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Die Chance war vielleicht einmalig – und sie kommt vielleicht nie wieder. Mit den Australian Open, den French Open und Wimbledon hatte Novak Djokovic die ersten drei Grand-Slam-Turniere des Jahres gewonnen.
Mit einem Sieg bei den US Open wäre er zum dritten Mann nach Don Budge 1938 und Rod Laver 1962 und 1969 geworden, der alle vier Major-Turniere innerhalb eines Kalenderjahres gewonnen hat – aber der erste, dem dies auf drei verschiedenen Unterlagen (Hartplatz, Sand und Rasen) gelungen ist. In New York wurde bis 1978, in Australien bis 1988 auf Rasen gespielt.
Doch es ist nicht der Abend des Novak Djokovic, der mit seinem 21. Grand-Slam-Titel auch Rafael Nadal und Roger Federer hinter sich gelassen hätte. Der 25-jährige Russe Daniil Medwedew (ATP 2) setzt sich mit 6:4, 6:4, 6:4 durch, gewinnt im dritten Finalanlauf nach den US Open 2019 (Niederlage gegen Rafael Nadal) und Anfang des Jahres bei den Australian Open, wo er Novak Djokovic in drei Sätzen unterlegen war, seinen ersten Grand-Slam-Titel, als erster Russe seit Marat Safin 2015 bei den Australian Open.
Djokovic hatte auf dem Weg in den Final vier Mal den Startsatz abgegeben und war fast sechs Stunden länger auf dem Platz gestanden als der Russe. Vor der Partie sagte er: «Ich werde spielen, als wäre es das letzte Match meiner Karriere. Ich werde mein Herz, meine Seele und meinen Körper geben.»
Doch die Last der Geschichte schien ihn zu erdrücken. Gleich im ersten Game nahm Medwedew Djokovic den Aufschlag ab. Bei eigenem Service gab er nur drei Punkte ab. Im zweiten Satz nutzte Djokovic keine seiner fünf Breakchancen, Medwedew nutzte seine Möglichkeit zum 4:2.
Und Djokovic, auf dessen Seite die Zuschauer an diesem Abend waren? Zertrümmerte ein Racket. Es blieb lange Zeit die einzige Gefühlsregung. Im dritten Satz ging Medwedew mit 4:0 in Führung und schlug beim Stand von 5:2 zum Match auf, als Djokovic das erste und einzige Break gelang.
Vor dem letzten Seitenwechsel vergoss Novak Djokovic vor den Augen der Weltöffentlichkeit Tränen. So sehr lastete der Druck auf seinen Schultern.
Wohl nie zuvor war Novak Djokovic in der Gunst des Publikums so weit oben gestanden wie in diesem Jahr in New York. Unter Tränen sagte der Serbe in der Siegerzeremonie: «Mein Herz ist voller Freude. Obwohl ich nicht gewonnen habe, bin ich der glücklichste Mann der Welt. Ich fühlte etwas, das ich noch nie zuvor in New York gefühlt hatte. Danke, ich liebe euch.»
Später sagte Djokovic: «Diese Liebe und Energie hätte ich nicht erwartet. Daran werde ich mich immer erinnern. Deshalb bin ich in Tränen ausgebrochen. Dieses Gefühl ist so stark wie wenn ich den 21. Grand-Slam-Titel gewonnen hätte. Die Zuschauer haben mein Herz berührt.»
Es ist ein Ausgang, mit dem kaum jemand gerechnet hätte: Novak Djokovic gewinnt in dieser Nacht zwar nicht den Titel, dafür aber viele Herzen.
Djokovic wirkte in den Jahren seiner Dominanz oft unantastbar, unschlagbar, mechanisch. Niederlagen wie diese erlauben ihm, sich von seiner verletzlichen Seite zu zeigen. Er sagte: «Es war eine Erlösung, als es vorbei war. Mental und emotional war es belastend. Gleichzeitig fühlte ich Traurigkeit, Enttäuschung und Dankbarkeit gegenüber den Zuschauern.»