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Einfacher Bursche und reiche Tochter Lorenz Saladin (1896–1936)
Saladin war einer der erfolgreichsten Schweizer Expeditionsbergsteiger der 1930er-Jahre. Im Kaukasus und im Pamir waren ihm Erstbesteigungen gelungen, bevor er 1936 mit einer russischen Expedition zu seinem Schicksalsberg, dem Khan Tengri im Tien Schan, aufbrach. Sein Leben und vor allem sein fotografisches Werk faszinierten die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach. Nun erscheint ihre Biografie über Saladin neu.
Dass Saladin hierzulande in Vergessenheit geraten ist, hat auch mit seiner politischen Haltung zu tun. Max Oechslin, damaliger Redaktor der ALpEN, bezeichnete ihn in einem Nachruf als Kommunisten « aus Idealismus wie Romain Rolland ». Oft habe man « den unvergesslichen Kameraden » nicht verstanden, « bloss seiner Gesinnung wegen, zu Unrecht », schreibt die Sektion Lucendro des SAC, deren Mitglied er war. Russischen Alpinisten ist sein Name jedoch heute noch geläufig, denn mit einer russischen Expedition gelangte er in den Tien Schan.
Lorenz Saladin wurde 1896 in Nuglar im Schwarzbubenland ( SO ) geboren. Nach der Scheidung der Eltern kam er in ein Heim, lief aus einer Metzger- und einer Bandweberlehre davon, arbeitete in Sägereien, leistete im Ersten Weltkrieg Militärdienst, betrieb mit einem partner ein Sanitärmonteurgeschäft und begab sich schliesslich auf Wanderschaft durch Europa, Südamerika und die Vereinigten Staaten. « Alles war zu eng für mich », schrieb er, bis er zu seiner passion fand, zum Erforschen ferner Gebirge. Die Expedition zum Khan Tengri war vom sowjetischen Gewerkschaftsverband finanziert, vier der führenden Bergsteiger der Sowjetunion waren dabei, darunter Vitali und Evgeni Abalakow, die bedeutendsten pioniere des russischen Alpinismus – und eben Lorenz Saladin.
Allerdings waren sie schlecht ausgerüstet, kaum akklimatisiert und wurden durch die Bürokratie aufgehalten. Der Anmarsch mit pferden über den 70 Kilometer langen Iniltschek-Gletscher war schwierig und kraftraubend. Erst im September erreichten sie den Berg – viel zu spät im Jahr für den nördlichsten und kältesten Siebentausender der Erde. Trotzdem schafften sie am 5. September 1936 die Drittbesteigung des 7010 Meter hohen Gipfels. Sturm zog auf, der Abstieg über den schwierigen Westgrat wurde zum Leidensweg. Ohne Ausrüstung biwakierten die fünf in einer Schneehöhle, einer stürzte schwer in den verschneiten Felsen. Fast alle trugen Erfrierungen davon. Auf dem Rückmarsch über den 70 Kilometer langen Iniltschek-Gletscher starb Saladin am 17. September 1936 auf dem Rücken eines Pferdes, wahrscheinlich an einer Blutvergiftung. Er hatte seine erfrorene Ferse mit einem Messer aufgeschnitten. Nachkommen glauben heute noch, er sei umgebracht worden.
In der Schweiz ging das Gerücht, er habe für die Sowjets spioniert. Die Expedition war im verbotenen Grenzland zu China unterwegs. Saladin fotografierte Berge und Gletscher, Kletterer in Aktion, Standlager und Biwaks, aber auch kirgisische Nomaden mit ihren vielen Kindern, ihren Jurten und pferdeherden. Also nichts von strategischer Bedeutung.
Saladins Expeditionsfotos weckten das Interesse von Annemarie Schwarzenbach. « Menschliche Dokumente allerersten Ranges », urteilte die erfahrene Fotografin aus bestem Zürcher Hause. Dass ein « einfacher Bursche » ohne Ausbildung zu solch künstlerischem Ausdruck fähig war, faszinierte sie. Die Fotos dienten ihr, ebenso wie eine intensive Recherche, zur Rekonstruktion seiner Expeditionen. Dies gelang ihr mit erstaunlicher Einfühlungsgabe und Sachkenntnis, auch wenn sie keine Bergsteigerin war. Annemarie Schwarzenbach war eine Sympathisantin der Linken, obwohl sie aus einer der reichsten Familien des Landes stammte. Ihr Vater war Seidenin-dustrieller, ihre Mutter eine Tochter von General Ulrich Wille. Annemarie pflegte enge Beziehungen zu Thomas Manns Kindern Erika und Klaus. In ihrer moralisch freizügigen Umgebung fand sie eine Gegenwelt zur ihrer bürgerlich-konserva-tiven Herkunft. Trotz ihrer Intelligenz, ihrer legendären Schönheit und ihrer materiellen Unabhängigkeit war sie von Selbstzweifeln zerrissen und von einer unstillbaren Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit getrieben. Ihre Reisen im eigenen Auto durch Europa, Asien und die USA waren oft eine Flucht aus tiefster Traurigkeit; sie flüchtete in die Drogensucht, in den Alkohol und unternahm Selbstmordversuche.
Das Manuskript beendete Schwarzenbach im Sommer 1938 während eines Drogenentzugs. Heute wissen wir, dass kurz zuvor Saladins bester Freund, der russische Alpinist und Musiker Georgi Charlampiew, hingerichtet worden war. Zwei Expeditionskollegen kamen ins Straflager, einer verschwand für immer. Stalins Terror entlud sich voll auf die russische Bergsteigerelite. Man warf ihnen « Spionage » vor. Charlampiew wurden seine Kontakte mit Schwarzenbach, Saladin und anderen Alpinisten aus dem Westen zum Verhängnis. Vitali Abalakow überlebte das Straflager, Ewgeni kam 1949 bei einem Gasunfall ums Leben. Der englische Geheimdienst habe ihn ermordet, um zu verhindern, dass er als erster den Everest besteige, behauptet sein Sohn. Unsere Nachforschungen zu Lorenz Saladins Schicksal und die literarische Bearbeitung von Annemarie Schwarzenbach haben viele neue und dramatische Einzelheiten zutage gebracht. Einige Geheimnisse bleiben. So ist sein Grab weiterhin verschollen, auf das Ewgeni einen Stein legte, mit Bleistift beschriftet: « Saladin Lenz. Gestorben am 17.9.1936. Die Schrift zu meisseln gelang mir nicht. Schlafe ruhig, Freund! Tragisch ist dein Tod so weit von deiner Heimat und von den Lieben. » Ein 6820 Meter hoher Vorgipfel des Khan Tengri, der « pik Saladin », erinnert noch an ihn. Wer aber die unscheinbare Schneekuppe so getauft hat, ist weiterhin unbekannt.
1 Annemarie Schwarzenbach: Lorenz Saladin, ein Leben für die Berge. Herausgegeben und mit einem Essay versehen von Robert Steiner und Emil Zopfi. 280 Seiten, mit Fotos von Lorenz Saladin. Fr. 35.–. Lenos Verlag 2007, Basel