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«SOB führte Extrazüge für Pilger von Wädenswil nach Einsiedeln»
Eine facettenreiche Geschichte verbindet das Klosterdorf mit Wädenswil. «Bis zur Reformation war es für Wädenswiler selbstverständlich, einmal alljährlich nach Einsiedeln zu pilgern», sagt der 83-jährige Historiker Peter Ziegler: «Dabei galt die Beziehung mehr dem Kloster als dem Dorf.»
MAGNUS LEIBUNDGUT
Wie ist das Verhältnis zwischen Einsiedeln und Wädenswil historisch verlaufen? Die Beziehungen reichen bis ins Frühmittelalter zurück. Kirchlich gehörte Wädenswil einst zur Grosspfarrei Ufnau mit der Insel, die seit dem Jahr 965 dem Kloster Einsiedeln gehört, als Zentrum. Später standen die Freiherren von Wädenswil in enger Beziehung zur Abtei. Rudolf III. besass in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Vogteigerichtsbarkeit über die Gotteshausleute von Einsiedeln, die in der Herrschaft Wädenswil lebten, und hatte vom Abt Weidegebiete am Höhronen zu Lehen. Was bedeutet das für das Pilgerwesen?
Durch das Herrschaftsgebiet der Johanniterkommende Wädenswil und ab 1550 der zürcherischen Landvogtei zogen sich zwei Pilgerwege nach Einsiedeln: Die Landstrasse parallel zum Seeufer und vom Dorf aus durch das Reidholz nach Samstagern sowie die obere Einsiedlerstrasse via Strasshuus–Burstel–Tanne– Egg Richtung Schindellegi. Dass die obere Strasse auf der Höhe des Wädenswiler und Richterswiler Berges noch im frühen 18. Jahrhundert von Pilgern benützt wurde, belegen Marienfigürchen aus Ton, die 1989 beim Umbau des an dieser Route gelegenen Strasshauses gefunden wurden. Für den Weiler Tanne steht noch im Grundbuch Schönenberg von 1800 die Bezeichnung «bey St. Anna», was auf ein früheres Bildstöcklein hindeuten könnte. Pilger, die es sich leisten konnten, liessen sich von Zürich nach Wädenswil rudern und gingen erst dann zu Fuss weiter. Stand eine partnerschaftliche Beziehung zwischen den beiden Ortschaften im Fokus oder vielmehr eine konkurrierende? Bis zur Reformation war es für die Bevölkerung der Herrschaft Wädenswil selbstverständlich, alljährlich einmal nach Einsiedeln zu pilgern. Dabei galt die Beziehung mehr dem Kloster als dem Dorf. Die Kirche Wädenswil war wie jene in Einsiedeln der Gottesmutter Maria geweiht. Im Übrigen wurden Kontakte durch die geografische Distanz erschwert. Wädenswil und Einsiedeln waren einst beides beschauliche Bauerndörfer: Wieso wurde aus Wädenswil eine Industriestadt und aus Einsiedeln nicht? In Wädenswil spielte nebst der Landwirtschaft schon im 18. Jahrhundert die Heimindustrie eine wichtige Rolle. Daraus entwickelte sich die Fabrikindustrie mit grösster Blüte um das Jahr 1900. Wichtig waren dabei die verschiedenen Bäche, welche die Antriebskraft ermöglichten, sowie der See als Transportweg. Einsiedeln dagegen war stark auf das Kloster, die Wallfahrt und später auf den Tourismus fixiert. Die Lage im Voralpengebiet ermöglichte Viehzucht und Waldwirtschaft, aber keine grössere Industrie wie in den linksufrigen Seedörfern.
Erkennen Sie unterdessen gleichsam so etwas wie eine städtische Strukturentwicklung, was den Kern des Klosterdorfes betrifft? Mir sind in letzter Zeit vor allem die Neubauten aufgefallen, die Einsiedeln städtischer zu prägen beginnen. Ein schlüssiges Urteil können aber nur die Einwohner abgeben. Halten Sie es für möglich, dass Einsiedeln wie dereinst Wädenswil ein Parlament einführt und die Gemeindeversammlung abschafft?
Die Einführung eines Parlaments ist ab einer gewissen Bevölkerungszahl sinnvoll. In Wädenswil waren das im Jahr 1974 rund 16’000 Personen, was etwa Einsiedelns Einwohnerzahl entspricht. Wird die Gemeindeversammlung noch gut besucht, würde ich es dabei belassen. Sicher müssten bei der Zusammensetzung eines Parlaments nebst dem Dorf auch Gross, Trachslau, Bennau, Willerzell, Euthal und Egg angemessen vertreten sein.
Es gibt eine erstaunliche Parallele zwischen Einsiedeln und Wädenswil: In beiden Ortschaften grüsst man sich noch auf der Strasse. Woran liegt das? Wädenswil hat immer Wert auf Eigenständigkeit gelegt und sich von der Stadt Zürich, in der man sich nicht mehr grüsst, abgehoben. Das Festhalten an dieser schönen Tradition wird aber mit wachsender Bevölkerungszahl immer schwieriger. Es grüssen bei uns vor allem ältere Leute, denen man es in der Jugend noch beigebracht hat! Welche Bedeutung hatte die Wädenswil-Einsiedeln-Bahn .
(WEB) für das Verhältnis der beiden Ortschaften?
Unter den Gründern der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn, eingeweiht im Jahr 1877, fanden sich aus beiden Dörfern angesehene Persönlichkeiten, die sich dem Fortschritt verpflichteten und vom «Eisenbahnfieber» erfasst wurden. Damit waren Kontakte angebahnt, wie es sie vorher nicht gab. 1877 sassen im ersten Verwaltungsrat aus Einsiedeln die Herren Bezirksammann Karl Birchler, Redaktor des «Einsiedler Anzeigers», Statthalter Nikolaus Benziger, Kantonsrat B. Gyr-Benziger, Arnold Kälin, Ratsherr Stefan Eberle, Genossenrat Meinrad Petrig und alt Bezirksammann Alois Birchler.
Welcher Grund lag vor, dass die WEB gebaut wurde?
Eine 1867 eingeführte Postkutschen- Verbindung zwischen Wädenswil und Einsiedeln befriedigte nicht. Wädenswil konnte vom Zuzug von Arbeitskräften für die Industrie profitieren, das Klosterdorf vom Transport der Wallfahrer. Noch bis in die 1960er-Jahre führte die SOB Extrazüge für Pilger von Wädenswil nach Einsiedeln. Diese wurden eingestellt, als immer mehr Carunternehmen Pilgerfahrten ausführten.
Einsiedeln war ehemals vollends katholisch, Wädenswil komplett reformiert. Was ist der Grund, dass sich die beiden Ortschaften konfessionell in diesen Zeiten immer mehr angleichen?
Mitverantwortlich dürfte die Durchmischung der beiden Konfessionen in beiden Ortschaften sein. Seit 1897 steht im reformierten Wädenswil eine katholische Kirche, seit 1943 im katholischen Einsiedeln ein reformiertes Gotteshaus. Bei den häufigen Kirchenaustritten auf beiden Seiten ist das Zusammenrücken als Christen sinnvoll. Ökumene und Fixierung auf das Verbindende statt auf das Trennende ermöglichen neue Sichtweisen. Auch reformierte Wädenswilerinnen und Wädenswiler besuchen die Klosterschule. Ist es Zufall oder Schicksal,dass Einsiedeln wie Wädenswil zwei Fasnachtshochburgen sind? Die Fasnacht hatte in katholischen Landen immer einen hohen Stellenwert. Getragen wurde und wird der Brauch durch eine der Tradition verpflichtete Bevölkerung. In Wädenswil sorgte von 1873 bis in die 50er-Jahre die X-Gesellschaft für das Fasnachtsleben. Seit 1973 ist die Neue Fasnachtsgesellschaft Wädenswil erfolgreich am Werk. Erblickt ein Wädenswiler Einwohner in den Einsiedlern ein speziell urwüchsiges, bodenständiges, vierschrötiges Volk? Ich kann nicht für die Wädenswiler sprechen. Leute, die ich in Einsiedeln kenne, besonders auch im Kloster, machen mir nicht diesen Eindruck. Meinrad Lienert bringt in seinen Werken immer wieder zum Ausdruck, dass die Leute bodenständig und urwüchsig sind. Und das durchaus positiv gemeint. Durch Neuzuzüger aus dem Unterland und Verschiebungen in der Bevölkerung dürften sich auch diese Elemente abschwächen. Sind die Mentalitätsunterschiede viel kleiner als man allgemein annimmt?
Dem kann ich zustimmen.
Was fühlen Sie selbst, wenn Sie nach Einsiedeln fahren und das Klosterdorf besuchen? Kultur und Natur beeindrucken mich. Die Bedienung in den Geschäften ist freundlich und kompetent. Einsiedeln ist ein schönes Wandergebiet. Und im Winter lohnt sich ein Ausflug aus dem nebligen Wädenswil ins sonnige Einsiedeln. Welche Erinnerungen und Erlebnisse verbinden Sie selbst mit dem Klosterdorf Einsiedeln? Ich erinnere mich gerne an meine Jugendzeit in den 40er- und 50er-Jahren, mit Velotouren rund um den Sihlsee, und ans Skifahren hinter dem Kloster in schneereichen Wintern. Engere Verbindungen habe ich – als Reformierter – zu Patres im Kloster. Zum Besuch in Einsiedeln gehört nebst Aufenthalt in der Klosterkirche ein Besuch im «Tulipan », im «Bären» oder einer andern Gaststätte. Und ohne Einsiedler Schafböcke gekauft zu haben, kehre ich nicht zurück. Haben wir Freunde aus dem Ausland zu Gast, gehört ein Besuch in Einsiedeln und seiner Klosterkirche zum Pflichtprogramm. Waren meine Frau und ich mit den Enkeln unterwegs, stand immer auch der Besuch der Pferdestallungen an.
Zur Person
ml. Peter Ziegler,geboren am 10. September 1937 in Wädenswil, ist ein Schweizer Historiker. Nach seinem Geschichtsstudium absolvierte er eine Ausbildung als Primar- und Sekundarlehrer. An der Universität Zürich war Peter Ziegler von 1973 bis 1999 als Didaktiklehrer für Geschichte tätig. Sein wichtigstes Forschungsfeld ist die Lokalgeschichte von Wädenswil und die Regionalgeschichte des Zürichsees. Peter Ziegler ist Verfasser zahlreicher Bücher, Bildbände, Festschriften, Kunstführer und Artikel zur Geschichte der Zürichsee-Region.
Das am oberen Pilgerweg gelegene Strasshaus von 1709. Foto: Kantonale Denkmalpflege Zürich.
Eröffnung der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn (WEB) am 1. Mai 1877. Inserat im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee».
Kloster Einsiedeln. Undatierte Postkarte. Foto: Photoglob Wehrli AG, Zürich
Pilgerschiff auf dem Zürichsee. Zeichnung des Zürcher Ingenieurs Johannes Müller, 1773. Zentralbibliothek Zürich.
Fotos: Archiv Peter Ziegler, Wädenswil
Dampflokomotive Schwyz der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn (WEB), gebaut 1887. Im Streckendienst bis 1941. Foto: Hoffmann, Wädenswil
Der 83-jährige Peter Ziegler lebt in Wädenswil.