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Feuer wird oft als eine unkontrollierte Kraft angesehen, die zerstörerisch durch die Gegend fegt und alles in Schutt und Asche legt. Besonders dramatische Eindrücke bleiben denn auch von den australischen Buschbränden im Jahr 2019/2020 zurück. Insgesamt hatte sich das Feuer über eine Fläche von rund 126’000km2 ausgebreitet. Über 20 Prozent der bewaldeten Fläche des Landes fiel dem Feuer zum Opfer. Hunderttausende Menschen mussten evakuiert werden, rund 715 Millionen Tonnen CO2 wurden durch das Feuer freigesetzt. Schätzungen zufolge starben eine Milliarde Wirbeltiere durch das Feuer. Die Wetterbedingungen waren trocken, warm und windig. Optimale Bedingungen also für das Feuer, um sich weiträumig auszubreiten. Für Wissenschaftler und das Umweltprogramm der vereinten Nationen besteht kein Zweifel, dass die gegenwärtige globale Erwärmung in Zusammenhang mit dieser und vielen anderen Feuerkatastrophen steht.
Störung vs. Stress eines Systems
Solch riesige Brände gelten als lang anhaltende Stressfaktoren, die die Produktivität eines Ökosystems stark beeinträchtigen. Kurzfristige Störungen sind allerdings nicht unbedingt schlecht: Ereignisse wie Überschwemmungen, Tornados oder Waldbrände, die betroffene Gebiete auf einer begrenzten Ebene stark verändern können, sind gar entscheidend für das Gleichgewicht und Weiterbestehen von Lebensräumen. Wildfeuer gehören beispielsweise in vielen Regionen der Erde zum natürlichen Kreislauf. So benötigt etwa die Eberesche in Australien gelegentliche Brände, damit der bodenbedeckende Farn verbrennt, die Samen der Eberesche keimen und als kleine Setzlinge genügend Lichteinfall erhalten. Das Paradoxe daran ist, dass solche Wälder nur überleben können, wenn Teile von ihnen zerstört werden.
Es gilt also: Ein zu grosser Stress auf ein System kann zerstörerisch wirken, regelmässige Störungen eines Ökosystems bilden allerdings eine diverse Mosaiklandschaft, auf die viele Gemeinschaften und Arten angewiesen sind. Der Zeitpunkt der Störungen sowie ihre Häufigkeit und Intensität sind dabei entscheidend. Kommt es beispielsweise häufig zu Bränden, besteht eine Lebensgemeinschaft eher aus schnell kolonialisierenden Arten, da Spezies, die eine weiter fortgeschrittene Vegetation benötigen, kaum Zeit haben, sich zu etablieren.
Die wundersame Verjüngung des Waldes
Verbrennt ein Wald, findet daraufhin eine sogenannte Sukzession statt. Einjährige Pflanzen wie Wildblumen sind nach ein bis zwei Jahren die ersten Arten, die in einem solch stark transformierten Boden zu keimen vermögen. Solche Pionierpflanzen bereiten die Erde für ihre «Nachfolger» vor. Die zurückbleibende Asche wird zu einer immens wichtigen Nährstoffquelle für den Boden, die künftiges Leben erst wieder erlaubt. Aschesedimente enthalten Kalzium, Magnesium, Kalium und Phosphor, allerdings hängt die Zusammensetzung der Elemente unter anderem von der Verbrennungstemperatur ab. Innerhalb der nachfolgenden Jahre kehren Gräser und mehrjährige Pflanzen ins Gebiet zurück. Sträucher und Baumsämlinge wachsen während der nächsten 10 bis 20 Jahre. Manche Samen der Bäume keimen nur, wenn Verbrennungsprodukte wie Asche und Rauch vorhanden sind, wie beispielsweise bei der Erle. Je höher die Bäume in den Himmel steigen, desto mehr Schatten gibt es auf den Boden. Dies bewirkt das langsame Absterben der Pionierpflanzen und Ersetzen durch widerstandsfähigere, schattentolerante Pflanzen.
Waldbrände können ganze Ökosysteme prägen. Während der Trockenzeit sind Feuer ein alljährlich auftretendes Phänomen in der afrikanischen Savanne. Unter anderem sorgen die Flammen für eine ökologische Verjüngung des Baumbestandes. Alte und kranke Bäume werden durch die Feuer beseitigt. Die Lebensgemeinschaften der Savanne sind vortrefflich an Brände gewöhnt. Die Pflanzen entwickeln entweder eine natürliche Widerstandsfähigkeit gegen das Feuer oder können sich relativ leicht erholen. Bäume beginnen bereits innerhalb weniger Wochen wieder damit auszuschlagen und bald beginnt es überall zu grünen. Ohne regelmässige Brände würde die Savanne zudem wohl von dichtem Wald bewachsen sein. Nur genügend grosse Bäume mit stabilem, dickem Stamm sind imstande, ein Feuer zu überleben. Doch nicht nur die Vegetation hat sich angepasst. Auch vielerlei Vogel- und Säugetierarten benötigen die facettenreiche Zusammensetzung der Landschaft, die nach einem Brand entsteht. Beispielsweise sind Störche bekannt dafür, die Umgebung von Buschfeuern nach toter Beute wie Insekten, Schlangen und Kleinsäugern abzusuchen.
Ausartung durch den Klimawandel
Mit der globalen Erwärmung der Erde werden verheerende Waldbrände wie eben in Australien oder auch in Kalifornien und kürzlich Kanada laut einem Bericht des UN-Umweltprogramms (UNEP) deutlich zunehmen. Selbst wenn grosse Anstrengungen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen gemacht werden, werden die jetzigen Veränderungen bereits dazu beitragen. Dies würde zu grosser Luftverschmutzung, CO2-Freisetzung und Verringerung der Vegetationsdecke beitragen, vor allem in Regionen, die solche Grossbrände nicht gewohnt und deshalb nur ungenügend angepasst sind. Daneben führen Waldbrände natürlich auch zu grossen wirtschaftlichen Verlusten und Beschädigungen an der menschlichen Infrastruktur.
Störungen der Ökosysteme sind also nicht grundsätzlich schädlich. Das werden sie erst, wenn sie sich – wie zurzeit anlässlich des Klimawandels – zu langfristigen Stressfaktoren auswachsen.