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Afrikas Reichtum
Mugove Walter Nyika wurde in Simbabwe geboren und ist Permakulturlehrer in einigen Ländern Ostafrikas. Er berichtet über den Reichtum der Natur in seiner Kindheit, wie sie zerstört wurde und wie die Wunden der Natur – und die des Geistes heilen können: durch Ubuntu.
Der Name, den mir meine Eltern gaben, ist Mugove, was 'Geschenk' bedeutet.
Ich wuchs bei meinen Grosseltern in einem Dorf 200 km südlich der Hauptstadt Harare in Simbabwe auf. Von klein auf lernte ich von meinem Grossvater, Bäume zu pflanzen, Setzlinge zu sammeln und sie in die Erde zu setzen. Es gab viele heilige Stätten, an denen es ein Tabu war, einen Baum zu fällen. Wenn ich tagsüber einschlief, legte mich meine Oma in den Schatten eines Baumes, von denen viele Früchte trugen und auf ihrem bewirtschafteten Land stehen gelassen wurden.
Wenn die Menschen Land für die Landwirtschaft rodeten, liessen sie die Obstbäume immer stehen, auch wenn sie mitten in den Gärten standen. Wenn sie ihre Gärten umzäunten, banden sie die vorhandenen Bäume in ihre Umzäunung ein. Das Land war immer bedeckt, entweder mit Bäumen, Gras, Laubstreu oder mit einer grossen Vielfalt von Pflanzen, die zusammen gepflanzt wurden.
Meine Grossmutter war eine biologische Kleinbäuerin, wie die meisten afrikanischen Frauen. Auf ihren wenigen Hektar wuchsen viele Sorten: Hirse, Mais, Süsskartoffeln, Kürbisse, Gurken, Kuhbohnen, Erdnüsse, runde Nüsse und 30 Gemüsesorten, von denen viele als Unkraut wuchsen. Sie wusste, wie man Pflanzen anbaut, die sich gegenseitig unterstützen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind jemals hungrig war, und auch keiner meiner Freunde. Wir waren auch nie an Mangelkrankheiten erkrankt.
Für mich ist es offensichtlich, dass Afrika der reichste Kontinent ist.
Als kleine Jungen waren wir für das Hüten der Kühe des Dorfes verantwortlich. Morgens begannen wir damit, sie auf die Weide zu treiben. Wir hatten nie etwas zu essen dabei. Die Landschaft überraschte uns von Januar bis Dezember jeden Tag mit wilden Ernten wie Früchten und Nüssen. Am Nachmittag, wenn das Vieh sich ausruhte, jagten wir einige kleine Tiere oder fingen Fische im Fluss, die wir braten und essen konnten.
Wenn wir abends nach Hause kamen, freuten wir uns auf die Ruhe, denn wir waren 30 km oder mehr gelaufen, aber wir nie überhungrig auf das Abendessen, denn wir waren schon satt. Die Natur versorgte uns immer mit allem, was wir brauchten. Zu Hause und im Busch tranken wir immer sauberes Quellwasser. Die Bäche flossen das ganze Jahr über und hatten glasklares Wasser und grosse Becken mit vielen Fischen und anderen Wassertieren.
Ich ging zur Schule, wurde dann Lehrer und zog nach Harare. Wenn ich jetzt mein Dorf besuche, stelle ich fest, dass sich viele Dinge verändert haben. Wenn ich nach rechts oder links schaue, sehe ich nur grosse Maisfelder. Viele sind gelb durch Stickstoffmangel und verwelken, da die Böden, denen die organische Substanz fehlt, das Wasser nicht mehr lange halten.
Die Landschaft ist kahl, da die Bäume abgeholzt wurden – sie standen der modernen Landwirtschaft im Weg. Die grosse Vielfalt an Pflanzen und Tieren ist verschwunden – durch die Zerstörung von Lebensräumen, wenn Menschen Land für die Landwirtschaft roden, und durch den weit verbreiteten Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln. Der Staat Malawi gibt 20 Prozent des Staatshaushalts für das Farm Input Subsidy Programme (FISP) aus, das Agrochemikalien kauft und subventioniert an die Landwirte verteilt.
In Simbabwe wurden die meisten Mittel für die landwirtschaftliche Entwicklung in den Maisanbau gesteckt, der als Schlüssel zur Ernährungssicherheit angesehen wird.
Die Flüsse, Bäche und Quellen sind versiegt: Wo in meiner Kindheit Wasser floss, wo ich Fische fing, sehe ich heute nur noch Sand. Ich kann meinen Kindern nicht mehr ein natürliches Wasserbecken im Fluss zeigen. Das ist es, was Monokultur, Agrochemikalien und Erosion dem Land und den Menschen angetan haben.
Was Kolonialismus und Globalisierung mit dem Land gemacht haben, ist schlimm. Aber was sie den Menschen angetan haben, ist noch schlimmer.
Als Lehrer sehe ich, dass 9 von 10 Kindern ohne Frühstück zur Schule kommen. Die meisten haben das, was wir eine 0 - 0 - 1 Diät nennen: kein Frühstück, kein Mittagessen, nur Abendessen. Und das Abendessen besteht in der Regel aus einem Teller voll raffiniertem Maismehl und etwas Gemüse. Dazu kommt der versteckte Hunger: Manche haben zwar genug zu essen, essen aber nur Weissmehl, Mais oder Weizen oder Reis - und das 7 Tage die Woche, das ganze Jahr über.
Das ist besonders in der Trockenzeit der Fall – wir haben nur 4 Monate Regen. Ohne Regenwassersammlung geht nichts, und mit der hohen Erosion ist den Rest des Jahres alles tot.
Was Kolonialismus und Globalisierung mit dem Land gemacht haben, ist schlimm. Aber was sie den Menschen angetan haben, ist noch schlimmer. Die Afrikaner haben immer gehört: Euer Weg ist schlecht. Was ihr von euren Vorfahren gelernt habt, ist rückständig.
Was hält den normalen Afrikaner aufrecht – trotz all des Elends und der Armut?
Es ist der Traum, dass er eines Tages das gleiche Leben hat wie ein Amerikaner der Mittelklasse. Eine grosse Villa mit grossen Plasmabildschirmen, grosse schnelle Autos, viel zu essen, usw.
Viele Afrikaner haben diese schlechte Lektion gut gelernt: Sie betrachten nur Hightech und teure Dinge als Fortschritt und schauen auf alle herab, die sich organisch ernähren – weil das ihre Vorfahren taten – und das wird als primitiv und arm angesehen. Fortschritt muss kompliziert und teuer sein – einfache und natürliche Lösungen werden als rückständig angesehen.
Mädchen in vielen afrikanischen Städten kaufen gefährliche Bleichchemikalien, um das schwarze Melaninpigment ihrer Haut zu entfernen, damit sie weisser aussehen.
Viele afrikanische Gemeinschaften glauben, dass sie arm sind.
Eine gute afrikanische Frau steht lange vor Sonnenaufgang auf und beginnt, das Gelände um das Haus herum zu fegen. Wenn das Licht aufgeht, sind alle Dörfer und Städte mit Staub bedeckt. In der ersten Schulstunde fegen die Kinder den Boden des Schulhofs. Diese Angewohnheit des Kehrens, der Ordnung und Sauberkeit – die aus dem Wunsch nach Sauberkeit resultiert – ist zu einem grossen Problem geworden. Zusammen mit der Erosion wird dadurch der Mutterboden zerstört, und alle organischen Abfälle werden aufgehäuft und verbrannt. Es sind die organischen Abfälle, die wir als Dünger in unseren Gärten vermissen. In Afrika verbrennen wir unseren natürlichen Dünger und kaufen industriellen Dünger aus Europa.
Vor allem glauben viele afrikanische Gemeinschaften heute, dass sie arm sind. Das liegt daran, dass die Entwicklungsagenturen mit der Frage zu ihnen gekommen sind: Was sind eure Probleme? Dadurch wird den Menschen das Etikett der Armut aufgeklebt. Das wurde ihnen von den Kolonialisten und heute von den Helfern beigebracht: Sie sind immer bereit, ihre vielen Probleme zu zählen und nicht ihre Segnungen.
Für mich ist es offensichtlich, dass Afrika der reichste Kontinent ist. Wir sitzen auf einer Goldmine. Die Fruchtbarkeit, das ganzjährig sonnige Klima, die noch vorhandene Artenvielfalt, das Wissen und die Traditionen, die noch abrufbar sind, können alle Menschen mit allem versorgen, was sie brauchen. Aber wir müssen das anerkennen und lernen, es in der richtigen Weise zu nutzen.
Wenn ich mit meinen Kindern in mein Dorf fahre, bin ich traurig, dass ich ihnen nicht den Überflusses zeigen kann, den ich in meiner Kindheit erlebt habe. Ich kann ihnen nicht einmal eine der mehr als 30 Arten von Wildfrüchten und -gemüse zeigen, an denen ich mich in meiner Kindheit erfreut habe.
1996 besuchte ich das Fambidzanai Permaculture Center in der Nähe von Harare und absolvierte einen Kurs in Permakultur – und das hat mein Leben verändert. Permakultur bringt die Elemente zusammen, die im modernen Leben auseinandergerissen wurden – Wohnen, Lehren, Nahrungsmittelanbau. Die Dinge sind nicht mehr so getrennt, sondern vermischt und unterstützen sich gegenseitig. Sie bilden Kreisläufe, und das ist das Hauptelement der Permakultur.
Für mich war es wie eine Heimkehr: Permakultur passt viel besser zu unserer afrikanischen Lebensweise, zu den Menschen und dem Land als die so genannte moderne, industrialisierte Landwirtschaft.
Als Erstes muss man die Gewohnheit ändern, die organische Substanz wegzufegen.
Ich gab meinen Beruf als Lehrer auf und helfe heute Schulen in Simbabwe, Malawi und anderen afrikanischen Ländern, ihre kahlen und schmucklosen Schulhöfe in Nahrungswälder zu verwandeln. In Simbabwe muss jede Schule über mindestens viereinhalb Hektar Land verfügen. Die Menschen sind überrascht, wie leicht und schnell sich der karge Boden in einen Obstwald verwandeln kann, der die Kinder in Hülle und Fülle ernähren kann. Als Erstes muss man die Gewohnheit ändern, die organische Substanz zu fegen und zu säubern, sie zu bewahren und sogar mehr Blätter, Ernterückstände und organische Abfälle zu sammeln, um den Boden zu bedecken.
In Afrika verrotten sie sehr schnell und werden zu Mutterboden, in den wir Samen einpflanzen können. Einige Bäume können in unserem Klima mehr als 1,5 m pro Jahr wachsen, so dass die Kinder den Unterschied in kurzer Zeit bemerken werden.
Es gibt genug Regenwasser: 800 mm im Durchschnitt an den meisten Orten. Aber wir müssen dafür sorgen, dass es nicht ungenutzt abläuft. Wir legen so genannte «Swales» – Gräben entlang der Höhenlinien – an, die dem Wasser Zeit geben, im Boden zu versickern. Wenn die Böden feucht sind und das Regenwasser aufgefangen wird, haben die Gärten das ganze Jahr über genügend Wasser.
Am schwierigsten ist es, die schlechten Gewohnheiten zu verlernen und die falschen Denkmuster zu ändern. Zum Beispiel das Sauberkeitsdenken: Boden oder organisches Material ist kein Schmutz, sondern das, wovon wir leben. Die Menschen müssen verstehen, wie reich sie sind, dann können sie sehen, dass es nicht viel Arbeit ist, einen Garten anzulegen.
Es gibt jedoch Hoffnung für die Zukunft. Afrika hat das Potenzial, die Welt in der Ära der Wiederherstellung der Verbindung zu dem einen Ökosystem, das wir mit allen anderen Lebensformen teilen, anzuführen. Es gibt immer noch einen Sinn für Gemeinschaft, den Geist von Ubuntu, was bedeutet: «Ich bin, weil du bist». Die Verbindung zum Land ist auf dem Kontinent noch lebendig. Ich hatte das Vergnügen, mit vielen Schulgemeinschaften zusammenzuarbeiten, die zeigen, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern auch eine bessere Lebensqualität mit sich bringt.
Von den vielen Bildungserfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, kann ich ohne zu zögern den Permakultur Design Kurs (PDC) und die Ecovillage Design Ausbildung (EDE) als die beiden Erfahrungen hervorheben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben.
Mit diesen wunderbaren Werkzeugen arbeite ich mit Schulgemeinschaften und Ökodorfinitiativen zusammen, um eine bessere Zukunft für alle Beteiligten zu schaffen. Ich bin zuversichtlich, dass für meine Kinder und die kommenden Generationen noch nicht alles verloren ist.
Mugove Walter Nyika, Jahrgang 1959, gründete das SCOPE (Rescope) Programm mit Projekten in Malawi, Kenia, Tansania, Südafrika und Simbabwe. Es gewann 2021 den Hildur-Jackson-Award.
Der Text wurde aufgeschrieben und übersetzt von Christa Dregger.
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