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Historisch betrachtet, stellt die Schweiz in der Entwicklung ihrer gesellschaftlichen Kommunikation keinen Sonderfall dar, wie viele Parallelen zu den Nachbarländern zeigen. Und doch gibt es die eine oder andere Schweizer Besonderheit.
Schon mit Blick auf die Versammlungskommunikation, die über lange Zeit hinweg die grundlegende Form gesellschaftlichen Austauschs darstellte, fällt ein Spezifikum auf: die immer noch stattfindenden Landsgemeinden im Kanton Glarus sowie im Halbkanton Appenzell Innerrhoden. Diese Volksversammlungen, bei denen wichtige politische Geschäfte verhandelt und entschieden werden, gleichen in mancher Hinsicht noch ihren frühen Vorläufern.
Solche Versammlungen, die lange die Hauptform gesellschaftlicher Kommunikation darstellten, stiessen jedoch mit der wachsenden Grösse und Ausdifferenzierung von Gesellschaften an ihre Grenzen. Deshalb gewann Kommunikation über Distanz immer mehr an Bedeutung. Dabei spielten zunächst private (Brief-)Boten, z.B. von Fürstenhäusern, der Kirche, Universitäten und Händlern, eine grosse Rolle.
Auf dem Weg zu Zeitungen
Mit dem Aufkommen eines allgemein zugänglichen Postwesens, zunächst mit wöchentlicher Zustellung, entstanden im 16. Jahrhundert regelmässige Nachrichtensammlungen sogenannter Novellanten. Sie wurden für bestimmte Auftraggeber, z.B. Handelshäuser wie jenes der Familie Fugger in Augsburg, handschriftlich erstellt und diesen wöchentlich per Post zugestellt – daher ihre Benennung als Briefzeitungen. Ob es solche in der Schweiz gab, ist unklar; aber es scheint sicher, dass Briefzeitungen aus Deutschland und Frankreich bezogen wurden.
Schon früher, ab ca. 1480, hatte es im deutschen Sprachraum die sogenannten Newen Zeytungen gegeben, unregelmässig erscheinende Einblattdrucke mit einzelnen Nachrichten. Eine Kommentierung von Ereignissen bzw. ein öffentlicher Meinungskampf erfolgte seit den 1520er- Jahren in den Pamphleten. Dies waren Flugblätter oder -schriften, die sich insbesondere im Zuge der Reformation verbreiteten und ebenfalls punktuell erschienen. In ihrer Gesamtheit machten sie somit erstmals (wieder) Interessengegensätze für eine relativ breite Bevölkerung sichtbar.
Bei der weiteren Entwicklung zu autonomen und am Markt orientiert erstellten Wochenzeitungen – zunächst handschriftlich, dann mittels des Buchdrucks vervielfältigt – war die Schweiz früh mit dabei: Die ersten bekannten gedruckten (Wochen-)Zeitungen, die übrigens unparteilich waren und Forumscharakter hatten, erschienen spätestens seit 1609 im damals deutschsprachigen Strasbourg («Relation») und in Wolfenbüttel im heutigen Deutschland («Aviso»). Aber schon 1610 kam mit der «Ordinari Wochenzeitung» in Basel ebenfalls ein Blatt heraus, das allerdings nur ein Jahr erschien. Zürich war in den 1620ern mit zeitweise drei gleichzeitig erscheinenden Zeitungen – darunter dem Vorläufer der heutigen NZZ – eine der führenden «Zeitungsstädte» in Europa. Ganz anders als das katholische Fribourg/Freiburg, das bis 1584 den Buchdruck ganz verboten hatte. Hier war das «Feuille d’Avis» im Jahre 1737 die erste Zeitung überhaupt. Es handelte sich um ein sogenanntes Intelligenzblatt – Anzeigenblätter, die vor dem Hintergrund des Merkantilismus im 18. Jahrhundert entstanden und die Förderung der (lokalen) Wirtschaft zum Ziel hatten.
Meinungskampf und Zeitschriften
Im Zuge des Kampfes um Freiheitsrechte, u. a. die Pressefreiheit, traten im späten 18. sowie insbesondere im 19. Jahrhundert zunehmend parteiliche Blätter an die Stelle der frühen Forumszeitungen. Den Hintergrund dafür bildeten auch die seit Ende des 17. Jahrhunderts erscheinenden historisch-politischen Zeitschriften, die zunehmend die Funktion der Pamphlete übernommen hatten. Die wichtigste Zeitschrift dieser Art in der Schweiz war der «Historische und Politische Mercurius» in Zürich (1694 – 1723), der in der Hauptsache eine Übersetzung des damals sehr bekannten
«Mercure historique et politique» aus Den Haag war. Dieser wurde jedoch um lokale und schweizerische Themen ergänzt. In Neuchâtel erschien von 1732 bis 1784 der «Mercure Suisse», der jedoch eher zum Typ der Gelehrtenzeitschriften zu zählen ist. Gemäss Rodolphe Zellweger nahm er den ersten Platz unter den Schweizer Zeitschriften der Zeit ein und war die «phare neuchâtelois de l’âge des Lumières».
Vom Meinungs- zum Informationsjournalismus
Der Meinungsjournalismus wurde gegen Ende des 18. und dann vor allem im 19. Jahrhundert auch für das Zeitungswesen prägend. Eines «der angriffigsten Blätter» war die liberale «Appenzeller Zeitung», die seit 1828 in Trogen erschien und trotz Verboten auch in anderen Kantonen verbreitet war. In der Schweiz waren die sogenannten Gesinnungszeitungen deutlich länger vorherrschend als in den Nachbarländern. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden diese nach und nach wieder von – modernen – Forumszeitungen abgelöst. In Deutschland dagegen kamen nach einer Phase der Meinungspublizistik schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit den Generalanzeigern erneut Tageszeitungen auf, die sich wieder stärker als Forumszeitungen verstanden und dem neutralen Informationsjournalismus verpflichtet waren. In der Schweiz spielten diese eine geringere Rolle und erschienen vor allem in den grösseren Städten, so etwa «La Tribune de Genève». Dieser erste Schweizer Generalanzeiger kam ab 1879 heraus, gefolgt von weiteren in La Chaux-de-Fonds (1880), Neuchâtel (1891) und Lausanne (1893). In der Deutschschweiz waren der «Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich» (1893) sowie der «Luzerner Tages-Anzeiger» (1897) die ersten derartigen Publikationen.
Schweizer Boulevard
Ähnlich den Generalanzeigern, die vorrangig von Pendler_innen genutzt und bei ihrer Lancierung teilweise auch gratis abgegeben wurden, entstanden etwa hundert Jahre später, Ende der 1990er-Jahre, die Gratis- oder Pendlerzeitungen, die sich mittlerweile in der Schweiz mit «20 Minuten» bzw. «20 minutes» etabliert haben. Dies gilt auch für Frankreich («20 minutes»), nicht jedoch für Deutschland, wo alle solchen Neugründungen wieder eingestellt wurden. In ihrer Aufmachung erinnern sie an Boulevardzeitungen, deren Einführung von zum Teil heftigen Protesten begleitet wurde. So wurde der «Blick» (seit 1959) zu Beginn als «geschmacklos und unschweizerisch» vehement abgelehnt und bei Demonstrationen sogar öffentlich verbrannt. In der Folge wurde er aber gut angenommen und bald zur auflagenstärksten Zeitung des Landes.
Vom Wort zu Bild und Ton
Schauen wir zum Schluss noch auf die audiovisuellen Medien, so ist bemerkenswert, dass die Schweiz womöglich das erste ortsfeste Kino aufwies: Es befand sich ab 1896 in Carouge in der Nähe von Genf, bot allerdings noch keine ständigen Vorführungen an. Daneben gab es, wie in anderen Ländern, sogenannte Wanderkinos, in welchen Filme in Gaststätten, Varieté-Theatern und auf Jahrmärkten, z.T.
auch in mobilen Zeltkinos vorgeführt wurden. Letztere erlebten Anfang des 20. Jahrhundert eine Blütezeit: So waren etwa in Fribourg/Freiburg teilweise vier Zeltkinos gleichzeitig in der Stadt.
Das in den 1920ern neu dazukommende Radio bzw. der sogenannte Rundspruch verbreitete sich in der Schweiz ähnlich schnell wie anderswo, mit einer regelrechten Radioeuphorie in den 1930er-Jahren. Jedoch konnte das Programm in einigen Bergregionen nicht empfangen werden, weshalb mit dem Telefonrundspruch eine weitere Schweizer Besonderheit entstand. Diese ermöglichte es, mit einem speziellen Gerät das Hörfunkprogramm über das Telefonkabel zu empfangen – anfangs konnte man aber aus technischen Gründen nicht gleichzeitig telefonieren und Radio hören; übrigens ähnlich wie später bei der Internetnutzung via Modem.
Die Einführung des Fernsehens war in der Schweiz zunächst vor allem in Form des Kinofernsehens geplant, wie übrigens auch in Grossbritannien und den USA. In diesem Kontext wurde ab 1939 an der ETH Zürich der Eidophor entwickelt, eine Art Grossbildprojektor. Der offizielle Start des Fernsehens in der Schweiz im Jahre 1953 erfolgte dennoch in Form des Heimempfangs. In Europa einmalig war die starke Ablehnung des Fernsehens in der Deutschschweiz, wobei sogar eine «Aktionsgemeinschaft gegen das Fernsehen» gegründet wurde. Man befürchtete hauptsächlich einen negativen Einfluss auf junge Menschen. Aber auch die Angst von Zeitungsverlegern und Radioverantwortlichen vor der Konkurrenz sowie das Unbehagen einiger Kantonalpolitiker vor einer zu starken Vereinheitlichung spielten eine Rolle. Derartige Befürchtungen, aber auch euphorische Hoffnungen, haben übrigens fast jede Einführung neuer Medien(-technologien) begleitet – sich aber in den tatsächlichen Entwicklungen typischerweise nicht bestätigt.
Unser Experte Mike Meißner ist Doktorand bei Prof. Schönhagen am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung DCM und wissen-schaftlicher Mitarbeiter an der FernUni Schweiz.
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Unsere Expertin Philomen Schönhagen ist Professorin für Kommunikationsgeschichte und gesellschaftliche Kommunikation am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung DCM.
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Literatur
Schönhagen, Philomen / Meißner, Mike (2021): Kommunikations- und Mediengeschichte. Von Versammlungen bis zu den digitalen Medien. Köln: von Halem.