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Der Ursache für den plötzlichen Kindstod einen Riesenschritt näher
Dank verbesserter Elternschulung ist die Anzahl der Kinder, die in der Schweiz am plötzlichen Kindstod (SIDS) sterben, stark rückläufig. Dennoch tritt der schicksalhafte Tod im Schlaf nach wie vor immer wieder auf – ohne dass Trigger bekannt wären. Eine neue Forschungsarbeit deutet nun darauf hin, dass das SIDS nicht nur auf äussere Ursachen zurückzuführen ist. Sondern, dass im Gehirn von Säuglingen ein Enzyms schlecht arbeitet, das eigentlich das Aufwachen gewährleisten soll.
Insgesamt sieben Kinder starben im letzten Erhebungsjahr 2019 in der Schweiz am plötzlichen Kindstod (Sudden infant death syndrome, SIDS). Im Jahr 1999, 20 Jahre davor, waren es noch 35 Kinder. Dennoch machte das SIDS auch 2019 noch 30 Prozent aller ungeklärten Todesursachen bei Säuglingen aus (1).
Obwohl bereits diverse begünstigende äussere Faktoren (z.B. Rauchen, Bauchlage) für das SIDS bekannt sind, wusste man bis jetzt nicht sicher, ob Babys, die am SIDS sterben, auch eine körperliche Neigung für den plötzlichen Säuglingstod haben. Anfang Mai 2022 wurde im zur Lancet-Gruppe gehörigen Open-Access-Journal EBioMedicine eine Arbeit veröffentlicht, die dem einen Schritt nähergekommen sein könnte (2).
Haben Babys, die am SIDS sterben, eine autonome Dysfunktion?
Beim plötzlichen Kindstod (Sudden infant death syndrome, SIDS) handelt es sich um unerklärliche Todesfälle bei Babys im Alter von unter einem Jahr. Üblicherweise sterben die Kinder dabei im Schlaf. Bereits in den letzten Jahren mutmasste die Forschungsgemeinschaft, dass eine autonome Dysfunktion hinter dem SIDS stecken könnte – bislang allerdings ohne Beweise. Dabei wurde ein Defekt im cholinergen System vermutet, das für das Aufwachen und die Atmung zuständig ist. Nach dieser Theorie würden gesunde schlafende Babys, die zu atmen aufhören, automatisch aufwachen. Bei Säuglingen, die am SIDS sterben, würde genau das nicht funktionieren.
Die australische Forschergruppe fügte jetzt einen wesentlichen Puzzlestein zum Beweis dieser Theorie hinzu. Dazu zog das Team Fersenblut-Proben heran, die im Zuge des australischen Neugeborenenscreenings routinemässig zwei bis drei Tage nach der Geburt entnommen werden. Dabei verglichen die Forscher Proben von 26 Babys, die am SIDS verstorben waren, mit Proben von 655 in Alters-und Geschlechtsverteilung ähnlichen gesunden Kindern. Ausserdem untersuchten sie 41 weitere Proben von Babys, die an anderen Ursachen als dem SIDS ungeklärt verstorben waren.
Bei Babys mit SIDS ist ein „Aufwach-Enzym“ weniger aktiv
Es zeigte sich, dass die Aktivität des Enzyms Pseudocholinesterase (Butyrylcholinesterase, BChE) bei Babys, die später am SIDS verstarben, bereits in den ersten Lebenstagen wesentlich geringer war als bei gesunden Babys. So zeigten gesunde Babys in den ersten Lebenstagen durchschnittliche Blutspiegel der BChE von 8,2 Units (1,7-23,3) pro mg (U/mg) Gesamtprotein, während an SIDS verstorbene Kinder durchschnittlliche BChE-Aktivitäten von 5,2 U/mg (2,9-10,8) aufwiesen. Kinder, die an einer Nicht-SIDS-Ursache unerklärbar verstorben waren, hatten ähnliche Werte wie gesunde Babys.
Das Enzym BChE ist nach heutigem Wissen an der gezielten Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin beteiligt. Dabei soll es eine wesentliche Rolle beim Aufwachprozess spielen – was erklären würde, warum SIDS hauptsächlich im Schlaf auftritt. Es ist bereits bekannt, dass manche Menschen eine geringere Aktivität des Enzyms haben. Bei ihnen ist die Anwendung einiger Anästhetika und Muskelrelaxanzien problematisch, da sie zu verlängerter Apnoe führt.
Eltern können nichts dafür
Zur Vermeidung des SIDS wird Eltern empfohlen, ihre Babys nur auf dem Rücken ins Bett zu legen, für eine kühle Schlafumgebung zu sorgen, und Bettdecken, Kuscheltiere oder andere weiche Gegenstände aus dem Kinderbett zu verbannen, die Kindern ins Gesicht geraten können. Auch Tabakrauch hat in einem Zimmer, in dem ein Kind schläft, nichts verloren.
Während diese Massnahmen aber den plötzlichen Kindstod ja tatsächlich reduzieren konnten, tritt SIDS nach wie vor immer wieder auf. Auch das Kind der Forschungsleiterin Dr. Carmel Harrington verstarb vor 29 Jahren tragisch am SIDS. «Niemand konnte mir sagen, warum mein Kind gestorben ist. Alle taten es als Tragödie ab. Aber dass es sich dabei lediglich um eine nicht vermeidbare Tragödie handelt, passte nicht zu meinem naturwissenschaftlichen Weltbild.» Vom Zeitpunkt des Todes ihres Sohnes an wendete Harrington ihre gesamte Forscherkarriere dafür auf, herauszufinden, was beim SIDS in den Babys passiert.
An den vorliegenden Forschungsergebnissen ist ihr besonders wichtig, dass sie zeigen, dass Familien, in denen SIDS auftritt, keine Schuldgefühle haben müssen: «Diese Familien können nun im Wissen, dass es nicht ihre Schuld ist, weiterleben», sagt Dr. Harris.
Gibt es bald ein SIDS-Screening?
Nun hofft sie, dass ihre Forschungsergebnisse die Basis für eine Früherkennung von SIDS-gefährdeten Babys dienen können: Idealerweise lässt sich dann im Zuge des Neugeborenen-Screenings bereits erkennen, welche Kinder für das SIDS gefährdet sind. Nach dem heutigen Wissensstand ist eine multifaktorielle Ursache für das SIDS am wahrscheinlichsten. Demnach tritt das SIDS vor allem bei vulnerablen Säuglingen im ersten Lebensjahr auf, wenn äussere Stressfaktoren vorliegen. Im Idealfall liessen sich diese dann vermeiden.
Referenzen
- Bundesamt für Gesundheit (BAG) Anzahl Todesfälle nach Todesursachen bei Säuglingen in der Schweiz, nach Geschlecht.21.12.2021 (abgerufen am 16.5.2022)
- Harrington CT et al. Butyrylcholinesterase is a potential biomarker for Sudden Infant Death Syndrome. EBioMedicine. 2022 May 6;80:104041. doi: 10.1016/j.ebiom.2022.104041.