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In zügigem Tempo pflügt sich Oliver Häberlin (40) mit seiner Vespa durch den Wahnsinn der Stosszeit von Medellín: An jedem Rotlicht ein Heer von Verkäufern, auf dem Pannenstreifen in der Unterführung schlafen Obdachlose, und auf der Autobahn wird links und rechts überholt.
Der Rheintaler lebt seit vier Jahren in der kolumbianischen Wirtschaftsmetropole. Seine Frau Natalia (41) kam in Medellín zur Welt, wuchs aber in der Schweiz auf. Als sie vor rund zehn Jahren heirateten, hätte sich Oliver Häberlin nie vorstellen können, dass er dereinst in Kolumbien leben würde – und dann erst noch in Medellín.
Lange galt die südamerikanische Stadt am Fusse der Anden als gefährlichstes Pflaster der Welt. Alleine im Jahr 1991 wurden über 6000 Menschen ermordet. Schiessereien und Explosionen gehörten zum Alltag. Nach Anbruch der Dunkelheit trieben sich nur noch Kriminelle auf den Strassen rum.
Im vergangenen Jahr listete die «New York Times» Medellín unter den «52 places to go in 2015» auf. Die Vorhut der Massen, die Rucksacktouristen, haben die Drei-Millionen-Stadt bereits erobert: Am liebsten tummeln sie sich im Poblado, einem Quartier des oberen Mittelstands mit vielen Bars und Restaurants.
Neben einem pulsierenden Nachtleben mit sagenhaft günstigen Preisen lockt Medellín beziehungsweise seine Umgebung mit zahlreichen Adrenalin-Boostern: Im Angebot stehen etwa Paragliding, Canyoning und Rafting. Eher Kulturinteressierte wandeln in Medellín auf den Spuren des bildenden Künstlers Fernando Botero und reisen dann in die Kaffeezone weiter, um auf einer Hacienda mehr über das wichtigste Exportgut von Kolumbien zu erfahren.
Drogenbaron als Touristenattraktion
Wie wurde aus der gefährlichsten Stadt der Welt eine angesagte Touristendestination? Die Wende kam 1993 mit dem Tod von Pablo Escobar. Der Drogenbaron prägte das Schicksal von Medellín während mehr als einem Jahrzehnt. 1989 war «El Capo» laut dem «Forbes Magazin» mit einem Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar der siebtreichste Mann der Welt und kontrollierte 80 Prozent des internationalen Kokainmarktes.
Durch seine Unterstützung von Spitälern und Schulen kaufte er sich die Gunst der armen Bevölkerung. Gleichzeitig liess Escobar jeden ermorden, der ihm nicht passte.
Heute ist die Escobar-Tour eine der touristischen Höhepunkte der Stadt. Täglich wird das Grab des Drogenmilliardärs auf dem Friedhof Jardines de Montesacro von geführten Gruppen besucht. Nicht selten treffen sie dort auf dubiose Gestalten, die in andächtiger Stille im Schatten einer Miami-Palme stehen.
Die Familie Häberlin wohnt mit ihren beiden Buben Luis (10) und Matteo (8) gleich neben dem Friedhof in einem Conjunto, einer von einer hohen Mauer umgebenen Häusergruppe. Das Tor an der Einfahrt wird rund um die Uhr von einem Wächter bedient. «In Kolumbien sind Wächter im Quartier das, was in der Schweiz Geranien auf dem Fensterbrett sind. Sie gehören einfach dazu», sagt Oliver Häberlin. Sicherheit sei ständig ein Thema, aber man dürfe sich nicht verrückt machen lassen – «Medellín ist heute nicht gefährlicher als eine andere Grossstadt dieser Welt.»
Als heikel gilt Kolumbien aber nicht nur wegen der Kriminalität in den Städten, sondern auch wegen der Paramilitärs auf dem Land. Politisch motivierte Entführungen kommen immer noch vor. Allerdings leiden darunter primär die Einheimischen, wobei deren grösstes Problem nicht die Entführungen sind: In Kolumbien leben vier Millionen Menschen, die von der Guerilla von ihrem Land vertrieben wurden, am meisten leiden darunter die Kinder.
Aus diesem Grund engagiert sich das Ehepaar Häberlin unter anderem für ein Kinderheim in Medellín, in dem rund 50 Kinder leben und lernen. Vor allem mit dem Vermitteln von Patenschaften in der Schweiz können sie viel bewirken. Menschen in Not zu helfen, war für das gläubige Paar ein wichtiger Beweggrund: «Wir wanderten nach Kolumbien aus, weil wir etwas wagen und bewegen wollten», erklärt Natalia Häberlin.
Oliver Häberlin ist Werber und betreibt über den Ozean eine Agentur in Grabs SG. Zwecks Pflege des Kundenkontakts hält er sich zwei- bis dreimal pro Jahr in der Schweiz auf. Natalia Häberlin ist ursprünglich Primarschullehrerin, absolvierte in der Schweiz eine Weiterbildung zur Lebensberaterin und ist jetzt im therapeutischen Bereich tätig.
Bei ihrer Ankunft in Kolumbien kämpften die Häberlins vor allem mit der Bürokratie: «Auf den Ämtern braucht man unglaublich viel Geduld.» Auch die Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit seien ein Problem. Dennoch sind die beiden glücklich in ihrer Wahlheimat: «Wir haben hier einfach viel mehr Lebensqualität. Wir arbeiten weniger und können unsere freie Zeit in sinnvolle Projekte investieren.»
Von mehr Lebensqualität schwärmt auch Christina Varveris (36), die in der Küstenstadt Cartagena de Indias lebt. Die Solothurnerin mit griechischen Wurzeln verliebte sich vor vier Jahren bei einem sechswöchigen Sprachaufenthalt in einen Einheimischen und entschloss sich, ihren Journalistenjob in der Schweiz an den Nagel zu hängen. Heute ist sie Mutter einer zweijährigen Tochter und führt eine Kite-Surf-Schule mit fünf Angestellten.
Obwohl die Beziehung inzwischen in die Brüche gegangen ist, bereut sie ihren Entscheid keine Sekunde:«Ich lebe einen Traum. Ich habe immer schönes Wetter, lebe am Meer und habe eine eigene Kiteschule.»
Cartagena liegt an der Karibikküste, gilt als eine der schönsten Kolonialstädte Südamerikas und ist die meist besuchte Sehenswürdigkeit Kolumbiens. 1984 wurde das mit einem Festungsring umgebene Zentrum von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Was einst Piraten abschreckte, erschwert heute auch die Arbeit von kommunen Dieben. Dank der Mauern lässt sich die Stadt einfach kontrollieren, und Touristen können noch zu später Stunde sorglos durch die hübschen Gassen flanieren.
Vielfalt für jeden Geschmack
Cartagena ist aber längst nicht das einzige Juwel des Andenstaates: Da wäre zum Beispiel die Ciudad Perdida, eine präkolumbianische Stätte im Norden des Landes. Die mitten im Dschungel gelegenen Ruinen sind zwar nicht vergleichbar mit denjenigen im peruanischen Machu Picchu, haben aber ihren besonderen Reiz: Der Besuch ist mit einem fünftägigen Trekking verbunden, was die Massen fernhält und Aktivreisende freut.
Auch Tierliebhabern hat Kolumbien einiges zu bieten. Von Juli bis Oktober ziehen jeweils Buckelwale an der Pazifikküste vorbei, von September bis Dezember schleppen sich Riesenschildkröten zum Eierlegen an die Strände. Und dann ist da natürlich noch der kolumbianische Teil des Amazonasbeckens, der mit einer gewaltigen Flora und Fauna lockt.
Wer es lieber kühl und karg mag, entscheidet sich für ein Trekking im El Cocuy: Der Nationalpark, der etwa so gross ist wie der ganze Kanton Waadt, liegt mehrheitlich über der Baumgrenze. Seine weiten andinen Hochebenen sind gesäumt von 15 schneebedeckten Fünftausendern.
Eigentlich ist Kolumbien mit seiner Vielfalt das perfekte Reiseland. Zumal man selbst mit kleinem Budget sehr lange unterwegs sein kann. Wenn da nur nicht der schlechte Ruf aus der Vergangenheit wäre. Aber die Zeiten ändern sich. Das zeigen auch die Besucherzahlen: Von 2000 bis 2015 hat sich die Anzahl ausländischer Gäste von einer halben Million auf zweieinhalb Millionen erhöht.
Bilder: Joaquín Sarmiento / Laif