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Ist es anmassend, wenn weisse Autorinnen und Autoren Figuren aus andern Kulturen erfinden? Im englischen Sprachraum hat die Schriftstellerin Lionel Shriver eine Debatte über kulturelle Aneignung ausgelöst. Mit Édouard Glissant liesse sich diese ganz anders ausrichten.
Die Lehman Brothers waren schon untergegangen, US-amerikanische Familien wurden aus ihren Häusern getrieben, der Schweizer Bundesrat hatte die UBS gerettet. Beim wiederholten Überqueren der westlichen Landesgrenze, auf einer Sommerwanderung, wurde mir bewusst, dass die Uhrenindustrie, die ich immer als eine schweizerische betrachtet hatte, eine jurassische war. Die Kette der Zulieferbetriebe hält sich nicht an die Landesgrenze, produziert wird auch in den französischen Departementen Jura und Doubs.
In Gehdistanz zum waadtländischen La Cure liegt in einer steilen Schlucht das Städtchen Saint-Claude, es ist seit längster Zeit mit Antwerpen verbunden. In Saint-Claude wurden Diamanten und andere Edelsteine aus Südafrika und aus dem Kongo bearbeitet und weiterverschickt, die Uhrenindustrie brauchte besonders fein geschliffene Steinchen. 1940, nach dem deutschen Einmarsch in Belgien, wurde die Handelsroute in den Jura zur Fluchtroute.
Kurz nach der Finanzkrise von 2008 ging es dem Städtchen Saint-Claude nicht gut, Edelsteinschleifereien gab es fast keine mehr. Ausserhalb des Ortes hatten sich kleinere Industriebetriebe angesiedelt, die kaum noch Leute fest an- stellten. Das hundertjährige Volkshaus war ein alternatives Kulturzentrum geworden. Ein paar Schritte weiter hielt sich eine Buchhandlung, wie es sie nur in Frankreich gibt. Für die meisten Deutschschweizer Buchläden wäre die Auslage viel zu intellektuell. Hier wurde ich auf einen Autor aufmerksam, dessen Bücher nicht nur begeisternd schön sind, sie sorgen seit jener Wanderung dafür, dass mir immer neue Grenzen durchlässig werden und ungeahnte Verbindungen auftauchen.
Anders arbeiten, tauschen, dichten
An der Kasse der Buchhandlung von Saint-Claude lag eine kleine Streitschrift karibischer Schriftsteller mit dem sperrigen Titel «Manifeste pour les ‹produits› de haute nécessité» – Manifest für die dringlich benötigten «Produkte». Im Februar und März 2009 war auf den französischen Karibikinseln Martinique und Guadeloupe etwas passiert, wovon viele Linke in Europa und den USA geträumt hatten. Die Wut der Bevölkerung war übergekocht, ein Generalstreik hatte die Wirtschaft der Inseln lahmgelegt. Kulturell war zur gleichen Zeit sehr viel mehr losgewesen als zuvor. Leute, die sich noch nie öffentlich geäussert hatten, waren mit Texten, Liedern, Strassentheatern in Aktion getreten. Eine Gruppe von neun Schriftstellern hatte in der Begeisterung über diesen Aufbruch ein literarisch-ökonomisches Manifest geschrieben.
Der gewerkschaftlichen Forderung nach Erhöhung des Mindestlohns und Senkung der Preise, zum Beispiel für Wasser, fügten sie eine weit ausgreifende Vision hinzu. Das Motto «Zuerst das Essen, dann die Moral» drehten sie um. Wenn sich aller Sinn, die Leidenschaft und die Sehnsucht aufgelöst haben und nur noch Erschöpfung und Enttäuschung herrschen, warum soll man da noch essen wollen? Der Mensch sei mehr als ein Produzent und Konsument. Die Autorengruppe stellte sich eine Ausdehnung und Verästelung des nichtkapitalistischen Lebens vor, im kleinen Alltag wie in der grossen Welt. Durch Gemeineigentum und Tausch könnte ein Raum entstehen, wie ihn der Generalstreik in Martinique und Guadeloupe für eine Weile vorweggenommen hatte. Jenseits von Kosten- und Preisfragen würde ganz anders gearbeitet, getauscht und gedichtet, hiess es in dem Manifest.
Beim Lesen in Saint-Claude befiel mich die Hoffnung, dass es das nochmals geben könnte: einen historischen Moment, in dem sich ästhetische Radikalität und politische Befreiung treffen. Meistens ist es ja anders gekommen. Viele ExponentInnen politischer Bewegungen, zum Beispiel der Linken, haben Literatur nur als Vehikel verstanden, um Haltungen zu formen oder ein vorgefasstes Verständnis von Zusammenhängen zu fördern. Für das Eigenleben der Sprache und ein Schreiben aus Neugier hatten sie wenig Sinn.
Heute dominiert ein anderes Extrem. Politische Überlegungen zur Literatur werden schnell als ideologisch und damit vorgestrig abgetan. Dabei dient der Begriff «political correctness» als Fliegenklatsche. Angesichts dieser Verengung ist die Debatte um den Begriff «cultural appropriation», die die britische Zeitung «Guardian» im September 2016 orchestrierte, interessant.
Eine Rede und ihre Reaktionen
Es begann an einer Veranstaltung, die normalerweise nicht global wahrgenommen wird: am Brisbane Writers Festival. Lionel Shriver, eine US-amerikanische Autorin und Journalistin, wollte ihrer Eröffnungsrede den Titel «Fiction and identity politics» (Fiktion und Identitätspolitik) geben. Im Programmheft hiess das dann «Community and belonging» (Gemeinschaft und Zugehörigkeit). Die nicht abgesprochene Änderung war ein Steilpass. Shriver sprach erst recht über Identitätspolitik und fuhr eine Attacke gegen «political correctness». Sie liess sich darüber aus, dass eine «neue Ideologie» einer weissen Schriftstellerin wie ihr verbieten wolle, Figuren zu erfinden, die nicht ihrer eigenen Erfahrung entsprängen. Der Kampfbegriff dieser Ideologie heisse «cultural appropriation» – was man als «kulturelle Aneignung», «Enteignung» oder «Anmassung» übersetzen kann, je nach Tonlage des Vorwurfs.
Im Publikum sei genüsslich gelacht und gekichert worden, als Shriver erzählte habe, wie den NichtmexikanerInnen an einer US-amerikanischen Universität das Tragen von Sombreros zu Partyzwecken verboten worden sei, berichtet Yassmin Abdel-Magied, eine junge australische Bloggerin, die viel über ihre Erfahrungen als sichtbar muslimische Frau in Australien schreibt. Sie verliess während Shrivers Rede demonstrativ den Saal und verfasste zu Hause eine wütende Gegenrede. Ja, für sie sei es nicht okay, wenn ein Weisser aus der Perspektive einer Nigerianerin schreibe, während nigerianische Autorinnen kaum publiziert würden. Wie man positiv über die erzählende Aneignung fremder Erfahrungen sprechen könne, ohne auch nur einmal die Geschichte des Kolonialismus zu erwähnen, fragt sie ihr Publikum – und dieses Publikum ist bald gigantisch.
Abdel-Magieds Entgegnung und Shrivers Rede werden vom «Guardian» in London am 10. und 13. September 2016 veröffentlicht und dann vielfach im Netz geteilt. Innert Tagen wird mir die Debatte aus Nairobi, Zürich und Manila zugespielt. Auch deutschsprachige Zeitungen berichten. Im «Guardian» nehmen elf weitere AutorInnen Stellung, zum Beispiel A. L. Kennedy, Aminatta Forna, Linda Grant und Hari Kunzru. Dabei ist ein Tenor herauszuhören. Es komme doch auf die literarische Qualität an, schreiben die meisten. Es muss halt gut gemacht sein. Mehrfach wiederholt wird auch das Plädoyer dafür, die eigene Position als AutorIn zu reflektieren, das Schreiben nicht als losgelöste Tätigkeit eines kreativen Geistes zu verklären, sondern die Geschichte der eigenen Literatur, des Rassismus und der kolonialen Beziehungen im Bewusstsein zu halten.
In diesen Septemberwochen entstand der Eindruck, eine interkontinentale literarische Öffentlichkeit sei am Entstehen. Das ist eine faszinierende Aussicht, trotzdem bleibt die Irritation über das Wort «appropriation». Von «proprium» über «property» zu «Besitz» schlingert die Debatte auf ein Feld von Produkten, mitten hinein in den Kampf um die knappen Ressourcen Aufmerksamkeit und Publiziertwerden. Nun ist der Buchmarkt in den grossen Kolonialsprachen ein hartes, globalisiertes Geschäft, in dem die dominierenden Player in den USA, in Britannien, Spanien und Frankreich verankert sind und damit vorgeben, was in ihrem Einflussbereich als literarische Qualität gilt und was überhaupt die Chance hat, marktgängig zu werden. Das hat imperialistische Züge. Gerade deshalb scheint es mir wenig ergiebig, den marktwirtschaftlichen Kampf um Aufmerksamkeit in einer literarischen Diskussion zu verdoppeln, indem auch Identitäten nur als Produkte mit schwankendem Marktwert besprochen werden, die man stehlen kann. In Erinnerung an das Manifest der antillischen Autoren von 2009 wäre auch eine Debatte denkbar, die von einem Ort ausserhalb der Marktverhältnisse ausgeht. Da käme, in den Worten einer Figur von Robert Musil, neben dem Realitätssinn auch der Möglichkeitssinn zum Tragen.
Die Kreolisierung der Welt
Einer der Autoren, den ich dank des Generalstreikmanifests in der kleinen Buchhandlung von Saint-Claude für mich entdeckt habe, ist der Romancier, Dichter und Philosoph Édouard Glissant. Am 3. Februar 2011 ist er im Alter von 82 Jahren gestorben. Im deutschen Sprachraum wurde er durch die Übersetzungen von Beate Thill bekannt. Nach mehreren Romanen erschien 2005 der Essay «Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit». In diesem Text erläutert Glissant seinen Begriff der Kreolisierung. Dass er ihn rundum positiv versteht, erstaunt auf den ersten Blick, ist doch die Geschichte der Karibik von der brutal erzwungenen Vermischung, auch Ausrottung, von Kulturen geprägt. Glissant schreibt: «Die Höhle des Sklavenschiffs ist der Ort, an dem die afrikanischen Sprachen verschwinden, denn auf dem Sklavenschiff, wie übrigens auch auf den Plantagen, wurden Menschen, die die gleiche Sprache sprachen, voneinander getrennt. So wurden den Menschen die letzten Dinge des Alltäglichen genommen, zuallererst die Sprache. Wie ergeht es diesem Migranten? Er bildet sich aus Spuren eine Sprache nach, er ahmt Fertigkeiten nach, die für alle Gültigkeit haben können.»
Der Jazz und die karibischen Musikstile seien in derselben Bewegung entstanden wie die kreolischen Sprachen. Dass sie sich um die Welt verbreitetet haben und dabei immer neue Kombinationen mit einheimischen Stilen eingegangen sind, ist für Glissant Zeichen dieser «Gültigkeit». Mit Kreolisierung bezeichnet er also den Prozess, in dem aus einer Begegnung etwas Neues entsteht. Dieses Neue ist aber kein dominanter Code, der alles andere zum Schweigen bringt.
In einer kolonialen Sicht wurde die kreolische Sprache von Martinique als marginale Halbsprache abgewertet. Für Glissant ist es modellhaft, wie sich aus den normannischen und bretonischen Dialekten des 17. Jahrhunderts eine Sprache mit westafrikanischer Syntax entwickelt, die dann neben dem Französischen und in steter Beziehung zu ihm besteht. Sein Ideal ist nicht die Reinheit, sondern das Aufdecken und Schaffen von Beziehungen. Damit weckt er die Vorstellung, dass irgendwann ein weltweites Geflecht entsteht, das alle Sprachen und Erzählungen mit allen anderen verbindet.
Sein «Denken der Spur», das diesen Verbindungen folgt, ist auch ein mäandrierendes Erzählen. Dagegen setzt er die «grands livres fondateurs», Ursprungserzählungen alteingesessener Völker, die sich erzählend ihrer bevorzugten Position in der Welt versichern. In Romanen der europäischen Tradition sieht er Anleihen und Fortsetzungen dieser Erzählungen, wenn sie dazu dienen, den LeserInnen die Welt gut fasslich zu Füssen zu legen. Die politische Analyse trifft sich hier mit einer ästhetischen Position. Glissant konstatiert mit Zuversicht, dass sich die ganze Welt kreolisiert. Aber die Angleichung literarischer Stile unter der Dominanz des Westens sieht er als Gefahr. Kreolisierung, wie er sie entwirft, ist darauf angewiesen, dass zuerst einmal anerkannt wird, dass es verschiedene literarische Traditionen gibt und dass diese Traditionen weder statisch noch in sich abgeschlossen sind. Glissant fordert auch das Recht auf «Opazität», das heisst auf das Nichtverstandenwerden. Begegnung sei nur möglich, wenn der Anspruch schwinde, dass man den andern vollständig begreife.
Nichts ist ausgemacht
Vor dem Hintergrund dieser Gedanken lässt sich ein weiteres Unbehagen formulieren, das die «Guardian»-Debatte bei mir ausgelöst hat. Der literarische Rahmen war sehr eng gesteckt. Es ging nur um «fiction», implizit um Romane, es wurde vorausgesetzt, dass erzählende Prosa immer irgendwie realistisch sein wolle – als habe es die Moderne in der Literatur nicht gegeben, als sei der europäische Roman, wie er sich im 19. Jahrhundert verfestigt hat, noch immer das Alpha und Omega der Literatur. Da gibt es keinen unzuverlässigen Erzähler, keine verspiegelten Perspektiven, der Einbruch des Lyrischen oder des Dokumentarischen in die Prosa hat nicht stattgefunden. Die unterschiedlichen Möglichkeiten, wie sich modernes Erzählen im Erzählen selbst verunsichert oder reflektiert, bleiben unerwähnt.
Die Brisanz von Glissants Essay liegt auch in der Verbindung, die er zwischen moderner Literatur und den marginalisierten Traditionen des mündlichen Erzählens auf Martinique eröffnet. Dabei lösen sich klare kulturelle Zuordnungen auf, es wird sichtbar, dass es innerhalb der verschiedenen Traditionen unterschiedliche ästhetische Positionen gibt.
«In jedem Werk pulsiert eine Vision der Welt», schreibt Glissant. Diese Vision ist zugleich sehr persönlich, aber sie berührt auch die Welt, die da ist, und die Welt, die sein könnte. Sich mit diesem Pulsieren zu beschäftigen, geht viel weiter als die Frage, wer welche Figuren zeichnen soll. Das Nachdenken über die impliziten Visionen führt hinaus in eine Welt, in der nicht ausgemacht ist, wie es weitergeht. Glissants Zuversicht, dass sich die identitären und fundamentalistischen Bewegungen nur deshalb so sektiererisch gebärden, weil sie im Prinzip schon verloren haben, eröffnet eine Perspektive, die mir sehr viel produktiver erscheint als die Forderung nach kulturell abgeschlossenen literarischen Kammerstücken.
Als kleines Postskriptum sei noch bemerkt, wie überraschend das Ökonomische in Beate Thills Übersetzung von «Kultur und Identität» auftaucht. Es wäre wohl zu umständlich gewesen, «ces grands livres fondateurs» jedes Mal als «diese die Gemeinschaft begründenden Bücher» zu übersetzen. Bald wählt Thill den kurzen Begriff «Grundbücher», setzt ihn aber in Anführungs- und Schlusszeichen. Glissant hätte seine helle Freude daran, stelle ich mir vor, denn die Übersetzung bezeichnet er als «eine Kunst des Taumels und der heilsamen Irrfahrt», sie stellt Beziehungen zwischen Sprachen her, «wobei die erste nicht erlischt und die zweite nicht auf ihr Erscheinen verzichtet». Und immer entsteht auch etwas Neues, wenn jemand übersetzt. Mit dem Wort «Grundbuch» und seiner vielschichtigen Bedeutung wird deutlich, dass bei aller Zuversicht der ungerechte wirtschaftliche Kontext ein harter Brocken bleibt.
Annette Hug (46) studierte in Zürich und Manila Geschichte und Women and Development. Sie lebt heute als Schriftstellerin in Zürich. Zuletzt erschien ihr Roman «Wilhelm Tell in Manila» (Wunderhorn, 2016), der sich mit der Übersetzung des Schiller-Stücks durch den späteren philippinischen Nationalhelden José Rizal in die Sprache Tagalog beschäftigt.