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Es ist möglich, dass wir uns seit dem Lockdown intensiver mit unseren Zimmern auseinandergesetzt haben als je zuvor. Schon in der Zeit der Influenza-Pandemie stellte sich die britische Schriftstellerin Virginia Woolf Fragen über die Vorteile von Selbstisolation im Kontext einer feministischen Ästhetik, die uns rund hundert Jahre später willkommene Gedankenanstösse über das Potenzial unserer Zimmer liefert.
Für diejenigen, welche nicht schon vor Beginn der Pandemie von Zuhause aus arbeiteten, wurden Wohnräume poröser. Bisher solid scheinende Barrieren wie Wände entpuppten sich als Organe einer zwischenmenschlichen Osmose. Nachbarn entwickelten eine neue Präsenz, deren Anspruch auf Aufmerksamkeit weit über die Gespräche beim Briefkasten oder in der Waschküche hinausgingen. Es erinnert an Rilke:
Es giebt ein Wesen, das vollkommen unschädlich ist,
wenn es dir in die Augen kommt …
Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise
ins Gehört gerät, so entwickelt es sich dort,
es kriecht gleichsam aus, und man hat Fälle gesehen,
wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem
Organ verheerend gedieh, ähnlich den Pneumokokken
des Hundes, die durch die Nase eindringen.
Dieses Wesen ist der Nachbar.
Rilkes Bemerkungen zur akustischen Invasion des eigenen Raumes behalten zeitgenössische Relevanz. Klänge zeichnen sich durch eine dem Visuellen komplett fremde Penetranz aus. Im Gegensatz zu visuellen Impulsen durchdringt Klang nicht nur Wände und Fenster, sondern auch uns selbst. Trotzdem wurde diese Durchlässigkeit in Diskussionen über die Effekte der Selbstisolation erstaunlich selten thematisiert, obwohl sie das positive Potenzial der Isolation ausleuchten kann. Diese Qualität ist auf eine andere Figur der europäischen Literaturmoderne – Virginia Woolf – und die Zeit der letzten globalen Pandemie zurückzuführen.
Das eigene Zimmer
Woolfs bekannte Forderung nach einem (im besten Fall schallisolierten) Zimmer für sich allein als eine Grundbedingung der weiblichen Emanzipation erfolgte zwar erst 1928, geht allerdings in ihrem Inhalt auf die Periode 1918–1919, die Hochzeit der Influenzapandemie, zurück. Einerseits erhielten britische Frauen im Februar 1918 erstmals das Wahlrecht; bzw. Frauen über 30, die entweder einen Universitätsabschluss oder Landbesitz in eigenem Namen (oder dem ihres Ehemannes) vorweisen konnten. Diese stark beschnittene Rechtserteilung beeindruckte Woolf entsprechend wenig. Stattdessen dachte sie zunehmend über effektive Emanzipation nach, die sie in künstlerischer Hinsicht in diesen Jahren selbst erlebte.
Im Juli 1918 erschien die erste Publikation der Hogarth Press, dem gerade gegründeten Verlag von Virginia und ihrem Gatten Leonard Woolf. Die Veröffentlichung beinhaltete Woolfs Kurzgeschichte «The Mark on the Wall». In dieser löste sie sich zum ersten Mal vom Stil des realistischen Romans, damals die dominante literarische Tradition in England. Später verglich sie das Freiheitsgefühl beim Schreiben des Textes als ein Abheben nach monatelangem Schuften im Steinbruch. Die Geschichte dreht sich um die Gedanken und Erinnerungen einer unbenannten Erzählerfigur, die einen Fleck an der Wand betrachtet. Die innere Welt dieser Figur entfaltet sich in einer chaotischen Sequenz von Assoziationen, mittlerweile ein geläufiges Merkmal moderner Literatur. Gleichzeitig überarbeitete Woolf das Manuskript ihres zweiten Romans, Night and Day, in dem sie sich noch weitgehend realistischer Konventionen bediente. «The Mark on the Wall» markiert daher nicht nur den Beginn des Stils, mit dem Woolf in Mrs. Dalloway und To the Lightouse ihren Ruf etablieren würde, sondern auch einen wichtigen Moment in ihrem Denken über die Notwendigkeit der Unabhängigkeit für kreatives Arbeiten. Es ist bezeichnend, dass nach der Veröffentlichung von Night and Day im Duckworth Verlag jedes ihrer literarischen Werke durch die Hogarth Press erschien. Nur so konnte Woolf ihre Ästhetik kompromisslos verfolgen.
Daher überrascht es nicht, dass diese Unabhängigkeit ein integraler Teil ihrer Forderungen in A Room of One’s Own wurde, in der sie ein selbständiges Einkommen und Zugang zu einem eigenen Zimmer als die notwendigen Grundlagen kreativen Schreibens definierte. Während ersteres in direktem Zusammenhang mit der Unabhängigkeit vom Verlagswesen steht, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit eines eigenen Zimmers. Natürlich braucht man einen Platz zum ungestörten Arbeiten, und dies war für viele Schriftstellerinnen in der Zeit nicht der Fall. Allerdings hat das eigene Zimmer noch eine weitere, paradoxe Bedeutung für Woolf: ein isolierter Raum, in dem der Zugang zur Realität erst möglich wird.
Beim Schreiben stellt sich Woolf beständig die Frage, wie man das Innenleben anderer Menschen repräsentieren kann. Die Integrität einer Autorin, schreibt Woolf, besteht in ihrer Überzeugung, das Leben der Anderen wahrheitsgetreu darzustellen. Diese Wahrheit lässt sich nur durch beständige Reflexion und imaginative Selbsterweiterung erfassen. Im Gegensatz zur heutigen Zeit erhielt Woolf nur im Alltag oder durch Bücher Zugang zum Innenleben Anderer. Obwohl Memoiren schon ein beliebtes Medium waren, war diese Menge an introspektiven Erzählungen mickrig im Vergleich zu den Beiträgen, die man heute als Text sowie als kommentierte Bilder und Videos online findet. Es scheint allerdings unwahrscheinlich, dass Woolf diese Informationsfülle bevorzugt hätte.
Woolf misstraute dem konfessionellen Impuls ebenso wie den Konventionen des Realismus. Hinter persönlichen Bekenntnissen steht häufig das Bedürfnis, für die eigene Ehrlichkeit bewundert zu werden. Eines der offensichtlichsten Beispiele dieser Kultur findet sich in den angeblichen «Getting Real»-Momenten auf sozialen Medien, in denen Influencer_innen die düstere Realität der Plattformen zu entlarven versuchen und damit Authentizität für ihren virtuellen Auftritt beanspruchen. Aber die Diskrepanz zwischen der Person, die wir sind, und der Person, die wir in die Welt tragen, bestimmt jede unserer Interaktionen mit anderen Menschen, ob virtuell oder echt, bewusst kuratiert oder nicht. Diese Diskrepanz kann nicht vollkommen von den Personen selbst erklärt werden. Wir anderen müssen sie erarbeiten. Und an diesem Punkt will ich in das eigene Zimmer und zu Rilkes unheimlichen Wesen zurückkehren.
Während die einzelnen Geräusche meiner Nachbaren nichts Konkretes über sie verraten, so fügen sie sich in gewissen Momenten zu einem suggestiven Narrativ, dessen Lücken mich zur imaginativen Arbeit aufrufen. Ihre pneumokkokische Präsenz erinnert mich daran, dass mir Menschen generell unvollständig begegnen und ich beständig daran arbeiten muss, sie in ihrer ganzen Komplexität wahrzunehmen. Denn die unzähligen «privaten» Wahrheiten im Internet legen den Grundstein für einen fatalen Solipsismus. Nehmen wir Menschen beim Wort und vertrauen wir ihrer Selbstrepräsentation, sprechen wir ihnen ein Anrecht auf Komplexität ab. Die Aufarbeitung dieser Komplexität schulden wir ihnen selbst dann, wenn sie nicht darauf zu bestehen scheinen. Selbstisolation ist nicht zu bevorzugen. Doch wenn man dazu gezwungen ist, warum nicht das Potenzial für Sympathie und Solidarität anerkennen? Genau dafür kann das eigene Zimmer stehen. Wenn Rilke den Nachbarn als Krankheit versteht, ist es an der Zeit, dieses Bild im aktuellen Pandemiekontext umzuschreiben. Nicht, weil Ansteckungsanalogien nicht angebracht wären, sondern weil sich die Ansteckung in diesem Fall lohnt. Die Bereitschaft, anderen Menschen ein komplexes Innenleben zuzusprechen, ist weiterhin das beste Mittel gegen die Vereinsamung und den Pessimismus. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie einen Roman oder fragen Sie Ihre Lieblingsautor_innen.
Unser Experte Niklas Cyril Fischer unterrichtet zeitgenössische englischsprachige Literatur und forscht zurzeit über die Repräsentation von Lärm und anderen akustischen Phänomenen in der literarischen Moderne.