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Wissenswertes über die verschiedenen Jagdgifte der Ureinwohner Brasiliens
DAS INDIANISCHE PFEILGIFT CURARE
Bekannt und berüchtigt ist das Pfeilgift der Indianer nördlich vom Amazonas, unter dem Namen “Curare“. Sein Opfer, ob Mensch oder Tier, stirbt in wenigen Minuten, nachdem das Gift in den Blutkreislauf gelangt ist. Seine Herstellung wird von den einzelnen Stämmen, die sich des Pfeilgiftes zur Jagd oder zur Verteidigung bedienen, als strenges Geheimnis gehütet, und deshalb ist seine genaue Zusammensetzung und die Herkunft der einzelnen Komponenten von der Wissenschaft immer noch nicht nachvollziehbar.
Wissenschaftlern, die verschiedene dieser Stämme besuchten, gelang es nicht, den Schleier des Geheimnisses zu lüften. Chemiker und Biologen machten zahllose Experimente mit den verschiedensten Pflanzen, um so die Inhaltsstoffe des tödlichen Giftes zu entdecken. Im Prinzip hielten sie eine Strychnacea, die auch in Amazonien wächst, für das Grundelement von Curare – bis dann der Direktor des Brasilianischen National-Museums, Dr. J. B. Lacerda, anhand von verschiedenen Experimenten nachwies, dass jenes Grundelement aus einer Pflanze stammte, die man im Amazonasgebiet “Icú“ nennt (Anomospermum grandifolium Eichler), aus der Familie der Menispermaceae (Archiv des Museu Nacional, Volumen XI, Rio, 1990).
Unter den Guaicá-Indianern, welche an den Ufern des Rio Orinoco leben, wird die Herstellung des Curare-Giftes von einer kuriosen Zeremonie begleitet, welche vom Forscher Dr. J. Bach beschrieben wird – und von der man weiss, dass sie in ähnlicher Form auch bei den Stämmen am oberen Amazonas und dem Rio Negro üblich ist.
“Der Häuptling des Stammes bestimmte zwei Männer und eine Frau für die Zubereitung des Curare – ausser ihnen waren 186 Mitglieder des Stammes für die Zeremonie versammelt, die folgendermassen verlief:
Der Medizinmann liess auf einer Waldlichtung ein Feuer vorbereiten, bis das aufgelegte Holz gut durchgeglüht war und nur noch niedrig brannte. Dann übergab er dem ersten der “Giftköche“ zwei unterschiedlich grosse Tonschalen – die grössere enthielt zirka 800 Gramm einer Masse von der Farbe heller Schokolade, während die kleinere nur etwa 150 Gramm enthielt. Dann gab er Anweisung, die kleinere Schale auf einen Rost über der Glut zu stellen und aus der grossen einen Teil der Masse dazu zu giessen, bis die Schale etwa zu zwei Dritteln gefüllt war. Mit einem Rührstab bewegte der Mann dann die Masse hin und her, bis sie heiss wurde und Dämpfe aufstiegen, von Zeit zu Zeit goss er aus der grösseren Schale wieder Masse hinzu. Die Verdampfung war so stark, dass man nach zirka zweieinhalb Stunden des Rührens etwa 800 Gramm einer stark kondensierten, fast schwarzen Paste erhielt. An dieser Stelle der Herstellung musste der zweite ausgewählte Mann den ersten ersetzen, da dieser durch das teilweise Einatmen der giftigen Dämpfe unter starker Übelkeit und Gleichgewichtsstörungen litt. Der zweite setzte dann den Rührvorgang fort, bis er nach etwa eineinhalb Stunden ebenfalls durch die Frau abgelöst wurde. Sie beendete die Zubereitung des Giftes, litt aber danach unter den gleichen Symptomen.
Während der Zubereitung formierten sich die anderen Indianer mit ihrem Häuptling zu einem Halbkreis in Abstand zur Feuerstelle und offen zur Windrichtung, sodass sie von den abziehenden Dämpfen nicht berührt wurden“.
Derselbe Forscher bestätigt uns auch, dass jene Indianer nicht bereit waren, ihn in die Zusammensetzung des Giftes einzuweihen. Er erzählt weiter, dass er die Wirkung des Curare an zweien seiner eigenen indianischen Kanu-Paddler beobachten konnte, als sie, aus dem Ufergebüsch heraus, von kleinen Giftpfeilen aus den Blasrohren feindlicher Indianer getroffen wurden – nach nur wenigen Minuten waren sie tot, obwohl sie nicht an den üblichen empfindlichen Körperstellen verletzt waren, sondern die kleinen Pfeile lediglich die Schulter, und beim andern den Oberschenkel, getroffen hatten. Die Wirkung des Curare ist überraschend tödlich.
Bevor die frisch zubereitete Curare-Masse erkaltet und hart wird, tauchen die Krieger ihre Pfeilspitzen hinein – nur zwei bis drei Finger tief – erkaltet sieht das aus wie ein Teerüberzug. Man kann die Masse durch Erhitzen jederzeit wieder verflüssigen und weitere Pfeilspitzen damit überziehen. Kommt die getrocknete Masse mit Flüssigkeit zusammen, löst sie sich ebenfalls auf – deshalb wirkt das Gift so drastisch, wenn es in den Blutkreislauf gerät. Der Tod tritt dann durch Herzlähmung ein. Ein Kuriosum ist, dass die Indianer ihre mit Curare erlegte Jagdbeute verzehren, ohne deshalb Vergiftungserscheinungen befürchten zu müssen.
Die relativ kleinen, etwa 30 bis 35 cm langen, stricknadeldünnen Pfeile aus hartem Palmenholz sind zur Flugsteuerung nicht befiedert, sondern hinten mit Rohbaumwolle umwickelt, welche mit der Innenwand des zu ihrem Abschuss benutzten, bis zu 2,5 m langen Blasrohrs, nach dem Einschieben des Pfeilchens genau abschliesst. Ein verbreitertes Mundstück erlaubt das Anlegen des Mundes in seiner ganzen Breite und ein kurzer, kräftiger Atemstoss aus vollen Lungen katapultiert den tödlichen Pfeil über 30 bis 40 Meter weit. Die Treffsicherheit eines geübten Indianers ist verblüffend. Er trägt die vergifteten Blasrohrpfeile in einem kleinen geflochtenen Köcher auf dem Rücken, in dem sie mit ihren gefährlichen Spitzen gut abgesichert in Fasermaterial stecken.
Unter den Fröschen, welche die Bäume des nördlichen tropischen Regenwaldes Südamerikas bewohnen, gibt es drei äusserlich unscheinbare Phyllobates-Arten, die man aufgrund ihrer Toxizität und Fingernagelgrösse als regelrechte ”Giftzwerge” bezeichnen könnte. Es handelt sich nach Myers und Daly (1983) um Phyllobates aurotaenia, der Arten bicolor und terribilis. Das Hautsekret eines einzigen Fröschchens, das eigentlich nur Beutemacher abschrecken soll, ist wesentlich giftiger als eine mehrfache Curare-Menge. Wissenschaftler haben ermittelt, dass das Gift ausreichend wäre für die Tötung von 20.000 Mäusen bzw. 10 Menschen. Die Indianer nutzen dieses Gift und seine todsichere Wirkung für ihre Jagd.
Zunächst werden die Frösche gefangen und in kleinen Körbchen oder Röhren gehalten, bis das Gift benötigt wird. Die Indianer stecken die Frösche auf kleine Holzspiesse und halten sie über Feuer. In das aus den Hautdrüsen herausquellende Sekret tauchen sie die Spitzen ihrer Blasrohrpfeile.
Beim giftigsten Frosch, dem Phyllobates terribilis, reicht zuweilen das blosse Abstreifen der Spitze über den Rücken des lebenden Tieres. Biochemische Zusammensetzung und genauer Wirkmechanismus der Hautfroschsekrete sind bis heute noch nicht restlos analysiert. Sie enthalten unter anderem so genannte Batrachotoxine, die als Nervengift eine irreversible Muskel- und Atemlähmung durch Blockierung der motorischen Endplatten bewirken. Der Tod kann dann innerhalb von wenigen Sekunden eintreten.
Zu den in der ethnologischen Literatur noch unbekannten Pfeilgiften gehört das sogenannte “Padia“. Es wurde erstmalig Anfang der achtziger Jahre bei den neu entdeckten Uru-Eu-Wau-Wau-Indianern in Rondonia gefunden. Sie gewinnen das Gift aus der Borke eines botanisch noch unbestimmten Baumes, den sie selbst “Padia“ nennen. Laut pharmakologischer Untersuchungen von der Hoechst AG (1986) enthält der hochtoxische Extrakt des Padia-Baums ein so genanntes Polyflavanol, das die Blutgerinnung massiv hemmt. Aufgrund des hohen Molekulargewichtes kommt eine mögliche Nutzung in der Medizin als Anticoagulantium nicht in Frage. Wissenschaftler vermuten im Padia-Extrakt einen Stoff mit curare-ähnlicher Wirkung. Der Tod eines getroffenen Tieres tritt schnell durch Verbluten und Atemlähmung ein.
Hierbei handelt es sich um einen grünen, etwa mannshohen Strauch, Lonchocarpus utile oder Piscidia piscipula, den die Indianer, zum Beispiel die Yanomami oder Auca, auf ihren Feldern pflanzen, oder der im Urwald wild vorkommt. Die kleinen herzförmigen Blätter und die Blüten werden zerstampft und in Pastenform in vorher gestaute Bachläufe gestreut. Das austretende Gift bindet den im Wasser enthaltenen Sauerstoff und verhindert die Kiemenatmung der Fische. Die Folge ist, dass die Fische leicht betäubt an die Oberfläche kommen und dann vorwiegend von Frauen und Kindern abgefischt werden können. Barbasco enthält einen hohen Anteil an Rotenon, das die Lähmung verursacht. Anderenorts wird das Gift zur Insektenbekämpfung benutzt. Den Namen Barbasco verwendet man auch für andere Giftpflanzen in Südamerika.
Das gebräuchlichere Pfeilgift der Uru-Eu-Wau-Wau ist das sogenannte “Tike Uba“. Die Indianer gewinnen es nach Angaben von Jesco von Puttkamer aus einem in Rondônia endemisch vorkommenden Baum mit der botanischen Bezeichnung Cariniana domestica durch Auspressen der Borke bzw. des Rindenbastes. Sie tragen den rötlichen, klebrigen Saft auf die Pfeilspitzen auf und trocknen ihn über dem Feuer. Die Uru-Eu-Wau-Wau kennen zwei Arten des Tike-Uba-Baumes, deren Extrakte sich in der Giftintensität unterscheiden und dementsprechend – je nach Grösse des zu jagenden Tieres – verwendet werden. Der nur schwach rötliche Borkensaft des einen Baumes findet vorzugsweise bei der Jagd auf Vögel Anwendung. Für Grosswild, wie Wildschweine und Tapire und im Kampf gegen Menschen, wird der hochgiftige, rotbraune Saft des anderen Baumes angewandt. Nach Untersuchungen von Wissenschaftlern der Merck Sharp/Dohme Research Laboratories, USA (1990), verursacht Tike Uba im Blut eine extrem starke Hemmung des Prothrombinas-Komplexes und verhindert somit die Blutgerinnung. Ausserdem enthält es einige Curarine und bisher noch nicht analysierte giftige Bestandteile. Ähnlich wie bei Padia, allerdings viel schneller, tritt der Tod eines getroffenen Tieres durch massive Blutungen und Atemlähmung ein. Pharmakologen arbeiten gegenwärtig an einer möglichen Nutzung von Tike Uba als Anti-Coagulantium für den Einsatz in der Medizin.
Ist das gebräuchlichste Fischgift bei vielen südamerikanischen Tieflandindianern. Es wird aus der Rinde der Lianenart Timbo cipo oder des Gewächses Enterolobium contortisiliquum gewonnen. Die Indianer schneiden die Lianenstücke auf und stecken sie gebündelt auf im Wasser stehende Astgabeln. Anschliessend bearbeiten sie die Stücke mit Knüppeln, so dass der Saft herausgepresst wird und ins Wasser tropft, das vorher etwas unterhalb aufgestaut wurde. Das Gift verursacht einen Sauerstoffmangel im nun fast ruhenden Gewässer, so dass die Fische leicht betäubt und orientierungslos an die Oberfläche kommen und gefangen werden können.