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Vor 100 Jahren plante Bayerns oberster Finanzherr Silvio Gesell, negative Sparzinsen einzuführen
Wie kann das Geld seine alles überlagernde Bedeutung verlieren? Vielleicht, indem es nicht mehr wie früher in Truhen aufbewahrt wird und künftig nur noch im bargeldlosen Verkehr fließt. Diesen Gedanken formuliert Rainer Maria Rilke in einem Brief an seinen Bankiersfreund Karl von der Heydt. Abstrakt, imaginär, nicht greifbar: So soll, ginge es nach Rilke, das Geld der Zukunft aussehen. Momentan treffen diese Adjektive nur auf Rilkes Theorie zu. Er sieht ein, dass seine Idee noch ein wenig der Bearbeitung bedarf. Den Brief schickt er nicht ab.
An diesem 7. April 1919 könnte Rilke der Lösung seines Problems ein Stück näher kommen. In München, der Stadt, in der er seit Ausbruch des Krieges lebt, regiert ein Revolutionärer Zentralrat. Die Minister heißen jetzt Volksbeauftragte, und ihr Land, der Freistaat Bayern, ist ab sofort eine Räterepublik wie zuvor schon Russland und Ungarn. Das Finanzresort leitet ein gewisser Silvio Gesell, von dem Rilke bislang noch nichts gehört hat. Es gibt aber eine Verbindung: Rilke hat Georg Simmels “Philosophie des Geldes” studiert, auf dessen Erkenntnisse sich Gesell zwar nicht ausdrücklich bezieht, die er aber teilt.
Ursprünglich der Gemeinschaft dienend, als Tauschersatz und Wertmesser, ist….