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Herr Velickovic, was ereignete sich im Frühjahr 2014?
Ich besuchte mit meiner Familie während unseren Ferien in Serbien einen Wasserpark. Ohne viel zu überlegen, stürzte ich mich kopfvoran eine Rutschbahn hinunter und stiess beim Übergang in das Schwimmbecken meinen Kopf am Beckenboden.
Was passierte dann?
Ich spürte sofort, dass etwas mit mir nicht stimmt. Der Aufprall fühlte sich an, als würde ein Hammer auf meinen Kopf schlagen. Mein Körper schien einbetoniert. Ich merkte sofort, dass ich meinen Körper nicht mehr bewegen kann und blutete aufgrund des Aufpralls stark. Zum Glück rief meine Frau umgehend nach Hilfe und brachte mich mit der Unterstützung der Familie an den Beckenrand. Der Rettungsdienst des Wasserparks eilte schnell zu Hilfe und bestellte einen Rettungswagen, der bereits nach 15 Minuten eintraf und mich in ein kleines, lokales Spital transportierte.
Wurden Sie in diesem Spital behandelt?
Ja, meine Wunde am Kopf wurde genäht, erste Röntgenaufnahmen gemacht. Die waren aber aufgrund der starken Blutung nicht brauchbar. Aufgrund der Schwere der Verletzung war sehr schnell klar, dass ich in ein grösseres Spital verlegt werden muss. Ich gelangte nach Belgrad, wollte aber schnellstmöglich zurück in die Schweiz. Nach 1,5 Tagen holte mich die Rega ab und transportierte mich nach Zürich.
Wie lautete die Diagnose?
Mein fünfter und sechster Halswirbel war ganz gebrochen, ich bin also Tetraplegiker. Am Universitätsspital Zürich (USZ) wurde ich dann am 14. Februar operiert und mir wurden Knochenteile entfernt und eine Titaniumschiene in die Halswirbelsäule eingesetzt. Die Operation dauerte sieben bis acht Stunden und verlief zum Glück gut.
Wann konnten Sie fassen, was passiert ist?
Als ich nach der Operation aufwachte. Ich war in einem Schockzustand. Warum ist mir das passiert? Warum kann ich mich nicht bewegen? Ich versuchte, mich an den Unfallhergang zu erinnern und die Erinnerungen drangen blitzartig in mein Bewusstsein. In dieser schwierigen Zeit besuchten mich viele Freunde und natürlich meine Familie. Das lenkte mich ab und half mir, positiv zu denken.
Wann gelangen Sie in den Balgrist?
Bereits vier Tage später wurde ich den Balgrist verlegt. In jenes Gebäude also, an dem ich früher als Gebäudereiniger oft vorbeifuhr, ohne zu wissen, was dort genau gemacht wird. Die Unkenntnis sollte nicht länger dauern: Ich erhielt bei der Einlieferung sehr viele Informationen, sowohl über den Balgrist als auch über die Rehabilitation.
Und die Rehabilitation startete sofort?
Nein. Mein Körper war zu jener Zeit enorm geschwächt. Zudem standen zunächst verschiedene Untersuchungen auf dem Programm: Röntgen, MRI sowie neurologische Abklärungen. Der Chefarzt verkündete mir dann, dass die Rehabilitation viel Zeit in Anspruch nehmen und der Balgrist für acht Monate mein neues Zuhause sein würde.
Wie ging es weiter?
Als erstes lernte ich, aufrecht im Bett zu sitzen. Zu Beginn war ich sehr ängstlich, diese Übung war aber eine gute Vorbereitung zur Gewöhnung an den Rollstuhl. Die erste Erfahrung im Rollstuhl war dann ungemein intensiv. Stellen sie sich vor, wie es ist, nach einer so langen Zeit endlich wieder mobil zu sein! Die neue Körperhaltung forderte meinen geschwächten Körper und den Kreislauf sehr stark. Ich übte jedoch regelmässig und konnte nach wenigen Tagen bereits grössere Runden im Gang drehen. Diese Fortschritte motivierten mich enorm.
Was lernten Sie in der Physiotherapie?
Zunächst übte ich mehrmals täglich den Transfer vom Bett in den Rollstuhl mit einem Rutschbrett. Dabei ist es sehr wichtig zu lernen, den Körper selbstständig zu stabilisieren. Ich wurde von einem sehr erfahrenen Physiotherapeuten betreut. Mit seiner Hilfe und intensivem Training gelang es mir innert Monatsfrist, den Transfer selbstständig zu bewerkstelligen. In den weiteren Physiotherapieeinheiten, die ich zwei bis drei Mal täglich besuchte, stand vor allem das Dehngerät im Vordergrund. Mit Hilfe dieses Geräts trainierte ich meine Arme und Beine. Zur Therapie gehörten auch Übungen mit Handbällen und weiteren Gegenständen, um die Muskeln an den Händen zu trainieren und wieder lernen zu greifen.
Was beinhaltete die Ergotherapie?
Ich lernte, mit Hilfsmitteln zu schreiben und besuchte einen Computerkurs. Zu den Lerninhalten gehörte aber auch der Umgang mit Besteck, um wieder selbstständig essen zu können. Mittlerweile funktioniert der Umgang mit der Gabel gut, schneiden fordert mich indes stark heraus. Die Fingerfertigkeit trainierte ich mit verschiedensten Gegenständen wie kleinen Schrauben, Holzteilen oder Schlüssel.
Wie sah ihr typischer Tagesablauf in der Rehabilitation aus?
Ich stand meist um 6.30 Uhr auf und bereitete mich zusammen mit einer Pflegerin auf den Tag vor. Um 9.00 Uhr folgte die erste Physiotherapiestunde, danach die Ergotherapie. Nach dem Mittagessen ging es weiter mit Physio-, Ergo- oder einer Aktivierungstherapie. In letzterer bastelten wir verschiedenste Sachen und nutzten die Hände aktiv. Dort lernte ich viele spannende Leute kennen. Alles in allem war die Rehabilitation wirklich sehr gut organisiert, fordernd, motivierend und äusserst lehrreich.
Besuchen Sie noch immer eine Therapie?
Natürlich. Mittlerweile wohne ich wieder zuhause, mache mindestens zwei Mal pro Woche Krafttraining und gehe in die Physiotherapie. Ich lerne jeden Tag dazu und versuche mehr oder weniger selbstständig zu sein. Unterstützt werde ich von meiner Familie und der Spitex.
Verfolgen Sie bestimmte Ziele?
Ja. Ich habe früher, nach meiner Tätigkeit als Reinigungskraft, als Buschauffeur gearbeitet. Deshalb habe ich sehr grosse Lust, wieder Auto zu fahren. Natürlich habe ich grossen Respekt davor, aber irgendwann möchte ich wieder am Steuer sitzen. Ebenfalls möchte ich gerne wieder arbeiten, leider habe ich bis jetzt keinen Job gefunden. Neben diesen Zielen steht gegenwärtig aber vor allem die Betreuung meiner Kinder im Vordergrund. Ich unterstütze sie, wo ich kann. Das bedeutet mir sehr viel.