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FILMBULLETIN: Was denken Sie über den Pierre vor seinem Wandlungsprozess?
MATTHIAS HABICH: Pierre ist eine fiktive Figur aus einem Roman von Yves Navarre, der ziemlich desparat endet. Im Film ist er etwas anders dargestellt. Ich glaube, dieser Pierre vor seiner Wandlung ist ein Mann, der eine Rüstung trägt wie ein mittelalterlicher Krieger. Seine Rüstung ist eigentlich seine Kamera, durch die er die Welt betrachtet. Die Szenen, die er sieht, halten irgendwie in der Kamera an. Da werden sie zu Bildern entwickelt, die werden dann zu Verkaufsmaterial, gehen an die Weltpresse und werden beim Durchblättern kaum mehr wahrgenommen ... In dem Moment in Nicaragua, wo das Kind erschossen wird, da wird seine Rüstung durchbohrt. Er geht nach Hause, wo er sich eine andere Rüstung angelegt hat, nämlich diese ménaqe à trois, sein Refugium der Seele, und findet dieses Refugium verlassen vor. In einer ersten Phase will er das nicht wahrhaben und versucht es zu rekonstruieren, um dann aber festzustellen, dass er endgültig Abschied nehmen muss. Da findet so etwas wie eine Regression bei Pierre statt, was sicher auch mit dem Kind zu tun hat, das zuvor erschossen wurde. In dem Moment, wo er das Kind sterben sieht, wird das Kind in ihm wiedergeboren.
FILMBULLETIN: Hatte nicht diese ménaqe à trois bereits etwas Kindliches; er wollte nicht wahrhaben, dass dieses Beziehungsdreieck noch irgend einmal auseinanderbrechen muss. Das ist ein zu labiles Gleichgewicht ...
MATTHIAS HABICH: Da ist natürlich auch ein utopischer Gedanke mit drin. Ich glaube, Liebe lässt sich nicht einfach in Zweierbeziehungen einfangen. Der Gedanke ist immer da, diese zu erweitern, und manchmal klappt es auch. Ich kenne solche Dreierbeziehungen, die schon seit zwanzig Jahren bestehen. Dafür muss man aber sehr reif sein, es gibt ja schon genug Komplikationen bei zwei Menschen, und das potenziert sich mit dem Faktor 3. Und diese Reife ist bei Pierre sicher nicht vorhanden. Vielleicht kommt die später, da wo der Film heute aufhört.
Also – er versucht nochmal eine Zweierbeziehung mit dem Quentin anzufangen, aber auch dort entsteht wieder keine eigentliche Partnerschaft.
FILMBULLETIN: Die Beziehung zu Quentin erscheint mir wie auf einer Stufe mit dem Prozess von Pierres Verstummen zu liegen. Mit ihm kann er ja schon gar nicht mehr sprechen.
MATTHIAS HABICH: Es war aber trotzdem viel Wärme drin in der Beziehung. Ich kann es nicht genauer ausdrücken. So wie alles, was ich jetzt sage, relativ ist. Ich glaube, man kann den Film auf verschiedene Arten sehen. Man könnte auch sagen, es ist ein Film über Körper und Seele, über Gegenstände, ein zerrissenes Bild, hinter dem ein anderes Bild sichtbar wird ...
FILMBULLETIN: Oder über Gewalt. Zunächst ist Pierre gewalttätig. Er nimmt Bilder von Opfern. Die Mutter des getöteten Kindes sagt ihm dann auch, er sei ein Mörder. Dann werden ihm Sarah und David (gewaltsam) genommen und er stellt den beiden mit seiner Kamera, wie mit einer Waffe nach ...
MATTHIAS HABICH: Aber er macht auch eine Entwicklung durch, spätestens in der Klinik, wo er sich in die Hände von Ärzten gibt. Als Zuschauer nimmt man vielleicht nicht direkt daran teil. Aber gewisse Dinge sind nur zu lösen, indem man sie macht, da gibt es nichts zu analysieren. Wenn einer an das Ende seiner Trauer gelangt ist, dann muss er einen Schritt machen. Und im Film ist dieser erste zärtliche Schritt Pierres derjenige gegenüber dem alten Mann. Da ist er fähig, Liebe zu geben.
FILMBULLETIN: Pierre wird vom Jäger langsam zum Künstler. Auf diesem Weg zu sich macht er Bilder, die zunehmend eine künstlerische Qualität erhalten.
MATTHIAS HABICH: Kunst ist oft eine Brücke, die über eine Kluft geschlagen wird, über Verzweiflung, Ausgeschlossensein. Kunst ist nur machbar aus der Sehnsucht heraus.
FILMBULLETIN: Gab es Teile an Pierre, mit denen Sie Mühe hatten?
MATTHIAS HABICH: Zunächst hatte ich Angst, das könnte zu introvertiert werden, zu wenig Bezug nehmen auf die Welt, in der wir leben. Diese Angst hat sich dann gelegt nach Gesprächen mit Léa und nach den Szenen in Nicaragua. Diese Szenen sagen zwar eigentlich nichts über die Wirklichkeit in diesem Land. Das Kind könnte irgendwo getötet werden. Pierre reflektiert eben die Welt, die Stadt, in der er lebt. Auf diese Weise führt das wieder aus ihm heraus. Ich hatte Angst, A corps perdu werde ein Film über einen klinischen Fall. Das interessiert keinen Menschen. Deshalb habe ich mich immer dagegen gewehrt, den Pierre zu kaputt zu zeigen. Ich wollte einen Traurigen, einen Verzweifelten, aber keinen Kranken zeigen ( ... ). Ich liebe diesen Film sehr. Als ich ihn mir später ansah, konnte ich zuschauen und traurig sein, aber ich war nie verzweifelt. Oft drückt man sich doch um die Trauer und hat Angst davor. Bei ihm kann man weinen, ohne dass einem auf die Tränendrüsen gedrückt worden wäre.
Das Gespräch mit Matthias Habich führte Claudia Acklin.
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