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Zuerst folkloristisch, dann melancholisch und am Schluss hochvirtuos
Das Schaffen von Franz Liszt ist den Liebhabern klassischer Musik weitestgehend bekannt. Und doch gibt es in seinem Oeuvre auch seltener gehörte Kompositionen. Wie zum Beispiel die «Rapsodie espagnole», die Tamar Midelashvili dem LILIENBERG-Publikum vorstellte. Das Klavierstück entführt die Zuhörenden auf sehr charmante Weise in die spanisch-folkloristische Klangwelt.
Franz Liszt liess sich 1845 auf einer sechsmonatigen Tournee durch Spanien und Portugal zur «Rapsodie espagnole» inspirieren. Er erschuf sie als Erinnerung an diese Tour aus zwei populären spanischen Melodien: «La Folia s‘Espagne» und «La Jota Aroganese». Das Stück, eine freie Fantasie, hebt mit einer grossen Kadenz an und führt zu einer Reihe wilder Variationen. Liszt hatte den Pianisten ein Werk geschenkt, mit dem sie sich sehr intensiv auseinandersetzen müssen. Denn die «Rapsodie espagnole» gilt, wie so viele seiner Werke, als halsbrecherisch schwer.
Meisterin der Nuance
Einen ganz anderen Charakter hat Frédéric Chopins «Nocturne» in cis-Moll, ein Stück genuin romantischer Musik, leise und melancholisch, verinnerlicht und versunken. Chopin erkundet unterschiedliche Farben der Melancholie, verbunden mit einer grossen Liebe zum Gesang. Tamar Midelashvili entpuppte sich hier als Meisterin der Nuance. Sie fing die verhangene Stimmung des Stücks sehr schön ein und spürte den feinen Farbwechseln nach, etwa wenn sie zwischendrin ein kleines bisschen Licht ins Dunkel liess. Zugleich gab sie den Melodien genug Raum, um sich zu entfalten, um zu atmen – so wie es eine Sängerin oder ein Sänger auch tun würde.
Grenzenlose Virtuosität
Zum Abschluss des Konzerts ging es hochvirtuos zu und her. Auf dem Programm stand die zweite Klaviersonate von Sergej Rachmaninow, ein weit ausgreifendes, zugleich aber straff zusammengehaltenes Werk, das zwar als einsätzig erscheint, jedoch klar in vier Teile gegliedert ist. Die Komposition gehört zu den heute am häufigsten gespielten Werken von Rachmaninow und ist ein Klassiker der Klavierkonzerte in der Romantik. Mit wogenden Verläufen und brillant aufrauschendem Klang wird von der Pianistin alles abverlangt – das Klavier wird hier geradewegs zum Orchester.
Vor allem die junge Generation studiert das anspruchsvolle Stück mit Leidenschaft und Hingabe. Also genau der richtige Fall für Tamar Midelashvili. Der Pianistin gelang es exzellent, die verschiedensten Facetten des Klavierkonzerts herauszuspielen. Dabei beeindruckte sie mit einer Virtuosität, die keine Grenzen zu kennen schien. Der Applaus des Publikums für die Pianistin bei Konzertschluss und nach einer kurzen Zugabe aus dem Bereich der Jazzmusik war ebenso heftig, wie lange und natürlich vollauf verdient.
Lilienberg Rezital vom 20. Oktober 2021 mit Tamar Midelashvili (Klavier); Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Eva Oertle.
Die Künstlerin
Sehr früh, nämlich im Alter von sechs Jahren, hat Tamar Midelashvili mit dem Klavierspiel begonnen. Die Grundausbildung erhielt die heute 28-jährige Pianistin bei Alexander Garber am Konservatorium ihrer Heimatstadt Tiflis in Georgien. Für das Aufbaustudium ging sie zu Hans-Jürg Strub an die Zürcher Hochschule der Künste, wo sie im Herbst 2020 mit einem glanzvollen Master als Solistin abgeschlossen hat.
Wichtige Impulse empfing sie von Arie Vardi, Choong-Mo Kang, Elisso Virsaladze und Christian Zacharias. Sie erspielte sich Preise bei bedeutenden Wettbewerben – zum Beispiel 2010 den 1. Preis und den Sonderpreis beim Rachmaninow-Wettbewerb in Frankfurt am Main, 2012 den 2. Preis und den Pressepreis beim Klavierwettbewerb in Enschede oder 2017 den 2. Preis beim Wettbewerb Rosario Marciano in Wien. Zahlreich sind ihre Auftritte; eben erst erschien sie in der Genfer Victoria Hall als Solistin im zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Kammermusik liegt ihr ebenso – selbst in Schauspielproduktionen und Jazzbands tritt sie auf. Neben Klavier spielt Tamar Midelashvili auch Schlagzeug und Orgel.