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Hier haben wir eine Autorin, die offenbar ‚kurz‘ nicht kann. In einer kurzen Geschichte fehlt Mary Shelley ganz eindeutig der Platz, damit ihre Figuren über sich und über andere räsonnieren können. Warum The Dream überhaupt in meine Anthologie mit dem Untertitel Tales of the Macabre aufgenommen wurde, entzieht sich meiner Imagination. Ich finde in der Geschichte nichts wirklich Makabres oder Gruseliges. Wahrscheinlich hofften die Herausgeber, Mary Shelley könnte mit dem Frankenstein-Ticket mitreisen.
Die Geschichte spielt in Frankreich, genauer gesagt im Süden Frankreichs. Henri IV hat gerade seinen Thron erobert. Und da ist nun diese Constance, Countess de Villeneuve, offenbar sein grösstes Problem. Erbin grosser Ländereien und eines grossen Titels, weigert sie sich eine standesgemässe Heirat einzugehen. Als Henri IV sie zwingen will, droht sie damit, lieber ins Kloster zu gehen. Eine Unsicherheit in der Herrschaftsfolge eines so grossen Titels kann sich aber der frischgebackene König nicht leisten – hier ist der Punkt, wo sich Mary Shelleys Vernunft und Realitätssinn zeigen. Der beste Punkt der Geschichte.
Die Countess spaziert mittlerweile im Garten. Dort trifft sie auf einen jungen Edelmann, Gaspar. Es stellt sich heraus, dass er sie liebt und sie ihn offenbar auch. Aber sie glaubt, dass er im vergangenen Bürgerkrieg, wo er auf der „andern“ Seite war, der jetzt siegreichen um Henri IV, dass er in diesem Bürgerkrieg also aktiv an der Tötung ihres auf der falschen Seite kämpfenden Vaters und ihrer Brüder beteiligt war. Gaspar verneint dies zwar, aber ohne Wirkung bei seiner Geliebten. Schliesslich trennen sich die zwei, und Constance, die von Henri IV unter Zugzwang gesetzt wurde – er reist mit seinem Gefolge zum Schloss und will die Angelegenheit ein für alle Mal geregelt wissen – Constance also beschliesst, die folgenden Nacht in „St Catherine’s Bed“, im Bett der Heiligen Katharina, zu verbringen. Das ist im Grunde genommen nicht mehr als ein Erdhügel, der auf der einen Seite leicht zugänglich ist, auf der andern aber in eine Schlucht mündet, in der tief unten die Loire fliesst.
Der mittlerweile angekommene Henri IV kann der Zofe Constances dieses Geheimnis entreissen. Es wird Nacht. Constance geht zu ihrem seltsamen Schlafplatz, nicht ohne ihre Zofe in der dazu gehörenden Kapelle zu hinterlassen. Auf der andern Seite reist Gaspar die Loire hinunter und klettert den Abhang hoch. Er kann gerade noch einen Blick auf die unschuldig schlummernde Constance werfen, als diese offenbar im Schlaf erschrickt und eine unachtsame Bewegung macht. Sie kullert den Abhang hinunter – in Gaspars Arme. Henri IV hat unterdessen in der Kapelle alles für die Heirat der beiden gerichtet, die denn nun auch stattfindet.
Zum Schluss der Geschichte verrät Constance auch ihr letztendliches Motiv, warum sie der Heirat mit dem Geliebten doch zustimmt. Nicht etwa die Tatsache, dass er ihr Leben gerettet hat, ist es, sondern der Traum, der sie zu ihrer beinahe fatalen Bewegung veranlasste. Sie träumte nämlich, Gaspar habe seine Drohung wahrgemacht und sei auf Kreuzzug ins Heilige Land gereist. In ihrem Traum sah ihn Constance dort auf dem Sterbebett: abgemagert, Kleidung und Rüstung zerfetzt. Das schlechte Gewissen packte sie, sie wollte auf den Sterbenden zu eilen – und plumpste dem Lebenden in die Arme.
Abgesehen davon, dass zur Zeit von Henri IV schon lange keine Kreuzzüge mehr stattfanden: Mary Shelley, und das ist ihr grosses Handicap für diese Geschichte, kann keine Landschaften schildern. Das Gruselige dieser Kurzgeschichte liegt nämlich nicht in den Figuren und ihren Taten, sondern wäre in der Landschaft zu suchen, in der dunklen Nacht, dem seltsamen Hügelbett gleich neben dem Abgrund, der Loire-Schlucht, auch der Kapelle allenfalls noch. Doch Shelleys Gestalten sind daran gewöhnt, über sich und andere, über eigene und fremde Handlungen nachzudenken; daraus bezieht Mary Shelley Spannung und erzeugt unser Interesse an ihren Werken. Eine Kurzgeschichte, die das tut, wäre zu Shelleys Zeit allzu experimentell gewesen, als dass sie sich an die Erstellung einer solchen gewagt hätte – wenn sie ihr überhaupt in den Sinn gekommen wäre.
Ich glaube nicht, dass ich einen ganzen Band nur mit Kurzgeschichten von Frau Shelley kaufen oder lesen würde…