Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/2476

Die Frage stellt sich mir regelmässig. L'art pour l'art, die ich so liebe, die bezuglose Kunst, deren einziger Bezug nur die eigene oder fremde Tradition ist, -hat sie eine Glaubwürdigkeit, eine Existenzberechtigung in unserer Zeit?
Hirschhorn hat bezüglich seines "Crystal of Resistance", das er in Venedig ausstellt, gesagt, es gehe ihm um den Widerstand - den Widerstand nicht gegen was, sondern den Widerstand an sich. Einen Moment ärgerte ich mich: man muss doch Widerstand leisten, man kann doch nicht einfach nur widerständig sein ohne Gegen!
Dann aber wurde mir klar, dass Modernität (mein Modewort in diesen Kunstbetrachtungen) letztlich doch darin besteht, ziellos, zwecklos und bezuglos zu sein. Wie mir eine Biografie von E.A. Poe mit 15 Jahren klar gemacht hat: es geht nicht um einen Zweck, ein Ziel, es geht um die Aussage an sich; die Interpretation ergibt sich dann im und durch das Individuum. (Leider habe ich vergessen, wie der französische Autor dieser Biografie geheissen hat.)
Dies würde aber heissen, dass soziale, politische oder ökologische, ökonomische Bezüge nur im Individuum, im Rezipienten quasi, erzeugt werden dürfen. Die Frage ist: dürfen wir das? Dem Individuum, das ja laut Pascals Definition der Flucht, dem Eskapismus zuneigt von Natur her und sich nicht gerne mit sich beschäftigt, allein die Deutung überlassen?
Oder anders gesagt: Sind wir Zeitgenossen noch fähig zu einer Exegese der Kunstwerke ohne Hilfestellung sei es vom Künstler selbst (eben: mit klarem sozialen, politischen etc. Impuls und vorgegebener Lesart) oder vom Kunstverständigen / Kunstkritiker?
Und was verändert Fukushima in der Kunst, in der Lyrik? Hat Auschwitz in der Lyrik etwas verändert? In der Belletristik nicht, meines Erachtens.