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Auf den ersten Blick eint Sabrina Leisi und Miguel Frei-Àngeles nicht viel. Doch als Praktikantin und als Temporärarbeiter sind sie Teil derselben sozialen Klasse: des Prekariats.
Sabrina Leisi* ist klein, trägt eine Brille mit dicken Rändern und redet mit den Händen. Miguel Frei-Àngeles* ist ein korpulenter Typ mit weichen Gesichtszügen und wachen Augen, Millimeterschnitt an den Kopfseiten.
Aufgewachsen ist Miguel Frei-Àngeles in Rancho Arriba, einem von grünen Hügeln umgebenen Bauerndorf in der Dominikanischen Republik. Sein Vater, ein Auswanderer aus der Schweiz, kaufte sich ein paar Hektaren Land, pflanzte Kaffee an und verlor sein Herz an eine Einheimische. Sabrina Leisis Eltern lernten sich im bewegten Zürich der achtziger Jahre kennen. Auch später noch nahmen sie mit Kind und Kegel an Demonstrationen teil.
Leisi sitzt in einem Café, in dem Männer mit Haarknoten am Hinterkopf Vivi Kola servieren. Frei-Àngeles trinkt sein Bier in einer Bar, wo der Sound im Takt eines Pressluftbohrers aus den Boxen dröhnt.
Frei-Àngeles ist 33, Leisi 35 Jahre alt. Sie reiht epische Sätze aneinander, er tippt sich ab und zu durch translate.google.ch.
Während Miguel mit seinen Brüdern auf der Plantage spielte und auf dem langen Schulweg den Kaffeepflanzen entlangstreifte, wuchs Sabrina in einem Quartier mit Mehrfamilienhäusern auf, las «Ronja Räubertochter» und schielte unter dem Christbaum vergeblich nach einer Barbiepuppe.
Was Miguel Frei-Àngeles und Sabrina Leisi eint, ist nicht ihre Herkunft, nicht ihre Sozialisierung, sind nicht ihre Freizeitbeschäftigungen. Den beiden ist gemeinsam, dass sie vom gleichen Phänomen erfasst wurden. Beide sind sie Teil derselben sozialen Klasse: des Prekariats.
Genug ist genug!
Drei Jahre nach Abschluss ihres Studiums, in ihrem vierten Praktikum, kommt Sabrina Leisi an eine Grenze. Sie bricht zum ersten Mal ein Praktikum ab und spielt mit dem Gedanken, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Das nötige Selbstvertrauen dazu hätte sie, wurde doch gerade im letzten Praktikum genau das von ihr verlangt, was sie so gut kann: mit Texten arbeiten, sorgfältig sein. Wäre da nur nicht das von Misstrauen geprägte Regime der Firmeninhaber gewesen, das seine Spitze in überwachten Computern, nicht ausbezahlten Löhnen und etlichen Personalrochaden fand.
Im Lauf ihrer Praktika merkt Leisi bald, dass ein Prozess ins Rollen kommt, auf den sie keinen Einfluss hat. Sie erhält einen Ordner, der ihre Aufgaben definiert. Leisi beginnt zu arbeiten, Bruchstück für Bruchstück. Mehr zu machen als verlangt, ist von den Vorgesetzten nicht erwünscht. In anderen Praktika wiederum wirft man sie ins kalte Wasser, und sie geniesst die vielen Freiheiten. Doch auch da: Begleitet wird sie nur teilweise, Informationen werden ihr nur häppchenweise vermittelt, bei Entscheidungsprozessen bleibt sie aussen vor. Zu Mittag isst sie mit anderen PraktikantInnen, zuweilen werden Ellbogen ausgefahren.
Am Ende jeweils das Abschlussgespräch. Manchmal denkt Sabrina Leisi: «Eigentlich wäre es cool, hier weiterzuarbeiten.» Die Chefs meinen unisono: Leisi sei zwar nett und sehr engagiert – bleiben aber könne sie leider nicht. Der nächste Praktikant steht schon vor der Tür. «Durchgeschleust» ist eines der Wörter, die Leisi einfallen, wenn sie an ihre Praktika zurückdenkt.
Als Miguel Frei-Àngeles’ Vater stirbt, ziehen seine Mutter und seine Brüder in die Schweiz. Miguel bleibt zurück und beginnt mit einem Informatikstudium. Nach einem Jahr bricht er das Studium ab, zu sehr vermisst er seine Familie. So kommt im Jahr 2010 auch er in die Schweiz, in den Kanton Uri. Er möchte weiterstudieren. Doch seine Abschlüsse werden nicht anerkannt. Stattdessen beginnt er, bei einer Recyclingsammelstelle zu arbeiten, den Job hat ihm ein Temporärbüro vermittelt. Nach drei Monaten jedoch ist schon wieder Schluss damit. Dann meldet sich das Temporärbüro erneut bei ihm und dockt an seiner Vergangenheit an: In der Dominikanischen Republik absolvierte Miguel Frei-Àngeles einen Grundkurs im Sanitärbereich und erhielt dafür ein Zertifikat. Doch weil Zertifikate keine Diplome sind, ist sein Papier in der Schweiz beinahe wertlos – für eine temporäre Stelle als Hilfskraft auf dem Bau soll es aber genügen.
Mit dem Wintereinbruch endet auch diese Arbeit. Uri ist klein, strukturschwach, viele offene Stellen gibt es nicht. Miguel Frei-Àngeles beschliesst, in die Stadt Zürich zu ziehen. Die Mentalität sei dort anders als in Uri, Zürich sei offen, hat er gehört. In der Stadt findet er FreundInnen, sie helfen ihm beim Schreiben der Bewerbungsunterlagen. Er geht direkt auf Firmen zu, reicht Blindbewerbungen ein – welche Arbeit er genau machen soll, ist ihm nicht wichtig. Irgendwann wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Der Personalchef fragt ihn gleich am Anfang: «Sind Sie sicher, dass Frei Ihr richtiger Name ist?» Miguel Frei-Àngeles’ Suche bleibt erfolglos. Dann meldet er sich bei einem Temporärbüro, das ihm ein Kollege empfohlen hat. Seit vier Jahren erhält er nun schon Jobangebote von einem Büro, das goldene Buchstaben im Firmenlogo trägt.
Auf die Frage, ob er sich nie überlegt habe, nur seinen schweizerischen Namen in den Bewerbungen zu benutzen, antwortet er: «Nein. Die Leute sollen mich wollen, so wie ich bin.»
So wie er in seinem Büro in Genf en passant Pierre Bourdieu erwähnt und zwischendurch ein Marx-Zitat aus dem Ärmel schüttelt, könnte Alessandro Pelizzari auch ein Soziologieprofessor sein. Vor ein paar Jahren forschte der Regionalsekretär der Gewerkschaft Unia in Genf zu prekären Arbeitsverhältnissen in der Schweiz: «In meiner Dissertation unterscheide ich drei Formen von Prekarität: die notwendige, die transitorische und die avantgardistische.»
«Notwendig prekär» seien vor allem gering qualifizierte MigrantInnen und abgestiegene Angestellte über fünfzig, erklärt Pelizzari. Diese Gruppen würden zumeist in binnenmarktorientierten Tieflohnbranchen arbeiten, mit wenig Aussicht auf Besserung. Die «transitorische Prekarität» dagegen sei ein relativ neues Phänomen: «Hier finden sich Studienabgänger, die mittels vier oder fünf Praktika in der Arbeitswelt Fuss zu fassen versuchen. Auch Temporärarbeit oder Integrationsprogramme für Flüchtlinge gehören in meinen Augen zu dieser Form von Prekarität.» Innerhalb dieser Gruppen herrsche ein ausgeprägtes Konkurrenzverhältnis; denn die Chancen, sich nachhaltig in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, seien nicht bei allen gleich hoch. Die «avantgardistische Prekarität» schliesslich, die besonders häufig in der Finanzbranche oder im IT-Bereich anzutreffen sei, entspreche dem Idealbild des modernen Arbeitskraftunternehmers. In Pelizzaris Worten: «Ein Hochqualifizierter ohne feste Bindungen zu Unternehmen, der freiwillig von Projekt zu Projekt tingelt und dabei seine Kreativität ausleben kann.»
«Sorry, Miguel!»
Irgendwo vor einem Wohnblock am Zürcher Stadtrand. Es ist 7.57 Uhr. Miguel Frei-Àngeles grüsst mit nacktem Oberkörper vom Balkon. Unten steht Hans Affolter*, sein Chef. Er schaut nach oben und macht einen Spruch. Seit zwei Jahren arbeitet Frei-Àngeles bei Affolter, in der Regel drei Tage die Woche. Er ist zufrieden mit dieser Situation, so viel Struktur hatte er zuvor in der Schweiz noch nie. Affolter, kräftig und etwas kauzig, ist Inhaber einer kleinen Hauswartbude. Das Temporärbüro mit den goldenen Buchstaben meldete sich penetrant oft bei ihm. Und so sprang Frei-Àngeles eines Tages, als ein Mitarbeiter schwer erkrankte, in die Lücke: «Miguel macht das gut, schnell ist er», sagt Affolter. Im Firmenauto schäkern die beiden über vergessene Besen, das wahrhaft richtige Putzmittel und WohnblockbewohnerInnen mit einem Tick. Affolter spricht väterlich-ironisch zu seinem Mitarbeiter, derweil dieser in die Rolle des schlitzohrigen Naivlings schlüpft.
«Im Fall von Miguel ist bei mir eine soziale Ader dabei», sagt Affolter. «Schliesslich muss ich für einen Temporären mehr bezahlen als für einen Festangestellten. Und eigentlich geht das ja nicht: ein Abwart ohne Fahrausweis.» Affolter verwirft kurz die Hände: «Sorry, Miguel!» Dann ist es still, und Miguel Frei-Àngeles blickt starr auf die Strasse.
Wenig Verständnis auf dem RAV
Sabrina Leisi ist alleinerziehende Mutter. «Wobei», sagt sie, «‹alleinerziehend› ist für mich das falsche Wort. Ich erziehe mein Kind ja nicht allein; die Kita, meine Eltern, Freundinnen und Freunde helfen mit.» Sie selber rede lieber von einer Einelternfamilie, «ist vielleicht etwas umständlich, aber ich finde es treffender».
Ihr Sohn tut ihr gut. Er erde sie, sagt sie, es sei schön, für jemanden sorgen zu können. Probleme rückten in den Hintergrund, die Essenz des eigenen Daseins trete klarer hervor. Als Bürde habe sie ihr Muttersein in der Arbeitswelt nie erlebt, sagt Leisi. Die paar Male zwar, als ihr Sohn plötzlich krank geworden sei, sei das schon ein riesiger organisatorischer Aufwand gewesen: FreundInnen mussten einspringen, die Eltern stützend zur Seite stehen, und mit ihren Vorgesetzten musste sie Präsenzzeiten aushandeln.
Die schwerste Last lag anderswo. KollegInnen verdienten nach dem Studium gutes Geld, Leisi hingegen kommt mit ihren Praktikumslöhnen nie über ein Monatseinkommen von 2800 Franken, in einem ihrer Praktika verrichtet sie gar Gratisarbeit. Bei Restaurantbesuchen werden jetzt Runden bezahlt, Leisi verkriecht sich. Zwischen den Praktika geht sie zur Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV), wo sie auf wenig Verständnis stösst. Bei einer Beraterin hat sie gar das Gefühl, dass diese nicht einmal weiss, was sie studiert hat, geschweige denn, welche Stellen für sie infrage kämen.
Während einer längeren Stellensuche driftet sie kurz in die Sozialhilfe ab. Sabrina Leisi erreicht einen Tiefpunkt, fühlt sich gedemütigt. Sie will arbeiten, aber keiner will sie. Sie ruft bei den Firmen an, die ihr ihre Bewerbungsformulare zurückgeschickt haben – wirklich begründen kann ihr die Absagen niemand, der Zufall scheint zu entscheiden. Über ihre Lage unterhält sie sich mit kaum jemandem. Die Scham macht stumm. Redet sie doch, wird ihr ungläubig entgegnet: «Was? Du?!» Die Freiwilligenarbeit im Kulturbereich gibt ihr vorübergehend Halt.
Zwischentermin bei der Sozialanthropologin
Corinne Schwaller sitzt in der Cafeteria an der Berner Unitobler. Die Sozialanthropologin steckt mitten im Forschungsprozess. Als Erstes hält sie fest: «Ich zweifle momentan an einem Begriff von Prekarität, der sich ausschliesslich auf strukturelle Gegebenheiten konzentriert, also nur Umstände in der Arbeitswelt in den Blick nimmt. Ich glaube, die Prekarität ist vielschichtiger und bezieht sich immer auch auf das Leben als solches.»
Zwei Jahre war Schwaller als Beobachterin in Spanien und führte unzählige Gespräche. Ihr Forschungsgegenstand: gut ausgebildete SpanierInnen in Barcelona, häufig mit Uniabschluss. Die Lage auf dem dortigen Arbeitsmarkt sei miserabel. Als Folge davon schraubten die gut ausgebildeten Jungen ihre Erwartungen herunter – und würden dadurch erpressbar. Ein auf zwei Jahre befristeter Arbeitsvertrag gelte plötzlich als Luxus. In Stelleninseraten werde mit Sozialversicherungsbeiträgen geworben – als wären Sozialversicherungsbeiträge ein Privileg. «Man hört oft, dass Spanierinnen und Spanier auch noch mit 35 bei ihren Eltern leben würden. Doch dieses Bild entspricht nicht der Realität in Barcelona», sagt Schwaller. «Die meisten der gut ausgebildeten Leute versuchen gerade, es um jeden Preis zu vermeiden, zurück zu ihren Eltern zu ziehen. Dieses Streben nach finanzieller Unabhängigkeit bringt sie dazu, auch höchst prekäre Jobs anzunehmen.»
Schwallers Erklärung für dieses Verhaltensmuster: An der Arbeit hafte ein hoher moralischer Wert, die Abhängigkeit von den Eltern werde gesellschaftlich negativ bewertet. Den Lebensunterhalt durch Lohnarbeit zu bestreiten, sei Voraussetzung dafür, als autonomes Individuum anerkannt zu werden. «Von meinen Gesprächspartnern musste niemand hungern, sie gehören trotz ihrer prekären Arbeitssituation immer noch zu einer privilegierten Schicht», sagt Schwaller. «In anderen Teilen der Gesellschaft ist die Situation oft noch viel prekärer. Es gibt Studien, die eine Zunahme von mangelernährten Kindern belegen.»
Während ihrer Feldforschungen in Spanien sei ihr bewusst geworden, wie viel noch an der bezahlten Lohnarbeit hänge: «Viele staatliche Hilfeleistungen erhält man nur, wenn man einer bezahlten Arbeit nachgeht. In Spanien erodiert der Sozialstaat.» Schwaller findet das Thema der Prekarität vor allem deswegen spannend, «weil es grundsätzliche Fragen nach dem Wert, nach der Definition von Arbeit» aufwerfe.
Und die Gewerkschaften?
Miguel Frei-Àngeles trägt enge Jeans und robustes Schuhwerk. Er stopft sich einen Putzlappen in die linke, einen zweiten in die rechte Hosentasche. Den Staubsauger auf den Rücken gepackt, streift er durch den Wohnblock, kontrolliert den Ölbehälter, entfernt ein Wespennest.
Später, beim Mittagessen. Die Dönerbude sieht aus wie ein düsterer Technoclub, Arbeiter mit gezupften Augenbrauen essen hier. Frei-Àngeles’ Handy klingelt, er nimmt ab und spricht spanisch. «Ein Kollege, er sucht Arbeit», sagt Frei-Àngeles auf die Frage, wer angerufen habe. «Wir machen einen Termin beim Temporärbüro.»
Frei-Àngeles erzählt, wie ihm als Temporärem von den fest angestellten Mitarbeitern gehässige Blicke zugeworfen worden seien und sie ihm, dem potenziellen Konkurrenten, kaum erklärt hätten, was er zu tun habe. Wie die Chefs Druck machten, Unmögliches verlangten und alle Kraft aus ihm rauszupressen versuchten, weil er ja viel koste und den Betrieb bald wieder verlasse. Und wie er auch dann zur Arbeit ging, als er kränkelte, weil es für Temporäre keine Ausfallentschädigungen gibt.
Zum Schicksal eines Temporärarbeiters gehöre auch, dass die Temporärbüros nicht sagten, wie lange das Engagement dauern werde – und die Anstellung dann plötzlich beendet werde, weil dem Chef der Firma irgendetwas nicht gepasst habe. Das Wichtigste, meint Miguel Frei-Àngeles, sei, dass man ein Vertrauensverhältnis mit dem Berater vom Temporärbüro habe: «Mein Berater ist wie ein Bruder für mich.» Sein Berater weiss, wie er tickt, was er kann – und er weiss auch, wann ein Unternehmen zu viel von ihm verlangt.
«Chunt scho guet!»
«Ja, es gab diese Momente, in denen ich mich fragte: Warum bin ich nicht erfolgreicher?», antwortet Sabrina Leisi auf die Frage, ob sie denke, dass sie irgendetwas falsch gemacht habe.
«Ich habe doch ein Studium abgeschlossen, bin gut erzogen worden, beherrsche fünf Sprachen! Klar wusste ich, dass nach einem Studium an der philosophischen Fakultät nicht das grosse Geld wartet. Klar weiss ich, dass Stellen in der Kulturvermittlung und der Medienbranche rar sind, aber ich lasse mich halt von meinen Interessen leiten.» Sie habe neben dem Studium immer gearbeitet und einen Teil der Kosten selbst finanziert. «Hätte ich meine Karriere schon während des Studiums ankurbeln sollen? Vielleicht bin ich naiv. Ich habe immer gedacht: Das chunt scho guet!» Der Wille zum Ellbögeln fehle ihr, strategisch ihre Ziele zu verfolgen, sei nicht ihre Art. «Wenn die Leute untereinander konkurrieren, habe ich immer das Gefühl, dass es nicht um die Sache, sondern um das Ego geht», sagt Leisi.
Nach dem Abbruch ihres Praktikums holt sie sich Hilfe bei einer Gewerkschaft. Eine Meinung über die Arbeit von Gewerkschaften hat sie sich aber noch nicht gebildet. Miguel Frei-Àngeles hingegen kennt das Wort «Gewerkschaft» nicht. Die Unia, ja, die kenne er. Am Zürcher Hauptbahnhof habe er einmal einem Redner auf einem Podium zugehört. Doch der Mitgliedsbeitrag ist ihm zu hoch. Wenn er mehr verdienen würde, wäre er vielleicht dabei, meint er.
Alessandro Pelizzari, der Genfer Unia-Sekretär, hat keine Mühe, Selbstkritik zu üben: «Gewerkschaften waren schon immer nach dem Prinzip ‹innen/aussen› strukturiert. Zuerst schloss man die Frauen aus, dann die Migranten. Nur langsam hat sich bei uns ein Bewusstsein breitgemacht, dass nicht nur Festangestellte mit einem Normalarbeitsvertrag geschützt werden müssen.»
In den Nachkriegsjahrzehnten versuchten die Unternehmen, ihre Angestellten an sich zu binden, indem sie gute Löhne zahlten, Wohnungen bauten und mit betriebsinternen Bibliotheken und prall gefüllten Pensionskassen lockten. Doch dann schnitt die wachsende Bedeutung der Finanzmärkte Schneisen in diese enge Bindung. Die Arbeit der Angestellten bildete nicht mehr die Hauptquelle der Unternehmensgewinne, die finanzielle Verheissung lag von nun an in den Aktienmärkten – das Kapital löste sich von der Arbeit und entliess die Angestellten in ein neues Nomadentum.
Als eine der Ursachen prekärer Beschäftigungsverhältnisse nennt Pelizzari denn auch betriebsinterne Strategien der Profitmaximierung: «Unternehmen können dadurch Lohnkosten senken, vor allem die Exportwirtschaft ist darauf angewiesen», die internationale Konkurrenz schlafe nicht. Doch seien prekäre Beschäftigungsverhältnisse auch durch Veränderungen verursacht worden, die «eigentlich positiv besetzt» seien, betont Pelizzari. Durch die Aufhebung des diskriminierenden Saisonnierstatuts und die Einführung der Personenfreizügigkeit habe sich die Migrationsstruktur nachhaltig verändert: «Firmen stellen vermehrt Grenzgänger und Kurzaufenthalter für weniger Lohn und Schutz ein, was Druck auf die gängigen inländischen Beschäftigungsverhältnisse auslöst.» Und mit der vermehrten Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt, so Pelizzari, habe man sich von der Fixierung auf das Normalarbeitsverhältnis gelöst – neue Beschäftigungsmodelle seien salonfähig geworden.
Miguel Frei-Àngeles sitzt im Coop-Restaurant und erklärt seine Einkommensverhältnisse. Er tippt sich durchs Smartphone, öffnet Dokumente, hält inne, spricht die eingetippten Zahlen laut aus, zeigt die Endsummen.
Derzeit versuche er gerade, den Führerschein zu erwerben. Der Theorieteil fällt ihm schwer, es hapert beim Deutsch. Mit dem Führerschein erhofft er sich eine grössere Chance auf eine Festanstellung.
Auf die Frage, ob er auch Träume habe, zögert er. Ja doch, sagt er dann, er möchte eine eigene Reinigungsfirma gründen: «Ich sage dir ganz ehrlich … ist nicht leicht für mich. Ich mache Arbeit für andere Leute. Ich will für mich alleine arbeiten. Eigenes Geld verdienen.»
Und Sabrina Leisi? Nach ihrem abgebrochenen Praktikum ist sie endlich fündig geworden. Inzwischen arbeitet sie in einem Kulturbetrieb. Ihre erste unbefristete Festanstellung, ein Teilzeitpensum mit einem anständigen Lohn. «Es ist verrückt», sagt Leisi «Als ich die Festanstellung angenommen hatte, meldeten sich diverse Leute bei mir. Jetzt plötzlich ergeben sich Möglichkeiten.» Man merkt ihr die Euphorie an, die ihr der feste Boden unter den Füssen verleiht. Der Druck, das Chaos ist weg. Erst jetzt gilt für Sabrina Leisi: Vorwärts, Schritt für Schritt.
* Namen geändert.
Prekariat
Eine sich neu formierende Klasse
Der Begriff «Prekariat» steht seit der Jahrtausendwende im Zentrum zahlreicher wissenschaftlicher Debatten. Gemessen am Bekanntheitsgrad, sticht dabei die sozialpolitische Studie «The Precariat. The New Dangerous Class» (2011) des britischen Wissenschaftlers Guy Standing hervor.
Generell gilt das Prekariat als eine Klasse, die sich im Zuge der Globalisierung neu formiert hat. Gemäss einer breit akzeptierten Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gilt ein Beschäftigungsverhältnis dann als prekär, wenn bezüglich der Dauer und Konstanz des Arbeitseinsatzes Unsicherheiten bestehen, die Beschäftigten keinen ausreichenden sozialrechtlichen Schutz geniessen und mit ihrer Arbeit nur wenig Aussicht auf eine materielle Existenzsicherung haben.
Typische Beschäftigungsverhältnisse von Prekarisierten sind Arbeit auf Abruf, Scheinselbstständigkeit, Temporärarbeit, Heimarbeit ohne vertraglich festgelegte Stundenzahl sowie Praktika. Ihren Kontrast finden prekäre Anstellungsverhältnisse im Normalarbeitsverhältnis, das vor allem in den «goldenen» Jahrzehnten der fordistischen Nachkriegszeit gängig war.
Der Bund gab drei Studien zu prekären Arbeitsverhältnissen in der Schweiz in Auftrag (die AutorInnen selbst sprechen dabei von «atypischen» oder «atypisch-prekären» Arbeitsverhältnissen). Deren Ergebnisse lassen sich aufgrund von «Strukturbrüchen» in den beigezogenen Statistiken nicht ohne Vorbehalt miteinander vergleichen. Die einzelnen Studien wiesen in ihren untersuchten Zeiträumen nur einen geringen prozentualen Anstieg prekärer Beschäftigungsverhältnisse nach. Weil aber das Gesamttotal der erwerbstätigen Bevölkerung in der Schweiz stets gewachsen ist, steigen die absoluten Zahlen: Fanden sich im Jahr 2004 noch rund 366 000 Beschäftigte in prekären Anstellungsverhältnissen wieder, waren es 2016 bereits rund 475 000. Nicht eingerechnet sind darin Grenzgängerinnen, Kurzaufenthalter und Asylsuchende – die Dunkelziffer von prekär Beschäftigten ist also relativ hoch.
Christoph Arioli