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Am Ende des 19. Jahrhunderts tauchte in Rovio unerwartet ein bekannter Verfasser von Theaterstücken aus Deutschland auf: Gerhart Hauptmann. Er logierte im damaligen Kurhaus Monte Generoso, dem heutigen Park Hotel Rovio. Warum verschlug es einen vermögenden und erfolgsverwöhnten Dichter aus dem Norden ausgerechnet in dieses Tessiner Dorf? Rovio liegt zwar auf einer einmaligen Aussichtsterrasse, aber da müssen noch andere Gründe dahinter stecken. Hauptmann war es gewohnt, den Winter an der Ligurischen Küste zu verbringen und auf der Durchreise jeweils im Tessin Halt zu machen. Im Frühling 1897 wollte er in Mendrisio einige Tage in seinem Stammhotel verbringen und stand vor verschlossenen Türen. Ein Entscheid war schnell gefällt und es fanden sich schöne Zimmer im ruhigen Kurhaus in Rovio.
Von diesem Jahr an verbrachte Hauptmann während fünf aufeinanderfolgenden Jahren jeweils mehrere Wochen im Frühling an diesem ruhigen Ort. Hier kam er ungestört zum Schreiben. Zweimal bestieg er – obschon in diesen Jahren die Zahnradbahn bereits in Betrieb war – zu Fuss den Monte Generoso. Dabei kam er auf der Alpe di Melano vorbei und erfuhr von Einheimischen, dass dort ein seltsames Paar, ein Bruder mit seiner Schwester und den gemeinsamen Kindern lebte. Diese Familie hat ihn zeitlebens beschäftigt und Hauptmann gestaltete aus diesem Stoff die Erzählung „Der Ketzer von Soana“. Den Ort der Handlung wollte er in Deutschland nicht verraten, aus Rovio war Soana geworden. Hauptperson ist Francesco Vela, ein erfundener Neffe des Künstlers aus Ligornetto. Dessen Werkstatt mit den Gipsabdrücken, so wie sie noch heute im dortigen Museum zu sehen sind, hatte Hauptmann mehrmals besucht. Francesco Vela hat in der Erzählung als Priester von Rovio den Auftrag, die Familie auf der Alpe di Melano wieder in den Schoss der Kirche zurückzuführen. Dabei verliebt er sich in eine der Töchter und kehrt der Kirche den Rücken. Hauptmanns Erzählung ist lange Zeit totgeschwiegen worden. Sie galt vermutlich als „politisch unkorrekt“. Heute wird sie nach und nach neu entdeckt und ist auch ins Italienische übersetzt worden („L’eretico di Soana“).
Meist lebte Gerhart Hauptmann in den luxuriösen Hotels von Lugano und Locarno. Gerne hätte er im Tessin ein Haus mit grösserem Grundstück gekauft. In Rovio interessierte er sich für einen Rebberg, in Ascona für das Castello San Materno, ja sogar nach dem Preis der Brissago-Inseln fragte er. Ein Kauf kam aber nirgends zu Stande. Woher aber die grosse Liebe zu Rovio? Hängt es wohl damit zusammen, dass Hauptmann im Tessin gewissermassen inkognito mit seiner Freundin und späteren zweiten Frau Margarethe Marschalk unterwegs war? Seine Ehefrau mit den Kindern hatte er in Deutschland zurück gelassen. Scheute er die vielen ihm bekannten Gesichter in den grossen Hotels? Für Nicht-Verheiratete war es ausserdem damals schwierig, Hotelzimmer zu bekommen. Was in der Stadt beinahe unmöglich war, ging offenbar problemlos auf dem Lande in Rovio. Hauptmann hat diese Toleranz geschätzt und ist jahrelang ein gern gesehener Gast im Tessin geblieben. Sein Sohn aus zweiter Ehe, Benvenuto, hat übrigens längere Zeit den gesamten Nachlass seines Vaters vor der Öffentlichkeit geheim gehalten und in Ronco oberhalb von Ascona im Haus, in dem früher der Maler Antonio Ciseri gewohnt hatte, versteckt.