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Bergfahrten auf Moorea in Polynesien
Von Lucas Staehelin.
Während meines 1 1/2jährigen Aufenthaltes in Polynesien hatte ich die Gelegenheit, verschiedene Bergfahrten in den Marquesas- und Gesellschaftsinseln zu unternehmen und mit Erfolg auszuführen. Von meinen beiden Erstbesteigungen, die ich auf der Insel Moorea vollbringen konnte, soll hier die Rede sein.
Polynesien nennt man die zahlreichen Inseln, die sich östlich von Mikro-nesien und Melanesien, etwa vom 170. Grad östlicher Länge bis nach Südamerika hin ausdehnen. Unter den südostpolynesischen Inseln befindet sich unter andern die Insel Moorea, etwa 12 Meilen von Tahiti entfernt ( Gesellschaftsinseln ).
Moorea ist voller Naturschönheiten — man könnte Jahrzehnte dort bleiben und hätte noch nicht alles gesehen, trotzdem die Insel nur halb so gross ist wie der Kanton Uri. Wilde Zacken, hohe Wände, wohlgeformte Berge vulkanischen Ursprungs — und draussen liegt das Korallenriff, das die Insel wie ein Band umgibt und die Lagune mit ihrer lebhaften Farbenpracht einschliesst.
Die Vegetation hat einen rein tropischen Charakter. Das Landschaftsbild wird durch die üppigen Kokosnusspahnenwälder in den Niederungen beherrscht; häufig sind auch die dekorativen Pandanus mit ihren Luftwurzeln, aus deren Blättern die Eingeborenen ihre Hüte, Fächer etc. flechten, und Bambus, der hauptsächlich als Baumaterial verwendet wird. 26 verschiedene Arten von Bananen sowie Brotfrucht und Mango gehören zu den häufigsten Erscheinungen der nützlichen Pflanzenwelt. Die unangenehme und meistverbreitete Buschpflanze ist die Lantana, ein bis 6 Meter hohes Dorngestrüpp, einst von Missionaren als Zierpflanze eingeführt. Sie verwüstet alles, indem sie alle Pflanzen erstickt.
Tiere gibt es in ganz Polynesien verhältnismässig wenig. Die meisten Säugetiere, wie Schweine, Ziegen, Pferde und Kühe, wurden eingeführt und verwilderten dann teilweise.Vögel sieht man selten, trotzdem es 40 Arten geben soll. Häufig sind Spinnen, die 20 cm grossen Tausendfüssler und viele Insekten, vor allem Flöhe und Läuse. Bei den Mücken fehlen die Malaria übertragenden Anopheles ( Malaria gibt es in Polynesien nicht ).
Auf diesen paradiesischen Inseln, die 1767 durch Captain Wallis entdeckt wurden, leben braunhäutige Polynesier mit schwarzen, gewellten Haaren, die, bis sie in Kontakt mit Europäern kamen, den Gebrauch von Metall nicht kannten. Cook bezeichnet diese Inselbewohner als eine der schönsten Rassen der Welt, die allerdings durch die Einflüsse von aussen und eingeschleppte Krankheiten ( Tuberkulose vor allem, dann Syphilis etc. ) vermindert und entartet wurde. Die Polynesier sind asiatischer Herkunft. Sie waren ein seefahrendes Volk, und daher gehören zu ihren Kulturgütern in erster Linie Gegenstände, die sich auf Schiffahrt und Fischfang beziehen. Ihre Mythologie ist geradezu mit der der alten Griechen und Römer zu vergleichen, und gross war einstmals ihr künstlerischer Geist.
Der noch verbleibende Rest der einst so hochstehenden Polynesier ist verzivilisiert. Es sind gute, liebe, gastfreundliche Leute, die gerne tanzen, singen und lachen. Sie ernähren sich hauptsächlich von Brotfrucht, Kokosnuss, Bananen, Taro und Fischen. Die vielen eingewanderten Chinesen treiben für sie den Handel, der aus Kopra ( getrocknete Kokosnuss ) und Vanille besteht.
Mein Freund, der Basler Kunstmaler Theo Meier, und ich wohnten in einer Eingeborenenhütte im Tale von Haapiti ( Insel Moorea ), das von der stillen Pracht des Berges Tamarutoofa beherrscht wird. Anno 1863 wurde von einer französischen Expedition zum ersten Male versucht, diesen Berg und seinen Nachbarn Mouoroa zu besteigen. Erfolglos kehrten sie nach mehrwöchigem Aufenthalt oberhalb der Cooksbai zurück nach Tahiti. In kleineren und grösseren Zeitabständen wurde nun versucht, diese beiden Berge zu bezwingen, doch die Tupapau ( Gespenster ) bewachten sie nach Aussage der braunen Eingeborenen, und keiner von ihnen wagte es, sich im Gebiete dieser Berge eine Nacht lang aufzuhalten, geschweige denn, sie zu besteigen.
Nach einjährigem Aufenthalte unternahm ich sechs kleinere Exkursionen in das Gebiet der beiden Berge, des Mont Tamarutoofa und Mouoroa. Sie zeigten mir die grossen Schwierigkeiten, aber auch, wie ich den Tamarutoofa anpacken soll.
Am 3. August 1933 verliess ich mit meinem Freunde unsere Hütte in Vaianahe mit zwei Trägern. Wir gelangten mühelos auf den unter den Kolonisten mit « Crête des Cocotiers » bezeichneten Grat, der die oben genannten Berge miteinander verbindet und den ich mir als Ausgangspunkt für meine Fahrt erwählt hatte. Man gab ihm diesen Namen, da auf grosse Distanzen sichtbar einige Kokospalmen den Busch überragen. Merkwürdigerweise gibt es für diesen auch hie und da als Passübergang benützten Verbindungsgrat keinen Namen mehr in der tahitianischen Sprache, die auf der Insel von den Eingeborenen gesprochen wird. Dort bauten und flochten wir uns zwei Hütten, um gegen starken Wind und Regen geschützt zu sein, und konnten nach langen Überredungen und einigen Gläsern Rum unsere beiden Träger überzeugen, dass sie schliesslich auch blieben.
Dann kam die unvergessliche, wolkenlose Vollmondnacht. Starr und stumm ragt die schwarze Wand des Tamarutoofa hinauf, über alles, und schien das Sternenzelt zu stützen. Und als der neue Tag sein Kommen verkündete, nahm ich Abschied von meinem Freunde, der sich vorbereitete, ein grosses Bild zu malen.
Während meinen früheren Bergfahrten auf der Insel Hivaoa ( Marquesas-Archipel ) hatte ich gelernt, unter der kundigen Leitung des mutigen Marque-saners Matuu alleine durch Urwald und Busch zu gehen und mit dem schlechten, brüchigen Gestein vulkanischen Ursprungs fertig zu werden. ( Mein Freund und ich haben ihm verschiedene Höhlengrabfunde zu verdanken, die sich nun im Museum für Völkerkunde, Basel, befinden.Tropenhelm, Hemd, Hose, Nagelschuhe, Steinhammer und Buschmesser, das war meine ganze Ausrüstung.
Alleine arbeitete ich mich auch jetzt durch den Urwald. Ich hatte Glück, denn ich stiess bald auf einen Wildschweinpfad und erreichte so nach etwa einer Stunde den Südwestgrat. Der brüchige, graue Basalt ist voller Griffe, aber von zehn halten neun sicher nicht. Gott sei Dank bin ich leicht und konnte mich am Grat, immer stark exponiert, bis auf eine Höhe von zirka 2000 Fuss emporarbeiten. Dann querte ich die Südwestwand. Das war eine heikle Angelegenheit, denn der Stein ist nass und mit allem möglichen überwuchert. Neuschnee mit Glatteis, dachte ich, nur dass man hier gerne hängen bleibt, und einige Sträucher haben so schöne kleine und grosse Dornen. Als ich den Ostgrat erreichte, konnte ich eine kleine Rast einschalten, denn ich hatte ein verhältnismässig sicheres Plätzchen gefunden. Den letzten Aufstieg auf den Gipfelgrat zu vollbringen, der, wie auch der Gipfel selbst, mit vielen harthölzigen Gestrüppen stellenweise überwachsen ist, war eine steile und äusserst gefährliche Angelegenheit. Der langgezogene Gipfelgrat ist sehr schmal, nur 1 bis 2 Fuss breit, und es galt, während ungefähr 1500 Fuss über Gestrüpp und Steine zu turnen bei äusserst starkem Wind. Etwa 11 Uhr mag es gewesen sein, als ich den 3005 Fuss hohen Gipfel des Mont Tamarutoofa als Erster bezwungen hatte.
Unten auf der Ebene brannte die Steppe, und eine gewaltige Rauchsäule näherte sich mir. Ich konnte meinem Freunde noch Signal geben, dass ich wohlauf sei, und bevor ich dasselbe beendet hatte, war ich Luft schnappend in dichten Rauch gehüllt. Der Qualm wurde dichter und zwang mich, schleunigst den Rückzug anzutreten, denn meine angestrengte Lunge, die so viel arbeiten musste in der tropischen Sonnenglut, konnte das nicht vertragen. Meine Augen tränten, und ich kletterte so schnell wie nur möglich den gleichen Weg zurück, erreichte den schützenden Wald und etwa 5 Uhr abends erschöpft, verschwitzt und durstig unser Lager. Freudig wurde ich begrüsst, denn man glaubte nicht an ein lebendiges Wiedersehen.
Zwei Tage später ging ich bei anbrechendem Tage auf dem kleinen Pfade im Tale von Haapiti, zwischen Pflanzungen von Kokosnusspalmen, Bananen und Vanille. Mein Ziel war, eine letzte Erkundung in das Gebiet des Mouoroa durchzuführen. Mouoroa heisst: Berg, der unendlich hoch ist, der einem Himmelspfeiler gleicht. Es ist der bekannteste Berg Polynesiens. Die Amerikaner nennen ihn « Cathedral ».
Der Ausläufer des Nordwestgrates gleicht einer riesenhaften Burgwand des Mittelalters, die beschossen wurde. Dort hinauf wollte ich, was mir auch ohne Anstrengung gelang, nur die letzten 40 Fuss Felswand boten grössere Schwierigkeiten, bis dorthin war es ein Wandern auf Pfaden von Wildschwein-fährten durch Fougère und Brousse, die mit der Höhe an Dichtheit und Grösse zunahm.
Der Nordwestkamm ist geteilt, das war meine überraschende Entdeckung. Der Einstieg liegt nördlich vom Kamm. Schlechter Fels wechselt mit einem harten Gras ab, und es ward eine äusserst steile und heikle Kletterei. Die Sonne brannte, und der Stein war heiss. Etwa 600 Fuss hoch kletterte ich auf der nördlichen Seite des Grates, und erst beim Einstieg in eine Art von Mulde ( wenn man bei dieser Steilheit noch von Mulde reden kann ) gewann ich den Kamm, der mich bis an die zwei Vorbauten des eigentlichen Gipfels brachte. Zwischen diesen beiden führt eine zwei Meter breite Rinne direkt an den Hauptgipfel hinan, die jedoch mit Gebüsch ausgefüllt ist, eine harte Arbeit in schwindelnder Höhe. Ein kurzes Stück fast grifflose Kletterei — dann stand ich oben auf dem runden Gugelhopfgipfel, 2946 Fuss hoch. Platz ist nicht viel, langt gerade, um sich hinzusetzen — und ich geniesse die fabelhafte Rundsicht.
Im Süden steigt aus dem Dunst heraus die Insel Tubuai Manu, während im Nordosten drei Atolle der Tetiaroa Gruppe sichtbar sind. Im Südosten ein Teil von Tahiti. Die hügelige Ebene, aus welcher der Mount Mouoroa fast senkrecht emporsteigt, wirkt noch grossartiger, und der Mount Rotui behält seine majestätische Form und Isoliertheit. Von der Cooksbai sehe ich wenig, während die von Opunahu vor mir liegt. Der Mount Percé, oder Mouaputa genannt, hat seine grüne Pyramidenform beibehalten, während die Berge von Marepa einem Würfelspiel gleichen. Der Tohiea, Mooreas höchster Berg, verliert an Zugkraft neben dem Tamarutoofa, dessen Nordostwand und schmaler Grat ganz unwahrscheinlich in der Form aus einem grünen Urwaldteppich emporragen.
Kleine Nebelfetzen mahnten mich zur baldigen Umkehr. Sturmwind begann. Die Temperatur sank rasch, und frierend kletterte ich, nachdem ich mit dem Steinhammer das Schweizerkreuz in den Felsen geschlagen hatte, den gleichen Weg zurück. Da wurde mir eigentlich erst recht bewusst, auf was ich kletterte. Das weisse, horizontalschichtige Gestein war arg brüchig. Einmal brach es sechszehnmal unter mir, und erst beim siebzehnten Male fand ich einen geringen Halt. Jetzt jagten Nebel vorbei, und gleich war alles nass. Der starke Wind löste Steine los, warf sie hinaus, rauf und runter, wie es ihm gefiel. Ich hatte grosse Mühe, mich zu halten. Und mit letzter Kraft und Energie kam ich unter die Wolken, erreichte den grossen Grat. Noch waren vierzig saure Fuss zu bezwingen.
Ich weiss nicht mehr, wie ich sie bezwang; ich weiss nur, dass ich mich wie ein Betrunkener durch den Urwald und durch die Brousse arbeitete und auf dem ersten freien Plätzchen zusammenbrach.
Etwa eine Viertelstunde mag ich dort im niederen Farrenkraut gelegen haben, als ich mit einem wahnsinnigen Schmerze im Nacken aufwachte. Es war. wie wenn man mich mit zwei glühenden Eisen brennen würde. Ich rannte talwärts, stürzte mich ins kühle Bachwasser — irgend etwas hatte mich gestochen —, badete und trank, denn seit 12 Stunden war keine Flüssigkeit durch meinen Hals geronnen.
Der Mond war schon aufgegangen, als ich meinen Freund wiedersah, und im bequemen Lehnstuhl erzählte ich ihm von meiner zweiten Erstbesteigung, stolz, die Farben meiner Heimat in fremder Bergwelt zum Siege getragen zu haben.