Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03432.jsonl.gz/2617

Der Begriff P. wurde 1865 vom brit. Naturforscher John Lubbock geprägt. Er bezeichnet die überaus lange urgeschichtl. Epoche vor dem Aufkommen der ersten Viehzüchter und Ackerbauern. Die Steinzeit wurde zunächst über die Werkzeugtechnologie definiert: Das P. war das Zeitalter des behauenen Steins, das Neolithikum dasjenige des geschliffenen Steins. Heute werden die beiden Perioden über die unterschiedl. Lebensweisen der Menschen definiert: Im P. lebten umherziehende Wildbeuter, die ihre Nahrung hauptsächlich durch Jagd, Fischerei oder Sammelwirtschaft beschafften, während die Menschen im Neolithikum sesshaft wurden und sich Ackerbau und Viehzucht zuwandten. Das Mesolithikum war die Übergangsphase vom Paläo- zum Neolithikum.
In Europa erscheint der Mensch später als in Afrika oder im Nahen Osten. Das europ. P. liegt ausschliesslich im Quartär, in der klimatisch sehr instabilen letzten Periode der Erdgeschichte. Die dem P. entsprechende geolog. Stufe, das Pleistozän, verzeichnete über 20 Glazial- und Interglazialzyklen, welche die Entstehung riesiger Kontinentalgletscher auslösten (Eiszeiten). Diese period. Klimaphänomene haben in den gebirgigen Regionen, insbesondere in der Schweiz, zu einem Wechsel von Aufschüttungen und Abtragungen geführt, so dass die ältesten paläolith. Spuren fast gänzlich verschwunden sind. Die Urgeschichte der Schweiz ist daher verhältnismässig stark durch die Schwankungen des Klimas beeinflusst.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Das P. der Schweiz und der angrenzenden Regionen kann in vier Hauptphasen unterteilt werden: Ur- oder Früh-, Alt-, Mittel- und Jungpaläolithikum. Das Urpaläolithikum beginnt mit dem Erscheinen des Menschen im Rhein- und im Rhonebecken vor vermutlich 1,5 Mio. Jahren. Die Kulturen zeichnen sich durch grob retuschierte Abschläge oder durch ein- oder zweiseitig behauene Gerölle aus. Die als Geröll-Kultur (engl. pebble culture) bezeichnete Epoche entspricht dem Alt-Pleistozän; ihr Ende wird meist bei einer grossen paläomagnet. Veränderung im Quartär vor ca. 780'000 Jahren angesetzt. Die ältesten in Europa zu Tage getretenen menschl. Überreste - solche wurden bis zu Beginn des 21. Jh. nur in Italien und in Spanien entdeckt - stammen aus dem Ende dieser Epoche. Es handelt sich um eine archaische Form des homo erectus des europ. Typs, der mit dem Gattungsnamen homo antecessor bezeichnet wird.
Im Altpaläolithikum (vor ca. 800'000-300'000) wurden ursteinzeitl. Geräte weiterhin verwendet, während gleichzeitig die ersten Faustkeilkulturen des Acheuléen auftraten. Diese Epoche entspricht erdgeschichtlich dem mittleren Pleistozän sowie der Entwicklung der ersten Präneandertaler, die unter dem allg. Typus des Menschen von Mauer oder homo heidelbergensis zusammengefasst werden.
Im Mittelpaläolithikum (vor ca. 300'000-35'000) entwickelte sich eine neue Art und Weise der Steinbearbeitung, die sog. Levalloistechnik. Die Form der Abschläge wurde geplant, so dass sie gar nicht mehr bearbeitet oder nur minimal retuschiert werden mussten. Die Werkzeuge konnten so schneller hergestellt werden und wurden leichter. Die lange Zeitspanne des Mittelpaläolithikums wird unterteilt in ein frühes Mittelpaläolithikum (Präneandertaler) und ein spätes Mittelpaläolithikum (klass. Neandertaler), das mit dem Beginn der vorletzten grossen Zwischeneiszeit vor ca. 130'000 Jahren einsetzt. Nur das späte Mittelpaläolithikum, das eine ganze Kulturgruppe unter der allg. Bezeichnung Moustérien umfasst, ist in der Schweiz gut belegt.
Das Jungpaläolithikum (ca. 35'000-12'000 v.Chr.) ist die Epoche des modernen Menschen (homo sapiens sapiens). In Europa tritt der Typ Cro-Magnon auf, der in der letzten Eiszeit verschwindet. Das Jungpaläolithikum wird oft als Rentierzeit bezeichnet, da die Menschen v.a. Rentiere jagten. Das Ende des Jungpaläolithikums, die Phase nach dem Verschwinden des Rens zwischen 12'500-12'000 v.Chr., wird daher abgetrennt und als Spätpaläolithikum bezeichnet. In der Schweiz sind keine Kulturen aus der ersten Phase des Jungpaläolithikums bekannt; die Erosionen des letzten grossen Gletschervorstosses, dessen intensivste Phase ca. 22'000-18'000 v.Chr. stattfand, haben alle Spuren beseitigt. Die letzte paläolith. Kultur der Rentierjäger, die Magdalénienkultur (18'000-12'000 v.Chr.), ist daher die einzige gut belegte Kulturgruppe des Jungpaläolithikums in der Schweiz. Südlich der Alpen ist das Magdalénien nicht bekannt; an seiner Stelle finden sich Kulturen des Epigravettien. Abgesehen von der starken Diversifizierung der Steinwerkzeuge, die durch die systemat. Verwendung von Klingen leichter wurden, bestimmten die Entwicklung von Gerätschaften aus Knochen, Elfenbein oder Geweih, das Auftreten der Kunst sowie die systemat. Verwendung von Schmuck das Jungpaläolithikum.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Obwohl die Spuren der ältesten Kulturen heute verschwunden sind, lassen mehrere Hinweise vermuten, dass Menschen schon vor 500'000 Jahren im Gebiet der Schweiz lebten. Die ältesten zeitlich gesicherten Spuren von Menschen in der Nähe der Landesgrenzen finden sich in Frankreich (Saône-Rhone-Korridor, Auvergne, Provence) und in Italien (Poebene); die allerersten Fundplätze reichen mehr als 1 Mio. Jahre zurück. Meist handelt es sich dabei um Freilandstationen in der Nähe einer Wasserstelle. Im Norden der Elsässer Ebene, in Achenheim (Dep. Bas-Rhin), wurden behauene Gerölle gefunden, die gemäss geolog. Untersuchungen mehr als 500'000 Jahre alt sind. Im elsäss. Sundgau bezeugen einige Einzelfunde die Begehung des Juras zu einer sehr frühen Zeit. Zahlreiche behauene Gerölle wurden auch in der Nordwestschweiz und in der Gegend von Burgdorf entdeckt, doch ihre Datierung ist unsicher.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
In der Schweiz ist die Acheuléenkultur nur durch wenige typ. Fundstücken vertreten. Diese wurden zufällig entdeckt und zogen keine Kontrollgrabungen nach sich. Der besonders wuchtige, 1974 am Südhang einer Hochterrasse des Rheins entdeckte Faustkeil von Pratteln ist morphologisch mit den Faustkeilen des franz. Alt-Acheuléen vergleichbar. Sein Alter wird aufgrund der statigraf. Lage und seiner Gestalt auf mind. 400'000 Jahre geschätzt. Der Faustkeil von Schlieren wurde 1954 gefunden. Bei seiner Entdeckung wurden keine weiteren Beobachtungen gemacht. Er ist gross, hat eine schmale Spitze, konkave Ränder und eine unvollendete Basis. Aufgrund seiner Konservierung stammt er wohl aus einer Acheuléen-Station und wurde gar nicht oder kaum transportiert.
Der homo antecessor und seine Nachkommen, die Präneandertaler, haben sich im Verlauf des Altpaläolithikums langsam entwickelt. Die geschickten Jäger konnten grosse Tiere erlegen. Sie lebten in kleinen Gruppen und lagerten entweder im Freien, an erhöhter Lage mit guter Übersicht, oder im Schutz von Grotten- und Höhleneingängen in der Nähe einer Wasserstelle. Ein wichtiger Entwicklungsschritt war der Gebrauch des Feuers vor ca. 400'000 Jahren. Von da an ist eine Organisation des Lagerplatzes zu beobachten. Der Mensch errichtete einfache Behausungen mit einer Feuerstelle; spezielle Bereiche für die Steinbearbeitung sind erkennbar, ebenso eine klare Trennung zwischen Innen- und Aussenraum. Die nomadisierenden Jäger hielten sich nur kurze Zeit an den Stationen auf, was die geringe Anzahl der Funde erklärt.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Das Mittelpaläolithikum ist die erste Periode der Urzeit, dessen Fundstellen und Stationen über die ganze Schweiz verteilt sind, wobei der Übergang vom Altpaläolithikum zum Mittelpaläolithikum kaum bekannt ist. Einige schwierig zu datierende Freilandstationen bzw. Einzelfunde von Faustkeilen des Micoquien-Typs im Fricktal (Möhlin, Zeiningen, Magden) könnten dieser Zeit angehören. Die Fundstellen des jüngeren Mittelpaläolithikums sind durch die eindeutig überwiegende Verwendung von Abschlägen zur Herstellung der Werkzeuge gekennzeichnet. Für gewöhnlich werden all diese Geräte unter der Bezeichnung Moustérien geführt. Der Kulturkomplex des Moustérien wird üblicherweise anhand der Abschlagtechniken und des Mengenverhältnisses bestimmter Werkzeuggruppen in Fazies unterteilt. Erst vor etwa 80'000 Jahren wurden die Fundstellen in Frankreich, im unteren Rhonetal, relativ zahlreich. Die grösste Verbreitung der Moustérien-Gruppen liegt zeitlich kurz vor deren Verschwinden vor ca. 50'000-35'000 Jahren. Zu dieser letzten Periode gehören zweifellos die meisten Fundstellen in der Schweiz. Ein paar schwer zu datierende Freilandstationen weisen jedoch typolog. Kennzeichen auf, die an ältere Gruppen des franz. Rhonetals erinnern.
Die Fundstellen des Moustérien lassen sich in drei Hauptgruppen aufteilen: die Freilandstationen im Nordwesten, die Lagerplätze in Höhlen und unter Abris im Jura und schliesslich die Höhenstationen in den alpinen Regionen. Die Freilandstationen sind selten und auf den Jurabogen beschränkt. In der Region Basel liegen sie auf den Rändern der Mittel- und Oberterrassen von Rhein und Birs, auf Höhen zwischen 300 und 350 m. Es handelt sich dabei um kurz benutzte Rast- oder Lagerstellen von Jägern entlang der Flüsse, v.a. an Einmündungen von Nebentälern. In der Gegend der Löwenburg lieferten Kalkaufschlüsse einen Silex von sehr guter Qualität, aus welchem Jagdwaffen und für die Zerlegung der Beute geeignete Geräte hergestellt werden konnten. In der Nähe solcher Vorkommen richteten die Menschen des Moustérien häufig wichtige Lagerplätze ein. Der weitläufige Komplex von Lagerplätzen im Bereich der Löwenburg erfüllte vermutlich versch. Funktionen, denn die Fundstellen befinden sich an einer besonderen Stelle auf 570 m, auf einem Hügelsporn, der das Lützeltal überragt und ein kleines, gut besonntes und sanft gegen Süden abfallendes Plateau bildet. Wegen der günstigen topograf. Bedingungen und des Vorhandenseins von Silex einerseits sowie von Wasser und Wild andererseits, wurden die Wohnplätze möglicherweise - zumindest in der warmen Jahreszeit - schon dauerhaft benutzt. In der Gegend von Pruntrut fanden die Menschen des Moustérien ähnl. Bedingungen vor: Bei Alle-Noir Bois und Pré Monsieur konnten sie leicht erhöht über einem Fluss lagern (470 m) und sich mit Rohstoffen eindecken.
Die Lagerplätze in Höhlen oder unter Abris verteilen sich auf einer mittleren Höhenlage zwischen 350 und 700 m, mit Ausnahme einiger höher gelegener Höhlen wie der Grotte des Plaints (Gem. Couvet). Die Fundstellen sind weniger zahlreich als in der Franche-Comté, in der bei La Baume de Gigny der Referenzfundort des jurass. Moustérien liegt. Sie beschränken sich auf das Gebiet der Birs sowie auf die Ausläufer der Jurahöhen südlich von Neuenburg. Dort befindet sich die Höhle von Cotencher, die mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung noch immer die wichtigste Moustérien-Fundstelle in der Schweiz ist. Ihre reichhaltige Fauna setzte sich aus verschiedenartigen Tieren zusammen, die heute in keinem uns bekannten natürl. Milieu miteinander vorkommen. Dies weist auf ein Nebeneinander von diversen Landschaftsformen und unterschiedl. Ökosystemen auf verhältnismässig engem Raum hin, in dem die Kältesteppe in der Nähe einer bewaldeten Rückzugszone liegen konnte. Im Gegensatz zu den Freilandstationen weisen die Lagerplätze in Höhlen meist mehrere Belegungsperioden auf. Die von den Menschen des Moustérien hinterlassenen Spuren sind in der Regel nicht sehr zahlreich, zeugen aber von unterschiedlichsten Tätigkeiten.
In der Schweiz lassen die Überreste der Neandertaler trotzdem interessante Schlussfolgerungen zu: In diesem kleinen Gebiet sind mind. zwei Typen von Neandertalern vertreten, die vermutlich aufeinander folgten: ein mediterraner Typ, der auf ein Alter von rund 40'000 Jahre datiert wird (Cotencher), und ein viel robusterer klass. Typ aus der Zeit vor ca. 30'000 Jahren (Saint-Brais). Diese Neandertaler standen ganz kurz vor ihrem definitiven Verschwinden, und die Vermutung liegt nah, dass sie auf Territorien eine Restpopulation bildeten, die die Cro-Magnon, die Träger der neuen Kulturen des Jungpaläolithikums, noch nicht entdeckt hatten oder deren Besiedlung sie noch nicht für nötig hielten. Es besteht jedenfalls kein Zweifel, dass die letzten Neandertaler gleichzeitig mit den ersten modernen Menschen gelebt haben. Die Frage nach den Beziehungen, die sie zueinander unterhielten, bleibt in der europ. Urgeschichte allerdings weiterhin ungeklärt.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Bis zum Beginn des 20. Jh. herrschte die einhellige Meinung, die Alpen seien sehr spät besiedelt worden. Aus diesem Grund weckte Emil Bächlers Entdeckung eines hochgelegenen paläolith. Lagerplatzes im Säntismassiv 1904 beträchtl. Interesse. Die Grabungen in den Höhlen Wildkirchli und Drachenloch führten Bächler zu einer Theorie über altsteinzeitl. Bärenjäger, die einen Jagd- und Opferkult betrieben hätten, den sog. Bärenkult. Heute sind die meisten dieser Hypothesen aufgegeben worden. Es gilt als gesichert, dass diese Höhenstationen in erster Linie dem grossen Höhlenbären (Ursus spelaeus) als Unterschlupf dienten. Eine Anzahl Höhlen entlang des Alpenbogens, die auf unterschiedl. Höhen zwischen 600 bis über 2000 m liegen, sind im Mittelpaläolithikum jedoch von Menschen genutzt worden. Vier Gruppen von Fundorten lassen sich unterscheiden: die Säntisregion (Wildkirchli 1477 m, Wildenmannlisloch 1628 m und Drachenloch 2445 m), das Berner Oberland (Schnurenloch 1230 m, Chilchlihöhle 1810 m und Ranggiloch 1845 m), Hochsavoyen und die Gegend von Onnion (mehrere Höhlen auf rund 1200 m) und die Region von Orta in Como südlich des Tessins (Monfenera 670 m, Buco del Piombo 695 m).
Wegen der grossen Höhe und der starken Frostwirkung in den Sedimentschichten wurden die Gerätschaften durch natürl. Druck völlig verformt. Diese spezielle, auf natürl. Einwirkungen zurückzuführende Morphologie verlieh all diesen Funden ein ident. Aussehen, was zahlreiche Prähistoriker zur Annahme einer eigenständigen Kultur der Alpenregionen veranlasste, dem sog. alpinen P. oder alpinen Moustérien. All diesen alpinen Fundstellen ist die Dürftigkeit der Gerätschaften gemeinsam. Die Menschen verwendeten gewöhnlich das harte Felsgestein der näheren Umgebung; so sind die im Wildkirchli gehauenen Abschläge aus Quarziten von recht guter Qualität. Unter den erkennbaren Steingeräten befinden sich Levallois-Abschläge, Schaber, sowie gekerbte und gezähnte Stücke. Es handelt sich sicherlich um eine Moustérien-Kultur, doch das Material reicht nicht aus, um die Gruppe zu bestimmen.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
In den grenznahen Regionen der Schweiz, in Frankreich und in Süddeutschland, beginnt das Jungpaläolithikum ca. 35'000 Jahre v.Chr. Mit Ausnahme des auf Frankreich beschränkten Châtelperronien, das die letzte Kultur der Neandertaler zu sein scheint, sind alle folgenden Kulturen typisch für den Cro-Magnon-Menschen (homo sapiens sapiens). In der Schweiz beschränkt sich das Jungpaläolithikum auf das Magdalénien (18'000-12'000 Jahre v.Chr.). Allerdings muss das Rheintal im Norden zu Beginn des Jungpaläolithikums eine bevorzugte Durchgangszone zwischen dem Donauraum und Westeuropa gewesen sein. Das Aurignacien und das Gravettien sind jedenfalls im grenznahen Gebiet nördlich von Schaffhausen, im schwäb. Jura, gut belegt.
Die meisten Fundstellen des Magdalénien liegen im Jurabogen zwischen Genf und Schaffhausen. Einige Stationen, mitunter solche von grosser Bedeutung wie Moosseedorf-Moosbühl, zeigen ein Vordringen ins Mittelland an, andere erreichen die Voralpen bis auf Höhen von nahezu 1000 m. Die Besiedlung der durch den Rückzug der Gletscher freigewordenen Gebiete erfolgte von den milderen Regionen aus, in die sich die Menschen zurückgezogen hatten. Insgesamt kam die Migration von Westen her, d.h. von den Zentren des Magdalénien im Osten Frankreichs. Wegen der Sperren des riesigen Rhonegletschers im Genferseebecken begannen die ersten Magdalénien-Menschen die Eroberung der neuen Räume im eisfreien Nordwesten der Schweiz. Sie folgten darauf dem Rhein bis zum Bodensee und dem Jurarand bis nach Neuenburg.
Untersuchungen zur Entstehung der heutigen grossen Seen und ihrer Wasserstandsschwankungen zeigen, dass die Gletscherschmelze schon vor 18'000 Jahren eingesetzt hatte. Die Begehung durch Magdalénien-Gruppen wurde zuerst in der Kastelhöhe im Birstal (Gem. Himmelried) nachgewiesen. Die mittlere Schicht dieser ungefähr 18'000 Jahre alten Lagerstätte enthielt Gerätschaften des älteren Magdalénien mit typischen, noch häufig aus Abschlägen gefertigten Werkzeugen. Das Ende dieser Periode entspricht dem mittleren Magdalénien mit Dreieckspitzen und unverzierten Baguettes demi-rondes (halbrunde Stäbchen), das am Fundort Birseck-Ermitage (Gem. Arlesheim) vertreten sein könnte. Die deutlich eiszeitl. Schicht dieser Fauna weist auf eine steppenartige Landschaft hin.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Im Präbölling fand die erste grosse Etappe der Madgalénien-Einwanderung in die Schweiz statt. Ausgehend von den Zentren in Schaffhausen und dem Birstal werden die Fundstellen häufiger und verschiedenartiger. Der Mensch nahm kleinere Täler in Besitz und begann, sich bis in Höhen von 500 m hinauf niederzulassen. Die Jagd war vielfältig; die Fundstellen weisen Spezialisierungen entweder auf Kleinwild (Schneerebhuhn, Schneehase, Polarfuchs), alpine Arten (Steinbock) oder grosse Herdentiere (Rentier, Pferd) auf. Diese erste Verbreitungsphase hängt sicher mit dem verbesserten Klima des Bölling zusammen, doch die sog. kalte Fauna ist noch nicht verschwunden. Die Kulturen dieser Periode entsprechen dem klass. Spätmagdalénien. Die berühmte Höhle Kesslerloch weist eine komplexe Stratigrafie auf, die sich über das gesamte Spätmagdalénien erstreckt. Die zahlreichen kurzen Geschossspitzen mit langer Basisabschrägung erinnern noch an das franz. Magdalénien III, während die Harpunen mit einer Widerhakenreihe die Verbindung zum Magdalénien V herstellen. Die zugehörige Fauna, die das Mammut, das Wollnashorn und den Moschusochsen umfasst, verschwindet in der Schweiz vor der Bölling-Schwankung vor ca. 13'000 v.Chr.
Der zweite Teil dieser Periode entspricht einer raschen Ausbreitung der Menschen des Spätmagdalénien ab 13'500 v.Chr. Typisch für ihre Kultur sind die zahlreichen Rückenmesser. Zwar weisen die Steinwerkzeuge viel Ähnlichkeit mit jenen des Kesslerlochs auf, doch die Gerätschaften aus Knochen sind viel bescheidener. Denise Leesch unterteilt dieses Spätmagdalénien in zwei Gruppen: Die erste, für die die Fundstellen von Hauterive-Champréveyres und Neuenburg-Monruz als Referenzorte gelten können, enthält mehr als 50% einfache Rückenmesser, während die zweite, vertreten durch die Freilandstation von Moosseedorf-Moosbühl, hohe Anteile an endretuschierten Rückenmessern, Rechtecken und Bohrern mit ausgezogener Spitze aufweist.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Die nächste Klimaverbesserung führte zu einer bedeutenden Veränderung in der Vegetation; aus der Steppe wurde rasch eine Landschaft mit baumartigem Bewuchs. Das Bölling-Interstadial ist durch die rasche Ausdehnung von Wacholder und Birken geprägt. Der Mensch breitete sich v.a. in höheren Lagen weiter aus. Die Besiedlung des Mittellandes setzte ein, der Mensch liess sich zwischen Alpen und Jura in der Region Bern nieder. Magdalénien-Verbände aus Savoyen drangen in die Genfer Region vor und erreichten das Ende des Genfersees. Während dieser Periode bestanden die Kulturen des klass. Spätmagdalénien weiter, während gleichzeitig neue Gruppen in Erscheinung traten. Deren steinerne Komposit-Geräte hatten geknickte Rückenspitzen und Kerbspitzen vom Hamburger Typ. Die Stationen von Winznau in der Region Olten, der Kohlerhöhle (Gem. Brislach) und der Brügglihöhle (Gem. Nenzlingen) im Birstal sind typisch für dieses ausgehende Magdalénien. Die Fauna dieser Fundstellen weist mit Überresten von Rentier, Pferd und Schneehase typ. Arten der Kältesteppe auf, aber auch Waldtiere.
Um 12'500 v.Chr. breitete sich die bis anhin eher seltene Waldföhre rapide aus. Dies markiert den Beginn des Alleröd. Das Rentier verschwand, während sich Waldtiere wie der Hirsch, das Reh oder das Wildschwein vermehrten. In dieser Periode erscheint der Wald die Landschaft erobert zu haben und andere Jäger, weniger zahlreich als die Magdalénien, stiessen an den Jurarand vor. Es handelt sich dabei um Gruppen des Azilien oder um verwandte Kulturen.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Die figürl. oder ornamentale Kunst zeugt von der Evolution des symbol. Denkens der prähist. Menschen. Die Kunst des Spätmagdalénien beschränkt sich auf mobile Kleinkunst. Trotz intensiver speleolog. Forschungen konnte in der Schweiz keine Höhle mit Malereien oder Ritzzeichnungen an den Wänden gefunden werden. Nimmt man die Stationen im Petersfels (Baden-Württemberg) und in Veyrier (Hochsavoyen) zum schweiz. Territorium hinzu, so lieferten bis anhin nur acht Fundstellen des Magdalénien Kunstgegenstände, die über den üblichen Schmuck oder spärlich verzierte Gebrauchsgegenstände hinausgehen. Zwei Fundstellen gehören mit Sicherheit der ältesten Epoche des Spätmagdalénien an: das Kesslerloch und die Freudenthal-Höhle (Gem. Schaffhausen); die anderen stammen aus dem mittleren oder dem ausgehenden Spätmagdalénien.
Die klass. Fundstelle des Kesslerlochs enthielt etwa vierzig bemerkenswert verzierte Artefakte sowie zahlreiche Knochen mit nicht figurativen Zeichenspuren. Die meisten der figürl. Darstellungen befinden sich auf Gebrauchsgegenständen (neun Speerschleudern, sieben Baguettes, vier Lochstäbe). Die restl. Objekte verteilen sich auf Fragmente von gravierten Rentiergeweihen oder Knochen, länglich-spindelförmige Skulpturen, zwei gravierte Plättchen aus Braunkohle und eine rätselhafte Plastik - vielleicht ein Insekt - aus Gagat. Neben dem Moschusochsenkopf - wohl ein Element einer Speerschleuder - ist der 1874 von Konrad Merk beschriebene Lochstab mit dem Bildnis eines Rentiers das berühmteste Stück des Kesslerlochs.
In den beiden benachbarten Fundstellen im Petersfels und im Schweizersbild wurden die wichtigsten Kunstwerke aus der Zeit des jüngeren Spätmagdalénien entdeckt. Die anderen stammen aus der Rislisberghöhle (Gem. Oensingen), aus Neuenburg-Monruz und aus Veyrier. Die Kunst des ausgehenden Magdalénien unterscheidet sich von der vorhergehenden Phase durch eine grössere Stilisierung der Darstellungen. Die Wiederholungen von Sujets auf der gleichen Unterlage werden häufiger und können sich überlagern wie auf dem Schieferplättchen vom Schweizersbild mit seinen drei eingeritzten Pferden und den fünf Hirschen. Und nicht zuletzt ist die Kunst des jüngeren Spätmagdalénien hauptsächlich durch die Frauenfigürchen aus Gagat vom Typ Petersfels-Monruz gekennzeichnet. Die extrem schematisierten Kleinstatuetten sind meist an jener Stelle durchbohrt, an der sich der Kopf befinden sollte, der nie dargestellt ist. Sie mussten eine sehr wichtige symbol. Bedeutung haben. Die Frauendarstellungen des Spätmagdalénien, seien es nun Wandmalereien, Ritzzeichnungen auf Steinen, Plättchen und anderen tragbaren Objekten oder Statuetten und Schmuckgehänge, bilden ein sehr homogenes Ensemble vom Süden Frankreichs bis zur Elbe. Diese Ähnlichkeit, die auf einer besonderen Symbolisierung des Frauenbildnisses und auf einem kodifizierten Darstellungsstil beruht, unterstreicht das einheitl. Gedankengut der Menschen des Magdalénien.
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB
Autorin/Autor: Jean-Marie Le Tensorer / AHB