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Vergangenen Herbst unterzeichneten schweizerische Kernkraftwerksbetreiber und das russische Atomenergieministerium Minatom eine Absichtserklärung für eine verstärkte Zusammenarbeit auf dem Gebiet des nuklearen Brennstoffkreislaufs. Am 12. Januar 1999 gab Greenpeace bekannt, sie hätte das entsprechende "Geheimpapier" zugespielt bekommen, aus dem hervorgehe, dass die Nuklearindustrie die gesamte Menge des aus dem Betrieb der Atomkraftwerke anfallenden hochradioaktiven Abfalls nach Russland "abzuschieben" gedenke: "Die vorliegende Absichtserklärung übertrifft jedes vorstellbare Mass an Verantwortungslosigkeit. Ausgerechnet Russland, wo kaum Umweltrichtlinien existieren, wo die Leute schutz- und hilflos radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden und anstelle der Sanierung früherer Atomkatastrophen Milliarden in die Entwicklung neuer atomarer und biologischer Waffen gesteckt wird, soll für die Schweizer AKW-Betreiber als Atommülllager herhalten."
Gleichentags strahlte die Nachrichtensendung "10 vor 10" des Schweizer Fernsehens einen Beitrag zu diesem Thema aus. Dabei wurde ein Film gezeigt, auf dem zu sehen war, wie ein Kran Betonblöcke in einen See versenkt. Der Kommentator erklärte dazu, dies sei die russische Art der "Atommüllentsorgung". Die Zeitschrift "Beobachter" vom 5. März doppelte nach mit der Behauptung, die Videoaufnahmen zeigten, wie Russland den "Atommüll" im Meer endlagere.
Tatsächlich sind die Aufnahmen aber mehrere Jahre alt und zeigen, wie ein offenes Lager für flüssige radioaktive Abfälle - eine Altlast des nuklearen Rüstungsprogramms - mit hohlen Stahlbetonblöcken aufgefüllt wird, um Radioaktivitätsfreisetzungen zu verhindern. Dies bestätigte Russlands erster stellvertretender Minister für Atomenergie, Walentin Iwanow, auf eine entsprechende Anfrage.
Die Berichterstattung von Greenpeace, dem Schweizer Fernsehen und dem Beobachter hat in Russland Empörung ausgelöst, wie folgender Artikel in der "Nesawisimaja gaseta" - eine der wichtigsten unabhängigen russischen Tageszeitungen - vom 26. März 1999 darlegt. Die SVA gibt ihn in einer etwas gekürzten Übersetzung wieder.
Grüne Sensationstechnologie - Umweltaktivisten schrecken oftmals nicht einmal vor Fälschungen zurück
Von Andrei Waganow
Auch am Anfang dieses Jahres besteht immer noch ein waches Interesse an der sogenannten "Zürcher Absichtserklärung" für eine Zusammenarbeit zwischen Vertretern der Schweizer Nuklearindustrie und dem russischen Minatom. Es heisst, dass entsprechend dem am 17. September 1998 in Zürich unterzeichneten Dokument Russland angeblich bereit sei, den abgebrannten Brennstoff aus Schweizer Kernkraftwerken für die Wiederaufarbeitung entgegenzunehmen. Vertreter des schweizerischen Büros der internationalen Umweltorganisation Greenpeace haben im Januar 1999 erklärt, das Übereinkommen sehe vor, im Zeitraum 2000-2030 zweitausend Tonnen abgebrannte Brennelemente nach Russland zu exportieren. Das ist nach Aussage der Ökologen die Methode der Schweizer Kernkraftwerke, den radioaktiven Abfall "loszuwerden". Mit dieser Sichtweise werden die Verhandlungen zwischen Russland und der Schweiz in ein Licht gestellt, das unser Land als beinahe unkontrollierte radioaktive Müllhalde zeigt. Greenpeace-Vertreter sagen, Russland habe praktisch keine Richtlinien für den Umweltschutz.
Wegen der Verhandlungen zwischen schweizerischen Kernkraftwerksbetreibern und Repräsentanten des russischen Minatom, die die Möglichkeiten einer Wiederaufarbeitung von Brennstoff aus Schweizer Kernkraftwerken in Russland erörterten, hat Greenpeace am 12. Januar 1999 in Zürich und Moskau Pressekonferenzen organisiert. Der wichtigste schweizerische Fernsehkanal SF1 hat einen Bericht über die Pressekonferenz ausgestrahlt einschliesslich einer Videosequenz, die zeigt, wie Betonblöcke bei einem See verschoben werden. Als ein Kran einen der Blöcke ins Wasser absenkt, sagt der unsichtbare Nachrichtensprecher: "Atommüllentsorgung nach russischer Art - momentan ein Sicherheitsrisiko, darüber ist man sich einig. Mangelnde Sicherheitsvorschriften, Umweltverseuchung und Plutoniumschmuggel verschärfen das Problem. Keine Bedenken hingegen haben die Schweizer Atomkraftwerkbetreiber." Der Anblick dieser Videosequenz hinterlässt den Eindruck, dass man Zeuge ist, wie zivile Behälter mit radioaktivem Abfall in russische Gewässer gekippt werden. Das schweizerische Magazin "Beobachter" schreibt in seiner Ausgabe vom 5. März 1999: "Videoaufnahmen zeigen, wie Russland den Atommüll endlagert: Eingegossen in Beton, verschwindet er im Meer."
Wir konnten jedoch die wahre Herkunft der Videosequenz ausfindig machen. Andrei Gagarinski, Vizepräsident der russischen Kernenergiegesellschaft, hat unserem Korrespondenten gegenüber bestätigt, dass diese Videoaufnahmen in Tat und Wahrheit bei der Produktionsgesellschaft Majak irgendwann zwischen 1992 und 1993 geschossen wurden. Sie zeigen einen Arbeitsschritt bei der Bedeckung der Oberfläche des Karatschai-Sees. Dr. Gagarinski hat eine diesbezügliche formelle Anfrage an das Minatom gerichtet. Walentin Iwanow, erster stellvertretender Minister für Atomenergie, hat die Information voll und ganz bestätigt.
Bekanntlich ist der Karatschai-See ein offenes Lager für flüssige radioaktive Abfälle, die während der Realisierung des Verteidigungsprogramms erzeugt wurden. Von den ursprünglich 51 Hektaren der Seeoberfläche bleiben zur Zeit nur noch neun unbedeckt. Um den See zu "schliessen", d.h. um die Ablagerungen am Grund zu fixieren und Freisetzungen von Radioaktivität in Form von Aerosolen vorzubeugen, verwendete man etwa zehntausend hohle Betonwürfel - das sind in Wirklichkeit die Blöcke, die auf den Bildern zu sehen sind. Also, wer könnte von dieser Verfälschung der Tatsachen, die offensichtlich gegen Russland gerichtet ist, profitieren? Hier müssen wir uns an die Geschichte des Problems erinnern.
Die bilateralen russisch-schweizerischen Verhandlungen, bei denen die Möglichkeit und Bedingungen eines Vertriebs von radioaktivem Abfall aus der Schweiz nach Russland diskutiert wurde, begannen im Mai 1994. Die Einnahmen aus der Umsetzung eines entsprechenden Abkommens wären für den Bau der weltgrössten Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken, RT-2 in Krasnojarsk-26, vorgesehen gewesen. Der Bau dieser Riesenanlage, der schon Mitte der siebziger Jahre begann, wurde 1989 wegen fehlender Mittel eingestellt. Im Jahr 1992 stellte Waleri Lebedew, Generaldirektor der Krasnojarsk Minen- und Chemiewerke, einen Plan zur Lösung des Finanzierungsproblems vor: Russland nimmt abgebrannten Kernbrennstoff aus dem Ausland für die Zwischenlagerung entgegen, die daraus erhaltenen Einnahmen werden für die Fertigstellung der RT-2 verwendet, und schliesslich wird der ausländische radioaktive Abfall nach der Wiederaufarbeitung in das Ursprungsland zurückgeschickt. Kernenergieländer wie Frankreich und Grossbritannien nehmen seit geraumer Zeit erfolgreich abgebrannte Brennelemente aus der ganzen Welt für die Wiederaufarbeitung und Zwischenlagerung entgegen. Sie erachten es nicht als beschämend, bei diesem Geschäft Milliarden von Dollar zu verdienen.
Bezüglich der grünen Anschuldigungen, Russland sei eine unkontrollierte radioaktive Müllkippe, sei erstens daran erinnert, dass die Vereinigten Staaten viereinhalbmal mehr radioaktive Abfälle als Russland besitzen. 90% dieser Abfälle in unserem Land sind das Erbe des Rüstungswettlaufs. Und zweitens scheint Greenpeace bewusst die offiziellen Stellungnahmen unserer Landesvertreter zu ignorieren. Währenddessen nimmt Russland bereits abgebrannten Kernbrennstoff von ausländischen KKW, die mit unserer Beteiligung gebaut worden waren, entgegen, und wird voraussichtlich auch bereit sein, solchen aus der Schweiz anzunehmen. Voraussetzung dafür ist, dass "das russische Recht und die technischen Möglichkeiten der entsprechenden Minatom-Strukturen dies erlauben werden".
Es ist sicher nicht einfach, in der gegenwärtigen Situation Russlands Mittel für die Beseitigung der Folgen unserer militärischen nuklearen Vergangenheit zu finden. Das Bundesprogramm für die Handhabung, Nutzung und Entsorgung radioaktiver Abfälle und abgebrannter Kernbrennstoffe stellt für 1999 zwanzig Millionen Rubel an Staatsgeld zur Verfügung (25 Rubel entsprechen ca. einem US-Dollar, Red.). Zum Vergleich: In den USA belaufen sich entsprechende Budgets für die Entsorgung von militärischem radioaktivem Abfall auf 189 Millionen Dollar. Unter anderem dank der Bemühungen der Grünen wird Russland jetzt noch vom vielversprechenden und hochtechnologischen Wiederaufarbeitungsmarkt verdrängt. Und das Wichtigste dabei: Während dies geschieht, werden die Umweltprobleme nicht gelöst (was im Grunde genommen auch nicht möglich ist), sondern im Gegenteil noch verschärft.