Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03513.jsonl.gz/98

Die Brigelserhörner
Die Kette der Brigelserhörner, die dem nach dem Bündner Oberland Wandernden schon in der Gegend von Chur durch ihre kühnen Formen auffallen muß, ist schon im Beginn der Thätigkeit unseres S.A.C. Gegenstand mehrerer wohlgelungener Angriffe gewesen, seitdem aber und ohne daß alle Probleme daran gelöst gewesen wären, in etwelche Vergessenheit geraten. Da es mir letzten Sommer vergönnt war, einen nicht unwichtigen Beitrag zu ihrer Erforschung zu liefern, so wird eine kurze Zusammenstellung aus der Besteigungsgeschichte hier wohl am Platze sein.
Man kann unter dem genannten Namen im weitern Sinn die ganze Kette verstehen, die vom Eheinthal im Süden, dei- Val Frisai ( Schlucht des Flemm ) im Osten und Norden, und der Val Puntaiglas ( Schlucht des Ferrerabaches ) im Westen eingeschlossen wird und die folgende Gipfel von Osten nach Westen umfaßt: Piz Dado ( 2702 m ), Piz Dadens ( 2772 m ), PizTumbif ( :)060 m ), Cavestrau pin ( 3217 m ), Cavestrau grond ( 3250 m ) und Crap Grond ( 3196 m ). Im engern Sinn nennt die Siegfriedkarte Brigelserhörner die vier letztgenannten. Es herrscht einige Verwirrung in der Benennung dieser Gipfel, davon herrührend, daß früher mit Piz Tumbif die höchste oder zweithöchste Spitze der Gruppe bezeichnet wurde, während Punkt 3060 den Namen Brigelserhorn führte ( A. Heim in seiner Abbildung [Jahrbuch S.A.C., Bd. XIII, Beilagen] nennt neben den jetzt gebräuchlichen Namen den Punkt 3217 Piz Tumbif, 3250 Piz Breil, 3196 Piz Puntaiglas ). Und doch sind die romanischen Namen, welche die ursprünglichen sind, von Anfang an feststehend und kommen in der Litteratur schon 1812 vor. Gestützt auf die Autorität von P. Placidus a Spescha sagt nämlich Karl v. Schütz in seiner „ Reise von Linththal über die Limmernalp nach Brigels 1 ), pag. 34, folgendes: „ Auf dem rechten Ufer des Flum erhebt sich ein mächtiger Gebirgsstock, welcher von dem Eingang des Thaies Robi hinter Brigels westlich zieht und das Thal Frisai gegen Süden begrenzt. Sechs Felsenspitzen folgen einander in der angegebenen Richtung und heißen Piz Dedo, Piz Dedens, Piz de Slans, Cavistrau pin, Cavistrau gron und Grip gron. " Hierbei ist unter Piz de Slans der jetzige Tumbif gemeint, der sich gerade über der Schlanseralp erhebt. Wann und von wem der Name Tumbif in die Nomenklatur der Brigelserhörner eingeführt wurde, weiß ich nicht. Die Benennungen auf Blatt Tödi sind 1, Jahrbuch S.A.C., XXVIII, pag. 392.
praktisch und sollten nicht mehr geändert werden. Ich werde mich im folgenden auch für die altern Besteigungen an diese halten.
Die erste derselben machte C. Hauser ( Sektion Tödi ) mit Heinrich Eimer und dessen Sohn Eudolf am 19. Juli 1865 1 ). Sie verließen um 4 Uhr 30 Min. die Alp Tschen Dadens und stiegen in 2 Stunden durch die Val Dadens hinauf bis zum kleinen Gletscher am Ostfuß des Piz Tumbif. Nach einer halbstündigen Rast am Gletscherrand stiegen sie von 7 bis 8 Uhr den Gletscher hinauf bis zum Gipel 3060 m, wo sie drei wohlerhaltene Steinmännchen fanden, aber ohne Dokumente der unbekannten frühern Ersteiger. Nach einer stündigen Rast kletterten sie von 9 bis 10 Uhr dem Grat entlang zum Cavestrau pin hinüber. Hier blieben sie bis 12 Uhr. Unterdessen machte Rudolf Eimer allein die Besteigung des Cavestrau grond. In 20 Minuten soll er die Distanz von Punkt 3217 bis 3250 zurückgelegt haben „ über eine fast messerscharfe Schneide mit zuweilen überhängenden Felsblöcken, deren Erkletterung nur durch Anwendung außerordentlicher Schwungkraft möglich war ". Genau nach einer Stunde, von seinem Abgang vom Cavestrau pin gerechnet, soll er wieder zurück gewesen sein. Auf dem höchsten Gipfel hatte er ein festes Steinmannli konstruiert. Aus der Erzählung unserer Besteigung wird man im folgenden ersehen, warum wir Zweifel in diese Zeitangaben setzen. Auch Herr Hauser und Heinrich Eimer hatten unterdes das übliche Denkmal errichtet und die Urkunde darin versenkt. Um 12 Uhr wurde aufgebrochen und in schwieriger und gefährlicher Kletterei durch die Rnnse zwischen Südwest- und Südostgrat vom Gipfel direkt in die Val Punteiglas hinuntergestiegen. Die obersten Schafweiden wurden um 3 Uhr, die Alp nach einer längern Rast um 41/* Uhr, und Trons, nach einer zweiten langen Rast, um 7 Uhr erreicht. Herr Hauser spricht die Überzeugung aus, daß der Cavestrau auch über den Frisal-und Tumbifgletscher, von der Nordseite her, zugänglich sei.
Die zweite Ersteigung geschah schon am 29. September 1867, aber nicht von der Nordseite. Ingenieur L. Held, damals noch ein Anfänger im Bergsteigen, ging um 9'/« Uhr morgens mit Thom. Weber von Brigels fort. Um 12 Uhr am Fuß des Berges angelangt, wo der Begleiter wegen Ermüdung zurückblieb, gelangte Herr H. mittelst Eisstufen auf den kleinen Gletscher zwischen Tumbif und Cavestrau pin und von dort über den Südostkamm auf den Gipfel des letztern ( 2 Uhr 30 Min. ). Er fand den Wahrzettel mit den Namen von Hauser und den beiden Eimer. Nach einer Stunde Aufenthalt trat er den langen und viel schwierigem Abstieg über den Südwestgrat an, verließ denselben weit unten, bei einem Gratturm nach rechts, westlich, ausweichend. Um das Südende des Grates umbiegend, fand er auf der Alp Tschen seinen Begleiter wieder und erreichte abends 6'/2 Uhr Brigels. ( Nach Tagebuchnotizen und Karten-einzeichnung des Herrn Held, die er mir freundlichst zur Verfügung gestellt hat. ) Dann blieb längere Zeit, gelegentliche Besuche des leicht zugänglichen Piz Tumbif abgerechnet, die Gruppe der Brigelserhörner vernachlässigt. Der Pfarrer von Schan3 will auf der Gemsjagd die sonst nicht benutzte Südkante des Piz Tumbif zum Auf- oder Abstieg benutzt haben; Herr A. Heim erstieg am 7. September 1872 die Nordspitze der Brigelserhörner zwischen Piz Tumbif und Cavestrau pin und fertigte daselbst die schöne Ansicht an, die dem Band XIII des Jahrbuchs beigegeben ist; der Nämliche machte im August 1877 vergebliche, weil durch ungeheure Gletscherspalten vereitelte.Versuche, den Crap grond von der Val Frisai aus zu erreichenJin den Achtzigerjahren machten mehrere meiner Freunde den ebenfalls an verschiedenen Umständen scheiternden Versuch, dem Cavestrau von der Südseite beizukommen.
Es war daher, als Herr Ch. Flach und ich, vom Maderanerthal über den Sandgrat und Val Rusein herkommend, am 12. Juli 1893 spät abends in Brigels ankamen, unsere Absicht, mit den zwei Urner Führern, die wir zu diesem Zweck bis hierher mitgenommen hatten, statt sie in Somvix oder Trons zu entlassen, gleich wieder gegen die Brigelserhörner auszurücken. Das Genauere unserer Aufgabe war uns freilich nicht klar; da es aber am frühen Morgen des 13. regnete, so waren wir aus der Qual der Wahl, und das unsichere Wetter der nächsten Zeit erlaubte keine größere Expedition. Dagegen konnten wir einige kleine Rekognoszierungen vornehmen, an denen auch meine zwei altern Söhne sich beteiligten und die uns einen ziemlich genauen Überblick der verschiedenen Zugänge boten. Einmal waren wir auf dem Grat über Alp Tschen Dadens, um die Anstiegsroute vom kleinen Gletscher zwischen Tumbif und Cavestrau mit dem Fernrohr zu prüfen. Sodann konnten wir ein andermal vom Kistenstöckli her, das wir in flotter Kletterei aus Val Frisai erstiegen, konstatieren, daß die Schwierigkeit auf der Nordseite hauptsächlich darin bestehe, auf den namenlosen Gletscher zu gelangen, der in wilden Eisstürzen auf den südlichen Teil des Frisalgletschers abfällt. Von da schienen einerseits Crap grond, anderseits die Einsattlung zwischen beiden Cavestrauspitzen erreichbar, und endlich hatten wir sowohl vom Kistenstöckli als vom Piz Dado aus zu erkennen geglaubt, daß möglicherweise auf einem Band vom kleinen Gletscher bei Punkt 2714 um den Nordgipfel des Piz Tumbif herum auf den Cavestraugletscher zu gelangen sei.
So weit waren unsere Vorbereitungen beendigt, aber nun fehlte es an dem dritten Mann, der uns für die voraussichtlich schwierige Arbeit unentbehrlich schien. An Führern ist in Brigels absoluter Mangel. Die wenigen, welche ab und zu diesem Gewerbe obliegen, waren nicht gesinnt, ein so gewagtes Ziel wie die Brigelserhörner auf unbekannten Pfaden zu suchen. So waren wir denn, da wir auch in Flims oder Dissentis keinen passenden Mann kannten, darauf angewiesen, unter den Glarner Führern, die gelegentlich über den Kistenpaß kamen, aufs Geratewohl einen auszusuchen. Da Sonntag den 23. Juli, nachmittags, schönes Jahrbuch S.A.C., Bd. XIII, pag. 571.
Wetter eintrat und der Neuschnee, welcher die Brigelserhörner bis auf die Alpweiden hinab eingedeckt hatte, verschwunden schien, so bemächtigten wir uns eines Fuhreraspiranten Fritz Vögelin von Lintthal, rüsteten ihn aus mit einem emeritierten Pickelstock, der in einer Ecke des Hotel Capaul von seiner Jugend träumte, und einem Paar Gamaschen, von denen wenigstens das eine Beinstück paßte, und ernannten ihn zum verantwortlichen Leiter auf einem Wege, den er noch weniger kannte, als wir.
Nachts 1 Uhr 30 Min. rückten wir aus. Mit Hülfe von zwei Excelsior -laternen kamen wir auf dem ordentlichen Wege rasch vorwärts und standen um 3 Uhr 45 Min. beim Tagesgrauen bei Punkt 1877 in der Val Frisai gegenüber der Hütte. Erst durch den sandigen Thalgrund, dann die steinigen Weiden und die rechte Seitenmoräne des Frisalgletschers hinauf förderten wir munter die Schritte.Von 5 Uhr 45 Min. bis 6 Uhr 15 Min. rasteten und frühstückten wir am Fuß des Gleschers, der von der Frisallücke herabkommt und sich viel weiter nach Osten ausdehnt, als die Karte zeigt. Nachdem wir das Seil angelegt hatten, stiegen wir diesen Gletscher hinauf an den Fuß der östlichsten der drei Eiskaskaden, welche den Überfluß des Cavestraugletschers ( so nennen wir das Eisfeld an der Nordflanke der Brigelserhörner ) auf den Frisalgletscher ergießen. Der Sérac sah für uns hoffnungslos aus, aber ich rechnete auf eine Lawinenrinne, die links, östlich davon, sichtbar wurde, während sie uns bisher immer durch eine Felsecke verborgen gewesen war. Sie ist auch auf der beigegebenen Abbildung gut erkenntlich und führte uns in der That mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die Höhe des Gletschers an den Fuß der Cavestrau-felsen, ungefähr da, wo das oben erwähnte Band eingemündet hätte, das uns aber von hier nicht sehr einladend erschien. Wir dagegen hatten bisher einen sehr bequemen Weg gehabt, und gelangten auch weiterhin, zuerst den Felsen entlang, dann in der Mittellinie des Cavestraugletschers, hie und da große Schrunde umgehend, aber ohne Schwierigkeiten zum Gipfel des Crap grond, dessen mit einem Schieferdach gekrönte Kuppel wir um 11 Uhr betraten. Überraschend wirkt der Niederblick über die fürchterlich steilen Felswände ins Puntaiglasthal und nach Trons. Von diesem Orte aus hat wohl der Gipfel seinen Namen „ der große Fels " erhalten, denn auf der Frisalseite gleicht er dem Firnnollen des Titlis. Eine Stunde lang blieben wir auf der wohl noch von keinem Menschen betretenen Höhe, aßen, ruhten, bauten einen großen Steinmann und musterten die namentlich gegen die Medelsergruppe hin recht schöne Aussicht. Dann brachen wir nach unserm Hauptziel auf. Beim Aufstieg waren wir am Fuß einer steilen Schneerinne vorbeigegangen, die uns mit ziemlicher Hackarbeit wohl in den Sattel zwischen den beiden Cavestrau gebracht hätte. Wir hätten dann aber auf den Crap grond verzichten müssen, hofften übrigens, von diesem aus einen leichtern Zugang über die Westkante zu finden. Das erwies sich freilich als trügerisch. Von der tiefsten Stelle am Westende des Grap grond schwingt sich der Berggrat ungemein steil empor, und der Cavestrau grond setzt auf ihn mit einer senkrechten Mauer ab, die an ihrem Fuß sogar wie eingekerbt aussieht. Das nämliche ist der Fall auf der Ostseite, wo der Gipfelturm von dem steil ab- fallenden und wild zerrissenen Grat durch eine Scharte getrennt ist. Nur auf der nördlichen Breitseite sind die obersten Felsen zu ersteigen, und dahin ging die Richtung unseres Marsches, als wir die Westkante verlassen mußten. Anfangs kamen wir über die mit Schnee bedeckten Platten schräg links aufwärts, aber bald zeigte sich die Notwendigkeit, ein breites Eisfeld horizontal zu traversieren, um in besseres Terrain zu kommen. Jetzt gratulierte sich unsere Faulheit zu dem mitgenommenen Führer, der bis dahin auch hätte entbehrt werden können. Wie manche Stufe der brave Aspirant schlug und wie manche Minute wir zu dem kitzligen Gang brauchten, habe ich nicht notiert. Meine Aufgabe als die des letzten Mannes am Seil war, auf die Beine des Vordermannes zu sehen, ob sie nicht ausgleiten, und gelegentlich in die Höhe nach allfälligen Steinen aus den morschen Felsen. Es kamen zum Glück keine.Vögelis Arbeiten war, wenn auch nicht ganz im orthodoxen Stil, zuverlässig; aber er erschöpfte doch das Glarner Vokabularium kräftiger Ausdrücke, bevor wir den jenseitigen Rand des Eisfeldes erreichten. Jetzt konnten wir wieder schräg aufwärts steigen, doch nötigte uns die Steile der Platten, unter der Gratscharte vorbei nach Osten und dann wieder zurück nach Westen an den Fuß des Gipfelturms einen beschwerlichen Bogen zu machen. Die letzten Felsen dagegen, vor denen ich mich gefürchtet hatte, waren ganz leicht. Um 2 Uhr kamen wir auf dem Cavestrau grond an. Wir fanden daselbst Spuren von Eimers Steinmännchen, das wir neu und größer aufbauten. Die Aussicht ist die nämliche wie auf dem Crap grond, nur natürlich gegen Osten freier und von sehr malerischer Wirkung. Nach 3 Uhr verließen wir den Gipfel, nachdem ein Vorschlag des enthusiastischen Malers Flach, unsere Ferien auf diesem schönen Fleck Erde zu Ende zu bringen, mit Majorität abgelehnt worden war. Wir sollten teilweise darauf zurückkommen. Der Abstieg, zuerst auf dem alten Wege bis östlich unter der Gratscharte, ging anfangs leicht von statten, nur daß uns ein plötzlich dicht hinter meinem Kopfe niedersausender Felsblock gewaltig erschreckte. Dennoch mußten wir in den morschen Felsen unterhalb des Ostgrates bleiben, weil dieser, vielleicht mit Unrecht, uns noch weniger gangbar schien. Wir kamen wegen Vereisung der Platten und der durch das Seil bedingten Rücksicht auf das Tempo der einzelnen erst um 5 Uhr in dem Sattel am Fuß des Cavestrau pin an.
Wären wir nun sogleich in der Richtung des Gebirges über den letztern Gipfel und den Tumbif weitergegangen, so hätten wir wohl vor Einbruch der Nacht die obersten Hänge der Alp Tschen dadens erreichen mögen; unglücklicherweise aber glaubte ich mich zu erinnern, daß Herr Hauser über die im Süden vor uns liegende Wand nach Val Puntaiglas abgestiegen sei, und meine Begleiter acceptierten einen Vorschlag, den sie für eine Abkürzung halten mußten. Wir versuchten also den Abstieg, zuerst mehr nach rechts hin, bis in der Nähe fallende Steine uns zurücktrieben, dann mehr nach links in der Hoffnung, den Südgrat des Cavestrau pin zu erreichen, dessen dachförmiges unteres Ende einer unserer Freunde einst von der Schlanseralp aus erklettert hatte. Aber da wir, um dem Grate näher zu kommen, über nasse Platten schräg abwärts hätten rutschen müssen, mit der Aussicht, in den Abgrund zu rollen, wenn man auf der schmalen Felsleiste unterher nicht zum Stehen kam, so mußten wir umkehren und, was gar nicht so leicht war, wieder zum Sattel hinaufklettern. Beim Ab- und Aufstieg kamen wir über geologisch höchst merkwürdiges Gestein, dessen Farbenwechsel schon dem Laien auffallen mußte. Leider aber waren wir so präoccupiert von anderm Gestein, das uns hätte „ auffallen " können, daß wir das Anstehende nur flüchtig mit Auge, Hand und Schuhnägeln streiften, ohne Proben mitzunehmen.
Um 7 Uhr abends standen wir wieder auf dem Sattel, den wir vor zwei Stunden verlassen hatten, und es war uns auch in der Dämmerung-klar, daß wir diesmal auf die Fleischtöpfe der „ guten Fausta " und die weichen Betten der Casa Capaul Verzicht leisten müßten. Wir'suchten eine Bivouacstelle, die wir wenig unter dem Sattel, etwa 3100 m über Meer, unter einem Felsblock fanden. Durch Aufräumen und Vermauern konnten wir ein leidliches Quartier herstellen; es war nur etwas zu klein, so daß nicht „ alles von allen " darin Platz und Schutz vor der Kälte fand. Unser Abendessen war kurz; den in Brigels gewohnten Schlaftrunk bekamen wir auch nicht. ( Ein Rest Cognac in meiner Feldflasche wurde mit dem letzten Wasser, das- vor dem Einfrieren noch zu gewinnen war, aufgefüllt und mit einer Wermutpflanze, die Vögeli in der Tasche hatte, zu einem kalten Thee angesetzt, der uns am folgenden Morgen ein köstliches Getränk däuchte. ) Dagegen standen wir lange auf dem Sattel und gaben mit der Laterne Signale nach Alp Robi, die man dort schwerlich beachtet hat. Brigels konnten wir nicht benachrichtigen und das war das Unangenehmste unserer Lage. Dann zogen wir uns zu unserm Schlaf-felsen zurück, blieben aber noch lange auf dem bequemen Felsband, das sich daneben hinzog, sitzen, die vom Zauber des Mondes übergossene Landschaft bewundernd. Die Kälte trieb uns schließlich in unser Loch, wo ich wenigstens ziemlich gut geruht habe. Daß die beiden andern wenigstens anfangs der Nacht schliefen, glaube ich gehört zu haben. Später trieb die Kälte sie wiederholt hinaus, sich durch Bewegung zu erwärmen, und am Morgen waren wir alle ziemlich steif, so daß wir uns am 25. erst um 4 Uhr aufmachen konnten. In 40 Minuten, mit längerm Aufenthalt unterwegs, um das gefrorene Seil anzulegen, erreichten wir vom Schlafplatz aus den Gipfel des Caventmu -pin, wo wir einen kleinen Steinmann mit zerbrochener Flasche, aber ohne Notizen fanden. Um 5 Uhr traten wir bei ruhigem schönen Wetter den Abstieg an. Wir wählten den Südostkamm, ohne Kenntnis der Held'schen Besteigung, weil wir diesen für den Aufstieg rekognosziert hatten. Anfangs ging es leicht, dann wurden die Felsstufen und Platten schwieriger und verlangten große Aufmerksamkeit und einige Kletterkunst. Daß wir unsern Grat nach der Puntaiglasseite hin nicht würden verlassen können, sahen wir nur zu gut, blieb also nur die Richtung nach dem kleinen Gletscher, von dem uns nach links steile Felsabstürze trennten. Endlich trafen wir am Fuß eines großen, schwarzen Gratturmes, der unser Weitergehen verbot, ein Schneecouloir, das in einer Biegung nach dem Gletscherchen zu lenken schien. Froh, einen wahrscheinlichen Ausweg vor uns zu haben, betraten wir die steile Rinne, die unter dem dünnen Schnee verräterisches Eis barg, ohne die nötige Sorgfalt, und hier begegnete uns das dritte Abenteuer dieser Reise.
Vögeli hatte ein paar ganz flüchtige Tritte bis zur Mitte des Couloirs geschlagen, sich dort scharf umgedreht und war hackend einige Stufen abwärts gestiegen. Flach folgte ihm; ich stand noch am Rande, aber bereits im Schnee. Da sah ich, wie mein Vordermann beim Wenden ausglitt; ich schlug gleich meine Pickelhaue ein und faßte das Seil, Flach selber stieß den Warnungsruf aus und versuchte sich zu halten. Vögeli aber, statt sich niederzuwerfen und so den Anprall auszuhalten, blieb stehen und versuchte den gegen seine Beine Schießenden mit der Hand aufzuhalten. Natürlich wurde er sofort umgerannt, und das Gewicht beider fallender Körper riß mich aus meiner schlechten Stellung los und schleuderte mich im Bogen in die Mitte des Couloirs. Ich fiel rückwärts und glitt auf dem Rücken mit dem Kopf nach unten, so daß ich mir absolut nicht helfen konnte, mit großer Schnelligkeit abwärts. Flach, der ein ungewöhnlich kräftiger Mensch ist, versuchte durch Anklammern an einem Stein des linken Couloirrandes, wo bei einer Biegung ziemlich viel Geröll aufgehäuft lag, die Sache zum Stehen zu bringen; es gelang nicht, und die Folge des momentanen Anhaltens war nur, daß ich rücklings im Bogen über dieses Geröll geschleift wurde. Wohl aber glückte es Flach, in halb sitzender Stellung zu bleiben und Vögeli in der gleichen Haltung zu packen. So vereint steuerten nun die beiden in die Trümmerhaufen, die zu unserm Glück das untere Ende des Couloirs verstopften, hinein, und plötzlich war mit einem letzten starken Aufschlagen das ganze Ereignis, das nur wenige Sekunden gedauert hatte, zu Ende.
Keiner von uns hatte eine ernstliche Verletzung davongetragen, und die nicht unbedenkliche Methode hatte uns etwa 100 m blitzschnell abwärts befördert. Die dabei gewonnene Zeit büßten wir zum Teil wieder dadurch ein, daß Vögeli halbwegs hinaufsteigen mußte, die verlorenen Gegenstände, wie Hüte, Stöcke und dergleichen, zusammenzusuchen. Mein alter, treuer Pickelstock war auf zwei Drittel seiner mäßigen Länge reduziert und nur noch als Handbeil zu brauchen, aber unsere Arme und Beine waren ganz geblieben. Wir waren mit dem bekannten „ blauen Auge " davongekommen. Was nun meine Gefühle und Empfindungen während dieser Episode betrifft, so stimmen sie wenig zu den Heim'schen Beobachtungen. Mein Erstes war ein heilloser Schrecken, mein Zweites ein grenzenloser Zorn, nicht über uns, sondern über das Unvernünftige eines solchen Erlebnisses. Ich habe auch mehrmals geschrieen, aber was, können weder ich noch meine Gefährten sagen; ich erinnere mich nur an den lauten Schall meiner Stimme.
Als wir uns so weit wieder erholt hatten, daß wir unsere Aktionsfähigkeit besaßen, konstatierten wir rasch, daß der Abstieg zum kleinen Gletscher hier möglich sei. Über steile Felsen ging es an den Rand einer Felsbucht am Fuß des oben genannten schwarzen Kopfes. Diese war mit Lawinenresten gefüllt. Vögeli ließ uns am Seil auf diese hinunter und wir fingen den Nachspringenden auf der immer noch steilen Schneezunge auf. Zwei Dutzend Stufen längs der Felsen und eine kurze Glissade brachte uns um 8 Uhr auf den Gletscher. Wir überschritten denselben in östlicher Richtung, stiegen über die Moräne hinunter auf die Schlanseralp und erreichten Brigels um 11 Uhr vormittags, hungrig und zerschunden, aber im ganzen zufrieden mit unserer Leistung, welche die Erforschung dieser kleinen, aber interessanten Gruppe so ziemlich zu Ende geführt hat.
Wenn wir ungewöhnlich viel Abweichungen von dem normalen Verlauf einer Expedition in so geringer Meereshöhe hatten, so mag das zum Teil davon kommen, daß Fritz Vögeli eben nur ein „ Aspirant " war, zwar ein williger und anstelliger Mann, aber ohne große Erfahrung, zum andern Teil davon, daß die Brigelserhörner eine geologisch interessante, aber zum Klettern unbequeme Struktur und Konsistenz haben; endlich spielt in den Bergen das Unberechenbare eine große Rolle. Denn wie soll man es nennen, daß ich in 28 Jahren nur dieses eine Mal ein unfreiwilliges Bivouac und einen Absturz erlebt habe und daß W. A. B. Coolidge und Fr. Gardiner mit Chr. und Rud. Almer, eine Gesellschaft, die tüchtiger war als die unsrige, die gleiche Nacht vom 24.12b. Juli nicht weit von uns auf der andern Seite des Gebirges, nämlich am Tschingelhorn ob Elm, ebenfalls im Freien haben zubringen müssen. „ It is very odd ", schrieb mir Mr. Coolidge über dieses Zusammentreffen und so denke ich auch.
Dr. H. Dübi ( Sektion Bern ).