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E. Steiger : Beiträge zur Kenntnis der Flora der Adulagebirgsgruppe
Der Reichtum und die Eigenart der Bündner Flora haben schon frühzeitig zur Zusammenstellung von Pflanzen- und Standortsverzeich-nissen Anlaß gegeben. Schon 1807, drei Jahre vor dem Erscheinen der berühmten Walliser Flora des Priors L. J. Murith, veröffentlichte Magister J. G. Rösch zu Marschlins im 2. Band der „ Alpina " seine „ Aufzählung der in Bünden bisher entdeckten Bergpflanzen ", ein noch recht dürftiges Verzeichnis von etwa 400 Pflanzen. Schon weit reichhaltiger ist die Schrift Alexander Moritzis: „ Die Pflanzen von Graubünden ", die 1839 im Bd. III der Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft erschien, zirka 1500 Spezies von Gefäßpflanzen enthält und in der Folge durch Ed. Killias, J. Muret u.a. in den Jahresberichten der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens vielfach ergänzt worden ist. Dies bald siebzig Jahre alte Verzeichnis der Bündner Gefäßpflanzen ist immer noch das neueste, das den ganzen Kanton umfaßt. Eine dem heutigen Stand des Wissens entsprechende Gesamtflora Graubündens gibt es nicht, wohl aber gibt es mehrere Pflanzenverzeichnisse einzelner Gegenden, des Ober- und des Unterengadins, der Gegend von Chur, des Davos, des Avers u. s. w.
Zu diesen Bausteinen für eine neue künftige Flora Rhaetica hat nun unser Clubgenosse Herr Apotheker Steiger in Basel mit seinem Pflanzenkatalog des Adulagebiets eine stattliche Quader hinzugefügt.
Es versteht sich von selbst, daß er für sein Verzeichnis die ältere wie die neuere Literatur fleißig zu Rat gezogen hat. Der weitaus größte Teil seiner Arbeit beruht aber doch auf den Beobachtungen, die er selbst auf seinen Kreuz- und Querzügen im Adulagebiet in den Jahren 1901 bis 1905 gemacht hat. Nach dem Tourenverzeichnis, das er dem Pflanzenkatalog beigegeben hat, hat er sich in diesen fünf Jahren insgesamt nahezu 100 Tage lang im Gebiete aufgehalten. Seine Exkursionen waren zum Teil vier- bis sechstägige Maiausflüge in die Täler, zum Teil Hoch-sommerwanderungen von zwei bis drei Wochen, die den eifrigen Botaniker zugleich als rüstigen Berggänger erkennen lassen.
Steiger hat das Rheinwaldhorn, den Kulminations- und Knotenpunkt der Adula, zweimal bestiegen, ferner das Tambohorn, das Kirchalphorn, den Beverin, und etwa ein Dutzend niedrigere Gipfel, von denen doch die meisten die Quote von 2700 m. übersteigen. Er hat auch eine Menge Pässe überschritten, zum Teil solche, die von Touristen selten begangen werden, wie die Übergänge zwischen den Tessiner Tälern Blegno, Malvaglia und Pontirone und den italienischen Bündner Tälern Calanca und Mesolcina ( Mesocco ). Sein Exkursionsgebiet erstreckt sich von der Mündung der Moësa in den Tessin nördlich bis zum Vorderrhein. Im Westen wird es vom Tessin, dem Brenno, dem Greinapaß und dem Sumvixer Rhein begrenzt, im Osten durch die Moësa, den Passo Vignone, den Splügen und den Hinterrhein.
In der Einleitung zu seinem Pflanzenkatalog skizziert Steiger zunächst die Topographie seines Gebietes; in einem kurzen geologischen Abschnitt teilt er, vom Standpunkt des Pflanzengeographen aus, die Gesteine der Adula in drei Haupttypen: kalkfreie oder kalkarme Silikate: Gneise, Glimmerschiefer u. dgl., die den Kern des Adulamassivs bilden, Kalkgesteine, eigentliche Kalke und Dolomite, die nur im Knie des Hinterrheins bei Splügen als Gebirge auftreten, und Bündnerschiefer, die sich als tonig-sandige Kalkschiefer namentlich im Rheingebiet ver- breiten. In dem klimatischen Teil, der den Schluß der Einleitung bildet, bezeichnet Steiger das Adulagebiet als das regenreichste der Schweiz ( Bernhardin nach Billwiller 220 cm. mittlere Regenmenge ) und insbesondere das Calancatal als „ ewiges Regenlocher weist aber auch darauf hin, daß gerade dieser Regenreichtum im Verein mit den hohen Temperaturen des insubrischen Seegebietes die Üppigkeit des Pflanzenwuchses am italienischen Abfall ( Tessingebiet ) der Adula bedingt, indem er der Vegetation während ihrer ganzen Wachstumsperiode und namentlich in der heißen Jahreszeit zu gute kommt. Im nördlichen Teil ( Rheingebiet ), der schon zum Bündner Hochboden hinüberleitet, ist die Niederschlagshöhe bedeutend geringer, ohne jedoch so tief zu sinken wie im Engadin, geschweige denn wie bei Sitten und bei Basel, die der Autor trotz ihrer um zirka 1000 m. tieferen Lage merkwürdigerweise zum Vergleich mit Splügen und Vals heranzieht.
In einem Grenzgebiet wie die Adula, in der die Floren der West-und der Ostalpen, des insubrischen Seegebiets und des Bündner Hoch-bodens zusammenstoßen, muß die Zahl der Arten groß sein und damit auch der Umfang des Pflanzenkatalogs, der denn auch zirka 500 Seiten einnimmt.
Der Katalog ist nach dem natürlichen System Englers und Prantls angeordnet; für die Reihenfolge und Nomenklatur der Arten war die Flora der Schweiz von Hans Schinz und Robert Keller, Zürich 1900, maßgebend. Dem Namen jeder Spezies ist selbstverständlich die Autorität beigesetzt und außerdem die notwendigen Angaben sowohl über das allgemeine Vorkommen, wie über den speziellen Standort nach Gegend und Meereshöhe. Ein! bezeichnet die Spezies, die der Autor selbst beobachtet hat; bei den wenigen andern ist der Beobachter genannt. Die Zeichen Si, Ca, Bü geben an, ob die betreffende Spezies auf Silikat- oder Kalkgesteinen oder auf Bündnerschiefer vorkommt. Als Charakterpflanze der zentralen Adula wird Armeria alpina L. bezeichnet.
Auf Vollständigkeit macht der Pflanzenkatalog so wenig Anspruch wie irgend ein anderer, der sich über ein so großes Gebiet erstreckt. Der Autor macht denn auch selbst darauf aufmerksam, daß die nördlichen gegen den Vorderrhein gelegenen Gegenden weniger berücksichtigt worden sind, als die zentralen und südlichen, und das Somvix und das eigentliche Lugnez gar nicht. Er hofft, diese Lücken in der Folgezeit ausfüllen zu können. Er sollte dann bei dieser Gelegenheit auch gleich eine andere Lücke ausfüllen, die sich beim Gebrauch seines Pflanzenkatalogs als Nachschlagewerk sehr fühlbar macht: Er sollte einen alphabetischen Index der Ordnungen, Familien und Gattungen beifügen, der praktische Wert seiner sehr verdienstlichen, aber etwas unhandlichen und unübersichtlichen Arbeit würde dadurch ganz wesentlich erhöht.
A.W.