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In den Medien war schon sehr viel zu lesen und zu hören über die diesjährige Generalversammlung von Nestlé. Auch wenn keine Mehrheit gegen das Doppelmandat von Herrn Brabeck gewonnen werden konnte, wurde in Lausanne ein Meilenstein gesetzt für das aktive Aktionariat. Für einmal lesen Sie hier keine Zusammenfassung der GV, sondern die Texte der Interventionen von ACTARES. Aussergewöhnlich ist, dass drei Mitglieder von Actares zu drei verschiedenen Themen etwas sagten. Die einleitenden und abschliessenden Worte der VotantInnen sind in der zweiten und dritten Rede weggelassen.
Fragen zur problematischen Produktion von Pure Life in Brasilien - von Frédérick de Cock (Übersetzung aus dem Französischen)
“Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Ich bin Frédérick de Cock aus Genf und spreche als Mitglied und Vertreter von ACTARES, Aktionärinnen und Aktionäre für nachhaltiges Wirtschaften und für die Mitglieder von ACTARES, die uns ihre Stimmrechte delegiert haben.”
“Im Januar 2004 nahm Herr Brabeck anlässlich des WEF in Davos an einer öffentlichen Debatte des Open Forum teil. Als er auf die Probleme um die Produktion des Tafelwassers Pure Life in São Lourenço in Brasilien angesprochen wurde, kündigte er an, diese Produktionsstätte werde geschlossen. Dieser Entscheid war sehr angebracht, da sowohl in Brasilien wie auch in der Schweiz die Demineralisierung von Quellwasser verboten ist. Für die Produktion von Pure Life wird das Wasser demineralisiert. Anschliessend werden wieder Mineralien zugesetzt um das weltweit standardisierte Pure Life zu erhalten.”
“Gut ein Jahr nach der Ankündigung in Davos möchte ACTARES folgendes wissen:
- Wann wurden die Wasserentnahme und die Demineralisierung in São Lourenço eingestellt?
- Wann wurde die Firma definitiv geschlossen?
- Welche Massnahmen wurden zu Gunsten des Personals getroffen?
- Welche Massnahmen wurden getroffen, um den Standort umweltgerecht in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen?
- Wird die entsprechende Produktionskapazität in einem andern Land ersetzt?”
“Die Produktion an diesem Standort muss auf jeden Fall eingestellt werden, um die lokale Gesetzgebung einzuhalten, unabhängig von der umstrittenen intensiven Wasserentnahme, die das ökologische und soziale Gleichgewicht in der Region gefährdet. Wir wünschen, dass die Verantwortlichen unserer Firma ihre Aufmerksamkeit intensivieren, um illegale Aktivitäten in Zukunft zu vermeiden. Wir denken, dass klare Antworten auf unsere präzisen Fragen die hier anwesenden Aktionäre und Aktionärinnen interessieren. Wir möchten nicht, wie letztes Jahr, die Fragen brieflich nochmals stellen müssen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.”
Die Antwort von Nestlé, die nur nach nochmaligem Insistieren erfolgte, lautete wie folgt: Die Produktion von Pure Life in Brasilien habe behördlich bewilligt im Jahr 1999 begonnen. Die Verringerung des Eisengehaltes sei ebenfalls behördlich bewilligt gewesen. Die Produktion sei im Oktober 2004 eingestellt worden, weil in der Zwischenzeit die Gesetze geändert hätten. Die Wiederherstellung des ursprüngliche Zustands sei im Gang, zuständig sei Nestlé Brasilien. Offensichtlich ist die Antwort unvollständig, obwohl die Anfrage zwei Tage vor der Generalversammlung angekündigt wurde. ACTARES wird das Thema weiterverfolgen und unter anderem die Meinung der brasilianischen Gruppen einholen, die sich für São Lourenço eingesetzt haben.
“Herr Brabeck, sind Sie lernfähig?” - von Rudolf Meyer
“Herr Brabeck, gibt es Ihnen nicht zu denken, dass Sie weit herum als arrogant bezeichnet werden? Könnte es sein, dass Sie, beflügelt vom wirtschaftlichen Erfolg, etwas den Boden unter den Füssen verloren haben? Die öffentlichen Reaktionen von Nestlé auf kritische Vorstösse und Anregungen sind meist geprägt von Geringschätzung. Das Problem wird klein geredet und alles ist immer schön im Griff. Es ist doch normal, dass auch Sachen schief laufen. Ein moderner Konzern gibt, bevor die Medien ein Problem breit schlagen, bekannt, was nicht gut läuft und informiert, wie und bis wann er das Problem lösen will.”
“Eigentlich ist Nestlé so erfolgreich, dass Sie es gar nicht nötig hätten, so empfindlich auf Kritik zu reagieren. Etwas mehr Gelassenheit wäre angesagt. Viele moderne Konzerne haben begriffen, das man aus Kritik fast immer lernen kann, dass externe Stimmen auf Probleme hinweisen können, dass dadurch zukünftige hohe Kosten und ein beschädigtes Image vermieden werden können. Es ist offensichtlich, beim Umgang mit kritischen Stimmen schneidet Nestlé im Vergleich zu andern Konzernen miserabel ab. Herr Brabeck, sind Sie lernfähig?”
Die Antwort kam von Herrn Gut! Er kenne Herrn Brabeck keineswegs als arrogant. Das Gespräch werde gesucht und gepflegt, auch mit NGOs. Ob Herr Brabeck lernfähig sei? Da müsse er ja grad lachen. Die Frage sei eher, ob die Kritik arrogant sei.
Unterstützung der Anträge von Ethos - von Catherine Herold (Übersetzung aus dem Französischen)
“ACTARES hat die Anträge von Ethos sofort nach ihrer Bekanntgabe begrüsst und bedankt sich bei den Initianten dafür, dass diese Anträge hier zur Diskussion stehen. Für kleine Aktionärinnen und Aktionäre ist es ermutigend festzustellen, dass es in der Schweiz doch möglich ist, einen Antrag auf die Traktandenliste setzen zu lassen, wenn auch nur für institutionelle Anleger.”
“Zum Inhalt: Für ACTARES ist die Trennung der Funktionen von Verwaltungsratspräsident und Konzernvorsitzendem sehr wichtig. Es ist schwierig vorstellbar, dass die gleiche Person, die eine Firma führt und Risiken eingeht, gleichzeitig auch die Kontrolle über diese Tätigkeit ausüben kann. Diese zwei Funktionen waren in der letzten Zeit bei Nestlé getrennt. Dass sie, zwar mit einigen begleitenden Massnahmen, wieder zusammengeführt werden, erscheint uns wie ein Rückschritt bezüglich der heute üblichen Standards der Corporate Governance. Noch kennen manche andere Firmen von der Grösse von Nestlé das Doppelmandat. Diese Praxis ist aber je länger je weniger haltbar. Je grösser eine Unternehmung ist, umso komplexer ist ihre Organisation. Auch die Weltlage ist komplexer und schwieriger geworden, einiges schwieriger als zu Zeiten von Herrn Maucher.”
“Der Verwaltungsrat begründet seinen Entscheid für das Doppelmandat pragmatisch. Wenn dieser Zustand von Anfang an als vorübergehend bezeichnet worden wäre, nämlich bis zur Erreichung der optimalen Zusammensetzung von Kompetenz und Verfügbarkeit im Verwaltungsrat, so hätte man vielleicht noch Verständnis haben können. Wir haben dies jedoch erst kürzlich aus den Medien erfahren. Tatsache ist jedenfalls, dass das Rücktrittsalter von Herrn Gut seit langem bekannt ist. Es gibt viel Unvorhersehbares in unserer Existenz, unser Alter jedoch ist absolut vorhersehbar, jedes Jahr, solange uns das Geschenk des Lebens erhalten bleibt.”
“Es ist sehr schade, dass sich Herr Brabeck anstelle einer offenen Kommunikation zu Aussagen hat hinreissen lassen, die weit herum als Erpressung interpretiert wurden und verständlicherweise in vielen Kreisen Entrüstung auslösten. Herr Gut, die Erpressung besteht nicht darin, dass der Verwaltungsrat seine Meinung zu den Anträgen von Ethos geäussert hat, dies ist völlig normal. Die Erpressung besteht im angekündigten Rücktritt von Herrn Brabeck, zusammen mit dem ganzen Verwaltungsrat, für den Fall, dass die Anträge von Ethos durchkommen. Einmal mehr befinden wir uns in einer Situation mangelhafter oder fehlender Kommunikation, in einem Dialog mit einem Schwerhörigen. Diese Dialogunfähigkeit von Nestlé wird schon seit langer Zeit immer wieder von vielen Partnern bedauert.”
“ACTARES unterstützt auch die zwei folgenden Anträge von Ethos, wird das Wort dann aber nicht mehr ergreifen, um Ihre Geduld nicht zu strapazieren.”