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Yin und Yang
Sind grosse Firmen die besseren Firmen? Sind grosse Museen die besseren Museen? Is big always beautiful? Manche behaupten das Gegenteil.
Klar ist: Grösse erlaubt es, gewisse Dinge zu stemmen – Dinge, unter deren Last Kleinere in die Knie gehen würden.
Doch hat alles, wie die alten Chinesen schon vor Urzeiten meinten, zwei Seiten.
Eine solche zweite Seite vermeinte ich im Kleinst-, quasi im FLOH-Format zu erleben, als ich vor einem halben Jahr in Wien eine Ausstellung besuchte, die in einem (sehr) grossen Museum zu besichtigen war: die Joseph Cornell-Ausstellung im dortigen Kunsthistorischen Museum (KHM).
Joseph Cornell
Joseph Cornell (1903–1972) ist beim grossen Publikum in Europa nie richtig „angekommen“, nie wirklich sehr bekannt geworden – obwohl er vielen (und auch der offiziellen Kunstgeschichte) als einer der wichtigsten US-amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts gilt.
Er war ein einmaliger Künstler. Sein Leben lang baute er, der eremitisch in Queens/New York lebte, wundersame, oft filigrane Gebilde: Schachteln aus Holz, Boxen, die er mit wenigen Dingen – Fotografien und Gegenständen – so präzise, zart und evokativ, so poetisch-enigmatisch bestückte, dass ihre Inhalte wie Inszenierungen verloren geglaubter, alter Träume erscheinen.
Die Schachteln sind auf einer Seite mit einer Glasscheibe verschlossen, durch die man also – wie ein Voyeur – hereinlinsen kann. Die darin eingesetzten Gegenstände führen auf ihren kleinen, verschlossenen Bühnen wie ein stilles Ballett auf, dessen Bezüge nie ganz entschlüsselbar sind.
Die Atmosphäre kann manchmal – wie in vergleichbaren Boxen von Marcel Duchamp (beide Künstler kannten sich gut) – ins Bedrohliche kippen, etwas ungut sexuell Aufgeladenes haben, wie von altem, verdrängtem Missbrauch künden. Zum offenen Desaster oder gar zur Explosion kommt es aber nie.
Die Tonalität, in der diese kammermusikalischen Stücke aufgeführt werden, bleibt immer temperiert. Die Musik, die im Hintergrund spielt, könnte von Frédéric Chopin oder Erik Satie sein.
Transport-Schwierigkeiten
Diese Boxen waren naturgemäss immer schwierig zu transportieren. Zu gross war die Gefahr, dass etwas in der Aufhängung oder Fixierung der Objekte in ihnen zerbrechen könnte. Deshalb hat es in Europa schon zu Lebzeiten des Künstlers und auch in den Jahrzehnten seit seinem Tod kaum gewichtige Ausstellungen seiner Werke gegeben.
Es fand sich auch nie, sicherlich aus demselben Grund, ein Kunsthändler, der Cornell in Europa vertreten hätte. So sind dessen (mittlerweile furchtbar teuren) Werke fast ausschliesslich in amerikanische Privatsammlungen und Museen gewandert.
Doch heute ist alles anders, auch hier: Die Technologie hat Fortschritte gemacht. Superfragile Dinger können die Ozeane überqueren. Wenn die Finanzen stimmen, kann ein Museum deshalb heute eine Retrospektive dieser Boxen auch in Europa organisieren.
Gedacht, getan
Gedacht, getan, dachte sich Herr Sharp.
Jasper Sharp ist der umtriebige, immer noch recht junge, charmante britische Kurator im KHM, der für neue Ideen und Projekte im Bereich Moderne und Zeitgenössische Kunst sorgt – in diesem Riesenmuseum, das bislang, bis vor dem Amtsantritt von Sabine Haag vor wenigen Jahren, sich eher auf seine angestammten Bereiche wie Alt-Ägypten, Kunstkammer, Brueghel, Rubens und Ähnliches konzentrierte. Man muss schliesslich auch hier zeitgeistkompatibel sein.
Ihm kommt das Verdienst zu, Joseph Cornell zum ersten Mal in Festland-Europa eine wirkliche Retrospektive ausgerichtet zu haben, im Verbund mit der Royal Academy in London, wo die Ausstellung (mit dem merkwürdigen Titel) Wanderlust zuerst zu sehen war (4.7.–27.9.2015).
Die Ausstellung in Wien (20.10.2015–10.1.2016) erfüllte denn auch alle Erwartungen, die man hier im Vorfeld an dieses Grossereignis geknüpft hatte. Das Echo in den Medien war zwar nicht überwältigend. Dazu war der Name dieses magischen Amerikaners auch Journalisten ein offenbar zu schwacher Begriff.
Der Floh
Im Zentrum der Ausstellung war ein kleiner, von Besuchern immer überfüllter Raum, wo die wichtigsten Daten zur Vita von Josoph Cornell auf grossen Texttafeln zusammengefasst waren.
Eine Tafel war den 60er Jahren gewidmet:
Dort konnte man lesen:
„1964 lernt Cornell den jungen japanischen Künstler
Yayoi Kusama kennen und freundet sich mit ihm an.“
Oh! Das ist aber was Neues, dachte ich mir:
Yayaoi Kusama: EIN MANN?
Das ist aber gar nicht nett! Kusama soll ein Mann sein?
Die Japaner, die Yayoi Kusama (geb. 1929) als ihre wichtigste lebende Künstlerin über alle Massen verehren, wären, hätten sie das gelesen, sicherlich gar nicht amused gewesen.
Oder hätten sie in Zeiten von Geschlechtermultiplikation, Transgendering, Geschlechtsumwandlung, etc., gekichert und die Fantasie, Yayoi als Mann zu sehen, im Gegenteil als witzig empfunden?
Das kann schon sein. Ich persönlich finde jedoch einen solchen Fehler, an so einer prominenten Stelle in so einem prominenten Museum stehengelassen, gelinde gesagt merkwürdig und ungut. Aber ich bin, das gebe ich zu, in einem protestantisch geprägten, Pedanterie liebenden Uhrmacher-Ländle aufgewachsen, und habe auch eine Weile selber in Museen gearbeitet. Ich bin vorbelastet.
Patzer an einer weltbedeutender Institution
Deshalb finde ich die Frage schon legitim, wie es dazu kommt, dass ein derart grosses, als weltbedeutend geltendes Museum sich solche Patzer erlauben kann. Immerhin ist Yayoi Kusama weltberühmt, ist sie vor gar nicht so langer Zeit an der Tate Modern in London mit einer grossen Retrospektive geehrt worden (9.2.–5.6.2012). Reisen Wiener Museumsdirektorinnen und Kuratorinnen nie nach London? Und wie steht es mit dem Hauptkurator der Ausstellung, der selber aus London stammt?
Es hat etwas Apartes, dass in Zeiten, wo Damen in der Kunstwelt seit Jahren überall lauthalsenstens monieren, es sollten mehr Künstlerinnen gezeigt werden, eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart zum Mann mutiert wird – und dies an einer Institution, die von einer Frau geführt wird, und die mit grosser Wahrscheinlichkeit mehr Kuratorinnen aufweist als männliche Kollegen.
Wie soll man dies verstehen?
Es ist schon klar: Ich mache hier aus einer Mücke einen Elefanten – reite sozusagen auf einem Floh herum. Aber ich mag eben Flöhe. Wir müssen der Sache weiter auf den Grund gehen. Flöhe können erstaunliches Potential entfalten.
In zwei Wochen, am Mittwoch, den 6. April, geht es deshalb weiter. Dann folgt die Fortsetzung zu „Wenn grosse Museen klein aussehen: JOSPEH CORNELL UND SEIN FREUND KUSAMA“.