der Musikzeitschrift Rolling Stone, wie sehr sich Michael für den Recordingablauf bei Motown interessierte. „Er beobachtete uns wie ein Falke und er brauchte kaum länger als eine Minute, um zu verstehen, wie das Aufnahmestudio funktioniert. Eines Tages erschien er, während wir ein paar Backgrounds mit Andantes zusammensetzen. Ich liebte es, mehrere Zweitstimmen aufzulegen. Ich ging zum Klavier und wählte die Noten für die Mädchen aus. Als Mike sah, was ich machte, fing er an, jedes einzelne Teilstück zu singen, bevor ich überhaupt beim Klavier war. Er hörte die ganze Harmonie mit all den verschiedenen Stimmen in seinem Kopf und begann jede einzelne Stimme zu singen. Anstatt dass ich es ihm zeigte, zeigte er es mir.“
David Ruffin von den Temptations, einer der grössten Soulsänger seiner Zeit, erinnerte sich, wie er Michael in der Ecke eines Motownstudios in Detroit sah. „Jemand sagte, ’Das ist der Jackson Junge’. Ich fragte ihn, ob er mit mir singen möchte. Er sagte, ‚Klar, Mr. Ruffin.’ Nun, er stand auf und kopierte bis ins Detail alles, was ich machte. Es war unglaublich. Aber er kopierte mich nicht nur, er fügte dann noch Sachen hinzu und auf eine Art und Weise, wie ich es selbst nie überlegt hatte. Ich machte Spass und sagte ihm, ‚Wir sollten auf Tour gehen.’ Und er antwortete, ‚Da müssen sie meinen Vater fragen.’ Ich erinnere mich, wie ich damals dachte, dafür dass dieser Junge lernen wollte der Beste zu sein, hatte Gott ihn am absolut perfekten Ort abgesetzt.“ 5
Der erste Drang nach mehr künstlerischer Freiheit
„Wenn ein Genie [wie Michael, Stevie, Smokey] daher kam, war ich bestrebt, die Magie in ihnen freizusetzen“ , sagte Berry Gordy. „Was immer das in ihrem Fall für ein Zauber war, ich wollte, dass sie frei sind. Das heisst, frei innerhalb gewisser Restriktionen. Okay, Du bist vollkommen frei, aber tu, was immer Du tust, innerhalb dieser Einschränkungen“ , berichtete Berry Gordy lachend. 2
Doch auch wenn diese Grenzen am Anfang notwendig waren, ähnlich wie die eines heranwachsenden Kindes, so war es genauso selbstverständlich, dass das Kind sich irgendwann selbst definieren möchte und muss.
Nach dem erstaunlichen Erfolg und weltweiten Lob, dessen sich die Jackson 5 in den ersten paar Jahren erfreuten, erfuhren sie jedoch schon bald starke Einschränkungen. Die Musik, die sie machten, war nicht wirklich innovativ – sie haben sie nicht selbst geschrieben oder produziert – und Michael machte sich Sorgen, dass sie zum „oldies act“ würden, bevor er aus der Pubertät kam. Die Jackson 5 wollten erwachsen werden und das hiess in diesem Fall, das sie selbst produzieren und ihren eigenen Sound gestalten wollten. Motown aber wollte dies nicht zulassen. Wie Michael in Moonwalk beschrieb, „war es tabu, dies auch nur zu Wort zu bringen“ . Michael wusste, was das bedeutete: Motown würde nicht nur die Jackson 5 nicht wachsen lassen, sondern auch ihn nicht. 3, 4
Aber bevor er von Motown weiterziehen würde, hatte er alle Produzenten genauestens studiert. „Ich war wie ein Falke, der in der Nacht auf Beutejagd geht. Ich beobachtete alles. Niemand kam wir davon… Ich wollte […] alles verstehen“ , ist in Moonwalk weiter zu lesen. Michael hatte insbesondere auch von Berry Gordy selbst sehr viel gelernt. Der mittlerweile verstorbene Songwriter und Produzent Hal Davis erinnerte sich, dass Berry Gordy stets ein hartes Wettbewerbsklima unter seinen kreativen Mitarbeitern gefördert hatte, um am Ende das bestmögliche Produkt herauszubringen. „[Je]der Songwriter und Produzent [bei Motown] arbeitete an J5 Material.“ „Um diese Hits zu erreichen“, sagte Davis weiter, „liessen wir die Jungs wahrscheinlich an die hundert Songs aufnehmen. Berry [Gordy] war knallhart, wenn es darum ging, ein Produkt rauszubringen. … Wenn man Berrys Arbeitsmoral mit derjenigen von Joe Jacksons verbindet, versteht man Michaels [Ehrgeiz, Disziplin und Perfektionismus].“ 4, 5
Das Ende von Motown für die J5
Joe Jackson, Vater und Manager, kündigte in einer Pressekonferenz am 30. Juni 1975 an, dass die Jackson 5 ihren Vertrag mit Motown nicht verlängern würden, wenn dieser 1976 ausläuft. Die Gruppe hatte bei CBS (Epic) unterzeichnet, die versprochen hatten, ihnen mehr künstlerische Freiheit beim Schreiben und Produzieren zu gewähren. Da der Name Jackson 5 und dessen Logo von Motown 1973 als Marke registriert wurde, trat die Gruppe ab 1976 unter dem neuen Namen The Jacksons auf.
Das nächste und letzte Mal, dass Michael und seine Brüder für Motown auftraten, war 1983 bei der Feier Motown 25: Yesterday, Today, Forever. Und es war da, als Michael bei seinem ersten Soloauftritt von Billie Jean zum ersten Mal öffentlich den Moonwalk vorführte. Wie Berry Gordy über diesen Auftritt schwärmte:
„Er katapultierte sich ins All und kam nie mehr runter.“ 2, 5
Michaels Genie
Als Berry Gordy gefragt wurde, was, abgesehen davon, dass Michael so jung war, sein besonderes Genie ausmachte, antwortete er: „Michael war ein Denker. Er betrieb mehr Recherche als all die anderen Künstler, die ich erwähnte… Er recherchierte mich und all die grossartigen Menschen, die vor ihm da waren. Er wollte alle Stars treffen und viele von ihnen traf er dann auch.“
„Als er also neun Jahre alt war“, sagte Berry Gordy, „war [Michael] bereits ständig am Recherchieren, am Beobachten, am Studieren. Marvin [Gaye] ging da mehr aus seinen eigenen Gefühlen heraus und er war verwirrt auf verschiedene Art und Weise. Aber Genies sind Genies. Und später im Leben, weil Michael eben ein Genie war und Gedanken hatte, die allen überlegen waren, dachte er auch darüber nach, wie er sich am besten darstellen und weiterbringen konnte.“
„Den grössten Teil seines Lebens war Michael der Boss, weil er so intelligent war“ , hielt Berry Gordy fest. „Und auch als ich sein Manager war, wusste [Michael] dennoch, wie er mit mir reden musste, wenn er etwas auf seine Art und Weise machen wollte – auf seine sehr schüchterne, nette und respektvolle Art. Und wenn er dann auf die Bühne ging, wurde er zu diesem Show-König und sein ganzes Auftreten änderte sich schlagartig.“
„Er war einer dieser seltenen grossartigen Individuen und er hat es wahrlich verdient, der King of Pop genannt zu werden“ , schloss Berry Gordy. 2
Als Michael Jackson zu einem reifen Künstler aufgewachsen war, stand er auf der solidesten Grundlage, folgerte der Rolling Stone Journalist Daniel Ritz. Michael Jackson war in erster Linie ein Motown Künstler, ein Absolvent mit Auszeichnung von der härtesten Vorbereitungsschule, die die Popmusik je gekannt hat. 5
Der Kulturkritiker und Musiker Jason King hatte geschrieben: „Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass [Michael] der fortgeschrittenste populäre Sänger seines Alters in der Geschichte der Schallplattenmusik war. Sein untrainierter Tenor war bemerkenswert. Eigentlich hätte er nie soviel stimmliche Autorität haben sollen, wie er dies in seinem jungen Alter hatte.“ 3
„Er ist ein Antiker in einer modernen Zeit“ , beobachtete schliesslich Smokey Robinson. „Ich kannte Jackie Wilson, ich kannte James Brown, ich kannte all die Leute, die Michael liebte. Es dauerte Jahre, bis sie ihren Sound entwickelt hatten. Michael erinnerte mich an Aretha [Franklin]. Als Aretha sieben Jahre alt war, spielte sie Gospel auf dem Klavier wie ein Profi. Es war ein Wunder. Michael war ein Wunder. In seinem Herzen trug er andere Leben mit sich. Es war mehr, als nur eine Seele zu haben; es war eine Seele, die tief in den Boden der Geschichte eines ganzen Volkes reichte.“ 5

Quellen:
1. wikipedia.org (Motown, abgerufen am 1. August 2010