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Warum Matthias Maurer lieber zuerst auf den Mond als auf den Mars fliegt. Was sich die Medizin von der Raumfahrt erhofft. Und warum der Astronaut eine Kopie der Himmelsscheibe von Nebra mit auf die Reise nehmen will.
WOZ: Herr Maurer, sind Sie auch ein wenig mondgläubig? Ich zum Beispiel gehe nur bei zunehmendem Mond zum Coiffeur …
Matthias Maurer: Nein, das mach ich jetzt nicht.
Der Mond hat in Ihren Augen keinen grossen Einfluss auf unser Alltagsleben?
Für viele Menschen spielt er sicher eine grosse Rolle. Für die Chinesen etwa ist er kulturell viel wichtiger als für uns im Westen. Als es noch kein Postsystem gab, glaubten sie, mit weit entfernten Familienmitgliedern über den Mond eine Verbindung halten zu können: Man hat sich einfach vorgestellt, man guckt gleichzeitig zum Mond und teilt diesen Moment.
Was werden Sie für Ihre Reise auf den Mond in Ihren Koffer packen?
Es wird wohl eher ein Köfferchen sein. Klar, ich nehme Fotos von Menschen mit, die mir wichtig sind. Und vielleicht eine Kopie der Himmelsscheibe von Nebra, aus der frühen Bronzezeit. An ihr kann ich erkennen, dass die Menschen schon vor 4000 Jahren in den Himmel geschaut und sich die gleichen Fragen gestellt haben wie wir.
Besteht die Option, dass Sie eines Tages noch weiter ins All hinausfliegen?
Den Mars würde ich erst einmal ausschliessen. Ich möchte nicht 500 Tage unterwegs sein, nur um eine Flagge einzurammen. Eine Mission zur Internationalen Raumstation ISS und danach zum Mond – das wäre mein Wunschpaket. Ohne die ISS könnten wir keine Technologien für den tiefen Weltraum entwickeln. Diese Technologien müssen wir ausgiebig testen, bevor wir zum Mars fliegen. Wenn sie auf dem Mond nicht klappen sollte, bin ich in drei Tagen wieder zurück. Wenn sie auf dem Mars nicht klappt, bedeutet das Game over. Viel besser wäre es also, ich lernte zuerst, auf dem Mond zu finden, was ich brauche: Treibstoff, Sauerstoff, Wasser – und die Energie, um eine Station zu betreiben, die mich vor der Weltraumstrahlung schützt.
Und wie schützen Sie sich davor?
Wir tragen Dosimeter, mit denen wir die Strahlung jederzeit messen können. Es gibt zwei Arten von Strahlung: die intergalaktische harte und die Strahlung der Sonne, den Sonnenwind. Sie sind auch der Grund, weshalb Mondmissionen voraussichtlich nur drei bis vier Wochen dauern. Auf der ISS dagegen ist die Strahlung weniger gefährlich, da sie noch innerhalb des Erdmagnetfelds liegt.
Wann können wir mit einer Station, einem Moon Village, rechnen?
Das ist erst eine Vision – es gibt noch kein Budget dafür. Wenn wir auf dem Mond landen, werden wir zuerst mal dort weitermachen, wo die Apollo-Astronauten aufgehört haben. Das heisst, wir werden der Frage nachgehen, wie wir die Ressourcen auf dem Mond nutzen können: Wie können wir Trinkwasser herstellen und in Sauerstoff zum Atmen zerlegen? Oder in Raketentreibstoff, der ja aus der hochexplosiven Kombination von Sauerstoff und Wasserstoff besteht? Und wie lassen sich aus Mondsand mittels 3-D-Druck Gesteinsstrukturen produzieren, um daraus eine Station zu mauern?
Was antworten Sie jemandem, der sagt, das alles sei ins All geschleudertes Geld?
Gegenfrage: Was schätzen Sie, was man in Europa pro Jahr für die ganze Raumfahrt ausgibt?
Ein Prozent meiner Steuern?
Ich weiss nicht, wie viel Steuern Sie zahlen … Aber in Deutschland zahlen wir pro Kopf für die ganze Raumfahrt und die damit verbundene Forschung nicht einmal zwanzig Euro pro Jahr.
Und was erhalten wir dafür?
Nehmen wir die Medizin: Auf der ISS leben ja auch Mäuse, an denen Medikamente getestet werden, die Osteoporose nicht nur aufhalten, sondern auch rückbilden können sollen. Das wäre ein Megaerfolg: Die Kosten, die in Europa infolge von Osteoporose anfallen, sind um ein Vielfaches höher als alles, was wir in die bemannte Raumfahrt stecken. Auf der ISS züchten wir auch Proteinkristalle und erhalten dabei exakte Informationen über ihre Strukturen. So etwas ist auf der Erde wegen der Schwerkraft nur in viel schlechterer Qualität möglich. Wenn ich den Bauplan eines krankheitsverursachenden Proteins kenne, habe ich auch den Schlüssel für ein Gegenmittel. Ein so entwickeltes Medikament gegen Duchenne-Muskeldystrophie ist bereits in der klinischen Testphase.
Zum Schluss: Was werden Sie wohl sehen, wenn Sie einst auf die Erde hinunterschauen?
Als Astronaut hat man eine einzigartige Sicht auf die Erdatmosphäre. Je nachdem, wie die Sonne steht, kann man seitlich durchgucken und erkennt, dass es nur ein hauchdünner Schleier ist, der sich über die Erde legt. Wenn der verschmutzt oder zerstört ist, ist da unten kein Leben mehr möglich. Darum sagen wir Astronauten: Man müsste alle Entscheidungsträger der Welt einfach mal ins All schicken und diese Sicht erleben lassen. Das würde niemanden unberührt lassen und ein weit grösseres Bewusstsein für Umweltschutz und internationale Kooperation erzeugen.
Nach dem Geologietraining auf den Lofoten ist Matthias Maurer (49) nun mit der Nachbereitung der gesammelten Proben im Labor sowie der Mondtrainingsanlage Luna in Köln beschäftigt.