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In einer Analyse übt der Lärmforscher Carl Oliva Kritik am Zürcher Fluglärm- Index (ZFI). Der Gegenvorschlag der Zürcher Regierung sei ungeeignet, um die Lärmbelastung zu senken, erklärt der Mitentwickler des Indexes. Regierungsrätin Rita Fuhrer weist die Kritik zurück.
ark. In Kürze wird die kantonsrätliche Verkehrskommission ihre Behandlung der Plafonierungsinitiative - sie fordert eine Limitierung der Flugbewegungen auf 250 000 jährlich - und des ZFI abschliessen. Der ZFI ist der Gegenvorschlag des Regierungsrats und will nicht die Flugbewegungen, sondern die Anzahl der stark von Fluglärm gestörten Personen beschränken - bei 47 000. Das von einem Expertengremium ausgearbeitete Messinstrument erhält nun aus den eigenen Reihen einen Schuss vor den Bug. Carl Oliva, der an der Erarbeitung des ZFI beteiligt war, äussert in einer von der Stadt Zürich bestellten Analyse Kritik am ZFI.
Es frage sich, ob der Index in der Lage sei, die Lärmbelästigung der Bevölkerung abzubilden, heisst es in dem 40-seitigen Papier, das der Redaktion vorliegt. Der ZFI sei nämlich so konstruiert, dass er stärker auf die Bevölkerungsentwicklung als auf Änderungen der Lärmbelastung reagiere. «Damit wird seine Bedeutung tendenziell vom Luftverkehr abgekoppelt», hält Oliva fest. Ausserdem werde die Bevölkerung in den flughafennahen Gebieten benachteiligt, schreibt Oliva. Über die Hälfte der Personen, die sich im ZFI stark gestört fühlten, lebten in flughafenfernen Gebieten, obwohl sie weniger stark mit Lärm belastet sind. Damit erhielten sie im Verhältnis zur Lärmbelastung überproportionalen Einfluss. Oliva kritisiert auch, dass der für die gegenwärtige Belastung errechnete Wert von 35 000 stark gestörten Personen nicht der Realität entspreche. So sei die Bevölkerungsentwicklung seit dem Stichjahr 2000 nicht berücksichtigt worden. Laut Oliva müsste der derzeitige Wert bei etwa 42 000 stark gestörten Personen festgesetzt werden.
Die Analyse gelangt zum Schluss, «dass eine alternative Lösung gesucht werden muss». Oliva schlägt den sogenannten «balanced approach» vor. Dieses von der Zivilluftfahrtorganisation ICAO empfohlene System begrenzt Flächen, die von der tatsächlichen Schallbelastung nicht überschritten werden dürfen, und kombiniert diese mit einer Obergrenze der belasteten Personen und Lärmquoten. Mit diesem Ansatz könnten sowohl die Empfehlung der ICAO wie auch das Konzept der Lärmschutzverordnung angemessen umgesetzt werden, sagt Oliva. Nur die starke Störung zu berücksichtigen, wie dies der ZFI tue, sei ein bisschen wenig. Er habe das schon bei der Erarbeitung gesagt, sei aber nicht angehört worden.
Regierungsrätin Rita Fuhrer: «Kombiniert mit einer Plafonierung hat der ZFI keinen Sinn»
Frau Fuhrer, in einer Analyse kritisiert Carl Oliva den ZFI, namentlich den festgelegten Richtwert.
Rita Fuhrer: Ich weiss nicht, von welcher Analyse Sie sprechen. Der Richtwert von 47 000 basiert auf der Bevölkerungszahl aus dem Jahr 2000. Bei der heutigen Bevölkerungszahl können wir keine 325 000 Bewegungen fliegen, weil die Bevölkerungszahl stark zugenommen hat. Der Richtwert wäre damit überschritten, und wir müssten bereits heute Massnahmen ergreifen. Es fragt sich, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen. Mit 300 000 Bewegungen kommen wir unter den heutigen Bedingungen ans Limit. Wenn man mehr will, muss man raumplanerisch tätig werden oder den Richtwert erhöhen, so dass wieder 320 000 Bewegungen möglich sind.
Ist es nicht ein schlechtes Zeichen, wenn sich sogar ein Mitentwickler vom ZFI distanziert?
Der ZFI wurde in einem Expertenteam erarbeitet. Jeder brachte sein Fachwissen und musste von den anderen etwas annehmen können. Der ZFI ist aber eine Pionierleistung und somit verbesserungsfähig. Dr. Robert Hofmann, der die interdisziplinäre Fachgruppe leitete, sagte auch, vielleicht hätten wir in fünf bis zehn Jahren ein Instrument, das noch besser ist. Die Lärmforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Es ist deshalb müssig, darüber zu diskutieren, ob der ZFI, so wie er heute berechnet ist, in den nächsten Jahren noch das geeignetste Mittel sein wird. Im Moment ist er es.
Im Unterschied zum ZFI, der lediglich ein Messinstrument ist, präsentieren die Initianten mit der Plafonierung eine griffige Massnahme.
Die Plafonierung ist kein geeignetes Instrument, den Lärm zu reduzieren. Wir können dem Bund schon sagen, er solle plafonieren, und werden dann sehen, wie viele Gründe er hat, um die Umsetzung abzulehnen. Wenn der Bund eine Plafonierung umsetzen will, muss er legiferieren. Dann sprechen 26 Kantone mit, von denen 23 kaum bis wenig mit Fluglärm belastet sind, jedoch alle einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen vom Flughafen haben. Das ist die Realität.
Die Wirtschaft floriert, und in Zürich werden dieses Jahr unter 270 000 Flugbewegungen zu verzeichnen sein. Eine Plafonierung bei 320 000 dürfte also manchem vertretbar erscheinen.
Im Moment mag diese Zahl vertretbar sein. Aber wie sieht es in 10 bis 20 Jahren aus? Die Swiss ist so gut ausgelastet wie schon lange nicht mehr und schafft zusätzliche Stellen. Ich habe meine Zweifel daran, dass die Zürcher Bevölkerung einer Plafonierung zustimmen und damit den Lebensnerv der Wirtschaft treffen will.
Der Kantonsrat will aber einen Plafond bei 320 000.
Der Kantonsrat hat sich noch nicht entschieden, welchen Ansatz er wirklich verfolgen will. Er hat die Behördeninitiative für 320 000 Bewegungen vorläufig unterstützt, um sich alle Optionen offenzuhalten. Es ist ein hochpolitischer Entscheid vor den Wahlen, und das ist schwierig.
Haben Sie noch Hoffnung, dass der ZFI ungeschoren aus der Kommissionsverhandlung kommt?
Ich hoffe, dass der ZFI so aus der Kommission kommt, dass er noch als das dienen kann, als was er gedacht ist, nämlich als Mess- und Vergleichsinstrument, und dass er nicht verfälscht oder sinnlos gemacht wird.
Offenbar plant ein Teil der Kommission, den ZFI mit einem Plafond von 320 000 Bewegungen zu kombinieren.
Kombiniert man den ZFI mit einer Plafonierung, hat er keinen Sinn mehr, denn jede Plafonierung ist auf nationaler Ebene nicht umsetzbar. Es fragt sich dann, ob wir den ZFI in dieser Form noch umsetzen wollen. Das wäre schade, denn der ZFI bietet gute Argumente, um alle an der Luftfahrt beteiligten Partner dazu zu bringen, den Lärm zu reduzieren. Und das ist doch das Ziel.
Interview: ark.