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11:20 Uhr: Sieben nicht gerade motivierte Vendittis machen sich mit Topfpflanze, Pains au Chocolat und einer Tasche voller Kinderbeschäftigungen auf den Weg zur Bushaltestelle, um Schwiegermama zu besuchen.
11:40: Wir steigen in den Zug, der in einer halben Stunde abfahren wird, um uns zu Schwiegermama zu bringen.
11:45: Ein Mann aus dem hinteren Abteil ruft laut vernehmlich: „Ich will sterben!“ Die kleinen Vendittis hören ihn nicht, die mittelgrossen Vendittis schwanken zwischen Verunsicherung und Belustigung, die grossen Vendittis sind froh, dass die Kleinen nichts gehört haben.
11:47: Der Passagier aus dem hinteren Abteil äussert schon wieder seinen Wunsch, sterben zu dürfen, diesmal etwas lauter, aber zum Glück nicht laut genug, um das Spiel der kleinen Vendittis zu stören.
11:50: Der Sterbewillige geht aufs Perron, um eine zu rauchen.
11:55: Er ist wieder im Zug, ruft schon wieder laut vernehmlich: „Ich will sterben!“ Die kleinen Vendittis hören noch immer nichts.
12:02: Noch einmal „Ich will sterben!“ Das Prinzchen stupst den Zoowärter an: „Hast du gehört, was der Mann dort hinten gerade gesagt hat?“ „Nein, was denn?“, antwortet der Zoowärter und spielt weiter.
12:05: Ein Mann steigt in den Zug, setzt sich ins Abteil des Sterbewilligen, der jetzt, wo er endlich ein direktes Gegenüber hat, beharrlich schweigt.
12:10: Der Zug fährt endlich ab, um uns zu Schwiegermama zu bringen.
12:25: Ich wage eine Prophezeiung. „Schwiegermama schenkt jedem von euch zwanzig Franken, Papa bekommt ‚Ferrero Rocher‘ und ich einen Panettone. Wenn ich recht habe, gibt’s für jeden 5 Franken Zuschlag auf Schwiegermamas Weihnachtsgeld.“
12:55: Ankunft bei Schwiegermama. Die Topfpflanze, die wir ihr überreichen, wird in einer Ecke platziert, wo man sie möglichst nicht sehen kann. „Meiner“ versucht, die Pains au Chocolat in Schwiegermamas winzigem Gefrierfach unterzubringen.
13:00: Antipasti und Cola.
13:30: Lasagne mit Fleisch, mit Fleisch und Ei, ohne Fleisch und Ei, dazu nervöse Eltern, die versuchen, den Nachwuchs zum Essen zu motivieren, bevor Schwiegermama sich um die Gesundheit der lieben Kleinen sorgt.
13:55: Prinzchen und Zoowärter haben noch immer nichts gegessen, was wir Eltern um des lieben Friedens Willen für einmal durchgehen liessen, was aber Karlsson nicht toleriert, da er sich noch sehr genau daran erinnert, wie er jeweils vor einem von Schwiegermama überfüllten Teller sass, nicht essen mochte, aber essen musste, weil sich Schwiegermama sonst um seine Gesundheit gesorgt hätte.
14:10: Schwiegermama räumt die Teller weg, weil sie nicht mitbekommen hat, dass Karlsson seinen Brüdern befohlen hat, noch drei oder vier Bissen zu essen. Das Prinzchen zeigt keine Reaktion, aber der Zoowärter begeht den grossen Fehler, breit zu grinsen, was Karlsson auf den Plan ruft, der dafür sorgt, dass sein Bruder die drei oder vier befohlenen Bissen doch noch runterwürgt. Gerechtigkeit muss sein, wenigstens bei dem einen, der nicht schnell genug war, um vom Esstisch zu verschwinden.
14:20: FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen gehen auf den Spielplatz.
14:30: Schwiegermama findet, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen seien zu laut auf dem Spielplatz, man müsse doch auf die Nachbarn Rücksicht nehmen, immerhin sei heute Weihnachten.
14:35: Wir verdonnern die Kinder dazu, sich vor die Glotze zu setzen.
14:40: Schwiegermama drückt Karlsson hundert Franken in die Hand. Er soll mit seinen Geschwistern teilen, zwanzig Franken für jeden. Karlsson dankt artig und grinst mich triumphierend an. Ich bin aber nicht bereit, mein Versprechen aus dem Zug einzulösen, solange „Meiner“ seine „Ferrero Rocher“ nicht bekommen hat und ich keinen Panettone.
15:05: Schwiegermama holt ein stinkbilliges Tablet hervor, das ihr die italienische Verwandtschaft geschenkt hat. Offenbar sind sie davon ausgegangen, dass sie nur ein Gerät braucht, um den Anschluss ans Internetzeitalter zu schaffen. Irgendwie würde sie dann schon herausfinden, wie das geht.
15:07: Während im Hintergrund Disney Channel dröhnt, versucht Schwiegermama mir zu erklären, dass sie eigentlich gar nicht so recht weiss, was sie mit diesem Tablet anfangen soll. Bis jetzt habe sie erst begriffen, dass sie auf gar keinen Fall auf google – sie spricht das so aus, wie man es schreibt – gehen dürfe, weil sonst sämtliche Daten gelöscht würden. Das habe ihr ein Bekannter gesagt. Ich versuche, ihr zu erklären, dass das nicht stimmt.
15:10: Schwiegermama brüllt mir jetzt zu, der Bekannte habe ihr gesagt, das Bild mit dem Strand sei das Internet, aber das könne doch nicht sein, denn dieses Bild erscheine ja immer, wenn sie das Gerät einschalte. Ich brülle zurück, da habe sie natürlich recht, das Bild vom Strand sei nicht das Internet sondern das Hintergrundbild und dann brülle ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten zu, er solle gefälligst den Ton beim Fernseher leiser schalten, wir am Tisch könnten unser eigenes Gebrüll nicht mehr verstehen.
15:15: Ich stehe vor einer schwierigen Entscheidung. Soll ich den Rest des Nachmittags damit verbringen, Schwiegermama in die Welt von google, Twitter, Facebook und Youtube einzuführen oder soll ich den Teufel an die Wand malen, um ihr ganz furchtbar viel Angst vor diesem neumodischen Zeugs einzujagen, damit ich mir die ganze Mühe sparen kann? So oder so werde ich ganz furchtbar viele Worte brauchen, um Schwiegermama etwas verständlich zu machen, was sie eigentlich nur glaubt, verstehen zu müssen, weil man ihr dieses doofe Tablet in die Hände gedrückt hat. Der FeuerwehrRitterRömerPirat brüllt, wir sollten gefälligst leiser brüllen, er könne nicht mehr verstehen, was am Fernseher gesagt wird.
16:00: Mein Mund ist jetzt so fusselig geredet, dass „Meiner“ übernehmen muss. „Wenn du Internet willst, richten wir dir ein anständiges Tablet mit dem Allernötigsten ein, wenn du kein Internet willst, nehmen wir die SIM-Karte aus dem Gerät und versorgen das Ding.“ Schwiegermama will kein Internet. Gott sei Dank.
16:05: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Schwarzwäldertorte voll. Wir nutzen die Gelegenheit, um sie in einer angemessenen Lautstärke darauf aufmerksam zu machen, dass sie bitte etwas leiser fernsehen sollen, weil wir uns sonst nicht unterhalten können.
16:30: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Panettone voll. Sie nutzen die Gelegenheit, um uns in einer angemessenen Lautstärke darauf aufmerksam zu machen, dass wir bitte etwas leiser reden sollen, weil sie sonst nicht richtig fernsehen können.
16:35: Schwiegermama holt eine Packung „Ferrero Rocher“ (diesmal gemischt mit andern Klassikern aus dem Hause Ferrero) und zwei Panettoni aus dem Schrank. Für uns, zum Mitnehmen. Na, dann werde ich eben tun müssen, was die Kinder von mir erwarten, wo Schwiegermama doch auch getan hat, was ich von ihr erwartet habe.
16:55: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Guetzli, Nüssen und Rosinen voll. Wir nutzen die Gelegenheit, um ihnen zu sagen, dass der Zug bald fährt, weshalb sie nur noch eine Folge fertig schauen dürfen und das bitte etwas leiser, damit wir uns in angemessener Lautstärke von Schwiegermama verabschieden können.
17:05: Schwiegermama versucht, das Prinzchen zum Abschied zu küssen.
17:10: Auf dem Weg zum Bahnhof. Prinzchen erklärt: „Wenn Grossmama rauchfrei wäre, hätte sie mich schon küssen dürfen, aber so doch nicht!“
17:20: Wir sitzen im Zug, „Meinem“ fallen die Augen zu, Luises Kopf fällt schwer auf meine Schulter, irgendwann kann auch ich die Augen nicht mehr offen halten. Im Halbschlaf höre ich, wie Karlsson motzt, wir seien eine verpennte Bande.
17:45: Ich schrecke hoch, weil „Meiner“ mich ins Bein beisst. Himmel, kann der mich nicht auf eine zivilisierte Weise darauf aufmerksam machen, dass wir demnächst ankommen und ich gefälligst aufwachen soll?