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Viele Ideen verdanken sich der Fügung des Zufalls. Kürzlich sind mir zwei Bücher in die Hände gefallen, die ich vor einiger Zeit auf die Seite gelegt hatte. Das eine trägt den Titel «Das Geschwätz vom Wachstum»* und erklärt unfreiwillig, auf welchem ideologischen Boden die Kritik am wirtschaftlichen Wachstum gedeiht. Das zweite heisst «Fleisch und Blut»** und ist die Biographie eines Metzgermeisters, die vom Leistungswillen eines einfachen Mannes zeugt, der es in einer schwierigen Zeit zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hat.
Dass ich genau diese beiden Bücher las, war reiner Zufall, aber eben vielleicht doch ein Zufall mit System. Nach der Lektüre gingen mir jedenfalls zwei Gedanken durch den Kopf: Wachstumskritik muss man sich leisten können, ist mithin ein Phänomen von Wohlstandgesellschaften. Und vor allem: wer das Wachstum künstlich hemmt, verkleinert den erwirtschafteten Kuchen – auf Kosten derer, die auch in der Wohlstandsgesellschaft darben. Doch der Reihe nach.
«Das Geschwätz vom Wachstum» von Gasche und Guggenbühl will darlegen, dass Wirtschaftswachstum Armutsprobleme und Arbeitslosigkeit nicht löst, sondern zu Verhältnissen führt, die solche Probleme erst verursachen. Entsprechend machen die Autoren die klassischen Rezepte zur Überwindung von Wachstumskrisen – mehr Wettbewerb, mehr Liberalisierung, mehr Globalisierung – verantwortlich für sinkende Lebensqualität in entwickelten Staaten und für die Armutsprobleme in unterentwickelten Ländern.
Der Trick, den die Autoren stets für ihre Beweisführung anwenden, ist sattsam bekannt. In einem ersten Schritt eignen sie sich Argumente an, die von Wirtschaftswissenschaftern erhoben wurden, um durch Wettbewerbsverzerrungen oder staatliche Eingriffe verursachte Probleme in der aktuellen Wirtschaft zu identifizieren. In einem zweiten Schritt werden mit Unterstellungen und Suggestionen diese Argumente solange verwurstet, bis Wirtschaftswachstum, und die Marktwirtschaft allgemein, auf der Anklagebank sitzen.
Das funktioniert beispielsweise so. Schritt eins: im Kapitel «Die Armutsfalle», über den Zusammenhang von Globalisierung und Armut in den unterentwickelten Ländern, fordern die Autoren, die Industriestaaten müssten ihre Exportsubventionen für die Agrarprodukte rigoros abbauen und den einheimischen Markt für Agrarprodukte aus den ärmsten Ländern öffnen. Dabei geben die Autoren explizit zu, dass diese Forderungen auch von liberalen (also den im Buch gemeinten «neoliberalen») Vertretern erhoben werden. Wie können die Autoren unter diesen Umständen Liberalismus und Globalisierung trotzdem auf die Anklagebank bringen und für die Armut in den Entwicklungsländern verantwortlich machen?
Ganz einfach durch Schritt zwei: indem sie darauf hinweisen, dass die multinationalen Firmen davon profitieren, dass die Transportkosten für die Güter oft nicht den verursachten externen Kosten entsprechen. Wenn die Preise auf dem globalisierten Markt nicht sämtliche Kosten der Güter enthalten, so sind die Spielregeln falsch und werden von den multinationalen Unternehmen auf Kosten der schwächeren Marktteilnehmer ausgenützt. Deshalb ist die Globalisierung schlecht, und die Autoren fordern einen sofortigen Globalisierungs- und Wachstumsstop.
Dabei übersehen die Autoren freilich mindestens zwei gewichtige Gegenargumente: erstens würde ein solcher Stop an den Armuts- und Umweltproblemen in den Entwicklungsländern nichts ändern. In Gebieten mit Überbevölkerung können es sich die Menschen nicht leisten, sich Gedanken über eine nachhaltige Nutzung der Umwelt zu machen. Zweitens würden die multinationalen Firmen (und solche, die es werden wollen) in einem globalisierten Markt, ohne Verzerrungen durch Handelsbarrieren und offene oder verdeckte Subventionen, viel besser funktionieren. Solche Marktverzerrungen begünstigen immer einen kleinen Teil der Akteure gegenüber allen anderen Konkurrenten. Erst das Wegfallen von Handelsbarrieren und Subventionen ebnet das Spielfeld so ein, dass es aufstrebenden Firmen möglich wird, multinational zu agieren. Wenn multinationale Firmen von Marktverzerrungen profitieren, müssen diese Verzerrungen – und nicht die Globalisierung – abgeschafft werden.
Kommen wir zum zweiten Buch. Darin wird die Lebensgeschichte des Metzgers Hans Meister von seiner Enkelin Susanna Schwager aufgezeichnet. Es basiert auf Tonbandprotokollen, die sie aufgenommen und montiert hat. Diese Lebensgeschichte ist das beeindruckende Zeugnis einer Person, die sich mit ihrer ganzen Kraft für Wachstum…