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Verehrte Janis,
Ich duze dich und hoffe, das ist okay. Es käme mir komisch vor, dich zu siezen. In den letzten beiden Geburtstagsbriefen, die ich geschrieben habe, habe ich gesiezt. Es waren beides Männer – nun frage ich mich gerade, ob das ein sexistischer Move ist. Ich denke aber, es liegt eher daran, dass ich mich mit dir mehr identifizieren kann. Vor ein paar Jahren hat mir mal jemand gesagt, ich hätte eine «Janis Joplin-Energie». Danach begann ich, mich etwas intensiver mit deiner Person auseinanderzusetzen.
Du wärst heute 80 Jahre alt geworden. Leider bildest du jedoch, gemeinsam mit Kurt Cobain, Jim Morrison und Jimi Hendrix, den Kern des Club 27. Heisst, du bist vor 53 Jahren von uns gegangen. Ich bin heute 27 – hab’s noch nicht ganz überlebt – und finde es gerade deshalb so beeindruckend, was du aus deiner kurzen Zeit, die du auf diesem Planeten hattest, gemacht hast. Wie sehr du unsere Gesellschaft mit deinem Wesen und deiner Musik geprägt hast. Du bist ausgebrochen, hast dich engagiert, mit Menschen zusammengetan, mit denen man dich nicht sehen wollte. Du hast dich getraut, selber zu denken.
Kann man Rockstar gendern? Würde ich gerne tun, denn du warst das erste weibliche Rockidol. Rock’n’Roll wurde in den 60er-Jahren von Männern dominiert. Du hast dich dem widersetzt und nie aufgegeben. Auf dein Aussehen hast du auf gut Deutsch geschissen. Provozieren wolltest du; mit einer harten Sprache, harten Gesten und Schulabbrüchen, wie auch mit dem offenen Ausleben deiner Bisexualität, obwohl dies damals noch verboten war.
Spätestens nach dem Woodstock Festival 1969 kannte jede:r deinen Namen und vor allem deine Stimme: roh, voller Gefühle, laut. Deine Bühnenpräsenz versetzte das Publikum in Ekstase. Ich denke, es war das, was du wolltest; dass die Menschen loslassen und sich der Musik ebenso hingeben, wie du es tatest.
Du hast dich mit deinen emanzipierten Songs frei gesungen, dich mit deiner Stimme unvergessen gemacht. Gönnen wir uns dein wohl bestes Album «Pearl» und die Hits «Cry Baby», «Me and Bobby McGee» und «Mercedes Benz», stimmen wohl die meisten mit ein – auch heute noch.
Leider konntest du das Masterpiece nicht mehr Gegenhören und deinen Part bei «Buried alive in the Blues» am 4. Oktober 1970 nicht mehr einbringen. Du hast dich mit einem Tripple-Goldshot in eine andere Welt katapultiert.
Danke Janis, dass du so viel für die Frauen in der Musikbranche, und weit darüber hinaus, getan hast. Danke, dass du uns Musik geschenkt hast, die nach Freiheit klingt. Danke, dass du deine 27 Jahre so gut genutzt hast, wie wohl keine andere.
That’s it.
Herzlich,
Leila Alder
18. Januar 2023