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In seinem Buch «Blosse Füsse, blutige Zehen, blaue Wunder» schildert Albert Burkhardt auf Seite 140 unter der Jahreszahl 1925 (in Wirklichkeit war es 1935), wie ein kleiner Junge in die Kanalröhre des früheren Binzmühlebachs geriet, von der Strömung erfasst wurde und auf dem glitschigen Rohr 2 km weit bis zum Ausgang der Röhre am Leutschenbach geschwemmt wurde. Wer es war, davon stand nichts.
Die OGS hatte keine Ruhe, bis sie herausfand, wer denn der kleine Bub war und wie der das selber erlebte. So fragte sie sich durch alle älteren Seebacher und in diesem Fall auch bei einer ganz bestimmten Seebacherin durch, nämlich seiner späteren Schwägerin, bis er zum Ziel kam und heraus fand, dass der Bub niemand anders als der jüngere Bruder des späteren Drogisten Max Nessler war, welcher von 1956 bis 1989 die Bürgli-Apotheke führte.
Sein Name ist Werner Nessler und die OGS spürte ihn auf und hatte das Glück, dass er im Gegensatz zu seinem Bruder, noch lebte und ihr die ganze Geschichte noch aus eigenem Erleben erzählen konnte. Er wusste, warum die OGS das wissen wollte und gestattete ihr, seine Geschichte mit Namen zu veröffentlichen. Hier seine Schilderung:
Werner Nessler wurde 1931 geboren und erlangte kurzfristig als kleiner etwa vier Jahre alter Bub im Jahre 1935 in Seebach einen hohen Bekanntheitsgrad, indem er anfänglich völlig arglos mit seinem Bruder im Sandfang vor dem Beginn der Kanalisationsröhre des Binzmühlebachs nahe der Kreuzung Birchstrasse / Neunbrunnenstrasse mit einem kleinen Holzschiffli spielte. Der Sandfang war zwar mit einem Metallgitter gegen Eindringlinge gesichert, doch es gab da schon seit einiger Zeit ein Loch, wo man durchschlüpfen konnte. Zudem verlockte der Sandfang und wirkte auf die Kinder wie ein kleiner See, wo man spielen konnte.
Die Buben sassen artig am Ufer und dirigierten ihre Schiffli mit Holzstecken in der schwachen Strömung. Irgendwann kamen die Schiffli in die Nähe des Kanalrohrs und verschwanden darin. Das wollte Werner vermeiden, da er nur ganz wenige Schiffli (Holzstücke) hatte und trat barfuss in den Sandfang, watete zum Rohr und es gelang ihm gerade noch, das Schiffli aufzufangen. Doch dann verlor er das Gleichgewicht und fiel in die Röhre, die so glitschig war, dass er sich zwar aufrichten konnte, doch gelang es ihm nicht, sich am Rohrende zu halten. So verschwand er im Nu im Rohr und wurde von der Strömung des Wassers fortgetrieben. Er stiess nun voller Schreck einen Schrei aus und erst da bemerkte sein Bruder, der auf sein eigenes Schiffli achtete, dass Werner verschwunden war. Er fragte: Â?Werni, wo bisch?Â? und Werni antwortete, immer leiser werdend: Â?Im Kanalroooooooohr!Â?.
Da rannte Max schnell zum nicht weit entfernten elterlichen Haus an der Felsenbergstrasse 13, wo er den Vater traf und ihm hastig und weinend erzählte, was geschehen war. Der Vater rief der Mutter und diese ging aufgeregt zu Lehrer August Gnehm, der im gleichen Haus wohnte und eines der wenigen Telefone hatte. Dieser alarmierte sofort den Seebacher Werkhof, denn als ehemaliger Gemeinderat wusste er ja Bescheid. Alles weitere, was oberirdisch geschah, lesen Sie am besten im Büchlein von Albert Burkhardt selber nach.
Hier geht es weiter mit dem, was Werner im Rohr erlebte: Werner bemerkte, wie das Eingangsloch immer kleiner und seine Hosen immer nasser wurden. Auch wurde es immer dunkler und er konnte jeweils einen Lichtschimmer erkennen, wenn er unter einer Dole vorbeirutschte. Das machte ihm irgendwie wieder Hoffnung. Da alles glatt ging und er glücklicherweise nirgends hängen blieb, wartete er voller Spannung, was da nun kommen sollte. Manchmal spürte er eine kleine Richtungsänderung und nach langen Minuten der Angst sah er vor sich einen Lichtpunkt, der langsam grösser wurde und unversehens spülte es ihn ans Tageslicht und er landete platschend im Tosbecken des Baches im Bühlried. «Pflätschnass» und immer noch voller Angst stand er wieder auf und erst jetzt begann er zu weinen.
Glücklicherweise war da gerade Herr Zgraggen mit dem Feumer am Fangen von Wasserschnecken, hob völlig überrascht den Kleinen aus dem Wasser und setzte ihn auf die Böschung. Kurz darauf kamen die Retter dahergerannt, die bei jeder Dole nach ihm suchten, jedoch einfach immer ein bisschen zu spät dran waren. Unglaublich war die Erleichterung, als man den Kleinen fand und bald darauf den äusserst besorgten Eltern wohlbehalten in die Arme drücken konnte. Dass der Kleine nun scheusslich stank, war da völlig nebensächlich.
Als Erwachsener arbeitete Werner Nessler später viele Jahre in der Accumulatorenfabrik. Burkhardts Geschichte muss nur in einem Punkt korrigiert werden: Es geschah zehn Jahre später. Darüber findet man im Echo vom Zürichberg Ausgabe Nr. (?) 1935 einen zweispaltigen Artikel, der nachstehend abgedruckt sei, sozusagen als Abrundung. Die Nesslerbuben waren übrigens sehr leutselig und immer zu Spässen aufgelegt, womit sie nicht zuletzt bei den Mädchen punkteten. Mehr über dieses Ereignis gibt es nun nicht mehr zu berichten.
Quellen: - Werner Nessler - Marianne Nessler - Echo vom Zürichberg 1935 - Ernst Roth (div. Korrekturen)