Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03252.jsonl.gz/258

Das deutsch-französische Verhältnis war ziemlich lange schlecht. Seit dem 9. Jahrhundert ungefähr. Ludwig der Deutsche lag sich mit Karl dem Kahlen in den Haaren, Napoleon Bonaparte war dem Freiherrn vom Stein spinnefeind, Otto von Bismarck setzte Napoleon den Dritten ausser Gefecht, Georges Clemenceau bekämpfte Wilhelm den Zweiten – erst unter der Herrschaft Hitlers näherten sich die Geister langsam an.
Doch ein Herz und eine Seele wurden später weder Kohl und Mitterrand noch Nicolas und Angela. Merkel und Macron aber haben jetzt auf der Frankfurter Buchmesse die Genies ihrer beiden Länder verquickt: Auf einer Gutenberg-Presse, diesem Symbol deutscher Präzisionstechnik, haben sie die Menschenrechtserklärung gedruckt und also den famosen französischen Esprit materialisiert. Kultur verbinde, sagten sie, und gerade in den Büchern ihrer Länder hat sich die Verbrüderung ja schon lange angedeutet:
- «Le Rouge et la Noire» – Stendhal hat die Farbenkonstellation korrekt antizipiert; dass der Rote sein Parteibuch vor der Wahl zum Präsidenten abgeben würde, konnte er wirklich nicht ahnen.
- «Narziss und Goldschopf» – Hesse verstand das Paar schön zu zeichnen; den kleinen Fehlgriff im Gesichtsfeld wird man ihm nachsehen.
- «Les liaisons heureuses» – Choderlos de Laclos sah die Verbindung kommen, hat aber möglicherweise ihr erotisches Potenzial falsch eingeschätzt.
- «Mutter Courage und ihr Kind» – Brecht wusste Machtverhältnisse immer schon scharf zu analysieren.
- «Im Westen viel Neues» – Remarque hat den Blick in die richtige Richtung gelenkt, nur Wandel konnte der weitsichtige Autor keinen erkennen.
- «Finis Germania» – Quelle bêtise! Rolf P. Sieferle hat die Zeit komplett verkannt.