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Die 100-Punkte-Nase
Wein schmeckt, wie Wein schmeckt, weil er aus Trauben gemacht ist. Und weil ein amerikanischer Rechtsanwalt sich in eine zukünftige Französischlehrerin verliebte und zum kleinen Diktator des grossen Geschmacks wurde.
Von Michael Rüegg, 30.03.2018
Der 2017 verstorbene Schweizer Weinhändler Peter Riegger war ein geselliger Mann mit vielen Anekdoten. Die früheste drehte sich um die Weine im Laden seiner Eltern im aargauischen Mellingen der Fünfzigerjahre: «Wir hatten zwei Sorten Wein: weissen und roten», pflegte er zu sagen. «Dann haben wir das Sortiment auf vier ausgebaut: weissen und roten, je einen normalen und einen etwas besseren.»
Jahrzehnte später, an einem Februarwochenende 2018, wird das Dolder Grand Hotel in Zürich von Weintrinkerinnen überrannt. Über 700 Sorten aus fünf Kontinenten stehen zur Degustation bereit: hoch klassierte Bordeaux, Top-Cabernets aus Kalifornien, Super Tuscans, Grand-Cru-Champagner, Weine von australischen Starönologen – und die Crème de la Crème der Schweizer Produzenten aus dem Wallis und der Bündner Herrschaft schenkt sogar selber aus.
Wein hat es innerhalb eines guten halben Jahrhunderts weit gebracht.
Zwischen dem Kolonialwarenladen der Fünfzigerjahre und dem Tasting-Event im Dolder liegen Unmengen von Geschichten und Anekdoten. In der wichtigsten kommen ein Anwalt aus dem ländlichen Maryland an der US-Ostküste, eine unscheinbare, aber unbestechliche Nase, eine angehende Französischlehrerin und jede Menge glückliche Fügungen vor. Und in einer Nebenrolle ein aggressiver kleiner Hund.
Robert M. Parker jr., geboren 1947, interessierte sich für Sport, trank Coca-Cola und studierte später in seinem Heimatstaat Geschichte und Kunstgeschichte, wurde Rechtsanwalt und arbeitete bei einer landwirtschaftlichen Kreditanstalt. Gemeinsam mit seiner Frau übernahm Parker deren elterliches Farmhaus, in dem er noch heute wohnt. Das Paar hielt zeitlebens Hunde.
Mit dieser Biografie könnte er ein Mensch ohne weitere Bedeutung für die Weltgeschichte sein. Stattdessen ist Robert Parker «der einflussreichste Kritiker überhaupt» geworden, wie Elin McCoy, die Autorin des Buches «The Emperor of Wine», schreibt.
Und damit meint sie nicht nur Wein, sondern «irgendein Gebiet».
Von seinem Vater erbte Robert M. Parker nicht nur den Namen, sondern auch eine bemerkenswert sensible Nase. Der Senior konnte angeblich Hunderassen am Geruch von Welpen erkennen.
Robert junior lernt den Wert seiner Nase erst als Erwachsener schätzen. Eines Tages wird er bei einer Versicherungsgesellschaft sein Riechorgan für eine Million Dollar versichern. Den späteren Antrag, die Summe zu verdoppeln, lehnt die Versicherung ab. Trotzdem hatte Parker lange die teuerste Nase der Welt, erst 2015 löste ihn ein Bordeaux-Winzer mit einer Versicherungssumme von fünf Millionen Euro ab.
Robert junior lernt Patricia kennen, als sie beide 12 sind. Mit 15 verlieben sie sich, und als sie 20 sind, reist «Pat» für ein Studienjahr nach Frankreich. Parker träumt daheim von Patricia – und davon, sie zu Weihnachten in Strassburg zu besuchen.
Mit Robert Parkers erster Reise nach Europa wird nicht nur die Liebe zwischen ihm und seiner späteren Frau gefestigt. Es keimt eine zweite Liebe auf, diejenige zum Wein. Seine einzige Begegnung mit diesem Getränk war bis dato ein Besäufnis mit einem süssen Fusel daheim in Maryland, das ihn mitten in der Nacht veranlasst hatte, die Kloschüssel vollzureihern.
Robert und Patricia bereisen Frankreich in den folgenden Jahren immer wieder und probieren so viele Weine, wie sie nur können. Pat, mittlerweile Französischlehrerin, begleitet ihren Mann auf den meisten seiner Reisen nach Frankreich. Ihre Sprachkenntnisse und ihr Charme öffnen ihm fortan die Pforten zu den «Chais», den Weinkellern.
Daheim kauft Parker Flasche um Flasche, legt einen Keller an und beginnt sie mit Freunden zu verkosten.
Im Jahr 1978, eine Dekade später, publiziert Parker seinen ersten Newsletter, den er in Anspielung an seinen Beruf als Anwalt «The Wine Advocate» nennt. Seine Sekretärin tippt das Blättchen auf der Schreibmaschine. Die Adressen der ersten Empfänger erhält er von einem befreundeten Weinhändler.
In den Siebzigerjahren haben die Produzenten des Bordelais weder Glück noch ein gutes Händchen. Das Wetter versaut mehrere Ernten, die teils schlampige Arbeit im Keller gibt vielen Weinen den Rest. Es ist nicht die Dekade der ganz grossen Jahrgänge.
Doch die amerikanischen Konsumentinnen wissen nicht viel darüber. Die meisten der wenigen Autoren, die über Wein schreiben, haben handfeste Interessen; als Importeure, Distributeure oder gar Produzenten. Unabhängige Stimmen im Weinmarkt fehlen.
Beeinflusst von Ralph Nader, dem Erfinder des Konsumentenschutzes in den Vereinigten Staaten, will Robert Parker der Weintrinkerin eine Stimme geben: seine eigene. Zusätzlich zu seinen Degustationsnotizen gibt er jedem verkosteten Wein eine Note auf einer Skala bis 100. Wobei jeder Wein im Minimum eine 50 erhält, sofern er in irgendeiner Weise aus Trauben besteht.
Es ist unter anderem dieses 100-Punkte-System, das Parker weltberühmt machen wird. Jede Amerikanerin kann sich darunter etwas vorstellen, weil es der Benotungsskala in der Schule entspricht. Alles über 90 ist sehr gut. Alles unter 80 nicht der Rede wert.
Als Robert Parker 1983 nach Bordeaux reist, um die Weine des vergangenen Jahres zu verkosten, ist er noch immer hauptberuflich Rechtsanwalt. Sein Newsletter hat mittlerweile genügend Abonnenten, damit sein Autor kostendeckend arbeiten kann.
Parker verkostet die 1982er und ist beeindruckt. Wieder daheim, lobt er in seinem Newsletter die Weine in den höchsten Tönen und vergibt Bestnoten. Und das, obwohl die Mehrheit der amerikanischen und englischen Kritiker den Jahrgang als schwach bezeichnet hat. Parker bleibt bei seinem Urteil – und wird recht behalten. Die Weine dieses Jahrgangs gehören zu den teuersten und langlebigsten der Welt.
Dieses Ereignis bestimmt den weiteren Verlauf der Geschichte: Jetzt avanciert Parker zur wichtigsten Weinstimme der Nation. Er hängt den Anwaltsberuf an den Nagel und widmet sich ganz dem «Wine Advocate», für den er fortan bis zu 10'000 Weine pro Jahr verkostet. Immer mehr Läden setzen Parkers Punkte zu den Weinen.
Und eine hohe Bewertung wird zum Garant, dass sich ein Wein gut verkaufen wird. Und eine sehr hohe sorgt dafür, dass Weine bestimmter Jahrgänge innerhalb von Stunden ausverkauft sind.
Markus Wanner hört in den Achtzigerjahren daheim in Kloten erstmals von Parkers hervorragenden Noten für den Bordeaux-Jahrgang 1982. Wanner gilt heute als grösster privater Sammler von Weinen des Châteaus Mouton Rothschild. 100 Punkte gab Parker damals dem 82er-Mouton. Was solls, sagte sich Wanner, und kaufte die rund hundert Kisten, die er in der Schweiz auftreiben konnte – für weniger als hundert Franken die Flasche.
Heute liegt der Wert bei über anderthalbtausend.
Wanner hat sich nie von Punkten leiten lassen, sondern von seiner eigenen Erfahrung mit Bordeaux. So wichtig für den Bordeaux-Hype seien Parkers Punkte nicht gewesen, findet der Sammler.
Trotzdem: Eine Note von hundert Punkten verteuert jeden Wein über Nacht. Mittlerweile warten Erzeugerinnen und Verkäufer gespannt auf die Bewertungen von Parker und seinen Kritikerkolleginnen, von denen es mittlerweile einige gibt. Die meisten haben sein 100-Punkte-System übernommen. Doch keiner hat je einen derart grossen Einfluss auf die Preisgestaltung gehabt wie Parker.
Das Problem: Zwar verdienen auch die Erzeuger an hoch bewerteten Weinen. Doch ein grosser Teil der Wertschöpfung geht an die Spekulation verloren.
Zur selben Zeit, als Robert Parker zum wichtigsten Kritiker aufsteigt, tritt in Bordeaux ein anderer junger Mann seinen eigenen Siegeszug an: Michel Rolland gehört zu den aufstrebenden Önologen Frankreichs, später der ganzen Welt. Er fährt als «Flying Winemaker» von Château zu Château und bestimmt die Rezepturen: Wie viel von welchem Most in welchen Wein gelangt. Wie viele neue Holzfässer zum Einsatz kommen. Welche Fässer dem Sauerstoff und damit den Oxidationsprozessen ausgesetzt werden sollen.
Rolland hat ein grosses Talent, die Qualität von Weinen vorauszusagen, wenn dessen Bestandteile für andere noch jung und undurchschaubar sind.
Der aufstrebende Önologe prägt einen Stil von Weinen, der sich alsbald global durchsetzt. Es sind Weine von tiefer Farbe und reifen Fruchtaromen. Die Trauben werden stark extrahiert, das heisst, Farb- und Aromastoffe, die sich in erster Linie in den Schalen verbergen, werden aus ihnen herausgeholt. Holznoten von den verwendeten Eichenfässern, ein höherer Alkohol- und ein tieferer Säuregehalt verleihen den Weinen eine leichte, aber nicht zuckrige Süsse.
Parker mag Rollands Stil. Bald mögen sich auch Rolland und Parker. Und die neuen runden, geschmacksintensiven Weine kommen bei vielen Trinkern gut an.
Kauft man heute im Supermarkt einen mittelteuren ausländischen Wein – einen spanischen Ribera del Duero, einen südafrikanischen Cabernet-Sauvignon, einen australischen Syrah –, dann trinkt man mit grosser Wahrscheinlichkeit den Geist von Parker und Rolland mit. Denn er wurde auch im grossen Stil imitiert. Von Produzenten, die Massenware abliefern, gute und weniger gute.
Parker hat zweifellos den modernen Weinstil mitgeprägt. Er hat dazu beigetragen, die Nachfrage nach Spitzenweinen zu steigern, und sie damit verteuert.
Aber: «Er hat Weintrinkern auch geholfen, viel Geld zu sparen», ist Lisa Perotti-Brown überzeugt. Perotti-Brown ist heute Chefredaktorin von «RobertParker.com», also Parkers Nachfolgerin. Sie trägt den Titel Master of Wine (MW) und arbeitet seit 2008 für den «Wine Advocate». Die Firma gehört mittlerweile einer Singapurer Investmentgesellschaft sowie dem Reifenhersteller Michelin.
Parker hat sein Lebenswerk verkauft, sitzt mit seinen Hunden und Frau Pat daheim in Maryland und arbeitet nach dem Lustprinzip weiter.
Perotti-Brown ihrerseits sitzt an jenem Samstag im Februar auf einem Sofa im Zürcher Hotel Dolder Grand. Im Raum nebenan wird ein Kurs zum Thema «Neue spanische Winzer» gegeben. Einen Stock tiefer probieren Hunderte Interessierte für den Eintrittspreis von 99 Franken Weine, die Perotti-Brown und ihre Kollegen mit mindestens 90 Punkten bewertet haben.
90 Punkte sind die Eintrittsschwelle für Weine am «Matter of Taste». So heisst die Veranstaltung, die Robert Parkers «Wine Advocate» auf der ganzen Welt organisiert. Und die Menschen kommen in Scharen. Früher wurde der Kritiker zur Verkostung ins Château geladen. Heute lädt der «Wine Advocate» die Produzenten und Händler ins Hotel und lockt für sie die Konsumenten an.
Und die sind begeistert von der Breite des Angebots. Zwar sind unter den prämierten Tropfen auch günstige, etwa ein Rotwein aus dem Languedoc für rund 15 Franken die Flasche. Oder die Weine eines hochmodernen Weinguts im griechischen Mazdeonien, das seine Rebflächen per Satellit überwachen lässt. Doch der Grossteil der Gäste schart sich um die Stände, wo es Klassiker für 100, 200 oder 300 Franken und mehr zu verkosten gibt.
«Wir arbeiten nur mit Kritikern, die bei uns angestellt sind», sagt Chefredaktorin Perotti-Brown. Das schaffe Unabhängigkeit. Und sie betont, dass sie zwar mit vielen Leuten in der Branche befreundet sei, aber dennoch eine neutrale Stimme bleibe. «Üppigen Diners auf Châteaus bleibe ich gerne fern», so Perotti-Brown.
Denn Punkte sind nicht käuflich. Man muss sie sich verdienen.
Wenn dieses Jahr Perotti-Brown erstmals für den «Wine Advocate» die jungen 2017er-Bordeaux verkostet, wird sie mit ihren Urteilen unweigerlich die Preise mitbestimmen. Und vielleicht den einen oder anderen Kellermeister oder Château-Besitzer verärgern.
Und an dieser Stelle hat er seinen Auftritt: der versprochene Nebendarsteller, ein aggressiver kleiner Hund. Er gehörte Jacques Hébrard, einst Manager des prestigeträchtigen Château Cheval Blanc in St. Emilion. Hébrard war stinkwütend über Parkers Bewertung der Fassprobe seines 1981er-Jahrgangs. Er rief den Kritiker in seinem Hotel in Bordeaux an und insistierte, dass dieser bei ihm vorbeikomme und die Weine noch einmal probiere.
Als Parker bei Hébrard auftauchte, sprang aus der Tür ein Zwergschnauzer, der sich sofort in den Unterschenkel des Gastes verbiss. Der Hundebesitzer schaute dem Spektakel tatenlos zu. Es dauerte eine Weile, bis es Parker gelang, den Köter abzuschütteln.
Während das Blut sein Bein herunterrann, probierte der Kritiker erneut den Cheval Blanc 1981, der mittlerweile in Flaschen abgefüllt war. Tatsächlich war der Wein weit besser, als Parker ihn in Erinnerung hatte.
Jacques Hébrard war längst nicht der einzige Winzer, der an Parker Rache üben sollte. 2005 war Florence Cathiard, Besitzerin des Château Smith Haut-Lafite, ebenfalls erbost über Parkers Wertung. Der Kritiker hatte ihrem Rotwein lediglich 95 Punkte gegeben, obschon sie der Meinung war, er sei besser.
Statt ihren Hund auf ihn anzusetzen, gab sie eine Skulptur in Auftrag: Die Plastik sollte die wütend zerknüllte Seite darstellen, auf der Parkers Bewertung stand.
Jahre später schraubte der «Wine Advocate» sein Verdikt auf 98 Punkte hoch. Aber da war die Skulptur längst bezahlt und zierte den Schlossgarten.