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Die Fussball-WM 2014 taucht nun in der soziologischen Fachliteratur auf. Dass SoziologInnen auch Fussballfans sein können, erstaunt ja nicht: „In a similar manner to Brazil, the German national team is a personification of the nation that now reflects a multicultural and cosmopolitan society as well as a wider pattern of increasing success, status and positioning in international relations.“ (Sullivan, 2014, S.116). Na ja.
Sehr ergiebig ist hingegen eine erst 2014 erschienene Studie, welche anlässlich der Fussball-WM 2010 quasi-experimentell den Einfluss der Fussball-WM auf den Grad der Identifikation mit der Nation am Beispiel Deutschland misst. Es ist im Weiteren meines Wissens die erste Studie, welche die Kernelemente der Ritual-Theorie von Emilie Durkheim (aus dem Jahre 1912) operationalisiert und in einer Feldstudie überprüft (vgl. dazu).
Die (online rekrutierten) TeilnehmerInnen der Studie wurden einmal kurz vor und einmal nach der Fussball-WM zu ihrer aktuellen Identifikation mit Deutschland, zu ihrer Beziehung zu nationalen Symbolen (Flagge, Brandenburger Tor, u.ä. für Deutschland) und nach der WM zum Ausmass ihres emotionalen Engagements bezüglich der Fussball-WM 2010 befragt.
Zunächst zeigen sich durchschnittlich keine grösseren Veränderungen: Weder wird die nationale Identifikation noch die Verbundenheit mit nationalen Symbolen in der Zeit der Fussball-WM gestärkt.
Bei genaueren Hinsehen zeigte sich jedoch: Person, welche bereits vor der WM sich stark mit Deutschland identifizieren, identifizieren sich nach der WM 2010 stärker mit Deutschland. Und Personen, welche an der WM sehr stark mitfieberten, identifizieren sich nach der WM stärker mit Deutschland als vorher. Ähnliches gilt auch gegenüber den nationalen Symbolen.
Die AutorInnen diskutieren dies Ergebnis nur beschränkt bezüglich des Events selbst. Offenbar sind sie mehr SoziologInnen als Fussballfans. Es wird sogar nicht einmal angesprochen, ob das konkrete WM-Ergebnis Deutschlands – nämlich der 3. Rang im Jahre 2010 oder die (allseits gelobte) Teamleistung der Deutschen – mit eine Rolle für die Studienergebnisse spielen könnte. Wesentlich war ihnen die Prüfung der theoretischen Annahmen:
„In sum, our study supports some of the classical theoretical assumptions of sociological theories of rituals and emotions. The two mechanisms suggested in these theories – emotional entrainment as a basis for group identification and for the affective charging of group symbols – seem to work not only in close-knit groups and communities, but also in large-scale societies, such as nations. » (von Scheve, Beyer, Ismer, Kozlowska & Morawetz, 2014, S. 17)
Der Zugang über die Fussball-WM zur Emotionssoziologie erweist sich nun gar als Juwel. Sollten sich die Ergebnisse dieser Studie in quantitativ etwas umfassender angelegten Untersuchungsdesigns bestätigen, dann dürfte die Erkenntnis nicht nur für die Emotionssoziologie sondern für die Sozialwissenschaften insgesamt von grösserer Bedeutung sein.
Bekanntlich werden ritualtheoretische Annahmen für Events (in Sport, Politik, Kultur) als bewusst eingesetzte „Sozialtechnologien“ zunehmend verwendet und wohl auch überprüft (vgl. dazu erster Beitrag zum Thema). Die tiefergehende Bedeutung der Ritual-Theorie Durkheims, als ein Urelement religiösen und sozialen Zusammenhalts scheint jedoch erst in den letzten Jahren in der Sozialforschung eine der Dimension der Fragestellung angemessene Beachtung zu finden.
Einige Forschungsergebmisse dazu und zur Emotionssoziologie generell finden sich zunächst als einfache Zusammenfassungen im Hintergrund.
Literatur
Sullivan, Gavin Brent (2014). Collective emotions and the World Cup 2014: The relevance of theories and research on collective pride and shame. Psicologia e Saber Social, 3(1), S. 112-117.
Von Scheve, Christian; Beyer, Manuela; Ismer, Sven; Kozlowska, Marta & Morawetz, Carmen (2014). Emotional entrainment, national symbols, and identification: A naturalistic study around the men’s football World Cup. Current Sociology, Vol 62, S.3-23)