Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03384.jsonl.gz/946

Neues Ungemach für das riesige Containerschiff «Ever Given»: Ägypten hat den Frachter beschlagnahmt und fordert Schadenersatz. Derweil sind immer noch 25 Besatzungsmitglieder an Bord gefangen.
Das könnte die teuerste Parkbusse aller Zeiten werden.
Eine Woche lang hat die Welt gebannt auf den Suezkanal geschaut, wo sich das riesige Containerschiff «Ever Given» im Sand verkeilt hat. Zehntausende Kubikmeter Sand mussten ausgebaggert werden, bis Schlepper das Schiff befreien und der gigantische Schiffstau wieder aufgelöst werden konnte. Doch der Albtraum ist noch nicht vorbei.
Die Ever Given befindet sich nämlich nach wie vor im Suezkanal, genauer gesagt im grossen Bittersee in der Mitte des Kanals. Wie das staatliche Nachrichtenportal «Ahram Gate» am Dienstag berichtete, wurde das Containerschiff nun beschlagnahmt.
Als Grund wird das «Versäumnis, eine Entschädigung von 900 Millionen Dollar zu bezahlen», genannt. Laut ägyptischen Behörden ist das der Schaden, den das Land durch die sechstägige Blockade erlitten habe. In dieser Summe enthalten sind die entgangenen Einnahmen von Schiffen, die normalerweise in dieser Zeit durch den Kanal gefahren wären, sowie Kosten für Schäden an der Wasserstrasse und die Befreiung des Schiffes.
Das Urteil, das Ägypten erlaubt, die Ever Given zu beschlagnahmen, wurde von einem Gericht in Ismailia, einer Stadt am Westufer des Kanals, ausgestellt. Die Suezkanal-Behörde (SCA), die den Antrag gestellt hat, merkte an, dass Ägyptens Seehandelsgesetze die «vorsorgliche Beschlagnahme» von Schiffen erlauben. Dies gelte jedoch nur für solche, welche ausstehende Schulden haben.
Das heikle an der Geschichte: Nach wie vor sind 25 indische Besatzungsmitglieder an Bord gefangen. Die ägyptischen Behörden lassen sie nicht gehen. Osama Rabie, Vorsitzender der SCA, hat bereits durchblicken lassen, dass Ägypten im Sinn hat, das Schiff samt Besatzung im Kanal zu behalten, bis die Entschädigung bezahlt ist.
Für die Gewerkschaft «National Union of Seafarers» in Indien ein Skandal. In einem Bericht der «Times of India» sagte ihr Generalsekretär Abdulgani Serang: «Wenn die SCA Verluste erlitten hat, können sie das mit denen klären, die mit dem Schiff zu tun haben». Dass man die Crew an Bord festhalte, komme einer Lösegeldforderung gleich.
Wer genau letztlich für den Schaden aufkommen soll, ist nicht geklärt. Die «Ever Given» selbst gehört der japanischen Holdinggesellschaft Shoei Kisen Kaisha, welche das Schiff wiederum an die taiwanesische Evergreen Marine Corp. geleast hat. Bernhard Schulte Shipmanagement, eine deutsche Firma, war für die Anheuerung der Besatzung verantwortlich.
Selbst die ägyptischen Behörden wissen nicht genau, wer für den Schaden aufkommen soll. In einem Bericht des «Wall Street Journals» sagten Vertreter von Shoei Kisen Kaisha, dass sie «mitten in den Verhandlungen» mit der SCA stehen. Das Unternehmen hat vor einem britischen Gericht eine Klage eingereicht, um seine Haftung für den Vorfall zu begrenzen. Auch wer genau für den Unfall verantwortlich war, ist nicht geklärt. Es wird vermutet, dass der Kapitän einen Fehler bei der Steuerung des Schiffes gemacht haben könnte. Es waren jedoch auch zwei Lotsen der SCA mit an Bord.
Die ohnehin durch die Corona-Pandemie gebeutelte Schifffahrt könnte die Folgen der Blockade laut dem weltgrössten Reeder Maersk noch Monate lang spüren. Die «Ever Given» gehört zu den grössten Containerschiffen der Welt. Sie hatte sich Ende März bei starkem Wind in dem Kanal zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer verkeilt.
Die Ratingagentur Fitch geht davon aus, dass auf Rückversicherer wegen der Blockade Verluste von Hunderten Millionen Euro zukommen. Das werde auf die Bilanzen durchschlagen und auch die Preise für Rückversicherungen der Schifffahrt in die Höhe treiben.
Die auf dem Schiff festgehaltenen Crewmitglieder dürfte dies wenig interessieren. Sie wollen wahrscheinlich einfach nur nach Hause.