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«auf der Strasse Gott begegnen»
7. Sep 2018
21. Februar 2017
Woher kommt die Fasnacht und was hat sie mit der Fastenzeit zu tun? Der Historiker und Theologe Urban Fink-Wagner geht den Wurzeln der Fasnacht nach und zeichnet ihre Entwicklung bis in die heutige Zeit.
Die Herkunft der Fas(t)nacht und der damit verbundenen Begrifflichkeit ist unklar. Bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kontinuitätstheorie vertreten, dass in der Fasnacht die Riten kultischer Männerbünde der Germanen weiterlebten; damit wurde die Fastnacht zum uralten heidnischen Winteraustreibungs- und Fruchtbarkeitskult stilisiert. Der zurzeit wohl beste Kenner der Fastnacht, der Volkskundler Werner Mezger aus Rottweil, belegt in seiner Habilitationsarbeit, dass diese Kontinuitätsthese nicht haltbar ist, sondern die Fasnacht, auch wenn ältere Elemente mitspielen, christlich zu deuten ist, nämlich vom Ablauf des Kirchenjahres her. (Hier und zum Folgenden: Werner Mezger: Narrenidee und Fasnachtsbrauch. Konstanz 1991, 9 ff.)
Fasnacht ist also durch die Fastenzeit bedingt, was Mezger folgendermassen auf den Punkt bringt: «Ohne die Fastenzeit ist die Fastnacht ihrem ursprünglichen Sinne nach strenggenommen funktionslos und hinfällig.» (Ebd., 13.) So ist es nicht erstaunlich, dass in den reformierten Gebieten, wo die Fastenzeit abgeschafft wurde, auch die Fasnacht verbannt werden sollte, was an vielen reformierten Orten gelang – nicht aber in Basel.
Von der Ordnung des Kirchenjahres her sind auch die verschiedenen Fasnachtstermine erklärbar, insbesondere die «Alte Fasnacht». Diese alte oder Bauernfasnacht wird noch heute in vielen Orten Südwestdeutschlands begangen, aber auch in Liestal und selbst vor wenigen Jahrzehnten auch noch in katholischen Ortschaften im Solothurnischen. Die «Alte Fasnacht» geht auf die alte Zählung der Fastenzeit zurück, in der die Sonntage noch als Fastentage mitgerechnet wurden, während heute diese vom Fasten ausgenommen sind, so dass sich der Beginn der Fastenzeit nach vorn verschob. Die «Alte Fastnacht» entspricht dem ambrosianischen Ritus, der bei uns in den ursprünglich katholischen Gebieten der Deutschschweiz übliche Termin nun dem römischen Ritus. In den Dörfern im Tessin, die früher dem Erzbistum Mailand unterstanden, wird bis heute nicht nur der ambrosianische Ritus in der Liturgie gefeiert, sondern auch am alten Fasnachtstermin festgehalten.
Die ältesten Hinweise für die Fasnacht finden sich im deutschsprachigen Raum zu Anfang des 13. Jahrhunderts. Der Anbruch der vorösterlichen Fastenzeit, die schon lange vor der Jahrtausendwende eingeführt worden war, bildete einen bedeutenden Einschnitt im Wirtschaftsjahr. Eier und Fleisch mussten noch vor dem Beginn der Fastenzeit verzehrt werden, so dass noch einmal abundant gegessen und getrunken wurde. Die damit verbundene Tradition der gemeinsamen Festmähler hält sich bis heute, in Solothurn etwa im Bruderschaftsmahl der Valentins- und Jakobsbruderschaft am Abend vor dem Schmutzigen Donnerstag. Tanz – im Mittelalter anstössig – und Musik sind feste Bestandteile der Fasnacht, und diese war lange auch ein beliebter Hochzeitstermin, da in der darauf folgenden Fastenzeit sexuelle Enthaltsamkeit gefordert war.
Die Vertreter der geistlichen und weltlichen Obrigkeit forderten von ihren Untertanen früher Zinsen, meistens in Form von Naturalien, z. B. «Fastnachtshühner». Die Obrigkeit selbst gab nach dem «do-utdes »-Prinzip auch etwas ab, woraus sich stark ritualisierte Bräuche wie etwa die Armenspeisung oder die Abgabe von Fasnachtsküchlein entwickelten. Die Fasnacht war und ist bis heute ein schichtenüberquerendes Phänomen, sie ist vielleicht gerade deswegen so reizvoll.
Während der Fasnachtszeit war und ist scheinbar nahezu alles erlaubt. Wer aber die oft ritualisierten Gebräuche näher anschaut, merkt schnell, dass die ausserfasnächtliche Ordnung unterschwellig immer noch bewusst ist und in einem Kontext wie etwa in Solothurn, wo sich die aktiven Fasnächtlerinnern und Fasnächtler noch kennen, gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Die Fasnacht wäre ohne den sie umgebenden Alltag «witzlos», sie reagiert spielerisch auf die Verhältnisse des Alltags, ohne diese ernsthaft in Frage zu stellen. So ist es kein Zufall, dass sich Fasnachtstraditionen bis heute auch in direkt kirchlichem Umfeld erhalten haben, im Päpstlichen Kolleg Germanicum-Hungaricum in Rom etwa die «Muftik» mit ihrem Narren-König «Muftik-Rex», wo auch die geistlichen Vorgesetzten und die Kirche als Institution aufs Korn genommen werden. (Dietz-Rüdiger Moser: Fasnachtsbrauch und Fasnachtsspiel im Kontext liturgischer Vorgaben, in: Klaus Ridder, Hrsg.: Fastnachtsspiele. Weltliches Schauspiel in historischen und kulturellen Kontexten. Tübingen 2009, 151–166, hier 162). Bis in die Gegenwart hinein gab und gibt es im katholischen Bereich aber auch Gegner der Fasnacht, die ihren Einsatz als Kampf für die «civitas Dei» hinstellen und die Fasnächtler am liebsten in die «civitas diaboli» verbannen möchten. Dass jedoch geistliche Fasnachtsfreunde bestens, geistreich und ohne saures Moralin Moral durch die Fasnacht übermitteln können, zeigen etwa die gereimten Fasnachtspredigten des früheren Oltner Kapuzinerpfarrers Hanspeter Betschart auf. (Hanspeter Betschart: Liebe Schwestern, liebe Brüder, Fasnacht ist es heute wieder. Knittelvers-Predigten. Olten 2011)
Die meisten Fasnachtsformen und -institutionen in der Schweiz stammen erst aus dem 19. oder 20. Jahrhundert, die im Umfeld der Bundesstaatsgründung, um 1900 oder nach dem Zweiten Weltkrieg enstanden sind und sich entwickelt haben. Die Institutionen und Formen des 19. Jahrhunderts, die oftmals politisch liberal und radikal geprägt waren, wiesen dabei durchaus antiklerikale und/oder antikirchliche Züge auf, was sich etwa im Schinkenessen von Solothurner Fasnachtszünften am Aschermittwoch aufzeigen lässt. Die älteste Solothurner Zunft «Honolulu», welche eine solche Vergangenheit aufweist, hat aber auch kirchenfreundliche Elemente, so etwa die Feier des «Mi-Carême» mit einer Andacht in der Heilig-Geist-Kirche oder die Fasnachtsfigur des Stadtpfarrers Michel, die mit anderen Fasnachtsoriginalen am Schmutzigen Donnerstag auftritt. Politische Aspekte scheinen heute noch in Umzügen und Schnitzelbänken auf, wo an Missbräuchen Kritik geübt und Verfilzung, krumme Geschäfte und Scheinheiligkeiten aufgedeckt und kritisiert werden.
Die Säkularisierung in den letzten Jahrzehnten veränderte natürlich die Fasnacht, auch wenn viel Brauchtum, das eigentlich an die Religion gekoppelt ist, erhalten blieb. Seit der Auflösung der alten Perikopenordnung durch das Zweite Vatikanische Konzil sind die inhaltlichen Anknüpfungspunkte für viele Brauchtumsmotive hinfällig geworden, die als Reaktion auf religiöse und liturgische Zusammenhänge entstanden sind. Der Zusammenhang von Fasnacht und Fastenzeit ist heute sicher den meisten nicht mehr bewusst: «Was heute Jahr für Jahr Zehntausende dazu bewegt, sich aktiv am Fasnachtsgeschehen zu beteiligen, sind kaum noch christliche Traditionsbindungen, sondern vorrangig die faszinierende Perspektive des kurzfristigen Ausbruchs aus den Normen einer technokratisch bestimmten Welt» (Mezger, wie Anm. 1, 512). Wenn aber Fasnacht gut gefeiert und nicht einfach kommerziell oder sexuell ausgenutzt wird, macht die Fasnacht auch heute als gemeinschaftsstiftendes Fest Sinn, sei dies ausserhalb oder innerhalb der Kirche.
Urban Fink-Wagner
Dieser Text ist ersmals erschienen in: Schweizerische Kirchenzeitung SKZ 3/2016, Seite 22 (siehe pdf)
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