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| Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)

Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.
24. In Ägypten werden nach meiner eigenen Erfahrung bei der Ankunft eines Fremden die täglichen Fasten stets gebrochen.
Als ich, von dem Verlangen beseelt, die Anordnungen der Oberen kennen zu lernen, aus Syrien in die Provinz Aegypten gereist war, verwunderte ich mich über die herzliche Freude, mit der ich aufgenommen wurde. Ja, diese Freude war so groß, daß gar keine Regel in Bezug auf die Mahlzeit eingehalten wurde, wie ich sie in den Klöstern Palästinas kennen gelernt hatte. Dort nämlich mußte man warten bis zu der Stunde, welche durch die Fastenordnung im Voraus bestimmt war; aber hier wurde, mit Ausnahme der durch die Kirchengesetze angeordneten Fasten am Mittwoch und Freitag, überall, wohin wir kamen, das tägliche Fasten gebrochen. Als ich einen Vorsteher fragte, warum man bei ihnen so ohne Unterschied über die täglichen Fasten sich hinaussetze, erhielt ich folgende Antwort: „Das Fasten ist immerdar bei mir; dich aber, den ich wieder entlassen muß, [S. 120] kann ich nicht immer bei mir behalten. Und das Fasten, so nützlich und stets nothwendig es ist, ist doch die Darbringung eines freiwilligen Geschenkes; aber das Werk der Liebe zu erfüllen, fordert das Gebot; deßhalb muß ich in dir Christum aufnehmen und speisen; habe ich dich aber entlassen, so kann ich die Nächstenliebe, die ich um seinetwillen dir erzeigt habe, durch ein strengeres Fasten an mir aufwägen. Denn die Begleiter des Bräutigams können nicht fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist; wenn er aber hinweggegangen sein wird, dann werden sie fasten.“