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Ich habe in einer psychiatrischen Klinik über mehrere Wochen eine Patientin ärztlich betreuen und begleiten dürfen, die sich nach 30 Jahren entschieden hat, die Weinflasche fortan nicht mehr anzurühren. Diese Patientin entsprach in keinem Sinne dem, was man sich unter einer „Alkoholikerin“ vorstellt: Sie war zu 100% bei einem Betrieb angestellt, hatte drei erwachsene Kinder, wohnte mit ihrem Ehemann in einer 4-Zimmer-Wohnung und erledigte den gesamten Haushalt.
Beim Eintrittsgespräch konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, dass sie jeden Abend drei Flaschen Weisswein konsumierte. Allerdings wurde kurz nach Ankunft auf der Entzugsstation klar, dass diese Angabe stimmen musste. Schon nach wenigen Stunden entwickelte die Patientin Entzugssymptome: Ihre Hände zitterten, ihr war übel, sie war nervös und innerlich unruhig. Nur durch unterstützende Entzugsmedikamente war es möglich, diese Beschwerden in den Griff zu bekommen.
Durch unsere psychotherapeutischen Einzelgespräche wurde klar, wie es mit dem täglichen Alkoholkonsum begonnen hatte: Vor 30 Jahren wurde ihr damals 17-jähriger Sohn durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen. Damals hatte sie niemanden, mit dem sie darüber sprechen konnte. Die Ehe ging langsam und schleichend auseinander, die anderen Kinder wurden erwachsen und zogen aus. Die Patientin – so pflichtbewusst wie sie war – ging weiterhin ihrer Vollzeitbeschäftigung nach. Mit der Zeit fiel ihr auf, dass sie mehrere Stunden brauchte, um abends einzuschlafen, obwohl sie doch so erschöpft von der Arbeit und dem Haushalt ins Bett ging. Sobald sie sich hinlegte, begannen ihre Gedanken zu kreisen. Ruhiger und erholsamer Schlaf waren schlicht unmöglich.
Daraufhin begann die Patientin, abends ein Glas Wein zu trinken. Am Anfang reichten ein bis zwei Gläser aus, doch nach einer Weile blieb der gewünschte Effekt aus. Deswegen erhöhte sie die Menge laufend. Bei drei Flaschen setze sich die Patientin schliesslich eine Grenze und entschied, Hilfe aufzusuchen.
Während des stationären Aufenthaltes haben wir in den Einzelgesprächen einerseits über die Belastungen der Vergangenheit gesprochen und andererseits überlegt, welche Belastungen heute bestehen. Wir kamen darauf, dass es doch einige Belastungen im Alltag gibt, an denen man etwas verändern könnte. So besprach die Patientin mit ihrem Ehemann, dass er auch im Haushalt helfen müsse, damit sie nach der Arbeit auch ein bisschen Zeit für sich haben könnte. Ebenfalls vereinbarte sie mit ihrem Arbeitgeber, weniger körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten und Pausenzeiten einzuhalten. Es wurde deutlich, dass ihr Selbstwertgefühl auf einmal in den Vordergrund trat.
Was ich so bewundernswert an dieser Patientin finde, ist, dass sie während des gesamten Aufenthaltes und auch mehrere Monate nach dem stationären Entzug keinen Rückfall hatte. Das ist aufgrund des körperlichen und psychischen Verlangens nach Alkohol bei einer diagnostizierten Abhängigkeit keine einfache Aufgabe. Diese Patientengeschichte zeigt, dass es mit genug Ressourcen und eigener Resilienz durchaus möglich ist, langfristig abstinent zu bleiben.