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Wer cruist hier im Chevrolet durch die Stadt, wer zieht sich ein altes T-Shirt an und rollt die kurzen Ärmel noch einmal hoch wie James Dean? Für unsere europäischen Ohren klingen solche Songtexte wie Klischees über Bruce Springsteen, den irisch-italienischen US-Amerikaner aus der Arbeiterschicht, der seit den mittleren siebziger Jahren den Niedergang seiner industriellen Heimat New Jersey besingt und in jeder Krise die Würde sucht. Der Chevy, das T-Shirt, die Ärmel und James Dean sind für einmal aber nicht von Springsteen, sondern stehen im Liedtext von «Soul Days», einer vergessenen rund zwanzigjährigen Nummer, die der Schwarze Dobie Gray sang.
Springsteen covert hier nur, er spielt nach, er feiert die Soul Music, die in den USA viel stärker Teil einer wechselhaften, aber eben auch gemeinsamen Geschichte ist, als die meist trennenden Kulturkämpfe unserer Tage vermuten lassen. «Only the Strong Survive», sein Album mit fünfzehn gecoverten Soulstücken, kann man nur im Kontinuum der US-amerikanischen Situation verstehen, der kollektiven der Bürgerrechtsbewegung sowie der einzelnen des katholischen Jungen an der protestantischen Ostküste.
Handwerksethos
Die ersten Sätze auf dem Album singt der Chor: «I remember, I remember». Es ist der titelgebende Klassiker aus der streicherseligen Soultradition von Philadelphia: «Only the Strong Survive». Wir schauen in den Rückspiegel eines Chevrolets und sehen eine Zeit, in der der Popkapitalismus Integration versprach, wie man damals sagte. Das letzte Lied auf dieser mit allen Bläsern, Fiedeln und Fendergitarren ausgestatteten Platte schliesst genauso programmatisch: «Someday We’ll Be Together», der letzten Single der Supremes vor der Solokarriere von Diana Ross. Die Klammer des Albums ist die Erinnerung an eine bessere Zukunft. Dass dazwischen auch eine weisse Nummer wie der von den Walker Brothers berühmt gemachte Hit «The Sun Ain’t Gonna Shine (Anymore)» steht, bestätigt diesen Wunsch nur.
Ist das okay, oder casht der Boss, wie Fans ihn seit bald fünfzig Jahren nennen, hier die Coolness der Schwarzen Poperfahrung ab? Da kommt die Stimme ins Spiel. Zum einen als Instrument: Springsteen klingt erschreckend gut – er kennt seine Grenzen, an die er aber sehr mutig heranfährt. Er will diese Songs aus Respekt richtig singen. Und dieses handwerkliche Ethos löst zum andern die ethische Frage ein Stück weit auf, ob diese Aneignung rechtens sei. Doch seine Stimme verweist nicht nur auf die Soul Tradition, sondern auch auf die eigene Geschichte des irisch-italienischen Amerikaners mit Gewalt im Elternhaus, sozialer Ausgrenzung in der Kleinstadt und dem lebenslangen Kampf gegen eine bipolare Störung.
Diese Erfahrungen legitimieren nichts, aber sie erklären den klaren Blick auf die Lage von Minderheiten, der keinesfalls dem Kitsch, sondern dem Realismus verpflichtet ist. Springsteen beschönigt nie die sogenannten «race relations», gerade um sie offen für Veränderung zu halten. Seine Band war bis zum internationalen Durchbruch 1975 gleichermassen Schwarz wie weiss (dann erhielten zwei Schwarze Soloverträge und der allerdings zentrale Saxofonist Clarence Clemons blieb der einzige Nichtweisse auf der Bühne).
Solidarität ist Arbeit, es gibt sie nicht umsonst. Dieses Leistungsethos verbindet den weissen Sänger mit den besten Schwarzen Soulperformer:innen: Professionalität ist für beide kein schmutziges Wort, wie es in Springsteens 2016 erschienener Autobiografie «Born to Run» heisst.
Sofortschweiss
Beim ersten Mal irritierend wirkt, wie sehr die mal berühmteren, oft aber nur noch Nerds bekannten Songs wie handelsüblicher Springsteen klingen. Die treibende Schelle zum Schlagzeug, die breite Orgel, ein Glockenspiel über der Melodie, der stete Wille zum Mitreissen. Aber es ist andersrum: Springsteen klang schon immer nach Soul, besonders live. Das ist in den USA nicht ungewöhnlich für einen Angehörigen seiner Herkunftsklasse. Zu diesem alltäglichen Brückenschlag gehören auch verzuckerte R ’n’ B-Nummern im Midtempo wie «When She Was My Girl» oder die Ballade «I Forgot to Be Your Lover», einer der Höhepunkte des Albums, bei dem Sam Moore vom historischen Powerduo Sam & Dave mitsingt.
Springsteen will stets Sofortschweiss sehen, spätestens nach dem ersten Refrain. Umso zarter wirkt er, wenn er körperliche Anstrengung scheinbar vermeidet. Einsam an der Spitze dieses Soul Train ist ein vergleichsweise junger Song: «Nightshift» von The Commodores aus Detroit, die den Hit 1985 veröffentlichten, nachdem ihr Hauptsänger Lionel Richie sie verlassen hatte. Es ist eine Hommage an die Sänger Marvin Gaye und Jackie Wilson, die beide 1984 starben. Und die Version von Springsteen verdoppelt die Ehrerbietung noch einmal: Sie geht extrem nahe ans Original heran, ausser dass nun weniger Synthies und mehr Bläser zu hören sind.
Respekt heisst hier: Imitation. Es ist eine Verbeugung vor der Schwarzen Tradition, die diese beim Namen nennt: «You came and gifted us», du bist gekommen und hast uns beschenkt. Das Geschenk anzunehmen, heisst für Springsteen, es mit höchster Sorgfalt zu behandeln.
Bruce Springsteen: «Only the Strong Survive». Columbia. 2022.