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Die Queen of Music
Aretha Franklin ist gestorben! Eine Meisterin der Soulmusik, eine Wegbereiterin der Funkmusik und eine unglaublich begabte Sängern, die als «Mutter aller Diven» ebenso erinnert werden wird wie als «Queen of Soul». Ihre Stimme getränkt von der kirchlichen Gospel-Tradition des Schwarzen Kirchen, hat die Tochter des landesweit bekannten Predigers C.L. Franklin 1968 bei der Beerdigung von Dr. Martin Luther King gesungen, 1980 für die Blues Brothers gesungen und 2009 für Präsident Obama. Ihre erste Veröffentlichung datiert aus dem Jahr 1956, da war sie gerade mal 14 Jahre alt. Sie hat 20 Grammies gewonnen und hatte Nummer 1-Hits in den meisten Hitparaden der Welt. Das Magazin «Rolling Stone» führt sie in der Liste der 100 besten Sänger auf Platz eins (vor Ray Charles und Elvis Presley). Duane Allman hat sie auf The Weight unterstützt, sie sang Musik der Sparten Gospel, Disko, Soul und R&B, allerdings kaum richtigen schmutzigen Blues. Jetzt ist mit Aretha Franklin eine der grossen Stimmen des 20. Jahrhunderts verstummt. Bluesnews.ch unternimmt den Versuch einer Würdigung.
Mit dem Namen Aretha Franklin sind unsterbliche Klassiker der Soul-Musik verbunden: R-E-S-P-E-C-T, Think oder (You make Me Feel like a) Natural Woman, aber auch Mockinbird oder Mary Don’t You Weep. Sie war unglaublich erfolgreich in den 60er, 70er und 80er Jahren. Das «Imperium» von Ahmet Erteguns Label «Atlantic Records» baute seinen Erfolg auf den drei Säulen Ray Charles, Led Zeppelin und Aretha Franklin. Ihre Stimme war einmalig tiefgründig und gefühlvoll, und sie sang mit einer bewundernswerten Präzision und Kontrolle.
Ihre Coverversionen sind legendär: von den Beatles hat sie Eleanor Rigby (auf Live at the Filmore West), und Let it Be schrieb Paul McCartney ursprünglich zwar für Aretha, aber sie wartete mit ihrer Veröffentlichung und brachte den Titel so als Cover raus. Von den Rolling Stones übernahm sie Jumping Jack Flash und Satisfaction. Die Liste ist endlos: The Weight, Son of a Preacher Man, The Thrill is Gone, You Are My Sunshine, Lean on Me und My Way sind nur wenige der Hunderten von Titeln, die sie sang und mit ihrem ganz eigenen Timbre einfärbte und zu ihren Songs machte.
Aretha Franklin war musikalisch die Erbin von Gospel-Sängerinnen wie Mahalia Jackson oder Clara Ward und sie nahm die Diven voraus wie Mariah Carey oder Celine Dion. Aretha steht für einen Übergang schwarzer Musiker, die es schaffen, sich beim Weissen Publikum auf breiter Basis in die Herzen und auf die Plattenteller zu singen und die so weitaus grösseren Erfolg haben als die Race Record-Musiker früherer Tage. Und sie sang in allen Sparten. Obwohl als «Queen of Soul» bezeichnet, sang sie auch Blues, sang sie Jazz und Gospels, und als das Mode war, sang sie auch Disco und die Power Balladen der modernen Diven. Und in jedem dieser Genres brillierte sie gleichermassen.
Doch das Phänomen Aretha Franklin ist mehr als eine gewaltige Stimme. Wie wenige Personen nach dem Zweiten Weltkrieg verband sie Kunst und Politik, ohne Liedermacherin zu sein, sondern mit ihrer Persönlichkeit und ihrer im tiefen Glauben der Schwarzen Amerikaner wurzelnde Religiosität. Geboren als die Tocher des Baptistenpredigers Clarence LaVaughan Franklin (1915-1984 oder kurz C.L. Franklin) wurde ihr der Kampf der Schwarzen Amerikaner für Bürgerrechte in die Wiege gelegt. Aber der Reverend war nicht irgend ein Prediger, er war der berühmteste Prediger für alle Schwarzen Familien, seine Predigten wurden im Radio übertragen und er hatte den Spitznamen «The Million Dollar Voice». Zugleich war er ein Bürgerrechtsaktivist, mit Martin Luther King befreundet (und ein wichtiger Spender) und ein durch und durch politischer Mensch. Seine Tochter wuchs in seinem Schatten auf und sang im Chor seiner Kirche.
Ihre Songs sind deshalb nicht nur Interpretationen. Wenn Aretha Franklin in Otis Reddings gleichnamigem Hit Respekt einfordert, tut sie das stellvertretend für alle Schwarzen Amerikaner. Sie ist durch und durch glaubwürdig: Zwei eigene Kinder vor ihrem siebzehnten Geburtstag, ihr ungesundes Übergewicht und ihre Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt Detroit machen es ihrem Publikum leicht, sich mit ihre zu identifizieren. Diese Frau kommt aus bestem Haus und hat trotzdem die Probleme, die alle haben.
Aretha Franklin steht für die Freude am Glauben und die Kraft, sie sich daraus ergibt. Wie es in der Schwarzen Hymne Lift Ev’ry Voice and Sing heisst: «Sing a song full of the faith that the dark past has tought us; sing a song full of the hope that the present has brought us». Mit ihrer gewaltigen, einmaligen Stimme, fein und zugleich stark und unerschütterlich, dabei stets fraulich, sexy, irdisch und jederzeit fähig, höher, intensiver und immer noch berührender zu werden. Das Album Amazing Grace von 1972 etwa, das sie in der Kirche ihres Vaters mit dem Chor zeigt, in dem sie gross wurde, ist ein perfektes Beispiel: alte Gospel-Klassiker, die durch ihre Soloparts zu mehr werden und damit neuerlich interessant. Und der Titel The Old Landmark, den James Brown im Film Blues Brothers zum Besten gibt, meistert sie mindestens ebenso gut. Ihr Beitrag zu jenem denkwürdigen Film – Think – war übrigens ein von Franklin selbst verfasster Titel.
Weil sie Glauben und Wirklichkeit, Vergangenheit und den langen Kampf wie auch die für die wesentlich stärker selbstbestimmtere Gegenwart der Schwarzen Amerikaner, aber auch der ganzen Nation verkörpert, deshalb war sie auch die logisch Wahl, um bei der Inauguration des ersten Schwarzen Präsidenten zu singen.
Nun ist diese Stimme für immer verklungen, und einmal mehr kann man nur sagen, was die Verehrer von Sarah Bernhard oder Enrico Caruso nicht sagen können: Glücklicherweise gibt es genügend gute Aufnahmen dieser Stimme und diesem Geschenk an die Menschheit – Aretha Franklin. Und hier gibt es noch eine Diashow mit Bildern durch ihr ganzes Leben.