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laut und gleise (das floss)
Einladung zur polyphonen Umnutzung des Taktfahrplans
Die Ankündigung
«Der letzte Anlass im OG9 Vorzimmer: In Anlehnung an den noch bestehenden Raum, verhandelt eine offene Partitur Fortdauern und Unterbrechen. Rhythmisiert durch die vorbeifahrenden Züge treffen (oder verpassen) sich Aktionen, Klänge und Wörter. Ein imaginiertes Gerüst entwirft sich.»
Der Ablauf
Eine Struktur/Partitur von Jörg Köppl und Mirjam Bürgin leitet die Performer/innen und verpflichtet sie zu minimalen Absprachen: Die Zeit von 16.46 bis 17.46 wird in vier ca. 15minütige Teile gegliedert. Ihre Eigenarten unterscheiden sich durch die Orientierung an der Horizontalen, Vertikalen, dem Kreisen und einem freien Teil. Den Beteiligten ist es überlassen, wie sie damit umgehen. Die Aktionen der Beteiligten geschehen gleichzeitig, wobei es kleinere Solo-Parts gibt, die vorbestimmt sind, oder sich aus dem Zusammenhang eingestreut ergeben. Die vielen Zuschauer*innen füllen den Raum, die Performer*innen müssen sich ihre «Spielwiesen» suchen:
Doro Schürch atmet in ein Megaphon und bringt ihre singende Säge zum Klingen. Georgette Maag stellt drei verschieden grosse Schüsseln da und dorthin, bereit zum Talerschwingen. Raphael Camenisch sucht sich mit seinem verstärkten Saxophon Wege zwischen dem Publikum. Simon Grab spielt an Ort einen elektronisch verstärkten Holzkörper mit Metallgabeln. Andreas Niederhauser, der seine eigene Person in Hauswart-Manier spielt, räumt immer wieder Material weg, oder mischt sich subtil, manchmal auch mit hausmeisterlichen Verlautbarungen in die Handlungen der Anderen ein; Thomas sitzt in Signalbekleidung als Bahnbeamter draussen auf einem Container an einem Tischchen und spricht Bahn-Durchsagen in einen Telefonhörer. Sie werden in den Innenraum übertragen. Er singt einen Blues, während er über eine Leiter von aussen bis auf die Höhe der Fenster steigt und von aussen in den Raum schaut. Das Team mit Mirjam Bürgin, Verica Kovacevska und Seda Hepsev hat vier Intermezzi vorbereitet: Einmal machen sie die Fenster auf die Gleise hin auf und zu. Ein anderes Mal schaufeln sie vom Boden Kies zum Fenster hinaus — die Kiesgeräusche werden verstärkt in Raum zurückgeworfen. Ein anderes Mal servieren sie den Zuschauern*innen Joghurt in sehr kleinen Gläschen, und ganz am Schluss übermalen sie die Fenster mit einer weissen Flüssigkeit.
Ich bewege mich auf dem Fenstersims im Innenraum: Dicht an den Fenstern vorbei, zuerst auf dem Rücken liegend, dann mich um meine eigene Achse drehend, schliesslich stehend in verschiedenen Tempi von Wand zu Wand. Hie und da halte ich inne, versuche mich in der gerade gefundenen Pose auszubalancieren und klemme mich, indem ich versuche die Platten zu stemmen, auch schon zwischen Fenstersims und Deckenplatten ein. Später trage ich eine grosse Beige Teller aus dem Küchenschrank des OG9 in den Raum. Teller um Teller lege ich auf den Boden und balanciere in Socken über die Tellerinseln. Ein schweres Armierungseisen in den Händen haltend manövriere ich mich wie eine Seiltänzerin zwischen den Zuschauern*innen hindurch. Als die 60 Minuten fast abgelaufen sind, hole ich Möbel und andere Gegenstände, die zur Entsorgung im Gang bereitliegen und schiebe oder werfe mit aller Kraft in den Raum.
Über die ganze Zeit führt Jörg Köpp akustische Regie: Er verstärkt die Bahngeräusche von draussen und andere Klangquellen, schwächt sie ab, oder nimmt sie ganz weg. Ein Happening der konzentrierten Art mit Begegnungen, Überkreuzungen, mit isolierten Geschehnissen. Das Ganze wird lose durch die Partitur, an der sich alle Performer*innen orientieren, zusammengehalten. Auch die die polyphonen Klängen aller Geräuschquellen legen eine Teppich aus, auf dem sich alle Aktionen .ausbreiten'.
Skript Dorothea