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Ein Reiseführer zeigt Orte, auf die das Stadtmarketing nicht so stolz ist, und erzählt aufständische, alternative, manchmal auch blutige Geschichte(n).
«Barcelona, posa't guapa» - Barcelona macht sich schön - ist der Slogan, der von zahlreichen Plakaten in der Stadt prangt. Ganze Quartiere werden renoviert und mit Wuchermieten aufgewertet. Nachts surren die Wägelchen der BCNeta durch die Stadt, der Putzkolonne, die mit polizeilichem Geleit sämtliche Plätze abspritzt, wo sich eben noch ein Haufen Jugendlicher aufgehalten hat. Dass man sich nachher einige Stunden, im Winter die ganze Nacht nicht wieder dort hinsetzen kann, ist willkommener Nebeneffekt. Die Stadt will Fashion-, Architektur- und Partymetropole sein. Doch bitte alles in einem domestizierten, von zahlreichen Kameras gut überwachten Rahmen. Die BewohnerInnen sind bloss «Statisten eines riesigen Werbespots», schreibt Manuel Delgado im Vorwort zum Reiseführer «Rebellisches Barcelona».
Der Untertitel der spanischen Originalausgabe lautet: «Guía de una ciudad silenciada», Führer einer verschwiegenen Stadt. Denn die bewegte Vergangenheit der Stadt steht nicht auf dem Menüplan der Tourismusdirektion. Über das andere Barcelona, das es auch heute noch gibt, wird weitgehend geschwiegen. Genau da setzt dieser Reiseführer an. Er erzählt Barcelonas andere Geschichte, die reich ist an Rebellionen, Revolten und Streiks, führt uns an Ecken von Strassenkämpfen und Barrikaden (Friedrich Engels soll Barcelona als «Hauptstadt des Barrikadenbaus» bezeichnet haben). Neben bekannten Ereignissen wie dem Bombenattentat in der Oper im Jahr 1893 oder dem «kurzen Sommer der Anarchie» 1936 wird auch die weniger berühmte und jüngere Geschichte Barcelonas beleuchtet, etwa der Hungerstreik der Sans-Papiers auf der Plaça de Catalunya im Jahr 2001 oder die Gefangenengewerkschaft Copel. Grosse ZeitgenossInnen, aber auch weniger bekannte KämpferInnen, KünstlerInnen, LiteratInnen werden porträtiert: Buenaventura Durruti, George Orwell, Jean Genet, die Schweizerin Clara Thalmann, die an vorderster Front gegen die Faschisten kämpfte. Alternative, sich selbst versorgende Wohnprojekte am Stadtrand stellen sich vor.
Wie in einem herkömmlichen Reiseführer sind alle Orte auf einem Stadtplan verzeichnet. Herausgegeben wurde der Führer von einem AutorInnenkollektiv. So sind die kurzen, mit Schwarzweissbildern illustrierten Texte teils sehr unterhaltsam und spannend, oft kämpferisch, teils aber auch etwas schwerfällig und zäh geschrieben. Ein Glossar am Ende erklärt die wichtigsten Begriffe, Partei- und Personennamen.
Macht man sich auf einen Rundgang, so fällt einem der Spruch ein: «Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.» Das Blut des erschossenen Hauptmanns Narwicz der Internationalen Brigaden im Carrer Legalitat ist schon lange den Gulli runtergespült worden, auch wenn es die BCNeta damals wohl noch nicht gab. Das legendäre besetzte Cinema Princesa ist einem hochmodernen Betonstahlglasklotz gewichen. Gedenktafeln sucht man oft vergeblich. Dennoch lohnt sich so eine Tour. Es wird einem bewusst, dass Barcelona nicht bloss ein malerischer Vergnügungspark ist. Der rebellische Reiseführer führt da hin, wo sich kaum jemand hinverirrt, der nicht dort wohnt: in die Plattenbausiedlungen der Vorstädte, deren BewohnerInnen heute noch Baustellen von grössenwahnsinnigen Bauvorhaben besetzen. Aber auch anarchistische Buch- und Infoläden gibt es zu entdecken. Und nach wie vor besetzte Häuser, wie die Kasa de la Muntanya, die fast einer Trutzburg gleicht. Selbst der ehemalige Gouverneurspalast wirkt plötzlich ganz anders, wenn man liest, dass dort einst 1835 ein General von aufständischen Arbeitern vom Balkon geschubst und schliesslich hinter einer Kutsche hergeschleift wurde, bis vom wohlbeleibten Mann nur mehr ein blutiger Fetzen übrig blieb.
«Rebellisches Barcelona» ist in diesem Sinne keine Anleitung für eine anarchistische Sightseeingtour, sondern eher - so steht im Vorwort treffend geschrieben - ein «Index der Zeitpunkte - und ihrer Orte -, an denen die BewohnerInnen Barcelonas gezeigt haben, dass eine Stadt auch aus Ungehorsam und Widerstand gemacht ist». Auch heute noch.