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| Irenäus († um 200) - Gegen die Häresien (Contra Haereses)

Viertes Buch
39. Kapitel: Die Konsequenzen des freien Willens
1.
Es empfing also der Mensch die Kenntnis des Guten und Bösen. Gut ist es aber, Gott zu gehorchen und ihm zu glauben und seine Gebote zu beobachten; und das ist das Leben des Menschen, wie Gott nicht zu gehorchen, böse ist und der Tod des Menschen. Indem also Gott sich großmütig zeigte, lernte der Mensch das Gute des Gehorsams und das Böse des Ungehorsams, damit das Auge seines Geistes beides kennen lernte, für die Wahl des Besseren sich einsichtig entscheide und niemals träge oder nachlässig in den Geboten Gottes werde, und niemals mehr das, was ihm das Leben wegnimmt, nämlich den Ungehorsam gegen Gott — denn das ist böse — erprobe, oder es jemals versuche. Was aber das Leben erhält, den Gehorsam gegen Gott, sollte er mit aller Sorgfalt gewissenhaft beobachten, erkennend, daß das gut ist. Deshalb auch hatte er die doppelte Einsicht, welche die Kenntnis von beidem enthielt, damit er die Wahl des Besseren mit Verständnis vollziehe; diese aber hätte er nicht haben können, wenn er nicht das Gegenteil vom Guten kannte. Denn sicherer und zweifelloser ist die Kenntnis realer Dinge als die auf Vermutungen beruhende Meinung. Wie nämlich die Zunge durch den Geschmack die Kenntnis des Süßen und Bitteren empfängt und das Auge durch das Gesicht das Schwarze vom Weißen unterscheidet und das Ohr durch das Gehör die Unterschiede der Töne wahrnimmt, so empfing auch der Geist durch die Erfahrung des Guten und Bösen das Verständnis für das Gute und wurde gefestigt, es durch den Gehorsam gegen Gott zu bewahren. Zunächst verabscheute er den Ungehorsam durch die Buße, da er bitter und böse ist, und lernte dann aus eigener Wahrnehmung, wie entgegengesetzt er dem Guten und Süßen ist, so daß er fortan nicht einmal versucht, den Ungehorsam gegen Gott zu verkosten. Wenn aber jemand sich der Erkenntnis beider und dem doppelten Verständnis für die Erkenntnis entziehen wollte, so tötet er sich heimlich als Menschen.