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Pedro Lenz über den Niedergang der Glasgow Rangers
So weit die kollektive Fussballerinnerung zurückreicht, gab es in Glasgow zwei grosse Fussballklubs. Im Ibrox Stadium, im Westen der Stadt, spielten traditionellerweise die calvinis-tisch-unionistischen Glasgow Rangers. Weit draussen im Osten, im Celtic Park, war immer das irisch-katholisch geprägte Celtic Glasgow zu Hause. Diese zwei Fussballklubs haben in den letzten Jahrzehnten die schottische Meisterschaft unter sich ausgemacht und alle andern Vereine der schottischen Liga zu Statisten degradiert. In der fussballverrückten Stadt am River Clyde wusste jedes Schulkind, ob es den Blau-Weissen oder den Grün-Weissen die Daumen drücken musste. Celtic- oder Rangers-Fan zu sein, war keine Frage des Geschmacks, sondern der konfessionellen Herkunft.
Die Rivalität zwischen den Klubs war teilweise derart stark, dass es in Lokalen verboten war, Fanartikel wie Leibchen oder Halstücher zu tragen, weil die Wirte Schlägereien befürchteten. Die Schilder «No Football-Colours in this Pub!» gehörten zum Stadtbild wie die grünen oder blauen Vereinswappen an den Innenspiegeln der meisten Autos.
Die verschiedenen Grossbrauereien, die im Lauf der letzten Jahre auf den Trikots der Vereine für ihr Bier warben, mussten immer gleichzeitig beide Teams unterstützen. Hätte eine Brauerei nur einen der beiden Klubs gesponsert, wäre ihr Bier für die Fans des andern Klubs zum Tabu geworden, und die halbe Stadt hätte die entsprechende Biermarke boykottiert.
Allein wegen der zuweilen ausartenden Feindschaft zwischen Celtic und den Rangers führte Schottland ein Gesetz ein, das Lieder und Sprüche, die konfessionelle oder religiöse Anspielungen enthalten, unter Strafe stellt. Trotzdem war es üblich, dass bei Stadtderbys wechselweise die britische Königin und der Papst mit Transparenten, Liedern oder Schlachtrufen verhöhnt wurden. Als der Engländer Paul Gascoigne, der damals für die Glasgow Rangers spielte, ein Tor gegen Celtic bejubelte, indem er vor den Celtic-Fans einen Querflötenspieler mimte, wurde er zu mehreren Spielsperren verurteilt. Die Querflöte ist ein typisches Instrument der protestantischen Oranier-Orden. Deswegen wurde Gascoignes scheinbar harmlose Pantomime als religiöse Provokation verstanden. Jahre später wurde Artur Boruc, der polnische Torwart von Celtic, eine Halbzeit lang von den gegnerischen Fans als «verfluchter Hostienfresser» beschimpft.
Inzwischen scheint sich diese archaisch anmutende Rivalität der Glasgower Stadtklubs auf einen Schlag gelöst zu haben. Die Glasgow Rangers sind zahlungsunfähig und wurden in die Niederungen des Amateurfussballs zwangsrelegiert. Seit zehn Jahren massiv verschuldet, konnten sie Steuernachforderungen wegen jahrelanger dubioser Steuerarrangements nicht mehr bezahlen. Der Untergang dieses stolzen Grossklubs war trotz Tradition und trotz der Treue seiner riesigen Anhängerschaft nicht aufzuhalten.
Wer einmal im Stadion an einem «Old Firm» (so hiessen die legendären Stadtderbys in Glasgow) mitbekommen hat, mit welcher Leidenschaft die Fangruppen sich gegenseitig das Schlimmste wünschten, müsste nun annehmen, die Fans von Celtic Glasgow seien glücklich über den Bankrott ihres ewigen Feindes. Tatsächlich sind sie komplett verunsichert. Die Meisterschaftssaison 2012/2013 ist die erste Spielzeit seit Menschengedenken, in der das berühmte Derby nicht stattfindet. Wie soll Celtic Glasgow ohne den historischen Widersacher auskommen? Dabei geht es nicht nur um die finanziellen Einbussen wegen fehlender Direktbegegnungen. Viel schwieriger wird es sein, eine Identität zu erhalten, die über ein Jahrhundert lang vom Erzfeind mitbestimmt wurde. Was macht ein Fussballklub, der sich vorwiegend in Abgrenzung zum grossen Kontrahenten definiert hat, wenn der Rivale auf einmal nicht mehr da ist? Celtic Glasgow muss sich neu erfinden.
Pedro Lenz, 47, ist Schriftsteller und lebt in Olten. Fussballinteressierten Glasgow-TouristInnen empfiehlt er einen Spielbesuch beim weniger bekannten, aber sehr familiären Stadtklub Partick Thistle.