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Vor einigen Monaten lernte ich auf dem Heimweg von der Arbeit ein Ehepaar aus der Ukraine kennen. Wir kamen ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass sie seit beinahe einem Jahr in meinem Quartier wohnen. Ihre Familie lebt überall in Europa verstreut. Dank guten Telefonverbindungen haben sie mit allen Kontakt. Es gehe ihnen gut. Selbst mit dem Sohn, der an der Front kämpft, können sie ab und zu telefonieren, obwohl die Verbindung schwach ist. Beim Erzählen kamen ihnen die Tränen. Der Schmerz und die Sorge um die Zurückgebliebenen sei gross.
Ihre Situation erinnerte mich an meine Geschichte. Im Sommer 1989 floh ich mit 18 Jahren, ohne meine Familie, in die Schweiz. Zehn Jahre später herrschte Krieg im Kosovo. Damals gab es weder soziale Medien noch Handys. Meine Familie und die ganze Verwandtschaft im Kosovo wurde wegen meiner politischen Aktivitäten vom Serbischen Sicherheitsdienst terrorisiert und überwacht.
Der erste Kontakt in meine Heimat kam vier Monate nach der Flucht über meine Tante zustande. Sie war die einzige Verwandte, die in der Stadt lebte und ein eigenes Telefon besass. Ich bat sie, meinen Eltern mitzuteilen, dass ich in Sicherheit sei und es mir gut gehe. Mehr durfte ich nicht erzählen, zu gross war unsere Angst.
Ich schrieb Briefe, aber meistens kamen sie nicht an, weil sie vom Sicherheitsdienst zensuriert wurden.
Auch waren die Telefongespräche für mich teuer, mein Geld reichte nur für das Wesentliche. Und die Telefonverbindungen waren sehr schwach, deshalb musste ich stundenlang versuchen, in einer Telefonkabine eine Verbindung herzustellen. Nicht selten kam ich nicht durch und kehrte mit hängendem Kopf heim. Enttäuscht, vor allem weil meine Eltern oder Geschwister extra aus dem Dorf in die Stadt anreisen mussten und auf den Anruf warteten. Bestimmt machten sie sich Sorgen, weil sie nichts von mir hörten. Wenn ich sie Monate später das nächste Mal erreichte, kamen mir Zweifel, ob sie mir glaubten, dass wir nicht sprechen konnten wegen der schlechten Verbindung. Oder ob sie dachten, ein anderer Grund steckte dahinter. Zum Beispiel, dass es mir nicht gut ging.
Deshalb telefonierten wir in den ersten Monaten selten miteinander. Und wenn ich ein paar Minuten mit ihnen sprach, war ich danach aufgewühlter als vorher, weil ich sie so sehr vermisste. Der Schmerz und die Sehnsucht überwältigten mich. Ich schrieb Briefe, aber meistens kamen sie nicht an, weil sie vom Sicherheitsdienst zensuriert wurden. Monatelang musste ich ohne ein Lebenszeichen meiner geliebten Familie durchhalten.
Jetzt ist vieles anders. Zum Glück! Sogar beim Asylverfahren sind Veränderungen passiert. Während die Asylsuchenden aus dem Kosovo illegal und auf unsicheren Wegen einreisten, kommen die Ukrainer legal oder werden zum Teil von Hilfsorganisationen transportiert. Ein Teil von Ihnen kommt mit dem eigenen Auto. Sie werden bei der Wohnungssuche unterstützt, bekommen eine Arbeitsstelle, manche können sogar eine Berufsausbildung machen. Sie haben Mobiltelefone und können jederzeit mit ihren Verwandten kommunizieren.
Fühle ich mich deshalb benachteiligt? Vielleicht. Und doch überwiegt Mitgefühl und Solidarität.
Diese Rechte waren mir nicht gegönnt. Als ich nach einer Ausbildungsmöglichkeit fragte, nachdem ich als Flüchtling anerkannt war, hiess es: «Sie sind volljährig und sie müssen mit ihren Leistungen ihren Lebensunterhalt verdienen. Erst dann dürfen sie eine Ausbildung machen oder studieren.»
Fühle ich mich deshalb benachteiligt? Vielleicht. Ich war eine fleissige und interessierte Gymnasiastin und hätte sehr gerne Medizin studiert. Daraus wurde nichts. Und doch: im Gespräch mit dem Paar überwiegt Mitgefühl und Solidarität. Auch sie sind nicht freiwillig hierhergekommen. Wie ich sind sie vor Krieg und Gewalt geflohen, wie ich waren sie an Leib und Leben bedroht. Ich fühle mich ihnen nah. Und hoffe, alle Menschen hier tun es auch.
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