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Die Systemanalyse nach Huwiler (2020) ist eine Denkmethode,
welche vernetztes Denken fördert und eine logisch-rationale Herangehensweise an Frage- und Problemstellungen ermöglicht.
Das Ziel der Methode ist die Reduktion von Komplexität durch das Aufschlüsseln einer Fragestellung nach Ihren Bezugspunkten zu den Teilsystemen Politik, Recht, Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie und Ökologie.
Die Methode ist inspiriert vom St. Galler-Managementmodell, welches als Führungshilfsmittel in Unternehmungen dient.
Das Systemanalyse-Modell kann für Standortbestimmungen (Wo stehe ich in den verschiedenen Systemen? Wo bestehen Abhängigkeiten?), für persönliche (Konsum-)Entscheidungen oder auch zum Durchdenken jeglicher Problemstellungen (wie z.B. auch Abstimmungsvorlagen) angewandt werden.
Miriam Huwiler, wie bist du auf die Idee gekommen, das Modell zu entwickeln?
Bei der Betreuung von IDPA's (Interdisziplinäre Projektarbeit) stellte ich immer wieder fest, dass Lernende Schwierigkeiten hatten ihr Thema einzugrenzen. Sie verloren sich in unzähligen Fragestellungen, die teilweise zusammenhanglos und leider nur oberflächlich beantwortet wurden. Das Resultat: Bei sozialwissenschaftlichen Arbeiten war meine häufigste Rückmeldung, dass die These unvollständig und zu wenig tief untersucht worden wäre.
Ich suchte nach einer Methode, die den Lernenden helfen sollte, die relevanten Fragen zu ihrem Thema zu finden und besser zu strukturieren.
Im Dezember 2019 hatte ich eines Nachts eine Erleuchtung: Ich stand um 3 Uhr morgens vor meiner Whiteboard-Tafel und notierte meine Idee:
Am nächsten Morgen nahm ich eine 30-minütige Sprachnachricht für meine Freundin auf und erklärte ihr die Methode. Sie fragte nach, kommentierte und verlangte genaue Begründungen meiner Idee. Durch ihre Fragen und die konstruktive Kritik entwickelte ich verschiedene Anwendungsmöglichkeiten der einfachen Systemanalyse-Methode.
Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst du für die Systemanalyse-Methode?
Die Anwendungsmöglichkeiten sind sehr vielfältig. Viele meiner Lernenden wandten dieses Jahr die Methode an, um ihr IDPA-Thema einzugrenzen und eine spannende zu untersuchende These zu finden. Ein Beispiel: Eine Gruppe setzte sich mit Deep Fakes auseinander. Du stellst den Begriff in die Mitte eines Papiers und überlegst dir, welche Relevanz Deep Fakes in Bezug auf Politik, Recht, Gesellschaft, Ökonomie, Technologie und Ökologie haben. So wurde der Gruppe schnell klar, dass sie sich eher nicht mit der rechtlichen Beurteilung von Deep Fakes beschäftigen wollen, sondern prüfen wollen, welche Technik nötig ist, um ein Deep Fake zu erstellen. Die Methode hat der Gruppe in wenigen Minuten Klarheit verschafft, in dem wir die Fragen notierten, die sich in Bezug auf die verschiedenen Systeme stellen:
Anhand der identifizierten Fragen und ihrer Zuordnung zu den sechs Systemen werden auch Fragen klar, die einen Bezug zu mehreren Systemen haben, wie z.B. die Frage nach dem Bewusstsein für Deep Fakes in der Gesellschaft und der rechtlichen Regelung (Persönlichkeitsschutz, Geistiges Eigentum). Ist den Menschen klar, dass die Persönlichkeitsrechte der von Deep Fake betroffenen Person verletzt worden sind? Sind ihnen die rechtlichen Auswirkungen von Deep Fakes bewusst (z.B. Videobeweis im Strafrecht)? Sind die Menschen genügend über technische Möglichkeiten aufgeklärt?
Diese Anwendung der Methode hat den Lernenden enorm geholfen, sich schnell in diesem komplexen Thema zurecht zu finden und durch die Struktur einen Leitfaden für die Erstellung ihrer Arbeit zu formulieren.
Wie führst du die Methode bei den Lernenden ein?
Die Methode führe ich mit einer Standortbestimmung ein. Dabei stellen die Lernenden sich selbst in die Mitte und identifizieren ihre Rolle in den jeweiligen Systemen. Ihre Erkenntnisse sollen sie in einer Tabelle darstellen. Das kann in etwa so aussehen:
In einem weiteren Schritt überlegen die Lernenden, welche Merkmale das jeweilige System haben könnte. Je nach Vorkenntnissen kann ich Begriffe vorgeben oder nicht.
Als letzte Frage scheint mir wichtig, den Sinn und Zweck der jeweiligen Systeme zu erkennen und kurz zu beschreiben. Die Lernenden merken bei diesem Schritt dann bereits, dass die Systeme untereinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen.
Es entstehen spannenden Gespräche, wenn ich die Methode einführe. Viele haben Aha-Erlebnisse, weil sie plötzlich erkennen, dass die Abhängigkeiten vom "Ich" zu den jeweiligen System davon bestimmt sind, in welchem Land sie geboren wurden. Wir können anhand der Systemanalyse-Methode verschiedene Länder vergleichen: Regierungsform, Rechtsordnung, Gesellschaftsstruktur, wirtschaftliche Bedeutung eines Staates, Innovationskraft einer Volkswirtschaft, Beitrag an den globalen Klimabestrebungen.
Gibt es Erkenntnisse deiner Lernenden, die dir besonders wichtig sind?
Es gibt unzählige spannende Beispiele. Ein Lernender hat erstaunt festgestellt, dass Amerika nicht die gleichen Gesetze hat, wie wir in der Schweiz. Durch die Anwendung der Methode werden solche Wissenslücken aufgedeckt und viele Missverständnisse können aufgelöst werden.
Viele Lernende haben in ihren Lerntagebüchern zurückgemeldet, dass sie nun erkannt hätten, welches Privileg die politischen Rechte in der Schweiz darstellen und dass sie diese wahrnehmen wollen. Die Methode hilft ihnen, sich ein Bild über eine Abstimmungsvorlage zu machen, offene Fragen zu erkennen und zu klären und die Relevanz der Vorlage für die verschiedenen Systeme zu erkennen.
Hier ein Beispiel aus meinem Lernraum vom September 2020:
Die Systemanalyse-Methode dient also einerseits dem Identifizieren offener Fragen und andererseits der Zuordnung von Argumenten zu den relevanten Systemen. Ist das richtig?
Ja, absolut. Am Beispiel "Vaterschaftsurlaub" sehen wir, dass verschiedene Argumente wertfrei zugeordnet werden können. Die Methode dient demnach nicht einem Abwägen von Argumenten. Das ist wichtig und das muss ich meinen Lernenden unbedingt verständlich machen. Um Argumente abzuwägen, gibt es andere Methoden wie z.B. die Nutzwertanalyse oder eine simple Pro-/Kontra-Liste. Bei der Systemanalyse-Methode geht es einzig darum, möglichst viele Argumente zu finden. Genau aus diesem Grund ist sie für die Behandlung von Abstimmungsvorlagen gut geeignet.
Du beeinflusst die Meinungsbildung der Lernenden damit nicht?
Nein, ich sage ihnen ja nicht, welche Argumente für mich höher wiegen und wie ich mich entscheide abzustimmen. Je nach Brisanz eines Themas lasse ich sie in Gruppen über die Argumente diskutieren oder wir diskutieren im Plenum. Auch möglich ist eine Podiumsdiskussion, bei der Lernende verschiedene Rollen einnehmen und aus ihrer Rolle heraus argumentieren. Mit Blick auf die Systemanalyse können wir neben Parteivertretern z.B. auch eine Vertreterin der Wirtschaft, einen Digitalspezialisten, einen Ökologie-Professor, eine Vertreterin der Zivilgesellschaft und einen Juristen als Rolle wählen.
Erkennen die Lernenden dadurch den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft?
Ganz genau und das ist im Fach W+R sehr wichtig. Lernende beschäftigen sich mit ökonomischen Theorien, wie z.B. dem Marktgleichgewicht oder dem komparativen Kostenvorteil. Aus der Theorie des komparativen Kostenvorteils sind Freihandelsabkommen vorteilhaft für die betroffenen Volkswirtschaften. Trotzdem gibt es Stimmen dagegen. Hier können wir die Lernenden zur Erkenntnis führen, dass die Wissenschaft Belege für eine Theorie nachweist. Häufig gibt es verschiedene Theorien und die Wissenschaftler sind sich auch nicht immer einig. Die politische Entscheidung gründet dann auf einer Abwägung der verschiedenen Argumente, um ein möglichst sinnvolles Resultat zu erzielen.
Für welche Stufe und für welche Fächer empfiehlst du die Anwendung der Systemanalyse-Methode?
Die Methode ist überall da gut einsetzbar, wo offene Fragen identifiziert oder ein ganzheitlicher Blick ermöglicht werden soll. Ich wende sie in W+R an, aber sie ist genauso gut bereits im ABU einsetzbar, in Geschichte und Politik, in Philosophie und Staatskunde.
Ich denke, dass sie neben der Berufsbildung natürlich auch am Gymnasium eingesetzt werden kann und eventuell bereits auf der Sekundarstufe, z.B. bei der Bildung für nachhaltige Entwicklung.
Du sprichst die Philosophie an. Da fällt mir auf: Eine philosophische Brille gibt es in deiner Methode nicht?
Nein, das stimmt. Unter Philosophie wird die Lehre von der Erkenntnis des Sinns des Lebens, der Welt und der Stellung des Menschen in der Welt verstanden. In diesem Sinne könnte die Systemanalyse-Methode eine philosophische Methode sein, da sie genau die Stellung des "Ich" in Systemen, in die wir in einer bestimmten Abhängigkeit stehen, beleuchtet. Die Methode erlaubt einen ganzheitlichen, systemischen Blick auf eine Fragestellung. Das heisst, die sechs Brillen als Ganzes könnten als die "philosophische Sicht" betrachtet werden. Das bleibt aber noch mit einem Philosophen zu diskutieren! (lacht)
Was ist mit Ethik und Kunst und Kultur?
Ethische Grundsätze finden sich in der Schweizerischen Bundesverfassung bei den Grundrechten und können damit unter dem rechtlichen Blickwinkel mit Lernenden diskutiert werden.
Kunst und Kultur, aber auch Religion, Spiritualität und Psychologie werden als Reflexionsinstrumente auf der Metaebene verstanden. Das bedeutet, dass der Mensch grundsätzlich ohne diese Dinge existieren kann. Sobald wir uns aber entwickeln und nicht bloss existieren wollen, fangen wir an, nachzudenken. Dann bewegen wir uns auf einer Ebene, von der wir auf die Systeme herunterblicken, sie analysieren und weiterentwickeln wollen. Mit Metaebene bezeichne ich die übergeordnete Sichtweise auf die im Grundmodell dargestellten Systeme.
Der Reflexionsprozess wird durch Kunst und Kultur und weitere Reflexionsinstrumente unterstützt. Künstler*innen geben uns gesellschaftskritische Inputs, die uns zum Nachdenken anregen. Musiker*innen fordern uns heraus, in dem sie in Liedern auf Missstände aufmerksam machen. Wir treffen uns an Konzerten oder anderen Versammlungen und diskutieren miteinander.
Baust du die Metaebene in deinen Lernraum mit ein?
Die Lernenden schreiben ein Lerntagebuch mit offenen Reflektionsfragen. Eine Frage in diesem Jahr war die Frage nach der Bedeutung von Freiheit. Es gab überraschende Antworten. Es steht den Lernenden frei, die offenen Fragen aus einem bestimmten oder mehreren Blickwinkeln zu beantworten oder sich dem Thema von der Metaebene anzunähern. Eine Lernende hat die Frage nach Freiheit im Kontext ihres Glaubens beantwortet. Das war hochinteressant.
Was wünscht du dir für die Entwicklung deiner Methode?
Ich wünsche mir einen Austausch darüber mit anderen Lernprozessbegleiter*innen und mit Lernenden. Die Methode ist einfach und das soll sie bleiben, aber sie darf sich weiterentwickeln. Vielleicht sehen andere Anwendungsmöglichkeiten, die ich im Moment nicht sehe.
Stellst du Materialien zur Verfügung?
Jeder, der Interesse hat, darf sich gerne via <email-pii> bei mir melden. Ich stelle die Grafiken (siehe oben Tafelbild "Vaterschaftsurlaub") zum Ausdrucken oder zur Verwendung in eigenen Unterrichtsmaterialien unter der creative common Lizenz BY 4.0 zur Verfügung. Auch eine Anwendungsanleitung kann nachgefragt werden.
Vielen Dank für das Interview!
Sehr gerne.