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Die alte Kartause
Der Heilige Bruno
Über das Leben des Hl. Bruno ist wenig bekannt. Er hatte sich nie zum Mittelpunkt gemacht und so auch selten über seine Herkunft gesprochen. Ergriffen von der Erwartung des nahen Weltendes war ihm das künftige Seelenheil stets wichtiger als seine Vergangenheit. So haben sich um den Hl. Bruno viele Legenden gebildet, die das mangelnde historische Wissen ersetzen.
Bruno kam um 1030 in Köln als Sohn reicher Kaufleute zur Welt. Schon früh zog es ihn zum geistlichen Leben. Als Jüngling kam Bruno in die renomierte Domschule von Reims, wo er insgesamt fast zwanzig Jahre studierte und lehrte. Mit dreissig Jahren erlangte er die Magisterwürde. Brunos schlichtes und freundliches Wesen schaffte ihm viele Freunde, und sein reger Verstand und seine klare Urteilskraft waren weitherum berühmt. Seine Schüler liebten und achteten ihn, aber gerade diese Liebe und Achtung wurde für Bruno in späteren Jahren zu einem Anlass tiefer seelischer Qualen und Zweifel.
Im Alter von etwa fünfzig Jahren wurde Bruno zum Kanzler des Erzbischofs Manasse de Gournay in Reims berufen. Dieser Erzbischof, der sein Amt durch Simonie (1) erworben hatte, war die personifizierte Skrupellosigkeit. So kam Manasse bald mit dem tiefwurzelnden Gerechtigkeitssinn Brunos in Konflikt. In den folgenden Auseinandersetzungen, die bis vor den Papst gelangten, erwirkte Manasse die Suspendierung Brunos vom Kanzleramt. Es ging aber nicht lange, bis Papst Gregor VII den Irrtum einsah und Bruno den freigewordenen Bischofsstuhl in Reims anbot. Von den simonistischen Machenschaften, dem Hin und Her des Investiturstreites, den Nachwirkungen des Schismas zwischen Rom und Byzanz und der sichtlich um sich greifenden Verweltlichung der Kirche abgestossen, verzichtete Bruno auf die Bischofswürde.
Eine Legende illustriert die tiefgreifenden Wandlungen, die in Bruno vorgingen. In der Zeit, wo Bruno die Bischofswürde erhalten sollte, wohnte er in Paris dem Totenoffizium für den verstorbenen Domherrn Raimund Diokres bei, welcher zeitlebens als besonders frommer Mann gegolten hatte. Raimund Diokres lag mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen auf dem Katafalk (2), vom Kerzenlicht matt beleuchtet. Die Nocturnen waren gesungen und der Priester kam in seiner Lesung an die Stelle, wo es heisst: "Antworte mir!" In diesem Moment erhob der Tote seinen Kopf und stiess mit furchteinflössender Stimme hervor: "Justo dei judicio accusatus sum!" (3) Mit unbeschreibbarem Grauen verschoben die Priester die Messe auf den folgenden Tag. In der zweiten Nacht wiederholte sich die Szene mit "Judicatus sum!" (4) und in der dritten Nacht mit "Condemnatus sum!" (5). Es war wohl in dieser Nacht, dass Bruno an die Pforten zum Jenseits rührte und mit dem weltlichen Leben abrechnete. Wenn dieser "gerechte" Mann verurteilt war, was hatte er mit seinem bisschen Rechtschaffenheit für die Ewigkeit zu bieten? Dieser Blick auf die Grenzen menschlichen Bemühens öffnete wohl auch seine eschatologische Weltsicht. Die Vision des nahen Weltengerichts beseelte ihn fortan, wie ihrerzeit die Urchristen.
Aus dieser Sicht lag die Frage nahe, wie das eigene Seelenheil in dieser Welt noch zu retten sei, wenn Rechtschaffenheit und Frömmigkeit offensichtlich dazu nicht ausreichten.
Wir haben heute einige Mühe mit solchen Legenden. Trotzdem können sie - richtig gedeutet - viele Aufschlüsse über die Realität geben. Gerald Vann meint dazu: "Psychologisch gesehen sind Legenden - allmählich und geheimnisvoll aus dem Volksglauben gewachsen - so bedeutend wie Geschichte, ja, sie sind Geschichte, und wir sind wohl beraten, wenn wir sie sorgfältiger untersuchen." Die Legende in diesem Sinn ist der einzige Schlüssel für eine mögliche Erklärung, wieso ein reifer, intelligenter Fünfzigjähriger sich plötzlich in die wildeste Gebirgseinsamkeit Europas zurückzieht, um dort den Rest seines Lebens zu verbringen. Um Brunos Entscheid richtig würdigen zu können, müssen wir uns die tiefsitzende Angst des mittelalterlichen Menschen vor Gebirge und Wald mit seinen Geistern und wildem Getier vergegenwärtigen. Sicher hatte auch Bruno als Kind seiner Zeit diese Urangst zu überwinden.
Das Totenoffizium in Paris illustriert auch das Mysterium der tiefen Beziehung zum Tod, die zum zentralen Bestandteil des diesseitigen Kartäuserlebens wurde. Auch der Wunsch nach der totalen Abgeschiedenheit in einer Gebirgswüste entsprach dieser Vorwegnahme des Todes im Leben. Das "memento mori" (6) war ein zentraler Gedanke kartäusischer Spiritualität. Diese Gedanken mögen ein allzu romantisierendes Bild, das oft mit dem Begriff Kartause verbunden wird, relativieren.
Der Bischof von Grenoble, Hugo de Chateauneuf, hatte im Frühjahr 1084 einen seltsamen Traum: Sieben Sterne senkten sich auf ein Hochtal bei Grenoble und blieben über einem Kirchlein stehen. Hugo kannte die Gegend genau -, sie wurde La Chartreuse genannt. Aber ob seiner vielen Sorgen hatte der Bischof den Traum bald wieder vergessen. Tage darauf bat Bruno, der ehemals Hugos Lehrer gewesen war, mit sechs Gefährten beim Bischof um Audienz. Sie baten ihn um Beistand bei der Errichtung einer Einsiedelei in der wildesten Einöde der Dauphinéer Berge. Angesichts der sieben Mönche kam Hugo der Traum wieder in den Sinn.
Einige Holzfäller begleiteten die Schar in die Wildnis von La Chartreuse. Je beschwerlicher der Weg wurde, desto froher wurde Bruno. Endlich gelangten sie an den Ort. Ringsum türmte sich der nackte Fels. Zu ihren Füssen sprudelte eine Quelle und einige Nadelbäume knarrten im eisigen Wind. Hier wollten sie ihre Blockhütten errichten und den kargen, steinigen Boden beackern. Die schroffen Felsen und tiefen Schluchten von La Chartreuse standen auch in einem sinnbildlichen Gegensatz zur Flachheit von Grenoble. Hier war ein Gotteserlebnis ebenso möglich, wie das menschliche Scheitern im Glauben. Was nicht mehr möglich war, war die satte Gleichgültigkeit des Flachlandes.
Die kleine Gruppe, neben Bruno vier Kleriker und zwei Laien, waren eine Gruppe Gleichgesinnter und Gleichberechtigter, aber noch kein Orden. Ganz klar war Bruno der herausragende Kopf, der mit seiner unwiderstehlichen Ausstrahlung die Gruppe zusammenhielt. Während Bruno die völlige Enthaltsamkeit und Askese vorschwebte, war Hugo darum bemüht, den noch jungen und zarten Keim der neuen Gemeinschaft nicht durch psychische Überforderung zu ersticken. So setzte er durch, dass die Häuschen durch Gänge untereinander verbunden wurden und dass an Sonn- und Feiertagen die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen wurden. Für den gemeinsamen Gottesdienst stiftete Hugo ein kleines Kirchlein, das später ausgebaut wurde. So ging Hugo von Grenoble als der erste Stifter und Gönner der Gemeinschaft in die Geschichte des Kartäuserordens ein. Überdies war er aber dafür besorgt, dass die kleine Gemeinschaft von aussen ungestört blieb.
Das tägliche Leben in der Chartreuse (7) war sehr spartanisch. Die Mönche sprachen nur miteinander, wenn es unbedingt notwendig war. Um die kargen Erträge des Bodens aufzubessern, hielten sie einige Haustiere, durch deren Verkauf sie das Geld für die wichtigsten Gerätschaften einbrachten. Fleisch nahmen die Kartäuser keines zu sich. Das Sonntagsmenü war Brot und Gemüse, an hohen Festtagen gab es zudem geschenkte Fische und Käse. Die erste Einsiedelei in der Chartreuse überlebte nur wenige Jahrzehnte. Dann wurde sie von einer niedergehenden Lawine zerstört und etwas tiefer, in geschützterer Lage, wieder neu aufgebaut. Die damals geschaffene Verbindung von Anachoretentum (8) und Zoenobitentum (9) blieb im späteren Orden erhalten und stellt ein Charakteristikum der Kartäuser dar.
Sechs Jahre dauerte das Leben in der Abgeschiedenheit für Bruno. Für ihn war diese Zeit der Weltentsagung und der Hingabe an Gott eine glückliche Zeit. Sein Lieblingsausruf: "Oh bonitas!" (10) war zugleich Dank und Gebet. Bruno hatte seinen Frieden gefunden und mit ihm die Mönche, die bei ihm waren. 1088 ereilte Bruno aber ein Schicksalsschlag durch den Lauf der Geschichte. Ein ehemaliger Schüler Brunos, Odo de Châtillon, bestieg als Urban II (bis 1099) den Papstthron. Er hatte seinen Meister noch nicht vergessen und berief ihn als persönlichen Berater an die Kurie im Vatikan. Für Bruno war das ein Schock. Er war hin- und hergerissen zwischen seinem mönchischen Gehorsamsgelübde und der Erhaltung seines Lebenswerkes. Aber der Gehorsam siegte, auch wenn ihm dabei das Herz fast brach. Vielleicht ahnte er schon, dass er seine geliebte Chartreuse nie mehr wiedersehen würde. Nach eindringlichen Ermahnungen, allen Versuchungen standzuhalten, überliess Bruno die Gemeinschaft der Führung seines Nachfolgers Landuinus de Lucca (+ um 1100), der so zum zweiten Prior der Chartreuse wurde. Aber der Wegzug des grossen Vorbildes stürzte die Gemeinschaft in tiefe Selbstzweifel. Landuinus verfolgte diese Entwicklung mit Sorge. Er pilgerte nach Rom, um bei Bruno Rat zu erbitten. Bruno gab ihm einen Brief mit, in dem er die Brüder nochmals inständig zu Eifer und Pflichterfüllung ermunterte. Aber Landuinus erreichte seine Brüder nicht mehr. Er fiel in die Hände der Truppen des Gegenpapstes (Klemens III) und erlitt den Märtyrertod, weil er dem rechtmässigen Papst nicht abschwören wollte.
Fussnoten:
1 Kauf von geistlichen Ämtern
2 schwarzes, mit Tüchern verhängtes Sarggestell
3 "Ich bin gerechterweise vor Gottes Richterstuhl angeklagt!"
4 "Ich bin gerichtet"
5 "Ich bin verurteilt!"
6 "Gedenke des Todes!"
7 lat. cartusia, it. Certosa, dt. Kartause
8 Einsiedlerleben
9 ständige Klostergemeinschaft
10 "Welche Güte!"