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Non-Profit-Organisation
Soziale Non-Profit-Organisationen (NPO) sind zivilgesellschaftliche, mithin private, nicht profitorientierte Organisationen, die im Sozialwesen tätig sind. Sie ergänzen im Rahmen des schweizerischen Sozialsystems die individuelle Sicherung des Lebensunterhalts sowie die staatlichen Sozialleistungen und -versicherungen. Es handelt sich dabei um Hilfswerke, Selbsthilfegruppen oder Trägerorganisationen; rechtlich meistens Vereine oder Stiftungen. Das Spektrum reicht von den vielen kleinen, hoch spezialisierten Organisationen bis zu den relativ wenigen grossen, zum Teil international tätigen Organisationen. Ihr Leistungsangebot umfasst einerseits Dienstleistungen wie Betreuungen, Beratungen, Aus- und Weiterbildungen sowie Koordinationsaufgaben und andererseits materielle und finanzielle Leistungen. Nicht wenige soziale NPO stehen in einem Austauschverhältnis mit dem Staat, indem sie spezifische Aufgaben erfüllen und dafür entschädigt werden, immer mehr in Form von Leistungsaufträgen. Daneben finanzieren sie sich mit Spenden und Erträgen.
Soziale NPO erbringen Dienstleistungen (Wirkungsziel), zu ihrem Mandat gehören aber auch die Interessenswahrnehmung im Sinne ihrer Zielgruppen auf politischer Ebene sowie die Öffentlichkeitsarbeit (Beeinflussungsziel). Und viele soziale NPO ermöglichen sinnvolles Engagement von Freiwilligen und Familienangehörigen im sozialen Bereich.
Historisch gesehen wurzeln die sozialen NPO der Schweiz in der seit Jahrhunderten grossen Bedeutung der Gemeinden und in den ebenfalls weit zurückreichenden Formen der kirchlichen Armutsbekämpfung, ferner in der starken genossenschaftlichen Tradition und in einem seit dem 19. Jh. blühenden Vereins- bzw. Verbandsleben, das politische Entscheide und Veränderungen stark beeinflusst. Die sozialen Fragen wurden in der Schweiz vergleichsweise spät politisch diskutiert und einer politisch-sozialstaatlichen Lösung zugeführt. Die erzielten Lösungen bezogen sich oft auf die Erfahrungen privater Vorläuferinstitutionen, die als soziale NPO gewissermassen als Pfadfinder und Modell dienten.
Das Bundesamt für Statistik schätzt die Zahl der sozialen NPO auf rund 1 400 mit Gesamtausgaben von 2,9 Mrd. Franken (2010), nicht eingerechnet der nur schätzbare, aber bedeutende Anteil der Freiwilligenarbeit. 57 % der von diesen NPO getätigten Ausgaben betreffen deren direkte Dienstleistungen, die anderen Ausgaben beziehen sich auf die Unterstützung und Begleitung der Kernaufgaben. In sozialen NPO sind rund 36 000 Personen auf rund 24 000 Vollzeitstellen beschäftigt (2010). Die Anzahl freiwilliger Mitarbeitender wird auf 160 000 geschätzt. Insgesamt kommt den sozialen NPO auch als Wirtschaftsfaktor eine durchaus beachtliche, tendenziell wachsende Bedeutung zu.
Die Leistungen der sozialen NPO gehen gemäss Bundesamt für Statistik schwergewichtsmässig in den Bereich Invalidität (25 %), Krankheit/Gesundheitsversorgung (21 %), danach folgen: Soziale Ausgrenzung (17 %), Alter (15 %). Die Funktionen Familie/Kinder, Wohnen, Arbeitslosigkeit und Hinterbliebene weisen Anteile von 10 % oder weniger auf, insgesamt 22 %.
Das Gros der Dienstleistungen betrifft Sachleistungen im Sinne von Beratungen, Behandlungen, Fahrdienste usw. (70 %) oder im Sinn von Gütern (19 %). Nur 11 % der Leistungen sind Geldleistungen. 55 % der erbrachten Dienstleistungen werden bedarfsabhängig ausgerichtet. Die Orientierung am Bedarf ist bei den sozialen NPO systemisch bedingt wesentlich höher als beim Staat. Mit Geldleistungen erreichten die sozialen NPO 2010 rund 180 000 Haushalte mithin 290 000 Personen, mit Sachleistungen rund 1,1 Mio. Haushalte.
Finanziert sind die schweizerischen sozialen NPO zu 58 % über Spenden, Mitgliederbeiträge und Erträge und zu 42 % über Beiträge und Leistungsabgeltungen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Die Gesamtrechnung der Sozialen Sicherheit wies im Jahr 2010 Ausgaben im Umfang von 153 Mrd. Franken aus. Der Anteil der sozialen NPO belief sich auf 0,8 %. Lässt man die grossen Sozialversicherungen ausser Acht, resultiert ein Anteil der sozialen NPO von rund einem Drittel an den gesamten bedarfsabhängigen Sozialleistungen (2010: 2 Mrd.), dies ohne die Leistungen der freiwilligen Mitarbeitenden.
Eine schweizerische Besonderheit stellt die erwähnte komplementäre Funktion der sozialen NPO dar. Sie steht im Gegensatz zum Ausland, wo wie z. B. in Deutschland ein grosser Teil der sozialen Aufgaben und Dienstleistungen an die Wohlfahrtsverbände delegiert ist, oder zu Ländern, z. B. in Süd- oder Osteuropa, wo die staatlichen Leistungen ungenügend sind und die NPO kompensatorisch tätig sind. Typisch für die Schweiz sind zudem der Föderalismus und das Subsidiaritätsprinzip: die soziale Verantwortung liegt zuerst und vor allem beim Individuum und seiner Familie. An zweiter Stelle kommt das soziale Umfeld (Bekannte, Nachbarschaft, Vereine, teilweise auch Selbsthilfeorganisation), danach die staatlich-politischen Ebenen: Gemeinde, Kanton, Bund. Der schweizerische Föderalismus trägt sicherlich auch zur grossen Vielfalt von sozialen NPO bei. Das garantiert zum einen soziale Nähe und eine hohe Akzeptanz, andererseits erschwert es Vergleichbarkeit und Zusammenarbeit, umso mehr als sich die Wahrnehmung sozialer und sozialpolitischer Fragen in den verschiedenen Landesgegenden erheblich unterscheidet.
Eine der Herausforderungen für viele soziale NPO besteht darin, dass ein erheblicher Teil für ihre Finanzierung mehr oder weniger stark auf staatlichen Beiträgen oder Abgeltungen für Leistungsaufträge basiert. Die sozialen NPO laufen damit Gefahr, stärker als gewünscht in staatliche Planungen und Ziele eingebunden zu sein und damit strategische Orientierung und Handlungsspielraum, sei es in ihrer operativen Arbeit oder in der Öffentlichkeitsarbeit zu verlieren. Ferner kann die einseitige staatliche Finanzierung ein betriebswirtschaftliches Klumpenrisiko darstellen.
Des Weiteren ist die Anerkennung und der Stellenwert der sozialen NPO nicht mehr so unumstritten, wie in der Aufschwungsphase der NPO zwischen 1980 und 2000. So gibt es in der Forschung Stimmen, die sagen, dass NPO als service provider auf breiter Basis nur beschränkt effizient und effektiv sind, ihre Rolle sei mehr die Pioniersituation und die politische Einflussnahme. Dementsprechend plädieren diese Stimmen für einen stärkeren Einbezug von privaten Firmen in diese «Geschäftsfelder», was de facto bereits passiert, sei es in der Administration der kommunalen Sozialhilfe, in der Unterbringung von Asylsuchenden oder bei der Betreuung von hilfebedürftigen älteren Menschen. Ebenso führen viele Geldgeber, nicht zuletzt der Staat, in die Wahrnehmung sozialer Aufgaben marktwirtschaftliche Elemente ein, indem sie Aufträge ausschreiben, Anforderungen an das Management und die Rechnungslegung definieren oder Standards für den Betreuungsaufwand festlegen. Das kann dazu führen, dass NPO nur noch das machen, was rentiert und wofür es Geld gibt, während es – aus einer anderen Warte – gerade ihre Aufgabe wäre, dort Unterstützung und Hilfe zu leisten, wo weder der Staat noch die Wirtschaft hinkommen und wo auch die individuelle oder familiäre Unterstützung an ihre Grenzen kommt.
Die schweizerischen Sozialwerke waren immer Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, an denen sich die sozialen NPO intensiv beteiligt haben. Zu Beginn des 21. Jh. zeichnet sich ab, dass die grossen Sozialversicherungen, die mit dem Zukunftsoptimismus der Nachkriegsjahrzehnte geschaffen wurden, unter Druck geraten, einerseits als Folge des demografischen Wandels und andererseits infolge der veränderten wirtschaftlichen Grosswetterlage. Welche Auswirkungen das für die privaten Organisationen im Bereich der Sozialhilfe der Armutsbekämpfung haben wird, ist wenn überhaupt erst in Umrissen erkennbar.
Literaturhinweise
Anheier, H. K. (2014). Nonprofit organizations: theory, management, policy (2nd ed.). Abingdon: Routledge.
Gysin, B. & Adamoli, M. (2013). Nicht gewinnorientierte Organisationen im Bereich der sozialen Sicherheit: Situation und Entwicklung der nicht gewinnorientierten Organisationen zwischen 1990 und 2010 im Rahmen der Gesamtrechnung der Sozialen Sicherheit. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.
Helmig, B., Lichtsteiner, H. & Gmür, M. (Hrsg.) (2010). Der Dritte Sektor der Schweiz: Länderstudie zum Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project (CNP). Bern: Haupt.