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Wenn der Alltag von Zwängen bestimmt ist, belastet das Betroffene enorm. Doch die Scham ist gross, deswegen den Arzt zu konsultieren. Im Schnitt nehmen Menschen mit Zwangsstörungen erst nach sieben bis zehn Jahren Hilfe in Anspruch.
In der Schweiz leiden etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung an Zwangsstörungen. «Um eine Zwangsstörung handelt es sich, wenn die zwanghaften Handlungen länger als zwei bis drei Wochen andauern und so wichtig werden, dass nicht mehr darauf verzichtet werden kann», erklärt Christine Poppe. Bedeutet das, dass Menschen, die vor dem Verlassen der Wohnung überprüfen, ob der Kochherd ausgeschaltet ist, an einer Zwangsstörung leiden? «Nein nicht unbedingt», sagt Christine Poppe, «Die meisten Menschen befolgen gewisse Rituale oder bauen Kontrollhandlungen in ihren Alltag ein.» Das sei ganz normal. Rituale vermitteln ein Gefühl von Sicherheit.
Zwangshandlungen wirken sich hingegen negativ auf den Alltag aus, und Betroffene leiden massiv darunter. Wer zum Beispiel die Hände jeden Morgen vor dem Verlassen der Wohnung zwanzig Mal nach einem bestimmten Ritual waschen muss und deshalb regelmässig zu spät zur Arbeit kommt, leidet an einer Zwangsstörung. Betroffene wissen, wie sinnlos ihre Handlungen sind, können aber nicht darauf verzichten.
Zwangsstörungen lassen sich in Zwangsgedanken und Zwangshandlungen unterteilen.
Unter Zwangsgedanken leidet zum Beispiel eine junge Mutter, die permanent Angst davor hat, ihr Neugeborenes fallen zu lassen oder der Autofahrer, der ständig befürchtet, er könnte jemanden überfahren. «Den Betroffenen gelingt es nicht, diese Gedanken loszulassen. Sie empfinden diese als sehr belastend», weiss Christine Poppe.
Wasch- und Putzzwänge sind die häufigsten Zwangshandlungen. Aus Angst, sich und andere mit Bakterien oder Viren zu infizieren, waschen Betroffene die Hände beispielsweise nach dem Berühren einer Türklinke, bis die Angst nachlässt. Viele Menschen, die von einem Waschzwang betroffen sind, erleben die COVID-19-Pandemie als besonders herausfordernd. Für manche ist es schwierig, beim Händewaschen die empfohlene Dauer von 20 Sekunden nicht zu überschreiten.
Am zweithäufigsten treten Kontrollzwänge auf. Betroffene fürchten, durch Unachtsamkeit oder Versäumnis eine Katastrophe auszulösen. Bekannt ist auch der Sammelzwang. Dabei sammeln Betroffene zum Beispiel Verpackungsmaterial oder Zeitungsartikel, weil sie denken, dass sie diese Dinge vielleicht irgendwann brauchen könnten. Für diese Menschen sind Gegenstände emotional bedeutsam. Würden sie die meist wertlosen Dinge weggeben oder entsorgen, fühlten sie sich nicht mehr komplett. Beim Ordnungszwang auferlegen sich Betroffene sehr strenge Ordnungskriterien und verbringen viel Zeit damit, diesen Massstäben gerecht zu werden.
T-Shirts und Pullis werden zum Beispiel immer nach dem gleichen Schema gefaltet und nach Farben sortiert im Schrank aufbewahrt. Weniger bekannt ist der Wiederholungszwang, bei dem Betroffene alltägliche Handlungen eine Zeit lang wiederholen, weil sie fürchten, dass es zu einer Katastrophe kommen könnte, falls die Handlung nicht richtig beziehungsweise perfekt ausgeführt würde. Manchmal ist dies mit einem Zählzwang verbunden, wobei Betroffene zwischen guten und schlechten Zahlen unterscheiden. Eine seltene Form der Zwangsstörung ist die zwanghafte Langsamkeit, bei der Handlungen in Zeitlupentempo ausgeführt werden.
Die genauen Ursachen von Zwangsstörungen sind unbekannt. «Neurobiologische und psychologische Faktoren spielen eine Rolle», sagt Christine Poppe.
Zu den Ersteren zählt unter anderen die Überfunktion bestimmter Hirnregionen. Dies führt dazu, dass zum Beispiel ein Gedanke in eine Endlosschleife gerät. Ein weiterer Faktor ist das Ungleichgewicht von Serotonin und Dopamin im Gehirn. Von psychologischen Faktoren spricht man, wenn normale automatische Gedanken des Bewusstseinsstroms plötzlich zur Katastrophe werden oder jemand für alle Gefahren die Verantwortung zu tragen glaubt. Kurzfristig hat ein Zwang einen positiven Effekt auf die Psyche, weil er zur Entlastung führt.
Oft sind Menschen von Zwangsstörungen betroffen, die sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst sind. Sie überbewerten Gefahren. Häufig haben sie Selbstwertprobleme und Schwierigkeiten im Umgang mit unangenehmen Gefühlen.
Wenn also eine Mutter an der Krankheit leidet, bedeutet dies nicht, dass ihr Sohn ebenfalls an einer Zwangsstörung erkrankt.
Zwangserkrankungen treten häufig im Zusammenhang mit Entwicklungsschritten auf, zum Beispiel mit Beginn einer neuen Ausbildung, nach einer Heirat, einer Geburt, wenn Betroffene mit der Situation überfordert sind. Bereits Kinder können an Zwängen leiden. Die Erkrankung beginnt jedoch meist mit Anfang 20, selten nach dem 40. Lebensjahr.
Zwangspatienten sind sich der Sinnlosigkeit ihres Zwanges bewusst. Im Moment des Zwangs verlieren sie jedoch häufig diese distanzierte Betrachtungsweise und haben Mühe, dem Zwangsimpuls zu widerstehen. Zwangsstörungen führen häufig zu Selbstzweifeln. Betroffene schämen sich dafür. Oft kommt zur Zwangsstörung eine Depression hinzu.
Zwänge nehmen viel Platz im Leben der Betroffenen ein – manchmal so viel, dass sie die Schule oder Ausbildung nicht abschliessen können, sich isolieren und vereinsamen. Zwänge sind sehr belastend und führen oft zu Konflikten innerhalb der Familie, manchmal zu Suchterkrankungen. Im Extremfall kann die Erkrankung von Suizidgedanken begleitet sein. Zwangsstörungen können sich auch negativ auf die Chancen im Berufsleben auswirken.
Viele Zwangspatienten befürchten, dass hinter ihrem Leiden eine gravierende psychische Erkrankung wie zum Beispiel Schizophrenie stecken könnte. Sie schämen sich, über ihre Krankheit zu sprechen, weil sie Angst vor Ablehnung haben. Im Schnitt holen sie sich erst nach sieben bis zehn Jahren Hilfe. «Oft stehen dann in einem ersten Gespräch mit dem Hausarzt die Auswirkungen der Krankheit im Vordergrund. So zum Beispiel ein Ekzem an den Händen, das von einem Waschzwang herrührt, Schlafstörungen, Erschöpfung oder Depression», erläutert Christine Poppe. Zwangsstörungen werden auch heute noch tabuisiert. Einer der Gründe ist sicherlich, dass Zwänge für Aussenstehende nicht nachvollziehbar sind.
Angehörige reagieren auf Zwänge mit Unverständnis oder Irritation. Häufig werden Angehörige, insbesondere Kinder, in die Zwänge eingebunden. Eine Mutter, die an einem Waschzwang leidet, verlangt möglicherweise auch von den Kindern, dass sie ihre Hände häufiger waschen. Aus Angst vor einer Ansteckung dürfen die Kinder keine Freunde nach Hause einladen. Zwänge können also
die ganze Familie einschränken.
Manchmal müssen die Angehörigen auch Verantwortung übernehmen, zum Beispiel wenn sie überprüfen müssen, ob die Haustüre abgeschlossen ist. Das Abtreten von Verantwortung kann bei den Betroffenen kurzfristig zu einer Entlastung führen, auf die Dauer verstärkt dies jedoch die Symptomatik.
Zwänge können auch die Partnerschaft stark beeinträchtigen. Christine Poppe erachtet es als zentral, dass sich Angehörige über Zwangsstörungen informieren und so lernen, die Erkrankung besser zu verstehen. Angehörige in die Therapie einzubinden, kann sinnvoll sein. Sie können die Betroffenen im Alltag unterstützen, indem sie an den nicht zwangsbelasteten Bereichen ansetzen, beginnen, wieder gemeinsam Angenehmes zu erleben und sie für ihre Fortschritte loben.
Angehörige müssen aber ihre Grenzen setzen. Wenn Betroffene ihren Hausarzt nicht konsultieren wollen und eine Therapie ablehnen, können Angehörige sie nicht dazu zwingen. Stattdessen können sie signalisieren, dass sie sich Sorgen machen oder erklären, dass sie die Auswirkungen der Krankheit auf die Beziehung oder Familie nicht mehr ertragen.
Heute werden Medikamente und/oder Psychotherapien zur Behandlung von Zwängen eingesetzt. «Wer sich in eine Behandlung begibt, hat gute Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem die Zwänge nicht mehr alles regulieren», sagt Christine Poppe. Manchen Betroffenen hilft es zudem, sich mit anderen auszutauschen.