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Florenz, 2 Dec. 65.
Herrn Dr A. Escher.
Hochgeachteter Herr,
Ich beginne meine Nachrichten über das neue Konzessionsbegehren im Kanton Tessin, indem ich die Sippschaft näher zu beschreiben suche, von welcher daßelbe ausgeht. Den eigentlichen Kern scheint mir Herr Baranowsky der Urheber des bekannten Finanzplans, zu bilden. Dieser Herr, der früher als Erfinder von Eisenbahnsignalen u nachher als Agent eines englischen Hauses Skwarkow aufgetreten ist, hat sich seit dem Falle dieses Hauses in einen Banquier umgewandelt mit der Kommandite von einem Herrn Falkner, Bailenbürger, der lange in Dienste sich aufgehalten hat. Wahrscheinlich dauert diese Verbindung schon länger als die Firma. Falkner ist Mitglied des Verwalthungsraths u Rechnungsrevisor der Meridionalbahn für welche das Haus Skwarkow durch die Vermittlung seines Agenten Baranowsky Schienen u eiserne Brücken geliefert hat. Das Bankgeschäft wurde von Turin nach Florenz versetzt; Falkner wohnt in dem Hause deßen erster Stock an den badischen Gesandten vermiethet ist; Baranowsky ist bei dem letztern eingeführt u hat die Artigkeit die Loge, die er im Theater besitzt, dem badischen u dem Schweiz. Gesandten bisweilen zur Verfügung zu überlassen. Falkner ist der Schwager von dem Bauunternehmer Baratelli u dieser wieder verwandt mit Fosso in Lugano, Mitglied der Sippschaft Genazzini. Der letztere soll auch eine Art von Commandite von Baratelli haben.
Diese sämmtlichen Herren waren früher für den Lukmanier aufgetreten, Baranowsky mit seinem Finanzplan, Skwarkow mit Kapital- oder Lieferungsanerbieten, die übrigen als Baulustige, u in diesem Treiben waren sie auch mit unserem Ducoster verbunden, der nach seinem Ausdruck immer dabei ist, wenn es sich um ein Alpenbahnprojekt handelt.
Vor einigen Tagen erfährt nun Ducoster von dem jungen Skwarkow, daß sich eine Compagnie bilde für den Gotthard, u daß dieselbe die tessinische Konzession verlange, u daß er selbst mit seinen Freunden dabei sei. Bei dem Kapital, daß zur Alpenbahn nothwendig ist, bei der Schwierigkeit dasselbe zu beschaffen u bei dem jetzigen Stande der Subventionsbeschlüsse | hielt ich das Ganze für eine grob angelegte Intrigue um dem Gotthardausschuß im Tessin in den Weg zu treten u eine Geldsumme abzupressen. In diesem Sinne gab ich auch eine Nachricht in meinem Schreiben vom Mittwoch (an Herrn Zingg ) u ich halte diese Meinung fest, wenn auch der ehrenwerthe Namen von Hudson, des ehemaligen engl. Gesandten u jetzigen Chef der anglo-italien. Bank mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht wird. Ich füge noch bei, daß Baranowsky, mit dem ich Mittwoch Abends im Salon des bad. Gesandten zusammentraf u der mich als alten Bekannten begrüßte (er hat mich oft besucht u sein Bruder war mit einer Baslerin verheirathet) keinerlei Mittheilung machte, obschon ich das Gespräch auf Baratelli u dessen jetzige Unternehmungen zu bringen suchte. Das ganze Verhältniß macht übrigens, daß ich der unbewachten Zunge des bad. Gesandten möglichst wenig Stoff zu Mittheilungen liefern werde, ein Rath, den mir auch Herr Pioda gegeben hat. Sobald ich Näheres erfahre werde ich melden. In Betreff Tessins sind wir, wie ich glaube, schon längst an der Grenze der Zugeständnisse angekommen. Wenn der Große Rath sich noch einmal Schwindlern in die Arme wirft, so hat er das Urtheil über die tessinischen Bahnen gesprochen. Der Minister würde gerne auf die tessinische Subvention verzichten, wenn dadurch die Monte Cenere Linie aus der Alpenbahn entfernt u durch Magadino–Varese ersetzt werden könnte.
Nun zur Hauptsache, zu der neuen Vertagung der Kommission, veranlaßt durch den Minister selbst mittelst des bestimmten Begehrens der Anfertigung von den Handelszonen der verschiedenen Alpenbahnprojekte. Die Mitglieder der Kommission waren müde; sie hatten selbst den Schluß u die Abstimmung gewünscht, sie wurden also durch die neue Verzögerung eigentlich erzürnt. Herr Casoretto hielt das Verlangen des Ministers für ganz ungeschickt, für ein Zeichen der Schwäche u für einen Schlag auf den Gotthard, für welchen sich jetzt nicht eine Einstimmigkeit wohl aber eine große u gewichtige Mehrheit gefunden hätte. Herr Rombaux urtheilte noch schärfer; er sah in dem ganzen Schritte ein Vereiteln seiner Anstrengungen, eine Übergabe an die Gegner, ein knabenhaftes springendes Benehmen. Wir selbst wußten nicht, was wir denken sollten. Wollte Jac. abfallen vom Gotthard? Das stand im Widerspruch mit bestimmten Äußerungen an Casoretto und an den preuß. Gesandten. Fehlte ihm der Muth vor das Parlament zu treten u wollte er die ersehnten Schweiz u Deutschen Subventionsbeschlüsse abwarten? Oder wollte er den Fehler der partiellen Abstimmung durch eine Recapitulation mit Zonen wieder gut machen u ein einstimmiges Votum herbeiführen? Das waren Fragen, die uns umso mehr bewegten als auch im nämlichen Augenblick ein Bekannter von mir, der übrigens im | Ausdrucken stärker ist als in der Wahrheit, Herr Prof. Carl Vogt von Genf mir bestimmt sagte, es seien alle unsere Bemühungen unnütz, das Ministerium wolle u könne Nichts machen. Zugleich ging mir noch ein anderer Incidenzfall im Kopf herum. Ein Angestellter des Marineministeriums, deutschen Ursprungs, hatte vor einigen Tagen eine Besprechung mit mir schriftlich nachgesucht, u mir bei der Zusammenkunft angeboten wichtige Aktenstücke für den Gotthard gegen die Bezahlung von Fr 800 mitzutheilen. Auf meine Bemerkung, daß ich diesen Weg zu betreten nicht gerade gesonnen sei, stützte er sich auf das Beispiel der Herren Planta u Gadmer, die solche Dienste gerne annähmen. Um auf meinen Wunsch die Aktenstücke näher zu bezeichnen, nannte er ein Gutachten über den Gotthard in handelspolit. Beziehung, ein anderes in militärischer Beziehung u Proteste gegen das bisherige Verfahren der Kommission u gegen eine Vertagung derselben oder gegen eine Erneuerung. Die Namen der Verfasser dieser Aktenstücke wollte er nicht nennen; er sprach aber von Gefahren die dem Gotthard drohen u von neuen Verschiebungen. Nach einigem Nachdenken hatte ich den Versucher, dem die Dürftigkeit aus den Augen sah, abgewiesen. Nebenbei gesagt glaube ich es sollte mit dieser Abweisung sein Bewenden haben; sollten Sie anderer Ansicht sein, so habe ich die beiden Adressen, die in's Spiel kommen zur Verfügung.
Auf dem Rückwege vom Rombaux, bei welchem wir zwei Stunden verblieben waren, begegnete mir der Minister u lud mich ein Abends zu ihm zu kommen. Und bei diesem Besuche sagte er mir nun, daß er Karten mit den Zonen der konkurrirenden Alpenbahnprojekte, wie wir sie selbst geliefert haben, auch von Seiten der Kommission für nothwendig u für eine Entscheidung zu Gunsten des Gotthards für nützlich halte, daß ich das Verlangen nicht als ein pas en arrière ansehen möge, daß die Verschiebung nur 8 oder 10 Tage dauern werde, u daß er Alles für gut halte, wenn man von Seite Preußens nur eine bestimmte BereitwilligkeitsErklärung für die Subvention, vorbehältlich der Entscheidung durch die Kammern erhalten könne. Er schien ferner unsere Anwesenheit während dieser Frist zu wünschen. Mit einem Worte, er zeigte sich ganz Gotthardfreundlich u nicht ohne Zuversicht für ein glückliches Vorangehen, [...?] aber die Beschleunigung der Subventionen [empfohlen?].
In Betreff der Zonen bemerkte ich ihm, daß die Aufstellung derselben viel unsicherer sei als bei uns, wo wir nach wirklichen Distanzen u mit sehr sparsamer Voraussetzung von neuen Linien gerechnet haben, während jetzt über virtuelle Distanzen u über eine zahllose Menge von künftigen Abkürzungslinien gestritten wird.|
Hinsichtlich der Subventionen bat ich ihn von Deutschland Nichts Bestimmbares zu erwarten, als er selbst darzubieten vermöge, versprach übrigens unser Möglichstes zu thun. Im Sinne Ihrer Depesche vom letzten Mittwoch sagte ich kein Wort, was einer Drohung, einem Abbruch oder auch nur einem Zweifel hätte ähnlich sein können. Ich zeigte mich auch nicht abgeneigt den definitiven Schluß der Kommission in Florenz abzuwarten. Hierüber erwarte ich übrigens noch die bestimmte Weisung vom Präsidenten des Gotthardausschußes. Herr Casoretto ersuchte auch die Hoffnung nicht fallen zu lassen.
Der Gang ist nun folgender: Herr Rombaux u Herr Ruva werden die verlangten Zonen, jeder für sich ausarbeiten; die Commission wird dann vermitteln, modifiziren, entscheiden.
Etwaige Bemerkungen von unserer Seite können wir bei Herren Rombaux oder bei dem ebenso einflußreichen als einsichtsvollen Casoretto anbringen, aber nicht mehr bei der Kommission selbst. Man verzeiht es Herren Koller nicht, daß er die Kritik des Ruva'schen Berichts unmittelbar an die Kommission gesandt hat u zwar bevor der Bericht von Ruva selbst vorgelegt war.
Der preußische Gesandte, der sich der Sache sehr warm u sachverständig annimmt, wünscht eine kleine Arbeit von mir über den jetzigen Standpunkt u über die Opportunität des Vorangehens von preußischer Seite. Ich werde natürlich zu entsprechen suchen. Ein gleichlautendes Schreiben geht an Herrn Zingg ab.
Mit der Bitte um Ihre Nachrichten u Weisungen verbinde ich auch die Bitte persönliche Bemerkungen meines Schreibens als rein konfidentiell anzusehen, u namentlich Urtheile u Äußerungen, dritter nicht der Kommission vorzulegen.
Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochschätzung u Ergebenheit
W. Schmidlin
P. S. So eben erhalte ich den Besuch von Herrn Grattoni, der mir neben den besten Nachrichten über den Tunnelbau Aufschlüsse über den Minister J. in dem Sinne giebt, daß er seines Postens nicht mehr sicher sei, die Entscheidung in der Alpenbahnfrage einem andern überlassen wolle, daß aber eine günstige Entscheidung für den Gotthard, eine Subvention von 55 Millionen von italienischer Seite sehr wahrscheinlich sei. Die Subsidien, schloß Grattoni, sind das erste u letzte, die Hauptsache u zwar müssen sie auf 95 Millionen gebracht werden.