Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03588.jsonl.gz/2785

Aus "Die totale Prothetik"
Es darf sich bei der Totalprothese nicht um Prothesen im Sinne von "Schlappen", "Scherben", "Latschen" handeln, um nur einige der im Volksmund gebräuchlichen Bezeichnungen zu nennen, sondern um hochwertigen Ersatz für verlorengegangenes Werkzeug zur Zerkleinerung der Speisen in verdauungsgrechte Einheiten. Gleichzeitig müssen die kaudynamischen Gewohnheiten des Patienten berücksichtigt werden.
Im Zusammenhang mit der Ästhetik im Frontzahnbereich, d. h., mit der passenden Form-, Farb- und Stellungswahl der sichtbaren Zähne sowie der entsprechenden Modellation des künstlichen, zu ersetzenden Zahnfleisches, erhalten wir den natürlich nachgebildeten Ersatz, der ein Stück des zahnlosen Menschen sein soll.
Der unbezahnte Mensch ist als Behinderter einzustufen. Die Form der Behinderung ist vielfältig. In erster Linie ist er eß- und sprachbehindert. Dazu kommt eine psychische Belastung durch die Unsicherheitsfaktoren: Sieht man, daß ich Prothesenträger bin? Wirke ich entstellt durch meine künstlichen Zähne?
"Die meisten Prothesenträger sind glücklich und zufrieden, sie nehmen nur Ihren Ersatz zum Essen heraus." Dieser scherzhaften Aussage haftet in großem Maße menschliche Tragik an. Nicht genug der negativen Aspekte. Neben den erwähnten Auswirkungen eines ungenügenden Ersatzes kommen, da die Zähne einen Teil des Verdauungsapparates bilden, noch mögliche organische Spätfolgen dazu, die durchaus am Anfang psychosomatisch sein können.
Daß durch die Totalprothese das Erreichen der ursprünglichen physiologischen Form des Kauorganes in seiner Gesamtheit nicht möglich ist, ist bekannt. Es ist aber notwendig, den Patienten auf diesen Umstand hinzuweisen und ihn über die therapeutischen Maßnahmen zu informieren. Es fördert das Vertrauen und hilft dem Patienten, den anfänglichen Fremdkörper besser zu adaptieren. Das Erarbeiten der prothetischen Lösung unter Einbeziehung des Patienten und das daraus resultierende Ergebnis umfaßt einen funktionstüchtigen Zahnersatz, der den Forderungen hinsichtlich Halt, Kaueffekt, Ästhetik und Phonetik gerecht wird. Im weiteren kommt ihm die Aufgabe zu, einen störungsfreien Funktionsablauf in den Kiefergelenken und der Muskulatur sowie die Substanzerhaltung des Prothesenlagers zu garantieren.
Die totale Prothetik ist nicht Endlösung, sondern Neubeginn
Doz. Peter Lerch, Prothetiker