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2/2004 | film-dienst
Für Hitchcock war Cary Grant seine männliche Blondine, das Gegenstück zu Grace Kelly so wie James Stewart jenes zu Ingrid Bergman war. Hitchcocks Vorliebe für kühle Blondinen ist legendär und von Madeleine Carroll bis Tippi Hedren vielfach dokumentiert: „Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden.“ Genauso brauchte Hitchcock aber auch Gentlemen, wirkliche Gentlemen, die in ihren Herzen finstere Abgründe verbargen. Cary Grant war dafür neben Stewart die perfekte Verkörperung. Die Spannung in „Verdacht“ (1941) wird fast ausschließlich durch die ständige Ungewissheit darüber erzeugt, ob sich hinter der Maske von John Aysgarth nur ein charmanter Schwindler oder doch ein kalt berechnender Mörder versteckt. Gerne hätte Hitchcock den Gentleman sogar wirklich zum Mörder werden lassen, aber damals war Grants Image als strahlender Charmeur bereits derart gefestigt, dass sich das produzierende Studio mit Erfolg quer stellte. Dennoch waren die vierziger Jahre jene Zeit, in der Grant seiner Leinwandkreation gleichen Namens etwas Schillerndes und Abgründiges hinzufügte. Unterstützt wurde er darin zunächst vor allem von Howard Hawks, der in „SOS Feuer an Bord“ (1939) aus dem blassen Schönling einen zynischen Hasardeur formte. Und wer nach dem Dialogfeuerwerk von „Sein Mädchen für besondere Fälle“ (1940) langsam wieder zu Atem kommt, dem wird bald dämmern, dass Walter Burns ein ziemlich unausstehliches Ekel ist dank Cary Grant zweifellos ein betörendes, dem man sich nur allzu gerne in die Fänge wirft, aber trotz allem ein Ekel. Auch in „Die Nacht vor der Hochzeit“ (1940) von George Cukor ahnt man schnell, dass das Zusammenleben mit C. K. Dexter Haven nur selten himmlisch sein dürfte. Den subtilen Höhepunkt erreicht dieses Spiel mit den charmanten Abgründen nochmals bei Hitchcock in „Notorius“ (1946). Als Geheimagent Devlin erpresst Grant seine eigene Geliebte, zwingt sie zur Prostitution aus „Vaterlandsliebe“ und leidet gleichzeitig an düsterer Eifersucht. „In Cary Grant schlummert etwas Furchterregendes, an das aber niemand rühren darf.“ hat Hitchcock gesagt und er wusste, was er an seiner männlichen Blondine hatte, obwohl er sie im Gegensatz zu Hawks nie in Frauenkleider steckte.
Tod dem alten Ego
Bevor Cary Grant auf und neben der Leinwand in Perfektion erstrahlen konnte, musste allerdings Archibald Alec Leach erledigt werden. Dieser war am 18. Januar 1904 in einer Vorortsiedlung von Bristol geboren worden, in einfache Verhältnisse und schwierige Umstände hinein, mit Eltern, die sich nicht verstanden. „Ich habe nie einen glücklichen Moment mit den beiden unter einem Dach erlebt,“ gestand Leach später. Der Vater versuchte auszubrechen, legte sich 80 Meilen entfernt in Southampton eine zweite Familie zu, die er dann doch nicht finanzieren konnte. Dann begann die Mutter, sich im eigenen Haus zu isolieren, bis sie 1914 in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste. Das Einzelkind Archie suchte zunächst im Kino Zuflucht, verwahrloste zusehends und landete 1917 bei einer Komikertruppe. Im März 1918 war er im Alter von 14 Jahren bereits festes Mitglied der „Penders Knockabout Comedians“ und tingelte durch Englands Provinzen. In dieser Zeit „lernte ich alle Feinheiten der Pantomime kennen“ also die Grundlage für perfektes Timing und Improvisationskunst. 1920 gelang Leach mit seiner Truppe der Sprung an den Broadway nach New York. 1922 machte er sich selbstständig, trat in verschiedenen Musicals auf, bis ihm Paramount 1932 eine dauerhafte Heimat anbot: Das Kino. Jetzt musste Archibald Leach endgültig verschwinden und Cary Grant her.
Eine Rolle mit vielen Namen
Für Fans ist es ein Vergnügen, in Grants Filmen nach frivolen Scherzen mit Archibald Leach zu suchen: In „Sein Mädchen für besondere Fälle“ kommt einer vor, in „Arsen und Spitzenhäubchen“ (1944) ein anderer, der Running Gag hat Grant sogar überlebt und taucht in „Ein Fisch namens Wanda“ als John Cleese auf. Dem leichtfertigen Tonfall zum Trotz hinterlassen die Scherze aber auch einen bitteren Nachgeschmack, denn Archibald Leach blieb für Grant zeitlebens die Chiffre für ein entgangenes Leben, eine verdrängte Identität. Was als Cary Grant scheinbar durch jeden Leinwandcharakter hindurchschimmerte, war eine weitere Rolle, die sorgsam jeden Blick auf Archibald Leach verstellen sollte. Wie anstrengend es war, immer und überall Cary Grant zu sein, hat er selbst, auf wohl unbeabsichtigte Art und Weise, so ausgedrückt: „Deine Identität verlierst du auf der Leinwand nie. Und dabei ist es ganz unwichtig, was du spielst, denn letztendlich bleibst du immer du selbst. Aber es ist viel schwieriger als sich die meisten vorstellen.“
Die Namensänderung von 1932 war erst der äußerliche Beginn eines neuen Lebens. Nach erstem Nachhilfeunterricht durch Erich von Stroheim, der ihm in „Blonde Venus“ (1932) den Scheitel gezogen hatte, und Mae West, die den schönen Pointen-Steigbügelhalter aus der Reserve lockte, war „Sylvia Scarlett“ (1936) der eigentliche Durchbruch für Cary Grant. „Cukor schaffte es, den Archie Leach aus Cary Grant zu vertreiben.“ war Katherine Hepburn überzeugt.
Dann kam „Die schreckliche Wahrheit“ (1937) von Leo MacCarey und Grant war in jenem Genre angekommen, das ihm wie kein anderes auf den Leib passte, die Screwball Comedy: Schnell, ironisch, urban, frivol, schillernd, zynisch.
Grant in einem Western war unvorstellbar, in Kostümdramen konnte er nur eine lächerliche Figur abgeben, auf dem Land wirkte er deplatziert, Treue verlangsamte lediglich den amüsanten Lauf der Dinge. In diesen, seinen produktivsten Jahren, gelang es Grant, vor und neben der Kamera zu einer Einheit zu verschmelzen. Und wieder ergänzte er sich vollkommen mit James Stewart. Beide verkörperten sie auf ihre Weise ein amerikanisches Ideal: Hier James Stewart der Kriegsheld, einmal verheiratet, ehrlich, sympathisch unbeholfen, konservativ dort Cary Grant, der schlagfertige Charmeur, in jeder Krise noch Herr der Lage, scheinbar resistent gegen jeglichen Verfall, vom Primat des Erfolgs über die Moral überzeugt, liberal. Selbst dass Grant fünfmal verheiratet war, wurde ihm nicht angelastet, weil es perfekt ins Bild passte.
Cary Grant und James Stewart waren die vollkommenen Filmstars, weil zwischen ihren Leinwandauftritten und ihrem Bild in der Öffentlichkeit keine Differenz mehr auszumachen war. Rollen, die das Gesamtkunstwerk störten, lehnte Grant ebenso ab, wie er „unattraktive“ Details seines Privatlebens unter Verschluss hielt. Nur im Geheimen litt Grant unter dem, was man „Chaplin-Syndrom“ nennen könnte: Schwerreich aber in ständiger Angst zu verarmen, trotz überwältigendem Erfolg immer auf der Suche nach Anerkennung, zu Beginn eines jeden neuen Projekts zutiefst verunsichert und deshalb von ungeheurem Perfektionsdrang beseelt und von unstillbarer Sehnsucht nach Geborgenheit getrieben. Zweimal bot George Cukor später dem inzwischen zum Superstar gewordenen Grant eine Traumrolle an: Zunächst in „Ein neuer Stern am Himmel“ und dann in „My Fair Lady“ beide Male lehnte Grant ab, weil für ihn diese Filme einer Selbstdemaskierung gleichgekommen wären.
Selbstironie kontra Denkmalschutz
Ab 1947 wurden die Abgründe des Charmeurs immer seltener sichtbar. Grant war wie eh und jeh zeitlos elegant, charmant, betörend, witzig, sah blendend aus aber er gab kaum etwas preis. In vielen seiner späten Filme ist er derart vollkommen Cary Grant, dass ihn nur noch sein untrügliches Gespür für die notwendige Portion Selbstironie vor der Lächerlichkeit bewahrt. „Indiskret“ (1958), „Vor Hausfreunden wird gewarnt“ (1960) und „Charade“ (1964), allesamt unter der Regie von Stanley Donen entstanden, diesem Meister des eleganten, oberflächlichen Plagiats, sie könnten peinlich sein, würde sich Grant nicht so bewundernswert subtil über das eigenhändig geschaffene Denkmal lustig machen.
Obwohl Grant in den letzten Jahren seiner Karriere seine Figur nicht mehr weiter entwickelte, überraschte seine schiere Perfektion immer noch ganz besonders in den beiden Hitchcock-Thriller „Über den Dächern von Nizza“ (1955) und „Der unsichtbare Dritte“ (1959). Aber selbst in diesen Filmen verbeugt sich Hitchcock mehr vor dem einzigartigen Cary Grant als dass er ihn herausfordert. Dass Grant es von 1932 bis 1966 und über 72 Filme hinweg schaffte, seine Kunstfigur glaubwürdig zu verkörpern und uns damit noch heute taufrisch zu unterhalten, das ist dennoch die Leistung eines Genies. Und selbst wenn Archibald Leach nicht ganz so perfekt war wie Cary Grant für diesen galt und gilt immer noch Audrey Hepburns Liebeserklärung aus „Charade“: „Do you know, what’s wrong about you?“ „?“ „Absolutely nothing!“
© Thomas Binotto