Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/783

Boston, 1887: Der wohlhabende, etwa 30 Jahre alte Julian West hat seine Braut besucht und ist nun daran, zu Bett zu gehen. West empfindet das Boston von 1887 als Stadt der Gewalt und des Aufruhrs, der Angst und der Unterdrückung. Wegen seiner hypernervösen Veranlagung schläft er nur schlecht – und dies, obwohl er sein Schlafzimmer in einer Art unterirdischen Bunkers angelegt hat, um vom Lärm Bostons isoliert zu sein. Praktisch jeden Abend kommt ein Arzt vorbei, der West mittels Hypnose in den Schlaf versetzt. So auch diesen Abend. Allerdings ist es das letzte Mal für diesen Arzt, weil er noch am selben Abend nach New Orleans verreist, wo er ein grösseres Geschäftsfeld für seine Art hypnotischer Tätigkeit vorzufinden glaubt. Julian West lässt sich hypnotisieren und schläft ein. Als er wieder erwacht, muss er feststellen, dass er ungefähr 113½ Jahre geschlafen hat. Wir schreiben das Jahr 2000, Boston, die ganze USA, haben sich zu einer sozialistischen Gesellschaftsform bekehrt, die West nun exploriert und dem Leser beschreibt – immer im Vergleich zum Boston von 1887.
Der Herr gibt’s den Seinen im Schlaf: Diese Form gesellschaftskritischer utopischer Literatur kennt man seit Mercier. Bellamy ist allerdings der bessere – oder sagen wir: routiniertere – Erzähler als Mercier, er weiss die Zeitreise des Protagonisten besser zu motivieren und in eine Story einzubetten als der Franzose: eine ein bisschen zu starke Hypnose, die den Energieverbrauch des Körpers aufgehoben hat, sowie eine Feuersbrunst, die sein Haus zerstört hat und in der sein Diener umgekommen ist, der ihn wecken sollte – so dass man auch ihn als Opfer des Feuers wähnte und nicht weiter suchte.
In Bellamys Utopie sind die sozialen Ungerechtigkeiten des Jahres 1887 völlig verschwunden. Die Rohstoffe ebenso wie die Güterproduktion sind in den Händen des Staats. Mit statistischen Erhebungen wird ermittelt, wieviel wovon produziert werden soll. Jeder Einwohner der USA hat eine Art Grundeinkommen, ein Guthaben, das jährlich auf sein “Konto” überwiesen wird. Dieses Konto existiert nur virtuell, um einzukaufen benötigt der Mensch eine Karte, auf der seine Bezüge notiert werden. (Um dieser Karte willen gilt Bellamy als der ‘Erfinder’ der Kreditkarte.) Körperlich oder geistig aufreibendere Arbeit wird nicht mit mehr Lohn abgegolten, sondern mit mehr Freizeit: An Stelle der üblichen acht Stunden Arbeit muss so jemand vielleicht nur deren sechs oder vier im Tag leisten. Mit 45 Jahren werden die Leute pensioniert, ohne dass sie ihr Anrecht auf das Grundeinkommen verlieren, und können so den Rest ihres Lebens ihren Hobbies widmen. Die Struktur der Arbeitswelt erinnert ein bisschen ans Militär und ein bisschen an die Freimaurerei, indem verschiedene Grade des Wissens und Könnens vorgestellt werden, die einer zunehmenden Weisungsbefugnis entsprechen und im Oberhaupt, dem Präsidenten der USA, gipfeln. Diese Vorgesetzten arbeiten dann auch über das Pensionsalter hinaus – fürs gleiche Geld wie alle, aber für eine höhere Ehre. Die Frauen verfügen über dasselbe Grundeinkommen und sind ebenso in den Arbeitsprozess integriert wie die Männer. Allerdings sind sie einer parallelen Organisation zusammengefasst – auch hier lässt sich wieder ein Vergleich ziehen zur Situation der Frau in der Freimaurerei, die oft in separate, parallele Logen abgeschoben wurden.
Bellamy verknüpft die Utopie mit einer Liebesgeschichte, indem die Tochter des Manns, der ihn gefunden und wiederbelebt hat, sich als die Urenkelin seiner Verlobten entpuppt, und es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich ineinander, wobei sich auf dem Weg zur gegenseitigen Erklärung zeigt, dass Bellamy auch den Frauen im Jahre 2000 noch immer dieselbe Ziererei, dasselbe ständige Erröten unterschiebt, das man im viktorianischen Zeitalter von der Frau im Roman verlangte. Viel Emanzipatorisches ist da reine Theorie, ja weniger: Es ist in Bellamys 20. Jahrhundert zum Beispiel nach wie vor selbstverständlich, dass die Frau und nur die Frau nach der Geburt eines Kindes eine Auszeit nimmt. Auch andere Partnerschaftsformen als monogame, heterosexuelle Ehen sind offenbar nicht vorgesehen.
Ich habe den Rückblick aus dem Jahre 2000 in der Übersetzung von Clara Zetkin gelesen, die, 1914 entstanden, relativ zeitnah an Bellamys Original liegt und so einen heute altertümlich anmutenden Sprachduktus aufweist, den wir als passend empfinden. Zetkin kann es nicht unterlassen, bei gewissen Ausprägungen von Bellamys Sozialismus in einer Anmerkung darauf hinzuweisen, dass der geneigte Leser Verständis für Bellamys Abweichung von der Regel haben müsse, sei dieser doch kein wissenschaftlich geschulter Sozialist gewesen – womit sie selbstverständlich meint, dass Bellamy sich nicht das marxistisch-leninistische Vokabular antrainiert hatte.
Meine Ausgabe ist die in Leipzig ergatterte Taschenbuch-Ausgabe von 1965, erschienen bei Reclam-Ost. Neben den Amerkungen von Clara Zetkin hat sich ein weiterer Herausgeber, Karl-Heinz Schönfelder, darin mit einem Nachwort verewigt. Es ist zugleich bedrückend und unfreiwillig komisch, wenn er dieses Nachwort mit einem Lob auf die kommunistischen Parteien beendet, die auf dem von Marx und Engels begründeten und von Lenin weiterentwickelten Sozialismus fußten und so auf einem Drittel des Erdballs Bellamys Utopie (oder Teile davon) verwirklichten. 40 Jahre später, im tatsächlichen Jahr 2000, sah die Situation von Schönfelders Sozialismus ganz anders aus.