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Vor einem Hochhaus brachte Dr. Singh den Wagen zum Stehen. Toni musste den Kopf in den Nacken legen, um sich einen Begriff von den Dimensionen des Gebäudes zu machen. In dessen verspiegelter Fensterfront zeichnete sich ein mächtiger Baukran ab. Über dem Eingang stand in großen Buchstaben: «Serviced Apartments.»
«Willkommen in Gurgaon», sagte Dr. Singh feierlich. Er händigte ihr einen Schlüssel mit einem goldenen Herzanhänger aus, auf dem die Nummer neunzehn eingraviert war. «Glauben Sie an Glückszahlen? Dann ist das jetzt die ihre. Ihr Apartment liegt auf dem dritten Stock. Mister Thomas pflegt immer in diesen Räumlichkeiten zu nächtigen, wenn er für seine Dammprojekte in Indien weilt. Ich habe alles für Sie herrichten lassen. Im Haus gibt es einen 24-Stunden-Concierge-Service, ein Fitnessstudio, ein Hallenbad, einen Saunabereich. Das Personal kümmert sich um ihre Wäsche, Sie können Essen bestellen und wenn Sie mich brauchen, wählen Sie auf Ihrem Telefon die Nummer 1. Ich werde dann unverzüglich zu Ihrer Verfügung stehen. Ruhen Sie sich von der Reise aus. Das Gepäck lasse ich Ihnen aufs Zimmer schicken. Der Beamte beim Eingang dient zu Ihrer Sicherheit, zeigen Sie ihm Ihren Schlüssel und registrieren Sie sich mit Ihrem Reisepass bei ihm.»
Toni stieg aus, noch leicht benommen von den vielen Informationen.
Ist Dr. Singh etwa nur MEIN Fahrer, dachte sie irritiert. Darüber hat Schumi kein Wort verloren.
Am Eingang stand ein Mann in einer grünen Uniform. Menno, sieht der grimmig aus, dachte Toni. Ist das Lächeln in deinem Beruf verboten?, sprach sie ihn innerlich an, während er ihre Clutch durchwühlte und seinen prüfenden Blick in ihrem Pass versenkte.
In ihren Gedanken malte sie sich aus, wie der Mann in Zivilkleidung widerwillig eine Erklärung unterzeichnete, mit der er sich verpflichtete, niemals nur die kleinste emotionale Regung zu zeigen. Bei dieser Vorstellung musste sie lächeln. Am liebsten hätte sie ihn jetzt gekitzelt. Toni beschloss, sich gut zu stellen.
«Wissen Sie», begann sie und näherte ihr Gesicht vertrauensvoll dem seinen, «ich wohne ab heute für unbestimmte Zeit in diesem Gebäude.» Der Security-Beamte schaute sie verständnislos an. Doch Toni war noch nicht fertig.
«Dabei wohne ich doch zu Hause in Zürich niemals so luxuriös», kicherte sie nervös und tätschelte seinen Unterarm. Der Beamte schwieg weiterhin beharrlich, das Gesicht ausdruckslos. Mit einer Geste hiess er sie, sich in einem grossen Buch einzutragen. Dann trat er zur Seite und hielt eine Karte vor den Sensor. Fast geräuschlos glitt die Schiebetür auseinander.
«Sie müssen die Neue sein. Willkommen im Haus», sagte eine blonde westliche Frau, die ihr auf der dritten Etage entgegenkam. «Ich heisse Alice. Wir sind direkte Nachbarn. Dr. Singh hat mir bereits gesagt, dass er Sie heute erwartet.» Sie hielt mit beiden Händen einen Umzugskarton. Ihre blonde Hochsteckfrisur war zerzaust und unter den Achseln ihres T-Shirts zeichneten sich dunkle Flecke ab.
«Ich entschuldige mich für das Chaos, aber wir ziehen gerade selbst erst ein, und mit Kindern ist das einfach die Hölle», sie stiess einen Seufzer aus und rollte die Augen. Haben Sie Ihr Apartment schon gesehen?»
Toni schüttelte den Kopf. Im ganzen Stockwerk standen Umzugskartons, während vier Männer im Blaumann gerade ein schweres Klavier aus dem Lift schoben und anhoben, die Gesichter vor Anstrengung verzerrt. Drei blondhaarige Kinder spielten zwischen den Möbeln fangen. Ein schlanker junger Mann mit Schnauz trug in den Armen eine Lavalampe und eine Avocadopflanze, mehr ein Stängel, der fast alle Blätter fehlten.
«Ich bin so eine schreckliche Gärtnerin», sagte Alice, mehr zu sich selbst und stellte die Umzugsschachtel auf den Boden, nahm ihm das Avocadobäumchen aus den Händen und stopfte es in einen grossen Müllsack. Sie strich sich einige zerzauste Strähnen hinters Ohr, stützte eine Hand in die Hüfte und liess ihren Blick über das Chaos schweifen. «Luisa, Grete, Dominik, jetzt seid doch mal ruhig und hört mit dem Gerenne auf», rief sie scharf, worauf die Kinder zögernd inne hielten und aufhörten, sich an den Haaren zu reissen.
Na bravo, drei Bengel, ein Klavier … auf eine glückliche Nachbarschaft, dachte Toni zynisch.
«Das ist Raju. Er ist die gute Seele des Hauses», stellte sie den jungen Mann vor, der gerade eine andere Kiste aufhob. «Vorsicht, da ist Frederick drin.»
Raju guckte verdutzt. «Die Schildkröte. Turtle.»
Sie machte mit den Armen Bewegungen wie eine Schildkröte. Toni musste ein Lachen unterdrücken, während Raju zurückzuckte. Ausgelegt mit Stroh, lag in der Kiste eine friedlich kauende Schildkröte. «This is our pet», erklärte sie.
«Das hat er wohl noch nie gesehen», sagte sie trocken zu Toni.
«Wenn du irgendetwas brauchst, kannst du Raju rufen. Wir duzen uns doch?»
«Ja klar, ich heisse Toni.»
«Wir sind in der Nummer achtzehn. Komm vorbei, wenn du eingerichtet bist.»
Toni drehte den Schlüssel im Schloss, stiess die Tür auf und trat ein, ihr Herz machte einen Sprung. Ein dunkelbrauner Eichenholzparkettboden erstreckte sich vom grosszügigen Eingangsbereich bis zur gegenüberliegenden Fensterfront, der linken Wand entlang reihten sich weisse Einbauschränke mit Lamellen, rechts war eine Gegensprechanlage mit Telefonhörer installiert. Sie schritt den Korridor entlang, der Raum öffnete sich in die Weite, an der Fensterseite stand eine helle Ledercouch mit einem Flachbildschirm, das eingestellte Standbild zeigte schwimmende Fische in einem Aquarium. An der Wandseite befand sich ein helles Bücherregal mit Architekturbänden. Toni trat zum Fenster, das vom Boden bis zur hohen Decke reichte. Sie schaute nach unten auf den Parkplatz auf die geparkten Wagen, die in der Nachmittagssonne glänzten, ihr wurde leicht schwindlig. In der Ferne glänzten die Fassaden von futuristischen Wolkenkratzern. Erst jetzt entdeckte sie rechts eine Kochnische mit Mikrowelle und Elektroherd sowie links eine schmale Wendeltreppe, die nach oben führte auf eine mit Spannteppich ausgelegte Galerie mit einem Doppelbett. Toni setzte sich darauf, hüpfte ein, zweimal auf und ab. Ist das etwa ein Boxspringbett? Kann mich bitte einmal jemand kneifen? Die Tür zum Bad war nur angelehnt, sie pirschte sich heran, tippte die Tür an und stand vor einer monströsen Badewanne. Toni unterdrückte einen Kreischer. Es duftete herrlich nach Rosenblättern, flauschige Handtücher lagen bereit zum Gebrauch. Es klopfte, Toni hob den Kopf und stieg flink die Wendeltreppe hinab. Raju kam herein, die Koffer trug er am Griff, je einen links und rechts. Er stellte sie ab, Schweisstropfen perlten auf seiner Stirn.
«Brauchen Sie sonst noch etwas, Mam?»
Toni schüttelte den Kopf.
«Darf ich Ihnen dann noch einen Chai bringen?»
«Oh, sehr gern. Vielen Dank.» Er liess sie wieder allein. Toni zog mit beiden Händen am Einbauschrank, alle Ablagen waren leer und blitzblank geputzt. Sie öffnete den ersten Koffer und begann damit, ihre Kleider einzuräumen. Das ist ja der Hammer! Sogar grosszügigen Platz für Schuhe gibt es. Wie surreal!
Es klopfte erneut und Raju trat ein, auf einem Tablett balancierte er eine Tasse Chai. Die Süsse kitzelte Toni im Gaumen, als sie den ersten Schluck nahm. Happy Landing.