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Paul Parin ist tot. Was er lebendig verkörperte, wird nun zu unserer Erinnerung.
Als er 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, geboren wurde, existierte noch die Habsburgermonarchie, und etwas von jener alten Welt lebte auch in ihm weiter. Plötzlich konnten, wie Bruchstücke eines gesunkenen Schiffs, Erzählungen auftauchen, und Parin sprach von Jagden, Gewehren, Hasen und Rebhühnern, als ob er ein Gutsherr und nicht der Psychoanalytiker wäre, als den ich ihn kannte. Ich verstand das lange nicht, bis mir schliesslich sein Buch «Die Leidenschaft des Jägers» die Augen öffnete und ich einen Blick auf die andere Seite seines Mondes werfen konnte: auf seine Jagdlust, die eigentlich Mordlust ist, und die wir weder in uns selber noch bei denen, die wir gern haben, sehen wollen.
Wer «Paul» sagte, sagte bald auch «Goldy» und umgekehrt. Eine atmosphärische Mischung von Paris und Wien breitete sich wie der Rauch der unzähligen Gauloises aus, wenn Paul und seine Frau Goldy auftraten und er von den unendlichen Geschichten der Macht und ihrer Spiele erzählte. Ein weites Netz verband Paul und Goldy mit der weiten Welt, lange bevor das Wort Globalisierung Mode wurde. Es war die Rede von der Kunst und der Revolution, von Geschichte und Politik, von Romanen und Theorien – das alles versammelte sich in dem, was sie unter Psychoanalyse verstanden.
Wenn sie, Paul und Goldy - und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam noch Fritz Morgenthaler hinzu –, von der Psychoanalyse sprachen, dann spürte man wieder die Begeisterung, die einst von der freudschen Bewegung ausgegangen war. Psychoanalyse, wie sie sie verstanden, war nichts Klinisches, Reines, akademisch Abgehobenes, sondern ein Denken, um die Welt besser zu verstehen und zu verändern. Ich glaube, dass sowohl für Paul Parin wie für Fritz Morgenthaler die Identität des Arztes eine wesentliche Rolle spielte. Zwar schrieben Paul und Goldy gegen den Medicozentrismus der Psychoanalyse an, kritisierten seine Heilungsvorstellungen und verurteilten seine gesellschaftspolitische Blindheit, aber ihr Blick auf das Leiden der Menschen war auch ein ärztlicher Blick: ohne Mitleid, aber mitfühlend. Mit dem psychoanalytischen Instrumentarium veränderten und erweiterten sie das wissenschaftliche Verständnis fremder Kulturen.
Aus ihren Afrikareisen, die sie seit 1954 immer wieder unternahmen, resultierten ihre wissenschaftlichen Hauptwerke: «Die Weissen denken zuviel. Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Westafrika» (1963) und «Fürchte deinen Nächsten, wie dich selbst. Psychoanalyse und Gesellschaft am Modell der Agni in Westafrika» (1971). Darin entwickelten sie ein Forschungsmodell, das neue Perspektiven eröffnete. Es wurde möglich, die Wechselwirkungen zwischen Innenwelt und Aussenwelt der Individuen zu untersuchen. Das Entscheidende an den bei den Dogon und Agni geführten Gesprächen war ihre psychoanalytische Ziellosigkeit, die dem traditionellen wissenschaftlichen Vorgehen ein grosses Ärgernis ist. In diesen Gesprächen kann Unvorhergesehenes zur Sprache kommen, und im Netz der Forschung bleiben Objekte und Fragen zurück, von denen man zuvor nichts ahnen konnte. Auf jeden Fall erwiesen sich die ethnopsychoanalytischen Gespräche als ein grossartiges Instrumentarium und als eine unerschöpfliche Quelle für das Verständnis des Menschen in seiner Kultur.
Paul Parin war Wissenschaftler, engagierte sich in den schweizerischen und internationalen psychoanalytischen Organisationen, wurde Ehrendoktor der Universität Klagenfurt, erhielt den Sigmund-Freud-Preis der Stadt Wien – aber er verkörperte nicht den akademischen Typ des Wissenschaftlers, sondern den des politisch engagierten Intellektuellen. 1968 und 1980/81 nahm er entschieden Stellung für die Jugendbewegung; ein Literaturpreis, den ihm die zuständige Kommission 1981 zuerkannt hatte, wurde ihm deshalb von Regierungsrat Alfred Gilgen verweigert; und in vielen Schriften untersuchte er die Mechanismen der Macht. Zusammen mit einer Gruppe anderer Psychoanalytiker nahm er die Zürcher Tradition der Psychoanalyse wieder auf und erneuerte sie. Dabei legte er keinen Wert darauf, eine neue Schule mit folgsamen neuen SchülerInnen zu gründen. Allmählich zog er sich aus der Psychoanalyse zurück und wandte sich immer mehr dem Schriftstellerischen zu.
Als seine Frau Goldy 1997 starb, dachten viele, dass auch sein Leben bald zu Ende gehen würde. Und wieder wurde eine neue Seite von ihm sichtbar: ein starker Lebenswille, gepaart mit stiller Lebensfreude. Voller Interesse nahm er Teil am Leben der vielen Menschen, die ihn besuchten und die er miteinander zu verbinden wusste. Charakteristisch war der Artikel über die Pharmagreise, in welchem er mit subversiver Lust eine Art Drogencocktail vorschlug, um im Alter die alte Vitalität weiterhin zu geniessen.
2005 erblindete Paul Parin. Für jemanden, der so stark auf Zeitungen und Bücher ausgerichtet war, schien das ein schrecklicher Schlag zu sein. Aber auch da setzte sich sein Lebenswille durch: Er widmete sich den Hörbüchern und hörte sich all das an, was er früher nicht oder kaum gelesen hatte: die Klassiker. Seine Neugier war unerschöpflich. Es war diese Lebendigkeit und Neugierde, die ihm ein schönes Greisenalter beschieden. Frauen und Männer, die zu Freunden geworden waren, taten sich zusammen und organisierten ihm seinen Alltag. Es hatte etwas sehr Berührendes: Paul und Goldy wollten keine Familie haben; aber am Schluss boten die Freunde mehr, als Familien sonst bieten: Nicht aus Verpflichtung, sondern aus Liebe und Sympathie wandten sie sich ihm zu.
Mario Erdheim ist Psychoanalytiker in Zürich.