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Epikurs Naturphilosophie dient zur Etablierung und als Fundament seiner Ethik.
Die Naturphilosophie dient dem Ziel, eine Therapie dessen zu leisten, was als Unruhe der Seele bezeichnet werden könnte. Die Abwesenheit dieser Unruhe führt dann zur erstrebten ataraxia und somit zur eudaimonia.
In dem Brief an Herodot erläutert Epikur seine Naturphilosophie. In Anlehnung an die Vorsokratiker Demokrit und Leukipp (zwischen 480-470 v. Chr.) wird behauptet, dass alles aus kleinsten Teilchen, den Atomoi bestünde, die sich im leeren Raum bewegen und zu Atomkörpern zusammenprallen. Die ganze Welt in ihrer quantitativen und qualitativen Beschaffenheit wird zurückgeführt auf die Einheiten von Teilchen. Es herrscht eine ständige Bewegung und Atomvibration, die rein wirkursächlich begründet ist. Der Mensch und seine Seele sind innerhalb dieses physikalischen, konstanten unvergänglichen Feldes ein Atomkomplex. Dies zeichnet auf der Makroebene der Körper ein völlig materialistisches Weltbild, welches kausal determiniert ist. Die Atome verfügen jedoch über eine Eigenschaft, die die Makroebene nicht hat. Sie sind unbestimmt, das heisst nicht wirkursächlich determiniert, sondern können an unbestimmten Zeiten und Orten von ihrer Bahn abweichen (parenklisis; lat.: declinatio) und sich mit anderen Atomen zusammenschlissen. So werden die Körper gebildet. Auch Lukrez bringt zwei Gründe dafür an, dass die die Atome um ein kleinstes Teil abweichen müssen. Zum einen gebe es ohne Atomabweichung die Welt nicht, da alle Atome nur wie ein Regenschauer in derselben Richtung durch das Leere fallen würden. Zum anderen erklärt Lukrez die Abweichung mit der Fähigkeit der Lebewesen sich selbst zu bewegen. Dies garantiert die postulierte Willensfreiheit, die Epikur aus drei Gründen braucht. Das Glück liegt bekanntlich in der Erreichung aller selbstgewählten Zwecke. Es musste also garantiert werden, dass der Mensch sich Zwecke selbst setzen kann und zudem nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert ist, was jede eigene Anstrengung vergeblich machen würde. Epikur wollte dem Zufall Raum lassen. Er hätte für seine Theorie jedoch noch ein tragfähigeres Fundament gebraucht, weil «Freiheit» und «Zufall» keine belegbaren Phänomene darstellen und sich ein Zirkelschluss ergibt, wenn man die Atomabweichung mit «Freiheit» und «Zufall» und diese mit jenen erklärt.
Da es sich um ein materialistisches Weltbild handelt, dass durch Reduktion, Konstruktion und Abstraktion von den sinnlichen Wahrnehmungen entstanden ist und das die Atome als kleinste unteilbare Teilchen annimmt, die bei Epikur aber noch um die rein mathematische beziehungsweise theoretisch unendlich teilbare Minima erweitert werden, das heisst Teile, die nicht vom Atom gelöst werden können, aber seine Grösse und Schwere ausmachen, und alles aus einer wirkursächlichen Determination heraus sich bewegt beziehungsweise vibriert, so gilt dies auch für die Seele, welche zerfällt, sobald der Atomkomplex sich auflöst. Durch diese Neutralisierung der Natur, das heisst sie ist nichts als materialistische Stoss und Bewegung, soll dem Menschen die Furcht vor dem Tod genommen werden, wobei in dem Brief an Menoikeus auch aufgeführt wird, dass der Glaube an eben diese Unsterblichkeit der Seele, die es durch die Physik (Naturphilosophie) aufzuheben gilt, ein Grund für die Furcht vor dem Tod sei, da man zum Beispiel Schmerzen nach dem Tod erwartet oder Angst davor hat, dass es Schreckliches im Nicht-Leben gibt. Epikur erläutert aber in seiner Kanonik, die die Methodik zur Physik bereithält, dass uns der Tod eben nichts angeht, da nicht nur die Seele mit dem Zerfall des Atomkomplex zerfällt, sondern gleichzeitig auch unsere Wahrnehmung als Teil dieser Seele.
Die Wahrnehmung (aisthesis) bildet durch Verdichtung von häufig Wahrgenommenem Begriffe. Wahrnehmung ist aber immer auch mit den unwillkürlichen Affekten (Lust/ Schmerz) verbunden. Begriffe werden demnach unwillkürlich mit den Prädikaten gut oder schlecht versehen und der Tod ist eben ein solcher Begriff, der mit einem negativen Prädikat versehen wird. Sobald wir aber verinnerlicht haben, dass mit dem Tod die Grundlage für die unwillkürliche Bewertung von Begriffen beziehungsweise überhaupt deren Bildung durch Wahrnehmung wegfällt, wird klar, dass der Tod uns nichts zu kümmern hat und unsere Sorge sich dem Bereich der Wahrnehmung, des Lebens zuwenden sollte. Ziel ist dabei das genussreiche Leben durch kluge, geordnete Lust. Die Endlichkeit wird dabei nicht negativ als Verlust bewertet, sondern in eine Fülle des Lebens umgedeutet. Daher ist auch der Tod des Freundes nicht zu beklagen, denn er hat die Fülle des Lebens gelebt.
Epikur meint auch, dass jener töricht sei, den allein der Gedanke an den kommenden Tod schmerzt. Diese Erwartung wird jedoch als Projektion entlarvt. Denn der Schmerz über einen theoretischen Verlust ist kein wirkliches Widerfahrnis, sondern im Gegenteil völlig unnötig, da es durch das Denken, durch das allein der Irrtum entsteht, aktiv hergestellt wird. Die Gedanken sind demnach als Projektion eine Handlung, mit der man sich selbst Unlust bereitet. Der epikureische Weise erklärt aber die Lust, explizit die geordnete Lust, zum Prinzip allen Handelns, das zur eudaimonia führen soll. Geordnete Lust bedeutet ein Minimieren der Anspannung und Unruhe, die durch Atomvibration entstanden ist. Gelassenheit stellt sich schon allein dadurch ein, dass wir es als materialistische Atomvibration wahrnehmen und nicht als von Göttern verhängten üblen Schicksalsschlag. Es ist vor allem wichtig, die Erregung gering zu halten, da eine Übererregung zu Krankheit, Auflösung und Tod führt. Dies gelingt durch geordnete, nicht blinde Lust. Es wird deutlich, dass es Epikur nicht um die grösstmögliche Steigerung und Vielfalt von Lustempfindungen geht. Für ihn bedeutet Lust das Freisein von Unruhe und Anspannung, alles was darüber hinausgeht ist nicht erstrebenswert. Ziel ist, dass die materiell-physiologische Beschaffenheit der Seele in eine physiologische Stabilität gebracht wird. Wird die Unruhe nicht bewältigt, dann hat die physiologische Instabilität Auswirkungen auf den ganzen Atomkomplex.
Furcht ist dabei etwas, das vor allem zu Unruhe führt. Daher soll die Physik Epikurs Naturerkenntnis diese Furcht neutralisieren. Jedoch wird deutlich, dass durch das Ziel der Herabsetzung des Erregungsquantums und eine damit zusammenhängende Verhinderung der Auflösung implizit immer noch eine gewisse affektbeladene Bedeutung in Bezug auf den Begriff Tod mit hineinspielt. Denn das lustvolle Leben ist ausgerichtet auf eine Vermeidung des Todes. Dies wäre auch ein Argument gegen das epikureische System. Nämlich, dass Unglück bzw. Unlust gerade dadurch entstehen, indem man etwas erstrebt oder vermeidet. Dieses Vermeiden und Erstreben, ist nicht nur mit Anspannung verbunden, sondern dadurch auch mit Unlust. Sie macht wahres Glück unmöglich. Zum anderen liefert das epikureische System zwar eine theoretische Erklärung, die zur Neutralisierung der Furcht dienen soll. Eine Erklärung, wie die Loslösung von den unwillkürlichen Affekten geschehen soll, liefert sie aber nicht explizit, bis auf die Lehrsätze (Katechismen), die man sich aneignen sollte, wird nicht klar, wie eine von Affekten losgelöste Haltung tatsächlich stattfinden soll, da ja auch die Lust ein Affekt ist und dieser müsste, wenn die Physik konsequent sein will, eigentlich auch bedeutungslos werden, weil er neutralisiert ist.
Quellenverzeichnis
- Hossenfelder, M. (1995). Philosophie der Antike 3 – Stoa, Epikureismus und Skepsis (2. Aufl.). München: C.H. Beck.
- Hosssenfelder, M. (2013). Antike Glückslehren – Quellen zur hellenistischen Ethik in deutscher Übersetzung. (2. Aufl.). Stuttgart: Kröner.
- Titus Lucretius Carus (1989). Vom Wesen des Weltalls. Übers. v. Dietrich Ebener. Leipzig: Reclam.
Sowie: basierend auf den mündlichen Vorträgen der «Hellenismus-Vorlesung» von Prof. Dr. Gunnar Hindrichs gehalten im HS 2017 (Universität Basel).