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Am Anfang war die Suppe. Werner Kroh, gebürtiger Hesse und gelernter Koch, arbeitete als 18- oder 19-Jähriger im berühmten Hotel Frankfurter Hof. Als eines Tages zu viel Fett auf der Bouillon schwamm, überlegte er fieberhaft. Plötzlich kam ihm die Idee: Paniermehl! Er streute ein wenig auf die Suppe, und sofort sank das Fett auf den Grund des Topfs.
Jahre später arbeitete Kroh, inzwischen im Bernbiet wohnhaft und Vater zweier Kinder, als Putzmittelvertreter. Als er einem Garagisten sein Produkt anbot, lachte der: Eigentlich brauche er ein Mittel gegen die Ölflecken am Boden.
Von da an tüftelte Werner Kroh in seinem Keller. «‹Dein Vater ist entweder ein Spinner, oder er bekommt eines Tages den Nobelpreis›, sagten meine Kollegen», erinnert sich Krohs älterer Sohn, der Journalist Daniel Puntas Bernet, 45. Er sieht es noch lebhaft vor sich, wie sein Vater Anfang der achtziger Jahre hinter dem Haus einen kleinen Container aufbaute. Hinein kam Erde, darüber Rohöl und dann das Pulver, das Werner Kroh inzwischen ausgetüftelt hatte. Ein Notar war als Zeuge anwesend. Wochen später wurde unter seinen Augen der Container wieder geöffnet. Die Flüssigkeit, die sich am Boden unter dem Erdreich angesammelt hatte, wurde im Labor untersucht. Es war Trinkwasser.
Mit dem Aquarium auf grosser Tour
Ende der achtziger Jahre trat Werner Kroh mit seiner Erfindung an die Öffentlichkeit. Mit einem Aquarium im Gepäck zog er aus, der Welt zu zeigen, dass man Ölteppiche auf Wasser effizient auflösen kann, zeitsparend und ohne giftige Rückstände. Als 1991 in Kuwait die Ölfelder brannten, reiste er auf die Arabische Halbinsel. «Ich sass zu Hause und sah fern», erinnert sich Puntas Bernet. «Da erschien plötzlich mein Vater auf dem Bildschirm. Er zeigte sein Aquariumexperiment, das ich von zu Hause kannte.» Da sei ihm klar geworden: Der Vater ist kein Spinner.
Es dauerte noch einmal 15 Jahre, bis Werner Kroh Paul Schuler kennenlernte. Der Unternehmer erkannte die wahre Bedeutung der Kroh’schen Erfindung. «Das war ein echter Glücksfall für uns», sagt Krohs Frau Irene. Seit ihr Mann im Frühstadium an der Alzheimerkrankheit leidet und sich an vieles nur noch bruchstückhaft erinnert, beantwortet sie für ihn viele Fragen. Schuler machte sich auf die Suche nach Investoren und baute mit Partnern eine Firma auf, bei der Kroh Aktionär ist.
Oil Treatment International (OTI) hat den Sitz in Zug und unterhält in England, Südafrika und Thailand Zweigstellen. In Thailand lässt OTI unter der Leitung des Schweizer Geologen Alex Mojon das Mittel Solid Oil Treatment (SOT) herstellen, eine patentierte Weiterentwicklung des Pulvers aus dem Keller des Pioniers. Es besteht aus diversen Gesteinen, eine spezielle Komponente wird aus der Schweiz eingeführt. Die exakte Zusammensetzung verrät Kroh nicht. Früher trieb den Privatier ohne Fachausbildung die Sorge um, jemand könnte ihm die Rezeptur entwenden. Einem Fernsehreporter, der ihn danach fragte, gab er die sibyllinische Auskunft: «Im Pulver hat es ein Pulver, das das Pulver so verändert, dass Sie das Pulver nicht mehr erkennen.»
US-Zulassung im Schnellverfahren
Kroh hat über alle seine Experimente Buch geführt. Die verschiedenen Versionen der Mittel, die in der Pionierzeit alle Gees hiessen, trugen die Nummern der Versuche. Mit Gees 61 ging Kroh vor 30 Jahren an die Öffentlichkeit. «Ge» stand für Gesteinsmehl, die Verlängerung zu Gees verdankt sich Krohs Vorliebe für die Discoband Bee Gees. Die kompletten Laborberichte, dazu sämtliche Zeitungsausschnitte und Fotos hat er in einem grossen Ordner gesammelt – sein ganzes Lebenswerk, säuberlich geordnet in Klarsichtmappen. Wenn ihn seine Erinnerung im Stich lässt, hält er sich an diese Unterlagen.
Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat sich OTI auch in den USA Geltung verschafft. «Wir waren vorher immer zu klein, um auftreten zu können», sagt CEO Patrick Teroerde. Doch nun hat die Firma im Schnellverfahren eine Zulassung von der Environmental Protection Agency (EPA) bekommen, allerdings erst für die flüssige Version, die nicht für Öl auf Wasser, sondern für Öl auf Erde und Sand entwickelt wurde. Ein solches Zulassungsverfahren ist in den USA sehr kompliziert.
Früher wurden nach Ölkatastrophen Mittel verwendet, die das Öl weder auflösten noch unschädlich machten, sondern lediglich unter den Wasserspiegel verfrachteten – wo es weiter Schaden anrichtete. Man hat aus der Vergangenheit gelernt und ölabsenkende Mittel per Gesetz verboten. Rein technisch betrachtet, ist auch Krohs Pulver ein solches Mittel. Doch es zerlegt den Ölfilm in Komponenten, die von Enzymen von Mikroorganismen auf natürliche Weise abgebaut werden – je nach Wassertemperatur innerhalb von 30 bis 90 Tagen. Das Wasser wird nicht beeinträchtigt, und auch Fauna und Flora erleiden keine Schäden. Das macht das Mittel einzigartig.
Im betroffenen Bundesstaat Louisiana ist OTI durch den amerikanischen Distributor Eco-Oil Treatment präsent. Dieser arbeitet mit lokalen Dienstleistern und Umweltschutzorganisationen zusammen. Das bedeutet einen grossen Schritt für die kleine Schweizer Firma, denn der amerikanische Markt ist ein relativ geschlossenes System. Der Ölkonzern BP muss die Folgeschäden der Havarie der Bohrinsel Deepwater Horizon beheben und vergibt die Aufträge. So wurde bisher vor allem das in den sechziger Jahren entwickelte und äusserst umstrittene, da chemisch hochgiftige Corexit verwendet, das Produkt einer Tochterfirma des Ölkonzerns Exxon.
Selbst Vögel könnte man reinigen
An der Golfküste sind mittlerweile verschiedene Projekte zur Behebung der Schäden entstanden. «Eines, an dem wir uns beteiligen möchten, ist die Sandreinigung», erklärt Teroerde. Der vom Öl geschwärzte Sand wurde in Mulden im Landesinneren deponiert. Dort kann er so nicht beliebig lang lagern, irgendwann muss er gereinigt werden.
Im kommenden Sommer wird sich OTI in Louisiana an der Sandreinigung beteiligen. Zum Einsatz kommt nicht das Gesteinsmehl, sondern die ölreinigende Lösung auf pflanzlicher Basis, die Werner Kroh zusammen mit Jawahar Wakhloo, Professor für Pflanzen- und Öko-Physiologie aus Saarbrücken, entwickelt hat. «Theoretisch ist es auch möglich, damit Vögel vom Öl zu reinigen», sagt Patrick Teroerde. Das Lösungsmittel beeinträchtigt weder die Fettschicht der Federn, noch vergiftet es den Tierkörper.
Dieser erste Auftrag hat einen finanziellen Umfang von 200'000 Dollar. «Wir haben einen konservativen Businessplan», sagt CEO Teroerde. «Ich spiele ungern mit Zahlen, die ich nicht rechtfertigen kann. Aber es ist möglich, Hunderte von Millionen Dollar Umsatz zu machen.» Werner Kroh sagt: «Es ist mein grösster Wunsch, die Anwendung des Mittels im grossen Stil miteigenen Augen sehen zu können.»
Die Chancen stehen nicht schlecht. BP hat soeben wieder 3,5 Milliarden Dollar für Reinigungsarbeiten im Golf freigegeben. Doch der Kampf um dieses Budget ist hart. Man muss nicht nur das beste Produkt anbieten, sondern auch das wirtschaftlichste. Inzwischen sprechen viele Faktoren für das mehrfach modifizierte Gesteinsmehl. Denn sein Einsatz in den besonders gefährdeten Mangrovenwäldern wäre gefahrlos, da das Mittel vollständig ungiftig ist.
Einsatzmöglichkeiten gibt es viele
«Natürlich sitzen wir jetzt nicht da und warten auf die nächste Ölpest», sagt Paul Schuler. OTI arbeitet stattdessen an Produkten, die nach demselben Prinzip kleinere, alltägliche Probleme beheben können. So ereignen sich in jedem Hafen täglich kleinere Ölverschmutzungen, die man mit dem Pulver mühelos und gründlich vor Ort beheben kann. Und auch auf dem Gebiet der Tankreinigung geht die Firma neue Wege.
Um alle Projekte finanzieren zu können, ist OTI nach wie vor auf Kapitalsuche. «Bis jetzt», sagt Werner Kroh, «haben wir nur investiert. Nun hoffe ich, dass für alle etwas herausschaut.» Er selber ist an der Forschung nicht mehr beteiligt, aber die Firma hält ihn auf dem Laufenden.
Das jüngste Kapitel dieses Öko-Märchens freut seinen Hauptdarsteller ganz besonders, weil es an seine eigenen Anfänge erinnert: In der thailändischen Fabrik haben die Arbeiter zufällig bemerkt, dass sie mit dem Schweizer Mittel ihre Hände so gut reinigen können, dass wirklich aller Industriedreck verschwindet. Das meldeten sie ihrem Chef, und kurzerhand wurde die Produktion einer hauseigenen Seife beschlossen. Werner Kroh kann beruhigt sein. Seine Erfindung wird nicht nur mehr und mehr angewendet, sondern auch weiterentwickelt. Bald wird er einen zweiten grossen Ordner anlegen müssen.