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Von weitem sieht sie aus wie jede andere Parkbank, jene unter den Bäumen in einem Park im Süden von London. Doch bei näherem Hinsehen sieht man das Schild: «Happy Chat Bench». Darunter heisst es übersetzt: «Setz dich hierhin, wenn es dir nichts ausmacht, wenn jemand stehenbleibt und Hallo zu dir sagt.» Die Idee zu der Plauderbank hatte ein Polizist.
Ashley Jones ist seit über 20 Jahren bei der Kriminalpolizei von Avon and Somerset im Südwesten Englands. Er hat gemerkt, wer wenig mit anderen Leuten Kontakt hat, wer einsam ist, wird häufiger Opfer von Kriminellen. «Wir hatten den Fall einer älteren Frau. Sie hatte über Monate Anrufe von Kriminellen erhalten, die sich als Bankangestellte ausgegeben hatten.»
Betrüger nutzen Einsamkeit aus
Diese hätten sie dazu gebracht, insgesamt 25'000 Pfund auf deren Konto zu überweisen. «Die Frau ist Witwe und hat keine Familie. Sie erzählte mir, dass sie zwar geahnt habe, dass das ein Betrug sein könnte», so Jones weiter. «Sie habe aber trotzdem immer wieder Geld überwiesen, weil sie es genossen habe, endlich Kontakt mit anderen Menschen zu haben.»
Jones hat es sich deshalb zum Ziel gemacht, den Kontakt zwischen den Menschen zu fördern. Seit Anfang Juni bringt er Schilder an Bänken im ganzen Land an, die dazu einladen, Platz zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Die «Chat Bench» sei die einfachste Idee der Welt, sagt Jones. «Ich werde keinen Nobelpreis gewinnen, weil ich ein Schild an eine Parkbank gehängt habe. Wir wollen einfach eine soziale Barriere durchbrechen.» Er ist sicher: «Wenn ich jetzt neben Ihnen auf dieser Bank sitze, würde ich Sie nicht einfach ansprechen. Wenn da aber ein Schild hängt, das sagt, Sie sitzen auf einer ‹Chat Bench›, so fühlen sie sich ermutigt, mit ihrem Gegenüber zu sprechen.»
In London sprechen die Leute nicht mit Fremden. Wenn jemand auf dich zukommt, bist du zuerst misstrauisch.
In London gibt es im Moment drei solcher Bänke. Im ganzen Land sind es Hunderte. Nicht nur ältere Menschen fühlen sich angesprochen. Das bestätigt ein Mittvierziger, der aus Neuseeland stammt: «Gerade in London sprechen die Leute nicht mit Fremden. Wenn jemand auf dich zukommt, bist du zuerst misstrauisch. Er könnte dich ja bestehlen oder etwas verkaufen wollen.» Mit diesem Schild aber würden die Leute ihren Schutzmechanismus ablegen.
Unter Leuten, und doch allein
Eine Frau um die sechzig kommt mehrere Male pro Woche hierher: «Ich habe nicht wirklich Kontakt zu anderen Leuten. In den letzten sieben Jahren habe ich mich immer mehr zurückgezogen», sagt sie. Sie habe zwar zwei Töchter. «Aber sie haben beide viel zu tun. Manchmal gehe ich ins Einkaufszentrum, um mich nicht allein zu fühlen, und ich komme jetzt hierher und spreche mit Leuten.»
Wie viele Menschen die Gesprächsbank besuchen, ist nicht bekannt. Das Projekt hat aber bereits viele Nachahmer. Mittlerweile gibt es solche Bänke nicht nur in Grossbritannien, sondern auch in Deutschland, Spanien, den USA Kanada und Australien. «Ich gebe jeden Tag den Begriff ‹Chat Bench› auf Google ein», sagt Polizist Jones. «Und bin überwältigt, wie viele Bilder aus der ganzen Welt ich mit dem genau dem gleichen kleinen Schild finde.» Die Idee würde auch in der Schweiz funktionieren, glaubt er. «Sie funktioniert überall!»
Ursin Caderas
Journalist
Der Schweizer Ursin Caderas hat an der City University London Internationalen Journalismus studiert und ist seit 2013 als Produzent für den Nachrichtensender CNN tätig. Er lebt und arbeitet hauptsächlich in London.