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Was ist aus den Drehbüchern geworden? Fortsetzung der Recherche
Von Sandrine Normand und Pierre Agthe – Juni 2008
FOCAL bietet seit bald zwanzig Jahren Stoffentwicklungsprogramme an. 2002 haben wir erstmals erörtert, was aus den zwischen 1989 und 2001 entwickelten Projekten geworden ist. Die Umfrage mit dem Label «Developed in a FOCAL Workshop» ging 92 Drehbüchern nach, die in einem Programm von FOCAL entwickelt wurden. 27 davon wurden verfilmt: 9 als Kinofilm, 16 als Fernsehfilm und 2 als Kurzfilm, was einer Realisierungsquote von 29% entspricht.
Für die Periode 2002 bis 2006 haben wir nun eine zweite Umfrage gemacht. Sie umfasst 63 Drehbücher, wovon zum heutigen Zeitpunkt 14 verfilmt worden sind, d.h. 22 % der entwickelten Projekte. Dieser Anteil wird noch ansteigen, da sich bei Redaktionsschluss noch 24 Projekte in Entwicklung oder in Vorproduktion befinden.
Entwicklung des FOCAL-Angebots im Bereich Stoffentwicklung
In der für die zweite Umfrage erfassten Zeitspanne wurden durchschnittlich mehr Drehbücher pro Jahr entwickelt als in der ersten, nämlich 13 Bücher jährlich, gegenüber 7 in der ersten. Dies ist unter anderem darauf zurück zu führen, dass in der ersten, elf Jahre dauernden Periode 17 Drehbuchprogramme stattfanden, und in der zweiten, die nur fünf Jahre umfasste, 18 Programme. Hier die einzelnen Angebote:
Das Stoffentwicklungsprogramm Fernsehfilme SF DRS war eine Begleitmassnahme zur erhöhten Produktion von Fernsehfilmen in der Deutschschweiz. Das Programm wurde in regelmässigen Abständen acht mal durchgeführt. Die Realisierungs- und Zuschauerquoten der in diesem Programm entwickelten Projekte waren in den ersten Jahren spektakulär, sanken aber mit der Zeit, insbesondere weil der Workshop immer mehr Autorinnen und Autoren mit wenig Erfahrung aufnahm. Da sich die Redaktion Spielfilm des SF zudem wieder selbst um die Fernsehprojekte kümmern und nicht mehr an Bewerbungskalender gebunden sein wollte, wurde die Zusammenarbeit im 2006 beendet.
Der Workshop Nous les Suisses in der Suisse romande erfuhr nach fünf Jahren ein ähnliches Schicksal. Das TSR hat die Produktion von Fernsehfilmen zugunsten anderer Formate wie Serien und Sitcoms zurückgeschraubt.
Die Produktionspolitik im Fiktionsbereich sowie die Richtlinien der Sendeanstalten sind stark den Zuschauerquoten und den Finanzen unterworfen und daher unstabil. Es ist für FOCAL nicht einfach, sich in diesem Kontext zu positionieren. Soll man zum Beispiel mehr Weiterbildungsangebote für die Entwicklung von Serien anbieten, wenn diese zum vorherrschenden Format werden, oder soll man sich im Gegenteil weiterhin auf Spielfilme konzentrieren, deren Produktion aufgrund des Filmförderungsgesetzes beständiger ist?
Ins Kapitel der Projektentwicklungsprogramme für Spielfilme gehört auch Step by Step, das von 1998 bis 2005 einmal jährlich durchgeführt wurde. Nach acht Jahren wollte FOCAL das Modell ändern und setzte es in drei anderen Angeboten fort: dem KINOStoffentwicklungsprogramm und P.R.I.M.E. für deutschsprachige Autoren, und Vision Cinéma, das einmal französisch- und einmal zweisprachig durchgeführt wurde.
Ways of Seeing Actors – Directing with Wojciech Marczewski hat sich ebenfalls weiterentwickelt und hat seine Fortsetzung als europäisches Programm mit dem Titel EKRAN gefunden. Hier wird die Stoffentwicklung mit dem Dreh einzelner Szenen verbunden, wobei dem Zusammenspiel zwischen SchauspielerInnen und Kamera besondere Aufmerksamkeit zukommt.
Seit 2004 gibt es das Atelier Grand Nord, ein originelles Programm zur Entwicklung von Spielfilmprojekten mit Partnern und Teilnehmenden aus französischsprachigen Ländern beiderseits des Atlantiks (Quebec, Frankreich, Belgien, Schweiz).
Mit Ausnahme des Programms Step by Step, das schweizerische, deutsche und österreichische AutorInnen vereinte, waren die Workshops zwischen 1989 und 2001 vor allem schweizerisch. Seit 2002 werden die Angebote vermehrt europäisch (P.R.I.M.E. und EKRAN), bzw. international (Atelier Grand Nord). FOCAL hat damit noch vor dem Beitritt der Schweiz zu den MEDIA-Programmen im Januar 2006 das Zusammenspiel zwischen der Schweizer Filmproduktion und der europäischen Industrie unterstützt und sich als Partnerin von europäischen Weiterbildungsprojekten positioniert.
Realisierungsquote der Projekte
Kino-Spielfilme
Von den 63 Drehbüchern, die in einem FOCAL-Workshop entwickelt wurden, waren 40 für das Kino bestimmt. Zum heutigen Zeitpunkt sind fünf davon verfilmt, d.h. 12,5%. Zum Vergleich: in den europäischen Ländern gilt eine Realisierungsquote von 10% als gutes Resultat. Auch wenn die Quote tiefer liegt als in der ersten Periode (17 %), kann das Ergebnis als sehr zufriedenstellend betrachtet werden. Hinzu kommt, dass sich zwei Projekte kurz vor Dreh befinden.
Fernsehfilme
Von 23 Drehbüchern für Fernsehfilme wurden neun produziert, was einer Realisierungsquote von 40 % entspricht. Dieser Anteil ist fast identisch mit der vorhergehenden Zeitspanne (42%).
Zuschauer
Spielfilme
Die fünf Spielfilme hatten dank ihrer Teilnahme an renommierten Filmfestivals alle auch eine internationale Ausstrahlung: TOUT UN HIVER SANS FEU wurde vom internationalen Filmfestival von Venedig und vom ‹Festival international du film francophone de Namur› eingeladen, PAS DOUCE von den Internationalen Filmfestivals in Berlin und San Francisco, IM NORDWIND von den Festivals in San Sebastian, Hof und Göteborg; DER FREUND ist unterwegs nach Shanghai, München und Brüssel.
DIE HERBSTZEITLOSEN waren ein grosser Kinoerfolg. Mit 595’099 Eintritten in der Schweiz erreichte der Film einen Marktanteil von 23,11 % der Schweizer Filme und 2,22 % des gesamten Marktes. Auch er wurde an zahlreiche ausländische Festivals eingeladen: nach Portugal, Japan, Cuba und in die USA.
Die anderen Filme waren zwar weniger erfolgreich im Kino, wurden aber mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
In der Schweiz hat DER FREUND dieses Jahr den Schweizer Filmpreis für den besten Spielfilm und für das beste schauspielerische Nachwuchstalent erhalten, PAS DOUCE den für das beste Drehbuch. In Locarno wurde FUORI DALLE CORDE letztes Jahr mit dem silbernen Leoparden für den besten Darsteller ausgezeichnet, und TOUT UN HIVER SANS FEU gewann den Schweizer Filmpreis für den besten Spielfilm 2005. DIE HERBSTZEITLOSEN haben 2006 am Festival Cinéma Tout Écran in Genf den Swissperform-Preis für die beste Darstellerin erhalten.
Auch im Ausland sind sie nicht leer ausgegangen. TOUT UN HIVER SANS FEU hat an der Biennale in Venedig zwei Preise erhalten (den «Cinemavvenire Award» für den besten Spielfilm 2004 und den Grand Prix Signis für den besten Film 2004), PAS DOUCE wurde 2007 mit dem FIPRESCI-Preis am Internationalen Festival von San Francisco ausgezeichnet und FUORI DALLE CORDE am XI Brooklyn International Film Festival mit einer speziellen Anerkennung für die beste Kamera.
Fernsehfilme
Die Zuschauerquoten der neun Fernsehfilme sind erfreulich: fünf haben bei der Erstausstrahlung auf SF einen Marktanteil von über 24% erzielt, was vom Fernsehen selbst als ein sehr gutes Resultat bezeichnet wird. DIE HERBSTZEITLOSEN stehen an der Spitze: mit 1,34 Mio. Zuschauern bei einer einzigen Ausstrahlung auf SF haben sie einen Marktanteil von 58.2 % erreicht, SONJAS RÜCKKEHR 28,7 %, ÖSCHENEN 27,5%, STEINSCHLAG 27,1 % und JIMMIE 25,6 %.
Insgesamt haben sieben von neun dieser Fernsehfilme die magische Erfolgsquote von 20 % überschritten.
Ist das Ziel erreicht?
Insgesamt wurden innerhalb von 17 Jahren 155 Projekte in 35 Workshops (zu zwölf verschiedenen, sich wiederholenden Programmen gehörend) entwickelt. 41 Projekte wurden verfilmt: 14 Spielfilme, 25 Fernsehfilme und 2 Kurzfilme.
Das ist wenig und viel zugleich – wenig, wenn man bedenkt, wie viel Geld und Energie in die Konzeption und die Durchführung solcher Programme fliessen; viel, weil durch jeden realisierten Film ein Netzwerk entsteht und unzählige Beteiligte der Filmbranche (DrehbuchautorInnen, Regisseure, ProduzentInnen, Script Consultants) ihre Kompetenzen ausbauen – Kompetenzen, die täglich auch in Projekte einfliessen, die kein Entwicklungsprogramm durchlaufen.
Eine solche Umfrage darf also nicht allein darauf hin gelesen werden, wie viele Drehbücher verfilmt wurden, sondern auch auf die Wirkung der Programme auf die berufliche Weiterentwicklung der ProjektträgerInnen hin, unabhängig von der Realisierung ihrer Projekte.
Die Schweizer Filmbranche hat ihre Mittel und Finanzierungsmechanismen in den letzten Jahren beachtlich konsolidiert – Succès Cinéma, Zürcher Filmstiftung, Fonds REGIO usw. – und diese Arbeit geht weiter. Parallel dazu hat der Schweizer Film seinen Marktanteil auf nationaler Ebene erhöht, und die Deutschschweizer Fernsehfilme reiten seit einiger Zeit auf einer Erfolgswelle.
Die Projektentwicklung bleibt aber in gewisser Weise das «Herzstück des Ungetüms», «der Eckpfeiler des Gebäudes», denn dort entscheidet sich, welche dramaturgischen und produktionellen Herausforderungen ein Projekt mit sich bringt.
So haben die Produzentinnen und Produzenten in den Gesprächen, die FOCAL im Hinblick auf die neue Leistungsvereinbarung mit dem BAK innerhalb der Branche geführt hat, darauf bestanden, dass sich unsere Stiftung weiterhin sorgfältig um das Know-how in diesem Bereich bemüht. Neue Modelle sind in Vorbereitung, und FOCAL freut sich, sich mit ihren Vorschlägen weiterhin für die Konsolidierung der Projekte und der Kompetenzen der Filmschaffenden in der Schweiz und in Europa einzusetzen.
Sandrine Normand und Pierre Agthe, Lausanne, Juni 2008
Herzlichen Dank an all jene, die an dieser Umfrage mitgewirkt haben: den Teilnehmenden der Projektentwicklungsprogramme von FOCAL, den drei nationalen Sendeanstalten, Succès Cinéma und ProCinema.