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Jacqueline Maurer, M.A.
Referentin: Prof. Dr. Fabienne Liptay
Die halbstündige Trennungsszene in einer unfertigen Neubauwohnung inszeniert als räumlich und bildliche Separation in „Le Mépris“ (1963). Das Rennen im Dreiergespann durch die dadurch zu blossen Lauf-Korridoren mutierten Galerien des Louvre in „Bande à Part“ (1964). Lemmy Cautions nächtliche Autofahrten durch das futuristisch erscheinende Paris in „Alphaville“ (1965). Berühmtheit erlangten diese Schauspiele aus Jean-Luc Godards Filmen gerade durch ihre präzise Mise en scène und Mise en image der architektonischen Disposition, wie im Forschungsprojekt aufgezeigt werden soll.
Bereits in seinem ersten Werk, dem Kurzfilm „Opération ‚Béton’“ (1954), manifestierte Jean-Luc Godard mit seiner Dokumentation der Betonarbeiten des gigantischen Staumauerbaus der „Grande Dixence“ (Schweiz) sein Interesse für die filmische Vermittlung der Prozesshaftigkeit des Bauens. Das wiederholte Zeigen von Baustellen und Neubauten im Werk der 1960er-Jahre sollte vorerst in dem als filmische und soziologische Studie angelegten Film „Deux ou trois choses que je sais d’elle“ (1967) seinen Höhepunkt finden, dessen Hauptschauplätze in einem präfabrizierten „Grand Ensemble“ der Pariser Banlieue angesiedelt sind. Godard übte hier erstmalig explizite Kritik an der französischen Politik unter Charles de Gaulle – notabene vollzog er dies über die poetische Verschränkung von Film, Architektur und Stadtplanung. Die sich ausprägende politische Haltung des Regisseurs und seine damit verbundene Thematisierung von Lebenshaltungen in vorgegebenen Lebensverhältnissen im boomenden Frankreich vermittelte er offenbar in hohem Masse über das filmisch angeeignete realwirkliche „Décor“, das im Paris der 1960er tatsächlich gross angelegten Veränderungen unterzogen wurde. Weiter werden in „Tout va bien“ (1972) Bertolt Brechts Konzepte des Durchbrechens der Vierten Wand und der Verfremdungseffekt über die Exposition der Studio-Architektur buchstäblich inszeniert. Godards permanente Reflexion über Film und Kino ging dann auch in das filmische Portrait der Stadt Lausanne anlässlich deren 500-Jahrfeier ein, wobei sich der Kurzfilm „Lettre à Freddy Buache“ (1982) gleichzeitig als Selbstportrait des Regisseurs gibt. Seit seiner Heimkehr an den Genfersee Ende der 1970er-Jahre rückt vermehrt die Landschaft in den Fokus, bis die Kamera gar in "JLG/JLG Autoportrait du Décembre" (1995) in Godards Gebäude, seine Wohnung, sein Denken eindringt. Zehn Jahre später sollte er sein Film-Denken multiskalar im Pariser Centre Pompidou ausbreiten. Er platzierte darin seine Maquetten seiner ursprünglichen und gescheiterten Idee zur Ausstellung, die sich schliesslich in „Voyage(s) en Utopie. Jean-Luc Godard 1946-2006“ als Baustelle präsentierte und die Besucher*innen abermals zur Sinnkonstruktion herausforderte. Noch immer neuen Technologien mit Neugierde begegnend, experimentierte Godard jüngst für „Adieu au langage“ (2014) mit 3D und lädt die Zuschauer*innen ein, den Film mit eigenen Augen zu de-montieren.
Das interdisziplinäre Dissertationsprojekt untersucht mit dem Œuvre Jean-Luc Godards die Verschränkung zwischen Film, Architektur und Stadt(planung). Der Massstab fungiert hierbei als zu untersuchende Schnittstelle, gilt dieser bei Film genau wie bei Architektur und Stadtplanung als methodologische und epistemologische Kategorie, die gleichzeitig mit Fragen der Angemessenheit in enger Verbindung steht.