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Die Gletscher des Juras Ein unbekanntes Phänomen
Wenn die Wanderer im Sommer über die Höhen des Juras spazieren, sind sie sich kaum bewusst, dass sie sich unter Umständen ganz nahe an einem richtigen Gletscher aufhalten. Die von der Oberﬂäche aus meist nicht sichtbaren Eismassen halten sich den ganzen Sommer über in gewissen natürlichen Senken und Höhlen, obschon die Lufttemperatur deutlich über 0° C liegt. Warum schmilzt das Eis denn nicht? Versuch einer Erklärung.
Im Jura nennt man die Gletscher « glacières », im Unterschied zum « glacier », dem Gletscher in den Alpen. Die grössten dieser Minigletscher sind in den Landeskarten 1:25 000 eingezeichnet. Das Phänomen ist übrigens auch aus anderen Berggegenden der Welt bekannt.
Wenn man tief im Boden die Temperatur misst, kommt man zu einem Punkt, wo sich die Durchschnittstemperatur das ganze Jahr über nicht verändert. Im Jura liegt diese Temperatur sicher über 0 °C. Wie kann es also sein, dass Eismassen trotzdem den Sommer überleben?
Die Eisblöcke, die man früher in die Kühlräume von Brauereien, Restaurants oder auch privaten Haushalten legte, sorgten dank der Umwandlungswärme bei der Eisschmelze relativ lange für eine Temperatur nahe 0°. Bei den Gletschern des Juras und in anderen Gegenden handelt es sich um ein ähnliches Phänomen, das dafür sorgt, dass das durch die winterlichen Schneefälle oder durch das Gefrieren von eingedrungenem Wasser entstandene Eis zum Teil auch die warme Jahreszeit überdauert.
Statische Glacière: Schneefalle
Bei diesem Typ ist es der im Winter durch eine Spalte in die Höhle gefallene Schnee, der sich nach und nach in Eis verwandelt – wie bei den Firnfeldern, die unsere alpinen Gletscher bedecken. Man nennt sie statisch, weil die Luftbewegungen im Innern nicht sehr bedeutend sind. Sie kommen allerdings vor und können die Bildung und den Erhalt von Eis fördern. Isoliert ist die Höhle durch den Fels rundum und den Wald, der fast immer den Boden über der Höhle bedeckt und die Glacière vor der direkten Sonnenbestrahlung schützt.
Statische Glacière: Kaltluftfalle
Dieser Glacière-Typ bildet sich in Kältemulden, wo die Temperatur der Luft tiefer ist als jene, die man draussen messen kann. Während klarer Nächte kühlt der Boden wegen der Abstrahlung ins Weltall ab, dieser wiederum kühlt die Luftschicht knapp über dem Boden.
Diese kältere und daher schwerere Luft ﬂiesst in der Höhle abwärts oder bleibt an Ort und Stelle, bis sich die klimatischen Bedingungen ändern. Man spricht von einer Temperaturinversion, denn die Temperatur ist unten in der Höhle tiefer als in den oberen Schichten. Durch den Fels eindringendes Quellwasser bildet schliesslich einen unterirdischen Gletscher. Glacières vom Typ « Schneefalle » sind häuﬁg auch «Kaltluftfallen».
Dynamische Glacières
Diese bilden sich in Höhlen, wenn mindestens zwei Öffnungen vorhanden sind, mikroklimatische Bedingungen für einen Druckunterschied zwischen den beiden Öffnungen sorgen und im Winter Wasser in die Höhle eindringen kann.
Im Winter wird die kalte Luft von der tiefer liegenden Öffnung in Richtung oberes Ende gesogen, wo der Druck tiefer ist. Dieses Phänomen ist dem Kamineffekt oder dem Thermosiphonprinzip vergleichbar. In diesem Strom kalter Luft, deren Temperatur unter 0° liegt, gefriert beim Austritt aus der Grotte das Wasser, das durch den auch im Winter über 0° warmen Fels eindringt. Beim Gefrieren bildet das Wasser kleine Gletscher und Eiskerzen. Im Sommer kehrt sich der Luftstrom um, durch die obere Öffnung strömt warme Luft in die Höhle. Die Temperatur in der Höhle bleibt dennoch tiefer als die Temperatur draussen. Diesen Typ Glacière trifft man im Jura nicht an.
Das Alter des Eises in den Glacières des Juras ist schwer zu schätzen, denn bis jetzt wurde noch nie eine Analyse vorgenommen. Es ist allerdings geplant, die Glacière de Monlési zu untersuchen.
Zahlen hat man hingegen für andere Glacières auf der Welt. Zum Beispiel ist das älteste Eis in der Glacière des Vulkans Bandero in New Mexico ( USA ) rund 2000 Jahre alt. Dasjenige der Dach- stein-Rieseneishöhle im Salzkammergut ( Österreich ) geht auf den Beginn der Kleinen Eiszeit am Ende des Mittelalters zurück.
Die Glacières sind nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch ein Naturschatz und ein Kulturgut sondergleichen.
Noch vor hundert Jahren wurden sie halb-industriell ausgebeutet und stellen daher einen historischen Wert dar. Heute weiss man noch nicht genau, wie sich die Klimaerwärmung auf die Entwicklung der Glacières auswirken wird. Aber das steigende touristische Interesse stellt eine Bedrohung für das fragile Klima in die- sen Grotten dar. So bringt jeder Besucher einer solchen Höhle so viel Energie mit, dass in einer Stunde mehr als ein Kilo Eis geschmolzen werden kann. Gewisse Glacières können problemlos besucht werden, andere bedingen Kletter- oder Höhlenforschungstechniken.