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Für das Wiedersehen mit ihren beiden Kindern hatte die geschiedene Asia I. (Name der Redaktion bekannt) alles bis ins Detail vorbereitet. In knapp vier Stunden würde sie Tochter Sandra und Sohn Linus (Namen geändert) am Bahnhof von Sierre in die Arme schliessen können und mit ihnen nach Zürich zurückfahren. Die Geschwister sollten gemäss gerichtlich vereinbartem Besuchsrecht drei Wochen der Sommerferien 2007 bei der Mutter verbringen.
Kurz vor dem Aufbruch zum Zug warf die aus Pakistan stammende 31-Jährige noch einen Blick in den Briefkasten. Auf einem Couvert stach ihr die Handschrift ihres Ex-Mannes ins Auge. Die Mutter ahnte Unheilvolles und liess den französischen Brief unverzüglich von einem Bekannten übersetzen. Zu ihrem Entsetzen teilte ihr der Kindsvater, ein 53-jähriger Walliser Winzer, mit, er habe seine Reben verkauft und sei mit der zehnjährigen Sandra und dem achtjährigen Linus nach Benin im Westen Afrikas gereist. Er habe dort Arbeit, eine Wohnung und auch eine Schule für die Kinder gefunden: «Alles wird absolut perfekt sein.» Für die Mutter und erst recht für die Kinder nimmt eine unermessliche Tragödie ihren Lauf.
Seit der Flucht vor ihrem Mann aus dem Wallis vor neun Jahren lebte Asia I. mit den Kindern in Zürich und hatte gegen die Machenschaften ihres Ex-Mannes anzukämpfen. Ende letzten Jahres gelang ihm der Coup: Das Walliser Kantonsgericht übertrug die Obhut von der Mutter auf den Vater. Begründung: Sie sei in Zürich zu wenig integriert, beziehe Sozialhilfe, und es bestehe die Gefahr, dass sie die Kinder nach Pakistan entführe, wo sie eine armselige Zukunft erwarte. Der Vater hingegen garantiere eine stabile Perspektive.
Sandra und Linus mussten bei ihrem Vater und dessen 77-jähriger Mutter in Miège bleiben. Französisch ist den Kindern fremd, Vater und Grossmutter verstehen kein Deutsch. Die Gefährdungsmeldung der Sozialarbeiterin, die in Zürich als Beiständin das Besuchsrecht überwacht hatte, blieb ebenso wirkungslos wie die Gutachten des Walliser Kinderschutzes und der Vormundschaftsbehörde. Alle bestätigten, dass die Kinder bei der Mutter glücklich und in besten Händen waren. Ein Rapport des Kinderschutzes hält fest, der abrupte Wechsel in das 1000-Seelen-Dorf Miège sei für die Kinder «unmenschlich», ihnen den Kontakt zur Mutter zu verbieten «eine psychische Misshandlung».
Die Eltern bestimmten den Ehemann
Der Ehe zwischen dem Walliser Weinbauern Claude Spahn und der Pakistanerin Asia I. war von Anfang an kein Glück beschieden. Als vor zehn Jahren ein älterer Schweizer in Begleitung eines pakistanischen Vermittlers bei Asias Eltern vorsprach und erklärte, eine ihrer drei Töchter heiraten zu wollen, dachten sie an nichts Böses. Claude Spahn gab sich als Muslim und Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Islamabad aus. Das war für die Eltern Garantie genug, ihm eine der Töchter als Ehefrau anzuvertrauen. Seine Wahl fiel auf Asia. «In unserer Kultur und Religion bestimmen die Eltern über den künftigen Ehemann der Tochter», sagt Asia I. Eine Liebesheirat sei kein Thema. Der Schweizer Brautschauer habe sich von seiner besten Seite gezeigt. Zudem genössen hellhäutige Muslime in Pakistan ein hohes Ansehen.
Nach einem traditionellen pakistanischen Hochzeitsritual führte der Walliser seine Frischvermählte in eine Wohnung, die er für die Flitterwochen gemietet hatte. Dann verabschiedete er sich in Richtung Schweiz. Er müsse dort in seiner Villa und dem Weinberg zum Rechten schauen. Er würde anschliessend zurückkommen und Asia ins gelobte Land Schweiz holen.
Inzwischen war Ehefrau Asia schwanger. Erst Monate nach der Geburt von Tochter Sandra bemühte sich der Vater, Mutter und Kind in Pakistan zu besuchen und in die Schweiz zu holen. Die «Villa» entpuppte sich als einfaches Haus ohne Zentralheizung. Hier hatte Claude Spahn zeitlebens mit seiner Mutter gelebt. Als Erstes nahm er seiner Frau den Pass ab. Erfreuliches hat sie mit ihrem Ehemann auch sonst nicht erlebt. Sie hatte kein eigenes Bett, sondern musste mit dem Säugling auf einer Matratze schlafen. Sie bekam kein Geld, konnte nichts einkaufen und litt im Winter mit nur einem einzigen Pullover unter der Kälte.
Als sie gegen ihren Willen wieder schwanger wurde, dachte sie nur an die Zukunft Sandras und des Ungeborenen. Das gab ihr Mut und Kraft, ohne Hab und Gut ins Frauenhaus im Wallis zu flüchten und dann nach Zürich zu ziehen. Hier brachte sie das zweite Kind zur Welt. Fortan umsorgte sie Sandra und Linus. In einem Beschäftigungsprogramm des Sozialamtes fand sie einen Teilzeitjob. 2004 sprach ihr ein Walliser Bezirksgericht die Obhut zu. Mittlerweile waren die Kinder im Hort voll integriert und sprachen mühelos Dialekt. Die Mutter besuchte Sprachkurse und kann sich mit Arbeitskolleginnen, Nachbarn und anderen Müttern ohne Probleme unterhalten.
Was den Kindsvater Mitte letzten Jahres dazu trieb, Obhut und Sorgerecht für sich zu reklamieren, ist schwer nachvollziehbar. Tatsache ist, dass das Kantonsgericht seinen Argumenten folgte. Zusammen mit einer Erziehungsbeistandschaft müsse man ihm die Gelegenheit geben, seinen bisher beschränkten Umgang mit den Kindern zu verbessern, hiess es in der Begründung. Hingegen seien die sozialen und kulturellen Defizite der Mutter der Entwicklung der Kinder nicht förderlich.
«Unvollständige Integration»
Daraufhin erwirkte die Mutter vor dem Bezirksgericht provisorische Massnahmen, die den vorläufigen Verbleib der Kinder bei ihr vorsahen. Sie konnte kurz aufatmen. Ein letztes Mal. Dann überschlugen sich die Ereignisse: Am 23. Dezember letzten Jahres fuhren die Kinder zum Vater in die Weihnachtsferien. Am 27. Dezember hob das Walliser Kantonsgericht die provisorischen Massnahmen wieder auf, und der Vater brachte die Kinder nicht wie vereinbart nach Zürich zurück. Dass sie mehrmals den Wunsch äusserten, bei der Mutter zu bleiben, fiel nicht ins Gewicht. Wieder reichte Asia I. Rekurs ein, wieder ohne Erfolg. Ihre «mangelnde Selbständigkeit, ihre Lebensweise und ihre unvollständige Integration» würden die Kinder bei ihrer Entfaltung hindern, urteilte das Walliser Bezirksgericht.
Seitdem sich Spahn schriftlich nach Benin verabschiedet hat, fehlt von ihm und den Kindern jede Spur. Zwar entzog die zuständige Walliser Richterin dem Vater in einer superprovisorischen Verfügung die Obhut und forderte ihn schriftlich auf, die Kinder bis zum 18. August der Mutter zu übergeben. Spahn, der weiterhin in seiner Wohngemeinde gemeldet ist, reagierte jedoch nicht. Mittlerweile zog die Richterin die Verfügung wieder zurück, weil sie nicht zustellbar war. Auch die schriftlich vorgelegten Fragen des Beobachters an Spahn blieben ohne Reaktion. Weitere Wartefristen können die polizeilichen Ermittlungen verzögern: So ist noch nicht erwiesen, ob Claude Spahn mit seinen Kindern überhaupt nach Benin gereist ist. Verschiedene Anwälte bemühen sich nun darum, eine Kehrtwende zu erreichen.
Für die Mutter ist jeder Tag ein Tag des Schreckens und der Verzweiflung. «Mein Herz ist immer traurig», sagt sie.