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Als Dreipuckhoch war ich das erste Mal zu Beginn der Achtzigerjahre in unserem Tempel. Es war ein Spiel gegen Lausanne, welches wir haushoch gewannen, 10-0 oder 10-1. Hastig schrieb ich zu Hause das Endresultat im faltbaren Papierkalender ein, aber mein Vater wies mich darauf hin, dass Lausanne nicht in der NLA spielt und es nur ein Trainingsspiel war. Anscheinend hatte ich an diesem kalten Abend den Platzanweiser ganz schön genervt, denn geduldet wurde ich an meinem ersten Platz nicht. Ich erinnere mich, wie ich eine Coca-Cola Dose ständig gegen das Eisengeländer schlug. Sichtlich genervt wies mich der Platzanweiser zwei Mal darauf hin, aufzuhören, doch nur die Ohrfeige beim dritten Mal führte mich zur Einsicht, dass es wohl um die Dose ging. Grund für das Nichtverstehen seiner Anweisung war wohl die Tatsache, dass ich zum damaligen Zeitpunkt noch kein Deutsch sprach.
Jedenfalls bekam ich dann ab Meisterschaftsbeginn einen ganz speziellen Platz. Man platzierte mich ganz oben unter dem Dach, auf der Höhe der Gottéron-Spielerbank. Dort standen noch keine Logen, auf den kleinen Mauern jedoch so Blechwerbungen, hinter denen ich zwischen Müll und Winterjacken gemütlich hinknien konnte. Anscheinend sah ich dort recht niedlich aus, denn regelmässig wurde ich bei Gottéron-Berichten im Fernsehen gezeigt. Unter mir standen die Pensionäre von Les Buissonnets. Ich sehe sie heute, 35 Jahre später, immer noch ab und zu in der Halle. Als ich als junger Erwachsener in einen Streit mit Basler Hools geriet, nahm mich die Securitas kurz mit in die Kabine, worauf mir Chefsecurity Sottaz sagte, er kenne mein Gesicht seit ich als kleiner Bub hinter den Blechbanden kniete, und wisse, dass ich nie für Ärger sorge.
In den Neunzigern musste ich runter von meinem Kinderthron und stand fortan oben am Eingang des Nordwest-Eingangs. Weil da immer die gleichen standen, gründeten wir einen Fanclub – Stägefanclub! – mit Fahne und allem was dazugehört. Es erwies sich als wichtig, da Präsenz zu zeigen, weil die ewigen 19.59-Uhr-ins-Stadion-Geher immer genau bei uns stehen bleiben wollten. Mit dreissig bösen Blicken verstanden dann auch die meisten, dass die Plätze eingenommen sind.
In den Neunzigern liess der Komfort in der Halle ziemlich rasch nach. Wollte man an seinen angestammten Platz, musste man sehr früh vorher anstehen. Die Schlangen breiteten sich zum Teil schon zwei Stunden vor dem Spiel bis auf die Kantonalstrasse aus. Die Wartezeit vor den Spielen war so lange, da entstanden Freundschaften auf den Treppen! Und wenn man es dann ins Stadion geschafft hatte, war bewegen nicht mehr möglich, oder auch ein Gang zur Toilette war sehr mühsam, weil man seinen Platz damit faktisch aufgab. Ich glaube ausverkauft fasste die Halle 7000 Zuschauer, wir wussten alle, dass offensichtlich 9000 oder mehr Zuschauer drin waren, in den Gängen ganz unten um die Banden herum standen ja die Leute in drei Reihen hintereinander! Welch ein Glück, dass damals nicht ein grösseres Unglück passiert ist, Heysel und Hillsborough waren ja noch nicht allzu lange her.
Nach den Russenjahren nahmen die Zuschauerzahlen langsam ab. Die Leistungen meines Lieblingsklubs waren unterdurchschnittlich, sodass es höchstens gegen Bern mal ausverkauft war. Gar Lichtjahre von einem Playoff-Platz entfernt, konnte man nun als Stehplätzer auch problemlos sitzen.
Grob gerechnet habe ich über 600 Gottéron-Spiele im St. Leonhard gesehen. Ausserdem zwei Eishockey-Weltmeisterschaften (B-WM 1985 und A-WM 1990), viele Trainingsspiele, aber keinen Meistertitel (und keinen Abstieg...).
Aber ich werde das St. Leonhard immer mit mehr als nur Gottéron verbinden. Da wären die frühmorgendlichen Trips mit dem Töffli während den Schulferien, um auch mal Eishockey auf Eis spielen zu dürfen. Dort fanden dann in einem Drittel der Halle bis zu fünf Mätchlinis gleichzeitig statt, ein Wirrwarr, dass viele Teenagers gerne in Kauf nahmen, um mal in der Traumfabrik spielen zu dürfen. Das St. Leonhard war für mich auch immer ein Ort für Dates, auf Kufen konnte ich mich stets von meiner guten Seite zeigen. Es kam sogar ein paar Mal vor, dass ich während heissen Sommern in die Patinoire flüchtete, um ein bisschen Abkühlung zu finden. Und wenn es jemanden hier Wunder nimmt, warum jahrelang eine CSIO St. Gallen-Hindernisstange vor der Patinoire lag, kann er mich ab heute Abend gerne darauf ansprechen, ich kenne die wahre Geschichte. Ja, die Halle heisst mittlerweile BCF Arena, aber so wie Manor im Freiburger Volksmund Placette genannt wird, wird auch die Eishalle immer unser St. Leonhard sein.
St. Leonhard, ich habe dich von Geburt an erlebt, habe gesehen wie du älter wurdest, umgebaut wurdest, dich verändert hast. Der Abschied kam stufenweise, schon vor 13 Monaten sahst du komplett anders aus, und dann kam das Ende nichtsdestotrotz abrupt und unerwartet schnell. So richtig konnten wir uns nicht verabschieden, und irgendwie wird deine Geburt von heute auch nicht so sein, wie wir es uns vielleicht erträumt haben. Aber ich freu mich auf unseren neuen Eispalast in seiner neuen Drachenhaut, vor uns liegt eine grossartige Zukunft, am besten wir weihen dich heute Abend mit einem Sieg ein.
Allez St. Leonhard, allez Gottéron.