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Tetris in der Stadt
In einem eklektischen Pariser Quartier realisierte das Büro Koz ein Wohngebäude in Tetris-Form. Das Projekt «Tête en l’air» wirft Fragen nach der Sachdienlichkeit des Holzbaus im urbanen Siedlungsraum bei Sozialwohnungen auf.
Das Quartier ist im Süden von zwei Pariser Bahnhöfen und im Norden von der Porte de la Chapelle eingefasst. Die Häuserreihen entlang der Rue Philippe de Girard entlang bilden ein kunterbuntes Gefüge verschiedener Architekturstile. Zwischen bröckeligen Fassaden von «Faubourg-Gebäuden» stehen Wohnblocks aus den 1970er-Jahren mit ihren Balkonreihen und neuere Bauwerke im «Neo-Faubourg»-Stil. Diese bunt zusammengewürfelten architektonischen Elemente prägen ein Arbeiterviertel, das von einer Haussmann’schen Ordnung weit entfernt ist. Auf Bodenhöhe ist der Stilmix noch augen-fälliger. An schmalen Trottoirs trifft man zwischen Baugerüsten auf afrikanische und asiatische Imbissbuden, einen Handyreparaturshop oder einen Hindutempel, der in einem ehemaligen Geschäftslokal eingerichtet wurde. Die Szene veranschaulicht das Paradox der wenigen Quartiere in der Hauptstadt, die noch nicht vollständig von der urbanen Erneuerungspolitik der Stadt vereinnahmt und gentrifiziert sind. Die Société immobilière d’économie mixte de la Ville de Paris, SIEMP, hat in der Absicht, diese Durchmischung des Quartiers zu bewahren, 2007 einen Architekturwettbewerb für die Realisation von 30 Wohnungen auf der Fläche eines bestehenden Gebäudes und Grundstücks ausgeschrieben. Die Architekten des Siegerprojekts schlagen vor, die eine Hälfte der Wohnungen im Bau an der Strasse und die andere Hälfte in einem aus Holz erstellten Gebäude im Hinterhof einzurichten.
Kuben im Garten
Zwei Erschliessungskerne verbinden die fünf Stockwerke des Holzgebäudes «Tête en l’air». Sie führen zu den Gemeinschaftsräumen im Freien und gewährleisten den Zugang zu den Wohnungen von aussen. Im Süden öffnen sich die Tagesräume der Wohnungen auf den Gemeinschaftsgarten im Erdgeschoss. Im Norden, auf der Seite der Grenzmauer, erhalten die Wohnungen einschliesslich der Badezimmer von den Innenhöfen Tageslicht und Luft. An die Fassade gehängte «Schachteln» bilden Räume, die je nach Wunsch der Bewohner als Zimmer oder Büros genutzt werden können. Die Dächer dieser Schachteln dienen als Terrassen für die darüber liegenden Wohnungen. Da die Wohnflächen grösser sind als der Durchschnitt der üblichen Standards, sind verschiedenste Verwendungszwecke und Einrichtungen möglich. Die versetzte Anordnung der vorgelagerten Holzschachteln entsteht durch die in jedem Stockwerk anders aufgeteilten Wohnungen. Durch die progressive Abstufung der Terrassen von Ost nach West wird der Eindruck eines unregelmässigen Komplexes erzeugt. Die vertikale Verschalung, mit der die gesamte Fassade verkleidet ist, betont die beeindruckenden Auf- und Untersichten. Vom Garten im Erdgeschoss aus gesehen gleicht das Gebäude einem grossen, unregelmässigen Tetris aus Holz in einem stark zerklüfteten Innenhof.
Holz für eine Trockenbaustelle
Beim Projekt «Tête en l’air» wurde nicht wie bei vielen anderen Projekten nur die Fassade mit Holz verkleidet. Die Gebäudehülle besteht aus Fertigbauteilen aus Holz, der Boden aus traditionellen Balkenlagen, das Holzwerk aus verleimten Fichtenpaneelen, die Verschalung, die Fenster und Türen aus Lärche und die Aussenbeläge aus Kiefer. Das Projekt «Tête en l’air» hebt sich gerade durch die Holzkonstruktion und den Charakter der Holz-Gebäudehülle von der weitgehend mineralischen Architekturlandschaft der Stadt Paris ab. Paradoxerweise rechtfertigen ausgerechnet denkmalschützerische Aspekte die Wahl dieses Konstruktionsmodells. Da einerseits die Verpflichtung bestand, die Strassenfassade zu erhalten, war die Zufahrt zur Parzelle für Baumaschinen unmöglich. Andererseits hätte eine massive Mauerwerkkonstruktion schädliche Auswirkungen auf das angrenzende bestehende Gebäude gehabt. Diese Einschränkungen beeinflussten die Entscheidung Richtung Trockenbau und Leichtbauweise. Aus der Strassenfassade wurde nur ein Durchgang für den Transport des Holzes in den Hinterhof herausgebrochen. Dieser Durchgang knüpft an die traditionellen Pariser Eingangshallen an und schafft einen graduellen Übergang von der Mineralität der Stras-se zum reich bepflanzten Garten im Hof.
In Paris finden sich im alten architektonischen Erbe wie auch unter den modernen Bauwerken nur wenige Holzkonstruktionen. Das Material ist gewöhnlich landwirtschaftlichen Projekten im ländlichen Kontext vorbehalten, und die wenigen neueren Holzbauwerke sind Sporteinrichtungen und Einfamilienhäuser und liegen fast alle fern der Hauptstadt. Das einzigartige Projekt «Tête en l’air» wirft die Frage nach der Sachdienlichkeit der Holzbauweise im dicht bebauten städtischen Siedlungsraum und, mehr noch, für Sozialwohnungen auf. An-gesichts der Verdichtungsziele der Städte und der Komplexität jedes Eingriffs im dichtbebauten und von denkmalpflegerischen Vorschriften geschützten städtischen Raum bieten die Leichtigkeit und kurze Bauzeit der Holzkonstruktionen entscheidende Vorteile. Das Projekt «Tête en l’air» ist der Beweis dafür, wenn es auch in einem klaren semantischen Gegensatz zur überwiegend mineralischen, dauerhaften Pariser Architektur steht, ob vom Typ «Faubourg» oder «Haussmann».
Anmerkung
1 Während der Projektstudienphasen musste das Erscheinungsbild des Gebäudes an der Strasse mit einem ABP-Architekten (Architecte des Bâtiments de France) diskutiert werden.
Dieses Projekt wurde realisiert mit Unterstützung des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) im Rahmen des Aktionsplans Holz.
Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft
SIEMP, Paris
Architektur
KOZ Architekten, Paris
Tragwerk Holz
EVP, Ingenieure, Paris
Konstruktion Rohbau
Francilia, Paris
Konstruktion Fassade
CMB, Paris
Weitere Informationen
Gebäude
30 Wohnungen (15 renoviert, 15 neu)
Nutzfläche: 2210 m2
Holz und Konstruktion
Tragkonstruktion: Fertigbauteile
Tragwerk: Fichte massiv
Fassade: Lamellen Lärche
Daten
Bauzeit: 2010–2013
Kosten
5.41 Mio EUR