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"Herr Meier", sagte Karlchen
Achim H. Pollert (*) über eine Debattiertechnik
und ihre Hintergründe
Zugegeben: Karlchen war eine Lachnummer.
Ein bisschen schwammig und welk in der Gesamterscheinung. Er konnte einem nicht geradewegs in die Augen schauen. Wenigstens nicht lange. Einer, der sich schwer bemühte, wie das Licht-Double von Bill Gates zu erscheinen. Dazu so ein groteskes Braun im Gesicht, das auf seiner verlebten Haut eher zu einem dunklen Grau wurde. Er stank nicht. Aber er sah so aus.
Karlchen nannte sich Kommunikationsberater. Er sass in einem sündhaft teueren Büro in gepflegter Stadtlage. Nur gelegentlich machte er sich im einen oder anderen Medium öffentlich.
Und er hatte zwei Anliegen.
Einerseits sollten ich und der Rest der Menschheit erfahren, dass er ein Vermögen von 14 Millionen zusammengetragen hätte. Diesen Betrag hatte er wohl auch schon bei einem Auftritt im Fernsehen genannt. Diesen Betrag hatte er vor einigen Monaten vor Gericht genannt, als sie ihn zu seinen Lebensverhältnissen befragten.
Und diesen Betrag nannte er nun auch mir gegenüber. Mehrfach. Unbedingt sollte ich glauben, was für ein reicher Mann er doch wäre. Immerhin. Gemessen an normalen bürgerlichen Verhältnissen.
Und das andere Anliegen betraf das Problem, das Karlchen mit dem Selbstwertgefühl in meiner Gegenwart hatte.
Geradezu physisch spürbar war, dass er mir nur allzu gerne auf gleicher Höhe in die Augen geschaut hätte. Und fast greifbar war sein Leiden darunter, dass ihm das nicht gelingen wollte. Flüchtig die blinzelnden Blicke, die dann immer wieder nur ausweichen konnten. Dazwischen dieses "Anschauen ohne Anschauen", also dem Blick nicht auszuweichen, sondern ihn auf die Stirn oder das Ohr zu richten, so dass er wohl am Auge vorbei, aber doch irgendwie gerade heraus schien.
Ob Karlchen zitterte, weiss ich nicht.
Zu sehen war, dass er während der Unterredung schwitzte. Und natürlich erging er sich in übelstes allgemeines Gelaber, von den Deutschen, die von Natur aus besser Deutsch können als die Schweizer, von den Amerikanern, die von Natur aus dümmer sind als Europäer. Und davon, dass die Grossbanken sich von ihm ihre Jahresberichte schreiben liessen.
Und dergleichen.
Das Dilemma
Karlchen steckte in der Klemme. Einerseits hatte er mich zu diesem Gespräch eingeladen auf Grund dessen, was er auf dem Papier von mir wusste. Seit ich nun aber vor ihm sass, war auf der anderen Seite jedoch klar, dass eine Zusammenarbeit mit mir nicht in Frage kam.
Schliesslich wollte Karlchen nicht tagtäglich jemandem ganz nah begegnen, bei dem er den einen oder anderen Selbstzweifel erlebte und der ihm womöglich die Sache mit dem Vermögen nicht glaubte. 14 Millionen Gründe, um mich abzuwimmeln!
Aber keinen einzigen davon konnte er so ohne weiteres nennen.
Und konkret nennen konnte er auch nichts so recht, da er mich ja schliesslich zum Gespräch gebeten hatte und auf dem Papier konkret schon alles über mich wusste.
Ueble Lage also...
Abhilfe kam für ihn schliesslich über mein Aeusseres.
Denn ich war für Karlchen zu dick - nachdem ihm von den tatsächlichen Gründen nichts eingefallen war, das er hätte sagen können.
Dass ich ihm zu schlau war, konnte er nicht sagen. Auch nicht, dass er Angst hatte, ich würde ihn durchschauen. Und natürlich auch nicht, dass ihm irgendwie unbestimmt etwas an mir nicht passte.
Aber aus der Sicht von Karlchen konnte man das mit dick und Uebergewicht schliesslich immer sagen.
Dick gleich hässlich. Dick gleich asozial. Dick gleich krank. Dick gleich faul.
Und alle Dicken wollen schliesslich abnehmen - das zumindest das abschliessende Weltbild von Karlchen.
Aber wie das sagen?
Wie gesagt: Eine Lachnummer. Peinlich dazu.
Aber immer noch stand Karlchen natürlich vor dem Problem, dass er zwar jetzt wusste, was er mir sagen wollte. Je mehr er vom Fressen und von der Erwerbsunfähigkeit faselte, desto wohler wurde ihm sichtlich.
So ganz blank konnte er natürlich nicht zu jemandem sagen: "Sie sind mir zu fett" - zumal wenn er vor dem Betreffenden ja Angst hatte.
Und da kam dann das Versteck hinter dem Zitat.
Und das wiederum erinnerte mich in diesem Augenblick unmittelbar an eine Argumentationstechnik, die man immer wieder im Umgang mit eher unangenehmen Typen beobachten kann.
Mit genau der gleichen Nummer, die er jetzt bot, war Karlchen mir nämlich viele Jahre davor schon einmal an einer Veranstaltung unangenehm aufgefallen, als er sich für die EU-Integration der Schweiz stark gemacht hatte.
Er erzählte mir nämlich in diesem Augenblick von "einem guten Freund", der ihn nach langer Zeit wieder angerufen hätte. Und dieser "gute Freund" hätte dann am Telefon zu ihm gesagt: "Karl, ich muss dir sagen, ich habe 30 Kilo abgenommen..."
Richtig.
Nicht ganz zwei Jahrzehnte davor hatte Karlchen an einer Veranstaltung eben genau dasselbe geboten. Damals hatte er einen "Schweizer Geschäftsfreund" erfunden, den er ebenfalls so zitierte: "Ach wissen Sie, Herr Meier, vorerst reicht unser Geld ja noch, dass wir nicht in die EU brauchen..."
Ich bekam dann noch etwas Prospektmaterial in die Hand gedrückt, das auf dickem, beinahe kartonhaftem rauhem Papier gedruckt war. Ein schwammiger, unangenehmer Händedruck.
Der Prospekt wanderte dann gleich in den ersten Abfalleimer auf der Strasse, und ich war einigermassen schlecht gelaunt für den Rest des Tages.
Alltägliches Verhalten
Mitgenommen habe ich von dem Termin damals die Erkenntnis, dass es sich bei diesem Schein-Zitieren um ein sehr alltägliches Verhalten handelt. Immer wieder begegnen einem solche Gestalten, die von einem angeblichen Dritten berichten, den sie dann zitieren.
Und zitiert wird immer nach dem Muster, dass sie sich selber namentlich ansprechen.
"'Wissen Sie, Frau Müller,' hat der zu mir gesagt..."
"'Peter', hat mein Freund da gesagt...."
Es wird also behauptet, jemand anderer hätte dieses oder jenes gesagt. Diese andere Person wird jeweils nicht näher genannt oder beschrieben. Das ist "ein Freund", "ein Geschäftsmann" und dergleichen. Noch lieber wird dieses Konstrukt dann auch in eine Respektsperson ("ein Arzt", "ein Top-Manager", "ein Professor" u.ä.) verpackt. Und immer wird diese - in der Regel erfundene - Person noch einmal so zitiert, dass der eigene Name dem Ganzen vorangestellt wird.
Hat man als Beobachter diese Debattiertechnik erst einmal beim Gegenüber erkannt, dann lässt das immerhin Rückschlüsse zu auf die Persönlichkeitsstruktur des Menschen, der so spricht.
"Ja, da sagte dieser gebildete Herr zu mir: 'Herr Müller, da haben Sie recht...'"
Jemand, der sich in einer Diskussion so verhält, verfügt zunächst einmal über KEIN AUSGEPRÄGTES SELBSTVERTRAUEN. Deshalb erfindet er sich noch eine Legitimation hinzu, indem er sich auf eine ominöse namenlose Persönlichkeit bezieht. Und um dann aber von vorne herein noch einmal klarzustellen, dass nicht er selber hier spricht sondern eben diese anonyme Dritt-Person, muss er noch einmal seinen eigenen Namen hier vorausschicken.
Ganz wichtig ist dieses "'Herr Meier', hat der zu mir gesagt" - denn damit weist man von vorne herein schon einmal jegliche Verantwortlichkeit für das, was jetzt kommt, weit von sich. Und nicht zuletzt kreiert man vor den anderen Diskussionsteilnehmern auch noch einen vermeintlichen Verbündeten, der einem ja recht gegeben hat.
Etwa im Stil: "Schau, wir sind ja schon zu zweit! Nämlich derjenige, den ich zitiere - und ich..."
Und dazu wird dann gerne auch die Selbstaufwertung noch mitgenommen, der zufolge ja die angebliche bedeutende Persönlichkeit namentlich das Wort an mich gerichtet oder mich sogar um Rat gefragt haben soll.
Nicht nur ein eher SCHWACHER UNSICHERER CHARAKTER dürfte sich hinter solchen argumentativen Winkelzügen verschanzen. Vielmehr steht zu befürchten, dass hier LÜGE UND SCHUTZBEHAUPTUNG stecken.
Denn das Ganze trägt in sich bereits den Zug des LÜGENGEBÄUDES, in dem Wahrheiten, Halbwahrheiten mit frei Erfundenem und nicht Ueberprüfbarem zu einem unübersichtlichen Konstrukt kombiniert werden. Und ein solches "Gebäude" wiederum ist sehr typisch für den analen Charakter, genauso wie eben auch SELBSTUNSICHERHEIT, ANGEBEREI und LÜGENHAFTIGKEIT.
Und wer sich diese Zusammenhänge vor Augen führt, wird leichter fertig im Umgang mit unangenehmen Zeitgenossen.
In der Familie.
Am Arbeitsplatz.
In der politischen Auseinandersetzung.
Sogar im geschäftlichen Gespräch mit Karlchen.
(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Ghostwriter und Fachautor
weitere Artikel zu diesem Thema:
Die drei Stufen der Rechthaberei
(...) siehe Anhang
So wie ich sind alle
(...) siehe Anhang
Das Versteck hinter dem Zitat
(...) siehe Anhang