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Denkschrift 2: Der öffentliche Unterricht für alle Kinder
In seinem Erziehungsplan unterteilt Condorcet den allgemeinen Unterricht – nach der Familienerziehung – in drei Stufen, „um die Mittel zu vereinfachen, mit denen der Unterricht an die Fähigkeiten der Schüler angepasst werden kann“. Der Unterricht der ersten Stufe soll vier Jahre dauern, mit neun Jahren beginnen und bis zum dreizehnten Lebensjahr dauern. Die weiteren zwei Stufen dauern ebenfalls je vier Jahre bis zur Volljährigkeit mit einundzwanzig Jahren. Die Primarschule soll von allen Kindern eines Jahrgangs (Knaben und Mädchen aus allen Schichten) besucht werden und wäre unentgeltlich. Eltern, die ihre Kinder nicht für die häusliche Mitarbeit benötigen, können die Kinder in die stärker berufsorientierte Sekundarschule schicken. Das höhere Schulwesen könnte – mindestens in der Anfangszeit – durch eine nationale Gesellschaft der Wissenschaft und Künste kontrolliert werden, und zwar dahingehend, ob es die politisch-pädagogische Konstruktion der Einheit von Volkssouveränität und schulischen Bedürfnissen der Bürger erfüllt. In der dritten Stufe wird der Unterricht nach Fachlehrern aufgeteilt.
Im Zentrum seiner Überlegungen steht vor allem die Ausbildung der Vernunft in jedem einzelnen Menschen. Weil der Mensch das Vermögen der Vernunft habe, soll es voll ausgebildet werden. Dadurch werde jeder befähigt, als freier Mensch zu handeln, eine der Grundideen des Naturrechts seit den Anfängen:
„Auf allen Schulstufen sollen die Prinzipien aufgeklärter Politik und Moral sowie die Grundlagen der Wissenschaften gelehrt, bzw. erforscht und verwirklicht werden. Übungen in klarem Denken, exakter Begriffsbildung und schlüssigem Urteilen beginnen schon in derPrimarschule.“
Zuerst das Basiswissen
Die Primarschule soll ab der ersten Klasse darauf ausgerichtet sein, den zukünftigen Bürgern und Berufsleuten das notwendige Basiswissen zu vermitteln. Dazu gehören für Condorcet grundlegende Kenntnisse der Kulturtechniken, der Landwirtschaft und des Handwerks sowie Aufklärung über gesellschaftliche Ordnungsstrukturen. Ziel sei die Verwirklichung der politischen Gleichheit aller Bürger, wozu die Sicherung des individuellen Wohlergehens und der eigenen Existenz gehöre sowie eine fortschreitende Vervollkommnung des Menschengeschlechts:
„Der Zweck der ersten Stufe der allgemeinen Erziehung besteht darin, die Allgemeinheit der Bewohner eines Landes in die Lage zu versetzen, ihre Rechte und Pflichten zu kennen, so dass sie die einen ausüben und die anderen erfüllen können, ohne auf irgendeinen fremden Grund zurückgreifen zu müssen. Ausserdem muss dieser erste Grad ausreichen, um sie fähig zu machen, die öffentlichen Aufgaben zu erfüllen, zu denen sinnvollerweise alle Bürger berufen werden können, und die in den letzten territorialen Unterteilungen (Gemeindeebene) ausgeübt werden müssen“.
Deshalb müsse in jedem Dorf eine öffentliche Schule eingerichtet werden, die von einem oder mehreren Lehrern geleitet wird.
Der Unterricht sollte einfach, kleinschrittig und verständlich sein, vom Einfachen zum Schwierigen führen, an bereits Gelerntes, Bekanntes und Beobachtetes anknüpfen und dem Alter der Kinder angemessen sein.
Unterricht der Elementarbildung
Der Unterricht sollte einfach, kleinschrittig und verständlich sein, vom Einfachen zum Schwierigen führen, an bereits Gelerntes, Bekanntes und Beobachtetes anknüpfen und dem Alter der Kinder angemessen sein. Im ersten Jahr werde Lesen und Schreiben und das dezimale Zahlensystem gelernt. Im Lesebuch müsse das Grundwissen vorhanden sein und der Lehrer solle die Wörter und deren Bedeutung erklären. Neben dem Grundwissen würde ab dem ersten Jahr sittlich-moralisches Wissen vermittelt:
„Ein zweiter Teil des Buches würde kurze moralische Geschichten enthalten, die geeignet sind, ihre Aufmerksamkeit auf die ersten Gefühle zu lenken, die sie nach der Ordnung der Natur erleben müssen. Es sollte darauf geachtet werden, jegliche Maximen oder Reflexionen zu vermeiden, denn es geht noch nicht darum, ihnen Verhaltensgrundsätze zu geben oder sie Wahrheiten zu lehren, sondern sie darauf vorzubereiten, über ihre Gefühle nachzudenken und sie auf die moralischen Ideen vorzubereiten, die eines Tages aus diesen Überlegungen entstehen müssen.“
Condorcet betrachtete es als grossen Gewinn für den Charakter der Schüler, wenn ein Lehrer die gleiche Klasse vier Jahre unterrichten würde.
Condorcet betrachtete es als grossen Gewinn für den Charakter der Schüler, wenn ein Lehrer die gleiche Klasse vier Jahre unterrichten würde. Jeder Lehrer müsste deshalb in der Lage sein, den ganzen Kurs zu unterrichten.
Überlegungen zur Methode des Unterrichts und zur Ermutigung im Elternhaus
Condorcet war es wichtig, dass die richtigen Grundlagen gelegt werden, auf denen später aufgebaut werden kann:
„Die Kinder werden nicht trainiert, viel auswendig zu lernen, aber sie werden dazu gebracht, die Geschichte, die Beschreibung, die sie gerade gelesen haben, die Bedeutung eines Wortes, das sie gerade geschrieben haben, wiederzugeben und auf diese Weise werden sie lernen, Ideen zu behalten, was besser ist als das Wiederholen von Worten. Wenn wir dieses Bild des Anfangsunterrichts untersuchen, hoffen wir, den dreifachen Vorteil zu sehen, dass er das notwendigste Wissen enthält, dass er die Intelligenz schult, indem er genaue Vorstellungen vermittelt, dass er das Gedächtnis und das logische Denken trainiert, und dass er es ermöglicht, einem umfangreicheren und vollständigeren Unterricht zu folgen”.
Condorcet wies auf die Ermutigung, als unverzichtbare psychologische Voraussetzung für jeden Schulerfolg hin, was über 100 Jahre später vom Psychologen Alfred Adler bestätigt werden sollte:
„Aber gerade im Elternhaus sollten die Kinder am meisten zum Lernen ermutigt werden; sie werden das sein, was ihre Eltern wollen. Der Wunsch, von ihnen anerkannt zu werden, von ihnen geliebt zu werden, ist die erste ihrer Leidenschaften; und es wäre ein Frevel an der Natur, eine weitere Ermutigung für die Arbeit zu suchen, einen weiteren Reiz gegen den vorübergehenden Ekel, den sie bei denen hervorruft, für die eine glückliche Leichtigkeit sie nicht zu einem Vergnügen gemacht hat“.
Denkschrift 3: Die allgemeine Ausbildung der Menschen
Condorcet sah den Zweck der allgemeinen Ausbildung in der Vervollkommnung des Menschen:
„Den Unterricht so zu leiten, dass die Vervollkommnung der Bildung und Fähigkeiten den Lebensgenuss der Allgemeinheit der Bürger erhöht und den Wohlstand derjenigen, die sie betreiben; dass immer mehr Menschen fähig werden, die für die Gesellschaft notwendigen Aufgaben bestens zu erfüllen; dass die stets wachsenden Fortschritte der Aufklärung unerschöpfliche Hilfsquellen zur Befriedigung unserer Bedürfnisse erschliessen, Heilmittel für unsere Leiden bereitstellen und Beiträge zum persönlichen Glück und allgemeinen Gedeihen leisten: in jeder Generation die körperlichen, geistigen und moralischen Fähigkeiten zu pflegen und damit zu der allgemeinen von Stufe zu Stufe fortschreitenden Vervollkommnung des Menschengeschlechtes beizusteuern, dem letzten Ziel, auf das alle gesellschaftlichen Einrichtungen gerichtet sein sollten; das alles muss ausser dem der Zweck des Unterrichts sein; und darauf zu achten, dass dies so sei, ist eine der öffentlichen Gewalt vom allgemeinen Interesse der Gesellschaft, ja von dem der gesamten Menschheit auferlegte Pflicht“.
Wie jede andere Bildung wird sie sich auf die allgemeinen Bedürfnisse konzentrieren und sich hauptsächlich mit Folgendem befassen: 1. politisches Wissen, 2. Moral, 3. Haus- und Landwirtschaft, 4. die Teile der Wissenschaft und Kunst, die von allgemeinem Nutzen sein können, 5. körperliche und moralische Erziehung. Der Unterricht dieser verschiedenen Fächer muss auf den in der Erstausbildung erworbenen Kenntnissen aufgebaut werden.
Politische Bildung darf sich nicht auf das Wissen über die bestehenden Gesetze beschränken, sondern muss sich auf die der Prinzipien und Gründe der vorgeschlagenen Gesetze erstrecken. Der Zweck der moralischen Unterweisung muss sein, tugendhafte Gewohnheiten zu stärken und andere zu verhindern oder zu zerstören. Das Wissen über die Lernmöglichkeiten mittels Bücher muss Teil des Unterrichts sein. Für diesen Unterricht notwendige Bücher sind: 1. elementare Bücher, als Grundlage für die Ausbildung der Schüler, 2. historische Bücher, 3. Wörterbücher, Zeitungen, Almanache. Es ist notwendig, die Mittel der Selbstbildung durch Beobachtung und vor allem durch Übungen zur Wetterbeobachtung zu lehren.
Condorcet teilt die Berufsbildung auf in Berufe der Privatwirtschaft, die gewinnbringend, und diejenigen der öffentlichen Hand, die gemeinwohlorientiert sein sollten.
Denkschrift 4: Die duale Berufsausbildung
Auf die Elementarbildung bauen die weiterführenden Sekundarschulen und Lyzeen auf. Dadurch soll jeder die Chance zu einer beruflichen Ausbildung bekommen, die seinen natürlichen Anlagen und Neigungen entspricht. Condorcet teilt die Berufsbildung auf in Berufe der Privatwirtschaft, die gewinnbringend, und diejenigen der öffentlichen Hand, die gemeinwohlorientiert sein sollten.
“In einem Land, in dem die Berufsausbildung blüht, sind die Armen besser untergebracht, besser beschlagen, besser gekleidet als in solchen Ländern, in denen sie noch in den Anfängen steckt.“
Eine berufsbegleitende Ausbildung aller Schichten, würde den allgemeinen Wohlstand erhöhen:
„Wir müssen versuchen, andere zu verbessern, um für die Allgemeinheit der Individuen den Genuss und das Wohlbefinden zu erhöhen, dass ihnen die Arbeit dieser Berufe bringt, und einen Teil dieses Wohlbefindens auf die arme Klasse selbst auszudehnen. In einem Land, in dem die Berufsausbildung blüht, sind die Armen besser untergebracht, besser beschlagen, besser gekleidet als in solchen Ländern, in denen sie noch in den Anfängen steckt.“
In der Bildung, vor allem der in den Städten wohnenden Arbeiter, sieht er einen zusätzlichen, zu wenig beachteten, politischen Nutzen:
„Indem man die Aufklärung unter den Menschen verbreitet, kann man verhindern, dass ihre Bewegungen gefährlich werden; und bis zu dem Augenblick, in dem sie aufgeklärt werden können, ist es eine Pflicht für diejenigen, die einen starken Verstand, eine mutige Seele erhalten haben, sie vor Illusionen zu schützen, ihnen die Fallen zu zeigen, die ihre leichtgläubige Einfalt ständig umhüllen“.
Für die gemeinwohlorientierten Berufe, zu denen er jene der Gesundheit, Bildung, Sicherheit (Militärwissenschaft), des öffentlichen Bauwesens und der Künste zählte, sah er eine zusätzliche geisteswissenschaftliche und ethisch-moralische Bildung vor:
„Die Motive für die Bildung öffentlicher Bildungseinrichtungen für die verschiedenen Berufe sind für diese beiden Klassen nicht die gleichen. Bei Berufen, die als öffentlich angesehen werden können, sollte vor allem der Vorteil erwogen werden, sie aufgeklärteren Menschen anzuvertrauen.“
Denkschrift 5: Die naturwissenschaftliche Ausbildung
Zur öffentlichen Bildung zählt Condorcet auch die naturwissenschaftliche Ausbildung. Ihr fällt eine für das Gemeinwohl besonders wichtige Aufgabe zu:
„Dieser letzte Teil der öffentlichen Erziehung ist für diejenigen bestimmt, die dazu berufen sind, die Masse der Wahrheiten durch Beobachtung oder Entdeckung zu vermehren, um aus der Ferne das Glück künftiger Generationen vorzubereiten; es ist auch notwendig, die Lehrer auszubilden, die den Anstalten beigegeben werden müssen, in denen die allgemeine Bildung vervollständigt wird und denjenigen, in denen man sich auf Berufe vorbereitet, die umfangreiches Wissen erfordern.“
„Die Bücher, die für diesen Unterricht bestimmt sind, müssen von den Lehrern angefertigt oder ausgewählt werden, und zwar in selbständiger Weise.”
Condorcet weist auf die Notwendigkeit der Freiheit der Wissenschaften und der Unabhängigkeit von der Politik hin, damit der Fortschritt der Aufklärung nicht aufgehalten wird:
„Die Bücher, die für diesen Unterricht bestimmt sind, müssen von den Lehrern angefertigt oder ausgewählt werden, und zwar in selbständiger Weise; diese Bücher sind nicht, wie die Elementarbücher des gemeinen Unterrichts, dazu bestimmt, nur vermittelte Dinge zu enthalten; sie sind nicht darauf beschränkt, das zu lehren, was für einen bestimmten Beruf für nützlich gehalten wird. Es wäre eine Gefahr für die Freiheit, wenn die öffentliche Gewalt den geringsten Einfluss auf diese Arbeit bekäme; es wäre für den Fortschritt der Aufklärung zu befürchten, dass die Akademien den Geist des Systems in sie einführen würden“.
Die Befreiung der Wissenschaft von den Autoritätsketten ist für ihn die Voraussetzung der Freiheit:
„Die Lehre von der Metaphysik, von der Kunst des Argumentierens, von den verschiedenen Zweigen der politischen Wissenschaft, muss als völlig neu betrachtet werden. Zuallererst muss sie von allen Autoritätsketten, von allen religiösen oder politischen Bindungen befreit werden. Man muss es wagen, alles zu untersuchen, alles zu diskutieren, sogar alles zu lehren.“
Der Geschichtsunterricht erfordert gemäss Condorcet besondere Aufmerksamkeit, weil die bisherige Geschichte von Interessen geleitet war:
„Dieses weite Feld moralischer Beobachtungen, die in grosser Tiefe gemacht wurden, kann eine reiche Ernte nützlicher Wahrheiten bieten; aber fast alles, was in der Geschichte existiert, würde eher dazu geeignet sein, die Geister zu verführen als sie zu erleuchten. Wir brauchen daher eine neue Geschichte, vor allem die der Menschenrechte, der Wechselfälle, denen die Kenntnis und der Genuss dieser Rechte überall unterworfen waren; eine Geschichte, in der wir, den Wohlstand und die Weisheit der Nationen an dieser einzigartigen Grundlage messend, den Fortschritt und den Verfall der sozialen Ungleichheit verfolgen, der fast einzigartigen Quelle der Güter und Übel des zivilisierten Menschen“.
Die Auswahl der Lehrer hat einen entscheidenden Einfluss auf Freiheit der Lehre:
„Aber es ist in gewisser Weise noch wichtiger, dass die Ernennung derjenigen, deren Lehre auf den Fortschritt der Wissenschaft gerichtet ist, unabhängig von der öffentlichen Autorität sein sollte, um ihr die Mittel zu entziehen, die Wahrheiten, die sie vielleicht zu fürchten hat, in ihrer Wiege zu ersticken. Im Allgemeinen ist jede Macht, welcher Art auch immer, in welche Hände sie gegeben wurde, auf welche Weise sie auch immer verliehen wurde, natürlich ein Feind der Aufklärung.“
Condorcet sieht die gelehrten Gesellschaften als Beschleuniger der Kommunikation und als Besitzstandswahrer der Aufklärung:
„Diese Unternehmen werden für einen viel längeren Zeitraum aus einem viel wichtigeren Gesichtspunkt heraus nützlich sein. Mittels ihrer Memoiren, die periodisch veröffentlicht werden, können alle Entdeckungen, Beobachtungen, Expeditionen und sogar einfache Ansichten und Forschungsprojekte verbreitet und bewahrt werden“.
Für Condorcet sind die Naturwissenschaften, indem sie die Vervollkommnung der menschlichen Gattung vorantreiben, im Unterschied zur allgemeinen Erziehung, Wegbereiter für kommende Generationen:
„Während der Rest der Erziehung ihn lehren würde, aus dem erworbenen Wissen Nutzen zu ziehen, ihn fähiger machen würde, über sein Wohlergehen zu wachen oder seine Pflichten zu erfüllen, Frieden und Tugenden über die Gesellschaft zu verbreiten, ihre Freuden zu vervielfachen, würde sie grösseren Nutzen für die Generationen vorbereiten, die noch nicht existieren, und die Auswirkungen verhindern, die weit von den Ursachen entfernt sind, die diejenigen zu zerstören drohen, die wir hoffen können, an sie weiterzugeben“.
„Die eine wird dem Vaterlande Bürger geben, die der Freiheit würdig sind, die andere muss die Freiheit selbst verteidigen und vervollkommnen; die eine wird die Intriganten daran hindern, ihre Zeitgenossen zu Instrumenten oder Komplizen ihrer Pläne zu machen, die andere wird künftige Völker davor bewahren, dass neue Vorurteile dem Menschen seine Unabhängigkeit und Würde wieder nehmen“.
Condorcets Fazit
Condorcet betrachtete seine Ideen über die öffentliche Bildung als Utopien, die erst in einer unbestimmten Zukunft wahr werden sollten, und zwar für eine Welt, in der er nicht mehr existieren würde. Als sie dann in der Verfassung der ersten Republik auftauchten, war er völlig überrascht:
“Keinen mehr über ihnen zu haben, zu spüren, dass ihre Kräfte, ihr Fleiss, ihre Ideen, ihr Wille nur ihnen selbst gehören.”
„Ein glückliches Ereignis eröffnete den Hoffnungen des Menschengeschlechts plötzlich einen Sprung vorwärts; ein einziger Augenblick legte eine Jahrhundertdistanz zwischen den Menschen von heute und den Menschen von morgen zurück. Sklaven, ausgebildet für den Dienst oder das Vergnügen eines Herren, wachten erstaunt auf: Keinen mehr über ihnen zu haben, zu spüren, dass ihre Kräfte, ihr Fleiss, ihre Ideen, ihr Wille nur ihnen selbst gehören. In einer Zeit der Dunkelheit hätte dieses Erwachen nur einen Augenblick gedauert: müde von ihrer Unabhängigkeit, hätten sie in neuen Eisen einen schmerzhaften und qualvollen Schlaf gesucht; in einem Jahrhundert der Aufklärung wird dieses Erwachen ewig sein. Die einzige Inspirationsquelle für die freien Völker, die Wahrheit, deren Diener die Gelehrten sind, wird ihre süsse und unwiderstehliche Kraft über das ganze Universum verbreiten; durch sie werden alle Menschen lernen, was sie für ihr Glück brauchen, und sie werden nur das Gemeinwohl aller wollen. Es ist nicht der Thron eines Dichters, den sie stürzt, es ist der Thron des Irrtums und der freiwilligen Knechtschaft; es ist nicht ein Volk, das seine Fesseln gesprengt hat, es sind die Freunde der Vernunft unter allen Völkern, die einen grossen Sieg errungen haben, ein sicheres Vorzeichen des allgemeinen Triumphes.“
Quelle:
Condorcet: Cinq mémoires sur l’instruction publique 1791 http://classiques.uqac.ca/classiques/condorcet/cinq_memoires_instruction/cinq_memoires.html