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Zählt man die unbenutzte Musik zu Timeline dazu, war Jerry Goldsmith während eines Zeitraums von 27 Jahren an nicht weniger als sieben Michael-Chrichton-Verfilmungen beteiligt, die ihn zu bemerkenswerten Scores wie Coma oder The 13th Warriorinspirierten. Als Kronjuwel dieser Zusammenarbeit gilt allgemein jedoch The Great Train Robbery, der gemeinsam mit Alien, Players und Star Trek: The Motion Picture das Jahr 1979 zu einem der grossartigsten in der Karriere des Komponisten werden liess. Die Gelegenheit, für einmal seinen üblichen Genres wie Science Fiction, Horror und Action zu entfliehen und in eine für ihn ungewohnte Epoche ‒ in diesem Fall das viktorianische England ‒ einzutauchen, wirkte sich geradezu beflügelnd auf Goldsmiths Kreativität aus, und so ist denn The Great Train Robbery in Sachen Charakter und Atmosphäre auch ziemlich einzigartig in seinem Oeuvre.
Der Film handelt von den gewieften Gentlemen-Gaunern Pierce (Sean Connery) und Agar (Donald Sutherland) sowie der aufreizenden Miriam (Lesley-Anne Down), die es auf per Eisenbahn transportierte Goldbarren abgesehen haben, für dessen Zugang sie sich vier gut gehütete und bewachte Tresorschlüssel beschaffen müssen. So ausgeklügelt ihr Plan aber auch ist, droht er mehrmals an Unvorhergesehenem zu scheitern. Vorzüglich besetzt, ausgestattet und fotografiert (dem kurz nach Drehschluss verstorbenen, englischen Kameramann Geoffrey Unsworth ist der Film gewidmet), machte dieser Streifen auch von sich reden, weil Connery bei seinen Stunts über die Dächer fahrender Eisenbahnwaggons auf ein Double verzichtete und somit Kopf und Kragen riskierte.
Filmbegleitend erschien The Great Train Robbery zunächst als zwar recht kurze, aber unwiderstehliche LP, deren hervorragend zusammengestelltes Programm später ‒ gekoppelt mit Wild Rovers ‒ auf einer halbseiden wirkenden CD wiederveröffentlicht wurde. Dann warf Varése einen Silberling mit ein paar Minuten zusätzlicher Musik auf den Markt, deren Klang jedoch längst nicht alle Käufer glücklich machte. In einer ganz anderen Liga dürfte diesbezüglich diese neue Intrada-Edition spielen, die nun erstmals den kompletten Score präsentiert, was uns gegenüber der LP immerhin rund 20 Minuten an zusätzlicher Musik beschert.
Bereits im Main Title wird unmissverständlich klar, was Goldsmith bei diesem Score im Schilde führt. Einerseits drängt die Musik wie eine gut geölte Maschine vorwärts und ahmt damit fahrende Züge nach, anderseits wird der Hörer darauf eingestimmt, dass ihn keine todernst erzählte Handlung erwartet. Ausserdem wird auch das thematische Material ‒ bestehend aus einem A- und einem B-Thema sowie einem Dreiton-Bassmotiv ‒ preisgegeben. In den Händen eines Könners wie Goldsmith reicht dies aus, um die Musik ‒ dank raffinierter Variationen und Ausreizung der Orchesterfarben ‒ trotzdem durchwegs mitreissend und interessant zu gestalten.
Viele vertraute Stücke wie das verschmitzte No Respectable Gentlemanmit Cembalo, der elegante Walzer Rotten Row, das stimmungsreicheClues und das wirbelwindige Kiddie Caper bilden auch auf der Komplettversion Höhepunkte. Obwohl sie den perfekten Fluss des LP-Programms unterbinden, bieten die Premiere-Tracks einige nicht unwillkommene Kontraste. Breakfast In Bed #1 mit Laute und Flöte, Breakfast In Bed #2 und A Relentless Suitor nur mit Laute untermalen Szenen mit Pierce und Miriam in trauter Zweisamkeit, das Alien-artige Street Attack führt in ein wenig schmeichelhaftes Viertel Londons, und in Dead Willy wählt Goldsmith mit angriffigem Blech dramaturgisch kurzzeitig eine härtere Gangart.
Ob es Sinn macht, dass Kürzest-Tracks wie The Gold oder The First Keyunbedingt mitveröffentlicht werden mussten, werden wohl nur die beinhartesten Goldsmith-Komplettisten bejahen. Und ganz und gar unüblich ‒ zumindest für ein Spezial-Label ‒ ist der Umstand, dass ein paar Alternativ-Versionen ins Hauptprogramm genommen wurden statt in den sowieso vorhandenen Bonusteil, der von Händels Feuerwerksmusik in einer Interpretation Goldsmiths gekrönt wird.
Obwohl The Great Train Robbery auch in seiner kompletten Form zu überzeugen vermag, dürfte für viele Fans (mich eingeschlossen) die Albumversion ihre Gültigkeit nicht verlieren. Und die gute Nachricht ist: man kriegt diese ohne Aufpreis mitgeliefert. Es ist also für jeden was dabei, und wer diesen Score noch nicht hat, greife ohnehin zu, denn er gehört in jede repräsentative Goldsmith-Sammlung.