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So wie die Ärzte von Stuhl reden, wenn sie etwas ganz anderes als die Sitzgelegenheit meinen, so haben auch die Sondermüllspezialisten ihre eigenen Wörter: «Die Kontaminationsfahnen ziehen sich unter der Kantonsstrasse in die südlich gelegenen bebauten Areale», schreiben die Spezialisten der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK) im Aargau.
Kontaminationsfahne? Unsereins würde schlicht Giftbrühe sagen, denn gemeint ist die Sondermüllsauce, die aus der Deponie entweicht. 20 Jahre nach der abrupten Schliessung im April 1985 leckt der vermeintlich sichere Tonsarkophag mitten im Wohngebiet immer noch. 250'000 Kubikmeter Giftmüll lagern unter der Erde. Der grösste Teil in Fässern, die teils schon bei der Anlieferung rosteten. Seit 2003 soll eine Barriere aus 130 Drainagebrunnen verhindern, dass die Brühe, die sich in jährlichen Dezimeterschritten nach Süden bewegt, den Grundwasserstrom erreicht.
Als Jean-Louis Tardent, Geschäftsführer der SMDK, vor 18 Jahren angestellt wurde, um die Deponie zu sanieren, hätte er sich kaum ausgemalt, dass er diese Beschäftigung bis zur Pensionierung ausüben würde. Tardent, der als Lebensmittelchemiker seine Karriere begonnen hatte, wird sie als Sondermüllchemiker beenden. «Man dachte, die Deponie wäre in zwei, drei Jahren saniert und könnte dann wieder eröffnet werden», sagt er heute. Seinen Wohnsitz hat er längst nach Kölliken verlegt, das war Bedingung. Inzwischen ist er einer von ihnen geworden. Wenn Tardent in vier Jahren in Rente geht, wird die Deponie immer noch nicht saniert sein.
Das 700-Millionen-Franken-Loch
Die Deponie verschlingt Geld, auch wenn sie nur so vor sich hin schlummert. Mittlerweile kümmern sich neun Angestellte um Betrieb, Überwachung und das Verwalten der Anlage. Damit das verseuchte Sickerwasser nicht mehr mit Lastwagen in entsprechend ausgerüstete Spezialkläranlagen verfrachtet werden muss, hat man eigens für die Deponie eine Kläranlage und eine Abluftreinigung gebaut und ein Verwaltungsgebäude erworben. Die Sanierung, die in sieben Jahren abgeschlossen werden soll, dürfte schliesslich total 700 Millionen Franken gekostet haben.
Georges Renevey vertrat damals die Anwohner im Kampf gegen die Grube. Er wohnt immer noch am Hang mit Blick auf die Deponie, heute eine grüne Wiese, auf der ab und zu Schafe weiden. An die Informationsabende der SMDK geht er nicht, «da unten» war er noch nie. «Was solls? Man kanns nicht ändern.»
Man musste kein Grüner sein, um gegen die Deponie zu sein, Renevey war damals FDP-Mitglied. Nach drei Minuten Gespräch kommt ihm wieder die Galle hoch. «Am Anfang haben sie uns gesagt, die Deponie sei keine Gefahr für das Trinkwasser.» Als ätzender Chemiegeruch die Siphons hoch- und in die Häuser hineinkroch, kamen Zweifel auf. Ein anderer Anwohner sagt, «die» hätten sie abspeisen wollen mit der Antwort, auch bei jedem Bauernhof «schmöcke» es ein bisschen.
Gerhard Vogel, der als Gemeindeammann die Grube dichtmachen liess, erinnert sich: «Den ganzen Tag über karrten Lastwagen ihre Fässer in die Deponie. Plötzlich auch solche mit deutschen und italienischen Kennzeichen. Als wir reklamierten, haben die einfach die Ladungen auf Lastwagen mit Schweizer Kennzeichen umgeladen.»
Der Kanton erhält schlechte Noten
Der Kanton Aargau war damals gleichzeitig Betreiber der Deponie und Kontrollorgan. Er überwachte sich also selber. Im Baugesuch 1976 war von einer Kehrichtdeponie die Rede, bewilligt wurde eine Sondermülldeponie. «Der Gemeinderat wurde vom Kanton getäuscht. Die versprochenen Kontrollen wurden gar nicht oder viel zu large angewandt», sagt Vogel. Die Behörden nahmen sogar Verseuchungen in Kauf: «So war den aargauischen Behörden beim Planen der Sondermülldeponie Kölliken durchaus bewusst, dass jährlich 20 bis 30 Kubikmeter belastetes Sickerwasser in den Boden gelangen würden. Dies hat man einfach hingenommen», sagt Tardent. Die Betreiber der Deponie verzichteten aus «Spargründen» darauf, das Risiko einer Grundwasserverschmutzung genauer abzuklären. In den siebziger Jahren galt es als vorbildlich, eine zentrale Deponie zu eröffnen, anstatt den Giftmüll überall zu verstreuen, wie es damals üblich war. Nur so ist die Aussage von Ex-Gemeindeschreiber Fritz Werren zu verstehen: «Wir waren im Gemeinderat sogar noch stolz darauf, die Einzigen zu sein, die über eine solche Deponie verfügten.»
Andere Anwohner zucken heute beim Stichwort Sondermülldeponie mit den Schultern: Man müsse jetzt nach vorn blicken, den Ruf Köllikens wiederherstellen. Beim Thema SMDK sehen sie schon lange nicht mehr rot.
Aber bald blau. Denn ab Ende 2005 werden über der Deponie drei Hallen hochgezogen. Auf Wunsch der Anwohner werden sie farbig angestrichen. Einige sprechen merkwürdigerweise von «Zelten», ein reichlich romantischer Begriff für riesig dimensionierte Stahlhallen, in denen problemlos eine Dinosaurierherde spazieren gehen könnte. Die luftdichten und unter Unterdruck stehenden Gebäude sollen verhindern, dass gefährliche Gase in die Umwelt entweichen, wenn die Giftbüchse geöffnet wird. Das wird ab 2006 der Fall sein. Fass für Fass, Erdkrume für Erdkrume wird mit Baggern ans Tageslicht befördert und von einer halben Hundertschaft von Leuten in der «Manipulationshalle» analysiert und sortiert. Das Problem ist: «Ich könnte Ihnen nicht mit Gewissheit sagen, was in den Fässern verpackt ist», so Tardent. Denn bei Anlieferung des Mülls deklarierte der Lieferant den Inhalt selber, überprüft wurde kaum. Nicht überall, wo Zink draufsteht, wird auch Zink drin sein. Ausserdem haben sich auslaufende Stoffe im Untergrund vermischt. 500 Tonnen pro Tag sollen abgebaut werden, sechs Jahre lang. 2012, so hofft man, könne die Akte Kölliken endlich geschlossen werden.
Das meiste geht ins Ausland
60 Prozent des Mülls gehen ins Ausland. Laut Umweltschutzgesetz müsste er zwar im Inland entsorgt werden, doch «wenn es sich um grosse Mengen wie in Kölliken handelt und in der Schweiz die Kapazitäten nicht vorhanden sind, kann der Bund die Ausfuhr ins Ausland erlauben», sagt Christoph Wenger vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). Vorteil: Die Entsorgung im Ausland ist günstiger. «Heute gibt es fast zu viele Abnehmer von Sondermüll im Ausland. Deshalb sind die Preise für die Entsorgung zusammengebrochen.» Man rechnet mit 300 bis 650 Franken pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Die Anlieferung damals kostete 30 Franken pro Kubik.
Die Zeche bezahlen die Steuerzahler vor allem der Kantone Aargau und Zürich. Weil die beiden Kantone mit je 42 Prozent am Deponiekonsortium beteiligt waren, müssen sie laut diesem Schlüssel auch die immensen Entsorgungskosten bezahlen. Die Stadt Zürich übernimmt weitere acht Prozent, ebenso die Basler Chemie.
Wer denkt, er komme ungeschoren davon, täuscht sich. Kölliken ist nur ein Symbol der damaligen Sorglosigkeit. Es warten noch 3000 bis 4000 Klein Köllikens in der Schweiz auf ihre Behandlung. Laut Buwal müssen mindestens so viele «Altlasten», wie es im Jargon heisst, saniert werden, da sie «eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen». Das wird rund fünf Milliarden Franken kosten.