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Sich mit Künstlerschicksalen oder mit Kunst in Filmen auseinanderzusetzen, galt vor Jahrzehnten, auf dem Höhepunkt der oppositionellen linken Bewegungen, als nicht oportun, weil zu unpolitisch. Tempora mutantur − mit den Aufsehen erregenden Preisen für Kunstwerke sind offenbar auch wieder die Erzählungen von Künstlerviten gefragt, sofern sie mit bekannten Namen aufwarten können.
Edouard Deluc hat noch kein grosses filmisches Œuvre vorzuweisen. Bekannt wurde er 2012 mit der Familiengeschichte Mariage à Mendoza. An Gauguin hat ihn nun dessen Reisebericht «Noa Noa» gereizt, den der Maler nach seinem ersten Aufenthalt auf Tahiti verfasst hat und der 1897 veröffentlicht wurde: die Reise 1891 nach Polynesien, wo der Künstler in achtzehn Monaten über sechzig Bilder gemalt hatte, die die Moderne geprägt haben.
Die Bilderzählung von Gauguin ist elliptisch angelegt, also als dramaturgische Verkürzung und Aussparung von Handlung: Die untersichtige Aufnahme der Takelage eines Segelschiffs zum Beispiel kündigt die Rückkehr Gauguins in die Heimat an. Das muss reichen. Statt im Sog einer kontinuierlichen Schilderung entfaltet sich die Erzählung in mal kürzeren, mal längeren Kapiteln. Deluc hat Gauguins literarische Schilderungen in seinen filmischen Vorstellungen verdichtet. Und das bedeutet auch, dass dieser erste Aufenthalt Gauguins auf Tahiti nicht zur Legendenbildung über einen Künstler und dessen Genie wird. Diese Sicht wird erst im Abspann mit Gauguins Bildern und kurzen Erklärungen eingenommen. Vielmehr hat er in Vincent Cassel einen adäquaten Darsteller gefunden, der einen eher alltäglichen Charakter gibt, auch wenn sein Handeln auf Geniales fixiert ist. «Er verstellt sich nicht und pfeift wie Gauguin auf Konventionen», meint Deluc.
Gauguin hat mit seiner dänischen Frau Mette fünf Kinder. Trotzdem versucht er, seine Malerkollegen zu überreden, mit ihm nach Tahiti zu reisen. Er wird sie alle zurücklassen. Nach einer ausgelassenen Feier sehen wir ihn schon in der exotischen Ferne, die bereits von europäischem Kolonialstil geprägt ist. Seine Reise ins Innere der Insel wird ihn mit der dreizehnjährigen Tehura zusammenführen, die seine Geliebte, Anlass und Inhalt seiner Bildschöpfungen wird. Der Aufenthalt ist geprägt von der Liebe zu Tehura, seiner Eifersucht auf einen jungen Polynesier, dem Tehuras Verlangen gilt, einem ärmlichen Leben, das er mit schwerer körperlicher Arbeit unterhalten muss, seiner körperlichen Hinfälligkeit und seinem künstlerischen Verlangen.
Das exotische Flair von Gauguins Bildern wird durch seine Reise in das Inselinnere unterstrichen, wo er Tehura finden wird, die dort mit ihrem Stamm ein der Zivilisation noch abgewandtes Leben führt. Ansonsten zeigt der Film ohne Polemik, aber in einer fühlbaren Distanz die Veränderungen in der Küstenregion: «Der Maler geht zur gleichen Zeit von Bord, in der eine 2000 Jahre alte primitive Kultur unter dem Diktat der Missionare stirbt und sich der Umarmung durch die Franzosen überlässt.»
In einer überwältigenden Landschaft findet ein Künstler aus Europa exotische Frauen – im Film bleibt es bei Tehura –, deren Bilder ihn beim Publikum so beliebt machten. Nur sollte niemand den Film-Gauguin mit der konkret-biografischen Person verwechseln. Die Kind-Mädchen, mit denen der wirkliche Gauguin zusammenlebte, seine Syphiliserkrankung – die Gesellschaft würde heute rigide urteilen. Immerhin erleben wir mit Vincent Cassel eine nicht idealisierende Gestalt. Und die Erotik der siebzehnjährigen Tuheï Adams als Tehura ist dezent ins Bild gesetzt. Erwähnenswert ist die Musikuntermalung von Warren Ellis, die sich einfühlsam kommentierend der Bilder annimmt, ohne in Sentimentalität oder Pseudoethno zu verfallen.
Gauguin ist weder ein alltägliches Biopic noch eine überzeichnende Künstlervita. «Koke» – so nennt Tehura Gauguin in ihrer Aussprache – erregt Interesse an seinem Schicksal, das aber doch erst von überragender Bedeutung wird, wenn man Kenntnisse über den Stellenwert Gauguins in der Kunstgeschichte besitzt.