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Kapitel 6
Während sich das Unheil über das Ghetto zusammenbraute, schritt Prospero Lambertini aufgeregt zum Palazzo della Cancellaria, der eine halbe Stunde von der Synagoge entfernt lag. Obwohl er sich gründlich auf das wichtigste Gespräch seines noch jungen Lebens vorbereitet hatte, klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Vom Ausgang der Unterredung hing es ab, ob es ihm gelang, in der römischen Kurie Fuß zu fassen oder ob er als Landpfarrer in der Provinz Dienst tun müsste. Fernab der Literatur. Fernab der Wissenschaft. Fernab der Politik. Ein Leben gänzlich bestimmt vom unerbittlichen Rosenkranz der Taufen, Einsegnungen, Ohrenbeichten und Sterbesakramenten.
Nach dem morgendlichen Gebet hatte er sich sorgfältig umgekleidet. Seine Auswahl an Kleidungsstücken war allerdings sehr überschaubar, da er vom schmalen Stipendium des Papstes lebte. Er trug in der schlichten Eleganz eines französischen Abbés ein schwarzes Gewand mit kleinem weißen Kragen, eine ebenfalls schwarze Hose, ein weißes Hemd, dunkle Weste und baumwollene Kniestrümpfe. Es musste genügen, dass Hemd, Rock, Hose und Strümpfe sauber und ohne Löcher oder fadenscheinig glänzende Stellen waren.
Die Glocken der Stadt schlugen neun Uhr, und einige Römer vermochten sogar, die einzelnen Glocken am Klang zu unterscheiden. Prospero aber schien es, als läuteten sie nur für ihn, gleichzeitig mahnend und Glück verheißend. Aber Glück war nur das eine, Begabung das andere. Er hatte erfolgreich an der Gregoriana studiert und im Kirchenrecht promoviert. Und wie zum Lohn für seinen Fleiß hatte ihn der ebenfalls aus Bologna stammende Alessandro Caprara in den Palazzo eingeladen. Das Arbeitszimmer des Auditors befand sich im zweiten Stock des Gebäudes.
Als Prospero den imposanten Bau betrat, spürte er die eigenartige Atmosphäre, die hastige Geschäftigkeit, das Kommen und Gehen. Ihm fielen die Grüppchen von zwei bis drei Männern auf, die in eine Unterhaltung vertieft eine besondere Wichtigkeit ausstrahlten, als läge auf ihren Schultern das gesamte Wohl der Welt. Mühsam nur zwang er sich, gemessenen Schrittes die große Freitreppe hinaufzugehen. Am liebsten wäre er wie ein Knabe gerannt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Doch wurde dieser Gedanke bereits im Ansatz vereitelt, denn eine antike Justitia blickte streng und prüfend auf ihn herab. »Entschuldigung«, sagte er leise zur Statue der Göttin der Gerechtigkeit und schlug kurz, aber nicht ohne ein jungenhaftes Lächeln die Augen nieder.
Im ersten Stock öffneten sich links und rechts der Treppe lange und breite Korridore. Vor der Büste eines Jupiters sprachen zwei Monsignori mit einem Jesuitenpater. Prospero trat unbefangen zu ihnen: »Entschuldigen Sie, wie komme ich zu Monsignore Caprara?« Die drei Würdenträger sahen den jungen Mann, der es gewagt hatte, ihre Unterhaltung zu stören, strafend an. Sein bologneser Dialekt machte ihn in ihren Augen ohnehin zu einem Hinterwäldler. Kaum erwartete Prospero noch eine Antwort auf seine Frage, da ließ sich einer der beiden Monsignori herab: »Dort entlang. Die fünfte Tür.« Prospero bedankte sich und ahmte in Gedanken die näselnde Sprechweise des Prälaten spöttisch nach, verbat sich aber sogleich seine Respektlosigkeit. Schließlich stand er vor der Tür des Auditors, klopfte und trat ein.
Caprara saß in dem großen Raum in einer Ecke an einem kleinen Sekretär mit dem Rücken zur Tür. Der Raum wurde beherrscht von einem etwas zu geschwungenen Tisch aus schwarzem Mahagoni, zwei Sofas und zwei Stühlen.
Bedächtig setzte der Auditor noch einen Punkt unter ein Dokument, das er gerade verfasst hatte, und wandte sich dann mit einem herzlichen Lächeln Prospero zu. Er trug die Soutane wegen der Hitze halb geöffnet. Diese freundliche Art der Leute aus Bologna vermisste er in Rom, weshalb er sich immer wieder freute, einen Landsmann zu treffen.
Alessandro Caprara war ein kleiner, rundlicher Mann um die fünfzig mit außerordentlich klug in die Welt blickenden Augen. Er diente wie Spigola der Rota als Auditor, als Richter, nur, dass Caprara in der Sektion des Gerichtshofes arbeitete, die sich ausschließlich mit den Selig- und Heiligsprechungen beschäftigte. Erst wenn die Rota bestätigte, dass ein Christ die Wunder, die ihm zugeschrieben worden waren, auch tatsächlich bewirkt hatte, kam das Verfahren vor das Kardinalskollegium und von dort vor den Papst, um eine Heiligsprechung zu erwirken. Kein künftiger Heiliger kam also an Caprara vorbei. Mit großzügiger Geste forderte dieser nun seinen G