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Denis de Rougemont
»Sollte ich je diese Hefte veröffentlichen, so gewiss nicht zur Befriedigung des Erstaunens jener Leute, die ein anderes Leben erträumen als das ihre! Ich möchte viel eher den bescheidenen Anspruch erheben, einige Leute über die Mittel und Wege unterrichtet zu haben, wie man mit wenig Geld in Freiheit leben kann.« So steht es - zitiert nach der wenig befriedigenden Übersetzung R. J. Humms - in Denis de Rougemonts Journal d'un intellectuel en chômage (Tagebuch eines arbeitslosen Intellektuellen) von 1937 zu lesen. Und tatsächlich lässt sich den Aufzeichnungen des stellenlosen Verlagslektors da und dort etwas darüber entnehmen, wie er und seine Frau sich 1935/36 fast ohne Geld auf der Atlantik-Insel Ré bzw. in einem abgelegenen Cevennen-Dorf über Wasser hielten, nachdem der frühere Arbeitgeber, ein Pariser Verlag, pleite gegangen und ein Unterstützungsbegehren an die aristokratische Schweizer Verwandtschaft aus psychologischen Gründen undenkbar war.
Weit bedeutender sind die Tagebuchnotizen dieses Intellektuellen, der in Wirklichkeit ja keineswegs arbeits-, sondern »nur« mittellos war, durch die grundsätzlichen Überlegungen, die er über die Rolle des geistig schaffenden Menschen in der Gesellschaft anstellte. In hautnaher täglicher Berührung mit einfachen, ungebildeten Menschen aus dem Volk erkannte de Rougemont mit aller Klarheit das Hybride an der damaligen akademischen Intelligenz: »Es tut not, dass der Geist sich um einige Stufen herablasse. Dass er sich demütige, um nützlich zu sein. Dass er lerne, sich mit niedrigen, trüben Dingen einzulassen und mit ihnen fertig zu werden ...«
Als arbeitsloser Intellektueller, als ein bewusst Mitleidender am Schicksal von damals 30 Millionen Menschen, sah sich Denis de Rougemont endgültig in seinem Entschluss bestätigt, das Geistige nach besten Kräften nutzbar zu machen und somit der Karriere eines zeitfernen Dichters und Ästheten den mühsamen Weg eines praktischen Lebensphilosophen und Gesellschaftskritikers vorzuziehen. Darum schrieb er - bei aller literarischen Brillanz! - auch nicht einfach schöne Geschichten, als man ihn ein Jahr später nach Deutschland einlud, damit er als Neutraler darüber berichte. Sein Journal dAllemagne wurde im Gegenteil zu der bis dahin schärfsten und intelligentesten Abrechnung mit dem Nationalsozialismus aus Schweizer Sicht. Als de Rougemont auch nach Kriegsbeginn nicht bereit war, das Opportune zu respektieren und das Unrecht zu verschweigen, wurde er von General Guisan persönlich gemassregelt, und es blieb schliesslich ihm, dem Schweizer, nichts anderes übrig, als ins amerikanische Exil zu gehen! 1946 kehrte er nach Genf zurück und kämpfte von da an bis zu seinem Tode im Jahre 1985 unermüdlich an vielen Fronten für einen europäischen Föderalismus, der es nicht nur den Schweizern, sondern den Menschen aller Nationen ermöglichen soll, sich ihrer individuellen Persönlichkeit gemäss in Freiheit zu entfalten.
Das Journal d'un intellectuel en chômage ist heute, integriert in de Rougemonts Journal d'une époque, bei Gallimard, Paris, greifbar.
(Literaturszene Schweiz)