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Produktion
Besuchszeit
Einakterzyklus von Felix Mitterer
Galerie
Spielorte: Effretikon, Zürich und Winterthur
Spieldaten: September, Oktober 2010
Zwischenmusik: Heidi Fausch, Cello
Abstellgleis
Mitwirkende
Schwiegertochter: Manuela Runge
Alter: Adi Patscheider
Übersetzung: Christine Bachmann
Regie: Gerold Roth
Die Verbrecherin
Mitwirkende
Sie: Anita Brem
Er: Wolfgang Lembeck
Übersetzung: Adi Patscheider
Regie: Adi Patscheider
Weizen auf der Autobahn
Mitwirkende
Tochter: Klara Wilke
Alter: Herbert Kräuchi
Übersetzung: Christine Bachmann
Regie: Gerold Roth
Man versteht nichts
Mitwirkende
Sie: Paula Furrer
Er: Gerold Roth
Übersetzung: Adi Patscheider
Regie: Adi Patscheider
Stückinhalt
Der Einakterzyklus „Besuchszeit“ entstand aus Hörspielen, die alle im Laufe der 70er Jahre vom ORF-Studio Tirol produziert wurden. Sie basieren auf realen Geschichten. Die Uraufführung als Theaterstück fand 1985 im Theater „Die Tribüne“ in Wien statt. In der Folge entwickelte es sich zu Mitterers meistaufgeführtem Stück und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. ,,Besuchszeit“ gliedert sich in 4 Teile, die alle nur mit dem Titel des Stücks verbunden sind und ansonsten unabhängige Einheiten bilden.
In „Abstellgleis“ besucht die Schwiegertochter ihren Schwiegervater im Altersheim. In der „Verbrecherin‘ wird der Besuch eines Ehemannes bei seiner Frau im Gefängnis gezeigt. „Weizen auf der Autobahn“ schildert den Besuch der Tochter bei ihrem Vater in der Nervenheilanstalt. „Man versteht nichts“ zeigt den Besuch eines Ehemannes bei seiner sterbenskranken Frau im Krankenhaus.
Das Stück handelt von Personen, die wegen ihres Alters oder ihrer Unangepasstheit aus der Gesellschaft abgeschoben wurden. Bei genauerer Betrachtung haben sie jedoch eine klarere Sicht der gesellschaftlichen Situation als die übrigen Mitglieder, die in der „realen“ Welt leben und sie besuchen kommen. So sind die Abgeschobenen Eingeschlossene und zur Ohnmacht verurteilt. Aber auch die Besucher sind Eingeschlossene, Gefangene im gesellschaftlichen Zwang, die nicht aus ihrer Haut heraus können. In jedem dieser Einakter kommen jeweils zwei Menschen zusammen, die einander entweder nichts mehr zu sagen haben, einander nicht verstehen oder aber einander mit Vorwürfen überhäufen. So werden meist aus Dialogen Monologe, Folge des einander Nicht-Begreifens. Es sind meist keine auffälligen Lebensläufe und trotzdem ist jeder von ihnen mit einer gewissen Tragik behaftet.
„Besuchszeit“ enthält keine Schuldzuweisungen, sondern ist vielmehr der Versuch, ein Bewusstsein für die Missstände in unserer Zeit zu schaffen. Mitterer hält den Menschen im Lachen den Spiegel vor. Die Pointen sind noch Pointen. Wir lachen, weil ja schliesslich alles so furchtbar lustig überzeichnet ist, aber in einer Sekunde des Atemschöpfens erkennen wir uns dabei selbst. Die Situationen sind aus dem Leben gegriffen, denn das Leben ist manchmal am Absurdesten und nichts ist so absurd, dass es nicht passieren könnte. In „Besuchszeit“ braucht es dazu wenig, einen Tisch, zwei Stühle und einige Schauspielende, und darin liegt das dramatische Können von Mitterer. Besuchszeit hat als zeitkritisches, realistisches Volksstück vielen Bühnen (in Österreich und anderen Ländern) Gelegenheit gegeben, die Psychologie der Alltäglichkeit wieder zu entdecken.
Die zahlreichen Aufführungen beweisen, dass die Fähigkeiten von Volksschauspielern, die normalerweise in klischeehaften Situations-Lustspielen brach liegen, zur Darstellung von ernsten Rollen erstaunlich hoch sind. Mit „Besuchszeit“ ist das Bedürfnis nach dem „neuen Volksstück“ geweckt worden. Alle vier Besuchssituationen stellen Begegnungen in erschütternden Szenen dar, sie sind Zeugnisse der Unfähigkeit des gegenseitigen Verstehens.
Bei aller sozialen Anklage richtet sich die Wut nicht gegen „Schuldige“, sondern ist eine Aufforderung zur Trauerarbeit. Den Einakter „Abstellgleis“ hat Mitterer zu einem abendfüllenden Stück für einen Darsteller umgeschrieben und erweitert; unter dem Titel „Sibirien“ hat es Aufsehen erregt.
Aufführungsrechte bei Österreichischer Bühnenverlag Kaiser & Co. Wien – für die Schweiz Breuniger-Verlag, Aarau
Zum Autor
Felix Mitterer wurde am 6. Februar 1948 in Achenkirch/Tirol als Sohn einer verwitweten Kleinbäuerin und eines unbekannten Vaters, mutmaßlich rumänischer Flüchtling, geboren. Von einem Landarbeiterehepaar adoptiert, wuchs er in Kitzbühel und Kirchberg auf. 1962 trat er in die Lehrerbildungsanstalt Innsbruck ein, die er drei Jahre später verliess. Nach zehnjähriger Tätigkeit als Verwaltungsbediensteter beim Zollamt Innsbruck wird 1970 als erste literarische Veröffentlichung im ORF-Hörfunk „Kein Platz für Idioten“ gesendet; es folgen Erzählungen, Hörspiele, Mundarttexte und Kindergeschichten.
1977 erarbeitete Mitterer aus seinem ersten Hörspiel „Kein Platz für Idioten“ ein Theaterstück, das an der Volksbühne Blaas in Innsbruck mit dem Autor in der Titelrolle uraufgeführt wurde. Seitdem ist Felix Mitterer freischaffender Autor und wurde mit renommierten österreichischen und ausländischen Preisen ausgezeichnet. Er lebt heute mit seiner Familie in Irland.
Mitterer als Volksstückautor
Mitterer bezeichnet sich selbst als „Tiroler Heimatdichter und Volksautor“ und führt in seinen Werken, neben Peter Turini, Sperr, Franz Xaver Kroetz, die Tradition des Volksstücks weiter. Es sind vor allem Außenseiter, Ausgestoßene, Opfer der Gesellschaft, Behinderte die Felix Mitterer in seinen Werken beschreibt. Das erklärt sich vor allem aus seiner eigenen Lebensgeschichte:
„Ich schreibe immer dasselbe Stück – über irgendwelche ausgegrenzte Menschen. Vor einiger Zeit ist mir aufgefallen, dass in jedem Stück ein Idiot vorkommt. Und dieser Idiot bin immer ich. Ich schreibe über mich, über meine Herkunft, obwohl ich nie rein autobiographisch geschrieben habe.“ Mitterers Figuren sprechen in seinen Stücken natürlichen Dialekt um alltägliche Kommunikation darzustellen. Weiters verzichtet er auf Schockeffekte, die zu weit von der Realität wegführen. Bemerkenswert ist auch seine Nähe zum Publikum, die ihn von anderen Volksstückautoren unterscheidet. Mitterer erreicht die Menschen, die er erreichen möchte.
Viele Werke von Mitterer sind an der Volksbühne Blaas in Innsbruck uraufgeführt worden und zählen heute zu den erfolgreichsten Stücke Mitterers, so auch „Besuchszeit“.