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Millionen von Venezolanern kehren ihrem Land den Rücken und damit der Armut und der politischen Unsicherheit. Sie flüchten nicht nur in die angrenzenden Staaten Kolumbien und Brasilien, sondern auch nach Europa. Das beliebteste Ziel: Spanien. Im laufenden Jahr ist die Zahl der Asylanträge bis Mitte August auf knapp 13’000 gestiegen. Das sind fast 40 Prozent aller in dieser Zeit gestellten Anträge. Julia Macher über die Gründe der unfreiwilligen und freiwilligen Migration.
Julia Macher
Journalistin in Barcelona
Julia Macher berichtet aus Spanien für verschiedene Radio- und TV-Sender, hauptsächlich über Gesellschaft und Kultur.
SRF News: Welche Rolle spielen die Venezolaner im Einwanderungsland Spanien?
Julia Macher: Unter den Menschen, die versuchen, legal ins Land einzureisen, sind sie die grösste Gruppe. Diejenigen, die in Schlauchbooten über das Meer ankamen, waren ja meistens Migranten aus der Subsahara oder aus den Maghreb-Staaten, die irregulär versuchen, einzureisen. Die Tatsache, dass Spanien schon im letzten Jahr den Rekord an Asylanträgen brach, lag hauptsächlich an den Venezolanern. Das ist die Gruppe, die am stärksten wächst. Für die Venezolaner ist Spanien inzwischen auch nach den USA und Kolumbien, die sehr viel näher liegen, das wichtigste Einwanderungsland. Laut offiziellen Zahlen leben etwa 95'000 Venezolaner in Spanien. Insgesamt könnten es aber mehr als 300'000 sein, weil auch viele darunter sind, die eine Spanierin oder einen Spanier geheiratet haben und so die Staatsbürgerschaft bekommen haben.
Das sind ja klassische «Wirtschaftsflüchtlinge». Was sind die Asylgründe, die geltend gemacht werden?
Es gibt keine statistischen Erhebungen darüber. Es geht aber nicht allein um wirtschaftliche Gründe im eigentlichen Sinne. Es gibt auch Journalisten darunter, die kritisch über Repressionen berichten oder Menschen, die sich aus Empörung über Nahrungsmittel- oder Medikamentenknappheit der Opposition angeschlossen haben und danach bedroht wurden.
Es ist im Einzelfall nicht so leicht, zwischen wirtschaftlichen und politischen Gründen für die Flucht zu unterscheiden.
Und natürlich gibt es auch Leute, die einfach vor der gestiegenen Kriminalitätsrate fliehen. Es ist im Einzelfall ja nicht so leicht, zwischen wirtschaftlichen und politischen Gründen zu unterscheiden, gerade bei einer akuten Krise wie jetzt in Venezuela.
Haben sie mit dieser Argumentation bei den Behörden Erfolg?
Spanien ist bei der Vergabe von Asyl generell nicht nur restriktiv, sondern auch sehr langsam. Laut Informationen der staatlichen Flüchtlingsorganisation Cear liegen zum Beispiel gerade 50'000 Anträge noch unbearbeitet auf den Schreibtischen vom Innenministerium. Das trifft auch auf viele Venezolaner zu. 2017 haben 10'000 Venezolaner Antrag auf Asyl gestellt, nur 1500 Anträge wurden bearbeitet und nur 15 Menschen bekamen den Flüchtlingsstatus zugesprochen.
Spanien ist bei der Vergabe von Asyl generell nicht nur restriktiv, sondern auch sehr langsam.
Allerdings könnte sich im Fall von Venezuela am Vergabeverfahren etwas ändern, denn kürzlich hat der oberste spanische Gerichtshof erstmals einer venezolanischen Familie aus humanitären Gründen Asyl gegeben. Das ist bestimmt ein Grund, den viele andere Antragsteller jetzt auch geltend machen werden.
Der Weg von Venezuela nach Spanien ist lang. Die meisten werden wohl fliegen. Bedeutet dies, dass vor allem wohlhabende Menschen aus Venezuela einreisen können?
Es kommen Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Es ist natürlich so, dass die ganz Armen nicht dabei sind. Die ärmeren Menschen beantragen eher Asyl und die Reicheren suchen auch nach anderen Wegen. In Madrid boomt zum Beispiel gerade der Immobilienmarkt und das liegt auch an reichen Venezolanern, die zum Beispiel an Luxusapartments im Salamanca-Viertel investieren – eines der teuersten Viertel in Madrid. Und zuweilen tun sie das auch, um danach in Spanien leben zu können. Es gibt eine Regelung, noch aus der Zeit des konservativen Premiers Mariano Rajoy, die besagt, dass wer in Spanien Immobilien im Wert von über einer halben Million Euro kauft, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragen kann. Das ist das sogenannte goldene Visum.
Wie gut gelingt den venezolanischen Neuzugängen die Integration in Spanien?
Die Integration ist relativ einfach, allein schon wegen der Sprache. Dazu kommt, dass viele Venezolaner Verwandte in Spanien haben oder selbst Nachfahren von Spaniern sind, die zum Beispiel während des Bürgerkriegs 1936-1939 nach Venezuela ausgewandert sind. Das merkt man gerade auf den Kanarischen Inseln. Dort ist von Venezuela immer als achter Insel die Rede, weil es so enge verwandtschaftliche Beziehungen dazu gibt.
Das heisst, die Venezolaner sind eigentlich willkommen in Spanien?
Ja. Einerseits sind viele gut ausgebildete Menschen darunter. Die Kultur ist sehr ähnlich, und so kommt es kaum zu Integrationsschwierigkeiten.
Das Gespräch führte Salvador Atasoy.
Peru will Flüchtlingsandrang eindämmen
Peru lässt seit Samstag nur noch venezolanische Flüchtlinge mit Reisepass ins Land und verwehrt damit zahlreichen Menschen die Einreise. Die Flüchtlinge waren mit Unterstützung des Nachbarlandes Ecuador dorthin gelangt: Ecuador hatte seine Grenzkontrollen vorübergehend gelockert, um einen «humanitären Korridor» für die Durchreise nach Peru zu schaffen.