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Was man seinem früheren Selbst raten würde, ist eine der Fragen, die im Magazin der «NZZ am Sonntag» jeweils der porträtierten Person gestellt werden. Die Antwort von Gioia Dal Molin, Leiterin des Bereichs Kunst am Istituto Svizzero in Rom, ist mir neulich in ihrer schlichten Direktheit aufgefallen: «Sei mutig und noch ein bisschen mutiger» (11.4.21). Der griechische Philosoph Aristoteles definiert Mut als eine Haltung der Mitte zwischen zwei Extremen: Anders als der Feigling packt der Mutige Dinge beherzt an, aber anders als der Tollkühne behält er ein Augenmass für das, was möglich ist. Im zitierten Rat liegt die Pointe im Nachsatz «… und noch ein bisschen mutiger»: Selbst wenn man von sich denkt, mutig zu sein, ist man noch nicht mutig genug. Dabei kann man in einem definierten Bereich mutiger werden, etwa nach dem 1-Meter-Brett auch vom 3er- oder vom 5er-Brett zu springen. Als ich als Junge dieser Logik folgte und am Schluss vom 10-Meter-Brett sprang, war ich vielleicht mutig. Ich gehorchte aber auch einem Gruppendruck, der festlegte, worin der Mut zu bestehen hatte. Was wie Mut aussah, war deshalb auch Ausdruck von Feigheit: Es hätte mehr Mut gebraucht, mich gegen die Anforderungen zu stellen, als bis nach ganz oben zu klettern. Der Nachsatz «und noch ein bisschen mutiger» heisst deshalb auch, dass man selbst die Richtung bestimmt, in welche man über seine Grenzen hinausgehen will.
Wenn ich an eine ideale Schule denke, stelle ich mir eine Insitution vor, die Menschen ermutigt, mutig zu werden. Dazu kann selbstverständlich auch gehören, dass man nicht nur vom 1-Meter-Brett springt, aber es umfasst sehr viel mehr – im Kleinen und im Grossen. Mutig ist es, wenn ein schüchterner Schüler sich in der Klasse einbringt, wenn eine Schülerin in der Diskussion über eine Textstelle gegen den Widerstand der Lehrperson und der Klasse für eine eigenwillige Interpretation argumentiert, wenn jemand zu seiner sexuellen Orientierung oder seinen politischen Überzeugungen steht, wenn eine Lehrperson etwas ausprobiert, was auch scheitern könnte, oder wenn man sich darauf einlässt, etwas Neues zu lernen, was alte Gewohnheiten und Überzeugungen erschüttert. Mutig ist es, wenn sich jemand für die Maturaarbeit etwas vornimmt, das die eigenen Kräfte zu übersteigen scheint, oder jemand einen geraden Weg verlässt.
Auch im kommenden Quartal gibt es für uns alle unzählige Gelegenheiten, im Stillen für sich selbst oder öffentlich sichtbar mutiger zu werden. Zwei sichtbare Anlässe seien hier im Sinne eines Quartalsausblicks genannt: Für die nächsten Wochen erhalten die 4. Klassen im Rahmen eines Bioprojekts ein Stück Erde, auf dem sie eigene Forschungsprojekte ihrer Wahl durchführen können. Die 50 Beete hinter dem Hause A wurden in den Frühlingsferien von einer Gruppe Schüler*innen unter Leitung von Daniel Windler und der Fachschaft Biologie angelegt. Ein mutiges didaktisches Setting, dem hoffentlich mutige und interessante Fragestellungen folgen! – «Outside the Box», so heisst ein von der Elternvereinigung IGEL geplanter Studien- und Berufswahlabend, der am 11. Juni stattfinden wird: Die Schüler*innen unserer 5. Klassen werden Gelegenheit haben, unterschiedliche Studien- und Berufsbiographien im persönlichen Gespräch kennenzulernen. Hier geht es darum, sich mutig mit den grossen Entscheidungen für die eigene Zukunft zu beschäftigen.
Ich wünsche allen einen guten Start ins Quartal und den Mut, etwas mutiger zu sein.
Jürg Berthold
Wochenbrief_21_19