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Ohne ein letztes Aufbäumen wollte sich Serena Williams nicht verabschieden. Und als sie beim Stand von 1:5 einen Matchball abwehrte und Spiel um Spiel aufholte, wurde das bis auf den letzten Platz ausverkaufte Arthur Ashe Stadium zum Tollhaus. Über 23'000 Fans machten einen derart ohrenbetäubenden Lärm, dass sich Bianca Andreescu zwischenzeitlich sogar die Ohren zuhielt. Es war am Samstagabend New Yorker Zeit eine aufgeladene Atmosphäre, die jeden Routinier ins Zittern hätte bringen können.
Nicht aber den kanadischen Teenager. Andreescu fing sich wieder und sicherte sich mit einem krachenden Vorhand-Return beim dritten Matchball ihren ersten Grand-Slam-Titel. Erst jetzt war es um die Nerven der Aufsteigerin des Jahres geschehen. Einen kurzen Moment lang schien sie ihr Glück nicht fassen zu können, dann bekreuzigte sie sich und liess sich rücklings auf den Boden fallen.
Mit Glück hat Andreescus Triumph allerdings rein gar nichts zu tun. Das betonte auch Serena Williams, die den Abend nicht wie im letzten Jahr bei der ebenso überraschenden Niederlage gegen Naomi Osaka durch ihr skandalöses Verhalten gegenüber dem Schiedsrichter trübte. "Ich liebe Bianca", sagte die bald 38-jährige Amerikanerin, die weiter darauf warten muss, mit ihrem 24. Grand-Slam-Titel zur Rekordhalterin Margaret Court aufzuschliessen. "Sie spielte unglaublich gut. Von mir war das leider der schlechteste Match des Turniers. Ich glaube, ich hätte besser spielen, mehr machen können. Mehr Serena sein."
Genau da liegt aber das Problem von Williams. Sie hat eine ihrer überragenden Stärken der Vergangenheit verloren: in wichtigen Partien ihr bestes Tennis zu spielen. Seit der Geburt ihrer Tochter vor zwei Jahren stand sie in vier Grand-Slam-Finals, war in allen die Favoritin und verlor alle. In diesem Jahr hat keine bei den vier Majors mehr Spiele gewonnen als Williams. Die Titel holten aber andere. Einfacher wird die Rekordjagd für sie nicht.
In Flushing Meadows gewannen in den letzten Jahren immer wieder überraschende Spielerinnen: Samantha Stosur 2011, Flavia Pennetta 2015, Sloane Stephens 2017 und Naomi Osaka vor einem Jahr. Manche haben danach nicht mehr viel gewonnen, doch Andreescu wird wie Osaka keine Zufallssiegerin bleiben. Sie hat alles, um in den kommenden Jahren im derzeit so unberechenbaren Frauentennis eine dominante Rolle zu spielen.
Andreescu verfügt über eine unglaubliche Spielintelligenz und Übersicht. Sie schafft es, ihre Gegnerin aus der Komfortzone zu bringen, scheut sich nicht, bei guten Gelegenheiten ans Netz vorzurücken, hat einen überdurchschnittlichen Aufschlag und, vielleicht am wichtigsten, ist eine sensationelle "Big Point"-Spielerin. Wenn es zählt, ist sie da, das mussten im Halbfinal Belinda Bencic und im Final Serena Williams schmerzlich erfahren. Sie hat in ihrer Karriere nun acht Mal gegen eine Top-Ten-Spielerin gespielt - und achtmal gewonnen. Ab Montag gehört sie als Nummer 5 ebenfalls diesem Kreis an.
Ihre Fassung verlor die in Mississauga bei Toronto neun Monate nach Williams' erstem US-Open-Titel geborene Tochter von rumänischen Einwanderern erst nach dem Spiel. "Ich kann gar nicht in Worte fassen, was das für mich bedeutet", sagte sie. "Ich habe davon geträumt, gegen Serena, einen der grössten Champions unseres Sports, zu gewinnen." Auch Andreescu machte schon schwere Zeiten durch. Im letzten Jahr verpasste sie rund sechs Monate wegen einer Rückenverletzung, am US Open scheiterte sie in der 1. Runde der Qualifikation. Da war sie die Nummer 208 der Welt.
Nun verdiente sie auf einen Schlag 3,85 Mio. Dollar, ist die erste Spielerin mit Jahrgang 2000, die ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat, die erste Kanadierin, die erste Spielerin in der Profiära (seit 1968), die gleich beim ersten US Open triumphierte. Die Liste könnte fast endlos weitergehen. Eine Sensation ist Andreescus Sieg dennoch nicht, sie hatte mit ihren Titeln bei den Premier-Turnieren in Indian Wells und Toronto ihr immenses Potenzial bereits angedeutet.
(sda)