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Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (18.05.2011)
1957 in Zürich uraufgeführt, kehrt Schönbergs Oper «Moses und Aron» unter der Leitung von Christoph von Dohnányi auf diese Bühne zurück. Dazu inszeniert Regisseur Achim Freyer einen Bilderrausch zum Thema Bildverbot.
Moses sieht aus wie die Mischung eines Hofnarren mit einer japanischen Sagengestalt und der Haarpracht von Regisseur Achim Freyer nach zwei Monaten im Urwald. Aron gleicht eher dem Professor Bienlein aus «Tim und Struppi», auch er in japanisierende Gewänder gehüllt. Und der Tanz um das Goldene Kalb entpuppt sich als Anbetung des kultigen Goldhasen von Lindt (nicht Sponsor dieser Produktion). Das war aber bloss eine von vielen witzigen und farbigen Bildideen im Regie-Universum von Freyer, der an seinem Zürcher Debüt sogleich einen sehr lebendigen Eindruck seiner bildkräftigen Regiesprache hinterliess. Es ist ein endloser Karnevalszug voller Farben und lustvoller Zitate, mit grotesk überhöhten Figuren, mit Tieren und Monstern, mit schrägen Masken und üppig wuchernden Fleischbergen in den Orgienszenen, ein Feuerwerk der Einfälle, überhöht noch durch das Bühnenbild, das wie ein Kaleidoskop mit Spiegeln das Treiben vervielfältigt. Also gar nicht das, was eigentlich das Thema von «Moses und Aron» wäre. Denn in Arnold Schönbergs Oper geht es um das Bildverbot des Judentums, um Zionismus und die Sehnsucht nach der Vereinigung des jüdischen Volkes.
Die ganzen Zwanzigerjahre hindurch beschäftigte sich Schönberg mit diesen Themen, zuerst in der Kantate «Der biblische Weg», dann im Oratorium «Moses und Aron», das sich schliesslich zur Oper wandelte. Die ersten beiden Akte lagen 1932 vollendet vor, dann wurde Schönberg durch die Machtergreifung der Nazis zur Flucht gezwungen und fand bis zu seinem Tod 1951 trotz mehrerer Anläufe nicht mehr die Zeit und Kraft zur Vollendung des dritten Akts. Hermann Scherchen dirigierte in Darmstadt 1951 einen Ausschnitt, drei Jahre später kam eine konzertante Uraufführung unter Hans Rosbaud in Hamburg zustande, und 1957 schliesslich leitete wiederum Rosbaud in Zürich die szenische Uraufführung, die sogleich einhellig als grosses Opernereignis gefeiert wurde.
Der Gedanke und das Bild
Moses und Aron sind Antipoden: Moses personifiziert die reine Kraft des göttlichen Gedankens, die nicht durch Bilder geschwächt werden soll. Immer wieder wird deshalb auch die Bühne schwarz, bleibt nur der Rahmen zurück. Aber Moses ist kein Redner, er braucht eine Stimme, die vom Volk gehört wird: Aron. Er hat das gleiche Ziel, die Freiheit des Volkes Israel und die Herrschaft des einen starken Gottes, aber er ist pragmatischer und gibt dem Volk die Bilder und Symbole, die es verlangt. Aron gibt uns – den goldenen Schokohasen.
Schönberg komponierte das ganze Stück in der von ihm erfundenen Zwölftontechnik. Es soll Menschen geben, die fähig sind, die Zwölftonketten und ihre Permutationen hörend nachzuvollziehen. Für weniger Begabte hört sich Schönbergs knapp zweistündige Oper zwar modern an, aber keineswegs extrem. Die Musik hat immer Gestik und Ausdruck, das Orchester ist farbig und in der Instrumentierung abwechslungsreich, und dank Christoph von Dohnányi am Pult gingen die Feinheiten der Partitur auch nie verloren. Offensichtlich hat man hart gearbeitet: In allen Belangen wirkte das Zürcher Opernorchester souverän. Das galt auch für die extrem schwierigen Chorpartien, die diesmal nicht dem eigenen Ensemble, sondern dem bereits mit diesem Werk erfahrenen Slowakischen Philharmonischen Chor aus Bratislawa anvertraut wurden – gelegentlich nur klang er etwas schrill im Fortissimo. Den Moses sang – oder besser sprach, denn Schönberg schreibt eine Art Sprechgesang vor – Peter Weber ausgezeichnet, textverständlich und mit eindringlicher Intensität. Beim Aron vom jungen amerikanischen Tenor Daniel Brenna hielt die Stimme nicht immer ganz mit, aber er vermochte die mörderische Partie doch mit Anstand zu bewältigen. Die vielen kleinen Partien besetzte das Opernhaus aus dem Ensemble, und auch dabei blieben keine Wünsche offen.