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Heinrich Rudolf Ganz
Appenzell, das Land
Der Kaien, Wirtshaus Gupf
Der Regen hatte sich verzogen, der Himmel aufgeheitert und während die Wirtstochter nach den Bauern sah, die in der vordern Gaststube einen Liter nach dem andern ausjassten, warf ich einen Blick durch die Fenster auf den steilen Hang des Rossbüchels, hinter dem sich der Bodensee ausbreitet und dessen Fläche man verfolgen kann bis hinunter nach Konstanz, wo sie sich in den Überlinger- und Untersee teilt. Man sah jenseits des Sees die Zeppelinwerft, Friedrichshafen, Lindau und Tettnang, auf das die Sonnenstrahlen, wie von einem Reflektor geworfen, fielen; dann schaute ich auf den nahen Thurgau hinunter, in den die Appenzeller vor fünfhundert Jahren ihre Waffen getragen haben, damals, als sie noch mehr an beutebringende Kriegszüge als ans Liter-Ausspielen dachten.
Es war ruhig hier oben und ich habe mich gefreut, dass hier ein gemütliches Gasthaus ohne five o’clock tea und ohne Kurkapelle stand. Die Familie des Wirts hatte sich eben zum einfachen Vesperessen niedergesetzt und statt der Kurmusik fingen die Bauern zu jodeln an. Als ich meine Zeche beglichen hatte und mich zum Aufbruch anschickte, gab mir das Töchterlein des Wirts mit einem freundlichen «Aaaadie! Bald wieder!» das Geleite bis zur Haustüre. Noch eine Weile schaute ich dem Treiben einiger Kinder zu, die sich auf dem Platze vor dem Hause mit Schaukeln und Wettspielen vergnügten, und schlug dann den Fahrweg ein, der hinunterführt zum Dorfe Rehetobel, von dem von hier aus nur der spitze Kirchturm und einige Häuser zu sehen waren. Ich musste stille stehen und hinüberschauen zum blauen Säntis, zum Gäbris, zu den Dörfern Speicher und Trogen, die an dunklen Hängen klebten und hinter denen die Hügel des Hinterlandes, der Speer, der Glärnisch, die beiden Mythen, Rigi und Pilatus den fernen Horizont abschlossen und ich begriff Pfarrer W.F. Bion, der, als er in Rehetobel amtete, von der Hügellandschaft einen so überwältigenden Eindruck bekam, dass er singen musste:
Appezellerländli, du bischt so tonnders nett!
Lief’ i z’Fetze d’Strömpf ond Schue, gieng i wo-n-i wett;
So e Ländli fönd i niene,
Wo-n-i ane chomm, i g’siehne,
Dass me üebt viel Pfeff ond List,
Ond’s do besser ischt.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 27.
Erstpublikation: Heinrich Rudolf Ganz: Appenzell, das Land. Ein Wanderbuch. Heiden: R. Weber, 1934. S. 26–27.