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Lieber Herr Stöhlker
Wir kennen uns ein bisschen, eigentlich hauptsächlich wegen dieser Plattform, deshalb erlaube ich mir diese Anrede.
Sie haben über das vergangene Wochenende in die Tasten gegriffen und zweimal zum Rundumschlag gegen die heutige FIFA und ihren Präsidenten Gianni Infantino ausgeholt. Dass Sie Sepp Blatter beraten und deshalb in Ihrem Urteil auf seine Seite neigen, legen Sie offen.
Die Medien wissen aus der Gerichtsdatenbank, dass ich den von Ihnen kritisierten Gianni Infantino im Strafverfahren gegen die Bundesanwaltschaft vertrete. (1)
Tatsächlich bin ich auch mit dem von Ihnen beratenen Sepp Blatter in einer Art bekannt, dass ich nicht gegen ihn prozessieren würde.
Die Verhältnisse sind damit offengelegt.
Dieses Portal lässt es zu, dass Angegriffene sich öffentlich wehren können. Erlauben Sie mir daher, dass ich auf Ihre Angriffe gegen Gianni Infantino mit einem offenen Brief als Gegendarstellung antworte. Die geneigte Leserschaft mag sich dann selbst ein Urteil bilden.
Vorab: Meines Wissens sind Sie mit Gianni Infantino nicht persönlich bekannt, sondern kennen ihn nur aus den Medien und aus den Schilderungen Dritter. Ob Sie die Akten der verschiedenen Verfahren kennen, weiss ich nicht, vermute aber, dass Sie auch hier aus den Medien zitieren.
Ihre Äusserungen zu einem angeblichen „Zusammenspiel der Bundesanwaltschaft mit Gianni Infantino“ und zu den „versteckten Sitzungen im Schweizerhof in Bern“ beruhen daher wohl auf Hörensagen oder auf medialen Spekulationen.
Beginnen wir bei Ihrer Behauptung, Gianni Infantino habe seinen Vorgänger Sepp Blatter und Michel Platini zur Seite gedrängt, gestürzt und deren Karriere vernichtet (so Ihre Worte im Beitrag vom 9.7.2022).
Bekanntlich erfolgte die Suspendierung der beiden Herren im Oktober 2015 durch die unabhängige Ethikkommission der FIFA. Durch diejenige Kommission notabene, deren Schaffung Sepp Blatter bewirkt hatte und die damals vom ehemaligen Zürcher Staatsanwalt Dr. Cornel Borbély und vom ehemaligen deutschen Richter Dr. Hans-Joachim Eckert präsidiert wurde.
Gianni Infantino war damals bei der UEFA tätig und nicht bei der FIFA. Er konnte in keiner Form Einfluss auf den Entscheid der Kommission nehmen.
Soweit bekannt, sind die von der Kommission getroffenen Entscheide in der Folge von sämtlichen Gerichtsinstanzen – im Falle von Michel Platini auch vom Schweizer Bundesgericht (2) und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (3) – gestützt worden, sie sind also im juristischen Sinne rechtskräftig.
Oder anders ausgedrückt: Auch wenn strafrechtlich ein Freispruch erfolgte, ändert das nichts an den rechtskräftigen Entscheiden der Verbandsinstanzen, die nicht strafrechtlich, sondern verbandsrechtlich urteilten.
Sie erwähnen, Infantino, „der unbedingt Weltfussball-Präsident werden wollte, ist an allem, vor allem an sich, gescheitert“. Zur Frage des Scheiterns später, aber zur Kandidaten-Kür folgender Hinweis:
Als die FIFA-Ethikkommission am 7. Oktober 2015 Michel Platini suspendierte und diesem damit eine Kandidatur für das FIFA-Präsidium während der Suspendierung verunmöglichte, war es nicht einfach so, dass sich der „erfolglose Intrigant Infantino“ (so bezeichnen Sie ihn tatsächlich im Beitrag vom 9.7.2022) per Bewerbungsschreiben als Kandidat gemeldet hätte.
Vielmehr entschied das UEFA-Exekutivkomitee, man wolle weiterhin einen Kandidaten aus Europa ins Rennen um das FIFA-Präsidium schicken.
Am Ende hatte nach Ansicht des Komitees nur eine Person genügend Seniorität dafür, und das war der anschliessend vom FIFA Kongress gewählte heutige FIFA-Präsident.
Verantwortlich für seine Kandidatur war damit nicht in erster Linie Gianni Infantino, sondern es waren das Exekutivkomitee der UEFA und die europäischen Verbände, die ihn am 26. Oktober 2015, am letzten Tag der Bewerbungsfrist, als Kandidaten vorgeschlagen haben.
Sie schreiben in Ihrem Beitrag vom 11.7.2022, Gianni Infantino habe „dem FIFA-Wahlkomitee vor seiner Wahl zum Präsidenten zugesagt, er werde als Zufallspräsident des Weltfussball-Verbandes zurücktreten, wenn Michel Platini freigesprochen werde“.
Wenn Sie die damaligen Akten genau lesen, dann werden Sie feststellen, dass das UEFA-Exekutivkomitee zur Auflage gemacht hatte, Gianni Infantino müsse als Kandidat zurücktreten, wenn die verbandsrechtliche Sperre von Michel Platini vor dem Wahltermin vom 26.02.2016 aufgehoben werde.
Das war bekanntlich nicht der Fall, so dass der „offizielle“ Kandidat der UEFA gewählt wurde und bis heute im Amt ist. Von einem späteren Rücktritt im Falle eines strafrechtlichen Freispruchs war nie die Rede.
Die „Verschwörungstheorie“, wonach die FIFA mit der Bundesanwaltschaft gekungelt habe, um die ehemaligen Präsidenten der FIFA und der UEFA absetzen zu können, ist Gegenstand des laufenden Strafverfahrens, weshalb es sich momentan nicht geziemt, sich darüber öffentlich zu äussern.
Die Untersuchung wird zeigen, wieviel davon bestehen bleibt. Öffentlich bekannt ist immerhin, dass die Ansicht der Aufsichtsbehörde der Bundesanwaltschaft (AB-BA), wonach im Juli 2015 ein „Geheimtreffen“ zwischen einem Walliser Oberstaatsanwalt und Vertretern der Bundesanwaltschaft im Auftrag von Gianni Infantino stattgefunden haben soll, vom
Bundesverwaltungsgericht (4) rechtskräftig als unfundiert bezeichnet wurde.
Das kümmert die Kritiker nicht. Klar, eine „Verschwörungstheorie“ ist halt attraktiver als eine blosse Synchronizität von Ereignissen ohne Kausalität.
Und wenn dann schon die Medien und gewisse Behörden immer von „Geheimtreffen“ reden: Es ist mir nicht bekannt, dass die Staatsanwaltschaften Einvernahmen und Unterredungen öffentlich ankündigen würden – ihr Handeln ist grundsätzlich nie öffentlich und daher in diesem Sinne immer „geheim“.
Dass keine Protokolle der Sitzungen erstellt wurden, mag verschiedene Gründe haben – deren Erstellung ist aber wenn überhaupt Behördenpflicht und sicher nicht Sache der beteiligten Privatpersonen.
Sie schreiben schliesslich, Gianni Infantino sei „gescheitert“ und „erfolglos“, und es sei ihm „bis heute an der Spitze der FIFA nichts gelungen“.
Man kann Erfolg definieren, wie man will. Eine mögliche Messlatte sind die finanziellen Kennzahlen.
Die FIFA hat während der ersten vier Jahre des neuen Präsidenten Infantino 1.5 Milliarden Dollar mehr (das heisst rund eine Million pro Tag) an die Mitgliedsverbände ausschütten können als in den Jahren zuvor.
Nicht etwa, weil man entsprechend mehr eingenommen hätte – sondern weil die FIFA unter dem neuen Präsidenten die Rechnungslegungsvorschriften verschärft hat und nun im Gegensatz zu früher jede einzelne Transaktion revidiert.
Mit dem Effekt, dass Gelder nicht mehr versickern, sondern ausgeschüttet werden. So wie es aussieht, dürften es nächstes Jahr sogar 2.5 Milliarden Dollar mehr sein als früher, und deren Verwendung wird im Gegensatz zu früher ebenfalls genau kontrolliert.
Wie würden denn Sie Erfolg definieren, Herr Stöhlker?
Seit der Wahl von Gianni Infantino sind die jährlichen Kosten für die Benutzung von Privatflugzeugen auf einen Zehntel der früheren Kosten (von rund 5-8 Millionen pro Jahr auf einige Hunderttausend) gefallen.
Ebenso fahren seit da die Direktoren nicht mehr Luxuslimousinen mit Chauffeur, sondern Mittelklassewagen, und sie lenken diese selbst.
Grundsätzlich wird nicht mehr First Class, sondern auf internationalen Flügen maximal Business Class geflogen. Aufgrund der Initiative von Gianni Infantino werden nun sämtliche Abstimmungen und Wahlen offen durchgeführt, so dass ein Stimmenkauf noch unwahrscheinlicher geworden ist.
Auch Transparenz ist ein zusätzlicher Erfolg, könnte man meinen.
Und bitte sehr: Das US Department of Justice (DoJ) hat in den letzten Monaten rund 200 Millionen US-Dollar an die FIFA zurückerstattet, die bei korrupten Funktionären im Rahmen der amerikanischen Strafverfahren beschlagnahmt worden waren.
Üblicherweise werden Unternehmen dazu verpflichtet, dem DoJ Milliarden zu bezahlen; bei der heutigen FIFA ist es für einmal umgekehrt.
Wäre die heutige FIFA so korrupt, wie manche ihrer Kritiker immer noch behaupten, dann hätte das als nicht besonders sanft bekannte DoJ eine solche Rückerstattung sicher nicht einmal erwogen, geschweige denn durchgeführt.
Sie wissen natürlich auch, dass die Umwälzungen in der FIFA im Jahr 2015 (inbegriffen der faktische Rücktritt ihres damaligen Präsidenten) sehr viel mit dem DoJ zu tun hatten – die FIFA stand kurz davor, vom DoJ zur kriminellen Organisation erklärt zu werden.
Dabei wären sämtliche ihrer Konti von einem Tag auf den anderen gesperrt worden, was ihr Ende bedeutet hätte. In diesem Licht ist die Rückerstattung des DoJ an die heutige FIFA grad noch viel bedeutsamer.
Man kann ohne weiteres die Leistungen der früheren FIFA-Präsidenten anerkennen und die Erfolge, die sie für die FIFA erzielt haben. Man kann aber gleichzeitig einfach zur Kenntnis nehmen, dass Gianni Infantino mit dem Rücktritt von Sepp Blatter und der Suspendierung von ihm und Michel Platini nichts zu tun hatte.
Und dann einfach auch seine Leistungen würdigen, wie es die 211 Landesverbände gemacht haben, als sie ihn 2019 per Akklamation einstimmig wiederwählten.
Ich grüsse Sie herzlich.
1 https://bstger.weblaw.ch/#/cache?id=7507ae9f-83b8-455a-a92c-c63d2587898d&searchTerm=Bb.2020.296&rulingType=Entscheide%20BStGer&sortField=publicationDate&sortDirection=desc&index=2&guiLanguage=de&size=n_20_n
2 BGer 4A_600/2016 vom 29.06.2017, zu finden unter https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=4A_600%2F2016&rank=1&azaclir=aza&highlight_docid=aza%3A%2F%2F29-06-2017-4A_600-2016&number_of_ranks=33
3 https://hudoc.echr.coe.int/eng#{%22itemid%22:[%22001-201734%22]}
4 https://www.bvger.ch/bvger/de/home/rechtsprechung/entscheiddatenbank-bvger.html, dort nach A-2138/2020 suchen, Ziff. 9