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Der Report zur Schmiergeldaffäre beim deutschen Fussballbund zur Vergabe der WM 2006 rückt eine diskrete Schweizer Anwaltskanzlei ins Rampenlicht. Zudem soll Blatter vom Deal gewusst haben.
Wurde die WM in Deutschland mit 6,7 Millionen Euro gekauft? Um diese Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 zu klären, hat der Deutsche Fussballbund die Kanzlei Freshfields damit beauftragt, eine Untersuchung durchzuführen. Der «Spiegel» hatte über dubiose Zahlungen vom Organisationskomitee um Franz Beckenbauer an den damaligen Fifa-Funktionär Mohamed Bin Hammam berichtet.
Der heute publik gewordene 380 Seiten dicke Report (siehe Downloads) bestätigt in weiten Teilen Recherchen des Magazins. Darüber hinaus werden neue Details bekannt, wie der Deal über die Schweiz abgewickelt wurde.
Kreative Vorgehensweise
Um die WM 2006 nach Deutschland zu bringen, ging das Organisations-Komitee kreativ vor. Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus hatte OK-Verantwortlichen im Jahr 2000 10 Millionen Schweizer Franken aus seinem Vermögen geliehen - dieses Geld soll durch das OK für die Stimmenbeschaffung eingesetzt worden sein, damit die WM nach Deutschland vergeben wurde.
Der Untersuchungsbericht lässt offen, ob es tatsächlich zu Schmiergeldzahlungen kam - ein hundertprozentiger Beweis fehlt. Doch die Fragezeichen sind gross. Seltsame - höchst diskrete - Transaktionen sprechen dafür.
Ominöse «Asian Games»-Marketingrechte
Und so ging der Geldtransfer vonstatten: Zwischen dem 29. Mai und dem 8. Juli 2002 wurde ein Betrag von 6 Millionen Franken in vier Tranchen von einem Konto, als dessen Inhaber auch Franz Beckenbauer angegeben wurde, auf das Konto des Schweizer Rechtsanwalts Othmar Gabriel persönlich oder seinem Advokaturbüro Gabriel & Müller überwiesen. Sämtliche Tranchen waren mit dem Verwendungszweck «Erwerb von TV und Marketing Rechten Asien Spiele 2006» gekennzeichnet.
Die gutgeschriebenen Beträge wurden jeweils wenige Tage nach ihrem Eingang auf dem Konto von Othmar Gabriel oder dem Advokaturbüro an ein Konto der Kemco Scaffolding Co. bei der Doha Bank, Katar, weitergeleitet. Alleiniger Anteilseigner der Kemco Group war seit 1985 Mohamed bin Hammam - der ehemalige Top-Fifa-Funktionär.
Brennpunkt Innerschweiz
Robert Louis-Dreyfus hatte dann im August 2002 ein Konto bei der Bank BNP Paribas Zürich eröffnet, um einen Betrag in Höhe von 10 Millionen Schweizer Franken an ein Konto der Anwaltskanzlei Gabriel & Müller bei der Obwaldner Kantonalbank einzuzahlen.
Die Millionen wurden mit der Hilfe der Rechtsanwaltskanzlei nach Katar zu Ex-Fifa-Funktionär Mohamed Bin Hammam verschoben.
Am 3. September 2002, knapp zwei Wochen nach der Überweisung von 10 Millionen durch Robert Louis-Dreyfus auf das Konto des Advokaturbüro / Notariat Gabriel & Müller, wurden 5'983'404.15, und damit nur geringfügig weniger als die zwischen Mai und Juli 2002 erhaltenen 6 Millionen, auf ein Konto von Franz Beckenbauer überwiesen.
Am 5. September 2002 wurden schliesslich weitere 4 Millionen Franken unter dem Verwendungszweck «Asian Games 2006 Schlusszahlung» an die Kemco Scaffolding Co. gezahlt.
Bei Beckenbauer-Anwalt angeheuert
Die Anwälte von Gabriel & Müller haben kurz nach Erscheinen des Untersuchungsberichts ihre Webseite abgeschaltet. Othmar Gabriel ist ein ganz alter Bekannter des Umfelds Beckenbauers: Der deutsche Fussballheilige bediente sich bis in die 1980er-Jahre des Anwalts und damaligen Justizchefs Obwaldens Hans Hess aus Sarnen. Hess wurde erwischt, wie er für Beckenbauer gut 1,2 Millionen Schweizer Franken an der Steuer vorbeischleusen wollte.
Gabriel arbeitete bei Hess in der Anwaltskanzlei, schreibt der «Spiegel»: Zwischen 1981 bis 1990 als Praktikant und Anwalt. Später machte er sich selbstständig. Und er sass und liquidierte auch die SKK-Rofa, die zum Umfeld Beckenbauers zählte.
Othmar Gabriel ist im Kanton Obwalden auch sonst kein Unbekannter: Er sitzt in der Notariatskommission und wer öffentlich etwas versteigern will, muss sich bei ihm melden, entnimmt man dem Staatskalender des Bergkantons.
Zahlungszweck «bewusst verschleiert»
Als Robert-Louis Dreyfuss später seine Millionen wieder sehen wollte, musste der DFB auf kreative Weise eine Lösung finden, wie dieses Geld unauffällig wieder zum ursprünglichen Besitzer in die Schweiz wandern konnte.
Ende April 2005 nannte der damalige Fifa-Generalsekretär Urs Linsi dem OK per Fax ein UBS-Konto der Fifa in Zürich. Die Zahlung erfolgte nicht direkt an Robert Louis-Dreyfus, sondern auf das von Linsi angegebene Konto. Der DFB zahlte die 6,7 Millionen Euro mit dem Verwendungszweck «Kostenbeteiligung OK an Fifa Football Gala». Tatsächlich traf aber weder der Verwendungszweck zu, noch war die Fifa die Empfängerin. Die Fifa-Eröffnungsgala wurde am 12. Januar 2006 auch noch abgesagt. Trotzdem forderte der DFB den Betrag nicht zurück.
Das hatte auch seinen guten Grund: Denn die Fifa leitete den Betrag noch am Tage des Zahlungseingangs auf das Dreyfuss-Konto bei der BNP Paribas in Zürich. Die Fifa änderte aber den Verwendungszweck: Jetzt hiess es schlicht «Fifa Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006». Im Untersuchungsbericht stellen die Freshfields-Anwälte fest: «Der wahre Zahlungszweck wurde bewusst verschleiert.»
Problem «eingebrockt»
Urs Linsi und das OK, vertreten durch Horst R. Schmidt, tauschten sich über die Zahlungsmodalitäten aus. Die Deutschen wollten die Fifa in die Abwicklung einschalten, denn schliesslich habe sie dem DFB das Problem ja auch «eingebrockt».
Die Rechtsanwälte der Fifa berichteten zudem, dass der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter über die Zahlung informiert wurde und ihm sogar das Kontoblatt zu dem Zahlungsvorgang zur Kenntnis gelegt wurde.