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Septemberpass-Erstbegehung
Hellmut Röhl, Neuried ( Deutschland )
Eine Wallfahrt zu den Quellen des Rheins ist dadurch erschwert, dass der Rhein aus mehreren Quellflüssen entsteht ( Vorder-, Hinter-, Medelser, Averser Rhein — es gibt noch mehr ). Einfacher ist es beim Inn, wo die Verhältnisse so eindeutig sind, dass es einem jeden, dem in seinem Stromgebiet zu wohnen vergönnt ist, eine selbstverständliche Pflicht sein sollte, einmal in seinem Leben seine Quelle aufzusuchen. Diese befindet sich im obersten EngadinInntal; der Inn heisst in der rätoromanischen Sprache der Bewohner seines schweizerischen Teils « En » ): der Lunghin-See, gespeist von unbedeutenden, namenlosen Wässerchen, wird als Ursprung des Inns angesehen. In der Nähe des ehemaligen Palace-Hotels vor Maloja ( 1803 m ), wo die Strasse den jungen Inn überquert, beginnt der bequeme, markierte Aufstieg zum Lunghin-See ( 2484 m ), eingelagert zwischen dem Piz Greva-selvas und dem Piz Lunghin ( 2780 m ); dieser ist leicht über seine NW-Flanke zu besteigen; er bietet eine herrliche Aussicht aufs Engadin, die Berninagruppe und das Bergell. Und ins Bergell führt auch der schönste Abstieg vom Piz Lunghin, zunächst zum Pass Lunghin ( 2645 m; offene Unterstandshütte eines Skivereins ), weiter hinab zum Septimerpass ( 2310 m ) und hinaus nach Casaccia ( 1458 m ), von wo einen erforderlichen-falls das Postauto nach Maloja zurückbringt.
Als wir im letzten September diese Wanderung machten, liess sich am Lunghinpass ein Fremder von mir die Örtlichkeiten erklären. Im Weitergehen hörte ich ihn das Gelernte an seine Begleiter weitergeben: « Und da unten, da ist der Septem-berpass! » Ich musste lachen; ich wusste noch nicht, wie recht er hatte.
Vorerst jedenfalls verliessen wir am Lunghinpass das Einzugsgebiet des Inns und damit des Schwarzen Meeres und wanderten westlich hinab, im Bewusstsein der Tatsache, dass die Wasser unter unserem linken Fuss ins Bergell zur Mera und somit über Adda und Po zum Adriatischen Meer strebten, die unter unserem rechten Fuss zur Julia und durchs Oberhalbstein zur Albula und zum Hinterrhein und somit zur Nordsee.Versunken in Gedanken über die einzigartige orographische Situation und die dem Wanderer gegebenen Möglichkeiten, je nach Lust und Laune oder politischen Sympathien eines von drei Meeren — wenn auch nur in bescheidenem Masse — zu speisen, waren wir schnell am Pass unten angelangt ( seltsam, einmal einen Pass von oben zu erreichen, während man gewöhnlich zu ihm hinaufsteigt!, der von dem auf Schweizer Pässen obligaten, wenn auch nur dürftigen See geziert war. Nach vergeblichem Suchen nach einer Markierung und einem Weg ( es war kürzlich Neuschnee gefallen ) wandten wir uns ent- schlössen zur Bergeller Seite und gewannen, wenn auch nicht ohne Protest der Ehefrau, über ein etwas steiles Schneefeld einen geräumigen Wiesenboden. Auch hier war ausser einem verfallenen Gemäuer keine Spur menschlicher Anwesenheit zu entdecken; wieder einmal fanden wir Altmeister Baedeker bestätigt, dessen Autoreise-führer « Schweiz » feststellt, dass der Septimerpass « im Mittelalter einer der meistbenutzten Alpenpässe war, jetzt aber völlig verödet ist. » Auf der Wegsuche geriet ich nach links, und plötzlich sah ich sie hinter einer Felsrippe auftauchen: Steinböcke, drei herrliche Tiere, die ich hier, so weit vom Steinbockrevier des Piz Albris, nicht erwartet hatte. Mit ihren stattlichen Hörnern, ihren gedrungenen Leibern, die an die von Pferden erinnerten ( allerdings: etwas kleiner als Pferde waren sie schon ), boten sie ein Bild von Kraft und Majestät. Ich winkte meine Frau heran, und dann führten uns-die drei um eine Ecke - uns gingen die Augen über: dort war in nächster Nähe eine ganze Herde versammelt. Insgesamt zählten wir 28 Stück, von denen drei auf übereinanderliegenden Absätzen eines Felsgrates höchst malerisch gegen den Horizont aufgestellt waren; die anderen standen im Rudel am steilen Hang. Wir gingen ruhig auf sie zu, redeten sie freundlich an; sie antworteten mit einem Pfeif-konzert, ohne sich im übrigen aus der Ruhe bringen zu lassen. Anscheinend kannten sie den Menschen in seiner Bosheit noch nicht; immerhin waren sie bestrebt, eine Distanz von 15-20 Metern zu wahren, wobei sie gemächlich eine steile Schneerinne überquerten. Wir wagten es nicht, ihren Seelenfrieden weiteren Belastungen auszusetzen, und zogen uns schliesslich mit Bedauern zurück.
Auf der rechten Seite des Wiesenbodens entdeckten wir eine Geröll- und Grasrinne, die uns über eine beträchtliche Steilstufe auf den unteren Alpboden hinunterführte, an dessen Ende wir zu unserer Beruhigung eine Alphütte liegen sahen. Beim steilen Abstieg bedauerten wir die römischen Legionäre mit ihrer schweren Aus- rüstung, die wir im Geiste dort hinunterrutschen sahen; immerhin brauchten wir uns um Elefanten nicht zu sorgen, denn der Septimer ist einer der wenigen Schweizer Pässe, die die Ehre von Hannibals Alpenübergang nicht in Anspruch nehmen.
Endlich waren wir, immer noch « weglos », bei der erwähnten Alphütte angelangt, die verschlossen war und von ihren Bewohnern in panischer Flucht verlassen zu sein schien. Durch die Fenster sahen wir noch die ungemachten Betten; .viel-leicht hatte ein überraschender Schneefall die Sennen gezwungen, das Vieh in Eile zu Tal zu bringen, denn weder Mensch noch Tier hatten wir ausser den Steinböcken gesehen. Bei der Hütte begann ein Steiglein, das uns sicher durch die steilen Abstürze ins Val Maroz hinunterführte, zu den Hütten von Maroz Dora, deren Lage nun zur Gewissheit werden liess, was mich seit geraumer Zeit als schrecklicher Verdacht gequält hatte: wir waren gar nicht über den Septimerpass gegangen! Ein Blick auf die Karte ( Lan- deskarte der Schweiz, 1:50000, Bl.268, Julierpass ) zeigte es deutlich: der Septimerpass liegt doch noch ein ganzes Stück westlich vom Lunghinpass; man muss erst die Hänge der Motta da Sett queren. Wir aber waren schon vor diesen nach Süden abgestiegen; die ausgezeichnete Karte ( die mir die Tasche gewärmt hatte, denn der Weg war ja so eindeutig !) zeigt den oberen Wiesenboden Alpascelin ( mit den Steinböcken ), den unteren Almboden Alpascela ( mit den Hütten an ihrem Ende, bei Punkt 2074 ) und zwischen beiden die Steilstufe ( mit den Legionä-ren ), die wir etwas westlich vom « P » des « P. dal Sasc » überwunden hatten.
Nun blieb mir noch das Schwerste: die Frau über den schmählichen Irrtum aufzuklären; aber ausser einigem ( wohlverdienten ) Spott konnte mir ja schliesslich nichts mehr passieren. Von Maroz Dora war es nur noch ein Kinderspiel, über das neue Strässchen - dessen Serpentinen man im unteren Teil abschneiden kann -Casaccia zu erreichen, wo Bier und Postauto das Abenteuer aufs angenehmste abschlössen.
Den Pass aber, den wir ungewollt überschritten hatten, tauften wir mit dem Rechte des ( vermutlichen ) Erstbegehers « September-Pass » ( weil es ja im September warder unbekannte Bergfreund vom Lunghinpass möge mir den geistigen Diebstahl verzeihen.
Merke: wenn Du eine Karte bei dir hast ( und das sollte man ja immer ), dann befrage sie in