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08.07.2011 von
Wie würde sich das Klima entwickeln, wenn wir von einem hohen Bevölkerungswachstum, einem hohen Energieverbrauch pro Kopf und einem hohen Anteil fossiler Energieträger in der Zukunft ausgehen? Wir (eine ETH-Forschungsgruppe und eine Forschungsgruppe des US-National Center for Atmospheric Research) sind dieser Frage nachgegangen und haben dazu kürzlich einen wissenschaftlichen Artikel publiziert.
Die ganze Welt spricht von Massnahmen zum Klimaschutz, um die Klimaerwärmung auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Zustand (etwa 1850) zu beschränken. Einige Staaten argumentieren sogar für 1.5°C, um negative Auswirkungen zu verhindern. Man könnte meinen, dass alle Staaten nun tatsächlich versuchen, mit diversen Massnahmen die Klimaerwärmung auf diese maximale 2°C Erwärmung zu beschränken. Dem ist aber zumindest im Moment nicht so.
Tatsache ist, dass die weltweiten CO₂-Emissionen letztes Jahr einen neuen Rekordwert erreicht haben, und dass wir uns am obersten Rand des Spektrums aller Szenarien bewegen. Nehmen die CO₂-Emissionen weiterhin so zu, so ist mit einer Klimaerwärmung weit über 2°C zu rechnen. Klimasimulationen gibt es dazu aber kaum.
Ohne Gegenmassnahmen könnte Klima bis zu 5°C wärmer werden
Wir haben deshalb Szenarien erarbeitet, die auf der aktuellen Situation des CO₂-Ausstosses basieren, kombiniert mit Annahmen für ein hohes Bevölkerungswachstum mit hohem Energieverbrauch pro Kopf und einem Energiemix, der auch in Zukunft von fossilen Brennstoffen dominiert ist. Diese Annahmen sind pessimistisch, aber plausibel.
Wir konnten zeigen, dass das Resultat einer solchen Entwicklung eine globale Klimaerwärmung von bis zu 5.1°C gegenüber 1990 wäre. Also eine etwa um 2°C stärkere Klimaerwärmung, als die höchsten IPCC-Szenarien im gleichen Modell vorsehen! Zu denken gibt auch, dass unser Modell vor allem in hohen Breiten und über Land noch deutlich höhere Temperaturanstiege vorsieht. Schwierig abzuschätzen ist momentan, wie gross die Rückkopplungen zwischen den klimatischen Einflüssen und dem Kohlenstoffkreislauf sind. Sollten diese stärker sein als im Modell, dann könnte die Klimaerwärmung noch deutlich höher liegen.
Szenarien zeigen die Bandbreite der Entwicklung auf
Einmal mehr Panikmache, werden einige Leser wohl denken. Dem ist aber keineswegs so. Der Zweck von Szenarien ist, ein breites Spektrum von Möglichkeiten zu testen. Szenarien sollten nicht völlig unrealistisch sein, aber sie sollten den grösstmöglichen Bereich abdecken, der plausibel ist. Ist der Szenarien-Bereich zu eng, dann kann es kritisch werden. Die Feuerwehr hat Szenarien für einen Grossbrand in einem Einkaufszentrum, Krisenstäbe haben Szenarien für Erdbeben, «Rot nähert sich von Osten» hiess das Szenario noch vor wenigen Jahren bei der Schweizer Armee. Niemand hofft, dass diese Szenarien eintreten, aber sie können helfen zu sehen, wo die Schwachpunkte im System sind, und wie damit umgegangen werden kann. Hätte man in Fukushima ein Szenario für ein starkes Erdbeben mit Tsunami betrachtet und entsprechende Baumassnahmen ergriffen, dann hätte das Unglück im Kernkraftwerk vielleicht verhindert werden können.
Keine Schwarzmalerei, sondern Hilfestellung für Entscheide
Unsere Studie sagt also nicht, dass unser pessimistisches Klimaszenario wahrscheinlicher ist als andere. Unser Ziel war einerseits, das Verhalten des Klimamodells in extremen Situationen zu testen, und andererseits Daten bereitzustellen, mit denen sich Auswirkungen von solchen Szenarien z.B. auf Ökosysteme, Tourismus oder Wasserverfügbarkeit abschätzen lassen. Damit wird sichtbar, welche Systeme verwundbar sind.
Ob ein solch extremes Szenario Realität werden könnte, hängt von unseren Entscheidungen ab. Tatsache ist aber, dass die CO₂-Emissionen trotz der Wirtschaftskrise massiv steigen. Die Schweiz wird ihre im Kyoto-Protokoll festgelegten CO₂-Reduktionsziele 2008 bis 2012 voraussichtlich verfehlen. Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft werden die Stimmen für Gaskraftwerke laut. Und die Politik bezeichnet ein Klimaabkommen bei den Verhandlungen in Durban im kommenden Dezember schon jetzt als unwahrscheinlich. Selbst unverbesserliche Optimisten werden damit zugeben müssen, dass die neuen Szenarien vielleicht nicht so weit hergeholt sind.
Link zum publizierten Artikel >hier (pdf, 1.2 MB)
Die Studie wurde von diversen Zeitschriften und Onlineportalen in die Berichterstattung aufgenommen. Hier eine Auswahl:
Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie
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