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Am Anfang ist das Erleben. An einem provenzalisch warmen Nachsommertag langten wir auf den Spuren des Lebenswegs von Van Gogh in Saint-Rémy an. In der ehemaligen Nervenheilanstalt, wo er vorübergehend lebte und malte, überraschte mich an der Wand in einem ihrer Gänge eine eingerahmte vergilbte Zeitungsfotografie aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Darauf war mitten in einer grösseren Gruppe von Internierten Albert Schweitzer mit seiner Frau Helene zu erkennen. „Wie wir hatte Von Gogh auf diesem steinernen Fussboden gefroren, wenn der Mistral wehte“, schrieb er später in seiner Autobiografie.
Den Urwaldoktor in Lambarene mit dem Tropenhelm bewunderten wir Kinder schon in den frühen fünfziger Jahren. Später stärkte uns manch ein Zitat des Friedensnobelpreisträgers für unsere Friedensarbeit. Aber dass Albert Schweizer und seine Frau bald nach Kriegsausbruch im fernen Gabun von Frankreich unter Hausarrest gestellt, 1917 nach Bordeaux deportiert und von dort in den Pyrenäen und schliesslich in Südfrankreich interniert wurden, wusste ich nicht. Grund genug zum Nachlesen und Nachdenken. Angesichts der Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges, arbeitete er im Urwald seine Kulturphilosophie aus, die er erst 1923 publizieren konnte. Da ging und geht es um mehr als blosses Theoretisieren, sondern um eine zutiefst persönlich-existentielle und gesamtgesellschaftliche Grenzerfahrung. Im Gegensatz zu den üblichen Erklärungsmustern hat nicht der Krieg den Niedergang der Kultur bewirkt. Er selber ist eine Erscheinung davon. Die Ursachen liegen in einer dekadenten Kultur, genauer ihrer Philosophie, näher im Versagen der Ethik. Frühere ethische Entwürfe gelangten immer nur zu ethischen Teillösungen. Schweitzer bleibt aber nicht bei ihrer Kritik stehen, sondern stösst zum tragfähigen ethischen Grundprinzip vor.
Weit über Kants aufklärerisches Postulat hinaus, die selbstverschuldete Unmündigkeit abzulegen und dem eigenen Verstand zu vertrauen und ihn auch zu gebrauchen, wagt er, auf sein Erleben zu vertrauen und es erzählend, denkend zu erfassen und darzustellen, wohl verankert in innigen Kindheitserlebnissen, wie er uns in Aus meinem Leben und Denken mitteilt.
Er geht nicht bloss von einem inhaltsleeren, auf blosse Gewissheit gerichteten, cogito ergo sum aus, sondern von der unmittelbarsten und umfassendsten Tatsache des Bewusstseins: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ In und ausser mir ist die Sehnsucht nach Leben, der Schmerz vor dessen Beeinträchtigung und die Angst vor Vernichtung. Das ethische Grundprinzip heisst allem Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen wie dem eigenen. Durch den unbedingten Vorrang der Ethik, weist Schweitzer jegliche Theorie(bildung) 615-544-4482 , als an jene gebunden und ihr nachfolgend, in die Schranken: kein Wissen um des Wissens willen, keine wertfreien angewandten Wissenschaften. Gleichzeitig erweitert er die blosse Humanethik auf alle Lebenserscheinungen aus. Sie ist auch Ökoethik. Dank dem inhaltsreichen Ansatz, der Ehrfurcht vor dem gesamten Leben, verstrickt sich seine Ethik, anders als die kantsche, die wegen ihres theoretischen inhaltsleeren Ausgangspunktes bloss in formaler Hinsicht universal ist, nicht in unlösbare Aporien.
Konflikte lassen sich allerdings nicht vermeiden. Völlig nüchtern stellt Schweitzer fest: „Die Welt ist das grausige Schauspiel der Selbstentzweiung des Willens zum Leben. Ein Dasein setzt sich auf Kosten des andern durch.“ Die bisherige, gewöhnliche relative Ethik sucht verwirrende Kompromisse. In Schweitzers elementarer Ethik kann der Mensch nur subjektive Entscheide treffen. Niemand kann für ihn bestimmen, wo die äusserste Grenze der Möglichkeiten des Verharrens in der Erhaltung und Förderung von Leben liegt. Er allein trägt die Verantwortung, wenn jemand über die absolut notwendige Grenze, irgendwelches Leben zu schädigen, hinausgeht: „Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels.“ Er bleibt nicht in blosser Gesinnungsethik befangen und stehen. Kein Mensch kann sich von seiner Verantwortung entlasten oder sich entbinden lassen. Etwa von einer religiösen Gemeinschaft, einer Partei oder einem Staat, der z. B. seine Bürger im Krieg vom Tötungsverbot meint befreien zu können. Auch kann kein Politiker, der für eine Gemeinschaft in überpersönlicher Verantwortungsethik handelt, sein Verhalten dadurch rechtfertigen, dass es aus einer Gesinnung der Kollektivität geschehe oder altruistischem und nicht persönlichem egoistischen Interesse entspringe. Seine elementare Ethik der Verantwortung und allenfalls Schuld ist durch keine Dogmatik, Kasuistik und Maximen zu ersetzen.
Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem gesamten Leben geht Hand in Hand mit einer lebensbejahenden Welt- und Lebensanschauung. Er setzt sich auch ausführlich mit fernöstlichen leben- und weltverneinenden Lehren auseinander, die bis heute auf das Abendland eine grosse Faszination ausüben. Ihre Resignation – mittels Freiwerden von der Welt und der damit verbundenen Läuterung der Welt- und Lebensanschauung – ist für ihn indessen bloss, die allerdings notwendige Vorhalle zum Eintritt in die tätige Ethik. Wir können nicht in einem völligen Für-uns-Sein verharren. Elementare Ethik ist deshalb die aktive Betätigung der Solidarität mit dem uns in unmittelbarster Weise zugehörigen anderen Leben.
Albert Schweitzer trägt seine Gedanken in einer schlichten und verständlichen Sprache vor, die sich an alle, nicht nur an Akademiker, richtet. Er ist nicht nur ein bedeutender Denker, sondern ein Mann der durch Denken geläuterten lebendigen Tat. Als Philosoph, Theologe, Arzt, Bachforscher und -interpret, in seinen Stellungnahmen gegen den Krieg und den aufkommenden Nationalsozialismus und im Kampf gegen die atomare Aufrüstung hat er nach seinem Motto gelebt und gehandelt: „Das gute Beispiel ist nicht nur eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen. Es ist die einzige.“ Mit dieser Überzeugung habe ich mich zur Pflege des Rechtsfriedens und mit Freunden zur Friedensarbeit entschlossen: „Wir waren für die Friedensarbeit kaum vorbereitet. Wären wir nur vorsichtig und vernünftig gewesen, wir hätten uns nie an die Arbeit gemacht“ (www.friedensbrugg.ch). In Ehrfurcht vor dem Leben handeln, ist immer auch ein Wagnis.
Albert Schweitzer, Kulturphilosophie. Verfall und Wiederaufbau der Kultur / Kultur und Ethik, Bern 1923.