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«Wir haben uns schon sehr stark genähert», sagt der Reporter und zeigt auf sein Smartphone. Noch 21 Kilometer bis zu ihrem Ziel, lässt das Smartphone wissen. Der Weg, der zurückliegt, ist viel länger. Gestartet sind die Reporter in Hamburg. «400 Meter sind wir jetzt entfernt», ruft der Reporter aufgeregt.
Das Ziel ist ein Fernseher. Er ist Schrott. Abgegeben in Hamburg, verschifft nach Afrika. Ein solcher Export ist bei kaputten Elektrogeräten illegal. Jetzt sitzt er im Hafen in Ghana fest, östlich der Hauptstadt.
Reporter der Gruppe «Follow the Money» verfolgen jede Bewegung des Fernsehers. Sie haben beim Start der Recherche ein GPS-Gerät im Elektroschrott versteckt, um seinen Weg nachvollziehen zu können. Es sind viele Stationen.
Viele Zwischenhändler
Ein Händler holt das Schrottgerät kostenlos ab. Er verkauft ihn für ein paar Euro weiter. Ein weiterer Zwischenhändler verkauft ihn weiter an einen Exporteur, kriegt fünf Euro. Der Exporteur selbst kriegt 27 Euro und verschifft ihn nach Afrika. Eine Speditionsfirma verdient mit. In Ghana wird er weiterverkauft, vielleicht geflickt. Er kommt an in einem Hafen in Ghana. Weiter in die Vorstadt in Accra. Und alle verdienen mit.
Vor eineinhalb Jahren begann die Recherche, sagt Marcus Pfeil, einer der Journalisten. Nun ist aus dem Material eine multimediale Reportage geworden: Ein Dossier in der «Zeit», eine Fernsehreportage im NDR und eine Online-Dokumentation auf Arte. «Im hohen fünfstelligen Bereich» hätten die Kosten gelegen. Die ersten 7000 kamen von Unterstützern, die man im Internet gesucht hatte, der Rest von den grossen Medienhäusern.
Während der präparierte Fernseher noch immer im Hafen feststeckt, reisen die Reporter nach Agbogbloshie, ein Stadtteil der Millionenmetropole Accra. «Das war wirklich Apokalypse», sagt Marcus Pfeil im Gespräch.
Apokalyptische Müllhalde im Vorort
Der Stadtteil ist eine Elektroschrott-Müllhalde. Die ärmsten der Armen wühlen darin nach brauchbaren Teilen. Es sind Flammen zu sehen. Die Dämpfe sind hochgiftig. Der Ort gehört zu den zehn giftigsten der Welt, schrieb die Umweltorganisation Blacksmith-Institute letztes Jahr in einer Studie.
Hier endet der meiste Schrott. In Europa nichts mehr wert, wird er von Ort zu Ort geschifft und überall wird ein wenig Geld gemacht. Dass es so viele Stationen sind, sei für ihn das überraschendste gewesen, sagte Pfeil. In Afrika ist er für Verkäufer gerne mal 70 Euro wert. Die Journalisten hatten gar 100 Euro bezahlt, um ihn vor der Müllhalde zu retten.
Afrikanische TV-Lotterie
Für diesen Preis konnten sie das Gerät testen. Doch die meisten Geräte werden ungetestet verkauft. Wenn sie funktionieren, ist dass dann reines Glück. 80 Prozent der Fernseher funktionieren nicht. Getestete Geräte kosten mehr, quittieren ihren Dienst aber oft trotzdem bald. «Das geht dann so weit, dass Käufer lieber drei billigere Geräte kaufen, die nicht getestet sind», sagt Journalist Pfeil, «sie hoffen einfach, dass sie Glück haben und einer funktioniert.»
Der Rest landet dann eben auf dieser wüsten Halde im Slum, wo Kinder sich in Lebensgefahr begeben, bloss um für ein paar Cent noch brauchbare Teilchen verkaufen zu können.