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«Bonjour, Genève!», rief Lukas Bärfuss munter in die am Samstagmorgen noch etwas verschlafene Halle des Salon du livre. Mit seiner Frau Muriel Pic stellte er die gemeinsame Auswahl und Übersetzung von sieben Briefen Walter Benjamins vor («Lettres sur la littérature», Zoé). Dabei ging es um den Umgang eines Schriftstellers und Intellektuellen mit Nonkonformismus und Polemik in den dreissiger Jahren – und heute.
Insgesamt war der Salon textzentrierter als in den Jahren zuvor. Der sorgfältig gestaltete «Cercle» der Westschweizer Verlage lud in seinen filigranen Pavillons zu Lesungen wie derjenigen von Antoine Jaccoud, der in einem fulminanten Crowdfunding-Aufruf Geld für sein eigenes Begräbnis sammelte («Country», éditions d’autre part).
Welches andere Literaturfestival würde sich wohl erfrechen, eine Veranstaltung mit vier Autorinnen «Talons aiguilles!» (Pfennigabsatz) zu nennen? Marie Gaulis, Julie Moulin, Eléonora Uhl und Marie-Claire Gross liessen es sich nicht verdriessen und lenkten den Blick von ihren Füssen auf ihre Neuerscheinungen.
Frauenschicksale des frühen 20. Jahrhunderts spielen in kürzlich prämierten Büchern eine wichtige Rolle: David Bosc, Preisträger des Prix Michel-Dentan, inspiriert sich für «Mourir et puis sauter sur son cheval» (Verdier) bei der spanischen Künstlerin Sonia Araquistáin (1922–1945), die sich 23jährig in London aus dem Fenster stürzte. Douna Loup erhält den Prix Pittard de l’Andelyn für «L’Oragé» (Mercure de France), in dem sie u.a. die madagassische Dichterin Esther Razanadrasoa (1892–1931) porträtiert. Anne-Claire Decorvet widmet ihren mit dem Publikumspreis der RTS ausgezeichneten Roman «Un lieu sans raison» (Campiche) der Irrenhausinsassin Marguerite Sirvins (1890–1957). Ob sie auf Stöckelschuhen unterwegs waren, lässt einen kalt – die Figuren tun es nicht.
Ruth Gantert
ist Redaktionsleiterin des dreisprachigen Jahrbuchs der Schweizer Literaturen «Viceversa» und der Plattform www.viceversaliteratur.ch. Sie lebt in Zürich.