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Am Donnerstag, 28. April 2022 trat um 21 Uhr meine Schwiegermutter Julieta die Reise an, auf welcher kein Ausweis und kein Geld notwendig sind.
Ihr Wunsch, dass sie in unserer Gegenwart sterben könne, erfüllte sich.
Ihre letzten 53 Lebensstunden verbrachte sie im Spital, nicht eine Sekunde war sie alleine.
In Brasilien ist vorgeschrieben, dass jede/r Patient/in im Spital von einer Person begleitet werden muss.
Zu jedem Spitalbett gehört ein Bett für die Begleitung.
Wer konnte, kam, um auf persönliche Art und Weise Abschied zu nehmen. Es herrschte ein Kommen und Gehen. Ein Priester segnete sie.
Meine Geliebte und ich durften ihr bis zum letzten Atemzug sehr nahe sein.
Keine 11 Stunden später lag Julieta , ihrem Wunsch entsprechend, reich mit Blumen dekoriert, aufgebahrt in einem Abdankungsraum auf dem Friedhof Lucerna.
Verwandte, Bekannte erschienen zu unterschiedlichen Zeiten um zu kondolieren und sie ein letztes Mal zu sehen.
Um 8 Uhr läutete die Kirchenglocke von Lucerna für Julieta, zudem wurde mit einem Lautsprecher lautstark über ihr Ableben und die Abdankung informiert.
Die gleiche Nachricht übermittelte die regionale Radiostation.
Für schriftliche Einladungen fehlt in Brasilien der Trauerfamilie in der Regel die Zeit, weil Abdankungen spätestens am nächsten Tag durchgeführt werden.
Ein Bekannter erzählte mir, dass sein Bruder vor einem Jahr morgens um 5 Uhr verstorben war und die Abdankung um 11 Uhr am gleichen Tag stattgefunden hatte.
Um 14 Uhr, der Abdankungsraum war voll, wurde eine weitere Leiche in den Raum gebracht.
Auch sie war bald umringt, wurde von Kindern umarmt und liebkost.
Die Anwesenden weinten, plauderten, waren stumm, lachten. Ich erkundete immer wieder den Friedhof, welcher einem Dorf gleicht und arbeitete an meiner kurzen Rede.
Um 16 Uhr startete die offizielle Abdankungsfeier. Ein Priester war nicht abkömmlich, eine Gemeindeleiterin leitete diesen Teil souverän.
Es wurde viel gesungen und gebetet, spontane Beiträge aus der Runde der Anwesenden waren möglich und herzlich willkommen.
In meiner Ansprache dankte ich meiner Schwiegermutter für all das, was sie mir ermöglicht hatte.
Ich liess die Zeilen des Gedichts “von guten Mächten wunderbar geborgen” von Dietrich Bonhoeffer einfliessen.
Anschliessend wurde Julieta’s Sarg in die dunkle und feuchte Grabesgruft , welche in den letzten Jahrzehnten bereits 18 Familienmitglieder aufgenommen hatte, gelegt.
Während die Versammelten meiner Schwiegermutter eine gute Reise wünschten, saugte im hellen Sonnenschein in der Nähe ein Kolibri Nektar aus leuchtend roten Blumen.
Am nächsten Tag öffneten sich die Schleusen über Lucerna und liessen den Pegel des Flusses um 6 Meter ansteigen.
Wir sassen derweilen betäubt und todmüde im Bus nach Curitiba.
Unsere Körper landeten wieder in der kleinen Alpenrepublik.
Seele und Geist benötigen mehr Zeit um anzukommen und all das Erlebte zu verarbeiten.
Es ist gut, wie es ist.
Birsfelden, 7. April 2022