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Achim Szepanski meinte einmal, als ich ihn auf den Zusammenhang zwischen den vier Teilen von Der Non-Marxismus ansprach, dass sich sein neues Buch zu dem Zweibänder Kapitalisierung so verhält wie einst der Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari zu seiner Fortsetzung Tausend Plateaus. Handelt es sich bei Kapitalisierung noch um ein relativ traditionelles Buch, in dem ausgehend von einigen Grundideen der titelgebende Begriff entfaltet wird – was Szepanski zur Entwicklung einer unglaublich spannenden Theorie des gegenwärtigen Kapitalismus führt –, ist Der Non-Marxismus ein post-traditionelles, oder, um in der Sprache der beiden Meisterdenker des Poststrukturalismus zu sprechen (deren Idiom auch Szepanski meisterhaft beherrscht), ein „rhizomatisches“ Werk. Das will sagen: Es gibt keine baumhafte Wurzel mehr, keinen festen Ursprung, aus dem heraus sich die abgeleiteten Teile entwickeln ließen, sondern ein kartoffelartiges Geflecht mit fünf Knotenpunkten (der Einleitung und den vier titelgebenden Begriffen), deren Verbindungen mannigfaltig, diffus und unhierarchisch sind. Während sich Kapitalisierung noch so lesen ließ, als bildete hier die „Non-Philosophie“ des ebenfalls aus Frankreich stammenden François Laruelle eine Art konzeptuelles Fundament, auf dem sich die Konstruktion des ganzen Werkes stützt – was freilich schnell die Frage aufwarf, ob der „Non-Philosoph“ Laruelle hier nicht eine ganz ähnliche Rolle spielt wie es ein Philosoph immer tut: Fundamente stiften, Wurzeln setzen –, ist Der Non-Marxismus konsequenter: Auch der „Non-Philosophie“ Laruelles kommt hier nicht einmal mehr die Rolle eines Stützpfeilers zu, stattdessen spricht Szepanski den Verdacht, dass Laruelle noch immer zu philosophisch sei, offen aus. Die Philosophie, die den Gegenstand stets mit ihren Abstraktionen zu ersticken droht, wird jetzt konsequent auf ihren Platz als Werkzeugmacher für die Wissenschaft verwiesen.
Das hat freilich den großen Nachteil einer gewissen Inkohärenz: Ein wenig fast wie in sich geschlossene kleine Bücher wirken die fünf Teile des Buches. Der im Titel erweckten Erwartung nach einer „großen Erzählung“, die der zerfledderten Lebenswelt wenigstens im Bereich der Theorie Einheit geben könnte, verweigert sich der Autor trotzig. Das lässt den Leser am Ende ein wenig ratlos zurück. Eines ist sicher: Was „der Non-Marxismus“ nun eigentlich ist, das wird er hier jedenfalls nicht erfahren.
Vielleicht ist das jedoch keine Schwäche des Buches. An Sinnstiftungsangeboten mit praktischen Handlungsanweisungen am Ende besteht auf dem gegenwärtigen Theorie-Markt schließlich wahrlich kein Mangel. Der Preis dafür ist oft genug inhaltliche Plattheit und brutale Abstraktion. Wer bereit ist, das Bedürfnis nach Sinngebung auszusetzen, wird in Szepanskis neuem Buch mit einem ganzen Ozean von interessanten Fakten und beeindruckend dichten Einzelanalysen konfrontiert, wie man sie in ähnlichen Produktionen oft genug vermisst. In der Einleitung gelingt ihm eine fundierte und detaillierte Analyse des gegenwärtigen Stands des Kapitalismus. Im Teil über den Non-Marxismus führt er – schon allein das eine Achtung erfordernde Leistung – souverän in das äußerst komplexe und windungsreiche Denken von Laruelle ein. Die wichtigsten Ergebnisse von Kapitalisierung resümiert er dann noch einmal in Kapitalisierung und Finance. Während diese beiden Teile für den Laien mitunter etwas kryptisch wirken, wird es im dritten und vierten Teil dann sehr konkret: Hier widmet sich Szepanski den Problemen der Maschine, der Digitalisierung und der Subjektivität in Zeiten der „maschinischen Indienstnahme“ des (In-)Dividuums. Neben einer äußert instruktiven Zusammenfassung der Technik-Philosophie der letzten Jahrhunderte führt Szepanski in diesen Abschnitten immer wieder schlagend vor Augen, was in der Geisteswissenschaft immer noch weitgehend ignoriert wird: Dass es in der Ära von „Maschine 4.0“ und „Big data“ den „Geist“ immer weniger gibt; dass der Geist durch Bytes ersetzt wurde. Und am Ende winkt dann als Belohnung für alle Geduld wenigstens noch ein Absatz, in dem sich Szepanski mit den Möglichkeiten eines way out befasst. Dessen Inhalt soll hier nicht gespoilert werden. Festzuhalten gilt es hier nur, dass aus der dort beschriebenen verbliebenen Widerstandsperspektive der Gestus des Buches konsequent folgt. Wenigstens auf dieser Meta-Ebene hat Szepanski somit ganz zum Schluss doch für Kohärenz gesorgt.
Das Buch ist so oder so ein must read für alle, die sich für poststrukturalistische Theorie jenseits ihrer akademischen Vereinnahmung interessieren. Denn anders als die meisten ihrer Adepten schreibt Szepanski nicht über die Dekonstruktion, er dekonstruiert – und das immer mit einem offenen, nicht durch das philosophische Sinnstiftungsbedürfnis verdorbenen Auge für den Gegenstand.
Achim Szepanski: Der Non-Marxismus – Finance, Maschinen, Dividuum. Laika-Verlag, Hamburg 2016.