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von Diego Künzi
Als überzeugter Saunagänger liess ich es mir natürlich nicht nehmen, in München eine Sauna zu besuchen. Die Wahl viel auf die Volkssauna (so heissen in Deutschland die öffentlichen Saunen) auf dem Olympiagelände, die sich im Untergeschoss der Schwimmhalle befindet. "Umgezogen" und bereit für den ersten Saunagang, entdeckte ich neben der Eingangstür zum Innern der Sauna eine kleine Hinweistafel. Zu meinem Erstaunen stand dort geschrieben, dass zu jeder vollen Stunde automatisch ein Aufguss stattfindet. Eine für uns Schweizer ungewöhnliche Praktik. In den unsrigen Saunen gehört es zum guten Benehmen, dass derjenige, der einen Aufguss wünscht, vorher höflich alle Anwesenden um die Erlaubnis bittet. Erst nach einer einstimmigen Entscheidung ist es erlaubt, eine bestimmte Menge Wasser, die auch zuerst festgelegt wird, vorsichtig über die heissen Steine zu giessen.
Es geschah, wie auf dem Schild angegeben: Pünktlich öffnete sich eine Leitung und eine ziemliche Wassermenge erzeugte für kurze Zeit eine erschlagende Hitzewelle. Kurz nach diesem Aufguss stand einer der Schwitzenden plötzlich auf und stellte sich in der Mitte des Raumes auf. Zu meiner Verwunderung begann er, mit seinem Tuch über dem Kopf kreisförmige Bewegungen auszuführen. Nach einigen "Umdrehungen" hielt er das Tuch dann mit beiden Händen an den Ecken fest und wandte sich einem Anwesenden zu. Jetzt fing er an, mit dem Tuch in einer ruckartigen Bewegung gegen die Decke zu schlagen, so dass er seinem Gegenüber einen Schwall heisser Luft zufächerte. Diese Bewegung führte er mehrmals aus, und blickte dabei dem andern konzentriert in die Augen. Das ganze wiederholte sich für jeden, der gerade in der Sauna sass, als letzter war ich an der Reihe. Krampfhaft versuchte ich, mein Erstaunen zu verbergen und so zu tun, als würde ich seit Jahren hier in München die Sauna besuchen. Mit Mühe gelang es mir, den strengen Blick zu erwidern und spürte die mir zugewedelte heisse Luft. Nach dem letzten Luftstoss in meine Richtung setzte sich der Mann nach diesem körperlich sicherlich anstrengenden Ritual wieder an seinen Platz zurück, worauf sich alle mit einem herzlichen Applaus für diesen Einsatz bedankten, in den ich natürlich sofort einstimmte.
Nicht auffallen ist alles, dachte ich mir beim Herausgehen und verliess angenehm entspannt die Volkssauna. Obwohl ich mich in einem direkten Nachbarland der Schweiz aufhielt, in dem ich sogar die Landessprache mühelos beherrschte, fühlte ich mich für kurze Zeit wie ein Fremder, der weitab von seiner Heimat mit einem ungewöhnlichen Brauch der einheimischen Bevölkerung Bekanntschaft gemacht hat. Andere Länder - andere Sitten.