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Soviel ist inzwischen abzusehen: Das Kräfteverhältnis unter den amerikanischen Fernmeldegesellschaften wird sich markant verändern, gerade auch durch die Kooperation zwischen British Telecommunications (BT) und MCI Communications. Es wäre aber verfrüht, voreilige Schlüsse zu ziehen und vermeintliche Verlierer abzuschreiben. Das Wachstumspotential des Telecom-Marktes ist derart gross, dass sich mehr als zwei "satt essen" können. Hinzu kommen unschätzbare Diversifikationsmöglichkeiten in verwandte Bereiche, so dass sich die Akteure nicht nur im internationalen Telefongeschäft in die Quere kommen
Wie in der Autoindustrie und neuerdings bei
den Fluggesellschaften spricht man in den USA auch bei den im Fernverkehr tätigen Telefongesellschaften von den "Big three". Doch eigentlich handelt es sich um einen Riesen, die American
Telephone & Telegraph Co. (AT&T), New York, und um zwei recht grosse Unternehmen, die MCI Communications Corp., Washington D.C., und die Sprint Corp., Kansas City, die sich den Markt
aufteilen. Der Umsatz von AT&T liegt bei 65 Mrd Dollar, MCI und Sprint haben 1992 um die 10 Mrd bzw. 9 Mrd Dollar umgesetzt. Den Rest teilen sich Nischen-"Operators". Jack B. Grubman von der
Wall-Street- Firma Paine Webber: "In der internationalen Arena ist AT&T ein grosser Gorilla und British Telecom ein anderer; für MCI oder Sprint war es entscheidend, sich mit BT
zusammenzutun. Nachdem nun MCI und BT zusammenspannen, ist ein für allemal klar, dass MCI und Sprint in verschiedenen Ligen spielen."
Von einer Degradierung zum Nischen-"Player" will Sprint freilich nichts wissen: "Unsere Konkurrenten sind AT&T und MCI", so Chairman William T. Esrey im "Wall Street Journal". Die Nischen-"Operators" seien über Zusammenschlüsse gewachsen; Sprint indessen habe die Marktanteile aus eigener Kraft gewonnen. Kein Jahr seit 1987, in dem nicht Umsatz- und Gewinnzuwächse registriert worden wären. Auch im laufenden Jahr dürfte Sprint den Umsatz im Fernmeldebereich um 8 bis 10% erhöhen.
Nichts führt aber an der Erkenntnis vorbei, dass Sprint im globalen Wettbewerb gegenüber MCI in Rückstand geraten ist. Die Frage ist nur, ob der Rückstand aufgeholt werden kann. Ende Mai hat AT&T die Kooperation mit fünf ausländischen Telefongesellschaften bekanntgegeben, darunter mit der japanischen Kokusai Denshin Denwa und mit Singapore Telecom. Das US- Unternehmen will unter dem Namen "WorldSource" den globalen Markt privater Grosskunden bearbeiten. Genau das gleiche Ansinnen verfolgen BT und MCI mit der Gründung eines Joint-ventures.
Wohl dürften auch noch die nationalen Telefongesellschaften Frankreichs, Deutschlands und Italiens für Kooperationen zu haben sein, wie Sprint-Präsident Esrey betont. Doch erstens ist auch AT&T an diesen Partnern interessiert, und zweitens verfügen sie nicht über die gleiche Potenz wie BT. Am Tag der Verkündung der britisch-amerikanischen Hochzeit sank denn auch der Kurs der Sprint-Aktie um 1 Dollar auf 31.25 Dollar. Seither ist er aber mehr oder weniger konstant geblieben, was darauf hinweist, dass Sprint im Rennen bleibt.
Nun stellt sich die Frage, von welchem "Rennen" die Rede ist. Erst kürzlich hat Sprint für geschätzte 4,7 Mrd Dollar die Centel Corp. erworben. Derzeit ist das Unternehmen bestrebt, die Operationen zu integrieren und Kosten einzusparen. Mit dieser Akquisition hat es das bestehende "Business" der Funktelefone um ein Mehrfaches ausgebaut. Schon im letzten November war die Reihe an AT&T gewesen: Für 3,73 Mrd Dollar übernahm der Konzern einen 33%-Anteil an McCaw Cellular Communications, der grössten Zellular-Telefongesellschaft der USA. Und so wie man heute Sprint als Verlierer bezeichnet, wertete man noch vor einem halben Jahr die Position von MCI als kritisch, weil die Nummer zwei den Zug der drahtlosen Telekommunikation verpasst zu haben schien und nicht über die finanzielle Kraft verfügte, sich in diesen wachsenden Markt einzukaufen. 1991 wurden in den USA mehr Zellular-Telefone in Betrieb gesetzt als Haustelefone (2,5 Mio gegenüber 1,9 Mio).
Mit der auf 4,3 Mrd Dollar bezifferten Finanzspritze von British Telecom hat sich nun MCI in eine komfortable Lage versetzt. Niemand zweifelt daran, dass das Kapital für Akquisitionen und Diversifikationen eingesetzt wird. Offenbar haben Gespräche mit der Tele-Communications Inc. in Colorado und der Time Warner Inc. in New York bereits stattgefunden. MCI- Chairman Bert C. Roberts macht keinen Hehl daraus, dass man am aufstrebenden Multi-Media-"Business" Interesse bekundet. Es handelt sich hier um verwandte Wachstumsmärkte, an denen die Telefongesellschaften brennend interessiert sind. Um diesen Markt kämpfen freilich nicht nur die "Long Distance Carriers", sondern auch die regionalen "Baby Bells"; man denke nur an die jüngste Allianz zwischen Time Warner und US West.
Der jüngste "Deal" zwischen MCI und BT ist nicht nur unter dem Blickwinkel der Vorherrschaft am globalen Telefonmarkt zu sehen. Der Schulterschluss wird auch branchenübergreifende Konseqünzen zeitigen. Er wird MCI finanziell "aufpäppeln" und damit im Kampf gegen die Konkurrenz stärken. Als solche gilt nicht bloss AT&T und Sprint; Mitbewerber sind ebenso die regionalen Telefongesellschaften, die Kabelnetzbetreiber, die Fernseh- "Networks", die Elektronikgesellschaften, Software-Firmen und die Computerindustrie. Alle kämpfen sie letztlich um den gleichen Kunden, und alle buhlen sie um die Dominanz der nächsten Generation des Telekommunikations- und interaktiven Informations- und Unterhaltungsbereiches.
Erschienen in der SHZ am 8. Juli 1993