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´Abdu´l-Bahá, der Sohn Bahá`u`lláhs, des Begründers der Bahá`i-Religion, war auf einer Reise von einer Familie zum Essen eingeladen worden. Die Frau des Hauses meinte es besonders gut und wollte ihre ganze Kochkunst unter Beweis stellen. Als sie die Speisen auftrug, entschuldigte sie sich dafür, dass das Essen angebrannt sei. Sie habe nämlich während des Kochens Gebete gelesen, in der Hoffnung, dass das Mahl dadurch besonders gut gelingen werde. ´Abdu´l-Bahá antwortete mit einem freundlichen Lächeln: „Es ist gut, dass du betest. Nimm aber doch in der Küche das nächste Mal das Kochbuch.“
Oder: „Bescheidenheit – Mantel des Hochmuts.“ , so meint Carmen Sylva. Ein anderes Zitat besagt das Gleiche: „Es gibt eine besonders unsympathische Art von Hochmut, die Demut.“ (Krailsheimer) Unsere Köchin hat es sicher gut gemeint, aber wollte sie durch ihre Frömmigkeit nicht besonders ihre Demut hervorheben, die im religiösen Denken aller Kulturen eine besondere Rolle spielt? Im Alten wie im Neuen Testament ist Demut eine wesentliche Eigenschaft des wahren Gläubigen, desjenigen, der mit Gott im Reinen ist. Die Wurzel des verwendeten hebräischen Wortes enthält die Bedeutungen von „sich beugen“ oder „herabbeugen“. Und auf der ganzen Welt ist die Verbeugung der körpersprachliche Ausdruck von Bescheidenheit und Ehrerbietung. Oder vielleicht müsste man sagen „war“, denn die Sitte, sich vor jemandem zu verbeugen, ist stark zurückgegangen – außer in den östlichen Kulturkreisen.
Der aufgeklärte Mitteleuropäer will sich niemandem und nichts unterordnen, dazu ist er sich seines Wertes zu sehr bewusst… und er ist häufig auch nicht religiös, wodurch er angesichts der Größe Gottes auch nicht demütig wird…
Dabei ist Bescheidenheit oder Demut etwas, das jedem Menschen gut ansteht. Denn sie führt zu einem diskreten Verhalten, dazu, sich selbst zurücknehmen und auch mal in den Hintergrund treten zu können. Demut ist aber auch nicht Selbsterniedrigung, wie André Comte Sponville in seinem Buch „Anleitung zum unzeitgemäßen Leben“ meint, sonst wäre sie schlichte Verachtung. Sie bedeutet nicht, dass man verkennt, was man ist, sondern erkennt oder anerkennt, was man alles nicht ist. Sie ist eine Form der Wahrheitsliebe und an dieser orientiert sie sich. Demütig sein heißt, die Wahrheit mehr als sich selbst zu lieben. Und die Liebe zur Wahrheit ist die Grundmotivation jedes Philosophen. Sokrates, vom Orakel von Delphi als der weiseste aller Menschen bezeichnet, sagte von sich: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und wurde zum wohl weltbekanntesten Philosophen. In den Worten des östlichen Gelehrten Sri Ram:
Spinoza sagte: „Demut ist eine Traurigkeit, daraus entsprungen, dass der Mensch sein Unvermögen oder seine Schwäche betrachtet.“ Trotzdem sollte man die Demut nicht mit der aristotelischen mikropsychia verwechseln, die man als „Selbsterniedrigung“ bezeichnen könnte. Denn dann ist es von der Demut nicht mehr weit zum Kleinmut und zur Niedrigkeit, bei der man aus Traurigkeit eine geringere Meinung von sich hat als gerecht ist. Und da sind wir auch schon beim „lasterhaften“ Aspekt der Demut, bei der (Selbst)Demütigung. Kant schrieb:
Wir dürfen Demut nicht mit Selbstvorwürfen, Scham, Minderwertigkeitskomplexen und schlechtem Gewissen verwechseln. Denn insgeheim würden wir ja dann von uns erwarten, dass wir besser wären als wir tatsächlich sind. Wahre Demut hingegen kann anerkennen, dass etwas ist, wie es ist. Punkt.
Wieder lassen wir Sri Ram zu Wort kommen, der den spirituellen Aspekt der Demut so ausdrückte: „Demut ist nicht nur das Bewusstsein unserer eigenen Kleinheit; dies könnte bloß ein Gefühl der Enttäuschung darüber sein, dass wir nicht so bedeutend sind, wie wir gerne möchten. Demut ist auch nicht Selbsterniedrigung. Sie ist eher die Austilgung von Eigendünkel, so dass wir freundlich und schön werden, Offenheit des Herzens und des Denkens erlangen und eine wirklich tiefe Achtung für den anderen fühlen, wer immer er auch sein mag, da wir seine Göttlichkeit anerkennen.“ Auch Meister Eckehart, der christliche Mystiker des Mittelalters, lehrte, dass Gott als „göttliches Fünklein“ in jedem Menschen vorhanden ist – so also auch in jedem Einzelnen von uns. Und Mahatma Gandhi meinte, dieses hat eine ganz spezielle Aufgabe: „Demut bedeutet beharrliches Mühen im Dienst an der Menschheit. Gott ist immer im Dienst.“
Unsere heutige Zivilisation hingegen ist dem Hochmut verfallen: Wir bedienen uns oft der Menschen, der Erde und der Natur zum eigenen Wohlgefallen. Wir vergessen, dass das Leben aus Geben und Nehmen besteht, aus Schenken und Empfangen. Unbescheiden beuten wir unseren Planeten und einige seiner Bewohner aus, anstatt demütig zu dienen. Das lateinische Wort „humilitas“ – Bescheidenheit – leitet sich ab von humus – Erde. Wenn wir uns mit der Erde wahrhaft verbunden fühlen, verlieren wir die unmäßige Unbescheidenheit. Denken wir an die tibetischen Pilger, die den Weg um den heiligen Berg Kailash mit ihren Körperlängen zurücklegen: Sie scheuen sich nicht, sich zu erniedrigen und werfen sich auf die Erde, in den Staub. Würde uns eine tiefe Verbeugung vor dem Wunder der göttlichen Schöpfung nicht auch gut anstehen …
Jeder kann etwas tun, indem er bei sich selbst anfängt, deshalb ein praktischer Tipp, wie es Tradition ist – Hinterfragen Sie sich:
1.) Was kann ich, was bin ich, welche Fähigkeiten habe ich… also, was „ist“?
2.) Und schauen Sie genau hin: gibt es Selbsterniedrigung oder Hochmut in mir?
3.) Wann empfinde ich Demut?
Eine anregende Selbsterforschung wünscht
Gudrun Gutdeutsch &
Treffpunkt Philosophie Zürich
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