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Von Dominik Riedo
Lassen Sie sich am heutigen Bloomsday von Dominik Riedo in den All-Augenblick des Erzählens einführen. «Viel weniger kann auf tausend Seiten nicht passieren» – so lakonisch kann man James Joyces «Ulysses» auf den Punkt bringen. Essay von einem Roman als Nadelöhr, durch das die abendländische Zeit gefädelt wird.
James Joyce ist längst zu einem Mythos geworden. Alle scheinen ihn zu kennen oder geben vor, ihn zu bewundern. Wenn es um die Literatur des 20. Jahrhunderts geht, führt demnach kein Weg an Joyce vorbei – so jedenfalls möchte man denken, wenn man den Literaturkanon beachtet. In der Praxis verhält es sich anders; dort führen in der Tat recht viele Wege an Joyce vorbei. Nun hat es keinen Sinn, sich darüber zu beklagen, dass man Joyce zu wenig liest. Es wäre überhaupt von Vorteil, wenn man sich von der Last des ‹Gehabt-haben-Müssens› freimachen und in der Lektüre mehr eine grossartige Gelegenheit sehen könnte, die Chance zu einem erlesenen Vergnügen …
James Joyce, geboren 1882 in Dublin, begann den Roman «Ulysses» als fünftes seiner sieben zu Lebzeiten publizierten Bücher 1914 in Triest. Wie alle seine vorherigen Manuskripte hatte er es schwer, einen Verleger zu finden. Schon der frühe Gedichtband «Chamber Music» (1907) wurde zunächst von vier Verlagen abgelehnt, der Erzählungsband «Dubliners» (1914) ganze neun Jahre nach beendeter Niederschrift gedruckt, der Roman «A Portrait of the Artist as a Young Man» (1916) vorsichtshalber zuerst in Fortsetzungen präsentiert und sein einziges Theaterstück («Exiles»; gedruckt 1918) später sogar auf Deutsch uraufgeführt. Diese Schwierigkeiten hingen wohl auch ein wenig mit dem unsteten Wanderleben des Iren zusammen, das 1902 in Paris begann, ihn wieder nach Dublin führte, nach Zürich, weiter nach Triest, Pola, Triest, Rom, Triest, Zürich, Triest, Paris und schliesslich wieder Zürich, wo er 1941 starb.
«Ulysses» also entstand in Triest, in Zürich und in Paris. Sieben oder acht lange Jahre, je nach Zählweise, mühte sich Joyce ab, das Buch zu schreiben. Armut, Augenleiden, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs – viele Umstände hätten dabei besser sein können. Zudem wurde ein grosser Teil der sogenannten Circe-Episode vom Mann einer Stenotypistin verbrannt, der den Text ‹widerlich› fand.
Als es trotz allem gelungen war, das Riesenopus zu beenden, folgte die Hölle der Versuche, es zu publizieren. Ab 1918 waren auch hier einzelne Episoden in Fortsetzungen erschienen, bis dies 1920 ein Gerichtsurteil wegen des Vorwurfs der ‹Obszönität› unterband. Endlich wurde es 1922 in Paris von einem eigens für dieses Buch gegründeten Privatverlag, eigentlich einer Buchhandlung, veröffentlicht, zu Joyces 40. Geburtstag, in einer Kleinauflage von 1000 Exemplaren in den Farben der griechischen Flagge – und leider voller Druckfehler. Die weitere Geschichte setzte sich aus Ablehnungen, Unterdrückung, Beschlagnahmungen wegen ‹Obszönität›, Raubdrucken, Verbrennungen, Schmuggelei und schliesslich einer umständlichen erneuten Drucklegung zusammen. Erst 1934 bzw. 1936 konnte das Buch in Amerika und England erscheinen.
Obwohl der «Ulysses» Vorstellungen über das Genre Roman in vielfacher Hinsicht sprengt, hat er mit diesem doch Züge gemein, die es gerechtfertigt erscheinen lassen, das Werk als solchen zu bezeichnen. Denn obschon nach aussen hin nichts sonderlich Spektakuläres geschieht, bleibt in dem verwirrenden Mosaik unterschiedlichster Themen und Motive, im Labyrinth zahlloser, komplex miteinander verwobener Einzelvorgänge und -geschichten dennoch ein narrativer roter Faden erkennbar, der sich durch das ganze Buch zieht.
Dieser Roman also, durch den James Joyce unsterblich wurde, schildert in erster Linie einen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben des Leopold Bloom in Dublin, Kleinbürger ungarisch-jüdischer Abstammung, Annoncenvertreter einer Zeitung, von acht Uhr früh bis zum nächsten Morgen gegen drei Uhr. Es ist aber auch die Geschichte seiner Frau Marion (Molly) sowie des jungen Lehrers und Schriftstellers Stephen Dedalus. Um diese Gestalten gruppiert sich zusätzlich eine Unzahl von Bürgern Dublins, mit denen die drei im Verlauf dieses Tages in Berührung kommen. Eine streng handlungsbezogene Inhaltsangabe könnte ungefähr so lauten:
Ein Mann verlässt am Morgen das Haus, nachdem er seiner Frau das Frühstück ans Bett gebracht hat. Er streift durch die Stadt, trifft ein paar Bekannte, erledigt gewisse Dinge, nimmt an einer Beerdigung teil, versucht den Wiederabdruck einer Zeitungsannonce auszuhandeln, läuft weiter durch die Stadt, isst und trinkt zwischendurch, traut sich nicht nach Hause, um seine Frau, eine mittelmässige Sängerin, nicht zu stören, die ihn möglicherweise am Nachmittag betrügt, läuft weiter zum Strand, wo ihm ein Mädchen grossmütig Einblicke in ihre Reize gewährt, absolviert einen Spitalbesuch, gerät zweimal fast in eine Schlägerei und kehrt in der Nacht zum Ausgangspunkt zurück, einen versoffen-genialen Studenten im Schlepptau, dem er zur Ausnüchterung Kakao kocht.
Viel weniger kann auf tausend Seiten nicht passieren. Doch es ist immer schwierig, mit jemandem auszumachen, was wichtig ist. Aber immerhin geschehen im Buch einige Dinge, die – wer würde nicht zustimmen? – enorme Bedeutung in einem Menschenleben haben. Darunter fallen unter anderem die Geburt eines Kindes, ein Kampf, eine politische Auseinandersetzung, eine Verführung, Ehebruch, eine Sauf-Orgie, der Verlust einer Stellung, ein Freundschaftsbruch und das Begräbnis.
Dennoch erhält die Geschichte ihre Tiefendimension vor allem auf dreierlei Weise: erstens durch eine von Kapitel zu Kapitel wechselnde Erzähltechnik. Die Bandbreite reicht dabei von den Mitteln der Collage und der filmischen Schnitt-Technik über die Dialektik hin zu im Text abgebildeten Zuständen der Halluzination beziehungsweise hin zur musikalischen Komposition oder bis in die spröde Versachlichung eines Katechismus. Der «Ulysses» gibt dem Leser auf diese Weise achtzehn Arten, die Story wahrzunehmen, was ihm eindrücklich vorführt, dass man die Welt immer anhand eigener Schablonen wahrnimmt. Die achtzehn Arten der Darstellung zeigen aber auch, dass im «Ulysses» wichtiger ist, wie etwas gesagt wird, als was gesagt wird. Demgemäss verändert sich zum Beispiel das Satzbild, wenn aus der Sicht eines Betrunkenen erzählt wird.
Die Geschichte erhält ihre Tiefendimension zweitens durch eine in der bisherigen Romanliteratur unerreichte Präzision und Rücksichtslosigkeit in der Darstellung feinster, bis in die Zonen des Vor- und Unbewussten reichender psychischer Regungen, Vorstellungen und Wünsche. Hierher gehört die wohl berühmteste und am unmittelbarsten überzeugende unter ihren Neuerungen, die durchgehende Anwendung eines Kunstgriffs, für den es nur zufällige und eher beiläufige Vorbilder gab: des inneren Monologs (nach Joyce auch: Innerer Monolog). Parallel zur Darstellung der äusseren, objektiven Welt soll der innere Monolog die subjektive Welt im Innern der Figuren einfangen. Joyce schildert nicht nur, was Personen an einem bestimmten Tag im Juni 1904 taten, sondern auch, was viele von ihnen dabei dachten. Gedanken, Empfindungen, Wahrnehmungen der Figuren werden gleichsam im Rohzustand aufnotiert. Entscheidend ist, dass dabei die Zeitstufen aufgelöst sind. Innerhalb des Hier und Jetzt des Erzählens können die unterschiedlichsten Schichten der Vergangenheit in kleinen Portionen ständig an den Tag gebracht werden, und ebenso Sehnsüchte, Hoffnungen, Erwartungen, also von Künftigem Bestimmtes. Joyce löst damit das Problem der Darstellbarkeit unterschiedlicher Zeitstufen, ohne auf fest vom übrigen Text abgegrenzte Rückblenden, Prophezeiungen und Träume zurückgreifen zu müssen. Er zieht alles in den Augenblick des jeweils Erzählten. Durch das Medium des inneren Monologs gelingt es, die Gesamtbiografie einer Figur im Ausschnitt eines einzigen Tages erfahrbar werden zu lassen. Es ist, als würde man direkt, ohne die Vermittlung eines Erzählers, in die Menschen hineinhören können. So klingt der innere Monolog der einzelnen Hauptpersonen konsequenterweise je anders. Herausragende Berühmtheit erlangte dabei der innere Monolog von Molly Bloom im Schlusskapitel des Romans.
Die Geschichte erhält ihre Tiefendimension drittens durch die Verwendung von Homers «Odyssee» als mythisch-poetische Folie, als Bezugs- und Deutungssystem, das die trivial-moderne Szene ständig relativiert und parodiert. Schon der Titel «Ulysses» gibt ja an, dass der ganze Roman noch aus anderer Sicht aufzufassen ist. Denn die Wanderung Blooms durch die Stadt Dublin ist eine Odyssee, welche in neuer Verkleidung die Fahrt des edlen Dulders Odysseus mit all ihren Stationen wiederholt. Aber diese Allegorie wäre ein blosser Witz, wenn sie nicht tiefere geistige Bedeutung hätte, wenn nicht in ihr eine Allegorie zweiter und dritter Potenz enthalten wäre, wenn nicht damit das Wesenhafte des Lebens und des Dichterischen, für das hier Homer steht, nochmals getroffen werden sollte. Es ist ein allegorischer Aufbau und Überbau, der sich ebenso auf primitive Lebensfunktionen wie auf letzte philosophische Erwägungen bezieht. Ständig überlagern sich mehrere Zeiten. Jeder Tag wird ja von der gesamten vergangenen Zeit belastet. Während im Ulysses ein Tag erzählt wird, wird dieser Tag nicht herausgenommen aus dem Kontinuum der Zeit, vielmehr mündet alle Zeit in ihn und geht von ihm alle weitere Zeit aus. Dieser 16. Juni 1904 ist wie ein Nadelöhr, durch das die abendländische Zeit gefädelt wird. Stadt und Tag werden zu einem Symbol. Der Bloomsday wird zum möglichen Modelltag überhaupt. Ein All-Tag ist erschaffen, universelles Alltagsleben breitet sich aus. Über den scharf definierten Dubliner Raum wölben sich Welt und Universum. Dieses Dublin ist immer auch die Projektion einer ganz anderen Welt, ja der ganzen Welt. So ist Bloom nicht nur Odysseus, er ist auch der Ewige Jude; Stephen ist nicht nur Dedalus, sondern Ikarus, Hamlet, Shakespeare und Luzifer; Molly ist auch Kalypso, Penelope, die Erde und so weiter. Die Figuren sind historische Varianten eines generellen Musters menschlicher Befindlichkeiten und Beziehungen, sie weisen bei aller Verankerung in eine konkrete historische Situation auf vielfältige Weise über diese hinaus. Damit kommen sie dem Titel «Ulysses» gleich, der seinerseits zu einem Inbegriff der gesamten literarischen Moderne geworden ist.
Um die Masse an Material einigermassen überschaubar zu halten, ist der Roman in drei Teile, mit drei, zwölf und wieder drei Episoden oder Kapiteln unterteilt, insgesamt wie gesagt achtzehn Episoden. Hauptperson des ersten Teils (der in der obigen Zusammenfassung nicht berücksichtigt worden ist; der Tag heisst ja schliesslich ‹Bloomsday›) und damit der ersten drei Episoden ist Stephen (der Protagonist aus dem vorangegangenen Roman von Joyce, «A Portrait of the Artist as a Young Man»). Diese drei Episoden bilden eine Einführung zum Hauptthema, den ersten Büchern der Odyssee entsprechend, wo Telemach sich anschickt, seinen Vater zu suchen. Der zweite Teil bringt die eigentliche Odyssee Blooms. Zuletzt erfolgt im dritten Teil gewissermassen die Heimkehr.
Die Heimkehr des Autors James Joyce selbst fand, mit noch nicht einmal ganz 59 Jahren, in der Schweiz statt. In Zürich, auf dem Friedhof Flundern, gleich neben Elias Canetti, liegen seine sterblichen Überreste. ‹Über-Reste› … – nirgends wäre dieser Ausdruck so angebracht wie bei ihm, ist doch sein Werk über einen Tag unsterblich bis ans Ende der Tage. Wenn Finnegan geweckt wird …
Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012.
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