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Die Industrie von der Wirtschaftskrise 1974/76 bis 1984
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1984 von Hans Jörg Pfenninger-Mettler
Die Schweiz steht vielerorts in dem Ruf, sozusagen eine Insel zu sein, die als «Sonderfall» zu gelten hätte. In Wirklichkeit aber sind wir ein ganz normales Industrieland, mit allen dazu gehörenden Problemen. Auch haben wir mit unserer Wirtschaftspolitik kaum grössere Erfolge aufzuweisen als alle übrigen Industrieländer. Dies wird von vielen Schweizern nicht leicht akzeptiert.
Ein neuer Abschnitt schweizerischer Wirtschaftspolitik
Vor zehn Jahren schrieb Adolf Schmidt im «Jahrbuch der Stadt Wädenswil» 1975, dass wir «mit unserer Wirtschaftstätigkeit nicht nach einigen Monaten wieder dort anknüpfen können, wo wir vor Beginn der Rezession aufgehört haben.» In der Tat: Mit der Krise 1974 bis 1976 hat ein neuer Abschnitt schweizerischer Wirtschaftspolitik begonnen, der sich von den vorangegangenen Jahrzehnten deutlich unterscheidet. Mit dem Beginn des vierten Quartals dieses Jahrhunderts ist in wirtschaftlicher Hinsicht recht eigentlich eine neue Zeit angebrochen wie wir auch einen klaren Bruch in den soziologischen und in der allgemeinen politischen Entwicklung des Lande! feststellen können. Wir stehen – wie wir sehen werden – auf der Schwelle zu einer nachindustriellen Gesellschaft.
Blick zurück
Von Kriegen seit 1815 verschont,, hat sich unser Land, aufbauend auf alten Handels-, Finanz- und Gewerbetraditionen, im 19. Jahrhundert zu einem Industriestaat entwickelt, in dem im Wesentlichen bereits alle Industrien und die übrigen Wirtschaftszweige, wie Banken, Versicherungen, Handel und der Fremdenverkehr vorhanden waren, welche die Wirtschaftsstruktur des Landes noch heute prägen. In den Kriegs und Krisenzeiten von 1914 bis 1950 stagnierte auch die Schweiz (und die Industrie von Wädenswil), aber sie verlor nichts von ihrer Substanz und war daher schon 1950 ein reiches Land.
Wachstum
Von 1950 bis 1973 – also über ein ganzes Vierteljahrhundert – hat dann in der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte ein beispielloses Wirtschaftswachstum stattgefunden. Es handelte sich praktisch um 25 Jahre ununterbrochenen Wachstums, dessen Probleme allenfalls solche der Überhitzung und der Verdauung des plötzlichen Reichtumszuwachses waren. Die Probleme eines solchen «embarras de richesse» wurden natürlich weit weniger ernst genommen als solche von Arbeitslosigkeit, Armut und Stagnation. Die langfristige wirtschaftliche Planung in jenen Jahren war denn auch bemerkenswert passiv. Heute wissen wir, dass die Passivität ganz einfach das Resultat von Zufriedenheit und mangelnder Problemvoraussicht war.
Die Krise von 1974 bis 1976
So traf denn die Krise von 1974 bis 1976 die Schweiz in jeder Beziehung unvorbereitet. Zu den weltwirtschaftlichen Ursachen kamen interne Probleme und bewirkten, dass die Krise der Schweiz schwerer war und länger dauerte als in den übrigen OECD-Ländern. Man vermutet, dass 1975 etwa 350‘000 Arbeitsplätze verloren gingen. Dass die Arbeitslosenrate dennoch ziemlich klein blieb, ist nur darauf zurückzuführen, dass die Arbeitslosigkeit zum grössten Teil «exportiert» werden konnte. Der Anteil des sekundären Sektors (Güterverarbeitung) ging zwischen 1972 und 1980 von 45 Prozent auf 40 Prozent der Beschäftigten zurück. Gleichzeitig stieg die Quote des tertiären Bereichs (Dienstleistungen) von 47 Prozent auf 53 Prozent. Die Industrie hat ihre dominierende Stellung in Bezug auf den Anteil der Gesamtheit der Beschäftigten seit einiger Zeit an die Dienstleistungen abgetreten.
Von dieser Krise hat sich die Schweiz bis heute nicht erholt, wenn-gleich auch der immer noch vorhandene Reichtum des Landes darüber hinwegtäuscht. Das Wachstum, gemessen am Bruttosozialprodukt, betrug im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts unter 0,5 Prozent pro Jahr und ist somit kaum signifikant vom Null verschieden. Das Wachstum der Produktivität ist niedrig, weitere Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Verschiedenste Branchen – für Wädenswil allen voran die traditionsreiche Textilindustrie – sind in wenigen Jahren geschrumpft, ohne dass es in anderen Zweigen eine kompensierende Expansion gegeben hätte. Die Stimmung ist besorgt bis schlecht, und von der früheren Selbstsicherheit und Zufriedenheit ist nicht mehr viel zu spüren.
Wirtschaftspolitik
Als nach zwei schweren Krisenjahren 1977 immer noch keine durch-greifende Besserung der Lage erkennbar wurde, machte sich eine Katastrophen-stimmung breit. Die Regierung geriet unter politischen Druck. Es wurde eine «Expertengruppe Wirtschaftslage» ins Leben gerufen, um die Situation zu analysieren, die Problembereiche dar-zustellen und die Richtung einer möglichen Wirtschaftspolitik zu skizzieren. Der heute unverändert aktuelle Problemkatalog diene dazu, die tatsächliche Entwicklung der Wirtschaft über das letzte Jahrzehnt einzuordnen.
Es gehört in der Schweiz zu den unbestritten volkswirtschaftlichen Tatsachen – und die Betriebe des «Industrie-Arbeitgeber-Vereins Wädenswil und oberer Zürichsee» (lA VW) dürfen dafür als repräsentativ angesehen werden – dass wir in der mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung fast vollständig von den weltwirtschaftlichen Bedingungen abhängig sind. Die relative Konkurrenzfähigkeit der Schweiz auf dem Weltmarkt für die übersehbare Zukunft hängt von verschiedenen Sonderproblemen ab.
Sonderprobleme
- Neue Konkurrenten sind auf dem Weltmarkt aufgetreten, wodurch angestammte Industrien zum Teil in kurzer Zeit völlig überfahren wurden (Textil-, Uhrenindustrie usw. Gegenwärtig steht die Maschinenindustrie unter Druck).
- Die einzelbetriebliche Konkurrenzfähigkeit der schweizerischen Anbieter hat sich verschlechtert (beeinflusst vom Know-how, von der Präsenz und Mobilität am Markt und von den Kosten, respektive der Arbeitsproduktivität).
- Die gesamtwirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit ist ungünstiger geworden. Hier spielen die Wechselkurse und die sogenannten Rahmenbedingungen * eine entscheidende Rolle.
- Die internationale Verschuldung und die weltweite Tendenz zum Protektionismus führen dazu, dass potenzielle Abnehmer schweizerischer Güter diese nicht bezahlen können oder dass ein schweizerischer Anbieter gar nicht zum Zug kommen kann.
- Die Sicherung der Importe – im Zusammenhang mit der Ölkrise und den vorübergehend sehr hohen Rohstoffpreisen – ist heute etwas in den Hintergrund gedrängt, bleibt aber in der Betrachtung von Bedeutung.
Unsere Möglichkeiten, auf diese Bedingungen Einfluss zu nehmen, sind nun, insgesamt gesehen, ziemlich bescheiden. In den letzten zehn Jahren war das Arbeitsangebot in der Schweiz – und in Wädenswil – immer ausreichend. Die Zukunftsperspektiven sind aber nicht klar. Auf der einen Seite wird die zunehmende Überalterung der Bevölkerung ab 1995 das Arbeitsangebot verknappen. Auf der anderen Seite vermag vielleicht die neuste technische Entwicklung die erforderliche Arbeit dauerhaft erheblich zu vermindern.
* Als «Rahmenbedingungen» wird das ganze Umfeld bezeichnet, in welchem unsere Industrie arbeitet. Die Schweizer Wirtschaft hat uns zu Wohlstand und Wohlergehen verholfen. Nur eine gesunde Wirtschaft ist in der Lage, das Erreichte zu bewahren und weiter zu entwickeln. Wir entscheiden jetzt darüber, ob es uns in Zukunft besser oder schlechter gehen soll. Die Voraussetzungen zur Stärkung unserer Wirtschaft sind:
- Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben der öffentlichen Hand mit Schwergewicht auf Sparmassnahmen
- Entlastung vom Steuerdruck und Beseitigung von Steuermängeln
- Beschränkung der Sozialleistungen auf ein – auch langfristig – tragbares Mass
- Förderung der Selbstvorsorge und der Eigenverantwortung
- Reallohnverbesserung nur bei entsprechender Steigerung von Produktivität und Leistung
- Verzicht auf weitere staatliche Eingriffe in die freie Wirtschaft
- Pflege der sozialpartnerschaftlichen Beziehung und Verstärkung der innerbetrieblichen Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
(Arbeitskreis Kapital in der freien Wirtschaft, Zürich.)
Wo stehen wir heute?
Wenn das Konjunkturphänomen vor 1974 nur eigentliche Wachstumszyklen registrierte, so ist dieses seither eines der beherrschenden Themen der öffentlichen Diskussion und der Politik geworden. Wo stehen wir heute?
Um es vorweg zu nehmen: Die Wirtschaftspolitik hat wenig Konkretes getan, um den Aufbau neuer Kapazitäten zu fördern, hingegen einiges, um das allgemeine Investitionsklima zu verschlechtern. Die konjunkturpolitische Praxis legte das Schwergewicht auf die Geld- und Wechselkurspolitik. Hier wurde ein spektakulärer Erfolg erzielt, indem die Inflationsrate per 1983 unter zwei Prozent/gesenkt werden konnte. Eine restriktive Geldmengenpolitik war aber andererseits mitverantwortlich für die Tiefe und die Dauer der Krise. Insgesamt wirkte sich daher die Finanzpolitik unseres Landes über die letzten zehn Jahre prozyklisch aus. Die seit 1976 obligatorische Arbeitslosenversicherung hat sich gut bewährt, dagegen wäre eine gezielte Förderung der internen beruflichen und geographischen Mobilität dringend erforderlich. Bezügich der Strukturpolitik haben sich Bund und Kantone leider eher einer Politik der Strukturerhaltung verschrieben. Es zeigt sich einmal mehr, dass Bürokraten nicht innovativ sein können und somit mit ihren Vorschlägen auf wenig Gegenliebe bei der Wirtschaft stiessen. Die Bundesschulden wurden von 1950 bis 1970 stetig vermindert. Seit 1970 jedoch änderte sich das Bild: Unser Land registriert ständig steigende Staatsausgaben, mit einem entsprechend zunehmenden Steuerdruck und einer galoppierenden Staatsverschuldung. Die Verschuldung des Bundes verdreifachte sich innerhalb von zehn Jahren. Die Frage der Sanierung der öffentlichen Finanzen ist zu einem der wichtigsten Dauerthemen der schweizerischen Wirtschaft geworden. Die einzige Bremse gegen weitere Schulden ist das Volk, das, wenn es dazu Gelegenheit erhielt, Steuererhöhungen fast immer ablehnte. Die Wirksamkeit dieser Bremse war jedoch angesichts des Erfindungsreichtums der Politiker bei der Umgehung des Volkswillens und der Schaffung von sogenannten Sachzwängen ziemlich begrenzt.
Die Lage der Wirtschaft und die der Wirtschaftspolitik änderten sich im verflossenen Jahrzehnt fundamental. Wir registrieren den Vormarsch der Dienstleistungen. Eine Phase der Desindustrialisierung scheint in Gang gekommen zu sein. Weite Teile der Bevölkerung haben sich für eine gesunde Entwicklung der Wirtschaft vermehrt interessiert und sich dafür eingesetzt. Sie zeigen Verständnis für unsere marktwirtschaftliche Ordnung, die es zu erhalten gilt. Die strukturelle Schwäche der Wirtschaft ist heute noch nicht überwunden, die frühere internationale Wettbewerbsfähigkeit noch nicht wiederhergestellt. Die Erkenntnis hat Platz gegriffen, dass wir uns alle der Anpassung an die Veränderungen der Weltwirtschaft und der Technologie nicht entziehen können. Falls die Schweiz als Werkplatz an relativem Gewicht verliert, erscheint es umso wichtiger, dass sie als Denkplatz und Finanzplatz, als Standort für Dienstleistungen und für die Produktion von Wissen, ihre Wettbewerbsfähigkeit erhält. Grosse Chancen haben alle jene Branchen und Unternehmen, die qualitatives Wachstum hervorbringen. Innovationen gibt es genug, denn der menschliche Erfindungsgeist ist nicht am Ende seiner Möglichkeiten. Die Führung in diesem neuen industriellen Zeitalter werden diejenigen Länder übernehmen, die den Wandel vom extensiven zum intensiven Wachstum am ehesten erkennen, die am entschlossensten überholte Positionen räumen, in sterbenden Branchen keine Arbeitsplätze künstlich erhalten, sondern alle Kräfte auf die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten in den jungen Industrien konzentrieren.
Auf einer solchen Anpassung und auf einer dringenden Verbesserung der «Rahmenbedingungen» basiert die Zukunftssicherung unserer Wirtschaft. Wenn wir alle – das Volk und seine Politiker – diesen Weg gehen, werden wir auch über die nächsten Jahrzehnte und aus eigener Kraft das uns anvertraute Wirtschaftsgut über unsere Zeit hinaus erhalten und mehren. Dann besteht kein Anlass, mit Pessimismus und Resignation in die industrielle Zukunft zu blicken.