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Polly Apfelbaum ist mit Bodenarbeiten aus Textilien bekannt geworden, die aus Hunderten von unterschiedlichen, individuell zugeschnittenen und mit Tusche eingefärbten Stoffstücken bestehen. Sie zeichne mit der Schere, soll die Künstlerin einmal in Anspielung auf den späten Matisse gesagt haben. Apfelbaum spricht von ihren Werken, die bei jeder Präsentation neu konfiguriert werden können, als »fallen paintings«. Apfelbaum ist mit den Mitteln der Malerei ›verbotenerweise‹ in eine durch die klassische Minimal Art besetzte Zone vorgedrungen.
Sie entwirft geometrische Raster im Raum und thematisiert zugleich durch das Falten, Schichten oder Zerknüllen der Stoffe Fragen skulpturalen Arbeitens. Charakteristisch für Apfelbaums Arbeiten sind neben der Obsessivität, die in der schieren Menge an ausgeschnittenen, bemalten und systematisch geordneten Stoffelementen zutage tritt, und einer starken Farbigkeit, ihre prekären Eigenschaften, insbesondere ihr provisorischer Status. Latenz ist ein zentraler Begriff für das Verständnis ihres Schaffens. Die unzähligen Teile, aus denen die Werke zusammengesetzt sind, bleiben – anders als bei einem Teppich oder den Scherenschnitten im Spätwerk Matisses – unverbunden. Verschiebung, Überlagerung, Unordnung, Zerfall könnten jederzeit eintreten und gehören somit zur Identität dieser fragilen Gebilde. Apfelbaum interessiert sich für das Auslegen von systematisch gegliederten, farbigen Feldern, durch welches die Arbeiten in einem letztlich unbestimmten Raum zwischen Malerei, Plastik und Installation wahrnehmbar sind. Die postminimalistischen Arbeiten bilden Orte der Instabilität und des Übergangs.
In Amden zeigte die Künstlerin Fotografien von Situationen, Dingen, Gebäuden und Tieren, die ihre Vorstellung von diesem Ort in den Bergen, den sie vor der Ausstellung nur von Fotografien und aus meinen Erzählungen kannte, sowie der Atmosphäre im Haus zum Ausdruck bringen sollten. Haunted House war eine Rauminstallation aus 350 ausgewählten und in einem einheitlichen Format vorliegenden Bildern, die in dichten Reihen wie Poster an den Wänden und entlang der Deckenbalken aufgehängt waren und von den Besucherinnen und Besuchern mitgenommen werden konnten. Parallel lagen die Aufnahmen zu einem Buch gebunden vor, das in der Ausstellung zusammen mit jenem grünen Koffer ausgestellt war, in dem Apfelbaum das Werk aus New York mitgebracht hatte. Die Hängung entsprach der Bildreihenfolge der Publikation und umfasste sämtliche Abbildungen darin. Ein Index aller Fotografien, aus der die Rauminstallation bestand, hing beim Eingang. Ein Fläschchen Moonshine-Schnaps aus New York stand zur Stärkung der Wanderer bereit. Die meisten Bilder in Haunted House stammen aus dem Internet (Google Bildersuche), einige hat Polly Apfelbaum selbst aufgenommen. Das Internet sei voller Geister, die sich niemals materialisierten und denen sie, so Apfelbaum, zu einer Existenz verhelfen wolle. Sie habe nach Bildern gesucht, von denen sie glaubte, »dass man sie in einem Spukhaus finden könnte – die übrig gebliebenen Ephemera vieler verschiedener Leben«. Haunted House war zunächst nicht mehr als ein skurriler Einfall, vielleicht sogar eine fixe Idee, entstanden in New York am Computer, ein Auszug aus dem elektronischen Gedächtnis – und wurde doch als Ausstellung für einige Wochen zu einem realen Ort.
– Roman Kurzmeyer