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Der einst kräftige Stromkonzern Alpiq schrumpft stetig: Im Geschäftsjahr 2015 sank sein Umsatz auf 6,7 Milliarden Franken, zeigt die neuste Jahresrechnung. Das sind 17 Prozent weniger als im Vorjahr und sogar 52 Prozent weniger als noch 2010.
Die Gründe dafür: Die Preise auf dem Strommarkt, auf dem die Alpiq ihre Produktion verkauft, brachen ein. Darum musste der Konzern Investitionen in Milliardenhöhe abschreiben. Die Verluste in der Konzernrechnung summierten sich seit 2010 auf mehr als vier Milliarden Franken; im Jahr 2015 allein resultierte ein Verlust von 0,83 Milliarden Franken.
Der Tiefpunkt steht noch bevor
Um eine Überschuldung abzuwenden, verkaufte die Alpiq, was sie konnte: Zuerst die Beteiligungen an Gaskraftwerken in Italien, dann ihren Anteil an der Bündner Repower, einen Teil des Pumpspeicher-Projekts Nant de Drance und vieles mehr. Im letzten Geschäftsjahr trennte sich die Alpiq auch noch von ihrem Gaskraftwerk Bayet in Frankreich, ihren Beteiligungen an der Swissgrid sowie von Beteiligungen an kleineren Wasserkraftwerken im Wallis und Tessin.
Der Tiefpunkt aber steht erst bevor: Im Jahr 2015 konnte die Alpiq ihre Stromproduktion noch zu einem durchschnittlichen Preis von (umgerechnet) sechs Rappen pro Kilowattstunde (kWh) absetzen; dies deshalb, weil sie einen Grossteil dieses Stroms schon 2013 auf Termin verkauft hatte, als die Marktpreise noch höher waren. Inzwischen sind die Marktpreise nochmals deutlich gesunken (siehe Anhang zum Preiswirrwarr) Damit liegen sie heute deutlich unter den Produktionskosten aller Atomkraftwerke sowie der meisten Schweizer Wasserkraftwerke.
Wasserkraftwerke zu verkaufen
Darum will die Alpiq weiter devestieren: Weil heute kaum jemand ihre Beteiligungen an den unrentablen Atomkraftwerken Gösgen und Leibstadt kaufen will, bietet die Alpiq jetzt 49 Prozent ihrer verbliebenen Wasserkraft-Beteiligungen zum Verkauf an. Dazu gehören unter anderen die Speicherkraftwerke Grand Dixence und Chandoline im Wallis, die Blenio- und Maggia-Kraftwerke im Tessin, drei Flusskraftwerke an der Aare sowie Anteile an den Kraftwerken Hinterrhein und Engadin.
Mit diesem Verkauf könne die Alpiq ihre Abhängigkeit von den Marktpreisen im Grosshandel begrenzen und ihre Verschuldung weiter reduzieren, begründet Konzernchefin Jasmin Staiblin gestern Montag vor den Medien ihr Verkaufsangebot. Als Käufer kämen langfristig orientierte Anleger, aber auch Strom-Verteilwerke in Frage, die Endkunden direkt beliefern. Dazu gehören auch die Baselbieter EBM (Elektra Birseck) und EBL (Elektra-Baselland), die zusammen mit 21 Prozent am Alpiq-Aktienkapital beteiligt sind, oder Westschweizer Stromversorger im Reich der Alpiq-Aktionärin EOS. «Schweizer Hauptaktionäre», so sagte Staiblin gestern vor den Medien, «haben bereits ihr Interesse angekündigt».
Tiefe Marktpreise, höhere Gestehungskosten, höhere Monopoltarife
Der Hintergrund dieses Deals: Als Grosshändlerin muss die Alpiq – wie auch die Axpo – ihren Strom zu (heute sehr tiefen) Marktpreisen verkaufen, sei es an der europäischen Strombörse, an marktzutrittsberechtigte Grossverbraucher im In- und Ausland oder an Stromverteiler, die Kleinverbraucher direkt beliefern. Diese Kleinverbraucher haben in der Schweiz keinen Zutritt zum Markt. Ihre Monopoltarife orientieren sich deshalb an den Gestehungskosten ihres Verteilwerks.
Die Gestehungskosten von marktzutrittsberechtigten Verteilwerken, die keine oder wenig Eigenproduktion haben (wie etwa die Nordostschweizer Kantonswerke im Axpo- oder die Verteilwerke im Alpiq-Gebiet) nähern sich nach einer Verzögerung, bedingt durch frühere Verträge, den tiefen Marktpreisen an.
Verteilwerke hingegen, die über eigene Kraftwerke verfügen (darunter heute die Berner BKW, die Innerschweizer CKW oder die Stadtwerke von Zürich, Basel und Bern), können ihren selbst produzierten Strom den im Monopol gefangenen Kleinverbrauchern weiterhin zu den Produktions- respektive Gestehungskosten verkaufen, die viel höher sind als die Marktpreise. Darum sind die reinen Stromtarife (exklusive Netztarife und Abgaben) im BKW- oder CKW-Monopol heute viel höher als etwa im Monopolgebiet der Nordostschweizer Kantonswerke oder der EBL in Liestal.
So wird der Markt ausgetrickst
Weil im Monopol die Gestehungskosten massgebend sind, können heute alle Stromverteiler, die über ein Gebietsmonopol für nicht marktzutrittsberechtigten Kleinverbraucher verfügen, unrentable Wasserkraftwerke ohne Risiko kaufen; dies solange der Schweizer Strommarkt nicht vollständig geöffnet wird (was noch lange dauern kann). Und umgekehrt: Mit dem Verkauf von Wasserkraft-Anteilen an Verteilwerke kann die Alpiq einen Teil des Strommarktes elegant ausschalten.
Damit fragt sich nur noch, wie lange es dauert, bis auch Alpiq-Konkurrent Axpo diesen kreativen Trick anwendet. Die Axpo könnte unrentable Kraftwerke an ihre kantonale Verteilwerke verkaufen. Womit die heute speziell tiefen Monopoltarife in den Nordostschweizer Kantonen ebenfalls steigen würden.
Preiswirrwarr in der Stromversorgung: Eine Entwirrung
Nachtrag: NZZ-Redaktor Giorgio Müller schreibt heute Dienstag in einem – sonst lesenswerten – Kommentar in der NZZ: «Den Privathaushalten können die Stromversorger weiterhin die Gestehungskosten in Rechnung stellen. Erstere bezahlen in der Schweiz gut 20 Rappen pro Kilowattstunde (kWh). Die Grossverbraucher dagegen können schon jetzt zu Marktkonditionen – derzeit 2,8 Rp./kWh – einkaufen.» Damit vergleicht Müller in der NZZ billige rohe Äpfel mit einem superteuren Aprikosenkuchen. Nachstehend eine grobe Übersicht über die wahren Preisverhältnisse:
● Bei den 2,8 Rappen/kWh handelt es sich um aktuell besonders tiefe Marktpreise, wie sie an der europäischen Strombörse für in Deutschland gehandelten Bandstrom rund um die Uhr bezahlt werden. Bei diesen Preisen werden sogar Kohlekraftwerke rot.
● Der Marktpreis für in der Schweiz gehandelten Bandstrom ist in der Regel rund einen Rappen höher; er liegt im aktuellen Mittel bei 3 bis 4 Rappen/kWh. Er liegt damit aber unter den Produktionskosten der Schweizer Atomkraftwerken (4,5 bis 6,5 Rappen/kWh), die Strom rund um die Uhr produzieren. Darum sind AKW, die dem Markt ausgesetzt sind, heute unrentabel.
● Der Marktpreise für Schweizer Spitzenstrom (Lieferung werktags von 06 bis 20 Uhr), wie ihn Wasserkraftwerke mit Stauseen erzeugen, ist nochmals einen halben bis einen Rappen höher. Er liegt gegenwärtig bei 4,5 Rappen und damit unter den Produktionskosten der meisten (nicht aller) Wasser-Speicherkraftwerke. Darum sind heute auch die meisten Speicherkraftwerke unrentabel. Einige machen trotzdem gute Geschäfte, indem sie sich auf Lieferungen zu Spitzenstunden oder Systemdienstleistungen zum kurzfristigen Netzausgleich spezialisieren.
● Der reine Strompreis, den Verteilwerke mit Marktzutritt, aber ohne eigene Produktion bezahlen, liegt heute im Durchschnitt von Band- und Spitzenstrom bei 4 bis 6 Rappen/kWh. Wer den Strom mit einem neuen marktkonformen Vertrag bezieht, zahlt eher 4 Rappen, wer noch an einen früheren zweijährigen Vertrag zu damaligen Terminpreisen gebunden ist, zahlt eher 6 Rappen/kWh. Diese Marktpreise sind identisch mit den Gestehungskosten der betreffenden Verteilwerke. Darum bezahlen Haushalte im Monopolgebiet dieser Verteilwerke einen reinen Stromtarif von rund 4 bis 6 Rappen, konkret: Im Verteilgebiet des Zürcher Kantonswerks EKZ 6,5 Rappen/kWh.
● Verteilwerke mit eigener Produktion hingegen können ihren im Monopol gefangenen Kunden als Gestehungskosten die Produktionskosten ihrer Kraftwerke verkaufen. Dabei wählen sie gerne ihre besonders teuren Kraftwerke. Darum verrechnet zum Beispiel die Berner BKW ihren Monopolkunden Stromtarife von heute rund 9,5 Rappen/kWh.
● Bei den «gut 20 Rappen pro Kilowattstunde», mit denen Giorgio Müller die im Monopol gefangenen Haushalte verunsichert, handelt es sich um den vollen Stromtarif. Davon entfallen im Durchschnitt weniger als 40 Prozent auf die reinen Gestehungskosten des Produktes Stroms ab Klemme Kraftwerk (also den rohen Apfel). Mehr als 60 Prozent entfallen auf die Netzkosten (Stromverteilung vom Kraftwerk bis zur Steckdose) sowie Abgaben aller Art.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.