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11.04.06
2005 wurden die Leitungen der drei grossen Bibliotheken in Bern mit neuen Direktorinnen besetzt. arbido hat sich aus diesem Anlass mit den drei unten genannten Damen unterhalten.
En 2005, trois nouvelles directrices ont été nommées en tête des trois grandes bibliothèques à Berne.
arbido a profité de l’occasion pour s’entretenir avec:
Marie-Christine Doffey, Directrice de la Bibliothèque Nationale Suisse (BN), Direktorin der Schweizerischen Landesbibliothek (SLB)
Susanna Bliggenstorfer, Direktorin der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern (StUB)
Christine Eggenberg, Direktorin der Kornhausbibliotheken Bern (KOB)
1. Wie schätzen Sie Ihre Wahl an die Spitze der BN/SLB, StUB, KOB ein?
Handelt es sich aus Ihrer Sicht um mehr als einen „Zufall“, dass 2005 drei Frauen in Leitungspositionen namhafter Bibliotheken gewählt wurden?
Comment estimez-vous le fait que vous avez été choisies à la tête de vos institutions BN/SLB, StUB, KOB? S’agit-il à votre avis plus d’un „hasard“ qu’en 2005 il y ait trois femmes dans des positions de direction de bibliothèques renommées?
Marie-Christine Doffey (MCD): „Oui, c’est un pur hasard. M. Jauslin a été nommé à la tête de l’Office fédéral de la culture (OFC) alors que j’occupais depuis 2003 le poste de vice-directrice. Le Conseil fédéral a porté son choix sur une femme, c’est une évolution positive de voir qu’au sein de l’administration fédérale toujours plus de femmes accèdent à des postes élevés de cadre, mais la parité n’est de loin pas réalisée.
Le fait que nous soyons maintenant trois femmes à Berne, quatre si je compte la nouvelle vice-directrice de la StUB, démontre aussi que la révèle existe et que les femmes sont prêtes à prendre le défi.“
Susanna Bliggenstorfer (SB): „Es ist zuallererst einmal ein Zufall, dass in den drei genannten Bibliotheken im gleichen Jahr ein Direktionswechsel stattfand. Ich halte es auch für einen Zufall, dass gleich in jeder der drei Bibliotheken eine Frau zur Direktorin gewählt wurde; nur ist heute die Chance, dass sich Frauen auf eine Führungsposition bewerben, sicher grösser als noch vor zehn und mehr Jahren. Das zeigt die Ausbildungssituation in den Universitäten, wo unterdessen in den meisten Fächern um die 50% Frauen studieren. Auch haben die Sensibilisierungskampagnen der Fachstellen für Gleichstellung sicher das ihre dazu beigetragen.“
Christine Eggenberg (CE): „Ich glaube, dies war Zufall. In den Kornhausbibliotheken war bereits vorher eine Frau Leiterin. Ich freue mich aber, dass in Berner Bibliotheken nun drei Frauen in leitenden Positionen tätig sind. Ich finde es wichtig, dass in einem Betrieb, in welchem vor allem Frauen arbeiten, auch eine Frau führt. Da ist man, glaube ich, schon ein Stück weiter gekommen, dass man nicht einen Mann vor ein Team setzt, das zu 95% aus Frauen besteht.“
2. Welchen Themen widmeten Sie sich in der Startphase am intensivsten?
À quels thèmes vous êtes-vous consacrées le plus intensivement au début?
MCD: „Je retiendrai trois:
· En plus de ma nouvelle fonction, j’assume la direction du projet FLAG (Führen mit Leistungsauftrag und Globalbudget)/GMEB (Gestion par mandat de prestations et enveloppe budgétaire). Entre mai et septembre nous avons défendu devant le Conseil fédéral et les Commissions parlementaires le mandat de prestations 2006-2008 et le budget global de la BN. C’est une phase délicate qui s’accompagne d’un changement de culture d’entreprise. Une fois cette étape franchie avec succès nous avons préparé la Convention de prestations et le budget 2006 de manière à démarrer au 1er janvier sous le nouveau régime. Ce changement s’accompagne aussi de la mise en place d’un nouvel organigramme et du repourvoi de certaines fonctions-clés.
· La collaboration internationale: avec le soutien très professionnel et compétent de Mme Genevieve Clavel, responsable à la BN de la Coopération nationale et internationale, j’ai rapidement dû me plonger dans les activités de la CENL (Conference of European National Librarians). Je participe par exemple au Comité de pilotage du projet européen ‘The European Library (TEL)’, dont le but est la promotion de l’accès à du matériel digitalisé, aux services, catalogues et collections des bibliothèques nationales européennes sous la forme d’une plate-forme et d’un réseau de coopération.
· Enfin les tâches de représentation ont été très importantes dans cette première phase. La presse et les médias m’ont régulièrement sollicitée. J’ai représenté la BN à de très nombreuses manifestations. Tout ceci est nouveau, passionnant et indispensable pour faire mieux connaître notre institution.“
SB: „Bei meinem Stellenantritt im Mai 2005 stand die Stadt- und Universitätsbibliothek im Wesentlichen vor drei Hauptproblemen:
· Die Regierung und die Universität wünschten eine Reorganisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens auf dem Hochschulplatz Bern. Durch den Direktionswechsel wurde das früher verworfene Projekt der Zusammenführung sämtlicher wissenschaftlicher Bibliotheken in ein funktional einschichtiges Bibliothekssystem in der Universität wieder aufgegriffen. Der Stiftungsrat beschloss, sich auf diesen Weg einzulassen, d.h. Voraussetzungen und Bedingungen einer Auflösung der Stiftung StUB zu prüfen.
· Aufgrund der Beitragsminderungen eines Stiftungsträgers entstand eine akute Finanzlücke. Wir mussten Sparmöglichkeiten suchen und Abläufe straffen.
· Die Raumknappheit akzentuiert sich durch den Entscheid der Regierung, auf ein lange geplantes Projekt 'Aarehang' zu verzichten. Statt am Standort der Bibliothek weiteren Magazinraum gewinnen zu können, musste im Rahmen des Projekts 'Von Roll-Areal' der Universität ein neues Auslagerungskonzept erarbeitet werden.
Neben diesen 'Grossbaustellen' war es mir wichtig, in Bern Kontakte zu knüpfen. Ich besuchte die Kollegen anderer Kulturinstitute und sprach mit Universitätsangehörigen.“
CE: „Ich wollte vor allem mein Team kennen lernen. Dies war nicht ganz einfach, da die 18 Zweigstellen weit verstreut sind: von Münchenbuchsee bis Worb. Mein Ziel war es, bis Ende Jahr mit allen Mitarbeitenden ein paar Worte gewechselt zu haben.
· Ich wurde gleich zu Beginn voll absorbiert von den Leistungsvereinbarungen mit der Stadt und dem Kanton Bern.
· Ein weiteres relevantes Thema waren die betriebswirtschaftlichen Aspekte, einerseits verbunden mit der neuen Leistungsvereinbarung, andererseits generell: was ist an Grundlagenpapieren vorhanden; wie sehen die Strukturen und Prozesse in der Bibliothek aus?
· Da ich im Herbst mit meiner neuen Arbeit begann, kamen auch eine grosse Anzahl vielfältiger Veranstaltungen auf mich zu, auf die ich mich intensiv vorbereiten wollte.“
3. Welche Zusammenarbeit pflegen Sie mit den zwei anderen Institutionen? Welche möglichen Kooperationsformen streben Sie an?
Quelle coopération maintenez-vous avec les deux autres institutions? Quelles formes de coopération possibles envisagez-vous?
MCD: „Les contacts entre nos institutions existaient avant notre entrée en fonction. Je souhaite personnellement poursuivre et intensifier ces contacts avec mes collègues. Il est vrai que nous ne sommes pas encore très avancées dans nos réflexions. Mais il y a beaucoup de chantiers ouverts à Berne dans le domaine des bibliothèques – par exemple le projet de concentration des bibliothèques et centres de documentation de l’administration fédérale, l’intégration de la StUB à l’Université, - ces changements à venir devraient ouvrir des nouvelles perspectives de collaboration.“
SB: „Die Zusammenarbeit funktioniert bereits auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen, von der Kontaktpflege bis zur Kooperation, z.B. in der Öffentlichkeitsarbeit (besonders bei den kulturellen Veranstaltungen), in der Frage der Langzeitarchivierung elektronischer Medien oder im persönlichen Austausch zu Fragen der Entwicklung des Bibliothekswesens.
Sehr gut etabliert ist die Kooperation in der Ausbildung, durch Austausch von Praktikantinnen und Praktikanten sowie in der Einführung von I+D-AssistentInnen z.B. in das Katalogisieren.
Die SLB und die StUB haben das Internet-Clearinghouse (Schweizer Bibliotheksportal unter www.ichschweiz.ch
) aufgebaut. Auch die Abgrenzung im Profil stellt eine Art impliziter Kooperation dar, indem sich die drei Bibliotheken in ihren Anschaffungen gegenseitig ergänzen und so einem sehr breiten, je eigenen Publikum die gesuchte Information und den gewünschten Lesestoff bieten. Nationale, wissenschaftliche, informative und unterhaltende Ausrichtung der Bestände ergänzen sich.
Trotzdem werden wir in diesem Bereich eine engere Kooperation anstreben, z.B. im Bereich der Bernensia oder der Dissertationen. Die durch die hohe Teuerung im Buchhandel und im e-Medien-Bereich laufend an Kaufkraft verlierenden Anschaffungskredite können durch gute Erwerbsabsprache vielleicht noch besser eingesetzt werden.
Die von der SLB lancierte SWD-Clearingstelle Schweiz könnte im Bereich der Sacherschliessung eine sinnvolle Basis für eine interkantonale Zusammenarbeit der Deutschschweizer Universitätsbibliotheken bilden.
Vor allem aber ruft die bestehende Raumknappheit nach verstärkter Kooperation. Diese müsste sich meiner Ansicht nach auf die Archive ausdehnen und die Unterstützung durch Bund, Kanton(e) und Stadt suchen.“
CE: „Mir ist wichtig, mit der StUB und der SLB eine gute Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen zu pflegen. Für mich ist durchaus auch eine politische Zusammenarbeit möglich.
Generell ist mir eine kulturelle Zusammenarbeit mit den beiden anderen Institutionen wichtig. Sie findet mit dem Literaturarchiv bereits statt und wird in beidseitigem Interesse demnächst ausgebaut.
Mit der StUB fanden erste Gespräche auf verschiedenen Ebenen statt. Dort wurde beidseitig eine engere Zusammenarbeit signalisiert: etwa im Bereich Veranstaltungen oder in Bezug auf eine klarere Abgrenzung, was Kernaufgaben und Zielgruppen der jeweiligen Institutionen betrifft.“
4. Welches sind Ihre Perspektiven – wie sehen Sie die Zukunft der Bibliotheken in der Schweiz? Jene Ihrer Institution?
Quelles sont, selon vous, les perspectives d’avenir des bibliothèques en Suisse? Celles de votre institution?
MCD: „L’ancrage des bibliothèques en Suisse au plan politique est trop faible et trop dispersé. Leur rôle politique et économique est mal connu et sous-estimé. Les prises de position du monde des bibliothèques au projet de loi sur l’encouragement à la culture ont déploré le rôle mineur et réducteur qu’on leur attribue en regard d’autres acteurs culturels.
Or les enjeux de la société de l’information sont énormes, nous pouvons et devons jouer un rôle encore plus actif.
Je ne suis pas partisane de mettre en place en Suisse un nouvel organisme, une nouvelle superstructure pour renforcer le positionnement des bibliothèques. Je suis plutôt d’avis qu’il faudrait mieux utiliser les structures existantes.
À la BN nous travaillons à de très nombreux projets dont l’effet principal est double, d’une part la préservation à long terme pour les générations futures de cette partie du patrimoine national documentaire dont nous avons la charge et d’autre part l’accroissement de la connaissance sur la Suisse à travers nos collections, services et manifestations.“
SB: „Die nahe Zukunft der StUB ist durch die vom Regierungsrat in Auftrag gegebene Neuorganisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens vorgezeichnet. Die StUB und die Universität Bern sind dabei, ein funktional einschichtiges Bibliothekssystem zu gründen, das die heutige StUB mit ihren Filialen sowie die Fachbereichs- und Institutsbibliotheken der Universität in sich vereinen soll: eine grosse Herausforderung und Chance zugleich. Organisatorisch wird die neue Bibliothek in die Universität integriert werden. Die Hochschule ihrerseits erhält dann vom Kanton den Auftrag, die wissenschaftliche Kantonsbibliothek (inklusive Sammelauftrag für Bernensia) zu führen. Der Standort Münstergasse und die enge, bereichernde Zusammenarbeit mit der Burgerbibliothek bleiben bestehen.
Auf nationaler Ebene gehen die Hochschulbibliotheken ihren Universitäten beispielhaft voran, was die Kooperation über die Kantonsgrenzen hinaus betrifft. Die Verbundstruktur wird weiter gepflegt und entwickelt werden; die Vereinigung der beiden Verbünde West- und Deutschschweiz wäre meiner Ansicht nach ein lohnenswertes Ziel zum Wohl unserer Benutzerinnen und Benutzer.
Im elektronischen Bereich müssen die Bibliotheken aktiv bleiben. E-Angebote wie Online-Datenbanken, E-Zeitschriften, digitalisierte Bestände oder Dienstleistungen wie der elektronische Dokumentenlieferdienst sind bei den Benutzenden sehr geschätzt. Es ist wichtig, dass wir mit diesem Service im internationalen Vergleich gut dastehen.“
CE: „Bibliotheken werden auch in naher Zukunft eine wichtige Mittlerrolle in der Informationsbeschaffung und in der Informationsvermittlung haben. Wir bewegen uns in einem äusserst dynamischen Feld. Das finde ich spannend und herausfordernd. Bedingung ist, dass man sich mit den Veränderungen in Bezug auf Informationsvermittlung und -beschaffung ständig auseinandersetzt.
Klare Zielformulierungen scheinen mir in diesem Zusammenhang wichtig, das heisst zum Beispiel die Klärung der Frage, wohin die Angebote der Kornhausbibliotheken mittelfristig gehen sollen.
Wir beschäftigen uns mit Themen wie
- Bildungsförderung bei Kindern und Jugendlichen: hier findet bereits eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kornhausbibliotheken, Schulen und schulverwandten Institutionen statt. Wir streben diesbezüglich eine Weiterführung mit unterschiedlichen gemeinsamen Projekten auch in den nächsten Jahren an.
- Zusammenarbeit mit Schulen heisst auch: aktive Mithilfe bei der Verbesserung der Ergebnisse der Schweiz in Bezug auf die PISA-Studie. Gerade die allgemein öffentliche Bibliothek hat hier eine relevante Mittlerrolle inne, die von der Öffentlichkeit noch zuwenig wahrgenommen wird.
- Pflegen des bereits bestehenden sozialen und kulturellen Treffpunkts für ALLE.
- Integration von Migrantinnen und Migranten in Form von aktiver Zusammenarbeit mit MigrantInnenorganisationen, Schulen und Integrationsbeauftragten: Erweiterung des Bestandes für diese Zielgruppe, verbunden mit unterschiedlichsten Veranstaltungen.
- Mithilfe zur Verhinderung der zunehmenden digitalen Spaltung in unserer Bevölkerung. Das halte ich ebenfalls für eine äusserst relevante künftige Aufgabe. Sie wird auch in unserem Strategiepapier eine wichtige Rolle spielen.
Das Ziel ist, eine gut informierte Gesellschaft zu haben. Eine gut informierte Gesellschaft ist letztlich die Basis unserer Demokratie.“
Madame Doffey, Frau Bliggenstorfer, Frau Eggenberg,
herzlichen Dank für das interessante Gespräch!
Merci beaucoup pour cet entretien intéressant!
Die drei Direktorinnen wurden interviewt von
Se sont entretenus avec les trois directrices
Jean-Philippe Accart, Rédacteur/Redaktor arbido
Barbara Kräuchi, Generalsekretärin/Secrétaire générale BBS
Die Gesprächspartnerinnen sind via <email-pii> kontaktierbar.
Les trois partenaires de l’entretien peuvent être contactées par <email-pii>
In der Tageszeitung „Der Bund“ vom 21.12.2005 ist ein Porträt der drei Direktorinnen erschienen.
Dans le journal „Der Bund“ du 21.12.2005 a paru un portrait des trois directrices.
Mehr Informationen über die Bibliotheken
Plus d’informations sur les bibliothèques
www.snl.ch
www.stub.unibe.ch
www.kornhausbibliotheken.chretour