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Empfinden auch ein wenig. In bedeutenderen Sammlungen, wie in München, Berlin, Wien, Dresden, ist dies natürlich leichter, da in diesen genug vom Besten vorhanden ist.
Für das Verständnis schöner Formen und Verhältnisse genügt schließlich auch ein guter Gipsabguß, doch ist auch dieser nur ein unvollkommenes Hilfsmittel, da im Gips alle Formen plumper erscheinen und häufig die vielen Gußnähte und das grelle Weiß störend wirken. Zur Ergänzung nehme man deshalb gute Photographien der Urbilder, welche oft überraschend schön den Reiz des Materials, welcher an der Gesamtwirkung einen großen Anteil hat, wiedergeben. - Auf die vielen früher vorgenommenen Ergänzungen von meist recht fragwürdigem Werte machen jetzt die Verzeichnisse aufmerksam. Kleinere Ergänzungen, zumal aus anderem Stoff (z. B. bei Marmor aus Gips) schaden nicht, sondern erleichtern dem ungeübten Auge das Verständnis.
Anordnung der Abbildungen. Um dem Leser ein möglichst klares Bild der Entwicklung der griechischen Kunst zu geben, habe ich die Haupttypen zusammenhängend behandelt, weil mir dadurch ein Vergleichen leichter zu sein scheint. Eine strenge Trennung in Schulen habe ich vermieden, da es mir nur darauf ankommt, die Entwicklung der Gesamtheit zu veranschaulichen. Zum Vergleich oder zur Ergänzung sind des öfteren andere Beispiele herangezogen, und zwar meist solche, welche als Einzelart auftreten. In sich abgeschlossene Entwicklungsstufen sind jedoch für sich allein behandelt.
Beispiele der ältesten Kunst. Auf der Tafel S. 72 und in Fig. 74-84 sind einige Proben der ältesten griechischen Kunst abgebildet, deren Eigenart und Bedeutung auf Seite 80 und folgende gekennzeichnet wurde. In 9 u. 10 der Tafel findet man zwei der sogen. Gesichtsvasen aus Troja und zwar aus der vierten Stadt. Durch Aufsetzen von Thonklümpchen und Wulste wurde die Kennzeichnung der menschlichen - weiblichen - Gestalt versucht. Der Hinweis auf das Weibliche geschah in größeren Vasen auch dadurch, daß ihnen Gefäße, deren sich die Frauen zu den häuslichen Verrichtungen bedienten, beigegeben wurden; 10 ist also die Andeutung einer Frau, die Wassergefäße auf dem Kopf und in den Händen trägt. Eine Darstellung des Weibes in einfachster Form ist auch das Bleifigürchen (11 der Tafel), das als Idol - Götzenbild - betrachtet wird.
Aus dem reichen Schatze der mykenischen Funde stammen die vorgeschritteneren Kunsterzeugnisse, wie die Grabstele (8 der Tafel auf S. 72), die einen Mann in einem mit einem Pferde bespannten Wagen darstellt; ein zweiter Mann scheint das Pferd zu leiten. Eine Durcharbeitung der Formen fehlt noch gänzlich, die Gestalten sind einfach durch Umrisse und wellige eingeritzte Linien gebildet. Das Spiralmuster der Grabstele findet sich häufig an Schmucksachen und Baugliedern als Zierwerk; eins der schönsten Beispiele ist eine Saaldecke aus einem Schatzhause in Orchomenos Fig. 74 u. 75. Weit höher als an der
^[Abb.: Fig. 130. Nike die Sandalen zubindend.
Flachbild von der Brüstung des Niketempels zu Athen.] ¶
Grabstele erscheint die Kunstentwicklung in den aus verschiedenen Gräbern und Schatzhäusern stammenden Metallarbeiten, wie in der goldenen Gesichtsmaske (Fig. 76) und den Diademen aus Goldblech (Fig. 77 u. 80) mit schönen erhabenen und vertieften Linienverzierungen. Noch besser in der Dolchklinge, mit der eingelegten Darstellung einer Löwenjagd (Fig. 81), und am vollendetsten in der getriebenen Darstellung einer weidenden Stierheerde, auf einem goldenen Becher aus Vafio (Fig. 82), deren Wiedergabe eine überraschend natürliche ist. An der Grenze der hohen Kunst steht die Bronzeplatte aus Olympia (Fig. 83) mit Darstellungen einer geflügelten Artemis, die zwei Löwen an den Hinterfüßen hält, darüber ein Schütze, der einen Kentaur verfolgt, und Greifen und Adler. Noch näher steht der hohen Kunst das Flachbild des Löwenthores zu Mykenai (Fig. 84), mit zwei Löwen, die mit den Vorderfüßen auf einem Sockel stehen, auf dem sich eine Säule erhebt. Fig. 84 zeigt zugleich eine Eigenart der mykenischen Baukunst, die in dem Zusammenfügen großer Steinblöcke bestand. Das letzte Bild der Tafel S. 72 und Fig. 78 und 79 geben ein paar Beispiele der Vasenbemalung des mykenischen, des Dipylon- und des korinthischen Stils.
Beispiele der Baukunst. Die griechische Baukunst versuche ich an einigen noch jetzt in einigermaßen wohl erhaltenem Zustande befindlichen Bauwerken zu zeigen. Auf Wiedergabe von Rekonstruktionen habe ich verzichtet; die Einzelheiten, die die verschiedenen Stile kennzeichnen, die Säulen, Kapitäle usw. findet man in den Erläuterungen unter «Stilvergleichung» und unter den einzelnen Schlagworten wie z. B. die Grundrisse der wichtigsten Tempelarten unter «Tempel».
^[Abb.: Fig. 131. Standbild der Hera.
Rom, Vatikan.]
^[Abb.: Fig. 132. Die sog. Hera Farnese.
Neapel, Museo Nazionale.] ¶
Der Poseidontempel zu Pästum. Als Beispiel des vollständig entwickelten dorischen Stils gebe ich in Fig. 85-87 den Poseidontempel zu Pästum in Unteritalien, ein Bauwerk aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Der Tempel ist 64 m lang und 24 m breit. Die Säulenreihe an den Längsseiten besteht aus vierzehn, die der Vorder- und Rückseite aus sechs Säulen. In der Zella, deren Umfassungsmauer zerstört ist, stehen in zwei Reihen je sieben Säulen, auf deren Gebälk (nach Art der auf S. 91 geschilderten Hypäthraltempel) kleinere Säulen ruhen, die das Dach stützten.
Noch deutlicher läßt sich vielleicht der Aufbau des dorischen Tempels an den Resten des Tempels zu Agrigent (Fig. 88) erkennen.
Das Erechtheion. Ein schönes Beispiel des jonischen Stils ist das Erechtheion zu Athen, dessen Reste in Fig. 89 u. 90 abgebildet sind. Beim Vergleich mit den gegenüberstehenden dorischen Tempelresten läßt sich leicht der große Unterschied der beiden Stilarten erkennen. Das Erechtheion ist nicht sehr groß, das Hauptgebäude, der eigentliche Tempel - der Athena Polias und dem Poseidon Erechtheus geweiht - mißt etwa 20 m in der Länge und etwa 11 m in der Breite. Das Hauptgebäude ist fast ganz zerstört, besser erhalten blieb eine östliche Vorhalle mit sechs Säulen - Fig. 89 links - und eine westliche - rechts - die sogen. Jungfrauenhalle, deren Name daher rührt, daß an Stelle von Säulen sechs Jungfrauengestalten - Karyatiden - das Dach stützen.
Denkmal des Lysikrates. Als Beispiel des korinthischen Stils gebe ich in Fig. 91 wieder ein noch jetzt erhaltenes Bauwerk, welches das Zierhafte des späteren Stiles vortrefflich zeigt. Das Denkmal des Lysikrates ist ein Erinnerungszeichen für einen im Wettkampfe errungenen Sieg. Auf einem vierseitigen Unterbau ruht ein von Halbsäulen mit korinthischen Kapitälen umschlossener Rundbau; der Fries zwischen den Kapitälen und dem Dache ist mit Flachbildern geschmückt. Auf der Mitte des Daches erhebt sich ein kandelaberartiger Sockel, auf dem der Siegespreis, ein silberner Dreifuß, aufgestellt wurde.
Die Bildnerei. Ich wende mich nun zu den Abbildungen, die die Entwicklung der Bildnerei veranschaulichen sollen, und beginne mit
^[Abb.: Fig. 133. Marmorstandbild einer Wettläuferin.
Rom, Vatikan.]
^[Abb.: Fig. 134. Fliegende Nike des Paionios.
Olympia.] ¶
den Werken, die dem ersten Zeitraume der griechischen Kunst angehören, also im 7.-6. Jahrhundert v. Chr. entstanden sind, mit den Metopen von Selinunt. An diese schließen sich Abbildungen, die die Entwicklung der Darstellung des männlichen Körpers veranschaulichen sollen, auf die dann Beispiele des bekleideten und nackten Weibes folgen.
Metopen von Selinunt. Ueber den Stil dieser Werke ist schon auf S. 101 gesprochen worden, deshalb beschränke ich mich auf die Erklärung des Sinnes. Die erste stellt die Tötung der Medusa durch Perseus dar. Die Gestalt rechts von Perseus ist Athene, das Pferd, welches die Medusa im Arme hält, der Pegasus, welcher ihrem Blute entspringt. Die zweite Darstellung zeigt uns Herkules, welcher die gefesselten Kerkopen (Kobolde, die den Wanderern auflauerten) davonträgt.
Apoll von Tenea. Der Apoll von Tenea soll hier nun die Reihe der Darstellungen des nackten männlichen Körpers eröffnen, welche ich als erste Art gewählt habe. Die Entwicklungsgeschichte auf S. 102 giebt auch hier das Nähere; ich muß deshalb immer auf diese verweisen, wenn ein richtiges Bild der jeweiligen Zeit gewonnen werden soll. Hier kann ich nur auf das einzelne Kunstwerk aufmerksam machen. Jünglingsgestalten dieser
^[Abb.: Fig. 135. Verwundete Amazone.
Berlin, Museum.]
^[Abb.: Fig. 136. Verwundete Amazone.
Rom, Vatikan.] ¶
Art sind in verschiedenen Teilen Griechenlands gefunden worden, die abgebildete ist eine der besten. Die Bezeichnung als «Apoll» ist unrichtig, es handelt sich hier um ein Weihegeschenk oder um eine Grabbeigabe. Im Allgemeinen erinnert die Figur an ägyptische Standbilder, doch ist das Bestreben, möglichst naturwahr zu sein, schon bemerkbar. Man vergleiche z. B. die Durchbildung des Unterkörpers und der Arme mit dem in der Haltung ähnlichen Renefer auf S. 30. Auch den Unterschied in der Haltung zeigt dieser Vergleich deutlich; diese ist beim «Apoll» bei aller Starrheit doch so kraftvoll, daß die Stütze, welche beim Renefer notwendig ist, fortfallen kann.
Mit Ueberspringung der attischen Bildwerke dieser Zeit, welche z. T. bei den Flachbildern und der Besprechung der Frauenbilder behandelt werden, wende ich mich gleich zu einer Reihe höher entwickelter Werke, welche, wie der Apoll, dem dorischen Kunstkreise angehören. Es sind dieses die Giebelfiguren vom Tempel zu Aegina.
Tempelschmuck von Aegina. Etwa hundert Jahre später als der besprochene Jüngling entstanden, zeigen sie deutlich den gewaltigen Fortschritt, welchen die Kunst in dieser Zeit gemacht hat. Ost- und Westgiebel des Tempels waren mit Darstellungen geschmückt, welche die Kämpfe der Griechen und Trojaner zum Vorwurf hatten. Beide Giebel dürften zur selben Zeit entstanden sein, doch zeigen die Figuren am östlichen eine größere Vollkommenheit, so daß man jetzt dafür einen etwas vorgeschrittenen Künstler annimmt.
Den Mittelpunkt der Gruppen bildet die schützende Athene, welche in ihrer starren Ruhe der wirksamste Gegensatz zu den Kämpfenden ist und die Bewegtheit derselben noch lebhafter erscheinen läßt. Vor ihr liegt ein Gefallener, um dessen Leichnam gekämpft wird. Zwei Gestalten rechts und links der Athene sind bis auf kleine Bruchteile verloren. Aus den besser erhaltenen Resten ähnlicher Gestalten vom Ostgiebel ersieht man, daß diese versuchten, den Gefallenen auf ihre Seite zu ziehen. Auf diese «Zugreifer» folgten wieder rechts und links die sog. Vorkämpfer, auf diese Bogenschützen und knieende Speerwerfer. Den Beschluß bildeten Gefallene, welche sich bemühten, den tötlichen Pfeil aus der Wunde zu ziehen.
Die Dreiecksform des Giebels zwang zu dieser Anordnung. Wir werden später bei den Giebelfiguren des Parthenons und des Zeustempels zu Olympia eine ähnliche Aufgabe finden. Abb. Fig. 94 zeigt die Athene, den Gefallenen und den von links kommenden Vorkämpfer. Zum Vergleich gebe ich in Fig. 95 u. 96 einen Bogenschützen und Gefallenen vom Ostgiebel. Die Ausführung ist eine sehr sorgfältige und läßt darauf schließen, daß die Künstler hauptsächlich in Bronze gearbeitet hatten und die bei dieser notwendige
^[Abb.: Fig. 137. Eirene mit dem Plutosknaben.
München, Glyptothek. (Nach Photographie von Bruckmann.)] ¶
feine Ueberarbeitung auf den Marmor übertrugen. Die Steifheit der Athene läßt sich dadurch erklären, daß die Darstellung dieser, als einer Göttin, an bestimmte Regeln gebunden war. Bei der Athene ist die sorgfältige Ausarbeitung des Gewandes zu beachten, dasselbe fällt in zierlichen Falten bis zu den Füßen. Allen Köpfen des Westgiebels ist der lächelnde Zug gemeinsam, welcher bei denen des Ostgiebels fast ganz verschwunden und einem der Handlung mehr entsprechenden Ausdruck gewichen ist.
Die Tyrannenmörder (Fig. 97 u. 98). Das Streben, die Körper in lebhafter Bewegung darzustellen, finden wir in einem attischen Werke, den Tyrannenmördern. (Harmodios und Aristogeiton töteten im Jahre 514 v. Chr. den Hipparch und gaben dadurch den Anstoß zur Vertreibung der Tyrannen durch die Athener). Die beiden Jünglinge muß man sich zu einer Gruppe ergänzt denken, und zwar so, daß der eine, Harmodios, der den tötlichen Streich führt, durch Aristogeiton mit dem vorgestreckten Arm gedeckt wird.
Die ursprüngliche Bronzegruppe, die ungefähr 510 v. Chr. durch Antenor geschaffen wurde, fiel in die Hände der Perser. Deshalb erhielten Kritios und Nesiotes den Auftrag, dieselbe durch eine Nachbildung zu ersetzen. Die letztgenannten Künstler gehören dem 5. Jahrhundert v. Chr. an, deshalb sind einige feinere Durchbildungen des Körpers auf diesen Umstand zurückzuführen; die Haltung dürfte jedoch genau nachgebildet worden sein. Der Kopf des Aristogeiton ist zwar antik, doch aus späterer Zeit und gehört nicht zur Figur.
Zeustempel zu Olympia. Die Zeit nach den Perserkriegen hat uns in den Resten des Zeustempels zu Olympia einen Schatz hinterlassen, welcher es uns ermöglicht, an den ursprünglichen Werken selbst den Stand der Kunstübung dieser Zeit zu erkennen. Ich gebe hier (S. 98 u. 99) neben einer Gesamtansicht des Westgiebels noch ein Bruchstück «Jungfrau und Kentaur» und eine Metope.
Der Schmuck des Westgiebels schildert den Kampf der Lapithen gegen die Kentauren, welche bei der Hochzeit des Peirithoos und der Deidameia die Lapithenfrauen zu rauben suchen. Wie beim Giebel des Aeginatempels nimmt die Mitte eine Gottheit ein, hier Apoll, welcher in gebietender, doch ruhiger Haltung dasteht.
Der Ostgiebel schildert den Ursprung der olympischen Spiele. Im Gegensatze zu der lebhaften Bewegung am Westgiebel ist die Darstellung von größter Ruhe. Der Wettkampf zwischen Oinomaos und Pelops soll erst beginnen. Da im wesentlichen keine Stilunterschiede zu bemerken sind, habe ich von einer Abbildung dieser Bildwerke abgesehen. Die Darstellungen der zwölf Metopenreliefs sind der Heraklessage entnommen. Unsere Probe
^[Abb.: Fig. 138. Demeter von Knidos.
London, British Museum.] ¶