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Weissrussland und dessen Hauptstadt Minsk sind ab Freitag zum ersten Mal Gastgeber der Eishockey-WM. Das Feld der Favoriten an den 78. Titelkämpfen ist einmal mehr breit - umso mehr, weil nach den Olympischen Spielen in Sotschi viele Topstars fehlen.
Dass Überraschungen an Weltmeisterschaften jederzeit möglich sind, hat vor einem Jahr an der WM in Stockholm das Schweizer Nationalteam bewiesen. Mit Schweden gewann zwar einer der «üblichen Verdächtigen» den WM-Titel, auf Platz 2 folgte aber bereits das Team von Trainer Sean Simpson. Nicht nur wegen des überraschenden Abschneidens der Schweizer an der WM 2013, sondern auch, weil viele Nationen zahlreiche Absagen zu verkraften haben, sind Prognosen heuer schwierig.
Kann mit Schweden erstmals seit fünf Jahren wieder eine Nation den Titel erfolgreich verteidigen? Setzt sich Kanada drei Monate nach dem Triumph an den Olympischen Spielen in Sotschi erneut durch? Wie reagiert Russland auf die bitteren Viertelfinal-Ausscheiden in Stockholm und Sotschi? Wann gelingt den USA (endlich) wieder einmal der Sprung nach ganz vorne? Führt Jaromir Jagr die Tschechen wie 2010 zu WM-Gold? Wie stark ist Finnland?
Die Chance, dass eine der sechs genannten Nationen am 25. Mai nach dem Final den Pokal in die Höhe stemmt, ist gross. Denn nur zweimal in der Geschichte der Eishockey-Weltmeisterschaften gelang es einem Aussenseiter (1936 Grossbritannien und 2002 der Slowakei), den WM-Titel zu erringen. Die restlichen 75 Goldmedaillen teilten sich die «Grossen Sechs».
Der WM-Titel wird zum ersten Mal seit 2006 (Riga) wieder in einer Stadt und in zwei Stadien ausgespielt. Für Weissrussland und dessen autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko ist die WM eine grosse Sache. Ähnlich wie die Olympischen Spiele in Sotschi für Wladimir Putin ein Prestigeobjekt waren. Noch nie fand in der «letzten Diktatur Europas», wie Weissrussland bezeichnet wird, ein so grosser (Sport-)Anlass statt.
Für die Titelkämpfe liess Lukaschenko zwei neue und topmoderne Arenen errichten, die Minsk Arena (für 15'000 Zuschauer) und die erst im November eröffnete Tschischowka Arena (9600). Eishockey ist die wichtigste Sportart in der ehemaligen Sowjetrepublik - nicht zuletzt wegen Lukaschenko, der als grosser Fan gilt und in der Vergangenheit immer mal wieder Eishockeyhallen sperren liess, damit er seine Runden auf dem Eis drehen konnte. Im Januar eröffnete Lukaschenko zusammen mit seinem (politisch einzigen) Verbündeten Putin vor Olympia den Bolschoi Ice Dome in Sotschi – als spielende Grossväter natürlich.
Die Vergabe der WM an Weissrussland löste - als weitere Gemeinsamkeit mit Olympia in Sotschi - internationale Proteste und Kritik aus. Europäische Politiker hatten mehrmals zum Boykott aufgerufen. Die IIHF und deren Schweizer Präsident René Fasel stellten sich aber bereits früh auf den Standpunkt, dass der Verband «abseits von politischen Diskussionen» stehe.
Der weissrussische Staat investierte nicht nur dreistellige Millionensummen in die Infrastruktur, sondern auch in die eigene Mannschaft. Seit Jahren bereitet sich die weissrussische Equipe auf ihre Heim-WM vor. Trotz finanzieller Unterstützung des Staates und einer eigenen KHL-Mannschaft (Dynamo Minsk) fielen die Resultate zuletzt nüchtern aus. Dreimal in Folge entgingen die Weissrussen als 14. dem Abstieg nur knapp. Und in der Qualifikation für Sotschi scheiterten sie an Slowenien.
Grosse Sprünge sind von den Weissrussen, die in der Vorrunde der dritte Gegner der Schweiz sind, auch in Minsk nicht zu erwarten. Die besten Zeiten hat die Mannschaft hinter sich: 2002 schalteten die Weissrussen an den Olympischen Spielen in Salt Lake City (4.) im Viertelfinal sensationell die Schweden aus, 2006 (6./mit Assistenztrainer Sean Simpson) und 2009 in Bern (8.) schafften sie jeweils den Einzug in die WM-Viertelfinals.
Nicht nur Simpson, sondern auch viele andere Nationaltrainer mussten wie üblich nach Olympischen Spielen unzählige Absagen für die WM hinnehmen. Im kanadischen Aufgebot etwa steht (zumindest vorerst) kein einziger Olympiasieger von Sotschi. Superstars werden nur ganz wenige nach Minsk reisen. Ausnahmen sind der 42-jährige Tscheche Jaromir Jagr und Alexander Owetschkin, der morgen (Freitag) mit Russland der erste Gegner der Schweiz sein wird.
Im vorläufigen Aufgebot von Titelverteidiger Schweden stehen noch sechs Spieler, die im Vorjahr die Schweiz im Final 5:1 bezwangen, unter ihnen Nicklas Danielsson von den Rapperswil-Jona Lakers und Dick Axelsson, der kommende Saison für Davos stürmen wird. Auch der künftige Lugano-Stürmer Linus Klasen figuriert im Kader.
Nur minim geändert wurde der Modus. Wie zuletzt werden aus den beiden Achtergruppen die vier bestklassierten Teams in die Viertelfinals einziehen. Im Gegensatz zu den letzten zwei Jahren wird die erste K.o.-Runde wieder «über das Kreuz» (1. Gruppe A gegen 4. Gruppe B) statt innerhalb der Gruppen ausgetragen. Die jeweils Gruppenletzten steigen direkt ab und werden nächstes Jahr an der WM in Prag und Ostrava durch die Wiederaufsteiger Österreich und Slowenien ersetzt. (si)