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Mit L’Assassinat du Duc de Guise begann 1908 eine Entwicklung, die für das Kino der 1910er-Jahre prägend werden sollte: Die einstige Jahrmarkt-Attraktion Film erkämpfte sich eine kulturelle Reputation. Die Produktionsgesellschaft mit dem programmatischen Namen «Le Film d’Art» engagierte für diesen Film als Drehbuchautor ein Mitglied der Académie Française, Henri Lavedan, und verpflichtete ein Mitglied der Comédie Française, Charles LeBargy, für die Titelrolle und als Co-Regisseur (mit André Calmettes). Die weiteren Hauptrollen besetzte sie ebenfalls mit Mimen aus dem Hause Molières, sie liess sich historisch exakte Dekors bauen und gab bei einem renommierten Komponisten, Camille Saint-Saëns, eine Originalpartitur zur Begleitung des Films in Auftrag.
Das Grossaufgebot an künstlerischer Prominenz, aber auch das Bemühen um eine psychologisch glaubwürdige Figur und die Darstellung differenzierter Gefühle verfehlten ihren Eindruck nicht. Das Beispiel machte Schule nicht nur in Frankreich, sondern auch in Italien, Deutschland, Dänemark, England und den USA, wo sich David Wark Griffith äusserst beeindruckt zeigte.
War die Arbeit im Filmstudio zuvor in den Augen «seriöser» Theaterschauspieler nur ein peinlicher Nebenerwerb, den man höchstens unter einem Pseudonym ausüben durfte, ebnete die neue Respektabilität des Films auch berühmten Theaterstars den Weg vor die Kamera, so dass selbst die damals Grössten ihrer Zunft wie Sarah Bernhardt und Eleonora Duse in Filmen mitwirkten. In Deutschland inszenierte 1913 der gefeierte Theatermann Max Reinhardt erstmals zwei Filme. Im selben Jahr spielten Berliner Theaterstars wie Albert Bassermann und Paul Wegener Filmhauptrollen.
Unterschiedlichste Stiltendenzen aus Literatur, Theater oder Malerei beeinflussten die Filmregisseure: der um die Jahrhundertwende blühende Naturalismus ebenso wie die symbolistischen oder expressionistischen Gegenbewegungen.
Die Anlehnung an anerkannte Künste, um von deren Aura zu profitieren, mag aus heutiger Sicht eher bemüht wirken. Sie trug jedoch wesentlich dazu bei, das künstlerische Potenzial der neuen Technik zu erkennen und dieser zum Status der «7. Kunst» zu verhelfen. Rasch verstanden die Filmschaffenden, sich dabei nicht auf Anleihen bei anderen Künsten zu beschränken, sondern die dem Film eigenen Mittel zur künstlerischen Ausdrucksform zu entwickeln.
Zu diesen gehört ganz besonders der Wechsel der Einstellungsgrössen. Der italienische Monumentalfilm Cabiria veränderte die Filmsprache 1914 einschneidend: Anstelle des harten Übergangs von einer Einstellung zur andern setzten Giovanni Pastrone und seine Kameraleute systematisch einen Kamerawagen ein, der näher auf die Darsteller zu oder von ihnen wegfahren konnte, so dass sich die Einstellungsgrösse ohne Schnitt verändern liess. Seine Fahrten diagonal zur Szenerie beeindruckten die amerikanischen Kollegen so, dass sie diese Technik noch viele Jahre «Cabiria movement» nannten.
Vor allem in den USA bildeten sich eigenständige Filmgenres heraus, insbesondere actiongeprägte wie der Western. Die Filmkomik emanzipierte sich von ihren Bühnenvorbildern, um sie in der Slapstick-Comedy mit Mitteln der Filmtechnik, vor allem der Beschleunigung und des Stopptricks, fast zu einer Art absurden Balletts zu entfalten. Als erfolgreicher Filmkomiker wurde Charles Chaplin schnell zu seinem eigenen Regisseur, Ideen- und Drehbuchlieferanten, schliesslich sogar Produzenten und somit zum umfassenden Autor seiner Filme. Er feierte gleichermassen Erfolge beim breiten Publikum wie bei Künstlern und Intellektuellen und zeigte so, dass sich künstlerische Vollendung und Erfolg an der Kinokasse nicht zwingend auszuschliessen brauchen.
Auch inhaltlich mauserte sich der Film in dieser Dekade vom reinen Divertissement zu gesellschaftlich bedeutsameren Themen. Bereits Ende 1909 thematisierte Griffith in A Corner in Wheat die Börsenspekulation, 1912 schilderte er in The Musketeers of Pig Alley das erbärmliche Leben in einem vorwiegend von Einwanderern bewohnten Armenviertel New Yorks, bevor er in seinem monumentalen Werk Intolerance die brutale Unterdrückung eines Streiks und einen (Beinahe-)Justizirrtum als moderne Beispiele seines Themas anführte. Der Handel mit jungen Frauen zur Zwangsprostitution (Den hvide Slavehandel) wurde ebenso zum – auch modischen oder spekulativen – Thema wie die Rauschgiftsucht (Opium) oder die Diskriminierung Homosexueller (Anders als die Andern). Alfred Machin drehte mit Maudite soit la guerre schon im Jahr vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs eine Anklage gegen den Krieg. Chaplin behandelte das Thema 1918 noch während des Krieges in Shoulder Arms als böse Satire, und Abel Gance blickte 1919 mit dem pazifistischen J’accuse auf den Wahnsinn zurück.
Im Laufe des Jahrzehnts hat der Langspielfilm die kürzeren Formate als Standard verdrängt, haben sich bequem bis luxuriös ausgestattete Zweckbaukinos etabliert und das Publikum um die zahlungskräftigen Mittelschichten erweitert. Noch ohne synchronen Ton war der Film um 1920 inhaltlich wie gestalterisch «erwachsen» geworden.
Martin Girod