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1825-1895
Karl Heinrich Ulrichs
Ein Hinweis aus der Schweiz
In seinem Plädoyer von 1929 "Homosexualität und Gesetzgeber", das er zuhanden der Eidgenössischen Räte verfasst hatte, schrieb der Zürcher Strafrechtsprofessor Ernst Hafter:
"Schon in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Deutsche K.H. Ulrichs, selbst ein Homosexueller, zunächst unter dem Pseudonym Numa Numantius, eine Reihe von Schriften über die gleichgeschlechtliche Liebe veröffentlicht [...] und ihre staatliche Anerkennung gefordert. Immer wieder haben seitdem die beteiligten Kreise geltend gemacht, da es sich um einen natürlichen Trieb handle, müsse seine Betätigung als unanstössig gelten."
Der hoch gebildete Mensch und scharfe Denker Karl Heinrich Ulrichs war der erste vollbewusst offen lebende Urning (Homosexuelle) nicht nur Deutschlands, sondern wohl weltweit. Er war der Pionier schlechthin. Dies in seinen klar formulierten Schriften ebenso wie mit der öffentlich geforderten Abschaffung jeder Strafe, was er am Deutschen Juristentag 1867 zusammen mit dem Faktum verkündete, selbst zu dieser Minderheit zu gehören.
Er forderte weiter den Zusammenschluss aller Gleichfühlenden zu einer umfassenden Organisation, das öffentliche Bekanntmachen der eigenen Veranlagung, die Herausgabe eigener Zeitschriften, einen Hilfsfonds für in Not geratene Kameraden und vieles mehr, was erst im Lauf des 20. Jahrhunderts oder noch später verwirklicht wurde.
Trotzdem - und weil er der Zeit um Dezennien voraus war - fand er kaum mutige Gleichgesinnte, die mit ihm den Kampf führen wollten. Er wurde von der grossen Mehrheit seiner Mitbürger abgelehnt, gehasst, verachtet, in den Ruin getrieben und aus dem Land verstossen. Er ging ins Exil nach Italien. Dort war er als Latein-Gelehrter bekannt und geachtet und lebte noch 15 Jahre lang, ohne sich je wieder mit der Homosexuellen-Frage zu beschäftigen.
Erst mit der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees durch Magnus Hirschfeld, zwei Jahre nach Ulrichs' Tod, begann die wahre Bedeutung des grossen Pioniers ins Bewusstsein seiner Landsleute einzudringen. 1909 besuchte Hirschfeld sein Grab "als erster, der nach dem fremden Mann frage" - so zitierte er den Friedhofwärter in seinem Italienbericht "Drei deutsche Gräber im Fernen Land".
Ernst Ostertag, September 2010