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Kam früher bei Brot und Wein das Gespräch auf die Vorteile von Fremdsprachenkenntnissen, so rechtfertigte ich mein Unvermögen, mich anders als deutsch an Gesprächen zu beteiligen, mit drei Argumenten. Zum einen sagte ich, ich redete nur deutsch, weil ich mein Leben lang genug damit zu tun hätte, deutsch zu lernen. Zum zweiten zitierte ich Adorno, der einmal gesagt hat, dass Sprachen Gefahr liefern, «an ihr kommunikatives Element sich zu verlieren und ihren Wahrheitsgehalt zu verhökern», woraus ich kurz und bündig schloss, Sprache sei für mich nicht primär zum Kommunizieren da, sondern das probate Erkenntnisinstrument, um mir das Unerklärliche – die Welt – immer wieder neu zu erklären (und so vom Leib zu halten).
Und zum dritten behauptete ich, die deutsche Sprache – wie jede andere – bestehe aus vielen Fremdsprachen und insofern sei ich auf meine Weise sehr wohl bemüht, Fremdsprachen zu verstehen und einige davon sogar zu reden. Tatsächlich werden Sprachen ja nicht nur aus sachlichen, sondern auch aus machtpolitischen Gründen immer weiter ausdifferenziert in Fachsprachen, die sich von der öffentlich benutzten und verstandenen Umgangssprache wie Fremdsprachen unterscheiden. Diese Fachsprachen – von der theologischen und der mathematischen bis zu den Sprachen der Mechatroniker, Banker oder Staatsschützer – übernehmen vom allgemein verständlichen Deutsch nicht viel mehr als Grammatik und Grundwortschatz.
Fachsprachen reden «gegen innen», sie funktionieren selbstreferentiell. Soweit Jargon und Differenzierungsgrad solcher Sprachen dazu dienen, spezifische Probleme präzis zu bereden, sind sie demokratiepolitisch unbedenklich, soweit sie aus standes- und anderen machtpolitischen Gründen die Mehrheit aus dem Diskurs auszuschliessen versuchen, sind sie es nicht. Solche Fachsprachen stehen wie uneinnehmbare Festungen im öffentlichen Raum und trivialisieren die Verständigung in der nicht fachsprachlich besetzten Restsprache.
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Solches ging mir durch den Kopf, als ich letzthin im Bus ein Werbeplakat betrachtet habe. Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) sprach ihr Publikum mit der fett gedruckten Frage an: «Sind Ihnen Fremdsprachen alles andere als fremd?» und warb damit für einen Ausbildungsgang zur «Kampagnenleiter/in in einem internationalen Hilfswerk».
Was mir dazu einfiel: Würde ich heute die Frage, ob mir Fremdsprachen fremd seien, derart apodiktisch wie seinerzeit mit Ja beantworten, wäre ich nicht nur in zunehmend vielen Bereichen des Arbeitsmarktes disqualifiziert, sondern müsste mir gefallen lassen, dass die gestrenge sprachpolizeiliche Political Correctness bereits bedenklich die Augenbrauen heben würde: Argumentiert da nicht ein Reaktionär, der Chauvinismus und Rassismus mit ethnolinguistischem Schwurbel tarnt?
Nein wirklich, die Zeiten haben sich geändert: Gewandtheit in möglichst vielen Sprachen ist unterdessen zur Voraussetzung geworden, in privaten Runden, im öffentlichen Raum und – sowieso – in beruflichen Zusammenhängen mitreden zu können.
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Um diese Gewandtheit zu erlangen werden auch die Sprachbegabtesten die Sprachen in einer spezifischen Weise verstehen und anwenden müssen: Sprache muss in diesem Fall gehandhabt werden als Bausatz, der aus tausend oder zweitausend Bausteinen besteht, die in allen anderen Sprachen möglichst kongruente Entsprechungen haben, mit denen sich in aller Herren Sprachen das privat, beruflich und politisch Relevante zumindest plakativ sagen lässt.
Zu einer durchschnittlichen kommunikativen Kompetenz gehört es heute, über einige solcher Bausätze zu verfügen. Die ZHAW-Frage: «Sind Ihnen Fremdsprachen alles andere als fremd?» zielt genau darauf. Nur wer solche Bausätze im Kopf hat, kann hier mit Ja antworten, und nur wer hier mit Ja antworten kann, passt ins PR-Kaderteam eines internationalen Hilfswerks.
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An dieser Stelle muss ich mich allerdings fragen, wo eigentlich mein Problem ist. Gilt nicht auch hier: Wenn ich etwas nicht verändern kann, muss ich meine Einstellung dazu verändern? Das aber würde heissen: Wenn ich nicht verhindern kann, dass die Sprache, in der ich denke und spreche – zum Bausatz trivialisiert –, Teil wird einer multilingualen 1000-Wörter-Kultur, dann muss ich diese Kultur gutheissen und mir in neuer Weise eine kommunikative Kompetenz anzueignen versuchen. Aber eigentlich will ich das nicht.
Vielleicht meine wichtigste Einsicht beim Nachdenken über kulturelle Phänomene ist diese: Kulturell in meinem Sinn Ernstzunehmendes entsteht und entwickelt sich dort, wo Prozesse in Gang kommen und in Gang gehalten werden. Dort, wo solche Prozesse zu Produkten verfestigt und so beendet werden, wird zwar auch eine Kultur bedient – die des Marktes –, aber Kassenhäuschen-Kultur kann ich über die Marktlogik hinaus nicht ernst nehmen – schlicht, weil sie nicht stattfände, stünde kein Kassenhäuschen da. Kleingewerblerei bleibt Kleingewerblerei – ob die Ware, um die gehandelt wird, Käse ist oder ein Bändchen durchgeistigter Lyrik.
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Aber was hat das mit Sprache zu tun? – Ganz einfach: Auch Sprache lässt sich als Produkt oder als Prozess verstehen.
Wenn Sprache Sprache ist, dann ist sie Produkt. Dann ist sie ein Bausatz, mit einer abzählbaren Menge von Einzelteilen, die sich nach den Regeln der Grammatik zu einer endlichen Zahl von Aussagen zusammensetzen lassen. Diese Aussagen zaubert das Handy wenn nötig jederzeit aufs Display. So kann man alles, was sagbar sein muss, mit sich herumtragen und wenn nötig abrufen – problemlos auch auf Englisch, Spanisch, Arabisch und Chinesisch. Indem Sprache ihren Wahrheitsgehalt restlos an ihr kommunikatives Element verhökert, wird sie zur multilingualen 1000-Wörter-Kultur.
Wenn Sprache aber Sprache wird, dann ist der Umgang mit einer einzigen ein unabschliessbarer Lernprozess. Mit zunehmendem handwerklichem Geschick lässt sich dann mit ihr immer wieder mehr und anderes sagen. Zudem wird nur ein solch prozedurales Sprachverständnis der Tatsache gerecht, dass Sprachen als gesellschaftliche Konventionen der Verständigung permanenten Veränderungen ausgesetzt sind, die bis in die Konnotationen der einzelnen Begriffe hinein im Fluss bleiben. (Beispiel: In einer als Produkt gedachten Sprache ist eine «Diktatur» eine «Diktatur»; in einer prozesshaften hat das Wort seinen Sinn zumindest in der Deutschschweiz verändert, seit Christoph Blocher am 15. Januar letzthin in seiner Albisgüetli-Rede behauptet hat, die Schweiz sei «auf dem Weg zur Diktatur».)
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Ich schliesse nicht aus, dass die multilinguale 1000-Wörter-Kultur für die kommende Zeit eine länderübergreifende Vernünftigkeit noch am besten garantiert. Die Globalisierung der Wirtschaft hat unterdessen mit Kriegen um die Rohstoffe, die zum Teil (auch) religiös begründet werden, die sozialen Strukturen in vielen Weltgegenden in einem Mass destabilisiert, dass riesige Flüchtlingsströme auch in Mitteleuropa Zweck und Bedeutung von einzelnen Sprachen relativieren respektive verändern. Differenzierte Einsprachigkeit, wie sie mir seinerzeit als – mag sein illusionäres – Ideal und – sicher unlösbare – Aufgabe erschienen ist, wird mehr und mehr zum Symptom eines sozialen Defizits. Von der oft kryptischen Kürze und Undifferenziertheit sozialmedialer Mitteilungen bis zu den einschaltquotengesteuert-trivialisierten Formen journalistischer Vermittlung: Vieles weist auf die kommende 1000-Wörter-Kultur hin – und darauf, dass sie von den jungen Leuten widerspruchslos akzeptiert werden wird.
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Erledigt sich damit zum Beispiel nicht auch der vielwörtrig differenzierte Diskurs aufklärerischer Selbstermächtigung, wie er zum Beispiel im deutschsprachigen Raum in den letzten zweihundertfünfzig Jahren entfaltet worden ist? Mag sein, die 1000-Wörter-Kultur steht so gesehen für ein antiaufklärerisches Rollback. Aber umgekehrt steht sie eben auch für einen ätzenden Nebensinn der Aufklärung: Aufklärung war und ist das Schönwetter-Programm einer vor allem europäischen Bildungselite, die es sich bis heute leisten konnte, rhetorische Volten der Menschgemässheit zu schlagen. Und leisten konnte sie sich das deshalb – so sah das ja wohl aus der Perspektive der Restwelt aus –, weil sie den ideologischen Überbau produzierte, den die kolonialistischen, dann imperialistischen, schliesslich neoliberalen Ausbeuter der Welt zu ihrer Legitimation brauchten und brauchen. Das ist die zynische Kehrseite der Aufklärung, der gegenüber eine weltumspannende 1000-Wörter-Kultur vielleicht ein Fortschritt ist – trotz des Sprachreduktionismus, der differenzierte Volten der Menschgemässheit weitgehend ausschliesst.
Vermutlich muss die Aufklärung noch einmal neu erfunden werden. Aber erst dann, wenn sich aus dieser 1000-Wörter-Kultur eine Lingua franca entwickelt haben wird, in der weltweit alle mitreden. In der also alle soweit befreit sind aus Not und Unterdrückung, dass sie es sich leisten können mitzureden. Zwischen dieser Utopie und dem Heute liegt eine Epoche, die noch keinen Namen hat. Wer kann heute ausschliessen, dass ihre erste Phase dereinst nicht als «Dritter Weltkrieg» bezeichnet werden wird?