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# 19 „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“
Wer hat nicht auch schon herzhaft gelacht über diese Aussage, mit der Helmut Schmidt die Ideen von Willy Brandt im Bundestagswahlkampf 1980 kommentiert hat. 30 Jahre später hat Helmut Schmidt selbst eingeräumt, dass es „eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage“ war (vgl. das Interview im ZEITMagazin vom 4.3.2010).
Erkenntnisse der Hirnforschung
Auch die moderne Hirnforschung würde Helmut Schmidt vehement widersprechen. Wie man heute weiss, denkt das Gehirn in Bildern. Die Worte, die wir beim Sprechen, Schreiben und Lesen gebrauchen, übersetzt das Gehirn in Bruchteilen von Sekunden in Bilder. Allerdings hat das Gehirn kein Bild für das Wort „nicht“ und seine Artgenossen („nie“, „kein/e/es“, etc.). Wenn jemand zu uns sagt „denk nicht an Heidelbeeren“, dann entstehen vor unserem inneren Auge unweigerlich Heidelbeeren.
Eine weitere Erkenntnis der Hirnforschung ist, dass das Gehirn zwischen echten Erfahrungen und gedachten Bildern nicht unterscheiden kann. Das Gehirn und folglich auch unsere Biochemie reagieren auf beide Bilderwelten gleich. Die biochemischen Stressreaktionen, die in unserem Körper ablaufen, wenn wir uns eine Auseinandersetzung mit dem/der Partner*in, den Kindern, den Eltern, dem/der Chef*in etc. vorstellen, sind dieselben, wie wenn wir diese Auseinandersetzung aktuell erleben.
Was heisst das nun?
Wenn wir uns stressige Situationen vorstellen, von denen wir glauben, dass sie so oder ähnlich in der Zukunft ablaufen werden - Prüfungssituationen, Konflikte, schwierige Verhandlungen, unangenehme Gespräche im Privaten, lästige Familienfeiern - schicken wir unser Gehirn durch eine Bilderwelt, die uns den mit der Situation assoziierten Stress im Hier und Jetzt körperlich wahrnehmen lässt: Der Puls geht hoch, das Adrenalinlevel steigt, unser Blickfeld verengt sich, unsere Muskeln spannen sich an, usw. Es laufen all die körperlichen Stressreaktionen ab, die seit Urzeiten in unsere DNA einprogrammiert sind.
Unsere Biochemie aktiviert im Übrigen dieselben Reaktionsmuster, wenn wir die Bilderwelten vergangener belastender Ereignisse und Erfahrungen ablaufen lassen. Das heisst, jedesmal, wenn wir über eine belastende, noch nicht verarbeitete Erfahrung nachdenken, ist es für unser Gehirn so, als würde sich die Situation im Hier und Jetzt abspielen. Und generell gilt, je stärker die mit diesen Bilderwelten verbundenen Emotionen sind (Wut, Zorn, Angst etc.), desto stärken fallen auch die körperlichen Reaktionen aus.
Visualisierung konstruktiv einsetzen
Diese Erkenntnisse kann man jedoch auch auf konstruktive Weise nutzen, zum Beispiel wenn es darum geht, Ziele zu erreichen. Im Spitzensport kann man dies sehr gut beobachten. Wer kennt nicht die Bilder der Skirennfahrer*innen, die kurz vor dem Start mit geschlossenen Augen die einzelnen Kurven der Strecke im Geiste abfahren und sich in sich selbst versunken leicht federnd von links nach rechts wiegen. Die Idee dieser Visualisierungstechnik ist, den optimalen Bewegungsablauf im Gehirn und im Körper zu verankern, so dass dieser dann in der Wettkampfsituation auf Knopfdruck abgerufen werden kann. Visualisierungstechniken helfen aber nicht nur auf dem Gebiet des Sports. Sie lassen sich auch für das Erreichen von Lebenszielen einsetzen. Egal ob es um das Bestehen einer wichtigen Prüfung, den nächsten Karriereschritt, unternehmerische Erfolge, eine erfüllende Partnerschaft, eine Reise, die Regeneration nach einem Unfall oder etwas anderes geht: mit bestärkenden Bildern, die in uns positive Emotionen hervorrufen, können wir in unserem Gehirn und in unserer Biochemie den Zielzustand vorwegnehmen und uns damit im Hier und Jetzt in einen mentalen Zustand versetzen, der uns bei der Zielerreichung unterstützt.
Erster Schritt: sich über das Ziel klar werden
Der erste Schritt, um mit Visualisierungstechniken arbeiten zu können, besteht darin, sich klar zu werden, worin das Ziel besteht. Das mag banal klingen. Aber nur die wenigsten Menschen sind sich wirklich über ihre kleinen und grossen Ziele, Zwischenziele, Träume, Wünsche und Visionen im Klaren. Doch wer sein Ziel nicht kennt, der kann seine Energie auch nicht darauf fokussieren, es zu erreichen. Oder frei nach Seneca: „Wenn man nicht weiss, welchen Hafen man ansteuert, ist kein Wind günstig.“
Zweiter Schritt: Ziele richtig formulieren
Wenn das Ziel, die Vision, der Wunsch gefunden ist, kommt es darauf an, die Vorstellung hiervon so auszuformulieren, dass das Gehirn damit etwas anfangen kann.
Das Ziel muss selbstinitiierbar sein. Das heisst mit anderen Worten, es muss so formuliert sein, dass es in unseren eigenen Händen liegt, ob wir es erreichen oder nicht. Dies gilt insbesondere für Zielzustände, die andere Personen mit einschliessen. Anstatt das Ziel zu verfolgen „mein*e Partner*in soll mehr Zeit mit mir verbringen“ (was man selbst nicht beeinflussen kann), könnte die selbstinitiierbare Variante z.B. lauten „ich bin bereit und nehme mir Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit meinem*r Partner*in“ (auf diese eigene Haltung habe ich einen Einfluss).
Das Ziel muss positiv formuliert sein. Die Vorstellung „ich möchte nicht mehr so viel arbeiten“ erzeugt im Gehirn die Bilder, die wir aus unserer Erfahrungswelt mit „viel Arbeit“ assoziieren. Denn wie erwähnt hat das Gehirn kein Bild für „nicht“. Positiv formuliert könnte das Ziel z.B. lauten „ich habe ausreichend Zeit für meine Hobbys und Interessen“.
Das Ziel muss auch attraktiv sein, muss also positive Emotionen auslösen. Ein Ziel wie „ich will 10 kg abnehmen“ klingt für viele entbehrungsreicher und respekteinflössender als „ich ernähre mich ausgewogen, treibe Sport und freue mich über meinen Tag für Tag fitteren Körper“.
Hilfreich ist es, Ziele in der Gegenwartsform zu formulieren, gerade so, als wären sie schon eingetreten: „ich gehe 2x die Woche zum Sport“ statt „ich möchte 2x die Woche zum Sport gehen“. Untersuchungen haben gezeigt, dass Formulierungen wie „ich will“, „ich möchte“, „ich werde“ das Zielbild in die Ferne schieben, da das Gehirn dann das Wollen, Möchten und Werden als den Zielzustand ansieht und nicht die tatsächliche Umsetzung des eigentlich Gewollten.
Wichtig ist auch, das Ziel so konkret wie möglich zu beschreiben. An Zielen wie „ich führe eine glückliche Beziehung“ ist nichts verkehrt. Aber es lohnt sich zu hinterfragen, was genau „glücklich“ für einen selbst bedeutet. An welchen Kriterien machst du eine glückliche Beziehung fest? Wenn du am Sonntagmorgen gemütlich mit deiner*m Liebsten stundenlang an einem üppig gedeckten Frühstückstisch sitzt und ihr die Freude an der Zweisamkeit teilt? Wenn du mit deinem*r Partner*in intensive Gespräche über Gott und die Welt führst? Wenn ihr gemeinsame Freizeiterlebnisse teilt? Je konkreter du deine Vorstellung fasst, desto besser stehen die Chancen, dass diese Vorstellung Realität wird und du es auch wahrnimmst, wenn sie eingetreten ist.
Ein Ziel sollte auch daraufhin geprüft werden, ob es mit unserem Umfeld vereinbar ist (sog. Ökocheck). Es geht darum zu prüfen, inwieweit sich Hindernisse aus unserem sozialen System ergeben, die der Zielerreichung möglicherweise entgegenstehen. Die Idee ist nicht, das Ziel beim kleinsten angenommenen Widerstand aufzugeben, sondern darüber nachzudenken wie wir unsere Ziele auf eine für uns und unser System verträgliche Weise erreichen können. Wenn die Vision z.B. darin besteht, eine einjährige Weltreise zu machen, aber nicht klar ist, wieviel Hilfe die zunehmend unterstützungsbedürftigen Eltern in dieser Zeit brauchen, dann wird die Weltreise auch davon abhängen, wie eine entsprechende Unterstützung der Eltern sichergestellt werden kann und dass Vorkehrungen für Notfälle getroffen sind.
Um ein Ziel erreichen zu können, muss es auch prinzipiell realisierbar sein. Das mag auf den ersten Blick banal klingen. Aber wenn wir selbst nicht glauben, dass wir das Ziel erreichen können, dann glaubt uns auch unser Gehirn nicht. Wer beim Blick auf seinen Kontostand selbst nicht glaubt, dass ein Ziel wie „ich lebe in drei Monaten in einer Villa am See“ realistisch ist, der wird ein solches Ziel auch kaum erreichen. Eine Möglichkeit wäre, hier entweder die zeitliche Dimension anzupassen („ich lebe in 10 Jahren in einer Villa am See“) oder mit Zwischenzielen zu arbeiten („in 1 Jahr bin ich schuldenfrei“ oder „in 2 Jahren verfüge ich über ein Vermögen in Höhe von X“).
A pro pos zeitliche Dimension. Wie Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen, hilft es vielen Menschen, wenn die Ziele auch mit einer Deadline versehen sind. Offenbar fühlen sich viele Menschen ihren Zielen stärker verpflichtet, wenn sie mit einem konkreten Datum versehen sind: „ich laufe am 4. April 2021 den Berlin-Marathon“ statt „irgendwann laufe ich den Berlin-Marathon“. Dies gilt aber nicht für jede*n! Für manche Menschen entsteht hieraus blockierender Druck (z.B. wenn der eigene dominierende innere Antreiber einem ständig „beeil dich“ zuruft, vgl. Artikel # 18 Innere Antreiber).
Dritter Schritt: mit Zielbildern arbeiten
Wenn wir nun ein Ziel, einen Wunsch, eine Vision gefunden haben, die soweit möglich den obigen Zielkriterien entspricht, können wir mit der Visualisierung beginnen. Eine bewährte Methode besteht darin, ein sog. Visionboard zu erstellen. Dabei handelt es sich klassischerweise um eine mit Schere, Papier und Kleber erstellte Collage aus Bildern von Zeitschriften, Fotos, Ausdrucken aus dem Internet etc., welche unser Ziel, unseren Wunsch, unsere Vision stellvertretend abbilden. Das kann z.B. das Bild eines Läufers sein, der beim New York Marathon über die Ziellinie läuft, wenn man selbst gerade für den New York Marathon trainiert.
Wer täglich bewusst und mit positiven Emotionen wie Vorfreude oder Dankbarkeit auf sein Visionboard blickt und die Bilder wieder und wieder im Gehirn verankert, kann darauf vertrauen, dass die biochemischen Abläufe im Gehirn die Zielerreichung unterstützen.
Für die weniger Bastelfreudigen unter uns gibt es heutzutage auch tolle Möglichkeiten, Visionboards am Computer zu erstellen. Wer bewegte Sequenzen bevorzugt, kann im Internet auch nach Anbietern von sog. Mindmovies googeln. Wem all dies zu viel Aufwand ist, kann seine Ziele, Wünsche und Visionen auch einfach schriftlich ausformulieren und den Text regelmässig lesen, oder kann sich in einer geeigneten Meditation mit den eigenen Zielen, Wünschen und Visionen verbinden. An dieser Stelle empfehle ich gerne eine sehr schöne, 45minütige geführte Meditation von Dr. Joe Dispenza, auf engl. „Tuning in to new potentials“, die man über seine Website beziehen kann [hierbei handelt es sich um eine unaufgeforderte und unbezahlte Herzensempfehlung, nicht um kommerzielle Werbung]. Oder man hält es wie die Skirennfahrer*innen und versenkt sich in einer Mischung aus Vorstellung und Bewegung in den Zielzustand.
Aus meiner Sicht spielt es letztlich keine Rolle, für welche Visualisierungstechnik oder welche Kombination verschiedener Techniken man sich entscheidet. Hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Jede Methode, die dir hilft, dein Ziel, deinen Wunsch und deine Vision auf positive und kraftvolle Weise im Gehirn zu verankern, ist für dich die richtige.
Ich hoffe, dieser Artikel inspiriert dich, es mit den Visualisierungstechniken zu versuchen und deine Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Viel Vergnügen beim Ausprobieren!
Alles Liebe von
Karin
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