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Mehr als Wünsche
Beim Gang durch die Stadt fallen sie auf. Überall hat es blau-rote Streifenmuster. Mal so gross wie eine Kreditkarte, aufgeklebt hinten an Autos. Im Format von Postkarten hängen sie bei den Grossverteilern in der Fleischabteilung oder neben dem Käseregal. Auf Plakaten für Flugreisen sind die Streifen ebenfalls zu sehen, am einen Ende Richtung blau, am anderen Ende Richtung rot. Bei vielen Häusern sind die Hausnummern mit dem Streifenblatt überklebt.
Blau-Rot, das sind die Farben des aktuellen Leaders der Fussballmeisterschaft. Zwei Parteien haben den höchsten Anteil von Wählerinnen und Wähler in der Stadt – sie verwenden je rot und blau als Parteifarbe.
Das nationale Gratisblatt berichtet eines Tages ebenfalls über die Streifen. Dabei wird bekannt, dass die Streifen auch in anderen Städten zu sehen sind, und zwar sowohl im Inland wie im Ausland.
Die Streifen werden zum Stadtgespräch. Immer wieder wird diskutiert, was wohl hinter diesen Streifen stehen könnte. Blau und rot, das steht doch für den Kaltwasser- und den Warmwasserhahn in der Küche oder beim Waschtisch, da geht es sicher um kalt und warm. Dies ist häufig zu hören bei solchen Gesprächsrunden. Manchmal sind Menschen mit dabei, die wissend schmunzeln, die sich aber nicht an den Diskussionen beteiligen.
Am letzten Novembertag erklärt eine Klimaforscherin die Sache mit den Streifen. Gezeigt wird darauf für jede Stadt der Verlauf der Jahresmitteltemperatur, seit es Temperaturmessungen gibt. Sechs blaue und ebenfalls sechs rote Farbtöne zeigen das Spektrum der Aussentemperaturen auf.
Je dunkler das Blau, desto kälter war das Jahr. Auf der anderen Seite: je dunkler das Rot, desto wärmer war das Jahr. Die Streifen haben eine ähnliche Eigenschaft für alle Städte: sie haben eine eher blaue und eine eher rote Seite. Die blauen Streifen weisen auf kältere Jahre vor etwa hundertfünfzig Jahren hin, die dunkelroten Streifen häufen sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren. Diese Streifen sind eine Illustration der Klimaveränderung, und zwar der von Menschen gemachten, darin besteht fast einhellige Übereinstimmung. Eigentlich sollte sogar von einer Klimakrise gesprochen werden, so kräftig seien nämlich die Veränderungen, und dies nicht nur bei der Temperatur. Wenn es so weitergehe, könne dies für die Menschheit gefährlich werden. Und ab morgen gebe es einen Adventskalender mit Tipps, was jede und jeder gegen die Klimakrise tun könne.
Zwei Minuten dauert dieser YouTube-Beitrag. Im Verlaufe des Tages wird er tausende Male betrachtet und auf den Social-Media-Kanälen geteilt. Am Abend berichten die Medien über den Hintergrund der Streifen. Diese Berichte laden dazu ein, in den nächsten Tagen den Adventskalender zu besuchen.
Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche erzählen in den Fenstern über ihr Klimaschutz-Engagement. Klimaschutz ist in allen Lebensbereichen möglich und nötig. Manchmal geht es ganz leicht, hin und wieder geht es auch um den Abschied von lieb gewordenen Gewohnheiten.
Die Adventsfenster-Beiträge sind ebenfalls auf YouTube zu finden. Je nach Thema fliessen sie auch in die beruflichen Netzwerke ein. Wie die farbigen Streifen ist auch der Adventskalender bald Stadtgespräch.
Im zweitletzten Fenster erzählt eine Schülerin darüber, wie der Adventskalender zustande gekommen ist. Nach einem Filmabend wurde in einer Jugendgruppe diskutiert, was gegen die Klimakrise getan werden könne. Es entstand die Idee, mit guten Beispielen aus allen Lebensbereichen zu zeigen, dass jede und jeder viele Beiträge zum Klimaschutz leisten kann. Über die Eltern und Bekannte wurde etwas Geld gesammelt, um die Streifen produzieren zu können. Ebenso ging es darum, die YouTube-Filmchen zu drehen und zu schneiden. Heikel ist nur das Aufkleben der Streifen, weil dies eigentlich verboten ist. Es wurde nur Recycling-Papier verwendet, die Klebstoffe sind biologisch abbaubar und einfach abzuwaschen. Auch in anderen Städten habe es Freundinnen und Freunde gegeben, die die Streifen aufgeklebt hätten.
Im letzten Adventskalender-Fenster geht es um Wünsche. Die vier Menschen, die an den vier Adventssonntagen von ihren Klimaschutz-Beispielen erzählt haben, bringen ihre Wünsche vor – Wünsche, die über Weihnachten hinausgehen. Die Schülerin, welche am Tag vorher den Adventskalender vorgestellt hat, berichtet darüber, dass schon ihre Eltern vor mehr als zwanzig Jahren klimaschützerisch tätig waren. Es ist zwar schon vieles gemacht worden, das reicht aber leider nicht aus, um gegen die Klimakrise vorzugehen. Wir alle müssen mehr tun wollen.
Und so steht am Schluss des Adventskalenders ein Wunsch, der mehr als ein Wunsch ist: Wenn wir es alle wollen, dann schaffen wir es, genug gegen die Klimakrise zu tun!
Weitere Geschichten von Toni W. Püntener sind zu finden unter geschichten.umweltnetz.ch.