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Francesca Di Nardo und Luca Dorsa, EP 3/2019
Olivettis Fabrik
Aus der vom Vater Camillo Olivetti 1908 errichteten «roten Ziegelfabrik» schuf Adriano in den 1930-er Jahren einen Ort, an dem die Arbeiter sich wohlfühlen sollten. Er wollte, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich nicht der Welt entfremdet fühlen, aus der sie kommen, sondern dass sie wie in ihrer landwirtschaftlichen Umgebung in engem Kontakt mit der Natur leben. Deshalb gab er den Architekten Figini und Pollini, die in seinem Alter waren, den Auftrag für die erste Erweiterung des Betriebs. So entstand eine Fabrik, die von Licht und freier Sicht geprägt ist, die «gläserne Fabrik». Das Gebäude gliederte sich dank der grossen Glasflächen, durch die man sehen konnte, was draussen und was drinnen vor sich geht, harmonisch in die Landschaft ein. So gelang es ihm, die Vorstellung des Arbeitens in der Fabrik als einer mühseligen und ungesunden Tätigkeit zu überwinden. Dabei sei auf zwei Punkte hingewiesen, die zeigen, wie innovativ dieses unternehmerische Denken war: Die Fliessbänder für die Montage standen im neuen Gebäude im obersten Stock. Und: Die Direktionsmitglieder verdienten höchstens das Zehnfache des Lohns eines Arbeiters.
Um das Wohl der Arbeitenden zu verbessern und sie durch eine Art Solidaritätspakt, der sich als sehr fruchtbar erweisen sollte, stärker ins Betriebsleben einzubinden, führte Olivetti die Fünftagewoche ein. Ausserdem liess er vor der gläsernen Fabrik von denselben Architekten eine Reihe von Gebäuden für kostenlose Sozialdienste bauen wie etwa einen Kindergarten, eine Zentralbibliothek und eine Zahnarztpraxis.
Die Möglichkeit freier Entfaltung
Um die kulturelle Bildung der Mitarbeitenden zu verbessern und ihnen zu erlauben, mit ihren Ideen, ihrer Intuition und ihren Fähigkeiten an der Entwicklung des Unternehmens teilzuhaben, wurden regelmässig Intellektuelle und Künstler in die Fabrik eingeladen, beispielsweise Pier Paolo Pasolini, Eugenio Montale und Giorgio Gaber. Persönlichkeiten aus der Kultur wie Maler, Bildhauer und Musiker kamen gerne als Stipendiaten in die Fabrik und leisteten so einen Beitrag zur Gestaltung der funktionell und ästhetisch einzigartigen Produkte. Kultur und Bildung kamen also für Olivetti in unterschiedlichen Formen vor, und Wissen musste nicht zwingend durch eine Schule vermittelt werden. So konnten sich Talente entfalten wie etwa Natale Capellaro, der nur mit dem Primarschulabschluss in der Tasche ins Unternehmen eintrat und den ersten Taschenrechner der Welt erfand, der dividieren konnte. Olivetti erweiterte die Grenzen der gängigen Vorstellung von Bildung und schuf eine Atmosphäre, in der Wissen in unterschiedlichsten Formen vorkommen und auf unterschiedlichste Art genutzt werden konnte. Damit hatte Olivetti in der Tat einen der ersten Ansätze lebenslangen Lernens für alle entdeckt. Diese Verbesserungen, die in starkem Widerspruch zum unternehmerischen Denken von damals standen, führte er in die Fabrik ein, letztlich ein Ort, an dem die Lebenszeit durch die Maschinen getaktet wird. Das Unternehmen Olivetti beschränkte sich jedoch nicht nur darauf, Arbeitsplätze im Inland zu schaffen, sondern wertete diese auch durch architektonische Kunstgriffe auf, die in einem systemischen und zirkulären Denken nach einer Harmonie von Mensch und Natur strebten. Denn für Olivetti war die Fabrik ein Arbeitsort, wo Gerechtigkeit herrscht, wo der Fortschritt dominiert, wo Schönheit aufscheint und wo die Begriffe Liebe, Herzlichkeit und Toleranz nicht ihres Sinns entbehren.
Olivettis Botschaft heute
Heutzutage sind wir durch die technologischen Veränderungen, aber auch durch das Bewusstsein des Klimawandels angehalten, uns zu überlegen, wie wir die unternehmerische Verantwortung verändern können, damit Produktion auch langfristig nachhaltig wird. Diesen Zielen hat sich der Verein Il Quinto Ampliamento (Die fünfte Erweiterung) verschrieben, der nach der vierten und letzten Erweiterung der Olivetti-Werke in Ivrea gegründet wurde und sich der Förderung eines neuen Unternehmensmodells widmet, in dessen Zentrum die persönliche Entwicklung und ein nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum stehen . Die Fondazione Olivetti ist Teil dieses Vereins und beruft sich auf die sozialen Erfahrungen Olivettis. Dabei geht es jedoch nicht darum, das Modell Adrianos zu reproduzieren, sondern es als Motor zu nutzen, damit Unternehmen je nach Möglichkeiten und unternehmerischem Umfeld eigene Lösungen finden können, wie Marco Peroni an der Konferenz Adriano Olivetti, ein Jahrhundert zu früh ausführte.
Wir laden die Leserinnen und Leser deshalb ein, die aussergewöhnliche Unternehmenskultur von Adriano Olivetti als Anregung zu verstehen, die uns noch heute inspirieren kann, insbesondere dadurch, dass er die Kompetenzen unterschiedlichster Fachbereiche zusammenbrachte. Abschliessend sei daran erinnert, dass der Bibliothekar und Verantwortliche für kulturelle Veranstaltungen Ugo Fedeli, der vor seiner Einstellung bei Olivetti in mehreren Ländern wegen seiner anarchisch-libertären Einstellung verhaftet worden war, den zukünftigen Mechanikern des Betriebs in seinen Kursen von den Inseln der Utopie erzählte und sie so zu einer gedanklichen Reise in eine imaginäre Welt einlud, man kann auch sagen, in eine noch zu imaginierende Welt.
Francesca Di Nardo ist Co-Leiterin des Sekretariats der CFC/SVEB in Lugano.
Luca Dorsa ist regionaler Koordinator der Kommunikation am EHB in Lugano.