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Ich weiss nur, dass ich nichts weiss.
Dieses Zitat aus Platons Apologie «Verteidigungsrede» des Sokrates (22d), wird wohl eines der bekanntesten Zitate sein, welches auch ausserhalb der Philosophie populär ist. Dass dies logisch nicht schlüssig ist und was Sokrates in diesem Kontext meinen könnte, soll in diesem kurzen Essay zugänglich erklärt werden. Um dies zu veranschaulichen, wird zuerst eine gewisse Grundlage der philosophischen Disziplin Logik geschaffen, danach wird die Textstelle der Apologie, in welcher Sokrates dies gesagt habe, dargelegt. Mit Hilfe dieser beiden Analysen soll somit der Satz auf eine mögliche Art aufgeschlüsselt werden.
Dass diese Phrase nicht in sich schlüssig ist, erscheint klar. Um dies zu veranschaulichen, hilft die Logik. Dazu kann man dem Teilsatz «ich weiss» die Variabel «P» zuschreiben, die Negation davon, «ich weiss nichts» ist somit «¬P». Das «dass» weist auf eine Implikation hin: P -> ¬P. Rein logisch formuliert, ist dies natürlich nicht möglich, «nicht P» kann nicht aus «P» folgen. Deswegen ist davon auszugehen, dass diese beiden P’s entweder nicht die gleiche Bedeutung haben oder nicht denselben Stellenwert des Wissens repräsentieren sollen.
Um zu verstehen, wie Sokrates den Begriff «Wissen» in diesem Kontext verwendet, lohnt es sich die Textstelle, um das Zitat, zu veranschaulichen: Das Orakel von Delphi erklärte Sokrates, dass er am meisten wüsste.1 Da er dies nicht glaubte, jedoch sicher war, dass die Götter nie lügen würden, sprach er mit verschiedenen Personen, um jemanden zu finden, der mehr wusste als er: ein Politiker, ein Dichter und einige Handwerker. Aus den Gesprächen schloss er, dass Personen, die eine Kunst oder Handwerk beherrschen, ihre Kompetenzen oft zu weit zu wissen glauben. Das Orakel muss ihn also aufgrund seiner Eigenschaft, anzuerkennen, dass er im Unwissen ist, als klügster Mensch betitelt haben.2 Wenn ihn also die Einsicht darüber, dass er kein absolutes Wissen haben kann, zum Klügsten aller Menschen macht, muss es noch ein höheres Wissen geben, welches diesen Schluss ziehen und anerkennen kann. Nach Sokrates gehe dieses wirkliche Wissen nur aus Gott hervorgehen, wo hingegen «das menschliche Wissen nur wenig und nichts wert ist».3
Wenden wir uns nun erneut dem Ausgangssatz, mit Rücksicht auf diese neu erwähnten Informationen, zu. Besonders aus diesem letzten Zitat kann man schliessen, dass P «ich weiss» auf das menschliche Wissen bezogen war. Sokrates gesteht sich ein, dass das menschliche Wissen weder absolut noch hinreichend sei. Somit ist in dieser Hinsicht nicht etwa der wahrhaftige Inhalt seines Wissens wichtig, sondern im Fokus steht seine Reflexion, welche ihn zu diesem Wissensbegriff führt. Da er der Einzige, in Bezug auf seine Gesprächspartner, ist, welcher seine absolute Unwissenheit eingesteht, hat er das höchste menschliche Wissen. Der zweite Teil des Satzes «dass ich nichts weiss» bezieht sich nun auf die absolute Sicherheit des Wissen, also eine, die nur die Götter haben können. Sokrates weiss also mit seinem menschlichen Wissen, dass er weder die Kapazität noch die Kompetenz hat, gleich viel wie die Götter zu Wissen.
Auch wenn Sokrates nun keine logische Folgerung präsentiert, aufgrund dessen, dass er für zwei verschiedene Verwendungen des Begriffs «Wissen» den gleichen Terminus verwendet, erstellt er mit seinem Zitat ein Diskussionsspielraum, welcher bis heute nicht abgeklungen ist. Es ist aber plausibel anzunehmen, dass er einerseits das göttliche und einerseits das menschliche Wissen meint, welche man keineswegs gegenüberstellen könne. Mit Rücksicht darauf, dass verschiedenste Denker:innen seit über 2300 Jahren über dies diskutieren, gibt es viele weitere Aspekte, welche in dieser Hinsicht berücksichtigt werden sollten, wie die Wissen- und Wahrheitsbedingung, tiefere Gesetzte der Logik, andere Deutungen des Kontexts und viele weitere.
Fussnoten
1 vgl. Apologie 21b
2 vgl. Apologie 21c-22e
3 Apologie 23a6/7