Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03434.jsonl.gz/133

Es ist wie im «Rocky»-Film: Ein Boxer zieht sich nach einer Niederlage zurück und arbeitet abseits der Städte und des Rummels verbissen an seinem Comeback. Der Hollywoodstreifen mit Sylvester Stallone kam 1976 heraus – doch die Inspiration dafür ist älter.
1967 wird Muhammad Ali, der mit Grössen wie Elvis Presley und den Beatles bekannt ist, der Titel aberkannt – weil der Boxer aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigert hatte. Als der Muslim 1970 begnadigt wurde, bereitete er sich beim Deer Lake in Pennsylvania auf sein Comeback vor. Ein Jahr später besiegt er im Hallenstadion Zürich den Deutschen Jürgen Blin durch K.o.
Zum Deer Lake kehrt Ali immer wieder zurück, bis er 1974 wieder Weltmeister wird. 1973 trainiert er dort für den kommenden Kampf gegen George Foreman – und stellt sich am 27. Oktober der Presse. «Time Magazine» hat den damals 27-jährigen Fotograf Jan Faul geschickt, der über 500 Bilder schiesst.
Diese geraten jedoch in Vergessenheit – bis die bisher unveröffentlichten Werke von Faul digitalisiert werden. 60 davon sind nun im Zürcher «Kommode Verlag» in einem Bildband erschienen. Fotograf Jan Faul haben wir zu diesem Anlass gefragt: Wie gross war sie, diese Box-Legende Muhammad Ali?
watson: Mister Faul, wie alt waren Sie, als Sie ihre erste Kamera bekommen haben?
Jan Faul: Die habe ich an meinem 14. Geburtstag bekommen – weil wir in die Schweiz umziehen wollten. Sie sollte mich wohl darüber hinwegtrösten, dass ich in ein fremdes Land gehen sollte.
Was war der Grund für den Umzug?
Mein Vater war Wissenschaftler, ich bin das erste Mal nach Europa gekommen, als ich acht oder neun war. Als ich 14 wurde, gingen wir ins Berner Oberland und sind dort drei Jahre geblieben. Aber seither hat sich viel verändert: Als wir nach Europa reisten, taten wir das mit dem Schiff. Heute kann ich in fünf Stunden in London sein, das ist schon ein Unterschied!
Wenn man in so jungen Jahren so viel herumkommt, wird das im Nachhinein ein Segen gewesen sein.
Ja, natürlich! Mein Vater war Tscheche und sehr dafür, dass wir etwas von der Welt sehen. Und jetzt, 50 Jahre später, war ich von den USA aus gewiss 100 Mal in Europa – davon wahrscheinlich 25 oder 30 Mal in der Schweiz.
Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Ich habe es mir selbst beigebracht. Gut, mein Vater hat mich einiges gelehrt, aber er musste immer viel arbeiten und ich war an der Ecole d’Humanité in Goldern in der Gemeinde Hasliberg. Also habe ich mir einiges bei Mitschülern und Lehrern abgeguckt. Meistens hing alles davon ab, ob man genug Filme hatte. Von digitaler Fotografie hatte damals noch niemand etwas gehört.
Was hat ihnen das Fotografieren bedeutet?
Ich glaube, es war für mich eine Flucht vom normalen Leben. Du kannst durch Fotografieren vieles imaginieren und Fantasien haben. Und ich war sehr schüchtern, deshalb fand ich wohl die Idee gut, zwischen anderen und mir eine Kamera zu haben.
Aber auch ein Fotograf ist mit Selbstvertrauen besser: Wann hat sich das geändert mit der Schüchternheit?
Wahrscheinlich bin ich nicht mehr schüchtern, obwohl ich immer noch denke, dass ich es bin. Ich ging in den USA zum College und habe hart gearbeitet. Fotografie konnte man um 1970 noch nicht studieren. Nach dem Abschluss habe ich beim Smithsonian Museum angefangen.
Das habe ich gelesen. Und dass sie erst danach professioneller Fotograf wurden – obwohl sie schon bei dieser renommierten Institution waren?
Ich habe dort über eineinhalb, zwei Jahre Ausstellungen organisiert, es hatte mit Fotografie nichts zu tun. Als der Vertrag auslief, besuchte ich eine Freundin, die nach jemandem suchte, der eine Foto-Ausstellung organisieren soll. Ich sagte: «Das kann ich machen!»
Es stellte sich heraus, dass es das Büro von Senator Howard Baker war ...
... und der fragte mich ironischerweise, ob ich ihm das Fotografieren beibringen könne. Ironisch weil: Ich wusste nicht viel darüber. Ausserdem sollte ich seine Negative und seine Sammlung organisieren. Ich habe dort sechs Monate Teilzeit gearbeitet.
Und mit seiner Referenz stellte Sie dann das Office of Economic Opportunity als Fotografen ein. Wie alt waren Sie?
Ich war 24, Senator Baker 47. Als nach zehn Tagen die Zusage kam, fuhr ich in einen Laden, kaufte elf Objektive, Filme, Fototaschen und musste das Wochenende über lernen, wie man eine Nikon benutzt.
Als Sie 27 waren, fotografierten Sie dann schon für das honore «Time Magazine» den Boxstar Muhammad Ali.
Ich bekam einen Anruf, ob ich Ali fotografieren wolle, ich sagte: Klar! Du musst aber in sein Camp nach Pennsylvania fahren, hiess es. Es gab aber kein GPS, keine Highways, keine guten Strassen. Ich habe mich verfahren und kam eine halbe Stunde zu spät. Ali hatte sich aufgeregt, weil er dachte, das «Time Magazine» komme nicht.
War er sauer?
Ein bisschen nervös. Er wollte mir sofort zeigen, dass er ein guter Boxer ist und Dinge tun konnte, die ich nicht tun kann. Und ich wusste das ja auch, ich wäre nie in einen Boxring gestiegen. Schon gar nicht mit Muhammad Ali!
Wie war er dann?
Er war ein sehr offener, ehrlicher Typ. Er versuchte nicht, irgendetwas zu verstecken oder mich von irgendwas zu überzeugen. Man hat mich später gefragt: «Habt ihr über Politik geredet?» Nein, wir waren bloss zwei Typen, die darüber geredet haben, womit sie ihr Leben verbringen. Über die Kameras, über mein Auto, über das Boxen.
Und das Sportliche?
Er stieg mit einem Sparingspartner in den Ring, der 25, 30 Zentimeter kleiner war. Ich dachte: Ah, das macht er, damit er grösser aussieht. Vielleicht war es so. Und Ali fragte mich: Soll ich zu Boden gehen? Und ich: Wie du willst. Später wurde mir bewusst: Sowas würde heutzutage kein Boxer mehr anbieten. Oder mit dem Objektiv am Boxring zu stehen, wäre auch nicht drin – die Linse lag teilweise auf dem Seil.
Die anderen Journalisten wurden später rausgeschmissen und Ali hat nur noch mit Ihnen Bilder gemacht.
Er war einfach er selbst. Er posierte und ich liess ihn reden – und er redete viel. Irgendwann merkte ich, dass er müde wurde.
Wann trafen Sie sich wieder?
Etwa zehn Jahre später in New York bei einer Veranstaltung im Metropolitan Museum of Art. Ali und ich sind beide sehr gross und wir sahen uns in einem Raum voller kleiner Leute auf Anhieb. Als ich ihn erspähte, waren 50 Leute zwischen uns, und er warf die Arme in die Luft und stürmte durch den Raum: «Hey, wie gehts dir, wie ist es dir ergangen?» Es war, als wenn sich alte Freunde treffen, und ich fühlte mich geehrt, dass er mich erkannte. Zehn Jahre später!
Zumal er tausende Fotografen kennengelernt haben muss ... Wie viele Fotos kamen eigentlich im «Time Magazine»?
Keins. Sie haben keines gedruckt! Mein Boss war in New York in einem TV-Studio, als Joe Frazier Streit anzettelte. Da haben sie davon ein Foto gebracht.
Was passierte mit den Fotos?
Die Filme landeten in meiner Sammlung. Vor drei vier Jahren fand ich [den richtigen] Scanner, holte die 16 Rollen raus und scannte diesmal alle. Da sind einfach unglaubliche Bilder dabei. Mein Boss und seine Redaktoren haben die drei Filmrollen, die ich ihnen geschickt habe, bestimmt nicht mal angesehen!
Dafür blieben Sie ihr Eigentum!
Sie haben mir dir Filmrollen wiedergegeben und ich verwahrte sie über Jahre. Man versuchte immer wieder, sie zu stehlen, bis ich sie in ein Bankschliessfach tat, als ich nach Dänemark zog. Es war verrückt! Vergangenen Herbst hat übrigens «Sports Illustrated», das dem «Time Magazine» gehört, versucht, die Negative zu kaufen. Für 75'000 Dollar ... Ich habe das Angebot nicht angenommen.
Weil sie mehr wehrt sind?
Nein, es geht nicht darum, viel Geld zu machen. Ich will sie bewahren für die Zukunft. Ein bisschen fühle ich mich wie ein Hüter der Vergangenheit! Wahrscheinlich gebe ich sie dem Smithsonian Institut.
Findet man deshalb so viele historische Fotografien auf ihrer Website? Wie kam es dazu?
Ich bin nach Europa gezogen, weil ich mit den Verhältnissen in den USA nicht einverstanden war. Von 1979 bis 1989 habe ich in Dänemark gelebt und viel Werbefotografie gemacht. Als ich zurückkam, wollte ich Amerika entdecken, denn Amerika hatte sich verändert.
Haben Sie ein Beispiel?
Der Ort, wo sie die Atombombe getestet haben. Es war bizarr: der seltsamste Ort, an dem ich je gewesen bin. Und die Leute, die dort gearbeitet haben, haben immer gelogen. Über alles. «Fotografiere das nicht, es ist nicht wichtig.» Ich fragte dann: «Woher weisst du was?» Die Antwort: «Ich arbeite hier.»
Aber Sie sprachen von Veränderungen ...
Von 1994 bis 1996 habe ich das Verschwinden der Farmen in Wisconsin fotografiert und die Zersiedelung thematisiert, bis ich anfing, über ein Jahrzehnt alte Schlachtfelder aufzunehmen. Die ersten waren in der nähe meines Wohnorts in Kalifornien.
Wie kamen Sie dazu?
Als ich drei oder vier Jahre alt war, lebte ich mit meinen Eltern bei Boston. Dort gab es in der Nähe ein Schlachtfeld vom Bürgerkrieg aus dem Jahr 1776. Ich dachte damals schon, wie seltsam es ist, das man dort isst, wo vor 300 Jahren die Leute gestorben sind. Im Sommer hat man im Wasser gespielt, und früher war es rot vor Blut.
Kriegsschauplätze sind Ihr eigenes Schlachtfeld geworden ...
Ich ging auch nach Europa, um Orte wie Bunker oder Flugplätze zu fotografieren – man kann wohl sagen, dass ich mich seither auf das Thema spezialisiert habe. Aber so muss es ja nicht bleiben. [siehe auch: WorldWar2Memories]
Mister Faul, Danke für dieses Gespräch!
Gern geschehen!