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Eigentlich hätte das Erscheinen dieser Box Anlass zur Freude sein sollen. Alle vier Soundtracks der Indiana-Jones-Reihe in einer Box und noch dazu mit deutlich mehr Musik, als es bisher gab. Aber genau darin liegt auch die Ursache, warum Skepsis angebracht ist. Die Soundtracks innerhalb der Box wurden als „expanded“ und nicht als „complete“ angekündigt, ein feiner Unterschied.
Erinnern wir uns: George Lucas, der es wie kaum ein zweiter versteht, seine Cash-Cows zu melken, steht hinter der Indy-Reihe. Genau, wie er hinter der Star-Wars-Reihe steht. Und was haben wir Soundtrack-Sammler bei Star Wars erleben dürfen? 1993 kam die Star WarsAnthology, eine Vierer-Box mit den „expanded“ Soundtracks der alten Star-Wars-Trilogie, auf den Markt, wobei die vierte CD als Sampler diente und das Zusatzmaterial beherbergte, das nicht mehr auf die Einzel-CD des jeweiligen Films passte. Sehr unbequem zu hören.
Als dann 1997 die alte Star-Wars-Trilogie digital überarbeitet wieder in die Kinos kam, wurden auch die Soundtracks ein weiteres (nämlich zum dritten) Mal veröffentlicht, diesmal endlich „complete“ in Form einer Doppel-CD pro Film.
Und was erhält der geneigte Sammler nun, wenn er sich die Indy-Box zulegt? Er bekommt pro Film eine CD plus eine Bonus-CD, die das Zusatzmaterial beherbergt, das nicht mehr auf die Einzel-CD des jeweiligen Films passte. Ob diese Parallele zur Star-Wars-Box Zufall ist? Wohl kaum. Viel mehr sollte man sich darauf gefasst machen, dass auch die Indy-Soundtracks eines Tages in Form je einer Doppel-CD komplett veröffentlicht werden, wie es auch bei Star Wars passiert ist. Dafür sprechen neben den erwähnten Parallelen zur Star-Wars-Box noch andere Gründe.
Der Produzent dieser Box Laurent Bouzereau erwähnt in seinen Liner-Notes, er habe über John Williams gelernt, dass dieser seine Soundtracks gerne als Album produziert, das ein optimales Hörerlebnis bringt. Dabei komme es ihm nicht so sehr auf einen kompletten Soundtrack oder auf einen Musikschnitt, der dem des Films entspricht, an. Darüber hinaus erwähnt Williams in dem Interview, das sich ebenfalls auf der Bonus-CD befindet, dass die Filme fast annähernd soviel Musik enthalten, wie die Laufzeit der Filme beträgt. Im Klartext bedeuten diese beiden Aspekte, dass es noch reichlich Musik zu den Indy-Filmen gibt, die noch nicht auf Tonträger veröffentlich wurde, auch nicht mit dieser Box.
Mal ganz abgesehen davon, dass der vierte Soundtrack zu Indiana Jones And The Kingdom Of The Crystal Skull gar nicht erweitert wurde! Diese CD entspricht exakt dem Album, was zum Filmstart veröffentlich wurde. Nicht nur inhaltlich, sondern auch das Digipack ist exakt identisch. Allein das sollte einen skeptisch machen und ist die schlechteste Nachricht zu dieser Box. Es deutet aber auch darauf hin, dass die Box nicht besonders liebevoll gestaltet wurde. Diese mangelnde Liebe zum Detail äußert sich auch noch in anderer Form.
Die erwähnten Liner-Notes von Bouzereau finden sich deckungsgleich in drei der fünf Booklets! Ja, es gibt fünf Booklets. Eines für die Box und für jede CD ein eigenes, denn jede CD steckt in ihrem eigenen Digipack, die Bonus-CD steckt gar nur im einfachen Pappschuber. Als Box konzipiert wurde das ganze also nicht, zumal die Einzel-CDs der erweiterten Versionen demnächst auch einzeln erhältlich sind, dann aber ohne das Material, was sich auf der Bonus-CD der Box befindet. Und informativ sind die Booklets überhaupt nicht, denn außer dem dreifach wiederholten Kommentar von Bouzereau enthalten sie nur noch die üblichen Lobeshymnen von Spielberg zur Musik von Williams und ein paar hübsche Filmfotos. Nicht einmal das Booklet für die Box beinhaltet mehr als Fotos. Das geht bei anderen Lables deutlich besser. Zur Veröffentlichungspolitik soll das aber erst einmal genügen.
Über die Qualität der Musik an sich muss man nicht viel sagen, die setzt im Abenteuer-Genre den Maßstab, zumindest die Musik der ersten drei Filme. Aber was tut sich nun inhaltlich? Raiders Of THE LOSZT ARK profitiert am wenigsten von der Expansion, da es hierzu bereits 1995 eine expandierte Fassung gab. Dennoch kamen drei Stücke hinzu, die den Höreindruck des Albums aber nur wenig beeinflussen. Ein viertes neues Stück findet sich auf der Bonus-CD und ist das interessanteste der neuen: „Uncovering The Ark“ greift das Maproom-Thema wieder auf und verarbeitet es in einer dramatischeren Version.
INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM hingegen profitiert am meisten von der Expansion. Fast doppelt so lang wie das alte Album ist allein die Einzel-CD. Dazu kommen noch 3 Stücke auf der Bonus-CD. Deshalb ist hier der Höreindruck ein deutlich anderer. Der Film selber ist praktisch eine einzige Achterbahnfahrt, in der es fast keine ruhige Minute gibt und mit dem Score verhält es sich nicht anders. Das 75-minütige Action-Feuerwerk, das Williams hier abbrennt, lässt keine Langeweile aufkommen. Besonders hervorzuheben ist das neue Stück „Approaching The Stones“, das als düster-dramatisches Chor-Stück zu überzeugen weiß und eine echte Bereicherung der CD ist.
INDIANA JONES AND THE LAST CRUSADE war zwar schon bei seiner Erstveröffentlichung relativ ausführlich, doch die immerhin sechs neuen Stücke auf der Soundtrack-CD runden das Gesamtbild weiter ab. Eine echte musikalische Neuigkeit ist das Stück „The Austrian Way“, das mit seinen romantischen Momenten, die ein wenig Strauß’sches Flair verbreiten, eine Bereicherung des ohnehin schon von thematischer Vielfalt fast überbordenden dritten Teils ist. Noch einmal sechs neue Stücke finden sich auf der Bonus-CD.
Über INDIANA JONES AND THE KINGDOM OF THE CRYSTAL SKULL bräuchte man eigentlich gar keine Worte zu verlieren, da er ohne jede Erweiterung beigepackt wurde. Trotzdem sei ein etwas ausführlicherer Kommentar gestattet, da dieser Score vielleicht noch nicht so vertraut ist, wie die ersten drei. Denn immerhin liegen zwischen dem dritten und vierten Film ganze 19 Jahre. Williams müht sich redlich, wieder zur alten Indy-Form aufzulaufen.
Auf weiten Strecken schafft er das auch und präsentiert einen schwungvollen und abwechslungsreichen Score, der einerseits neue Themen enthält, wie das melancholisch romantische „Irina’s Theme“, das bedrohliche Skull-Thema oder das Thema für Indy’s Sohn Mutt, andererseits aber auch Reminiszenzen an die früheren Scores enthält. Diese sind zum Teil gewollt und offensichtlich, etwa wenn Marion wieder ins Spiel kommt, zum Teil aber auch zufällig, wenn man sich z.B. durch „The Jungle Chase“ an „Belly Of The Steel Beast“ aus dem dritten Teil erinnert fühlt. Auf das extrem hohe Niveau der ersten drei Scores schafft es der Kristallschädel aber dennoch nicht, was vielleicht auch zum Teil am Film selber liegen mag, der ebenfalls nie ganz das Niveau seiner Vorgänger erreicht.
Übrigens hat sich an der Sequenzierung des bereits bekannten Materials praktisch nichts geändert. Diese Stücke sind bis auf das etwas verlängerte „Indy’s Very First Adventure“ exakt so auf den CDs, wie man es von den früheren Alben her schon kennt.
Als ein echter Hemmschuh für einen besseren und noch vollständigeren Höreindruck erweist sich, wie schon erwähnt, das Konzept der Bonus-CD, sofern man nicht gerade einen CD-Wechsler hat. Denn dadurch wird verhindert, dass man das gesamte Material des jeweiligen Films in einem Rutsch durchhören kann. So erstellt man sich am besten selber je eine Doppel-CD zu den ersten 3 Filmen, indem man Album und die Stücke der Bonus-CD zusammen sortiert.
Resümierend kann man also feststellen, dass die Konzeption der Box sehr unglücklich ist, denn die äußere Form ist lieblos gestaltet und am Beispiel von Star Wars kann man erahnen, aber auch erhoffen, dass dies noch nicht alles war. Die Frage ist nur, trauen wir uns darauf zu warten und die Box zu ignorieren? Viele tun dies sicher nicht und genau darauf spekulieren Lucas und Konsorten wohl. Aus musikalischer Sicht ist aber dennoch Freude über die Box angebracht, denn schon lange wartet die Fan-Gemeinde auf eine ausführlichere Veröffentlichung vor allem von Teil 2 und 3.
Klaus, 11.2.2009
INDIANA JONES: THE SOUNDTRACK COLLECTION John Williams Concord Rec. CRE-31000-2 359 Min. / 94 Tracks 5 CD Box