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Dr. Pop, warum gibt es Fadeouts?
Weshalb werden so viele Songs am Ende einfach ausgeblendet? Fehlen die Ideen für einen Schluss? Und wer hat das Fadeout eigentlich zu verantworten?
Wir schreiben den 7. November 1920. In London wird das Orchesterstück „Die Planeten“ von Gustav Holst uraufgeführt. Der sechsstimmige Frauenchor ist in einem Nebenraum platziert, der durch eine Tür mit der Bühne verbunden ist. Am Ende des letzten Satzes schliesst sich diese langsam, die Stimmen werden leiser und verstummen schliesslich ganz.
Dieses Beispiel lehrt uns, dass ein Fadeout durchaus künstlerisch motiviert sein kann. Natürlich hätte der Chor am Ende auch einfach immer leiser werden können, doch indem Holst die Stimmen allmählich in die Stille entlässt, erreicht er mehr als mit einem blossen Diminuendo. Imogen Holst, die Tochter des Komponisten, erinnert sich an den damals neuartigen Effekt: „The ending was unforgettable, with its hidden chorus of women’s voices growing fainter and fainter until the imagination knew no difference between sound and silence.”
In der Popmusik hingegen, die sich übrigens nicht nur was das Fadeout betrifft bei Gustav Holst bedient hat – von Frank Zappa über King Crimson bis hin zu Iron Maiden liessen sich verschiedenste Musiker von „Die Planeten“ inspirieren – wirken ausgeblendete Schlüsse oftmals ziemlich unmotiviert. Ob aus Faulheit oder aus Mangel an einer zündenden Idee, viele Songwriter drücken sich mit Hilfe des Fadeout um einen ausformulierten Schluss herum. Gelungene Refrains gibt es wie Sand am Meer, doch geniale Pointen sind rar gesät.
Bei manch grossem Song fragt man sich, ob der Künstler mit einem solch halbherzigen Schluss glücklich ist oder ob das Fadeout lediglich ein Zugeständnis an das Popsongformat ist, das dem Musiker vom Produzenten aufgezwungen wurde. Warum wird „Little Wing“ ausgerechnet dann ausgeblendet, als Jimi Hendrix zum Solo ansetzt? Und warum rast Bruce Springsteen in „Thunder Road“ nicht einfach über eine Klippe und beendet das Stück mit einem grossen Knall, statt sich den Song mit einem gefadeten Saxophonsolo zu ruinieren?
Wie auf jedem Gebiet gibt es auch beim Fadeout ausgewiesene Spezialisten. So kann man beispielsweise den Dire Straits vieles vorwerfen, aber sicher nicht, dass sie das Ende von „Romeo & Juliet“ ausgeblendet haben. Meisterhaft, wie dieses Stück in der letzten Minute die Lichter dimmt und das Paar behutsam in die Liebesnacht entlässt. The Smiths haben mit ihren seltsamen Ein- und Ausblendetechniken schon manchen DJ in Verlegenheit gebracht. Und die Beach Boys haben in ihrer Karriere vermutlich keinen einzigen Schluss geschrieben.
Obwohl jeder Song spätestens in der Live-Umsetzung zu einem definitiven Ende kommen muss, enden im Studio viele Stücke in einem faulen Kompromiss, der den Hörer ernüchtert zurücklässt. Handkerum sind wir jedoch alle erleichtert, wenn „Hey Jude“ nach dem endlosen Naaaa-naa-naa-na-na-na-naaaaaaa dann doch endlich ein Ende findet. Auch der neunminütige Extended-Mix von „Gimme Shelter“ ist ein schlagendes Argument für die Fadeout-Technik, die den Rolling Stones in der Albumversion schon nach fünf Minuten den Hahn zudreht.
Irgendwann hat jeder Song alles gesagt, was er zu sagen hat. Deshalb ist es oftmals die Aufgabe des Produzenten, die Musiker mit dem Mischpult zur Vernunft zu bringen, sobald sich diese in einer Sackgasse festgefahren haben. Am Ende eines Alternative-Take von „These Boots Are Made For Walking“ hört man Lee Hazlewood sagen: „And this is the part of the record where the engineer Eddie Brackett said, if we don’t fade this thing out, we’re all gonna be arrested.“
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