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Ottokars Cinétips
Missglückte Adaption
«Ein Holocaust-Film ist der sicherste Weg zum Oscar», so jedenfalls hat sich Kate Winslet vor Jahren über die berühmteste Preisverteilung der Welt lustig gemacht…
Von Ottokar Schnepf
Kate Winslet hat den Oscar als beste Schauspielerin bekommen. Der Film selbst ist jedoch eine komplette Vorlagenverdrehung…
Jetzt hat sie für ihre Rolle als KZ-Aufseherin in «The Reader» diese Trophäe gewonnen. Beeindrucken liess sich die Jury durch die Verwandlung Kate Winslets von der selbstbewussten Mittdreissigerin zu einer 60-jährigen gebrochenen Frau in der zweiten Filmhälfte. Ob das eine besondere schauspielerische Leistung ist, sei dahin gestellt, das Verdienst gebührt aber wohl der Maskenbildnerin. Für die Rolle der Hanna war ursprünglich Nicole Kidman vorgesehen, die kurzfristig aus Termingründen absagen musste.
Was soll man von einem Film halten, der aus einem Roman, der von der Liebe eines sehr jungen Mannes zu einer älteren Frau erzählt, die sich Jahre nach dem abrupten Ende der Beziehung als SS-Verbrecherin entpuppt - wenn der Regisseur diese Vorlage zum Melodram eines traumatisierten Mannes umdeutet, der einer SS-Mörderin ein wenig Vergebung spenden will?
An Stelle des Vorlesers, der ja auch titelgerecht der eigentliche Mittelpunkt des Romans ist, rückt im Film nun Hanna Schmitz, die Frau mit mehr als nur einem Geheimnis, ins Zentrum. Das bringt die ganze Erzählung ins Kippen.
Aus dem Romanerzähler, den noch als Erwachsener der Gang durch eine Konzentrationslager-Gedenkstätte unberührt lässt, macht Regisseur Daldry eine positive Filmfigur, die dort betroffen den Kopf beugt.
Zum Schluss dann noch der Besuch des Vorlesers bei einer überlebenden ehemaligen KZ-Insassin, die unter Frau Schmitz zu leiden hatte. In einem luxuriösen Appartment in New Yorks Nobelviertel empfängt sie ihn. Fazit: den Opfern von damals geht es heute besser als den Tätern…
Von Ottokar Schnepf