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Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung (19.12.2006)
«Zaide» von Mozart mit «Adama» von Chaya Czernowin in Basel
Nicht einmal der Werktitel stammt vom Komponisten. Wolfgang Amadeus Mozart hat das deutsche Singspiel «Zaide» 1780 unvollendet beiseite gelegt, weil ihm - so lässt sich annehmen - bedeutet worden war, dass das Stück an seinem neuen Wirkungskreis in Wien keine Chancen haben würde. Wenn es heute gespielt wird, dann mit fremden Zutaten, denn selbst von dem Libretto Johann Andreas Schachtners ist kein Exemplar mehr bekannt. So ist «Zaide» im März dieses Jahres unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt im Wiener Musikverein in einer ebenso fesselnden wie hochstehenden Produktion aufgeführt und auf CD aufgenommen worden; die fehlenden Dialoge stammten dort von dem Schauspieler Tobias Moretti, der sie auch selber sprach.
Leerstellen und Füllungen
Für «Mozart 22», das Projekt einer Gesamtaufführung der Opern Mozarts bei den Salzburger Festspielen 2006, wurde ein anderer Weg eingeschlagen. Auf Anregung des Regisseurs Claus Guth wurde dort Chaya Czernowin beauftragt, die Leerstellen im Werk Mozarts mit eigenen Klängen zu füllen und so für einen nun aber ganz anderen Zusammenhang zu sorgen. Anders ist dieser Zusammenhang darum, weil die bald fünfzigjährige israelische Komponistin das Thema von Mozarts Singspiel, die Konfrontation zwischen Christen und Muslimen und das Moment der Gewalt in dieser Konfrontation, aus ureigener Erfahrung in die Gegenwart gezogen hat. Während also auf der Ebene Mozarts die Christin Zaide und ihr Geliebter Gomatz in der Gefangenschaft des Sultans Soliman schmachten und für einen Ausbruchsversuch, anders als in der «Entführung aus dem Serail», schwer bestraft werden, stehen sich in den Einschüben Czernowins ein Palästinenser und eine Israeli gegenüber, deren Versuch einer Beziehung an den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Begrenzungen scheitert.
Sie habe sich in den leeren Nischen niedergelassen, die das Werk Mozarts enthalte, umschreibt die Komponistin ihr Verfahren. Tatsächlich sollen «Zaide» und «Adama», so ist Czernowins Stück übertitelt, gleichzeitig aufgeführt werden: mit zwei Ensembles, zwei Orchestern und zwei Dirigenten. Nicht nur greifen so die beiden Geschichten ineinander, auch die alten und die neuen Klänge kommen ganz direkt in Berührung miteinander und geraten dadurch in ein je spezielles Licht. «Zaide» ist ein Stück des mittleren Mozart mit bemerkenswerten Teilen, wenn auch vielleicht nicht ganz auf der Höhe der «Entführung». «Adama» wiederum - das hebräische Wort steht für «Erde», aber durchaus auch im Zusammenhang mit «Adam», dem Mann - arbeitet ausgeprägt geräuschhaft und setzt Schläge von einer Heftigkeit, die schwer unter die Haut geht, ganz besonders im Moment der grausamen Bestrafung durch eine Vaterfigur. Insofern bietet dieser Doppelabend alles andere als leichte Kost.
Erstmals auf die Bühne gebracht wurde die Kombination von «Zaide» und «Adama» bei den Salzburger Festspielen dieses Sommers - in Koproduktion mit dem Theater Basel, welches das Projekt nun mit eigenen Kräften auf seinen Spielplan genommen hat. Eine mutige Wahl, denn diese jüngste Produktion des Basler Musiktheaters bringt nicht die vielleicht erwartete Versöhnlichkeit nach den Aufwallungen rund um Calixto Bieitos Inszenierung von Verdis «Don Carlo». «Zaide / Adama» rüttelt auf und lässt nachvollziehen, was es mit der heute so gerne verharmlost gezeigten «Türkenoper» des ausgehenden 18. Jahrhunderts wie mit der aus dem Fernsehen bekannten Gewalt im Nahen Osten auf sich hat. Wir wissen es, und das zur Genüge, mag man vielleicht ausrufen; indessen kennt auch unsere Gesellschaft eine wachsende Neigung zur Gewalt, auch wenn die Formen subtiler bleiben und die Auswirkungen nicht so unmittelbar zu spüren sind.
Popanzen der Macht
Betroffenheit löst der Abend nicht zuletzt deshalb aus, weil die Aufführung selbst auf sehr respektablem Niveau steht. Die Inszenierung von Claus Guth wurde, da der Regisseur mit «Ariadne auf Naxos» von Richard Strauss am Opernhaus Zürich beschäftigt war, von Susanne Œglænd für Basel eingerichtet, sie ist aber von unvermindert starker Wirkung. Die Riesenköpfe der Herrschenden, die Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt schon bei ihrer Produktion von Glucks «Iphigénie en Tauride» verwendet hatten, und die übergrossen Möbel, die aus ihrer Inszenierung von Schuberts «Fierrabras» bekannt sind - sie bringen die Machtverhältnisse drastisch zum Ausdruck. Was die Qualität der Stimmen betrifft, sind einige Abstriche zu machen, an theatralischer Verve fehlt es jedoch nirgends. Und das Sinfonieorchester, das unter der Leitung von Friedemann Layer «Zaide» bestreitet, wie die Basel Sinfonietta, die sich angeführt von Johannes Kalitzke der Partitur von «Adama» annimmt, sind hörbar engagiert bei der Sache.