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Ein Silberpokal mit den eingravierten Worten «Coolest Chairman of the World». Eine Mandoline in Miniaturausgabe. Eine Schale mit Schokolade-Häppchen. Und ein Grossporträt von Klaus J. Jacobs im Silberrahmen. Die vier Gegenstände im herrschaftlichen Büro von Andreas Jacobs in der Villa am Zürichsee symbolisieren die Kräfte, die das Leben des 47-Jährigen prägen: Seine Funktion als Präsident der Jacobs Holding. Das Musische. Die Schokolade. Und das Vermächtnis eines starken Vaters.
Andreas Jacobs ist Spross einer Familie mit 500-jährigem Stammbaum, die zu den wohlhabendsten Deutschlands zählt. Er wuchs wohlbehütet in Bremen auf. In jungen Jahren zahlte ihm sein Vater das Erbe vorzeitig aus - mehrere Hundert Millionen Franken. Doch in jüngster Zeit wird er in ein dunkles Kapitel seines Erbes hineingezogen. In den Medien häufen sich massive Vorwürfe von Nichtregierungsorganisationen gegen die globalen Schokoladeproduzenten. Und damit auch gegen Barry Callebaut. Bei der Ernte der Kakaobohnen in Westafrika würden Kindersklaven eingesetzt. Kinder müssten ungeschützt mit Pestiziden arbeiten, schwere Lasten tragen und seien psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt.
Patron Klaus J. Jacobs hat seinen zweitgeborenen Sohn 2003 zu seinem unternehmerischen Nachfolger auserkoren. Der Junior trat in übergrosse Fussstapfen. Denn der Vater hatte die Jacobs Holding gross gemacht und wurde so zur Legende. Nun kontrolliert Sohn Andreas ein globales Milliardenimperium, das Schokolade produziert (Barry Callebaut), Arbeitskräfte vermittelt (Adecco), Fernsehrechte für Sportveranstaltungen vermittelt (Infront) und nebenher noch eine Vielzahl kleinerer Unternehmen besitzt (siehe Grafik).
Ungenügende Bemühungen
Und nun belastet den Lenker des grössten Schokoladenkonzerns der Welt dieses Erbe. Eine Studie der Universität Tulane in New Orleans sagt, dass die Bemühungen der Schokoladenindustrie zur Eindämmung der Kinderarbeit auf Kakaofarmen bei weitem nicht genügten. Die Drittweltorganisation «Erklärung von Bern» ergänzt: Die 600 von der Uni befragten Kinder, die auf westafrikanischen Kakaoplantagen arbeiten, seien schlimmen Formen von Kinderarbeit ausgesetzt. Barry Callebaut kauft einen grossen Teil der Kakaoernte der Elfenbeinküste.
Andreas Jacobs ist sich der desolaten Zustände bewusst. Er sieht die Studie als konstruktive, fundierte wissenschaftliche Arbeit. «Afrika und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kakaobauern habe ich mir ganz oben auf die Fahne geschrieben. Das ist eine Riesenverpflichtung, aber auch eine Riesenchance.»
Der mehrfache Vater tritt bescheiden auf. Ein typischer Hanseat, herzlich und zurückhaltend zugleich, ironisch, aber nicht zynisch. Wie will er in Afrika für mehr Gerechtigkeit sorgen? Bauern sollen einen fairen Anteil verdienen, findet Jacobs. Entwicklungsorganisationen verlangen, dass die Schokoladenmultis Mindestpreise für Kakaobohnen zahlen. Eine politische Lösung, findet Jacobs. Er sucht einen leistungsorientierten Weg. Barry Callebaut habe seit Jahren Programme am Laufen: Bauern und Kooperativen würden ausgebildet, damit sie mehr aus ihren Pflanzen herausholen, bessere Qualität produzieren. So lernen sie etwa Bäume schneiden, Pilze bekämpfen. Kinder würden zur Schule geschickt, damit sie lesen, schreiben und rechnen lernen. Beides bringt höhere Erträge.
Dafür erhalten die Bauern von Barry Callebaut und von der Jacobs Stiftung nicht Geldgeschenke, sondern zinslose Darlehen als Vorfinanzierung und Prämien für bessere Bohnenqualität. «Das ist langfristig nachhaltiges wirtschaftliches Handeln. Davon profitieren die Bauern, die Kinder, aber auch Barry Callebaut.» Das klingt nach einem überzeugenden Programm. Aber laut der Erklärung von Bern werden nur drei Prozent der Farmer in Westafrika von derartigen Programmen erreicht. Jacobs kontert: «Die Wertschöpfungskette von etwa einer Million Kleinbauern allein in der Elfenbeinküste lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag umstellen.»
Dass er den Präsidentenstuhl vom Vater einfach geerbt hat, lässt Jacobs nicht gelten. «Einspruch! Ich bin meinen eigenen Weg gegangen und habe meine Ausbildung selber finanziert.» Allerdings habe ihm sein Opa das Geld vorgeschossen, wie er anfügt. Erst als er 40 Jahre alt war, hat ihn sein Vater zu seiner Überraschung als Nachfolger in der Holding vorgeschlagen.
Das Verhältnis zu seinem Vater war nicht immer einfach. Im Alter zwischen 16 und 24 Jahren hat er ihn kaum gesehen. «Ich fand das nicht seltsam, ich war mir nichts anderes gewohnt.» Als er zwölf war, haben sich seine Eltern getrennt. Er und sein älterer Bruder blieben bei der Mutter in Bremen und wuchsen im Elternhaus der Mutter auf. Sie stammt aus einer Schifffahrts-, er aus einer Kaffeehändlerfamilie.
Anfangs sah bei Andreas Jacobs alles nach einer Musikerkarriere aus. Der Grossvater gab den Anstoss dazu. Er wünschte, dass sein Enkel mit dem Horn an den Jagdpartien zum Hallali bläst. Aus dem Hornspiel wurde eine Passion. Später kam das Cello dazu. «Im Orchestergraben zu spielen wurde mir bald zu eintönig. Das Klima ist dort intellektuell nicht sehr anregend. Man trinkt Bier, um sich über die Langeweile hinwegzutrösten. Und ich merkte bald, dass ich nicht die Begabung zum Dirigenten besass.» Er entschloss sich, Jura zu studieren - möglichst weit weg von Bremen.
Bloss weit weg von Bremen
Erst nach dem Studium kam er seinem Vater wieder näher. Andreas Jacobs wollte in die Wirtschaft, ins Beratungsgeschäft. Sein Vater riet ihm zu McKinsey, der Junior ging zu Boston Consulting. Sein Vater riet ihm, in Stanford zu studieren, er ging nach Fontainebleau. «Ich wollte immer meinen eigenen Weg gehen.»
Heute lebt Jacobs mit seiner Familie in Hamburg. Grund dafür ist sein Grossvater. Dieser wählte ihn von allen 16 Enkeln zum Erbe seines Gestüts aus. Jetzt züchtet der Enkel auf dem 150 Hektaren grossen Bauerngut zwischen Hamburg und Bremen jedes Jahr mit 70 Mutterstuten 40 Rennpferde.
Seine Frau kümmert sich vor allem um die Erziehung der drei Söhne und der Tochter. Papa versucht, die Wochenenden mit den Kindern zu verbringen - wenn möglich auf dem Reitgut. «Ich möchte mit ihnen noch viele schöne Dinge erleben und schöne Pferde sehen. Dafür muss ich mir mit der Zeit mehr Zeit nehmen.»
Doch Zeit ist knapp. «Er hat ein immenses Pensum, ist ständig unterwegs, er sollte etwas kürzertreten», meint seine Assistentin. «Das Thema Afrika ist meine Leidenschaft», betont Jacobs. «Wenn ich einmal aufhöre, möchte ich, dass wir massiv weitergekommen sind. Das ist mir wichtiger als die nächste Dividende.»