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Unterstützte Kommunikation
Kategorie Institutsthema
Unterstützte Kommunikation (UK) ermöglicht Menschen, die in ihrer Kommunikation und Lautsprache beeinträchtigt sind, den Aufbau und Erhalt kommunikativer Kompetenzen.
An der HfH wird das Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation in Forschung, Lehre, Weiterbildung und Dienstleistung in der Kooperation zwischen dem Institut für Sprache und Kommuniktion unter erschwerten Bedingungen und dem Institut für Behinderung und Partizipation durch Karen Ling und Melanie Willke vertreten.
Unterstützte Kommunikation. UK wurde als multidisziplinäres Fachgebiet im englischsprachigen Raum und Skandinavien entwickelt. Seit den 1990er Jahren verbreitete sich die UK in Deutschland, der Schweiz und Österreich vor allem in der Praxis. Durch diese Praxisorientierung fand erst in den letzten 15 Jahren eine Theoriebildung und Weiterentwicklung der deutschsprachigen UK statt. Ein zentraler Impuls hierfür sowie für die wachsende Bedeutung der UK im Bildungsbereich war die Ratifizierung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, kurz Behindertenrechtskonvention (BRK), im Jahr 2014. In Art. 4 und 24 der BRK wird betont, dass allen Menschen die Hilfen zur Verfügung gestellt werden, die sie für ihre Kommunikation und damit ihre Teilhabe benötigen.
Zielgruppen der UK. Es gibt unterschiedliche Formen der Kommunikationsbeeinträchtigung und dementsprechend ist die Zielgruppe heterogen. Meist wird der Terminus im Rahmen der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) definiert, da damit ein Problem im Bereich der Aktivitäten sowie der Partizipation benannt wird, das heisst der Interaktion zwischen Person und ihrer Umwelt. Es gibt unterschiedliche Schweregrade von Beeinträchtigungen in der Kommunikation. Die Zielgruppe, die von UK profitieren kann, ist deshalb sehr heterogen. Dies erfordert eine Ausdifferenzierung der Zielgruppe entlang des Spracherwerbs und der kommunikativen Kompetenz sowie unterschiedliche Medien und Methoden für die Unterstützung beziehungsweise Ersetzung der Lautsprache.
Mehr als verbale Kommunikation. Kommunikative Kompetenz ist mehr als das Beherrschen einer Sprache – ob Lautsprache mit oder ohne Hilfsmittel, Gebärdensprache oder Schrift- und Symbolsprachen. Dieses Beherrschen einer Sprache wird auch als verbale Kommunikation bezeichnet. Kommunikative Kompetenz umfasst auch:
- die nonverbalen Anteile der Lautsprache, beispielsweise Laut- oder Gefühlsäusserungen und Stimmqualität
- die Verwendung von einzelnen Gesten, zum Beispiel hochgestreckter Daumen für «Okay»
- Körperhaltung und -bewegung
- Mimik sowie Blickverhalten
In der UK kommt der Einsatz von einzelnen Bildern und Piktogrammen hinzu. Die nonverbalen Anteile der Kommunikation haben eine hohe Bedeutung sowohl für den Aufbau von Sinn und Bedeutung als auch für die Beziehungsgestaltung. Zusätzlich sind die pragmatischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel sich an Gesprächsregeln und -konventionen zu halten und die unterschiedlichen Modi situationsadäquat einzusetzen, bedeutsam.
Zentrale Prinzipien und Modelle der Unterstützten Kommunikation
Die Unterstützung von Sprache und Kommunikation, beispielsweise im Spracherwerb, erfolgt meist intuitiv. Diese «intuitive Didaktik» oder Unterstützung ist jedoch nicht so einfach übertragbar. Denn es werden von beiden Seiten Fähigkeiten abverlangt, die in der «normalen» Kommunikation oder im «normalen» Spracherwerb keine Rolle spielen. So müssen zum Beispiel nichtsprechende Menschen oft ein Bildsymbol, eine Gebärde und eine Kodiersequenz auf einer Talker-App erlernen, um sich ausdrücken zu können. Das ist eine zusätzliche kognitive Leistung. Bezugspersonen hingegen müssen Kommunikations- und Sprachformate so gestalten, dass die unterschiedlichen Kommunikationsmodi erfahren und erlernt werden können. Um diese Situationen für beide Seiten gestalten zu können, gibt es verschiedene zentrale Prinzipien und Modelle, zum Beispiel die multimodale Kommunikation.
Multimodale Kommunikation
Multimodale Kommunikation als ein zentrales Prinzip und Konzept der UK wird auf der kommunikativen Kompetenz unter Berücksichtigung körpereigener und externer Modi aufgebaut.
- Körpereigene Modi haben den Vorteil, dass sie immer vorhanden sind, schnelle Kommunikation ermöglichen und ortsunabhängig genutzt werden können. Problematisch ist, dass sie oft nur von vertrauten Bezugspersonen verstanden werden.
- Mit Blick auf die Unabhängigkeit gehören deswegen externe Modi zu einem multimodalen Kommunikationssystem dazu. Diese werden unterteilt in nicht-elektronische und elektronische Hilfen, wobei auch hier – je nach Phase der Entwicklung – unterschiedliche Medien bis hin zu komplexen «Talkern» eingesetzt werden. Insbesondere die «Talker», die zum Teil als Apps auf Tablets instaliert sind, ermöglichen durch die Sprachausgabe im Prinzip eine unabhängige Kommunikation, ihre Verwendung ist jedoch weiterhin abhängig von Kontextfaktoren.
Unterstützte Kommunikation und Inklusion
In einer Inklusiven Sprachbildung geht es darum, die vorherrschende lehrerzentrierte kommunikative Ordnung in eine schülerzentrierte Ordnung zu überführen, um Sprachhandeln im Unterricht zu ermöglichen. Denn im lehrerzentrierten Unterricht fehlen Schüler:innen Gelegenheiten sprachlich zu handeln und neue sprachliche Mittel auszuprobieren. Unter dem Motto «Sprache lernt man nur durch Sprechen» gewinnen alle Ebenen der Kommunikation (verbal wie nonverbal – visuell wie auditiv) an Bedeutung.
Einsatz von Piktogrammen. Insbesondere Untersuchungen zu den «Kölner Kommunikationshilfen» der Unterstützten Kommunikation zeigen, dass der Einsatz von Piktogrammen für den Aufbau des Wortschatzes und des Sprachhandelns, aber auch für Transparenz der Unterrichtsphasen wichtig ist. Durch Piktogramme bekommt die Sprache zusätzlich eine visuelle Form, die der schnellen Verständnissicherung und dem Spracherwerb auch bei sprechenden Kindern dienen kann. In Verbindung mit den oben genannten zentralen Konzepten des Kern- und Randvokabulars und der Partnerstrategien wurden die Kölner Kommunikationshilfen zur Grundlage eines Konzeptes, das eine zentrale Erweiterung der bisherigen Didaktik bei Deutsch als Zweitsprache (DaZ) darstellt.
Forschungsprojekt «Kernvokabular trifft DaZ»
Das Konzept wurde vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle in Deutschland an der Universität zu Köln von 2016 bis 2020 im Forschungsprojekt «Kernvokabular trifft DaZ» entwickelt. Mit dem Konzept werden grundlegende Kenntnisse der Alltagssprache vermittelt. Diese sind Ausgangspunkt für den Aufbau von Bildungssprache. Es ist alltagsintegriert, inklusiv und ermöglicht schnelle Erfolge in der deutschen Sprache und positive Kommunikationserfahrungen (Fretter et al. 2020). Erfahrungsberichte und die Evaluation des KvDaZ zeigen, dass durch die Kombination aus Kern- und Randvokabular mit Symbolen Lücken in der bisherigen DaZ-Didaktik geschlossen werden konnten. Denn viele DaZ-Materialien sind so aufgebaut, dass Kinder schon über einen gewissen Wortschatz (überwiegend Nomen) verfügen müssen und die deutsche Schrift lesen können müssen. Dies stellt Lehrpersonen vor die Herausforderung, welche Unterrichtsmaterialien sie einem Kind geben können, das noch nicht alphabetisiert ist und die deutschen Wörter nicht kennt (Ling, 2021). Dadurch, dass das KvDaZ-Konzept sowohl die multimodale Kommunikation inkl. Symbole berücksichtigt und den Schwerpunkt auf vielfältige Alltagssituationen legt, ermöglicht es, dass Flüchtlingskinder im inklusiven Unterricht zunehmend «echte Lernzeit» erfahren und nicht «nur» beobachtend teilnehmen» (Dietz, 2020, 30f.).
Literaturliste
- Boenisch, Jens, & Sachse, Stefanie K. (2020). Kernvokabular - Bedeutung für den Sprachgebrauch. In Jens Boenisch & Stefanie K. Sachse (Hg.), Kompendium Unterstützte Kommunikation (S. 108–116). Stuttgart: Kohlhammer.
- Dietz, Nicole. (2020). «Please mind the gap». KvdaZ hilft Übergänge fliessend zu gestalten. Unterstützte Kommunikation (1), 30–33.
- Fretter, Dagmar, Lingk, Lena, & Heitmann, Larissa. (2020). Unterstützte Kommunikation und Deutsch als Zweitsprache am Beispiel des KvDaZ-Konzepts. Unterstützte Kommunikation (1), 23–29.
- Lengyel, Drorit. (2012). Unterrichtsinteraktion in sprachlich heterogenen klassen. In Sara Fürstenau (Hg.), Interkulturelle Pädagogik und sprachliche Bildung (S. 143–161). Wiesbaden: VS Verlag/ Springer Fachmedien.
- Ling, Karen. (2015). Identitätsentwicklung und Kommunikation(sbeeinträchtigungen). In Gabriela Antener, Anja Blechschmidt, & Karen Ling (Hg.), UK wird erwachsen. Initiativen der Unterstützten Kommunikation (S. 195–213). Karlsruhe: von Loeper.
- Ling, Karen. (2021). Unterstützte Kommunikation. In André Kunz, Reto Luder, & Cornelia Müller Bösch (Hg.), Inklusive Pädagogik und Didaktik (2. überarb. Aufl., S. 281–289). Bern: hep Verlag.