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Als eine der grössten Hoffnungen der jungen Schweizer Nachkriegsmoderne startete André Studer seine Laufbahn als Architekt. Seine letzten Jahre widmete er als Medium ganz der Esoterik. Das Schweizerische Architekturmuseum widmet ihm eine sehenswerte Ausstellung.
Ohne auch nur einen Bau realisiert zu haben, wurde André Studer 1954 zur Aufnahme ins Schweizerische Künstler-Lexikon vorgeschlagen. Der noch nicht 30-Jährige lehnte ab. Erst zehn Jahre später schien ihm sein eigenes Werk reif genug, um einem Eintrag mit gutem Gewissen zustimmen zu können.
Einige Zeit zuvor hatte sein erstes Grossprojekt die Titelseite der Architekturzeitschrift «Das Werk» geschmückt. Gezeigt wurde die sogenannte «Arabersiedlung», die Studer zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Jean Hentsch in Casablanca geplant und ausgeführt hatte. Tatsächlich muten die verschachtelten weissen Balkonkisten unschweizerisch expressiv an.
In sicherer Distanz zur Heimat gebaut, weckte die Siedlung hierzulande bei einem breiteren Publikum Interesse – so gab der sich sonst nur spärlich zur Architektur äussernde Studer in der Zeitschrift «Du» Auskunft über seine theoretischen Ansätze.
In Fachkreisen genoss Studer schon früh den Ruf eines aussergewöhnlichen Jungtalents. Als Jahrgangsbester schloss er sein Architekturstudium an der ETH bei Hans Hofmann ab, von dem unter anderem das Kraftwerk Birsfelden stammt. Im Anschluss erhielt Studer ein Reisestipendium, mit dem er und seine Frau die USA und Mexiko bereisten.
Seine Förderer Sigfried Giedion und Werner Max Moser vermittelten ihn nicht nur in ein renommiertes Architekturbüro, sondern verhalfen ihm auch zu einem Treffen mit seinem wichtigsten Vorbild: Frank Lloyd Wright.
Von den USA nach Marokko
Trotz Kontakten zu Walter Gropius, Erich Mendelsohn und – während seiner Mexikoreise, die ihn zu den Mayatempeln führte – auch zum Maler Diego Rivera, gelang es Studer letztlich nicht, in den USA Fuss zu fassen. Und so folgte er dem Ruf nach Marokko, wo unter französischem Protektorat in Casablanca zahlreiche Grosssiedlungen geplant wurden.
Jean Hentsch war dank guter Kontakte zum französischen Staat an Aufträge gekommen und konnte so Studer involvieren. Aber auch hier sollte das Architekten-Glück nicht lange währen: Als Marokko 1956 unabhängig wurde, war nur ein kleiner Teil der vielpublizierten Siedlung für marokkanische Verwaltungsangestellte in Sidi Othman fertiggestellt. Die unsichere Lage führte zur Schliessung des Büros und Studer reiste zurück in die Schweiz, wo er im Architekturbüro Haefeli Moser Steiger eine Anstellung fand.
Hier leistete er die Entwurfsarbeit für die Kornfeldkirche in Riehen und war massgeblich an der Ausführung des Hochhauses zur Palme – einem Schlüsselbau der Schweizer Nachkriegsmoderne – in Zürich beteiligt. Sein eigenes Atelierhaus in Gockhausen, das etwa zur selben Zeit entstand, fand über die Fachwelt hinaus Anerkennung.
Wohn- und Atelierhaus in Gockhausen, 1957-59. (Bild: Christian Kahl)
Wie kommt es also, dass einer, der Talent, Kontakte, Aufträge und Erfolg hatte, heute weitgehend vergessen ist? Paradoxerweise führt die Suche nach einer Antwort ausgerechnet zu Studers Interesse für die Grundgesetze der Architektur. Schon während seines Praktikums bei Le Corbusier in den Vierzigerjahren hatte Studer an der Entwicklung des Modulors mitgearbeitet – ein Masssystem, aus dem sich auf den Menschen abgestimmte Proportionen von Gebäuden und Möbeln ableiten lassen.
Gebäude auf harmonikalen Grundlagen
Anfang der Fünfzigerjahre kam es dann zu einem folgenreichen Treffen mit dem Kunst- und Musiktheoretiker Hans Kayser, der auf der Basis von Tonintervallen die Lehre der Harmonik entwickelte und diese auch auf andere Bereiche der Gestaltung übertrug. Vom universalistischen Ansatz dieser Lehre beeindruckt, begann Studer seine Gebäude auf harmonikale Grundlagen zu stellen.
Ein strenges Raster, das meist auf der Basiseinheit von dreissig Zentimetern fusste, organisierte die einzelnen Bauteile und ihr Verhältnis zueinander. Die von komplexen Liniengebilden durchsetzten Pläne bezeugen Studers stetige Suche nach einem Schlüssel, der Mensch, Gebäude und Kosmos miteinander verknüpfen und in Einklang bringen sollte.
Die dadurch gewonnene Komplexität seiner Entwürfe war der Realisierung der Bauten allerdings eher abträglich. Zu kompliziert und kostenintensiv waren viele seiner Projekte. So kam nur ein Bruchteil davon zur Ausführung – von den teilweise utopisch anmutenden Grosssiedlungen wurde keine einzige umgesetzt.
Hinzu kam das Pech, dass einige Prestigeobjekte wegen Insolvenz oder Strategiewechsel der Auftraggeber wieder aufgegeben wurden. Das Lasalle-Haus in Bad Schönbrunn in der Nähe von Zug bleibt die gebaute Ausnahme.
Exerzitienhaus Bad Schönbrunn, 1968-75. (Bild: Christian Kahl)
Daneben gehören rund dreissig realisierte Wohnhäuser zu Studers zentralem architektonischem Vermächtnis. Die äusserst individuell gestalteten Häuser beherbergen nach aussen hin geschützte, aber im Innern einander zugewandte, offene Wohnräume. Als Bezugs- und Mittelpunkt findet sich in vielen Fällen ein Cheminée.
Hinzu kommen in den mit seiner Frau entwickelten Interieurs fest eingebaute Sitz- und Ablagemöglichkeiten, welche die flexiblen, ebenfalls von den Studers stammenden Möbel kontrastieren. Zur Ausstattung gehört ausserdem in vielen Fällen ein Monochord, dessen Tonintervalle den Proportionen entsprechen, die bei der Planung des Gebäudes zur Anwendung kamen.
Esoterischer Zukunftsroman
Mit zunehmendem Alter geriet Studers Interesse am richtigen Mass der Architektur zusehends zu einer Suche nach dem Mass aller Dinge. Sie führte ihn weg vom Bauen und hin zu übersinnlichen Erlebnissen. In den Achtzigerjahren zog er sich allmählich aus dem Architekturgeschäft zurück, gründete eine Stiftung zur Förderung des globalen Bewusstseins und publizierte neben «inwendigen Tagebüchern» auch einen esoterischen Zukunftsroman. Seinen architektonischen Nachlass übergab er bereits 1998, fast zehn Jahre vor seinem Tod, dem Archiv gta.
So sympathisch sein Desinteresse am eigenen Ruhm als Architekt erscheinen mag, hat es doch wesentlich dazu beigetragen, dass sein Werk in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geriet. Vielleicht kann die von Hubertus Adam und Daniel Weiss für das Schweizerische Architekturmuseum kuratierte Ausstellung und eine für 2018 geplante Publikation diesem Prozess entgegenwirken.
Gezeigt werden neben zahlreichen Architekturdarstellungen, die Studers zeichnerisches Talent bezeugen, und überaus fein gearbeiteten Modellen eine Vielzahl teils persönlicher Objekte. Eindrucksvoll sind die originalen Reiseberichte, aber auch die eigenartigen Möbel, die aus verschiedenen Interieurs zusammengetragen wurden.
Die Ausstellung ordnet diese Vielzahl unterschiedlichster Ausstellungsstücke überaus klar und gibt nicht nur einen detaillierten Eindruck in Studers architektonisches Schaffen, sondern ermöglicht Einblicke in eine wechselhafte Biografie, die am Ende vielleicht mehr Kontinuität aufweist, als es im ersten Augenblick den Anschein hat.
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«André M. Studer. Vom Mass der Dinge», S AM – Schweizerisches Architekturmuseum, Basel. Bis 25. September 2016.