Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03200.jsonl.gz/175

Mythus
und Mytholŏgie. Der Wortbedeutung nach ist
Mythus zunächst soviel wie Rede, Erzählung,
so bei
Homer; aber schon die spätern Griechen gebrauchen das Wort für Erzählung aus vorhistor. Zeit. Jetzt versteht man
unter
Mythus im engern
Sinne, im Unterschied von Sage, einmal eine Erzählung, deren Mittelpunkt ein göttlichem Wesen ist,
und dann den in konkreter Erzählungsform auftretenden religiösen
Glauben. Mythologie als Wissenschaft
des
Mythus ist zunächst der
Inbegriff aller Erzählungen von
Göttern, dämonischen und halbgöttlichen Wesen; dann aber auch
die
Lehre
[* 2] von den
Vorstellungen der
Völker über ihre
Götter, deren Wesen und
Thun und deren Kult.
Die Entstehung des
Mythus hat man sich folgendermaßen zu denken. Die Kräfte, welche die Naturerscheinungen
bedingen, abstrakt als Kräfte aufzufassen, als Wärme,
[* 3] Elektricität u. s. w., vermag nur
das abstrakte
Denken, während der Naturmensch, ebenso wie das
Kind, den Dingen der umgebenden Natur unmittelbar die Eigenschaft
des Lebens beilegt, sowie sie eine Thätigkeit auszuüben scheinen. Erst auf einer höhern
Stufe der
Entwicklung gelangen
beide zu der Erkenntnis, daß man bei jeder Thätigkeit eine wirkende Kraft
[* 4] voraussetzen muß.
Mit Notwendigkeit setzt also eine Zeit, in welcher die Phantasie überwiegt, an Stelle der abstrakten Naturkräfte willensbegabte Persönlichkeiten, von denen die in ihrer Wirkung wahrgenommene Kraft ausgeht. Da aber die Kräfte und deren Wirkungen immer dieselben oder wenigstens immer ähnlich bleiben, so erscheinen sie als die den Persönlichkeiten anhaftenden Eigenschaften. Je nachdem nun die Wirkungen, welche man dem Willen dieser oder jener Persönlichkeit zuschrieb, dem Menschen gegenüber segensvoll oder verderblich waren, erschien die Persönlichkeit als eine freundliche oder als eine feindliche. Da ferner im einen wie im andern Falle die Wirkungen und also auch die sie hervorbringenden Persönlichkeiten über menschliche Kraft erhaben, der menschlichen Einwirkung entzogen waren, so erscheinen diese Personen selbst als übermenschliche Wesen, d. h. als Gottheiten, und zwar mußte man notwendig in der auf den unmittelbaren Eindruck bauenden Zeit so viele Gottheiten annehmen, wie man voneinander unabhängige Kräfte wahrzunehmen glaubte.
Von diesen göttlichen Personen fühlt sich in jedem Augenblick seines Lebens der Mensch abhängig; der Mensch tritt seinen Gottheiten gegenüber in ein religiöses Verhältnis, fühlt gegen die freundlichen Liebe und Verehrung, vor den feindlichen Furcht und Scheu, sucht die freundlichen durch Gebet und Opfer für sich zu gewinnen, die feindlichen durch dieselben Mittel zu entfernen oder zu versöhnen. Aber nicht allein auf den Menschen, sondern auch direkt aufeinander wirken die Naturerscheinungen bedingend ein; es müssen also die sie vertretenden göttlichen Personen auch zu einander in bestimmten, dauernden Verhältnissen stehend vorgestellt werden. Je nachdem die von ihnen ausgehend gedachten Kräfte sich fördern oder aufheben, erscheinen sie in Liebe und Haß gegeneinander, und ¶
mehr
aus der Verschiedenheit der Kräfte ergiebt sich das Verhältnis der Neben- und Unterordnung der göttlichen Personen zu einander.
Die auf Naturwahrnehmung gestützten physischen Mythen haben also bei jedem göttlichen Wesen einen festen Hauptcharakterzug
und ein bestimmtes Verhältnis sowohl zu andern Göttern wie zum Menschen ausgeprägt. Es wird nun auf Grund
der ursprünglichen Gestaltung fortgebaut und der Charakter jedes Gottes nach Analogie des ursprünglichen Typus und unter Mitwirkung
des Verhältnisses, in welchem er zu andern göttliches Wesen steht, ausgeführt. Die Folge ist, daß auch die Beziehung des
so vollendeten, göttlichen Wesens zum Thun und Treiben des Menschen sich vermannigfacht und daß, je fester
sich infolgedessen das religiöse Verhältnis setzt, um so mehr die ursprüngliche physische Gestaltung des göttlichen Wesens
in den Hintergrund, die ethische dagegen in den Vordergrund tritt. Da jedoch auch auf dieser Stufe noch die den
Mythus bildende
Menschheit selbst nur nach Naturtrieben, nicht nach einem sittlichen Gesetz handelt, so kann sich dieses
auch noch nicht bei der Schilderung der Götter und ihrer Handlungen zeigen.
Aus dieser Zeit stammen die vielen, später unsittlich erscheinenden Züge der Göttersage, welche bei dem Fortschreiten des sittlichen Bewußtseins wohl hier und da abgeschwächt, nicht aber ganz getilgt worden sind. Das ist die Entwicklungsstufe, auf welcher die griech. Götter in der griech. Poesie und Kunst stehen: sie sind ethische, potenziert menschliche Wesen, denen aber auch alle menschlichen Schwächen anhaften. (S. Griechische Mythologie.) Auf gleicher Stufe stehen auch die nordgerman. Gottheiten.
Als letzte Phase dieser fortarbeitenden mythischen Thätigkeit ist die vollendete Vermenschlichung ursprünglich göttlicher Wesen zu bezeichnen. Diese ist nur dann möglich, wenn die Naturbedeutung gegen die ethische Entwicklung zurückgetreten ist, und sie erfolgt wohl am häufigsten durch die Berührung der verschiedenen Stämme, welche Gottheiten gleicher Geltung haben. Da, wo sich nicht beide miteinander völlig und unter einem Namen verbinden können, tritt die eine Gottheit in ein abhängiges Verhältnis zu der andern, oder sie wird gänzlich von ihr verdrängt.
Letzteres ist namentlich bei feindlichem Zusammenstoß verschiedener Stämme anzunehmen. Die vermenschlichte Gottheit erhält
dann eine neue menschliche Genealogie, in der sich ihr gegenüber die letzte Thätigkeit des
Mythus offenbart, tritt aber
dann aus dem Gebiete des
Mythus in das der Sage (s. d.) über,
welche auf ihre Weise an das vom
Mythus Überkommene anknüpft und daran fortspinnt. Eine andere Reihe mythischer Gestalten
entwickelt sich aus der Vorstellung, daß die Seelen der Verstorbenen in verschiedenen Formen fortleben und in mancherlei
Gegenständen oder Wesen wirksam seien (s. Ahnenverehrung und Fetischismus).
Die Aufgabe der wissenschaftlichen Mythologie ist die Sammlung, Deutung und Geschichte der Mythen. Schon im Altertum haben viele
Philologen und Philosophen Sammlungen oder Deutungen der Mythen unternommen. (S. Mythographen.) Die moderne wissenschaftliche
Mythologie beginnt nach schwachen ältern Versuchen (Boccaccio, Lil. Gyraldus, Natalis Comes, Is. ^[Isaac] Vossius, Banier) mit
Heyne, Creuzer, Voß und O. Müller. Es sind die verschiedensten Principien der Mythendeutung aufgestellt,
je nachdem man
dem
Mythus einen physischen, oder einen ethischen, oder einen pragmatisch-histor.
Inhalt zuschrieb; je nachdem man ihn ferner aus dem Volksglauben oder aus uralter Priesterweisheit und Spekulation ableitete,
und je nachdem man seine Quelle
[* 6] in Griechenland
[* 7] selbst oder im Orient suchte. Die Mythenforschung muß zuerst
den umgekehrten Weg gehen, den die Mythenbildung gegangen ist: sie muß das allmählich Vereinigte auflösen, nicht sowohl
um zu dem einen und letzten Kern des
Mythus, der ursprünglichen Anschauung zu gelangen, als vielmehr, um die verschiedenen
Phasen nachzuweisen, welche ein göttliches Wesen durchgemacht hat, und so den Stoff zu einer Geschichte
der Mythen und des religiösen Glaubens zu liefern, welche die einzelnen Mythen und ihre Gesamtheit dann wieder von ihrer Entstehung
bis zu ihrer Auflösung verfolgt, also Sammlung und Deutung der Mythen vereinigt. Dabei wäre es aber falsch, einen Sagenzug
bloß deshalb für jung zu erklären, weil er nur in spätern Quellen überliefert ist, denn abgesehen davon, daß so viele
ältere Schriftsteller verloren gegangen sind, aus denen derselbe entlehnt sein kann, sind sicherlich auch manche uralte
in Lokalsagen erhaltene Mythen erst spät in die litterar. Tradition übergegangen.
Ähnlich wie bei der Philologie verstand man früher unter Mythologie ausschließlich oder in der Hauptsache die klassische Mythologie, d. h. die Mythologie der Griechen und der Römer, [* 8] wie diese nach Aufnahme der griechischen und Verschmelzung mit einheimischen Elementen in röm. Litteratur und Kunst uns entgegentritt. Der Griechischen Mythologie (s. d.) ist die der verwandten indogerman. Völker (s. Indogermanen) zur Seite getreten, namentlich der Inder, Slawen (s. Slawische Mythologie), Kelten und Germanen (s. Deutsche Mythologie [* 9] und Nordische Mythologie), und ebenso ist man an die Erforschung der einheimischen Mythologie und Religion der italischen Völkerschaften gegangen (s. Römische Religion). [* 10]
Die ursprünglich allen diesen Völkern gemeinsamen religiösen Vorstellungen und Mythen untersucht dann die Schwester der vergleichenden Sprachforschung: die vergleichende Mythologie. Als die bedeutendsten Vertreter dieser Wissenschaft sind Adalbert Kuhn, Max Müller, Wilhelm Mannhardt und E. H. Meyer zu nennen. Versuche einer Darstellung der gesamten vergleichenden Mythologie der indogerman. Völker machten Cox («The mythology of the Aryan nations», 2 Bde., Lond. 1870; neue Aufl. 1882) und Schrader («Die Grundzüge des altarischen Götterglaubens», 1880, und «Sprachvergleichung und Urgeschichte», Jena [* 11] 1883). Dasselbe versuchte vom religionsphilos. Standpunkt aus Asmus («Die indogerman. Religion in den Hauptpunkten ihrer Entwicklung», 2 Bde., Halle [* 12] 1875-77); Lippert («Die Religionen der europ. Kulturvölker», Berl. 1881) behandelt im besondern den Seelenkult. Doch hat neuere Forschung ergeben, daß keine von den Parallelen, aus denen man einen indogerman. Götterglauben erschlossen hatte, haltbar ist. -
Vgl. O. Gruppe, Die griech. Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zu den orient.
Religionen, Bd. 1 (Lpz. 1887), worin neben der im Titel genannten Untersuchung eine scharfe Kritik aller bisherigen Methoden der Mythendeutung gegeben wird.
Endlich aber hat die Forschung noch weitere, endlose Gebiete betreten. Wenn die Völker indogerman. Stammes auch auf dem Gebiete der ¶
mehr
Mythen am fruchtbarsten und reichsten gewesen sind, so ist der mythenbildende Trieb doch ein Eigentum nicht einer einzelnen
Völkerfamilie, sondern der Menschheit. Alle Völker drücken auf einem gewissen Kulturzustande ihre religiösen Gefühle und
Vorstellungen in Form von Erzählungen aus, und so gilt es, einmal die Reste solcher Mythen aller Völker
zu sammeln, welche, auf diesem Kulturzustande stehend, solche gedichtet haben, und zweitens die Mythen derer, welche noch darauf
stehen. So hat Brugsch («Religion und Mythologie der alten Ägypter», Lpz. 1888; 2. Ausg.
1891) die Reste des ägypt.
Mythus zusammengestellt und unter Hardys Leitung erscheinen seit 1890 die «Darstellungen aus dem
Gebiete der nichtchristl. Religionsgeschichte» (Münster).
[* 14] Namentlich aber hat sich in England eine reiche Litteratur gebildet,
in welcher die freilich oft sehr dürftigen und kümmerlichen Ansätze zu Mythologien bei den verschiedenen Völkern Afrikas,
Asiens und Polynesiens gesammelt werden. Und ebenso haben dort namentlich Tylor («Early history of mankind», Lond.
1865; deutsch von Müller, Lpz. 1866, und «Primitive culture»,
Lond. 1871; deutsch von Spengel und Poske, 2 Bde.,
Lpz. 1873) und Lubbock («Origin of civilization», 5. Aufl.,
Lond. 1890; deutsch Jena 1875) Darstellungen des analogen Verlaufs der ältesten Sitten-, Religions- und Mythenbildung bei den
verschiedenen Völkern unternommen. In Deutschland
[* 15] haben namentlich Waitz («Anthropologie der Naturvölker», 6 Bde.,
Lpz. 1859-71; fortgesetzt und in 2. Aufl. hg. von Gerland, 1877 fg.)
und Bastian (s. d.),
auch Schwartz (s. d.) und Liebrecht (s. d.),
letztere vorzugsweise bei Erörterung griech. und deutscher Mythen, wertvolle Beiträge geliefert, und hat Caspari («Die Urgeschichte der Menschheit», 2. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1877) eine zusammenfassende Darstellung der ältesten Religionsvorstellungen und Mythen versucht. Ein sehr brauchbares kleines Kompendium der Religionsgeschichte hat der Holländer Tiele verfaßt (deutsch von Weber, Potsd. 1880). Eine geistvolle Vorarbeit bietet Réville («Prolégomènes de l'histoire des religions», 2. Aufl., Par. 1881), doch enthält dieselbe mehr eine Religionsphilosophie als eine Darstellung des gegebenen Materials. Als Ergebnis dieser vergleichenden Mythologie darf angesehen werden, daß fast alle Völker die Vorstellung vom Fortleben der Seele nach dem Tode haben, woraus sich aller Orten ein Seelen- und Ahnenkult entwickelt hat.