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Weil nicht sein kann
Ein iPad stürzt nie ab, schon gar nicht, wenn er abstürzt. Weil Apple nämlich eine brillante technologische Lösung für solche Fälle entwickelt hat: Die Firma hat ihren Mitarbeitern kurzerhand verboten, ein so hässliches Wort wie «Absturz» überhaupt zu verwenden. Im Drang, nicht nur die eigenen Produkte, sondern auch das Reden über sie perfekt zu designen, hat man die an der Genius Bar angestellten Genies angewiesen, stattdessen die Formulierung «reagiert nicht» zu verwenden. Was natürlich sehr viel schöner klingt. Ist alles kein Problem, denn auch das Wort «Problem» steht auf der schwarzen Liste. Mit Apple-Geräten gibt es nur «Situationen». Weil, wie schon Christian Morgenstern, dieser berühmte Spezialist für künstliche Intelligenz, es einmal formuliert hat, eben nicht sein kann, was nicht sein darf.
Seit ich den Bericht über diese ach so kundenfreundliche Sprachregelung im Guardian gelesen habe, entdecke ich immer neue Bereiche, in denen die Dinge bedeutend besser gelaufen wären, wenn man denselben Lösungsansatz auch in anderen Situationen angewendet hätte. Auf der Titanic zum Beispiel wäre bestimmt sehr viel weniger Panik ausgebrochen, wenn man den Passagieren nicht rücksichtlos und ohne jedes psychologische Feingefühl mitgeteilt hätte, man sei mit einem Eisberg kollidiert, sondern stattdessen sehr viel aufbauender von einer beschleunigten Annäherung an kühlere Zonen gesprochen hätte. Oder von der Anlieferung einer grösseren Menge von frischem Eis für die Cocktails in der Bar.
Aber es müssen ja nicht gleich Tragödien – pardon, «unvorhergesehene nicht ideale Ereignisse» – sein, die sich unter Neuformulierungen so schön verstecken lassen wie ein Glatzkopf unter einer Perücke. Auch im Alltag liesse sich das Prinzip nutzbringend anwenden. Wenn der Schnellzug von Zürich nach Bern mal wieder auf offener Strecke stehen bleibt, könnte sich die SBB per Durchsage darüber freuen, ihren Passagieren völlig kostenlos einen verlängerten Aufenthalt an Bord anbieten zu dürfen. Und der Mann, der einem bei seinem unglücklichen Parkmanöver die Stossstange eingedellt hat, könnte jeden Ärger sofort verrauchen lassen, indem er sein Missgeschick als «freiwilligen Beitrag zur optischen Neugestaltung Ihres Fahrzeugs» beschreibt.
Auch im Privatleben würde diese Methode der sprachlichen Schönheitschirurgie vieles erleichtern. «Ich habe den Kreis unserer Freunde erweitert» klingt einfach viel erfreulicher als «Ich habe dich betrogen». Ganz zu schweigen von «Ich möchte dir den Kontakt zu einem hochgebildeten Akademiker vermitteln», was Sie sich bestimmt auch schon selber mit «Mein Scheidungsanwalt wird sich bei dir melden» übersetzt haben.
Leider sind nicht alle Menschen so sprachbegabt wie die PR-Leute eines Weltkonzerns. Man müsste also, auch als Beitrag zur Bekämpfung der akademischen Arbeitslosigkeit, eigene Schulen einrichten, in denen man diesen orwellschen Newspeak von Grund auf erlernen kann. (Der Begriff «Trump University» würde sich dafür anbieten, und der soll ja im Moment frei sein.) Es liesse sich bestimmt viel Geld damit verdienen, oder neusprachlich ausgedrückt: Es würde damit einem dringenden gesellschaftlichen Bedürfnis abgeholfen. Denn die Absolventen eines solchen Instituts werden in den verschiedensten Bereichen dringend gesucht. Mit einem Master in verbalem Retrofitting würde bestimmt niemand lang vergeblich nach einem Arbeitgeber suchen.
(Wobei, dies nur nebenbei, «Arbeitgeber» selber eine frühe Meisterleistung des damals noch von Amateuren betriebenen Gewerbes der positiven Umwortung ist. Weil es ja eigentlich der Mensch am Fliessband oder am Büroschreibtisch ist, der für schlechten Lohn seine Arbeit hergibt. Aber andersrum klingt es viel menschenfreundlicher.)
So ein Studiengang wäre für seine Studenten schon deshalb attraktiv, weil es dort selbstverständlich keine schlechten Noten gäbe, sondern schlimmstenfalls eine leicht eingeschränkte Anerkennung. Und es würde auch nie jemand rausfliegen, sondern man würde ihm nur die Aussicht auf ganz neue berufliche Perspektiven eröffnen.
Ich kann mir den Lehrplan dieser höheren Bildungsanstalt schon lebhaft vorstellen. Im Einführungssemester erfahren die Studenten als erstes, dass «Du sollst nicht lügen» nur die unkreative Übersetzung eines Bibelzitats ist, das eigentlich «Du sollst deine Ausreden nicht schlecht formulieren» bedeutet. Und sie lernen den Unterschied zwischen News und Fake News: Fake News bekommen mehr Likes.
Die fortgeschrittenen Studenten besuchen das Seminar «Klassische Euphemismen der Weltgeschichte», wo sie so vorbildliche Beispiele wie «Optimierung der Staatseinnahmen» für «Steuererhöhung» oder «Entsorgungspark» für «Atommülllager» analysieren. Oder sie bereiten sich in praktischen Übungen auf den Berufsalltag vor, indem sie etwa in Rollenspielen trainieren, wie man einen aufgebrachten Kunden beruhigt, ohne im Gespräch jemals zuzugeben, dass das eigene Produkt eine Macke hat. Oder…
Aber man muss dieses Institut ja gar nicht mehr gründen, weil es bereits existiert. Es firmiert unter dem Namen «Apple Mitarbeiterschulung».
Erschienen in der «NZZ am Sonntag» vom 13.Januar 2019