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Ottokars Cinétips
Mit Mantel, Hut und Zigarette
Zum 75. Geburtstag des französischen Schauspielers Alain Delon
Von Ottokar Schnepf
Gefährlich und unergründlich: Alain Delon als Jeff Costello in Jean-Pierre Melvilles «Le Samouraï».
Ohne «Le Samouraï», «Le cercle rouge» und «Un flic» wäre das Kino um einiges ärmer! Alain Delon und Jean-Pierre Melville, zwei Legenden des «Film policier».
Alain Delon ist am 8. November 2010 75 Jahre alt geworden. Ein guter Grund, ihn als Mythos zu würdigen. Denn wie kaum ein anderer ist Delon zu einer Ikone des Kinos geworden. Leben und Rollen schienen dabei eine Einheit zu bilden.
Als Filmliebhaber spricht man im gleichen Atemzug neben Delon auch den Namen Melville aus. Der Name Jean-Pierre Melville ist vor allem mit Gangsterfilmen verbunden, mit der französischen Variante des «Film Noir», dem «Film policier». Melville und Delon haben den Kinofilm unvergesslich bereichert.
Weil Melville, der Filmemacher, und Delon, der Filmstar, zusammen einzigartige Filme gedreht haben. Zum Beispiel «Le Samouraï». Alain Delon spielt den einsamen, wortkargen Profikiller Jeff Costello (Frank Costello war ein Mafiaboss in New York während der Alkoholprohibition), der wie ein einsamer Tiger auf der Flucht vor seinem Auftraggeber und der Polizei durch Paris hetzt.
Dieser, laut Melville, «Farbfilm in Schwarzweiss» hat 1967 Alain Delon zum internationalen Durchbruch verholfen. Der schönste Killer der Kinogeschichte ist er bis heute geblieben. Und der einzige Weltstar, der sich als «l'homme solitaire» selbst erschaffen hat.
Es folgten zwei weitere Melville-Filme. In «Le cercle rouge» ist Delon neben Yves Montand und Gian Maria Volonté ein weiterer Gangster, die beim Einbruch in ein Juweliergeschäft in eine Falle der Polizei geraten. «Un flic» ist der letzte unter Melville entstandene Film (er starb 1973 in Paris während der Arbeit an einem neuen Drehbuch), worin Alain Delon erstmals einen Polizisten spielt.
Wiederum sind die Geschehnisse in verwaschene Farben und fahles Licht getaucht. Wiederum vergehen nervenaufreibende Minuten, bis ein Wort gesprochen wird unter den Gangstern beim Überfall auf eine Bank. Und wiederum läuft der Coup wie ein Uhrwerk ab. Und einmal mehr ist es Delons Charisma und Konsequenz, mit denen er auch als «flic» dem Handwerk nachgeht, das er mit traumwandlerischer Sicherheit beherrscht.
Krimi-Experte Martin Compart: «Die Figuren, die Alain Delon so eindrucksvoll verkörpert, sind dadurch motiviert, ihre einsame Integrität zu wahren. Es sind aristokratische Aussenseiter, die einem Kodex verpflichtet sind, der nicht immer den bürgerlichen Konventionen entspricht.»
Alain Delon hat an die 80 Filme gedreht. Er ist noch heute in TV-Produktionen zu sehen: «Un mari de trop» (2010). Aber neben den Meisterwerken unter Jean-Pierre Melville sind diese lediglich unter «ferner liefen» einzustufen.
Auch als «flic» bleibt Delon «L'homme solitaire».
Melville ist der Grösste
«‹Le Samouraï› und ‹Le cercle rouge› sind meine beiden Lieblingsfilme. Melville ist der Grösste!»: Das sagt kein Geringerer als der chinesische Filmemacher John Woo, der 2010 in Venedig mit dem Goldenen Löwen für sein Schaffen ausgezeichnet wurde.
Der Action-Spezialist des Hongkong-Kinos ist nicht der einzige Melville-Verehrer. Für Regisseure wie Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki oder Quentin Tarantino gilt Melville ebenfalls als Vorbild.
Nachdem 2007 Alain Corneau von Melvilles «Le deuxième souffle» (mit Lino Ventura und Paul Meurisse) eine Neuverfilmug wagte (mit Daniel Auteuil und Michel Blanc), hat Alain Delon das Gerücht verbreitet, John Woo, der Spezialist von «Hard Boiled»-Gangsterfilmen wie «The Killer», «City Wolf», «Face/Off», «Mission Impossible II» und einer der grössten Bewunderer von Melville, plane ein Remake von dessen «Le cercle rouge». Von jenem legendären Drama über drei Profi-Verbrecher, Alain Delon, Yves Montand, Gian Maria Volonté, die einen Juwelenraub an der vornehmen Pariser Place Vendôme planen, den Einbruch sauber hinkriegen und die ganze Zeit von einem Kommissar (André Bourvil) verfolgt werden, der am liebsten einer von ihnen wäre.
Was Woo an diesem Film reizt, ist schwer verständlich. Melvilles Drama ist kein Action-Thriller, und ganz sicher kein «Hard-Boiled-Movie», wie wir sie vom Chinesen gewohnt sind. Es geht, wie immer bei Melville, nicht so sehr um den Einbruch, sondern um das, was danach kommt: Um Verlässlichkeit und Loyalität, um Regeln der Ehre, um Misstrauen und Einsamkeit. Will John Woo jetzt nach dem Drehbuch und der Film-Vorlage von Jean-Pierre Melville einen Action-Reisser mit ballernden Gangstern drehen? Das hätte Melville nicht verdient!
Szene aus John Woos «The Killer».
Am Remake gescheitert
67-jährig am 30. August des Jahres 2010 verstorben, zählt Alain Corneau zu den Altmeistern des französischen Kinos. Nach Thrillern von atmosphärischer Sorgfalt wie «Police Python» (mit Yves Montand), «Le choix des armes *)» (mit Yves Montand, Cathérine Deneuve, Gérard Depardieu - um nur die bekanntesten zu nennen), galt er wie sein Kollege Melville als Verehrer des amerikanischen «Film noir».
Doch mit seinem letzten Film, einem Remake von Melvilles «Le deuxième souffle», ist er gescheitert. Corneau versuchte mit einem Staraufgebot zu punkten und lässt Daniel Auteuil & Co. durch einen neonbeleuchteten Dekor stapfen, einer Anti-Melville-Kulisse möchte man fast meinen. Es ist eben nicht einfach, ein Meisterwerk neu aufzulegen.
Diesen Satz sollte sich vielleicht auch Grossmeister John Woo zu Herzen nehmen. Bevor er seinen «Red Circle» in Angriff nimmt.
Yves Montand, Gian Maria Volonté und Alain Delon (erstmals mit Schnauz) in Jean-Pierre Melvilles Meisterwerk «Le cercle rouge».
Melville: «Es gibt nichts Abscheulicheres als die Welt der Gauner. Das sind Leute ohne Interessen. Es ist völlig ausgeschlossen, dass ich richtige Kriminelle auf der Leinwand zeige. Ich zeige vollkommen fiktive Gauner. Ich habe aus ihnen Übermenschen gemacht, Menschen, für die die Ehre zählt. Ich habe nie realistische Gangsterfilme gemacht. Denn es gibt nichts Langweiligeres und idiotischeres als das Gangsterleben. Gangster sind Dummköpfe. Deshalb habe ich den Gangster neu erfunden und idealisiert. Ich habe eine Gangster-Rasse erfunden, die nirgends auf der Welt existiert. Mein Gangster-Typ entspringt nur meiner Phantasie. Er erlaubt mir eine Geschichte zu erzählen. Niemals bin ich dabei auf Realismus aus.»
Fazit: Genau solche unrealistische, in Bildern erzählte Filme fehlen im heutigen Kino. «Im Kino sind alle Mittel erlaubt, um die Zuschauer zu interessieren». Auch dieser kluge Satz stammt von Melville…
*) Kam nie in die Schweizer Kinos. Ist aber auf französisch als double-DVD erhältlich.
Von Ottokar Schnepf