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Weissstorch
Ciconia ciconia
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Regenwürmer auf dem Speisezettel
Der Weissstorch (Ciconia ciconia) ist ein Mitglied der 19 Arten umfassenden Familie der Störche (Ciconiidae). Bislang haben die Wissenschaftler die Storchenfamilie mit ein paar anderen Familien «stelzbeiniger» Vögel, darunter den Reihern (Ardeidae) und den Ibissen (Threskiornithidae), zur Ordnung der Stelzvögel (Ciconiiformes) zusammengefasst. Neuste molekularbiologische Untersuchungen (DNS-Analysen) haben nun aber überraschenderweise gezeigt, dass die körperbaulichen Ähnlichkeiten dieser Familien offensichtlich trügen: Die nächsten Verwandten der Störche sind in Wirklichkeit die Neuweltgeier (Familie Cathartidae).
Mit einer Länge von durchschnittlich 110 Zentimetern, einer Flügelspannweite um 160 Zentimeter und einem Gewicht zwischen 2,5 und 4,5 Kilogramm zählt der Weissstorch zu den grössten Landvögeln Europas. Männchen und Weibchen sehen äusserlich gleich aus: Beide sind überwiegend weisse Vögel mit schwarzen Schwingen, rotem Schnabel und roten Beinen. Allerdings sind die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser und schwerer als die Weibchen.
Ungefähr neunzig Prozent aller Weissstörche, nämlich 120 000 bis 150 000 Paare, brüten in Europa (einschliesslich der Türkei). Die restlichen zehn Prozent brüten im nordwestlichen Afrika, im westlichen Asien und - in sehr geringer Zahl -- an der Südspitze Afrikas. In Europa kommen die imposanten Vögel vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents vor, wobei nahezu die Hälfte von ihnen in Polen, Weissrussland und der Ukraine zu Hause sind. Ein separater, verhältnismässig umfangreicher Brutbestand findet sich ferner auf der Iberischen Halbinsel.
Die Nahrung des Weissstorchs setzt sich ausschliesslich aus tierlichen Bissen zusammen - von Würmern und Heuschrecken über Frösche, Fische und Eidechsen bis hin zu Jungvögeln und Mäusen. Seine Beutetiere fängt der stelzbeinige Vogel meistens im Schreiten: Suchend wandert er durch Sümpfe, Wiesen und Felder und packt seine Opfer zielsicher mit seinem spitzen, blitzartig vorschnellenden Schnabel.
In Mittel- und Osteuropa bewohnt der Weissstorch möglichst offenes Gelände und meidet den geschlossenen Wald. Vorzugsweise lässt er sich im Bereich von Feuchtwiesen, Auen, Bächen und Sümpfen nieder, weil dort das Angebot an ihm zusagender tierlicher Nahrung besonders reichlich ist. Er sucht aber auch gern auf tiefgründigen Feldern und Weiden nach Nahrung und folgt nicht selten Pflügen, Heuwendern und anderen landwirtschaftlichen Maschinen, um sich zu schnappen, was aufgescheucht wird.
Im Segelflug nach Afrika
Die in Europa heimischen Weissstörche sind echte Langstrecken-Zugvögel. Alljährlich im Herbst kehren sie ihren europäischen Brutgebieten den Rücken und ziehen südwärts in ihre afrikanischen Winterquartiere, von wo sie dann erst im nächsten Frühjahr wieder zurückkehren. Ihre Körpergrösse und die Tatsache, dass sie oft Schwärmen von mehreren hundert Individuen bilden, macht die Weissstörch von alters her zu besonders auffälligsten und bekannten Zugvögeln. Tatsächlich wird das eindrucksvolle, mit grosser Regelmässigkeit stattfindende Geschehen der Storchenwanderung schon in der Bibel erwähnt.
Es gibt kaum eine Vogelart, die bezüglich ihres Zugverhaltens so gut untersucht ist wie der Weissstorch. Insbesondere hat die Beringung der Vögel sowohl an ihren Brutplätzen als auch in ihren Winterquartieren und entlang ihrer Zugrouten eine Vielzahl interessanter Informationen geliefert. So hat sich gezeigt, dass einzig die östlichsten, im zentralasiatischen Turkestan brütenden Weissstörche in Asien (zwischen Südiran und Indien) überwintern. Alle anderen ziehen nach Afrika jenseits der Wüste Sahara.
Bei der Reise nach Afrika folgen die europäischen Weissstörche zwei klar festgelegten Routen, je nachdem, wo ihr Brutgebiet liegt: Diejenigen westlich einer «Zugscheide», die grob gesehen zwischen den Niederlanden und Bayern verläuft, fliegen über Frankreich nach Spanien und dann - zusammen mit ihren iberischen Vettern - via Gibraltar nach Nordafrika und von da aus gemeinsam mit ihren nordafrikanischen Vettern weiter nach Westafrika, hauptsächlich ins Senegal- und Nigergebiet. Diejenigen östlich der erwähnten «Zugscheide» ziehen zunächst via Bosporus nach Kleinasien und von da - zusammen mit ihren türkischen Vettern - dem Ostrand des Mittelmeers und später dem Lauf des Nils entlang ins östliche und südöstliche Afrika.
Die Trennung der europäischen Storchenpopulation in «Weststörche» und «Oststörche» hat mit der Scheu der grossen Vögel vor offenen Wasserflächen zu tun: Sie umfliegen das Mittelmeer in einem weiten Bogen und setzen an den schmalsten Stellen nach Nordafrika bzw. Kleinasien über: im Westen bei Gibraltar, im Osten beim Bosporus. Diese «Scheu» hat allerdings nichts mit Angst vor dem Wasser zu tun, sondern erklärt sich durch die Flugtechnik der Weissstörche: Ihre Wanderung legen sie nämlich - wie auch viele Greifvögel - weitgehend im energiesparenden Segelflug zurück. Hierbei nutzen sie jeglichen Wärmeaufwind, der sich unterwegs finden lässt. Sie lassen sich von einer solchen «Thermik» in Schrauben hochtragen, gleiten dann zur nächsten, wo sie erneut an Höhe gewinnen, um dann zur übernächsten zu gelangen und so weiter. Der typische Zug der Weissstörche vollzieht sich deshalb in einer gemächlichen Kreis- und Spiralwanderung, deren wahre Richtung für den Menschen am Boden oft nicht leicht zu erkennen ist.
Wärmeaufwinde entwickeln sich allerdings nicht über grossen Wasserflächen wie dem Mittelmeer. Letzteres stellt deshalb ein mächtiges «Hindernis» für die Weissstörche dar. Aus diesem Grund findet eine Kanalisierung des Weissstorchenzugs statt: Die einen umfliegen das Hindernis im Westen, die anderen im Osten. Dies im Gegensatz zu vielen europäischen Singvogelarten. Diese mittels kräftezehrendem Schlag- oder Flatterflug reisenden Vögel kümmern sich wenig um das Terrain, das sie überfliegen, sondern wählen möglichst den kürzesten Weg zu ihren Winterquartieren: Sie überqueren das Mittelmeer auf breiter Front und machen sich nichts aus den erwähnten «Brückenköpfen».
Es soll nicht unerwähnt bleiben, das sich ein paar «Aussenseiter» unter den europäischen Weissstörchen nicht an die genannten Routen halten. Einzelne europäische Individuen ziehen direkt südwärts bis zur Südspitze Italiens, überqueren dort die Strasse von Messina, segeln der Ostküste Siziliens entlang weiter, setzen dann nach Malta über und erreichen schliesslich von dort aus den afrikanischen Kontinent bei Tunesien. Andere ziehen als «Inselhüpfer» vom Balkan her quer über die Ägäis in die Türkei. Auf beiden Nebenrouten sind die Störche gezwungen, grössere Strecken über das offene Meer zurückzulegen, was sie je nach Wetterlage sehr viel Kraft kosten kann und deshalb nicht ohne Risiko ist.
Während also die allermeisten Weissstörche das Mittelmeer umfliegen, zögern sie keineswegs, die Wüste Sahara zu überqueren. Dies mag auf den ersten Blick erstaunlich klingen, ist aber verständlich, wenn man bedenkt, dass das dortige Zusammenspiel von sengener Sonne und nacktem Sand und Geröll die ideale Voraussetzung für starke Thermiken bildet. In der Tat vermögen die Störche die Sahara im allgemeinen ohne Zwischenlandung zu überqueren.
Von diesem Wegstück einmal abgesehen machen die Weissstörche häufig Rast: Sie ziehen gewöhnlich von Mitte Vormittag bis Mitte Nachmittag, wenn die Segelflugbedingungen optimal sind. Den Rest des Tages benützen sie zur Nahrungssuche, die Nacht zum Ruhen. Im Gegensatz zu den ziehenden Kleinvögeln bauen sie nämlich im Spätsommer keine nennenswerten Fettreserven auf, die ihnen als «Treibstoff» während der Reise dienen. Sie müssen sich also im Gegensatz zu jenen unterwegs immer wieder verpflegen.
Balz mit lautem Schnabelklappern
Die Weissstörche ziehen zwar vorzugsweise in Schwärmen oder wenigstens in Trupps, doch fallen sie im März oder April, bei der Rückkehr ins europäische Brutgebiet, einzeln auf den Nestern ein. Meistens kommen die Männchen zuerst an, und wenn immer möglich beziehen sie wieder das alte Nest. Die Weibchen folgen einige Tage später.
Das Nest der Weissstörche besteht aus einer wenig kunstvollen Ansammlung von Ästen und Zweigen. Es ist ein stattliches Gebilde, denn es wird Jahr für Jahr vom Storchenpaar ausgebessert und ergänzt, bis oftmals viele Zentner schwere «Burgen» entstehen. Von Natur aus brüten die Weissstörche auf Bäumen und Felsen. In der Nachbarschaft des Menschen benützen sie hingegen Hausfirste, Schornsteine, Kirchtürme oder auch Masten von Drahtleitungen.
Der Paarung des Weissstorchenpaars geht ein verwickeltes Balzritual voraus, dessen auffälligstes Element gewiss das ausgiebige gemeinschaftliche Schnabelklappern ist. Die Vögel biegen dabei häufig Hals und Kopf nach hinten, bis der Scheitel den Rücken berührt. Dadurch schiebt sich das Zungenbein weit zurück, so dass ein Schallraum entsteht, der die Lautstärke des Klapperns erheblich vergrössert.
Bald nach der Paarung legt das Weibchen mit je zwei Tagen Abstand gewöhnlich drei bis fünf Eier. Die Brutdauer beträgt 33 bis 35 Tage, wobei sich die Partner in meistens mehrstündigen Abständen beim Brüten abwechseln. Nachts liegt gewöhnlich das Weibchen auf den Eiern.
Die Jungstörche schlüpfen praktisch nackt aus den Eiern, bilden aber rasch ein weisses Daunenkleid aus. Sie können anfangs mehr als ihr halbes Körpergewicht an Nahrung zu sich nehmen und wachsen entsprechend rasch heran. Das erste Jugendgefieder beginnt im Alter von drei Wochen zu spriessen. Nach etwa sieben Wochen fangen die Jungen bei geeignetem Wind an, spielerisch in die Höhe zu springen und ihre Flügel auszubreiten. Etwa im Alter von zwei Monaten sind sie dann flügge, bleiben aber zunächst noch nachts und manchmal auch tagsüber im Nest. Danach vereinigen sich die Storchenfamilien mit ihresgleichen in günstigen Nahrungsgründen zu Scharen, bis sie schliesslich bei gutem Segelwetter die Brutheimat in Richtung Süden verlassen.
Die Jungstörche sind erst im Alter von drei oder vier Jahren, manchmal sogar noch später, fortpflanzungsfähig. Die meisten von ihnen kehren dann zum Brüten in die Gegend zurück, wo sie einst aus dem Ei schlüpften. Sie können eine recht hohe Lebensdauer erreichen: Den Rekord in freier Wildbahn hält ein Männchen, welches 33 Jahre alt wurde und noch im Alter von 32 Jahren erfolgreich mit seiner Partnerin drei Junge grosszog.
Technik wird zum Verhängnis
In prähistorischer Zeit, als Europa noch weitgehend mit Wald bedeckt gewesen war, hatte der Weissstorch hier zweifellos eine ziemlich beschränkte Verbreitung gehabt. Erst als der Mensch die Wälder rodete, um landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu schaffen, wurden weite Teile Europas für den grossen Stelzvogel richtig zugänglich. Dies auch, weil der Mensch ihm zu keiner Zeit feindlich gesinnt war, sondern ihn im Gegenteil als «Schädlingsvertilger» gern auf seinen Feldern sah, ja sogar Nisthilfen schuf, um den gefiederten Glücks- und Kinderbringer auf seine Häuser zu locken.
Obschon der Weissstorch heute weiterhin das Wohlwollen des Menschen geniesst, gereicht ihm die Nähe zu diesem leider nicht mehr zum Vorteil - im Gegenteil: Aufgrund der ungebremsten Entfaltung der Technik in allen Lebensbereichen des Menschen sind seine Bestände stark rückläufig. Von BirdLife International, der weltumspannenden Vogelschutzorganisation, wird diese Entwicklung mit Besorgnis registriert und der Weissstorchdarum als «demnächst gefährdet» eingestuft.
Insbesondere hat die im laufenden Jahrhundert erfolgte Intensivierung der landwirtschaftlichen Anbaumethoden die Nahrungsgrundlage des Weissstorchs enorm geschmälert, denn dabei wurden allüberall Feuchtgebiete trockengelegt, Bachläufe eingedolt, «Schädlinge» mit chemischen Mitteln bekämpft. Gleichzeitig ging die Zahl von Gebäuden, die sich zum Nisten eignen, stark zurück. Im übrigen kosten heute Unfälle mit Starkstromleitungen vielen Weissstörchen das Leben, und nicht wenige von ihnen verunglücken im Strassenverkehr.
Im gleichen Zeitraum hat sich leider auch die Lebensqualität in den afrikanischen Winterquartieren verschlechtert. Die Bekämpfung der Wanderheuschreckenschwärme, denen die Weissstörche oft zu Tausenden folgten, hat die dortige Nahrungsgrundlage stark beeinträchtigt. Und es ist anzunehmen, dass die dabei eingesetzten Gifte auch die Gesundheit, speziell die Fruchtbarkeit, vieler Weissstörche negativ beeinflusst hat. Zusätzlich fallen heute wegen der Ausbreitung von weitreichenden Schiesswaffen in den Winterquartieren wie auch entlang der Zugrouten alljährlich weit mehr Störche Jägern zum Opfer als früher.
Die Kombination all dieser Schadfaktoren hat bewirkt, dass die Storchenbestände in unserem Jahrhundert in mehr als der Hälfte der europäischen Länder zurückgegangen sind, und zwar teils in erschreckendem Mass. Die Zukunft des Weissstorchs, das ist gewiss, hängt nicht von gezielten Artenschutzmassnahmen ab. Entscheidend ist, dass wir wieder weg kommen von den naturschädigenden, einzig auf Produktionssteigerung ausgerichteten Anbaumethoden in der Landwirtschaft. Hierfür sind in vielen Ländern agrarpolitische Kurskorrekturen notwendig: Es darf zukünftig nicht mehr die «Industrialisierung» der Landwirtschaft, sondern es muss vielmehr deren «Ökologisierung» gefördert werden. Und zwar nicht nur dem Weissstorch und all den anderen Wildtieren, deren Heimat die offenen Landschaften Europas sind, zuliebe, sondern auch uns selbst. Denn wenn die Lebensgrundlage für unsere tierlichen Mitlebewesen schwindet, wird es letztlich auch für uns Menschen ungemütlich.
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