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Der doppelte Tom Hardy – Legend von Brian Helgeland
Der Reiz von Gangsterfilmen besteht darin, dass sie mit dem organisierten Verbrechen einen Mikrokosmos mit klaren Hierarchien und Verhaltensnormen zeigen. Das Spannungspotenzial erwächst aus dem Gegensatz zwischen der familiären Nähe unter den Gangstern und der immer wieder aufbrechenden Gewalt. Zugleich macht sich früher oder später der Arm des Gesetzes doch bemerkbar, und der Protagonist, der in seiner Gemeinschaft aufgehoben schien, sieht sich einem Loyalitätskonflikt ausgesetzt – steht er zu seiner Gang und riskiert, mit dieser unterzugehen, oder rettet er seine Haut?
Das US-Kino hat dieses Modell am Beispiel der Mafia oft durchgespielt – mit so meisterhaften Ergebnissen wie den Godfather-Filmen, Goodfellas oder der Fernsehserie The Sopranos. Brian Helgelands Legend steht in dieser Genre-Tradition, spielt aber in London. Erzählt wird die authentische Geschichte der Zwillinge Ron und Reggie Kray, die in den 1950er- und 1960er-Jahren vom East End aus die Unterwelt beherrschten. Die Krays waren nicht nur in illegale Geschäfte verwickelt, sondern wurden als Nachtclubbesitzer zu Celebrities; dem bisexuellen Ron wurden Beziehungen mit hochrangigen Politikern nachgesagt.
In England sind die Krays längst mythenumrankte Figuren, zahlreiche Bücher- auch von den Brüdern selbst – und Filme erzählen ihre Geschichte. Was Helgelands Film auszeichnet, ist die Besetzung der Hauptfiguren. Anders als etwa The Krays von 1990, in dem das Gangsterduo von zwei Brüdern dargestellt wurden, übernimmt Tom Hardy in Legend gleich beide Rollen.
Hardy hat in jüngster Zeit ein beeindruckendes mimisches Spektrum demonstriert: Bestritt er in Locke den ganzen Film alleine in einem Parforce-Auftritt, gab er in Mad Max: Fury Road wenig mehr als Grunzgeräusche von sich. Eine Doppelrolle wie in Legend ist für einen Schauspieler natürlich ein gefundenes Fressen, besonders, wenn die Figuren so kontrastreich angelegt sind wie in diesem Fall. Auf der einen Seite der elegante und meist überlegt agierende Reggie, der Gewalt stets gezielt einsetzt; auf der anderen der plumpe, hochgradig labile Ron, der zeitweise debil wirkt, nur um sich im nächsten Moment als erstaunlich gebildet zu entpuppen. Diese Konstellation ermöglicht es auch, den obligaten Loyalitätskonflikt in die beiden Hauptfiguren zu verlagern. Ron weiss, dass sein unkontrollierbarer Bruder sie beide früher oder später ins Unglück stürzen wird. Aus Liebe zu ihm kann er aber nicht tun, was die Vernunft gebietet – sich von ihm lossagen.
Hardy ist die Attraktion des Films, der ansonsten eher vorhersehbar bleibt. Zwar hat das durch und durch britische Setting, in dem selbst abgefeimte Mörder nicht auf ihren Fünfuhrtee verzichten, seinen Reiz. Die Energie des Vorbilds Goodfellas, dem Legend in einer langen ungeschnittenen Szene, in der Reggie seine künftige Frau Frances (Emily Browning) zum ersten Mal ausführt, die Reverenz erweist, wird aber selten erreicht. So bleibt es bei Hardys Performance, der sich nachdrücklich für seinen ersten Oscar empfiehlt.
Erschienen in der Basler Zeitung vom 31. Dezember 2015.