Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/1332

Wie viel CO2 steckt im Alltag?
Die Schweiz verfolgt ehrgeizige Ziele zur Senkung von Kohlendioxid. Doch die Berechnung des klimatischen Fussabdrucks ist keine exakte Wissenschaft.
Fünfzig Prozent weniger CO2-Ausstoss gegenüber dem Jahr 1990 – so lautet die Verpflichtung der Schweiz aus dem Klimaabkommen von Paris, 2015. Viele Konsumenten wollen mithelfen, dieses Ziel zu erreichen, indem sie auf CO2-intensive Produkte und Tätigkeiten verzichten. Organisationen wie der WWF bieten dazu mittlerweile Webseiten und Smartphone-Apps an, welche diesbezügliche Hilfestellungen bieten sollen. Zahlreiche Firmen verwenden viel Energie darauf, die CO2-Bilanz ihrer Wertschöpfungskette zu analysieren und zu verbessern. Als Vorreiterin gilt Nestlé. Das Unternehmen gibt an, seine Treibhausgasemissionen seit 2010 um 32 Prozent gesenkt zu haben.
Methoden zur Messung des Kohlenstoffdioxids und verwandter Treibhausgase werden als «Carbon Accounting» (Kohlenstoffbuchhaltung) bezeichnet. Dem Wortschatz aus der Finanzbuchhaltung folgend, spricht die Klimabewegung gerne von einem «Carbon Budget»: einem endlichen Betrag an CO2, das jedes Land und jeder Mensch noch ausstossen dürfe, bevor die Erde in die Klimakatastrophe abgleite. Im Vergleich zur Finanzbuchhaltung ist die Kohlenstoffbuchhaltung allerdings wenig exakt, wie fünf zufällig gewählte Beispiele zeigen.
1. Verbrennt Holz CO2-neutral? «Wer mit Holz heizt, heizt im CO2-Kreislauf der Natur», schreibt das Bundesamt für Umwelt. Das Verbrennen setze «gleich viel CO2» frei, «wie die Bäume im Verlauf ihres Wachstums der Atmosphäre entzogen haben». Es gelange «die gleiche Menge» in die Umwelt, wie «wenn das Holz ungenutzt im Wald verrottet». Diese Betrachtungsweise blendet aus, dass das Wachstum eines Baumes mehrere Jahrzehnte dauert. Wer Bäume fällt, um Holz zu verbrennen, entlässt in kurzer Zeit das während vierzig oder gar hundert Jahren im Baum angelagerte CO2 in die Luft. Würde das Holz stattdessen zum Bauen verwendet, wäre das CO2 für viele Jahre gebunden.
2. Wie fällt die CO2-Bilanz eines Elektroautos aus? Bei der Zulassung werden Elektroautos so behandelt, als hätten sie einen CO2-Ausstoss von null. Das stimmt aber nur, wenn der Strom hundertprozentig CO2-neutral hergestellt wird. Dies ist nicht einmal bei Elektrizität aus Schweizer Wasserkraft eindeutig. Zwar wird Strom aus Schweizer Pumpspeicherkraftwerken als CO2-frei taxiert. Doch zum Hochpumpen wird oft Tiefpreisstrom vom europäischen Markt verwendet, dessen Herkunft und CO2-Bilanz unklar ist. Zudem stellt sich die Frage nach der Herstellung. In der Produktion verursacht ein Elektroauto laut Studien zwei- bis dreimal so viel CO2 wie ein vergleichbares Auto mit Verbrennungsmotor. Besonders die Herstellung der Batterie ist sehr CO2-intensiv.
3. Wie viel Kohlendioxid verursacht ein Kohlekraftwerk? Sie gelten als die CO2-Dreckschleudern unter den Kraftwerken. Doch insbesondere für Entwicklungsländer eröffnen Kohlekraftwerke nach wie vor einen günstigen und raschen Zugang zu Energie und wirtschaftlicher Entwicklung. Anlagen neuerer Generation, sogenannte «high efficiency, low emission»-(HELE-)Kraftwerke setzen rund einen Drittel weniger CO2 frei als ältere Technologien. Zudem gibt es mittlerweile leistungsfähige Techniken, um CO2 aus den Abgasen zu filtern. Im grossen Stil wird dies im Petra-Nova-Kraftwerk in Texas erprobt, wo 90 Prozent des CO2 aus der Abluft eingefangen wird.
4. Welche Menge CO2 setzt ein Passagier auf dem Langstreckenflug Zürich–New York frei? Die Resultate einschlägiger Online-Rechner sind widersprüchlich. Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) weist 340 Kilogramm aus, die Swiss 387 Kilogramm, United Airlines 570 Kilogramm, die Fluggesellschaft Delta 653 Kilogramm und Myclimate 1000 Kilogramm. Massgeblich ist unter anderem, wie effizient die Flugzeugflotte ist, ob der CO2-Ausstoss nach Ticketklasse gestaffelt wird und, insbesondere, ob neben dem reinen CO2 auch sogenannte CO2-Äquivalente wie Wasserdampf und Stickstoff einbezogen werden. Das sind Stoffe, von denen man annimmt, dass sie zum Klimawandel beitragen, zu denen aber keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Bei Myclimate führt die Umrechnung dieser Äquivalente in CO2 zur Verdoppelung des zu kompensierenden Ausstosses.
5. Wie viel CO2 steckt in einem Liter Milch? Auch bei dieser scheinbar einfachen Frage tut sich eine grosse Spannweite auf. Das deutsche Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft kommt auf Werte zwischen 890 und 1350 Gramm CO2 pro Liter. Es kommt darauf an, wie leistungsfähig die Kühe sind und ob ihr CO2-Ausstoss anteilsmässig auf die Fleischproduktion überwälzt wird. Untersuchungen aus den USA schwanken zwischen Werten von 750 und 1500 Gramm, je nachdem wie weit man in der Nahrungskette zurückgeht und ob die zur Kühlung der Milch eingesetzte Energie berücksichtigt wird.