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Krise und Protektionismus
Als 2008 Lehman Brothers unterging, kam sofort der Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Die bange Frage lautete, ob sich die Katastrophe der damaligen Zeit wiederholen würde.
Zum Glück war die Angst übertrieben. Die Zentralbanken hatten aus der Geschichte gelernt und alles unternommen, um ein Abschmelzen des Finanzsystems zu verhindern. In den reichsten Ländern stieg die Arbeitslosigkeit zwar deutlich an, erreichte aber nicht annähernd das Niveau der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Hier das Beispiel der USA:
Eine Zeit lang sah es auch danach aus, als ob die erfolgreiche Brandbekämpfung grössere politische Verwerfungen unmöglich gemacht hätte. Natürlich gab es historische Veränderungen. So gewann mit Barack Obama zum ersten Mal ein Afroamerikaner die Präsidentschaft. Ohne Finanzkrise wäre dieser Wahlsieg kaum möglich gewesen. Aber seine Krisenpolitik war im Prinzip nichts anderes als die Fortsetzung dessen, was die Bush-Administration schon angefangen hatte. Von einem New Deal, wie ihn Roosevelt in den 1930er-Jahren vornahm, waren die USA weit entfernt.
Heute, mit einer grossen zeitlichen Verzögerung, scheint sich aber doch eine fundamentale politische Veränderung abzuzeichnen. Die Wähler in den USA und Europa wenden sich gegen die etablierten Parteien und wollen wieder mehr Protektionismus. Das ist zwar auch in den 1930er-Jahren passiert, aber es ist dennoch der falsche Vergleich. Damals zerfiel die Weltwirtschaft in verschiedene Blöcke, wobei Länder wie Deutschland sogar eine autarke Wirtschaftspolitik einzuschlagen begannen. Das scheint mir heute unrealistisch.
Es ist eine andere historische Periode, die an Relevanz gewinnt: die Stagnation der 1870er-Jahre. Die Parallelen sind mit den Händen zu greifen:
- Die Stagnation begann mit der Finanzkrise von 1873, welche globale Auswirkungen hatte.
- Die Jahre danach waren gekennzeichnet von schwachem Wachstum und Deflationsdruck.
- Protektionistische Strömungen gewannen Überhand. Überall wurden Zollschranken für einzelne Branchen hochgezogen. Berühmt ist zum Beispiel die Wende des deutschen Kanzlers Bismarck, der 1878 Zölle für die Landwirtschaft und Schwerindustrie einführte. Es entstand ein neues Bündnis zwischen «Roggen und Eisen».
Die folgende Grafik zeigt, wie heftig die protektionistische Gegenbewegung war (Quelle). Bei den Industriegütern reagierte vor allem die europäische Peripherie, beim Weizen vor allem die grossen Länder, wo die Landwirtschaft elektoral noch sehr wichtig war: Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Sie wehrten sich gegen die billigen Importe aus den USA und der Ukraine.
Heute gibt es ähnliche Tendenzen. Es ist vielleicht nicht mit abrupten Zollerhöhungen zu rechnen, aber die wachsende Opposition gegen TTIP und die Popularität von Trump sind Ausdruck einer protektionistischen Gegenbewegung, die an die 1870er-Jahre erinnert.
War der Protektionismus der damaligen Zeit schlimm? Nicht wirklich. Die Weltwirtschaft florierte weiterhin, vor allem ab Mitte der 1890er-Jahre. Dies dürfte auch heute der Fall sein. Wenn TTIP nicht durchkommt, geht die Welt nicht unter. Auch der Brexit ist weit weniger dramatisch für die britische und die Weltwirtschaft, als prognostiziert wurde – der IWF hat sich mit seinem Untergangsszenario völlig unglaubwürdig gemacht und muss bereits wieder zurückrudern (Quelle).