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Wie viel kann eine 93-jährige Dame ertragen? Selbst wenn es sich um Queen Elizabeth II. handelt, die in 67 Jahren als Regentin schon so manches erleben musste? Ende 1992 sprach sie von einem «annus horribilis», einem schrecklichen Jahr: Damals brannte es auf Schloss Windsor, in der Ehe von Thronfolger Charles, heute 70, kriselte es öffentlich, und Prinz Andrew, 59, trennte sich von Gattin Fergie, 59.
Wie harmlos liest sich das gegen die Bilanz von 2019: Ein Premierminister, der die Königin täuscht, was auch noch vom Obersten Gericht bestätigt wird. Ein Sohn, der in den USA des sexuellen Kontakts mit Minderjährigen beschuldigt wird. Ein Enkel und seine Frau, die immer wieder kritisiert werden, ob berechtigt oder nicht. Da ist der Autounfall von Prinzgemahl Philip, 98, im Januar mit zwei Verletzten fast eine Fussnote.
Empfehlungen an die Majestät ungesetzlich
Die Queen hält sich traditionell aus der Politik heraus – und akzeptiert, was gewählte Regierungen und parlamentarische Mehrheiten beschliessen. Manches mag ihr dabei sicher nicht gefallen. Neu ist allerdings eine Täuschung, die sich Brexit-Premier Boris Johnson, 55, mit der Monarchin gestattet hat: Der sandte seinen ultrakonservativen Parteifreund Jacob Rees Mogg, 50, als Leader of the House of Commons am 28. August zur Queen nach Balmoral und rang ihr die Unterschrift für seinen Plan ab, das Parlament bis zum 14. Oktober zu schliessen, um zwischenzeitlich im Alleingang die Brexit-Verhandlungen zu führen.
Die Queen segnete das ab – im guten Glauben, alles entspräche den politischen Regeln. Nein, sagt das höchste Gericht, der Supreme Court, Anfang Woche: «Der Gerichtshof hat beschlossen, dass die Empfehlung des Premierministers an Ihre Majestät ungesetzlich, ungültig und wirkungslos war.» Das Papier liess sich Johnson auch vom Oberhaus absegnen. Die Präsidentin des Supreme Court, Brenda Marjorie Hale, Baroness Hale of Richmond, 74, bezeichnet dies in der Urteilsbegründung so: «Es ist, als wäre dort ein weisses Stück Papier hineingetragen worden.»
«Kein Premierminister kann die Queen auf so eine Weise behandeln»John Major, Premier 1990-1997, über Boris Johnson.
«Unseriösen Immobilienmakler»
Alle elf Richter stellen sich hinter das Urteil – und dokumentieren deutlich, wie Johnson die Monarchin hinters Licht geführt hat. In seinem Kreuzzug schloss er bereits zwei Abgeordnete mit besten Beziehungen zum Königshaus aus der Fraktion der Konservativen aus: Sir Nicholas Soames, 71, Tory-Urgestein, Enkel des legendären Sir Winston Churchill (1874–1965) und privater Freund von Prinz Charles. Ebenso Rory Stewart, 46, einstiger Privatlehrer der Prinzen William und Harry und bis vor einigen Wochen ein Hoffnungsträger der Partei.
Ein anderer Konservativer, Sir John Major, 76, ausgerechnet Premierminister im «annus horribilis 1992», stellt sich nach dem Urteil klar hinter die Queen und gegen Johnson: «Kein Premierminister kann die Queen auf so
eine Weise behandeln.» Zuvor hat er Johnson bereits mit einem «unseriösen Immobilienmakler» verglichen.
Es droht ein Mangel an Lebensmittel
Die Mangeljahre im und nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Queen sehr bewusst erlebt. Nie hätte sie geglaubt, dass ihr Volk noch einmal so etwas durchmachen könnte. Doch eine Studie der Regierung sagt nun genau dies voraus! Sollte Johnson einen Brexit ohne Deal mit der EU bis 31. Oktober durchpeitschen, könnte es landesweit zum Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten kommen. Selbst Toilettenpapier könnte zur Mangelware werden. Und gegen mögliche Unruhen im Lande fehle es der Polizei an Personal und Ausstattung. Manche Briten tätigen deshalb bereits Hamsterkäufe – etwas, was für die Queen wie für andere Menschen ihrer Generation als längst überwundenes Trauma galt.
Sorgen bereitet der Queen wohl auch Prinz Andrew. In seiner Rolle als Sonderbotschafter der britischen Wirtschaft, die er mittlerweile aufgeben musste, jettete er um die Welt. Statt voller Auftragsbücher sorgt er allerdings für Schlagzeilen – hier eine Party bei Oligarchen, dort ein nächtlicher Besuch bei Courtney Love, 55, der Witwe von Nirvana-Sänger Kurt Cobain (1967–94), die ihm allerdings lediglich eine Tasse Tee anbietet und ihn wieder hinauskomplimentiert. Bisher sind das eher Peinlichkeiten. Jetzt ist Andrew allerdings ins Visier von US-Ermittlern geraten: Im Rahmen von sehr freizügigen Partys des verurteilten Päderasten und US-Milliardärs Jeffrey Epstein (1953–2019), der im August in einer Gefängniszelle erhängt aufgefunden wurde, soll der Prinz sexuellen Verkehr mit einer damals Minderjährigen gehabt haben. Virginia Roberts Giuffre, heute 35, behauptet, als 17-Jährige Sex mit Prinz Andrew auf einer von Epsteins speziellen Partys gehabt zu haben.
Bereits seit 2015 liegt dazu eine eidesstattliche Versicherung vor – die Ermittler in den USA sind brennend an einem Gespräch mit Andrew interessiert, der über den Buckingham-Palast mitteilen lässt: «Es wird entschieden bestritten, dass der Herzog von York (= Andrews offizieller Titel, d. Red.) in irgendeiner Form Sexualkontakte oder eine Beziehung mit Virginia Roberts hatte.» Allerdings gibt es Fotos der beiden aus dieser Zeit und detaillierte Aussagen der Frau über ihre Treffen mit Prinz Andrew. Der hält sich vorsichtshalber derzeit meist nur noch auf britischen Golfplätzen auf und unternimmt maximal eine kurze Dienstreise nach Brüssel. Klar ist: Auch hier lügt jemand. Nicht nur die Queen wird hoffen, dass es diesmal niemand aus ihrer Familie oder ihrem Umfeld ist.
Das Prinzip Hoffnung – mehr scheint der Queen im «annus horribilis 2.0» nicht zu bleiben. Und 2019 dauert noch ein paar Monate. Mit einem versöhnlichen Ende ohne Lügen, Täuschungen und Brüskierungen? Der erste Schritt wäre ein neuer Premier, der ihr den Respekt entgegenbringt, den die Königin zweifellos verdient.
*Andreas C. Englert ist Royal-Experte und stv. Chefredaktor der Magazine «Frau im Spiegel» und «Royal».