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Die Schärpe ist ein Renner auf dem Wochenmarkt in Amsterdam-Zuidoost. Mindestens zwanzig davon verkauft Suzie Dankwa täglich in ihrer Boutique, für fünf Euro das Stück. Grün-weiss-rot gestreift ist sie, genau wie die Fahne des südamerikanischen Staats Suriname, aus dem fast ein Drittel der BewohnerInnen des Bezirks stammt. In der Mitte der Leibbinde prangen zwei kräftige geballte Fäuste, mit Wucht werden Ketten von den Handgelenken gesprengt. Zwischen den Daten 1. Juli 1863 und 1. Juli 2013 steht in goldenen Lettern «Keti Koti Manspasi Dey», was in der Landessprache von Suriname «Emanzipationstag der zerbrochenen Ketten» bedeutet.
Suzie Dankwa findet die Schärpe nicht nur aus geschäftlichen Gründen gut: Der am 1. Juli anstehende Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei vor 150 Jahren ist der Ladenbesitzerin auch persönlich wichtig. «Ich kann Stoff verkaufen, aber doch keine Menschen», meint sie. Auch an anderen Marktständen auf dem Anton-de-Kom-Platz findet sich das schmale Textilstück. De Kom, ein surinamischer Kommunist, Widerstandskämpfer und Autor, hat mit seinem 1934 erschienenen Werk «Wir Sklaven aus Suriname» einen Klassiker der niederländischsprachigen antikolonialen Literatur geschrieben. Er würde sich darüber freuen, dass das Jubiläum auf dem Platz, über den sein Standbild wacht, nicht zu übersehen ist. Suriname, wo einst Tausende afrikanische SklavInnen auf Zuckerrohrplantagen schufteten, wurde erst 1975 in die Unabhängigkeit entlassen.
Lange Zeit tabu
In den Niederlanden findet in diesen Wochen eine ganze Reihe von Veranstaltungen statt, mit denen des offiziellen Endes der Sklaverei gedacht wird: Ausstellungen, ein Theaterstück, Debatten und ein Keti-Koti-Festival. Bei Eddy Campbell löst dieser Veranstaltungsreigen durchaus Zufriedenheit aus. Der pensionierte Soziologiedozent ist Vorsitzender des Nationalen Niederländischen Instituts für Sklavereigeschichte und -erbe (NiNsee). «An so viel Aufmerksamkeit hätten wir vor zehn Jahren nie gedacht», so Campbell. «Das Gedenken ist zu einer Tradition geworden. Nun müsste es noch mehr einen nationalen Charakter bekommen, der alle Gruppen der Gesellschaft einschliesst.»
Die Beteiligung der ehemaligen Kolonialmacht am transatlantischen Sklavenhandel gelangte erst in der jüngsten Vergangenheit in das öffentliche Bewusstsein. In den siebziger Jahren begingen MigrantInnen aus Suriname das erste «Keti Koti» mit einem Fussballturnier, das dann mit der Zeit in ein Kulturfestival mündete. Ab den neunziger Jahren organisierten lokale Komitees in Amsterdam und Rotterdam Gedenkfeiern, doch erst als sich um die Jahrtausendwende die Politik des Themas annahm, wurde es einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Beeinflusst wurde diese Entwicklung auch durch die Uno-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001, die Sklaverei und Sklavenhandel als einen Tatbestand von «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» definierte.
«Eine barbarische Tat»
Die vorsichtige Öffnung gegenüber der Vergangenheit gipfelte 2005 in einem bemerkenswerten Doppelmonument in der Hauptstadt Den Haag: ein Denkmal als «statische» Erinnerung sowie sein «dynamischer» Gegenpart, das staatlich geförderte NiNsee-Institut, das eine Dauerausstellung nebst Bibliothek beherbergte und sich in Forschung und Bildung zu Sklaverei und (Post-)Kolonialismus engagierte. Doch just zum Jahreswechsel vor dem grossen Jubiläum strich die sozialliberale Regierung im Zuge von Sparmassnahmen dem Institut die Subventionen.
«Eine barbarische Tat», kommentiert dies Eddy Campbell, der nun ehrenamtlich ein Rumpfprojekt mit unsicherer Zukunft leitet. Campbell musste die NiNsee-Mitarbeitenden entlassen, die Exponate einmotten und das Gebäude aufgeben. Dank der Unterstützung der Gemeinde Amsterdam hat man in dessen Stadtarchiv Unterschlupf gefunden. «Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen», meint Campbell dazu.
«Verbrecher wurden belohnt»
Ganz anders sieht das der Historiker Sandew Hira vom International Institute for Scientific Research (IISR) in Den Haag, das auf Fragen des Postkolonialismus und der Diaspora spezialisiert ist. Für Hira ist der Jahrestag der Sklavereiabschaffung kein Grund zum Feiern, da sie auf «unzivilisierte» Weise vor sich ging: «Statt die Opfer zu entschädigen, wurden die Verbrecher belohnt. Für jeden versklavten Afrikaner bekam ein niederländischer Plantagenbesitzer am Ende der Sklaverei 300 Gulden.» Von den Opfern und ihren Nachfahren, so Hira, werde bis heute Dankbarkeit erwartet, nur weil sie nicht mehr beraubt und vergewaltigt würden.
Von den Gedenkfeiern am 1. Juli erwartet Hira folglich auch nichts. «Das wird ein Fest für ein paar alte weisse Männer und Frauen», sagte er zu Jahresbeginn der progressiven Zeitschrift «Vrij Nederland». Die Debatte um die niederländische Beteiligung am Sklavenhandel sei gleichförmig und bagatellisierend, präzisiert Hira gegenüber der WOZ. Wünschenswert dagegen fände er es, die akademische Debatte zu erweitern und «Schulbücher neu zu schreiben». Da hat sich immerhin schon etwas getan, denn anders als 1965 heisst es in Geschichtswerken heute nicht mehr: «Der Sklavenhandel (…) hat unserem Land einen schlechten Namen gegeben, und am liebsten sprechen wir nicht darüber.»
Doch die grundlegende Debatte kommt nur in mühsamen kleinen Schritten voran. Während man im exilierten NiNsee-Institut davon träumt, die Dauerausstellung wiederzueröffnen, zeigt das Amsterdamer Stadtarchiv zwei Etagen tiefer einige alte Krüge, die bei Ausgrabungen in Amsterdam gefunden wurden und von den einst zahlreichen Zuckerraffinerien der Stadt zeugen. Das soll als Eingeständnis gelten, dass der Reichtum des einstigen globalen Handelszentrums, der Glanz des «Goldenen 17. Jahrhunderts» der Niederlande, auf dem Rücken der SklavInnen erwirtschaftet wurde.
Man kann das, wie der NiNsee-Vorsitzende Eddy Campbell, als Fortschritt sehen. Oder, wie der Historiker Sandew Hira, folgern, dass «auf den 1. Juli einfach der 2. Juli folgt» und «der Einfluss null Komma null» sein wird. Vielleicht wird das Thema dann im Winter um den Nikolaustag herum in anderer Form zurückkehren – als Neuauflage der Diskussion, ob die Figur des Zwarte Piet, des schwarzen Gehilfen des heiligen Nikolaus, rassistisch ist oder nicht.