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Zum ersten Mal ferngesehen? Habe ich in der Nacht auf den 21. Juli 1969. Eine neue Sondermarke der Post erinnert mich daran, sie zeigt unseren TV-Apparat mit dem braunen Gehäuse, den silbernen Drehknöpfen und dem Schwarz-Weiss-Schirm, darauf der Astronaut Neil Armstrong mit der US-Flagge. Natürlich ist das nicht unser Fernseher auf der Gedenkmarke «50 Jahre bemannte Mondlandung», er sieht nur so aus. Und der Apparat gehörte uns damals noch gar nicht. Sondern den Aernis. Die waren das auffälligste Paar im Dorf: Sie trug Hippie-Sonnenbrillen mit riesigen Gläsern, er hatte einen Seventies-Schnauz, noch ehe die 1970er-Jahre begonnen hatten.
Meine Erinnerung ist vage, ich war erst viereinhalbjährig. Aber die Flimmerkiste mit ihrem grobkörnigen Bild, auf dem es dauernd «schneite», sehe ich vor mir. Nicht die Mondlandung war für mich das Ereignis, sondern die Tatsache, dass wir an einem Sonntag zu Besuch waren und dass ich länger aufbleiben durfte als an Silvester. Bei uns daheim war Fernsehen eigentlich verpönt, aber an besagtem Abend machte Vater eine Ausnahme. (Einen eigenen Apparat hatten wir erst Jahre später. Als die Aernis sich nämlich einen Farbfernseher kauften, überliessen sie uns den alten SABA-Kasten, auf dem wir uns die Mondlandung angesehen hatten.)
Könnte ich heute wählen, ich hätte lieber etwas anderes live gesehen. Das «Jahrhundertfussballspiel» zwischen Deutschland und Italien am 14. Juni 1970. Oder Elvis Presleys Konzert «Aloha from Hawaii», in Mondovision ausgestrahlt am 14. Januar 1973. Aber nein, die Mondlandung wars. Ein Ereignis, das meine Generation prägen sollte. Es stand für Fortschritt, grenzenlose Möglichkeiten, Zukunftsglaube. Amerika wurde zum Vorbild, später würden wir Pullover mit «Harvard University»-Aufschrift tragen, Nike-Turnschuhe kaufen und «Einsatz in Manhattan» schauen. Manche behaupten ja, Neil Armstrong habe gar nie einen Fuss auf den Mond gesetzt, das Ganze sei von Militär und Geheimdienst vorgetäuscht worden. Aber die Wahrheit ist nicht so wichtig. Diese eine Nacht machte den Fernseher zum Inbegriff der modernen Welt. Familie und Freunde würden sich künftig um das Gerät versammeln, um «Teleboy» zu verfolgen, «Maite» Nadigs Olympiasieg und Beat Breus Bergankunft auf der Alpe d’Huez.
Noch steht in unserer Stube ein TV-Apparat. Heute ist das reichlich antiquiert. Mich wird es wohl für immer daran gemahnen, wie ich bei den Aernis bäuchlings auf dem Teppich lag, den müden Kopf aufstützte – und überhaupt nicht kapierte, weshalb die Eltern so aufgeregt waren.
Die Hörkolumne (MP3)