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Sibylle Ehrismann, Zürichsee-Zeitung (26.05.2008)
Als Erstaufführung zeigt das Opernhaus Zürich die vor 180 Jahren entstandene Oper «Clari». Cecilia Bartoli beeindruckte mit feinen Ausdrucksnuancen und erntete grossen Applaus.
Cecilia Bartoli hat den Wunsch geäussert - das Opernhaus Zürich hat ihn realisiert. Die Oper «Clari» wurde vom Komponisten Jacques Fromental Halévy für die damalige Primadonna Maria Malibran komponiert, die Sängerin, deren 200. Geburtstag Bartoli diese Saison mit einer CD und einem Ausstellungs-Wagen auf Tournee feierte. Nun wurde in Zürich diese «Clari» produziert, eine reichlich naive und konstruierte Geschichte, die dank der sorgfältig humorvollen Detail-Regie von Moshe Leiser und Patrice Caurier zu einem echten «Amusement» wurde.
Halévy ist ein durchaus interessanter Komponist, seine «Juive» (1835), die ebenfalls diese Saison in Zürich produziert wurde, ist musikalisch reichhaltig und interessant. Die «Clari» entstand sieben Jahre früher und ist noch ganz der italienischen Operntradition verbunden. Vieles klingt nach Rossini, doch fehlt dessen zündender Melodieeinfall und der rhythmische Drive. Dafür gibt es einen französischen Lyrismus, der, mit feinem Humor gemischt, durch die Oper trägt. Das Clari-Sujet war im damaligen Paris in Theater und Ballett sehr bekannt, das Thema des reichen Adligen, der sich in ein Bauernmädchen verliebt und es mit einem fadenscheinigen Heiratsversprechen zu sich holt, war «en mode». Die Geschichte ist jedoch derart banal und moralisch unglaubhaft übersteigert, dass man nur den Kopf schütteln kann. Die Zürcher Produktion hat es jedoch geschafft, neben der mit unsäglich schweren Koloraturen exponierten Bartoli auch die Nebenrollen markant zu besetzen, und die Regie aktualisierte die unmögliche Geschichte mit geistreichem Slapstick.
Knallig bunt sind die Kostüme, die Agostino Cavalca für den Bediensteten-Chor geschaffen hat, die Glamour-Welt des reichen Herzogs, der anfangs im Tennis-Tenü samt Schläger auftritt, wirkt komisch. Daraus entwickelt sich ein geistreicher Regie-Slapstick. An der Wand hängen teure Bilder, eines ist überformatig riesig und hängt über dem überlangen Sofa. Die Farben sind Gelb, Hellgrün, Hellblau und Rosa. Als Clari den luxuriösen Wohnraum betritt und staunt, wird im grossen Bilderrahmen anhand eines Videos (Timo Schlüssel) ihre Bauernwelt gezeigt. Herrlich die Bartoli, die als Bäuerin zwei Milchkannen schleppt, witzig die Idee, dass sie ein Bild von sich ins Internet stellt und prompt vom Herzog übers Internet ausgesucht und herbestellt wird.
Für Abwechslung ist gesorgt
Das Bühnenbild von Christian Fenouillat belebt die Szenerie wirkungsvoll. Nach dem luxuriösen, komisch überzeichneten Luxushaus folgt im 2. Akt eine Krankenstation, in der die dem Wahn verfallene Clari, die um den Verlust ihrer Ehre bangt, gepflegt wird - eine echte moderne Spitalabteilung samt Statisten-Patienten. Und im dritten Akt dann der elterliche Bauernhof, auf den sich Clari zurückflüchtet. Der Vater ist schwer depressiv, seit er um die verlorene Ehre seiner Tochter bangt. Carlos Chausson singt ihn mit subtil überdrehtem Schmerz. Er sitzt lamentierend vor dem Fernseher, hinter seinem Sessel liegt ein friedlich schlafendes Schwein, und die Mutter, eindrücklich gezeichnet von Stefania Kaluza, ringt mit den Händen. Der Herzog, der die Clari nun plötzlich doch liebt, fährt mit einem grossen verschmutzten Geländewagen auf die Bühne, im Koffer viel Geld für die Familie. Er holt so die verstossene Clari ab und heiratet sie - Ende gut, alles gut.
Historische Instrumente
Ausgezeichnet ist der Chor, der aufwändig umkostümiert werden muss: vom Bediensteten-Personal in High-Society-Party-Gäste zum Bauernvolk mit Gummistiefeln. Halévys Chöre gehören zum Interessanten dieser Oper, sie sind harmonisch reichhaltig und rhythmisch markant. Der Zürcher Opernchor (einstudiert von Jürg Hämmerli) hat sichtlich Spass daran und singt mit virtuosem Temperament und klanglichem Raffinement. Dazu kommt die schwungvolle Chor-Choreografie von Beate Vollack. Auch die Instrumentation von Halévy ist farbenreich. Die Holzbläser sorgen für den französischen Charme, der in Zürich insofern noch betont wird, als das «Orchestra la Scintilla» auf historischen Instrumenten begleitet. Im Bereich des Belcanto ist das ungewohnt, es ergeben sich daraus eindeutig weichere und intimere Koloraturen. Adam Fischer liess sich auf dieses Experiment ein und modulierte aus der insgesamt nicht besonders inspirierten Partitur einige klanglich reizvolle Momente heraus.
Cecilia Bartoli konnte darüber ihre ganze Palette ausbreiten, hauchte im feinsten Piano noch tragende Töne und verteidigte ihre Moral mit heftig ausbrechendem Temperament. Auch in den Duetten mit dem Herzog, den John Osborne mit leichtem Belcanto-Tenor auch schauspielerisch beeindruckend darstellte, sorgte Bartoli für feinste Ausdrucksnuancen im Hin und Her zwischen auflodernder Leidenschaft und Distanz. Einzig die von ihr in der Tradition der Malibran eingefügten Arien, vor allem die Rossini-Arie aus dessen «Otello» im zweiten Akt, verzögerten den Ablauf empfindlich.
Mit einer guten Bühnenpräsenz sorgten auch die Darsteller der kleineren Partien für herrliche Momente. Oliver Widmer fühlte sich als Germano sichtlich wohl und sang mit agilem Charme und erheiterndem Spiel. Eva Liebau gab eine witzig verspielte Bettina und berührte in ihrer Kanzonetta im zweiten Akt mit leichtfüssigem Schmelz. Das Premierenpublikum war begeistert und spendete durchwegs grossen Applaus. Dennoch: so viel Ausstattungsaufwand für nur vier Vorstellungen, das kann sich wohl nur Zürich leisten.