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Wo sich heute die Firnmulden und Gletscher der Blümlisalp befinden, waren früher grasreiche Weiden. Es kam vor, dass die Kühe dreimal des Tages gemolken werden konnten. Die schöne, blumige Alp gehörte einem jungen Sennen, der mit seinen Knechten und einer grossen Herde jeden Sommer den Berg bezog.
Einmal nahm sich der Senn ein junges Weib, das ihn zu allem Schlechten verleitete. Damit sie nicht auf den harten Steinen gehen brauchte, baute er von der Hütte zum Käsespeicher eine Treppe aus schweren, goldgelben Käsen, pflasterte diese mit Butter aus und wusch sie jeden Tag mit Milch sauber ab. Von diesem übermütigen Tun vernahm die alte Mutter des Sennen im Tale und eines Tages machte sie sich auf den Weg, um ihren Sohn zu warnen. Matt, erschöpft und durstig langte sie oben an und bat um einen Trunk Milch.
Da gab ihr der schlechte Sohn unter dem Gelächter seiner Frau ein Becken voller Molke, in die er Unrat gestreut hatte. Empört erhob sich die Mutter und sprach einen schrecklichen Fluch über ihn aus: "Der Berg soll sich mit Eis bedecken und du und deine Kathrin und deine Herde sollen darunter begraben werden!" Dann nahm sie ihren Stab und stieg den steilen Weg ins Tal hinab.
Kaum hatte sie die Alp verlassen, so löste sich vom Berggipfel ein grosser Teil des Gletscher los, stürzte über die saftigen Triften hin und bedeckte die Menschen, das Vieh und die Hütten mit mächtigen Eis- und Firnmassen. Noch heute hört man das Gejohle des sündigen Sohnes und das Brüllen seiner schönsten Leitkuh.
Die sattliche Alphütte stand mitten in einem Felde blühender Alpenrosen. Drei Brüdern war sie als Erbe zugefallen; aber sie konnten sich über die Teilung der Weiden nicht einigen. Menk und Jörg verdrängten ihren jüngsten Bruder Uli immer mehr und wollten ihn zuletzt nicht einmal mehr in der Hütte schlafen lassen. Da sprach dieser eines Morgens, nachdem er die kalte Nacht unter einer Felsbalm zugebracht hatte, zu den anderen: ‚Brüder, lasst uns die ungerechte Sache beendigen. Der himmlische Richter hat mir einen Weg gewiesen. Hier sind drei Kristalle, die ich am Gletscher gefunden habe. Der eine hat einen rötlichen Glanz, das ist Gfel mit der Hütte in den Bergrosen und was darunter liegt, der lautere hier soll das Schönbüel bedeuten und der dunkle das Stocki. Hier lege ich sie zum Zeichen auf das Wandbrett neben dem Kreuz. Gehe jeder und suche am Gletscher nach Strahlen und was er zuerst findet, das soll ihm sein Eigentum weisen.’
‚Einverstanden!’, riefen die Zwei; denn sie dachten in ihrem argen Herzen: ‚Wir wollen dich schon meistern, du dummer Bub!’ Sie gingen wie sonst an ihr Tagwerk. Als sie des Abends auf Gfel wieder zusammentrafen, sprang der Jüngste den beiden Älteren freudestrahlend entgegen. ‚Die Hütte gehört mir!’, rief er ihnen zu. ‚Gott hat mich einen Rosenstein finden lassen.’ Da lachten die beiden hämisch, griffen in ihre Hosentaschen und zogen ein jeder drei Strahlen heraus, einen roten, einen rein weissen und einen dunklen.
‚Unser ist die ganze Alp, Hansnarr! Gott hat es selber gefügt, und du sollst unser Knecht sein.’ Da ergrimmte Uli in seinem Innersten. ‚Betrüger seid Ihr!’, schrie er: ‚Lieber will ich Teufels Knecht sein als der eure.’ Damit lief er dem Leitibache zu und stieg die Bergstrasse hinan. Als er den Gletscherkamm hoch oben auf dem Berg erreicht hatte, sank er auf die Knie, weinte bittere Tränen, dass er von der geliebten Heimat scheiden müsse und sprach: ‚Gott, erbarm dich meiner!’ Dann floh er wild den Berg hinab; er wollte sich dem Bischof von Sitten als Kriegsmann stellen. Hinter ihm aber verfinsterte sich der Himmel. Wilde Wolken umflogen die Gipfel und mitten in der Sommernacht fiel ein furchtbares Schneegestöber. Am Morgen aber schien die brennende Sonne hinein und löste von allen Bergseiten grosse Schneefelder, die von allen Seiten zu Tale stürzten. Hinweggewischt war die stattliche Hütte auf Gfel und tief unter klafterhohem Schnee lagen Herde und Hirten begraben. Uli kam bald darauf in einer Schlacht des Bischofs um. Seither war Gfelalp verflucht; denn die Geister der Unseligen gingen darauf herum und wer seine Herden hinauftrieb, den störten sie in seinem Frieden. Lawinen fuhren hernieder; die Bergweiden zu verwüsten, fallende Felsen töteten das Vieh, bis eines Tages ein Pilger auf seiner Reise vom Heiligen Land über den Lötschenpass zog. Er trug einen heiligen Spruch bei sich, dem alle bösen Geister weichen mussten. Damit bannte er die ruhelosen Seelen der unredlichen Brüder in eine Lärche, schlug einen Pfropfen auf das Loch und verschaffte den Älplern Friede und Ruhe.
Noch lange erinnerte die Lärche mit dem Propfen an die unseligen Tage des Bruderzwists.
Vor Zeiten wohnte in seiner Nähe ein Mägdlein, das sein Herz einem jungen Hirten geschenkt hatte. An den hellen Abenden nun, wenn des Mondes Licht um die schwarzen Wipfel der Tannen spielte und seine silberne Furche durch das Wasser zog, wanderten die beiden die kurze Strecke zum Seelein, bestiegen einen Kahn und verträumten dort manch freundliche Stunde ihres jungen Lebens.
Da fiel der Hirte, als er einst mit einer Bürde Heu von den Flühen niederstieg, über eine Felswand zu Tode. Von der Zeit an war das Mägdlein untröstlich. In mitternächtlicher Stunde schlich es sich oft zum Seelein, ruderte hinaus bis zur Mitte und überliess sich hier seinem Schmerze, indem es den Himmel in heissem Flehen um die Wiedergabe des Geliebten bat oder haderte über sein grausames Schicksal. So verwirrten sich allmählich des Kindes Sinne. Vergeblich mahnten die Eltern, die nächtlichen Besuche aufzugeben – eine geheimnissvolle Macht zog die Unglückliche immer wieder an den Ort zurück, wo sie früher so glücklich gewesen.
Eines Morgens fand man Schiff und Mägdlein auf des Seeleins Grund. Das Wasser aber, das sich bisher kaum vom Wasser anderer Seen unterschieden, war plötzlich tiefblau geworden: Es seien, also sagten die Leute, die Tränen des armen Mägdleins, die seinen blauen Augen entquollen.