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Das kanadische Label Disques Cinémusique, das aufgrund seiner gesampelten Delerue-Aufnahmen in den letzten Jahren einen eher zweifelhaften Ruf erlangt hatte, nimmt sich nun auf überraschende Weise des Schaffens eines der wichtigsten, aber heutzutage auch unbekanntesten französischen Tonschöpfer an: Jean Prodromidès gehört zusammen mit den nahezu gleichaltrigen Antoine Duhamel und Pierre Jansen zu einer kleinen Gruppe von Komponisten, die alle drei am Pariser Konservatorium Schüler von Réné Leibowitz und Olivier Messiaen gewesen waren und im Grunde von der konzertanten Avantgarde-Musik herkamen, bevor sie sich unter anderem auch der Filmmusik mit bedeutenden Beiträgen widmeten.
Wie ein Bernard Herrmann in den USA, so verstand sich auch Prodromidès in Frankreich als seriöser Komponist, der eben auch Filmscores schreibt. Die meisten seiner annähernd 30 Arbeiten fürs Kino enstanden von Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre. Danach widmete sich Prodromidès wieder mehr seinen autonomen Kompositionen und auch organisatorischen Aktivitäten innerhalb der französischen Musikszene, ehe er 1982 seine in ihrer radikalen Atonalität kompromißloseste und modernste Filmmusik für Andrzej Wajdas Danton-Verfilmung ablieferte.
Mit dem 1960 entstandenen Score zu Le Voyage en Ballon liegt nun die erste CD-Ausgabe eines auf vier bis fünf Scheiben geplanten Prodromidès-Projekts bei Disques Cinémusique vor, das nur durch die Unterstützung des inzwischen 82-jährigen Komponisten selbst realisiert werden kann, der in seinem privaten Archiv noch einige Bandkopien seiner alten Soundtracks besitzt.
Le Voyage en Ballon beschreibt in sehr poetischen und berückenden Bildern eine halb-dokumentarische Reise mit dem Ballon durch Frankreich – mit dabei ein kleiner Junge und dessen Großvater, ein schrulliger alter Professor. Gleichzeitig ist der heute leider kaum mehr zu sehende herrliche Film ein Exkurs über das verlorene Paradies der Kindheit, indem alles aus der Perspektive des kleinen Jungen gesehen wird, der wie der Zuschauer über die Wunder der Schöpfung staunt, die sich unter dem fliegenden Teppich ausbreiten: die Schlösser an der Loire, der Eiffelturm, das Straßburger Münster, der Mont-Blanc, eine Stampede wilder Stiere in der Camargue – all das sind nur einzelne Stationen dieser magischen Reise, die auf tragische Weise auf einer Sandbank an der Côte d’Azur endet, wo der Junge ganz allein auf sich gestellt der steigenden Meeresflut ausgeliefert ist. Prodromidès oblag es, die wechselnden Schauplätze und Stimmungen dieses fulminanten Bilderbogens in seiner Musik nachzuzeichnen, wodurch ein geradezu geniales, von ihm selbst auch so benanntes „symphonic poem on France“ entstanden ist, das durch ein elegant-verspieltes Walzerthema und dessen kunstvolle Variationen zusammengehalten wird.
Bislang war nur eine gegenüber der alten US-Philips-LP um fast 10 Minuten gekürzte japanische CD des Scores im Umlauf, die mit der französischen 10″-LP-Ausgabe identisch war, während Disques Cinémusique nun erstmals den kompletten US-Albumschnitt in einer klanglich sehr gut restaurierten Stereo-Fassung herausbringt. Zwar muß in ein paar ruhigen Passagen ein leichtes Grundrauschen in Kauf genommen werden, dafür ist der Sound jetzt sogar plastischer, präsenter und knackiger ausgefallen als auf dem originalen Plattenalbum, so dass es eine wahre Freude ist, dieser so schillernd-farbenprächtigen und bewegenden Musik über mehr als 40 Minuten zu lauschen.
Direkt nach den einleitenden Glockenklängen von Béthune im Norden Frankreichs, wo der Ballon erstmals abhebt, wird das leichtfüßig-charmante Walzerthema im Main Title vorgestellt, das absoluten Ohrwurmcharakter besitzt und das schwerelose Dahingleiten des Ballons kongenial in musikalische Töne umsetzt. Vom Honky Tonk-Piano zunächst vorgestellt, wird es von der großen Streichersektion in hinreißendem Schwung ausgebreitet, im darauffolgenden Track The Balloon Takes Off auch in impressionistische Klangfarben eingebettet, unter denen Harfe, Saxophon oder Oboe solistisch herausragen. Obwohl Prodromidès ein recht großes 80-Mann-Orchester verwendet und für das imposante Seestück Big Sailing Ships auch einen 30-köpfigen Männerchor, so zeichnet sich seine Partitur doch durch einen stets transparent aufgefächerten, typisch französischen Tonsatz aus, der den einzelnen Instrumenten viel Luft zum Atmen läßt und trotz sinfonischer Opulenz in der impressionistischen Atmosphäre klar Debussy und Ravel als Lehrmeister erkennen läßt.
Besonders der Track Chenonceaux ist in seiner grazilen Anmut mit dem bezaubernden Duett von Harfe und Flöte ein Musterbeispiel hierfür. Vortrefflich weiß Prodromidès mit den je nach Region wechselnden Stimmungen zu spielen, die vom burlesken Scherzo in White Shirt Ballet bis zur mystisch-religiös geprägten Atmosphäre in The Alps oder zur von insgesamten 12 Gitarren noch zusätzlich unterstützten kraftvollen Rhythmik in Camargue reichen.
Insgesamt ein äußerst inspirierter Score von unbändiger melodischer Kraft, der nach rund 50 Jahren nichts von seiner ursprünglichen Frische und Vitalität verloren hat und mithin zum Schönsten gehört, was für das französische Kino an Filmmusik komponiert wurde. Es bleibt zu hoffen, dass sich in naher Zukunft auch ein französisches oder gar deutsches DVD-Label erbarmt und das längst in Vergessenheit geratene filmische Meisterwerk von Regisseur Albert Lamorisse wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht.
Als Bonus neben dem Ballon-Score enthält die kanadische CD auch noch die sehr frühe, 1954 entstandene 17-minütige Musik zum Kurzfilm Un jardin public, in dem der berühmte Pantomime Marcel Marceau gleich mehrere Rollen verkörpert – dieser Score liegt nun erstmals überhaupt auf Tonträger vor. Anders als im melodisch ausladenden Ballon arbeitet Prodromidès hier sehr eng an der visuellen Volage, eigentlich schon fast in der Art des cartoonesken Mickey Mousings: In den ständig wechselnden, parodistisch angelegten und mit Glissandi und Pizzicati grotesk überdrehten Motiven für ein eher kleineres Ensemble wird voll und ganz auf die stilistischen Mittel des französischen Neoklassizismus zurückgegriffen. In seiner handwerklichen Versiertheit ein interessantes historisches Dokument, aber im Prinzip doch nur ein nettes und spritziges Dessert zur musikalischen Hauptspeise auf dieser CD.