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Von Eierdieben und Schlangenbeschwörern – Jacques Callots Jahrmarkt als Wimmelbild
Wer sich die beeindruckende Radierung Jahrmarkt von Impruneta des französischen Künstlers Jacques Callot (1592–1635) vor Augen führt weiss zu Beginn gar nicht, wo er seinen Blick nun ruhen lassen soll. So bewohnen hunderte von Menschen und Tieren die belebte Szene, deren detaillierte Ausführung ihresgleichen sucht. Dabei fertigte der Künstler gleich zwei Versionen seiner ehrgeizigen Komposition.
Ein Künstler am Hof der Medici
Geboren im lothringischen Nancy machte sich Jacques Callot in Florenz als Radierer am Hofe des Grossherzogs der Toskana, Cosimo II. de Medici (1590–1621) einen Namen. Zwischen 1611 und 1621 florierte seine Karriere besonders und sein intensives Schaffen brachte gleich mehrere Innovationen im Verfahren der Radierung hervor. So erfand er etwa die sogenannte Échoppe, eine schräg angeschliffene Radiernadel mit ovaler Spitze, deren modulierte Linien mit ihrem an- und abschwellenden Charakter jenen eines Kupferstiches ähneln, oder ersetzte den bis anhin weichen Wachsgrund für das Radieren durch einen härteren Abdecklack aus Mastix, was zu deutlich klareren Abzügen führte. Jedoch gehört Callot nicht nur aufgrund seiner technischen Errungenschaften zu den bedeutendsten Stechern seiner Zeit. Auch seine geistreichen Kompositionen, in denen er Adlige und Bettler, kriegerisches Geschehen oder die Commedia dell’Arte darstellt, gelten als wichtige Einflüsse für die Werke späterer Künstler wie Francisco de Goya (1746–1828) und Rembrandt van Rijn (1606–1669). In seinem Werkzyklus sticht dabei der Jahrmarkt von Impruneta besonders hervor. Nicht nur demonstriert Callot im Werk seine technischen Fähigkeiten, indem er unter anderem durch verschiedene Tiefen der radierten Linien einen Kontrast erzeugt, der den Hintergrund stufenweise vom Geschehen im Vordergrund abhebt. Mit der Fülle an Charakteren im Bild verbindet Callot gleichzeitig verschiedene Themen, die für sein Werk zeichnend sind.
Der Jahrmarkt in Impruneta
Wie viele Werke Callots ist der Jahrmarkt von Impruneta (Abb. 1) seinem Mäzen Cosimo II. de Medici gewidmet, dessen Wappen im mittleren unteren Bereich dargestellt ist. Die Szene hält das kleine Örtchen Impruneta unweit von Florenz fest, wo jährlich vom 16. bis 19. Oktober ein Jahrmarkt in Verbindung mit dem Fest des Heiligen Lukas am 18. Oktober stattfand. Im Hintergrund ist die Basilika Santa Maria dell’ Impruneta zu sehen. In ihr wurde ein wundertätiges Madonnenbildnis aufbewahrt, von dem man glaubte, es wäre vom Heiligen Lukas selbst gemalt worden. Callot deutet auf das Ereignis hin, indem er die Prozession mit einem grossen Kreuz beim Eintritt in die Kirche darstellt (Abb. 2).
Das Wimmelbild
Jedoch sind es nicht die Geistlichen, denen Callot die meisten der zahlreichen Szenen seiner Komposition widmet, sondern dem weltlichen Geschehen der Besuchenden des Jahrmarkts, die sich sowohl aus noblen Adelsfiguren wie auch aus Bürgerlichen, Händlern und Unterhaltungskünstlern zusammensetzt. Laut der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart tummeln sich insgesamt 1338 Menschen, 137 Hunde, 67 Esel und 45 Pferde auf dem Bild. Dementsprechend spielen sich zahlreiche kleinere Geschichten in der Szene ab. Bei genauerer Betrachtung der Handlungen, die Callot im Bild festhält fällt auf, dass es sich hier kaum um ein friedliches und besinnliches Ereignis handelt. Stattdessen sind viele der Besucher in wilde oder unerlaubte Tätigkeiten verstrickt: So sehen wir im oberen rechten Bereich etwa zwei Männer, die einen Kollegen mit einem Seil den Turm hinunterlassen, um sich an den Eiern eines Vogelnestes zu bedienen (Abb. 3), werden Zeugen einer Massenprügelei (Abb.4), oder bewundern die Aufführung der Schlangenbeschwörer im unteren rechten Vordergrund (Abb.5). Die Fülle an lebendigen und humorvollen Begebenheiten im Bild machten den Jahrmarkt zu einem der populärsten Sujets Callots. Nach dem Tod seines Mäzens 1621 verliess der Künstler Italien und kehrte nach Nancy zurück. Dort litt er anfänglich unter finanziellen Problemen, weshalb er eine zweite, beinahe identische Version der beliebten Radierung auf einer neuen Platte anfertigte.