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Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit nahm die Suva am 1. April 1918 ihren Betrieb auf. Es war kein gewöhnlicher Montag, sondern ein Ostermontag mitten im Ersten Weltkrieg. Der feierliche Rahmen beschränkte sich auf die Beflaggung des neuen Hauptsitzes und auf ein kleines, aber munteres Fest für die Belegschaft.
Lange, sehr lange hatten die Verantwortlichen auf diesen Tag gewartet. Ursprünglich war die Betriebsaufnahme auf den 1. Januar 1916 vorgesehen – knapp einen Monat, nachdem das Hauptgebäude von der Direktion und den ersten 29 Verwaltungsmitarbeitern bezogen worden war.
Zwar wusste man, dass es nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges kein leichtes Unterfangen sein würde, eine funktionierende Organisation auf die Beine zu stellen, doch die Suva-Verantwortlichen – allen voran Alfred Tzaut als Direktor und Paul Usteri als Verwaltungsratspräsident – waren auf Kurs. Sie waren denn auch aufgebracht, als sie im Herbst 1915 erfuhren, dass sich der Bundesrat gegen die geplante Eröffnung aussprach.
Aufgebracht war Usteri vor allem wegen der Begründung; der Bundesrat liess die Verschiebung erst in der Budgetdebatte durchblicken. Er argumentierte mit den finanziellen Schwierigkeiten, in denen sich der Bund wegen des Krieges und der Wirtschaftskrise befand.
Usteri hielt dagegen und setzte am 6. Oktober 1915 einen geharnischten Brief an den Bundespräsidenten auf. Giuseppe Motta war auch Vorsteher des Finanz- und Zolldepartements. Usteri bezeichnete die geplante Verschiebung als einen «Schlag gegen die Gesetzgebung des Bundes» und hob die sozialpolitischen Aspekte des Versicherungsobligatoriums hervor. Dieses werde «insbesondere und mit Recht von den unselbständig erwerbenden Volksklassen als eine Errungenschaft und als eine Gleichstellung berechtigter Interessen mit solchen anderer Bevölkerungsklassen angesehen». Nach den Entbehrungen als Folge der häufigen Militärdienste und der Teuerung komme nun auch der Verzicht auf eine sozialpolitische Errungenschaft dazu.
Für die Versicherungsanstalt entstehe ein gewaltiger Leerlauf bei der Erarbeitung der statistischen Grundlagen und der Erfassung der Betriebe, weil die Angaben «relativ schnell veralten», zudem würde, wenn die Betriebsaufnahme nicht absehbar sei, «der gute Wille des Betriebsinhabers gegenüber den unfruchtbaren Belästigungen der Anstalt … sicher vielfach ins Wanken kommen, wenn nicht versagen».
Zunächst wurde der 1. Januar 1917 als der neue Eröffnungstermin genannt, dann der 1. Juli 1917. In der Zwischenzeit war ein grosser Teil des neuen Gebäudes zu einer Armeesanitätsanstalt für 200 internierte Kriegsverletzte aus den umliegenden Ländern umfunktioniert worden.
Bereits im Februar 1917 zeichnete sich ab, dass auch der 1. Juli 1917 nicht einzuhalten war. In der Zwischenzeit hatte sich die Situation verschärft, wie die Direktion am 15. Januar 1917 an den Verwaltungsrat schrieb:
«Die Arbeiterschaft sieht mit Ungeduld dem Inkrafttreten der obligatorischen Versicherung … entgegen», aber auch die Arbeitgeber seien «des gegenwärtigen Übergangszustandes überdrüssig», denn «Versicherungsgesellschaften erneuern nur ungern die verfallenden Versicherungsverträge und schliessen keine neuen ab.»
«Allerlei Gerüchte sind im Umlauf. Dem allem muss ein Ende gesetzt werden», warnte die Direktion und beantragte, die Betriebsaufnahme auf den 1. Januar 1918 zu verschieben. Angesichts der kriegsbedingten Wirren werde die Anstalt nicht auf den 1. Juli 1917 bereit sein.
Nun zielte die gesamte Planung auf den 1. Januar 1918, am 19. Juli 1917 bestätigte das Schweizerische Volkswirtschaftsdepartement in Bern den Termin. Doch am 28. November 1917 musste der Verwaltungsrat erneut über die Bücher.
Paul Usteri gab sich diplomatisch, als er die Gründe nannte: «Die wiederholten Aufgebote von Anstaltsbeamten zum Militärdienst, … aber auch die ganz ausserordentliche Inanspruchnahme des Volkswirtschaftsdepartements während der Kriegszeit haben eine Verspätung der Vollziehungserlasse … und damit eine Verzögerung der Organisationsarbeiten der Anstalt mit sich gebracht». Dass er eine wesentliche Schuld für die Verzögerung bei der Bundesverwaltung sah, tönte er nur an: Die «Massnahmen und Anordnungen gegenüber den ungefähr 30 000 versicherungspflichtigen Betrieben» umzusetzen, sei «eine administrativ sehr umfängliche und vielfach … nicht einfache Arbeit». Hinzu kam, dass ausgerechnet Direktor Alfred Tzaut ein Aufgebot für einen vierwöchigen militärischen Kaderkurs im Januar 1918 erhielt.
Auch innerhalb des Verwaltungsrates wurde mit Schuldzuweisungen nicht gespart, vor allem die Arbeitnehmervertreter wehrten sich – wie schon Usteri – aus sozialpolitischen Überlegungen gegen eine weitere Verzögerung. Letztlich überwog aber die Einsicht, dass «ein fehlerhaftes Arbeiten einer halbfertigen Organisation» die Anstalt diskreditieren würde, wie es Ernst Lang, Baumwollspinnerei-Besitzer aus Zofingen, ausdrückte. Mit 20 zu 11 Stimmen wurde der nächste Quartalsbeginn – der 1. April 1918 – als neuer Eröffnungstermin bestimmt.
Die Zeit drängte. Noch am gleichen Tag, am 28. November 1917, schickte Paul Usteri ein Telegramm an den Bundesrat, in dem er erklärte, dass «der Verwaltungsrat der Anstalt damit einverstanden» sei, «dass der Betrieb der obligatorischen Versicherung endgültig am 1. April 1918 aufgenommen wird». Am 30. November 1917 beschloss der Bundesrat, die entsprechenden Bundesgesetze auf den 1. April 1918 in Kraft zu setzen.
Formell wurde der Betrieb am 1. April 1918 aufgenommen. Und formell teilte dies die Direktion dem Bundesrat in einem offiziellen Schreiben mit. Darin heisst es: «Die Direktion der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt in Luzern beehrt sich, Ihnen mitzuteilen, dass die Anstalt in Nachachtung der Verfügung vom 30. November 1917 …den Betrieb mit dem heutigen Tag aufgenommen hat.» Es war geschafft.
In Luzern nahm man die Eröffnung kaum wahr. Das katholisch-konservative «Vaterland» schrieb am 2. April in einer Kurzmeldung: «Auf 1. April hat, wie man weiss, die Unfallversicherungsanstalt in Luzern den Betrieb aufgenommen. Das grosse Haus hat sich zu diesem denkwürdigen Anlass am heutigen Ostermontag Flaggenschmuck angelegt. Möge nun die Tätigkeit der Anstalt für Land und Volk segenbringend werden.»
Das freisinnige «Luzerner Tagblatt» verzichtete auf eine Vollzugsmeldung, publizierte aber «im Augenblicke, da das grosse soziale Werk der schweizerischen Unfallversicherung nach jahrelanger Organisation und Vorbereitung seine Tätigkeit eröffnet», zwischen dem 5. und dem 8. April 1918 eine dreiteilige Serie mit dem Titel: «Die staatliche Unfallversicherung in der Schweiz».
Warum der Betrieb fast unbeachtet von der Öffentlichkeit, «ohne grosses Gepränge in schlichter und stiller Pflichterfüllung ins Werk» gesetzt wurde, erklärte Paul Usteri in einem kurzen Rechenschaftsbericht an den Verwaltungsrat am 3. Juli 1918. Darin beschreibt er nur wenige Monate vor dem Landesstreik vom November 1918 die angespannte Lage in der Schweiz:
«Der schreckliche Krieg, dessen Ende nicht abzusehen, die steigende, jedes Masses spottende, auch vielfach der wirtschaftlichen Rechtfertigung entbehrende Teuerung und der dagegen von den Behörden geführte Kampf, aber auch die der Not der Zeit und der Überreiztheit der Menschen entbrannten Kämpfe um Lohn und übrige Arbeitsbedingungen nahmen das allgemeine Interesse so völlig in Anspruch, dass jene Betriebseröffnung von vielen unbemerkt vorüberging.»
Und mit Blick auf die offenbar noch nicht bereinigten Differenzen mit Bern sagte er: «Wenn das auch auf Seiten der Bundesbehörde der Fall war, so soll es als Ausdruck der Achtung der Autonomie der Anstalt und des Vertrauens in die Selbständigkeit der Organe registriert werden.»
Usteri erkannte die Herausforderungen der Zeit. Nun gehe es darum, «durch die Handhabung der Versicherung die legitimen Ansprüche der Beteiligten auf einen loyalen, prompten und billigen Betrieb zu erfüllen und sich ihre Anerkennung zu erwerben. Die Neuheit vieler Vorschriften muss es ja, zumal heute, mit sich bringen, dass sich Unzufriedenheiten geltend machen. Es liegt in der menschlichen Natur, dass das Missfallen sich lauter äussert als das Gefallen.»
In den ersten zwölf Betriebswochen registrierte die Suva bereits 33 721 Unfälle, davon 29 306 Betriebs- und 4415 Nichtbetriebsunfälle. Die Zahl der erledigten Fälle betrug 10 672.
Während die Betriebsaufnahme in der Öffentlichkeit kaum auf Resonanz stiess, liess es sich die Belegschaft der Versicherungsanstalt nicht nehmen, den historischen Moment zu feiern. Am Samstag, 6. April 1918, fand im Hotel Monopol in Luzern die «Eröffnungs-Feier der Schweiz. Unfallversicherungsanstalt» statt. Das Hausorchester spielte den Eröffnungsmarsch der «Folies Bergère» und eine kleine Theatergruppe spielte ein «Lustspiel in 1 Akt»: «Ende gut, alles gut» – neben einer Vielzahl anderer Darbietungen.
Dass man sich mitten im Krieg befand, ging in der Einladung nicht vergessen. Dort war unter dem Programmpunkt «Nachtessen» deutlich der Hinweis angebracht: «Brot- und Fettkarte nicht vergessen!»
Im Rahmen der betriebsinternen Feier veröffentlichten Mitarbeiter der Suva eine mit spitzer Feder und Illustrationsgeschick gestaltete Festzeitschrift – das «Echo von der Fluhmatt». Es ist eines der wenigen Dokumente, das heute noch Einblick gibt in die Gefühlslage und das Denken der Angestellten in der damaligen Zeit. Banales – etwa die Geschichte von «Don Carlos», einem offensichtlichen Frauenhelden, der den Quai in Luzern unsicher machte – wurde mit Arbeitsrechtlichem vermischt.
In einer Todesanzeige wurde das «Ableben unserer geliebten Englischen Arbeitszeit» beklagt. Sie sei «auf Wunsch der Direktion eines natürlichen Todes» gestorben. Bis kurz vor der Betriebseröffnung kannte die Versicherungsanstalt offenbar das englische System, wonach der Arbeitstag mit einer verkürzten Mittagszeit früher endete.