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Doch nicht nur im Bereich der Kampfflugzeuge ist die Schweizer Luftwaffe am Veralten, sondern auch im Bereich der bodengestützten Luftverteidigung (BODLUV). Sie stützt sich momentan auf drei Systeme ab, welche im Verbund eingesetzt werden:
- 16 Feuereinheiten Oerlikon 35-mm-Zwillingskanone (GDF-005). Eine Feuereinheit besteht aus einem Feuerleitsystem Skyguard und zwei Zwillingskanone. 1963 von der Schweizer Armee beschafft und 1975, 1995 bzw. 2010 kampfwertgesteigert, wird das System voraussichtlich noch bis 2025 im Dienst stehen. Es ist allwettertauglich und wird primär zur Verteidigung von Einzelobjekten eingesetzt.
- 40 Feuereinheiten BL 84 “Rapier”. Das britische System wurde in der Sechzigerjahren entwickelt und 1984 von der Schweizer Armee beschafft. Es ist allwettertauglich und die Raketen weitgehend vor elektronischer Störung geschützt. Es wird primär zur Verteidigung von Objektgruppen eingesetzt und wird voraussichtlich noch bis 2020 im Dienst stehen.
- 96 Feuereinheiten FIM-92 Stinger. Das amerikanische System wurde Ende der Siebziger-, anfangs der Achtzigerjahre entwickelt und 1993 von der Schweizer Armee beschafft. Es ist nur bei Sichtbedingungen einsetzbar. Der Einsatz findet primär zur Verteidigung von Räumen und zur Abnützung des Gegners statt. Momentan ist eine Ausserdienststellung nicht vor 2025 vorgesehen und mit der Beschaffung einer neuen BODLUV könnte das System von der Luftwaffe an das Heer übergeben werden, wo es zum Eigenschutz der Kampftruppen weiterverwendet werden könnte.
Die Schwächen der momentan eingesetzten drei Systeme sind die geringe Höhe (rund 3’000 m über Boden), die zu geringe Reichweite sowie die Unwirksamkeit gegen Lenkflugkörper und Artilleriegeschosse. Mit der BODLUV 2020 soll allwettertauglich, jegliche Flugobjekt – also auch Drohnen, Lenkflugkörper und Artilleriegeschosse – bis auf eine Höhe von rund 15 km und einer Reichweite von rund 40 km abgeschossen werden können. Ausserdem soll das neue System mobil einsetzbar und nicht bloss transportabel sein. Idealerweise würden diese Anforderungen durch ein einziges System abgedeckt – die Beschaffung von zwei sich ergänzenden Systemen ist jedoch auch möglich. Auf den ersten Blick könnten eine ganze Reihe von Produkten in Frage kommen. Die folgenden Ausführungen beschränken sich deshalb auf die für die Schweiz potentiell interessanten Systemen, welche es in eine erste Auswahlliste schaffen könnten.
Bei Skyshield (GDF-007) handelt es sich um die Weiterentwicklung der Oerlikon 35-mm-Zwillingskanone. Der Einsatz ist deshalb mit dem in der Schweiz bereits eingesetzten System (GDF-005) vergleichbar. Der bedeutendste Unterschied liegt bei der Verwendung von AHEAD-Munition, welche aus 152 Subprojektilen einer Wolframlegierung besteht (je 3,3g pro Projektil). Eine Feuereinheit besteht aus einem Feuerleitgerät und bis zu vier Flugabwehrkanonen. Das System kann gegen tieffliegende Flugzeuge und Hubschrauber sowie gegen ballistische Flugkörper wie Raketen, Artilleriegeschosse und Mörsergranaten eingesetzt werden. Ansonsten kann Skyshield den gesetzten Anforderungen der BODLUV 2020 nicht genügen: das System ist nicht mobil, die maximale Reichweite liegt bei 5 km gegen langsame oder nicht deutlich den Kurs ändernde Luftfahrzeuge sowie bei rund 3 km gegen Artilleriegeschosse. Skyshield bildet die Basis für das Nächstbereichschutzsystem MANTIS (GDF-020), das die Deutsche Bundeswehr zum Schutz von Feldlagern beschafft hat. Bei MANTIS kommen sechs Flugabwehrkanonen zum Einsatz, welche vollautomatisch eine Objektgruppe schützen kann.
Da das in der Schweiz bereits eingesetzten System mit AHEAD-Munition kampfwertgesteigert werden könnte (wie es in Südafrika der Fall ist), scheint eine Beschaffung von Skyshield / Mantis nur wenig sinnvoll.RAPIDfire von Thales
Bei RAPIDfire von Thales handelt es sich um eine 40-mm-Flugabwehrkanone von Nexter Systems, welche intelligente Munition (Precision-guided munition) verschiesst. Damit können kleine Ziele bekämpft werden. Eine Feuereinheit besteht aus einem Kommandofahrzeug mit einem Multifunktionsradar und bis zu vier Kanonenfahrzeugen. Alle Komponenten sind mobil und das Kanonenfahrzeug verfügt über eine eigene Feuerleitung, was einen schnellen Standortwechsel ermöglicht. Luftziele können bereits während der Fahrt aufgeklärt werden. Trotzdem kann der erste Schuss erst einige Minuten nach dem Anhalten abgegeben werden.
RAPIDfire eignet sich primär für den Objektschutz, weniger zum Verteidigen von ganzen Räumen. Gemäss IHS Jane’s Land Warfare Platforms seien die britischen und französischen Streitkräfte an diesem System interessiert, welches die Entwicklungsphase noch nicht komplett abgeschlossen hat und voraussichtlich in rund zwei Jahren lieferbar sein wird. Über die Kenndaten ist noch wenig bekannt, doch scheint das System in der Grundausrüstung Kampfflugzeuge auf 30 km, Helikopter auf rund 15 km detektieren zu können. Diese Reichweite kann mit einem mobilen Ground Master Radar von Thales vergrössert werden. Die mögliche Abschusshöhe bzw. Reichweite von 4 km würde jedoch den Anforderungen nicht genügen. Zusätzlich können gepanzerte Bodenziele auf 2,5 km bekämpft werden (vgl.: “RAPIDFire – An Air Defense Application for the Cased Telescoped Cannon“, Defense Update, 11.07.2012).Iron Dome von Rafael Advanced Defense Systems
Iron Dome ist das einzige System, welches sich momentan täglich im Echteinsatz bewähren muss und sich auch schon früher bewährt hat. Während der einwöchigen Operation “Pillar of Defense” im November 2012 fing das System 421 aus dem Gazastreifen abgefeuerte Artillerieraketen verschiedener Typen ab (mit einer angeblichen Erfolgsrate von 84%; Charles Levinson and Adam Entous, “Israel’s Iron Dome Defense Battled to Get Off Ground“, The Wall Street Journal, 26.11.2012). Iron Dome ist primär zur Abwehr von Kurzstrecken- und Artillerieraketen mit einer Reichweite von 5 bis 70 Kilometern konzipiert, kann jedoch auch andere Flugkörper bis zu einer Höhe von 10 km abschiessen. Gegenüber Mittelstreckenraketen (70 bis 250 km) wird “David’s Sling” entwickelt, welches jedoch nicht vor 2015 im Einsatz stehen wird. Zur Bekämpfung von Langstreckenraketen basiert Israel auf dem Arrow-System.
Eine Iron Dome Batterie umfasst ein EL/M-2084-Multi-Mode-Radar der Israel Aerospace Industries und drei Werfer mit je 20 Tamir-Raketen. Eine Batterie kann einen Umkreis von 7 km Radius (rund 150 km²) gegen Raketenangriffe verteidigen, was verglichen mit den Anforderungen der BODLUV 2020 zu wenig ist. Ein weiterer Nachteil liegt in der fehlenden Mobilität – ähnlich wie bei den derzeit in der Schweiz eingesetzten Systemen ist Iron Dome transportierbar, jedoch nur abgesetzt einsatzfähig. Es handelt sich um ein relativ günstiges System, da sich die Kosten pro Rakete auf rund 50’000 US-Dollar belaufen. Im operativen Einsatz in Israel werden pro Ziel üblicherweise zwei Raketen verschossen (Yaakov Katz, “Iron Dome successful in downing 75% of rockets“, The Jerusalem Post, 30.12.2011). Ausserdem analysiert Iron Dome den Einschlagpunkt einer gegnerischen Rakete und fängt nur diejenigen ab, welche in einen zu schützenden Bereich fallen würde.
Beim SAMP/T von Eurosam (66% MBDA und 33% Thales) handelt es sich um ein Boden-Luft Abwehrsystem, das theoretisch eine Reichweite von 120 km und eine Abschusshöhe von 20 km vorweisen soll (praxisbezogene Daten gehen jedoch momentan von einer Reichweite von max. 40 km und einer Höhe von max. 14 km aus, was für BODLUV 2020 ausreichend wäre). Eine Batterie besteht aus einem mobilen Multifunktionsradar (ARABEL), einer mobilen Kontrollstation und vier bis sechs Werferfahrzeugen mit je acht startbereiten Aster 30 Lenkflugkörper. Da auf LKWs montiert, ist das System mobil – für den Einsatz müssen die hydraulischen Stabilisatoren jedoch ausgefahren sein. Ausserdem müssen die Werferfahrzeuge sich im Umkreis von 10 km zum Radar befinden. Die Aster-Lenkflugkörper wurden insbesondere auf Schiffen eingesetzt – landbasierende Systeme sind in Frankreich seit dem Oktober 2011, in Italien seit Juni 2012 operationell (Robert Hewson, “SAMP/T Missile Defense Goes Three-For-Three“, Aviation Week, 12.06.2013). Singapoor will mit diesem System seine Improved Hawk missiles ersetzen (“Singapore To Acquire European Surface-to-Air Missile System“, Defense News, 16.09.2013). Gemäss Angaben von Beat Benz, Sales Manager bei Thales Suisse, würde SAMP/T “ein längst überfälliger Ersatz für das im Jahr 1998 ausser Dienst gestellte System BL-64 Bloodhound darstellen” (Beat Benz, “BODLUV 2020 – Ein Blick nach Westen”, ASMZ, Januar/Februar 2014, 35). Auch wenn Kosten-Vergleiche bei Rüstungsbeschaffungen mit äusserster Vorsicht zu betrachten sind, so ist gemäss dem französischen Senat pro Aster 30 – Rakete mit rund 1,4 Millionen Euro Beschaffungskosten zu rechnen. MIM-104 Patriot von Raytheon
Das Patriot-System ist ein transportables Mittelstrecken-Flugabwehrraketen-System zur Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern und taktischen ballistischen Mittelstreckenraketen. Die Reichweite ist von den eingesetzten Lenkflugkörper abhängig. Mit der PAC-2 (MIM-104C/D/E) lassen sich Ziele bis zu einer Höhe von max. 24 km und einer Reichweite von min. 3 km und max. 160 km, mit der PAC-3 (MIM-104F) bis zu einer Höhe von max. 10–15 km und einer Reichweite von max. 10-45 km bekämpfen (vgl.: “Patriot TMD – Specifications“, GlobalSecurity.org). Zur Bekämpfung höher entwickelter balistischen Raketen ist der Einsatz der PAC-3 zwingend.
Bei der Deutschen Bundeswehr verfügt eine Staffel über einen Feuerleitstand, eine Stromversorgungsanlage, ein Multifunktionsradar, acht Werfer mit je 4 Lenkflugkörper und einen Richtfunktrupp mit Generatoren und Antennenmastanlage. Ein Startgerät kann maximal 4 PAC-2 (je 900 kg) oder 16 PAC-3 (je 312 kg) Lenkflugkörper aufnehmen. Im Rahmen der Operation “Active Fence” werden deutsche, niederländische und US-amerikanische Patriot-Systeme zum Schutz der Türkei vor syrischen Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern und taktischen ballistischen Mittelstreckenraketen eingesetzt. Das Patriot-System gehört zu den weltweit fortschrittlichsten Flugabwehrsystemen der Welt. Der Einsatz ist jedoch aufwendig (eine Batterie kann bis zu 100 Soldaten benötigen) und teuer. Ein PAC-3 Lenkflugkörper kostet die US-Army je nach Bestellmenge zwischen 1,4 Millionen (bei einer Gesamtmenge von beinahe 7’500 Lenkflugkörpern) und 7,1 Millionen US-Dollar (bei einer Bestellmenge von 122 Lenkflugkörpern; Stand: März 2014). Ein PAC-2 Lenkflugkörper wird nicht viel günstiger sein und durchschnittlich um 2 Millionen US-Dollar kosten.S-350E Vityaz von Almaz-Antey
Das russische S-350E Vityaz (50R6) System wird hier nur der vollständigkeitshalber aufgeführt, denn aufgrund des potentiellen Widerstandes des Militärischen Nachrichtendienstes (MND) wird es kaum Chancen haben. Ausserdem wird Russland nicht als zuverlässiger Partner betrachtet, was sich insbesondere bei der schlechten Ersatzteilversorgung und den hohen Instandhaltungskosten bemerkbar macht. Das System ist seit 2007 in der Entwicklung und soll S-300PS Systeme ersetzen. Eine Feuereinheit umfasst ein 50N6A Multifunktionsradar, ein Feuerleitstand, eine Übertragungsstation und drei Werfer mit je zwölf 9M96 Lenkflugkörper (werden auch bei der S-400 eingesetzt). Damit sind Einsatzdistanzen bis 120 km möglich. Ausserdem können auch 9M100 Lenkflugkörper eingesetzt werden, welche für das Abfangen von Zielen auf kurzer Distanz geeignet sind (infrarot, bis 10 km Distanz). Alle Komponenten befinden sich auf Fahrzeuge und sind somit mobil einsetzbar. Die Massenproduktion soll 2015 beginnen und im Verlaufe 2016 an die russische Armee ausgeliefert werden.
Fazit
Ein neues BODLUV-System muss bei der Schweizer Luftwaffe zwischen 2020 und 2025 eingeführt werden. Dazu muss ein neues System um 2018 auf das Rüstungsprogramm gesetzt werden. Der erste Blick täuscht: die Vielzahl der potentiellen Systeme ist überschaubar – ein universales, kostengünstiges System, welches alle Auflagen der BUDLUV 2020 erfüllt, gibt es nicht. Am ehesten wird SAMP/T diesen Vorgaben gerecht. Theoretisch käme auch die Beschaffung von Patriot-Systemen in Frage, in Realität wird dies an den hohen Kosten scheitern. Eventuell müssten beide Systeme für den Nahbereich zusätzlich mit Flugabwehrkanonen ergänzt werden. Eine Anschaffung von Skyguard macht jedoch wenig Sinn – eher sollten die in der Schweiz bereits bestehenden Systeme mit AHEAD-Munition kampfwertgesteigert werden. Iron Dome überzeugt durch seinen operationellen Einsatz und könnte sich als kostengünstigstes System entpuppen. Um die Auflagen der BODLUV 2020 abzudecken, müsste es jedoch mit dem sich noch in Entwicklung befindenden “David’s Sling” ergänzt werden. Im Vergleich sehen die Leistungsdaten des S-350E Vityaz Systems vielversprechend aus. Mit den beiden unterschiedlichen Lenkkörpern scheint es die Anforderungen der BODLUV 2020 ideal abzudecken. Ob dieses System die Erwartungen auch in der Praxis erfüllen kann, muss sich jedoch noch zeigen. Ausserdem ist die Beschaffung eines russischen Systems aus politischen Gründen und auch aufgrund des fehlenden Vertrauens in die russische Rüstungsindustrie äusserst unwahrscheinlich.
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