Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03576.jsonl.gz/246

Und das, obwohl die formale Gleichheit der Geschlechter (gemessen am sog. Gender Equality Index der Vereinten Nationen) bei uns um ein Vielfaches höher ist als in jenen Ländern? Zwar nimmt generell mit dem Wohlstand der Anteil an (männlichen und weiblichen) MINT-Absolventen ab, aber es ist schon erstaunlich, dass der Abstand zwischen den Geschlechtern um so grösser wird, je reicher und egalitärer ein Land ist. Gemeinhin würde man vermuten, dass sich mit dem Wohlstand und dem Entwicklungsstand eines Landes die Präferenzen zwischen Männern und Frauen angleichen. Das Gegenteil ist der Fall.
Wie kann man das erklären? Empirische Befunde zeigen: In reichen, egalitären Ländern ist das Stereotyp „Mathe ist nichts für Mädchen“ weiter verbreitet ist als in armen Ländern. Und das, obwohl die Mathe-Leistungen der Mädchen denen der Jungen nicht wesentlich nachhängen. Dies geht mit dem – ebenfalls kontraintuitiven - Befund einher, dass in reichen, egalitären Ländern die Lücke zwischen altruistischen Präferenzen von Männern und Frauen ebenfalls zunimmt. Von Altruismus spricht man, wenn Individuen selbstlos Nachteile in Kauf nehmen, um anderen zu helfen. Technische Nerds sind nicht der Inbegriff von Altruisten. Zwar nimmt auch der Altruismus generell mit dem Wohlstand eines Landes zu. Aber warum nimmt der Altruismus der Frauen mit steigendem Wohlstand stärker zu als derjenige der Männer?
Unsere Forschungsgruppe vermutet zwei Erklärungsstränge: Einerseits gibt es das Rollenstereotyp, dass Frauen mehr als Männer am Gemeinwohl interessiert sind. Andererseits bewirkt die Abweichung von solchen Stereotypen, dass Frauen als unweiblich und unsympathisch beurteilt werden. Sie haben psychologische Kosten zu tragen. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Georges Akerlof hat sie „Identitätskosten“ genannt. Diese Kosten verändern sich nicht mit wachsendem Wohlstand. Hingegen nimmt der zusätzliche psychologische Nutzen – vulgo das Glück – mit wachsendem Wohlstand gemäss den Befunden der Glücksforschung ab. Reiche Länder sind zwar glücklicher als arme Länder, aber doppelter Wohlstand bringt nicht doppeltes Glück. Im Ergebnis heisst das: Mit zunehmendem Wohlstand bekommt die Einhaltung von Rollennormen ein grösseres Gewicht.
Wenn unsere Überlegungen stimmen, dann sind die Prognosen für eine Reduzierung der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen schlecht. Diese – kürzlich in der Schweiz auf 20 Prozent der vollzeitäquivalenten Löhne geschätzte - Lücke würde auch dann nicht geringer, wenn Lohndiskriminierung völlig beseitigt wäre. Von Diskriminierung kann man nämlich nicht sprechen, wenn der Ingenieur oder Informatiker mehr verdient als die Historikerin oder Germanistin. Die Lohnlücke zwischen MINT- und nicht MINT-Berufen hat sich in den letzten Jahren in den meisten Ländern sogar noch vergrössert, ebenso wie die Nachfrage nach MINT-Berufen. Was geschieht, wenn die Germanistin und der Informatiker Kinder bekommen? Mit grosser Wahrscheinlichkeit reduziert die Germanistin ihr Arbeitspensum (und damit ihre berufliche Erfahrung und ihre Aufstiegschancen) mehr als der Informatiker. Die Folge: die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern wächst.
Was kann man tun? Man kann erstens verstärkt Ausbildungsgänge anbieten, welche neben reinen MINT-Fächern auch solche enthalten, welche den weiblichen Rollennormen entsprechen. Die ETH Zürich hat mit der Fachkombination von Gesundheitswissenschaften und Technologie den Frauenanteil beträchtlich erhöhen können. Man kann zweitens Rollenkonflikte abbauen, indem man bei den Auswahlverfahren den Wettbewerb reduziert. Frauen mögen den Wettbewerb gegen Männer in Männerdomänen nicht, weil sie, wenn sie darin siegreich sind, Rollennormen verletzen und mit Sympathieentzug bestraft werden. Quoten und fokussierte Losverfahren sind ein gutes Mittel dazu. Das haben wir in unserer Forschung gezeigt.
Was man lassen sollte: Vorwürfe und Appelle an die Frauen, sie mögen weniger Bequemlichkeit an den Tag legen. Nicht Bequemlichkeit hält sie von MINT-Fächern ab, sondern psychologische Kosten. Wenn man diese durch geeignete institutionelle Massnahmen reduziert, wird sich auch die Lohnlücke schliessen.