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|Extrem laut und unglaublich nah

Land: USA
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: Eric Roth, Jonathan Safran Foer (Buch)
Darsteller: Tom Hanks, Sandra Bullock, John Goodman, Max von Sydow, Jeffrey Wright, Thomas Horn, Adrian Martinez u.a.
Kamera: Chris Menges
Schnitt: Claire Simpson
Musik: Alexandre Desplat
Laufzeit: 129 Minuten
Start CH: 16.02.2012
Verleih: Warner Bros. Pictures. All Rights Reserved
Weitere Infos bei IMDB
Ein Schlüssel gegen das Vergessen
von Şule Durmazkeser
Nach Filmen wie «Billy Elliot» (2000), «The Hours» (2002) und «The Reader» (2008) wagt sich Erfolgsregisseur Stephen Daldry in seinem neuen Film «Extremely Loud & Incredibly Close» an die heikle 9/11-Thematik heran. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Jonathan Safran Foer zeigt auf einfühlsame Weise den Versuch eines Jungen, mit dem plötzlichen Tod seines geliebten Vaters zurechtzukommen. Obwohl sich der Film teilweise zu stark in Sentimentalität verliert und die gegensätzliche Charakterzeichnung von Oskar irritiert, kann der Newcomer Thomas Horn mit seiner schauspielerischen Leistung überzeugen.
Der elfjährige Oskar Schell (Thomas Horn) ist ein aussergewöhnlicher Junge, gleichzeitig Einzelgänger und Aussenseiter: obwohl überdurchschnittlich intelligent, neugierig und aufgeweckt, wird er von Ängsten geplagt, die schon beinahe an Paranoia grenzen. In seinem Vater Thomas (Tom Hanks) hat er aber eine Bezugsperson, die ihn nicht nur intellektuell fördert und fordert, sondern ihn auch mit seinen Ängsten konfrontiert. So ermutigt er seinen Sohn beispielsweise dazu durch New York zu streifen, um einen Beweis dafür zu finden, dass es im Big Apple mal einen sechsten Stadtbezirk gegeben hat. Diese enge und liebevolle Vater-Sohn-Beziehung, die sie pflegen, findet ein jähes Ende, als Thomas bei den Anschlägen vom 11. September 2001 ums Leben kommt. Die geordnete Welt des Jungen, die er so akribisch unter Kontrolle hielt und logisch zu erklären suchte, fällt in sich zusammen. Oskar kann den Verlust des Vaters nicht akzeptieren. Verzweifelt sucht er nach Möglichkeiten, um seine Nähe zu spüren, obwohl ihm das nach einem Jahr zusehends schwerer fällt. Als Oskar eines Tages den Schrank seines Vaters durchwühlt und einen Umschlag mit dem Vermerk „Black“ und einem Schlüssel findet, interpretiert er das als ein Zeichen. Er ist überzeugt, dass sein Vater ihm wieder eine Aufgabe gestellt hat, und beginnt sofort mit einer grossangelegten Suchaktion nach dem passenden Schloss. Sein Weg führt ihn kreuz und quer durch die fünf Bezirke New Yorks und zu den unterschiedlichsten Menschen, deren einzige Gemeinsamkeit der Name „Black“ ist, bis er schliesslich – trotz oder gerade wegen enttäuschender Erfahrungen – zu sich selbst findet und loslassen kann.
Geschichten mit unmittelbarem Bezug zum 11. September 2001 zu erzählen, ist ein schwieriges Unterfangen, will man das enorme Ausmass dieses schrecklichen Ereignisses nicht Überhand nehmen lassen. Stephen Daldry aber gelingt es auf geschickte Weise, die Anschläge in den Hintergrund zu stellen, ohne sie zu banalisieren. Auch wenn er nicht mit Katastrophenbildern arbeitet, merkt man, dass die Leute immer noch unter Schock stehen. In der Art, wie sie auf Oskar, seine Suche nach dem Schloss und seine tragische Geschichte reagieren, wird dies deutlich: in den meisten Fällen kommt ihm eine Welle des Mitgefühls entgegen. Indem sich der Film auf Oskar konzentriert, erleben die Zuschauer alles aus seiner Sicht und werden gleichzeitig Zeugen eines ungewöhnlichen Verarbeitungsprozesses, der mitunter beinahe selbstzerstörerische Dimensionen annimmt. Oskar quält sich physisch, um seine seelischen Schmerzen zu verarbeiten. Sein Oberkörper ist übersät mit blauen Flecken, die er sich selbst zufügt, und das ständige Abhören des Anrufbeantworters mit den letzten Nachrichten seines Vaters reisst die Wunden immer wieder von Neuem auf. Es sind dieser plötzliche Verlust eines geliebten Menschen und die Schwierigkeit, ihn zu begreifen, die den Jungen in erster Linie beschäftigen – viel mehr als die Frage, warum die Anschläge überhaupt verübt wurden. Dieser Ansatz ermöglicht der Geschichte eine Eigendynamik zu entwickeln, ohne von den realen Ereignissen überlagert zu werden.
Die ganze Geschichte wird von Oskar aus dem Off erzählt. Dieser einseitige Fokus, der den ganzen Film über beibehalten wird, bietet einen vertieften Einblick in sein Wesen. Das erleichtert es aber nicht unbedingt sein Handeln und seinen Charakter zu verstehen, da dadurch auch die Gegensätze, die er in sich vereint hervorgehoben werden: Oskar ist so intelligent, dass er anspruchsvolle Bücher wie Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ liest, aber naiv genug zu glauben, der Schlüssel stehe für eine Aufgabe, die sein Vater für ihn vorbereitet hat. Er wird von Ängsten geplagt und ist dennoch mutig genug, wildfremde Menschen aufzusuchen. So wechseln sich im Film ruhige, angsterfüllte und aggressive Phasen ab: Oskar wird dadurch als labile Persönlichkeit wahrgenommen und man distanziert sich beim Zuschauen beinahe unbewusst von ihm. Leider führt diese Erzählweise auch dazu, dass der Zugang zu den anderen Figuren des Films eingeschränkt wird, da sie nur durch Oskar erfahren werden. Eine objektive Annäherung wird so verhindert. Thomas Schell ist liebevoll und voller Hingabe – der perfekte Vater. Während Oskar ihn idealisiert, erscheint seine Mutter Linda (Sandra Bullock) gefühlskalt und unnahbar. Erst gegen Ende des Films werden sich Mutter und Sohn im Zuge der grossen Suche langsam näher kommen. So werden die von Sandra Bullock und Tom Hanks verkörperten Figuren vom Zuschauer nur in der Elternrolle wahrgenommen.
Thomas Horn – in seiner ersten Rolle überhaupt – gelingt es auf eindrückliche Weise, die facettenreiche und widersprüchliche Figur des Oskars rüberzubringen, während den beiden Stars Tom Hanks und Sandra Bullock kaum Raum gelassen wird ihren Figuren Tiefe zu verleihen. Neben Oskar spielt New York schliesslich die zweite Hauptrolle in Extremely Loud & Incredibly Close. Der Film besticht durch eindrückliche Aufnahmen der Millionenmetropole – mal aus der Vogelperspektive betrachtet, mal auf Augenhöhe mit Oskar. Ausserdem erzeugen schnelle Schnitte und die Geräuschkulisse eine beklemmende Atmosphäre, durch welche Oskars Ängste nachvollziehbar werden. Und obwohl die Suche nach dem Schloss etwas zu sehr in die Länge gezogen wird, bietet der Film einen gelungenen, da etwas anderen Blick auf die Ereignisse des 11. Septembers und die Angehörigen der Opfer.
©Warner Bros. Pictures. All Rights Reserved
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