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Wenn Martha tanzt
Wie das sprichwörtliche kleine Mädchen mit einem Korb auf der Blumenwiese bei jedem Schritt eine weitere Blume in ihren Korb einsammelt, sammelt Martha wie nebenbei Flora vom Feinsten, Vignetten von Paul Klee, Lionel Feininger, Kandinsky, Oskar Schlemmer und dann auch persönliche Blüten wie die Zuneigung zu Ella, die sich für den rechts-nationalen Professor aus Schleswig-Holstein entscheidet. Diese pastorale Idylle ist umrahmt von den politischen Entwicklungen mit der Erstarkung der Nationalsozialisten wie von einer Dornenhecke, in der man, ohne die Möglichkeit auszuweichen, hängen bleiben muss.
Dieser Garten allerdings, diese Wiese ist gleichzeitig in Marthas Heimatort Türnow wie auch als Appendix des Bauhauses in Weimar, an dem Martha einige Jahre verbringt und ihre Berufung zum Tanz entdeckt als Ausdrucksmöglichkeit ihrer synästhetischen Fähigkeiten, Töne als Formen zu sehen und diese Formen im Tanz nachzubilden, wofür am Bauhaus dann die eher hilflose Bezeichnung «Ausdruckstanz» geprägt wurde.
1925 geht die Weimarer Republik schon fast zu Ende und damit auch die Ära des Bauhauses, Gropius geht nach Dessau und Martha nach Türnow, wird Tanzlehrerin und Mutter von Hedwig, genannt Hedi. Als 1939 der Krieg beginnt, ist sie mittendrin, schafft es, Hedi auf die scheinbar sichere Passage auf der Wilhelm Gustloff zu schleusen, etwas, das sich dann als Vorspiel zu einer der grössten und verlustreichsten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte herausstellen sollte. Danach verliert sich ihre Spur.
Das Ganze, wie die Dornenhecke um die pastorale Idylle Marthas am Bauhaus und in Türnow, wird wiederum umrahmt von einer Rahmenhandlung, die sich um die Zentralperson Thomas Wetzlaff dreht, der bei der Entsorgung des Nachlasses seiner Grossmutter einen Rucksack mit dem Tagebuch Marthas, seiner Urgrossmutter, findet, das ihn in seinen Bann zieht und das eben die oben genannten Trouvaillen von Klee etc. enthält, die sie als Illustrationen ihrer Unterrichtsthemen oder als Hommage an Martha darin verewigt hatten.
Die Rahmenhandlung spielt im Wesentlichen im Jahr 2001, die erzählte Geschichte zwischen 1900 und 1945. Diese Geschichte ist vorwiegend das Werk von Thomas Wetzlaff, der versucht hatte, die Lücken in der Tagebuch-Chronologie zu füllen. Am Ende der Erzählung verschmelzen erzählte und Rahmengeschichte zu einem überraschenden Ganzen.
Der Autor Tom Saller ist Arzt, und Ärzte sind und schreiben normalerweise und stereotypisch trockene Texte. Und das stimmt hier auch: allerdings nur, wo der Humor betroffen ist. Der ist so trocken, dass die Sahara im Vergleich zu einem Überschwemmungsgebiet erklärt werden könnte, er ist knapp und völlig treffsicher. Aber ganz anders als die stereotypen Krankenhausschriftsätze gibt es viele, sehr sensible, fast ätherische Passagen, die den Atem rauben können.
Andererseits gibt es auch Passagen, die mich dann wieder Husten lassen, weil die Metaphorik wie von einem Vampir bereits vor Jahrzenten blutleer gesaugt worden war. Und das etwas postmoderne Unterfangen, den Autor beziehungsweise besser: den Erzähler nachträglich den Entschluss fassen zu lassen, die Kerngeschichte zu schreiben, scheint etwas bemüht.
Doch dies ist Meckern und Mäkeln auf höchstem Niveau, das Gesamterlebnis des Romans ist erlebte (Kunst-)Geschichte, spannend und höchst menschlich verpackt. Ein guter Wein, ein tiefer, bequemer Sessel, stundenlang Social Distancing – und dann dieses Buch...
Saller, Tom, Wenn Martha tanzt, Berlin: Ullstein, 102020