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Leider ist das Dokument, in dem die folgenden Überlegungen festgehalten sind, nur unvollständig bei mir vorhanden – auch die allfällige Bundesarchiv-Nummer fehlt mir. Nichtsdestotrotz ergibt es einen Einblick in die Überlegungen rund um die «Festung Gotthard», wahrscheinlich Ende der 1940er- oder Anfang der 1950er-Jahre erstellt.
Es ging dabei um die artilleristische Feuerkraft und deren Weiterentwicklung. «Grundsätzlich sollten eigentlich die veralteten Werke als kriegsunbrauchbar taxiert und daher aus den Kampfmitteln der Gotthardverteidigung abgeschrieben werden. Diese kategorische Lösung wäre zu verantworten, wenn die neuen Festungswerke allein genügen würden, den Ausfall der alten Werke zu decken.» Das schien offenbar nicht machbar. Zudem musste bei der Auflistung von Feuerkonzentrationen berücksichtigt werden, dass oftmals die taktische Lage es nicht gestattet, alle theoretisch möglichen Rohre auf einen bestimmten Wirkungsraum einzusetzen, da auch andere Wirkungsräume beschossen werden mussten. «Inwieweit der Einsatz von mobiler Artillerie vorhandene Lücken ausfüllen kann, hänge von der zukünftigen Organisation der St. Gotthardverteidigung ab und könne hier wohl übergangen werden.
Ausbau-Möglichkeiten der neuen Werke
Der nächste Abschnitt ist besonders spannend, werden dich mögliche Ausbauvarianten für die Werke erklärt. Zuerst die Ausgangslage:
In der Annahme, dass an der St.Gotthard-Südfront gleichzeitig im oberen Val Bedretto und in der Leventina gekämpft wird, werden ausser den zwei 15 cm-Kasemattkanonen Ost des Werkes Sasso da Pugna die drei 10,5 cm-Turmkanonen der Werke San Carlo und Foppa Grande gegen die Leventina eingesetzt werden müssen. Da für diese Aufgabe heute keiene mobile Artillerie zur Verfügung stehen wird, kann der Einsatz der Panzerartillerie mit 5 Rohren nicht als überwältigend beurteilt werden, ganz besonders, wenn nicht nur an den Hängen des Haupttales, sondern auch im Val Piora gekämpft wird.
In obiger Lage bleiben für das obere Val Bedretto vier 15 cm-Kanonen der Grimsel und Sasso da Pigna und vier 10,5 cm-Panzertüre von Fuchegg. Solange im Goms nicht gekämpft wird und auch noch mobile Artillerie zur Verfügung steht, zum Beispiel im Wittenwasserental und von Realp her, mag der Artillerieeinsatz gegen einen von San Giacomo einbrechenden Gegner befriedigend gelten. Sobald aber auch im Goms gekämpft wird, werden soweit möglich, die Geschütze der Grimsel – vielleicht auch von Fuchsegg – dorthin zu wirken haben. Es bleiben also im Fall, dass im Goms und in der Leventina gekämpft wird, für das obere Val Bedretto nur die zwei 15 cm-Kanonen des Sasso da Pigna West und erst von All’Acqua ostwärts die beiden 15 cm-Kanonen der Grimsel zum Einsatz zur Verfügung.
Aber auch wenn das Feuer der Fuchsegg im Goms nicht benötigt wird, bleiben für die gefährlichste Situation eine Einbruchs am San Giacomo nur 2 Kanonen von Grimsel, 2 Kanonen von Sasso da Pigna und 4 Kanonen von Fuchsegg. In Anbetracht der taktischen Bedeutung des San Giacomo für die Gotthardverteidigung sollte aber einem Einbruch nicht erst an der Landesgrenze durch Artilleriefeuer begegnet werden, sondern wir sollten unsere weittragende Artillerie insbesondere einsetzen können auf die grosse Fahrstrasse, die italienischerseits nach dem San Giacomo führt, um dessen Nachschub jederzeit noch während Kämpfen im oberen Val Bedretto stören zu können. Die Grenztruppen, welch den Einbruch vom San Giacomopass und vom Val Corno zu verhindern haben, sollten eine recht starke Artillerieunterstützung zur Verfügung haben, damit der Gegner seine Kräfte an dieser Sperre verbrauchen und durch schwierige Umgehungen im Gebirge den Weg ins mittlere Bedrettotal suchen muss. Eine Verstärkung des möglichen Artillerieeinsatzes gegen das obere Val Bedrettto drängt sich entschieden auf.
Gelangt ein Invasor vom Simplon her und vom Gries in das obere Goms, so fallen die Geschütze des Werkes Grimsel aus, weil sie in den Raum Grimselalp-Oberwald-Gletsch nicht wirken können. Es bleiben für den Einsatz die vier Kanonen von Fuchsegg, auf deren Feuer die Südfront in diese Sitation verzichten muss. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, nach Ausfall des alten Werkes Galenhütten an der Furka, speziell für das Gebiet Grimselalp und gegen die rechtsseitigen Alpenterrassen des oberen Goms, einen neuen Artillerieeinsatz zu suchen.
Fazit: Der Einsatz der Artillerie ist zu vermehren gegen das obere Val Bedretto und gegen das obere Goms.
Neue Geschütze, neue Festungen?
Die Verstärkung der Artilleriewirkung ist möglich:
- teilweise durch Neuarmierung der Werke auf der hinteren Linie von Fuchsegg und Gütsch
- durch den Bau von neuen Werken
- durch den Einbau eins dritten 10,5 cm-Turmes im Werk San Carlos
- durch Neuarmierung alter Festungswerke (zum Beispiel Bäzberg)
Die Neuarmierung der bestehenden neuen Werke wäre zu prüfen, indem die 10,5 cm-Panzerkanonen der Werke Fuchsegg und Gütsch gegen 15 cm-Kanonen vertauscht würde. Die dadurch freiwerdenden 10,5 cm Türme könnten verwendet werden zur Neubewaffnung des Bäzbergs und Vergrösserung des Werkes San Carlo.
Die Vermehrung der Bestückung des Werkes San Carlo durch einen dritten 10,5 cm-Panzerturm rechtfertigt sich durch bessere Ausnützung der Anlage. Der dritte Turm sollte östlich des Werkes eingebaut werden und hätte ein Munitionsmagazin und einen Unterkunftsraum für ca. 30 Mann sowie einen Zugangsstollen zum bestehenden Werk nötig.
Für die Neuarmierung alter Werke käme in Betracht das Werk Bäzberg, indem die drei 12 cm-Panzerturmkanonen durch moderne Kanonen ersetzt werden könnten. Die Emplacemente der drei Türme auf dem Bäzberg stehen in hinreichenden Intervallen, eventuell könnte einer der drei Geschützstände mit vergrössertem Intervall neu erstellt werden. Die Prüfung der Neuarmierung drängt sich auf, weil dieses Werk in gutem Fels gebaut ist und ausserdem neue Stollen und Wohnräume sowie Maschinen- und Ventilationsanlagen in den letzten Jahren geschaffen wurden, die heutigen Ansprüchen entsprechen.
Die Neuarmierung der neuen Werke Fuchsegg und Gütsch durch Auswechslung der 10,5 cm Kanonen mit 15 cm Kanonen und der Ersatz der 12 cm-Kanonen des alten Werkes Bäzberg durch neue Kanonen würden ermöglichen, im Val Bedretto und in der oberen Leventina, also vor der Hauptabwehrfront der Südfront, eine sehr wirksame Verstärkung der Feuerkonzentration zu sichern. Dem Verteidiger des St. Gotthard würde mit diesem Ausbau die Möglichkeit gegeben, überall und gleichzeitig eine starke Artillerie einzusetzen und seine motorisierte Artillerie je nach Lage auf den verschiedenen Fronten zur Verstärkung der ortsgebunden Festungsartillerie für den Aufbau von Schwergewichtssituationen auszunützen.
Es folgt eine Beurteilung der Waffen der alten Festungswerke. Diese ist sehr detailliert. Zum Beispiel hat im Fort Airolo das Rohr rechts Nr. 6 (12 cm Panzerturm) 3195 Schuss verschossen. Im gezogenen Teil sind Rostgruben über die ganze Länge vorhanden, ein alter Rohrkrepierer hat seine Spuren hinterlassen, diverse Felder im Rohr sind beschädigt und nach dem Übergangskonus gibt es «Längsrissli».
Die Details der weiteren Geschütze respektive Festungen sind auf den bei mir fehlenden Seiten.
Es zeigt aber, dass die meist als sehr stark beurteilte Festungsartillerie bei genauer Betrachtung durchaus Schwächen in einem realistischen Einsatz gehabt hätte. Andererseits wurde die Konzeption nicht nur hinterfragt, sondern auch nach Lösungen gesucht. Dass keine der erwähnten Anpassungen ausgeführt wurde, hat ziemlich sicher auch mit den Finanzen zu tun. Mobile Artillerie ist viel günstiger als verbunkerte Geschütze, flexibler einzusetzen, und zudem wurde ab Ende der 1940er Jahre massiv in die wachsende Luftwaffe investiert. Die auch als Erdkämpfer beschafften Typen sollten ihre Waffen auch ins Hinterland des Feindes tragen.