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Im Quartier Leutschenbach sind Hochhäuser willkommen, vor allem als Gruppen. Das Wolkenwerk kombiniert gegensätzliche Typologien, Park- und Hochhauswohnen, Gewerbe und sogar eine Fabrik und lässt eine Stadtlandschaft mit intensivem Bodenbezug entstehen.
Man nimmt kaum wahr, dass im Moment noch die Baugrube für den «Messeturm», das künftige Flaggschiff der Überbauung, den Auftakt bildet. Denn schon jetzt füllt eine beeindruckende Häusermasse das Blickfeld: drei hoch aufstrebende Türme, zueinander abgedreht, die aus einer strassenbegleitenden Sockelbebauung herauswachsen. Sie bilden eine ganze Landschaft, der ein explizites, rahmendes Raster von weissen Betonelementen mit dunklen Füllungen eine ausgeprägte Ordnung verleiht.
Der Stadtteil Leutschenbach ist ein dynamisches Entwicklungsgebiet im Norden von Zürich – bekannt als Sitz des Schweizer Fernsehens, der ikonischen Schule von Christian Kerez und des Genossenschaftsquartiers Hunziker Areal. Die baurechtlich erlaubte Dichte ist hoch (Zentrumszonen 5 bis 7).
Testplanungen setzten 1998 und 2010 die Rahmenbedingungen für eine geordnete Entwicklung; sie postulierten namentlich ein Netz von Grünfläche und Grünzügen (u.a. Andreaspark), um die grossen Areale zu strukturieren.1 Die Testplanung 2010 kam zum Schluss: «In Leutschenbach kann dicht und hoch gebaut werden». Das städtische Leitbild präzisierte später: «An städtebaulich bedeutenden Standorten sind Hochhausgruppen zu bilden». Gleichzeitig formulierte es die Idee eines «Inneren Gartens» als rückwärtige Grünverbindung entlang der Grundstücksgrenzen, abseits der Strassen.2 Die Überbauung Wolkenwerk übersetzt diese Vorgaben in Architektur.
Motor und Promotor des Projekts ist eine Einzelperson, der Architekt Henrik Jason Stump, der hier schon vor zwanzig Jahren ein erstes Areal erworben hatte, zu dem sich später ein weiteres gesellte. Nach einem gescheiterten Überbauungsprojekt gelang der Durchbruch, als sich die Besitzer eines dritten Grundstücks zum Mitmachen entschlossen: die Armaturenfabrik Nyffenegger, die das prominente Eckgrundstück besetzte und nicht wegzuziehen gedachte. Ein kooperatives Planungsverfahren mit der Stadt Zürich führte 2011–14 zum jetzt realisierten Projekt.
Es sind zentaurenhafte Wesen, die sich da auftürmen. Zur Strasse treten sie zunächst als relativ flache, gewerbliche Randbebauung in Erscheinung, unterbrochen durch eine schmale Gasse, die in die Tiefe des Areals führt. Aus diesen Sockeln wachsen unmittelbar die drei schlanken Türme empor; sie stehen in der gleichen Flucht, jedoch auf eigenen, kräftigen Beinen bzw. Stützen, die teils offene, teils geschlossene Arkaden bilden. Durchwandert man das Areal, sind die Türme an manchen Stellen Protagonisten, an anderen nur Hintergrund, nie aber erscheinen sie als Monumente freigestellt, sondern stets eingebunden ins Ganze. Vielleicht ist es die typologische Überlagerung von Sockel und Türmen, Fabrikhalle und Wohnhof, Park, Siedlung und Stadtfront, die den Eindruck von Landschaft entstehen lässt. Dazu kommen die nonchalante Abdrehung der Türme, die Variation ihrer Höhe und schliesslich – ganz besonders – das Netz von Stichstrassen, Durchgängen, Höfen sowie der rückwärtige Park, der «Innere Garten», der mit seiner massiven und extrem dichten Baumbepflanzung den Gebäudemassen entgegenhält. Die Überlagerung von Themen, Typologien, Logiken und Widersprüchen macht das Urbane am Wolkenwerk aus – und ebenso seinen landschaftlichen Charakter.
Mit ihren schmalen Gassen und den Füllungen aus Klinkermauerwerk im tragenden Betonrahmen zitiert die Architektur der tiefen Gebäudesockel die gewerblichen Vorgängerbauten aus den 1940er Jahren. Nur fand jetzt dunkler, fast schwarzer Klinker Verwendung, der in unterschiedlicher Art, teils mit Relief und teils durchbrochen, vermauert wurde. Die immer ähnliche Gebäudehöhe tritt je nach Nutzung teils als ein- oder zwei-, teils als viergeschossig in Erscheinung.
Die beiden Sockel sind von ganz unterschiedlichem Charakter: Der im Süden enthält den Neubau der Fabrik Nyffenegger Armaturen, die dem Hochhausprojekt weichen musste. Der Familienbetrieb in fünfter Generation (1910 im Areal des heutigen Restaurants «Giesserei» in Oerlikon» gegründet) wollte seinen kundennahen Standort in der Stadt nicht verlassen und wurde deshalb Teil des Projekts Wolkenwerk. Hier finden sich nicht nur ein grosses Verkaufsgeschäft, Lager und Büros, sondern auch eine veritable Fabrikhalle, wo Rotguss oder Messing gefräst und gebohrt und ganze Armaturen gefertigt werden – eine ungewöhnliche und bereichernde Nutzung in einer Wohnüberbauung.
Der grössere Sockel im Norden zeigt sich zur Strasse als Gewerbehaus mit Ladenfront, zum Park hin dagegen als viergeschossige Wohnsiedlung. Gedeckte Durchgänge bilden ein Geflecht von Wegen, das im rechteckigen Hof seine Mitte findet, in den zwei Türme herunterblicken. Unterschiedlichste Wohnungstypen variieren das Thema des gestapelten Reihenhauses: als Patiotyp auf der Nordseite, mit durchgehendem Wohnraum von der Gasse zum Hof im südlichen Flügel – und als Gartenwohnen hinter zweigeschossiger Loggia am Park. Diese Parkfront, geprägt vom grossen Rhythmus ihrer Kolossalordnung, blickt in klassischer Würde auf die Wildnis des «Inneren Gartens» herunter.
Die drei Wohntürme sind je etwas anders ausgerichtet, wobei zwei dem Bogen der Strasse folgen, während der dritte um 90 Grad abgedreht ist. Ihre Grundfläche ist gleich, doch die Höhe variiert um ein Weniges, sodass sie nicht als eine Serie, sondern als lockere Gruppe gelesen werden. Ihre Erscheinung ist vom liegenden, kraftvoll ausgebildeten Raster der rahmenden Betonelemente geprägt, deren vertikale Stützen leicht vortreten. Die Fenster integrieren sich unauffällig in die dunkel gekachelten Füllungen, die mit den weissen Rahmen zusammen den Takt vorgeben. In der Höhe sind die Türme geschichtet und geben unterschiedlichen Wohnformen Raum: Grosse Wohnungen mit Eckbalkon strukturieren bis ins achte Obergeschoss das Äussere der Türme, sie eignen sich gut auch für Familien. Darüber folgen Kleinwohnungen mit eingezogener Loggia, den oberen Abschluss bilden zweigeschossige Penthouse-Wohnungen. In den oberen Geschossen bleibt nur die prismatische Form und ihre gleich bleibende Teilung; die starke Bewegung im Sockelbereich kommt in der hohen Brüstung der Dachterrassen zur Ruhe.
Arkaden und hohe Vorhallen setzen den Fuss der Türme vom Sockel ab, aus dem sie herauswachsen. Doppelgeschossige, edel materialisierte Eingangshallen bieten mit ihrer expressiven Farbigkeit, Wandgemälden und eigens entworfenen Leuchten einen erlebnishaft inszenierten Empfang, der die Bewohner zu gelegentlichem Innehalten und nachbarschaftlichem Austausch einlädt.
Im Wolkenwerk ist eine erhebliche bauliche Dichte realisiert: 286 Prozent beträgt die Ausnützung, wenn man die baurechtlich nicht anrechenbaren EG-Flächen miteinbezieht. Die reiche Variation und Abstufung der Wohnungstypen sorgt dafür, dass die Höhe der Türme für Bewohner nicht nur Gewinner und Verlierer schafft, sondern je unterschiedliche Qualitäten oben und unten: Bodennahes Wohnen in der Maisonette, dazwischen Balkonwohnen, weiter oben die weite Aussicht.
Der Ausbaustandard ist überall sehr hoch, und auch die Miet- beziehungsweise Kaufpreise bewegen sich nicht im Bereich preiswerten Wohnens (die Webseite nennt Bruttomieten von ca 4000 Schweizerfranken für eine grosse 4,5-Zimmerwohnung; die wenigen noch unverkauften Penthouse-Wohnungen kosten rund 16000 Franken pro Quadratmeter). Die 54 Wohnungstypen sprechen unterschiedliche Bewohnergruppen an. Trottinetts und Kinderwagen weisen vor allem vor den bodennahen Wohnungen am Hof des Sockelbaus auf Familien hin. An den Turmwohnungen, sagt der Entwickler Jason Stump, zeigten dagegen ältere Empty-Nesters grosses Interesse, die ihr Einfamilienhaus dafür eintauschten; zahlreich sind im Wolkenwerk zudem Expats sowie kinderlose Paare.
Im Wolkenwerk steht die Architektur nicht für sich allein, sondern sie verbindet sich besonders intensiv mit der Landschaftsgestaltung von Martina Voser, die auch die Häuser selbst mit einbezieht. Nur das breite Trottoir an der Leutschenbachstrasse mit der bestehenden Allee von Paulownien und die Gassen ins Innere des Areals sind durchgehend asphaltiert; die Dachflächen der Sockel dagegen sind teils als private oder gemeinschaftliche Gärten ausgebildet (soweit es der Brandschutz erlaubte), teils wie die Flachdächer der Türme extensiv begrünt. Das Regenwasser der Türme wird sichtbar aussen an den Fassaden herabgeführt und bewässert die tiefer gelegenen Dachgärten, um von dort in den öffentlich zugänglichen Park zu gelangen, wo es sich in einem grossen Teich sammelt. Ein ausgeklügeltes Stausystem sorgt dafür, dass die Dachgärten immer genug, aber nie zuviel Wasser abbekommen.
Den spektakulärsten Teil dieser mehrstufige Landschaft bildet der geräumige Park im Rücken der Überbauung, der als besagter «Innerer Garten» künftig Teil der Grünverbindung quer durch das Quartier sein wird. Die Landschaftsarchitektin hat in ihrem Abschnitt dichte Gehölze und Baumhallen geschaffen, die zusammen mit den eingestreuten Ruderalflächen eine wilde, naturhafte Anmutung ausstrahlen. Sie münden in einer sonnigen Lichtung am Ufer des Retentionsweihers, wo Sitzstufen zu stiller Meditation einladen – inmitten der dynamisch emporstrebenden Hochhauslandschaft.
1 Stadt Zürich, Amt für Städtebau, Testplanung Leutschenbach-Mitte, 2010.
2 Stadt Zürich, Amt für Städtebau, Leitbild Leutschenbach 2012.