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Band IX des Greno-Reprints, d.i. N°27-29 der Göschen-Ausgabe von 1797.
In N° 27 und 28 finden wir Wielands autobiografisch gefärbten Roman Peregrinus Proteus. Da ich die Werke des Lukian von Samosata, die Wieland bekanntlich in vier Bänden übersetzt und herausgegeben hat, selber zu wenig kenne, weiss ich nicht, ob die Geschichte des Peregrinus Proteus darin figuriert, wie Wieland in diesem Roman angibt. Jedenfalls fängt der Roman an mit einem Auszug aus Lucian: Vom Tode des Peregrinus, wo der antike Spötter erzählt, wie sich Peregrinus Proteus, ein Stoiker, in aller Öffentlichkeit verbrennt. Lukian lässt einen Epikuräer auftreten, der so manches Geheimnis des Peregrinus aufdeckt, zum Beispiel, dass er eine Zeitlang der Sekte der Christianer angehört habe, und es überhaupt mit Pergrins reiner stoischer Philosophie nicht so weit her sein könne, da er auch recht ausschweifend gelebt habe. Peregrinus verbrennt sich zum Schluss trotzdem, auch wenn ihn Lukian als kreidebleich und vor Angst schlotternd beschreibt.
Nun hebt Wielands Roman an. Die beiden, Peregrinus und sein „Biograf“ Lukian, treffen sich nach ihrem Tod im Elysium wieder und freunden sich an. Post mortem erzählt nun Peregrinus Proteus, der immer sich wandelnde Pilger, sein Leben. Er wird dabei des öfteren von mehr oder weniger spöttischen Bemerkungen Lukians unterbrochen – der aber im übrigen keineswegs als besserer oder auch nur intelligenterer Mensch geschildert wird, sondern auch seine Fehler hat und Fehlurteile trifft. Peregrinus‘ Leben weist durchaus Parallelen zu Wielands eigenem Leben auf: Der ganz junge Peregrinus verliebt sich in eine etwas ältere Cousine, ähnlich wie Wieland, und er wird zum leichten Opfer für die christianische Sekte. Die versucht, ihn mit allen Mitteln der Rhethorik und der Täuschung auf ihre Seite zu bringen (um an sein Geld zu kommen!), was ihr auch eine Zeitlang gelingt. Wieland lässt das Oberhaupt der Sekte vorsichtshalber einen Manichäer sein, und selbst innerhalb der Manichäer einen Aussenseiter, der nichts anderes anstrebt als eine Theokratie mit sich selber als oberstem Priester. Der Manichäer scheitert, aber die katholische Kirche hat so etwas nach Jahrhunderten geduldiger Aufbauarbeit tatsächlich errichtet, wie Lukian genüsslich beifügt.
Wir haben im Peregrinus Proteus die klassische Geschichte des tumben Toren vor uns. Des tumben Toren, der nur durch Schaden klug wird, und auch nur klug in Bezug auf den aktuellen Schaden – die nächste Torheit folgt bestimmt. Dennoch ist er ein bedeutend liebenswürdigerer und weniger verachtenswerter Mann, als ihn Lukian dargestellt hat, was dieser post mortem auch zugibt. Schade, dass dieser Roman Wielands ein Mauerblümchendasein fristet.
N° 29 bringt Vermischte Aufsätze. Hauptsächlich sind dies Aufsätze zur Französischen Revolution, die im Laufe der Jahre im Teutschen Merkur aus Wielands Feder erschienen sind. Wieland war die Bewegung der Französischen Revolution ein echtes Anliegen – als einziger der Weimarer Klassiker liess er sich selbst von Robespierres Blutregime nicht davon abhalten, den revolutionären Zielen gegenüber auch nach aussen eine wohlwollende Neutralität zu erweisen. (Er wurde – was man wohl als Vergeltung betrachtete – auch als einziger nicht nobilitiert.) In dieser Werkausgabe finden sich nun einige Aufsätze zum Thema „Französische Revolution“, die Wieland als klugen Beobachter beweisen, als einen, der versuchte, so objektiv wie möglich über die Ereignisse in Frankreich zu berichten. Diese Aufsätze sind in zeitlicher Reihenfolge aneinander gereiht, so dass der Leser auch ein Bild davon bekommt, wie die aktuelle Situation in Paris auf den Beobachter in Weimar wirkte. Diese Aufsätze stehen in krassem Gegensatz zur Schiller’schen Schwärmerei (zuerst pro, dann kontra Revolution) oder zur Goethe’schen Verteidigung des Ancien Régime, und verdienen es auch heute noch, rezipiert zu werden.