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Die in Paris lebende deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber hat erneut ein vielbeachtetes Buch vorgelegt. Der Titel „Ahnen“ ist bewusst doppeldeutig: Die Autorin forscht nach ihren Vorfahren, und sie begibt sich damit in eine Zone des Ahnens. Von sich selber gibt Anne Weber preis, dass ihr als ausserehelichem Kind eine klare Familienzugehörigkeit verweigert wurde. Herkunft und Sippe sind für sie nebulöse und belastete Grössen. Das Verhältnis zum Vater ist verstellt von Ungesagtem. Der Grossvater, das zeigt sich in ihren Nachforschungen immer ungeschminkter, war ein aktiver Nazi. Doch der Ahne, der Anne Weber in seinen Bann zieht, ist der Urgrossvater Florens Christian Rang (1864-1924). Ihr Vater hütet dessen Nachlass, und dieser löst die Recherchen aus, über die Anne Weber in ihrem „Zeitreisetagebuch“ – so der Untertitel – berichtet.
Statt mit seinem richtigen Namen bezeichnet sie den Urgrossvater als „Sanderling“, was ein bisschen wie Sonderling klingt, aber angeblich die Bezeichnung eines Vogels ist, der am Meer auf der Grenzlinie von Wasser und Land lebt. Sanderling war Jurist und Theologe, eine Zeitlang evangelischer Pfarrer im heutigen Polen, wechselte zur Schriftstellerei und Philosophie und pflegte Freundschaften mit Martin Buber und Walter Benjamin.
Dieser schillernden Gestalt geht sie nach, sucht Stätten des Wirkens auf, forscht nach Spuren. Sie stösst auf Befremdendes, ja Erschreckendes, ahnt aber zunehmend deutlicher eine gewisse geistige Verwandtschaft mit dem Urgrossvater. Schliesslich entdeckt sie gar eine Schrift, die ihn mit ihr versöhnt. Sanderling hat nach dem Ersten Weltkrieg einen in seinem Todesjahr erschienenen Aufruf verfasst, mit dem er Deutschland zur Wiedergutmachung über die Reparationsforderungen hinaus bewegen wollte. Anne Weber findet in diesem Dokument einen „geschriebenen Menschen“ und stellt fest: „Jetzt steht ein Unbekannter vor mir, der mich mit Ehrfurcht erfüllt.“
Pathetischer als in diesem Satz ist das Buch nirgends. Es ist vielmehr geradezu skrupulös in Hinsicht auf die Möglichkeit, von der Vergangenheit etwas zu wissen. „Nichts ist gefährlicher als das sichere Gefühl, etwas verstanden zu haben,“ sagt sie zu sich selbst. Anne Weber begibt sich auf die Gratwanderung einer Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und deren Vorboten. Eine Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte muss da hineinführen. Über das Entdeckte zu urteilen, ist indes auf der einen Seite unausweichlich – aber auf der anderen Seite manchmal fast nicht möglich ohne ein zweifelhaftes Hinweggehen über uferlose Unsicherheiten.
Ein Ausweg aus dem Dilemma scheint sich zu bieten mit dem rituellen Totengedenken, das die Autorin anlässlich ihrer Nachforschungen bei Allerheiligen und Allerseelen in Polen kennenlernt. Hier taucht sie, die nichtreligiöse urbane Intellektuelle, in ein ebenso befremdendes wie anziehendes Fest ein. Es scheint möglich zu sein, mit all den Toten und ihren ungeklärten Geschichten zu leben. Dies ist das Ahnen, mit dem sie sich am Ende ihrer Reise zufrieden gibt.