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Für sportliche Grossanlässe werden inzwischen Milliarden aufgewendet um sie durchführen zu können. Die Grösse dieser Projekte führt auch zur Missachtung fundamentaler Rechte gegenüber der lokalen Bevölkerung. Und die Vergabe der Austragungsorte erfolgt immer ungeachtet der Situation der Menschenrechte im jeweiligen Land. Zu einer Verbesserung dieser Situation haben diese Sportereignisse bisher aber noch kaum beigetragen.
In weniger als drei Monaten ist es soweit: In London starten die Olympischen Sommerspiele. Die britische Hauptstadt musste sich über sechs Jahrzehnte gedulden bis sie wieder einmal den Zuschlag für die Durchführung erhielt. Das letzte Mal fanden diese nämlich 1948 statt.
Im Zeitgeist der Entstehung der Menschenrechte
Eigentlich hätten dieses sportliche Ereignis damals ja bereits 1944 in London stattfinden sollen. Der Zweite Weltkrieg macht dieser Absicht aber einen Strich durch die Rechnung.
Dass London dann quasi als Kompensation für die ausgefallenen Spiele 1944 den Zuschlag für 1948 erhielt, war objektiv betrachtet gar nicht so selbstverständlich. Zuvor, also 1940, hätten nämlich die Spiele in Tokio stattfinden sollen.
Japan stand jedoch seit Mitte 1937 im Krieg mit China, weshalb die Japaner die Spiele 1938 ans Internationale Olympische Komitee (IOC) zurückgegeben hatten. Daraufhin hätten die Spiele in Helsinki stattfinden sollen, dem Zweitplatzierten im Wettbewerb um den Austragungsort. Doch bekanntlich brach der Zweite Weltkrieg kurze Zeit später aus, sodass auch 1940 keine Olympischen Sommerspiele stattfanden und Helsinki das Nachsehen hatte.
Dass 1948 die Spiele in London stattfanden, war wohl ein politischer Entscheid. Tokio wäre schon länger an der Reihe gewesen. Stattdessen wurde Japan, wie übrigens auch Deutschland, nicht einmal nach London eingeladen.
Auch Helsinki, das für Tokio 1940 hätte einspringen sollen, hätten einen gewissen Anspruch auf die Spiele gehabt. Zudem dürfte die finnische Hauptstadt damals in einem besseren Zustand gewesen sein als das kriegszerbombte London. Das unterstreicht noch einmal, dass es sich damals wohl um einen politischen Entscheid handelte, die ersten Spiele nach dem Zweiten Weltkrieg in London abzuhalten.
Und hätten die Sommerspiele 1948 tatsächlich im neutralen Finnland stattgefunden, hätte wahrscheinlich die UdSSR nicht abgesagt, so wie das für London der Fall war – vermutlich ebenfalls aus politischen Gründen.
1948 geschah aber noch etwas anderes: Am 10. Dezember, vier Monat nach dem Ende der ersten Sommerspiele nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Paris verkündet. Diese Menschenrechte sind eine direkte Folge der Gräueltaten, welche während des Zweiten Weltkriegs begangen wurden. Diese Erklärung widerspiegelt den damaligen Zeitgeist, welcher auch schon während den Spielen wehte. Für alle Nationen sollten die gleichen Grundsätze im Umgang mit Menschen gelten.
60 Jahre später, 2008, fanden die Olympischen Spiele in Peking statt. Wir erinnern uns bestimmte alle noch ans «Vogelnest», dem markanten Stadionbau. Wir erinnern uns aber auch daran, dass die prekäre Menschenrechtssituation in China bereits im Vorfeld der Spielvergabe hinlänglich bekannt war und dass sich diese Situation seitdem kaum verändert hatte. Im Rahmen dieser Spiele wurden sogar Menschen umgesiedelt, und wer dagegen protestierte, der wurde ganz einfach verhaftet.
Sport und Politik gehören nicht zusammen – oder?
War der Entscheid für London 60 Jahre zuvor noch politisch geprägt, war er es für Peking nicht. Die IOC-Mitglieder foutierten sich darum, wie die politische oder die Menschenrechtslage in China war. Sport hat schliesslich nichts mit Politik zu tun, nicht wahr…?
Dass es nach 60 Jahren noch immer nicht gelungen ist, im bevölkerungsreichsten Land der Welt mit einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat die Menschenrechte durchzusetzen, ist ein erbärmliches Zeugnis für die Völkergemeinschaft.
Aber ist dieses Zeugnis nicht gerade auch deswegen so schlecht, weil sich Sport-Vereinigungen wie das IOC um die Lage in den jeweiligen Länder foutieren? Ist es richtig, dass derartige Sport-Vereinigungen so tun, als ob sie über der Völkergemeinschaft stünden? Gelten denn die Menschenrechte für Sportler nicht ebenso? Sind diesen Organisationen Regeln bezüglich Doping wichtiger als Regeln über den respektvollen Umgang mit Menschen?
Angesprochen auf die Menschenrechtssituation in China gaben damals einige IOC-Mitglieder zu Protokoll, dass diese Spiele auch eine Chance für eine Öffnung hin zu mehr Menschenrechten und Demokratie seien. Heute, vier Jahre später, wissen wir, dass diese Spiele in dieser Hinsicht gar nichts bewirkt haben – ausser dass einige Chinesen wohl noch immer zwangsläufig an einem Ort hausen, zu dem sie gezwungen wurden.
Vor rund zwei Wochen wurde der Grosse Preis von Bahrain ausgetragen. Die Formel 1-Rennstrecke wurde weiträumig abgesperrt, denn es gab unter der Bevölkerung Proteste gegen die Regierung. Diese sind nicht neu, sondern entstanden im Kontext des Arabischen Frühlings und führten auch dazu, dass das gleiche Rennen ein Jahr zuvor schliesslich abgesagt werden musste.
Den anwesenden Formel 1-Teams war die ganze Sache vor zwei Wochen irgendwie unangenehm. Sie, die ebenso wie das IOC auch irgendwie über allem anderen stehen, wollten durch nur ihre Runden drehen und keinesfalls von der politischen Realität eingeholt werden…
Auch in diesem Zusammenhang waren Stimmen zu hören, wonach die westliche Welt froh sein könne, dass der ganze Formel 1-Zirkus in Bahrain sei. Nur so würde die Weltgemeinschaft überhaupt etwas von den Protesten auf diesem Inselstaat erfahren.
Nur: Wirklich erhellende Medienberichte waren kaum zu sehen, zu hören oder zu lesen. Die Medienmeute wussten nichts Gescheiteres zu tun als die Sportler danach zu fragen, ob sie etwas von den Protesten mitbekommen hätten.
Es wäre ja auch zu viel des Guten gewesen, von einem Sportreporter mit Benzin im Blut und dementsprechend geistreichen Kommentaren zu erwarten, er würde die Gelegenheit nutzen um einen Hintergrundbericht zu verfassen oder einige Stimmen aus der Bevölkerung einzuholen. Hintergrundbericht ja, aber dann wohl eher über die Rennstrecke und irgendwelche statistischen oder technischen Details…
In einem Monat beginnt die Fussball-Europameisterschaft. Sie wird in Polen und der Ukraine ausgetragen. Spätestens seit der «Orangen Revolution» im Jahre 2004 und den darauffolgenden Ereignissen dürften auch wir Westeuropäer verstanden haben, was für Spannungen in der Ukraine herrschten und noch immer herrschen. Die Misshandlung der oppositionellen Julia Timoschenko in ihrer Gefangenschaft vor wenigen Tagen verdeutlichen dies.
Joachim Gauck, der neue deutsche Bundespräsident, hat deswegen eine geplante Reise in die Ukraine abgesagt. Die EU-Kommission ihrerseits hat dafür ihre Teilnahme an der EM abgesagt. Und sonst?
Von einem Aufruf der EU-Kommission an die UEFA oder gar an die FIFA, in Zukunft solche Spiele nur an Länder zu vergeben, bei denen keine groben Menschenrechtsverletzungen auftreten, hat niemand etwas gehört. Ganz allgemein gilt auch für diese EM das Motto «The show must go on», egal wie sehr die Menschenrechte statt die Fussbälle mit Füssen getreten werden.
Wann wird «fairplay» auch ausserhalb der Arenen vorausgesetzt?
In zwei Jahren steht die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien an. Auch hierzu gab es bereits Proteste seitens Menschenrechtsorganisationen, weil – ähnlich wie in Peking – gemäss Solidar Suisse 150‘000 Menschen vertrieben werden, tausende Brasilianer zu schlechten Bedingungen arbeiten und Strassenhändler weichen müssen.
Es ist ein «Déjà-vu», welches sich mit jedem grossen Sportanlass wiederholt, ohne dass sich tatsächlich je etwas im betreffenden Land verändert hätte. Darum dürfte Ähnliches auch im russischen Sotschi auftreten, dem Austragungsort für die Olympischen Winterspiele 2014.
Möglich ist das vor allem deshalb, weil sich die Sport-Organisationen um die Menschenrechte foutieren und sich über sie stellen. Wer das tut, nimmt die Nicht-Einhaltung der Menschenrechte in Kauf und akzeptiert deren Nicht-Einhaltung.
Oder umgekehrt: Niemand vergibt irgendwelche sportlichen Spiele, seien es Fussballspiele auf europäischer oder weltweiter Ebene oder Olympische Spiele, in ein Land mit fundamentalen Problemen mit den Menschenrechten, wenn einem diese Menschenrechte etwas bedeuten. Wer das trotzdem tut, begibt sich aufs gleich tiefe Niveau wie diejenigen, welche die Menschenrechte verletzen.
Vielleicht sollte man all dies Sportfunktionäre, welche über Austragungsorte entscheiden, einmal foltern, auspeitschen, sonst wie misshandeln oder einfach nur aus ihren teuren, schicken Villen vertreiben, damit sie am eigenen Leibe einmal erfahren, was die Nicht-Einhaltung der Menschenrechte eigentlich bedeutet.
Man mag es als politische Haltung auslegen, wenn die Einhaltung der Menschenrechte zwingend für die Vergabe des Austragungsortes solcher Grossanlässe vorausgesetzt wird. Es wäre allerdings äusserst naiv zu glauben, dass es bei derartigen Sportereignissen nur um den Sport ginge. Menschen zu vertreiben ist in jedem Fall ein politischer Entscheid und Ausdruck der Macht der jeweiligen Regierung.
Es geht darum – unter vielem anderen – immer auch um eine gewisse Demonstration dessen, was ein Land für Trümpfe hat und was es im Stande ist (politisch) zu leisten. Man zeigt sich von seiner besten Seite, selbst wenn diese «beste Seite» nicht dem Alltag entspricht.
Wenn also solche Sportereignisse auch zu einer politischen Machtdemonstration missbraucht werden, darf man sie schon alleine deswegen auch an fundamentale Vorgaben wie eben die Menschenrechte knüpfen. Ein Minimum an Politik gehört zum Sport.