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Nagoro, das rund 550 Kilometer südwestlich von Tokio liegt, ist inzwischen als «Tal der Puppen» bekannt. Dabei war die erste Puppe nur ein Zufallsprodukt: Ayano bastelte eine Vogelscheuche für ihren Garten, die sie mit Kleidern ihres Vaters ausstattete. «Ein Arbeiter, der sie im Garten gesehen hat, hielt sie wirklich für meinen Vater», berichtet die 69-Jährige. «Er grüsste ihn, dabei war es nur eine Vogelscheuche. Das war lustig.»
Seitdem hat Ayano rund 270 Puppen gebastelt. Sie nimmt Holzstäbe, Stoff für die Haut und Wolle für die Haare und stopft die Kleider mit Zeitungspapier aus. Nur drei Tage braucht die geschickte Puppenmacherin, um eine Puppe von der Grösse eines Erwachsenen herzustellen, die nun überall im Dorf herumstehen und -sitzen: an der Bushaltestelle, vor Häusern, vor einem geschlossenen Verkaufsstand.
Einsamkeit macht erfinderisch
Sogar die Dorfschule, die vor sieben Jahren zumachte, ist von Puppen bevölkert. «Es gibt keine Kinder mehr», erzählt Ayano über ihr Dorf, das einst 300 Einwohner hatte. «Der jüngste Mensch ist 55 Jahre alt.» Nach und nach hätten die Menschen das Dorf verlassen. «Jetzt ist es einsam», sagt Ayano. «Ich habe immer mehr Puppen gemacht, weil es mich an die Zeiten erinnert, als das Dorf noch lebendig war.»
Japan ist weltweit das Land mit der ältesten Bevölkerung, fast 28 Prozent der Japaner sind 65 Jahre alt oder älter. Die niedrige Geburtenrate hat zu einem starken Bevölkerungsrückgang geführt, die Abwanderung aus ländlichen Gebieten in Grossstädte wie Tokio ist seit den 60er Jahren ungebrochen. Experten zufolge gelten mittlerweile rund 40 Prozent der 1700 Gemeinden in Japan als entvölkert.