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Der Geist im Wasser
Sommerzeit ist Wasserzeit. Man wässert den Garten, man wässert den durstigen Mund, man schwimmt im See, taucht im Meer, brätelt am Flussufer, staut Wasser mit einem Damm aus Steinen, sinniert an einem stillen Teich im Wald, steckt nach einer Bergwanderung die Füsse, womöglich sogar den Kopf in den Brunnentrog bei der Alphütte, sucht das Trockene vor einem plötzlichen Gewitterguss in einer Höhle.
Grundstoff des Lebens
Ein Satellitenblick auf die Erde zeigt ozeanische Wasserflächen. Am zweiten Tag der Schöpfung scheidet Gott das Wasser des Himmels vom Wasser der Erde (Gen.1). Schon auf uralten Karten wird die Erde als auf dem Wasser schwimmende Scheibe dargestellt. Wasser kommt in schier unerschöpflichen Gestalten vor.
Sagt man Wasser, denkt man sogleich an den Stoff in einer besonderen konkreten Form, an Gewässer wie Bäche, Flüsse, Teiche, Seen, Meere, an Zustände wie Eis, Schnee, Dunst, Nebel, Dampf, an Regenwasser, Grundwasser, Trinkwasser, Hahnenwasser, Industriewasser, Abwasser – oder an intimere, körpereigene Wasser: Schweiss, Tränen, Fruchtwasser, Speichel, Harn etc. Kaum zu überblicken auch die unzähligen Bedeutungen, die das Wasser für den Menschen hat, von den elementar biologischen über die praktisch-technischen, medizinischen, künstlerischen, symbolischen, rituellen bis zu den mythologischen und sakralen.
Wasser ist Metapher für Überleben und Heimat. Bibel wie Koran sind völlig durchnässte Bücher. Der Grund ist plausibel: Es handelt sich um Wüstenreligionen, und in der Wüste ist Wasser das Überlebensmittel – es ist „heilig“. Wasser ist der Stoff, der Gott am nächsten kommt. In wasserreichen Regionen, in Vietnam zum Beispiel, bedeutet Wasser Heimat. So auch in polaren Zonen.
Die Chemie und ihr Wasser
Dieser phänomenologischen Schwemme des Mediums Wasser stellt die Chemie seit Lavoisier die molekulare Klarheit der Materie Wasser entgegen: H2O. Eine Strukturformel, welche besagt, dass dieser proteische Urstoff sich zusammensetzt aus einer grossen Zahl lauter gleicher Teilchen. Und seit Lavoisier neigen wir in unserer wissenschaftsdominierten Zivilisation dazu, uns von den Chemikern sagen zu lassen, was Wasser „an sich“ ist. Sie besitzen gewissermassen das definitorische Hoheitsrecht: Wasser ist H2O. Was es sonst noch ist, ist menschlich „kontaminiert“ durch Gefühl, Imagination, sinnliche Empfindung.
Und genau diese „Kontamination“ ist entscheidend. Wasser kommt immer vor in menschlichen Lebenswelten, ist eingebettet in ein „Ethos“ im Sinn von besonderen Sitten und Gewohnheiten. Und hier fragen wir nicht primär, was Wasser „an sich“ sei. Selbst das pure Chemiewasser erweist sich bei näherer Betrachtung nämlich auch als ein Hybrid aus natürlich Vorkommendem und menschlicher Zutat. Dass Wasser H2O ist, sieht man ihm nicht so ohne weiteres an. Es handelt sich keineswegs um eine offensichtliche, uns von der Natur ins Gesicht springende Tatsache, sondern vielmehr um eine herausragende wissenschaftliche, will sagen: menschliche Leistung.
Man benötigt einen gehörigen theoretischen und experimentellen Aufwand, um zu zeigen, dass Wasser aus zwei Grundbestandteilen besteht, die sich unter einem ganz bestimmten Verhältnis zu einer ganz bestimmten Molekülform verbinden. Die meisten von uns kennen wohl das Knallgasexperiment, das schon fast zur Folklore des Chemieunterrichts gehört. Staunend nehmen wir als Schüler zur Kenntnis, dass sich in einem seltsamen Gerät namens Hofmannscher Apparat die Flüssigkeit Wasser (plus Schwefelsäure) in zwei Gase zerlegen lässt, die man dann unter erheblichem Getöse wieder zum Ausgangsstoff zusammenfügen kann.
Wasseraufmerksamkeiten
Wir vergessen in der Zeit nach Lavoisier leicht, dass sich in der Formel H2O nicht nur eine wesentliche wissenschaftliche Erkenntnis verdichtet, sondern auch eine ebenso wesentliche wissenschaftliche Entscheidung für eine bestimmte Art der Erkenntnis, eine ganz spezifische Wasseraufmerksamkeit. Wasserarten im Besonderen, Stoffarten im Allgemeinen, sind Aufmerksamkeitsarten.
Wenn wir an einer erweiterten Sicht der Stoffe interessiert sind, werden wir deshalb die Laboraufmerksamkeit als eine unter anderen Aufmerksamkeiten zu betrachten haben. Und wir werden uns im Weiteren die Frage stellen müssen, ob denn die Wasseraufmerksamkeit des Wissenschafters, bei allen unangezweifelten Vorteilen und Fortschritten, die sie mit sich führt, nicht auch Einseitigkeiten, Einschränkungen, ja, Verarmungen in der Erfahrung der Stoffwelt nach sich zieht.
Zum Beispiel am Bergbach
Man setze sich an einen klaren Bergbach (es gibt ihn durchaus noch). Gibt man sich der quicklebendigen Bewegung des Wassers hin, dieses flüssigen, metamorphen Gewebes, das ständig zerrissen und neu gewirkt wird, das sich in quirlender Gischt in kleine Becken ergiesst, über Kaskaden springt und spritzt, Wirbel zeichnet, Strömungsfäden kritzelt, Steine umspült und schleift, sie mit silbrig glitzernden Sturzkappen überzieht, über Kiesbänke sprudelt, durch Höhlungen gurgelt.
Man wird sich eingestehen, dass hier nicht nur physikalische Kräfte wirken, sondern auch die poetische. Neben der Hydrodynamik und Chemie des Wassers gibt es eine Hydrodynamik und Chemie der Imagination, die nicht zur Knallgasreaktion führt, sondern zu Bildern und Gefühlen. Man merkt, wie das Innenleben den Charakter dieses Mediums annimmt. Das Wasser beginnt durch einen hindurchzufliessen.
Ist das nun alles bloss anthropomorpher Zauber, poetische Beschwipstheit, die sofort ernüchtert wird, wenn man sich zur Besinnung ruft, dass es sich ja „an sich“ um immergleiches H2O handle – und dass alles andere die Zutat der menschlichen Imagination, Emotion, Empfindung sei?
Ein „Ethos“ des Stoffes
Nun wäre man buchstäblich nicht bei Sinnen, am Bergbach bloss von H2O zu reden. Denn das Wasser sprach ja gerade über die Sinne zu uns. Es aktivierte womöglich erst die Sinne. Und dabei entdeckt man wieder jene ursprünglichen Charaktere, auf die Menschen zuerst reagieren: das Gestische, Mimische, Physiognomische des Stoffes. Wasser hat zum Beispiel fast jeden bedeutenden Maler zu Meisterwerken angestiftet, und nur schon ein kursorischer Blick in die Kunstgeschichte demonstriert überwältigend, welch ungeheure imaginative Energie dieser Stoff birgt.
Natürlich kann es nützlich sein, dem Bergbach eine Wasserprobe zu entnehmen, um herauszufinden, welche anderen Stoffe er noch mit sich führt (das ist gerade im Zeitalter der touristischen Erschliessung der Berge nicht unwichtig). Das Besondere der Situation, das Zufällige der Lichtverhältnisse, der konkrete Zauber gerade dieser Stelle des Bergbachs, kurz: das Kontingente der Erfahrung spielt dann keine Rolle. Es wird sozusagen wegfiltriert in der Laboraufmerksamkeit. Sie hat ihre methodische und sanitäre Legitimation.
Aber sie ist nicht selbstverständlich, und sie ist schon gar nicht die allein massgebliche Aufmerksamkeit. Einem solchen Anspruch könnte man geradezu als Motto eines „Ethos“ der Stoffe folgendes entgegensetzen: Nur eine Aufmerksamkeit für die Stoffe zu kennen und zu kultivieren, heisst Einseitigkeit. Und Einseitigkeit ist nicht nur Erfahrungsarmut, sondern eine Form von geistigem Defizit: von Unfreiheit.
Geistige Nachhaltigkeit
Ich spreche damit die Ästhetik an. Ästhetik als Bildung der Sinne. Das klingt unzeitgemäss. Ästhetik gehört nicht ins Curriculum der modernen Naturwissenschaften. So wie Bildung im sogenannten „Zeitalter des Wissens“ ohnehin einseitig verstanden wird als Informiertheit und technische Beschlagenheit, sich das richtige Wissen zu „holen“.
Dem Stoff ein Ethos zuzuschreiben bedeutet natürlich nicht eine Wiederaufbereitung überkommener Naturverhältnisse, vielmehr die erkenntnistheoretische Aufwertung einer explorierenden Sinnlichkeit, zumal im Umgang mit den Umwelten, in denen wir leben. Und damit auch die Wiedergewinnung einer verkörperten Geistigkeit. Ich sprach von Pluralität der Aufmerksamkeiten. Ein geistiges Wesen ist der Mensch ja nicht zuletzt dadurch, dass er diese Pluralität lebt, möglichst mit allen Sinnen leben kann.
Konsequenterweise wäre speziell der Umweltschutz nicht einfach nur als Erhaltung einer Vielfalt biologischer Arten zu denken, sondern auch als Erhaltung einer kulturellen Vielfalt von Aufmerksamkeitsarten. Zum Beispiel bei einem Fluss. Es geht darum, zu sehen, dass sein Wasser nicht bloss Stoff für den Wissenschafter, Techniker oder Ökonomen ist, sondern noch etwas ganz anderes: biografischer, symbolischer, spiritueller, ja, sakraler Stoff.
Indem wir dies in Erinnerung behalten, und indem wir diese Erinnerung als praktisch ausgeübtes Ethos kultivieren, schaffen wir landschaftlichen „Mehrwert“; schützen wir nicht nur die Landschaft, sondern auch den Menschen vor Verkümmerungen. Halten wir ein geistiges Erbe am Leben, nicht nur für uns, sondern auch für die Nachkommenden! Ein Ethos der Stofflichkeit der Welt ist nichts anderes als ein Plädoyer für geistige Nachhaltigkeit.