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Albrecht Moser! Wenn es einen einzigen Schweizer Sportler gibt, der in meiner frühen Kindheit der grösste Star von allen ist, grösser noch als Pirmin Zurbriggen, dann wohl er. Sonntag für Sonntag wird im Fernsehen von seinen Siegen berichtet – und das sind eine ganze Menge. Moser ist zu seinen besten Zeiten der Roger Federer des Waffenlaufs: Acht Mal in Folge wird der bärtige Mitrailleur, ein Schulhaus-Abwart aus dem Berner Seeland, zwischen 1978 und 1985 Schweizer Meister.
Aushängeschild Moser ist für manchen traditionsbewussten Beobachter ein rotes Tuch. Denn zum Militär hat der Olympia-Teilnehmer von 1972 über 10'000 Meter keine enge Bindung. «Die sportliche Herausforderung reizte mich, nicht der militärische Hintergrund», sagt Moser 2017 zur «Berner Zeitung». Mit dem Karabiner, der mit der Packung mitgeführt werden musste, habe er nie geschossen.
Beim Waffenlauf wird in einem Tarnanzug der Armee gelaufen und es muss ein Kampfrucksack samt Gewehr mitgetragen werden. 6,2 Kilogramm beträgt heute das Mindestgewicht, das den Läufern auf die Schultern drückt. Wenigstens darf seit 1991 in Turnschuhen gelaufen werden. Während des Ersten Weltkriegs wird der erste «Schweizerische Armee-Gepäckmarsch» organisiert – vom FC Zürich. Nach und nach werden überall im Land Veranstaltungen aus der Taufe gehoben, besonders in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg boomt die Sportart.
Doch es dauert bis 1967, ehe eine nationale Meisterschafts-Serie gegründet wird. Füsilier Werner Fischer aus Oberehrendingen AG wird erster Meister, er entscheidet gleich alle neun Läufe für sich. Tausende Läufer nehmen in den folgenden Jahren an den Rennen teil, in den Medien wird ausgiebig über sie berichtet. Mit dem Toggenburger in Liechtensteig beginnt die Saison im März, sie endet im November mit dem Frauenfelder.
Seine Hausse in den 1980er-Jahren verdankt der Sport auch Martin Furgler: Der Bruder von Bundesrat Kurt Furgler ist Sportchef des Schweizer Fernsehens und selber ein hoher Offizier. Dank der regelmässigen Berichte wird eine erste Talfahrt der Teilnahmerzahlen gestoppt – die aufkommende Hippie-Bewegung hatte für eine Delle gesorgt.
Albrecht Moser ist die grösste Figur der Szene, seine acht Titel in Folge bleiben unerreicht. Martin von Känel wird zwischen 1993 und 1996 – genau wie der EHC Kloten – vier Mal in Serie Meister, Jörg Hafner zwischen 1999 und 2003 fünf Mal hintereinander.
Das Ansehen der Sportart ist da allerdings bereits nicht mehr so hoch wie einst. Volksläufe, bei denen es weniger ernst zu und her geht als im steifen Militärsport, laufen den Waffenläufen zunehmend den Rang ab. Mehrere Traditionsveranstaltungen verschwinden nach der Jahrtausendwende und so wird am 19. November 2006 die bis heute letzte Schweizer Meisterschaft abgeschlossen.
Beim über die Marathondistanz gelaufenen Frauenfelder, dem «König der Waffenläufe», triumphiert der 42-jährige Appenzell-Innerrhoder Bruno Dähler. Es ist ein Sieg, den bei Rennhälfte kaum mehr jemand erwartet hat: Dähler liegt in Wil fast fünf Minuten hinter der Spitze. Doch nach und nach überholt Dähler seine Kontrahenten, bis er ganz vorne ist. «Ich weiss, dass beim Frauenfelder auf der zweiten Hälfte noch viel passieren kann», sagt der Routinier im Ziel.
Als letzter Schweizer Meister geht der Aadorfer Patrick Wieser ins Geschichtsbuch ein. Von den «alten» Waffenläufen hat nur der Frauenfelder überlebt, er wird seit 1934 ausgerichtet.
Es werden seit dem Ende der Meisterschaft aber auch anderswo weiterhin Läufe ausgetragen, es werden gar neue aus der Taufe gehoben. Sehr zur Freude von Bundesrätin Viola Amherd, welcher die Armee unterstellt ist. Auch ihr ist klar, dass der Waffenlauf nicht mehr die gleiche Bedeutung hat wie einst. «Umso mehr freut es mich als Vorsteherin des VBS, dass einige Unentwegte diese typische Schweizer Traditionssportart, bei der Fairness und Kameradschaft immer zentral waren, am Leben erhalten haben», schreibt Amherd aus Anlass des ersten Fürstenländers 2021.
Doch die Popularität früherer Jahrzehnte haben diese Anlässe nicht mehr. Beim Frauenfelder 2019, der bisher letzten Austragung, klassierten sich 209 Männer und 23 Frauen in den Waffenlauf-Kategorien. Dass am Sonntagabend die halbe TV-Nation im «Sportpanorama» mit den Läufern mitfiebert, ist längst passé.
Es ist zu warm im Berner Oberland, sechs Grad in der Nacht, und die Luftfeuchtigkeit ist zu hoch. Also wird die Super-Kombination am Freitag abgesagt und aus Skirennfahrer Bode Miller wird ein Eishockeyspieler. Der Amerikaner vergnügt sich am rennfreien Tag mit anderen Ski-Cracks auf Glatteis.