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Leerheit – das Konzept des Absoluten im Buddhismus
Was versteht man unter 'Leerheit'?
In welcher Beziehung steht die Leerheit zu den Phänomenen in Raum und Zeit?
Inwiefern ist der Buddhismus eine atheistische Religion?
- Leerheit – die absolute Wirklichkeit
- Phänomene in Raum und Zeit – die relative Wirklichkeit
- Leerheit und Form – Zusammenspiel von absoluter und relativer Wirklichkeit
Was ist Leerheit?
Auch der Buddhismus verfügt über ein Konzept für das Absolute, über das hinaus nichts mehr gedacht werden kann. Die 'Leerheit' wird oft mit 'Wahrheitsraum' oder 'Urgrund' übersetzt. Sie wird als ungeboren, unvergänglich, von Bedingungen und Ursachen unbeeinflusst, unzerstörbar, ohne Zentrum und ohne Begrenzung beschrieben, ihre wahre Natur als Liebe und Mitgefühl.
Wie ist der Begriff 'Leerheit' zu verstehen?
'Leerheit' ist insofern ein irreführender Begriff, als darunter nicht ein 'Nichts' verstanden wird. Im Tibetischen Buddhismus wird für die 'Leerheit' der Begriff 'tongpa-nyi' verwendet.
"Das Wort 'tongpa' bedeutet 'leer', aber nur im Sinne von etwas, das jenseits unserer Wahrnehmungsfähigkeit oder unseres Begriffsvermögens liegt. Vielleicht wäre 'unbegreiflich' oder 'unnennbar' eine bessere Übersetzung. Das Wort 'nyi' hingegen hat in der tibetischen Umgangssprache keine besondere Bedeutung. Wenn es aber einem anderen Wort hinzugefügt wird, übermittelt es das Gefühl von 'Möglichkeit' – das Gefühl, dass alles entstehen, alles passieren kann."
Yongey Mingyur Rinpoche, Buddha und die Wissenschaft vom Glück, Goldmann 2007, Seite 101
'Leerheit' ist das grenzenlose Potenzial zur Manifestation, aufgrund dessen alles in Erscheinung treten, sich verändern oder verschwinden kann und das somit den Hintergrund aller Phänomene bildet.
Was ist die Bedingung für die absolute Wirklichkeit?
Leerheit existiert als absolute Wirklichkeit aus sich selbst heraus.
"Nach buddhistischem Verständnis (...) kann nur etwas von absoluter Wirklichkeit sein, das unveränderlich ist, das nicht der Beeinflussung durch Zeit oder Umstände unterliegt oder in kleinere, miteinander verbundene Teile aufgespalten werden kann."
Yongey Mingyur Rinpoche, Buddha und die Wissenschaft vom Glück, Goldmann 2007, Seite 105ff
Leerheit kann erfahren aber nicht beschrieben werden
Die Leerheit kann nicht in Konzepte gefasst oder mit Worten beschrieben, sondern bestenfalls erfahren werden – eine Erfahrung, die als unfassbar und jenseits von Worten beschrieben wird. ↑
Nach buddhistischer Lehre sind Phänomene in Raum und Zeit vergängliche, traumhafte Illusionen. Alles ist aus verschiedenen, sich ständig neu zusammenfindenden Komponenten zusammengesetzt und daher der Vergänglichkeit und Veränderung unterworfen. Dabei entstehen und vergehen Erscheinungen nicht aus sich selbst heraus, sondern aufgrund des Zusammentreffens von Faktoren oder Bedingungen, die die jeweilige Erscheinung erst ermöglichen. Deshalb werden sie als 'leer' bezeichnet.
Die Phänomene in Raum und Zeit sind insofern 'leer', als sie keine unabhängige und dauerhafte Eigennatur aufweisen. Sie bestehen nicht permanent, aus sich selbst heraus und unabhängig von allem anderen. Sie bilden die 'relative Wirklichkeit'.
Unsere Welt bzw. das Universum gehört zur relativen Wirklichkeit und wird als Erscheinung angesehen, die sich aus der Leerheit manifestiert und nach dem Gesetz des Karmas (Gesetz von Ursache und Wirkung) ewig fortsetzt (perpetuiert). Das gilt auch für den Menschen. Das menschliche 'Ich' wird als nicht von dauerhafter und substantieller Natur betrachtet. ↑
Nach buddhistischer Lehre ist die Leerheit bzw. die absolute Wirklichkeit nicht ohne die Manifestation von Erscheinungen (Form bzw. relative Wirklichkeit) denkbar. Leerheit und Form stehen in einem engen Zusammenhang:
"Leerheit ist Form
Form ist Leerheit
Leerheit ist nicht verschieden von Form
Form ist nicht verschieden von Leerheit."
(Herz-Sutra)
Die absolute (Leerheit) und die relative Wirklichkeit (Form) lassen sich nicht voneinander trennen – es gibt das eine nicht ohne das andere. ↑
Der Mensch besitzt das Potenzial, Leerheit direkt zu erfahren. Der Schlüssel hierzu ist die Entwicklung von 'Achtsamkeit' bzw. 'Gewahrsein' durch Meditation und andere yogische Praktiken. (siehe dazu auch » Gotteserfahrungen) ↑
Es gibt Stimmen, die den Buddhismus nicht als Religion, sondern als (atheistische) Lebensphilosophie sehen. Dazu ist folgendes anzumerken:
- Auch der Buddhismus kennt, wie das Christentum, ein absolutes Prinzip, die 'Leerheit', aus der sich die relative Wirklichkeit der Phänomene (Schöpfung) manifestiert. Der Buddhismus geht jedoch, im Gegensatz zum Christentum, nicht von einem 'personalen Schöpfergott' aus. Im Buddhismus wird auch keine Aussage über einen bewussten initialen Schöpfungsakt gemacht; der Leerheit werden keine personalen Aspekte zugeordnet. Siehe auch » Schlussfolgerungen zum Absoluten
- Die christliche Vorstellung von einem allgütigen, allmächtigen und allwissenden personalen Schöpfergott ist nicht als Beschreibung einer Realität, sondern als Metapher und theologisches Denkmodell zu verstehen. Sie taugt deshalb nicht als abschliessende Definition des Absoluten. Siehe dazu auch » Schlussfolgerungen zum Absoluten und die Diskussion zur » Theodizee.
- Das Absolute (Leerheit) wird auch im Buddhismus mit Liebe und Mitgefühl assoziiert – Qualitäten, wie sie ebenso dem Christlichen Gott zugeschrieben werden. ↑
- Ob der Buddhismus als Religion anzusehen ist, hängt wesentlich von der Definition des Begriffs 'Religion' ab. Es existiert jedoch keine allgemeingültige Definition des Begriffs 'Religion'. Wird Religion im Sinne einer 'substanzialistischen Definition' verstanden, so ist sie als ein Phänomen zu betrachten, das das Heilige, Transzendente bzw. Absolute zum Wesen hat und die Auseinandersetzung des Menschen mit dieser transzendenten Macht erklärt. Dies tut der Buddhismus offensichtlich und erfüllt somit die Kriterien dieser Definition von Religion. Siehe auch » Definition des Begriffs 'Religion'
- Ob der Buddhismus als atheistische Religion anzusehen ist, hängt davon ab, wie 'Atheismus' definiert ist. Wird unter Atheismus lediglich die Ablehnung der Existenz eines allwissenden und allmächtigen personalen Schöpfergottes verstanden, so könnte man den Buddhismus tatsächlich als atheistische Religion ansehen. Wird unter Atheismus jedoch die generelle Ablehnung eines transzendenten absoluten Prinzips verstanden, so ist der Buddhismus nicht als atheistische Religion anzusehen. Siehe auch » Die Position des expliziten Atheismus
Version vom 14. Mai 2022
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