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Mein Sohn war ein paar Monate alt, als ich mit ihm zusammen meine Grossmutter besuchte. Sie sollte endlich ihren Urenkel kennenlernen, hatte sie in der Schwangerschaft doch eine so wichtige Rolle gespielt. In Momenten, in denen mich die Angst vor der Geburt beschlich, dachte ich an sie: Die Frau hat sechs Kinder auf die Welt gebracht – eines davon während einer nächtlichen Velofahrt ins nächste Dorf. Meine Grossmutter machte mir Mut, ich sagte mir: Ich hab schliesslich ihre Gene, das schaffe ich!
Als mein Sohn auf der Welt war, realisierte ich, dass ich die erste Zeit mit einem Neugeborenen romantisiert habe. Ja, das Kind war süss, die Liebe gross. Aber die vielen Umstellungen, die hormonellen Achterbahnfahrten und der Schlafentzug kumulierten sich zum härtesten, was ich bis dahin erlebt hatte. Es ging mir psychisch nicht gut. Ich dachte wieder an meine Grossmutter, die ihre Kinder in nur jährlichen Abständen in diese Welt geboren hatte. Wenn mein Sohn im Tragtuch schrie und rot anlief und ich meinte, bald einfach in mir zusammenzubrechen, waren meine Gedanken bei ihr, die wohl das erste Kind bei der Hand nahm, während sie das Kleine in der Trage und das nächste unter dem Herzen trug. Und diese Gedanken wurden zu einem Kraft-Mantra: Ich hab schliesslich ihre Gene, das schaffe ich!
Dann besuchte ich sie. Erzählte ihr, wie sie mir Kraft gab. Und wie sehr ich sie bewunderte. An ihrem gequälten Blick erkannte ich, dass mein Kompliment seine Wirkung verfehlt hatte. Meiner Grossmutter standen die Tränen in den Augen. Und dann setzte sie sich zu mir und erzählte mir von der härtesten Zeit ihres Lebens. Von der Zeit, als sie in den frühen Sechzigern «im Dütsche duss» lebte, weil sie einen Bauern geheiratet hatte und mit ihm gemeinsam einen Hof aufbaute. Von der Zeit, in der Kinder unabdingliche Arbeitskräfte für einen funktionierenden Landwirtschaftsbetrieb waren. Von der Zeit, in der eine verheiratete Frau nicht frei entscheiden konnte, ob sie Kinder will.
So wurde meine Grossmutter Jahr für Jahr schwanger. War ein Kind auf der Welt, wurde es in den Stubenwagen gelegt, der Wecker gestellt. Alle vier Stunden klingelte er, das Kind bekam seinen Schoppen und wurde gleich weitere vier Stunden allein gelassen, während seine Eltern die Felder bestellten. So grausam das auch klingt: Meine Grossmutter liebte ihre Kinder. Aber von ihr wurde neben dem Aufziehen auch erwartet, dass sie die Reben bestellte, dass sie den Haushalt für eine siebenköpfige Familie schmiss und dass sie nach Feierabend gemeinsam mit meinem Grossvater das neue Haus baute, in welches sie einzuziehen planten. Natürlich graute es ihr in ihrer Situation vor einer weiteren Schwangerschaft.
Meine Grossmutter sparte sich also Geld für das Zugbillett nach Basel zusammen, weil man die Antibabypille in Deutschland nur mit Erlaubnis des Gatten bekam. Sie nahm die teuren und im Geheimen erstandenen Pillen eine Weile, bis mein Grossvater sie entdeckte und in der Toilette fortspülte – für ihn war die Kinder- und Arbeitskräfteplanung noch nicht abgeschlossen. Und man kann sich denken, wie gross das Mitspracherecht einer Frau im Privaten war in einem Land, dessen gesetzliche Regelungen eine schriftliche Einwilligung des Ehemanns beim Kauf von Antibabypillen oder der Terminvereinbarung zur Sterilisation verlangte. Die Pillen waren also fort und mit ihnen bald die Kraft, sich den patriarchalen Vorstellungen weiter zu widersetzen. Und so kamen weitere Kinder auf die Welt. Meine Grossmutter litt psychisch sehr, heute hätte man ihr mit Sicherheit eine Depression diagnostiziert. Damals sagte das Dorf einfach: «Mit so vielen Kindern hat man es halt streng.»
Mir wurde schlagartig bewusst, dass diese «Es ist halt anstrengend»-Haltung Mitschuld an den emotionalen Tiefschlägen junger Mütter hat. Meine Oma wusste, dass sie weder Hilfe erwarten noch sich beschweren durfte. Denn: Sich komplett irrsinnig aufzuopfern für eine Familie, das wurde von der Frau nun mal erwartet. Mütter aller Generationen geben alles – in dem für sie diktierten Rahmen. Bestmögliche Mütter. Und sie geben offenbar erst dann genug, wenn es ihnen an die Substanz geht. Mir wurde klar, dass meine Gedanken denselben Ursprung hatten. Mit «Ich habe schliesslich ihre Gene, ich schaffe das!» hatte ich auch gemeint: «Andere schaffen das auch, hab dich nicht so.» Ich beschloss, mir die Hilfe zu holen, die meiner Grossmutter verwehrt geblieben war. Und ich entschied, mich nicht dafür zu schämen, dass ich das als Mutter bloss eines einzigen Kindes tat.
Ich ging zum Arzt. Sprach mit ihm über meine Erschöpfungszustände, die ich nun ein halbes Jahr ausgehalten und abgetan hatte. Erzählte von Schlaflosigkeit – auch dann, wenn mein Sohn endlich einmal schlief. Dass ich stark abgenommen hatte und, egal was ich ass, nicht mehr zunahm. Dass mich jeder Schnupfen umwarf, dass ich zitterte und schwitzte und psychisch komplett am Boden war. Mein Arzt machte Untersuchungen und rief mich einige Tage später an mit der Diagnose: Morbus Basedow. Eine Autoimmunerkrankung, welche höchstwahrscheinlich durch Stress ausgelöst worden war.
Ich zog die Reissleine, kündete meinen Job, orientierte mich um. Und traf eine grundsätzliche Entscheidung für mein Leben: nie mehr Dinge, die sich ungut anfühlen, einfach auszuhalten und totzuschweigen. Im Unterschied zu meiner Grossmutter habe ich die Option auf ein selbstbestimmtes Leben. Ein Leben, in dem es mir egal sein darf, ob die Mütter-Community es für unangebracht hält, dass ich mein Kind bereits mit sieben Monaten zwei Tage die Woche in eine Krippe gegeben habe. Ein Leben, in dem ich mich nicht dafür rechtfertigen werde, mein Kind mit acht Monaten abgestillt zu haben. Ein Leben, in dem ich sagen darf: Ihr Mamas da draussen, ich weiss, es ist manchmal verdammt hart, ihr seid nicht allein. Wir haben das Privileg, ein glückliches Leben führen zu können und damit auch die Verantwortung, es zu tun. Und in diesen Momenten, in denen mein Herz mit Dankbarkeit geflutet wird, denke ich immer wieder an meine Grossmama und sage in Gedanken zu ihr: «Es tut mir so leid, dass du das alles allein schaffen musstest.»