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Bereits zu Beginn des letzen Jahrhunderts wagten es einige Verwegene die kurzen, aber kompakten Felswände der Region Basel zu erkunden, die eigentliche Geschichtsschreibung beginnt aber zaghaft in den 50er und 60er Jahren. Damals war der Basler Jura noch ein verschlafenes Dorf im überschaubaren Kletterzirkus. Dies sollte sich ändern.
Als in den 70er und 80er Jahren die aufmüpfige Jugend Basels damit beschäftigt war, Häuser zu besetzen, wählten ein paar Eigenbrötler andere Formen der Rebellion: Sie gingen in die Wälder des Umlands. Und fanden Felsen, die sich zum Kampf besser eigneten als die wasserwerfende Obrigkeit. Die Verweigerer der Leistungsgesellschaft glänzten abseits der Öffentlichkeit bald mit ihren eigenen Leistungen.
Mit der «Verwüstung» ins internationale Rampenlicht
Dank einer Route namens «Ravage» (8b+/8c), also «Verwüstung», sorgte dann 1986 der Basler Jura für internationales Aufsehen: Antoine Le Menestrels Erstbegehung setzte die Flagge der weltweit schwersten Kletterroute nach Basel. Bis ins Jahr 2000, als Eric Talmadge beide Teile seines ewigen Projekts «Im Reich des Shogun» (9a) nach 13 Jahren versuchen und probieren endlich durchsteigen und somit den damals spektakulären Grad 9a+ auch in die Region bringen konnte. Die Lösung zur Schlüsselstelle soll ihm im Traum erschienen sein. Es sollte ganze zehn Jahre dauern, bis jemand wieder das Seil in die oberste Umlenkung einhängen konnte: Das tschechische Ausnahmetalent Adam Ondra, der seither die Weltrekorde in Serie zu Fall brachte, besuchte den Basler Fels und sorgte im Jahr 2009 für die erst zweite Begehung.
Routen wie «Im Reich des Shogun» sind auch heute noch eine begehrte Beute für ambitionierte Kletterer.
Illustre Gäste am Basler Kalk
Dazwischen war die Region um Basel stets an der Spitze dabei, man sprach davon, dass die Dichte der schwersten Routen nirgends so hoch sei wie hier. Immer wieder gab es ein Bild in einer Zeitung, eine Erwähnung in der internationalen Szene und auch Besuche der damaligen Stars wie Christine Gambert, Fred Nicole oder Robert Jasper waren nicht selten. Gambert machte sich einen Namen mit der ersten Begehung von «Monster Crack» (8a) am Chuenisberg. Eine Sensation! Gambert war mit der amerikanischen Legende Lynn Hill zusammen massgeblich daran beteiligt, den Männern Ende der 80er Jahre weltweit klarzumachen, dass sie endgültig im harten Geschäft mit dem senkrechten Fels angekommen waren. «Monster Crack» war da ein überzeugendes Argument.
Robert Jasper zu seinem Eptinger Projekt: «Es ist für mich die Eiger Nordwand, auf 15m komprimiert.»
Vorschub dank Hilti und Bibel
Dank dem unermüdlichen Wirken weniger Akteure in den 80er und 90er Jahre ist ein Klettergebiet enstanden, das in dieser Form selten ist. Mit der Erfindung der Akkubohrmaschine gab es ab den 1980er Jahren kein Halten mehr, die Zahl der Neuerschliessungen schoss in die Höhe und der Ton der bsiher eher verbissenen Kletterern lockerte sich.
1997 erschien dann mit der «Fluebible» das Nachschlagewerk, welches den Zugang zum angewachsenen Gebiet deutlich erleichterte. Obwohl inzwischen vergriffen dient es noch heute als Standardwerk der regionalen Kletterei. Und die Autoren, auf dem Cover splitternackt zu sehen, zeigen darin auch, dass sie keineswegs nur an Leistung orientiert waren. Das Buch ist voll mit Informationen um den Naturschutz im Gebiet und dem «Basler Klettercodex», der bis heute Gültigkeit hat. Sie haben auch die zahlreichen Mythen zusammengetragen, wie zum Beispiel jene, dass die Arche Noah dank der Hilfe eines Walfisches am höchsten Fels der Falkenfluh angelegt haben soll. Eine Felsformation wie eine versteinerte Flosse zeuge dort noch heute davon. Vielleicht lag es aber auch an der Kompromisslosigkeit der Kletterer, welche die Sinne getrübt haben könnte: Ein Kletterer soll sich für sein Projekt so leichtgehungert haben, dass er die Erstbegehung gleich noch mit einer UFO-Sichtung krönen konnte.
Unerreichte Vielfalt
Die «Bible» listet rund 62 Gebiete aus senkrechtem Fels im Einzugsgebiet der lokalen S-Bahn auf, mit über 36 kletterbaren Kilometern von einfach bis weltklasse. Einen Grossteil davon haben die drei Autoren Patrick Andrey, Andreas Luisier und Mike Tscharner eigenhändig in den Fels gehämmert. Ihren Stempel haben sie der Region auch mit ihren eigenwilligen Routennamen aufgesetzt. Die Regel ist so, dass wer es zuerst nach oben schafft, die Route auch benennen darf. Ohne Widerrede.
Der eine oder andere Neubegeisterte wird vielleicht daran denken, wenn er mit der «Bible» unter dem Arm das erste Mal die Leisten und Grifflöcher von «Kurz aber Furz» (6b+) an der Tannenflue vor sich hat, dass eine Gruppe von eigensinnigen Pionieren mit unermüdlichem Eifer diese Möglichkeit erst schaffen musste, lange bevor die Breitensportler mit nagelneuer Top-Ausrüstung ihr SUV vor dem Fluerestaurent parkieren konnten.
Ohne die Basler Pioniere, die wahren «Wildschweine im Weltall», wäre es nie soweit gekommen. Für ihren Beitrag ans regionale Marketing wurden sie jedenfalls nie gebührend geehrt.