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Europäischer Ziesel
Spermophilus citellus
© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Gemessen an der Artenvielfalt wie auch an der Individuenzahl bilden die Nagetiere (Rodentia) die weitaus erfolgreichste Säugetierordnung unserer Zeit. Mehr als vierzig Prozent aller heutigen Säugetierarten, nämlich rund 2300 von 5400, gehören dieser Sippe an, die sich vor rund sechzig Millionen Jahren auf dem nordamerikanischen Halbkontinent herausgebildet hatte.
Die heutigen Nagetiere werden im Allgemeinen in fünf Unterordnungen gegliedert: erstens die Mäuseverwandten (Myomorpha) mit etwa 1700 Arten, zweitens die Hörnchenverwandten (Sciuromorpha) mit etwa 300 Arten, drittens die Stachelschweinverwandten (Hystricomorpha) mit etwa 200 Arten, viertens die Biberverwandten (Castorimorpha) mit etwa 100 Arten und fünftens die Dornschwanzhörnchenverwandten (Anomaluromorpha) mit etwa 10 Arten.
Innerhalb der Unterordnung der Hörnchenverwandten ist die weitaus umfangreichste Familie mit ungefähr 270 Arten die der «eigentlichen» Hörnchen (Sciuridae). Wie die meisten Säugetierfamilien weist sie ihre grösste Artenvielfalt in den tropischen Regionen der Erde auf. Aber auch Nordamerika, das «Stammland» aller Nagetiere, beherbergt eine beachtliche Zahl von Hörnchenarten. Hingegen finden sich in den gemässigten Zonen der Alten Welt recht wenige Arten. Im ganzen nördlichen Eurasien sind es lediglich etwa 25. Eines dieser eurasiatischen Hörnchen ist der Europäische Ziesel (Spermophilus citellus), von dem hier berichtet werden soll.
Fett im Herbst, mager im Frühling
Der Europäische Ziesel ist ein mittelgrosses Nagetier. Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von 18 bis 23 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 5 bis 7 Zentimetern und ein - im Jahresverlauf stark schwankendes - Gewicht von 190 bis 430 Gramm auf.
Die Gewichtsschwankungen sind darauf zurückzuführen, dass der Europäische Ziesel ein ausgeprägter Winterschläfer ist. Er verbringt rund sechs Monate lang im Tiefschlaf in einem frost- und feindsicheren Erdbau und nimmt während der ganzen Zeit keine Nahrung zu sich. Zwar sind die Stoffwechselprozesse in seinem Körper während des winterlichen Ruhezustands stark herabgesetzt, aber auch in diesem «Stand-by-Betrieb» wird kontinuierlich ein wenig Energie verbraucht. Im Sommer legt sich der Europäische Ziesel darum jeweils dicke Unterhautfettreserven an - und ist jeweils stark abgemagert, wenn er im folgenden Frühling wieder aus seinem Bau hervorkommt.
Der Europäische Ziesel ist im zentralen und südöstlichen Europa heimisch. Da er in Lagen oberhalb von etwa 2500 Metern ü.M. nicht vorkommt, wird sein Verbreitungsgebiet durch die Ost- und Südkarpaten zweigeteilt. Der nordwestliche Teil erstreckt sich von Tschechien über das östliche Österreich, die Slowakei und Ungarn bis zum nördlichen Serbien und westlichen Rumänien, der südöstliche Teil von der Ukraine über Moldawien, das östliche und südliche Rumänien und Bulgarien bis zum östlichen Griechenland und zum europäischen Teil der Türkei. Isolierte Bestände finden sich ferner im nördlichen Griechenland und in Mazedonien.
Der Grossteil der Hörnchenartigen ist an ein Leben in den Baumkronen angepasst. Nur rund 40 Arten sind Bodenbewohner. Zu diesen «Erdhörnchen» gehört der Europäische Ziesel. Als Lebensraum bevorzugt er offene Kurzgrassteppen und andere wiesenartige Grasländer auf tiefgründigen, gut entwässerten Böden. Die Nacht verbringt er in einem weit verzweigten Erdbau, den er selbst gegraben hat und der bis anderthalb Meter unter die Erdoberfläche führt. Am Tag bewegt er sich zwar viel draussen umher, zieht sich aber immer wieder in seinen Bau zurück, sei es wegen einer aktuellen Feindgefahr oder zum Ruhen. Im Allgemeinen verfügt jedes Individuum über seinen eigenen Bau, doch legen zumeist mehrere Ziesel ihre Baue eng nebeneinander an, so dass sich vielköpfige Zieselkolonien bilden. Der Europäische Ziesel kann also weder als gesellig noch als ungesellig bezeichnet werden.
Die Nahrung des Europäischen Ziesels besteht zu einem grossen Teil aus Sämereien. Treffend ist darum der Gattungsname Spermophilus, was «Samenliebhaber» bedeutet. Die Kost umfasst aber auch viele zarte Blätter und Blüten sowie Knollen, Zwiebeln und Wurzeln, gelegentlich Raupen und weitere wirbellose Tiere, manchmal sogar ein Vogelei oder eine kleine Eidechse.
Wie alle Erdhörnchen hat der Europäische Ziesel geräumige Backentaschen, dank denen er in kurzer Zeit viel Futter «hamstern» und dieses anschliessend im Schutz seines Erdbaus in Ruhe verzehren kann. Das Leben ausserhalb des Baus ist nämlich recht gefährlich für ihn, da er ein wichtiges Beutetier vieler Greifvögel bildet, darunter Mäusebussard (Buteo buteo) und Turmfalke (Falco tinnunculus). Auch Raubtiere wie Rotfuchs (Vulpes vulpes) und Europäischer Iltis (Mustela putorius) stellen ihm nach, ferner streunende Hauskatzen.
Männchen graben Wurfbaue
Der Europäische Ziesel ist wie erwähnt ein echter Winterschläfer, der gewöhnlich ein halbes Jahr lang - von September bis März - vor den Unbilden der winterlichen Witterung geschützt in seiner unterirdischen Wohnhöhle verbringt. Im Frühling steigen zunächst die erwachsenen Männchen aus ihren Erdbauen hervor, und zwar meistens in den ersten Märzwochen, zwei bis drei Wochen vor den erwachsenen Weibchen. Sie nutzen die «weibchenfreie» Zeit, um viel Nahrung zu sich zu nehmen und Kräfte für die Paarungszeit zu gewinnen, die gleich nach dem Aufwachen der Weibchen beginnt.
Anfangs zeigen die Männchen untereinander kaum aggressives Verhalten, und jedes bewegt sich hauptsächlich in der näheren Umgebung seines Baus umher. Sobald aber die Weibchen gegen Ende März erscheinen, ändert sich die Lage: Die Männchen weiten nun ihre Streifgebiete erheblich aus, und die Rivalitäten zwischen ihnen nehmen stark zu. Während dieser aufregenden Zeit, in der sie ständig bemüht sind, einerseits die Gunst der paarungsbereiten Weibchen zu gewinnen und andererseits ihre Rivalen auf Distanz zu halten, bleibt ihnen kaum Zeit, sich dem Nahrungserwerb zu widmen. Sie magern darum erneut deutlich ab. Zum Glück für sie ist die Paarungszeit recht kurz, weil die Zeit drängt, da es ja dem Nachwuchs möglich sein soll, vor dem Wintereinbruch genügend Fettreserven aufzubauen.
Das Männchen muss jeweils mehrere Tage um ein Weibchen werben, bevor dieses die Begattung zulässt. Es scheint, dass sich jedes Weibchen nur einmal je Fortpflanzungszeit mit einem Männchen paart. Da die Begattung aber jeweils unter der Erde stattfindet, wissen wir dies nicht ganz sicher. Die Männchen suchen hingegen mindestens bis Mitte April stets nach weiteren paarungswilligen Weibchen, und es scheint, dass sich die kräftigeren unter ihnen je Fortpflanzungszeit mit zwei oder drei von ihnen zu paaren vermögen.
Für die Aufzucht seiner Jungen verwendet jedes Weibchen einen neuen Bau, nicht seinen bisherigen Schlafbau. Interessanterweise erhält es beim Anlegen des Wurfbaus Unterstützung vom Männchen, mit dem es sich gepaart hat. Tatsächlich erweisen sich die Männchen im Anschluss an die Paarungszeit als eifrige Gräber. Diejenigen, die nicht am Fortpflanzungsgeschehen teilgenommen haben, erweitern ihren eigenen Bau. Die anderen tun dies zwar ebenfalls, legen aber noch zusätzliche Bauen an, in welchen sie niemals schlafen, sondern die sie ihrem bzw. ihren Weibchen zur Verfügung stellen.
Studien haben gezeigt, dass beim Fehlen dieses väterlichen Beitrags zur Jungenaufzucht die Überlebenschancen der Jungtiere geringer sind als bei seinem Vorhandensein. Die Jungtiere mit väterlicher Unterstützung sind nämlich durchschnittlich grösser, wenn sie erstmals aus ihrer Geburtshöhle hervorkommen, als diejenigen ohne. Kräftigere Jungtiere aber haben von Anfang an bessere Überlebenschancen. Der Grössenunterschied zwischen den Jungtieren ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Mütter, welche männliche Unterstützung erhalten, mehr Zeit für die Futteraufnahme haben und darum mehr Nährstoffe an ihre Embryos und Säuglinge abgeben können als Mütter, die viel graben müssen.
In den Tagen vor der Geburt trägt das Zieselweibchen eifrig Nestmaterial in seinen Wurfbau ein. Etwa 25 Tage nach der Begattung bringt es dann seine meistens fünf bis acht Jungen zur Welt. Die Zieselbabys sind anfänglich nackt, blind und taub und wiegen lediglich sechs Gramm. Sie wachsen aber rasch heran. Nach etwa drei Wochen öffnen sich ihre Augen, und die Nagezähne brechen durch. Im Alter von vier bis fünf Wochen wagen sie sich erstmals aus dem mütterlichen Bau hervor. Sie beginnen sofort, feste Nahrung in Form von zarten grünen Pflanzenteilen zu sich zu nehmen. Wenig später, im Alter von sechs bis sieben Wochen, werden sie von der Muttermilch entwöhnt. Sie trennen sich dann von ihrer Mutter und ihren Geschwistern und graben sich in der Nähe einen eigenen Bau.
Alarmpfiffe wegen Kühen
Am aktivsten sind die Europäischen Ziesel am späteren Vormittag, wenn die Sonne den Boden bereits etwas erwärmt hat, und dann nochmals am späteren Nachmittag. Während der heissen mittäglichen Stunden ruhen sie gewöhnlich im kühlen und sicheren Bau, ebenso bei Regen. Solange sie sich ausserhalb ihres Baus aufhalten, widmen sie sich die meiste Zeit der Nahrungsaufnahme, wenden aber auch viel Zeit dafür auf, nach Feinden Ausschau zu halten. Dabei machen sie oft «Männchen», um einen besseren Überblick zu gewinnen und etwaige Gefahren frühzeitig erkennen zu können. Ihre Vorliebe für offene Kurzgras-Lebensräume dürfte nicht zuletzt mit der guten Rundumsicht in solchen Habitaten zusammenhängen.
Beim Sichten eines möglichen Feinds äussern die Europäischen Ziesel laute Alarmpfiffe. Im Unterschied zu den Mitgliedern anderer Erdhörnchengattungen, welche zwei verschiedene Alarmpfiffe haben, nämlich einen für Luftfeinde und einen für Bodenfeinde, kennen die Europäischen Ziesel wie die übrigen zwölf Mitglieder der Gattung Spermophilus nur einen allgemeinen Alarmpfiff. Sie erweisen sich im Übrigen nicht als sonderlich gut im Einschätzen einer realen Feindgefahr, denn sie alarmieren beim Auftauchen eines Hasen oder einer Kuh genau gleich wie beim Erscheinen eines Greifvogels oder eines Fuchses.
Trotz der häufigen gegenseitigen Alarmierung unter den Mitgliedern einer Kolonie fallen viele Europäische Ziesel ihren Fressfeinden zum Opfer. Bei einer mehrjährigen Studie wurde festgestellt, dass rund siebzig Prozent der Jungtiere im Verlauf ihres ersten Lebensjahrs verschwanden.
Die Weibchen unter den Jungtieren, welche nach ihrem ersten Sommer auch ihren ersten Winter überleben, nehmen schon im folgenden Frühling am Fortpflanzungsgeschehen teil. Bei den jungen Männchen ist dies teils auch der Fall. Teils aber tun sie es erst in ihrem zweiten Frühling, wenn ihre Chancen im Wettstreit um die paarungsbereiten Weibchen besser sind.
Möglicherweise aufgrund der anstrengenden Rivalitäten während der Paarungszeit ist die Lebenserwartung der Männchen geringer als die der Weibchen: Sie werden durchschnittlich etwa vier Jahre alt, die Weibchen etwa sechs. Das Höchstalter in Menschenobhut liegt bei über elf Jahren.
Wiederansiedlungsversuch in Sachsen
Der Europäische Ziesel steht in der Kategorie «Verletzlich» auf der Roten Liste der IUCN, da seine Bestände in der jüngeren Vergangenheit im ganzen Verbreitungsgebiet massiv geschwunden sind. Die Fachleute schätzen, dass die Gesamtpopulation in den letzten Jahrzehnten um jeweils mehr als dreissig Prozent abgenommen hat. Die Bestandsrückgänge sind im nordwestlichen und im südwestlichen Bereich des Verbreitungsgebiets am stärksten. In Tschechien waren 1995 83 von Europäischen Zieseln bewohnte Gebiete bekannt, 2000/2001 nur noch 26. In Österreich beschränkt sich das Vorkommen heute auf das Pannonische Becken ganz im Osten. In Kroatien, Deutschland und Polen ist die Art in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgestorben (inzwischen wird in Polen und im deutschen Erzgebirge versucht, die Art wieder anzusiedeln). In Griechenland und in Mazedonien überleben nur noch Restbestände.
Verantwortlich für den Schwund der Bestände des Europäischen Ziesels ist der Rückgang seiner Kurzgras-Lebensräume. In den tieferen Lagen werden die steppenartigen, tiefgründigen Wiesen- und Weidelandschaften auf breiter Front in land- oder forstwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt; in den höheren Lagen wird die traditionelle Nutzung der Halbtrockenrasen als Weideland oder Heuwiesen aus Rentabilitätsgründen aufgegeben, worauf sie verbrachen, das heisst zunächst zu Stauden- und Buschland und letztlich zu Wald werden.
Zunehmend ist der Europäische Ziesel heute abhängig von Kurzgrasflächen im Umfeld des Menschen, darunter Parkanlagen, Golfplätze, Flugfelder, Campingplätze, Gewerbeareale, Rebgärten und andere Gebiete mit regelmässig gemähten Rasenflächen. Oft wird er dort aber nicht geduldet, weil es zu Konflikten mit den Nutzungsinteressen des Menschen kommt, so beispielsweise im Bereich von Flugplätzen, wo die Gefahr besteht, dass die Zieselbaue die Start- und Landebahnen schädigen und die Greifvögel, die es auf die Ziesel abgesehen haben, mit Flugzeugen kollidieren. Die Zukunft des Europäischen Ziesels sieht leider düster aus.
Legenden
Der Europäische Ziesel (Spermophilus citellus) ist ein mittelgrosses Nagetier aus der grossen Familie der Hörnchen (Sciuridae). Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von 18 bis 23 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 5 bis 7 Zentimetern und ein - im Jahresverlauf stark schwankendes - Gewicht zwischen 190 und 430 Gramm auf. Das Bild zeigt ein Weibchen, das in den Tagen vor der Geburt seiner Jungen eifrig Nestmaterial in seinen Wurfbau einträgt.
Der Europäische Ziesel ist im zentralen und südöstlichen Europa heimisch. Als Lebensraum bevorzugt er offene Kurzgrassteppen und andere wiesenartige Grasländer. Als typisches «Erdhörnchen» verbringt er die Nacht in einem selbst gegrabenen Erdbau. Am Tag bewegt er sich viel draussen umher und widmet sich der Nahrungsaufnahme. Nie entfernt er sich aber weit von den Baueingängen - und zieht sich auch sofort zurück, wenn Gefahr droht. Das Bild zeigt zwei wachsame Ziesel in der Slowakei.
Die Kost des Europäischen Ziesels ist grossenteils vegetarisch. Sie besteht hauptsächlich aus Sämereien, zarten Blättern und Blüten sowie Knollen, Zwiebeln und Wurzeln. Hin und wieder verzehrt das bodenlebende Hörnchen aber auch eine Raupe, einen Käfer oder einen Regenwurm, manchmal sogar eine kleine Eidechse.
Nach einer Tragzeit von etwa 25 Tagen bringt das Zieselweibchen meistens fünf bis acht Junge zur Welt. Die Zieselbabys sind anfänglich nackt, blind und taub und wiegen lediglich sechs Gramm. Sie wachsen aber rasch heran. Schon im Alter von vier bis fünf Wochen wagen sie sich aus dem mütterlichen Bau hervor, und wenig später werden sie bereits entwöhnt, lösen sich von ihrer Mutter und graben sich in der Nähe einen eigenen Bau. Das Bild zeigt eine Mutter mit sieben Jungen am Baueingang.
Beim Entdecken eines möglichen Feinds äussern die Europäischen Ziesel laute Alarmpfiffe und warnen dadurch die restlichen Koloniemitglieder. Im Unterschied zu anderen Erdhörnchen, welche zwei verschiedene Alarmpfiffe haben, nämlich einen für Luftfeinde und einen für Bodenfeinde, kennen die Europäischen Ziesel nur einen generellen Alarmpfiff. Trotz der häufigen gegenseitigen Alarmierung fallen vor allem viele jugendliche Ziesel Bussarden, Füchsen, streunenden Hauskatzen und anderen Fressfeinden zum Opfer.
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