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Bohémien, grosszügig, polemisch und ethisch korrekt. Der 100-jährige Oscar Niemeyer (15. Dezember 1907) vereinigt weiterhin in sich ein unvergleichliches Talent mit ebenso bemerkenswerter Liebe zum Leben.
Als Figur der Geschichte Brasiliens hat der Architekt Oscar Niemeyer einen schwerwiegenden Fehler: Er ist immer beschäftigt. Momentan kümmert er sich um den Umbau des Palácio da Alvorada in Brasília, einschliesslich des Grills, den Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei ihm bestellte.
In São Paulo gibt er dem Ibirapuera-Park auf Bitten der Stadtverwaltung einen neuen Schliff, indem er ein Amphitheater zu den bereits bestehenden Bauten hinzufügt, die er selbst vor mehr als einem halben Jahrhundert gestaltete. In Rio de Janeiro entwarf er für den ehemaligen Gouverneur Leonel Brizola, im vergangenen Juni verstorben, ein 30 Meter hohes Denkmal, das in der Avenida Presidente Vargas aufgestellt werden soll. In Niterói gestaltet er die Küste neu, mit nicht weniger als 11 monumentalen Gebäuden, wie einem Lichtspielhaus mit fünf Kinosälen in einem 4-Millionen-Dollar-Projekt. Und als würde es nicht ausreichen, realisierte er im Februar 2004 seine erste Einzelausstellung als Bildhauer.
Das alles im Alter von über 100 Jahren. Doch ist es nicht seine Langlebigkeit, die ihm den Titel einer historischen Figur einbringt. Oscar Niemeyer Ribeiro de Almeida Soares ist in einer Zeit geboren, die heute als “Altes Rio“ bezeichnet wird, im Dezember 1907. Der Bürgermeister Pereira Passos hatte ein Jahr vorher die Avenida Central, heute Avenida Rio Branco, eingeweiht. Und Niemeyer war 15 Jahre alt, als er sich in der Schule Santo Antônio Maria Zaccaria, einer Erziehungsstätte des katholischen Ordens der Barnabiten im Stadtteil Catete, matrikulierte. Das war 1922, dem Jahr, in dem die “Woche der Modernen Kunst“ in São Paulo“ stattfand. Um seine Architektur in das grossartige konkrete Markenzeichen des brasilianischen Modernismus zu verwandeln, musste er lange Umwege gehen.
Zuerst verliess er die Schule im Alter von 16 Jahren, um sich ganz dem Fussball im Verein Flamengo, dem Rudern im Guanabara-Club, dem Billiard in Catete und den Bars an der Lapa zu widmen. Diese Phase als Bohémien markierte für immer seinen Lebensstil und seine Biographie. Als er an der Schule der Schönen Künste war, wachte er jeden Morgen durch einen Anruf eines Kellners des Restaurants Lamas auf, den er beauftragt hatte, ihn zu wecken, um nicht seinen Unterricht zu verpassen. An einem Billardtisch befreundete er sich mit dem berühmten Komponisten Heitor Villa-Lobos (1887-1959). In seinem Büro, in dem im Laufe von sieben Jahrzehnten Aktivitäten von mehr als 500 Projekte erdacht wurden, gab es immer – für die freien Stunden – eine Gitarre, Freunde, die gerade nichts zu tun hatten, Getränke frei Haus, und viele weibliche Besuche. Die Familie besitzt eine Kassette, die in Brasília aufgenommen wurde, auf der Niemeyer den Komponisten Tom Jobim (1927-1994) auf dem Cavaquinho begleitet. Mit Kusshand gestaltete er das Bad des Clubs Marimbás am Strand von Copacabana, da hier in den Fünfziger Jahren die verrücktesten Karnevalsbälle Rios stattfanden.
Die Oberschule beendete er 1928 durch einen Zusatz des Schulgesetzes, das erlaubte, ein Schuljahr in sechs Monaten nachzuholen, in demselben Jahr, in dem er Annila Baldo heiratete. Seinen ersten Job in der Druckerei des Vaters verlor er, weil er unaufhörlich in die Kassenbücher zeichnete. 1934 wurde seine Tochter Ana Maria geboren, in dem Jahr, in dem er sein Architekturstudium abschloss und ein Praktikum im Büro seines Lehrers Lúcio Costa (1902- 1998) begann. Erst im kommenden Jahr sollte er sein erstes Werk im Alleingang schaffen, an der Lagoa Rodrigo de Freitas. Doch praktisch über Nacht wurde er berühmt, als 1936 der Schweizer Architekt Le Corbusier (1887-1965) nach Brasilien kam und sein Stadtplanungskonzept “La Ville radieuse“ propagierte.
Le Corbusier kam auf Einladung des damaligen Ministers für Erziehung und Gesundheit, Gustavo Capanema (1900-1985). Er drohte, den Campus der Universität in der Mitte des Sees Lagoa Rodrigo de Freitas zu bauen, wo über vier Kilometer Brücken insgesamt 40.000 Quadratmeter grosse Plattformen über dem Wasser erreichbar sein sollten. Der Campus sollte ein Manifest aus Spannbeton gegen den Entwurf der Universitätsanlagen sein, die der italienische Architekt Marcello Piacentini (1881-1960), modern im damals faschistischen Rom, der “Regierung Getúlio Vargas“ eingereicht hatte. Aber beide scheiterten. Le Corbusier entwarf dafür den Sitz des Ministeriums, den heutigen Kulturpalast, ein Modell von der Grösse eines Häuserblocks im Zentrum Rio de Janeiros, das die Meeresbrise und die Fussgänger noch heute diagonal durchqueren können, zwischen Beeten mit Brasilholz und offenem Raum.
Wäre es nur nach Le Corbusier gegangen, wären die Säulen des Ministeriumsgebäudes vier Meter hoch gewesen. Sie sind zehn Meter hoch durch einen Eingriff Niemeyers, der die Änderung auf ein Stück Papier zeichnete, das er zerknüllte und aus dem Fenster warf. Lúcio Costa liess die zerknitterte Zeichnung von der Strasse holen. Ein Jahrzehnt später, 1947, tauschten Niemeyer und Le Corbusier die Rollen. Diesmal war es der Brasilianer, der das ganze Gebäude der Vereinten Nationen in New York zeichnete. Der Schweizer machte einige leichte Veränderungen. Auf Nachdruck Niemeyers sind beide als Architekten des eindruckvollen Baus aus Glas und Beton angesehen.
15 Jahre nachdem Niemeyer sein verspätetes Diplom erhalten hatte, zog er mit zwei Cadillacs seine Runden durch Rio de Janeiro.
Am Ufer der Pampulha-Lagune in Belo Horizonte hatte er die Kirche São Francisco de Assis geschaffen, einer der definitiven Marksteine des brasilianischen Modernismus. Der Mäzen von Pampulha war der damalige Bürgermeister von Belo Horizonte, Juscelino Kubitschek (1902-1976), gewesen, der 1955 nach seiner Wahl als Präsident persönlich zu Niemeyer nach Hause kam, um ihn anzuheuern, mit ihm zusammen “die schönste Hauptstadt der Welt“ zu machen: Brasília.
Dort schuf Niemeyer 83 öffentliche Gebäude und verwurzelte somit auf der zentralen Hochebene eine Landschaft, die wenige Jahrzehnte später ohne die Handschrift des Architekten nur noch schwer vorstellbar ist. Brasília wurde zu einem grossen Versuchslabor von zwei gigantischen Bestrebungen: die der Regierung Kubitscheks, die “fünfzig Jahre in fünf“ realisieren, den Vormarsch in Richtung Westen sichern wollte, dem Gebiet, in das die portugiesische Kolonisierung nicht vorgedrungen war, und die Niemeyers, der neben seiner Architektur in revolutionären Formen wollte, dass die Form an sich die Fassade weiterer Revolutionen sei. Mit den Säulen des Palácio da Alvorada erfand er ein nationales Symbol, das in den Sechziger Jahren die Rückseite der Lastwagen Rural Willys schmückte, und in den Neunziger Jahren die des Fiats Uno Mille. Aber er ist nicht Besitzer auch nur eines einzigen Quadratmeters in Brasília. Er kaufte dort zwei Grundstücke am Ufer des Sees Paranoá und baute später, um dort zu wohnen, ein Haus am Stadtrand. Er verkaufte seine Immobilien, als die Militärs unter der Regierung Emílio Médicis (1905-1985) gegen seine Konzeption eines Flughafens für die Hauptstadt stimmten und ihn künftig anfeindeten, bis er die Stadt und das Land verliess.
Niemeyer ist Beamter im Ruhestand (des für den Bau der neuen Haupstadt gegründeten Unternehmens Novacap). Als er den Vertrag zum Bau Brasílias mit Israel Pinheiro (1896-1973) dem Politiker aus Minas Gerais, der den Bau der Stadt leitete, verhandelte, weigerte er sich, das Angebot “einer Kommission“, einem Prozentsatz der Baukosten, anzunehmen. Nur aus “Horror vor dem Wort“. Er wusste nicht, dass die prozentuale Beteiligung des Autors im Berufsstatut des Instituts der Architekten Brasiliens vorgesehen ist. Kubitschek gab ihm noch zwei Chancen, extra etwas zu verdienen, durch das Angebot, die Gebäude zweier Staatsbanken zu entwerfen. Niemeyer erklärte, er könne nicht an der Ausschreibung teilnehmen. Der Präsident gab Niemeyers Tochter ein Notariat. Er zwang sie, das Geschenk abzulehnen.
Dafür nahm er zwei Journalisten, einen Arzt, einen Fussballspieler und “den Eça“, Spitzname von Walter Garcia Lopes, einem ehemaligen Milchverkäufer aus Franca, ländlichem Gebiet des Bundesstaates São Paulo, den er als Mittellosen in Rio, ruiniert durch Leidenschaften und Schlägereien in Bordellen, kennengelernt hatte, in sein Team auf. Als er nach den Kriterien seiner Auswahl gefragt wurde, sagte er: “Es waren meine Freunde und es ging ihnen schlecht.“ Zwei Jahrzehnte später, als er sich aus Abneigung vor dem brasilianischen Militärregime in Paris in einem Büro mit Blick auf die Champs Elysée eingerichtet hatte und von dem Präsidenten Charles de Gaulle (1890-1970) mit einem extra auf ihn zugeschnittenen Gesetz empfangen worden war, das ihm eine Arbeitserlaubnis zusprach, als wäre er Franzose, sorgte er für rund 50 Brasilianer im Exil auf eigene Kosten.
In einem Land, das so häufig Überfluss mit unrechtmässiger Bereicherung verwechselt, ist Niemeyer ein wahrer Verschwender, der mit all seinem leicht verdienten Geld veramt ist. Er arbeitet, weil er es gerne tut, aber auch, weil er es muss. In den Neunziger Jahren warf er ein Mobile und ein Bild des Amerikaners Alexander Calder auf den Markt, noch dazu eine Gouache von Fernand Léger, da es ihm an Aufträgen mangelte. 1995 lieh er sich 10.000 Dollar, um nach Europa zu fahren.
In dem Haus in Ipanema, in dem er wohnt, schenkte er dem Portier einmal umgerechnet 2.500 Dollar, damit er sich sein eigenes Haus kaufen konnte. In Algerien gab er, als er für die Regierung von Oberst Houari Boumédienne (1932-1978) die Universität von Constantine baute, einem Aufseher der Bauarbeiten alles, was er in der Tasche hatte. Es war so viel wie zehn Jahre Gehalt des Algeriers. Als der Kommunistenführer Carlos Prestes (1898-1990) in den Achtziger Jahren aus dem Exil nach Brasilien zurückkehrte, kaufte er ihm eine Wohnung in Rio de Janeiro. “Mein Bankkonto war ziemlich leer und ich habe Acácio, Prestes’ Sekretär, angehalten, schnell für die Urkunden der Immobilie zu sorgen, bevor das Geld ausginge“, erzählte Niemeyer Jahre später.
Durch Prestes war er 1945 der Kommunistischen Brasilianischen Partei (PCB) beigetreten. In der kurzen Zeit, als die Partei legal war, war ihre Zentrale in seinem Büro in der Rua Conde Laje 25 untergebracht, an traditioneller Prostituiertenadresse im Stadtteil Glória. Das Haus war ein Erbe der Kusine Emília Adelaide de Almeida e Albuquerque, der Milota. 1945 gab Niemeyer der Partei die Schlüssel. Ein Jahr später, als die Partei erneut heimlich agieren musste, verliess sie das Haus. In den Achtziger Jahren, als sich die Familie wieder an das Haus erinnerte, um dort die Oscar-Niemeyer-Stiftung unterzubringen, traf sie einen alten Bewohner dort an, der noch nie auch nur einen Monat Miete gezahlt hatte.
In der Favela Vidigal in Rio gibt es ein von Niemeyer entworfenes Haus. Es steht am Caminho da Boa Vista 119 B. Es hat 60 Quadratmeter und drei Zimmer und gehört Amaro Paes Filho, seinem privaten Chauffeur aus den Zeiten, als er noch über Erdstrassen nach Brasília fuhr. In Pedregulho, São Paulo, hat der Politiker Orestes Quércia ein Haus, dessen Entwurf ihm Niemeyer während der Konstruktion der Lateinamerika-Gedenkstätte schenkte, einem Bauwerk von 78.000 Quadratmetern, das 50 Millionen Dollar kostete. In Frankreich, am Cap Ferrat an der Côte d’Azur, bekam auch der italienische Millionär Giorgio Mondaroni sein Haus geschenkt, als der Architekt für ihn den Verlagssitz in Mailand baute.
Nicht nur in finanziellen Fragen ist Niemeyer grosszügig. Als Architekt, gesegnet mit einem Talent, das ihm erlaubt, Gebäude und ganz Städte zu skizzieren, als würde er chinesische Ideogramme auf seinem Papier entwerfen, war er fähig, in drei Tagen während eines Karnevals den fertigen Entwurf des ganzen Nationaltheaters von Brasília abzuliefern. In Paris sprang er einmal mitten in der Nacht aus dem Bett und entwarf das Centre Civique von Algier. Niemeyer zeichnet aus freier Hand in einem Massstab, der technische Unmöglichkeiten aus dem Weg räumt. “Eins zu fünfhundert“, erklärt er. Es ist diese scheinbare Leichtigkeit, die die Verse von Carlos Drummond de Andrade (1902-1987) beschreiben, die nach mehr als einem halben Jahrhundert noch immer aktuell sind: “Im Sand des Strandes skizziert Oscar den Entwurf, springt das Gebäude aus dem Sand des Strandes.“ (“Na areia da praia Oscar risca o projeto, salta o edifício da areia da praia.“). Der Chauffeur Amaro bestätigt: “Manchmal bat mich mein Chef auf dem Weg nach Brasília um ein Stück Papier und kritzelte auf der Fahrt. Es gibt Paläste, die im Auto gemacht wurden.“
Sein Stil, der mit derartiger Leichtigkeit aus dem Boden spriesst, breitete sich über 16 Länder aus. Mehr als 200 Bauwerke der Marke Niemeyer gibt es ausserhalb Brasiliens. Er, der selbst Atheist ist, baute mindestens vier katholische Kirchen, verschiedene Kapellen, ein Dominikanerkloster, eine Moschee und einen Tempel der Sektenkirche “Igreja Universal do Reino de Deus“, von der Kathedrale in Brasília ganz zu schweigen. Er entwarf das Grabmal des Guerillakämpfers Carlos Marighella (1911-1969) in Bahia und das Stadion Presidente Médici in Recife, das Hauptquartier des Ministeriums für Heeresleitung in Brasília und die Gedenkstätte für die durch das Heer getöteten Arbeiter in Volta Redonda. Vielleicht hat er nicht die Gesellschaft so verändert, wie er es wollte. Doch in Brasilien hat er für immer seine Zeichen in der Szenerie hinterlassen, in der sie sich bewegt.
Oscar Niemeyer war Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur, seine Entwürfe für Brasília machten ihn weltberühmt. Mit 104 Jahren starb Niemeyer am 05. Dezember 2012 in seinem Rio de Janeiro kurz vor seinem 105 Geburtstag am 15. Dezember.
Original: Marcos Sá Corrêa “Oscar Niemeyer“ – Ribeiro de Almeida Soares
Deutsche Übersetzung: Annette Runge