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Uns erscheint der Gotthardpass als natürliche Verbindung über die Alpen nach Süden. Die Gotthardroute ist heute mit Abstand die wichtigste Alpentransversale – für den Personenverkehr wie den Warentransport. Ihre Vorzüge sind offensichtlich: Hier ist das Gebirge schmaler als sonst, weil das Reusstal von Norden und die Leventina von Süden her weit ins Herz der Alpen einschneiden. Hier muss nur ein einziger Gebirgskamm überwunden werden, und überdies verläuft die Route zwischen Basel und Mailand ziemlich direkt.
Doch nicht immer war dieses Gesteinsmassiv im Herzen der Schweiz ein Synonym für den Weg nach Süden. Die Römer, die ihre Zivilisation über die Alpen brachten, nutzten andere Pässe im Wallis und im Bündnerland – namentlich den Grossen St.Bernhard und den Septimer. Der Gotthardpass selber war zwar problemlos zu passieren, aber die nördlich daran anschliessende Schöllenen bildete ein nahezu unüberwindliches Hindernis; die wilde und zerklüftete Schlucht war damals noch unpassierbar und blieb es lange Zeit.
Erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts gelang es, die Route durch die Zentralschweizer Alpen zu erschliessen. Vermutlich waren es Walser aus dem Urserental, die bei der Anlage eines Saumwegs hölzerne Stege an den teils sogar überhängenden Felswänden aufhängten. Die Walser hatten – so nimmt man an – das technische Rüstzeug für diese Konstruktionen beim Bau von Wasserleitungen in den steilen Walliser Tälern entwickelt.
Etwa um 1220 bauten sie die Twärrenbrücke, einen 60 Meter langen Steg über der Reuss entlang des Chilchbergs. Das Bauwerk hielt bis 1707, als es durch eine Überschwemmung weggerissen wurde. Der «stiebende Steg», die berühmte erste Teufelsbrücke aus Holz, wurde um 1230 errichtet. 1595 ersetzte man sie durch eine Steinbrücke.
Der zunehmende Passverkehr brachte den Urnern zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. Als haupt- oder nebenberufliche Säumer, Spediteure oder Fuhrhalter fanden sie im Saumverkehr ein willkommenes Auskommen.
Nach der ersten Blüte im 13. Jahrhundert verlor der Gotthard, der immer in Konkurrenz zu den Bündner Pässen stand, allmählich wieder an Bedeutung: Es «änderten sich die Routen und neue maritime Verkehrswege wurden erschlossen. Zwei Jahrhunderte später war die Erinnerung an den Gotthard als europäischer Kreuzungspunkt schon fast vergessen», sagt der Neuenburger Mediävist Jean-Daniel Morerod.
Trotz des Bedeutungsschwunds der Gotthardroute wurde Ende des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Ausbau in Angriff genommen: Der Saumweg wurde verbreitert und mit Granitsteinen und Gneisplatten gepflastert. Damit war erstmals ein bescheidener Fahrverkehr möglich.
1707 begann der Bau des ersten Strassentunnels der Alpen: Das Urnerloch ersetzte die weggespülte Twärrenbrücke in der Schöllenenschlucht.
Der vom Festungsbaumeister Pietro Morretti in elf Monaten erbaute Tunnel war 64 Meter lang und nur gerade so hoch, dass die Saumtiere ohne Reiter durchkamen. Das Urnerloch wurde später noch verschiedentlich erweitert – das letzte Mal erst 2014.
Ab Ende des 18. Jahrhunderts war der Saumweg schliesslich so weit ausgebaut, dass die Kutschen der Gotthardpost darauf verkehren konnten. Nach wie vor war die eigentliche Passstrasse aber für bespannte Fuhrwerke nicht befahrbar; ebensowenig in der Tremola, wo der Saumweg als Stufenweg angelegt war.
Während andere Alpenpässe wie der Brenner (1772) oder der Simplon (1805) zu transalpinen Fahrstrassen ausgebaut worden waren, fiel der Gotthard weiter zurück – auch weil die Teufelsbrücke 1799 bei einem Gefecht zwischen russischen und französischen Truppen in den Napoleonischen Kriegen beschädigt wurde und unpassierbar blieb.
Doch in den 1810er Jahren begann der Kanton Tessin, die Gotthardroute fahrbar zu machen. Uri schloss sich diesen Bemühungen aus finanzieller Not erst später an und begann 1820 mit dem Bau der zweiten Teufelsbrücke, die 1830 vollendet wurde und heute noch besteht.
Ebenfalls 1830 waren die Tremola mit ihren 24 Haarnadelkurven und auf der Urner Seite die Abschnitte von Hospental auf die Passhöhe und durch die Schöllenen fertig gestellt. Erst jetzt konnten auch schwere Lastfuhrwerke die Strecke befahren.
Schon 1831 rollten um die 900 Kutschen über den Gotthardpass. Ab 1835 übernahmen reguläre Postkutschen den Personen- und Posttransport. Die Säumerei verschwand in kurzer Zeit vollständig. Von 1842 an verkehrte jeden Tag eine Postkutsche zwischen Flüelen und Chiasso und in der Gegenrichtung. Erst mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882 fand die Postkutschenära ihr Ende.