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Erstausgabe Martin Salander, 1886 (Verlag Hertz, Berlin).
Wie Freundschaftsdienste viele ins Unglück stürzten
Aufgrund von Mehrfachbürgschaften untereinander verarmten Ende des 19. Jahrhunderts im Kanton Zürich teilweise ganze Familien oder Landstriche. Der Volksmund kommentierte treffend: «Bürgen tut würgen.» Was war passiert?
Mit dem Aufschwung der Wirtschaft nach 1850 und dem grossen Geldbedarf in Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe avancierte der Bürgschaftskredit gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz rasch zum beliebtesten Kreditmittel in der Schweiz. Der Bürge verpflichtet sich dabei, für einen Bekannten oder Verwandten geradezustehen, wenn dieser seinen Bankkredit nicht mehr zurückzahlen kann.
Plötzlich in der Bredouille
Noch heute sind Bürgschaftskredite relativ weit verbreitet, weil der Bürge keine unmittelbare Zahlung leisten muss. Zur Kasse gebeten wird er nur bei Zahlungsunfähigkeit des Schuldners, für den er sich verbürgt hat. Wer einen Kredit aufnehmen wollte, erhielt die Zusage für eine Bürgschaft somit relativ leicht – im Verein, am Stammtisch, unter Parteifreunden, Dienstkameraden und Verwandten. Dazu kamen «Bürgschaftsketten», wie sie im Jahresbericht der Zürcher Kantonalbank von 1886 beschrieben sind: «Gewisse Leute halfen sich gegenseitig mit ihrem Kredit in der Weise aus, dass sie sich bei verschiedenen Instituten für einander verbürgten, und zwar in einem Umfange, der ihren ökonomischen Verhältnissen nicht angemessen war.» Wenn sich in einer Wirtschaftskrise wie Anfang der 1880er Jahre die Konkurse häuften, wurden viele «gutmüthige Bürgen» aufgrund der subsidiären Haftung in den Ruin getrieben. Und es kam zu den beschriebenen Kettenreaktionen mit verheerenden Folgen. Literarisch setzte der Zürcher Dichter Gottfried Keller dieser Epoche ein Denkmal, indem er seine Hauptfigur in «Martin Salander» durch eine Bürgschaft ins Unglück stürzen lässt. Er will das «Gebot der Freundespflicht» erfüllen und glaubt fälschlicherweise, dass er niemals zahlen müsse. Doch weit gefehlt!
Beliebt, trotz allem
Nach den vielen Konkursfällen in den Krisenzeiten stellte die Zürcher Kantonalbank fest, dass diese Kreditform bei ihr weniger häufig nachgefragt wurde. An die Stelle des Vertrauens sei häufig Misstrauen getreten. Waren in den 1870er Jahren noch 10 Prozent aller Darlehen verbürgt, verringerte sich der Anteil nach 1900 auf unter 1 Prozent. Das Bürgschaftsdarlehen blieb aber in Gebieten mit viel Landwirtschaft und Kleingewerbe eine beliebte Kreditart. Es ging meist um kleine Beträge von 100 bis 500 Franken. Für viele Menschen ohne Bodenbesitz oder andere verwertbare Sicherheiten war der Kredit durch Bürgschaft die einzige Möglichkeit, um für die Aufnahme einer Geschäftstätigkeit oder kleinere Investitionen an die nötigen Finanzmittel zu gelangen. Dass die Menschen jedoch vorsichtiger geworden waren, dürfte auch mit den in «Martin Salander» geschilderten Erfahrungen zusammenhängen. Selbst Gottfried Keller verstand seinen Roman eher als «ein trockenes Predigtbuch».
«Ich habe nichts aufs Spiel gesetzt, ich wollte nichts gewinnen, sondern einfach ein Gebot der Freundespflicht erfüllen, das heisst – ich glaubte eben nicht, dass es zum Zahlen käme, war vielmehr der Meinung, soviel mir noch vorschwebt, die Suppe würde wohl nicht so heiss gegessen werden, wie sie gekocht sei, und jeder wahre Freundesdienst sei mit einem Wagnis verbunden, sonst wäre es keiner. »
Risikoverteilung dank Genossenschaften
Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg gingen risikoreiche Bürgschaften durch Einzelpersonen zurück. Es kam stattdessen zur Gründung von breit abgestützten Bürgschaftsgenossenschaften. An ihnen waren je nach Ausrichtung verschiedene Personen, private Organisationen und staatliche Stellen anteilsmässig beteiligt. Statt einer Einzelperson verbürgte sich nun eine breit abgestützte und ausreichend kapitalisierte Genossenschaft beim Kreditgeber für das Darlehen an einen Schuldner aus ihren Reihen. Eine frühe Gründung dieser Art war beispielsweise die von Frauenorganisationen ins Leben gerufene Bürgschaftsgenossenschaft SAFFA, die seit 1931 für Kredite an Frauenunternehmen geradesteht.