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Man müsse sich treffen, sagte der Anrufer. So bald wie möglich, am Bahnhof Baden. Doch, es sei dringend, und sie müsse persönlich erscheinen. Am Bahnhof dann, in einer diskreten Ecke des Restaurants, wartete eine Delegation der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur. Sie eröffnete Brigitta Luisa Merki, dass man ihr den Hans-Reinhart-Ring für das Jahr 2004 verleihe. Den Reinhart-Ring, die höchste Auszeichnung im Schweizer Theaterleben, aus heiterem Himmel! «Ich habe zuerst überhaupt nicht verstanden, worum es geht», erinnert sich die Tänzerin – und wundert sich heute noch, wenn sie an die letzten Dezembertage des Jahres 2003 zurückdenkt.
2004, Jahr des Reinhart-Rings, aber auch von 20 Jahren Flamencos en route, Brigitta Luisas Tanzcompagnie. Sie hatte diese gegründet, bevor die Flamencowelle unter dem Einfluss von Carlos Sauras Filmen «Bodas de sangre» und «Carmen» Europa überflutete und plötzlich alle Flamencos waren. Theater, Tanz: Schon als kleines Mädchen wollte sie Tänzerin werden, kurvte auf ihren Rollschuhen im selbstgebastelten Kostüm durch die Quartierstrassen, tanzte der Familie ihre neu erdachten Kunstfiguren vor. Später, im Gymi, Spanisch im Freifach, die Theatergruppe, der Spanischlehrer Fritz Zorn, der Stücke schrieb für seine Schüler. Das mit dem Tanz hatte sich irgendwo verloren, das Theater rückte in den Vordergrund. Doch dann der erste Flamencokurs bei Susana, der legendären Susana. Die Begegnung mit der Flamencotänzerin und ihrem Mann, dem Pianisten Antonio Robledo, war prägend, war wegweisend.
Der Weg, den Susana ihr wies, führte Brigitta Luisa erst einmal nach Spanien. Sechs Monate in Madrid, die ersten Sporen abverdienen. Privatstunden, heute kaum mehr bezahlbar in einem Umfeld, wo die Masse es macht, waren üblich. «Die Leute waren beeindruckt, dass jemand aus dem Ausland kam und von ihnen lernen wollte. Sie waren geehrt und fühlten sich ernst genommen.» Tanzschritte wurden vom Lehrer an die Schülerin weitergegeben wie gut gehütete Familienrezepte. Zurück zu Hause das erste Programm mit einem Schauspieler und einem Pianisten. Texte von Federico García Lorca und Miguel Hernández. Texte auf Deutsch? Klaviermusik? «Also bitte, das ist doch kein Flamenco!», riefen die Puristen. «Ich war am Anfang», erinnert sich Brigitta Luisa, «ich musste das einfach machen. Ich habe mich nie gefragt, ob das jetzt ‹puro› sei oder nicht». Später haben das auch andere gemacht, sogar in Spanien, sogar «richtige» Flamencos. Aber 1983 war das noch unerhört.
Unerhört, dass eine blonde Schweizerin ins Klischee der glutäugigen Dunkelhaarigen eindringt? Unerhört nicht, ungewöhnlich vielleicht. Sie habe Leute getroffen, die sich die blonden Haare schwarz gefärbt hätten, um wie Spanier auszusehen und im Tablao anheuern zu können. Aber sie wollte und konnte das nie. «Mein Weg war ein anderer. Flamenco ist eine Kunstform und als solche längst aufgebrochen. In diesem Umfeld bewege ich mich. Ich treibe diesen Bruch auch bewusst voran», sagt die Choreografin. 2005 tut sie dies auch mit «El círculo mágico», einer Produktion, die das klassische Eos Guitar Quartet, Flamencos en route und Carmen Linares, die Königin des Flamencogesangs, vereint. Das genreübergreifende Projekt zieht seine magischen Kreise bis nach Spanien, wo ihm die grösste Tageszeitung, «El País», gleich zwei Seiten widmete.
Flamenco als nationalspanisches Phänomen ist passé; bei Flamencos en route versammeln sich manchmal bis zu acht Nationen. Keiner ihrer spanischen Tänzerinnen käme es jedoch in den Sinn, Brigitta Luisa in Frage zu stellen, weil sie selbst keine Spanierin sei. «Sie wissen, dass sie in meiner Compagnie Interpretationen kennen lernen, die so in Spanien kaum möglich wären.» Den Bruch vorantreiben, um aus einer andern Perspektive Neues zu entdecken. Sich von den Wurzeln entfernen, um sie aus der Weite besser zu erkennen. In die Fremde ziehen und Grenzen überschreiten, um zurückkehren zu können und das Eigene besser wahrzunehmen. Vielleicht ist das die Kunst von Brigitta Luisa Merki und den Flamencos en route.
Aus: Bulletin der Credit Suisse 5.05