Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03542.jsonl.gz/837

Eines Morgens beim Frühstück – meine Frau trinkt ihren Tee, Mika rinnt Milch übers Kinn, ich schlage vor, dass wir am Wochenende Äpfel pflücken gehen – knallt Yang plötzlich mit dem Gesicht in die Müslischüssel. Die Bewegung ist abrupt, mechanisch, und Müsli und Milch spritzen über den ganzen Tisch. Yang richtet sich wieder auf, schaut gelassen geradeaus, als wäre nichts passiert, und dann knallt er wieder mit dem Gesicht in die Schüssel. Mika findet das natürlich zum Totlachen. Sie ahmt Yang nach, beugt sich über ihre eigene Schüssel, aber Kyra hebt sie rasch aus ihrem Stuhl und verschwindet aus der Küche, damit ich mich um Yang kümmern kann.
Ich bin nicht der Typ, der in solchen Momenten einen klaren Kopf behält. Ich stehe in der Küche, hinter mir liegt mein umgekippter Stuhl, und ich bin komplett ratlos. Ihn runterfahren oder den Hersteller anrufen, ihn runterfahren oder den Hersteller anrufen? Die Schüssel ist inzwischen leer, Milch tropft vom Tisch, die ganze Scheissküche ist voller Cheerios, und Yang hat einen roten Abdruck vom Schüsselrand auf der Stirn. Über seinem linken Augenlid hat sich ein Stück Haut vom Rahmen gelöst. Ich beschliesse, ihn herunterzufahren. Der Hersteller kann mir dann beim Reboot helfen.
Ich stelle mich hinter Yang, und als er sich wieder ruckartig nach vorne beugt, zerre ich ihm das Hemd aus der Hose und drücke den Entriegelungsknopf auf seiner Rückenplatte. Sie springt nicht auf – das Teil ist festgeschraubt.
«Kyra», rufe ich Richtung Wohnzimmer. Keine Antwort, nur Mikas Schreie aus dem Obergeschoss und immer wieder der dumpfe Aufprall von Yangs Kopf auf der Tischplatte. «Kyra!»
«Was ist?», ruft sie zurück.
Bums.
«Ich brauche einen Kreuzschlitz!»
«Was?»
Bums.
«Einen Schraubenzieher!»
«Ich kann grad nicht! Mika hat einen Wutanfall.»
Bums.
«Toll, danke.»
Normalerweise sind Kyra und ich nicht so. Wir sind ein gutes Team, kommunikativ und liebevoll, aber Stresssituationen bringen unsere schlimmsten Seiten zum Vorschein. Die Haut über Yangs linkem Auge ist geplatzt, darunter kommt die weisse Membran zum Vorschein. Ich habe keine Zeit, in den Keller zu rennen, schnappe mir das Buttermesser vom Tisch und versuche, es als Schraubenzieher zu benutzen. Die Spitze ist viel zu breit für das kleine Metallkreuz, also völlig nutzlos, weshalb ich das Messer in das Steuerungsmodul in Yangs Rücken ramme und es aufzuhebeln versuche. Es knackt, und ein Stück fleischfarbenes Bioplastik schlittert über den Linoleumfussboden. Ich drücke den An-/Aus-Schalter und warte, dass das blassblaue Lämpchen ausgeht. In der unheimlichen Stille richtet Yang sich auf, als wäre etwas nicht in Ordnung, und neigt den Kopf Richtung Fenster. Draussen flattert ein Rotkardinal von einem Ast. Dann sackt Yang mit einem innerlichen Seufzer nach vorne, das Kinn fällt ihm auf die Brust. Die Beleuchtung unter seiner Haut erlischt, wodurch sein Gesicht aschfahl und kränklich wirkt.
Ich höre, wie Kyra und Mika die Treppe runterkommen. «Ist mit Yang alles okay?»
«Nicht reinkommen!»
«Mika will zu ihrem Bruder.»
«Bleibt bloss draussen! Yang geht es nicht so gut.» Auf ihrem Weg zurück nach oben hallen die gedämpften Schritte meiner Frau und meiner Tochter in der Küche wider.
«Scheisse», murmle ich. Ihm geht es nicht so gut? Yang ist Schrott, und ich habe gerade sein Steuerungsmodul zerstört. Gott weiss, was das kostet. Ich zücke mein Handy und rufe Brothers & Sisters Inc. an.
Als wir Mika vor drei Jahren adoptierten, kam uns das sehr fortschrittlich vor. Wir hielten es für unseren kleinen Beitrag gegen das Klonen. Kyra und ich sind beide weiss und kommen aus der Mittelschicht; wir haben ein vergleichsweise einfaches und privilegiertes Leben geführt und dachten, es sei an der Zeit, der Welt etwas zurückzugeben. Es war Kyras Vorschlag, ein Kind aus China zu adoptieren. Das Erdbeben hatte Tausende Kinder zu Waisen gemacht, darunter Mika. Da konnte ich schlecht Nein sagen. Meine Hauptsorge – ich sprach mit Kyra darüber und auch mit der Adoptionsagentur während des Interviewprozesses – waren die kulturellen Unterschiede. Mein Wissen über China beschränkte sich auf die Fotos, Platzdeckchen und «Lernen Sie Chinesisch»-Glückskekse im «Golden Dragon». Die Agentur schlug vor, Yang anzuschaffen.
«Er ist grosser Bruder, Babysitter und Kulturvermittler in einem», erklärte die Frau. Sie reichte uns eine bunte Broschüre – China!, stand in roten, drachenförmigen Buchstaben darauf – und sagte, wir sollten es uns überlegen. Wir überlegten. Kyra arbeitete vierzig Stunden die Woche bei Crate and Barrel, ich stemmte Doppelschichten bei Whole Foods. Ja, wir bräuchten jemanden, der auf Mika aufpasste, und dafür würden wir garantiert keinen der Klone aus der Nachbarschaft anheuern. Kyra und ich waren nicht egozentrisch genug, um uns für etwas Besseres zu halten, aber wir wollten auch nicht, dass sich unsere Tochter von den perfekten Nachbarskindern verunsichern liess. Ausserdem brachte Yang einen Fundus an kulturellem Wissen mit, das Kyra und ich niemals hätten vermitteln können. Yang hatte in China alles vom Kindergarten bis zur Uni durchlaufen und Nationalfeierlichkeiten wie Flaggzeremonien und Geisterfesten beigewohnt. Er wusste über Mondkuchen und Himmelslaternen Bescheid. Für zweihundert Dollar mehr gab es das bessere Modell, das Mika Tai-Chi und Akupressur beibringen konnte, wenn sie alt genug war. Ich dachte darüber nach. «Ich könnte Mandarin lernen», sagte ich abends im Bett. Kyra kannte mich zu gut. «Das machst du doch eh nicht.» Ich drückte ihre Hand und antwortete: «Gut, dann kriegen wir eben zwei Kinder.»
Nach zwanzig Minuten in der Warteschleife erfahre ich, dass Brothers & Sisters Inc. nicht das Geringste tun wird, um Yang zu ersetzen. Meine Garantie ist vor acht Monaten abgelaufen, und falls ich für meinen kaputten Yang telefonische Hilfe in Anspruch nehmen wolle, würde mich das fünfzehn Dollar die Minute kosten. Ich lege auf. Yang sitzt immer noch zusammengesackt am Tisch. Ich drücke den An-/Aus-Knopf an seinem Rücken und hoffe, dass er nur einen Neustart nötig hatte. Nichts. Kein blaues Licht, kein Hochfahren. Scheisse, denke ich. Achttausend Dollar für die Katz.
«Können wir jetzt runterkommen?», ruft Kyra.
«Moment noch!» Ich rücke Yangs Stuhl zurück und lege ihm die Arme um die Hüfte. Mir wird klar, dass ich Yang gerade zum ersten Mal in den Arm nehme. Er wohnt zwar schon fast so lange bei uns wie Mika, aber ich glaube, ausser ihr hat ihn noch nie jemand umarmt oder geküsst. Hin und wieder knufften wir ihn vielleicht mal aus Spass in die Seite und sagten: «Lach doch mal, Yang», aber das war auch schon alles an Körperkontakt. Ich ziehe ihn eng an mich, die Füsse fest auf den Boden gestemmt, und hebe ihn hoch. Er ist schwerer, als ich dachte, so schwer wie der Achtzehnjährige, den er darstellen soll. Ich hieve ihn auf meine Schulter und schleppe ihn durchs Wohnzimmer, raus zum Auto.
Mein Nachbar George harkt gerade Blätter zusammen. George ist ganz nett, aber auch ganz anders als wir. Beide seiner Kinder sind Klone, und er fährt ein Hybridauto mit einem Aufkleber, auf dem steht: WENN ICH AUF SOLAR STÜNDE, WÜRDE ICH MICH IN DIE SONNE LEGEN. Er schaut auf, als ich den Kofferraum aufmache. «Ist das Yang?» Er stützt sich auf die Harke, und ich rechne fast damit, dass sie unter seinem Gewicht birst.
«Ja.» Ich lege Yang in den Kofferraum.
«Sieh einer an. Was ist denn los?»
«Keine Ahnung. Wir sassen beim Frühstück, und auf einmal ist er durchgedreht. Ich musste ihn runterfahren, und jetzt geht er nicht mehr an.»
«Oh je. Mit dir alles in Ordnung?»
«Ja, mir geht’s gut», erwidere ich automatisch, obwohl mir in dem Augenblick klar wird, dass es mir überhaupt nicht gut geht. Ich fühle mich wackelig auf den Beinen, und der Himmel wirkt durchscheinender als sonst, als wäre weniger Luft darin. Trotzdem bin ich froh über meine Antwort. Ein Mann, der sich für den Superbowl das Gesicht anmalt, ist nicht gerade der Typ, dem ich mein Herz ausschütten will.
«Hast du einen Techniker?», fragt George.
«Nein, hab ich nicht. Ich wollte ihn zu Quick Fix bringen und mal hören…»
«Bring ihn bloss nicht dahin. Ich kenne einen guten Techniker, der hat Tiger repariert, als er ständig überall gebuddelt hat. Die Werkstatt ist in Kalamazoo, aber der ist die Fahrt echt wert.» George holt eine Karte aus seinem Portemonnaie. «Er repariert dir Yang für ein Drittel von dem, was die bei Q-Fix haben wollen. Sag Russ, dass du von mir kommst.»
Yang kam komplett programmiert bei uns an; es gab nichts, was ich ihm noch hätte beibringen können – kein Baseballspiel, kein Pizzabelag, keine Fahrradroute und kein Film, den er nicht kannte. Am Anfang unternahm ich noch Ausflüge mit ihm, um eine Art Kameradschaft zu bilden, so als wäre Yang als Austauschstudent bei uns zu Gast. Ich ging mit ihm zu einem Tigers-Spiel im Comerica Park. Als wir auf unseren Plätzen sassen, hatte er bereits sämtliche Spielerstatistiken heruntergeladen und konnte mir jeden World-Series-Gewinner nennen, den es je gegeben hatte. Er ass Erdnüsse mit mir, und wenn ich jubelte, machte er es mir nach und riss die Arme hoch, aber es wirkte nicht so, als empfände er irgendeine Freude dabei. Irgendwann fühlte ich mich bei diesen Kameradschaftsversuchen nicht mehr wohl, sei es in der Geisterbahn oder beim Footballwerfen im Garten, es kam mir vor, als würde Yang mich lediglich bei Laune halten wollen, und deswegen gab ich nach ein paar Monaten auf. Er wohnte bei uns, ass, leerte seinen Magenkanister diskret aus, putzte sich die Zähne, las Mika Gutenachtgeschichten vor und schaltete in den Ruhemodus, wenn wir das Licht ausmachten.
Er war durchaus ein wertvoller Familienzuwachs. Man konnte sich immer darauf verlassen, dass er das Gespräch mit interessanten Fakten über China am Laufen hielt, von denen wir noch nie zuvor gehört hatten. Ich weiss noch, wie wir einmal im Auto sassen und World Drum auf NPR hörten, da erklärte er von der Rückbank: «In diesem Lied hört man eine Xun, ein traditionelles chinesisches Instrument, dessen eindringlicher Klang auf der kleinen Terz basiert.» Bei anderen Gelegenheiten versorgte er uns mit interessanten Wissensschnipseln. Eines Nachmittags hatten wir uns Eis bei der Old World Creamery geholt, da drehte er sich zu Mika um und sagte: «Wusstest du, dass Eiscreme vor über viertausend Jahren in China erfunden wurde?» Er integrierte sich in die Familie. Zugegeben, er trug seine Informationen etwas mechanisch vor – wir versuchten stets zu verhindern, dass Mika die sprachlichen Eigenheiten übernahm. Seinen Aussagen fehlte es an Leidenschaft, so als wäre er selbst nicht daran interessiert, aber Kyra und ich führten das darauf zurück, dass er ein frühes Modell war. Und wenn man an die Momente dachte, in denen er sich an Mika wandte und sagte: «Ich hab dich lieb, kleine Schwester», liess sich nicht leugnen, was für ein wichtiger Bestandteil unserer Familie er war.
Russ Goodmans Werkstatt für Elektroreparaturen liegt inmitten eines Industriegebiets drei Kilometer vom Highway entfernt. Sie quetscht sich zwischen Mikes Auspuffreparaturen und ein Geschäft namens Stacys Zweite Chance, ein vollgestopfter Antiquitätenladen mit alten Gewehren, Bogenzielscheiben und stählernen Bärenfallen im Schaufenster. Zwei Männer in Basecaps und ölverschmierten Karohemden stehen rauchend vor der Tür. Als ich neben Mikes verrosteten Auspufftöpfen und Ölfässern parke, mustern sie mein solarbetriebenes Auto wie einen räudigen Hund.
«Hi, ich bin auf der Suche nach Russ Goodman», sage ich beim Aussteigen. «Ich hab vorhin angerufen.»
Der Grössere der beiden, ein Mann mittleren Alters mit grauem Stoppelbart und wettergegerbter Haut, nickt dem anderen zu, um das Gespräch zu beenden. «Da sind Sie bei mir richtig», sagt er. Ich will ihm die Hand reichen, aber er zieht nur an seiner Kippe und sagt: «Zeigen Sie mal her, was Sie da haben.» Also mache ich stattdessen den Kofferraum auf. Yang liegt zwischen Starthilfekabeln und Wischwasserkanistern, die Beine angezogen. Sein Kopf ist unnatürlich verdreht, als wollte er seine Schulter von hinten mit dem Kinn berühren. Russ, der kräftige Unterarme hat und nach Rauch riecht, stösst einen tiefen Seufzer aus. «Sie haben mir einen Koreaner angeschleppt.» Er spricht es aus wie eine Tatsache. Leute wie Russ habe ich mein Leben lang aktiv gemieden. Wahrscheinlich klebt auf seinem Truck ein Sticker mit der Aufschrift WER NICHT KLONT, IST SELBER SCHULD.
«Er kommt aus China», sage ich.
«Ist doch das Gleiche», erwidert Russ. Er schaut auf und wirft dem anderen Mann kopfschüttelnd einen Blick zu. «Na dann», meint er lustlos. «Bringen Sie ihn mal rein, und ich schau ihn mir an.» Mit einem erneuten Kopfschütteln verschwindet er in seiner Werkstatt.
Russ’ Laden besteht aus einer Theke mit Telefon und Kasse, gegenüber befindet sich ein Tisch mit Kaffeemaschine, Styroporbechern und Kaffeeweisser. Zwei Stühle mit Vinylbezug stehen an einem niedrigen Tisch, auf dem Zeitschriften liegen. Eine offene Tür führt in die eigentliche Werkstatt.
«Hier rein», sagt Russ. Mit Yang über der Schulter folge ich ihm in den hinteren Raum.
Die Werkstatt ist voller Schaltbretter, Kabel, Werkzeug und Körperteile. An der Wand hängen einzelne Arme, ein paar Knie, Beine in verschiedenen Grössen, der Kopf eines jungen Mädchens, vielleicht siebzehn, mit langen roten Haaren. Auf einer Werkbank türmen sich Hautfetzen, daneben ein Vorratscontainer mit Frauenhänden. Sämtliche Hauttöne sind weiss.
In der Mitte des Raums steht ein ölverschmierter alter Massagetisch. Den hat Russ wahrscheinlich von Stacy nebenan. «Dann legen Sie ihn mal hin», sagt er. Ich lege Yang auf den Bauch und manövriere sein Gesicht in das Loch am Kopfende.
«Keine Ahnung, was mit ihm passiert ist», sage ich. «Es gab nie Probleme, aber heute Morgen hatte er auf einmal irgendeine technische Störung. Er hat sich immer wieder aus der Hüfte nach vorne gebeugt.» Russ schweigt. «Vielleicht stimmt irgendwas mit der Festplatte nicht», füge ich an und komme mir vor wie der letzte Idiot. Ich habe keinen Schimmer, was mit ihm los ist; George meinte bloss, ich solle das ansprechen. Wäre ich doch bloss zu Quick Fix gegangen, denke ich. Den jungen Technikfreaks dort werden gute Manieren beigebracht, da fühle ich mich wohler. Russ hat immer noch nichts gesagt. Er nimmt einen Holzhammer und einen Kreuzschlitzschraubenzieher von der Wand. «Meinen Sie, das lässt sich reparieren?», frage ich.
«Mal sehen. Normalerweise arbeite ich nicht mit Importen.» Zum ersten Mal seit meiner Ankunft schaut er mir in die Augen. «Aber Sie sind ein Bekannter von George, also schraub ich ihn mal auf und schau rein. Sie können da draussen warten.»
«Was glauben Sie, wie lange das dauert?»
«Dafür muss ich ihn erst mal aufmachen.»
«Okay», erwidere ich kleinlaut und überlasse Yang seiner Obhut.
Im Wartezimmer giesse ich mir einen Kaffee ein und gebe etwas Weisser hinein. Ich stelle die Tasse auf den niedrigen Tisch und schaue mir die Zeitschriften an. Waffenjournal, Der Mechaniker, Big Brothers & Sisters aktuell – ich lege sie bedrückt wieder zurück. Die Wand hinter der Theke ist mit Fotos von Russ und seinen Kindern übersät, die ihm alle wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Dazwischen hängen ein paar signierte Dollarscheine und in deren Mitte ein kleines Schild mit der amerikanischen Flagge und der Aufschrift IN ROT, WEISS, BLAU IST KEIN PLATZ FÜR GELB.
«Pff!», entfährt es mir unwillkürlich. Dieser Mist stammt noch aus der Zeit der Nordkorea-Invasion, als im ganzen Land die Soldatenschleifen nur noch in Blau erhältlich waren. Ann Arbor ist eigentlich recht fortschrittlich, aber sogar dort begegneten Kyra und ich zahlreichen gesenkten Blicken, wenn wir mit Yang und Mika unterwegs waren. Nicht einmal die Kriegsgegner verhielten sich anders. An jenem ersten Weihnachten, als Kyra, Yang, Mika und ich nacheinander am Flughafen durchsucht wurden, begriff ich, dass es keinen Unterschied mehr machte, ob man Chinese, Japaner oder Südkoreaner war – in den Augen der US-Amerikaner waren sie alle eine Bedrohung. Ich beschliesse, mich nicht länger Russ’ rassistischer Propaganda auszusetzen, und gehe mir die Bärenfallen bei Stacy ansehen.
«Er ist hinüber», erklärt Russ. «Ich kann zwar das ganze Innenleben ersetzen und ihn praktisch komplett neu bauen, aber das kostet Sie am Ende genauso viel wie einen Gebrauchten.»
Ich betrachte Yang, dem rot-grüner Kabelsalat aus dem Rücken quillt. Seine Haut hat zwar ihre gesunde Farbe verloren, sieht aber immer noch weich aus. So wie bei seiner Ankunft, denke ich. «Und Sie können da wirklich nichts machen?»
«Die Voicebox und das Sprachsystem funktionieren noch. Die kann ich Ihnen ausbauen, wenn Sie wollen. Kostet vierzig Dollar.» Russ wischt sich die Hände an einem Lappen ab und meidet meinen Blick. Ich denke an das Schild im Nebenraum. Ha, denke ich, das könnte dir so passen, Yang aufzuschlitzen.
«Nein, schon in Ordnung. Ich nehm ihn einfach wieder mit. Was schulde ich Ihnen?»
«Nichts», sagt Russ. Ich schaue zu ihm auf. «Sie sind ein Bekannter von George», fügt er als Erklärung hinzu. «Ausserdem kann ich ihn nicht reparieren.»
Auf der Rückfahrt rufe ich Kyra an. Sie geht nach dem zweiten Klingeln ran.
«Hallo?»
«Ich bin’s.» Meine Stimme klingt belegt.
«Alles okay bei dir?»
«Ja», antworte ich, und dann: «Wobei, eigentlich nicht.»
«Was ist los? Wie geht’s Yang?»
«Ich weiss nicht. Der Mechaniker hier meint, er sei hinüber, aber ich traue ihm nicht – er hat was gegen Asiaten. Ich überlege, ob ich ihn noch zu Quick Fix bringen soll.» Stille. «Wie geht es Mika?»
«Gut. Sie schaut einen Film… Hinüber?», fragt sie. «Bist du dir sicher?»
«Nein, bin ich nicht. Ich weiss auch nicht. Ich bin noch nicht bereit, ihn aufzugeben.» Ich werfe einen Blick auf die Uhr. «Es ist erst drei. Ich bringe ihn zu Quick Fix, da muss ich jetzt eben durch. Wenn ich da mit ein paar Scheinen wedele, werden die sicher was tun können.»
«Was machen wir, wenn er wirklich
hinüber ist?», fragt Kyra. «Ich muss am Montag arbeiten.»
«Ich weiss», antworte ich. «Das kriegen wir schon hin. Aber jetzt warten wir erst mal die zweite Meinung ab.»
Kyra sagt, dass sie mich liebt, ich sage ihr das Gleiche, und wir legen auf. Und als die Bluetoothverbindung beendet wird, spüre ich, wie mir die Tränen kommen. Das bunte Herbstlaub entlang des Highways ist schuld. Ich weiss noch, wie Kyra letzten Herbst auf Mika aufpasste und ich den Rechen aus der Garage holte, als ich hinter mir plötzlich Yang hörte. Er stand unbeholfen in der Tür, als wüsste er nicht, was er mit sich anfangen sollte, wenn jemand anders auf Mika aufpasst. «Kann ich helfen?», fragte er.
An jenem kühlen Herbstnachmittag, inmitten der roten und orangen Blätter – ich trug meine Weste, Yang den schwarzen Anzug, in dem er geliefert worden war –, rechten wir das Laub in grosse Haufen, bis der Garten aussah wie ein Dorf mit lauter Laubhütten. Dann hielt Yang die Tüten auf, ich schaufelte das Laub hinein, und wir trugen sie an den Strassenrand.
Ich wischte mir den Schweiss von der Stirn. «Willst du ein Bier?»
«Okay», sagte Yang. Ich ging ins Haus und holte zwei kalte Flaschen aus dem Kühlschrank, und dann setzten wir uns zusammen auf das splitternde Zedernholz der Terrasse und schauten zu, wie die Sonne hinter den Bäumen versank und die ersten Sterne funkelnd zum Leben erwachten.
«Geht doch nichts über ein kaltes Bier», erklärte ich und trank einen Schluck.
«Ja», sagte Yang. Er folgte meinem Beispiel und nahm einen grossen Schluck. Ich hörte, wie die Flüssigkeit in seinen Magenkanister plätscherte.
«So was macht ein Mann für seine Familie.» Ich deutete mit meinem Bier auf den laubbefreiten Garten. Ohne es zu merken, hatte ich Yang als meinen Sohn betrachtet und mir vorgestellt, wie er eines Tages für seine eigene Frau und seine Kinder das Laub zusammenharken würde. Mir dämmerte, dass Yangs Zeit bei uns begrenzt war. Irgendwann würden wir ihn herunterfahren und im Keller verstauen – wenn Mika einmal selbst Kinder bekäme, wäre er völlig veraltet, so dass sie keinerlei Nutzen mehr für ihn haben würde. Am liebsten hätte ich meinen Arm um Yang gelegt. Stattdessen sagte ich: «Ich bin wirklich froh, dass du mir bei der Arbeit geholfen hast.»
«Ich auch.» Yang nahm noch einen Schluck, und die Bewegung, mit der er sich die Flasche an die Lippen führte, sah genauso aus wie meine.
Bei dem Quick-Fix-Mitarbeiter fühle ich mich viel wohler als bei Russ. Er trägt eine leuchtend rote Weste über einem sauberen weissen Hemd, und auf seinem Namensschild steht HALLO, ICH BIN RONNIE! Wahrscheinlich ist er noch keine einundzwanzig. Er ist freundlich zu mir, und als ich ihm von Yang erzähle, sagt er: «Oh, das hört sich gar nicht gut an», wobei wenigstens ein Hauch Mitgefühl mitschwingt. Er erklärt, sie hätten im Moment eine einstündige Wartezeit. So viel zum Thema Quick, denke ich. Ich lege Yang auf die Theke und hinterlasse meinen Namen. «Wir rufen Sie auf, wenn er fertig ist», sagt Ronnie.
Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die Gänge durchstreife. An der Demonstration für Championship Boxing ziehe ich mir die Jacke über, setze mir die Brille auf und stelle mich einem Kerl namens Vance, der in Kalifornien spielt. Ich kriege allerdings nicht raus, wie ich mich wegducke oder Schläge abwehre, und wenn meine Hand nach vorne schiesst, wischt sich mein Kämpfer auf dem Bildschirm nur die Nase mit dem Handschuh ab. Vance verdrischt mich so richtig, also lege ich Brille und Jacke wieder zurück und schaue mir die anderen Geräte an. Ich spiele gerade an einem der neuen ThoughtPhones herum, als ich aufgerufen werde.
«Durchgebrannt», erklärt mir Ronnie am Reparaturschalter. «Unter uns: Ist wahrscheinlich besser so. Das Modell ist hoffnungslos veraltet.» Er wiegt sich ungeduldig vor und zurück, als könnte er es nicht erwarten, sich dem nächsten Auftrag zu widmen.
«Und Sie können da gar nichts machen? Er ist der grosse Bruder meiner Tochter.»
«Das Sprachsystem funktioniert noch. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen den Kopf abnehmen.»
«Soll das ein Witz sein? Ich gebe meiner Tochter doch nicht den Kopf ihres Bruders zum Spielen.»
«Oh», sagt Ronnie. «Ähm, na ja, wir könnten die Voicebox ausbauen. Dann kann er immer noch mit ihr sprechen, bloss wäre halt kein Gesicht dran. Wenn Sie wollen, können wir den Rest für Sie recyceln, dann erhalten Sie zwanzig Dollar Rabatt auf eine Digitalkamera Ihrer Wahl.»
«Was kostet mich das alles?»
«Fünfundneunzig für die Diagnose, und wenn wir die Voicebox ausbauen, kommen da noch mal hundertfünfzig dazu. Inklusive Arbeitszeit und Steuern sind wir dann wohl so bei dreihundert.»
Ich überlege, zurück zu Russ zu fahren, aber das kommt nicht in Frage. Als er mir erklärte, dass Yang nicht mehr zu retten sei, hatte ich ihm einen unzweideutigen Blick zugeworfen. «Dann bauen Sie die Voicebox aus», sage ich. «Aber kein Recycling. Ich nehme ihn wieder mit.»
George wirft draussen einen Football mit seinen Zwillingen hin und her, als ich vorfahre. Er hebt die Hand in Richtung der Kinder, damit sie eine Pause einlegen, und tritt an die niedrige Hecke, die unsere Auffahrten voneinander trennt. «Hey, wie war’s bei Russ?», fragt er, als ich aussteige.
«Nicht so gut.» Ich erzähle ihm von Yang, dass ich eine zweite Meinung eingeholt und jetzt seine Voicebox auf dem Rücksitz habe, den Körper in einer grossen Quick-Fix-Tüte im Kofferraum. Das berichte ich so ungerührt wie möglich.
Ich gebe mir Mühe, beiläufig zu klingen.
«Mensch, das tut mir echt leid.» Seine Stimme ist so leise wie noch nie. «Yang war ein guter Junge. Ich weiss noch, wie er einmal extra rüberkam, um Dana mit den Einkäufen zu helfen. Und die Kinder reden immer noch davon, wie er ihnen einmal diese Wahrsagestäbchen gezeigt hat.»
«Ja», sage ich, den Blick auf die Büsche gerichtet. Ich spüre, wie mir wieder Tränen in die Augen steigen. «Wie dem auch sei, ist jetzt kein Weltuntergang. Ich will dich nicht vom Spielen abhalten. Wir kommen schon zurecht.» Das ist komplett gelogen. Ich habe keine Ahnung, wie wir zurechtkommen sollen. Wir waren auf Yang angewiesen, und ein neues Modell können wir uns nicht leisten.
«Wenn wir euch irgendwie helfen können, sagt Bescheid», bietet George an. «Wenn ihr tagsüber einen Babysitter braucht oder so. Ich werde mal mit Dana sprechen – sie hat bestimmt nichts dagegen, auf Mika aufzupassen.» George streckt seine Pranke nach mir aus. Kurz flackert das Championship Boxing vor meinem inneren Auge auf, und ich bereite mich auf einen Schlag vor. Stattdessen klopft er mir auf die Schulter. «Tut mir echt leid, Jim.»
Abends liege ich bei Mika im Bett und lese ihr «Gute Nacht, lieber Mond» vor. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass ich ihr vorlese. Beim letzten Mal waren wir bei Kyras Eltern zu Besuch und hatten Yang übers Wochenende heruntergefahren. Als ich auf der letzten Seite ankomme, ist Mika eingeschlafen. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Stirn und schalte das Licht aus. Kyra liegt im Bett und liest.
«Ich fang dann wohl mal mit dem Graben an», sage ich.
Sie legt ihr Buch beiseite. «Komm her.» Ich durchquere das Zimmer und lege mich aufs Bett, den Kopf auf ihren Bauch.
«Fehlt er dir auch?», frage ich.
«Mhm.» Sie fährt mir mit der Hand durchs Haar. «Ich glaube, morgen ist ein guter Tag für den Abschied. Meinst du wirklich, das geht in Ordnung, ihn einfach im Garten zu begraben?»
«Ja. Er hat kein organisches Material mehr in sich. Quick Fix hat den Magenkanister geleert.» Ich schaue an die Decke, wo unsere Lampe einen Lichtkreis bildet, umringt von einem dunklen Schatten. «Ich weiss nicht, wie wir es ohne ihn schaffen sollen.»
«Schhh.» Kyra streichelt mir über den Kopf. «Wir kriegen das schon hin. Ich hab nach deinem Anruf mit Tina Matthews gesprochen. Erinnerst du dich noch an ihre Tochter Lauren?»
«Den Klon?»
«Ja. Sie wohnt dieses Semester wieder zu Hause. Das College war wohl nichts für sie. Tina meint, Lauren kann auf Mika aufpassen, wenn wir sie brauchen.»
«Ich dachte, wir wollten nicht, dass Mika von einem Klon grossgezogen wird.»
«Wir haben keine andere Wahl. Ausserdem ist Lauren ein reizendes Mädchen.»
«Sie hat diesen glasigen, apathischen Blick. Genau wie ihre Mutter», erwidere ich. Kyra schweigt. Wir wissen beide, dass uns diese Aussage nicht weiterhilft. Ich seufze. «Ich hab einfach nur gehofft, wir könnten ein klonfreies Leben führen.»
«Aber wie lange noch? Margaret und dein Bruder wollen diesen Sommer klonen. Bald wirst du Onkel.»
«Ja», sage ich leise.
Seitdem mir Yangs Voicebox überreicht wurde, habe ich das Gefühl, die Zeit verginge langsamer. Das Licht der untergehenden Sonne hatte sich an diesem Abend eine gefühlte Ewigkeit lang auf den Holzböden unseres Hauses ausgebreitet. Auch sind sämtliche Geräusche klarer, so als hätte ich mein ganzes bisheriges Leben Ohrenstöpsel getragen. Ich denke daran, wie Mikas Augenlider sich im Schlaf bewegt haben, wie George mir die Hand auf den Arm gelegt hat. Ich setze mich auf und gebe Kyra einen Kuss. Ihre weichen Lippen erinnern mich an unseren ersten Kuss. Kyra drückt meine Hand. «Mach dich lieber an die Arbeit, damit ich dich hinterher trösten kann», sagt sie. Lächelnd klettere ich aus dem Bett. «Keine Sorge», fügt Kyra hinzu, «das wird eine schöne Beerdigung morgen.»
Auf dem Weg zur Treppe lässt mich Yangs angelehnte Tür innehalten. Ich stosse sie auf und schalte das Licht an. Da stehen sein Bett, perfekt gemacht, die Kanten unter die Matratze gesteckt, ein Schreibtisch, eine schwere Eichenkommode und ein Schrank voll schwarzer Anzüge. An der Wand hängen ein Poster von China, das Big Brothers & Sisters Inc. uns geschickt hat, sowie ein Wimpel von dem Tigers-Spiel, bei dem wir zusammen gewesen waren. Nur wenig an seiner minimalistischen Einrichtung erinnert mich an ihn. Auf dem Regal neben seinem Bett liegt ein Baseball-Handschuh. Den hatte Yang sich von dem kleinen Taschengeld gekauft, das wir ihm zahlten. Bei einem Trip zu Toys-«R»-Us legte er den Fanghandschuh auf einmal in den Einkaufswagen. Wir fragten ihn nicht, was es damit auf sich hatte, und er erklärte nicht, warum er ihn haben wollte. Zu Hause legte er ihn auf das Regal neben seinen Tigers-Wimpel, und dort lag er fortan unberührt.
Auf dem Fensterbrett befindet sich Yangs Sammlung toter Motten und Schmetterlinge, die aussehen, als würden sie jeden Moment losflattern. Im Sommer hatte er sie aus der Insektenfalle gelesen und die pudrigen Körper am Fenster aufgereiht. Ich schaue mir die Sammlung näher an. Die Scheinaugen eines grünlichen Pfauenspinners starren mich an, daneben das Mosaik eines Monarchfalters und eine Reihe kleinerer, unauffällig brauner und silbriger Falter. Kyra hatte ihn einmal nach seinen Insekten gefragt. Yangs Gesicht leuchtete kurz auf, die Leuchtdioden unter seinen Wangen brannten besonders hell, und er hatte erwidert: «Die sind wunderschön, oder?» Und dann, als wäre es ihm plötzlich peinlich, bog er zu einem Exkurs über die Edelfalter Chinas ab.
Mein Blick bleibt an den Gegenständen auf seinem Schreibtisch hängen. Streichholzschachteln sind in der Mitte aufeinandergestapelt, die Streichhölzer liegen auf der Tischplatte wie winzige Holzscheite. In einer Ecke steht eine Flasche Elmer’s-Kleber mit orangefarbenem Deckel, die aus meiner Werkzeugkiste stammt. Woran arbeitete Yang hier? An einer Holzhütte? An einer Stadt aus kleinen Holzmännern und -frauen? Vielleicht war das hier Yangs Kunstversuch – einer Kunst, die, anders als die vorprogrammierte Kalligraphie, ganz aus ihm selbst entsprang. Wenn das wirklich stimmt, steckte viel mehr in Yang, als die Bedienungsanleitung uns je hätte erklären können. Morgen werde ich seine Anzüge einpacken und spenden und das Poster von Big Brothers & Sisters wegwerfen, aber die Streichholzschachteln, die Schmetterlinge und den Baseball-Handschuh werde ich aufheben. Das sind die einzigen Spuren des Jungen, der Yang hätte sein können.
Die Beerdigung läuft gut. Der Himmel an diesem wunderschönen Oktobertag schimmert blau, die Sonne bringt die Ocker- und Bernsteintöne in den Bäumen zum Leuchten. Ich stelle mir vor, wie wir wohl auf unsere Nachbarn wirken. Ein Haufen Verrückter, die ihre Elektrogeräte im Garten verscharren wie Heiden. Es ist mir egal. Wenn ich daran denke, wie Yang in einer Recyclinganlage auseinandergenommen wird, wir ihn in den Plastikmüll stopfen und dann mit der Tonne rausstellen, bin ich mir sicher, dass das hier die richtige Entscheidung ist. Im Kreise der Familie, in einer Ecke im Garten, sage ich ein paar Abschiedsworte. Ich danke Yang für all die Freude, die er uns gebracht hat. Dann verabschieden sich Mika und Kyra.
Hinterher frühstücken wir zusammen. Wir sitzen bei Müsli am Tisch, Milch rinnt Mika übers Kinn, da klingelt es an der Tür. Ich mache auf. Auf der Stufe steht eine gläserne Vase mit Orchideen und weissen Lilien. Eine kleine Karte steckt darin. Ich gehe in die Hocke und öffne sie. Wir wollten euch nicht stören. Unser herzliches Beileid – George, Dana und die Zwillinge. Unglaublich, denke ich. Und das von einem Mann, der sich das Gesicht anmalt.
«Hey, seht mal, was wir bekommen haben.» Ich bringe die Blumen in die Küche. «Von George.»
«Wie schön», sagt Kyra. «Komm, Mika, die stellen wir ins Wohnzimmer zu dem Bild von deinem Bruder.» Kyra hebt Mika aus dem Stuhl, und wir gehen gemeinsam ins Nebenzimmer.
Es war Kyras Idee, die Voicebox hinter das Foto zu stellen. Es stammt von unserer Chinareise letzten Sommer. Mika und Yang spielen darauf am Eingang eines Parks. Mika hält sich zwischen den zwei Flügeln des Eisentores fest. Yang schaut über sie hinweg in die Kamera. Er hält den Kopf leicht geneigt, als würde er sich fragen, wer wir eigentlich alle sind. Er hat eine friedliche Miene aufgesetzt, weder Lächeln noch Stirnrunzeln. So sah er aus, das hatten wir durch Beobachtung gelernt, wenn er am glücklichsten war.
«Du kannst mit ihm sprechen», sage ich zu Mika, als ich die Blumen neben das Bild stelle.
«Tschüss, Yang», sagt Mika.
«Tschüss?», fragt die Voicebox. «Aber wo gehen wir denn hin, kleine Schwester?»
Mika lächelt, als sie die Stimme ihres grossen Bruders hört, und schaut mich an, als würde sie auf Anweisungen warten. Ein unangenehmer Moment. Ich werde Yang bestimmt nicht erzählen, dass wir ihn gerade im Garten verscharrt haben.
«Nirgends», antworte ich. «Wir sind alle hier. Zusammen.»
Eine Pause entsteht, als würde Yang nachdenken. Dann fragt er leise: «Wusstet ihr, dass beim Bau der Chinesischen Mauer über zwei Millionen Arbeiter ums Leben kamen?» Kyra und ich schauen uns angesichts dieses seltsamen Zufalls kurz an, doch wir schweigen beide. Dann meldet Yang sich erneut zu Wort. «Die Chinesische Mauer misst über zehntausend Li. Ein Li ist ein traditionelles chinesisches Längenmass, das etwa fünfhundert Metern entspricht.»
«Wow, das ist ja spannend», sagt Kyra. Ich stehe neben ihr, betrachte die Blumen, die George uns gebracht hat, und erkenne, wie wenig ich eigentlich über diese Welt weiss
Copyright © 2016, by Alexander Weinstein. Die Kurzgeschichte «Saying Goodbye to Yang» ist erstmals in der Literaturzeitschrift «Zahir» erschienen sowie in überarbeiteter Form in Alexander Weinsteins Erzählband «Children of The New World» (Picador, 2016).
Alexander Weinstein (Text)
ist vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Leiter des Martha’s Vineyard Institute of Creative Writing. Zuletzt von ihm erschienen: «Children of the New World» (Picador, 2016). Die vorliegende Geschichte erscheint hier erstmals auf Deutsch.
Anne-Christin Kramer (Übersetzung)
ist literarische Übersetzerin und lebt in Annapolis.
Christina Baeriswyl (Illustration)
ist Artdirectrice & Illustrateuse, sie lebt in Zürich.