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Im Westen der im Vertrag von Verdun 843 gezogenen Reichsgrenze entstand gegen 900 ein franz. Lehensherzogtum, für dessen Gebiet im 11. Jh. der Name ducatus Burgundiae (erstmals 1075) verwendet wurde. 956-1361 war das Herzogtum B. (mit wenigen Unterbrüchen) in der Hand von zwei Seitenlinien der Kapetinger. Im 12. Jh. erfolgte die territoriale Konsolidierung um einen Kern, der die Burgen von Dijon, Beaune, Autun, Avallon, Semur und Châtillon-sur-Seine umfasste. Mit dem Ende der direkten kapeting. Erbfolge (1361) suchte der franz. Kg. Johann II. das Herzogtum B. der Krondomäne einzugliedern, übertrug es aber dann auf Druck der burgund. Stände seinem vierten Sohn, Philipp. Mit diesem begann die Reihe der "grossen Hzg. von B." aus dem Hause Valois: 1363-1404 Philipp der Kühne, 1404-19 Johann ohne Furcht, 1419-67 Philipp der Gute, 1467-77 Karl der Kühne. Ausgehend von der Heirat Philipps des Kühnen mit der Erbtochter Margarete von Flandern (1369) setzte eine umfangreiche Territorialentwicklung ein, die zur Bildung eines "Zwischenreichs" zwischen dem Hl. Röm. Reich und Frankreich führte. Seine beiden Schwerpunkte waren das feudal geprägte Alt-B. und die eher städtisch-bürgerlich bestimmten Niederlande, die bald einmal das wirtschaftl. Übergewicht errangen. Die burgund. Staatsbildung wurde dadurch kompliziert, dass die Hzg. von B. einerseits der lehensherrlichen und souveränen Gewalt des franz. Königs unterstanden, andererseits die Territorien östl. der 843 gezogenen Grenzlinie Reichslehen waren. Während in der langen Regierungszeit Philipps des Guten insbesondere die Besitzungen im niederländ. Raum ausgebaut wurden, war es das Ziel der expansiven Politik Karls des Kühnen, die beiden Territorialkomplexe zu vereinigen. An der Einverleibung der elsäss., oberrhein. und lothring. Territorien aber scheiterte Karl trotz anfängl. Erfolge; er fiel 1477 bei Nancy (Burgunderkriege). Seiner Tochter Maria (1477 ∞ Maximilian I., 1482) gelang es in ihrer kurzen Regierungszeit nicht, das von ihren Vorgängern aufgebaute Staatsgebilde zusammenzuhalten. Während der franz. Kg. Ludwig XI. das eigentl. Herzogtum B. als erledigtes Lehen in den Kronbesitz überführte, gingen die bedeutendsten Besitzungen des Hauses B.-Valois an das Haus Habsburg über.
Die Beziehungen der Eidgenossen - vorab der für die Politik im Westen bestimmenden Stadt Bern - zu den Valois-Herzögen waren zunächst unbelastet. Wirtschaftlich spielte der Salzhandel mit der Freigrafschaft Burgund eine Rolle (z.B. 1448 Salzvertrag Berns mit Philipp dem Guten, Eigentümer der Salzwerke von Salins). Der Führungsschicht eidg. Orte bot der burgund. Hof wegen der dort zelebrierten höfisch-ritterlichen Lebensformen (1430 Stiftung des Ordens vom Goldenen Vlies) einen Anziehungspunkt für Bildungsreisen und Pagendienste. Die Übernahme höfischer Kleidertracht durch die ritterl. Oberschicht konnte zu innerstädt. Standeskonflikten führen (Twingherrenstreit). Die vom burgund. Hof geförderte Kreuzzugsidee (1453 Fall von Konstantinopel) stiess auch in der Eidgenossenschaft auf Beachtung (z.B. Adrian von Bubenbergs Zug nach Dijon 1455). Im Alten Zürichkrieg liess sich Philipp der Gute durch Ks. Friedrich III. nicht von seiner neutralen Haltung abbringen. Vom unbelasteten Verhältnis zu B. zeugt auch der ehrenvolle Empfang, der Philipp dem Guten 1454 bei seiner Durchreise nach Regensburg in Bern und Zürich geboten wurde. Aus dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen B. und der franz. Krone suchten sich die eidg. Orte herauszuhalten. So wurden die 500 eidg. Söldner, die dem burgund. Thronerben im Kampf der Ligue du Bien Public, der grossen Adelsfronde gegen Ludwig XI., 1465 zuliefen, nach ihrer Rückkehr bestraft, und einen Bündnisantrag Karls brachte Bern 1466 zu Fall. Hingegen warb Bern für einen blossen Freundschaftsvertrag mit B., den allerdings im Mai 1467 nur noch Zürich, Freiburg und Solothurn mitunterzeichneten. Neben gegenseitiger Zusicherung neutralen Verhaltens brachte er den eidg. Orten Vergünstigungen für Gewerbe und Handelsverkehr. Die entscheidende Wende erfolgte 1469 mit dem Vertrag von Saint-Omer zwischen Karl dem Kühnen und Hzg. Sigmund von Österreich: Mit den österr. Pfandlanden am Oberrhein und im Elsass wurde B. im Norden direkter Nachbar der Eidgenossen. Im Westen empfanden vorab Bern, Freiburg, Solothurn und Basel die burgund. Politik gegenüber Savoyen (Waadt, Genfer Messe) sowie die Einbindung zahlreicher benachbarter Herrschaftsträger (u.a. Gf. von Aarberg-Valangin, Markgf. von Hochberg in Neuenburg, Haus Chalon u.a. in Erlach, Grandson, Orbe und Echallens) in einer eigentlichen burgund. Klientel zunehmend als Bedrohung. Die Intensivierung der Kontakte zur franz. Krone und die Rückendeckung gegenüber Habsburg-Österreich (Ewige Richtung 1474) schufen die Voraussetzung für die krieger. Auseinandersetzung mit B., die zur Vernichtung des burgund. Staatswesens führen sollte. Die eidg. Orte vermochten daraus keinen territorialen Gewinn zu schlagen. Jedoch erweiterten Bern, Freiburg und das Wallis auf Kosten burgund. Parteigänger ihr Staatsgebiet in den Raum der heutigen Westschweiz hinein.
Literatur
– Histoire de la Bourgogne, hg. von J. Richard, 1978 (21988)
– N. Stein, B. und die Eidgenossenschaft z.Z. Karls des Kühnen, 1979
– LexMA 2, 1066-1087
Autorin/Autor: Karl F. Wälchli