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Sie war eine französische Psychoanalytikerin und Philosophin, beschäftigte sich mit zeitgenössischen Lebensfragen, verfasste zahlreiche Werke, unter anderem “L’éloge du risque” (Lob des Risikos): Anne Duformantelle. Ich erinnere mich gut an die Zeitungsmeldungen im Juli 2017. Anne Durfourmantelle verbrachte ihre Ferien an der Côte d’Azur. Als plötzlich ein Sturm aufzog, sah sie, wie die zwei Kinder ihrer Freundin sich noch im Meer vergnügten und die drohende Gefahr nicht wahrnahmen. Anne Dufourmantelle eilte ihnen zu Hilfe, sprang ins Meer – und rettete sie. Sie allerdings kam zu Tode. Ausgerechnet sie, die sich intensiv mit dem Risiko auseinandergesetzt hatte, wurde vor die schwere Entscheidung gestellt: Soll ich das Risiko eingehen? Was steht auf dem Spiel? Sie warf alles in die Waagschale und verlor das Wertvollste: ihr Leben. Wie hätte ich in dieser Situation reagiert? Diese Frage liess mich lange nicht mehr los.
“Das Risiko ist der alles entscheidende Augenblick”, so Anne Dufourmantelle. Im Risiko liege eine ungeahnte Kraft. Wenn wir etwas wagen, ohne zu wissen, wo es uns hinführe, könnten wir viel gewinnen: Handlungsräume, Kreativität und Selbstbestimmung. Das grösste Risiko, so Dufourmantelle, sei die Liebe. Tatsächlich: Jedes Eingehen einer Freundschaft oder Liebe birgt das Risiko, verletzt zu werden. Dieses Risiko bin ich immer bereit gewesen, auf mich zu nehmen.
Die Fenster aufreissen
Dufourmantelles Buch appelliert, die Fenster aufzureissen, um das Ungewisse ins Leben zu lassen. Nicht immer steht ja das Leben auf dem Spiel. Es ist ein Akt von Selbstbestimmung und Freiheit, zum Beispiel Ungerechtigkeiten zu benennen, an einer Versammlung aufzustehen und das Wort zu ergreifen – auf das Risiko hin, ausgebuht zu werden; sich einzumischen und Zivilcourage zu zeigen, wenn jemand auf offener Strasse belästigt wird – auch wenn man das Risiko eingeht, selbst in eine ungemütliche Situation zu geraten. Ich erinnere mich an eine Mitgliederversammlung eines Vereins. Anwesend waren 80 Personen, die den neuen Präsidenten zu wählen hatten. “Wer ist für XY?”, fragte der Vizepräsident? 79 hoben die Hand. „Wer ist dagegen?“ Ein Mitglied stand auf, hob langsam die Hand und schaute in die Runde. Obwohl ich den künftigen Präsidenten als sehr fähig erachtete, bewunderte ich dieses Mitglied. Es hatte den Mut, sich zu exponieren und sich der Kritik der übrigen 79 Mitglieder auszusetzen. Aber das war ihm offensichtlich egal.
Die Würfel hochwerfen
Das Risiko oder das Wagnis hat seinen Niederschlag in vielen Sprichwörtern gefunden. Zwei seien genannt: “Wer wagt, gewinnt.” Und: “Alea iacta est.“ Es wird oft mit “Die Würfel sind gefallen” übersetzt, was allerdings nicht stimmt. Der ursprüngliche Sinn ist ein anderer: “Der Würfel ist geworfen” oder “Das Wagnis ist eingegangen”. Das Wagnis besteht nämlich darin, die Würfel hochzuwerfen, nicht wissend, wie sie fallen werden. Sind die Würfel einmal in der Luft, haben wir keinen Einfluss mehr. Es braucht Überwindung, die Würfel hochzuwerfen, sich dem Ungewissen auszusetzen, aber es ist oft nötig, will man einen Zustand ändern oder Fortschritte erzielen.
Gerade in der letzten Zeit musste der Bundesrat Risiken abwägen und Entscheidungen treffen. Dabei hatte er keine verlässlichen Zahlen. Auch die Experten waren nicht einer Meinung. Wir alle haben die einschneidenden Massnahmen erlebt, die nun mit Siebenmeilenstiefeln gelockert werden. Welches Risiko geht man ein, wenn man Veranstaltungen wieder zulässt? Öffnet man damit Tür und Tor für eine zweite Welle? Es ist ständiges Abwägen in einem dynamischen Prozess. Wann gehen wir das Risiko wieder ein, einander die Hand zu reichen, uns zu umarmen, zu küssen? Warten wir den Impfstoff ab oder wagen wir es vorher?