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Jemand, der in einer Höhle lebt, und sich nur von Brennnesseln ernährt, kann einer der glücklichsten Menschen auf der Welt sein, wie es zum Beispiel von Milarepa berichtet wird. Jemand, der in einem sehr feudalen Haus wohnt, in einem sehr reichen Land, in völliger Sicherheit und allem, was sein Herz begehrt, kann unter starken Depressionen und Ängsten leiden, und der unglücklichste Mensch der Welt sein. Auch die umgekehrten Fälle sind denkbar.
Die Stärke des Leidens verschiedener Menschen lässt sich nicht unbedingt an äußeren Gegebenheiten wie Reichtum oder Armut, Hunger oder Sattsein messen. Ob und wie stark ein Mensch unter einer Situation, die er vorfindet, leidet, hängt davon ab, in welchem Verhältnis er zu dieser Situation steht. Viel stärker bestimmt die jeweilige geistige Disposition, wie etwas empfunden wird. Hat jemand unter starken körperlichen Schmerzen zu leiden, hat aber einen ausgeglichenen und heiteren Geist, so werden ihn die Schmerzen nicht so stark gefangen nehmen können, er wird nicht so stark unter den Schmerzen leiden. Hat aber jemand einen sehr deprimierten, ängstlichen Geist, so können schon unbedeutende Dinge die Empfindung von großem Leiden auslösen. Darum unter anderem heißt es auch im Buddhismus: Der Geist geht allem voran.
Nun ist in der Lehre des Buddha zu lesen, dass es bei den Leiden, wie sie in den ersten beiden edlen Wahrheiten beschrieben werden, um Abhängigkeiten geht. Abhängigkeit erzeugt Leiden, Ablehnung erzeugt Leiden. Diese Leidenschaften verbergen den ungetrübten Zustand des Geistes, der in reinem Sein (Glück) besteht. Das klingt zunächst wie eine pure Behauptung. Das Gefühl, sich Unabhängigkeit erarbeitet zu haben – in welcher Situation auch immer – macht weit glücklicher, als Befriedigung in Abhängigkeit zu bekommen. Ein Alkoholiker ist glücklich, wenn er bei starkem Suchtdruck einen Schnaps bekommt. Wie viel glücklicher ist er aber, wenn es ihm gelingt, den Schnaps abzulehnen? Diese prinzipielle Struktur lässt sich auf jeden Zustand übertragen, der uns Menschen in Abhängigkeit bringt. Selbst auf die Abhängigkeit davon, existieren und nicht sterben zu wollen. Jeder, der aber ein paar Monate regelmäßig meditiert hat, bekommt einen Vorgeschmack von diesem Zustand der allmählich größer werden Unabhängigkeit.
In der Lehre des Buddha ist weiterhin zu lesen, dass Karma Wille bedeutet, die Tat des Geistes also, die der eigentlichen Handlung vorausgeht. Der Wille ist Ausdruck des Grades von Abhängigkeit. Eine Handlung, die ich unter dem Druck der Abhängigkeit ausführe, manifestiert die Abhängigkeit. Eine Handlung, die ich gegen den Druck der Abhängigkeit ausführe, lockert die Abhängigkeit.
Ein Alkoholiker, dem es gelingt, ein Glas Schnaps abzulehnen, hat einen kleinen Sieg über die Abhängigkeit vom Schnaps errungen. Die Abhängigkeit ist etwas gelockert. Wird er aber schwach und trinkt den Schnaps, so sind all seine vorherigen Bemühungen zunichte gemacht, und die Abhängigkeit ist stärker denn je… und damit auch sein Leiden. Auch auf der Ebene des Willens gelten diese Bedingungen. Wird der Wille schwach, steigt die Abhängigkeit, ist der Wille zu gesunden stark, sinkt auch der Grad der Abhängigkeit.
Jeder kleine Sieg, den ein Abhängiger gegenüber seiner Droge erzielt, hinterlässt Spuren in seinem Bewusstsein. Langsam kann er sich emanzipieren, weil er immer mehr Erfahrungen seiner eigenen Unabhängigkeit und Stärke macht. Ebenso gilt das umgekehrte. Jeder Rückfall hinterlässt Spuren im Bewusstsein, schwächt ihn, treibt ihn weiter in die Abhängigkeit.
Die „Drogenwirkung“, die das Leben mit all seinen Facetten auf den Menschen ausübt, ist ungeheuer stark. Darum ist auch das Leiden, das daraus hervorgeht, so allumfassend. Nun gibt es Willensimpulse, die in Richtung einer Emanzipation und Befreiung von der Abhängigkeit weisen, und solche, die die Abhängigkeit zementieren und auch noch verstärken können. Im Allgemeinen findet jeder von uns eine unglaublich komplexe Gemengelage unterschiedlichster Abhängigkeiten und Dispositionen vor. Diese Abhängigkeiten bestimmen unser Verhältnis zur Wirklichkeit, und bilden somit auch die Basis dafür, ob, wie stark und unter welchen Situationen wir leiden oder nicht. Arbeitslosigkeit zum Beispiel kann für den einen eine völlige Katastrophe sein, die ihn in den Selbstmord treibt, dem anderen kann sie willkommene Befreiung und Chance zur Neuorientierung sein. Welche Abhängigkeiten machen Arbeitslosigkeit zu etwas, unter dem man leiden muss? Wie kann man sich davon befreien?
Fassen wir zusammen: jeder Willensimpuls, jede Handlung hinterlässt eine Spur im Bewusstsein und formt so das Bewusstsein. Dieses Bewusstsein bestimmt das Verhältnis zur Wirklichkeit und auf diese Weise auch die Art und Weise, wie diese Wirklichkeit wahrgenommen wird. Die Art der Wirklichkeitswahrnehmung bestimmt, ob und inwiefern wir unter diesen Wahrnehmung von Wirklichkeit leiden oder nicht. Willensimpulse, die in Richtung einer Emanzipation von Abhängigkeit gehen, führen zu einer Abnahme des Leidens. Solche, die dem Druck der Abhängigkeiten folgen, verstricken uns weiter darin und vermehren das Leiden an den Wahrnehmungen der Wirklichkeit. Es hängt also von der Form des Bewusstsein ab, ob eine Situation als leidhaft empfunden wird oder nicht.
Die unendliche Masse an Situationen, die jedem von uns im Leben begegnen, sind an sich weder leidhaft noch angenehm. Es ist wie eine rohe Masse, die in Verbindung mit unserem Bewusstsein zu Erleben wird. Wenn also zwei Menschen der gleichen Situation ausgesetzt sind, bedeutet das nicht, dass sie auch das gleiche Erleben davon haben. Wendet man das nun auf Situationen wie Kriege, Wohlstand, Armut oder auch den Holocaust an, so merkt man schnell, dass es völlig absurd ist, von kollektivem Karma zu reden.
Kollektives Karma, wenn man diesen Begriff überhaupt bemühen will, bedeutet eher, dass in einer Gesellschaft sich eine bestimmte Sichtweise auf Wirklichkeit etabliert, die von sehr vielen Mitgliedern dieser Gesellschaft geteilt und geglaubt wird. Diese Sichtweise kann dann zu kollektiven Ablehnungen und Ängsten, Zielvorstellungen und Abhängigkeiten führen. Zum Beispiel hatte sich im Nationalsozialismus eine bestimmte kollektive Wahrnehmung des Begriffes Rasse etabliert, der über viele Jahre das Verhältnis des Einzelnen zur Wirklichkeit geprägt hatte, und so die bekannten Wirkungen aus Angst, Hass, Krieg, Vernichtung, Schuld und Wut hervorgebracht. Wirklichkeitswahrnehmung, Erleben und daraus resultierende Willensimpulse bedingen sich in jedem Augenblick ständig gegenseitig, und im gesamten dann auch die Wahrnehmungen, das Erleben und die Willensimpulse der Individuen untereinander und so die ganze Gesellschaft. Wie komplex diese Bedingtheiten (abhängiges Entstehen) sind, kann man sich leicht vorstellen. Darum gilt Karma auch als stark verborgenes Phänomen: die unendliche Menge der kausalen Verknüpfungen die schon zur Gefühlslage und zur Art des Erlebens eines Einzelnen führen, macht es einfach unmöglich, mehr als nur grobe Tendenzen auszumachen. Und wie erst in Bezug auf eine ganze Gesellschaft?
Das möge man bedenken, wenn man von „karmischer Schuld“ spricht, oder als „Begründung“ für ein Ereignis „karmische Ursachen“ heranzieht.
Nach buddhistischer Lehre ist nicht ein Ereignis die eigentliche Ursache für Unglück und Leiden, sondern Anhaftung und (Abhängigkeit) Ablehnung, die auf der Basis von Unwissenheit gegenüber diesem Ereignis entstehen. Für diese Ursachen trägt man Verantwortung, für das Ereignis selbst – wenn überhaupt – nur zum Teil. Von Schuld zu reden, wäre völlig verfehlt. Wenn ich also zum Beispiel die Arbeit verliere, mag ich daran einen gewissen Anteil haben. Allerdings ist nicht die Arbeitslosigkeit (die Situation) selbst Grund für das Leiden, das daraus entsteht, sondern mein Verhältnis zu dieser Situation. Wird jemand ausgeraubt, so ist dieses Ereignis sicher keine oder kaum Konsequenz seiner früheren Handlungen. Aber ob und wie man unter dem Verlust und dem Überfall selbst leidet, ist von dem Verhältnis zur Wirklichkeit abhängig, das man im Laufe der Zeit eingenommen hat.
Der Bewusstseinsstrom ist nichts anderes als das Verhältnis desselben zur Wirklichkeit. Und das ist die Wirklichkeit (das, was auf bestimmte Weise wirkt oder Wirkung ist – es existiert nichts als Wirkung ). Formt der Mensch das Bewusstsein, formt er die Wirklichkeit. Jede Tat, jeder Willensimpuls (Karma) formt das Bewusstsein. Aus diesem Bewusstsein geht unser Verhältnis zur Wirklichkeit hervor und prägt so wieder die Wirklichkeit und die Handlungen und Willensimpulse, die daraus hervorgehen. Das alles in jedem Augenblick, sehr vielschichtig und in Reaktion und Relation auf alles, was uns an Situationen und Wahrnehmungen von Augenblick zu Augenblick begegnet.