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Das Mittelalter war über weite Strecken eine Zeit des Stillstands, weil die Kirche einen starken Einfluss auf das wissenschaftliche und philosophische Denken hatte und auch ein Monopol in der Bildung besass. Ausserdem stützte sie ihre Standpunkte mit der Bibel und konnte sich hier keine Hinterfragung erlauben, wenn sie nicht ihre gesellschaftliche Vormachtstellung verlieren wollte. Salopp gesagt: Wer behauptete, die Erde sei rund statt flach, landete auf dem Scheiterhaufen. Mit der Reformation wurden diese starren Glaubenssätze aufgeweicht. Der grosse Sprung erfolgte jedoch, als die Wissenschaft sich auch dem zuwandte, was die Menschheit schon früher herausgefunden hatte. Mit der Renaissance, der Wiederbelebung der kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike, ergaben sich bahnbrechende neue Perspektiven, insbesondere für das Welt- und Menschenbild, für ein humanistisches Bildungsprogramm usw. Charakteristisch für das Menschenbild in der Renaissance war das Zulassen einer Vielfalt individueller Entwicklungsmöglichkeiten. Im Zentrum der humanistischen Reflexionen stand der Mensch mit seiner Sprache und Geschichte.
Man stellte sich nicht mehr als allwissend hin, sondern wollte wissen, ob die Vorfahren vielleicht in gewissen Dingen schon fortschrittlicher oder freiheitlicher gewesen waren als die Zeitgenossen. Das ist Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die es ermöglichen will, uns in die damalige Zeit zu versetzen, Vergleiche zu ziehen, und die uns zeigt, wo wir wirklich stehen. Damit wir daraus auch Lehren ziehen können, müssen wir jedoch einen offenen, wissenschaftlichen Standpunkt einnehmen. «Daher kommt es, dass nichts so fest geglaubt wird wie das, worüber man am wenigsten weiss, und dass sich niemand sicherer gibt als jene, die uns etwas vorfabulieren…».
Michel Eyquem de Montaigne (1533–1592) wurde auf Schloss Montaigne im Périgord geboren, wo er auch starb. Sein Vater, ein römisch-katholischer Franzose, hatte König Franz I. auf seinem Italienfeldzug begleitet und war dort mit den Ideen der Renaissance und des Humanismus in Berührung gekommen. Er versuchte, seinem Sohn nach dem Vorbild des Erasmus von Rotterdam humanistisch zu erziehen. Montaigne studierte Rechtslehre und wurde Gerichtsrat. Mit 38 Jahren zog er sich ins Privatleben zurück, widmete sich dem Studium klassischer antiker Werke und schrieb an seinen «Essais». Von 1581 bis 1585 war er Bürgermeister von Bordeaux.
Die Erziehungsmethoden des Mittelalters hatten in Montaigne einen ihrer ersten Kritiker gefunden. In seinen berühmten «Essais» tadelt er die Schulung, die lediglich Gedächtnisstoff vermittle, anstatt den Verstand zu bilden. Bis die Schüler ihr Latein und Griechisch auf unzweckmässige Weise erlernt hätten, sei die schönste und aufnahmefähigste Zeit der Jugend verstrichen und sie hätten noch nichts erfahren, was ihnen im Leben nützlich werden könnte. Montaigne forderte eine lebendige und lebensnahe Schule, in der Welt- und Menschenkenntnis, Selbstdenken und Sittlichkeit gelehrt werden.
Seine pädagogischen Anschauungen hat er in einer grösseren Abhandlung in den «Essais» (1. Buch, Kapitel 26) unter dem Titel «Über die Erziehung» zusammengefasst. Dieser klassische Text aus der Pädagogikgeschichte war ursprünglich als Brief Montaignes an die Gräfin Diane de Foix im Hinblick auf die Erziehung ihres Sohnes, als Grundlage für eine rationale Bildung, abgefasst.
Montaigne behandelte das Problem der Erziehung mit dem Bewusstsein, «dass es für die menschliche Wissenschaft keinen schwierigeren und zugleich wichtigeren Gegenstand geben kann als das Aufziehen von Kindern».
Deshalb bedürfe die Einführung in die Gelehrsamkeit weitgehender Vorsicht. Aufgrund seiner Erfahrungen in dem berühmten Collège de Guyenne war er der Meinung, dass Eltern ihre Kinder nicht den Schulen übergeben sollten, weil sie dort bestenfalls Wissen erwerben, aber niemals selbst denken lernen würden. Man dürfe die Kinder nicht als Trichter auffassen, die möglichst bald mit Wissensstoff angefüllt werden sollten. Für das Kind sei ein Hofmeister (Privatlehrer) günstiger, sofern er eher «Charakter und gesunden Verstand» als «Wissen und althergebrachte Methode» besitze. Von seiner Wahl hinge das gesamte Ergebnis der Erziehung ab.
In den Schulen werde nur das Gedächtnis, selten aber der Verstand gebildet. Beim Übermitteln des Lehrstoffs dürfe man nicht vergessen, den Schüler über dessen eigentlichen Sinn zu unterrichten, damit das Gelernte auch «verdaut» werden könne. Eine auf das Wissen beschränkte Schulung sei nutzlos, weil sie nicht auf das Leben ausgerichtet sei. Die Urteilskraft des Schülers solle nicht durch die Autorität des Lehrers eingeschränkt werden. Die Schule solle die Schüler nicht nur kenntnisreicher, sondern vor allem besser und klüger machen. Klug werde man nur durch Selbsttätigkeit und nicht durch Auswendiglernen.
Zur Frage, ob das Kind durch die Eltern oder einen Erzieher erzogen werden sollte, meinte Montaigne, dass niemand bezweifle, dass die Eltern mit ihrem Kinde durch eine natürliche Liebe verbunden seien. «Niemals hab’ ich einen Vater gesehn, der seinen Sohn, wenn er auch gleich bucklig oder grindig war, nicht für sein Kind erkannt hätte; obwohl er, wenn er nicht ganz von Zärtlichkeit berauscht ist, schon merkt, wo’s ihm fehlt; aber bei alledem ist es sein Kind. So geht’s mir!». Dieses Band könne aber auch oft daran hindern, dass der Erziehung die notwendige Entschiedenheit gegeben werde. Wer aus dem Kind einen tüchtigen Erwachsenen erziehen wolle, dürfe es in der Jugend nicht schonen, ein gestählter Körper sei Halt und Stütze für die Seele.
Das Kind sollte sich für den Umgang mit den Menschen bescheiden, der gründlicher bilde als Bücher, weil das Streben zu beobachten klüger sei als das Streben, beachtet zu werden. Herrisches, unhöfliches Auftreten und Eitelkeit würden niemals Sympathien erwecken. Bescheidenheit sei nicht Unterwürfigkeit, sondern nur ein Masshalten, das sich einzig der Vernunft unterwerfe. Diese werde besonders im Umgang mit vernünftigen und weisen Männern erworben, auch jenen aus der Geschichte. Der Erzieher sollte dem Schüler nicht die Jahreszahl von Schlachten beibringen, sondern die Charaktere der Kriegsherren, damit sie diese beurteilen könnten.
Das Kind solle zum Weltbürger erzogen werden und das allumfassende Band der Menschheit höher achten als das der Nationalität. Die grosse Welt sei der Spiegel, in dem wir uns beschauen müssten, um uns mit richtiger Einschätzung kennenzulernen. Weil sich für jedes Kind die Welt neu auftue, brauche es eine Einführung. Montaigne lebte in der aufregenden Zeit der Entdeckung der Erde durch die Seefahrer, und Magellan war erst gerade um die Welt gesegelt (1519-1522). Forschungsreisende vervierfachten von 1420 bis 1560 die bekannte Erdoberfläche. Es gab kein Gebiet des europäischen Lebens, auf das sich diese Entwicklung nicht ausgewirkt hätte.
Montaigne hält es für nötig, von der Praxis zur Theorie, vom Leben zum Wissen überzugehen. Die ersten Lehren sollten dazu dienen, dem Charakter und der Sinnestätigkeit die richtige Wendung zu geben, um die Selbsterkenntnis zu fördern. Zuerst gelte es, das Leben ins Reine zu bringen, bevor man sich den Wissenschaften widme. Diese hätten dem Leben zu dienen und nicht das Leben der Wissenschaft. Da es keine Weisheit ohne Tugend gebe, sollte man sich um die Tugendhaftigkeit bemühen, wozu es Selbstüberwindung brauche. Montaigne setzte den Liebreiz der Tugend mit Mass, Schönheit, Ruhm und Gesundheit sowie mit wahrer Philosophie gleich, aus der die Tugend hervorgehe.
Die Schulen würden an der Vernunft und Urteilskraft der Jugend sündigen. Man hüte sich davor, das Kind dem Zorne oder der melancholischen Laune eines wütenden Schulmeisters zu überlassen. «Man erziehe nicht einen Geist, nicht einen Körper, sondern einen Menschen. Weg mit der Gewalt und Härte!» Der richtige Ort zum Lernen sei dort, wo die Philosophie als Bildnerin des Urteils und des Charakters das hauptsächliche Studium sei. Der äussere Anstand, Gewandtheit im Umgang, persönliche Haltung müsse sich mit dem Geist bilden.
Montaignes pädagogisches Ziel und die Absicht seiner Schrift «Über die Erziehung» ist, dass der Jugendliche ein Weltmensch und Weltkenner wird. Er muss früh lernen, mit allen Ständen umzugehen und ein geeigneter Genosse für jedes Volk zu sein. Er soll weder Schwätzer, Grammatiker noch Logiker werden, sondern ein edler und vornehmer Mensch, der versteht, sein Leben im Sinne der Philosophie einzurichten. Montaignes Kindererziehung ist Teil seines umfassenderen Anliegens: die Erziehung der Menschheit durch Förderung der Kultur und der Humanität.
Was können wir von Montaigne lernen? Viele Studien zeigen, dass unser Schulsystem schon bessere Zeiten erlebt hat und die Qualität stetig sinkt. Das Debakel mit den Lehrplan 21-konformen «Passepartout»- Lehrmitteln ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Wer ist dafür verantwortlich? Und wer soll nun die Wende einleiten? Als Humanist würde Montaigne wohl so antworten: «Am jetzigen Verfall hat jeder von uns seinen eigenen Anteil.»