Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03206.jsonl.gz/2455

Leopold Kessler (*1976, lebt und arbeitet in Wien) zeigt auf dem Vorplatz des Kunsthaus Baselland seine acht Meter lange Volks–Shoeshine Machine (2008) erstmals in der Schweiz. Die voll funktionstüchtige Maschine, die hauptsächlich — im kleineren Format — aus Hotel-Lobbys bekannt ist, bietet Passanten die Möglichkeit, sich die Schuhe zu putzen.
Ausgehend vom sozialen Druck nach sauberen Schuhen, die ebenso wie gesunde Zähne für ein gelungenes Funktionieren in der Gesellschaft stehen, lotet der Künstler aus, wie die Maschine in unterschiedlicher Umgebung genutzt wird, welche inhaltlichen Zuordnungen mit ihr und ihrer Benutzung verbunden sind. Die überdimensionierte Grösse unterstreicht den kollektiv-sozialistischen Aspekt und ist dem Interesse des Individuums bewusst entgegen gesetzt. Die allgemeine Bekanntheit des Objekts unterstützt ein Reagieren und Agieren der Passanten, provoziert jedoch aufgrund der unüblichen Länge ein neues, anderes Verhalten. Die Platzierung der Volks–Shoeshine Machine im Pariser Jardin des Tuileries zeigte beispielsweise, dass hauptsächlich Touristen die Maschine benutzten, um sich gegenseitig beim Schuhe reinigen zu fotografieren. Sie hielten die Installierung der Maschine für einen Service der ihnen fremden Stadt. Der neuerliche Einsatz der Volks–Shoeshine Machine auf dem Vorplatz des Kunsthaus Baselland, einer Institution, die durch ihre Nähe zu Sportanlagen und angrenzendes Industriegebiet auf einem für den klassischen Kunstbetrieb atypischen Territorium steht, jedoch aufgrund ihrer Verbindung zur Art Basel internationales Publikum anziehen wird, verspricht interessante Momente des Aufeinandertreffens von zufälligen Passanten und Kunstinteressierten.
Leopold Kessler untersucht in seinen Interventionen im öffentlichen Raum die ‹kleinen› und ‹grossen› Handlungen, die Menschen im Alltagsablauf tätigen oder jene, die zum Reüssieren im gesellschaftlichen Leben beitragen. So putzte der Künstler beispielsweise für das Video Service Active/Passive (2007) in New York die Fensterscheiben von Autos (unter Bürgermeister Giuliani wurde dies als verbotenes Betreten der Strasse bestraft) und gab die dabei verdienten Dollars einer Person, die in Restaurant-Toiletten die Seife und das Handtuch reicht. Der gesellschaftlich akzeptierten Bitte eines Fremden nach einer Zigarette entsprach er im Tausch gegen ein Foto der fragenden Person (Schnorrer, 2006—2008, digitale Dia-Show mit 60 Fotos).
Kessler hinterfragt in diesen Interventionen die gängigen Ideen des Austausches und des Service in unserer Gesellschaft. In einer seiner bekanntesten Arbeiten Soda Machine A and Soda Machine B (2008) platzierte der Künstler einen Getränkeautomaten an einen ausgewählten Ort (Malmö Konsthall), wobei beim Einwerfen von Münzen das Getränk im Automaten an einem anderen ausgewählten Ort ausgeworfen wurde (Lund Konsthall). Der Benutzer der Maschine bekam nicht das erwartete Getränk, wofür er bezahlte; er hatte aber die Option eines zu bekommen, für das ein anderer, an einem anderen Ort die Münzen eingeworfen hatte. Das Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, das Ausloten von gesellschaftlichen Service-Angeboten und ihrem Preis, das Hinterfragen welche Dinge innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges für Austauschzwecke zur Verfügung stehen, oder schlichtweg logische Ungereimtheiten stehen im Zentrum von Kesslers Interesse.
Text von Sabine Schaschl