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Im Zusammenhang mit neuen Verkehrsprojekten wird in unserem Kanton oft von der angeblich sehnlichst erwarteten «Stadt Tessin» («Città Ticino») geredet. Was meint dieser Ausdruck? Ist das Leben in einer Stadt unser grösstes Ziel? Sind die ländlicheren Gebiete im Tessin allesamt rückständig? Wollen wir unseren Kanton wirklich auf die städtischen Zentren reduzieren und möchten wirklich alle dort leben? Muss der städtische Bereich bei uns wirklich wachsen? In den Städten haben wir doch die grössten Verkehrsprobleme. Hier finden wir auch die wohl hässlichsten Bauten des 20. Jahrhunderts – abgesehen von einigen wirklich schönen Altstadtbauten, soweit sie überhaupt überleben durften. Aber die sogenannt neueren Quartiere entbehren jeglicher Qualität und sind einfach eine Ansammlung stilloser Blockbauten, die austauschbar sind und eigentlich überall auf der Welt stehen könnten. Mit Tessiner oder lombardischer Architektur haben diese Gebäude nicht mehr das Geringste zu tun. Vielleicht ist «Stadt Tessin» ein ungeschickter Ausdruck, um einfach nur zu zeigen, dass wir bald sehr viel schneller und einfacher von der Leventina ins Locarnese und vom Malcantone ins Bleniotal reisen. Wir bewegen uns im glücklicherweise mehrheitlich noch ländlichen Tessiner Kantonsgebiet wie in einer Stadt mit guten S-Bahn und Bus-Verbindungen.
Ich bin dem seltsamen, wenn nicht stossenden Begriff «Stadt Tessin» nachgegangen. Er taucht auf bei verschiedenen Projektstudien von Bundes- und kantonalen Ämtern, wenn es darum geht, die Alpenstädte für die Zukunft zu rüsten. Das Bundesamt für Raumentwicklung plant, periphere Regionen besser mit den Städten wie Zürich, Bern usw. zu verbinden. Dazu gehört eben auch die «Stadt Tessin», die eigentlich einen langen, von Bergen umschlossenen Korridor bildet: In Biasca beginnt er, endet bei Chiasso und hat mehrere Seitenarme, so z. B. Richtung Locarno, Ponte Tresa und Stabio. In diesem Korridor befinden sich die städtischen Agglomerationen mit dazugehörigen zentralen, vorstädtischen, umliegenden sowie ländlichen und hügeligen Zonen. Was als Stadt bezeichnet wird, sind eigentlich die urbanen Zentren, die ihre Arme weit ins umliegende Land ausstrecken. Städtische Zentren haben aber nicht für alle dieselbe Bedeutung. Ausserdem sind die Zeiten längst vorbei, in denen die Landbevölkerung einen Gegenpol zur Stadtbevölkerung darstellte. Wäre es da nicht besser, den Begriff «Stadt Tessin» fallen zu lassen und einfach von «Lebensraum Tessin» zu sprechen?