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Der bekannteste Denker des niederländisch-neocalvinistischen Aufbruchs am Ende des 19. Jahrhunderts verbrachte seine letzten zehn Lebensjahre damit, seine intensiven Studien in Dogmatik in den Feldern von Wissenschaft, Gesellschaft und Religion anzuwenden. Seine Expertise war nicht nur in der zweiten Kammer des niederländischen Parlaments, sondern auch an Hochschulen oder im Reformierten Verband der niederländischen Privatschulen gefragt. Bavinck vertiefte sich in religionsphilosophische, ethische, pädagogische und psychologische Fragestellungen. Die vorliegende Aufsatzsammlung (Verzamelde opstellen op het gebied van godsdienst en wetenschap) wurde von Bavincks Bruder Coenraad Bernardus im Todesjahr von Herman 1921 zusammengestellt und eingeleitet. Das Buch kann darum mit Recht als „Schlussstein“ seines Schaffens bezeichnet werden. Es handelt sich um einen Blumenstrauss oder – in einem anderen Bild – um eine Feuerwerksbatterie mit verschiedenen Ausarbeitungen. Um die Farbenvielfalt zur Geltung kommen zu lassen, wähle ich den Weg der kurzen Vorstellung der einzelnen „Blüten“.
Bavinck-Experte John Bolt merkt in seiner Einleitung an, dass Bavinck an eine christliche Erneuerung in allen Bereichen menschlicher Erfahrung glaubte. Grundlage dafür war die Überzeugung, dass derselbe dreieine Gott, der die ganze Schöpfung ins Dasein gerufen hatte, ihre Erneuerung und Wiederstellung verfolgt. Die 15 Aufsätze berühren vier Dimensionen: Christentum/Offenbarung und Religion; Christentum und die Naturwissenschaften; Christentum und die Humanwissenschaften; Christentum und die politisch-soziale Ethik.
Das Buch beginnt mit einer Laudatio Herman Bavincks durch dessen Jugendfreund Henry Elias Dosker. Dosker war in einem ähnlichen Haus wie Bavinck aufgewachsen. Das führte ihn zur Aussage, dass Bavinck „so gleich und trotzdem so absolut verschieden von seinen Eltern“ gewesen sei. Den Eltern haftete gleichzeitig „puritanische und oft provinzielle Ideen und Ideale“ der Kirche der Sezession (Abspaltung von der Landeskirche „Hervormde Kerk“ 1834) an. Ein einfacher Lebensstil paarte sich mit einem Zug von Kulturfeindlichkeit ebenso wie einer Erziehung durch frommes Vorbild. Bavinck blieb, trotz liberalem universitärem Training und lebenslangem Einsatz in der akademischen und politischen Welt, bis ans Lebensende ein „treuer Sohn der Kirche der Separation von 1834“. Bavinck schrieb während der späten Phase seines Schaffens an Dosker: „Wie ich älter werde, wendet sich mein Geist mehr und mehr weg von Dogmatik zu philosophischen Studien, und von diesen zu ihrer Anwendung in den praktischen Bedürfnissen der Welt um mich herum.“
Im ersten Aufsatz (Philosophy of Religion, 25-33) beschreibt Bavinck die Zweiteilung von Religion und Kultur, vorbereitet und vollzogen durch Denker wie Rousseau, Kant und Schleiermacher. „Sie teilen den Menschen entzwei und trennen, was zusammen gehört. Sie schaffen einen Graben zwischen Religion und Kultur und laufen Gefahr, Religion auf eine moralische Pflicht, eine ästhetische Emotion oder eine philosophische Sichtweise zu reduzieren.“ So stellt sich weiter die Frage: Worin besteht die Essenz des Christentums (33-49)? Die modernen Theologen behaupteten, dass sie losgelöst von einem Dogma existiere. Vieles in der theologischen Debattte des 19. Jahrhunderts drehte sich um die Person Jesu. Die einen sahen ihn als Reformer der Moral, als Prediger der Menschheit, der eine „rein interne und geistliche Religion“ gründete. Andere positionierten ihn als Vorläufer des Sozialismus. Dritte erkannten in ihm einen Prediger der buddhistischen Selbsterlösung. Bavinck erhebt Einspruch. Das Christentum ist keine abstrakte, sondern eine historische Grösse! Ebenso wenig ist das Dogma eine willkürliche Konstruktion, sondern vielmehr eine Interpretation des ursprünglichen historischen Christentums. Von Theologie könne deshalb nur aus der Perspektive des Glaubens innerhalb der Speziellen Offenbarung gesprochen werden. Die Disziplin der (vergleichenden) religiösen Studien hatte aber stückweise das Studium der Theologie ersetzt (Theology and Religious Studies, 49-61). Die Religionspsychologie (Psychology of Religion, 61-81) behauptete, dass die verschiedenen Religionen bloss Varianten einer gemeinsamen religiösen Erfahrung darstellten. Bavinck gibt zu bedenken, dass die Ursprünge der Religion nicht auf historischem Wege entdeckt werden könnten. Zudem beschränkte sich die Religionspsychologie auf das Studium der Religion des Individuums bzw. auf dessen Erfahrungen und versuchte von dort aus Schlussfolgerungen zu ziehen.
Im Aufsatz über das Verhältnis zu den Naturwissenschaften („Christianity and Natural Science“, 81-105) entfaltet Bavinck ein Stück Wissenschaftsgeschichte, und zwar aus der Sicht christlicher Weltanschauung. Anlass hierzu war eine Parlamentsdebatte, ob die Ausbildung in den Kolonien (Indonesien) nach humanistischen oder christlichen Grundsätzen zu erfolgen habe. Bavinck holt aus, dass ja gerade der christliche Glaube Basis für die Zuversicht der Forschung bildete. Die modernen Naturwissenschaften verdankten ihren Ursprung dem Christentum. Dieses passe in seiner universellen Natur in jedes Jahrhundert und in jede Kultur. In „Evolution“ (105-119) stellt er die aristotelische Lehre der Entwicklung, die den Einzeldingen sowie der gesamten Welt innewohne und dem Geschaffenen Plan, Richtung und Möglichkeit zur Aufwärtsentwicklung gebe, der Weltanschauung der Evolution gegenüber. Das Christentum habe die Idee von Aristoteles aufgenommen und bereichert – nämlich durch den transzendenten, persönlichen Gott. Dieser führt die Welt auf ein spezifisches Ziel zu, nämlich zu wahrem Sein, dem ewigen Leben.
In „Christliche Prinzipien und soziale Beziehungen“ (119-145) untersucht Bavinck, ob Jesus ein Sozialreformer oder gar Anarchist gewesen sein könnte. Für die Beantwortung setzt er sich mit Altem und Neuen Testament auseinander. Die Propheten kritisierten die sozialen Verhältnisse, ohne eine Revolution anzuzetteln. Jesus hatte weder eine politische noch eine soziale Agenda aufgesetzt. Noch hat er sich an irgendeiner Stelle dem Reichtum widersetzt. Im Gegenteil sah er Güter von einem moralischen Standpunkt her an. Weiter geht es mit dem Aufsatz „Über Ungleichheit“ (145-165), wo Bavinck den Sozialkritier Rousseau dem Genfer Reformatoren Calvin gegenüberstellt. Soziale Ungleichheit beruht nicht in der Umgebung oder den menschlichen Institutionen. Vielmehr gehört sie zum verborgenen Willen Gottes und ist Teil der ursprünglichen von Gott gestifteten Ordnung.
Die drei nächsten Aufsätze beschäftigen sich mit psychologischen Fragestellungen (165-204). In „Richtungen der Psychologie“ beschäftigt sich Bavinck mit verschiedenen methodologischen Ansätzen, um Psychologie zu betreiben. Ebenso wendet er sich gegen einen radikalen Psychologismus, der die Psychologie zum Fundament für die anderen Geisteswissenschaften machen wollte. Besondere Bedeutung (u. a. durch Sigmund Freud) hatte der Begiff „Das Unbewusste“ nach der Jahrhundertwende eingenommen. Bavinck zeigt ein gewisses Interesse gegenüber dieser Sichtweise und zählt eine Anzahl biblischer Belege dafür auf. Bavinck will weder dem Willen noch dem Intellekt des Menschen Priorität einräumen. Beide sind aussergewöhnliche Gaben Gottes. Wille und Verstand haben ihren eigenen Platz.
Zwei weitere Aufsätze (205-245) widmen sich der Pädagogik. Diese Disziplin ist eng mit der Theologie und Philosophie verbunden, weil sie Annahmen über den menschlichen Ursprung, sein Wesen und seine Bestimmung treffen muss. Dazu bietet der christliche Glaube (normative) Antworten an, obwohl das Christentum an sich keine Pädagogik als solche beinhaltet. Bavinck beschreibt den Konflikt zwischen konfessionell-christlicher Pädagogik, idealistisch-evolutionistischen Strömungen sowie der Ausrichtung der Disziplin auf den modernen Menschen (repräsentiert durch die Reformpädagogik). Im zweiten Essay beschäftigt sich Bavinck mit der klassischen Ausbildung, die insbesondere das Erbe der Antike sowie die mittelalterlichen Formen des Triviums und Quadriviums in den Lehrplan aufnahm. Bavinck begrüsst die Integration dieses Erbes, ohne diesem Vorgehen allerdings eine Monopolstellung gewähren zu wollen. Die Ausbildung hatte ebenso die moderne Entwicklung zu berücksichtigen.
Die beiden letzten Betrachtungen (245-281) werfen eine interessante Perspektive auf das Gebiet der Ethik. Bavinck vertritt ein absolutes Ideal für Schönheit und Ästhetik. Die von Plato begründete metaphysische und normative Ästhetik, durch Aristoteles ergänzt, fand im Gedankengut der Kirchenväter bereitwillige Aufnahme. Schönheit hat eine objektive Existenz und gehört zur unsichtbaren Welt. Sie liegt in Gottes Herrlichkeit begründet und zeigt sich in all seinen Werken. Ein ziemlicher Brocken stellt der letzte Aufsatz über die Verbindung von Ethik und Politik dar. Die zentrale Frage lautet: Gibt es eine normative Ethik, oder wird sie an ihrem Nutzen bzw. einem eigenen inneren Standard gemessen? Angesichts der Globalisierung der Probleme durch den Ersten Weltkrieg stellte sich manche ethische Frage. Bavinck ist überzeugt: „Internationale Gerechtigkeit beruht letztlich entweder implizit oder explizit auf zwei Säulen: dem christlichen Prinzip der Einheit der menschlichen Rasse in Ursprung und Wesen und dem Prinzip der Katholizität von Gottes Reich.“
Wer einen solch breit angelegten Rundgang nicht scheut, dem sei das Buch zur Lektüre empfohlen. Die Lektüre ist eine gute Ergänzung zum Studium der „Reformierten Dogmatik“ von Herman Bavinck. Der Nutzen liegt nicht nur in der Vertiefung der abendländischen Geistesgeschichte, sondern auch in den Argumenten Bavincks für Fragestellungen, die im 21. Jahrhundert anstehen.