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Das musst du wissen
- Die Sterberate durch den neuen Virus Sars-CoV-2 ist je nach Land unterschiedlich hoch.
- Im Moment ist es schwierig, die tatsächlichen Sterberaten zu ermitteln, denn es fehlen die notwendigen Daten.
- Auch hinken die Daten, die im Moment verfügbar sind, stets hinterher.
In Italien sterben derzeit rund zehn Prozent der Infizierten an Covid-19, in der Schweiz etwa 2,3 Prozent. Dass die Zahlen so unterschiedlich ausfallen, wirft Fragen auf und führt schnell zu Schnellschlüssen. Welche Gründe kann es also dafür geben, dass sich die Sterberaten so sehr unterscheiden?
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1. Wie wird die Sterberate berechnet?
Es gibt unterschiedliche Arten, die Letalität einer neuen Krankheit zu berechnen – vor allem, wenn sie sich im akuten Ausbruch befindet. Je nach Methode, kommt man auf verschiedene Zahlen.
Der sogenannte Fall-Verstorbenen-Anteil (auf englisch CFR, case fatality rate) gibt das relative Verhältnis von Verstorbenen in Bezug auf die bestätigten Fälle an. Es gibt zwei Ansätze, den Fall-Verstorbenen-Anteil zu berechnen. Die beiden verschiedenen Zahlen nähern sich im Verlauf des Ausbruchs an: Man kann entweder die gemeldeten verstorbenen Fälle durch die gemeldeten Fälle insgesamt teilen. Dieser Wert unterschätzt aber den endgültigen Anteil der Todesfälle unter den Infektionen, da Todesfälle verzögert auftreten.
Oder: Man teilt die Zahl der Verstorbenen durch die Anzahl der Personen, bei denen das Endresultat bereits eingetroffen ist, also die entweder genesen oder verstorben sind. So erhält man einen Wert, der zu hoch ist, da er die laufenden Erkrankungen noch nicht berücksichtigt.
Die tatsächliche Letalität, also die Anzahl Todesfälle pro tatsächlicher Ansteckung (ICF, infection fatality rate), lässt sich innerhalb einer laufenden Erkrankungswelle nicht bestimmen, da man die Zahl der tatsächlich Erkrankten nicht kennt.
2. Dunkelziffer – die grosse Unbekannte
Eine Studie vermutet, dass in China etwa um die 90 Prozent der Infektionen mit Sars-CoV-2 unerkannt geblieben sind, weil sie entweder nur mit sehr leichten oder gar keinen Symptomen erfolgt sind. Andere Studien kommen auf tiefere Zahlen, klar ist aber: Es gibt eine bedeutende Dunkelziffer. Einerseits relativiert das die Schwere der Pandemie. Andererseits heisst das jedoch auch, dass das neuartige Coronavirus sich unerkannt verbreiten kann und dadurch schwer kontrollierbar ist. Da die Dunkelziffer der insgesamt Infizieren sehr hoch ist, ist die Sterberate tiefer, als es die CFR momentan angeben. Andererseits ist die gegenwärtige Anzahl Todesfälle das Resultat von Ansteckungen, die vor rund einer Woche passierten. Dadurch hinkt die CFR permanent hinterher.
3. Was bewirkt die Komorbidität?
Komorbidität bedeutet, dass mindestens zwei diagnostisch voneinander abgrenzbare Krankheitsbilder gleichzeitig auftreten. Also wie bei Menschen, die wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu der Risikogruppe gehören und an Covid-19 erkranken. Sterben sie an der Krankheit, geht das in die Statistik als Covid-19-Todesfall ein. In Italien wird ein Todesfall beispielsweise dann Covid-19 zugeordnet, wenn Tests ergeben, dass die Betroffenen mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Und dies unabhängig davon, ob andere Komorbiditäten zusammen mit dem Virus zum Tod geführt haben. Kurz gesagt: Ein Teil der Verstorbenen wären eventuell auch ohne Covid-19 gestorben. Dieser Effekt ist aber auch zum Beispiel bei den Zahlen zu den Grippe-Toten in der Schweiz relevant.
Um letzten Endes also die Anzahl der zusätzlichen Todesfälle durch Covid-19 zu bestimmen, kann man die sogenannte Übersterblichkeit zu Rate ziehen. Diese besagt, wie viele zusätzliche Todesfälle im Vergleich zu den statistisch erwartbaren Todesfällen auftreten. Diese werden nicht einfach über einen Durchschnittswert berechnet, sondern berücksichtigen die Veränderung der Bevölkerung von Jahr zu Jahr sowie zufällige Schwankungen.
In der Schweiz lag die erwartbare Zahl im März bei ungefähr rund 100 bis 200 Todesfällen pro Woche. Diese Zahl wurde Anfang April überschritten, das heisst, die Anzahl Todesfälle durch Covid-19 hat bereits zu einer Übersterblichkeit geführt. Auch in anderen europäischen Ländern ist das der Fall.
Betrachtet man die Übersterblichkeit genauer, also zum Beispiel pro Altersgruppe, sieht die Situation noch gravierender aus. In der Risikogruppe, den über 65-Jährigen, haben die Todesfälle die Schwelle der Normalität bereits ab dem 16. März überschritten: Ungefähr zwischen 1100 und 1300 Todesfälle wären pro Woche gemessen an den letzten fünf Jahren zu erwarten gewesen, über 1400 traten ein. Der Bund betont aber, dass diese Schätzungen noch sehr unsicher seien.
4. Todesfälle werden verzögert gemeldet
Auch ist die Aktualität der durch die Spitäler an die Behörden übermittelten Daten nicht immer vergleichbar. Das hat vielschichtige Gründe. Zum einen die Verwaltungsstruktur der Länder. So werden die Daten in der Schweiz erst auf kantonaler Ebene übermittelt und dann erst auf Bundesebene erfasst. Ähnlich ist es auch in Deutschland, das föderal in Bundesländer aufgeteilt ist. In Ländern mit zentralisierter Verwaltung laufen die Daten direkt an einer zentralen Stelle zusammen. Aber auch hier ist die Zuverlässigkeit nicht konsistent, da die Spitäler damit beschäftigt sind, die Patienten zu behandeln.
5. Es wird unterschiedlich getestet
Jedes Land testet unterschiedlich oft. In der Schweiz werden nur Personen aus Risikogruppen und Gesundheitspersonal getestet. Und das auch nur, wenn Symptome einer akuten Atemwegserkrankung und Fieber vorliegen. Dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) müssen alle Testergebnisse, ob positiv oder negativ, übermittelt werden, damit sie in die Statistiken eingehen. Das Universitätsspital Zürich hat allerdings mitgeteilt, dass es ab dem 1. April alle Patienten testen wird, auch ohne vorliegende Symptome. Wird breiter getestet, können Infizierte schneller isoliert werden. Mit mehr als 10 000 pro Millionen Einwohner liegt die Schweiz unter den testenden Ländern zudem vorne. Noch stärker ist darin aber zum Beispiel Südkorea, welches die Ansteckungsrate eindämmen konnte.
6. Der Zustand des jeweiligen Gesundheitssystems ist zentral
Je nachdem, wie gut die medizinische Betreuung ist und wie ausgebaut die Infrastruktur der Spitäler, fällt die Sterberate höher oder tiefer aus. Das kann aber die grossen Unterschiede zum Beispiel in Vergleich zu Italien nicht klären. Denn: Die EU stellte Italien bezüglich seines Gesundheitssystems 2019 kein schlechtes Zeugnis aus.
7. Wie viele alte Menschen hat es?
Ein sehr wichtiger Faktor sind die demografischen Unterschiede. Wie gross sind die Anteile der Risikogruppen in der Bevölkerung und wie leben diese zusammen? In Italien ist der Anteil an älteren Menschen in der Bevölkerung hoch. Dort gibt es zudem mehr Mehrgenerationenhaushalte als in der Schweiz. Es leben also potentiell mehr Menschen aus der gefährdeten Altersgruppe über 65 Jahren mit jüngeren Familienmitgliedern zusammen, bei denen Covid-19 mit sehr wenigen oder ohne Symptome auftreten kann. Diese kann man schlecht voneinander isolieren.
8. Kulturelle Unterschiede
Die Kultur in einzelnen Ländern kann ein Faktor sein, der die Infektionsrate und damit auch die Sterblichkeit beeinflusst. Ein Beispiel dafür ist Südkorea, wo das Wohl der Gesellschaft von einem Grossteil der Bürger über die persönliche Freiheit gestellt wird – auch wenn man selber grosse Einschränkungen dadurch hat.
Fazit: Die tatsächliche Tödlichkeit des neuen Coronavirus lässt sich im Moment noch nicht bestimmen. Das heisst: Warten – und testen.