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Meereswellen rauschen. Überblendung auf eine Zeichnung der Silhouette der «Janus», das Expeditionsschiff von Maximilian, Prinz zu Wied, der damit 1832 zu einer Expedition nach Nordamerika aufbrach. Bilder, Zeichnungen von Indianern – der Prinz wird von Karl Bodmer, dem «Indianer-Bodmer» begleitet, der von der Lebensweise der Einheimischen und der Landschaft am oberen Missouri so fasziniert ist, dass er am liebsten hier «seine Zelte aufschlagen» möchte. Ein Aquarell zeigt eine kultische Stätte: einen Ring von Totenköpfen – einige Jahre nach der Expedition ist der Stamm, bei dem sich Bodmer niederlassen wollte, durch eingeschleppte Pocken dezimiert, der Rest in Reservate verbannt. Bodmer bleibt in Europa. Hingegen wächst der Strom der «Wirtschaftsflüchtlinge» aus Europa erschreckend rapide an: Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sind es allein aus der Schweiz rund 18 000 Menschen – oft Randständige, Arme, Gebrechliche, mit denen ein schwungvoller Auswanderungshandel getrieben wird.
Die drei Brüder Steinauer aus Einsiedeln befinden sich darunter – sie wandern 1852 aus – dank der Briefe von Joseph Alois in die Heimat weiss man mehr von ihrer Geschichte.
Ein Blick über ein Feld, auf ein Hausdach, das elegant durch die Gegend gleitet, auf einen Laster, der ein komplettes Haus transportiert – wir sind im heutigen Steinauer Nebraska. Ein ehemals prosperierendes Städtchen – Joseph Alois wurde anno 1907 in einem Nachruf als «einer der besten Steuerzahler im County» gewürdigt –, das heute noch rund neunzig Einwohner zählt. Zentrale Orte sind Saloon, Post, Kirche und Bank, um die sich im Verlauf des Films Bilder und Geschichten ansammeln wie um magnetische Pole.
Der Saloon ist erste Kontaktstelle: «From Switzerland? – Chasch jasse?» Ältere Leute um einen Tisch plaudern von alten Zeiten; ältere Filmausschnitte zeigen den Saloon in Hochbetrieb, Bier wird in rauhen Mengen gezapft. Die Post wurde von einem der Steinauer bewirtschaftet – ein Foto zeigt ihn mit dem Pony-Express vor dem Gebäude. Die Kirche, in der Ed Kalin einmal im Monat als Messdiener bedächtig die Messe vorbereitet, steht trutzig im Städtchen. Ein Blick auf den Friedhof mit einem grossen Grabmonument für zwei der Steinauer-Brüder. Dann die Bank, von der Joseph Anton nach Hause berichtet: «Die zwei Buben sind geschickt und gelernt, dass die mit der Feder können leichter ein Dollar verdienen als ich seinerzeit mit der ganzen Leibesanstrengung zwei Batzen.» Über den Bankräumlichkeiten der ehemalige Dance Floor, die Steinauers spielten auch in «Edmund’s Band» zum Tanz; heute stehen noch ein paar Stühle entlang den Wänden, Notenblätter liegen rum, ein Piano zeigt gähnend seine kaputte Klaviatur.
Im Zentrum des Films steht der Boden, die Landschaft – nicht unberührt, sondern zeugend von unterschiedlichstem Umgang mit ihr. Immer wieder eindrückliche Graslandschaften, wild, rauh, nur geprägt von tiefeingekerbten Wagenspuren, dem Wind und den Schatten der darüberziehenden Wolken. Am nächsten damit verwandt die Bilder von Karl Bodmer – Büffelherden und Tipees von Indianern. Dann die Erde, die vom Pflügen aufgerissen wird, erst mit Manneskraft und Pferden als Zugtiere, dann, mit dem Aufkommen der Dampfkraft, von komplizierten Maschinerien mit Antriebsriemen und grossen Rädern, jetzt von imposanten Ungetümen mit rasend schnellem Räderwerk plattgewalzt. Riesige Mais- und Weizenfelder ziehen sich hin. Das urbare Land zeigt sich im Gewand aller Jahreszeiten: weissverschneite Felder mit sich zusammenrottenden Kühen, Pferde im herbstlichen Nebel, herumspringende Kälber im Frühjahr. Immer wieder auch die Strassen: breite, schmutzige Fahrspuren mit seltsamen altmodischen Vehikeln in Aufnahmen aus den zwanziger Jahren, rotbraune Landstrassen, schnurgerade asphaltierte Strecken ziehen sich heute durch die Felder. Aber auch zerfallene Scheunen auf verlassenem ehemaligem Farmland und – einen Kreislauf schliessend – durch Übernutzung von der Erosion bedrohtes Land, das mit staatlicher Unterstützung wieder in Grasland verwandelt wird.
Nicht zu vergessen der Chor der Stimmen: die bedächtige des Autors etwa, der seine ersten Eindrücke von den Begegnungen mit Land und Leuten schildert, und die helle von Schwester Walburga Kälin, die von der ärmlichen Situation der Steinauer-Brüder in Einsiedeln erzählt. Eine männliche Stimme mit leicht amerikanischem Akzent liest Auszüge aus den Briefen, die Joseph Alois nach Hause schickt, anschaulich berichten sie von schwierigen Anfängen und zähem Hoffen auf Erfolg. Lebhaft dozierend die von Dr. Walter Hauser über das Elend der Auswanderung und die üblen Verhältnisse, die zum Verlassen der Heimat zwangen. Nüchtern artikulierend Professor Leo Schelbert, der die Entwicklung der Besiedlung durch die Weissen, als der billigst zu erwerbende Boden zum Spekulationsobjekt wurde, nacherzählt. Ed Pfister etwa erzählt in gebrochenem Schweizerdeutsch von seinem Grossvater, der einzig mit ein paar Gotthelf-Bänden im Rucksack in der Gegend von Steinauer aus dem Zug geworfen wurde; singt nostalgisch vom schönen Aemmital und spricht nachdenklich von der Unmöglichkeit, bei den heutigen Preisen als Junger hier eine Farm bewirtschaften zu können. Der junge Pat Kalin, Freizeit- und Nacht-Farmer, redet von den Unwägbarkeiten der Ertragsaussichten, mit leiser Trauer vom letzten Ausweg – dem Wegzug, aber auch mit verhaltenem Stolz vom anstrengenden Leben, das er nicht missen möchte.
Und eingebettet in die Bilder der rauhen Prärielandschaft findet sich die getragene Stimme von Sam Parkins, der Auszüge aus Texten von Robert J. Conley und Leslie Marmon Silko vorträgt: Gedichte von heute lebenden Indianern. Sie beschwören die Wiederkunft des Büffels, die Verbundenheit des roten Mannes mit Mutter Erde, das kurzfristige Auftauchen und wieder Verschwinden des weissen Mannes auf diesem Land – eine Stimme aus der Vergangenheit und der Zukunft.
Steinauer Nebraska ist ein reichhaltiges und weitgespanntes Netz, gewoben aus Fotos, Dokumenten, Filmausschnitten älteren und aktuellen Datums, Landschaftsaufnahmen, Texten und Stimmen, um nachdenklich und melancholisch stimmende «Geschichten um Gewinn und Verlust», wie Karl Saurer seinen Film im Untertitel charakterisiert.
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