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Einleitung
Die Entwicklung des Schützenwesens in der Schweiz
Das Schweizerische Schützenwesen gründet auf eine Jahrhunderte alte Überlieferung. Die Ausbildung an Pfeil und Bogen sowie an Armbrust und Speer diente insbesondere zur Jagd und zur Verteidigung. Bis Mitte des 15. Jahrhunderts war die Armbrust die dominierende Schusswaffe.
Mit dem Wachstum der Städte ging auch die Sicherung der Stadtmauern einher. Vor dem Hintergrund des alten Zürichkrieges (1440–1450) und den Burgunderkriegen (1474–1477) erlebte das organisierte Schiesswesen ab Mitte des 15. Jahrhunderts einen Aufschwung. Die Gründung von Schützengesellschaften wurde von der Obrigkeit mit Blick auf die Verteidigung gegen aussen mit Spenden und Gewährung von Privilegien grosszügig unterstützt.
Das Scheibenschiessen bot Gelegenheit zu Zusammenkünften und Festigung von nachbarschaftlichen Bündnissen. Bereits 1378 lud Solothurn die «gemein Schjssgsellen» verschiedener eidgenössischer Orte zum gemeinsamen Wettkampf ein. Nahmen dabei auch andere, sog. Freigeladene, teil, so wurde das Fest zum Freischiessen. Auch ins Ausland reisten die Schützen, beispielsweise 1485 nach München oder 1563 nach Wien.
Der Schweizerische Schützenverein
Auf die Pariser Revolution von 1789 folgten auch in der Schweiz Unruhen und Aufstände. 1798 löste die Helvetische Republik die alte Eidgenossenschaft ab, doch schon mit Napoleons Mediationsakte von 1803 wurde das alte kantonale System wiederhergestellt. Nach Napoleons Niederlage übernahmen Ende 1813 die vorrevolutionären Behörden die Macht, die alten Verfassungen mit ihren sozialen und politischen Ungleichheiten wurden wieder in Kraft gesetzt.
In diesen politischen Wirren fanden keine Schützenfeste statt. Erst der Wienerkongress 1815 und die Festlegung der schweizerischen Neutralität brachten geordnete Verhältnisse. Im Bewusstsein eines freien Vaterlandes bildeten sich überall im Lande neue Schützengesellschaften.
Erste Ideen zum Zusammenschluss der Schützen zu einem eidgenössischen Verbund kamen 1820 im liberalen Kanton Aargau auf. Am 6. März 1824 lud die Schützengesellschaft Aarau alle bekannten Schützenvereine in der Schweiz zur Gründung eines Eidgenössischen Schützenvereins (heute Schweizer Schiesssportverband SSV) ein. Das erste Eidgenössische Freischiessen fand vom 7. bis 12. Juni 1824 in Aarau statt.
Das Schützenmuseum
1885 fand in Bern das 31. Eidgenössische Schützenfest statt. Im Nachgang zum Fest beschlossen die Organisatoren die Errichtung einer «Schützenstube» mit dem Zweck, Schützentrophäen zu sammeln, zur Schau zu stellen und der Nachwelt zu erhalten.
Untergebracht waren die Sammlungen im sog. Haller-Haus an der Inselgasse (heute Kochergasse). 1894 wurden sie in das neu erbaute Bernische Historische Museum verbracht. 1904 übernahm der SSV das Patronat über die Schützenstube, welche er 1914 in Schweizerisches Schützenmuseum umbenannte.
1937 beschloss die Delegiertenversammlung des SSV einen Museums-Neubau an der Bernastrasse 5. Bereits Ende 1939 wurde der Museumsbetrieb am heutigen Standort aufgenommen. 2007 wurde das Museum in eine gemeinnützige Stiftung überführt.
Rundgang durch die Sammlungen
Aussenfassade
Das Wandbild des Berner Künstlers Friedrich Traffelet (1897–1954) stellt das freiwillige Schiesswesen in der Schweiz dar. Der Fahnenträger, der Greyerzer-Senn und der bewaffnete Arbeiter stehen zentral und verkörpern den SSV. Rechts daneben sieht man einen weisshaarigen Schützenveteranen, der zwei Jungschützen auf die Schweizerfahne hinweist. Die Gruppe wird von je zwei Soldaten flankiert. Sie symbolisieren den Grenzschutz gegen aussen. Einige Figuren stellen Mitglieder der Baukommission für den Museumsneubau dar.
Rechts vom Eingang sind vier Plastiken von Schützenpersönlichkeiten an der Fassade angebracht. Angefertigt wurden sie vom Berner Bildhauer Walter Linck (1903–1975), der im Jahr 1943 fast sein ganzes damaliges Werk zerstörte und fortan nur noch mit Metall arbeitete.
Eingangshalle
In der Eingangshalle befinden sich weitere Wandmalereien von Traffelet: Links ein Schütze aus dem Jahr 1824 mit einem Steinschlossgewehr und rechts einer aus dem Jahr 1856 mit einem Perkussionsgewehr.
Der geschnitzte Archivschrank des Kantonal Bernischen Schützenvereins von 1899 stammt aus der «Schnitzlerschule Brienz». Gekrönt wird er durch einen auf einem Bären stehenden Armbrustschützen. Mittig sind eine Armbrust, ein Steinschlossstutzer und ein Repetiergewehr aus dem Jahr 1889 sowie ein Revolver «Modell 1882» abgebildet. Die Darstellung der gängigen Munition und eines Pfeils schliesst die bildliche Waffenkunde ab.
Rechts daneben ist der alte steinerne Eingang zum Gesellschaftshaus «zun Schützen» von 1605 eingebaut, das früher an der Marktgasse 28 stand, wo heute noch der Schützenbrunnen von 1543 steht. Die Gesellschaft wurde in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gegründet und löste sich 1799 auf.
Treppenaufgang
Der Treppenaufgang zeigt die Entwicklung der Waffen von Pfeilbogen, Armbrust, Handrohr, Lunten- und Radschlossbüchsen, Feuerstein- und Perkussionsgewehr und Hinterladern bis zum modernen Sturmgewehr. Darunter sind auch die gängigsten Ordonanzwaffen der Schweizer Armee, welche bei Wettkämpfen auch von Sportschützen eingesetzt werden. Eine Kuriosität ist das Sturmgewehr «Modell 57». Die Spezialanfertigung schiesst um die Ecke und wurde für einen Film angefertigt.
An der Wand hängen alte hölzerne Schützenscheiben. Verwendet wurden solche seit dem 16. Jahrhundert bei besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Jubiläen. Erst seit der Gründung des SSV und mit Abhaltung von Eidgenössischen Ehr- und Freischiessen gibt es zusehends einheitliche Scheibenbilder.
1. Obergeschoss: Ehrenhalle
Die sog. Ehrenhalle im 1. Stock bietet Raum für Wechselausstellungen.
aktuell bis 31.07.2021
ALLES ZU SEINER ZEIT
Eine Tour d'Horizon durch die Sammlungen
1. Obergeschoss: Grosser Saal
In der Vitrine am Ende des Treppenaufgangs steht der legendäre Schweizer Freiheitskämpfer «Wilhelm Tell». Die Vorlage für die Bronzestatue stammt vom Schweizer Bildhauer Richard Kissling (1848–1919), der zwischen 1882 und 1895 das grosse Tell-Denkmal in Altdorf geschaffen hat.
In der Wandvitrine steht der heilige St. Sebastian, in Schützenkreisen auch «Baschi» genannt. Der Schutzpatron, u.a. auch der Schützen, wurde anno 288 auf Geheiss von Kaiser Diokletian in Rom mit Pfeilen durchlöchert, nachdem er sich zum Christentum bekannte. Die grössere Figur stammt vermutlich aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, die kleinere ist etwas jünger und diente als Opferstock. Der silbervergoldete Pokal des Deutschen Kaisers Wilhelm II. (1859–1941) in derselben Vitrine war eine Ehrengabe an das Eidgenössische Schützenfest in Bern 1910 [zur Zeit in der Sonderausstellung zu sehen].
Auch Waffen wurden an Schützenfesten als Gaben an die Gewinner abgegeben. In den Tischvitrinen im vorderen Teil des Grossen Saales sind sog. Prunkwaffen, teilweise mit Einlegearbeiten aus Knochen und Horn, ausgestellt. Andere Waffen zeugen von der hohen Qualität der Berner Büchsenmacherkunst von Franz Ulrich und Christian Schenk im 18. Jahrhundert.
Ansonsten wird im Grossen Saal die Entwicklung der Eidgenössischen Schützenfeste von 1824 bis heute gezeigt. Die Grafiken dokumentieren dabei fast lückenlos einen wichtigen Teil dieser Kulturgeschichte.
1829 fand das Eidgenössische Schützenfest in Freiburg statt. Allen Frauen war der Zutritt zum Festplatz kategorisch verboten. Weniger streng war es 1832 in Luzern, als mit der 14jährigen Aloysia Meyer zum ersten Mal eine Schützin vertreten war. Für das Eidgenössische Schützenfest 1836 in Lausanne wurde erstmals eine Schützen-Taschenuhr produziert. Diese Golduhr stammt aus der Uhrenmacherschule von La Chaux-de-Fonds. Am Eidgenössischen Schützenfest 1838 in St. Gallen haben 10'888 Teilnehmer während 8 Tagen 68'400 Flaschen Wein getrunken. Nicht ganz so lustig war es 1861 in Stans. Die Kirche und der Landrat von Nidwalden wollten das Fest wegen sittlicher Gefahren verbieten. Auf Rekurs hin entschied der Bundesrat, dass man einem Schiessverein das Schiessen ebenso wenig verbieten könne wie einem Sängerverein das Singen.
Hinten im Saal steht der grosse Silberpokal, den König Wilhelm III. der Niederlande (1817–1890) als Geschenk an den SSV anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes in Lausanne von 1876 anfertigen liess. Das 12 kg schwere Prunkstück zeigt die Schlacht bei Murten auf der einen und die Schlacht bei Sempach mit dem legendären Winkelried auf der anderen Seite. Vier Arbeiter haben während eines ganzen Jahres daran gearbeitet.
An der Rückwand hängt die sog. «Zentralfahne» von 1857 des SSV. Fragmente der vermutlich ersten Fahne aus dem Gründungsjahr 1824 wurden im kantonalen Zeughaus Aarau aufgefunden und kamen 1939 in die Sammlungen. Aus konservatorischen Gründen verbleiben sie im Depot.
Die Münzen und Taler sowie die Taschenuhren der Eidgenössischen Schützenfeste befinden sich in Vitrinen rück- und fensterseitig.
Im vorderen linken Teil des Saales befindet sich eine Auswahl von Sportpistolen, wovon einige Sonderanfertigungen für Athletinnen und Athleten sind.
Treppenaufgang
Entlang des Treppenaufgangs ins 2. Obergeschoss befindet sich die Waffensammlung von Dr. Reinhold Günther aus Freiburg (1863–1919).
An der Decke hängt ein kleiner Teil der fast 300 Fahnen, die verschiedene Vereine und Verbände dem Schützenmuseum zur Aufbewahrung anvertraut haben.
2. Obergeschoss: Grosser Saal
Im diesem Saal befinden sich die Vitrinen der kantonalen Schützenverbände in alphabetischer Reihenfolge.
In der Wandvitrine wird die Schweizer Schützentradition im Ausland gezeigt. Die kleine Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit Museumsbesuchern gestaltet.
Die Vitrinen entlang des Mittelgangs beinhalten Gaben und Schenkungen bekannter Schützen. Was der Weltmeister und Olympiasieger Konrad Stäheli (1866–1931) aus St. Gallen, als lebensgrosse Figur dargestellt, an internationalen Wettkämpfen erreichte, kann heutzutage kaum mehr übertroffen werden.
Ab 1952 wurde in den Modegeschäften von «Kleider Frey» (1909 bis Mitte der 90er Jahre) als Kinderattraktion Luftgewehrschiessen angeboten. Seit 1989 befindet sich eine der drei Anlagen im Schützenmuseum.
Die Figur an der Rückwand ist das sog. «Gatteranni». Der Name stammt vom einstigen Stammlokal der burgerlichen Reismusketen-Schützengesellschaft Bern, dem Gatterkeller am Nydeggstalden, wo «Gatteranni» servierte. 1852 wurde das Trinklokal abgebrochen. Durch lustiges Zappeln zeigt «Gatteranni» dem glücklichen Schützen den Treffer an.
In der Sechseckvitrine linkerhand sind jene Preise, welche die Schweizer Schützen an internationalen Wettkämpfen gewonnen haben. Darunter ein Silberpferd auf Marmor, ein Geschenk des argentinischen Präsidenten Perón für den 1. Preis des Stutzermatches 1947 in Stockholm, eine Sèvres-Vase für den 1. Rang mit dem Kleinkaliberstutzer im Match Franco-Suisse 1950 in Paris sowie das silberne Öltransportschiff und das 4-teilige Tee-Service für den 1. Rang mit dem Armeegewehr kniend bzw. mit der Matchpistole 1937 in Helsinki.
Auch einen Lebendpreis gab es 1937 in Helsinki zu gewinnen. Das Bärenfell in der Wandvitrine gehörte einst dem Jüngbären, der 1937 die Schweizer Athleten Albert Salzmann, Marius Ciocco, Emil Grünig, Karl Zimmermann und Otto Horber in Helsinki für den 1. Platz im Armeegewehr-Match erhielten. Sein Name – AMEKO – setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen der Gewinner zusammen. Der Bär lebte bis 1942 im Zürcher Zoo. Nachdem er eingeschläfert werden musste, kam sein Fell ins Schützenmuseum.
Literatur
Jean L. Martin, Historische Uhren der Schweiz, Lausanne 1997
Jean L. Martin, Schützenbecher der Schweiz, Lausanne 1983
Jürg Richter, Die Schützenjetons der Schweiz, Regenstauf 2005
Jürg Richter, Die Schützentaler und Schützenmedaillen der Schweiz, Regenstauf 2005
Schweizerischer Schützenverein (Hrsg.), 100 Jahre Schweizerisches Schützenmuseum 1885 – 1985, Frauenfeld 1985
Schweizerischer Schützenverein (Hrsg.), Schweizerisches Schützenmuseum Bern. Festschrift zur Einweihung am Sonntag den 26. November 1939, Bern 1939
Schweizerischen Schützenverein (Hrsg.), Schweizerischer Schützenverein 1824 – 1924. Gedenkschrift zum 100jährigen Jubiläum des Schweizerischen Schützenvereins 1824 – 1924, Bern und Zürich 1924