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Von der Anfangsphase bis weit in die 1980er Jahre hinein gab es keinen Ort in der Welt, an dem mehr Schweizer Heilsarmee-Missionare tätig waren als in den zwei Kongo-Staaten in Zentralafrika. Auf dem Höhepunkt (1958-60) waren 28 Missionare allein in Kongo-Kinshasa (damals Belgisch-Kongo genannt) tätig. Das nächst grössere Kontingent in einem Jahr stellte die Schweiz 1955 in Brasilien (17 Personen).
Frühe Jahresberichte zeigen, dass zeitweise die Mehrheit der Führungspositionen – beispielsweise Divisions-offiziersposten – mit Schweizern besetzt waren. Schweizer waren nicht nur unter den Pionieren in Kongo-Kinshasa und in Kongo-Brazzaville, es standen auch Schweizer an der Spitze der Kongo-Territorien, die bis 1948 in der Heilsarmee-Organisation noch vereint waren.
Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Offiziere und Freiwilligen in den Kongo-Staaten stammten aus der Westschweiz. Willy und Miriam Huguenin, die in beiden Kongos lange Zeit dienten und auch Territorialleiter waren, nennen als einen wichtigen Grund für diese Häufung die Sprache. Da die Kongo-Staaten von den Kolonialmächten Frankreich und Belgien kontrolliert wurden, mussten die Missionare mit Vorteil französischsprachig sein. Die Westschweiz bot für die internationale Heilsarmee ein wertvolles Reservoir, da die Heilsarmee in anderen französischsprachigen Gebieten wie Frankreich und Belgien weniger stark war. Für französischsprachige Schweizer gab es zudem kaum andere Missionsziele mit französischer Sprache.
Eine Rolle gespielt haben dürfte auch die Besetzung von wichtigen Positionen in der Heilsarmee Schweiz. So wirkte beispielsweise der Kongo-Pionier Henri Becquet (ein Belgier) auch in der Schweiz als Landesleiter. Er sprach regelmässig in Heilsarmee-Korps in Vorträgen über die Missionsarbeit im Kongo, wie Berichte im „Kriegsruf“ zeigen. Diese Werbung dürfte ihre Wirkung bei potentiellen Missionaren nicht verfehlt haben. Ebenso häuften sich mit der wachsenden Anzahl Missionare im Kongo die Berichte aus Afrika, was wiederum die Bereitschaft weiterer Interessierten gesteigert haben dürfte. Eines gab das andere. Es arbeiteten schliesslich so viele Schweizerinnen und Schweizer in den Kongo-Staaten, dass das Gebiet im „Kriegsruf“ einst sogar als „fünfte Schweiz“ bezeichnet werden konnte.
Stefan Trachsel
Die Heilsarmee im Kongo kam immer wieder mit den staatlichen Organen in Berührung. Gerade während der Unruhen vor der Unabhängikeit 1960 war die Beziehung nicht immer einfach. An ein Erlebnis in dieser Zeit erinnert sich Willy Huguenin aber mit Vergnügen zurück: Am Tag der Unabhängigkeit spielten die Heilsarmee und er nämlich eine nicht unwesentliche Rolle.
Als der „Congo belge“ (Belgisch-Kongo) am 30. Juni 1960 von der Kolonialmacht Belgien unabhängig werden sollte, wurde die Lage zusehends unsicherer. Die Heilsarmee hatte deshalb kurz vorher die Schule in Kasangulu geschlossen und die Schüler in ihre Heimatdörfer zurückgeschickt. Willy Huguenin arbeitete zu jener Zeit in Kasangulu als Lehrer und sein Seminarchor genoss weitherum Bekanntheit.
Kurz vor dem Unabhängigkeitstag tauchten plötzlich drei Männer in Kasangulu auf und verlangten nach Huguenin. Sie hätten die neue Nationalhymne dabei und bräuchten dringend die Mithilfe des Seminarchors, teilten sie ihm mit. Huguenin erklärte ihnen, dass die Schüler zu Hause seien und nicht zur Verfügung stünden. Sie liessen die Noten trotzdem in Kasangulu und so schrieb der musikalisch begabte Huguenin aus Spass einen mehrstimmigen Chorsatz für die Hymne.
An einem der nächsten Tage ging Huguenin in Kinshasa ins Hauptquartier der Heilarmee. Dort fragten ihn die Mitarbeiter, ob er den Aufruf im Radio auch schon gehört habe. Es stellte sich heraus, dass der Seminarchor, ohne Huguenins Mitwissen, über Radio in das Radiostudio von Kinshasa gerufen worden war, um die Nationalhymne zu proben und aufzunehmen. Tatsächlich erschienen bis 11.15 Uhr 21 Sänger. Sie fingen zu proben an, und um 15 Uhr wurde das Lied – in Huguenins Version – aufgenommen. Die Hymne wurde in den nächsten Tagen mehrmals täglich ausgestrahlt.
Noch im Studio fragte ein Behördenvertreter Huguenin an, ob der Chor auch an der offiziellen Unabhängigkeitsfeier singen würde. Der Chor sollte um Mitternacht des 30. Juni, unmittelbar vor dem Feuerwerk, die Hymne vortragen – vor 1500 geladenen Gästen im Palais de la Nation. Nebst dem König von Belgien sollten zahlreiche Botschafter und weitere wichtige Leute anwesend sein. Fünf Minuten vor dem Auftritt kam der Moderator und sagte, er werde sie als Chor von Kasangulu ankündigen. Huguenin protestierte: Der Heilsarmeechor von Kasangulu werde die Hymne vortragen und so solle er auch genannt werden, sagte er. Der Moderator entgegnete, der Kongo sei ein säkularer Staat. Huguenin blieb hart. Der Auftritt des Chors in dieser Nacht wurde zum grossen Erfolg.
Stefan Trachsel, nach einem Interview mit den Kommissären W. und M. Huguenin und nach einer Aufzeichnung von Kapitän Stephan Knecht
In die beiden Kongos gingen auch zahlreiche freiwillige Helferinnen und Helfer für die Heilsarmee in die Mission, zuvor waren es hauptsächlich Offiziere gewesen. Vor allem Krankenpflegerinnen und Hebammen waren in den Kongo-Staaten tätig.
Den Bann gebrochen hatten aber nicht die Kongo-Freiwilligen. Als erste freiwillige Missionare der Heilsarmee gelten die Krankenschwestern Ida Baumgartner und Martha Sommer, die Ende 1955 ans Heilsarmeespital Surabaya nach Indonesien gingen.