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Nach der Erschliessung im Jahre 1897 entwickelte sich das Hirschmattquartier in einem horrenden Tempo. Noch 1850 gab es von Hirschengraben bis Weinbergli und von Obergrund bis Tribschen nur rund ein Dutzend Gebäude, Scheunen mitgezählt. 1900 standen bereits der neue Bahnhof, das Postgebäude am Bahnhofplatz sowie sieben Hotels und 500 neue Wohnbauten. Allein im August 1901 befanden sich gleichzeitig 22 Wohnhäuser im Bau, daran waren 1000 Bauarbeiter beschäftigt.
Innerhalb von fünfzig Jahren hatte Luzern seine Bevölkerungszahl verdreifacht (von 10‘068 im Jahr 1850 auf 29‘255 im Jahr 1900). 1910 waren es bereits 39‘339. Vor allem das mittlere Kader der neuen Gewerbe- und der staatlichen Unternehmen, das heisst Techniker, Monteure, Beamte von PTT, Bahn und Schiff, zog in das Hirschmattquartier. Es war „ein wackerer Mittelstand, die wirtschaftliche Pionierschicht der Jahrhundertwende“, wie Walter Steffen in einer quartiergeschichtlichen Veröffentlichung („Ein Quartier im Umbruch“, erschienen 1978) festhielt. Die vorwiegend italienischen Gastarbeiter, die das Quartier bauten, wohnten bereits damals an der Gibraltar-, Bern- und Baselstrasse oder an der mittleren Neustadtstrasse.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wies das Hirschmattquartier die höchste Bevölkerungsdichte innerhalb der Stadt Luzern auf. Doch mit den Fünfziger- und der Hochkonjunktur der Sechzigerjahre entstand ein neuer Entwicklungsdruck auf das Quartier – ein wirtschaftlicher: Wohnungen wurden in Büros umgewandelt, sanierungsbedürftige Gebäude wurden abgerissen und durch moderne Zweckbauten ersetzt, Innenhöfe wurden in Parkplätze umgewandelt. Die modernen Gebäude brachten dem Quartier bis zu 20 Prozent mehr Fläche für Büros, Praxen und Gewerberäume. Die prominentesten Beispiele für Neubauten, die aufgrund des Zentrumsdrucks entstanden, sind das Arlecchino-Haus (1961), das Coop-Migros-Haus (1960-63) und das Publicitas-Haus (1966-69).
In der Zeit zwischen 1960 und 1975 nahm die Einwohnerzahl im Hirschmattquartier um 30 Prozent ab. Otti Gmür – der bekannte Architekt und Publizist, der 2015 verstorben ist und Zeit seines Lebens mit dem Hirschmattquartier verbunden war – schrieb 1978: „Als typisches Innenstadtquartier ist die Hirschmatt einem starken Druck wirtschaftlicher Interessen ausgesetzt. Sie ist ideales Erweiterungsfeld für alle Cityansprüche. Entsprechend belastend ist der Verkehr mit allen seinen Auswirkungen. … Diese Nachteile machen zusammen mit der spezifischen dichten Bebauung das Quartier für Familien mit Kindern kaum mehr bewohnbar.“
Damit sollte er Recht behalten. Heute ist das Hirschmattquartier in fast allen Statistiken – etwa beim Ausländeranteil oder dem Abstimmungsverhalten – nicht weit vom städtischen Durchschnitt entfernt. Mit einer Ausnahme: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen (bis 19 Jahre) beträgt nur gerade 5,3 Prozent. Dies ist mit Abstand der tiefste Wert aller Quartiere. Der städtische Durchschnitt liegt bei 15,7 Prozent.
Das Hirschmattquartier ist zweifellos ein Trendquartier – für junge Unternehmen, für das Party-Volk, für Kulturinteressierte, für Singles und für kinderlose Paare. Es pulsiert – auf und neben den Strassen. 1897 obsiegte der Stadtbauplan von Heinrich Meili-Wapf und Robert Winkler, weil er Grünflächen schuf, weil er Raum für Luft und Licht zwischen den Häusern liess. Dass sich daran auch die Gesamterneuerung des Hirschmattquartiers von 2015 bis 2016 orientierte, dass die Trottoirbereiche erweitert und neue, einheitliche Baumreihen gepflanzt wurden, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr für die Wohnlichkeit in diesem verstädterten Quartier gekämpft wird.
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