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Refresher
«Hast du dein Zimmer aufgeräumt?» - «Nein, ich räume es auf, wenn es mir passt. Es ist mein Zimmer!» - «Solange du erst zwölf bist, bestimmen wir solche Dinge! Bevor dein Zimmer aufgeräumt ist, gibt es für dich kein Internet mehr!»
Solche Dialoge können sich auch in Familien abspielen, wo die Kinder grundsätzlich im Join-up sind. Namentlich, wenn es ums Thema «Aufräumen» geht. Es ist eines jener Themen, die oft mit Gegenwillen aufgeladen sind. Viele Eltern resignieren in diesem Punkt - um der Beziehung willen - oder sie führen einen endlosen Machtkampf in der Sache und strapazieren ihre Beziehung. Wie hört sich das Folgende für dich an, wenn du mit Simons Ohren hörst?
Wichtig: Wir warten auf eine Friedenszeit.
«Simon, was würde dir helfen, dein Zimmer in Ordnung zu halten? Ich möchte, dass dieser ewige Kampf ein Ende findet.» - «Lasst mich doch einfach machen. Es ist mein Zimmer.» - «Nein, Simon, es ist ein Zimmer, das wir dir gerne überlassen, weil du unser Sohn bist und wir für dich sorgen. Dazu gehört, dass wir nicht wollen, dass du in einem Chaos lebst, einzig deshalb, weil wir in dieser Sache dauernd im Streit liegen und die Unordnung dir regelmässig über den Kopf wächst. Wo siehst du das Problem, wenn dein Zimmer aufgeräumt ist?» - «Gar keins - das Aufräumen ist das Problem!» - «Okay, dann werden wir einen Weg finden.»
Hier eine mögliche Entwicklung:
«Ich helfe dir beim Aufräumen, und dann legst du jede Woche zwei Termine fest, wo dein Zimmer wieder im Zustand ist, den wir zusammen herstellen. Was meinst du dazu?» - «Hm, reicht nicht einfach einmal?» - «Wenn ich daran denke, wie schnell ein Chaos entsteht, scheint mir zweimal pro Woche das Mindeste. Seit ich selber täglich meinen Tisch aufräume, schaffe ich es, Ordnung zu halten.» - «Täglich?» - «Klug wäre es, aber mindestens zwei Termine pro Woche solltest du setzen. Weisst du was? Zu deiner Unterstützung werde ich dasselbe mit meinem Atelier machen! Und wenn wir es einen Monat lang durchziehen, gehen wir zusammen Pizza essen. Ich lade dich ein.» - «Hm, so könnte es direkt noch Spass machen.»
Talk über das Monatsthema
Livesendung vom 25. April 2016
- Teil: Das ist mein Zimmer!
- Ordnung u. a. in den Kindernzimmern ist wichtig
- Kommunikation zwischen Eltern und Kindern wichtig. Auch wenn ein älteres Kind im Join-up ist und mit den Eltern ein gutes Verhältnis hat, kann es hin und wieder zu Machtkämpfen kommen. Ein Machtkampfthema ist oft die Unordnung im Kinderzimmer.
- Wie geht man als Eltern am besten mit Unordnung im Kinderzimmer um?
- 1. Man spricht das Thema in einer Friedenszeit an. Nicht wenn man ins Zimmer reinkommt und die Spannung sofort spürbar ist. Das Kind empfindet es dann eher als Nörgelei.
- 2. Wenn das Kind damit argumentiert, dass es ‘sein’ Zimmer ist, können wir das Kind darauf hinweisen, dass es zwar sein Zimmer ist, aber das Zimmer in unserem Haus ist und darum auch in unserer Verantwortung.
- 3. Besser die ‘Vision der Ordnung’ in den Raum stellen, als das Thema ‘Aufräumen’.
- 4. Man kann auch eine Vereinbarung treffen: Wenn du das Zimmer aufräumst, werde ich in dieser Zeit die Garage aufräumen, und nachher gibt es Pizza. Oder: Du räumst jeden Tag das Zimmer auf und ich dagegen jeden Tag eine Schublade. Auch diese Vereinbarung kann nach gewisser Zeit nach gutem Gelingen mit einer Pizza gefeiert werden.
- Teil: Kinder, die nicht beim Tischabräumen helfen:
- Es ist schade, wenn wir die Kinder mit Druck zum Abräumen zwingen müssen.
- Wie können wir als Eltern mit diesem Thema umgehen?
- 1. Wir warten auf eine Friedenszeit. Wir pfeifen unsere Kinder nicht zurück zum Abräumen, sondern räumen vorerst selber ab.
- 2. Im Gespräch mit dem ältesten Kind könnten wir es darauf aufmerksam machen, dass wir abgeräumt haben und dass wir es nicht so toll finden, die Kinder ständig auf ihre Aufgabe hinzuweisen. Wir stellen dem Kind die Frage, wie wir das ändern könnten? Wir übergeben z. B. die Verantwortung dem Ältesten und sagen ihm, er soll doch mit seinen kleineren Geschwistern eine Lösung finden, wie sie in Zukunft das Thema Tischabräumen behandeln möchten. Dass ein Elternteil hilft, ist gut, aber der Elternteil, der gekocht hat, sollte nicht auch noch aufräumen müssen. Als gutes Vorbild vorangehen. Wenn das ältere Kind eine Lösung mit seinen Geschwistern gefunden hat, kann man darüber sprechen, wie die Lösung aussieht. Auch kann bereits besprochen werden, wie man damit umgeht, wenn ein Kind sich seiner Aufgabe entzieht, z. B. dass es dann alles alleine machen muss.
- Im Gespräch mit den Kindern immer respektvoll sein. So respektvoll wie wir mit ihm umgehen, so wird das Kind auch uns begegnen.
- Teil: Diverse Fragen
- Wenn ein Kind seine Eltern schlägt, sollte man nicht zurückschlagen. Wir müssen dem Kind zeigen, dass wir stark und vertrauenswürdig sind. Das braucht ein Kind, um sich geborgen und sicher zu fühlen. Wenn ein Kind schlagen will, sollte man die Hände des Kindes halten. Es darf und soll spüren, dass wir körperlich überlegen sind.
- Wir sollten uns auch nicht aus Spass vom Kind dominieren lassen, z. B. bei einem Wettrennen. Wenn ein Kind sich stärker fühlt als seine Eltern, dann fühlt es sich ungeschützt. Wer beschützt es dann? Niemand fühlt sich beschützt, wenn es die Eltern prügeln kann. Ein Kind kann nur dann optimal reifen, wenn es sich sicher und geborgen fühlt.
- Ein Kind dazu anzuregen, selber Lösungen zu finden, ist ab diesen Zeitpunkten möglich:
- 1. Wenn das Kind reif genug ist
- 2. Idealerweise mit 7 Jahren
- 3. Wenn ein Kind sich seine Zukunft vorstellen kann. (Ein 3-Jähriger weiss nicht, was es bedeutet, jeden Tag den Tisch abzuräumen.)
- Ultimaten und Drohungen gehören nicht in den den Kontext der Liebe.
- Man sollte darauf achten, dass man den eigenen Willen nicht gegen das Rechtsempfinden des Kindes durchsetzt.
- Konsequenzen, die vorher abgemacht wurden, sind am besten.
Diese Frage stellte mir eine Lehrkraft, die schon lange vertrauenspädagogisch unterwegs ist. Das ist in der Tat im Einzelfall nicht immer einfach zu unterscheiden. Nun, theoretisch ist es einfach. Eine Join-up-Beziehung ist eine gute Beziehung, die zusätzlich noch eine hierarchische ist. Das heisst, jemand ist über-, jemand ist untergeordnet. Es gibt Kinder, die sind charmant und anhänglich und leben dennoch im latenten Widerstand. Das merkt man etwa daran, dass sie Mühe haben, auf Anordnungen zu reagieren bzw. das Verhalten der Situation anzupassen. Sie nehmen sich Freiheiten heraus, die nicht ok sind, und du bist versucht, es zu tolerieren, weil du die gute Beziehung nicht gefährden willst.
Was kannst du tun? Ganz einfach: Join-up-Interventionen. Wenn die Beziehung gut ist, werden Kinder sehr schnell darauf einsteigen. Sie sind im Grunde froh, wenn die Hierarchie geklärt ist. Beispiel:
"Hast du gemerkt, Jan, dass ich ein bisschen genervt war heute im Matheunterricht?"
"Nein, wieso?"
"Du hast einen Witz gemacht und gleich noch einen angehängt. Fast hätte ich dich unterbrochen."
"Man wird doch noch einen Scherz machen dürfen, oder?"
"Du sagst es: einen, aber nicht zwei."
"Wieso haben Sie nichts gesagt?"
"Ich wollte das lieber mit dir alleine besprechen. Ich habe schon öfters das Gefühl gehabt, dass du dir etwas viel herausnimmst. Kannst du das verstehen?"
"Mh, ja und nein. Das enttäuscht mich jetzt ein bisschen. Ich dachte immer, sie finden es auch lustig, wenn ich Witze mache."
"Stimmt, das finde ich wirklich. Manchmal wird es mir zu viel, und ich weiss nicht, wie ich dich bremsen kann. Dann habe ich das Gefühl, dass du dich nur schwer unterordnest. Täuscht dieses Gefühl?"
"Wie meinen Sie das, 'unterordnen'?"
Jetzt ist es Zeit, darüber zu sprechen, wie man es sich gegenseitig leicht machen kann, die Gleichwürdigkeit zu schaffen bzw. zu erhalten. Die Hauptverantwortung dafür tragen die Erwachsenen.
"Ok, das finde ich eine gute Idee, auf das Stichwort ... reagiere ich so schnell wie möglich."
Immer wieder stossen sich Menschen daran, dass ich - vor allem auch an den Kursen - lehre, dass die Erwachsenen die Verantwortung für Fehlentwicklungen übernehmen sollen. Ich verstehe das, denn es entspricht nicht unserer Gewohnheit. Sonderschulen und Heime sind ja voll von Kindern, die als schwierig gelten. Die Kinder sind es, die als therapiebedürftig gelten, und das ist natürlich nicht ganz falsch.
Wir haben als Heimleiterehepaar immer wieder etwa Kinder an Wochenenden betreut. Dabei lebten wir ganz normal weiter, hatten Besuch und gingen auf Besuch. Glaube mir, es hat nie jemand gesagt: "Aha, ich sehe, das ist ein verhaltensauffälliges Kind." Es war meist genau umgekehrt: "Wieso ist denn dieses Kind in einem Heim? Es ist ja ganz normal." In der Tat gab es, trotz der massiven Verletzungen, die diese Kinder erfahren haben, nur ganz selten Situationen, wo das im Alltag sichtbar wurde. Sobald sie in einer "normalen" Familie waren, zusammen mit unsern Kindern, normalisierte sich ihr Verhalten sehr schnell. Kinder im Join-up verhalten sich "normal". Wenn sie nicht im Join-up sind, dann gehen die Unterschiede extrem auseinander. Während das bei den einen Kindern kaum auffällt, sind andere Kinder extrem rebellisch bis hin zu hinterhältig und gemein. Im Join-up aber verhalten sich alle mehr oder weniger korrekt.
Wenn also dein Kind sich sehr schräg verhält, empfehle ich dir, alles daran zu setzen, dass es ins Join-up kommt. Kaum ein Opfer ist dafür zu gross. Wenn dir das nicht gelingt, dann suche Hilfe, denn darum geht es letztlich.
Und eben: Der Anfang jeder Join-up-Intervention besteht darin, dass du aufhörst, dem Kind Vorwürfe für sein Verhalten zu machen. Übernimm - wie das auch die Manager tun (sollten) - die Verantwortung für Fehlentwicklungen und leite, nachdem du nicht abgewählt werden kannst, den Sanierungsplan ein. Genaueres dazu im Buch Seite 44.
Zum Schluss noch ein kurzes Müsterli aus unserm grosselterlichen Alltag:
Ich wickle S (1,5) im Badezimmer des oberen Stockwerks, während B (4) wie immer keine Anstalten macht, sich anzuziehen. Anstatt ihn anzutreiben, sage ich: "Du kannst dir Zeit lassen mit dem Anziehen. Denke aber daran, dass ich nachher mit S hinunter gehe." Er fand das zunächst unfair. Ich fragte: "Wieso findest du das unfair? Unfair wäre doch, wenn ich es dir nicht gesagt hätte. Du hast jetzt ja noch alle Zeit, dich anzuziehen, bis ich hier fertig bin." Das leuchtete ihm ein. Er zog sich in Windeseile an und freute sich, dass er noch vor uns fertig war.