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Angewandte Mikroökonomie im Internet
Wie man einen Provider auswählt
Die Frage nach dem besten Provider sieht auf den ersten Blick trivial aus. Man nehme einfach denjenigen mit den tiefsten Preisen. Nach einigen Monaten Erfahrung mit dem Netz kommen aber dann die Qualitätsansprüche. Überraschenderweise sind die Qualitätsprobleme bei den Providern mit dem jeweils verwendeten Abrechnungsverfahren korreliert, unabhängig vom absoluten Preisniveau.
Wenn eine Ressource nichts kostet, bewegt sich ihre Beanspruchung gegen Unendlich. Diesem elementaren Lehrsatz der Mikroökonomie begegnen wir im Umgang mit Computern täglich. Wenn jeder Benutzer ohne Kostenfolgen Speicherplatz auf dem Server erhält, ist der Server bald voll.
Wenn jedermann die Bandbreite eines innerbetrieblichen Netzwerks benutzen kann, ohne dafür zu bezahlen, ist die Bandbreite in Kürze notfalls mit Echtzeit-Videodaten oder 3D-Rendering-Output derart vollgekleistert, dass auch der kleinste Filetransfer keinen Platz mehr hat. Dem Streben gegen Unendlich wird in beiden Fällen dadurch Einhalt geboten, dass doch Kosten entstehen. Nur wird der Preis nicht immer in harter Währung bezahlt, sondern manchmal auch in Wartezeit oder in reduzierter Zuverlässigkeit des Systems.
Der eingangs erwähnten mikroökonomische Grundtatsache kann man nun entweder mit Planwirtschaft oder mit Marktwirtschaft zu Leibe rücken. Die planwirtschaftliche Methode war in den siebziger Jahren in den grossen Rechenzentren beliebt. Ich kann mich an den Vortrag eines gestandenen Ökonomieprofessors und Leiter eines grossen universitären Rechenzentrums — einem erklärten Gegner sozialistischer Planwirtschaft — erinnern, der sich nicht entblödete, sein Vorgehen für die nachhaltige Planung des Plattenspeicherbedarfs auf dem Grossrechner anzupreisen. Er verschickte einen Fragebogen an alle Institute und liess sie ihren Bedarf in den nächsten Jahren selber bestimmen. Diese Daten verglich er noch mit dem Wachstum in den letzten zwei Jahren und korrigierte die Angaben allenfalls nach oben. Schliesslich multiplizierte er das Endergebnis mutig mit zwei und bestellte Festplatten bei IBM. Wer beschreibt seine Überraschung, als nach einem Jahr die neuen Platten etwa zu 95% ausgenutzt waren, obwohl sie fünf Jahre hätten reichen sollen! Leider hielt er nie eine Vortrag über die mikroökonomischen Ursachen des Scheiterns seiner Vorgehensweise.
Typischerweise führte solch planwirtschaftliches Vorgehen dazu, dass sich die Systemgruppe des Grossrechners gezwungen sah, die Nutzer im Namen der Gerechtigkeit mit repressiven Massnahmen einzuschränken. Die Nutzer erschienen den Verwaltern in der Folge mehr und mehr als destruktive, egoistische Chaoten, vor denen sie ihr System schützen mussten, während die Systemgruppe von der Benutzergruppe als repressive despotische Macht wahrgenommen wurde. In vielen Rechenzentren entwickelte sich das Verhältnis zwischen Systemverantwortlichen und Systemnutzern analog zum Verhältnis zwischen Staatssicherheit und Staatsvolk in der DDR. Diese Entwicklung ist darum interessant, weil sie im Schosse des tiefsten Kapitalismus zustandekam ohne kommunistisch-ideologisches Beiwerk, rein basierend auf der planwirtschaftlichen Verteilstrategie und deren Konsequenzen. Ein genaueres Studium der sozialen Entwicklungen in solchen Rechenzentren und der verfügbaren Gestaltungsmöglichkeiten wäre sicher heute noch von Interesse, da sonst angesichts der Netzcomputereuphorie die nächste Despotiewelle vorprogrammiert scheint.
Jeder PC-Besitzer kennt dieses 95%-Phänomen mittlerweile aus eigener Erfahrung. Seit 1983, als ich meinen ersten IBM XT mit zwei Diskettenlaufwerken zum Preis von zwei heutigen Pentium PCs mit je 4 GB erstand, habe ich nur eine kurze Periode von vier Monaten (nach dem Sprung von 500 MB auf 4 GB) erlebt, während welcher meine Platten nicht zu 95% voll waren. Solange man "Platz zum Versauen" hat, die Ressource also nichts kostet, geht ihre Nutzung gegen Unendlich. Sobald man genügend "bezahlt" — nämlich an Unannehmlichkeiten, wenn weniger als 5% des Platzes frei sind —, räumt man regelmässig brav auf. Das mikroökonomische Gleichgewicht zwischen Nutzen und Preis hat sich eingestellt. An Stelle der Planwirtschaft ist eine marktwirtschaftliche Steuerung getreten.
Dem 95%-Phänomen begegnen wir auf dem Internet wieder. Glücklicherweise sind die Protokolle dermassen robust und adaptiv, dass unökonomische Nutzung sich meist selber bestraft. Wer seine Homepage mit grossen Bilddatenmengen vollpflastert, nervt allfällige Besucher mit derart langen Wartezeiten, dass sie zum letzten Mal hereingeschaut haben. Einigermassen häufige Surfer stellen sowieso das Herabladen von Bildern standardmässig ab und klicken höchstens mal auf ein einzelnes Bild, wenn es aufgrund seines klaren beschreibenden Kommentars von Interesse zu sein scheint. Wer nur E-Mail braucht, benutzt nicht erst einen mühsamen Browser, sondern hält seine Verbindungszeit mit Hilfe eines Mail-Programms minimal, das sich nur für den Datenaustausch für ein paar Sekunden einwählt. Alte und gewiefte Netznutzer verwenden ein FTP-Programm für das Herabladen von Dateien, statt alles am Bildschirm zu lesen. Mailbox-Kenner und Mitglieder von Newsnutzergruppen setzen Pointprogramme ein, um den für sie relevanten Teil des Netzes auf ihrer Festplatte zu spiegeln und off-line mit höchster Bandbreite in Ruhe ohne Zusatzkosten zu durchsuchen. Die kritische Bandbreite für diese Profinutzer — und jeder "naive" Benutzer wird unter dem ökonomischen Druck der Realität schnell zum Profi — ist am Ende die Herabladegeschwindigkeit. Hier ist normalerweise nicht die Modemgeschwindigkeit der beschränkende Faktor, sondern der Server, der die Daten liefert. (Also ist ISDN für den privaten Nutzer fast in jedem Fall eine unökonomische Investition ganz abgesehen vom Ärger mit amerikanischer oder französischer Software, die verschiedenste Vorstellungen von diesem sogenannten Standard haben.)
Bei der Wahl eines Internet-Providers scheint es also in erster Linie darauf anzukommen, einen hohen Herabladedurchsatz für einen tiefen Preis zu bekommen. Dieser — besonders bei transatlantischen Verbindungen — unterscheidet sich denn auch spürbar von Provider zu Provider. Aber auch hier zeigt sich, dass der Flaschenhals häufiger beim Server liegt als bei der allenfalls bescheidenen transatlantischen Bandbreite des Providers.
Ausserdem muss der Provider den Profinutzer optimal bei seinen Sparsamkeitsbemühungen unterstützen und neben dem WWW-Protokoll HTTP (Hyper Text Transfer Protocol), dem Filetransferprotokoll FTP (File Transfer Protocol zum Herabladen beliebiger Dateien) auch die Mailprotokolle POP3 (Post Office Protocol Version 3 zum Empfangen von Nachrichten, eigentlicher "Briefkasten") und SMTP (Simple Mail Transport Protocol zum Senden von Nachrichten) und das Kopierprotokoll UUCP (Unix to Unix Copy Protocol) für Pointprogramme, die Mailbox-Daten und News kopieren, anbieten.
Übrigens ist ein Provider, der den Kauf einer Lizenz eines speziellen Browsertyps als Teil des Providervertrags erzwingt, wie dies einer der grössten monopolistisch angehauchten Provider in der Schweiz zu tun beliebt, auf jeden Fall zu meiden. Dieses Vorgehen ist praktisch eine Garantie dafür, dass der Provider nicht vorhat, sich an die internationalen Standards der Internet-Protokolle zu halten, sondern bei Supportanfragen jeweils auf das proprietäre Produkt verweisen wird, mit dem es schon gehe. Wer sich auf solche Netscapaden einlässt, hilft mit, die Plattformunabhängigkeit des Netzes aufzuweichen. Er wird in Kürze feststellen, dass sein Provider ihn mit diversen nicht standardisierten Mätzchen auf den betreffenden Browsertyp derart festgelegt hat, dass er jeden beliebigen Preis für die nächste Updateversion zu zahlen gezwungen sein wird. Es kann und darf nicht Sache eines Internetproviders sein, sich in Browserkriegen der Softwaregiganten Stellung zu beziehen. Als Servicequalität zählt einzig die Übereinstimmung mit den internationalen Standards. Wenn der Provider diese liefert, ist es Sache des Kunden, sich einen Browser zu beschaffen, der mit diesen Standards konform ist.
Die minimalen Anforderungen der Freiheit der Browserwahl und der minimalen Palette von unterstützten Protokollen werden von vielen Providern erfüllt. Die kleineren Provider sind eher flexibler im Anbieten von Spezialitäten. Mit den Grossen kann man im allgemeinen nicht über Servicedetails verhandeln. Preislich bewegen sich die kleinen Provider heute in derselben Grössenordnung, wie die grossen. Die Vernunft scheint also für die Wahl eines kleinen lokalen Providers zu sprechen.
Dass man einen Provider wählt, der einem für eine monatliche Abonnementsgebühr keine Zeitbeschränkungen beim Netzzugang auferlegt, scheint selbstverständlich. Mit dem Grundstock von dreissig gebührenfreien Stunden pro Monat, wie es gewisse grosse Provider offerieren, kann man ja kaum seine Mail regelmässig bewirtschaften.
Nur ärgerlich, dass man abends nach zehn Uhr jeweils zwanzig bis vierzigmal wählen muss, um die ganz dringende Nachricht doch noch heute zu verschicken. Am Sonntag hat man überhaupt keine Chance mehr hineinzukommen. Schöner "unbeschränkter Netzzugang", wenn das Modem dauernd "besetzt" meldet!
Wo steckt der Irrtum in den Überlegungen zur Providerwahl? Wir haben eine weitere Ressource vergessen: die Anzahl freier Modems beim Provider, die einen Anruf annehmen können. Sobald die Verbindungszeit unbeschränkt ist, ist jeder Netznutzer motiviert, soviel Verbindungszeit wie möglich für sich herauszuholen. Er amortisiert schliesslich seine Abonnementskosten umso besser, je extensiver er das Netz nutzt. Nun besetzt jede offene Verbindung eine Modem beim Provider, auch wenn nur wenige Bytes pro Stunde über die Leitung fliessen. Das heisst, ein paar hundert jugendliche Chatnutzer, die sonst mit ihrem minimalen Bandbreitenkonsum niemanden stören würden, verunmöglichen, dass sich ein Profinutzer einwählen kann, weil sie alle Modemleitungen blockieren.
Wer verärgert über die mangelnde Verfügbarkeit vom einen Provider zum anderen wechselt, stellt fest, dass es beim neuen Provder genauso ist. Die Modemverfügbarkeit nimmt übrigens mit der Zunahme der Internet-Anschlüsse laufend ab. Obwohl natürlich jeder Provider erzählt, wie er gerade auf Glasfasertechnik umstellt und die Anzahl Modems verzehnfacht, dreht er sich im 95%-Teufelskreis. Auch nach dem Ausbau ist die Verfügbarkeit nicht besser geworden und sie wird auch nach dem nächsten Ausbau nicht besser werden.
Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen. Entweder hat jeder Provider soviele Modems, wie er Abonnenten besitzt. Das würde heissen, dass das Internet die Anzahl Anschlüsse in den Telefonzentralen zum Explodieren bringen würde. Denn die Telefonie braucht bis anhin mitnichten einen Anschluss pro Abonnent. Oder aber die Modembelegung beim Providers muss mit einem Preis bezahlt werden. Von solchen Providern werden sich Chatnutzer fernhalten und ihre Verfügbarkeit wird folglich für Netzprofis ideal sein.
Es gibt nun tatsächlich einige — in der Schweiz hauptsächlich grosse — Provider, wo ab einer gewissen gebührenfreien Verbindungszeit pro Monat jede zusätzliche Stunde Kosten verursacht. Diese Provider erfreuen den Kunden mit einer hohen Verfügbarkeit ihrer Modems, ohne dass sie viel dafür zu tun brauchen. Für den Profinutzer empfiehlt sich also die auf den ersten Blick unlogische Wahl eines Providers, wo die Anzahl der im Abonnement inbegriffenen Verbindungsstunden klein ist und jede darüber hinausgehende Stunde etwas kostet. Dass dann wegen der Flexibilität und der Qualität des Service trotzdem ein kleiner Provider die eher bessere Wahl ist, macht die Sache darum schwierig, weil die Server der meisten kleinen Provider von Netzfreaks betrieben werden, für die unbeschränkte Netzstunden einfach ein Muss ist.
Eine ideale Lösung für solche kleinen Provider wäre die Einrichtung eines Zusatzangebots eines Hochprioritätszugangs unter einer anderen Nummer. Auf diesem Zugang muss die Verbindungszeit über einer gewissen gebührenfreien Minimalzeit pro Monat bezahlt werden. Alle heutigen Nutzer können nach freier Wahl den unbeschränkten Zugang für Chatten und Surfing oder den neuen gebührenpflichtigen Hochprioritätszugang benutzen. Die den heutigen Abonnenten vertraglich zugesicherte Leistung würde also nicht verschlechtert. Wer aber eine hohe Verfügbarkeit benötigt, könnte die "Expresswarteschlange für maximal fünf Gegenstände im Einkaufskorb" benutzen. Typischerweise würde ein Netznutzer seinen Browser und sein Telnet weiterhin auf den unbeschränkten Zugang konfigurieren, während er Mail-, FTP- und Pointprogramme auf den Hochprioritätszugang umstellen würde. Mit diesen Anwendungen wird er kaum je auf dreissig Stunden pro Monat kommen. Andererseits braucht er für diese Anwendungen nicht stundenlang auf das Zustandekommen einer Verbindung zu warten.
Auf den Abrechungsmodus Fixpreis plus Stundenpreis sollte man als Profinutzer auf keinen Fall verzichten, sofern man mehr Interesse an hoher Verfügbarkeit als an Chatting und Online-Surfing hat. Der absolute Preis scheint dabei fast noch keine Rolle zu spielen. Das Netz ist erst dabei, seine eigene Ökonomie zu entdecken. Wir können heute immerhin schon die Vorurteile der ersten Stunde korrigieren.

Hartwig Thomas

27.10.97