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Ich frage unsere Kinder jeweils am Mittag, wie die Schule so war. Der Jüngere erzählt, dass er an diesem Morgen „viel arbeiten“ musste. Ich frage nach, ob das nun gut sei oder wie er das erlebt habe. Das sei sehr gut und „es fägt mega“. Ich war eher erstaunt über seine Aussage und wir plauderten weiter. Nach ein paar Minuten sagt er: „Weisst du, ich mag entweder ganz schwierige Aufgaben, wo ich arbeiten muss oder bubigägi einfache Aufgaben, aber das Mittelschwere mag ich gar nicht.“ Sein Bruder pflichtete ihm bei.
Ihre Empfindung deckt sich so gar nicht mit den Lehrbüchern und der Ansicht, dass Lern-Aufgaben eben nicht zu schwer oder zu einfach sein sollten, sondern eben eher so mittelschwer. Da ich ja viel lese, bin ich auf einen spannenden Umstand gestossen, der mir die Empfindung der Buben erklärt und zwar mit der Funktion des Gehirns beim Denken.
Zwei Denk-Prozesse
Im Gehirn gibt es für die Geschwindigkeit und die Beschaffenheit des Denkens das System 1 und das System 2.
Das System 1 ist schnell und automatisiert. Alles, was wir tun und uns nichts dabei denken, wird im System 1 abgewickelt. Also alltägliche, routinemässige Wahrnehmungs- und Denkleistungen, aber auch emotionale Wahrnehmung, wie Gesichter erkennen, etwas schön finden, sprechen, Auto fahren usw. Das System 1 erleichtert uns den Alltag ungemein. Es wird angenommen, dass System 1 keine oder wenig Energie verbraucht.
Das System 2 ist langsam, bewusst und willentlich kontrolliert. Dieses Denksystem fokussiert auf eine Aufgabe, kontrolliert die Denkleistung und bedeutet Anstrengung. Dies ist der Fall, wenn wir etwas Neues lernen. Das Ziel davon ist das Neue soweit zu lernen, dass es ins System 1 übergeht.
Energetisieren
Es wird vermutet, dass das System 2 viel Energie braucht. Das Gehirn nimmt die Energie in Form von Glukose aus dem Blut auf. Dabei verwendet das Gehirn ca. 20-25% des Gesamt-Energie-Bedarfs eines Tages. Die Energetisierung bezieht sich jedoch nicht nur auf die „Nahrungszufuhr“, sondern auch auf die Motivation. Da das Denken/Lernen im System 2 anstrengend ist und der Körper sehr effizient und ressourcenschonend funktioniert, braucht es ein gewisses Interesse an einem Thema oder die Sichtweise, dass das zu Lernende vielleicht jetzt gerade nicht so spannend ist, aber die Voraussetzung für weitere spannende Lern-Inhalte bildet, um den Aufwand auf sich zu nehmen. Bei Kindern ist dieser Belohnungsaufschub eher schwierig herzustellen, da sie sehr fest im Jetzt leben. Damit ein Mensch Energie für einen Lerngegenstand mobilisiere, muss er von Innen her (intrinsisch) motiviert sein zu lernen. Nach Kruse (2017) gründen viele Lern- und Denkprobleme in einem Mangel an Energetisierung.
Der Punkt ist, dass ein Kind, oder auch ein Erwachsener nicht von Aussen energetisiert werden kann. Er muss selber den Aufwand fürs Lernen betreiben wollen, weil das Thema für ihn bedeutsam ist. Wenn Lehrpersonen, Eltern, Dozenten oder Vorgesetzte dies versuchen für eine Person zu übernehmen, braucht das auf ihrer Seite sehr viel Energie und ist nicht befriedigend.
Zurück an den Küchentisch
Ich komme auf die Szene mit den Buben am Mittag zurück. Nach ihrer Aussage sollen Aufgaben entweder ganz leicht oder schwer sein, d.h. dass sie entweder im System 1 laufen möchten, also keinen Aufwand betreiben oder dann tief im System 2 in einem Thema, welches sie fasziniert. Wenn der Lerngegenstand für die Kinder bedeutsam und faszinierend ist oder sie sich in einem Wettkampf beweisen wollen, dann macht es ihnen Spass Energie fürs Lernen einzusetzen.
Schwierig sind für sie die Aufgaben, die für sie nicht bedeutsam sind und nicht einfach „aus dem Ärmel geschüttelt“ werden können. Darum kann ich nun gut verstehen, warum die Buben mittelschwere Aufgaben doof finden.
Nachtrag zum Energetisieren und der Vielfalt in Gruppen
Nach diesem Modell kann man sich auch überlegen, dass nicht alle Personen bei den gleichen Aufgaben im System 1 oder 2 „laufen“. Für eine Person, die kognitiv eher Mühe hat oder eine Person, die kognitiv stark ist, „läuft“ die gleiche Aufgabe je im anderen System ab. Für die Schule heisst das, dass kognitiv stärkere Kinder weniger Energie für die Schule verwenden, als kognitiv schwächere SchülerInnen. Jedoch haben wohl die kognitiv schwächeren SchülerInnen die besseren Strategien, wie sie sich selber energetisieren können, als kognitiv stärkere SchülerInnen, die dies seltener anwenden müssen. Daher brauchen auch kognitiv stärkere SchülerInnen unbedingt Aufgaben, die sie ins System 2 bringen, damit sie lernen „den inneren Schweinehund“ zu überwinden und Energie zu mobilisieren.
Ich wünsche dir für das neue Jahr viel Energie und v.a. intrinsische Motivation Neues zu denken und deinen Horizont zu erweitern. Viel Spass dabei!
Den Sachverhalt habe ich dem Buch: Kruse, O (2017). Kritisches Denken und Argumentieren (Seiten 27, 28, 33, 34). Konstanz: Verlag Huter & Roth KG