Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/946

Studenten einer Schweizer Universität haben dank Geld aus einer Crowdfunding-Kampagne die Möglichkeit erhalten, ein Flugzeug zu bauen und ein Energieproblem zu lösen. Doch ist die Finanzierung über die Öffentlichkeit der richtige Weg, um gute Forschung zu finanzieren?
10'000 Franken. Das tönt nicht nach genügend Geld, um ein Flugzeug zu bauen. Das war aber das Ziel, dass sich Lorenz Affentranger und seine neun Kollegen – alle Bachelor-Studenten für Ingenieurwesen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) – für ihre Kampagne gesetzt hatten, auf "Wemakeit"externer Link, der grössten Schweizer Crowdfunding-Plattform.
Denn die Studierenden wollen kein typisches Flugzeug bauen: Es soll lediglich fünf Meter Flügelspannweite haben und statt Menschen Windenergie transportieren.
Um Ihr Projekt zu finanzieren, nutzten Affentranger und seine Kollegen "Science Booster"externer Link, eine Plattform, die von "Wemakeit" speziell für die Unterstützung wissenschaftlicher Projekte lanciert wurde. Als die Kampagne am 12. April abgeschlossen war, hatten die Studierenden ihr Ziel erreicht – und sogar verdoppelt.
Ihr Projekt namens "Ftero"externer Link versucht einen neuen Zugang zur Energiegewinnung, indem es sich an einem gewöhnlichen Kinderspielzeug orientiert: "Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind mit einem Papierdrachen spielten? Und an die Kraft, die Sie an der Schnur spürten, wenn der Wind den Drachen erfasste? Im Prinzip gewinnen wir mit dieser Kraft Energie", erklärt Affentranger.
Gegenwärtig arbeitet das Team mit einem Prototyp von 2,5 Metern Flügelspannweite. Dieser ist durch eine Leine mit einer Anlage am Boden verbunden, in der sich ein Generator befindet.
Nachdem der Flieger aus Kohlestofffasern von Hand in die Luft geworfen wurde, erfasst ihn der Wind und trägt ihn auf eine Höhe von etwa 150 Metern. Einmal oben, bewegt er sich kreisförmig und überträgt die Energie ähnlich einem Windrad durch die Leine zum Generator, der daraus Elektrizität macht.
Doch der an die Leine genommene Flieger hat einige Vorteile gegenüber einer Windturbine: Er kann einerseits sehr hoch hinauffliegen, wo stärkere und beständigere Windverhältnisse herrschen. Andererseits kann die gesamte Anlage einfacher ab und andernorts wieder aufgebaut werden, wo Energie benötigt wird.
"Wir könnten uns auch einen kleinen Zweimeter-Flieger mit Generator vorstellen, den man mit einem Auto transportieren könnte – zum Beispiel zu einer Berghütte oder in eine Krisenregion. Wir können auch grössere Flugzeuge herstellen und sie an Land oder über dem Meer einsetzen, wo sie wie Windfarmen funktionieren könnten", sagt Affentranger.
Zuerst aber muss das "Ftero"-Team einen grösseren Flieger bauen – den Fünfmeter-Prototypen. Und damit auch das Problem lösen, wie ein so grosses Ding automatisch gestartet und gelandet werden kann. Und hier kommt das Crowdfunding ins Spiel.
"Weil wir etwas zwischen einer Forschungsgruppe und einem Startup sind, könnten Unternehmen und Privatinvestoren zögern, bei uns einzusteigen. Mit Crowdfunding können alle so viel geben, wie sie wollen, und am Schluss kommt die Summe zusammen, die wir auch tatsächlich brauchen", so Affentranger.
Zwischen Grundlagenforschung und Geschäft
Luc Henry, unabhängiger Berater und Mitarbeiter von "Science Booster", sieht Crowdfunding als ausgezeichnete Option für Projekte, die zu klein oder zu kurzfristig sind, um ein grösseres wissenschaftliches Stipendium zu erhalten, wie auch für Technologien, für die noch zusätzliche Forschung nötig ist, bevor sie für Investoren interessant werden.
"Solche Projekte brauchen noch etwas Grundlagenforschung, eine Machbarkeitsstudie muss erstellt oder ein Prototyp gebaut werden", erklärt er. "Oft sind die Initianten solcher Projekte Studierende einer Universität. Die Belohnung, die sie ihren Unterstützern geben können, ist kein Produkt, sondern es sind eher Informationen über ihr Projekt."
Letztes Jahr hatte Henry gemeinsam mit seinem Kollegen Mirko Bischofberger die Initiative "Science Booster" mitinitiiert und eine Partnerschaft zwischen "Wemakeit" und der Gebert Rüf Stiftungexterner Link ermöglicht. Dank dieser Partnerschaft erhalten "Science Booster"-Projekte Stipendien in gleicher Höhe, wie sie über Crowdfunding aufbringen konnten, "um sich auf originelle Weise aktiv mit der Öffentlichkeit auszutauschen und Geldmittel zu erhalten, mit denen unkonventionelle wissenschaftliche Ideen ausprobiert werden können", so Henry.
"Die meisten Projekte oder Experimente, die um die 10'000 Franken kosten, werden ignoriert oder als Nebenprojekte eines grösseren Stipendiums durchgeführt. Wir wollten Leuten eine Plattform bieten, die nur dieses eine Experiment oder Projekt durchführen wollen."
Wichtige Nähe
Doch kann Crowdfunding ein Projekt wie "Ftero" wirklich zum Abheben bringen? Laut dem Crowdfunding Monitorexterner Link der Hochschule Luzern lag 2015 der durchschnittliche Betrag, der durch eine Kampagne gesammelt werden konnte, bei 11'700 Franken. Im Bereich Forschung und Entwicklung aber ist das ein Klacks – sogar für kleine oder kurzfristige Projekte.
Doch die Luzerner Forscher fanden heraus, dass Crowdfunding andere, nicht-monetäre Vorteile bietet. Dazu gehört die Möglichkeit, dass sich Projektinitianten direkt mit ihren Geldgebern vernetzen und Aufmerksamkeit auf ihre Projekte ziehen können.
Henrys Erfahrungen mit "Science Booster" bestätigen diese Resultate: "Wenn Sie beruflich forschen, sollte Crowdfunding nicht als primäre Möglichkeit betrachtet werden, um an Geld zu kommen, sondern um Sichtbarkeit zu schaffen und Leute für Ihr Forschungsgebiet zu interessieren und sich mit ihnen zu vernetzen", betont er.
Wie wichtig solche direkten Kontakte sind, unterstreicht der Luzerner Crowdfunding Monitor: Bei den meisten belohnungsbasierten Crowdfunding-Projekten (bei denen Geldgeber ein Geschenk oder eine Dienstleistung für ihr finanzielles Engagement erhalten) in der Schweiz handle es sich um ein "lokales Phänomen". Auch wenn Crowdfunding-Plattformen vollständig Online tätig sind, fanden die Autoren heraus, dass die Distanz zwischen den Initianten einer Kampagne und ihren Geldgebern durchschnittlich nur 12 Kilometer beträgt.
"Geldgeber engagieren sich normalerweise, weil sie die Initianten kennen, sie das Projekt emotional anspricht oder sie sich etwas davon versprechen", sagt Andreas Dietrich, Professor im Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern und Ko-Autor des Berichts.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass durch diese emotionale Bindung oder die Bekanntschaft mit den Projektinitianten praktisch ausgeschlossen ist, dass sehr unklare Wissenschaftsprojekte grosse Chancen beim Crowdfunding haben.
"Ich wage zu behaupten, dass 90 Prozent der wissenschaftlichen Forschung nie Geld über Crowdfunding erhalten, weil sie zu komplex oder zu spezifisch sind. Die Projekte, die wir bei 'Science Booster' sehen, haben mit Ernährung, Gesundheit, Energie oder Umwelt zu tun – Begriffe, zu denen die Menschen einen Bezug haben und die sie gerne unterstützen", erklärt Henry.
Die Tatsache, dass die Öffentlichkeit in die Finanzierung der Wissenschaft einbezogen wird, kann auch bedeuten, dass Bürgerinnen und Bürger – und nicht nur Akademiker und Experten – sich bei der Auswahl beteiligen, welche Ideen möglicherweise umgesetzt werden. Doch dieser Einfluss auf die Wissenschaft muss sich erst noch zeigen.
"Das ist für uns alle ein Experiment", sagt Henry. "Wir übernehmen die Forschungsförderung nicht, wir versuchen nur, einen neuen Weg zu beschreiten. Und bei der Unvorhersehbarkeit dieses Weges wird es interessant."
Crowdfunding in der Schweiz
Laut dem Crowdfunding Monitor 2016 der Hochschule Luzern hat die Beliebtheit von Crowdfunding in der Schweiz in den letzten Jahren stetig zugenommen.
2011 generierten 15 Kampagnen 300'000 Franken, 2015 konnten 1059 Kampagnen bereits 12,3 Millionen Franken sammeln.
Zu den beliebtesten Kampagnen-Kategorien gehören Unternehmen und Startups, Musik, soziale Engagements und Sport.
Trotz dieser Zunahme bleibt Crowdfunding in der Schweiz noch ein unbedeutenderes Geldbeschaffungsmittel als in anderen Ländern – besonders als in den USA und in Grossbritannien.
"Die Schweiz ist ein kleines Land mit 8 Millionen Einwohnern, im Vergleich zu den USA mit 330 Millionen – es ist deshalb ein ganz anderer Markt", sagt Ko-Autor Andreas Dietrich.
"In der Schweiz finanzieren die Banken kleine und mittelgrosse Unternehmen, während dies in den USA eher Kapitalinvestoren tun. Der Schritt vom Kapitalinvestieren zum Crowdfunding ist viel kleiner. Auch die Mentalität ist eine andere: In den USA investieren die Leute eher in Startups, während die Schweizerinnen und Schweizer vorsichtiger sind."Infobox Ende
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)