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Ganz kurz zusammengefasst ist meine Position dazu, dass es auf jeden Fall den Aufbau von (echten) Genossenschaften braucht. Weil diese anhand eines konkreten Interesses aufgebaut werden (wohnen, produzieren, einkaufen etc.), können mit ihnen viele Menschen angesprochen werden. Solidarität kann in ihnen konkret erfahren und hergestellt werden, wobei dies einen Bezug von Genossenschaftsmitgliedern zu ihrer (Interessens-)Gemeinschaft und ihr Engagement stärkt.
Wie sich diese Initiative der agorapunks entwickeln wird, bleibt abzuwarten, wobei ich zugeben muss, dass bei mir sofort die Skepsis überwiegt. Wenn man daran eine Kritik entfalten möchte, darf man seinen Gegenstand aber nicht verkennen, sondern muss ihn zunächst richtig beschreiben.
An Debatten, die allein im Internet und anhand abstrakter Konzepte geführt werden, bin ich nicht interessiert. Deswegen möchte ich nur folgende lose Stichpunkte in die Diskussion geben:
- Der Mutualismus ist eine Tendenz im Anarchismus, welche prominent von Pierre-Joseph Proudhon vertreten und auch konkret umgesetzt wurde. [s. z.B. le monde diplomatique 2009]
- Wenngleich es wenige explizit mutualistische Schriften gibt und Debatten darüber meines Wissens nach im deutschsprachigen Raum kaum vorhanden sind, haben praktisch aber viele Projekte Verknüpfungen mit dieser Tradition.
- Diese Verknüpfungen bestehen erstens in allen Ansätzen einer direkten gegenseitigen Hilfe, so z.B. Küche für alle / Soli-Küchen, Umsonstläden, Unterstützungsfonds für Schwarzfahrende oder Arbeitslosen-Selbsthilfe. Zweitens finden sie sich in organisierten Projekten mit genossenschaftlichem Ansatz: Bspw. dem Mietshäuser-Syndikat und Solidarischen Landwirtschaften.
- Eine dritte Richtung ist aus anarchistischer Sicht problematischer: Sie befindet sich in Alternativ-Banken wie der GLS-Bank, Tauschringen und der Lehre der sogenannten „Freiwirtschaft“ von Silvio Gesell. Die damit verbundene Ideologie beruht auf einem verkürzten Kapitalismus-Verständnis (die Kritik wird vor allem am Zins geübt), ist strukturell antisemitisch und wurde überdies von der Anthroposophie aufgegriffen (s. z.B. die sogenannte „Sozialökonomie“).
- Wie auch immer man zu dieser anarchistischen Tendenz steht, sie geht von der Annahme aus, dass es sinnvoll und erforderlich ist, sich im Hier und Jetzt mit Alternativ-Ökonomien zu beschäftigen und diese auch konkret aufzubauen und zu praktizieren. Diese Herangehensweise finde ich gut, weil ich sie für wesentlich realistischer und anarchistischer halte, als die Einführung sozialistischer Verhältnisse von einer Revolution zu erhoffen. Deswegen bieten auch die Arbeiten von Michael Albert zum Konzept Parecon eine gute Diskussionsgrundlage.
- Projekte der Alternativ-Ökonomie sind meistens kleinteilig, widersprüchlich und unzureichend. Dies trifft meines Erachtens jedoch auf jegliche Ansätze radikal-sozialistischer Akteur*innen zu – weswegen ich die Kritik in Hinblick auf den Mutualismus nicht angebrachter halte, als bei alle anderen was wir tun können.
- Eine klare Linie ist allerdings zum sogenannten „Anarcho-Kapitalismus“ zu ziehen, welcher sich tatsächlich nicht aus der anarchistischen Tradition und Bewegung heraus entwickelte. Vielmehr handelt es sich bei diesem um eine besonders aggressive Unterströmung in der neoliberalen Denkrichtung, deren Begründer (insbesondere Murray Rothbart) sich anarchistischer Narrative bedienten und ihre Bedeutung ins komplette Gegenteil verkehrten [dazu z.B. die Einschätzung argentinischer Anarchist*innen zur Wahl Mileis bei CrimthInc].
- Ob die agorapunks diesen Unterschied verstehen und sich vom „Anarcho-Kapitalismus“ deutlich abgrenzen – d.h. diesen auch ausschliessen – wird ein wesentlicher Prüfstein sein, ob ihre Herangehensweise einer Diskussion wert ist. Wenn dies nicht geschieht, muss hingegen diskutiert werden, inwiefern agorapunks selbst ein Einfallstor für „anarcho-kapitalistische“ Ideolog*innen darstellen.
- Eine Gefahr, die sich bei agorapunks abzeichnet, ist zum hundertsten Mal zu verkennen, wie Herrschaftsverhältnisse funktionieren und das die gesellschaftliche Klassenspaltung aufgehoben werden muss. Eine Kritik der Monopole, wie sie Benjamin Tucker übte, ist zwar in einen spezifischen historischen Kontext verständlich, aber nicht hinreichend, um Kapitalismus zu verstehen und zu kritisieren.
- Gleicherweise müssen auch agorapunks verstehen, dass eine Verwirklichung ihrer Konzeption von vermeintlich „freien Märkten“ nur durch Enteignungen der Reichen, die Vergesellschaftungen von Schlüsselindustrien, sowie die Selbstverwaltung von Bildungs-, Gesundheits- und Verkehrsinstitutionen gelingen kann.
- Ein grundlegendes Problem sehe ich auch hinsichtlich des erklärten Kernthemas von agorapunks: der Annahme, dass Bitcoin ein „Werkzeug“ für einen dezentralen Sozialismus darstellen könnten. Ich muss zugegeben, dass ich mich mit dem Thema zu wenig auskenne, um es fachgerecht beurteilen zu können. Aber ich habe die Vermutung, dass es sich bei der Befürwortung solcher – in meinen Augen „technischen“ – Lösungen um den immer wieder vollzogenen Fehlschluss einer Neutralität der Instrumente handelt. (Ebenso falsch war z.B. die Annahme des „Akzelerationismus“ [s. z.B. Taz-Artikel 2014] oder der Glaube daran, Kybernetik richtig eingesetzt, würde uns zu dezentral-sozialistischen Wirtschafts- und Selbstorganisationsformen bringen. Solche Gedankengänge sind zwar nachvollziehbar, wer aber die eigentliche Macht im jeweiligen Business hat und wie diese effektiv angefochten werden kann, wird meiner Erfahrung nach stets ausgeblendet.)