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Ga Chooru itüe!
Bild und Geschichte
Unser Chooru war eigentlich fast nur Winterroggen: im September, Oktober gesät, spross er vor dem ersten Frost noch ca. eine Hand breit hoch und überwinterte dann. In der Schule lernten wir noch stolz, die höchsten Roggenäcker Europas befinden sich in Findeln (bei Zermatt, 2000 M.ü.M). Alle diese Äcker lagen hoch über den Dörfern, im nichtbewässerbaren Gebiet der Gemeinden; und man liess schon ab Mitte der Fünfzigerjahre den grössten Teil laa erliggu (brach liegen): der Unterschied von Aufwand und Ertrag war einfach zu gross und die Acker zu klein.
War das Korn reif, stiegen wir, meine Mutter und ich (die Kornschneiderin mit einem Kind), um vier Uhr morgens ca. ½ Stunde zum Acker hoch. Korn muss früh am Morgen im Tau geschnitten werden und ganz vorsichtig behandelt werden, damit möglichst wenig Körner aus der Ähre fielen. Es wurde immer mit der Sichja (Sichel) geschnitten. Die Schnitterin nahm vorsichtig eine Handvoll Stängel und schnitt sie eine Spanne ob Grund ab und legte sie auf die Stoppel. Fünf Handvoll ergaben eine Goofa. Nun kam ich als Binder zum Zuge; ich nahm ein paar Halme und band damit die Goofa zusammen und reihte sie immer fünf zusammen zu einem Haufen. Bei Sonnenaufgang und an schattigen Gebieten nach acht Uhr musste die Arbeit abgeschlossen sein; da aber die Äcker meistens so klein waren, war man in der Regel früher fertig. Jetzt liess man das Korn zwei drei Tage trocknen.
Nun hiess es: gaa Chooru itüe! Damit möglichst wenig Körner verloren gingen, wurde das trockene Korn mit einem Tuch transportiert. Man nahm das Gaarbutüech, (ein starkes Leinentuch, an der Längsseite mit Schlaufen versehen), legte es auf die freien Stoppeln längsseits zum Hang aus und begann die Goofe in der oberen Hälfte, so zu einem Drittel über den Rand des Tuches ragend, aufzuschichten; immer so, dass die Ähren Hang abwärts zur Mitte des Tuchs zeigten. Hatte man so viel geladen, als man zu tragen vermochte, schlug man die untere Hälfte rauf und band mit dem Seil das Tuch kräftige fest: die Gaarba war fertig. Nun lud man sie, ähnlich wie die Burdi auf den Kopf und trug sie in den nahen Stadol.
Die Stadel waren immer in der Nähe, denn, wie schon gesagt, hat man in der «Tragwirtschaft» die Ökonomiegebäude gemeinsam dort gebaut, wo man sie brauchte. Wir besassen an Schroota im Bielustadol und eine in de Obre Millachra. Da ich die Schroota im Bielustadol geerbt habe, bin ich heute unter anderen 12 Eigentümern, stolzer Besitzer einer Stadolschroota von 93 cm. Das frisst, obwohl seit 60 Jahren ungenutzt, wie der Walliser sagt, kcheis Broot, kostet mich aber eine jährliche Grundsteuer von 25 Franken und vorletztes Jahr für die (vorläufig letzte) Vermessung 436 Franken 25.(!) Die Gaarba wurde hineingetragen, ins Tenn geworfen, die Körner grob ausgeschlagen und dann wurde das Chooru vorsichtig in der Schroota gestapelt. Hier konnte es nun fertig austrocknen, bis man im Winter (da hatte man Zeit) es zum Dreschen wieder herausnahm.
Bürchen, 11. 4. 20