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Luisa Albera, SOS MEDITERRANEE Such- und Rettungskoordinatorin an Bord der Ocean Viking:
„Heute Morgen wurden wir um 2:14 Uhr von der NGO Alarm Phone auf ein in Seenot geratenes Holzboot aufmerksam gemacht. Es befand sich zu diesem Zeitpunkt etwa 10 Seemeilen von der Position der Ocean Viking entfernt, und die Menschen an Bord berichteten, dass ihre Motoren ausgegangen waren und das Boot sich mit Wasser füllte. Etwa eine halbe Stunde später entdeckten wir schliesslich ein kleines Licht am Horizont und begannen zügig mit der Rettung. Wie immer hielten wir die zuständigen Seebehörden während allen Phasen des Einsatzes auf dem Laufenden. Wir erhielten aber keine Antwort und keine Koordinierung. Wir führten den Einsatz – im wahrsten Sinne des Wortes – in völliger Dunkelheit durch.
Die Rettung selbst war eine Herausforderung. Bei zweieinhalb Meter hohen Wellen und starkem Wind musste sich die Besatzung an Bord unserer Schnellrettungsboote (RHIBs) am Rumpf des instabilen und stark schaukelnden Holzbootes festhalten. Nur so konnte sie die Schwimmwesten verteilen und den 39 Überlebenden ermöglichen, auf die RHIBs zu steigen, damit sie zur Ocean Viking evakuiert werden konnten. Die Menschen, die wir gerettet haben, waren sehr erschöpft, viele von ihnen waren auf dem Holzboot seekrank geworden. Fast die Hälfte von ihnen sind unbegleitete Minderjährige. Um 04:35 Uhr waren alle sicher an Bord der Ocean Viking.
Nach der Rettung baten wir die zuständigen Seebehörden in Libyen, uns einen sicheren Ort zuzuweisen, an dem die geretteten Menschen anlanden können. Diesmal erhielten wir eine Antwort und wurden angewiesen die Überlebenden in Tripolis, Libyen, auszuschiffen – einem Ort eskalierender Konflikte in einem vom Krieg zerrütteten Land. Die Menschen an Bord haben ihr Leben riskiert, um aus eben diesem Land zu fliehen. Wie das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) und die Internationale Organisation für Migration (IOM) erklärt haben, ist Libyen für Geflüchtete und Migrant*innen nicht sicher, einmal mehr während des Krieges. Sie dorthin zurückzubringen, wäre ein Verstoss gegen internationales Recht. Die geretteten Menschen müssen so schnell wie möglich an einem sicheren Ort, der den Anforderungen des Seerechts entspricht, von Bord gehen.“
Photo credits: Hannah Wallace Bowman / MSF