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Kultur
Von einem bärtigen Parzival in der Karibik
Ein sensationeller Zufall ist wohl dafür verantwortlich, dass der Fotograf Lee Lockwood 1958 einen Tag vor Castros Machtübernahme nach Kuba kam. Auf ein Interview musste er dann zwar etwas länger warten, da der Revolutionär alle Hände voll zu tun hatte, aber bald gewährte er ihm sogar ein siebentägiges Marathoninterview (1965, 25 Tonbandstunden), in dem er mit dem neuen Machthaber u. a. auch über die Rassenfrage in den USA diskutierte. Ein Zeitdokument von einzigartiger Qualität, das erst 1967 veröffentlicht wurde. Saul Landau, der Professor, Autor, Kommentator und Filmemacher, drehte über 40 Filme, darunter auch "Fidel!" (1968) und hat zu vorliegender Großformat-Publikation, in dem die außergewöhnlichen Fotos Lockwoods über die Zuckerinsel erstmals gesammelt publiziert werden, die Texte geschrieben, die die Porträts und Landschaftsaufnahmen in den historischen Kontext stellen. Lee Lockwood konnte damals ungehindert und unzensiert aus Kuba berichten und reisen, wohin er auch immer auf der Insel wollte. Nach dem ersten Angriff Castros auf die Moncada-Kaserne war Castro im November 1953 zu 19 Monaten statt 15 Jahren begnadigt worden. Eine Begnadigung, die Batista bald bereuen sollte.
Bärtiger Parzival in der Karibik
Eine bärtige und langhaarige Rebellenarmee zieht auf einem der Fotos zu Pferde in Havanna ein. Man schrieb das Jahr 1953 und der Langzeitdiktator von US-Gnaden Fulgencio Batista hatte die Flucht nach Santo Domingo ergriffen. Die Zuckerinsel Kuba war zu Batistas Zeiten in doppeltem Sinne süß: einerseits durch die kapitalistische Monokultur als Zuckerlieferant für den Weltmarkt, andererseits als Bordell für reiche Amerikaner, die auf Kuba Casinos errichteten und es sich auch sonst in jeder Hinsicht so richtig gut gehen ließen. Als Castro mit seinen Kumpels die Macht eroberte, waren die Straßen Kubas voll Hoffnung, die Begeisterung wie elektrisiert und "Fidel" tourte durch die meisten größeren Städte und hielt nach Mitternacht noch begeisterte Reden, die bis zu sechs Stunden dauern konnten. "Zumindest für einen Augenblick gaben selbst die größten Pessimisten ihren Zynismus des 20. Jahrhunderts auf und sahen in Fidel Castro die Inkarnation eines legendären, von einer magischen Aura umgebenen Helden, einen bärtigen Parzival, der einem kränkelnden Kuba wundersame Erlösung gebracht hatte", schreibt Lee Lockwood. Von den 25 beim siebentägigen Marathoninterview aufgezeichneten Tonbandstunden sind auch einige Transkriptionen zu den Themen Landwirtschaft, Industrialisierung, politische Indoktrination, Bildung, u. v. a. m. in vorliegendem Fotoband abgedruckt und mit Fußnoten aktualisiert worden.
"Castro’s Cuba, Cuba’s Fidel"
Der ursprüngliche Arbeitstitel "Castro’s Cuba, Cuba’s Fidel" sollte vor allem den Menschen im Porträt zeigen und die Vorurteile, die im Heimatland des Fotografen gestreut wurden, zerstreuen helfen. Denn im Vergleich zum Rest Lateinamerikas sah es auf der kommunistischen Insel - zehn Jahre nach Castro - sogar sehr gut für die Bevölkerung aus: Kleidung, Nahrung und Arbeit waren vorhanden, medizinische Versorgung gratis und auch die Frauen waren gleichberechtigt. Kinder hatten damals die Berufsarmee Batistas besiegt, schreibt Saul Landau in seinem Essay im vorliegenden Fotoband und die, die nur ein paar Jahre älter werden, leiteten die politischen Ämter Kubas: Fidel war 33, Raul 28 und Che 32. Diese "Jungs" bauten Straßen und Krankenhäuser statt wie die alten Herren in Washington Nuklearsprengköpfe und sie sorgten dafür, dass es nun nicht mehr den reichen Ausländern und Invasoren - wie sie auf einer Hauswand auf einem Foto von Lockwood genannt werden - gut geht, sondern den Kubanern selbst. "Esas que luchan, no importa donde, son nuestros hermanos", heißt es auf einem Transparent in Havanna, ein Zitat von Camilo Cienfuegos aus dem Jahre 1967 das heute wohl so niemand mehr unterschreiben würde.
Aufgabe für Kuba - Hoffnung für die Welt
Natürlich stehen die Autoren/Herausgeber nicht unkritisch zu dem, was später aus der Revolution - spätestens seit den 80ern - geworden ist (siehe dazu besonders Kapitel 6 und das Nachwort). Aber der anfängliche Enthusiasmus und die positive Aufbruchsstimmung wird nicht nur in den vielen einzigartigen Fotos porträtiert, sondern auch in den informativen Texten, die Landau eigens für diesen Prachtband zusammengestellt hat. So erfährt der Leser nicht nur etwas über die Politik des neuen Staatschefs, sondern natürlich auch etwas über die Kultur der kommunistischen Karibikinsel. Hunderte Fotografien von Militärlagern in den Bergen der Sierra Maestra, über das Leben auf den Straßen Havannas bis hin zu politischen Massenkundgebungen, viele dieser Farbbilder wurden noch nie zuvor veröffentlicht. Die Fotos zeigen Fidel mit Zigarre in einem Schaukelstuhl und seinem deutschen Schäferhund "Guardián" oder auf einem Aufklappbild (doppeltes Riesenformat) vor seinem Volk, dem er Rechenschaft abliefert: "Wir Marxisten haben ein viel besseres Menschenbild", sagt er etwa, "Wir glauben, dass der Mensch aufgrund seines Charakters, des Gefühls von Liebe und Solidarität mit seinen Mitmenschen rechtschaffen handeln kann." Nun, man soll einen Menschen immer an seinen eigenen Ansprüchen messen. "Castros Cuba" von Lee Lockwood und Saul Landau hilft dabei mit Sicherheit.