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Swing Time
Zadie Smith
Übersetzt von Tanja Handels
Kiepenheuer&Witsch
Gebundene Ausgabe
640 Seiten
Im Literaturclub kam dieses Buch nicht so gut weg. Man warf ihm vor, es sei gut geplottet und geschmeidig geschrieben. (Ja, das war ein Vorwurf!) Man warf ihm aber auch vor, im Mittelteil einige Längen zu haben, und da muss ich den Literaturkritikern recht geben. Dennoch habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Ich bin sehr bald in die Geschichte der beiden Mädchen eingetaucht, die sich mit neun Jahren im Tanzunterricht kennenlernen. Mir gefiel der Erzählstil der namenlosen Ich-Erzählerin, diese distanzierte und lakonische Art, die dem Erzählten eine einnehmende Stärke verlieh.
Tracey und die Erzählerin verbindet neben ihrem «Milchschokolade-Hautton» – beide sind Mulattinnen – und ihrer Herkunft aus dem ärmlichen Londoner Vorort auch die Leidenschaft fürs Tanzen. Doch bald wird klar, dass nur Tracey Talent hat. Die Freundschaft der beiden Mädchen ist von Konkurrenzdenken geprägt, aber auch von Traceys Dominanz und emotionaler Ausbeutung, von Verletzungen und Heimtücke. Traceys Vater sitzt immer mal wieder im Gefängnis, obwohl Tracey behauptet, er sei als Background-Tänzer mit Michael Jackson auf Tour. Die Erzählerin hat dagegen einen sorgenden und liebevollen Vater, der allerdings der ehrgeizigen Mutter zu wenig dynamisch ist. Diese vernachlässigt ihre Tochter, studiert und schafft es schliesslich, als Schwarze in der Politik Fuss zu fassen.
Als Tracey an eine Tanzschule aufgenommen wird, laufen die Wege der beiden Mädchen auseinander. Von ihrer Mutter bearbeitet, absolviert die Erzählerin etwas lustlos ein Studium, von dem sie den Sinn selber nicht ganz einsieht. Ehrgeizlos lässt sie sich treiben und wird, fast wie durch Zufall, von der berühmten Sängerin Aimee als Assistentin engagiert. In dieser Position ist sie gänzlich fremdbestimmt und verliert die eigene Persönlichkeit und das eigene Leben völlig aus den Augen. Was ihr aber gar nicht ungelegen kommt.
Immer wieder gibt es kurze zufällige Begegnungen der beiden Freundinnen, und während die Erzählerin mit ihrer Pop-Ikone durch die Welt jettet, tingelt Tracey über die Musical-Bühnen und ergattert, trotz grossem Talent, in der Welt der Weissen durch ihre Hautfarbe doch immer nur Nebenrollen.
Als Aimee in Westafrika eine Mädchenschule eröffnet, reist die Erzählerin mehrmals in dieses Land und hat dort prägende Begegnungen. Gilt sie in London (und für ihre Mutter) als Schwarze, wird sie hier als Weisse angesehen. Sie muss auch mitansehen, wie dieses gutgemeinte Unterstützungsprojekt PR-mässig teilweise hemmungslos ausgeschlachtet wird und wie es für das Dorf nicht nur Gutes bringt.
Schlussendlich wird die Erzählerin – nicht ganz unverschuldet – aus der Glamourwelt und damit auch aus ihrer eigenen Passivität hinauskatapultiert. Mit einem Mal steht sie alleine da, mit der Gelegenheit vor sich, endlich aus dem Schatten der starken und dominanten Frauen in ihrem Leben hinauszutreten und sich Gedanken zu machen, was sie selber will und wo ihr Platz in der Welt tatsächlich ist.
Erzählt wird anekdotenhaft, in Zeitsprüngen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, der Schreibstil ist eindringlich und unsentimental und voller scharfsinniger Beobachtungen, die Figuren vielschichtig und authentisch. Der leicht distanzierte Erzählstil passt zum Charakter der Hauptfigur, und obwohl ich sonst aktive Figuren bevorzuge, haben mich die Geschichte – trotz einiger Längen in der Mitte des Buches – und der Erzählstil fasziniert.
Ich habe das Buch auf englisch gelesen, die deutsche Übersetzung kann ich nicht beurteilen.