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Was für ein Weg von einer kleinen Schnecke im Schultheater, irgendwann um 1940, bis zur Queen Victoria auf einem furzenden Pferd! Jedenfalls erzählt Judi Dench gern, dass ihr Pferd «bei jedem Schritt», den es in «Mrs. Brown» (1997) tun musste, seine unmanierliche Geräuschkulisse entfachte. Ihr eigenes Pferd tut dies natürlich nicht, es heisst wie eine Parodie auf schottischen Whisky «Smokey Okey», nimmt regelmässig an grossen Rennen teil und landet ebenso regelmässig auf dem letzten Platz.
Auch das erzählt sie gerne. Und von ihrem ausnehmend dummen Goldfisch, den sie schon zweimal wiederbeatmen musste, weil er zu ertrinken (!) drohte: «I gave him the breath of life.» Und von dem einen grossen Ding, das sie in ihrem Leben verpasst hat: Sie wäre so gern 2012 zur Eröffnung der olympischen Spiele in London als Queen aus dem Helikopter gesprungen.
Vor einem Jahr wählten sie die Briten in der Liste der bedeutendsten Politiker, Künstler, Wissenschaftler und Sportler auf Platz zehn. Direkt vor der Queen. Elizabeth, die aus dem Helikopter springt, wäre Judi Denchs dritte Queen gewesen nach der verwitweten Pferdenärrin Victoria in «Mrs. Brown» und nach der so brillant süffisanten Elizabeth I. in «Shakespeare in Love», die ihr 1999 einen Oscar bescherte.
Doch ihre Lieblingsrolle, verriet sie 2011 an der Uni Cambridge, wäre sowieso mal etwas ganz anderes. Also keine verwitwete («Mrs. Brown»), verbitterte («Notes on a Scandal»), demente («Iris»), latent einsame (immer), einfache («Philomena») oder patente («Jane Eyre», «Mrs. Henderson Presents», «The Best Exotic Marigold Hotel») alte Frau, sondern zum Beispiel «eine Frau, die aus Afghanistan kommt und sich in einen Drachen verwandelt».
Und nein, Judi Dench hatte keine Drogen genommen, als sie das sagte, so, wie Judi Dench in ihrem Leben eh noch gar keine Zeit hatte für Drogen und andere Suchtmittel, denn Judi Dench ist arbeitssüchtig. Nur einmal, als sie um 1970 in London als Sally Bowles in «Cabaret» für ein paar Jahre auf der Musicalbühne stand, wurde sie zur 48-Tage-Alkoholikerin: Ein Fan hatte ihr 48 Flaschen Champagner geschickt, und sie trank Abend für Abend eine Flasche vor ihrem Auftritt. «A quick swig of that and I brought the house down», pflegt sie heute zu sagen.
Judi Dench stammt aus dem Backstage-Bereich der britischen Bühnenkunst. Als sie am 9. Dezember 1934 – exakt neunzehn Tage vor einer andern Britin, nämlich Maggie Smith – im absurd malerischen York zur Welt kommt, arbeitet ihr Vater als Arzt am Theater, die Mutter ist Garderobenchefin. Judis Bruder will Schauspieler werden, sie selbst Bühnenbildnerin. Bis sie eines Tages beschliesst, dass ihre bildnerische Fantasie dafür zu kurz geraten und Schauspielerin der einfachere Weg sei.
Und so spielt sie eben Theater, wird zum Jungstar der Old Vic Company, zum Superstar der Royal Shakespeare Company, zum Megastar am National Theater. Sie habe, sagt sie, jede einzelne wichtige Frauenrolle von Shakespeare gespielt, jede. Franco Zeffirelli inszeniert sie auf der Bühne als seine Julia, bevor der das Stück 1968 mit einer zwanzig Jahre Jüngeren verfilmt. Sie tourt durch Afrika und durch Amerika, und von Amerika ist sie so sehr betört, dass sie beschliesst, nie mehr hinzufahren, denn so schön wie bei ihrem ersten Besuch könne es dort nie wieder werden.
Erst als Mrs. Brown steigt sie wieder in Amerika aus dem Flugzeug, sie kann nicht anders, sie ist zum ersten Mal für einen Oscar nominiert. Und sie hat schon zweimal Bonds Chefin gespielt. Plötzlich ist sie ein Weltstar. Mit über sechzig Jahren. «Die Amerikaner fragten mich: Und? Haben Sie ausser «Mrs. Brown» und «Bond» eigentlich noch irgendwas gemacht? Ich dachte für mich: okay, den ganzen Shakespeare, alles von Tschechow, so in der Art.»
Filme hat sie da natürlich auch schon unzählige gedreht: Sie war im legendären «A Room with a View» (1985) von Merchant/Ivory und in Kenneth Brannaghs Sensationserfolg «Henry V» (1989). Auch da war sie schon über fünfzig gewesen, und man hatte begonnen, von einer schönen Alterskarriere zu reden.
Dabei war sie einst als junge Frau, mit knapp dreissig, ins Filmgeschäft eingestiegen, und bereits ihr zweiter Film «Four in the Morning» (1965) bescherte ihr den ersten von bisher elf BAFTAs und Anthony Simmons’ Drama den grossen Preis von Locarno. «Four in the Morning» ist ein Film noir über die Komplexität und Komplexbeladenheit heterosexueller Beziehungen in der Grossstadt. Eine weibliche Leiche in der Themse schwebt als Todesengel über allem, und Judi Dench spielt eine junge Mutter, die zuhause dem Wahnsinn entgegen driftet, weil die Gesellschaft das so will.
Sie gleicht da einer etwas robusteren Jean Seberg, der sich sofort alle Herzen zuwenden, sie trägt schon da jenen Kurzhaarschnitt, der ihr jetzt, mit achtzig, so wunderbar steht, sophisticated, mondän und praktisch zugleich, das Haar der «M», die in «GoldenEye» (1995) James Bond mit den Worten begrüsst: «I think, you’re a sexist, misogynist dinosaur, a relic of the cold war whose boyish charms are wasted on me.» Das war damals so unfassbar zeitgemäss, dass plötzlich auch junge Feministinnen in Bond-Filme rannten.
Judi Dench zog es durch, siebenmal war sie die Frau über Bond, «ich ging zum Dreh und war total besoffen vor Machtgefühl», sagt sie, und dass sie im Gegensatz zu fast all ihren andern Rollen andauernd über Dinge hätte reden müssen, «von denen ich rein gar nichts verstand». Dennoch überlebte sie souverän Pierce Brosnan und befehligte nach ihm Daniel Craig, und die unterdrückte Mutter-Sohn-Beziehung, die «M» und Bond da entwickeln und die in «Skyfall» (2012) in einer schottischen Kapelle ihr vollkommen unerträgliches Ende nimmt, die verleiht den Bond-Filmen jene dunkle, melancholische Grundierung eines schmerzlichen Familiendramas.
Weit greller ausgeleuchtet war die Schauspieltiefe der Judi Dench in «Notes on a Scandal» (2006), jenem kryptolesbischen Psychothriller, in dem sie eine verhärmte alte Jungfer spielt, die versucht, sich die strahlende junge Cate Blanchett einzuverleiben. Das direkte Gegenteil davon fand sich dann in «Philomena» (2013), dem Biopic über eine irische Volksheldin, eine einfache Frau, deren uneheliches Kind von Nonnen nach Amerika verkauft wird. Es ist beeindrucken, wie Judi Dench diese Frau spielt, deren simples Weltbild in sich vollkommen funktioniert und zwar so, dass sich damit eine grosse Würde ausleben lässt
Judi Denchs unfassbar türkisblaue Augen sind müde geworden, sie hat von ihrer Mutter eine Augenkrankheit geerbt, aber keine Angst, erblinden wird sie nicht. Und es kommt ihrem gelegentlichen Bedürfnis nach einer liebenswerten Divenhaftigkeit sogar entgegen. Sie geht jetzt gern zu den ersten Proben, ohne ihr Skript jemals selbst gelesen zu haben. Sie lässt es sich vorlesen, von ihrer Tochter, deren erster Berufswunsch einst «akrobatische Krankenschwester» war. Logisch, wurde auch sie Schauspielerin. Oder Judi Dench zwingt den Regisseur, ihr jede einzelne Zeile des Drehbuchs in seinen eigenen Worten zu erzählen. Es bereitet der Dame, die so gern einen Drachen spielen würde, eine leicht sadistische Freude.
Können tut sie sowieso alles. Je älter, desto besser. Und das weiss sie auch. Happy Birthday, Your Majesty!