Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03268.jsonl.gz/877

Die Stiftung Gasometer
als Verwalterin eines einzigartigen Denkmals der Technikgeschichte
Christa BaldingerPräsidentin der Stiftung Gasometer
Andreas AbeggSekretär der Stiftung Gasometer
Der gerettete Gasometer geht an die Stiftung
Nachdem in den 1970er Jahren die Gasherstellung vom Erdgas abgelöst wurde, blieben die Gasometer in Schlieren noch viele Jahre stehen. Die damalige Eigentümerin, die Erdgas Zürich AG, sah aber kurz vor der Jahrtausendwende keine Verwendung mehr und stellte im Jahr 1999 ein Abbruchgesuch. In der Folge eines Rekursverfahrens stellte die Baudirektion des Kantons Zürich den Gasometer Nr. 1 inklusive Heizhäuschen unter Schutz. Daraufhin übertrug die Erdgas Zürich AG das Grundstück samt Gasometer dem Kanton Zürich, der seinerseits Grundstück und Gasometer im Baurecht der Stiftung Pro Zürcher Haus für 25 Jahre übertrug.
Die Stiftung Pro Zürcher Haus war vom Zürcher Heimatschutz gegründet worden, um die verschiedenen Liegenschaften zu verwalten, die dem Heimatschutz vererbt oder geschenkt worden waren. Entsprechend war die Stiftung eng mit dem Vorstand des Heimatschutzes verbunden, und verschiedene Vorstandsmitglieder des Vereins waren auch im Stiftungsrat tätig. So übernahm das Vorstands- und Stiftungsratsmitglied Beat Schwengeler die Leitung des damaligen Sanierungsprojekts. Begleitet wurde dieses Projekt von der kantonalen Denkmalpflege und der Stadt Schlieren. Die Machbarkeitsstudie sah vor, den Gasometer auf 80 % auszufahren und mit 16 Innenstützen auf dieser Höhe zu fixieren. Der Kanton Zürich sprach für das Projekt einen Kredit aus dem Natur- und Heimatschutzfonds.
Die erste Sanierung als bewegliches Industriedenkmal
Die Verantwortlichen hatten beim Sanierungsprojekt mit verschiedenen Schwierigkeiten zu kämpfen. Insbesondere der Korrosionsschutz war in dieser Grössenordnung herausfordernd: Einerseits musste der Gasometer von aussen vollständig mit einem Gerüst eingehaust werden, und andererseits arbeitete man im Innern von oben nach unten, indem man zuerst mit einem Gerüst die Unterseite des Dachs neu beschichtete und dann den Teleskop-Gasometer hochfuhr, um die Wände zu behandeln. Unter dem Dach herrschten Temperaturen von über 50 Grad Celsius, was das Arbeiten erschwerte. Zudem enthielt die Machbarkeitsstudie eine Fehlüberlegung: Ohne inneren Überdruck im Gasometer (wie ursprünglich durch das eingepresste Gas erzeugt) würde die nur 2,5 Millimeter dicke Blechhülle unter Windeinfluss zerbeult werden. Die Lösung für dieses Problem fanden die Projektverantwortlichen darin, den Gasometer weiterhin als Maschine zu betreiben, jedoch mit Luft statt mit Gas. So konnte der Teleskop-Gasometer mitsamt Besuchern im Innern weiterhin ausgefahren werden. Die Stiftung konnte das Projekt mit einem zusätzlichen Mitteleinsatz im Jahr 2005 abschliessen.
Probleme mit dem Korrosionsschutz
Nach abgeschlossener Erstsanierung verursachte ein Leck im acht Meter tiefen Wasserbecken sehr hohe Betriebskosten, über die auch die Presse berichtete. Zudem gefährdete der mangelhafte Korrosionsschutz, der von der Unterseite des Dachs abblätterte, die dünne Blechhaut. In diese Zeit fielen auch Querelen im Zürcher Heimatschutz, sodass sich im Stiftungsrat neues Personal um diese Probleme kümmern musste.
Neues Personal und die Suche nach neuen Lösungen
Den Vorsitz des Stiftungsrats übernahm alsbald die tatkräftige Präsidentin der Stadtzürcher Sektion des Heimatschutzes, Barbara Truog. Unter ihrer Leitung suchte der neu zusammengesetzte Stiftungsrat nach nachhaltigen Lösungen. Um den Gasometer als bewegliche Maschine wieder instand zu stellen, wäre eine erneute, kostspielige Sanierung nötig gewesen. Der beigezogene Ingenieur Jürg Conzett zeigte derweil eine Möglichkeit auf, den Gasometer zwar nicht als dynamisches Denkmal, aber doch in einer statischen Form zu erhalten, ohne dass andere, zukünftige Verwendungszwecke ausgeschlossen würden. Das neue Konzept eines schwebenden Regenschirms, mit welchem der Gasometer trockengelegt und somit das Korrosionsproblem gelöst würde, überzeugte den Stiftungsrat und die kantonale Denkmalpflege. Der Stiftungsrat begann deshalb mit den nötigen Vorbereitungen, um ein neues Gesuch beim Natur- und Heimatschutzfonds einzureichen.
Plötzlicher Tod der Stiftungsratspräsidentin
Während diesen intensiven Arbeiten verstarb überraschend die Stiftungsratspräsidentin Barbara Truog. Die NZZ lobte sie in einem Nachruf als zugleich kämpferisch wie auch lösungsorientiert. Tatsächlich hatte sie auch im Stiftungsrat die erneute Sanierung massgeblich angetrieben, war auf die verschiedenen Beteiligten zugegangen, erfragte und hinterfragte angebotene Lösungen und hielt dazu an, eine langfristig tragfähige Lösung zu finden, bevor der Gasometer irreparablen Schaden genommen hätte. Das Projekt war beim Tod von Barbara Truog derart weit fortgeschritten, dass die weiteren Stiftungsratsmitglieder die Sanierungsarbeit in ihrem Sinne und Geist fortführen konnten.
Pandemie und fehlende Preisstabilität gefährden das Projekt
Ein grosser Meilenstein erreichte der Stiftungsrat damit, dass der Regierungsrat im Dezember 2020 die beantragten Mittel aus dem Natur- und Heimatschutzfonds gutsprach. Der Stiftungsrat konnte dabei auf die wertvolle Unterstützung der kantonalen Denkmalpflege zählen, die – vor allem in der Person von Roger Strub – ebenso kritisch wie konstruktiv zur Sanierung beitrug.
Die Arbeiten für die Sanierung konnten noch vor der Pandemie ausgeschrieben werden. Im Zuge der Pandemie gerieten aber bekanntlich die Lieferketten und das Preisgefüge auf den Baumärkten aus dem Lot. Vor allem die Lieferschwierigkeiten für Holz verursachten Verzögerungen und Preissteigerungen. Das gut organisierte Projektteam – unter Beteiligung von Herbert Bruhin als Bauleiter, Oliver Streiff als beratendem Juristen und Stefanie Winter als Bauherrenvertreterin – sorgte aber dafür, dass das komplexe Projekt stets auf Kurs blieb und nun im Frühherbst 2022 eingeweiht werden kann. Barbara Truog hätte bestimmt grosse Freude an der Realisierung des schwebenden Regenschirms von Jürg Conzett und der langfristigen Rettung des Gasometers gehabt. Nun bleibt es am Stiftungsrat, neue Nutzungen für den Gasometer und interessierte Nachfolgerinnen und Nachfolger im Stiftungsrat zu finden.