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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Früher geschah es beim Durchsuchen von Bibliotheksbeständen oder beim Blättern durch Lexika, heute passiert es mir, wenn ich das Internet auf der Suche nach Informationen durchstöbere. Ich stosse auf einen Begriff, den ich nicht kenne und den ich auch nicht gesucht habe. Er weckt mein Interesse, und schon finde ich neue Impulse, habe neue Erkenntnisse, sehe neue Zusammenhänge und lese Erläuterungen. Ich lerne einfach hinzu.
Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert. Ich habe mich mit dem Aspekt des Zufalls beschäftigt.
Für Anatole France, französischer Literat (1844-1924), war der Zufall das Pseudonym für Gott. Ich will nicht so weit gehen, die Brüder Grimm definieren in ihrem Wörterbuch: „Zufälle sind Vorfälle, die unversehens kommen“, und setzen hinzu: „Der Zufall bezeichnet das unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht.“
Das ist höchst interessant, denn der Begriff „Serendipität“, und dieser hat mein Interesse geweckt, ist im Duden, oftmals als „die Bibel“ der deutschen Sprache bezeichnet, in einer deutschen Übersetzung nicht zu finden; im PONS, ein Wörterbuch im gleichnamigen Sprachenverlag, der unter dem Dach des Verlages KLETT publiziert, entdecke ich „Serendipität“, auch die englische Übersetzung „serendipity“. Es bedeute „glücklicher Zufall“ („pleasant surprise“ oder „fortunate happenstance“) oder auch die zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem.
Habe ich zufällig den Zufall entdeckt? Es scheint so, denn es ist nicht nur so ein Begriff aus einer nicht deutschen Sprache. Meine Internet-Recherchen über die Herkunft des Wortes erwiesen sich als höchst spannend.
Bei Wikipedia wird betont, dass der Begriff nicht mit der Redewendung vom „glücklichen Zufall“ identisch, sondern damit eine darüber hinausgehende Untersuchung, eine intelligente Schlussfolgerung oder Findigkeit gemeint sei.
Dann stiess ich auf eine Bachelor-Arbeit „im Fachbereich BWL der Freien Universität Berlin (Institut für Management)“ aus dem Jahre 2011 von Philipp Bartole mit dem Titel „Serendipität“:
„Als Serendipität werden Entdeckungen bezeichnet, die nur durch Zufall in Kombination mit anderen Faktoren gemacht werden konnten. – Es wird argumentiert, dass Serendipität in der Wissenschaft nicht gemäss seiner Bedeutung gewürdigt wird und besonders in der Innovationsforschung nur marginal Beachtung findet. In Anbetracht zahlreicher unbekannter Faktoren im komplexen Prozess der Wissensbildung ist dies ein Versäumnis mit negativen Konsequenzen für das Verständnis der Entstehung neuen Wissens.“
(Quelle: http://www.amazon.de)
Es hatte mich gepackt. Jetzt wollte ich noch mehr wissen. Bei Wikipedia wird auf die Herkunft hingewiesen, der Begriff stamme von Horace Walpole, 4. Earl of Orford (1717-1797), in Anlehnung an ein persisches Märchen, und Serendip bzw. Sarandib sei eine alte von arabischen Händlern geprägte Bezeichnung für Sri Lanka, dem früheren Ceylon, und gehe auf den alten Sanskrit-Namen der Insel „Simhaladvipa“ zurück.
Ich habe während meiner Reise auf Sri Lanka viele historische Stätten besucht, der Name ist mir allerdings nirgendwo begegnet, wahrscheinlich deshalb, weil ich mich mehr im mittleren Bereich aufgehalten habe. Im nördlichen Bereich Sri Lankas und auch im südlichen Bereich von Indien ist der Volksstamm der Tamilen angesiedelt, und dort ist die Verbindung zu Sarandib zu finden. Um genauere Informationen zu erhalten, müsste ich mich in die interessante, komplizierte Historie dieses Gebietes vertiefen, wie sie unter http://dbsjeyaraj.com/dbsj/archives/6238 beschrieben wird. Möglicherweise war die Insel Sri Lanka für die arabischen Händler eine besonders attraktive zufällige Entdeckung gewesen.
Viele Entdeckungen und Erfindungen gehen auf Serendipität zurück, so die Entdeckung Amerikas, die Röntgenstrahlung, die Wirkung von Viagra auf die Sexualorgane, das Teflon bis zum LSD. Das bedeutet, dass der Begriff auch für die Ökonomie von Interesse ist, und das geht auf den Soziologen Robert K. Merton (1910-2003) zurück, der ein 1945 veröffentlichtes Werk „The Travels and Adventures of Serendipity“ betitelt hat.
Und so schliesst sich der Kreis, ausgehend von meinem Interesse an „Zufall“ über meine Reiseerfahrungen bis zu neuen Erkenntnissen, an die sich weitere Fragen anschliessen.
Die eine Frage ist, wie es möglich ist, dass solche zufälligen Erkenntnisse in den Gehirnen von Entdeckern, Wissenschaftlern oder Forschern aufkommen, was für Voraussetzungen gegeben sein müssen, und wie der Weg von der Erkenntnis zur Anwendung verläuft; und die andere Frage ist die immerwährende Diskussion um Zufall und Vorsehung (oder Notwendigkeit).
Fragen, die unter anderem in dem Buch von Stefan Klein „Alles Zufall“ besprochen werden, allerdings ohne den Begriff „Serendipität“ zu erwähnen. Der Autor sieht im Zufall „eine unendliche Folge von Ursachen und Wirkungen, die keine Zwangsläufigkeit erkennen lassen.“ (S.32) Und so führt der Autor den Leser über das Glücksspiel zur Physik, Evolution, Gehirnforschung und wieder zurück.
Er hat auch eine Erklärung dafür, dass manche Menschen so fest davon überzeugt sind, dass es den Zufall nicht gibt:
„Unserem Wesen entspricht es, zielgerichtet zu denken und zu handeln; wir können und wollen nicht glauben, dass sich das Universum so offensichtlich sinnlos verhält.“ (S.24)
Zufall sei in der Wissenschaft, das, worin keine Ordnung erkannt werden kann. Zufall im Alltag sei es, „wenn Ereignisse so zusammenfallen, dass wir darin einen Sinn sehen, obwohl dieses Zusammenfallen offenbar niemand angestrebt hat. Dies nennt man ‚Koinzidenz’, wir könnten auch von ‚unglaublichen Zufällen’ sprechen.“ (S.25)
Für den Autor wäre Gewissheit Hemmnis, die zu Stillstand führen würde. Das Buch endet mit dem folgenden Absatz:
„So bringen uns Zufälle dazu, die Luftschlösser in unseren Köpfen zu verlassen und in die Wirklichkeit aufzubrechen. Darum ist es nicht nur ein Abenteuer, dem Unvorhersehbaren im Leben mehr Raum zu verschaffen – es verändert zugleich uns selbst. Die Wahrnehmung wird schärfer, wir erlangen ein anderes Zeitgefühl: Der Zufall lehrt uns Achtsamkeit. Hier liegt der grösste Gewinn, den er uns beschert. Überraschungen machen uns empfänglich für die Gegenwart – und ist das Jetzt nicht alles, was wir haben? Sich dem Zufall öffnen heisst lebendig sein.“ (S.331)
Vorsehung und Notwendigkeit passen da nicht hinein. Wie und worin sollten sie auch begründet sein? Unser Leben ist in seinem Ablauf nicht vorbestimmt! Ich bin dem Zufall gefolgt und habe Serendipität gefunden, ganz ohne Vorsehung und Notwendigkeit, so wie Sie sich diesem Artikel gewidmet haben!
Quelle
Klein, Stefan, Alles Zufall – Die Kraft, die unser Leben bestimmt, Verlag Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2004, 2. Auflage.