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Auf die Welt kam Yannick Toure vor 23 Jahren am Atlantischen Ozean, in Dakar, der Hauptstadt Senegals. Dort machte er die ersten Schritte in seinem Leben. Mit neun Jahren landete Toure in der Schweiz. Schon damals stand für ihn der Fussball im Zentrum. Er kickte zuerst eine Saison beim SC Burgdorf, danach mit den Junioren der Young Boys. Als talentierter und treffsicherer Stürmer zog er im Sommer 2018 von YB nach Nordengland zu Newcastle United. Drei Jahre später kehrte er mit enttäuschten Hoffnungen in die Schweiz zu den Young Boys zurück, spielte als Leihspieler beim FC Wil und beim FC Thun. Seit dieser Saison steht er beim FC Aarau unter Vertrag.
Dieser komprimierte Rückblick seiner Stationen zeigt: Yannick Toure hat schon einiges erlebt, nicht nur in Sachen Fussball, sondern auch in geografischer Hinsicht. Er kennt sowohl die Millionenstadt Dakar, wie auch das beschauliche Burgdorf, er lebte in der Industriestadt Newcastle, die sich mit dem Rückgang der Stahlindustrie in einem Strukturwandel befindet, er kehrte in die Schweiz zurück, zog in den «Breitsch» (Breitenrain-Quartier) nach Bern und hat nun nach Oberentfelden gezügelt.
«Ich war ein fröhliches Kind»
Am 29. September ist Toure 23 Jahre alt geworden. An seine Jahre in Dakar hegt er gute Erinnerungen. «Ich war ein fröhliches Kind, das viel Fussball gespielt hat», sagt Yannick. «Es fehlte mir an nichts. Ich war glücklich.» Er kickte damals in Hinterhöfen, auf der Quartierstrasse und vor der Haustüre. Er lacht und wiederholt: «Ja, vor allem vor der Haustüre habe ich gespielt, meistens alleine.» Damals lebte er bei seiner Mutter Niana.
«Als ich ungefähr neun Jahre alt war, hat mich mein Vater in die Schweiz geholt», fährt Yannick fort. Sein Vater Mike sei ein sehr guter Fussballer gewesen, er habe in der U17-Auswahl von Senegal gespielt, betont Toure. Danach habe sein Vater aber mit Fussball aufgehört und sich auf die Schule konzentriert. Er sei auch ein guter Schüler gewesen. Mittlerweile arbeitet Yannicks Vater im Inselspital in Bern in der Abteilung Nephrologie und betreut Patienten mit Nierenkrankheiten nach der Operation.
«Mit seinem ersten schnellen Schritt, mit seiner körperlichen Robustheit und mit seinen überraschenden Dribblings hat er in jungen Jahren viele Tore erzielt.»
In Dakar hatte Yannick in keinem Club gespielt, auch nicht in einer Fussball-Organisation für Kinder. Er kickte einfach. Sein erster Verein war der SC Burgdorf, dem er eine Saison angehörte. Nach einem Sichtungstraining kam er als Zehnjähriger in die Nachwuchsabteilung des BSC YB. Dort verlief seine Entwicklung rasant. «Mit 16 Jahren spielte ich bei der U21», sagt Yannick. Sein damaliger Trainer Joël Magnin erinnert sich: «Mit seinem ersten schnellen Schritt, mit seiner körperlichen Robustheit und mit seinen überraschenden Dribblings hat er in jungen Jahren viele Tore erzielt.»
Ärger nach Toures Abgang nach England
Christoph Spycher, Mitglied der Geschäftsleitung des BSC YB und Delegierter Sport des Verwaltungsrates, war damals Talentmanager bei den Bernern. Er betreute Yannick Toure als eines der hoffnungsvollsten Talente im Wankdorf. Spycher bescheinigt Toure ein sehr grosses Potenzial. Dem damals 17-jährigen Stürmer bot YB einen Profivertrag an. «Wir sahen bei YB für Yannick dieselben Entwicklungsmöglichkeiten wie bei Michel Aebischer, der drei Jahre älter ist, und wie wir sie nun bei Fabian Rieder erlebt haben», sagt Spycher.
Aebischer spielt nun beim FC Bologna in der Serie A, Rieder bei Stade Rennes in der Ligue 1. Dass Toure damals das Angebot von YB ablehnte und stattdessen bei Newcastle United einen Profivertrag unterschrieb, sorgte im Wankdorf für Verstimmung und Unverständnis. Spycher sagt es nicht explizit, lässt aber durchblicken, dass Toures familiäres Umfeld und seine Berater entscheidenden Einfluss ausgeübt haben.
Toure indes sieht seine drei Jahre in England als gute Erfahrung. «Ich habe viel gelernt, musste mich unter grosser Konkurrenz behaupten, auch wenn mein Wunsch, mich bei den Profis durchzusetzen und in der Premier League zu spielen, nicht in Erfüllung ging.» Er habe damals gesehen, wie Marcus Rashford schon sehr jung bei Manchester United spielte, sagte er einst in einem Interview. Das sei für ihn Inspiration gewesen, früh nach England zu gehen. Die Heimspiele von Newcastle United im legendären St. James‘ Park hat er miterlebt, aber nur von den Zuschauerrängen aus.
Für Spycher indes war die Zeit bei Newcastle für Toure «nicht fruchtbar», wie er es ausdrückt. Trotz dem Ärger, der sein Abgang bei den Bernern 2018 verursachte, durfte Toure im Sommer 2021 zu YB zurückkehren. «Wir konnten damals seine Entscheidung nicht nachvollziehen, aber wir schätzen Yannick als Menschen sehr», erklärt Spycher.
Harziger Neuanfang in der Schweiz
Für Toure soll die Rückkehr in die Schweiz ein Neuanfang werden. In Bern kam er auch wieder in sein familiäres Umfeld zurück. Er hat vier Geschwister, zwei davon sind Stiefgeschwister. Er habe mit allen täglich Kontakt, sie würden sich gut verstehen. Sein jüngerer Bruder Luc spielt bei der U16 von YB. Auch mit seiner Mutter in Dakar telefoniert er regelmässig. Mit ihr spricht er einen Dialekt, wie es in Senegal einige gibt. Mit seinem Vater parliert er auf Deutsch oder Französisch. Und seit dem Abstecher auf die Insel spricht er auch Englisch.
«Ich spiele gerne in diesem Stadion. Der Naturrasen, die Fans so nah am Spielfeld, die Stimmung – das gefällt mir.»
Der Neuanfang in der Challenge League verlief für Toure indes harzig. Nach den Leihtransfers nach Wil und Thun reifte bei YB der Entschluss, sich endgültig von Toure zu trennen. Monatelang war er zuletzt bei YB in der medizinischen Abteilung in Behandlung, um seine Muskelverletzung an der Hinterseite des linken Oberschenkels, die durch Entzündungen weitere Verletzungen auslöste, auszukurieren. «Als ich diesen Sommer zum FC Aarau kam, hatte ich seit acht Monaten nicht mehr gespielt», sagt Yannick.
Entmutigen lässt er sich nicht. «Ich habe nie einen Plan B gehabt. Ich wollte nie etwas anderes als Profi-Fussballer werden. Hätte ich das nicht geschafft, würde ich bei den Amateuren kicken. Ich liebe es einfach Fussball zu spielen.» Beim FC Aarau besitzt er einen Zweijahresvertrag. Er ist überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er wieder Tore schiesst. Anstatt im St. James‘ Park oder im Wankdorf spielt er nun im Brügglifeld. Er sagt: «Ich spiele gerne in diesem Stadion. Der Naturrasen, die Fans so nah am Spielfeld, die Stimmung – das gefällt mir.»
Matchzeitung Nr. 6 (2023/24) lesen
Dieser Artikel ist am 8. Oktober 2023 in der Ausgabe Nr. 6 (Saison 2023/24) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen die AC Bellinzona erschienen.