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Es war Anfang Februar 2019, und ich recherchierte über die Folgen der riesigen Brände, die im November in Kalifornien gewütet hatten. Cornelia Funke, die weltbekannte Bestsellerautorin von Kinderbüchern, empfing mich auf ihrer Avocadofarm in Malibu. Funke wohnte zu der Zeit übergangsweise in einem Haus am Pazifik, aber sie kam jeden Morgen zurück zu ihrem Grundstück, um dort ihre Enten und die beiden Esel Esperanza und Zorro zu füttern.
«Mein Gärtner hat das alles hier gerettet», sagte sie und zeigte auf ihr Haus, ihre Schreibscheune, die Koppel für die Esel und zwei Gästehäuser. «Ohne Alfonso Fuentes wäre alles verbrannt.» Und dann hat mir Cornelia Funke die Geschichte erzählt, die es am Ende nicht in meine Reportage geschafft hat, die ich aber schon lange erzählen wollte, weil viele Gärtner in der Gegend die Häuser ihrer Arbeitgeber vor den Flammen gerettet haben – nur hört man nie von ihnen.
«Am Tag vor den Bränden hat mir Alfonso noch gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, dass das Feuer nicht zu mir kommen werde», begann Cornelia Funke. Sie vertraute ihrem Gärtner, weil der seit Jahrzehnten Grundstücke in Malibu in Schuss hält. Sie selbst war erst vor gut einem Jahr aus Los Angeles auf ihre Farm gezogen. Am nächsten Morgen drängte Alfonso Fuentes sie dann allerdings zu fliehen. Er hatte von einem Hügel aus gesehen, wie der Wind die Flammen auf Malibu zutrieb. Cornelia Funke packte ihre zwei Hunde ins Auto, einen Koffer mit Klamotten, einen mit Fotos und einen mit seltenen Büchern und fürchtete, dass der Rest verbrennen würde. Fuentes versprach, sich um Esel und Enten zu kümmern.
Als sie neun Stunden später endlich in Sicherheit war, meldete sich der Gärtner über Facetime. «Er stand da mit dem Feuer hinter ihm und meinen Mülleimern, die zur Plastikpfütze geschmolzen waren, die Hecke brannte und dahinter die ganze Strasse», erinnerte sich Cornelia Funke. «Und er sagte: ‹Señora, ich muss aufgeben.›» Sie dachte in dem Moment, dass nun tatsächlich alles weg war: ihr Haus, die Notizbücher, die Manuskripte, die Gemälde, einfach alles. Zwei Stunden später kam wieder ein Anruf. Der Gärtner und seine Crew waren zurück auf ihrem Grundstück. Sie hatten die angeordnete Evakuierung gebrochen und waren heimlich über die Hecken geklettert. «Drei, vier Tage lang haben sie zusammen für meine Gästehäuser, meine Scheune, mein Haus, meine Tiere gekämpft.»
Der Gärtner schickte regelmässig Updates über die Lage vor Ort Irgendwann gab es kein Wasser mehr in Malibu. «Ich habe Videos, wo er und seine Männer mit Zweigen die Flammen ausschlagen», erzählte sie. «Sie haben mir ein Video geschickt, wo sie Enteneier trinken und sagen ‹Sorry, Cornelia!›» Es gab ja auch kein Essen mehr in Malibu, keinen Strom, kein Gas, kein Benzin. Die Gärtner konnten auch nicht raus aus Malibu, wenn sie das Grundstück und die Tiere weiter verteidigen wollten. Die Polizei liess niemanden mehr zurück in das evakuierte Gebiet. Die Familien der Gärtner machten sich grosse Sorgen, weil in den Nachrichten nur immer von den Flammen und den zerstörten Häusern berichtet wurde. Auch Cornelia Funke hatte schlaflose Nächte. So dankbar sie war für den Einsatz von Alfonso Fuentes und seinen Männern, beschwor sie die Gärtner doch Hunderte Male, nach Hause zu gehen, sich nicht weiter in Lebensgefahr zu bringen. Doch sie bekam nur eins in den Videos zu hören: «Señora, keine Sorge! Wir wissen, was wir tun.»
Als ich Cornelia Funke knapp drei Monate nach den Feuern traf, durfte sie noch nicht zurück ins Haus wegen der hohen Gefahr einer Rauchvergiftung. Es musste noch gelüftet werden. Wir waren umgeben von verkohlten Baumstämmen, von Überbleibseln geschmolzener Zäune und von verbogenem Stahl. «Ich kann noch immer nicht fassen, wie sie alles, was mir wichtig ist, beschützt haben», sagte sie mir. Cornelia Funke hat Alfonso Fuentes das Labyrinth des Fauns gewidmet, ihr Buch, das sie nach den Feuern veröffentlichte. Sie wird ihn zu einer Figur in der neuen Drachenreiter-Folge machen.
«Diese vier mexikanischen Männer haben mein Haus gerettet», sagte sie. «Ich werde ihnen nie genug danken können.» Aber immerhin ist jetzt ihre Geschichte erzählt.
Die Kurzreportage «Missouri» von Marzio G. Mian stammt aus der Serie «Flussgeschichten» des Magazins REPORTAGEN.
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