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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

FÜNFZEHNTES BUCH. Zusammenfassung der vorangehenden vierzehn Bücher. Der Mensch ist Bild Gottes in jenem Bereiche seines Seins, der dem Ewigen zugewandt ist. Die Unterschiede zwischen der menschlichen und göttlichen Trinität
3. Kapitel. Zusammenfassung aller bisherigen Darlegungen.
4. Weil uns aber der Gang der Erörterungen und Überlegungen die vierzehn Bücher hindurch vieles zu sagen zwang, was wir in seiner Ganzheit auf einmal nicht zu überschauen vermögen, will ich, um das bisher Gesagte in schneller Zusammenschau auf das, was wir begreifen wollen, hinzuordnen, so gut ich mit Gottes Hilfe kann, alles, was ich in den einzelnen Büchern im Hin und Her der Erörterungen einsichtig machen konnte, nun ohne jedes Hin und Her von Erörterungen kurz zusammenfassen und dem Geiste gleichsam in einem einzigen Blicke zugänglich machen, nicht indem ich die Weise, in der eine Wirklichkeit eine Überzeugung erzeugte, sondern indem ich die Wirklichkeit, von der eine Überzeugung erzeugt wurde, selbst darlege. So soll das jeweils Folgende nicht soweit vom jeweils Vorausgehenden entfernt sein, daß die Sicht auf das Folgende das Vorausgehende vergessen mache oder daß doch, wenn dies schon passiert, schnell wieder aufgelesen und gesammelt werden könne, was entfallen ist.
5. Im ersten Buche wird aus der Heiligen Schrift die Einheit und Dreiheit jener höchsten Dreieinigkeit gezeigt. Ebenso im zweiten, dritten und vierten. Doch [S. 254] zieht sich durch die letzten drei Bücher die sorgfältig behandelte Frage über die Sendung des Sohnes und Heiligen Geistes hindurch. Es wurde gezeigt, daß nicht etwa deshalb, weil der eine sandte, der andere gesandt wurde, der Gesandte geringer ist als der Sendende, da die Dreieinigkeit, die in allem gleich ist, in gleicher Weise auch in ihrer Natur unwandelbar und unsichtbar und überall gegenwärtig und in ihrem Wirken untrennbar ist. Um derer willen, die die Dieselbigkeit der Substanz des Vaters und Sohnes ablehnen, weil nach ihrer Meinung alle Aussagen über Gott die Substanz betreffen und weil deshalb zeugen und gezeugt werden oder gezeugt und ungezeugt sein, da diese Aussagen verschiedene Dinge betreffen, eine Substanzverschiedenheit im Gefolge haben, wird im fünften Buche gezeigt, daß nicht jede Aussage über Gott die Substanz betrifft, wie die Aussagen gut und groß oder sonstige beziehungslose Aussagen die Substanz betreffen, sondern daß es auch beziehentliche Atissagen gibt, das heißt solche, die nicht in bezug auf das in Rede stehende Ding selbst, sondern in bezug auf eine Wirklichkeit gelten, die von ihm verschieden ist. So besagt Vater eine Beziehung zum Sohne oder Herr eine Beziehung zu den ihm dienenden Geschöpfen. Wenn im Bereiche der Schöpfung eine erst in der Zeit von Gott geltende, beziehentliche Aussage, das heißt wenn eine Aussage gemacht wird, die sich auf eine von ihm verschiedene Wirklichkeit bezieht, wie in dem Satz; „Herr, du bist unsere Zuflucht geworden,“1 so kommt, wie gezeigt wurde, nichts zu ihm hinzu, wodurch er gewandelt würde, sondern er verharrt ganz und gar in seiner Dieselbigkeit, als der in der Natur oder im Wesen Unwandelbare. Im sechsten Buche wurde dargelegt, in welchem Sinne Christus durch den Mund des Apostels die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes heißt,2 und zwar in der Weise, daß die sorgfältigere Behandlung der Frage, ob derjenige, von dem Christus [S. 255] gezeugt ist, nicht auch selbst Weisheit sei, sondern nur der Vater seiner Weisheit, oder ob die Weisheit die Weisheit zeugte, auf später verschoben wurde. Mochte dem sein wie immer, auch in diesem Buche zeigte sich die Gleichheit der Dreieinigkeit und daß Gott nicht dreiteilig, sondern dreieinig ist, sowie daß Vater und Sohn nicht gleichsam das Doppelte dessen darstellen, was der Heilige Geist für sich ist, da ja hier drei nicht mehr sind als eines. Es wurde auch erörtert, wie man das Wort des Bischofs Hilarius verstehen solle: „Ewigkeit im Vater, Gestalt im Bilde, Gebrauch im Geschenke.“ Im siebenten Buche wird die zunächst aufgeschobene Frage erklärt, und zwar in dem Sinne, daß Gott, der den Sohn zeugte, nicht nur der Vater seiner Kraft und Weisheit, sondern auch selbst Kraft und Weisheit ist, daß es ebenso ist mit dem Heiligen Geiste, daß sie aber zusammen nicht drei Kräfte und Weisheiten sind, sondern eine Kraft und eine Weisheit, wie auch ein Gott und ein Wesen. Dann wurde die Frage aufgeworfen, in welchem Sinne man von einem Wesen und drei Personen spricht oder in welchem Sinne manche Griechen von einem Wesen und drei Substanzen reden. Dabei stellte sich heraus, daß man der Not gehorchend so spricht, um doch irgendein Wort für unsere sprachliche Formulierung zur Verfügung zu haben, wenn man fragt, was denn die drei sind, von denen wir der Wahrheit gemäß bekennen, daß es drei sind, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Im achten Buche wurden den der Einsicht Fähigen Verstandesgründe vorgelegt, und es wurde klar, daß in der Substanz der Wahrheit nicht nur der Vater nicht größer ist als der Sohn, sondern auch beide zusammen nicht etwas Größeres sind als der Heilige Geist allein, sowie daß irgendwelche beliebige zwei in eben dieser Dreieinigkeit nicht etwas Größeres sind als einer und daß alle drei zusammen nicht etwas Größeres sind als ein einzelner. Dann wies ich darauf hin, daß unter der Wahrheit, welche in Einsicht [S. 256] geschaut wird, und unter dem höchsten Gut, von dem jedes Gut ist, und unter der Gerechtigkeit, um derentwillen eine gerechte Seele auch von einer noch nicht gerechten Seele geliebt wird, die nicht bloß unstoffliche, sondern auch unwandelbare Natur, die Gott ist, zu verstehen ist, und ebenso auch unter der Liebe, welche nach dem Ausspruch der Heiligen Schrift Gott ist3 ― in ihr begann für die der Einsicht Fähigen auch schon eine Dreiheit aufzuleuchten, die Dreiheit nämlich des Liebenden, des Geliebten und der Liebe. Im neunten Buche gelangte unsere Untersuchung zum Bilde Gottes, das der Mensch in seinem Geiste ist. In ihm findet sich eine Art Dreiheit, nämlich der Geist, die Kenntnis, in der er sich kennt, und die Liebe, mit der er sich und seine Kenntnis liebt; es wurde gezeigt, daß diese drei unter sich gleich und von einem und demselben Wesen sind. Im zehnten Buche wurde dies sorgfältiger und gründlicher behandelt, und es kam zur Entdeckung einer einsichtigeren Dreiheit im Geiste, der Dreiheit von Gedächtnis, Einsicht und Wille. Weil sich dabei aber auch herausstellte, daß der Geist niemals in der Verfassung sein konnte, daß er sich seiner nicht erinnert, sich nicht einsieht und sich nicht liebt, obgleich er nicht immer sich denkt und, wenn er sich denkt, sich in diesem Denken nicht in seiner Verschiedenheit von den körperlichen Dingen sieht, deshalb wurde die Erörterung über die Dreieinigkeit, deren Bild diese Dreiheit ist, aufgeschoben, auf daß zunächst gerade bei der Schau der körperlichen Dinge eine Dreiheit festgestellt werde und an ihr die Aufmerksamkeit des Lesers sich gehörig einübe. Im elften Buche wurde hierfür der Gesichtssinn gewählt; was sieh nämlich in ihm findet, das ließe sieh auch bei den übrigen vier Sinnen feststellen, auch wenn es nicht ausdrücklich ausgesprochen wird. Und so zeigte sich im äußeren Menschen eine Dreiheit; sie besteht erstlich aus dem, was draußen [S. 257] gesehen wird, aus dem Körper nämlich, der gesehen wird, ferner aus der Form, die sich hiervon in der Sehkraft des Schauenden abprägt, und aus der Aufmerksamkeit des Willens, der beide eint. Diese drei aber sind, wie sich klar ergab, unter sich nicht gleich und nicht von einer Substanz. Sodann ließ sich in der Seele selbst im Bereiche dessen, was draußen wahrgenommen und gleichsam in sie hineingeführt wurde, eine zweite Dreiheit auffinden, bei der die drei Glieder sich als Wirklichkeiten von einer Substanz offenbarten: das Bild des Körpers im Gedächtnis, die hiervon gebildete Form, wenn sich die Sehkraft beim Denken auf jenes Bild hingewendet, und die beide einende Aufmerksamkeit des Willens. Diese Dreiheit gehörte aber, wie sich zeigte, deshalb zum äußeren Menschen, weil sie von den Körpern stammt, die draußen wahrgenommen werden. Im zwölften Buche war, wie mir scheint, die Wissenschaft von der Weisheit zu unterscheiden, und zunächst in der im eigentlichen Sinne sogenannten Wissenschaft, weil sie niedriger steht, eine Art Dreiheit zu suchen. Mag diese auch schon zum inneren Menschen gehören, so darf man sie doch noch nicht als Bild Gottes bezeichnen oder betrachten. Darum dreht es sich im dreizehnten Buche; es wird dabei der christliche Glaube empfohlen. Im vierzehnten Buche wird die wahre Weisheit des Menschen, das heißt die durch Gottes Freigebigkeit gewährte, in der Teilnahme an Gott selbst bestehende, von der Wissenschaft verschiedene Weisheit erörtert. Die Darlegung ist nun soweit fortgeschritten, daß die Dreiheit im Bilde Gottes aufleuchtet, das der Mensch in seinem Geiste ist, der erneuert wird zur Erkenntnis Gottes nach dem Bilde dessen, der den Menschen4 nach seinem Bilde schuf;5 so erfaßt er die Weisheit, in der sich die Beschauung des Ewigen vollzieht.
1: Ps. 89, 1 [hebr. Ps. 90, 1].
2: 1 Kor. 1, 24.
3: 1 Joh. 4, 16.
4: Kol. 3, 10.
5: Gen. 1, 27.