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Marie Meierhofer
1909-1998
Arthur Luthiger
Marie Meierhofer hat sich zeitlebens für Kinder eingesetzt, obwohl sie persönlich unverheiratet und kinderlos war. Dadurch war es ihr aber vergönnt, sich viel intensiver mit «ihren» Kindern zu befassen.
Marie Meierhofer wurde am 21. Juni 1909 in Turgi als Tochter von Albert Meierhofer, Mitgründer der BAG Bronzewarenfabrik AG Turgi, geboren. Sie war eine der ersten Schülerinnen der 1921 eröffneten Bezirksschule Turgi. Sie hatte fünf Geschwister, doch durch den Tod verlor sie im Alter von acht Jahren ihren zwei Jahre jüngeren Bruder Robert. Marie war nicht zu Hause, als Robert im Schwimmbecken ertrank. Ab diesem Tag fühlte sie sich aber in irgendeiner Art verantwortlich für den tragischen Todesfall. Ihr lebenslanges Bemühen um benachteiligte Kinder wurde durch dieses Ereignis stark gefördert. Als Marie Meierhofer 16 Jahre alt war, starb bei einem Flugzeugunglück ihre Mutter, und mit 22 Jahren verlor sie den Vater, der bei einer Wildwasserfahrt umkam.
Im April 1930 zog Marie Meierhofer mit der Familie nach Zürich. Ihr Vater hatte die Absicht, sie zur Pilotin auszubilden, weil er mit dem Gedanken spielte, Nelken von der französischen Riviera auf dem Luftweg und damit taufrisch in die Schweiz zu fliegen. Doch es kam anders. Ihr Vater wurde krank und musste ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Unter diesem neuen Gesichtspunkt willigte er schliesslich ein, dass seine Tochter das Medizinstudium in Zürich beginnen konnte. Marie Meierhofer studierte ebenfalls in Rom und Wien und zwar neben dem eigentlichen Medizinstudium auch Kinderheilkunde, Psychiatrie und Kinderpsychiatrie. Später folgten Studienaufenthalte in Paris und in den Vereinigten Staaten
Im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes betreute Marie Meierhofer in den Jahren 1942/43 in Crusailles (F) und 1945 in Caen (F) kriegsbetroffene Kinder. Dabei mussten Kinder jüdischer Abstammung und ältere Jugendliche vor den Nazischergen versteckt werden. Sie schmuggelte bei Nacht und Nebel Medikamente und Lebensmittel über die Grenze nach Frankreich. Marie Meierhofer zählt so zu den oft vergessenen Persönlichkeiten, die im Zweiten Weltkrieg Hervorragendes geleistet haben.
Die Erfahrungen Marie Meierhofers mit den Leiden des Kriegs führten 1946 zur Gründung des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen, gemeinsam mit Walter Corti und später mit Elisabeth Rotten. Das Konzept für dieses beispielhafte Kinderdorf hat Marie Meierhofer ganz wesentlich mitgestaltet.
Noch während des Kriegs schloss Marie Meierhofer ihre Spezialausbildung in Psychiatrie ab. Sie betonte immer wieder, sie sei gewillt zu verhindern, dass gerade Kinder mit psychischen Schwierigkeiten keine ärztliche Hilfe mehr fänden. Im Zentrum ihres privaten Lebens stand ihr Adoptivsohn Edgar, dem sie noch als junge Ärztin im Spital begegnete. Das auf intensive Hilfe angewiesene Kind wurde im Lauf der Jahre zu einer Persönlichkeit, die durch ihr fröhliches Wesen viel Freude verbreitete. Leider verstarb Edgar im Alter von 26 Jahren an einem angeborenen Nierenleiden.
In den Jahren 1948 - 1952 war Marie Meierhofer Stadtärztin von Zürich, und hier wiederum begegnete sie den «Häusern», die sie schon seit ihrer Kindheit bauen wollte: Heimen und Krippen. Diese aber waren in einem bedenklichen Zustand. Für eine liebevolle Betreuung der Kinder fehlte es weitgehend an Mitteln. Marie Meierhofers Initiative ist es zu verdanken, dass es 1957 zur Gründung des «Institutes für Psychohygiene im Kindesalter», dem heutigen «Marie Meierhofer-Institut für das Kind» kam. Die erste Zeit war hart, es fehlte an Geld und an öffentlicher Unterstützung. Prophylaxe war noch ein Fremdwort, und wenn das Institut heute gesichert dasteht und wichtige Aufgaben in der Ausbildung von Krippenleiterinnen, in der Beurteilung und Umstrukturierung von Krippen sowie in Forschung und Information übernehmen konnte, so ist das wesentlich der Pionierarbeit von Marie Meierhofer zu verdanken. Wenn gerade der Kanton Zürich heute über ein gutes Netz an Beratungsstellen für die frühe Kindheit verfügt, so muss auch hier an Marie Meierhofer erinnert werden.
Am 19. November 1992 vernahm Marie Meierhofer aus dem Fernsehen, dass die Immunschwäche Aids gerade in afrikanischen Dörfern ganze Generationen von Erwachsenen hinwegraffe. Spontan wie immer, formulierte sie ein Hilfsprogramm: Mit fremder Hilfe müsse der Verbleib der Kinder im Dorf gewährleistet werden. Die Geschwister sollten lernen, mit gegenseitiger Unterstützung den Alltag zu bewältigen, um weiterhin als Familie zu funktionieren. So sollten die Geschicke des Dorfes in demokratischer Absprache unter den Kinderfamilien gelenkt werden. Im Herbst 1998 begann «Co-operaid» in verschiedenen afrikanischen Dörfern mit der Arbeit. Das wiederum wirkungsvolle Konzept stammt von Marie Meierhofer.
In Anerkennung ihrer vielen Verdienste erhielt die Pionierin der Kinderpsychiatrie 1974 von der Philosophischen Fakultät 1 der Universität Zürich den Ehrendoktor verliehen: «der unermüdlichen Forscherin der seelischen Grundbedürfnisse des Kleinkindes, der unentwegten Pionierin einer praktischen und wirksamen Prävention von Schädigungen der personalen und sozialen Entfaltung des Menschen in den ersten Kinderjahren».
Am 15. August 1998 verstarb Dr. med. und Dr. h. c. Marie Meierhofer in Unterägeri. Ihr Tod soll für uns alle zur Aufforderung werden, uns ständig mit der Situation von Kindern in Not auseinander zu setzen.
Frau Marie Meierhofer ist im Familiengrab auf dem Friedhof von Turgi beerdigt.
Am 30. November 2000 wurde auf Initiative von Herrn Arthur Luthiger und unter Beisein von Herrn Botschafter Ytzchak Mayer, Herrn Regierungsrat Kurt Wernli und dem Nachlassverwalter Herrn Dr. Hüttenmoser der Marie Meierhofer Weg eingeweiht, welcher am Geburtshaus, dem Apfelbäumli, vorbeiführt.
Am 30. Mai 2001 wurde organisiert von Kulturgi ein Vortrag zum Leben von Marie Meierhofer gehalten. Herr Regierungsrat Kurt Wernli begrüsste die Interessierten und Herr Arthur Luthiger und Herr Dr. Hüttenmoser erzählten aus dem Leben von Marie Meierhofer.
In der Aargauer Zeitung ist am 27.11.2001 folgender Artikel erschienen:
Für das Wohl der Kinder
Zürich Robert-Mächler-Preise 2001 vergeben
Zwei im weitesten Sinn "kinderfreundlich" Institutionen wurden mit dem Robert-Mächler-Preis 2001 bedacht: je 20'000 Franken erhielten die "Arbeitsgruppe W.R. Corti", welche das Werk des Gründers des Pestalozzi-Kinderdorfes Trogen, Walter Robert Corti, herausgibt und das "Marie-Meierhofer-Institut für das Kind". Corti und Robert Mächler führten einen regen Briefwechsel, die Kinderpsychologin Marie Meierhofer war gleichzeitig an der Gründung des Kinderdorfes beteiligt. An der Preisverleihung im Theater Stadelhofen wies Professor Helmut Holzhey auf die Aktualität des Denkens von Walter Robert Corti hin. Kinder von den Veränderungen der Moderne mehr betroffen als man ahnt, Tätigkeiten, die zu einer gesunden Entwicklung des Kindes und zu seinem seelischen Wohl beitragen, sind deshalb nötiger denn je. Gleichzeitig wurde das soeben erschienene Buch von Robert Mächler, die Aphorismensammlung "Irrtum vorbehalten" vorgestellt.
Doktorarbeit von Maja Wyss-Wanner (Doktorarbeit)
Diese kann in Buchform bezogen werden bei: Maja Wyss-Wanner.