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Die globale Erwärmung nagt unaufhörlich an Gletschern, Eisschelfen und Eiskappen und lässt immer häufiger große Eisbrocken abbrechen. Nicht nur in der Antarktis sondern vor allem auch in Grönland schreitet der Temperaturanstieg viel schneller voran als im globalen Mittel. Einen weiteren Beweis dafür gab der Geologische Dienst von Dänemark und Grönland (GEUS) jetzt bekannt: Bereits Ende August brach vom Nioghalvfjerdsfjorden-Eisschelf, auch 79N-Eisschelf genannt, im Nordosten Grönlands ein 113 Quadratkilometer großes Stück ab. Auf Satellitenbildern ist gut zu erkennen, dass der Eisblock in viele kleine Stücke zerbrochen ist.
Der Nioghalvfjerdsfjord ist etwa 80 km lang und 20 km breit und auf ihm treibend fließt das größte noch verbliebene arktische Eisschelf in Richtung Ozean. An dessen Kante teilt sich der Gletscher in zwei Teile, wobei ein kleiner Ausläufer direkt nach Norden abbiegt. Dieser Nebenfluss, Spalte-Gletscher genannt, existiert nun nicht mehr.
Seit Beginn der Erhebung im Jahr 1999 hat das Eisschelf 160 Quadratkilometer an Fläche verloren. Professor Jason Box am GEUS sagt über den jüngsten Abbruch: «Wir sollten sehr besorgt sein über den anscheinend fortschreitenden Zerfall des grössten noch verbliebenen Eisschelfs der Arktis, denn stromaufwärts ist es der einzige grössere Eisstrom des grönländischen Inlandeises, der 16 % des Inlandeisreservoirs entwässert.» Weiter erklärt er: «Was 79N so wichtig macht, ist die Art und Weise, wie es mit dem inneren Eisschild verbunden ist, und das bedeutet, dass diese Region eines Tages – wenn sich das Klima erwärmt, wie wir es erwarten – wahrscheinlich zu einem der wichtigsten Aktionszentren für das Abschmelzen Grönlands werden wird.»
Der nordostgrönländische Eisstrom erstreckt sich 600 km in das Innere des Eisschildes und entwässert hauptsächlich durch die beiden Auslassgletscher Nioghalvfjerdsfjorden-Gletscher und Zachariae-Gletscher, der sein Eisschelf bereits verlor. Jetzt, in zwei aufeinander folgenden Jahren, zerfällt das Eisschelf des Nioghalvfjerdsfjorden-Gletschers mit ähnlicher Geschwindigkeit.
Nicht überraschend
Wie aktuell ebenso beim Pine Island Gletscher in der Antarktis zu beobachten, verringert sich mit der Schwächung des Eisschelfes auch der Widerstand des Eisflusses gegenüber dem Ozean und Gletscher können schneller fließen und an Masse verlieren, wie Dr. Niels J. Korsgaard, Forscher am GEUS, erklärt. «Die Temperaturen in der Arktis steigen schneller als der globale Durchschnitt. Es steht mehr Wärme aus Luft und Ozean zur Verfügung, um die Unterseite und die Oberfläche des Eisschelfs abzuschmelzen, und die dünner werdenden Eisschelfe sind anfälliger für ein Aufbrechen. Das haben wir beim Zachariae Glacier gesehen, diesen Sommer beim Milne Eisschelf in Kanada und jetzt verliert auch der Nioghalvfjerdsfjorden-Gletscher Teile seines Eisschelfs», so Korsgaard.
«In den letzten Jahren war es im Nordosten Grönlands unglaublich warm. Wir hatten 2019 einen sehr frühen Schmelzbeginn im Zusammenhang mit der Hitzewelle in Europa und Grönland.»Dr. Jenny Turton, Polarforscherin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Beschleunigung am Nioghalvfjerdsfjorden-Gletscher
Dr. Anne Solgaard, ebenfalls Forscherin am GEUS, erklärt, dass die von einer Reihe von Satelliten abgeleiteten Gletschergeschwindigkeiten am Nioghalvfjerdsfjorden-Gletscher in den letzten zehn Jahren eine signifikante Beschleunigung zeigten. «Unter Verwendung von Satellitendaten aus fast 30 Jahren sehen wir eine Beschleunigung des Gletscherflusses in den letzten zehn Jahren. Und zwar nicht nur in der Nähe des gegenwärtigen Abbruchs, sondern wir messen die Beschleunigung 80 km flussaufwärts, wo das Eis zu schwimmen beginnt, was auf eine grossräumige Veränderung dieses riesigen Gletschers hinweist», sagt Solgaard.
Professor Box vermutet, dass der Nioghalvfjerdsfjorden-Gletscher länger standhalten könnte, weil er an seinem vorderen Ende von einigen Inseln eingepfercht wird, was ihm eine gewisse Stabilität verleiht. Dennoch werde das Eisschelf dünner. Er hält es für wahrscheinlich, dass sich der Gletscher von der Mitte aus auflösen wird, was einzigartig wäre.
Der Zusammenhang mit dem Klima
Dr. Jenny Turton, Polarforscherin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, untersucht die Auswirkungen eines sich ändernden Klimas auf den Gletscher und sagt: «In den letzten Jahren war es im Nordosten Grönlands unglaublich warm. Wir hatten 2019 einen sehr frühen Schmelzbeginn im Zusammenhang mit der Hitzewelle in Europa und Grönland.»
Beobachtungen von lokalen Wetterstationen deuten darauf hin, dass die Lufttemperaturen in den letzten zwei Jahren durchweg über den durchschnittlichen Lufttemperaturen lagen, was zu einer ausgedehnten Schmelze führte. «Die Atmosphäre in dieser Region hat sich seit 1980 um etwa 3°C erwärmt und 2019 und 2020 wurden rekordverdächtige Temperaturen beobachtet“, so Turton. «Jeden Sommer läuft Wasser vom grönländischen Eisschild auf die Zunge des Gletschers ab und bildet Flüsse und Tümpel mit Schmelzwasser an der Oberfläche. Das Einfrieren des Wassers im Winter erzeugt zusätzlichen Druck auf die schwimmende Zunge, was zu Kalbungsereignissen führen kann.» Wärmere Sommer bedeuten somit ein noch stärkeres Abschmelzen der Gletscher und des Eisschildes.
Gleichzeitig führen die relativ hohen Temperaturen auch zu einem stärkeren Aufbrechen und Schmelzen des Meereises entlang der Ostküste Grönlands. In Jahren mit weniger Meereis verliert dieses seine Barrierefunktion gegenüber dem Gletschereis, sodass es vermehrt zu Kalbungen an der Gletscherfront kommen kann.
Julia Hager, PolarJournal