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von Victoria Schüttengruber
Das Merkmal des «grandiosen Narzissmus» beschreibt Personen, die egozentrisch sind, keine Rücksicht auf Mitmenschen nehmen, sich selbst über andere stellen, und der Ansicht sind, im Vergleich zu anderen Menschen eine besondere Behandlung zu verdienen. Um dies zu erreichen, werden auch sozial unerwünschte Verhaltensweisen eingesetzt (z.B. Aggression, Mobbing). Die Forschung nimmt an, dass neben Genen auch die Erziehung den Ausprägungsgrad von Narzissmus beeinflusst: Beispielsweise könnten sich Kinder das übermässige Loben und die überhöhten Erwartungen der Eltern zu eigen machen und dadurch narzisstische Merkmale wie ein Gefühl der Grandiosität und Anspruchsdenken entwickeln. Somit könnte man argumentieren, dass Einzelkinder narzisstischer als Kinder mit Geschwistern seien, da Einzelkinder die Aufmerksamkeit der Eltern nicht mit ihren Geschwisterkindern teilen müssen. Sowohl in der Forschung als auch in den Medien wird häufig angenommen, dass das Vorhandensein bzw. Fehlen von Geschwistern die Persönlichkeit beeinflusst. Stimmt es also, dass Einzelkinder narzisstischer sind als Geschwisterkinder? Bisherige Forschungsergebnisse können diese Frage nicht eindeutig beantworten.
Forscher/innen der Universitäten Leipzig und Münster nahmen das Stereotyp «Einzelkinder sind narzisstischer als Geschwisterkinder» in zwei Studien «unter die Lupe». Sie wollten herausfinden, wie verbreitet das Stereotyp unter Laien ist, und wie sehr das Stereotyp Einzel- und Geschwisterkinder tatsächlich beschreibt. In Studie 1 untersuchten die Forscher/innen die Prävalenz (Häufigkeitsrate) des Stereotyps. Hierzu schätzten 556 Laien das «typische» Einzelkind und das «typische» Geschwisterkind auf zwei Dimensionen des grandiosen Narzissmus ein: der agentischen Dimension der narzisstischen Bewunderung («admiration», soziale Bewunderung durch Selbstüberhöhung) und der antagonistischen Dimension der narzisstischen Rivalität («rivalry», Selbstschutz gegenüber sozialem Versagen durch Selbstverteidigung). Die Teilnehmenden beurteilten, wie sehr die Aussagen in einem Fragebogen (Narcissistic Admiration and Rivalry Questionnaire NARQ) auf ein „typisches“ Einzelkind und getrennt davon auf eine Person mit zumindest einem Geschwisterkind zutrafen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Laien dem «typischen» Einzelkind sowohl höhere Bewunderung als auch höhere Rivalität zuschrieben. Auch Teilnehmende, die selbst Einzelkinder sind, waren der Meinung, dass «typische» Einzelkinder höhere Werte auf der Skala «narzisstische Bewunderung» erzielen. Die Einschätzung, dass «typische» Einzelkinder auch höhere Werte auf der Skala «narzisstische Rivalität» zeigen, war nur unter Teilnehmenden zu finden, die selbst keine Einzelkinder sind.
Studie 2 widmete sich der Frage, wie „richtig“ dieses Stereotyp in der deutschen Bevölkerung ist. Um Einzel- und Geschwisterkinder in Bezug auf grandiosen Narzissmus zu vergleichen, analysierten die Forscher/Innen die Daten von insgesamt 1.810 Teilnehmenden einer repräsentativen Studie in Deutschland. Die Ergebnisse widersprachen dem Stereotyp: Einzelkinder zeigten keine höheren Werte als Geschwisterkinder auf den zwei Narzissmus-Dimensionen («admiration», «rivalry»). Diese Ergebnisse veränderten sich nicht, wenn für wichtige andere Variablen (z.B. Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status der Eltern) «kontrolliert» wurde. Somit scheint das unter Laien sehr verbreitete Stereotyp über den höheren Narzissmus bei Einzelkindern schlichtweg fehlerhaft zu sein. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass diese Forschung in Deutschland durchgeführt wurde; es bleibt unklar, inwieweit die Ergebnisse auf andere Kulturen generalisierbar sind. Zudem wurde nur grandioser Narzissmus untersucht, nicht aber die narzisstische Persönlichkeitsstörung oder der vulnerable Narzissmus.
Was können wir uns aus den Studienergebnissen für unseren Alltag mitnehmen? Obwohl das Stereotyp «Einzelkinder sind narzisstischer als Geschwisterkinder» unter Laien sehr verbreitet ist, scheint es nicht zu stimmen. Da Narzissmus ein im Alltag «unerwünschtes» Persönlichkeitsmerkmal ist und man diesen Personen «lieber aus dem Weg geht», sollten wir dem Stereotyp «Einzelkinder sind narzisstischer als Geschwisterkinder» ein Ende setzen. Einzelkindern «automatisch» höheren Narzissmus zuzuschreiben kann zu deren Diskriminierung und Benachteiligung führen. Wir sollten also keineswegs vom Stereotyp auf das tatsächliche Ausmass des Narzissmus bei einem Einzelkind schliessen.
Literatur
Dufner, M., Back, M. D., Oehme, F. F., & Schmukle, S. C. (2020). The end of a stereotype: Only children are not more narcissistic than people with siblings. Social Psychological and Personality Science, 11, 416-424.
https://doi.org/10.1177/1948550619870785
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