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Rocky Rhodes und „Little Ambassador“
Die Maschine mit dem Kennzeichen VF-U und dem Übernamen „Little Ambassador“ wurde bei einem Angriff auf Kempten beschädigt und musste schliesslich im Rhein bei Buchs notlanden. Das Flugzeug wurde im Mai 1945 in Dübendorf verschrottet.
Anfangs 1945 konzentrierten die Amerikaner einen grossen Teil ihrer Luftangriffe auf Transporteinrichtungen in Deutschland, um dadurch den feindlichen Nachschub zu erschweren und das rasche Vorrücken der alliierten Truppen zu unterstützen. Am 22.Februar 1945 holten die alliierten Luftwaffen in einer gemeinsamen Operation mit insgesamt 800 Flugzeugen zu einem gewaltigen Schlag gegen das deutsche Eisenbahnsystem aus. Für einen amerikanischen Piloten sollte an diesem Tag der Krieg durch die Notlandung seiner P-51 im Rhein bei Buchs ein vorzeitiges Ende nehmen. Erst im August 1995 ist es gelungen, ihn in den Vereinigten Staaten ausfindig zu machen und mehr über seinen letzten Einsatz zu erfahren. Seit dem Frühjahr 1944 operierte die 52nd Fighter Group der USAAF von einer Basis bei Madna in Süditalien. Die Einheit war kurz zuvor von der 12th an die 15th Air Force übergegangen und ihr Fluggerät hatte von englischen Spitfire auf P-51 Mustang gewechselt. Die Verhältnisse auf der Basis waren alles andere als komfortabel. Die Besatzungen mussten mit Sechsmann-Zelten vorlieb nehmen. Der Boden war durch die häufigen Niederschläge ständig aufgeweicht und Improvisation war an der Tagesordnung. Die sich ansammelnden Transportkisten der Unterflügeltanks verwendete man für den Bau von Lagerschuppen. Für Unterhaltung sorgte das in einem Bauernhaus eingerichtete Offizierskasino mit Bar, Plattenspieler und Pingpong-Tisch. Die 52nd Fighter Group erhielt am 22. Februar 1945 einen Begleitschutzauftrag für sechs B-17 Bombergruppen nach Süddeutschland. Deren Ziel war die Bombardierung von sechs Güterbahnhöfen zwischen Lindau und Memmingen und in der Umgebung von Ulm. Da die Alliierten bereits die Luftüberlegenheit in Süddeutschland errungen hatten, war auch für diesen Einsatz mit wenig Gegenwehr der deutschen Luftwaffe zu rechnen. Die eigentlichen Begleitschutzaufträge verloren immer mehr an Bedeutung und wurden meist mit Strafing-Missions, der Beschiessung von Bodenzielen im Tiefflug durch die Jagdflugzeuge, kombiniert. 2nd Lt Robert F. „Rocky“ Rhodes war einer der Piloten dieser Mission. Er hatte gerade das einundzwanzigste Altersjahr erreicht und gehörte zur 5th Squadron, den sogenannten „Spittin Kittens“.
Die North American P-51B Mustang „Little Ambassador“ mit der Seriennummer 43-24853 flog er an diesem Tag zum ersten Mal. Für Rocky war es die sechste Mission. Sie sollte seine letzte werden. Um 10.40 Uhr starteten siebenundfünzig Maschinen vom verschneiten Platz in Madna. Nach einem rund zweieinhalbstündigen Flug war das Ziel erreicht. Der Raum Ulm lag unter einer geschlossenen Wolkendecke. Nach Erreichen des Zielgebietes warfen die Mustangs ihre Zusatztanks ab, suchten nach Löchern in der Wolkendecke und machten sich unverzüglich an die Beschiessung von Eisenbahneinrichtungen und Flugplätzen. Unter der Wolkendecke, die an manchen Stellen weniger als 150 Meter über den Boden reichte, entbrannte ein wildes Gefecht. Die wichtigen Transporteinrichtungen waren schwer verteidigt und die Piloten kannten die ausserordentlich gute deutsche Fliegerabwehr nur zu gut. Um die Bodendeckung optimal auszunutzen, wurden die Angriffe auf höchstens 15 Meter über Boden geflogen. Die meisten Verluste erfolgten aber beim Wegflug vom Ziel. Um die mit Vorhalt zielenden Flabschützen zu täuschen und ihnen die Arbeit zu erschweren, wurde die Abflugphase möglichst unsauber und mit unregelmässigen Höhen- und Richtungsänderungen geflogen. Trotzdem wurden insgesamt zwölf Mustangs getroffen. Zwei von ihnen stürzten ab. Während Lt Bryant erfolgreich abspringen konnte, verhedderte sich der offensichtlich zu früh geöffnete Fallschirm von Lt Cooper beim Absprung in einer Höhe von nur 150 Metern über Grund im Leitwerk. Es gelang dem Piloten nicht mehr sich zu befreien und er wurde von seiner Maschine in die Tiefe gerissen. Rocky Rhodes hatte bereits einen Güterbahnhof erfolgreich beschossen als er sich daran machte, zusammen mit Cpt Tranquillo im offenen Gelände einen stehenden Zug anzugreifen. Dieser entpuppte sich jedoch überraschend als Flakzug und erwiderte ihr Feuer. Während Rocky mit einer steilen Linkskurve auf Bodenhöhe entkam, sah er gerade noch, wie Cpt Tranquillo seine Maschine unter heftigem Flakfeuer senkrecht nach oben zog um in der niedrigen Wolkendecke Schutz zu suchen. Da er seinen Leader nicht mehr finden konnte, schloss sich Rocky einer Gruppe an, die gerade einen Flugplatz zum zweiten Mal aufs Korn nahm.
Es stellte sich jedoch bald heraus, dass dies ein verhängnisvoller Fehler war, denn jetzt war die Flugplatzverteidigung vorbereitet. Beim Angriff auf nur etwa sechs Metern Höhe flog Rocky unbewusst an einer Flakstellung vorbei und wurde bei einer Geschwindigkeit von 450 km/h auf der rechten Seite im Triebwerk und Leitwerk getroffen. Ganz knapp konnte er verhindern, dass seine Flügelspitze den Boden berührte. Beim Aufziehen bemerkte er dann, dass sein Höhensteuer beschädigt war und klemmte. Nur mit beiden Händen am Steuerknüppel gelang es ihm die Mustang kurz vor einem Wald wieder aufzuziehen. Über Funk forderte er Hilfe an, die ihn nach Italien zurück eskortieren könnte. Es antwortete aber nur einer seiner Kollegen und dessen Flugzeug war in der gleich schlechten Verfassung. Die Chancen mit der schwer angeschlagenen „Little Ambassador“ die Alpen noch zu überqueren oder gar nach Madna zurückzufliegen wurden von Minute zu Minute geringer. In der Zwischenzeit hatte Rocky unbewusst die Schweizer Grenze überflogen und er folgte, eine schwarze Rauchfahne hinter sich herziehend, südlich des Bodensees dem Rhein stromaufwärts. Als kurze Zeit später sein Triebwerk aussetzte, musste er auch seinen Gedanken, wenigstens Frankreich zu erreichen, aufgeben. Von nun an ging alles schnell. Von Bergen umgeben entschied sich der amerikanische Pilot, nicht mit dem Fallschirm abzuspringen, sondern einen Notlandeplatz im Tal zu suchen. Eine Kiesbank im Rheinbett schien ihm dazu geeignet. Rasch an Höhe verlierend, konnte er noch über Funk die Meldung absetzen, dass er einen geeigneten Landeplatz gesichtet habe, warf darauf die Cockpithaube ab und fixierte die Schultergurten. Auf der Höhe von Vaduz drehte er mit einer Rechtskurve zum Anflug in Richtung Norden ein. Mit 140 km/h, voll ausgefahrenen Landeklappen und beiden Händen am Steuerknüppel, setzte er die kaum noch manövrierbare Mustang mit eingezogenem Fahrwerk gekonnt auf die Kiesbank. Bei der rasanten Fahrt über den steinigen Untergrund wurde die Rumpfunterseite aufgeschlitzt und der Kühler sowie die rechte Landeklappe abgerissen. Die Maschine kam nicht mehr vor Ende der Kiesbank zum Stehen, schlitterte in den Wasserlauf und kam schliesslich im kaum einen Meter tiefen Rhein mit einer riesigen Wasserfontäne abrupt zum Stillstand.
Überrascht von der geringen Wassertiefe und überglücklich das Ganze unverletzt überstanden zu haben, stieg Rocky aus dem Cockpit. Über die Tragfläche gelangte er trockenen Fusses an das Liechtensteinische Ufer. Im Glauben, dass er sich immer noch in Deutschland befinden würde, machte er sich auf den Weg landeinwärts. Kurz darauf stiess er auf die ersten herbeigeeilten Liechtensteiner und erkundigte sich bei ihnen nach der Richtung in die Schweiz. Diese konnten ihm erklären, dass obwohl sich die Schweiz am gegenüberliegenden Rheinufer befand, er bereits in Sicherheit sei. Nach der Übergabe an das Schweizer Militär wurde Rocky Rhodes zuerst in Sargans einvernommen und am nächsten Nachmittag mit dem Zug nach Dübendorf überführt. Er wurde dann aber nicht interniert, sondern für einige Wochen in einem Hotel in Bern einquartiert. In der Bundeshauptstadt konnte er sich frei bewegen und hatte endlich Gelegenheit, sich neue Kleider zu beschaffen. Seine einzige Aufgabe bestand darin, sich jeden Morgen um neun Uhr auf der amerikanischen Botschaft zu melden. Der Aufenthalt in der Schweiz ging mit einer Überführung nach Paris zu Ende. Nach einer Einvernahme durch die amerikanischen Behörden konnte er seine Reise nach Schottland fortsetzen und von dort an Bord der „Aquitania“ nach Kanada und schliesslich wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Die schwerbeschädigte P-51B „Little Ambassador“ wurde ans Liechtensteinische Rheinufer geschleppt, demontiert, nach Dübendorf überführt und schliesslich im Mai 1945 verschrottet. Von den am 22. Februar 1945 von der 52nd Fighter Group eingesetzten siebenundfünzig Mustangs kehrten dreiundfünzig von ihrem erfolgreichen Einsatz wieder nach Madna zurück. Neun Maschinen konnten ihre Heimatbasis infolge Treibstoffmangels nicht direkt erreichen und mussten in Fano eine Zwischenlandung einlegen. Im Mai 1995 ist Rocky Rhodes einer Einladung des Liechtensteinischen Landesmuseums gefolgt und hat zum ersten Mal nach fünfzig Jahren seinen Landeplatz wieder besucht.
|Ereignissdatum||22.2.1945|
|Ort||Buchs|
|Kanton||SG|
|Ereignis||Notlandung|
|Nation||Amerika|
|Flugzeugart||Jäger|
|Flugzeugtyp||P-51 Mustang|
|Flugzeugbezeichnung||P-51 B|
|Flugzeug-Spitzname||Little Ambassador|
|Einteilung||15th Air Force, 52nd Fighter Group, 5th Squadron|
|Basis||Madna (IT)|
|Auftrag||Angriff|
|Einsatzziel||Stafing bei Ulm (DE)|
|Rückkehr||in der Schweiz verschrottet|
|Werknummer||43-24853|
|Kennzeichen||VF-U|
|CH Archiv Nr.||A150|
|Besatzung||Pilot: Robert F. Rhodes, 2nd Lt|
|Quelle||Cockpit|
|Autor||Stefan Naef|