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1845 in Liestal im Kanton Basel-Landschaft geboren, lebte Spitteler später in Basel zeitgleich mit Friedrich Nietzsche und Jacob Burckhardt, er war ein Zeitgenosse von Jeremias Gotthelf, Theodor Storm, Gottfried Keller, C.F. Meyer, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Robert Walser sowie ein enger Freund des Berner Publizisten und Kritikers Joseph Viktor Widmann.
Spitteler war ein Kosmopolit mit langjährigem Auslandsaufenthalt in Russland und Finnland. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er in zahlreichen Zeitungen Erzählungen wie auch Musik- und Theaterkritiken sowie Essays zum literarischen und kulturellen Geschehen seiner Gegenwart, so etwa im Berner »Bund«, in den »Basler Nachrichten«, der »Schweizerischen Rundschau«, der »Schwyzer Zeitung«, der »Thurgauer Zeitung« und der »Neuen Zürcher Zeitung«, aber auch in namhaften deutschen und österreichischen Zeitungen und Zeitschriften wie der Wiener »Deutschen Zeitung«, dem »Kunstwart«, der Halbmonatsschrift »Das literarische Echo« und den »Süddeutschen Monatsheften«.
1896 erschien der im Auftrag der Gotthardbahn-Direktion verfasste Reisebericht »Der Gotthard«, der touristisch enorm werbewirksam wurde. Anders als manche Zeitgenossen stand Spitteler jedoch gerade der Ideologisierung der Alpen als eines zentralen Identifikationssymbols der Schweiz durchaus kritisch gegenüber: Etwa plädierte er 1896 in einem Privatbrief an Widmann für die Sprengung der Alpen, »damit wir italiänische Luft direct bekämen«.
Der schriftstellerische Erfolg Spittelers liess zunächst auf sich warten: Seine erste Publikation, das Epos »Prometheus und Epimetheus« von 1881, löste bei vielen Rezipienten zunächst eher Ratlosigkeit als Bewunderung aus. Gottfried Keller etwa, dem der Text zwar durchaus gefiel, fragte in einem Brief an Widmann, ob »solche sibyllinischen Bücher« in der gegenwärtigen Zeit angemessen rezipiert werden könnten.
Spittelers erste dramatische Versuche fielen durch, die Erzählungen dagegen waren für ein breiteres Publikum zugänglicher und fanden schnell Anklang: Darunter sind zahlreiche Texte, die in den 1880er Jahren im »Berner Bund« oder in der NZZ abgedruckt wurden, etwa »Das Bombardement von Åbo«, »Feodor Karlowitsch« und »Ei Ole«, aber auch »Der Neffe des Herrn Bezenval« und »Das Wettfasten von Heimligen« mit ihren Gotthelf- und Seldwyla-Anspielungen sowie die erschreckend aktuell wirkende Erzählung »Xaver Z’Gilgen«, die zuerst 1888 in der »Deutschen Zeitung« in Wien erschien.
Bei der Lektüre der Erzählung »Conrad der Leutnant« und des Romans »Imago« wird deutlich, warum Vertreter der Psychoanalyse sich intensiv mit Spittelers Arbeit auseinandersetzten: Hanns Sachs etwa hat mehrere Besprechungen zu Spittelers Texten geschrieben und Sigmund Freud gab seiner 1912 gegründeten »Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften« den Titel »Imago«. Wenn der Vater als Tyrann erscheint und die Entscheidung entweder für ihn oder für den sich empörenden Sohn fallen muss, ist zudem mit dem ›Vater-Sohn-Konflikt‹ eines der zentralen Themen des Expressionismus vorweggenommen, dem sich nach Freud nicht zuletzt Franz Kafka, Walter Hasenclever und Franz Werfel intensiv widmeten.
Wie kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts hat Spitteler durch seinen Vortrag »Unser Schweizer Standpunkt«, der 1914 zu Beginn des Weltkrieges zur Kohäsion der unterschiedlichen Schweizer Landesteile aufrief, sowie durch zahlreiche Übersetzungen seiner Werke ins Französische, Italienische und Rätoromanische in der Schweiz verbindend gewirkt. Es war Spittelers zu Verständigung und Minoritätenschutz, zu Gewaltlosigkeit und zur Wahrung der Neutralität aufrufender Beitrag in Kriegszeiten, der das Nobelpreiskomitee ganz besonders für sein Werk eingenommen hat.
Den Nobelpreis erhielt Carl Spitteler »im besonderen Hinblick auf sein mächtiges Epos Olympischer Frühling«, wie es in der Begründung des Komitees hiess. Die Verleihung des Preises ist allerdings ohne das vorangehende Eintreten Spittelers für Konsens und Neutralität der Schweiz nicht zu denken. Für die Verleihung des Preises an Spitteler hatten sich u.a. Romain Rolland, der Preisträger von 1915 und Friedensaktivist im Ersten Weltkrieg, sowie der Germanist und Berner Professor Jonas Fränkel eingesetzt, der als jüdischer Immigrant selbst Angehöriger einer Minderheit in der Schweiz war. Der Nobelpreis für Literatur wird jährlich von der Schwedischen Akademie demjenigen verliehen, der »im vorangegangenen Jahre der Menschheit den größten Nutzen erwiesen« und »in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat«, wie Alfred Nobel, der Stifter der Preise, testamentarisch festgelegt hatte. Die Auffassung dessen, was als das »Herausragendste in idealistischer Richtung« zu gelten hat, wandelt sich im Laufe der Zeit und bedarf damit stets erneut der Diskussion. Genau diese Diskussion kann im Jubiläumsjahr 2019 mit Gewinn geführt werden.
Einen grossen Teil von Spittelers Werken findet man in folgender Ausgabe: Carl Spitteler: Gesammelte Werke. Herausgegeben im Auftrag der Schweizerischen Eidgenossenschaft von Gottfried Bohnenblust, Wilhelm Altwegg, Robert Faesi. Zürich: Artemis-Verlag 1945-1958.
Wer sich über die Umstände der Entstehung dieser Werkausgabe ein Bild machen möchte, kann dies z.B. hier tun:
Jonas Fränkel: Spittelers Recht. Dokumente eines Kampfes. Winterthur: Mondial-Verlag 1946.
Julian Schütt: Germanistik und Politik. Schweizer Literaturwissenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Zürich: Chronos Verlag 1996.
Für einen bequemen Einstieg in die Spitteler-Lektüre zu Hause oder unterwegs: