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Bellinzona 15 Mai 1869.
Lieber Freund!
An's Ziel bin ich endlich gelangt, wie Du meiner heutigen ersten telegr. Depesche entnommen haben wirst, denn die zur Rechtsgültigkeit der Konzession, wie sie v. Gr. Rath beschlossen ist, erforderliche Zustimmung des Staatsraths ist bereits beschlossen & wird in der heutigen Abendsizung des Gr. Rathes eröffnet werden, sodaß also die Konzession gegeben ist. So weit Ducoster & ich uns den Verhandlungen & Abstimmungen des Gr. Rathes & aus den provozirten Mittheilungen des Berichterstatters Lurati entnommen haben, sind nur 2 Aenderungen am Entwurf der Mehrheit getroffen worden. Die erste besteht darin, daß in Art. 11 festgesezt wurde, es sollen die Pläne etc. längstens 1 Monat vor Beginn der Arbeiten dem Staatsrath zur | Prüfung vorgelegt werden. Die zweite beschränkt die in Art. 12 vorgeschlagene Frist für Bundesgenehmigung der Konzession auf die infolge der dießjahrigen Wahlen für den Nationalrath im Winter dieses Jahres stattfindende Bundesversammlung, so daß also bei Folge des Erlöschens der Konzession dieselbe in einer der 2 nächsten Sizungsperioden der eidgenöss. Räthe erfolgen muß. Diese beiden Aenderungen wurden mir heute in der Sizung des Gr. Rathes von den Mitgliedern der Komm.Mehrheit als nothwendig genannt; die erste sollte 2 Monate betragen & brachte ich diese Frist auf 1 Monat hinunter | die zweite bekämpfte ich bestmöglich, drang aber nicht durch; um so eindringlicher verlangte ich die Festhaltung der 18 Monate zur Konstituirung der Gesellschaft v. der Bundesgenehmigung hinweg, da diese Herren von Seite der Minderheit hauptsächlich Angriff auf die verschiedenen längeren Termine fürchteten. Wirklich drehte sich heute der Kampf hauptsächlich um die Fristen in Art. 12 & um den Art. 36, betreffend die Aufhebung der Nebenbestimmungen der Cessions verträge. Die Minderheit wollte für die Thalbahnen nur 12 Monate v. Auslauf der in den bezüglichen Concess. enthaltenen Frist (14 October 1869) | als Verlängerung einräumen, unterlag aber in beiden Punkten. Bei der Gesammtabstimmung war dann keine kompakte Minderheit mehr bemerkbar. Die Subventionsfrage wird wahrscheinlich verschoben werden, da der Große Rath, müde ist & wahrscheinlich diesen Abend Schluß seiner dießmaligen 4wöchigen Periode erklärt. Es war wohl nöthig, im gegebenen Moment fest auf Erledigung zu dringen, die Sache wäre sonst hängen geblieben.
Soeben 7½ U. komme ich aus dem Gr. Rath, wo infolge Zustimmung der Regierung z. Entwurf, derselbe, wie aus der Berathung hervorgegangen, noch einmal | ganz verlesen & dann der Endabstimmung durch Namensaufruf unterworfen wurde. 73 nahmen denselben an, 5 verwarfen ihn & 13 enthielten sich der Abstimmung. Der Präsident Jauch, welcher auch zu stimmen hatte, nahm auch an, obgleich er bei den Einzelfragen, welche bei Namensaufruf entschieden wurden, mit den Locarnesen stimmte. Von den Deputirten an der Locarno–Bellinzona– Biasca Linie hat allein Ständerath Fratecolla konsequent mit der Mehrheit der Kommission gestimmt & dadurch volle Unabhängigkeit von der schmollenden Minderheit seiner näheren Umgebung gezeigt. Im Kampf hat Airoldi, der neue Ständerath für Stoppani, sich am fähigsten & wirksamsten | bewiesen. Die beiden Ständeräthe sind also vorab Deiner Aufmerksamkeit für das Geschehen werth. Jauch hat sich nur warm für die Sache ausgesprochen, doch aber jedenfalls dieselbe nicht gehindert & wenn ich mich nicht irre, für dießmalige Erledigung im Sinne der Ertheilung der Konzession gewirkt.
Die Subsidienfrage wurde nach Antrag der Kommission auf die nächste Sizung des Großen Rathes verschoben & wird auf dann die Kommission Bericht & Antrag darüber | vorlegen. Es ist nicht möglich, dießfalls etwas zu prognostiziren; der Verlauf der Angelegenheit überhaupt wird so oder so einwirken & hoffen vielleicht die hiesigen Herren auf eine Entwiklung, die sie eher erleichtern dürfte. Wir gaben heute noch ein spezielles Schreiben an den Gr. Rath ein, 2 Millionen über die 2 bereits votirten hinaus als billigste Prämie bezeichnend & erwartend. Wenn wir noch eine bekommen, dürfte es fast alles Erreichbare sein.|
Soll ich v. Haus aus Dir oder Herrn Zingg noch einen Schlußbericht senden? Hast Du überhaupt noch mich um Auskunft zu fragen, so stehe ich gerne nach Möglichkeit zu Diensten.
So weit, lieber Freund, nimm mit meiner Wirksamkeit vorlieb & genehmige meine herzlichen Grüsse
Dein
Siegfried