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Vor der Gnadenkapelle in Einsiedeln stimmen Mönche, Brüder und Stiftsschüler das «Salve Regina» an: «…Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas …» In die Seele des Zöglings senken sich die Worte an die «Mutter der Barmherzigkeit» ein, auch wenn er kurz darauf den «Club der Atheisten» mitbegründet und während des Pontifikalamtes aus der Höhe ein Papier in den Kirchenraum fliegen lässt mit Nietzsches Satz: «Religion ist der Wille zum Winterschlaf.»
Thomas Hürlimanns Biografie ist gezeichnet von jener Lebensbewegung, die einem Naturgesetz zu folgen scheint: erst die Rebellion gegen tradierte Vorstellungen und der Drang ins Weite, dann die krisenhaften Phasen und schliesslich die Rückkehr. «Heimkehr» lautet der Titel seines 2018 erschienenen Romans.
Doch der Mensch ist nicht mehr jener, der einmal aufgebrochen ist, sondern ein anderer: ausgestattet mit Grossstadt-Erfahrungen, versehrt von Krankheiten.
Was bleibt, ist die Mütterlichkeit: Sei es jene der eigenen Mutter, die den Knaben in die Welt der Literatur und des Gebets einführte und der er später das Buch «Vierzig Rosen» (2006) zudachte, sei es jene der Schwarzen Madonna, die sich im «Tal der Tränen» zeigt.
Und als Thomas Hürlimann nach einem Autounfall mit hohem Blutverlust an einer Mauer lehnt, erscheint am Fenster eine Frau mit ihrem Kind in den Armen, erfasst die bedrohliche Situation und sorgt für Hilfe.
Seit jeher hat der Tod den Schriftsteller begleitet. Bei seiner Geburt am 21. Dezember 1950 drohte die Mutter zu verbluten. Der Vater bat, das Kind neben sie zu legen, damit es ein letztes Mal die mütterliche Nähe spürte. Auf wundersame Weise genas die Mutter.
Der jüngere Bruder Mathias (1959–1980) erkrankte an Knochenkrebs, kämpfte vier Jahre vergeblich und wollte die letzte Lebenszeit zu Hause in der Nähe der Mutter verbringen. Thomas Hürlimann sah nun die Welt mit den Augen des Sterbenden im Abschiedslicht.
In seiner Erzählung «Die Tessinerin» (1981) verwandelte er diese Erfahrung in eine Sprache von beispielhafter Lakonie. Der Bundesratssohn hatte seine ganz eigene Spur gefunden und legte künftig opulente Romane, zeitkritische Essays und Theaterstücke vor.
Seit seinem 13. Lebensjahr hatte er geschrieben, aber nichts als Absagen erhalten. Ja, er wurde vom Subpräfekten sogar heftig geprügelt, weil dieser in einem Aufsatz ein Plagiat vermutete: «So wurde ich zum Dichter geschlagen.»
Gottfried Keller, dessen Lebensbewegung Parallelen mit jener Hürlimanns aufweist, wurde Leitstern. Im jüngst veröffentlichten Sammelband von Geschichten und Essays, «Abendspaziergang mit dem Kater», findet sich eine amüsant-abgründige Hommage an den Zürcher Dichter, der vor den Feiern zu seinem 70. Geburtstag ins Grandhotel in Seelisberg flieht und nicht erkannt wird, während der Festjubel ausbricht.
Diese Texte, meist anderswo bereits erschienen, lesen sich wie eine Reise durchs Leben des Autors und fügen sich zum Epochenbild, dem die Risse in Kirche, Politik und Gesellschaft eingeschrieben sind. Und wieder staunt man über Humor und Selbstironie, die bildgesättigte Erzählkunst, das fröhliche, pointierte Fabulieren, ebenso über die Gedankenwege eines Mannes, der sich von Platons Höhlengleichnis leiten lässt und eine vom Historiker Klaus Schreiner inspirierte Mariologie entwirft.
Erneut wohnt Thomas Hürlimann am Zugersee, von dem die Wege einst ausgegangen sind: in einem Fährhaus, dessen karger Raum einer Mönchszelle gleicht. Nachts kaum ein Laut, ein schlafender Schwan in der Nähe, das raunende Wasser ringsum. Der nächtliche Himmel aber offenbart «die Gewissheit, dass dieser Sternenstrom eine göttliche Quelle hat».