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Aus heutiger, kunstgeschichtlicher Perspektive waren die 1960er Jahre das spektakulärste Jahrzehnt der Nachkriegszeit. Noch einmal, wie zu Beginn des Jahrhunderts, überschlugen sich die Wellen von konkurrierenden Richtungen. Happening, Fluxus, Pop Art, Performance, Body Art, Minimal Art, Conceptual Art und Land Art rangen von New York aus um die Gunst der expandierenden Kunstwelt. Nach den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der 1960er erreichten die USA Anfang der 1970er Jahre zum ersten Mal die "Grenzen des Wachstums". Wie veränderte sich die Kunst in diesem von wirtschaftlichen und politischen Krisen sowie sozialen Umbrüchen geprägten Jahrzehnt der "Tausend Plateaus" (Deleuze/Guattari)? Wie begegnete, nach zwei Jahrzehnten der Führungsrolle, die amerikanische Kunstwelt den wieder erstarkten europäischen Kunstinstitutionen und der neu erstarkten französischen Theorie?
Die Kunst der Moderne ist untrennbar verwoben mit ihrer theoretischen und kritischen Reflexion. Allerdings haben sich im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts auch der Stellenwert und die Form von Kunsttheorie verändert. Theoretisch besonders aktive Phasen zur Zeit der klassischen Avantgarden sowie der Neoavantgarden in den 1960er Jahren stehen Phasen gegenüber, in denen die Theorie an den Rand gerückt zu sein scheint. Namentlich die Kunstkritik hat im Lauf des 20. Jahrhundert soviel Terrain eingebüsst, dass sie heute nur ein Schatten ihrer selbst ist. Im Lektüreseminar verhandeln wir anhand von ausgewählten Texten die veränderten Funktionen und Orte, welche Theorie und Kritik im Lauf des letzten Jahrhunderts einnahmen.
Das Proseminar nimmt die umfangreiche Präsentation, die das Schaulager Basel dem Werk Tacita Deans und Francis Alÿs' im Frühjahr 2006 widmet, zum Anlass, dem Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft seit den 1960er Jahren nachzugehen. Dabei steht die Annäherung künstlerischer Arbeitsweisen an Forschungspraktiken, die sich nicht nur bei Dean und Alÿs beobachten lässt, sondern für die Kunstproduktion seit den Neo-Avantgarden bis heute insgesamt charakteristisch ist, im Vordergrund. Zwei Tendenzen sollen herausgearbeitet werden. Auf der einen Seite lässt sich – in der Nachfolge der Konzeptkunst – eine "Verwissenschaftlichung" ästhetischer Verfahren verfolgen, auf der anderen Seite aber – ausgehend von Künstlern wie Robert Smithson – auch so etwas wie eine "Poetisierung" oder "Fiktionalisierung" wissenschaftlicher Methoden und Wissensinhalte.