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Wenn dir etwas Freude macht im Leben, dann musst du es einfach tun.
Wenn ich eine Besprechung über einen Film schreibe, der auf einen Roman basiert, der schon mehrmals verfilmt wurde, dann stellen sich mir immer zahlreiche Fragen bezüglich der Herangehensweise an den Film und den Text. Soll ich einen Vergleich zur schriftlichen Version herstellen? Wie gehe ich auf frühere Fassungen ein? Spielen diese Vorgänger für die Beurteilung überhaupt eine Rolle? Im Fall der jüngsten Bearbeitung von «Heidi» zeigt sich, wie fruchtbar eine umfassende Betrachtung sein kann: Ein Blick auf den Kinofilm von Alain Gsponer, die Texte von Johanna Spyri sowie die beiden Schweizer Klassiker «Heidi» (1952) und «Heidi und Peter» (1954) mit Heinrich Gretler als Alm-Öhi.
Die beiden Novellen «Heidis Lehr- und Wanderjahre» und «Heidi kann lernen, was es gebraucht hat» von Johanna Spyri bilden die weltweit wohl beliebteste Kindergeschichte aus der Schweiz. Die Gründe dafür sind zahlreich und können je nach eigenen Vorlieben und persönlicher Einstellung unterschiedlich bewertet werden. Doch kennt heute überhaupt noch jemand die eigentliche Geschichte oder sind die Motive daraus vielmehr nur noch aus Film und Fernsehen vertraut? Wer heute die Werke liest, wird womöglich über die unüberlesbare Frömmigkeit in den Texten erstaunt oder sogar erschrocken sein. Während die Lenkung durch Gott im ersten Band noch relativ beiläufig eingestreut ist, wird im zweiten Band alles durch seine Fügung bestimmt. So endet der zweite Band mit dem abschliessenden Satz: «Es ist mir, als könne ich nur noch loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen für alles, was er an uns getan hat.»
Wer sich in Erinnerung ruft, dass sowohl der Gross- als auch der Urgrossvater von Johanna Spyri Pfarrer waren und ihre Mutter Meta Heusser-Schweizer religiös motivierte Lyrik verfasste, wird über diese im Verlauf der Geschichte immer dominantere Anwesenheit von Gott in keiner Weise überrascht sein. Doch rollen wir die Geschichte vom Anfang auf. In «Heidis Lehr- und Wanderjahre» erzählt Spyri, wie das Waisenmädchen Heidi von ihrer Tante Dete bei ihrem Grossvater, liebevoll nur Alm-Öhi genannt, deponiert wird und fortan auf dem Maiensäss oberhalb eines Dörfleins bei Maienfeld wohnt. Die Base Dete hat zwar ein wenig ein schlechtes Gewissen, denn von ihrem Onkel wird überall nur schlecht geredet und im Dörfli wird befürchtet, dass das 5 Jahre alte Kind nicht lange in seiner Obhut überleben wird. Doch Dete hat ein gute Arbeitsstelle in Frankfurt am Main in Aussicht und kann nicht mehr auf das Kind aufpassen.
Entgegen den Befürchtungen im Dörfli, dass es dem Waisenkind auf der Alm schlecht ergehen wird, erkennt der Grossvater schnell, dass Heidi ein aufgewecktes und wissbegieriges Mädchen ist. So schliesst er es sofort in sein Herzen und richtet seine Hütte für den kleinen Gast ein. Im Sommer geht Heidi zusammen mit dem ein paar Jahre älteren Geissenpeter auf die Weide. Im Winter überredet sie den Alm-Öhi, dass er doch das Haus, in dem Peter mit seiner Mutter und Grossmutter oberhalb des Dörflis wohnt, ein wenig wetterfester macht, während sie der Grossmutter Gesellschaft leistet. Im übernächsten Sommer taucht zuerst der Pfarrer auf der Alm auf und versucht erfolglos den Alm-Öhi zunächst bittend, danach drohend zu überreden, Heidi im nächsten Winter in die Schule zu schicken.
Am nächsten Tag kehrt Dete zurück. Sie hat gehört, dass die reiche Familie Sesemann in Frankfurt eine Gespielin für die kranke Tochter Klara sucht und hat sofort an Heidi gedacht. Der Alm-Öhi weigert sich zwar, das Kind herzugeben, doch Dete macht sich einfach mit ihm aus dem Staub, mit dem Versprechen, dass es am nächsten Tag wieder zurückkehren kann. Doch als Heidi in der grossen Stadt mit den vielen grauen Häusern ankommt, stellt sie schnell fest, dass eine rasche Rückkehr nicht so leicht möglich ist – obschon sich die Hausdame Fräulein Rottenmeier mit dem wilden und in ihren Augen verwirrten Kind überhaupt nicht anfreunden kann. Die auf einen Rollstuhl angewiesene Klara hat dafür umso mehr Freude am unkonventionellen Alpenkind, das im Haushalt Sesemann für einigen Wirbel sorgt. Doch als Heidi herausfindet, dass man in Frankfurt die Berge nicht sehen kann und sie nicht so bald wieder zum Alm-Öhi kommt, wird sie immer betrübter – sie wird vom Heimweh geplagt.
Für ein wenig Zerstreuung sorgt die Grossmama von Klara, die Heidi dazu ermuntert, endlich lesen zu lernen, obschon der Geissenpeter das für unmöglich hält. Als Lesebuch dient ein Band, in dem auch das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn enthalten ist. Ausserdem fordert die Grossmama Heidi dazu auf, fleissig zu Gott zu beten, damit sie ihm ihren Kummer anvertrauen kann. Das macht Heidi auch für eine Weile, stellt dann aber enttäuscht fest, dass Gott sie nicht aus Frankfurt befreit. Den Einwand, «wenn nun am Abend so viele, viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so kann der liebe Gott ja nicht auf alle achtgeben, und mich hat er gewiss gar nicht gehört,» lässt die Grossmama jedoch nicht gelten. So betet Heidi weiter, lernt lesen und leidet immer mehr an Heimweh. Sie verliert Gewicht, weint sich in den Schlaf und fängt auch noch an zu Schlafwandeln. Als der Hausherr Herr Sesemann und sein Freund Doktor Classen das mitbekommen, rät der Doktor, dass das Kind unbedingt zurück in die Berge muss: «Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen heilt.» So kehrt Heidi auf die Alm zurück und kann nun endlich der Grossmutter aus einem alten evangelischen Liederbuch vorlesen. Aus Dankbarkeit über die Rückkehr gehen der Alm-Öhi und Heidi am Sonntag in die Kirche und der Alm-Öhi versöhnt sich mit dem Pfarrer.
Der Inhalt des zweiten Bands, «Heidi kann lernen, was es gebraucht hat», ist um einiges schneller erzählt. Der angekündigte Besuch von Klara muss vorerst wegen einer Verschlechterung des Gesundheitszustands verschoben werden. Dafür reist Doktor Classen in die Schweiz, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Der ist in Trauer, weil seine einzige Tochter gestorben ist. Doch Heidi vermag ihn mit ihrem Glauben an Gott und dem Kirchenlied «Befiehl du deine Wege» zu trösten. So ist er überzeugt, dass auch Klara auf der sonnigen Alp gesunden könnte. Doch zunächst kommt ein harter Winter, den der Alm-Öhi und Heidi im Dorf verbringen. Da Heidi nicht mehr jeden Tag zur Grossmutter kann, um ihr Lieder vorzulesen, zwingt sie den Geissenpeter, endlich auch lesen zu lernen. So vergeht der Winter.
Im Frühling kommt der lang erwartete Besuch aus Frankfurt. Der Alm-Öhi kann die Grossmama dazu überreden, dass Klara eine Weile auf der Alm bleiben kann. Die Bergluft, die Geissenmilch und natürlich die fleissigen Gebete geben Klara immer mehr Kraft, so dass sie mit Hilfe des Alm-Öhis zu stehen versucht. Derweil ist der Geissenpeter eifersüchtig auf Klara, weil Heidi jetzt nicht mehr mit ihm auf die Weide kommt. Damit Klara ins Tal zurückkehren muss, zerstört er den Rollstuhl. Doch Klara kommt stattdessen auf dem Rücken des Alm-Öhi mit auf die Weide. Der Geissenpeter wird noch viel mehr von seinem schlechten Gewissen geplagt. Heidi hat plötzlich den Wunsch Klara eine prächtige Blumenwiese zu zeigen. Zusammen mit Peter kann sie Klara, die immer besser Schritte machen kann, dorthin führen. Als die Grossmama wieder auf die Alm kommt, kann ihr Klara entgegen gehen. Die Grossmama dankt dem Werk des Alm-Öhi, der seinerseits auf «unseres Herrgottes Sonnenschein und Almluft» verweist. Die allgemeine Freude wird im bereits Eingangs zitierten frommen Schlusssatz ausgedrückt.
Die Vorlage von Johanna Spyri ist also fest in einem unzerrüttbaren Glauben an Gott verankert, betont aber auch immer wieder die heilsame Kraft der unverdorbenen Natur. An diese beiden Eckpfeiler hielten sich die Produzenten des ersten Schweizer «Heidi»-Films, der 1952 mit grossem Erfolg in die Kinos kam. Das Drehbuch von Richard Schweizer hält sich in weiten Teilen an die Vorlage von Johanna Spyri. Er positioniert das Werk zunächst noch viel stärker in einem religiösen Kontext, indem er den Alm-Öhi (Heinrich Gretler, «Landammann Stauffacher») Bibelverse zitieren lässt und sogar noch eine Glockenaufzug-Szene einfügt. Dafür kommt allerdings die Grossmutter des Geissenpeters nicht vor. Dadurch fehlt Heidis ursprüngliche Motivation, lesen zu lernen. Stattdessen liest die Grossmama Sesemann (Traute Carlsen) aus «Das Hirtenbüblein» der Brüder Grimm und erklärt Heidi (Elsbeth Sigmund), dass sie vor der Rückkehr lesen lernen muss. «Ach, wenn ich nur schon lesen könnte,» seufzt draufhin Heidi.
Viel mehr Worte gibt es über diese brave Adaption eines Alpen-Idylls und der vorübergehenden Verbannung aus diesem Paradies eigentlich nicht zu verlieren. Die Inszenierung von Luigi Comencini ist der Zeit entsprechend teilweise ein wenig hölzern, meist aber doch sehr schwungvoll und fröhlich inszeniert. Insbesondere Theo Lingen als Diener Sebastian sorgt immer wieder für Lacher. Ausserdem zelebrieren die Filmemacher dem Geist der Vorlage entsprechend die heile Welt in den verlockend schönen Bergwelt. Dazu kommen einige Lieder und eine witzige Szene am «Echograt», wo die wüsten Worte des wilden Geissenpeter nicht zurückgeworfen werden. Da ist die Fortsetzung «Heidi und Peter», die zwei Jahre später in die Kinos kam, schon um einiges faszinierender.
Die Fortsetzung, die eigentlich die Bearbeitung des zweiten «Heidi»-Bands sein sollte, wurde von Franz Schnyder inszeniert. Bemerkenswert ist daran vor allem, dass es sich um den ersten Schweizer Farbfilm handelt. Doch ebenso erstaunlich sind die Freiheiten, die sich die Drehbuchautoren dieses Mal nahmen und wie sehr sie sich durch zahlreiche Veränderungen von der Vorlage entfernten. «Heidi und Peter» kann sicher nicht durch Werktreue überzeugen. Da Klara bereits in «Heidi» ein paar Schritte gehen konnte, hat sie nun in «Heidi und Peter» einen Rückschlag erleiden müssen. Der Besuch von Doktor Classen entfällt und ein als Samichlaus verkleideter Alm-Öhi bringt den Geissenpeter dazu, seine mageren Lesefähigkeiten zu verbessern. Während Klara dann auf die Alm kommt, begegnet der Geissenpeter in den Bergen zwei Mitarbeitern der Eidgenössischen Landestopographie (Schaggi Streuli, Peter W. Loosli), die gerade an der Landesvermessung sind. Die Moderne hält also in den Bergen und in Heidis heiler Welt Einzug.
Da die Grossmutter auch in «Heidi und Peter» nicht plötzlich auftaucht, kommen die in der Vorlage bedeutenden Kirchenlieder und auch die übrigen religiösen Bezüge in der Fortsetzung nicht mehr vor. Einen atheistischen Betrachter wie mich stört das wenig, ein Kritiker des Evangelischen Filmbeobachters bemerkte hingegen folgerichtig: «Inhaltlich und technisch wenig befriedigend und von beängstigender geistiger Armut.» Es sind jedoch weniger die mangelnden religiösen Bezüge, die zu geistiger Armut führen, als vielmehr die Beliebigkeit der Handlung. Den Motiven einer heilen Bergwelt vollkommen wesensfremd sind die abschliessenden Szenen mit einem Gebirgsbach, der das Dörfli überschwemmt, und mit der anschliessenden Wohltätigkeitsveranstaltung in Maienfeld. «Heidi und Peter» hat durchaus seine Reize, insbesondere die frechen Sprüche des Geissenpeters, und kann vorzüglich als Werbefilm für Schweiz Tourismus dienen. Doch als Verfilmung der Geschichte von Johanna Spyri ist das Werk geradezu ein Verbrechen.
In diesem Spannungsfeld stellt sich natürlich die Frage, wie das Team um Regisseur Alain Gsponer bei der aktuellen Umsetzung mit dem Ursprungsmateriel umgegangen ist. Gleich einmal vorweg: die Handlung ist mehrheitlich intakt – Gott ist jedoch fast vollständig verschwunden. «Heidi» ist also nicht mehr wirklich «Heidi». Daraus ergibt sich nämlich, dass doch erhebliche Teile der beiden Erzählungen wegfallen. Insbesondere in «Heidi kann lernen, was es gebraucht hat» konzentrieren sich ja viele Passagen auf die Religion. Da diese entfallen, macht es durchaus Sinn, dass beide Bände zu einem einzigen Film verdichtet worden sind. Die Kritiker des Evangelischen Filmbeobachters werden deshalb unweigerlich wieder eine «geistige Armut» beklagen müssen, doch die lässt sich ganz gut aushalten. Dafür kommen nämlich die übrigen Motive viel besser zur Geltung.
Gsponer und sein Team konzentrierten sich vielmehr auf eine stimmungsvolle Inszenierung mit werktreuer Ausstattung und insbesondere auch einer der Vorlage entsprechenden Kostümierung und Maske. Während Heidi in den Filmen aus den 50er-Jahren noch ihr gerades Haar in adrett geflochtenen Zöpfen trägt und blaue Augen hat, entspricht das aktuelle Heidi (Anuk Steffen) mit kurzen krausen schwarzen Haaren und schwarzen Augen exakt den Beschreibungen von Johanna Spyri. Formal kann «Heidi» von Alain Gsponer durchwegs beeindrucken, und auch inhaltlich ist die zeitgenössische, fast komplett profane Umsetzung trotz einigen leicht seltsamen Abweichungen von der Vorlage eine Bereicherung. So ist etwa der Alm-Öhi (Bruno Ganz, «Giulias Verschwinden», «Der Baader-Meinhof-Komplex») zu Beginn noch wenig zugänglich, weshalb Heidi ihre erste Nacht auf der Alm im Geissenstall verbringen muss. Und beim Ausflug in Frankfurt muss das arme Heidi auch noch Klara (Isabelle Ottmann) in ihrem Rollstuhl durch die dreckigen Strassen schieben. Die Notwendigkeit für solche Änderungen erschliesst sich nicht wirklich, doch störend sind sie selbst für Kenner der Vorlage höchstens sehr bedingt.
Würde «Heidi» (2015) rein bezüglich der Werktreue beurteilt werden, müsste das Projekt natürlich als klar gescheitert betrachtet werden. Doch in Zeiten, in denen das fröhliche Alpenmädchen Heidi nicht nur als Projektionsfläche für Tourismus und Konsumprodukte aus Berggebieten herhalten muss, lässt sich die biedere Frömmigkeit aus der Vorlage kaum mehr einem breiten Publikum schmackhaft machen. Die Schweizer mögen zwar ausserordentlich nationalkonservativ wählen, doch der regelmässige Kirchenbesuch am Sonntag ist trotzdem nur noch in den Landgebieten mehrheitsfähig. Doch dort stehen nur wenige Kinos, und so ist es mehr als nachvollziehbar, dass «Heidi» heute im Kino gänzlich ohne Gebete und Kirchenlieder auskommt. Umso stärker kommt dadurch die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit des unverdorbenen Mädchens zur Geltung, das gerade dadurch zum Vorbild taugt. Während die Vorlage durchaus ein wenig angestaubt ist, haben Gsponer und Drehbuchautorin Petra Volpe die Geschichte von überflüssigem Ballast befreit und in eine überzeugende und dynamische Form gegossen.
Fazit: «Heidi» (2015) ist eine liebevolle und erfrischende, leicht zugängliche Verfilmung des Kinderbuchklassikers von Johanna Spyri.
Bewertung:
(Bilder: © Praesens Film, © The Walt Disney Company Switzerland. All Rights Reserved. © Bildmaterial: Walter Wehner/Zodiac Pictures)
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