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oder: Die Möglichkeiten des Zuversichtlichen
Schon der Grossvater hatte diese Stelle bekleidet und gewissenhaft gearbeitet, dasselbe hatte der Vater getan und genau so arbeitet auch der Sohn. Die Arbeit als Portier im Freudenhaus war zwar nicht angesehen, sie brachte jedoch genug Verdienst, um die Familie durchzubringen. Es war eine vielfältige, anspruchsvolle und diskrete Arbeit. Besucht wurde das Freudenhaus von Paaren verschiedenen Alters aus den etwas entfernteren grösseren Orten meist nur für eine Nacht.
Genau wie der Grossvater und der Vater konnte auch der jetzt aktive Sohn weder lesen noch schreiben. Das war in diesem Beruf auch nicht wichtig. Was man wissen musste, behielt man im Kopf, Zettel waren unnötig. Da kam es, dass der langjährige Geschäftsführer des Etablissements starb und ein Nachfolger gesucht werden musste. Man fand einen jungen, überaus gut ausgebildeten und ambitionierten jungen Mann, der mit seinen innovativen Strategien die Besitzer des Freudenhauses überzeugte. Er wurde eingestellt und begann alsbald mit einer vollständigen Renovation und Neustrukturierung der Liegenschaft. Dann rief er alle Angestellten des Hauses zusammen und erklärte Ihnen, welche Funktion sie in Zukunft innehaben sollten und welche Tätigkeiten damit verbunden seien. So hatte auch der Portier seinen Termin beim neuen Chef. Dieser teilte ihm mit, dass er neben der angestammten Tätigkeit eine Liste darüber zu führen habe, wie viele Paare jeden Tag eintreffen, und wie viele Besuche pro Woche stattfinden. Dazu habe er jedes fünfte Besucherpaar zu befragen, wie sie mit der gebotenen Dienstleistung zufrieden seien und welche Verbesserung aus ihrer Sicht angebracht wären. Die Resultate der Befragungen hätte er dann wöchentlich ihm, dem Chef, vorzulegen.
Unser Portier geriet ins Zittern und stammelte, dass er das alles selbstverständlich gerne tun würde, doch leider könne er, genau wie schon sein Grossvater und sein Vater, weder lesen noch schreiben. Der junge Chef reagierte umgehend und teilte dem Portier mit, dass er nicht noch jemanden extra für die Listen einstellen könne. Er müsse ihm deshalb künden und werden einen Portier suchen, der lesen und schreiben könne. Der Geschäftsführer entliess den Portier und gab ihm noch eine Abfindung, die ihm eine gewisse Zeit helfen würde, bis er wieder eine Arbeit gefunden hätte.
Für unseren Portier brach eine Welt zusammen. Er hatte sich nie vorstellen können, in eine solche Situation zu geraten. Schweigend packte er seine wenigen Sachen und nahm das Geld, das ihm der Chef zum Abschied reichte. Als er das Haus verliess, fragte ihn eines der Zimmermädchen, wer denn nun all die kleinen Reparaturen ausführen werde. Beschädigte oder kaputte Schranktüren, Abflüsse und Bettgestelle hatte er immer rasch und zweckmässig repariert und alles Personal schätzte diese Arbeiten, die v0n ihm einfach so nebenher verrichtet worden waren, jedoch nicht in sein Pflichtenheft gehört hatten. Auf dem Weg nach Hause ging ihm diese Frage durch den Kopf und er dachte sich, ich kaufe mir mit der Abfindung etwas Werkzeug und frage dann und wann nach, ob es im Hause etwas zu reparieren gibt. Vielleicht bringt mir das ja etwas ein und ich gewinne Zeit, bis ich wieder eine Stelle habe.
Im Dorf gab es kein Verkaufsgeschäft für Werkzeug, er müsste mit einem geliehenen Maultier zwei Tage bis in die nächste Stadt reisen, um sich die Werkzeuge zu besorgen. Das mache ich, dachte der Exportier und reiste los. Nach vier Tagen kam er mit einem vollen Werkzeugkasten zurück. Die Leute staunten nicht schlecht, als sie ihn mit der Kiste sahen. Er war kaum richtig zu Hause angekommen, da klopfte es an der Türe. Ein Nachbar stand draussen und fragte ihn, ob er sich einen Hammer ausleihen könne, er hätte keinen und wäre froh … Er erhielt den Hammer und versprach, diesen am nächsten Tag wieder zurück zu bringen. Am nächsten Tag kam der Nachbar wieder und meinte, er würde den Hammer länger brauchen, ob er diesen nicht kaufen könne. Der Nachbar bot einen guten Preis, der die Reise in die Stadt und den Kauf eines Hammers deckten und so überliess ihn unser Exportier diesem Nachbarn. Das sprach sich herum und bald schon tauchten immer mehr Leute aus dem Dorf auf, die Werkzeug benötigten. Manchmal brachten sie es zurück und gaben etwas dafür, meistens kauften sie das Werkzeug zu einem guten Preis. Unser Exportier machte sich Gedanken und beschloss, ein Zimmer frei zu machen und dort die Werkzeuge zu lagern, die er nun schon ziemlich regelmässig in der Stadt einkaufte. Es sprach sich herum, dass man bei ihm gutes Werkzeug kaufen und ausleihen konnte und so kamen immer mehr Leute auch aus den Nachbarorten und kauften bei ihm ein.
Unser Exportier sprach mit dem Schmied und dem Schreiner und brachte beide dazu, bei der Werkzeug-herstellung mitzumachen. Der Schmied machte Hammerköpfe und andere Metallteile und Werkzeuge, der Schreiner produzierte die Stiele und Griffe für die Werkzeuge. Die Beiden wurden immer besser in der Art, wie sie Werkzeuge herstellten und waren froh, dass der Verkauf so reibungslos funktionierte. So musste unser Exportier nur noch für ganz spezielle Sachen in die Stadt reisen. Da er dabei für den Schmied und den Schreiner auch gleich Einkäufe erledigen konnte, fuhr er mit dem Wagen, den sich die Drei teilten.
So kam es, dass alle Bewohner im Umkreis von einer Tagesreise ihre Werkzeuge beim Exportier kauften und der Schmied und der Schreiner Leute einstellen mussten, um der Nachfrage gerecht zu werden. Beim Schmied kamen neben den Werkzeugen noch Schrauben und Nägel hinzu und der Schreiner entwickelte eigene Möbel, die ebenfalls vom Exportier verkauft wurden. Das Geschäft weitete sich aus und gedieh. Nach gut zehn Jahren war aus dem Exportier ein schwerreicher Eisenwarenhändler geworden und Schmied und Schreiner waren in ihrem Metier erfolgreiche Lieferanten. Das hatte dem Dorf Wohlstand gebracht und der Exportier und nunmehrige Eisenwarenhändler beschloss, eine Schule zu stiften, damit die Kinder lesen und schreiben lernen könnten. Dieses Vorhaben wurde von der Gemeindeverwaltung mit Freude zur Kenntnis genommen und nach dem Bauabschluss und dem Bezug wurde ein grosses Fest veranstaltet. Der Bürgermeister hatte das Ehrenbuch der Gemeinde mitgenommen und forderte nach dem Festmahl den Eisenwarenhändler auf, sich darin zu verewigen.
„Nichts täte ich lieber!“, sagte der Eisenwarenhändler, doch kann ich weder lesen noch schreiben, deshalb habe ich diese Schule initiiert.“ Der Bürgermeister stand mit offenem Mund vor dem honorigen Mitbürger und meinte, nachdem er wieder zu Luft gekommen war, „Sie haben ein Industrieimperium aufgebaut, sie verdienen Millionen – und sie können weder schreiben noch lesen …? Da staune ich aber! Das heisst ja, wenn sie auch noch schreiben und lesen könnten, dann hätten sie ja noch viel mehr …“ „Wenn ich in meiner Jugend schreiben und lesen gelernt hätte“, sagte der Millionenunternehmer zum Bürgermeister, „dann wäre ich wohl immer noch Portier im Freudenhaus mein Lieber.“ (Nacherzählung nach einer talmudischen Geschichte, angestossen durch Jorge Bucky, Buch: „Komm ich erzähle dir eine Geschichte“)