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Die gemeinsame Existenz wollte immer wieder neu ausgehandelt sein. Dabei musste die Stadt durch Versuch und Irrtum herausfinden, wie sie ihre Ziele am besten erreichen konnte. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fehlte dem Austausch zwischen Thun und dem Bund ein institutioneller Rahmen. Die Stadt musste also auf verschiedensten Wegen versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Sie tat dies mit einer intensiven und teilweise aggressiven Lobbyarbeit. Am Anfang handelte es sich vor allem darum, dass möglichst viele Truppen nach Thun kamen, damit die Unterkünfte besetzt und das ansässige Gewerbe ausgelastet waren. Dabei ging die Stadt durchaus proaktiv vor: Zwei Jahre vor der Inkraftsetzung der neuen Militärorganisation beschloss der Gemeinderat im Jahr 1872, Erkundigungen über die Pläne für den Waffenplatz einzuholen. Gleichzeitig setzte er eine Kommission ein, welche Thuns Interessen wahren sollte.73 Er versuchte auch immer wieder, militärische Kurse nach Thun zu holen – sowohl solche, die an einem anderen Ort nicht mehr abgehalten wurden, als auch solche, von denen man glaubte, dass sie besser in Thun stattfinden würden.
Kader einer Schiessversuchs-Kompanie auf der Allmend. Fotografie von Jean Moeglé, August 1902. Das Geschütz ist eine 7,5 cm Feldkanone 1903 L30. Es war das erste von der Schweizer Armee eingesetzte Geschütz mit Rohrrücklauf. Die Munition wurde auf dem Wagen rechts (Protze) in Körben mitgeführt.
Als der Gemeinderat 1891 hörte, in Zürich könne die Artillerie-Offiziersschule nicht mehr durchgeführt werden, bewarb er sich sofort um den Kurs. In einem Brief an den Bundesrat schrieb der Gemeinderat: «Im Namen der hiesigen Bevölkerung finden wir uns veranlasst, Ihnen, Tit. das ehrerbietige Gesuch zu unterbreiten, es möchte die Artillerie-Offizierbildungsschule II, welche seit einigen Jahren auf dem Waffenplatz Zürich abgehalten wurde, nach Thun verlegt werden.» Anschliessend wurden die Nachteile der Stadt Zürich und die Vorteile Thuns aufgezählt. Um der Sache genügend Nachachtung zu verschaffen, begnügte man sich nicht mit einem Brief an den Bundesrat. Der Gemeinderat gelangte an die Oberinstruktoren der Kavallerie und der Genietruppen, die Obersten Ulrich Wille (1848–1925) und Johann Eduard Blaser (1837–1902), mit der Bitte, sein Anliegen dem Bundesrat zu empfehlen.74
Die Anstrengungen des Gemeinderats hatten Erfolg. Zürich blieb allerdings nicht untätig, und der Gemeinderat musste 1895 feststellen: «Dem Vernehmen nach werden von Zürich aus Anstrengungen gemacht, den II. Curs der Offiziersbildungsschule von Thun nach Zürich zu verlegen. Es wird beschlossen, gegen dieses Vorgehen energisch Stellung zu nehmen, in einer motivischen Zuschrift an das Militärdepartement Beibehaltung der Schule für Thun nachzusuchen & durch eine Deputation an das Departement, den Waffenchef der Artillerie & den Oberinstruktor die Angelegenheit nachdrücklich zu verfechten; hiezu werden abgeordnet die Herren Nationalräthe Feller & Neuhaus.»75
Auch die Stadt Bern musste sich gegen Thuner Begehrlichkeiten wehren: 1895 versuchte der Gemeinderat, den Bund dazu zu bewegen, den Infanterie-Schiessplatz von Bern nach Thun zu verlegen. Er argumentierte wie im Fall von Zürich damit, dass der Übungsplatz in Ostermundigen den Anforderungen nicht genüge und es viel zu teuer sei, im Schiessplatz Sand (Gemeinde Ittigen) einen Ersatz zu realisieren. Thun dagegen sei bestens geeignet. Die Stadt bot dem Bund sogar gemeindeeigenes Land an, damit der Schiessplatz allenfalls erweitert werden konnte. In diesem Fall hatte aber Bern die besseren Karten und die Infanterie blieb dort.76
Immer wieder startete Thun Versuche, in den Zeiten zwischen den Rekruten- und Offiziersschulen WK-Truppen zu bekommen, um die Kasernen das ganze Jahr über belegen zu können. Auch dazu wurden Briefe geschrieben, Nationalräte mobilisiert und hohe Offiziere angesprochen. Oft waren aber alle Bemühungen vergeblich. Der etwas resignierte Eintrag im Gemeinderatsprotokoll von 1902 fasste die Lage so zusammen: «Hr. Hüssy erstattet Bericht über seine im Laufe des Winters erhaltene und seither auch ausgeführte Mission in Sachen der Beschickung des Waffenplatzes Thun mit möglichst viel Militär; der Erfolg scheint – wie zu erwarten war – nicht gerade ein grosser zu sein, da es ausserordentlich schwierig ist, irgend einen Einfluss auf das Militärtableau auszuüben & alle möglichen Verhältnisse berücksichtigt werden müssen. Die Erfahrung habe übrigens bewiesen, dass derlei persönliche Vorstellungen in Militärsachen nie viel genützt haben; immerhin habe man einflussreichen Orts Notiz genommen, dass der Gemeinderat sich für die hies. Ortschaft für bessere Berücksichtigung des hies. Waffenplatzes nach Kräften verwende».77
Aber der Gemeinderat gab nicht auf; unermüdlich versuchte er, weitere Truppen und Kurse nach Thun zu holen. Dabei stand er auch unter dem Druck der örtlichen Wirtschaft. Eine 1907 im Protokoll festgehaltene Instruktion an das Ratsbüro lautete, in einem Schreiben an das Militärdepartement sei zu betonen, «es möchte der Waffenplatz Thun mehr als bisher mit Truppen bedacht, event. auch andere Waffengattungen hieher gesandt u. dafür gesorgt werden, dass die Truppen wirklich auch hier verbleiben u. nicht wie dies geschehen die grösste Zeit des Curses ausserhalb Thun instruirt und verpflegt werden».78
Neben dem Gewerbe begann sich im 20. Jahrhundert auch der Verkehrsverein für mehr Militär in Thun einzusetzen, musste doch der Rückgang des Tourismus kompensiert werden. Die Bemühungen um eine gute Belegung gingen während des ganzen 20. Jahrhunderts weiter: Der Gemeinderat wehrte sich gegen die Verlegung der Artillerieschulen von Thun, er engagierte sich für den Erhalt der Pferderegieanstalt und vorübergehend auch des Militärflugplatzes. Zudem kämpfte er für den Erhalt der Panzerschule und gegen eine Verlegung der Direktion des Motorfahrzugparks nach Bern. Während es im 19. Jahrhundert noch hauptsächlich um die Belegung des Waffenplatzes gegangen war, welche dem Gewerbe genützt hatte, verlagerte sich der Fokus mit dem Anwachsen der eidgenössischen Betriebe immer stärker auf den Kampf um die Bundesstellen.79
Ulrich Wille (1848–1925). Ansichtskarte (Lichtdruck) von Jean Kölla, 1914. Wille nahm 1872 in Thun seine Instruktorentätigkeit auf.
Er liess sich 1881 in den Gemeinderat wählen, nahm aber nur an wenigen Sitzungen teil, weil er nicht damit einverstanden war, dass die Zusammenkünfte immer mit Verspätung begannen. 1883 verliess er Thun wieder.
Die umliegenden Gemeinden hatten vor allem die Nachteile des Waffenplatzes zu spüren bekommen; nun fand man aber im Kampf um die Arbeitsplätze eher zusammen. 1892 hatte Thun die Nachbargemeinden gegen eine Verlegung der Munitionsfabrik mobilisiert; allerdings hatte es damals auch Vorbehalte gegeben, hatten die Gemeinden doch die Bundesbetriebe für die Knappheit an landwirtschaftlichen Hilfskräften verantwortlich gemacht. Was die Pferderegieanstalt und den Armeemotorfahrzeugpark angeht, waren Thun und Steffisburg immer gleichermassen betroffen. Eine Zusammenarbeit war naheliegend, und diese hatte beispielsweise 1971 Erfolg, als sich die beiden Gemeinden für den Erhalt der Direktion des AMP einsetzten.80
Das Verhältnis zwischen der Stadt und dem Bund scheint grundsätzlich gut gewesen zu sein; trotzdem hatte man in Thun bis in die 1960er-Jahre den Eindruck, der Bund vertrete seine eigenen Interessen allzu einseitig. In einem Brief des Stadtpräsidenten an den Präsidenten der Koordinationskommission ist zu lesen, dass man bei Anliegen an das Militär jeweils bis zu einem Dutzend Dienststellen kontaktieren und verschiedenste Arbeitsausschüsse bilden musste. Der Stadtpräsident klagte: «Für Gemeinden mit nicht politisch hauptberuflichen Behördemitgliedern führt das sehr schnell in eine Situation der Ohnmacht und damit zu einer Uebergewichtung der Standpunkte der Militärverwaltung. Diese Situation haben wir in Thun vor Jahren gehabt. Es war die Zeit, die wir heute noch als militärischen Herr-im-Haus-Standpunkt qualifizieren und die üble Spuren hinterlassen hat.»81 Obwohl das die Lage angesichts der Erfolge, die Thun gelegentlich hatte, wohl etwas zu düster schildert, gibt es durchaus Beispiele für diese Politik. Der Bund vertrat die Haltung, dass seine Interessen Vorrang hatten, was zwar aus nationaler Sicht verständlich war, für Thun aber hart sein konnte. Deutlich machte der Bundesrat seinen Standpunkt etwa in seiner Antwort auf eine Eingabe des Thuner Gemeinderates, mit der dieser 1911 den Erhalt der Arbeitsplätze in der Munitionsfabrik gefordert hatte. Im bundesrätlichen Schreiben heisst es: «Veränderungen im Betrieb der Munitionsfabrik in Thun sind, soweit sich die Verhältnisse heute überschauen lassen, nicht vorgesehen. Wenn aber je solche im Interesse der Landesverteidigung notwendig werden sollten, so müsste nochmals darauf hingewiesen werden, dass diese Interessen allen andern vorangestellt werden müssen.»82 Damit kannte Thun den Tarif, der auch in anderen Fällen zur Anwendung kam. Zwei Beispiele aus dem 20. Jahrhundert sollen dies illustrieren.