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Das Schneehuhn Panorama der alpinen Fauna
Das ursprünglich aus dem hohen Norden stammende Alpenschneehuhn (Lagopus mutus) ist die am besten an die extremen klimatischen Bedingungen des Hochgebirges angepasste Vogelart. Ähnlichkeiten verbinden es mit dem Schneehasen: Beide Tiere haben den gleichen Lebensraum, werden im Winter schneeweiss und sind Relikte der letzten Eiszeit. Als diese Periode zu Ende ging, folgten die Tiere entweder dem Rückgang des Eises, um in ihren ursprünglichen Lebensraum zurückzukehren, oder sie zogen in unsere Berggebiete.
Wie das Birkhuhn gehört das Alpenschneehuhn zur Familie der Raufuss-hühner; allen Arten dieser Familie eigen sind ihre beﬁederten Nasenöffnungen und Zehen sowie die grossen, zinnoberroten «Rosen» über den Augen. Das Schneehuhn ist 32,5 bis 39 cm lang, seine Spannweite misst 54 bis 65 cm. Im Herbst, wenn die Vögel ihr höchstes Gewicht erreichen, sind die Hähne zwischen 375 und 540 g und die Hennen zwischen 330 und 480 g schwer. Ihre Läufe sind bis zu den Zehen von langen Federn bedeckt, was dem Tier seinen wissenschaftlichen Namen gegeben hat: Lagopus leitet sich ab von «lagos» (Hase) und «pus» (Fuss). Seine Krallen, die im Sommer 9 mm messen, werden im Winter bis zu 17 mm lang, was dem Huhn erlaubt, die Schneedecke aufzukratzen, um darunter seine Nahrung zu ﬁnden, und sich fortzubewegen, ohne auszurutschen.
Das Geﬁeder des Schneehuhns isoliert extrem gut: Jede Feder ist an ihrer Basis mit einer zweiten, daunigen Feder, Hyporachis genannt, verdoppelt. Das Schneehuhn mausert sich dreimal pro Jahr. Die winterliche schützende Beﬁe-derung ist dichter als die anderen und von einem reinen Weiss: Nur der Schnabel, das Auge und 12 der 14 Steuerfedern1 (das mittlere Paar ist weiss) sind schwarz; Letztere sind aber nur beim Flug gut sichtbar und werden sonst von den unteren und oberen Schwanzfedern überdeckt. Der Hahn unterscheidet sich von der Henne durch einen schwarzen Streifen zwischen Schnabel und Auge. Die Mauser vor der Paarungszeit beginnt im Allgemeinen Mitte April und endet Mitte Juni. Sie läuft bei der Henne schneller und vollständiger ab als beim Hahn; damit ist sie im Nest perfekt getarnt. Das Geﬁeder des Männchens ist bei der Paarung am Kopf, am Hals und am Oberkörper dunkel und schwarzbraun marmoriert; der Bauch ist weiss. Das Weibchen ist heller und rötlicher, sein Geﬁeder weist eine feine weisse, beige, fahlgelbe und schwarze Bänderung auf. Zwischen Ende Juli und September ﬁndet die zweite Mauser, jene nach der Paarung, statt, die auch die Schwung- und die Steuerfedern, die allerdings ihre Farbe nie wechseln, betrifft. Das Herbstkleid des Männchens ist jenem während der Paarungszeit sehr ähnlich, nur etwas stärker grau gefärbt, während jenes des Weibchens bräunlicher ist. Die dritte Mauser ist nur unvollständig, ﬁndet im Herbst statt und verstärkt die Tarnung und den Schutz des Vogels. Die weissen Federn werden immer zahlreicher, bis der Vogel Ende November ganz weiss ist. Die Laute des Schneehuhns, ein raues, hölzernes Knarren, sind über mehrere 100 Meter zu hören und verraten oft seine Anwesenheit. Man kann sie zu jeder Jahreszeit vernehmen, vor allem bei Nebel («Kontaktruf») oder wenn der Vogel ﬂüchtet («Angstruf»).
Das Schneehuhn, das einen festen Standort strikte einhält, ist in den Alpen über der oberen Waldgrenze zu ﬁnden, und zwar an schattigen Flanken, wo sich Felsen und eine karge Vegetation abwechseln. In der Brutzeit halten sich die Paare im tiefer gelegenen Teil ihres Lebensraumes auf. Die meisten Hennen nisten zwischen 2000 und 2500 m; im Sommer aber leben die Vögel in der Nähe der Firnfelder und der Gletscher in einer Höhe von manchmal über 3000 m! Bewegen sich die Schneehühner bei den ersten Schneefällen nach unten, so suchen sie mitten im Winter bei viel Schnee die windabgeblasenen Kämme, Kreten und Sättel auf, um ihre Nahrung dort zu ﬁnden. Die Männchen besetzen ab Ende Herbst oder Anfang Frühling ein Territorium, das sich im Winter über 20 bis 35 Hektaren erstreckt, sich aber nach der Paarung auf 10 bis 12 Hektaren verringert. In dicht bewohnten Sektoren kann der Bestand drei bis fünf Paare pro Quadratkilometer erreichen. Das Territorialverhalten ist während der Balz- und Paarungszeit intensiver.
Das Alpenschneehuhn ist in allen arktischen und subarktischen Regionen der nördlichen Hemisphäre weit verbreitet, und dies bis auf 82 Grad nördlicher Breite! Man trifft diesen Vogel aber auch in Japan an – der südlichen Begrenzung des Verbreitungsgebietes (36° nördliche Breite) sowie in den Pyrenäen und im ganzen Alpenbogen, von den Seealpen bis zur Steiermark. 1987 wurde der Bestand in der Schweiz auf 12000 bis 15000 Hähne geschätzt; jedes Jahr werden zwischen 600 und 800 Schneehühner durch Jäger erlegt.
Das Schneehuhn ﬂiegt, wenn es nicht gestört wird, nur wenig. Es verbringt die meiste aktive Zeit damit, die alpinen Rasen nach Nahrung abzusuchen. Im Gegensatz zu den Waldhuhnarten zeigt das Schneehuhn eine bemerkenswerte Toleranz gegenüber dem Menschen, da es auf seine aussergewöhnliche Tarnung vertraut. Der Vogel, der normalerweise unbeweglich bleibt, versteckt sich oder ﬂüchtet erst, wenn der Eindringling zu nahe kommt, d.h. auf eine Distanz zwischen 15 bis 20 m. Dieser Abstand ist bei kaltem, windigem Wetter deutlich kürzer (manchmal nur zwei, drei Meter!). Wenn der Vogel ﬂüchtet, startet er sehr abrupt, um erst danach in einen Gleit-ﬂug überzugehen. Er streift das Gelände und passt sich dabei der Topograﬁe an, führt manchmal ein paar nervöse Flügelschläge aus und kann sehr schnell die Richtung wechseln, wenn er einen Grat überﬂiegt. Er landet im Allgemeinen nur ein paar 100 Meter vom Ort entfernt, wo er gestartet ist.
Das erwachsene Schneehuhn ernährt sich von Pﬂanzen und nutzt auch Zwergsträucher. Es verzehrt vor allem Knospen und Kätzchen von Weidenarten, Blätter und Knospen von Preisel-und Moorbeeren, Bärentraube und Alpenrose, Blätter von Alpenazalee, Krähenbeere, Erika und Feld-Thymian. Im Gegensatz zum Auerhuhn nimmt es – abgesehen von der Krähenbeere – wenig Beeren zu sich. Zu Beginn des Wachstums verschlingen die Küken viele wirbellose Tiere sowie keimende und damit proteinreiche Pﬂanzen.
Die Hauptfeinde dieser kleinen Hühnerart sind Raubsäuger und Greifvögel. Die gefährlichsten Feinde am Boden sind der Fuchs und das Hermelin. Letzteres fängt vor allem Küken und Jungtiere, greift manchmal aber auch Hähne an. Auch der Marder verursacht einige Verluste. Unter den Raubvögeln sind der Steinadler und der Uhu die gefürchtetsten Feinde. Die Rabenvögel (Rabe, Dohle und Kolkrabe) machen sich dagegen vor allem über Eier und Jungvögel her. Die grössten durch den Menschen verursachten Störungen sind natürlich die Seile von Bahnen und Liftanlagen, die bei Nebel zu tödlichen Fallen werden. Auch das Gewimmel von Rabenvögeln in der Nähe von Skistationen ist ein Problem: Es führt zu einer deutlichen Erhöhung der Plünderung von Nestern.
Beide Geschlechter erreichen das fort-pﬂanzungsfähige Alter am Ende ihres ersten Lebensjahres. Dann beginnt jedes Männchen, sich auf ein Territorium zu ﬁxieren, und hindert jeden anderen Hahn am Betreten. Das Weibchen bewegt sich zwischen den verschiedenen Territorien hin und her, bevor es seinen Partner wählt. Die Paare bilden sich im April, die Balz erreicht dann ihren Höhepunkt zwischen dem 1O. Mai und dem 1O. Juni. Ihr spektakulärster Teil ist der Balzﬂug des Schneehahns: Nachdem er 10 bis 15 m aufgestiegen ist, schwebt er ein paar Sekunden mit ausgebreiteten Steuerfedern durch die Luft und gibt dabei laute, weit tragende Rufe von sich, bevor er sich fallschirmartig mit weit geöffneten Flügeln senkt. Am Boden balzt der Hahn ähnlich wie der Birkhahn. Er stellt die zum Fächer ausgebreiteten Unterschwanzfedern zur Schau, dreht sich so, dass die Unterseiten der halb geöffneten Flügel zu sehen sind, streckt die Brust nach vorne und den Kopf nach hinten. Seine Rufe gleichen den normalen Lauten: ein langes, raues Knarren, das schleppend anfängt und am Ende etwas abgehackt ist («orrr-arrr-kark'ka'-karrk»). Während der Balz überwacht der Hahn sein Territorium von einer erhöhten Warte aus.
Das Männchen beginnt zwei Wochen vor dem Legen der Eier mit dem Graben kleiner Mulden; das Weibchen macht es ihm ein paar Tage später nach. Nachdem es seine Wahl getroffen hat, bereitet es ein einfaches Nest vor, indem es die Mulde mit ein paar Zweiglein, Wurzelfasern, Daunenfedern und etwas Moos auslegt. Das auf Gedeih und Verderben der Unbill des Wetters und Räubern ausgeliefer-te kleine Nest ist nur 5 bis 7 cm tief, 13 bis 14 cm breit und 15 bis 17 cm lang. Es ist vielfach unter einem kleinen Strauch oder Busch versteckt, gegen einen Stein gelehnt oder von einem Grasbüschel überdeckt. Das Weibchen legt in Abständen von einem bis zwei Tagen 6 bis 9 Eier. Mit dem Bebrüten beginnt es aber erst nach dem Legen des letzten Eis, damit alle Küken gleichzeitig schlüpfen können. Das Weibchen brütet 23 oder 24 Tage, ohne sich in dieser Zeit um schlechtes Wetter oder Menschen zu kümmern. Es vertraut so sehr auf seine hervorragende Tarnung, dass man ihm manchmal die Hand auf den Rücken legen könnte, bevor es wegﬂiegt.
Die Küken schlüpfen in weniger als 12 Stunden. Sie verlassen das Nest noch am gleichen Tag, sobald ihre Daunen trocken sind (Nestﬂüchter!), und sind von Anfang an fähig, ihre Nahrung selbst zu ﬁnden. Die Familie verlässt das Fortpﬂanzungsterritorium, um den Sommer in der Nähe der Firnfelder zu verbringen. Der Hahn sondert sich ab und hält sich in noch grösserer Höhe auf. Schlechte Witterungsverhältnisse (Kälte, Feuchtigkeit) am Beginn des Wachstums der Jungvögel sind einer der Hauptgründe für ihre hohe Sterblichkeit: Wie beim Auerhuhn ist die Überlebensrate der Jungen sehr tief. Studien im Aletschgebiet haben gezeigt, dass auf 6 oder 7 Küken durchschnittlich nur 2,6 das Alter von zwei Monaten erreichen.
Trotz dieser hohen zyklischen Schwankungen der Bestände ist das Alpenschneehuhn das einzige einheimische Raufusshuhn, das nicht bedroht ist – zweifelsohne weil ihm der Mensch seinen schwer zugänglichen Lebensraum kaum streitig macht.