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So friedlich und freundlich, ja geradezu herzlich und harmonisch ist im Sport noch kein Machtwechsel über die Bühne gegangen. Der alte König Valentino Rossi (35) und der neue König Marc Marquez (21) zelebrieren Freundschaft und gegenseitigen Respekt.
Vor dem GP von Italien in Mugello (am Sonntag) seufzte «Vale», er wäre jetzt gerne nochmals 22. Und Marc Marquez spielt den Ball zurück: «In Mugello wirst du 22 sein.»
Der einst so gefürchtete «Psychokrieger» Valentino Rossi, der eine ganze Generation von Gegnern auch mit seinen verbalen Nadelstichen oder demonstrativer Ignoranz entnervte und besiegte, hat «Kreide gefressen». Weil er smart ist.
Valentino Rossi weiss, dass die Zukunft Marc Marquez gehört. Warum also Energie verschwenden und einen «Psychokrieg» führen, den er nie gewinnen kann? Die Harmonie mit dem neuen Superstar hat auch ihm die Freude, den Spass und die Leidenschaft zurückgebracht. Jene, die verbissen Jagd auf den neuen Dominator machen, fallen zurück (Jorge Lorenzo).
Valentino Rossi ist jetzt so gut wie seit seiner letzten Weltmeistersaison (2009) nie mehr. Marc Marquez hat diese Saison alle fünf Rennen gewonnen. «Vale» hat es immerhin dreimal auf Platz 2 geschafft. In der WM liegt er als Dritter 44 Punkte hinter dem Spanier zurück, der mit dem Punktemaximum (125) an der Spitze liegt.
Aber es gibt eben noch einen zweiten Grund für diese Freundschaft. Valentino Rossi vermarktet seinen Rivalen. Seine Firma «VR46» hat die Rechte an der persönlichen Vermarktung des Spaniers übernommen. Er verdient an jedem T- Shirt und jeder Baseballkappe, das die Fans des Spaniers kaufen. Roger Federer, der an den Fanartikeln von Rafael Nadal oder Stan Wawrinka verdient? Undenkbar.
Valentino Rossi war schon immer ein cleverer Geschäftsmann. Er hat in seinen besten Zeiten über 30 Millionen Euro im Jahr verdient. Aus dem Steuerskandal im Jahre 2007 hat er seine Lehren gezogen. Die italienische Steuerbehörde hatte ihm vorgeworfen, zwischen 2000 und 2004 60 Millionen Euro Einkommen nicht korrekt versteuert zu haben. Unter anderem, weil Rossi zwar seinen Wohnsitz nach London verlegt hatte, trotzdem aber meistens in Italien lebte. Die ganze Angelegenheit konnte schliesslich mit der Bezahlung einer Busse in der Höhe von 30 Millionen Euro geregelt werden. Seither hat der Italiener sein ganzes kommerzielles Umfeld neu strukturiert.
Das Herzstück des Rossi-Imperiums ist die Vermarktungsfirma «VR46». Sie ist auf alle Kommunikationsbereiche und den Verkauf von Fanartikeln auf der Rennstrecke spezialisiert. Zu den Kunden gehören inzwischen elf Piloten, darunter neben Marc Marquez auch Daniel Pedrosa, Cal Crutchlow, Andrea Iannone, Alvaro Bautista, Bradley Smith und Pol Espargaro.
Neben seiner Vermarktungsfirma VR46 besitzt der Italiener ein Team in der Moto-3-WM (Sky Racing Team VR46). Er setzt dort Romano Fenati (WM-Zweiter) und Francesco Bagnaia (8.) ein.
Damit zeichnet sich ab: Valentino Rossi wird auch nach seinem Rücktritt (er fährt noch mindestens zwei weitere Jahre für Yamaha) ein Schlüsselfigur im GP-Zirkus bleiben. Nicht mehr sportlich, aber kommerziell. Die «Ära Rossi» mag sportlich zu Ende sein. Sie wird aber kommerziell noch Jahrzehnte dauern.
Valentino Rossi ist eben nicht nur der Grösste aller Zeiten. Er ist auch der beste Kommunikator. Für dieses Fach hat ihm die Universität Urbino schon 2005 den Ehrendoktor verliehen. Die Bezeichnung «The Doctor», gut sichtbar auf dem Leder, führt er, im Gegensatz zu einigen berühmten Zeitgenossen (Gutenberg), zu Recht.
Den GP von Italien in Mugello hat er in der Königsklasse schon sieben Mal gewonnen. Doch kein Triumph wäre so schön wie ein Sieg am Sonntag. Hier knickte am 5. Juni 2010 seine Karriere: Er stürzte im Training am Samstagvormittag und erlitt einen offenen, doppelten Schienbeinbruch. Zum ersten Mal in seiner Karriere musste er mehrere Rennen auslassen. Er hat seither nur noch ein Rennen (Assen 2013) gewonnen. Dieser Sturz war sportlich das Ende der «Ära Rossi». Ein Sieg in Mugello, wäre am Sonntag so etwas wie die Versöhnung mit dem Schicksal.