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Menschen, die meist unter lebensbedrohlichen Umständen eine Nahtoderfahrung gemacht haben, sind häufig zunächst von diesem Erlebnis völlig erschüttert und wissen oft nicht, an wen sie sich mit diesen emotionalen Erlebnissen wenden sollen. Ihre Erfahrungen waren derart intensiv und real und vielleicht trotzdem so unwirklich, dass sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Oft schweigen sie zunächst aus Angst, nicht ernst genommen oder gar für verrückt erklärt zu werden.
Was wird der Arzt sagen, wie wird die Partnerin/der Partner reagieren, hat meine Schwester dafür Verständnis?
Und was ist überhaupt eine Nahtoderfahrung? Gibt es bestimmte Faktoren, die eine Nahtoderfahrung ausmachen? Unter welchen Umständen hat man eine Nahtoderfahrung?
Der Begriff “Nahtoderfahrung”
In der Geschichte, in der Literatur und in heiligen Schriften finden sich schon seit einigen Jahrhunderten und Jahrtausenden Berichte, die Nahtoderfahrungen oder ähnliche Erlebnisse beschreiben. Das Phänomen scheint nicht neu, allerdings wird es erst seit einigen Jahrzehnten vermehrt wissenschaftlich aufgegriffen. Der Begriff “Nahtoderfahrung” ist entsprechend auch neu, wobei es keine fest gesetzte Definition zu geben scheint. Man kann aber trotzdem ein ungefähres Raster erstellen, welches das Phänomen umschreibt.
Ein Nahtoderlebnis kann zum Zeitpunkt einer äusserst lebensbedrohlichen Situation auftreten. Häufig sind Komplikationen bei einer Operation der Hintergrund, grosser Blutverlust, wo dann die Betroffenen für einige Zeit klinisch tot sind, dann aber wieder ins Leben “zurück gebracht” werden. Diese Situation muss aber nicht automatisch zu einem Nahtoderlebnis führen. Pim van Lommel, ein niederländischer Arzt und Wissenschaftler, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigte, hat beobachtet, dass lediglich ein fünftel der Menschen, die in eine solche Situation geraten, in der Folge auch von einem Nahtoderlebnis berichten. Auch im Leserforum des “Beobachters” haben sich zu einem entsprechenden Beitrag Menschen geäussert, die zwar in eine äusserst kritische, lebensbedrohliche Situation kamen, klinisch tot waren, dann wieder ins Leben zurück geholt wurden, sich jedoch aber nicht an ein Nahtoderlebnis erinnern konnten.
Kommt es aber zu einem Nahtoderlebis wird dieses in der Regel so beschrieben, dass besonders eindrückliche Momente im Zentrum stehen. Zum Beispiel begegnet man Verstorbenen oder man sieht, wie man aus dem eigenen Körper heraus tritt, an die Decke schwebt, man kann helle Lichter sehen, Musik hören, Farben wahrnehmen, Stimmen vernehmen oder Visionen von vergangenen oder zukünftigen Ereignissen haben. Eine Nahtoderfahrung muss aber nicht einem fest gesetzten Muster folgen, das Erlebnis bleibt individuell und macht offenkundig vor allem den intensiven Charakter des Erlebnisses aus.
Deutung einer Nahtoderfahrung
Die Meinungen, ob und wann es sich um eine Nahtoderfahrung handelt, können stark auseinander gehen. Fest steht, dass Betroffene mit dem eigenen Tod oder mit dem Tod von anderen, meist nahestehenden Personen konfrontiert werden. Wie diese Begegnung zu werten ist und inwiefern sie verbindliche Aussagen machen können, dass es wirklich ein Leben nach dem Tod geben soll, ist nicht abschliessend wissenschaftlich geklärt. Aufgrund dieser ungeklärten Situation gehen die Interpretationsmuster entsprechend auseinander: Glauben Pfarrer, dank den Erfahrungen von Betroffenen eine Gewissheit über das (christlich geprägte) Jenseits erlangen zu können, sind sich viele Neurowissenschafter sicher, dass es sich um ganz natürliche Mechanismen handeln muss.
Sowohl die religiöse als auch die kritische Interpretation gehen von einer Grundannahme aus: Die christlich geprägte Annahme nimmt an, dass es ein Jenseits geben muss; eine im Rahmen einer Nahtoderfahrung gemachte Begegnung mit Jesus, Engeln, etc. legen diese Auslegung dann nahe.
Eine medizinische Haltung hingegen ist nicht vereinbar mit einer Trennung von Geist und Körper, da sie eine Einheit bilden. Eine Interpretation, dass es sich bei einer Nahtoderfahrung tatsächlich um einen Hinweis auf eine jenseitige Welt handelt und sich der Geist nach dem Absterben des Körpers irgendwo anders befinden und weiterleben soll, wäre in diesem Falle ein Eingeständnis dafür, dass diese Trennung dennoch möglich ist.
Es kommt also immer darauf an, wer eine Interpretation einer Nahtoderfahrung liefert und in welchen Kontext dies zu setzen ist, beziehungsweise welche Grundannahmen zuvor getroffen worden sind.
Nahtodererfahrung – ein subjektives Ereignis?
Fest gelegte Merkmale einer Nahtoderfahrung im Sinne einer medizinischen Diagnose gibt es also nicht. Obwohl Raymond Moody, Arzt und Psychologe, eine Art Ablaufszenario skizziert hat und glaubt, Nahtoderlebnisse würden in diesem Falle auch immer gleich ablaufen, gibt es Soziologen wie Hubert Knoblauch, der mit historischen und kulturellen Berichten belegen versucht, dass dies eben nicht zutrifft.
Unabhängig davon lässt sich nicht von der Hand weisen, dass eine Nahtoderfahrung durch und durch eine äusserst persönliche Erfahrung ist und grundsätzlich jeder Mensch in einer ähnlich ernsten Situation machen kann. Betroffene, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, sind somit meist in einer lebensbedrohlichen Situation mit dem eigenen Tod und gegebenenfalls mit bereits Verstorbenen konfrontiert worden. Das Erlebnis ist derart intensiv, dass es auch einige Zeit nach diesem Erlebnis präsent ist.
Merkmale einer Nahtoderfahrung
- Eine lebensbedrohliche Situation (klinischer Tod) ist keine Voraussetzung für ein Nahtoderlebnis
- Nahtoderfahrungen und deren Interpretation und Bedeutsamkeit für ein Leben nach dem Tod sind bislang nicht abschliessend untersucht worden: es herrscht kein Konsens darüber, ob sie einen Blick ins Jenseits gewähren: Befürworter und Gegner sind gleichermassen von ihrer Meinung überzeugt.
- Die Nahtoderfahrung ist ein derart intensives Ereignis, das sich in das Gedächtnis der Betroffenen regelrecht “einbrennt”. Die Erinnerung daran bleibt über Jahre hinaus sehr klar und konkret.
- Die emotionale Erschütterung des Erlebten ist kaum vergleichbar mit anderen Erlebnissen; Betroffene betonen häufig eine Unmöglichkeit, das Erlebte in Worte zu fassen.