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Frau Holle und der Blinde
Es lebte einmal ein blinder Buchbinder, der jeden Tag von seinem Hund auf dem Weg begleitet wurde. Einmal, am Nachmittag des Heiligen Abends, war er wieder auf dem Heimweg. Der Weg war lang, es stürmte und war bitter kalt. Die Bäume ächzten im Sturm, als sie ein Stück durch den Wald gingen. Dem Blinden schien der Weg heute besonders lang, er fürchtete sogar, dass sein Hund sich verlaufen hatte. Mitten im Wald aber blieb sein Hund auf einmal stehen und begann mit menschlicher Stimme zu sprechen: «Ich habe dich ein ganzes Jahr lang auf deinem Weg geführt. Jetzt aber ist die Zeit zwischen Weihnacht und Dreikönigstag und Mensch und Tier können miteinander sprechen. Heute Nacht kommt Frau Holle in diesen Wald und ich bitte dich: Gib mir eine Stunde, damit ich mit den anderen Tieren sprechen kann.» Der Blinde war sehr erstaunt über diese Worte, doch als der Hund sich zu seinen Füssen hinlegte, setzte auch er sich auf den Boden und lehnte sich an den Stamm einer Birke. Gemeinsam warteten sie nun und die Zeit verging dem Blinden viel zu langsam. Er fror und begann an zu murren. «Gedulde dich», sagte der Hund, «es sind noch nicht alle da und wir müssen warten.» Kurz darauf erhob sich der Hund plötzlich und der Mann hob den Kopf, um mit seinen Ohren zu erahnen, in welche Richtung der Hund gegangen war, da war ihm auf einmal, als könne er seinen treuen Begleiter wie einen Schatten sehen. Verwundert kniff er seine Augen zusammen und als er sie wieder öffnete, geschah das Wunder der Hollennacht: Er sah auf einmal den Mond am Sturmhimmel leuchten und um den Mond herum eine Schar heller Wesen, die wie Nebel tanzten. Staunend schaute er in den Himmel, als er sah, wie ein grosses Licht vom Himmel herabschwebte, immer tiefer und tiefer, bis es auf einer Lichtung im Wald zur Ruhe kam. Der Mann, der so viele Jahre im Dunkel seiner blinden Augen verbracht hatte, sah auf einmal tausenderlei Tiere, die alle gekommen waren, um Frau Holle zu begrüssen. Er sah helle Wesen, die um Frau Holle herumtanzten und er erkannte sogar einige Menschen, die so, wie jetzt er, das Unsichtbare sehen konnten. Ergriffen erhob er sich, ging mit sicherem Schritt auf das Licht zu, in dem er die Gestalt der Frau Holle erblickte und voller Freude rief er: «Ich bin sehend und kann das Licht erkennen, Frau Holle!» Da kam die helle Gestalt der Frau Holle auf ihn zu und fragte: «Warst du blind, armer Mann?»
«Ja», rief der Buchbinder, «ja, ich war blind, doch jetzt kann dich erkennen, es ist ein Wunder!»
«Freue dich nicht zu früh, denn es ist nur in der Nacht der Zwölften, dass du zu sehen vermagst», sprach Frau Holle.
«Ich bin aber so glücklich, dass ich sehen kann», rief der Mann laut. Er schaute sich um und sah die vielen Lichter, den Glanz des Schnees, das Leuchten der tanzenden Wesen, die Tiere, die in vollkommenem Frieden auf der Lichtung sassen und er seufzte verzückt: «Kann ich nicht für immer wieder sehend werden?»
«Du musst wählen», antwortete Frau Holle traurig. «Du kannst für immer sehend werden und das ganze Jahr Freud und Leid mit offenen Augen erkennen, oder du kannst blind bleiben, dafür aber in der Nacht der Zwölften das Himmlische erblicken.»
«Da weiss ich genau, was ich wähle», rief der Mann aufgeregt, «ich möchte das ganze Jahr sehend sein und so offene Augen haben wie jetzt in der Hollennacht.»Als die Tiere seine Worte hörten, seufzten sie, doch Frau Holle strich dem Mann mit ihren weissen Händen über die Augen und sagte: «So wirst du von nun an sehend sein für die Welt der Menschen, doch blind für die unsere.» In diesem Moment wurde es dunkel auf der Lichtung. Die Bäume ächzten weiter im Sturm, der Mann sah, wie sich ihre Wipfel beugten, doch das herrliche Licht, Frau Holle und die wunderbaren Gestalten, konnte er nicht mehr sehen. Der Hund, sein treuer Begleiter, kam an seine Seite und führte ihn sicher durch den dunklen Wald nach Hause. Von nun an sah der Buchbinder Freud und Leid in seiner Welt, erkannte die Armut und Krankheit mit offenen Augen. Doch das wunderbare Licht, das er in jener Nacht bei Frau Holle gesehen hatte, durfte er niemals wieder erblicken, und seine Sehnsucht danach liess ihn still und einsam werden, denn wer das Himmlische gesehen hat, wird es niemals wieder vergessen.
Märchen aus Deutschland, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt. Bild: Cristina Roters