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Zwillinge und ihre Persönlichkeitsdynamik haben schon manchen Thriller und manchen Horrorfilm belebt. Im Zentrum standen sie unter anderem in Sisters von Brian De Palma oder in David Cronenbergs Dead Ringers.
Bei Brian De Palma 1972 spielte Margot Kidder die Zwillingsschwestern mit ungleich verteilter Psychopathologie. Und bei Cronenberg war Jeremy Irons der Gynäkologe mit dem besessenen alter Ego.
François Ozon beruft sich für seinen neuen Thriller auf eine Geschichte von Joyce Carol Oates, aber letztlich gibt es so viele Variationen zu dem Thema, dass die Quelle kaum eine Rolle spielt: Jeder neue Film um das Doppelgängermotiv ist zwangsläufig ein Spiegel all seiner Vorgänger.
Marina Vacth, die in Ozons Jeune et jolie von 2013 die sich prostituierende Gymnasiastin spielte, ist jetzt eine junge Frau. In einer der ersten Einstellungen schneidet sie sich die langen Haare ab und wird zu einer überaus schönen «garçonne» mit dem Namen Chloé.
Ozon verblüfft aber auch mit einem Rückzoom durch ein Speculum bei der Frauenärztin und überblendet in einem hitchcockschen Dreher Chloés intravaginale Ansicht mit ihrem tränenfeuchten Auge.
Chloé klagt über Bauchschmerzen, die Gynäkologin findet keine physische Ursache und schickt sie zum Psychiater. Der Weg zu diesem führt über eine grosszügige Rundtreppe in einer gross geschwungenen Spirale nach Oben, und der blonde Arzt mit der modischen Brille und dem gewinnenden Lächeln wird von Jérémie Renier gespielt (2005 der junge Vater, der in L’enfant der Dardenne-Brüder sein Kind verkaufte).
Der Psychiater hört ihr zu, hilft ihr, sich zu beruhigen, sie findet Arbeit als Museumsaufpasserin, die beiden verlieben sich und ziehen zusammen. Soweit, so unprofessionell.
Dann aber findet Chloé in einem Umzugskarton einen Pass, in dem ihr Paul Meyer einen anderen Nachnamen trägt. Er erklärt das mit Veruntreuungen, die sein Vater begangen habe, und damit, dass er der Seriosität halber den Namen seiner Mutter angenommen habe.
Wenig später sieht Chloé Paul in der Stadt vor einem Haus mit einer anderen Frau, spricht ihn am Abend darauf an, und er bestreitet, das Spital verlassen zu haben.
Damit ist das Spiel um mögliche Doppelgänger und Zwillinge eröffnet. Und die originelle Frage dieses Films ist bald: Wer ist hier Zwilling?
Ozon tobt sich aus mit seinen cinéastisch-cinéphilen Aesthetizismen, insbesondere im Hinblick auf die Verdoppelung im Titel. Spiegelmotive wohin die Kamera blickt, Spiraltreppen in Auf- und Untersicht, gegenläufig oder läufig, und das gleiche gilt für die Figuren in ihren zeitweiligen Ausprägungen. Wilde Charaktersprünge, heftiger Sex vs. Kuschelromantik, lebende Katzen, tote Katzen und ausgestopfte Katzen – Ozon greift in die Vollen mit allem.
Dabei gibt es raffinierte Kniffe wie sprunghafte Schnitte innerhalb des Raumes, Perspektivenwechsel, die sich als Spiegelbilder entpuppen und Kamerabewegungen, die thrillermässige Unruhe aufkommen lassen.
Gleichzeitig wird auch augenzwinkernd gespielt mit den Rollen beim Sex, Chloé darf sich gar ein Dildo-Geschirr umschnallen und ihren Paul einvernehmlich von hinten penetrieren. Das ist im Übrigen weder peinlich noch penetrant, weil es Ozon immer wieder gelingt, eine ironische Distanz zum ganzen Geschehen aufzubauen.
François Ozon weiss genau, was er tut, und er weiss, dass auch sein Publikum das weiss. Wer mit so vielen Filmen spielt, mit all diesen Motiven und Bildern und Thriller-Klischees, muss garantieren können, dass das Spass macht und nicht langweilt. Das kann François Ozon. Sogar auf der vulgärpsychologischen Ebene, auf der die Erklärungsmuster des Films angesiedelt sind, blitzen immer wieder Ironielichter auf, und dies, ohne den Film zur Parodie oder zum Klamauk werden zu lassen.
L’amant double ist eine weitere Fingerübung des Mannes, der mit dem Kino zu spielen versteht wie ein Puppenspieler mit seinen Marionetten. Kein grosser Film, aber ein prächtiger. Kein epochaler Thriller, aber ein smarter. Kein bahnbrechender Horror, aber effizienter und eleganter Hochglanz-Grusel. Das ist kein Frantz und auch kein Ricky, aber perfektes, vergnügliches Handwerk, altmodisches Kino auf der Höhe der Zeit.