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Ein menschenscheuer Einzelgänger, Armand Schulthess, faszinierte in seinem versteckten Reich im Kastanienwald derart, dass er heute, fast 50 Jahre nach seinem Tod, in einer Ausstellung und einer umfangreichen Publikation noch einmal eine Würdigung erhält.
Zu seinen Lebzeiten schien ihn niemand zu kennen. Die Leute im Tessiner Dorf, in dessen Nähe er auf seinem Grundstück mitten im Kastanienwald lebte, mochten ihn nicht, hielten ihn für nicht ganz klar im Kopf oder mindestens für einen krassen Aussenseiter. Die junge Künstlerin, die in seiner Nähe wohnte, wollte es genauer wissen. Ingeborg Lüscher, so heisst die inzwischen gestandene und international anerkannte Künstlerin, versuchte, mit A.S. wie mit einem scheuen Tier ganz allmählich, vorsichtig und einfühlsam, in Kontakt zu kommen. Es gelang ihr. So konnte sie als eine von ganz wenigen etwas vom Universum des A.S. kennenlernen.
Der alte Mann, der in äusserst prekären Verhältnissen lebte, in einer ärmlichen Hütte ohne richtige Heizgelegenheit, die er eigenhändig bewohnbar gemacht hatte, starb vor fast fünfzig Jahren. Sein Besitz, wenn man seine Arbeiten und seine Hinterlassenschaft so nennen darf, wurde von der Nachlassbehörde schnell beseitigt, nur wenig konnte gerettet werden. Aber Ingeborg Lüscher besass nicht nur ein paar Objekte, sie hatte auch sehr viel fotografiert und dokumentiert.
Ausstellungsansicht in der Galerie Edizioni Periferia (Installation und Wandfoto: Ingeborg Lüscher; Kastanienblätter)
Daraus schuf sie eine künstlerische Installation, die 1972 in Kassel an der Dokumenta 5 gezeigt wurde. Zugleich stellte sie aus allen Fotografien, Texten und anderen Zeugnissen ein Buch, die Dokumentation über A.S., zusammen, mit dem Untertitel Der grösste Vogel kann nicht fliegen, eine der Sentenzen, die A.S. in seinem Kastanienwald aufgehängt hatte.
Die Enzyklopädie des Armand Schulthess
Bei ihren Erkundungen rund um den Wald von A.S. entdeckte Ingeborg Lüscher, dass der alte Mann ungeheuer aktiv an seiner eigenen Enzyklopädie des Wissens arbeitete. Seine Erkenntnisse schrieb er oft auf runde Blechscheiben – aus Dosenböden ausgeschnitten – und hängte sie an die Bäume. Es waren neben Zitaten oder Weisheiten, die er irgendwo gefunden hatte, oft Schlussfolgerungen, die er selbst gezogen hatte – überraschend, witzig, verquer, mindestens ungewöhnlich.
Armand Schulthess (Foto: © Ingeborg Lüscher)
A.S. versuchte offensichtlich, auf diese Weise die Welt zu begreifen. Er beschäftigte sich mit erstaunlich vielen Wissensgebieten: Chemie, Physik, Astrologie, Philosophie, Literatur nebst vielen anderen Themen. Ein ganz wichtiges Thema umfasste alles, was die Frau, die Funktionen ihres Körpers, ihr Aussehen, ihre Gefühle usw. betraf. Im Gespräch fand Ingeborg Lüscher heraus, dass er sich nach einer Frau als Gefährtin mehr sehnte als nach Bequemlichkeit oder finanzieller Sicherheit. Er hatte für seine gedachte Geliebte sogar einen «Raum» vorbereitet, den er Ingeborg Lüscher zeigte. – Dort hätte sich wohl nie eine Frau heimisch gefühlt, denn nach heutigem Verständnis war A.S. ein hochgradiger ‹Messi›.
Wie definiert man 1972 Kunst?
Wer einmal diesen eigenwilligen Einsiedler kennengelernt hat, den lässt der Wissensdurst, mehr über ihn zu erfahren, nicht mehr los. Das hatten nicht nur Ingeborg Lüscher, sondern einige wenige andere Menschen erlebt. Sie hatten von diesem Sonderling in den Kastanienwäldern gehört, suchten ihn, kaum jemand fand ihn, fotografierten – nur mit Ingeborg Lüscher unterhielt er sich.
Ausstellungsansicht (Foto mp)
Mit den Jahren wurden die Überbleibsel seines Universums unter den Kastanienbäumen wieder ausgestellt, besonders von Harald Szeemann, Ingeborg Lüschers Ehemann. Er hatte an der Dokumenta 5 zum ersten Mal in der Kunstszene Menschen wie Armand Schulthess, Adolf Wölfli oder Vertretern von art brut, wie Jean Dubuffet sie gesammelt hatte, Raum und Aufmerksamkeit eingeräumt und damit intensive Diskussionen ausgelöst. – In einer lesenswerten Beilage zur jetzt erscheinenden Dokumentation sind Zeitungsartikel von 1965 – 1976 abgedruckt.
Ingeborg Lüscher (Foto mp)
Von der Edizioni Periferia wird nun die Dokumentation über A.S. als Faksimile neu herausgegeben, begleitet von einem fast ebenso starken Band Dokumentation über Armand Schulthess (A.S. 1901 – 1972). Hier sind nebst vielen weiteren Dokumenten und Fotografien wohl alle Texte versammelt, die sich mit Armand Schulthess beschäftigen, berührende Erinnerungen von Ingeborg Lüscher selbst, aber auch Zeugnisse von anderen Menschen, die mit ihm oder mit Ingeborg Lüscher zu tun hatten.
Weshalb gerade diese damals junge Künstlerin eine Verbindung mit A.S. aufnehmen konnte, erklärt uns Hans-Joachim Müller: Sie handelt immer aus «Menschenzugewandtheit, die mehr erlebt als protokolliert. Alles entsteht aus Gewissheit und Staunen, Gespür und Erkundung, Erinnerung und Ahnung.» – Und stets, es sei nochmal gesagt, begegnet Ingeborg Lüscher allen Menschen mit Freundlichkeit, Empathie und Offenheit.
In der Luzerner Galerie der Edizioni Periferia ist zur Zeit eine Ausstellung zu sehen, wo neben den Objekten von A.S. und den Fotos auch Werke zu sehen sind, die später in diesem Zusammenhang geschaffen wurden.
Und wenn Sie zweifeln, ob Sie sich auf Armand Schulthess und die Überbleibsel seines Werkes einlassen wollen, lesen Sie, was Aurel Schmidt am 26. August 1972 in der Basler National-Zeitung schrieb: «Es ist kein Buch im herkömmlichen Sinn. Am besten, man besitzt es. Es ist ein Auslöser, dieses Buch, eines, das nicht selber aussagt, dafür aber anderswo etwas in Bewegung setzt.»
Ingeborg Lüscher: Dokumentation über A.S. Der grösste Vogel kann nicht fliegen.
1. Ausgabe by Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1972
2. überarbeitete Ausgabe by Edizioni Galleria Periferia, Luzern / Poschiavo 2021
Dokumentation über Armand Schulthess mit der Beilage L’Eco di Auressio. Edizioni Galleria Periferia 2021
ISBN 978-3- 907205-27-3
Alle Informationen finden Sie auf der Webseite der Galerie.
Der Besuch der Ausstellung in Luzern ist kostenlos.