Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03448.jsonl.gz/376

Peter Zeindler
Der Schreibtisch am Fenster
2006
Aus: Peter Zeindler. Der Schreibtisch am Fenster. 2006
Er sass an seinem Schreibtisch, die Fingerspitzen in einem gotischen Bogen vereinigt. Hinter ihm an der Wand hing sein Porträt: Anselm Striebeck sah darauf weniger bedeutend aus als in Wirklichkeit, selbst wenn er eine Krawatte umgebunden hatte, den damals noch dichter behaarten Kopf nachdenklich leicht nach links geneigt, die rechte Hand halb geschlossen als Stütze am Kinn. Jetzt trug er einen roten Pullover aus Kaschmirwolle, darunter ein weisses Hemd, aber keine Krawatte. Er hatte die Tischlampe angezündet. Ihr spärliches Licht wurde von einer der Glaswände des Bücherregals reflektiert und setzte sich auf seiner hohen Stirn fest. Striebecks Schädel wirkte so noch beeindruckender als sonst. Er hatte diesen Lichteinfall mehrfach vor dem Spiegel getestet, bis er die vorteilhafteste Beleuchtung ausgemacht hatte, und obwohl seine Autoren sich mittlerweile daran gewöhnt hatten und sich manchmal auch heimlich über diesen Theatereffekt lustig machten, hatte er daran festgehalten. Er wusste, was er Laura und ihrer Bühnenerfahrung zu verdanken hatte.
Mi, 27.05.15, 16:00
Do, 28.05.15, 09:30
Der Schattenagent
1989
Aus: Peter Zeindler. Der Schattenagent. 1989
Sie trat aus dem Schatten des mittleren Säulenbogens an die Balustrade. Sie hob die rechte Hand vor die Augen gegen die Sonne. Durch ihren Körper lief, kaum merklich, ein Zittern. In dem Augenblick, als sie die Hand wieder senkte, tauchte links der Mann mit dem dunkelblauen Regenmantel über dem Arm auf. Er ging parallel zur Front der Gloirette, warf einen raschen Blick südwärts über den Rücken des steinernen Pferdes, das zum Sprung ins Becken des Neptunbrunnens nach einem abrupten Richtungswechsel linker Hand die Stufen zur Säulenhalle hinauf. Sie hatte unbeweglich gestanden, bis er den ersten Treppenabsatz erreichte; da reckte sie kaum merklich das Kinn, atmete tief, wie um sich mit dem letzten Rest des Sommers zu füllen, drehte sich und tauchte in den Schatten der Säulenhalle zurück. Das Taubengrau ihres Kostüms ging im Gemauer auf. Nur die unruhigen, fahlen Lichtreflexe in ihrem langen, aschblonden Haar verrieten noch ihre Anwesenheit. Er war am Treppenabsatz oben angekommen, blieb an der Stelle stehen, wo vorher die Frau gestanden hatte und faltete einen Plan der Schlossanlagen auseinander. Auf dem Rand des oberen Brunnens unten sass ein Tourist. Seine Silhouette vibrierte bräunlich auf der Wasseröberflache, ein Zerrbild, das grotesk in die Breite zu wachsen begann, als der Tourist den Arm hob.
Der Zirkel
1985
Aus: Peter Zeindler. Der Zirkel. 1985
Aber gibt es denn überhaupt einen Ausweg aus dieser heillosen Verstrickung, aus den verschlungenen labyrinthischen Wegen des Geheimdienstes?