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Vom beliebten Universal-Öl zum Symbol für tote Orang-Utans und Waldbrände: Das Image von Palmöl hat sich stark verändert.
Am 7. März 2021 stimmt das Schweizer Stimmvolk über das Freihandelsabkommen mit Indonesien ab. Obwohl es dabei um einiges mehr geht, konzentrieren sich die Gegenkampagnen vor allem auf den Import von Palmöl. Ein Rohstoff, der in den letzten Jahren einen massiven Imagewandel erlebt hat. Das zeigen die Schweizer Importzahlen.
Im Jahr 1995 lenkte eine Diskussion das Augenmerk der Schweizer Medien erstmals stärker auf das Palmöl. Der Bundesrat wollte erlauben, dass fünf Prozent der Schokoladen-Zusammensetzung aus pflanzlichen Fetten bestehen darf – auch aus Palmöl.
Dagegen regte sich Widerstand. Für die Gegner war der Fall klar: Die Schweizer Schoggi ist in Gefahr. Es wurden Unterschriften gegen die Zulassung der neuen Lebensmittelverordnung gesammelt – jedoch ohne Erfolg. Zwei Jahre später adaptierte auch die EU die «fünf Prozent»-Regel in Schokoladenrezepten.
Damals wurde das Öl häufig noch unter dem Sammelbegriff «pflanzliche Fette» deklariert, so auch in der Schweizer Importdokumentation. In welchem Jahr Palmöl zum ersten Mal in die Schweiz kam, ist deshalb schwierig zu sagen. Ein Hinweis, dass dies vor 1970 gewesen sein muss, liefert die Zollverwaltung (EVZ).
100 Jahre zuvor, 1870, wurde die Ölpalme als Zierpflanze im damaligen Malaya eingeführt. Seither ist Palmöl zum wichtigsten Produkt der südostasiatischen Landwirtschaft geworden.
Die Palme liefert einen mindestens zehnmal höheren Ertrag als jede andere Ölpflanze. Aus ihren Früchten, die an Datteln erinnern, kann ein universell verwendbares Öl gewonnen werden: Es wird als Speiseöl, Margarine und Kochfett verwendet, dient der Herstellung von Schokolade, Caramel, und Eiscrème sowie Kerzen und Kosmetika.
Anfang der 60er Jahre entwickelt das Malaysische Ölpalmen-Forschungsinstitut (PORIM) Hybride und Kreuzungen der Palmölpalmen, die schneller blühten und ertragsreicher wurden. PORIM entdeckte ausserdem, dass man Palmöl als Treibstoff in modifizierten Diesel-Automotoren einsetzen kann.
So wurde Palmöl für die Wirtschaft sehr schnell sehr interessant: Quasi ein pflegeleichtes Allzweck-Öl.
Was bei den Schweizer Medienberichten, die in den 90ern über das Palmöl geschrieben wurden, auffällt: Sie thematisierten bereits wiederholt, dass der Regenwald für den Palmöl-Anbau gerodet wird.
Mitverantwortlich dafür war der Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser. Nach sechs Jahren im malaysischen Bundesstaat Sarawak, respektive im Dschungel, kehrte er 1990 in die Schweiz zurück. Mit Büchern und Hungerstreiks vor dem Parlament setzte er sich gegen den Import von Tropenholz ein und machte auf die Missstände im Regenwald aufmerksam.
Das rief auch hiesige Umweltschutzorganisationen auf den Plan. Zum Jahrhundertwechsel startete der WWF den Versuch, Palmöl nachhaltiger zu machen. Dafür gründete er 2004 «The Roundtable of Sustainable Palm Oil» (RSPO).
Der RSPO ist kein Öko-Label, die Mitglieder erklären sich lediglich bereit, freiwillig mehr für Naturschutz und Menschenrechte zu tun. Dabei müssen sie bestimmte Mindestanforderungen erfüllen. «Unser Ziel war, möglichst viele Unternehmen an den runden Tisch zu bekommen und danach die Kriterien nach und nach zu verschärfen», sagt Corinne Gyssler von WWF Schweiz.
Zu den Bestrebungen von WWF kamen zahlreiche Kampagnenprojekte von Umweltschutzorganisationen. Die Medien berichteten und die Politik wurde aktiv. Das Image von Palmöl begann zu bröckeln.
Je länger je mehr geriet Palmöl auch in der breiten Bevölkerung in Verruf. Die Kampagnen der Umweltschutzorganisationen waren geprägt vom Bild der sterbenden Orang-Utans und den Waldrodungen.
So sorgte ein Video von Greenpeace aus dem Jahr 2010 für Aufsehen. Greenpeace warf dem Lebensmittelproduzent Nestlé vor, mit palmölhaltigen Schokoriegeln wie Kitkat zur Zerstörung des indonesischen Urwalds beizutragen. Der Clip führte zu heftiger Kritik wie «die Zeit» berichtete.
Im gleichen Jahr forderte dann der CVP-Nationalrat Dominique de Buman, dass Palmöl in Lebensmittel klar deklariert wird. «Das kostengünstige Palmöl ist heute sehr umstritten, da für seine Gewinnung in den zahlreichen, vor allem asiatischen Produktionsländern massive Abholzungen vorgenommen werden, die der Umwelt enorm schaden», heisst es in Bumans Vorstoss. Sein Vorhaben sollte noch einige Male scheitern, bis die Deklarationspflicht dann 2016 eingeführt wurde.
Ab 2010 nahmen die Medienberichte drastisch zu. Während zwischen 2002 und 2010 noch 780 Zeitungsartikel mit dem Stichwort Palmöl erschienen, waren es in den acht Jahren danach 2005 Berichte.
Aber änderte das etwas am Konsumentenverhalten? Gemäss dem Detailhändler Coop seien die Produkte ohne Palmöl bei ihren Kundinnen und Kunden sehr beliebt geworden, schreibt die Medienstelle. Konkrete Zahlen würden sie aus Konkurrenzgründen nicht nennen.
Ausserdem würde Coop darauf achten, dass sie bei den markeneigenen Produkten zertifiziertes Palmöl verwenden. Wenn sinnvoll, werde es ersetzt, etwa durch heimisches Raps- oder Sonnenblumenöl.
Coop ist neben Migros, Nestlé und 5000 anderen Unternehmen Mitglied des Round Table RSPO, den WWF ins Leben gerufen hat. Die Zertifizierung von RSPO gilt derzeit als die wichtigste für Palmöl. «20 Prozent der weltweiten Palmöl-Produktion sind heute RSPO-zertifiziert», sagt Corinne Gyssler vom WWF.
Andere Umweltschutzorganisation werfen RSPO vor, dass die Anforderungen, um das Label zu erhalten, unzureichend seien. Die Standards würden Lücken aufweisen, und RSPO sei von der Industrie dominiert, heisst es seitens der Entwicklungshilfe «Brot für Alle» im «Tages-Anzeiger». Gleichzeitig gilt der RSPO als eine der einzig wirklich relevanten Organisationen, die überhaupt im grossen Stil Massnahmen für nachhaltige Palmölproduktion entwickelt hat.
Obschon die Schweiz heute weniger Palmöl importiert, seigt die weltweite Produktion weiterhin. Letztes Jahr wurden weltweit 410 Millionen Tonnen Palmöl produziert. Das entspricht dem Gewicht von 41'000 Eiffeltürmen.
Indonesien produziert weltweit am meisten Palmöl, gefolgt von Malaysia und Nigeria. Hierzulande gehört Indonesien jedoch nicht zu den wichtigsten Import-Ländern: Das Palmöl in der Schweiz kommt am ehesten aus Malaysia, den Salomonen oder Papua-Neuguinea. Das zeigt der Bericht des Bundesamtes für Landwirtschaft BLW.
Fakt ist: Viele Produkte des täglichen Gebrauchs enthalten Palmöl, ob importiert oder in der Schweiz hergestellt. Somit ist es ein hochwertiger Rohstoff. Doch der Anbau ist gemäss WWF zu 80 Prozent nicht nachhaltig und artenreiche Regenwälder werden ersetzt durch Monokulturen.
Ein Freihandelsabkommen soll dazu führen, dass sich die Produktionsländer stärker verpflichten und Umweltstandards einhalten, so die Befürworter. Wie es mit dem indonesischen Palmöl in der Schweiz weitergeht, wird sich am 7. März zeigen.