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ETH-Professor Kurt Wüthrich zum Rinderwahnsinn|
Ansteckung übers Schwein nicht ausgeschlossen

Die chemische Struktur der Prionen-Proteine von Mensch, Rind und Schwein sind sehr ähnlich. Der Rinderwahnsinn-Experte Professor Kurt Wüthrich schliesst daher nicht aus, dass eine Übertragung vom Schwein stattfinden könnte. Da der Wissensstand bei der Übertragung von BSE noch sehr gering sei, sollte die Tiermehlverfütterung bis auf weiteres gestoppt werden.
Von Jakob Lindenmeyer und Richard Brogle
Ihre Forschung hat umfangreiche Informationen zur Struktur des Prion-Proteins geliefert. Können mit diesem Wissen nun Medikamente entwickelt werden?
Im Moment tappen wir im Dunkeln. Wir wissen nicht, wie das Prion-Protein wirkt und daher können wir auch kein Molekül vorschlagen, das seine Funktion ändern oder unterbinden würde.
Warum ist bis jetzt nur die Struktur des "gesunden" Prion-Proteins bekannt, nicht aber diejenige des "bösartigen"?
Bis heute weiss man gar nicht genau, was man als "bösartige" Form anschauen muss. Untersuchen könnte man das hochaggregierte Prion-Protein, das im Krankheitsfall im Hirn abgelagert wird. Aber die isolierbaren Mengen sind sehr gering. Mit den heutigen Methoden sehe ich keine Möglichkeit, diese Form zu untersuchen.
Das Zielobjekt für die Medikamenten-Entwicklung wird aber sowieso eher die "gesunde" Form des Prion-Proteins sein. Eine Einwirkung auf die bei fortgeschrittener Krankheit beobachtete Form dürfte zu spät sein.
Welches ist die biologische Funktion des Prion-Proteins?
Versuche haben gezeigt, dass Mäuse ohne Prion-Protein (sogenannte "Knockout-Mäuse") nicht erkranken. Dies deutet darauf hin, dass es das Protein für die Auslösung der Krankheit braucht. Wenn die Krankheit sehr weit fortgeschritten ist, findet man schwammige Veränderungen im Hirn, die grössere Konzentrationen einer veränderten Form des Prion-Proteins enthalten. Die grosse Frage ist nun, ob die veränderte Form des Prions der Krankheitserreger ist, oder ob das Prion-Proteins als Rezeptor einer bis jetzt unbekannten Substanz wirkt. Bis heute ist die biologische Funktion des "gesunden" Prion-Proteins unbekannt.
Genügen die heutigen Sterilisationsmethoden von chirurgischen Geräten in den Spitälern?
Das Prion-Protein ist ungewöhnlich stabil. Um die Übertragbarkeit zu stoppen braucht es extreme Massnahmen wie starke Basen oder sehr hohe Erhitzung unter Druck. Routinemässige Sterilisationsmethoden genügen in den Spitälern nicht, da bei den verwendeten Sterilisations-Temperaturen die Prionen nicht zerstört werden.
Wäre es Ihnen wohl, in einem Spital mit einem normal sterilisierten Skalpell operiert zu werden?
Ich wäre ja dann in der Narkose. Aber ich nehme an, dass man heute bei Operationen am Hirn, am Rückenmark oder an den Augen nur noch Einwegskalpelle benutzt.
Zum Tier: Wäre die Züchtung von Knockout-Kühen ohne Prion-Gen eine mögliche Massnahme zur Bekämpfung des Rinderwahnsinns?
Dies wurde als prinzipielle Lösung erwähnt. Kurz oder mittelfristig ist es kein praktischer Weg, aber grundsätzlich gesehen wäre es wohl eine Lösung.
Tierversuche haben gezeigt, dass infizierte Hamster die Krankheit übertragen können, ohne selber daran zu erkranken. Ist es möglich, dass auch Schweine und Geflügel solche stillen Übertrager sind?
Die chemische Struktur der Prion-Proteine von Mensch, Rind und Schwein sind sehr ähnlich. Bei Mensch und Rind ist auch die räumliche Struktur fast identisch, die diesbezüglichen Studien am Schweineprotein sind bei uns in Arbeit. Nach dem heutigen Wissen müssen wir annehmen, dass jeder Organismus, der ein Prion-Protein dieses Typs enthält, grundsätzlich infiziert werden kann.

Macht es Sinn, auch bei Schweinen einen BSE-Test einzuführen?
Kaum, denn diese leben nicht lange genug. Aber ich würde einen Vorschlag nicht a priori zurückweisen, dass man auch bei Schweinen die Hochrisikoorgane entfernen sollte, einfach weil wir heute noch nicht genug über BSE bei Schweinen wissen. Mit den heutigen Erkenntnissen kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch eine Infektion von einem Schweineorganismus mit Prionen stattfinden könnte.
Was denken Sie persönlich über die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer?
Im Moment ist die Tiermehlverfütterung ein grosser Risikofaktor und sollte daher bis auf Weiteres gestoppt werden. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in Zukunft einmal wieder zur Tiermehlverfütterung zurückgehen, aber im Moment ist dies kaum zu verantworten, da unser Wissensstand einfach noch zu gering ist.
Wie gross ist die Chance, dass wir den Rinderwahnsinn in den Griff bekommen?
Ich bin besorgt was BSE anbelangt, aber ich möchte zu bedenken geben, dass es in den letzten 55 Jahren etwa zehn epidemische Ausbrüche von Prionenerkrankungen gegeben hat. Unter anderem gab es die Kuru-Krankheit in Neuguinea, die durch menschlichen Kannibalismus verbreitet wurde und mehrere Fälle von Erkrankungen bei Nerzen, bei denen in den USA und in Kanada ganze Nerzfarmen zerstört wurden.
Man muss sehen, dass in all diesen Fällen die Epidemie eingedämmt werden konnte. Das damals rudimentäre Wissen hat genügt, jeweils wirkungsvolle Massnahmen zu ergreifen, um die Epidemie zu stoppen. Darin sehe ich einen Hoffnungsschimmer, dass wir auch diesmal davonkommen werden.

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