Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/2493

Der unruhige Müller
Arlesheim, Sonntag, 13. Februar 1791. – Zwei kleine rosa Ohren flattern im eisigen Wind, vier Beine suchen verzweifelt Halt. Sie finden ihn und quiekend rennt die Sau weiter.
Die Beine des Müllers, der sie verfolgt, finden keinen Halt. Der mächtige Mann schlägt der Länge nach hin und bleibt benommen liegen, im Bett des Dorfbachs, der zugefroren ist und zugeschneit.
Der Müller war ein unruhiger Mensch, gemartert von wirren, kreisenden Gedanken. Nach dem Aufschlagen des Schädels auf der Eisfläche jedoch fügten sich diese Gedanken wundersam zusammen. Sie ergaben plötzlich Sinn und unterwarfen sich einer übergeordneten, bösen Idee.
Der erste Gedanke galt seinem Vater: Er führte ihn zur Mühle. Das morsche Tor liess sich nicht öffnen. Als Vater und Sohn heftig daran rüttelten, stürzte es ihnen entgegen und erschlug sie fast. Der dunkle, feuchte Raum hustete Staub und Moder. Und der Vater sagte: «Hier sollst du fortan leben, mein Sohn, bis zu deinem letzten Tag.»
Der zweite Gedanke galt dem Landvogt: Der Müller bettelte und flehte fünfzehn Jahre lang, zuerst um die Erlaubnis, die Mühle zu renovieren, dann um die Erlaubnis, die alte Mühle abzureissen und eine neue zu bauen. Der Landvogt blieb stur, er mochte den Müller einfach nicht. Schliesslich bewilligte der Fürstbischof den Neubau, weil sein Baumeister den Müller unterstützte. Doch nun hatte der Müller Schulden. Der Fürstbischof hatte ihm einen stolzen Betrag geliehen, den er über Jahrzehnte würde abstottern müssen.
Der dritte Gedanke galt der Landvögtin und ihrem Cousin, dem Domherren: Platzierten die doch ihre vermaledeite Waldbruderey ausgerechnet vor seine neue Mühle. Der Müller hatte keine ruhige Minute mehr. Die galanten Herren neckten seine Töchter und die feinen Damen sassen in seiner Stube und liessen sich Essigtrünke servieren.
Der vierte Gedanke galt dem Schweizerhaus in der Waldbruderey: Bei gutem Wetter spielten dort seine Familie und sein ganzes Gesinde unter der Regie der Landvögtin für die edlen Herrschaften romantisches Bauernleben. Und die Arbeit blieb liegen. Es gebe zwar keinen echten Waldbruder im Garten, spottete der fürstbischöfliche Baumeister, wohl aber einen echten Müller. Man müsste den Garten wohl besser Müllerey statt Waldbruderey nennen. Wenn der Müller gewusst hätte, dass es so kommen würde, wäre er an die Birs hinunter gezogen, wie es ihm der Baumeister vor Jahren vorgeschlagen hatte.
Der fünfte Gedanke galt zwei Dienern, die der Müller im Sommer nach der Frühmesse belauscht hatte: Sie waren damit beschäftigt, die Nachttöpfe ihrer reisenden Herrschaften vor dem Ochsen in den Dorfbach zu leeren. – «In Paris muss ja jetzt jeder selbst seinen Nachttopf leeren», flüsterte der eine. – Darauf der andere: «Jaja, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.»
Der sechste Gedanke galt dem Fürstbischof: Eines Tages stand er höchstpersönlich mit seinem ganzen Hofstaat vor des Müllers Haus und der Herold verlas ein Dekret: Die Grotte gegenüber der Mühle sei vollständig zu räumen. Der Müller müsse sein Holzlager, seinen Misthaufen und seinen Schweinestall entfernen, damit dort der neue Eingang zur Waldbruderey angelegt werden könne.
Der siebte Gedanke galt seiner Sau: Der Müller verrichtete am Bach seine Notdurft und die Sau galoppierte Richtung Dorf, sie war wieder einmal ausgebüxt aus dem provisorischen Schweinestall. Der Müller richtete seine Hose und lief hinterher, bis zur Kurve beim Hofgut.
Nun erhob sich der Müller mühsam aus dem Bachbett und humpelte zum Platz vor der Odilienkirche. Dort brannte ein Feuer und die Armen und die Kranken wärmten sich und löffelten Suppe aus einem grossen Topf. An kalten Sonntagen, nach der Messe, spendete die mildtätige Landvögtin nämlich immer Holz und Suppe. Misstrauisch beäugten die Elenden den Müller und seine Sau, die inzwischen auch beim Feuer stand und mit Unschuldsmiene ihren Bauch wärmte.
Und dann, um eins in der Nacht, meldete der Feuerreiter von Dorneck den Brand des Schweizerhauses in der Waldbruderey. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern kamen mit Schlitten und Karren voller Töpfe, mit denen sie Löschwasser schöpfen wollten. Doch die Weiher waren zugefroren und am Schweizerhaus lag ihnen wenig. Sie liessen es niederbrennen und tranken in der Mühle ein Glas Wein. Es war eine merkwürdig ausgelassene Gesellschaft, die der Landvogt von Dorneck in der Waldbruderey antraf. Er machte schnell wieder kehrt. Weder der Landvogt von Birseck, noch dessen Gemahlin, noch deren Cousin wagten sich in dieser Nacht in die Nähe des Brandes. Die Urheber wurden nie ermittelt und das Schweizerhaus wurde nicht wieder aufgebaut.
Text: Jürg Seiberth, Illustration: Mischa Kammermann, Foto: Helga Seiberth