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Taipeh um die Jahreswende. Sind wir Zeuge einer Invasion vom Mars? Ganze Rudel von Motorradfahrern auf kleinen, schnellen Töffs (Motoscooters) rollen durch die Strassen der taiwanischen 2,6 Millionen-Hauptstadt Taipeh. Anders kämen die Leute im dichten Stadtverkehr kaum voran. An den Rotlichtern sammeln sich die Rudel jeweils wohlgeordnet und diszipliniert vor den Autos. Nach dem Sekunden-Countdown, der auf den Ampeln angezeigt wird, preschen sie davon, bis zur nächsten Ampel und schliesslich zum Arbeitsplatz. Dort, vor den Geschäftshäusern, Fabriken, Banken oder Restaurants stehen die „Töffli“ dann zu hunderten wohlgeordnet in Reih und Glied, bis ihre Besitzer nach getaner Arbeit wieder wegfahren.
23 Millionen Einwohner mit 15 Millionen Motorrollern leben auf der nur 36‘000 Quadratkilometern grossen Insel Taiwan (früher Formosa, die „schöne Insel“ genannt). Zum Vergleich: In unserer wahrlich dicht besiedelten Schweiz leben bekanntlich knapp 8 Millionen Einwohner auf 41‘000 km2. Die enorme Bevölkerungsdichte Taiwans hat auch historisch-politische Gründe. Nach dem Sturz der Qing-Dynastie (Taiwan war seit 1895 eine Provinz dieses Kaiserreichs), wurde 1911 unter Führung des legendären Dr. Sun Yat-sen die Republik China auf dem chinesischen Festland gegründet. Nach dem Ende der japanischen Besatzung und dem Bürgerkrieg von 1948/49, der mit dem Sieg der Kommunisten unter Mao Tse-tung endete, zog sich der legendäre Generalissimus Chiang Kai-shek mit rund zwei Millionen Mitkämpfern und Flüchtlingen nach Taiwan zurück. Später hat sich – im Gegensatz zur heute 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Volksrepublik China – in Taiwan eine moderne Demokratie entwickelt.
Mit berechtigtem Stolz zeigen die Taiwaner unserer kleinen Besuchergruppe aus der Schweiz ihr schönes Land, ihre zahlreichen Hightech-Errungenschaften und ihre historischen Monumente. Nach dem Besuch beim Presse- und Informationsamt besichtigen wir die monumentale Chiang Kai-shek-Gedächtnishalle und erleben eine halbstündige Wachtablösung, die sich durch eine unglaubliche, fast übermenschliche Präzision auszeichnet. Beim wunderschönen Longshan-Tempel huldigen Hunderte von Leuten, darunter auffallend viele Jugendliche und Schüler, mit Räucherstäbchen, Opfergaben und Gebeten der Göttin Guanyin, der Meeresgöttin Mazu und weiteren Gottheiten im buddhistisch-daoistisch geprägten Land. Warum so viele Schüler? Am folgenden Tag finden an vielen Schulen Prüfungen statt, und die Schüler bitten die „zuständige“ Göttin um gute Noten. Denn gute Noten sind in Taiwan ein Muss. Ein seit langem ansässiger Schweiz erzählt uns, dass viele Schüler oft bis in die Nacht hinein büffeln – „und wenn ihnen die Augen zuzufallen drohen, werden sie von ihren Eltern mit gekühlten Lappen auf der Stirn wachgehalten“.
„Taipeh 101“ (one-0-one), ein bambusrohrartig aufgebauter Wolkenkratzer mit 101 Stockwerken, Finanzzentrum und bis vor einigen Jahren mit 508 Metern das höchste Bauwerk der Welt, ist das Non-Plus-Ultra von Taipeh. 380 tragende Pfeiler, die 80 Meter tief im Boden verankert sind, bilden das Fundament. Acht mehrere Meter dicke Stahl-/Betonpfeiler und 28 kleinere Pfeiler, hart wie Fels und zugleich elastisch wie Bambus, bilden das tragende Gerippe des technischen Wunderwerks. Um die Sicherheit bei den häufigen Erdbeben zusätzlich zu gewährleisten, ist im 88./89. Stockwerk eine 660 Tonnen schwere Stahlkugel aufgehängt, welche den Schwingungen des Riesenbauwerks entgegenwirkt und diese dämpft. „Das Bauwerk würde aufgrund der technischen Daten auch das stärkste Erdbeben der vergangenen 2500 Jahre aushalten“, sagt Herr Wang, unser Führer, mit Stolz. Auch bei einem völligen Ausfall der Energieversorgung würden die Notstromgeneratoren sofort alle Funktionen sicherstellen. Die Lifte befördern die Besucher in 37 Sekunden auf die Aussichtsplattform auf rund 400 Meter Höhe, wo man eine einzigartige Rundsicht über Taipeh geniesst. Der „one-0-one“-Tower ist darum in den Augen der Taiwaner das nationale Wunderwerk schlechthin.
Der Hochgeschwindigkeitszug, der uns von Taipeh in den Süden führt, „schwebt“ in der Regel mit 300 Stundenkilometern dahin und erreicht eine Spitze von 350 km/h. Er hält an den grossen Bahnhöfen auf den Zentimeter genau, sodass sich die Leute auf dem Bahnsteig genau auf der Höhe ihrer reservierten Plätze aufstellen können. Und auf die Sekunde genau setzt sich der Zug wieder in Bewegung. In den bequemen Fauteuils werden von freundlichen jungen Damen schon nach wenigen Minuten Gratisgetränke serviert. Draussen fliegen Reisfelder, Palmen-, Obst- und Gemüseplantagen, Fischzuchtteiche und unzählige Treibhäuser mit Spezialkulturen vorbei, dann folgen wieder kleinere und grössere Städte mit zahlreichen Hochhäusern – denn irgendwo müssen die 23 Millionen Taiwaner ja wohnen.
Der berühmte und wunderschöne Sonne-Mond-See (Sun Moon Lake) im Gebirge Zentraltaiwans erscheint bei wechselnden Lichtverhältnissen wie ein zartschimmerndes chinesisches Gemälde. Der See heisst so, weil seine Form den chinesischen Schriftzeichen für Sonne und Mond gleicht. Auf dem Kurs-Schiff, das uns am Sylvestertag herumführt, herrscht trotz Massen von Leuten kaum ein Gedränge – die Leute gehen auch hier diszipliniert und zuvorkommend miteinander um. Unablässig erzählt der Kapitän Witze – oder was er dafür hält – und redet nach Auskunft unseres Führers pausenlos irgendwelches Zeug. Kaum einer hört hin, aber niemanden stört es. Am Anlegeort ist gerade ein Fest mit vielen Attraktionen im Gang. Mehrere hervorragende Musikkapellen, ausschliesslich junge Leute, spielen chinesische und internationale Werke. An einem Schreibstand zaubert ein Mann für uns wundervolle Schriftzeichen aufs Pergament. Der mir gewidmete Sinnspruch bedeutet in etwa „Die Ernte ist gut“. Kein schlechtes Omen für 2012.
Weil Taiwan derart dicht besiedelt ist, legt man seit einiger Zeit grössten Wert auf die Erhaltung der Natur. 20% der Landfläche sind Nationalparks, von denen es eine ganze Anzahl mit Wander- und Velowegen, grossen Wäldern, seltenen Pflanzen und Tieren gibt. Zudem gedeiht in den tropischen bis alpinen Zonen Taiwans, vor allem im subtropischen Süden, eine unglaubliche Vielfalt an Früchten, so zum Beispiel die sehr saftigen und knackigen Wachsäpfel (Lianwu), die von November bis April überall angeboten werden. Bei Kenting im Süden nehmen wir am Neujahrstag ein herrliches Bad im Meer; die Kernkraftwerke ein paar Kilometer ausserhalb stören hier niemanden.
Taiwan lebt vor allem von der Hightech-Industrie, die mit aller Kraft vorangetrieben wird. Mit grossem Stolz werden uns die neuesten Wirtschafts- und Exportzahlen präsentiert, die nach einem kurzen Einbruch wegen der weltweiten Finanz- und Schuldenkrise wieder stark angestiegen sind. Neben der Vielzahl von Klein- und Mittelbetrieben sind riesige Industrieparks (wie beispielsweise in Hsinchu) entstanden, wo Synergien für die gemeinsame Forschung und die Produktion sowie steuerliche Erleichterungen grosse Vorteile bringen. Die Unternehmenskultur gründet neben der freien Wirtschaft auch auf staatlichen Fördermassnahmen. Dies kommt auch bei unserem Besuch beim Rat für Wirtschaftliche Planung und Entwicklung, beim Vizevorsitzenden des Rates für Festlandchina und beim Mittagessen auf Einladung des Stellvertretenden Aussenministers klar zum Ausdruck. Und Taiwan ist damit erfolgreich.
Die Schweiz steht in Taiwan in hohem Ansehen. Immer wieder betonen unsere Gastgeben die Ähnlichkeiten zwischen beiden Ländern: ungefähr gleiche Landfläche mit mehr als der Hälfte Gebirge, wenig Bodenschätze, fleissige Leute, gute Produkte, demokratische Struktur. Taiwan ist am Ausbau der gegenseitigen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen sehr interessiert. Das zeigt sich auch bei unserem Besuch des Schweizerischen Handelsbüros (Trade Office of Swiss Industries TOSI) in Taipeh, das 1982 gegründet wurde und Schweizer Geschäftsinteressen in Taiwan vertritt. Vom sehr versierten Jost Feer, Direktor des Handelsbüros, der seit 1986 in Taipeh tätig ist, und einigen erfolgreichen Schweizer Geschäftsleuten erfahren wir, dass sich die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern gut entwickelt haben. Rund 120 Schweizer Firmen haben sich bisher in Taiwan niedergelassen. Die Exporte aus der Schweiz haben von 1179 Millionen Franken im Jahre 2002 auf 1535 Millionen Franken (2010) zugenommen. Wichtig sind vor allem Pharmaprodukte, Maschinen und Apparate sowie Uhren. Die Schweizer Investitionen in Taiwan beliefen sich 2010 auf rund 635 Millionen US-Dollars. Die Wirtschaftsbeziehungen sind selbstverständlich noch stark ausbaufähig. Die ausgezeichneten Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden auch bei unserem Treffen mit dem Stellvertretenden Aussenminister mehrfach betont.
Im politischen Spannungsfeld. Trotz intensiver Wirtschaftsbeziehungen zur Volksrepublik China (42% der Exporte Taiwans gehen nach China) führt das Thema „China“ politisch immer wieder zu hitzigen Auseinandersetzungen. Die Volksrepublik China beansprucht Taiwan aufgrund der sogenannten Kairoer Erklärung von 1943 als eigenes Territorium und betrachtet Taiwan als „abtrünnige Provinz“. In der Vergangenheit hat Peking wiederholt mit einer militärischen Intervention gegen Taiwan gedroht; immer noch sind rund 1000 Mittelstreckenraketen auf den Inselstaat gerichtet. Entscheidend sind für Taiwan deshalb die Garantien der Schutzmacht USA. Heute versucht Peking, Taiwan auf friedlichere Weise, nämlich wirtschaftlich, immer stärker an sich zu binden – mit dem politischen Ziel eines „einzigen China“. Der Zwiespalt „Ein-China-Prinzip“ oder „Status quo mit den zwei Staaten“ zeigt sich auch in der Parteienlandschaft Taiwans: Die chinaorientierte Kuomintang-Partei (KMT) sieht das Heil in einer engen Zusammenarbeit mit Peking, während die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) auf die Unabhängigkeit Taiwans setzt und der KMT vorwirft, die Souveränität des Inselstaates preiszugeben. Die KMT, nach einem achtjährigen Unterbruch seit 2008 mit Präsident Ma Ying-jeou wieder an der Macht, musste bei unserem Taiwan-Besuch, als der Wahlkampf in vollen Gang war, um ihre Mehrheit zittern. (Bei den Wahlen vom 14. Januar 2012 hat sich nun aber die KMT mit Präsident Ma Ying-jeou, der 52% der Stimmen erreichte, halten können. Seine Konkurrentin von der oppositionellen DPP erreichte beachtliche 46% und die DPP hat zusätzliche Parlamentssitze gewonnen).
Dieses schwierige politische Umfeld bedeutet auch für die Schweiz gegenüber Taiwan eine Gratwanderung. Wir wollen einerseits gute Beziehungen zur Volksrepublik China unterhalten, die von der grossen Mehrheit der Staaten und von der UNO als „einziges China“ anerkannt wird. Gleichzeitig geht es darum, mit dem uns quasi „seelenverwandten“ Taiwan gute Beziehungen zu unterhalten und diese auszubauen. Das liegt im gegenseitigen Interesse und ist aufgrund unserer Neutralität durchaus möglich.
Die taiwanische Sprache und die Schrift mit tausenden von Schriftzeichen ist für Ausländer eine Wissenschaft für sich. Amtssprache ist wie in Festlandchina das Mandarin oder Hochchinesisch. Es besteht im Wesentlichen aus 420 gleich oder ähnlich lautenden Silben, differenziert durch vier Töne. So kann die Silbe ma „Mutter“ (hoher Ton), „Hanf“ (ansteigender Ton), „Pferd“ (tiefer Ton) oder „schimpfen“ (fallender Ton) bedeuten. Jedes Schriftzeichen steht für eine Silbe und hat eine eigene Bedeutung. In der Regel haben die Zeichen eine Grundbedeutung (Bildzeichen) und werden ergänzt durch ein lautmalerisches Element. Um eine normale Zeitung lesen zu können, muss man mindestens 3000 Zeichen beherrschen; ein „Professor“ kennt nach Auskunft unseres Führers bis zu 20‘000 Zeichen; insgesamt (unter Einschluss der chinesischen Literatur der letzten 2000 Jahre) existieren etwa 50‘000 Zeichen. Was fast übermenschlich tönt, funktioniert aber offensichtlich im Alltag und auch in der Computerwelt.
Die Höflichkeit der Taiwaner ist nicht gespielt, sondern Ausdruck ihrer Kultur. Im Hotel begegnet man in- und ausländischen Gästen stets mit einer leichten Verbeugung. Wenn unsere Gruppe in einem Hotel ankommt, stellen sich der Direktor und die leitenden Angestellten sofort zur Begrüssung bereit; beim Abschied warten sie geduldig in Reih und Glied, um die Gäste mit einer gemeinsamen Verbeugung aus ihrer Obhut zu entlassen. Ausgeprägt ist auch die Friedfertigkeit der Taiwanesen. Auch auf den berühmten Nachtmärkten, wo ein gewaltiges Gedränge herrscht, wo hunderte von kleinen Verkaufslokalen, Imbissständen, Restaurants, Schmuckständen und Lokalen aller Art auf engstem Raum ihre Waren anbieten, sind die Leute gelassen und freundlich, und es gibt kaum Diebstähle und fast keine Kriminalität. Denn das würde der Kultur und der Mentalität der Taiwaner widersprechen. Lieber leben die Leute bescheiden, als dass sie etwas stehlen würden. Auch die vielen jungen Leute auf dem Nachtmarkt sind rücksichtsvoll und höflich. Andere Länder könnten von den Taiwanern in dieser Beziehung viel lernen.
Beim Abschied auf dem Flughafen von Taipeh überreiche ich „Mister Wang“, unserem ausgezeichneten und humorvollen Führer, zum Dank eine Schachtel bester Schweizer Pralinés. Den anderen Leuten, mit denen wir zusammentroffen sind, habe ich jeweils voller Stolz eine Toblerone, als vermeintlich absolute und in Taiwan unbekannte Schweizer Rarität, überreicht. Der allzeit höfliche Mister Wang bricht erst jetzt in schallendes Gelächter aus und offenbart uns: „Sie müssen wissen, diese Toblerone, genau die gleiche, die Sie den Leuten geschenkt haben, ist hier überhaupt keine Rarität; man kann sie in Taiwan praktisch überall kaufen!“ Uns bleibt nach anfänglicher Verblüffung nichts anderes übrig, als mitzulachen …
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Unser „Augenschein in Taiwan“ hat sich mehr als gelohnt. Wir haben Einblicke erhalten in die Geschichte, in die Lebenswirklichkeit, in die Kultur, in die Mentalität, in die Probleme, und auch etwas in die „Seele“ eines Landes, das kaum so gross ist wie die Schweiz, das aber die dreifache Einwohnerzahl besitzt und mit der mächtigen Volksrepublik China nur schon aus wirtschaftlichen Gründen ein tragfähiges Verhältnis finden muss. Umso mehr wünsche ich der tüchtigen, stolzen und freiheitsliebenden Bevölkerung Taiwans eine gute Zukunft.