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Während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Schweizer Kunstschaffen im Ausland oft mit der geometrischen Abstraktion und der konkreten Kunst in Verbindung gebracht, die sich nach der Schliessung des deutschen Bauhauses in Zürich weiterentwickeln. Die den Grundsätzen des Bauhauses verpflichteten Schweizer Künstler bilden die sogenannte Zürcher Schule der Konkreten, der unter anderem Max Bill, Richard Paul Lohse, Camille Graeser und Leo Leuppi angehören. In der kulturellen Auslandpräsenz erweisen sich ihre Werke als glaubwürdige Entsprechung der Mentalität, die der Schweiz allgemein zugeschrieben wird.
Sowohl im Inland wie im Ausland wird bei der Beschreibung des Schweizer Kunstschaffens immer wieder auf Merkmale wie Sachlichkeit, Präzision und eine qualitativ hochstehende Ausführung verwiesen. 1929 zeichnet sich der Schweizer Pavillon an der Weltausstellung von Barcelona durch eine schlichte und funktionelle Formensprache aus, die der verantwortliche Architekt Hans Hofmann als Spiegelbild typisch schweizerischer Tugenden ansieht. Letztere beziehen sich insbesondere auf eine gewisse Zurückhaltung und auf den Pragmatismus. Im Bereich der Malerei vertritt der Kunsthistoriker Gotthard Jedlicka im 1947 veröffentlichten Buch Zur Schweizer Malerei der Gegenwart eine ähnliche Auffassung und bezeichnet die Ernsthaftigkeit und die technische Vollendung als die typischsten Merkmale der Haltung Schweizer Künstler. Noch 1982 sieht sich der Zürcher Kunstkritiker Willy Rotzler anlässlich eines Vortrags in New York gezwungen, seinen amerikanischen Zuhörern sämtliche irrationalen Formen der Schweizer Kunst vorzustellen, um das Klischee zu korrigieren, wonach die geometrische Abstraktion die einzige Schweizer Kunstströmung sei.
Angesichts dieser weit verbreiteten Vorurteile ist es nicht erstaunlich, dass die Zürcher Schule der Konkreten und die rationalen Formen der Abstraktion auch in der Auslandtätigkeit von Pro Helvetia eine wichtige Rolle spielen. In den 1950er Jahren fällt die Eingliederung der geometrischen Abstraktion in die kulturelle Aussenpolitik mit der Anerkennung dieser Kunstrichtung durch die öffentlichen Stellen zusammen, die ihr einen halboffiziellen Status verschafft. Die Vertreter der konkreten Kunst, die in vielen Fällen auch in der Grafik und im Design tätig sind, werden insbesondere von der Eidgenössischen Kommission für angewandte Kunst unterstützt.
In der ausländischen Wahrnehmung der Schweiz festigt die geometrische Abstraktion das Bild eines Landes, in dem das ästhetische Ideal von einer auf Gleichgewicht und Harmonie geprägten Formensprache bestimmt wird. Pro Helvetia führt 1958 in Berlin und 1971 in New York Ausstellungen konkreter Kunst durch und organisiert gleichzeitig zahlreiche Retrospektiven, in deren Mittelpunkt insbesondere Max Bill steht.
In den Augen der ausländischen Kunstkritiker und Journalisten bestätigen die Werke der Zürcher Schule der Konkreten die der Schweiz oft zugeschriebene Qualitätsarbeit und die vom Protestantismus abgeleitete puritanische Mentalität. 1956 verweist die spanische Zeitung Ya auf die legendäre helvetische Disziplin, um die von den konkreten Künstlern gewählte Formensprache zu erklären. Aus Gründen, die mit dem Blut und dem Nervensystem zusammenhingen, erreichten spanische Künstler nicht die gleiche Stufe der Perfektion. 1958 stellt die Berliner Zeitung Telegraf ihrerseits einen Zusammenhang zwischen der konkreten Kunst und der nächtlichen Schliessung der Zürcher Bars her. Oft wird die formale Vollendung der Kunstwerke auch mit den Qualitäten der Exportprodukte der Schweizer Industrie in Verbindung gebracht. (tk)
Archivbestände
BAR E9510.6 1991/51, Bd. 349, 352, 888
Literaturverzeichnis
Lüthy, Hans A.; Heusser, Hans-Jörg: L’Art en Suisse 1890-1980, Lausanne, Payot 1983
Omlin, Sybille: Kunst aus der Schweiz: Kunstschaffen und Kunstsystem im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich, Pro Helvetia 2002
Rotzler, Willy: Constructive concepts: a history of constructive art from cubism to present, Zürich, ABC-Edition 1977
Rotzler, Willy: Aus dem Tag in die Zeit. Texte zur modernen Kunst, Zürich, Offizin 1994