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Wie der Wald das Klima wandelt
Im letzten Sommer überraschte die Schweizerische Post mit der Ankündigung, dass sie im deutschen Bundesland Thüringen einen 2400 Hektar grossen Wald kauft. Für satte 70 Millionen Euro. Die Begründung für den sonderbaren Deal: Der Wald soll der Post helfen, bis im Jahr 2040 klimaneutral zu werden. Ohne Kohlenstoffspeicher sei das nicht zu schaffen, erklärte das Unternehmen, denn trotz Solardächer, neuer Gebäudehüllen, Elektrofahrzeuge usw. blieben etwa 1 Prozent als «unvermeidbare Emissionen» (124 000 t CO2/Jahr) übrig. Mit dem Wald in Thüringen will die Post einen Teil davon, rund 9000 Tonnen CO2 pro Jahr, kompensieren.
Medien und Politik geisselten das Vorhaben als «Greenwashing». Kritisiert wurde insbesondere, dass die Klimaleistung dieses Waldes doppelt gezählt werde (einmal in Deutschland, einmal bei der Post) und dass es fürs Klima irrelevant sei, ob der Wald im Besitz eines deutschen Prinzen (vorheriger Eigentümer) oder im Besitz der Schweizerischen Post sei. Dieser Pauschalbeurteilung widerspricht Harald Bugmann, Professor für Waldökologie an der ETH Zürich und Mitautor von mehreren Zustandsberichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): «Entscheidend ist, wie dieser Wald bewirtschaftet und wie das geerntete Holz genutzt wird.»
Wälder speichern Kohlenstoff im Holz und im Boden. Über den gesamten Lebensprozess betrachtet sind sie klimaneutral, denn der eingelagerte Kohlenstoff entweicht nach der Verrottung in Form von CO2 wieder in die Atmosphäre. Über einen kürzeren Zeitraum aber können Wälder als «CO2-Senken» dienen. Ein Wald gilt als Senke, wenn er mehr CO2 bindet als abgibt. Der Schweizer Wald etwa ist seit dem 19. Jahrhundert fast durchwegs eine Senke. In dieser Zeit begann man mit Wiederaufforstungen, nachdem die Wälder zuvor massiv übernutzt und teils kahlgeschlagen worden waren. Seither steigt der Holzvorrat im Schweizer Wald und die Waldfläche wird grösser, in den letzten zwei Dekaden jährlich um eine Fläche des Bielersees.
Mit dem Holzvorrat steigt die Senkenleistung
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- Raphael Weber
Gemessen an seinem Alter wird es noch viele Jahrzehnte dauern, bis der Schweizer Wald im Gleichgewicht mit dem Klima ist und schliesslich – wenn die alten Bäume absterben – zur CO2-Quelle wird (vorausgesetzt, dass ihn massive Dürren, Stürme, Brände und Schädlinge nicht frühzeitig kollabieren lassen). Wie sich der Wald entwickelt, hängt aber auch von der Bewirtschaftung ab. In den meisten Regionen (ausgenommen das Mittelland) wird seit Jahrzehnten weniger Holz geerntet als zuwächst. So steigt der Holzvorrat im Schweizer Wald jährlich um etwa 1,5 Millionen Kubikmeter. Auch in der Streu am Boden und im Waldboden selber wird seit Jahren mehr Kohlenstoff eingelagert als abgebaut.
Rechnet man all diese Grössen zusammen, reduziert der Schweizer Wald den CO2-Gehalt in der Atmosphäre um etwa 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Das scheint auf den ersten Blick ziemlich eindrücklich. Tatsächlich aber entspricht diese Senkenleistung nur 5 Prozent unseres jährlichen Treibhausgasausstosses – wobei die Importe und der Flugverkehr noch nicht einmal eingerechnet sind.
Freier Lauf oder stärkere Nutzung?
Politik und Wirtschaft suchen nun nach Lösungen, wie sich die Klimaschutzleistung des Waldes erhöhen lässt. Diskutiert wird etwa die Idee, dem Wald möglichst «freien Lauf» zu lassen und den Holzvorrat zu maximieren. ETH-Forscher Harald Bugmann hält nicht viel davon: «Fürs Klima wäre es besser, wenn man die Vorräte etwas reduziert, den Wald dauerhaft auf einem sehr hohen Zuwachsniveau hält und das geschlagene Holz in den Wirtschaftskreislauf führt. Dort sollte es möglichst lange verweilen und über mehrere Stufen genutzt werden. Beispielseise als Dachbalken, dann als Spanplatte, weiter als Spanplatten-Rezyklat und zuletzt als Brennholz.» Genau diese Strategie verfolge im Übrigen die Schweizerische Post mit ihrem Thüringer Wald.
Wie im jungen Baum, bleibt der Kohlenstoff auch in einem Dachbalken über eine lange Zeitspanne gebunden. Vor allem aber kann Holz verschiedene Bau- und Brennstoffe ersetzen, für deren Produktion und Transport deutlich mehr CO2 ausgestossen wird («Substitutionseffekt»). Als Faustregel gilt, dass 1 Kubikmeter Holz rund 700 Kilogramm CO2-Emissionen verhindert, wenn er als Werkstoff eingesetzt wird und rund 600 Kilogramm CO2, wenn er zur Erzeugung von Wärme oder Strom genutzt wird (anstelle von Öl oder Gas). «Die Klimaschutz-Leistung des Holzes fällt umso höher aus, je mehr Substitutionen es ermöglicht», sagt Harald Bugmann. Dazu müsse die Kreislaufwirtschaft ausgebaut werden.
Auch Esther Thürig, Leiterin der Gruppe Ressourcenanalyse bei der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL, hält die Strategie «Holzvorräte abbauen und das Holz in Kaskaden nutzen» für vielversprechender und weniger riskant als ein «Laissez-faire». «Weil alte Wälder weniger widerstandsfähig sind gegenüber Krankheiten und Stürmen, könnten ganze Waldgebiete zusammenbrechen», schreibt sie in einem Beitrag der Zeitschrift «Zürcher Wald» (4/2022) und erinnert an das Jahr 1999, als der Sturm «Lothar» den Schweizer Wald kurzzeitig in eine CO2-Quelle verwandelte. Aufgrund des Klimawandels werden solche Stürme, aber auch lange Dürreperioden, Waldbrände und Befälle mit Schadorganismen öfter eintreten. Gemäss Thürig lässt sich der Schweizer Wald «durch die vermehrte Holznutzung und durch gezieltes Pflanzen neuer Baumarten auch besser an zukünftige Klimabedingungen anpassen.» Wichtig dabei sei, ergänzt Elena Strozzi, die bei Pro Natura für die Waldpolitik zuständig ist, «dass die natürliche Verjüngung mit möglichst vielfältigen, standortgerechten einheimischen Baumarten erreicht werden kann.»
Chance für wärmeliebende Pflanzen und Tiere
Allerdings kann ein Abbau der Vorräte zulasten der Biodiversität gehen. Viele Tier-, Flechten-, Moos- und Pilzarten sind auf alte Bäume und Totholz angewiesen. Elena Strozzi: «Dass dank heimischem Holz beim Bauen und Heizen CO2-Emissionen eingebunden werden können, ist positiv. Diese Tatsache darf aber keinen Vorrang haben vor der Erhaltung der biologischen Vielfalt im Wald.» Auch Harald Bugmann mag den Klimaschutz nicht gegen den Biodiversitätsschutz ausspielen. «Waldreservate, Biotopbäume und Altholzinseln bleiben unverzichtbar und müssen im Schweizer Wald weiter gefördert werden». Gleichzeitig sieht er neue Chancen für andere seltene Waldarten: «Wämeliebende Pflanzen und Tagfalter, die auf offene, lichte Wälder angewiesen sind, könnten von einem Abbau der Vorräte profitieren. In der Schweiz mangelt es an lichten Wäldern. Wir sollten mehr davon schaffen.»
NICOLAS GATTLEN, Reporter Pro Natura Magazin
Der vielfältige Wald bietet allen Lebewesen einen Platz. Gleichzeitig erfüllen Waldgebiete vielfältige Ansprüche der Gesellschaft: von Holzproduktion über Erholungsraum bis zu Luftfilterung und CO2-Bindung. Pro Natura setzt sich dafür ein, dass dabei die Ansprüche der waldbewohnenden Tiere und Pflanzen nicht vergessen gehen.