Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/1795

Am 2. September 1883 war man in Österreich teilweise erfreut, teilweise enttäuscht. Erfreut, weil Kronprinzessin Stephanie ein Kind zur Welt gebracht hatte. Enttäuscht, weil es „nur“ ein Mädchen war: Erzherzogin Elisabeth Marie. Sie wurde später als Die rote Erzherzogin bekannt; so heisst auch ein Buch von Friedrich Weissensteiner (jetzt bei buchplanet.ch).
Eine besonders glückliche Kindheit hatte die kleine Elisabeth Marie nicht. Als sie fünf Jahre alt war, nahm sich ihr Vater, Kronprinz Rudolf, in Mayerling das Leben. Mutter Stephanie, ihrem Mann längst entfremdet und unglücklich am Wiener Hof, überliess das Kind einer Erzieherin und ging auf Reisen. 1900 machte sie sich durch ihre unstandesgemässe Heirat mit dem ungarischen Grafen Elemer Lonyay bei Hofe vollends unmöglich. Erzsi, wie ihre Tochter genannt wurde, erkor sich den Prinzen Otto Windisch-Graetz zum Gatten – zwar auch nicht ganz standesgemäss, aber Kaiser Franz Joseph konnte seiner Lieblingsenkelin nichts abschlagen… Glücklich wurde die Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen, übrigens nicht. Nach dem Ersten Weltkrieg (als die Habsburger nicht mehr auf die Meinung der Öffentlichkeit Rücksicht zu nehmen brauchten: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!) liess Erzsi sich von ihrem Mann scheiden. Durch die Freundschaft und spätere Ehe mit dem Lehrer Leopold Petznek fand die Kaiserenkelin nicht nur ein spätes Glück, sondern auch – immerhin äusserst ungewöhnlich für eine Habsburgische Erzherzogin – Zugang zur Sozialdemokratie. Sie starb still und leise am 16. März 1963.
Erzherzogin Elisabeth Marie war eine würdige Enkelin ihrer Grossmutter und Patin; wie Kaiserin Elisabeth war auch sie eine starke, eigenwillige Frau, die ein unkonventionelles Leben führte.