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Immer mehr Menschen erkranken an Diabetes. Bei der weltweiten Verteilung der Erkrankung lassen sich deutliche regionale Unterschiede erkennen. Diese lassen einerseits auf die unterschiedliche genetische Veranlagung verschiedener ethnischer Bevölkerungsgruppen, andererseits auf den Einfluss verschiedener Kulturen und Verhaltensweisen schließen.
In Europa ist die Erkrankung in den letzten 20 Jahren um 40 % gestiegen, in Österreich liegt die Zahl bei 9 %. Etwa 90 % der Erkrankten sind von Diabetes Typ 2 betroffen. Er wird häufig durch Übergewicht hervorgerufen. Neben Typ 1 Diabetes (und selteneren Formen) zählt Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) zu einer weiteren Diabetesform, die stark zunimmt und bereits 10 % aller Schwangeren betrifft. Obwohl der Schwangerschaftsdiabetes sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann, sind seine Auswirkungen auf den Körper denen des Typ 2 Diabetes sehr ähnlich. So kommt es auch häufig vor, dass der Gestationsdiabetes als Vorläufer des Typ 2 Diabetes angesehen wird.
Geschlechtsspezifische Verteilung von Diabetes Typ 1 und 2
Sowohl von Diabetes Typs 1 als auch Typ 2 sind etwas mehr Männer als Frauen betroffen, obwohl die Erkrankungshäufigkeit bei beiden Geschlechtern über die Lebenszeit hinweg relativ gleich auftritt. Eine kürzlich veröffentlichte US-Studie zeigte bei Jugendlichen einen relativen jährlichen Zuwachs der Neuerkrankungen von insgesamt 1,8 % bei Typ 1 Diabetes und 4,8 % bei Typ 2 Diabetes, wobei Buben häufiger von Typ 1 Diabetes und Mädchen häufiger von Typ 2 Diabetes betroffen waren.
Autoimmunerkrankung - Diabetes Typ 1
Bei der Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 lässt sich ein ungeklärter Zusammenhang zwischen dem Alter, in der die Erkrankung erstmals auftritt, dem Geschlecht und dem Auftreten von mikrovaskulären (die kleinen Blutgefäße betreffenden) Komplikationen beobachten. So erkranken männliche Jugendliche später häufiger an einer Nierenerkrankung (Nephropathie) oder einer Schädigung der Netzhaut (Retinopathie), wenn sich die Erkrankung nach der Pubertät zeigt, als gleichaltrige Mädchen. Bei Mädchen ist hingegen während der Pubertät vor allem eine vorübergehende Insulinresistenz stärker ausgeprägt als bei männlichen Jugendlichen. Auch treten Essstörungen bei Mädchen mit Typ 1 Diabetes häufiger auf. Die Gefahr für Insulin-Purging (bewusstes Auslassen von Insulingaben, um über eine Stoffwechselentgleisung Gewicht zu verlieren) zur Gewichtkontrolle ist außerdem erhöht. Bei Mädchen wird Diabetes Typ 1 zudem häufig erst im Stadium einer Ketoazidose – einem lebensgefährlichen Zustand, der durch einen starken Insulinmangel ausgelöst wird – erkannt.
Diabetes Typ 2 – eine Volkskrankheit
Der starke Anstieg der Diabetes-Typ-2-Erkrankung ist nicht auf genetische Ursachen zurückzuführen, sondern vielmehr auf unseren zunehmend ungesunden Lebensstil durch zu wenig Bewegung und der Über- und Fehlernährung (Stichwort „Junk Food“).
Männer erkranken in der Regel früher an Diabetes Typ 2 bei geringerem Übergewicht als Frauen. Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen genetischen Veranlagung und den geschlechtsspezifischen Sexualhormonen. Außerdem kommt es bei Männern durchschnittlich zu einer größeren Insulinresistenz, einer typisch männlichen (androgenen) Fettverteilung mit mehr Bauch- und Leberfett sowie einem früheren Risiko für die Ausbildung eines metabolischen Syndroms, welches die Entstehung von Typ 2 Diabetes begünstigt. Frauen mit Übergewicht weisen hingegen weniger häufig klassische kardiometabolische Risikofakten auf.
Neben den beschriebenen klassischen Risikofaktoren spielen auch andere Einflüsse eine Rolle. Die internationalen Richtlinien zu Diabetes Typ 2 geben deshalb vor, Faktoren wie das Alter, das soziale Umfeld, die Dauer der Erkrankung oder begleitende gesundheitliche Beschwerden zu beachten. Geschlechtsspezifische Unterschiede – sowohl biologisch als auch psychosozial – werden bislang allerdings nicht berücksichtigt. Aufgrund der geschlechtsspezifischen Erkrankungsrisiken, Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) und Komplikationsraten sollte jedoch vor allem die Behandlung von Diabetes Typ 2 geschlechtsspezifisch und personalisiert erfolgen.
Auswirkungen von Sexualhormonen auf den Stoffwechsel
Sexualhormone spielen in der Regulation des Stoffwechsels eine wichtige Rolle. So sind Frauen beispielsweise bis zur Menopause durch ihre blutzuckerspiegelsenkenden (antidiabetogenen) weiblichen Sexualhormone, insbesondere durch das Hormon Östrogen, besser vor einer Ausbildung des metabolischen Syndroms und des Typ 2 Diabetes geschützt als gleichaltrige Männer.
Geschlechtsspezifische Risikofaktoren für Diabetes
Andere geschlechtsspezifische Faktoren, die die Entstehung von Diabetes Typ 2 begünstigen, sind etwa psychosozialer Stress, Stress im Job oder Schlafmangel, die bei Frauen häufiger zu Diabetes führen als bei Männern. Männer wiederum sind gefährdeter, später an Diabetes zu erkranken, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft mangelernährt waren. Außerdem könnten hormonaktive Substanzen (wie z.B. Bisphenol A oder Phtalate in Kunststoffartikeln) das Diabetesrisiko alters- und geschlechtsabhängig unterschiedlich beeinflussen.
Gesunde Ernährung und Bewegung
Sowohl Männer als auch Frauen profitieren hinsichtlich der Diabetes-Erkrankung von strukturierten Schulungsprogrammen und Lebensstilveränderungen. Diesbezüglich sollten Männer mehr auf eine gesunde Ernährung achten, während Frauen vor allem auf mehr Bewegung (am besten eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining) setzen sollten.
Geschlechtsspezifische Therapie bei Diabetes
Mittlerweile gibt es eine Reihe an Antidiabetika, die an den unterschiedlichsten Entstehungs- und Entwicklungsmustern der Diabetes-Erkrankung ansetzen. Die immer größer werdende Auswahl Designer-Insuline ermöglicht eine individuelle Therapie, die die Biografie, das soziale Umfeld und Begleiterkrankungen der Patienten berücksichtigt. Heute weiß man beispielsweise, dass gerade bei effizienten und einfachen Basalinsulintherapie-gestützten oralen Therapien (BOT) die Raten an Unterzuckerungen (Hypoglykämien) bei Frauen höher sind, vor allem wenn sie weniger zu Übergewicht neigen. Zudem gestaltet sich bei jüngeren Frauen mit Diabetes das Insulinmanagement schwieriger, da es zyklusabhängig ist.
Diabetes & Schwangerschaft
Die Planung einer Schwangerschaft gilt bei jüngeren Frauen, die an Diabetes erkrankt sind, immer noch als eine Herausforderung für die Patientinnen selbst und die behandelnden Ärzte. Auch müssen bei der Medikamentenverordnung (z.B. von Statinen oder RAS-Blockern) für Frauen, die sich im gebärfähigen Alter befinden, mögliche biologische, chemische oder physikalische Einflussfaktoren (teratogene Effekte), die zu einer Fehlbildung des Kindes führen können, berücksichtigt werden. So kann bei einer vorliegenden Schwangerschaft der Arzneistoff Metformin zur Behandlung des Diabetes verordnet werden. Für Frauen mit PCOS oder nach einem Schwangerschaftsdiabetes ist dieses Medikament ebenfalls geeignet.
Kardiovaskuläre Erkrankungen bei Diabetes
Die Haupttodesursache bei Diabetes stellen bei Mann und Frau vaskuläre Komplikationen dar. Frauen mit Diabetes zeigen gegenüber Männern ein um 30-40 % höheres Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Frauen verlieren durch eine Diabetes-Erkrankung auch etwas mehr an Lebenszeit als Männer. Durch eine bessere Versorgung und eine multifaktorielle Therapie (z.B. durch eine zusätzliche Gabe von Statinen und RAS-Hemmern) sind Komplikationen wie das Erblinden, Nierenversagen, Herzinfarkt, Schlaganfall und Sterbefälle sowohl bei Diabetes Typ 1 als auch bei Diabetes Typ 2 jedoch stark zurückgegangen – bei Männern etwas mehr als bei Frauen. Eine gender-sensitive personalisierte Therapie könnte die Lebensqualität von Männern und Frauen mit Diabetes in Zukunft weiter verbessern.
Die Autorin Frau Prof. Dr. med. Alexandra Kautzky-Willer, MedUni Wien ist die wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Gendermedizin in Gars am Kamp, einer Gesundheitseinrichtung der VAMED in Kooperation mit der MedUni Wien.
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Literatur:
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