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Es war so eine Veranstaltung, bei der man sich auf etwas Bestimmtes freut, und am Ende von etwas komplett anderem begeistert ist. Gestern fand im Guggenheim New York die US Buchvernissage zweier Publikationen vom links orientierten Verlag Verso Books statt. Hito Steyerls Duty Free Art: Art in the Age of Planetary Civil War und Supercommunity: Diabolical Togetherness Beyond Contemporary Art von e-flux.
Vielleicht war es der sperrige Titel (Diabolical Togetherness??) oder die Tatsache, dass ich noch nie etwas von e-flux gehört hatte, aber ich war der festen Überzeugung, dass Steyerls Buch der Star des Abends sein würde. Als es dann los ging und die Laudatio zum Buch ein mit zittriger Stimme vorgetragener Text war, abgelesen und mit so langen Zitaten bestückt, das man kaum folgen konnte, versteinerte sich mein Eindruck.
Grandioses Schultheater
Als es mit dem Abend weiterging und zwei Autoren ihren Einakter You must Give Back to Your Alma Mater zeigten und das sehr stark an Schultheater erinnerte, war eigentlich nichts mehr zu machen.
Gezeigt wurde ein vergeistigter Kunststudent (Autor Brian Kuan Wood), der bei der Direktion seiner Uni anruft, um die Zahlungsfrist seines Darlehens mal wieder zu verlängern. Er versucht mit Plattitüden zu überzeugen, er könne grundsätzlich schon zahlen, nur gerade jetzt noch nicht, seine Karriere stehe kurz vorm Punkt, wo sie so richtig anziehen würde, er warte selbst noch auf die Zahlung einiger Projekte…blablabla.
Das denkt sich auch die Direktorin (gespielt von der Künstlerin Julieta Aranda) und wiegelt ab. Und dann kam der Moment, in dem das Stück eine wirklich interessante Wendung nahm und meine felsenfeste Überzeugung ins Wanken geriet.
Plötzlich startete ein völlig abstruses Gedankenexperiment, in dem Kunstschulen ihren vielversprechendsten Studenten eine alternative Zahlungsmethode ihrer Studiengebühren anbietet: die angehenden Künstler verkaufen ihre Träume und Gedanken an zukünftige Projekte an die Universität, speisen sie in eine Datenbank ein, die diese dann optimiert und zu erfolgreichen Kunstwerken optimiert, die zu einem späteren Zeitpunkt vom Künstler produziert werden können. Alles steht unter dem Gedanken den Finanzhaushalt der Kunst-Departemente zu sanieren, indem erfolgreiche, also sammelbare, Kunst produziert wird.
Ein vor Sarkasmus strotzender Sketch, den die Autoren in einer Institution vortrugen, die weltbekannt wurde, weil sie zum richtigen Zeitpunkt ihre wahnsinnige Sammlung an abstrakter Kunst aufzubauen? e-flux hatte mich.
Bullshitting in feinster Form
Und es ging grandios weiter: Liam Gillick, seines Zeichens Objektkünstler aus UK, legte mit einem gleichermassen bitteren wie unterhaltsamen Bullshit-Vortrag eines auswechselbaren Idioten in Führungsposition nach.
We’re aiming for efficiency improvements “across the piece,” get it? Action. That’s what it takes to really do something these days.
Ist er Teamleiter einer Agentur, Head of Irgendwas in einem dämlichen Projekt, das nur die ersten Wochen spannend war, Direktor von etwas, das fast so gross ist wie sein Ego? e-flux hatte mich in diesem Moment nicht nur, sie hatten mich überzeugt.
Supercommunity
Also fing ich an weiterzulesen. Darüber, was e-flux ist und warum sie einen Sammelband unter dem Begriff Supercommunity herausbringen. Was all das mit Hito Steyerl zu tun hatte, die schallend lachend in der ersten Reihe sass. (Wen all das an dieser Stelle nicht interessiert, kann ganz nach unten Scrollen, da gibt es noch ein paar weiterführende Links. Nur schon mal so viel: Das Buch lohnt sich! Kaufen!)
e-flux wurde 1998 vom Künstler Anton Vidokle gegründet, damals noch fasziniert vom Digitalen und dem befreienden Potential des Internets wirkliche Pluralität und Meinungsfreiheit zu schaffen. In den Jahren nach der Jahrtausendwende wurden Ausstellung organisiert, das Email-Netzwerk aufgebaut, das heute integraler Bestandteil des Konzepts ist und bald in der Lower East Side in New York der erste öffentliche Space eröffnet.
Im aktuellen Beschrieb auf der Website heisst es «e-flux is a publishing platform and archive, artist project, curatorial platform», was ausnahmsweise keine nichtssagende Phrase ist, sondern akkurat die vielen verschiedenen Arme von e-flux beschreibt. Semi-kommerziell ausgelegt, da grosse Institutionen wie Museen und Magazine dafür zahlen, ihre Medienmitteilungen und News über das Netzwerk zu streuen, das aus genau den Leuten besteht, das sie erreichen möchten, betreibt e-flux seit 2011 auch eigene Ausstellungen und Events in seinen Galerieräumen im New Yorker Kunstviertel.
Das e-flux Journal hingegen ist eine 2008 gegründete monatliche Kunst-Publikation, zu der eine wahnsinnige Bandbreite zeitgenössischer Künstler regelmässig beiträgt. Eben auch Hito Steyerl, die da lachend in der ersten Reihe sass und wartete. Alles kostenlos online zugänglich. Daraus entstand nun auch die Supercommunity, die eigentlich ein Projekt an der vorletzten (56.) Biennale in Venedig war.
In vier Monaten wurde jeden Tag ein Artikel veröffentlicht und vor Ort in Venedig ausgestellt (Anm.d.Aut.: wie stellt man Texte aus? – vielleicht wird das mal ein zukünftiger Beitrag.) und daraus schliesslich das Buch, das gestern den US Launch gefeiert hat.
Puh, was für ein Mammutprojekt, dieses e-flux. Und was für eine Überraschung darüber zu stolpern. Da die Schlange zu lang war, um vor Ort das Buch zu kaufen, bin ich schliesslich ohne es nach Hause gegangen. Dafür habe ich einen guten Grund in den nächsten Tagen in der Galerie am East Broadway vorbeizuschauen. Stay tuned, stay kurious.
- Hier kannst du das Buch Supercommunity kaufen
- Hier geht es zum e-flux Journal und allllll seinen Ausgaben seit 2008
- Zum ganzen Beitrag von Liam Gillick Weapons Grade Pig Work geht hier lang
- Und hier ein Email (was sonst)-Interview zwischen Hans Ullrich Obrist und den Machern von e-flux Anton Vidokle und Julieta Aranda