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Das Alpenerlebnis in der Satire Heutelia (1658)
« Heutelia ( 1658 ) Von w. Weigum
( Liestal BL ) Im Jahre 1658 ist ohne Nennung des Verfassers und mit Angabe eines fingierten Druck-orts ( Lutetia ) ein Büchlein erschienen: « HEUTELIA, Das ist: Beschreibung einer Reisz / so zween Exulanten durch Heuteliam gethan /... » Der Name des Landes, Heutelia, sowie fast alle Orts- und Personennamen, die im Büchlein vorkommen, sind Decknamen; die Mehrzahl sind Anagramme, d.h. durch Umstellung der Buchstaben des richtigen Namens entstanden, wobei der unbekannte Verfasser zur Erschwerung des Rätsels den Namen gewöhnlich zuerst latinisiert oder gräzisiert, wenn nicht direkt ins Lateinische oder Griechische übersetzt hat. So enthält z.B. das Anagramm « Rapaenotium » die Buchstaben von Arae-pontium, d.h. lateinisch: Aar-brücken = Brugg; andere sind bloss latinisiert, wie « Silegovia » aus Eglisovia = Eglisau; in einer weiteren Gruppe sind komische oder bissige Übernamen, z.B. « Tyrophagi Rurales », was lateinisch-griechisch « ländliche Käsefresser » heisst und womit die Bewohner der schweizerischen Alpen gemeint sind.
Diese z.T. äusserst komplizierten Decknamen erschwerten natürlich schon den Zeitgenossen die Lektüre und verunmöglichen dem heutigen Leser ein volles Verständnis des Büchleins, wenn er keinen Kommentar dazu besitzt \ Einzelne Exemplare der HEUTELIA sind uns zwar mit einer « Clavis Heuteliae », einem Auflösungsschlüssel, erhalten. Dieser enthält, gedruckt und dem Werklein beigebunden, 74 Auflösungen der über 200 Deckwörter der HEUTELIA. Von wem diese Clavis stammt und ob sie schon gleich mit dem Büchlein in den Handel gebracht wurde, ist unbekannt.
Trotz dieser barocken Verschlüsselung verstanden die gebildeten Kreise der damaligen Eidgenossenschaft gut genug, dass mit dem Lande Heutelia kein Utopien gemeint war, sondern ihre Heimat Helvetia ( Heutelia ein Anagramm daraus, weil damals noch U = V ) und dass der Inhalt, in der Form eines Reiseberichts, eine scharfe Satire darstellte, die von allen Ständen der Eidgenossenschaft am meisten Bern traf, aber auch die andern Orte nicht schonte. Die Gnädigen Herren von Bern reagierten auch sofort, verboten die Satire und forschten nach dem Verfasser. Kurze Zeit nach ihrem Erscheinen schon galt die Satire als sehr seltenes und gesuchtes Buch. Der Verfasser konnte nicht ausfindig gemacht werden, aber der grösste Verdacht fiel auf den naturalisierten Berner Junker Jakob Gravisset, den Schlossherrn von Liebegg im Aargau, der im Jahr 1658, dem Erscheinungsjahr der HEUTELIA, gestorben war. Im Laufe der Jahre kamen noch andere Verfasserhypothesen hinzu, bis eine eingehende Untersuchung der letzten Zeit den Pfälzer Emigranten Hans Franz Veiras als Verfasser wahrscheinlich machte, wenn nicht sicherstellte1.
Die Satire gibt sich also als Reisebericht. Man hielt die Reise lange für eine Fiktion, um so mehr, als ja der Berner Jakob Gravisset als Verfasser galt. Die Untersuchung ergab, dass tatsächlich eine Reise durch die Eidgenossenschaft zugrunde liegt, und zwar eine weiter zurückliegende, vom Jahre 1638. Die Reiseroute des Verfassers und seines Gefährten - eine Zeitlang sind es deren zwei - ist folgende: Schaffhausen-Eglisau-Zürich-Baden-Brugg-Liebegg-Luzern-Huttwil-Bern-Freiburg-Lausanne-Genf. Dass man die Reise lange nicht ernst nahm, ist begreiflich, treten doch in dem Büchlein Satire und Spott, politisches und theologisches Gespräch, Witz und Anekdote so sehr in den Vordergrund. Und doch ist der Verfasser in gewisser Hinsicht ein früher Vertreter der langen Reihe von Schweizer-Reisenden, die begeisterte oder kritische Berichte über das bereiste Land herausgeben und deren Zahl seit dem 18. Jahrhundert so gewaltig zugenommen hat.
Für den Geist des Verfassers charakteristisch, und zugleich für die Zeit, ist schon die Reiseroute: Sie windet sich durch das Mittelland und berührt die grossen Städte, sie lässt die Berggebiete links und rechts liegen. Was den Verfasser interessiert, sind die politischen und kirchlichen Zustände, Recht und Sitte, auch Wirtschaftliches, speziell Landwirtschaftliches, Menschliches und Allzumenschliches. Die Natur ist für den Verfasser nur da, soweit sie bebaute und genutzte oder von den Menschen zur Zier gewandelte Natur ist. Der Rhein- 1 Einen Kommentar, die Auflösung und Erklärung der Deckwörter, eine Darstellung der geistigen Haltung und die Entdeckung des Verfassers bringt die Arbeit: W. Weigum, « HEUTELIA », eine Satire über die Schweiz des 17. Jahrhunderts, Verlag Huber & Co., Frauenfeld, 1945.
fall bei Schaffhausen wird nur gerade als « schreckliche Wasser-Fälle » erwähnt, nichts weiter darüber, und damit ist der Ton angeschlagen, in dem später von der unmenschlichen Natur gesprochen wird, soweit der Verfasser sie überhaupt erwähnt. Er sieht nicht zwischen Eglisau und Zürich die Alpen am Horizont auftauchen, er sieht sie aber auch in Zürich nicht. Auf dem Weg nach Luzern werden die Schneeberge zwar erwähnt, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern beim Thema « Gewitter », das die Reisenden besprechen: «... solches ( Gewitter ) verursachen die hohe Schnee-Berg in der Nachbarschafft / ob zwar wol viel jhnen einbilden / dasz die Hexen solches zu wegen brächten. » Im Blick auf die spätere Fremdenindustrie Luzerns verblüfft uns, was der Verfasser über Klima und Lage der Stadt weiss: « Jedoch caussieren dieselbige Wasser ( d.h. See und Fluss ) vngesunde Lüfft/dahero die Frembden / die dahin kommen / vnd sich dort auff halten / gemeiniglich das Feber bekommen. » Wenn vor Luzern die « hohe Schnee-Berg » nur gerade als Wort im Munde eines Luzerner Fuhrmanns vorkommen, nicht aber eigentlich beachtet und gesehen werden, so scheint der Verfasser sie zwischen Thorberg und Bern endlich mit eigenen Augen wenigstens zur Kenntnis zu nehmen: «...; da fieng sich das Land an auffzuthun / vnd sahen wir auff der einen Seiten von ferne das Gebirg / so Heuteliam ( die Schweiz ) von den Sequanis ( der Franche Comté ) vnderscheidet / auff der andern Seiten das Rusinische ( bernische ) Schnee-Gebürg des Caucasi ( der Alpen );... » Nachdem der Verfasser nun schon tagelang im Angesicht der Alpen gereist ist und einen grossen Teil seiner Reise bereits hinter sich hat, schwingt er sich einzig zu dieser dürren topographischen Notiz auf. Welch ein Unterschied in der Geisteshaltung, wenn 130-150 Jahre später die sentimentalen und die stürmisch-drängerischen Schweizer-Reisenden mit klopfendem Herzen den Alpen zustreben und kaum Worte finden für ihre Begeisterung und ihren Überschwang!
In Bern endlich lässt der Verfasser sich länger über die Alpen aus. Der Wirt hat ihn nach dem Essen auf den Münsterturm geführt, und nun wachsen ihm offenbar die Alpen zu hoch am Horizont empor, als dass er nicht ein paar Worte darüber sagen müsste:
«... von dorten sahen wir die Montes niveos Caucasi ( die Schneeberge der Alpen ), sonderlich aber die / so in Rusinia ( im Bernbiet ) gelegen seind / deren Spitzen noch voller Schnee waren / ob es gleichwol in den Hunds-Tagen war; Der Wirt sagte vns / dasz die Einwohner desselbigen Gebürgs Thyrophagi ( Käsefresser ) weren / gute Leut / vnnd respectu ( im Blick auf ) anderen Rusinischen ( bernischen ) Vnderthanen / zwar höfflich vnnd bered / allein sie affectirten ( liebten ) die Libertet mehr als andere Vnderthanen; Er sagt vns auch / dasz in demselbigen Schnee-Gebürg viel notatu digna ( Bemerkenswertes ) weren / vnder anderen habe es hohe Berg von lauterem Eisz / vnnd so hart als Felsen / die biszweilen zu-nemmen / biszweilen auch abnemmen / dem Jahrgang vnd Wetter nach: Jn denselbigen Eisz-felsen köndten die Jäger das Gewild so sie geschossen / als Gänszen / Aurhanen / vnd Bürg-Hüner/viel Wochen frisch behalten; Jtem das sey wundersamb / dz gleich wie auff der einen Seiten es sehr winterlich / vnnd vnfruchtbar ist / also auff der anderen Seiten / wo die Sonne scheinen mag / ist es grün vnnd Graszfruchtbar / da sehe man die schönste Küh-Weiden / dasz es eine Lust ist / sie zu sehen; Jn denselben Bergen hab das allwissend Numen ( Gott ) an etlichen Orthen Brunnen erschaffen / die sich nur erzeigeten in der Zeit / weil das Vieh dort weidet / ja auch an gewissen Orthen nur in derselben Stund / da sie zu trincken pflegen / vnd darnach wieder verschwinden; Er erzehlet weiters / dasz in demselbigen Land / von kurtzer Zeithero Berg-Werck von Eysen / Bley / vnnd Schwäfel gefunden worden / dasz man hoffte dasz solche dem Lande nutzlich sein wurden / wann man nur recht vnnd ge-trewlich mit der Sach wird vmbgehen / vnd etwan die Verordneten ( die damit Beauftragten ) nicht mehr auff jhren privat Nutzen / als auff den gemeinen / sehen werden / wie solches offt zu geschehen pflegt / neben deine / so finde man in dem höchsten Gebürg Christall. » Damit hat der Verfasser sein letztes Wort über die Alpen gesagt.
Beachtet hat er also auf seiner ganzen Schweizer Reise die Alpen nur vom Berner Münsterturm aus, und vom Gesehenen meldet er nur, dass ihre Spitzen trotz der Hundstage noch voller Schnee waren. Seine anderen Feststellungen sind einfach unkritisch von seinem Gewährsmann übernommen. Die eigene Bemerkung des Verfassers und die des Gewährsmannes über die Berner Oberländer sind von einer gewissen nüchternen Sachlichkeit. Bei allem übrigen ist auffällig: einmal die Neigung, die Dinge zu übertreiben und bis ins Phantastische zu heben, und dann das Bestreben, alle Erscheinungen auf den Menschen und seinen Nutzen zu beziehen, das Naturgegebene als ein Gottesgeschenk, im engsten Sinne, zu sehen. Übertreibung: Berge von lauterem Eis, das steinhart ist; die Schattenseite winterlich und unfruchtbar, die Sonnseite grün und fruchtbar. Jede Tatsache oder angebliche Tatsache wird gleich auf ihre Nutzbarkeit für den Menschen hin angesehen: die « Eiszfelsen » können als Eiskeller dienen, die Sonnseite dient als Kuhweide, und vor allem ist zu hoffen, dass die Berge selber, als Gestein, im Bergbau dem Menschen nützlich sein werden. Eine Mischung von Kuriosum und nützlichem Gottesgeschenk endlich stellt die « Tatsache » dar, dass Gott an gewissen Orten Quellen nur gerade zur Zeit der Viehtränke fliessen lässt.
Der Verfasser ist - überflüssig zu sagen - ein Kind seiner Zeit. Trotz der beginnenden Aufklärung ist der überlieferte Glaube und Aberglaube noch stark. Der Mensch und sein himmlischer und irdischer Nutzen ist vor allem anderen wichtig, und die Natur beginnt erst langsam in ihrer Eigenständigkeit gesehen zu werden. Die pathetische Übersteigerung herrscht auch im Aufbau und in den Gebärden von Gemälden und Skulpturen, in den Charakteren der Dramen und Romane, und die starke Spannung zwischen Sonnseite und Schattenseite, hell und dunkel, gut und böse zeigt sich in fast allen Kulturäusserungen der Barockzeit.
Von der « HEUTELIA » aus ist noch ein weiter Weg bis zum Alpenerlebnis Albrecht von Hallers, Rousseaus und Goethes, bis zur begeisterten Alpenerschliessung der späteren Zeit und bis zur Vielfalt der heutigen Alpenerlebnisse und -interessen.