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Ein Mann, der viele Leben veränderte – das von Pferden und Menschen
Am 12. März jährt sich der Todestag eines Mannes zum zehnten Mal, der die Pferdwelt verändert hat: Ray Hunt war nicht der erste, der einen anderen Weg mit Pferden suchte und lehrte, als man bisher kannte. Aber er war der Erste, der sein Wissen in Kursen weitergab – lange bevor Begriffe wie «Natural Horsemanship» und «Pferdeflüstern» bekannt wurden. Manche bezeichnen ihn als der grösste Horseman der Geschichte.
Anfangs des letzten Jahrhunderts war das Pferd ein wichtiges, ja unverzichtbares Tier in der Landwirtschaft. So war es auch auf einer Farm in Idaho nahe Mountain Home, wo Ray Hunt 1929 geboren wurde. Sein Vater züchtete Arbeitspferde, und Ray lernte früh ein Feld mit ihnen zu pflügen. Nicht seine Lieblingsbeschäftigung – Ray träumte davon Cowboy zu sein. Mit zwanzig verliess er die elterliche Farm um seinen Traum zu erfüllen.
Hondo: Das Pferd, das ‚Nein‘ sagte
Während rund zehn Jahren arbeitete er als Buckaroo auf verschiedenen Ranches in Oregon und Nevada. Bis er bei einem seiner Pferde, mit der Methode die er bisher praktizierte, nicht durch kam. Hondo sagte nein. «Er war ein beissender, kickender, bockender, harter Junghengst,» rekapituliert Ray die Geschichte (im Magazin Shambala Sun, 1998). «Er sagte klar: Versuch nur mich zu brechen – ich brech‘ dich zurück. Und er hätte das auch.» Hondo war sein einziges Pferd, ohne ihn wäre er Füssgänger gewesen (und ohne Job). «Nachts lag ich im Bett und dachte über dieses Pferd nach, träumte von ihm, um dann tags drauf erneut mit ihm zu arbeiten.»
Respekt, nicht Dominanz
Ray hatte von Tom Dorrance gehört. Im Winter 1960/61 brachte Ray das Pferd zu ihm. «Sobald er in der Nähe war, war Hondo ein Lamm. Sobald er weg war, ritt ich wieder einen Tiger. Ich sah was passierte, aber nicht warum.» Erst nach einiger Zeit verstand Ray, dass er zu kraftvoll gewesen war, zu fordernd. Das Timing war da, aber es fehlte das «Feel» (das Gespür). «Ich hatte keine Vorstellung davon, wie es sein könnte. Ich dachte, ich müsse ihm wehtun, um ihn kontrollieren zu können. Sehr schnell merkte ich: Ich musste Respekt zollen um Respekt zu bekommen.» Ray begann mit Tom den Ort zu suchen, wo es keine Angst und damit kein Verweigern mehr gab. Am Ende des Jahres ritten kleine Kinder auf Hondo. Tom Dorrance habe sein Leben gerettet, betonte Hunt zu Lebzeiten unablässig. Dieser sagte dazu immer lächelnd: «Ach, Ray ist auch ohne mich gut klargekommen. Ich musste ihm nur sagen, wo er kratzen muss.» Ray hörte nie wieder damit auf und änderte sein ganzes Leben.
«Es dauert oft ein Leben lang,
herauszufinden, wie man ein Leben lebt.»
Ein Leben auf der Strasse
Seine erste Ehe ging in die Brüche. Ray Hunt verschrieb sein Leben der Überzeugung, dass Pferdetraining keine Schlacht um Dominanz sein sollte – und er wollte, dass so viele wie möglich das erkannten. In einer Zeit, in der es im Westen der USA keine Reit- oder Pferdekurse gab, reiste er mit einem klapprigen Bus und Pferdeanhänger von Ort zu Ort um zu unterrichten. Er lebte regelrecht von der Hand in den Mund und opferte die Beziehungspflege mit seinen vier Kindern und Enkeln. «Er hatte das Gefühl, dass er es dem Pferd schuldig war, wegen der vielen Dinge, die er früher falsch gemacht hatte,» erzählt eine, die es wissen muss: Carolyn Hunt, die Ray Hunt 1980 heiratete und fortan mit ihm ein Leben «on the road» teilte.
Die Pferdewelt empfing ihn nicht gerade mit offenen Armen. Viele waren gefangen in den Traditionen des «Pferde-Brechens». Wenn sie sahen wie Ray ein Dutzend wilder, untrainierter Jungpferde innerhalb weniger Tage ohne Gewalt und externe Hilfsmittel, ausser der berühmten orangen «Flag» (Fahne), in funktionelle Ranchpferde verwandelte, warfen sie ihm vor er würde Beruhigungsmittel oder gar Hypnose anwenden. Ray war das egal. «Ich will einen besseren Deal für die Pferde,» stellte er vor jeder Clinic klar, «die Menschen sind weit unten auf meiner Prioritätenliste.» Ray war direkt, einschüchternd und reuelos. Manche Leute empfanden ihn deshalb als Schleifer.
Ein Mythos wird wahr
«Das war er niemals!» betont Mike Thomas. Der 79-jährige amtete früh in seinem Leben als Manager auf grossen Ranches im US-Westen. «Ab Mitte der 60er Jahre hörte ich Geschichten über Ray Hunt und dachte, wenn er das tun kann was ich höre, dann IST er wirklich der Beste. Vermutlich ist es aber nur eine dieser vielen verdammten Trainer-Storys.» 1975 leitete Mike, inzwischen Mitte dreissig, eine riesige Ranch in Montana, die hundertachtzig bestens gezüchtete, aber halbwilde Pferde besass. «Man konnte sie kaum anfassen, geschweige denn reiten. Als ich hörte, dass Ray nach Bozeman kommt, brachten wir einige Jungpferde dahin. Jedes Wort, das ich über ihn gehört hatte, war wahr. Darauf hatte ich, ohne es zu wissen, mein ganzes Leben lang gewartet. Ich spürte, dass ich für den Rest meines Lebens versuchen würde das zu tun, worüber er sprach.» Mike schickte an jeden Kurs in der Nähe seine Cowboys und mehrere Pferde. «Dadurch verdiente Ray Geld – aber wir sahen das nie so an. Ray half uns.»
Grosse Veränderungen – bei Mensch und Pferd
An einem dieser Kurse kam ein Bursche vorbei, der nach einem Job fragte. Als Mike mit ihm sprechen wollte, fand er ihn auf der Tribüne, fasziniert Ray beobachtend. Ob er später über den Job reden könne, er müsse dies fertig schauen. Der Name des Burschen: Buck Brannaman. «Buck, durch seinen gewalttätigen Vater traumatisiert, schaute auf zu Ray», weiss Mike. «Einmal sah ich sie zusammen reden. Ich weiss nicht, was Ray zu ihm gesagt hat – aber danach wurde Buck anders – im positiven Sinn. Ray Hunt hat sein Leben verändert.»
Bei weitem nicht der einzige Fall dieser Art. Joel Elliot, Pferdefreund und Countrysänger, den ich in Arizona am Campfire von Paul Dietz treffe, erinnert sich: «Ray hat mich nie geschliffen – er liess mich suchen und unterstütze mich. Eines Tages sah er mich an und sagte ‚Du machst das gut, Joel – aber du musst an dich glauben‘.» Das Glitzern in den Augen des Sängers sprechen Bände darüber, was dieser Satz für ihn bedeutet.
Berühmt wider Willen
«Was Ray lehrte, ging weit über die Arbeit mit den Pferden hinaus,» bestätigt Carolyn Hunt. «Ray glaubte, dass wir ein sinn- und bedeutungsvolles Leben in Frieden führen, wenn wir uns selbst mögen und an uns glauben,» erklärt Carolyn Hunt. «Und er sagte uns stets: Die Veränderung, die du beim Pferd suchst, beginnt in dir selbst».
Rays Werk erfuhr noch zu Lebzeiten Anerkennung: Unter anderem verlieh ihm das «Western Horseman Magazine» 2005 den Titel «Horseman of the year». Manche sind der Meinung, dass er eher der «Horseman oft the Century» war. «Ich weiss nicht, ob er das war,» sinniert Carolyn. «Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich nie jemanden gesehen habe das tun, was Ray getan hat.» Ray habe wie kein Zweiter gespürt, was ein Pferd brauchte – und habe es ihm geben können. Rays «Feel & Timing» seien magisch gewesen. Ray selbst hätte das aber nie so gesehen, dazu war er zu bescheiden. Daran änderte sich auch nichts, nachdem Schriftsteller Nicholas Evans – inspiriert durch Dorrance, Hunt & Brannaman – mit dem Weltbestseller «The Horsewhisperer» den Begriff Horsemanship in aller Munde brachte. Ray äusserte sich nicht einmal zu jenen Programmen, die, geschickt vermarktet, mit seinen (unvollständig kopierten) Ideen Millionen einbrachten.
Die Krankheit
Um die Jahrtausendwende erkrankte Ray Hunt an der Lungenkrankheit COPD. In seinen letzten Lebensjahren konnte er nicht mehr reiten. «Zuerst war er unglücklich,» erinnert sich Carolyn. «Dann freute es ihn. Er hatte mehr Zeit zum Denken, und fand noch mehr Dinge heraus.» Noch unermüdlicher wollte er unterrichten, noch einem Pferd helfen, noch ein Missverständnis mit dem Menschen klären. Sein Leben endete am 12. März 2009, auf dem Weg aus dem Spital zurück an einen Kurs, den er hatte unterbrechen müssen wegen seiner Gesundheit. Er kam nie an diese Clinic zurück und hinterliess nicht nur dort eine riesige Lücke. «Bis heute vermisse ich dieses Gefühl, das ich in Rays Anwesenheit spürte, dass einfach alles gut wird.» Joel Elliots Stimme zittert im Schein des Lagerfeuers in Arizona. «Und ich wünschte, ich hätte mir mehr Zeit mit ihm nehmen können. Nur noch eine Clinic mehr.» Paul Dietz pflichtet ihm bei: «100 Clinics wären bei Weitem nicht genug für mich. Ich habe so viele Fragen, die ich ihm nicht mehr stellen kann. Manchmal vermisse ich Ray so sehr, dass ich die Audio-CD hören muss, damit es etwas weniger weh tut.»
«Legacy of Legends»
Man kann nur erahnen wie schwer der Verlust für Carolyn Hunt wiegt. Die Trauer konnte sie jedoch nicht abhalten Rays Passion, das Wissen über gutes Horsemanship, zu verbreiten und weiter zu tragen. «Buck Brannaman und Martin Black (Rays damaliger Schwiergersohn, Anm. d. A.) halfen mir, einen Gedenkanlass in Texas zu organisieren. Rund 20 Leute starteten Jungpferde, so wie ihr Mentor es sie gelehrt hatte. Daraus wurde der Anlass «Legacy of Legends» geboren, an dem jährlich im März Hunt & Dorrance gedacht wird. Aus den Einnahmen werden jungen Pferdemenschen Stipendien finanziert – Lernzeit bei Menschen, die Rays Lehre weitergeben. Carolyn setzt ihre ganze Lebenskraft dafür ein, dass das, was ihr Mann in die Welt tragen wollte, weiterlebt.
«A Way of Life»
Auch Mike Thomas wird nicht müde von seinem Freund Ray zu erzählen. Er empfiehlt allen, die diesen Weg ausprobieren wollen, sich gut zu informieren. «Ich würde so nahe am «Inner Circle» bleiben wie möglich – mit jemandem Reiten, der lange und tief von Ray gelernt hat. Auch wenn man dafür etwas Reisen muss.» Für ihn habe sich jede gefahrene Meile gelohnt. Und jedes Video von Ray schauen, sein Buch lesen. Immer wieder. Dann würde sich zeigen, ob «Good Horsemanship» der eigene Weg sei. Ray selbst hat stets betont: «Ich sage nicht, es ist DIE Art, mit Pferden zu arbeiten. Es ist EINE Art, und zwar zu Leben. Und es dauert oft ein Leben lang, herauszufinden, wie man ein Leben lebt.»
Lesetipp:
«Think Harmony With Horses»S