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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1989 von Peter Ziegler
Kampf gegen die Schnapswelle
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderte auch in der Schweiz ein erheblicher Teil der Landbevölkerung in die aufstrebenden Industrieorte ab. Die jungen Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter verloren dadurch ihr festes Normgefüge, waren isoliert, orientierungslos und wegen der Dürftigkeit und Enge ihrer Wohnungen auf das Wirtshaus angewiesen, wollten sie zwischenmenschliche Beziehungen anknüpfen. Zunehmende Veralkoholisierung der Arbeiterschicht war die üble Begleiterscheinung dieser Entwicklung.
Getrieben durch den Geist der Verantwortung und der christlichen Nächstenliebe, beschloss im Jahre 1877 der 28jährige Pfarrvikar Louis Lucien Rochat in Cossonay VD, gegen die Schnapswelle anzukämpfen. Sein Angebot für Alkoholabhängige: durch Kraft aus Glauben dem Alkohol widerstehen; Totalabstinenz gegenüber allen alkoholischen Getränken. Die in rascher Folge gegründeten Ortsvereine «Blaues Kreuz» erhielten regen Zulauf von Abhängigen und Helfern; das Werk breitete sich nicht nur über die Schweiz und grosse Teile Europas aus, sondern auch in die heutigen Drittweltländer.
Gründung eines Blau-Kreuzvereins in Wädenswil
Am 12. Mai 1889 trafen sich etwa ein Dutzend Alkoholabhängige in der Bauernstube des Jakob Staub am Mühlebach (heute Haus Schönenbergstrasse 50) und gründeten hier den Blaukreuzverein Wädenswil-Horgen. Jakob Staub, einst selber ein stark abhängiger Alkoholiker, hatte zuvor einige Zeit in der Zellerschen Anstalt in Männedorf verbracht. Heimgekehrt, strauchelte er zwar noch einige Male, rang sich aber schliesslich durch das Studium von Schriften des Blauen Kreuzes zur Totalabstinenz durch.
Nach Anfangsschwierigkeiten versiebenfachte sich die Mitgliederzahl des jungen Vereins nach 1905 und betrug 180 Abhängige und Helfer im Jahre 1915. Damals standen dem Vereinspräsidenten, Friedrich Joss, dem Verwalter des Bürgerheims, erfahrene Männer zur Seite: Lehrer Rudolf Leuthold, der Initiant der alkoholfreien Obstverwertung, Robert Matzinger, Gastwirt zur «Sonne» und späterer Trinkerfürsorger; Dr. Fisch vom Evangelischen Verein. Erwähnt sei auch die aktive Mitarbeit ehemaliger Alkoholiker, wie Landwirt Zollinger im Sandhof oder Alfred Hui, Eisenbahnbeamter und von 1930 bis 1943 und 1948 bis 9156 Präsident des Vereins.
Jugendgruppen
In diese aktive Zeit fällt auch die Gründung von Jugendgruppen. Der Hoffmannsbund vereinigte ab 1905 unter der Leitung der Schwestern Hoffmann um die 200 Kinder im schulpflichtigen Alter. 1914 entstand zur 25-Jahr-Feier der Jünglingsbund (JB) – später mit eigenem Haus oberhalb Rötiboden – und ein Jahr später der Töchterbund (TB).
Im Bauernhaus «Mühlebach», heute Schönenbergstrasse 50, wurde 1889 der Blaukreuz-Verein Wädenswil gegründet.
Ausbauarbeit
Der stürmische Siegeslauf des jungen «Blauen Kreuzes Wädenswil» ging im Jahre 1915 mit dem Tod von Friedrich Joss zu Ende. Unter dem neuen Präsidenten, dem Lehrer Ernst Walder, begann die Ausbauarbeit. Seine auch von anderen Abstinenzvereinen in der Gemeinde unterstützte Eingabe an die Behörden führte 1917 in Wädenswil zur Gründung einer neutralen Fürsorgestelle für Alkoholkranke. Der erste Fürsorger, Robert Matzinger vom Alkoholfreien Gemeindehaus zur Sonne, war Mitglied des Blauen Kreuzes, ebenso der Nachfolger Ernst Krüsi, während Jahren Leiter des von mehr als hundert Kindern besuchten Hoffnungsbundes.
Propagandaveranstaltungen, Vortragsreihen, Basare, Familienabende, Volkstage und Ausflüge schweissten die Mitglieder des Vereins eng zusammen. Mit der Wahl von Pfarrer Karl Otto Hürlimann nach Wädenswil ging 1918 der alte Wunsch in Erfüllung, einen Gemeindepfarrer im Blauen Kreuz zu haben. Während 37 Jahren war Pfarrer Hürlimann als Vizepräsident eng mit dem Blaukreuzwerk verbunden.
Zeit der Bewährung
Als Ernst Walder 1930 als Waisenhausvater nach Küsnacht gewählt wurde, trat Ernst Hui die Nachfolge im Präsidentenamt an. Der Ausbau des Sozialwerks war abgeschlossen; die Zeit der Bewährung brach an. Vorerst wirkte das Blaue Kreuz in Wädenswil mit unverminderter Kraft weiter. Dann erlitt die Tätigkeit ab Mitte der 1930er Jahre sowie während des Zweiten Weltkrieges verschiedene Rückschläge. Das Feindbild hatte sich verändert. Wen vermochte das Alkoholproblem noch zu interessieren, in einer Zeit, da sich am politischen Horizont schwarze Gewitterwolken zusammenballten? Andererseits litt der Verein unter den häufigen Militärdienstleistungen vieler treuer Mitarbeiter.
Das Haus des Jünglings- und Töchternbunds oberhalb Rötiboden.
Wohlstandsalkoholismus
Nach dem Krieg begann sich ein früher nicht gekannter Wohlstand auszubreiten. Er hatte auch seine Schattenseiten: Im Zuge der «Amerikanisierung der Trinksitten» fanden Hausbar und farbige Schnäpse Einzug in Häuser und Wohnungen der sogenannten besseren Kreise. Der frühere Elendalkoholismus der Fabrikarbeiter und jener der Bauernknechte wich dem Wohlstands-Alkoholismus in allen sozialen Schichten; in erschreckendem Ausmass nahm die Alkoholabhängigkeit junger Frauen und Mütter zu.
Mit einer derart raschen Entwicklung des Alkoholproblems in eine ganz neue Richtung konnte ein Laienwerk wie das Blaue Kreuz nicht mehr Schritt halten. Die Zahl der Mitglieder und der Betreuten ging langsam, aber stetig zurück. Alkoholabhängige liessen sich kaum mehr in den Verein integrieren; wenn überhaupt, suchten sie Kontakt ausserhalb der Organisation. Die Jugendgruppen gaben eine nach der anderen auf. Beim Volk und Behörden schwanden Einfluss und Vertrauen ins Blaue Kreuz.
Neubeginn
Der Abwärtstrend hielt unter der Vereinsführung von Alfred Hui und Walter Krüsi-Pflüger an; erst 1976 begann in der Ära von Lukas Stalder damit eine Kehrtwende, dass der Vorstand des Kantonalverbandes vom Blauen Kreuz einem Programm zur Ausbildung von Laienkräften zu freiwilligen Suchtkrankenhelfern zustimmte. Seit 1977 bietet das Blaue Kreuz solche Seminarien in regelmässigen Abständen an.
In der Region Wädenswil sind heute acht solche Suchtkrankenhelfer und -helferinnen an der Arbeit Sie nehmen mit Abhängigen Verbindung auf, informieren sie über die Alkoholkrankheit und deren Verlauf, vermitteln Kontakte zu Sozialberatern, Ärzten und Krankenhäusern. Sie leiten Gesprächsgruppen für Abhängige und deren Angehörige und betreiben Öffentlichkeitsarbeit in jeglicher Form.
Der Verein Blaues Kreuz Wädenswil, der im Mai 1989 auf hundertjähriges Bestehen zurückblicken konnte, gliedert sich heute in eine Begegnungsgruppe für Abhängige und in eine offene Nachsorgegruppe. Eine Gruppe für Angehörige ist im Werden. Unterstützt wird die Arbeit des Ortsvereins durch die Angebote des Zürcher Kantonalverbandes mit seinen vollzeitlichen Sozialberatern.
Die Talfahrt im Blauen Kreuz Wädenswil ist zu Ende. Der Kontakt mit alkoholabhängigen Mitmenschen ist wiederhergestellt, der Neuanfang ist gemacht.
Vereinspräsidenten 1889 – 1989
1889 – 1901 Heinrich Brändli von Horgen, vermutlich bald abgelöst durch Jakob Staub
1901 – 1904 Heinrich Hofmann
1904 – 1906 Heinrich Stocker
1906 – 1915 Friedrich Joss
1915 – 1930 Ernst Walder
1930 – 1943 Alfred Hui
1943 – 1948 Walter Krüsi-Pflüger
1948 – 1956 Alfred Hui
seit 1956 Lukas Stalder
(Nach dem geschichtlichen Rückblick von Lukas Stalder im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» vom 17. März 1989.)