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Eine Generation liegt zwischen Alain Tanners Kultfilm der Siebziger, Jonas (qui aura 25 ans en l’an 2000) (1976), und seinem neusten Werk Jonas et Lila, a demain. Das Jahr 2000, das damals noch die Utopie verhiess, steht vor der Tür, und der siebzigjährige Tanner konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Faden wieder aufzugreifen. Ein erwartungsbeladenes Unterfangen, gelang es Jonas damals, den revolutionären Geist der (Nach-)68er witzig und pointiert für die grosse Leinwand einzufangen. Jonas wurde zu einem Markstein des neuen Schweizer Films und weltweit auch zu einem kommerziellen Erfolg.
Der neue Jonas versteht sich allerdings nicht als Fortsetzung. Der Altmeister versucht vielmehr, die Summe aus den Visionen der damaligen Generation zu ziehen und ein Porträt der heutigen Jugend zu skizzieren. Dafür hat sich Tanner gleich zwei Alter Ego ausgedacht: einerseits Jonas (Jerome Robart), den jungen Filmemacher, der sich mit seiner Angetrauten, der Schwarzafrikanerin Lila (Aïssa Maïga), durchs Leben schlägt. Andererseits Anziano (Heinz Bennent), den philosophierenden Altregisseur, nunmehr Bonvivant und Schreiber in einer Villa in Marseille.
Jonas hält sich mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser und weiss nicht so recht, in welches Projekt er seine Zeit investieren soll. Bis er von Anziano eine DV-Kamera geschenkt bekommt und eingenommen ist von der Idee, Müllhalden zu filmen - als symbolische Hinterlassenschaft des ausgehenden Jahrtausends. Lila arbeitet in einem CD-Laden und rät ihren Kunden systematisch vom Kauf der massenproduzierten technoiden Hits ab, weshalb sie ihren Job verliert (man fühlt sich an die Figuren und ihre «antikapitalistischen» Aktionen in Tanners früheren Filmen erinnert). Zu den zweien, die sich «ewige Liebe» geschworen haben, gesellt sich Irina (Natalia Dontcheva). Jonas gabelt sie im Rotlichtmilieu auf und will sie vor der russischen Mafia retten. Nicht allzu subtil bahnt sich eine Ménage à trois an. Schliesslich erhält Lila von ihrem Stiefvater das Geld für ein Ticket nach Dakar, um - «back to the roots» - ihre Familie zu besuchen, was sie mit Jonas zusammen auch tut.
Überall dabei ist die Kamera als «Fenster zur Welt»: Sie dokumentiert Jonas’ Reisen, sie umfängt als materialisierter Blick Lilas Körper, sie initiiert auch - in plattem Voyeurismus - die «Liebesnacht zu dritt»: Lila fordert Irina und Jonas zum Sex auf und filmt sie dabei.
Als «mäandrierend» charakterisiert Tanner die Struktur seines Films. Die eher lose Abfolge von Episoden geht allerdings zu Lasten von Rhythmus und Kohärenz, verliert sich Jonas et Lila doch des Öfteren in manierierten Schlaufen und überflüssigen Windungen - so beispielsweise in den üppig eingestreuten Sexszenen oder den auf fragwürdiger Motivation basierenden Actions der Squatter-Freunde von Jonas und Lila. Wenn diese in der Geschirrabteilung des Warenhauses Fussball spielen, im Bus genüsslich Zigarren anzünden oder in heftigen Diskussionen aneinandergeraten, liest sich das nur mehr als leere Reminiszenz an den politischen Aktionismus vergangener Jahrzehnte.
Die Schwächen bezüglich darstellerischer Leistung und Drehbuch werden offensichtlich, wenn die Figuren sich, ihre Biografien und Befindlichkeiten immer wieder wortlastig erklären müssen. Anstatt Zeitgeist macht sich papierener Didaktizismus breit - sowohl in den philosophischen Zitaten, die Lila den Film über aus ihren Büchern zitiert, als auch in den symbolhaltigen Gesprächen zwischen Anziano und Jonas. Anstatt leichtfüssig ins nächste Jahrtausend zu springen, verharrt Jonas et Lila, à demain thesenschwer am Boden einer utopielosen Realität. Ob sich die junge Generation darin wiedererkennt?