Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03146.jsonl.gz/981

Oliver Zenklusen ist Dozent für Klima- und Energiefragen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Das Verhältnis von Klima und Katastrophen beschäftigt ihn besonders. Das ist die eine Seite seiner Aktivitäten, über die man ihn kennenlernen kann. Die andere Seite hat mit Fotografie zu tun: Die Geschichte der Fotografie und die ersten Fotografen sowie die Magie der Bilderherstellung jener Zeit interessieren ihn. Die Konstruktion der frühen Kameras faszinieren ihn so sehr, dass er Kameras nachgebaut hat. Wenn er erzählt, dass er im englischen Ilford geboren wurde, jener Stadt, aus der die Filmmarke gleichen Namens mit den Filmpatronen und Packungen der Schwarzweißfilme HP 5 und FP5 kamen, dann schaut man ihn genauer an, schaut, ob er jetzt geflunkert hat. Doch nicht! Nein, er ist wirklich dort geboren worden, besitzt die Schweizer und die englische Staatsbürgerschaft. «Vielleicht haben meine Eltern Alfred Hugh Harman, den Gründer der Ilford-Filmwerke, sogar in Ilford auf der Strasse gesehen, wirklich begegnet sind sie ihm allerdings nie», fügt er lachend an.
Oliver Zenklusens Beschäftigung mit der Fotografie begann im Alter von 7 oder 8 Jahren. Sein Vater, Schweizer und Angestellter einer englischen Transportfirma, war fotobegeistert und besass zuhause ein kleines Fotolabor, wo er Filme entwickelte und Abzüge herstellte. Daran kann sich Zenklusen noch erinnern. Mit 12 bekam er seine erste Kamera, eine Agfa Silette seiner Grosseltern geschenkt. Er begann sofort mit ihr zu fotografieren und merkte zuerst nicht, dass der Film irgendwie falsch eingelegt worden war und nicht weiter transportiert wurde. Das erste Bild war gleich 27fach belichtet! Das Bild besitzt er noch!
«Les délices du chaos» steht auf dem Fenster seines Ateliers im Zürcher Stadtkreis 3, wo er mit anderen künstlerisch arbeitenden Menschen ein ehemaliges Ladenlokal teilt. Chaotisch sieht es im Atelier nicht aus, auch wenn sich hier Bilder, Bücher, Ordner türmen. Den Namen «Les délices du chaos» hat er aus einer Gedichtpassage von Charles Baudelaire. Im Atelier an der Stationsstrasse befindet sich Zenklusens fotografische Experimentierwerkstatt. Als er vor einigen Jahren einen Film über Boxkameras von Wanderfotografen in Afghanistan sah, stand für ihn fest, dass er auch eine solche Kamera bauen und mit ihr arbeiten möchte. Afghanistan sei, so beschreiben es die beiden Autoren Lukas Dirk und Sean Folkey in ihrem Buch ‚Afghan Box Camera‘ aus dem Jahr 2013, eines der letzten Orte auf der Welt, wo Fotografen eine einfache Instantkamera benutzen, die dort den Namen kamra-e-faoree trägt. Die Wanderfotografen dort lebten lange von ihren Porträtfotografien. Die in kleinen lokalen Werkstätten hergestellten Boxkameras mit einem Gehäuse aus Holz verfügen über einen eingebauten Laborteil, aus dem die Bilder in mehreren Exemplaren kommen können. Generationen von Menschen in Afghanistan haben sich bis vor wenigen Jahren so abbilden lassen.
Oliver Zenklusen ist nicht nur Wissenschaftler, er ist auch Künstler und Tüftler. In Arles und Paris hat er Kurse im Bereich der Fotografie absolviert, seine Bilder hat er schon mehrmals an Ausstellungen gezeigt. Er baute eine afghanische Boxkamera nach, die mit einem Miniaturlabor ausgestattet ist: Wer fotografiert wird und etwas Geduld aufbringt, bekommt – ähnlich wie beim Polaroid-Kamerasystem – sein Bild vom Fotografen ausgehändigt. Mit dieser Kamera und einer weiteren handlicheren englischen Grossformat-Kamera, die ebenso nicht ohne die Ruhe eines Stativs und relativ langen Belichtungszeiten verwendet werden kann, fotografiert Zenklusen auf Bestellung an Ausstellungseröffnungen in Museen und Galerien, in Literaturhäusern, an Weiterbildungstagen von Lehrpersonen, an Hochzeiten und anderen Festen die Gäste. Mit Autorin Julia Weber hat er an der Basler Buchmesse Menschen porträtiert, denen die Autorin bestellte On the spot Texte schrieb. Gemeinsam mit seiner aus Frankreich stammenden Frau bietet er demnächst Workshops in fotografischer Stadtforschung an, an denen die Teilnehmenden in ihrem Stadtteil mit Lochkameras Beobachtungen fotografisch festhalten werden. In einer Ausstellung sollen diese Fotos mit kurzen Texten vorgestellt werden. «Unterwegs mit Füssen, Augen und Kamera werden die Teilnehmenden Quartiere, die sie wie ihre Hosentasche kennen, neu entdecken, neu sehen, neu zeigen. Sie machen Expeditionen im Quartier, besprechen die gesammelten Bilder, versuchen herauszufinden, was sie interessiert und denken darüber nach, wie sie von ihren Forschungsreisen erzählen könnten».
Ebenfalls demnächst soll im Rahmen der Begabtenförderung Universikum ein weiterer Fotokurs mit Digitalkameras für Schulkinder im Alter von 10 bis 12 Jahren angeboten werden. „Fotografische Stadtforschung“ nennt Zenklusen diese Angebote. «Wir arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, in der Regel in kleinen Gruppen. manche Workshops sind offen, die meisten jedoch massgeschneidert, je nach Erfahrung, Wünschen und Alter der Teilnehmenden. Die Workshops finden im Atelier von Les délices du chaos, im benachbarten Kunstraum – oder vor Ort in Schulen sowie in kulturellen oder sozialen Einrichtungen statt «, erläutert er. In einem anderen Kurs mit Titel «Schatten Fangen» unternimmt er eine Reise zurück zu den Anfängen der Fotografie: Er und seine Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer machen Fotogramme von Pflanzen, dem Inhalt von Hosentaschen, von Fundgegenständen, Werkzeugen auf handgemachtes Cyanotypiepapier, das die Kinder selber belichten und entwickeln können. Zenklusens Angebot an Fotokursen für junge Menschen ist breit. In einem anderen Kurs geht es um Bildermachen von sich selber und von anderen: «Wir stehen vor und hinter der Kamera, experimentieren mit Licht und Posen und sprechen über Fotografie: Für wen mache ich dieses Bild? Wen soll man auf meinem Portrait sehen und was nicht?
«D’un monde flottant – of a floating world» heisst eine Ausstellung und eine Buchpublikation von Zenklusen, die er im Jahr 2013 realisiert hat: Während eines Aufenthalts in Japan hatte er Bilder in Schwarzweiss fotografiert. Texte des Genfer Autors Nicolas Bouvier über Japan hatten ihn beim Fotografieren inspiriert. Entstanden sind Bilder von Menschen und Situationen von Bauten und Strassen in Japan von seltener Schönheit. Eine andere Serie von Bildern, die er schon gezeigt hat, besteht aus Nachtaufnahmen in verschiedenen Städten. Begonnen hat er diese Bilderfolge während Aufenthalten in Äthiopien und Kairo, wo er durch Städte flaniert ist und sich verirrt hat. Mit einem Tageslichtfilm und einer Kompaktkamera sind irritierend schöne Bilder entstanden. Rätselhaft schön sind Aufnahmen, die er aus dem Abfallmaterial von Polaroidbildern gemacht hat: Er hat sie eingescannt und vergrössert. Unter dem Titel «Les villes invisibles» gibt es sie als Ansichtskarten und grossformatige Drucke. Es sind rätselhafte Bilder von Stadtlandschaften in Grau, Schwarz und Weiss, die sich beim Anschauen nicht verorten lassen. Eines dieser Bilder ist auf dieser Seite ganz oben zu sehen. Fotografien von Oliver Zenklusen unter https://www.lesdelicesduchaos.ch/
Eingeworfen am 2.6.2021