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Linksbüchneriade 23
Apropos zweier Aufführungen in London, zuerst von «Leonce und Lena» (siehe Linksbüchneriade 19) und dann des «Hamlet», ist wieder erkenntlich geworden, wie Büchner doch mit dem «Hamlet» spielt. Shakespeare war ja sein Lieblingsautor und Vorbild – für die historisch-kritische Büchner-Ausgabe hat Burghard Dedner insgesamt 123 «Shakespeare-Anregungen» belegt, die weitaus grösste Zahl für «Dantons Tod», nämlich 89, während «Leonce und Lena» und «Woyzeck» immerhin noch auf 23 beziehungsweise auf 21 Nennungen kommen, so dass Dedner von einer klar abfallenden Tendenz spricht. Das hat unter anderem damit zu tun, dass in «Dantons Tod» auch die «szenische Gestaltung» von shakespearschen Dramen geprägt ist, mit «Verschwörungen, Alpträumen, Rüpelkomik». Natürlich soll das nicht gering geschätzt werden, doch lässt sich die Meinung vertreten, dass «Leonce und Lena» stärker als Büchners erstes Stück durchgängig in eine shakespearsche oder, besser: eine hamletsche Atmosphäre getaucht ist.
Zwar wird die erste Szene mit einem Shakespeare-Zitat aus «Wie es Euch gefällt» eingeleitet, doch schon mit den ersten Worten wird klar, wie «Leonce» sich an «Hamlet» anschmiegt. Der Hofmeister entspricht Polonius, und die Szene, in der die respektiven Prinzen den jeweiligen beschränkten Erfüllungsgehilfen ihrer Herren ihre Wolkenbilder zu demütiger Zustimmung vorsagen, ist praktisch identisch, auch im leicht grausamen Duktus. Leonce ist der Melancholiker und Lena die schöne Seele, so wie Hamlet und Ophelia angelegt sind. Doch wenn Hamlet bitterscharf ist, so Leonce bitterzart. Lena schmachtet wie Ophelia zuerst hoffnungslos, wird dann etwas weltkluger, und obwohl das dem luftigen Happyend geschuldet ist, verrät es doch auch eine etwas andere Figurenanlage. Vor allem aber: Valerio ist ein shakespearischer Narr, wie man ihn sich Hamlet an die Seite wünschte, so dass sich dieser nicht nur um sich selbst drehen muss.
So ist der Duktus ähnlich, und doch anders. Dabei durchaus vielfältig. Das zeigt sich, da der Deutschlandfunk kürzlich eine Hörspielfassung aus dem Jahr 1957 wiederholt hat. Der damals 73-jährige Werner Krauss gibt Valerio etwas älter und müder, als man sich das gewohnt ist, und der damals 35-jährige Oskar Werner verleiht Leonce seine fein modulierte Stimme. Rhetorisch alles tadellos, aber insgesamt tönt das alles allzu gleichförmig, klammert einerseits Satire und hohles Pathos aus, andererseits die bitter grundierte Melancholie, in der sich Leonce jederzeit an Hamlet abarbeitet.