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Seit zehn Jahren weist Afrikas Wirtschaft ein stetes Wachstum auf. Parallel dazu steigt die Zahl der Menschen, die zum Mittelstand gehören. Problematisch aber ist, dass der Aufschwung fast ausschliesslich auf dem Rohstoff-Export basiert.
Fünf bis sechs Prozent betrug das jährliche Wirtschafswachstum Schwarzafrikas in der vergangenen Dekade im Schnitt.
"Das Afrika südlich der Sahara zeigt sich dank der guten makro-ökonomischen Entwicklung der letzten Jahre widerstandsfähig. Gewisse Länder wachsen wirtschaftlich bereits wieder wie vor der Krise." So lautet die vorsichtige Einschätzung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), welche die Bundesbehörde gegenüber swissinfo.ch abgab.
Geradezu optimistisch tönt es von der Afrikanischen Entwicklungsbank (ADB). Die Länder Afrikas würden die Bildung einer Mittelschicht erleben, die rund einen Drittel der Gesellschaft repräsentiere, steht in einem Bericht der Bank aus dem letzten Jahr.
Darin zählten die Autoren 313 Mio. Menschen zum schwarzafrikanischen Mittelstand, was 34,3% der Bevölkerung südlich der Sahara entspricht. 1980, also rund 30 Jahre zuvor, hatte dieser Anteil noch 111 Mio. Menschen oder 26,2% betragen.
Zur Mittelschicht zählen die ADB-Autoren jene Menschen, die täglich zwischen 2 und 20 Dollar ausgeben können. Angesichts der tieferen Lebenshaltungskosten auf dem Kontinent steigen die Angehörigen des afrikanischen Mittelstandes zunehmend zu potentiellen Konsumenten auf, die auch für globale Märkte interessant werden.
Illustriert wird dies beispielsweise durch Zara. Die spanische Modekette hatte im letzten November in der südafrikanischen Metropole Johannesburg den ersten Shop auf dem Kontinent eröffnet.
Folgen der Finanzkrise
Die Afrika-Experten des Seco, das zum Schweizerischen Volkswirtschaftsministerium gehört, wiesen darauf hin, dass auch die Wirtschaften des subsaharischen Afrikas nicht vor den Folgen der Krise im reicheren Norden verschont bleiben würden.
Falls Europa und die USA zu lange brauchten, um wirtschaftlich wieder in die Gänge zu kommen, würden sich die Aussichten der afrikanischen Länder verdüstern. Dies betreffe insbesondere die Rohstoff-Exporte, die privaten Geldflüsse und Vermögenstransfers sowie die offizielle Hilfe.
Die afrikanischen Wirtschaften basierten immer noch zu einseitig auf dem Rohstoff-Sektor, sagt Nicolas Imboden, früherer Diplomat und heutiger Präsident der Handelskammer Schweiz-Afrika. "Das Wachstum Afrikas beruht in erster Linie auf der Hausse der Rohstoffpreise. Die Sektoren Rohstoffe und Infrastrukturen ziehen den grössten Teil der Investitionen an."
Imboden warnt jedoch davor, sich angesichts des daraus resultierenden Wachstums Illusionen über die Entwicklung der afrikanischen Staaten zu machen.
Hartnäckige Leiden
Das grösste Potenzial wiesen jene afrikanische Länder auf, in denen Englisch gesprochen wird, sagt André Soumah, der in Genf für den internationalen ACE-Versicherungskonzern tätig ist. Zu den unbürokratischen Ländern zählt er auch Nigeria. "In diesen Ländern ist ein Geschäft innert einer Woche gegründet", weiss Soumah, Präsident der Abteilung, die beim Versicherer Kakao aus der Elfenbeinküste zertifiziert.
"In Westafrika dagegen nimmt die Gründung eines Geschäfts 9 bis 12 Monate in Anspruch. Danach ist das Kapital aufgebraucht, weil die Abgaben an die Regierungen und Behörden enorm sind", sagt André Soumah.
Getrübt sieht er die Aussichten durch zwei Phänomene, die sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte der meisten afrikanischen Länder ziehen. "Afrika ist immer noch der Kontinent der Ausbeuter - sie kommen und gehen. Es fehlt aber an Vertrauen. Für Investoren bleibt Afrika eine Lotterie, weil es keine stabilen Institutionen gibt", sagt Soumah. Dies im Gegensatz zu den ersten Jahrzehnten nach Erlangung der Unabhängigkeit.
Mit der dringend notwendigen Diversifizierung seiner Wirtschaft sei Afrika aber im Verzug, sagt der ehemalige Staatssekretär Nicolas Imboden. Ohne eine solche Erweiterung des Wirtschaftsportefeuilles sieht er kaum Aussichten auf ein nachhaltiges Wachstum Schwarzafrikas.
Auf die Menschen setzen
"Das grosse Interesse von ausländischen Investoren an den Rohstoffen des Kontinents bedeutet keineswegs, dass Arbeitsplätze geschaffen werden und sich Lebensbedingungen sowie wirtschaftliches Umfeld der Menschen verbessern", sagt Catherine Morand.
Die Afrika-Spezialistin der Schweizer Entwicklungsorganisation Swissaid greift zu einem ähnlichen Bild wie zuvor André Soumah. "Diese Investoren sind wie Heuschrecken: Sie stürzen sich auf eine Region und einen Sektor, fressen dort alles kahl, dann fliegen sie weiterfliegen", sagt Morand, die zuvor als Korrespondentin in der Elfenbeinküste stationiert gewesen war.
Für André Soumah ist klar, wie der Ausweg aus dem Rohstoff-Dilemma auszusehen hat. "Man muss zuerst in die Menschen investieren. Sie müssen so ausgebildet werden, dass sie ihr eigenes Unternehmen führen können", sagt der in Genf lebende gebürtige Ivorer.
An Anwärtern mangle es nicht, sagt Nicolas Imboden von der Handelskammer Schweiz-Afrika. "Vor 10 oder 20 Jahren drängte der hoffnungsvolle Nachwuchs in die Regierungen, um sich so eine Rente zu sichern. Das ist vorbei. Heute erleben wir das Entstehen einer neuen Unternehmer-Generation, die auf die eigenen Fähigkeiten abstellt."
Obwohl sich dieser Paradigmenwechsel vorerst eher im Bereich Import-Export zeige denn bei der Herstellung und Verarbeitung lokaler Produkte, stuft ihn Imboden als sehr wichtig ein.
Schweizer Handelspartner 2010
Südafrika
Importe: 760, 5 Mio. Fr.
Exporte: 760 Moi. Fr.
(52% des gesamten Handels mit Schwarzafrika)
Nigeria
Importe: 257, 5 Mio. Fr.
Exporte: 269 Mio. Fr.
(18%)
Ghana
Importe: 113 Mio. Fr.
Exporte: 21,7 Mio. Fr.
(5%)
Mauritius
Importe: 50 Mio. Fr.
Exporte: 43, 5 Mio. Fr.
(3%)
Kenia
Importe: 29 Mio. Fr.
Exporte: 52,6 Mio. Fr.
(3%)
(Quelle: Seco)
Schweiz sehr aktiv
Von den 1920er- und 1930er-Jahren an, insbesondere aber nach dem Zweiten Weltkrieg, gründeten fast alle grossen Schweizer Firmen wie Nestlé, Sulzer, Alusuisse, BBC, Ciba, Geigy, Roche, Sandoz etc. in Afrika Produktionsstätten .
Standort war v.a. Südafrika, dessen Industrie in der Zwischenkriegszeit zu wachsen begann, aber auch Ägypten und der damalige Belgisch-Kongo.
1992 betrugen die Schweizer Direktinvestitionen in Afrika (ohne Südafrika) 990 Mio. Fr. (total Ausland: 107'477 Mio. Fr.).
Es waren afrikanische Staaten, mit denen die Schweiz ab 1962 erstmals Abkommen zum Schutz und zur Förderung von Investitionen abschloss (Tunesien, Niger, Guinea, weitere Länder folgten).
Von Beginn weg war Afrika einer der Schwerpunkte der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit.
(Historisches Lexikon der Schweiz, HLS)
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch