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Solange sich die Vorstellung nur bis zum nächsten denkbaren Horizont bewegte und der Mensch glaubhaft versicherte, die Erde sei eine Scheibe, stellte er sich vor, dass das von ihm genutzte Land abrupt an einem bestimmten Punkt endete.
Die Römer glaubten Land’s End in Cornwall gefunden zu haben; Kap Finisterre bei Santiago de Compostela war im Mittelalter als das westlichste Ende der Zivilisation bekannt, das Pilger auf dem Jakobsweg erreichen konnten. Auf der chinesischen Insel Hainan und der kanarischen Insel Hierro wurde lange Zeit ebenfalls das Ende der Welt vermutet.
Die Wikinger betrachteten Nebel mit grossem Unbehagen – mussten sie doch immer auf der Hut sein, um nicht unverhofft über den Rand der Welt hinauszusegeln, zu kippen und in einen tiefen, höllischen Abgrund zu stürzen.
Mathematisches Geschick, genaue Beobachtungsgabe und logische Schlussfolgerungen brachten den Menschen dazu, das Ende der Welt nicht über dem nächsten Hügel, sondern weiter weg, immer weiter, und immer, immer weiter zu vermuten, bis er wieder an seinem vorigen Standpunkt ankam und die Erde als Ball begriff.
Das geographische Ende der Welt entfernte sich und öffnete dem Denken die Unendlichkeit: als Kreislauf, Spirale, Tages-, Monats-, Jahreslauf, als Lebenslauf und schliesslich als unendliche Weite.
Die Angst vor dem Abgrund hielt den Menschen auf seiner Scholle und verhinderte, dass er sich zu weit vom Angestammten wegbewegte und die Angst vor dem Unbekannten der Unendlichkeit hielt auch die eigenen Gedanken im Zaum. Wenige Wagemutige begannen sich mit den neuen Vorstellungen auf die Reise zu schicken, hoffnungsvoll die Kugel zu umrunden, zu entdecken, was sie für verborgene Schätze bereithielte; das Glück zu suchen, den Sinn des Lebens, den Garten Eden oder einfach: Abenteuer, Liebe, Reichtum.
Der Mensch hielt an seiner Angst fest, die, hungrig geworden, begann nach neuen Nahrungsplätzen zu suchen; sie fand neue Quellen des Irrationalen und ersetzte das geographische Ende der Welt durch das zeitliche.
Reale Szenarien wurden weiter ausgemalt und Verschwörungstheorien ausgearbeitet, um das Ende der Welt zu prophezeien und mathematisch genau zu berechnen – auf Jahr, Monat, Tag, Stunden und Minuten. Die Gefahren wurden beschrieben und gezeigt, wie Kriege, Seuchen, Hungersnöte und Umweltkatastrophen zur Auslöschung von Teilen der Menschheit, zur Auslöschung der Menschheit, des Planeten Erde oder zur endgültigen und unwiederbringlichen Vernichtung des ganzen Universums führen würden.
Angesichts eines solchen Brimboriums machte sich das Ende der Welt von dannen und zog sich angewidert an einen Ort mittendrin zurück, um dort seelenruhig seinen Lebensabend zu verbringen.
Pfyn liegt im Thurtal, zwischen Frauenfeld und Weinfelden. Es liegt auf 47 Grad 35 Bogenminuten und 47 Bogensekunden nördlicher Breite und 8 Grad 57 Bogenminuten 23 Bogensekunden östlicher Länge auf einer durchschnittlichen Höhe von 410 Meter über Meer. Die Gesamtfläche der Gemeinde beträgt 1296 Hektar und setzt sich seit 1989 aus den Ortsgemeinden Pfyn und Dettighofen zusammen.
Pfyn hat am 31.12. 2005 1862 Einwohner, davon sind 207 ansässige Ortsbürger und 192 Ausländer, wobei der grösste Anteil aus Serbien und Montenegro, Italien und Deutschland kommt. 16 Spanier, 12 Portugiesen, 10 Mazedonier und 10 Österreicher leben hier; 382 Personen in Dettighofen und 1480 in Pfyn.
Pfyn hat einen Badeweiher, drei Gasthäuser, ein Hotel und ein Café mit Schokoladenproduktion. Es gibt zahlreiche Bauern- und Handwerksbetriebe, Pferdesport, Weinanbau, eine Fischzucht und eine Ansiedlung von kleineren Betrieben in und um die ehemalige Vigogne Spinnerei.
Es gibt über 30 Vereine, eine freiwillige Feuerwehr, drei politische Parteien, einen Biberlehrpfad, einen historischen Stationenweg, eine Dorfbank, eine Spielgruppe, eine Dorfpost, eine Primarschule, ein Kulturforum und einen Kindergarten.
Pfyn ist eine ganz normale Gemeinde, ein ganz normaler Ort. Pfyn liegt mittendrin und kann sich sehen lassen. Es ist ein idealer Ort für das Ende der Welt.
Pfyn kann auf fast 6000 Jahre Geschichte zurückblicken, mit ersten Siedlungsspuren von Pfahlbauern um 3706 v. Chr. Zu dieser Zeit hatte es sicher einen anderen Namen und war ein Dorf mit etwa 30 Häusern. Nach 6 Jahren verloren die Frühpfyner die Lust und zogen weiter.
In Pfyn stehen noch Teile der Aussenmauer eines römischen Kastells, das um 300 n. Chr. gebaut wurde. Das Kastell bewachte die Grenze zwischen den römischen Provinzen Rätien und Gallien und diente als Versorgungsposten für die römische Verteidigungslinie entlang des Rheins und des Bodensees.
Im 16. Jahrhundert kann Pfyn einen wahrhaftigen Tyrannen vorweisen – Joachim Mötteli von Rappenstein – der ein Schloss bauen liess und die Bevölkerung so sehr malträtierte, dass seine Geschichte in den Thurgauer Sagenschatz Eingang fand.
Der Name Pfyn ist eine dialektale Veränderung des ursprünglich römischen Namens ad fines – an der Grenze. Für römische Geographen, die aus Rom auf den Aussenposten blickten, musste dieser Ort etwas befremdliches gehabt haben – weit oben im Norden, einer der letzten Bastionen vor der Grenze, ein Schutzwall gegen die wilden, ungehobelten, unzivilisierten Barbaren, die die römische Besatzung vom Limes bis zur natürlichen Aussengrenze zurückgetrieben hatten: Eine Verteidigungserklärung, eine Manifestation der Macht des Römischen Reiches, ein Punkt des Aufbegehrens, ein letzter Hort der Kultur, der sich versucht gegen die Entropie des Lebens durchzusetzen.
Ad fines lag am Ende der Welt und still und heimlich liegt Pfyn immer noch dort. Das Leben geht jeden Tag seinen Gang. Die Welt ist hier noch ein klein wenig in Ordnung. Es ist ein ganz normaler Ort, denn es wird geboren, gelebt und gestorben; getrunken, gegessen, gehasst und geliebt. Es wird gebaut und abgerissen, Gewinn und Verlust gemacht und manchmal brechen die kleinen Katastrophen des Alltags in die beschauliche Welt ein.
Es ist ein guter Ort für das Ende der Welt.