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Im Spätsommer 1987 plante die WoZ eine satirische Porträtserie, die dann ab der Nr. 6/1988 unter dem Titel «Medienmonster» zu erscheinen begann. Ich lieferte zu dieser Serie den zweiten Beitrag («Die tägliche Notportion Volksseele»).
In der Planungsphase hatte ich allerdings Vorbehalte gegen das Projekt, die ich in einem Diskussionspapier mit dem Titel «Personalisierte Polemik als Systemkritik? – Zur geplanten Satireserie von mif» untereinanderschrieb.
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«I. Henscheids Konzept
Literarisch orientiert sich die geplante Satire-Serie ‘Die Allerletzten’ an Eckhard Henscheids ‘Erledigte Fälle’, Zweitausendundeins, 1986. Der Band zeigt 24 satirische ‘Bilder deutscher Menschen’, die zwischen Dezember 1984 und Oktober 1985 in der Satirezeitschrift ‘Titanic’ erschienen sind.
Henscheids Programm: ‘personalisierte Polemik’ als ‘Art von Systemkritik’ (S. 179). Sein Vorgehen: Er dokumentiert sich mit bereits Gedrucktem über Personen, die er ‘erledigen’ will; weitere Fakten, News recherchiert er nicht. Seine Geschichten enthüllen deshalb nichts, basieren auf Zugänglichem, zeigen bekannte Persönlichkeiten soweit, wie sie bereits bekannt sind. Neu ist nicht das Faktenmaterial, sondern Henscheids Montage des Bekannten. Seine Texte sind pointierte Kommentare zu Personen. Wie der satirische Zeichner nimmt er die bekanntermassen spitze Nase seines ‘Opfer’ und macht sie noch spitzer, um dem Publikum zu zeigen: Diese Person hat eine spitze Nase.
In seinen Texten entwickelt Henscheid keine Idee, keine These, keine neuen Fakten. Das meiste setzt er voraus, vor allem seine durchgehenden Kriterien: des vorliegenden Falles Dummheit und Korruptheit in verschiedenen Spielarten. Seine Texte sind mittels Zitaten, Collagen, Wortspielen etc. hergestellte Ausführungsbestimmungen zu diesen Kriterien. Wegen dieser analogen Stossrichtung in allen Texten bei zwar variierter Machart, aber gleichem Autor reduziert sich das Interesse beim Lesen schnell auf die Fragen: Wen nimmt er diesmal dran? Mit welchen Mitteln (Quellen)? Was er macht, ist klar.
Henscheid pflegt einen sehr gehobenen Feuilletonton, legt wenig Gewicht auf Vermittlung (wer nicht drauskommt, ist eben auch ein Dummi), oft klingen die Sätze gekonnt, aber unverständlich. Vieles kann ich nur verstehen, wenn mir Namen und Fakten bereits bekannt sind.
II. Probleme bei der Anwendung von Henscheids Konzept in der WoZ
1. Die WoZ ist nicht das ‘Titanic’. Die Schweiz ist nicht die BRD. Gewisse Formulierungen Henscheids in der WoZ auf CH-Prominenz angewendet, hätten hier Ehrverletzungsklagen zur Folge.
2. Henscheid wählt für seine Portraits vielfach Personen, die wegen ihres linksliberalen Selbstverständnisses nicht klagen werden (Werner Herzog, Hanns Dieter Hüsch, Marcel Reich-Ranicki, Botho Strauss, Peter Handke, Luise Rinser, Gerd Bastian, Hans Küng, Dorothee Sölle) oder wegen ihrer Funktion sinnvollerweise nicht klagen werden (Adolf Sommerauer und Friedrich Nowottny als Medienschaffende; Hans-Dietrich Genscher, Jürgen Todenhöfer, Karl-Heinz Hirsemann als Politiker, d.h.: auch als Medienereignisse). Wenn ich von den Geschichten über Eintracht Frankfurt und Bad Homburg absehe, die aus dem Konzept-Rahmen fallen, bleibt als einzige Person aus einem Gesellschaftssegment ausserhalb der erwähnten: Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank. In dieser Geschichte fällt sofort die zahme, ‘journalistische’ Vorgehensweise auf und verweist auf eine Schwäche von Henscheids Konzept. Über die wirklichen Feinde wissen wir wenig und ungefähre Polemik können wir uns hier nicht leisten, weil wir eine Klage nicht riskieren können. Aus der Not, dass es einfacher ist, die ‘eigenen’ Leute dranzunehmen, macht Henscheid eine Tugend: ‘Das Kratzen an ‘linken’, linksalternativen, grünalternativen Legenden, an dubiosen und im Zweifelsfall Gaunerfiguren erschien und erscheint mir nach der Idee der Serie nützlicher und reizvoller als der abermalige Nachweis, dass Geissler, Stoiber, Tandler Kryptofaschisten und Blödmänner seien […] Kritik an der eigenen Verwandtschafts-Bagage bringt viel mehr erotic drive.’ (S. 176)
Es gibt also drei unterscheidbare gesellschaftliche Gruppen von potentiellen Opfern:
• Die ‘eigenen’ Leute, die abzuhandeln ‘Vorwürfe bis hin zum Verrats-Verdikt’ (S. 174) nebst Abo-Abbestellungen mit sich bringen kann;
• Die ‘Medienereignisse’, Leute, die nicht viel mehr sind als ihre mediale Inszenierung; sie abzuhandeln ist am harmlosesten und einfachsten, weil über sie viel Material existiert und sie nicht klagen werden;
• Leute aus Finanz und Wirtschaft, aus den abgeschotteten Bezirken der Macht. Hier gibt es wenig Material und ein grosses Risiko im Fall einer Klage.
3. Wer schreibt? – Auf der Seite des Machens ist das grösste Risiko von Henscheids Konzept, dass unsere Texte in die schiere Peinlichkeit abrutschen könnten. Henscheid kommt über die Runden, weil er grosses Sprachbewusstsein mit grosser Allgemeinbildung verbindet. Dumm wäre aber, wenn die Person, die einer andern Dummheit vorwirft, dümmer wäre als die der Dummheit bezichtigte. Dazu kommt, dass Uneinheitlichkeit des Stils und der Perspektive die Beliebigkeit des Konzepts noch verstärken würde (auch Henscheids Arbeit ist beliebig: Im Nachwort zählt er auf, wen er auch noch hätte ‘erledigen’ können).
III. Offene Fragen
1. Als erstes muss WoZ-intern die Grundfrage diskutiert werden, ob und allenfalls wie personalisierte Polemik als Systemkritik in der WoZ realisiert werden kann. Böse sein allein ist noch keine linke Perspektive, oder?
2. Bevor wir die Recherchier- und Schreibarbeit vornehmen, fragt sich:
• ob eine Einschränkung des Öffentlichkeitssegments, in dem wir die Personen auswählen, nötig wäre: z. B. Serie ‘Medien-Zoombies’ (Gysling, Schawinski, Studer, Gasche, Hurni, Heeb, Meyer, Thurnherr…); z. B. ‘Die endgültigen Grünen’ (nach den Wahlen) etc.
• ob eine Einschränkung der MacherInnen-Gruppe nötig wäre, eine Art Satire-Gruppe, die sich zum Thema ‘linke Satire’ einige Gedanken sprachlicher, inhaltlicher, stilistischer Art macht, bevor geschrieben wird.
fl
29.9.87»
(29.09.1987; 30.08.2017)
Ein Mittagsspaziergang in die Nationalbibliothek ergibt folgendes: Die Beiträge der «Medienmonster»-Serie wurden jeweils mit einem Teaser angerissen, in dem zu lesen war: «In der Medienmonster-Serie porträtieren wir die schrecklichsten MeinungsmacherInnen der Schweiz: Wie sie sich in Presse, Radio und Fernsehen darstellen, was sie vertreten und warum sie uns so hartnäckig auf den Geist gehen. In einer Woche wieder an dieser Stelle! Wer wird der/die Nächste sein?» Mein Beitrag erhielt – wohl weil er der zweite war und die Serie gepusht werden musste – auf der Titelseite einen einspaltigen Anriss. Unter einem Porträtbild und dem Titel «Medienmonster Nr. 2 / Der Volkskolumnist» war zu lesen: «Fast täglich knetet er die Volksseele durch, leert er seinen zähen Brei über das, was den Durchschnitts-Schweizer scheint’s bewegt: Turi Honegger, ‘Blick’-Kolumnist.»
Nach dieser kleinen Recherche scheint mir klar, dass mein Diskussionsbeitrag nichts bewirkt hat. Im Gegenteil: Von Systemkritik anhand von personalisierter Polemik keine Spur, und auch das gehoben Feuilletonistische von Henscheid fehlt im Teaser. Dieser parodiert vielmehr die damalige Boulevardsprache, weitergehende Erklärungen habe ich beim Blättern in den alten Zeitungen nicht gefunden. Dieser Befund ist wohl symptomatisch für die in diesem Mäander dokumentierten Papers (von denen es mehr gibt, als ich transkribiere – eine ganze Reihe sind aber ohne Vorwissen zu Internas, die ich selber wieder recherchieren müsste, nicht verständlich): Ich habe solche Diskussionspapiere jeweils geschrieben ohne die Option, sie in einer Diskussion zu verteidigen oder mich gar durchsetzen zu wollen. Diese Tatsache kann man psychologisieren, wenn man Lust hat. Statt von «Diskussionspapieren» müsste ich deshalb eigentlich präziser von «Meinungsäusserungen» sprechen.
Wie schnell ich bei dieser Serie wieder konstruktiv mitarbeitete, belegt die Tatsache, dass mein Beitrag eine Woche nach dem Serienstart gedruckt werden konnte. Dass ich mich davon überzeugen liess, mir den eben letzthin verstorbenen Arthur Honegger (1924-15.8.2017) unter dem Stichwort «schrecklichster Meinungsmacher» vorzunehmen, gereicht mir nicht zur Ehre: Honegger war als Sozialdemokrat zweifellos der Prototyp eines Mannes mit «linksliberalem» Selbstverständnis, der nicht klagen würde. Und als «Uneheliche[r], Verdingbub, Vollwaise, administrativ Versorgte[r]», wie ich ihn beschrieb, hätte ich mich eigentlich für ihn einsetzen müssen, wie ich mich später für Schriftsteller wie C. A. Loosli, Walter Matthias Diggelmann, Walther Kauer oder René E. Mueller einzusetzen versucht habe.
(30.08.2017; 25.05.2018)