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„Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen sage, dass ich Ihnen definiere: was ist Kunst? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten“ – Pablo Picasso, 1926
In ihrer bis dato hochkarätigsten Ausstellung widmet sich die Fondation Beyeler den Gemälden und Skulpturen des frühen Pablo Picasso aus der sogenannten Blauen und Rosa Periode von 1901 bis 1906.
Von Sibylle Meier
Bereits mit sechs Jahren lernt Pablo Ruiz Picasso bei seinem Vater – einem Zeichenlehrer und Künstler – das Zeichnen. Er absolviert in Rekordtempo eine klassische akademische Kunstausbildung und beginnt mit 16 Jahren die grossen Künstler im Prado in Madrid zu kopieren: Goya, Velazquez oder El Greco. Im Jahr 1900, im Alter von 19 Jahren, besucht Picasso mit seinem Freund Carles Casagemas die Weltausstellung in Paris, wo die beiden mit den Wegbereitern der Moderne wie Manet, den grossen Impressionisten wie Cézanne und Degas oder den Post-Impressionisten van Gogh und Toulouse-Lautrec in Berührung kommen. Die klassische Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte und akademischer Tradition hat Picasso mit 20 Jahren bereits hinter sich. Er ist bereit seinen eigenen Weg zu gehen.
Das Kulturhighlight 2019
Hier setzt die bisher aufwendigste und grösste Schau der Fondation Beyeler ein: Nach vier Jahren Vorbereitungszeit zeichnet die Ausstellung Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periodein anhand rund 75 äusserst selten ausgeliehenen Werken die eigenständige Entwicklung des jungen Pablo Ruiz Picasso nach. 1901 streicht er seinen väterlichen Nachnamen Ruiz und wird seine Bilder fortan mit dem Nachnamen seiner Mutter Picasso signieren. Selbstbewusst kommt dieser Schritt im Gemälde Yo – Picasso, 1901 zum Ausdruck, in dem sich Picasso im Stil der Post-Impressionisten (man denke an Toulouse-Lautrec oder van Gogh) porträtiert und sein herausfordernder Blick ankündigt, dass er bereit für die Auseinandersetzung mit den ganz Grossen der Kunst ist.
Blaue Periode: 1901–1905
Im Februar 1901 erreicht ihn jedoch die traurige Nachricht, dass sich sein Freund Casagemas, aus Liebeskummer, das Leben genommen hat. Picassos Stimmung verdüstert sich (wir kennen die englische Beschreibung als to feel blue), es beginnt seine bis 1905 dauernde Blaue Periode. Er malt arme Menschen und heruntergekommene Prostituierte, deren Körper gekrümmt sind und das Elend symbolisieren. Seine Hauptthemen sind die Melancholie, Trauer und Schmerz. Expressionistische Verzerrungen, langgezogene Körper prägen den Stil der Blauen Periode. Dennoch, wie Picasso selbst sagt, hat er die Farbe Blau nicht aus künstlerischer Überzeugung gewählt, sondern „aus innerer Notwendigkeit“.
Seine Figuren wirken gealtert, so auch das Selbstporträt Autoporträt von 1901. Das herausfordernde Selbstbewusstsein ist Zurückhaltung gewichen, Picassos Körper wirkt schwer, seine Wangen sind eingefallen, sein Teint bleich. Er zeigt sich mit rötlichem Bart obwohl er selber nie einen Bart getragen hat. Zusammen mit dem hypnotischen Blick ist die Hommage an van Gogh unverkennbar.
La Vie
Höhepunkt der Blauen Periode ist das Gemälde La Vie, 1903. Bis heute bleibt das Bild rätselhaft und entzieht sich einer letzten Deutung – es bleibt ein Geheimnis. Sicher ist, dass es ein letztes Mal seinen Freund Casagemas zeigt (links) an dessen Körper sich eine nackte Frau schmiegt.
Der junge Mann zeigt auf eine Frau mit Säugling im Arm. Zwischen den beiden Menschengruppen finden sich zwei „Bilder im Bild“. Eine kauernde Frau und ein Paar. Das Bild lässt sich vielschichtig lesen: Es könnte als Darstellung der drei Lebensalter oder als Allegorie auf die Liebe gelesen werden. Was den Betrachtern verborgen bleibt sind die Röntgenaufnahmen und vielen Vorstudien zu diesem Meisterwerk. Sie geben Einblick in die Schaffensart von Picasso. Immer wieder überarbeitet er das Gemälde, verändert, ergänzt und übermalt Vorhandenes. Dieses prozesshafte Arbeiten vermittelt etwas über die Intensität seiner andauernden, schöpferischen Auseinandersetzung, die er zeitlebens nicht unterbrochen hat. La Viedarf daher als Präzedenzfall für die Entstehung seines späteren Jahrhundertwerks Les Demoiselles d’Avignon betrachtet werden.
Rosa Periode: 1905–1907
Anders wie bei der Blauen Periode wird die Rosa Periode nicht von einem alles überdeckenden zarten Rotton beherrscht. Der Übergang zur Rosa Periode ist vielmehr fliessend und bringt zunächst keine Veränderung in Picassos Figurenstil mit sich. 1904 wird Madeleine (über die nur sehr wenig bekannt ist) sein Modell und Liebe, was ihn zu einer nuancierteren Farbpalette inspiriert. Das zarte Bild Femme en chemise (Madeleine), 1905 legt Zeugnis dieser allmählichen Veränderung ab. Vor dunkelblauem Hintergrund zeigt Picasso Madeleine als Halbfigur, deren zarter Körper von einer hauchdünnen Stoffschicht verhüllt ist. Langsam mischen sich in die Blau-Komposition zarte Braun-, Weiss- und Rosatönen.
Neu ziehen in Picassos Bildwelt Figuren der Zirkuswelt und der Commedia dell’Arte ein. Allen voran Picassos Lieblingscharakter: der Harlekin, der immer wieder als sein Alter Ego auftritt, denn er verkörpert den kreativen und sensiblen modernen Künstler. Auch das Bild Acrobate et jeune arlequin (1905) zeigt den Übergang von der Blauen zur Rosa Periode: Zwei Gaukler sitzen vor einem unregelmässigen Hintergrund. Ein bleicher Junge im Harlekins-Kostüm blickt nachdenklich auf einen Mann mit verschränkten Armen und geschlossenen Augen. Das Bild hält die Balance zwischen Blau und Rosatönen, noch herrscht Melancholie und doch kündet sich eine Verwandlung an. Oder lösen sich die Figuren allmählich auf? Darf das Rautenmuster bereits als Vorwegnahme des Kubismus gelesen werden?
1906, nach einer Reise ins abgeschiedene spanische Gosol, beginnt Picasso fast ausschliesslich den menschlichen Körper, vorallem die weibliche Figur zu studieren. Er setzt dazu die geometrische Formensprache Cezannes um und reduziert seine Palette, auf die in Gosol gesammelten Farbeindrücke, der Rot- und Ockertöne. Parallel dazu interessiert sich Picasso für die Skulptur und für die Formen der primitiven Kunst. Die Auseinandersetzung mit Skulptur ist deshalb ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt für die Ausarbeitung der kubistischen Formen. Im Wechsel der beiden Medien ergründet er die jeweils anderen Spezifika dieser Gattungen. Man kann dies zum Beispiel am Akt Nue sur fond rouge,1906 ablesen. Vor rotem Hintergrund steht ein anmutiger weiblicher Akt mit langem Haar. Dieser liebliche, erste Eindruck wird jedoch durch eine merkwürdige Deformation des rechten Ellbogens gestört. Die runden Formen des Körpers sind durch eckige Schraffuren ausgearbeitet, erste Anzeichen der würfelhaften Formen des Kubismus. Auch das Gesicht hat einen maskenhaften Ausdruck und die beiden Augen sind nur durch zwei schwarze Schlitze angedeutet.
Picasso Panorama – Sammlungspräsentation
Das Gemälde Femme, 1907 – welches zur Sammlung der Fondation Beyeler gehört – markiert schliesslich den Übergang von Picassos Rosa Periode hin zur Entwicklung des Gemäldes Les Demoiselles d’Avignon, 1907 (nicht in der Ausstellung) welches als Wegbereiter des Kubismus gilt. Das Werk bildet das Scharnier zwischen der Ausstellung Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode und der Ausstellung Picasso Panorama, welche den zweiten Teil des Museums füllt. Die Fondation Beyeler besitzt mit dreissig Werken eine der grössten Picasso-Sammlungen weltweit. In insgesamt acht Sälen vertieft diese Ausstellung Picassos Haupt-Themen, vom Kubismus und Klassizismus hin zur surrealistischen Auseinandersetzung, bis zu Picassos Spätwerk.