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Bei der Feier zur Vereidigung von Joe Biden begeisterte die junge afroamerikanische Lyrikerin Amanda Gorman die Zuschauer aus aller Welt mit ihrem Gedicht «the hill we climb».
Ihre Gedichte werden derzeit in zahlreiche Sprachen übersetzt. In den Niederlanden kritisierte eine schwarze Journalistin, dass die weisse Autorin Marieke Lucas Rijneveld den Auftrag für die Übersetzung bekommen sollte. Das sorgte für heftige Debatten und die die Übersetzerin zog sich zurück.
Warum wurde keine afroamerikanische Übersetzerin beauftragt? Warum wäre das wichtig gewesen? Darüber spricht die afro-deutsche Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Marion Kraft.
Marion Kraft
afro-deutsche Autorin und Übersetzerin
SRF: Können Sie als afrodeutsche Literatin und Übersetzerin die Kritik nachvollziehen, dass eine weisse Frau Gormans Gedicht übersetzen sollte?
Marion Kraft: Bei der Wahl von Marieke Lukas Rijneveld als Übersetzerin ging es wohl auch um Vermarktung. Sie ist eine Erfolgsautorin, eine erfolgreiche Lyrikerin. Aber eben keine Übersetzerin.
Sie selbst bezeichnet ihr Englisch als nicht besonders gut. Zudem ist sie auch keine Expertin für afroamerikanische Geschichte und Tradition. All dies wäre bei der Übersetzung von Gormans Gedicht aber gut gewesen.
Sie ist eine Erfolgsautorin, eine erfolgreiche Lyrikerin. Aber eben keine Übersetzerin.
Ich frage mich, warum keine schwarze Frau gefragt wurde, die eben diese Kompetenzen und Erfahrungen mitbringt. Dabei geht es mir nicht um Identitätsfragen oder gar um die Hautfarbe, sondern um Machtstrukturen innerhalb des Literaturbetriebs. Insofern kann ich die Kritik zunächst einmal nachvollziehen.
Das heisst, Übersetzer sollten denselben Erfahrungshintergrund wie die Autorin oder der Autor haben, um einen Text gut übersetzen zu können?
Nein, das ist meiner Meinung nach nicht zwingend notwendig. Gerade deshalb erfordert literarische Übersetzung in der Regel viel Recherche, Einfühlungsvermögen und Sensibilitäten, vor allem für den Sprachgebrauch.
Aber was mir wichtig ist: Je näher ich den Erfahrungswelten einer Autorin oder eines Autors bin, desto bewusster kann ich Entscheidungen über Sprache treffen. Erkennen, wo ein Begriff in einem kulturellen Kontext neutral, im anderen vielleicht verletzend oder gar rassistisch sein kann.
Also es geht um das sich Einfühlen können in eine andere Welt, in der ich mich zurechtfinden muss, insbesondere wenn ich nicht zu dieser Erfahrungswelt gehöre.
Gilt diese Forderung auch für andere gesellschaftliche Gruppen? Sollte beispielsweise ein Autor wie Édouard Louis, der aus dem Arbeitermilieu in Frankreich stammt, von jemandem mit demselben Hintergrund übersetzt werden?
Nein, das ist dieselbe Problematik. Eine Übersetzerin oder ein Übersetzer kann den Hintergrund einer Geschichte gar nicht genau kennen. Aber es sollte jemand sein, der nachempfinden und sich einfühlen kann in die Welt der Menschen, die dort in diesem fiktionalen Text geschildert werden.
Wenn ich Werke von queeren Autoren übersetze, was ich mache, dann muss ich als binäre Person sehr viel lernen über deren Gefühlswelt. Unter anderem, um im Sprachgebrauch nicht in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten.
Ich finde es wichtig, dass die verschiedenen marginalisierten Gruppen stärker in den Kulturbetrieb mit einbezogen werden.
Das heisst, ich spreche Menschen, die nicht zu einer bestimmten Gruppe gehören, nicht die Kompetenz ab, über andere zu schreiben. Aber wenn ich beispielsweise gefragt werde, ob ich eine Trans-Autorin übersetzen möchte, frage ich mich, ob es nicht jemanden gibt, der vertrauter mit dem Thema ist.
Ich finde es vor allem wichtig, dass die verschiedenen marginalisierten Gruppen stärker in den Kulturbetrieb mit einbezogen werden. Insofern ist die kontroverse Debatte, die losgetreten wurde, wirklich gut. Ich hoffe, dass sie auch fruchtbringend sein wird.
Das Gespräch führte Irene Grüter.