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Mit der schrittweisen Machtergreifung bei der amerikanischen Investment-Bank erreicht Rainer E. Gut sein Ziel, die CS zum globalen Player zu machen. Der Preis dafür ist hoch.
Jahrelang kannte Rainer E. Gut nur den Erfolg. 1977 in der Folge des Chiasso-Skandals an die Spitze der SKA gekommen, gelang es ihm, die Trümmer der Krise zu beseitigen und in den Achtzigern Jahr für Jahr den Gewinn der Bank zu steigern. Kaum etwas konnte das unternehmerische Glück des Bankiers trüben.
Bis das verflixte Jahr 1990 kam. Es sollte nicht nur zum schwierigsten Jahr der Karriere von Rainer E. Gut werden, sondern ihn auch in finanzielle Zwänge bringen, aus denen er sich nie mehr ganz zu befreien vermochte.
Die dramatischen Ereignisse jenes Jahres beginnen im Februar mit einer veritablen Krise. An der Wall Street kursieren seit Tagen Gerüchte, dass der Credit Suisse First Boston das Geld ausgehen könnte, weil sich die Trader mit Junk-Bonds und Risikokrediten verspekuliert hätten. Das ist auch Gesprächsthema, als am 23. Februar 1990, einem kalten Freitag in New York, der CS-First-Boston-Verwaltungsrat zusammentritt. Die fünf Männer treffen nach und nach ein; einer von ihnen ist Rainer E. Gut, Präsident der CS First Boston.
Kurz zuvor ist Konkurrent Drexel Burnham Lambert in einer der spektakulärsten Pleiten der amerikanischen Wirtschaftgeschichte zusammengebrochen. Die Frage für Rainer E. Gut ist nun: Besteht die Gefahr, dass auch First Boston implodieren könnte? Schliesslich ist der amerikanische Arm der CS First Boston hinter Drexel der fünftgrösste Player im Geschäft mit Junk-Bonds, den hochverzinslichen Billiganleihen, mit denen vor allem Übernahmen finanziert werden.
Rainer E. Gut weiss, was auf dem Spiel steht. Seine CS Holding besitzt seit knapp zwei Jahren 44,5 Prozent an der CS First Boston. Ein Zusammenbruch der amerikanischen Investment-Bank würde die Schweizer Grossbank nicht nur Hunderte von Millionen kosten. Bei einem Crash wäre Rainer E. Gut auch mit seiner Strategie im globalen Investment-Banking gescheitert – eine ungemütliche Vorstellung für den Mann, der die Zusammenarbeit mit First Boston seit über zehn Jahren persönlich vorantreibt und sich als der Architekt eines komplizierten Beteiligungsgeflechts zwischen der Schweizer Credit Suisse und der US-Bank sieht.
Hitzig ist die Diskussion im Board-Room an diesem Freitag. Die Frage ist: Wie ernst ist die Lage, und kann die Bank die hartnäckig kursierenden Gerüchte widerlegen? Nach Stunden formulieren die Verwaltungsräte eine Mitteilung, die Ruhe ins Haus bringen soll. Darin heisst es: Der Vorstand der CS First Boston teile mit den Mitarbeitern «die Frustration über die Flut unbegründeter Gerüchte» und versichere, dass das Unternehmen sich in einer «gesunden Finanzlage» befinde. Untermauert wird die Argumentation mit einigen Kennzahlen. Unterzeichnet wird das Dokument von Rainer E. Gut. Die Verwaltungsratskollegen sind sich bewusst, dass die Unterschrift des Schweizer Bankiers und die Finanzkraft, die er vertritt, Vertrauen schaffen – mehr noch als die erstmals publizierten Zahlen, die sich bald als zu optimistisch herausstellen sollten. Rainer E. Gut jedoch ist gar nicht begeistert, dass seine Person derart in den Vordergrund gedrängt wird. Der Präsident ist hochgradig verschnupft, dass er mit seinem Namen gewissermassen eine Bürgschaft abgeben muss. Der Ernst der Lage lässt dem Schweizer jedoch keine andere Wahl.
Die Situation ist in der Tat wenig erfreulich: Die CS First Boston sitzt auf wackligen Krediten von über einer Milliarde Dollar gegenüber Kunden, die nahe an der Pleite agieren. So hat die Bank den Angriff des kanadischen Investors Robert Campeau auf die Firma Federated Department Stores finanziert, eine Kaufhausgruppe, der unter anderem klingende Namen wie Bloomingdale’s oder Macy’s angehören. Kurz danach ging der Kanadier Bankrott.
First Boston wurde in den Achtzigerjahren unter den Wall-Street-Legenden Bruce Wasserstein und Joe Perella zur bestimmenden Kraft im Geschäft mit Firmenübernahmen und Fusionen. Später finanzierte CS First Boston mehr und mehr riskante Geschäfte, etwa die Übernahme der Restaurantkette Jerrico oder den Übernahmekampf um den Matratzenhersteller Ohio Mattress, eine Transaktion, die als der «brennende Bett-Deal» in die Geschichte der Wall Street einging.
Diese Geschäfte, wie viele andere auch, sind Junk-Bond-finanziert. Als diese Bonds keine Käufer mehr finden, offeriert First Boston Überbrückungskredite («bridge loans»), um Geschäfte dieser Art dennoch finanzieren zu können. Alle diese Deals machen die Amerikaner, ohne den Grossaktionär CS zu konsultieren.
Als Rainer E. Gut Ende Februar 1990 die Problematik mit seinen Verwaltungsräten diskutiert, gibt sich das Gremium dennoch optimistisch: Von 1,2 Milliarden Dollar an Überbrückungskrediten seien nur gerade die 257 Millionen an Campeau und seine Kaufhäuser notleidend, betont Gut in der Mitteilung. Diese Aussage findet Echo in den Medien, und die Situation beruhigt sich etwas. Doch die Skepsis bleibt. Vor allem bei den Mitarbeitern der CS First Boston.
Die Gerüchteküche brodelt erneut, als im März 1990 zum zweiten Mal eine hochkarätige Delegation von CS First Boston im Board-Room zusammentritt. Diesmal sind es die neun Mitglieder der obersten Geschäftsleitung. Thema des Meetings: der 257 Millionen Dollar teure Kredit an Kaufhauskönig Campeau.
Nun steht William Mayer im Zentrum des Interesses. Der CEO von First Boston hat im Januar auf Grund der Krise der Bank seinen Posten räumen müssen und ist jetzt Chef einer Arbeitsgruppe, die sich um die wackligen «bridge loans» zu kümmern hat. Mayer ist aufgeräumter Stimmung. Er erwarte dieses Jahr einen guten Weihnachtsverkauf und sei optimistisch. Nach diesen Worten Mayers herrscht Stille im Raum. Es ist März, und Mayer spricht über Weihnachtsverkäufe! Das Schicksal der gloriosen Investment-Bank First Boston soll davon abhängen, ob die New-Yorker Damen beim Christmas-Shopping bei Bloomingdale’s oder Macy’s in guter Kaufstimmung sind? Es braucht eine gute Portion Fantasie, um das zu glauben. Dagegen sprechen schon allein die harten Fakten: Die US-Wirtschaft steht am Rande einer Rezession. Als kurze Zeit später, im August 1990, der irakische Diktator Saddam Hussein den Nachbarstaat Kuwait überfällt, ist die Konsumentenstimmung vollends am Boden.
Nach diesem denkwürdigen Auftritt Mayers ist allen klar, dass die Probleme der CS First Boston nicht nach dem Prinzip Hoffnung lösbar sind. Es ist Rainer E. Gut, der nun das Heft in Hand nimmt und nach einem Weg sucht, das Problem der Investment-Tochter im Sinne der CS Holding in den Griff zu bekommen. Es jagen sich die Meetings in New York, London, Zürich und selbst im südlichen Spanien, wo Rainer E. Gut unter normalen Umständen höchstens Golf zu spielen pflegt.
Das Motto, unter dem Gut diese Meetings führt, lautet: Krise als Chance. Gut sucht den Befreiungsschlag aus der dramatischen Situation. Wenn die CS schon nicht darum herumkommen wird, Geld für die CS First Boston in die Hand zu nehmen, wollen die Schweizer wenigstens etwas zu sagen haben. Der Bankier mit dem Instinkt für den schnellen Schachzug erkennt, dass ihm die Schwäche der First Boston die Chance zu einem einzigartigen Deal eröffnet: die mehrheitliche Übernahme einer US-Investment-Bank durch seine CS Holding. Es wäre das erste Mal überhaupt, dass ein europäisches Bankeninstitut sich eine US-Investment-Bank einverleiben könnte. Eine solche Übernahme widerspricht zwar dem Prinzip, das die Trennung von Kommerzbankgeschäft und Investment-Banking vorschreibt – der so genannten «Glass Steagall Act», die von den US-Aufsichtsbehörden nach dem Börsencrash von 1929 verabschiedet wurde.
Rainer E. Gut versucht nun, dieses Gesetzeswerk zu umdribbeln. Zusammen mit Peter Küpfer, dem diplomierten Treuhänder in den Diensten der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), einem seiner engsten Mitarbeiter, jettet er in diesen Monaten wiederholt über den Atlantik nach New York zu Gesprächen mit den Verantwortlichen des Federal Reserve Board (Fed), der US-Notenbank. Gut will den Amerikanern klar machen, dass die CS Holding weit und breit die einzige Aktionärin ist, die der First Boston die überlebensnotwendige Kapitalspritze zur Verfügung stellen kann. Aber Rainer E. Gut will eine Gegenleistung: die Zustimmung des Fed, die Kontrolle über die First Boston ausüben zu dürfen.
Das Fed ringt um einen Entscheid, beugt sich aber schliesslich dem Sachzwang. Am 7. November 1990, einem Mittwoch, hat Gut die Bewilligung der US-Notenbank in seinen Händen. Er weiss: Damit ist die wichtigste Hürde genommen. Die First Boston hat nun, da selbst das Fed grünes Licht gegeben hat, keine andere Wahl, als die rettende Hand von Gut zu ergreifen.
Inzwischen ist auch offensichtlich, dass Campeau mitnichten der einzige Problemfall der First Boston ist. Die Bank steckt bis zum Hals im Kredit- und Junk-Bond-Sumpf und braucht dringend Geld. Viel Geld. Das wird deutlich, als die Aktionäre kurz danach, am 10. Dezember 1990, ein milliardenschweres Restrukturierungsprogramm bewilligen müssen. Insgesamt macht die CS Holding über zwei Milliarden Franken locker: 300 Millionen Dollar in Form von Kapitalzuflüssen, weitere knapp 1,2 Milliarden Dollar durch die Übernahme aller notleidenden Überbrückungskredite sowie der Junk-Bonds, für die eine Auffanggesellschaft gegründet wird.
Doch die Börse beurteilt die Angelegenheit weniger optimistisch. Ende 1990 erreicht der Aktienkurs der CS Holding einen neuen Tiefststand. Der Kurs halbiert sich von über 100 Franken Mitte 1989 auf noch knapp 50 Franken im Dezember 1990. Doch Gut selber ist zufrieden. Ihm ist mit der mehrheitlichen Übernahme der CS First Boston – die CS Holding besitzt nun 64,2 Prozent des Kapitals – ein strategischer Quantensprung gelungen. Mehr noch: Rainer E. Gut hat damit ein wichtiges Versprechen eingelöst. 1972 gab der damalige Präsident der Generaldirektion der SKA, Eberhard Reinhardt, dem soeben von Lazard Frères zur Schweizer Grossbank gestossenen jungen Banker Rainer E. Gut den Auftrag: «Put Credit Suisse on the map in international business.» Genau dies hat Gut nun erreicht. Die Schweizerische Kreditanstalt, die Bank für den Zürcher Industrieadel, die Bank der Protestanten und die zweitälteste Grossbank der Schweiz, hat die Fesseln der engen Schweiz endgültig gesprengt und sich im modernen Investment-Banking in den USA verankert.
Die Übernahme der CS First Boston markiert den Endpunkt einer jahrelangen Entwicklung. Ausgangspunkt ist eine auf die Sechzigerjahre zurückgehende Partnerschaft der SKA mit der US-Investment-Bank White Weld New York. 1962 übernimmt die SKA die Zürcher Private-Banking-Dépendance von White Weld. Die Amerikaner schlagen den Schweizern vor, den bisherigen Namen White Weld Zürich durch Clariden Finanz zu ersetzen. In der Folge vertieft sich die Zusammenarbeit. Als Clariden Finanz 1965 mehr Kapital braucht, wenden sich die Amerikaner einmal mehr an die SKA. Im Gegenzug gewähren sie den Schweizern eine Minderheitsbeteiligung am europäischen Arm der White Weld. Der Anteil der Schweizer wächst bis 1974 auf 19,9 Prozent an.
Im gleichen Jahr übernimmt Rainer E. Gut innerhalb der SKA das Dossier «White Weld». Gut ist Anfang der Siebzigerjahre stellvertretender Generaldirektor und zuständig für das Börsen- und Wertpapiergeschäft der Bank. Es ist die Zeit, in der ein Markt an Bedeutung gewinnt, der für die Finanzwelt zu einer sprudelnden Geldquelle werden sollte: der Euro-Bond-Markt, das Geschäft mit den Papieren europäischer Schuldner. Und White Weld ist in dieser Welt der Bonds und Emissionen schon früh bestens positioniert.
Angesichts der sich abzeichnenden Geschäftschancen reicht Rainer E. Gut ein knapp zwanzigprozentiger Anteil am White Weld Trust nicht. Er will mehr. In dieser Zeit setzt er sich mit Robert L. Genillard, Partner bei White Weld, in Verbindung. Genillard – auch er ein Schweizer – und Gut treffen sich in Genf. Beim Meeting fällt Gut mit der Tür ins Haus. 19,9 Prozent am White Weld Trust seien entweder zu wenig oder zu viel, lässt er Genillard wissen. Er wolle eine bestimmende Minderheitsbeteiligung, sonst mache die Sache wenig Sinn für die SKA. Die Banker finden schnell eine gemeinsame Sprache. Bereits kurze Zeit später stockt die SKA ihren Anteil von 19,9 auf 40,9 Prozent auf. Rainer E. Gut stellt eine Bedingung für dieses Investment: Die Credit Suisse muss in der Firmenbezeichnung des Gemeinschaftsunternehmens an erster Stelle stehen.
Diese Beteiligung erweist sich als guter Schachzug. Mit der 40-Prozent-Beteiligung hat sich Rainer E. Gut in eine Gesellschaft eingekauft, die fortan den lukrativen Euro-Bond-Markt an vordersten Front mitprägen wird. In den kommenden Jahren hebt das Geschäft mit den Emissionen europäischer Schuldner so richtig ab.
Und Robert Genillard wird über die Jahre zu einem engen Vertrauten, ja zu einem persönlichen Freund von Rainer E. Gut. Genillard gehört zu jenem handverlesenen Kreis von Mitstreitern, die Gut in praktisch alle wichtigen unternehmerischen Entscheide einbezieht. Zu diesen engs-ten Vertrauten gehören auch Leute wie der langjährige Nestlé-Chef Helmut Maucher oder der Roche- und «Zürich»-Präsident Fritz Gerber. Genillard, neben Gut der einzige Banker in diesem Männerbund, hat eine einzigartige Stellung inne: Mit ihm kann sich Gut fachlich auf höchstem Niveau austauschen. Er wird später auch Vizepräsident des Verwaltungsrats der Credit Suisse Group (CSG).
Jahrelang verdienen beide Seiten gutes Geld im Euro-Bond-Markt; die starke Marktstellung der Credit Suisse White Weld sticht auch dem grössten US-Brokerage-Haus, Merrill Lynch, ins Auge. Die Broker wollen verstärkt ins Investment-Banking einsteigen und lancieren ein attraktives Kaufangebot. Die Fusionsverhandlungen führen schliesslich zum Schulterschluss beider US-Banken.
Beim Kauf von White Weld ist Merrill Lynch im Glauben, auch deren Anteil am erfolgreichen europäischen Arm, der Credit Suisse White Weld, zu erwerben. Ein Irrglaube. Gut-Intimus Robert Genillard hat nämlich in kluger Voraussicht für das CS-White-Weld-Management ein Vorkaufsrecht für den Fall eines Besitzerwechsels eingebaut. Als Don Regan, Chairman von Merrill Lynch, beim vermeintlichen Partner CS anruft und Gut mit den Worten «Welcome in the Merrill Lynch family» begrüsst, lässt der Schweizer den Amerikaner höflich, aber bestimmt abblitzen. Drei Wochen hat das Management nun Zeit, diese Option auszuüben. Über 40 Millionen Franken dürfte das 31-Prozent-Paket kosten – Geld, über das die White-Weld-Manager nicht verfügen. Es ist Rainer E. Gut, der in die Bresche springt und diese Aktien vorerst einmal übernimmt.
Für Gut stellt sich nun die Frage, was mit dem Aktienpaket langfristig geschehen soll, mehr noch: Der Schweizer Bankier muss nun einen Weg finden, wie er die Credit Suisse im amerikanischen Investment-Banking weiter verankern kann. Es ist der Moment, in dem die First Boston, eine der fünf grössten US-Investment-Banken, auf dem Radar des Rainer E. Gut aufscheint. Nun macht er den ersten einer ganzen Reihe von Schachzügen. Und nur wenige Monate später hat er die Schweizer Grossbank mit First Boston verbandelt.
Dabei legt sich Gut mit wichtigen Widersachern an: mit Managern der CS White Weld, die von einem Zusammengehen mit First Boston gar nichts halten. Sir John Craven etwa, CEO der CS White Weld in London, angesehener Banker und einer der Pioniere am Euro-Bond-Markt (er steigt später in den Vorstand der Deutschen Bank auf). Oder John F. Cattier, Verwaltungsratspräsident der CS White Weld, ein Mann mit viel Gespür für kommende Trends – er hatte mit Goldoptionen Mitte der Siebzigerjahre ein neues Produkt kreiert, das CS White Weld viel Geld in die Kassen spülte.
Im Frühling 1978 erhält Gut ein Schreiben seiner Kontrahenten Craven und Cattier. In bestimmtem Ton weisen die beiden Manager Gut darauf hin, dass ihre Firma keinesfalls zum verlängerten Arm eines Schweizer Bankkonglomerats oder einer US-Investment-Bank werden darf. Unternehmerischer Freiraum, lassen die CS-White-Weld-Manager Gut wissen, sei eine Bedingung, um auch in Zukunft erfolgreich geschäften zu können. Gut muss das Schreiben als wenig kooperativ empfinden.
Auch wird klar, dass in der gesetzten Frist keine definitive Lösung für das Aktienpaket gefunden werden kann. Rainer E. Gut bietet dem Management an, dass die SKA die Option ausüben und das Paket vorübergehend übernehmen solle. 47,5 Millionen Franken legt Gut schliesslich auf den Tisch, Geld, welches das Management selber nicht aufzubringen im Stande ist.
Craven und Cattier wissen sehr wohl um den Auftrag, den Rainer Gut seinerzeit gefasst hat: die SKA zu einer Top-Adresse im US-Investment-Banking zu machen. Sie sind auch Profis genug zu erkennen, dass Gut die Chance wittert, eine Geschäftsverbindung zu einer Investment-Bank aus der «bulge bracket» aufzugleisen – so nennt man die Gruppe der fünf grossen Investment-Häuser Merrill Lynch, Morgan Stanley, Salomon Brothers, Goldman Sachs und First Boston. Diese Banken vereinigen rund achtzig Prozent aller Deals im Investment-Banking auf sich. Doch Craven und Cattier wollen nicht zum verlängerten Arm einer Grossbank werden. Sie bevorzugen kleine, aber feine Investment-Banken, wie Dillon Read eine ist. Im Frühsommer 1978 sprechen sie bei deren Chef Nick Brady vor.
Was die beiden Topmanager nicht wissen: Inzwischen macht Gut mit einem der Ihrigen gemeinsame Sache – einem Mann namens Michael von Clemm, Vize der Geschäftsleitung der CS White Weld. Von Clemm ist es auch, der den ersten Kontakt zur First Boston herstellt. Er kennt deren Topmann Jack Hennessy persönlich, und er berichtet Gut, da bahne sich möglicherweise ein lukrativer Deal an. Damit ist First Boston im Spiel.
Das Management von CS White Weld wird umgehend darüber informiert, dass eine Zusammenarbeit mit First Boston nun eingehend geprüft werde. Zur selben Zeit gibt Gut Craven sein Wort, dass bis nach den Sommerferien mit dem Aktienpaket nichts Definitives geschehen soll. Diese Zeit solle genutzt werden, um grundsätzlich zu evaluieren, in wessen Hände die Titel schliesslich kommen sollten.
Es ist Hochsommer 1978, als im spanischen Feriendomizil von Craven das Telefon klingelt. Am Apparat meldet sich Cattier. Der Präsident der CS White Weld fordert seinen Kollegen Craven auf, sich wegen einer dringlichen Angelegenheit umgehend in New York einzufinden. Dieser steigt sofort in ein Flugzeug. In New York wartet hoher Besuch auf ihn: Rainer E. Gut eröffnet dem verdutzten Craven, der neue Partner der CS White Weld sei definitiv bestimmt. First Boston. Craven ist empört. Er erinnert den Schweizer an sein Versprechen, mit einem Entscheid bis zum September zuzuwarten. Doch Rainer E. Gut will von einer derartigen Abmachung nichts mehr wissen. Und für langatmige Diskussionen ist ohnehin keine Zeit: Die Verträge mit First Boston müssen umgehend unterzeichnet werden. In einer Limousine fahren die Bankiers zum Hauptsitz der First Boston. Die Atmosphäre im Wagen ist eisig. Einen derartigen Entscheid fälle Gut also, ohne ihn zu konsultieren, beklagt sich Craven beim Schweizer. Gut erwidert trocken, dass er ihn soeben konsultiert habe. Und Cattier hat mit seiner Einschätzung wohl Recht. «Was du planst, ist vielleicht gut für die Credit Suisse», meint er, «aber nicht für uns.»
Am 26. Juli 1978 wird der Vertrag mit First Boston unterschrieben, einen Monat später tritt er in Kraft. Die übergangenen Topmanager handeln konsequent: Craven kündigt, auch Cattier kehrt später der Firma den Rücken. Michael von Clemm dagegen wird mit Unterstützung von Rainer E. Gut zum starken Mann im Gemeinschaftsunternehmen CSFB.
Der Infight zwischen Gut und Craven überdeckt eine grundsätzlichere Problematik. Die Frage nämlich, ob First Boston ein adäquater Partner für die CS sei. Dillon Read geniesst an der Wall Street einen tadellosen Ruf als Institut von Gentleman-Bankern mit erstklassiger Kundschaft. Die Investment-Banker von First Boston dagegen gelten als aggressive, hemdsärmlige Dealmaker.
Eine Top-Position in den internationalen Rankings der Investment-Banken, davon ist Gut überzeugt, wirkt langfristig geschäftsfördernd. Dort spielt die Musik, und dort will einer wie Rainer E. Gut hin. Wichtige Mitstreiter wie Gut-Intimus Robert Genillard, der ehemalige Partner bei White Weld, sind in diesem Punkt gleicher Meinung. Gegen diese Grossmachtspläne erscheint eine Dillon Read schlicht als zu klein und zu unbedeutend. Zum ersten Mal wird beim CSFB-Deal sichtbar, was sich auch zu späteren Zeiten wie ein roter Faden durch die Akquisitionspolitik des Rainer E. Gut zieht: Er kauft lieber Grösse als teure Qualität.
Gut ringt dem Partner First Boston zudem ein entscheidendes Zugeständnis ab. Die New-Yorker gestehen dem Schweizer zu, dass das Kürzel CS für Credit Suisse auch in Zukunft am Anfang des Firmennamens stehen soll. Das Gemeinschaftsunternehmen wird in Financière Credit Suisse First Boston umbenannt. Rainer E. Gut hat sich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Die Warner verstummen. Das Joint Venture kann abheben.
Und es hebt ab. Das Jahrzehnt bis 1988 wird die erfolgreichste Phase in der Geschichte des Unternehmens. Financière Credit Suisse First Boston mausert sich zum wichtigsten Player im Euro-Bond-Markt. Praktisch jedes Jahr schraubt das schweizerisch-amerikanische Gemeinschaftsunternehmen, an dem die SKA nun 46, First Boston 31 und das Management 23 Prozent hält, die Gewinne in immer neue Höhen.
Die Firma legt nochmals an Tempo zu, als Michael von Clemm, der Statthalter Guts bei der CS First Boston, im Jahre 1980 einen aufstrebenden Banker bei der Brokerfirma Kidder Peabody abwerben kann: Hans-Jörg Rudloff, Spross einer Berner Bankierfamilie, dessen Grossvater einst die Familienbank Marcuard & Cie an die SKA verkaufte und der als junger Trainee bereits einmal kurzzeitig für die CS tätig war.
Der von Bankiers wie Craven angeschobene Euro-Bond-Markt gewinnt durch das Wirken von Rudloff neue Dynamik. Fachlich versiert, mehrsprachig und ein ausgezeichneter Contacter, zieht Rudloff einen Deal nach dem anderen an Land.
Die Stimmung ist gut in London, wo noch ein weiterer Banker Spuren hinterlässt: Oswald Grübel, Chef des Wertpapierhandels bei der CS First Boston. Auch er wird innerhalb der CS eine kometenhafte Karriere machen. Der gebürtige Ostdeutsche hat ein einzigartiges Gespür für das Geschehen an den Börsen. Lange vor anderen setzt er auch gezielt die Technik ein: Unter der straffen Führung von Grübel baut der Chefinformatiker der CS First Boston eines der ausgeklügeltsten Informatiksysteme in der Branche auf – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im schnellen Börsengeschäft.
Grübel ist schon seit White-Weld-Zeiten bei der Bank, zunächst als Trader und nach 1978 als CEO der Tochtergesellschaft White Weld Securities in London. Er ist aus einem ähnlichen Holz geschnitzt wie Rainer E. Gut. Die beiden verstehen sich blind in geschäftlichen Belangen. Gut schätzt an Grübel zudem dessen ausgeprägtes Risikobewusstsein: In keinem einzigen Jahr verliert dieser per saldo Geld.
Rudloff, Grübel und auch die anderen Bankiers der CS First Boston London verdienen schönes Geld für die CS Holding. Es gibt Jahre, in denen erwirtschaftet die Crew der Financière Credit Suisse First Boston mit kaum mehr als hundert Mitarbeitern über ein Drittel des Gewinns der Schweizerischen Kreditanstalt. 1982 sind zum Beispiel 92 von insgesamt 303 Millionen Franken Reingewinn, 1983 dann 116 von 352 Millionen. Und Rainer E. Gut kann sich dank den herausragenden Leistungen seiner Truppe in London daheim in Zürich als erfolgreicher Bankier feiern lassen.
Bis 1987 läuft alles wie geschmiert. Dann kommt der Motor der sprudelnden Geldvermehrung ins Stottern. Der Börsencrash vom Oktober 1987 trifft nicht nur die CS, sondern vor allem die First Boston empfindlich. Damit nicht genug: 1988 verlassen die Wall-Street-Legenden Bruce Wasserstein und Joe Perella die Firma nach einem Streit um die Strategie – die beiden haben wesentlich zur Marktausweitung der First Boston in New York beigetragen.
Im gleichen Jahr schiesst Rainer E. Gut erstmals 300 Millionen Dollar in die First Boston ein und erhöht damit den Anteil seiner CS auf rund 44 Prozent des Aktienkapitals. Gut sichert sich damit noch stärkeren Einfluss, kann auf Grund regulatorischer Bestimmungen jedoch zumindest vorerst keine Mehrheit an der CS First Boston übernehmen. De facto aber ist er am Drücker, und das dürfte für den global denkenden Schweizer Bankier eine persönliche Genugtuung sein. Als sich Rainer E. Gut nach diesen jüngsten Verhandlungen mit First Boston in einer weissen Stretchlimousine zum Flughafen in New York chauffieren lässt, meint er zu der mitgereisten Delegation – CS-Verwaltungsrat Hugo von der Crone, SKA-Generaldirektor Hans-Ueli Doerig und Pressemann Jörg Neef –, ab jetzt sei «only the sky the limit».
Zu den Sternen zu greifen, erweist sich jedoch als zu ambitiöses Ziel. Das Investment verliert nämlich in der Folge rapide an Wert: 1989 erwirtschaftet CS First Boston noch einen mageren Gewinn von elf Millionen Dollar. Ein Jahr später rutscht die Firma gar in die roten Zahlen und weist einen Verlust von knapp 600 Millionen Dollar aus. Und 1990 platzt der Skandal um die «bridge loans».
Ende 1990 kommt es zudem zu internen Auseinandersetzungen, die an den Streit Rainer E. Guts mit Craven und Cattier zwölf Jahre zuvor erinnern. Wiederum fühlen sich die Leute an der Front von Gut übergangen. Diesmal geht es um mehr als strategische Differenzen. Diesmal geht es um Geld. Um viel Geld. Während des Aufbaus der CS First Boston im Jahre 1988 hatte der Verwaltungsrat das Management aufgefordert, Aktien des eigenen Unternehmens zu erwerben. Kadermitarbeitern wurde sogar bis zu einer Million Dollar an Krediten gewährt, um Aktien zu kaufen. In den Krisenjahren 1989 und 1990 stürzt der Kurs jedoch um die Hälfte ab. Zahlreiche Frontleute, die als Aktionäre eingestiegen sind und massgeblichen Anteil am Erfolg der CS First Boston für sich in Anspruch nehmen können, haben nun das Nachsehen. Einzelne Kaderleute geraten angesichts der weiterlaufenden Kredite gar an den Rand eines persönlichen Konkurses.
Vielen platzt der Kragen, als sie erfahren, dass der Mann, dessen strategischer Wurf die CS First Boston darstellt, selber seine Schäfchen längst im Trockenen hat. Unterlagen der US-Börsenaufsicht SEC zeigen auf, dass sich Rainer E. Gut 1988 – im Zuge des Deals also, als die CS 44,5 Prozent an der First Boston erwarb – ein ansehnliches privates Vermögen hat aufbauen können: 13,51 Millionen Dollar, umgerechnet also rund 20 Millionen Franken. Dieser Betrag steht dem CS-Chef per saldo, unter Berücksichtigung aller Ansprüche gegenüber der Financière Credit Suisse First Boston, persönlich zu. Dieses 20-Millionen-Vermögen geht auf eine Beteiligung von Rainer E. Gut an der Financière Credit Suisse First Boston zurück. Es hat sich in den guten Jahren von 1978 bis 1988 tüchtig vermehrt.
In den Gängen der Londoner CSFB wird nun hitzig diskutiert. Besonders zu reden gibt: Während sich Kaderleute zum grossen Teil mit Aktien eindeckten, tauschte Rainer E. Gut seine über die Jahre gesammelten Aktien und Genussscheine der Financière Credit Suisse First Boston in Obligationen um, in 101/4-prozentige «subordinated loans», nachrangige Anleihen also, mit Fälligkeit 1998. Gut im Glück: Der Kurssturz der CS-First-Boston-Aktien tangiert sein eigenes Vermögen nicht, während diejenigen, die auf Aktienpaketen sitzen, böse er-wischt werden.
Bei der Gründung der CS First Boston 1988 sind auch institutionelle Investoren begrüsst worden – sie halten seit Anfang 1989 rund 30 Prozent an CSFB. Es sind neben dem saudiarabischen Geschäftsmann Suliman Olayan vor allem japanische Versicherungsgesellschaften. Auch sie sind mit der Performance der CSFB-Papiere im höchsten Masse unzufrieden. So sehr, dass Rainer E. Gut nicht umhin kommt, ihnen später, bei der mehrheitlichen Übernahme der CS First Boston im Jahre 1990, auf ihrem Aktienbesitz eine Prämie auszubezahlen.
Im Frust um entgangene Aktiengewinne stellen viele nun ketzerische Fragen: Ist First Boston jenes lohnende Investment, als das es Rainer E. Gut immer gepriesen hat, oder hätte die Firma gar nie übernommen werden dürfen? Und wenn schon: Hätte man First Boston in der Krise nicht in Konkurs gehen lassen, das Investment abschreiben und stattdessen mit der erfolgreichen Arbeit im Euro-Bond-Markt weiterfahren sollen? Auf diesem Wege hätte die CS möglicherweise aus eigener Kraft ein Investment-Banking aufbauen können, meinen viele. Wichtige CSFB-Leute wie Hans-Jörg Rudloff hatten Rainer E. Gut wiederholt vor First Boston gewarnt. Die aggressive Kultur der Firma, so sein Argument, passe nicht zum Stil einer Schweizer Bank. Sie berge erhebliche Risiken.
Im Verwaltungsrat der CS Holding in Zürich wird die gleiche Frage diskutiert. Ob der mit dem Kauf der First Boston verbundene strategische Quantensprung das Risiko aufwiege oder ob Rainer E. Gut nicht in der Not dem schlechten Geld gutes Geld hinterhergeworfen habe, das fragen sich vor allem die traditionellen Schweizer Vertreter im Verwaltungsrat. Rainer E. Gut jedoch, der Spiritus Rector dieser Expansionsstrategie in den USA, macht sich unermüdlich stark für seine First Boston. Es gelingt ihm, die Zweifler umzustimmen. So sehr überzeugt der Präsident, dass der Verwaltungsrat der CS Holding Ende 1990 sogar die Übernahme einer weiteren Tranche der First Boston bewilligt – die Schweizer sind nun Mehrheitsaktionär.
Das allerdings hat seinen Preis. Die Credit Suisse kommt nicht darum herum, von den gesunden Teilen der Bank Substanz in die kränkelnde CS First Boston zu verschieben. Typisch für dieses Ansinnen ist eine Aktion im Jahr 1990: Rainer E. Gut bringt in diesem Jahr die Clariden Bank in die kurz zuvor gegründete Leu Holding ein. Seine Absicht ist, unter dem Dach der Leu Holding eine Gruppe von Privatbanken zu bündeln, die nach der kurz zuvor erfolgten Übernahme der Bank Leu auch die Bank Hofmann und die Clariden Bank umfassen soll. Diese Clariden Bank verkauft Rainer E. Gut in einer internen Transaktion an die Leu Holding, eine Subholding der CS Holding. Kostenpunkt: rund 200 Millionen Franken. Diese Millionen werden gebraucht, um Finanzlöcher bei CS First Boston zu stopfen. «Im Verlust von CS First Boston ist ein Gewinn vor Steuern von 140 Millionen Dollar aus dem Verkauf der Clariden Bank an die Leu Holding enthalten», entnehmen die Aktionäre einer Fussnote im Geschäftsbericht 1990/91 der CS Holding. Auch der Staat kassiert an dieser Transaktion: Da die Clariden Bank wegen des Verkaufs stille Reserven auflösen muss, fallen tüchtig Steuern an.
Die finanziellen Zwänge, die aus dem Kauf der First Boston resultieren, sind das eine. Ebenso schwer wiegen für Rainer E. Gut aber die Herausforderungen an die Führung und die Kontrolle der First-Boston-Leute. Die Kulturen von den traditionsbewussten Schweizer Bankiers der alten Kreditanstalt und den hemdsärmligen US-Investment-Bankern wollen nicht so richtig zusammenpassen.
Im Krisenjahr 1990 fällt Rainer E. Gut einen wichtigen Personalentscheid: Er holt den angesehenen Wall-Street-Banker Archibald Cox junior als Chef des amerikanischen Arms der CSFB. Den bisherigen CEO Jack Hennessy befördert Gut nach oben – an die Spitze der CS-First-Boston-Gruppe. Cox, der gross gewachsene Mann mit dem akkurat gescheitelten Haar und dem markanten Kinn, ist Sohn des Watergate-Staatsanwalts Archibald Cox senior, der durch seine Ermittlungen mitgeholfen hat, US-Präsident Richard Nixon zu Fall zu bringen. Gut und Cox junior kennen sich aus New-Yorker Zeiten – gemeinsam pflegten sie vom Villenvorort Long Island mit der Island Rail Road in den Big Apple zur Arbeit zu fahren.
Cox krempelt die Ärmel hoch für Rainer E. Gut: Bereits 1991 macht CS First Boston wieder Gewinn, nachdem sich der Verlust 1990 noch auf eine halbe Milliarde Dollar summiert hat. Cox und seine «Truppe scharfer Hunde» – so nennen sich seine Front-Boys, die er von Morgan Stanley zur CSFB mitnahm – mischen nun den Markt auf und ziehen 1991/92 heisse Deals an Land: die Aktienemissionen des Automobilherstellers Chrysler in Höhe von zwei Milliarden Dollar etwa oder auch die Emission des Automobilkomponenten-Herstellers Tenneco über rund eine Milliarde Dollar. Cox und sein Team sind derart erfolgreich am Markt, dass sie diesen Einsatz belohnt sehen wollen. Cox ist sich bewusst, dass seine Mitstreiter von den Schweizern höhere Bonuszahlungen erwarten.
Am 4. März 1993, einem Donnerstag, lädt Cox seine Direktoren zu einem Dinner in den Links Club an der 62nd Street in New York. Das Treffen wird zur Krisensitzung, angesichts der Tatsache, dass immer mehr Schlüsselfiguren der CS First Boston zur besser zahlenden Konkurrenz wechseln. Es ist in dieser fiebrigen Branche, zumal in Goldgräberzeiten, durchaus üblich, dass Investment-Banker dem Ruf des schnellen Geldes folgen. First-Boston-Star Bruce Wasserstein pflegte zu witzeln, dass er jeden Abend Angst habe, seine Leute könnten nach Büroschluss in den Lift steigen und nie wieder auftauchen. Doch Abgänge in einer Zahl, wie sie jetzt First Boston zu verzeichnen hat, sind ein Alarmzeichen. Dessen ist sich Cox bewusst.
Auch in Zürich ist man beunruhigt. Rainer E. Gut nimmt an diesem Meeting nicht teil, er schickt stattdessen Jack Hennessy, seinen Vertrauten, der bei der Partnerschaft zwischen CS und First Boston einst als Türöffner fungierte. Champagner und Wildlachs stehen bereit, als Hennessy die Sitzung eröffnet – noch bevor CSFB-Chef Cox überhaupt anwesend ist. Hennessy äussert ein paar einführende Worte, lobt den Erfolg der Firma und gibt dann das Wort frei. Das hätte er vielleicht besser nicht tun sollen. Die versammelten Investment-Banker nehmen kein Blatt vor den Mund und lassen ihrem Frust freien Lauf. Lautstark geht es nun zu und her im Links Club, und einige der Direktoren sind derart aus dem Häuschen, dass sogar geballte Fäuste auf den Tisch knallen.
Als der akustische Pegel Dezibel um Dezibel im Steigen begriffen ist, erscheint endlich Cox, schnappt sich einen Stuhl und rückt diesen weg von Hennessy – als wolle er Distanz markieren zum Abgesandten des Rainer E. Gut. Und ein Seniorpartner spricht nun auch aus, was alle denken: «Jack Hennessy», meint ein altgedienter Investment-Banker, «du begreifst das Problem nicht. Die Leute in diesem Raum werden in den nächsten Wochen die Firma verlassen.»
Die Kündigungswelle rollt weiter. Die Sache kocht derart hoch, dass sich Rainer E. Gut nun doch persönlich involviert. Am 25. März 1993 treffen sich die verbliebenen Spitzenleute mit dem Präsidenten der CS Holding im New-Yorker Union Club. Zur grossen Verwunderung der Anwesenden zeigt sich Gut von der Kündigungswelle kaum beeindruckt. Angesprochen auf die jüngsten Abgänge, meint Gut schulterzuckend, auch diese seien ersetzbar. Nach dem Meeting werfen weitere Mitarbeiter den Bettel hin. Die gesamte Abteilung Mergers & Acquisitions droht mit dem Abgang. Eine delikate Situation: Investment-Banking ist ein People-Business. Zieht ein Topmann weiter, verliert die Bank Umsatz und Provisionen.
Wohl versucht Hennessy Ende Mai 1993 nochmals, die Wogen zu glätten, und macht für die CS teure Zugeständnisse. Absprungwillige Mergers-&-Acquistions-Spezialisten handeln in einzelnen Fällen garantierte Salärerhöhungen von bis zu hundert Prozent aus. Doch auch mit diesen Zugeständnissen ist die Krise nicht ausgeräumt.
Das Verhältnis zwischen Cox und seinem Vorgesetzten Hennessy verschlechtert sich immer mehr. Für Cox wäre es das Beste, Hennessy zöge sich gänzlich aus den operativen Belangen zurück – so käme möglicherweise wieder Ruhe ins Team. Doch er sieht keinerlei Anzeichen, dass Gut seinen Protégé Hennessy fallen lassen will. Cox hat genug vom internen Gerangel: Er teilt Hennessy mit, er wolle die Firma verlassen. Am 10. Juli 1993 kommt es zwischen Cox und Gut im Dinner-Raum des CS-eigenen Hotels Savoy in Zürich zum finalen Meeting. Gut macht keinerlei Anstalten, seinen Topmann umzustimmen. Drei Tage später reicht Cox seine Demission ein.
Von dem personellen Aderlass in dieser Zeit erholt sich die CS First Boston nie mehr wirklich. Der Abgang von Cox und weiteren Topspezialisten setzt einen Personalwechsel in Gang, der keine gute Wirkung entfaltet für die Bank. Nun kommen Investment-Banker ans Ruder, unter denen sich die CSFB fast gänzlich aus der Kontrolle der Schweizer Besitzer zu lösen vermag.
Als Nachfolger von Cox setzt Rainer E. Gut einen Mann ein, der innerhalb der CS als Shooting Star gilt. Allen D. Wheat, Chef der erfolgreichen Derivatetochter CS Financial Products, ist ein erklärter Liebling von Gut, weil dessen Abteilung Jahr für Jahr Hunderte von Millionen in die Kassen der CS-Gruppe spült. Der aus dem Wüstenstaat New Mexico stammende Wheat gilt an der Wall Street als «Eisenfresser» und als begeisterter Trader. Für die konservativen Schweizer Bankiers hat der stets braun gebrannte Harley-Davidson-Fahrer meist nur ein müdes Lächeln übrig. Wheat amtiert bis 1998 offiziell lediglich als Chief Operating Officer (COO), fühlt sich aber von Anfang an als der starke Mann bei CSFB. Und ist es auch. Rainer E. Gut ist beeindruckt von der Erfolgs-Aura, die Wheat umgibt; Guts Nachfolger Lukas Mühlemann führt den Amerikaner ebenfalls an der langen Leine. Weder der Wheat lange als CEO von CSFB vorgesetzte Jack Hennessy noch der zwischenzeitlich eingesetzte Hans-Ueli Doerig vermögen den dynamischen Banker wirklich zu kontrollieren.
Genüsslich zitieren die Medien die forschen Sprüche des Allen D. Wheat, etwa jenen, sein Ziel sei es, «viel Geld zu verdienen». Das gefällt den Investment-Bankern, und es gefällt vor allem jenen, die im Spiel mit dem schnellen Dollar schon mal ein Auge zudrücken und denen der Profit über alles geht – nicht zuletzt auch über Kontrolle. Die CSFB-Topleute verdienen fortan gut, allen voran Wheat selber, der sich 1995 rund neun Millionen Dollar Jahresgehalt in die Lohntüte stecken lässt. Was der beruflichen Reputation nicht immer gut tut.
In der Branche geht das Wort, die CSFB-Starbanker seien «unguided missiles», unkontrollierbare Geschosse. Altgediente Mitarbeiter finden sich in diesem aggressiven Umfeld immer weniger zurecht. 1994 kündigt der gegen seinen Willen von London zurück in die Schweiz beorderte Rudloff. 1998 drängt
Wheat den langjährigen CSFB-Mann Grübel aus der Firma – ihn platzieren Rainer E. Gut und Lukas Mühlemann an die Spitze des Private Banking. Oswald Grübel, bis dahin Chef des globalen CSFB-Wertschriftenhandels, ist der letzte von insgesamt 13 Generaldirektoren der CS, die von der verschworenen Truppe von Amerikanern verdrängt werden. Der Einfluss altgedienter CS-Leute innerhalb der CS First Boston sinkt rapide.
Möglicherweise ist es kein Zufall, dass nun ein Skandal den nächsten jagt: 1998 straucheln gleich zwei von Wheats Wonder-Boys. Immobilienchef Andrew Stone belehnt seine Objekte bis unters Dach: 250 Millionen Dollar an Rückstellungen sind die Folge. Andy Ikpendanz agiert als Debt-Trader in Russland – es klafft eine Lücke von 1,3 Milliarden Dollar.
Ein Jahr später stürmen japanische Polizisten das CS-Hochhaus auf den Shiroyama Hills in Tokio, um bei der Tochtergesellschaft CS Financial Products eine Razzia durchzuführen. Der Abteilungsleiter Japan hatte bei einer Untersuchung der japanischen Aufsichtsbehörden versucht, Akten zu vernichten. Die CS Financial Products verliert daraufhin die japanische Bankenlizenz wegen Behinderung der polizeilichen Ermittlungen. Im gleichen Jahr büsst die schwedische Börse die CS-Tochter. Ein paar feuchtfröhliche Londoner CSFB-Händler, die sich nach ihrem Lieblingsdrink «Flaming Ferraris» nennen, haben unautorisierte Börsengeschäfte getätigt. Im Jahre 2001 wird die CSFB wegen Kursmanipulationen von der indischen Börse verbannt. Und der 1998 von der Deutschen Bank mit seinem Team für ein Rekordsalär von über 200 Millionen Dollar abgeworbene Technologiebanker Frank Quattrone verheddert sich mit IPO-Geschäften und muss sich wegen Behinderung der Justiz verantworten. Die CS zahlt daraufhin im Rahmen eines Industrievergleichs über 200 Millionen Franken an Bussen und Abfindungen. Quattrone selber muss zurücktreten und findet sich im Jahr 2003 vor den Schranken des Gerichts wieder.
Allen D. Wheat, der forsche CSFB-Frontmann, legt – im Wissen von Rainer E. Gut allerdings – der CS-Gruppe auch jenes Ei ins Nest, das der Firma um ein Haar das finanzielle Rückgrat brechen sollte. Dealmaker Wheat träumt von Grösse im Investment-Banking, und er schlägt vor, die amerikanische Bank Donaldson, Lufkin & Jenrette (DLJ) zu kaufen. Das Projekt läuft bankintern unter dem Codewort «Diamant». Der Vorschlag, sich mit DLJ zusammenzutun, wird erstmals 1998 diskutiert, drei Jahre vor dem Kauf und zur aktiven Amtszeit von Präsident Rainer E. Gut. Im Rahmen der jährlich stattfindenden CS-Strategiesitzung ist das Topmanagement rund um Rainer E. Gut damals der Ansicht, dass diese Option weiter-zuverfolgen sei. Die CS-Führung kommt zum Schluss, dass diese Firma perfekt zur CSFB passen würde. Lukas Mühlemann, nach dem Ausscheiden von Rainer E. Gut im Frühling 2000 neuer Präsident der CS Group, bespricht sich in der Angelegenheit DLJ später mehrmals mit seinem Vorgänger. Gut ist für den Kauf. CS-intern existieren kaum Vorbehalte, und auch im Verwaltungsrat der CS-Gruppe gibt es niemanden, der sich gegen diese Akquisition ausspricht. Im August 2000 übernimmt die CS schliesslich die DLJ und legt dafür rund 20 Milliarden Franken auf den Tisch.
Als die Börse kurz darauf abstürzt und das eng mit den Aktienmärkten verknüpfte Investment-Banking mit in die Krise reisst, wird der Kauf plötzlich als strategischer Fehler gewertet. Das Geschäft mit Fusionen, Akquisitionen und Börsengängen sowie der Wertschriftenhandel kommen zum Erliegen, und die mit der DLJ teuer eingekaufte Marktausweitung wird für die CS zum doppelten Handicap.
Die Lage bei der CSFB ist ungemütlich, und ungemütlich wird es nun auch für deren Spitzenmann Allen D. Wheat. Es ist nicht mehr Rainer E. Gut, der nun handelt, sondern sein Nachfolger im Präsidium: Lukas Mühlemann. In einem Manöver, welches das Magazin «Euromoney» mit dem bildhaften Titel «Ein Mord an der Madison Avenue» umschreibt, setzt Mühlemann Wheat im Sommer 2001 Hals über Kopf ab. Der Titel der Blattmacher macht durchaus Sinn, schliesslich befindet sich an der Madison Avenue Nummer 11 in New York der neue Hauptsitz der CSFB. Und dort nimmt nun der ehemalige Morgan-Stanley-Topmanager John Mack auf dem Chefsessel Platz, ein Mann mit tadelloser Reputation.
Unter John Mack beginnt bei der Investment-Bank in jedem Fall eine neue Zeitrechnung. Der Amerikaner ist der erste CSFB-Chef überhaupt, der keine persönlichen oder geschäftlichen Verbindungen mehr pflegt zu Rainer E. Gut, dem Vater dieses transatlantischen Konstrukts. Die Aufräumarbeit von Mack bei der Investment-Bank sowie die Anpassung an die veränderten Märkte kosten in den Jahren 2001 und 2002 insgesamt 6500 Arbeitsplätze.
Gekürzte Wiedergabe des Kapitels «Globale Ambition» aus dem Buch «Rainer E. Gut: Bankier der Macht». In der nächsten Ausgabe: Wie das System Gut funktioniert.