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Sündenbock des dritten Jahrtausends. Man hört nichts anderes in letzter Zeit.
Hirten und Viehzüchter bringen das Vieh auf die Weide, und Schafe und Ziegen werden getötet. Der Wolf ist ein Raubtier und wir wissen was passieren kann, wenn Viehherden auf der Weide sind. Wir wissen auch, was mit Schafen und Ziegen geschieht, wenn sie nicht vom Wolf getötet werden:
Sie landen im Schlachthof, wodurch Hirten und Züchter eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie emotionale Gründe für den Verlust ihrer Tiere vorbringen. Was jedoch nur wenige wissen, ist, dass sich die vorherrschende Mentalität in weiten Teilen der Bevölkerung in Bezug auf den Wolf seit dem Mittelalter nicht geändert hat. Einer Zeit, in der die Angst vor dem Tier gerade aus einer Metapher entstand, die mit dem pastoralen Leben verbunden ist. Die Ausarbeitung dieses Beitrags war notwendig, um die Debatte wieder in die Spuren der Rationalität zu leiten und zu versuchen, die Angst vor Wölfen, die wir seit Jahrhunderten mit uns tragen, zu dämpfen. Gerade um unsere Beziehung zum Wolf zu verstehen, müssen wir in die Geschichte eintauchen:
«In der Geschichte müssen wir nach Antworten suchen, und sie erkennen, das ist das wirksamste Gegenmittel für die Angst. Wölfe sind seit Jahren auf Märchen für Kinder beschränkt. Ihre Rückkehr drängt uns heute dazu, neue mentale Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer wir die Präsenz der Natur in unserem Leben organisieren können» (1)
Eine kurze Geschichte über den Wolf in Europa (2) (3)
Wenn wir nicht die Mentalität erforschen, dann werden wir die heutige Haltung gegenüber den Wölfen nicht verstehen, denn sie hat zumindest in Europa die Beziehung zu diesem Tier in der Vergangenheit geprägt. Wölfe leben seit Zehntausenden von Jahren, seit der Domestizierung des Hundes, mit Menschen.
In der Antike gab es eine Dualität gegenüber dem Wolf. Er wurde gefürchtet und verehrt, die Menschen stellten ihn in den Mittelpunkt ihres Glaubens: der Wolf war dem römischen Kriegsgott Mars sehr lieb, es war eine Wölfin die Romulus, den Gründer von Rom, und dessen Bruder Remus gestillt hatte. In der griechischen und römischen Mythologie waren Wölfe kein Problem für den Menschen, sondern stellten nur eine Bedrohung für andere Tiere dar.
Die Dinge ändern sich jedoch im Frühmittelalter, eine Zeitspanne der Geschichte, in der Europa noch reich an Wäldern und unbebauten Wiesen war. In dieser Zeit gab es unzählige Gefahren für das Landleben: Bauern und Züchter mussten sich mit diversen Problemen auseinandersetzen, wie Frostschäden ausserhalb der Saison, regnerische Frühlingsmonate, trockene Herbstmonate, ungeeignete Landflächen für den Anbau, Heuschrecken-Invasionen, Epidemien, Hungersnot, und vor allem Kriege. Alles Ursachen, die die Ernte zerstören.
Zu diesen Problemen kommt noch ein weiteres Problem hinzu: der Wolf. Für die Bewohner des frühen Mittelalters ist der Wolf jedoch kein Problem erster Priorität, da er nur begrenzt Schaden anrichtet: der “imaginäre” Wolf, wird zum schlimmsten Feind, dem jegliche Schuld zugewiesen werden muss, das hat Auswirkungen auf die tatsächlichen Wölfe, und wird von einer langwierigen und rücksichtslosen Jagdspanne charakterisiert, einer der grausamsten Verfolgungen, die der Mensch gegenüber einer Tierart ausgeführt hat.
Dass der Wolf zum Sündenbock gemacht wurde, wird durch zwei Hauptfaktoren beinflusst: die Menschen nähern sich, aufgrund der schlechten Ernte, den Wäldern und widmen sich eher der Jagd, so kommt es zum Beute-Wettbewerb; doch es ist hauptsächlich die christliche Religion – die sich durch die Feldzüge von Karl des Grossen und des Mönchtums in ganz Europa ausbreitet. So kommt es, dass sich die Wahrnehmung des Wolfes verändert.
Für Christen verkörpert der Wolf die falschen Propheten, die Ketzer und den Teufel: Die Metapher des Schäfchens, wird zu einer echten Erzählung. Der treue Christ, das sogenannte Schaf, der zur Herde des Herrn gehört, wird vom Teufel gefasst – dieser wird durch den Wolf verkörpert. Karl der Grosse selbst erklärt mit spezifischen Gesetzen undVerordnungen die Notwendigkeit, das Tier im gesamten Karolinger-Reich zu jagen. Die eigentliche Tragödie für Wölfe beginnt während des Spätmittelalters. In verschiedenen Teilen Europas wird die Wolfsjagd obligatorisch und muss durch Pfarrer, Ritter und Bauern ausgeführt werden. Der enorme demografische Zuwachs des Spätmittelalters, verbunden mit der Urbanisierung und Entwaldung, reduziert den Lebensraum der Wölfe, drängt sie zu den Siedlungen und Städten und erzwingt das Zusammenleben mit den Einwohnern. Während dieser historischen Zeitspanne machen die Menschen zwei grosse Fehler: Aus ökologischer Sicht zerstört der Eingriff auf Gebietsebene weitgehend die Waldgebiete und zerstört das Gleichgewicht des Ökosystems. Aus kultureller Sicht sind die Menschen davon überzeugt, dass der Mensch der Natur überlegen ist, sie beherrschen und kontrollieren kann.
Die Jagd nach dem Tier wird fortgeführt und explodiert in der folgenden Neuzeit. Kombiniert mit der demografischen und städtischen Ausweitung moderner Staaten und der daraus resultierenden Reduzierung ihres natürlichen Lebensraums, bringt man diese Tierart in Europa an den Rand des Aussterbens.
Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren Wölfe in den Alpen und in den meisten Teilen Europas ausgestorben: Nur kleine Bevölkerungsgruppen überlebten am italienischen Apennin, in Spanien, in Osteuropa und in Nordeuropa.
In den letzten Jahrhunderten ist die Rhetorik des Wolfes als “Feind” schlechthin in der Öffentlichkeit und in Kindermärchen präsent geblieben. Das Tier hat diesen negativen Ruf bis heute beibehalten.
Der Wolf heute: Verteidiger und Gegner
Die Umweltschutzpolitik hat die Wiederbesiedlung von Wölfen in den Alpen seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ermöglicht und in der Schweiz sind sie 1995 wieder aufgetaucht. Die erste reproduktionsfähige Bevölkerung wurde 2012 in der Region Calanda im Kanton Graubünden gebildet. (4).
Es mag unglaublich erscheinen, aber trotz der Tatsache, dass seit dem Ende des Mittelalters mehr als fünf Jahrhunderte vergangen sind, ist die Mentalität eines Grossteils der Öffentlichkeit fast gleichgeblieben: Der Wolf ist immer noch der Bösewicht und die Züchter betrachten ihn immer noch als ihren Erzfeind (5).
Seine Gegner wiederholen, dass das Tier (zusammen mit anderen grossen Raubtieren) die Hauptursache für ihre Pleite ist. Dadurch werden die Aktivitäten eingestellt, was sie dazu bringt, ihre Aktivitäten einzustellen, weil es ihr Vieh jagt.
Demzufolge habe ich einige Daten ausfindig gemacht. In Italien, auf gesamter Gebietsebene, macht das von Wölfen getötete Vieh weniger als 10% ihrer Ernährung aus (6), die grösstenteils aus Wildschweinen bestehen (in einigen Berggebieten ist der Anteil der Beutetiere höher). In der Schweiz bin ich auf ähnliche Daten gestossen.
In der Verfahrensanfrage 16.3191 heisst es: «Laut einer Studie von Alpfutur (2012) sterben jedes Jahr 4.000 der [sic] 200.000 Schafe, die im Sommer in den Alpen unseres Landes gehalten werden, aufgrund von Stürzen, Blitzschlägen, Krankheiten, Stacheldrähten oder Unwettern. Darüber hinaus fehlen am Ende jeder Alpensaison Hunderte von Tieren im Appell, einige von ihnen werden sterben kläglich an Hunger mit dem ersten Schnee. Knapp 300 der 4.000 Opfer werden durch grosse Raubtiere getötet, dabei handelt es sich fast ausschliesslich um unzureichend geschützte Herden» (7).
In einer anderen Alpfutur-Studie aus dem Jahr 2014 werden diese Zahlen bestätigt mit der Argumentation, dass “in der Tat der wirtschaftliche Schaden, der durch diese grossen Raubtiere verursacht wird, die etlichen Diskussionen in dieser Hinsicht nicht zu rechtfertigen scheint […]. In einer anderen Studie von ProNatura lesen wir genauere Statistiken: 294 Schafe getötet, davon 258 durch den Wolf, 5 durch den Luchs und 31 durch Bären, von 4.211 getöteten Tieren (8) (9).
Natürlich hat das Vieh, das vom Wolf gejagt wird, im Laufe der Jahre zugenommen, da sich die Wölfe vermehrt haben. In den Jahren 2020 und 2021, vielleicht auch mit der Beihilfe der Pandemie, lag die Beute des Wolfes bei 922 bzw. 853 (10), aber die Anzahl der Schafe, die im Sommer in die Schweizer Alpen ge- bracht wurden, blieb gleich (200.000-250.000 Tiere). Wölfe haben daher in den letzten zwei Jahren etwa 0,4% der Schafe in den Schweizer Alpen getötet. Die Opfer des Raubtiers machen etwa 23% aller toten Schafe in den Alpen aus (weniger als ein Viertel, wobei die Anzahl von etwa viertausend getöteten Schafen jedes Jahr im Sommer beständig bleibt).
Die Verluste, die der Wolf auf nationaler Ebene verursacht, scheinen sich daher eher in Grenzen zu halten. Warum wird trotzdem das Tier weiterhin verabscheut? Die Antwort ist komplex, aber man kann sie ausfindig machen. Zunächst einmal besteht das kulturelle Erbe, das ihn als den “Bösewicht” schlechthin darstellt, fort.
Ausserdem ist die Öffentlichkeit in den Ländern, wo der Wolf bis zum Aussterben gejagt wurde, ängstlicher geworden: Länder wie Schweden, Deutschland und die Schweiz, die erst in jüngster Zeit eine Wiederbesiedlung durch Wölfe erlebt haben, scheinen unter diesem kulturellen Merkmal viel mehr zu leiden als Länder wie Spanien, wo die Präsenz des Wolfes vertraut ist, und die Menschen keine Angst zeigen (11).
Zudem existiert die natürliche Tendenz des Menschen, die Gefahr nur dann zu erkennen, wenn sie nahe und sichtbar ist. Aus diesem Grund identifiziert die ländliche Welt in den vom Wolf zerrissenen Schafen die Widrigkeiten der Natur, während Probleme wie der Klimawandel in den Hintergrund treten, die langsam und weniger sichtbar sind, aber viel verheerender.
Wenn also der angerichtete Schaden des Wolfes geringfügig ist – und auch denjenigen erstattet wird, die die Herden beschützt haben, im Gegensatz zu dem, was im Mittelalter geschah – was verursacht dann das Verschwinden der Viehwirtschaft? Die Gründe hierfür sind vielfältig, meiner Meinung nach alle weitaus schlimmer als der Wolf. Sicherlich, die Konkurrenz durch Grossindustrien und Lebensmittelmultiunternehmen, die die Senkung der Preise, den Einsatz von Düngemitteln und anderen Chemikalien erzwingen, die Gefahren durch den Binnenmarkt, Dürre und Klimawandel. Das sind alles Elemente, die die ländliche Bevölkerung dazu veranlassen, diese Aktivitäten aufzugeben und in städtische Gebiete zu ziehen (12).
Zudem passiert es, dass die Almen während der Sommerzeit verlassen werden, das geschieht aus verschiedenen Gründen, die von sozialen Konflikten, Einsamkeit, Kommunikationsproblemen bis hin zur Arbeitsbelastung reichen (13).
Auch die direkten Kriegsauswirkungen, insbesondere des russisch-ukrainischen Krieges (14), stellen für den Bereich der weltweiten Lebensmittelindustrie ein enormes Problem dar (15), doch hört man die Debatten in den Medien, dann scheint das Hauptproblem der ländlichen Bevölkerung in der Schweiz und des Tessins, der Wolf zu sein, genauso wie im Mittelalter. Eine Art Sündenbock des dritten Jahrtausends.
Ist der Wolf für den Menschen gefährlich?
Gegner des Tieres stellen den Wolf als blutrünstiges Tier dar, als Monster, das Tiere und Menschen tötet, ein Teil der Natur, der für den Menschen “nachteilige Auswirkungen” mit sich bringt. Die Realität ist jedoch viel komplexer als die einfachen Aussagen, die man in Kommentaren liest – oft aus dem Bauchgefühl herausgeschrieben – seitens der Öffentlichkeit.
In absoluten Zahlen betrachtet, können wir sagen, dass die Gefährlichkeit des Wolfes überhaupt kein Problem dargestellt: Jedes Jahr werden weltweit etwa 750.000 Menschen durch Moskitos getötet, über 400.000 durch andere Menschen, 100.000 durch Schlangen, 35.000 durch Hunde, 1.000 durch Krokodile, 22 durch Löwen, 6 durch Haie und nur 10 durch Wölfe (16). In verschiedenen Studien, die zwischen 2002 und 2020 durchgeführt wurden, gab es weltweit 489 Wolfsangriffe auf den Menschen (etwa 27 Angriffe pro Jahr): die meisten aufgrund der Tollwuterkrankung, und in vielen Fällen waren Wölfe provoziert worden; Zudem erwies sich fast keiner dieser Angriffe als tödlich (17).
Ich habe bei dieser Ausarbeitung noch nicht einmal die Daten miteinbezogen, über die Todesfälle, die durch Alkohol, Rauchen und ungesunder Ernährung – einschliesslich Fleisch und dessen Nebenprodukte – Umweltverschmutzung, Verkehrsunfälle und Hungersnot verursacht werden. Wenn man diese Zahlen zeigt, könnte man mir jedoch Benaltrismus vorwerfen. Deshalb habe ich nach Informationen über die Gefährlichkeit des Wolfes in Europa gesucht. Durch Nutzung des Kontaktnetzwerkes der International Union for Conservation of Nature (IUCN) und der SSC Large Carnivore Initiative for Europe (LCIE) wurden Forschungsstudien durchgeführt, um herauszufinden wie das Zusammenleben zwischen Menschen und Wölfen auf unseren Breitengraden vorangeht.
Auf eine dieser Forschungsstudien, die durch die KORA Stiftung durchgeführt wurde, haben 31 Staaten (darunter auch die Schweiz) geantwortet, 28 Staaten haben die Präsenz von permanenten Wolfsherden gemeldet, einige von ihnen in der Nähe von Wohngebieten. In 14 Staaten wurden gemeldet, dass sich Wölfe den Menschen näherten. In Bezug auf das Aggressionsverhalten wird geschrieben: «ein aggressives Verhalten wird von 12 Staaten gemeldet. Die überwiegende Mehrheit dieser Verhaltensweisen wurde von den Referenten als Verhaltensweisen von tollwütigen Wölfen bewertet, oder auch von Wölfen, die sich verteidigen mussten. Nur ein Vorfall aus Spanien berichtete einen Wolfsangriff, der nicht provoziert wurde, der letzte fand 1975 statt. In keinen dieser Fälle konnte die Aggression gegenüber dem Menschen im direkten Zusammenhang mit der Beobachtung der Wölfe, die sich immer wieder ider Nähe der Wohnsiedlungen aufhalten, oder die sich den Menschen nähern bestätigt werden.» (18)
Offensichtlich kann niemand jemals die Aggression eines Wolfes gegen eine Person ausschliessen. Solche Angriffe haben auch in der Vergangenheit stattgefunden: Wenn wir uns jedoch die obigen Statistiken ansehen, berücksichtigen, dass Tollwut in der Schweiz gar nicht existiert, und unser rationales Denkvermögen nutzen, dann können wir sagen, dass der Wolf nicht mehr Angst macht, als jene andere Ge- fahrenquelle für Bergbesucher. Ich gehe regelmässig in die Berge und kenne ihre Gefahren: exponierte Wanderwege, das Wetter, Schlangen, Zecken, Steinfälle, Insekten. Sogar Mutterkühe können, ungeachtet dessen, was Sie vielleicht denken, sehr gefährlich werden (eine getötete Frau in Laax im Jahr 2015 (19) drei Verletzte im Kanton St. Gallen im Jahr 2020 (20)).
Auch die Jagd ist deutlich gefährlicher als die Wölfe: In der Schweiz wurden zwischen 2000 und 2018 bei Jagdunfällen über 60 Menschen getötet und mehr als 4000 verletzt (21) (22). Den Wolf weiterhin als böses Tier zu betrachten, zeigt nur eine gewisse biologische und ethologische Ignoranz, die Tochter jener Angst, die durch den Aberglauben geschaffen wurde, den wir aus fernen Zeiten mit uns tragen. Es ist wahr, dass der Wolf theoretisch ein Problem für Kinder darstellen könnte, doch es genügt einfache Vorsichtsmassnahmen zu treffen, d.h. das Beisein von Erwachsenen – so wie es auch in Städten und Gemeinden geschieht -, um einen Unfall dieser Art zu vermeiden (dazu fällt die Wahrscheinlichkeit eines Tierangriffs geringer aus, als die anderen oben beschriebenen Gefahrenquellen). Das Zusammenleben mit den Wölfen Wölfe sind von Natur aus ängstliche und scheue Tiere (23).
Aus meinen persönlichen Erfahrungen habe ich immer dieselbe Wahrnehmung gehabt: Mehrmals habe ich absichtlich nach Wölfen gesucht, in Kanada (Ontario und Québec), in den Vereinigten Staaten (Kalifornien) in der Schweiz (Tessin, Graubünden usw.). Trotz der Dutzenden (vielleicht Hunderten) Ausflügen – auch ganz alleine – ist es mir nie gelungen, einen Wolf in der Natur zu beobachten. Zudem müssen wir bedenken, dass unsere Vorstellung über das Verhalten von Wölfen von unserer Fehlinterpretation abhängen könnte. Möglicherweise müssen wir seine Anpassung an den Menschen als normal betrachten: «In diesem Sinne kann es ausschliesslich “normal” sein, zu lernen sich in eine vom Menschen dominierte Welt zu integrieren, auch wenn dies nicht unbedingt von den Menschen geschätzt wird.
Es scheint jedoch, dass ein Grossteil der Öffentlichkeit erwartet, dass Wölfe scheue und ängstliche Bewohner einer fernen Wildnis sind. Die Diskrepanz zwischen Erwartungen und Erfahrung kann viele Reaktionen des Publikums erklären» (24).
Ich glaube, dass wir generell unsere Sichtweise gegenüber diesem Tier ändern müssen. Und um dies zu tun, ist es notwendig, Geschichte zu studieren, die darüber erzählt wie die Beziehung zwischen Menschen und Wölfen war, oft wird nämlich nur eine Sichtweise dargestellt. Wichtig ist auch Biologie und Ethologie dieses Tieres zu verstehen, um herauszufinden, wie wir uns verhalten sollen und wie wir eine Koexistenz beginnen können, die sicherlich nicht einfach sein wird, aber grundlegend, weil Wölfe für unsere Ökosysteme von grundlegender Bedeutung sind.
Sein negativer Ruf geht auf vergangene Zeiten zurück, während in den Chroniken, Geschichten dominierten, die mit dem Aberglauben und unsinnigen Erzählungen verbunden waren.Wenn in Florida die Bewohner mit Krokodilen und Kaimanen leben können, wenn sich die Australier an die giftigsten Tierarten der Welt gewöhnt haben, wenn sie in Ost- und Nordeuropa mit Bären zusammenleben, können wir mit Wölfen leben; doch auch ohne Beispiele aus fernen Ländern, zeigen uns Italien und Spanien, dass man mit Wölfen leben kann und keine Angst vor ihnen haben muss.
Angst, die, wie in vielen anderen Lebensbereichen, durch Wissen beherrschbar ist. Es wäre von Nutzen, dieses Tier nicht mehr zu fürchten.Wir sollten eher die Konsequenzen unserer rücksichtslosen Handlungen gegenüber der Natur fürchten, und endlich die Verantwortung gegenüber der Umwelt und anderen Arten übernehmen. Tatsache ist, dass wir viel gefährlicher für den Wolf
sind, und auch für uns selbst, als es der Wolf jemals sein könnte.
Quelle: orizzonti 172 • September 2022 Dossier 15
Bibliographische Verweise:
1 Rao Riccardo, “Il Tempo dei Lupi – Storia e luoghi di un animale favoloso”, Milano, UTET, 2018, p.10.
2 Rao Riccardo, Ibid.
3 Ortalli Gherardo, “Lupi, genti, culture: uomo e ambiente nel Medioevo”, Torino, G. Einaudi, 1997.
4 Strategia Lupo Svizzera, https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/biodiversitaet/publikationen-studien/publikationen/konzept-wolf-schweiz.html, pp.5-6.
5 https://www.rsi.ch/news/ticino-e-grigioni-e-insubria/La-siccit%C3%A0-fa-meno-paura-il-lupo-di-pi%C3%B9-15368119.html, aufgerufen am 17.06.2022.
6 Rao Riccardo, Ibid., p. 9.
7 https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?Affairld=20163191, aufgerufen am 17.06.2022.
8 Werder Cornel, “Pertes de moutons durant l’estivage”, Sur mandat d’Agridea, de Pro Natura, de la Fédération suisse d’élevage ovin et du WWF Suisse,
Cofinancé par l’Office fédéral de l’agriculture, l’Office fédéral de l’environnement et l’Office vétérinaire fédéral, Août 2012, p. 20.
9 https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?Affairld=20131040, aufgerufen am 18.06.2022.
10 https://www.kora.ch/de/arten/wolf/uebergriffe-auf-nutztiere, aufgerufen am 18.06.2022.
11 Huber J., von Arx M., Bürki R., Manz R. & Breitenmoser U., 2016, “ Wolves living in proximity to humans.
Summary of a first enquiry on wolf behaviour near humans in Europe”, KORA Bericht Nr. 76. KORA, Muri bei Bern, Switzerland, p. 14.
12 Groppo Paolo, “La crisi agraria ed eco-genetica spiegata ai non specialisti”, Milano, Meltemi, 2020.
13 Lauber S. et al. (ed.), 2014, Ibid., pp. 74-75.
14 https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/P-9-2022-001289_IT.html, aufgerufen am 05.07.2022.
15 https://www.swissinfo.ch/ita/perch%C3%A9-la-guerra-in-ucraina-contribuir%C3%A0-alla-prossima-crisi-alimentare-globale/47603048, aufgerufen am 05.07.2022.
16 https://www.statista.com/statistics/448169/deadliest-creatures-in-the-world-by-number-of-human-deaths/, aufgerufen am 17.06.2022.
17 https://wildlife.org/report-documents-wolf-attacks-around-the-world/, aufgerufen am 05.07.2022.
18 Huber J. et al. (2016), Ibid., pp. 6-7.
19 https://www.rsi.ch/news/ticino-e-grigioni-e-insubria/Mucche-uccidono-escursionista-5836663.html, aufgerufen am 18.06.2022.
20 https://www.swissinfo.ch/ita/sg–vacca-nutrice-attacca-escursionisti–tre-feriti/46047738, aufgerufen am 18.06.2022.
21 Tödliche Sportunfälle 2000-2018, Erhebung 2019, Beratungsstelle für Unfallverhütung, p. 6.
22 https://wildbeimwild.com/kunterbunt/statistik-toedlicher-jagdunfaelle/33039/2019/11/19/, aufgerufen am 05.07.2022.
23 https://www.kora.ch/de/arten/wolf/portrait, aufgerufen am 18.06.2022.
24 Huber J. et al. (2016), Ibid., p. 14
AUSARBEITUNG DURCH
Norman Lipari
Historiker