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Das Bahntrassée der Furka-Oberalp Bahn (FO; neu Matterhorn-Gotthard Bahn mgb) durchquerte die Gemeinde Naters (VS) auf einer Länge von 2.5 km und wirkte als starke Barriere mitten im Siedlungsgebiet. Diese schwierige Ausgangssituation konnte schlagartig verbessert werden, als die Gemeinde 2006 das Land des nicht mehr benützten Trassées erwarb und im Anschluss daran eine mitten durch das Dorf führende, 5 – 6 m breite Parzelle der Öffentlichkeit zugänglich machte. Der neu gestaltete «fil rouge» durch das Dorf ist ein kombinierter Fuss- und Veloweg, der an zwei Stellen zusätzlich mit grösseren Begegnungsräumen ausgestattet ist. Das Fusswegnetz hat damit in West-Ost-Richtung ein neues Rückgrat erhalten, das bestens mit angrenzenden Quartieren vernetzt ist. Der ehemalige Trennriegel durchs Dorf wurde zum Bindeglied.
Ausgangslage
Die Gemeinde Naters (VS) konnte 2006 das nicht mehr benützte FO-Bahntrassée (ehem. Furka-Oberalp Bahn, heute mgb Matterhorn-Gotthard Bahn) und das alte Bahnhofgebäude in Naters erwerben und erhielt eine mitten durchs Dorf führende, 5 – 6 m breite Parzelle zur freien Verfügung.
Vorgehen
2007 wurde ein Studienauftrag ausgeschrieben mit dem Ziel, das Trassée neu zu gestalten und es der Öffentlichkeit als Fuss- und Veloweg, sowie als Begegnungsraum zugänglich zu machen. Die einst negativ bewertete Strecke (Bahn = laut, gefährlich) sollte zum Naherholungsraum für das Dorf Naters und dessen Umgebung aufgewertet werden. Wichtige Bestandteile sind neben der Gestaltung des Trassées auch der Erhalt und Einbezug der beiden Brücken nach Brig und Bitsch alsVerbindung zu den Nachbargemeinden, sowie neue Plätze mit unterschiedlichen Nutzungen.
Umsetzung
Der neue 2.5 km lange Weg ist als «fil rouge» allseitig als Verbindung für Fussgängerinnen und Velofahrer innerhalb des Dorfes und über die Gemeindegrenzen hinweg nach Bitsch und Brig zugänglich. Der Weg ist Erholungs- und Begegnungsraum, Spazier- und Radweg.
Das Trassée selbst wird in meterbreite Streifen geschichtet: Mehr oder weniger intensiv bepflanzte Ruderalflächen begrenzen den drei Meter breiten Weg aus rot eingefärbtem Asphalt. Der vorhandene Schotter der Bahn wurde wieder verwendet und mit kleinerem Kies vermengt – eine Spur der Erinnerung an die Bahn. Lange Sitzbänke aus Beton flankieren den Weg und laden zum Verweilen ein. Die hohen Fahrleitungsmasten wurden
ebenfalls erhalten; sie dienen in der dritten Dimension als
Beleuchtungsstelen und Wegbegleiter.
Die Verbindung nach Brig erfolgt über die Stahlbrücke der ehemaligen Bahn, welche zur «Erlebnisbrücke» mit Blick auf die Rhone umfunktioniert werde. Sie stellt die direkte Verbindung zum Bahnhof Brig her. Der Anschluss nach Bitsch und an die Rhonepromenade führt durch den bestehenden, im heutigen Zustand noch unattraktiven Tunnel. Er wird jedoch ab 2012 durch die
Oberflächengestaltung sowie durch punktuelle Lichtöffnungen in der Decke in ein «Highlight» transformiert werden. Trichter bieten natürlichen Lichteinfall am Tag; nachts werden sie als Lichtkörper ausgeleuchtet.
Der Tunnel kann so auch nachts sicher begangen werden. Abschluss und Übergang bildet die Stahlbrücke nach Bitsch, welche, gleich der Brücke im Westen, über die Rhone führt und nachts mit indirektem Licht aufgewertet wird. Ein markanter Eingriff erfolgte auf dem Platz des alten Bahnhofes: Entlang des Trassées wurde ein rechteckiger, allseitig zugänglicher Platz aus rotem Sickerasphalt geschaffen. Ein 12 m langes, im Boden eingelassenes Wasserbecken, zwei Bocciabahnen, Bänke unter Bäumen sowie ein asphaltierter Spielhügel und Spielgeräte sind erlebbare Elemente der Platzgestaltung. Das Bahnhofgebäude wurde zum Bistro umgebaut. Der grosszügige Aussenbereich mit Barelement und Wasserbecken laden zum Verweilen ein.
Organisation
Bauherr: Gemeinde Naters
Architektur und Bauleitung: VOMSATTEL WAGNER ARCHITEKTEN ETH BSA SIA
Spielgeräte, künstlerische Begleitung: Seiler Pascal, Künstler, Bauingenieur: Ingenieurbüro Weder AG
Elektroplanung: ENBAG
Lichtplanung: NEUCO AG
Zeitraum
Die Umsetzung des Projektes erfolgt in 6 Etappen. Ein Teil davon (5. und 6. Etappe) wird erst ab 2012 ausgeführt:
2006 Landerwerb
2007 Studienauftrag
2009 1. Etappe
2010 2. Etappe
2011 3. und 4. Etappe
2012 5. Etappe
Später 6. Etappe
Finanzierung
Gesamtkosten: CHF 7.4 Mio.
Bewertung der Jury
Lange Zeit wurde die separate Führung des Fussverkehrs abseits vom Fahrverkehr als Ideal der Netzplanung propagiert. Dieses Prinzip wurde zunehmend neu überdacht, wenn sich die Ziele der Fussgänger/innen an belebten und oft auch befahrenen Strassenräumen befinden. Hier sind solche Trennungen in vielen Fällen nicht möglich und nicht wünschbar. Zu wichtig ist es, dass die Arbeitsplätze, die Einkaufsgeschäfte oder die Freizeiteinrichtungen über sinnvolle und direkte Verbindungen auch entlang der Strasse erreicht werden können.
Zusätzlich können aber neue, separate Netzelemente für den Fussverkehr abseits des Stassenverkehrs auch ganz neue Perspektiven und Qualitäten für das Fusswegnetz und die damit verbundene kleinräumige Mobilität zu Fuss eröffnen. Dies ist beim neugestalteten FO-Bahntrassée zweifellos gelungen.
Mit der Vergabe des «Flâneur d’Or 2011»-Hauptpreises an die Gemeinde Naters für diese neue Fuss- und Veloachse würdigt die Jury einerseits das Engagement der Gemeinde für die Förderung des Fussverkehrs, andererseits aber auch die Umsetzung einer visionären Idee, die erst noch mit einer hochstehenden Gestaltung verbunden werden konnte. Bemerkenswert ist, dass eine relativ kleine Gemeinde mit rund 8‘000 Einwohnenden den Mut und die notwendigen finanziellen Mittel für dieses nicht ganz günstige Vorhaben gefunden hat; dies zeigt aber auch modellhaft, dass die Planung und Umsetzung von Fussverkehrsvorhaben nicht alleine die Aufgabe von grösseren Städten ist.
Die rund 2.5 km lange Verbindung stellt ein neues Rückgrat im Siedlungsgebiet dar, welches es der Bevölkerung erlaubt, die Gemeinde zu Fuss und mit dem Velo auf ihrer gesamten Länge attraktiv und sicher zu durchqueren.
Gleichzeitig dient die gute Anbindung der verschiedenen Quartiere an diese neue Achse auch der besseren kleinräumigen Vernetzung.
Das mit Referenz an die alte Funktion zeitgemäss und modern umgestaltete FO-Trassée ermöglicht nicht nur praktische und zielgerichtete Verbindungen sondern bietet auch Raum für Entspannung im Herzen der Gemeinde. Exemplarisch sind das sorgfältig renovierte alte Bahnhofsgebäude, das neu ein Bistro beherbergt, sowie der dazugehörende Platz – als Begegnungsorte konzipiert – welche zum Verweilen und Spielen einladen.
Die Jury ist sich bewusst, dass sich nur selten die Möglichkeit zur Umgestaltung eines nicht mehr benötigten Bahntrassées mitten im Siedlungsgebiet ergibt. Aber auch in anderen Gemeinden können sich vergleichbare günstige Konstellationen zu einer markanten Verbesserung der infrastrukturellen Voraussetzungen für den Fussverkehr ergeben. Die Gemeinde Naters hat eine solch günstige Gelegenheit zur Weiterentwicklung des Fusswegnetzes beispielhaft resolut beim Schopf gepackt und konsequent umgesetzt. Die Jury zieht den Hut: Chapeau!