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Zwischen dem hier vorliegenden dritten Teil der Philosophie der symbolischen Formen und dem zweiten liegen 4 Jahre, der erste ist gar 6 Jahre früher erschienen (1929 – 1925 – 1923). Diese lange Entstehungszeit merkt man vor allem dem dritten Teil an – im Grossen und Ganzen zu dessen Vorteil. Allerdings könnte man sagen, dass die Lektüre des dritten Teils in vieler Hinsicht eine der beiden ersten Teile sparen könnte. Cassirer rollt in der Phänomenologie der Erkenntnis nämlich vieles noch einmal auf. Zum Teil werden Dinge aus den ersten beiden Teilen auch neu gewichtet oder interpretiert.
Als etwas vom ersten fällt auf, dass er nun, 1929, das Wort ‘primitiv’, wo er es noch für Völker, Sprachen oder Anschauungsformen (Mythen) verwendet, immer in Anführungszeichen setzt. Er ist sich offenbar unterdessen der Problematik, die dieser Ausdruck enthält, bewusst geworden. Und damit meine ich nicht irgendeine ‘political correctness’, die ihn dazu gebracht hätte, einen abwertenden Begriff nicht mehr zu verwenden. ‘Primitiv’ impliziert ja vor allem, dass eine Weiter-, ja Höherentwicklung stattgefunden haben muss, dass zum Beispiel agglutinierende Sprachen ‘höher entwickelt’ sind als nicht-agglutinierende, das komplizierte Verhältnis der christlichen Dreifaltigkeit ‘höher entwickelt’ ist als ein ‘primitiver’ Animismus. Das war wirklich auch die Ansicht der respektiven Wissenschaften des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts; aber die Wissenschaften kamen von diesem letztlich teleologischen Denken nun weg. Für Cassirers Philosophie war das von Gutem, hatte er doch nun einander äquivalente symbolische Formen, die als jeweils eigenständige und nicht aufeinander reduzierbare Erlebniswelten nebeneinander standen. Symbolische Formen als Mittel zu Verstehen und Erkenntnis sind eigentlich erst im dritten Band der Philosophie der symbolischen Formen zu zwar aufeinander beziehbaren, aber nicht aufeinander rückführbaren kulturellen Phänomenen geworden.
Natürlich gibt es auch weniger ‘Schönes’ in diesem dritten Teil. Zumindest im ersten Drittel ist ein noch engerer Anschluss an Bergsons Vitalismus feststellbar, den Cassirer offenbar benötigte, um seiner Theorie ein festes Rückgrat zu geben, quasi ein ‘Ur-Phänomen’ im Goethe’schen Sinn. Allerdings verschwindet der Vitalismus, wenn er die neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaften diskutiert, wo Einsteins Relativitätstheorie für ihn ein Paradebeispiel ist, wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse eine neue Kultur, eine neue Erlebniswelt, (sozusagen) ins Leben rufen. Ansonsten versucht Cassirer, Idealismus (Kants Kritik der reinen Vernunft ist einer seiner oft zitierten Texte, aber auch Hegel wird beigezogen, Wilhelm von Humboldt bei der erneuten Diskussion der Sprache, dort auch Hamann und Herder noch einmal, Natorp) mit Realismus-Sensualismus-Empirismus (Berkeley, Hobbes, Mach, Planck, Nicolai Hartmann) zu kombinieren – oft mit Rückgriff auf ältere Philosophen wie Dante oder Leibniz. Der auch in diesem Blog schon als erkenntnistheoretisch interessant vorgestellte Bericht der taub-blind geborenen Helen Keller wird bei Cassirer ebenfalls diskutiert. Eine grosse Rolle spielt das Zeit-Problem, das von Augustinus an bis hin zum Psychologen (!) William James betrachtet wird, und Cassirer dazu dient, eine Theorie des Begriffes zu formulieren. Cassirer nimmt als einer der ersten deutschsprachigen Philosophen die Entwicklungen in Logik und Mathematik zur Kenntnis (Frege, Russell – nicht aber Wittgenstein, der war zu jener Zeit verschollen). Kurd Laßwitz’ Schriften über die Lehre Kants von der Idealität des Raums und der Zeit und die Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton gehören zu den fleissig ausgezogenen Schriften.
Alles in allem ein Werk, das seinen festen Platz in der Philosophiegeschichte zu Recht erhalten hat. Der Neukantianismus als Versuch, Kants Philosophie mit der neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnis zu kombinieren, wurde hier in vieler Hinsicht zugleich vollendet und überwunden. (Nur die Biologie, die Evolution, wurde von Cassirer ausser Acht gelassen. Man hätte ihn vielleicht darauf aufmerksam machen müssen, aber er war ja nicht der einzige seiner Zeit, der von den neuesten Errungenschaften der Quantenphysik derart fasziniert war, dass er andere Naturwissenschaften darüber vergass.)