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„Sie sind als gemein-gefährlicher Hetzer geboren – und mischen sich in Sachen, die Sie nichts angehen – an Stelle für den Frieden zu beten.“ So und noch heftiger konnten Reaktionen auf das „Wort zum Sonntag“ ausfallen, wenn Priester Urs Eigenmann dieses hielt. Der Theologe römisch-katholischer Konfession mischte sich in Sachen ein, die ihn in seinem Verständnis sehr wohl etwas angingen. Er scheute sich nicht, auch vor grossem Publikum pointiert Stellung zu aktuellen sozialpolitischen Themen zu beziehen. Entsprechend interessant ist der Vorlass, der sich neu im Sozialarchiv befindet.
Eigenmann (*1946) steht in der Tradition der Befreiungstheologen und der religiösen Sozialisten. Nach seinem Studium in Theologie und Philosophie an den Universitäten Luzern und Münster promovierte Eigenmann in Freiburg mit einer Arbeit über den brasilianischen Erzbischof und Befreiungstheologen Dom Hélder Câmara. Als Pfarrer amtete Eigenmann unter anderem zwischen 1984 und 1996 in Neuenhof und Killwangen. Von 1986 bis 1991 war er Sprecher der Sendung „Wort zum Sonntag“ am Schweizer Fernsehen.
„Ich gehöre zu dem Teil der 68er-Generation, dessen Marsch durch die Institutionen noch nicht in der Toscana geendet hat“, pflegte sich Eigenmann zuweilen vorzustellen, wie er in einem Interview mit Willy Spieler ausführte (Neue Wege, Band 100, 2006). Zentraler Begriff in Eigenmanns Leben ist das „Reich Gottes“. Die „Reich-Gottes-Theologie“ war von Leonhard Ragaz (1868–1945), dem Pionier der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, entworfen worden. Eigenmann diskutiert den Begriff und seine Konsequenzen für das Christentum und die Gesellschaft in der Publikation „Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit auf Erden“ (SozArch Hf 1587) ausführlich. Im Interview mit Willy Spieler beschreibt er das „Reich Gottes“ nicht als fixen Zustand oder „in sich geschlossenes Modell, das es zu verwirklichen gilt“. Vielmehr enthalte es „Perspektiven, Leitlinien, Optionen», um «Verhältnisse heute zu beurteilen und zu gestalten“. Die sozial-politischen Folgerungen: „Für Jesus geht es nicht um eine Verbesserung, sondern um eine Umkehr unserer Verhältnisse. Wenn er den Armen, und zwar den Bettelarmen, das Reich Gottes verheisst, dann sind Verhältnisse, in denen es diese Bettelarmen gibt, mit dem Reich Gottes nicht vereinbar. Dann bedeutet die radikale Umkehr, dass die Letzten die Ersten, die Ersten die Letzten sein werden.“
Seine politisch-religiöse Position, seine Kritik am „mittelständisch-bürgerlichen Christentum“ sowie an Teilen der katholischen Kirche selbst trugen Eigenmann neben viel Lob zuweilen harsche Kritik ein. Im „Wort zum Sonntag“ thematisierte Eigenmann etwa: Asylpolitik, die Schweiz im 2. Weltkrieg, Patriotismus, Imperialismus, Militarismus, die Abschaffung der Armee, Rassismus, Sexismus, Umwelt und Gentechnik, Energiepolitik, Armut und Chancengleichheit, die Ernennung von Bischof Wolfgang Haas. Die umfangreichen Reaktionen reichten von Beifall bis hin zu Morddrohungen, und die Programmverantwortlichen beim Schweizer Fernsehen sahen sich mit Konzessionsbeschwerden konfrontiert.
Sämtliche 33 Reden von Eigenmann im Rahmen des „Wortes zum Sonntag“, die Reaktionen darauf und diesbezügliche Korrespondenz sowie Zeitungsartikel zu Kontroversen finden sich im Vorlass von Urs Eigenmann. Ebenfalls enthält der Bestand die Manuskripte von über 650 Predigten und von zahlreichen Vorträgen. Umfangreich dokumentiert ist auch das Wirken von Dom Hélder Câmara (1909– 1999). Verschiedene Publikationen von Urs Eigenmann werden in die Bibliothek des Sozialarchivs aufgenommen.