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Als im Jahr 1991 zwei Wanderer in den Ötztaler Alpen einen Leichenfund machten, wurde dadurch eine Lawine ausgelöst, die beispiellos ist. Forschertrupps rückten an, Regierungen stritten um Grenzsteine und die Staatsangehörigkeit des Toten, die Weltpresse beteiligte sich mit einer Flut von Presseartikeln an der Sensation, sechseinhalb Jahre verbrachte man mit der bisher längsten Obduktion einer Leiche, und zuletzt wurde die Mumie unter regem öffentlichen Interesse zu ihrem zunächst endgültigen Aufbewahrungsort nach Bozen verbracht, wo sie in einem speziell angefertigten Klimabehälter liegt und durch ein Loch bestaunt werden kann. Zweifel an der Echtheit des Toten gibt es nicht. Er wanderte um das Jahr 3300 v. Chr. durch die Alpen, fror dann während eines Schneesturmes fest und lag im Eis, bis er eben gefunden wurde. So sehr ist man überzeugt von der Authentizität des Behaupteten, daß man von leichter Hand den Beginn alpiner Weidewirtschaft nach hinten umdatierte, und es gibt noch etliche andere Erkenntnisse über die Geschichte des Alpenraumes, die man anhand einer einzigen Eisleiche nun in alle Geschichtsbücher schreibt. Zweifel daran kann es gar nicht geben, weil der Tote ja wissenschaftlich untersucht worden ist.
Mittlerweile gibt es auf dem Buchmarkt eine eigene Sparte von Ötzi-Büchern Für alle möglichen Altersgruppen ist dort aufbereitet, was Ötzi uns über seine Zeit lehrt, wie er gelebt hat, was er gerne aß und wie tragisch sein Tod gewesen sein muß. Wir finden Bilderbücher, Multimedia-Produkte Fachbücher für Hausfrauen und solche für gestandene Archäologen. Unter diesen Büchern tauchte 1993 – als der Ötzi-Rausch gerade seinen Höhepunkt erreicht hatte – eines auf, das den Titel „Die Ötztal-Fälschung trug. Es stammt von Michael Heim und Werner Nosko, ist im Rowohlt-Verlag erschienen und nicht mehr lieferbar. Es ist nicht mehr lieferbar, weil es keiner haben wollte. Der Verlag gab die Auflage an das Moderne Antiquariat, von der Schweiz aus wurde das Buch für ein paar Franken an Buchhandlungen mit Ramschtisch verhökert, wo es versickerte. Das stimmt nachdenklich, weil Ötzi-Bücher auch 1993 schon ein allgemeiner Kassenerfolg waren. Und es hat den Anschein, als würden immer diejenigen Bücher ungekauft bleiben, die der Meinung des Publikums zu große Strapazen aufbürden. Erinnert sei – wenn auch aus einem gänzlich anderen Zusammenhang genommen – an die Untersuchung über die Ungereimtheiten beim Anschlag auf Alfred Herrhausen („Das RAF-Phantom verramscht), viele andere Beispiele für mutwillig oder versehentlich gebildete Legenden lassen sich in allen Epochen finden. Die Konstantinische Schenkung fällt einem ein, das Privilegium maius, auch die Greuelgeschichten über irakische Soldaten, die angeblich kuwaitische Frühgeburten aus deren Brutkästen geworfen hätten, die Versenkung der Lusitania, der Tod Kennedys, die von den Nationalsozialisten verbreitete Legende über den Reichstagsbrand und vieles mehr.
Wenn diese Fälschungen, Irrtümer und Scherze schon Jahrhunderte lang zurückliegen, ist es für die Geschichtsschreibung kein Problem, sie als Fälschungen zu enttarnen, doch ändert sich dadurch nicht das Geringste an ihren Auswirkungen auf die späteren Zeiten. Wenn aufgrund einer Fälschung ein Krieg beginnt oder ein geschichtliches Ereignis eine bestimmte Wendung nimmt, bleiben die Folgen auch dann dieselben, wenn die Fälschung herauskommt. „Kommunikation ist Wirklichkeit,“ haben Fachleute wie Paul Watzlawick oder Neil Postman schon vor geraumer Zeit verkündet, und man kann getrost hinzufügen: Geschichte ist immer das, was man dafür hält.
Man benötigt zu dieser Erkenntnis keine Sensationen. Man sehe sich nur einmal irgendeine Vereinsgeschichte aus Übergangszeiten an, etwa aus den Jahren zwischen 1938 und 1950, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Geschichte „gemacht“ wird. Man sehe in offizielle Firmen und Institutschroniken, in denen Perspektive, Gewichtung und Aussagen auch dann verzerrt werden können, wenn sogar alles stimmt. In vielen Fällen freilich mischen sich zu den Herausstellungen und Euphemismen handfeste Lügen, die Kraft der Autorität offizieller Geschichtsschreibung jahrzehntelang für bare Münze genommen werden.
Ob nun der Gletschermann wirklich ein Gletschermann ist, oder eine südamerikanische Mumie, die an eine Stelle gelegt worden ist, wo nicht nur in den letzten Jahrzehnten überhaupt kein Gletscher war, sondern kurz darauf Reinhold Messner auf einer seit Monaten geplanten Wanderung vorbeikam, soll in diesem Artikel nicht entschieden werden, wenn auch eine spezifische Anschauung dazu geführt hat, diesen Artikel zu schreiben. Hier soll lediglich thematisiert werden, daß zur Geschichte wird, was plausibel und glaubwürdig genug ist, als Geschichte tradiert zu werden – und nicht das, was hinter dieser Kulisse tatsächlich passiert ist. Immerhin ist es Messner schon einmal passiert, daß er aufs Kreuz gelegt worden ist: Bereits 1986 fragten sich die Produzenten der Fernsehserie „Verstehen Sie Spaß?“, wie sie ihn im Rahmen ihrer Sendung hereinlegen könnten. Ausgehend von der schweizerischen Redensart: „Du hast wohl einen Kiosk auf dem Matterhorn!“ arrangierten sie einen richtigen Kiosk, der auf einer in einjähriger Vorarbeit am Matterhorn installierten Plattform montiert werden sollte. Eine Illustrierte veranstaltete ein Preisausschreiben mit dem Hauptgewinn, von Reinhold Messner auf das Matterhorn geführt zu werden. Der Gewinner, nicht sehr bergfest, wurde gegen einen Alpinisten ausgetauscht. Am Vorabend der Tour wurde dann mit einem Hubschrauber ein richtiger Zeitungskiosk auf das Matterhorn gebracht, in dem ein Kamerateam auf die beiden Bergsteiger wartete.
Zumindest zeigt diese Geschichte, daß Messner möglicherweise auch am Hauslabjoch Ziel eines Juxes gewesen sein könnte, denn sein Erscheinen dort war seit einiger Zeit geplant. Es wäre schon ein gewaltiger Gnadenakt der Gletscher, pünktlich zum Erscheinen des meinungsbildenden und öffentlichkeitswirksamen Yeti-Exegeten eine 5300 Jahre alte Gletschermumie freizugeben und ihm geradezu vor die Füße zu legen. Eine Woche vorher, und die Mumie wäre verwest; eine Woche später, und Messner hätte sie nicht sofort in Augenschein nehmen können. Was ist eine Woche im Vergleich zu 5300 Jahren?
In dem oben erwähnten Buch führen die Autoren etliche Experten, Augenzeugen und Dokumente an, um ihre These von der Ötztal-Fälschung zu untermauern. Ein starker Kritikpunkt ist die Unversehrtheit des Toten und seiner Ausrüstung. Da liegt eine Gletscherleiche in einer Eispfütze, die der Rest eines Gletschers sein soll, und an der nahen Felswand befinden sich, nebeneinander aufgereiht, eine Kraxe, eine Axt und noch andere Utensilien. Bei Gletschern verhält es sich jedoch normalerweise so, daß seine verschiedenen Schichten in ihrem Inneren mit ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten fließen. Das bedeutet, daß von einer zur nächsten Schicht Scherkräfte wirken, die einen Gegenstand, der sich vollständig im Gletscher befindet, regelrecht zerreiben können, in jedem Fall aber schwerst beschädigen. Viele Gletschertote haben deshalb abgerissene Gliedmaßen oder sind überhaupt nur noch in Einzelteilen vorhanden. Manche Leichen wurden auf übernatürliche Länge gestreckt, anderes zusammengedrückt. Wenn nun eine Leiche ausgerechnet als ältester Gletschermann bezeichnet wird, die sogar noch alle Fingerkuppen hat, mögen einem schon Zweifel kommen. Die Kleidung des Toten ist zerfetzt, der Tote selbst jedoch nahezu unversehrt. Staunen läßt auch die Struktur der Leiche. In der gesamten alpinen Geschichte gibt es unter den unzähligen Gletschertoten verschiedensten Alters keinen zweiten, der so lederartig mumifiziert wäre, wie es bei Ötzi der Fall ist. Ein Vergleich mit jedwelchem anderen Gletschertoten wirft unzählige Fragen auf. Während der Zeit, die der Tote im Gletscher verbringt, wandelt sich Körperfett in Leichenwachs um, das Gewebe der Gletschertoten ähnelt Styropor. Ötzi aber ist nachweislich von einer Beschaffenheit, die zu der langen Verweildauer im Gletscher nicht recht paßt. Ein Photo zeigt einen Wassertropfen, der an der Leiche abperlt: Im Gegensatz zu allen anderen dehydrierten organischen Materialien nimmt die Körperoberfläche des Toten vom Hauslabjoch kein Wasser auf. Dies ist nur dann möglich, wenn der Leichnam auf chemischem Wege mumifiziert worden ist, und mit jeder der Mumien, die in den Museen überall auf der Welt verwahrt werden, läßt sich dieser Beweis leicht führen. Wenn also Ötzi wirklich von 3200 v. Chr. bis 1991 n. Chr. in einem Gletscher am Hauslabjoch lag und zwischendurch im vierten nachchristlichen Jahrhundert einmal kurz antaute, wie es heute die Wissenschaft weiß, so werden durch ihn nicht gerade wenige Naturgesetze und Erfahrungswerte auf den Kopf gestellt.
Die Utensilien des Toten lassen ebenfalls staunen: Die Axt, trotz der tonnenschweren Gletscherkräfte nahezu unversehrt, hat eine Klinge aus glänzendem (!) Kupfer. Wer einen Teekessel aus Kupfer besitzt, weiß, das er bereits in wenigen Wochen angelaufen ist und wieder poliert werden muß. Diese Axt aber, angeblich von Ötzi eine zeitlang benutzt, dann seit Menschengedenken im Eis eingeschlossen und zuletzt – so sagt man – allmählich freigegeben, wobei sie mit Wasser in Berührung gekommen sein muß, glänzt wie am ersten Tag. Da außerdem die an der nahegelegenen Felswand aufgereihten Gegenstände bis zu zwei Meter höher als der Tote liegen, müssen sie, wenn sie von einem Gletscher freigegeben worden sind, eine ganze Weile vor Ötzi aus dem Gletscher gekommen sein. Zumindest die Kupferklinge müßte dann Patina tragen, alle Gegenstände müßten Verwitterungsspuren tragen, und die leichteren Gegenstände müßten in dieser Höhe in einer sehr windigen Alpenregion zumindest von der Felswand geweht worden sein. Doch alles lag an seinem Platz. Der britische Archäologe Lawrence Barfield äußerte außerdem sein Staunen darüber, daß ein Mann aus der Steinzeit mit einer Kupferaxt im Design der Bronzezeit umhergezogen sein soll. Von den vierzehn Pfeilen, die der Wanderer bei sich hatte, sind nur zwei gefiedert und damit gebrauchsfertig. Das Heu, welches nach dem Fund mit dem Toten in die Pathologie eingeliefert wurde, ist völlig unversehrt und sieht nicht gerade sehr alt aus. Außerdem ist es nicht im geringsten plattgedrückt, obwohl es in einem Gletscher gelegen haben soll, der um die Jahrhundertwende noch einen gemessenen statischen Druck von sieben bis zehn Tonnen je Quadratmeter aufwies, abgesehen von den Scherkräften. Selbst wenn man davon ausgeht, daß der Gletscher keine Fließbewegung vollzogen hätte, wäre Heu nach 5300 Jahren auf keinen Fall mehr gekräuselt. Die völlige Enthaarung des Toten läßt sich ebenfalls nicht erklären. Waren es die Fließbewegungen des Gletschers, die zwar alle Haare des Toten entfernten, jedoch den Körper, die Finger, die Ohrläppchen nahezu unversehrt ließ?
Die kurz nach dem Gletschermann vom Hauslabjoch am benachbarten Stubaier Gletscher aufgefundene Katze angeblich gleichen Alters gibt ebenfalls zu denken. Sie wurde an einer Stelle geborgen, wo der Gletscher dermaßen stark floß, daß auf den Felsen tiefe Schrammen zu sehen sind. Nicht weit entfernt befinden sich die Reste eines kleinen Flugzeuges, daß 1943 auf dem Gletscher notlandete und von diesem – durch seine Scherkräfte – zu einem unansehnlichen Knäuel verformt wurde, während die Katze in 5300 Jahren nicht ein Schnurrhaar verloren hat. Am Hauslabjoch wiederum gab es zwar einmal einen Gletscher, doch wurde bereits bei der Grenzvermessung nach dem Ersten Weltkrieg dokumentiert, daß es sich dabei nur noch um kleine Reste handelte. An der Fundstelle Hauslabjoch gab es, als man Ötzi fand, schon seit Jahrzehnten keinen Gletscher mehr. Und selbst wenn: Um das Jahr 1890 war der in Frage kommende Gletscher noch vierzehn bis zwanzig Meter stark, was einem Dauerdruck von sieben bis zehn Tonnen pro Quadratmeter entspricht. Doch nicht einmal die Struktur des Untergrundes konnte dadurch in die Haut der Leiche gedrückt werden. Wenn der Tote wirklich von heute auf morgen freigegeben worden sein soll, aber weit und breit kein Gletscher zu sehen ist, muß er schon jahrelang an der Fundstelle gelegen haben, was aber nicht mit seinem Zustand zu vereinbaren ist.
Selbst wenn man die Aussagen der Wissenschaft als der Wirklichkeit entsprechend annimmt, ergibt sich ein Problem, für das es keine Lösung gibt: Wenn also Ötzi erst erfroren, sodann durch wärmere Klimaverhältnisse gedörrt worden ist (ohne während dieses lange dauernden Vorgangs ein Opfer der in den Bergen lebenden Tiere, der Dohlen, Krähen, des Raubwildes und insbesondere der Schmeißfliegen, die ihre Eier auf ihm abgelegt hätten, geworden zu sein!) und anschließend für tausende Jahre von einem Gletscher bedeckt worden ist, der zwar Geröll mit sich führt und alles unter ihm zerkleinert, ihn aber völlig ungeschädigt läßt; wenn dann dieser Tote mitsamt seinen Utensilien ein Abschmelzen des Gletschers um zwei Höhenmeter in einem eher flachen Gebiet innerhalb eines Zeitraums voraussetzt, in dem nicht einmal einer der Gegenstände von seinem Platz geweht wird, dann kann noch immer nicht erklärt werden, warum all diese Witterungseinflüsse die Oberfläche des Toten völlig gleichmäßig mumifiziert haben: den Rücken genauso wie den Bauch, auf dem er lag; den freiliegenden Kopf genauso wie die Hand unter der Felsplatte. Diese Leiche hat keine Waschhaut, obwohl sie über längere Zeiten im Wasser gelegen haben soll, sie hat aber noch Augäpfel, obwohl sie infolge ihres hohen Wassergehaltes längst hätten platzen müssen.
Man ist geneigt zu überlegen, wer ein Interesse an einem falschen Ötzi haben könnte. Möglicherweise war alles wirklich als Spaß gedacht und gewann dann eine Eigendynamik. Zweifelsfrei wird von dieser Gletschermumie nur eines bewiesen: Die Wissenschaft, die Geschichte und die Tatsachen, die allgemein geglaubt und reproduziert werden, bilden unser Wirklichkeitsbewußtsein. Was aber tatsächlich abgelaufen ist, werden und wollen wir zunächst nicht wahrhaben, sobald eine schlüssige Wirklichkeit auf die Beine gestellt und verbreitet wurde. Die unzähligen Forscher, Institute, Autoren, Verlage, Buchhändler und Medien, die sich während der vergangenen Jahre mit dem Toten beschäftigten, verdienten allesamt damit ihr Geld. Das Publikum war fasziniert von dem tiefen Einblick, den der Fund in vergangene Epochen gestattet. Museen kassieren Eintritt für den Blick auf diesen „Urahn des Alpenmenschen“, und endlich gab es für viele Enkelkinder wieder spannende Weihnachtsgeschenke. Ötzi ist zum kulturellen Gut geworden, zum Konsens über geschichtliche Abläufe. Ob er echt ist und wirklich in einem Gletscher (der an dieser Stelle nicht vorhanden ist und sich auch nicht von heute auf morgen, sondern allenfalls im Zeitraum von Jahren um mehrere Meter zurückzieht) darauf harrte, im September 1991 Reinhold Messner zu treffen, spielt keine Rolle mehr. Ötzi ist echt, weil er echt sein soll. Daß ab einem bestimmten Zeitpunkt die mit der Erforschung betrauten Stellen und Personen nicht mehr daran interessiert waren, sich ihre eigene Arbeitsgrundlage zu nehmen, indem sie den Gletschermann als Fälschung entlarven, ist zwar nicht mit wissenschaftlicher Ethik vereinbar, verwundert jedoch nicht. Was dem Skeptiker bleibt, ist die Nachdenklichkeit über das Fehlen einer wirklichen, einer authentischen Geschichte. Natürlich hat sich alles so zugetragen, wie es sich zugetragen hat, doch bleiben die Geschehnisse allesamt vom Dunkel der Geschichte verhüllt, deren Lauf von der Wissenschaft aus vielerlei Gründen nicht nachvollzogen werden kann. Einige von ihnen lassen sich anhand der Ötztal-Geschichte reflektieren.