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ein großes
Reich im O. Nordafrikas,
im S. von den Gallaländern, im übrigen von zum ägyptischen
Sudân gehörigen
Landschaften begrenzt. Es umfaßt drei ehemals
selbständige
Reiche:
Tigré im N., mit der frühern Hauptstadt
Adua (4000 Einw.) und dem alten, in
Ruinen
liegenden
Axum,
Amhara, mit der frühern Hauptstadt
Gondar (12,000, einst 60,000 Einw., mit 44
Kirchen) und der jetzigen Residenzstadt
Debra Tabor im O. des
Tanasees, und
Schoa im S., mit den verfallenden
StädtenAnkober und
Angolala, und hat ein Gesamtareal von
333,200
qkm (6058 QM.) und 3 Mill. Einw.
Aus den ringsum liegenden niedrigen
Landschaften steigt das Land im N. und S. allmählich, im O. und W. aber unvermittelt
zu einem äußerst zerrissenen Alpenland von 2000-2300 m mittlerer
Erhebung auf.
Das
Innere ist eine
Folge grasreicher, aber meist waldloser
Plateaus, auf welchen sich zahlreiche isolierte, oft sehr grotesk
gestaltete Felsmassen. mit senkrecht abfallenden
Wänden und von sehr verschiedener
Größe erheben. Während
einzelne derselben nur mit
Leitern erstiegen werden können, haben andre das Aussehen von
Tafelbergen, sind auf der Gipfelfläche
wohlbewässert und mit üppiger
Vegetation bedeckt, daher auch bewohnt und angebaut. Diese Felsmassen dienen der
Bevölkerung
[* 3] in ihren
Kriegen gegen auswärtige Feinde und bei ihren innern
Fehden als natürliche
Festungen und werden
mit dem allgemeinen
NamenAmba bezeichnet.
Außerdem sind die
Hochebenen von mehreren ansehnlichen, nur teilweise voneinander getrennten
Gebirgsketten durchzogen, unter
denen im nördlichen Teil des
Landes besonders folgende bemerkenswert sind. Die eine zieht sich an der Nordgrenze von der
LandschaftSemién durch ganz Abessinien bis in die
Nähe des Hawaschthals, wo sie noch bis zu 3500 m ansteigt, um sich dann gegen W.
in die
Hochebene der
Galla zu verflachen. Eine nach
SW. gehende Abzweigung umfaßt im S. den großen
Tanasee und endigt in dem
wenigstens 3600 m hohen Talba-Wahagebirge in den
Landschaften Matscha und
Godscham.
Dieser langen
Gebirgskette gehören in
Semién und Wogera an der
Ras Daschan von etwa 4620 und der Buahit von 4510 m
Höhe, deren
Gipfel einen großen Teil des
Jahrs mit
Schnee
[* 4] bedeckt sind. Südwestlich von
Semién setzen sich die
Gebirge in der 3000 m
hohen, gestaffelten
Terrasse von Wogera fort, die sich allmählich nach SO. verflacht und kesselförmig das
große
Becken des
Tanasees umgibt. Ohne
Unterbrechung ziehen die
Gebirge nach SO. weiter durch das 4300 m hohe Gunagebirge bis
zum trennenden
Thal
[* 5] des Beschilo.
Von dem niedrigen Küstenstrich, der
Samhara, aus gesehen, gewährt den Anblick einer ragenden
Burg, durch deren
Wälle nur
wenige, oft treppenartige
Pässe auf das eigentliche
Hochland führen. Der frequenteste dieser
Pässe ist der
am Tarantaberg, der von dem Hafenort
Massaua
[* 7] nach dem
Hochland führt, neben welchem wir im Innern
Semiéns noch den in fast 3000 m
Höhe liegenden Selkipaß erwähnen, der bis in die Schneeregion reicht. Den nördlichen und westlichen, wahrscheinlich
auch den südlichen
Abfall des
Hochlands umzieht eine 6-7 Tagereisen breite, sumpfige, mit dichtem
Urwald
bedeckte und von
Elefanten,
Raubtieren und
Schlangen
[* 8] erfüllte, aber dünn bevölkerte
Region, die sogen.
Kola oder Kwola (d. h.
heißes Land). Von ganz andrer
Beschaffenheit als das
Hochland ist die
Samhara, indem sich diese nur wenig über den Meeresspiegel
erhebt und ein heißes, wasser- und vegetationsloses, schwach bevölkertes Gebiet bildet, dessen Oberfläche
teils aus nacktem
Fels, teils aus flüchtigen
¶
mehr
Sandablagerungen über demselben besteht. Geognostisch ist Abessinien vorwiegend vulkanischer Natur, und nur von O. her ragt die Kalk
und Sandsteinformation in den vulkanischen Kern keilförmig hinein. Schon in der Samhara finden sich ausgebrannte Krater,
[* 10] Lavaströme
und Lavafelsen. Ebenso ist der ganze nördliche Rand des Hochlands mit Massen von Lava, Schlacken, Mandelsteinen
und Basalt bedeckt, und weiter im Innern ist der Tanasee von einem schroffen, aus vulkanischem Gestein bestehenden Kamm umschlossen,
an welchem zahlreiche warme Quellen entspringen. Weiterhin befinden sich besonders in den Landschaften Wogera, Talemt, Agamé
und Semién vulkanische und plutonische Gebilde in großer Verbreitung, und auch in den südlichern Landschaften
Begemeder, Godscham, Ghedem, Agaomeder hat man dergleichen in Masse angetroffen, die aber vorzugsweise aus Trachyt bestehen.
Aktive vulkanische Thätigkeit hat man 1861 noch beim VulkanEd amRotenMeer beobachtet.
Unter seinen zahlreichen Nebenflüssen seit seinem Austritt aus dem Tanasee sind die bedeutendsten: auf der linken Seite Beschilo,
Dschamma, Guder, Didessa, Jabus und Tumat, auf der rechten Dinder und Rahad, von denen die zwei letzten von den
Bergen
[* 11] Godschams herkommen. Der Takazzé, der zweite Hauptstrom Nordabessiniens, entspringt auf der Grenze zwischen Lasta und
Begemeder, scheidet in seinem nordwestlich gerichteten Lauf bis zum 17° nördl. Br. die LandschaftenTigré und Amhara voneinander
und bildet, mit einer Breite
[* 12] von etwa 200 m ein hohes Plateauland durchziehend, den Abzugskanal für das
nordöstliche Abessinien. Er erhält später den Namen Setit und fällt dann als Atbara in den Nil. Im südlichen Abessinien ist der Hawasch von
Bedeutung, der im Guraguegebirge entspringt, in einem weiten, fruchtbaren Thal zuerst nach N., dann nach O. fließt, die LandschaftSchoa gegen die freien Gallaländer abgrenzend, und endlich sich wieder nach N. wendet, um sich in
den Aussasee zu ergießen.
Endlich ist noch der Mareb oder Gasch zu erwähnen, der in Tigré entspringt, auf einer weiten Strecke nach NW. fließt, dann
aber eine nordöstliche Biegung macht. Man glaubte früher, daß er in das Rote Meer münde, weiß aber
jetzt, daß er sich zur Zeit seiner Hochflut in den Atbara ergießt. Alle angeführten Ströme also, mit Ausnahme des Hawasch,
gehören dem Stromsystem des Nils an. Nur der in der nördlichen Landschaft Hamasen bei Tatsega entspringende Ainsaba, der
Mensa und Bogos durchzieht, wendet sich dem Baraka zu und gehört so dem RotenMeer an. In der trocknen Jahreszeit
sind die Ströme teilweise ohne Wasser, in der Regenzeit aber überfluten sie, oft furchtbare Zerstörungen hervorbringend,
das Flachland. Sie bedingen wesentlich das Steigen des Nils und sind Ursache des fruchtbaren Schlammabsatzes in Ägypten durch
die aufgelösten vulkanischen Massen, die sie mit sich führen. - Unter den zahlreichen Landseen Abessiniens
sind
einige sehr bedeutende, die fast ohne Ausnahme im Hochland liegen und den Charakter der europäischen Alpenseen haben.
Ihre vulkanische Umgebung scheint zu der Annahme zu berechtigen, daß sie Ausfüllungen von erloschenen Kratern sind. In Nordabessinien
ist als der größte der 1859 m ü. M. gelegene Tana oder Dembeasee in der LandschaftDembea (s. Tana), im
O. der Aschangisee in der Landschaft Wogera zu erwähnen, welch letzterer, von 3300 m hohen Bergen umgeben, in 2441 m Höhe liegt
und einen Umfang von 22 km hat.
[Klima,
[* 13] Naturprodukte.] Der Abessinier unterscheidet in seinem in klimatischer Beziehung so viele
Abwechselung bietenden Vaterland zwei Hauptregionen: die Kola oder Kwola (das Tiefland unter 1600 m) und die Deka, nebst einem
vermittelnden Gliede, der Woina Deka (1600-2400 m). Das Klima ist im Hochland gemäßigt und angenehm, nur in der Deka und namentlich
auf den hohen Gebirgszügen von Lasta und Semién im Winter sehr kalt. Auf den östlichen höhern Plateaus
steigt das Thermometer
[* 14] im Sommer selten über 30° R. und fällt nicht unter 17°, so daß die mittlere Temperatur etwa 24,5°
beträgt.
Bei der außerordentlichen Reinheit der Luft erfreuen sich die Bewohner der höher gelegenen Gegenden einer ausgezeichneten
Gesundheit; nur rheumatische Übel werden durch die kalten Winde
[* 17] veranlaßt, und in Schoa grassiert der Aussatz. Eine unter den
Abessiniern sehr verbreitete Krankheit ist der Bandwurm,
[* 18] ohne Zweifel infolge des fortwährenden Genusses
von rohem Fleisch; doch bietet die Natur selbst in einigen Pflanzen die kräftigsten Gegenmittel dar. In den heißen Flußthälern
und in der Kola herrschen Dysenterien, Faulfieber und heftige nervöse Krankheiten, welche besonders den Weißen verderblich werden.
- Der Pflanzenwuchs ist bei den verschiedenen klimatischen Verhältnissen des Landes sehr mannigfaltig
und in günstigen Lagen außerordentlich üppig.
Während er in den hoch gelegenen Gegenden schon ganz subalpinisch ist, hat er in der Kola und in den heißen Thälern des
untern Mareb und Takazzé ganz den tropischen Charakter. Die Vegetation der letztern zeigt Tamarisken, Sykomoren,
Adansonien und Fikusarten, Tamarinden und Kigelien, Akazien, wilde Baumwolle,
[* 19] Sesam und Büschelmais längs der Flußufer. In der
mittlern Region der Kola beginnt die Vegetation der Aloepflanzen. In 1500 m Höhe erscheint die für Abessinien so charakteristische
Kolkwaleuphorbie, die bis 3600 m Höhe aufsteigt. Ihr gesellen sich der Ölbaum und die mächtige Adansonia
bei, doch stehen alle diese Bäume in der Kola¶
[Bevölkerung.] Die Bevölkerung von Abessinien ist sehr gemischt. Durch die Vielweiberei und den Sklavenhandel,
welcher seit Jahrtausenden Frauen aus sehr verschiedenen Völkern ins Land gebracht hat, wurden die eigentlichen echten Typen
vielfach verwischt, wie dadurch auch die Ausbildung eines festen nationalen Charakters mit scharfem Gepräge bei den einzelnen
Völkerstämmen unmöglich geworden ist. Was man als eigentliche Abessinier (s.
Tafel »Menschenrassen«)
[* 48] oder Äthiopier bezeichnet, ist ein zur südlichen Familie der Semiten gehöriges, ursprünglich aus
Arabien eingewandertes Volk, das infolge seiner höhern Anlage und Gesittung die Herrschaft an sich gebracht hat.
Viele Angehörige tragen noch das rein kaukasische Gesichtsgepräge und haben schlichtes, schwarzes Haar,
[* 49] während die Hautfarbe
wechselt; man hat KinderEinesVaters mit roter, olivengelber, brauner und schwarzer Hautfarbe, mit schlichten
oder wollig gekräuselten Haaren. Als ausgestorbene, nur noch in den religiösen Büchern lebende Ursprache der Abessinier
gilt die äthiopische oder das Geéz, das zur Zeit der Einführung des Christentums im Land gesprochen wurde. An seine Stelle
traten (seit wann, ist unbekannt) zwei lebende Sprachen, die von den beiden Hauptstämmen der Abessinier heute geredet werden.
Das Amharische (Amhareña) wird in den südlich und westlich vom Takazzé gelegenen Landschaften, das Tigrische (Tigreña,Tigré)
in den östlich davon gelegenen Gegenden gesprochen. Das Amharische hat mehr Fremdartiges angenommen als das
Tigrische, aber es wurde zur Regierungssprache erhoben und reicht bis Harar im O. Das Tigrische hat im Dialekt von Gurague,
einer südabessinischen Landschaft, eine Tochtersprache aufzuweisen. Wie sprachlich, so sind auch im Charakter die beiden Hauptstämme
der Abessinier mannigfach geschieden, und diese Verschiedenheit hat auch Einfluß auf den
¶
Der Negus Negesti von Abessinien, Johannes, hatte zwar nach seinem Sieg über das ägyptische Heer 1876 bei Gura
seine mächtigen und nur ungern seiner Oberherrschaft sich fügenden Vasallen in Schoa und Godscham sich gefügig gemacht, allein
ihre Bestrebungen, unabhängig zu werden, waren damit keineswegs gebrochen. Namentlich hatte Menelek von Schoa, ein Sprosse
altäthiopischen Stammes, niemals die Hoffnung aufgegeben, den Tigriner Usurpator vom Thron
[* 50] zu stoßen.
Daran änderte auch nichts, daß Johannes wiederholt Menelek als Erben des abessinischen Throns bezeichnete
und ein Ehebund zwischen den Kindern beider abgeschlossen wurde. Menelek legte zwar den angenommenen TitelNegus Negest ab,
begnügte sich mit dem eines Negus von Schoa und verpflichtete sich, einen jährlichen Tribut an Johannes zu zahlen; aber er
ließ sein Endziel doch nie außer Augen. Er unterwarf bis 1885 das Gebiet der Soddo-Galla, Kabiena, Inarja,
Gomma, Gumma, Gera,
[* 51] Dschimma Kaka, Kaffa und Gurage und bändigte damit die zügellosen Galla vollständig.
Dann wurde auch das von den Engländern dem EmirAbdullah, welcher den italienischen Reisenden Porro und Gefährten ermorden
ließ, übergebene Harar erobert. Inzwischen war das Streben des NegusJohannes darauf gerichtet gewesen,
den Hafen von Massaua von Ägypten zurückzuerhalten, und er hatte sich deshalb wiederholt, wiewohl vergebens, an die europäischen
Kabinette gewandt. Als nun die Italiener die Stadt mit Zustimmung der Engländer besetzten, glaubten sie auch
in die freundschaftlichen Beziehungen zum Negus treten zu können, welche Admiral Hewett durch den Vertrag vom angeknüpft
hatte. Um dieselben noch enger zu knüpfen, schickten sie eine Gesandtschaft unter dem General Pozzolini zu Johannes.
Wegen der enormen Kosten und Schwierigkeiten eines größern Feldzugs in Abessinien unterließen es die Italiener, eine Genugthuung vom
Negus zu erzwingen, welche dieser freiwillig nicht gewährte. Menelek aber weigerte sich, einer Aufforderung des Negus, mit
ihm gegen die Italiener vorzugehen, nachzukommen, unterhielt vielmehr freundschaftliche Beziehungen zu
denselben, und als der schon seit Jahren in Schoa weilende GrafAntonelli Anfang Februar 1889 von Italien
[* 53] mit Kriegsmaterial für
den Krieg in Schoa eintraf, wurde er in der königlichen Residenz Entotto mit großem Gepränge empfangen; Menelek ließ 4000 Krieger
ausrücken, um den Italiener zu ehren. An König Humbert aber richtete er ein Schreiben,
worin er erklärte,
seinen ganzen Einfluß aufbieten zu wollen, um den Zugang von der italienischen Kolonie Assab nach Schoa durch das Danakilland
über Aussa freizumachen. Im Winter 1887-1888 zog er ein Heer von 40,000 Mann Fußvolk nebst viel Reiterei
an der Nordwestgrenze zusammen.
Johannes aber, der bereits mit einem Heer am Abaj stand, mußte sich gegen die Mahdisten wenden, welche den schon im Vorjahr
glücklich ausgeführten Streifzug wiederholten und die Umgebung des Tanasees verwüstet hatten. Im Verein mit dem König von
Godscham trieb er die Derwische aus dem Land und verfolgte sie über die Grenze hinaus, wurde aber von ihnen 7. und bei
Metemmeh gänzlich geschlagen und starb selbst an den erhaltenen Wunden zu Makalle auf einer Insel im Tanasee, nachdem er seinen
Thron seinem Neffen Mangascha vermacht hatte.
Der mächtigste Häuptling in Abessinien, Ras Mikael, unterwarf sich aber dem Herrscher von Schoa, der sogleich
nach Empfang der Nachricht von der Niederlage des Johannes nach Norden
[* 54] vorrückte, um den Thron des Negus Negesti zu besteigen.
Mit seiner Thronbesteigung wird jedenfalls das Unternehmen der Italiener, von Massaua aus in wirtschaftliche Verbindung mit
Abessinien zu treten, aussichtsvoller, denn Menelek zeigt sich als einen ebenso warmen FreundItaliens,
[* 55] als Johannes
ein heftiger Gegner desselben war.
Die Besetzungen der auf der gesunden Gebirgsstufe gelegenen OrteKeren und Asmara(4. Aug) sind wichtige Schritte zur
Verwirklichung der italienischen Projekte. Mitte 1889 ordnete König Menelek eine Gesandtschaft nach Italien
ab, die dort mit allen Ehren empfangen wurde. Die förmliche Abtretung des von Italien zur Sicherung seiner militärischen Stellung
beanspruchten Bogoslandes wurde vereinbart und ein Vertrag abgeschlossen, wonach Abessinien mit Schoa sich unter das Protektorat Italiens
stellte.
Die Freundschaft zwischen dem »König der Könige« von Abessinien, Menelik, und Italien, scheint
sich bis in die jüngste Zeit bewährt zu haben. In dem vom Grafen Pietro Antonelli im Kriegslager von Udschali abgeschlossenen
Vertrag war bestimmt worden, daß eine von Arafali (an der Annesleybai) ausgehende Linie die Grenze zwischen
dem italienischen und abessinischen Gebiet bilden solle und zwar so, daß Halai, Saganeiti und Asmara bei Italien verblieben,
während vom DorfeJoannes aus die Grenze nach W. verlaufen solle.
auch Abyssinien, vor dem 17. Jahrh. Abassia, Abissinia (von arab. Habesch), wird in Europa
[* 60] als geogr. Name für das Ländergebiet gebraucht, welches südöstlich von Nubien, zwischen dem RotenMeere, dem Strombetten
des Bahrel-Asrak (BlauenNils) und dem FlusseHawasch (im SO.), nach dem Innern zu sich erstreckt und im allgemeinen den Teil von
Ostafrika umfaßt, der zwischen 16 und 6° nördl. Br. und 36 und 43° östl. L. (von Greenwich) liegt,
somit etwa mit den Grenzen des alten äthiop. Reichs (s. Äthiopien) zusammenfällt.
Hochland bis Kaffa 191184 qkm. Das gewaltige Hochplateau steigt von W. her allmählich, teilweise
in ausgedehnten Terrassen auf, stürzt nach O. hin mit hohem Steilrande plötzlich zu den niedrigen Hügellandschaften der
Samhara und der Adalländer ab und wird in seinem Innern durch zahlreiche, ungewöhnlich tief (bis
zu 1200 m und mehr) eingefurchte und gewundene Stromthäler in eine große Anzahl Hochflächen inselartig zergliedert. Dieselben
sind häufig grasreich, bisweilen völlig baumlos und erheben sich von N. nach S. und von W. nach O. ansteigend zu durchschnittlich 2000 m
Höhe.
Das Hochland beginnt im N. mit den Hochlandschaften der Habab, Mensa, Bogo, Marea und Baraka (an 1250 m
über der Thalsohle des Anseba). Daran schließen sich im nördl. Tigre Plateaus von ungefähr 1900 m Höhe, sowie weiter südlich,
jenseit des Mareb, das eigentliche Plateau von Tigre, auf dem Adua (1960 m) und das alte Arum (2100 m) liegen.
Die durchschnittliche Höhe von 1900 m setzt sich fort in den Hochlandschaften von Temben und Enderta und dem westl.
Ambara. Den eigentlichen Kern der ganzen Gebirgsregion bildet jedoch das Becken des Tanasees mit den Plateaulandschaften von
Lasta und Simen (Semien), 2000–3000 m hoch, die Hochebene Wogera, bis 2500 m hoch, und weiter südlich
die Hochlandschaften Godscham und Schoa, bis 2650 m hoch, während die Hochlandschaften im S. des Abai, wie Enarea, Kaffa und
Gurage nur 2200 m Höhe erreichen. In allen diesen Hochebenen erheben sich unzählige einzelne Felsmassen mit kahlen,
senkrechten Wänden, in der Form von Pyramiden, Pfeilern und Tafelbergen, «Amba» genannt, oft kaum zugänglich,
bisweilen auf der Oberfläche ziemlich ausgedehnt,
wohl bewässert und mit reicher Vegetation bedeckt.
Außerdem türmen sich über den Hochflächen Berggipfel in Form runder, domartiger Massen, geneigter oder umgestürzter Kegel,
sowie Basalte in Gestalt von ungeheuern Orgeln. Mehrfach gruppieren sich diese meist trachytischen und
basaltischen Massen zu ansehnlichen, wie es scheint, isolierten Gebirgen, deren Gipfel über die Schneegrenze sich erheben.
Durchaus alpinen Charakter trägt das ausgedehnte Simengebirge auf dem gleichnamigen Plateau, in dem sich der Boabit oder
Babit 4485 m, Selke 4250 m, Abba-Jared 4563 m und der Ras Daschan bis 4620 m, höchster Gipfel in Abessinien, erheben.
Über dieses Gebirge führen aus Tigre nach Ambara die Pässe von Selke in 3768 m und der von Sawana in 2890 m Höhe, während
auf dem sich südwestlich anlehnenden Hochlande von Wogera die Straße vonAdua nach Gondar über den 2600 m hohen Lamalmonpaß
führt. Im S. der im Mittel 2100 m hohen centralen Plateaulandschaft, in deren Mitte der Tanasee (1755
m) liegt, befinden sich gleichfalls hohe Gebirgsstöcke; so auf dem Plateau von Godscham das Tschokgebirge (4150 m), im südl.
Amhara der Gunaberg (4280 m) und auf dem Plateau von Schoa der Kolloberg (4300 m). Den Osten des abessin.
Hochlandes, dessen Plateaus bis 3240 m Höhe erreichen, krönt eine von N. nach S. gestreckte, nur durch wenige Pässe durchbrochene
Randkette mit 2600–4100 m hohen Gipfeln.
Dieselbe fällt jäh nach der Sambara, der Taltaldepression und weiter südlich nach der weiten, waldreichen Thalsenkung
des Hawasch ab, die von jeher eine natürliche Grenze gegen die Adalländer gebildet hat. Infolge des
terrassenförmigen Aufbaues des abessin. Hochlandes im W. und der tiefen Durchbruchsthäler aller nach W.
fließenden abessin. Ströme ist von W. her ein leichteres Eindringen in das Land ermöglicht. – Abessinien verdankt sein eigentümliches
Gepräge einer großartigen vulkanischen Thätigkeit der spätern Tertiärzeit, nur die Plateaus in Tigre
bestehen vorherrschend aus Sandsteinschiefern und darübergelagerten kalkigen Bildungen. In Schoa herrschen trachytische Gesteine
vor, durchbrochen und überdeckt von Basalten.
Letztere nehmen auch an der Bildung im nördl. und westl. Amhara wesentlichen Anteil, besonders
an dem Plateau von Wogera und dem Simengebirge, das ganz aus basaltischen Gesteinen besteht. Diese vulkanischen
Bildungen zeigen keine Spur von Kraterbildung und Lavaströmen; dagegen finden sich in den Gebieten rings um dieselben, namentlich
an den Küsten des RotenMeers, Vulkankegel und Lavaströme. Gegenwärtig ist die einst großartige vulkanische Thätigkeit
erloschen bis auf die Thermen im Innern und seltene Ausbrüche an den Küsten des RotenMeers (Vulkan von Edd).
– Das centrale Plateau des Landes umzieht im N. und NW., bis 15° nördl. Br., wahrscheinlich aber auch im SW. und S., eine
sumpfige, ungesunde, mit den dichtesten Urwaldungen bedeckte und von Elefanten, Raubtieren und Reptilien erfüllte, aber ebendeshalb
nur schwach besiedelte Zone, genannt Qolla (d. i. heißes Land), die, sechs bis sieben Tagereisen breit,
sich zu den wasserreichen Landschaften Walkait und Waldubba herabsenkt. Ganz verschieden davon sind in ihrer Natur die im
NO. und O. vorliegenden Landschaften. An den Fuß des östl. Randgebirges lehnen sich im
S. die heißen, einförmigen, wasser- und pflanzenarmen Ebenen der
¶
mehr
36 Adal, während im N. der steile Hochlandsrand so schnell aus der am Meere hingestreckten, aus sandigen oder felsigen Flächen
bestehenden Sambara emporsteigt, daß man auf der Straße vonMassaua nach dem Innern, bei dem Dorfe Halai, kaum 70 km von
der Küste entfernt, sich schon in 2600 m Höhe befindet. Mit Ausnahme des äußersten Südostens, der
sich nach dem Indischen Ocean zu abdacht, geht die Neigung der abessin. Hochlandsplatte nach NW.
und W., so daß Abessinien zum weitaus größten Teile dem Stromgebiete des Nils angehört.
Bewässerung. Die Hauptwasseradern des Landes sind Nebenflüsse des Nils, die sämtlich erst innerhalb des
Sudans und Nubiens den Hauptstrom erreichen. Dem äußersten, noch unerforschten SüdenA.s gehören wahrscheinlich der Oberlauf
oder wenigstens einige Zuflüsse des Sobat oder Tilsi an, der unter 9° nördl. Br. in den Nil mündet. Die Hauptströme des
eigentlichen Abessinien sind der Abai, in seinem Unterlaufe Bahrel-Asrak (d. i. BlauerFluß) genannt (s. Nil), der
Atbara (s. d.) und dessen Nebenfluß, der Takaseh.
Der bedeutendste Strom des nördlichen Abessinien ist der Mareb, der in der Landschaft Hamasen entspringt, die Hochlandschaft Serawe
bogenförmig umfließt und als Gasch in wasserreichen Jahren den Atbara unter 17° 15' nördl. Br. erreicht. Ebenfalls in Hamasen,
nahe der Marebquelle, entspringt der Anseba, der unter 16° 15' nördl.
Br. in den ins Rote Meer fließenden ChorBaraka (s. d.) einmündet. Nicht zum Stromgebiet des Nils gehört auch der äußerste
Südosten des Landes.
Hier entspringt an den Grenzen von Gurage der Hawasch, der mit seinem breiten und fruchtbaren Thale eine
ansehnliche Strecke die Grenze von Schoa gegen die Gallaländer bildet, in seinem Unterlaufe das Land derAdal durchströmt und
sich in der Oase von Aussa in den abflußlosen Abhebaddsee ergießt. Gleichfalls in den Gebirgen von Gurage entstehen auch die
Quellströme oder wenigstens Zuflüsse des durch das Somalland fließenden Schebehli (früher Webi) und
des Webi Giweni, der die Südgrenze des Somallandes bezeichnet und bei dem Orte Jub oder Wumbu in den Indischen Ocean mündet,
und ebenfalls der lange Zeit für den Oberlauf des Webi Giweni gehaltene Gibbe-Omo, der unter 5° nördl.
Br. in den Basso Narok oder Rudolfsee einmündet.
Alle abessin. Flüsse tragen den Charakter von Gebirgswässern mit häufigen Katarakten und starkem Gefälle.
Während sie in trockner Jahreszeit wenig Wasser führen, schwellen sie nach den tropischen Regen mächtig an und brausen
meist in tiefen Schluchten dahin. Eigentümlich ist auch für diese Ströme, daß die meisten größern weite Spiralen bilden,
wodurch umfangreiche Landstriche halbinselartig umschlossen werden. – Das bedeutendste Süßwasserbecken
A.s ist der Tanasee (s. d.) oder Dembea, 1755 m über dem Meere, 95 km lang, 65 km breit, 3680 qkm groß.
Die übrigen Seen sind klein und unbedeutend mit Ausnahme einer im Südosten des Landes, im Lande derArussi-Galla südöstlich
von Gurage, gelegenen Seengruppe, in der der Dembel oder Suai der bedeutendste ist. Überaus reich ist
Abessinien an Quellen mit klarem und erfrischendem Wasser, denen die höhern Landschaften besonders ihre Fruchtbarkeit verdanken. Außerdem
treten zahlreiche Thermalquellen, oft von sehr hoher Temperatur, fast immer in Gruppen, auf, wie in der Samhara, südlich von
Massaua, an den Rändern des Tanasees und im südöstl. Schoa. In letzterer Gegend zeigt
die Therme von Fin-Finni, wahrscheinlich
eine Glaubersalzquelle, 79° C.
1) die Qolla bis 1800 m hoch, mit einer mittlern Jahrestemperatur von 20° C. und prächtiger
tropischer Vegetation;
2) die Woina-Dega mit subtropischem Klima, zwischen 1800 und 2500 m, in der vorzugsweise fruchtbare Landstriche und die Mittelpunkte
der Kultur liegen, wo der heißeste Monat noch eine mittlere Temperatur von 20° C. hat;
3) die Degas, weite, mit wenig Wald bedeckte Hochlandschaften (über 2500 m), in denen am Tage das Thermometer
gewöhnlich 8–10°C. zeigt, auf den höchsten Stellen aber nicht selten unter den Gefrierpunkt fällt. Die Regenzeit dauert
in den tiefern Gegenden von April bis September, auf den Hochebenen Juli bis Oktober. In den südl. Landschaften
giebt es zwei Regenzeiten, vom Juli bis September und im Februar und März. In denDegas findet man zu dieser Zeit Schnee auf
den höchsten Gipfeln und Eis
[* 64] auf einigen Bächen.
Die Schneelinie erhebt sich in der Regenzeit bis 3500 m; auf allen höhern Gipfeln, wie z.B. im Simengebirge,
liegt in Schluchten der unserm Firnschnee ähnliche Schnee beständig. In der Qollaregion, in der Samhara und dem Adalland
mit der berüchtigten Taltaldepression herrscht dagegen den größern Teil des Jahres hindurch eine glühende Hitze, die in
den engen Gebirgsthälern fast erstickend wird. Für die Bewohner des Hochlandes ist der Aufenthalt in der
Qollaregion sehr gefährlich, weswegen das Bergvolk sich nie zum dauernden Beherrscher des Sudan aufzuwerfen vermochte.
Produkte. Die Pflanzenwelt teilt in den niedern Regionen von Tigre und am BlauenNil mit der umgebenden nordtropisch-afrikanischen
den ursprünglichen Charakter wie die Kulturarten. Im Reichtum an Bergpflanzen kommt kein anderes afrik. Gebirge den
GebirgenA.s gleich. Dieses Hochland, die Degaregion, nimmt die Höhen von 2000–3000 m ein; über ihr folgt eine tropische
Hochgebirgsregion, deren Hauptkennzeichen Baummangel und Grasarmut sind. Doch bildet ein baumartiger Wacholder (Juniperusprocera Hochst.)
mit der Baumheide der Mittelmeerflora Bestände von cederartigem Wuchs.
Die großen Berggelände des Südens in Enarea, Kaffa und Gurage sind mit Waldungen bestanden, in denen sich
wildwachsender Kaffee findet, der nach einigen seinen Namen von der Landschaft Kaffa hat; in Abessinien selbst wird Kaffee nur am Tanasee,
bei Korata, angebaut. In höhern Gegenden baut man die Gräser
[* 65] Europas, die Getreidearten und Hülsenfrüchte, den Weinstock,
die Orange, Citrone, Pfirsich und Aprikose. Die kleinern Wälder der niedern und mittlern Hochlandsregionen
bestehen zum großen Teil aus der schönen Gibarra (Rynchopetalum) und dem wilden Ölbaum; außerdem ist dort der Kussobaum(Hagenia abyssinica Willd.
oder BrayeraanthelminthicaKth.) häufig. – Auch die TierweltA.s ist artenreich und zeigt in den niedern,
heißen Strichen, gleich der Pflanzenwelt, viel Gemeinsames mit der Fauna Senegambiens. Auf den fetten Weiden des Hochlandes
ziehen ungeheure Herden von Rindern (darunter das Sanga-Rind mit mächtigen Hörnern), Ziegen und Schafen (mit langen Haaren,
besonders in Begemeder) frei umher. Vorzügliche Pferde und
¶
mehr
37 Maultiere, deren Zucht besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, findet man auf den Hochebenen von Begemeder und Lasta. Kamele
werden nur in den Qollagebieten und der Samhara gezüchtet. In den Niederungen hausen Elefanten, Nashörner, Flußpferde, Wildschweine
und allerhand Raubtiere, von denen die Hyäne bis auf die Hochebene steigt. In der Samhara und der Qollaregion
finden sich Löwen, Schakale, Leoparden, Luchse, Wildkatzen und Füchse, im Süden auch die Zibethkatze.
Affen sind zahlreich, besonders der schöne Guereza, der nebst einigen Nagetieren für Abessinien charakteristisch ist. Auch die Vögel
sind gut vertreten. Die Flüsse und Sumpflandschaften der Niederungen bergen Krokodile, große Schlangen und andere
Reptilien. Heuschrecken werden oft zur Landplage; im ganzen ist aber die Insektenwelt wie die Landweichtiere sehr arm an
originellen Formen. – Die Mineralschätze des Landes sind sehr bedeutend, aber nur wenig gehoben, da ein kunstgerechter
Bergbau
[* 67] unbekannt ist.
Semit. Sprachen haben daher auch heute noch die Oberhand im Lande (s. Amharische Sprache und Äthiopische Sprache).
Dagegen sprechen die Agaw, besonders in Agaumeder und Lasta wohnend, eine zu den kuschitischen gehörende Sprache.
[* 70] In ihrer
Sprache diesen verwandt sind die Falascha (s. d.) im Simengebirge und in verschiedenen andern Gegenden. Alle tiefern Gegenden
des Landes nehmen jetzt die Galla (s. d.) ein, die seit dem 16. Jahrh.
von Südwesten aus dem Innern Afrikas in Abessinien eingedrungen sind und sich allmählich über Enarea, Damot, Godscham, Schoa, Angot,
Amhara und Begemeder ausgebreitet haben. Die Abhänge des Hochlandes zwischen Massaua und Sula und weiterhin haben die Schoho
oder Soho, mit eigentümlicher Sprache, inne. Sie unterscheiden sich etwas von den südlicher wohnenden
'Afar. In der Qolla leben heidn. Negerstämme, die Schangalla.
Gewerbe. Handel. Verkehrswesen. Hauptbeschäftigung der Bewohner ist ein höchst einfacher, auf Cerealien, Hülsenfrüchte und
Ölfrüchte ausgedehnter Landbau, sowie Viehzucht.
[* 71] Die Hausindustrie beschränkt sich auf Leder- und Pergamentbereitung, Baumwollweberei,
Anfertigung von Teppichen aus Wolle und Ziegenhaar, und Verarbeitung von Eisen und Kupfer. Der Handel ist
von geringerer Bedeutung. Der Verkehr mit den Nilländern wird vorzugsweise durch drei Straßen vermittelt, die ihren Ausgang
in Gondar haben.
Die südlichste führt über Serke nach Roseres an den BlauenNil, die andere durch die Grenzprovinz Kalabat zum Atbara hinunter
nach Kassala und Suakin, und die dritte durch die Niederung des Takaseh über Sofi stößt mit letzterer
zusammen. In neuester
Zeit hat sich auch einiger Verkehr mit den europ. Kolonien am RotenMeer entwickelt, und zwar zwischen
Schoa und Zeila am Golf von Aden über Harrar und mit Obok am Golf von Tedschura über Aussa. Jedoch ist für
den ausländischen Handelsverkehr die jetzt zur ital. KolonieErythräa (Eritrea) gehörende Hafenstadt Massaua am RotenMeere
der Hauptplatz; auch ist der überseeische Handel fast ganz in ital. Händen. Als Tauschmittel dienen in den Häfen die sog.
Maria-Theresienthaler, im Innern Baumwollstoffe und Salzstücke (Amulê genannt).
Geistige Kultur. Der Religion nach sind die Bewohner A.s, mit Ausnahme der Mohammedaner in Harrar, in der
Samhara und dem Lande derAdal, sowie des noch heidn. Teils der Galla, Christen. Doch geht dieses Christentum nicht über Äußerlichkeiten
hinaus. (S. Abessinische Kirche.) In einigen Grenzbezirken hatte der Islam im 19. Jahrh. starke Fortschritte
gemacht, aber der verstorbene König Johannes hat alle Mohammedaner aus dem eigentlichen Abessinien, wo sie den Haupthandel in Händen
hatten, verwiesen. Die Vornehmen und Reichen leben in Müßiggang oder Kriegsfehden und überlassen ihr Hauswesen den Weibern
und Sklaven. Letztere werden mild, die Feinde aber barbarisch behandelt. Das Volk ist im allgemeinen geistig
begabt und thatkräftig, aber infolge der Auflösung aller öffentlichen Sicherheit und Ordnung tief gesunken.
Geschichte. Über die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrh. s. Äthiopien. 1855 gelang es dem Häuptling Kâsa im westl. Amhara,
Ras Ali, den Reichsregenten des Schattenkaisers zu Gondar, und die Statthalter der übrigen Provinzen unter
seine Macht zu beugen, worauf er sich zum Kaiser (Negus Nagast) von Abessinien krönen ließ und den NamenTheodor II. (s. d.)
annahm. Er herrschte anfangs umsichtig und maßvoll, führte viele Verbesserungen ein, suchte namentlich europ.
Techniker und Handwerker nach Abessinien zu ziehen, richtete aber das Hauptaugenmerk auf Beschaffung
besserer Waffen für seine Soldaten.
Die ungeheure Soldatenschar, die er hielt (bis zu 150000 Mann), verschlang in kurzer Zeit die Kräfte der Bevölkerung; eine
Provinz nach der andern erhob sich; er schlug den Aufstand zwar mit äußerster Grausamkeit nieder, aber schon 1863 waren viele
seiner Länder vollständig verheert und seine Truppen zusammengeschmolzen. Durch die Vergeblichkeit seiner
Bewerbungen um Bündnisse mit den europ. Großmächten gegen Ägypten gekränkt, faßte Theodor einen Haß gegen die Europäer
und ließ Cameron (s. d.) sowie den engl. Gesandten und
den franz. Abgesandten Bardel samt ihren Begleitern und einigen Missionaren im Nov. 1864 in der
Festung
[* 72] Magdala in Fesseln legen.
Nach vergeblichen Bemühungen der engl. Regierung, die Gefangenen durch Unterhandlungen zu befreien,
beschloß dieselbe im Juli 1867 den Kriegszug, der unter Napiers Führung 1868 von der Annesleybai am RotenMeere aus mit 16000 Mann
gegen Abessinien unternommen wurde. Nachdem man durch den Komaylipaß ins Hochland nach Senafe
eingedrungen war, standen schon 3500 Mann engl. Truppen vor Magdala, wo sich jetzt Theodor befand. Nach einem mißglückten
Ausfall bahnte Theodor Versöhnungsversuche an und schickte die gefangenen Europäer ins Lager;
[* 73] 13. April wurde die Festung im
Sturm genommen. Theodor hatte sich schon vorher durch einen Pistolenschuß entleibt. Magdala¶
*. (Hierzu Karte: Abessinien, Erythräa und Südarabien.) Während der Besetzung durch die Italiener sind
mehrfache Untersuchungen Tigres in geolog., orogr., hydrogr. und klimatischer Beziehung vorgenommen und eingehende Berichte
darüber an die ital. Regierung eingegeben worden; so von Menotti Garibaldi, der 1891 nicht sehr günstig
über das Dreieck
[* 74] Massaua-Asmara-Keren berichtete, und von Baldacci, der im Auftrage des ital. Handels-und Landwirtschaftsministeriums
den Landstrich zwischen Massaua, Adua und Keren erforschte und zu dem Urteil gelangte, daß Ackerbau auf dem Hochlande wegen unregelmäßigen
Regenfalls in unserm Sinne unmöglich und höchstens mit der Viehzucht zu rechnen sei.
Die Wasserläufe unserer Karten sind fast durchweg nur zeitweilige, und selbst die Hauptströme Mareb, Barka und Anseba boten
dem Reisenden nur dünne Wasserfädcn dar, die sich hier und da im Sande ganz verloren. Menilek selbst ließ in Kassa durch
den schweiz. Ingenieur Ilg Forschungsreisen ausführen, auf denen ein großer Mineralreichtum dieser Gegend
festgestellt wurde. Anfang 1895 besuchte eine Expedition der kaiserl. Russischen Geographischen Gesellschaft von Obok aus,
um Beziehungen zwischen und Rußland anzuknüpfen. Die neue Hauptstadt A.s ist seit 1893 Addis Abeba (s. d.). - Der Negus Menilek
(s. d.) von Abessinien ließ, um sich des 1889 mit Italien geschlossenen Vertrages zu entledigen, wodurch er sich
verpflichtet hatte, nur durch Vermittelung Italiens mit andern Mächten zu verhandeln, 1895 zuerst durch seinen Vasallen, Ras
Mangascha von Tigre, die Italiener in Erythräa angreifen und griff dann am Ende des Jahres selbst in den Kampf ein. (S. Erythräa.)
Am gelang es ihm, bei Adua (s. d.) den Italienern eine entscheidende Niederlage beizubringen,
worauf die Feindseligkeiten eingestellt wurden, ohne daß es zu einem offiziellen Friedensschluß gekommen wäre. Jedoch
zogen sich die Italiener aus Abessinien zurück und bestehen nach den von dem Ministerpräsidenten Rudini in der Kammer abgegebenen
Erklärungen nicht mehr auf der Aufrechterhaltung des Schutzvertragcs von Uccialli; dagegen beabsichtigen
sie die Linie Mareb-Belesa zu behaupten. -
Vgl. Münzenberger, und seine Bedeutung für unsere Zeit (Freib. i. Br. 1892).