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Zur Traversierung des Weisshorns
( Schalligrat-NordgratVon Ernst Durtsehi
Winterthur ) Im « Klubführer durch die Walliser Alpen », Bd. II, 2. Auflage, schreibt Marcel Kurz ( S. 190 ): « Es scheint nicht, dass der Berg ( das Weisshorn ) jemals vom Schalligrat bis zum Bieshorn traversiert wurde. » Das war 1928. Ein Jahr darauf überschritten Alfred Zürcher, St. Gallen, und Prof. Brown mit den Führern Knubel und Lochmatter von der Topalihütte aus das Weisshorn über den Nordgrat mit Abstieg über den Schalligrat zur Weisshornhütte. Sie benützten beim Abstieg die damals übliche Route über den Schalligletscher. Abgang in der Topalihütte nach Angaben von A. Zürcher um 1 Uhr, Ankunft in der Weisshornhütte um 20 Uhr.
Die Traverse mit Aufstieg über den Schalligrat und Abstieg über den Nordgrat dürfte noch nicht oft gemacht worden sein. Das wird sich nun vielleicht ändern, seitdem eine neue Route zum Schallijoch herausgefunden worden ist. Von einem der « vier Schaff hauser », von denen Wilhelm Preiswerk in seinem Aufsatz im Jahresbericht für 1944 der Sektion Basel spricht und die mit ihm das Weisshorn über den Schalligrat bestiegen ( Ernst Holderegger ), vernahm ich anlässlich der Rückkehr von Walliser Fahrten von diesem neuen Zugang zum Schallijoch. Damit war der Plan für 1945 fertig, denn der lange Gletschertippel auf der bisher bekannten Route zum Schallijoch, der einen genügend frühen Abmarsch verhindert, oder ein Biwak in den Felsen des Schallihorns, reizten mich durchaus nicht. Später kam mir dann auch noch der Aufsatz von Wilhelm Preiswerk mit der Routenskizze, die nun in den « Alpen » mit Angaben über den Anstieg ( Nr. 9, 1945 ) ebenfalls erschienen ist, zu Gesicht. Die Beschreibung ist so gut, dass man den Weg auch mit der Laterne findet, zumal man sich vorher von der Hütte aus gut orientieren kann. Selbst die Wandstufe kann mit Licht begangen werden. Als wir das von W. Preiswerk erwähnte horizontal nach dem Bache verlaufende Band erreichten, wies uns sogar ein Steinmannli die Richtung, ein Zeichen, dass die neue Route aufgekommen ist. Der Eiswulst des obern Schalligletschers über der Wandstufe kann auch ohne Steigeisen bewältigt werden. Als mein Freund Fritz Häring und ich am 27. Juli 1945 das Weisshorn über den Schalligrat und den Nordgrat traversieren wollten, blitzten wir allerdings ab. Wegen drohenden Wetterumschlags mussten wir die Tour über der Wandstufe abbrechen. Ähnlich erging es uns übrigens drei Tage später am Zmuttgrat. Pech! Sonntag, den 5. August, fuhr ich dann allein frühmorgens in Winterthur fort, um am gleichen Tage wieder zur Weisshornhütte aufzusteigen. Tags darauf gelang, obschon das Wetter auch nicht ganz sicher war, die schon lange geplante Überschreitung mit dem sympathischen, jungen Bergführer Heinrich Taugwalder aus Zermatt. Nach Überwindung des Bergschrundes stiegen wir direkt zum Grat auf, umgingen also die ersten Gendarmen des Schalligrates. Das dürfte nur bei ganz guten Verhältnissen praktikabel sein. Der Grat war in seiner ganzen Länge aper und bot tatsächlich eine herrliche Kletterei. Der Fels ist rauh und hat sehr gute Griffe. Besondere Schwierigkeiten weist er, trotz der Steilheit, nicht auf. Der « Fingerbeeri»-Verschleiss allerdings ist bedeutend! Der Nordgrat, den ich 1937 zum ersten Male begangen habe, erschien mir ebenso interessant und nicht leichter als der Schalligrat. Mit dieser Ansicht stehe ich nicht allein. Diesmal stiegen wir nicht, wie 1937, vom Weisshornjoch direkt zum Col de Tracuit ab, sondern wir überschritten das Bieshorn, was viel vorteilhafter ist. Kurz vor der Tracuithütte überraschte uns noch freundlicherweise ein « bäumiges » Gewitter — und anderntags sassen wir etwas trübselig bei strömendem Regen und dichtem Nebel um einen halben Liter Fendant in der Cabane Petit Mountet! Viereselsgrat und Zmuttgrat mussten wiederum abgeschrieben werden.
Die Überschreitung des Weisshorns mit Aufstieg über den Schalli- und Abstieg über den Nordgrat gehört sicher zu den rassigsten und schönsten Fahrten in den Schweizer Alpen. Sie ist guten und ausdauernden Touristen sehr zu empfehlen. Mit der neuen Route zum Schallijoch, die auch dem Steinschlag nicht ausgesetzt ist, können bei günstigen Verhältnissen rasche Partien diese Tour ganz gut in einem Tage machen. Wir gingen um 2 Uhr in der Weisshornhütte ab, erreichten um 9% Uhr den Weisshorngipfel und waren um 14% Uhr bereits auf dem Bieshorn und, nach einem Aufenthalt von etwa einer Stunde in der Tracuithütte, um 18.45 Uhr in Zinal. Dabei kamen wir uns durchaus nicht etwa als « fliegende Holländer » vor! Wir genossen die herrliche Fahrt in vollen Zügen. Vier Kameraden der Sektion Rossberg, die mit uns die Hütte verliessen und über den Ostgrat aufstiegen — wir trafen sie im Abstieg von der Cabane Petit Mountet —, kamen allerdings erst um 21 y2 Uhr in der Tracuithütte an. Sie gerieten bereits am grossen Gendarmen des Nordgrates ins Gewitter.