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Weisheit als komplexes Konstrukt erweist sich als schwer zu definieren und zu messen. Diverse psychologische Weisheitstheorien und Modelle wurden in den letzten Jahren postuliert. Ein signifikanter und direkter Zusammenhang zwischen Weisheit und Alter konnte jedoch bisher empirisch nicht nachgewiesen werden. Verschiedene Studien kommen zu der Feststellung, dass sich – im Idealfall – eine weisheitsfördernde Persönlichkeit und eine gewisse Reife (als Lebensreflektiertheit) mit zunehmendem Alter herausbilden kann. Eine Garantie für Weisheit im Alter gibt es nicht, vielmehr können auch Kinder bereits in frühen Jahren lernen, sich «weise» zu verhalten, was ihnen dann auch im Alter von Nutzen sein kann.
«Weisheit» als Gegenstand gerontologischer Forschung
Das Alter wurde in der Vergangenheit häufig positiv (die weisen Alten) und/oder negativ (körperlicher und geistiger Verfall) betrachtet; diese ambivalente Bewertung wirkt auch heute noch nach. Dies führte lange Zeit zu einer gewissen Romantisierung und Ausbildung einer Laientheorie über den Begriff der «Weisheit».
Weisheit als Form einer geistig-seelischen Entwicklung im Lebenslauf manifestiert sich für viele Menschen verschiedener Kulturen im Sprachgebrauch und wird vielfach mit einem höheren Lebensalter verbunden. Werden gemachte Lebenserfahrungen als notwendige Grundlage für «Weisheit» angesehen, ist Weisheit mit dem Alter einer Person verknüpft. Zum Alters-Stereotyp wird eine Auffassung, wonach Alter automatisch zu Weisheit führt.
In der repräsentativen Panelstudie «Deutscher Alterssurvey (DEAS)» wurde 2008 unter anderem gefragt, wie sehr die befragten älteren Menschen gegenwärtig an «Weisheit, ein reifes Verständnis des Lebens» dächten oder etwas dafür täten. Bei 8045 gültigen Angaben zeigte sich, das nur 5.6 % nichts dafür tun resp. nicht darüber nachdenken, aber mehr als die Hälfe denkt/tut gegenwärtig etwas bis viel über/für Weisheit. Somit ist Weisheit auch und gerade für ältere Menschen ein Thema.
Weisheit stellt ein schwer zu untersuchendes Phänomen mit vielen Diskrepanzen zwischen Laien- und wissenschaftlichen Theorien dar. Erst etwa Mitte des 20. Jahrhunderts etablierten sich Theorien zur Weisheit in der Gerontologie und in der Psychologie. Dennoch zeigen aktuelle Diskussionen, dass die erste Frage jeder Beschäftigung mit der Weisheit, nämlich «Was ist Weisheit?» noch nicht abschliessend beantwortet werden konnte (Staudinger & Glück, 2011). Folglich wirft auch die Messung von Weisheit im Alter noch einige Fragen auf.
Psychologische Weisheitstheorien – Ein kurzer Einblick
Psychologische Untersuchungen zeigen, dass die fluide Intelligenz tendenziell altersabhängig ist, hingegen scheinen die «stark von Erfahrungs- und Kulturwissen geprägten kristallinen Leistungen […] von diesen grundlegenden bio-psychischen Veränderungen nicht so stark betroffen [zu] sein» (Wahl & Heyl, 2004, S. 166). Weisheit kann mit kristalliner Intelligenz assoziert werden ohne darauf reduzierbar zu sein (Baltes & Kunzmann, 2004). Weisheit wird daher von Staudinger, Smith & Baltes «als höchste Leistungsfähigkeit im Bereich der fundamentalen Pragmatik des Lebens» (1994, S. 9) definiert. Dieser Bereich umfasst nach Staudinger, Smith & Baltes «Wissen und Erfahrungen hinsichtlich der Entwicklung über die Lebenspanne (einschließlich der eigenen Entwicklung), der menschlichen Natur und der gesellschaftlichen Beziehungen, der Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen, der unterschiedlichen Lebensaufgaben und -ziele, der individuellen und kulturellen Variationen innerhalb von Lebensläufen sowie hinsichtlich der Ungewißheiten des Lebens» (ebd.). Auf der Zeitachse des Lebens gemachte reflektierte Problemlösungen verschaffen älteren Menschen somit eine pragmatische Fähigkeit.
Drei wichtige Ansätze in der psychologischen Weisheitsforschung sind:
- Berliner Weisheitsparadigma von Baltes und MitarbeiterInnen (Staudinger & Baltes, 1996)
- Balancetheorie der Weisheit von Sternberg und MitarbeiterInnen (Sternberg, 2005)
- Dreidimensionales Weisheitsmodell von Ardelt (Ardelt, 2004)
Zwischen den genannten Autoren bestehen Unterschiede in der Betonung der Kernelemente von Weisheit. Baltes und Sternberg betonen vorwiegend Wissen und Denken, Ardelt hingegen betont zusätzlich reflektive und affektive Komponenten der Persönlichkeit. Allen Theorien gemeinsam ist die Feststellung, dass Weisheit eine Stärke des höheren Alters ist, welche über das allgemeine «Wissen» hinausgeht und Eigenschaften der Persönlichkeit mitberücksichtigt. Dennoch wird von den Vertretern auch betont, dass sich Weisheit nicht automatisch mit dem Alter einstellt und Weisheit nicht ausschliesslich mit den gelebten Lebensjahren zu erklären ist.
Die Messung der Weisheit – eine Annäherung
Das Problem der Weisheit liegt auch in ihrer Messbarkeit: «Basale Leistungskomponenten sind leichter untersuchbar als komplexe Fähigkeiten wie Weisheit […]» (Glück, 2004, S. 1). Die Komplexität der pragmatischen Intelligenz im Alter offenbart für jede Erforschung und Messung Herausforderungen an die Forschenden. Um Weisheit messen zu können, muss Validität vorliegen, welche Weisheit als eindeutiges Konstrukt abgrenzt.
Einige Studien verwenden beispielsweise Fallvignetten zur Weisheitsmessung, welche fiktive Lebenssituation darstellen. Anhand dieser Fallbeispiele sollen Probanden nachdenken, reflektieren und ihr theoretisches Vorgehen bei der Problemlösung beschreiben. Das Rating erfolgt durch mehrere geschulte Fachpersonen. Die Frage nach der wertfreien Beurteilung der Weisheitsbekundungen (kulturelle und soziale Gegebenheiten und Vorstellungen) kann sicherlich kritisch gestellt werden. Dennoch lassen sich die jeweiligen Antworten der Probanden hinsichtlich ihrer Qualität, Tiefe und Reflektiertheit unterscheiden.
Trainierbarkeit von Weisheit
Ist Weisheit trainierbar resp. lernbar? Zur Frage der Trainierbarkeit von Weisheit gibt es verschiedene Ansätze und Potentialzuschreibungen. Ein breites Spektrum an Konzepten zum Erlernen und Trainieren von Weisheit aller Altersgruppen lässt sich z.B. in Ferrari & Potworowski (2008) finden. Die vielleicht naheliegendste Methode, Weisheit zu trainieren, ist die Reflexion eigener Lebenserfahrungen. Daneben können auch Gespräche mit anderen Personen ein Problem in ein neues Licht stellen (Staudinger & Glück, 2011, S. 234).
Glück & Baltes (2006) sehen drei Wege zur Steigerung der Weisheit:
- Der «natürliche» Weg zur Weisheit durch die Entwicklung von Weisheit im Verlauf der Lebens durch Erfahrungen und Lernen
- Training der Fähigkeiten und Denkstile für die Entwicklung von Weisheit
- Kurzfristige Interventionen (z.B. Reflexion im Gespräch) zur Weisheitssteigerung
Sternberg (2001) plädiert dafür, weisheitsbezogene Fähigkeiten bereits frühzeitig zu fördern und spricht sich für eine Implementierung des Weisheitstrainings bereits in den Schullehrplan aus. Dabei sollen die Kinder nicht gelehrt bekommen, was sie zu denken haben, sondern auf welche Weise sie denken können. Das Training von weisheitsbezogenem Verhalten setzt bereits frühzeitig ein und erstreckt sich über die gesamte Lebensspanne. Daher kann das Training und Erlernen von Weisheit auch als Form des lebenslangen Lernens verstanden werden. Weise zu sein ist somit keine abgeschlossene Eigenschaft, sondern ein Prozess, ein fortwährendes Reflektieren, Dazulernen und Üben.
Zusammenfassend:
- Weisheit ist schwer zu definieren, zu operationalisieren, zu messen und von anderen Konstrukten abzugrenzen.
- Weisheit entsteht nicht automatisch mit dem höheren Lebensalter. Das Alter ist keine hinreichende Erklärung für Weisheit.
- Weisheit geht über reines Wissen hinaus und berührt Bereiche wie Emotionen, Verhalten, Persönlichkeit und Werte/Prioritäten.
- Weisheitsfördernde Übungen und ein «weises Verhalten» können helfen, das eigene Leben zu reflektieren und sich besser mit dem «alt sein/werden» auseinanderzusetzen.