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Afrikaner fallen auf. Wer auffällt, hat es bisweilen schwer. Der Eintritt in die schweizerische Arbeitswelt ist für Menschen aus dem Schwarzen Kontinent mit etwelchen Schwierigkeiten verbunden.
Sie kamen aus drei Motivationsschüben. Die ersten Afrikaner, die zwischen 1960 und 1975 die Landesgrenzen überschritten, waren auf der Suche nach dem Schlaraffenland. Es war die Zeit unmittelbar nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Länder. Die Menschen kamen, weil sie lernen wollten und es in ihrem eigenen Land nicht genug Ausbildungsmöglichkeiten gab. Sie suchten westliche Ideale und wirklich gelebte demokratische Prinzipien. Es war eine Phase der fruchtbaren Begegnungen zwischen afrikanischen Studenten und der einheimischen Bevölkerung.
Zwischen 1975 und 1985 fand eine weitere Welle der Einwanderung statt. Damals boomte der Afrika-Tourismus: Schweizer reisten in Massen nach Ost- und Westafrika. Die meisten Afrikaner, die damals in die Schweiz einreisten, waren mit Touristen in Kontakt gekommen. Sie liessen sich vom angeblichen Reichtum der Schweizerinnen und Schweizer beeindrucken. Die Zeit nach 1985 schliesslich brachte die afrikanischen Flüchtlinge in die Schweiz. Sie waren auf der Flucht vor Kriegen, Diktaturen, Hungerkatastrophen und Arbeitslosigkeit.
Schlagzeug, Gesang und eine Riesenportion Glück
Nach der Ankunft in der Schweiz geht der Kampf um die Existenz weiter. Rassistische Vorurteile, Diskriminierung, fehlende Sprach-kenntnisse, nicht anerkannte Zeugnisse und Schulabschlüsse sind die häufigsten Hindernisse für Afrikaner beim Eintritt ins schweizerische Berufsleben. So kommt es, dass teilweise hoch qualifizierte Afrikaner Hilfsjobs annehmen müssen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Nur mit viel Durchhaltewillen und Energie finden einige den Weg nach oben. Es ist verlorenes Potenzial, das bislang von der Schweizer Wirtschaft zu wenig ausgeschöpft wird.
Es gibt aber auch Afrikaner, die einfach nur Glück haben oder durch ihre Arbeit eine berufliche Sonderstellung haben. Billy Todzo aus Glattbrugg ist einer von ihnen. Er ist Musiker mit Herz und Seele und zwischen-durch Ersatzteillieferant. Geboren wurde er 1951 in der Stadt Ho in der ehemaligen Voltaregion. Diese Stadt befindet sich heute auf ghanaischem Territorium. Seit seiner Schulzeit spielt Musik in Todzos Leben eine grosse Rolle. Damals traf er sich jeden ersten Samstag im Monat mit andern Schülern, um zu musizieren. Weil Musikinstrumente kaum zu bezahlen waren, übten sie in Gruppen mit einem einzigen. Billy Todzo sang am liebsten, denn als Popsänger war man ein Star in Ghana. Gesang und Perkussion, das hat er bis heute durchgezogen.
«Einen triftigen Grund zum Auswandern gab es nicht», erinnert sich Billy. Über Europa wusste er damals nicht viel, schon gar nicht über die Schweiz. «Ich kannte ein Schokoladengetränk namens Ovaltine1 und wusste, dass es aus der Schweiz kommt», erklärt er.
1977 wollte er einen Freund treffen, der ebenfalls Musiker war und in der Schweiz lebte. «Als ich in Zürich ankam, war er nicht da, sondern auf Tournee in Berlin», erinnert sich Todzo. Damals gab es noch fast keine Afrikaner in der Schweiz. Dank Hinweisen fand der junge Musiker Unterschlupf, und schnell war eine Band gegründet. Die erste Formation nannte sich «Memphis», bestand aus zwei Männern aus dem damaligen
Zaire und ein paar Italienern. «Memphis» existierte nur für kurze Zeit. «Wir spielten ausschliesslich in etablierten Clubs, niemals auf der Strasse, weil wir immer ein professionelles Management hatten», betont der westafrikanische Musiker stolz.
«Als Künstler brauchte ich nur eine Musik-agentur, die einen Auftrag für mich organisierte. Sie erledigte alles für mich, Visum und Arbeitsbewilligung in Bern.» Billy Todzo erhielt immer wieder Visa – für vier, acht Monate, später eine Aufenthalts- und zuletzt die Niederlassungsbewilligung. Der Künstler war mit den Formationen in ganz Europa auf Tournee. Des Weiteren hatte er Auftritte im Schweizer Radio-Orchester und im Fernsehen.
«Es kam manchmal vor, dass mich Personen bei Auftritten unfreundlich behandelten. Das waren meist Betrunkene, ich konnte sie deshalb nie richtig ernst nehmen», erklärt Billy Todzo. Er stellt aber fest, dass sich die Vorfälle häufen. «Wenn ich heute in ein Restaurant gehe, um ein Bier zu trinken, werde ich manchmal komisch angeschaut. Dann höre ich genau, wie ich zum Gesprächsthema am Nebentisch werde. Dies war in den Siebzigerjahren nicht der Fall», weiss der Afrikaner. In jener Zeit war der Musiker auf Tournee in Norwegen. «Pepe Lienhard war zur gleichen Zeit dort. Er trat aber nicht im gleichen Lokal auf. Immer wenn sein Gig zu Ende war, kam er zu uns und hörte zu», erinnert sich Billy.
So hat er den Schweizer Bandleader kennen gelernt. «Diese Persönlichkeit zu treffen, war mein grösstes Glück», ist der Musiker überzeugt. «1981 klingelte das Telefon, Pepe Lienhard war am anderen Ende der Leitung.» Er stellte eine neue Formation zusammen und wollte Billy Todzo dabei haben. Im Februar 1982 wurde er Schlagzeuger und Sänger bei Lienhards Formation. Daneben musizierte er in verschiedenen Formationen.
Bis 1990 lief alles gut. Dann verschlechterte sich die Auftragssituation, und er musste sich zusätzlich eine «normale» Stelle suchen. «Nach so vielen erfolgreichen Jahren im Musikgeschäft war das ein schwerer Entscheid für mich.» Sein Alter wurde zum Problem, und er erhielt Absage um Absage.
Nachdem er lange vergeblich auf Arbeitssuche gewesen war, wandte der Mann aus Ghana sich an eine Stellenvermittlung und hatte wieder Erfolg. Schon am nächsten Tag meldete sich die Firma Derendinger. Er
bekam sogleich eine Temporärstelle für drei Monate und danach dank guter Leistung eine feste Stelle als Ersatzteillieferant. Für die Tourneen mit dem Orchester bekommt er jeweils frei.
Billy Todzo hatte Glück, im Leben und im Beruf. Für die Mehrzahl der Menschen afrikanischer Herkunft sieht es hierzulande nicht derart rosig aus. Zwar ist es schwierig, genaue Aussagen über das Ausmass rassistischer Diskriminierungen in der Schweiz zu machen. Viele Afrikaner sind diesbezüglich orientierungslos, und das ist fatal. Dabei gibt es Beratungsstellen, die in Fällen von Rassismus und Diskriminierung Hilfestellung leisten (Kasten Seite 12). Dass es Diskriminierungen gibt, zeigt sich nicht zuletzt beim Salär. Gemäss einer Studie der Fachstelle für Rassismusbekämpfung aus dem Jahr 2003 verdienen Menschen aus Afrika rund 42 Prozent weniger als Schweizer.
Regimekritische Gedichte zwingen zur Flucht ins Ausland
Häufig stehen Sprachschwierigkeiten am Beginn. «Das Beherrschen der Sprache ist ein wichtiger Faktor bei der Stellensuche», stellt Noël Tshibangu fest. Der 42-Jährige stammt aus dem ehemaligen Zaire, heute Demokratische Republik Kongo. Er bekleidet eine Teilzeitstelle beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) als Projektkoordinator des Pilotprojekts Afrimedia. Daneben ist er als selbständiger Bildungsarbeiter tätig und lebt mit seiner Familie in Biel. Geboren wurde Noël Tshibangu in der Arbeiterstadt Mbuji-Mayi im Süden des Landes. Er ist stolz darauf, Kongolese zu sein, und möchte seine Herkunft nicht vernachlässigt wissen, obwohl er seit 1994 auch Schweizer ist.
In Zaire durchlief er die obligatorische Schulzeit, absolvierte das Gymnasium und machte erfolgreich das Grundstudium in Betriebswirtschaft an einer Hochschule. Daneben arbeitete er im Lebensmittelgeschäft seines Bruders. Seit dem 14. Lebensjahr trat Noël Tshibangu im Programm einer Jugendsendung des staatlichen Fernsehens auf. Er trug selbstverfasste Poesie und literarische Texte vor, zudem spielte er Theater. Dies wurde ihm eines Tages zum Verhängnis:
«Wir haben regimekritische Gedichte verfasst, um die Anliegen der Lubas2 öffentlich zu verbreiten.» Damals war Mobutu Sésé Seko Staatspräsident, ein Diktator, der Kritiker hart bestrafte. Noël Tshibangu blieb nur die Flucht, die via Italien in die Schweiz führte.
«Als ich fliehen musste, hatte ich keine konkreten Vorstellungen von der Schweiz, geschweige denn irgendwelche Erwartungen an dieses Land. Dass meine Flucht mich ins Herz Europas führte, war reiner Zufall», sagt der Kongolese. Im Alter von 24 Jahren ersuchte er 1987 um Asyl und wohnte im Kanton Luzern in einem Durchgangszentrum. Dank der Vermittlung von Freunden konnte er nach dreieinhalb Monaten in einem Restaurant arbeiten. Dass er so rasch eine Stelle fand, war dazumal schon eine Ausnahme, weil er noch kein Deutsch konnte. «Es ist sehr wichtig, ein persönliches Netzwerk aufzubauen, um eine Stelle zu finden. Das war früher schon so und es ist bis heute so geblieben», betont der Afrikaner.
Erfolgreiches Wehren gegen Diskriminierung
Bei seiner ersten Stelle in einem Restaurant war das Beherrschen der deutschen Sprache nicht so wichtig. «Ich konnte mich notfalls auf Englisch oder Französisch verständigen. Das reichte, um Salat oder Teller zu waschen und das Geschirr abzuräumen», erinnert sich Noël Tshibangu. Doch er war mit dieser Situation nicht zufrieden und wollte so rasch wie möglich Deutsch lernen. So war es nahe liegend, dass er im Durchgangszentrum die angebotenen Sprachkurse besuchte und den Kontakt zur deutsch sprechenden Bevölkerung suchte. Später
erweiterte er seine Sprachkenntnisse autodidaktisch. «Mein Umfeld hat mich stets dazu ermuntert. Ich habe ziemlich viel Geld für Sprachbücher ausgegeben, die ich heute gar nicht mehr brauche», sagt das Sprachtalent aus dem Kongo und lacht.
1991 ergab sich die Möglichkeit, in die Flüchtlingsarbeit einzusteigen. Im Rahmen dieser Tätigkeit erlebte Noël den extremsten Fall von Diskriminierung in seinem Leben.
Damals stand seine Beförderung zum stellvertretenden Leiter eines Durchgangszentrums bevor. Ein Mitarbeiter störte sich daran, dass ein Afrikaner Chef werden sollte. Die Person war der Ansicht, dass er von Kosovo-Albanern, die Afrikanern gegenüber sehr rassistisch seien, niemals als Autorität akzeptiert würde. «Letztendlich ging es aber gar nicht um die Kosovo-Albaner, sondern viel mehr um die diskriminierende
Haltung des betreffenden Mitarbeiters. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu allen Personen im Durchgangszentrum», erinnert sich Noël Tshibangu. Er informierte die Personalabteilung über den Vorfall, die den Einwand des Mitarbeiters nicht gelten liess. Tshibangu wurde befördert.
Später war er in der Gassenarbeit tätig und baute in Baden Integrationsprojekte für ausländische Migranten auf. Ein Jahr später begann er ein berufsbegleitendes Studium an der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, das er 2001 mit dem Fachschwerpunkt Soziokulturelle Animation erfolgreich abschloss.
Seit Februar 2003 arbeitet Noël Tshibangu beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Die Organisation suchte einen Projektkoordinator. Er reichte seine Bewerbungsunterlagen ein und erhielt die Stelle auf Anhieb. «Sie entschieden sich für mich, weil ich als Afrikaner die geforderten Kompetenzen und Qualifikationen mitbrachte», sagt Tshibangu selbstbewusst. Er koordiniert das Pilotprojekt Afrimedia, das im Bereich HIV/Aids-Prävention angesiedelt ist. Zudem ist er zuständig für die Einhaltung des Projektkonzepts und dessen Qualitätssicherung. Zielgruppe sind Subsahara-Migrantinnen und -Migranten. Das Präventiv-Interventionsprojekt wird vom Schweizerischen Tropeninstitut und vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt.
Schlechte Karten für Menschen aus Afrika
Gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) stieg die Zahl der afrikanischen Wohnbevölkerung in der Schweiz zwischen 1995 und 2003 von 39731 auf 64894. Im Jahr 2003 bildeten Menschen aus nordafrikanischen Ländern mit 20303 Personen zahlenmässig die grösste Gruppe, gefolgt von 15600 Personen aus den zentralafrikanischen Staaten. An dritter Stelle folgten 14649 Personen aus Ostafrika. Zahlenmässig die kleinste Gruppe bildeten die 12895 Personen aus dem westlichen Teil des Kontinents. Die Zahlen der letzten Volkszählung im Jahr 2000 zeigen, dass 8583 Personen der afrikanischen Bevölkerung in der Schweiz
in ihrer Heimat eine höhere Ausbildung (Hochschule, Fachhochschule, höhere Fach- und Berufsausbildung sowie Maturitätsschule) gemacht hatten. Dem gegenüber stehen rund 12600 Personen, die in ihrer Heimat gar keine Ausbildung oder nur die obligatorische Schulzeit absolvierten.
So haben nicht alle Afrikaner die gleichen Voraussetzungen. Beim Eintritt in die Arbeitswelt ist dies spürbar. «Menschen afrikanischer Herkunft wollen Chancengleichheit, aber nicht im Sinne von Mitleid oder einer Gefälligkeit. Sie wollen als die Menschen Afrikas wahrgenommen werden», erklärt Noël Tshibangu. Er fährt fort: «Sie wollen auf Grund ihrer Kompetenzen, Fähigkeiten, Qualitäten und persönlichen Neigungen eine Stelle antreten. Das ist aber nicht die heutige Realität. Um dies zu erreichen, bedarf es der Arbeit auf der antirassistischen Ebene. Gleichzeitig braucht es Begleit- und Förderungsmassnahmen wie beispielsweise Kurse. Dadurch werden alle Ausländer, nicht nur Afrikaner, befähigt, ihre Rechte einzufordern und sich bestimmte Fähigkeiten anzueignen.»
Bislang steigen Afrikaner häufig mit schlechten Karten ins Rennen. Der Projektkoordinator sagt: «Als Afrikaner braucht es Kompetenz und überdurchschnittliche Kommunikation. Häufig sind diese Menschen zumindest bei der ersten Arbeitsstelle nicht in der Lage, ihre Fähigkeiten zu vermitteln.» Das ist aber gerade Arbeitgebern gegenüber wichtig. «Es ist in der Schweiz als Afrikaner nicht möglich, Arbeit zu suchen, ohne dass der Aspekt der Hautfarbe eine Rolle spielt», stellt Tshibangu fest. Nicht einmal wenn Menschen afrikanischer Herkunft eingebürgerte Schweizer sind, werden sie zwingend als solche wahrgenommen. «All dies hat aber noch gar nichts mit den Kompetenzen und Qualifikationen zu tun», so Tshibangu. Das sind erst die Hürden und Schwierigkeiten im Vorfeld, die weit verbreiteten Vorurteile. Afrikaner müssen also eine hohe Leistung
erbringen, um all die Aspekte auszuschalten, die für den Erhalt einer Stelle hinderlich sind. Dennoch besteht ein nicht zu unterschätzender Vorteil: Afrikaner sind meist mehrsprachig, ein positives Erbe der Kolonialzeit. Sie beherrschen Französisch, Englisch und zum Teil auch Portugiesisch.
Die Bedeutung der Sprache im Zusammenhang mit Integrationsarbeit hat auch die Landesregierung erkannt: Im September 2005 hat der Bundesrat eine neue Verordnungsrevision für die verbesserte Integration von Ausländern und Ausländerinnen gutgeheissen. Demnach kann die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung bei gewissen Personengruppen mit der Verpflichtung verbunden werden, Sprach- und Integrationskurse zu besuchen. «Dass dies wichtig ist, hat die afrikanische Bevölkerung in der Schweiz schon lange erkannt», sagt Noël Tshibangu. Doch eine Verpflichtung alleine genüge nicht, ebenso wichtig seien begleitende Massnahmen. Häufig seien Ausländer gar nicht in der Lage, das Geld für solche Kurse aufzubringen. «Der Staat muss nebst der Verpflichtung auch weiterhin Möglichkeiten zur Förderung und Unterstützung schaffen», fordert Tshibangu.
Der Traum vom eigenen Hotel in Kamerun
Béatrice Werder-Dielle stammt aus Kamerun. Auch sie hat Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz gemacht. 2001 kam sie in die Schweiz. Sie hat einen Hochschulabschluss der juristischen Fakultät der Universität Yaoundé in Kamerun, sieben Jahre juristische Berufserfahrung in verschiedenen kamerunischen Unternehmen, wie der «Trans African Insurance Company», und war ein Jahr lang selbständige
Anwältin. Die Selbständigkeit erwies sich jedoch schwieriger als gedacht, und sie musste eine Stelle als Verkaufsmanagerin in Douala annehmen. Für Béatrice Werder bedeutete dieser Berufswechsel einen Rückschritt. Nach ihrer Tätigkeit als Anwältin wollte sie nicht als Verkaufsmanagerin enden. Um etwas Abstand zu gewinnen, nahm sie die Einladung ihrer Schwester an, die seit 1997 in der Schweiz lebte und mit einem Schweizer verheiratet war. Während dieser Zeit lernte Béatrice Alois Werder kennen, damals Informatiker bei einer Schweizer Grossbank. Die beiden heirateten im September 2002.
Nach der Heirat beschloss Béatrice Werder, eine Stelle zu suchen. «Weil ich Juristin bin, war es für mich nahe liegend, eine Stelle in diesem Bereich zu suchen.
Ich merkte jedoch rasch, dass das schweizerische Rechtssystem völlig anders ist als dasjenige von Kamerun», erklärt die Afrikanerin. Um als Juristin in der Schweiz arbeiten zu können, hätte sie zuerst Deutsch lernen, an einer Universität Vorlesungen besuchen und Prüfungen ablegen müssen. Anschliessend hätte sie ein zweites Mal die Anwaltsprüfung ablegen können. «Ich hätte im Alter von 37 Jahren nochmals vier bis fünf Jahre für eine Schweizer Zulassung investieren müssen, dazu war ich nicht bereit», sagt sie. Sie entschloss sich für eine berufliche Umorientierung.
Béatrice Werder sah den neuen Lebensabschnitt als Chance, um sich neues Wissen anzueignen. Das Fernziel: ein eigenes Hotel in Kamerun. Deshalb suchte sie eine Stelle im Bereich Gastronomie, doch ihre Sprachkenntnisse waren ungenügend. «Ich konnte die Sprache nicht, das war ein Stolperstein», resümiert die Kamerunerin. Sie meldete sich bei einer Sprachschule an, putzte nebenbei für Private und arbeitete in einem Reinigungsinstitut. «Dort blieb ich jedoch nur für kurze Zeit. Die spanisch sprechenden Arbeitskolleginnen beschimpften mich regelmässig mit Aussagen wie: ‹Du bist schwarz, du hast hier nichts zu suchen. Geh doch zurück, wo du herkommst›», erzählt Béatrice Werder.
Nach zwei Monaten reichte sie die Kündigung ein. Sie wollte die ehemaligen Arbeitskolleginnen nicht zur Rechenschaft ziehen. «In meinem Umfeld ist mir aufgefallen, dass rassistische Vorfälle häufig nicht von Schweizern ausgehen. Es sind vielmehr andere Ausländer, die rassistisch sind», weiss die Afrikanerin. Manchmal hat sie das Gefühl, dass Afrikaner als Last der Bevölkerung empfunden werden: «Als Afrikanerin und Afrikaner wirst du häufig nur nach deiner Hautfarbe beurteilt. Das ist verletzend.»
Dank ihres persönlichen Netzwerks, das sie sich aufgebaut hatte, erhielt sie schliesslich eine Stelle im Quartierzentrum Bäckeranlage in Zürich, wo sie noch heute arbeitet. Ob die afrikanische Anwältin als Küchenhilfe glücklich oder nur zufrieden ist, bleibt offen. In naher Zukunft jedenfalls will sie einige Zertifikatskurse bei Gastrosuisse absolvieren, um ihr praktisches Wissen mit Theorie zu erweitern. «Ich betrachte mein juristisches Wissen nicht als verloren», sagt Béatrice Werder. Aufgrund der Erfahrungen, die sie in der Schweizer Arbeitswelt gemacht hat, rät sie ihrer Tochter, die seit zwei Jahren in der Schweiz ist: «Du musst beweisen, dass du genau die gleichen Qualitäten hast wie ein Schweizer. Die kommende Generation muss härter arbeiten, nur so lassen sich die Vorurteile abbauen.» Die Tochter befolgt die Ratschläge ihrer Mutter. Dass sie auf einem guten Weg ist, zeigten die positiven Reaktionen der Lehrerschaft in der Schule.
1 In Afrika ist die schweizerische Ovomaltine unter «Ovaltine» bekannt. Anm. des Autors.
2 Ethnische Gruppe in der Demokratischen Republik Kongo.