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Deutschland hat im 20. Jahrhundert zweimal eine radikale Geldentwertung erfahren. Die erste Inflation spielte sich zwischen 1914 und 1923 ab. Die Ursache war der Mangel an Rücklagen für die Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Es fehlte an Geld für Waffen und Kriegsgerät. Die Regierung war überzeugt, den Krieg zu gewinnen. Deshalb wurde die Bevölkerung dazu aufgefordert, Kriegsanleihen zu zeichnen, die nach dem Sieg zurückgezahlt werden sollten. Die Rechnung ging nicht auf. Zusätzlich zu den versprochenen Rückzahlungen kam die Verpflichtung des Staates, den Siegermächten Reparationsgelder zu zahlen. Die Bürger hatten den Schaden: Die Güter des täglichen Bedarfs wurden knapp, die Industrie produzierte nicht genug und daher stiegen die Preise ins Unermessliche. Das Geld verlor radikal an Wert, denn immer wieder wurde vom Staat neues in Umlauf gebracht.
Ende Juni 1923 kostete ein Ei 800 Mark, im Dezember dann 320 Milliarden. Ein Liter Milch im gleichen Zeitabstand kostete erst 144 Mark, dann 360 Milliarden. Ersparnisse lösten sich in Nichts auf; die Löhne wurden tief gehalten, verloren täglich, sogar stündlich, an Wert. Die Menschen mussten mit Bündeln von Scheinen zum Einkauf gehen. Diese sogenannte Hyperinflation versetzte sie in grosse Unsicherheit und Not.
Nach einer Übergangswährung hat der Staat durch die Einführung der Reichsmark als neuer Währung 1924 die Inflation abgebaut. Mitte der zwanziger Jahre erholte sich dann die deutsche Wirtschaft; mit Hilfe der USA kam die Stabilität der Währung zurück. Aber als Folge des New Yorker Börsencrashs von 1929, der in Deutschland zu mehr als 6.5 Millionen Arbeitslosen führte, gab es erhebliche soziale Unruhen.
Die nächste Abwertung
Die Notlage machten sich die Nazis zunutze. Sie organisierten den wirtschaftlichen Aufschwung und schufen durch das Drucken von Geld die Voraussetzungen für die Kriegsführung. Als Folge des Zweiten Weltkrieges brach die wirtschaftliche Kapazität Deutschlands zusammen. Damit einher ging die Abwertung. Für die Bevölkerung bedeutete dies, dass es weder Lebensmittel noch Güter zu kaufen gab. Es kam zu Tauschhandel und Schwarzmarkt.
1944-1948: Meine Erinnerungen
Ich war sieben Jahre alt, die Jüngste von fünf Kindern. Wir wohnten mitten in einer Fabrikhalle; die Räume waren nicht isoliert. Es war Winter und die Fenster dick mit Eisblumen bedeckt. Sogar die Milch gefror in der Blechkanne, aber jeder hatte wenigstens sein eigenes Bett. Unsere Brotrationen haben wir gehütet wie eine Kostbarkeit. Mein Bruder sicherte seine Ration, indem er sie am Seil an die Hallendecke hinaufzog. Da war sie vor uns Geschwistern sicher. Ich erinnere mich an den Tag, als meine Mutter ihre Handtasche suchte. Die Aufregung war gross, denn sie enthielt das Wichtigste jener Jahre: die Lebensmittelkarten.
Wenn meine Mutter die Fettration geholt hatte, streckte sie sie mit Mehl in der Pfanne. Wir Kinder füllten sie in ein Schälchen, denn es gab oft Streit, wer mehr bekommen hätte. Wir teilten das Gemisch dann in Tagesportionen und unterteilten diese für morgens und abends, damit es für die ganze Woche reichte. Meine Mutter erinnerte sich, wir hätten im schlimmsten Winter 1945 vierundzwanzig Sack Kartoffeln zu je 100 Kilogramm verbraucht. Wir assen Kartoffeln, bis sie uns aus den Ohren wuchsen. Die einzige Abwechslung waren gelbe Steckrüben; war heute Kartoffeltag, war morgen Rübentag.
Vor allen Läden musste man Schlange stehen. Wenn man nach langem Warten endlich vorne angekommen war, konnte es heissen: «Ausverkauft». Wer erinnert sich nicht an das Maisbrot, das bitter schmeckte und zerfiel. Ich fand einmal Besenborsten darin. Zum persönlichen Tauschhandel bei Bauern (Silberlöffel gegen Essen) war meine sensible Mutter ungeeignet.Sie empfand dies als entwürdigende Bettelei. Lieber versuchte sie es in der offiziellen Tauschzentrale. Einmal schlachteten wir schwarz ein Schwein bei befreundeten Bauern; füllten es in Blechdosen und schafften es bei Dunkelheit in einem Koffer nach Hause. Wir hatten kaum Kleider, deshalb sammelten wir Schafwolle von den Zäunen; die wurde versponnen und zu Pullovern verstrickt. Wir wendeten alte Hemden und Stoffe und nähten daraus neue Kleider. Aus einem senffarbenen Schlafsack wurde mir ein Mantel genäht. Das erste für mich gekaufte Kleid bekam ich mit 14 Jahren zur Konfirmation: ein dunkelblaues Taftkleid mit bravem Bubikragen. Wie fand ich mich schön im Vergleich zu meinen Schwestern mit ihren Tellerröcken aus Wolldecken.
Dann kam 1948 die Währungsreform, bei der jeder mit nur 40 DM auf der Hand in stabile Wirtschaftsverhältnisse starten konnte. ☐
Ein Kinderwagen voller Geld
Karin Mulder (78)
Als ich neun Jahre alt war, 1948, wurde die Währungsreform in Deutschland beschlossen. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Doch das Thema aller Erwachsenen war das Geld. So fragte ich meine Grossmutter, ob sie gerne viel Geld haben würde. Ihre Antwort kam sofort und war ein kategorisches «Nein!».
Dann erzählte sie mir, wie es im Jahr 1923 gewesen war. Damals war mein Vater neun Jahre alt. Mein Grossvater arbeitete bei der Deutschen Werft im Schiffsbau und bekam jede Woche seinen Lohn ausbezahlt. Doch 1923 kam es innerhalb weniger Wochen so weit, dass er die Geldscheine nicht mehr in seiner Aktentasche nach Hause tragen konnte. Er bat meine Grossmutter, ihn am Zahltag mit dem Kinderwagen abzuholen, um das Geld nach Hause zu transportieren. Das fand ich natürlich sehr lustig, aber es war tragisch. Meine Grosseltern versuchten noch in der gleichen Stunde etwas damit zu kaufen, bevor es wieder teurer wurde. Ein Beispiel: Ein Ei kostete am 6. Juni 1912 noch sieben Pfennig, am 6. August 1923 schon 923 Papiermark, am 17. September bereits 2,1 Millionen, am 15. Oktober 1923 waren es 227 Millionen, einen Monat später 320 Milliarden Papiermark. Für einen amerikanischen Dollar musste man 4,2 Billionen bezahlen.
Wie konnte das passieren? Durch den Zusammenbruch des Wirtschafts- und Bankensystems stieg die Arbeitslosigkeit schnell und die Reallöhne sanken ins Bodenlose. Eine Hyper-Inflation war da. Man konnte gar nicht so schnell Geldscheine mit solchen Werten drucken und überdruckte die bestehenden Scheine mit diesen Millionen-Zahlen.
Diese Geschichte habe ich nie vergessen: Selbst wenn man einen Kinderwagen voller Geld hat, ist man nicht reich. ☐
Geld regiert die Welt? Vielleicht – ganz sicher aber die Beiträge zu diesem Schwerpunkt. Die Redaktion hat sich im Frühling 2018 vertieft: In unser Geldsystem und ganz neue Ideen.