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Private Wälder, Elefanten-Versicherungen und Auswilderungsprogramme: Sri Lanka kümmert sich wie kein anderes Land um seine bedrohten Dickhäuter. Das war nicht immer so und Konflikte gibt es trotzdem auch heute noch.
Elefanten-Waisenhaus im Nationalpark Udawalawe: In einer Reihe tuckeln fünf Elefantenbabys in Richtung Futterstation. Mit ihrem Rüssel spielen sie mit dem Schwanz des Vorderelefants. Der Kleinste in der Kette trötet. Dann widmet auch er sich der Milchflasche, die ein Pfleger für die Elefantenwaisen bereithält. Ein paar Minuten werden die kleinen Dickhäuter von Hand gesäugt, ehe das nächste Fünfergrüppchen antrabt. Die Pfleger teilen den Elefanten mit einem Stups an den Kopf mit, dass sie genug Milch getrunken haben. Nebenan liegt Bambus und Gras bereit. Doch die kleinen Elefanten nehmen es eher als Spielzeug und nicht als Futter wahr.
Das ETH Sri Lankas ist keine Universität, sondern ein Elephant Transit Home. Momentan beherbergt die Wiederauswilderungsstation im Süden der Insel im Indischen Ozean 45 Elefantenwaisen. Zurückgelassene oder verletzte Jungelefanten aus ganz Sri Lanka werden seit 2010 ins ETH gebracht. Dort päppeln Pfleger die kleinen Elefanten auf, bis sie sechs Jahre alt sind. Mit einem GPS-Sender ausgestattet geht es dann zurück in die Wildnis. Etwa 15 Elephantenwaisen erlangen so jährlich ihre Freiheit. Probleme bei der Auswilderung gibt es kaum. Beobachtungen haben gezeigt, dass sich die weiblichen Waisen schnell mit wilden Elefantenbullen paaren und in eine Herde integrieren.
Leiden unter dem Kolonialismus
Sri Lankas Regierung setzt sich mit Projekten wie dem ETH stark für seine gefährdeten Dickhäuter ein. Denn kein Tier ist traditionell, kulturell und spirituell so sehr mit Sri Lanka verankert wie der Elefant. Während im 19. Jahrhundert noch rund 12 000 bis 14 000 Dickhäuter in Sri Lanka lebten, haben Kolonialismus, Bevölkerungswachstum und Bürgerkrieg die Bestände bis um die Jahrtausendwende auf 2000 bis 3000 Tiere schrumpfen lassen. Die Sri Lankischen Könige setzten Elefanten als Streitwaffe gegen die unterschiedlichen Kolonialmächte ein, was viele Tiere nicht überlebten. Nach den Portugiesen (ab 1518) und den Holländern (ab 1658) litten die Elefanten vor allem unter der Herrschaft der Briten (1796-1948).
Aus den Tagebüchern des Forschers Samuel Baker geht hervor, dass die Engländer nach ihrer Ankunft in Nuwara Eliya im Zentrum der Insel in nur einer Woche 600 Elefanten erschossen. Domestizierte Tiere wurden als Arbeitselefanten auf Plantagen eingesetzt. Doch viel schlimmer als Arbeit, Wilderei und Krieg war für Sri Lankas Elefanten die Einschränkung ihres Lebensraumes.
Rund 30 Kilometer legt ein erwachsener Elefant auf der Suche nach Futter pro Tag zurück. 150 Kilogramm an Gräsern und Blättern muss er täglich vertilgen. Schuld am grossen Nahrungsbedarf ist die schlechte Verdauung der Dickhäuter. Unter der Herrschaft des Britischen Königsreiches wuchsen die Städte und demzufolge auch die Langwirtschaft. Reis und Teeplantagen ersetzten grosse Teile des Regenwalds. Im Südwesten der Insel gibt es heute keine Elefanten mehr. In den anderen Gebieten häufen sich die Konflikte zwischen Mensch und Nationaltier.
Buddha-Tempel Sri Dalada Maligawa, Kandy: Gleich neben den heiligen Hallen hat Raja, Sri Lankas berühmtester Elefant, sein eigenes Museum. Raja gehört zu den zwei Prozent der Sri Lankischen Elefanten mit Stosszähnen. Der «Tusker» wurde wegen seiner besonders grossen Zähne bevorzugt bei religiösen Feierlichkeiten eingesetzt. Als zahmer Tempel-Elefant von Sri Dalada Maligawa war es Raja 37 Jahre lang vorenthalten, bei der grössten buddhistischen Parade in Sri Lanka, der Esala Perahera, den Schrein zu tragen. Darin befindet sich das höchste Heiligtum des buddhistischen Sri Lankas: der heiligen Zahn Buddhas.
Für die einwöchige Prozession im Sommer werden jedes Jahr rund 100 Zeremonienelefanten aus ganz Sri Lanka auf Anhängern nach Kandy gefahren. Sie alle werden geschmückt, um dann Heiligtümer und Opfergaben zum Tempel zu tragen. Zwischen den Elefanten tanzen und musizieren traditionell gekleidete Gläubige.
Der Elefantenkult verbindet unterschiedliche Glaubensrichtungen. Zum buddhistischen Fest Esala Perahera kommen beispielsweise auch Hindus aus vier unterschiedlichen Tempeln. Der Hindu-Gott Ganesha, der einen Elefantenkopf hat, ist auch bei Buddhisten beliebt. Die Zeremonien tragen durch die Zusammenkunft unterschiedlicher Glaubensrichtungen ihren Teil dazu bei, die Ethnien Sri Lankas zu verbinden.
Der Bürgerkrieg ist vorbei
Doch Frieden garantiert der Elefant alleine nicht. Erst vor neun Jahren endete ein langer Bürgerkrieg. 1983 forderten tamilische Separatisten aus dem Norden und Osten die Unabhängigkeit vom Singhalesisch geprägten Rest des Landes. 2009 erkannten die Rebellen ihre Niederlage ein. Der Krieg forderte bis zu 100’000 Tote. Selbstmordattentäter hatten im Jahr 1998 die Tempelanlage von Kandy in die Luft gesprengt. Den Anschlag hat Raja nicht mehr miterlebt. Der Elefant war bereits zehn Jahre zuvor im Alter von 75 Jahren verstorben. Noch zu Lebzeiten erklärte der damalige Präsidenten Raja zum Nationalheiligtum. Heute ziert er die 1000-Rupien-Note und ist ausgestopft im Museum zu bewundern.
Wilderer fangen Raja als Baby von und verkaufen es als Zeremonientier an den Tempel. Auch heute noch gibt es in Sri Lanka etwa 500 Elefanten, die in Besitz von Tempeln oder Privatpersonen sind. Doch die Zahl sinkt, weil die Regierung scharfe Auflagen erteilt. Wilderei wird mit zehn bis 15 Jahren Gefängnis bestraft. 2016 hat sich Sri Lanka als weltweit erstes Land offiziell für das Töten wegen Elfenbein in einer siebenstündigen Gedenkzeremonie bei den Elefanten entschuldigt. 359 Stosszähne im Wert von drei Millionen Dollar wurden vor den Augen von Ministern, Diplomaten und Gläubigen verbrannt. Ein grosses staatliches Zeichen gegen Wilderei.
Heute können nur noch Privatpersonen Elefanten aus dem Waisenhaus in Pinnawela kaufen. Die Genehmigung ist jedoch Nachkommen der Königsfamilien und reichen Sri Lankern vorenthalten. Sie müssen für den Elefanten ein Gebiet von zehn Hektar besitzen und ein sehr hohes monatliches Einkommen nachweisen, um eine Genehmigung zu erhalten. «Tradition kann man nicht stoppen, wir können nur dafür sorgen, dass es diesen Elefanten möglichst gut geht», sagt Elefantenexperte Dhammithra Samarasinghe.
Strassenrand in Sirigiya: In der prallen Mittagshitze steht ein Elefant. Er ist angekettet, auf seinem Rücken ist ein Sitzgestell montiert. Im Sekundentakt rasen Busse, Dreirad-Mopeds, sogenannte Tuktuks, und Autos vorbei. Hinter dem Dickhäuter stehen vier Touristen mit Sonnenhüten und Kamera ausgerüstet. Sie warten darauf, den Elefant zu besteigen. «Den Tag mit einem Elefanten teilen», so das Motto des Veranstalters.
Weil diese Tiere leiden, soll die Regierung momentan an einem Gesetz arbeiten, das solche Attraktionen in Zukunft verbietet. Früher kamen die Touristen hauptsächlich wegen der schönen Strände, heute muss auch etwas geboten werden. Statt Elefanten-Reiten sind Safaris immer gefragter. In vielen der 13 Nationalparks gibt es heute Angebote, bei dem Touristen die Tiere vom Auto aus in freier Wildbahn beobachten können.
Die Elefanten-Versicherung
Am grössten ist die Chance, Elefanten zu sehen, im Udawalawe-Park. Bereits wenige Meter nach dem Eingang kämpft sich ein Männchen direkt neben der Strasse den Weg durch dichtes Gestrüpp zum Wasserloch. Dort trinkt er genüsslich und wedelt mit dem Rüssel, als wolle er extra für die Kameras auf den Safari-Jeeps nebenan posieren. Sobald sie zwei bis drei Jahre alt sind, müssen junge Männchen die Herde verlassen. Sie folgen ihr dann meist in sicherem Abstand.
Der Abstand zu den Safari-Autos scheint den Elefanten wie auch seine anderen Artgenossen im Park nicht zu jucken. Aggressiv sind Sri Lankas Dickhäuter nicht. Die Einheimischen kennen den Grund: Buddha. Der Sage nach hat sich der wildeste Elefant des Landes, der überall grossen Schaden angerichtet hat, beim Anblick Buddhas vor ihm auf den Boden gelegt und ihm so Respekt gezollt. Heute respektieren sich Elefant und Buddhist gegenseitig.
Aggressiv sind Sri Lankas Elefanten tatsächlich nur, wenn sie angegriffen oder verwundet werden. Gelegentlich büchsen die Dickhäuter aus den Nationalparks aus und verirren sich auf die Felder der umliegenden Dörfer. Der Schaden, den sie dort anrichten, ist gross. Früher wussten sich die Bauern nur mit Feuer und Schusswaffen zu helfen, heute gibt es in Sri Lanka eine Versicherung für Elefantenschäden. Der Staat kommt für durch Elefanten verursachte Ernteausfälle auf.
Die Regierung Sri Lankas handelt nach der Parole «Elephants First», damit die Geschichte der sanften Riesen auf der Insel im Indischen Ozean weiter geschrieben wird. Auch das Betreten einiger Waldregionen ist mittlerweile für den Menschen tabu. Sie gewähren den Tieren wertvolle Rückzugsgebiete. Die Elefanten-Population Sri Lankas wächst seit dem Ende des Bürgerkrieges wieder an. Schätzungen zufolge gibt es heute wieder rund 7000 Elefanten auf der Insel. Ein gutes Zeichen, dass Sri Lankas Dickhäuterpolitik funktioniert.