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Aktuell erleben wir 2022 den grössten Geburtenrückgang seit 100 Jahren. Seine Ursachen sind umstritten. Der Einbruch von 10% setzt genau neun Monate nach Beginn der Impfkampagne für jüngere Erwachsene ein.
Das sind die Personengruppen im gebärfähigen Alter. Die von Swissmedic als Erklärung vorgebrachte Hypothese, dass es sich dabei lediglich um eine Verhaltensänderung und somit um einen freiwilligen Verzicht auf Kinder und nicht um eine mögliche Nebenwirkung der Impfung handeln müsse, vermag nach einer Auswertung der offiziellen Daten nicht zu überzeugen.
Einen (wahrscheinlich) freiwilligen Rückgang der Geburten in denjenigen Kantonen, welche später eine hohe Impfquote aufweisen, lässt sich schon im Jahr 2020 nachweisen. Allerdings ist diese Verhaltensänderung zehnmal kleiner, als der Rückgang in der ersten Jahreshälfte von 2022.
Es scheint wenig plausibel, dass nun eine zehnmal stärkere Verhaltensänderung auf die Impfung als auf den Pandemiebeginn erfolgt sei, insbesondere auch in den Kantonen, in denen für 2020 gar kein freiwilliger Geburtenrückgang nachgewiesen werden konnte.
Grundsätzlich ist zu beachten, dass es sich bei diesen Resultaten um vorläufige Evidenz handelt. Mit zusätzlichen Erkenntnissen ist jederzeit zu rechnen. In Anbetracht dieser Erkenntnis scheint uns die immer noch aufrecht gehaltene, explizite Impfempfehlung von Swissmedic und BAG ausgerechnet für Schwangere nicht nachvollziehbar.
Es handelt sich hier um die gekürzte Fassung einer Beilage zur Klageschrift gegen Swissmedic. Das Original kann unter https://coronaanzeige.ch/ abgerufen werden.
Die Lebendgeburten zeigen im ersten halben Jahr 2022 einen Rückgang historischen Ausmasses, der folgende Eigenschaften aufweist.[1]
Punkt 1: Der Rückgang beträgt schweizweit minus 10% und ist damit historisch. Einen grösseren Rückgang gab es seit Beginn der Erfassung (also seit 1870) ein einziges Mal und zwar 1915, als Folge der Generalmobilmachung.
Abbildung 9: Historischer Einbruch der Geburten 2022
Punkt 2: Der Rückgang erreicht sein vorläufiges Maximum genau neun Monate nach dem Maximum der Impfungen bei den Gebärfähigen (Hagemann et al. 2022). Damit kann auch ein allgemeiner, die Fruchtbarkeit reduzierender Effekt des Corona-Virus, ausgeschlossenen werden, weil sonst der Rückgang zeitlich mit den Covid-19-Infektionswellen korrelieren müsste.
Abbildung 10: Impfraten (grün und rosa) und Veränderung der Anzahl der Geburten (zum 5-Jahres-Schnitt; grau)
Folgende Hypothesen müssen als Erklärungen aus logischen Gründen ausgeschlossen werden:
- Dieser Rückgang kann weder als eine Reaktion auf die Omikron-Welle noch auf den Einmarsch in der Ukraine erklärt werden, weil in diesem Zeitraum gezeugte Kinder erst ab Herbst 2022 zur Welt kommen (die diskutierten Statistiken aber im Juni 2022 enden).
- Der Rückgang von 2022 kann auch nicht mit einer zunehmenden Anzahl an Abtreibungen erklärt werden, weil diese von 2020 auf 2021 abnahmen (während sie im Jahr 2020 auf ein Rekordhoch angestiegen sind).
- Auch die Erklärung, der Rückgang sei eine Reaktion auf den Babyboom aus dem Jahr 2021 überzeugt nicht, weil dieser Babyboom mit +3% nur schwach ausgeprägt war. Zudem ist es in der Vergangenheit noch nie vorgekommen, dass auf einen Babyboom ein entsprechender Geburtenrückgang folgte.
Gestützt auf aktualisierte Daten konnte eine neue, genauere, empirische Analyse der Anzahl Geburten von 2015 bis 2022 (jeweils beschränkt auf die erste Jahreshälfte) durchgeführt werden. Die Analyse versuchte auch Verhaltensänderungen vorsichtiger Eltern zu erfassen. Dafür wurden die Kantone in zwei Gruppen aufgeteilt, solche mit hoher Impfquote unter den jungen Erwachsenen im August 2021 und solche mit tiefer Quote zum gleichen Zeitpunkt in der gleichen Altersgruppe.[2]
Die Höhe der Impfquote wurde dabei auch als Indikator der Vorsicht ausgelegt. Kantone mit hoher Impfquote haben Bevölkerungen, die vorsichtiger sind und daher eher geneigt sind, ihren Kinderwunsch (bereits vor der Impfung) aus Gründen der Verunsicherung nach hinten zu verschieben.
Tabelle 2 zeigt für die Kantone mit geringen Impfquoten, dass die Pandemiejahre 2020-2022 sogar durchschnittlich 2% mehr Geburten aufweisen, als im Durchschnitt der Jahre davor, was einem Anstieg um 148 entspricht. Die allgemein erwartete freiwillige Einschränkung der Reproduktion kann für diese Kantone daher nicht nachgewiesen werden.
Zusätzlich zu dem durchschnittlichen Zuwachs um 2% kommt im Jahr 2021 noch ein Baby-Boom-Effekt von 3% dazu. Im Jahr 2022 jedoch fällt die Anzahl Geburten plötzlich um 10%, nachdem ein erheblicher Prozentsatz der relevanten Altersgruppe geimpft worden war.
Tabelle 2: Anzahl Geburten in Kantonen mit geringer Impfquote
|Änderung||in %||Anzahl Geburten|
|Mittlere Anzahl Geburten vor der Pandemie (2015 – 2019)||8’359|
|Verhaltensänderung ab 2020-2022||148||2%||8’507|
|Baby-Boom 2021||236||3%||8’743|
|Impfeffekt 2022||-862||-10%||7’881|
In den Kantonen, in denen auf Grund der höheren Impfquote vermutet werden kann, dass die Bevölkerung im Schnitt ängstlicher ist, fällt auch die Verhaltensänderung deutlicher aus (vgl. Tabelle 3). Hier sinkt die Anzahl Kinder seit Pandemiebeginn im Jahr 2020 um 1%. Allerdings kommt es auch hier zu einem Baby-Boom von 3% im Jahr 2021 und zu einem Rückgang der Geburten neun Monate nach erfolgter Impfung um 10%.
Der oft gehörte Einwand, die Corona Pandemie führe ganz grundsätzlich zu einer Verschiebung des Kinderwunschs, ist in dieser Berechnung nachweisbar. Die Kantone mit tendenziell ängstlicherer Bevölkerung weisen bereits 2020 eine negative Entwicklung in der Anzahl Lebendgeburten auf. Allerdings ist diese Verhaltensänderung zehn Mal kleiner als der Rückgang im Jahr 2022 mit den geimpften Eltern.
Tabelle 3: Anzahl Geburten in Kantonen mit hoher Impfquote
|Änderung||in %||Anzahl Geburten|
|Mittlere Anzahl Geburten vor der Pandemie (2015 – 2019)||17’721|
|Verhaltensänderung ab 2020-2022||-265||-1%||17’457|
|Baby-Boom 2021||484||3%||17’941|
|Impfeffekt 2022||-1’769||-10%||16’172|
Insofern ist das Argument von Swissmedic zu hinterfragen, der starke Rückgang von 10% im Jahr 2022 sei einzig und allein auf eine Verhaltensänderung vorsichtiger junger Paare zurück zu führen. Da diese Verhaltensänderung bereits 2020 einsetzte, ist es plausibel anzunehmen, dass der deutlich stärkere Rückgang von 2022 zusätzliche Gründe wie zum Beispiel unerwünschte Effekte der Impfung, haben dürfte.
Am Ende ist es jedoch unerheblich, ob der Schweiz Geburten entgehen, weil die Covid-19-Politik zu einer unnötigen Verunsicherung junger Menschen geführt hat, oder weil Nebenwirkungen der Impfung vorliegen. Tatsache ist und bleibt, dass mit neun Monaten zeitlicher Verschiebung im Folgejahr der Impfung die Geburten in historischem Ausmass eingebrochen sind.[3]
Grundsätzlich gilt jedoch: Bei all unseren Resultaten zum Baby-Gap handelt es sich zwar um vorläufige Evidenz. Allerdings ist die Evidenz immerhin so stark, dass Zurückhaltung bei Impfempfehlungen für Paare mit Kinderwunsch angezeigt erscheint. Die explizite Impfempfehlung von Swissmedic und BAG ausgerechnet für Schwangere ist für uns daher nicht nachvollziehbar.
Beck, Konstantin (2022), Sind die Covid-19 Massnahmen verhältnismässig? In: Beck, Kley, Rohner, Vernazza (Herausgeber): Der Corona-Elefant, Versus Verlag, 2022, Chapter 18.
Beck, Konstantin und Pietro Vernazza (2022), Analyse eines möglichen Zusammenhangs zwischen der Covid-19-Schutzimpfung und dem Geburtenrückgang in der Schweiz im Jahr 2022 – Bericht für Swissmedic, https://corona-elefant.ch/wp-content/uploads/2022/09/220922_Bericht_Swissmedic_Baby-Gap_Final_revised_Tab8.pdf
Hagemann, Raimund et al. (2022), Geburtenrückgang in den Schweizer Kantonen, Workingpaper, 13.8.2022.
[1] Datenstand BfS vom 28.9.2022.
[2] Kantone mit hoher Impfquote zwischen 60% und 65% sind: ZH, GE, BS, VD, NE und ZG. Kantone mit geringer Impfquote zwischen 42% und 55% sind: AI, AR, GL, GR, JU, OW, NW, UR, SG, SO, SZ und TG. Die dazwischen liegenden Kantone werden weggelassen, um den Unterschied zwischen hoher und geringer Impfquote zu betonen. Dabei handelt es sich um die kantonale Impfquote der Personen im gebärfähigen Alter im August 2021.