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Im Vorfeld der Abstimmung über eine nationale Erbschaftssteuer steht das Thema Erben derzeit im Zentrum des öffentlichen Interesses. Somit ist die bahnbrechende Studie des französischen Ökonomen Thomas Piketty zur langfrisitigen Entwicklung der vererbten Vermögen in Frankreich aus Schweizer Sicht von besonderer Relevanz.[1]
Piketty hat am Beispiel Frankreich aufgezeigt, dass Erbschaften im 19. Jahrhundert ziemlich konstanten 20-25% des Volkseinkommens entsprochen hatten und damals den viel wahrscheinlicheren Weg zu Reichtum darstellten als eigene Ersparnisse. Die Wirren des frühen 20. Jahrhunderts führten dann zu einem Einbruch der Bedeutung von Erbschaften – mit einem Tiefpunkt bei 5% des Volkseinkommens um 1950. Seither gewinnen Erbschaften jedoch wieder stetig an Gewicht.
Gemäss Pikettys aktuellster Schätzung ist der Umfang der Erbschaften im Jahr 2010 auf 15% des Volkseinkommens angestiegen. Und seine Prognose-Simulationen deuten darauf hin, dass Erbschaften im Jahr 2060 wieder die wirtschaftliche Bedeutung der Belle Epoque erlangen könnten.
Piketty hatte in statistischer Hinsicht einigermassen leichtes Spiel, indem er sich auf Frankreich konzentrierte. Dort werden Erbschaften seit 1791 nämlich umfassend registriert (und besteuert). Diese Errungenschaft der französischen Revolution beschert der Forschung sehr detailliertes und über die Zeit vergleichbares Datenmaterial.
Die Schweiz offeriert uns keine solch reichen Datenschätze. Erbschaften werden seit je nur durch die Kantone und Gemeinden besteuert und sind statistisch schlecht dokumentiert. Andererseits hat die Eidgenossenschaft seit 1911 Vermögenssteuern erhoben. Auf dieser Basis kann man Datenreihen zur Entwicklung der Privatvermögen erstellen. Mittels einer relativ einfachen Formel lässt sich das volkswirtschaftliche Gewicht der jährlich vererbten Summen somit indirekt messen: Man multipliziere die Privatvermögen mit der Sterblichkeitsrate und mit dem durchschnittlichen Vermögensvorsprung von Erblassern gegenüber der lebenden Bevölkerung, und dividiere durch das entsprechende Volkseinkommen.
Die konkrete Schätzung der vier Komponenten dieser Rechnung bedarf mehrerer zum Teil ziemlich starker Annahmen und Annäherungen, doch angesichts des Interesses der Thematik habe ich mit der Ökonomin Elodie Moreau im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Lausanne den Versuch gewagt.[2] Die Abbildung zeigt, wie sich der Anteil der Erbschaften und Schenkungen in der Schweiz entsprechend unserer zentralen Schätzung im Verlauf der letzten hundert Jahre entwickelt hat. Als Vergleich sind entsprechende Schätzwerte für Frankreich und Deutschland aufgeführt.
Erbschaften in Prozent des Volkseinkommens
Quelle: Brülhart und Moreau (2015) / Die Volkswirtschaft
Gemäss unserer Berechnungen hatten Erbschaften zur Zeit der Belle Epoque in der Schweiz markant weniger Gewicht als in den beiden Nachbarländern. Unsere Schätzung für 1911 ist zwar um einiges weniger präzis als diejenigen für spätere Jahre (daher die gestrichelte Linie), aber der Unterschied zwischen der Schweiz einerseits und Deutschland und Frankreich andererseits ist so gross, dass er wohl nicht bloss von Messfehlern herrührt.
Umso eindrücklicher ist der Anstieg der Erbschaften in den letzten vier Jahrzehnten: Er kletterte von 5% im Jahr 1975 auf nunmehr über 13% des Volkseinkommens. Erbschaften in der Schweiz haben also offenbar eine seit mindestens hundert Jahren nicht erreichte Bedeutung erreicht – Tendenz weiterhin steigend.
Unterschätztes Einnahmenpotenzial der Erbschaftssteuern
In Franken ausgedrückt entspricht unser geschätzer Wert für 2011 einer vererbten Summe von 61 Milliarden. Hochgerechnet auf 2015 (mittels der beobachteten Vermögenszuwachsraten von 2009 bis 2013) sind das gar 76 Mrd. Franken. Wenn wir davon ausgehen[3], dass ungefähr 40% der vererbten Vermögensbeträge auf den 2 Mio. Franken übersteigenden Teil entfallen, und davon 18% an (steuerbefreite) Ehepartner gehen, dann beläuft sich das geschätzte Steuersubstrat für die vorgeschlagene Erbschaftssteuer auf rund 25 Milliarden. Bei einem Einheitssatz von 20% wäre dann mit Einnahmen von gegen 5 Milliarden zu rechnen, obwohl angesichts der offen gelassenen Ausnahmeregelungen noch eine gewisse Unsicherheit besteht. Die nähere Betrachtung der Materie legt jedoch nahe, dass das Einnahmenpotenzial der vorgeschlagenen Bundeserbschaftssteuer höher liegt als die offiziell prognostizierten 3 Milliarden.[4]
Die zunehmende Bedeutung der Erbschaften in der Schweiz rührt, wie auch in den anderen Ländern, von drei wichtigen Entwicklungen her. Erstens beobachtet man seit dem Ende der Nachkriegs-Boomjahre einen stetigen Anstieg der Privatvermögen relativ zum Volkseinkommen. Zweitens werden Menschen angesichts zunehmender Lebensdauer zum Zeitpunkt ihres Todes im Durchschnitt reicher. Diese Tendenz ist in der Schweiz besonders ausgeprägt, was zumindest teilweise auf eine gut ausgestattete Altersvorsorge zurückzuführen sein dürfte. Und drittens wird der Umfang von Schenkungen zu Lebzeiten (die wir ebenfalls einberechnen) stetig wichtiger. Angesichts des steigenden Durchschnittsalters von Erblassern und von Erben (Medianalter rund 85 Jahre) ist auch die Zunahme von Schenkungen (Empfänger-Medianalter rund 40 Jahre) nicht verwunderlich.
Steuerwettbewerb entpuppt sich als Illusion
Was sagen uns diese empirischen Befunde hinsichtlich der Besteuerung von Erbschaften? Einerseits liegt der Schluss nahe, dass der Fiskus das Steuersubstrat Erbschaft angesicht seiner steigenden Bedeutung nicht brachliegen lassen sollte, zumal die Erbschaftssteuer eine ökonomisch vergleichsweise verzerrungsarme Steuer darstellt.[5] Eine stärkere Besteuerung von Erbschaften anstelle anderer Steuern mit stärker verzerrender Wirkung – man denke an die Vermögenssteuer aber auch an Lohn- und Einkommenssteuern – erschiene deshalb ökonomisch sinnvoll.[6]
Andererseits kann man daraus nicht schliessen, dass die Erbschaftsbesteuerung zwangsläufig auf Bundesebene zu geschehen hat. Gemäss meiner früheren Studie mit Assistenzprofessor Raphaël Parchet von der Universität in Lugano sind Erblasser nämlich kaum mobil.[7] Der Steuerwettbewerb bei den Erbschaften scheint mehr Illusion als Wirklichkeit. Die Kantone könnten Erbschaften somit durchaus stärker besteuern, ohne Furcht vor Abwanderung.
Schliesslich gilt es zu bemerken: Eine Zunahme der Erbflüsse bedeutet nicht zwangsläufig eine wachsende dynastische Konzentration von Grossvermögen. Piketty (2013) selber stellt fest, dass die Erbschaften der Gegenwart breiter und gleichmässiger verteilt sind als vor hundert Jahren (er spricht von «petits rentiers»). Wir wissen nicht, wie es in der Schweiz um die Entwicklung der Ungleicheit unter Erben, und zwischen Erben und Nichterben, bestellt ist. Zur Analyse dieses Aspektes würden sich Recherchen in Archiven kantonaler Steuerämter gewiss lohnen.
- Piketty (2011).
- Brülhart und Moreau (2015).
- Basierend auf Daepp (2003) und Stutz, Bauer und Schmugge (2006).
- Bundesrat (2013).
- Brülhart und Parchet (2014b).
- Siehe dazu auch Salvi und Zobrist (2013).
- Brülhart und Parchet (2014a).