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Stuhl statt Haus
Auf den diesjährigen Möbelmessen präsentierten auffällig viele Architekturschaffende ihre Entwürfe. Während manche Möbel oder Leuchten Weiterentwicklungen für eigene Bauten sind, wurden andere speziell für die Serienproduktion entworfen. Was unterscheidet die Architektenentwürfe von jenen der Produktdesignerinnen? Und: Was halten Letztere von dieser Konkurrenz?
Eileen Gray, Charlotte Perriand, Le Corbusier, Charles und Ray Eames, Robert und Trix Haussmann, Vico Magistretti, Daniel Libeskind, Norman Foster, Frank Gehry oder Zaha Hadid – die Reihe berühmter Architekten und Architektinnen, die auch Möbel entwarfen, ist lang. Begonnen hat es mit dem mangelnden Angebot geeigneter Stücke, sodass Architekturschaffende die Möbel für ihre Bauprojekte gleich selbst gestalteten – und dabei einige Klassiker schufen. So wie beispielsweise der «Barcelona Chair», den Ludwig Mies van der Rohe 1929 für den Deutschen Pavillon der Weltausstellung entwarf. Heute steht der Stuhl als Serienprodukt in Wartebereichen und Büros, aber auch im heimischen Wohnzimmer. Oder eine ganze Serie von Stahlrohrmöbeln, die Marcel Breuer in Zusammenarbeit mit den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau entwickelte und die im Wohnzimmer der Meisterhäuser von Feininger oder Kandinski zum Einsatz kamen. Und auch der kantige Sessel «F51», den Walter Gropius 1920 für sein Direktorenzimmer im Weimarer Bauhaus entwarf, ist längst zur Ikone geworden. Auch einige der besten Beispiele italienischen Designs der Nachkriegszeit stammen von Architekten und Architektinnen wie Gio Ponti, Luigi Caccia Dominioni oder Anna Castelli Ferrieri, die auch Chef-Designerin der Firma Kartell war. Von Dominioni, der Mobiliar und Leuchten für Azucena entwarf, stammt das Zitat: «Es ist viel schwerer, ein Objekt als ein Gebäude zu entwerfen.»
Mitte des 20. Jahrhunderts etablierte sich das Produktdesign als eigenes Metier und wuchs sich zu einer Konkurrenz für Architektinnen und Architekten aus. Seither stellen sich verstärkt Fragen nach einer Abgrenzung der beiden Berufe. Entwirft ein Architekt wirklich anders als eine Designerin? Und was wäre dann das Typische eines Architektenentwurfs? Eindeutig lässt sich dies kaum beantworten. In erster Linie ist wohl die Vorstellung des Gesamtkunstwerks der Grund für die zahllosen Möbelentwürfe von Architektinnen und Architekten im 20. Jahrhundert.
Die Bandbreite dieser Möbel und ihrer Entwurfsprozesse ist auch heute noch gross. Während einige Architekturschaffende in erster Linie Mobiliar entwerfen, um eigene Raumideen zu vervollkommnen, beschäftigen andere – wie das Büro Zaha Hadid – eine eigene Designabteilung innerhalb des Architekturbüros, die sich ausschliesslich dem Entwurf von Möbeln und Leuchten widmet. Der britische Architekt David Chipperfield ist beispielsweise neu im Programm des deutschen Herstellers e15 vertreten. Sein Entwurf «Galerie» wurde ursprünglich für das Café der Neuen Nationalgalerie in Berlin entwickelt, nachdem das Büro 2012 den Auftrag erhalten hatte, Ludwig Mies van der Rohes Bau zu restaurieren. Das schlanke und langgestreckte Profil des Tischs nimmt Bezug auf den reduzierten Charakter des ikonischen Gebäudes der Nachkriegsmoderne.
Vom Solitär zur Serienproduktion
Als Generalisten, die nur dann und wann Möbel entwerfen, unterliegen diejenigen Architekten, die als Designer arbeiten, weniger den Begrenzungen konventioneller Entwurfsmethoden und -techniken. Und da es «nur» um die Einrichtung ihrer eigenen Architektur geht, können sie von darüber hinausgehenden Produktanforderungen abstrahieren – was oft zu Solitären und aussergewöhnlichen Ergebnissen führt.
«Möbelentwürfe von Architekten entstehen nicht selten im Zusammenhang mit der Konzeption eines Gebäudes und übersetzen dessen architektonisches Gesamtkonzept in einen Gebrauchsgegenstand», erklärt Oliver Holy, Geschäftsführer von ClassiCon. Die Münchner Firma hat mit der Corker-Serie ein Produkt aus recyclingfähigem Naturmaterial in Produktion genommen. Das Design des gleichermassen als Hocker und Beistelltisch nutzbaren Möbels stammt vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron. «Die Idee zum Corker entstand während der Arbeit am Serpentine Pavillon, ganz natürlich und beinahe naiv, wie die meisten unserer Möbel- und Leuchtenentwürfe. Also nicht als raffiniertes und aus professioneller Herangehensweise hervorgehendes Objekt des Industrial Designs. Weil wir mit Kork arbeiteten und einen Hocker für eine möglichst flexible Ausstattung des Pavillons wollten, schien es naheliegend, die Form eines Korkens als Vorlage zu nehmen», erläutert Jacques Herzog.
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Gleich zwei Architekturbüros mit eigenen Designabteilungen setzen dieses Jahr bei Karimoku Furniture, dem führenden Holzmöbelhersteller in Japan, Akzente. Das Unternehmen fördert explizit eine moderne Formensprache, die formal die Tradition des eigenen Landes ehrt und gleichzeitig über dessen Grenzen hinausblickt. In Mailand präsentierte Karimoku die «NF Collection» von Norman Foster, die sich durch fliessende Linien der feingliedrigen Holzrahmen und organisch geformte Polster auszeichnet. «Gutes Produktdesign beruht auf umfassender Forschung und Beobachtung – Fragen stellen und verstehen, worum es in dem Projekt geht. In diesem Sinn ist unsere Vorgehensweise bei Produkten wie Architektur im Miniaturformat», erklärt Mike Holland, Leiter des Industriedesignteams bei Foster + Partners. «Unsere Arbeit umfasst viel Experimentieren, was beim Erproben neuer Materialien und Techniken sowie beim Wissenstransfer zwischen verschiedenen Anwendungen nützlich ist.»
Auch Zaha Hadids Designabteilung steuerte einen neuen Entwurf bei: Der Eichenholzstuhl «Seyun» übersetzt die dynamische Architektursprache der verstorbenen irakisch-britischen Architektin in Möbel. Die glatten, ununterbrochenen Kurven des Stuhls, der von Karimokus Handwerkern kunstvoll gefertigt wurde, heben die natürliche Holzmaserung hervor und unterstreichen die sorgfältige Konstruktion des Stuhls.
Mix aus Möbeln und Architektur
Peter Zumthor und Kengo Kuma gehören zu den Aushängeschildern des Labels Time & Style aus Tokio. Das Unternehmen fertigt Möbel, die von traditionellem japanischem Handwerk und natürlichen Materialien geprägt sind. Produziert werden diese in Higashikawa auf Hokkaido. Der Kontakt zum Schweizer Pritzker-Preisträger (und gelernten Möbelschreiner) entstand Ende der 1990er-Jahre, als Zumthor seine Valser Liege in Akita, Japan, bauen liess – wegen der herausragenden Fertigkeiten der dortigen Handwerker.
Dieses Jahr war in Mailand neben Entwürfen von Peter Zumthor unter anderem das Sofa «KA» von Kengo Kuma zu sehen, das eine flache Sitzfläche mit einer Rückenlehne in Form eines dreieckigen Prismas kombiniert. Es ist eng mit Kumas Architektursprache verbunden, die auf geometrischen Formen basiert. Auch das kantige «KA»-Sofa besteht neben der Sitzfläche ganz aus schrägen Flächen. «Möbel sind für unser Leben oft wichtiger als Architektur», sagt Kengo Kuma. «Im Grunde genommen gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Architektur und Produktdesign, denn beide sind die Vermittler zwischen dem menschlichen Körper und der Welt.»
Same same but different
Dass die Frage nach den Unterschieden beim Entwurf nicht abschliessend geklärt werden kann, zeigen auch die gegensätzlichen Erfahrungen der Hersteller. So betont Oliver Holy von ClassiCon: «Architekten denken hauptsächlich an das Äussere eines Gebäudes, Designer meist an dessen Inneres. Beide haben eine Ausbildung, in der sie idealerweise sehr gut sind (…). Aber grundsätzlich denke ich, dass Designer in der Serienproduktion erfolgreicher sind.» Magnus Wästberg, CEO von Wästberg, sieht das anders: «Bei der Entwicklung von Beleuchtung in Zusammenarbeit mit Architekten habe ich das Gefühl, dass das Design im Allgemeinen eher auf Erfahrung als auf Theorie beruht. Das heisst, es gibt eine Erfahrung darüber, welche Funktion und Qualität benötigt wird und in bestimmten Räumen gut funktioniert. Infolgedessen neigen wir dazu, Beleuchtungen zu entwerfen, die in bestimmten Räumen, Umgebungen und Situationen wirklich funktional sind, anstatt darüber zu spekulieren, was funktionieren könnte und geschätzt wird.»
Designerinnen und Designer jedenfalls sehen die vermeintliche Konkurrenz entspannt. Die für diesen Artikel angefragten Kreativen fanden unisono, ein Wettbewerb mit den Architekturschaffenden sei kein Thema. Im Gegenteil – der Austausch inspiriere. Ob Entwürfe von Designern oder Architektinnen: Nicht immer lässt sich voraussehen, wie sich ein Produkt auf dem Markt etabliert. Der Schritt von der Einzelanfertigung zur Serienproduktion, zu der auch Vertrieb und Marketing gehören, ist immer ein Wagnis. Das unternehmerische Risiko bleibt.
Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 30/2023 «Die Sehnsucht nach dem Objekt».