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Weiter: Der Dolch
Tavoran spähte durch den schmalen Spalt der Geheimtür. Das Gemach der Zwillingsherrscherin Saleja war entgegen seinen Erwartungen nicht dunkel, sondern wurde von schwachem Kerzenschein erleuchtet. Er schloss die Augen und lauschte.
Neben dem Rascheln von Kleidung vernahm er das feine Kratzen einer Feder auf Pergament. Er erinnerte sich daran, dass der Schreibtisch in der Nähe der großen Flügeltüren des Balkons stand, und wenn dem immer noch so war, dann würde Saleja mit dem Rücken zu ihm sitzen.
Dass sie noch wach war, passte nicht in seinen Plan. Er konnte unmöglich leise genug sein, um hinter ihr den Schatzschrank zu öffnen und den Dolch zu stehlen. Er war zwar geschickt und kannte das Schloss, wusste aber auch, dass es sich nicht lautlos öffnen ließ und Saleja ganz bestimmt auf ihn aufmerksam werden würde.
Er konnte sie aber auch nicht überwältigen und betäuben. Gewalt wollte er gegen Saleja nicht einsetzen und den Schlafstaub durfte er nicht benutzen, denn die Hofmagier würden die Spuren davon bei der ersten Gelegenheit entdecken, außerdem stand der Einsatz von Magie gegen die Herrscher von Catun unter Todesstrafe.
Tavoran verzog den Mund. In diesem Fall spielte dies jedoch keine Rolle, denn wenn er den Dolch stahl, dann stand sein Leben sowieso auf dem Spiel. Kurz überlegte er, sich doch hinter sie zu schleichen und ihr den Schlafstaub ins Gesicht zu werfen, denn es würde ihm einiges an Zeit ersparen. Er hatte Dalin gesagt, er wäre in einer Stunde zurück; wenn Saleja noch lange am Schreibtisch saß, würde er seinen Plan nicht einhalten können.
Er stellte sich etwas näher an den Türspalt und blickte hindurch. Das großzügige Gemach wurde von einer Hand voll Kerzen erhellt, die auf aufwändig geschmiedeten Eisenständern thronten. Die Decke zierten detailreiche Malereien mit Erzählungen aus der Geschichte Amyriens, die an den Wänden in geometrische Muster übergingen. Die versteckte Tür, durch die Tavoran in den Raum spähte, befand sich in einer unbeleuchteten Ecke in der Nähe der feingeschnitzten Eingangstür des Gemachs.
Am anderen Ende des etwa fünfzehn Schritt langen Raumes führten drei Stufen in einen separaten Raum mit grossem Türbogen, der mit feinen Vorhängen abgetrennt war und in dem Tavoran manche nächtliche Stunde verbracht hatte. Ein grosser, feingewobener Teppich in warmen Rottönen bedeckte beinahe den kompletten Boden.
Die lange Seite des Raumes, die zum Innenhof zeigte, bestand vollständig aus Buntglasfenstern, die maritime Sujets und Pflanzenmuster zeigten. Dazwischen standen die beiden Flügeltüren des Balkons offen, und ein leichter Windstoß bauschte die feinen Vorhänge und ließ die Kerzen flackern.
Auf der gegenüberliegenden Seite, eingelassen zwischen zwei Säulen, stand der Schatzschrank. Im Schein der Kerzen glänzte das Schloss auf der feingeschnitzten Holzoberfläche verheißungsvoll.
Saleja sass mit dem Rücken zur Tür auf einem großen Kissen vor dem niedrigen Tisch aus schwarzem Holz. Zwischendurch sah Tavoran, wie sich eine Schreibfeder bewegte und wie Saleja die Spitze der Feder in ein kleines Tintenfass tauchte. Einen Augenblick später legte sie die Feder zur Seite und wedelte ein paar Sekunden mit der Hand, um die Tinte zu trocknen. Ihre Armreifen klimperten leise, als sie das Pergament zusammenfaltete, Wachs auf die Pergamentkante träufeln ließ und das Geschriebene mit dem Ring versiegelte.
Tavoran beobachtete, wie sie mit beinahe liebevoller Bewegung den Brief zur Seite legte und einen Moment lang betrachtete, dann erhob sie sich und nahm die Öllampe vom Tisch. Die fließenden Gewänder umschmeichelten ihre Gestalt, als sie im Raum herum von Kerze zu Kerze ging und diese löschte. Bevor sie in die Nähe der versteckten Tür kam, wich Tavoran zurück und zog sie vorsichtig zu.
Durch die Tür konnte Tavoran keine Geräusche aus dem Zimmer vernehmen. Für einmal verfluchte er den Teppich, der die Geräusche zuverlässig verschluckte. Denn er hatte keine Ahnung, wo Saleja sich befand, nahm aber an, dass sie zum Schlafbereich hinübergehen würde.
In Gedanken zählte er langsam bis hundert, dann stieß er die Tür vorsichtig wieder auf.
Das Gemach lag im Dunkeln und Saleja war verschwunden. Er lauschte angestrengt, konnte aber außer leisen Geräuschen, die vom Hof durch die geöffneten Flügeltüren des Balkons drangen, nichts vernehmen.
Langsam öffnete er die Tür so weit, dass er sich hindurchschieben konnte, und ließ sie einen Spalt breit offen stehen. Er wusste, dass sie von dieser Seite schwer zu öffnen war, und er wollte nicht über den Balkon verschwinden müssen, weil er die Tür im dümmsten Moment nicht mehr aufbekam.
Mit leisen Schritten schlich er zum Schatzschrank hinüber und warf einen Blick zum Schlafbereich. Hinter den Vorhängen regte sich nichts und er glaubte, ganz leise regelmäßige Atemzüge zu vernehmen.
Er reckte seine Schultern und widmete seine Aufmerksamkeit dem Schloss des Schatzschrankes. Mit langsamen Bewegungen griff er an den Gürtel und beförderte sein Diebeswerkzeug zu Tage. Ein Blick auf das Schloss verriet ihm, dass es noch dasselbe war wie damals. Er hatte es schon ein paar Male geöffnet, hauptsächlich aus Spaß und zur Übung. Saleja hatte nie etwas bemerkt, oder falls doch, sich jedenfalls nie etwas anmerken lassen.
Er hatte sich gehütet, etwas aus dem Schatzschrank zu stehlen, denn das Risiko wollte er nicht eingehen. Er verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. Damals hätte er nie gedacht, dass er einmal in anderer Absicht hier stehen würde.
Mit sicheren Bewegungen machte er sich am Schloss zu schaffen. Er brauchte ein paar Anläufe, um die kleinen Bolzen im Inneren so zu positionieren, dass er das eigentliche Schloss öffnen konnte. Dann, nach ein paar Augenblicken, erklang ein Klacken, als das Schloss schließlich aufsprang.
In Tavorans Ohren klang es unglaublich laut, aber er wusste, dass das nur seinen strapazierten Nerven geschuldet war. Trotzdem hielt er den Atem an und lauschte auf verdächtige Geräusche. Als sich nichts rührte, atmete er leise aus und entspannte sich ein wenig.
Beinahe zärtlich strich er über das geschnitzte Holz, fühlte die Formen und und Vertiefungen darin, dann glitten seine Finger zu den Griffen und er zog die beiden Türen vorsichtig auf.
Als er ein leises Knarren von der rechten Schranktür vernahm, hielt er erschrocken inne, und lauschte erneut. Er spürte den Puls beinahe schmerzhaft in seinen Ohren. Noch regte sich nichts.
Er ließ die rechte Schranktür stehen und öffnete die linke weiter, die ohne ein Geräusch aufschwang. Vor ihm befanden sich mehrere Regalbretter, die mit allerhand wertvollen Gegenständen vollgestellt waren. In einer vergoldeten Schale lagen die Schmuckstücke der Zwillingsherrscherin, er sah Siegelringe, kunstvoll geschmiedete Schatullen, Vasen und Kelche. Etwas weiter oben lagerte eng beschriebenes Pergament, Briefe, Schriftrollen und zwei dicke Wälzer, aber Tavoran verschwendete keine Minute damit, irgendetwas davon zu lesen. Sein Blick glitt weiter durch den Schatzschrank, doch der Dolch war nirgends zu sehen.
Er ging vor dem Schrank in die Hocke und musterte die unteren Regalböden.
Da. Ganz unten lag eine leicht geschwungene und reich mit Edelsteinen verzierte Messerscheide aus Leder.
Und darin steckte ein Dolch.
»Der Dolch scheint euch nicht gerade viel wert zu sein, wenn ihr ihn hier unten deponiert«, murmelte Tavoran beinahe lautlos, streckte die Hand aus und wartete.
Doch nichts geschah. Er war beinahe enttäuscht. Er hatte erwartet, dass er wenigstens starke Magie, irgendwelche Essenzen von Geistern oder sonst etwas fühlte, was darauf hinwies, dass dieser Dolch wirklich jenes magische Artefakt war, von dem Yihun gesprochen hatte.
Tavoran zog die Hand zurück, runzelte die Stirn und stand auf. Er warf einen weiteren Blick in den Schrank und untersuchte jedes Regalbrett erneut nach einem Dolch ab. Aber er fand keinen anderen.
Zögerlich ließ er sich wieder in die Hocke sinken. Dalin hatte behauptet, der Dolch läge hier, im Schatzschrank der Zwillingsherrscher. Es musste dieser Dolch sein, keine Frage.
Er gab sich einen Ruck und griff nach der Waffe. Sie war erstaunlich leicht und lag gut in der Hand, als er den Dolch am Griff packte und aus dem Schrank holte. Einen Augenblick wog er ihn in den Händen und zog die Klinge ein paar fingerbreit aus der Scheide. Die Klinge aus Obsidian war vollkommen schwarz, und er erkannte im schwachen Licht und nur mithilfe des Sternenpulvers in seinen Augen, dass auf der Klinge feinem eingeritzte Linien zu sehen waren.
Die Beschreibung, die ihm Yihun gegeben hatte, stimmte mit dem, was er sah, überein. Zufrieden stieß er den Dolch in die Scheide zurück, ließ ihn in seinem Wams verschwinden, stand auf und schloss genauso langsam und vorsichtig, wie er sie geöffnet hatte, die beiden Schranktüren.
Zufrieden lauschte er dem klackernden Geräusch, als sich das Mehrfachschloss wieder verriegelte. Er warf einen letzten Blick zum Durchgang zu Salejas Schlafstatt, dann drehte er sich in Richtung der geheimen Tür und machte sich langsam auf den Weg zurück.
Er war nur noch eine Armlänge von der Tür entfernt, die noch immer einen kleinen Spalt offen stand.
Dann ertönte die Stimme hinter ihm.
»Tavoran Maras? Was bei dem Dreiäugigen Gott bringt dich hierher?«
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