Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03135.jsonl.gz/2557

Als Folge der Covid-19-Epidemie müsste der weltweite Flugverkehr nach Schätzungen der International Air Transport Association (IATA) 2020 um 66% zurückgehen. Trotz dieser grossen Wirtschaftskrise bleibt das Thema Klimawandel aktuell. Wird die Pandemie die Antwort der Luftfahrt auf dieses kritische Thema bremsen oder beschleunigen? Am Donnerstag, den 17. Dezember, tauschten sich Akademiker, Vertreter der Luftfahrtindustrie und der Zivilgesellschaft bei einer von der Universität Genf und Genève Aéroport organisierten Online-Gesprächsrunde aus.
Wie Frankreich und Schweden strebt auch die Schweiz bis 2050 Klimaneutralität an. Um dies zu erreichen, werden zahlreiche Instrumente vorgeschlagen, darunter eine Steuer auf Flugtickets. «Die Besteuerung ist keine Lösung, denn sie entzieht den Fluggesellschaften Mittel, die zum Beispiel in modernere und weniger umweltschädliche Flotten investiert werden könnten», wendet Johan Lundgren, CEO von easyJet, ein. «Die Antwort wird in erster Linie eine technologische sein und hier sind Investitionen notwendig.» Im November 2019 erklärte die orange Fluggesellschaft, dass sie Neutralität durch Kompensation anstrebt und kündigte in Zusammenarbeit mit Airbus Forschungen zu Hybridflugzeugen an.
Auch Lorenzo Stoll, SWISS-Direktor für die Westschweiz, glaubt, dass Anreize effektiver sind als Steuern. «Vor allem, da Steuern Risiken bergen, wie z.B. die Schaffung von Ungleichheiten beim Zugang zu Flugreisen oder die Ermutigung von Passagieren, ausländische Flughäfen steuerfrei zu nutzen und so ihre Anreisen zu verlängern», fügt er hinzu. «Die Luftfahrtindustrie muss sich zu massiven Investitionen verpflichten, um die Kohlenstoffemission physikalisch zu begrenzen.» SWISS hat bereits 8 Milliarden Franken in die Erneuerung eines Grossteils ihrer Flotte für den Zeitraum 2016-2024 investiert.
Elektrizität, Biokraftstoffe, Öko-Flüge, die Luftfahrtbranche wetteifert mit Ideen, um zu kohlenstofffreien Flugzeugen zu gelangen. Aber sind diese Lösungen wirklich so umweltfreundlich? Angesprochen auf wasserstoffbetriebene Flugzeuge erinnert Martin Beniston, Honorarprofessor der Universität Genf (UNIGE) und Klimatologe, daran, dass heute fast der gesamte Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen hergestellt wird. «Wenn eine Lösung gefunden wird, um umweltfreundlichen und klimaneutralen Wasserstoff zu produzieren, und wenn es starke finanzielle Anreize gibt, kann die Erneuerung einer weltweiten Flotte ziemlich schnell erfolgen.»
Den Luftfahrtsektor regulieren
Letzte Woche haben die 27 Länder der Europäischen Union einer deutlichen Senkung ihrer Emissionen um mindestens 55% bis 2030 im Vergleich zu 1990 zugestimmt, um bis 2050 Klimaneutralität zu erlangen. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, wird eine Regulierung des Luftfahrtsektors durch verbindliche Lösungen angestrebt. Saraly Andrade de Sá, Umweltökonomin an der UNIGE, ist der Ansicht, dass die Kohlenstoffsteuer eine gute Lösung ist, mit dem Vorteil, ein wirksames Signal an die Akteure zu senden, sich in die richtige Richtung zu bewegen. In einer idealen Welt sollte diese Kohlenstoffsteuer in allen Sektoren, die CO2 ausstossen, angewandt werden, nicht nur bei der Luftfahrt, und zwar in der ganzen Welt.»
Zu den europaweiten Lösungen gehört auch der einheitliche europäische Luftraum (SES). Die 1999 gestartete Initiative zielt darauf ab, die Leistung des Verkehrsmanagements zu verbessern. «Dieses Projekt benötigt einen starken politischen Willen, um erfolgreich zu sein. Mit energieeffizienteren Flugplänen liesse sich der CO2-Ausstoss um 20 Prozent reduzieren», erklärt Lorenzo Stoll.
Die Luftfahrt verbannen?
Die Erwartungen der Zivilgesellschaft in Bezug auf die globale Erwärmung sind immens, besonders bei jungen Menschen. Bea Albermann, Schweizer Jugenddelegierte bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), weist darauf hin, dass sämtliche Sektoren, nicht nur die Luftfahrt, das Problem angehen müssen. «Wir brauchen globale und vor allem schnelle Lösungen, da die Auswirkungen auf die Gesundheit bereits sichtbar sind», erklärt sie. «Ein generelles Verbot von Flugreisen ist natürlich nicht die Lösung, aber bestimmte Vorschläge, wie z.B. das Verbot von Flügen unter 8 Stunden, Strecken, die man mit der Bahn zurücklegen kann, könnten umgesetzt werden.»
Für sofortiges Handeln plädiert auch André Schneider, Geschäftsführer des Genève Aéroport. Der Flughafen möchte das für 2050 gesetzte Ziel der Klimaneutralität auf 2035 vorverlegen. Um dies zu erreichen, wurden bereits Projekte gestartet. Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten für den Anschluss von Genève Aéroport an das ökologische Energienetz GeniLac. «Wir möchten auf unsere eigenen Emissionen einwirken, aber auch unsere Partner ermutigen, indem wir eine Preispolitik verfolgen, die zum Beispiel Flugzeuge der neuesten Generation bevorzugt, die weniger Kerosin verbrauchen und leiser sind. Fluggesellschaften, die sich bemühen, sollen begünstigt werden», so André Schneider. Der Flughafen, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, konzentriert sich auf die Zukunft. «Genève Aéroport wird es auch in 100 Jahren noch geben. Die Investition in die Reduktion klimaschädlicher Emissionen ist ein Projekt, das dem Unternehmen, aber auch der Nachhaltigkeit zu Gute kommt.»
Sich Konferenz « Null-Emission, Mythos oder Realität? » noch einmal ansehen