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Kooperation ist seit mindestens 400000 Jahren das Erfolgsrezept des Menschen. Bereits die Urahnen unserer Gattung, vermutlich waren es Vertreter:innen von Homo erectus, organisierten sich in schlagkäftigen Gruppen zur gemeinsamen Jagd auf Wildtiere. Die organisierten Beutezüge waren eine der Keimzellen für kooperatives Verhalten, das uns als Spezies ausmacht: «Ohne kollektive Intelligenz hätten sich die Menschen nicht durchsetzen können», sagt Andrea Migliano, Professorin für Evolutionäre Anthropologie an der UZH.
Die Frühmenschen entwickelten dank der Jagd gemeinsame Projekte und führten sie mit unterschiedlichen Rollen aus. Da gab es jene, die besonders gut Fährten lesen konnten; andere, die geschickt waren bei der Herstellung von Speeren oder Schlagwerkzeugen, und solche, die sich furchtlos auf die mächtigen Tiere stürzten. Mit dem gemeinsamen Ziel einer fetten Beute vor Augen, die die Ernährung der Gruppe für mehrere Tage sichern würde, verbesserten sie ihre Techniken. Man kann sich gut vorstellen, wie ein erfolgreich erlegtes Tier, das anschliessend zerlegt und auf dem Feuer gebraten wurde, den sozialen Kitt in der Gruppe stärkte und das kooperative Verhalten weiter beförderte.
Was sich da in grauer Vorzeit abgespielt haben muss, lässt sich noch heute – zumindest im Ansatz – bei den noch existierenden Jägern und Sammlern beobachten. Zum Beispiel bei den Agta, einer Volksgruppe auf den Philippinen, die in abgelegenen Waldgebieten nahe am Meer im Nordosten der Insel Luzon leben. In den seichten Gewässern jagen diese Menschen in kleinen Gruppen unter anderem nach Tintenfischen gemäss den überlieferten Regeln, die sie seit Jahrtausenden kennen.
Andrea Migliano zeigt in einem Video, wie das abläuft: Eine Person, in diesem Fall eine ältere Frau, lockt mit einem Stecken die Tiere aus ihren Verstecken, während ihr ältestes Kind den Oktopus mit einem Stein im Wasser erschlägt. Das jüngere Kind im Alter von etwa sieben Jahren schaut aufmerksam zu – es ist eine Lehrstunde für gemeinsames Oktopus-Jagen. «Die Kinder lernen früh, bei der täglichen Nahrungssuche zu kooperieren», sagt die Anthropologin, die seit gut zehn Jahren mit dieser Volksgruppe arbeitet und ihre Lebensweise erforscht. Für sie sind die noch bestehenden Jäger-und-Sammler-Gruppen die besten Anschauungsbeispiele, um zu verstehen, wie und weshalb sich kooperatives Verhalten beim Menschen entwickelt hat.
«Jäger und Sammler bilden eine egalitäre Gemeinschaft, die ausserordentlich stark und über familiäre Bande hinaus zusammenarbeitet», sagt Migliano. Im Fall der Agta leben ein paar hundert Mitglieder in verstreut liegenden Camps mit jeweils rund zwanzig Personen entlang der Küste und den Wäldern. Sie jagen Fische und Tiere, sammeln Früchte und Honig und tauschen ihre Funde untereinander. Unterdessen treiben sie auch etwas Handel mit aussenstehenden Gruppen. Männer und Frauen sind gleichberechtigt, wobei die Männer vorwiegend jagen und die Frauen Essbares sammeln. In dem Camps leben jeweils mehrere Männer und Frauen, die feste Paarbeziehungen untereinander haben und die Kinder gemeinsam aufziehen, sowie entferntere Verwandte und Freunde. Gleichzeitig sind die Gemeinschaften dieser Grossfamilien nicht starr, sondern fluide und veränderlich, die Menschen wechseln die Camps und leben mal da, mal dort und bilden laufend neue Netzwerke.
Wie sich dieses ideal anmutende, egalitäre und kooperierende Beziehungsgeflecht herausgebildet hat, ist eine der vielen Fragen, die Andrea Migliano und ihr Team umtreiben. Dass es dafür keine einfache Antwort gibt, sondern verschiedene Faktoren zusammenspielen, liegt auf der Hand. Eine der wichtigsten Ursachen sei neben der gemeinsamen Jagd die Aufzucht des Nachwuchses, sagt Migliano. Die lange und aufwendige Betreuung der Babys und Kleinkinder fordere kooperatives Verhalten geradezu ein: «Bei Menschen sind die Kosten der Reproduktion so hoch, dass beide Eltern und weitere Verwandte und Bekannte in die Aufzucht einbezogen werden müssen.»
Ohne kollektive Intelligenz hätten sich die Menschen nicht durchsetzen können.
Bei anderen Primaten wie Schimpansen oder Orang-Utans findet sich diese Kooperation nicht, Väter kümmern sich nicht um ihren Nachwuchs, sondern überlassen die Aufzucht den Müttern. Die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit bei der Betreuung begann laut Migliano schon mit dem aufrechten Gang: Menschen können ihre Kinder nicht so lange tragen wie die auf vier Gliedern laufenden Primaten mit ihrem Knöchelgang. Somit waren bereits die ersten umherziehenden Frühmenschen gezwungen, besonders auf ihre Kinder zu achten und gemeinschaftliche Lösungen zu suchen.
Noch vor wenigen Jahren herrschte die Meinung vor, in den egalitären Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften gebe es keine Arbeitsteilung. Schaut man genauer hin, so gibt es auch bei ihnen Fachleute, zum Beispiel für die Jagd von Grosswild, für das Sammeln von Honig oder für die Herstellung von Werkzeugen, aber auch Schaman:innen, Geschichtenerzähler:innen, Sänger:innen, Zeremonienmeister:innen und Tänzer:innen und vieles mehr.
Diese Profis bilden ein sich ergänzendes und kooperatives Netzwerk im Dienste der Gemeinschaft. Schon früh in seiner Geschichte hat der Mensch offenbar gelernt, dass sich Spezialisierung gepaart mit Kooperativität lohnt. «Schon damals konnten nicht alle alles wissen», sagt Migliano und verweist auf den heutigen Wissenschaftsbetrieb mit seinen Spezialisierungen. Auch sie als Anthropologin sei darauf angewiesen, mit Fachleuten anderer Disziplinen wie der Psychologie, der Genetik oder der Zoologie zusammenzuarbeiten. «Wir kombinieren und kreieren daraus Neues, so wie unsere Vorfahren», so die Anthropologin.
Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass andere Primaten diese Formen der Arbeitsteilung nicht kennen. Die Gemeinschaften der Jäger und Sammler sind deshalb auch ein interessantes Anschauungsbeispiel, wie diese Entwicklung zum Spezialistentum begonnen haben könnte. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften aufgrund ihrer gut funktionierenden und wechselnden Netzwerke prädestiniert sind, spezialisiertes Wissen untereinander auszutauschen. Wahrscheinlich als erste Populationen überhaupt tradieren diese Gemeinschaften kulturelle Leistungen und Ideen und geben so ihr Wissen an nachfolgende Generationen weiter – Anthropologen sprechen vom Beginn der «kumulativer Kultur».
Das Wissen geht nicht verloren, wie das bei stärker fragmentierten Gemeinschaften der Fall wäre, und bildet das Fundament für ein kulturelles Gedächtnis. So entstehen sukszessive kompliziertere Werkzeuge – aus einem Schneidwerkzeug entwickelt die Folgegeneration eine Axt, Wissen über Medizinalpflanzen wird von Generation zu Generation erweitert. Die Fertigung spezialisierter Alltagsgegenstände erlaubt den Handel über grössere Netzwerke und Distanzen, was den kulturellen Austausch weiter befördert. «Wir sehen in diesen Gemeinschaften die gleichen Mechanismen einer kulturellen Entwicklung, die im Verlauf der Jahrtausende zu unseren hochtechnologischen Gesellschaften geführt haben», sagt Migliano.
Pikante Rückschlüsse lassen die Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften auch auf die Gleichberechtigung der Geschlechter zu. Denn gerade weil Männer und Frauen gleich viel zu sagen haben, kommt die besondere Struktur der Camps zustande, in denen Paare mit ihren Kindern und Verwandten, aber auch mit Freunden und Bekannten leben. «Enge Freundschaften sind in diesen Gemeinschaften sehr wichtig», sagt Migliano. In ihren Untersuchungen der Campbewohner:innen konnten die Anthropologin und ihre Mitabeiter:innen zeigen, dass die «Kommunen» das direkte Ergebnis gleichberechtigter Partner sind, die gemeinsam darüber bestimmen, mit wem sie leben wollen.
«Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine wichtige Anpassung dieser Gemeinschaften», sagt Andrea Migliano. In den Agta-Camps sind gut die Hälfte der Personen Freunde und weit entfernte Verwandte. «In patriarchalen oder matriarchalen Gemeinschaften wäre der Anteil direkter Verwandter höher», sagt die Anthropologin. Die Gleichberechtigung erhöht somit den Anteil selbstgewählter Freunde und die Effizienz der kooperativen Netzwerke. Anders gesagt: Gleichberechtigung und Freundschaften sind zwei Gründe für den evolutionären Erfolg unserer Gattung.
Als eine Art Gegenstück zur egalitären Ordnung der Jäger und Sammler kann man die sesshaften Gemeinschaften sehen, die vor rund 12000 Jahren begannen, Pflanzen und Tiere zu züchten. Da änderte sich vieles, was die hochkooperativen Sammlergemeinschaften auszeichnete: Die Leute lebten nicht mehr von der Hand in den Mund, sondern legten Vorräte an und begannen, Gebietsansprüche anzumelden und Grenzen zu ziehen. Kooperatives Verhalten verschwand zwar nicht, sonst hätten die grossen Kultbauten nie erstellt werden können, wichtiger aber wurde – die Konkurrenz. Ein Verhalten, das sich bei den Agta kaum beobachten lässt.
Dieser Text ist Teil des Dossiers zum Thema Teamwork aus dem UZH Magazin 2/2023.