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«Wer misst, misst Mist, wer viel misst, misst viel Mist»: Das sagte ein Mann gegenüber SRF. Mit Verschwörungstheorien kann der Elektroingenieur nichts anfangen, er umschreibt aber mit dem Zitat seinen Ärger: Die Art und Weise, wie die Corona-Toten gezählt würden, sei unseriös. Stimmt das? Im Folgenden nehmen wir einige Aussagen von Corona-Skeptikern und Massnahmen-Kritikern unter die Lupe.
Todesursache: Corona
Skeptiker sagen, man müsse unterscheiden zwischen mit Corona gestorben und an Corona gestorben. Dieser Punkt ist nicht trivial. An jedem Totenbett entscheidet ein Arzt oder eine Ärztin, was die Todesursache war. Die Frage ist, ob man davon ausgeht, dass sie wissen, was sie tun oder nicht. Aber es stimmt: Eine Unschärfe bleibt.
Der Punkt, an dem es falsch wird, ist, wenn man diese Logik zu weit treibt. Etwa, wenn man sagt, Tote aus der BAG-Statistik dürften bei Vorerkrankungen nicht als Corona-Tote gezählt werden, also wenn sie vorher Diabetes oder Bluthochdruck hatten. Auch die Aussage, bei Grippe hätte man früher Tote mit Vorerkrankungen auch nicht als Grippetote gezählt, ist laut mehrerer Experten schlicht falsch.
Vergleich mit der Grippe
Corona sei nur etwa doppelt so gefährlich wie eine Grippe, nicht mehr, finden einige. Corona ist mit einer Sterblichkeit von um 1 Prozent tatsächlich mehrfach so gefährlich wie eine durchschnittliche Grippe (0.1 Prozent) und immer noch doppelt so gefährlich wie eine schwere Grippe (0.5 Prozent).
Bei der Grippe gibt es Herdenimmunität und eine Impfung
Ein wichtiger Unterschied zur saisonalen Grippe ist auch, dass die Grippewelle immer gebremst wird: durch Immunität in der Bevölkerung, durch Impfung, oder weil jemand die Grippe bereits hatte. Im Gegensatz dazu wird die Ausbreitung des Coronavirus kaum gebremst. Das zeigt sich in den Infektionskurven: Diese werden schnell steil, sobald die Massnahmen zu schwach sind.
Vergleicht man Corona mit einer durchschnittlichen Grippe und bezieht ausserdem mit ein, dass das Coronavirus ohne Gegenmassnahmen leicht sehr viel mehr Menschen infizieren kann als das Grippevirus, landet man bei einem Wert weit über Faktor 10. All das sind Schätzungen mit Unsicherheiten, aber sie sind doch sehr weit weg von «nur doppelt so schlimm».
Gefahr des Virus
Man habe die Gefahr des Coronavirus im Frühling überschätzt, heisst es in skeptischen Kreisen. Allerdings lagen die Experten in ihren Einschätzungen schon damals bei einer Sterblichkeit um 1 Prozent. Natürlich: Es gab die ersten, frühen Zahlen aus Italien, wo es, wenn man die Statistik unkritisch anschaute, so aussah, als läge die Sterblichkeit viel höher. Aber Experten war von Anfang an klar, dass man dort viele Infektionen übersah, die Sterblichkeit real also niedriger war.
Corona-Skeptiker zitieren gerne eine Studie aus den USA, die auf eine Sterblichkeit von 0.35 Prozent kommt. Das Problem bei dieser Studie ist, dass sie einfach alles zusammengefasst hat, was zur Sterblichkeit bis dahin veröffentlicht war, und daraus eine Art Mittelwert bildete. Da sind auch Daten eingeflossen, die ziemlich schlecht erhoben wurden. Diese Studie ist daher kaum belastbar. Eine sorgfältigere Studie kommt auf 0.68 Prozent Sterblichkeit, die Autoren betonen aber, dass dieser Wert vermutlich zu niedrig ist.
Kritik an der Teststrategie
Der Bund führe keine Fehleranalyse bei der Teststrategie durch, lautet ein Vorwurf. In den Labors gibt es eine strikte Fehleranalyse, bei der Probennahme davor oder der Weitergabe der Resultate danach ist das aber weniger formalisiert. Das Bundesamt für Gesundheit sagt auf Nachfrage, es gebe keine konsequente Fehleranalyse, die die ganze Kette abdeckt. Die Frage ist, ob das im Vergleich zum Beispiel zur aktuellen Dunkelziffer nicht das kleinere Problem ist. Die Positivitätsrate bei den Tests ist nach wie vor hoch, es lassen sich viel zu wenig Leute testen. Diese Unschärfe im Bild von der Epidemie ist vermutlich relevanter.
Durchseuchung statt Lockdown
Der Bund müsse beim Coronavirus auf eine Durchseuchungsstrategie setzen, da diese am effizientesten sei, so der Appell von Massnahmen-Kritikern. Bei der Durchseuchung geht man aber das Risiko ein, dass vulnerable Menschen sterben, weil ein totaler Schutz nicht möglich ist. Eine Durchseuchung geht nur auf, wenn Immunität nach Corona dauerhaft schützt.
Man weiss zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, wie die Immunität nach Corona ausfällt, aber es gibt grob gesagt drei Möglichkeiten: die dauerhafte Immunität, eine Immunität, die nach Monaten langsam wieder schwindet, oder eine, die dazu führt, dass die nächste Infektion milder verläuft. Wahrscheinlich stimmt für Corona eine Mischung aus Möglichkeit 2 und 3.
Trifft das so ein, kann Durchseuchung nicht funktionieren, zumindest nicht als Schutz für Risikogruppen, weil man nie so weit kommt, dass alle immun wären, und das Virus deshalb aufhört zu zirkulieren.
Katrin Zöfel
Wissenschaftsjournalistin
Katrin Zöfel ist Wissenschaftsredaktorin bei SRF. Sie ist Biologin und versucht zu verstehen, wie die Wissenschaft helfen kann, Antworten auf gesellschaftlich wichtige Fragen zu finden.