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Beim Namen ‚Chamisso‘ denkt man wohl zuerst (und vielleicht als einziges) an Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Dann vielleicht noch an Lyrik (immerhin wurden ein paar von Chamissos Gedichten von namhaften Komponisten vertont). Der Forscher und Botaniker Chamisso ist hingegen bedeutend weniger im Gedächtnis seiner Leser verankert. Dabei hat sich Chamisso selber im letzten Drittel seines Lebens mindestens so sehr als Naturwissenschafter gefühlt wie als Dichter. Es ist kein Zufall, dass er die Ausgabe seiner Werke, für die er selber noch verantwortlich zeichnete, mit dem hier vorliegenden Text beginnen.
Der Titel erweist dem ersten deutschen Weltumsegler Forster seine Reverenz. Dies, und der neckische Hinweis, dass seine (Chamissos) Reise die erste sei, die von deutschem Boden aus gestartet worden sei, ist aber der einzige Hinweis auf Forster, den wir finden. Der Hinweis hat seine Berechtigung auch nur für Chamisso selber, der von Berlin aus nach Kopenhagen reiste, wo er das Schiff betrat. Der Rest der Expedition selber war russisch und von Sankt Petersburg aus gestartet. Obwohl vom russischen Schatzkanzler Rumjanzew privat finanziert, genoss sie doch offizielle Unterstützung, und sie bezweckte handelspolitisch-militärische Ziele mehr denn naturwissenschaftliche Forschungsarbeit. Das bekam auch der Titulargelehrte Chamisso zu spüren. Die Crew der Rurik verstand ihr Schiff und sich selber als militärisch. An Bord eines Kriegsschiffs aber gab es keine Passagiere, und so hatten die paar Zivilisten damit zu leben, dass sie sich nach Möglichkeit unsichtbar zu machen hatten und auf ihre Wünsche keine Rücksicht genommen wurde. Ja, Chamisso beschreibt, wie ihm die auf Deck zum Trocknen ausgebreiteten Papierblätter mit Pflanzenspecimen von den Matrosen geklaut wurden, die daraus Stopfmaterial für ihre Kissen machten – ein Diebstahl, den der Kapitän zu ahnden keineswegs gesinnt war. (Kapitän war übrigens Otto von Kotzebue, ein Sohn des August von Kotzebue.) Von 1815 bis 1818 war die Rurik unterwegs – Die Reise um die Welt veröffentlichte Adelbert von Chamisso aber erst 1836.
Es ist (nur schon ob der Gleichheit der Titel) kein Wunder, werden die beiden Reiseberichte Forsters und Chamissos gern verglichen. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass Forster, mit Start 1772, sozusagen am Anfang, Chamisso mit 1815 aber bereits am Ende einer kurzen Epoche von wissenschaftlichen Weltumsegelungen stand. Vor Forster und Cook war eigentlich nur Bougainville (1766), der das Genre sozusagen erfand. Auf Cook wie Bougainville deutet auch Chamisso des öfteren hin. Wo Cook und Bougainville noch unberührte Wildnis und indigene Völker in ihrem Originalzustand antrafen, war das zu Chamissos Zeit schon nicht mehr der Fall. Praktisch überall, wo Kotzebue und er hinkommen, war schon jemand. Waren schon viele. Auf Tahiti und Polynesien geben sich die europäischen (und unterdessen auch schon US-amerikanischen) Segler sozusagen die Klinke in die Hand. Einer der einflussreichsten Könige Hawaiis lässt sich nur noch im europäischen Aufzug, in Hemd und Weste, vom Zeichner der Expedition, Ludwig Choris, abkonterfeien. Der edle Wilde in der Südsee – Chamisso findet ihn noch, aber er findet ihn bereits im Zustand des beginnenden Sündenfalls. Und der im Norden war nie edel, wird auch von Chamisso in seinen Aufzeichnungen sträflich vernachlässigt. (Dafür ist San Francisco noch eine bedeutungslose spanische Kolonie an der Westküste Amerikas – so bedeutungslos, dass sie praktisch nur aus dem Presidio besteht. Mexiko, dem San Francisco offiziell untergeordnet ist, kümmert sich nicht um den kleinen Fleck in Neu-Kalifornien und duldet sogar ein kleines russisches Fort in unmittelbarer Nähe.)
Eigentlich sollte die russische Expedition den möglichen Durchgang durch die Beringstrasse erforschen. Der Versuch scheiterte auch daran, dass Otto von Kotzebue sich verletzte und krank wurde – woraufhin er beschloss, die Expedition abzubrechen und über die Pazifikroute und das Kap der guten Hoffnung nach Sankt Petersburg zurückzukehren. Ein Entschluss, den Chamisso in seinem Bericht auf das Entschiedenste kritisiert. Kotzebue sollte dennoch einen dritten, ähnlich gelagerten Auftrag erhalten. Chamisso, der wohl ein kleines bisschen zu aufsässig gewesen war, durfte nach Berlin zurückkehren. Sein wissenschaftlicher Expeditionsbericht wurde als dritter Teil dem offiziellen von Kotzebue angehängt – voller zum Teil sinnentstellender Druckfehler, wie Chamisso entrüstet feststellte. Er fügte sie dann als zweiten Band seiner Werkausgabe hinzu, immer noch vor den literarischen Produktionen, für die man ihn heute vorwiegend kennt.
Chamissos und Forsters Reiseberichte werden gern auch inhaltlich miteinander verglichen. Gewisse Dinge, so der offene und unverstellte Blick auf die Kultur der indigenen Völker, sind beiden gemeinsam. Beide sind auch hervorragende Stilisten, dabei ist aber der Stil der beiden völlig unterschiedlich. Forster ist noch ganz Kind des 18. Jahrhunderts und seiner wissenschaftlichen Schreibweise, auch wenn er sich zu der einen oder andern Dramatisierung hinreissen lässt. Chamisso ist bereits der mehr ich-bezogene Romantiker, der nicht zögert, seine eigene Person ins Zentrum der Erzählung zu stellen. Biografisch gesehen war es dann so, dass Chamisso seinen geringeren naturwissenschaftlichen Ruhm besser verkaufen konnte als Forster den seinen. Die Anstellung als Kustos am königlichen Herbarium in Berlin ermöglichte ihm Heirat und Familiengründung. Er war nun vor allem Botaniker.
Mit Chamisso geht die Epoche der (und wenn nur am Rande: naturwissenschaftlich motivierten) Weltumsegelungen praktisch zu Ende. Nur Darwin sollte 1831 noch einmal auf eine ähnliche Expedition ausfahren. Darwins Bericht von 1838ff wird Chamisso, der im selben Jahr starb, kaum noch gelesen haben. Die übrigen Expeditionen, z.B. die Humboldts, mit dem Chamisso in Kontakt stand, waren mehr oder weniger punktuell ausgerichtet. Es war übrigens reiner Zufall, dass Chamisso auf Weltreise ging, zuerst wollte er sich eigentlich der Brasilien-Expedition des Prinzen Wied anschliessen. Das scheiterte daran, dass dieser sein Expeditionsteam schon zusammengestellt hatte, als sich Chamisso bewarb.
Chamissos Reisebericht ist in einer schönen Ausgabe in Folio-Format bei der Anderen Bibliothek erschienen, mit allen Zeichnungen Choris‘. Das Nachwort besorgte einmal mehr Matthias Glaubrecht in gewohnter Präzision.