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Titel:
Erstbesteigung des Altmanns
Thema: Land
Datum: 10.07.1825
Masse: 20,5 x 17,5 cm
Standort: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Pd.057; Vorbesitz August G. Müller, Chur
Urheber/-in: Carl Friedrich Frölich
Beschreibung:
Der mit „Jucunda et Amoena varia“ (“Verschiedene erfreuliche und liebliche Dinge“) betitelte Manuskriptband aus dem Nachlass des Apothekers und Botanikers Carl Friedrich Frölichs (1802-1882) enthält unter anderem einen 10seitigen Bericht, in dem Carl Friedrich Frölich seine Besteigung des Altmanns im Alpsteinsmassiv schildert. Die Beschreibung gilt als erster Bericht einer Besteigung des Altmanns.
Geschichte:
Zwischen 1800 und 1850 beschäftigte sich eine ganze Reihe von Naturwissenschaftlern mit der Botanik des Alpsteins. Herausragende Arbeit als Botaniker leistete u.a. Dr. Johann Georg Schläpfer (1797-1835) von Trogen. Der Arzt hatte ein Herbarium aller im Appenzellerland wildwachsenden Pflanzen angelegt und publizierte 1825 im Appenzeller Monatsblatt seine „Naturhistorische Beschreibung des Alpsteins, oder des Alpengebirges des Kantons Appenzell“. Für die botanische Durchforschung des Alpsteins fragte er den Stuttgarter Apotheker Carl Friedrich Frölich um Hilfe an. Dieser war in den 1820er Jahren nach St. Gallen gekommen und hatte sich einen Namen als eifriger Botaniker gemacht. Im Auftrag von Johann Georg Schläpfer sammelte er schliesslich Pflanzen, untersuchte und trocknete sie. Am 10. Juli 1825 gelang Frölich mit Hilfe der Bergführer Huber (von Weissbad) und Loser (von Wildhaus) die erste nachweisbare Besteigung des Altmanns.
In seinem Bericht beschreibt Frölich die Wanderung von Weissbad über die Fählenalp bis auf den Gipfel des Altmanns, wobei er alle Bergblumen mit ihren lateinischen Bezeichnungen auflistet, die er auf dem Weg gefunden hat. Die Gipfelbesteigung schildert er auf abenteuerliche Weise: Sie hätten über Schneefelder rutschen, steile Felswände erklimmen und auf dem Hintern über Felsrücken gleiten müssen. Auf dem Gipfel hätten Frölich mit seinen zwei Begleitern Huber und Loser schliesslich ein Berglied angestimmt und den Gipfel abgezeichnet. Erst nach 21 Uhr seien die Bergsteiger auf der Fählenalp angekommen, wo sie über Nacht blieben, bevor sie sich am darauffolgenden Tag wieder auf den Weg nach Weissbad machten. Zurück in Weissbad hätten sie sich schliesslich ein ausgiebiges Essen mit gutem Rheintaler Wein gegönnt. Eine Kurzfassung der Beschreibung erschien im gleichen Jahr im Appenzellischen Monatsblatt und war Teil der ausführlichen Schrift „Naturhistorische Beschreibung des Alpsteins oder des Alpengebirges des Kantons Appenzell“.
Seine Apothekerkarriere setzte Carl Friedrich Frölich fort. Durch die Heirat mit der Witwe Zellweger im Jahre 1834 konnte Frölich ihre Apotheke in Teufen übernehmen. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete er 1846 Ernestine Custer, Tochter des Arztes Dr. Custer von Rheineck, mit der er 5 Kinder hatte. Sein einziger Sohn Karl erlernte ebenfalls den Apothekerberuf und konnte so das väterliche Geschäft in Teufen weiterführen. Carl Friedrich Frölich siedelte indessen nach Reute über. Als jedoch sein Sohn nur ein Jahr später starb, verkaufte er die Apotheke in Teufen.
Autorin: Kathrin Hoesli, Herisau.
Literatur:
Appenzellisches Monatsblatt. Heft Nr. 8 (1825). St. Gallen 1825, S. 167-168.
Appenzeller Landeszeitung. Nr. 11 und Nr. 12 (1882). Trogen 1882.
Büchler, Hans (Hrsg.): Der Alpstein. Natur und Kultur im Säntisgebiet. Herisau 2000.
Hoesli, Kathrin: "Wer Muth hat, der folge". Carl Friedrich Frölichs Bericht über die Erstbesteigung des Altmanns. In: Appenzeller Kalender auf das Jahr 2012. Herisau 2011, S. 88-92.
StAAR, Mn.F-032 Personendokumentation C. F. Frölich.
StAAR, Pa.36-01 Nachlass C. F. Frölich.
Transkription:
„Ersteigung des Altmann’s
zweithoechster Felsenkopf im
Appenzeller Gebirge 1825.
Seit 2 Jahren habe ich den Gebirgsstok
Appenzells besucht in der Absicht, eine
Alpenflora für mich einzusammeln.
In diesem Zeitraume hatte ich die
meisten Bergipfel und Schluchten dieser
Alpen erstiegen und durchwandert.
Der Altmann, der imposandeste davon
wurde damals noch für unersteiglich
gehalten. Er befindet sich in der
mittleren Gebirgsreihe und ist
wenig niedriger als der Sentis.
Im Sommer 1825 konnte ich mich
viele Wochen der Botanik widmen,
und wurde deshalb von Doctor Schlaepfer
in Trogen eingeladen, bei ihm zu
wohnen, und für ihn eine flora abba-
tiscellana einzusammeln. Ich nahm den
Antrag, obwohl die Schwierigkeiten
der Ausführung ahnend, dennoch
mit Freuden an. Meine Excursionen
erstrekten von den Töblern, Wäldern
bis in die Berge. Den Schluß meiner
Wanderungen machte ich mit Ersteigung
des Altmanns.
Ich befand mich noch um 8. Uhr des
Morgens am 10. Juli 1825 in
Weisbad auf bessers Wetter
harrend. Der Himmel heiterte sich all-
mählich auf und es zogen schon einige
Abtheilungen von Bergreisenden dem
Wildkirchlein zu. Ich eilte nun
in die Wohnung meines gewöhn-
lichen Führers mit Namen Lutz.
Allein weder Vater noch sein Sohn
Xaveri waren bei Hause; ersterer
war bereits mit Herrn Apoth. Stein
auf dem Wege nach den Glokeren.
Unmuthig darüber, weil beide in den
Bergen und namentlich um den Altmann
sehr bewandert waren, war ich ge-
zwungen, einen andern Träger mit-
zunehmen, deren beim Badhause fast immer
zu finden sind. Ein noch junger Mann
mit Namen Hans Jakob Huber
folgte mir und versah sich mit Wein
Brod und Würsten zur Reise. In
Hoffnung unterwegs oder in d. Fählenalp
jemand anzutreffen, welcher uns behülflich
in Ausführung unsers Vorhabens seyn
könnte machten wir uns gegen 9 Uhr auf
den Weg. Im Brüllisauer Tobel, wohin
wir bald gelangten, staunten wir nicht
wenig über die Verheerung, welche starke
Regengüsse in verwichener Nacht ange-
richtet haben. Erdschlüpfe mit Massen
von Steinen hatten für einige Zeit den
Durchpaß fürs Vieh versperrt. Die
Fählenalp erreichten wir erst um
2. Uhr Nachmittags, weil ich unterwegs
namentlich im Stiefel nach Pflanzen
suchte. Dort ist Hieracium humile [= Niedriges Habichtskraut], villosum [= Zottiges Habichtskraut],
Achillaea macrophylla [= Grossblättrige Schafgarbe], Carduus personatus [= Bergdistel],
Arabis pumila [= Zwerg-Gänsekresse], Aster alpinus [= Alpenaster] etc. In der
Fahlenalp stärkte eine herrliche Milch
zur Weiterreise, begleitet von einem
ältern Manne, namens Antoni
Sepp Faesler von Brüllisau. Dieser
gab vor, die Umgebungen von Fählen
und Krayalp wohl zu kennen. Gegen
4 Uhr gelangten wir auf steilem
steinigtem Pfade zum sog. wilden
Seelein; es war damals noch zu-
gefroren und liegt zwischen Felsen
in einer trichterförmigen Ver-
tiefung. Majestatisch erhebt sich
von da der Altmann noch hoch
wie eine gewaltige Pyramide aus
dem Schneefeld empor. In der Nähe
des Seeleins wachsen hübsche Pflänzchen
als Gnaphalium supinum [= Niedriges Ruhrkraut], Sibbaldia proc[umbens] [= Alpen-Gelbling],
Luzlula spicata [= Ährenhainsimse], Pyrethrum alpinum [= Alpenmargerite] etc.
Dieses Seelein thaut gewöhnlich gegen
den August auf und scheint dann
einen größeren Umfang zu haben,
doch nicht über 40 F. Länge und noch
weniger in der Breite. Von da
gelangt man im Vorsommer an
2. zusammenhängende Schneefelder
die den nakten Felsen des Altmanns
umgeben. In heißen Jahrgängen
aber schmilzt der größere dieser
Schneemasse und es kommen zer-
klüftete Felsstüke zum Vorschein
worüber und unter denselben man
steigen und sich durchwinden muß.
Damals wählte ich das größere we-
niger steile mehr rechts an den Felsen
nach Meglisalp anliegende Schneefeld.
Alls wir 3. Wanderer eine Streke
auf dem Schnee überschritten hatten,
hörten wir den Ruf eines Mannes
der von Meglisalp allein herauf
gestiegen war. Als er zu uns kam,
vernahmen wir von ihm, daß er
in einer Sennhütte auf Krayalp
übernachten wolle, und daß er von
Wildhaus sey und Looser heiße.
Dieser junge rüstige Bergsteiger
war zwar sehr vertraut mit der
Umgebung, doch zweifelte er an unserm
Gelingen und erzälte, daß er einst
3. Zürcher Herren über dieses
Schneefeld bis auf den Grath geführt
habe. Auf den Felsenkopf selbst aber
hatten sie keine Lust und er glaube
es wäre nicht ausführbar. Indessen
ließ er sich leicht bewegen, den Versuch
mitzumachen und befanden uns
auf diesem Grath oder Sattel etwas
nach 5. Uhr. Die Führer zeigten
wenig Lust den nakten Felsenkopf
zu ersteigen, und riethen vom
weitern Vorgehen ab. Dieß,
die unsichere Witterung, der herannahend
Abend und Erschöpfung stimmte mich
etwas traurig. Ich beschloß deshalb
mich vorerst mit Speise und Tranck
zu stärken und dann den Felsen
zu recognosciern. Es ergab hernach
daß nur über seinen Rüken die
Ersteigung möglich wäre. Ich
machte nun denn Anfang und rief
„wer Muth hat der folge“. Looser
und Huber folgten und Fäßler
blieb beim Gepäke. Looser verrieth
bald seine Gewandtheit im Klettern
und stieg voran, hinter ihm kam
ich und Huber zu lezt. Leichtes
Gewölke trieb der Wind um die
Firste, doch konnten wir den zu-
rükgelassenen Fäßler öfters sehen,
wie auch einen Theil vom Säntis.
Nicht lange, so gelangten wir an einen
steilen fast senkrechten Felsenriff,
der ein weiteres Vordringen ver-
wehrte. Man denke sich, wie nieder-
schlagend dieß für mich war! Doch schnell
kam mir der Gedanke, es könnte vielleicht
diese Hinderniß beseitigt werden, durch
Umgehung des Felsenriffs auf der einten
oder andern Seite. Und richtig kann
man rechts hinter demselben eine
enge Schlucht, welche nachmals den
Namen Kamin erhielt, passiren,
und ungehindert vordringen, bis man
einen schmalen Rüken erreicht, über
welchen wir reitend hinüber gleiteten.
Von da geht’s über breitere Erhöhungen
bis zum höchsten Punkte freudig und
rasch, denn das Ziel ist erreicht.
Diese Stelle sieht sehr verwit-
tert. Steine von geringer Größe
sind so loker in einander gefügt, daß
man viele herausziehen könnte.
In den Ritzen derselben fand ich
Draba aizoon [Karpaten-Felsenblümchen], pyrenaica [=Pyrenäisches Felsenblümchen], tomentosa [Filziges Felsenblümchen],
Aretia helvetica [= Alpenmannsschild], Festuca laxa [= Schlaffer Schwingel], Saxifraga
oppositifolia [=Gegenblättriger Steinbrech] etc. Nach kurzer Rast, Zeichnung
des Gipfels und Absingung eines Berg-
Liedes traten wir langsam und vor-
sichtig den Rükweg an. Wir fanden
unsern zurükgelassenen Fäßler
fast halb erfroren durch den kalten
schneidenden Wind an. Die Alpen-
stöke fest in der Hand rutschten
wir rasch das steile Schneefeld
hinunter. Looser trennte sich dann
und schlug die Richtung nach den
Krayalphütten ein, wir aber suchten
die Sennhütten am Fählersee zu
erreichen, ehe die Nacht hereinbrach.
Daselbst nach 9. Uhr angelangt, trokneten
wir zuerst Strümpfe und Schuhe, die
vom Schnee durchnäßt waren.
Ruhe und zwar ungestörte war
hernach nirgends zu finden, wir
hatten auf dem Heu blos Raum
neben einander zu liegen, und mit
Ungeduld erwartete ich den Morgen.
Es war heiteres Wetter, matt,
am ganzen Körper angegriffen wan-
derten ich und Huber dem Weisbad
zu, und erquikten uns daselbst mit
Speiße und Trank und zwar mit
gutem hin reichenden Rheinthaler Wein.
Der Felsen des Altmann ist diker
steiler als der des Saentis, er zeigt
auf der Spitze mehrere Erhöhungen
loßen lokern Gesteins. Die Sage geht,
daß vor manchen Jahren ein Mann
zwar hinaufgekommen sei, aber nicht mehr
herunter gekonnt habe; vergeblich
auf Hilfe wartend, wurde er zulezt
kraftlos und mußte da oben verfaulen.
Diese Mähr mag zum Theil Schuld
seyn, daß bis auf diese neuere Zeit
die Besteigung Niemand gewagt hat,
denn selbst meine Begleiter musste ich
ermuthigen und bereden für den Versuch
die doch das Bergsteigen gewohnt waren.
Gesungen auf dem Altmann.
Auf Bergeshöhen, da glänzt durch reine Lüfte
Der Erde Herrlichkeit:
Der Nebel sinkt hinab in dunkle Klüfte
Zum Himmels ists nicht weit
2. Viel Ach und Och klimmend wir’s errungen
Der sauern Schritte viel:
Viktoria der Reise liegt bezwungen
Nun ruhen wir am Ziel.
3. Schaut hoch hinab, es liegt vor euren Bliken
Ein theures Vaterland:
Mit deutschem Sinn, auf deutschem Bergesrüken
Seys heilig uns genannt.
4. Und wenn nun bald nach schnell entschwundenen Tagen
Ein jeder heimwärts zog:
Soll oft ein Gruß aus weiter Ferne fragen
Denkst du Berges noch."
Aus: StAAR, Pa.36-01 Nachlass Carl Friedrich Frölich.
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