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Seit 270 Tagen blockiert Aserbaidschan den Latschin-Korridor. Wie geht es den 130’000 abgeriegelten Karabach-Armeniern? CSI befragte Vardan Tadevossian zur aktuellen Lage. Tadevossian ist Gründer und Leiter des Lady-Cox-Rehabilitationszentrums und lebt in Stepanakert, dem Hauptort von Berg-Karabach. Die vergangenen sechs Monate amtete Tadevossian zusätzlich als Gesundheitsminister der armenischen Enklave. Seine Antworten lassen aufhorchen, erschrecken.
Vardan Tadevossian schildert die Lage in der von Aserbaidschan blockierten Region Berg-Karabach. Foto: Videobild/csi
Seit bald 9 Monaten blockiert und kontrolliert Aserbaidschan die einzige Verbindung zwischen Armenien und Berg-Karabach. Wie ist die aktuelle Lage für die Menschen in Karabach?
Die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag, weil es kaum noch Treibstoff gibt. Wir haben grösste Probleme, nur schon die Einsatzfahrzeuge für Notfälle mit Treibstoff zu versorgen. Fahrten von einem zum anderen Krankenhaus sind nicht mehr möglich. Zurzeit haben wir an Treibstoff sogar den grösseren Mangel als an Medikamenten. Wir arbeiten mit dem Roten Kreuz zusammen, um zu Babynahrung und Medikamenten zu kommen.
Was geschieht mit schwer kranken Menschen, die dringend behandelt werden müssen?
Für chronische Patienten, die beispielsweise an die Dialyse müssen, haben wir eine Evakuierung nach Eriwan organisiert, weil wir nicht mehr in der Lage sind, die Dialysegeräte zu betreiben. Uns fehlen wichtige medizinische Hilfsmittel für diese Maschinen, weil wir sie nicht mehr aus Armenien importieren können.
Wie steht es um die Versorgung mit Lebensmitteln?
Die ist dramatisch! Es gibt bald nichts mehr. Die Regale sind leer. Vor einigen Tagen hat unser Präsident erklärt, es gebe kein Mehl mehr. Nun sind wir mit einigen Bauern übereingekommen, dass sie Mais und Weizen zu einem hohen Preis an den Staat verkaufen können. So wird es vielleicht im nächsten Monat möglich, dass die Einwohner von Berg-Karabach täglich ein halbes Brot bekommen, 250 oder 300 Gramm pro Person. In den vergangenen drei Tagen wurden die Menschen registriert und sie bekamen spezielle Gutscheine, mit denen sie Brot beziehen können. Ich befürchte aber, dass die geringe Menge nicht ausreichen wird – inzwischen essen die Leute mehr Brot, weil es kaum noch etwas anderes zu essen gibt.
Bald kommt die kalte Jahreszeit. Was wird dies bedeuten?
Die Situation im Sommer war sicher besser als das, was wir im Winter erwarten. Im Sommer waren alle mit Gartenarbeit beschäftigt. Sie pflanzten Gemüse, setzten Kartoffeln und versuchten, viel mehr zu produzieren als in den Vorjahren, in denen viele Lebensmittel auf armenischen Märkten gekauft werden konnten, was wegen der Blockade nicht mehr möglich ist. Wenn es kälter wird, dann weiss ich nicht, wie wir die Krankenhäuser und die Patienten unterstützen und wie wir sie transportieren können. Hoffentlich ändert sich die gegenwärtige Lage bald.
Was bedeutet der Mangel an Energie und Lebensmitteln für die Kinder?
Für die Kinder ist die Situation besonders schwer. Es gab eine Zeitlang keine Babynahrung mehr. Aber Gott sei Dank – wir konnten schliesslich wieder Babynahrung importieren. Für schwangere Frauen und stillende Mütter ist das Leben schrecklich. Sie bekommen nicht die Nahrung, die sie brauchen. Am 1. September startete das neue Schuljahr. Viele Eltern weinten und sagten: «Wie können wir unsere Kinder in die Schule schicken, wenn es nichts zum Frühstück gibt?» Ich hätte mir nicht vorstellen können, so etwas jemals zu erleben!
Schildern Sie uns bitte den Alltag in Berg-Karabach noch etwas genauer.
Ich versuche es. Wir sind zu Fuss unterwegs, nichts und niemand fährt mehr. Was immer wir von A nach B bringen müssen, das tragen wir. Das Fahrrad ist ziemlich populär geworden. Manchmal scherzen wir miteinander: «Das ist ein gesundes Leben! Wir gehen mehr zu Fuss und essen weniger.» In Tat und Wahrheit ist es so, dass wir essen, was wir kriegen und dann so tun, als sei es gesundes Essen. Dann: Nicht mehr rauchen, absolut nicht rauchen! Können Sie sich das vorstellen? Für Menschen, die in den letzten 30 Jahren geraucht haben, ist das sehr hart. Wir leben von dem, was wir noch haben und das ist wenig. So ist unsere Situation.
Aserbaidschan blockiert auch die Stromzufuhr. Wie wirkt sich das aus?
Mit der Elektrizität ist es sehr schwierig. Wir haben sechs Stunden Stromausfall pro Tag, aber während 18 Stunden haben wir Strom. Aber wie mir ein Spezialist erklärte, wird das im Herbst oder Winter nicht mehr möglich sein. Es wird nicht genug Strom geben. Im Winter werden die Menschen nicht in der Lage sein, zu Brennholz zu kommen, weil es keinen Diesel für die Lastwagen gibt, die in die Wälder fahren, um Holz zu holen. Mangels Treibstoff werden auch keine Camions in die Dörfer fahren, um bei den Bauern Gemüse und Lebensmittel zu holen. Es gibt keine staatliche Hilfe für Lebensmittel – eine Ausnahme ist das Brot, das jetzt organisiert wurde.
Ist es noch möglich, Geld zu überweisen?
Das ist ein grosses Problem für das Wirtschaftsleben und den Handel. Inzwischen kann man in den Läden nichts mehr kaufen. Was es noch zu kaufen gibt, ist auf dem Schwarzmarkt zu finden. Man braucht Bargeld, wenn man etwas haben will und die Preise sind viel höher als normal.
Wie gehen die Menschen mit all diesen Einschränkungen um?
Jeder hier versucht, dieser unhaltbaren Lage zu entrinnen. Aber die einzige Möglichkeit, das Land zu verlassen, ist, dass wir zwei- oder dreimal pro Woche über das Rote Kreuz zehn Patienten und fünf bis sechs Betreuer nach Armenien zur Behandlung schicken können. Stellen Sie sich vor, diese Patienten sind glücklich über ihre schweren Krankheiten! Aufgrund ihres lebensbedrohlichen Zustands werden sie nach Armenien geschickt zur weiteren Behandlung oder zur Operation. Andere müssen bleiben und hoffen auf den Tag, an dem die Grenze aufgeht und sie Berg-Karabach verlassen können.
Aber ich freue mich auch, dass viele Menschen verstehen, dass die gegenwärtige Lage eine andere Art von Krieg ist. Das Ziel der Aseris ist es, die Armenier aus Karabach zu vertreiben, also müssen wir unser Bestes geben, um so lange wie möglich zu bleiben. Aber wir wissen nicht, wie lange wir unter diesen Umständen dazu in der Lage sind. Wir machen weiter im Wissen, dass es morgen schlimmer sein wird als heute.
Was können Menschen, die vom Schicksal der Karabach-Armenier betroffen sind, tun?
Mir ist bewusst, dass sie uns nicht wirklich helfen können. Man kann uns keine Hilfspakete schicken! Was dann? Sie können für uns beten, und das ist das Wichtigste, was jeder für uns tun kann, weil das wirklich eine Veränderung bewirken kann. Und hoffentlich wird eines Tages die Grenze geöffnet, und dann danken wir für humanitäre Hilfe, damit das Leben hier wieder so wird, wie sie vorher war. Wir wollen auf keinen Fall betteln. Aber wenn Sie hier wären, würden Sie Ihren Augen nicht trauen. Eine solche Situation kann man sich nicht ausmalen. Selbst während des Krieges hätte ich mir nicht vorstellen können, was wir jetzt erleben. Seit dem 12. Dezember 2022, dem Beginn der Blockade des Latschin-Korridors, ist alles zusammengebrochen. Während vielen Wochen glaubten wir: “Das geht vorbei, das ist bald vorbei!” Aber jetzt wachsen Ernüchterung und Depression, weil wir kein Licht am Ende des Tunnels sehen können.
Interview: Joel Veldkamp
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