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Vom Monte Moro
Über die drei Pässe, die vom Hintergrund des Saastales ins Italienische hinüberführen, in historisch-alpinistischer Beziehung etwas Neues bringen zu wollen, wäre ein eitles Unterfangen, seitdem Dr. Dübi in seiner Monographie über Saas-Fee und seine Umgebung diese Sache so gründlich und allseitig besorgt hat. Jeder dieser Pässe, besonders der Antrona-, sowie der Monte Moro-Paß, weniger der Mondelli, haben eine geschichtliche Vergangenheit. Der Antronapaß vielleicht noch die bedeutendere, als sein Walliser Kollege, der Monte Moro. Es gilt als sicher, daß beide in mehr oder weniger ausgedehnter Weise im Mittelalter zu Handelszwecken gedient haben, ebenso wie seit der Besitzergreifung von Macugnaga durch die deutschen Oberwalliser über den Monte Moro-Paß die Verbindung mit dem Mutterlande offen gehalten wurde.
Im dreizehnten Jahrhundert ist erwiesenermaßen die Gründung der deutschen Kolonien am Südfuß des Monte Rosa erfolgt, und damit zu- gleich wurde der Monte Moro-Paß erschlossen. Denn bereits 1267 wurden die Pässe von Antrona und Macugnäga als offen bezeichnet für den Verkehr aus dem Wallis nach Mailand, nachdem schon 1261 Macugnaga als mit Deutschen besetzt genannt wird. Schon damals waren im Anzascatal die Goldbergwerke, von denen noch heute dasjenige in Pestarena besteht, im Betrieb. Die Sust, über welche 1361 die Mailänder in Visp unterhandelten, war höchst wahrscheinlich für den Verkehr über den Antrona- und Monte Moro-Paß berechnet. Als 1403 der Weg über den Monte Moro schlecht geworden war, traten 29 Vertreter aus dem Val Anzasca und 5 aus dem Saastal zusammen und beschlossen, daß die Straße für immer in stand gehalten werden solle. Zum Unterhalt war alles verpflichtet, was an der Straße von Visp bis Pie di Mulera wohnte.
Die Benutzung des Monte Moro-Passes führt demnach ziemlich hoch ins Mittelalter hinauf. Über ihn führte ein uralter Pflasterweg, von dem noch Spuren auf der Südseite erhalten sind. Eine bemerkenswerte Nachricht, die Paßwege über den Antrona und Monte Moro betreffend, befindet sich in der von Dübi erwähnten handschriftlichen Geschichte des Saastales von Zerbriggen. Auch Venetz hat dieselbe bereits benutzt, indem er darüber berichtet: „ Antrona und Macugnaga passierte man vor Zeiten häufig mit Pferden und allerhand Vieh und Kaufmannswaren und wurden schon 1440 uralte Pässe genannt. 1440 wurde von Antrona die uralte Straße hergestellt; beide, Antroner und Saaser, mußten ihren Teil erhalten bis auf den Gipfel des Berges. Noch 1719, 1729 und 1790 wandte man viel Mühe und Kosten auf, um den Antronaweg zum Transport von Salz und andern Waren herzustellen, aber die Arbeiten waren nie von Dauer. "
Mit diesen Angaben von Venetz stimmt das überein, was de Saussure 1789 hörte; nämlich: „ man gehe über den Monte Moro noch mit Lasten, und von der Zeit her, wo er als Post- und Handelsweg gedient habe, seien noch Spuren des sorgsam gepflasterten Weges zu sehen. Im ganzen aber sei er durch Bergstürze für Pferde unbrauchbar geworden. " Venetz suchte den Grund für diesen Zerfall in der Abnahme der Temperatur, der Verrauhung des Klimas u. s. w. Tatsächlich aber rührt der Zerfall und der Rückgang der Saaserpässe von der Eröffnung und leichteren Zugänglichkeit des Simplonpasses her, der vom 15. Jahrhundert weg immer mehr als Handelsstraße ins Mailändische aufkam und die höher gelegenen und schwerer passierbaren Übergänge im Saastal allmählich in den Hintergrund treten ließ.
Touristisch wird der Monte Moro-Paß dessenungeachtet immer häufiger begangen, da der Zugang schweizerischerseits über Almagell zum Mattmarksee und seinem Hotel mit der berühmt gewordenen Sarazenenplatte und über die Distelalp und den Täliboden zur Paßhöhe leicht und bis an das Schneefeld auf gut gangbarem Pfad zu bewerkstelligen ist. Schade, daß der südliche Abstieg nach Macugnaga sich in so fluchwürdigem Zustand befindet. Es läge doch in erster Linie im Interesse der Ma- cugnager Fremdenindustrie, diesem Übelstand abzuhelfen. Denn mancher Sommergast aus dem Saastal, der von der Höhe des Monte Moro-Passes oder vom Gipfel des Joderhorns die gewaltige Rundsicht bewundert, würde, vom Anblick des Monte Rosa überwältigt, sich dazu entschließen, den Abstieg nach Macugnaga zu wagen, wenn ein nur einigermaßen praktikabler Weg den steilen Abstieg zu einem weniger unbequemen Hindernis machen würde.
Bekanntlich kommt der Monte Rosa mit seiner vielgestalteten Gliederung auf der schweizerischen Seite nirgends recht zur Geltung. Vom Gornergrat aus z.B. präsentiert sich das Monte Rosa-Massiv in nicht » weniger als vorteilhafter Weise. Wie ein verunglückter Pudding — man verzeihe uns diesen trivialen Ausdruck — liegt das ganze Massiv vor dem Beschauer da, und kein Mensch ahnt, zu welcher Reinheit der Form, zu welcher Einheit der Gestalt sich diese Gräte, Firne und Felsabstürze aufschwingen können, sobald sie sich perspektivisch von einer andern Seite darbieten. Denn ganz anders und großartiger ist der Anblick des Monte Rosa von der italienischen Seite, speziell von Macugnaga aus und von den südlichen Abhängen des Monte Moro-Passes. Unverhüllt, und ohne vorgelagerte Ketten, unmittelbar, geradezu gigantisch, schwingt sich der stolze Gipfel über dem Tannengrün des Gletscherwaldes und dem abgetönten Polster der Alptriften oberhalb Pecetto, dessen braune Hütten in malerischer Zerstreutheit umherliegen, empor; überragt und gekrönt von der Dufourspitze, deren schimmernder Silberscheitel als Wahrzeichen weit in die lombardische Tiefebene hinunterleuchtet. Punta Gnifetti, Zumsteinspitze, Dufourspitze und Nordend bilden die Krönung jener aus Fels und Eis gebauten, vom Marinellicouloir jäh zerrissenen Mauer, die in fast lotrechten Abstürzen von zirka 3000 m. Höhe unmittelbar dem Hintergrund des Talbodens entsteigt. Wer in Macugnaga weilt, wird immer von neuem vom Eindruck des großartigen Talabschlusses gefangen genommen und zur Bewunderung hingerissen. Diese Empfindung hat sich auch dem Künstler schon vielfach aufgedrängt, was Bilder und Stiche schon aus früherer Zeit beweisen. Es mögen diese Zeilen als Illustration dienen zu dem beiliegenden kolorierten Stich von G. Lory, Sohn, aus Bern, der im Jahre 1829 in Begleitung seines Freundes und Kollegen de Meuron jene damals noch selten besuchten Gegenden am Südfuß des Monte Rosa über den Monte Moro-Paß besucht, und dessen künstlerischer Stift und Pinsel den Monte Rosa von der letzten Felsstufe oberhalb Pecetto am alten Monte Moro-Paßweg aufgenommen und verewigt hat.
Über die interessante Erscheinung des Deutschtums am Südfuß des Monte Rosa und speziell in Macugnaga haben wir in diesen Annalen schon früher berichtet ( Bd. XXXIV ). Auf eine Sehenswürdigkeit möchten wir bei dieser Gelegenheit zurückkommen. Es betrifft dies die alte Kirche und die davorstehende uralte Dorflinde in Macugnaga. Ob wohl die gotische Bauart der Kirche und der germanische Lindenbaum, um den sich auch in Macugnaga ein duftiger Sagenkreis gesponnen hat, noch Anklänge sind an die deutsche Einwanderung im frühen Mittel- alter? Wir wagen dies nicht zu entscheiden, sondern überlassen die wissenschaftlich begründete Beantwortung dieser Frage einer sachver-ständigeren Feder.
Die alte Kirche in Macugnaga ist wohl das älteste Baudenkmal in jener Gegend. Sie steht fast unmittelbar am Fuße des linken Talab-hanges ganz nahe dem alten Monte Moro-Paßweg. Seitdem ein Wildbach, der etwas weiter oben im Tal von Felsen herabstürzt, die ganze reiche Wiesenfläche hoch mit Geröll und Schutt überführt und wahrscheinlich für immer unfruchtbar gemacht hat, wird die Kirche wenig mehr besucht. Früher soll man von der alten Kirche aus die Leute gesehen haben, " wenn sie aus der Kapelle des obersten Weilers Zertannen ( Pecetto ) herauskamen. Jetzt aber sieht man nicht einmal mehr das Türmchen jener Kapelle, so hoch hat sich seither infolge der Anschwemmungen des Wildbaches das Terrain gehoben. Früher stieg man zur Kirchtüre einige Stufen hinan, jetzt geht es ebensoviele hinab. In der Kapelle Zur unteren Tannen ( Pecetto di sotto ) ist nach A. Schott das Ereignis abgebildet, das den Talboden von Macugnaga so gewaltig umgewandelt hat. Die alte Kirche von Macugnaga ist die einzige in den südlichen Monte Bosa-Tälern, welche den gotischen Baustil unverkennbar aufweist. Die Kennzeichen des spätgotischen Stiles sind bekanntlich die Einführung des Fischblasenornamentes und die Vorliebe, an jeder Fensteröffnung ein verschiedenes Muster des Maßwerkes anzubringen. Dies ist auch an den Fenstern der alten Kirche der Fall. Auch trägt die Südtüre einen Spitzbogen mit Gesimskrönung. Die Kirche ist von mäßiger Größe, sehr einfach gehalten, im Gegensatz zum neuern Prunkbau im unteren Dorf. Der viereckige Glockenturm ist, wie die meisten italienischen Campanili, eine selbständige, später angebaute Anlage, die mit der Grundform der Kirche nichts zu tun hat. Auf jeden Fall ist der Turm bedeutend jünger als die Kirche. An seinem Fuß ist auf einer rohen Steinplatte gehauen zu lesen: 1580. Questo edifizio e principiato al 7 jugno.
In der Umgebung dieses Kirchleins wurden früher die Märkte von Macugnaga abgehalten, von welchen die alten Urkunden berichten und die sowohl vom Tal aufwärts als aus dem Wallis über den Monte Moro zahlreich besucht worden sind. Aus jenen Zeiten der Blüte der Oi'tschaft steht noch auf dem freien Platz vor der Kirche die alte Dorflinde von auffallender Größe und ungewöhnlichem Umfang, umgeben vom steinernen Sitz. Früher befand sich davor noch ein steinerner Tisch. Das Dasein dieses Baumes, der nach alter deutscher Sitte bei der Mahlstatt, wo Gericht gehalten wurde, nicht fehlen durfte, ist gewiß eine eigentümliche Erscheinung jener Gegend. Die Sage weiß zu berichten, eine alte Frau habe aus der Heimat im Wallis ein spannenlanges Lindenreis über den Monte Moro herübergebracht und in den fremden Boden verpflanzt, wo es sich zum kräftigen Baume entwickelte. Haben wir hier nicht ein Sinnbild der einwandernden deutschen Bevölkerung? Noch steht die alte Linde, schwer hergenommen und zerzaust von den Stürmen des Vom Monte Moro.
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WBÊBÊ.SfiC-^-2, 1^,V Phot. Dr. A Bähler.
Hochtals, reckt aber immer noch kräftig, trotz des hohlen Stammes, ihre mächtigen Äste hoch in die Luft. Wie lange vermag sie wohl noch den Unbilden der Witterung zu trotzen, bis sie mit all ihren Erinnerungen in einsamer Trauer dahinstirbt? Gleich ihr ist vielleicht in einigen Jahrzehnten der Baum der deutschen Sprache in Macugnaga entblättert und verdorrt, so daß dann nur noch die alten Leute von der Sprache des Nordens erzählen können, die vormals in diesem Tal geklungen hat.
Nicht weit von der alten Kirche talaufwärts befindet sich eine Quelle, Gran Funtano genannt, die am Fuße eines begrasten Hanges mit großer Stärke hervorbricht. Sie soll die einzige im Tale sein, die im Winter nicht versiegt, das ganze Jahr hindurch ungefähr gleich stark fließt und keinem Temperaturwechsel unterworfen ist. An diese Quelle knüpft sich offenbar die Sage vom „ verlorenen Tal ", die auf alten Urkunden aus Saas beruhen soll. Demnach wäre irgendwo in der Umgebung des Monte Rosa vor alter Zeit ein weidenreiches Tal gewesen, dessen Zugang ein-stürzende Gletscher verschlossen hätten. Es habe zum Wallis gehört und „ Hohen-Lauben " geheißen. Der große Brunnen strömte unterirdisch aus diesem verlornen Tal herab, das jenseits der Fillarkuppe zwischen Gletschern und Schneefeldern verborgen liege, abgeschlossen von aller Welt, so daß selbst die kühnsten Gemsjäger sich begnügen mußten, es von der Zinne irgend einer jähen Felswand herab zu betrachten. Es sei reich an Wäldern und Triften, ein Wohnsitz wilder Tiere. Früher war es bewohnt, wie noch aus den Mauern verlassener Hofstätten zu ersehen sei. Aber die Menschen seien ausgewandert, weil die Gletscher allmählich jeden Ausgang geschlossen haben. Auch dem Wasser wurde derselbe zuletzt gesperrt, und es mußte sich unterirdisch eine Bahn suchen bis ins Tal von Macugnaga, dem es nun „ als der große Brunnen " seine Segnungen spendet. So die Sage vom verlornen Tal.
Die Wissenschaft hat diese anmutige Sage nicht unbeachtet gelassen, de Saussure und Zumstein stellten eifrige Nachforschungen über das Tal von Hohen-Lauben, wie es in der Saaser Urkunde genannt wird, an. Denn auch in Gressoney lebte dieses sagenhafte Tal im Glauben des Volkes. Auf Zureden eines alten Geistlichen entschlossen sich 1778 sieben junge Gressoneyer, an ihrer Spitze der spätere Monte Rosa-Besteiger Nikiaus Vincent, die Wiederentdeckung von Hohen-Lauben zu versuchen, und machten sich auf den Weg nach dem Lysjoch. Von einem Felszahn, der hier aus dem Firn hervorragt und den spätere Besteiger den Ent-deckungsfelsen genannt haben, sahen sie tief zu ihren Füßen nordwärts ein Tal, das, zum Teil mit Trümmern bedeckt, von Gletschern und Felswänden umgeben war. Ein Bach durchströmte dasselbe und bewässerte herrliche Weiden; im Hintergrund zur Rechten zeigte sich Wald. Aber nirgends war eine Spur von menschlichen Wohnungen oder Haustieren zu sehen. Mit der Überzeugung, daß sie das verlorene Tal gefunden hätten, brachten sie darüber die Kunde nach Gressoney, die sogar den Weg bis an den Hof in Turin fand. Offenbar haben wir es hier mit dem oberen Zermattertal zu tun, das jene Entdecker, den vereisten Grenzkamm zum erstenmal von der Südseite erklimmend, gesehen hatten. Heute ist der Nimbus der Unzugänglichkeit jener Gipfel und Übergänge ins Wallis und herüber längstens im Volksbewußtsein geschwunden. Aber wenn die Leute von Macugnaga noch immer von dem Dasein des verlornen Tales — des verlorenen Glückes — träumen und die unzugängliche Stelle hinter die Fillarkuppe verlegen, so üben sie damit nur ein Recht aus, das die stille Poesie des Bergvolkes, dieser Trost der einsamen Armut, sich überall und zu allen Zeiten nimmt. So wird denn auch das Andenken an das verlorene Tal in ewiger Jugend fortleben, solange der große Brunnen nicht müde wird, den Bewohnern jenes Hochtales sein geheimnisvolles Wasser strömen zu lassen. Ein schönes Symbol des nie versiegenden Sagenquelles, aus dem ein de Saussure, ein v. Weiden, ein Albert Schott, ein Engelhardt u.a. vergeblich zu schöpfen versucht haben, um das Geheimnis zu enträtseln, das über die Gründung der deutschen Kolonien am Südfuß des Monte Rosa bis auf den heutigen Tag noch herrscht.
Dr. A. Bähler ( Sektion Biel ).