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Als ich studierte, von 1958 bis 1964, hielten die Germanistikprofessoren ihre Vorlesungen gelegentlich in Uniform. Allerdings nur die Offiziere. An einen Wachtmeister auf dem Katheder kann ich mich nicht erinnern. Emil Staiger, Max Wehrli und auch Karl Schmid waren so zu erleben. Für uns hatten diese Auftritte einen rituellen Zug. Sie signalisierten, dass die akademische Elite auch zur militärischen zählte. Schmid, Staiger, Wehrli, 1907, 1908, 1909 geboren, waren bei Kriegsausbruch knapp über dreissig; sie gehörten also zu den Kernjahrgängen der Aktivdienstgeneration. Gegen Ende des Krieges oder kurz danach gelangten sie auf ihre Lehrstühle. Dass der militärische Rang dabei eine Rolle spielte, ist anzunehmen; denn der Aufstieg in der Armee während der Kriegsjahre hat die beruflichen und politischen Karrieren in der Schweizer Nachkriegszeit vielfach befördert. Soziale und konfessionelle Schranken wurden dabei durchlässiger. Selbst die strengen Regeln der universitären Beförderung lockerten sich eine Zeitlang: Karl Schmid wurde gegen Kriegsende ohne Habilitation Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, wenig später auch Hans Barth an der Universität Zürich. Beide bewährten sich glanzvoll und dienten ihren Schulen auch als Rektoren.
Die im Aktivdienst geformten Eliten der Schweiz waren geprägt von einem Impetus des Aufbruchs, der Neu- und Umgestaltung. Der technologische Fortschritt der Fünfziger- und Sechzigerjahre, der im System der Nationalstrassen monumental wurde, war wesentlich ihr Werk. Diese Dynamik blitzte noch im zeitweiligen Glanz der Offiziersuniformen auf den Lehrkanzeln auf. Der Armeepavillon der Expo 64, ein riesiger Igel mit 141 Betonstacheln, belegte in seiner merkwürdigen Naivität aber auch das Fortleben der strategischen Phantasien der Landi- und Reduit-Zeit – sieben Jahre immerhin nach der ersten Interkontinentalrakete. Der Widerstandsdiskurs jener bedrohten Jahre war nahezu unverändert übergeführt worden in Sprache und Mentalität des Kalten Krieges. Die führenden Köpfe der Neunzehnfünfziger- und -sechzigerjahre verbanden ihre Fortschrittsbegeisterung in einer eigentümlichen Weise mit nationalem Denken. Ein Anhauch der «geistigen Landesverteidigung» war immer noch um sie, und sie haben in der Schweiz tatsächlich erstaunlich viel bewegt. Dies betrifft nicht nur das Verkehrssystem, sondern auch den Bereich der sozialen Fürsorge. Die AHV von 1948 war eine Weiterentwicklung des Lohnausgleichs für die Soldaten im Aktivdienst, und die berühmte Konkordanz mit ihrer Zauberformel von 1959 ging auf die innenpolitischen Versöhnungsstrategien der Kriegszeit zurück. Es gibt Gründe, die bei Kriegsbeginn ungefähr Dreissigjährigen für eine der interessantesten und produktivsten Generationen im schweizerischen 20. Jahrhundert zu halten.
Der Lehrer, kühn und stilvoll
Karl Schmid verkörperte diese Generation, ihr Denken und ihr öffentliches Wirken auf exemplarische und doch wieder ganz eigene Weise. Er war zeitoffen. Regelmässig hielt er Vorlesungen auch über die Gegenwartsliteratur. Als ich ihn zum ersten Mal hörte, im Frühling 1958, sprach er über Max Frischs eben erschienenen «Homo faber» und entwickelte eine scharfsinnige Analyse der Erzählsituation. Ein Techniker redet da in seinem typischen Jargon daher; niemand widerspricht ihm innerhalb des Romans, so dass der Leser ganz allein die Gegenposition finden muss gegen Fabers Fortschrittsideologie. Das war kühn, das war modern, und genauso erlebten wir auch Karl Schmid in seiner Romandeutung. Im Gegensatz zu Emil Staiger, der hinreissend über Schiller, Mörike und Gottfried Keller dozierte, aber seltsam freudlos und ungelenk über die Moderne, besass Karl Schmid ein methodisches Besteck sowohl für Schiller und Goethe als auch für Gottfried Benn und Friedrich Dürrenmatt. Ihn interessierte sehr, was gegenwärtig geschah in der Literatur, und doch, als es in der Generation um die Gruppe 47 Mode wurde, Thomas Mann zu verachten, feierte er den Verfasser des «Zauberbergs» und des «Doktor Faustus» weiterhin als einen Erzähler sondergleichen. Auch die allgemeine Abwertung der Schweizer Autoren, die noch vor dem Krieg ihr Profil gewonnen hatten, machte er nicht mit. Ich weiss noch genau, wie er einmal bemerkte: «Wenn einer eine gute Prosa schreibt in der Schweiz, ist es Meinrad Inglin.»
Dass meine erste Erinnerung an den akademischen Lehrer Karl Schmid mit «Homo faber» verbunden ist, erscheint mir heute zeichenhaft. Auch Frisch war einer aus dieser Generation, auch er machte den Aktivdienst mit, allerdings ohne Lust auf eine militärische Karriere. Aber er suchte und schaffte seinen Aufstieg mit nicht weniger Energie als die akademischen Altersgenossen. So sehr in seinem «Faber»-Roman das Helvetische zurücktritt, so deutlich verkörpert dieser Faber doch auch die Fortschrittsmentalität der politischen und technischen Macher, welche damals eine noch ländliche Schweiz in die Moderne führten – eine Moderne, die uns heute über den Kopf wächst. Diese Mentalität wird im Roman der Kritik unterzogen, über eine Analyse ihrer Sprache, und das scheint Karl Schmid damals genau erkannt zu haben. Das traurige Zerwürfnis, zu dem es zwischen Frisch und Schmid später kam – nach langen Jahren gegenseitiger Anerkennung –, darf die Parallelen in ihrem Werdegang nicht verdecken. Dieses Zerwürfnis hing insgeheim wohl auch mit der Rolle zusammen, die beide gleichzeitig in Anspruch nahmen, in divergenter Akzentuierung: der Rolle eines Praeceptor Helvetiae. Wenn die Geschichte der Intellektuellen in der Schweiz des 20. Jahrhunderts je geschrieben werden sollte, präzis und ohne Rücksicht auf zirkulierende Klischees, würde dieser Aspekt beträchtlichen Raum einnehmen. Wir mögen in unserem Lande stets nur wenige Metaphysiker und strenge Philosophen gehabt haben, an politischen Mentoren aber mangelte es nie, und so war es unausweichlich, dass diese sich zuweilen gegenseitig auf die Füsse traten.
Von den erwähnten Germanistikprofessoren war Karl Schmid der mit Abstand eleganteste. Er hatte Stil und hielt darauf. Durch sein silbergraues Haar lief seitlich ein messerscharfer Scheitel, und während er referierte, führte er von Zeit zu Zeit die Hand langsam über den Kopf, wie um sich zu versichern, dass alles sass, wie es sitzen musste. Sein Vortrag hatte einen eigentümlichen Zauber. Der grösste Hörsaal war überfüllt; ohne Platzkarten kam man nicht hinein. In der ersten Reihe sass unweigerlich Binia Bill, die Frau von Max Bill. Sie kam uns vor wie eine Delegierte der aktuellen Kunst in diesem Raum, wo es keine Berührungsängste gab gegenüber der literarischen Moderne. Karl Schmid war formbewusst bis ins Detail. Wenn er von seiner Hochschule sprach, betonte er immer den letzten der drei berühmten Buchstaben; er sagte: die ETH, während der Rest der Schweiz, wie heute noch, durchweg ETH sagte. Das mag eine belanglose Reminiszenz sein, aber dass es mir auffiel und dass ich es ein halbes Jahrhundert später noch weiss, deutet auf den Symptomcharakter dieses Stilsignals. Was Schmids Prosa auszeichnet, schien auch in seinen Vorlesungen auf, obwohl er diese, wie Jacob Burckhardt, nur aufgrund von Stichworten und Merksätzen hielt. Er sprach pointensicher, und er liebte es, wichtige Zusammenhänge in epigrammatisch geschliffenen Sätzen zu verdichten. Die frappierendsten Beispiele solcher Kunst finden sich in der grossen Studie über Conrad Ferdinand Meyer.1
Das Denken in Urbildern
Dieser magistrale Essay, der Haupttext in «Unbehagen im Kleinstaat» und eine Spitzenleistung der Schweizer Germanistik wie etwa Walter Muschgs Gotthelf-Buch von 1931, ist auch eine Einschulung in Karl Schmids Methode. Er dachte visuell. Ihn faszinierten Szenen, welche Schlüsselcharakter besitzen für das Ganze. In ihnen verdichtet sich symbolisch das massgebliche Konfliktfeld eines Romans, eines Stücks, ja der Welterfahrung des Autors überhaupt. So entdeckte er den Horcher an der Wand als eine gewissermassen heraldische Figur im Schaffen Conrad Ferdinand Meyers. Sie steht für dessen Haltung gegenüber der Geschichte, gegenüber den Tätern, Helden, Frevlern und Heiligen. Der ganze Komplex der historischen Grösse, dem Meyer mit glühender Faszination begegnete und den er, seiner eigenen Schwäche bewusst, in tausend Variationen in sein Werk hereinzuholen suchte, wird aufgefangen im Bilde dessen, der an der Wand horcht und mitverfolgt, was die Protagonisten der Weltgeschichte im Nebenzimmer planen und beschliessen. Wo andere von den zentralen Begriffen der Dichter ausgingen – Schillers Begriff der Freiheit, Goethes Begriff des Werdens, Thomas Manns Begriff von Kunst und Krankheit –, suchte Schmid die zentralen Bilder. Das hing untergründig zusammen mit seiner frühen Prägung durch die moderne Psychologie, durch ihre Konzepte vom Unbewussten, welches das menschliche Denken und Handeln steuert. Vor allem bei Carl Gustav Jung begegnete ihm das Unbewusste als ein Raum der Bilder und Figuren. In diesen verdichten sich die Urkonflikte des individuellen und kollektiven Lebens. Wir begegnen ihnen im Traum und in den Künsten, aber auch im täglichen Leben, wo sie durch einen andern Menschen förmlich hindurchstrahlen können und ihm so eine magische Anziehungskraft verleihen. Hier, bei C.G. Jung, lernte Schmid, in Bildern und Gestalten zu denken, lernte, sie als Typen zu fassen und mit ihrer Hilfe die vielfältige Erscheinungswelt sowohl der Literatur als auch der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu ordnen. Das hatte den rhetorischen Vorteil einer visuellen Überzeugungskraft im wissenschaftlichen Argumentieren. Gegen den Begriff kann man leichter angehen als gegen die anschauliche Figur.
Andererseits läuft dieses Denken in Urbildern – Archetypen, wie Jung sie nannte – immer auch Gefahr, der Vertracktheit aller historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit mit zeitlosen Erfahrungsmustern beikommen zu wollen. Karl Schmid war sich dieses Risikos bewusst. In der Studie über Conrad Ferdinand Meyer setzte er daher die Vision vom Horcher an der Wand, der die Grossen der Geschichte belauscht und ausspäht, in den Kontext der politischen Ereignisse von Meyers Lebenszeit. Er zeigt, wie die gewaltigen Täter, die im Roman «Jürg Jenatsch» von handlungsgehemmten Schwachen mit schaudernder Bewunderung beobachtet werden, genau das Verhältnis abbilden, in dem der Dichter selbst zur dröhnenden Machtentfaltung des zweiten deutschen Kaiserreichs stand. Das ist zwingend und kaum zu widerlegen. Als Karl Schmid aber diesen Aufsatz zu einem Buch über das politische Bewusstsein im Kleinstaat generell erweiterte, wurde der von Meyer verkörperte Typus zum Modell für eine Grundhaltung gegenüber der Schweiz, die sich in den Augen des Autors fortpflanzte bis in die Gegenwart. Man verachtet das eigene Land, weil ihm die welthistorische Grösse fehlt. Damit entstand aus der Analyse eines Dichters aus dem 19. Jahrhundert ein politisches Warnbuch. Von heute aus zeigt sich darin das charakteristische Fortwirken der politischen Erfahrungen aus der Kriegszeit in der zu Macht und Einfluss gelangten Aktivdienstgeneration. Auch im Ost-West-Konflikt, unter der atomaren Bedrohung und in der Fortschrittseuphorie der Sechzigerjahre blieben für Schmid die Werte der zum Widerstand entschlossenen Schweiz ein fester Massstab. In seinem Nachruf auf General Guisan, der 1960 vom Schweizer Radio ausgestrahlt wurde, schrieb er, der Tod des Generals sei «eine Sache jener ganzen Schicksalsgemeinschaft, die der Zweite Weltkrieg schuf».2 Er mied später das Pathos solcher Sätze. Aber immer hielt er fest an einem emphatischen Begriff von der richtigen Schweiz. Zu ihr konnte man nur in einem richtigen oder einem falschen Verhältnis stehen. Dem falschen Verhältnis zur Schweiz galt das Buch «Unbehagen im Kleinstaat».
Zur Gegenwart entschlossen
Es gibt in diesem Werk ein Begriffsfeld, an dem sich zeigt, wie tief Schmids politisches Denken mit den Versöhnungs- und Gemeinschaftsstrategien der Kriegszeit verknüpft war, das Feld um die Begriffe Bürger, bürgerlich, Bürgerlichkeit. Das richtige Verhältnis zur Schweiz setzt ein Ja zur Bürgerlichkeit voraus. Zitat: «Die Befassung mit dem Kleinstaat als Schicksal ist mithin auch Befassung mit der Bürgerlichkeit als Schicksal.»3 Meyer und seine Nachfolger litten an der «bürgerlichen Ordnung»4, während Gottfried Keller und Gotthelf diese von Grund auf bejahten. Das Problem ist nun, dass Schmid diesen Begriff des Bürgerlichen nie definiert, obwohl er semantisch mehrdeutig ist. Bürgerlichkeit kann den Gegensatz zur Aristokratie bedeuten, sie kann den Gegensatz bedeuten zum Künstler und einsamen Genie, und nicht zuletzt kann sie den Gegensatz zum Arbeiter und zum Sozialisten bedeuten. Diese letztere Spannung blendet das Buch gänzlich aus. Im Bekenntnis zur richtigen Schweiz werden die parteipolitischen Gegensätze belanglos. Das ist der Geist des abwehrbereiten Landes von 1940, der Geist des Rütlirapports. 1968 sollten die verdeckten Gräben dann mit Getöse wieder aufbrechen, wobei es auch zu hässlichen Ausfällen erregter Studenten gegen Karl Schmid kam. In einer Ausweitung der Perspektive könnte man sagen, dass jenes politische Narrativ der Schweiz, das die Einheit des Ganzen über die Ideen der Parteien stellte, im Verlauf der Sechzigerjahre seine Überzeugungskraft verlor und ins Hintertreffen geriet gegenüber neuen Narrativen internationaler Prägung. Die neue Linke sah sich als Teil einer weltweiten revolutionären Bewegung, und etwas später entwickelte der politische Liberalismus nach angelsächsischen Vorbildern eine scharf antietatistische Position, die Karl Schmid schwerlich mitgetragen hätte.
Jeder Denker bewegt sich in einem historischen Feld, das ihn prägt und auf das er einwirkt. Karl Schmid war herkunftsbewusst, aber immer zur Gegenwart entschlossen und um die Zukunft besorgt. Das zeigt sich in seinem ganzen öffentlichen Wirken. Beispielhaft ist seine Stellungnahme von 1966 gegen die damals diskutierte atomare Bewaffnung der Schweiz. Und mit höchster Konzentration nahm er früh schon teil am Nachdenken über das zusammenwachsende Europa. So, als einen Mann, dessen Worte mich angingen, mich bewegten und mir den Horizont ins Weite dehnten, habe ich ihn in meinem Studium leibhaftig erlebt. Bewundernd und dankbar.
1 Conrad Ferdinand Meyer und die Grösse. In: Karl Schmid: Werke IV, S. 116–190.
2 Beim Tode von General Guisan. 8. April 1960. In: Werke III, S. 199. Der Text wurde schon 1958 für das Radio geschrieben, in Hinsicht auf das kommende Ableben von Guisan. In den Sammelband «Zeitspuren» von 1967 nahm Schmid den Text nicht auf, wohl aber eine beträchtlich erweiterte Fassung von 1960, «Der General» (ursprünglicher Titel «Der General und die deutsche Schweiz»). Dort fehlt der zitierte Satz. Der Nachruf erschien aber 1960 in der angesehenen bibliophilen Reihe der Vereinigung Oltner Bücherfreunde.
3 In der Einleitung zu «Unbehagen im Kleinstaat». Werke IV, S. 115.
4 Werke IV, S. 173.