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Coopzeitung: Sie gelten als König der gehobenen Unterhaltungsmusik. Was ums Himmels willen ist das?
Reto Parolari: Früher war es im Radio so, dass es mehrere Orchester gab: Ein grosses Sinfonieorchester, eine Big Band, vielleicht ein Berufsblasorchester, dazu einen Chor. Zwischen Big Band und Sinfonieorchester bleibt eine Lücke: Da spielt sich Operette, Filmmusik und instrumentale Unterhaltungsmusik ab. Das ist damit gemeint.
Ist das nun «E» oder «U»?
Es ist eben dazwischen. Man braucht ein sinfonisches Orchester, aber man spielt leichteres Repertoire. Wenn man einen Komponisten nennen kann, wo sich beide Gebiete treffen, dann ist es George Gershwin. Der wird von E- und U-Musikern gleichermassen vereinnahmt. Ich selbst fühle mich nicht als U-Musiker, sondern als E-Musiker für das leichte Fach. Die Partitur sieht genau gleich aus wie bei einer Beethoven-Sinfonie, die Instrumente sind dieselben, nur tönt es etwas leichter. Als das Radio entstand, benötigte man eine spezielle, radiofone Musik, die etwas leichter war. Man konnte den Tag im Radio weder mit einer grossen Sinfonie noch mit einem Marsch beginnen. Es brauchte eine leichter verständliche Musik.
Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Grosse Komponisten sind Ernst Fischer oder Gerhard Winkler, aus der Schweiz Cédric Dumont, Toni Leutwiler oder Paul Burkhard, in der Operette sind es Franz Strauss, Franz Léhar und Emmerich Kálmán. Sie alle machen leichte Musik, die aber, wie in der Klassik üblich, werkgetreu, komponistengetreu und in den richtigen Besetzungen gespielt wird.
Sie nehmen die leichte Musik also nicht auf die leichte Schulter.
Nein, ich habe eine starke musikalische Ethik und bleibe bei meinem Leisten. Es gibt viele Dinge, die ich nicht mache. Nicht nur des Publikums wegen, sondern auch, weil ich 50 bis 90 Musik-Profis vor mir habe. Die merken sofort, ob ich das draufhabe, was ich behaupte. Vor dem Publikum könnten Sie vielleicht noch schummeln, vor den Musikern aber nicht.
Gehört Filmmusik dazu?
Filmmusik wird gerne etwas überschätzt. Sie besteht, mit Ausnahme der Titelmelodie,
oft aus reiner Untermalungsmusik. Mit dem Bild zusammen wirkt das toll, aber ohne Bild ist es oft langweilig. Ähnlich wie Ballettmusik ohne Ballett.
Die leichte Muse war früher oft die Domäne der Rundfunkorchester …
… und von denen gibt es aus verschiedenen Gründen nicht mehr so viele. Das war eine grosse Kultur. Früher konnte man die leichte Muse praktisch lernen, nicht nur im Rundfunkorchester, auch im Kurorchester oder in der Band des Grand Hôtels. Das ist vorbei.
Haben Sie deshalb Ihr eigenes Orchester gegründet?
Das ist mit ein Grund dafür, ja. Ein Grund war aber auch Paul Burkhard. 1972 – ich war noch im Studium – habe ich in einem Orchester gespielt, das Paul Burkhard geleitet hat. Das war ein Schlüsselerlebnis: Er hat mir vorgeführt, wie es klingen kann, wenn man leichte Musik gekonnt interpretiert. Noch im Studium habe ich mein erstes Orchester zusammengestellt. Es war schon mit dem ersten Konzert ein Erfolg – aber ich hätte es wohl auch gemacht, wenn es kein Erfolg gewesen wäre.
Sie arbeiten nicht nur im Konzertsaal, sondern auch im Zirkuszelt. Warum?
Das war ein Zufall: 1979 suchte der Zirkus Nock einen Kapellmeister. Ich stand damals vor dem Entscheid, ob ich im Orchester bleiben oder dirigieren soll. In der Schweiz kann man als Dirigent aber fast nicht überleben. Der Zirkus bot mir die Möglichkeit, vom Dirigieren leben zu können. Es war eine extrem arbeitsintensive Zeit, aber es wurde ein Erfolg daraus. Zwei Jahre später war ich beim Zirkus Knie und seit 17 Jahren dirigiere ich am Festival International du Cirque de Monte Carlo in Monaco.
Sie haben auch das einzige Fachbuch zu Zirkusmusik geschrieben. Was ist so speziell an der Musik im Zirkus?
Die Musik ist da absolut sekundär, es ist 100 Prozent Begleitung, trotzdem ist sie sehr speziell. Die Musik zu einer Kamelnummer folgt ganz anderen Regeln als die Musik zu einer Elefantennummer oder zu einer Trapeznummer. 98 Prozent meiner Tricks habe ich in meinem Buch verraten – von den restlichen zwei Prozent lebe ich.
Ursprünglich waren Sie Schlagzeuger und bekannt für den «Hummelflug» auf dem Xylophon. Wie kommt man vom Schlagzeug aufs Dirigentenpodium?
So wie jeder Musiker hatte ich auch eine Instrumentalausbildung. Die Schlagzeugausbildung kam mir beim Dirigieren zugute, weil der Rhythmus in der unterhaltenden Musik zentral ist. Bei aller Leichtigkeit: Man hat die U-Musik zu lange zu wenig ernst genommen.