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Gewichtige Stiftungen fördern die zeitgenössische Musik und führen die Aufgaben der früheren Mäzene weiter – nicht immer ganz nach deren Gusto.
Einen Nobelpreis für Musik gibt es zwar nicht, doch seit langem Preise, die gleichsam als Ersatz gehandelt werden, denn mit 100 000 US-Dollar beziehungsweise 250 000 Euro sind sie bestens ausgestattet. Da ist einerseits der Grawemeyer Award, den der Industrielle H. Charles Grawemeyer (1912–1993) aus Louisville (Kentucky) stiftete und der zuletzt an den holländischen Multimedia-Komponisten Michel van der Aa ging. Das grössere Renommee geniesst auf unserem Kontinent der Ernst-von-Siemens-Musikpreis, den heuer der Dirigent Mariss Jansons erhielt. Um beim zweiten zu bleiben: Die Reihe der vierzig Siemens-Preisträger seit 1974 reicht von Benjamin Britten und Olivier Messiaen über Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Pierre Boulez bis zu Nikolaus Harnoncourt und Wolfgang Rihm. Aus der Schweiz wären Heinz Holliger und Klaus Huber zu nennen. Ein einziges Mal – 2008 – wurde eine Frau geehrt: die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Ein unabhängiges Kuratorium aus Komponistinnen, Musikwissenschaftlern und Kulturmanagerinnen bestimmt jedes Jahr, wer den Preis erhält.
Drei Millionen Euro Dividenden
Ein grosser Name hängt dran: Siemens. Es wäre allerdings falsch, den Namen zum «Siemens-Preis» zu verkürzen, wie es oft geschieht. Der Technologiekonzern hat damit nichts mehr zu tun. Preisstifter war Ernst von Siemens (1903–1990), der dem Konzern von 1956 bis 1971 als Aufsichtsratsvorsitzender vorstand. Aus seinem sowohl ererbten als auch erworbenen Privatvermögen richtete er drei Stiftungen ein: für Naturwissenschaft, bildende Kunst und Musik. Die Musikstiftung hat dank des Preises viel Ansehen erhalten – und doch wäre es einseitig, sie darauf zu reduzieren. Drei Millionen Euro jährlich schütten die der Stiftung gehörenden Aktien an Dividenden aus. Offenbar hat das Renommee des Preises auch nie darunter gelitten, wenn der Siemens-Konzern in die Schlagzeilen geriet, wie vor ein paar Jahren einer Korruptionsaffäre wegen.
Eine Viertelmillion geht also an den Hauptpreisträger. Gewichtige Beiträge erhalten auch die jungen FörderpreisträgerInnen, unter denen sich auch immer wieder Schweizer befinden, so dieses Jahr der Komponist David Philip Hefti. Der grosse Rest wird verteilt: an Konzerte und Veranstaltungsreihen, Kinder- und Jugendprojekte, Wettbewerbe und Workshops, wissenschaftliche Publikationen und zahlreiche Festivals. Das Festival Archipel aus Genf profitierte heuer ebenso davon wie die Donaueschinger Musiktage. Für die Neue Musik ist diese Unterstützung von vitaler Bedeutung.
Gewiss kennt man Ähnliches aus der Schweiz, nur ist es nicht mehr so deutlich mit dem Namen einer Firma verbunden. Alle wussten, dass das Vermögen von Paul Sacher (1906–1999) aus seiner Heirat mit Maja Hoffmann-Stehlin herrührte, der Witwe von Emanuel Hoffmann, dem Sohn von Fritz Hoffmann-La Roche, dem Gründer des gleichnamigen Pharmaunternehmens. Damit wurde Sacher der neben dem Winterthurer Industriellensohn Werner Reinhart (1884–1951) wichtigste helvetische Mäzen für moderne Musik. Seine dominierende Rolle ist viel diskutiert worden. Sachers Tätigkeit war nicht unumstritten, aber wie sagte kürzlich ein Kollege: Damals habe man es kritisch beobachtet, heute aber vermisse man die grossen Namen in Basel. Wie steht es eigentlich um die künftigen grossen MäzenInnen, die so umfassend und wissend das Musikschaffen fördern? Brauchen wir sie nicht mehr?
Sachers Vermächtnis ist die Paul-Sacher-Stiftung. Zeit seines Lebens hatte Sacher bei Komponisten von Bela Bartok über Igor Strawinski bis Luciano Berio und Wolfgang Rihm Werke in Auftrag gegeben. Die 1973 gegründete Stiftung hat inzwischen zahlreiche Nach- (und Vor-)lässe von KomponistInnen erworben und in ihrem Haus am Basler Münsterplatz versammelt und arbeitet diese nun wissenschaftlich auf, sodass sie der Musikforschung zur Verfügung stehen.
Auch diese Stiftung agiert völlig unabhängig vom Chemiekonzern. Die Firma Roche hat – um das sachersche Erbe ihrerseits weiterzuführen – vor einigen Jahren die Initiative ergriffen und vergibt alle zwei Jahre einen Kompositionsauftrag; für 2014 geht er an die aus Südkorea stammende Unsuk Chin. Seit diesem Jahr wird er ergänzt durch Förderaufträge an zwei junge KomponistInnen. Roche versucht damit, die MusikerInnen mit den eigenen WissenschaftlerInnen in Kontakt zu bringen, damit sie gegenseitig ihre Arbeitsweisen vergleichen können. Das entspreche der Firmenphilosophie: «Innovation und Inspiration, Experiment und Neugier», sagt Vivian Beetle. Sie stand bis vor kurzem dem Department Donations and Philanthropy von Roche vor, das sich vor allem sozial, wissenschaftlich und kulturell engagiert. «Wir wollen keinen Mainstream fördern. Wir wünschen uns von den Künstlern das gleiche Engagement und die gleich hohe Qualität wie von unseren Forschern.» Eine solche Gewichtung des «Non-Mainstream» ist rar geworden. Wo andere Firmen auf publikumswirksame Events setzen, ist Roche elitär und sucht sich für die Kompositionsaufträge nicht diejenigen aus, die dem grossen Publikumsgeschmack entsprechen.
Je nach Wirtschaftslage
Es gibt aber auch einige wenige kleine Stiftungen, die Neue Musik unterstützen, und das durchaus mit Gewicht, so etwa die Stiftung Christoph Delz in Basel. Der 1993 mit 43 Jahren verstorbene Pianist und Komponist Delz stammte aus einem begüterten Elternhaus, und sein Vermögen war die Grundlage für das Stiftungskapital. Aus den rund 200 000 Franken, die jährlich, je nach Wirtschaftslage, zur Verfügung stehen, sollen einerseits Aufführungen und CDs mit seinen Werken gefördert werden. Andererseits wird damit ein Wettbewerb mit einer Preissumme von immerhin 50 000 Franken alimentiert. «Delz wollte, dass der Bestmögliche gefunden wird und dass dieser so viel Geld bekommt, dass er wirklich etwas damit anfangen und sich einem grösseren Projekt widmen kann», sagt der Musikwissenschaftler Dominik Sackmann, der die Geschäfte der Stiftung führt. Ausserdem vergibt diese alle drei Jahre ein Werkjahr für einen Schweizer oder in der Schweiz lebenden Komponisten oder eine Komponistin.
Der Wettbewerb, wie der Namensträger ein Geheimtipp, geniesst in MusikerInnenkreisen internationales Ansehen. Die 120 Einsendungen kamen letztes Mal aus aller Welt. Um ihre PreisträgerInnen vorzustellen, hat die Delz-Stiftung einen sehr guten Partner gefunden: das Lucerne Festival. Dort wurde 2012 das Werk «Les jeux / Les poupées» des letzten Preisträgers, des Österreichers Thomas Amann, vorgestellt. Luzern erweist sich als exzellente Plattform, denn es ist zentral, dass eine solche Initiative prominent platziert wird. Sacher war eng mit den Festwochen verbunden, die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung war schon zu Besuch, Roche lässt dort die Auftragswerke uraufführen. Das verspricht den Förderern und den Geförderten Aufmerksamkeit. Zentral dabei ist, dass solche Mäzene ihr Geld aus den Händen und zu treuen Händen geben, auf dass es im Sinn der Neuen Musik verwaltet wird. Nicht immer waren die Stifter mit dem einverstanden, was in den Stiftungen geschah. Als Karlheinz Stockhausen 1986 den Ernst-von-Siemens-Musikpreis erhielt, sei der Mäzen, so wird erzählt, ostentativ nicht zur Preisverleihung erschienen. Aber opponiert hat er nicht gegen den Entscheid seiner Jury.