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Doch kein schwuler Präsident
Networker Marco Völker (rechts) traf Mounir Baatour in Tunesien.
Mounir Baatour ist Wirtschaftsanwalt, arbeitet am Obersten Gericht Tunesiens und präsidiert die LGBTIQ-Organisation «Shams». Seine Ankündigung, für das Präsidentenamt ins Rennen zu steigen, hat weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Seine Kandidatur wurde jedoch für ungültig erklärt. Networker Marco Völker traf ihn in Tunesien.
Marco, am 7. September hast du den offen schwulen Präsidentschaftskandidaten Tunesiens Mounir Baatour in Tunis getroffen. Wie ist es dazu gekommen?
Als ich die Meldung seiner Kandidatur im «20 Minuten» las, habe ich ihn sofort über Twitter kontaktiert. Als ich nun anfangs September in Tunis war, erinnerte ich mich wieder daran. Ich habe Mounir erneut kontaktiert und vorgeschlagen, dass wir uns zum Essen verabreden könnten. Zu meinem Erstaunen hat er sofort zugesagt.
Was hat er dir über sich erzählt?
Wie man sich unschwer vorstellen kann, stösst seine Kandidatur nicht nur auf Verständnis. Homosexualität ist in Tunesien nach wie vor ein Verbrechen. So möchte er als erste Amtshandlung den Paragrafen 230 abschaffen, der für gleichgeschlechtlichen Sex eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren vorsieht. Er selbst musste auch schon eine dreimonatige Strafe wegen «Sodomie» absitzen. Zudem erhält er Morddrohungen am laufenden Band und hat keinen Personenschutz. Mich zum Beispiel hat er erst getroffen, als sicher war, dass ich wirklich in dem genannten Restaurant sitze. Als Sicherheitsvorkehrung kam er zehn Minuten später. Mounir hält sich nur in sicheren Unterkünften, seiner Kanzlei oder am obersten Gericht auf, und meidet öffentliche Orte. Mit seinem langjährigen Partner trifft er sich jeweils in Paris, wo er auch studiert hat.
Doch letztendlich wurde aus der Wahl am 15. September nichts...
Ja, seine Kandidatur wurde für ungültig erklärt!
Warum?
Jeder Kandidat muss 10'000 Unterschriften sammeln. Mounir hat sogar 19'000 Unterschriften zusammengebracht. Laut letzten Umfragen hätte er 13 Prozent der Wählerstimmen erhalten und das bei 26 Kandidierenden. Er wäre also bestimmt in die nächste Runde gekommen. Doch eine kurzfristige Gesetzesänderung machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Es reichen nicht bloss 10'000 Unterschriften, diese müssen auch nachweislich innerhalb von 48 Stunden gesammelt worden sein. Dieses Kriterium konnte er nicht erfüllen.
Das ist ja sehr ärgerlich. Ist er sehr enttäuscht darüber?
Unter uns gesagt: Mit seiner Kandidatur hat er sowohl innerhalb Tunesiens wie weltweit auf sich und die Situation schwuler Araber aufmerksam gemacht. Dieses Mal klappt es mit der Präsidentschaft nicht, sein Kampf war dennoch nicht vergebens und geht trotzdem weiter.
Wie denn?
Er wird sich dafür einsetzen, dass die Analtests verboten werden. Diese sind höchst umstritten und für die Betroffenen total entwürdigend. Mit wissenschaftlichen Studien möchte er nun auf die tunesische Ärztekammer zugehen und dieses Tests als das entlarven, was sie sind: Folter. Sein Ziel ist, dass sich die tunesischen Ärzte künftig weigern, solche Tests überhaupt durchzuführen.
Kann er mit deiner Unterstützung rechnen?
Ja, ich habe ihm zugesagt, dass ich ihm bei dieser Studie bezüglich Analtests helfen werde. Hoffen wir, dass so diese unsägliche Praxis ein rasches Ende findet!
Text: Michel BossartZurück