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Verklärung und Aufklärung: Das Kino hat sich immer wieder mit der Conquista befasst – und die Eroberung von Mittel- und Südamerika sowohl gefeiert wie ideologiekritisch hinterfragt. Am Beispiel von sieben Produktionen diskutieren wir den filmischen Umgang mit dem kolonialen Erbe. Entstanden ist die Reihe in Zusammenarbeit mit Adriana López-Labourdette und Christian Büschges von der Universität Bern.
«Das Grösste nach der Erschaffung der Welt, ausgenommen die Inkarnation und der Tod desjenigen, der sie geschaffen hat, ist die Entdeckung Amerikas.» Mit diesen Worten versuchte Francisco López de Gómara, Sekretär und Hauskaplan des Eroberers Hernán Cortés, den damaligen spanischen König und Kaiser Karl V. nicht nur von der Grossartigkeit der Tat, sondern vor allem von der Grossartigkeit des Textes zu überzeugen, welcher diese Tat erzählte: seine «Historia General de las Indias». Fünfhundert Jahre später ging der Philosoph Tzvetan Todorov noch weiter und schlug vor, dass 1492 das (symbolische) Datum des Beginns der Moderne sei, wodurch wir alle zu Nachkommen des Kolumbus werden.
In der Geschichte Lateinamerikas hat jeder epochale Wandel, von den Unabhängigkeitskriegen bis hin zu den heutigen linken Regierungen, zu einer erneuten Lektüre und Infragestellung dieses historischen Gründungsmythos geführt. Auch Europa wurde immer wieder damit konfrontiert, die Erinnerung an dieses epochale Ereignis wachzuhalten – dabei oszillierten die Reaktionen zwischen Verneinung und jubiläumsbedingtem Feieraktivismus. Die wiederholte Lektüre und (Um-) Deutung von kolonialen Karten, Gesetzen, Chroniken und Tagebüchern hat zu immer neuen Interpretationen geführt oder bisher Unbekanntes ans Tageslicht befördert. Diese verschiedenen Sichtweisen des Kolonialen dienen uns wiederum als Linse zur Beobachtung der Gegenwart.
Die Filmreihe Conquista revisited will zu einer neuen Betrachtung der Kolonialzeit anregen, sowohl aus europäischer als auch aus lateinamerikanischer Sicht. Der Zyklus ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit des Kino REX, des Masterstudiengangs Lateinamerikastudien, des Instituts für Hispanische Sprache und Literatur sowie des Historischen Instituts der Universität Bern. Das Kino als Raum, aber auch – dem Ursprung des Wortes nach – als Bewegung bietet einen idealen Raum für die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe und seinen Auswirkungen auf den beschleunigten Wandel sowie die politischen, sozialen oder ökologischen Krisen unserer Gegenwart.
Die Filme des Zyklus’ entwerfen eine Kartographie, in der Erzähllinien, politische Reflexionen, Räume und Objekte ineinandergreifen. Wo The Mission (Roland Joffé, 1986) die inneren Widersprüche des Humanismus sowie die Gleichzeitigkeit von Zerstörung und «Zivilisierung» während der Kolonialzeit aufzeigt, lädt También la lluvia (Iciar Bollaín, 2010) zur Reflexion über die Gegenwart ein. Hier werden die Paradoxien der humanistischen Logik der Vergangenheit mit den sozialen Kämpfen und der Gewalt der Gegenwart verknüpft. Die Geige und die Filmkamera im Film verweisen auf die Spannungen zwischen der Kultur der Kolonisierer und der Kolonisierten. Die Violine, die in The Mission durch die Gewalt der Kolonialherren zerstört wird, ist sowohl eine Metapher für die unschuldigen Opfer als auch Symbol der durch die Eroberung auferlegten westlichen Hochkultur. Die Filmkamera in También la lluvia eröffnet einen Raum der Reflexion über die ethischen Verpflichtungen des Kinos. Die Kamera ist auch Instrument der Analyse des männlich-kolonialen Blicks, der Filme wie The Mission oder 1492: Conquest of Paradise (Ridley Scott, 1992) prägt.
1492, vielleicht der kommerziell erfolgreichste aller hier gezeigten Filme, entstand im Kontext der Debatten um die 500-Jahr-Feiern der «Begegnung» zwischen «zwei» Welten. Es handelt sich um einen Gedenkfilm, der auf das epische Kino zurückgreift, um eine Heldenfigur zu erschaffen (Kolumbus), die vor dem Hintergrund einer exotischen Landschaft und eines imposanten Soundtracks in Szene gesetzt wird. Ridley Scott feiert die Eroberung als Heldenstück und trägt so zur mythischen Konstruktion des Konquistadors bei. Ein anderes Bild bietet El botón de nácar (Patricio Guzmán, 2015). Indem Guzmán eine Verbindung zwischen der Eroberung Patagoniens und der Militärdiktatur Augusto Pinochets herstellt, eröffnet er eine universale, geradezu kosmische Dimension und lädt uns zu einer Reflexion über die vielfältigen Formen der Gewalt in der Geschichte der Menschheit ein. Obwohl es sich um einen Dokumentarfilm handelt, der einzige im ganzen Zyklus, zeigt er eine beeindruckende visuelle und sonore Üppigkeit, die mit der Suche nach den Spuren des Horrors in der weiten Atacama-Wüste in Spannung steht.
Aguirre, der Zorn Gottes (Werner Herzog, 1972) und El abrazo de la serpiente (Ciro Guerra, 2015), der älteste und der neuste Film der Reihe, bieten zwei ähnliche und zugleich entgegengesetzte Blickwinkel auf die Eroberung des Amazonas. Beide greifen exzentrische Figuren der Eroberung und Kolonialisierung auf: Lope de Aguirre in Herzogs Film und Theodor Koch-Grünberg sowie Richard Evans Schultes im Film von Guerra. Ihre Geschichten und die filmische Rekonstruktion dieser Geschichten bergen die Mythen des Amazonas und greifen auf die vielfach wiederholte Vorstellung seiner Undurchdringlichkeit zurück. Aguirre verliert sich in Megalomanie und Wahnsinn, während der deutsche Ethnograph und der US-amerikanische Biologe sich in den Abgründen eines indigenen Wissens verlieren, das sie nicht entschlüsseln können. Doch nur Guerras Film fügt der kolonisierenden Sichtweise einen de-kolonialisierten Blick hinzu, indem er einen Dialog mit der Stimme des Anderen aufnimmt, wie auch Guzmán das in El botón de nácar tut.
Schliesslich fügt der Film Barroco (Paul Leduc, 1989) dem europäischen und indigenen Chor die Stimmen des Schwarzen und des Kreolen, des mestizo, hinzu. In einer Art mise en abyme von ungleichen, aber gleichzeitigen Zeiten und Räumen erfindet Leduc den Text des dem Film zugrundeliegenden Buchs von Alejo Carpentier neu. Seine nichtlineare und fragmentierte Darstellung der amerikanischen Geschichte verzichtet auf Erzählung und Dialoge, um uns in eine reiche Welt voller Bilder und Klänge zu führen. Dieser Film, wie alle Filme der Reihe Conquista revisited, wird damit zu einer Allegorie der Geschichte des Blicks auf die Kolonialität. Eine Geschichte, die das Filmpublikum seinerseits fortschreiben wird.
Prof. Dr. Adriana López-Labourdette, Departamento de lengua y literatura hispánicas, Philosophisch-historische Fakultät, Universität Bern
Prof. Dr. Christian Büschges, Abteilung für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte, Historisches Institut, Universität Bern
Adriana López-Labourdette und Christian Büschges werden im Kino REX in die Filmreihe einführen: Freitag, 10. November, 18.00