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Familiäre Konflikte und Gewalt werden in unserer Gesellschaft weitgehend tabuisiert. Gerade in der Schweiz gilt die Familie noch allzu oft als Privatsache, in welche sich niemand einmischen darf. Das idyllische Bild der Familie, die zusammenhält, gemeinsam Erfolge feiert und Schwierigkeiten überwindet, hat sich im kollektiven Gedächtnis fest eingeprägt.
Im markanten Gegensatz dazu steht im Jahr 2013 eine Scheidungshäufigkeit von 42%. Das heisst, dass sich 42 von 100 Ehepaaren nach durchschnittlich knapp 15 Jahren – wenn die Kinder oft rund 7 bis 13jährig sind – scheiden lassen werden, wenn sich das heutige Scheidungsverhalten nicht ändern sollte. Im Jahr 2013 erlebten 12‘198 minderjährige Kinder, wie sich ihre Eltern[1] scheiden liessen. Auch wenn eine Scheidung in manchen Situationen die beste Lösung ist, kann sie dennoch eine Belastung für das Kind darstellen, da es sich scheinbar für ein Elternteil „entscheiden“ muss und Scheidungen nicht selten von weiteren Konflikten (z.B. um das Sorgerecht oder Finanzen) begleitet werden.
Was wahrscheinlich fast alle Familien gemeinsam haben: Es gibt Streit und Konflikte – auch zwischen den Eltern. In manchen Familien gehen solche Streitereien so weit, dass die Kinder darunter leiden. In verschiedenen Studien[2] konnten folgende Merkmale von Elternkonflikten festgestellt werden, welche besonders belastend für Kinder sind:
Häufigkeit: sehr häufiges oder chronisches Auftreten von Konflikten
Dauer: über mehrere Stunden/Tage brodelnde Spannungen
Unversöhnlichkeit: keine Problemlösung oder Kompromissfindung
Intensität: laute und besonders dysfunktionale Konflikte
Inhalt: kindbezogene Themen
Instrumentalisierung der Kinder: Kinder als Koalitionspartner-, Tröster-, Spion- oder Nachrichtenübermittler_innen
Bereits 1984 haben Lewis, Siegel und Lewis[3] gezeigt, dass elterliche Konflikte neben Peerbeziehungen und einschneidenden Lebensveränderungen zu den drei grössten Stressoren im Leben von Kindern gehören. Die Reaktionen der Kinder können sich auf der emotionalen (z.B. Wut, Traurigkeit, Schuldgefühle), physiologischen (z.B. erhöhte Herzrate), verhaltensbezogenen (z.B. flüchten, trösten, vermitteln, eingreifen) oder kognitiven (z.B. Aufmerksamkeitsprobleme) Ebene zeigen.
Sehr häufige, andauernde, laute Konflikte, für welche kaum Lösungen gefunden werden können, sind laut der Untersuchung von Grych und Fincham (2001)[4] gar doppelt so schädlich für Kinder wie Scheidungen. So wird das Befinden der Kinder nicht durch die Scheidung per se, sondern vielmehr durch die damit einhergehenden Konflikte beeinträchtigt. Scheidungen können für Kinder insofern positive Auswirkungen haben, dass sie als Lösung der Konflikte wirken, nicht auf Kosten der Kinder geschehen und neue Möglichkeiten für die persönlicher Entfaltung aller bringen. So weisen Kinder von gemeinsam lebenden Eltern mit hohem Konfliktniveau durchschnittlich stärkere Probleme auf als Kinder von geschiedenen Eltern.
Nebst den oben beschriebenen Auswirkungen werden durch destruktive Paarkonflikte bei den Kindern häufig Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle ausgelöst. Als destruktive Konfliktmerkmale können aus Sicht der Kinder direkte physische Aggression, Bedrohung der Unversehrtheit, nonverbale Wut oder verbale Feindseligkeit genannt werden. Die meisten Kinder haben das Gefühl, bei Elternstreit nichts tun zu können, damit sich die Situation verbessert. Jene, die versuchen, zwischen den Eltern zu vermitteln oder das eine oder andere Elternteil zu trösten, bringen sich manchmal in eine für sie überfordernde Position. Die Frage stellt sich deshalb, wie Kinder dabei unterstützt werden können, mit belastendem Elternstreit umgehen zu können.
In der Schweiz und im deutschsprachigen Raum gibt es einige Projekte, welche sich insbesondere an Eltern in Trennungs- und Scheidungssituationen richten: Beratung, Websites, Bücher u.ä. Teilweise werden dabei auf Initiative der Eltern auch die Kinder einbezogen. Dabei geht es vor allem um reaktive, beratende Interventionen und nicht um solche, die auf der Initiative der Kinder beruhen.
Gemäss unseren Recherchen gibt es in der Schweiz kein Projekt, welches sich präventiv an Kinder oder Jugendliche wendet, um mit ihnen das Thema „Elternstreit“ zu behandeln. Nach Ansicht von NCBI Schweiz ist es jedoch wichtig, nicht erst reaktiv bei leidenden Kindern zu intervenieren, sondern sie darin zu bestärken, enttabuisierend und selbstwirksam mit belastenden Konflikten zwischen Eltern umgehen zu können.
[1] Der Begriff „Eltern“ wird hier im alltäglichen Sinn verwendet, in dem auch Stiefeltern und andere Erwachsene bzw. Erziehungsberechtigte berücksichtigt werden, die biologisch, rechtlich, durch gemeinsamen Wohnsitz oder sonst eine elterliche Rolle aus Perspektive des Kindes wahrnehmen. Das kann in gewissen Familien auch Onkel, Tante, Grosseltern oder andere Personen sein.
[2] Z.B.: Cummings, E.M & Davies, P.T. (2002). Effects of marital conflict on children: Recent advances and emerging themes in process-oriented research. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 43, p. 31-63.
[3]Lewis, C.E., Siegel, J.M., and Lewis, M.A. (1984). Feeling Bad: Exploring Sources of Distress Among Pre-Adolescent Children, American Journal of Public Health, 74(2), p. 117–122.
[4] Grych, J.H. & Fincham, F.D. (2001). Interparental conflict and child development: Theory, research, and applications. New York: Cambridge University Press.