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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2015 von Michael D. Schmid
Ein wertvoller Reisebericht der Biedermeierzeit
«Meinen unvergeβlichen Freunden im frohmeuthigen Waedenschweil war ich ein Denkmal schuldig.»1 Mit diesen Worten beginnt das Vorwort einer kleinen Schrift aus dem Mai des Jahres 18232, die zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten ist. Es handelt sich um die Reisebeschreibung «Wie ich Waedenschweil wieder sah», mit dem vielsagenden Untertitel «Etwas zur Belebung des vaterlaendischen Sinnes».3 Der Verfasser, Christian Friedrich Kranich (1784–1849), hielt sich in der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts4 während eines Jahres5 in Wädenswil auf. Sein Bericht beschreibt die Reise vom Toggenburger Bergdorf Hemberg, wo er die Pfarrstelle innehatte, nach Wädenswil und seinen Aufenthalt am Zürichsee, wobei er die Grenzen der Gattung der Reisebeschreibung durch religiöse, volkspädagogische und politische Reflexionen überschreitet. Im Folgenden sollen Inhalt und Kontext des Werks vermittelt und überdies der Wert dieser Schrift als historische Quelle und als literarisches Zeugnis der Biedermeierzeit eruiert werden.
Christian Friedrich Kranich – Immigrant und Eidgenosse
Wer war dieser Kranich? Aus unbekannten Verhältnissen stammend, wurde er 1784 in Arnstadt, Herzogtum Thüringen, geboren.6 Über Jugend und Studienzeit ist wenig bekannt. In der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts immigrierte Kranich aus unbekannten Gründen in die Eidgenossenschaft. Während des einjährigen Aufenthaltes in Wädenswil bekleidete er das Amt eines Lehrers.7 1811 folgte der von Haus aus lutherische Theologe dem Ruf als Pfarrer an die reformierte Kirche von Krinau im Toggenburg. 1818 wechselte er ins östlich gelegene Bergdorf Hemberg, wo er bis zu seinem Tod 1849 als Pfarrer wirkte. 1826 erhielt er das Bürgerrecht von Hemberg. Neben dem Pfarramt bekleidete Kranich verschiedene Ämter: So liess er sich 1835 in den St. Galler Kantonsrat und 1836 zum Präsidenten des Bezirksschulrates wählen.8 1837 bis 1848 präsidierte er ausserdem die Kirchenvorsteherschaft (Kirchenpflege).9 Ein Jahr vor seinem Ableben durfte er am 5. März 1848 einen Festgottesdienst zu Ehren der reformierten Kämpfer im Sonderbundskrieg zelebrieren, bei dem auch eine Kantate zur Aufführung kam, der ein Gedicht Kranichs zugrunde lag. Die Feier war insofern brisant, als Hemberg ein paritätisches Dorf war, und demzufolge auch von diversen Sympathisanten des Sonderbundes bewohnt wurde.10 Immerhin verfügten die Reformierten aber zu diesem Zeitpunkt bereits über ein eigenes Kirchengebäude. Nach dem Abriss der alten paritätischen Kirche wurden 1779–1782 zwei eigene Kirchengebäude für beide Konfessionen realisiert. Die reformierte Kirche im Rokoko-Stil von Johann Jakob Haltiner (dem Erbauer der Kirche Horgen) konnte 1780 eingeweiht werden; der Korb der Kanzel aus der Bauzeit, von der aus auch Kranich gepredigt hatte, ist noch erhalten.11
Obwohl Kranich in einem mitteldeutschen Herzogtum geboren wurde, interessierte er sich sehr für die Geschichte und die kollektive Identität der Eidgenossenschaft. Aus der Reisebeschreibung gehen sein Interesse und seine patriotische Einstellung zu seiner Wahlheimat deutlich hervor: «Von Schweizergebluet stamme ich zwar nicht; aber darauf kommt’s auch nicht einzig an, sondern auf’s Herzblut, d. i. die redliche, vaterlaendische Gesinnung.»12 Das Blut als ethnisches Merkmal wird hier gegenüber dem Herzblut, der Metapher für Geist und Gesinnung, abgewertet. Dadurch konnte Kranich sich selbst trotz seiner Abstammung als Eidgenosse begreifen.
Als reformierter «Dichterpfarrer» war Kranich keine Ausnahmeerscheinung im frühen 19. Jahrhundert. Allerdings haben nur wenige, wie etwa Jeremias Gotthelf, eine hohe und anhaltende Popularität erreicht – Kranich gehörte nicht zu ihnen. Neben dem erwähnten Reisbericht von 1823 hat Kranich diverse weitere Schriften publiziert. Sein erstes gedrucktes Werk erschien 1821 in Glarus unter dem Titel «Bluethen der Natur und Religion in Gedichten»13. Der 1822 erschienene Predigtband «Andeutungen des Sichtbaren vom Unsichtbaren in mehreren Predigten»14 ist 2011 in einem Print-on-demand-Verlag wieder aufgelegt worden.15 Neben diesem umfassenden Predigtband sind zwei weitere Predigten einzeln im Druck erschienen.16 Zusätzlich zu diesen fünf Monographien hat Kranich in den Jahren 1825–1827 auch eine «Liedersammlung für den Obertoggenburgischen Saengerverein»17 publiziert. Weitere einzelne Gedichte von ihm sind in verschiedenen Publikationen abgedruckt worden.18 Insgesamt zeichnet Kranich also für sechs Schriften vornehmlich lyrischer und homiletischer Prägung verantwortlich. Im Folgenden wollen wir uns aber der Reisebeschreibung «Wie ich Waedenschweil wieder sah» zuwenden, die im nicht sehr umfangreichen Oeuvre Kranichs immerhin eine singuläre Stellung als einziges explizit autobiographisches Werk einnimmt.
Titelseite von Kranichs Reisebericht von 1823.
Durchs Toggenburg …
Die 112 Seiten umfassende Reisebeschreibung, die mehreren Wädenswiler Bürgern gewidmet ist19, weist 19 Kapitel sowie ein Vorwort, einen Nachtrag, Korrigenda und Verlagswerbung auf. Der Zweck der Schrift geht aus dem Vorwort hervor: Sie sollte den Wädenswilern als Dank für ihre Freundschaft dargebracht werden20 und sollte zudem helfen, den «Sinn fuers Vaterland»21 zu beleben. Der eigentliche Reisebericht beginnt an einem «Abend auf Hembergs Höhe»22:
Der Pfarrer geniesst die Aussicht aus dem Pfarrhaus auf die umliegenden Landwirtschaftsgebiete, die Hochalp und das Alpstein-Massiv, versunken in Gedanken über Natur und Geschichte, die ihn auf Wädenswil bringen.23 «Auch des Jahres, wo ich im paradisischen W ae d e n s c h w e i l, am Zuercher-See, weilte, gedachte ich in froher Erinnerung.» Er fährt fort: «So erwachte denn auf einmal der Wunsch, diesen schoenen Flecken wieder zu sehen, […]».24 Nach pflichtbewusster Abwägung entschliesst er sich, diesem Wunsch zu entsprechen.25 Am folgenden Morgen, nach der Betrachtung des Sonnenaufgangs und der Verabschiedung von seiner Familie, begibt sich Kranich zu Fuss auf die Reise durchs Toggenburg.26
Kirche und Pfarrhaus Hemberg.
Das folgende Kapitel – «Die Thaetigkeit der Bewohner Toggenburgs»27, bildet eine der zahlreichen allgemeinen Reflexionen, die in den Reisebericht eingeschoben sind, ihn aber formal und inhaltlich überschreiten. Auch das darauffolgende Kapitel, «Der boese Geist in einem Hause»28 setzt sich mit moralischen Fragen auseinander, ist formal aber wieder in die narrative Struktur des Reiseberichts eingebunden. Aus einem Hause schallt dem Wanderer «entsetzliches Laermen, Schreyen, Toben und Jammern»29 entgegen. Wie sich herausstellt, handelt es sich um einen Streit zweier Eheleute, wobei die Aggression offensichtlich vom Gatten ausgeht. Kranich unterhält sich mit der Gattin, die ihm ihr Leid klagt: Ihre Ehe sei einst sehr glücklich gewesen, wenngleich die Familie in materiellen Notstand geraten sei. Letzteres habe ihren Gatten veranlasst, in fremde Kriegsdienste einzutreten. Auf ihr inniges Bitten sei der Gatte aus dem Kriegsdienst zurückgekehrt. Nun sei er aber kalt und cholerisch geworden und lebe nur noch für das Wirtshaus und das Spiel. Kranich tröstet die Frau und zieht weiter, die Schädlichkeit des Söldnerwesens bedenkend.30 Das Kapitel ist, wie manches weitere, literarisch stringent durchkomponiert. Auf die Frage, was aus diesem Umstand geschlossen werden kann, wird weiter unten eingegangen.
Im Bildhaus, einem Gasthaus am Rickenpass, begegnet Kranich einem katholischen Pilger, der ihn mit seinen Kenntnissen der reformatorischen Schriften und seiner toleranten Haltung begeistert. Der Pilger widersetzt sich, ganz im Sinne Kranichs, einer Überbewertung konfessioneller Differenzen und betont die Einheit des Christentums.31 Auch diese Episode ist ganz gezielt auf ein moralisches und hier zudem theologisches Fazit ausgerichtet. Nach dieser Begegnung wandert Kranich weiter nach Schmerikon und Rapperswil, nicht ohne einige Gedanken dem in der Ferne sichtbaren Glarnerland zu widmen, das um 1820 im industriellen Aufschwung begriffen war.32
… nach Wädenswil
In Rapperswil besteigt er nun ein Schiff, das ihn nach Wädenswil übersetzen soll. «Der Schiffer zog mit geuebter Hand das Ruder, und die Fahrt gieng nach Wunsche. Die Sonne sank, und es war ein herrlicher Abend. Glaenzender Purpur lag ausgebreitet ueber dem See.»33 Die Abendstimmung veranlasst ihn, ein Lied über die Güte Gottes und den Reiz des Vaterlandes zu singen.34 Das Gedicht ist im Reisebericht abgedruckt: Es besteht aus einfachen trochäischen Vierzeilern in Paarreimen und besticht durch eine religiös gefärbte Sprache, die eine biedermeierlich-idyllische Ruhe evoziert. Die erste der sieben Strophen sei hier als Beispiel abgedruckt:
«Die Sonne sinkt – wie sanft und hold
Flammt auf dem See ihr Strahlengold;
Bepurpert ist des Schiffleins Rand –
Behüt mir, Gott, das Schweizerland.»35
Kranich beschreibt die Wirkung seines Liedes: Es treibt dem Schiffer die Tränen in die Augen. In Wädenswil angekommen, sucht er im Unterdorf das Haus von Freunden auf, wo er herzlich aufgenommen wird und sich zur Ruhe begibt.36
Der zweite Teil des Werks beschreibt Kranichs Aufenthalt in Wädenswil. Ihm ist viel daran gelegen, die Bedeutung und die Schönheit des Ortes sowie die Sittlichkeit und Tüchtigkeit seiner Bewohner herauszustreichen, wie bereits das einleitende Kapitel «Waedenschweil»37 zeigt. Weiter unten widmet er ein Kapitel der landschaftlichen Situation Wädenswils mit einem Fazit, dass den Wädenswiler Adressaten seiner Schrift wohl sehr schmeichelhaft erschienen sein muss: «Jeder aber, der hierher kommt, wird gestehen muessen: „Waedenschweil hat eine beneidenswerte Lage.“ Uberall, wo der Fuβ hintritt, begegnet dem Auge Schoenheit, Anmuth und Pracht der Natur.»38 Die reizvollste Aussicht bietet sich gemäss Kranich von der Sennweid aus.39
Besondere Aufmerksamkeit widmet er der Kirche: «Sogleich entschloβ ich mich, die schoene, heitere Kirche wieder zu sehen, in der ich mich so gern erbaute, und heute an der gemeinschaftlichen Andacht im Tempel des Herrn Theil zu nehmen.»40 Die Kirche ist also der erste Ort in Wädenswil, den er am Tag nach seiner Ankunft aufsucht. Er nimmt an einer Abdankung teil, allerdings ohne die Kirche zu betreten, da er ein verspätetes Eintreten während des Gottesdienstes für unanständig erachtet. Der Kirche widmet er ein ganzes Kapitel, ihrer Baugeschichte eine ausführliche Fussnote.41 Die Vermischung von Darstellung historischer und geographischer Fakten mit dem Bericht des eigenen Erlebens durchzieht den zweiten Teil besonders stark. Er nimmt regelrecht ethnographische Züge an. Besonders im Kapitel über den sittlichen Charakter des Volkes kommt dies zum Tragen: Überlegungen zum Zusammenhang von Freiheit und Tüchtigkeit, die ihn zum Vergleich Wädenswils mit der altrömischen Republik führen, werden gefolgt von Darstellungen der Sitte, Gesinnung und der «Leibesbeschaffenheit» der Wädenswiler.42 Diese ethnographischen Passagen, die nicht vor physiognomischen Beurteilungen zurückschrecken, dürften den heutigen Leser besonders befremden.
Den Erzeugnissen des Landes widmet Kranich ebenso ein Kapitel wie der Industrie – beide unterfüttert mit Fakten.43 In diesem Stil fährt er fort, die Infrastruktur und die Institutionen Wädenswils faktenbasiert zu beschreiben und im gleichen Atemzug (meist lobend) zu kommentieren:
Wädenswil zur Zeit von Christian Friedrich Kranich. Ansicht der Kirche Wädenswil, Aquarell von W. Scheuchzer, 1824.
Ganze Kapitel gelten den Schulen, der Bibliothek (deren Bestand Kranich detailliert aufführt) und den Armenanstalten.44 Diese sozialen und pädagogischen Einrichtungen schienen ihm als Pfarrer und ehemaligem Lehrer offenbar besonders vordergründig. Aber auch der «Ersparungs-Kasse»45 widmet er ein kleines Kapitel. Die Bank war erst 1816 unter der Ägide von Pfarrer Paul Philipp Bruch gegründet worden.46
Dies zeigt, dass Kranich für seine Schrift Recherchen angestellt hat – der Kurzbesuch und seine Erinnerung genügten ihm nicht. «Die Vorsehung in einer Huette unten am See»47 ist die Überschrift des vorletzten und ausführlichsten Kapitels. Kranich beschreibt die Begegnung mit einem Ehepaar, das er während seiner Wädenswiler Zeit inmitten einer glücklichen Familie kennengelernt hatte. Inzwischen sind, wie Kranich berichtet wird, sämtliche Kinder verstorben. Trotz einer langen Zeit des Trauerns und eigener Krankheit habe das Ehepaar aber wieder zum Glück zurückgefunden.48 Das theologische Konzept der Vorsehung ist in dieser Episode zentral und hat sogar in die Kapitelüberschrift Eingang gefunden. Nach einigen Tagen des Aufenthalts in Wädenswil begibt sich Kranich zurück nach Hemberg, diesmal ohne sich den Müssiggang einer Schifffahrt zu gönnen.
Das Werk endet mit einigen allgemeinen Reflexionen und einem Nachtrag, der offensichtlich aus der Intention heraus entstand, den Griechischen Unabhängigkeitskrieg zu kommentieren.49 Daher wirkt dieses letzte Kapitel etwas erratisch.
Gott, Menschen, Vaterland
Der Versuch, das Werk thematisch zu deuten, könnte mit einer Fokussierung auf drei zentrale Themen bewältigt werden: Die Religion, der Patriotismus und das biedermeierliche Menschen- und Gesellschaftsbild. Freilich treten diese Themen nicht distinkt auf, sondern sind eng verwoben, wie Kranich in Bezug auf Religion und Patriotismus sogar explizit schreibt: «Darum stehen Religiositaet und wahre Vaterlandsliebe immer im engsten Bunde, und koennen getrennt nie gedeihen.»50 Kranichs etwas konservative theologische Position verknüpft die Religion eng mit der Sittlichkeit, weist aber durch die ebenfalls religiös gefärbte Landschaftsbegeisterung eine romantische und somit zeitgemässe Komponente auf. Für die religiöse und patriotische Aufladung der Landschaft sei aus dem Anfang des Werks zitiert: «Mir gegen ueber erhebt sich himmelan die Saentis-Kette. Welch‘ eine Hochwacht Gottes! Zur Rechten thuermen sich die sieben Kuhfirsten [sic] still und feyerlich. Einer schliesst sich dem andern an, wie es treuen Bundsgenossen geziemt.»51 Das Alpstein-Massiv wird hier mit einer religiösen Aufladung versehen, die Churfirsten dagegen als Bundesgenossen bezeichnet, in offensichtlicher Referenz an die Eidgenossen. Dass die Religion für Kranich aber nicht bloss Transzendenz und Natur bedeutet, sondern in den sittlichen Alltag der Menschen einwirken soll, belegt das folgende Zitat: «Wahre Religiositaet, die den Werth hoeherer, uebersinnlicher Gueter erkennt, und als das hoechste Kleinod schaetzt, ohne der Welt gram zu seyn, kann allein gruendlich helfen und die Tugend zu einem der groeβten Gemeingueter erheben.»52
Kranichs Vaterlandsliebe ist eigentümlich ambivalent. In der Restaurationszeit, die durch die Polarisierung zwischen reformiert-liberalen Kantonen und katholisch-konservativen Kantonen geprägt ist, nimmt Kranich eine Zwischenstellung ein. Er lobt explizit die positiven Wirkungen der Reformatoren Zwingli und Bullinger, des Aufklärers Pestalozzi sowie der liberalen Verfassung und der «Freyheit in Handel und Wandel»53. Diesem deutlichen Bekenntnis zum progressiven Liberalismus stehen Kranichs massive Vorbehalte der Industrie gegenüber. Während er in Hemberg die Heuernte beobachtet, schreibt er «Ein erfreulicher Anblick, wenigstens fuer mich, so viele Hände geschaeftig zu sehen mit dem, was der vaterlaendische Boden erzeugt. Dieβ ist das koestlichste Eigenthum, und ich darf hinzusetzen, das sicherste zugleich. Arbeitsamkeit gefällt allezeit, wenn sie mit Ordnung und Rechtschaffenheit gepaart geht; aber am liebsten sehe ich sie da, wo sie sich auf das vaterlaendische Erzeugniβ richtet, […].»54 Das Zitat ist bezeichnend für Kranichs wirtschaftspolitische Einstellung. Was der eigene Boden erzeugt, gilt als besonders wertvoll und sicher. Kranichs Ideal ist wirtschaftliche Autarkie. So steht er auch der florierenden Heimindustrie im Toggenburg sehr skeptisch, wenn auch nicht ganz ablehnend gegenüber. «Ein fremdes Produkt, wie die Baumwolle es doch wirklich ist – nirgends wird sie im Vaterland erzogen – sollte nicht die Betriebsamkeit und der Erwerb Tausender sein.»55
«Aus Familien ist der Staat zusammengesetzt, und daraus ist der gemeinsame Verband hervorgegangen.»56 Die hohe Bewertung des Häuslichen, des Familiären, des Ländlichen und der Heimat ist typisch für den Biedermeier. Diese ursprünglich satirische Bezeichnung hat sich für eine heterogene Bewegung unter Malern und Dichtern der Restaurationszeit, aber auch als Epochenbegriff eingebürgert.57 Wie klar sich Kranich mit seinem Schrifttum und seiner Weltanschauung in die Biedermeierzeit einreiht, dürfte aus dem bisher Dargestellten deutlich werden. Anders, als das vielleicht aus anderen (bürgerlicheren) Werken des Biedermeiers hervorgeht, plädiert Kranich vehement für den Vorzug des Fleisses vor dem Müssiggang.
Von Kranich kritisiert: Heimarbeit am Webstuhl Appenzeller Weberpaar bei der Arbeit am Handwebstuhl. Aquarell von Johannes Schiess, um 1830.
Stil und Historizität
Kranichs Stil verrät den salbungsvollen Gestus eines Pfarrers des 19. Jahrhunderts. Allein der Gruss des Vorworts verrät dies: «Ich grueβe euch alle zutraulich mit dem biedern Vaterlands-Gruβ: „Behuet‘ Euch Gott!!“»58 Dieser biedermeierliche Stil entspricht seiner konservativen Gesinnung. Zugleich ist der Schreibstil Kranichs von einer sehr gelehrten Prägung. Dies zeigt sich besonders an Sätzen wie diesem: «Wen erinnert sie [die Natur] hier nicht, dass frohe Unschuld, edle Einfalt, Prunklosigkeit und biedere Treuherzigkeit den Volkscharakter bilden und als kostbare Perlen zieren sollen?»59 Der Stil ist reich an Aufzählungen und metaphorischen Wendungen. Dazu kommt, dass Formulierungen wie «edle Einfalt» (Die Wendung wurde von Johann Joachim Winckelmann geprägt.60) davon zeugen, wie belesen Kranich war. Ferner finden sich zahlreiche Zitate und Verweise auf grosse Gelehrte der Antike (Homer, Cicero, Pythagoras, Augustinus), der Reformation (Zwingli, Bullinger, Luther) und der jüngeren Zeit (Klopstock, Lavater, Schiller, Pestalozzi, Hess, Zschokke und vor allem Johannes von Müller). Dem Werk ist denn auch ein Motto von Marcus Tullius Cicero vorangestellt: «Patria – quae forma regionum! qui agri! quae fruges! quae reipublicae dignitas!»61 In diesem Zitat muss Kranich seine eigene Liebe zum Vaterland – sowohl dem Boden, als auch der Staatsform – gespiegelt gesehen haben. Auch ein gewisser Hang zur Aphoristik ist in Kranichs Reisebeschreibung festzustellen. «Wir haben noch Kraft genug; wir wollen Sie mehren.»62, schreibt er unter wirkungsvoller Verwendung einer Anapher, und lässt sogleich folgen «Wer wenig bedarf, ist immer reich.»63
Wie steht es aber um die Glaubwürdigkeit des Textes als historische Quellen? Die meisten allgemeinen Zahlen und Fakten lassen sich mittels anderer Quellen überprüfen. Schwieriger gestaltet sich die Beurteilung der narrativen Episoden. Es gibt keinen Anlass, Kranichs Reise oder die Begegnungen, die er gemacht hat, zu bezweifeln. Eine formale Analyse muss allerding zu Zweifeln hinsichtlich diverser Details Anlass geben. Als Beispiel sei die oben wiedergegebene Episode «Der boese Geist in einem Hause» angeführt. Die Begegnung mit der in Ehezwist verwickelten Gattin ist als formal geschlossene Episode gestaltet und scheint von Beginn an auf ein moralisches Fazit, nämlich die Schädlichkeit des Solddienstes, ausgerichtet zu sein. Ähnlich gezielt komponierte Szenen sind die Begegnung mit dem Pilger im Bildhaus oder die Begegnung mit dem Ehepaar in der Hütte am See. Kranich verfasste Teile dieser Episoden als direkte Rede. Auffallend ist dabei, dass sich die Sprechenden, immerhin einfache Bauern, einer rhetorisch geschliffenen Sprache bedienen, wie man sie nur von humanistisch Geschulten erwarten würde. Die Sprache ist derjenigen des Erzählers Kranich auch äusserst ähnlich. Ein Beispiel ist die Rede der Gattin aus der Episode des «bösen Geists»: «Ich lebte mit meinem Manne in frueheren Jahren sehr gluecklich. Er arbeitete mit Lust, liebte die Ordnung und war mit Wenigem zufrieden. O wie waren das glückliche Tage. Wo seid ihr hin, ihr goldenen Zeiten haeuslichen Friedens?»64 Einige stilistische Wendungen dieser kurzen Passage scheinen einem rhetorisch geschliffenen Text des Goldenen Lateins entsprungen zu sein. Man kann also festhalten: Die Episoden wirken auf ein Fazit hin komponiert und weisen in der direkten Rede einen zu gelehrten und geschliffenen Stil auf, um authentisch sein zu können.
Dies gilt, auch wenn Kranich die «Natürlichkeit» der Erzählung des «unverdorbenen Landmannes» lobt.65 Nun dürfen uns diese Erkenntnisse nicht veranlassen, die Historizität der Schrift ganz zu verwerfen. Man muss sich aber bewusst sein, dass das Geschehene von Kranich in erheblichem Masse stilistisch und poetisch aufbereitet und auf moralische Argumente hin komponiert wurde. Deshalb ist diese Quelle auch vornehmlich für geistesgeschichtliche Studien geeignet. Natürlich enthält sie auch Material, das für wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Fragen interessant ist, und stellt besonders für die allgemeine Lokalgeschichte Wädenswils eine überaus interessante Quelle dar. Dennoch dürfte der Hauptgewinn der Reisebeschreibung für die Geschichtsforschung darin liegen, dass sie die Weltanschauung eines konservativen gelehrten Landpfarrers wiedergibt. Die grosse Bandbreite von theologischen und philosophischen Reflexionen über poetische Passagen, narrative Episoden mit klarer Moral bis hin zur Faktendarstellung mit statistischen Zahlen geht zwar teilweise auf Kosten der Kohärenz von Kranichs Reisebeschreibung, erlaubt aber ein vertieftes Verständnis für die Weltanschauung und die Interessen des Theologen. Doch nicht nur als biographisches Dokument, sondern auch als Zeitzeugnis des Biedermeiers kann dieser Quelle viel für die historische Forschung abgewonnen werden.
Pfarrer Kranichs Arbeitsort: Die Kanzel der reformierten Kirche Hemberg.
Ein wertvolles literarisches Zeugnis
Mehrfach wurde schon auf die literarischen Qualitäten der Reisebeschreibung hingewiesen. Historisches Interesse ist daher nicht die einzige mögliche Herangehensweise an das Werk, und eine Reduktion auf den Charakter einer historischen Quelle würde ihm nicht gerecht. Neben der formalen und inhaltlichen Komponiertheit einzelner Episoden und der geschliffenen Sprache, auf die im Rahmen der formalen Fragen und der Inhaltsangabe oben hingewiesen wurde, sollte besonders Kranichs Umgang mit Tropen beachtet werden. In vielen poetisch hochwertigen Passagen werden nicht nur landschaftliche Bilder in eine historische, sittliche oder religiöse Dimension übersetzt – vielmehr müssen Landschaft, Geschichte, Religion und Sittlichkeit bei Kranich immer in engem Zusammenhang betrachtet werden. «Mich dünkt, die aeussere Natur sage uns allenthalben, was der Mensch innerlich und aeusserlich seyn soll.»66 Dieser Satz ist programmatisch für Kranichs phanopoetische Naturbetrachtung. Dies mag die folgende, poetisch besonders gelungene Passage illustrieren.
«Wie der Neker da unten rauscht! Seine Bahn ist zwar tief, aber sehr rauh. An unzaehligen Felsenstuecken brechen sich die Wellen. Erzuernt darueber rauschen sie. Uberall finden sie Hinderniβe, und Alles will sie zurueckhalten. Aber sie waelzen sich fort, muthig und beharrlich. Nichts haelt sie auf; frey wollen sie seyn. So bahnten sich die kraeftigen Eidsgenossen den Weg zur Freyheit. Viele hohen, stolzen [sic] Burgen traten ihnen entgegen; aber die Helden giengen vorwaerts. Sie hatten Bund geschworen und Gott zum Zeugen genommen; den wollten sie unverbruechlich halten; darum war Gott mit ihnen. Da gab’s zwar manchen Stoβ und manchen Tod; aber sie hielten fest. Was vermag nicht ein Volk, das unvereinzelt dasteht?! Da muβ d e r F r e y h e i t e i n e G a s s e w e r d e n, und kein Feind kann sie verschlieβen.»67
Allein die Beschreibung des Flusses, der sich kämpferisch durch die Landschaft wühlt, ist reizvoll. Kranich geht hier aber noch einen Schritt weiter, indem er einen Freiheitsdrang des Flusses zu erkennen meint, der ihm eine ehrfurchtsvolle Analogie zu den idealisierten Eidgenossen des Spätmittelalters erlaubt. Auch für religiöse Analogien zieht Kranich Naturphänomene, wie zum Beispiel den Sonnenaufgang heran: «Im Helldunkel liegt die Erde; von oben muβ ihr das Licht werden, auβerdem waere sie eine Wüste. So ist’s dem Menschen. Was waere er, wenn der nicht gekommen waere vom Himmel, das reinste Gotteslicht, [..]»68 Die Lichtmetaphern der Bibel für Christus erlangen bei Kranich eine ganze neue poetische Qualität.
Kranichs Analogien und Metaphern mögen also nicht immer besonders originell sein, aber sie werden in einer poetischen Form wiedergegeben, welche die Reisebeschreibung auch als literarisches Zeugnis lesenswert machen. Christian Friedrich Kranichs Reisebeschreibung «Wie ich Waedenschweil wieder sah» kann also nicht nur als Quelle für lokalhistorische, geistesgeschichtliche und andere Studien dienen, sondern hat aufgrund der immanenten literarischen Qualität auch einen ästhetischen Reiz. Überdies kann man dem Werk auch in weltanschaulichen Belangen, trotz der zeitlichen Distanz und der selbst für damalige Verhältnisse äusserst konservativen Gesinnung des Verfassers, vielleicht auch heute noch etwas abgewinnen. Der Reisebericht des Biedermeiers, der inzwischen auch online greifbar ist69, sei daher unbedingt zur Lektüre empfohlen.
Eintrag für Christian Friedrich Kranich im Totenbuch der Kirchgemeinde Hemberg, 1849.
Michael D. Schmid
Anmerkungen
1 Kranich, Christian Friedrich: Wie ich Waedenschweil wieder sah. Etwas zur Belebung des vaterlaendischen Sinnes, Ebnat 1823, S. 5.
2 Ebd., S. 8.
3 Ebd., S. 3.
4 Ab 1811 wirkte er in Krinau (vgl. Stückelberger, Hans Martin: Hemberg 878–1978, Hemberg 1978, S. 98.), vor 1800 (d.h. vor der Adoleszenz) scheint ein Aufenthalt als Lehrer in Wädenswil wenig realistisch.
5 Kranich: Waedenschweil, S. 15.
6 Stückelberger, Hans Martin: Die evangelische Pfarrerschaft des Kantons St. Gallen, St. Gallen 1971, S. 263.
7 Franz, Johann Friedrich: Kirchliche Nachrichten über die evangelischen Gemeinden Toggenburgs Kantons St. Gallen, Ebnat 1824, S. 95.
8 Stückelberger: Hemberg, S. 98.
9 Ebd., S. 99.
10 Ebd., S. 94.
11 Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.): Kunstführer durch die Schweiz, Band 1, Bern 2005, S. 422.
12 Kranich: Waedenschweil, S. 7.
13 Kranich, Christian Friedrich: Bluethen der Natur und Religion in Gedichten, Glarus 1821.
14 Kranich, Christian Friedrich: Andeutungen des Sichtbaren vom Unsichtbaren in mehreren Predigten, Ebnat 1822.
16 Nämlich: «Was wuerden uns zum Schlusse des Bettags unser Vorvaeter an's Herz legen, wenn sie uns heute erschienen? Eine Predigt am Bettag Nachmittag», Glarus 1822, und «Des Suenders reumuethiges Bekenntniß: Gott sei mir gnaedig! Eine Predigt, geh. in Hemberg am Sonntage nach der Hinrichtung eines einundzwanzigjaehrigen Juenglings, gebuertig aus Hemberg, zu Trogen», Trogen 1834.
17 Kranich, Christian Friedrich (Hrsg.): Liedersammlung für den Obertoggenburgischen Saengerverein, 1825–27.
18 Goedeke, Karl: Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen, 2., ganz neu bearbeitete Auflage, Zwölfter Band, Achtes Buch, S. 174.
19 Kranich: Waedenschweil, S. 4.
20 Ebd., S. 5.
21 Ebd., S. 6.
22 Ebd., S. 9.
23 Ebd. S. 9–15.
24 Ebd., S. 15.
25 Ebd.
26 Ebd., S. 16–20.
27 Ebd., S. 21–26.
28 Ebd., S. 27.
29 Ebd.
30 Ebd., S. 28–31.
31 Ebd., S. 32–36.
32 Ebd., S. 37–40.
33 Ebd., S. 42.
34 Ebd., S. 42–43.
35 Ebd., S. 42.
36 Ebd., S. 43–45.
37 Ebd., S. 46–48.
38 Ebd., S. 56.
39 Ebd., S. 58.
40 Ebd., S. 48.
41 Ebd., S. 49–55.
42 Ebd., S. 75–83.
43 Ebd., S. 60–64.
44 Ebd., S. 65–72.
45 Ebd., S. 73.
46 Hauser, Albert: Sparkasse Wädenswil-Richterswil-Konaueramt. 1816–1991, Wädenswil 1991, S. 21.