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Fast vierzig Jahre nach der französischen Erstausgabe ist nun der Schlussband von Albert Cohens Tetralogie endlich in deutscher Sprache erschienen; im Jahre 1930 hatte Cohen (geboren 1895 in Korfu, gestorben 1981 in Genf) diese Romanreihe mit «Solal» eröffnet und mit «Eisenbeisser» 1938 fortgesetzt. «Die Tapferen» waren vom Autor ursprünglich als Teil seines umfangreichen und auch berühmtesten Romans «Die Schöne des Herrn» (französisch 1968; deutsch von Helmut Kossodo 1983) vorgesehen; er beugte sich schliesslich seinem Verleger, der auf der Aufspaltung in zwei Werke bestand. Der grotesk-komische Roman «Die Tapferen» setzt herkömmliche Romanerwartungen – wie handlungsstarke Story oder lineares Erzählen – spielerisch ausser Kraft. Durch eine barocke Ökonomie des Überflusses, der Abschweifung und der rhetorischen Inszenierung des Erzählaktes wird die Banalität der erzählerischen Konventionen wie die jeglicher Normalität sichtbar gemacht.
Ein schwadronierender, ebenso einfallsreicher wie armer jüdischer Advokat sephardischer Abkunft, Pinhas Solal, genannt Eisenbeisser, lebt auf der griechischen Insel Kephalonia mit seiner Frau Rebecca und drei Kindern im Exil. Seine phantastischen Attribute wie «Bey der Lügner» oder «Kapitän der Winde» kennzeichnen ihn als Angehörigen einer karnevalesken Literaturtradition, die das Hohe durch das Vulgäre prüft, das Geistige an den Forderungen des Körpers hinfällig werden lässt: «Vulgär sein heisst die Wahrheit sagen», ist denn auch seine Devise. Da ein Kopf, wie es heisst, zum Denken und zum Essen sei, sind Fülle und Verausgabung, Aufzählung und Deskription Kennzeichen der erzählten Welt wie des Erzählens. Dem steht der akute Geldmangel entgegen, der zu Romanbeginn im Protagonisten narzisstische Larmoyanz und Selbstmordgedanken entfesselt. Aus diesem Nullpunkt führt die Versammlung der fünf Cousins, der Tapferen, die zuletzt zu einer Odyssee durch das Europa des Jahres 1935 aufbrechen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft (mit der luxuriösen Swissair). Das vordergründige Reiseziel ist der reiche Verwandte in Genf, der sie mit einem grossen Check in Schweizer Franken erwartet. Die einberufene Versammlung der fünf Cousins inszeniert Eisenbeisser «universitär»: als selbsternannter Gründungsrektor der Universität für «die schönen Dinge des Lebens» hält er eine Vorlesung über Verführung, die am Beispiel von «Anna Karenina» den romantischen Liebescode der europäischen Romanschreiber lächerlich macht. Ihrem abgehobenen Liebeskonzept setzt er die wirkliche Wirklichkeit entgegen, die darin besteht, dass die Ehe- und Liebesleute zusammen hässlich werden. Einmalig in der Wirklichkeit und in der Fiktion ist diese Universität auch darin, dass sie wegen plötzlichen Reichtums geschlossen wird.
Das utopische Ziel des Romans ist freilich die Staatsgründung Israels, über deren Notwendigkeit vor dem Hintergrund des Dritten Reichs wie des europäischen Antisemitismus bei den fünf tapferen Cousins Einigkeit besteht. Keineswegs klar ist hingegen, wie diese Utopie auszusehen habe. In einer reflektierten Kritik an der Ordnungssucht utopischer Entwürfe plädiert Eisenbeisser fürs Unnormalsein. Er hat sogar eine deutliche Präferenz für die Monarchie und geht auf Distanz zu den polnischen und russischen Juden mit ihren demokratischen und sozialistischen Vorstellungen. Seinem Vorsatz, «unnormal» bleiben zu wollen, entspricht sein «subjektiver Patriotismus»: in seinem langen Brief an die englische Königin, den er aufreizend unbescheiden als seinen «achtzehnten Brumaire» bezeichnet, sucht er nicht nur die Staatsgründung Israels voranzutreiben, sondern diese vor allem mit seiner künftigen Rolle in diesem Staat als Botschafter oder Aussenminister zu verknüpfen. Und wie abgründig aktuell ist die Auskunft, die sein Cousin Saltiel Solal über Eisenbeissers Utopievorbehalt gibt! Eisenbeisser habe ihm nämlich gesagt, «in diesem Jüdischen Staat gebe es bald keine Juden mehr vor lauter Glück und Normalität! Denn ihm zufolge macht das Glück dumm und lähmt das Genie des Herzens! Worauf ich erwidert habe, es sei ja das Schicksal unseres Volkes, von Generation zu Generation Drangsal, Widrigkeiten, Unglück zu erleiden, und in unserem Jüdischen Staat würde das sicher nicht anders sein, folglich werde alles gut gehen, ohne da? die Gefahr von Glück oder Sicherheit bestehe […]». Ein Roman, der sich auf solche Einsichten versteht, hat auch einen Blick dafür, dass die Klarheit, die Pinhas Solal an den jungen Mädchen in London wahrnimmt, nicht aus sich selbst hervorgebracht werden kann. Für einen, der sich als «Liebling seiner selbst» begreift, eine ebenso notwendige wie bittere Einsicht.
Albert Cohen, «Die Tapferen». Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Bonn: Weidle Verlag, 2006.
Karl Wagner, geboren 1950 in Steyr, ist seit 2003 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich.