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Wie ausgewogen ernähren sich Schweizerinnen und Schweizer?
Eine nationale Ernährungserhebung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit hat 2016 erstmals untersucht, wie sich Schweizerinnen und Schweizer an die empfohlene Lebensmittelpyramide halten. Das Resultat dieser Studie fiel ernüchternd aus. Schweizer essen tendenziell zu viel Süsses und Salziges. Der Anteil an Ölen, Fetten und Nüssen entspricht etwa den Empfehlungen, während Michprodukte zu wenig, Fleisch dafür zu viel gegessen wird. Hülsenfrüchte sowie Früchte und Gemüse werden eher zu wenig gegessen. Getränke wie Wasser, Kaffee und Tee werden ausreichend konsumiert.
Wie gross ist der Trend zur veganen Ernährungsweise in der Schweiz?
14 Prozent der Schweizer ernährt sich vegetarisch (11 Prozent) oder vegan (3 Prozent). Zählt man die Flexitarier (17 Prozent) dazu, achtet etwa ein Drittel der Bevölkerung auf fleischarme Ernährung. In den ländlichen Gebieten leben etwa 20 Prozent der Menschen vegetarisch oder vegan. Unter den 15- bis 32-Jährigen bezeichnen sich sogar 6 Prozent als Veganer. Unter den 55- bis 74-Jährigen bezeichnet sich nur 1 Prozent als vegan.
Auffallend ist, dass der Anteil der Frauen unter den Vegetariern 70 Prozent ausmacht, unter den Veganern jedoch nur 40 Prozent. Bei den Männern ist es gerade umgekehrt, 30 Prozent unter den Vegetarier, 60 Prozent unter den Veganern. Männer sind in ihrem Essverhalten radikaler.
69 Prozent der Bevölkerung bezeichnet sich selbst als Fleischesser. Die meisten Fleischesser gibt es unter den 35- bis 54-Jährigen. 24 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen essen täglich Fleisch.
Was sind die Hauptgründe für vegetarische Ernährungsweise?
78 Prozent der Menschen in der Schweiz geben an, das Tierwohl höher zu gewichten, als ihre Lust auf Fleisch. 58 Prozent essen aus ökologischen Gründen kein Fleisch, 40 Prozent aus Rücksicht auf die Welternährungssituation und nur 35 Prozent ihrer Gesundheit zuliebe. Die vegane Ernährungsweise ist also eher eine Frage der Lebenshaltung als eine Frage der Gesundheit.
Wie verbreitet sind Essstörungen in der Schweiz?
Mehr als jede zwanzigste Frau gibt an, mindestens einmal an einer Essstörung gelitten zu haben. Frauen leiden drei Mal häufiger an Essstörungen als Männer.
Insgesamt ist 3,5 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung im Laufe ihres Lebens von einer Essstörung betroffen. Bei den Frauen ist der Wert mit 5,3 Prozent deutlich höher als bei den Männern mit 1,5 Prozent.
Es wird unterschieden zwischen mangelernährten Menschen: Aneroxia nervosa (zu wenig essen), Bulimia nervosa (Heisshungerattacken mit Erbrechen), und neuerdings Orthorexie (zwanghaftes sich beschäftigen mit der Ernährung) und übergewichtigen Menschen. Beim Übergewicht handelt es sich einserseits um Adipositas (Fettsucht: Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen mit übermässiger Zunahme des Körperfettes) und um Binge Eating (Essanfälle) andererseits.
Zur neuen Essstörung Orthorexie wurden noch keine Zahlen erhoben. Die anderen Essstörungen wurden im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit 2010 zum ersten Mal in einer Studie ermittelt.
Verglichen mit andern europäischen Ländern ist die Häufigkeit von Essstörungen in der Schweiz besonders hoch. Der europäische Durchschnitt liegt bei 2,5 Prozent, in Deutschland nur 1 bis 2 Prozent. Bulimie tritt in der Schweiz überdurchschnittlich häufig auf. Mit einem Anteil von 1,7 Prozent liegt sie deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 0,5 Prozent und dem Amerikanischen von 1 Prozent.
Anorexia nervosa tritt vor allem in der Adoleszenz auf, 33 Prozent der 8- bis 14-Jährigen Mädchen gibt an, sie fühlten sich zu dick. Bulimie und Binge Eating treten neuerdings nicht nur in der Pubertät, sondern bis zum vierten Lebensjahrzehnt auf. Das heisst, der Druck auf Frauen auch in gehobenerem Alter gut auszusehen und schlank zu sein, nimmt zu.
Welche Essstörungen kommen bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz vor?
2013 bezifferten Fachleute an der Uni Freiburg zum ersten Mal gestörtes Essverhalten bei Kindern, bei dem gewisse Nahrungsmittel verweigert werden. Dabei wurden 730 Schulkinder im Alter zwischen 8 bis 13 Jahren untersucht. Rund 30 Prozent dieser Kinder zeigten Verhaltensmuster, die auf Essstörungen hindeuten. Darunter selektives Essverhalten (20,3 Prozent), Nahrungsvermeidung mit emotioneller Störung (7,9 Prozent) und aus Angst zu ersticken (1,6 Prozent). Die Spitäler stellen fest, dass sich Essstörungen zunehmend ins Kindesalter verlagern, heute werden bereits 7-Jährige mit Anorexia nervosa behandelt.
Psychologin Erika Toman leitet das Kompetenzzentrum für Essstörungen der Diakonie Bethanien in Zürich und ist Therapeutin einer Wohngruppe, in der Betroffene wieder normales Essverhalten lernen können. Auch sie sagt, sie hätten es mit immer jüngeren Jugendlichen zu tun und mit immer mehr unspezifischen Essstörungen.
«Gerade bei Jugendlichen ist oft der Druck, auch auf sozialen Medien beliebt zu sein, riesig», sagt Erika Toman. «Das Aussehen wird so als wichtigstes, fast einziges Kriterium bewertet. Das kann enorm aufs Selbstwertgefühl drücken.» Psychiatrische Krankheiten und Mobbing nehmen deswegen zu. Denn wo «Likes» vergeben werden, gibt es auch «Dislikes» und «Haters».
Was weiss man heute über Orthorexie?
Als Orthorexie wird eine neue Essstörung bezeichnet, bei welcher sich die Gedanken der Betroffenen täglich mehrere Stunden ums Essen drehen und sie eine Angst entwickeln krank zu werden, wenn sie sich nicht gesund ernähren. Krankhaft ist es dann, wenn die Betroffenen unter dem Druck gesund zu essen leiden und Mangelerscheinungen zeigen. Betroffene halten sich strickt an einen Lebensmittelplan, oft Rohkost, essen nicht mehr auswärts und bereiten ihre Mahlzeiten nach genauer Menge und Zusammensetzung zu.
In der Schweiz ist Orthorexie noch weitgehend unbekannt, aber in der Studie von 2010 gab jede dritte Person an, sich übermässig mit gesundheitsfördernder Ernährung zu beschäftigen, gesunde Lebensmittel zu wählen, ungesunde zu vermeiden und strikte Ernährungsregeln zu befolgen.
«DOK» am Donnerstag
«Ernährungswahn – Zwischen Gesundheit und Obsession», Donnerstag, 11. Januar 2018, 20:05 Uhr, SRF1.