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«Die Rechte in Italien war damals noch schlimmer als das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Man müsste einen eigenen Ausdruck dafür erfinden.» Maurizio Pollinis Lächeln wirkt heute noch besorgt, wenn er sich an die bleiernen Jahre in seiner Heimat erinnert. An den Schock, als Rechtsterroristen 1969 auf der Mailänder Piazza Fontana eine Bombe zündeten, die 17 Menschen tötete und Dutzende schwer verletzte.
Der Tipp aus Rubinsteins Trickkiste
Der junge Künstler hatte Angst vor einem rechten Staatsstreich. Seine Konsequenz: Der bis dato völlig unpolitische Pollini trat der kommunistischen Partei bei. Allerdings erst, als sich die KPI durchgerungen hatte, die rücksichtslose Expansion der UdSSR und ihren Einmarsch in Prag zu verurteilen.
Hinter dem Eisernen Vorhang hatte das 18-jährige Klavierwunder aus Italien seinen Durchbruch erlebt, als erster italienischer Gewinner des Chopin-Wettbewerbs in Warschau. Noch nachhaltiger als die Freude über den Sieg war der Eindruck seiner Begegnung mit Artur Rubinstein beim Wettbewerb. Und Rubinsteins Tipp aus der Trickkiste des Virtuosen: «Er legte mir den Finger auf die Schulter und sagte, er spiele immer mit Gewicht, deshalb werde er nie müde. Das war natürlich nicht nur das Gewicht seines Fingers. Er war fähig, das Gewicht seines Arms, seiner Schulter, ganz natürlich in seinen Finger zu legen. Dies gab ihm Ausdauer und seinen wunderbaren Ton.»
Die klassische Musik zum Volk tragen
Rubinsteins Lektion ist nur eine von vielen Episoden aus dem Leben des Starpianisten Pollini, die er im Film «Von Meisterhand» überraschend offen vor Bruno Monsaingeons Kamera ausbreitet. Aber sie steht stellvertretend dafür, wie ein Musikbesessener von einer Meisterhand lernte, seine eigene Meisterhand zu entwickeln.
Auch die Erinnerung an die politisch bewegten 1960er- und 1970er-Jahre ist ein Stück italienische Musikgeschichte. Zusammen mit seinem Mailänder Freund Claudio Abbado brach Pollini zu einer Mission auf: Die klassische Musik sollte aus den hehren Tempeln der Kunst hinaus zum Volk getragen werden. So kam es, dass Pollini etwa Beethovens fünftes Klavierkonzert in den Fabrikationsräumen einer ausgedienten Fabrik spielte, vor einem Publikum in Strassenkleidung.
Sicher sein, sich nicht zu langweilen
Ein gescheitertes Experiment, sagt Pollini heute. Aber eines, das die Eigenwilligkeit des Pianisten belegt. Dieser gibt im übrigen aus freien Stücken zu, dass er in seinem Leben ein viel umfangreicheres Repertoire hätte erarbeiten können. Und warum tat er es nicht? «Als Konzertpianist musste ich ein Stück ständig wieder spielen, unter wechselnden Umständen, in immer neuen Städten. Mich ständig damit auseinandersetzen. Deshalb zog ich es vor, nur Musik anzupacken, von der ich sicher war, dass sie mich nie langweilen würde».