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Hundert Jahre «Meisterschaft von Zürich»: Das Schweizer Radsport-Monument erzählt Geschichten aus einem ganzen Jahrhundert. Am Sonntag feiert die Züri-Metzgete ihr Jubiläum als «EKZ Volksmetzgete». Die SportWoche blickt zurück.
In England besteigt Georg V. den Thron, in Russland rafft eine Cholera-Epidemie Zehntausende dahin und in der Schweiz wird der Absinth verboten. Wir schreiben das Jahr 1910. Noch wird es vier Jahre dauern, bis erstmals ein Weltkrieg die industrialisierte Welt erschüttert.
Es ist die Zeit, in der in ganz Europa Fussballklubs entstehen. Die Tour de France gibt es bereits. Die Zeitschrift «L'Auto» organisiert sie 1910 zum achten Mal. Bis zur ersten Tour de Suisse 1933 müssen die Radbegeisterten aber noch ganze 23 Jahre warten.
Die Fahnenweihe
Am 28. Mai 1910 findet im Zürcher Vorort Schwamendingen die Fahnenweihe des VC Westfalen statt. Der Klub liebäugelt mit einer viel zu teuren Klubkleidung und führt zwecks deren Finanzierung die erste «Meisterschaft von Zürich» durch. Die Premiere des Rennens, das schon bald als «Züri-Metzgete» weltbekannt werden soll, ist 100 Kilometer lang und führt von Schwamendingen zweimal ins Zürcher Oberland und zurück.
In der Chronik können wir von einer geglückten Premiere lesen: «Die Fahnenweihe war ein einfaches, schlichtes Fest. Besonders die Organisation des Strassenrennens verdient schlechthin das Prädikat <musterhaft>.»
Die «Metzgete»
Weniger glücklich waren die nächsten Jahre des VC Westfalen. Schon 1913 übernahm die Radfahrer-Union Zürich die Organisation der zweiten Meisterschaft von Zürich. 1917 fusionierte sie mit anderen Klubs zum noch heute existierenden Radfahrer-Verein Zürich. Während Jahrzehnten war der RVZ der Veranstalter der Züri-Metzgete - bis in den 1970er-Jahren das zunehmende Geld im Radsport ein kommerzialisierteres Organisationsgremium
nötig machte.
Der offiziellen Namen des Rennens ist seit hundert Jahren «Meisterschaft
von Zürich». Trotzdem sprechen vor allem hierzulande alle von der «ZüriMetzgete». Die Chronisten sind sich nicht einig, warum das so ist. Weil sich die Fahrer nach Meinung der Zuschauer «gut gemetzget» haben, sagen die einen. Weil die Fahrer nach Stürzen mit ihren aufgeschürften
Beinen und Armen an eine «Metzgete» erinnerten, behaupten andere.
Die grossen Sieger
Im Monat Mai war die Züri-Metzgete bald ein Fixpunkt im internationalen Kalender. Ihre Siegerliste liest sich wie ein Who is Who des Radsports:
- Der Schweizer Heiri Suter gewann zwischen 1919 und 1929 sechs Mal. Er ist noch heute der Rekordsieger.
- In den 1940er- und 1950er-Jahren trugen sich unter anderen die Schweizer Ferdy Kühler, Hugo Kohlet, Walter Diggelmann, Paul Egli, Fredy Rüegg sowie der grosse Gino Bartali (It) in die Siegerliste ein.
- Später gewannen die Belgier Walter Godefroot und Freddy Martens, die Italiener Francesco Moser und Guiseppe Saronni sowie der Deutsche Dietrich Thurau die Metzgete.
- Unvergessen der Sieg von Beat Breu 1981. Dank einer «Steigung kurz vor dem Ziel» habe er als Bergfloh gewinnen können, analysierte der Schweizer damals zur Belustigung der Fans.
- Danach gewannen Fahrer wie Adri van der Poel, Johan van der Velde, Steven Rooks (alle Ho), Johan Museeuw (Be) und Davide Rebellin (It).
- Der letzte Schweizer Sieg datiert aus dem Jahr 2000. Damals siegte Laurent Dufaux vor Jan UHrich (De).
- Vor vier Jahren gewann Samuel Sanchez (Sp) das letzte Profi rennen.
Die Geschichten
Aus ihrer hundertjährigen Geschichte erzählt die Züri-Metzgete unzählige
Anekdoten. 1950 zum Beispiel wunderte sich ein Berichterstatter über Frauen am Strassenrand: «Mit Schmunzeln registrierten wir an vereinzelten Orten sogar weibliche Streckenposten, die ihre Aufgabe mit besonderer Gewissenhaftigkeit nachzukommen schienen.» Bis zur Einführung des Frauenstimmrechts sollte es damals noch über zwei Jahrzehnte dauern.
Vor dreissig Jahren waren Live-Bilder von Radrennen im TV noch nicht selbstverständlich. 1981 probte das Schweizer Fernsehen für die WM 1983 in Altenrhein an der Metzgete. Die Schweizer Radfans bekamen anlässlich dieser Premiere zu Hause den grossen Sieg von Beat Breu live mit.
Die fehlenden Profis
Hundert Jahre nach dem Fahnenweihe-Rennen am 28. Mai 1910 findet die «Meisterschaft von Zürich» am 5. September zum dritten Mal als «EKZ Volksmetzgete» statt. Profis sind seit vier .Jahren keine mehr am Start, denn das Budget von über einer Million Franken lässt sich im reichen Zürich für ein Eintages-Radrennen schlicht nicht mehr bestreiten.
Trotzdem hält Metzgete-Koordinator Bruno Hubschmid im Interview
mit der SportWoche (Seite 51) zu Recht fest, dass sich der Traditionsanlass wieder gut «metzget». Rund tausend Hobby-Gümmeler und lizenzierte Fahrer verschiedener Kategorien werden an den Start gehen.
Veranstalterio ist die «Züri Metzgete GmbH» - und die gehört dem Radfahrer-Verein Zürich. Die Tradition fahrt also weiterhin mit, wenn die Radrennfahrer um den Sieg des hundertjährigen Rennens fighten.
Die «Volksmetzgete»
Hundert Jahre «Meisterschaft von Zürich»: Es wird am Sonntag die 96. Metzgete sein, denn 1911, 1912, 1915 und 1916 fand das Rennen nicht statt. Auch 2007 fiel es aus. Seither lebt die Radsport-Tradition in Zürich
mit ihren hundert Jahren aber als rüstige «EKZ Volksmetzgete» weiter.
Marcel Siegenthaler und Walter Leibundgut
Originalartikel als PDF