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«Markt» gilt etwa bei der Redaktion NZZ-Wirtschaft als Allheilmittel für alle schwierigen Fragen des Alltags. Unter dem Titel «Was soll das heissen? Genügsam: Allmachtsphantasien der Suffizienzler» machte sich Sergio Aiolfi am 8. Januar 2015 sehr sehr eigenartige Gedanken zum Verhältnis von Markt und Suffizienz. In ihrer Absurdität können diese Überlegungen nur noch als «Marktitis» oder als «Marktismus» bezeichnet werden.
Die gesamte Menschheit verbraucht deutlich mehr vom Planeten Erde, als ihr zur Verfügung steht. Besonders gross sind die ökologischen Fussabdrücke der Menschen, die in den reichen Ländern von Europa und Nordamerika wohnen. Würden sich alle Menschen so verhalten wie die Europäerinnen und NordamerikanerInnen, brauchte es mindestens zwei weitere Erden. Angesichts der massiv übergrossen ökologischen Fussabdrücke der in den «reichen» Ländern lebenden Menschen ist eine nachhaltige Entwicklung derzeit nicht gegeben – es ist also derzeit nicht gewährleistet, dass anderen Menschen auf diesem Planeten, dass nachfolgenden Generationen ein gutes Leben auf der Erde ermöglicht werden kann. Suffizienz – «Dörfs es bitzeli weniger sii?» – gilt als handlungsleitendes Prinzip der nachhaltigen Entwicklung, zusammen mit den Prinzipien Effizienz und Konsistenz.
Das aktuelle Wirtschaftssystem wird in der Regel als zwar unvollständiges, aber doch akzeptables Marktsystem verstanden. Dieses Marktsystem war nicht in der Lage, die erhebliche Vergrösserung der ökologischen Fussabdrücke zu verhindern – wer also meint, derartige Fragestellungen ausschliesslich mit «Markt» anzugehen, leidet an «Marktitis».
Herr Aiolfi macht sich Gedanken zu freiwilliger und verordneter Suffizienz, und sieht – aus lauter Denkfaulheit – bereits den Plan einer Diktatur hinter den allerersten Suffizienzüberlegungen (Denkfaulheit, weil gerade die geschmähten «Suffizenzler» bereits sehr viel Gedankenarbeit investiert haben, wie Suffizienz gesellschaftlich verantwortbar umgesetzt werden kann, und Herr Aiolfi diese Bemühungen nicht zur Kenntnis nehmen will). Herr Aiolfi bezeichnet den Preis als «ebenso elegantes wie effizientes Instrument, um Bedürfnisse und knappe Ressourcen aufeinander abzustimmen».
Wenn denn die Preise Ausdruck der vollen, der tatsächlichen Kosten eines Marktangebotes wären, dann ist Herrn Aiolfi uneingeschränkt zuzustimmen. Nur ist es leider eben auch die Redaktion NZZ-Wirtschaft, die regelmässig gegen die Kostenwahrheit von Gütern und Dienstleistungen anschreibt!
Einige Beispiele dazu, bei denen die NZZ Gegenpositionen vertritt:
- Greenpeace hat Ende 2014 für die Atomkraftwerke in der Schweiz ermitteln lassen, dass Atomstrom zwei-, drei- oder oder auch fünfmal so teuer sein müsste, wenn jene Kosten in Schritten berücksichtigt würden, die heute gar nicht oder von der Allgemeinheit heute oder in Zukunft getragen werden müssen!
- Ich habe bereits mehrfach auf die generell lügenden Energiepreise der nicht-erneuerbaren Energien hingewiesen – die seit Herbst 2014 deutlich gesunkenen Ölpreise bestätigen diese Aussagen.
- Wenn wir Produkte kaufen, die in Billigstlohnländern hergestellt werden – und gerade Zeitgeistprodukte wie Computer, Tablet, Smartphones, aber auch Photovoltaik werden meist in Billiglohnländern hergestellt – profitieren wir von Sozial- und Ökodumping, von nachweislich nicht nachhaltiger Produktion. Die wahren, die vollständigen Kosten würden um Faktoren höher liegen. Entsprechende Aussagen sind allerdings in den von der Redaktion NZZ-Wirtschaft publizierten Medienbeiträgen nicht zu finden – ausser bei gelegentlichen Beiträgen von entsprechend angekündigten GastautorInnen.
- als aktuelles Zitat von einer Facebook-Seite: In Deutschland hat man kein Geld für fair gehandelten Kaffee zu 20 Euro je kg, deshalb kauft man Kapselkaffee zu 80 Euro je kg.
- Diese Auflistung kann beliebig fortgesetzt werden.
Die Redaktion NZZ-Wirtschaft plädiert für einen Markt mit lügenden Preisen. Ein solcher Markt kann aber genau das nicht leisten, was Herrn Aiolfi anstrebt, nämlich Preise, die «ebenso elegant wie effiziente Bedürfnisse und knappe Ressourcen aufeinander abstimmen»! Da muss sich nicht nur die NZZ irgendwann mal entscheiden, da muss sich auf globaler Basis die Menschheit darauf verständigen, mit welchen Instrumenten sie eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben will. Aufgrund langjähriger Erfahrungen meine ich, dass es sowohl den Markt mit umfassend wahren Kosten als auch (zusammen mit Effizienz und Konsistenz) die Suffizienz als handlungsleitendes Prinzip der nachhaltigen Entwicklung braucht.