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Wenn Heidi lachte, flogen die Geissen in wilden Sprüngen über sie hin. Im japanischen Original wäre dazu gejodelt worden, aber wir sahen die Serie im ZDF mit deutschem Schlagersoundtrack. Im Landesmuseum sind jetzt Skizzen zu sehen, die der Zeichner Yoichi Kotabe auf einer Reise ins Bündnerland angefertigt hat: volkskundliche Miniaturen von ausgelatschten Bergschuhen, Tassen und greisen Gesichtern. Die Ausstellung «Heidi in Japan» zeigt den Entstehungsprozess der Fernsehserie, die 1974 erstmals ausgestrahlt wurde. Yoichi Kotabe war zusammen mit den späteren Gründern des Ghibli-Studios, Isao Takahata und Hayao Miyazaki, nach Maienfeld gereist. «Location hunting» hiess das, auf Neujapanisch: «lokehan».
Die Ausstellung zeigt auch Trailer von Filmen, die im Werk der Anime-Künstler auf «Heidi» folgten. Zwei Werke von Isao Takahata habe ich mir mit grossem Gewinn ganz angesehen. 1988 drehte er «Die letzten Glühwürmchen». Das niedliche Mädchen Setsuko, das hier gleich zu Beginn als Geist aus dem Jenseits erscheint, gleicht Heidi von 1974. Auch sie hat keine Eltern mehr, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs muss sie sich mit ihrem älteren Bruder allein durchschlagen. Am Rand der von Luftangriffen zerstörten Stadt Kobe finden die Kinder bei niemandem echte Hilfe. Der Film zeichnet nach, wie das kleine Mädchen langsam verhungert. Es reicht nicht, dass ihr Bruder alles verpfändet, dann auch stiehlt und plündert. Unerträglich wäre der Film, wenn nicht zwischendurch ein Ausflug ans Meer wäre, selbstvergessene Momente zwischen Bäumen und nachts das Spiel der Glühwürmchen.
In einem Gespräch mit der «Japan Times» vom September 2015 hat Isao Takahata erzählt, dass er als Kind einem Luftangriff knapp entkommen sei. In «Heidi» habe er eine Sorglosigkeit zeigen wollen, die ihm selbst nicht vergönnt gewesen sei. Er sprach auch über sein Engagement gegen die Versuche der Regierung von Shinzo Abe, Japans Armee wieder auf Angriffsstärke auszubauen. Seit langem stand der «Heidi»-Regisseur der kommunistischen Partei Japans nahe. Vielleicht hat das auch seine Naturidyllen beeinflusst. Zum Beispiel in «Pom Poko» von 1994: Zwei Rudel Marderhunde geraten in Bedrängnis, weil Tokio immer mehr Land frisst. Riesenbagger tragen ganze Berge ab. Anfangs kämpfen die Rudel gegeneinander um die knapper werdende Nahrung. Dann schliessen sie sich gegen die Menschen zusammen. Sie erwecken alte Kenntnisse zu neuem Leben: Die begabteren unter ihnen können sich durch Geisteskraft in Menschen, Töpfe und Fabelwesen verwandeln. Eine schöne Marderhündin zeigt sich kurz als Comicfigur Corto Maltese, drei Weise vom Berg reisen als alte Rockstars an.
Dann beginnt ein Guerillakampf gegen Baufirmen, der den Tieren alles abverlangt: Einen Putschversuch der eigenen Militaristen müssen sie ebenso abwehren wie die Versuchung, ihre Zauberkünste in einem Vergnügungspark zu vermarkten. Auch den kleinsten Erfolg feiern sie mit einem Gelage und viel Musik.
Von 1974 bis 1994 hat sich die Technik des Animationsfilms rasend entwickelt. Und doch sind in «Pom Poko» noch Anklänge an Heidi zu sehen. Man kann sich springende Geissen an einer Party der Marderhunde denken oder den Alpöhi, der kurz meditiert, um dann als Feuerwirbel ins Tal zu brausen.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Die Ausstellung «Heidi in Japan» ist noch bis zum 13. Oktober im Landesmuseum Zürich zu sehen. Um «Pom Poko» zu schauen, empfiehlt sich die Videothek «Les Vidéos» beim Central.