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Herbst 2007
Wenn Sie, sehr geehrte/r Besucher/in, das Areal unserer Geschäftsliegenschaft betreten, realisieren Sie kaum, dass dieser grosszügige Komplex, so wie er heute vor Ihnen steht, vom Firmengründer Julius Settelen zusammen mit dem Bauunternehmen «Gebrüder Stamm» in weniger als zwei Jahren geplant und erstellt wurde. Dies in einer Qualität, die heute ihresgleichen sucht. So sehen Sie z. B. den Hofbelag aus gelbem Klinker oder den Aussenverputz noch in ihrem Originalzustand. Natürlich wurden zwischenzeitlich praktisch alle Räume neuen Verwendungszwecken zugeführt. Der Grundriss erfuhr lediglich vier unbedeutende Erweiterungen. Es findet sich kaum eine zweite gewerbliche Liegenschaft auf dem Stadtgebiet, die eine solch lange Periode praktisch unversehrt überdauert hat. Einziger Grund hierfür ist das visionäre, grosszügige und zweckmässige Raum- und Verkehrskonzept. Die Realisierung in dieser Form war nur dank der noch in den Kinderschuhen steckenden Eisenbetontechnik möglich.
Grund für den Bau dürfte der Mangel an Pferdestallplätzen und Fahrzeugremisen gewesen sein, die zudem über zwei Standorte verteilt waren. Wie bereits früher berichtet, hatte Julius Settelen 1883 den Pferdetramomnibusbetrieb an der Solothurnerstrasse gekauft. Das Areal von 4500 m2 bot Raum für 80 Pferde. In der Liegenschaft an der Davidsgasse, die er zusammen mit der Basler Droschkenanstalt der Witwe Herdener 1892 gekauft hatte, standen weitere 48 Pferde. Anstoss zum Bau des neuen Betriebshofes war wohl die Möglichkeit, das 2274 m2 grosse Areal an der Davidsgasse mit dem Nachbarn, dem Bürgerspital, gegen das Grundstück an der Türkheimerstrasse abzutauschen. Vermutlich war man sich im Winter 1905/06 handelseinig. Viele Ideenskizzen sind erhalten geblieben, nur eine ist datiert: Januar 1906. Obwohl auch das umliegende Land des Strassen-Gevierts Türkheimer- und Birkenstrasse Eigentum des Bürgerspitals war, basierten alle Skizzen auf der heutigen Grundstücksgrösse von 8451m2. Interessant ist, dass Julius Settelen zuerst von 220 Pferdeplätzen ausging. Offensichtlich musste er rasch einsehen, dass das Gelände dafür zu klein war. Die strategisch günstige Lage dicht am Spalenring dürfte ihn zum raschen Handeln veranlasst haben. Die eben fertig gestellte, grosszügige Ringstrasse war dank der 1902 erfolgten Verlegung der Trasse Steinenring - Spalenring - Kannenfeldstrasse der Elsass-Lothringen-Bahn in die heutige Tieflage möglich geworden. Der heute gerne als «Äusserer Ring» bezeichnete Strassenzug verbindet nicht nur den Bahnhof St. Johann - der damals als Güterbahnhof noch sehr bedeutend war - mit dem Centralbahnhof. Auch die Distanzen zum alten Badischen Bahnhof über die Johanniterbrücke (erbaut 1882) und in die Innenstadt sowie die neuen Industriegebiete waren nicht allzu gross.
Leider sind die Unterlagen über den Planungs- und Bauablauf sehr lückenhaft. Gesichert ist, dass der Tausch- und Kaufvertrag mit dem Bürgerspital am 12. Juni 1906 ausgefertigt wurde. Am 3. Juli 1906 reichte Julius Settelen ein Baubegehren zu einem ersten Projekt ein, das am 16. August 1906 bewilligt wurde. Die Ausführung jedoch entsprach den Plänen eines zweiten Projektes vom September 1906. Die Ingenieurberechnungen von F. Pulfer genehmigte die Baupolizei erst am 14. Februar 1907! Überliefert ist, dass die Zimmerleute am 31. Juli 1907 «Aufrichte» feierten - dem Todestag des erst 49-jährigen Firmengründers und Bauherrn Julius Settelen. Zieht man in Betracht, dass zum Bau weder Kran noch Bagger oder gar Betonmischer eingesetzt wurden, so kann man nur staunen, mit welcher Geschwindigkeit dieser Komplex durch die Bauunternehmung der Gebrüder Stamm, die als Generalunternehmer auftraten, förmlich aus dem Boden gestampft wurde. Wie Augenzeugen berichteten, wurden die gewaltigen Mengen von Bruch- und Backsteinen, Holz, Beton, Mörtel und Armierungseisen mit Schubkarren, auf Menschenschultern über lange Holzrampen oder mit Handaufzügen in die Höhe befördert. Das auf der Baustelle selbst gewonnene Kies-Sandgemisch wurde von Hand zu Beton verarbeitet.
Briefe seines Neffen Emil J. Imhoff vom Februar und März 1906 und seine detaillierte Projektzeichnung im Massstab 1:500 sowie der durch Rudolf Stamm realisierte Bau lassen folgendes Anlagekonzept erkennen: Dominant steht unverkennbar in der Arealmitte das Stallgebäude mit sieben Ställen im Erdgeschoss und zwei weiteren im Obergeschoss. Ein Standardstall beherbergt 20 Pferde. Die Ställe können von beiden Höfen aus betreten werden. Im vorderen Hof sind die Remisen für die Personenfuhrwerke, im hinteren Hof Fuhr- und Möbelwagen wettersicher untergebracht. Dies erlaubt nicht nur eine gute Durchlüftung der Ställe, sondern vor allem auch kurze Wege zwischen dem Stall und dem einzuspannenden Wagen. Vorteilhaft ist auch, dass die Gespanne sich beim Ein- und Ausspannen sowie bei der Ein- und Ausfahrt kaum kreuzen. Zusätzliche Abstellplätze für nur saisonal eingesetzte Fahrzeuge befinden sich im ersten Obergeschoss, das mit einer Rampe erschlossen ist. Die Werkstätten und die Serviceräume sind entlang der Birken- und Türkheimerstrasse aufgereiht, was den Handwerkern - Schmiede, Wagner, Sattler, Maler und Schneider - ein Maximum an Tageslicht und gute Belüftung gewährleistet. Weit ab von den Ställen, quasi als Abschluss des Werkstätten-Traktes, ist der Krankenstall mit Raum für dreizehn Pflegefälle. Der Ausdruck «Krankenstall» ist nur bedingt richtig. Der Stall dient vor allem der Isolierung von Tieren. Kränkelt ein Pferd, wird es bis zur tierärztlichen Diagnose dorthin verlegt. Damit verhindert man das Übergreifen von Krankheiten oder Seuchen auf den Gesamtbestand.
Grosse Bedeutung kommt der Futterlogistik zu. Heu, volumenmässig das Hauptnahrungsmittel der Pferde, ist dann am günstigsten zu kaufen, wenn es der Bauer frisch geerntet ab dem Feld anliefern kann. Der Heustock unter dem mächtigen Satteldach des Stallgebäudes - die Mansardenfenster wurden erst in den 1960er-Jahren eingefügt - fasst 4500 m3, resp. 550t Heu. Gewogen wird das angelieferte Futter auf einer 10-t-Brückenwaage in der Einfahrt des hinteren Hofes. Diese staatlich geeichte Waage ermöglicht die Anlieferung auch noch zur nächtlichen Stunde - wichtig für Bauern, die aus dem Leimental oder dem benachbarten Elsass ihre Ware anliefern. Zur Vorratshaltung gehören zusätzlich ca. 200t Hafer und eine ähnliche Menge Torfstreue. Das erste Obergeschoss über den Werkstätten entlang der Türkheimerstrasse beherbergt die Knechtenzimmer: vier Schlafsäle mit je acht Betten für das «Fussvolk», vier Einzelzimmer für die «chargierten», also die Meisterknechte. Es entspricht einer bei Handwerkern und Fuhrhaltern lange geübten Tradition, dass das ledige Personal beim Meister schläft. Allerdings werden die «Schlafgänger» an der Türkheimerstrasse nicht mehr verpflegt. Im Bürohaus, das im Erdgeschoss vier Büroräume mit total zwölf Arbeitsplätzen aufweist, logiert in den zwei Obergeschossen der Betriebsleiter, Depotchef genannt, mit seiner Familie. Eine Zentralheizung sorgt für Wärme in den Büros, den Wohnräumen und den Schlafsälen. Eine zweite Anlage dient der Erhaltung einer guten Raumtemperatur im Krankenstall. Im Obergeschoss entlang der Birkenstrasse befindet sich Basels erstes, feuersicheres Möbellagerhaus. Der Zugang erfolgt über den markanten Turm links von der Toreinfahrt. Ursprünglich ist eine spätere Aufstockung dieses Gebäudetraktes geplant. Der Treppenturm, in dem man auch den späteren Einbau eines Warenaufzuges vorsieht, wird gleich zu Beginn auf die endgültige Höhe errichtet.
Dieser Bau dürfte einer der allerersten Bauten in Basel sein, wo in grossem Stil Eisenbeton - man bezeichnete diesen noch als «armierten Beton» - eingesetzt wurde. Fast alle Erdgeschoss- und Obergeschossdecken sind in Eisenbeton ausgeführt - mit Spannweiten bis zu 12 m und Nutzlasten bis zu einer Tonne pro m2! Zu Projektbeginn ging der Architekt noch von den damals üblichen Holzdecken aus. Interessant ist die Feststellung von Emil J. Imhoff, dass man sich neuerdings auch in Deutschland mit dem «beton armé» beschäftige, aber keinerlei Erfahrung bezüglich der Langzeitwirkung von Pferdefäkalien auf diesen Baustoff habe; auch brauche dessen Einbau viel Erfahrung - er sehe keinen Schweizer Baumeister, der das könne! Obwohl der eingesetzte Eisenbeton deutlich teurer als die konventionellen Baustoffe war, dürften folgende Gründe zum Einsatz des zukunftsweisenden Materials geführt haben: Unentflammbarkeit, zeitlich uneingeschränkte Masstreue und hohe Abriebfestigkeit. Vor allem das Konstruktionskonzept von Ingenieur F. Pulfer dürfte alle Einwände weggewischt haben.
Dazu ein bekannter Basler Bauingenieur: «[…] Schon im Vorwort zu den statischen Berechnungen von F. Pulfer, ing. vom 25. Juli 1906 ist erkennbar, mit welcher Genauigkeit und mit welch grossem Fachwissen er seine Konstruktionen plant. Das damalige System Pulfer kann als Vorläufer der heute üblichen Plattenbalken-Konstruktionen betrachtet werden. F. Pulfer war sich seines geistigen Eigentums bewusst. Auf allen Berechnungen von 1906 und 1907 ist zu lesen: "Diese statische Berechnung bleibt Eigentum des Verfassers und darf keiner Concurrenzfirma zugänglich gemacht werden." […]» Vor allem das Feuerrisiko dürfte Julius Settelen zum massiven Einsatz dieser neuen Bauweise bewogen haben, denn Schadenfeuer in Fuhrbetrieben waren damals an der Tagesordnung. In den Ställen und auf der Heubühne herrschte praktisch ein 24-Stunden-Betrieb. Offene Gas- oder Petrolflammen stellten ein immenses Risiko dar. Elektrisches Licht schien die zukunftsweisende Idee zu sein. Allerdings war man in Basel immer noch am Diskutieren statt am Installieren! Wegen der Konkurrenz zum staatlichen Gasnetz tat man sich mit dem Aufbau eines Stromnetzes schwer. In dieser Ungewissheit erwog Julius Settelen die Aufstellung eines eigenen Gasmotors mit Dynamo zur Stromversorgung. Um auf der sicheren Seite zu sein, liess er zu allen Brennstellen je eine Gas- und eine Stromleitung legen. Letztlich wurden aber nur die elektrischen Beleuchtungskörper montiert - trotz der sechsmal höheren Betriebskosten. Gas brauchte man vereinzelt in den Werkstätten sowie für den Badofen und den Herd in der Wohnung des Depotchefs.
Leider blieb es Julius Settelen versagt, die riesige Kohlenfadenlampe, die den vordern Hof in ein weiches, gelbliches Licht tauchte, selbst einzuschalten. Von einer Einweihung der Liegenschaft ist nichts bekannt, der Bezug dürfte im Spätsommer/Herbst 1907 erfolgt sein. 128 Pferde und 229 Wagen bezogen die neue Unterkunft. Ca. 150 Mitarbeiter durften sich über hochmoderne Arbeitsplätze freuen. Die Schuldenlast auf der rund einer Million Goldfranken teuren Anlage sollte allerdings die zweite Generation Settelen in den 1930er- und 1940er-Jahren vor schier unlösbare Probleme stellen, denn die riesige Infrastruktur für den kaum noch existierenden Pferdebetrieb konnte vorerst keiner neuen Verwendung zugeführt werden.