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Vom biblischen Propheten zum modernen Hirten
Das Bild des Hirten mit dem Wanderstab, der mit seinem Hütehund und den ihm anvertrauten Schafen durch die Felder zieht, hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. In den folgenden zwei Beiträgen ziehen wir eine Linie von den (positiven wie negativen) Hirtenbildern im Alten wie Neuen Testament und lassen moderne Hirten über ihre Arbeit sprechen.
Die Bibel zeigt uns verschiedene Hirtenbilder
in dieser nacht
verliessen die hirten ihre arbeitsstellen
und schrien sich in die verkrusteten ohren
die neuen parolen
Dorothee Sölles Zeilen werfen ein neues Licht auf die Hirten in der Weihnachtsnacht: Sie leben abhängig von Arbeitgebern und ihr Gehör ist beeinträchtigt. Lag es am Leben im Staub oder am Umgang miteinander - an lautes Rufen gewohnt?
Ein anderes Hirtenbild zeichnet Psalm 23. Er verwendet den Hirten als Metapher für Gott, der sich rührend um seine Schafe sorgt.
Bereits im alten Ägypten und Mesopotamien wurden Herrscher als Hirten bezeichnet und der Hirtenstab wurde dabei zum Herrschersymbol.
Im Alten Testament kommt die hebräische Wurzel für Hirte 171-mal vor. Der Beruf des Hirten wird 28-mal umschrieben.
Vom kritischen Bild zum Idealbild des Hirten
Die Heilsgeschichte zeichnet wichtige Personen als Herdenbesitzer: Abel, Abraham, Jakob, Josef, Mose und vor allem David. Bei den Propheten ist das Hirtenbild vordergründig negativ besetzt. Sie sprechen von schlechten Hirten, die ins Land einfallen oder die Israel falsch führen. Schliesslich aber formt sich das Idealbild eines Hirten aus: «Ich werde einen Hirten über sie einsetzen: meinen Knecht David, der wird sie weiden und ihr Hirte sein. Und ich, der Ewige, werde ihnen Gott sein (Ezechiel 34,23 f).»
Das NT nennt Hirten in der Geburtsgeschichte Jesu (Lukas 2). Sie waren diskriminiert und die Pharisäer hatten Probleme, Gott als Hirten zu bezeichnen, da Hirten als Diebe galten, die die Erträge der Herde unterschlugen. Jesus nennt den Hirten in Gleichnissen und Bildworten häufig. Bei Johannes wird die Zuverlässigkeit des Hirten betont (Johannes 10,1ff) und im Gleichnis vom verlorenen Schaf seine Sorgsamkeit (Matthäus 18,12f, Lukas 15, 4f). Die verlorenen Schafe Israels werden von einem neuen Hirten aus Bethlehem - wie von Propheten verheissen (Micha 5) zusammengeführt (Matthäus 9,6; 10,6; 15,24). Bei Johannes schützt der gute Hirte, der von den Seinen erkannt wird, vor angreifenden Wölfen (Johannes 10,1-6, 12).
«Der Herr ist mein Hirte»
Der Hirte ist sogar bereit, sein Leben für die Schafe hinzugeben, die seiner Stimme folgen. Der Menschenhirte wird Abbild des göttlichen Hirten. Christus selbst wird als der gute Hirte verkündet, der sein Volk Israel schützt, wie es der Psalm 23 schildert: «Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen».
Schwester Imelda Steinegger
Langsame Wege in schnelllebiger Zeit
Es gibt sie auch heute in der modernen Schweiz: Hirten, die mit Schafen durch die Gegend ziehen. 18 Herden waren letzten Winter im Mittelland unterwegs, und mit ihnen je ein Hirte. Zwischen Olten und Zofingen ist einer von ihnen ab Martini auf altvertrauten Wegen zu sehen: Tony Felder (39) mit drei Hunden und 400 Schafen. Ziehen sie im Morgennebel oder in der Abendsonne über winterliche Felder, wirkt die Szenerie wie aus einer anderen Zeit. Schon als Knabe hat der Safenwiler seinen Vater begleitet, sich für den «Traumberuf Schäfer» entschieden und diesen nach seiner Mechanikerlehre von den Eltern übernommen – samt dem alten Weiderecht der Familie. Berufung sei zutreffender als Beruf, sagt der Hirte aus Überzeugung.
Die Freiheit des Langsamen
Der Weg von Feld zu Feld, seit acht Jahren geht Tony ihn allein mit seinen Tieren. Sieben Tage die Woche, und auch über die Festtage. Und er macht sich in langen Stunden draussen mit Blick auf die rauschenden Verkehrsströme auf der Autobahn und die pfeilschnellen Neigezüge seine Gedanken über unsere Welt. Für die Freiheit, allein auf sich gestellt und sensibel mit Tieren unterwegs zu sein, nimmt der Hirte es in Kauf, belächelt zu werden. Der moderne Alltag vieler Mitbürger sei ihm zu schnelllebig. Da Arbeit, dort Freizeitevents, Termine hier, Termine dort. Tony pendelt abends von den verschneiten Feldern zur Partnerin und Kind und morgens wieder auf die langsamen Wege seiner Schafe. Diese bleiben über Nacht eingezäunt und geschützt im Freien. Bei der Herde schläft er meist nur, wenn zu Hause Spannung herrscht: Er habe auch schon eine Woche mit Schlafsack und Blache draussen genächtigt.
Aussenblicke auf die Gesellschaft
Mit Romantik habe dieses Leben wenig zu tun, sagt ein Hirte, der mittags im Schneetreiben unter einem Baum Käse und Brot isst: der Witterung ausgesetzt, von Zeitgenossen belächelt und wachsam auf das Wohl der anvertrauten Tiere bedacht. Das war auch bei den Hirten der Weihnachtsgeschichte nicht anders. Mitte März wechselt der Hirte wieder auf den Hof, wo die Lämmer zur Welt kommen. Seine Tiere gelangen, wenn sie 40 kg wiegen und die Nachfrage es verlangt, in die Metzgerei seines Bruders Markus. Sobald die Bergsaison beginnt, zieht er mit der Herde auf eine Tessiner Alp. Beides – Alpsommer und Schäferwinter – lassen Tony mit ruhigem Blick auf eine schnelllebige Gesellschaft schauen. Er bleibt an deren Rand und betrachtet diese Gesellschaft gleichsam von aussen, weil er «nicht mehr in sie hineinpasst», wie er sagt. Sein menschlicher Rückhalt ist die Familie, und seine Hoffnung ist es, bis ins Alter von 60 oder 70 Jahren Hirte bleiben zu können.
Niklaus Kuster
Der Beitrag verdankt sich einem längeren Interview im Regionaljournal Aargau-Solothurn vom 18. Februar 2016, zusammengestellt von Bruder Niklaus Kuster.
Link zum ganzen Interview: www.srf.ch/news/regional/aargau-solothurn/mit-400-schafen-quer-durchs-mittelland