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Karten, welche politische Positionen auf zwei Dimensionen darstellen, bringen vielerorts das Blut in Wallung. Das haben die Reaktionen auf die von der Berner Zeitung BZ am 19.10. veröffentlichte smartsmap einmal mehr bestätigt. Im eher dürftigen Begleittext, den wir nie zu Gesicht bekamen, fehlten leider einige Informationen, welche zur Beruhigung der Situation beigetragen hätten. Diese reichen wir im Folgenden kurz nach.
Im Wesentlichen bleibt uns der BZ-Artikel drei Fragen schuldig:
- Welche Methode wurde verwendet?
- Wie steht es um die relative Bedeutung der beiden gezeigten Dimensionen?
- Was lässt sich über den Inhalt (und somit die Benennung) der beiden Dimensionen sagen?
Zur ersten Frage (Methode): Die Analyse verwendet als Methode das “W-Nominate”-Modell. Dabei handelt es sich um ein etabliertes, aus der Analyse der US-amerikanischen Politik stammendes Verfahren, welches einerseits in der Schweizer Politikwissenschaft, andererseits seit dem letzten Jahr auch im Links-rechts-Rating der NZZ Anwendung findet (in letzterem Fall wird die eindimensionale dynamische Variante der Methode verwendet).
Zur zweiten Frage (Relevanz der Achsen): Die beiden Dimensionen weisen eine extrem unterschiedliche Relevanz auf. Dazu zwei Masse, welche bei der Einschätzung der Güte des gerechneten Modells helfen sollen:
- Der Anteil korrekt klassifizierter Fälle liegt, wenn man ausschliesslich die 1. Dimension (“links-rechts”) betrachten würde, bei 91.8%. Ein sehr hoher Wert, der wenig Spielraum nach oben offen lässt. Nimmt man auch die 2. Dimension (“liberal-konservativ”) in die Betrachtung auf, erhöht sich der Anteil nur unwesentlich auf 93.8%.
- Zur weiteren Beurteilung der Modellgüte kann auch das sogenannte APRE-Mass herbeigezogen werden (= proportionale Fehlerredukion). Die APRE-Kennzahl dient der Beurteilung der Vorhersagekraft des Modells: Wie gut fällt die geschätzte Position auf der politischen Karte aus, wenn man das Stimmverhalten kennt? Das Mass kann Werte zwischen 0 (kein Zusammenhang) und 1 (absoluter Zusammenhang) annehmen. In der vorliegenden Berechnung liegt der APRE-Wert für die 1. Dimension bei 0.76, der kombinierte Wert für die 1. und 2. Dimension bei 0.82. Also auch hier trägt der Beizug der 2. Dimension eher unwesentlich zur Verbesserung der Schätzung bei.
- Weniger für die Modellgüte, aber zur Einschätzung der Dimensionalität der analysierten Daten kann man sich zusätzlich den sogenannten Scree-Plot der Eigenwerte anschauen, welche sich aus einer Singulärwertzerlegung (Hauptkomponentenanalyse) ergeben (vgl. Abbildung unten). Auch hier ist der Befund ziemlich eindeutig: Die erste Dimension weist gegenüber allen weiteren eine riesige Bedeutung auf.
Das Fazit muss also lauten: Das Stimmverhalten im Nationalrat spielt sich im Wesentlichen auf einer einzigen Achse ab: links gegen rechts.
Nun zur dritten Frage, diejenige nach den politischen Inhalten: Ziemlich klar ersichtlich, intuitiv verständlich und kaum in Zweifel gezogen werden die Resultate der Links-rechts-Achse. Unklar ist die inhaltliche Bedeutung der zweiten Achse, welche man gemeinhin als “konservativ vs. liberal” bezeichnet (oder “konservativ vs. reformorientiert” oder “konservativ vs. progressiv” etc.). Die Frage ist, ob es im Lichte der Antwort auf die zweite Frage oben überhaupt eine sinnvolle inhaltliche Interpretation gibt.
Wie in einem früheren Blog-Beitrag bereits vermutet (nicht bewiesen), dürfte im Zuge einer “Liberalisierung” von Teilen der politischen Mitte, welche in gesellschaftspolitschen Fragen ehemals eine konservative Orientierung aufwies, und aufgrund der Tatsache, dass die in diesem Bereich gefundenen politischen Lösungen (Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch, Einführung der eingetragenen Partnerschaft, aber auch aussenpolitische Fragen wie der Uno-Beitritt) im Parlament kaum mehr ein Thema darstellen, die ursprüngliche Liberal-konservativ-Dimension stark an Bedeutung eingebüsst haben.
Was übrig bleibt, das ist ein Konglomerat aus u.a. ein paar wenigen unheiligen Allianzen (SP, Grüne und SVP gegen den Rest), ein paar wenigen wirtschaftsliberalen Forderungen, bei welchen sich FDP und GLP gegen den Rest stellen, sowie sicher auch eine Anzahl rein strategische Übungen im Rahmen von Detailabstimmungen.
Ob und wie man diese Achse dann genau benennen will, darüber kann man sich lange den Kopf zerbrechen. Die Alternativen überzeugen manchmal auch nur auf den ersten Blick: In diesem Beispiel von Michael Hermann z.B. werden streng genommen keine statistischen Dimensionen benannt, sondern lediglich Labels im Raum verteilt. Das kann zur Orientierung hilfreich sein. Wenn man sich aber fragt, was die beiden Pfeile oben gemeinsam haben, dann ist es wieder das “Liberale” und unten entsprechend das (Sozialstaats- oder National-) “Konservative”. Die Darstellung verschleiert zudem etwas, dass die SVP auf der echten, statistisch definierten 2. Achse (also die Vertikale) auf gleicher Höhe mit Links-grün liegt und sogar etwas höher als die CVP (so vermittelt das Bild zumindest den Eindruck). Auch darüber liesse sich treffend debattieren.
Fazit: Mit einer Landkarten-Darstellung der politischen Positionen erheischt man viel Aufmerksamkeit. Unverständnis und Misinterpretationen liessen sich nur vermeiden, wenn man sich auf die Links-rechts-Positionen beschränken würde, ganz egal welche Methode und welche Achsenbeschriftungen man wählt.