Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03237.jsonl.gz/494

Die Schweizer Zuckerwirtschaft ist auf angepasste Rahmenbedingungen angewiesen, um dem Preisverfall in Folge der Überproduktion in der EU seit Oktober 2017 zu begegnen. Diese Überproduktion geht auf die Aufhebung der EU-Zuckermarktordnung zurück, weswegen Zuckerrüben in der Schweiz nicht mehr kostendeckend angebaut werden können. Ein Wegfall dieser Kultur würde die Erfüllung des multifunktionalen Leistungsauftrags der Landwirtschaft (BV Art. 104a), insbesondere die Versorgungssicherheit und die Prämisse der Nachhaltigkeit untergraben, da die Produktion von Schweizer Zucker im Vergleich zum europäischen und nicht-europäischen Ausland eine bedeutend bessere Ökobilanz aufweist. Auch die zuverlässige Versorgung der wichtigen weiterverarbeitenden Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie wäre bei einer grösseren Abhängigkeit von Importzucker gefährdet. Bereits heute ist die Schweiz Nettoimporteurin; d.h. es wird mehr Zucker verbraucht, als hergestellt wird. Mit der Verarbeitung von Nebenproduk-ten leistet die Zuckerindustrie einen Beitrag zum Selbstversorgungsgrad bei Futtermitteln.
Die bisherigen Anstrengungen der Schweizer Zucker AG unter weitgehend marktliberalen Bedingungen kosteneffizient zu produzieren sind wirksam und finden breite Anerkennung. Hierzu zählen z.B. ökonomisch und ökologisch nachhaltige Innovationen im Bereich Energie (Holzkraftwerk Aarberg), im Transport und im Produktsortiment. Allerdings kann sie unter Gewährleistung eines für die Pflanzer rentablen Rübenpreises angesichts der Strukturbedingungen und hohen Standards in der Schweizer Landwirtschaft den Zucker nicht auf das aktuelle Preisniveau in der EU senken. Eine breite Basis der Bevölkerung wünscht in der Schweiz produzierte Lebensmittel, aber das Tragen der Kosten erzeugt einen Interessenkonflikt. Wird dieser nicht gelöst, droht das Ende der Zuckerbranche. Eine kostendeckende Auslastung der Fabriken lässt sich nur mit einer Anbaufläche von 20'000 ha gewährleisten. Mit dem Erhalt von nur einer der beiden Fabriken würde die Produktion rund halbiert. Auf Grund der limitierten Verkehrssysteme könnte ein Werk die notwendige Produktionsmenge nicht gewährleisten um die von den Abnehmern ge-wünschte Swissness einzuhalten.
Um den Mehrwert für alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette zu sichern, empfiehlt es sich, an verschiedenen Stellen anzusetzen, um eine einseitige Kostenbelastung zu vermeiden. Als mögliche Massnahmen stehen staatliche Subventionen in Form von Einzelkulturbeiträgen, die teilweise Verlagerung der Kosten auf Industrie- und Konsumentenpreise, weitere Produktivitätssteigerungen in der Zuckerherstellung sowie ein modifizierter Grenzschutz zur Verfügung. Bei einem EU-Referenzpreis von rund 400 Euro/t, was bei aktuellem Wechselkurs ca. 460 CHF entspricht, könnte mit einem maximalen Aufpreis beim Zoll von 100 CHF/t ein kostendeckender Preis von angenähert 600 CHF erreicht werden. Die Rohstoffkosten für eine 100g Tafel Milchschokolade würden dabei weniger als einen Rappen steigen. Dies entspricht einem geringeren Einfluss auf den Preis als die Währungsschwankungen der letzten Jahre. Angesichts des tiefen Anteils an den durchschnittlichen monatlichen Haushaltsausgaben für Zucker und zuckerhaltige Produkte von nur 0.4% erscheint dieser Aufwand aus Sicht der Konsumenten tragbar.
Mit nur wenig Aufwand lässt sich so der Erhalt einer ganzen Branche sichern, die vielfältigen Mehrwert generiert. Entscheidend dafür sind der politische Wille und eine breite Abstützung bei Kunden und Verbrauchern.
Zu diesen und weiteren Schlussfolgerungen kommt eine Interview-Studie der FHNW im Auftrag der Schweizer Zucker AG. Die detaillierten Ergebnisse sind in der Studie unter https://www.fhnw.ch/de/die-fhnw/hochschulen/hsw/icc/publikationen-und-projekte einsehbar.
Der Bundesrat hat Ende November Massnahmen zur Unterstützung der Schweizer Zuckerindustrie beschlossen. Diese sind zeitlich befristet und an Auflagen gebunden.