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Gemäss UNO und IPCC kann die Menschheit bis etwa Mitte dieses Jahrhunderts noch grosse Mengen CO2 ausstossen. Danach sollen die heute jungen Menschen und zukünftige Generationen fast kein CO2 mehr in die Atmosphäre entlassen, sondern die von uns bis dahin produzierte Menge netto wieder aus der Luft entfernen. Ohne Spekulation auf diese netto CO2-Entfernung müssen Länder wie die Schweiz netto null CO2-Emissionen schon etwa im Jahr 2030 erreichen, eher als zum Beispiel im Jahr 2050. Die Schweiz könnte netto null CO2-Emissionen viel schneller erreichen, als normalerweise erklärt wird, wenn sie dank hohen CO2-Abgaben das Treibhausgas ohne Verzug aus der Luft entfernt, um Restemissionen zeitnah auszugleichen. Die Entfernung von CO2 aus der Luft ist möglich und bereits erstaunlich kostengünstig.
Die gesamte Menge des ausgestossenen CO2 entscheidet über die globale Temperaturerhöhung. Wird der Temperaturerhöhung eine Limite gesetzt, gibt es auch eine Limite für den Restausstoss an CO2 : das CO2-Restbudget. Will die Menschheit das 1,5 Grad Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 66% einhalten, verfügt sie noch über ein CO2-Restbudget von rund 350 Milliarden Tonnen (420 waren es bei Beginn des Jahres 2018). Das ergibt bei einer linearen Absenkung ab 2020 netto null CO2-Emissionen im Jahr 2037 — weltweit.
Das IPCC nennt einen erheblichen Unsicherheitsbereich zum Budget von 420 Gigatonnen CO2 , das anfangs 2018 noch zur Verfügung stand. Diese Unsicherheit ist zum Teil (±250 Gt) auf die Annahme der Emissionsentwicklung anderer Treibhausgase als CO2 zurückzuführen, wobei das IPCC diesbezüglich von sehr erheblichen Reduktionen ausgeht (vgl. kleinere Teilbilder rechts oben in Diagramm 1). Diese Annahmen sind nicht unbedingt begründet, denn die Konzentration von Methan steigt an und auch die Lachgaskonzentration nimmt weiter zu. Um weitere bis zu hundert Gigatonnen könnte sich das CO2-Budget «bis zum Ende dieses Jahrhunderts» wegen Treibhausgasemissionen aus schmelzendem Permafrost reduzieren. (IPCC 2018)
Eine zusätzliche Korrektur des CO2-Budgets nach unten wird aufgrund von verbesserten Berechnungen der Klimasensitivität erwartet.
Wichtig ist die Temperaturerhöhung, die eben durch die gesamte Menge des ausgestossenen bzw. wieder entfernten CO2 bestimmt wird, das ‹CO2-Budget›.
Die richtige Temperaturgrenze
Tropische Korallen sterben nicht erst bei 1,5 Grad, sondern jetzt, bei rund einem Grad globaler Temperaturerhöhung. (Präziser: Die Korallen sterben nicht. Sie werden getötet.) Während der Zeit mit Landwirtschaft und Zivilisationen war die globale Temperatur kaum je höher als jetzt. Ein vernünftiges Ziel ist darum 1 Grad globale Temperaturerhöhung.
1,5 Grad globale Temperaturerhöhung ist das falsche Ziel, 2 Grad sowieso. Es wäre richtig und wichtig, die in Paris vereinbarte Zielsetzung in Frage zu stellen und schärfere Forderungen zu erheben.
Kritiker werden einwenden, dass schon die Beschränkung auf 1,5 Grad Temperaturerhöhung politisch unrealistisch sei. Manche Experten — sie leben meist in Industrienationen — machen gerne geltend, sogar das 2-Grad Ziel sei politisch unerreichbar, womit natürlich das Ziel selbst in Frage gestellt wird, womit wiederum die Anstrengungen zur Zielerreichung in Frage gestellt werden.
Ob diese Experten recht behalten werden, wird die Zukunft zeigen. Es ist jedenfalls bequem, die 1,5- oder auch die 2-Grad Zielsetzung in Frage zu stellen (Glen Peters), um noch länger nahezu unverändert weiterzumachen wie bisher.
Es mag eingewendet werden, die globale Durchschnittstemperatur würde auch dann (um einige Zehntelgrad) über ein Grad hinaus steigen, wenn alle menschlichen Emissionen ab sofort ausblieben. Das ist richtig. Allerdings würde schon in wenigen Jahrzehnten, sehr wahrscheinlich innerhalb dieses Jahrhunderts, die globale Temperaturerhöhung wieder weniger als ein Grad betragen (IPCC 2013, 2018).
Stringente Klimaziele sind zwar noch erreichbar, die Wirkung von CO2-Emissionen ist jedoch sehr langlebig — darum das CO2-Budget. CO2 , das zu viel in der Luft ist, muss wieder entfernt werden, keine Frage. Die Frage ist wann.
CO2 kann jetzt entfernt werden und sollte jetzt entfernt werden, in überschaubaren Mengen, soweit das Verursacherprinzip dafür angewendet werden kann. Häufig wird jedoch angenommen oder argumentiert, das Treibhausgas solle erst in Jahrzehnten entfernt werden, dafür in gigantischen Mengen — wenn das Verursacherprinzip zu diesem Zweck nicht mehr angewendet werden kann (Diagramme 1, 2 und 4).
CO2-Entfernung jetzt, nicht später!
Sollen die in Paris vereinbarten Ziele eingehalten werden, ist unbestritten, dass die netto CO2-Emissionen sehr schnell sinken müssen. Die Frage ist wie schnell.
Sehr schnell könnten sie sinken, wenn möglichst alle Verursacher von Treibhausgasemissionen verpflichtet würden, schnell und schliesslich vollumfänglich für die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre aufzukommen — allen voran die Verursacher von CO2-Emissionen.
Statt diesen Weg zu beschreiten, setzen die Regierungen dazu an, zukünftigen Generationen ein unlösbares Problem zu hinterlassen.
Die modernste der grossen Ausreden für politische Untätigkeit und Unterlassungen ist die Behauptung, gigantische Mengen CO2 könnten nachträglich netto wieder aus der Luft entfernt werden. Gemäss diesem Plan soll in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts jährlich viel mehr CO2 entfernt werden, als dann noch ausgestossen wird, darum netto CO2-Entfernung (oder «netto negative Emissionen»). Diese Behauptung wird von Politikern selten explizit gemacht. Die implizite Behauptung ist jedoch oft an der Jahreszahl 2050 zu erkennen.
Egal ob implizit oder explizit gemacht, diese Behauptung ist ein gefährlicher ‹Generationenbetrug›. Denn für die netto CO2-Entfernung wird es keine Verursacher mehr geben, die für die Bezahlung dieser verspäteten CO2-Wiederentfernung verpflichtet werden können. Die Spekulation auf ‹netto negative Emissionen› wird sich darum als Fehlspekulation erweisen und gravierende Folgen haben.
Keine Spekulation auf netto negative Emissionen, sondern CO2-Entfernung jetzt! | Artikel auf klimaatelier.ch
Den ‹Generationenbetrug› durchschauen
Die Schweizer Klimastreikbewegung fordert «bis 2030 im Inland Netto 0 Treibhausgasemissionen ohne Einplanung von Kompensationstechnologien». Die Formulierung mit «Netto 0» (nicht einfach null) stellt klar, dass Überlegungen zur CO2-Entfernung in die Forderung einflossen. Der zeitliche Rahmen der Forderung («bis 2030») stellt für sich allein fast klar, dass die Jugendbewegung den ‹Generationenbetrug› nicht hinnimmt.
Soll das 1,5-Grad Ziel mit etwas Sicherheit respektiert werden und sollen, wie es der Vertrag von Paris vorsieht, die Länder ihren CO2-Ausstoss nach ihren Möglichkeiten differenziert reduzieren, ist die 2030-Forderung für die Schweiz angemessen — gegenüber zum Beispiel einer 2037-Forderung, jedenfalls was CO2 betrifft:
- Die Schweiz verfügt über viel Wasserkraft.
- Als reiche Dienstleistungsgesellschaft kann sie mit relativ geringen CO2-Emissionen wirtschaften und die Emissionen besonders leicht netto eliminieren (IEA, 2018; S.102).
- Sie verursacht durch Importe sehr hohe Treibhausgasemissionen im Ausland (was normalerweise nicht berücksichtigt wird und bei global synchron funktionierendem Klimaschutz auch nicht berücksichtigt werden müsste).
- Ihre durch die Finanzierung im Ausland verursachten CO2-Emissionen würden sogar allein schon besondere Anstrengungen der Schweiz rechtfertigen. (Und es drängt sich eine Regulierung der Finanzwirtschaft auf, um die Geldflüsse umzuleiten, wie es das Pariser Abkommen verlangt.)
- Schliesslich könnte die historische Verantwortung wegen bisheriger Emissionen berücksichtigt werden. (Dies ist eine berechtigte Forderung, aber aus psychologischen Gründen eine heikle Angelegenheit.)
Die Bedingung «im Inland» in der Forderung der Schweizer Klimastreikbewegung dürfte bedeuten, dass die ausgeprägt von der Schweiz bevorzugte ‹Kompensation› im Ausland — anstelle von Reduktionen im Inland — für die nationale Zielsetzung nicht gelten soll.
Bis 2030 netto null CO2-Emissionen zu erreichen, ist ohne Entnahme von CO2 aus der Luft mit technischen Mitteln kaum denkbar. Noch weniger denkbar ist es, ohne CO2-Entfernung alle Treibhausgasemissionen auf netto null zu reduzieren, wie es die Bewegung verlangt. So gesehen fordert die Schweizer Klimastreikbewegung den schnellen Einsatz von CO2-Entfernungstechnologie — so gesehen.
Praktikabel ist die Forderung auch nur mit dem Einsatz von CO2-Abscheidung aus Abgasströmen der Industrie (zum Beispiel Zementfabriken) und der Einspeicherung des CO2 in der Erdkruste (Carbon Capture and Sequestration, CCS). Die Notwendigkeit der Abscheidung von sowohl CO2 aus der Luft als auch von CO2 aus Abgasen ist offenkundig.
Die undifferenzierte Ablehnung von CCS war und bleibt ein schwerer Fehler fast aller Klimaschützer — eine eigentliche Absurdität. Die Klimaschützer scheinen mit der Ablehnung der rein technischen CO2-Entfernung aus der Luft den gleichen Fehler machen zu wollen, den sie schon mit der Ablehnung statt der Forderung von CCS aus Abgasströmen machten (und weiterhin machen).
Die Leugnung der Möglichkeit, CO2 aus der Luft zu entfernen, ist doppelt falsch. Erstens ist diese Möglichkeit schon Realität.
Die CO2-Entfernung aus der Luft ist notwendig und da
Artikel auf klimaatelier.ch
Zweitens ist die CO2-Entfernung eine unabdingbare Auswegtechnologie aus der Klimafalle. Die Möglichkeit der CO2-Entfernung zu leugnen, ist darum schädlich und dumm. Dennoch ist diese Leugnung weit verbreitet.
Die Wortwahl «ohne Einplanung von Kompensationstechnologien» (nicht «Verwendung») in der Ergänzung der Forderung der Schweizer Schulstreikbewegung deutet auf ein Denunzieren des ‹Generationenbetrugs› hin, also auf die Denunzierung der Spekulation mit technologischer netto CO2-Entfernung nach Erreichen von «Netto 0». Dennoch dürfte die Wortwahl eher grundsätzliches Misstrauen gegenüber der technologischen Entfernung von CO2 aus der Luft ausdrücken, als dass die Spekulation auf netto CO2-Entfernung in Frage gestellt würde. In einer Erläuterung der Forderung (Klimacharta) steht präzisierend: «Es dürfen also nicht mehr [Treibhausgase] ausgestossen werden, als durch die natürliche Speicherung in Wäldern, Gewässern und Böden wieder nachhaltig kompensiert werden können.»
Die Bewegung, und nicht nur sie, sollte die Spekulation auf netto CO2-Entfernung gezielt verurteilen. Sie sollte die Existenz unverzichtbarer Technologie zur Filterung von CO2 aus der Luft jedoch nicht bestreiten. Sie sollte die Notwendigkeit und das Potenzial der umweltfreundlichen, rein technischen CO2-Entfernung anerkennen und die Anwendung dieser Technologie ausdrücklich und ohne Verzögerung fordern.
Keine Spekulation auf netto negative Emissionen, sondern CO2-Entfernung jetzt! | Artikel auf klimaatelier.ch
Die Antwort auf den ‹Generationenbetrug›
Eine sich auf das dringende CO2-Problem konzentrierende Forderung könnte lauten:
Netto null CO2-Emissionen der Schweiz bis 2030.
Der Logik der aktuellen internationalen Klimavereinbarungen entsprechend, muss zur Erreichung von netto null CO2-Emissionen entferntes CO2 aus Anlagen in der Schweiz stammen oder aus der Luft entfernt werden. Selbst wenn die Entfernung aus der Luft im Ausland geschieht, kann die Schweiz darüber bestimmen, wie sie zu geschehen hat, wenn sie dafür bezahlt. Wo das CO2 bleibend in der Erdkruste eingelagert (sequestriert) wird, ist unwichtig. Klargestellt sollte werden:
Keine Spekulation auf netto CO2-Enfernung!
Statt CO2 kann auch, wie in der aktuellen Forderung, ‹Treibhausgasemissionen› stehen. In diesem Fall müssen die Emissionen anderer Gase als CO2 ebenfalls eliminiert oder durch die Entfernung von CO2 ausgeglichen werden — und vernünftigerweise müssten für diese Emissionen auch Abgaben erhoben werden. Eine nützliche, zusätzliche, differenzierte Forderung wäre darum:
Netto null Treibhausgasemissionen der Schweiz bis 2040.
Die Netto-Elimination der CO2-Emissionen ist sehr viel dringlicher als die Netto-Beendigung der Gesamtheit der Treibhausgasemissionen. Ein Unterschied von 5 bis 15 Jahren zwischen den beiden Netto-Null-Zieljahren (2030 bzw. 2040 in obigem Vorschlag) ist angemessen. Ein bescheidenes Mass an Emissionen kurzlebiger Treibhausgase wäre sogar dauerhaft tolerierbar, keine oder nur eine sehr moderat erhöhte CO2-Konzentration vorausgesetzt.
Was die CO2-Emissionen betrifft, ist nicht so sehr das Zieljahr der Erreichung von netto null Emissionen von Bedeutung, sondern die gesamte Menge der Emissionen, also der Absenkpfad. Die Schweizer Klimastreikbewegung hat dies in ihrer Forderung noch klargestellt: Anfangs sollen die Emissionen besonders schnell sinken. Alternativ könnte die Einhaltung eines CO2-Restbudgets für die Schweiz gefordert werden.
Eine weitere Forderung der Schweizer Klimastreikbewegung ist hier auch einer Bemerkung würdig: «Klimagerechtigkeit». Fast mit Sicherheit lässt sich vorhersagen: Gelingt den Regierungen der Nationalstaaten weiterhin die Verzögerung der nötigen Emissionsreduktion — mitunter durch die Spekulation auf netto CO2-Entfernung—, wird das Resultat eine noch nie dagewesene Generationenungerechtigkeit sein.
‹Ja›, muss die Antwort auf den angebahnten Generationenbetrug heissen, ‹CO2 muss wieder aus der Luft genommen werden, aber jetzt, nicht später!›. Politiker oder Beamte, die behaupten, CO2 könne wieder aus der Luft entfernt werden (es kann), sollen sich dafür einsetzen, dass es jetzt entfernt wird! Die Technologie ist unbestreitbar da und bereits erstaunlich preiswert.
Die CO2-Entfernung aus der Luft ist notwendig und da
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Müssten Flugpassagiere jetzt für die Entfernung des verursachten CO2 bezahlen, hätten wir Ticketpreise wie anfangs der 1980-er Jahre. Umgerechnet auf den Liter Benzin oder Kerosin sind es rund 1.60 Franken. Dies gilt, wenn die CO2-Entfernung mit Maschinen geschieht, die heute einzeln in Zürich Oerlikon zusammengesetzt werden.
Erschreckend kostengünstig, erschreckend schnell
Die führenden Firmen, die Technologien für die CO2-Entfernung aus der Luft entwickeln und einsetzen (Climeworks, Carbon Engineering und Global Thermostat), geben an, dass sich die Kosten der CO2-Entfernung mit grossen oder vielen Anlagen dritteln würden, was bescheidenen etwa 50 Rappen oder US-Dollar pro Liter entspricht. Echt CO2-neutrales Fliegen wäre erstaunlich günstig.
Die zusätzlichen Kosten für die Sequestrierung sind kaum der Rede wert. Und es kann auf lange Sicht mehr als genug CO2 sicher in der Erdkruste eingelagert werden. (Mehr dazu hier.)
Werden die Verursacher verpflichtet, für die Entfernung ihrer CO2-Emissionen aufzukommen, können die netto Treibhausgasemissionen viel schneller reduziert werden, als normalerweise gedacht wird, schnell genug, um das 1,5-Grad Ziel zu respektieren oder sogar schneller.
Eine Studie des NewClimate Institute zeigt für Deutschland (auch) auf, was dies bedeutet: Die CO2-Emissionen müssen bis 2030 netto null erreichen, vielleicht bis 2035, spätestens bis 2040, wenn nicht auf netto CO2-Entfernung in gigantischen Mengen spekuliert wird.
Die Studie unterscheidet nicht zwischen ‹negativen Emissionen› und netto negativen Emissionen — wie üblich. Wie leider auch üblich, bezweifeln die Autorinnen und Autoren pauschal die Machbarkeit der CO2-Entnahme aus der Luft wegen der Kosten und angeblichen Unreife der Technologie sowie der ausbleibenden Förderung (durch die deutsche Bundesregierung, in diesem Fall).
Die Studie lässt — nochmals wie üblich — das Haupthindernis für netto CO2-Entfernung unerwähnt, nämlich die fehlende Zahlungsbereitschaft in einer politisch nicht geeinten Welt und weil im Fall von netto CO2-Entfernung keine Verursacher mehr da sein werden, die in den einzelnen Ländern von den Ländern selbst für die CO2-Entfernung zahlungspflichtig gemacht werden könnten.
Wird von der Spekulation auf utopische netto CO2-Entfernung Abstand genommen, ist die Rechnung einfach und das Ergebnis auch bei (für Deutschland) abweichenden Annahmen unausweichlich, wie auch Stefan Rahmstorf vorrechnet: Die CO2-Emissionen müssen viel schneller reduziert werden als IPCC und UNO kolportieren.
Dass die notwendige schnelle Netto-Reduktion ohne baldige CO2-Entnahme aus der Luft nicht erreichbar ist, ist auch eine beinahe unausweichliche Einsicht. Stefan Rahmstorf hat die Möglichkeit der CO2-Entfernung zur Erreichung der in Paris vereinbarten Temperaturziele in seinem Beitrag durch Nachführung erwähnt («negative Emissionen», er meint zeitnahe CO2-Entfernung). Er lehnt die Spekulation auf netto CO2-Entfernung ab.
Wie sind ehrgeizige Klimaziele erreichbar?
Mit der Durchsetzung des Verursacherprinzips dank CO2-Abgaben auf dem korrekten Niveau wäre die Zielsetzung von Paris gut zu erreichen. Das richtige Niveau entspricht mindestens den Kosten der Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre durch die wenig umstrittene aber relativ teure DAC-Technologie (Direct Air Capture) und die Wiederverwendung oder die bleibende Wegsperrung des CO2 (oder seines Kohlenstoffs) in der Erdkruste.
Bevor die CO2-Abgaben mindestens das Kostenniveau der direkten, rein technologischen CO2-Entfernung erreichen, kann ein steigender Anteil des Abgabenaufkommens gezielt für die CO2-Entfernung eingesetzt werden. Der Rest sollte an die Bevölkerung zurückverteilt werden, wie das in der Schweiz zum Teil schon geschieht. In den entsprechenden Zieljahren wird schliesslich ein so hoher Anteil des Abgabenaufkommens für die CO2-Entfernung eingesetzt, dass die Treibhausgasemissionen netto null betragen, zuerst bezüglich CO2 , später für alle Emissionen.
Bei einer uniformen CO2-Abgabe in der Höhe, die für die CO2-Entfernung schon bald mindestens ausreicht, drängt sich ein Grenzausgleich auf: CO2-lastige Importe werden — unter Respektierung handelsrechtlicher Bedingungen — auch mit der CO2-Abgabe belegt. Bei Ausfuhren gibt es Rückvergütung. Damit wird den Emissionen Rechnung getragen, die bei der Produktion importierter Güter im Ausland anfallen.
Der Einnahmeüberschuss aus der CO2-Abgabe, einschliesslich gegebenenfalls aus dem Grenzausgleich, kann an die Bevölkerung zurückverteilt werden. Dadurch wird dem Bedürfnis von Fairness und sozialer Gerechtigkeit Rechnung getragen.
Die Weiterentwicklung der Technologie für die direkte CO2-Filterung aus der Luft kann aus dem allgemeinen Staatshaushalt finanziert werden — ebenso wie die Weiterentwicklung von Technologie für synthetische Energieträger.
Unverzichtbare Schlüsseltechnologien anbahnen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch staatlich finanziert werden kann, ohne dass dafür zwingend Geld aus Abgaben für Treibhausgasemissionen eingesetzt wird.
Bei der systematischen Umsetzung der CO2-Entfernung muss aber das Verursacherprinzip angewendet werden, andernfalls, wenn dauerhaft mit Subventionen finanziert, würde die CO2-Entfernung zu einem weitgehend wirkungslosen Fass ohne Boden — weil die einen weiterhin billig emittieren würden, während die anderen via Subventionen teuer für die Wiederentfernung bezahlen.
Teurer als hätte sein sollen, aber so kostengünstig wie noch möglich
Gegenüber Laien suggerieren hohe Preise, aufgrund hoher Abgaben, hohe Kosten. Preise sind aber nicht Kosten, was bei einer direkten Rückverteilung des Abgabenaufkommens pro Kopf an die Bevölkerung besonders einleuchtend sein sollte.
Kritiker mögen einwenden, dass eine schnelle Anhebung der CO2-Preise eine teure Option ist, weil sie ‹stranded investments› verursacht, wie das Problem in der Klimaökonomie heisst. (Zum Beispiel würden bei bald viel höheren Heizölpreisen viele Ölheizungen durch Wärmepumpen ersetzt, bevor sie das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreichen. Diese vorzeitig ersetzten Ölheizungen sind ‹stranded investments›.)
Einzeln betrachtet ist dieser Einwand korrekt. Insgesamt ist er dennoch falsch, denn eine hohe CO2-Abgabe ist das effizienteste, also kostengünstigste Instrument für die Vermeidung des globalen Temperaturanstiegs. Fast alle anderen wirkungsvollen Methoden sind teurer, zum Teil viel teurer.
Es mag auch eingewendet werden, die CO2-Entfernung verursache reale Kosten, während reine Lenkungsabgaben primär die Preise erhöhen. Tatsächlich ermöglicht die CO2-Entfernung als weitere Option die Minimierung der Gesamtkosten der CO2-Vermeidung.
Preisinduzierte Vermeidung durch Substitution, Effizienz und Suffizienz ist der dominante Faktor bei der Erreichung von netto null CO2-Emissionen, nicht die CO2-Entfernung. Die hohe Lenkungswirkung entsteht jedoch erst dadurch, dass die Abgabenhöhe für CO2 aus fossilen Quellen bald mindestens den Kosten der CO2-Entfernung entspricht.
Wird der Preisanstieg der CO2-Abgabe im Voraus festgelegt (zum Beispiel alljährlich jeweils für die nächsten 5 Jahre) und kommuniziert, können weitere ‹stranded investments› weitgehend verhindert werden. (Rationierung mit weissem Markt, also ein Handelssystem von Emissionsrechten, bietet diesen Vorteil übrigens nicht, jedenfalls nicht in diesem Mass.) Niemand mit ökonomischem Verstand wird dann noch eine Öl-oder Gasheizung einbauen oder ein Auto mit Verbrennungsmotor anschaffen.
Wer noch eine Öl- oder Gasheizung einbauen liess oder lässt, wird dann für seine Inkompetenz, Unvernunft oder sogar Skrupellosigkeit bestraft und wird wahrscheinlich diese Heizung frühzeitig ersetzen. Gut so. Bestehende Gas- und Ölheizungen, die selten laufen, werden dagegen weiterlaufen, Autos mit Verbrennungsmotor auch, denn die Kosten sind bei nur gelegentlichem Gebrauch trotz hoher CO2-Abgabe tragbar. Auch gut so. Aber sie würden schon bald netto keine CO2-Emissionen mehr verursachen, weil bei ihrem Einsatz dafür bezahlt werden müsste, dass die Emissionen wieder aus der Luft genommen werden. Sehr gut so.
Wirkungsvoller Handabdruck statt schuldentlastender, kleiner Fussabdruck
Die rein technische CO2-Entfernung ist bereits bezahlbar. So lange sie nicht in industriellem Massstab angewendet wird, ist sie jedoch relativ teuer. Es sollte jedoch als eine Investition angesehen werden, nicht als Kosten, wenn ein Land wie die Schweiz oder Deutschland die ‹Direct Air Capture› Technologie dank Umsetzungsfinanzierung auf die industrielle Stufe bringt.
Mit dieser ‹Investition› wäre dem Klimaschutz sogar weit mehr gedient, als mit einem schuldentlastenden Netto-Null in einem dieser Länder. Die Investition wäre besonders vorbildlich also nachahmenswert, wenn die Finanzierung durch die Anwendung des Verursacherprinzips erfolgt.
Verhinderer und Kostentreiber
Besonders hohe Kosten sind bei einem stark gewandelten Klima zu erwarten — überwiegend zu tragen durch die jetzt jungen Menschen, ihre Kinder und Enkel —, wenn hohe CO2-Preise und die besagte ‹Investition› aufgeschoben werden.
Weil CO2-Emissionen nicht nur vermieden, sondern (sehr zeitnah!) auch aus der Luft genommen werden müssen, und weil zum Teil ‹stranded investments› in Kauf genommen werden müssen, wird die Begrenzung der globalen Temperaturerhöhung nun teurer, als sie hätte sein sollen.
Schuld daran sind diejenigen, die bis anhin hohe CO2-Preise zur Minderung des globalen Temperaturanstiegs verhindert haben.
Diesbezüglich steht in der Schweiz die FDP am Pranger, die seit einem Dritteljahrhundert sozusagen ‹auf dem Schlauch steht›, obschon «das Haus brennt», wie Greta Thunberg sagt.
Wenn Klimaschutz riskiert, teuer zu werden, sollte auf Kosteneffizienz besonders ausgeprägt geachtet werden. CO2-Abgaben bleiben darum das beste Instrument.
Dennoch erachten es rechtspopulistische Parteien als ihre Pflicht, kostengünstigen und wirksamen Klimaschutz durch Abgaben grundsätzlich zu verhindern, lügen zu diesem Zweck, was die Kosten von Lenkungsabgaben angeht und versteigen sich sogar in die ausdrückliche Leugnung des CO2-Problems.
Politische Verhinderer tragen die Schuld daran, dass Klimaschutz teurer wird, als wenn rechtzeitig gehandelt worden wäre — sicher nicht, wer CO2-Abgaben fordert.
Nicht nur rein technologische CO2-Entfernung
Ausser der direkten technischen Filterung von CO2 können eventuell begleitend andere Optionen vorangetrieben und genutzt werden, um das Treibhausgas aus der Luft zu entfernen. Unter einer ganzen Palette von Methoden sind diese interessant:
- Die beschleunigte Verwitterung von Gestein. Diese Option könnte wegen der Düngerwirkung vielleicht sogar zu einem Geschäft werden; Beerling et al., 2018; dazu müsste sie jedoch kostengünstiger sein als andere Methoden der Düngung — eine grosse Herausforderung.
- Aufforstung. Biologische Methoden der CO2-Entfernung sind besonders beliebt, weisen aber ein bescheideneres Potenzial auf, als die meisten Umweltschützer wohl denken und sie sind riskanter und weniger effektiv, als normalerweise gedacht wird. Vordringlich und für das Klima und die Biodiversität wäre die Beendigung der Zerstörung der kühlenden und Kohlenstoff speichernden Wälder in den Tropen.
- Die Filterung von organischem CO2 . Die Entfernung von CO2 aus Biogasanlagen, Biogaskraftwerken, Müllverbrennungsanlagen, Ethanolfabriken und Anlagen, die Restholz verbrennen, sind milde und vermutlich wenig umstrittene Varianten von BECCS; Bio Energy Carbon Capture Sequestration. Mehr zu BECCS und Aufforstung gibt es in diesem Artikel auf klimaatelier.ch.
Diese Methoden dürften kostengünstiger sein, als die rein technische CO2-Entfernung. Ihr realisierbares Potenzial ist jedoch beschränkt.
Nicht vor allem CO2-Entfernung
Als Folge von hohen CO2-Preisen bei der konsequenten Durchsetzung des Verursacherprinzips wird es primär eine schnelle Reduktion der CO2-Emissionen geben:
- Der Fall für Strom aus erneuerbarer Energie würde glasklar werden. Energie aus Wind, Sonne, Biomasse und auch Erdwärme würde Energie aus fossilen Quellen schnell verdrängen und auch in der Schweiz eindeutig rentabel. (Was jedoch für ein Land wie die Schweiz nicht heisst, dass Strom aus sauberen Quellen überwiegend im Inland hergestellt werden soll.)
- Der Fall für Effizienzsteigerungen wäre ebenso ‹glasklar›. Es würde eine heute unvorstellbare weitere Steigerung der Energieeffizienz geben und einen stark beschleunigten Einsatz von CO2-freier Energietechnik auf der Verbraucherseite (Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, etc.).
Entsprechend wenig CO2-müsste aus der Luft entfernt werden. Gerade darum ist es besonders kostengünstig, das Klima mit schnell auf ein hohes Preisniveau steigenden CO2-Abgaben zu schützen. Ausserdem wird bei hohen CO2-Preisen eine ausgesprochen kostengünstige Option genutzt werden:
- Verzicht.
Durch hohe Preise bewirkter Verzicht wird jedoch nicht als Verzicht wahrgenommen, sondern schlicht als wirtschaftlich vernünftiges Handeln.
Freiwilliger individueller Verzicht ist nicht eine Vorbedingung für einen «System Change» wie Greta Thunberg vermutet (Video). Es ist gerade umgekehrt. Gesetze müssen die Anreize schaffen, die Verzicht bewirkten. Noch nie zuvor in der modernen Geschichte wurden Gesetzesänderungen durch freiwilligen Verzicht erreicht.
Der wichtigste ‹System Change›
Die konsequente Durchsetzung des Verursacherprinzips wäre ein ‹System Change›. Im Gegensatz zur Überwindung (ob wünschenswert oder nicht) des ‹Kapitalismus› (was immer darunter verstanden wird) müsste dieser Systemwechsel dank Klimawandel erreichbar sein. Die Schweizer Bundesverfassung, schreibt das Verursacherprinzip im Umweltschutz bereits vor.
Tatsächlich, würde die konsequente Durchsetzung des Verursacherprinzips die Anwendung sauberer Technologien und Änderungen des Lebensstils bewirken. So könnten auch Menschen mit wenig finanziellen Mitteln und alle zukünftigen Generationen komfortabel leben, auch dann noch (Greta Thunberg), wenn das CO2-Budget für alle aufgebraucht ist.
Das 1,5- oder auch das 2-Grad Ziel wird jedoch allein mit Effizienzsteigerung, einem Umstieg auf eine CO2-freie Stromproduktion, Treibstoffe aus Biomasse, Aufforstung und preisinduzierten Konsumanpassungen nicht zu erreichen sein, mitunter wegen des Flugverkehrs.
Die rein technische Entfernung von CO2 aus der Luft, entweder mit Sequestrierung oder mit Kohlenstoffkreislaufwirtschaft ist ein unentbehrliches Puzzleteil für netto null CO2-Emissionen. Es kann demnächst eingesetzt werden. Es muss demnächst eingesetzt werden. Wir können nicht mehr weitere Jahre oder sogar Jahrzehnte zuwarten.
Die Zeit ist zu knapp, um auf die rein technologische CO2-Entfernung aus der Luft (DAC) zu verzichten. Warten wir mit dem Ausrollen dieser Technologie weiter zu, wird die Zeit für die Pariser Temperaturziele zu knapp. Dies ist mehr als einfach nur die Meinung des Schreibenden.
Diese Aussage ist durch Forschung und Modellierung gestützt, wobei DAC, die rein technologische Entfernung von CO2 aus der Luft, bei der Nennung der Schlüsseltechnologien, welche die erneuerbare Energie ergänzen müssen, noch fast immer unerwähnt bleibt.
Die Alternative zur konsequenten Anwendung des Verursacherprinzips, für einschliesslich die CO2-Entfernung aus der Luft, ist fast einzig die absichtliche Modifikation der Strahlungseigenschaften der Atmosphäre, genannt ‹Solar Radiation Management›, SRM. Geschieht dies zur Begleitung einer schnellen Reduktion von CO2-Emissionen und ihrer Begleiterscheinung, den kühlenden, unbeabsichtigten Aerosolen, sollte SRM begrüsst werden.
Kann das Verursacherprinzip nicht konsequent und zielführend geltend gemacht werden, läuft die Emissionsentwicklung jedoch auf SRM anstelle von schnellen CO2-Emissionsreduktionen hinaus und damit auf die mögliche Liquidation eines grossen Teils des Lebens und der Lebensvielfalt in den Ozeanen.
Der Glaube an ‹netto negative Emissionen› droht jedoch, die Lösung des CO2-Problems weiter zu verzögern. Die Spekulation mit netto CO2-Entfernung dient der Verschleierung des ungenügenden Willens fast aller Industrienationen zur Bewältigung der Klimakrise (Beispiele aus Kanada, Deutschland, UK, Schweiz).
Vorbildwirkung, aber richtig!
Begegnet die Schweiz, oder ein anderes Land, der Klimakrise wie oben beschrieben, mit zeitnaher, korrekt finanzierter CO2-Entfernung, weist es anderen Ländern den Weg. Es wäre ein Ausweg aus einer schwierigen Lage.
Es ist klar, was politisch zu tun wäre. Und es wäre erschreckend einfach und kostengünstig, es zu tun.
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Referenzen
Beerling et al. (2018): David J. Beerling Jonathan R. Leake, Stephen P. Long, Julie D. Scholes, Jurriaan Ton, Paul N. Nelson, Michael Bird, Euripides Kantzas, Lyla L. Taylor, Binoy Sarkar, Mike Kelland, Evan DeLucia, Ilsa Kantola, Christoph Müller, Greg H. Rau, James Hansen. Farming with crops and rocks to address global climate, food and soil security. Nature Plants, vol. 4, March 2018 p.138–147. https://doi.org/10.1038/s41477-018-0108-y. (Link to free full text, view only)
IEA (2018): Energy policies of IEA countries Switzerland 2018 Review (Link)
IPCC (2013): Intergovernmental Panel on Climate Change. AR5, WG1, Oktober 2013.
IPCC (2018): Intergovernmental Panel on Climate Change. Global warming of 1.5°C. An IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5°C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty. Summary for Policymakers.