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Wenn in einem Schuh «Made in Germany» steht, kann ich ihn teuer verkaufen. Die Leute sagen, Dinge aus Deutschland sind von guter Qualität. Auch Schuhe «Made in Italy» oder «Made in Brazil» sind sehr beliebt. Sogar Schuhe «Made in China» gehen gut, wenn sie zuerst in Europa getragen wurden. Neue Schuhe aus China sind hier zwar nicht so beliebt, weil sie von schlechter Qualität sind oder Fälschungen. Aber wenn der chinesische Schuh über Europa zu uns kommt, sage ich den Kundinnen, dieser Schuh ist zwar «Made in China», aber er wurde in Europa getragen, er ist ein «Original»!
Auszug aus einem Interview mit einem Schuhhändler in Dar es Salaam
Die ethnologische Erforschung lokaler Lebenswelten kann heute nicht mehr die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einflüsse globaler Dynamiken ausblenden. Auch in Weltregionen, die von Europa aus betrachtet entlegen erscheinen, ist das Leben der Menschen häufig von Vorstellungen, Waren, Konsummustern und Praktiken geprägt, die aus anderen Weltgegenden stammen. Während der Gründerzeit der akademischen Disziplin am Ende des 19. Jahrhunderts galt noch der isolierte «Stamm» als ideale Untersuchungseinheit, um das Leben von «Urvölkern» möglichst unbeeinflusst von westlicher Zivilisation zu untersuchen. Und ethnographische Sammlungen und Museen bemühten sich oft möglichst solche Objekte zu sammeln, die keine Spuren fremdkultureller Einflüsse aufwiesen und sich daher eigneten, um die «authentischen» Kulturen Afrikas und anderer Weltregionen zu repräsentieren. Der heutigen Ethnologie dagegen geht es vermehrt um globale flows von Gütern, Menschen, Ideen oder medialen Bildern, und wie diese im Wechselspiel mit lokalen Weltbildern und Alltagserfahrungen stehen. Der Alltag der Strassenhändler in Dar es Salaam, Tansania, um die es in der Ausstellung Von alten Schuhen leben geht, ist um eine Ware herum organisiert, in die vielfache weltweite Beziehungen eingeschrieben sind.
Akteur in einem weltweit verflochtenen Markt: Ein Schuhhändler sucht auf dem Karume-Markt in Dar es Salaam nach verkaufbarer Ware. Foto: Link Reuben 2016
Zum einen stammen die Frauenschuhe, auf deren Verkauf sich die tansanischen Schuhverkäufer spezialisiert haben, aus Asien, den USA und Europa, und haben bereits eine weite Reise hinter sich, bevor sie auf dem lokalen Karume Markt in Dar es Salaam in die Hand eines Schuhhändlers gelangen. Vielfach wurden die Schuhe von Konsumentinnen und Konsumenten kostenlos in Sammelcontainer gegeben, häufig in dem falschen Glauben, sie würden anschliessend von karitativen Organisationen kostenlos an Bedürftige in Katastrophengebieten und armen Weltregionen verteilt. Tatsächlich aber landeten sie in einem Sortierwerk, beispielsweise in Osteuropa oder in Marokko, wo sie von den unverkäuflichen Altkleidern getrennt und für den Weiterverkauf in einer ärmeren Weltgegend bestimmt wurden.
Zum anderen ist bereits die Produktion der Schuhe ein weltweit verflochtener Prozess. So ist ein Schuh «Made in Italy» nur dem Markennamen und Design nach aus Italien. Das Leder, aus dem er gemacht wurde, stammt womöglich aus Brasilien, wurde vielleicht in Osteuropa geschnitten und schliesslich in Asien zu einem Schuh genäht, der dann in einem Schweizer Schuhgeschäft eine Besitzerin fand.
Mit seinem Griff nach einem alten Schuh auf dem Karume Markt wird der Strassenhändler so zum Akteur in einer komplexen Geschichte weltweiter Verflechtungen. Und wie das kurze Zitat zu Beginn zeigt, ist sich der Schuhhändler, der hier spricht, der weltweiten Bezüge seiner Ware bewusst. Und er weiss diese geschickt als Verkaufsargumente einzusetzen, wenn er einen Schuh «Made in China» als europäisches Original anpreist. Durch seinen analytischen Umgang mit den Schuhen, die – aus seiner Perspektive – aus entlegenen Weltregionen stammen, und durch seine Auseinandersetzung mit den Moden und dem unterschiedlichen Geschmack verschiedener Kundinnen, hat er ein spezialisiertes Wissen über den Markt der Strasse und dessen Dynamiken entwickelt. In seinem Griff nach einem alten Schuh steckt somit auch die ganze Könnerschaft, die in diesem Beruf unerlässlich ist, will man von alten Schuhen leben.
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