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Die Arbeiterschaft geht in die Offensive
Wie stark die Arbeiterfrage die Öffentlichkeit bewegte, ist noch besser als an den schüchternen ersten Aktivitäten der frühen Arbeitervereine an den Reaktionen des Bürgertums abzulesen. Besorgte Leute aus seinem Umkreis mussten sich ernsthaft mit den Lebensbedingungen des Proletariates beschäftigen, so 1869 in Rorschach auch die Gemeinnützige Gesellschaft, die die Gründung von Kosthäusern, Sparkassen, Krankenkassen, den Bau von Arbeiterwohnungen, Verbot der Nachtarbeit usw. empfahl. Chancen auf Realisierung hatten solche Anregungen, wenn man sich die Allmacht des Gewinnstrebens vergegenwärtigt, allerdings erst dann, wenn die Arbeiter sie zu ihrer Sache machten und Bereitschaft zeigten, sie selbst durchzufechten. Sobald die Arbeiterschaft sich diese Einsicht aneignete und ihr Selbstbewusstsein stärkte, musste es zum Konflikt mit dem Bürgertum kommen.
Die löbliche Bctriebsamkeit des kleinbürgerlichen Grütlivereins wurde lange nicht überall sehr ernst genommen, obwohl dieser 1877 gemeinsam mit den Konservativen dem eidgenössischen Fabrikgesetz zum Durchbruch verhelfen und damit beweisen sollte, dass er eine politische Macht darstellen konnte. Der Schrecken fuhr dem Bürgertum erst nach der 1864 erfolgten Gründung der I. Internationale in die Glieder. Der Grundgedanke der IAA (Internationale Arbeiterassoziation), die ideologisch auf der Philosophie von Karl Marx fusste, war derjenige der Arbeiterselbsthilfe auf internationaler Ebene. Anstelle des Nationalitätengegensatzes wurde der Klassengegensatz als treibende Kraft der Geschichte erkannt, an deren Ende Marx als festgelegte Erlösung die Entstehung der klassenlosen Gesellschaft setzte.
Man mag über Marx und seine Ideen denken wie man will, ihre historische Wirkung war gewaltig, weil sie letztlich beruhen - und hierin sind sie ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts - auf dem unerschütterlichen Vertrauen in den gewissermassen vorprogrammierten guten Gang der Geschichte und ihre Kraft schöpfen aus dem Glauben an Unvermeidlichkeit einer schönen Zukunft. Offensichtlich konnten die Kirchen diesen Glauben den notleidenden Massen nicht mehr überzeugend vermitteln. Der Erfolg des Marxismus und seiner Abkömmlinge hängt aber auch damit zusammen, dass er von der grenzenlosen Wissenschaftsbegeisterung der Zeit profitierte, denn sein Schöpfer selbst interpretierte seine Lehre als reine Wissenschaft, obgleich sie ihre emotionelle Schubkfaft im Grunde aus der Tatsache empfing, dass sie vor allem eine religiöse Vision im nationalökonomischen und philosophischen Gewande war und ist.
Das politische Klima verschärfte sich seitdem deutlich, und es sollte dauern, bis das bestürzte Bürgertum sich damit abgefunden hatte, dass die Geduld der Arbeiterschaft nicht unerschöpflich war. Weil die 1. Internationale den Streik als Mittel des Arbeiterkampfes voll anerkannte, geriet sie, wo immer auch solcher ausbrach, in den Verdacht, ihre Finger im Spiele zu haben. Das war tatsächlich der Fall beim berühmten Genfer Bauarbeiter-Streik von 1868, aber weil die finanziellen Möglichkeiten der IAA in keinem Verhältnis zu ihren Plänen standen und ausserdem ideologische Zerrissenheit ihre Durchschlagskraft lähmte, bedeutete ihre Propaganda keine unmittelbare Gefahr für die Herrschaft des Bürgertums; sie vermochte der Arbeiterschaft höchstens moralischen Rückhalt zu bieten.
Auch Rorschach erlebte 1870 einen Arbeitskonflikt, von dem leider, weil darüber nur einige Zeitungsnotizen existieren, nicht zu sagen ist, ob er irgendwie mit der IAA zu tun hatte. Die bei den Hafenumbauten beschäftigten Steinhauer hatten die Arbeit niedergelegt, nachdem sie vergeblich «in einer durchaus anständigen Form»89 ihre Arbeitgeber gebeten hatten, den Lohn etwas zu erhöhen, vierzehntäglich statt monatlich auszuzahlen und die veralteten Winden und Hebeeisen, die eine «Gefahr für Leben und Gesundheit»90 darstellten, zu ersetzen. Man wies die Gesuchssteller nicht nur ab, sondern drohte ihnen noch mit der Polizei, so dass selbst die liberale Presse die Streikenden in Schutz nahm. Auch wenn der Ausgang des Streites unbekannt ist, das Ereignis als solches ist bedeutsam genug, weil sich darin ankündigte, dass auch für das Hafenstädtchen in politischer Hinsicht die Gemütlichkeit des Biedermeiers endgültig abgelaufen war.
Mit dein Fortschreiten der Industrialisierung gewann die Arbeiterbewegung in Rorschach an Anhängerschaft. Hermann Greulich, der später legen däre Vater der schweizerischen Arbeiterorganisationen, sprach hier 1877 über die Notwendigkeit der beruflichen Vereinigung und votierte für den Anschluss aller Arbeitervereine an den seit 1873 bestehenden Arbeiterbund, noch gab es keine sozialdemokratische Partei von gesamtschweizerischer Bedeutung. Greulich kritisierte «die Schäden der kapitalistischen Ordnung» und zeigte, wie die «gepriesene freie Konkurrenz ... nur dazu diente, um die zeitlichen Güter in die Hände weniger Auserlesener zu vereinigen, welche auf dem grünen Felde des Rückens der Arbeiter säen und ernten».91
So recht Schwung kamen die Arbeiterorganisationen bei uns erst nach der Jahrhundertwende; die Zahl der Arbeitskonflikte nahm sprunghaft zu. Im Jahre 1900 z. B. kam es in der Feldmühle zu einer ganz harten Auseinandersetzung, in deren Folge 1200 Beschäftigte den Arbeitsplatz verliessen, und 1905 erregte der <Giesserkrawall> die Gemüter; Scheiben gingen in Brüche, Militär wurde aufgeboten, ein gerichtliches Nachspiel folgte. Das martialische Drohen mit dem Säbel war selbstverständlich die denkbar dümmste Reaktion der Verantwortlichen und hat alles andere als eine Entlastung des vergifteten Klimas bewirkt.
Rorschach hat im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts viele Streiks erlebt. Zumal die Feldmühle musste diesbezüglich einiges durchstehen, weil sie sich als schier uneinnehmbare Bastion des patriarchalischen Unternehmertums erwies. Mit der Zeit haben beide Seiten die Anwendung besserer Mittel und Kompromissbereitschaft gelernt. Gerechterweise muss man rückblickend zugeben, dass bei den zum Himmel schreienden Lohn- und Arbeitsverhältnissen, bei der überheblichen Behandlung der Arbeiterschaft durch ihre Vorgesetzten, die Mühe hatten, das Vereinsrecht auch fir ihre Untergebenen gelten zu lassen, in zahllosen Fällen nur noch der Streik als ultima ratio übrigblieb.
Die Arbeiterschaft wusste sich indessen auch noch mit andern Mitteln zu helfen. Eines der imponierendsten ihrer Selbsthilfe-Werke war der Konsumverein, den einige initiative Arbeiter 1885 ins Leben gerufen hatten. Nach Überwindung unzähliger Schwierigkeiten wurde daraus ein florierendes Unternehmen, dessen Aktivität für die Arbeiterfamilien eine wahre Wohltat bedeutete. Das erste Ladenlokal konnte an der Hauptstrasse 46 eingerichtet werden, und 1909 bezog der Konsumverein das Bäckerei- und Verwaltungsgebäude zwischen Reitbahn. und Trischlistrasse. Eine ebenso werrtvolle Einrichtung war auch die Krankenkasse der Depotarbeiter. Mit der Bildung verschiedener Gcwerkschaften und der Gründung einer kantonalen SP erwarb sich die Arbeiterschaft taugliche Werkzeuge, um im Kräftespiel der Demokratie auch ihre berechtigten Interessen zur Geltung zu bringen.
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89 Ostschweizerisches Wochenblatt,3.3.1870
90 Ebenda
91 Rorschacher Bote, 11.12.1877
Text: Louis Specker
Buchtitel: Rorschacher Kaleidoskop 1985, S.48-50
Historische Skizzen aus der Hafenstadt im hohen 19. Jahrhundert
Copyright: 1985 by E. Löpfe-Benz AG, Rorschach