Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/1256

Thomas Blubacher, Schriftsteller und Theaterregisseur, widmet sich in seinen Büchern gerne biografischen Brüchen und Abstürzen bekannter Persönlichkeiten.
Thomas Blubacher verfasst umfangreiche Biografien, inszeniert Theaterstücke, hat Lehraufträge an Universitäten, und im nächsten Jahr wird ein Theaterstück von ihm uraufgeführt. Nur selten gelingt dieser Spagat zwischen praktischer Theaterarbeit und literarischem Schreiben. Blubacher scheint er zu gelingen. Worauf beruht seine Produktivität? Ist sie das Resultat von grossem Fleiss? «Bin ich wirklich fleissig, weiss ich gar nicht.» Nur ungern lässt er sich festlegen, dieser Mann, der eine nicht nur entfernte Ähnlichkeit mit Heinz Erhardt hat, dem genialen Melancholiker unter den Komikern. Dabei hat es Thomas Blubacher gar nicht so mit der Komik und mit dem Humor oder doch nur auf sehr verborgene Weise
Man könnte den promovierten Theaterwissenschafter (Jahrgang 1967), den es seit seiner Kindheit zum Theater zog, eigentlich als Spezialisten für gefährdete Existenzen, biografische Brüche und Abstürze bezeichnen.
Nach dem Studium und einigen Lehraufträgen an Universitäten begann er mit Inszenierungen an kleineren Bühnen, vor allem in Basel, später an den verschiedensten Stadttheatern und Festspielen. Es sind unzählige Stücke, die Blubacher inszeniert hat, von Goldoni über Raimund bis Sartre. Sozusagen im Nebenberuf blieb er Dozent für Theaterwissenschaft, die damit verbundenen Lehraufträge weckten sein Interesse für das Biografische.
Exilierte des Theaters
Nach der jahrelangen Arbeit am «Theaterlexikon der Schweiz», das er in Teamarbeit verfasste, und einem Buch über das Theater Basel in den Jahren 1933–1945 fokussierte sich sein Blick auf die Exilierten des Theaters – die durch die Zeitgeschichte aus der Bahn geworfenen Existenzen. Zu Blubachers bisher erfolgreichstem Buch wurde die Doppelbiografie der Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn – von Haus aus reiche und hochbegabte Bühnenkünstler, die im Berlin der Roaring Twenties Furore machten und später, von den Nazis in die Emigration gezwungen, in den USA ihren Niedergang erlebten. Dem von Drogensucht und Depression gezeichneten Lebensweg der Geschwister spürt Blubacher nach – «mit Behutsamkeit und Takt, doch ohne falsche Scham», wie es in einer Rezension heisst.
Detailversessener Autor
Durch die Arbeit als Regisseur habe er, glaubt Blubacher, einen bestimmten Sinn für Rhythmus und Pointen entwickeln können, der ihm jetzt beim Schreiben seiner Bücher zugute kommt. So ist das Schreiben auch mehr und mehr zu seiner Domäne geworden: «Von meinen Inszenierungen hat ‹Theater heute› kaum je Notiz genommen, aber jede meiner Biografien wird dort besprochen.»
Seit bald 15 Jahren beschäftigt sich Blubacher mit Gustav Gründgens. Momentan ist er am dritten und abschliessenden Teil der Biografie, die 2013 erscheinen wird. Es soll die erste wirklich fundierte Lebensgeschichte des grossen Schauspielers und Regisseurs werden, der den meisten vielleicht mehr durch Klaus Manns lange Zeit verbotenen Schlüsselroman «Mephisto» über den Preussischen Generalintendanten und Staatsrat von Görings Gnaden und durch den gleichnamigen Kinofilm als durch seine Bühnenrollen in Erinnerung geblieben ist. Bei seiner Arbeit in den Archiven ist Blubacher, wie er einräumt, durchaus detailversessen. Je länger man forscht, meint er, desto öfter stösst man auf Unwahrheiten und Ungenauigkeiten, die über eine Persönlichkeit in Umlauf gesetzt wurden.
Womit wir wieder beim Fleiss sind: denn Recherche ist oftmals öde Fleissarbeit, aber sie gehört ebenso dazu, wie sie zu der Aufklärung eines Kriminalfalls gehört. So ist es «detektivische Neugier», die Blubacher jedesmal packt und stimuliert, wenn er einen der von ihm ausgewählten «Fälle» bearbeitet. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Zeitzeugen. Daraus ergeben sich «beglückende Erlebnisse» ebenso wie unergiebige und quälend langweilige Teestunden.
Berühmtheiten wie Gründgens sind bei seinen biografischen Recherchen eher die Ausnahme, meistens geht es Blubacher darum, weitgehend Vergessene ans Licht zu bringen. Und das sind nicht immer spektakuläre Lebensläufe. In der Biografie von Oskar Wälterlin zeigt sich Blubachers Fähigkeit, Zeitgeschichte an einem konkreten Fall erlebbar zu machen – dem eines Theaterleiters auf neutralem Boden während Kriegszeiten. Wälterlin leitete viele Jahre das Schauspielhaus Zürich, nachdem er 1932 in Basel, nach dem Bekanntwerden einer homosexuellen Beziehung zu einem Schauspieler, als Intendant des Stadttheaters abgesetzt worden war. Wälterlin liess an den von ihm geleiteten Häusern gleichzeitig Verfolgte des Naziregimes wie auch «NS-belastete Kollegen» auftreten, und dabei gelang es ihm, ziemlich unbeeindruckt von politischem Druck im In- und Ausland, kritisches Theater zu machen.
Der gemeinsame Nenner von Blubachers Arbeit heisst: Kunst in gefährlichen Zeiten. Sie bilden auch den Hintergrund der 18 Miniaturen, die in dem Buch «Die Holbeinstrasse, das ist das Europa, das ich liebe» versammelt sind. Etwas willkürlich wirkt hier die Zusammenstellung von literarischer Prominenz auf Lesereise und Flüchtlingsschicksalen.
Ein faszinierendes Buch hat Blubacher über das Exil deutscher Schriftsteller und Filmregisseure im kalifornischen Exil während des Zweiten Weltkriegs herausgebracht. Während eines mehrmonatigen Stipendiums in Pacific Palisades konnte er sich dieser Forschungsarbeit widmen. «Das war eine faszinierende Zeit», sagt Blubacher, «man schläft im Bett von Feuchtwanger, man sitzt am Schreibtisch von Werfel, und wenn man einkaufen geht, steht man gelegentlich mit Tom Cruise oder Spielberg in der Schlange.»
Eine Auswahl an Publikationen von Thomas Blubacher:
«Befreiung von der Wirklichkeit» – Das Schauspiel am Stadttheater Basel 1933–1945, Edition Theaterkult Verlag 1995.
«Die Holbeinstrasse, das ist das Europa, das ich liebe», Schwabe Verlag 2010.
«Oskar Wälterlin und sein Theater der Menschlichkeit», Henschel 2011.
«Paradies in schwerer Zeit» – Künstler und Denker im Exil von Pacific Palisades, Sandmann Verlag 2011.
«Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht» – die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn, Insel TB 2012.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25.05.12