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Basieren Richterurteile mehrheitlich auf Gesetzen und Fakten – oder sind auch ganz andere Faktoren im Spiel? Eine Studie von Shai Danziger und KollegInnen, die letztes Jahr in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen ist, lässt aufhorchen: Richter und Richterinnen sind nicht so rational, wie wir es gerne hätten.
Dr. phil. Kurt Stocker
Routinierten EntscheiderInnen über die Schulter geschaut
Die ahnungslosen Studienteilnehmenden waren acht Bewährungsrichter und Bewährungsrichterinnen in Israel. Diese erfahrenen Routiniers (mit im Schnitt ca. 20 Jahren Berufserfahrung) verbringen ganze Tage damit, Anträge auf bedingte Entlassung zu prüfen. Die Standardentscheidung ist, den Antrag auf bedingte Entlassung abzulehnen (65%). Aufgezeichnet wurden in der Studie vor allem zwei Dinge: die genaue Zeit der Beschlussfassung (1,112 Urteile) und die Zeiten der Essenspausen der Richterinnen und Richter (fast 80% der Anträge waren Anträge auf bedingte Entlassung; die restlichen 20% waren ähnliche Änderungsanträge – z.B. Anträge auf weniger Überwachung in der bedingten Entlassung oder Anträge auf eine Änderung der Inhaftierung). Schauen wir, was passiert ist.
Am Morgen kommen die Richterinnen und Richter zur Arbeit (vermutlich mit einem Frühstück im Bauch). Dann werden Urteile gefällt (ca. 6 Minuten pro Fall). Ihre erste Pause machen sie am Morgen, ca. zwischen zehn und halb elf Uhr. Bei dieser ausgedehnten Morgenpause (ca. 40 Min.) werden ihnen ein Sandwich und eine Frucht serviert. Anschliessend geht es wieder an die Arbeit, an das Urteile fällen, bis zur einstündigen Mittagspause, die in der Regel um 1 bis 2 Uhr nachmittags gemacht wird. Dann nochmals ein paar Stunden Urteile fällen. Danach ist Feierabend.
Verstörende Ergebnisse
Wie gesagt: Die Richterinnen und Richter hatten keine Ahnung, dass die Zeit der Beschlussfassung mit ihren Essenszeiten verglichen wurde. Die Resultate sind verstörend. Zu Beginn jeder Phase (also nach dem Morgenessen, nach dem Snack und nach dem Mittagessen) wurden etwa 65% der Anträge bewilligt. Aber im Verlauf der nächsten zwei Stunden sank die Bewilligungsquote stetig – auf circa 0% unmittelbar vor der nächsten Mahlzeit (vgl. Abbildung).
Danziger und KollegInnen waren sorgfältig genug, um viele alternative Erklärungen zu prüfen. Keinen Einfluss auf das Urteil hatten beispielsweise die Schwere des Verbrechens, das Geschlecht oder die Volkszugehörigkeit. Nur die vorherige Anzahl der Inhaftierungen und das Vorhandensein eines Rehabilitationsprogramms hatten auch einen Einfluss auf das Urteil (grössere vorherige Anzahl Inhaftierungen: höhere Ablehnungsquote; Vorhandensein eines Reha-Programms: höhere Bewilligungsquote). Doch diese zusätzlichen Beeinflussungsfaktoren können die Bewilligungskurven, die nach den Essenspausen allmählich von 65% auf 0% fallen, nicht erklären. Es ist zum Beispiel nicht so, dass nach den Essenspausen zuerst die Fälle behandelt wurden, in denen eine Reha-Option vorhanden war und gegen den Schluss die Fälle mit einer hohen vorherigen Anzahl von Inhaftierungen.
Blutzuckerspiegel beeinflusst Entscheidungen
Es gibt eigentlich nur eine Erklärung der Bewilligungskurven der Richter, die nach den Essenspausen allmählich von 65% auf 0% fallen: erschöpfte und hungrige Richter wählen den leichteren Weg – die Ablehnung des Gesuchs.
Was hat das alles mit den Hirnen der Richterinnen und Richter zu tun? Aus der Neurowissenschaft wissen wir, dass das Hirn bei anstrengender Denkarbeit bis zu 50% der Glukose und des Sauerstoffs verbraucht, das sich in unserem Körper befindet. Wenn man nicht angestrengt nachdenken muss, kommt das Hirn mit rund der Hälfte davon aus. Und wie wir gesehen haben: zu einem Zeitpunkt, bei dem die Hirne der Richter wohl kaum mehr viel Glukose im Hirn haben, wählen die Richterinnen und Richter den Weg, der am wenigsten anstrengende Denkarbeit benötigt. Nämlich die Standardentscheidung: die Ablehnung des Gesuchs. Ob sie sich von der Studie beeindrucken lassen und jetzt wenigstens ab und zu etwas Traubenzucker zu sich nehmen?
Die Studie: Danziger S, Levav J, Avnaim-Pesso L (2011) Extraneous factors in judicial decisions.
Bildquelle Titelbild: Wikimedia / Lonpicman