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Der Grazer hat als Mitbegründer der Zeitschrift «manuskripte» die österreichische Literatur der letzten sechzig Jahre massgeblich geprägt. Zu seinen Wegbegleitern gehörten Handke und Jelinek. Nun ist er am Freitag 89-jährig gestorben.
Wild waren die sechziger Jahre im österreichischen Graz. Ein blasser junger Dichter namens Peter Handke gab bekannt, dass er es sei, der den Roman revolutionieren werde. Man stellte sich gegen die «Traditionswüstlinge» und die «Überlieferungssaturierten» und gab Parolen aus. Kein Tag dürfe vergehen, «an dem nicht Thesen angeschlagen werden».
Der heilige Zorn der österreichischen Avantgarde hatte sich mit der Literaturzeitschrift «manuskripte» ein Forum geschaffen, das als Komplementärphänomen alles Provinziellen noch über Jahrzehnte erfolgreich bleiben sollte. Die «manuskripte» waren die Erfindung von Alfred Kolleritsch, dem grossen Ermöglicher der Literatur. Dass für ihn selbst die Unmöglichkeiten das Sagens und Schreibens ein grosses Thema waren, ist dabei kein Widerspruch.
Kulturkämpfe und Attacken
1931 geboren, hat Alfred Kolleritsch am eigenen Leib erlebt, was Sprache im Politischen anrichten kann. Prototypisch war die nach dem Krieg noch vorhandene Selbstherrlichkeit derer, die im NS-System Meriten erworben hatten. Prototypisch aber war auch die Kleinmütigkeit, gegen die Kolleritsch und Konsorten aufbegehrten. Die Anfangsjahre der «manuskripte» waren geprägt von Kulturkämpfen und persönlichen Attacken gegen den Herausgeber, dem man sogar einen Pornographieprozess anhängen wollte, weil in Oswald Wieners in Fortsetzungen gedruckter «verbesserung von mitteleuropa» ein paar schlüpfrige Metaphern vorkamen.
Im Spätherbst 1960 waren die «manuskripte» in einer Augenblickslaune entstanden, und obwohl man damals nicht einmal an eine zweite Nummer glaubte, wurde die Literaturzeitschrift zur wichtigsten und innovativsten im deutschen Sprachraum. Auf ihren Seiten haben Peter Handke, H. C. Artmann, Oswald Wiener, Gerhard Rühm, Wolfgang Bauer, Elfriede Jelinek die Bühne des Betriebs betreten, konkrete Poeten wie Franz Mon, Reinhard Döhl und Max Bense kamen vor. Später waren es Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und Barbara Frischmuth. Auf erstaunliche Weise hat sich das «manuskripte»-Motto «Literatur ist, was wir dafür halten» auch ausserhalb des privaten Geschmacks bewahrheitet.
Clemens Setz, Olga Flor, Thomas Stangl, Ann Cotten und Oswald Egger zählen zu den jüngeren Autoren, die in den Manuskripten reüssieren konnten. Alfred Kolleritsch war ein Talentesucher und ein empathisches «Briefschreibegenie», wie Peter Handke einmal gesagt hat. Allein aus der «manuskripte»-Korrespondenz liesse sich eine Literaturgeschichte seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts destillieren.
Was sein eigenes, erst spät publiziertes Werk betrifft, war Alfred Kolleritsch ein Bescheidener. Er war einer, der die anderen zur Literatur ermunterte, während für ihn selbst die Zusammenhänge zwischen Sprache und Macht immer prekär blieben. Der Vater diente als Verwalter am südsteirischen Schloss Brunnsee, das einer Schwester der letzten österreichischen Kaiserin Zita gehörte.
Die Familie Kolleritsch war Teil einer fein gesponnenen Hierarchie, in der das Gottesgnadentum des Adels mit dem proletarischen Dasein der Angestellten in Konkurrenz stand. Kolleritschs Romane sind aus der Perspektive eines Wissenden geschrieben, aus dem Blickwinkel dessen, der noch die feinsten Nuancen der Despotie erkannt hat. «Der Pfirsichtöter», «Die grüne Seite» und «Allemann» erzählen nacheinander in poetischer Verdichtung aus der Kindheit und Jugend, von Abhängigkeiten und Hoffnungen.
«Wörter und Sätze zählte ich zur Aussenwelt», schreibt Alfred Kolleritsch einmal. «Ich selbst war fast stumm, ich hatte Angst, etwas als etwas zu benennen. Ich stand oft stundenlang am Fenster meines Elternhauses und schaute auf die Teiche hinaus, sie hatten keine Ufer, die aufspringenden Karpfen blieben in der Luft. Hinter mir spielte meine Bruder Klavier. Ich hörte das Metronom schlagen und setzte beliebige Wörter in die Takte ein.»
Der leidenschaftliche Hypochonder
Ein Antidot gegen den Bruch zwischen Innenwelt und Aussenwelt war die Bibliothek des Grossvaters. Dort hat der Dichter sich durch die Philosophie gelesen und Heidegger entdeckt, dessen sprachliche Wendungen die Gewandtheit von Kolleritschs Lyrik durchziehen. Die Gedichtbände mit Titeln wie «Erinnerter Zorn», «Einübung in das Unvermeidbare» oder «Die Summe der Tage» waren Versuche, das Geistige im Sinnlichen aufgehen zu lassen. Das ging nicht immer ohne knirschende Geräusche, und wenn Kolleritschs Klugheit den irdischen Leidenschaften in die Parade fuhr, dann brauchte es mitunter hermeneutische Geduld, um den amourösen Kriegszustand zwischen den Elementen richtig zu deuten.
Der grosse Österreicher Alfred Kolleritsch war ein leidenschaftlicher Hypochonder. «Du klagst viel, aber es liest sich angenehm», hat Peter Handke einmal in einem Brief geschrieben. Prosaisch konnte das Leben nach einer schweren Operation sein, von der sich der Dichter und Herausgeber nicht mehr wirklich erholte. Über den Tod hat Alfred Kolleritsch nicht viele Worte gemacht. Hat man ihn danach gefragt, dann war die Antwort dramatisch, aber knapp: «Der Tod ist ein grosses Thema für mich.» Punkt.
Nun ist dieser eminente Freund der Poeten, dieser unermüdliche Ermöglicher am Freitag 89-jährig in Graz gestorben.