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Aufwachsen unter Hochdruck: 2019 präsentierte Sam Levinson mit der ersten Staffel von «Euphoria» einen kontroversen Querschnitt durch eine Clique traumatisierter amerikanischer Jugendlicher. Nach pandemiebedingter Pause folgt nun der zweite Streich – erneut ein ebenso mitreissender wie überspitzter Rausch aus Drogen, Sex und Ennui, dem der Balanceakt zwischen nihilistischer Satire und Teen-Drama manchmal mehr, manchmal weniger gelingt.
«Euphoria» will noch immer anecken, so viel offenbart sich bereits in den ersten Minuten der zweiten Staffel: Visuell angelehnt an Martin Scorseses «Goodfellas» (1990), rollt Sam Levinson («Malcolm & Marie») ein Gangsterdrama im Miniformat aus – inklusive erigiertem Penis, einem Baby, das Zigaretten isst, und jeder Menge spritzendem Blut. Wie schon in der ersten Staffel werden hier Teenager in stilisierten Bildern mit traumatischen Realitäten konfrontiert. Wie schon in der ersten Staffel gibt es kein Wegschauen, nicht von Gewalt, nicht von Sex, nicht von den dunkelsten Abgründen der Drogensucht. Wie schon in der ersten Staffel fühlt man sich irgendwann verloren zwischen nihilistischen Gegenwartsentwürfen und dem Nervenkitzel der Teenagersorgen.
«Visuell angelehnt an Martin Scorseses ‹Goodfellas›, rollt Sam Levinson ein Gangsterdrama im Miniformat aus – inklusive erigiertem Penis, einem Baby, das Zigaretten isst, und jeder Menge spritzendem Blut.»
Die Serie setzt fast nahtlos an, wo die erste Staffel – und die beiden Special-Episoden, die Levinson während der COVID-Zwangspause abdrehte – einsetzte: Rue Bennet (Zendaya) ist verliebt in ihre Freundin Jules (Hunter Schafer) und versucht, ihren fast-letalen Rückfall in die Drogensucht vor ihr zu verstecken. In einem zweiten Plot-Strang entspinnt sich eine Dreiecksbeziehung zwischen dem psychopathischen Unsympath Nate (Jacob Elordi), seiner Ex-Freundin Maddy (Alexa Demie) sowie deren bester Freundin Cassie (Sydney Sweeney) – Letztere gleitet während der Staffel zunehmend in einen Nervenzusammenbruch. Alles kulminiert in einem abstrahierten Meta-Musical, das Cassies Schwester Lexie (Maude Apatow) über sich und ihre Clique verfasst und in den letzten beiden Episoden vor der ganzen High School aufführt.
Lexies autobiografisches Musical ist ein perfektes Beispiel dafür, wie «Euphoria» funktioniert – und worauf man sich als Zuschauer*in einlassen muss, um an der Serie Gefallen zu finden: Zu gross, zu aufwändig, zu übertrieben, um jemals als Musical an einer High School durchgehen zu können, erzählt das Stück die dramatische Geschichte der «Euphoria»-Charaktere nach, von der tragischen Kindheit bis zum explosiven aktuellen Moment. Die Darsteller*innen sind unheimliche Doppelgänger*innen der Figuren, Realität und Fiktion verweben sich untrennbar ineinander. Welche Dialoge sind wirklich geschehen, welche spielen sich nur im Stück ab? Darf man sich auf die Katharsis eines liebevollen Gesprächs verlassen, oder ist es nur Wunscherfüllung für das Publikum? Schaut man sich hier eine nihilistisch angehauchte Satire an oder eine komplexe Auseinandersetzung mit den Abgründen der Jugend?
«Euphoria» liebt das Spiel mit diesen Ebenen – und es bleibt dem Publikum überlassen, ob diese postmodernen Annäherungen an die Teenager-Jahre effektiv oder ein wenig zu gewollt clever sind. Irgendwie ist es beides – und wenn das Wechselspiel zwischen Meta-Kommentar und aufrichtigem Kern gelingt, entsteht aus der Reibung funkendes Fernsehen. «As a beloved character that a lot of people are rooting for, I feel a certain responsibility to make good decisions», greift so Serien-Erzählerin Rue in einem Voiceover etwa direkt die Kritiken auf, die der Serie die Glorifizierung der Drogensucht vorwerfen. «I get it. Our country’s dark and fucked up and people just want to find hope. Somewhere. Anywhere. If not in reality, then in television. Unfortunately, I’m not it.»
«‹Euphoria› liebt das Spiel mit diesen Ebenen – und es bleibt dem Publikum überlassen, ob diese postmodernen Annäherungen an die Teenager-Jahre effektiv oder ein wenig zu gewollt clever sind. Irgendwie ist es beides – und wenn das Wechselspiel zwischen Meta-Kommentar und aufrichtigem Kern gelingt, entsteht aus der Reibung funkendes Fernsehen.»
Hier wird klar, dass die Serie sich ihrer zentralen Stärke durchaus bewusst ist: Rue Bennett ist ebenso faszinierend wie frustrierend, liebenswert wie widerborstig, und ihrem (erneuten) Fall zuzusehen, ist schmerzhaft und unangenehm. Dass eine junge schwarze Frau so facettenreich sein darf, ebenso zerbrechliche Sympathieträgerin wie zerstörerische Antiheldin, ist auch in der heutigen TV-Landschaft leider nicht selbstverständlich – und gerade deswegen wird ihre Figur zu einem hypnotischen Fixpunkt. Zendaya, die für ihre Rolle in der ersten Staffel einen Emmy erhielt, glänzt in ihrer Darstellung einmal mehr, besonders in der nervenaufreibenden fünften Episode, die Rue gnadenlos in einen isolierten, verzweifelten Abgrund stösst, der tiefer kaum sein könnte.
Entsprechend banal kann sich die Serie anfühlen, wenn Rue das Scheinwerferlicht für einen Moment verlässt – und lässt einen wundern, wie effektiv diese Dichotomie zwischen Rues Abgründen und den High-School-Problemen der anderen Figuren denn ist. Ebenso schade ist es, dass komplexe Figuren wie Jude (deren einstündige Special-Episode Einblicke in ihre komplizierte Beziehung zu Rue und ihre Gefühle als Trans-Frau gab) und Kat (Barbie Ferreira, die in der ersten Staffel als Cam-Girl glänzte) in den Hintergrund treten müssen. Platz geben sie unter anderem dem getriebenen Bösewicht Nate, der trotz der Bemühungen der zweiten Staffel noch immer nicht berühren will, sowie seinem Vater, dessen Missetaten mit einer emotionalen Hintergrundgeschichte verkompliziert werden sollen – mehr oder minder erfolgreich.
«Man kann ‹Euphoria› vieles vorwerfen – langweilig ist die Serie aber sicher nie.»
Man kann «Euphoria» vieles vorwerfen – langweilig ist die Serie aber sicher nie. Dafür ist ihr Kern zu frenetisch, die Bilder zu hyperaktiv, die Stossrichtung zu gewollt kontrovers. Dass das Puzzle nie ganz zusammenpassen will, mag auch – je nach Zuschauer*in – als Stärke verstanden werden: Teenager-Leben sind ja geprägt von unvereinbaren Gegensätzen, von disparaten Problemen, von der Erkenntnis, dass nicht alle Geschichten so enden, wie man es sich wünschen würde. Genügend Momentum für eine dritte Staffel hat die Serie allemal.
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Serienfakten: «Euphoria» (2. Staffel) / Creator: Sam Levinson / Regie: Sam Levinson / Mit: Zendaya, Hunter Schafer, Maude Apatow, Angus Cloud, Sydney Sweeney, Alexa Demie, Jacob Elordi, Algee Smith, Eric Dane, Nika King / USA / 8 Episoden à 54–61 Minuten
Bild- und Trailerquelle: HBO Max