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Am nächsten Abend erreichten wir Dera Ghazi Khan, der letzte grössere Ort, bevor wir das Dorf erreichten, wo wir Eid verbringen würden. Wir mussten was essen. Fruits and dahi (Joghurt), spicey!! Wie ich das liebe! Das hätte ich morgen am liebsten wieder zum Frühstück! Wenn man als Frau in so ein Essenslokal kommt, wird einem sofort das Separé hinter einem Vorhang angeboten. Wir sassen da mit anderen Frauen, die ihre Schleier abgenommen hatten, die uns genau beäugten und guckten, wie wir assen und fragten, ob sie mit dem Handy Fotos machen dürften. Draussen waren viele Burkas zu sehen, ein Tuch von Kopf bis Fuss mit Gitternetzpartie für das Gesicht. Oben auf dem Kopf gipfelte das Tuch in einen sonderbaren Stöpsel, so dass der Anblick irgendwie ziemlich an eine Birne erinnerte. Es fiel auf, dass alle Frauen ihre Gesichter verdeckt hielten. Mein Tuch liess mein Gesicht offen, daher war ich auffallend, auch durch meine Gesichtsfarbe. Die Blicke waren immer extrem neugierig und ungeniert, doch ich sah darin keinen Vorwurf oder einen schlechten Gedanken. Vermutlich schaute ich selber oft auch neugierig zurück. Ich brauchte noch ein paar geschlossene Schuhe, da ich mich in Lahore barfuss in offenen Schuhen fürchterlich erkältet hatte. Zeeshan on his spending spree und in seiner unendlichen Gastfreundschaft musste mir die Schuhe einfach kaufen. Was David und ich nur anguckten, wir mussten aufpassen, dass Zeeshan es für uns nicht sofort erwarb. Im Dunkeln erreichten wir das Dorf.
January 16, 2007
Zeeshan, jetzt nenne ich in “my Pakistani brother” :), nahm uns um den 30. herum in seinem kleinen weissen Suzuki in seine Heimat in der Nähe von Dera Ghazi Khan mit. Neun Stunden Fahrt annähernd bis Multan, wo wir einmal übernachteten. Seezhan war mein verkörpertes Bollywood. “Nobody can stop me from listening this muuusic!!” war seine Philosophie und die Party war da. Ansonsten lief Radio Zeeshan mit belehrenden Ausrufen wie: “Sarah, Sarah look! This is a sugar cane field!! …. Look! This is our big river Indus! …. Look! Overthere are Mango trees!” Ich gebe zu, dass ich mich ab und zu buchstäblich tot stellte, um ein bisschen weniger Wortschwall abzubekommen ;). “What is with her? Do you know yar (friend), I think Sarah is too shy! Today she doesn’t talk anything. First I thought she was outgoing, but today…” 😉 Zeeshan war ständig am Brüten, er schien einfach immer “eingeschaltet” zu sein. Unterwegs hielten wir in einem Ort, um einen Onkel (?) Zeeshans zu besuchen, welcher der Kinderarzt im Ort war. Im Raum, der auf die Strasse offen war, tummelten sich Frauen mit Kleinkindern, uns wurden neugierige Blicke zugeworfen. Umringt von einer Gruppe Frauen entdeckten wir einen Mann an einem Holzpult vor aufgeschlagenem Heft, eifrig die Patientenlisten führend. Er begrüsste uns und wies uns in den oberen Stock, der kaum ausgebaut schien, in sein Büro. Wir bekamen vier Milk teas (char chaj) und sprachen über Konfessionen. Zeeshan stellte irgendsoeine Frage, und die Koran- und Bibelstunde war eröffnet. 😉 Seinen Onkel sahen wir eigentlich gar nicht mehr, aber die Pause war gut! Multan war unser erstes Ziel für den Tag. Wir kamen gegen Abend dort an, mussten uns umziehen, die schönen Sachen, die wir gekauft hatten, um nachher in einer lotterigen Kneipe mit Brathähnchen im Hinterhof zu essen 😉 “Zeeshan I feel terribly overdressed!!” – ” No, you look alright. Everything is fine.” Danach fuhren wir zum grössten Shrine in Multan, es war bereits stockdunkel, und es hatte dort kein Licht. Wir liefen barfuss über die nachtkalten Plättchen auf dem Platz, über die glatte Schwelle des Eingangs, auf die man eben nicht treten sollte, und schlüpften vorbei an ein paar Öllichtern ins warme Dunkel. Es war still, und man hörte aus den Nischen Atmen, der Shrine des Sufis glitzerte, es roch nach Blumen. Unsere Füsse, Ohren und Nasen sahen anstelle unserer Augen. Ich erschrak kurz, als ich fast über den Fuss eines Schlafenden stolperte. Es war ein blinder Gang zu einem schönen, friedlichen Shrine, wo alles ruhte. Auch am nächsten Tag gingen wir dorthin, und wir sahen den Ort mit unseren Augen. Doch blind gefiel mir der Ort am besten.
Was soll ich sagen? War ich überrascht? Ich kann es gar nicht mehr genau sagen, ich hielt mich einfach für den wohl glücklichsten Menschen. Ich war bei dem Menschen, der mir am liebsten ist, mit dem ich wohl überallhin reisen könnte, und in einer chaotischen mir noch rätselhaften Stadt. Am ersten Tag, vielleicht ist dies auch der Müdigkeit zuzuschreiben, ergriff mich immer wieder das Lachen. Wohin wir liefen, ich konnte fast nur Männer sehen, und die schauten sich weiss nicht was nach uns um. Ganze Gruppen in Bussen drehten synchron mit grossen weissen Augen, ihre Köpfe nach uns. Zeeshan, der uns am Flughafen abgeholt hatte, nahm uns zuerst zu sich nach Hause. David und ich standen auf dem Flachdach oben und schauten auf die dunstig staubigen Strassen runter, auf die vorbeipreschenden Motorbikefamilies (Papa, Kind, Mama, Kind). Zeeshan warf mir eine Amrood zu (Birnenförmig, wird oft zu Juice gepresst). Ich war zurück! Das war mein Gedanke dort oben. Zurück in der Welt. Mein Vater pflegte manchmal etwas nüchtern zu sagen “Welcome back to reality”, wenn ich aus Russland in die Schweiz zurückkam. Nur, was hat es denn mit Realität eigentlich auf sich? Gerade Russland entfaltete sich mir mit einer Art von “grausamer” Schönheit und altem tiefem Puls. Es war der erste Ort, an dem ich das Gefühl hatte in das kalte Wasser des Lebens geworfen zu werden. Die Schweiz schien mir ein Schlummerleben dagegen. Ethan Casey schreibt in seinem Buch “Alive and well in Pakistan” (hängt mich nicht zu sehr daran auf, es ist das einzige Buch, das ich zu Pakistan gelesen habe!): “… to know how artificial and stylized life is in suburban America, like a sitcom in endless reruns. (…) Once I had peirced the membrane and escaped, there was no going back.” Nicht weniger schien mir diese Luft dort Realität zu sein, nicht weniger kam ich mir als Teil von Geschehnissen vor, die wir dort mit Leuten in diesen drei Wochen teilen würden. Am Abend gingen wir Kleider kaufen, zuerst fanden David und Zeeshan sich je zwei Paar schöne Shalwar Kameez (Shalwar: pludderige Hose mit unbegrenzt weitem Bund, Kameez: langes Überkleid, bzw. Hemdbluse). Im Frauenkleidergeschäft sassen vier Verkäufer. Frauen arbeiten nicht in Geschäften. Einen Spiegel gab es nicht, David beriet mich farblich. Vom Schnitt sind alle Shalwar Kameez sehr ähnlich weit geschnitten. An der Ecke beim Anarkali gibt es einen Fruit Juice Stand mit Tischen und Stühlen, und alle schlürfen Juice. Quaya kachur (ungefähr) ist ein unübertrefflicher Dattelshake! Ab zwei Personen bekommt jeder noch ein kleineres Glas, damit man gegenseitig austauschen kann!! Herzig oder? Zeeshan hatte uns ein Hotel ausfindig gemacht, unweit von seiner Uni, wo wir zwei Tage blieben.
Ich sitze im Schnellzug nach Zürich, und meine Hände nesteln wieder nervös in meinen tausend verschiedenen Studienblättern. Eine bereits grüne Landschaft mit klaren geraden Linien zieht vorbei. Ich brauche aber nur auf meine beiden Handrücken zu schauen, um die letzten Spuren Pakistans auch noch vor Augen zu haben. Es war der 31. Dezember 2006, als ich kurz vor Mitternacht auf einem grossen Bett sass, umringt von vier bis fünf Frauen. Eine von ihnen malte mir Blumenmuster auf die Hände, exakt dann, als das alte Jahr ins neue überging. Somit trage ich auch noch sichtbare Spuren des alten Jahres an mir.