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Die Elite-Rennen im Cross Country könnten unterschiedlicher nicht sein. Bei den Frauen fährt Pauline Ferrand-Prevot praktisch mit einem Start-Ziel-Sieg zu ihrem vierten Titel und Jolanda Neff erkämpft sich die Silbermedaille vor Haley Batten. Das Rennen der Männer bietet Überraschungen und Positionswechsel bis zum Schluss wo Nino Schurter sein zehntes Elite-Gold vor David Valero Serrano und Luca Braidot gewinnt.
Auf und davon
Im Rennen der Frauen schlagen die Französinnen und die Schweizerinnen nach dem Start das Tempo an. Doch Pauline Ferrand-Prévot scheint sich nicht länger in der Spitzengruppe aufhalten wollen und verabschiedet sich bereits im Hauptanstieg von der Konkurrenz. Wegen diesem langen Aufstieg, dem längsten in der laufenden Rennsaison, wählt sie als einzige Fahrerin das Hardtail, auch wenn sie dadurch auch eventuelle Risiken wie Stürze, Defekte oder vorzeitiges Ermüden in Kauf nimmt.
Jolanda Neff, die zu Beginn versuchte mitzuhalten, platzt etwas und fällt zurück. Sie begegnet Alessandra Keller, die auf dem Vormarsch in die Verfolgergruppe ist. Ebenfalls in der zweiten Runde verliert Loana Lecomte (FRA) Boden und muss sich bald der US-Amerikanerin Haley Batten und Alessandra Keller einholen lassen, die nun auf den Positonen zwei und drei liegen. Die beiden machen ihren Weg bis in die vierte Runde, wo Alessandra Keller Haley Batten etwas davonzieht. Nach vorne aber ist der Abstand zu gross – Ferrand-Prevot hat bereits über 1:30 Minuten Vorsprung. Auch Jolanda Neff kommt wieder besser in Schwung, holt wieder auf und befindet sich nicht mehr weit von Batten. Keller verliert aufgrund eines kleinen Problems wieder, Batten überholt und Neff schliesst zu auf. Sie fackelt nicht lange und zieht sogleich weiter, dass Batten und Keller Mühe bekunden.
Die führende Französin ist ohne grösseres Missgeschick ihrerseits nicht mehr einzuholen. Sie Zwischenzeitlich führt sie mit fast zwei Minuten Vorsprung und muss nur noch verwalten – das Hardtail war für Ferrand-Prévot also kein Fehlgriff. So fährt sie zu ihrem vierten Weltmeistertitel und zieht mit der Norwegerin Gunn Rita Dahle-Flesjaa gleich, die ebenfalls vier Mal Elite-Weltmeisterin wurde. «Trotz Risiko, heute hat sich meine Materialwahl ausgezahlt und ich schaffte es, dass die Nachteile des Hardtails nicht zu meinen Nachteilen wurden. Es ist einfach unglaublich, vor all den Fans, vor allem aber vor meinen Freunden und meiner Familie zu gewinnen», kommentiert die sichtlich erschöpfte Weltmeisterin.
Jolanda Neff verwaltet ihren Vorsprung auf Haley Batten ebenfalls erfolgreich und fährt auf den Silberrang. Es ist übrigens die zehnte WM-Medaille einer Schweizer Elite-Cross-Country-Fahrerin. Neffs fahrtechnischen Fähigkeiten waren auf den Abfahrten ein wichtiges Puzzleteil zum Erfolg, den sie jetzt feiert. «Ich bin unglaublich glücklich, ich hatte alles probiert! Zu Beginn versuchte ich dranzubleiben, das war aber zu schnell, es spülte mich nach hinten, konnte dann aber einen super Rhythmus finden und wieder aufholen. Ich hatte auch nie einen Gedanken an den Rennausgang verschwendet, sondern habe einfach alles gegeben, was ich hatte – ich bin mega zufrieden, dass ich hier meine Leistung abrufen konnte», freut sich Neff herzlichst über ihre silberne Auszeichnung.
Dahinter muss sich Alessandra Keller gegen Loana Lecomte wehren, die am Ende doch einen etwas stärker ist. «Der fünfte Platz ist gut, auch wenn ich mir zwischenzeitlich etwas mehr erhofft hatte – ich habe alles gegeben», sagt Keller und fügt an: «Wohl steckte mir noch etwas der Sturz vom Short Track in den Knochen, was jetzt aber keine Ausrede sein soll – die anderen Fahrerinnen waren einfach brutal stark.»
Alle gegen Pidcock
Der Brite Tom Pidcock ist der grosse Angstgegner aller Mitfavoriten. So wird zu Beginn des Männerrennens auch ordentlich auf die Tube gedrückt, dass der Olympiasieger von seiner nicht idealen Startposition nicht so schnell aufholen kann. Unter anderen ist es Nino Schurter, das Tempo mitbestimmt. Und das fordert bereits früh seinen Tribut. In Runde zwei stürzt Short-Track-Weltmeister Samuel Gaze nach einem der Sprünge. Den Arm stabilisierend verlässt der Neuseeländer das Rennen. Und auch Lars Forster steigt aus. Nach einem Trainingssturz auf sein eh schon angeschlagenes Knie, kann er seine Leistung nicht annähernd abrufen.
Das hohe Tempo hindert Tom Pidcock jedoch nicht daran, die Lücke zur Spitze zu verkleinern und in Runde drei aufzuschliessen. Er übernimmt auch bald an die Führung und bestimmt das Tempo. Dann passiert Nino Schurter ein Missgeschick, dass viele als Rennentscheidend betrachten. Der neunfache Weltmeister rutscht an einer unglücklichen Stelle weg – er fährt auf sehr fein profilierten Reifen – und verliert kurzzeitig den Anschluss an die Spitze.
Schurter fährt das Loch wieder zu, doch es bleibt kein Stein auf dem anderen: Der Spanier David Valero Serrano drückt vorne aufs Gas und plötzlich fällt Tom Pidcock etwas zurück. Nicht für sehr lange, denn der Brite erholt sich wieder und kommt allmählich wieder an die Spitzengruppe heran. Diese fährt gemeinsam in die sechste von sieben Runden und jetzt greift Schurter an und zieht Valero Serrano mit. Pidcock hingegen kann das Tempo nicht mitgehen, er beklagt Luftverlust am Reifen. Währenddessen ist aber auch ein anderer Schweizer auf dem Vormarsch: Marcel Guerrini zeigt das Rennen seines Lebens und kämpft sich auf Position fünf vor und macht zeitweise sogar noch Pidcock die Position streitig, der sich aber erneut versucht aufzuholen.
Der letzte Hauptaufstieg beginnt und so auch die Attacke Valero Serrano – einmal, zweimal, aber Schurter hält dagegen und verwehrt ihm jede Lücke. Dann wählt der Spanier eine schlechte Linie und Schurter nutzt die Chance, die zu einem kleinen Abstand wird. Er verwaltet diesen bis ins Ziel und schreibt seinen eigenen Rekord neu – den zehnten Elite-Weltmeistertitel.
«Es war von Anfang an sehr hart. Ich versuchte Druck zu machen, dass Pidcock nicht rankommt, was er trotzdem schaffte, und dann warf mich mein blöder Wegrutscher etwas aus dem Rhythmus», schildert Schurter die ersten Runden und die Wende danach: «Ich dachte, jetzt muss ich Druck machen und alles probieren, um bei dem anderen Fehler zu provozieren. Als Valero und ich vorneweg waren, gab ich mich eigentlich mit Silber zufrieden. Gegen Ende probierte ich aber doch alles, schloss jede Lücke. Plötzlich machte er den entscheidenden Fehler und ich hatte einen kleinen Vorsprung – es ist unglaublich. Zum zehnten Mal Weltmeister – ich kann es jetzt noch nicht glauben!»
Nach einem von seiner Seite unspektakulären Rennen, gewinnt der Italiener Luca Braidot die Bronzemedaille. Erst eine Minute nach Braidot fährt Thomas Pidcock ein und kurz danach Marcel Guerrini. «Meine Startposition 44 und auch mein Start waren alles andere als ideal. Ich spürte aber schnell, dass meine Beine gut waren, konnte dadurch in den Anstiegen stets viele Fahrer überholen und kam so immer weiter nach vorne. Es ist mein bisher bestes Karriereresultat, und es zeigt mir, dass ich das Potenzial habe, ganz vorne mitzufahren. Das ist auch mental wertvoll, für die kommenden Jahre», analysiert Guerrini.
Wenn auch ausserhalb seiner Möglichkeiten, zeigt Filippo Colombo ein solides Rennen, das auf Platz neun beendet. Vital Albin und Joel Roth runden das gute Mannschaftsergebnis mit den Rängen 15 und 18 ab.
Favorit geschlagen
Im Rennen der U23 steht der Chilene Martin Vidaurre Kossman als grosser Favorit und als Titelverteidiger am Start. Anfänglich ist er Teil einer Viererspitze mit Mathis Azzaro (FRA) und den Italienern Filippo Fontana und Simone Avondetto. Der Schweizer Luca Schätti liegt noch auf Platz sechs, ist aber aufholen.
In Runde drei versucht Vidaurre eine Vorentscheidung herbeizuführen greift an und hat bald einen Abstand. Doch dieses Mal vermag der Chilene die Pace nicht halten, wird von Azzaro und Avondetto gestellt und bricht darauf ein. Während auch der Italiener sich vom Franzosen löst, kann Schätti nun auch an Vidaurre vorbeiziehen.
Simone Avondetto fährt als neuer U23-Weltmeister ins Ziel, Mathis Azzaro holt Silber und Luca Schätti verwaltet seinen Vorsprung und gewinnt Bronze vor dem Titelverteidiger. «Ich hatte nicht den perfekten Start, konnte mich danach aber Schritt für Schritt nach vorne arbeiten. Als ich Martin einholte, attackierte ich sofort, um von ihm wegzukommen. Danach wurde es nochmals richtig zäh. Dass ich jetzt, in meinem letzten U23-Jahr endlich den Sprung aufs WM-Podest geschafft habe, macht mich unfassbar glücklich», sagt Schätti.
Ferrand-Prévots Vorlage
Den Schnellstart bei den U23-Frauen macht Giada Specia. Die Italienerin fährt einige Sekunden raus und zieht Ronja Blöchlinger mit. Doch danach ist es die Französin Line Bourquier, die übernimmt und sich auf eine Solofahrt begibt und in Runde drei eindrücklich mit einer Rundenzeit im Elitebereich ihren Vorsprung ausbaut.
Die Positionen bleiben unverändert, Bourquier wird U23-Weltmeisterin vor der Holländerin Puck Pieterse und der Dänin Sofie Pedersen. Die Französin ist damit für einmal Vorbild für Pauline Ferrand-Prevot. Die Schweizerin Ronja Blöchlinger kann sich bis in Runde drei in der Verfolgergruppe halten, fällt danach aber etwas zurück und wird Fünfte. «Zu Beginn konnte ich gut mitfahren, versteckte mich berghoch etwas und arbeitete mich vor den Abfahrten nach vorne, um dort mein Tempo zu fahren. Ende der dritten Runde war ich mental bereits in der Schlussrunde, wir hatten aber noch zwei zu fahren. Das brachte kurz etwas aus der Fassung. Mit dem fünften Platz bin ich zufrieden, auch wenn ich weiss, dass mehr drinliegen sollte», resümiert Blöchlinger.