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Simplicissimus Titelkupfer
Zur Beachtung:
Bei dieser Seite handelt es sich um eine Skizze, die noch mit Fehlern behaftet ist.
Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch
»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
1668 erscheint (vorausdatiert auf 1669) ein Buch mit dem Titel:
Hinter dem Anagramm des Helden wie des Autors verbirgt sich Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (ca. 1622 bis 1676), was übrigens erst 1837 Hermann Kurz herausgefunden hat.
Ein rätselhafter Kupferstich folgt auf die Titelseite, und dann kommt gleich das Inhaltsverzeichnis des ersten Buchs. Abgebildet ist ein Kompositwesen mit gehörntem Satyrkopf, Frauenleib, einem Enten- und einem Kuhfuß, Flügeln und Fischschwanz; in der einen (Menschen-)Hand hält das Wesen ein aufgeschlagenes Buch, mit der anderen zeigt es mit einer seltsamen Geste darauf. Es hat einen Degen umgehängt. Am Boden liegen Masken herum.
In einem Schriftband über der Figur steht der Romantitel der Abentheüerliche Simplicissimus Teutsch, und darunter stehen die Verse:
Das Titelkupfer hat die Struktur eines Emblems (Überschrift – Bild – Text), und Embleme verlangen scharfsinnige Deuter. Es hat der Forschung denn auch viel Druckerschwärze abgefordert. Lassen wir einmal die Bilder auf den beiden Buchseiten, die Geste und die Larven weg und konzentrieren uns auf das Kompositwesen.
Vorausgeschickt werden muss, dass Grimmelshausen ein sehr belesener Schriftsteller war, der ungeniert überall Ideen und Texte zusammenstibitzt, umgemodelt und in sein eigenes Werk eingepasst hat.Um seine Leistung zu würdigen, vergleicht man sein Opus mit den ›Vorlagen‹.
(1) Scheussliche Seele
Fasst man das "Ich" der Verse als Ich des Protagonisten auf, so wird man im Romantext Bezüge suchen. Tatsächlich reist Simplicissimus ja in allen vier Elementen – unter Wasser im Mummelsee (V,12), in der Luft durch Hexerei (vgl. II,17/18) –, und einmal sagt ein Pfarrer zu ihm ›bilde dir ein/ als ob du gleich dem Phoenix vom Unverstand zum Verstand durchs Feuer/ und also zu einem neuen menschlichen Leben auch neu geboren worden seyest.‹ (II,8). Das heisst metaphorisch: der Held macht eine umfassende Welterfahrung durch. Wenn auch das Mischwesen als ein inneres Portrait des Helden gedeutet werden kann, so als als Abbild einer "scheußlichen Seele", als die sich der Held am Schluss erkannt hat. Rolf Tarot hat 1980 für die Figur eine Traditionslinie aufgezeigt. Kronzeuge ist eine Stelle aus Johann Arndts »Vier Bücher vom wahren Christentum« (1609 und viele spätere Drucke), wo es heisst:
Man könnte in dieser Linie das Titelkupfer auch zu den Lasterallegorien stellen (siehe hier). Insofern als die Unwissenheit und Selbsterkenntnis des Helden eines der großen Themen des Romans ist bietet sich auch das Emblem aus der Sammlung des Andrea Alciati (1492–1550) an, das Grimmelshausen dann aber umgearbeitet hätte.
Der Text zum Bild besagt in Kürze: Die Bestandteile der aus dem strahlenden Gesicht einer Jungfrau, den Federn eines Vogels und den Schenkeln eines Löwen zusammengesetzten Gestalt bedeuten drei Faktoren der Unwissenheit (ignorantia): Leichtsinn – verführerische Wollust – Hochmut. Der Übersetzer Wolfgang Hunger gießt das in der Ausgabe Paris: Wechel 1542 in folgende Knittelverse:
In der ersten Ausgabe von Alciatis Emblembuch (Augsburg: Steiner 1531) ist das Wesen gefiedert, aber ohne Flügel dargestellt; der Illustrator der Ausgabe 1534 korrigiert das: hier hat das Wesen Flügel wie eine antike Sphinx; in anderen Ausgaben wie hier fehlen die Flügel wieder, was die Mutabilität dieser Bilder anzeigt. Man dürfte sich nicht wundern, wenn etwa Grimmelshausen das Bild für seine Zwecke auch verändert hätte.
(2) Der Abenteuer Hauptmann
In einem Roman Johanns von Würzburg, dem 1314 vollendeten »Wilhelm von Österreich«, gibt es folgende Szene: Der Held Ryal muss eine gefährliche diplomatische Mission ausführen. Auf seiner Reise begegnet ihm in einer Waldlichtung ein merkwürdiges, aus verschiedenen Menschen- und Tiergliedern zusammengesetztes Wesen, das ihm seine wunderliche Gestalt interpretiert, ihm einen Hund schenkt, der dem Helden dann im weiteren Verlauf der Geschichte hilft. – Der Roman wurde in der frühen Neuzeit in Prosa umgeschrieben; 1481 erschien in Augsburg eine mit Holzschnitten versehene Ausgabe. Insofern die Begegnung zwischen dem Helden und einem Kompositwesen auch im »Simplicissimus« den Anfang einer Abenteuerkette bildet (vgl. das "Ich" in den Versen), und weil Grimmelshausen sog. Volksbücher, d.h. Prosaromane des 16.Jhs. durchaus kannte, liegt die Vermutung nahe, er habe sich durch die Szene anregen lassen.
Der Erzähler nennt das Wesen "der abenteür hauptman ein ungeheüre gestalt der doch geheür was gegen im [Ryal]" und beschreibt es so:
Nach der Begrüßung verrät das Wesen, es wisse, dass Ryal nach abentheür trachtet, und verspricht "jch wil dir mein natur zewissen tuon".
Die Figur ist das Abenteuer (bzw. eine Personifikationsallegorie davon) und klärt den Helden über das Abenteuer auf, stellt ihm wie eine Verkörperung die Eigenschaften vor Augen, über die er selbst verfügen muss, um die Abenteuer zu bestehen. Die Tiere beziehen sich wie in Grimmelshausens Titelkupfer auf die Elemente, die der Abenteurer durchmessen muss.– Freilich hat Simplicissimus eben gerade keine Ausstattung, die ihn zum Bestehen ritterlicher Abenteuer (mhd. âventiure) befähigt; dann wäre das Titelkupfer eine Parodie der Szene im »Wilhelm von Österreich«.
(3) Poetologische Deutung
Der Roman, insbesondere der Schelmenroman, war als Gattung in den barocken Dichtungslehren nicht vertreten, ja sogar verpönt. Und das hieß für das 17. Jahrhundert, das autoritätsgläubig war und ausserdem das Dichten als eine aus den Poetiken erlernbare Fertigkeit auffasste: Er war keine würdige, ja sogar eine ungebührliche Form. Der Ort, wo ein Schriftsteller sein Werk rechtfertigen kann, wäre das Vorwort oder die Widmung an eine hochwürdige Person. Beides fehlt im »Simplicissimus«, so dass man annehmen könnte, das Titelkupfer erfülle diese Funktion. Das Frontispiz als Entschuldigung des Autors, eine Romanpoetik in nuce – das könnte in zwei Begründungszusammenhängen geschehen:
• Der Satyr ist oft Hinweis auf die satirische Textgattung, in der frech spottend Laster ausgeschimpft werden. (Dies hat Walter Ernst Schäfer bereits 1972 überzeugend dargestellt.)
• Die andere Argumentation-Linie geht aus vom Zusammengesetztsein der monströsen Figur und bezieht dieses entweder auf die poetologische Stelle bei Horaz (vgl. Intermezzo ### ): der Roman bekennt sich zu dem im Brief an die Pisonen monierten unorganischen Mischmasch (H. Gersch). Oder sie bezieht es auf Lukian (um 120 bis nach 180), der an einigen Stellen seiner Essays sagt, seine Werke seien monströs zusammengesetzt (A. Blässler). Tatsächlich ist der Simplicissimus-Roman aus verschiedenen Mustern zusammengesetzt: Wie im höfischen Roman startet der Text medias in res und die Verwandtschaft des Helden wird spät geklärt (Anagnorisis) – aber es ist doch auch ein pikaresker Roman, der in der Ichform aus der Perspektive eines stets Gedemütigten erzählt. Es gibt konzeptuelle Brüche; es werden allerlei Textsorten eingebaut: Lied, Traumvision, Allegorie, Exempel, Schwank, Reisebericht. Man sprach auch schon von einer grotesken Polyphonie. – Beide Parallelen zwischen dem Titelkupfer und den als Gleichnis verwendeten Kompositwesen in den poetologischen Texten sind indessen nicht passgenau.
(4) Druckermarke
Christoph Gerhardt († 2010) machte mich 1987 brieflich auf das Titelbild des Werks Alexander ab Alexandro, »Genialium Dierum libri sex« aufmerksam, das 1532 in Paris bei Gérard Morrhe (auch Gérard Morrhy des Champs) im Verlag von Johannes Petrus gedruckt wurde. (Er hatte es in einem Antiquariatskatalog entdeckt.) Als Druckermarke verwendete Morrhe auch in anderen Werken das scheusslich Monstrum, leicht variiert.
Die »Dies geniales« des Neapolitaners Alessandro Alessandri (1461–1523), seit 1522 oft aufgelegt, sind eine aus antiken Schriftstellen kompilierte Enzyklopädie – und Enzyklopädien gehörten zur Lieblingslektüre Grimmelshausens. Ein genauer Bezug zu einer Stelle Grimmelshausens Oeuvre ist von der Forschung aber bislang nicht entdeckt worden.
Das Wesen ist umrahmt von vier Texten in den drei heiligen Sprachen, fast ein bisschen emblematisch. (Diese Anordnung einer Druckermarke mit Texten kommt im 16. Jh. öfters vor, z.B. bei Johannes Froben oder Matthias Apiarius.) Ein Zusammenhang zwischen dem Bild und und den moralinsauren Texten ist halbwegs auszumachen:
Ob das Scheusal einen Bezug zum Werk des Allesandri hat? Es könnte ja auf den Kompilationscharakter der Enzyklopädie angespielt sein. – Wenn man die Standardwerke zu den Druckermarken durchblättert, begegnen einem allerdings viele Kompositwesen: ein geflügelter Hirsch, ein Pferd mit Fischschwanz, Kentauren, Sirenen, Greifen, Drachen, eine Frau mit Flügeln und Fischschwanz und anderes Gelichter. Das ist verständlich, denn jeder Drucker wollte ja seinen herausstechenden, unverkennbaren ›Brand‹ haben.
Morrhe hat auch Ausgaben von Lukian gedruckt. Man fragt sich sofort, ob Grimmelshausen seinen antiken Geistesverwandten, diesen Speyvogel kennt? Morrhe verwendet hier eine ähnliche Druckermarke:
Das Scheusal betrachtet sich hier zusätzlich noch in einem Handspiegel – der Spiegel ist eine häufig verwendete Metapher für das Buch; und auf dem Simplicissimus-Titel hält das Wesen ein Buch – das wäre ein brisante Vertauschung durch Grimmelshausen.
Tatsächlich bezieht sich Grimmelshausen einige Male auf Lukian; freilich scheint es in allen Fällen, dass er ihn nur aus sekundären Quellen kennt:
Es wäre schön gewesen, Grimmelshausen beim Abkupfern des Titelbilds von Morrhe zu ertappen. Aber: Die Werke, die Morrhes Druckermarke tragen, enthalten alle nur griechische Texte Lukians, und Grimmelshausen konnte sicherlich kein Griechisch. Immerhin: Lukian wurde ab 1600 mehrmals ins Lateinische übersetzt (vgl. Baumbach). Man weiss, welche Bibliotheken Grimmelshausen in der Nähe von Renchen, wo er Schultheiss war, besucht hat; untern anderen diejenige des Allerheiligen-Klosters, von dem ein Bibliothekskatalog mit über 5000 Titeln aus dem Jahre 1788 überliefert ist. Die Durchsicht ergab leider, dass keine Lukianausgabe dort lag.
Auch eine bei Johannes Petrus in Paris erschienene Ausgabe des Werks über die Ungewißheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften des Cornelius Agrippa von Nettesheim (1487–1535) ist mit der Druckermarke des Morrhe (Variante mit Spiegel) versehen.
Dass sich Grimmelshausen für seinen »Satyrischen Pilgram« (1667) bei Agrippa inspiriert hat, liegt nahe. Beide Werke thematisieren den Skeptizismus bezüglich des Vielwissens ihrer Zeit, und dies auf ironische Art. Die Schlussrede von Agrippas »de incertitudine« beginnt – nach einem Exkurs "Lob des Esels" – mit dem Satz "Vos igitur nunc o asini …" (Oh ihr Esel, …). Weiter steht der Satz: "David, Esaia, Ezechiel, Jeremias, Daniel, Johannes der Täufer und andere Propheten und Apostel mehr, die haben nicht studiert, sondern sind aus Bauern, Schäfern und einfachen Leuten (ex idiotis) die Gelehrtesten unter allen worden." – Die Vorrede des Kritikers Momus zum »Satyrischen Pilgram« wirft dem Autor vor, dass dieses Buch ein "erschreckliches Monstrum" sei, und den Autor nennt er: "unwissender Esel/ Ignorant und Idioth".
Solche Vermutungen über mögliche Inspirationsquellen Grimmelshausens bleiben solange spekulativ, bis man einen eminenten Fall findet.
(5) Lycosthenes
neu eingefügt im Mai 2016
Dass das »Wunderwerck«-Buch von Conrad Lycosthenes für Grimmelshausen von Bedeutung war, ist von der Forschung längst erkannt. Aber diese Stelle im Zusammenhang mit den Versen des Titelkupfers?
Einzig in der deutschen Übersetzung von J. Herold steht dieser Passus (pag. xxxvi):
Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Petri 1557 – Reprint im Olms-Verlag, Hildesheim 2007 (ISBN: 978-3-487-13428-4) – Digitalisat > https://books.google.ch/books?id=sGxjAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_...
G.: Was mich offt betrüebet und selten ergetzt, was war das? – Vielleicht eben das: L.: dass der Mensch in aller sollicher witz thumm ist.
Literaturhinweise allgemein zu Grimmelshausen:
Herbert Scheuring, Der alten Poeten schrecklich Einfäll und Wundergedichte. Grimmelshausen und die Antike, (EHS I/1266), Frankfurt/M. / Bern usw. 1991.
Volker Meid, Grimmelshausen. Epoche – Werke – Wirkung, (Beck’sche Elementarbücher), München 1984.
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, Simplicissimus, hg. Dieter Breuer, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker-Verlag, 1989 (Bibliothek Deutscher Klassiker Bd. 44) [mit einem Kommentar].
Karl F. Otto, Jr. (Editor), A Companion to Grimmelshausen, Columbia SC: Camden House, 2002.