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Nie wieder darf so etwas passieren: Das ist das Gefühl nach einem Unfall wie demjenigen des Swissair-Fluges 111 am 2. September 1998. Die Untersuchung des Absturzes nahm deshalb Jahre in Anspruch. Die kanadischen Behörden investierten über 40 Millionen Franken, um die Ursache des Unglücks zu klären. Der 300 Seiten starke Untersuchungsbericht lieferte aber nach fünf Jahren keine klaren Antworten.
Doch hatte das Unglück von Halifax trotzdem Auswirkungen auf die Luftfahrt? Gemäss dem damaligen Sicherheitschef der Swissair, Jürg Schmid, wurden viele Erkenntnisse nicht flächendeckend umgesetzt.
Jürg Schmid
Ex-Sicherheitschef Swissair
Jürg Schmid war jahrelang als Pilot für die Swissair auf Kurz- und Langstrecken tätig. 1995 wurde der Militärpilot Sicherheitschef der Airline. Dieselbe Funktion bekleidete er auch zwischen 2002 bis 2006 bei der Nachfolgegesellschaft Swiss.
SRF News: Jürg Schmid, die Swissair hat nach der Katastrophe ganz viele technische Massnahmen umgesetzt. Sind diese weltweit zum Standard geworden?
Jürg Schmid: Nein, das sind sie nicht. Bei den 19 MD11-Flugzeugen der Swissair ist das passiert. Weltweit hat sich grundsätzlich nichts geändert.
Verhängnisvolles Isolationsmaterial
Bald nach dem Absturz von SR 111 zeigten Experimente, dass das verwendete Isolationsmaterial bei grosser Hitze entflammbar ist. Das Material wurde für den Absturz verantwortlich gemacht. «Ohne dieses und andere entflammbare Materialien wäre dieses Unglück nicht passiert», sagte Untersuchungsleiter Vic Gerden.
Die Swissair reagierte bereits nach den allerersten Hinweisen und die wechselte Isolation ihrer MD11 freiwillig aus.
Die Swissair hatte die Piloten angewiesen, schneller zu landen. Ist das auch weltweit zum Standard geworden?
Ich kann nicht sagen, ob das weltweit zum Standard geworden ist. Wir haben unsere Erkenntnisse den anderen mitgeteilt. Was genau damit gemacht wurde, weiss ich nicht.
Wie haben die Swissair-Piloten damals reagiert? Haben sie ihre Checklisten abgearbeitet?
Sie haben die Anweisungen nach Checkliste befolgt. Sie haben sie abgearbeitet, bis dann die Situation im Cockpit unhaltbar wurde.
Weiss man auch heute nicht zu 100 Prozent, weshalb das Flugzeug abgestürzt ist?
Hundertprozentig wissen wir das nicht. Wir haben starke Vermutungen, warum es zu so einem Schwelbrand gekommen ist. Aber wo es genau angefangen hat, wissen wir nicht.
Ist es für Sie als ehemaliger Sicherheitschef eine Belastung, dass man es nicht hundertprozentig weiss?
Es ist einfach nicht befriedigend, wenn man nicht genau weiss, wo es angefangen hat. Eine Korrektur ist so viel schwieriger.
Warum gab es einen Kurzschluss?
Ausgelöst wurde das Feuer an Bord der MD11 höchstwahrscheinlich durch einen Kurzschluss. Doch die Ursache ist bis heute unklar. So lautete der Befund des kanadischen Transportation Safety Boards. Das Kabel, an dem es zum Kurzschluss kam, gehörte vermutlich zum Bordunterhaltungssystem. Dieses hatte die Swissair für die erste Klasse nachträglich einbauen lassen.
Gibt es irgendetwas, das heute bei jedem Flugzeug anders ist als damals?
Nicht bei jedem Flugzeug aber bei allen neuen Flugzeugen. Man stellt heute andere Anforderungen an die ganzen Aufzeichnungsgeräte. In unserem Fall war es so, dass beim totalen Stromausfall auch die ganzen Aufzeichnungsgeräte nicht mehr mit Strom versorgt wurden.
Heute sind Batterien eingebaut?
Ja, sie haben Batterien. Und während einer minimalen Laufzeit kann man auch noch die Ereignisse aufzeichnen, die bei einem totalen Stromausfall passieren.
Das Gespräch führte Fritz Muri.