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Unmittelbar nebem dem heutigen Wettsteinbrunnen und der Theodorskirche stand ganz früher ein Gebeinhaus, zu dem die Bürgerschaft jeweils am 22. September, dem so genannten St. Mauritiustag, in andächtiger Prozession hinaus pilgerte. Anfangs des 16. Jahrhunderts entstand dann auf dessen Grund eine Kapelle; die Weihung erfolgte im Jahr 1514 in Anwesenheit zahlreicher weltlicher und geistlicher Würdenträger und war einer ganzen Schar von Heiligen gewidmet, daher vermutlich auch der Name.
Die hintere Schmalseite des kleinen, bescheidenen Gotteshauses wurde von der Kleinbasler Stadtgrabenmauer gebildet. Das 13,3 Meter lange sowie 5,95 Meter breite und 5,4 Meter hohe, von zwei zierlichen Sterngewölben getragene sakrale Schmuckstück mit den vielen eingemauerten Epitaphien stellte eines der wenigen zweischiffigen Gotteshäuser der Schweiz dar. Es besass 99 Sitzplätze und hatte während Jahrhunderten als Begräbniskapelle gedient, d.h. es wurden in den gesegneten Mauern Leute beerdigt. Da sie nur über drei Fenster verfügte, war es wohl ziemlich finster in der Kapelle.
Während in der Totenkapelle bis 1836 insbesondere Angehörige der begüterten Kleinbasler Familien Wenk und Prack beigesetzt wurden, war der Friedhof zu St. Theodor längst zu eng, um alle Bürger der Kleinen Stadt aufzunehmen; daher wurden Fremde und Niedergelassene fortan im Klingental begraben. Zu ihrem grossen Erstaunen merkten die um das Jahr 1800 mit der Vergrösserung des Gottesackers Beauftragten bei einer Augenscheinnahme, dass der eine der beiden Begräbnisplätze nicht nur mit Obstbäumen und Reben bepflanzt war, sondern vom Sigrist auch noch mit allerhand Gemüse bebaut wurde.
Wie so viele andere Gotteshäuser auch, ist auch die Allerheiligenkapelle für fremde Zwecke gebraucht worden; schon 1656 hatte ein Sigrist den entweihten Raum zum Betrieb einer Nagelschmiede verwendet. 1858 wurde die Kapelle den Drei Ehrengesellschaften als Lagerraum für jeweils bis zu 7000 Reisigwellen überlassen worden, die an Bedürftige abgegeben wurden.
Trotz der kunsthistorischen Bedeutung und der langen Vergangenheit entbrannte 1879 ein heftiges Ringen um Abriss oder Erhaltung des zwischen der Theodorskirche und dem Waisenhaus stehenden, etwas "ruinenhaft" gewordenen spätgotischen Baudenkmals. Im Zuge des Baus der Wettsteinbrücke wurde der Mauerabschnitt zwischen dem Rheinufer und dem Wettsteinplatz abgetragen, während man die Kapelle jedoch stehen liess. Ein von Achilles Lotz und J.G. Wackernagel gegründetes Initiativkomitee setzte sich für die Erhaltung der Kapelle ein: sie sollte geschmackvoll renoviert werden und der an Platznot leidenden Kirchgemeinde des oberen Kleinbasels für Wochengottesdienste, Trauungen und Kinderlehren zur Verfügung stehen. Obwohl das Komitee einen Drittel der auf Fr. 16'000,- veranschlagten Renovationskosten aufbringen konnte, verfügte der Grosse Rat 1881 die Beseitigung der Kapelle. Auch die Bevölkerung war zu jener Zeit nicht sehr auf die Erhaltung von Baudenkmälern sensibilisiert. Der letzte Rettungsversuch schlug vor, das Gebäude sorgfältig abzutragen und es auf dem Kannenfeldgottesacker an Stelle des offenen Holzschuppens wieder aufzubauen. Aber die Behörden konnten sich dem Wunsch eines "ansehnlichen Theils unserer Einwohnerschaft, welcher sich für die Erhaltung dieses kunsthistorischen Monumentes interessirt", nicht anschliessen, weil "das vom Staat zu bringende [wohl finanzielle] Opfer ein zu grosses ist".
Mit dem Abbruch wurde jenen Kreisen Rechnung getragen, die mit einem auf die Mauer der Kapelle gemalten Spottvers und der Explosion einer Sprengladung dem Fortschritt eine Bresche schlagen wollten: "Wie lang soll ich mein Leben hier noch fristen, ruinenhaft dem Fortschritt frech zum Hohn, Fast wünscht' ich mich ins Land der Nihilisten, um zu verduften per Dinamitpatron, Gotthard, Stablo, alles kommt zu Ziel u. Zweck, und nur ich allein bleib stehen hier im D...!"
Quelle: Meier 1995