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Elia und der berühmte Nachname: Sohn von Pirmin Zurbriggen zu sein, ist ein schwerer Rucksack.
(Bild: Keystone)
Wann fuhr der Sohn dem Vater auf der Piste erstmals davon?
Pirmin Zurbriggen: Das ist lange her. Schon fast verjährt.
Elia Zurbriggen: Sind wir oft gegeneinander gefahren?
Pirmin: Du erinnerst dich doch an das eine Clubrennen – es war wohl mein letztes Rennen überhaupt. Es ist wahrscheinlich 13, 14 Jahre her. Elia wartete unten bei der Zeitmessung. Als ich das Ziel passierte und er bemerkte, dass er schneller gefahren war, sagte er kein Wort, hob nur die Hände in die Höhe.
Realisierten Sie als Kind, wie erfolgreich der Papa war?
Elia: Nein. Ich wusste, dass er vieles gewonnen hatte, Olympiagold zum Beispiel. Er ist immer und überall erkannt worden, das kriegte ich mit, und es beeindruckte mich. Aber wie wahnsinnig gut er war, wurde mir erst während meines beschwerlichen Wegs in den Weltcup klar, als ich am eigenen Leib erfahren musste, wie viel es nur schon braucht, um an einem Rennen teilnehmen zu dürfen. Ich weiss aber noch, wie ich früher seine Trophäen bestaunt habe.
Pirmin: All diese Medaillen und Auszeichnungen im Haus – du konntest gar nicht anders, als hinzuschauen.
Elia: Er hatte einen Schlumpf-Pokal mit Hammer in der Hand. Der gefiel mir gut, ich stellte den oft neben mein Bett.
Sind Sie manchmal froh, hat Ihr Vater nicht seinen ersten Sohn nach sich benannt?
Elia: Gute Frage. Ich weiss gar nicht, warum mein Bruder Pirmin heisst.
Pirmin: Ich war mir sicher, dass mein Name ein riesiges Handicap für das Kind bedeuten würde. In der Bibel stiess ich auf den schönen Namen Elias; er gefiel meiner Frau, wir leiteten davon Elia ab. Beim zweiten Kind suchte ich wieder nach einer Alternative zu Pirmin, meiner Frau ging das aber auf den Wecker. Sie sagte: «Wir müssen deinen Namen weiterleben lassen, basta.» Darum heisst jetzt der zweite Bub Pirmin. Das ist zwar unlogisch, aber heute sind wir schon froh darüber.
Der Name Zurbriggen ist schliesslich Bürde genug.
Pirmin: Ja, und wie! Er ist eine Hypothek. Elia hat einen schweren Rucksack auf seinen Weg mitbekommen. Er wird diesen immer tragen müssen. Aber er hält der Belastung stand.
Wie und wann haben Sie mit ihm die Vergangenheit erstmals thematisiert und ihm zu erklären versucht, mit welchem Vergleich er sich permanent konfrontiert sehen wird?
Pirmin: Das habe ich nie getan, ich wollte ihn einfach machen lassen. Ich erinnere mich an einen Skitag mit ihm, als er ganz klein war. Wir standen oberhalb eines Steilhangs. Elia wartete nicht auf mich, fuhr schnurstracks runter. Mir fiel fast das Herz in die Hose, aber ich merkte: Das ist eine richtige Wildsau. Der kleine Kerl konnte problemlos bremsen, weshalb ich realisierte, dass er talentiert ist. Aber er war nun mal immer ein kleiner, schmaler Wurf.
Elia: Tja, vielleicht habe ich einfach zu wenig zu essen bekommen.
Pirmin: Sicher nicht.
Elia: Körperlich war ich lange Zeit klar benachteiligt. Heute gehöre ich nicht mehr zu den Kleinsten. Aber zu den Abfahrern werde ich kaum mehr wechseln.
Als Sie in den Weltcup einstiegen, zeigten Sie sich bemüht, Distanz zum Vater zu vermitteln. Jetzt verhält es sich anders – weshalb?
Elia: Als Neuling sprachen mich tausend Leute auf die familiäre Vorgeschichte an. Ich war fast gezwungen, meine eigene Persönlichkeit, meinen eigenen Weg in den Vordergrund zu rücken. Aber ich bin unheimlich stolz auf den Papa, er hat Unglaubliches geleistet. Ich will die Geschichte nicht beiseiteschieben.
Pirmin: Er sagte mal zu mir: «Papa, ich schreibe mein eigenes Buch.»
Hat es Reibereien zwischen Ihnen gegeben, auch wegen des ständigen Vergleichs?
Elia: Nicht deswegen. Aber sonst schon. Wenn es um Dinge wie die Skitechnik ging beispielsweise.
Pirmin: Ja genau.
Ihnen schien vieles in den Schoss zu fallen, Elia kämpft seit Jahren um den Durchbruch. Leiden Sie mit?
Pirmin: Das tue ich immer, egal, wie es läuft – ich bin auch immer sehr nervös. Klar, es schmerzt, wenn man den Aufwand sieht, den er betreibt, es dann trotzdem nicht vorwärtsgeht. Aber ich habe riesige Freude, hat er es schon so weit gebracht.
Elia, haben Sie überlegt, den Bettel hinzuschmeissen?
Elia: Ja, mehrmals sogar. Ich dachte: Warum tue ich mir das an, ich könnte mich doch auch mit anderen Dingen herumplagen. Als ich erste FIS-Rennen fuhr, hatte ich gegen zwei, drei Jahre jüngere Konkurrenten einen schweren Stand, das war deprimierend und frustrierend. Im Weltcup ist das jetzt eine ganz andere Ebene. Letzten Winter war ich eigentlich schnell, aber in den Rennen passte es nicht. Da wollte ich alles fallen lassen. Mein Vater meinte nur, ich solle die Saison zu Ende fahren.
Pirmin: Ich sagte ihm: Versuch dieses und jenes, und sonst ist dann fertig, Schluss. Dann kam diese abnormale Kehrtwende mit drei Siegen im Europacup und dem achten Platz in Kranjska Gora.
Elia: Ich änderte ein Detail bei der Präparierung der Ski, sicher nichts Weltbewegendes. Aber es ging von Training zu Training aufwärts, das Vertrauen kehrte zurück. Jetzt gehöre ich immerhin zu den Top 30 der Weltcupstartliste. Es muss in meinem Alter nun definitiv Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Der 19. Rang hier geht in Ordnung.
Elia ist 27, als Sie so alt waren, traten Sie zurück. Haben Sie das frühe Karriereende jemals bereut?
Pirmin: Nein. Sonst wäre er jetzt nicht da. Es war für mich undenkbar, als Familienvater Skirennen zu fahren. Aber es gab auch andere Gründe: Ich war etwas ausgebrannt, eine Pause wäre ohnehin erforderlich gewesen. Mit einem systematischen Aufbau hätte ich danach vielleicht in ein paar wenigen Disziplinen wieder mitmischen können, doch das wäre mir zu viel gewesen. Im Traum aber bin ich noch immer Rennfahrer.
Wie sehen diese Träume aus?
Pirmin: Es sind Albträume. Ich fahre gegen die aktuelle Generation. Plötzlich stehe ich im Starthaus und denke: Ich kann doch gar nichts mehr, was soll ich denn hier? Dann sehe ich den Leistungsunterschied, das ist jeweils der blanke Horror, dann bin ich schockiert. Es ist vorgekommen, dass ich schweissgebadet aufgewacht bin.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Ski extrem verändert. Kann der Vater den Sohn in skitechnischer Hinsicht überhaupt beraten?
Elia: Wichtig ist vor allem, dass er ein offenes Ohr hat, wenn ich ihn brauche – egal, um was es geht. Ich nehme einiges auf. Das heisst aber nicht, dass ich alles ohne zu hinterfragen umsetze.
Wäre es heutzutage noch möglich, einen Status zu erlangen, wie Sie ihn hatten?
Pirmin: Das wird brutal schwierig. Derzeit ist es fast unvorstellbar, dass einer in allen Disziplinen gewinnt. Das Material ist bedeutender, die Abstimmung anspruchsvoller geworden. Mir fiel die Abfahrt quasi in den Schoss, ich musste dafür gar nicht trainieren. Dieses Glück war bei mir die Grundvoraussetzung für den Erfolg. Elia: Man kann die Zeiten kaum vergleichen. Früher waren die Slalomski fast gleich lang wie die Abfahrtsski. Heute ist der Unterschied viel extremer, wir sprechen von 165 Zentimetern und vielleicht 215 Zentimetern. In den letzten Jahren hat sich der Trend zur Spezialisierung, zur Fokussierung auf einzelne Disziplinen, nochmals verschärft. Du musst schon ein unheimlicher Hund sein, um als Fremder gegen die Spezialisten bestehen zu können. Mittlerweile bestreitet kaum noch ein Abfahrer Riesenslaloms.
Wird es daheim in Zermatt wieder einmal ein Rennen Vater gegen Sohn geben? Pirmin: Ich fahre keine Rennen mehr. Das tue ich mir nicht mehr an. Ich möchte schnell sein, die Kraft aber würde fehlen, und ich würde wohl überborden. Sowieso wäre es ein Schock, auf 20 Fahrsekunden 4 Sekunden gegen Elia zu verlieren.