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Von Hans Speck
Im Ersten Weltkrieg gab es erstmals Bombenangriffe aus der Luft und Chemieangriffe. Diese Erfahrungen führten in der Schweiz zum Aufbau des aktiven Luftschutzes als Aufgabenbereich der Armee und des Luftschutzes für die Zivilbevölkerung. Letzterer wurde 1936 als eigene Abteilung im Eidgenössischen Militärdepartement (EMD) errichtet. Bei Kriegsausbruch 1939 war der zivile, unbewaffnete und örtlich organisierte blaue Luftschutz (blau wegen der blauen Überkleider) einsatzbereit. Die Aufgaben dieser Organisation waren das Einrichten von Schutzräumen, die Verdunkelung, die Informationsbeschaffung und -Verbreitung usw. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Organisation aufgelöst und durch die im Rahmen der "Truppenorganisation 1951“ geschaffenen Luftschutztruppen als Bindeglied zum örtlichen Zivilschutz, ersetzt.
Luftschutzkompanie Netstal
Netstal wurde durch den Bundesbeschluss vom 29. September 1934 als luftschutzpflichtig erklärt. Es bildete anfänglich mit Glarus, Riedern und Ennenda eine Einheit, ab dem 6. Dezember 1935 jedoch einen selbst-ständigen Luftschutzkreis. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im August 1939 bis Kriegsende im Sommer 1945 stand die Netstaler Luftschutzkompanie unter der straffen Leitung von Ochsenwirt Hauptmann Jakob Schäppi. Organisatorisch war die Einheit in verschiedene Dienstzweige eingeteilt, bestehend aus einer Alarmgruppe, einer Beobachtungsgruppe, einer Verbindungsgruppe, dem Technischen Dienst, dem Chemischen Dienst, der Sanität, der Feuerwehr und der Polizei. Die meisten der von der Gemeinde Aufgebotenen waren vom Militärdienst Befreite oder solche, die aus gesundheitlichen Gründen aus der Armee entlassen wurden. Dazu kamen mehr oder weniger Zivilisten. Diese gingen in den sechs Kriegsjahren neben dem Zivilschutzdienst ihrer bürgerlichen Arbeit nach.
Es war eine düstere und anstrengende Zeit, bedrückt von den Ereignissen an den verschiedenen Kriegsfronten. Dänemark, Norwegen, die Tschechoslowakei und Österreich waren von den Deutschen besetzt. Das Vordringen
von Hitlers Armee durch Frankreich und Belgien nach Holland, die grauenhaften Luftangriffe auf Rotterdam, Warschau und Coventry, die Überfälle auf Polen und Russland, die Übergriffe der Nazi- und Faschisten-Armeen nach Afrika lasteten schwer auf den Schultern der Männer und Frauen im Luftschutz. Die Kriegsfront hatte sich auch mit den Bombenabwürfen auf das Hoheitsgebiet der Schweiz, vor allem auf die Stadt Schaffhausen bedrohlich der Schweizer Grenze genaht.
Trotzdem notierte Lehrer Florian Riffel, damals Chef der Luftschutz-Polizei, einige heitere Müsterchen in sein Büchlein „Florians Zigermandlisalat“. Eines davon wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten.
Soldat Lilly
Sie war eine kleine, reizend hübsche Soldatin, Bürokraft im Dienstzweig „Alarm – Beobachtung – Verbindung“; falls ich mich recht erinnere. In der Neujahrsnacht 1944/45 stand sie auf der Wachtliste. Es war eine eiskalte, stürmische Nacht mit wildem Schneetreiben. Um sieben Uhr abends kam ihr Vater, ein ehrsamer Metzgermeister; allgemein beliebt, dies nicht nur weil er für unsere Kompanie ein grosszügiger Lieferant war. Bescheiden fragte er, ob sein Lillely bei solchem Wetter wirklich auf Patrouille gehen müsse. Da fiel es mir natürlich nicht schwer, den besorgten Vater zu trösten. Das Lillely dürfe diese Nacht hier im warmen Büro bleiben und den Telefondienst betreuen. Ich selber würde, und zwar mit dem grössten Vergnügen, an ihrer Stelle durch das Schneetreiben stapfen.
Es tat wirklich gut, dem Qualm des Wachtlokals zu entrinnen und mit zwei Soldaten – einem Tanzmusiker und Kirchenorganisten und einem pilzkundigen Coiffeur – durch das Dorf zu streifen. Als um Mitternacht die
Glocken das Neue Jahr einläuteten, waren wir zurück auf dem Posten, schüttelten den Schnee von den Mänteln und Helmen, weckten drei Schläfer und hetzten sie in den Flockenwirbel hinaus. Das Lillely wurde für diese Nacht vorzeitig entlassen. Da sagte das Frätzchen, nun müsse ich mit ihm unbedingt nach Hause kommen; der Vater habe für uns was bereitgestellt. Einem solchen Befehl hatte selbst ein Luftschutz-Oberleutnant zu gehorchen.
Im Schlachthaus händigte Soldat Lilly einen schweren Packen aus und wünschte uns allen einen Guten. Da
gab es auf dem KP ein fast ergriffenes Staunen! Im fünften Kriegsjahr eine solche Fülle von Schinken, Würsten, Wädli, Gesottenem und Verschnittenem, geschenkt und ohne Märklein! Nur wer die immer magerer werdende Fleischzuteilung jener Jahre miterlebt hat, kann unseren Jubel verstehen. Der Organist und der
Bartschaber erbaten sich ein paar Minuten Urlaub; und schneller, als es sonst ihre Art war, stampften sie wieder herein. Der eine mit den Armen voller Weinflaschen, der andere mit einem Gugelhopf und einem grossen Glas, gefüllt mit in Essig eingemachten Pilzen… Und dann haben wir geschwelgt! Mein Kofferradio lieferte die Tafelmusik. Die Kriegsnachrichten, die ja nur noch von vernichteten Divisionen und ausradierten Städten berichteten, wurden in dieser Nacht nicht abgehört.
Als die Patrouilleure nach Stunden wie Schneemänner zurückkehrten – als wir andern wieder hinaus mussten – war auch für sie noch genügend vorhanden. Ausnahmsweise schwiegen auch die Sirenen. Bis am Morgen hiess es immer nur: „Linie gut…“
aus: Florian Riffel, Florians Zigermandlisalat