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Es ist ein sonniger Montagmorgen, als ich an der Limmatstrasse in Zürich bei Franziska Schläpfer aka Big Zis klingle. Zuoberst im Haus angekommen, höre ich nur «Inecho!», und betrete etwas zurückhaltend eine grosse Dachwohnung. Man sieht sofort, dass dieser Ort lebt. Im Eingang liegen Schuhe herum, an den hellen Wänden hängen Fotos, am runden Esstisch stehen bunt gemischte Stühle und Trip-Traps, durch das geöffnete Dachfenster höre ich die Stadt in die Woche starten. Aus der Küche klappert’s.
«Willst du einen Tee?» Meine anfängliche Scheu verfliegt sofort, als ich eine grosse Tasse in die Hand gedrückt bekomme und in ein offenes, strahlendes Gesicht blicke. Zis und ich setzen uns an den Küchentisch. Ihre ausgeflippte Kurzhaarfrisur ist noch etwas zerzaust, sie trägt Trainerhosen, ein weites Shirt und ein farbiges Tuch um den Hals, ihre Fingernägel sind rot-schwarz lackiert. Wenn sie lacht, und das tut sie oft, blitzt ab und zu ein kleines Tattoo auf dem Zahnfleisch unter ihrer Oberlippe hervor.
Mich nimmt wunder, wie sie ihre ursprüngliche Heimatstadt in Erinnerung hat. Geboren und aufgewachsen ist Zis nämlich in Winterthur, mit 16 hat sie sich jedoch Zürich als ihre Wahlheimat ausgesucht. «Ich würde mich schon als Zürcherin bezeichnen, obwohl ich mit Winti natürlich viele schöne Erinnerungen verbinde.» Sie fügt augenzwinkernd an: «In Winterthur gibt es eben einfach nicht so viele Preisgelder zu holen, weisch.» Sie erinnert sich an das schöne «Chrugeler-Quartier» in Töss, wo sie die ersten 7 Jahre ihrer Kindheit verbrachte, an lange Sommerabende draussen, ans Neuwiesenquartier, in das sie dann umzog, oder an die Punkszene in Winterthur, mit der sie schon früh in Berührung kam. Nach der Sek bestand Zis die Gymi-Prüfung, «überraschenderweise», wie sie sagt, und entdeckte während der Zeit im Rychenberg das Experimentieren mit verschiedenen Drogen. «Wilde Teenagerjahre waren das», sagt sie schmunzelnd. Als sie von der Schule flog, merkte Zis, dass sie aus diesem kleinstädtischen Vibe raus musste. «In Winterthur kannten mich alle. Ich musste meinen eigenen Platz finden.» Sie finanzierte sich selbst das 10. Schuljahr an der Juventus in Zürich, wohnte in besetzten Häusern, wählte die Limmatstadt als ihr neues Zuhause. Mit Rap kam sie allerdings erst später in Berührung. «Ich hatte in meiner Jugend mit Rap praktisch nichts am Hut. Ich hörte vor allem Punk oder Hardcore. Da gab es teilweise Bands wie die Beastie Boys, Bodycount oder Rage against the Machine, die natürlich Rap in ihre Musik einfliessen liessen, aber das war auch schon alles.»
Ihre Musik würde sie heute klar im Rap einordnen, jedoch sei sie natürlich durch verschiedene Einflüsse und Menschen, die sie über die Jahre getroffen hat, geprägt. In Zürich lernte sie Mitte der Neunzigerjahre die Jungs von Gleiszwei kennen. «Rap war damals auf dem Vormarsch», erzählt sie. «Das Genre war aber noch nicht so konsumorientiert wie heute, es ging damals wirklich viel mehr um die Gemeinschaft – darauf ist die Hip-Hop-Kultur ja auch ausgelegt. Jede*r kann, keine*r muss, alle können dabei sein.»
Während einigen Sommern, die sie als Hirtin auf einer Alp im Tessin verbrachte, begann Zis, Texte zu schreiben, am Anfang noch auf Hochdeutsch. «Ich schreibe auch heute all meine Texte auf Papier. Freestyle war noch nie mein Ding.» Sie lacht. Gleiszwei habe früher viel Freestyle gemacht, sie selbst habe sich aber auch nie richtig getraut, einfach draufloszurappen, erzählt Zis. «Ich wollte unbedingt auch so cool sein wie all diese Rapper, die ich kannte. Aber ich musste irgendwann merken: Wenn ich etwas genauso mache wie jemand, den oder die ich cool finde, heisst das nicht, dass es genauso cool ist. Ich musste herausfinden, wie sich meine eigene Stimme anhört, was mein eigener Stil genau ist.»Eine Erfahrung, die Zis beim Finden ihrer eigenen Stimme geprägt hat, war die Zusammenarbeit mit ihrem Idol EKR, einer der ersten Zürcher Mundart-Rapper der Schweiz. «Wir planten zusammen einen Auftritt und hatten die Idee, dass ich seinen Track «Chreis 5» performe. Es war einer meiner Lieblingssongs, also konnte ich ihn schon beinahe auswendig. Doch als ich diesen Text dann wirklich übte und Stück für Stück auseinandernahm, realisierte ich, dass es einfach nicht dasselbe ist, wie wenn es EKR selbst rappt. Seine Tracks leben von seiner Stimme, seinem Swag, seiner Intonation – seinem Style halt. So wie er konnte ich es nicht wiedergeben. Das zu merken, war eine wichtige Erfahrung für mich.»
Es sei für sie klar geworden, dass sie Texte schreiben wollte, die inhaltlich auch «verhebed». Etwas Eigenes wollte Zis finden, etwas, das genauso cool, aber ihr Ding war. Ihren Stil geprägt haben natürlich auch die fünf Jahre in der Besetzer*innen-Szene. «Es gibt einen Ort in mir drin, der schon immer sehr frei war und ist», erzählt die 45-Jährige. «Diese Seite von mir hat mir durch die Jahre erlaubt, verschiedene Szenen zu erleben, andere Lebensformen auszuprobieren, in diverse Subkulturen einzutauchen. So etwas nimmt man mit, natürlich auch musikalisch.» Genau diese Diversität habe es auch ermöglicht, die Starrheit des Hip-Hop-Genres zu überwinden.
Auch ich als grosse CH-Rap-Liebhaberin seit dem Kindesalter habe Big Zis schon immer als anders empfunden – melodischer, ausgeflippter, mit einem ganz eigenen Rhythmus. Ich erinnere mich, dass ich das damals mutig fand. Zis meint dazu: «Ich habe mich dadurch aber auch nie richtig zugehörig gefühlt. Es gab eine Zeit, da bekam ich extrem viel Anfeindung von verschiedenen Seiten. An Konzerten haben Leute Sachen auf die Bühne geschmissen und mich angeschaut, als würden sie gar nicht da sein wollen.»
Eine eigene Stimme also – aber eine, die dann doch nicht so ganz eigen sein sollte? «Genau. Es gab diverse Leute, die Polizist spielten und mir sagen wollten, was sich im Rap gehört und was nicht. Das war eine harte Zeit, fast wollte ich mit der Musik aufhören. Aber dann habe ich 2002 das «Werkjahr» gewonnen.» Einen solchen Förderpreis der Stadt Zürich anzunehmen, aber nicht weiterzumachen, kam für Zis nicht in Frage. «Ich nahm mir vor, mindestens noch ein Album aufzunehmen. Nach diesem Preis habe ich mich in meiner Musik auch viel mehr geöffnet, eigene Grenzen überwunden und meine Facetten entdeckt.» Und wie sie das gemacht hat. Nach drei Alben, fünf EPs, zwei Singles und drei Maxi-Singles innert fast 20 Jahren, kam 2020 ihr viertes Album «4xLove:2» raus. Dazwischen räumte sie mit dem Track «AU79» den «Best Swiss Video Clip» ab und erhielt zur Krönung letztes Jahr den Schweizer Musikpreis, verliehen vom Bundesamt für Kultur.
Trotzdem würde sie all diese Awards nicht als ihre grösste Errungenschaft bezeichnen. «Viele denken, dass man als grössten Erfolg einen Moment oder einen Preis nennen müsste. Für mich ist einer meiner grössten Erfolge ein Prozess gewesen.» Denn Zis hat während ihrer Karriere noch 3 Kinder zur Welt gebracht – heute 10, 8 und 6 Jahre alt. Sie erinnert sich zurück: «Ich konnte damals aus Zeitgründen nicht mehr an den Konzertproben dabei sein. Aber die Konzerte absagen? Auf keinen Fall. Also haben wir auf der Bühne konsequent nur noch ad hoc musiziert.» Dieses Wir ist ihre Band, bestehend aus Musiker*innen und DJs, die über die vielen Jahre immer wieder gewechselt haben. Eine Band zu haben ist nicht üblich für Rap, aber was so üblich ist, zeichnet Big Zis schliesslich auch nicht aus. «Wir mussten sehr genau aufeinander hören und haben ausschliesslich improvisiert. Da war ich plötzlich nicht mehr einfach die Front-Stimme, sondern ein Teil des Aufbaus. Es war eine neue Art für mich, Musik zu machen, auch mal Risiken einzugehen. Und wenn es mal in die Hose ging – janu, dann war das halt so. Aber dieser Prozess hat mich zu einem ganz neuen Selbstvertrauen gebracht, was ich für mich als grosse Errungenschaft erachte. Vorher war mir manchmal nicht so wohl auf der Bühne. Das hat sich zum Positiven verändert.»
Big Zis ohne Selbstvertrauen – das kann ich mir fast nicht vorstellen. So wie sie vor mir sitzt, lässig zurückgelehnt, mit einem herumliegenden Malstift in ihrem Tee rührend, ein spitzbübisches Grinsen auf dem Gesicht – so kommt sie total cool rüber. Halt so, wie ich sie mir seit meinen Teenagerjahren vorgestellt habe. Jetzt wird mir bewusst, dass hinter so einem Lebenslauf ein Haufen Energie und Leidenschaft, aber auch sehr viel Arbeit stecken muss. Hobbys nebenbei? Zis denkt nach. «Da fehlt mir die Zeit. Etwas Sport, aber das ist ja einfach Self-Care.» Ihr Traum sei es, wirklich nur von der Musik leben zu können. Ab ca. 2018 habe sich das auch langsam zu verwirklichen begonnen – dann kam Corona. «Aber den Traum habe ich immer noch.» Die harte Arbeit, die Zis und ihr Team in Musik, Songs, Videoclips stecken, zahle sich aber allemal aus. «Schlussendlich sind es diese Momente an einem Live-Konzert, wenn das Publikum gehypt ist, du gehypt bist, und das geht hin und her», sie strahlt übers ganze Gesicht und zuckt mit den Schultern, Begeisterung in den Augen, «dänn flüügsch.»
Zum Abschied schenkt mir Zis eine Platte ihres neusten Albums, ein paar richtig gute Fan-Selfies und eine herzliche Umarmung an der Tür. Was ein Wochenstart, würde ich sagen.
Infozeile:
Toja Rauch ist Stürmerin bei den FC Winterthur Frauen, angehende Linguistin und liebt Rap in all seinen Varietäten, Formen und Sprachen.
Milos May ist Filmemacher, lebt in Zürich und hat den Video-Clip «4xLove» vn Big Zus gedreht.
30 Jahre Mundart-Rap: Welche Winterthurer Rapper*innen haben in den letzten Jahren den Schweizer Mundart-Rap geprägt, und wie? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Toja Rauch in ihrer Artikel-Serie zur Winterthurer Rapszene.