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Ivan* ist 19 Jahre alt und hat einen überdurchschnittlichen IQ. Die Geschichte des Altertums kennt er auswendig, aber er ist unfähig, 50 Wörter auswendig zu lernen. Porträt eines Hochbegabten, ein Trumpf, der sich in der Schule in ein Handicap verwandelt hat.
"Die Leute sind überzeugt, dass ein Mensch, der einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten hat, ein kleines Genie ist, mit einem für den Schulunterricht vorteilhaften Riesenhirn, das ihm auch eine gesicherte Karriere garantiert. Aber das stimmt nicht. Ich fühle mich nicht intelligenter als die anderen. Anders, vielleicht, manchmal sogar als Marsmensch, der zufällig auf dem Erdplaneten gelandet ist und Schwierigkeiten hat, seine Fixpunkte zu finden."
Ivan ist eben 19 Jahre alt geworden. Ein aufgeweckter junger Mann, der Geschichte und Biologie liebt. Als kleiner Junge hörte er nie auf, Fragen zu stellen: Warum fallen die Blätter von den Bäumen, warum hasst die Katze die Maus, warum wird der Mond kleiner und wieder grösser? Seine Eltern nannten ihn "Herr Warum".
Für seine Klassenkameraden in der Schule war er jedoch schlicht ein seltsamer Tip, ein Streber, der wenig spricht und komische Fragen stellt.
Wir treffen Ivan in der Bahnhofbar, in einem kleinen Dorf in der französischsprachigen Schweiz. Obwohl er einen schüchternen und reservierten Eindruck macht, sprudelt es aus ihm heraus, als er uns seine Geschichte erzählt.
Feindselige Wörter
"Als ich klein war, nahm ich alles wie ein Schwamm auf. Ich musste nie etwas lernen." Ein Musterschüler also, der in der Mittelschule jedoch erste Probleme hat. Später auch am Gymnasium.
"Immer öfter kam es vor, dass ich mich in der Schulklasse langweilte und in gewissen Fächern, wie im Deutsch, Mühe hatte, dem Unterricht zu folgen. Die Lehrer gaben uns ganze Listen mit Wörtern, die man auswendig lernen musste. Ich versuchte es, doch ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte."
Die Unzulänglichkeiten vermehren sich, die Angst wird grösser, und Ivan verliert zwei Jahre Gymnasium. Viele Lehrer machen ihm Mut, sie sind von seinen Fähigkeiten überzeugt. Doch keiner der Lehrer versteht, warum dieser brillante Junge in einigen Fächern Schwierigkeiten hat, und sie halten ihn für einen Faulenzer.
Auf Rat eines Lehrers beschliesst Ivan, bei einem Experten Hilfe zu suchen, um neue Lernstrategien herauszufinden. "Ich wollte begreifen, warum meine Klassenkameraden nach einer durchzechten Nacht eine Liste von Wörtern im Kopf behalten konnten, während ich dies nicht einmal nach dreitägigem Lernen zustande brachte."
Fliegende Gedanken
Die Antwort erfolgt im Sommer und tönt wie eine Bestätigung: Ivan gehört zu jenen 2-3% der Bevölkerung mit einem IQ, der höher als 125 ist. Ein Paradox? Nicht eigentlich.
Tatsächlich werden hochbegabte Personen nicht als intelligenter als andere betrachtet. Sie reagieren lediglich auf andere Art und Weise, weniger linear und strukturiert. Während einige Hochbegabte in der Schule keine Probleme haben, bekunden andere Lernschwierigkeiten und Mühe, den nötigen Anreiz oder die nötige Unterstützung zu finden, die es zur Überwindung dieser Probleme braucht.
Ivan wusste schon von Kindheit an, dass er "anders" war. Es brauchte jedoch einen IQ-Test, um sich dessen bewusst zu werden. "Alle Eltern denken, dass ihr Kind ein kleines Genie ist. Aber das stimmt nicht… In einem gewissen Sinn brauchte ich eine Person von aussen, die mir ermöglichte zu verstehen, weshalb ich mich so anders als die anderen fühlte, was in mir nicht funktionierte."
Die Angst vor dem Scheitern ist jedoch gross, vor allem für einen Perfektionisten wie Ivan. "In der Nacht vor dem IQ-Test konnte ich vor Aufregung überhaupt nicht schlafen. Und während dem Test sah ich überall Fallen, und ich versuchte immer die komplizierteste Lösung, auch bei einfachen Übungen.
Familiengeschichte
In den letzten Jahren war das Thema hochbegabte Kinder oft in den Medien, und die psychologischen Tests – obwohl umstritten, scheinen sie die einzig mögliche Methode zur Verifizierung zu sein – werden heute schon bei 3-4-jährigen Kindern gemacht.
Im Fall von Ivan war das anders. Die negative Erfahrung seiner Mutter hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt. "Auch ich hatte einen überdurchschnittlichen IQ. Vor 30 Jahren wurde ich von einem Schulpsychologen getestet", erzählt die schüchterne Frau.
Innerhalb weniger Tage machte die Nachricht in der Schule die Runde. "Immer wenn ich eine schlechte Note kassierte, verhöhnten mich die Klassenkameraden, und die Lehrer machten mir Vorwürfe. Als mein Mann und ich merkten, dass Ivan und sein Bruder hochbegabte Kinder sind, haben wir beschlossen, sie nicht demselben Schicksal, wie ich es erlebte, auszusetzen und sie eine normale Kindheit leben zu lassen, wenn man dem so sagen kann."
Keine Geburtstagseinladungen
Während Ivan von klein auf in der Schule keine grossen Probleme hatte, war die Beziehung zu den Klassenkameraden immer schwierig. "Mit zwei Jahren sprach er schon wie ein Erwachsener, hatte jedoch keine Freunde. Dasselbe bei seinem Bruder. Niemand hat sie jemals an ein Geburtstagsfest eingeladen, niemand ist jemals an ihre Geburtstagsfeier gekommen."
Im Kindergarten schlägt die Lehrerin Ivans Eltern vor, ihren Sohn die erste Klasse in der Primarschule überspringen zu lassen und direkt mit dem zweiten Schuljahr zu beginnen. Sie lehnen dies jedoch ab.
"Wir dachten, dadurch würden sich seine Integrationsprobleme noch verschärfen." Die Familie igelt sich sozusagen ein, und die Eltern tun ihr Möglichstes, um diese affektiven Mängel und fehlenden Anreize zu kompensieren.
"Wir haben mit den Kindern alle Museen und historischen Orte in der Westschweiz besucht. Wir haben das Internet eingerichtet, um mit ihnen gemeinsam die Antworten auf ihre Fragen zu suchen."
Als Jugendlicher wird Ivan zur bevorzugten Zielscheibe seiner Klassenkameraden, so dass die Familie beschliesst, in eine andere Gemeinde zu zügeln. Von der Gruppe ausgegrenzt und mit den ersten Schwierigkeiten in der Schule konfrontiert, lässt Ivan seiner Wut freien Lauf. Eines Tages kommt er von der Schule nach Hause und sagt zu seiner Mutter: "Wenn ich eine Behinderung hätte, wären die anderen netteer zu mir."
Auch die Beziehungen zu den Lehrern sind nicht immer einfach: "Ich habe sie während dem Unterricht oft korrigiert. Nicht alle von ihnen schätzten meine Interventionen. Oder ich stellte ihnen Fragen, die sie nicht beantworten konnten, wodurch ich sie unabsichtlich in Verlegenheit brachte."
Geschenk statt Handicap
Auch heute noch wissen die Lehrer nicht, dass Ivan ein hochbegabter junger Mann ist. Oder zumindest haben sie keine Bestätigung dafür. Ivan hat noch nicht entschieden, ob er das Ergebnis des IQ-Tests bekanntgeben soll. Das Misstrauen gegenüber der Schule ist gross.
"Wenn wir die finanziellen Mittel gehabt hätten, hätten wir die beiden Kinder in eine Privatschule geschickt. Aber mein Mann ist Arbeiter, und ich habe schon seit Jahren aufgehört zu arbeiten", sagt die Mutter.
In der Schweiz kann man die öffentlichen Schulen an den Fingern einer Hand abzählen, die Sonderprogramme für hochbegabte Schülerinnen und Schüler anbieten, und Privatschulen können sich nicht alle Leute leisten.
"Ich weiss, dass immer mehr Anforderungen an die öffentliche Schule gestellt werden, aber wenn nichts gemacht wird, um diesen Kindern zu helfen, riskiert man den Verlust enies grossen Potenzials. Ivan hat oft darüber nachgedacht, die Schule zu verlassen", so die Mutter.
Jetzt hat für Ivan die Matura Priorität. Er setzt seine Suche nach einer Lernmethode fort, die ihm das Auswendiglernen ermöglichen soll, damit er in allen Fächern genügend ist. In der Zwischenzeit versucht er, seine Angstprobleme zu meistern und sich ein bisschen mehr Selbstsicherheit anzueignen. Und dann? "Ich möchte an der Universität studieren und später an einem Gymnasium Geschichte oder Französisch lehren", sagt Ivan.
Die Mutter schaut ihren Sohn an und sagt: " Ich hoffe, dass er als Erwachsener ein stimulierendes Umfeld findet, eine intellektuelle Emotion, die ihm erlaubt zu wachsen. An einem gewissen Punkt in meinem Leben musste ich einen Deckel über meinen IQ legen und vorwärts gehen. Ich wünschte mir, dass Ivan das alles anders erleben kann: Hochbegabung als Geschenk, und nicht mehr als Handicap."
*Name der Redaktion bekannt
Hochbegabte Kinder
Als hochbegabt gelten Personen mit einem IQ über 125. Rund 70% der Bevölkerung haben eine IQ-Durchschnittsnorm von 85-115.
Nicht alle hochbegabten Kinder sind in der Schule die Klassenbesten. Viele von ihnen stehen im Mittelfeld, und rund ein Drittel sind mit schulischen Misserfolgen konfrontiert. Es kann also schwierig sein, sie zu erkennen.
Neben Lernschwierigkeiten haben hochbegabte Kinder oft Sprachstörungen oder Probleme wegen ihres emotionalen Charakters.
Die US-Forscher G. Betts und M. Neihart haben sechs Profile von typischen hochbegabten Jugendlichen erstellt. Ein wertvolles Instrument zur Erkennung von solchen Personen.
Der erfolgreiche Schüler: Ehrgeiziger Musterschüler, der sich zwar langweilt im Unterricht, dies aber nicht zeigt. Er entspricht dem stereotypen Bild des hochbegabten Kindes.
Der provokative Schüler: Er ist besonders kreativ und manifestiert seine Frustration in der Klasse. Sehr sensibel, oft in der Defensive, neigt dazu, das Lehrpersonal herauszufordern.
Der unsichtbare Schüler: Er ist frustriert und nicht sehr selbstsicher. Er negiert seine Fähigkeiten und versucht so, sich in der Gruppe zu tarnen.
Der Risikoschüler: Er ist wütend auf die Welt der Erwachsenen und deren Gesellschaft. Er fühlt sich isoliert und abgelehnt.
Der Doppel-Ausnahmeschüler: Er hat Lernschwierigkeiten oder eine physische oder emotionale Behinderung. Sein Selbstwertgefühl ist klein. Er ist sehr sensibel, angespannt und verwirrt. Der Misserfolg ist die Ursache einer grossen Angst.
Der autonome Schüler: Er ist Enthusiast und selbstsicher. Folgt seinen Leidenschaften und verteidigt seine Ansichten.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch