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19.Februar 2012
Aussergewöhnlich war die Kältewelle der letzten Wochen über ganz Europa. Auf der NASA Earth Observatory Karte sind die tiefen Temperaturen in blau eingefärbt.
Wie passt das zur Klimaerwärmung? Klima ist ein geographischer und zeitlicher Mittelwert über die Wetterschwankungen. Schon der Mittelwert über den Winter oder das ganze Jahr wird die Kältewelle relativieren. Seit 1986 lagen gemäss MeteoSchweiz alle Jahres-Temperatur-Mittelwerte in der Schweiz über dem Durchschnitt von 1961 bis 1990. Mit einem Temperaturüberschuss von 2 Grad war 2011 gesamtschweizerisch das wärmste Jahr seit Messbeginn 1864.
Ein einzelnes Ereignis wie z.B. die Kältewelle kann prinzipiell weder als Beleg für noch als Beleg gegen eine Klimaveränderung verwendet werden. Für einen rigorosen Nachweis braucht es eine Vielzahl von Daten aus verschiedenen Regionen und/oder verschiedenen Jahren. Selbst damit ist ein strenger statistischer Nachweis über eine systematische Veränderung solcher Mittelwerte sehr anspruchsvoll. In einer soeben erschienenen Arbeit “Inferences on weather extremes and weather-related disasters: a review of statistical methods” wird der diesbezügliche Stand der Forschung kritisch diskutiert.
Mit diesem Vorbehalt stellt sich dennoch bei jedem Extremereignis die Frage, ob solche Ereignisse im veränderten Klima eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen. Auch für Laien plausibel ist es, dass Hitzewellen in einem wärmeren Klima häufiger auftreten. Fundierte Aussagen dieser Art werden durch die Klimamodelle geliefert. Der letzte IPCC Bericht enthält eine Vielzahl spezifischer Prognosen für verschiedene Regionen. Es zeigt sich, dass nicht nur Hitzewellen und Dürren sondern auch Extremniederschläge mit Überflutungen an diversen Orten gehäuft zu erwarten sind. Inzwischen werden diese Prognosen durch eine Vielzahl von Beobachtungen gestützt, siehe z.B. die WMO -Berichte über Wetterextreme.
Aber wie kann man die Kältewelle einordnen? Ist sie einfach ein Ausreisser im Rahmen der statistischen Wetterschwankungen um den erhöhten Mittelwert? Paradoxerweise wurde von Pethoukov bereits 2009 mit Hilfe von Modellrechnungen ein Mechanismus nachgewiesen, der die Wahrscheinlichkeit für ein kontinentales Hoch und damit für eine Kältewelle in Europa als Folge einer reduzierten Meereisbedeckung in der Arktis erhöht. Die Arbeit ist hier näher erläutert. Diese Zusammenhänge wurden inzwischen vom Alfred Wegener Institut mit den gemessenen Daten verglichen und es konnte der statistische Beweis für diesen Zusammenhang erbracht werden. Da die Meereisbedeckung in der Arktis in diesem Winter aussergewöhnlich niedrig war, vor allem in den für den genannten Effekt wichtigen Bereichen in der Barentssee, war mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für die beobachtete Wetterlage zu rechnen. Das folgende Bild aus einem Rahmstorf-Beitrag dazu zeigt in dem rot gestrichelt markierten Gebiet einen grossen Bereich, der normalerweise im Winter eisbedeckt und in diesem Winter völlig eisfrei ist, was zu der bevorzugten Ausbildung eines Hochdruckgebiets dort führt, infolge der grösseren Erwärmung durch das Wasser.
Direkt neben unserem oben gezeigten kalt-blauen Kontinent war es also ungewöhnlich warm.
Dasselbe gilt für andere Bereiche der Erde, z.B. war es am Südpol extrem warm: “South Pole records warmest temperature on record”. Am Weihnachtstag wurde an der Amundsen-Scott Station minus 12 Grad gemessen, der höchste je gemessene Wert.
Aber auch andere Extremereignisse haben sich 2011 gehäuft. Die Liste der NOAA über “Wetterereignisse” ist für 2011 ausserordentlich eindrücklich und für 2012 hat sie ebenso begonnen. Für die USA gibt es hier eine Übersicht. Südamerika und auch Australien kämpfen mit Trockenheit und Waldbränden sowie mit Überschwemmungen. Und diese Extremereignisse sind genau von der Art, wie sie von den Klimaforschern seit langem vorhergesagt wurden. Die soeben zu Ende gegangene Kältewelle in ganz Europa muss man leider auch in diese Menetekel-Liste aufnehmen.
Autor: Klaus Ragaller
Artikel gespeichert unter: Klima