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Wie viel lesen Sie?
Sind Sie eine Leserin, ein Leser? Wenn Sie diesen Text lesen, klingt das wie eine blöde Frage. Ich meine natürlich: Lesen Sie Bücher? Diese Woche hat das Bundesamt für Statistik die neuen Mediennutzungszahlen veröffentlicht. Das Ergebnis: In der Schweiz lesen knapp 80 Prozent der Bevölkerung mindestens ein Buch pro Jahr, rund 30 Prozent lesen etwa ein Buch pro Monat. Wenn Sie meinen, das sei viel, sollten Sie umdenken: Norwegerinnen und Norweger lesen im Durchschnitt über 15 Bücher im Jahr, 88 Prozent der Norweger liest mindestens ein Buch. Jeder vierte Norweger liest täglich in einem Buch.
Den Grund dafür habe ich in Oslo gefunden. Sie haben sicher schon vom Operahuset Oslo gehört, dem Opernhaus direkt am Oslofjord. Wie die Oper in Sidney steht das gewaltige Bauwerk aus weissem Marmor direkt am Wasser. Entworfen hat es das norwegische Architekturbüro Snøhetta. Das Haus wurde 2009 eröffnet. Schnell ist es zum Zentrum des trendigen Stadtteils Bjørvika geworden.
Gleich hinter dem Opernhaus steht das Museum, das ganz den Werken von Edvard Munch gewidmet ist: Das Munchmuseet erhebt sich auf dreizehn Stockwerken fast direkt aus der Akerselva, die dort in den Oslofjord mündet. Das Munchmuseet beherbergt Tausende von Munchs Gemälde und Grafiken und wirkt selbst wie eine etwas traurige Skulptur des norwegischen Nationalkünstlers.
Von beiden Bauwerken haben sie sicher schon gehört. Aber kennen Sie auch Deichman Bjørvika? Auch das ist ein spektakuläres Gebäude, dessen oberste Stockwerke die unteren wie ein gewaltiger, dreieckiger Pilz weit überragen. Deichman Bjørvika ist die neue Hauptbibliothek von Oslo. Die öffentliche Bibliothek beherbergt eine umfangreiche Büchersammlung, Arbeitsplätze, Restaurants, ein Kino, Lounges, einen Gaming-Bereich und Werkstätten. Und vor allem: Man kann einfach in die Bibliothek hineinspazieren. Im zweigeschossigen Untergeschoss befindet sich die Freihand-Abteilung, darunter eine riesige Kinderbuchsammlung. Wer will, kann sich hier ein Buch aus dem Regal nehmen, sich hinsetzen und lesen, ohne jemanden fragen zu müssen.
Die öffentliche Bibliothek von Oslo befindet sich in einem spektakulären Gebäude an bester Lage zwischen dem Opernhaus und dem Bahnhof Oslo Sentralstasjon. Also dort, wo in der Schweiz die Banken stehen. Die Deichmanske bibliotek hat in Oslo neben der Hauptbibliothek 16 Zweigstellen. Es sind Volksbibliotheken, die jedermann offen stehen.
Die Norwegerinnen und Norwegern haben nicht nur in Oslo freien Zugang zu Büchern: Im ganzen Land stehen ihnen rund 675 Volksbibliotheken zur Verfügung. Zusätzlich haben 1900 Grundschulen und über 300 weiterführende Schulen eigene Schulbibliotheken.
Der norwegische Staat finanziert den öffentlichen Bibliotheken den Ankauf von norwegischen Neuerscheinungen: Der Kulturrat kauft jedes Jahr über 600 Neuerscheinungen für die Bibliotheken ein. Für die Verlage (und für die Autorinnen und Autoren) ist das eine wichtige Absatzgarantie: Die ersten rund 1000 Exemplare eines neuen Buchs sind damit schon verkauft. Das gibt Sicherheit.
Weil die Bücher an die Bibliotheken im ganzen Land verteilt werden, sorgt diese Abnahmeregelung gleichzeitig dafür, dass die norwegische Bevölkerung freien Zugang zu aktueller Literatur aus dem eigenen Land hat. Bücher sind zudem von der Mehrwertsteuer befreit, und zwar sowohl gedruckte Bücher, als auch E-Books. Darüber hinaus fördert der Staat Autorinnen und Autoren und den Vertrieb norwegischer Bücher im Ausland.
Es ist deshalb kein Zufall, dass in Oslo an bester Lage im Stadtzentrum zwischen dem Bahnhof und dem Opernhaus ein spektakuläres Gebäude steht, das eine öffentlich zugängliche Bibliothek beherbergt. Norwegen ist ganz offensichtlich stolz auf seine Bücher.
Und die Schweiz? Gemäss der Medienstatistik des Bundes ist die Nutzung von Radio und Fernsehen im Jahr 2022 leicht zurückgegangen: TV auf durchschnittlich 111 Minuten pro Tag (-9 Minuten im Vergleich zu 2021), Radio auf 80 Minuten pro Tag (-6 Minuten). Verloren haben die klassischen Medien ans Internet: Dessen durchschnittliche Nutzungszeit ist auf über viereinhalb Stunden pro Tag gestiegen. Natürlich auch bei Jugendlichen. Bücher tauchen in vielen Statistiken gar nicht mehr auf. Die aktuelle James-Studie stellt immerhin fest, dass nur noch jeder fünfte Jugendliche regelmässig ein Buch in die Hand nimmt.
Vielleicht sollten wir uns also ein Beispiel an Norwegen nehmen und in unseren Städten an bester Lage öffentliche Bibliotheken einrichten. Entsprechende Gebäude stehen ja bald zur Verfügung, wenn die UBS die Credit Suisse integriert. Bibliotheken statt Banken – das wäre doch etwas.
Mit diesen Zeilen aus Oslo grüsse ich Sie aus meinen Sommerferien, einen eigentlichen Wochenkommentar gibt es heute nicht. Lesen Sie gut!
Bild: Die Deichman Bjørvika in Oslo, die neue, öfentliche Zentralbibliothek der Stadt, zwischen Hauptbahnhof (links) und Opernhaus (rechts) gelegen. (mz)
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