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Zwischen Du und Ich
Mirna Funk entführt uns in ihrem zweiten Roman "Zwischen Du und Ich" mit Nike und Noam nach Israel. Sie wirft uns mitten hinein in zwei Leben voller Bruchstellen - individuelle, über Generationen vererbte und historische.
Ich muss gestehen, ich habe Mirna Funks Romandebüt "Winternähe"* noch nicht gelesen. Ob er nach der Lektüre von "Zwischen Du und Ich" auf meiner Leseliste steht? Ihr erfahrt es am Ende dieses Beitrags.
Individuelle und andere Bruchstellen
Schon auf den ersten Seiten von Mirna Funks Roman begegnen wir zwei grossen Bruchstellen im Leben von Nike, der einen Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin. Da ist einerseits Doras Stolperstein, der sich direkt vor Nikes Berliner Wohnung im Scheunenviertel befindet. Dora, Dora Waldman, war nicht irgendwer, sondern Nikes Urgrossmutter, die 1941 unter ungeklärten Umständen in Frankreich ums Leben kam. Klar, hier geht es um das Thema Holocaust und darum, wie solche kollektiven Traumata über Generationen weitervererbt werden. Das ist aber nur eine Facette dieser Bruchstelle, sie hat nämlich zusätzlich einen Bezug zu einer individuellen Bruchstelle von Nike, die uns im folgenden Zitat zwar erst andeutungsweise, aber doch in ihrer existenziellen Wucht trifft:
"Ich fühlte mich sofort wie damals. Als dürfte ich nicht existieren. (....) Ich war falsch, und Sascha war richtig." (S. 14)
Diese Gedanken oder vielmehr Gefühle befallen Nike, als ihr Ex-Freund Sascha mit einem Lastenrad, darin drei kleine Mädchen, an ihr vorbeifährt. Kurz dahinter eine Frau, seine Frau. Zu diesem Zeitpunkt können wir nur ahnen, was zwischen Sascha und Nike vorgefallen ist. Nach und nach erfahren wir in Rückblenden mehr darüber. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es geht um Gewalt, massive Gewalt.
Neues Glück dank neuen Medien?
Der Roman spielt hauptsächlich in der Gegenwart und in der entschliesst sich Nike Hals über Kopf, für ein Jahr nach Tel Aviv zu gehen, um dort eine Konferenz zu organisieren. Die Konferenz behandelt das Thema "Juden in Deutschland nach 1945". Nike befasst sich also nicht nur privat mit ihren jüdischen Wurzeln, sondern auch beruflich. Mit dem Ortswechsel möchte Nike endlich einmal aus ihrem sehr kontrollierten Leben in Berlin ausbrechen, etwas neues wagen und natürlich auch die Geschichte mit Sascha hinter sich lassen. Seinetwegen hat sie sich seit Jahren auf keinen Mann mehr eingelassen.
In Tel Aviv trifft sie auf Noam. Eigentlich trifft er eher auf sie, denn als er sie an einem belebten Platz zum ersten Mal sieht, postet sie ein Bild auf Instagram und er kann sie so schnell ausfindig machen. Ein kleiner Austausch reicht und sie verabreden sich. Kennenlernen im 21. Jahrhundert! Noam nutzt die sozialen Medien zwar intensiv, aber betrachtet sie durchaus kritisch:
"Niemand hörte mehr zu, stattdessen monologisierten wir aneinander vorbei, auf den digitalen Plattformen, die man uns bot, und gaben vor, Gespräche führen zu wollen." (S. 91)
Noam lernen wir nun nicht zuerst durch Nikes Augen kennen, sondern praktisch aus seiner eigenen Perspektive. Noams Passagen sind zwar in der 3. Person geschrieben, wodurch wir ihm mit etwas mehr Distanz begegnen als Nike. Aber wir kriegen dennoch ganz tiefe Einblicke. Zuerst erscheint uns Noam als selbstbewusster, egoistischer Journalist, der Frauen bloss ausnutzt. Ein richtiger Unsympath, ein Macho, ein Narzisst. Doch nach und nach lernen wir auch seine Bruchstellen näher kennen. Auch sie haben mit dem Holocaust zu tun und auch sie sind gezeichnet von Gewalt und Missbrauch.
Als Nike und Noam dann zusammenkommen, zeigen sich ganz andere Seiten von Noam und wir hoffen trotz der anfänglichen Abneigung, dass er seine Traumata überwinden kann. Dass sich Nikes Offenheit ihm gegenüber nicht rächt, sondern dass beide "Ich" sein und gleichzeitig den anderen als "Du" annehmen können. Um zu erfahren, wie sich die Liebe zwischen den beiden entwickelt, müsst ihr das Buch selber lesen.
Wo ist der Sinn?
Wie ihr aus meinen bisherigen Ausführungen herauslesen konntet, kann ich euch sehr empfehlen, das zu tun! Es ist wirklich eindrücklich, wie Mirna Funk die Persönlichkeiten in ihrem Roman entwickelt. Wie sie uns in ihre Leben, in ihre Seelen, in ihre Köpfe blicken lässt und wie wir sofort beginnen, uns eine Meinung über sie zu bilden. Und wie wir diese Meinung ein ums andere Mal revidieren, wenn wir etwas über ihre Bruchstellen im Leben erfahren. Und genauso, wenn wir sie in der Gegenwart begleiten und ihr Handeln miterleben.
Das ist zuweilen richtig schmerzhaft, abgründig, nicht leicht auszuhalten. Man möchte regelmässig eingreifen, den einen oder die andere wachrütteln, warnen, aufhalten... Und gleichzeitig wünscht man den beiden einfach nur, dass sie die ganzen Traumata, ob individuell oder intergenerational, hinter sich lassen können. Mit der Geschichte um Nike und Noam transportiert Mirna Funk nicht "nur" zwei Einzelschicksale und ihre Schnittstellen, sondern ganz viel jüdische Geschichte, aber auch jüdisches Leben heute. Sie spricht Themen wie häusliche Gewalt, Gewalt gegen Frauen bis hin zum Femizid, sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, Armut, den Holocaust und mehr an und spiegelt sie am Leben der beiden Protagonist*innen.
Nike fasst es einmal lakonisch so zusammen:
"Wir werden geboren, wir leben, eine Menge furchtbarer Dinge passieren, eine Menge toller Dinge, die sich gut anfühlen, passieren, und am Ende sterben wir. Aber Sinn? Sinn ist da nirgends." (S. 237)
Den Titel konnte ich bis zum Ende der Lektüre nicht ganz deuten. Aber Mirna Funk hat im Werkstattgespräch mit Flo aka @literarischernerd auf Instagram den entscheidenden Hinweis gegeben (ca. ab Minute 22): "Zwischen Du und Ich" spielt darauf an, dass wir Mühe haben, andere als "Andere" zu sehen, wir sehen ganz oft uns selbst gespiegelt, beziehen die*den Anderen auf uns, vergleichen uns. Sehen viel mehr Objekt als Subjekt. Ich kann euch das Gespräch sehr empfehlen. Und wenn ihr noch nicht genug habt, dann holt euch doch auch noch die Playlist zum Buch.
Fazit
Mirna Funk lässt in "Zwischen Du und Ich" zwei verwundete Menschen aufeinandertreffen. Sie schafft es, in ihrem zweiten Roman, einen Bogen zu schlagen vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart, von Berlin nach Tel Aviv, vom kollektiven Schmerz des Holocaust bis zu individuellen Traumata und vom Ich zum Du. Es ist ein intensives, ein schmerzhaftes Buch, aber es bleibt die Hoffnung, dass das Weiterleben möglich ist. Ja, vielleicht sogar ein Leben voller Liebe.
Um zum Anfang zurück zu kommen: Aber sicher, muss ich jetzt "Winternähe"* auch noch lesen. Nicht zuletzt, weil Mirna Funk im Gespräch mit Florian Valerius erklärt hat, dass sie einige Male darauf referenziert und ich nun natürlich wissen möchte, ob ich diese Verbindungen auch in die andere Richtung entdecken kann.
Die Fakten
Mirna Funk
dtv Verlag
304 Seiten
Erschienen am 19.02.2021
Hardcover mit Lesebändchen
ISBN: 978-3-423-28267-3
PS: Herzlichen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.
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