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Manchmal ist man gut beraten, einen Schritt zurückzutreten, wenn man klarer sehen will, was man vor der Nase hat. Das gilt besonders in unserer Branche, in der ein Buzz den nächsten jagt und aufgeregt hochgekocht wird. Einer, der die Gabe hat, inmitten der Hektik innezuhalten, zurückzutreten und einen scharfen Blick auf das zu werfen, was vor unserer Nase abläuft, ist Tom Standage, Digitalredaktor des «Economist» und Chefredaktor der «Economist»-Website.
Standage hat 1998, mitten in der anschwellenden WWW-Euphorie, das bis heute lesenswerteste Buch über das Internet geschrieben − in dem er gar nicht über das Internet schrieb. Sondern, so der Titel, über das «Viktorianische Internet»: über die Kommunikationsrevolution, die der Telegraph auslöste. Die Erfindung, die Samuel Morse 1844 erstmals erfolgreich demonstrierte, wurde zur Mutter aller Netzwerke − und die Reaktionen darauf, vom Jubel bis zur Verteufelung, waren genau die gleichen, wie sie das Internet in den 1990er Jahren hervorrief.
Jetzt hat Tom Standage wieder ein Buch veröffentlicht, das zum Klassiker werden wird: «Writing on the Wall: Social Media − The First 2000 Years». Seine These: Der Austausch von Informationen in sozialen Netzwerken und horizontal strukturierten «Communities» ist keine Erfindung unserer Zeit, sondern die älteste und wichtigste Form der Nachrichtenübermittlung. Und das, was wir für den gefährdeten Normalzustand halten, die Hoheit der Medienhäuser über die Information, ist die Ausnahme, eine bloss 150 Jahre währende Episode in der Geschichte der Kommunikation.
«Writing on the Wall» taucht tief in diese Geschichte ein, die Standage farbig und lebendig erzählt. Wenn er schildert, wie unter der römischen Oberschicht Briefe auf Papyrusrollen zirkulierten und kurze Nachrichten auf Wachstafeln, die einem iPad verblüffend ähnlich sahen, per Bote hin und her geschickt wurden, stellen sich die Analogien zu Blogs, Facebook und Twitter ganz zwanglos ein. Und schon Cicero litt an Informationsüberfülle: Als er Gouverneur einer entlegenen Provinz war und seinen Vertrauten Caelius beauftragte, ihn über das Tagesgeschehen in Rom auf dem Laufenden zu halten, schickte der ihm vollständige Abschriften der Acta diurna, der auf dem Forum öffentlich angeschlagenen Mitteilungen. Er sei nicht interessiert an Nichtigkeiten wie den Resultaten der Gladiatorenkämpfe, stauchte Cicero darauf seinen Lieferanten zusammen, er solle gefälligst die Nachrichten für ihn filtern, kommentieren und analysieren.
Die Briefkultur der frühen Christen, die Pamphlete Luthers, die Poesiealben am Hofe der Tudors, die aufklärerischen Traktate in den Londoner Kaffehäusern, die Newsletter im vorrevolutionären Frankreich: Standage findet schlagende Beispiele für die zentrale gesellschaftliche Bedeutung der Social Media, die durch die Druckmaschine und später durch Radio und Fernsehen verdrängt wurden − durch die Einwegkommunikation der Massenmedien. Erst das Internet ermöglichte ihre Wiedergeburt. Und dank der Technik entfalten sie eine nie dagewesene Kraft. Wohin das führen und was es für die in Bedrängnis geratenen Verlage bedeuten wird, kann man bei Standage nicht nachlesen. Aber woher es kommt. Und davon können auch die gegenwärtigen Debatten nur profitieren.
Auf Facebook müsste es für «Writing on the Wall» einen neuen Like-Button geben: Zwei Daumen hoch!
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».