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Ein Leben für den Schwächsten
«Bruder Jacob» bekannt wurde...
Der Mann, der später als «Vater der armenischen Waisenkinder» Tausenden von Kindern das Leben retten sollte, wurde am 8. März 1871 in Hundwil in eine fromme Familie hineingeboren. Pfarrer Bernhard Rothen berichtete am Sonntag 7. März 2021 in der Reformierten Kirche den 50 Besuchern über Jakobs entbehrliche Jugendzeit. Früh verlor das zweite von sieben Kindern den Vater. Er musste Verantwortung für die Geschwister übernehmen, da seine Mutter schwächer wurde. Mit anfänglich 50 Rappen «Fabrik-Wochenlohn» trug er zur Existenzsicherung bei. Als er beim Spielen einen hart erarbeiteten Franken verlor, suchte er die Münze verzweifelt und erfolglos und wurde von der Mutter wie damals üblich «spürbar aber wohlwollend bestraft».
Früher Tod der geliebten Mutter
Neunjährig starb auch seine gütige Mutter. Lieber wäre er zu ihr ins Grab gestiegen als weiterzuleben. Noch am Sterbebett beschwor sie ihn deshalb eindringlich, «seinen Mann zu stehen und mutig in die Welt hinauszugehen». Er kam zur Tante ins Nachbardorf Stein, wo er sich nicht wirklich geliebt fühlte.
Jakob Künzler lernte Zimmermann und später «auf der Walz» (während den Wanderjahren als Zimmermann) in Basel noch evangelischer Diakon der Krankenpflege bei der Basler Mission. Sein Bibelverständnis drängte ihn dazu, dem Glauben Liebestaten folgen zu lassen.
Ausreise in die heutige Türkei
1899 reiste er im Auftrag der Christlichen Ostmission nach Urfa im Südosten des Osmanischen Reiches (heutige Türkei), wo Armenier, Kurden, Syrer, Türken und Griechen friedlich zusammenlebten. Für deren Missionsblatt «Christlicher Orient» berichtete er regelmässig und detailliert über seine Erlebnisse. So wurde Künzler einer der profiliertesten und wertvollsten Zeitzeugen der damaligen Geschehnisse. Innert Kürze lernte der sprachbegabte und gesellige Zimmermann sowohl Türkisch, Armenisch, Kurdisch, Arabisch und Französisch.
Schweizer Spital in Urfa
Mit den zwei Schweizer Ärzten Hermann Christ und Andreas Vischer behandelte Künzler in einer «Missionsklinik» unzählige Menschen. Ein enger Freund und Mitarbeiter verkraftete das Ganze nicht und nahm sich das Leben. Später übernahm Künzler die Klinik und bildete sich zum Operateur und Arzt weiter.
Unterdessen hatte er Elisabeth Bender, Tochter eines deutschen Chrischona-Missionars und Enkelin einer äthiopischen Prinzessin, geheiratet. Fünf Kinder wurden ihnen geboren.
Flucht nach Syrien und Libanon
Von 1915 bis 1917 wurden sie Augenzeugen des systematischen Völkermordes an den Armeniern, welcher geschätzt um eine Million Menschen das Leben kostete. Sie versteckten Flüchtlinge und versorgten Tausende Waisenkinder, Hinterbliebene und Kriegsverstümmelte unter härtesten Bedingungen.
Als sie die Klinik aus politischen Gründen schliessen mussten, flüchteten sie im Jahr 1922 mit 8000 Waisenkindern zuerst nach Syrien und später in die Nähe von Beirut im Libanon, wo sie ein Zentrum für gut 1400 Waisenmädchen aufbauten und so vielen von ihnen eine Ausbildung zur Teppichweberin ermöglichten. Dafür erhielt er 1929 einen Orden vom Libanon. Weiter entstand bei Beirut eine Siedlung mit 377 Wohnungen für armenische Witwen, die später in ein Behindertenheim sowie in eine Schule und Klinik umfunktioniert wurde. 1935 begründete Künzler zudem ein Lungensanatorium in den libanesischen Bergen.
Selbstloser Einsatz mit einem Arm
Die letzten rund 26 Lebensjahre arbeitete Jakob Künzler mit nur noch einem Arm weiter (der 2. Arm musste amputiert werden). 1947 wurde ihm von der Universität Basel die Ehrendoktorwürde verliehen, 1949 starb er. Der aufgrund seines selbstlosen Einsatzes auch «Bruder Jacob» Genannte wurde 1971 nochmals mit dem Verdienstorden der libanesischen Regierung geehrt.
Gottes Liebe trieb diesen grossen Erdenbürger an, für diese Armenier seine ganze Zeit und Kraft zu geben. Oder wie es Pfarrer Rothen formulierte: «Das Bibelwort hat Künzler geholfen, schweres Leid in Liebeskraft zu verwandeln.»
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Datum: 31.03.2021
Autor: Rolf Frey
Quelle: Livenet