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Nachdem die letzten zwei Beiträge von Kalabrien handelten, das wir im November bereisten, werde ich hier ein paar unserer Eindrücke schildern, die wir im benachbarten Apulien erfahren haben.
Taranto
Nach Tropea haben wir uns der Südküste entlang via Crotone und Policoro am schmalen Küstenabschnitt der Basilicata nach dem apulischen Tarent, oder Taranto, wie die Italiener sagen, verschoben. Heute, wo ich diesen Text über Tarent schreibe, ist der 1. Dezember und wir werden einen guten Teil dieses Monats in Apulien verbringen. Allerdings macht uns die unfreundliche Kälte, vor allem innerhalb der Hausmauern zu schaffen und wir haben uns entschlossen, bereits Mitte Januar wieder in unser Haus in Sri Lanka zu gehen, wo es schön warm ist. Die Glieder werden es uns danken….
Tarent ist eine 200’000-Seelen-Stadt und gut, um sich in sie zu verlieben. Zwar gibt es dort das berüchtigte Stahlwerk, das nicht nur wegen Misswirtschaft in die Schlagzeilen geriet, sondern auch wegen beträchtlicher Verschmutzung des Mare Piccolo.
Das Mare Piccolo ist eine Doppellagune, die vom Meer her durch zwei kleine Öffnungen getrennt ist. Beide sind Mitten in der Stadt und überbrückt. Eine der Brücken ist eine berühmte Drehbrücke, die in Filmen immer wieder eine Rolle spielt. Ihr Öffnung bringt den ganzen Verkehrsfluss der Stadt durcheinander, so dass sie möglichst selten geöffnet wird. Dennoch ist es ein eigenartiges Gefühl, wenn man mitten auf der Brücke steht und zufällig ein Bus vorbeifährt: die Fahrbahn wackelt recht bemerkenswert unter den Füssen! Die beiden Brücken bilden Engpässe, die man nur umgehen kann, wenn man um das Mare Piccolo herum fährt. Wer sich scheut, in Google Maps die Geografie Tarents nachzushen, kann die Lage der Stadt mit der von Istanbul vergleichen, das auch eine Barriere zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer bildet. Nur, dass das Mare Piccolo eher mit einem kleinen Binnensee vergleichbar und lange nicht so gross ist, wie das Schwarze Meer und dass die Enge so scharf ist, dass sie bloss durch eine einzige Brücke überwunden werden kann, nicht wie der Bosporus, der von mindestens vier Brücken überwunden wird.
Es ist Ironie, dass das Mere Piccolo einerseits von diesem unsäglichen Stahlwerk derart in Mitleidenschaft gezogen wird, während auf der anderen Seite die beträchtliche Miesmuschelzucht mit umweltfreundlichen Hanfschnüren neue Wege geht, um die Lagune nicht zu sehr zu belasten. Das Mare Piccolo ist übersät von Bojen aller Art und Farben. Daran hängen Hanfnetze, an denen die Miesmuscheln wachsen und zwar bis zu sechsmal schneller als an Plastiknetzen! Der Hanf löst sich langsam auf und bildet eine zusätzliche Nahrungsquelle für die Muscheln und andere Meeresbewohner. Klar, dadurch wird die Zucht etwas arbeitsintensiver, weil die Netze immer wieder ersetzt werden müssen. Jedoch werden auch die herkömmlichen Plastiknetze irgend einmal brüchig und bilden schliesslich Mikroplastik, der in die Mägen der Meeresbewohner wandert.
Die Stadt ist kulturell, architektonisch und gastronomisch ein Juwel, vor allem die Altstadt. Sie ist auf der Insel zwischen den beiden Brücken angesiedelt und soll über 1000 Jahre vor der Gründung Roms entstanden sein. Kein geringerer als der Sohn Neptuns hat die erste Siedlung an der Mündung des Flusses Tara angelegt, obwohl damals der Gott des Meeres immer noch Poseidon war! Was für ein Sakrileg! Wie auch immer, jedenfalls waren die Griechen zuerst da – na ja, mal abgesehen von den Stein- und Bronzezeitmenschen, deren Scherben und Pfeilspitzen das gepflegte und besuchenswerte Marta – „Museo Archeologico Nazionale die Taranto“ – füllen. Gleich neben der Drehbrücke ragen noch heute zwei dorische Säulen empor, die Überbleibsel des Poseidontempels. Nach den Griechen kamen wohl die Römer, dann Byzantiner und schliesslich mussten auch noch die Sarazenen ihre Visitenkarte hinterlegen. Ab 1000 n. Chr. war es nur noch ein Durcheinander. Daraus hervor geht das Castello Aragonese, das neben der Drehbrücke eine wichtige Sehenswürdigkeit darstellt. Wir hatten ernsthaft vor, das Schloss zu besichtigen, schafften es aber nicht. Die regelmässig stattfindenen und kostenlosen Führungen können nur telefonisch gebucht werden, obwohl an der Rezeption drei Damen waren, die uns bereitwillig über das Anmeldeprozedere informierten. Irgendwie waren wir immer gerade woanders oder vom Herumstreunen so geschafft, dass der Schlossbesuch einfach nie passte.
Die Altstadt ist wirklich eine architektonische Perle, einmal abgesehen von vielen verfallenen und ausgehöhlten Häusern, aus denen schon Bäume wachsen. Aber gerade solche Lost Places regen die Fantasie und den Drang nach Urbex-Fotografie an. Wie schon in Kalabrien sind die Häuser mehrheitlich grau und eng gebaut. Ebenso die Gassen zwischen den Häusern. Ich sah verschiedentlich Bewohner zweier Häuser, die gegenüber auf ihren Balkonen standen und sich unterhielten. Hätten sie die Arme über die Gasse gestreckt, hätten sich ihre Finger wohl fast berührt. Unsere BnB war über einem Café, just in diesem Stadtteil. Das gab mir die Gelegenheit, nach der Morgengymnastik runter zu gehen, um einen Capuccio zu trinken. Einmal sass ich also vor dem Café in der engen Gasse, da sah ich um die Ecke eine Frau im ersten Stock auf den Balkon treten und schreien. Der Cafébetreiber kam heraus und die Frau rief ihm etwas zu. Daraufhin sah ich die Mitarbeiterin des Cafés mit zwei Fläschchen Bier in das Nachbarhaus gehen. Offenbar kauft die Frau praktischerweise auf diese Weise ein.
Eine Viertelstunde nach Sonnenuntergang erleuchten die kunstvollen Strassenlaternen die engen Gässchen auf eine romantische Art. In der Vorweihnachtszeit sieht das auch ohne Schnee feierlich aus. Die meisten Gässchen sind gespenstisch leer, aber weiter vorne erblickten wir Menschen und Feuer. Als wir näher kamen, spendeten zwei gasbetriebene Terrassenheizungen vor einer Bar wohlige Wärme. Wir setzten uns dazu. Die Bar entpuppte sich als eine Art Street Food Bar. Es gab nicht nur Aperitif, sondern auch kleine Menus, in diesem Mement genau richtig für uns. Barbara bestellte für sich eine kleine Portion Pasta, ich nahm ein Tuhnfischtartar. Neben uns waren zwei Tarenter in unserem Alter und freuten sich über den Beatsound aus den 70ern, der im Lautsprechen ertönte. Wir kamen mit ihnen in’s Gespräch, genauer gesagt: Barbara unterhielt sich mit ihnen über italienische Weine, italienische Politik, Mafia und Religion. Ich verstand so ungefähr, worum es ging und warf ab und zu ein Wort der Zustimmung in die Konversation ein. Die zwei machten einen gebildeten und kulturinteressierten Eindruck und es war eine Freude, ihnen zuzuhören.
Gallipoli
Nach fünf Nächten in Tropea zogen wir weiter nach Gallipoli. Das ist ein 20’000-Seelen-Dorf an der Westküste des Salento. Das oder der Salento umfasst im Wesentlichen den Absatz des italienischen Stiefels, aber wo genau diese Region anfängt, konnte ich nicht in Erfahrung brinden. Gehört jetzt z.B. Tarent zum Salento oder nicht oder doch oder wohl? Egal! Gallipoli gehört jedenfalls dazu. Auf dem Weg von Tarent nach Gallipoli machten wir noch einen kurzen Zwischenhalt in Manduria, da mir das vom Prmitivo di Manduria bekannt ist. In der Tat häufen sich die Rebenkulturen, je näher man dem Städtchen kommt. Manduria ist im Winter ein ebenso verschlafenes Nest, wie die meisten Orte in Süditalien. Viele Restaurants, Bars und Souvernirläden haben zu und ich hatte Mühe, eine „Manduria-Plakette“ für unseren Bäcker in Diano Marina zu finden. Franco und seine Familie sind unsere Freunde. Als er hörte, dass wir längere Zeit durch Süditalien kurven, zeigte er mir seine Souvernir-Sammlung, die den Eingang zu seiner Bäckerei A Bitega du Pan schmückt und bat mich, ihm von den Orten, die wir besuchen, je so eine Plakette zu bringen. Diesem Wunsch komme ich gerne nach und suche denn auch in den Orten unserer Besuche jeweils nach einem Souvernierladen. Jetzt im Winter ist es nicht immer so einfach, da die Zahl der Touristen, die Souvernirs nachfragen, gering ist.
Gallipolis Citta Vecchia ähnelt der von Tarent sehr. Auch in Gallipoli ist sie auf eine kleinen Insel gebaut, die dem Landzipfel von Gallipoli wie ein i-Tüpfelchen vorgelagert und nur durch eine einzige Brücke mit dem Festland verbunden ist. Und wie in allen anderen Städten hier unterscheidet sich auch in Gallipoli der Charakter der Citta Vecchia von dem Stadtteil, der unmittelbar angrenzt: die Citta Vecchia ist romantisch, eng, märchenhaft, menschenleer und mit Autos vollgestopft, während die angrenzenden „Neustadt“ oft mit einer langen breiten Geschäftsstrasse aufwartet, die nicht selten Fussgängerzone ist. Die Strasse geht fast immer über einen zentralen Park hinaus, in welchem verschiedene Attraktionen stattfinden. Jetzt in der Adventszeit sind diese Strassen reichlich geschmückt und in den Parks stehen üppige Weihnachtsbäume aus Lichterinstallationen. Darum herum verläuft z.B. eine schmale Kunsteisbahn, auf der die süditalienischen Kinder ihr mehr schlecht als recht ausgebildetes Eislauftalent ausprobieren können.
Abends wird es hier im Dezember bereits vor fünf Uhr dunkel. Es lohnt sich, ab 16:15 Uhr an der Strasse zum Mare Grande auf den Sonnenuntergang zu warten. Dort gibt es ein leeres Pergola-Gerüst, das im Sommer sicher als Restaurant benutzt wird und den Gästen einen wunderbaren Ausblick auf die vor dem Hafen liegenden Frachtschiffe, die zwei Kilometer vorgelagerte Leuchtturminsel und den Sonnenuntergang beschert. Die Strasse, an dem dieser magische Ort liegt, verläuft ungefähr 10 Meter über der Meeresbrandung. Unten dienen ein paar Betonklötze als Wellenbrecher und fast 15 schwarzen Katzen als Zuhause.
Auch in Gallipoli wohnten wir mitten in der Altstadt. Diese Altstädte sind ZTL – Zone a Traffico Limitato – und Touristen dürfen nicht hineinfahren. Daher müssen wir immer all unser Gepäck über eine mehr oder weniger weite Strecke schleppen (und meist liegen die Wohnungen im dritten Stock eines Hauses mit engen und steilen Treppen). Um den kleinen Fiat effizient laden zu können, haben wir unser Gepäck auf mehrere Taschen verteilt, was zum Be- und Entladen dafür umso unpraktischer ist. Das Packen und Laden entpuppt sich also als klassisches Optimierungsproblem.
Die BnB-Anbieter übertrumpfen sich darin, die Gunst der Kunden zu erwerben, um möglichst positive Rezensionen zu bekommen. In Gallipoli z.B. hat uns das Besitzerpaar persönlich und herzlich begrüsst. Der Tisch in der Wohnung war gedeckt, als sei er für eine Hochglanzzeitschrift über Essenskultur präpariert und ein Korb mit frischen Früchten und eine Flasche apulischen Weins standen als Geschenk bereit.
Gallipolis Altstadt scheint noch ausgestorbener zu sein, als anderswo. Zum Glück fand ich ein Café in relativer Nähe, das mir am Morgen einen Cappuccino zubereiten kann. Es schliesst aber schon um 13 Uhr. Danach gibt es keinen Kaffee mehr in der Altstadt. Klar, nach 12 Uhr sollte man sowieso keinen Cappuccino mehr bestellen, will man nicht zum Gespöt der anwesenden Gäste werden. In Italien ist das verpönt. Aber eben, nach 13 Uhr gibt’s in Gallipolis Altstadt auch keinen Marocchino oder Espresso mehr! Immerhin fanden wir eines Tages am Kopf der Altstadtinsel, unten am Meer, einige Fischerstände, die ganz frischen Fisch verkaufen. Einer hatte auch ein paar Tischchen dort stehen. Man konnte die gekauften Meeresfrüchte gleich zubereiten lassen und sie mit einem Plastikglas einheimischen Weissweins geniessen. Wir zeigten auf allerlei Crostace und auf einen Thunfisch. Der Fischer präpariert die ausgewählten Leckereien und legt sie in eine Schale mit einem mit Crashed-Eis-Bett. Selbstverständlich wird alles roh angerichtet und gegessen. Die Lebenmittel haben bei ihrer Frische allesamt Sashimiqualität. Das hat ganau unseren Geschmack getroffen! Während wir an der frischen Luft in Jacke und Halstuch so unser Essen genossen, setzte sich ein anderes Paar neben uns. Es musste sich um Einheimische handeln, denn Touristen gehen kaum an einem solchen Ort essen, schon gar nicht zur Winterzeit. Doch plötzlich sagte der Mann im breitesten Berndeutsch ein Wort. Ich schaute verblüfft auf. Er erklärte uns, dass seine Eltern nach Burgdorf zogen und er dort zur Schule ging. Danach habe er bei Radio Steiner in der Stadt Bern gearbeitet, bevor er „heim“ nach Gallipoli kam. Und zum Beweis hat er „Chuchichäschtli“ fehler- und akzentfrei aufgesagt. Das war eine amüsante Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung.
Santa Maria di Leuca
Von Gallipoli aus besuchten wir Santa Maria di Leuca. Bitte „Leuca“ nicht auf Deutsch sagen, also nicht „Löica“, sondern „Le – uca“! Das ist der Ort am untersten Zipel des Absatzes, dort, wo Adria und Ionische See zusammenfliessen. Es ist wohl der südlichste Ort des Absatzes, aber natürlich längst nicht der südlichste Ort Italiens. Der Stiefel steht ja nicht aufrecht da. Er ist vielmehr nach Westen hin geneigt.
Im Sommer müssen sich hier Milliarden von Touristen aufhalten, obwohl die Strände alle steinig, wenn nicht gar felsig sind. Dem Lungomare entlang hat es mehrere riesige Villen, die offenbar privat sind. Schon nur die Pflege des Gartens, bzw. des Parks ist ausserordentlich aufwändig. Die Architektur erinnert an diejenige des Maghrebs, vermutlich als Überbleibsel der sarazenischen Herrschaft. Der Leuchtturm fällt sofort auf. Es ist ein stattlicher, ca. 20 Meter hoher Turm, der auf einer mehrere Dutzend Meter hohen Klippe steht. Zusammen ergibt sich gemäss Seekarte eine Höhe von 102 Meter. Das ist auch so ein Unterschied zu Kalabrien.
Dort stehen die Leuchttürme von Scilla, Tropea und Pizzo ebenfalls auf einer hohen Klippe und sind daher bloss 2-3 Meter hoch. Wozu ein hoher Turm, wenn er doch schon auf einem 70 Meter hohen Fels steht? In Leuca kann man vom Dorfkern über eine schöne Hängevorrichtung dem steinigen Strand entlang laufen, um schliesslich bei einer mächtigen römischen Säule anzukommen, die aber erst 1939 erbaut wurde und in der Inschrift den Namen von Vottorio Emmanuele verewigt. Tatsächlich soll sie von Benito Mussolini gestiftet worden sein. Ich verstehe nicht, warum solche Verklärungen des Faschismus noch aufrecht erhalten werden. Neben der Säule gehen rechts und links zwei Treppen mit je über 300 Stufen zum Leuchtturm hoch. Dazwischen rauscht ein gewaltiger Wasserfall hinunter, der zwar bei unserem Besuch versiegt war. Dieser Wasserfall ist der Überlauf des apulischen Aequadukts, der eben 1939 fertig gestellt wurde und Mussolini Anlass zur Stiftung der Säule gab. Apulien war bereits zu römischer Zeit Wassernotstandsgebiet, aber erst nach Italiens Vereinigung wurden Pläne für eine Wasserleitung nach Apulien geschmiedet. Anfangs des 20. Jahrhunderts begann man, einen Aequadukt zu bauen, der Wasser in der Nähe Neapels fasst und nach Apulien leitet. 1914 wurde Bari an das System angeschlossen, 1939 erreichte die Leitung Leuca und endet dort. Sie soll gemäss Wikipedia das apulische Wasserproblem bis 2015 lösen. Das war schon! Woher jetzt das Wasser kommt, weiss ich auch nicht.
Oben angekommen, steht man auf einem weiten Platz, der durch eine Reihe von Arkaden unterteilt ist. An der Säule der einen Akade steht der letzte Brunnen des apulischen Aequadukts. Jenseits der Arkaden ragt der mächtige Leuchtturm empor. Hier im Süden Italiens sind die Leuchttürme alle der Marine unterstellt. Daneben hat man einen prächtigen Aussblick links auf die Adria und rechts auf die Inonische See. Diesseits der Arkadenzeile steht nochmals so eine Säule, wie unten, und eine Wallfahrtskirche „von Santa Maria vom Ende der Welt“. Alles ist hier ein wenig übertrieben. Aber die Aussicht ist atemberaubend.
Auf der anderen Seite des Dorfes, ca. 3 Kilometer vom Leuchtturm entfernt, befindet sich der Punta Ristola, der südlichste Punkt Apuliens, mit gleich drei Sehenswürdigkeiten: dem Aussichtspunkt, der Teufelsgrotte, der Grotta Porcinara. Die Grotten sind bloss vom Meer aus sichtbar. Vorne bei Landspitz gibt es eine Treppe in die Erde, keine Ahnung, wo sie hinführt. Ich ging ein paar Tritte hinunter, fürchtete mich dann aber vor Exkrementen und Ungeziefer. Neben dem Landspitz ist eine Bucht mit ungefähr 15 Metern Durchmesser, in die die Brandung mit voller Wucht hineinschlägt. Ebenfalls gibt es dort ein Loch in der Erde, durch das man die Brandung hört. Es ist ein geheimnissvoller Ort.
Brindisi
Nach Gallipoli ging’s weiter nach Brindisi, wo wir unsere Freundin Pia erwarteten, die uns während einer Woche begleiten wollte. Wir fuhren einen Tag vor ihrer Ankunft an und wohnten in einer Art Boutiquehotel nahe des Flughafens. Es liegt in einem grossen, gepflegten Park und ist wie eine Oase in der Flughafenumgebung. Für die Woche, in der wir mit Pia im Fiat das Salent erkunden, konnten wir unser Gepäck in diesem Hotel zurücklassen, denn wir hätten nicht alle drei im Fiat Platz gehabt, mit all‘ unseren Küchenutensilien, Powerstations und Drohnen. Nach der gemeinsamen Woche musste Pia ja wieder in Brindisi auf den Flieger, d.h. wir kehren hierhin zurück und können unser Gepäck wieder verladen.
Aber bevor Pia ankam, flanierten wir noch ein wenig durch die Stadt Brindisi. Im Prinzip besteht sie aus einer langen Strasse vom Bahnhof zum Hafen hinunter und einer Flaniermeile dem Hafenbecken entlang. Viel gibt die Stadt also nicht her. Wie überall im Süden ist die Armee, bzw. Marine gut vertreten, denn hier ist Italien auf sich selbst angewiesen. So liegt denn auch ein Zerstörer im Hafen von Brindisi, während draussen vor der Einfahrt einige Kreuzfahrtschiffe lagen. Das Hafenbecken wird von einer Fähre überquert, die laufend hin- und herfährt, ganz ähnlich der Star Ferry in Hongkong, nur kleiner. Natürlich mussten wir sie gleich ausprobieren, denn so etwas gefällt uns immer. Eine Fahrt dauert nur ein paar Minuten und kostet etwas mehr als einen Euro. Beim Einstiegspier war ein Schild mit einem Hinweis, dass das Ticket elektronisch zu lösen sei und einer langen Anweisung, wie das funktioniert. Obwohl sich das Boot bereits dem Pier näherte, lud ich stoisch die benötigte App herunter. Als wir uns auf die Fähre begaben, hatte ich noch lange kein Ticket, aber der Matrose zeigte uns einen Ticketautomaten an Bord, nahm unser Kleingeld und lies vor unseren Augen ein Ticket heraus. Das nächste Mal werden wir es selbst können. Und ein nächstes Mal gab es, denn wir hatten ja den Fiat auf der einen Seite des Seearms geparkt, so dass wir wieder dahin zurück müssen.
Doch zunächst gehen wir essen. Das eine Lokal heisst C’era una Volta, also Es war einmal, und bietet durch einen freundlichen und guten Service wunderbare und originelle Speisen an. Das Antipasto della Casa Mare e Terra besteht z.B. aus acht Kleinigkeiten, von Garnelen über einen Bissen Merluzzo und Fleischbällchen bis zu einem Löffel Favemus.
Das andere Lokal heisst Il Trullo. Ja richtig, da war doch das mit den Trulli in Apulien! Das sind diese kreisrunden Steinhäuschen mit dem spitzen Dach. Bisher haben wir noch nicht viele davon zu Gesicht bekommen. Aber das soll sich spätestens in Alberobello ändern. Die gewölbte Innenarchitektur des Il Trullo soll wohl den Eindruck vermitteln, man wäre in einem Trullo. Aber die geschmackvollen Wandverzierungen beindruckten mich noch mehr. Während wir assen, kamen zwei schneidige Burschen herein und setzten sich an den Tisch neben uns. Zwei weitere Figuren blieben in der Nähe des Tisches stehen. Ich war überzeugt, dass es sich um regionale Mafiabosse handelt. Der jüngere der beiden liess eine gewaltige Schüssel mit rohem Meeresgetier auffahren und schlang es gierig in sich hinein. Bei näherem Betrachten stellte ich fest, dass erstens die zwei Gorillas mittlerweile hinter der Kasse standen und wohl eher zum Restaurant gehörten als zu den zwei Gästen. Wahrscheinlich hat meine Wahrnehmung die kalabrischen Erfahrungen in Apulien fortgesetzt, obwohl wir auch in Kalabrien natürlich nie wissentlich und direkt Mafiosi gesehen haben. Zweitens stellte ich fest, dass es unter den Meeresfrüchten neben Cozze und Vongole noch eine dritte Muschelart gibt, die ich bisland noch nie auf einem Teller gesehen hatte. Ich fragte den Kellner, was das für Muscheln seien. Es interessierte mich einfach, auch wenn ich selber Molusken nicht mag, weder Schnecken, noch Muscheln, noch Tintenfische. Diese Muscheln seien Limoni di Mare. Ich werde auch nicht so schlau daraus. Offenbar handelt es sich nicht um eine Muschel sondern eher um eine Seescheide. Der vermeintliche Mafiosi entpuppte sich als sehr freundlich und bot mir sogar etwas zum Probieren an. Natürlich lehnte ich dabkbar ab.