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«The Wearable» besteht aus einer Videobrille, Kopfhörern und einem Laptop, den sich der Proband auf den Rücken schnallt. Die Psychose-Simulation sieht auf den ersten Blick harmlos aus. Ich muss ungläubig schnauben, als ich die elektronische Einrichtung sehe. «Das soll mir Angst machen?», denke ich.
Ja, das sollte es. Und wie.
Skepsis
Ich ziehe mir die Videobrille über den Kopf und setze die Kopfhörer auf, während mein Puls langsam ein wenig steigt. Die Brille ist unbequem, das Bild ist ein Bisschen zu weit weg. Noch sehe ich den Raum durch die Kamera an der Brille mehr oder weniger normal. «Um mit deiner Psychose zurechtzukommen, musst du Entscheidungen treffen», sagt Jennifer Kanary und drückt mir eine «Nintendo Wii»-Fernsteuerung in die Hand. «Damit kannst du entscheiden, ob du den Befehlen der Stimmen Folge leisten willst.» Ich frage, was passiert, wenn ich das nicht tue. «Dann bestrafen sie dich und werden immer lauter.» Mir wird mulmig.
Halluzination
«Dein Puls ist zu hoch«, meldet eine Grafik vor meinen Augen. «Verdammt, woher wissen die das», denke ich mir und fasse an meine Brust. Mir wird gesagt, dass mein Name nun «Jamie» sei und ich an einer Psychose leide. Das Bild verzerrt sich langsam, vor meinen Augen erscheint ein Flur. Musik ertönt. Mal leise, mal laut. Plötzlich ein ohrenbetäubendes Rauschen, der Bildschirm flimmert wie ein Fernseher ohne Empfang. Ich sehe die Nachrichten. Rauschen. Eine Dokumentation über irgendeine Krankheit. Rauschen. Tierbilder. Jennifer Kanary fragt, ob ich mit ihr einen Spaziergang machen will. Oder war es wirklich Jennifer? Ich bin mir nicht mehr sicher. Rauschen. Dann steht Jennifer vor mir und fragt mich noch einmal: «Wollen wir einen Spaziergang machen?» Also doch. Nur sieht sie auf einmal anders aus.
Angst
Wir gehen ein paar Schritte durch den Raum. Die Kanten der Möbel haben plötzlich sonderbare, weisse Züge angenommen. Eine Stimme aus dem Kopfhörer befiehlt mir, stehen zu bleiben. Ich gehorche. «Warum bleibst du stehen?», fragt Jennifer. «Die Stimme hat das gesagt. Ich will nicht, dass sie lauter wird», höre ich mich sagen. Ich kann nur schwer reden, da meine Stimme mit minimaler Verzögerung durch die Kopfhörer wieder ausgegeben wird, und ich mich selber andauernd hören muss. «Du hast es nicht verdient, zu leben», flüstert mir eine Stimme ins Ohr. Der schrille Ton eines Weckers geht mir durch Mark und Bein. Langsam kriege ich es mit der Angst zu tun.
Chaos
Ich sehe ein beschlagenes Fenster, ein Schatten huscht vor meinen Augen hin und her. Am Rande nehme ich wahr, wie Jennifer mich etwas fragt. Ich gebe Antwort. «Ich habe gar nichts gesagt», meint sie. Was ist noch echt? Jennifer erscheint wieder vor meinen Augen. Ich halte ihr meine Hand hin und versuche ihr zu sagen, dass sie mich halten soll. Sie begreift und nimmt meine Hand. Dann verzieht sich ihr Gesicht langsam zu einer unheimlichen Fratze und ich höre Restaurantgeräusche im Hintergrund. Panikartig blicke ich um mich. Das Klirren und die Gespräche werden lauter und immer ausschweifender. Ich sehe dazu wilde Halluzinationen, nichts ergibt mehr Sinn. Die Männer im Restaurant lachen immer lauter und lauter, mein Bild ist ein wilder Strudel aus Farben und Formen. Ich schaue zu der Stelle, wo ich die Kamera, die mich filmt, vermute. Die Kamera sehe ich scharf, alles rundherum ist ein einziges Chaos. Dazu dieses irre, ohrenbetäubende Lachen. «Ich zieh das Ding jetzt aus, jetzt ist fertig», nehme ich mir vor.
Erleichterung
Nicht nötig. Plötzlich wird das Bild schwarz, die Stimmen verstummen. «Ist es fertig?», frage ich vorsichtig. «Ja», antwortet Jennifer und Erleichterung strömt durch meinen Körper. Der Druck auf meiner Brust ist wie weggefegt. Beim Ausziehen der Installation spüre ich den Ärmel meines T-Shirts. Er ist schweissnass. Jennifer lächelt mich an. «Du hast Jamie nicht kennengelernt, du bist sie geworden.» Ja. Das bin ich.
Das Internationale Kunsttherapie-Symposium war am Samstag in der psychiatrischen Klinik Wil. Jennifer Kanarys «The Wearable» hat zum Ziel, Besuchern aufzuzeigen, wie es ist, mit einer Psychose leben zu müssen. Das Experiment ist ungefährlich und wurde schon knapp zwölftausend Mal durchgeführt. Kanary sowie auch die psychiatrischen Dienste des Kantons St.Gallen erhoffen sich so, das Thema psychische Krankheiten vom Stigma und der Tabuisierung zu befreien. Besucher sollen angeregt werden, offener über das heikle Thema sprechen zu können.