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Glarus den 9. Juni 1844.
Mein theurer Escher!
Ich muß wohl bei dir abbitten, daß ich deinen letzten, so höchst intreßanten Brief nicht eher beantwortet habe, zumal derselbe die freundschaftliche Einladung enthielt, ich möchte mit meiner l. Frau noch im Laufe des Frühlings einmal nach Belvoir kommen. Als Entschuldigung mag mir theils die Beilage zu diesem Briefe dienen, welche ich erst in den letzten Tagen von Zürich erhielt u. noch binden laßen mußte, theils mein Wunsch, dir darüber, wann ich wirklich nach Zürich kommen werde, etwas möglichst Bestimmtes mitzutheilen. Ich habe dir nämlich, was den letztern Punkt betrifft, niemals versprochen, einen Familien-Aufenthalt in Belvoir zu machen, sondern bloß davon geredet, daß ich wahrscheinlich diesen Sommer mit meiner l. Frau eine kleine Reise machen werde, die mich über Zürich führen dürfte. Dieses wird nun auch wirklich geschehen, indem wir uns entschloßen haben, das Schwägerchen, resp. Brüderchen in Heidelberg zu besuchen. Der Tag unsrer Abreise ist noch nicht unwiderruflich festgesetzt; vorläufig aber habe ich den 27. d. M. (Donnerstag) dazu bestimmt, da ich einerseits vor dem Schützenfeste nach Basel gelangen möchte, anderseits aber unserm Waßali, der an der Landsgemeinde bei mir war, versprochen habe, die Ankunft der eidg. Schützenfahne, die er als gewesnes Mitglied des Comité's begleiten wird, hier abzuwarten. Wenn ich dir also nichts anders melden werde, so darfst du uns am Abend jenes Tages in Belvoir erwarten. Am folgenden Tage werden wir wahrscheinlich unsre Reise fortsetzen u. uns dann vielleicht auf der Rückreise etwas länger in Zürich aufhalten. |
Die beiliegende Abhandlung, welche in den besondern Abdrücken, die ich davon habe nehmen laßen, dir dedizirt ist, bitte ich dich als einen schwachen Beweis meiner fortdauernden Freundschaft, wie auch meiner Dankbarkeit für manche sehr wesentliche Dienste, die du mir für die Beibringung der Materialien geleistet hast, anzunehmen. Der Gegenstand derselben liegt dir freilich ferne, doch mußte auch ich dir bei deiner Dissertation, welche du mir gütigst zugeeignet hast, in ein mir noch ziemlich unbekanntes Feld unsrer Wißenschaft nachfolgen. Wenn es dir deine sonstigen Geschäfte erlauben, einmal meine Arbeit zu lesen, so wird es mich sehr freuen, dein Urtheil darüber zu vernehmen. Schon mehr als ein Jahr ist verfloßen, seitdem ich sie in ihrer jetzigen Gestalt vollendet habe, u. seither bin ich zwar weniger in positiven Kenntnißen fortgeschritten, als vielmehr in meinem Urtheile gereift; ich fühle daher manche Schwächen, die in ihr liegen mögen, um so lebhafter, u. werde in einzelnen Stücken sehr leicht zu belehren seyn. Sehr großen Werth würde ich darauf setzen, eine recht gründliche u. unbefangene Kritik zu erleiden, da theils der Gegenstand dadurch noch mehr in's Klare gesetzt werden könnte, theils ich selbst reichliche Belehrung daraus schöpfen würde. Oft werfe ich mir auch die Frage auf, ob ich einen beträchtlichen Theil meiner Jugendkräfte auch auf einen würdigen Zweck verwendet habe. Am liebsten beantworte ich dieselbe damit, daß mir diese Arbeit als Vorbereitung dienen werde zu einem Werke, welches nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur deutschen u. besonders zur schweizerischen Rechtsgeschichte ausmachen, sondern auch die größte politische Eigenthümlichkeit unsers Vaterlandes für den Geschichtforscher wie für den Staatsmann erst in ihr gehöriges Licht stellen würde. Da indeßen die Möglichkeit der Ausführung dieses Planes immer noch ungewiß ist, so tröste ich mich vorläufig mit dem Gedanken, daß das | Bedürfniß, die ältern Zustände auch seines engern Vaterlandes kennen zu lernen, jedem gebildeten Menschen innewohnt u. daß die bisherigen Schriftsteller die ältre Geschichte unsres Cantons auf eine solche Weise dargestellt haben, daß eine gründliche Prüfung u. Widerlegung ihrer Berichte, zu welcher mich gerade meine rechtshistorischen Kenntniße berechtigten, nicht überflüßig schien. – Ich muß dich übrigens ersuchen, meine Abhandlung vorläufig noch Niemandem mitzutheilen, da ich die Erlaubniß, die besondern Abdrücke vor dem Erscheinen des III. Bandes des «Archives» zu veroffentlichen, noch nicht erhalten habe.
Um nun auf deinen l. Brief zu kommen, so danke ich dir vorerst für die Offenheit u. Aufrichtigkeit, welche du auch diesmal wieder durch ausführliche Schilderung deiner innern Neigungen u. Bedürfniße gegen mich an den Tag legtest. Daß dich deine Stellung als Privatdozent nicht ausschließlich befriedigen werde, habe ich immer vorausgesehen, u. daß du den Drang in dir fühlst, dich neben deinen fachwißenschaftlichen Studien auch mit religiösen u. sozialistischen Fragen zu beschäftigen, finde ich sehr natürlich, zumal es mir scheint, daß eine gründliche u. lebendige Durchdringung dieser Fragen nothwendige Bedingung sey zu einem erfolgreichen politischen Auftreten in Euerm Canton. Auch mir ist der bedauerliche Zustand der zürcherischen liberalen Parthei schon längst aufgefallen, u. es ist klar, daß sie seit der Zeit, wo sie in ihrer Blüthe stand, sehr wichtige Verluste erlitten hat. Jedenfalls bedarf sie einer Reorganisation, welche vorzugsweise von den jüngern Männern ausgehen muß, u. tüchtiger Führer, wie sie in dir wohl bald einen solchen erhalten wird. Möge die Apposition in ihrer Wiedergeburt eine würdige, entschiedne, zugleich aber auch kluge, die Bedürfniße u. den Kulturstand des Volkes in seiner Wahrheit weise berechnende Stellung einnehmen! Sehr lobenswerth ist dein Bestreben, Finsler's Gesetzesentwurf über das Verfahren in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten einer gründlichen, wißenschaftlichen Kritik zu unterwerfen. Auch bei der, zwar einem ganz andern Gebiete angehörenden, | neuesten Bluntschli'schen Schrift würde ich eine Beurtheilung, beziehungsweise Widerlegung, entweder nur für Eure Gesellschaft oder für das gesammte Publikum, nicht überflüßig finden. Ich habe das Buch bis jetzt noch nicht gelesen u. weiß daher auch nichts Zuverläßiges über deßen Inhalt; gehört u. in Zeitungen gelesen aber habe ich ganz kuriose Dinge, die mich staunen machten. Doch kann ich es von Bluntschli nicht anders erwarten, als daß doch immerhin ein geistiger Kern, eine eigenthümliche, auch durch praktische Erfahrungen ausgebildete Ansicht dahinter stehen müße, u. jedenfalls ist schon die Persönlichkeit des Verfaßers für das schweizerische u. wohl auch auswärtige Publikum eine größere Autorität, als diejenige der Gebrüder Rohmer. Wenn daher, wie ich nicht zweifle, in diesem Buche der politisch-religiöse Standpunkt der konservativen Parthei recht bestimmt u. in wißenschaftlicher Sprache ausgedrückt ist, so wäre eine, in das Einzelne eingehende, tüchtige Entgegnung ein kräftiger Angriff gegen das System u. würde jedenfalls dazu dienen, die liberale Parthei wieder mehr zum Bewußtseyn ihrer selbst zu bringen. Recht behält immer derjenige, welcher handelt u. auf produktive Weise in's Leben eingreift; eine Parthei, die bloß zusieht u. schweigt, darf sich nicht darüber beklagen, wenn sie nach u. nach gänzlich ignorit wird.
Die neuesten Walliser Ereigniße haben – andrer wichtiger Lehren, die sie enthielten, nicht zu gedenken – wieder auf eine recht auffallende Weise die erbärmliche Schwäche unsers Bundes erthüllt u. gewiß jeden redlichen Schweizer, der auf unsre Nationalität u. auf eine ehrenvolle Stellung dem Auslande gegenüber noch etwas hält, mit tiefem Bedauern u. mit banger Sorge für die Zukunft erfüllt. Du hast wahrscheinlich schon vernommen, daß unser Landrath sich für die Einberufung einer außerordentlichen Tagsatzung ausgesprochen hat, wodurch der Vorort nun, da V Stände eine solche begehren, dazu gezwungen ist. Großen Erfolg verspreche ich mir von diesem Schritte | nicht, weil a) die Tagsatzung jedenfalls nicht vor dem 1. Juli zusammentreten, b) keine Mehrheit von Ständen für eine eidg. Intervention sich vereinigen wird; daher war ich auch keineswegs für die Sache begeistert u. habe kein Wort darüber gesprochen. Gestimmt habe ich aber auch zu dem Beschluße, theils weil ich eine Intervention in diesem Falle grundsätzlich für vollkommen gerechtfertigt hielte, theils weil die Frage, nachdem einmal die liberalen Mitglieder der Regierung eine außerdordentliche Versammlung des Landrathes duch gesetzt hatten, zur Partheisache geworden war u. sich namentlich aus einem Siege der entgegengesetzten Ansicht leicht auf ein Uebergewicht des Conservatismus in unserm Canton hätte schließen laßen. Uebrigens laßen sich zwei Partheien bei uns nur dann unterscheiden, wenn es sich um eidgenößische Fragen handelt; in kantonalen Verhältnißen verschwindet der Stoff dazu immer mehr. – An letzter Landsgemeinde hatte ich wieder Verdruß über das Schicksal, welches unser Entwurf eines Schuldentriebgesetzes erleiden mußte. Nicht daß mich die Verwerfung an sich sehr geärgert hätte; sie ließ sich schon lange voraussehen theils wegen der Consequenz, mit der wir die Neuerungen, namentlich das Versteigerungssystem durchgeführt hatten, theils wegen der Abneigung, die unser Volk gegenwärtig wider alles Neue empfindet, u. wegen des besondern Mißtrauens in Dingen, welche die Oekonomie jedes Einzelnen beschlagen, gegen die Reichen, welche die Gesetze machen. Aber das mußte mich ärgern, daß, obschon alle Gebildeten, namentlich alle mit dem Rechtsleben vertrauten Personen dem Entwurfe Beifall zollten, obschon der Landrath sich 2½ Tage damit beschäftigt u. ihn in allen wesentlichen Punkten angenommen hatte, dennoch aus elender Schwäche u. Volksbuhlerei weder ein Mitglied dieser Behörde noch sonst Jemand für das beantragte Gesetz das Wort ergriff, so daß, wenn zuletzt nicht noch ich (ohne Aussicht auf Erfolg zwar, aber im Bewußtseyn deßen, was Ehre u. Pflicht erheischten) in die Schranken getreten wäre, das vom Landrathe gutgeheißne u. dem Volke empfohlne Werk rohem Gebrülle unvertheidigt erlegen wäre. Und die Behörde, welche sich | solche erbärmliche Inkonsequenzen erlaubt, ist nun gerade diejenige, welche vorzugsweise bei uns konstitutionelles Leben befördern u. Fortschritte durchführen sollte! Natürlich ist nun mir u. meinen Collegen, nachdem wir auf so schreiende Art desavouirt worden sind, die Lust zu weitern gesetzgeberischen Arbeiten, mit denen wir noch beauftragt waren, gänzlich vergangen, u. wir wollen nun gewärtigen, ob andre klügere Herren beßere Geschäfte machen.
Deine Nachrichten über unsre Freunde haben mich sehr intreßirt. Grüße mir sie alle, u. gratulire namentlich Nägeli in m. Namen zu seinem Brautstande. Die Nachricht davon kam mir nicht unerwartet, da er schon im letzten Winter mit schlauer Umsicht u. Consequenz seinen Plan verfolgte.
Empfehle mich mit meiner l. Frau deinen Eltern u. deiner Schwester, u. empfange die herzlichsten Grüße von uns beiden, besonders von
deinem treuen
J J Blumer.