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Schottlands Drang nach Unabhängigkeit ist tief in der Geschichte verwurzelt. Als wichtigste «Geburtshelferin» der heutigen Bewegung aber gilt die frühere Premierministerin Margaret Thatcher.
Der Tag der Entscheidung naht: Am Donnerstag stimmt die schottische Bevölkerung über die Loslösung von Grossbritannien ab. Alle Umfragen verheissen ein knappes Ergebnis. Zuletzt lag das Nein-Lager leicht in Führung, doch alles scheint möglich. Entsprechend gross ist die Nervosität vor allem bei den Anhängern des Vereinigten Königreichs. Selbst die Queen ermahnte ihre schottischen Untertanten, sie sollten «sehr gut über die Zukunft nachdenken».
Zu politischen Fragen darf sich die Monarchin nicht direkt äussern, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass sie ob der Aussicht auf ein unabhängiges Schottland «not amused» ist. In ihrer Sommerresidenz auf Schloss Balmoral dürfte sich Elizabeth II. gefragt haben, wie es soweit kommen konnte. Eine Erklärung führt weit in die Vergangenheit, zum legendären Freiheitshelden William Wallace, genannt Braveheart, bekannt durch Mel Gibsons Film von 1995.
Wallace lehnte sich auf gegen den Machtanspruch des englischen Königs Edward I. (genannt «Hammer of the Scots»). Nach anfänglichen Erfolgen wurde er 1305 durch Verrat gefasst und in London hingerichtet, doch neun Jahre später besiegten die Schotten unter Führung ihres Königs Robert the Bruce in der Schlacht von Bannockburn ein zahlenmässig überlegenes englisches Heer. Dieser Triumph gilt als Geburtsstunde des unabhängigen Schottland. Es ist keineswegs ein Zufall, dass das aktuelle Referendum exakt 700 Jahre nach Bannockburn stattfindet.
Dennoch greift diese historische Begründung zu kurz. Als eigentliche «Geburtshelferin» der heutigen Unabhängigkeitsbewegung gilt eine Persönlichkeit der jüngeren Geschichte: Margaret Thatcher, konservative britische Premierministerin von 1979 bis 1990. «Sie hat den Ball ins Rollen gebracht», sagte Schottlands nationalistischer Regierungschef Alex Salmond nach dem Tod der «Eisernen Lady» im letzten Jahr. Sie habe im schottischen Volk das «überwältigende Verlangen» geweckt, der sozialen und wirtschaftlichen Misere der 1980er Jahre zu entkommen.
Viele Schotten machen Thatcher für den Niedergang der einst stolzen Schwerindustrie verantwortlich – obwohl dieser lange vor ihrem Amtsantritt begonnen hatte. Ebenso kreidete man ihr an, dass Schottland zu wenig vom Nordseeöl in seinen Gewässern profitiert.
Für Erbitterung sorgt bis heute die Tatsache, dass die «Iron Lady» den nördlichen Landesteil als eine Art «Versuchsgelände» für umstrittene Neuerungen betrachtete. Das gilt besonders für die verhasste Kopfsteuer auf Gemeindeebene, die zuerst in Schottland eingeführt wurde und später massgeblich zu Thatchers Sturz durch die eigene Partei beitrug.
Selbst ihr für Schottland zuständiger Minister Malcolm Rifkind beklagte sich über Thatchers Ignoranz: «Margaret hatte ein Problem: Sie war eine Engländerin, und zwar eine herrische Engländerin.» Auch der heutige Premierminister David Cameron räumte 2006 ein, dass in den 1980ern und 90ern «eine Reihe von Fehlern» begangen worden sei, vor allem die Einführung der Kopfsteuer. Es sei «plump und ungerecht» gewesen, Schottland als Versuchslabor für neue Methoden der Gemeindefinanzierung zu verwenden.
Die Konservative Partei zahlte dafür einen sehr hohen Preis. Bei der Unterhauswahl 1955 hatten die Tories noch die Mehrheit der schottischen Sitze erobert. Heute dagegen gebe es in Schottland mehr Pandabären (zwei im Zoo von Edinburgh) als Tory-Abgeordnete in Westminster (einen), lästerte Regierungschef Alex Salmond. Bei der letzten Unterhauswahl 2010 kamen die Konservativen auf 17 Prozent der Stimmen, bei der schottischen Regionalwahl 2011 noch auf 12 Prozent.
Allerdings sind die Tories auch ein bequemer Sündenbock. Manches, was in ihrer Geschichte falsch lief, haben die Schotten selbst verschuldet, beginnend mit Mary, Queen of Scots, die gegen ihre Cousine Elizabeth I. intrigierte und 1587 enthauptet wurde. Der Verlust der Unabhängigkeit 1707 war die Folge eines desaströsen Kolonialabenteuers in Panama. Die bankrotte Elite warf sich den Engländern in die Arme, gegen den Widerstand des Volkes. Ein Aufstand unter der Führung des lebenslustigen Prinzen Charles Stuart, genannt Bonnie Prince Charlie, scheiterte 1746 mit der verheerenden Niederlage im Moor von Culloden. In der Folge wurde die schottische Kultur massiv unterdrückt.
Und es waren neben englischen auch schottische Adelige, die im 19. Jahrhundert im Hochland eine «ethnische Säuberung» durchführten, bekannt unter dem Begriff «Highland Clearances». Die dort lebenden Kleinbauern wurden vertrieben, um Platz für Schafe zu schaffen. Viele Highlander wanderten nach Nordamerika oder Australien aus. Wer blieb, litt oft bittere Not. Der sprichwörtliche schottische «Geiz» geht auf diese Zeit zurück und hat somit einen sehr ernsten Hintergrund.
Solche Erinnerungen aber verblassen, jene an die Iron Lady bleiben lebendig. Margaret Thatchers Politik gilt auch als wesentlicher Grund dafür, dass die Schotten linker und EU-freundlicher ticken als die Engländer. Sollte die Unabhängigkeit Tatsache werden, könnte sich dies ändern. «Es ist durchaus möglich, dass ein unabhängiges Schottland, das sich nicht mehr im Hass auf die Tories definiert, nach rechts rücken würde», meint das deutsche Handelsblatt.
Auch eine solche Entwicklung liesse sich aus der Geschichte ableiten: David Hume und Adam Smith, zwei der bedeutendsten Vordenker des Liberalismus, stammen aus Schottland.