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Im Jahr 1989 stellt Jean-Luc Godard bei einem Vortrag an der französischen Filmhochschule La Fémis eine These auf, die in der umfangreichen Literatur zum Werk des Filmemachers ohne nennenswerte Resonanz geblieben ist. Die Montage, so Godard, sei die Originalität, die Essenz, das ursprüngliche Wesen des Kinos, das jedoch «nie existiert hat, wie eine Pflanze, die niemals wirklich aus der Erde gedrungen ist». Ähnlich geäussert hatte sich Godard im Jahr zuvor, in einem Gespräch mit dem Filmkritiker Serge Daney. Gegenstand ihrer Unterhaltung war Godards 1988 begonnenes und erst 1998 fertiggestelltes Opus magnum, die viereinhalbstündige Videoserie Histoire(s) du cinéma. In ihr erzählt Godard die Geschichte des Kinos und des 20. Jahrhunderts mit den Mitteln des Kinos selbst, also den Mitteln der Montage, anhand von Versatzstücken der Filmgeschichte sowie der Musik, Malerei, Fotografie und Literatur. Zu Daney sagt Godard, das Kino habe die Montage «gesucht, doch nie gefunden». Selbst grosse Innovatoren im Bereich filmischer Formen wie Griffith, Vertov oder Eisenstein hätten höchstens «Montage-Effekte» hervorgebracht, doch niemals «die Montage» selbst. Die Histoire(s) du cinéma sind damit nicht einfach ein Montagewerk, sondern Ausdruck der Suche nach der Montage, und der Verschiebung der Montage von einer Technik zu einem Telos des Kinos.
In dieser «nie gefundenen» Montage drückt sich, mit einer Wendung Daneys, Godards «Leidenschaft» für das Kino aus, die das Kino nicht überwinden und in einer neuen Medienlandschaft auflösen will, sondern es erneut auf das Unbekannte in sich selbst öffnet. Denn Godard, so die interessante Einordnung des Kritikers in seinem Aufsatz «Godards Paradox» von 1986, ist eben nicht jener Prophet des Todes des Kinos, nicht jener Avantgardist oder Revolutionär, als der er (bis heute) oft dargestellt wird. Vielmehr betreibe Godard einen «radikalen Reformismus»: Indem Godard unaufhörlich mit Zitaten und Fragmenten spielt, indem er die narrativen und ästhetischen Formen des Kinos in ihre Bestandteile, also einzelne Bilder und Töne zerlegt und neu zusammensetzt, reformiert er das Kino auf radikale – fortlaufende – Art, erhält er es am Leben als nie abschliessbaren Montageprozess, der die Montage als Geheimnis, als unerreichbares Wesen des Kinos bewahrt.
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