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Wer ist eigentlich für Sprachlehrpläne verantwortlich? Und warum ist es anscheinend zwingend, dass die keinerlei Bezug zur Realität des (Sprach-)Lebens haben? Was soll der Mensch zum Beispiel mit dem für höfliche französische Konversation offenbar unerlässlichen «moissonneuse-batteuse» anfangen – ausser ihn zum unpassendsten Zeitpunkt ins Gespräch einzuflechten, um zu demonstrieren, dass man zwar die französische Grammatik zu grossen Teilen vergessen hat, dafür aber noch auf dem Sterbebett wissen wird, was Mähdrescher heisst.
Um morgens beim Bäcker Brot zu kaufen, ist es jedenfalls nicht zu gebrauchen – dazu hätte man lernen müssen, was der Unterschied zwischen «flûte» und «baguette» ist (Heisser Tipp: Eins davon lässt sich auch mit Champagner füllen), oder dass der Tag ohnehin am besten losgeht, wenn man sich ein petit pain au chocolat zur grossen Creme gibt. Und bei Spanisch sollte man sich am besten gleich drauf einstellen, zu verhungern, denn mit dem von Klett ersonnenen, reinlichen Spruch «Hay que limpiar la mesa» lassen sich leider keine ensaimadas, keine albóndigas con macarrones und auch kein Cuarenta y tres bestellen. (Die Vermutung, dass ich auch in linguistischer Hinsicht bauchgesteuert bin, trifft übrigens zu.)
So richtig bewusst wurde mir die Unbrauchbarkeit des staatlich verordneten Sprachunterrichts, als ich drei Monate nach dem Abitur in JFK aufschlug, um von dort nach St. Louis, MO, weiterzufliegen. Der Versuch, herauszufinden, wie man an den Domestic Terminal gelangt, führte zur Erkenntnis, dass der Lehrplan bayrischer Gymnasien für den Leistungskurs Englisch das Lernmodul «Bronx» vermissen liess. Dass ich je nach St. Louis gekommen bin, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass der um Rat gefragte Herr in Kofferträgeruniform seine ausführliche und (für mich) völlig unverständliche Erklärung mit enthusiastischer Gestik untermalte – woraufhin ich zu Fuss in die angedeutete Richtung loszog und mit zwei Koffern die dreispurige Anfahrtstrasse, eine Leitplanke und einen Kurzzeitparkplatz in der gefühlten Grösse von Wisconsin überquerte. (Was er wohl tatsächlich zu kommunizieren versuchte, war, dass es ein Courtesy Shuttle an den Terminal gibt.)
Auch die mannigfachen Bedeutungen mancher Wörter für unschuldige Alltagsobjekte werden nur rudimentär vermittelt. Nehmen wir das Wort «Kiste». Im Englischen gern auch als Kompositum verwendet, zur Bezeichnung eines Tanzschritts: box step, kurz «box» genannt, der, falls unsauber ausgeführt, schnell ziemlich zerrupft aussieht. Was könnte also nach einer etwas schleppenden Tanzprobe am Freitagnachmittag natürlicher sein, als dem Ensemble eine sanfte Ermahnung mit ins Wochenende zu geben? «Have a great weekend and make sure you keep your boxes squeaky clean.» (Ein englischer Muttersprachler wird den Grund für das resultierende brüllende Gelächter sicher gerne erläutern.)
Natürlich halten sich die linguistischen Spätschäden in Grenzen. Zur Promotion hats gereicht, und nach mittlerweile zehn Jahren in Kanada navigiere ich auch ganz skookum um die Inukshuks und schätze Indian Candy als Growlies. Was mich aber nicht dran hindert, die Kinder meiner Schwester zu beneiden, die in Paris leben, dort auf die International School gehen und dreisprachig aufwachsen: Deutsch zu Hause, Englisch im Klassenzimmer und auf dem Schulhof, Französisch auf der Strasse – und weit und breit kein einziger Mähdrescher in Sicht!
Sabine Bauer