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Im 18. und 19. Jahrhundert gab es rege Beziehungen zwischen Juden in Vorarlberg und der Ostschweiz. Mit der Shoah fanden diese grenzüberschreitenden Beziehungen ein jähes Ende. Viele Nachkommen der Hohenemser Juden leben heute in der Schweiz. Sie kümmern sich noch immer um den jüdischen Friedhof, den die Österreicher aufheben wollten.
Dieser Inhalt wurde am 04. September 2020 – 10:41 publiziert
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war das Sankt-Gallische Rheineck ein jüdisches Zentrum. Zeitweise bis zu 13% der Bevölkerung waren jüdisch. Weil damals von Chur auf dem Rhein Holz in die Bodenseeregion geflösst wurde, brauchte es Händler, darunter viele Juden.
Doch im Jahr 1634 wurden im Zusammenhang mit dem 30-jährigen Krieg alle Juden aus Rheineck vertrieben. Manche flohen nach Hohenems in Vorarlberg (Österreich). Graf Caspar von Hohenems erlaubte nämlich 12 jüdischen Familien aus Süddeutschland und dem schweizerischen Rheineck die Niederlassung in seiner Reichsgrafschaft.
Reger grenzüberschreitender Handel
Den Juden wurde erlaubt, Handel zu treiben. Und so gab es im 18. und 19. Jahrhundert rege grenzüberschreitende jüdische Beziehungen zwischen Vorarlberg und der Ostschweiz. Jüdische Geschäftsbeziehungen zwischen Hohenems und St. Gallen reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück.
In dieser Zeit waren Juden in der Schweiz hauptsächlich – – als Kleinhändler auf dem Land tätig, sei es als Hausierer, Makler, Tuch-, Vieh- oder Pferdehändler. Andere Berufe waren ihnen verboten.
Hohenemser Juden gründeten St. Galler Gemeinde
Als Juden ab 1863 die Niederlassung in St. Gallen wieder erlaubt war, wanderten viele Hohenemser Juden zurück in die Schweiz und gründeten in St. Gallen eine jüdische Gemeinde. Die Grenze war weniger spürbar als heute. „Hohenems war lange Zeit der jüdische Vorort von St. Gallen“, sagt Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems.
Weil jeweils nur ein Kind einer jüdischen Familie das Niederlassungsrecht in Hohenems erbte, mussten die anderen Nachkommen an anderen Orten heiraten. Das führte auch zu vielen binationalen Ehen zwischen Hohenemser und Schweizer Juden.
Eine „Jüdische Geisterstadt“?
Die jüdische Gemeinde Hohenems gibt es heute nicht mehr. Die letzten jüdischen Einwohner wurden 1942 in Konzentrationslager deportiert. Niemand kehrte zurück. Schon zuvor war die Gemeinde wegen Abwanderung stark geschrumpft. Die Jüdische Rundschau bezeichnete in den 1990er-Jahren die ehemals jüdischen Strassenzüge mit Villen, Schule, Altenheim und Synagoge als „jüdische Geisterstadt„.
Loewy widerspricht: „Eine ‚Jüdische Geisterstadt‘ ist Hohenems nicht, jedenfalls nicht nur. In Vorarlberg leben heute wieder mehr Juden als in den 1930er-Jahren.“ Die globale Migration gehe auch an Vorarlberg nicht vorbei, und darunter seien auch Juden aus Israel, den USA, der Schweiz, der Ukraine, aus Russland oder Deutschland.
„Regelmässig besuchen Nachkommen der Hohenemser Juden den Ort, auf den Spuren ihrer Vorfahren, alleine oder als Familie“, erzählt Loewy. „Alle zehn Jahre kommen 150 bis 180 Menschen zu internationalen Reunions zusammen“, sagt Loewy. „Da sind dann sehr viele lebendige jüdische Hohenemser wieder im Ort, die aus aller Welt zusammenkommen.“
Hohenemser Juden in der Schweiz
Manchen Hohenemser Juden gelang 1938 die Flucht in die Schweiz – die Grenze kann zu Fuss erreicht werden. Viele Nachkommen der Hohenemser Juden leben in der Schweiz.
„Die Juden aus Hohenems, die sich in der Schweiz ansiedelten und deren Nachkommen teilweise auch heute noch dort leben, sind keineswegs zum Grossteil vor den Nazis dorthin geflohen“, sagt Raphael Einetter vom Jüdischen Museum Hohenems. „Die meisten siedelten sich bereits früher in der Schweiz an.“
Die geographische Nähe zu St. Gallen sorgt bis heute für intensive Beziehungen von Jüdinnen und Juden in Vorarlberg zur Schweiz.
Schweizer retten Hohenemser Friedhof
Unter den Nationalsozialisten kam es in Hohenems zwar zu Grabschändungen, doch der jüdische Friedhof blieb erstaunlicherweise erhalten. Heute ist er im Besitz eines Schweizer Vereins.
Als es nämlich auch nach 1945 Ansinnen gab, den Friedhof aufzulösen, protestierten Nachkommen von Hohenemser Juden, die in der Schweiz lebten. Sie gründeten 1954 einen Verein für den Erhalt des Friedhofs, der bis heute die Gräber pflegt.
Etwa 500 Personen dürften auf dem Friedhof begraben sein, 370 Grabsteine sind erhalten.