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isagaviria Hm, ich persönlich halte nichts von einem literarischen Kanon. Sprich: von Büchern, die JEDER UNBEDINGT gelesen haben sollte. Der Begriff des Kanons entstand Ende des 19. Jh., als die Nationalliteraturen aufkamen. Man besann sich auf die Landesgeschichte und sah in der Literatur die Widerspiegelung des Volkscharakters, nach dem Motto: Wer wissen will, wie die Russen ticken, muss Dostojewski lesen. Man stellte Listen auf, die die Schul- und Universitätslektüre noch heute prägen, und zwar meiner Meinung nach immer noch zu Unrecht unter der Überschrift “Deutsche Literatur”, als würden diese Bücher den “deutschen” Charakter tatsächlich wirklichkeitsgetreu widerspiegeln.
Zu meiner Schulzeit kamen in der Literaturgeschichte beispielsweise kaum Autorinnen vor und das lag sicher nicht daran, dass diese schlechter geschrieben haben als die Männer. Der Kanon war nunmal eine willkürlich festgelegte Autoren- und Werkliste. Übrigens wurde dieser Kanon nicht selten von ausländischen Literaturwissenschaftlern aufgestellt. Im Falle der spanischen Literatur etwa waren es Engländer, die zunächst entschieden, dass “Don Quixote” ein Meisterwerk war, es in ihre Literaturgeschichten aufnahmen und damit auch zur Bekanntheit des Werkes beitrugen. Andere Bücher, die vielleicht genauso gut gewesen wären, blieben aussen vor, da es keine englische Übersetzung gab und sie gar nicht rezipiert werden konnten.
Kurz und gut: Lies das, was dich packt und dich begeistert, ob das nun ein Telefonbuch (gibt’s das heutzutage noch?) ist oder die Bibel, und sprich darüber. Der Austausch ist beim Lesen mehr als die halbe Miete und ich habe in meinem bald Fünfzigjährigen Dasein bisher kaum jemanden getroffen, der die gleichen “Klassiker” gelesen hat wie ich.