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Seit 2020 ist Anna Pieri Zuercher «Tatort»-Kommissarin. Obwohl sie mit der deutschen Sprache zuerst ihre liebe Mühe hatte.
Anna Pieri Zuercher, Sie sprechen die drei grossen Landessprachen. In welcher träumen Sie?
Französisch. Sicher nicht auf Deutsch, vielleicht Italienisch, aber eher nicht. Meine Mutter hat mit uns nur Französisch beziehungsweise mein Vater nur Français fédéral gesprochen.
Wann war das?
Italienisch habe ich mit 12 oder 13 Jahren zu lernen begonnen, Deutsch schon früher. Ich war darin aber ziemlich schlecht. Erst seitdem ich in Bern Klavier studiert habe, wo die Hauptsprache Deutsch war, beherrsche ich es einigermassen. Wenn man in Biel aufgewachsen ist, gehört es ja eigentlich dazu, dass man bilingue ist.
Haben Sie die Heimatstadt Ihres Vaters erst durch Ihr Studium an der Hochschule der Künste richtig kennengelernt?
Ja, in meiner Kindheit haben wir die Grosseltern im Breitfeld schon besucht, waren aber meistens bei ihnen zuhause oder meine Grossmutter ging mit mir in ein Tearoom. Dort hat sie eine Forêt noire, eine Schwarzwäldertorte, gegessen und ich einen Nussgipfel. Seither habe ich ein Faible für Tearooms! (lacht)
Weshalb haben Sie nicht gleich eine Schauspielschule gemacht?
Ich habe von meiner italienischen Grossmutter ein gewisses musikalisches Talent geerbt. Da ihre Kinder keine Musik machten, hatte ich irgendwie das Gefühl, jemand müsste doch ihr Erbe weitertragen.
Trotzdem haben Sie sich umentschieden.
In einem Orchester hat das Klavier keinen Platz und als Solistin war ich nicht begabt genug. Ich hätte höchstens Kammermusik machen und unterrichten können. Mit 22 Jahren war ich auch schon Musiklehrerin und liebte es, mit Kindern zu arbeiten, aber es kostete mich so viel Energie, dass nicht mehr genug für mich selbst übrigblieb. Ich befürchtete, dass ich mich – falls das so weitergeht – in 15 Jahren leer und traurig fühlen würde.
Zudem bekamen Sie einen Wink des Schicksals …
Ja, ich war als Musikerin zweite Assistentin in einer Opernproduktion des Ensemble-Theaters Biel-Solothurn, als mich der Regisseur fragte, ob ich mich nicht bei einem Casting für eine kleine Theaterrolle bewerben wolle. Mein Deutsch war zwar noch schlimmer als heute, aber dank einem Freund, der mich gecoacht hat, habe ich sie trotzdem bekommen. Darauf beschloss ich, noch auf eine Schauspielschule zu gehen.
Stört es Sie nicht, dass die Beziehung zwischen den beiden Kantonspolizistinnen im «Tatort» immer noch klischeehaft überzeichnet sind?
Wir haben viele Diskussionen, aber der «Tatort» ist eine grosse Maschine, in der viele Leute mitentscheiden. Ich bin Ihrer Meinung, aber es geht voran, wenn auch langsam.
Die ersten Folgen wurden sehr kontrovers beurteilt. Wie nervös sind Sie deswegen vor der Ausstrahlung der 3. Folge?
Och ja. (stöhnt) Ich wollte eigentlich sagen, ich sei nicht nervös, aber ich bin sicher, dass ich es trotzdem sein werde. Es ist manchmal nicht einfach, die Kritiken zu lesen. Diese Serie gehört dem Publikum und ist so umstritten wie keine andere, die ich kenne. Meine Schwester, die in München lebt und vor mir wusste, was es bedeutet, eine «Tatort»-Hauptrolle zu bekommen, hat mir gesagt: «Die Leute schauen ihn am Sonntag und am Montag reden sie über ihn. Hat er dir gefallen? Nein, ich habe ihn gehasst!» Ich finde das eigentlich sehr schön, von der Energie her. Und es ist magisch, dass der «Tatort» schon so lange zu ihrem Leben gehört. So ist es für mich auch okay, wenn sie sagen: Dieser Fall war schrecklich. So lange es nicht unser Spiel betrifft. Sonst würde ich mir sagen: Anna, du musst besser werden!
Der Zürcher «Tatort» wird nun auch vom Westschweizer Fernsehen RTS ausgestrahlt. Wie kommt er dort an?
Auf die Serie bekomme ich in der Romandie nicht so viele Reaktionen, aber ich bin nun dafür berühmt, dass ich eine Welsche bin, die in Zürich bekannter ist als in Genf. Ein exotisches Tier. Unglaublich!
Drehen Sie in diesem Jahr zwei Folgen?
Nein, wir haben 2021 gleich vier gedreht. Deshalb geht es bei uns erst im Januar 2023 weiter.
Wie nutzen Sie den Freiraum?
Ich werde in der zweiten Staffel von «Neumatt» eine Nebenrolle spielen. Da benötige ich für die Vorbereitung besonders viel Zeit, da ich Schweizerdeutsch sprechen muss. Bei einer ersten Lesung auf Züridütsch sagten die Regisseurin und der Regisseur, dass ich so einen schönen berndeutschen Akzent hätte. Darauf haben sie meine Texte auf Berndeutsch umgeschrieben, aber das klang gar nicht gut. Ich kann nur Züridütsch mit Berner Akzent! (lacht) Ausserdem schreibe ich an einem Drehbuch, einer Black Comedy über den Tod.
Reinhold Hönle