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Die Untervertretung der sprachlichen Minderheiten bei den Bundesbehörden kommt wieder aufs Tapet. Am Dienstag diskutiert der Nationalrat eine Motion.
Es ist nicht der erste Vorstoss dieser Art. Aber bisher zeigte sich kein spürbarer Fortschritt.
Die Motion, zu der sich die Parlamentsmitglieder zu äussern haben, wurde vom früheren sozialdemokratischen Neuenburger Ständerat Jean Studer eingereicht. Sie verlangt, dass die Sprachgemeinschaften in den Führungspositionen der Bundesverwaltung gerechter vertreten sind.
Laut Studer sind Italienisch- und Französisch-Sprechende in den Kaderstellen der Behörden im Vergleich zu ihrem demografischen Gewicht nach wie vor untervertreten. Die Motion verlangt, dass bei der Besetzung von Kaderpositionen in den Bundesämtern bei gleicher Qualifikation Kandidierende aus der lateinischen Schweiz bevorzugt werden.
Die Motion wurde im Ständerat bereits im Juni gutgeheissen. Und niemand zweifelt daran, dass der Nationalrat am Dienstag dies ebenfalls tut.
Umso mehr, als sich auch die Regierung dafür ausgesprochen hat. Sie will die Kandidaturen aus der lateinischen Schweiz bevorzugen, bis in den Kaderstellen der Bundesbehörden die sprachlichen Minderheiten entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung vertreten sind.
Von der lateinischen Kultur ist wenig zu spüren
Insgesamt ist die sprachliche Vertretung in den Behörden ausgeglichen. Laut den Zahlen des Eidgenössischen Personalamts (EPA) sind 72,5% der Stellen von Deutschsprachigen besetzt (-1,1% im Vergleich zu ihrem Anteil in der Bevölkerung), 19,7% von Französischsprachigen (-1,3%), 6,5% von Italienischsprachigen (+2,2%) und 0,3% von Rumantsch Sprechenden (-0,5%).
Das Problem tritt erst bei den Kaderstellen auf. 2003 war die lateinische Minderheit um 10% untervertreten, wie Thérèse Meyer, Vizepräsidentin von Helvetia Latina, ausführt. Die Vereinigung kämpft für die Förderung der lateinischen Sprachen in Bundesbern.
Die deutschsprachigen Kaderleute umgeben sich offenbar meist mit Mitarbeitenden der gleichen Sprachgruppe. "In der Bundesverwaltung ist der Vorrang des Deutschen als Arbeitssprache besonders beunruhigend", klagt der Präsident von Helvetia Latina, Claude Ruey.
"Dass 96% der Übersetzerinnen und Übersetzer beim Bund vom Deutschen in die anderen Landessprachen übersetzen, zeigt klar, dass die grundlegenden Texte unseres Staates vorwiegend aus deutschsprachigen Quellen stammt", heisst es bei der Vereinigung.
Nicht genug Italienischsprachige
Vasco Dumertherey ist im EPA verantwortlich für die Förderung der Mehrsprachigkeit. Er schätzt die Situation nicht so düster ein. Die Statistiken zeigen ein ziemlich ausgeglichenes Resultat.
In den höchsten Lohnklassen (Klassen 30-38) sind Deutsch und Rumantsch Sprechende gemäss ihrem Gewicht an der Gesamtbevölkerung mit 72,2% respektive 0,6% vertreten. Die Französisch Sprechenden ihrerseits sind mit 22,2% leicht übervertreten.
Problematischer zeigt sich die Situation bei den Italienischsprachigen. Ihr Anteil nimmt mit steigender Lohnklasse ab. In den Klassen 1 bis 11 sind sie noch mit 8,4% vertreten, in den Klassen 30 bis 38 aber nur noch mit 4,4%. "Und es gibt keine einzige Italienisch sprechende Person an der Spitze eines Bundesamtes", erläutert Dumartherey.
Die Italophonen mussten in den letzten Jahren ziemlich viele Kröten schlucken. So sind sie seit 1999 im Bundesrat nicht mehr vertreten. Im vergangenen Juli trat der Bundeskanzler und Regierungssprecher Achille Casanova zurück. Sein Nachfolger ist ein Deutschschweizer.
Keine Zwangsmassnahmen
Die Motion Studer ist weder die erste noch die letzte, die eine bessere Vertretung der lateinischen Schweiz in der Bundesverwaltung fordert. Helvetia Latina will ihrerseits eine Motion einreichen, die verlangt, dass in Zukunft alle höheren Kaderangestellten zwei Landessprachen beherrschen und eine dritte verstehen sollen.
Trotz all der schönen Absichtserklärungen hat sich die Situation in den letzten Jahren nicht spürbar verbessert. "Diese Weisungen sind schwierig umzusetzen, denn es gibt keine Strafen", betont Meyer.
Müsste man also verlangen, dass diese Schritte von Zwangsmassnahmen begleitet werden? "Genau um diese Frage geht es", lautet Dumarthereys Antwort. Aber eine solche Frage muss auf der politischen Ebene beantwortet werden.
Für die stellvertretende EPA-Direktorin Mariette Bottinelli ist die Einführung von Zwangsmassnahmen oder Quoten "kein Wundermittel". Es gebe vielleicht andere Wege, um die Minderheiten besser zu integrieren, namentlich Rekrutierungskampagnen an deren Universitäten.
Die Französisch- oder Italienischsprechenden in Kaderpositionen in der Verwaltung kommen nämlich oft aus Regionen in der Nähe von Bern. Wer weiter weg lebt, ist oft nicht besonders motiviert, für die Arbeit den eigenen kulturellen Rahmen aufzugeben. "Man muss sie davon überzeugen, dass Bern eine Stadt ist, in der man gut leben und arbeiten kann", schliesst Mariette Bottinelli.
swissinfo, Olivier Pauchard
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Fakten
63,7% der Bevölkerung des Landes sprechen Deutsch, 20,4% Französisch, 6,5% Italienisch, 0,5% Rätoromanisch und 1,6% eine Fremdsprache.
In den untersten Lohnklassen der Bundesverwaltung haben 68,9% Personen Deutsch, 18,1% Französisch, 8,4 Italienisch und 0,3% Rätoromanisch als Muttersprache, 4,2% sprechen eine andere Sprache.
In den höchsten Lohnklassen haben 72,2% Deutsch, 22,2% Französisch, 4,4% Italienisch, und 0,6% Rätoromanisch als Muttersprache, 0,1% sprechen eine andere Sprache.
In Kürze
Helvetia Latina wurde im Juni 1980 gegründet und hat diese Woche ihren 25. Geburtstag gefeiert.
Ihr Ziel ist die Förderung einer gerechten Vertretung der lateinischen Sprachen und Kulturen in der offiziellen Schweiz.
Die Vereinigung ist politisch und konfessionell neutral.
Sie hat heute 350 Mitglieder – ein Rekord. Zu ihnen gehören die gut hundert Parlamentsabgeordneten aus der lateinischen Schweiz.