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Vielleicht ist es nicht ganz überflüssig, für die Frage der Abstraktion, die wir hier verschiedentlich diskutiert haben, auf eine ganz kleine Geschichte von Franz Kafka hinzuweisen, “Vor dem Gesetz“, erschienen 1914. Nachfolgend der Volltext:
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des Dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Ist das nicht das eigentliche Problem auf den Punkt gebracht?
R. Floriot, Zu Unrecht verurteilt, Hamburg 1969, 247 f.:
Auch wenn die Untersuchung unter einwandfreien Bedingungen vorgenommen wird, lässt ein Blutalkoholgehalt von zwei oder selbst von 2,5 Promille niemals die Behauptung zu, dass sich die betreffende Person im Zustand der Trunkenheit befinden. Denn unbestreitbar ist, dass die gleiche Menge Alkohol durchaus unterschiedliche Wirkungen bei verschieben Personen hervorruft: Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Abspannung, Lebensweise (in frischer Luft oder in der Stadt), berufliche Tätigkeit (körperlich Arbeit oder Büroarbeit) und schliesslich die Gewöhnung an Alkohol spielen eine grosse Rolle. Wenn ein robuster Holzfäller von dreissig Jahren und eine junge charmante Brautjungfer während eines Hochzeitsessens je drei Gläser Champagner trinken, so wird sich der Einfluss des Alkohols in den darauffolgenden Stunden sehr verschieden bei ihnen bemerkbar machen.
[…]
Würde man für alle Personen dieselben Regeln gemäss Tabellen anwenden, so könnte es des öfteren auf einen Justizirrtum hinauslaufen.
Ist es nicht merkwürdig, wie noch nicht ein halbes Jahrhundert her ohne weiteres klar war, dass eine Standardisierung primär Ungerechtigkeit bedeutet? Und ist nicht noch merkwürdiger, wie sehr wir uns (zumindest hier) bereits an diese Standardisierung gewöhnt haben, so dass wir fast unwillkürlich staunen ob Floriots Argumenten, beinahe unfähig, den einzelnen Fall hinter der Abstraktion wahrzunehmen?
Ich erinnere mich einer Passage in einem Buch von Anatole France, ich weiss nicht mehr in welchem (wahrscheinlich Le Petit Pierre), in dem der Grossvater mit dem Enkel abends heimkehrt und vor der Fassade eine Mietshauses stehenbleibt, deren Wohnungen auf allen Stockwerken im selben Zimmer erleuchtet sind. Resigniert erklärt er dem Enkel, dass das nicht immer so war, sondern eine Folge der neuzeitlichen Standardisierung sei. Während früher die Menschen ihre Wohnung nach Belieben einrichteten, sei das nun vorbei, jedenfalls die Küche sei bei allen am selben Ort, nämlich dem gerade erleuchteten.
Abstraktion macht das Leben leichter und einfacher, indem sie es eliminiert.
Der Spiegel, von dem Naive meinen, er spiegele die Wahrheit wieder, als gäbe es nicht verschiedene Spiegel für Verliebte und für Selbstmörder, dieser unberechenbare, dem Spiel wechselnder Launen ausgelieferte Gegenstand …
Zbigniew Herbert: Der Spiegel, in: Der gordische Knoten, Berlin 2001, 21
mein kleiner Finger
ist warm
leicht nach innen gebogen
mit einem nagel am ende
er besteht aus drei gliedern
wächst direkt aus dem handteller
wäre er von ihm getrennt
wäre er ein ziemlich grosser wurm
er ist ein besonderer finger
der einzige in der welt kleine finger der linken hand
mir direkt gegeben
andere kleine finger der linken hand
sind kalte abstraktion
mit meinem
habe ich ein gemeinsames geburtsdatum
todesdatum
das gemeinsame alleinsein
aus: Zbigniew Herbert: Versuch einer Beschreibung
Ganz richtig, Epipur. Der Begriff vergewaltigt das Leben, stellt Aussenperspektive dar und nicht Erlebtes, der Begriff (und mit ihm die Regel) ist immer Prokrustes-Bett. Ebenso wie der Begriff den Moment mit anderen Momenten in Verbindung setzt, und ihn damit essentiell entwertet, ihn seiner grossartigen und überwältigenden Majestät beraubt, ihn dadurch aber erst handhabbar und überhaupt sagbar macht (denn der Moment, wenn wir es denn wagen, uns ihm einmal hinzugeben, ist immer überwältigend und ausser Kontrolle und eben auch nicht sagbar), ebenso setzt die Regel Einzelfälle miteinander in Beziehung, die eigentlich keine Beziehung zueinander haben.
Wenn Antigone die Beerdigung ihres Bruders einfordert gegen die Regel und das Gebot, dann macht sie geltend, dass es um ihren Bruder geht, d.h. eben nicht um einen Menschen, einen Mann, einen Toten oder irgendjemandes Verwandten, sondern eben um ihren Bruder und dass damit die Einmaligkeit und Unabwägbarkeit bereits vollständig umschrieben sind, denn über dieses “Aber er ist mein Bruder!” hinaus gibt es eben kein weiteres Argument, das notwendig oder auch nur möglich wäre. Und genau dies – die Einmaligkeit des Momentes, des Hier und Jetzt, ist, was letztlich zählt. Hier ist Poesie zuhause und hier die Liebe.
Ich hatte hier bereits von Pornographie gesprochen. Das erscheint immer noch als die treffende Bezeichnung: Denn Pornographie ist nicht einfach Sexualität im Bild, sondern unterscheidet sich davon, indem die unbeteiligte Beobachtung von Sexualität hier eine Verdinglichung anstrebt bzw. erreicht. Das Objekt ist hier also nicht einfach nur Dargestelltes, sondern seiner zentralen Funktion nach Unterworfenes, Beherrschtes, Benutztes.
Es sei nicht bestritten, dass das auch erregend, anziehend und – ja, sagen wir ruhig auch – geil sein kann (beides, das Verdinglichen und das Verdinglicht-Werden je nach Laune oder Moment). Das ist auch kein Defizit und kein Mangel, ganz im Gegenteil. Wenn man aber besagter Anziehung etwas nachgeht, dann wird erkennbar, dass uns an der Verdinglichung die Pause vom Moment anzieht, vom Selbst, vom immerwährenden Reflektieren und Abwägen, die Pause vom Über-Ich. In der Abstraktion “haben” wir die Welt, “beherrschen” wir den Moment, riskieren wir uns nicht und – und das ist der Schlüssel – können uns aber gleichzeitig vormachen, wir kreierten Stabilität oder Gerechtigkeit. Jedem das Seine, nicht? Nur sind die Dinge eben nicht vergleichbar, wenn wir uns wirklich auf sie einlassen. Das wird auch sofort offensichtlich, wenn wir uns vorstellen, dass derjenige, mit dem wir gerade Sex haben, uns mit einem anderen vergleicht. Daran ist nicht störend, dass der Vergleich für uns vielleicht nicht schmeichelhaft sein könnte, sondern dass überhaupt die Möglichkeit des Vergleichs bestehen sollte, denn das belegt doch, dass wir gerade keine Hingabe erleben, sondern nur etwas, das ähnlich aussieht, dieweil wir blosses Objekt oder Instrument des Anderen sind. Und auch dies, ganz vorurteilsfrei, ist natürlich zulässig, nur ist es eben keine dauerhafte Position. Vielmehr kann es gerade nur als Ausnahmezustand erregend sein. Nur wer es nicht tun muss, kann “geben” und gehorcht nicht einfach. Nur dasjenige, worauf wir keinen Anspruch haben, kann Geschenk sein. Und nach diesem sehnen wir uns, nur nach diesem. Und wenn es einen Namen haben sollte, so hiesse es “Rosebud”, nicht?
Es ist die “objektive” Position, die Aussenperspektive, die dem Menschen nicht zusteht, die ihm zumindest nicht dauerhaft zugänglich ist, wenn er seine Menschlichkeit nicht verlieren will. Natürlich kokettieren wir damit, natürlich sind wir manchmal Gott (v.a. wenn wir alleine sind), natürlich ist es manchmal attraktiv, sich oder andere von Aussen und unbeteiligt zu sehen. Aber das kann keine dauerhafte Perspektive sein, weil wir in dieser unerträglichen Ferne und Kälte nicht existieren können. Uns bleibt am Schluss – so beängstigend es erscheinen mag – eben nur der Moment, die Hingabe an das Unkontrollierbare, an die Liebe und – ja, an die Verletzlichkeit.
Und nur zur Erinnerung, falls jemand glauben wollte, solche Überlegungen seien philosophiefremd, sei er oder sie daran erinnert, dass selbst Kant (wahrlich kein Feind der Abstraktion) in der “Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht” seine berühmte Bemerkung tut: “aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden. Nur die Annäherung zu dieser Idee ist uns von Natur auferlegt.”