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Ausstellung
In dieser neuen Bilderserie setzt die Künstlerin Teile ihres eigenen Gesichts als Collage zu neuen Bildern zusammen und erschafft so neue Identitäten verschiedener Figuren. Dazu nutzt sie digitale Bildbearbeitung, um die vielschichtigen Aspekte und die Plastizität des Selbst zu betonen. Sherman verzichtet dabei auf szenische Hintergründe oder Kulissen – das Gesicht selbst steht im Mittelpunkt.
Sie kombiniert eine digitale Collagetechnik, bei der sie Schwarzweiss- und Farbfotografien verwendet, mit anderen traditionelleren Verwandlungsformen wie Make-up, Perücken und Kostümen. Das Ergebnis ist eine Reihe verstörender und verzerrter Gestalten, die vor der Kamera lachen, sich verrenken, die Augen zusammenkneifen oder Grimassen schneiden. Zur Schaffung dieser fragmentierten Figuren hat Sherman einzelne Partien ihres Körpers aufgenommen – ihre Augen, ihre Lippen, ihre Haut, ihre Haare, ihre Ohren –, die Aufnahmen anschliessend neu zusammengesetzt und diese dann in einem Verfahren von Konstruktion, Dekonstruktion und abschliessender Rekonstruktion zu neuen Gesichtern zusammengefügt.
Zur Ausstellung erscheint ein von Hauser & Wirth Publishers herausgegebener Katalog.
Indem Sherman die Doppelrolle von Fotografin und Darstellerin einnimmt, stellt sie die herkömmliche Dynamik zwischen Künstler und Subjekt auf den Kopf. Hier gibt es im technischen Sinne kein Modell: Alle Porträts sind Kompositionen des Gesichts der Künstlerin, lassen sich aber dennoch wie herkömmliche Porträts lesen und vermitteln trotz der sich überlagernden Schichten immer noch den Eindruck eines realen „Modells“. Die Bilder wirken gedrängt oder beschnitten, manchmal füllen Haare den gesamten Rahmen aus, Gesichter sind langgestreckt oder mit Massen von Stoff umhüllt – Shermans Figurenkonstruktionen hinterfragen und stören den Voyeurismus und das klassisch-binäre Subjekt-Objekt-Konzept, welche oft mit dem herkömmlichen Porträt verbunden werden. In Werken wie Untitled #661 (Ohne Titel Nr. 661) (2023) bewirken schon kleinste Veränderungen wie die Positionierung eines Handtuchs, der Copy-Paste-Vorgang einer Augenbraue von einem Bild zum anderen oder das Strecken eines Gesichtszuges eine Veränderung des Gesamtgefüges und der Darstellung der vermeintlichen „Porträtierten“.
Diese Art der Verformung des Gesichts erinnert auch an den Einsatz von Prothesen, wie Sherman sie ab Mitte der 1980er-Jahre in Bilderreihen wie History Portraits (1988) oder Masks (1990) verwendet, um die grotesken oder abstossenden Seiten des Menschseins zu beleuchten. Wie bei den Kostümen, den Perücken und dem Make-up sind auch die Prothesen dabei oft deutlich sichtbar, wodurch die Hoffnung jedweder Illusion zerstört statt aufrechterhalten wird. Auch der Einsatz digitaler Bildbearbeitung in ihrer neuen Bilderserie überspitzt und überhöht das Spannungsfeld zwischen Identität und Schein.
Dies wird in Arbeiten wie Untitled #631 (2010/2023) noch verstärkt, in denen Sherman gleichzeitig schwarz-weisse und farbige Fragmente miteinander kombiniert, dabei die Präsenz der künstlerischen Hand deutlich werden lässt, jegliche Wahrnehmung von Realität aus dem Gleichgewicht bringt und gleichzeitig auf ihre bunten und per Hand geschnittenen Arbeiten der 1970er-Jahre anspielt. Durch die Verwendung dieser Überlagerungstechnik schafft Sherman ein vielfältiges Ganzes und verdeutlicht, dass Identität ein komplexes und oft konstruiertes menschliches Merkmal ist, das sich unmöglich in nur einem einzigen Bild erfassen lässt.
Cindy Sherman wurde 1954 geboren und lebt und arbeitet in New York. Nachdem sie Anfang der 1970er-Jahre zunächst Fotografie an der State University of New York in Buffalo studiert, wird sie in späten Siebzigern mit der Künstlergruppe Pictures Generation berühmt. Kurz nach ihrem Umzug nach New York beginnt sie 1977 mit ihrer später von Kritikern mit Begeisterung aufgenommenen Fotoserie Untitled Film Stills. Sherman setzt ihre Arbeit fort, Stereotypen des kollektiven Bildgedächtnisses zu verkörpern und zu rekonstruieren, oft auf verstörende Art und Weise. Mitte bis Ende der 1980er-Jahre beginnt die Bildsprache der Künstlerin, die groteskeren Seiten des Menschseins durch das Objektiv des Horrors und des Abstossenden zu erkunden, wie dies beispielsweise in Werken wie Fairy Tales (1985) und Disasters (1986-89) zu sehen ist. In diesen sehr plastischen Bildern baut die Künstlerin sichtbare Prothesen und Schaufensterpuppen in ihr Werk ein, die sie später in Werkserien wie Sex Pictures (1992) verwenden wird, um den von ihr konstruierten weiblichen Identitäten weitere Ebenen von Künstlichkeit hinzuzufügen. Wie bei den Kostümen, den Perücken und dem Make-up sind auch die Prothesen dabei oft deutlich sichtbar. In ihren berühmten History Portraits, an denen sie 1988 zu arbeiten beginnt, verwendet sie diese theatralischen Effekte, um jeglichen Eindruck von Illusion zu zerstören, statt ihn aufrechtzuerhalten.
Seit Beginn der 2000er-Jahre setzt Sherman bei ihrer Arbeit digitale Technologien zur weiteren Bildbearbeitung ihrer Figuren ein. Dies wird deutlich in den Bildreihen Clown (2003), Society Portraits (2008) und Flappers (2016). 2017 beginnt Sherman, Porträtfotos auf Instagram hochzuladen, die sie mit einer Reihe von Facetuning-Apps bearbeitet hat. Diese Bearbeitungsprogramme verwandeln die Künstlerin in eine Vielzahl von Protagonistinnen in den unterschiedlichsten Settings. Diese verwirrenden und verstörenden Posts veranschaulichen deutlich, wie losgelöst Instagram von der realen Welt ist.
Sherman erhielt für ihre Arbeit bereits zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter das MacArthur-Fellowship, das Guggenheim-Stipendium und den Hasselblad Award. Zudem war ihr Werk schon in einer Vielzahl grosser Retrospektiven zu sehen, u.a. 1998 im Museum of Contemporary Art in Los Angeles, 2012 im Museum of Modern Art in New York, und 2019 in der National Portrait Gallery in London.