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"Können Familienbetriebe ohne staatliche Subventionen konkurrenzfähig sein?" lautete der Titel einer Forschungsarbeit, die Rudolf Helbling vor beinahe 20 Jahren in Neuseeland durchgeführt hat. Sie bildete damals die Grundlage seiner Dissertation an der Uni St. Gallen. Kürzlich stellte Helbling an einer Veranstaltung des Bündner Bauernverbandes die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Arbeit vor, die mit Sicherheit auch heute noch gültig sind.
Indoor- oder Outdoor-Produktion
Auf der ganzen Welt werden die meisten Bauernhöfe als Familienbetriebe geführt. Warum das so ist, war lange unklar. In Europa herrschte die Meinung vor, Familienbetriebe würden vor allem deshalb überleben, weil sie vom Staat am meisten Unterstützung erhalten. Das hat Helbling in seiner Forschungsarbeit jedoch widerlegt: "Auch in Neuseeland ist der Familienbetrieb die häufigste Form der Betriebsführung, obwohl es dort praktisch keine staatliche Stützung mehr gibt." Ob Kapitalgesellschaften oder Familien einen Betrieb leiten, hängt weniger von der Stützung, sondern vielmehr von der Produktionsform ab: Alles was boden- und wetterunabhängig produziert werden kann, kann auch industrialisiert werden. Bei diesen Produktionsformen haben Kapitalgesellschaften die Nase vorn. Das ist z.B. bei der Eierproduktion, der Geflügelmast, intensiven Rindviehmast, Schweinemast, dem Indoorgemüsebau, aber auch bei der Indoor-Milchproduktion. der Fall. Bei den bodengebundenen Produktionszweigen sieht das anders aus: Im Ackerbau, bei der extensiven Milch- und Fleischproduktion dominieren die Familienbetriebe, und zwar nicht nur in Neuseeland, sondern auf der ganzen Welt.
Skaleneffekte sind begrenzt
Das ist naturbedingt, denn die Wettbewerbsfähigkeit wird hauptsächlich von drei Faktoren beeinflusst:
- den Produktionskosten pro Einheit
- den Koordinations- und Kontrollkosten
- den nicht-monetären Faktoren
In der Industrie sinken die Produktionskosten mit steigender Stückzahl, man spricht hier von Skaleneffekten. In der Landwirtschaft spielt dieser Effekt aber nur bedingt, wie Helbling erklärt: "Grössenvorteile werden unter Umständen wieder aufgefressen, wenn zum Beispiel der Weideweg für eine Milchkuh zu lang wird und sie deshalb weniger Milch gibt." Dasselbe gilt natürlich auch für den Fall, dass zwar mehr Flächen bewirtschaftet werden, diese aber nicht nahe beieinander liegen. Skaleneffekten sind in der landwirtschaftlichen Produktion oft natürliche Grenzen gesetzt, die Produktion ist deshalb für Kapitalgesellschaften weniger interessant. Dasselbe gilt für die Kontrollkosten: "In einer Fabrik hat man die Arbeiter jederzeit unter Kontrolle – auf einer grossen Alp geht das dagegen nicht." Und es liegt nun mal in der Natur des Menschen, dass jemand, wenn er mit weniger Arbeit gleich viel verdienen kann, in Versuchung gerät tatsächlich weniger zu arbeiten. Helbling: "Ein Angestellter kann sich beim Anblick eines Unkrauts sagen, bis das versamt, bin ich schon nicht mehr auf dem Hof. Ein Familienmitglied kann das nicht, denn es weiss, dass ihm das Problem bleibt.“ Das ist auch bei der Tierbetreuung so oder bei der Pflege von mehrjährigen Kulturen. Die Anreize sind einfach anders gelagert: Bei den Familienmitgliedern geht es ums eigene Vermögen, um den eigenen Verdienst. Deshalb ist die Motivation die Arbeit gut zu machen deutlich grösser. Auch die Koordinationskosten sind im Familienbetrieb geringer: Man kann am Familientisch über die Arbeit reden und muss nicht erst eine Sitzung anberaumen.
Wetterabhängigkeit verhindert Anreizsysteme
Weil die Landwirtschaft von vielen nicht beeinflussbaren Faktoren wie z.B. dem Wetter abhängt, ist es schwierig ein Anreizsystem zu finden, mit dem man Fremdarbeitskräfte zu mehr Leistung motivieren kann. Wenn das Wetter nicht mitspielt, ist die Arbeitsleistung im Gemüseanbau vielleicht gleich gross – aber nicht der Ertrag. Wenn eine Steinlawine auf der Alp Tiere mitreisst, heisst das noch lange nicht, dass der Hirt einen schlechten Job gemacht hat. Helbling: "Man kann höchstens ein relatives Anreizsystem schaffen, indem man sagt, jemand bekommt mehr Lohn, wenn nicht mehr als ein Prozent der Tiere bei der Alpung abgeht.“ Aber damit lässt sich die Leistung natürlich nicht im gleichen Mass steigern wie z.B. in einem geschlossenen Maststall, wo man Leistungsprämien für eine Reduktion der Ferkelverluste zahlen kann.
Nicht-monetäre Faktoren
Dass Familienbetriebe nicht zwingend klein sein müssen, beweisen Beispiele aus Neuseeland oder den USA. Die Kleinheit ist für Helbling vielmehr eine Folge der staatlichen Stützung. "Staatlicher Interventionismus führt dazu, dass die Familienbetriebe ihr Potential nicht ausnutzen können“, sagt er, "denn die Stützung ist grundsätzlich auf kleinbäuerliche Strukturen ausgelegt.“ Und die sind für Kapitalgesellschaften nicht interessant. Weshalb es letzten Endes doch so ist, dass die Familienbetriebe nur deshalb vorherrschen, weil es staatliche Unterstützung gibt.
Und daran, dass ein Teil des "Einkommens“ in der Landwirtschaft nichts mit Geld zu tun hat und deshalb für Kapitalgesellschaften nicht interessant ist. "Es gibt zwar überall Ferien auf dem Bauernhof, aber nirgends Ferien im Büro oder Ferien in der Fabrik“, bringt es Helbling auf den Punkt. "Diese Lebensqualität ist der Familie etwas wert, weshalb sie unter Umständen auf andere – geldwerte – Vorteile verzichtet.“ Geld ist eben nicht alles. Zum Glück. Sonst gäbe es die meisten Familienbetriebe nicht mehr.
“Family Farming without State Intervention. Economic Factors Underlying the Prevalence of Family Farming - Theoretical Analysis and Case Study of New Zealand.“ Research Report Rudolf Helbling, 1996, Lincoln University, Canterbury, NZ