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Der in Kalifornien lebende Gitarrist Ry Cooder erzählt in seinem ersten Buch «In den Strassen von Los Angeles» acht Geschichten. Sie spielen in den vierziger und fünfziger Jahren und wirken wie locker hingeworfene Gitarrenakkorde.
Als Jugendlicher nahm Ry Cooder gerne den Bus, um vom verschlafenen Santa Monica ins Zentrum von Los Angeles zu fahren. Die kurze Reise durch die zusammenwachsenden Städte und Stadtteile war eine lange Reise in der Zeit: In Downtown Los Angeles stösst der junge Cooder auf Orte, an denen die Zeit stillzustehen scheint und doch pulsiert. In Bunker Hill trifft er in einer Miniaturwelt aus viktorianischen Häusern auf ältere Menschen, die kein Englisch sprechen. Besonders fasziniert ist Cooder von den Geschichten, die er über das Latinoquartier Chávez Ravine hört, das er aber nie zu besuchen wagt. In den Zeitungen sieht er Fotos von armen mexikanischen Familien, die zuschauen, wie ihre kleinen Häuser von Bulldozern platt gewalzt werden. Sie schaffen Platz für das neue Stadion der Baseballmannschaft, der Los Angeles Dodgers.
Tänze und Prügeleien
Vor sieben Jahren hat der Gitarrist diesem verschwundenen Stadtteil mit der CD «Chávez Ravine» ein Denkmal gesetzt und die Geschichte in einem umfangreichen Booklet dokumentiert. MusikerInnen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen spielen zusammen, schaffen eine entspannte Atmosphäre, lassen die alten Zeiten aufleben. Sie erzählen von den launigen Tanzanlässen und den Kämpfen zwischen den im Zweiten Weltkrieg dienstleistenden weissen Soldaten, die sich – auf Heimaturlaub – mit zu Hause gebliebenen Latinos und Afroamerikanern prügeln. Der neunzigjährige Lalo Guerrero singt mit hinreissendem Charme den Rumba «Los Chucos Suaves», den er bereits 1949 mit seiner Gruppe Lalo y Sus Cinco Lobos in Clubs wie La Bamba, El Hoyo oder El Capital von Downtown L.A. gespielt hat.
Die Sängerin Juliette Commagre ist betörend, wenn sie «El U.F.O. Cayó» singt. Zur Musik erzählt der betagte Don Tosti die Geschichte vom ins Quartier gefallenen Ufo und meint damit das neue Stadion der Dodgers. Auch in «Ejército Militar» steht das Stadion im Zentrum. Zum lüpfigen Tex-Mex-Akkordeon von Flaco Jiménez singen Ersi und Rosella Arvizu über die aus dem Krieg zurückkehrenden Soldaten, die ein zerstörtes Chávez Ravine vorfinden. Cooder selbst hält sich auf den meisten Titeln dezent im Hintergrund, sein Gitarrenspiel ist entspannt, setzt Farbtupfer hie und da.
Am 15. März feiert Ry Cooder seinen 65. Geburtstag. In seinem ersten Buch erinnert er sich erneut an die vierziger und fünfziger Jahre. Die acht locker erzählten Geschichten von Cooder erschienen vergangenes Jahr als «Los Angeles Stories» im legendären Verlag City Light Books. Dieser wurde 1953 vom Dichter Lawrence Ferlinghetti in San Francisco gegründet und diente SchriftstellerInnen der Beat Generation wie Jack Kerouac, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Anne Waldman, Paul Bowles und vielen anderen als Heimathafen. Der deutsche Schriftsteller und DJ Franz Dobler hat «In den Strassen von Los Angeles» adäquat übersetzt und den melancholischen Blues des Originals mitgenommen.
Im lilafarbigen Cadillac
Die Geschichten Cooders sind alle um sein Geburtsjahr 1947 herum angesiedelt. Sie berichten von queren AussenseiterInnen, schrillen Vögeln und kleinen Leuten, denen gelegentlich ein gütiger Engel zur Seite steht. Etwa wenn Frank St. Clair, der in einem Einzimmerappartement in Bunker Hill lebt und für das Stadtregister von Los Angeles unterwegs ist, einen gewissen Mr. John Casaroli kennenlernt. St. Clair interviewt Leute für das Stadtregister, nimmt Beruf und Adresse auf und erhält pro Eintrag ganze 25 Cents. Casaroli, ein pensionierter Opernsänger, wird sein einziger Freund. Doch kurz vor einem geplanten gemeinsamen Abendessen wird Casaroli tot vor seinem Haus aufgefunden. Er ist vom Dach gesprungen. St. Clair vermutet einen Mord dahinter: «Warum sollte ein Mann, ein Italiener, einen Topf Spaghetti kochen und dann vom Dach springen?» Den Freund hat er verloren, aber eine Erbschaft gemacht. Er erhält den Plattenspieler, alle 78er-Schellackplatten, die italienischen Gedichtbände und ein Exemplar des Stadtregisters. Der dicke Band ist ausgehöhlt und enthält 5000 Dollar in Hundert-Dollar-Scheinen. «Ich hatte noch nicht mal einen Hunderter jemals auch nur gesehen», so St. Clair.
Cooders Geschichten handeln von Arbeitern und Clubbesitzerinnen, süchtigen Zwergen, minderjährigen Ausreisserinnen, Filmkritikern, die in Kinos ermordet werden, und von gestrandeten Musikern ohne Zähne, die ihr Lieblingsinstrument aus Not verkaufen müssen. Aber auch von Musikern wie «Atomic Bomb» Saunders oder Johnny «The Ace of Spades» Mumford, der gerade einen Nummer-1-Rhythm-and-Blues-Hit hat und einen Cadillac in lila und cremigen Farbtönen fährt.
In diesen Erzählungen finden erfundene und reale Personen zusammen. Recherchierte Geschichten, Klatsch und Legenden vermengen sich, heben ab in Fantasiewelten und kehren wieder in den harten mexikanisch-amerikanischen Alltag auf den Strassen von Los Angeles zurück. Es sind gut gewürzte Krimis, die salopp daherkommen und Cooders Musik ergänzen.