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Antoinette Charrière, was hat Sie vor 28 Jahren dazu bewogen, am Frauenstreik teilzunehmen?
Antoinette Charrière: Ich komme aus einfachen Verhältnissen, mein Vater war Fabrikarbeiter. Meine Eltern haben uns von klein auf gelehrt, uns für jene Menschen einzusetzen, die wenig haben.
Sie haben das Gerechtigkeitsgen also in sich.
Antoinette Charrière: Jedenfalls war es für meinen Mann und mich nie eine Frage, dass ich streiken werde. Er war Arbeiter und wie ich in der Gewerkschaft.
1991 waren Sie bereits Mutter von sechs Kindern. Obwohl Buchhändlerin von Beruf, hatten Sie zusammen mit ihrem Mann aus freien Stücken entschieden, zu Hause zu bleiben und sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Warum fühlten Sie sich dennoch benachteiligt?
Antoinette Charrière: Ich wurde für all die Arbeit, die ich zu Hause erledigte, nicht bezahlt. Zudem musste ich den Namen meines Mannes tragen. Als 1988 das Gesetz änderte, nahm ich wieder meinen ursprünglichen Namen an. Das tat mir gut. Bei vielen Leute kam das aber schlecht an. Sie dachten, ich hätte mich scheiden lassen.
Haben Sie auch die finanzielle Unterdrückung erlebt, welche die Frauenrechtlerin und Journalistin Iris von Roten in ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» beschrieben hatte?
Antoinette Charrière: Von meinem Mann nie. Das Gefühl der Ungleichbehandlung kam eher von meiner Familie. Meine Mutter erzog uns nach dem Prinzip, dem Mann zu dienen. Meine Brüder mussten zu Hause nie helfen. Das war überall so, und es war nötig, dass sich das ändert. Darum der Frauenstreik 1991.
Salomé Donzallaz, Ihre Mutter hielt 1991 auf dem Python-Platz in Freiburg eine Rede, in der sie sagte, dass sie streiken würde, damit ihre Töchter einst frei sein werden in ihrer Lebensgestaltung, dass sie Teilzeit arbeiten können, dass sich das auch Frauen leisten können sollen, die einer einfacheren Arbeit nachgehen, um Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Hat Ihre Mutter rückblickend einen guten Job gemacht?
Salomé Donzallaz: Es ist ein wenig absurd. Es scheint, als ob wir das alles erreicht hätten. Aber die Realität sieht anders aus. In der Schweiz gibt es immer noch Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern, die enorm sind. Viele Frauen in meinem Umfeld leben zudem nach wie vor ein Familienmodell, in dem sie sich vor allem um die Kinder kümmern und Teilzeit arbeiten, während ihre Männer einer Vollzeitarbeit nachgehen. Was mich betrifft, so habe ich das Gefühl, zu hundert Prozent frei zu sein. Ich habe entschieden, zuerst eine Lehre zu machen, um dann Wirtschaftssoziologie zu studieren und nun zu doktorieren. Und ich habe zumindest für den Moment beschlossen, keine Kinder zu haben. Mein Vater und meine Mutter haben mir das Rüstzeug mitgegeben, um mich behaupten zu können. Ich könnte nicht mit einem Mann an meiner Seite leben, der die Wäsche nicht macht.
Haben Sie keine Kinder, weil Sie denken, Karriere und Kinder sind unvereinbar?
Salomé Donzallaz: Nein, gar nicht. Gerade im akademischen Umfeld mit der Universität Neuenburg als Arbeitgeber hätte ich die nötige Flexibilität, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Im Moment verspüre ich aber einfach keinen Wunsch, Kinder in diese Welt zu setzen.
Antoinette Charrière, ihre vier Töchter sind berufstätig. Zwei haben Kinder, wobei eine die Kinderbetreuung hälftig mit ihrem Partner teilt, die andere Teilzeit arbeitet und ihr Partner Vollzeit. Wie sieht es bei ihren Söhnen aus? Erledigen sie auch Hausarbeit, wie Sie damals in ihrer Rede postulierten?
Antoinette Charrière (lacht): Ein Sohn lebt mit einem Mann zusammen. Sie teilen sich die Arbeit soviel ich weiss auf. Mein anderer Sohn lebt das traditionelle Familienmodell: Er arbeitet hundert Prozent und sie Teilzeit. Seine Frau ist damit aber einverstanden. Bei ihm ist die Botschaft der Frauenbewegung nicht angekommen.
Wie haben Sie sich die Situation der Frauen im Jahr 2019 vor dreissig Jahren ausgemalt? Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten oder enttäuscht?
Antoinette Charrière: Was die Löhne angeht, dachte ich, dass wir weiter sein würden. Da bin ich sehr enttäuscht. Zufrieden bin ich mit dem neuen Eherecht, dass die Frauen ihren Namen behalten können. Es hat sich viel getan. Aber die Hausarbeit ist immer noch nicht bezahlt und die Pflege von Angehörigen auch nicht.
Woran liegt das?
Antoinette Charrière: Am Kapitalismus.
Das Konzept der Care-Ökonomie aus den 1990er-Jahren, in welchem die informelle Arbeit von Frauen in Familie und Gesellschaft nicht nur quantifiziert, sondern auch deren gesellschaftlichen Auswirkungen gezeigt wurde, hat sich nicht durchgesetzt?
Antoinette Charrière: Nein. Frauen wie ich, die damals einen eigenen Garten bewirtschafteten und die Produkte direkt vermarkteten, und nicht extern arbeiten gingen, nur um Löhne zu kumulieren und in die Ferien zu fahren, waren eine Minderheit. Und das ist so geblieben. Nicht in linken Kreisen, aber in der Gesellschaft war das nicht gut angesehen.
Liegt es am System, dass die Gleichberechtigung noch nicht vollständig realisiert ist, oder liegt es an den Männern?
Antoinette Charrière: Es sind immer noch die Frauen, die ihre Jungs erziehen. Die Erziehung und die Schulen spielen eine wichtige Rolle für die Gleichberechtigung.
Salomé Donzallaz, Sie helfen mit, den Frauenstreik vom 14. Juni 2019 zu organisieren. Wenn die Botschaft nicht einmal bei ihrem Bruder angekommen ist, was braucht es noch, damit die Gleichberechtigung vollständig realisiert wird?
Salomé Donzallaz: Ich habe dazu eine differenziertere Meinung. Die Gleichberechtigung ist sowohl eine zwischenmenschliche wie auch eine strukturelle Frage. Man kann etwas auf der persönlichen Ebene erreichen, aber auch auf der wirtschaftlichen und institutionellen Ebene, etwa mithilfe von Gesetzen.
In den 1990er-Jahren wurde die Frage diskutiert, ob Frauen gleich wie Männer sind oder anders, aber gleichwertig. Ist diese Diskussion noch aktuell?
Salomé Donzallaz: Es gibt eindeutig einen Unterschied zwischen der Frauenbewegung von heute und jener von 1991: Heute hinterfragt man die sexuellen Kategorien «Mann-Frau» noch stärker. Es wird die Frage diskutiert, wie ein Mensch eine Frau und wie ein Mann ist – mit all den Möglichkeiten dazwischen. Und gerade bei diesem Frauenstreik beschäftigt uns besonders die Frage der sexuellen Minderheiten.
Wohin führt diese Diskussion in der Frauenrechtsfrage?
Salomé Donzallaz: Es existiert eine Konvergenz zwischen der Frage der Minderheiten und der Frauenfrage, weil beide Teil eines Unterdrückungssystems sind.
Bedeutet diese Erkenntnis also mehr Solidarität zwischen den Frauen?
Salomé Donzallaz: Ich bin nicht sicher, dass das so funktioniert. Aber es wäre schön.
Mit dem Gleichstellungsgesetz wurde 1996 eine rechtliche Grundlage geschaffen …
Salomé Donzallaz: Aber sie ist nicht verpflichtend genug. Es gibt keine Sanktionen, wenn ein Arbeitgeber nicht gleiche Löhne für gleiche oder gleichwertige Arbeit bezahlt.
Antoinette Charrière: Und es braucht in gewissen Bereichen auch eine Frauenquote.
Salomé Donzallaz: Ich bin nicht für die Quote, aber für Sanktionen. Es kann ja nicht sein, dass Frauen für den gleichen Job 20 Prozent weniger Lohn bekommen als ihre männlichen Kollegen.
Wann ist die vollständige Gleichberechtigung erreicht?
Antoinette Charrière: Das wird schwierig. Ich denke, die Frauenfrage wird noch stärker zu einer sozioökonomischen Frage. Die Lohn- und Arbeitsprobleme sind weltumspannend. Und Diskriminierung wird es immer geben.
Salomé Donzallaz: Es ist schwierig, auf diese Frage zu antworten. Die Emanzipation der Frau kann jedenfalls nicht mehr gedacht werden, ohne alle anderen Formen der Diskriminierung zu bedenken. Ein Reichtum des aktuellen Streiks ist es, dass wir uns dessen bewusst sind.