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Kapitel 4: Memento mori
Auf dem Sekretär über dem Laptop saß eine Saatkrähe, wie sie sie früher als Kind ständig auf den Feldern in Schottland aufgescheucht hatte.
Ihre Knopfaugen folgten jeder von Glennas Bewegungen aufmerksam und ihr grau-weißer Schnabel war halb geöffnet.
Die Bibliothek hatte kein Fenster und Glenna musste nicht überprüfen, ob sie die Türe offengelassen hatte. Das tat sie nie.
»War ja klar, dass du auftauchen würdest«, sagte Glenna bitter.
Der warme Fleck von ihrem Rücken verschob sich zu ihrer Schulter und auf ihre Brust.
›Ist es die Krähe?‹, flüsterte Jamie, als hätte er Angst davor, das Tier aufzuscheuchen, obschon er es selber nicht einmal würde sehen können, auch wenn nicht ihr Halstuch seinen Blick verdeckte.
Der Vogel plusterte ihr metallisch glänzendes Gefieder und präsentiere die artentypische kahle Stelle an ihrer Kehle.
»Ja«, sagte Glenna und ließ das Tier nicht aus den Augen, während sie einen Schritt zurück machte und sich am Sessel abstützte.
Täuschte sie sich, oder war die Krähe größer, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte?
›Ignorier sie einfach‹, riet Jamie.
Glenna hielt dem eindringlichen Blick des Vogels für eine Weile stand, dann wandte sie sich mit geballten Fäusten ab.
»Du weißt, dass ich das nicht kann«, sagte sie mit fester Stimme.
Die Krähe war ihr persönliches Memento mori. Eine Mahnung der Vergänglichkeit der Menschen.
Auf einmal umfasste eine heiße Hand ihr Herz und Wut wallte in ihr auf.
Nein, das war nicht korrekt. Vielmehr war es eine Erinnerung ihres ewigen Überlebens, die jedes Mal auftauchte und sie verhöhnte, wenn jemand starb, der ihr nahegestanden hatte. Seit dem Moment, als Létoile viel zu früh hatte sterben müssen, besuchte sie Glenna immer wieder.
»Als ob ich eine Erinnerung daran bräuchte«, spie sie verbittert.
›Bonnie‹, sagte Jamie eindringlich. ›Damit provozierst du sie nur.‹
Wie auf Kommando erschallte das helle Kreischen des Vogels den Raum und ließ Glenna vor Schreck herumfahren. Wie aus dem Nichts stieß das Tier von oben auf sie herab, die gebogenen Krallen voraus. Die Flügel schlugen Glenna ins Gesicht und sie japste auf. Sie hob die Hände, doch da hatte sich die Krähe bereits in Luft aufgelöst.
›Bonnie!‹, rief Jamie und der warme Fleck bewegte sich schneller als gewohnt hin zu ihrem Nacken.
Mit zittrigen Fingern löste Glenna das zerfetzte Halstuch und hielt es sich vor die Augen. Ihre Lippen bebten als sie mit der freien Hand die Stelle betastete, woher die feinen Blutstropfen stammten.
›Meine Güte, Bonnie. So schnell hat sie dich noch nie angegriffen.‹
Glenna verließ die Bibliothek und holte die Hausapotheke aus dem Badezimmer.
›Ist alles in Ordnung?‹
Eine lächerliche Frage.
Sie verzog das Gesicht, als sie ein frisches Tuch mit Jod beträufelte und auf den schmalen Schnitt an ihrem Halsansatz tupfte.
›Bonnie, sprich mit mir.‹
Sie warf das Tuch weg und verstaute die Apotheke wieder, bevor sie in die Küche ging.
»Es ist alles in Ordnung, Jamie.«
›Alles in Ordnung? Die Krähe kommt zurück, oder etwa nicht?‹
Sie öffnete den Kühlschrank und studierte dessen Innenleben.
»Nicht, wenn ich mich abzulenken weiß«, sagte sie im Wissen, dass auch das nur eine Übergangslösung sein würde.
›Verstehe. Du bäckst.‹
Glenna griff nach der Butter.
»Ich backe.«
Als sie alle Zutaten zusammengemixt hatte und den Teig knetete, fragte Jamie auf einmal:
›Bereust du es?‹
»Was soll ich bereuen?«
›Dass du damals das Reisen aufgegeben hast, um nach Irland zurückzukehren.‹
»Wie kommst du darauf?«, murrte sie und fügte dem Teig ein klein wenig mehr Wasser hinzu.
›Du weißt, dass ich dich durchschaue, Bonnie. Wir kleben seit siebzig Jahren aneinander.‹
Sie schnaubte aus. »Schon so lange halte ich es mir dir aus? Kein Wunder fühle ich mich alt.«
Es sollte ein Scherz sein, aber es fühlte sich nicht so an.
›Bereust du, deine Tochter ausfindig gemacht zu haben damals? Überhaupt involviert zu werden in ihr Leben?‹
»Ich bereue gar nichts, Jamie«, schnauzte sie.
›Du lügst.‹
»Nur weil du seit siebzig Jahren über meinen Körper schleichst, heißt das nicht, dass du mich in- und auswendig kennst.«
Sie öffnete das Schränkchen über dem Abwaschbecken und reckte sich nach einer Dose Tee.
›Ich glaube, du brächtest mal wieder Sex.‹
Ihre Fingerspitzen hatten die Dose gerade erreicht, als sie zurückzuckte. Die Dose fiel mit ihr, landete auf dem Rand des Abwaschbeckens und der Deckel löste sich mit einem Plopp. Grünteepulver verteilten sich auf Glennas weißer Bluse, aber sie zollte der Sauerei keine große Beachtung.
»Wie bitte?«, fragte sie empört.
›Du hast mich schon recht verstanden.‹
»Ich bin 117 Jahre alt, Jamie!«
Sie nahm einen frischen Abwaschlappen und versuchte, sich von dem Pulver zu befreien.
›Ich bitte dich, Bonnie. Als hätten dich irgendwelche Konventionen schon jemals abgehalten.‹
Sie wollte etwas erwidern, schloss den Mund aber mit einem schweren Seufzer.
Mit ihm zu diskutieren hatte keinen Sinn.
Als sie das Tattoo damals von einem thailändischen Mönch hatte stechen lassen, vollführte er das Ritual, das dem Abbild die Seele des Drachen einhauchen sollte, weise und mächtig. Stattdessen hatte sie die unsterblichen Überreste irgendeines Lümmels abgekriegt.
›So ein feuriger Liebhaber wird bestimmt deine Lebensgeister erwecken.‹
»Kein feuriger Liebhaber interessiert sich für eine 117 Jahre alte Dame. Und auch wenn …«, fügte sie schnell hinzu. »Meine Lebensgeister brauchen keine Erweckung.«
›Was wird aus dem B&B? Holst du dir Hilfe hinzu?‹
Sie stützte sich auf dem Tresen ab und atmete einmal tief durch. Sie wusste, dass Jamie ihr nur helfen wollte, indem er ihre Gedanken auf Trab hielt, aber sie fühlte sich zu müde dazu.
»Lass gut sein«, sagte sie leise.
Die Tätowierung schwieg von da an, aber es gelang Glenna nicht, seine letzten Worte aus ihren Gedanken zu vertreiben.
Ja, was würde jetzt werden aus dem Stewart-Haus? Wenn die Beerdigung vorüber war und aller Papierkram erledigt wäre, was dann?
Dann wäre sie immer noch hier.
Alleine.
Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:
Vorschau auf das Kapitel „Gute Absichten“ von nächster Woche: