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Seit dem Sommer treffen sich sonntags wieder Freiwillige auf dem Picknickplatz von Aarey im Norden Mumbais. Diesmal nicht zum Protest, sondern um Bäume zu pflanzen. Unter ihnen ist auch Filmemacher Sanjiv Valsan, der eine Dokumentation über den Kampf für den Erhalt des Stadtwaldes gedreht hat. Mit seinen Gummistiefeln läuft er voraus und erklärt mit der Spitzhacke in der Hand die Grundlagen des erfolgreichen Gärtners. Die Arbeit der Gruppe Pad Lagao, was auf Hindi so viel heisst wie Bäume pflanzen, soll den Schaden aus dem vergangenen Jahr wieder etwas wettmachen.
Die Lokalwahlen als Wende
Damals versuchte die Regierung des westindischen Bundesstaats Maharashtra mit allen Mitteln, mitten in einem bewaldeten Areal ihr kostspieliges Prestigeprojekt durchzusetzen: einen U-Bahnhof mit Einkaufszentrum. Dabei ignorierte sie, dass sie durch das Abholzen in Aarey den internationalen Flughafen der Stadt in ein hochwassergefährdetes Gebiet verwandeln könnte. Mit dem Widerstand der lokalen Bevölkerung hatte sie allerdings nicht gerechnet.
UmweltschützerInnen deckten auf, wie die Regierung mit zurechtgebogenen Fakten versuchte, den Protest zu untergraben – und reichten Klage ein. Noch bevor das Gericht sein Urteil sprechen konnte, wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Tausende von Bäumen geschlagen. Das Entsetzen darüber war zwar gross. Wer sich in den folgenden Stunden aber dem abgesperrten Gelände am Stadtrand näherte, wurde verhaftet, darunter viele Studierende und junge Leute. Eine Wende brachten erst die Lokalwahlen Ende 2019: Unverhofft kam es zu einem politischen Wechsel.
Die neue Regierung des Bundesstaats legte den Bau auf Eis und fand für den Bahnhof einen neuen Standort. In der ganzen Stadt hingen Poster, die den Sieg verkündeten: Rund 330 Hektaren von Asiens einst grösster Weidefläche wurden offiziell zu Wald erklärt. Auch die Pläne für das Einkaufszentrum, einen Zoo und andere Gebäude, die den wild gewachsenen Wald vom Rest des Sanjay-Gandhi-Nationalparks trennen sollten, sind inzwischen vom Tisch. Der ehemalige Chief Minister Devendra Fadnavis von der hindunationalistischen BJP erkennt den potenziellen ökologischen Schaden bis heute nicht an. Die Verlegung des geplanten U-Bahnhofs kritisierte er als «Egotrip» seines früheren Koalitionspartners, der rechtsnationalen Shiv Sena.
Die Menschen in Mumbai setzen sich seit Jahren für den Erhalt des Stadtwaldes ein, auch junge Umweltbewegungen haben sich ihnen angeschlossen. Doch die Erleichterung über die Waldrettung ist gerade unter seinen BewohnerInnen gross. Wegen der Corona-Auflagen hatte Pramila Prakash Bhoir aus der indigenen Gemeinschaft der Warli noch keine Gelegenheit zum Feiern. Dennoch ist sie überglücklich – ihr Ziel, den Wald für die nächste Generation zu erhalten, scheint erreicht.
«Wenn wir weiterhin gute Luft haben wollen, müssen wir unsere Bäume schützen», sagt sie. Mit diesem Ergebnis kann sie inzwischen auch über ihre Festnahme lachen: Nach dem letzten grossen Protest in Aarey hatte die 45-Jährige zwei Tage im Gefängnis verbracht, weil sie PolizistInnen angegriffen haben soll. «Wir haben unsere grüne Lunge beschützt und nicht mit der Polizei gekämpft», sagt sie.
Fatale Zerstörung
Nicht nur für sie ist der Wald als Lebensraum wichtig. Durch die Verstädterung verirren sich immer öfter Wildtiere in Wohnsiedlungen: In den letzten Jahren streiften durch Mumbais Randgebiete zuweilen Leoparden. «Tiere und Menschen müssen sich arrangieren», sagt Prakash Bhoir. Man könne nicht in ihr Zuhause eindringen und sie dann dafür verurteilen.
Immer mehr InderInnen mobilisieren für den Schutz ihrer Stadtwälder: im nordindischen Dehradun etwa, wo die Bäume einer Erweiterung des Flughafens weichen sollen, oder im südindischen Hyderabad, das zuletzt Jahrhundertüberschwemmungen erlebte. Junge Leute solidarisieren sich mit Indigenen, deren Siedlungsgebiete verschwinden. Denn gerade angesichts der Herausforderungen, die sich Indien mit der Klimaerwärmung stellen, ist eine weitere Zerstörung der Grünflächen fatal.