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Geboren 1818 in Glarus, studierte von Tschudi in Leiden, Neuchâtel, Zürich, Paris und Berlin. Er erlangte den Doktortitel in Medizin und Philosophie. Für seine wissenschaftlichen Verdienste in Zoologie, Naturkunde und Linguistik wurde er mehrfach ausgezeichnet. 1889 verstarb er hochangesehen im österreichischen Lichtenegg.
Fürsprecher der Sklavenhaltung
Tschudis erste Reise war im Auftrag der Universität Neuchâtel. Er bereiste Peru und Chile mit der Absicht, die Sammlung des Naturhistorischen Museums aufzubauen. Auf späteren Reisen wandte er sein Forschungsinteresse der Ethnologie und Linguistik zu. Seine Reiseberichte sind aufschlussreich und heute noch lesenswert. Er war gut vernetzt und ein treuer Freund von Alfred Escher.
Für den Bundesrat untersuchte er die Lage der Schweizer Auswanderer in Brasilien. In einem Gutachten verteidigte er explizit die Schweizer Bürger, die in Brasilien Sklaven halten. Von Tschudi hielt fest, es sei den Schweizern nicht zuzumuten, in Brasilien ohne Sklaven zu «geschäften». Und das 70 Jahre nach der französischen Revolution und nachdem man in Europa 1848 die Sklavenhaltung endgültig abgeschafft hatte.
Obwohl von Tschudi Alexander von Humboldt verehrte, fehlte ihm die grosse humanistische Grundeinstellung, die Humboldt bereits 50 Jahre früher vertrat, indem er sich vehement gegen die Sklaverei äusserte.
Cognac am Titicacasee
Der Historiker Hans Fässler meint, Tschudi habe zweifellos Grosses geleistet. Gleichzeitig sei er als Angehöriger einer Patrizierfamilie Teil jenes Bildungsbürgertums, das sich problemlos im ökonomischen System der kolonialen Ausbeutung bewegte und rassistische Ideen verbreitete. Einerseits habe diese Elite naturwissenschaftlich präzis gearbeitet, andererseits saloppe, menschenverachtende Pauschalurteile gefällt und plumpe Vorurteile weiterverbreitet.
Von Tschudi brachte zahlreiche Tierexponate, Kunst- und Kulturgegenstände nach Europa. Darunter eine kleine, etwa 16 cm hohe Steinfigur: die «Illia del Ekeko», der Gott des Wohlstands.
In seinem Buch «Reisen durch Südamerika» schildert von Tschudi, wie er 1858 in der Ruinenstadt Tiahuanaco am Titicacasee die Figur entführte: «Ich fragte scherzhaft den Besitzer, ob er diesen Heiligen nicht verkaufen wolle, was er aber mit Entrüstung zurückwies», schreibt von Tschudi. «Eine Flasche Cognac machte ihn aber geschmeidiger.»
Die Indianer versuchten zwar noch, den «Handel» rückgängig zu machen, doch dafür war es zu spät: von Tschudi und sein Begleiter ritten mit dem Ekeko auf und davon – die überrumpelten Indianer waren zu «betrunken», um sie zu verfolgen.
Forsche Forscher
Mit der, aus heutiger Sicht, skandalösen Entwendung des Ekeko tat von Tschudi nichts anderes als das, was bei vielen europäischen Forschungsreisenden damals üblich war. Sie erwarben skrupellos sakrale Gegenstände, rissen sie aus ihrem kulturellen Zusammenhang und brachten sie nach Europa. Heute streiten sich Museen und Herkunftsländer um viele solcher Schätze.
Einer von ihnen ist der heilige Ekeko. Für die indigene Andenbevölkerung zweifelsohne ihr Gott der Fruchtbarkeit und des Wohlstands. Während Jahren versuchten sie, die Figur zurückzuerhalten. 2014 wurde eine Einigung gefunden. Diesen langwierigen Prozess verfolgt die Dokumentation: «Der Geist ruft aus der Ferne».
Buchhinweis
Hans Fässler: Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei. 19 Fotos von Markus Traber. Rotpunkt Verlag. 2. Auflage, 2006.