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Das ist wohl einer der häufigsten Sätze, die ich in Parks höre – oftmals gepaart mit dem Anblick eines 50 kg Hundes, der im gestreckten Galopp auf uns zukommt, den Blick auf meinen Hund fixiert, die Rute hoch erhoben und jeder Muskel angespannt. Da stellt sich doch die Frage, ob der wirklich nur Hallo sagen will…?! Warum Hundebegegnungen oft so spannungsgeladen sind, erkläre ich in diesem Artikel.
Sozialverhalten oder Territorialverhalten?
Wenn ein Hund auf eine solche Annäherung wie oben beschrieben reagiert, indem er knurrt, bellt oder sogar beisst, dann hört man häufig «Der hat ja ein gestörtes Sozialverhalten! Meiner wollte ja nur Hallo sagen!».
Aber ist das wirklich der Fall? Zeichnet sich Sozialverhalten dadurch aus, dass alle Hunde freudestrahlend empfangen werden?
Ich behaupte, Sozialverhalten ist gar nicht die richtige Kategorie, um das Verhalten zwischen den Hunden zu beschreiben. Dazu hole ich ein bisschen weiter aus. Der Großteil der Hunde, die auf der Welt leben, leben nicht wie unsere Hunde mit dem Menschen zusammen im Haus, werden nicht täglich spazieren geführt und besuchen auch keine Hundeschule. Die Mehrheit der Welthundepopulation lebt in der Natur, auf der Straße, in der Nähe von Siedlungen u.ä. unter Hunden. Wenn wir uns diese Hunde anschauen, dann können wir feststellen, dass sie in kleineren und grösseren Gruppe zusammenleben. Dieses soziale Zusammenleben bringt Vorteile mit sich, weil es ermöglicht, Aufgaben aufzuteilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Gemeinsam sind die Überlebenschancen und natürlich auch die Fortpflanzungschancen größer als allein. Diese Hunde leben mit ihrer sozialen Gruppe an einem festen Ort, in ihrem Territorium. Ein Territorium dient dazu, den Hunden Sicherheit zu geben. Dort können sie in Sicherheit schlafen, spielen, Nahrung suchen, fressen, sich fortpflanzen und den Nachwuchs großziehen.
Das Territorium wird mit Urin und Kot markiert, um es nach aussen hin abzugrenzen und so anderen Hundegruppen mitzuteilen, dass dieses Gebiet bereits besetzt ist.
Diese Grenzen zu respektieren, ist für die Hunde enorm wichtig, denn ein Hund, der nicht zur Gruppe gehört, würde mit großer Wahrscheinlichkeit in deren Territorium nicht freundlich aufgenommen werden. Das Mindeste, was passieren würde, ist, dass er vertrieben werden würde, weil er eine Bedrohung für die Sicherheit der Gruppe selbst oder indirekt für ihre Ressourcen (Nahrung, Liegeplätze, Wasser usw.) darstellen würde.
Das Abgrenzen eines Territoriums über Markierstellen und das Respektieren dieser Grenzen durch die anderen Hunde dient also dazu, ernsthafte Konflikte zu vermeiden.
Bei uns Menschen funktioniert das übrigens sehr ähnlich. Wir sichern unsere Wohnungen mit abschliessbaren Haustüren, den Garten mit einem stabilen Zaun und unsere Konten mit Passwörtern, um unsere Sicherheit und die Sicherheit unserer Ressourcen zu gewährleisten. Wir sind bereit, unsere Ressourcen mit unserer eigenen sozialen Gruppe zu teilen, aber wir fänden es nicht lustig, wenn sich fremde Menschen an unserem Kühlschrank oder unserem Girokonto bedienen würde. Haben wir also ein gestörtes Sozialverhalten, weil wir den Einbrecher aus unserem Haus vertreiben?
Wenn unsere Hunde auf fremde Hunde treffen, dann ist das, was wir beobachten, nicht Sozialverhalten. Es handelt sich dabei nämlich nicht um ihre eigene soziale Gruppe, nicht um ihre Sozialpartner. Was wir beobachten, ist Territorialverhalten. Andere (insbesondere gleichgeschlechtliche) Hunde sind potentielle Konkurrenten um ein Territorium und um die darin enthaltenen Ressourcen.
Zeitung lesen an jeder Straßenecke?
Auch unseren Haushunden wohnt das Bedürfnis nach Sicherheit noch inne. So wie wir aber mit unseren Hunden zusammenleben, ist es für sie nicht möglich, ein sicheres Territorium zu bewohnen, indem sie nur mit ihrer eigenen sozialen Gruppe, also uns, zusammenleben und Konflikten mit Artgenossen aus dem Weg gehen können.
In einer Grossstadt in der zigtausend Hunde auf engem Raum zusammenleben, können wir nicht vermeiden, dass wir anderen Hunden draussen begegnen. Und so kreuzen wir auf unseren täglichen Runden jedes Mal Hunderte Markierstellen anderer Hunde, die für unsere Hunde eine klare Botschaft enthalten: «Hier bin ich schon, du hast hier nichts verloren».
Wenn ein Hund neu bei uns einzieht, sei es ein Welpe oder vielleicht auch ein erwachsener Hund aus dem Tierschutz, dann können wir häufig beobachten, wie gut Hunde diese geruchliche Kommunikation über die Markierungen verstehen, denn dann gibt es oftmals Situationen, in denen die Hunde nicht weitergehen möchten. Sie verstehen, dass sie nicht mit offenen Armen empfangen werden, sollten sie auf denjenigen treffen, der hier schon vor ihnen regelmässig markiert hat. In den ersten Tagen oder Wochen wird dann meist auch noch nicht markiert, die Hunde versuchen eher nicht aufzufallen. Merken sie dann aber, dass sie nun anscheinend länger hier wohnen werden, sind sie beinahe gezwungen, über das Markieren Anspruch auf das Gebiet zu erheben, um sich wieder sicher fühlen zu können.
Weil unsere Hunde entweder an der Leine geführt werden oder weil sie uns gegenüber so sozial sind, dass sie uns nicht alleine in unser Verderben (das Territorium fremder Hunde) laufen lassen, haben sie nicht die Wahl, den anderen Hunden aus dem Weg zu gehen. Wir überlaufen jegliche geruchliche Grenze ohne eine Ahnung davon zu haben, in welchen Zwiespalt wir unsere Hunde damit bringen; während unsere Hunde damit beschäftigt sind, die Pinkelstellen der anderen Hunde zu checken und sich so zu informieren, auf was wir uns gegebenenfalls gefasst machen müssen. Je nachdem, wie der andere Hund eingeschätzt wird, wird dann noch übermarkiert. So werden teils über Jahre Diskussionen auf geruchlicher Ebene geführt, ohne dass sich die Hunde überhaupt begegnet sein müssen.
«Der Hund muss doch Zeitung lesen dürfen!» heisst es dann oft. Dabei sollte man sich fragen, was der Hund dann mit den Informationen anstellt, die er in der Zeitung liest. Zeitunglesen ist schliesslich kein Selbstzweck. Niemand würde dieselbe Zeitung an drei Tagen hintereinander lesen wollen, denn die Informationen blieben ja die gleichen. Zeitung zu lesen ist nur dann sinnvoll, wenn man Informationen gewinnen will. Diese Informationen müssen für uns und für unsere Hunde relevant sein, sonst würden wir die Zeitung nicht lesen. Wir lesen die Zeitung, um zu erfahren, was politisch vor sich geht, weil es Einfluss auf unser Leben haben kann; weil wir nach einem neuen Job oder gar Partner suchen; weil wir von Veranstaltungen in unserer Umgebung erfahren wollen und und und. Diese Informationen beeinflussen unser Denken und Handeln. So ist es auch beim Hund.
Hunde haben kein Schnupperbedürfnis. Schnuppern ist kein Ziel, sondern ein Mittel.
Ein Hund erschnuppert sich, welche Hunde, Menschen usw. vor ihm hier waren, er informiert sich über Chancen (Sexualpartner? Wildgerüche? Essensreste?) und Risiken (Konkurrenz? Bedrohungen?) und er wird sein Denken und Handeln daran anpassen, was er für Informationen gewonnen hat.
Mein Park, dein Park?
Wenn die Hunde sich dann persönlich begegnen und sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich nicht langfristig aus dem Weg gehen können, dann entstehen genau diese Situationen, in denen Menschen sagen «Meiner will nur mal Hallo sagen!». Das kann je nach Hundepersönlichkeit ganz unterschiedlich aussehen.
Da gibt es diejenigen, die mit hoch erhobener Rute angepest kommen und sich direkt aufbauen oder diejenigen, die sich mit gesenktem Kopf und gerader Rute fixierend anschleichen und dann losschiessen. Sie machen klar, dass wir hier nichts verloren haben.
Aber es gibt auch diejenigen, die mit angelegten Ohren und niedrig wedelner Rute angelaufen kommen, um zu beschwichtigen. Sie kommunizieren, dass sie gar keinen Ärger wollen und schliesslich auch nichts dafür können, dass sie hier durch «unser» Gebiet laufen. Bei diesen Hunden wird dann häufig gesagt «Mein Hund liebt alle Hunde» – dabei möchte dieser Hund nur keinen Konflikt und beschwichtigt den anderen Hund schon vorsorglich. Nicht immer kommt das dann gut an, denn manche Hunde wollen nicht beschwichtigt werden, sondern wollen, dass der andere Hund aus «ihrem» Territorium verschwindet. Und so kann es dann trotzdem zu Konflikten kommen, wenn zwei Hunde einfach ganz unterschiedliche Strategien haben, miteinander umzugehen.
Brauchen Hunde Kontakt zu anderen Hunden?
Hunde brauchen nicht per sé Kontakt zu Artgenossen, Hunde brauchen vor allem Kontakt zu ihrer eigenen sozialen Gruppe. Für manche Hunde ist es eine Bereicherung, wenn sie in ihrer sozialen Gruppe auch mit anderen Hunden zusammenleben; anderen wiederum reicht ihr Mensch vollkommen aus und wieder andere geniessen Hundekontakte zu lange bekannten Hundefreunden, die sie regelmäßig treffen können.
Begegnungen mit fremden Hunden sind in aller Regel erstmal spannungsgeladen. Es ist ein Zusammenspiel von Rasse, Alter, Persönlichkeit, Sozialisierung, Erfahrungen; Geschlecht, Verhalten und Erfahrungen des anderen Hundes und auch Vertrauen zum eigenen Menschen, ob aus spannungsgeladenen ersten Begegnungen langfristig Hundefreundschaften entstehen können. Bis Hunde wirklich spielen, braucht es in der Regel mehrere Begegnungen in einer entspannten Umgebung, sodass die Hunde sich kennenlernen und Vertrauen zueinander aufbauen können.
Hunde brauchen also keinen direkten Kontakt zu fremden Artgenossen. Da wir aber nicht vermeiden können, in unserem Alltag auf andere Hunde zu treffen, ist es dennoch ratsam, darauf hinzuarbeiten, dass unsere Hunde entspannt mit anderen fremden Hunden umgehen können und vor allem ihr Vertrauen in uns wächst, dass wir sie in solchen Begegnungen nicht alleine lassen, sondern moderierend dabei sind und wenn nötig eingreifen, sodass sie Konflikte nicht auf sich allein gestellt regeln müssen.
Zur Verfügung gestellt von Sarah Feist
Kompass Hund