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14.10.1872 Margarete Susman kommt als zweite Tochter einer wohlsituierten, assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Hamburg zur Welt. Sie wächst mit evangelischem Religionsunterricht auf. Schon als Jugendliche beeindruckt ihre überwältigende dichterische und philosophische Begabung. Trotzdem verbietet ihr die Familie ein Studium. Die Folgen: Depression und sinnloses Warten auf eine gute Partie.
1894 Der Vater stirbt. Margarete Susman beginnt den jüdischen Religionsunterricht beim liberalen Rabbiner Caesar Seligmann. Die Familie erlaubt ihr, in Düsseldorf Malerei zu studieren, wo sie ihren späteren Ehemann, den Maler Eduard von Bendemann, kennenlernt.
1899 Susman gerät nach ihrem Umzug nach München in den Dichterkreis um Stefan George und Karl Wolfskehl. Mit ihrer Freundin Gertrud Kantorowicz zieht sie weiter nach Berlin, um bei Georg Simmel Philosophie zu studieren.
1901 erscheint ihr Gedichtband Mein Land. Sie besucht regelmässig das Privatkolloquium von Georg Simmel und schliesst Freundschaft mit Martin Buber, Ernst Bloch und Bernhard Groethuysen.
1906 heiraten Margarete Susman und Eduard von Bendemann. Die geplante Taufe sagt sie kurzfristig ab. Ein Jahr später wird Sohn Erwin geboren. Die Familie lebt bis 1912 in Berlin, dann zieht sie nach Rüschlikon bei Zürich um.
1907 Susmans erster Artikel in der Frankfurter Zeitung erscheint: eine Besprechung mit dem Titel Judentum und Kultur. Fortan publiziert sie regelmässig Rezensionen und Essays, u. a. über Georg Lukács, Ernst Bloch, Martin Buber, zu Fragen der Lyrik, Ästhetik und Philosophie und zunehmend zur Bedeutung des Judentums für die Gegenwart. 1910 erscheint ihr Buch Das Wesen der modernen deutschen Lyrik, 1912 Vom Sinn der Liebe.
1913 Als einzige Frau trägt Susman zum Sammelband Vom Judentum (Prager Bar-Kochba-Verein) bei. In diesem Forum der «Jüdischen Renaissance» erscheint ihr grundlegender Aufsatz Spinoza und das jüdische Weltgefühl.
1914 Der Erste Weltkrieg verursacht bei Susman eine Hinwendung zur Politik. In der Folge veröffentlicht sie kritische Essays über den Staat, den Zionismus und den inneren Zusammenhang von Politik und Religion. Sie schliesst Freundschaft mit Gustav Landauer.
1915 zieht sie ihrem Mann Eduard von Bendemann nach Frankfurt nach. Er arbeitet dort für den Kaiserlichen Pressedienst. 1917 kehrt sie wieder in die Schweiz zurück.
1918 Susman tritt für die Novemberrevolution und die von Gustav Landauer mitgegründete Räterepublik in München ein. Es erscheinen ihre Aufsätze über den inneren Zusammenhang von Judentum und Revolution. Fortan arbeitet sie in der von Martin Buber herausgegebenen Zeitschrift Der Jude und für andere jüdische Zeitschriften, u. a. Der Morgen. Zeitgleich schreibt Susman Aufsätze über die geistige Emanzipation der Frau.
1919 zieht Familie von Bendemann nach Säckingen am Rhein. Dort besuchen sie 1921 Eugen Rosenstock und Franz Rosenzweig. Susman schliesst Freundschaft mit Rosenzweig.
1928 lassen sich die Eheleute von Bendemann scheiden. Susman kehrt nach Frankfurt zurück, wo sie bis 1933 lebt und viele Persönlichkeiten des jüdischen Lebens kennenlernt, darunter Leo Baeck und Bertha Pappenheim. Ein Jahr später erscheint ihr Buch Frauen der Romantik.
1934 Flucht in die Schweiz. Susman wird fortan nicht mehr deutschen Boden betreten. Sie schliesst sich in Zürich dem Kreis der Religiösen Sozialist*innen um Leonhard und Clara Ragaz an und arbeitet ab 1935 für die Zeitschrift Neue Wege. Dort begegnet sie auch Karl Wolfskehl wieder.
1946 erscheint ihr Buch Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes, das erste Werk einer jüdischen Shoa-Theologie. 1951 erscheint Deutung einer grossen Liebe. Goethe und Charlotte von Stein, das sich als Bericht über eine verratene deutsch-jüdische Liebesbeziehung lesen lässt.
1959 Margarete Susman wird die Ehrendoktorwürde durch die Freie Universität Berlin verliehen – in Abwesenheit. Trotz Erblindung führt Susman in Zürich ein intensives geistiges und soziales Leben. Zu ihren Besuchern zählen u. a. Paul Celan, Jacob Taubes, Elazar Benyoëtz, Achim von Borries und Michael Landmann.
1964 erscheinen ihre Lebenserinnerungen Ich habe viele Leben gelebt.
16.1.1966 Margarete Susman stirbt in Zürich und wird dort auf dem jüdischen Friedhof begraben. Der Grabstein trägt die Inschrift: MARGARETE SUSMAN – DICHTERIN, DENKERIN, DEUTERIN.●