Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/1692

Der philosophische Pragmatismus hat seine Anfänge in der US-amerikanischen Philosophie des 19. Jahrhunderts und geht auf ganz unterschiedliche Denker zurück, die interessanterweise alle nicht nur Philosophen gewesen sind. Charles Sanders Peirce war auch Mathematiker und als Wissenschaftler für die US-Küstenwache tätig. William James war Mediziner und Inhaber des ersten Lehrstuhls für Psychologie und John Dewey war unter anderem Pädagoge. Man könnte meinen, dass dies den besonderen Praxisbezug der pragmatistischen Philosophie ausmacht. Das stimmt aber nur zur Hälfte. Wichtiger ist, dass sich all diese Denker und viele derjenigen, die in ihrer Tradition philosophisch arbeiten, auf die Erfahrung beziehen. Und Erfahrung ist zunächst einmal widerständig, sperrig, voll von unsortierten Eindrücken, denen wir ausgesetzt sind. Erfahrung ist alles, auch die Träume, die Fehler, die kunstvollen Zusammenhänge ebenso wie die leidvollen; alles, wovon wir uns im Wortsinn einen Begriff machen müssen. Philosophie ist für Pragmatisten auf Erfahrung bezogen, und um dieses philosophische Unterfangen nun zu meistern, gehört unter anderem eine ganz spezifische Form der Liebe dazu. Wie das?
Für viele mag genau die Liebe ja das sein, was regelmäßig zu einer gehörigen Konfusion des Geistes führt. Ich will im Folgenden den Gedanken skizzieren, dass wir neben dieser Liebe noch eine weitere Liebe ausmachen können, die eine grundlegende Einstellung oder Bereitschaft bedeutet, Dinge auf eine Art und Weise zu sehen, zu hinterfragen und zu kommunizieren, wie sie für die Erkenntnis unabdingbar ist. Man könnte hier von Liebe als einer intellektuellen Tugend sprechen und diese Idee findet sich erstaunlicherweise bei Peirce und zwar dort, wo er einen Zusammenhang zwischen Sozialität und Logikalität behauptet. Erstaunlich, weil gerade Peirce weder dafür bekannt ist, in besonders überschwänglichen Tönen zu schreiben, noch dafür, ein besonders geselliger oder umgänglicher Mensch gewesen zu sein. So kommentiert auch Ian Hacking „[c]antankerous solitary Peirce held that ‚social sentiment [is] presupposed in reasoning’“ (Hacking 1991: 212) – aber schauen wir uns genauer an, was damit gemeint ist, dass ein soziales Gefühl Voraussetzung des Denkens ist.
Bei Peirce finden wir folgendes Zitat: „He who would not sacrifice his own soul to save the whole world, is, as it seems to me, illogical in all his inferences collectively. Logic is rooted in the social principle.“ (W 3:284) Dies steht am Ende einer Passage, in der er so genannte logische Sentimente eingeführt hat. Dabei greift er auf die Trias von Glaube, Liebe, und Hoffnung zurück. Diejenige Liebe, die Voraussetzung des Denkens ist, ist genauer als eine Art Selbstlosigkeit zu verstehen. Sie ist eher agape denn philia oder eros – also eine Liebe, die auf etwas zielt, was das Selbst transzendiert, und nicht auf Gleiche und auch nicht über den Umweg der körperlichen Liebe. Der Clou dabei ist, dass der/die Einzelne sich einer Gemeinschaft verpflichtet fühlt, sich ihr hingibt, in der alle auf uneigennützige Weise versuchen, herauszufinden, wie sich die Dinge wirklich verhalten und zwar, indem sie ihre Erfahrungen abgleichen und nachvollziehbar machen.
Dabei muss erwähnt werden, dass Peirce den Gemeinschaftsbegriff hier eigenwillig definiert, nämlich gerade nicht als eine Gemeinschaft, die sich von anderen abgrenzt, sondern als eine, die beständig ihre eigenen Grenzen erweitert und sich als weder zeitlich, noch geographisch eingeschränkt denkt; sie ist darauf ausgelegt, alle Wesen einzuschließen, mit denen wir in unmittelbaren oder mittelbaren intellektuellen Austausch kommen können (vgl. W 3:284).
Elemente dieser Idealvorstellung prägen übrigens durchaus den wissenschaftlichen Betrieb. Forscherinnen und Forscher, Philosophinnen und Philosophen bemühen sich, einem Ethos zu entsprechen, der davon geprägt ist, dass man kooperiert, dass man Fakten nicht verzerrt, dass man großzügig ist mit seiner Zeit und Kritik, dass es einem nicht um sich selbst, sondern um die Sache geht, und auch, dass man in den Nachwuchs investiert.
Lassen Sie mich zum Abschluss zum Beginn zurückkehren und sehen, ob wir Antworten auf unsere Fragen gefunden haben. In gewisser Weise sollen wir zwar nach Peirce keine weisen Menschen lieben, aber uns doch selbstlos gegenüber einer Gemeinschaft verhalten, die eben diese Tugenden lebt. Das bedeutet gerade nicht, dass eine wie auch immer genuin philosophische Lebensweise allem anderen gegenüber indifferent sein sollte, im Gegenteil: Alles kann Gegenstand der Betrachtung in dieser Gemeinschaft der Forschenden werden. Tatsächlich hat ein Gutteil der pragmatistischen Philosophie es sich zur Aufgabe gemacht, philosophische Probleme im Umgang mit konkreten Erfahrungen zu formulieren. Die Frage nach materiellen Werten lässt sich so zwar nicht beantworten. Auf jeden Fall ist diese Liebe als intellektuelle Tugend aber gerade nichts, was subjektivistisch zu begreifen wäre. Der Bezug auf eine objektive, teilweise paradoxe aber alles in allem vielleicht doch liebenswürdige Gemeinschaft steht einer Gleichsetzung von Wissen und Innerlichkeit diametral entgegen.
Literatur
DePaul, Michael/Linda Zagzebski. Intellectual Virtue. Perspectives from Ethics and Epistemology. Oxford: Oxford University Press.
Hacking, Ian. 1991. The Taming of Chance. Cambridge: Cambridge University Press.
Peirce, Charles Sanders. 1872-1878. Writings of Charles S. Peirce: A Chronological Edition, hg. von The Peirce Edition Project. Bloomington: Indiana University Press, zitiert als W 3.
.
Über die Autorin
Mehr zu intellektuellen Tugenden im Pragmatismus findet sich auch in ihrem Beitrag „Was weiß ein Pragmatist schon von Idealen? Zweifel, Hoffnung und (globale) Solidarität“ im jüngst erschienen Jahrbuch Praktische Philosophie in globaler Perspektive