Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/508

Eine erklärende Antwort am Rande einer polemischen Diskussion (Précis).
Der Leier Gitter zwängt ihm nicht die Hände. / Und er gehorcht, indem er überschreitet. – Rainer Maria Rilke, «Sonette an Orpheus».
Lyrik ist eine Textgattung, die mit Regeln und Konzepten arbeitet, wie Schwitter in seiner Replik auf meinen Sonettenkranz bemerkt. An einem einzelnen Wort eines Satzes von Jan Wagner, der übrigens kürzlich an den Solothurner Literaturtagen persönlich anwesend war, zündet sich der Streitpunkt: «kunstvoller Regelbruch». Nur, was soll dieses Kunstvolle sein?, fragt Schwitter.
Ohne zu weit in einen Diskurs über menschliche Kunst und der irren Gegenüberstellung von Natur (denn was soll das sein) abzudriften, lässt sich vielleicht festhalten: Wenn akzeptiert wird, dass Schreiben bedeutet, Worte auszuwählen (denn gerade das unterbindet die von Schwitter verabscheute Beliebigkeit), dann kann angenommen werden, dass Schreiben eben auch bedeutet, Regeln auszuwählen. Und zwar jene Regeln, nach denen wiederum die Worte ausgewählt werden. So können Schiller/Goethe gemütlich ihrem Genius frönen, der dabei ein leitgebende Prinzip ist, genauso wie die Mimesis ein leitgebendes Prinzip sein kann. Diese beiden Beispiele sind zwar keine einzelne Regeln, vielmehr Regelsysteme, die durch eine Kombination von Regeln zu einem tonangebenden Konzept werden. Der freie Vers wäre in dieser Analyse der formgebenden Prinzipien von Gedichten gleichsam die Abwesenheit von Regeln oder Regelsystemen. Das ist allerdings nicht nur aus theoretischen Gründen unmöglich. Ein Zeilenbruch, egal wie scheinbar frei, ist immer eine bewusste Entscheidung, wenn er nicht durch das Format des Papiers erzwungen wird. Die Alternative wäre eine endlose Zeile. Der freie Vers hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten, als sich einfach auf die gesetzte Entscheidung zu berufen. So können Alliterationen oder andere formale Mittel genauso im freien Vers vorkommen. Die Entscheidung, einen Zeilenbruch zu setzen, kann minimal, durch sich selbst begründet sein. Sie ist trotzdem vorhanden und lässt sich nicht wegreden, auch wenn dieser Bruch zugegebenermassen nicht geregelt ist. Die andere Frage ist, ob es spannendere Zeilenbrüche als nur durch sich selbst motivierte gibt. Jedoch genauso langweilig: Formspiele, um ihrer selbst willen.
Eine kurze Bemerkung zu Regeln in der Lyrik. Von diesen sind einige nennbar: Der Paarreim, der Kreuzreim, im Grunde alle Arten von Reimen; metrische Strukturen; Zahlen- und nummerische Werte; jeden Tag ein Gedicht und nur eines zu schreiben; typografische Anordnungen et cetera. Reime ich Zeile 1 auf Zeile 2 und verfahre ich so im Folgenden, kann angenommen werden, dass ich einer Regel etabliere und durch die konsequente Anwendung als Regel bestätige. Möglicherweise gibt es noch mehr anwendbare Regeln, die spannend für die Lyrik sind. Ein Reim funktioniert über einen Gleichklang. Darin kann auch ein erkenntnistheoretischer Wert gesehen werden: Zwei Worte, die semantisch nicht zwangsläufig etwas miteinander zu tun haben, werden in eine Verbindung gebracht.
Diese neue Relation eröffnet einen erweiterten Bedeutungsraum und widerspricht unter Umständen dem, wie die alltägliche Vernunft die Welt interpretiert. Es geschieht eine Neuinterpretation der Welt und ein alternativer Bedeutungszusammenhang entsteht. Darin kann eine literarische Funktion gesehen werden. Reime funktionieren also wesentlich deswegen, weil sie zwischen zwei semantisch ungleichen Worten eine Relation suggerieren. Diese Funktion kann auch auf andere Weise erreicht werden. Als Beispiel: Stehen zwei Worte mit verschiedener semantischer Bedeutung aber mit derselben Anzahl von Buchstaben direkt untereinander, ist insbesondere bei einer nicht-proportionalen Schrift eine Gleichheit auszumachen: Die Worte nehmen optisch gleich viel Platz auf dem Papier ein. Sie besitzen die gleiche Anzahl Buchstaben. Dieses Vorgehen ist auch auf ganze Zeilen anwendbar. Zwei Zeilen werden dann trotz ihrer inhaltlichen Ungleichheit optisch angeglichen. Diese Art der ungleichen Gleichheit ist zwar nicht direkt als Gleichklang hörbar, aber doch sinnlich, und zwar über die Sicht als Ähnlichkeit wahrnehmbar.
Gibt es bei Endreimen auch unreine oder unechte Reime, die den Gleichklang am Ende des Wortes (!) nicht vollständig erbringen, gibt es auch bei optischer Gleichheit eine mögliche Unreinheit. Dann, wenn die Zeilen zwar ähnlich, aber nicht exakt gleich lang sind. Das ist der Fall im «Sonettenkranz ohne Sonette». Auf die Strophe gedacht ist dort ein Quadrat angedeutet. So werden nicht nur die Zeilen optisch ähnlich, sondern auch die Stophen, wie im klassischen Sonettenkranz. Dort sind die Strophen deswegen alle ähnlich, weil es sich um Sonette mit festgelegten Zeilenzahl etc. handelt. Die optische, unreine Gleichheit spiegelt sich inhaltlich im Motiv der «Bodenplatten». Häufig sind solche Strassenbeläge nicht genau gleich, sondern beispielsweise bei Kopfsteinpflaster gerade bloss annähernd ähnlich.
In der klassischen oder traditionellen Analyse wird das Einhalten der regelhaften Konsequenz als «formvollendet» betrachtet. Kein Wunder also, klingt im Hintergrund der Diskussion um Formen in der Lyrik im gegenwärtigen Diskurs die Diskussion um Autorität und Antiautorität mit. Dabei geht gerne vergessen, dass Regeln und das Befolgen von Regeln nicht zwangsläufig mit blinder Autoritätsgläubigkeit zu tun haben.
Wie bereits angetönt, bin ich der Auffassung, dass bei einer enormen Fülle an möglichen und noch zu entdeckenden Regeln, aus denen eine schreibende Person auswählen kann, um ihrem flüchtigen Arrangement von Worten die Beliebigkeit zu nehmen (für einmal ex negativo), ebenso eine Komposition für die Regeln, wie so für die tatsächlichen Textoberfläche, angenommen werden kann. Diese Fülle deutet an, dass keine Auswahl an Regeln als definitiv gesehen werden kann. Eine Poetik ist demnach ein Versuch, solch eine Auswahl an Regeln oder eines Regelsystems als werthaft, meistens als besonders werthaft, zu verteidigen. Das mag gelingen, ist aber niemals exklusiv.
Das ist denn auch der Erkenntniswert des «Sonettenkranzes ohne Sonette». Denn wie Patrizia Huber in ihrer Kritik richtig bemerkte, habe ich einige formale Regeln des klassischen Sonettenkranzes übernommen. Gleichzeitig habe ich, wie der Titel sagt, auf das partikulare Regelsystem, durch welches klassische Sonette geleitet werden, verzichtet und stattdessen die unbenannte optische Ähnlichkeit gewählt. Der Umstand, dass Huber dies dem Text entnehmen konnte, widerspricht Schwitters Andeutung, dem Text fehle ein erkenntnistheoretischer Gewinn. Das ist auch nicht bieder-banal, wie er vorwirft. Nur weil eine Idee einfach ist, heisst das nicht, dass sie schlecht oder banal ist. Meines Wissens ist im delirium N°06 der weltweit erste Sonettenkranz ohne Sonette abgedruckt. Das finde ich nicht bieder, und auch nicht banal. Im Rückblick zu sagen, «das hätte ich auch gekonnt», ist darum verfehlt, weil es bis anhin niemand getan hat. Es spricht sogar für den Text, dass die Grundidee simpel ist. Umso mehr, da sie zuvor noch niemand umsetzte. Selbstredend muss es Schwitter nicht gefallen, dass der Text keine Sonette enthält. Das ist dann wohl eher Geschmacksfrage als Formsache.
Aufgrund der mehrfachen Aufnahme und des Rätselraten um die Zeilenzahl der Strophen sowohl in Hubers wie auch in Schwitters Kritik, möchte ich mich zu diesem Punkt noch äussern. Tatsächlich ist die (exakte) Zahl der Zeilen einer Strophe nicht festgelegt, bewegt sich aber zwischen zehn und zwölf Zeilen, ausser im ersten Gedicht mit dreizehn Zeilen. Optisch deuten die Gedichte Quadrate an. Inhaltlich spiegelt sich die optische Form der einzelnen Gedichte in der Gegenüberstellung von Quadratur und Kreis, die mehrfach im Text namentlich benannt werden. Ohne jetzt auf jede einzelne Manifestation dieser geometrischen Formen eingehen zu wollen, ist der Themenkomplex hierfür entscheidend. Gleichzeitig löst sich das Mysterium um die «Stunde» im Titel des Kranzes, der aus zwölf Gedichten besteht, wie die Anzahl Stunden, die eine analoge Uhr anzeigt (die übrigens ein Kreis darstellt). Auf einer digitalen Uhr hingegen entspricht die Zahl dreizehn der ersten Stunde nach zwölf Uhr mittags. Auf meinen Text bezogen bedeutet dies, dass nach dem ersten Durchgang der zwölf Gedichte die zweite Hälfte des Tages anbricht, angedeutet durch diese Analogie im ersten Gedicht, welches dreizehn Zeilen aufweist. Der Kranz schliesst nicht nur durch die Kranzstruktur, sondern auch nummerisch und inhaltlich wieder vorne an.
Um Schwitters Bild aufzugreifen, habe ich eine modische Todsünde begangen. Ich habe gemischt, was nicht zu mischen war. Ich habe den gar nicht so freien freien Vers als Komplementärfarbe ins Herz der formvollendeten Lyrik, der Sonettenkränze, getragen und die Quadratur des Kreises probiert.
Carlo Spiller