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Tourn. (Mistel), Gattung aus der Familie der Loranthaceen, kleine, grüne Schmarotzersträucher mit dichotomen,
gegliederten Ästen, einfachen, gegenständigen Blättern, diözischen oder monözischen Blüten in kleinen, wenigblütigen,
end- und achselständigen Köpfchen (selten einzeln) und ein- bis dreisamiger Beerenfrucht. Etwa 30 Arten. Viscum albumL. (Eichen-,
Leimmistel, Kluster, heiliges Kreuzholz), mit 30-90 cm hohem Stengel,
[* 3] länglichen, stumpfen, lederartigen Blättern, zu 3-5 beisammenstehenden,
diözischen, gelblichgrünen Blüten und weißen Beeren, schmarotzt auf ca. 30 europäischen Laub- und Nadelhölzern, wobei die
eigentliche, parallel dem Ast verlaufende Längswurzel immer in der Rinde bleibt und ihre Senker ins Holz
[* 4] schickt.
Genau so wie Homer und Vergil von jenem Zwieselstab sagen, daß er Reichtum verleiht, »Schlummer gibt und
enthebt und vom Tod selbst die Augen entsiegelt«, hält Odin, der nordische Merkur
[* 9] und Erbe seines Wünschelhutes und Stabes, in
seiner Hand
[* 10] den »Wunsch«, die Reif- oder Winterrute, mit der er Brunhilde und die gesamte Natur in den Todesschlaf versenkt, bis
Siegfried (die Frühlingssonne) kommt, den Eispanzer zerschneidet und die Schlafende wach küßt.
Diese in der Edda so oft erwähnte Winterrute ist offenbar identisch mit dem Mistilteinn der Edda, jenem Zweig, mit welchem
der blinde Wintergott (Höder) den lichten Sonnen- und Sommergott (Balder) niederstreckt.
Aber wie der Gabelstab des Merkur »Schlummer gibt und enthebt«,
so ist der
Gabelzweig der Mistel auch das Symbol der Wiederbelebung der erloschenen Sonnenkraft, die in ihm allein lebendig bleibt, daher
die allheilende und belebende Kraft
[* 11] desselben gegen alle Übel. Am Tag von Balders Neugeburt, wenn die größte Sonnenschwäche
vorüber ist, am Julfest oder zu Neujahr, sammelte man feierlich die Allheilende, um alle Räume während
der Festzeit damit zu schmücken und zu weihen.
Ähnliche Naturdeutungen und mythologische Beziehungen haben unzweifelhaft auch zu der außerordentlichen Verehrung Anlaß
gegeben, in welcher die Mistel bei den keltischen Stämmen stand. IhrePriester, die Druiden, berichtet Plinius, kennen nichts
Heiligeres als die Mistel und den Baum, auf dem sie wächst, namentlich wenn es eine Wintereiche (Quercus
robur) ist. Man findet die Mistel jedoch nur selten auf derselben; sobald man sie aber gefunden hat, wird sie mit großer
Feierlichkeit eingeholt, vorzugsweise am sechsten Tag nach dem Neumond, mit welchem Tag die Kelten ihre Monate, Jahre und 30jährigen
Perioden beginnen.
Nachdem darauf unter dem Baum die gehörigen Opfer und Festmahlzeiten veranstaltet worden, besteigt ein weiß gekleideter Druide
den Baum, schneidet mit einer goldenen Sichel die Mistel ab und wirft sie in den weißen Mantel. Nach Plinius war der Hauptsammeltag
für die Mistel das Neujahrsfest, und in Frankreich hat sich noch hier und da die Sitte erhalten, daß Kinder
am Silvester oder Neujahr mit einem Mistelbusch von Haus zu Haus laufen und mit dem Ruf: »Aguillanneuf« ! (entstanden aus: an
gui l'an neuf!) Eßwaren und Geschenke verlangen. In Deutschland
[* 12] scheint der Ruf »Guthyl« und das Neujahrs-"Anklopfen" mit grünen
Ruten dem zu entsprechen. In England hängt man an vielen Orten zu Weihnachten an die Stubendecken und über
die ThürenMistelbüsche, und alte Schriften, in denen das Mistelholz, weil es den nordischen Gottessohn tötete, dem ehemals
gabelig dargestellten Kreuz
[* 13] Christi verglichen wird, machen wahrscheinlich, daß die Kirche, wie in so vielen
Fällen, darin Duldung übte und das Mistelholz als »heiliges Kreuzholz« anerkannte.