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Der Glarner Galerist und Künstler Antonio Wehrli nimmt Stellung zur Thematik „Kultur und Kunst in China“. Er hat zehn Jahre als Kunstschaffender in China gelebt und wohnt jetzt mit seiner Familie in Schwanden, wo er die Galerie „Antonio Wehrli Art Space“ betreibt. Wo sieht er Unterschiede zum hiesigen Kunstschaffen im Glarnerland, und wie hat er die Überwachung durch den Staat erlebt?
Worum geht es bei der Kultur?
Der bekannte Soziologe und Philosoph Herbert Marcuse schreibt in seinem Buch "Kultur und Gesellschaft": „Kultur ist als Komplex spezifischer Glaubensanschauungen, Errungenschaften oder Traditionen zu verstehen, die den Hintergrund einer Gesellschaft bilden“. Zerstörungen und Verbrechen, oder Grausamkeiten und Fanatismus sind vom Kulturverständnis ausgeschlossen. Die Werte und Ziele einer Gesellschaft müssen erkennbar sein, wenn ein kultureller Wert zugeordnet werden kann und diese in die Wirklichkeit einer Gesellschaft überführt worden sind. Zusammengefasst kann Kultur als einen Prozess der Humanisierung verstanden werden, mindestens in der abendländischen Sichtweise.
In den Medien wird über die totale Überwachung der Bürgerinnen und Bürger in China berichtet. Mit den Chinesischen Tycoons* – mehrfache Unternehmensmilliardäre – und ihren Digitalen Produkten seien dafür alle Voraussetzungen geschaffen. Wie hast du in den zehn Jahren die Überwachung selbst erlebt?
Antonio: Die Überwachung in China ist von subtiler Art. Ich fühlte mich bis zu Beginn der Corona Pandemie nie aktiv überwacht. Eine passive Beobachtung, die sich auf Stichworte und Stichproben beschränkt, gibt es. Vor allem ein Bereich darf nicht hinterfragt werden, nämlich die Entscheidungen der Politik. Wird dies gemacht,kommen Bots und Menschen, die die Nachrichten entfernen. Bei schwerwiegenden Fällen sind strafrechtliche Folgen wahrscheinlich. Es gibt oder es gab große Grauzonen. Selbstzensur oder gekonnte Symbolkunst ist gefragt. Im freundschaftlichen Bereich, offline, wo Vertrauen herrscht, kann alles besprochen werden.
*3 Vermögenswerte als Beispiel: Zhong Shanshan 68Mrd Dollars, Zhang Yiming 45 Mrd, Ma Huateng 35,3 Mrd – Forbes, Statistika 2023
Der Prozess der Humanisierung wird durch kollektive Anstrengungen das Leben zu erhalten, den Kampf ums Dasein zu befrieden, eine produktive Organisation der Gesellschaft zu festigen, die geistigen Fähigkeiten der Menschen zu entwickeln und Aggressionen, Gewalt und Elend zu verringern charakterisiert. Als Abgrenzung zur Zivilisation, die sich auf die Notwendigkeiten ausrichtet, orientiert sich die Kultur an den Werten der Gesellschaft.
Wie siehst Du die gelebte Kultur in China, im Vergleich mit der abendländisch-westlichen Kultur?
Antonio: Die Kulturen sind anders, doch sie werden wie bei uns mit Freuden gelebt.
Die bildende Kunst ist ein Bestandteil einer Kultur. Die Kunst kann ein Fenster zur Seele der Menschen öffnen und aufzeigen, welche Geheimnisse in einer aktuellen gesellschaftlichen Ordnung vorhanden sind und Gewicht haben. Bei kritischer Betrachtung der Kunstentwicklung kann festgestellt werden, dass die Produkte der Kunst immer auch ein Spiegel der Gegenwart sind. Die Auswahl an Werken ist breit, vielfältig und global. Kritiklosigkeit, Oberflächlichkeit, Reflexion und Einfachheit der Inhalte können parallel betrachtet werden.
Wie erlebst Du die bildende Kunst in China? Was lässt sich zur aktuellen Kunstentwicklung in China sagen?
Antonio: Die Bildende Kunst erlebte eine neue Blüte mit der Öffnung von China unter Deng Xiaoping. Viele Kunstschaffende konnten endlich so kreieren, wie sie wollten. Dank Sammlern, wie Uli Sigg wurden viele innert kürzester Zeit sehr erfolgreich und weltweit bekannt. Die erste Generation der post-Mao Kunstschaffenden war vor allem in der Malerei aktiv. Die jüngeren Generationen beschäftigen sich auch mit neuen Medien, Performance, etc. wie im Westen.
Der internationale Kunstmarkt mit einer Wertschöpfung von rund Dollar 65 Mrd ist, mit Sammlerexzessen und kriminellen Handlungen wie Geldwäscherei, verbunden. Reiche Menschen haben die Kunst als Wertanlage entdeckt. Der Ritterschlag für Galeristen und Künstler:innen ist die Teilnahme an Messen wie der Art Basel oder an Biennalen oder der documenta. Die Preise für Kunstwerke sind exorbitant und nur für vermögende Personen gedacht. Sie betonen die Unterschiede zwischen reich und weniger reich.
Du wirst im September 23 an der Biennale in Chengdu teilnehmen. Chengdu ist eine Metropole mit rund 20 Mio Einwohnern. Was sind die Merkmale der Biennale, und wer kann dort ausstellen?
Antonio: Die Chengdu Biennale scheint immer wieder anders zu sein. Unterschiedlich organisiert, an verschiedenen Orten durchgeführt und bei fehlenden Sponsoren, fällt sie sogar aus. Die Biennale 2023 startete zum Teil bereits im Juli mit Ausstellungen zur Begleitung der „FISU World University Games 2023 Chengdu“. Im September 23 wird sie mit mehreren Ausstellungen erweitert. Die Biennale wird von mehreren Personen kuratiert und die Kunstschaffenden werden von einem Kuratorenteam ausgewählt.
Welche Unterschiede siehst Du auf dem Kunstmarkt in China und in der westlichen Gesellschaft?
Antonio: Es gibt nur noch wenige Unterschiede. Was auffällt: Chinesische Sammlerinnen und Sammler kaufen fast nur chinesische Kunst.
Du hast als Künstler in China gelebt und gearbeitet. Wie unterscheidet sich das Leben eines Künstlers in China zu unserer Gesellschaft?
Antonio: In China sind Kunstschaffende prozentual viel seltener als bei uns. Mit etwas Bekanntheit erfahren sie grosse Wertschätzung und werden von den Sammlern verwöhnt. In der abendländisch-westlichen Gesellschaft scheint Prestige wichtiger zu sein, Events zum Sehen und Gesehen werden. In China erlebte ich oft echte Herzlichkeit und Freundschaft. Die abendländisch-westlichen Gepflogenheiten werden seit etwa 2018 aber zunehmend auch in China bekannt und hierarchische Auswüchse des Besserseins wurde an gewissen Orten leider schon salonfähig.
Wie stark spiegelt der Kunstmarkt in China die Leistungsgesellschaft?
Antonio: Das Bildungssystem in China und die Gesellschaft ist fast ausschliesslich auf Leistung ausgelegt. Darum sind auch die chinesischen Kunstschaffenden mit wenigen Ausnahmen höchst diszipliniert und sehr fleissig. Sie beherrschen ihr Handwerk. Meistens haben nur junge Kunstschaffende Erfolg, die von berühmten Lehrenden unterrichtet, respektive gefördert werden.
Die Leistungsgesellschaft in der westlichen Hemisphäre ist ein Mythos unserer Zeit. Sie ist eine Herrschaftsform, die keine Werte für die Allgemeinheit der Gesellschaft schafft und fördert, sondern auf die Erfolge Einzelner setzt. Ethik wird durch Monethik ersetzt. Die Erfolgreichen nehmen für sich in Anspruch, dass sie nur durch Leistung in der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie gelandet sind. Sie führen ihre Fähigkeiten und Leistungen ins Feld, die sie dorthin geführt haben. Die Ungleichheit in der Gesellschaft wird durch die meritokratische Form der Leistungsgesellschaft zementiert. Die Gewinner sind stolz auf ihre „selbst erbrachte Leistung“, die Verlierer sind gekränkt und fügen sich der schicksalshaften Lebenssituation. Erfolgreiche und Elende treten einander gegenüber. Der renommierte politische Philosoph Michael J. Sandel ("Vom Ende des Gemeinwohls, wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratie zerreist", Fischer 2020) ist Professor in Harvard. Er legt eine kritische Analyse der Leistungsgesellschaft vor. Bei der Meritokratie geht es um eine Herrschaftsform, bei der Personen aufgrund ihrer gesellschaftlich und institutionell anerkannten Leistungen für ihre besonderen Dienste ausgezeichnet werden. Personen, die es in der Hierarchie der Gesellschaft nach oben geschafft haben, schreiben den Aufstieg den eigenen Fähigkeiten zu.
Junge Kunstschaffende werden stark gefördert. Die zur Verfügung stehenden Gelder sind aber sehr unterschiedlich verteilt. Der Kanton Glarus gehört bei den Kulturausgaben pro Kopf zu den schwachen Kantonen. Junge Künstler:innen erhalten bei einer Preisauszeichnung schnell die Gelegenheit im Museum auszustellen oder im Ausland ein Atelier zu bespielen, ohne nachhaltige Vor-Leistungen erbracht oder im Atelier Arbeiten entwickelt zu haben. Viele der Geförderten verschwinden nach fünf Jahren vom Radar und versinken in der Bedeutungslosigkeit, weil sie sich am Markt nicht durchsetzen können.
Wie erlebst Du die Förderung von Kunstschaffenden in China? Welchen Stellenwert haben Kunsthochschulen in China?
Antonio: Soweit ich es aus meinen Erlebnissen kenne, gibt es wenige staatliche Förderprogramme. Die meisten Artist Residenzen und viele Kunstmuseen sind privat organisiert. Junge Kunstschaffende werden vor allem von ihren Lehrpersonen und dem Umfeld der Familie gefördert. Fast alle der nach 1990 geborenen Kunstschaffenden haben reiche Eltern, die ihnen das Studium und oftmals auch bezahlte Ausstellungen an renommierten Orten ermöglichen. Eine guteKunsthochschule ist ein Muss um Erfolg zu haben. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Du bist Schweizer. Wo schlägt Dein Herz höher, in China oder in der Schweiz? Wie haben die zehn Jahre Deines Lebens in China geprägt? Wo möchtest du lieber leben?
Antonio: Das ist eine sehr schwierige Frage. Bis Ende 2019 fühlte ich mich in China sehr wohl. Jetzt gefällt es uns im Glarnerland. Meinen Kindern zuliebe ziehe ich die Schweiz als Lebensmittelpunkt vor, da sie ihnen dank weniger Leistungsdruck eine unbeschwertere Kindheit ermöglicht.
Antonio, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Dich, Deine Familie und die Kunst!
Eduard Hauser