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China zählt sich zu den Arktis-nahen Staaten und hat seit Jahren sein Engagement in der Region massiv ausgebaut, um seine neue polare Seidenstrasse Wirklichkeit werden zu lassen. In erster Linie waren es aber bisher Investitionen und Verträge mit Russland entlang der Nordostpassage. Doch die COVID-19-Pandemie hat die Wirtschaft in vielen Ländern stark geschwächt, auch in Svalbard. Die norwegische staatliche Rundfunkgesellschaft NRK befürchtet nun, dass China durch einen möglichen Kauf von Hurtigruten sich nach Svalbard einkaufen könnte.
In einem Leitartikel der NRK, der gestern auf der Webseite der Gesellschaft veröffentlicht worden war, schreibt der Autor Per Arne Totland, dass ein Kauf bzw. Verkauf der gesamten Firmengruppe durchaus ein realistisches Szenario ist. Denn zum einen habe die Hurtigruten Group, die Muttergesellschaft, grosse finanzielle Schwierigkeiten aufgrund der Auswirkungen der Pandemie und ein Imageproblem aufgrund des COVID-Ausbruches an Bord der «Roald Amundsen» im August; Zum anderen gehört die Hurtigruten-Gruppe seit 2014 TDR Capital, einer britischen Gesellschaft für ausserbörsliche Unternehmensbeteiligungen, die in ganz Westeuropa tätig ist. «Der durchschnittliche Anlagehorizont für eine solche Beteiligung beträgt fünf bis sieben Jahre. Die Zeit für einen Ausstieg sollte sich daher nähern.» schreibt Totland in seinem Artikel. Und als möglicher Käufer könnte durchaus China in Frage kommen.
Als Gründe, warum ausgerechnet China ein Interesse an der Firma haben könnte, wenn sie zum Verkauf stehen würde, führt Totland Chinas grosses Interesse an der Arktis an. Schon seit Jahren verfolgt die chinesische Regierung eine Charmeoffensive gegenüber Arktisstaaten, um ihren Plan einer «Neuen, polaren Seidenstrasse» zu verwirklichen. Dabei werden riesige Investitionen in Infrastruktur- und Förderprojekte getätigt. Ausserdem haben chinesische Leasingfirmen bereits drei der Hurtigrutenschiffe geleast, wie auf NRK zu lesen ist. Zusätzlich hatte Hurtigruten in den vergangenen Jahren grosse Investitionen und Aufwand betrieben, um sich auf dem chinesischen Markt zu präsentieren. Dies führte natürlich zu einem hohen Bekanntheitsgrad und daher zu einer hohen Attraktivität für potentielle Polarreisenkunden aus dem Reich der Mitte. Mit einem Kauf könnte sich aber nicht nur ein lukrativer Markt erschliessen, sondern auch für China einen Zugang zum norwegischen Festland dank der Hurtigruten-Transporte entlang der Küste auftun.
Ein weiteres Argument, warum China die Hurtigrutengruppe kaufen könnte, liegt direkt auf Svalbard in Form von Hurtigruten Svalbard AS. Dies ist eine der grössten Tourismusfirmen auf dem Archipel und gemäss Totland auch einer der grössten Immobilienbesitzer in Longyearbyen. Doch die Tourismusfirma ist, wie praktisch alle Unternehmen in Longyearbyen, durch COVID-19 in eine prekäre Lage geraten. Das könnte den Weg frei machen für einen Erwerb durch Investoren, die so auch noch zu Immobilieneigentum kommen könnten. Bereits vor 5 Jahren hatten chinesische Interessenten versucht, auf Spitzbergen Eigentum zu kaufen, was nur durch die Intervention des norwegischen Staates verhindert werden konnte. Mit der neuen Situation könnte sich China ein Standbein am westlichen Ende seiner Seidenstrasse aufbauen.
Totland hebt hervor, dass dies zwar gegenwärtig alles nur Spekulation ist und weder Hurtigruten noch TDR Capital über einen Verkauf bisher etwas haben verlautbaren lassen. Doch er sieht die Zeichen einer solchen möglichen Entwicklung und fordert, dass der norwegische Staat sich mit dem Thema jetzt auseinandersetzen sollte, um sich nicht die Kontrolle entreissen zu lassen. Seiner Meinung nach (und auch derjenigen von vielen Direktbetroffenen auf Svalbard), sollte die norwegische Regierung finanziell eingreifen und auf die eine oder andere Weise die Übernahme von norwegischen Unternehmen durch ausländische Firmen und Staaten verhindern, so wie es die EU bereits im April letztes Jahr beschlossen hatte, noch vor COVID-19. Zwar hat der norwegische Staat rund € 2 Millionen für die Tourismusbranche auf Svalbard zusätzlich bereitgestellt, um die dortigen Firmen zu unterstützen. Doch ob dies reichen wird, ist noch nicht absehbar. Solange das Virus weiter wütet, werden Tourismus und Reisen reduziert bleiben. Und die Zeit spielt möglichen Investoren in die Hände.
Dr. Michael Wenger, PolarJorunal