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Jonas Fränkel (1879-1965) war ein bedeutender Schweizer, den heute kaum mehr jemand kennt. Er kam 1899 als Student aus Krakau via Wien in die Schweiz, war seit 1909 Privatdozent und seit 1921 – unterdessen eingebürgert – ausserordentlicher Germanistikprofessor an der Universität Bern. Als Jude, gebürtiger Ausländer und Hörbehinderter war sein Leben geprägt von Ausgrenzung und Diskriminierung; als Sekretär und Freund von Carl Spitteler und später als Herausgeber von Gottfried Kellers «Sämtlichen Werken» wurde er von einem nationalistischen Philologenklüngel an den schweizerischen Universitäten mit allen Mitteln bekämpft.
Weil Fränkel ein enger Freund C. A. Looslis war, hatte ich mich als Mitherausgeber von Looslis Werken (2006-2009) mit Fränkel zu befassen. Im Zusammenhang mit Briefen, die dokumentiert werden sollten, kam ich dabei auch mit Fränkels Sohn in Kontakt, der heute sein Elternhaus bewohnt, in dem der Nachlass seines Vaters liegt. Nach Abschluss des Loosli-Projekts 2009 war ich überzeugt, dass Fränkel – als bedeutender Kopf und als exemplarisches Opfer der Geistigen Landesverteidigung – vor dem Vergessen gerettet werden müsse. Mein Plan war eine grössere Publikation auf den Zeitpunkt von Fränkels fünfzigstem Todestag (4. Juni 2015).
Seither habe ich mehr als ein Jahr Arbeit in dieses Projekt investiert. Mit«Achtung: ein intellektueller Kontinent» und mit «Der Philologe als Künstler» wies ich öffentlich auf Fränkels Bedeutung und seinen Kampf um Gottfried Kellers Werk hin. Ich arbeitete – unterstützt von der Christoph Geiser-Stiftung – Fränkels Auto-Bibliographie auf. Und, vor allem: Ich transkribierte die über 3000 Einzeldokumente des Briefwechsels zwischen Fränkel und Loosli, dazu den Grossteil von Fränkels Buchpublikationen, eine Reihe seiner verstreuten Aufsätze und viele Sekundärdokumente zum Briefwechsel (unterstützt von der Georges und Jenny Bloch-Stiftung). Die unkorrigierte Rohtranskription dieses ganzen Materials – weit über 3000 Druckseiten – habe ich unterdessen dem Schweizerischen Literaturarchiv in Bern (SLA) geschenkt mit folgender Anweisung: «Das SLA ist berechtigt und gebeten, die Daten allen interessierten ernsthaft Forschenden zum Selbstkostenpreis des Datenträgers als Arbeitsinstrument zur Verfügung zu stellen.» (Brief vom 18.7.2011 an SLA/Rudolf Probst).
All diese Arbeiten habe ich im Einverständnis und in regelmässigem Kontakt mit dem Sohn Jonas Fränkels gemacht in der Hoffnung, ihn durch mein Engagement von der Ernsthaftigkeit meines Anliegens und davon zu überzeugen, dass es jetzt richtig sei, den Nachlass seines Vaters zur Katalogisierung und zur Erforschung dem SLA (oder allenfalls einem anderen Archiv) zu übergeben.
Die Zeit im Hinblick auf den Juni 2015 ist zunehmend knapp geworden, ohne dass sich Fränkels Sohn entschliessen konnte, den Nachlass aus den Händen zu geben. Im Sommer letzthin habe ich mit ihm deshalb abgemacht, dass bis Ende September so oder so ein Entscheid fallen müsse, weil sonst eine minimal seriöse Publikation nicht mehr hergestellt werden könne. In einem Telefongespräch hat er mir am 30. September mitgeteilt, dass er es seinem Vater schuldig sei, soweit es seine Kräfte und solange es seine Augen erlaubten, diesen Nachlass selber weiter zu pflegen. Damit bliebt die Quelle, ohne die ich mein Projekt nicht in Angriff nehmen kann, bis auf Weiteres unzugänglich.
Darum habe ich mein «Projekt Jonas Fränkel» abgebrochen und hoffe, dass sich jemand Fränkels Nachlass annehmen wird, sollte er je öffentlich zugänglich werden. Jonas Fränkel hätte es verdient. (1.11.2013)