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Verantwortung: Joschka Meier / Salome Egloff
Referierende: Joschka Meier / Heinrich Speich / Salome Egloff
Kommentar: Riccardo Ross
Das Panel «Leben am Limit» konzentrierte sich auf die vormodernen, agrarischen Gemeinschaften, die darauf angewiesen waren, die Ressourcen ihrer Umwelt vorausschauend und sorgfältig zu nutzen. Die daraus resultierenden Konflikte aufgrund unterschiedlicher Interessen verschiedener Gruppen waren Gegenstand aller drei Beiträge. Im Mittelpunkt stünden die Ressourcennutzung im schweizerischen Alpenraum und die Frage, wie die Adaptionsstrategien an die knappen Ressourcen zu Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gefüge führten, wie RICCARDO ROSSI (Zürich) in seinem einleitenden Kommentar darlegte.
JOSCHKA MEIER (Bern) betrachtete im ersten Referat die Probleme und die Konsequenzen des Transports von Waren auf die Gebiete in den Alpen im Spätmittelalter. Zum einen nannte er Naturgefahren wie Überschwemmungen, Lawinen oder Erdrutsche, zum anderen aber auch organisatorische, soziale, politische und finanzielle Herausforderungen. Meier verglich die Orte Sitten, Uri, Graubünden und Tirol miteinander und thematisierte, inwiefern sich die politischen und wirtschaftlichen Strukturen über die Jahrhunderte in Verbindung mit dem Warentransport veränderten. In Sitten seien Transportgenossenschaften zum Beispiel zuerst verboten gewesen, im 16. Jahrhundert hätten sie sich aber trotzdem entwickelt. Das Transportrecht sei zudem nicht mit dem Gemeinderecht verknüpft, sondern separat vergeben worden. In Uri hingegen sei der Transport zuerst eine kommunale Pflicht gewesen und dann im 15. und 16. Jahrhundert gar politisch gefordert worden. Graubünden wiederum habe gewisse Vorteile beim Bischof eingeklagt, um bessere Bedingungen für ihre Fuhrleute zu erhalten. Im 15. Jahrhundert hat das Gebiet die Autonomie erreicht und eigene Transportunternehmen einsetzen können. Im Tirol sei im 13. Jahrhundert die herrschaftliche Kontrolle ausgebaut worden und im 15. und 16. Jahrhundert dominierten die Landesherren, die somit auch den Warentransport kontrollierten.
Anschliessend hat Meier die Konflikte rund um den Transport analysiert, beginnend mit der Konkurrenz zwischen den Transportunternehmen und den damit verbundenen Exklusionsprozessen. Die Verteilung des Ertrags und der Aufträge habe zu Konflikten geführt und der Erhalt der Infrastruktur in den Bergen habe gut organisiert und bezahlt werden müssen. Zudem sei auch die Tierversorgung unterwegs von Konflikten begleitet gewesen, da die Tiere nur an bestimmten Orten und nicht von privaten Allmenden fressen durften.
Abschliessend erwähnte Meier, dass die effektive Bedeutung der Wirtschaft für die Berge insgesamt schwierig fassbar sei, die Gemeinden hätten aber zunehmend die Kontrolle über den Transport übernehmen wollen, zumal dieser einen wichtigen Bestandteil der lokalen Wirtschaft darstellte. Dies habe zur regionalen Regelung des Transports geführt. Erwähnenswert sind schliesslich auch zwei Aspekte bezüglich der Arbeitsteilung: Zum einen war der Transport, vor allem im Winter, nicht nur ein Nebenerwerb, zum andern waren auch Frauen aktiv ins Transportwesen involviert.
HEINRICH SPEICH (Brünn) ging im zweiten Beitrag näher auf die Nutzung marginaler Flächen durch ländliche Kommunen im Spätmittelalter ein. Er argumentierte, dass die alpine Landwirtschaft den Ausgangspunkt der Herrschaft der Klöster, des Adels und der Städte darstellte, da von dort aus die Ressourcen kamen, die Grundlage für den Kapitalfluss. Die Bauern und die lokalen Eliten seien wiederum ebenfalls zentral für die Herrschaft gewesen, da sie vor Ort den Einsatz und das Kapital organisierten. Dabei habe das venture capital eine wichtige Rolle gespielt, das heisst, die Herrschaft und die lokalen Eliten mussten zuerst in die Region investieren, bevor sie einen Gewinn erzielen konnten, sollten doch die Grundbedürfnisse durch die kommunale Selbstversorgung zuerst abgedeckt werden. Die Nutzung alpiner Flächen sei ein Risikogeschäft gewesen, in dem sich die lokalen Eliten allerdings gut hätten positionieren können, was ihnen wiederum erlaubte, gewisse Freiheiten einzukaufen oder einzufordern. Gemeinsam hätten sie so einen politischen Aktionsradius geschaffen und kollektive Freiheiten erhalten. Die Städte wiederum, so Speich weiter, waren einerseits Absatzmarkt, andererseits auch Bündnispartner der ländlichen Kommunen. Sie hätten sich daran gestossen, dass diese Kommunen sich zunehmend wie Städte aufführten und die gleichen Rechte einforderten, zumal es sich dabei zwar um gleichgestellte, aber nicht um gleichberechtigte Bündnisse gehandelt habe. Die Kommunen hätten politische Ambitionen gezeigt, die sie weiter zu expandieren versuchten, wobei Speich verschiedene Stufen des Ausbaus von Rechten vorstellte.
Anschliessend ging Speich auf den Grenzkonflikt zwischen Schwyz und Glarus ein, die auf einem Grenzberg dieselbe marginale Fläche für ihre Schafe nutzen wollten – ein Konflikt, der mit einem Mordfall und einem Schiedsgericht geendet hat. Die Nutzungskonflikte zwischen verschiedenen Kommunen stellten die Regel dar, wie Speich erklärte. Der Zusammenschluss zwischen den ländlichen Kommunen habe in diesen Konflikten einen Vorteil geboten, vor allem wenn die Kommunen ein gutes Verhältnis zu grösseren Orten pflegten.
Speich beendete seinen Beitrag mit dem Fazit, dass die alpine Landwirtschaft als Triebfeder der Politik in der Eidgenossenschaft angesehen werden könne und dass die ländlichen Kommunen von den Städten als Partner akzeptiert worden seien. Dies führte ihn schliesslich dazu, die historiografische Darstellung des eidgenössischen Kerns der Inneren Orte zu kritisieren.
SALOME EGLOFF (Zürich) betrachtete im dritten Beitrag die Regulierung der Ressourcen durch Exklusion in der vormodernen Zentralschweiz. Sie erklärte einleitend, es gäbe verschiedene Forschungsperspektiven auf die Commons[EK1] [FS2] , die in den Gemeinden gemeinsam genutzten Flächen: eine liberal-aufgeklärte, die besagt, dass die Commons die Innovation hemmten, eine marxistische, die die Auflösung der Commons als Verlust von Solidarität sieht, oder die Forschungsbewegung rund um Elinor Ostrom, die mit der Nachhaltigkeit der Commons argumentiert und sie als wirtschaftlichen Vorteil beschreibt. Laut Egloff seien alle drei Ansichten legitim, sie wolle aber eine vierte Perspektive hinzufügen: Die Gemeinden hätten die Commons nämlich dazu genutzt, um die Rechte gewisser gesellschaftlicher Gruppen einzuschränken. Das Referat konzentrierte sich auf die Regionen Nidwalden und Entlebuch und auf die beiden Gruppen der Gemeindebürger und der Beisassen. Während die Bürger vollberechtigt waren, Anspruch auf die gemeinsamen Ressourcen hatten und abstimmen durften, hatten die Beisassen kein Landrecht. Es sei immer wieder zu Aufnahmesperren gekommen und die Beisassen hätten sich mit teilweise hohen Steuern in die Gemeinde einkaufen müssen, um dort wohnen zu können. Unter den Beisassen gab es wiederum verschiedene, hierarchisierte Gruppen, wobei die Zugehörigkeit vererbt wurde, wie Egloff am Beispiel Uri ausführte: Je länger ein Beisasse in der Gemeinde wohnte, desto mehr Rechte hatte er. Die Zugehörigkeit legte beispielsweise fest, wie viel Vieh ein Beisasse auf die gemeinsame Allmend bringen durfte, wobei die Zahlen jährlich angepasst worden seien und dem Ressourcenmanagement dienten. Die Beisassen hätten immer höhere Auftriebstaxen bezahlen müssen und irgendwann sei ihnen der Auftrieb ihres Viehs ganz verboten worden.
Die sozialen Kategorien seien willkürlich gewesen und hätten zu Rechtsunsicherheit geführt, so Egloff weiter, und der ökonomische Handlungsspielraum der Beisassen sei zunehmend eingeschränkt worden. Um wieder mehr Rechte in ihrer Gemeinde zu erhalten, hätten sich die Beisassen eines Dorfes im Entlebuch an den Luzerner Rat gewandt, woraufhin dieser allerdings allen Beisassen im Entlebuch die Rechte am Hochwald entsagt habe, mit dem Argument, dass die Bevölkerung gewachsen sei und der Wald zu stark belastet werde. An dieser Situation zeigten sich Hinweise auf Systemprobleme, da die Beisassen von den vermögenden Grossbauern ausgeschlossen worden seien und das Argument der Ressourcenknappheit die ökonomischen Interessen der Bauern verschleiern sollte. An diesem Beispiel konnte Egloff zeigen, dass rechtlicher und ökonomischer Ausschluss hier eine Adaptionsstrategie darstellte: Je knapper die Ressourcen wurde, umso mehr Gruppen und Menschen wurden von diesen Ressourcen ausgeschlossen. In Anbetracht dieser Ungleichheiten wäre es denn auch verfehlt, die Commons als «frühsozialistisches Paradies» darzustellen, vielmehr führten sie zu wirtschaftlichem Gewinn und zu gewissen Marktanreizen.
Die Bemerkungen und die Diskussion im Anschluss bestätigten, dass die Forschung zum schweizerischen Alpenraum auf grosses Interesse stösst – aber dennoch ein Desiderat der Geschichtswissenschaften darstellt. Quelleneditionen für die schweizerischen Innerorte fehlen grösstenteils noch, was Rückschlüsse auf die Lebensrealität im Alpenraum erschwert. Gewisse Fragen blieben im Rahmen des Panels wiederum unbeantwortet, so etwa, ob die Exklusion längerfristig zu einem Erfolg in den Gemeinden führte, oder welche Rolle die Nachhaltigkeit und die Ökologie im vormodernen, alpinen Raum spielte. Eindrücklich veranschaulicht wurde hingegen, wie die unterschiedlichen Gruppen versuchten, die herrschenden Bedingungen zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Panelübersicht:
Joschka Meier: Auf schmalem Grat: Von der Nutzung marginaler Flächen zum politischen Gemeinwesen. Wirtschaftliche Erfolgsfaktoren ländlicher Kommunen
Heinrich Speich: Raum als Ressource: Adaptionsstrategien und Transportorganisation in den Alpen im Spätmittelalter
Salome Egloff: Regulierung durch Exklusion? Praktiken der Regulierung des Ressourcenzugangs in vormodernen Genossenschaften der Zentralschweiz (1500-1750)
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.
Genf