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Theodor Fontanes Viamala
«‹Waren Sie denn mal da, Herr Major?›
‹Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. (...). Also Viamala nie gesehen. Aber ein Bild davon. (...) Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Viamala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke.›
‹Sehr interessant.›
‹Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will, wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger, sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Ähnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nur noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung ist weg.›
‹Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier, so viel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich mitunter Ohnmachten.›»
Theodor Fontane fasst seinen letzen grossen Roman «Der Stechlin» selbst wie folgt zusammen: «Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.» Auch der geografische Handlungsradius ist sehr beschränkt: Der idyllische Schauplatz, Schloss Stechlin am gleichnamigen See, im märkischen Ruppiner Land, wird einzig (und auch das nur selten) für Fahrten nach Berlin verlassen. Das ganze Gewicht liegt auf scharfsinnigen, witzigen Tischrunden und Gesprächen, die die Stimmung an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert fass- und erfahrbar machen. Auch die Schweiz ist, mehrfach, Thema. Zum Beispiel der Vierwaldstättersee und eben die Viamala, jene schaurige Schlucht in Graubünden, jahrhundertelang eine Wegstrecke, die die Reisenden zittern machte.
Im Roman wird nur darüber gesprochen, weil jemand die Absicht hegt, dorthin zu reisen. Mangels Augenzeugenberichten versucht man über Arnold Böcklins Gemälde «Die Drachenschlucht» mehr über den finsteren Ort herauszufinden (Zitat). Theodor Fontane aber stand 1865 selber am Rande der Viamala, fast am Ende seiner Rheinreise, und war tief beeindruckt: «Auf eine Beschreibung dieses großen Stücks Natur lasse ich mich nicht ein; diese undankbare Aufgabe überlasse ich den Touristen generis communis, die keine Ahnung davon haben, dass die äußerliche Beschreibung nur klein macht und dass die Schilderung der Wirkung dieser Szenerie nur von einem Poeten in seiner besten Stunde geleistet werden kann.» (BP)
Bis zu 300 Meter hohe Felsen bilden die Viamala (das lateinische Via mala bedeutet «schlechter Weg»), durch die der Hinterrhein fliesst. Trotz ihrer Enge, trotz drohender Steinschläge und gefahrvoller Wasser bot die Schlucht schon vor Christi Geburt den besten Zugang zu den Alpenpässen Splügen und San Bernardino. Einst war sie verhasst. Ein Hindernis auf dem Weg über die Alpen, wild und bedrohlich. Heute ist sie ein beliebtes touristisches Ziel: Die in Thusis startende Säumerroute mit neuer Hängebrücke, dem gesicherten Abstieg über 321 Treppenstufen und der alten Brücke von 1739 führt Wanderer tief in die mystische Schlucht hinein. Kinder können mit einer Spezialkarte ausgerüstet den Viamala-Schatz suchen.