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Pierin Vincenz wurde unmittelbar nach seiner Zeit als Raiffeisen-Chef per 1. Oktober 2015 Präsident des Verwaltungsrats der grossen Helvetia Versicherung.
Vincenz trat in die Fussstapfen des Helvetia-Patriarchen Erich Walser. Der war Ende 2014 nach kurzer Krankheit überraschend verstorben.
Unter Vincenz begab sich die Helvetia sofort auf Einkaufstour. Im Dezember 2016 legte die Versicherung 107 Millionen Franken für 70 Prozent an der jungen MoneyPark auf den Tisch.
Seit Vincenz vor 7 Wochen ins Gefängnis gesteckt wurde, fragen sich Ermittler und Beobachter, ob der Bündner auch bei der Helvetia umstrittene Privatdeals getätigt hatte.
Die Helvetia unter ihrem eloquenten CEO Philipp Gmür bestritt dies stets. Und auch einer der MoneyPark-Gründer betont auf Anfrage, dass Vincenz oder sein ebenfalls inhaftierter Partner „nie direkt oder indirekt“ an der Firma beteiligt gewesen sei.
Nun aber tauchen gemeinsame Privat-Beteiligungen von Vincenz und Helvetia-Spitzenleuten auf. Diese werfen die Frage auf, ob die Helvetia, die an der Börse kotiert ist, ebenfalls in den Strudel um den Ex-Raiffeisen-Boss hineingeraten könnte.
Zwei Firmen stehen dabei im Fokus. Bei der einen handelt es sich um die Commtrain. Diese vertrieb kleine Zahlstationen für den Kauf mittels Kreditkarte. Sie wurde 2007 von der Aduno gekauft, bei der Vincenz damals Präsident war.
Der Fall Commtrain hat den Fall Vincenz ins Rollen gebracht. Vincenz hatte sich vorab an der Commtrain beteiligt.
Aber nicht nur er. Sondern auch Hermann Sutter.
Sutter ist einer der langjährigen und bekanntesten Helvetia-Manager. Er war lange der absolute Vertrauensmann von Erich Walser, dem grossen Mann der Helvetia.
Sutter stieg nach der Jahrtausendwende auf und wurde Chef der Division Nicht-Leben bei der Helvetia Schweiz. Kurz vor seinem Karriereende nahm Sutter auch ad interim Einsitz in der Konzernleitung der ganzen Helvetia-Gruppe.
Bei der Commtrain sass Sutter von 2002 bis 2007 im VR. Kurze Zeit hielt er auch das Präsidium inne.
Als die Aduno, an der die Raiffeisen 25 Prozent hält und deshalb Vincenz dort Präsident war, im Frühling 2007 die Commtrain für rund 6 Millionen erwarb, profitierte auch Sutter.
Der Helvetia-Manager kassierte über 400’000 Franken – privat. Er war nämlich Mitinhaber.
Gleichzeitig hatte er den Verkauf abgewickelt. Er löste die Zahlungen an die Besitzer der Commtrain aus, nachdem die Aduno die Kaufsumme überwiesen hatte.
Eine Helvetia-Sprecherin sagt, dass die Versicherung über das Investment ihres wichtigen Managers im Bild gewesen sei.
„Wir haben Kenntnis von diesem privaten Engagement von Herrn Sutter, das schon mehr als 10 Jahre zurück liegt und unseres Wissens vor die Zeit fällt, da Commtrain verkauft wurde.
„Ob und inwiefern dies mit dem ‚Fall Vincenz‘ irgend etwas zu tun hat, entzieht sich unserer Kenntnis.
„Da dieses Engagement nichts mit Helvetia zu tun hatte, können wir dazu keine weitere Stellung nehmen.“
Sutter ist inzwischen in Pension. Er ist weiterhin als VR-Mitglied bei einer kleinen Finanzfirma aktiv. Auf eine Anfrage per E-Mail und telefonisch über seine neue Firma reagierte er nicht.
Im zweiten Fall geht es um eine Spezial-Druckfirma in St. Gallen. Sie heisst Typotron und wurde in den 1970er Jahren von einem Unternehmer namens Rolf Stehle gegründet.
Stehle merkte 2012, dass er seine Firma verkaufen musste. Seine Kinder wollte sie nicht übernehmen, und das Geschäft wurde härter.
Stehle wurde mit Vincenz handelseinig. Man vereinbarte, die Typotron für 500’000 Franken zu verkaufen.
Obendrauf wurden 3 Mal 35’000 Franken als Goodwill vereinbart, zu zahlen jeweils im Januar 2013, 2014 und 2015.
Fürs Operative verwies Vincenz an seinen Vertrauensmann Beat Stocker. Die Due Diligence für den Kauf erledigten die Stabsleute von Vincenz in der Raiffeisen.
Abgewickelt wurde der Deal über eine Finanzgesellschaft namens Fortuna Finance AG. Diese gehörte Vincenz, dem Helvetia-Präsidenten Erich Walser sowie einem Michael Vogt. Der verkaufte seine Firma ebenfalls an Vincenz.
Erich Walser war rund um den Kauf der Druckfirma Typotron involviert. Er hatte ein Darlehen von 400’000 Franken an die Fortuna Finance überwiesen, jenes Vehikel also, das die kleine Spezialitäten-Druckerei Ende 2012 offiziell übernommen hatte.
Wer hinter der Fortuna Finance stand, wusste offiziell niemand.
Auch hier sagt die Helvetia, sie habe Kenntnis vom Investment, welches ihr ehemaliges Aushängeschild Erich Walser privat getätigt habe.
„Helvetia wusste um diese Beteiligung. Für solche Fälle kannte und kennt Helvetia klare Richtlinien zur Vermeidung von Interessenkonflikten.“
Kaum war der Deal über die Bühne, übernahm Vincenz-Mann Stocker das Zepter. Er wollte alles auf den Kopf stellen.
Verkäufer Rolf Stehle, der noch im VR hätte bleiben sollen, schmiss den Bettel hin. Er wollte nichts mehr mit den Käufern seiner Typotron, Pierin Vincenz und seinem Adlaten Stocker, zu tun haben.
Die Typotron verfügte über Druckaufträge für Prospekte und Flyer der Raiffeisen und der Helvetia. In der Vor-Vincenz-Ära hatte die Typotron sogar den Geschäftsbericht der Raiffeisen gedruckt.
Somit gab es potenzielle Interessenkonflikte unter dem verstorbenen Walser, der damals einerseits Präsident der Helvetia war und andererseits privates Geld bei der Typotron investiert hatte.
„Aufträge an Lieferanten wurden und werden nach einem geordneten Ausschreibeprozess vergeben“, meint dazu die Helvetia-Sprecherin.
Mit der Typotron ging es unter der Führung von Vincenz und Stocker rasch bergab. 2016 wurde das Unternehmen verkauft.
Zuvor, im 2015, wollte Vincenz die letzte Erfolgstranche über 35’000 Franken an Verkäufer Stehle nicht mehr bezahlen.
Durch das „unselige Investment“ sei die „Finanzlage der Fortuna Finance AG stark in Mitleidenschaft gezogen“ worden, hielt Vincenz im Frühsommer 2015 fest. Man sei deshalb „eindeutig nicht in der Lage“, die noch offene Forderung zu begleichen.
Stehle liess sich das nicht zwei Mal sagen. Er reichte sofort Betreibung gegen die Fortuna Finance ein.
Dann ging’s schnell.
Matthias Arn, ein enger Stocker-Vertrauter, der für die Fortuna Finance als einziges VR-Mitglied nach aussen agieren konnte und der bis 2017 Generalsekretär der Aduno war, sorgte dafür, dass die letzte Goodwill-Zahlung über 35’000 Franken rasch erfolgte.
Und damit die Fortuna Finance AG, dieses geheime Vincenz-Vehikel, nicht weiter im Betreibungsregister hell aufleuchten würde.