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«Blaues Blut in den Adern haben» bedeutet, dem Adel anzugehören. Im mittelalterlichen Kastilien war das gar nicht so falsch. Nachdem die Mauren im frühen 8. Jahrhundert die dort ansässigen Westgoten verdrängt hatten, wurde Spanien jahrhundertelang von Herrschern mit dunkler Haut regiert. Die alte Oberschicht aber mit ihren gotischen Vorfahren wies oft eine helle Haut auf, durch die sich Adern und Venen gut sichtbar – und eben bläulich – abzeichneten. Sangre azul, «blaues Blut», sollen die Mauren dieses äussere Zeichen vornehmer Herkunft genannt haben.
Dass sich Blutgefässe auf der Haut blau abzeichnen, hat damit zu tun, dass rotes Licht langwelliger ist, tiefer ins Gewebe eindringt und stärker absorbiert wird als blaues Licht. Blau hat eine kürzere Wellenlänge, wird stärker reflektiert und lässt so Blutgefässe bläulich erscheinen. Ganz besonders beim Adel, dessen Schönheitsideal eine vornehme Blässe war, ganz im Gegensatz zu dem auf dem Feld gebräunten Bauern.
Das Schönheitsideal hat sich gewandelt. Die Redensart vom Blauen Blut ist geblieben. Doch ob der Ausdruck tatsächlich auf das maurische Spanien zurückgeht, ist ungeklärt; Quellen dafür gibt es keine. Fest steht indessen, dass es blaues Blut tatsächlich gibt – bloss nicht bei Menschen, sondern bei Krebsen, Kraken, Skorpionen, Schnecken und Spinnen. Bei ihnen wird der Sauerstoff nicht von Hämoglobin gebunden wie bei Wirbeltieren, sondern von zwei Kupfer-Ionen in einem Proteinkomplex mit dem Namen Hämocyanin. Und Hämocyanin wird mit gebundenem Sauerstoff tatsächlich tiefblau.