Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03391.jsonl.gz/324

68,7 Milliarden Melodien unter Public Domain-Lizenz
Die beiden US-Musiker Damien Riehl und Noah Rubin haben 68,7 Milliarden Melodien aus dem Genre Popmusik ins Internet gestellt. Kostenlos und für alle nutzbar unter der Public Domain-Lizenz.
Die Sammlung umfasst alle bisher verwendeten Melodien in Popsongs sowie alle bisher noch nicht verwendeten potenziellen Melodien die in Zukunft vielleicht benutzt werden.
Das Urheberrecht sei kaputt und müsse neu gedacht werden, so die Argumentation des Musikers und Juristen Damien Riehl. Immer häufiger komme es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen aufgrund vermeintlich geklauter Melodien, auch sehr kurzer Tonfolgen. Jüngstes Beispiel ist der Streit zwischen Katy Perry und dem Rapper Flame. Perry erklärte, sie habe den Song «Joyful Noise» von Flame gar nicht gekannt als sie ihren eigenen Song «Dark Horse» komponiert habe. Perry hat die Melodie also unbewusst verwendet. Dennoch musste sie 2,8 Millionen Dollar Strafe zahlen. Das Gericht erklärte, dass Flames Song auf YouTube damals drei Millionen Views hatte. Bei einer solchen Anzahl Views könne deshhalb davon ausgegangen werden, dass Katy Perry die Melodie hätte kennen müssen.
Für Damien Riehl ziemlich unverständlich: Wenn die Anzahl von Views auf einer Plattform als rechtliches Argument dafür gilt, dass man eine Melodie kennen müsste, gleiche das Songschreiben und Veröffentlichen dem Gang über ein Minenfeld, so Riehl.
Auf Youtube, Soundcloud, Spotify und anderen Plattformen gibt es Millionen Songs. Und es werden immer mehr. Monatlich kämen deshalb Millionen neuer «melodiemässige Landminen dazu», erklärt Riehl in einem Ted X-Talk auf You Tube von Ende Januar in Minneapolis.
Als Songschreiber sei es deshalb unmöglich, alle Songs zu kennen und zu merken, ob die Melodie des eigenen Songs bereits von jemand verwendet wurde und urheberrechtlich geschützt sei.
Ein weiteres Problem sei, da durch die Millionen Neuveröffentlichungen noch unbenutze Melodien langsam aber sicher ausgingen. Mit der riesigen gemeinfreien Sammlung wollten er und Rubin den Künstlerinnen und Künstlern behilflich sein, um mögliche gerichtliche Streitereien zu verhindern.
Riehl und Rubin argumentieren, Melodien seien mathematische Möglichkeiten von Tonfolgen, die eigentlich seit Anbeginn der Zeit existieren. Niemand habe darauf also ein Urheberrecht. Für einen Computer ist die Tonfolge «do re mi re do» lediglich eine Zahlenreihe von 1 2 3 2 1. Auf Zahlen hat aber niemand ein Urheberrecht, weil sie universell gelten.
Da jetzt alle möglichen Melodien von Popmusikstücken gemeinfrei sind, sollte es künftig keine Urheberrechtsklagen mehr geben bei denen ein grösserer Musiker einen kleineren verklagen kann. So zumindest die Idee hinter dem Projekt «All the Music».
«All the Music» beschränkt sich bisher auf eine einzige Oktave mit acht Tönen, jene acht, die in der Popmusik am häufigsten verwendet werden. Riehl und Rubin wollen in den kommenden Tagen weitere Melodien mit weiteren Oktaven veröffentlichen. Dann wären auch alle potenziell mögichen Melodien im Bereich Jazz und Klassik gemeinfrei.
Die Berechnung ist jedoch aufwändig: Für die ersten 68,7 Milliarden Melodien, die als Midi-Files gespeichert sind, brauchte der Compter sechs Tage und füllte einen Speicher von 600 Gigabyte.
«Zuerst wollten wir alle potenziell möglichen Melodien berechnen die mit einem Klavier mit 88 Tasten möglich wären», erklärt Riehl. Die Datenmenge wäre aber so gigantisch, dass es fast unmöglich wäre. Damit aber dennoch bald sämtliche x Milliarden Melodien gemeinfrei werden, haben Riehl und Rubin zusätzlich den Algorithmus und die ensprechende Software unter Public Domain gestellt.
Als urheberrechtlich geschützt gilt in den USA übrigens eine Melodie, sobald sie auf einem physischen Ton- oder Datenträger gespeichert ist. Riehl und Rubin haben die Melodien deshalb nicht nur gemeinfrei ins Internet geladen, sondern zusätzlich auf eine Harddisk gespeichert.
Das Projekt wird die Diskussion ums Urheberrecht und die Schöpfungshöhe völlig verändern. Urheberrechtsverletzungen mit Millionenklagen dürfte es in Zukunft keine mehr geben, weil niemand mehr Schöpfer einer Tonfolge sein kann. Gerade weil Melodien mathematisch und theoretisch bereits seit Jahrmillionen existieren und gewissermassen von einer höheren Macht erschaffen worden sind, können sie von uns Menschen lediglich entdeckt, aber nicht «erfunden» werden.
Keywords: [Public Domain] [Urheberrecht] [Wikipedia]