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Buin-Südwand
Der Piz Buin, als Zentralpunkt und dominierender Gipfel der Sil-vretta-Gruppe, wird seiner freien Lage wegen sowohl aus der Schweiz wie vom Vorarlberg und Tirol oft besucht. Großartig ist auch die Rundsicht von seinem Gipfel. Schon Weilenmann, der mit seinem getreuen Franz Pöll als erster über den Fermuntferner den Gipfel betrat, schildert begeistert die umfassende, unbehinderte Rundsicht. Drei verschiedene Routen vermitteln den Zugang zum Buin. Die am meisten begangene ist diejenige von der Silvrettahütte aus über den Silvrettagletscher zum gleichnamigen Paß, über die Fuorcla-Confin, den Wänden des Kleinen Buin entlang zur Buin-Furka und über die leichten Felsen der Südostkante zum Gipfel. Eine zweite Route führt von der „ Wiesbadenerhütte " des D. & Ö.A.V. über den Fermuntferner zur Buin-Furka und wie oben zum Gipfel. Vom Engadin durch das Val Tuoi und über Plan-Rai zur Fuorcla-Confin oder durch das „ Chamin ", eine steile Firn- und Eisschlucht zur Buin-Furka. Süd- und Ostflanke des Berges bilden gewaltige, 500—600 m. hohe, scheinbar unnahbare Wände. Den ersten Versuch, die Südwand direkt vom Val Tuoi aus zu bezwingen, unternahm Emil Zsigmondy. Er nahm den Aufstieg durch ein äußerst steiles, steinschlägiges Couloir an der Südostflanke, mußte dann aber in zwei Drittel Höhe infolge eintretenden Nebels und dadurch erschwerter Orientierung die Besteigung aufgeben. Lange Zeit hatte die Wand nun Ruhe, bis im Sommer 1906 die Herren Rzewuski, Dr. Voigt und O. Forck, S.A.C. Davos, einen Versuch wiederholten und in bedeutende Höhe kamen. Diese Rekognoszierungstour weckte dann das Interesse anderer, und im gleichen Sommer folgten sich noch mehrere Partien, die sich an die Aufgabe machten, einen neuen Zugang zum Großen Buin von Süden zu öffnen, leider mit negativem Resultat.
Wieder stehen wir, Fritz Triner, S.A.C. Bern, und der Unterzeichnete, nach einem langen Nachtmarsche über Silvrettagletscher und Cudèra-Firn im Morgengrauen am Plan-Rai und blicken die Wand hinauf, die im Zwielicht noch viel abweisender aussieht. Wird es wohl diesmal gehen! Nach kurzer Rast wird das Firnfeld gequert, das sich von der Fuorcla-Buin herunterzieht und bald darauf die ersten Felsen erreicht. Es ist 5 Uhr. Schon anfangs nehmen die Felsstufen die Kräfte in Anspruch. Ohne gerade schwierig zu sein, sind sie sehr glatt, vom frühern Eisgang geschliffen. Über ein breites, geröllbedecktes Band führen leichtere Felspartien mäßig steil in die Höhe, stets zur Linken einer tiefen Schlucht, die die Wand im obern Teil geradlinig durchreißt. Gut gestufte Felspartien folgen und führen zu einer heikein Platte, auf welche griffarme Stufen aufsetzen. Die bei unserm ersten Versuche hier eingetriebenen Eisenstifte sichern und ersparen viel Zeit. Höhe zirka 2950 m. Was nun folgt, erfordert volle Aufmerksamkeit. Es wird steiler und sehr exponiert. Viele Stellen sind senkrecht, die Griffe aber meistens sicher, so daß wir verhältnismäßig rasch an Höhe gewinnen. Über einer absturzbereiten, in die Wand hinaushängenden Kante, die vorsichtig überklettert wird, setzt ein 4 m. hoher enger Riß an. Derselbe wird zuerst stemmend, dann mittelst der Griffe an der rechten Außenkante überwunden. Der bei unserm zweiten Rückzuge hier angebrachte Seilring wandert zu weitem Diensten in den Rucksack. Ein schmales Band folgt, auf welchem wir uns zu einer kurzen Rast niederlassen. Schon sind wir über 3000 m. Die Fuorcla-Buin liegt unter uns, und der gegenüberliegende „ Piz Fliana " überhöht unsern Standpunkt nur um weniges. Der Blick in die Ferne weitet sich. Prächtig zeichnet südwärts die Königsspitze ihre scharfen Flanken, wuchtig, imponierend wirkt die Masse des Ortlers, und an den Firnhängen des Cevedale bricht sich blendend eine Fülle von Licht. Doch weiter! Nach 50 m. schöner Kletterei mit verschiedenen kleinen Traversen in sehr steilem Fels treffen wir wieder ein Band, an welchem wir unsern zweiten Versuch ( mit M. Punz, S.A.C. Davos ) infolge totaler Vereisung der obern Partien aufgeben mußten. Eine glatte, zum Teil senkrechte Stufe baut sich über uns auf, das schwierigste Stück der Wand. Kommen wir da hinauf, ist uns der Erfolg sicher. Den wenigen kleinen Griffen vertrauend und von der Eeibung des Körpers am Felsen weitgehendsten Gebrauch machend, gelingt es, über dieses böse Stück hinweg zu kommen, um dann, an glatter Wand übereinanderstehend, fast ohne Griffe, unter einem Überhang die glatte Platte Zoll um Zoll zu überwinden und äußerst exponiert ein sicheres Gesimse zu erreichen. Dort stehen nun zur Orientierung für spätere Besteiger zwei Steindauben, die vom untern Bande sichtbar sind. Die noch folgenden Partien sind nicht schwierig. In kurzer Zeit ist der Grat erreicht, und wenige Minuten später, um 10 Uhr, stehen wir auf dem Gipfel des „ Buin ", 3316 m ., genau 9 Stunden nach Aufbruch von der Silvrettahütte. Ein Gefühl froher Genugtuung über den heutigen Erfolg, verbunden mit dem Genuß einer herrlichen Bundsicht, verschaffen uns eine ideale Gipfelrast. Vom benachbarten Kleinen Buin grüßt Führer Guler herüber. Er wußte um unser Vorhaben und hat uns beobachtet. Um Mittag treten wir den Abstieg an, überschreiten die Fuorcla-Confin und den Gletscher auf dem üblichen Wege und sind über Silvretta um 5 Uhr in Klosters.
J. Reich ( Sektionen Davos und Bern ).