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Eine Standard-Matur taugt nichts
Jede Klasse schreibt andere Maturaprüfungen. Dieses Konzept ist an Gymnasien so selbstverständlich wie nach aussen kaum zu begründen. Wer erlebt, wie Lehrpersonen mit Klassen Unterrichtskultur aufbauen, weiss, dass gleichwertige Prüfungen nicht durch identische Aufgaben entstehen: Zu unterschiedlich sind die Themen, Methoden und Interessen. Denkt eine naturwissenschaftlich orientierte Klasse im Deutschunterricht über die ethische Verantwortung der Forschung nach, besucht und bespricht eine musische eine Reihe von Theaterstücken. Legt man den Klassen dieselben Fragen vor, reagieren sie unterschiedlich. Standardisierte Prüfungen erfordern standardisierten Unterricht.
Aus der Aussenperspektive stellt sich eine einfache Frage: Warum legen Bund oder Kantone die Anforderungen einer Matura nicht verbindlich fest – zumal sie zur allgemeinen Hochschulreife führt? Die Frage verweist auf die beiden Bildungsziele des Gymnasiums. Hochschulreife ist eines – das andere lautet im Maturitätsreglement so: «Im Hinblick auf ein lebenslanges Lernen grundlegende Kenntnisse zu vermitteln sowie geistige Offenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Urteilen zu fördern.» Das Gymnasium bietet keine Ausbildung, sondern «ausgewogene und kohärente Bildung». Von diesem Ziel lenken standardisierte Prüfungen ab, wie ich aus Erfahrungen mit der aargauischen Schulhausmatur sowie International-Baccalaureate-Kursen weiss. Als Profi kann ich damit umgehen, Aufgaben mit anderen Lehrkräften abzugleichen und an zentralen Vorgaben auszurichten. Ich kann Klassen auf IB-Prüfungen vorbereiten, die in England konzipiert und in Moldawien korrigiert werden. Aber ich kann Lernende schlechter motivieren, einen engagierten Text zu verfassen, wenn meine Rolle bei der Lernbegleitung durch Standards eingeschränkt wird.
Standardisierte Prüfungen erfordern standardisierten Unterricht.
Meine Erkenntnisse decken sich mit denen, die eine Evaluation zentraler Abiturprüfungen in Deutschland dokumentiert: Der Druck zentraler Vorgaben führe zwar ausserhalb des Unterrichts zu einer «frühzeitigeren, präziseren und selbstständigeren Vorbereitung» auf die Prüfungen. Gleichzeitig nehme aber die «schulische Selbstwirksamkeit» ab und eine «ungünstigere motivationale Struktur» werde aufgebaut. Zentrale Prüfungen führen zu einem Druck auf die Lernenden, dem mit einem Rückzug aus dem Unterricht und Motivationsabfall begegnet wird. Bessere Leistungen, die Lernende kurzfristig erbringen, haben für «lebenslanges Lernen» einen langfristigen Preis.
Die Forderung, Gymnasien müssten hinreichend auf ein Studium vorbereiten, ist berechtigt. Sie ist aber nicht neu, sondern wird seit 100 Jahren immer wieder gestellt. Das bedeutet nicht, dass keine Massnahmen ergriffen werden sollten. Die Sicherung basaler Kompetenzen, die aktuell erfolgt, ist ein wichtiger Schritt. Die Forderung nach standardisierten Prüfungen ist hingegen verfehlt: Blicke über die nördliche, westliche oder östliche Grenze unseres Landes zeigen, welche Frustration zentrale Vorgaben an Gymnasien auslösen.
16 Kommentare zu «Eine Standard-Matur taugt nichts»
Dem kann ich nur zustimmen, auch weil diese dazu führen würden, dass ein relativer Wettbewerb entstehen würde, bei dem eine grosse Industrie von Nachhol/Paukschulen entstehen würden, die denjenigen am meisten helfen, deren Eltern die Mittel haben, um die besten davon zu finanzieren. So wie in Korea, wo unterdessen die Schüler in Nachholschulen gehen, wo sie lernen damit sie in die guten Nachholschulen kommen, damit sie dann die besten Eintrittprüfungen schaffen. Krank!
sehe ich genau so, herr wymann. zumal es heute leider schon eher die regel als die ausnahme ist, dass nicht die fähigen studieren, sondern diejenigen welche mittels der eltern über geld und einfluss verfügen. die auswirkungen sehe ich tag täglich in der wirtschaft. unfähige „reissbrett-manager“ ohne jedes verantwortungs-gefühl. höhere ausbildungen dürfen nicht von einer elite missbraucht werden.
Wir haben diesen zentralist. Unsinn in beschränktem Umfang an den Universitäten. Als Bologna an der Uni eingeführt wurde, musste meine Frau, Uni-Dozentin, ihre Anfordeungen um 70% senken. Anderseits höre ich von meinen ehem. Kollegen an der Uni, dass Maturanden keinen fehlerfreien Aufsatz mehr schreiben können. Es gibt Kernfähigkeiten und -wissen, die von Universitäten als Voraussetzung zur Immatrikulation bei den Gymnasien eingefordert werden müssen, sonst sinkt das Niveau: Soviel Freiheit im Unterricht wie möglich, aber soviele allgemeine Grundanforderungen (formales Wissen) wie nötig.
Standardisierte Tests haben unweigerlich ‚teaching to the test‘ zur Folge, es interessiert nur noch, was hilft, den Test zu bestehen. Das wäre für die Gymnasien eine enorme Verarmung. Zwar gibt es einen kleineren Teil ‚Ausbildung‘ am Gymi, z. B. Beherrschung von Grammatik / Syntax der Sprachen oder Umgang mit den Werkzeugen der Mathematik. Der weitaus grössere Teil des Stoffs muss aber aus einer riesigen Fülle von möglichen Themen ausgewählt werden. Zum Glück erhält jede Klasse eine einzigartige Auswahl, sodass für die Generation im Ganzen eine vielfältige Bildung gewährleistet bleibt.
Dazu empfehle ich gerne „Standardized Testing“, die Sendung von John Oliver zum Prüfungs-Irrsinn in den USA (auf Youtube leicht zu finden). Nicht direkt mit uns in der CH vergleichbar, aber ein gutes Mahnmal, wohin dieser bescheuerte Normierungs- und Prüfungsirrglaube in der Pädagogik führt.
Ich habe 25 Jahre an einem Gymnasium unterrichtet und kein einziges Mal erlebt, dass der gesellschaftliche und/oder finanzielle Hintergrund eines Schülers irgend eine Rolle gespielt hätte. Jede Eltern können ihr Kind ins Gymi schicken, wenn es die Fähigkeiten dazu hat. Diese Fähigkeiten können nur von einer (1) Schule, einer (1) Fachschaft, eines (1) Lehrers beurteilt werden. Der Föderalismus ist auch der Bildung sehr gut bekommen. Hüten wir uns vor Gleichmacherei. Weder Schulen noch Lehrer noch Schüler lassen sich gleichmachen – ausser mit Verlust verbunden.
da muss ich ihnen widersprechen, herr rüedi. gerade in der heutigen zeit sehe ich viele für ein studium unbegabte kinder, welche von ihren überehrgeizigen eltern durch die höheren ausbildungen gepeitscht werden. resultat ist, was ich oben beschrieben habe. ich bin seit über 30 jahren in der privatwirtschaft tätig und erlebe tagtägllich, wie die allianzen im oberen kader funktionieren. und glauben sie mir, das hat selten was mit „kompetenz“ zu tun. ich bin nicht per se gegen das föderalistische system, jedoch wird es mehr und mehr von einer vermeintlichen elite unterwandert.
Ich halte verbindliche Ziele für zentral um eine „ausgewogene und kohärente Bildung“ zu ermöglichen. Selber habe ich mehrfach erlebt, dass Lehrkräfte einseitig nur das Unterrichten was sie mögen. Dabei hängen Lernende die z.B. das Thema nicht mögen ab und die Noten sind nicht vergleichbar (5 im Theater ist nicht 5 im Deutsch, auch wenn es im Zeugniss steht).
Genau um dies zu verhindern, halte ich verbindliche Lernziel (die genügend Freiraum lassen) und standardisierte Prüfungen für notwendig. Wobei etwas mehr Gelassenheit bei der Interpretation der Prüfungsergebnisse angebracht wäre.
Ich habe selbst eine fremdgepruefte Eidg. Matura absolviert und später Schüler darauf vorbereitet . Was hier behauptet wird stimmt schlicht und ergreifend nicht. Fremdpruefungen garantieren, dass der Stoff wirklich erarbeitet wurde und auch im ganzen Umfang verstanden wird. Bedingung ist natürlich, dass die Prüfungen nicht ein so tiefes Niveau aufweisen, wie das sogenannte International Baccalaureate.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass ich besser auf das Biochemiestudium vorbereitet war, als die meisten meiner Mitstudierenden.
Sehr geehrter Herr Bolliger
Welche von meinen Aussagen stimmt Ihrer Ansicht nach nicht? Und wie kommen Sie darauf, IB-Prüfungen würden ein tiefes Niveau aufweisen? Ich freue mich auf Ihre Antworten, Philippe Wampfler
Hochschulreife bzw. freier Hochschulzugang bedingen eigentlich standardisierte Tests, zumindest in Teilbereichen. Und die höchst unterschiedlichen Gymnasialquoten in den Kantonen sprechen eigentlich dafür, dass längst Handlungsbedarf wäre.
Hinter dem Wunsch nach standardisierten Tests für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten steht die Illusion, auf diese Weise an den Hochschulen leistungshomogene Studierende zu haben. Bildungspolitisch wäre es besser, wenn sich die Hochschulen darauf einstellen würden, eine heterogene Studentenschaft aufzunehmen und einzuführen. Die Maturität als allgemeine Hochschulreife ist unbedingt zu erhalten, die Wahl des Studiums sollte lange offen bleiben. So wäre auch eine genügende Studienmotivation zu schaffen.
Das Problem nicht standardisierter Prüfungen ist der Missbrauch durch manche – um des eigenen Vorteils willen. Man will so die eigene Unfähigkeit oder Faulheit kaschieren, man will so die Schule, das Land attraktiver erscheinen lassen etc. Wie sich davor schützen? Mit einer ’standardisierten Durchfallquote‘. Aber auch da kann man ja tricksen.
Leider, heutzutage muss man sich als ersten fragen, wie man den Betrug verhindert.
Standardprüfungen würden die Lehrpersonen unter Druck bringen, welche den für alle verbindlichen Lehrplan nicht umsetzen. Wen interessierte, dass ich nicht an der ETH reüssierte, weil mein Vorwissen in Mathematik im Vergleich zu den Kommilitonen absolut lückenhaft war, dies trotz Bestnoten im Gymnasium.
Standardprüfungen sind abzulehnen, weil sie standardisierte Lehrpläne und Unterrichtsformen erfordern. Das wäre tödlich für eine lebendige und qualitätsvolle Bildungsvermittlung. Dagegen wär das Notenniveau der Matur-Erfahrungsnoten zu prüfen. Ihr Gewicht beträgt 50%. Das heisst, eine Maturitäsprüfung ist schon fast bestanden, wenn die Vorschlagsnoten gut (zu gut) sind. Schlechte Lehrkräfte neigen dazu, gute Noten zu geben, weil sie sich damit Ärger mit Schülern/Eltern ersparen. Privatschulen schleusen zu viele Kandidaten durch die Matur mit hohen Vorschlagsnoten, und die Prüfungen verkommen zur Farce. Vorschlagsnotenschnitte 4.5 sind verdächtig. Maturaufgaben sollten im Nachhineine publiziert werden. Das ergäbe Vergleichsmöglichkeiten zwischen den Schulen und echte Nievauvergleiche
Herr Zürcher Sie liegen falsch und Ihr Seitenhieb an die Privatschulen ist völlig überflüssig. Privatschulen bereiten ihre Kandidaten auf die anspruchsvolle (externe) schweizerische Maturitätsprüfung vor. Es gibt keine Vorschlagsnoten und die zu Prüfenden müssen sich „fremden“ Examinatoren stellen, welche sie am Prüfungstag zum ersten Mal sehen. Interessant wäre ein Experiment, wie Schüler(innen) staatlicher Gymnasien an diesen „zentralistischen“ Prüfungen abschneiden würden. Werfen Sie mal einen Blick in den Bildungsbereicht von Stefan Wolter. 50% der Absolventen staatlicher Gymnasien mit einer PPP-Matur fallen im Uni-Studium durch. Im Weiteren lade ich Sie unter dem Titel Bildungsgerechtigkeit ein, die völlig unterschiedlichen Maturitätsquoten je nach Kanton zu vergleichen.