Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/2077

Inhalt
Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts
Zu der ab 1810 in Rom ansässigen Künstlergruppe der Nazarener, die im Rückgriff auf Raffel, Perugino und die altdeutsche Kunst eine ethisch-religiös ausgerichtete Kunsterneuerung anstrebte, gehörten neben Friedrich Overbeck, Franz Pforr, Julius Schnorr von Carlosfeld, Josef Sutter und Josef Wintergerst auch zwei Schweizer: Konrad Hottinger und Ludwig Vogel (1788–1879). Letzterem hat sich Heinrich Thommen als Wissenschaftler und Sammler besonders intensiv gewidmet. Die von ihm zusammengetragene Kollektion nazarenischer Zeichenkunst, Druckgraphik und Buchillustration umfasst denn auch über hundert Werke des Zürcher Historienmalers. Aus Thommens Forschungen zu Ludwig Vogel (vgl. Publikationsliste Vogel als Download-Datei), die auch dessen künstlerisches Umfeld mit einschlossen, ist 2006 ein Projekt zur Erarbeitung einer kritischen Edition der Schriften von Franz Pforr (1788–1812) hervorgegangen (vgl. Projektbeschrieb Pforr als Download-Datei). Obgleich Pforr in seinem kurzen Leben nur wenige Gemälde, Graphiken und einige hundert Zeichnungen geschaffen hat, darf er als Hauptvertreter des frühen Nazarenertums bezeichnet werden und zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern des 19. Jahrhunderts.
1992 erhielt die Stiftung ein Konvolut mit rund 600 Zeichnungen, einigen Ölstudien und Ölgemälden des Basler Landschaftsmalers Jakob Christoph Miville (1786–1836) und ca. 250 handschriftliche Dokumente wie Briefe, Pässe und Inventare von Dr. Hans Lanz zum Geschenk, die der Donator und Verfasser einer Dissertation über den Künstler aus dessen Nachlass erworben und so vor der Zerstreuung bewahrt hatte. In den Folgejahren kamen von verschiedener Seite etwa weitere 150 Arbeiten desselben Malers hinzu. Damit verfügt die Stiftung über einen Grossteil des künstlerischen und schriftlichen Nachlasses dieses wichtigen Vertreters der frühromantischen Landschaftskunst in der Schweiz. Ausgehend von diesem Material wurde 2002 im Rahmen eines von der Stiftung initiierten Forschungsprojektes mit der Erfassung von Mivilles Gesamtwerk begonnen. Geplant sind die Erarbeitung einer Forschungsdatenbank, die Publikation eines Werkverzeichnisses sowie eine monographische Ausstellung. Erste Zwischenergebnisse sind im Januar 2008 im Aufsatz "Vom 'sauren Norden' und den süssen Früchten des Südens - Der Schweizer Künstler Jakob Christoph Miville" in den "Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft" in Zürich publiziert worden (vgl. Projektbeschrieb als Download-Datei).
Stiftungszweck ist das Sammeln, Bewahren, Erforschen, Publizieren, Ausstellen und Vermitteln von Kunst des 19. Jahrhunderts. Mit diesem zeitlich eingegrenzten Fokus rückt die Stiftung gezielt einen Bereich der Kunstproduktion ins Licht, der oft unterbewertet wird. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts bildeten sich im Zuge einer sich überstürzenden Folge von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Brüchen und Umwälzungen, sowie im Rahmen der rasanten technischen und demographischen Entwicklung viele Charakteristika jener bürgerlichen Gesellschaft heraus, auf der unser Staatswesen und unser gesellschaftliches Zusammenleben gründen. Gerade die Kunst der Romantiker sowie die im Vergleich zur offiziellen Salonkunst bedeutend intimere und deshalb oft subversivere Kunst auf Papier (Zeichnung, Druckgraphik und Buchillustration) bieten über die Beschäftigung mit ästhetischen Fragestellungen hinaus eine hervorragende Basis für sozialgeschichtliche, philosophische, literarische oder kunst- und gesellschaftspolitische Betrachtungen.
Gemeinsam mit dem 2001 zu ihrer Unterstützung gegründeten Verein der Freunde bemüht sich die Stiftung mittels wissenschaftlicher Projekte, Publikationen und Veranstaltungen, das Verständnis für die Epoche zu fördern. Im Rahmen von Graphikabenden, Vorträgen, Lesungen, Führungen oder Sammlungsbesuchen bietet sie allen an Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts Interessierten Möglichkeit zur Vertiefung ihres Wissens und für den Austausch unter Gleichgesinnten.
Die Geschäftsstelle der Stiftung, die sich heute an zentraler Lage im Haus der Bürgergemeinde an der Froburgstrasse 5 in Olten befindet, war von 1990 bis 1997 unter dem Dach des Kunstmuseums Olten und von 1997 bis 2010 im städtischen Disteli-Haus, dem Geburtshaus des Künstlerrebells und Karikaturisten Martin Disteli (1802–1844), untergebracht. Mittelfristig soll die Stiftung in den geplanten Neubau für das Kunstmuseum Olten umziehen. Die Fachbibliothek der Stiftung ist in der Geschäftsstelle auf Anmeldung zugänglich. Seit 2010 ist die Sammlung der Stiftung im Kunstmuseum Olten permanent in Auszügen präsent: In einem ihr vorbehaltenen Raum des Disteli-Kabinetts wird eine wechselnde Werkauswahl gezeigt. Diese sogenannten "Schaufenster"-Präsentationen, die dank der Unterstützung von La Roche & Co. AG realisiert werden können, nehmen jeweils Bezug auf die aktuellen Wechselausstellungen im Disteli-Kabinett. In enger Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Olten sind in den letzten Jahren in diesem Haus ausserdem mehrere grössere Präsentationen realisiert worden, zuletzt im Frühjahr 2007 die Ausstellung "Bilder und Bürger. Druckgraphik von Alfred Rethel (1816-1859)", mit Begleitpublikation. Zum Stiftungsjubiläum 2010 wird vom 28. November 2010 bis Ende Januar 2011 die Ausstellung "Neues Licht auf Franz Pforr" zu sehen sein. So setzt die Stiftung in Verbindung mit dem im Kunstmuseum aufbewahrten Disteli-Nachlass auf dem Gebiet von Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts in Olten einen Akzent von überregionaler Bedeutung. Mit der von einem reich bebilderten, wissenschaftlichen Katalog begleiteten Wanderausstellung "Facetten der Romantik" hat sie sich 1999 bis 2002 in der Schweiz, in Deutschland und in Italien erstmals einem breiten Publikum vorgestellt. Regelmässig vertreten Leihgaben die Stiftung und den Kulturstandort Olten auf internationalen Kunstausstellungen (Vgl. Auswahlbibliographie als Download-Datei).