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Der Brocken hat einen Durchmesser von 500 Metern und eine Masse von 60 Millionen Tonnen. Mit im Schnitt 27,75 Kilometern pro Sekunde (das sind 99'900 km/h) rast er völlig geräuschlos durchs All – und wird vielleicht dereinst mit der Erde kollidieren. Dass diese potenzielle kosmische Bombe nach einem altägyptischen Totengott (siehe Box unten) benannt ist, macht sie übrigens nicht unbedingt sympathischer.
Die Rede ist von Bennu, einem 1999 entdeckten Asteroiden, der zu den sogenannten erdnahen Asteroiden des Apollo-Typs gehört und die Erdbahn regelmässig kreuzt. In den nächsten 300 Jahren wird Bennu unserem Planeten gefährlich nahe kommen – am 24. September 2182 könnte es sogar knallen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis eintritt, ist jedoch laut astronomischen Berechnungen mit 1:2700 (0,037 %) beruhigend niedrig.
Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit einer Kollision bis zum Jahr 2300 deutlich höher: Gemäss einer im Fachmagazin «Icarus» publizierten Studie von Astronomen um Davide Farnocchia vom Jet Propulsion Laboratory der NASA beträgt sie 1:1750. Dieser Wert ist immer noch ziemlich komfortabel, aber doch höher als vorherige Berechnungen, die von einer Wahrscheinlichkeit von 1:2700 für einen Einschlag bis zum Jahr 2200 ausgingen.
Diese Korrektur erfolgte nach Auswertung von Daten, die unter anderem von der NASA-Raumsonde «Osiris Rex» stammten. Die Sonde war 2016 mit einer Atlas-Rakete gestartet worden, um Bennu zu kartografieren und Bodenproben zu nehmen. Dies gelang im Oktober 2020 in einem komplizierten mehrstündigen Manöver. «Osiris Rex» befindet sich mittlerweile wieder auf der Heimreise und wird, wenn alles nach Plan läuft, die Probe im September 2023 über dem US-Bundesstaat Utah abwerfen, wo sie mit Fallschirmen landen soll.
Im Jahr 2135 wird sich näher bestimmen lassen, wie hoch das Risiko eines Einschlags ist. Dann fliegt Bennu nämlich extrem nahe an der Erde vorbei – der Asteroid wird dann nur etwa halb so weit von unserem Planeten entfernt sein wie der Mond, dessen mittlere Entfernung von der Erde rund 384'000 Kilometer beträgt. Die exakte Bahn, die Bennu dann beschreibt, wird entscheidend sein für seine künftige Flugbahn.
Die Frage ist, wie stark die extrem massereichere Erde den kleinen kosmischen Klumpen ablenkt. Daneben spielen auch weitere Faktoren, die auf Bennu einwirken, eine Rolle, etwa die Gravitation der Sonne, der Druck von Sonnenwinden sowie der Einfluss der Schwerkraft von anderen Planeten und Asteroiden.
Damit Bennu bei seinem Vorbeiflug im Jahr 2135 so abgelenkt würde, dass seine künftige Bahn mit der Erde kollidiert, müsste der Asteroid bestimmte, sehr kleine Zonen in Erdnähe passieren – sogenannte Gravitationsschlüssellöcher. 24 dieser 26 mehr als einen Kilometer grossen Schlüsselllöcher wird Bennu 2135 verfehlen. Ob er eines der verbleibenden treffen wird, hängt unter anderem auch davon ab, wie die Oberfläche des Asteroiden genau beschaffen ist.
Der Einfluss der uneinheitlichen Oberflächenerwärmung von Asteroiden auf deren Bahnverlauf wird nach seinem Entdecker Jarkowski-Effekt genannt. Dabei spielt der sehr kleine Strahlungsdruck eine Rolle, der von der Wärmestrahlung auf der wärmeren Seite des Himmelskörpers erzeugt wird und dessen Bahn minim ablenkt. Die Astronomen hoffen, diesen Effekt mittels der von «Osiris Rex» beschafften Proben von Bennu besser einschätzen zu können.
Würde Bennu tatsächlich auf der Erde einschlagen, wäre das natürlich nicht der Untergang der Menschheit oder gar unseres Planeten, aber doch eine verheerende Katastrophe. Der Asteroid würde einen Krater mit dem 10- bis 20-fachen Durchmesser seiner eigenen Grösse verursachen. Nimmt man den mittleren Wert an, also einen 15-fachen Durchmesser, dann wäre der Krater etwa 7,4 Kilometer gross. Das durch den Einschlag verwüstete Gebiet wäre jedoch noch viel grösser und würde etwa das Hundertfache der Kratergrösse betragen.
Zum Vergleich: Der Meteor von Tscheljabinsk, der im Februar 2013 im russischen Uralgebiet niederging, war vermutlich nur etwa 20 Meter gross und 16'000 Tonnen schwer. Der Brocken brach in etwa 30 Kilometer Höhe auseinander und erzeugte dabei einen Lichtblitz, der 30-mal heller als die Sonne war. Über tausend Menschen wurden verletzt, meist durch zersplitternde Scheiben, Gebäude wurden zerstört.
Bennu stellt zwar keine akute Gefahr dar, aber auf der Palermo-Skala, die Asteroiden nach dem Risiko eines Impakts listet, steht der Asteroid derzeit ganz oben – zusammen mit dem Asteroid (29075) 1950 DA.
Wäre Bennu jetzt schon auf Kollisionskurs mit der Erde, müsste man dringend etwas unternehmen. Tatsächlich befasst sich die US-Weltraumbehörde NASA schon jetzt mit der Frage, wie die Erde vor einem Einschlag des Asteroiden geschützt werden könnte. Gemeinsam mit dem Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) hat sie das Projekt «Hammer» gestartet. Hammer steht für «Hypervelocity Asteroid Mitigation Mission for Emergency Response Vehicle».
Der Hammer besteht aus einem mehr als acht Tonnen schweren Raumfahrzeug, das auf den Asteroiden gelenkt wird und diesen rammen soll. Damit würde der Brocken seine Bahn genug stark ändern, dass eine Kollision vermieden würde. Allerdings dürfte Bennu bei diesem rabiaten Manöver keinesfalls zerbrechen. Die Trümmer des riesigen Brockens würden sonst unkontrolliert durchs All rasen und weiterhin eine Gefahr darstellen.
Dies ist auch der Grund, warum die in Science-Fiction-Filmen wie «Armageddon» gern angewandte Methode, den gefährlichen Brocken einfach mit einer Atombombe zu sprengen, nicht funktionieren würde – sie wäre im Gegenteil gefährlich. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Asteroiden-Bruchstücke, die in Erdnähe gelangen, eventuell das Kessler-Syndrom auslösen könnten.
Ein ähnliches Projekt, das gemeinsam von der NASA und der Europäischen Weltraumorganisation ESA vorangetrieben wird, hat den Doppelasteroiden Didymos (griech. für «Zwilling») im Visier. Zwei Raumsonden sollen zu diesem Asteroiden-Zwilling geschickt werden: die Sonde HERA und die Sonde DART (Double Asteroid Redirection Test). Während DART im September 2022 auf dem kleineren der beiden Asteroiden einschlagen und dessen Bahn verändern soll, besteht die Aufgabe von HERA darin, den Effekt des Aufpralls mit Kameras und Instrumenten genau zu messen.
Neben der Methode, die Bahn eines Asteroiden mithilfe einer kontrollierten Kollision zu verändern, gibt es noch weitere Möglichkeiten – etwa Raketenmotoren oder Sonnensegel. Hier gibt es eine Übersicht dazu: