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Drei grosse „Dialoge“ sind es, die in der mittelalterlichen Theologie zumindest ansatzweise für eine Toleranz gegenüber anderen Religionen predigen. Zumindest gegenüber den anderen grossen monotheistischen Religionen, also dem Judentum und dem Islam. Die drei „Dialoge“ stammen von Petrus Abaelard, Ramon Llull und Nikolaus von Kues. Cum grano salis könnte man sie der Frühscholastik (Abaelard), der Hochscholastik (Llull) und der Spätscholastik (der Kusaner) zuordnen – wobei zu erwähnen ist, dass zumindest Abaelard und Llull alles andere als typische Vertreter der von Rom akzeptierten Lehre waren. Im Gegenteil, sie wurden mehr oder minder als Außenseiter betrachtet, schon zu ihrer Zeit, auch wenn der Kusaner zumindest Llull genau studiert hatte. Nikolaus von Kues seinerseits machte Karriere in der katholischen Kirche und kann somit als Vertreter deren Glaubenseinstellungen betrachtet werden. Wobei auch er in vielem anders dachte, z.B. gegenüber anderen Religionen toleranter eingestellt war, als das Gros der katholischen Würdenträger, vom Papst ganz zu schweigen.
Nun also zu dessen Schrift De pace fidei, in meiner Ausgabe übersetzt als Vom Frieden zwischen den Religionen. Ich habe oben das Wort „Dialog“ in Anführungszeichen gesetzt, und das hat seinen Grund vor allem in dieser Schrift. Die literarische Form des Dialogs in der Philosophie zu verwenden, ist eine altehrwürdige Tradition. Platon hat sie als erster verwendet und damit kanonisiert. Doch schon bei Platon (vor allem in dessen späten Schriften!) ist diese Form mehr schlecht als recht eingehalten und steht der eigentlichen philosophischen Argumentation mehr im Weg, als dass sie Mittel zur Wahrheitsfindung wäre. In der Folge ist es meist so, dass sie aus in der Aufstellung eines Schülerparts besteht, dem ein Lehrerpart gegenüber gestellt wird. Der Schüler (der nicht immer explizit ein Schüler ist) fragt, der Meister antwortet. Meist doziert der Meister dabei mehr oder weniger ex cathedra und gibt die Meinung des Autors wieder, ohne Rücksicht auf den Schüler, ohne Rücksicht auf die eigentlichen Bedürfnisse der Dialog-Form. Der Schüler empfängt die Belehrung dankbar, fragt allenfalls weiter nach einem Detail, das er nicht ganz verstanden hat, was dem Lehrer-Autor die Möglichkeit gibt, einen weiteren Teil seiner Lehre nachzuschieben. (Anders steht es mit den – Nikolaus von Kues auch bekannten – Götter- und Totengesprächen, wie sie z.B. Lukian von Samosata verfasst hat. Diese verfolgen allerdings auch weniger philosophische Ziele, sondern dienen mehr dem Amüsement des Lesers, oft der Satire.) Der „Dialog“ De pace fidei nun ist definitiv kein Dialog. Es handelt sich um eine Art Audienz im Frage-und-Antwort-Spiel – wobei beim Kusaner die Rolle des Audienz gebenden Meisters oder Lehrers auf drei Personen verteilt ist: auf das Wort [verbum] (also Christus) und auf die beiden Apostel Petrus und Paulus. Auf der Gegenseite steht auch mehr als ein Schüler, nämlich die weisesten Vertreter der verschiedenen Weltreligionen.
Ausgangspunkt der Unterhaltung ist die reale Eroberung Konstantinopels durch die Türken unter Sultan Mehmed II. im Jahr 1453. Diese Eroberung verschreckte die gesamte damalige Christenheit, und ich habe ein wenig den Eindruck, als hätte Nikolaus seine Schrift vor allem verfasst, um seinen christlichen Schäfchen ein wenig Trost zu spenden. In der Form einer mystischen Entrückung gibt er vor, erlebt zu haben, wie einige Gläubige bei Gott um Trost in dieser schweren Zeit angehalten hatten, und wie Gott deshalb in Jerusalem die weisesten Vertreter aller großen Weltreligionen versammelte, um mit ihnen darüber zu „diskutieren“, welches denn nun die Unterschiede zwischen den Religionen seien, und ob man sich nicht gegenseitig in Ruhe lassen könne. Durch verschiedene rhetorische Tricks, die der Kusaner dem Neuplatonismus abgeschaut hat, Augustinus von Hippo, Thomas von Aquin, Abaelard und Llull, erreicht er, dass Juden wie Muslime, ja Nestorianer, Hussiten, Buddhisten und was der Autor da sonst noch aufruft, zunächst dem Umstand zustimmen, dass alle Weisen ja immer und ausschließlich die Wahrheit suchten, diese Wahrheit aber identisch mit Gott sei. Dessen christliche Dreieinigkeit wird im gleichen Atemzug mit der Wahrheitsfindung sowohl bestätigt wie weg disputiert, so dass auch die streng monotheistischen Muslime plötzlich einsehen, dass sie schon immer an eine Trinität in der Einheit (Gottes) geglaubt haben, es nur nicht wussten.
Unter diesen Umständen nun – dadurch also, dass es sich herausstellt, dass alle im Grunde genommen ein und dasselbe glauben – besteht kein Anlass mehr, dass sich die verschiedenen Religionen an die Gurgel gehen, denn einen Unterschied in den Riten, mit denen Gott verehrt wird, akzeptieren das Wort, Petrus und Paulus allemal. (Was übrigens auch in anderen seiner Schriften ein Punkt ist, auf den Nikolaus von Kues immer wieder Wert legt: Wichtig ist der Glaube; das Ritual, mit dem er ausgedrückt wird, ist sekundär.)
Im 21. Jahrhundert kann des Kusaners Lösung natürlich nicht mehr befriedigen – zu offensichtlich sind dessen rhetorischen Kniffe. Auch darüber, wie tolerant es wirklich ist, anderen Religionen die eigenen Dogmen überzustülpen, ist man heute sogar im Schoss der katholischen Kirche wohl langsam anderer Meinung. Doch Nikolaus von Kues war – wie oben schon festgehalten – nicht der erste (eher einer der letzten), der diesen Trick in Anwendung zu bringen versucht, und dem es – jedenfalls im eigenen Text – natürlich blendend gelingt. Einer Anwendung in der Realität halten diese Kniffe leider nicht Stand.