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Der Weltbank laufen die Kunden davon
Die Zeit ist vorbei, in der die Weltbank die Vergabe von Krediten an Entwicklungs- und Schwellenländer mit politischen Bedingungen verknüpfen konnte: Viele Schwellenländer haben heute verbesserten Zugang zum Kapitalmarkt. Das wirkt sich auf die Wahl ihrer Entwicklungsbank aus. Von Oliver Klaffke
"Viele Schwellenländer brauchen die Weltbank nicht mehr unbedingt", sagt Chris Humphrey vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Zürich. "Sie lassen sich deren Bedingungen auch nicht mehr ohne weiteres diktieren, weil sie wirtschaftlich und finanziell stärker geworden sind." Das veränderte Kräfteverhältnis schwächt die Rolle der 1945 gegründeten Weltbank bei der Finanzierung staatlicher Entwicklungsprojekte.
Das könnte eine Chance für andere Entwicklungsbanken sein. Hinter denen stehen nicht hauptsächlich die westlichen Industriestaaten, die bei der Weltbank eine Zweidrittelmehrheit haben. Mittlerweile gibt es Entwicklungsbanken, die von Schwellenländern gemeinsam getragen werden. "Schuldnerländer haben einen grösseren Einfluss, wie diese Banken betrieben werden", sagt Humphrey.
In der Vergangenheit haben sich Ökonomen und Politologen hauptsächlich mit den Bedingungen beschäftigt, zu denen die Weltbank Kredite vergibt. Im Jahr 1944 wurde die internationale Finanzordnung für die Nachkriegszeit auf einer Konferenz im amerikanischen Bergort Bretton Woods festgelegt. Die Weltbank spielte als massgebliche Entwicklungsbank eine wesentliche Rolle. Sie koppelt allerdings Kredite oft an politische Forderungen.
Unter der Leitung von Katharina Michaelowa untersuchte Chris Humphrey, mithilfe welcher Entwicklungsbanken die Schwellenländer ihre Projekte finanzieren. Der Forschungsansatz trägt der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsstärke viele Schwellenländer Rechnung, die sich im letzten Jahrzehnt stark verbessert hat. Die Staatsverschuldung von Schwellen- und Entwicklungsländern lag 2010 bei durchschnittlich 40 Prozent ihres Bruttosozialprodukts – in zehn Jahren soll sie nur noch bei 30 Prozent liegen. Vor etwa 25 Jahren machte der Anteil der weltweiten Devisenreserven der Nicht-OECD Staaten nur 30 Prozent aus; 2010 lag er bereits bei 65 Prozent. Vor allem Staaten in Lateinamerika haben sich von armen Ländern, die sie noch vor etwas mehr als einem Jahrzehnt waren, in wohlhabende "middle income"-Volkwirtschaften verwandelt. Kein Wunder, dass die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds als Kreditgeber eine immer geringere Rolle spielen. Länder wie Mexiko, Indonesien, die Türkei oder China sind weniger auf die Finanzierung durch die Weltbank angewiesen. China ist heute wichtiger Financier anderer Staaten, wie etwa der USA.
"Angesichts der wirtschaftlichen Stärke der Länder, die sich Geld leihen wollen, nehmen wir an, dass sie sehr genau die Konditionen anschauen, unter denen sie einen Kredit aufnehmen", sagt Chris Humphrey. Für die Staaten, die Finanzierung suchen, ist nicht nur die Frage des Zinssatzes wichtig, zu dem sie das Geld aufnehmen können. Wie Michaelowa und Humphrey herausgefunden haben, spielen auch die Zeitdauer bis zur Vergabe des Kredits eine wichtige Rolle, ebenso eventuelle bürokratische Schwierigkeiten oder politische Aspekte.
Mehr kulturelle Nähe
Deshalb sind Entwicklungsbanken im Aufwind, die ihren Kunden anders begegnen. Humphrey und Michaelowa haben drei Entwicklungsbanken verglichen, die sich darin unterscheiden, wer das Sagen hat: In der Weltbank geben die Industrienationen den Ton an. Über die Development Bank of Latin America (CAF) bestimmen hingegen die Staaten, die Kredite brauchen. In der Inter-American Development Bank (IADB) ist das Machtverhältnis zwischen Schuldner- und Gläubigerstaaten ausgeglichen.
Ein Ergebnis der Untersuchung: Den grössten Unterschied zwischen den Banken gibt es bei den Schwierigkeiten, die sie Kreditnehmern in den Weg legen. Bei der Weltbank braucht es zwischen 12 und 16 Monaten, bis ein Kredit bewilligt ist. Bei der IADB vergehen zwischen sieben und zehn Monate und bei der CAF gar nur zwischen drei und sechs Monate. Wenn das Geld dringend benötigt wird, kann der Prozess auch auf anderthalb Monate verkürzt werden. "Die Unterschiede sind auf die Machtverhältnisse innerhalb der Entwicklungsbanken zurückzuführen", sagt Humphrey. In der CAF, die von Staaten getragen wird, die auch zu den Kreditnehmern gehören, weiss man, dass die Länder eine Finanzierung rasch brauchen, und drückt entsprechend auf das Tempo. Die Weltbank und die IADB stellen eine ganze Reihe von Bedingungen – von Fragen des Umweltschutzes bis hin zur Sozialverträglichkeit –, während die CAF auf solche Bedingungen verzichtet. Sie baut darauf, dass die Staaten ihre eigenen Gesetze einhalten.
Bei der Weltbank müssen Kreditanträge vier verschiedene "country missions" und vier Gremien durchlaufen, und die tonangebenden Länder in der Weltbank verschärfen immer wieder die Bedingungen. "Ein Vice President, der für Lateinamerika zuständig ist, spricht noch nicht einmal Spanisch", bemerkte einer der für die Studie befragten Interviewpartner. Kulturelle Unterschiede machen die Zusammenarbeit nicht leichter, wenn der eher auf persönlichen Beziehungen basierende lateinamerikanische Stil auf den nordamerikanischen und europäischen Stil der strikt ausgelegten Regel trifft. Bei der IADB hingegen stammen fast 70 Prozent der Angestellten aus Nehmer-Ländern. "Dort gibt es mehr kulturelle Nähe", sagte ein Verantwortlicher aus Chile.
Ganz auf die Ansprüche der Kunden ist die CAF ausgerichtet. Kredite unter 20 Millionen Dollar können von einem Vice President bewilligt werden, bis zu 75 Millionen Dollar von einem Executive Vice President. "Wir haben in unserer Untersuchung gezeigt, dass unsere Hypothese stimmt", sagt Chris Humphrey: "Eine Entwicklungsbank, in der die Kreditnehmerländer die Mehrheit haben, bietet Bedingungen, die ihnen sehr entgegenkommen." Die Ergebnisse des Forschungsprojekts geben Hinweise, wie eine Entwicklungsbank betrieben werden sollte, damit sie von den Schuldnerländern akzeptiert wird. In diesem Jahr wird eine von den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) getragene Entwicklungsbank ins Leben gerufen. Die Bedeutung von Schwellenländern bei der Entwicklungsfinanzierung nimmt offenbar weiter zu.
Oliver Klaffke ist Wirtschafts- und Wissenschaftsjournalist(Aus "Horizonte" Nr. 103, Dezember 2014)