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Grand Cannon - Boom
Erfrischend originell
Es war einmal ein Trio, das sich etwas Besonderes ausgedacht hatte: es benutzte Alltagsgegenstände als Instrumente. Zum Einsatz kamen unter anderem Giesskannen, Abfallsäcke aus Plastik, Mausefalle, Gartenschlauch und Rasenmäher. Natürlich gab es auch Instrumente: Banjo, Posaune, Gitarre und Harp. Das Repertoire bestand aus Eigenkompositionen und Blues/Folk Klassikern. Die Band war sehr erfolgreich und trat zwei Mal am Festival in Montreux (1977 und 1979) und am Roskilde Festival in Dänemark (1978) auf und schaffte es, am Eurovision Song Contest (1979) teilzunehmen. 1981 wurde sogar ein deutscher Spielfilm mit dem Titel «Pfuri, Gorps und Kniri im Hotel» gedreht. Das Trio bestand aus Roland Baldenweg (Pfuri), Anthony Fisher (Gorps) und Peter Knaus (Kniri) und nannte sich nach den Spitznamen der Musiker: Pfuri, Gorps & Kniri.
Nun ist die Verwendung von Alltagsgegenständen in der Folkmusik und im Blues keine neue Erfindung, man denke nur an das Waschbrett, Esslöffel oder «Bones». Sie wurden natürlich damals in erster Linie aus rein finanziellen Gründen benutzt. Pfuri, Gorps & Kniri verwendeten sie jedoch als Stilmittel und als Kritik an der Wegwerfgesellschaft. Das fiel auf und ihr Erfolg hatte zu einem nicht unerheblichen Teil auch damit zu tun. Vor allem waren sie originell und von grossem Unterhaltungswert. Schlagzeilen wie «Bei der verrücktesten Band der Welt lachen sich die Zuschauer kaputt», «Sack-Rock» oder «Musik aus der Mülltonne» zeigen, dass sie eher als Spassvögel wahrgenommen wurden. Dabei waren sie durchaus seriöse Musiker. Peter Knaus genoss eine Ausbildung als Posaunist, spielte in vielen renommierten Jazzbands, war auch Mitglied in der Pepe Lienhard Amateur Bigband und der australisch-schweizerische Roland Baldenweg konnte bei der Gründung bereits auf eine internationale Karriere blicken. Anfangs der achtziger Jahre löste sich die Band jedoch auf.
Nun, vierzig Jahre später, sind zwei der drei Mitglieder erneut im Geschäft. Anthony Fisher verstarb 2000 viel zu jung. Baldenweg und Knaus kamen mit Zach Prather zusammen und gründeten Grand Cannon. Der 1952 in Chicago geborene Zach Prather ist ein Schützling Willie Dixons, der auch seine erste CD produzierte. Er lebt seit Anfang der neunziger Jahre in Luzern. Mit seiner Band The Tribe & Zach Prather ist er seit mehr als zehn Jahren unterwegs. Am 17. Oktober 2014 haben Grand Cannon ihre erste CD vorgelegt: Boom.
Heraus gekommen ist ein Album mit zwölf eigenen Titeln, alle geschrieben von den drei Musikern; bei Corkscrew Blues wirkte noch Peter Zumsteg mit. Es hat das Potenzial, über die Grenzen der Bluesgemeinde hinaus Erfolg zu haben. Stilistisch offen unterscheiden sich die Songs deutlich voneinander, das Album wirkt dadurch frisch und abwechslungsreich. Auch hier werden allerlei Gegenstände eingesetzt, die man nicht im Instrumentenhandel erhält: Ketten, Korkenzieher, Blech, Ölfass und die unvermeidbaren Abfallsäcke. Allerdings werden sie sparsam verwendet, wodurch die Band vermeidet, einfach das damalige Konzept zu kopieren. Die Songs erhalten dadurch einen unverwechselbaren Charakter, ohne krampfhaft originell sein wollen. Überhaupt klingt alles sehr entspannt. Auch sonst gibt es immer wieder hübsche Akzente, wie die Posaunenseufzer in What’s The Time Girl.
Die Texte befassen sich mit im Grunde genommen mit Wein, Weib und Gesang auf eine ironische Art und Weise, wie im poppigen Tonight She’s Right, einer Art Hymne für Männer, die mit einem anderen Körperteil denken, als ihrem Gehirn. Erinnerte mich in der Art etwas an Yello. Dann auch Old Bad Habits, der Ausrede für Trinker, eine herrlich ausgelassene Saufhymne, oder schliesslich Dirty Ways, grösstenteils Sprechgesang über treibendem Beat mit Gitarrensprenkeln. Flowers.In The Hair versprüht den Charme der Hippiezeit und liefert den passenden Sound dazu. Gut getroffen. I Need My Freedom erinnert mit dem düsteren Hintergrundchor an einen Worksong mit einem Hauch Western. In I Don’t Know kommen die Müllsäcke deutlich zum Einsatz. Homeless Love ist eine schwermütige Ballade mit schmachtender Harmonika und verzweifeltem Gesang - wunderbar, dafür glänzt die anschliessende Little Bee mit beschwingter Fröhlichkeit. Der Corkscrew Blues handelt nicht nur vom Korkenzieher, sondern dieser wird auch als Perkussionsinstrument eingesetzt. Ein schöner Blues im klassischen Stil und ein feiner Ausklang.
Alles in allem ein gelungenes Album, das zwölf sehr unterschiedliche und originelle Songs enthält, die sich von der Masse der Bluesveröffentlichungen unterscheiden. Ich hatte den Eindruck, dass die Band während der Produktion eine gute Zeit hatte. So kommt die Gesamtstimmung des Albums jedenfalls rüber.
Grand Cannon – Boom (2014)
Pfuri Baldenweg: Blues harp, chromatic harp, vocals, metal sheet on shoe grill, tambourine, prepared washboard with tins & bottles, oil barrel, xylophone, body percussion, glasses, petrol cans and plastic garbage bag.
Zach Prather:Lead vocals, accoustic guitar, electric guitars and ukulele.
Kniri Knaus: Trombone, accordion, backing vocals, whistling, metal sheet on shoe grill, tambourine, oil barrel, chains, corkscrew and plastic garbage bag.
Website Grand Cannon
|1.||What's The Time Girl||2:34|
|2.||Tonight She's Right||3:22|
|3.||Old Bad Habits||3:06|
|4.||Don't Go Messing With My Heart||2:42|
|5.||Flowers In The Hair||3:28|
|6.||Sunshine Girl||3:13|
|7.||I Need My Freedom||3:02|
|8.||I Don't Know||2:59|
|9.||Homeless Love||3:57|
|10.||Little Bee||2:23|
|11.||Dirty Ways||3:09|
|12.||Corkscew Blues||2:15|