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Immer wieder stehen die Genossenschaften im Zentrum antikapitalistischer Diskussionen. Als Alternative zum kapitalistischen Privateigentum an Produktionsmittel wird in ihnen oftmals eine gewaltfreie Triebkraft zur wirtschaftlichen Emanzipation der Lohnabhängigen gesehen, die im Hier und Jetzt Fuss fasst und revolutionäre Umwälzungen überflüssig macht. Ohne die positiven Aspekte von Genossenschaften unter den Tisch zu kehren, sollen hier, mittels einiger theoretischer Erwägungen und historischer Erkenntnisse, deren Grenzen aufgezeigt werden. Es gilt, Genossenschaften nicht zu idealisieren und zur gesellschaftsverändernden Kraft hochzustilisieren.
Seit der Mitte des 19. Jahrhundert ist die Genossenschaftsbewegung eine feste Säule der ArbeiterInnenbewegung. Vom Frühsozialisten Robert Owen und den Rochdaler Prinzipien über die Bernsteinianer in der deutschen Sozialdemokratie hin zur ersten Hälfte der bolivarischen Revolution in Venezuela wurden Genossenschaften jeweils als Alternative zur kapitalistischen Ausbeutung propagiert. Gemeinsam ist den Genannten die Vorstellung, alternative ökonomische Strukturen in der aktuellen Gesellschaft aufzubauen, ermögliche es, den Kapitalismus zu überwinden, ohne die Macht der herrschenden Klasse anzugreifen. Auch die Geschäftsleitung der Juso Schweiz reiht sich in diese Liste ein, wenn sie in ihrem jüngsten Vorschlag eines Positionspapiers mit dem Titel „Dem Kapitalismus die Zähne ziehen: Wirtschaftsdemokratie statt Privateigentum“[1] einen der Schwerpunkte auf die Förderung der Genossenschaften legt. Darin will die Geschäftsleistung eine „Perspektive erbauen“, die dem SP-Ziel der Überwindung des Kapitalismus gerecht werden soll. In der Demokratisierung der Wirtschaft, begriffen als Demokratisierung der Eigentumsordnung, sieht sie den Weg hierzu.
Auf den Aspekt der Genossenschaften soll hier eingegangen werden. Es soll aufgezeigt werden, dass einer solchen Position entweder eine Analyse zu Grunde liegt, die Systemwidersprüche – zwischen Kapital und Arbeit, Herrschenden und Beherrschten – nicht zu erkennen scheint und dementsprechend falsche Schlussfolgerungen zieht oder aber die Frage der politischen Macht schlicht nicht zu stellen wagt. Es soll mit den Illusionen gebrochen werden, Genossenschaften vermöchten einerseits die kapitalistische Ausbeutung und Entfremdung aufzuheben und stellten andererseits eine Alternative zur Eroberung der politischen Macht durch die Lohnabhängigen, sprich der demokratischen Kontrolle der ArbeiterInnen über die gesamte Wirtschaft durch die Verfügung über alle gesellschaftlich relevanten Produktionsmittel, dar.
Der ökonomische Charakter von Genossenschaften
Genossenschaften sind durch ihr gemeinschaftliches Eigentum durchaus in der Lage, eine Bresche in die kapitalistische Produktionsweise zu schlagen. Produktionsgenossenschaften haben bereits eindrücklich die Möglichkeit demonstriert, Unternehmen ohne Privateigentümer oder Aufsichtspersonal im klassischen Sinne zu führen. Das demokratische Funktionieren von Genossenschaften durchbricht somit die Logik der kapitalistischen Herrschaft innerhalb eines Betriebes, indem ihre Mitglieder, im Idealfall zumindest, gemeinsam über die Führung des Unternehmens bestimmen. Konsumgenossenschaften kratzen zwar nur an der Oberfläche der kapitalistischen Produktionsweise, können aber demokratische Mitbestimmung und eine Erhöhung des Lebensstandards für ihre Mitglieder (durch billigere Produkte) ermöglichen. In den prominenten Beispielen Schweizer Konsumgenossenschaften (Coop und Migros) wird wohl aber kaum jemand den Keim einer sozialistischen Gesellschaft suchen.
Demgegenüber besitzen Produktionsgenossenschaften einen weit fortschrittlicheren Charakter. In ihnen ist der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit betriebsintern formell aufgehoben: Die GenossenschaftlerInnen sind zugleich ArbeiterInnen und EigentümerInnen. Aus dieser spezifischen Konstellation gehen die genossenschaftlichen Ideale und Werte hervor, die der ArbeiterInnenschaft den Vorrang gegenüber den Kapitalinteressen einräumen und die ein solidarisches, von der reinen Profitlogik entferntes Wirtschaften anstreben. Die aktive Teilnahme an der Organisation der Produktion führt so zur Ermächtigung der GenossenschflerInnen. Auch verleiht das Miteigentum ihnen potentiell bessere Arbeitsbedingungen und eine gewisse Sicherheit, weil sie nicht einfach entlassen werden können, sobald es dem Unternehmen finanziell nicht mehr gut geht.
Allerdings – und hier erreichen wir die erste fundamentale Grenze – handelt es sich bei einer Genossenschaft und bei einer Produktivgenossenschaft im Speziellen um ein, wie Rosa Luxemburg sie beschrieb, „Zwitterding“: Sie ist eine „im kleinen sozialisierte Produktion bei kapitalistischem Austausche“.[2] Gegen innen mag ihre Produktion demokratisch organisiert sein, gegen aussen jedoch ist sie gezwungen, sich im kapitalistischen Markt zu integrieren. Das heisst einerseits, dass die Genossenschaften ebenso wie kapitalistische Unternehmen den „Zwangsgesetzen der Konkurrenz“ unterworfen sind. Wollen sie als Genossenschaft überleben, sind sie zur ständigen Akkumulation und Verwertung von Kapital gezwungen, selbst wenn sie nur am eigenen Fortbestehen und nicht an Profit interessiert sind. Die Ausweitung der Produktion, die Entwicklung der Produktivkräfte, die Intensivierung der Arbeit oder Verlängerung der Arbeitszeit – sprich die klassischen Formen der Mehrwertssteigerung und somit der Ausbeutung der Arbeitskraft – werden so zu Zwängen, die von der Austauschweise auch auf eine genossenschaftliche Produktionsweise rückwirken und diese dominieren. Anderseits, da der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital durch den Warentausch vermittelt ist, muss dieser auch innerhalb des Betriebes fortbestehen. Das bedeutet schliesslich, dass die GenossenschaftlerInnen diesen Widerspruch und die damit verbundenen gegensätzlichen Interessen in der eigenen Person verkörpern. Sie müssen die Zwänge der kapitalistischen Austauschweise auf sich selbst anwenden: Selbstverwaltung wird so gleichermassen zur Selbstausbeutung.
Folgt man der Argumentation Luxemburgs, so muss „[d]as natürliche absolute Regime des Kapitals, das die Arbeiter allerdings sich selbst gegenüber unmöglich ausüben können“ unweigerlich dazu führen, dass die Genossenschaften sich entweder auflösen oder der Form nach nicht mehr als solche erkennbar sind. Überwiegt das Interesse des Kapitals, entwickeln sie sich zu kapitalistischen Unternehmen zurück; überwiegt das Interesse der ArbeiterInnen lösen sie sich auf.[3]
Lehren aus Venezuela
Dies scheint auch durchaus mit den Erfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart übereinzustimmen. Konsumgenossenschaften wie Coop und Migros funktionieren kaum anders als kapitalistische Unternehmen, die demokratische Mitbestimmung der Mitglieder ist eher begrenzt. Besonders deutlich wurden diese Konfliktlinien in Venezuela, wo ab 2001 im Rahmen massiver staatlicher Förderung Genossenschaften wie Pilze aus dem Boden sprossen. Bei fehlender Produktivität litten die GenossenschaftlerInnen mehr als die ArbeiterInnen kapitalischer Unternehmen. Während bei diesen Entlassungen durchgeführt worden wären, mussten die GenossenschaftlerInnen ihren persönlichen Gewinn bald unter den Mindestlohn senken und massive Verluste im Lebensstandards verkraften. In der Folge ging die Mehrheit der Genossenschaften ein oder es bildeten sich neue Hierarchien aus. Die interne demokratische Mitbestimmung wurde untergraben, die Unterdrückung schlicht weitergeleitet. An Stelle der eigentlich beabsichtigten Produktion für die Bedürfnisse lokaler Gemeinden, konzentrierten sie sich auf die Gewinnmaximierung. Wenn die Produkte auf dem Markt abgesetzt werden müssen, so wird hergestellt, was verkauft werden kann, nicht was gebraucht wird. Tauschwerte erhalten den Vorrang gegenüber Gebrauchswerten: die Befriedigung reeller Bedürfnisse wird bei der Produktion irrelevant. So schlossen sich viele Genossenschaften kapitalistischen Unternehmen mit Monopolstellung an, um sich auf diese Weise einen Absatzmarkt zu garantieren. Gleichzeitig wurde potentiellen Neumitgliedern oftmals der Zugang zu den Genossenschaften verweigert, damit persönliche Gewinne gesteigert werden konnten.[4] Die Einsicht, dass die Genossenschaften weiterhin der kapitalistischen Konkurrenz und Ausbeutung unterlagen, führte dazu, dass weite Teile der ArbeiterInnenbewegung und schliesslich auch die Regierung sie als Strategie für eine solidarische Wirtschaft verwarfen. Die ArbeiterInnen von Genossenschaften forderten nunmehr staatliches Eigentum mit demokratischen Arbeiterräten, um auf diese Weise zu verhindern, dass schlicht aus einem Kapitalisten viele Kapitalisten innerhalb eines Betriebes werden.
Auch die weltgrösste Genossenschaft Mondragón Corporación Cooperativa aus dem Baskenland, das ewige Musterbeispiel für die Überlebensfähigkeit von Genossenschaften, kann gleichzeitig als Beispiel für diesen Widerspruch dienen. Mit der Insolvenz von Fagor Electrodomésticos im Jahr 2013 wurde offensichtlich, dass auch Genossenschaften nicht immun gegen kapitalistische Krisen sind. Ausserdem basieren die zahlreichen an Mondragón angeschlossenen Firmen im Ausland, die rund 70% des Umsatzes erwirtschaften, auf Privateigentum.[5] Dadurch fliesst ausländisches Kapital ins Baskenland und sichert das Überleben des riesigen Genossenschaftsnetzes. Wie in Venezuela werden auch im baskischen Beispiel das Fehlen oder der Verlust genossenschaftlicher Werte sowie Defizite bei der demokratischen Mitbestimmung beklagt.
Diese Tendenzen scheinen bei allen Genossenschaften offenenkundig. Auch der Juso-Geschäftsleitung fällt auf, dass der „gemeinnützige Gedanke – die Grundidee der Genossenschaft“ „längst nicht mehr bei allen Genossenschaften erkennbar“ ist. Diese verkämen zu „einer blossen Rechtsform“, die „genauso den kapitalistischen Maximen verfallen ist, wie andere Unternehmen. […] Die Jagd nach Profiten wird bestimmend, die Löhne der oberen Kader steigen an und die Mitbestimmung durch die GenossenschaftlerInnen wird marginalisiert“.
Doch diese gemeinschaftlichen Werte sind weder die Ursache für, noch das Mittel gegen die Anpassung der Genossenschaften an die kapitalistischen Unternehmen. Eine solche idealistische Analyse verkennt die bereits beschriebenen Ursachen – die realen Sachzwänge die aus dem Warentausch hervorgehen – die eine solche Anpassung systematisch produzieren. Deshalb geht es auch nicht darum, den „neuen Menschen“ auf Basis einer sozialistischen Ethik zu schaffen, um den egoistischen GenossenschaftlerInnen Einhalt zu gebieten, wie Chávez dies in Anlehnung an Ché Guevara einst vorgeschlagen hatte. Die Förderung genossenschaftlicher Werte oder, wie im Vorschlag der Juso-Geschäftsleitung gefordert, die verstärkte Mitbestimmung innerhalb der Genossenschaften, können folglich nicht mehr als ein Gegenimpuls zu einer solchen Entwicklung darstellen.
Genossenschaften in einer antikapitalistischen Strategie
Als fortschrittliches Wirtschaftsmodell sind Genossenschaften demnach kaum tauglich, solange ihre sozialisierte Produktion im Widerspruch zum kapitalistischen Warentausch steht. Keines unserer grossen gesellschaftlichen Probleme – sei es Armut, Hunger, Ausbeutung, Umweltprobleme etc. – können gelöst werden, wenn die Kapitalakkumulation den Produktionsprozess diktiert. Wenn Genossenschaften gegen innen selbstverwaltet und demokratisch funktionieren, sich gegen aussen jedoch in der Anarchie des Marktes behaupten müssen, so stehen deren Mitglieder im Widerspruch zum Rest der Gesellschaft. Dass dies nicht nur ein theoretisches Problem ist, haben uns die Erfahrungen Venezuelas, aber auch die genossenschaftssozialistischen Versuche in Jugoslawien, gezeigt. Um die Profitlogik tatsächlich strukturell zu durchbrechen, bedürfte es einer genossenschaftlichen Assoziation der Produzenten auf gesamtwirtschaftlicher Ebene bei gleichzeitiger demokratischen Kontrolle durch die ganze ArbeiterInnenschaft; eine wirkliche Demokratisierung der Wirtschaft als Vorstufe der endgültigen Emanzipation.
Das führt uns jedoch zur Frage, wie ein solches System etabliert werden kann. Wenn die Förderung von Genossenschaften – die „Demokratisierung der Wirtschaft durch Genossenschaften“ – als Strategie für ein solches genossenschaftliches System propagiert werden, so werden Weg und Ziel verwechselt. Das bedeutete, utopistisch das Wünschenswerte zu fordern, ohne die realen Bedingungen der Gesellschaft zu analysieren. Das Genossenschaftswesen auf die gesamte Gesellschaft auszuweiten hiesse jedoch, den Sektor des Privatkapitals zu eliminieren. Allerdings existiert nichts den Genossenschaften inhärentes, was eine Expansion des Genossenschaftssektors bei gleichzeitiger Einschränkung des Privatkapitals erlauben würde. Wenn Parallelstrukturen mit alternativen Wirtschaftsformen gebildet werden ohne gleichzeitig die auf Privateigentum an Produktionsmitteln basierenden Unternehmen strategisch zu vergesellschaften, ist nicht ersichtlich wie über den Privatsektor die Oberhand erlangt werden kann – auch das hat uns die bolivarische Revolution in Venezuela verdeutlicht.
So behalten Marxens Worte zu den Genossenschaften auch heute ihre Aktualität: „Um die arbeitenden Massen zu befreien, bedarf das Kooperativsystem der Entwicklung auf nationaler Stufenleiter und der Förderung durch nationale Mittel. Aber die Herren von Grund und Boden und die Herren vom Kapital werden ihre politischen Privilegien stets gebrauchen zur Verteidigung und zur Verewigung ihrer ökonomischen Monopole. Statt die Emanzipation der Arbeit zu fordern, werden sie fortfahren, ihr jedes mögliche Hindernis in den Weg zu legen. […] „Politische Macht zu erobern ist daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklassen.“[6] Das mag auf Anhieb utopischer klingen als die pragmatische Forderung nach einer Stärkung des Genossenschaftswesens. Tatsächlich aber ist sie insofern realistisch, als dass sie – im Gegensatz zur zweiten – den wirklichen Strukturen unserer Gesellschaft Rechnung trägt und erkennt, was über dieses System hinausweist. So sind Genossenschaften in all ihren Formen durchaus wünschenswert zur Selbstverteidigung gegenüber den schlimmsten Auswüchsen der Herrschaft des Kapitals. Eine offensive politische Strategie stellen sie isoliert aber nicht dar und werden eine solche auch nicht ersetzen können. Wie alle alternativen und autonomen Strukturen sind sie verdammt dazu, kleine Inseln im stürmischen Meer des Kapitalismus zu bleiben, sofern sie nicht durch eine offensive Politik – eine Politik, welche die Macht des Kapitals angreift und auf die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien hinarbeitet – ergänzt werden.
[2] Luxemburg Rosa, Sozialreform oder Revolution?, Gesammelte Werke, Band 1, Erster Halbband, Berlin, 1974, S.417.
[3] ebd.
[4] Azzelini Dario, „De las cooperativas a las empresas de propiedad social directa en el proceso venezolano“, in Cooperativas y Socialismo: Una mirada desde Cuba,. Editorial Caminos, 2011, S.310-311.
[5] Groß Martina, „Gegenmodell: Die Supergenossenschaft von Mondragón“,10.1.2014, http://www.monde-diplomatique.de/pm/2014/01/10/a0008.text
[6] Marx Karl, „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“, MEW 16, p.12.
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