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Vincenzo Vela und die Schweiz
In der grossen «Apsis» des Museums ist eine Reihe von Skulpturen ausgestellt, die das Verhältnis des Bildhauers zu den Ereignissen, Persönlichkeiten und Idealen seines Geburtslandes Schweiz widerspiegeln. Die Reihe beginnt mit Porträtbüsten berühmter Persönlichkeiten, weiterhin sind Gipsmodelle zu sehen, darunter sowohl vorbereitende Entwürfe als auch Nachbildungen von bereits ausgeführten Standbildern. Den Höhepunkt der Sammlung bildet jedoch zweifellos das Hochrelief «Die Opfer der Arbeit» – ein Meisterwerk der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa.
Vincenzo Vela, der bekannteste Tessiner Bildhauer seiner Epoche, erhielt den Auftrag, einen der Väter der modernen Identität des Kantons zu verewigen. Stefano Franscini (1796-1857) war ein Intellektueller und Politiker liberaler Gesinnung, der sich vor allem für eine öffentlich-weltliche Schulbildung einsetzte. Dieses Halbporträt zeigt ihn in einer für jene Zeit völlig neuen Frontalansicht, gehüllt in einen Mantel, der das gesamte Werk bestimmt. Vor ihm liegen Bücher - sozusagen als charakteristische Attribute - sowie eine Schriftrolle.
Marmor, 1860, Lugano, Liceo Cantonale
Oberbefehlshaber der eidgenössischen Truppen im Feldzug gegen die Sonderbundskantone (Herbst 1847), zeichnete sich General Guillaume-Henri Dufour (1787-1875) durch seine strategischen Fähigkeiten und seine politische Weitsicht aus, weshalb er zu einer fast legendären Heldenfigur der Eidgenossenschaft wurde.
Der junge Vincenzo Vela erhielt von der Regierung des Kantons Tessin, welche Dufour die Ehrenbürgerschaft verliehen hatte, den Auftrag, ein Porträt in Marmor zu verfertigen. Das Werk entstand aus dem direkten Kontakt mit seinem Modell und erneuerte in seiner massvollen Idealisierung die Wertschätzung und Freundschaft, die Vela mit Dufour verbanden. Tatsächlich war der General ein illustrer Verteidiger des eidgenössischen Geistes - wie auch der Tessiner Bildhauer, der sofort bereit war, der Bedrohung durch die Sonderbundskantone entgegenzutreten, indem er als Freiwilliger zu den Truppen stiess, welche die Einheit der Eidgenossenschaft zu erhalten suchten.
Marmor, 1849, Bellinzona, Regierungspalast
«Ich schuf dieses Werk, ohne von jemandem eine Idee oder einen Auftrag dafür erhalten zu haben ...» - so äusserte sich Vincenzo Vela in einem Brief aus dem Jahre 1886 und legte damit den tief verwurzelten und eigenmotivierten Ursprung des Reliefs offen, das um so mehr ein erstaunliches Kapitel in der künstlerischen Laufbahn des Bildhauers darstellt, als es in seiner Spätzeit entstand. Vela war bereits über 60 Jahre alt, er hatte eine Niederlage hinsichtlich des Projekts «Das Mausoleum Braunschweig» erlitten und lebte nun im Kanton Tessin, wo ihm der stetige und nicht immer triumphale Widerhall der Bauarbeiten für den Gotthardtunnel (1872-82) in die Ohren drang. Unter solchen Voraussetzungen entstand die Idee, und es begann sogleich die Arbeit an diesem eindrucksvollen Hochrelief, das zu den ersten Monumenten in Europa gehört, die zu Ehren der «Arbeiterklasse» und der heilig-weltlichen Würde der Arbeit errichtet wurden.
Dargestellt werden zwei Bergarbeiter, auf einer Bahre tragen sie einen todgeweihten Arbeitskameraden aus dem Tunnel, wobei sie von zwei weiteren Arbeitern begleitet werden, die als stumme Zeugen der Tragödie beiwohnen.
Das Werk erscheint bitter und voller Kontraste, fast an der Grenze zur expressionistischen Verzerrung, gleichzeitig jedoch setzt es das über jede Aktualität und Chronik hinausgehende Drama mit Hilfe einer feierlich formalen Masshaltung um. Auf diese Weise wird das Relief zu einem mächtigen Ausdrucksmittel jener sozialen und humanitären Werte, für die Vincenzo Vela ein Leben lang gekämpft hatte.
Bronze, 1893, Rom, Galleria Nazionale d'Arte Moderna
Bronze, 1932, Airolo, Bahnhof
Das Standbild des Wilhelm Tell wurde dem Bildhauer durch Giacomo Ciani in Auftrag gegeben, der ein bedeutender Patriot, Bankier und Mäzen liberaler Gesinnung war. Des Weiteren nahm er aktiv an den bürgerlichen und politischen Kämpfen sowohl im Tessin als auch in der nahegelegenen Lombardei teil, welche unter österreichischer Herrschaft stand. Dieser wohl legendärste und populärste Held der Schweizerischen Eidgenossenschaft ragt von einem Felsen empor, der die Schweizer Berge symbolisieren soll, und zieht - unerschütterlich in der Verteidigung der Freiheit - den Pfeil als ein Zeichen der Herausforderung und des Sieges. Die Statue befand sich ursprünglich am Ufer vor dem Hotel du Parc (heute Palace Hotel), mit dem See zugewandtem Rücken, um in Richtung der Innerschweiz zu blicken. Auf diese Weise sollte die Loyalität des Kantons Tessin gegenüber der eidgenössischen Institution, dem Garanten der Werte von Freiheit und Unabhängigkeit, ausgedrückt werden.
Stein, 1856, Lugano, Riva Albertolli (ehemals Lugano, Riva Tell)