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Wir sind unterwegs vom Grand Canyon nach San Diego, wo wir vor 46 Jahren gelebt haben, und betreten Kalifornien quasi durch die Hintertür. Uns treibt das Heimweh nach den gebirgigen Wüsten, den einsamen Schluchten und den Orten, wo sich einst Siedler niedergelassen hatten, weil es dort Wasser gibt. Kurz nach Ehrenberg überqueren wir auf der Interstate 10 den Colorado River, den wir noch am Tag zuvor aus tausend Metern Höhe durch seine tief eingegrabene Schlucht haben fliessen sehen. Er bildet hier die Grenze zwischen Arizona und Kalifornien.
Geboren 1905, heute am Sterben: Salton Sea
Hundert Kilometer später nehmen wir die kleine Strasse südwärts durch den Box Canyon. Die gelbbraunen Felsen sind zerklüftet und zeigen die Spuren grosser tektonischer Kräfte. Kein Wunder, gleich wird der Canyon ins breite Coachella Valley münden. Hier verläuft der südliche Ast der San Andreas Verwerfung, wo sich die pazifische und die nordamerikanische Platte gegeneinander verschieben und dabei immer wieder starke Erdbeben auslösen.
Auf einem Strassenschild steht Mecca. Erinnerungen tauchen auf an einen der seltsamsten Seen unserer Erde: Salton Sea, geboren 1905, gestorben noch nicht, aber auf dem Weg dazu. Mit seiner aktuellen Grösse von rund 900 Quadratkilometern (fast doppelt so gross wie der Bodensee) ist er flächenmässig der grösste See Kaliforniens, aber vom Volumen her eher ein Winzling. Seine maximale Tiefe beträgt lediglich 13 Meter. Laut Prognosen der Hydrologen soll er in den kommenden Jahren durch Verdunstung 60 Prozent seiner Fläche verlieren. Als Folge davon steigen im Wasser der Salzgehalt und die Konzentration von giftigen Substanzen aus der Landwirtschaft.
Doch der See war schon anfangs der 1970er Jahre ein Patient, als wir ihn von San Diego aus besuchten. Seine Salinität hatte diejenige des Meeres bereits überschritten, was zu einem Massensterben von Fischen und anderen Lebewesen geführt hatte, welche sich im einstigen Süsswasser wohlgefühlt hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren rund um den See mondäne Feriensiedlungen entstanden: Bombay Beach, Salton City, Desert Beach und andere. Man konnte im See schwimmen, fuhr Wasserski oder ging auf Fischfang. Zwanzig Jahre später hatte sich die Wasseroberfläche gesenkt; Anlegestellen standen nun im Trockenen, und das Wasser begann zu stinken. Doch viele Leute behielten damals noch ihre Häuser und hofften auf bessere Zeiten. Sie kamen nicht.
Das Strassenschild weist nach Desert Beach. Wir fahren auf der einstigen Hauptstrasse zum See. Anfangs gibt es noch ein paar wenige bewohnte Bungalows, doch je näher wir dem Wasser und seinem Gestank kommen, desto gespenstiger wird es. Verlassene Häuser, verrostende Autos und Caravans, Dreck überall. Eine Ghosttown der besonderen Art. Weil die Leute ihre Häuser nicht verkaufen konnten, haben sie diese einfach zurückgelassen, oft auch die Möbel, die Autos und Boote.
Wie ist das alles gekommen? Wieso entstand hier vor 115 Jahren ein See? Und wieso stirbt er wieder? – Die Antwort hat mit Geologie, Tektonik und mit der Marktwirtschaft zu tun.
Der Rhein auf der Suche nach seinem Weg
Beginnen wir fürs Erste in der Schweiz, im Sarganserland zum Beispiel, wo der Alpenrhein am Ende der letzten Eiszeit gleichsam vor der Entscheidung stand, welchem der beiden ehemaligen Eisströme, demjenigen zum heutigen Bodensee oder demjenigen durch den Walen- und Zürichsee, er künftig folgen sollte. Vielleicht hatte der Rhein während einer gewissen Zeit sogar beide Varianten ausprobiert, doch dann kam dem Unschlüssigen die kleine Seez zu Hilfe. Beim heutigen Mels mündet der Bergbach aus dem Weisstannental ins ehemalige Gletschertal, wo er im Laufe der Zeit mit seinen Aufschüttungen dem grossen Bruder Rhein den Weg zum Walensee abschnitt. Dieser wandte sich in der Folge definitiv dem Bodensee zu und überliess der Seez das grosse Tal nach Walenstadt ganz allein.
In jungen Gebirgen bestimmt primär die Tektonik, d. h. die Verformung und Faltung der Erdkruste, den Lauf der Gewässer. Man muss nur eine topografische Karte der Schweiz zur Hand nehmen: Das Wallis, das Engadin, die Leventina und – wie erwähnt – Walensee und St. Galler Rheintal sind gute Anschauungsbeispiele. Doch die Ablagerungen der Flüsse können, wie das Beispiel von Rhein und Seez zeigt, nachträglich durchaus einen Einfluss darauf haben, welcher tektonischen Struktur ein Fluss tatsächlich folgt.
Zurück in den Westen von Nordamerika, zur San Andreas Verwerfung, welche sich von ihrem südlichen Ende in Mexiko nordwärts durch das kalifornische Imperial Valley und schliesslich der Pazifikküste entlang bis nach San Francisco und weiter zieht. Da im Süden der Grabenbruch weit unter das Meeresniveau reicht, wurde er vom Pazifik geflutet und bildet den Golf von Kalifornien. Tatsächlich reichte der Golf einst weit ins heutige Kalifornien hinein, bis nach Indio.
Doch wie im St. Gallerland mit der Seez gab es auch hier einen Störefried, den Colorado River. Er mündete ursprünglich beim heutigen Yuma in den Golf von Kalifornien. In seinem Kampf gegen die tektonische Anhebung des Colorado Plateau bildete er den Grand Canyon und transportierte im Laufe von Jahrmillionen eine riesige Menge von Erosionsmaterial in den Golf, bis schliesslich der Erosionskegel den hintersten Teil des Golfs vom Meer vollständig abtrennte. Wegen den kleinen Niederschlagsmengen trocknete das alte Bett des Golfs aus; es entstand die Salton Senke, deren tiefste Stelle heute 85 Meter unter Meeresniveau liegt, nur ein Meter weniger als die tiefste Stelle im weiter nördlich liegenden Death Valley.
A propos Sarganserland: Wäre es dort ebenso trocken wie im Süden Kaliforniens und gäbe es auch die Linth nicht, wäre der Walensee heute ebenfalls eine trockene Senke, allerdings mit sehr steilen Flanken. Heute läge ihre tiefste Stelle zwar nicht unter dem Meeresspiegel, sondern bei 268 m über Meer. Doch auf der Alpensüdseite gibt es durchaus Gräben, die unter das heutige Meeresniveau reichen. Die tiefste Stelle im Lago Maggiore liegt 179 Meter unter dem Meeresspiegel.
Ein See als Folge eines Betriebsunfalls
Zurück nach Kalifornien: Aus geologischen Untersuchungen und der Überlieferung der dort lebenden indigenen Einwohner wissen wir, dass sich früher während niederschlagsreicheren Perioden in der Salton Senke jeweils für begrenzte Perioden ein Süsswassersee gebildet hatte, letztmals zwischen 1600 und 1700. Seen, die kommen und gehen!
Und dann, im 19. Jahrhundert, besiedelte der Weisse auf seinem Vormarsch nach Westen Kalifornien, suchte zuerst Gold und später bebaubares Land. In der Salton Senke fand er ideale Bedingungen für die Landwirtschaft. Und auch das Wasser war nicht weit, man musste es lediglich aus dem Colorado River in den einstigen hintersten Teil des Golfs von Mexiko umleiten. Für den Homo faber war das ein Kinderspiel, zumal die Senke, welche heute Imperial Valley genannt wird, unter dem Meeresniveau und damit tiefer als der Colorado liegt und so das Wasser auch ohne den Einsatz von Pumpen seinen Weg findet.
Im Jahre 1900 begann man mit dem Bau eines etwa 20 Kilometer langen Bewässerungskanals vom Colorado River in das meist trockene Bett des Alamo Rivers. Im Jahre 1905 ging beim Versuch, die Versandung des Kanals zu stoppen, die Sache schief. Als Folge eines Dammbruches ergoss sich praktisch die gesamte Wassermenge des Colorado in die Salton Senke. Bis nach zwei Jahren das Leck endlich gestopft werden konnte, hatte sich dort ein riesiger See gebildet und die Siedlungen und eine Bahnlinie überflutet. Der See war in den ersten Jahren etwa 1’300 Quadratkilometer gross. Später pendelte sich sein Niveau auf einem tieferen Wert ein.
Ein neuer See war geboren! Nach dem Homo faber trat nun der Homo oeconomicus in Aktion. Um den See wurden neue Siedlungen und Wassersportzentren gebaut. Tausende kauften Land, bauten Häuser, einige nur für die Ferien, andere um dort ganzjährig zu leben. Nicht bedacht hatte man allerdings, dass die intensive Landwirtschaft im Laufe der Zeit enorme Mengen an Nährstoffen und Pestizidrückstände in den See schwemmen und sich als Folge davon die Wasserqualität verschlechtern würde.
Es bleiben: Gestank und Zivilisationsmüll
Das Unheil nahm ab den 1970er Jahren seinen Lauf. Der See versalzte, das Wasser wurde giftig, begann zu stinken, und die meisten Fische verendeten elendiglich. Zwar gibt es Pläne, den See zu retten, aber das Geld fehlte. Unterdessen verrotten die einstigen Feriensiedlungen. Der See gerät mehr und mehr in Vergessenheit, nur „Siedlungsarchäologen“ interessieren sich noch für den zurückgelassenen Zivilisationsmüll (1).
Seen kommen und gehen. Die meisten südkalifornischen Seen sind allerdings am Gehen, nicht am Kommen. Dem einst fast 300 Quadratkilomter grossen Owens Lake im gleichnamigen Tal hinter der Sierra Nevada wurde bereits anfangs des 20. Jahrhunderts das Wasser entzogen, als man das erste grosse Aquädukt für die Wasserversorgung von Los Angeles baute. Er trocknete vollständig aus; man hat ihn aufgegeben – wie andere Seen im gleichenTal.
Ein Umdenken gegenüber dem grossen Seesterben fand erst statt, als es dem weiter nördlich liegenden Mono Lake an den Kragen ging. Eine wissenschaftliche Studie hatte mich erstmals in den 1970er Jahren an den See geführt. Er ist alkalisch (laugisch), sein pH-Wert beträgt ungefähr 10. Der Mono Lake ist bezüglich seiner sehr speziellen Chemie gewissermassen der kleine Bruder des Vansees in der östlichen Türkei und wegen seinen Kalktürmen (tufa towers) berühmt. Diese waren durch unterirdische Quellwasseraustritte zu einer Zeit entstanden, als der Seespiegel noch höher gelegen hatte.
Vogelschutz kontra Wassergier
Auch das hydrologische Einzugsgebiet des Mono Lake wurde in den 1960er und 1970er Jahren Opfer der unersättlichen Wassergier von Los Angeles. Es gab einen besonderen Grund, wieso sich in diesem Fall ein heftiger Widerstand gegen die Umleitung des Wassers regte: Die kalifornische Möve. Sie hat auf der im See liegenden Negit Insel einen ihrer wichtigsten Brutplätze. Als Folge der Absenkung des Wasserspiegels konnten nun die Kojoten auf einer Landbrücke zur Insel gelangen, wo die Eier und Jungtiere zur einfachen Beute wurden.
Dank der Proteste der Vogelschützer ist unterdessen die Wasserentnahme reduziert worden, aber der See erholt sich nur langsam. Der Wasserspiegel liegt immer noch so tief, dass die Insel durch einen Elektrozaun vor den Kojoten geschützt werden muss. Ein Tropfen auf den heissen Stein, muss man sagen, aber immerhin ein Tropfen, der Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.
Das ändert nichts daran, dass vielerorts auf der Erde das Wasser zur knappen Ressource geworden ist. Als Folge davon entstehen zwar laufend künstliche Seen. Kurz: Künstliche Seen kommen, natürliche Seen gehen. (2)
(1) Auf Youtube findet man mehrere Filme über die verlassenen Orte, zum Beispiel https://www.youtube.com/watch?v=vIfqpXChNoQ
(2) Zum Beispiel: Fred Pearce: Wenn die Flüsse versiegen. Verlag Antje Kunstmann, 2007.