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Geheime Welt der Fledermäuse
Welche Anstrengungen verlangt doch das Fliegen: eine Flugstunde verbraucht mehr Energie als eine Marschstunde! Selbst verglichen mit Vogelflügen, bleibt der Flug der Fledermaus aufwendig. Diese kleinen Säugetiere neigen zu Extremen: im Winterschlafgelingt es ihnen, 80 Tage lang zu leben mit der gleichen Energiemenge, die eine Flugstunde kostet! Wenn man berücksichtigt, dass eine aktive Fledermaus täglich den Gegenwert eines Viertels ihres Körpergewichtes an Insekten benötigt, wird man sich hüten, sie zur stillen Jahreszeit, wenn ihre Beutetiere nicht da sind, zu wecken!
Die zwischen überlangen Fingern gespannten, nackten Flughäute verursachen grossen Wärmeverlust, verglichen mit den isolierenden Federn der Vögel, und dies trotz eines Systèmes, das den Wärmeverlust auf ein Minimum reduziert. Das ist einer der Gründe für die Überwinterung in Höhlen, geschützt vor Frost und Austrocknung. Aber nicht das erstbeste Loch ist zweckdienlich: jede Gattung sucht ihr ideales Mikroklima. Keine einzige überwintert in Höhlen, deren Temperatur über 11 °C liegt: Reglosigkeit bei dieser Temperatur bewirkte zu raschen Verbrauch der Fettreserven, was vor dem Frühling zum Tod durch Entkräftigung führen würde.
Inhaltsverzeichnis
Die Handflügler des Wallis
Gelegentlich sieht man Fledermäuse, die tagsüber fliegen. Hinter einem Fensterladen kann man einen aufstöbern oder man findet einen mumifizierten Körper an einem Dachbalken hängend. Doch meistens beschränken sich Begegnungen mit Fledermäusen auf die Wahrnehmung eines flüchtigen Schattens im Lichtschein einer Lampe oder auf einige spitze Schreie, die in einer warmen Sommernacht schwach hörbar sind.
Es ist nicht leicht, das Leben dieser Nachtfeen zu studieren, welche die kalte Jahreszeit schlafend in einem Versteck verbringenund, wenn sie aktiv sind, nur in der Dämmerung ausschwärmen. Sogar die Käuzchen - die doch das Licht der öffentlichen Beleuchtung meiden - sind weniger scheu; sie, die ihre Liebesmelodie mit kräftiger Stimme singen.
Der Pionier Michel Desfayes hat Fledermäuse 1950 mit Hilfe eines Netzes, das er vor die Verstecke spannte, verfolgt: man muss sie eben in Händen halten, um sie zu bestimmen. In diesem Zeitraum wurden die ersten Beringungen an den Vorderarmen ausgeführt und die ersten Listen der Fledermausfauna des Wallis erstellt. Durch einzelne beringte Tiere, die man später auf dem Bretolet-Pass einfing, konnte auf das Wanderverhalten gewisser Arten geschlossen werden. Man stellte auch die Langlebigkeit der Fledermäuse fest - bis zu 15 Jahren. Zusätzlich ermöglichten diese Fänge, Gattungen und Anzahl jener Fledermäuse zu bestimmen, die in der Poteu-Höhle bei Saillon, in den Minen von Aproz und in gewissen Kirchtürmen wohnen.
Seither haben die Fledermäuse ihre Lebensgewohnheiten nicht geändert, aber die Technik hat den Forscher moderner ausgerüstet: Feldstecher mit Restlichtverstärker, Infrarotkamera, Ultraschall-Höhrgerät, zusätzlich zu Funkortung und Minikatadiopter, die einen Halogenstrahl reflektieren.
Heute sind es Raphaël Arlettaz, Alain Lugon, Antoine Sierra, die professionelle Forschung über Fledermäuse betreiben, die ihnen Tag und Nacht nachgehen, in Grotten kriechen, Kirchtürme besteigen, um sie in der Kinderstube und im Jagdrevier zu verfolgen, sie bei der Rückkehr vom Nachtausflug oder an der Tränke zu fangen, zu beringen, sie zu wägen, sie wieder zu fangen im Jagdrevier, ihnen Blut zu entnehmen, ferner den Guano (Kot) zu wägen und die Kadaver der Jungen in den Kolonien zu zählen, die Anzahl Erwachsener beim abendlichen Abflug zu bestimmen.
Auf diese Weise gelang es ihnen, fossile Reste von der Mittelmeer-Hufeisennase zu finden, der vor 5000 Jahren in Poteu bei Saillon lebte; für das Wallis neue Arten zu entdecken wie die Bulldoggfledermaus und die Alpenfledermaus; das Verschwinden der Langflügelfledermaus zu bemerken, die Desfayes in Saillon noch gefangen hatte; den Rückgang der Gross-Hufeisennasen einzuschränken, indem sie geeignete Unterkünfte in einigen Kirchtürmen wiederherstellen Hessen. Es gelang ihnen auch, die Unterscheidungsmerkmale zweier Arten festzustellen, die man oft verwechselte, das Grossmausohr und das Kleinmausohr, sowie die vielen baumlebenden Gattungen zu erkennen, die man bisher schlecht kannte, wie etwa den Abendsegler.
Jetzt hat sich das verschwommene Bild geklärt, und man weiss, dass 24 der 26 schweizerischen Arten im Wallis leben. Es gibt natürlich weitverbreitete Fledermäuse wie das Braune Langohr und die Zwergfledermaus, sowie jene Fledermäuse in den Bergen, die man in auch den Nachbarkantonen Tessin und Graubünden findet, so etwa die Nordfledermaus, vor allem aber Handflügler, die im Wallis die Nordgrenze ihres Lebensraumes erreichen wie die Bulldoggfledermaus, den Grossabendsegler und die Alpenfledermaus.
Es tut sich etwas in Vex
Die Hufeisennasen erkennt man an den spitzen Ohren, die sehr beweglich und ohne jenes merkwürdige Zünglein sind, das andere einheimische Fledermäuse im Zentrum des Ohrs tragen. Ihren Namen verdanken sie ihrer bizarren Nasenform. Auf der Nase tragen sie ein vielschichtiges Nasenblatt, das ihnen als Ultraschallverstärker dient. Nicht gerade schön, aber wirkungsvoll. Damit können sie nämlich Drähte von acht Hundertstelsmillimetern Dicke feststellen oder einen wirklichen Mehlwurm von einer Imitation aus Plastik unterscheiden! Man hält sie aber nicht immer in der Hand. Deshalb ist es gut zu wissen, dass sie gewohnt sind, sich im Lager einzeln aufzuhängen, ohne sich zu berühren. In ihre Flügel eingewickelt gleichen sie kleinen Ledersäcken.
Da sie sich weigern, einfach in Ritzen zu kleben, wohnen die Weibchen in geräumigen, warmen, nicht durchlüfteten Dachkammern einiger tiefgelegener Kirchen wie in Sembrancher, Le Châble, Saxon und Vex. Hier unter den Schieferdächern werfen sie jedes Jahr ein Junges, wandern den Dachsparren entlang, vom First zu den untern Teilen, je nachdem es mehr oder weniger warm ist. Zu Winteranfang verlassen sie die von jetzt an eiskalten Dächer und treffen sich zuhinterst in feuchten Höhlen, vor Frost und Austrocknung geschützt, um sich noch vor dem langen Winterschlaf zu paaren.
Durch den Verschluss der Zugänge, die Behandlung der Dachstöcke mit Insektiziden, die abschreckende Beleuchtung des Kirchturmes oder eine fehlplazierte Isolierung wurden Säuglingsstätten zerstört. Auch die Überwinterungsquartiere haben gelitten: eingestürzte Minen, zugemauerte Galerien und das Eindringen von Höhlenforschern haben die Anzahl der Schutzplätze verringert. Man muss also nicht verwundert sein, dass die KleinHufeisennase im Wallis praktisch ausgestorben ist, während nur noch die Grosse in Vex überlebt hat. Doch dank Hilfsmassnahmen erhöhten sich die Bestände wieder: 1994 wurden in Vex 40 Individuen gezählt, vier bis fünf in Saxon und Leuk.
Eine kleine Kolonie von 15 bis 20 Weibchen lebte in der alten St. Silvan-Kirche von Vex in Ruhe, da von den Leuten vergessen. Vergessen? Nicht eigentlich. 1987 einigten sich politische Gemeinde und die Kirchgemeinde, das Gotteshaus zu renovieren und die Kolonie überleben zu lassen. Für die Biologen war das eine Premiere, ohne Model, ein wahrhaftiger Versuch, mit dem Risiko alles zu zerstören. Zweifel und Ängste belasteten den Arbeitsverlauf. Doch schliesslich wurde die Renovation beendet, die Kirchgänger waren zufrieden, der Ortsgeistliche war sogar einverstanden, ein bisschen Nacht zu erhalten, indem die Nordseite nicht beleuchtet wurde. Den Hufeisennasen geht es gut. Doch Schindeln haben die Schieferplatten ersetzt, und die Sonnenwärme wird seither durch eine — elektrische Heizung geliefert !
Dank Alain Lugon und seinen Forschungen vom Sommer 1993 weiss man, dass wir von April bis Oktober die abendlichen Abflüge der Fledermäuse und ihr Abwärtstauchen, um fast bodeneben zu jagen, werden beobachten können, solange es Nachtfalter und Feldmaikäfer in den Erlen an der Borgne und in den Baumgärten von Vex gibt.
Zwillinge
Man könnte sich lange über die beiden Mausohr-Arten unterhalten, die sich so ähnlich sind, dass man sie noch bis vor kurzem als eine einzige Art auffasste. Raphaël Arlettaz hat sie während etwa einem Dutzend Jahren studiert und ist selbst erstaunt darüber, dass es solange ging, bis die jetzt eindeutigen Unterschiede erkannt wurden. Abgesehen von morphologischen Einzelheiten, die es ermöglichen, das Grosse und das Kleine Mausohr zu unterscheiden, abgesehen davon, dass die beiden Zwillingsarten ihre ökologischen Bedürfnisse derart entwickelt haben, dass sie konfliktlos nebeneinander leben können, ergaben die Funkpeilungen klare Resultate: während drei Beobachtungssommern zeigte sich, dass jedes Individuum seine eigenen Gewohnheiten hat und Abend für Abend sein wohldefiniertes Jagdgebiet unaufhörlich durchfliegt. Das eine fliegt zu den Hängen des Grand-Chavalard hinauf, unmittelbar unterhalb des Weges von Sorgniot, das andere erreicht die mit Kastanienbäumen bestockten Weiden von Combe bei Martigny, ein weiteres fliegt nach Sitten. So entsteht ein klares Bild der Zwischenräume zwischen den Kolonien: wie könnten sie nahe beieinander liegen, wenn ihre Bewohner sich über so weite Distanzen verteilen! Man ermisst daraus den Vorteil des Säugens, das den Jungen eine konzentrierte Nahrung auf einmal liefert, gegenüber der schnabelweisen Fütterung durch etwa gleich grosse Vögel, die deshalb sehr viel näher am Nest ihre Beute suchen.
Diese Aufteilung des Raumes erlaubt den Fledermäusen, ihr Gebiet in allen Einzelheiten zu kennen, hindert sie aber nicht, der Aufregung ihrer Nachbarn zu folgen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Wie könnte man sonst den Andrang von Mausohren auf frischgemähten Wiesen erklären und die Tatsache, dass nach zwei oder drei Jagdnächten die schutzlosen Heuschrecken wie weggeputzt sind !
Siehe auch