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Parallel zur ZDOK-Tagung 2016 der Zürcher Hochschule der Künste, die unter dem Titel «Do it again» in Referaten und Gesprächen die unterschiedlichen Spielformen des Reenactment – der Wiederherstellung vergangener Ereignisse im Dokumentarfilm, von denen ein Autor per definitionem keine eigenen Bilder zur Verfügung hat – zur Diskussion stellt, zeigt das Kino Xenix im Mai eine breite Palette von Dokumentarfilmen, die sich des Reenactment bedienen und die Kraft und Faszination dieser Methode sehr schön illustrieren.
Das Reenactment ist so alt wie der Film bzw. noch älter, man denke etwa an theatralische Nachstellungen historischer Ereignisse oder die Vergegenwärtigung von Tathergängen in Strafgerichten. Dennoch waren Reinszenierungen im Film immer wieder Anlass für Kontroversen, Dokumentarfilmer verschiedener Generationen lehnten die Methode als unauthentisch ab. Heute hat sich die Haltung dazu geändert, das Reenactment gilt als Methode, die ungleich stärker wirken kann als Montagen von Interviews und Archivmaterial. Als Wegbereiter für ihre Rehabilitierung ausserhalb des Fernsehens und ihre Ausdifferenzierung in Dokumentarfilmen jüngeren Datums ist im Programm des Xenix The Thin Blue Line von Errol Morris aus dem Jahr 1988 zu sehen, in dem ein Polizistenmord in Texas, für den ein Unschuldiger verurteilt wurde, in unterschiedlichen Szenarien nachgespielt wird. Als Varianten solcher Reinszenierung im Programm sind ausserdem Ari Folmans Waltz with Bashir (2008, gezeichnete Erinnerung), die Premiere von Anderson (2014) von Annekatrin Hendel (minutiös nachgebauter Schauplatz) oder Milo Raus Die letzten Tag der Ceausesus (2011, Nachspielen historischer Ereignisse). Auch The Act of Killing (2012) von Joshua Oppenheimer gehört in diese Kategorie: der erschütternde und kontrovers diskutierte Film, in dem ehemalige Paramilitärs in Indonesien ihre grausamen Morde an hunderttausenden von "Volksfeinden" begeistert vor der Kamera vorführen, und die Reaktionen darauf leiteten einen Prozess ein, der Oppenheimer zum Folgefilm The Look of Silence (2014) mit den Angehörigen eines Opfers veranlasste.
Ebenfalls um politische Prozesse geht es Autoren meist, die über deren Reinszenierung hinausgehen, indem sie sie quasi weiterspinnen und "Möglichkeitsräume" schaffen: Was wäre (gewesen), wenn ... z.B. den Frauen von Pussy Riot ein fairer Prozess gemacht worden wäre? Milo Rau, aktuell einer der angesagtesten Autoren der politischen Theaterbühne, geht dieser Frage in Die Moskauer Prozesse (2014) nach. Als Standardwerk der Spielform gilt ausserdem Jean-Stéphane Brons Cleveland versus Wall Street (2010).
Aber nicht nur für politische, kollektive Prozesse, sondern auch für solche, die stärker im Persönlichen und Privaten, Familiären und Biographischen angesiedelt sind, eignet sich das Reenactment als Mittel der Darstellung, Reinszenierung und S(t)imulation. Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern von Peter Liechti oder Familienbruchstücke von Natalie Pfister sind Beispiele dafür.
Dass die Wirkung und Kraft des Reenactment als Form des Erinnerns und Rekonstruierens derjenigen von therapeutischen Verfahren nicht unähnlich sein kann (man denke an Begriffe wie Wiederholung, Verschiebung, Durcharbeiten oder an die Bedeutung und Betonung des Settings im psychoanalytischen Verfahren) und es dabei weniger darum geht, Prozesse abzubilden als solche in Rückkoppelungen an Vergangenes in Gang zu setzen, machen viele dieser Filme deutlich.