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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.c. Aszetische Briefe. Pädagogische Briefe
107. An Laeta über die Erziehung ihrer Tochter
1.
In einem seiner Korintherbriefe, in denen er die junge christliche Gemeinde in den heiligen Wissenschaften unterrichtet, ordnet der heilige Apostel Paulus unter anderem folgendes an: „Wenn eine Frau einen heidnischen Mann hat, und dieser einwilligt, bei ihr zu bleiben, so entlasse sie ihren Mann nicht. Denn der ungläubige Mann wird durch die gläubige Frau [S. 385] geheiligt und die ungläubige Frau im gläubigen Manne. Sonst wären ja eure Kinder unrein, jetzt aber sind sie geheiligt.“ 1 Wenn vielleicht jemandem bis heute die Bande der Zucht allzusehr gelockert und die Nachsicht des Lehrers übereilt erschienen, dann möge er in Gedanken beim Hause Deines Vaters, eines bedeutenden und gelehrten Mannes, der freilich noch in der Finsternis des Heidentums wandelt, verweilen. Er wird dann wahrnehmen, daß des Apostels Rat sich bewährt hat; denn die Bitterkeit der Wurzel wird aufgewogen durch den Wohlgeschmack der Früchte, 2 und die unansehnlichen Zweige 3 schwitzen kostbaren Balsam aus. Du bist aus einer gemischten Ehe hervorgegangen; Dein und meines Toxotius Kind ist Paula. Wer hätte es für möglich gehalten, daß die Enkelin des Hohenpriesters Albinus auf das Gelübde einer christlichen Mutter hin geboren würde? Wer hätte je geglaubt, daß die lallende Zunge auch in Gegenwart des Großvaters und zu seiner Freude widerhallt vom Gesang des Alleluja? Daß der Greis einer Christus geweihten Jungfrau auf seinem Schoße zu essen reichen werde? Die ganze Sache hat, wie erwartet, einen guten und glücklichen Ausgang genommen. Ein heiliges und gläubiges Haus heiligt den einen Ungläubigen. Der ist bereits ein Anwärter des Glaubens, den eine gläubige Schar von Kindern und Enkeln umgibt. Ich glaube, es hätte selbst Juppiter an Christus glauben können, wenn er einen solchen Umgang gehabt hätte. Mag er auch über meinen Brief lächeln und spotten, mag er mich einen Toren und einen Narren schelten. Das hat ja schließlich auch sein Schwiegersohn getan, ehe er den Glauben annahm. Man wird [S. 386] nicht zum Christen geboren, sondern man muß zum Christen heranreifen. Das goldene Kapitol strotzt von Schmutz, und alle Tempel Roms sind mit Ruß und Spinngeweben bedeckt. Die Hauptstadt der Welt hebt sich aus ihren Angeln, und eine große Masse, die früher die halbverfallenen Tempel füllte, eilt jetzt zu den Gräbern der Märtyrer. Wen nicht die kluge Einsicht zum Glauben führt, den wird bald die Rücksicht auf die Mitmenschen zum Glauben nötigen.
1: 1 Kor. 7, 13 f.
2: Aristoteles bei Diog. Laert. V 18.
3: Die Worte „viles virgulae“ spielen auf den Stand des Vaters an. Verschiedene Priesterkollegien trugen an ihrer Kopfbedeckung einen mit Wolle umwickelten Ölzweig (virga oleaginea).