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Allan Kaprow in der Kunsthalle Bern
Das Autowaschen als kollektives Happening
Annelise Zwez Bis 26.08.2007
Das Besondere an den unscharfen Schwarz-Weiss-Fotos, die der Hellraum-Projektor an die Wand wirft, sind nicht die Menschen, die Autos waschen oder Schrottautos als Grundlage für ein Gemälde benutzen, sondern dass dieses Autos Ami-Schlitten aus den 1950ern sind. Denn das Kunst-Event, das hier dokumentiert ist, fand nicht, wie man denken könnte, gestern statt, sondern vor gut 40 Jahren in den USA; nach einem Score (Anleitung) von Allan Kaprow (1927-2006).
Die Kunsthalle Bern hat die vom Haus der Kunst in München konzipierte Archiv-Ausstellung zum Wirken des Erfinders des Happenings für die Schweiz übernommen und gibt damit Gelegenheit über die Anfänge einer Kunstform, die heute meist unter dem Oberbegriff Performance wesentlicher Bestandteil zeitgenössischen Kunstschaffens ist, nachzudenken.
Allan Kaprow war nach dem 2. Weltkrieg, als New York zum Nabel der experimentellen Kunst wurde, mit den richtigen Ideen am richtigen Ort. Beeinflusst von John Cage, der Musik in einen kreativen Prozess zu verwandeln suchte, schrieb Kaprow die Partitur für die berühmten 18 Happenings in 6 Parts, die 1959 anlässlich der Eröffnung einer Galerie durchgeführt wurden. Es ging dabei um Banales wie den Platz wechseln, von Raum 1 in Raum 3 gehen; somit um eine Choreographie. Diese musikalische Struktur gab Kaprow indes bald auf, reduzierte seine Scores auf minimale Anweisungen, um seiner Vision des Happening näher zu kommen. Kunst war für ihn nichts Statisches, sondern ein Ereignis, das von den Menschen selbst in einem prozesshaften Ablauf erfahren wird. Erfahrung, so sagte er einmal, ist meiner Meinung nach physisch, nicht intellektuell. Eine Erfahrung ist ein Gedanke, der auf einer muskulären, neuralen, sogar zellulären Ebene in den Körper aufgenommen wird.
Allan Kaprow war nicht der Einzige, der damals den Kunstbegriff auf Aktivität ausweitete. In Deutschland zum Beispiel veranstaltete Wolf Vostell ebenfalls seit 1958 kulturkritische Happenings, doch was Kaprow auszeichnet, ist, dass er mehr als alle andern die Menschen selbst als die Gestalt gebenden betrachtete; mit einem Seitenhieb gegen die etablierte Kunst sprach er von Non-Artists. Entsprechend reduziert sind seine Scores; eine Anweisung für eine Activity von 1972 an einem trockenen Fluss lautete simpel: Einen Stein nass machen, ihn flussabwärts tragen bis er trocken ist, fallen lassen. Dort einen anderen Stein aussuchen, ihn nass machen, ihn flussaufwärts tragen bis er trocken ist, fallen lassen. Um die Happenings zu vertiefen, veranstaltete Kaprow oft Vor- und Nachbereitungsanlässe und dokumentierte sie in Activity Booklets; auch sah er unterrichten als Pflicht an und war er zeit seines Lebens Professor an verschiedensten Universitäten.
Kaprow war eigensinnig, so hielt er jahrzehntelang daran fest, dass ein Happening nicht wiederholt werden kann. Das ist mit ein Grund, warum er in den letzten 15 Jahren zwar an Kunstschulen rezipiert, aber kaum mehr Öffentlichkeitswirkung hatte. Es war ein Durchbruch als er 2005 dem Haus der Kunst in München grünes Licht gab, Happenings im Rahmen einer Retrospektive zu wiederholen; entsprechend ist auch die Berner Ausstellung zum einen Archiv, zum andern Activity Center. Nicht zufällig tritt mit der Reaktivierung auch der Kunstmarkt auf den Plan der Nachlass des im Februar 2006 verstorbenen Künstlers liegt wie könnte es anders sein, ist man hierzulande versucht zu sagen bei der Zürcher Galerie Hauser & Wirth (in Zusammenarbeit mit dem Allan Kaprow Estate).
Kaprow war Erfinder des Happenings, nicht der Performance. Es gilt immer wieder verschwommene Begriffe zu klären. Die Performance hat ein Publikum, beim Happening sind die Menschen die Akteure. Insofern ist Kaprow nicht Vater der Performancekunst, sondern der interaktiven Kunst, die uns herausfordert, Dinge zu tun, die wir sonst nie tun würden, sei es dem nachts frierenden San Keller Holz bringen, damit er sich wärmen kann, sei es bei Heinrich Gartentors Fussball-meisterschaft für Kunstliebhaber mitwirken oder mit dem Stick durch (digitale) Räume irren, um dabei Erfahrungen im Sinne Kaprows zu sammeln. Wobei die heutigen Activity-Künstler keine Protest-Künstler mehr sind, sondern mitten aus dem Leben, mitten aus der Freizeitkultur (die Kaprow anprangerte) heraus agieren.