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Der Muttertag wurde immer wieder neu erfunden - in der Antike, im Mittelalter, im amerikanischen Bürgerkrieg, in der Nazi- und der Nachkriegszeit. Fast immer diente er einem anderen Zweck, als die Mütter zu ehren.
Die Nazis beispielsweise motivierten damit Frauen zur Produktion von Kanonenfutter. Und in der Nachkriegszeit hatten Floristen und Confiseure ein vitales Interesse daran. Die von ihnen aus purem Geschäftssinn gegründete «Muttertagsvereinigung» verhalf dem Feiertag in der Schweiz nachhaltig zum Durchbruch.
Frei von Hintergedanken waren nur Feiern für Muttergottheiten, die es in allen Religionen gegeben haben dürfte. Wenn sich im Frühjahr wieder die Fruchtbarkeit von Mutter Erde offenbarte, wurden sie gefeiert, die ägyptische Isis, die phrygische Cybele oder die griechische Rhea etwa.
Letztere rettete indirekt die griechische Hochkultur: Als ihr Gatte Chronos sich anschickte, seine Kinder zu verschlingen, brachte sie Baby-Zeus in Sicherheit und jubelte ihrem Mann statt seiner einen Stein unter.
Als Zeus erwachsen war, zwang er seinen Vater, die Geschwister wieder herauszuwürgen. Danach brachte er ihn um. Ohne Rhea hätten also die alten Griechen einen Kinderfresser zum Gott gehabt. Nicht auszudenken, was das für ihre - und damit auch unsere - Kultur bedeutet hätte.
Nur keine Muttergefühle zulassen!
Im antiken Alltag war es mit der Mutterliebe indes nicht weit her. Weil jeweils der Vater darüber entschied, ob ein Kind behalten, verstossen, verkauft oder getötet wurde, unterdrückten die Frauen vorsichtshalber ihre Muttergefühle. Und da Mütter auch bei der Erziehung nicht mitzureden hatte, bauten sie auch keine auf.
Im Mittelalter dagegen war das Bild der selbstlos liebenden Mutter Maria ungeheuer populär. Das erklärt auch den «Mothering Sunday», den König Heinrich III. im 13. Jahrhundert zu Ehren von Mutter Kirche und Mutter Gottes in England einführte.
Da der «Mothering Sunday» der einzige Tag des Jahres war, an dem die Dienstboten frei hatten, besuchten sie dann traditionell ihre Eltern. Auf dem Weg heim pflückten sie Blumen am Wegrand. Wenn dieser Tage das Geschäft mit der Flora blüht, hat das also durchaus eine ehrwürdige Tradition.
Die englischen Siedler in der Neuen Welt hatten dann erstmal anderes zu tun als zu feiern, der Brauch ging dort unter. Bis 1872 die Frauenrechtlerin Julia Ward Howe die Wiedereinführung forderte. Ihre Absicht war, alle Mütter zu einer Anti-Kriegs-Bewegung zusammenzufassen. Der Plan ging nicht auf.
Erfolgreich war erst wieder Ann Jarvis, die nach dem Tod ihrer Mutter, der Gründerin einer lokalen Mütterberatungs-Bewegung, einen Muttertag einführte. 1907 wurde dieser in der Kirche ihres Wohnorts erstmals begangen und dank einer hartnäckigen Briefkampagne 1914 vom Kongress auch national ausgerufen.
Mutter gehört an den Herd und ins Wochenbett
Der Christliche Verein Junger Männer (YMCA/CVJM) und die Heilsarmee brachten die Idee zurück nach Europa. Hier war die Schweiz 1917 das erste Land, das die Anregung auf Initiative der Floristen aufnahm. Als regulärer Festtag wurde der zweite Maisonntag aber erst 1930 etabliert.
Den deutschen Nachbarn kam der Brauch damals gerade recht, da in den 1920er Jahren die Frauen ins Berufsleben drängten und Empfängnisverhütung betrieben. Mit der Idealisierung der Mutterrolle konnte man sie wieder zurück an den Herd schubsen und gleichzeitig den Fortbestand der Herrenrasse sichern.
Die Nazis mit ihrer Verleihung des Mutterkreuzes - im Volksmund «Karnickelorden» - brachten den Muttertag dann vollends in Verruf, so dass er in Europa, den USA und Japan eine Weile lang nicht mehr begangen wurde. Seine Wiedereinführung dürfte fast ausschliesslich kommerzielle Gründe gehabt haben.