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Wie stark sollen Schauspieler in ihre Rolle hineinschlüpfen? Wie sinnvoll ist es, monatelang Müll zu sammeln, um einen Müllmann spielen zu können? Oder nur noch im Rollstuhl zu sitzen, um sich in einen Querschnittgelähmten einzufühlen, wie dies Daniel Day-Lewis für «My Left Food» (1989) tat? Das sogenannte Method Acting des 1947 gegründeten New Yorker Actors Studio hat lange Zeit die Schauspielerei geprägt und Stars wie James Dean, Marlon Brando oder Al Pacino hervorgebracht.
Heute ist Diversität aber fast gefragter als Glaubwürdigkeit. Das heisst: Ein Blinder sollte am besten von einem Blinden gespielt werden. Doch die Frage nach der Tiefe der Recherche bleibt.
Um die Nähe zwischen Rolle und Vorbild geht es auch in «May December». Serienstar Elizabeth (Natalie Portman) soll darin für einen Independent-Film Gracie (Julianne Moore) darstellen. Gracie geriet vor Jahren durch einen Skandal in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Sie hatte sich als verheiratete Frau mit dem damals 13-jährigen Joe (Charles Melton) eingelassen und war von ihm schwanger geworden. Wegen Verführung eines Minderjährigen sass sie eine Zeit lang im Gefängnis. Doch inzwischen ist sie mit Joe verheiratet, sie haben drei Kinder zusammen, zwei stehen kurz vor dem Highschool-Abschluss.
Elizabeth besucht nun für ihr Rollenstudium die Familie und nimmt auch an ihrem Alltag teil. Sie befragt Gracies Ex-Mann und redet mit Bekannten. Sie kopiert Gracies Haarstil, deren Make-up und inspiziert sogar den Lagerraum jener Zoohandlung, in dem es damals zum verbotenen Sex gekommen ist. Todd Haynes entwirft in «May December» ein elegantes Abtastspiel zwischen zwei Frauen, wie schon bei seiner Highsmith-Verfilmung «Carol» (2015).
Ein Duell, das auch zum Schaulaufen von Julianne Moore und Natalie Portman wird. Je mehr Elizabeth sich Gracie annähert, desto ähnlicher wird sie ihr, was Haynes in verschmelzenden Grossaufnahmen beider Gesichter ausdrückt. Mit ihren Fragen bringt Elizabeth aber das Gleichgewicht in der Familie durcheinander – das belastet die Beziehung zwischen Gracie und Joe.
Gleichzeitig kann Elizabeth auch nicht jedem trauen und alles glauben, was man ihr erzählt. Was Gracie am Ende mit einem trockenen Ausruf quittiert: «Das ist keine Story, das ist mein verdammtes Leben!» Das Drama «May December» von Todd Haynes ist wenig spektakulär mit seinen Alltagsmomenten. Es ist aber eine clevere, elegante Studie über die künstlerische Darstellung einer echten Person.
Drama
Darsteller: Julianne Moore, Natalie Portman, Charles Melton
USA 2023, ab 22. Februar 2024 im Kino