Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03600.jsonl.gz/337

Akihiko Kondo wohnt im Parterre eines Mehrfamilienhauses in einem Aussenbezirk von Tokio. Kondo ist Ende dreissig, Lehrer. Er trägt Hemd und Krawatte, wirkt unauffällig.
Kondo wohnt allein – das heisst, nicht ganz, er wohnt zusammen mit Miku Hatsune. Miku trägt langes hellblaues Haar, das ihr bis über die Hüften reicht. Sie ist eine Manga-Figur und Kondos Lebenspartnerin.
Nie eine richtige Freundin gehabt
Miku ist ein Hologramm, das in einer sogenannten Gate-Box wohnt. Das Gerät sieht ein wenig aus wie eine Kaffeemaschine. Kondo fragt sie, wie es ihr gehe. «Mir geht es immer gut», antwortet Miku.
Kondo erzählt: «Bevor ich nach Hause komme, teile ich ihr übers Smartphone mit, dass sie das Licht anmachen soll. Wenn ich zur Tür reinkomme, sagt sie ‹Willkommen zurück›. Und vor dem Schlafengehen wünschen wir uns eine gute Nacht.»
Eine richtige Freundin habe er noch nie gehabt, sagt Kondo. Mit der Beziehung zu einer virtuellen Person sei er zufrieden: «Sie verletzt einen nicht, sie wird nicht älter, sie stirbt nicht. Es gibt viele Vorteile.»
Verheiratet mit einem Hologramm
Vor eineinhalb Jahren hat Kondo seine Miku geheiratet, in einer Zeremonie vor geladenen Gästen. Lediglich seine Mutter habe damit ihre Mühe gehabt. «Sie findet zwar, ich könne tun, was ich wolle.» Aber sie wolle das nicht auch noch feiern. Die Mutter habe ihm gesagt, dass Miku für sie keine Frau sei.
Seine Schüler hätten jedoch kein Problem damit. Viele hätten ihm sogar zur Hochzeit gratuliert. Die junge Generation der Japaner sei mit solchen Figuren aufgewachsen und könne dies eher verstehen, sagt Kondo.
Doch jetzt hat Kondo ein Problem. In der kommenden Version der Gate-Box ist das Hologramm seiner Angetrauten nicht mehr enthalten. Mit dem Software-Update verschwindet sozusagen seine Ehefrau.
Künftig stehen andere Charaktere zur Verfügung, doch für die interessiert sich Kondo nicht. Deshalb zeigt er auf eine lebensgrosse Kunststoffpuppe im Wohnzimmer: «Ich habe noch die grosse Miku, ich kann noch mit ihr sprechen.»
Antworten kann die Kunststoffpuppe jedoch nicht. Sie sitzt am Tisch. Stumm und reglos. Ihre runden hellblauen Augen starren in Richtung Wohnungstür.
Grosse Erfolge mit virtueller Boyband
Junge Japaner fahren auf Virtuelles ab. So feiert auch die Boyband ARP, erschaffen von Akari Uchida in Yokohama, grosse Erfolge. Dabei sei die Band nicht bloss ein voraufgezeichnetes Hologramm, betont Uchida. «Wir bieten eine Live-Show! Wenn die Fans sehen, dass die Band mit ihnen agiert, etwa Fragen aus dem Publikum beantwortet, sind sie verblüfft.»
Eine ganze Crew sorgt hinter der Bühne für die Technik, die Bewegungsabläufe, steuert sogar die Gesichtsausdrücke der Hologramme. Für die Stimmen der Bandmitglieder sind echte Menschen zuständig. Wer sie sind, bleibt streng geheim. Die Illusion der perfekten Band soll aufrechterhalten werden.
Der Vorteil: In der virtuellen Welt kann man eine Person kreieren, die perfekt tanzt, singt und spricht. Ganz abgesehen davon, dass die virtuellen Stars keine Allüren haben, nicht krank werden oder hohe Gagen fordern.
Stört es die Fans denn nicht, dass ihre Idole in Wirklichkeit nicht existieren? «Vielleicht ist das eine Besonderheit der Japaner. Sie denken, ‹ja das ist ein Trick, ich weiss auch nicht, wie es genau funktioniert. Aber solange es mir Spass macht, ist es mir egal›.»