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Titel
Buddhismus
(Buddhaismus),
die Religionsform, welche, vom nördlichen Indien ausgehend, sich dem Brahmanismus (s. d.) entgegensetzte. Der Name in den heiligen Schriften Buddhamârga (»Weg des Buddha«) genannt, kommt her von dem Sanskritwort Buddha (»der Erweckte«),
worunter man einen versteht, der durch die Erkenntnis der Wahrheit und durch gute Werke zur vollständigen Erlösung von den Banden der Existenz gelangt ist und vor seinem gänzlichen Entschwinden aus der Welt die zu einer solchen Lösung führenden Lehren [* 2] der Welt mitteilt. Die Zahl solcher Buddhas, welche diese vollkommene Erkenntnis (Bôdhi) erlangt haben, als vollkommene Lehrer aufgetreten sind und noch auftreten ¶
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werden, ist nach dem Dogma der Buddhisten unendlich. Der historische, der einzig wirkliche Lehrer und Begründer des
Buddhismus ist
der Königssohn Siddhârtha aus dem Geschlecht der Sâkja, welchem im 7. Jahrh. v. Chr. die Ebenen des Ganges und die Gegenden
nördlich davon bis an den Himalaja unterthan waren; die Hauptstadt war Kapilavastu. Nach der Legende wurde
er auf unbefleckte Weise empfangen, indem er sich als weißer Elefant
[* 4] aus der Götterregion herabsenkte und als fünffarbiger
Lichtstrahl in den Leib seiner Mutter einging; durch die rechte Seite oder die Achselhöhle erfolgte seine Geburt.
Schon in frühster Jugend gab er Proben seiner außerordentlichen Begabung; Hang zur Einsamkeit zeichnete ihn von jeher aus, daher auch sein am häufigsten wiederkehrender Name Sâkjamuni (»Einsiedler der Sâkja«),
mit dem auch wir ihn hier nennen wollen. Nachdenken über die Hinfälligkeit des menschlichen Körpers soll ihn dazu bestimmt haben, dem Thron [* 5] zu entsagen, Weib und hohe Umgebung zu verlassen; Unglück im Krieg und Vertreibung seiner Familie dürften jedoch den wirklichen Anlaß zur Wahl eines andern Lebenswegs gegeben haben. Er ist Zeitgenosse der sieben Weisen Griechenlands. Schriftliches hat er nicht hinterlassen; der Gebrauch der Schrift war zu seiner Zeit in Indien jedenfalls ein sehr beschränkter. Die Kritik hat nachgewiesen, daß dem Buddha vieles zugeschrieben wird, was von den Führern der verschiedenen Schulen später gelehrt wurde; wir tragen hier seine und seiner Anhänger spätere Lehre [* 6] in der durch die neuere Forschung festgestellten Reihenfolge vor.
Die Lehre, welche Sâkjamuni selbst verkündete, spricht sich am deutlichsten in den »vier Wahrheiten« aus. Diese sind:
1) der Schmerz, die Folge der Existenz;
2) die Erzeugung des Schmerzes durch die Existenz, durch das Verlangen danach, durch die Befriedigung in derselben (alles Folge von Ursache und Wirkungen);
3) das Aufhören des Schmerzes durch Aufhören der Befriedigung an der Existenz, dann der Existenz selbst;
4) der Weg und die Mittel, um dahin zu gelangen, daß man an der Existenz keinen Genuß mehr finde. Die Veranlassung zur Existenz liegt in schlechten Werken; sie verlangen zur Strafe Abbüßung durch die Leiden [* 7] einer Existenz. Wer aber den Weg der Entsagung wandelt, welchen Buddha zeigte, meidet die Veranlassung zur Sünde; er wird die volle Einsicht in die Gründe des Daseins und des Jammers erlangen und die Befreiung von späterer Existenz; die vollkommene Vernichtung des Individuums ist die Folge.
Das Nirwâna (s. d.), ein Verlöschtwerden, ein vollkommenes Ausgewehtwerden wie das Licht [* 8] einer Lampe, [* 9] welches keine Spur zurückläßt, tritt ein; wer Nirwâna erreicht, erlangt dadurch vollkommene Befreiung von Existenz und von der Notwendigkeit, wiedergeboren zu werden (vgl. Seelenwanderung). Buddha beansprucht das Verdienst, die Mittel hierzu gezeigt zu haben; es sind dies: Beobachtung einfacher, allgemein verständlicher moralischer Vorschriften, Beherrschung der Leidenschaften und der Gelüste;
er fordert kein positives Thun, sondern ein negatives Verhalten (ähnlich wie die zehn Gebote richtiger Verbote sind).
In dem Verlangen, man solle auch die gewöhnlichsten menschlichen
Regungen unterdrücken, in nichts dem Körper nachgeben und suchen, sich unabhängig von demselben zu machen, lehnte sich
Buddhas Lehre an die bisherigen Anschauungen an. Der ursprüngliche
Buddhismus zeigt nahe Verwandtschaft zu dem Sânkhjasystem (s. d.)
des Philosophen Kapila und konnte zu dem komplizierten System erweitert werden, als welches wir
ihn in
den heiligen Schriften der Buddhisten vorfinden.
Sâkjamuni starb wahrscheinlich 543 v. Chr., angeblich 80 Jahre alt. Das Auftreten verschiedener Meinungen und Spaltungen wird schon aus dem 1. Jahrh. nach seinem Tod berichtet; auf dem zweiten Konzil (100 Jahre nach seinem Nirwâna) wurde verlangt (aber nicht angenommen): »es solle alles, was der Vernunft nicht entgegen sei, als seine wahre Lehre angesehen werden«. Später wurde behauptet, Sâkjamuni habe seine Vorträge den geistigen Fähigkeiten seiner Zuhörer angepaßt und dieselbe Lehre oft in verschiedener Weise vorgetragen, wodurch ihr »wahrer Sinn« zweifelhaft geworden sei.
Das Suchen nach dem wahren Sinn bildet nun die Aufgabe aller Schulen, die auf der von Sâkjamuni geschaffenen Grundlage, alle in seinem Sinn, weiterbauen wollen, und der Erklärung und Deutung war um so größerer Spielraum geboten, als Sâkjamunis Worte erst im 3. Jahrh. v. Chr. aufgezeichnet wurden. Die Buddhisten selbst gruppieren alle Schulen folgendermaßen:
1) Diejenigen Schulen, welche Moralität sowie die Beachtung eines tugendhaften Lebens und das Nachdenken über die Gründe des Seins für genügend hielten und sich darauf beschränkten, das von Sâkjamuni Gelehrte weiter auszuführen, sind die Schulen des »kleinen Fahrzeugs«, die Hinâjanisten.
2) Der Ausdruck »des großen Fahrzeugs (Mahâjana) sich bedienen« wird für diejenigen gebraucht, welche behaupten, Tugend allein reiche nicht aus zur Erkenntnis, Meditation sei unumgänglich notwendig; diese Schulen nehmen auch an, die Meditation erzeuge besondere übernatürliche Kräfte. Erst im 2. Jahrh. v. Chr. soll diese Doktrin durch Nâgârdschuna als besonderes System formuliert worden sein. Die Lehren dieser beiden Schulen wurden in Süd- und Nordindien entwickelt.
3) Der Mystizismus, Kalatschakra (»Zeitrad«) im Sanskrit genannt, ist in Zentralasien
[* 10] entstanden, nach Indien über Kaschmir
[* 11] eingeführt und hier erweitert worden. Nach ihm genügen auch Tugend und Meditation nicht mehr, wenn nicht mit übernatürlicher
Kraft
[* 12] begabte Wesen ihre Hilfe gewähren, indem sie belehren, noch bestehende Zweifel entfernen und die Schwierigkeiten
beseitigen, welche der Erreichung des Ziels von bösen Dämonen drohen. Ihre Hilfe wird durch Gebete, Opfer und Zeremonien erlangt.
Im Mystizismus, welcher insbesondere in seinem Ritual erst im 9. Jahrh. n. Chr. seine Ausbildung erhielt, verließ der
Buddhismus den
ursprünglichen Weg, auf welchem der Mensch durch Selbstvervollkommnung zum Höchsten sich erheben sollte.
Jede neue Lehre ist bei ihrem ersten Auftreten reiner und sorgfältiger in ihren Glaubenssätzen als später; beim
Buddhismus fand
die Anerkennung übernatürlicher Kräfte als Götter und die Behauptung von der Notwendigkeit ihrer Mitwirkung zu den Zwecken
der Menschen um so leichter Eingang, als indische Priester dem Volksaberglauben zu jeder Zeit Rechnung
trugen. Solange der in Indien, seinem Ursprungsland, Anhänger zählte, bestanden die drei Systeme nebeneinander; die verschiedenen
Schulen suchten einander in öffentlichen Disputationen zu widerlegen und gerieten auch in wirklichen Streit. Im 7. Jahrh.
n. Chr. zählte das Mahâjana die meisten Anhänger, und die Prasangaschule war darin die einflußreichste.
Der Mystizismus erhielt jedoch die Oberhand und weitere Ausbildung, als die Lehre über Indien hinaus sich verbreitete.
Besonders beachtenswert ist die Entwickelung, welche Buddhas Lehre in Tibet fand; neun Zehntel aller Buddhisten der Gegenwart dürften dem in der ¶
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Gestalt anhängen, welche ihm in Tibet und zwar vornehmlich durch den Mönch Tsonkhapa (14. Jahrh.) und seine Nachfolger gegeben
wurde. In den Geboten des Tsonkhapa sind der Glaube an Buddha und seine Wahrheiten sowie Gebete und Opfer an ihn als unumgänglich
notwendig dargestellt als charakteristische Zeichen für einen Anhänger des
Buddhismus. Es darf
dies jedoch nicht in dem Sinn aufgefaßt werden, als ob der Glaube an einen einzigen Buddha verlangt werde; man soll glauben,
daß Erlöser erschienen sind und erscheinen werden, daß die Erlöserwürde jeder Mensch erreichen könne, daß der Buddha
die höchste Intelligenz wie die größte, durch nichts erreichte Kraft besitze.
Dem Gebet wird eine magische Kraft über die Gottheiten zugeschrieben, während es ursprünglich den Zweck hatte, Buddha zu preisen
und im Betenden den Wunsch zu erregen, er möge selbst einst zu gleicher Vollkommenheit gelangen. Eine große Bedeutung erlangte
die Beichte. Der indische
Buddhismus kannte zuerst nur reumütiges Bekenntnis der verschuldeten Übertretungen der
Gebote, wodurch aber die Verfehlungen nicht gesühnt und getilgt wurden; dann kam das Dogma auf, reumütiges Bekenntnis erzeuge
vollkommene Tilgung, und jetzt müßten gewisse Gottheiten mitwirken.
Schon Gebete machen die Gottheiten dienstbar; gesichert wird der Erfolg durch Verrichten gewisser sehr umständlicher Zeremonien, bei denen jetzt der Priester mitwirken muß, dessen man ursprünglich so gut wie der gütigen Gottheiten entraten konnte. Eine weitere wesentliche Neuerung ist die Lehre von drei Graden der Belohnung und Glückseligkeit. Schon die Prasanga hatten neben dem Nirwâna, als der vollkommenen Vernichtung aller Existenz und der Vorbedingungen hierzu, eine Region »der Freude« (Sukhawati) eingeführt, in welche man emporsteigt, wenn man zwar noch nicht vollkommene, nur durch fast übermenschliche Anstrengung zu erringende Einsicht und Weisheit erlangt, aber sich doch würdig gemacht hat, der Wiedergeburt überhoben zu werden.
Die Tibeter führen nun als unterste Stufe ein: Wiedergeburt unter den »guten Wegen«, d. h. als Gott oder Mensch, so daß die schlechten Wege als Tierungeheuer oder in der Hölle erlassen sind. Spezifisch tibetisch ist endlich das System inkarnierter Würdenträger. Nach dieser Lehre, welche in Tibet erst im 15. Jahrh. entstanden ist, sollen einzelne Gottheiten zum Heil der Menschheit menschliche Form annehmen und in dieser für die Ausbreitung der Lehre und ihre Befolgung wirken. Am meisten Ansehen genießt unter diesen Verkörperungen Padmapani, der im Dalai Lama (s. d.) einen menschlichen Körper bezieht.
Es muß den Artikeln über die einzelnen Länder vorbehalten sein, die Verhältnisse der Priester, die Form des Kultus etc. vorzuführen;
hier sollen nur die Ursachen der großen Verbreitung und der Einfluß des
Buddhismus auf die Gesittung der Völker
besprochen werden. Ursprünglich hatte die Lehre des
Buddhismus vorwiegend einen sozialen Charakter, weniger einen religiösen; er
zerriß das Gewebe,
[* 14] welches die Brahmanen (s. d.) über ganz Indien gezogen hatten. Unbefriedigt von dem künstlichen System
dieser Priester und ihrer Philosopheme, überzeugt von der Nutzlosigkeit, ja von dem schädlichen Einfluß
ihrer Zeremonien und Kasteiungen, angeekelt von ihrer Ausbeutung des Aberglaubens und ihrer pharisäischen Lehre, nach welcher
bloß sie allein Priester sein und zur höchsten Glückseligkeit gelangen können, setzte sich Sâkjamuni über die Schranken
der Kastenordnung (s. Kasten) hinweg, predigte als Bettler und mied nicht, sondern suchte die Berührung
mit den Sündern und
Unglücklichen. Er begann mit Zerstörung eines verrotteten Systems und wurde, wohl ohne es zu suchen,
unter dem überwältigenden Einfluß seines mannhaften Auftretens und der Klarheit seiner Rede der Gründer einer neuen Religion.
Sâkjamuni ist Zoroaster, Moses, Christus und Mohammed an die Seite zu stellen. Im 3. Jahrh. v. Chr. war seine
Lehre sozusagen die Staatsreligion in Indien geworden und der Einfluß der Brahmanen gebrochen; in dieser Zeit beginnt das Aussenden
von Sendboten des neuen Glaubens in andre Länder. Kaschmir wurde ein Hauptsitz des
Buddhismus, ebenso Afghanistan
[* 15] und Turkistan, Länder,
deren Bewohner sich jetzt dem Islam, wie in Kaschmir dem Brahmanismus, wieder zugewandt haben. Aus Ceylon
[* 16] nahmen die Könige den
Buddhismus schon im 3. Jahrh. v. Chr. an; von hier und dem Süden Indiens wurde er nach dem Archipel (Java) und
nach Hinterindien
[* 17] verbreitet, wo er jedoch erst im 7. Jahrh. n. Chr. allgemeine Annahme fand, während in
Java Zeugen seines Bestehens nur noch die frühere Sprache
[* 18] und Überreste alter Bauwerke sind. In China
[* 19] fand er 65 n. Chr. Eingang,
in Tibet verbreiteten ihn die Könige seit dem 7. Jahrh.; von China aus wurde er (in demselben Jahrhundert) in Japan eingeführt
wie bei den Mongolen, den Kalmücken an der untern Wolga und bei den Buräten des südlichen Sibirien bekannt,
sogar nach Amerika
[* 20] (s. d., Entdeckungsgeschichte, S. 478) vorübergehend getragen. Buddhisten
finden wir gegenwärtig von Ceylon bis zum Baikalsee, vom Kaukasus bis nach Japan. Ausschließlich zum
Buddhismus bekennen sich in diesen
so umrahmten Landstrichen nur Ceylon, Tibet, die Mongolei und einzelne Himalajadistrikte;
in China wie Hinterindien
darf man ½ - ⅔ der Bewohner als Buddhisten annehmen. E. Schlagintweit hat 1862 die Zahl der Bekenner des
Buddhismus zu 341 Mill.
berechnet;
Ch. Lassen (»Indische Altertumskunde«, Bd. 2, 2. Aufl. 1873) gibt 340 Mill. gegen 337 Mill. Christen an;
mindestens ein Viertel der ganzen Menschheit entfällt
auf Anhänger des
Buddhismus. In Indien, dem Ursprungsland, zählt der
Buddhismus keine Bekenner mehr;
aus ihm gingen jedoch die Dschaina (s. d.) hervor, die sich in Dekhan und im Westen Indiens noch ziemlich zahlreich erhalten haben.
Vgl. die statistische Übersicht beim Art. »Bevölkerung«, [* 21] nebst Karte.
Der
Buddhismus der Gegenwart hat sich zwar unendlich weit entfernt von den einfachen Lehren des Stifters, eine Menge abergläubischer
Vorstellungen und Zeremonien, denen die Priester aus eigennützigen Interesse eine große Bedeutung beilegen, machen die Gläubigen
befangen; gleichwohl äußert der auch jetzt noch in dieser entarteten Form einen günstigen Einfluß.
Die Ermunterung zur Tugend bildet zu jeder Zeit einen hervorragenden Zug
dieser Lehre. Sie verkennt jedoch das wahre Ziel der Tugend,
insofern diese nicht um ihrer selbst willen geübt werden soll, sondern um die Schmerzen der Existenz zu vermeiden, welche
infolge der Wiedergeburt erduldet werden müssen. Es fehlt ferner dem ein oberstes, alles regierendes
und weit über allen menschlichen Schwächen stehendes göttliches Wesen.
Durch die Betrachtung des Daseins als einer Quelle
[* 22] von Schmerzen und Qual wurde der
Buddhismus verhindert, seine Anhänger einer so
vollkommenen Zivilisation zuzuführen, wie sie das Christentum bewirkte. Wir dürfen aber doch nicht vergessen, daß
in Europa
[* 23] die berühmtesten Bücher über Dämonologie vor noch nicht sehr langer Zeit erschienen, und daß es bei uns noch
mehr als einen Ort gibt, wo Hellseher über die Schicksale der Zukunft befragt werden, wo noch Wunder vor sich gehen sollen,
und wo gegen
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