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Aufnahme von tibetischen Flüchtlingen
Im März 1959 brach in Tibet ein Aufstand aus. Neun Jahre zuvor war der theokratische Staat im Himalaja von China annektiert worden. Mit der brutalen Niederschlagung der Erhebung in Lhasa und der Flucht des Dalai Lama nach Indien setzte eine erzwungene Abwanderung des tibetischen Volkes ein, die bis heute anhält.
Hilfsaktion für Flüchtlinge in Nachbarländern
Zehntausende von Tibeterinnen und Tibetern flohen nach Nepal und Indien, wo ihre Aufnahme grosse Schwierigkeiten bereitete. 1961 lancierte das IKRK eine umfangreiche Hilfsaktion, an der sich auch das SRK beteiligte. Nacheinander reisten die Schweizer Ärzte Charles Billod und Kurt Egloff nach Nepal, um die Flüchtlinge medizinisch zu versorgen und die Lebensmittelverteilung zu organisieren. In Dharamsala im Nordosten Indiens kümmerte sich die Kinderärztin Mariann Hess um Flüchtlingskinder, die in einem Empfangszentrum untergebracht waren.
In Nepal wurden die tibetischen Flüchtlinge ermuntert, sich in der fruchtbaren Region Solu niederzulassen, die günstige Lebensbedingungen bot. Im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Dienst für technische Zusammenarbeit des politischen Departements setzte sich das SRK dafür ein, den geflüchteten Menschen die Ansiedlung und die wirtschaftliche Integration zu erleichtern. Um ihnen eine bezahlte Beschäftigung zu ermöglichen, eröffnete man ein Handwerkszentrum, in dem Knüpfteppiche hergestellt wurden. Ähnliche Programme für handwerkliche und landwirtschaftliche Aktivitäten kamen in verschiedenen tibetischen Siedlungen in Nepal zu Stande.
Im medizinischen Bereich betrieb das SRK vier Gesundheitsstationen. Ab 1965 zog sich der Dienst für technische Zusammenarbeit aus der Leitung der Handwerkszentren zurück, die nach und nach den tibetischen Gemeinschaften übertragen wurde. Zugleich übergab man die Leitung der Gesundheitsstationen dem Nepalesischen Roten Kreuz. Im Hinblick auf diesen Übergang gewährte das SRK der nepalesischen Rotkreuzgesellschaft finanzielle Unterstützung und stellte ihr erfahrenes ärztliches und pflegerisches Personal aus der Schweiz zur Verfügung. Bis 1975 erbrachte das SRK in der tibetischen Kolonie von Dharamsala ununterbrochen medizinische Leistungen, zunächst für Kinder, dann für die Erwachsenen aus der Region.
Aufnahme in der Schweiz und Bewahrung der tibetischen Kultur
Die schweizerische Solidarität mit diesen Menschen, die aus dem Himalaja geflüchtet waren, hat noch eine andere, nicht minder bedeutsame Seite: die Aufnahme von tibetischen Flüchtlingen in der Schweiz. Auf eine erste Gruppe, die am 25. Oktober 1961 am Flughafen Kloten eintraf, folgten weitere 4000 Tibeterinnen und Tibeter, überwiegend Familien. Damit wurde die Schweiz zum Land mit der grössten tibetischen Gemeinschaft Europas. In Absprache mit dem Verein für tibetische Heimstätten in der Schweiz begleitete das Schweizerische Rote Kreuz die Flüchtlinge ab ihrer Ankunft in den Gemeinden, die sich zu ihrer Aufnahme bereit erklärt hatten.
Um ihre Kultur zu bewahren, wurden die Neuankömmlinge in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Innerhalb von zehn Jahren entstanden ausschliesslich in der Deutschschweiz über 15 sogenannte Heimstätten: in Waldstatt (AR), Unterwasser (SG), Buchen im Prättigau (GR), Ebnat (SG), Reitnau (AG), Samedan (GR), Münchwilen (TG), Oetwil am See (ZH), Rikon (ZH), Rüti (ZH), Turbenthal (ZH), Bauma (ZH), Weisslingen (ZH), Horgen (ZH), Flawil (SG) und Sennwald (SG). Am 29. Juli 1967 wurde in Rikon der Grundstein für das Klösterliche Tibet-Institut gelegt. Unter Einbezug tibetischer Mönche entwickelte sich dieses Institut zu einem spirituellen und kulturellen Zentrum für die Flüchtlinge in der Schweiz. Zugleich dient es als Ort des Austauschs und Dialogs zwischen der buddhistischen Philosophie und der westlichen Welt. Ein zweites Kloster entstand zehn Jahre später auf dem Mont-Pèlerin (VD).
Im Rahmen seiner Betreuungsarbeit gab das SRK den Flüchtlingen Kleider und Bedarfsartikel ab. Während mehrerer Jahre begleitete und unterstützte es die Familien bei der Integration und beim Aufbau einer selbstständigen Existenz. Die Kosten für die Niederlassung und Unterstützung in der Schweiz wurden ausschliesslich durch Spenden gedeckt, die vor allem von den Tausenden von Personen stammten, die eine Patenschaft übernahmen.
Die tibetischen Heimstätten, die von Mitarbeitenden des Roten Kreuzes geleitet wurden, waren bloss eine Übergangsetappe. In diesen Gemeinschaften gewöhnten sich die Flüchtlinge an die Lebensweise in der Schweiz, bis sie selbstständig genug waren, um in eine eigene Wohnung umzuziehen. Die meisten Männer wurden in den Arbeitsmarkt integriert und bestritten ihren Lebensunterhalt als Arbeiter in Fabriken oder kleinen und mittleren Unternehmen. Die Kinder besuchten die öffentlichen Schulen, während die Frauen mit Haushaltarbeiten vertraut gemacht wurden.