Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/641

Der Titel von Frau Professor Doktor Doktor Falkenburgs Buch ist verkaufstechnisch geschickt, inhaltlich aber nicht ganz präzise gewählt. Denn die Physikerin und Philosophin Brigitte Falkenburg behandelt in ihrem Buch zum einen vor allem das Reduktionsproblem der Hirnforschung, das nur am Rande mit Determinismus zu tun hat, zum anderen zeigt sie keineswegs, dass der Determinismus ein "Mythos" ist. Vielmehr gesteht sie sogar ein, dass es selbst in der möglicherweise indeterministischen Quantenmechanik viele deterministische Elemente gebe (z.B. S. 279) und deterministische Deutungen der Quantenmechanik durchaus möglich seien. Den "Determinismus für die Quantenprozesse metaphysisch durch verborgene Parameter oder Parallelwelten zu retten" findet sie schlicht "auch nicht plausibel" (S. 377) - es ist aber nicht unmöglich. Erstaunlich ist dieses Eingeständnis deshalb, da mit Ausnahme der Quantenmechanik (vermutlich) alle naturwissenschaftlichen Theorien deterministisch sind und sich Frau Falkenburg als Wissenschaftlerin versteht. Es stellt sich deshalb die Frage, wie Frau Falkenburg den Determinismus ausserhalb der Quantenmechanik als "Mythos" entlarven will und welche Folgen sich daraus ergeben.
Kausalitätslücken
Wie der Untertitel des Buchs ("Wieviel erklärt uns die Hirnforschung") andeutet versucht Frau Falkenburg den Determinismus mittels Argumenten rund um die Hirnforschung als Mythos zu entlarven. Ihre Strategie sieht dabei so aus, dass sie zu zeigen versucht, dass Bewusstsein nicht (ausschliesslich) durch Prozesse im Gehirn kausal hervorgebracht, respektive determiniert wird. Sie argumentiert, dass es zwischen Gehirn, respektive der physikalischen Welt und dem Bewusstsein eine unüberwindbare Erklärungslücke gebe, dass hier eine Kausalitätslücke existiere, die die Hirnforschung aus grundsätzlichen Gründen nicht werde überwinden können. Eine Welt mit Kausalitätslücken könne aber "schwerlich als kausal geschlossen betrachtet werden." Deshalb müsse der Determinismus aufgegeben werden. Sie lässt allerdings ein kleines Türchen offen, indem sie eingesteht, dass ein Determinismus möglich wäre - allerdings nur gegen die Zahlung eines hohen metaphysischen Preises (z.B. S. 378).
Indem sie auf mögliche Kausalitätslücken der aktuellen Hirnforschung hinweist, glaubt Frau Falkenburg den Determinismus widerlegen zu können. Diese Strategie erinnert ein wenig an die Strategie der Kreationisten, die die Evolutionstheorie mittels "Evolutionslücken" zu falsifizieren suchen. Kausalitätslücken würden aber auch bedeuten, dass die klassische Physik falsch, da nicht deterministisch sein müsste. Denn Frau Falkenburg lehnt Vorstellungen als "hochspekulative Metaphysik" ab, "die Quanteneigenschaften der Gehirnmaterie" für Bewusstsein verantwortlich machen wollen. "Bewusstsein - als Fähigkeit, etwas aus subjektiver Perspektive zu erleben - ist phänomenologisch etwas völlig anderes als physikalische Eigenschaften wie Farbe oder Energie, die sich objektivieren und messen lassen; und hierin liegt das größte Reduktionsproblem der Hirnforschung." (S. 341f.)
Bewusstsein lässt sich gemäss Frau Falkenburg weder quantenphysikalisch noch klassisch physikalisch erklären, weshalb es etwas "Nichtphysisches" sein müsste. So schreibt Frau Falkenburg, dass sich Bewusstsein nicht auf physische Prozesse reduzieren lasse, dass Bewusstsein etwas so grundsätzlich Verschiedenes von etwas Physischem sei, dass es auch nicht kausal durch das physische Gehirn hervorgebracht werden könne. Sie ist der Überzeugung, dass eine "außerwissenschaftliche Lebenswelt" existiere, auf die "innerwissenschaftliche Forschungsperspektiven" nicht verallgemeinert werden dürften (S. 54). Für diese "außerwissenschaftliche Lebenswelt" gelten demnach grundsätzlich andere Regeln als für die innerwissenschaftliche physische Welt, was Frau Falkenburg direkt zu einem Leib-Seele Dualismus führt.
Leib-Seele Dualismus
Darunter versteht man die Vorstellung, dass Bewusstsein zu einer grundsätzlich nichtphysischen Substanz gehört, die unabhängig von der physischen Welt existiert, aber mit dieser interagieren kann. Da Frau Falkenburg eine "Kausalitätslücke" zwischen Gehirn und Bewusstsein konstatiert und der Ansicht ist, dass sich Bewusstsein nicht auf physische Mechanismen reduzieren lässt, aber gleichwohl existiert, ist ihre im Buch dargestellte Theorie offensichtlich dualistisch. Einen Dualismus lehnt Frau Falkenburg auf Seite 403f. allerdings vehement ab: "Natürlich schließen diese Erklärungslücken nicht aus, dass das Gehirn den Geist hervorbringt. Es ist höchst unplausibel, dass die Evolutionsbiologie ausgerechnet in dem Punkt falsch sein sollte, der die letzte und größte narzisstische Kränkung der Menschheit nach Freud betrifft; zumal ja in Bezug auf die kognitiven Fähigkeiten und das Bewusstsein der Unterschied zwischen uns und den Tieren nur graduell ist - wir können Schimpansen, Katzen oder Raben nicht fragen, wie sie sich fühlen. Der Geist ist nicht vom Himmel gefallen, und der Dualismus ist durch meine kritische Untersuchung auch um keinen Deut plausibler geworden."
Schöner könnte man einer der Kernaussagen ihres eigenen Buches kaum widersprechen! Die von ihr postulierten Erklärungslücken beweisen wie sie selbst eingesteht keineswegs, dass das Gehirn den Geist nicht hervorbringt. Vielmehr legt die "letzte und größte narzisstische Kränkung der Menschheit nach Freud" nahe, dass sich Geist und Bewusstsein evolutionär entwickelt haben müssen und nicht "vom Himmel gefallen" sind. Eine evolutionäre Entwicklung von Geist und Bewusstsein impliziert allerdings, dass es keine Kausalitätslücke zwischen physischer Welt und angeblich nichtphysischem, "außerwissenschaftlichem" Bewusstsein geben kann. Denn evolutionär gedacht, haben sich im Laufe der Zeit erste Lebensformen entwickelt, von denen einige erste Nervenzellen und später erste Formen von subjektiv erlebtem Bewusstsein gebildet haben. Bewusstsein muss sich gemäss der Evolutionstheorie kausal aus dem Physischen heraus entwickelt haben - oder es müsste ein nichtphysisches Bewusstsein nach mehreren Jahrmilliarden der Evolution irgendwie "kreiert" worden sein und an das erste Lebewesen angedockt haben, das über Bewusstsein verfügte. Diese kreationistische Vorstellung entspricht dem Bild vom Geist, der vom Himmel gefallen ist und sich nicht evolutionär entwickelt hat. Frau Falkenburg widerspricht sich im obigen Absatz also direkt selbst, da die Vorstellung von Kausalitätslücken nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar ist und direkt zu einem Dualismus führt.
Naturalismus
Um einen Dualismus zu vermeiden, müssten die behaupteten Kausalitätslücken gefüllt werden können, wie es der von Frau Falkenburg kritisierte Naturalismus annimmt: die Kausalitätslücken sind gar keine Kausalitätslücken, sondern blosse Erklärungslücken. Es erscheint uns so, als ob Kausalitätslücken existierten, da unser Verständnis wie die Welt funktioniert noch ungenügend ist. Wir wissen zwar (noch) nicht wie, aber Bewusstsein wird rein kausal durch Prozesse im mit einem Körper und einer Welt verbundenen Hirn hervorgebracht, respektive determiniert. Eine solche naturalistische Vorstellung ergibt sich aus der Evolutionstheorie, wird von der von Frau Falkenburg kritisierten Hirnforschung mit sehr guten Gründen angenommen und von Frau Falkenburg meistens vehement bekämpft.
Was man sich unter einem solchen "Naturalismus" vorstellen kann beschreibt Frau Falkenburg sehr schön, wenn auch nicht ganz korrekt auf Seite 49: "Das Kausalprinzip besagt: "Alle Ursachen natürlicher Phänomene sind wiederum natürlich." Es ist dafür geschneidert, allen metaphysischen Monstern in unseren Erklärungen den Garaus zu machen. Wissenschaftliche Erklärungen sind kausal: und kausale Erklärungen dienen dazu, Geister, Götter, Spuk und Wunder aus unserem Verständnis des Naturgeschehens zu verbannen. Das Kausalprinzip unbeschränkt zu verallgemeinern und dabei die Natur ausschließlich als physische Natur (unter Ausschluss der mentalen Phänomene) zu betrachten, führt zu (K) der kausalen Geschlossenheit der Natur. Das Problem ist nur: Unser subjektives Erleben, unsere Absichten und alle bewusst von uns gewollten Handlungen, also gerade das, was unserer Alltagserfahrung am nächsten liegt, alles dies bekommt dadurch ebenfalls den Status von Geistern, Spuk und Wundern." (Hervorhebungen im Original)
Naturalisten sind in der Tat der Ansicht, dass die Natur kausal geschlossen ist und deshalb (nichtphysische) Geister, Götter, Spuk und Wunder nicht existieren. Genau aus diesem Grund argumentieren sie allerdings anders als es Frau Falkenburg hier darstellt dafür, dass mentale Phänomene wie Geist oder Bewusstsein physisch sein müssen. Naturalisten sind der Ansicht, dass es keine Kausalitätslücke zwischen Gehirn und Bewusstsein gibt, da mentale Phänomene vollkommen natürliche und physische Phänomene sind, die natürlichen, kausalen und physischen Gesetzen gehorchen. Sie sind deshalb der Überzeugung, dass der Geist nicht vom Himmel gefallen, dass die Welt nicht dualistisch, sondern dass sich das Bewusstsein genauso wie alles andere ganz natürlich und physisch evolutionär entwickelt hat. Dass Frau Falkenburg solche Ideen auf Seite 403f. befürwortet, sie hier auf Seite 49 aber ablehnt ist typisch für die Widersprüchlichkeit ihres Buches.
Diese Widersprüchlichkeit zeigt sich auch darin, dass es gerade Frau Falkenburg selbst ist, die mentale Phänomene mit Geistern, Spuk und Wundern gleichsetzen muss - und auch an verschiedenen Stellen ihres Buches tut. Sie wirft hier ihren Gegnern fälschlicherweise vor, was sie selbst (!) zu tun gezwungen ist, wenn ihre Theorie korrekt sein sollte. Denn da Frau Falkenburg die Vorstellung ablehnt, dass es sich bei mentalen Phänomenen um etwas Physisches handelt, ist sie logischerweise dazu genötigt, sie für etwas Nichtphysisches zu halten. Dass sie diese Vorstellung gleich selbst abwertet, indem sie als Beispiele für Nichtphysisches Geister, Spuk und Wunder nennt kann man als klassisches Eigentor verstehen, auf das wir weiter unten noch ausführlicher eingehen werden.
Naturalismus oder Dualismus
In der Vorstellung der Naturalisten ist die Natur kausal geschlossen, was bedeutet, dass nichts "Übernatürliches" oder "Nichtphysisches" auf die Natur kausal einwirken, aber auch die Natur nichts Übernatürliches oder "Nichtphysisches" hervorbringen kann. Der Naturalismus ist damit "monistisch". Er geht davon aus, dass sich alles, was existiert zumindest theoretisch auf Natürliches zurückführen lässt. Naturalisten sind deshalb auch der Überzeugung, dass sich das Reduktionsproblem auf natürliche Art und Weise lösen lassen muss, auch wenn es sich dabei um eine sehr grosse Herausforderung handelt.
Im Gegensatz dazu betonen dualistische Positionen die grundlegende Verschiedenheit von physischer Welt und phänomenalem, subjektivem Bewusstsein. Letzteres sei derart anders, dass es sich um nichts Physisches, um nichts physikalisch Erklärbares handeln könne. Diese grundlegende Verschiedenheit ist allerdings weniger das Grundproblem als die Frage, ob dieses nichtphysische, phänomenale Bewusstsein eine eigene "Substanz" ist, ob es auch unabhängig von der physischen Welt existieren und ob es kausal mit der physischen Welt interagieren kann. Während Dualisten in der Regel alle drei Optionen bejahen, sind Naturalisten der Ansicht, dass alles, was mit der physischen Welt kausal interagieren kann auch zur "physischen Substanz" gehören muss, egal wie verschieden es ist. Dies bedeutet aber auch, dass es nicht unabhängig von der physischen Welt existieren kann, dass es beispielsweise keine Seele gibt, die den Tod eines Menschen "überlebt". Nicht Verschiedenheit ist also für Naturalisten das Kriterium, um von einem Dualismus zu sprechen, sondern die fehlende Möglichkeit der kausalen Interaktion. Egal wie verschieden phänomenales Bewusstsein und physische Welt auch sind: solange sie kausal interagieren können gehören sie zur selben Substanz. Dies scheint auf Bewusstsein und Gehirn zuzutreffen, da die physische Welt kausal auf das Bewusstsein einwirken kann wie auch umgekehrt Bewusstsein (vermutlich) kausal auf die physische Welt. Stimmt diese Vorstellung, dann bilden Bewusstsein und physische Welt zumindest eine teilweise kausale Einheit, selbst wenn es sich bei beiden um etwas grundsätzlich Verschiedenes handelt. Das Reduktionsproblem bleibt zwar bestehen, doch bedeutet dies nicht, dass deshalb Kausalitätslücken existieren müssen. Vor allem aber ist damit gezeigt, dass es sich beim Reduktionsproblem nicht zwingend um ein Problem handelt, das mit der Frage nach Determinismus zu tun hat.
Es gibt also sehr gute Gründe, warum "kaum ein Philosoph es heute wagt, die These (K) der kausalen Geschlossenheit der Natur in Frage zu stellen", wie Frau Falkenburg offensichtlich erstaunt auf Seite 50 schreibt. Viele Philosophen und Wissenschaftler sehen keine Alternative zum Naturalismus, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Annahme einer kausal geschlossenen Welt den Vorteil hat, dass sie im Gegensatz zu dualistischen Vorstellungen mit (fast) allen naturwissenschaftlichen Theorien vereinbar ist. Wenn aber so vieles gegen die von Frau Falkenburg behauptete Existenz von Kausalitätslücken spricht, stellt sich die Frage, wie sie deren Existenz begründet. Auf Seite 377f. findet sich eine gute zusammenfassende Antwort auf diese Frage:
Warum Kausalitätslücken
"Die Physik legt uns also nahe, von unserem vorwissenschaftlichen Kausalitätsverständnis entweder den strikten Determinismus oder die zeitliche Ordnung von Ursache und Wirkung aufzugeben - jedenfalls, wenn wir nicht zu metaphysischen Annahmen größeren Kalibers bereit sind. Wer an einem strikten, ernst gemeinten neuronalen Determinismus festhält, muss wissen, was er tut. Im Hinblick auf die physikalischen Grundlagen der neuronalen Mechanismen lädt er sich eine der folgenden Optionen auf (siehe 5. Kapitel): eine absolute Zeit; verborgene Quanten-Parameter; Quanten-Parallelwelten mit oder ohne Block-Universum: oder aber den Abschied vom althergebrachten Verständnis der Naturgesetze zugunsten der Betrachtung des Universums als eines gigantischen zellulären Automaten, der auf der Planck-Skala arbeitet. Hand aufs Herz: Muss das sein? Nur, um die Intuition einer deterministischen Kausalität mit absolutem Zeitpfeil zu retten, die aus dem 18. Jahrhundert stammt? ... Unabhängig davon, ob es Wunder, göttliches Eingreifen, menschliche Gedankenkräfte oder was auch immer neben physischen Ursachen gibt oder auch nicht: Eine Welt mit Kausalitätslücken kann schwerlich als kausal geschlossen betrachtet werden. ... Wie Sie es auch drehen und wenden: Entweder Sie geben den Determinismus auf und die These (K) der kausalen Geschlossenheit der Welt besagt nicht mehr viel. Oder Sie bezahlen einen hohen metaphysischen Preis." (S. 377f.)
An diesem Abschnitt erstaunt zuerst einmal, dass Frau Falkenburg die Kausalitätslücken mit Quantenmechanik begründet, obwohl sie an verschiedenen Stellen, besonders deutlich auf Seite 99 schreibt, dass die "Entstehung des Geistes im Gehirn ... sicher kein Quantenffekt" sei (Hervorhebung im Original). Die im Abschnitt verwendeten "Quantenargumente" beziehen sich aber sowieso nicht speziell auf den "neuronalen Determinsmus", sondern auf sämtliche Bereiche, wo Quantenmechanik eine Rolle spielt. Warum die Quantenmechanik hier gerade für die mögliche Existenz einer Kausalitätslücke zwischen Gehirn und Bewusstsein herhalten muss ist deshalb nicht leicht nachzuvollziehen.
Da das Füllen der Kausalitätslücken gemäss Frau Falkenburg zudem möglich wäre, müssen die erwähnten metaphysischen Kosten genauer unter die Lupe genommen werden. Denn Frau Falkenburg geht es in ihrem Buch gerade darum, eine andere uralte Intuition zu "retten", die heute sogar gemäss ihr von fast allen Vertretern der Philosophie des Geistes (wohl nicht ohne Grund) verworfen wird (S. 53): die Existenz einer indeterministischen Willensfreiheit. Nicht ohne Ironie ist zudem, dass sie solchen Philosophen nahelegt "sich lieber wieder einmal mit Kant" zu befassen (S. 52), einem Philosophen aus dem 18. Jahrhundert, dessen Erkenntnistheorie dualistisch und nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar ist und die als Versuch verstanden werden kann, indeterministische Willensfreiheit zu "retten". Wir werden auf all diese Punkte zurückkommen.
Das fehlerhafte Bild der Kausalitätslücken
Was Frau Falkenburg in diesem Abschnitt verschweigt ist die Tatsache, dass auch die Existenz von Kausalitätslücken gravierende metaphysische Kosten nach sich ziehen würde, was sich nur schon daran zeigt, dass das Bild der Kausalitätslücke alles andere als klar ist. Eine Lücke impliziert, dass auf beiden Seiten der Lücke etwas ist, das grundsätzlich von gleicher Art ist: eine Lücke in einer Strasse bedeutet, dass auf beiden Seiten der Lücke eine Strasse vorhanden ist. Wird die Lücke gefüllt, sind die Strassenstücke direkt verbunden und können nun direkt genutzt werden. Solange die Lücke aber klafft, lässt sich die Lücke nicht überwinden, kann von der einen Seite der Strasse nicht auf die andere Seite der Strasse gewechselt werden. In Analogie zum Bewusstsein würde das bedeuten, dass es in der physischen Welt eine Wirkung wie einen Sinnesreiz gibt, der durch eine Lücke (vermutlich im Gehirn) unterbrochen wird und deshalb entweder nicht oder nur über einen Umweg im (physischen) Bewusstsein ankommt. Ein Umweg würde eine Kausalitätslücke aber ebenfalls überwinden, weshalb die Rede von "Kausalitätslücken" bedeuten müsste, dass physische Reize nicht im Bewusstsein ankommen würden, dass Bewusstsein und physische Welt nicht kausal interagieren könnten. Es würde sich also streng genommen gar nicht um eine Lücke handeln, sondern um einen Graben, der die Strasse enden liesse und auf dessen anderen Seite keine Strasse weiterführen würde. Physische Ursachen endeten im Gehirn und wären nicht mit dem Bewusstsein verbunden, eine offensichtlich fehlerhafte Vorstellung.
So entspricht die Vorstellung von "Kausalitätslücken" vielleicht auch mehr der Vorstellung, dass eine Lücke zwischen physischer Welt und nichtphysischem Bewusstsein existiert. Auf der einen Seite der Lücke existiert die physische Welt, auf der anderen ein nichtphysisches Bewustsein. Und zwischen beiden klafft eine Lücke - bloss handelte es sich dabei nicht um eine "Lücke" im klassischen Sinne. Denn in Analogie würde dies bedeuten, dass nicht eine Lücke zwischen zwei Strassenstücken (zwischen zwei physischen Elementen) klaffen würde, sondern beispielsweise zwischen einer Strasse auf der einen und Eisenbahnschienen auf der anderen Seite. Voraussetzung dafür, dass die Analogie funktioniert wäre allerdings, dass ein Fahrzeug, das auf Strassen (physisch) fahren kann grundsätzlich nicht auf Eisenbahnschienen (nichtphysisch) fahren kann und umgekehrt. Ein kausaler Sinnesreiz würde diesem Bild entsprechend nicht nur durch eine Lücke gestoppt und könnte nicht im Bewusstsein weiter wirken, sondern selbst wenn die Lücke gefüllt würde, könnte er seine Wirkung im Bewusstsein nicht entfalten, da er nicht "schienenkompatibel" wäre. Wäre die Lücke überbrückbar durch eine Art Hybridfahrzeug, das sowohl auf Strassen wie auch auf Schienen fahren könnte, bliebe die Lücke gleichwohl entweder bestehen - oder Bewusstsein und physische Welt wären kausal verbunden. Gewonnen wäre also auch damit nichts.
Kausalitätslücken in diesem Sinn können sowohl logisch wie auch empirisch faktisch ausgeschlossen werden. Zudem ist auch Frau Falkenburg selbst darauf angewiesen, dass die Kausalitätslücken insbesondere vom Bewusstsein her überwunden werden können, dass "nichtphysische Ursachen" kausal in die physische Welt hineinwirken können wie sie auf Seite 27 schreibt. Es stellt sich aber auch die Frage, wie sich Bewusstsein ohne kausale Verbindung vom physischen Körper her denken lässt. Ein solches wäre nicht einmal ein Epiphänomen der physischen Welt, sondern vollständig abgetrennt, was eine radikal-dualistische Vorstellung wäre. Ohne Überwindung der Kausalitätslücke könnte weder ein Sinnesreiz Ursache für eine Veränderung im Bewusstsein sein, noch eine bewusste Absicht Ursache für eine Veränderung in der physischen Welt. Sollte Frau Falkenburg einen solchen Begriff von "Kausalitätslücke" haben, lässt sich dieses Bild nicht einmal mit ihrer eigenen Theorie vereinbaren.
Das Bild der Kausalitätslücke liesse sich aber vielleicht auch so verstehen, dass es durchaus Bereiche gibt, wo Gehirn und Bewusstsein kausal miteinander verbunden sind, dass es aber vor allem auch Bereiche gibt, wo dies nicht der Fall ist. Sollten Bewusstsein und physische Welt aber doch interagieren können, müsste es eine alternative, nichtkausale Form der Verbindung geben, die die Kausalität quasi ersetzt - oder die Kausalitätslücken der zweiten Art blieben bestehen. Das Problem mit dieser Vorstellung besteht darin, dass es sehr stark nach einer anderen Form von Dualismus "riecht": es stellte sich die Frage, wie die kausal-deterministischen Verbindungen mit den nichtkausal-indeterministischen interagieren können sollten. Eine solche Vorstellung scheint Frau Falkenburg aber zumindest an manchen Stellen ihres Buches zu vertreten.
loses Bedingungsgefüge
So spricht sie auf Seite 384f. von einem "losen Bedingungsgefüge", das Kausalität ersetzen, respektive ergänzen soll: "Was also erklärt uns die Hirnforschung, und was erklärt sie uns nicht? Sie erklärt uns viele neuronale Mechanismen, die das Gehirngeschehen steuern. Und sie liefert uns tiefe Einsichten in beidseitige kausale Beziehungen, die das Gehirn und das Bewusstsein miteinander verbinden. Diese kausalen Beziehungen sind aber viel schwächer als die neuronalen Deterministen uns glauben machen wollen. Sie bilden ein loses Bedingungsgefüge im Sinne des Empiristen John Stuart Mill, aber keine Zusammenhänge, die durch strikt deterministische Gesetze regiert werden. Dabei erklären sie immerhin, welche physischen Faktoren kausal relevant für das Auftreten von mentalen Dysfunktionen sind, und wie sich mit Medikamenten oder anderen Therapien darauf Einfluss nehmen lässt."
Nicht ganz klar wird hier, ob Frau Falkenburg den ganzen Begriff der Kausalität durch das "lose Bedingungsgefüge" ersetzen will oder nur einen Teil. Analysiert man diese Vorstellung allerdings etwas genauer, tauchen so oder so neue Probleme auf. So sollen zwar "beidseitige kausale Beziehungen" zwischen Gehirn und Bewusstsein existieren, sollen gewisse physische Faktoren kausal relevant sein für Veränderungen im Bewusstsein, aber irgendwie ohne dabei - kausal zu sein. Kausalität kann aber nicht "stark" oder "schwach" sein, Kausalität ist nicht nur ein "loses Bedingungsgefüge". Entweder sind zwei Ereignisse kausal verbunden oder sie sind es nicht. Man kann sich das anhand einer Kette vorstellen, deren Glieder entweder miteinander verbunden sind oder eben nicht. Eine lose oder halbe Verbindung gibt es nicht, wobei Kausalketten sehr starke Ketten zu sein scheinen, bei denen ein Glied nicht mit wenig Aufwand "weggerissen" werden kann. Diese Idee wird vielleicht noch klarer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass beim Blick in die Vergangenheit Kausalketten nicht mehr verändert werden können. Könnten sie das, wäre ein Verändern der Vergangenheit möglich.
Frau Falkenburg scheint hier den Begriff der Kausalität nicht nur abzuschwächen, sondern ihm regelrecht eine neue Bedeutung zuzuschreiben, um die offensichtlich real existierenden kausalen Verbindungen zwischen Gehirn und Geist "nichtkausal" erklären zu können. Dass Kausalität eine Voraussetzung ist für eine sinnvolle Verbindung zwischen Gehirn und Bewusstsein und dass dafür ein "loses Bedingungsgefüge" nicht genügt, zeigen allerdings schon einfache Beispiele. So wäre Aspirin ohne Kausalität nicht kausale, physische Ursache für das Nachlassen der Kopfschmerzen, wären Sinnesreize nicht kausal ursächlich für eine bewusste Erfahrung, wäre die Kugel, die das Herz trifft nicht Ursache dafür, dass das Bewusstsein für immer erlischt. Es ist nicht ersichtlich, wie ohne Kausalität erklärt werden könnte, dass immer wenn ein wacher Mensch ohne spezifische organische Störungen die Augen öffnet ihm ein bewusstes, durch Sinnesreize mit verursachtes Bild erscheint. Der "Bewusstseinsstrom" ist offensichtlich kausal von Inhalten aus der Welt abhängig, Erinnerungen werden nachweislich im Hirn gespeichert, eine bestimmte Reizung gewisser Stellen im Gehirn führt kausal zu Veränderungen im Bewusstsein. Es ist zudem eine Tatsache, dass Geist und Bewusstsein grundsätzlichen deterministischen Naturgesetzen, sowie chemischen und physikalischen Gesetzen gehorchen. Geistige Aktivität führt zu einem erhöhten Stoffwechsel im Gehirn, geistige Aktivität benötigt Energie, geistige Aktivität geht stets einher mit Prozessen im Gehirn, geistige Prozesse gibt es nicht losgelöst vom Gehirn. Dabei handelt es sich nicht nur um "lose" Zusammenhänge, sondern Gehirn und Geist sind aufs Engste miteinander "verzahnt". Ein "loses Bedingungsgefüge" reicht dafür definitiv nicht, da das Öffnen der Augen nicht "manchmal" zu einem bewusst wahrgenommenen Bild führt, sondern wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind, dann folgt notwendigerweise daraus, dass etwas bewusst wahrgenommen wird. Dies bedeutet aber auch, dass zwischen dem chemischen Wirkstoff des Aspirins und dem Bewusstsein keine Kausalitätslücke klafft und dass sowohl Bewusstsein wie auch der chemische Wirkstoff des Aspirins insofern wesensgleich sein müssen, als sie kausal interagieren können. Gibt es aber eine kausale Verbindung zwischen Gehirn und Bewusstsein, ergibt es wenig Sinn, dass diese Verbindung nur teilweise kausal sein soll und daneben noch Verbindungen existieren sollen, die bloss durch ein "loses Bedingungsgefüge" verbunden sind.
Soll die Existenz von Kausalität nicht vollständig geleugnet und nur die Verbindung zwischen Gehirn und Bewusstsein durch ein "loses Bedingungsgefüge" ersetzt werden, ergeben sich allerdings einmal mehr Probleme mit dem Bild der Kausalitätslücke. Denn in diesem Fall würde man versuchen die Lücke zwischen Strasse und Eisenbahnschienen mittels eines Schifffahrtskanals ("loses Bedingungsgefüge") zu überwinden, um so der Kausalität, die nur auf Strassen "fahren" kann mit der Eisenbahnschiene zu verbinden. Eine physische Wirkung (Auto auf der Strasse) soll also quasi mittels Schifffahrtskanal ("loses Bedingungsgefüge") mit der Eisenbahn (nichtphysisches Bewusstsein) verbunden werden. Damit der Gedanke funktionieren könnte, müsste also der ganze Begriff der Kausalität durch ein "loses Bedingungsgefüge" ersetzt werden, was allerdings auch nicht wirklich weiterhelfen würde. Dies lässt sich mit einem weiteren Bild leicht illustrieren. Versucht man eine Lücke, also beispielsweise einen Graben mittels einer an Ketten aufgehängte Hängebrücke zu überwinden, funktioniert das nur, wenn die Kettenglieder fest miteinander verbunden sind. Ein "loses Bedingungsgefüge" muss also entweder auch fest verbunden sein - oder die Brücke wird die Lücke nicht überwinden können. Die Glieder können zwar auch ein wenig "lose" sein, sie müssen aber verbunden sein. Das "lose Bedingungsgefüge" ist also entweder eine Verbindung oder eine Lücke - egal ob es sich dabei um eine kausale Verbindung handelt oder nicht.
Der Kausalitätsbegriff von Immanuel Kant
Eine weitere Strategie von Frau Falkenburg, die kausale Verbindung zwischen Gehirn und Geist in Frage zu stellen besteht darin, den Kausalitätsbegriff angeblich im Sinne Immanuel Kants nur als "methodologisches Prinzip" zu verstehen. So schreibt sie beispielsweise auf Seite 400: "Wer Kant folgt, nimmt an, dass das Kausalprinzip heuristisch ist, methodologischen Charakter hat und ein apriorischer Grundsatz aller empirischen Naturerkenntnis ist." Diese Aussage erstaunt insofern, als ein "apriorischer Grundsatz" gemäss Kant absolute Notwendigkeit, "unbeschränkte Gültigkeit" (S. 27) besitzt und Kant der Ansicht war, dass Kausalität eine notwendige Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung sei und eben nicht nur ein heuristisches Prinzip. Gerade die Notwendigkeit von Kausalität hatte Kant aus seinem "dogmatischen Schlummer" geweckt, da diese mit der herkömmlichen Erkenntnistheorie nicht erklärt werden konnte. Kant war der Überzeugung mittels seiner Transzendentalphilosophie zeigen zu können, wie sinnlich Erfahrenes notwendige Elemente enthalten kann, wie Kausalität notwendig sein kann, obwohl Sinneserfahrungen niemals Notwendigkeit beanspruchen können.
Für Kant ist das Kausalprinzip also gerade nicht nur ein methodologisches Prinzip, sondern ist Kausalität eine der Grundlagen, ohne die Erfahrung gar nicht möglich ist. Doch selbst wenn Kant so verstanden werden können sollte, wie es Frau Falkenburg hier tut, erstaunt an diesem Zitat, dass Frau Falkenburg Kausalität als heuristisches Prinzip gleichsetzt mit einem "apriorischen Grundsatz". Denn dabei handelt es sich um zwei völlig verschiedene Sachverhalte, wie sich gut mit einem Zitat von Seite 371 erläutern lässt: "Kants Kausalprinzip wird am besten als methodologischer Grundsatz verstanden - als die Devise, nach den Ursachen gegebener Phänomene zu suchen." Das Kausalprinzip als methodologischer Grundsatz ist gemäss Frau Falkenburg dazu da, nach den Ursachen gegebener Phänomene zu suchen. Gegebene Phänomene verfügen damit aber definitiv auch über Ursachen, da diese sonst nicht gesucht werden können. Beim methodologischen Grundsatz handelt es sich also um die Devise, nach den wahren Ursachen zu forschen. Man sucht Gründe, die im Idealfall den Ursachen entsprechen, die aber keine Notwendigkeit beanspruchen können, da es sich dabei nur um eine Heuristik, da es sich dabei nur um ein "methodologisches Kausalprinzip" handelt. Diese Begründungen sind aber definitiv nicht dasselbe wie eine unserer Welt oder zumindest unserer phänomenal-bewussten Erfahrung zugrundeliegende Kausalität. Das eine ist nur ein Versuch mittels einer "Kausaltheorie" die Welt möglichst akkurat, wenn vermutlich auch nicht korrekt zu beschreiben, das andere sind "real existierende" Ursachen, die gemäss Kant notwendige Bedingungen für Erfahrung sind. Setzt aber jede sinnliche Erfahrung Kausalität (notwendig) voraus, kann es in dieser auch keine Kausalitätslücken geben, sehr wohl aber (heuristische, methodologische) Erklärungslücken.
Das Betonen der "realen Existenz" von Kausalität ist vor allem deshalb von Bedeutung, da Frau Falkenburg diese "realen Ursachen" in einem weiteren Schritt quasi aufhebt und Kausalität (scheinbar) nur noch als methodologisches Prinzip betrachtet: "Was auch die richtige Kant-Lesart sein mag: für unsere Zwecke ist nur ein einziger Punkt bedeutsam: Wenn man das Kausalprinzip bloß als methodologisches Prinzip (und sonst nichts [(!)]) betrachtet, so steht die Annahme, dass es für das Naturgeschehen uneingeschränkt gilt, nicht mehr im Widerspruch zur Annahme, dass wir in unseren Handlungen und in unserer moralischen Einstellung frei sind." (S. 27) Frau Falkenburg versteht hier unter dem Kausalprinzip also nur noch ein methodologisches Prinzip, obgleich für Kant Kausalität eben nicht nur eine Methode ist, sondern eine der Grundlagen, damit Erfahrung überhaupt möglich ist. Wie sich diese Reduktion von Kausalität mit Kant begründen lässt ist völlig unklar und ist zumindest nicht im Sinne der Kantschen Transzendentalphilosophie.
Dies spielt allerdings so oder so keine Rolle, da die Reduktion des Kausalprinzips auf einen methodologischen Grundsatz Frau Falkenburg direkt in eine "Falle" führt: Handelt es sich bei Kausalität tatsächlich nur um ein "methodologisches Prinzip", würde dies natürlich auch für die von Frau Falkenburg postulierten Kausalitätslücken gelten. Diese würden also nicht real existieren, sondern wären nur Erklärungslücken, Lücken in der Methodik. Es wären - ganz im Sinne der Naturalisten - methodologische Fehler, die nichts zu tun hätten mit den "gegebenen Phänomenen", mit der "real existierenden", apriorischen Kausalität. Dass Frau Falkenburg aber keineswegs bereit ist wirklich ernsthaft auf Kausalität als etwas real Existierendes zu verzichten, zeigen verschiedene Stellen, wo sie sogar von deterministischen Elementen spricht oder selbst auf real existierende Kausalität angewiesen ist. Vor allem aber impliziert die Aussage, dass das Kausalprinzip "für das Naturgeschehen uneingeschränkt gilt", dass es sich dabei nicht nur um ein methodologisches Prinzip handeln kann: Methoden sind abhängig vom Menschen, der die Methode anwendet, weshalb eine Methode nicht für das Naturgeschehen uneingeschränkt gelten kann. Sollte sie dies allerdings wirklich ernsthaft glauben, wäre jede Form von wissenschaftlicher Tätigkeit unmöglich. Auf Kant berufen könnte sie sich dabei jedenfalls nicht.
Frau Falkenburg differenziert den Kausalitätsbegriff regelrecht bis zur Unkenntlichkeit und zur Unverständlichkeit. Ihre Differenzierungen können aber wie gezeigt keineswegs überzeugen. Vielmehr vermischt sie unterschiedliche Kausalitätsbegriffe, verwendet sie Bilder von Kausalität, die nichts mehr mit Kausalität zu tun haben. Es erstaunt deshalb nicht, dass sie auf Seite 282 schreibt: "Der Kausalbegriff ist ein vorwissenschaftliches Konzept, das sich in der Physik in eine Pluralität von Begriffen aufsplittert. Wie man sie wieder zusammen führen kann, ist unklar." Der Begriff von Kausalität mag alles andere als klar sein, doch ist klar, dass jede natürliche Wirkung eine natürliche Ursache hat, was wie wir weiter unten noch genauer zeigen werden auch für die Quantenmechanik zutreffen muss.
Frau Falkenburg ist in ihrem "Kampf" gegen den Determinismus gezwungen, den Begriff der Kausalität seiner Wissenschaftlichkeit zu berauben. Dabei vermischt sie unter anderem die zwei erwähnten Betrachtungsebenen. Während Kausalität als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, respektive wie wir noch zeigen werden als Bedingung der Möglichkeit des Universums universell gültig ist, scheint Kausalität im Sinne einer Methode nach Ursachen zu suchen tatsächlich nicht deterministisch zu sein. Dieser falsche Eindruck entsteht dadurch, dass sich real existierende Kausalität wie Hume gezeigt hat nicht durch die Sinne erfahren lässt. Es kann grundsätzlich nur auf sie geschlossen werden, weshalb unser Wissen über die reale Kausalität niemals notwendig sein kann. Kausalität als Methodik ist deshalb fehlerbehaftet, sie scheint indeterministisch zu sein, es wirkt so, als ob nicht alles kausal wäre. Können die einem Ereignis zugrundeliegenden Ursachen nicht eruiert werden, sprechen viele Menschen gerne von Wundern oder auch Kausalitätslücken. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass diese Lücken oder Wunder wirklich existieren. Eine Reduktion der "realen Kausalität" auf Kausalität als "methodologisches Prinzip" ist unter anderem aus diesen Gründen ein äusserst gewagter Schritt, den Frau Falkenburg lediglich mit einer vorsichtig gesprochen sehr abenteuerlichen "Kant-Lesart" begründet und der aus wissenschaftlicher Perspektive absurd erscheint.
Warum also Kausalitätslücken?
Wie fragwürdig dieser Schritt ist zeigt sich jedoch vor allem darin, dass Frau Falkenburg sich nicht einmal selbst daran hält. Sie versteht unter Kausalität keineswegs nur ein rein "methodologisches Prinzip" oder ein "loses Bedingungsgefüge". Vielmehr verwendet sie an verschiedenen Stellen ihres Buches einen starken und keineswegs nur heuristischen Begriff von Kausalität. So schreibt sie beispielsweise in der bereits zitierten Stelle auf Seite 49 zu Recht, dass wissenschaftliche Erklärungen kausal seien. Fehlende Kausalität bedeutet fehlende wissenschaftliche Erklärbarkeit. Der Wissenschaft geht es dabei darum, die wirklichen Ursachen zu finden, zu verstehen, warum das Aspirin eine kausale Wirkung auf die Kopfschmerzen hat. Man mag heute noch nicht genau wissen, wie diese Kausalverbindungen funktionieren, doch kümmert das die kausale Wirkung des Aspirins nicht. Selbst wenn wir nicht verstehen warum - es funktioniert und das nicht nur "methodologisch" oder als "loses Bedingungsgefüge". Frau Falkenburg sieht das aber offensichtlich anders: "Was die These (K) der kausalen Geschlossenheit der Natur betrifft, wirkt sich dies fatal aus. Viele Philosophen halten sie für eine Tatsachenbehauptung, die wahr oder falsch ist. Dabei übersehen sie: (K) ist nur ein regulativer Grundsatz im Sinne von Kant, eine Verfahrensregel der Naturwissenschaft - die zudem (anders, als Kant es tat) mentale Phänomene aus dem Geltungsbereich des Kausalprinzips auschließt, soweit sie nicht auf physische Phänomene reduzierbar sind." (S. 51)
Die Vermischung von Kausalität als "regulativer Grundsatz" und einem realen "Geltungsbereich" setzt sich auch in diesem Zitat fort. Wie bereits erwähnt handelt es sich bei der Kausalität (gerade auch im Sinne Kants!) nicht nur um einen regulativen Grundsatz oder eine "Verfahrensregel der Naturwissenschaft", sondern um eine Tatsachenbehauptung. Für Kant gibt es ohne Kausalität keine bewusste Erfahrung. Aber selbst für Frau Falkenburg scheint es einen "Geltungsbereich des Kausalprinzips" zu geben, wobei es sich kaum nur um eine "Verfahrensregel" handeln kann. Warum aber dieser Geltungsbereich nicht für nichtphysische "mentale Phänomene" gelten soll, begründet sie leider nicht näher. Der Grund dafür ist denn vermutlich auch weniger ein logisches oder empirisches Argument als eine metaphysische (!) Notwendigkeit: Frau Falkenburg ist gezwungen eine real kausal geschlossene Welt abzulehnen, da eine solche ihrer Vorstellung von indeterministischer Willensfreiheit widerspricht.
Indeterministische Willensfreiheit ist offensichtlich unmöglich, wenn die Natur kausal geschlossen und determiniert ist. In einer kausal geschlossenen und determinierten Welt sind wir in unseren Handlungen und in unserer moralischen Einstellung nicht im von Frau Falkenburg benötigten Sinne frei. Vermutlich aufgrund dieses Gedankens zieht Frau Falkenburg den Schluss, dass die Natur nicht kausal geschlossen sein kann und deshalb Kausalitätslücken existieren müssen. Speziell Kausalitätslücken zwischen Gehirn und Geist spielen für sie dabei eine grosse Rolle, da ein durch das Gehirn determiniertes "Ich" nicht willensfrei sein kann (wobei es sich bei dieser Determination nicht nur um ein Problem der Heuristik handeln kann). Die Kausalitätslücken übernehmen aber noch eine weitere wichtige Funktion, wie sie auf Seite 27 formuliert: "Wenn es Lücken im kausalen Naturgeschehen gibt, so kann sich unser Wille - wie auch immer er in die physische Welt hineinwirken mag - diese Kausalitätslücken zunutze machen, um genau die Kausalketten im Naturgeschehen in Gang zu setzen, die wir mit unseren Handlungen als Handlungsfolgen beabsichtigen."
Frau Falkenburgs Vorstellung scheint es also zu sein, dass ein nicht durch die physische Welt determinierter Wille (streng und real) kausal in die physische Welt hineinwirken und dort Handlungsfolgen beabsichtigen können soll. Dies ist wohl auch der Grund, warum der Geltungsbereich des Kausalprinzips keine nichtphysischen mentalen Phänomene umfassen soll, wobei diese mentalen Phänomen gleichwohl kausal auf die physische Welt hineinwirken können sollen und damit irgendwie doch zum Geltungsbereich der Kausalität gehören müssten. Einmal mehr scheint sich Frau Falkenburg in Widersprüchen zu verheddern.
Diese Vorstellung ist zudem regelrecht naiv. So konstatiert Frau Falkenburg Kausalitätslücken bei der Entstehung von Bewusstsein: dieses wird angeblich nicht (ausschliesslich) durch die physische Welt hervorgebracht. Warum aber sollten diese Kausalitätslücken genau jenen entsprechen, die für ihre Vorstellung von nichtphysischer Verursachung vonnöten sind? Auch hier wird klar, dass das Bild der Kausalitätslücke wenig reflektiert ist. Wollte ich beispielsweise den Arm bewegen müsste der Wille genau zum richtigen Zeitpunkt an exakt einem Ort die richtige Kausalitätslücke finden, um dann ohne Energie zu verwenden auf die physische Welt einwirken zu können. Die physische Welt müsste quasi durchlöchert sein von Kausalitätslücken - darauf gibt es aber keinerlei (empirischen) Hinweise. Vielmehr setzt eine solche Vorstellung eine Art nichtphysischen "Superman" voraus, der nicht nur ohne Teil der physischen Welt zu sein "magisch" auf diese einwirken kann, sondern der mittels seiner "willensfreien" Handlung auch Handlungsfolgen beabsichtigen und kausal verursachen kann, die kausale und physische Auswirkungen haben im Prinzip bis in alle Ewigkeit. Kaum erwähnt werden muss, dass hier eine streng reale Form von Kausalität vorausgesetzt wird und keinesfalls nur eine Heuristik oder ein "loses Bedingungsgefüge". Diese Vorstellung ist aber noch aus einem ganz anderen Grund problematisch: es ist völlig unklar, was nichtphysische Ursachen sein und wie diese in die physische Welt hineinwirken können sollen.
nichtphysische Ursachen
Die Notwendigkeit von nichtphysischen Ursachen begründet Frau Falkenburg auf Seite 49 wie folgt: "Wenn es nur physische Ursachen in der Welt gibt, so sind auch alle unsere Handlungen, bei denen wir eine bewusste Absicht in die Tat umsetzen, physisch verursacht." Kurz: wir wären nicht im von Frau Falkenburg vorausgesetzten Sinne willensfrei. Dass nichtphysische Ursachen beim Problem der Willensfreiheit kaum weiterhelfen zeigt sich allerdings rasch, wenn man nachschlägt, was Frau Falkenburg sich unter nichtphyisischen Ursachen vorstellt: als Alternativen zu physischen Ursachen sieht sie "Wunder, göttliches Eingreifen, menschliche Gedankenkräfte" (S. 378), als Beispiele für etwas, was nicht "physischer Natur" ist "Geister, Götter, Spuk und Wunder" - sowie auch das subjektive Erleben, "unsere Absichten und alle bewusst von uns gewollten Handlungen" (S. 49). An anderer Stelle schreibt Frau Falkenburg: "Zu fordern, dass die Ursache jeder Naturerscheinung wiederum natürlich sein soll (und nicht Zauberei, Spuk oder ein göttliches Wunder), ist eine sinnvolle methodologische Vorschrift, dank derer die Naturwissenschaft erst ihren Namen verdienen. ... Doch die These der kausalen Geschlossenheit der physischen Welt geht einen entscheidenden Schritt weiter. Sie verallgemeinert die Methode, im Einklang mit dem Kausalprinzip nach den natürlichen Ursachen natürlicher Phänomene zu suchen, auf die Behauptung, alle Ursachen in der Welt seien physisch." (S. 47)
Für die Wissenschaft steht in der Tat ausser Frage, dass alle Ursachen in der Welt physisch sein müssen und es sich bei nichtphysischen oder nicht natürlichen Ursachen um Fehlzuschreibungen handelt, um eine Heuristik, die mit genügend Wissen physisch erklärt werden könnte. Es handelt sich dabei nicht um Kausalitätslücken in der physischen, realen Welt, die mittels nichtphysischer Ursachen erklärt werden können, sondern um reine Erklärungslücken, die sich auch rein physisch füllen lassen. Es handelt sich um ein Problem der Heuristik und nicht der Realität. Wunder, göttliches Eingreifen gibt es aus wissenschaftlicher Sicht genauso wenig wie Geister oder Spuk - oder grundlegende Annahmen der Naturwissenschaft sind falsch. Dies bedeutet allerdings auch, dass menschliche Gedankenkräfte physisch sein müssen - oder wie Wunder und Geister entweder grundsätzlich unerklärbar, da nichtphysisch oder inexistent sein müssen.
Die Gleichsetzung von Wundern und menschlichen Gedankenkräften, von Geistern und subjektivem Erleben wirft Frau Falkenburg fälschlicherweise dem Naturalismus vor (S. 49), diese Gleichsetzung ist aber vielmehr notwendige Voraussetzung für Frau Falkenburgs "Philosophie". Denn all diese "nichtphysischen Ursachen" haben etwas gemein: sie sollen irgendwie von ausserhalb der physischen Welt auf nichtphysische Art und Weise in die physische Welt (real kausal) hineinwirken können. So soll ein nichtphysischer Gott als nichtphysische Ursache in die physisch-deterministischen Abläufe eingreifen können, versteht man unter Wundern Ereignisse, die sich grundsätzlich nicht mit physischen, "natürlichen" Ursachen erklären lassen, sollen menschliche Gedankenkräfte "frei" und ohne physisch verursacht zu sein Wirkungen in der physischen Welt bewirken können. Diese Vorstellung ist aber leider nicht widerspruchsfrei haltbar, wie Naturalisten zu Recht betonen.
So schreibt Frau Falkenburg auf Seite 53 durchaus korrekt, dass für Naturalisten Indeterminismus, also fehlende Determination die Existenz von Kausalitätslücken im Naturgeschehen bedeute. "Lücken in der Naturkausalität seien aber so zu verstehen, dass dann anstelle von wohldefinierten natürlichen Ursachen eben der bloße Zufall walte; und dies könne es ja wohl nicht sein, was wir unter freien Willensentscheidungen verstehen möchten. So einleuchtend dieser Einwand wirkt - er unterstellt einfach, Lücken in der strikten Naturkausalität seien gleichbedeutend damit, dass der blanke Zufall am Werk sei. Doch wer dies annimmt, ist schon wieder unkritisch dem Naturalismus auf den Leim gegangen. Denn nur Naturalisten behaupten, dass es nur physische oder gar keine Ursachen gebe." (S. 53)
Frau Falkenburg benötigt die Lücken in der Naturkausalität, um angeblich "freie" Willensentscheidungen zu ermöglichen. Da diese nicht auf dem Zufall basieren können, ist sie genötigt, mentale Phänomene wie freie Willensentscheidungen als "nichtphysische Ursachen" zu verstehen. Damit handelt sie sich aber nebst den bereits erwähnten noch eine ganze Reihe von weiteren Problemen ein.
So verwendet Frau Falkenburg auch hier ein nicht zu Ende gedachtes Bild: Eine nichtphysische Ursache soll eine physische Wirkung bewirken. Nehmen wir vorerst einmal an, dass diese nichtphysische Ursache selbst keine Wirkung einer anderen (nichtphysischen oder physischen) Ursache sei. Dies würde bedeuten, dass sich die nichtphysische Ursache weder auf menschliche Gedankenkraft noch auf einen menschlichen Willen, weder auf göttliches Wirken noch auf ein Wunder zurückführen liesse. Sie wäre ja ohne weitere Ursache. Vielmehr entspräche das Bild der Vorstellung, dass ohne Ursache aus dem Nichts eine physische Wirkung entstünde, die grundsätzlich unerklärbar, da unverursacht wäre. Etwas, das nicht verursacht ist, wird aber auch als "strikter Zufall" bezeichnet - ein wesentlicher Grund, warum Naturalisten die Existenz von nichtphysischen Ursachen ablehnen. Denn egal, ob es sich um etwas Physisches oder etwas Nichtphysisches handelt: geschieht eine Wirkung ohne Ursache, handelt es sich um "strikten Zufall". Ganz egal, ob es sich um physische oder nichtphyische Ursachen handelt. nichtphysische Ursachen helfen deshalb "keinen Deut", um den Zufall zu entschärfen und damit indeterministische Willensfreiheit zu ermöglichen.
nichtphysische Kausalität
Um dem Zufallsargument zu entfliehen, müssten nichtphysische Ursachen selbst Wirkungen anderer (vermutlich nichtphysischer) Ursachen sein. Die Rede müsste deshalb nicht von "nichtphysischen Ursachen", sondern von einer Art "nichtphysischen Kausalität" sein. "Nichtphysische Ursachen" müssten zudem grundsätzlich denselben Gesetzen gehorchen wie physische Ursachen - oder es wären eben keine Ursachen: sie müssten demnach entweder selbst verursacht oder nicht verursacht sein. Wären sie verursacht und damit selbst Wirkungen von anderen (nichtphysischen) Ursachen und würden analog zur physischen Kausalität "nichtphysisch kausal" funktionieren, ergäbe sich eine Art "nichtphysischer Determinismus". Könnte diese nichtphysische Kausalität zudem in die physische Kausalität "eingreifen", mit dieser interagieren, entstünde ein Determinismus aus nichtphysischen und physischen Ursachen und für Frau Falkenburg wäre überhaupt nichts gewonnen. Physische und nichtphysische Kausalität würden ein gemeinsames Kausalitätsgefüge bilden, das manchmal nichtphysisch und manchmal physisch die Zukunft determinieren würde.
Wäre die nichtphysische Ursache selbst nicht Wirkung einer anderen nichtphysischen Ursache, würde dies also genau gleich wie bei physischen Ursachen zum Zufall führen. Die Vorstellung, dass der Zufall mittels nichtphysischer Ursachen ersetzt werden könnte ist deshalb hinfällig, da das Problem nur verschoben, aber nicht behoben wird. Die naturalistische Sicht, dass es keine Alternative zu physischen Ursachen gibt ist also auch hier gut begründet. Frau Falkenburg bleibt allerdings eine Antwort auf die Frage schuldig, wie denn nichtphysische Ursachen ohne selbst verursacht zu sein nichtzufällig sein können sollten.
Eine solche Antwort wird sie aber auch nicht leicht geben können, da sich problemlos zeigen lässt, dass es keine Alternative zwischen physischer Ursache und Zufall gibt. Gibt es für ein Ereignis oder einen Sachverhalt keine Ursache, gibt es auch keinen Grund (ein Grund wäre eine Ursache), warum eine Möglichkeit wahrscheinlicher sein soll als eine andere. Ohne Ursache ist also jede Möglichkeit genau gleich wahrscheinlich, respektive unwahrscheinlich, was man eben auch mit Zufall bezeichnet. Geschähe also etwas tatsächlich komplett ohne Ursache, wäre dieses Ereignis extrem unwahrscheinlich und könnte vor allem in keinerlei Hinsicht regelmässig sein. Diese nichtphysische Wirkung wäre also nicht nur keine Wirkung unseres Willens, sondern sie könnte sich auch nicht "diese Kausalitätslücken zunutze machen, um genau die Kausalketten im Naturgeschehen in Gang zu setzen, die wir mit unseren Handlungen als Handlungsfolgen beabsichtigen." Schliesslich gäbe es keinen Grund und damit keine Ursache, warum die unverursachte Wirkung gerade diese Kausalitätslücke "treffen" sollte. Vielmehr wäre jede Wirkung exakt gleich wahrscheinlich.
Die Rede von nichtphysischen Ursachen führt demgemäss zum nichtphysischen Zufall, respektive zum nichtphysischen Determinismus, weshalb die Vorstellung von etwas Nichtphysischem nicht weiterhilft. Es gibt aber insofern auch kein "Drittes", keine Alternative zwischen den Extremen Zufall oder Ursache, da jedes "Mittelding" selbst verursacht sein müsste oder nicht. Da Wahrscheinlichkeit nicht auf dem Zufall basieren kann, die Vorstellung von Wahrscheinlichkeit als purer Heuristik aber mit einem Determinismus vereinbar ist, gibt es als Alternative zu physischen Ursachen nicht nur keine nichtphysischen Ursachen, sondern es existiert auch keine Alternative zur Dichotomie von Ursache oder Zufall. Denn Zufall und Wahrscheinlichkeit sind im Gegensatz zu Kausalität tatsächlich nur ein methodologisches Prinzip und existieren nicht real.
Die Rede von nichtphysischen Ursachen oder von einer nichtphysischen Kausalität hilft auch deshalb nicht weiter, da wiederum das falsche Bild der Kausalitätslücke verwendet wird. Befindet sich auf der einen Seite der Lücke etwas Nichtphysisches und auf der anderen etwas Physisches, spielt es keine Rolle, ob die Lücke mittels physischer oder nichtphysischer Ursachen oder Kausalität überwunden werden sollte - beides funktioniert nicht. Schliesslich ist es egal, ob man die Lücke zwischen Strasse und Eisenbahn mittels Strasse oder Schienen überbrückt - eine Verbindung kommt dennoch nicht zustande. Die Kausalitätslücken blieben geöffnet und Bewusstsein liesse sich weder erklären, noch könnten Ereignisse in der physischen Welt auf das Bewusstsein, noch eine bewusste Absicht oder eine menschliche Gedankenkraft auf die physische Welt einwirken. Willensfreiheit wäre somit definitiv unmöglich.
Keine Alternativen zum Naturalismus
Kausalitätslücken können nur mittels Kausalität überwunden werden. Gibt es eine kausale Interaktion zwischen Gehirn und Bewusstsein (was nicht ernsthaft bestritten werden kann und Frau Falkenburg keinesfalls bestreiten will), muss es also eine kausale Verbindung geben zwischen phänomenologischer Subjektivität, respektive ausserwissenschaftlicher Lebenswelt und "innerwissenschaftlicher Forschungsperspektive", respektive physischer Welt. Ein Naturalist definiert deshalb grundsätzlich alles, was kausal verbunden ist als "physisch" und geht von der kausalen Geschlossenheit der Welt aus. Das Ausweichen auf nichtphysische Kausalität ist dazu genauso wenig eine Alternative wie die Rede von einem "losen Bedingungsgefüge" oder jede Form von Dualismus. Allerdings könnte man sich auch vorstellen, dass die physische Natur gar nicht physisch, sondern wie phänomenales Bewusstsein nichtphysisch sei. Diese Vorstellung wurde in der Tat von der Philosophie des deutschen Idealismus vertreten, zu der man heute vermutlich zu Recht auch die Philosophie Immanuel Kants zählt, wenngleich sich dieser mit guten Gründen offen gegen einen solchen Idealismus gewendet hat. Von einem Idealismus spricht aber auch Frau Falkenburg an keiner Stelle ihres Buches und auch nicht von einer weiteren Alternative, dem beispielsweise von Thomas Nagel vertretenen "Panpsychismus". Ein solcher ist allerdings von Grund auf widersprüchlich, weshalb es zum Naturalismus keine wirkliche Alternative zu geben scheint.
Wie aber lassen sich dann die von Frau Falkenburg herausgearbeiteten Kausalitätslücken erklären? Zum einen spricht vieles dafür, dass es sich dabei nur um Fehler in der Heuristik handelt, die Kausalitätslücken also pure Erklärungslücken sind. Zum anderen stellt sich aber die Frage wie das Reduktionsproblem zu lösen ist - und darauf hat die Wissenschaft heute keine wirkliche Antwort. Im Gegenteil weist Frau Falkenburg in ihrem Buch auf viele grundsätzliche Probleme hin und es scheint nicht so zu sein, als ob das Problem innert kürzester Zeit gelöst werden könnte. Es ist noch nicht einmal klar, welche Methode gewählt werden sollte, um mit physikalischen Mitteln zu erklären, wie es ist, etwas zu fühlen, wie es ist, die Farbe "rot" zu empfinden. Das Problem rund um die Subjektivität von Bewusstsein ist in der Tat eine der grössten Herausforderungen für die Wissenschaft und es existiert eine grundsätzliche Erklärungslücke. Deshalb aber die Wissenschaft als Ganzes in Frage zu stellen, indem man der wissenschaftlichen Position einen Dualismus entgegensetzt, ist definitiv keine Alternative.
Dies zumal, als es im Buch im Kern gar nicht um das Reduktionsproblem geht, sondern um den "Mythos Determinismus" und wie subjektives Bewusstsein entsteht. Dafür, dass das Gehirn Bewusstsein determiniert, gibt es unzählige empirische Hinweise, dagegen sprechen vor allem metaphysische Vorbehalte, die in der Naturwissenschaft keine Rolle spielen dürfen. Prototypisch hierfür steht ein Zitat auf Seite 54: "Die Behauptung (K) der kausalen Geschlossenheit der physischen Welt oder Natur stützt sich auf das Kausalprinzip, nach dem die naturwissenschaftliche Forschung vorgeht. Die Behauptungen (V) der Verschiedenheit mentaler und physischer Phänomene sowie (W) der möglichen Wirkungen geistiger Phänomene auf den Körper stützen sich dagegen auf unsere Alltagserfahrung." Frau Falkenburg stellt hier ernsthaft die Alltagserfahrung über naturwissenschaftliche und logische Belege, ein Vorgehen, das aus wissenschaftlicher Perspektive haarsträubend ist. Sind mentale und physische Phänomene so streng getrennt, dass sie nicht kausal miteinander verbunden sind, können geistige Phänomene auch nicht auf die physische Welt wirken, wobei Frau Falkenburg die Alltagserfahrung verschweigt, dass auch physische Sinnesreize kausal auf das Bewusstsein einwirken. Ironie daran ist aber vor allem, dass Frau Falkenburgs Dualismus im Gegensatz zum Naturalismus die "Alltagserfahrung" der geistigen Wirkung auf den Körper nicht erklären kann.
Selbst wenn es also grundsätzlich unmöglich sein sollte, subjektives Erleben mit wissenschaftlichen Methoden zu erklären, scheint es nach den bisherigen Erläuterungen keine Alternative zur Vorstellung zu geben, dass subjektives Erleben kausale Folge der physischen Welt sein muss. Übersehen wird hier gerne, dass das Reduktionsproblem nicht dasselbe ist wie das Problem der kausalen Interaktion zwischen Gehirn und Geist/Bewusstsein.
Alternativen zum Naturalismus lösen das Reduktionsproblem nicht
Vielmehr muss betont werden, dass dualistische Theorien, welche Kausalitätslücken annehmen das Reduktionsproblem definitiv nicht lösen können. Der Gedanke dahinter ist allerdings auf den ersten Blick bestechend: da Bewusstsein offensichtlich nichts Physisches ist, muss es etwas Nichtphysisches sein. Da Bewusstsein nicht materiell ist, muss es etwas Nichtmaterielles sein.
Solche Vorstellungen können aber nicht erklären, wie Bewusstsein und Gehirn interagieren, woher dieses Bewusstsein stammt (aus dem "Nichts"?), ob es ewig existiert (in welcher Form?) oder wie es jeweils neu und auf nichtphysische Art und Weise "geschaffen" wird, wenn ein neugeborenes Lebewesen allmählich Bewusstsein "erlangt" oder ein Lebewesen am Morgen erwacht. Das Bewusstsein müsste unabhängig von der physischen Welt existieren und dann irgendwie an die physische Welt "andocken", wofür es allerdings keinerlei empirischen Hinweise gibt. Es müsste auf magische Art und Weise mit einem physischen Körper verbunden sein und sich "seinem" Körper komplett anpassen. Denn ein solches nichtphysisches Bewusstsein, das ohne Körper existiert, wäre grundsätzlich "blind", da es zumindest zeitweise nicht mit Sinnesorganen verbunden wäre. Zudem hätte dieses Bewusstsein keine Erinnerungen, da diese nachweislich im Gehirn gespeichert werden. Ein nichtphysisches, von der physischen Welt abgekoppeltes Bewusstsein hätte ohne kausale Inputs aus der physischen Welt (fast) keinen Inhalt, weshalb auch das Reduktionsproblem in angepasster Form offen bleibt: wie lässt sich subjektives Bewusstsein ganz ohne kausale Inputs aus der physischen Welt erklären und woher stammt dieses Bewusstsein? Wie lässt sich Bewusstsein losgelöst von der physischen Welt, aber mit dieser interagierend auf etwas Nichtphysisches reduzieren?
Keine Alternativen zum Indeterminismus?
Auch wenn Frau Falkenburg viele Argumente für die Existenz von Kausalitätslücken insbesondere zwischen Gehirn und Bewusstsein zusammengetragen hat, scheint es also noch viel mehr Argumente und vor allem viel grundsätzlichere Einwände gegen diese Vorstellung zu geben. Die Kausalitätslücken können höchstens "heuristisch" und keinesfalls real sein. Bedeutet aber die Ablehnung der Existenz von realen Kausalitätslücken zwischen Gehirn und Bewusstsein tatsächlich das Akzeptieren einer absoluten Zeit, von verborgenen Quanten-Parametern, von Quanten-Parallelwelten etc. wie Frau Falkenburg auf Seite 377f. schreibt? Bedeutet das Leugnen von Kausalitätslücken, dass die Quantenmechanik falsch ist? Frau Falkenburg geht es gemäss dem Motto ihres Buches darum zu zeigen, dass ein Determinismus falsch ist. Doch wie steht es überhaupt um indeterministische Deutungen der Quantenmechanik?
Quantenmechanik und Indeterminismus
Wie wir gezeigt haben, ist das Bild der Kausalitätslücken äusserst problematisch. Es wäre deshalb sehr erstaunlich, wenn mit diesem Bild die Quantenmechanik gestützt, respektive mit dem Leugnen von Kausalitätslücken die Quantenmechanik widerlegt würde. Dies umso mehr, als es streng genommen gar keine indeterministischen Deutungen der Quantenmechanik gibt, also Deutungen, die nicht streng kausal sind. Vielmehr setzt jede indeterministische Interpretation der Quantenmechanik auch deterministische Elemente voraus (wie Frau Falkenburg auf Seite 279 bereitwillig eingesteht). So ist beispielsweise die Zeitentwicklung im Bereich der Quantenphysik strikt deterministisch. Indeterministische Deutungen sind damit gar nicht indeterministisch, sondern bestenfalls - dualistisch.
Die ganze klassische Physik ist ohne Zweifel deterministisch. Kennt man die Anfangsbedingungen und die zugrundeliegenden Naturgesetze eines Systems lässt sich exakt berechnen, wie sich das System entwickeln wird. In der Quantenmechanik ist das anders. Hier lassen sich grundsätzlich nur Wahrscheinlichkeiten berechnen, wie sich ein System entwickeln wird. So ist es beispielsweise grundsätzlich unmöglich zugleich Impuls und Lage eines "Quantenobjekts" zu bestimmen, weshalb es grundsätzlich unmöglich ist die exakten Anfangsbedingungen zu kennen und exakt zu berechnen, wie sich das Quantensystem entwickeln wird. Quantenphänomene scheinen unter anderem aus solchen Gründen im Gegensatz zu Phänomenen in der klassischen Physik nicht deterministisch zu sein.
Aufhorchen lässt allerdings, dass Quantenphänomene definitiv auch nicht zufällig sind. Für Quantenphänomene lässt sich die exakte Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der eine grössere Menge von "Quantenobjekten" bei einer Messung an einem bestimmten Ort gemessen werden. Würden sich einzelne "Quantenobjekte" tatsächlich zufällig "verhalten" (beides Begriffe, die bewusst nur in Anführungszeichen stehen, vgl. auch Byrne: Verhalten von Elektronen), gäbe es keine Ursache und damit auch keinen Grund, warum eine "Verhaltensweise" wahrscheinlicher wäre als eine andere. Würden Quantenphänomene auf dem strikten Zufall basieren, würden sie sich nicht regelmässig "verhalten", sondern eben strikt zufällig. Es gäbe keinen Grund, warum die "Quantenobjekte" gerade dort erscheinen würden, wo ihr Auftreten gemäss der berechneten Wahrscheinlichkeit erwartet wird. Vielmehr wäre jedes "Verhalten" erwartbar nur nicht das, dass es regelmässig regelmässig wäre.
Dass Quantenphänomene nicht zufällig sind ist eine empirische Tatsache. Für dieses nichtzufällige, regelmässige "Verhalten" muss deshalb eine Erklärung gefunden werden: bloss setzt jede Erklärung Kausalität voraus. Dies bedeutet aber, dass es physische Ursachen gibt, die für das "Verhalten" verantwortlich, allerdings "verborgen" sind oder es müssen "nichtphysische Ursachen" wie Wunder oder göttliches Eingreifen in Betracht gezogen werden. Verborgene Ursachen schliesst Frau Falkenburg an verschiedenen Stellen ihres Buches als "metaphysische Spekulation" aus, Wunder oder göttliches Eingreifen auf Seite 371 aber ebenso: "Naturwissenschaftler schieben nichts auf Wunder oder göttlichen Eingriff, sondern suchen immer nach den natürlichen Ursachen gegebener physischer Phänomene." Da Zufall das nichtzufällige "Verhalten" der Quantenphänomene nicht erklären kann, existiert hier also eine grundsätzliche Erklärungslücke. Entweder existieren Ursachen, auch wenn diese möglicherweise grundsätzlich verborgen sind oder die Quantenmechanik basiert auf regelmässig geschehenden "Wundern" oder vielleicht auch auf Feenstaub oder "feinstofflichen" Ursachen. Ausgeschlossen werden kann auf jeden Fall, dass die regelmässigen Quantenphänomene mittels Zufall erklärt werden können.
Dieser Meinung war auch Albert Einstein, der wohl berühmteste Gegner indeterministischer Deutungen der Quantenmechanik. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang sein Ausspruch, dass Gott (bei ihm "der Alte") nicht würfle. Würde der "Alte" würfeln, würde dies allerdings bedeuten, dass das "Verhalten" von "Quantenobjekten" eine (gemäss Frau Falkenburg nichtphysische) Ursache hätte: "der Alte". Dieses Bild entspricht jedoch nicht dem, was Vertreter indeterministischer Deutungen in der Regel behaupten. Nämlich, dass "Quantenobjekte" ganz ohne Ursache, also auch ohne "den Alten" als Ursache, rein zufällig ein berechenbares und äusserst regelmässiges "Verhalten" zeigen. Sie sind also gar nicht der Überzeugung, dass "der Alte" würfelt, sondern dass sich die quantenmechanischen Wahrscheinlichkeiten aus dem "Nichts" ohne Grund und Ursache erklären lassen.
Indeterministische Deutungen können Quantenphänomene also logisch unmöglich erklären, da eine Erklärung eine Ursache voraussetzt. Indeterministische Deutungen beziehen sich zudem nur auf das "Verborgene". Werden Quantenphänomene gemessen oder treten sie in Wechselwirkung mit ihrer Umgebung (Dekohärenztheorie), zeigen sie das bekannte, deterministische "Verhalten" der klassischen Mechanik. Was im Verborgenen geschieht, kann grundsätzlich nicht empirisch bestimmt werden, vielmehr kann auf das, was zwischen zwei Messungen passiert nur geschlossen werden. Dies ist auch der Grund, warum es überhaupt verschiedene Interpretationen oder Deutungen der Quantenmechanik gibt. Da offensichtlich keine Messung durchgeführt werden kann, die zeigt wie es ist, wenn keine Messung durchgeführt wird, kann nur versucht werden, aufgrund des Gemessenen darauf zu schliessen, was im Verborgenen geschieht.
Quantenphänomene "verhalten" sich also unterschiedlich, je nachdem ob sie gemessen werden oder nicht. Dies hat einige Autoren dazu gebracht, beobachterabhängige Interpretationen vorzuschlagen. Gemäss diesen existiert die "Welt an sich" nicht unabhängig von einem menschlichen Beobachter, ein Gedanke, der wohl stark durch die Philosophie Immanuel Kants und des Deutschen Idealismus geprägt wurde. Einer der bekanntesten Verfechter einer solchen Deutung ist Anton Zeilinger, der sich in einem Interview wie folgt äusserte: "Wir müssen uns wohl von dem naiven Realismus, nach dem die Welt an sich [(!)] existiert, ohne unser Zutun und unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwann verabschieden." (http://www.heise.de/tp/artikel/7/7550/1.html, Stand 20.12.2013.) Dass eine solche Vorstellung nicht evolutionskompatibel ist und auch zu weiteren gravierenden Schwierigkeiten führt, sei hier nur am Rande bemerkt.
Sind Quantenphänomene aber nicht von einem (nichtphysischen) Beobachter abhängig und damit selbst nichtphysisch, bleiben nur zwei Alternativen: sie gehorchen ganz normalen physischen und deterministischen Gesetzen oder es existiert ein Dualismus aus Indeterminismus und Determinismus und vemutilch aus nichtphysischen und physischen Elementen. Damit allerdings sehen sich indeterministische (oder eben präziser: dualistische) Deutungen der Quantenmechanik mit der Herausforderung konfrontiert, wie indeterministische und deterministische Elemente interagieren können. Im Bereich der Quantenmechanik handelt es sich dabei um das "Demarkationsproblem", um das Problem, wo die Grenze liegt zwischen Quantenphänomenen, die statistischen und angeblich nicht deterministischen Gesetzen gehorchen sollen und "normalen" Phänomenen, die zweifelsohne deterministischen Gesetzen gehorchen. Ohne grössere metaphysische Verrenkungen lässt sich dieses Demarkationsproblem nicht lösen, lässt sich nicht erklären, was im Moment einer Messung im Rahmen der Quantenmechanik geschieht, wo aus dem (teilweisen) Indeterminismus ein (strikter) Determinismus wird. Solche Probleme werden in der Physik in der Regel einfach ignoriert - da die Berechnungen auch dann funktionieren, wenn die Interpretation falsch ist.
Doch das Demarkations- oder Messproblem ist noch lange nicht die letzte Schwierigkeit, mit denen sich indeterministische Deutungen, die Frau Falkenburg völlig kritiklos voraussetzt, konfrontiert sehen. Besonders eindrücklich lässt sich dies am Gedankenexperiment von Erwin Schrödinger zeigen. Dieser versuchte mit seinem Katzenbeispiel die Absurdität und Widersprüchlichkeit der ersten Interpretationen der Quantenmechanik aufzuzeigen. Wenn diese Interpretationen stimmen sollten, würde dies bedeuten, dass "verborgene" Quantenobjekte widersprüchlich wären, quasi wie eine Katze, die unter bestimmten Umständen zugleich tot und nicht tot wäre. Doch anstatt diese widersprüchlichen Interpretationen aufzugeben, wurde schlicht behauptet, dass die Quantenmechanik "eben so sei". Zudem wurde die Widersprüchlichkeit durch einen Euphemismus quasi behoben: man sprach einfach von "Komplementarität" statt von "Widersprüchlichkeit".
Diese Widersprüchlichkeit setzt sich in der Behandlung der quantenmechanischen Gesetzmässigkeiten fort. So schreibt Frau Falkenburg auf Seite 279: "Wie die meisten Physiker setzte er [Max Planck] indeterminiert mit akausal gleich. Ein Ereignis, das nicht durch ein Naturgesetz determiniert ist, hat keine erkennbare [(!)] Ursache. Es folgt keinem Naturgesetz, sondern geschieht regellos [(!)]. Der Quantenphysiker John A. Wheeler (1911-2008) bezeichnete den Quanten-Indeterminismus als gesetzlose Gesetzmäßigkeit - als "Law without law"." An diesem Zitat erstaunt zum einen, dass Frau Falkenburg plötzlich von "erkennbaren Ursachen" spricht (also von einem Problem der Heuristik) und nicht von fehlenden realen Ursachen (dem Problem, um das es geht). Vertreter indeterministischer Deutungen der Quantenmechanik behaupten, dass es keine reale Ursache für das "Verhalten" der einzelnen "Quantenobjekte" gebe. Quantenphänomene seien deshalb indeterminiert. Sind diese Ursachen jedoch nur nicht erkennbar, also vorhanden, bloss verborgen, wie Frau Falkenburg hier schreibt, spricht alles für eine determinstische Deutung. Da "Quantenobjekte" sich zudem extrem regelmässig und keinesfalls regellos, akausal oder eben strikt zufällig "verhalten", müssen sie diesem Zitat gemäss definitiv einem Naturgesetz folgen, muss es dafür Ursachen geben. Es handelt sich deshalb ebenso definitiv nicht um eine "gesetzlose Gesetzmässigkeit", ein weiterer widersprüchlicher Ausdruck. Ist der Quanten-Indeterminismus aber widersprüchlich, handelt es sich dabei tatsächlich um "gesetzlose Gesetzmäßigkeit", dann ist der Quanten-Indeterminismus höchstens eine Heuristik, da Heuristiken im Gegensatz zu ontologischen Wahrheiten Widersprüche enthalten können.
Zum Glück gibt es aber auch noch weitere Deutungen der Quantenmechanik, wobei keine heute bekannte Deutung wirklich überzeugen kann und wohl noch keine die Wahrheit hinter den Quantenphänomenen korrekt beschreiben kann. Recht vielversprechend scheint allerdings eine Deutung zu sein, die das Geschehen im Verborgenen mittels ebenfalls verborgener Variablen strikt deterministisch erklärt. Bloss wären diese Parameter eben grundsätzlich verborgen, weshalb sie unmöglich empirisch nachgewiesen werden können und weshalb es sich dabei um eine unbeweisbare Zusatzannahme handelt. Frau Falkenburg lehnt diese Vorstellung an verschiedenen Stellen ihres Buches vehement ab. So schreibt sie beispielsweise auf Seite 98f: "Für die Quantenphänomene lässt sich bis heute nicht analysieren, was bei einer einzelnen quantenmechanischen Messung passiert - einzelne Quantenprozesse sind indeterminiert. Jedenfalls ist diese Schlussfolgerung unvermeidlich, wenn man Newtons Rat zur kausalen Sparsamkeit beherzigt und nicht zu okkulten Qualitäten (verborgene Parameter oder viele Welten) greifen möchte, weil sie nichts mehr mit der Physik als einer empirisch gestützten Wissenschaft zu tun haben."
Was sich hier sehr schön zeigt ist der Fehlschluss, dass eine fehlende Erklärung Indeterminismus bedeutet. Selbst wenn keine Ursachen gefunden werden können, bedeutet das nicht, dass diese nicht existieren (müssen). Was Frau Falkenburg hier übersieht sind die metaphysischen oder "okkulten" Zusatzannahmen, die notwendig sind, um indeterministische Deutungen zu ermöglichen: die reale Existenz von Widersprüchen, mögliche Beobachterabhängigkeit, ein Dualismus, Wunder oder göttliches Eingreifen etc. Dass dies alles Vorstellungen sind, die nicht mit anderen wissenschaftlichen Theorien vereinbar sind und "nichts mehr mit der Physik als einer empirisch gestützten Wissenschaft zu tun haben" kümmert erstaunlicherweise viele Physiker kaum, da indeterministische Deutungen bis heute viel "beliebter" sind als deterministische Deutungen.
Willensfreiheit
Dies erstaunt insofern, als verborgene Variablen eigentlich eine ziemlich nüchterne und auch sparsame Vorstellung sind, um das "Verhalten" von "Quantenobjekten" im Verborgenen zu erklären und der Quanten-Indeterminismus in Gegensatz zur restlichen Physik steht. Erklären lässt sich diese Ablehnung nicht zuletzt damit, dass zum einen die notwendigen Zusatzannahmen indeterministischer Deutungen selten expliziert werden und zum anderen damit, dass indeterministische und dualistische Vorstellung sehr tief in unserer Kultur verwurzelt sind. Auch vielen Physikern erscheint ein Ausweg aus der deterministsichen Physik sehr attraktiv. Insbesondere die Vorstellung von indeterministischer Willensfreiheit spielt hier eine sehr grosse Rolle (Byrne: Kopenhagener Deutung belässt Willensfreiheit). Diese hat nicht nur Immanuel Kant und Frau Falkenburg dazu verleitet, den Kampf gegen Materialismus, Naturalismus und Determinismus aufzunehmen, sondern auch viele bekannte Physiker. So schrieb beispielsweise Max Born, einer der "Väter" der Quantenmechanik folgende Worte an Albert Einstein: "Der strikte Determinismus schien und scheint uns noch heute unvereinbar mit dem Glauben an Verantwortung und sittliche Freiheit." Und einige Zeilen weiter: "Ich finde eine deterministische Welt ganz abscheulich."
Die Möglichkeit, Quantenmechanik indeterministisch zu deuten, schien sehr verlockend zu sein, da vielen Physikern der Determinismus der klassischen Physik zuwider war. Verstärkt wurde der Glaube an die Möglichkeit indeterministischer Deutungen durch bekannte Vorstellungen von Willensfreiheit. "Quantenobjekte" wurden gewissermassen "vermenschlicht". Die Vorstellung, dass ein "Quantenobjekt" ohne Ursache ein nichtzufälliges "Verhalten" zeigen kann entspricht der Vorstellung eines willensfreien Menschen, der "frei", also ohne selbst verursacht zu sein genau das bewirken kann, was er bewirken will. Auf den strikten Zufall folgt nicht Chaos, sondern etwas Regelmässiges.
Die Vorstellung einer solchen Form von Willensfreiheit ist sehr tief in unserer Kultur verankert wie auch das Beispiel des Experiments von Aspect et al. von 1982 zeigt. Diese hatten angeblich bewiesen, dass deterministische Deutungen selbst mittels verborgener Variablen unmöglich seien: zumindest müssten diese verborgenen Variablen "nichtlokal" sein. Ist man sich allerdings bewusst, dass bis heute keine einzige Interpretation der Quantenmechanik das Problem der Nichtlokalität lösen kann, handelt es sich um ein schwaches Argument gegen deterministische Deutungen. Allerdings würde die Existenz von Nichtlokalität bedeuten, dass es einen Dualismus aus lokalen und nichtlokalen Eigenschaften gäbe, ein Hinweis darauf, dass auch hier etwas noch nicht ganz stimmt. Und in der Tat lässt sich das Experiment von Aspect et al. auch alternativ deuten, wie John Gribbin in seinem Buch "Schrödingers Kätzchen" auf Seite 251 schreibt: "Augenzwinkernd weist uns Bell darauf hin, daß uns zumindest noch ein Ausweg aus dem Dilemma der Nichtlokalität bleibt, der uns keine Rückkehr zur voreinsteinschen Relativität aufnötigt. Gegenüber Paul Davies äußerte er: "Die Frage kann man auch so wenden, daß man sagt, die Welt sei überdeterminiert." Das heißt mit anderen Worten, ausnahmslos alles ist vorherbestimmt, einschließlich der Entscheidung des Versuchsleiters, welche Messungen im Experiment von Aspect vorgenommen werden sollten. Wenn der freie Wille eine Illusion ist, dann können wir dieser Zwickmühle entkommen. Doch wenn wir eine solche Theorie ernst nehmen müßten…"
Dass eine solche Theorie ernst genommen werden muss, zeigt sich allerdings nur schon darin, dass heute der Kompatibilismus also die Vorstellung "wonach die vollständige kausale Determination des Naturgeschehens grundsätzlich mit der Willensfreiheit vereinbar sei" (S. 52) die wohl populärste philosophische Haltung in Bezug auf dieses Thema ist. Der Grund dafür besteht darin, dass es schlicht zu viele philosophische Einwände gegen die Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Indeterminismus gibt, als dass diese Möglichkeit heute überhaupt noch ernsthaft in Betracht gezogen werden kann. Freiheit lässt sich nicht auf Zufall basieren, fehlende Ursachen bedeuten nicht Freiheit, sondern wie wir gezeigt haben strikten Zufall. Da helfen auch keine nichtphysischen Ursachen - indeterministische Willensfreiheit ist nicht widerspruchsfrei denkbar. Der Mensch ist ein evolutionär entstandenes und damit physisches Wesen, das nicht nur wesentlich durch sein Unbewusstes (Freud) gesteuert wird, sondern das nicht einmal über wahre Willensfreiheit verfügt. Die Vorstellung menschlicher Willensfreiheit würde bedeuten, dass die Evolution während Jahrmilliarden ohne Bewusstsein und Willensfreiheit stattgefunden hätte und dann eines Tages ein Wesen entstanden wäre, das im Gegensatz zu allem anderen gegen grundlegende Naturgesetze hätte verstossen können. Eine regelrecht narzisstische Vorstellung, die definitiv nicht haltbar ist, da Freiheit eben nicht auf Zufall basieren kann. Ist der Mensch aber genauso ein Teil der Natur wie ein Quantenphänomen gelten für ihn auch exakt dieselben Gesetze, weshalb die Interpretation des Experiments von Aspect et al. revidiert werden müsste.
Immanuel Kant
Frau Falkenburg scheint sich aber mit der aktuellen Debatte rund um die Willensfreiheit weniger auszukennen, da sie sich auf eine über zweihundert Jahre alte Metaphysik stützt, nämlich jene von Immanuel Kant: "Die gegenwärtige Debatte zur Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus wird in der Philosophie des Geistes geführt, als hätte Kant nie die Kritik der reinen Vernunft geschrieben." (S. 51) Das Problem dabei ist wohl, dass die meisten Philosophen, die sich mit der Philosophie des Geistes beschäftigen in ihrem Studium durchaus Kants Kritik der reinen Vernunft studieren mussten, dass sie aber wohl zum Schluss gekommen sind, dass Kants Gedanken hier nicht weiterhelfen.
Es ist durchaus denkbar, dass Immanuel Kant seine Kritik der reinen Vernunft geschrieben hat, um indeterministische Willensfreiheit zu "retten". So schreibt er auf Seite BXL der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft in einer Fussnote: "Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik notwendiggemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung, von eben denselben, als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht gemacht, so mußte der Grundsatz der Kausalität und mithin der Naturmechanismus in Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen, d. i. nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu geraten; weil ich die Seele in beiden Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt (als Sache an sich selbst) genommen habe, und, ohne vorhergehende Kritik, auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduktion ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz der Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind, so wird eben derselbe Wille in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze notwendig gemäß und sofern nicht frei, und doch andererseits, als einem Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch vorgeht." (Vgl. auch BXXVIf)
Leider "geht hierbei ein Widerspruch vor", auch wenn Kant diesen Widerspruch nicht sehen will: für dasselbe "Ding" kann nicht zugleich Kausalität gelten und nicht gelten. Viel klarer kann man einen Widerspruch gar nicht formulieren, wobei Kants simple Behauptung, dass es sich dabei um keinen Widerspruch handle viel Leute überzeugt zu haben scheint. Dies ist jedoch bei Weitem nicht das einzige Problem mit dieser Passage. Betrachten wir deshalb Kants Philosophie noch etwas genauer. Ein Kerngedanke von Kants Philosophie basiert auf David Humes Beweis, dass alles, was notwendig ist nicht durch die Sinne stammen, dass alles sinnlich Erfahrene keine absolute Gültigkeit beanspruchen kann. Zeit, Raum und Kausalität sind für Kant aber "Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung", sind notwendig dafür, dass bewusste, subjektive Erfahrung überhaupt möglich ist. Also schliesst Kant, dass unter anderem Zeit, Raum und Kausalität nicht durch die Sinne stammen, sondern schon vor der sinnlichen Erfahrung "a priori" im Subjekt vorhanden sein müssen. Um mit dieser Idee nicht in einen Idealismus zu verfallen, den er vehement ablehnt, ist Kant dazu gezwungen ein "Ding an sich" anzunehmen, das ausserhalb vom Subjekt existieren soll, für das aber alle notwendigen Eigenschaften wie Raumzeit und Kausalität nicht gelten sollen, das uns gänzlich unbekannt sein soll.
Die Idee des "Dings an sich" wurde allerdings schon kurz nach Veröffentlichung von Kants Kritik der reinen Vernunft mit sehr guten Argumenten in Frage gestellt. So ist Kant der Ansicht, dass "alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange", dass das (zum Subjekt gehörige) Erkenntnisvermögen durch "Gegenstände, die unsere Sinne rühren" zur Ausübung erweckt würde (erster Satz der Einleitung zur Kritik der reinen Vernunft). Der Erkenntnisprozess beginnt demnach damit, dass ein "Ding an sich", das unabhängig vom Subjekt existiert die Sinne rührt. Da aber "der Grundsatz der Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich sofern sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, eben dieselben aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind," müssen diese Gegenstände die Sinne rühren ohne dabei kausal zu sein und ohne in Raum und Zeit zu existieren. Es ist deshalb schon einmal problematisch, dass Kant hier von "Gegenständen" im Plural spricht, da ohne Raumzeit verschiedene Gegenstände gar nicht unterschieden werden können. Da zudem die Sinne zwischen "aussen" und "innen" vermitteln, muss zumindest ein Teil der Sinne ebenfalls "Ding an sich" sein. Existiert aber ein Gegenstand (als Ding an sich), der die Sinne (als Ding an sich) "rührt", dann muss zwischen diesen beiden eine räumliche Trennung existieren. Da zudem mit "rühren" eindeutig ein kausaler Prozess gemeint ist, widerspricht sich Kant hier direkt.
Das hier aufgezeigte Problem ist das Problem von jedem Dualismus: er kann die Interaktion der beiden grundsätzlich verschiedenen "Welten" (hier "Welt" der subjektiven Erfahrung und "Welt" des "Dings an sich") nicht erklären. Ist nicht alles kausal, muss das "Ding an sich" nichtkausal auf die Sinne einwirken (!), worauf Kausalität erst entsteht. Irgendwo in diesem Prozess muss also etwas existieren, das beiden "Welten" angehört, das zugleich kausal und nichtkausal sein muss - genau der Widerspruch, den Kant im obigen Zitat übersieht. Unter anderem aus solchen Gründen stellten viele Nachfolger Kants das "Ding an sich" in Frage und favorisierten einen Idealismus, also die Vorstellung, dass die Welt unabhängig vom Subjekt gar nicht existiert. Kant erachtete es allerdings als einen "Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu den Erkenntnissen selbst für unsern inneren Sinn her haben,) bloß auf Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemandem einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können." (B XXXIX)
Die Antwort des Naturalismus auf Kant
Ohne "Ding an sich" geht Kants Philosophie nicht auf, da er von der menschlichen Seele nicht würde sagen können "ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen..." Dass es sich bei dieser Formulierung einmal mehr um einen direkten Widerspruch handelt, braucht kaum noch erwähnt zu werden. Kant versteht unter einem freien Willen einen Willen, der nicht der Naturnotwendigkeit unterworfen ist. Ein solcher ist aber zum einen nicht frei, sondern zufällig, zum anderen kann ein solcher Wille nicht zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen und ihr nicht unterworfen sein.
Gibt man aber die Vorstellung auf, dass eine willensfreie menschliche Seele existiert und ist man bereit, die letzte und größte narzisstische Kränkung der Menschheit nach Freud auf sich zu nehmen, lässt sich auch das "Dasein der Dinge außer uns" wenn nicht beweisen, so doch zumindest widerspruchsfrei erklären. Denn für den Naturalismus ist das Humesche Problem, das Kant aus seinem "dogmatischen Schlummer" gerissen hat, das Problem, dass das Notwendige nicht durch die Sinne stammen kann nicht einmal eine Herausforderung. Sind Geist und Bewusstsein kausale Folge der physischen Welt (des "Dings an sich"), gelten für sie auch dieselben Gesetze. Diese Gesetze können zwar nicht alle sinnlich erfahren werden, sie können aber gleichwohl Notwendigkeit beanspruchen, da sie nicht nur Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung, sondern Bedingungen der Möglichkeit der physischen Welt sind, zu der auch die Erfahrung gehört. Raumzeit und Kausalität gelten also nicht nur für die Erfahrung, sondern auch für die der Erfahrung zugrundeliegenden Welt, gelten auch für das "Ding an sich", das raumzeitlich getrennt sein muss von den Sinnen und das kausal auf die Sinne einwirken können muss, um bewusste Erfahrung entstehen zu lassen. Gelten für Welt und Erfahrung aber identische Gesetze, dann stellt sich die Frage gar nicht, ob alle diese Gesetze sinnlich erfahren werden können. Und in der Tat können viele dieser Gesetze nicht sinnlich erfahren werden, weshalb nur darauf geschlossen werden kann. Auf "real existierende Kausalität" kann nur mittels Kausalität als "heuristisches Prinzip" geschlossen werden, weshalb Kausalerklärungen nie notwendig sein können, obwohl die Welt auf Kausalität basiert und die Welt deterministisch ist.
Kant und indeterministische Deutungen der Quantenmechanik
Kant scheint sich mit seiner Kritik also durchaus geirrt zu haben. Seine Gedanken haben aber bis heute grossen Einfluss, da leider noch zu viele Philosophen und Wissenschaftler sich mit Kant befassen. Dies traf vermutlich noch stärker auf die Entdecker der Quantenmechanik zu, welche die indeterministischen Deutungen der Quantenmechanik in den Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt hatten. Denn diese Interpretationen erinnern sehr stark an die Vorstellung des "Dings an sich". So sollen "Quantenobjekte" im "Verborgenen" wie das "Ding an sich" nicht kausal sein, nimmt eine strenge Version der bekannten Kopenhagener Deutung in ihrem Kern an, dass Quantenphänomene nicht unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existieren - oder eben nur als "Ding an sich". Anton Zeilinger, der bereits erwähnte Anhänger einer solchen Beobachterabhängigkeit sieht allerdings durchaus auch eine Alternative dazu, die er aber als zu extrem ablehnt. So schreibt er in seinem Buch "Einsteins Spuk: Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik" auf Seite 209, dass "noch eine ganz andere, extreme Position tragbar, oder zumindest denkbar [wäre]. Dies wäre die Annahme eines totalen Determinismus." Einen solchen lehnt er aber wie Frau Falkenburg und Immanuel Kant aus weltanschaulichen Gründen ab: "Dass eine solche Position den Naturwissenschaften vollkommen den Boden unter den Füßen wegziehen würde, ist offenkundig. Welche Bedeutung hätte es, in einem Experiment eine Frage an die Natur zu stellen, wenn die Natur selbst diese Frage determinieren kann?" (ebd.)
Fazit
Wer etwas über Wissenschaftstheorie und Schwierigkeiten mit denen sich die heutige Neurowissenschaft konfrontiert sieht lernen will, ist mit diesem Buch durchaus gut beraten. Frau Falkenburg ist eine seriöse Physikerin und Wissenschaftstheoretikerin und schafft es auch grösstenteils gut verständlich zu schreiben. Ihre ("philosophischen") Thesen zum angeblichen "Mythos" Determinismus sind allerdings aus wissenschaftlicher Perspektive eine Mogelpackung. Frau Falkenburg zeigt zwar viele Schwierigkeiten der heutigen Hirnforschung rund um das Reduktionsproblem auf, weiss aber keinerlei grundsätzlichen Einwände gegen den Determinismus vorzubringen. Vielmehr gesteht sie wiederholt ein, dass eine deterministische Alternative selbst für die angeblich indeterministische Quantenmechanik möglich, aber eben (für sie) unplausibel sei: ist der Determinismus aber ein "Mythos", weil er unplausibel ist oder weil dafür ein hoher metaphysischer Preis gezahlt werden muss, müssen natürlich die alternativen metaphysischen Kosten eines Indeterminismus genauer betrachtet werden. Hier stehen metaphysische Vorstellungen wie ein Leib-Seele Dualismus oder menschliche Willensfreiheit der Korrektheit der ganzen klassischen, deterministischen Physik und der Evolutionstheorie gegenüber. Beides zusammen ist nicht zu haben.
Frau Falkenburgs Buch ist geprägt durch einen Zwiespalt, der sich mit ihren beiden Doktortiteln erklären lässt. Als seriöse Physikerin weiss sie durchaus, dass sich der Determinismus innerhalb der deterministischen klassischen Physik nicht wissenschaftlich widerlegen lässt - aber auch nicht im Bereich der Quantenphänomene. Als Wissenschaftstheoretikerin weiss sie zudem, dass ein Dualismus keine Alternative ist. Als Philosophin und insbesondere als Kantianerin ist es für Frau Falkenburg aber undenkbar, den (letztlich widersprüchlichen) Gedanken der indeterminierten Willensfreiheit aufzugeben. Dieser Zwiespalt ist im ganzen Buch spürbar. Aus philosophischen Gründen ist sie "gezwungen", den Determinismus zu widerlegen, was physikalisch nicht möglich ist. Also zeigt sie angebliche Kausalitätslücken auf, verwässert den Begriff der Kausalität bis zur Unkenntlichkeit, "erfindet" nichtphysische Ursachen, die dann doch wieder nicht dem verwässerten Kausalitätsbegriff entsprechen, verliert sich in Widersprüchen, vertritt an manchen Stellen genau die Positionen, die sie an anderen Stellen vehement bekämpft. Hauptsache, der Determinismus ist falsch und Willensfreiheit gerettet. Ein solches Vorgehen ist allerdings nicht wissenschaftlich, sondern dogmatisch, was sich in einem nicht unbedingt typischen, dafür sehr erhellenden Zitat auf Seite 392 besonders schön zeigt:
"Sie sehen hier: Der Hirnforschung würde eine wissenschaftsphilosophische Reflexion ihrer Methoden und Begriffe nicht schaden. Und Sie sehen auch: Die Erkenntnisse der Hirnforscher können heuristisch äußerst nützlich sein, etwa im Hinblick auf medizinische Therapien, ohne dass sie gleich unser gesamtes Menschenbild über den Haufen werfen müssen. Bitte deuten Sie also Einsichten wie die Bündel-Theorie des Selbst zunächst nur instrumentalistisch, aber nicht gleich realistisch! Halten Sie sie für ein gutes Instrument, um bestimmte Krankheitsbilder zu diagnostizieren und zu behandeln, aber halten Sie sie nicht für eine wahre Theorie des menschlichen Selbstbewusstseins. Und lassen Sie sich schon gar nicht einreden, Ihr Selbst sei eine Fata Morgana Ihres Gehirns." (S. 392)
Frau Falkenburg wendet sich also dagegen, dass unser gesamtes Menschenbild über den Haufen geworfen wird und "warnt" ihre Leser, sich nichts "einreden" zu lassen. Die Rolle der Wissenschaft sieht sie darin, nützliche Therapien zu entwickeln, aber auf die Weltanschauung darf sie keinen Einfluss haben. Eine solche Argumentationsweise erinnert an jene von religiösen Menschen, die vor der Überzeugungskraft der Wissenschaft kapitulieren und deshalb dagegen halten, dass Wissenschaft schon gut sei, aber eben nur für den Bereich der Natur. Es ist aber offensichtlich, dass das wissenschaftliche Weltbild auch Folgen für unsere Weltanschauung hat und eine der wichtigsten Folgen besteht darin, dass der Determinismus Realität und kein Mythos ist.
Brigitte Falkenburg. Mythos Determinismus: Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Springer 2012.