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Lektüreprotokoll: Sandro Benini, Corona-Tagebuch, mir graut vor dir, TA, 14. April 2020
Zu einer zentralen Aufgabe von Kulturteilen und Feuilletons gehört, über das literarische Geschehen zu berichten. Wenn jedoch kaum Neuerscheinungen auf den Markt kommen, Literaturfestivals abgesagt, Preisverleihungen verschoben werden und Lesungen ausfallen, wenn also auch literarisch eine »außerordentliche Lage« herrscht, verlagert sich die Berichterstattung auf das gerade aktuell greifbare literarische Schaffen, dem gewissermaßen ein work-in-progress-Charakter innewohnt. Diese Aufzeichnungen hier zeugen davon. Im TA schreibt Sandro Benini eine Einschätzung zur Lage der Corona-Tagebücher. Er schließt an der kritischen Beurteilung von Julia Encke an und zitiert vergleichbare oder gar gleiche Passagen verschiedener Autorinnen und Autoren. Er lässt in seiner Polemik kaum ein gutes Haar an den Versuchen, der Corona-Krise schreibend Herr oder Frau zu werden. Die Banalitäten seien nicht weniger banal, wenn sie »ein Künstler während einer historischen Tragödie erlebt.« Die meisten seien schließlich privilegiert und nur ein bisschen mitbetroffen. Das richtige Drama spiele sich in Bergamo und Guayaquil ab und viele poesiegeladene Elaborate seien pathetische Zumutungen.
Benini erinnert der Corona-Tagebuch-Schreiber an »jemanden, der aus nicht allzu ferner, aber immer noch sicherer Distanz schildert, wie ihm ein Großbrand etwas Rauch in die Nase treibt und welche Assoziationen ihn überkommen, wenn er auf der Tapete seines Studierzimmers den Widerschein der Flamme beobachtet.« Das erinnert an Platos Höhlengleichnis: Wir können die Realität nur als Widerschein erkennen, das Flackern von Figurenumrissen, die als Schatten an die Wand der Höhle geworfen werden. Die Figuren selbst bleiben unsichtbar.
In vielen Tagebüchern wird auf die Vergangenheit verwiesen und an die Zeiten der Kindheit. Manche Schreiber und Schreiberinnen sind in diesen Tagen tatsächlich wieder an den Ort ihrer Geburt zurückgekehrt. Und in einigen Journalen wird erwähnt, dass die Krise inspirierend für die Arbeit sei. Benini findet, dass die Protokollanten »selbstbezogen und pathetisch (wirken), sie gleiten häufig in Kitsch und pseudopoetische Belanglosigkeiten ab, sie sind allzu oft das Produkt selbst- und beschäftigungstherapeutischer Fingerübungen und bemühen sich viel zu selten darum, subjektive Betroffenheitsbezeugungen mit gesellschaftlicher, politischer oder ökonomischer Reflexion zu verknüpfen.« Es gelinge nicht vielen, eine Sinnhaftigkeit der Situation abzupressen, da die Sicht zu selbstbezogen sei, es fehle an Selbstironie und Humor.
Benini ist gar kein Gegner von Tagebüchern, aber das Genre sei anspruchsvoll, weil es schwierig ist, dem Alltäglichen geistvolle und funkelnde Seiten abzugewinnen. Selbst Thomas Mann und André Gide seien zuweilen daran gescheitert. Zum Schluss zitiert Benini Dorothee Elmiger, eine der Tagebuchschreiberinnen: »Mir hängt jedenfalls schon alles zum Hals heraus, was diese große Krankheit betrifft, all die Journale, Protokolle und Erzählungen aus den Schlafzimmern und den Küchen.«