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Die folgenden Zeilen beziehen sich auf ein Buch des hierzulande leider relativ unbekannten englischen Schriftstellers Gilbert Keith Chesterton (1874-1936): "What’s wrong with the world?" Chesterton spielt dabei auf eine Frage an, die Soziologen und Moralisten bis heute beschäftigt. Was stimmt nicht mit der Welt? Mit unserer Gesellschaft? Ist es nicht so, dass der Kapitalismus uns zu hirnlosen Konsum-Maschinen degradieren will? Ist es nicht so, dass überall eine gewisse "soziale Kälte" spürbar ist? Warum sind so viele Menschen unglücklich? Warum ist die Welt so ungerecht? Verroht unsere Gesellschaft zusehends?
Chesterton bietet einige interessante Einsichten auf diese Fragen. Im Gegensatz zu den Soziologen seiner Zeit sieht er das Problem nicht irgendeiner Form von sozialer Ungerechtigkeit oder gesellschaftlichen Missständen. Das Problem liegt vielmehr darin, dass sich die Soziologen und Moralisten nie die Frage stellen, was denn an der Welt denn überhaupt gut ist. Viel zu oft sucht man nach Sündenböcken: Kommunisten, korrupte Regierungen oder eben Abzocker-Manager und Kapitalisten.
Man ist sich oft sehr schnell darüber einig, was schlecht ist auf dieser Welt. Umgekehrt sieht es jedoch etwas anders aus: was ist denn eigentlich gut an der Welt? Und gerade hier bietet Chesterton einige interessante Einsichten.
Es gibt eine Unzahl von Institutionen, an die man einfach glaubt, ohne zu wissen wieso: Zeitungen, Soap-Serien, Politiker und Geschichtsbücher. Doch wissen wir wozu? Der Mensch möchte doch eigentlich all diesen gesellschaftlichen Firlefanz nicht. Chesterton schreibt, dass der gewöhnliche Mensch nichts anderes will als ein gewöhnliches Leben. Was will denn der Mensch anderes als ein glückliches Leben, mit den Verwandten und Bekannten, mit Freunden und Menschen, die man liebt. Gibt es etwas, das noch wichtiger ist als glücklich zu sein?
Chesterton verneint diese Frage. Der Mensch hat nicht die Aufgabe für ein politisches, moralisches oder intellektuelles Ideal zu leben. Es verhält sich genau umgekehrt: Ideale haben den Menschen zu dienen. Der Moralist hat nicht die Welt zu verbessern, sondern sein Leben. Der Politiker hat nicht die Gesellschaft zu verändern, sondern sein Leben. "It is the main earthly business of a human being to make his home, and the immediate surroundings of his home, as symbolic and significant to his own imagination as he can."
Mit dieser Sichtweise entpuppt sich Chesterton als moderner liberaler Denker. In seinem Buch verteidigt er die Familie, die Ehe, den Glauben an Gott - in letzterem wähnt er gar eine Art libertäre Lebensweise.
Gleichzeitig bekämpft und kritisiert er Faschismus, Sozialismus, Imperialismus, Feminismus, Eugenik und all die anderen Dogmen, die im 20. Jahrhundert zu gesellschaftlichen Verirrungen und manchmal sogar zu abscheulichen Verbrechen geführt haben. Chesterton tritt dabei auf als Advokat des kleinen Mannes, dessen Lebensweise er in geradezu romantisierender Weise beschreibt. Im Gegensatz zum Sozialisten aber identifiziert er den Wunsch der einfachen Bevölkerung nicht mit einem sozialistischen Ideal, sondern lediglich mit dessem eigenen Streben nach Glück. Der Arbeiter will keine Revolution; er möchte nur genügend Geld haben, um sich und seine Familie zu ernähren. Es braucht keinen Umsturz im System, oder soziale Gerechtigkeit. Es braucht lediglich genügend hohe Löhne, um den Arbeitern ein glückliches Leben zu ermöglichen.
Chesterton stellt das Streben nach Glück über die rein theoretischen Ideale seiner Zeitgenossen. Statt Fanatismus herrscht Pragmatismus. Statt dass das "Schlechte" gejagt wird, jagt Chesterton nach dem Guten. Zurecht gilt er deshalb als Apostel des Common Sense.
Warum hat man von diesem grossartigen Denker noch nie etwas gehört? Warum wird er nicht an Schulen und Universitäten gelehrt? Der Grund liegt in der Natur des Intellektualismus verborgen: Intellektuelle streben nur nach Wissenschaftlichkeit und Präzision. Sie halten diese Ideale für höher als das kleinbürgerliche Ideal von der glücklichen Familie. Sie wollen klüger sein als der Durchschnitt. Das gibt ihnen das Gefühl, etwas besseres zu sein. Darum stösst eine solche Lehre, die den gewöhnlichen Menschen als aussergewöhnlich darstellt, auch in intellektuellen Kreisen oft auf Ablehnung. Auf wissenschaftliche Fragen darf es keine einfachen Antworten geben, insbesondere, wenn sie mit all den dogmatischen Lehren der Soziologie, Ethik und Politik bricht. Vielleicht ist das der Grund, warum Chesterton heutzutage so unbekannt ist.
Was ist also falsch an dieser Welt? Dass wir uns nicht fragen, was an ihr richtig ist. Und dass wir diesen wohl grössten Denker des 20. Jahrhunderts vergessen haben.