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Indische Kultur
|[Jyotish] [Panchang] [Nakshatras] [Thitis]|
In den über
6000 Jahre alten Veden wird zwar die Astrologie nicht ausdrücklich erwähnt,
trotzdem werden die Veden als die Grundlage der indischen Astrologie angesehen.
Die Veden sind die ältesten Texte der hinduistischen Tradition, welche
überliefert wurden. Sie sind wiederum in vier Teile gegliedert, worunter
die Rigveda der älteste ist. Sie wurden lange nur mündlich weiter
gegeben, erst im 19. Jh wurden sie nieder geschrieben. Die wichtigsten heiligen
Schriften sind nebst den Veden die Upanishaden, die Brahmasutras und die Bhagavadgita.
Es gibt das schöne Bild, dass Jyotish die Augen der Veden sind, mit welchen der richtige Augenblick für alles Handeln gesehen werden kann. In dem Sinne ist es keine fatalistische Lebenshaltung, wenn die Astrologie verwendet wird. Damit wird aktiv versucht, im Einklang mit den kosmischen und auch vedischen Gegebenheiten zu leben.
Der Hinduismus hat in seiner Geschichte viele Reformen durchgemacht und konnte immer neue Strömungen aufnehmen, ohne das bisherige zu verleugnen. Wenn neuere Ideen und Gedanken bisherigen widersprachen, wurden die alten nicht für ungültig erklärt, sondern einfach in der Bedeutung zurückgestuft. So hat schon mancher hinduistische Gott oder Göttin ein auf und ab in der Karriere erlebt, auch dass ihm oder ihr andere Hoheitsgebiete zuerkannt wurden. Im Vergleich zur christlichen Kultur hat der Hinduismus bessere Chancen, in der heutigen von der globalen Wirtschaft und Technik geprägten Welt seine Bedeutung nicht (ganz) zu verlieren.
Für ein ausgeglichenes Leben sind vier Lebensziele, die Purusarthas, zu erreichen. Keines davon darf übertrieben oder vernachlässigt werden. Es sind dies Dharma (Gerechtigkeit), Artha (Erwerb materieller Dinge), Kama (Erfüllung der Begierden) und Moksha (Erlösung).

Parallel dazu ist das Leben in vier Abschnitte (Asrama) geteilt. Im ersten, dem Brahmacarya, geht es um die Bildung. In dieser Zeit soll der Mensch bescheiden, sparsam und auch enthaltsam Leben. Im zweiten Abschnitt, dem Grhastha, geht es um Familiengründung und dem Erwerbsleben. In diesem zentralen Abschnitt ist auch die gesellschaftliche (soziale) Anteilnahme sehr wichtig. Im dritten Abschnit, dem Vanaprastha, geht es um den Rückzug aus der familiären und auch wirtschaftlichen Verantwortung, Pilgerfahrten sind jetzt angebracht. Im vierten Abschnitt, dem Sannyasa, geht es um die Entsagung, dem Lösen vom irdischen Leben. Kein Lebensabschnitt darf übersprungen werden, sonst droht ihm Unheil!
Sämtliche Lebensbereiche sind von der hinduistischen Religion geprägt. Das ist in dem Sinne zu verstehen, dass kein Lebensbereich von einem Hindi isoliert betrachtet werden kann. Einen starken Einfluss hat dazu der Glaube an Karma (Gesetz von Ursache und Wirkung) und Wiedergeburt. Es sind verschiedene, von den Veden und den nachfolgenden Überlieferungen abgeleitete Lehren entstanden, welche z.B. von den religiösen Riten, der Gesundheit (Ayurveda), dem Wohnen (Vastu), der Lehre vom richtigen Zeitpunkt (Jyotish; Astrologie), der Lehre vom Lieben (Kamasutra), der Musik, der Bewegung usw. handeln.
|Ein Sadhu - ein heiliger Mensch auf Pilgerschaft|
Vor allem in den ländlichen Gegenden hat das Kastensystem nach wie vor einen starken Einfluss. Traditionell gehört ein Astrologe der höchsten Kaste, den Brahmanen (Priester) an. Einen Astrologen um Rat zu fragen, kostet etwas und das schliesst schon sehr viele Inder davon aus, für wichtige Entscheide oder vor wichtigen Ritualen (z.B. Hochzeit) auch einen guten Astrologen für die Wahl eines günstigen Zeitpunktes beizuziehen. Es gehört zum Alltag, dass Astrologen, Handleser und auch Orakeldeuter ihre Dienste auf dem Marktplatz anbieten.

Der Panchang
Kalender nimmt im Alltag eines indischen Astrologen eine wichtige Stellung ein.
Da die genaue Geburtszeit oft nicht verfügbar ist, wird mit der Stundenastrologie
und dem Panchang gearbeitet.
Unabhängig davon nimmt die Deutung eines Radix einen viel kleineren Stellenwert ein als bei uns im Westen, wo die psychologische Deutung eines Geburtshoroskopes dominiert. Die Fragen sind meist konkreter Natur, so dass häufig ein Prasna (Fragehoroskop) oder ein Muharta (Elektionshoroskop) gestellt wird.
Im Mittelpunkt stehen meist Fragen zu Vorhaben, welche im Einklang mit den Göttern umgesetzt werden sollen. Eine Geschäftseröffnung, eine Einweihung oder eine Grundsteinlegung wird nicht dem Zufall und einem freien Platz im Terminkalender überlassen, diese Zeitpunkte werden sorgfältig gewählt, damit die Sache auch den gewünschten Ausgang nimmt.
Die meisten Ehen in Indien werden nach wie vor nach astrologischen Gesichtspunkten im voraus arrangiert. Es ist für einen indischen Astrologen eine bedeutende Aufgabe, die nach astrologischen Gesichtspunkten beste Auswahl aus möglichen Partnern zu empfehlen.
Die ländliche
Bevölkerung ist noch viel stärker in der mythischen Bewusstseinstufe
verankert als vergleichsweise die städtische Mittelschicht, um die Einteilung
nach Jean Gebser zu verwenden. Die Mittelschicht wächst immer mehr in die
individuelle Bewusstseinstufe hinein, welcher bei uns ein grosser Teil der Bevölkerung
angehören. Aus der Sicht des Hinduismus ist es kein Widerspruch, eine rational
handelnde Person zu sein und dennoch einen mythischen Glauben zu haben. Das
ist speziell ein Problem des Christentums, welches sich als unfehlbar betrachtet
und die absolute Wahrheit für sich beansprucht und somit in vielen Widersprüchen
zu Erkenntnissen der modernen Welt steht. Der Hinduismus kann viel besser mit
Gegensätzen umgehen; auch gibt es darin eine sehr alte Tradition von philosophischen
Disputen, welche rationale Argumente zulässt.
In der mythischen Ebene erlebt sich ein Mensch noch nicht als unabhängig handelndes Individuum; er orientiert sich an dem, was "man" macht, wie "es" sich gehört usw. Seine Masstäbe sind kollektiv. In dieses Bild gehört auch der religiöse Glauben mit Göttern, welche man ja nicht verärgern will und denen man ihre ihnen zustehenden Opfer bringt. In dem Sinne wird die Astrologie in Anspruch genommen, um einen den Göttern gefälligen Zeitpunkt für ein Vorhaben zu wählen.
Wer mehr in der individuellen Stufe verankert ist und auch die Astrologie benutzt, hat dazu andere Beweggründe. Er macht es nicht den Göttern zu liebe, sondern weil er einfach aus Erfahrung anerkennt, dass jede Zeit ihre Qualität hat und ein Vorhaben je nach Zeitqualität unterschiedlich erfolgreich ausfällt. Solch eine Person richtet sich viel direkter nach den astrologischen Gegebenheiten und anerkennt auch, dass es noch etwas gibt, das über das persönliche Individuum (Ego) hinausgeht. Dies gilt genauso für im Westen lebende Menschen.
Natürlich ist für die Astrologie auch ein Gott zuständig: Ganesh, der Gott der Weisheit und der Beseitigung aller Hindernisse. Dieser vierarmige Gott mit dem Kopf eines Elefanten und nur einem Stosszahn ist sehr populär und wird auch sehr häufig angerufen. Bevor irgend etwas unternommen wird, wird zuerst Ganesh gehuldigt, selbst vor oder zur Einleitung anderer religiösen Rituale.

Ganesh
Der Affengott Hanuman unterstützt den Astrologen mit seiner Weisheit und auch übersinnlichen Kräften. Er beschützt einem vor negativen Planeteneinflüssen, vor allem von Saturn (Sani).

Hanuman
© Rolf Baltensperger 8/2001