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Am vergangenen Wochenende haben zwei weitere Berufsverbände ihre Auszeichnungen vergeben. Die American Cinema Editors Awards (ACE Eddies) gingen an «The Hurt Locker» (Drama), «The Hangover» (Komödie/Musical), «The Cove» (Dokumentarfilm) und «Up» (Animationsfilm). Die Art Directors Guild verlieh ihre Preise an «Sherlock Holmes» (Period), «Avatar» (Fantasy) und «The Hurt Locker» (Contemporary). Das ist der richtige Zeitpunkt, um eine Prognose zu den Auszeichungen an den 82nd Academy Awards in den Kategorien Film, Regie, Schnitt, Dokumentarfilm und Animationsfilm abzugeben.
Zunächst kurz die beiden Kategorien Dokumentarfilm und Animationsfilm, die dieses Jahr nur je einen Favoriten kennen. Der packende Dokumentarfilm «The Cove» wurde nicht nur von den Cuttern, sondern zuvor auch schon von den Produzenten und den Regisseuren ausgezeichnet. Gleiches gilt für den grandiosen Animationsfilm «Up». Alles andere als ein Start-Ziel-Sieg von diesen Filmen wäre eine riesige Überraschung. «Up» ist zudem auch noch als bester Film nominiert, und es wäre schon sehr seltsam, wenn sich in einer Unterkategorie plötzlich ein anderer Film durchsetzen würde. Diese beiden Filme setze ich mit 99 Prozent auf meine Liste.
Für die Auszeichnung in der Kategorie Schnitt dienen die ACE Eddies als solider Indikatoren. In den letzten zehn Jahren setzte sich einzig 2001 anstatt «Almost Famous» (Komödie/Musical) oder «Gladiator» (Drama) an den Academy Awards «Traffic» durch. Ansonsten wurde immer einer der mit ACE Eddies ausgezeichneten Filme später auch mit einem Oscar gekürt. Da «The Hangover» und «Up» nicht für einen Oscar nominiert sind, bleibt nur noch «The Hurt Locker» übrig. Um bei der Statistik der letzten zehn Jahre zu bleiben, setze ich «The Hurt Locker» mit 90 Prozent auf die Liste. Als Aussenseiter sehe ich mit 10 Prozent vor allem «Inglourious Basterds». Ich rechne allerdings in dieser Kategorie nicht mit einer Überraschung.
Eine weitere Statistik: Nur sechs der Filme, die in den letzten zehn Jahren mit ACE Eddies ausgezeichnet wurden, erhielten anschliessend auch den Oscar in der Kategorie «Best Picture». Welcher der zehn nominierten Filme wird sich nun also am 7. März durchsetzen? «The Hurt Locker» ist trotzdem der Favorit. Zuerst muss jedoch erwähnt werden, dass das neue Wahlsystem zu einer Überraschung führen könnte. Angewendet wird ein Preferential Ballot, eine Vorzugswahl. Anstatt einfach den gewünschten Film auszuwählen, werden alle Kandidaten in der bevorzugten Reihenfolge aufgelistet. Wenn sich bei der ersten Auszählung ein Film mit der absoluten Mehrheit (Hälfte der abgegebenen Stimmen plus 1) durchsetzt, ist die Wahl entschieden.
Wenn nun aber kein Film nach der ersten Auszählung eine absolute Mehrheit erhält, werden die Wahlzettel von dem Film, der am wenigsten Stimmen erhalten hat, auf die an zweiter Stelle aufgeführten Filme aufgeteilt. Ist dann immer noch keine Entscheidung gefallen, wird der nächste kleinste Stapel aufgeteilt. Der enthält vielleicht auch einige Wahlzettel auf dem die beiden nun schon eliminierten Filme auf den Positionen 1 und 2 stehen. Diese Wahlzettel landen auf dem Stapel des Films, der an Position 3 aufgeführt ist. Das wird so häufig wiederholt, bis ein Film die absolute Mehrheit erhält. Es muss also nicht sein, dass der Film mit den meisten Stimmen auf Position 1 sich am Ende durchsetzt. Diese Wahlmethode ermöglicht es den Wählenden, ihren wirklichen Favoriten an erster Stelle zu setzen, anstatt taktisch zu wählen.
Ändert das nun wirklich etwas an der Ausgangslage? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenn sich «Avatar» oder «The Hurt Locker» schon in der ersten Auszählung durchsetzen, wird es keine Überraschung geben. Allerdings wird vermutet, dass durch das Wahlverfahren auch «Inglourious Basterds» noch eine gute Chance hat. Auch «Up in the Air» würde ich noch nicht ganz abschreiben. So oder so ist klar, dass «The Hurt Locker» durch die Auszeichnungen von Produzenten, Regisseuren und Cuttern ganz klar in der Favoritenposition liegt. Der Kriegsfilm von Kathryn Bigelow kann das Rennen nicht mehr gewinnen, sondern höchstens noch verlieren. Aussichten: 51 Prozent.
«Avatar» ist angeblich der gefährlichste Herausforderer von «The Hurt Locker». Die Zahlen alleine sind beeindruckend. James Cameron hat Jahre und Millionen in das Projekt investiert und erneut für Rekorde an den Kinokassen gesorgt. Was ist auch noch beeindruckend an diesem Science-Fiction-Spektakel? Die visuellen Effekte und der Lärm, sonst aber nichts. Das Drehbuch ist mit banalen Dialogen und vorhersehbaren Versatzstücken aus anderen Filmen gefüllt und die Schauspieler erkennen sich nicht wieder. Der Kriegsfilm wird zwar auf vielen Wahlzetteln an der ersten Stelle stehen, aber auf vermutlich mehr als der Hälfte im hintersten Drittel. Aussichten: 9 Prozent.
Wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der dritte. Damit bleibt also «Inglourious Basterds» als Herausforderer und Profiteur. Der Kriegsfilm von Quentin Tarantino geniesst die Unterstützung der Schauspieler, die immerhin einen Fünftel der Academy-Mitglieder stellen. Die Screen Actors Guild zeichnete nicht nur Christoph Waltz als besten Nebendarsteller aus, sondern auch das Ensemble von «Inglourious Basterds». Es stellt sich aber die Frage, ob der Rückhalt wirklich so stark ist. Von den American Cinema Editors wurde «Inglourious Basterds» nicht einmal nominiert. Bei den Art Directors hat sich «Sherlock Holmes» gegen «Inglourious Basterds» durchgesetzt. Aber weit vorne auf den Wahlzetteln dürfte der Film eben trotzdem auftauchen. Aussichten: 25 Prozent.
Aber bei diesem Wahlverfahren rechne ich eben auch «Up in the Air» noch minime Aussichten zu. Vielleicht ist das nur Wunschdenken, aber es stellt sich natürlich die Frage, auf welchen Stapeln die Wahlzettel von «The Blind Side», «District 9», «An Education», «Precious», «A Serious Man» und «Up» letztlich landen werden. Die Stimmen für «District 9» werden ziemlich sicher zu einem grossen Teil an «Avatar» gehen. Aber alle restlichen Filme haben zumindest aus meiner Sicht mehr gemeinsamkeiten mit der Tragikomödie von Jason Reitman als mit den drei Kriegsfilmen. Wenn «Up in the Air» wenigstens «The Hurt Locker», «Avatar» oder «Inglourious Basterds» überholen kann, sind die Chancen vollkommen intakt. Aussichten: 15 Prozent.
Bleibt noch die Frage nach der besten Regisseurin. Das kann natürlich nur Kathryn Bigelow sein. Wird sich die Academy die Möglichkeit entgehen lassen, nach 81 Männern endlich eine Frau für einen würdigen Beitrag zu ehren? Ganz bestimmt nicht. Aussichten: 99 Prozent. Ich würde zwar lieber Jason Reitman als Preisträger sehen, und auch Jane Campion hat mit «Bright Star» ein bedeutend reiferes Werk abgeliefert. Sie wurde aber nicht einmal nominiert. Selbst Quentin Tarantino würde als Regisseur von «Inglourious Basterds» einen Oscar verdienen. Welchen Academy Award er aber erhalten wird, werde ich nächste Woche orakeln, wenn die Writers Guild ihre Awards verliehen hat.
Ein Kommentar to “Oscars 2010: Prognose Film, Regie, Schnitt etc.”
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