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Dr. Pop, welches war die erste Band mit Schminke?
Die Antwort liegt auf der Hand. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht.
Bei ihrem ersten Auftritt, am 30. Januar 1973 im Coventry Club in New York, trugen die Gründungsmitglieder von Kiss lediglich etwas Puder und Lidschatten. Bei einem der ersten Schminkversuche färbte Gene Simmons sein Antlitz gar rot. Erst im Laufe der folgenden Konzerte entwickelten Simmons und seine Bandkollegen Paul Stanley, Ace Frehley und Peter Criss das Make-up der Kunstfiguren, die im Februar 1974 schliesslich auf dem Cover des Debüts zu sehen waren: The Demon, The Starchild, The Spaceman und The Catman.
In Brasilien kursiert das Gerücht, dass Kiss die Idee für ihr Markenzeichen von der einheimischen Glamrock-Band Secos & Molhados gestohlen haben. Das Management des brasilianischen Trios, so wird behauptet, habe im Billboard Magazine eine Anzeige geschaltet, die Kiss auf die Idee mit der Schminke brachte. Fakt ist, dass Secos & Molhados bereits im Dezember 1972 ihre ersten Konzerte mit Make-up gespielt haben. Allerdings hat die italienische Progrock-Band Osanna nachweislich bereits 1971 zum Schminkkasten gegriffen, wobei Ähnlichkeiten zu Kiss auch hier nicht von der Hand zu weisen sind.
Ob und wem Kiss ihre Gesichtsbemalung geklaut haben, sei dahingestellt. Fest steht, dass sie nicht die erste männliche Band mit Make-up waren. Eine Vorreiterrolle in Sachen Schminke kommt sicherlich den 1971 gegründeten New York Dolls zu, von deren Transvestiten-Look sich sowohl Kiss als auch David Bowie inspirieren liessen. Im Zuge des Glamrock-Booms verwandelten sich Popstars mehr und mehr in androgyne Wesen von einem anderen Planeten. Die 70er-Jahre standen bis zu ihrem Ende im Zeichen der Make-up-Mystifizierung. Ohne Puder hätte Gary Numan kein Markenzeichen gehabt und Kraftwerk wären nur halbe Roboter gewesen.
Via King Diamond ist die Schminke in den 80ern schliesslich in den Black Metal abgewandert. Gleichzeitig setzen GWAR neue Massstäbe in Sachen Verkleidung. Allerdings hatten The Residents wie auch Genesis, die man ebenfalls zu den Make-up-Pionieren zählen muss, bereits in den frühen 70ern Masken und Kostüme auf die Bühne gebracht. Mit Slipknot, Marilyn Manson und Lady Gaga sind aufgesetzte und geschminkte Masken bis heute fester Bestandteil des Popbusiness geblieben. Die Marketingstrategie des Shock Rock funktioniert offenbar nach wie vor.
Alice Cooper gilt gemeinhin als Schöpfer des Shock Rock. Er selbst behauptet, er habe sich auch als erster Rockmusiker geschminkt. Angeblich hat er sich bereits bei den Auftritten mit seiner Band The Spiders eine Spinne auf das Auge gemalt. Nach Beweismaterial sucht man allerdings vergeblich. Es existiert lediglich ein Foto von The Spiders, auf dem ein Spinnennetz als Bühnendeko dient. Beim berühmten “Chicken Incident” von 1969 am Toronto Rock’n’Roll Festival, bei dem das Gerücht um ein auf der Bühne geschlachtetes Huhn Alice Cooper über Nacht berühmt machte, trug der selbsternannte Make-up-Pionier jedenfalls nicht mehr Eyeliner als seine Zeitgenossen Iggy und Ozzy.
Alice Cooper und David Bowie haben immer wieder darüber gestritten, wer denn nun der Erste war, der sich mittels Make-up ein Alter Ego geschaffen hat. Letztlich gebührt jedoch keinem der beiden die Ehre. Das One-Hit-Wonder The Crazy World of Arthur Brown lieferte bereits 1968 eine Vorlage für das Make-up von Alice Cooper und The Prodigy mit „Fire“ gleichzeitig ein Sample. Im selben Jahr experimentierten auch The Rolling Stones in einem Promo-Video mit Gesichtsbemalung. Das pantomimenhaft geschminkte Hippie-Kollektiv Hello People ist mit dem Gründungsjahr 1967 der heisseste Anwärter auf den Titel der ersten komplett geschminkten Band.
Der erste Musiker überhaupt, der auf Schminke zurückgegriffen hat, dürfte der Schauspieler und Sänger Al Jolson gewesen sein, der in den 20er-Jahren unter schwarzem Make-up einen afroamerikanischen Jazzsänger mimte. Als Solokünstler läuft er in unserem Wettbewerb jedoch ebenso ausser Konkurrenz wie der wahre Urheber des Shock Rock, Screaming Jay Hawkins. Der Blues-Sänger, der die Bühne in einem Sarg zu besteigen pflegte und stets einen Totenschädel namens Henry bei sich trug, war das grosse Vorbild von jenem Mann, der im Wettbewerb um die erste geschminkte Rockband das Rennen machen könnte: Screaming Lord Sutch.
Da nur der Frontmann von Screaming Lord Sutch and The Savages Make-up getragen hat, ist es freilich fraglich, ob den Briten, die 1960 ihre ersten Konzerte spielten, die Goldmedaille tatsächlich gebührt. Jedenfalls war Screaming Lord Sutch ein Pionier auf verschiedensten Gebieten. Er ist nicht nur Begründer der Official Monster Raving Loony Party, die sich in der Thatcher-Ära gegen den Neoliberalismus auflehnte, sondern war gleichzeitig auch der vielleicht erste Rockmusiker mit langen Haaren. Als Alice Cooper noch die Schulbank drückte, wurde Screaming Lord Sutch wie sein Vorbild Screaming Jay Hawkins im Sarg auf die Bühne getragen, entstieg diesem mit weiß geschminktem Gesicht und schwarz umrandeten Augen und spuckte eine grüne Flüssigkeit ins Publikum. Bei Kiss war die Flüssigkeit dann bekanntlich rot.
> Leserfragen an: dr.pop(ät)78s.ch
Fünf Argumente dafür, dass Kiss nicht die ersten waren, alle schön anmoderiert:
Secos E Molhados – Sempre aos domingos (1973)
Osanna – L’Uomo (1971)
Hello People – Anthem (1969)
The Crazy World of Arthur Brown – Fire (1968)
Screaming Lord Sutch & The Savages – Jack The Ripper (1964)