Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/2166

| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

IV. Rede
117.
Wer von euch ist so ideal veranlagt, so groß und besitzt tatsächlich so viel von des Zeus Einsicht, daß er alle diese so weise und so schlau ersonnenen, ganz außergewöhnlichen Erzählungen, die noch vermehrt werden können, mit theoretischen, überirdischen, für uns nicht faßbaren Erwägungen auf sittliche Ideen zurückzuführen vermöchte? Beruhen diese Erzählungen auf Wahrheit, dann braucht man sich derselben nicht zu schämen, dann möge man stolz darauf sein, bzw. dann möge man beweisen, daß die Erzählungen nicht schändlich sind! Was braucht man dann noch seine Zuflucht zu der Ausrede zu nehmen, es sei ein Mythus, als wenn der Mythus die Schmach zudecken könnte? Nicht Mutige, sondern Flüchtlinge brauchen den Mythus. Sollten die Erzählungen aber unwahr sein, dann möge man uns zunächst die nackte, theologische Wahrheit lehren, auf daß wir uns damit befassen können, sodann möge man erklären, ob es nicht töricht ist, mit Stolz von der hohen Bedeutung einer Erzählung, deren man sich, sofern sie ein Mythus ist, schämen muß, zu sprechen und das, was den meisten, da Bildung kein [S. 153] Gemeingut ist, verborgen bleiben könnte, aller Augen in Bildern und Darstellungen und unter schrecklich hohen finanziellen Auslagen in Tempeln, an Altären, Standbildern, Weihgeschenken und kostbarsten Opfergaben zugänglich zu machen und ein gottloses, mit vielen Ausgaben verbundenes Leben einem frommen Leben vorzuziehen, das keine Auslagen auferlegt.