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Schon ein Dritteljahr haben wir ihn, am 16. März 2023 ist er ausgeliefert worden: der endgültige deutsche «Konfuzius. Gespräche. Neu übersetzt und erläutert von Hans van Ess».
Ermöglicht hat dieses gedruckte Monument der Forschung ein Zweigespann, bestehend aus dem Sinologen der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität und dem Münchner Verlag C. H. Beck (eine vollkommen unentbehrliche Einrichtung für jeden Leser mit einer Passion für Geschichte).
Der Text der «Gespräche», chinesisch des Buchs «Lunyu» oder bisher gewöhnlich «Lun Yü», was ungefähr so viel heisst wie gesammelte Sprüche oder Zitate, umfasst in anderen Ausgaben weniger als 200 Seiten. Diese Ausgabe bringt es auf 816 Seiten in einem Format 24x15,5 cm und mit einem Gewicht von 1,4 kg.
Zwischen dem Vorspann von 88 Seiten Inhaltsangabe und Einleitung und dem Apparat im Anhang von 84 Seiten umfasst der kommentierte Text 644 Seiten. Die Erläuterungen geben über jede Frage und Schwierigkeit Auskunft, gerne auch über unbeantwortbare Fragen. Die Einleitung ist besorgt um den historischen Hintergrund und den übergreifenden vielschichtigen Kontext von Textgeschichte, Traditionssträngen der Kommentierung, von unterschiedlichen Schulen und deren kanonischen Schriften, und er fordert Aufmerksamkeit in der Fahndung nach intertextuellen Parallelen, für welche die Erläuterungen ungezählte Beispiele aufführen.
«Ins Deutsche ist das Lunyu (…) insgesamt sechsmal in wissenschaftlicher Form übersetzt worden», schreibt van Ess in einem Eröffnungsparagraphen zur Frage «Warum eine neue Übersetzung der Gespräche des Konfuzius?», und er befindet, das sei «gemessen an den europäischen Nachbarsprachen verhältnismässig selten». Eine Liste im Anhang führt 54 Übersetzungen in neun europäische Sprachen an, achtzehn englische, elf französische, acht italienische, sechs russische u. a. m. Die älteste deutsche erschien 1826, die jüngste 1985. Van Ess hatte in seinem heroischen Unterfangen die Ergebnisse von 40 Jahren Forschung zu überblicken und auszuwerten.
In der Reihe Wissen von C. H. Beck hat der 61-jährige Sinologe, der auch in China lehrte, seit zwölf Jahren mit einem halben Dutzend Monographien Anlauf geholt: zuerst 2011 über den «Daoismus: Von Laozi bis heute», dann von 2011 bis 2020 in drei jeweils gründlich überarbeiteten Ausgaben der Einführung «Die 101 wichtigsten Fragen – China», 2021 folgte «Chinesische Philosophie: Von Konfuzius bis zur Gegenwart» und dieses Jahr im Monat vor seinem Lebenswerk der «Gespräche» schliesslich «Der Konfuzianismus». Im Vorwort der «101 wichtigsten Fragen» weist van Ess darauf hin, dass die allgemeine Kenntnis des Landes bei uns mit der Zunahme von dessen Bedeutung nicht Schritt hält – eine Einsicht, die mittlerweile auch das deutsche Bundesministerium für Bildung teile. Zumindest in der Hauptstadt des Freistaats Bayern sind zu Chinas Geistesgeschichte die vordringlichsten Hausaufgaben fürs Erste gemacht, wofür wir Dank schulden.