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Chronist der Unabhängigkeit: James Barnors Ghana in Lugano zu sehen
Er hat 1957 Ghanas Schritt in die Unabhängigkeit dokumentiert und das erste Labor für Farbfotografie in seinem Land gegründet: James Barnor. Das Kunstmuseum Lugano zeigt ab Sonntag in einer grossen Retrospektive über 200 Werke des anglo-ghanesischen Fotografen.
Er hat 1957 Ghanas Schritt in die Unabhängigkeit dokumentiert und das erste Labor für Farbfotografie in seinem Land gegründet: James Barnor. Das Kunstmuseum Lugano zeigt ab Sonntag in einer grossen Retrospektive über 200 Werke des anglo-ghanesischen Fotografen.
Es ist ein Bild, das in diesen Tagen erneute Aktualität erlangt: Eine Schwarz-Weiss-Fotografie zeigt die Duchess of Kent, wie sie als Vertreterin des British Empire 1957 Ghana in die Unabhängigkeit entlässt. Zu sehen sind auf James Barnors Bild jedoch nur ihre hellen hochhackigen Schuhe und ihr Kleid. Ihr Gesicht verschwindet hinter einem Fächer, mit dem sich die Duchess Abkühlung verschafft. Hinter ihr betritt im selben Moment der erste ghanaische Präsident Kwame Nkrumah die Bühne.
Die Ausstellung im zweiten Stock des Palazzo Reali beginnt im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompeten: Da ist eine Aufnahme von zwei wild Maskierten im zotteligen Kleid, die 1958 den ersten Generalgouverneur willkommen heissen. Auf der nächsten Fotografie sind fünf traditionell gekleidete Hornbläser zu sehen. Sie alle feiern Ghanas Loslösung vom Commonwealth. Im Hintergrund recken sich Palmen in den Himmel.
In diesem ersten Raum hängt noch ein weiteres Bild, das einem besonders in Erinnerung bleibt. Es zeigt Kwame Nkrumah in seiner Gefängnis-Absolventenmütze, wie er 1952 vor einem internationalen Fussballspiel einen Ball kickt. Im selben Jahr wird Nkrumah Premierminister der damaligen Kronkolonie Goldküste, dem späteren Ghana.
Bilder voller Lebendigkeit
Die Aufnahme steht stellvertretend für Barnors Fotografien, denen eine einzigartige Lebendigkeit innewohnt. Im nächsten Saal, der dem Leben in Accra gewidmet ist, strahlen ein junger Mann und eine junge Frau in die Kamera, die Barnor in einem Jugendförderverein aufgenommen hat. Wie auf vielen anderen Bildern verbindet der ghanaische Fotograf hier das scheinbar Zufällige mit dem grösseren Ganzen, fängt einen Moment ein, der stellvertretend steht für eine gesellschaftliche Entwicklung.
Das Bild entstand 1953, vier Jahre vor Ghanas Unabhängigkeit. Barnor habe die «Energie dieser Jahre» in seinem Werk sichtbar gemacht, heisst es im Begleittext zur Ausstellung. Und wer das Bild der zwei Zuversicht ausstrahlenden jungen Ghanaer sieht, glaubt in der Tat, ein Gefühl des Aufbruchs auf ihren Gesichtern zu lesen.
Von Schwarz-Weiss zu Farbe
Der 1929 geborene James Barnor arbeitete während mehr als 60 Jahren auf zwei Kontinenten. 1959 siedelt er nach London über, dokumentiert dort das Leben der afrikanischen Gemeinschaft, begleitet seine emigrierten Landsleute auf Ausflügen und experimentiert erstmals mit Farbfotografie.
In diesen Londoner Jahren arbeitet Barnor auch für die südafrikanische Zeitschrift «Drum», die sich der Anti-Apartheid-Bewegung verschrieben hat. Und er schiesst am Piccadilly Circus das berühmte Porträt des ersten dunkelhäutigen Radiosprechers der BBC Mike Eghan.
Zurück in Ghana eröffnet Barnor Anfang der 1970er Jahre das erste ghanaische Labor für Farbfotografie. In den Bildern jener Jahre inszeniert er Frauen in bunten Kleidern aus Kente-Stoff, führt aber auch kommerzielle Aufträge aus, so unter anderem 1974 für den italienischen Mineralölkonzern Agip.
Parallel zur Geschichte hat sich auch die Energie auf den Bildern des Fotografen gewandelt: Wo in den 1950er Jahren auf den Gesichtern der Menschen eine fast aufmüpfige Zuversicht zu sehen war, strahlen die Ghanaerinnen und Ghanaer 20 Jahre später ein ruhiges Selbstbewusstsein aus.