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Marie war 16 und besuchte die 5. Klasse des Gymnasiums. Sie war hübsch und nicht dumm, aber ihre Leistungen waren in allen Fächern ausser in Sport und Musik ungenügend. Sie war gestresst, verängstigt und litt am Erwachsenwerden.
Der Hauptlehrer, den ich wegen seines komplizierten Beinbruchs drei Wochen lang vertreten sollte, warnte mich: Mit Marie müsse ich aufpassen, wenn es mit ihr nicht gut gehe oder wenn ihr etwas nicht passe, rufe ihr Vater an, ein hoher, leitender Beamter in der Stadt, der drohe und Druck mache. Dies sei sehr unangenehm.
In meiner ersten Stunde in Maries Klasse hatte teilte ich den SuS mit, wer in den Fächern Deutsch und Französisch, die ich unterrichten sollte, Mühe habe, könne diese drei Wochen mit meiner Hilfe zu einer «Aufholjagd» nutzen. Wer Probleme in diesen Fächern habe, könne sich auf Wunsch bei mir melden, und wir würden schauen, wie wir diese lösen könnten.
Marie kam gleich in der ersten Pause und teilte mir mit, Französisch bereite ihr gar keine Freud (sie formulierte es etwas weniger dezent), sie hätte Mühe damit, und überhaupt. Nach einem kurzen Gespräch entwarfen wir eine Strategie und einen Plan. Marie sollte täglich zusätzlich zu den vollständig zu erledigenden Hausaufgaben zehn Wörter lernen, nur zehn Wörter, aber diese richtig gut, mündlich und schriftlich. Im Unterricht sollte sie so lange fragen, bis sie das Problem oder die Aufgabeverstanden hatte. Ich würde sie nur aufrufen, wenn sie sich selbst meldet.
Nach kurzer Zeit blühte Marie richtig auf und arbeitete fleissig und motiviert. Sie war «dabei», hatte arbeitsmässig den Anschluss an die Klasse wieder gefunden. Ihre Leistungen, ihre Noten und ihr Selbstvertrauen stiegen stetig an.
Nach etwa zehn Tagen klingelte Abends um 19 Uhr mein Telephon. Das, dachte ich, muss Maries Vater sein. Er war es. Entgegen meiner Befürchtungen sagte er nach der Begrüssung sofort: «Es geht anscheinend gut im Unterricht!» Selten habe ich mich über ein Elterngespräch mehr gefreut! Als ich drei Wochen später die Schule mit einem Arm voller Blumensträusse verlassen wollte, rief mich der Rektor und bot mir ein Teilpensum an.
Nachdem in den letzten Tagen rund 600 Akademiker:Innen (500 Rechtsanwälte und 100 Professoren) und insgesamt rund 2500 Interessierte meinen Repost des Artikels von Professor Elsbeth Stern «Mindestens 30 Prozent der Mittelschüler gehören nicht ans Gymnasium – weil sie nicht übermässig intelligent sind» gelesen haben, will ich auf dieses Thema näher eingehen.
In meiner Erfahrung als Lehrerin und als Lerncoach sind ungenügende schulische Leistungen bei SuS am Gymnasium in den meisten Fällen kein kognitives Problem.
Das auffallend grosse Interesse von Akademikern an diesem Thema zeigt mir, dass diese Eltern sich Sorgen oder zumindest Gedanken um die schulische Karriere ihrer Kinder machen.
Eine grosse Anzahl möglicher unterschiedlicher Faktoren können bei ungenügenden Leistungen von Gymnasiast:innen eine Rolle spielen:
- Fehlendes Wissen über Lernstrategien und Lerntechniken
- Ungenügende Vorbereitung auf den neuen Schul-Typ
- Das Warum. Hat das Kind eine Vorstellung von seinem Traumberuf, seinen Möglichkeiten?
- Fehlende Motivation für den Schulstoff
- Fehlender Einbezug des Lernstoffes in den Alltag, in die familiären Diskussionen und Aktivitäten
- Spannungen mit der Lehrperson
- Zeitweise Überforderung durch das neue Lerntempo
- Zu wenig Erklärungen oder mangelnde Vorbereitung des Stoffes durch die Lehrperson
- Das Wissen, wo Hilfe geholt werden kann, wenn etwas nicht verstanden wird.
- Mehrsprachigkeit in der Familie
- Die lokale Landessprache wird nur in der Schule erlernt und gesprochen
- Hohe Erwartungshaltung der Eltern und Familie
- Desinteresse und mangelnde Unterstützung durch Eltern und Familie
- Überbehütet oder sich selbst überlassen
- Spannungen in der Familie, beispielsweise durch Beziehungs-Probleme der Eltern, durch ein Geschwister, das aus gesundheitlichen Gründen sehr viel Aufmerksamkeit benötigt
- Ein Umzug aus einem andern Land oder einer andern Gegend
- Das Kind hat Mühe, Anschluss in der Klasse oder Freunde zu finden, vielleicht weil es introvertiert, schüchtern sein kann.
- Manchmal ist die Pubertät eine Zeit, die konzentriertem Lernen nicht gerade förderlich ist.
In fast allen Fällen kann das Problem rasch behoben werden, indem die betroffenen Kinder eine Zeitlang Stützunterricht oder Lerncoaching erhalten, wo sie lernen, wie sie ihr Lernen erfolgreich organisieren, und wie sie leichter und nachhaltiger lernen, damit nicht nur das Gelernte hängenbleibt, Strukturen, Muster und Zusammenhänge erkannt werden, sondern auch noch etwas Freizeit für Hobbies und Musse bleibt. Natürlich gibt es Kinder, die lieber anders arbeiten, mehr praxisbezogen, vielleicht auch lieber handwerklich. Oder vielleicht brauchen sie mehr Zeit, um zu reifen, bevor sie sich auf intensive Lernprozesse einlassen können.
Ein normalintelligentes Kind, das ein akademisches Berufsziel vor Augen hat, ist in der Lage, den Gymnasialstoff zu bewältigen, ohne die gesamte Freizeit für das Lernen zu opfern, wenn Lernen und Freizeit gut organisiert sind. Allerdings ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit abstrakten, theoretischen Inhalten Voraussetzung. Lernstrategien und Lerntechniken müssen erlernt, trainiert und verfeinert werden. So wird das Lernen insgesamt zu einer freudvollen und erfolgreichen Erfahrung. Lernpartnerschaften beispielsweise sind ein wertvolles weiterführendes Instrument eines Lerncoachings.
Es gibt begnadete Lehrerinnen und Lehrer, die dies ihren Schülern altersgerecht näherzubringen vermögen. Ist dies nicht der Fall, müssen die Eltern selber unterstützen oder, falls sie dazu nicht den Background, das Wissen und die Ausbildung haben, ein Lerncoaching organisieren. Dies ist eine vorübergehende Unterstützung, die bei Bedarf wieder aktiviert werden kann, sobald sich erneut Lernprobleme zeigen. Die Jugendlichen sind heute so vielen Einflüssen und Anforderungen ausgesetzt, dass sie manchmal Unterstützung in der Schule benötigen, in persönlich kritischen Phasen, wenn ein Schul- oder Stufenwechsel bevorsteht. Wenn Eltern eine gymnasiale Bildung durchlaufen haben, ist dies ein Vorteil für die Kinder. Das heisst aber nicht, dass ein Kind, dessen Eltern eine andere schulische Laufbahn absolviert haben, nicht auch an einem Gymnasium und später an einer Universität erfolgreich studieren können. Sie brauch nur mehr und andere Unterstützung. Manchmal sind sie sogar selbständiger und geschickter im Beschaffen von Wissen und Unterstützung, gerade weil sie oft auf sich selbst angewiesen sind.
Allerdings ist es unumgänglich, vor der Wahl einer Ausbildung, sei es eine gymnasiale Ausbildung, eine Fachschule oder eine Lehre, gründliche Abklärungen zu treffen: Welcher Berufswunsch, welche Berufsfelder, welche Neigungen und Eignungen zeigt das Kind, der oder die Jugendliche? Das Wichtigste ist, sich in einen Erstberuf zu wählen, der so gefällt, dass die Ausbildung erfolgreich zu Ende geführt wird und dass man danach eine zeitlang in diesem Beruf arbeiten mag. Dieser Prozess erfordert viel Zeit, Einsatz und Aufmerksamkeit durch Eltern und Erzieher.
Lernschwierigkeiten und schlechte Noten sind nicht ein Zeichen mangelnder Intelligenz, oder ein Symptom dafür, dass das Kind in der falschen Schule ist. Sie können jeden Schüler und jede Schülerin treffen, wenn verschiedene Belastungen zusammenkommen. In meiner Praxis als Coach sehe ich sehr viele instabile oder disruptive Schulbiografien. Aber auch in solchen Fällen kann in einem Coaching noch vieles aufgearbeitet und neu ausgerichtet werden. Ein Riesenvorteil ist unser durchlässiges Schulsystem in der Schweiz.