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Am 18. Januar 1900 unterzeichneten im damals ländlichen Wollishofen neun Landwirte, fünf Wirte, zwei Buchhalter und je ein Wagner, Fischer, Schuhmachermeister, Bankangestellter, Architekt, Baumeister, Kaufmann, Gärtner und Metzger eine Erklärung, in der sie sich bereit erklärten, eine Gesellschaft zu gründen unter dem Namen „Zunft Wollishofen". So ist es im ersten Protokollbuch der Zunft Wollishofen nachzulesen, der ältesten Quelle der vergleichsweise jungen Zunftgeschichte.
Die Dorfgemeinschaft von Wollishofen hatte bis anhin, weit abgesetzt von der Stadt, ihr eigenes Leben geführt und sich der Eingemeindung zur Stadt Zürich vehement, aber erfolglos widersetzt. Eine grosse Mehrheit der Stimmbürger im Kanton wollte Wollishofen und andere umliegende Gemeinden zur Stadt schlagen – so dann auch geschehen 1893. Wohl unter diesem Eindruck stellten sich die 25 Gründungsmitglieder unter anderem die Aufgabe, die Interessen des Quartiers „im Auge zu behalten". Die Eintrittsgebühr betrug fünf Franken.
Von Anfang an stand die Pflege der Geselligkeit hoch im Kurs. Langsam entwickelte sich die Zunft aus einem vorerst eher vereinsähnlichen Gebilde zu einer Gesellschaft mit dem Zweck, vaterländischen Geist und gut zürcherischen Bürgersinn zu pflegen. Zunftmässig am Sechseläuten mitzuwirken war selbstverständlich, und als Festmusik wurde „die Elite der Harmonie Wollishofen engagiert" – allerdings erst, nachdem im „Sechseläuten Central Comité" durch Abstimmung die Aufnahme in den Stadtzüricherischen Zunftverband beschlossen worden war.
Das liberale Zürich hatte – insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – einen mächtigen Aufschwung erlebt. Stürmisch hatte sich die Stadt ausgedehnt, und wir haben Verständnis dafür, dass die wackeren Mannen den dörflichen Charakter und in persönlicher Verbundenheit zum Quartier dessen Eigenart so weit als möglich erhalten wollten. Im Hotel Hirschen – viele ältere Personen erinnern sich gut an das 1967 leider abgerissene, dominante „Hotel und Pension" an der Seestrasse in Wollishofen – wurde am 22. April 1901 erstmals das Sechseläuten gefeiert und das grossartige Fest wurde auf neun Protokollseiten genauestens für die Nachwelt beschrieben. In schwarzer Kleidung und „mit Cylinder, in froher Erwartung und munterster Stimmung" war man aufmarschiert, und der Hirschenwirt verwöhnte die Gesellschaft damals mit einem Sechsgänger für drei Franken.
Das heute aus dem Zunftkalender nicht mehr wegzudenkende Martinimahl wurde in den ersten Jahren des Bestehens der Zunft noch nicht regelmässig gefeiert. Erstmals fand es 1904 im Hirschen statt, mit nur 16 Teilnehmern, und erst fünf Jahre später kam es zur ersten Wiederholung. Die Kosten für das sehr gute Nachtessen betrugen im Jahr 1909 ganze 1.50 Franken.
Während des ersten Weltkriegs wurde das Zunftleben in ruhigem und sehr bescheidenem Rahmen abgewickelt.
Sechseläuten-Umzüge fanden keine mehr statt, und nachdem man auch auf die Bööggverbrennung verzichtet hatte, wurde der entsprechende Feuerbeitrag dem Unterstützungsfonds für kranke, bedürftige Wehrmänner überwiesen.
Die farbenfrohe Knonauer-Sonntagstracht wird seit 1928 am Sechseläuten getragen. Sie wurde seinerzeit einem historischen städtischen Kostüm vorgezogen. Auch bei dieser Wahl wollte man die Herkunft nicht verleugnen. So wurde denn, konsequenterweise, im Jubiläumsjahr 1950 die Zunftmusik mit Knonauer Werktagstrachten eingekleidet. Das harmonische Bild der Wollishofer am Sechseläuten-Umzug wird heute geprägt durch die Einheitlichkeit der Trachten und ergänzt durch die traditionelle Bauernhochzeit mit dem von Zünftern in Fronarbeit erstellten Brautfuder. Seit 1931 gehören die Kinder- ebenfalls in Knonauer-Trachten – zum festen Bestandteil des Kinder- und des Sechseläuten-Umzugs.
Ebenfalls seit vielen Jahren sind die Frauen und Partnerinnen der Zünfter stark im Zunftleben integriert, so zum Beispiel bei mehreren der monatlich stattfindenden „Stämme" mit Vorträgen oder Besichtigungen. Der traditionelle jährliche Familienausflug für gross und klein sieht jeweils eine knappe Hundertschaft aus der grossen Wollishofer Zunftfamilie vereint.
Auch der zweite Weltkrieg hatte natürlich seine Auswirkungen auf das Zunftleben. Es wurde die Wehranleihe gezeichnet, und Gedenkfeiern traten teilweise an die Stelle der üblichen Anlässe. Damals entstand auch der schöne Brauch, dass sämtliche Zünfte mit ihren Bannern in der Stadt am 1. August bei der traditionellen Ansprache vertreten sind. Am Sechseläuten 1941 war der alte Tonhalleplatz mit Getreide bepflanzt und deshalb konnte die Böögg-Verbrennung gar nicht stattfinden.
Seit dem Jubiläumsjahr 1950 ist die Mitgliedschaft der Zunft auf 120 beschränkt, dies nicht zuletzt auch aus praktischen Gründen. Die Kapazität des Hirschensaals war beschränkt, und auch im heutigen Zunftlokal, seit 1983 im Restaurant „Belvoirpark" an der Seestrasse 125, gelten diese Kriterien. Seit 1968 stellt die Harmonie Oberrieden die Zunftmusik. Mit ihrem gekonnten Spiel bereitet sie viel Freude und – speziell auch am abendlichen Sechseläuten–Auszug – wirkt sie unermüdlich und begeistert Zünfter und die zahlreichen Zuschauer gleichermassen.
Der „Dreschflegel", das zunfteigene Publikationsorgan, gibt seit 1985 einmal jährlich einen Rückblick über das Zunftjahr. Nicht nur die offiziellen Anlässe, auch Berichte der grossen Reitergruppe und über andere Anlässe wie das jährlich stattfindende Zunftsegeln oder Porträts einzelner Zünfter gehören zum Inhaltsverzeichnis und tragen dazu bei, dass unzählige Erinnerungen später immer mal wieder aufgefrischt werden können.
Am 21. Januar 2000 feierte die Zunft Wollishofen die 100 Jahre ihres Bestehens mit einem grandiosen Fest in der Vogtei in Herrliberg, dem Dorf, wo am 20. Oktober 1899 etwa zwanzig Bürger aus Wollishofen angereist mit vier „Breaks" aus dem Morgenthal, zur Erkenntnis gekommen waren, dass es Wollishofen an einer Zunft fehlte und eine solche ins Leben zu rufen sei. Am 8. April 2000 wurden im Rahmen eines kleinen Quartierfests und im Beisein der Reitergruppe und des Zunftspiels vor dem Bahnhof Wollishofen zwei Bäume gepflanzt, die als bleibende Erinnerung an das Jubiläum der Zunft stehen.