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Die Karriere des Thurgauers Peter Binswanger (1916–1997) illustriert die anhaltende Wechselbeziehung zwischen Staat und Privatwirtschaft im Bereich der Sozialen Sicherheit. Binswanger ist zunächst Jurist im Bundesamt für Sozialversicherungen und später Direktor einer Lebensversicherungsgesellschaft. Er trägt so wesentlich dazu bei, die sogenannte «3-Säulen-Doktrin» in der Altersvorsorge zu entwickeln und zu konkretisieren.
Nach dem Studium und dem Doktorat in Rechtswissenschaften trat Peter Binswanger im Alter von 25 Jahren im März 1941 in den Bundesdienst. Als junger Jurist war er wesentlich an der Einführung von zwei Schlüsselprogrammen der sozialen Sicherheit beteiligt: der Erwerbsersatzordnung (EO) und der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Nach seiner Tätigkeit im Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) wurde Binswanger während des Zweiten Weltkriegs Sekretär der Eidgenössischen Expertenkommission der EO. Nach dem Übertritt ins Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) Anfang 1944 war er zusammen mit Arnold Saxer und Ernst Kaiser Mitglied einer kleinen Gruppe höherer Beamter, die unter der Leitung von Bundesrat Walther Stampfli die Einführung der AHV vorbereitete. Als Sektionschef trug Binswanger im Sommer 1945 wesentlich zur Redaktion des Bundesgesetzes über die AHV bei. Zu Beginn der 1950er-Jahre, einer Zeit, die geprägt war durch den Koreakrieg und Aufrüstungsprogramme, arbeitete Binswanger an der nachhaltigen Verankerung der EO. Nach 15 Jahren Staatsdienst verliess er 1956 den Bund und trat in die Versicherungsgesellschaft Winterthur Leben ein.
Die berufliche Neuorientierung hatte auch politische Gründe. Als Mitglied der freisinnig-demokratischen Partei und Verfechter marktwirtschaftlicher Ideen wollte Binswanger einen stärkeren Ausbau der Sozialversicherungen nicht weiter mittragen. Er zog es vor, an der Entwicklung privater Vorsorgeformen mitzuwirken. Rasch wurde er zum Chef des Bereichs Gruppenversicherungen der Winterthur ernannt und entwickelte Pensionskassenmodelle, die Zusatzleistungen zu den mageren AHV-Renten ausrichteten. Mit der Unterstützung der Patrons der grossen Lebensversicherungen gründete Binswanger 1959 eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel, die Wirtschaft davon zu überzeugen, die privaten Pensionskassen gegenüber dem weiteren Ausbau der AHV zu positionieren. Diese Grundlagenarbeit trug zur Entwicklung der «3-Säulen-Doktrin» bei, die ab Mitte der 1960er-Jahre die Notwendigkeit einer Aufgabenteilung zwischen AHV (1. Säule), Pensionskassen (2. Säule) und individueller Altersvorsorge (3. Säule) unterstrich. Die Annahme des neuen AHV-Verfassungsartikels im Dezember 1972, womit der Grundsatz einer zweiten obligatorischen Säule verankert wurde, war ein wichtiger Erfolg für Binswanger und die Arbeitgeberkreise, welche die 3-Säulen-Doktrin unterstützten. Damit wurde das Projekt eines massiven Ausbaus der AHV über sogenannte «Volkspensionen» ausgebremst. Die von der äusseren Linken getragene Alternative hätte die Erweiterung der privaten Vorsorge eingeschränkt.
1981 erhielt Binswanger als Mitglied der Generaldirektion der Winterthur seine erste AHV-Rente, kurze Zeit vor Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge (BVG). Er galt als unermüdliche graue Eminenz der Altersvorsorge, wurde Präsident der Stiftung «Pro Senectute» und verfasste eine Geschichte der AHV (1987). Vom Staatsdiener zum Verfechter der Marktwirtschaft: Binswangers Laufbahn verkörpert die zentrale Rolle der Privatversicherer bei der Strukturierung der schweizerischen Sozialen Sicherheit.
Literatur / Bibliographie / Bibliografia / References: Leimgruber Matthieu (2008), Solidarity without the state? Business and the shaping of the Swiss welfare state, 1890–2000, Cambridge, Binswanger Peter (1987), Histoire de l'AVS. Assurance vieillesse et survivants suisse, Zürich. (deutsche Fassung: Geschichte der AHV, Zurich, 1986). HLS / DHS /DSS: Binswanger, Peter.
(12/2014)