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Eine geheimnisvolle Schattenwelt
Odilon Redons Schaffen lässt sich summarisch in zwei grosse Werkphasen unterteilen: in die schwarze Periode des Frühwerks und die farbige seiner späteren Zeit. Zwischen etwa 1870 und 1890 bevorzugte der Künstler den Kohlestift als Ausdrucksmittel und schuf eine beachtliche Anzahl düsterer Zeichnungen, die sogenannten Noirs. Diese sind durch eine besondere technische Experimentierfreude charakterisiert. Redons Faszination für die Dunkelheit ging einher mit seiner Erkundung des Verborgenen, Unheimlichen und Rätselhaften, der gespenstische Erscheinungen und fantastische Kreaturen als Motive entsprangen. Darin manifestiert sich Redons Idee von einer Kunst des Unbestimmten, die auf die Vorstellungskraft des Betrachters zielt.
Von der Dunkelheit zu Licht und Farbe
Nachdem sich Redon in den früheren Werken hauptsächlich mit der Kohlezeichnung und der Lithografie befasst hatte, markierten die Jahre 1889/90 aufgrund des Einzugs und der Neubewertung der Farbe einen Wendepunkt in seinem Schaffen. Imaginäre Sujets, die zuvor nur in den Noirs vorgekommen waren, bearbeitete Redon nun auch in den Techniken der Öl- und der Pastellmalerei. Ein Motiv, das dabei den Aufstieg der Farbe in Redons Werk einleitete, sind die geschlossenen Augen, welche die für ihn typischen Themen Schlaf und Traum sowie einen nach innen gekehrten Blick evozieren. Ähnlich wie die geschlossenen Augen versinnbildlichen auch die mystischen Nachtszenen den Übergang vom Dunkel des Schwarz zur Helligkeit der Farbe in Redons künstlerischer Entwicklung.
Das Erblühen der Farbe
Zu Redons floralen Kompositionen gehören die zarten Darstellungen von Idealfrauen, etwa Ophelia oder Beatrice, ebenso wie Porträts von weiblichen Individuen, die in einem wundersamen Wechselverhältnis zur Blumenwelt stehen.
In seinen berühmten Blumensträussen des Spätwerks macht Redon als Visionär der Farbe schliesslich die überbordende Blütenpracht zum künstlerischen Experimentierfeld und zur regelrechten Hommage an die Malerei. Bunte Blumen verschiedenster Sorten sind locker zu ausladenden Bouquets zusammengefasst und verwandeln die Vase gleichsam in einen Vulkan, der sich in einer magischen Eruption von Farben und Formen entlädt: "Die Kunst ist", so Redon, "gleich einer Blüte, die sich, ausserhalb aller Regeln, frei entfaltet …"
Visionen in Wasser und Luft
Es war der Botaniker Armand Clavaud, ein Fürsprecher der darwinistischen Evolutionslehre, der im jungen Redon das Interesse für die Naturwissenschaften und spirituelle Fragen weckte. Als einer der Hauptvertreter des Symbolismus wendete sich Redon bewusst von der „oberflächlichen“ Naturnachahmung des Impressionismus ab. So widmete er sich vor allem den Sphären jenseits des Sichtbaren, zu denen der Traum und die Fantasie, aber auch die mikroskopischen Welten gehören. Diese Vorlieben gelangten auf besonders poetische Weise in seinen Unterwasser- und Himmelsvisionen zum Ausdruck, die sich durch das Wechselspiel zwischen präziser Naturbeobachtung und freier Imagination auszeichnen.
Die Feier des Lichts
Redons Hinwendung zur Farbe findet ihren Höhepunkt im mythologischen Thema des Wagens des Apoll, das im Verständnis des Künstlers den "Triumph des Lichts über die Finsternis" verkörpert. In der Weite des Himmels erscheinen die vier blendend weissen Pferde des Sonnengottes Apoll, der auf seinem Streitwagen erstrahlt, während er das aus der Dunkelheit auftauchende Ungeheuer mit seinen Pfeilen erlegt. In dieser Feier des Lichts löst sich der Bildgegenstand allmählich in reine Farbe auf, ohne an Symbolkraft einzubüssen. Auch Redons andere mythologische Werke bezeugen eine intensive Auseinandersetzung mit dem symbolischen Gehalt der antiken Überlieferungen.
Sakralität und Spiritualität
Spiritualität spielt in Redons Schaffen eine wesentliche Rolle und bietet einen Schlüssel zum Verständnis seiner Werke. Die Bilder mit sakralem Charakter entziehen sich weitgehend einem konkreten Handlungszusammenhang, während die Figuren eine Haltung der inneren Anschauung und Erkenntnis eint. Die Werke entfalten eine meditative Dimension und dadurch die Qualität von Andachtsbildern. Solch eine ideelle Ausrichtung kommt auch in Redons Darstellungen des Buddhas, des gekreuzigten Christus und des heiligen Sebastian zum Tragen. Sein Vorgehen hat einen synkretistischen Charakter, welcher auf seiner Auffassung von der Gleichrangigkeit aller Glaubensbekenntnisse beruht.
Am Rande der unendlichen Welt
Redons Seelandschaften sind allesamt gleich aufgebaut: Unter einem schimmernden Himmel erstreckt sich ein stilles Meer, auf dem ein oder zwei Figuren in einer Barke einem unbestimmten Ziel entgegentreiben. Man erahnt, dass hier keine Naturimpressionen oder blosse Bootsfahrten illustriert werden. Die Landschaft dient der Vermittlung eines Ideals. Seit jeher trägt die Seereise ein weites Bedeutungsfeld in sich: von der Überfahrt der Seelen ins Jenseits über Sintflutdarstellungen bis hin zu Initiations- und Lebensreisen. Indem Redons Bootsbilder jedoch nichts Konkretes erzählen, treten sie auch als Sinnbilder des Unendlichen hervor.
Dekorationsgemälde für das Château de Domecy
Redons grosse Dekorationsarbeiten waren hauptsächlich für private Sammler bestimmt, die zum Teil ganze Räume in ihren Wohnhäusern damit ausschmückten. Die ursprünglich siebzehn Paneele für die Esszimmerausstattung im Schloss des Baron de Domecy in Burgund stellten Redons bis dahin vielleicht radikalsten Kompositionen dar. Die Landschaftsausschnitte zeichnen sich dadurch aus, dass sie keinen bestimmten Ort und Raum veranschaulichen. Man erkennt einzelne Baumstämme, Zweige mit Blättern und Blütenknospen, die den horizontlosen Raum durchdringen und eine flächendeckende Struktur bilden. In diesen Dekorationsgemälden gelangt Redon über das Ornamentale zur Abstraktion, die hier eine ihrer frühesten Ausdrucksformen in der Malerei findet.