Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/3137

Formell ist man seit
Schleiermacher ziemlich allgemein darin einverstanden, daß in der Theologie eine
Reihe von
Disziplinen, welche der
Sache nach in die Gebiete der Geschichte, der
Philosophie und der
Philologie gehören, im
Interesse der
Kirchenleitung in eine, jeder dieser
Disziplinenan sich fremde,
Association versetzt wurde.
Da es sonach bloß ein praktischer
Gesichtspunkt ist, welcher als zusammenhaltende
Klammer für die sonst mannigfach divergierenden Beschäftigungen der
»theologischen
Fakultät« dient, würde
an sich nichts im Weg stehen, ihre einzelnen
Elemente in die ihnen natürliche
Verbindung
zurücktreten zu lassen, wofern nicht ein leider oft allzu wenig erkanntes
Interesse des
Staats selbst es erheischte, die
Kirche
durch eine von ihm, nicht von ihr zu besetzende theologische
Fakultät in dem lebendigen und befruchtenden
Zusammenhang mit dem sich entwickelnden wissenschaftlichen, künstlerischen und politischen
Bewußtsein der Zeit zu erhalten
oder, wo dieser Zusammenhang verloren gegangen ist, ihn wiederherzustellen. Im übrigen unterscheidet man herkömmlicherweise
innerhalb der Theologie als christlicher (bez. auch jüdischer)
Religionswissenschaft die Hauptgebiete der historischen, systematischen
und praktischen Theologie. Die historische Theologie hat zum Gegenstand den Ursprung, den
weitern Fortgang und die gegenwärtige
Lage der
Kirche und zerfällt daher wieder in die exegetische, kirchenhistorische und
statistische Theologie. Unter der erstern begreift man alles das, was auf das Bibelstudium oder auf die
Erklärung der
Heiligen Schrift
Alten und
NeuenTestaments Bezug hat.
Später trat die Macht der Päpste an die Stelle der Konzile. Nachdem so das Dogma durch die Hierarchie festgestellt
war, fand die scholastische (s. Scholastiker) ihre Aufgabe in der Durchbildung des Lehrbegriffs im einzelnen, namentlich aber
in dem Nachweis seines innern Zusammenhanges und in der philosophischen Begründung der Kirchenlehre. Erst gegen Ende des 14. Jahrh.
beginnt eine durchgreifende, auf das Wesen des Christentums zurückgehende Reformation der Theologie mit Wiclef,
die durch
Huß, aber auch durch seine Gegner, die nominalistischen Theologen Frankreichs, fortgesetzt, durch die Reformatoren
vollendet und praktisch ins Werk gesetzt wurde.
Von diesem Zeitpunkt an durchläuft die theologische Wissenschaft, als die Schöpferin einer neuen Kirche, neue Phasen. Die
Reformation brachte der evangelischen Theologie zunächst Freiheit der Forschung dadurch, daß sie die Herrschaft und die Macht der
bloßen Autorität über die Geister brach und die Heilige Schrift als alleinige Erkenntnisquelle hinstellte. Im Gegensatz gegen
die neue Fessel, als welche nun der Schriftbuchstabe in der zu einer zweiten Scholastik erstarrten protestantischen
Theologie des 17. Jahrh. auftrat, regte sich mit Erfolg das teils philosophisch fortgeschrittenere,
teils historisch geschultere Bewußtsein des 18. Jahrh., während das 19., besonders in Schleiermacher, mit der philosophischen
und historischen Unbefangenheit auch wieder eine tiefere Würdigung des Wesens der Religion und der Interessen der Kirche zu
verbinden wußte.
Gleichwohl ließen die restaurativen Tendenzen, welche zeitweilig im Staate, dauernd in der Kirche die Herrschaft gewannen,
es kaum zur Bildung einer eigentlich freien, die Grundlage und Methode der übrigen Wissenschaften teilenden Theologie kommen.
(grch.), der Wortbedeutung nach soviel als Lehre von Gott, die lehrhafte Darstellung der gesamten vom Darstellenden
selbst für wahr gehaltenen Religion; so bezeichnet sie bei den Griechen die Lehre von ihren Göttern, deren Geschichte und
Verhältnis zur Welt und zum Menschen. Homer und Hesiod, aber auch der Syrer Pherekydes, der Kreter Epimenides hießen daher
Theologen. Innerhalb der christl. Kirche kommt das Wort Theologie zuerst seit dem 4. Jahrh, in eingeschränktem
Sinne als die Lehre von der Gottheit des Logos (s. d.) vor, und die Verteidiger dieser Lehre, wie der Evangelist Johannes und
Gregor von Nazianz, erhielten den Beinamen Theologen. Seitdem übertrug man den Namen auf die kirchliche Gotteslehre überhaupt.
Den Sinn von Religionswissenschaft gewann der Ausdruck erst im Mittelalter durch Abälard (s. d.), der eine
«Theologia christiana» schrieb. Schon die Scholastiker unterschieden, je nach den
¶
mehr
verschiedenen Erkenntnisquellen, eine natürliche und eine geoffenbarte Theologie, von denen jene die auch der natürlichen
Vernunft zugänglichen Wahrheiten, die letztere die durch übernatürliche göttliche Belehrung mitgeteilten Erkenntnisse
umfaßte. Als Erkenntnisquelle der geoffenbarten Theologie galt die Autorität der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung.
Der ältere Protestantismus behielt die Unterscheidung der natürlichen und der geoffenbarten Gotteserkenntnis
bei. Je nach der Form des Vortrags unterschied man die akroamatische oder wissenschaftliche und die katechetische oder populäre
Theologie, ferner die thetische oder positive (systematische) und die polemische Theologie; je nach der Verschiedenheit
des Inhalts die theoretische und die praktische Theologie. Nach heutigem Sprachgebrauch bedeutet
Theologie die Wissenschaft vom Christentum und zerfällt demgemäß in drei Hauptteile.
Die historische Theologie handelt von der geschichtlichen Entstehung und Entwicklung des Christentums; mit jener hat es die Bibelwissenschaft,
mit dieser die Kirchen- und Dogmengeschichte zu thun. Die systematische Theologie hat es mit dem inhaltlichen Wesen des Christentums
zu thun und dasselbe zunächst an der Hand
[* 6] der authentischen Aussagen des christl. Bewußtseins festzustellen,
dann in seiner Eigenart und Berechtigung durch seine Zurückführung auf das Wesen der Religion überhaupt wie durch seine
Vergleichung mit den andern positiven Religionen darzulegen (theologische Principienlehre); weiter den Ausdruck, den der christl.
Überzeugungsgehalt sich im christl. Denken giebt, im Zusammenhange mit aller anderweiten Erkenntnis systematisch
zu entwickeln (spekulative Dogmatik) und andererseits den Ausdruck, den das christl. Bewußtsein, als Inhaber des höchsten
Gutes, sich im christl. Handeln zu geben hat, darzustellen (theologische Ethik).
Die praktische Theologie hat die Forterhaltung des Christentums zum Gegenstande und entwickelt zuerst die Idee
der Kirche in ihrer lebendigen Entfaltung als gegliederter Organismus (Ecclesiastik, die Lehre von der Natur des kirchlichen
Lebens überhaupt, vom Kirchenamt und von den kirchlichen Ordnungen), dann die Selbstdarstellung der christl.
Frömmigkeit in der gottesdienstlichen Feier (Theorie des Kultus), endlich die auf Erhaltung und Ausbreitung des Christentums
gerichtete Thätigkeit der Kirche (Arbeit an der Lehre, Seelforge, Mission).
Die Geschichte der Theologie wird durch die Reformation in zwei Perioden geteilt. Das Bedürfnis einer wissenschaftlichen Betrachtung
und Darstellung des Christentums hat so ziemlich seit den ersten Anfängen der christl. Kirche sich geltend gemacht, sobald
man die Wahrheit desselben gegen wissenschaftlich gebildete Gegner zu verteidigen hatte. Die älteste
christliche Theologie trug zunächst ähnlich wie die jüdische Theologie die Form der Exegese oder Schriftgelehrsamkeit.
Mit Hilfe sog. pneumatischer oder allegorischer Auslegung suchte man die neuen christl. Gedanken in die heiligen Urkunden des
Alten Testaments hineinzudeuten.
Seit der nähern Berührung mit den Bildungselementen der heidn. Welt erstrebten die christl.
Theologen alsbald eine Verbindung des christl. Glaubens mit griech. Philosophie, um so eine christliche Theologie zu begründen, die
sich zugleich als die wahre Philosophie erweisen sollte. Den ersten großartigen, aber in Religionsmengerei entartenden Versuch
machten die Gnostiker (s. Gnosis); dann mit besserm Glück die christl. Apologeten. Danach suchte man
einen festern Anhalt
[* 7] an der
sog. Glaubensregel (s. d.) und der Heiligen Schrift Alten und NeuenTestaments als den Quellen der
christlichen Theologie zu gewinnen.
Doch fuhr die altchristliche Theologie naturgemäß fort mit den Mitteln der antiken Geistesbildung eine christl. Gesamtweltanschauung
auszubauen, so schon die ersten Kirchenväter, besonders die Alexandriner. Die Schrift des Origenes (s. d.)
«Über die Grundlehren» kann als die erste christl. Dogmatik bezeichnet werden. Seit dem 4. Jahrh.
ging die in diesem Streben in große Schulen auseinander, besonders in die Antiochenische und Alexandrinische. Aus den kirchlichen
Streitigkeiten des 4. bis 7. Jahrh. und den von den Kirchenversammlungen
jener Zeit festgesetzten Lehrbestimmungen ging allmählich ein den kirchlichen Interessen dienendes Lehrsystem hervor, das
zuerst von Johannes Damascenus im 8. Jahrh. zusammengestellt wurde. Im Abendlande fiel diese Arbeit der mittelalterlichen Scholastik
anheim, die seit Petrus Lombardus (gest. 1160) von der Erörterung einzelner dogmatischer Fragen zur systematischen
Zusammenfassung des Lehrganzen fortschritt.
IhreAufgabe war lediglich, den Glauben der Kirche zu verteidigen und zu begrüuden. Die scholastische Theologie und die gelehrte Kenntnis
des aus Synodalbeschlüssen und päpstl. Dekretralen erwachsenen kanonischen Rechts bilden während des ganzen Mittelalters
den Kern aller Wissenschaft der Zeit überhaupt. Die großen Scholastiker des 13. Jahrh.,
Alexander von Hales, Albertus Magnus, Thomas von Aquino und Duns Scotus, umfaßten in ihren theol. Werken
den ganzen Umkreis gelehrten Wissens der Zeit.
Auch die Philosophie galt fast nur als Vorschule zur Theologie. Die Wiederherstellung der Wissenschaften seit Ende des 15. Jahrh.
eröffnete eine neue geistige Welt, die nichts gemein hatte mit den kirchlichen Interessen. Wie das polit.
und bürgerliche Leben, so begann auch die Wissenschaft sich immer mehr von der Vormundschaft der Kirche loszumachen. Wie der
Humanismus von dem verderbten Geschmack und dem barbarischen Latein der mönchischen Lehrer zu den klassischen Mustern des griech.
und röm. Altertums, so greift die Reformation von der entstellten Lehrüberlieferung der Kirche auf die
Heilige Schrift zurück.
Das immer einseitigere dogmatische Interesse an einem unfehlbaren, göttlich eingegebenen Lehrcodex stand
nicht nur dem wissenschaftlichen Verständnis der Bibel
[* 8] im Wege, sondern drängte auch die Schrift selbst, mit Ausnahme einer
ausgezogenen Sammlung von «Bibelstellen», hinter die kirchlichen Bekenntnisse
und ihre Verteidigung gegen Papisten, Calvinisten, Philippisten, Synergisten u. s. w. zurück.
Mit dem allmählich wieder hervorgesuchten Apparat der mittelalterlichen Scholastik rüstete sich die
orthodoxe Dogmatik des 17. Jahrh. zum Aufbau eines dem scholastischen nahe verwandten Lehrsystems. Hauptvertreter der luth.
Dogmatik sind
¶
mehr
Joh. Gerhard, König, Calov, Quenstedt, Baier und Hollaz. Ähnlich wie die lutherische entwickelte sich die reformierte Theologie, wenn
auch die größere Mannigfaltigkeit der methodischen Behandlung eine etwas freiere geistige Bewegung und lebendigere Reproduktion
biblischer Anschauungsformen offen ließ.
Auf dem gemeinsamen Boden der äußern Autorität und der dogmatischen Lehrüberlieferung hatte die katholische
Theologie die innere Konsequenz durch einfaches Fortführen der bisherigen kirchlichen Lehre und häufig auch die gelehrte Kenntnis
der letztern vor der protestantischen voraus. Aber die protestantische Theologie zog ihre Kraft
[* 10] aus den auf Entfesselung der
freien Subjektivität gerichteten Tendenzen der Zeit, und ihre religiösen Principien erlaubten eine fortwährende Verjüngung
der theol.
Wissenschaft. Dieselbe geistige Bewegung, die in der Reformationszeit das Recht der religiösen Subjektivität gegenüber den
Traditionen der Kirche zur Geltung brachte, führte in ihrem weitern Verlauf dazu, das wissenschaftliche Denken in immer weiterm
Umfange von den bisherigen Fesseln zu befreien. Seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrh. sah
sich die altprotestantische Theologie überall zur Defensive gedrängt. Nachdem der Pietismus (s. Pietisten) das orthodoxe Dogma erweicht,
die Wolfsche Philosophie es nur scheinbar und vorübergehend befestigt hatte, zog gegen Ende des Jahrhunderts der Geist der
Aufklärung auch in die theol.
Der Rationalismus (s. d.) trat dem Supranaturalismus (s. d.) gegenüber. Die notwendige Konsequenz des erstern
Standpunktes war die Unterscheidung zwischen dem Wesen und der geschichtlichen Erscheinung der christl.
Religion, von denen jenes durch philos., diese durch histor.-kritische Forschung auszumitteln sei.
Einmal von den alten Autoritäten erlöst, begann auch in der Theologie das denkende Subjekt seine unveräußerlichen Rechte zurückzufordern
und das kirchliche Dogma wie jedes andere Lehrsystem, die biblischen Urkunden wie alle andern Geschichtsquellen zu prüfen.
Hatte die Theologie früher der Philosophie nur einen formellen oder methodischen Wert, aber weder ein konstitutives,
noch ein kritisches Ansehen in Glaubenssachen eingeräumt, so stellte sich jetzt eine lebhafte Teilnahme der an der philos.
Bewegung ein und das dogmatische System durchlief die Stadien der Kantschen, Fichteschen, Schellingschen, Hegelschen Philosophie.
Die Kantianer setzten das Wesentliche der christl. Religion in ihren moralischen Gehalt und in die sog.
Postulate der praktischen Vernunft, die Ideen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit; die Fichtesche Schule in den Glauben an eine
moralische Weltordnung, während die spekulative Theologie unter den Einflüssen Schellings und Hegels gerade in den geheimnisvollen
Dogmen der Kirche, den Lehren
[* 12] von der Dreieinigkeit, der MenschwerdungGottes, der Versöhnung, der Offenbarung,
dem innern Geisteszeugnis u. s. w., sinnliche Hüllen philos. Wahrheiten sah. Bei
aller
meist mehr scheinbaren als wirklichen Annäherung an das altkirchliche Dogma stand diese Theologie völlig auf dem Boden der modernen
Weltanschauung, die das Göttliche und Ewige der Welt und dem Menschen nicht äußerlich gegenüberstellt, sondern in seiner
Immanenz in Natur und Geschichte zu begreifen suchte.
Auch Schleiermacher (s. d.), der zuerst wieder der Religion ein selbständiges Gebiet gegenüber dem sittlichen Handeln und
den: philos. Denken zu sichern wußte, suchte dieses Gebiet nicht in einer jenseitigen Welt, aus der uns übernatürliche
Belehrungen zugeflossen seien, sondern in dem innersten Wesen des Menschengeistes und seinem Verhältnis
unbedingter Abhängigkeit von Gott als dem unendlichen Grunde alles endlichen Daseins, und beschrieb die kirchlichen Dogmen
als Reflexionen über innere Gemütszustände des Menschen, in denen niemals das Göttliche als ein direktes Objekt theoretischer
Erkenntnis, sondern nur immer indirekt in seiner Beziehung aus unser frommes Selbstbewußtsein gesetzt sei.
Indessen hatte die Verflüchtigung des religiösen Gehalts durch die philos. Schulen eine Reaktion des
frommen Gefühls erzeugt, die, durch die allgemeinen Restaurationstendenzen seit 1815 begünstigt, den ältern Autoritätsglauben
von neuem erweckte und von biblischer «Gläubigkeit» bald zu orthodoxer
Rechtgläubigkeit fortschritt. Trotz des auf ihr lastenden Drucks hat jedoch die theol. Wissenschaft
niemals gefeiert und auf dem durch Schleiermacher angebahnten Wege den religiösen Gehalt des christl.
Glaubens, unbekümmert um verlebte Autoritäten, mit den geistigen Bildungsmitteln der Gegenwart denkend reproduziert, während
gleichzeitig ihre histor.-kritischen Untersuchungen über die Person Christi, die Urzeit der christl. Kirche und ihre heilige
Litteratur bereits ein echt menschliches und geschichtliches Verständnis derselben ermöglicht haben.
-
Wissenschaften (12. Aufl. von Kautzsch, Lpz. 1889); Handbuch der
theol. Wissenschaften, hg. von O. Zöckler (3. Aufl., 4 Bde.,
Münch. 1889-90); O. Pfleiderer, Entwicklung der protestantischen in Deutschland
[* 13] seit Kant und in Großbritannien
[* 14] seit 1825 (Freib. i. Br. 1891); von Frank, Geschichte und Kritik der neuern Theologie (2. Aufl., hg. von Schaarschmidt,
Lpz. 1895).