Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03493.jsonl.gz/1251

Zusammenfassung
Die intellektuelle Hochbegabung (HB) ist ein aktuelles Thema und die Nachfrage nach Abklärungen nehmen stark zu. Um die damit zusammenhängenden Fragestellungen besser zu verstehen, wurde bei KinderärztInnen der Romandie eine Studie durchgeführt, mit dem Ziel, ihre Praxis und Vorstellungen zu dokumentieren. Die Analyse der Antworten von 83 Pädiater auf einen Onlinefragebogen zeigt, dass die HB zu den Fragestellungen gehört, denen sie sich gegenübersehen, oft im Zusammenhang mit sozio-emotionellen oder Anpassungsschwierigkeiten in der Schule. Die Beobachtungen des Pädiaters zur Entwicklung des Kindes und seinem Umfeld stützen und ergänzen die psychologischen, auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit fokussierten Abklärungen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Pädiater und Psychologen berücksichtigt damit die Eigenart eines jeden Kindes und vermeidet die Fallstricke einer Kategorisierung.
Einführung
Die Nachfrage nach Abklärungen bei intellektueller Hochbegabung (HB) nehmen stark zu1). Es geht dann oft um die Frage «ist das Kind HB oder nicht», mit dem damit zusammenhängenden Risiko einer Kategorisierung um Sondermassnahmen zu erreichen, wie ein Klassensprung oder ein Programm für HB-Kinder, oder ganz einfach auch nur um das Kind besser zu verstehen. Die Definition der HB ist umstritten, da sie je nach theoretischem Intelligenzmodell verschieden lautet2). Zudem wird die intellektuelle Frühreife je nach sozialem, historischem und politischem Umfeld verschieden beurteilt. So ändert sich das Interesse an der HB und ihrem Nachweis mit der Erziehungs- und Gesundheitspolitik3).
Hingegen schlägt die WHO ein objektives Beurteilungskriterium vor, nämlich ein Intelligenzquotient über 130. Der Begriff HB wird somit mit deutlich über dem Durchschnitt liegenden kognitiven Fähigkeiten gleichgesetzt4). Diese bei 130 angesetzte Grenze, die 2.2% der Bevölkerung betrifft (2 Standardabweichungen), ist willkürlich5) und scheint auch je nach Praxis zu ändern, was nicht ohne Folgen für die Identifizierung einer HB ist6). Heutzutage bezieht sich das Konzept vor allem auf die kognitiven Fähigkeiten, aber auch auf die Persönlichkeit7). Verschiedenen Charakterzüge wie die dem Kind innewohnende Motivation, atypische Interessen, grosse Neugier und Aufgeschlossenheit im intellektuellen und imaginären Bereich, werden manchmal als Zeichen zur Identifizierung einer HIP im Kindesalter beigezogen2,8).
In der psychologischen Sprechstunde für Kinder und Jugendliche der Universität Lausanne haben die Konsultationen die HB betreffend im Verlaufe der letzten Jahre zugenommen und 50% erreicht. Die psychologischen Abklärungen ergeben hingegen, dass nur eine Minderzahl dieser Kinder (ca. 1/10) tatsächlich die Kriterien der HB erfüllt. Es wurde deshalb eine Serie Untersuchungen durchgeführt, um die Problematik und die damit zusammenhängenden Fragestellungen besser zu verstehen. Es wurden dabei die Vorstellungen der intellektuellen Hochbegabung untersucht, die Fachpersonen die Kinder betreuen und die Eltern haben.
In dieser Studie wurden die Vorstellungen der Pädiater untersucht, da sich die Eltern, manchmal auf Empfehlung der Schule, zuerst an sie wenden. Die Kinderärzte spielen eine wichtige Rolle, da sie das Kind, seine Gesundheit und Entwicklung von der Geburt bis ins Erwachsenenalter betreuen. Sie erfüllen verschiedene Aufgaben: Vorbeugung und Screening, Diagnostik, physische und psychische Betreuung des Kindes und verschreiben die notwendigen Behandlungen9). Die Kinderärzte berücksichtigen ebenfalls das familiäre und schulische Umfeld10). Sie begleiten und unterstützen besorgte oder verunsicherte Eltern, und weisen die Kinder und Jugendlichen wenn nötig an Fachpersonen, die spezifische Fragestellungen beantworten können.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Vorstellung der HB durch die Pädiater zu untersuchen. Es geht in erster Linie darum, ihr Vorgehen bei Fragen im Zusammenhang mit HB zu verstehen, und im Weiteren ihre Vorstellung von Ursprung, Charakteristika, assoziierten Problemen und Vorzeichen der HB zu erforschen. Schliesslich wird auf die Ausbildung der Kinderärzte in der Problematik der HB eingegangen.
Methodik
Teilnehmer
Es wurden 83 Kinderärzte der Romandie erfasst, wovon 67 weiblich (80.7%) und 16 männlich (19.3%), im Alter von 30 bis über 65 Jahre. Die Mehrzahl ist in den Kantonen Genf (43.4%) und Waadt (33.7%) tätig, und 63.9% in einer Privatpraxis (Tabelle 1).
Material
Der Fragebogen zu den Vorstellungen von HB der Kinderärzte wurde speziell für diese Sondierungsstudie entwickelt. Er besteht aus 38 Items und gliedert sich in vier Teile: Soziodemografische Daten (8 Items), HB und die Praxis der Kinderärzte (7 Items), die Vorstellungen von HB der Kinderärzte (10 Items), und die Evaluierung der HB (3 Items). Die Beantwortung des Fragebogens erfolgt in Form einer Likert-Skala, mit Einzel- oder Mehrfachauswahl, sowie frei zu ergänzenden Texten.
Vorgehen
Nach der Überprüfung durch die kantonale Ethikkommission (CER-VD) dass die vorliegende Studie nicht in den Geltungsbereich des Bundesgesetzes über die Forschung am Menschen fällt, wurden der Link zum Fragebogen auf der Plattform Soorvey und die Beschreibung der Studie den Verantwortlichen der kantonalen Kinderärztegesellschaften per e-Mail übermittelt. Die Verantwortlichen der Kantone Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg und Waadt haben sich bereit erklärt, den Onlinefragebogen zu verteilen.
Ergebnisse
Die HIP und die pädiatrische Praxis
Die Mehrzahl der Kinderärzte (86.7%) findet, dass das HB -Screening zu ihren Aufgaben gehört, wobei 96.4% bestätigen, dass die Frage nach einem möglichen HB gelegentlich von Patienten aufgeworfen wird. Und 81.9% geben an, in ihrer Praxis spezifisch mit der Frage nach Beurteilung von HB konfrontiert zu sein. Hingegen sind die ursprünglichen Konsultationsgründe meist emotionale (92.6%) und Beziehungsschwierigkeiten (85.4%), Anpassungsschwierigkeiten an den schulischen Rahmen (92.6%), sowie somatische Probleme (45.7%).
Bezüglich Abklärungen der HB denkt die Mehrzahl der Pädiater, dass kognitive Tests (60.2%), Anamnese (59.0%) und klinische Beobachtung von grosser Bedeutung sind. Sie finden, der Psychologe sei die geeignetste Person um HB-Kinder zu identifizieren, und erwähnen dann, nach Häufigkeit geordnet, die Lehrpersonen, die Kinder- und Jugendpsychiater, die Eltern und schliesslich die Kinderärzte. Es wird auch durch 56.6% der Kinderärzte als durchaus möglich erachtet, eine Abklärung bezüglich HB ab dem Alter von 4-5 Jahren durchzuführen.
Die Hälfte der Pädiater (49%) ist der Meinung, dass es sich bei HB vor allem um einen Unterschied handelt. Dass es jedoch, je nach individueller Situation des Kindes ein Vorteil (24%) oder auch ein Nachteil (22%) sein kann. Nur eine Minderheit Kinderärzte (5%) denkt, HB könne eine Behinderung darstellen.
Die Pädiater sind ebenfalls der Meinung, dass HIP regelmässig mit verschiedenen Störungen assoziiert ist. Sie erwähnen insbesondere Angst- (90.3%), Schlaf- (75.8%) und Aufmerksamkeitsstörungen mit/ohne Hyperaktivität (68.7%), sowie depressive Gemütslage 60.2%).
Ausbildung der Kinderärzte im Bereich HB
Beinahe alle Kinderärzte (91.6%) finden eine Sensibilisierung zur Thematik HB sinnvoll, nur 51.8% fühlen sich jedoch genügend ausgebildet, um Kinder mit HB zu erkennen. Sie weisen die betroffenen Familien für spezifische Abklärungen denn auch häufig an Psychologen oder Neuropsychologen.
Diskussion und Schlussfolgerung
Diese Studie ermöglicht es, die Vorstellungen von HB und die Praxis der Kinderärzte zu erforschen. Die Mehrzahl gibt an, dass sie die erste Anlaufstelle zur Abklärung einer eventuellen HB sind. Die Frage ist oft bedingt durch Anpassungsschwierigkeiten in der Schule, sowie Schwierigkeiten die das Kind mit zwischenmenschlichen Beziehungen und im Umgang mit seinen Empfindungen hat. Sie beobachten oft auch weitere Störungen im Zusammenhang mit HB, wie Angst- und Schlafstörungen. Terriot5) hebt hervor, dass sich hinter der Frage nach dem Nachweis einer HB sehr verschiedenartige Schwierigkeiten «verstecken». In diesem Sinne ist die Fragestellung HB wahrscheinlich ein Versuch, die Schwierigkeiten des Kindes zu erklären, und für die Eltern auch ein ertragbarerer Konsultationsgrund. Zudem kann es auch ein Eingangstor sein, um andere Erziehungs- oder Entwicklungsprobleme anzusprechen.
Möglicherweise können die von den Eltern mitgeteilten Sorgen auch die allgemeine Neigung der Kinderärzte erklären, die HB als die Ursache verschiedenartiger Entwicklungsstörungen zu betrachten. Gewisse Kinderärzte betrachten die HB als eine Ursache von Schwierigkeiten, möglicherweise als eine Behinderung. Es müssen auch mögliche Beobachtungsbias in Betracht gezogen werden, da die Kinderärzte mehr Kinder sehen, die Angst-, depressive, Aufmerksamkeits- oder Schlafstörungen haben als HB -Kinder, die nicht erkannt wurden oder keine Schwierigkeiten haben. Eine kürzlich veröffentlichte Literaturreview zeigt, dass Kinder mit einem weit über dem Durchschnitt liegenden IQ in sozio-emotionaler Hinsicht gut funktionieren und weniger Verhaltensstörungen haben als die übrigen Kinder11). Für einen Teil der Kinderärzte stellt die HB ein Vorteil, für andere hingegen ein Unterschied dar. Auch wenn die HB bei der Betreuung von psychischen oder psychosomatischen Störungen im Kindes- und Jugendalter immer in Betracht gezogen werden sollte, erscheint sie eher als ein Hinweis zu deren Verständnis denn eine Erklärung.
Die Kinderärzte betrachten einen IQ über 130 als vorherrschendes Kriterium zur Erkennung einer HB, und stimmen mit dem Konsens in der Literatur überein2,5). Sie betrachten die Anwendung kognitiver Tests bei der Abklärung einer HB als sehr wichtig. Im Allgemeinen in der Durchführung dieser Tests nicht ausgebildet, denken sie, dass Psychologen und Neuropsychologen besser in der Lage sind, HB abzuklären. Sie gründen ihren Verdacht auf eine HB auf Anamnese und klinischer Beobachtung12), und erwähnen folgende Eigenschaften, auch wenn diese nicht spezifisch für HB -Kinder sind: Atypische Interessen, existentielle Fragen, Langeweile in der Schule, oder Überempfindlichkeit. Letzterer Charakterzug wird in der Volksmeinung oft mit HB assoziiert, gilt jedoch auf Grund wissenschaftlicher Daten nicht als charakteristisch für HB 2). Die Überempfindlichkeit erfordert eine feine psychoaffektive Abklärung, um deren Natur und Ursachen zu bestimmen. Frühzeitige Sprachentwicklung und ausgeprägte Neugier werden in der Literatur hingegen als frühe Hinweise betrachtet. Allerdings muss auf die Verschiedenartigkeit von Entwicklung und Verhalten der Kinder mit HB hingewiesen werden.
Beinahe alle Pädiater betrachten die HB als genetisch bedingt. Die neuere Literatur erklärt die Komplexität und das verschiedenartige Funktionieren der HB durch epigenetische Faktoren, d.h. durch die progressive Entwicklung der angeborenen Charakteristika – in diesem Fall die HB – bedingt durch Wachstums- und Differenzierungsprozesse13). Die Mehrzahl der Kinderärzte berücksichtigt dabei auch gewisse Umweltfaktoren, wie die Stimulierung durch die Umwelt und das soziokulturelle Milieu. Jede Situation erscheint somit einzigartig und beruht auf einer subtilen Mischung von angeborenen und erworbenen Fähigkeiten.
Mehr als die Hälfte der Kinderärzte findet, es sei möglich eine HB bei Kindern schon ab dem Alter von 4-5 Jahren zu untersuchen. Dies ist angesichts der verfügbaren psychometrischen Hilfsmittel und Normen wohl möglich, doch sagt diese frühzeitige Beurteilung zuverlässig die langfristigen intellektuellen Fähigkeiten des Kindes voraus? Eine Longitudinalstudie14) zeigt, dass das Andauern eines hohen IQ vom Alter von 4 Jahren bis ins beginnende Erwachsenenalter nur bei etwa 50% beobachtet werden kann. Man sollte deshalb mit der Bezeichnung HB, die nur zum Zeitpunkt der Untersuchung voll berechtigt scheint, vorsichtig umgehen.
Diese Studie widerspiegelt auch die zentrale Rolle der Kinderärzte bei der Erstabklärung einer möglichen HB, sowie die notwendige Zusammenarbeit mit dem Netzwerk, um die Abklärung zu vertiefen und die Hintergründe zu ermitteln. Die Beurteilung einer HB ist angesichts der Verschiedenartigkeit der Situationen komplex. Das Vorhersehen der häufigen nicht-Bestätigung der HB ist ebenfalls wichtig, damit dem Kind unabhängig von seinem intellektuellen Niveau weiterhin die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Tatsache, dass der Kinderarzt als Fachperson und Zeuge der Entwicklung des Kindes in vorderster Linie steht und im Betreuungsnetzwerk eine zentrale Rolle einnimmt, bedingt dass eine Ausbildung zum Thema HB gerechtfertigt und zwingend erscheint. Die wertvollen Beobachtungen des Kinderarztes tragen zu den psychologischen Abklärungen bei und unterstreichen die notwendige enge Zusammenarbeit zwischen Pädiater und Psychologen.
Referenzen
- Dezère V. Haut potentiel ? Les enjeux de la demande de bilan intellectuel de l’enfant. Dans : Gauvrit N, Clobert N. Psychologie du haut potentiel: Comprendre, identifier, accompagner. Louvain-la-Neuve: De Boeck; 2021:23-36.
- Gauvrit N, Clobert N, éditeur. Psychologie du haut potentiel : Comprendre, identifier, accompagner. Louvain-la-Neuve : De Boeck ; 2021.
- Lignier W. La petite noblesse de l’intelligence : Une sociologie des enfants surdoués. Paris: La Découverte; 2012.
- Labouret G. Les enjeux de la définition du haut potentiel entre pratique et théorie. Dans : Gauvrit N, Clobert N. Psychologie du haut potentiel : Comprendre, identifier, accompagner. Louvain-la-Neuve: De Boeck;2021:37-46.
- Terriot K. De la définition théorique du haut potentiel intellectuel (HPI) aux conséquences pratiques. A.N.A.E. 2018 Jun;154:265-70.
- Quartier V, Losa I, Brodard F, et al. Pertinence et implications du seuil normatif pour l’identification des enfants à haut potentiel intellectuel. A.N.A.E. 2019 Sep ; 161 : 541-6.
- Dai D, Gauvrit N. Une brève histoire du haut potentiel. Dans : Gauvrit N, Clobert N. Psychologie du haut potentiel : Comprendre, identifier, accompagner. Louvain-la-Neuve : De Boeck;2021:23-36.
- Gregoire J, Vlieghe M, Lebrun E. Haut potentiel, Créativité et Personnalité. Enfance. 2010 Jan;2010(1):85–98.
- Egger P, Déglon P, Diebold P, Reinhardt M. Agenda pour l’avenir : une charte de pédiatrie ambulatoire. Rev Med Suisse. 2005;1:2617-9.
- De Moulliac JV. La pédiatrie libérale : enjeux, difficultés et perspectives. Bull. Acad. Natle. Méd. Bulletin de l’Académie Nationale de Médecine. 2013;197(6):1143-52.
- Francis R, Hawes DJ, Abbott M. Intellectual giftedness and psychopathology in children and adolescents: A systematic literature review. Exceptional Children. 2015 Sep;82(3):279-302.
- Revol O, Bléandonu G. Enfants intellectuellement précoces : comment les dépister ? Archives de pédiatrie. 2012;19(3):340-3.
- Simonton DK. Genetics of Giftedness: The Implications of an Emergenic–Epigenetic Model. Dans: Sternberg RJ, Davidson JE. Conceptions of giftedness. 2nd ed. Cambridge, U.K.: Cambridge University Press; 2005. p. 312–26.
- Schneider W, Niklas F, Schmiedeler S. Intellectual development from early childhood to early adulthood: The impact of early IQ differences on stability and change over time. Learning and Individual Differences. 2014 Feb;32:156–62.