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Das grosse Haus von Familie Körner liegt eine gute Autostunde von New York entfernt, im US-Bundesstaat Connecticut. Idyllisch fügt es sich in ein ruhiges Wohnquartier ein. Regula (49) und Thomas (46) Körner leben gern hier mit ihren Söhnen Felix (3) und Cedric (1). Aber nicht freiwillig.
Lieber würden die Körners ihre Söhne in der Schweiz grossziehen, wo sie selbst aufgewachsen sind, wo Verwandte und Freunde leben. Doch sie können nicht zurück.
Weil sie ihren Sohn Cedric von einer Leihmutter austragen liessen, erkennen die Schweizer Behörden ihn nicht als ihr Kind an. Sie drohen den Eltern, Cedric wegzunehmen – die Körners fliehen.
Die unglaubliche Geschichte beginnt im Jahr 1993. Regula und Thomas heiraten. Er Informatiker, sie Lehrerin. Beide sind in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, für sie ist klar: Sie wollen Kinder, eine Familie gründen. Dann der Schock: Regula ist unfruchtbar: «Wir haben versucht, uns damit abzufinden, dass wir keine Kinder bekommen. Aber wir schafften es einfach nicht.»
Die beiden denken an Adoption, holen eine Bewilligung ein. Doch der Versuch scheitert. Nach 17 Jahren Kinderlosigkeit ist der letzte Ausweg für die beiden eine Leihmutterschaft.
Wunschkind Felix kostet 100 000 Franken
In einem Labor befruchten Ärzte eine Spender-Eizelle mit Spermien von Thomas und setzen sie einer Leihmutter ein. Das Kind wächst zwar in ihrem Bauch, genetisch aber hat die Frau nichts mit ihm gemein. Das Leihmutter-Baby hat drei Mütter: die Frau, die die Eizelle spendete, die Frau, die das Baby zur Welt brachte – und Regula Körner, die für das Kind sorgen wird.
In der Schweiz ist Leihmutterschaft verboten (Box). Nicht so in den USA. Dort kostet eine Leihmutterschaft über 100000 Franken, professionelle Agenturen vermitteln die Frauen. Im Juni 2009 entscheiden sich die Körners.
«Wir wollten eine Leihmutterschaft in einem Rechtsstaat mit klaren Regelungen und entsprechenden Gesetzen», sagen sie. «Und wir wollten auf keinen Fall, dass die Armut einer Frau ausgenutzt wird.»
Sie lernen die Leihmutter kennen, ihren Mann, beide religiös wie sie, man freundet sich an. Im August 2010 reisen die Körners erneut in die USA, um weitere Ultraschallaufnahmen ihres Kindes zu sehen.
Am 24. November 2010 kommt Felix Raul Körner im Riverside Methodist Hospital in Columbus, Ohio, zur Welt. Als Eltern tragen die Behörden Regula und Thomas Körner in die Geburtsurkunde ein; so will es das US-Gesetz. Alles läuft wie geplant: Die Geburt wird beim Schweizer Konsulat gemeldet, Felix erhält einen Schweizer Pass.
«Nie gab es von Seiten der Behörden Fragen zur Geburt von Felix», sagt Regula Körner. «Deshalb nahmen wir an, dass auch Kinder aus Leihmutterschaften in der Schweiz problemlos eingetragen werden.»
Mit Cedric beginnen die Probleme
In der Schweiz geniessen die Körners das Leben mit Felix. Für sie ist klar: Er soll kein Einzelkind bleiben. Wieder beauftragen sie eine Leihmutter in USA, alles soll so glatt laufen wie beim ersten Mal. Doch in der Schweiz läuft nun alles schief: Am 27. Februar 2013 wird den Körners ihr zweiter Sohn Cedric geboren. Fünf Wochen später, am Ostersamstag, fliegen sie mit ihm nach Hause. «Da begannen die Probleme», sagt Thomas Körner.
Am 18. Mai kommt Post von den Zivilstandsbehörden aus Zug, dem Heimatkanton der Körners. Man gehe davon aus, dass Cedric durch eine Leihmutterschaft zur Welt kam.
Die Körners sind geschockt: «In dem Schreiben drohte man uns mit Busse oder Gefängnis.»
Sie nehmen sich eine Anwältin. Lassen eine DNA-Probe machen, die Thomas eindeutig als Vater von Cedric identifiziert.
Die Juristin klärt Regula Körner auf, dass in der Schweiz ein Adoptionsverfahren üblich ist. Doch dem steht die internationale Rechtslage entgegen. Sie schreibt vor, dass die US-Geburtsurkunde in der Schweiz anerkannt werden muss.
Die Familie hat Angst, dass bald die Polizei vor der Tür steht – und Cedric mitnimmt. Im nächsten Schreiben werfen die Zuger Behörden den Körners vor, die vorgelegten amerikanischen Papiere nicht rechtmässig erworben zu haben.
Dann der nächste Schlag: Die Behörden machen bei der Wohnortsgemeinde der Körners eine Gefährdungsmeldung – dies geschieht normalerweise dann, wenn eine Behörde den Verdacht hegt, dass ein Kind misshandelt wird. Regula Körner erleidet einen Nervenzusammenbruch.
Zwei Monate darauf ernennt die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) von Horgen ZH, dem Wohnort der Körners, einen Vormund für das Kind. Die Eltern dürfen nicht mehr für Cedric entscheiden. Für Thomas Körner ist dies «ein ungeheuerlicher Vorgang – die Schweizer Behörden wollen eine Vormundschaft für einen US-Bürger, dessen Elternschaft in den USA rechtlich geregelt ist».
Schliesslich stehe in den USA fest, dass Regula und Thomas die Eltern von Cedric sind. Mit der Anfechtung der in den USA anerkannten Elternschaft verletze die Schweiz internationales Privatrecht. Doch die KESB Horgen will von diesem Hinweis nichts wissen.
Im Juli 2013 setzt die Behörde tatsächlich einen weiblichen Vormund ein. Vater Thomas erleidet einen Nervenzusammenbruch.
Unter der angespannten Situation leiden auch die Kinder: «Felix schlief schlecht und fragte uns, ob er schuld sei, dass Mami und Papi so traurig sind. Auch Cedric hatte Probleme beim Einschlafen.»
Beim ersten Treffen fordert der Vormund Regula Körner auf, einen Erziehungskurs zu besuchen. Ende August denken die Körners zum ersten Mal an Flucht. Sie reisen in die USA, besichtigen Häuser, Thomas stellt sich an seinem neuen Arbeitsplatz vor. Zurück in der Schweiz, geht der Albtraum weiter: Die Behörden drohen, ihnen die Obhut über Cedric zu entziehen. In einem Brief bezeichnen sie Regula als «Person, die auf die Kinder aufpasst.» Dabei will sie doch nur als Mami von Cedric anerkannt werden.
Sogar ihren Umzug in die USA wollen die Behörden in Zug verhindern. Sie reichen gegen die Körners Anzeige wegen Falschbeurkundung ein. «Damit wollten sie erreichen, dass unsere Pässe gesperrt werden und wir nicht ausreisen können», sagt Thomas Körner. Doch er hat Glück: Der Staatsanwalt tritt nicht auf die Anzeige ein. Am 2. Januar 2014 landet die Familie in ihrer neuen Heimat.
In der Schweiz geht der Rechtsstreit weiter: Das Zürcher Obergericht verteidigt im Februar in einem Urteil, dass ein Vormund für Cedric eingesetzt worden ist. Das Kind habe «keiner elterlichen Sorge unterstanden», die Behörden hätten «pragmatisch und richtig gehandelt». Dies, obwohl eindeutig feststeht, dass Thomas Körner der genetische Vater des Jungen ist.
Weiterhin ausstehend ist ein Entscheid des Zuger Bezirksgerichts darüber, ob Cedric ins Zivilregister eingetragen wird. Thomas Körner sagt: «Wir werden kämpfen – wenn nötig bis vor Bundesgericht oder vor dem europäischen Menschenrechtsgerichtshof.»
Die zuständigen Behörden in Zug wollen sich zu dem Fall nicht äussern – und verweisen auf das laufende Verfahren.
So gerne die Körners ihre Kinder in der Schweiz aufziehen würden – sie glauben nicht mehr an eine Rückkehr. Mittlerweile sind sie zu enttäuscht: «Ein Land, das unsere Kinder nicht wollte, kann nie wieder unsere Heimat sein.»Publiziert am 15.06.2014 | Aktualisiert am 15.06.2014