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Drei Bergtouren im Sommer 1892
Am Schlüsse meiner Arbeit „ Aus der Silvrettagruppe " im Jahrbuch S.A.C. XXIII, p. 175, sagte ich, daß ich wohl das Verstanklahorn nochmals ersteigen würde, wenn ich es in Gesellschaft thun könnte. Der Berg war mir damals außergewöhnlich schwierig erschienen, jedenfalls war es für mich nicht sehr verlockend, diese Kletterei nochmals zu machen, ich sann auf eine andere Anstiegsroute. Unterdessen wurde das Verstanklahorn direkt vom Verstanklagletscher von Herrn A. v. Rydzewsky erstiegen, der einen Nachfolger in Herrn O. Schuster aus Dresden im vergangenen Sommer gefunden hat.Was ich von dieser Route hörte, war nicht dazu angethan, daß auch ich Nachfolger der genannten zwei Sektionsgenossen werden wollte, und so dachte ich die älteste Route am Verstanklahorn zu versuchen. Für diesen Plan gelang es mir, meine hochverehrten Freunde Herrn und Frau Dr. Tauscher zu gewinnen. Am 8. August, morgens 4 Uhr 15 Min., verließen wir unsere Silvrettahütte. Als Führer waren engagiert der alte treue Chr. Jann und Peter Allemann aus Klosters. Wir querten den Silvrettagletscher und erstiegen bei völlig hartem Schnee die Krämerköpfe ( 5 Uhr 35 Min. ), stiegen dann ein wenig ab und erreichten, über den Verstanklagletscher wieder ansteigend, die Höhe des Verstanklathores ( 6 Uhr 30 Min. ). Wir mußten wieder ein wenig absteigen, der vortreffliche Schnee gestattete das Abfahren sogar in Steigeisen. 7 Uhr 10 Min. waren wir auf der Tiatscha-höhe und rasteten in Felsen ( 7 Uhr 25 Min. bis 8 Uhr ). Nach eingenommenem etwas frühem „ z'Nüni " mußten wir von der erreichten Höhe wieder etwas aufgeben, und zwar mehr als an den Krämerköpfen und dem Verstanklathor, immerhin aber nicht so viel, daß wir es unangenehm empfunden hätten. Um 9 Uhr, also schon eine Stunde nach dem Verlassen unseres Rastplatzes, standen wir am Fuße des Verstanklahorns in „ Tiatscha ", und nun erst zeigte uns der alte Jann die Schneerinne, in der er in den sechziger Jahren das Verstanklahorn mit seinen Touristen zum erstenmal erstiegen hatte. Das sah nun nicht gerade einladend aus, wohl mit 50—60 ° Steigung durchzieht die Rinne das Bergmassiv, wie viele Stunden Hackarbeit wird das wohl erfordern, bis wir oben auf dem Kamm sind? Ist es nicht schon zu spät, das Schneecouloir zu betreten, wird der Schnee nicht nach einigen Stunden so weich sein, daß er bei der bedeutenden Steigung nicht mehr hält? Aber was thun? Jemand sprach davon, wie wir gleich jetzt nach Lavin absteigend im bequemen Landauer heute noch über den Flüela nach Davos könnten, anstatt uns noch weiter zu „ schindenob das wohl der Jemand ernst \ meinte? Was hindert uns denn aber, den Schneehang links zu ersteigen, wir erreichen über ihn die Einsattlung zwischen Schwarzkopf und Verstanklahorn; allerdings scheint oben am Grat eine Schneegwächte zu drohen, aber dort rechts ist wohl ein Schlupf, und wenn wir uns links nahe an die Felsen halten und erst oben traversieren, kann sie uns nicht viel thun, wenn sie auch abbricht. Das war das Resumé des Kriegsrates, der gehalten wurde. Bald hatten wir den Hang unter den Füßen.
Dr. Tauscher mit seiner Virginia im Mund, Jann hatte „ sis Pfifli frisch gefüllt ", im richtigen „ Tobackschritt " betraten wir schon um 10 Uhr die ersehnte Höhe der Einsattlung, ohne auf die geringsten Schwierigkeiten gestoßen zu sein. Jann frohlockte — jez hei mer gwunne — und als ich auf die bevorstehende schwierige Kletterei hinwies, lachte er verschmitzt und sagte, es käme darauf an, welchen Weg man gehe. Als wir um 10 Uhr 40 Min. aufbrachen und weiter stiegen, ein kleines Couloir erkletterten, das Jann als das schwierigste des ganzen Aufstieges bezeichnete, wurde es mir klar, daß das Verstanklahorn durchaus nicht schwierig sei und Guler 1887 mich jedenfalls den schlimmsten Weg am ganzen Berg geführt hatte! Wir waren damals einen großen Teil des Weges über den Grat geklettert, während wir heute stets unterhalb desselben blieben und nur kurz vor dem Gipfel den Kamm betraten. Vergnügt schüttelten wir uns auf dem Gipfel ( 11 Uhr 40 Min. ) die Hände; der schönste, interessanteste Weg auf das Verstakhlahorn war gefunden und noch im gleichen Sommer wurde er mehrfach gemacht.
12 Uhr 25 Min, begann der Abstieg; 1 Uhr 15 Min. hatten wir wieder die Höhe der Einsattlung erreicht und betraten nun, das Horn traversierend, den Schneehang, der gegen das Vernelathal hinabfällt. Nach 30 Minuten waren wir am Schrund, rasteten um 3 Uhr an einer prächtigen Quelle und gingen dann ohne Aufenthalt bis Klosters, wo wir um 7 Uhr 50 Min. eintrafen. Eine der prächtigsten Touren, die die Silvretta bietet, hatten wir hinter uns, und wurden auf der Fahrt nach Davos nicht müde, die Reize derselben, das prächtige Wetter, unseren alten Jann und das gute Quellwasser „ Hinter den Bürgen " im Vernelathal zu loben. Ungelobt blieb einzig der Weg durch das Vernelathal, sagte doch Jann zur Frau Tauscher: Frau Doktor, wenn wir den hinter uns haben, können Sie sagen, Sie seien den schlechtesten Weg in Bünden gegangen!
Das Verstanklahorn hatte den ersten Damenbesuch erhalten; diese Ehre ließ einen alten rauhen Gesellen nicht ruhen, auf mehrfache Einladungen hatte er schon Körbe erhalten, nochmals wollte er es versuchen und winkte so verführerisch, daß auch er endlich Damenbesuch erhalten hat. Das ist der Groß-Litzner. Am 25. August erreichte Frau Dr. Gelbke in Gesellschaft ihres Gemahls und meiner den Gipfel mit dem Führer Engi.
Schon lange hatte mein Freund Dr. Gelbke den Vadret ersteigen wollen, aber stets war etwas dazwischen gekommen. Am 31. August, dem letzten schönen Sommertage, sollte es endlich dem Vadret gelten. Da ich den Vadret bereits mehrfach von zwei verschiedenen Seiten kannte, so wollten wir es diesmal von Norden versuchen, auf dem Wege, A. Baltzer.
den nach Studer, „ Über Eis und Schnee " III, p. 106, die ersten Besteiger eingeschlagen hatten.
Wir verließen Dürrboden im Dischma mit Führer Joh. Engi 3 Uhr 45 Min. morgens, stiegen gegen den Grialetschpaß hinauf und rasteten ( 7 Uhr ) am Fuße des Piz Vadret 30 Minuten. Eine steile Schneehalde führte uns mit einer Steigung von wohl 45-50 und 60° bis an die Felsen, über welche wir ( 9 Uhr 10 Min. ) den Gipfel erreichten. Ich hatte ein Aneroid mitgenommen und fand, daß es zweifellos dieser Weg ist, den die ersten Besteiger gemacht haben, denn meine Messungen stimmen mit denen bei Studer überein. Somit existieren also drei Wege auf den Vadret, worüber der Leser im Itinerar das Nötige finden wird. Absichtlich habe ich so wenig von den „ Schwierigkeiten " des Weges auf alle drei Berge gesprochen, denn wie mir immer mehr scheint, sind alle Schwierigkeiten ganz subjektiver Natur. Da macht die momentane psychische und physische Disposition, das Wetter, die Schneeverhältnisse so ungeheuer viel aus, daß nicht wohl möglich ist, jemand durch eine Beschreibung das richtige Bild von dem zu geben, was seiner wartet. Kommet und sehet selbst, das ist das beste, _ A. BzewusJa ( Sektion Davos ).