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Ersterm Umstand verdanken die Schöpfungen der Phantasie ihre Schönheit (Neuheit, Frische, Lebendigkeit, Anschaulichkeit, Mannigfaltigkeit,
Einheit und Übereinstimmung), letzterm ihre Denkbarkeit (Widerspruchslosigkeit), formale Wahrheit (Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit),
keineswegs auch materiale Wahrheit (Wirklichkeit). Von der letztern, welche der Inhalt des wissenschaftlichen
Denkens (Wissens) ist, können die Schöpfungen der Phantasie, des ästhetischen Denkens (Dichtens), sich so weit entfernen, wie der
Gegenstand des erstern, die wirkliche (beste oder schlechteste) Welt, von dem Gegenstand des letztern, dem ästhetischen Weltideal
(der Welt des Schönen), entfernt ist.
Jenes erkennt die gegebene, die Phantasie schafft eine neue Welt, wobei sie zwar die Elemente der erstern, die
durch die ursprünglich empfangenen Eindrücke gegebenen Vorstellungen, als Bausteine verwertet, aber durch neue und originale
Verbindungen derselben neue, originale Vorstellungsgebilde hervorbringt. Durch ihre ursprünglichen Eindrücke hängt jede
individuelle Phantasie mit ihrer äußern Umgebung zusammen und ihren elementaren Stoffbestandteilen
nach von dieser ab. Die Phantasie gestaltet sich anders im hohen Norden
[* 3] als unter den Tropen, im Morgen- als im Abendland.
Ihre Neuheit und schöpferische Originalität aber liegt nicht im verbundenen Stoff, sondern in den verbindenden Formen. Als
produktives Vermögen ist sie die eigentliche Geburtsstätte einer ästhetisch-logischen Vorstellungswelt,
welche je nach der Beschaffenheit dieser entweder eine Welt musikalischer oder bildnerischer, oder poetischer Gedanken ist,
deren erzeugende Phantasie infolgedessen als musikalische, bildnerische, poetische Phantasie unterschieden
wird.
Diese drei Arten weichen so sehr untereinander ab, daß sie als Anlagen selten oder nie in gleichem Grad nebeneinander in
demselben Individuum aufzutreten pflegen. Hauptsächlich ist es die musikalische Anlage, welche die bildnerische, seltener
die poetische, von sich ausschließt oder doch beschränkt. Als Begabung angesehen, macht die Phantasie die eigentliche
künstlerische Befähigung aus, deren höherer Grad künstlerische Talent, deren höchster Kunstgenie heißt.
Vgl. unter andern
Frohschammer, Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses (Münch. 1876), welcher jedoch dieses Wort nicht
bloß im ästhetischen, sondern in einem viel weitern Sinn als unbewußt schaffende Kraft
[* 4] überhaupt versteht.
In der Musik bezeichnet Phantasie (Phantasiestück) als Name für Instrumentalstücke nicht eine bestimmte Form, sondern im Gegenteil
freie Gestaltung ohne Anschluß an feststehende Formen. So treten viele der ersten ausdrücklich für
Instrumente komponierten Stücke (G. Gabrieli, H. Vecchi u. a.) unter dem NamenFantasia auf, ohne daß es möglich wäre, dieselben
formell zu unterscheiden von Ricercar, Sonata, Toccata etc. Die gemeinsame Eigenart dieser zunächst noch unbestimmten Bildungen
bestand darin, daß sie einen musikalischen Gedanken frei imitierend oder fugenartig durchführten, ohne
dabei, wie die nachherige Quintfuge, ein bestimmtes Schema innezuhalten.
Als die Fuge sich zu festen Formen entwickelt hatte, bedeutete der Name Phantasie etwas der Fuge Entgegengesetztes (vgl. J. S. Bachs
»Phantasie und Fuge« in A moll); auch von der Sonate unterschied sie sich durch die Abweichung von strenger cyklischer
Gestaltung (vgl. Mozarts »Phantasie und Sonate« in C moll). Die Befreiung der Sonate vom Schematismus der Drei- oder Viersätzigkeit und
der stereotypen Sonatenform des ersten Satzes führte Sonate und Phantasie einander wieder näher (vgl. Beethovens »Sonata quasi Fantasia«,
Op. 27, 1 und 2); diese Überschrift hätte er aber auch Op.
78, 90 und den »fünf letzten« geben können. Vielfach werden heute auch
potpourriartige Zusammenstellungen von Opernmelodien u. dgl.
für Pianoforte oder Orchester mit dem Namen Phantasie belegt; besser paßt derselbe für Paraphrasen einzelner Melodien.