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Rosmarie rührte um. Jede Umdrehung ließ die grünen Kräuter durch die Tasse wirbeln, bis sie wieder zur Ruhe kamen und sich auf dem Boden absetzten. Mit zittrigen Fingern klaubte sie ein Blatt aus der Tasse und steckte es in den Mund. Frischer Pfefferminz, Rosmaries Liebling. Rosmarie rührte um. Jede Umdrehung ließ die grünen Kräuter durch die Tasse wirbeln, bis sie wieder zur Ruhe kamen und sich auf dem Boden absetzten. Mit zittrigen Fingern klaubte sie ein Blatt aus der Tasse und steckte es in den Mund. Frischer Pfefferminz, Rosmaries Liebling.
Früher hatte sie ein ganzes Meer hinter dem Haus angepflanzt. Jeden Morgen trat sie kurz aus dem Haus, überprüfte die Temperatur und schnitt einige Stängel Pfefferminz ab. Ein Ritual, das ihr hier im Altersheim fehlte. Glücklicherweise hatte eine Enkelin ihr einen kleinen Strauch für den Fenstersims mitgebracht. Jetzt schlurfte sie jeden Morgen nach dem Frühstück zurück in ihr Zimmer und kehrte mit vier Blättern zurück. Vier Blätter war die optimale Anzahl, so blieb ihr die Pflanze lange erhalten, aber der Tee schmeckte dennoch aromatisch. Die Pflegerin stellte ihr dann jeweils eine Tasse mit heissem Wasser auf den Holztisch, sodass Rosmarie das Leben durch die große Fensterscheibe beobachten konnte.
Ein Zipfel der Bluse hatte sich gelöst und hing über den Bund ihres Rocks, Rosmarie steckte ihn zurück und strich die Falten glatt. Später kam Mira, ihre Tochter vorbei, sie hat Rosmarie einen Spaziergang versprochen. Allzu weit konnte sie zwar nicht mehr gehen, aber die Bank am Ufer der Töss war ein machbares Ziel. Zu dieser Jahreszeit wuchs Bärlauch wie ein grüner Teppich im Schatten der Bäume. Mira sammelte sicher wieder einen Berg der Blätter, die ganz Winterthur in eine Wolke aus Knoblauchgeruch hüllten, und brachte ihr beim nächsten Besuch ein Glas der selbstgemachten Pesto mit. Rosmarie teilte die Sauce mit den anderen Bewohnern des Altersheims, da blieb ihr am Schluss nur noch einen Teelöffel übrig. Doch das war ihr egal, sie hatte ja selbst vier Kinder und als Mutter lernte man zu teilen.
Rosmaries Blick schweifte nach draußen. Dunkelgrünes Efeu rankte sich um den Holzzaun, dessen weiße Farbe längst in gräulichen Stücken abblätterte. Die Spatzen balancierten über den Balken, hüpften über den Randstein und pickten sich gegenseitig in die Flügel, als wären sie Geschwister, die um das übriggebliebene Stück Kuchen stritten. Rosmarie lächelte, ihre Augen leuchteten in einem sanften Braun. Wie ernsthaft die Vögelchen doch in die Welt hinausblickten.
Eine Gruppe von Kindern kam dem Weg entlang, ausgelassen füllten sie die Straße mit Lärm. Sie verhielten sich gar nicht so anders als die Spatzen, die sich aufgeschreckt in die Baumkronen verzogen haben. Ein Junge mit spitzbübischem Grinsen riss einen Ast Efeu ab, legte ihn wie einen Schal um seinen Hals und stolzierte vor den anderen Kindern, als sei er der König der Welt. Die kleinen Grübchen in den Wangen erinnerten sie an ihren Sohn. Wenn der junge Held gelächelt hatte, war ihr Herz dahingeschmolzen und die Flegeltaten waren sofort vergessen.
„Diese Kinder, keinen Respekt“, dröhnte eine Stimme über ihre Schulter. Erschrocken fuhr Rosmarie herum. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich Martha hinter ihrem Stuhl aufgebaut hatte. Martha, die selbst nicht viel größer als die Kinder vor dem Fenster war, stand mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Augen da.
„Mach nicht so ein Gesicht, das gibt Falten“, antwortete Rosmarie mit einem Augenzwinkern. Obwohl die beiden Frauen im selben Trakt des Altersheims wohnten, hatten sie noch kaum ein Wort gewechselt. Martha wieselte ständig durch die Gänge, schimpft vor sich hin und schien dabei sehr beschäftigt zu sein. Rosmarie dagegen war langsam. Nicht weil sie alt war und sich nicht mehr so schnell bewegen konnte, sie war schon immer langsam gewesen. Es gab so viel zu sehen, war sie der Meinung, und wer von einem Ort zum nächsten hetzte, verpasste alles.
„Ich bin 86 Jahre alt, da ist es mit der Schönheit sowieso längst vorbei.“ Martha klopfte gegen die Scheibe und jagte die Kinder mit energischen Winkbewegungen aus ihrem Sichtfeld.
„Und ich, Trottel, dachte immer, ein Lächeln sei das, was uns schön macht.“
Martha starrte Rosmarie an, als sei sie nicht sicher, ob die alte Frau Witze machte.
„Du hast gut zu reden. Sitzt den ganzen Morgen vor dem Fenster und vertrödelst die Zeit.“
„Aber nein, im Gegenteil, ich nutze meine Zeit bestens.“ Rosmarie trank den letzten Schluck Pfefferminztee, da flatterten die Spatzen wieder an. Wie geflügelte Roboter bewegten sie ihre Köpfe in ruckartigen Bewegungen auf und ab, rechts und links, segelten einen Meter und pickten auf dem Boden.
„Herumsitzen hat noch keinem genützt“, sagte Martha bestimmt. Sie befeuchtete die Spitze ihres Zeigefingers und rubbelte einen Wasserfleck von der braunen Tischplatte.
„Hast du es schon probiert?“, fragte Rosmarie zurück.
Martha murmelte vor sich hin, den Blick auf den Boden gerichtet. Rosmarie hatte nicht verstanden, was sie gesagt hatte, aber sie war sich sicher, dass sie die Antwort auch nicht unbedingt hören musste.
Im schmalen Grasstreifen, der den Gehweg vom Altersheim trennte, wuchsen Hyazinthen. Die Köpfchen mit den vielen stecknadelkopfgroßen Blüten leuchteten in einem intensiven Blau, sodass die Blume im hellgrünen Frühlingsgras surreal wirkte. Die Sonnenstrahlen trafen auf das Fenster. Rosmarie kniff die Augen zusammen, das Licht brach in der Scheibe und ließ tausende Regenbögen, um ihre Wimpern wachsen. Sie kicherte, wog den Kopf zur Seite und die Regenbögen tanzten mit.
„Was machst du?“, fragte Martha und klopfte mit dem Fuß gegen den Boden.
„Ich schaue mir die Details an. Magst du nicht zu mir setzen?“ Es machte sie nervös, wie Martha neben ihr herumzappelte.
„Kurz vielleicht, ja“, sagte Martha und setzte sich auf die Vorderkante des Holzstuhls – jetzt wippte sie mit dem Bein. Rosmarie atmete tief ein.
„Siehst du das Herz?“
„Wo?“ Martha schob die Brille hoch, auf dem Glas waren Fingerabdrücke zu sehen.
Rosmarie beugte sich nach vorne, nahm ihr die Brille behutsam von der Nase und rieb sie am Ärmel ihrer Bluse. Kaum hatte Martha die Brille wieder vor den Augen, suchte sie die Umgebung nach dem Herz ab. Ihre Bewegungen erinnerten Rosmarie an die Spatzen auf dem Randstein.
„Da, links am Fensterrand.“ Sie hob langsam ihren Arm und deutete auf den Rahmen.
„Aha, ja. Ich kann es sehen. Schon verrückt, was hier am Personal gespart wird.“
„Wie die Sonne die Staubpartikel beleuchtet. Ist das nicht wunderschön?“
Rosmarie schüttelte energisch den Kopf. „Fürchterlich, dieser Staub hier. Ich habe meine Fenster früher jede Woche geputzt. Was macht denn das für eine Falle so?“
„Der Staub hat sich bei mir immer wohlgefühlt, da wollte ich ihn nicht verjagen“, sagte Rosmarie. Martha zog eine Augenbraue hoch, als sie Rosmaries Grinsen sah.
„Machst du Witze?“
„Vermutlich war es die Enkelin von Betrand, sie steht oft hier am Fenster, wenn sie ihn besucht.“ Rosmarie kippte die Tasse in der Hoffnung, noch einen Schluck Tee vorzufinden, aber es klebten nur die Blätter am weißen Porzellan. Sie musste nachher die Pflegerin fragen, die brachte ihr gewiss etwas mehr heisses Wasser.
„Das Kind muss auch alles anfassen“, sagte Martha kopfschüttelnd.
„Ich habe auch immer überall Herzen hingezeichnet, als ich in dem Alter war.“ Rosmarie lächelte. Es spielte keine Rolle, wie weit ihre Jugend entfernt war, die wichtigen Details würde sie nie vergessen.
„So“, sagt Martha und blickte auf die goldene Uhr an ihrem zierlichen Handgelenk. „Ich muss los.“ Sie stand auf und verschwand ohne Gruß den Flur hinunter.
Rosmarie lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihren faltigen Fingern.