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Jeden Tag werden riesige Berge von Textilmüll an Grenzen von Siedlungen oder direkt an Flussufern abgeladen. Sie landen in den Flüssen und verstopfen Abflüsse, weshalb es häufig zu Überschwemmungen kommt. Unter freiem Himmel verrotten Alt-Textilien auf wilden Mülldeponien. Oft werden die Sachen einfach verbrannt.
Die offiziellen Deponien in Ländern wie Tansania und Kenia sind seit Jahren überfüllt. Es mangelt an geeigneter Infrastruktur um Texilabfälle in diesen Dimensionen zu entsorgen. Die enormen Mengen an Abfällen aus synthetischer Kleidung verschärfen die existierende Plastikmüllkrise zusätzlich, schreiben die Greenpeace-Mitarbeiter, die die Bedingungen vor Ort recherchierten und die Ergebnisse in einem Fact Sheet zusammenfassten.
Weltweit ist die Modeindustrie etwa für zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Sie gilt als eine der Hauptursachen für die weltweite Wasserverschmutzung. Verschmutzt wird die Umwelt auch in erheblichen Masse an den Produktionsstandorten.
Nahezu 70 Prozent der in den Textilien verwendeten Fasern sind synthetisch, bestehend zu einem überwiegenden Teil aus Polyester. Die ölbasierten, biologisch nicht abbaubaren Kunststoffe zersetzen sich nur in jahrhundertelangen Zeiträumen. Dabei wird unter anderem Methan freigesetzt, ein klimaschädliches Treibhausgas. Zudem enthalten viele Textilien gefährliche Chemikalien, die während des Produktionsprozesses eingesetzt werden. Wird die Kleidung verbrannt, werden Mikroplastikfasern und Giftstoffe freigesetzt.
Gelangen diese über die Luft in den menschlichen Körper, etwa in die Atemwege, kann das zu erheblichen Gesundheitsproblemen führen. So fand ein Team von Wissenschaftlern Mikroplastik im menschlichen Lungengewebe. Besonders alarmiert waren sie durch den Fund ungewöhnlich grosser Fasern.
Über Umwege gelangen Mikroplastikfasern in die menschliche Nahrungskette. Kürzlich fanden Forscher Plastikpartikel im menschlichen Magen-Darm-Trakt, die sie als krebserregend einstuften. In einer weiteren Studie wiesen Wissenschaftler Plastikpartikel im Blut nach.
Rund die Hälfte der Altkleider in Europa wird nach Afrika exportiert
Jedes Jahr werden rund eine Million Tonnen Altkleider gesammelt. Rund zehn Prozent der aussortierten Kleidung wird im Ursprungsland in Second-Hand-Läden bzw. an gewerbliche Textilhändler weiterverkauft. Etwa ein Drittel wird zu minderwertigen Produkten umgearbeitet oder für andere Industriezweige verwertet.
Kommen die restlichen Altkleider in den ostafrikanischen Häfen an, werden sie auf LKW`s in die Binnenländer weiter verfrachtet. Gerade mal zwei Drittel der Ballen aus Second-Hand-Kleidung werden auf so genannten Mitumba-Märkten zum Kilopreis verkauft. Der Rest ist Abfall. Etwa 150 bis 200 Tonnen pro Tag werden als Textilabfälle aussortiert. Beispiel Kenia: 2019 wurden hier 185’000 Tonnen Altkleider importiert. Rund ein Drittel war von so schlechter Qualität, dass es aussortiert werden musste. Greenpeace-Recherchen zufolge können 30 bis 40 Prozent der importieren Kleidungsstücke nicht verkauft werden.
Textilmüllimporte, getarnt als Second-Hand-Kleidung
Ein Grossteil der Textilien wird etwa auf dem Markt in Dar Es Salaam, der grössten Hafenstadt Tansanias und in Nairobi umgeschlagen. Dabei handelt es sich zum Teil um unverkaufte Neuware aus europäischen Ländern. Hinzu kommen Überbestände aus Asien. Für die afrikanischen Kleinhändler ist der Kauf der Bündel (Swahili: «Mitumba») ein Glücksspiel: Manchmal erwerben sie qualitativ gute Kleidung, die ihr Einkommen sichert. Manchmal sind verschmutzte und zerrissene Klamotten darunter. Manchmal sind darunter viel zu warme Wintersachen oder Übergrössen, die in Afrika keine Käufer finden.
Bei der schlechten, unverkäuflichen Ware handelt es sich um getarnte Textilmüllexporte aus dem Ausland: Die Industrienationen im globalen Norden exportieren ihren Kleidermüll in die armen Länder des Südens, wobei sie ihr Privileg und ihre wirtschaftliche Macht ausnutzen, ist Textilexpertin Viola Wohlgemuth überzeugt. Damit untergraben sie das Recht auf saubere und sichere Lebensbedingungen von Menschen mit geringem Einkommen. Mit dem Export von Altkleidern werden die Probleme der Überproduktion und des Überkonsums auf den globalen Süden abgewälzt. Im Grunde sind die Kleiderspenden für die Armen nichts anderes als ein Alibi für die Müllentsorgung der Reichen.
Seit Anfang der 1990er Jahre die Zölle gesenkt und Märkte liberalisiert wurden, ist die afrikanische Kleiderproduktion im Niedergang begriffen. Schuld daran sind die zunehmenden Textilimporte aus den Industrieländern. Beispiel Kenia: Waren hier bis vor wenigen Jahrzehnten in der Bekleidungsindustrie noch 500‘000 Beschäftigte, so sind es heute gerade mal maximal 20‘000. Unterdessen treiben neue Konzerne wie Shein, Zara und H&M die Produktion von immer mehr Billigkollektionen voran.
Aus Alt mach Neu: Upcycling statt Kleidermüll
In Afrika wieder einen nachhaltigen Kleidermarkt zu etablieren, das würde ein Verbot ausländischer Kleiderimporte bedeuten. Das gehe nicht von heute auf morgen, glaubt Viola Wohlgemuth. Dafür sei die neokolonialistische Abhängigkeit des Kontinents schon zu lange in Kraft. Auch bräche ein Geschäftsmodell zusammen, denn gerade auf den Mitumba-Märkten können sich Frauen ein kleines Einkommen verdienen. Zwar hoben einige Länder, darunter Uganda, Ruanda und Tansania, die Steuern auf Altkleider an. Zudem bieten sie den Herstellern Anreize für Investitionen in den lokalen Textilsektor. Allerdings wären die lokalen Produktionsstätten wohl so kurzfristig nicht in der Lage, das Defizit durch eigene Produktion auszugleichen.
Kürzlich formulierte die EU-Kommission eine «Strategie» für die Produktion nachhaltiger und kreislauffähiger Textilien, die erklärtermassen bis 2030 umgesetzt werden soll. Ob das Ziel einer weltweiten nachhaltigen Kleiderproduktion in acht Jahren erreicht sein wird, darf bezweifelt werden. Damit überhaupt etwas in Richtung Nachhaltigkeit passiert, müssten Textilkonzerne sofort damit beginnen, ihre Produktion umzustellen.
Längst setzen afrikanische Mode-Pioniere ihre eigenen Ideen um. So wie die Jungunternehmer von Suave Kenya: Aus Alt-Textilien vom Gikomba-Markt in Nairobi stellen sie modische Rucksäcke her. Sie trennen Jeans und andere Stoffe auf und schenken ihnen ein zweites Leben, indem sie sie zu einem hochwertigen Produkt verarbeiten.
«Es geht nicht darum, eine Textilproduktion aufzubauen, die genauso billig produziert wie in Asien, um dann vor Ort die Umwelt zu zerstören», erklärt Anne Kiwia. Die Upcycling-Designerin fertigt in ihrer Werkstatt in Tansania Stirnbänder für Frauen aus gebrauchten Textilien.
Ginge es nach ihr, dürfte nur noch qualitativ hochwertige Ware importiert werden. Das Geschäftsmodell, das ihr vorschwebt, wendet sich vor allem an kreative Textil-Designer:
«Afrika muss Vorreiter werden für nachhaltige Upcycling-Mode», ist die Unternehmerin überzeugt.
Textilmüll in Chile
In Chile, einem der Hauptimporteure für Altkleider, belastet der Kleidermüll Boden, Flüsse, Ozeane und Wüsten. So kamen in der Freihandelszone der Hafenstadt Iquique im Norden des Landes im vergangenen Jahr 29‘000 Tonnen Altkleider an. Die Importeure verkauften die besten Stücke daraus. Rund 40 Prozent wurde als Müll aussortiert. Dieser wird auf riesigen Deponien in die Atacama-Wüste verfrachtet: Jedes Jahr landen in dem einzigartigen Naturparadies knapp 60‘000 Tonnen Textilien auf gigantischen Kleiderbergen.Viele der Textilien sind neu und sogar noch mit einem Etikett behaftet, kritisiert der chilenische Umweltbeauftragte Edgar Ortega. Inzwischen kündigte die neu gewählte chilenische Regierung Massnahmen an, um die Atacama-Wüste vom Textilmüll zu befreien.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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