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Am Swiss Science Center Technorama in Winterthur diskutierten der CERN-Physiker Hans Peter Beck, der Kommunikationswissenschaftler Mike Schäfer und die Sozialpsychologin Clara Kulich über Möglichkeiten und Grenzen bei der Vermittlung von Teilchenphysik an eine breite Öffentlichkeit. Anlass zur Debatte gab der Dokumentarfilm 'Particle Fever' des US-amerikanischen Regisseurs Mark Levinson über die Entdeckung des Higgs-Bosons. Der Film wurde am 1. Oktober 2014 im Auditorium des Technorama als Deutschschweiz-Premiere aufgeführt.
'Particle Fever' erzählt die Geschichte des grossen Teilchenbeschleunigers LHC am Europäischen Labor für Teilchenphysik (CERN) in Meyrin bei Genf. Diese Grossforschungsanlage wurde seit den 1980er Jahren geplant und dann ab den 1990er Jahren über Jahre hinweg gebaut. Der LHC sollte 2008 in Betrieb gehen, was aber durch einen technischen Defekt vereitelt wurde. Nachdem der Schaden behoben war, konnten die CERN-Physiker schliesslich ab März 2010 in dem 27 km langen, kreisförmigen Beschleuniger Protonen aufeinanderschiessen und die dabei entstehenden Bruchteile der Materie untersuchen.
Am 4. Juli 2012 dann die wissenschaftliche Sensation: Die Physiker verkündeten nach Auswertung der bis dahin gesammelten Daten die Entdeckung des Higgs-Teilchens, eines elementaren Bausteins der Materie, der bereits 1964 vom schottischen Physiker Peter Higgs vorausgesagt worden war, dessen Existenz aber erst jetzt experimentell nachgewiesen werden konnte.
Grundlagenforschung fragt nicht nach dem wirtschaftlichen Gewinn
'Particle Fever' erzählt diese bahnbrechende Entdeckung aus der Perspektive von sechs Physikerinnen und Physikern, die an der Higgs-Entdeckung beteiligt waren. Einer von ihnen ist David Kaplan, theoretischer Physiker an der Johns Hopkins University in Baltimore/Maryland. In einer Filmsequenz erläutert der amerikanische Wissenschaftler anlässlich eines Vortrags, wozu der Bau des Teilchenbeschleunigers LHC gut ist. „Wenn die Leute fragen, was wir mit dem LHC tun, haben wir zwei Antworten. Die eine Antwort ist, was wir den Leuten sagen – und die andere ist die Wahrheit", scherzte Kaplan und ergänzte: "Die erste Antwort: Wir reproduzieren im LHC die physikalischen Bedingungen unmittelbar nach dem Urknall. Die zweite Antwort: Wir versuchen die grundlegenden Gesetze der Natur zu verstehen.“ Auf die Frage aus dem Publikum, wozu die Entdeckung des Higgs-Teilchens denn nun gut sei, gesteht Kaplan: „Ich habe keine Ahnung!" Denn als Grundlagenforscher weiss man ganz einfach nicht, welchen Nutzen die eigene Forschung einmal nach sich ziehen kann: "Die Radiowellen wurden entdeckt, bevor es Radios gab. Grundlagenforschung, die grosse Durchbrüche erzielen will, fragt nicht, was ist der wirtschaftliche Gewinne, sondern sie fragt: Was wissen wir noch nicht?“
Diese Szene enthält eine der zentralen Aussagen von 'Particle Fever'. Nachdem der Dokumentarfilm am 1. Oktober 2014 im Swiss Science Center Technorama in Winterthur aufgeführt worden war, wurde die Passage mit David Kaplan in der anschliessenden Podiumsdiskussion als Schlüsselszene des Films identifiziert. In diesem Sinn äusserte sich nicht nur Prof. Mike Schäfer, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Zürich, sondern auch PD Dr. Hans Peter Beck, Physikdozent an der Universität Bern und Forscher am CERN. „Diese Sequenz bringt zum Ausdruck, was ich seit 20 Jahren in meiner Wissenschaftlerkarriere mache“, erklärte Hans Peter Beck, einer der Schweizer Physiker am ATLAS-Experiment, mit dem am CERN das Higgs-Teilchen entdeckt worden ist.
Sechs „Helden“ vermitteln Wissen und wecken Sympathie
Neben Beck und Schäfer sass mit Dr. Clara Kulich von der Universität Genf eine Sozialpsychologin auf dem Podium. Die gebürtige Österreicherin kennt das CERN von einer Untersuchung, bei der sie die Belegschaft des Forschungsinstituts unter dem Gesichtspunkt von Frauenvertretung und ethnischen Minderheiten untersucht hatte. Nach Kulichs Ansicht sind die sechs Protagonisten von 'Particle Fever' kein adäquates Abbild der CERN-Forschergemeinschaft: „Es ist ein amerikanischer Film, die amerkanischen Forscher stehen sehr im Vordergrund“, meinte sie. Auch störte sich die Psychologin daran, „dass der Film die Frauen eher in einer Zuhörerposition“ zeigt, während sich die Männer als geniale Physiker in Szene setzen könnten. Mike Schäfer entgegnete, unter den sechs Protagonisten seien immerhin zwei Frauen, im Film seien die Frauen somit besser vertreten als im CERN selber, in dem rund 20 % Frauen arbeiten.
Schäfer verweis auf die Doppelfunktion, die den Hauptdarstellern von 'Particle Fever' zukommt. Filmregisseur Mark Levinson lasse in seinem Film sechs „Helden“ zu Wort kommen, die zum einen wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln, zum anderen aber auch als Privatpersonen fassbar würden. Diese private Seite bringe einem die Physikerinnen und Physker nahe und schaffe Sympathie für sie. Der Film setzte nicht einfach auf die Vermittlung von Fakten. Er verfolge vielmehr eine „gemässigte Kommunikationsstrategie“ in dem Sinn, dass er auch Personen anspreche, die sich nicht einfach über die Ratio ansprechen liessen. So schaffe es der Film, Begeisterung zu vermitteln und Empathie zu wecken - und erzeuge bei den Betrachtern jenes 'Teilchenfieber', das der Titel verheisst.
Ein Physik-Film voll von religiösen Anspielungen
Der Film 'Particle Fever' stellt an verschiedenen Stellen Analogien zwischen der CERN-Forschung und der Religion her: Bilder von Teilchendetektoren werden mit Bildern von Kirchenfenstern überblendet und die Detektoren so gewissermassen zu sakralen Räumen erhoben; dem Higgs-Teilchen wird wegen seiner physikalischen Eigenschaften ein göttlicher Status („Schöpfer und Zerstörer“) zugeschrieben; der Durchbruch mit den ersten Teilchenkollision im LHC untermalt der Film mit dem berühmten Schlusschor aus Beethovens 9. Symphonie („Freude schöner Götterfunken“). Wie ein Leitmotiv erscheint im Film zudem eine Skulptur der hindustischen Göttin Shiva, dem Sinnbild für Schöpfung und Zerstörung. Hanna Wick, Wissenschaftsredaktorin bei Schweizer Radio SRF und Moderatorin der Diskussionsrunde, fühlte sich an den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt erinnert, der dem CERN einst einen pseudoreligiösen Habitus zugeschrieben hatte.
Hat CERN-Forschung einen religiösen Charakter? Davon wollte Physiker Beck nichts wissen. Wenn er der Natur Geheimnisse entlocke, verspüre er „Ergriffenheit“, von einem „spirituellen Erlebnis“ könne aber keine Rede sein. Er wehrte sich auch gegen die Bezeichnung des Higgs-Bosons als „Gottes-Teilchen“, das sei ein „unsinniger Begriff“. Die wiederholte Einblendung von Shiva im Film erklärte Beck mit dem simplen Umstand, dass diese Skulptur dem CERN vom indischen Wissenschaftsminister geschenkt worden sei. Über Religion werde am CERN kaum diskutiert, behauptete Beck, und ergänzte: „Wir wollen die Welt verstehen.“ Das Gerücht, am ATLAS-Experiment sei eine norwegische Nonne tätig, bestätigte Beck und ergänzte: "Ich kann dies nicht ganz nachvollziehen, aber letztlich ist der Glaube Privatsache." Ein Teilnehmer aus dem Publikum, das sich rege in die Podiumsdebatte einbrachte, äusserte die Vermutung, Regisseur Levinson könnte die religiösen Anspielungen gezielt in den Film eingebaut haben, um auf diesem Weg ein eher physikfernes Publikum für die Teilchenphysik zu gewinnen.
Öffentlichkeitsarbeit für unverrückbares Wissen
'Particle Fever' ist ein Mittel, um das CERN und die dort betriebene Grundlagenforschung in die Öffentlichkeit zu bringen. Das Genfer Forschungszentrum kommuniziert aber auch selber mit der Öffentlichkeit, und das sehr aktiv. „Das CERN ist eine riesige PR-Maschine“, sagte Moderatorin Hanna Wick pointiert. In guter Erinnerung ist das Jahr 2008, als das CERN die Erzeugung eines ersten Protonen-Strahls am LHC unter Einbezug der Medien gross feierte. Das Fest entpuppte sich allerdings schon bald als PR-Desaster, denn nur neun Tage später musste der Teilchenbeschleuniger wegen einer technischen Panne wieder heruntergefahren werden. Im Vergleich zu der Zeit vor 20, 30 Jahren fehle der Öffentlichkeit heute „das Urvertrauen in die Wissenschaft“, sagte Kommunikationsexperte Schäfer, und folgerte: „Es gibt einen grossen Druck, sich nach aussen zu legitimieren.“ Physiker Beck verwies im Gegenzug auf die Wichtigkeit, der breiten Öffentlichkeit nicht nur spektakuläre Resultate, sondern auch den gesamten Prozess der Forschung verständlich zu machen. Er erinnerte dabei an den hohen Stellenwert der am CERN geschöpften Erkenntnisse: „Das hier gewonnene Wissen ist unverrückbar und wird ewig Bestand haben.“
Gegen Hundert Zuhörerinnen und Zuhörer unterschiedlichen Alters verfolgten die Podiumsdiskussion in Winterthur. Sie erfuhren dabei auch interessante Details über das Innenleben des CERN, an dem mehrere Tausend Physiker und Physikerinnen von rund um den Globus zusammenarbeiten. Ein Zuhörer warf die interessante Frage auf, ob die CERN-Physiker aufgrund ihres gemeinsamen, auf physikalische Fakten gerstützten Weltbildes denn auch einen besonderen Umgang miteinander pflegen würden. „Wenn sie untereinander über Physik sprechen, sprechen sie eine Sprache“, antwortete Sozialpsychologin Kulich, „aber sobald sie am Abend ins Restaurant gehen, zeigen sich schnell dieselben Differenzen und Missverständnisse wie bei der gewöhnlichen Bevölkerung.“
Benedikt Vogel (veröffentlicht 3. 10. 2014)
Die Internetdiskussion (Google-Hangout) vom 30. September 2014 zu 'Particle Fever' mit Clara Kulich, Hans Peter Beck und Marko Kovic (Präsident Skeptiker Schweiz, Moderation) finden Sie hier (siehe Videos)
Die Diskussionsveranstaltung im Swiss Science Center Technorama (Winterthur) ist Teil einer siebenteiligen Veranstaltungsreihe, bei der jeweils ein Physiker bzw. eine Physikerin mit Vertretern anderer Fachrichtungen über die Relevanz der Physik bzw. der Naturwissenschaften für die aktuelle Gesellschaft diskutiert. Die Veranstaltungsreihe wurde vom Physiker PD Dr. Hans Peter Beck (Universität Bern/CERN) und Prof. Klaus Kirch (ETH Zürich) angestossen. Finanziert wird sie aus dem Agora-Programm für Wissenschaftskommunikation des Schweizerischen Nationalfonds. Um auch ein netzaffines Publikum anzusprechen, werden alle Podiumsdiskussionen in gleicher oder öhnlicher personeller Besetzung zeitverschoben auch als Internetdiskussion (Hangout On Air) durchgeführt. Die Veranstaltung im Technorama mit der Aufführung des Dokumentarfilms 'Particle Fever' und das zugehörige Hangout sind vom Verein Skeptiker Schweiz mit organisiert worden.