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Zu viele Deutschschweizer Parlamentarier verstehen kaum ein Wort Französisch. Mit dieser Meinung hat ein Waadtländer Abgeordneter für Aufregung gesorgt. Handelt es sich um eine Provokation? Oder steckt etwas Wahres daran? Italienischsprachige Parlamentarier geben Antwort.
"Ganz im Gegensatz zu einem gängigen Vorurteil sind in Bern keineswegs die Westschweizer die Schlusslichter bei den Sprachenkenntnissen. Viele gewählte Deutschschweizer verstehen kein Wort Französisch". Dies schrieb der Waadtländer Nationalrat Fathi Derder von der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP.Die Liberalen) in einem Meinungsbeitrag am 6.Juni in der Westschweizer Tageszeitung Le Temps.
Dieser Kommentar blieb nicht unbemerkt. Zwei Tage später publizierte der Zürcher Tages-Anzeiger einen Artikel mit dem Titel "Abrechnung mit Deutschschweizer Französisch-Banausen"externer Link, in dem die Meinung von Derder wiedergegeben wurde. Es gab Hunderte von Leserkommentaren. Die Zeitung hatte zudem gefragt, ob sich angehende Parlamentarier einem Sprachtest unterziehen sollten. 70 Prozent der Leser sagten Ja.
Der Tessiner Nationalrat und FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis vertritt die Auffassung, dass die Provokation seines Parteikollegen Derder "nicht unbegründet ist".
Wie steht es um das Italienische?
Wer im Parlament auf Französisch spricht, muss bereits Nachteile in Kauf nehmen. Wer Italienisch spricht, die dritte Landessprache, wird von den Kollegen noch viel weniger verstanden.
"Manchmal spreche ich Italienisch, aber ich bin mir immer der Grenzen dieser Übung bewusst", sagt Ignazio Cassis. Es könne einen gewissen medialen oder symbolischen Effekt haben, wenn ein Parlamentarier am Rednerpult Italienisch spreche: "Doch es ist absolut keine Arbeitssprache."
Marco Chiesa hat sich hingegen entschieden, immer auf Italienisch zu reden, wenn er im Plenum das Wort ergreift.
Silva Semadeni ist mehrsprachig. Neben ihrer italienischen Muttersprache beherrscht sie Deutsch, Französisch und Rätoromanisch (die vierte Landessprache, die im Parlament nur von vier Nationalräten gesprochen wird). Sie verwendet je nach Situation eine andere Sprache. "Wenn ich ganz persönlich etwas sagen will, spreche ich Italienisch. Ich versuche auf alle Fälle, möglichst häufig Italienisch zu sprechen, damit diese Sprache auch irgendwie präsent ist und akzeptiert wird."
Gegenseitiges Unverständnis
"Es ist schwer zu sagen, ob die Situation in der Vergangenheit besser war als heute. Gleichwohl habe ich den Eindruck, dass im Lauf der Jahre das gegenseitige Verständnis nicht immer vorausgesetzt werden kann", hält Cassis fest, der neben seiner italienischen Muttersprache auch fliessend Französisch und Deutsch spricht. Seiner Meinung nach gilt der Befund aber nicht nur für die Deutschsprachigen im Parlament, sondern auch für die Französischsprachigen.
Die sozialdemokratische Nationalrätin Silva Semadeni, die von 1995 bis 1999 im Nationalrat sass und erneut seit 2011, verfügt "über keine Anzeichen", das sich die Sprachsituation verschlechtert hat. Es sei aber richtig, "dass vor allem von den Ostschweizer Parlamentariern viele kein Französisch sprechen."
Der Tessiner Nationalrat Marco Chiesa von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) sitzt erst seit kurzem im Parlament. Probleme konnte er bis anhin nicht feststellen. "In unserer Fraktion können wir nach Belieben in Französisch oder Deutsch sprechen. Viele Parteikollegen verstehen zudem auch sehr gut Italienisch."
Probleme in parlamentarischen Kommissionen
Das Problem, sich gegenseitig nicht zu verstehen, betrifft tatsächlich nicht in erster Linie die Plenarsitzungen. Im Nationalrat steht ein Simultan-Dolmetscherdienst zur Verfügung. Anders verhält es sich in den vorberatenden Kommissionen, in denen wichtige Entscheide gefällt werden.
"In den Kommissionen habe ich recht peinliche Situationen erlebt – es gab Kollegen, die nach einer halben Stunde erschöpft waren, weil sie der Debatte in einer anderen Sprache nicht folgen konnten und ich für meinen Tischnachbarn übersetzen musste", sagt Cassis. Da die grosse Mehrheit der Kommissionsmitglieder deutscher Muttersprache ist, braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wer zuerst erschöpft ist.
Der italienischsprachige Chiesa ist im Französischen zu Hause. Mit dem Deutschen ist er weniger vertraut. Daher räumt er auch ein, dass er manchmal etwas Mühe habe, die Debatte zu verfolgen, wenn es um sehr technische Dinge gehe. "Doch diese Sprachkenntnisse sind Pflicht, ich arbeite viel daran, mein Deutsch zu verbessern", sagt er.
Für Semadeni gibt es noch ein anderes Problem: Ein Parlamentarier, der auf Französisch spricht, wird weniger wahrgenommen. Darum plädieren einige für Deutsch.
Gleichgültigkeit gegenüber dem Französischen?
Dies zeigt sich gut bei Bundesrat und Aussenminister Didier Burkhalter. "Ich sage dies auf Deutsch, weil ich ansonsten nicht verstanden werde", sagte er in der Debatte über die Entwicklungshilfe im Nationalrat, wie Derder in seinem eingangs erwähnten Artikel betonte.
Das Problem der mangelnden Französischkenntnisse und einer Gleichgültigkeit gegenüber der Sprache von Molière betrifft gemäss dem Waadtländer Nationalrat Derder vor allem die SVP-Parlamentarier. Ignazio Cassis teilt diese Meinung nicht: "Das hängt vom Thema ab. Die Gleichgültigkeit, von der Derder sprach, betraf die Debatte um die Entwicklungshilfe. Dieses Thema ist bei der SVP nicht so hoch im Kurs…"
Chiesa als Mitglied der SVP-Fraktion ist durch die Behauptungen Derders ziemlich irritiert: "Ich habe keinerlei Aversion gegenüber dem Französischen. Die Zahl französischsprachiger Nationalräte in unserer Fraktion ist gestiegen, und seit Anfang Jahr haben wir mit Guy Parmelin auch einen Bundesrat aus der Romandie."
2000 Franken für Sprachkurse
Die Schweizer Parlamentarier können Sprachkurse besuchen (Nationalsprachen und Englisch). Die Kosten können sie sich rückerstatten lassen – maximal 2000 Franken pro Jahr.
Den Parlamentsdiensten steht für die Sprachkurse ein Jahresbudget von 60‘000 Franken zur Verfügung.
Nationale Kohäsion
Ganz unabhängig von der Tatsache, ob die Gleichgültigkeit gegenüber dem Französischen nun real existiert oder nur gefühlt ist: In einer Reihe von Kantonen der Deutschschweiz ist der Französischunterricht in der Schule keine Priorität mehr. Der Kanton Thurgau will den obligatorischen Französischunterricht in der Primarschule abschaffen, um Englisch als erste Fremdsprache zu stärken. Andere Kantone stellen gleiche Überlegungen an.
"Diese Initiativen gehen von der Idee aus, dass das Französische letztlich nicht so wichtig ist. Und sie werden vor allem von der SVP unterstützt. Das ist auch im Parlament zu hören", sagt die Bündnerin Semadeni. Sie sei überrascht, dass gerade die national-konservativen Kräfte im Land der zweiten Landessprache so wenig Gewicht einräumten.
Auch Cassis ist beunruhigt. "Jahrelang haben wir daran gearbeitet, um uns auf die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule zu einigen. Und nun wird diese Einigung von einigen Kantonen de facto wieder in Frage gestellt. Der Sprachfrieden ist eben keine Selbstverständlichkeit. Es reicht, die Situation in Belgien oder Kanada zu sehen, wo dieser Frieden brüchig ist. Der Sprachfrieden ist ein entscheidender Faktor für die nationale Kohäsion und unseren wirtschaftlichen Wohlstand. Wir müssen daher sehr aufpassen, dieses Gleichgewicht nicht aus dem Lot zu bringen."
Sollten Schweizer Bundespolitiker mindestens zwei nationale Sprachen beherrschen? Diskutieren Sie mit unter "Kommentare"!
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)