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Die vom 28.–30. April 2022 von der Schweizerischen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts (SGEAJ/SSEDS) durchgeführte internationale Tagung auf Schloss Waldegg (SO) setzte sich zum Ziel, die eidgenössisch-französischen Beziehungen im späten Ancien Régime im Hinblick auf die Spannungen zwischen Nähe und Distanz, Bewunderung und Ablehnung, Abhängigkeit und Emanzipation sowie zwischen Asymmetrie und Symbiose auszuleuchten.1 In Erweiterung der in der neueren Forschung erprobten Konzepte des Kulturtransfers und des Tropismus sprach die Tagung – gemäss dem interdisziplinären Selbstverständnis der SGEAJ – konzeptionell und thematisch die ganze Bandbreite dieser Beziehungen in den anderthalb Jahrhunderten seit Beginn der Herausbildung eines gemeinsamen Grenzverlaufs bis zur Französischen Revolution an.
Die erste Sektion widmete sich den in unterschiedlichem Grad formalisierten Rollen der für die französische Krone agierenden eidgenössischen Akteure. ANDREAS WÜRGLER (Genf) nahm den rein informellen und damit häufig auch umstrittenen Dienst für den französischen König in den Blick, indem er den Fall der der Spionage angeschuldigten Katharina Franziska Perregaux-von Wattenwyl (1645–1714) dank bisher überraschend wenig genutzten Quellen – u.a. der diplomatischen Korrespondenzen und der zeitgenössischen europäischen Publizistik – aus diplomatie-, medien- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive neu ausleuchtete. Dass die Grenze zwischen informellem und formellem Dienst selten klar zu ziehen war, zeigte der Beitrag von KATRIN KELLER (Bern). Anhand des heute fast vergessenen Solddienstoffiziers Peter Stuppa (1621–1701) führte sie aus, wie sich ein aus einem Bündner Untertanengebiet stammender Militär, der zum Colonel général der Schweizer Truppen aufstieg, zu einem zentralen Scharnier in den französisch-eidgenössischen Beziehungen des 17. Jh. mausern konnte.
Den französischen Soldienst als Karriereleiter nutzten auch die männlichen Mitglieder der Familie Besenval aus Solothurn. An ihrem Beispiel zeigte JULIEN GRAND (Bern) auf, wie eng eine Militärkarriere mit einer finanziellen Abhängigkeit verflochten war. Unterlagen aus dem Familienarchiv machen deutlich, wie das u.a. durch Pensionen erhaltene Geld via finanzielle Investitionen in Paris wieder in den französischen Geldkreislauf eingespeist wurde – allerdings nicht nur zum Vorteil der Besenval. Dass den mit dem Eintritt in den Dienst des Königs von Frankreich erhofften finanziellen Gewinnen oftmals eine beachtliche Investition ökonomischer, sozialer wie zeitlicher Ressourcen vorausging, wurde im Beitrag von DANIÈLE TOSATO-RIGO (Lausanne) ersichtlich. Die von ihr untersuchte Korrespondenz zwischen dem jungen, in Korsika auf militärische Beförderung wartenden Alphonse de Molin (1770–1789) und seinen Eltern illustriert, wie stark die Erwartungen und Hoffnungen der Eltern und der tatsächliche Lauf der Karriere ihres Nachwuchses auseinanderklaffen konnten.
In der zweiten Sektion waren Beiträge versammelt, die sich thematisch um die Schlagworte Armeen, Konfessionen und Schutzverhältnisse gruppierten. Zu Beginn leuchtete PAUL VO-HA (Paris) aus, was es bedeutete, als Protestant im Dienst eines katholischen Königs zu stehen. Während der Fokus der Forschung bislang auf den normativen Regeln wie den Allianzverträgen und den Kapitulationen lag, konzentrierte sich Vo-Ha auf die Praktiken, die sich auf französischer Seite durch einen pragmatischen Kompromiss im Umgang mit den konfessionellen Unterschieden auszeichneten und die primär darauf abzielten, jeglichen Skandal zu vermeiden. Die konfessionellen Differenzen spielte auch bei der Rekrutierung von Truppen eine grosse Rolle, wie JOHN CONDREN (Oxford) zeigte. Der französische Gesandte in der Eidgenossenschaft und der französische Resident in Genf arbeiteten zu Beginn des 18. Jh. intensiv daran, die protestantischen Kantone, auf deren Soldaten und Geld die französische Krone angewiesen war, nicht an den konfessionellen Feind zu verlieren. Zugleich waren auch andere Fürsten um die politische Ausrichtung der Eidgenossenschaft besorgt. ALEXANDRE RUELLE (Paris) legte dar, dass die 1703 geforderte Neutralität des nördlichen Teils von Savoyen durch Viktor Amadeus II., der sich durch die Expansion Frankreichs bedroht sah, zwar durchaus im Interesse der Eidgenossenschaft lag. Letztlich scheiterten aber seine Neutralitätspläne, die teilweise auch die Eidgenossenschaft miteinbezogen, an der Uneinigkeit der eidgenössischen Orte in dieser Frage, die der französische Gesandte an der Tagsatzung geschickt auszunutzen wusste.
Die Grenzfrage stand auch im Zentrum des Beitrags von KILIAN HARRER (München), der deutlich machte, dass sich die Grenzwahrnehmungen der frühneuzeitlichen Akteure je nach sozialem Hintergrund wesentlich unterschieden. Harrer zeigte auf, dass die Grenze zwischen französischem und eidgenössischem Territorium eher von der kirchlichen Oberschicht als von den Gläubigen wahrgenommen und als problematisch eingestuft wurde. Für Letztere war die Aufrechterhaltung einer Prozessionstradition wichtiger als die Beachtung der Territoriumsgrenze. Grenzen bzw. deren Überschreitung stand auch im letzten Vortrag der Sektion im Fokus. YVES KRUMENACKER (Lyon) stellte am Beispiel der Schriften von Marie Huber (1695–1753) die Verflechtungen pietistischer Kreise ins Zentrum. Die in Genf geborene, später aber in Lyon lebende Kaufmannstochter trug mit ihren anonym publizierten Schriften dazu bei, das u.a. in der protestantischen Eidgenossenschaft entwickelte pietistische Gedankengut im katholischen Frankreich bekannt zu machen, wobei Hubers Schriften auf französischer Seite gänzlich andere Reaktionen hervorriefen als in Genf und Lausanne.
Um den grenzüberschreitenden Austausch und dessen Akteure ging es auch in der dritten Sektion, die die wissenschaftlichen und kommerziellen Netzwerke in den Fokus rückte. MARCO SCHNYDER (Fribourg) präsentierte, wie sich Kaufleute aus der Eidgenossenschaft (nation suisse) in Lyon neben übermittelten Geldsummen auch mittels Geschenke und offerierten Festessen die Gunst der lokalen Behörden zu sichern suchten. Die Analyse dieses Austauschs erlaube es, so Schnyder, der Frage nachzugehen, inwiefern nicht nur französisches Kulturgut in die Eidgenossenschaft, sondern auch eidgenössische Bräuche und (kulinarische) Gepflogenheiten nach Frankreich gebracht wurden. Thematisch daran anknüpfend steckte ROSELLA BALDI (Neuchâtel) das spannungsreiche Beziehungsfeld zwischen Genfer, eidgenössischen und französischen Uhrmachern ab. Entgegen dem u.a. von Jean-Jacques Rousseau idealisierten Bild der eidgenössischen Uhrmacher als Schöpfer, beruhte der Erfolg der dortigen Uhrenindustrie nicht so sehr auf eigenständiger Innovation, als vielmehr – wie französische Quellen zeigen – auf der Nachahmung und Fälschung französischer und englischer Modelle. Pariser Uhrmacher beschwerten sich lautstark über die qualitativ nicht immer über jeglichen Zweifel erhabenen, dafür aber günstigeren Uhren, die den französischen Markt von der Westschweiz her überschwemmten.
Paris als künstlerischer Taktgeber stand auch im Beitrag von DOROTHÉE LANNO (Paris) im Zentrum. Lanno illustrierte anhand des Beispiels des Berner Malers Sigmund Freudenberger (1745–1801) die Bedeutung des Paris-Aufenthalts für eine künstlerische Karriere im 18. Jh. In acht Jahren entwickelte Freudenberger dank Kontakten zu Künstlern wie François Boucher und Georg Wille in Paris einen Stil, der sich auch nach seiner Rückkehr nach Bern in seinen Porträts und seiner Genremalerei zeigte. Die drei ersten Beiträge der Sektion laden ein, gerade im Bereich der Kultur künftig die tradierte französische Überlegenheit einer kritischen Revision zu unterziehen und vermehrt nach möglichen bipolaren Transfers Ausschau zu halten.
Der zweite Teil der Sektion beschäftige sich eingehender mit den Netzwerken. DAVID AEBY (Bern) und MARTIN STUBER (Bern) beleuchteten das französische Netzwerk Albrecht von Hallers (1708–1777), das dank der Aufarbeitung und Erfassung seiner Korrespondenz in der Datenbank hallerNet nun breiter abgebildet wird und sich nicht länger auf die «grossen» Einzelfiguren beschränkt, sondern auch Vermittlerfiguren sichtbar macht. Die umfassende Aufarbeitung eines Netzwerkes um eine Gelehrten-Figur wie Haller kann daher helfen, die Wissensgenerierung und deren Akteure im 18. Jh. besser zu verstehen. Ein anderes, erst in jüngster Zeit vermehrt Aufmerksamkeit erhaltendes Netzwerk rückten MAGNUS RESSEL (Frankfurt am Main) und TORSTEN DOS SANTOS ARNOLD (Giessen) ins Zentrum: das helvetisch-reformierte Netzwerk im französischen Sklavenhandel. Ausgehend von bislang wenig beachteten Quellen in französischen Archiven plädierten die beiden Referenten dafür, die Beteiligung eidgenössischer Akteure am transatlantischen Sklavenhandel vermehrt mittels Material aus den französischen Hafenstädten zu durchleuchten. Archivrecherchen in Firmenarchiven und Aktenbeständen der Hafenverwaltungen in Bordeaux, Nantes, Paris und Brüssel zeigen bereits, dass ein überproportional hoher Anteil der eidgenössischen und Genfer Handelsleute in den französischen Hafenstädten in diesem Geschäftsfeld aktiv war.
Die vierte Sektion befasste sich mit den proto-nationalen Gefühlen im 18. Jh. ANDRÉ HOLENSTEIN (Bern) diskutierte am Beispiel der Schriften des Luzerners Franz Urs von Balthasar (1689-1763) die Frankreichkritik der eidgenössischen Reformaufklärer als Katalysator eines schweizerischen Nationalismus. Balthasar kritisierte in den 1744 entstandenen und 1758 anonym publizierten Patriotischen Träumen eines Eydgenossen die politisch-diplomatische sowie kulturelle Hegemonie Frankreichs und forderte die Errichtung einer nationalen Erziehungsanstalt, die die in seinen Augen schädliche Grand Tour ersetzen sollte. Diese Art Kritik an der Frankreichbindung kündigte laut Holenstein den Machtkampf zwischen den traditionellen patrizischen Machteliten und dem aufsteigenden liberalen Bürgertum an, in dem das Argument des nationalen Patriotismus zur ideologischen Waffe gegen das Ancien Régime wurde. Aus einer anderen Perspektive betrachtete HELDER MENDES BAIAO (Bern) die Thematik. Baiao untersuchte Bilder, die in der eidgenössischen Reiseliteratur vom «orientalischen Andern», d.h. von den Osmanen und dem Grossmogul gezeichnet wurden, und fragte, inwiefern sich in diesen Darstellungen Eigen- und Fremdwahrnehmungen vermischten.
Die letzte Sektion schliesslich widmete sich der Zirkulation künstlerischer und literarischer Modelle. FRANÇOIS COJONNEX (Lausanne) und ISABELLE ROLLAND (Lausanne) präsentierten, wie mit dem Bau des Schlosses de L’Isle im ausgehenden 17. Jh. der französische Architekturstil im Jura Fuss fasste. Dabei eröffnet die überlieferte Korrespondenz zwischen dem Ehepaar Charles und Catherine de Chandieu und dem Architekten Jonas Favre einen seltenen Einblick in alltägliche Schwierigkeiten und Herausforderungen des Schlossbaus. TIMOTHÉE LÉCHOT (Neuchâtel) widmete sich einem Modelltransfer in einem anderen Bereich, wenn er die Parallelen zwischen dem Mercure de France und dem Mercure suisse untersuchte. Dabei hob Léchot hervor, dass es zwar durchaus Übernahmen gab, der Mercure suisse jedoch keineswegs als simple Kopie der französischen Zeitung betrachtet werden dürfe, sondern französische, niederländische und eidgenössische Einflüsse vereinte. Geschlossen wurde die Sektion durch den Beitrag von HANS-JÜRG LÜSEBRINK (Saarbrücken). Im Fokus standen die Entstehung und Veränderung enzyklopädischen Wissens über die Eidgenossenschaft in Frankreich. Ein intertextueller Vergleich, der erst in seinen Anfängen steht, kann unter anderem aufzeigen, wie das in den Enzyklopädien vermittelte Wissen über die Eidgenossenschaft aktuellen Begebenheiten wie etwa der Ausrufung der Helvetischen Republik oder der Inkraftsetzung der Mediationsakte angepasst wurde.
Insgesamt bestätigen die Tagungsbeiträge, dass die politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Corps helvétique und dem Königreich Frankreich seit dem frühen 16. Jh. sehr eng waren und ein fruchtbares Forschungsfeld sind, dessen Untersuchung nicht zuletzt dazu beiträgt, den lange Zeit nationalstaatlich verengten Blick der Historiographie für die frühneuzeitlichen Verflechtungen der Schweiz zu schärfen.
1 Die Autorin des Berichts leitet das Sekretariat des SGEAJ, war aber an der Organisation der Tagung nicht beteiligt.
Tagungsprogramm
Begrüssung: Claire Gantet (Université de Fribourg)
Einführung: André Holenstein (Universität Bern)
Sektion 1: Im Dienst des Königs von Frankreich
Sektion 2 : Armeen, Konfessionen, Schutzverhältnisse
Sektion 3: Netzwerke; wissenschaftlicher und kommerzieller Austausch
Sektion 4: Proto-nationale Gefühle
Sektion 5: Texte und künstlerische Modelle im Umlauf