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Odysseus der Lügner
Zachary Mason: “Die verlorenen Bücher der Odyssee” (Roman)
Was-wäre-wenn-Geschichten üben oft einen eigentümlichen Reiz auf die Leserschaft aus. Auch Zachary Mason hat sich in seinem Debüt eines Klassikers angenommen, um ihn komplett umzudichten. Eine vielversprechende Idee, bei deren Umsetzung es leider ein wenig gehapert hat.
Von Lisa Letnansky.
Was wäre, wenn Penelope längst wieder geheiratete hätte, als Odysseus nach zehnjähriger Irrfahrt nach Hause kam? Was wäre, wenn Odysseus zwischenzeitlich in einer Heilanstalt gelandet wäre? Was wäre, wenn er eigentlich gar kein listiger Kämpfer, sondern nur ein listiger Feigling gewesen wäre? Ja, was wäre dann eigentlich? Zachary Mason kann uns diese Frage leider auch nicht beantworten. Zwar gibt sich der Computerspezialist in seinem Debütroman erhebliche Mühe, einen antiken Mythos bis auf die Grundfesten zu dekonstruieren und in aberwitzigen Einfällen neu aufzubauen; bedauerlicherweise scheint er aber den roten Faden der Ariadne vor den Toren des Geschichten-Labyrinths vergessen zu haben, in das er seine Leser führt.
In 44 teils längeren, teils nur eine Seite kurzen Kapiteln erzählt Mason, wie die Odyssee auch hätte ablaufen können. Dabei bedient er sich eines gebräuchlichen Tricks. In der historischen Stadt Oxyrhynchos seien präptolemäische Papyrusrollen ausgegraben worden, die „die verlorenen Bücher der Odyssee“ enthielten, und Mason – der Übersetzer – mache diese nun einer breiten Leserschaft zugänglich. Nun handelt es sich dabei tatsächlich weniger um Bücher, sondern eher um kleine Prosaskizzen oder Abschweifungen, die in dieser Form höchstens einen Altphilologen wirklich interessieren dürften. Der gemeine Leser vermisst den Zusammenhang, die Bedeutsamkeit der Texte. Alle paar Seiten setzt Mason an einem beliebigen Punkt in der Odyssee oder der Ilias an, um diese anscheinend so lange weiterzuspinnen, bis er das Interesse daran verliert. Der Leser tut dies meist schon früher.
Medusa, der Golem und Alice im Wunderland
Besonders gern erzählt Mason die bekannte Geschichte aus einer neuen Perspektive. Und die Episoden, in denen der Zyklop Polyphem oder der Schweinehirt Eumaios zu Wort kommen, sind tatsächlich ziemlich originell. Aber wenn ihm die Ideen ausgehen, lässt er sich nicht etwa selbst was ganz Neues einfallen, sondern bedient sich einfach bei weiteren mythischen oder weltliterarischen Stoffen. Medusa, ein Werwolf, Theseus, ein Golem und Alexander der Grosse halten Einzug in die verlorenen Bücher, und bei einigen Szenen fühlt man sich unweigerlich an zeitgenössische Filme wie „What Dreams May Come“ (als Odysseus seine Frau im Totenreich aufsucht) oder Bücher wie „Alice in Wonderland“ (die Odyssee als Handbuch für eine komplizierte Variante des Schachspiels) erinnert.
Auch hinter die formalen Absichten des Buches mit der trügerischen Bezeichnung „Roman“ auf dem Cover steigt man erst nach beinahe 100 Seiten. Denn dort befindet sich die Kerngeschichte, die „Ilias des Odysseus“. Darin erzählt Mason, dass der listige Kämpfer eigentlich nur ein listiger Feigling gewesen ist, der sich vor jeder Auseinandersetzung gedrückt hat. Bei der entscheidenden Schlacht vor Troja hat er sich dann einfach aus dem Staub gemacht und zog als herumreisender Sänger von Stadt zu Stadt. In dieser Funktion soll er dann die vielen Geschichten über das Trojanische Pferd, die Zauberin Circe und das Meeresungeheuer Scylla erfunden haben, die Homer später zu einem Epos zusammentrug. Um diese Geschichte herum sind wahllos verstreut eben jene Lieder (oder Gesänge, wie die Kapitel auch in Homers Odyssee heissen) angeordnet, deren Form nun immerhin einen Sinn zu haben scheinen.
Übungen in Creative Writing
Als „postmodernes Spiel“, als das sie vor allem von der amerikanischen Kritik in den Himmel gelobt wurden, haben die verlorenen Bücher zwar wirklich einen gewissen Reiz. Die Dekonstruktion des Mythos und des Helden ist Mason sicherlich gelungen, doch mit welchem Mehrwert? In seinen Skizzen spielt er mit allen denkbaren Genres, sie sind mal witzig, mal gruselig, mal kafkaesk, mal gewohnt mythisch, mal romantisch, mal skurril, zuweilen ziemlich poetisch, sogar eine Science-Fiction-Geschichte fehlt nicht. Das ist zwar einigermassen abwechslungsreich, hat aber leider den unangenehmen Nebeneffekt, dass sich das Endprodukt streckenweise wie das Übungsheft eines fleissigen Schülers eines Creative-Writing-Kurses liest.
In einem Interview mit der Washington City Paper hat Mason dann auch zugegeben, dass er für sein Buch fast nichts recherchiert habe. Nicht einmal Homers Odyssee habe er nochmals gelesen (das merkt man leider), seine Erinnerungen aus der Schulzeit hielt er für eine geeignete Grundlage für sein Vorhaben. Sein nächstes Buch soll sich nun in ähnlicher Manier Ovids „Metamorphosen“ annehmen. Wir hoffen, dass er diese vorher wenigstens noch einmal überfliegt.
Titel: Die verlorenen Bücher der Odyssee
Autor: Zachary Mason
Übersetzerin: Martina Tichy
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 230
Richtpreis: CHF 32.90