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Was in Deutschland Mittelschicht heisst, wird in der Schweiz unverändert Mittelstand genannt. Obwohl die Mittelschicht gerade hier ausgeprägt vorkommt,und politisch von höchster Bedeutung ist. Eine kurz Begriffsklärung.
Anteile der Mittelschichtsfamilien, die Ende Monat nichts auf die Seite legen können (Grafik: Beobachter/gfs.bern)
Mit der Industrialisierung traditioneller Gesellschaften änderte sich auch ihre soziologische Beschreibung. Die Ständegesellschaft mit (vereinfacht zusammengefasst) Adel, Klerus und Bauern nahm ihr Ende. Karl Marx teilte die Industriegesellschaft in zwei Klassen: Die Bourgeoisie, bestehend aus den Kapitalisten-Unternehmern, und das (paupersierte) Proletariat mit den Arbeitern.
Zahlreich sind die Kritiken, wonach die marxistische Gesellschaftsbeschreibung die Realitäten nicht trifft. Denn zwischen den Kapitalisten und dem Proletariat entwickelte sich eine dritte Klasse, das (Klein)Bürgertum. Die moderne Soziologie zieht es deshalb vor, von (mindestens) drei Schichten in modernen Gesellschaften zu sprechen: der Ober-, der Mittel- und der Unterschicht.
Für die Entwicklung der Demokratie wird die Ausbildung der Mittelschicht sogar als essenziell angesehen. Denn es waren die Handwerker, Lehrer und Notare, welche die Rechtsgleichheit erstritten, und sich gegen wirtschaftlichen und politische Privilegierungen alter und neuer Oberschichten wehrten.
Der Begriff der Mittelschicht hat sich nicht nur in der Soziologie durchgesetzt. In weiten Teilen des deutschen Sprachraum wird es entsprechend dieser Definition verwendet. Nur in der Schweiz ist das anders. Unverändert spricht man von Mittellstand. Fritz Marbach, Berner Oekonomieprofessor, entwickelte in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gar eine Theorie des Mittelstandes: zu keinem Luxus fähig, aber der bürgerlichen Lebensweise zugetan, charakterisierte er den Mittelstand. Sogar Unterteilungen führte er ein. Unterschieden werden kann der alte Mittelstand, dem Gewerbe schlechthin, vom neuen, womit die Angestellten in den Dienstleistungsbetrieben gemeint sind.
Seit ich als Sozialforscher aktiv bin, kämpfe ich gegen die Begriffsmengung in der deutschsprachigen Schweiz an – erfolglos, wie ich feststelle. Denn der “Beobachter”, für den unser Instituts jüngst eine Studie zur Lage der Mittelschichtsfamilien erstellt hat, titelt diese Woche über dem ersten Teil der Serie: “Der bedrohte Mittelstand”. Obwohl wir, wie jede soziologisch-statistische Studie heute, die bedrohten Mittelschichten untersucht haben.
Das ist aber auch die einzige Kritik, die ich zum Auftaktbericht der vierteiligen Beobachterserie habe. Denn er geht der zentralen Frage nach, wodurch sich Mittelschichten von Unter- resp. Oberschichten unterscheiden, wenn sie in die Defensive geraten. Die bündige Antwort lautet: Auf mehr als ein Kinder verzichtet man, auf ein Auto nicht!