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«'Ein Frauenroman. Nichts Grossartiges', sagte sie. 'Nichts Grossartiges?'»
Auf der Oberfläche gilt diese Aussage auch für die Erzählung in der sie steht: Christina Frosios Erzählung «Noch ist nicht Herbst». Es ist eine Geschichte von einer Frau über eine Frau und vielleicht richtet sie sich sogar in erster Linie an Frauen. Unter dieser Oberfläche ist es jedoch eine Emanzipationsgeschichte.
Madeleine lebt mit Mann und pubertierender Tochter im eleganten Haus mit grossem Garten. Ab und zu trifft sie sich mit ihrer Freundin, mit der sie als junge Frau eine Weile in Paris lebte und auszubrechen versuchte. Madeleines Ehe mit Peter ist kühl geworden. Peter ist selten zu Hause, erzählt wenig von sich und mag es nicht, wenn die Einladung seiner Eltern nicht nach Plan verläuft.
In Watte gepackt
Es schneit am Anfang des Buches. Deshalb ist Madeleine trotz des Ehekrachs fröhlich und innerlich weit entfernt. In Watte gepackt. Worüber sie sich aber an diesem Abend freut, ist der Besuch von Peters erwachsenem Sohn Fred. Madeleine heisst das neue Familienmitglied willkommen.
Die Geschichte ist rasch erzählt. Fred wirbt im Frühling um Madeleine. Sie lässt sich im Sommer auf ihn ein. Peter kommt dahinter und Madeleine zieht mit der Tochter in eine eigene Wohnung. Es ist Herbst. Madeleine freut sich auf den Winter und denkt an den Frühling.
Ödipus und Petöfy
Die Sprengkraft der Geschichte liegt eigentlich darin, dass Fred Peters Sohn ist. Dass die Affäre also beinahe eine Inzestgeschichte ist, ist jedoch nebensächlich. Das ist schade. Denn darin würde das grosse Drama des Stoffes liegen. Wenn es aber keine Rolle spielt, so fragt man sich als Leser, weshalb der Liebhaber ausgerechnet der Sohn des Gatten sein muss.
Über die Motive von Fred erfahren wir wenig und reimen uns umso mehr zusammen. Wir denken an Fontanes «Graf Petöfy» und an den Mythos des Ödipus. Dadurch entsteht eine Ebene, in der es um Mesalliance und Vatermord geht.
Der Text lässt offen, ob sich der junge Mann mit der Affäre bloss am Verrat des Vaters an der eigenen Mutter rächen will oder ob ihm die junge Stiefmutter tatsächlich etwas bedeutet. Für Madeleine allerdings ist die Verwandtschaft der Männer kein wesentliches Thema. Sie sieht bloss, wie anders der Sohn als sein Vater ist. Ein Gegenpol.
Distanz als Grundgefühl
Madeleine ist mit Peter nicht unglücklich. Allerdings scheint es, als wäre sie nicht viel mehr als die Dekoration in Peters Haus. Madeleine pflegt den Garten und schmückt das Haus in dem sie sich nur ein kleines Zimmer eingerichtet hat. Sie bleibt fremd in Peters Haus. Das liegt aber vor allem daran, dass Madeleine sich selber fern ist. Sie übergibt sich, um ihren Körper zu fühlen. Sie fühlt sich dann leicht. Erst durch den Geliebten findet sie in ihren Körper und beginnt zu handeln.
Der Text liest sich leicht und flüssig und die Geschichte nimmt uns trotz der eigenartigen Distanz zu den Figuren gefangen. Es ist die gleiche Distanz, die Madeleine zu sich und ihrer Familie empfindet. Darin liegt die Stärke der Erzählung.