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Professor Paul Scherrer doziert an der ETH Zürich. Das Bild entstand um 1940.
© Gotthard Schuh /Fotostiftung Schweiz
Schweizer Atombombe
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Furcht vor dem Kommunismus auch in der Schweiz gross. Deshalb gab es Pläne, eine eigene Atombombe herzustellen.
Nach dem Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki träumten führende Köpfe des Schweizer Militärs davon, die Armee mit Atomwaffen auszurüsten. Am 5. November 1945 berief Bundesrat Karl Kobelt im Bundeshaus eine Konferenz ein, an der die Studienkommission für Atomenergie (SKA) gegründet wurde. ETH-Professor Paul Scherrer wurde als Leiter der SKA zur Schlüsselfigur des Schweizer Atomwaffenprogramms. In den geheim gehaltenen Richtlinien erteilte Bundesrat Kobelt am 5. Februar 1946 folgenden Auftrag: «Die SKA soll überdies die Schaffung einer schweizerischen Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie beruhen, anstreben.»
Die Furcht vor der Sowjetunion
Die Schweizer Armee befand sich im Kalten Krieg und befürchtete eine kommunistische Invasion beziehungsweise einen atomaren Angriff der Sowjetunion. Der Einbezug von taktischen Atomwaffen in die Verteidigungspläne der Nato liess Mitte der 1950er-Jahre auch bei den Schweizer Offizieren den Ruf nach eigenen Atomwaffen lauter werden. Nach dem Ungarn-Aufstand von 1956 erreichte der Antikommunismus in der Schweiz seinen Höhepunkt. In der Sitzung der Landesverteidigungskommission vom 29. November 1957 kamen die geheimen Pläne des Militärs dann offen zur Sprache. Oberstdivisionär Etienne Primault, der Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, sagte: «Wenn man ein Flugzeug hätte, wie beispielsweise den Mirage, der fähig ist, mit Atombomben bis nach Moskau zu fliegen, so könnte man sich einen Einsatz auch im Feindesland vorstellen. Der Gegner würde dann genau wissen, dass er nicht erst bombardiert wird, wenn er den Rhein überschreitet, sondern dass auch Bomben in seinem eigenen Land abgeworfen werden.»
Einer der heikelsten Punkte in diesen Planspielen war das Problem eines Einsatzes von Atomwaffen auf eigenem Territorium. In der Diskussion meinte Generalstabschef Louis de Montmollin dazu, es gebe aber Fälle, in denen man unbedingt Atomwaffen einsetzen müsse, selbst auf die Gefahr hin, dass die Zivilbevölkerung einen grossen Schaden erleiden werde. […] Man könne unmöglich darauf verzichten, nur aus Rücksichtnahme auf die Bevölkerung.
Der Antikommunismus löste bei einigen Mitgliedern der Schweizer Armeeführung einen gefährlichen Grössenwahn aus. Der Einsatz von Atomwaffen auf eigenem Territorium hätte in der kleinräumigen und dicht besiedelten Schweiz für die eigene Bevölkerung verheerende Folgen gehabt. Am 11. Juli 1958 veröffentlichte auch der Bundesrat eine Erklärung, in der er eine eigene Bewaffnung mit Atombomben in aller Deutlichkeit befürwortete. «In Übereinstimmung mit unserer jahrhundertealten Tradition der Wehrhaftigkeit ist der Bundesrat deshalb der Ansicht, dass der Armee zur Bewahrung unserer Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören die Atomwaffen.» Pazifisten protestierten gegen den atomaren Wahnsinn, doch das Schweizer Stimmvolk lehnte 1962 ein Verbot von Atomwaffen ab.
Die Mirage-Affäre von 1964 stutzte den hochfliegenden Plänen für eine Schweizer Atombombe dann erstmals die Flügel. Auf Druck der Supermächte musste die Schweiz 1969 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen. Das geheime Atomwaffenprogramm wurde dennoch weitergeführt und erst 1988 endgültig beendet. Die Schweizer Atombombe war bis zum Ende des Kalten Kriegs nur ein Papiertiger, da die zahlreichen Studien nie über das Stadium der «theoretischen Möglichkeit» hinausgekommen waren. Das fehlende Uran, die technologische Rückständigkeit, der Mangel an geeigneten Wissenschaftlern und die begrenzten finanziellen Ressourcen verunmöglichten den Traum einer eigenen Atombombe.
Die Atombombe Little Boy auf der Insel Tinian auf einem Sicherungsgestell kurz bevor sie in den Bombenschacht von Enola Gay geladen wird.
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