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| Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)

Fünftes Buch
13. Kap. Rhodon und die von ihm erwähnte Spaltung der Marcioniten.
13. Um diese Zeit verfaßte Rhodon, der aus Asien stammte und, wie er selbst erzählt, in Rom Schüler des oben erwähnten1 Tatian war, verschiedene Schriften und wandte sich mit anderen auch gegen die Häresie des Marcion. Er berichtet, daß sich dieselbe damals in verschiedene Richtungen gespalten habe, zählt diejenigen auf, welche die Spaltungen herbeigeführt, und widerlegt gründlich die von jedem derselben ersonnenen falschen Lehren. Vernimm seine eigenen Worte! „Da sie nun an einer unhaltbaren Meinung festhalten, sind sie unter sich uneins. Denn während Apelles, einer aus ihrer Schar, ein Mann, der sich seines Wandels und seines Alters rühmt, den Sprüchen einer besessenen Jungfrau namens Philumena2 folgend, nur ein einziges Prinzip annimmt, obwohl er die prophetischen Schriften aus einem diesem feindlichen Geiste erstehen läßt, sprechen andere, wie der Schiffer Marcion, von zwei Prinzipien; zu ihnen gehören Potitus und Basilikus. Diese folgten dem pontischen Wolfe.3 Da sie sich so wenig wie dieser die Gegensätze in den Erscheinungen erklären konnten, machten sie sich die Sache leicht und nahmen einfach, ohne nach Beweisen zu fragen, zwei Prinzipien an. Wieder andere unter ihnen gerieten auf noch schlimmere Bahnen und behaupten nicht nur zwei, sondern drei Urwesen. Begründer und Führer dieser Richtung ist, wie ihre Anhänger lehren, Syneros.“ Derselbe Rhodon schreibt, daß er auch mit Apelles eine Unterredung gehabt habe. Seine Worte sind: „Als der greise Apelles sich mit uns in eine Diskussion [S. 236] einließ, zeigte es sich, wie unrecht er in vielen Dingen hatte. Daraufhin sagte er, es gehe durchaus nicht an, den Glauben zu untersuchen, es müsse vielmehr jeder bei seinem Glauben bleiben. Wer seine Hoffnung auf den Gekreuzigten setze — so erklärte er —, werde das Heil finden, wenn er nur in guten Werken erfunden werde. Als das allerdunkelste Problem bezeichnete er, wie gesagt, die Lehre von Gott. Er nahm allerdings nur ein einziges Prinzip an, wie auch wir lehren.“ Nachdem sodann Rhodon die ganze Lehre des Apelles dargelegt, fährt er fort: „Auf meine Worte: ‚Woher hast du den Beweis für deine Lehre, oder wie kommst du dazu, nur ein einziges Prinzip zu behaupten? Antworte uns!’ entgegnete er: ‚Die prophetischen Schriften widerlegen sich selbst, da sie keineswegs die Wahrheit gesagt haben; denn sie stimmen miteinander nicht überein, sind falsch und widersprechen sich selbst.’ Warum es nur ein einziges Prinzip gäbe, behauptete er nicht zu wissen; er fühle sich nur angetrieben, so zu glauben. Als ich ihn sodann beschwor, die Wahrheit zu sagen, schwur er, es entspräche der Wahrheit, wenn er sage, er wisse nicht, warum nur ein einziger unerzeugter Gott sei, und daß er das nur glaube. Ich lachte ihn aus und tadelte ihn, weil er sich als Lehrer ausgab, aber es nicht verstand, seine Lehre zu beweisen.“ In der gleichen Schrift, die er an Kallistion richtet, bekennt Rhodon, daß er in Rom Schüler Tatians gewesen sei. Er berichtet auch, daß Tatian ein Buch der Probleme verfaßt habe. Da Tatian es unternahm, darin die schwierigen und dunklen Stellen in den göttlichen Büchern vorzuführen, kündete Rhodon an, in einer eigenen Schrift Lösungen zu den Problemen Tatians zu geben.4 Auch ist ein Kommentar Rhodons zu dem Sechstagewerk vorhanden. Der erwähnte Apelles hatte sich näm- [S. 237] lich tausendfach gegen das Gesetz des Moses versündigt, in mehreren Schriften die göttlichen Bücher verlästert und sich nicht geringe Mühe gegeben, dieselben, wie er wenigstens meinte, zu entlarven und zu widerlegen.5 Soviel hierüber.
1: Oben IV 29 (S. 202—203).
2: Des Apelles Schrift φανερώσεις, Aufzeichnungen der Offenbarungen einer angeblichen Seherin Philumena, wird wiederholt von Tertullian erwähnt (vgl. De praescript. haeret. 30; de carne Chr. 6 etc.).
3: Marcion war der Sohn eines Bischofs von Sinope in Pontus.
4: Ob Rhodon diesen Plan ausgeführt hat, ist nicht bekannt.
5: Die Schriften des Rhodon und des Apelles sind verlorengegangen.