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Der Zeitpunkt war perfekt. Am Tag bevor sich die Geld- und Machtelite Mitte Januar 2016 in Davos zum Weltwirtschaftsforum versammelte, veröffentlichte die Hilfsorganisation Oxfam eine Studie, laut der die Kluft zwischen ganz oben und ganz unten immer schneller wächst. Die 62 reichsten Menschen der Welt, so die Behauptung, besässen mittlerweile gleich viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Wie sie das berechnet hatte, darüber verlor die Hilfsorganisation kein Wort. Doch die Meldung – 62 besitzen so viel wie 3,6 Milliarden – ging über alle Kanäle. Das deutsche «Handelsblatt» prägte gar einen neuen Begriff: «Hyperreiche».
Mit den sinkenden Börsenkursen sind die Hyperreichen inzwischen wieder um einige Dutzend, vielleicht sogar um einige Hundert Milliarden erleichtert worden. Dennoch ist die ungerechte Verteilung des Wohlstands ein Dauerthema. Wird der Graben zwischen Reichen und Armen tatsächlich immer grösser? Werden die Reichen immer reicher? Die Armen immer ärmer? Und wie lässt sich das überhaupt berechnen?
1. Die Piketty-Theorie
An Untersuchungen über die Verteilung des Wohlstands mangelt es nicht. Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, die OECD, Think-Tanks, Banken und Gewerkschaften haben Zahlenberge angehäuft und zahllose Studien veröffentlicht. Thomas Piketty, Professor an der Paris School of Economics, landete vor zwei Jahren mit seinem 700seitigen Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» einen internationalen Bestseller.
Piketty zeigt, wie die Vermögens- und Einkommensverteilung, die sich in den meisten Industrieländern von etwa 1910 bis 1970 mehr und mehr angeglichen hatte, seit den 1980er Jahren stark auseinanderdriftet und sich wieder den Verhältnissen vor dem Ersten Weltkrieg annähert. Die Angleichung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erklärt Piketty mit den beiden Weltkriegen und der grossen Depression in den 1930er Jahren. In der Nachkriegszeit sorgte das «Wirtschaftswunder» für breiten Wohlstand.
Doch diese Zeitspanne von etwa dreissig Jahren war ein Ausnahmefall. Die Abschwächung des Wirtschaftswachstums ab Mitte der 1970er Jahre und die Deregulierung in vielen Industrieländern liessen den Unterschied zwischen oben und unten wieder wachsen, noch beschleunigt nach der Finanzkrise 2008. Wie Karl Marx glaubt Thomas Piketty, dass der Kapitalismus unweigerlich zu riesigen sozialen Ungleichheiten führt, weil das Kapital der Besitzenden schneller wächst als der Ertrag der Arbeit. Der von den Linken wie ein Rockstar gefeierte Professor sieht darin den Schlüssel zur Erklärung der globalen, letztlich zerstörerisch wirkenden Wirtschaft.
Pikettys Forderung – radikaler Umverteilung von Vermögen und Einkommen – widersprechen die meisten Ökonomen. Selbst vehemente Kritiker halten ihm jedoch zugute, dass seine über fünfzehn Jahre gesammelten Daten für die Erforschung der Verteilung von Vermögen bahnbrechend seien. Die von ihm mitbegründete «World Wealth and Income Database» liefert für viele Länder erstmals Zahlen zu Vermögen und Einkommen über eine Zeitspanne von hundert Jahren. Auch Pikettys Kernaussagen zur historischen Entwicklung sind kaum bestritten. Sie werden etwa geteilt vom «Global Wealth Report» der Credit Suisse, der ebenfalls eine deutliche Zunahme der Vermögenskonzentration registriert.
Die Verfasser des «Global Wealth Report» schätzen, dass heute das reichste Prozent der Bevölkerung 50 Prozent des globalen Vermögens von 250 000 Milliarden Dollar besitzt. Die Reichen sind seit 2000 viel reicher geworden; aber auch das Durchschnittsvermögen hat sich in den meisten Industrieländern beinahe verdoppelt. In Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien, Indonesien oder Thailand hat es sich vervielfacht. In diesen Ländern hat sich ein Mittelstand entwickelt: Hunderte von Millionen Menschen, die sich eine Wohnung, Bildung und medizinische Versorgung leisten können. In dieses Bild passt die Statistik der Weltbank, die zeigt, dass der Anteil der Ärmsten 2015 auf 702 Millionen Menschen und damit erstmals unter die 10-Prozent-Marke gefallen ist. 1981 waren es noch 44 Prozent. Heute sind 650 Millionen Menschen weniger von extremer Armut betroffen – obwohl die Bevölkerung seither um 2 Milliarden gewachsen ist und die Armutsgrenze von 1.25 Dollar auf einen Tageslohn von 1.90 Dollar angehoben wurde.
2. Politik mit dem Gini-Koeffizienten
Um die Ungleichheit genauer zu vermessen als mit der Differenz zwischen zwei Extremwerten, behelfen sich Ökonomen und Soziologen gern mit dem Gini-Koeffizienten. Die Kennziffer ist nach dem italienischen Professor für Statistik Corrado Gini benannt, der vor bald einem Jahrhundert seine Methode entwickelt hatte. Das Prinzip: Wenn in einem Land eine Person alles Vermögen besitzt, ist das Vermögen maximal ungleich verteilt. Dieses Land hat dann einen Gini-Koeffizienten von 1. Wenn alle in einem Land lebenden Menschen gleich viel Vermögen haben, hat das Land einen Gini-Koeffizienten von 0. Je tiefer der Wert, desto gleicher die Verteilung.
Gini fiel als Wissenschafter wegen seiner Sympathien für den Faschismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Ungnade, seine Formel wird jedoch noch heute verwendet, um die Ungleichheit von Gesellschaften zu beziffern. Die Ranglisten der verschiedenen Organisationen zeigen jedoch kein einheitliches Bild. Bei den einen liegt in Sachen Gleichheit Japan mit dem Wert 0,5 vorn, bei den anderen die Slowakei oder Slowenien. Stets im vorderen Mittelfeld findet man südeuropäische Länder wie Italien oder Spanien, was auf den in der Bevölkerung breit gestreuten Immobilienbesitz zurückzuführen ist. Auf den hinteren Plätzen liegen in den meisten Ranglisten die Schweiz (mit einem Wert um 0,8) und die USA. Noch weiter hinten rangieren fast ausschliesslich diktatorisch regierte Staaten wie Kasachstan oder Simbabwe.
Die Aussagekraft der Gini-Ranglisten ist bescheiden, weil in vielen Ländern Vermögen und Einkommen der Haushalte nur lückenhaft erfasst sind. Oder propagandistisch geschönt. So haben laut der Liste der Credit Suisse Tadschikistan, der Sudan und Guinea-Bissau eine gleichmässigere Vermögensverteilung als Norwegen mit seinem Staatsfonds, der dafür sorgt, dass der Ölreichtum allen zugute kommt. Dänemark mit seinem ausgebauten Sozialstaat rangiert wie die Schweiz hinter Haiti, Nigeria oder Ägypten.
Dennoch wird der Gini-Koeffizient gern herbeigezogen, wenn es darum geht, eine stärkere Umverteilung zu fordern. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund schreibt in seinem Verteilungsbericht von einem «traurigen Spitzenplatz» der Schweiz. Und für den ehemaligen Juso-Präsidenten David Roth ist er Ausdruck einer «schreienden Ungleichheit».
3. Was Steuerdaten verschweigen
Der Gini-Koeffizient wird in der Regel mit den Daten der Eidgenössischen Steuerverwaltung berechnet. Gemäss diesen besitzt das reichste Prozent der in der Schweiz Steuerpflichtigen ein Reinvermögen von 590 Milliarden, was 40 Prozent aller steuerbaren Reinvermögen entspricht. Auf die unteren 90 Prozent entfallen 26 Prozent; ein Viertel der Haushalte versteuert gar kein Reinvermögen.
In den Steuerdaten nicht enthalten sind allerdings die wichtigsten Vermögenswerte der meisten Haushalte: die Ersparnisse in der Pensionskasse und zum Teil in der dritten Säule. Sie belaufen sich auf rund 940 Milliarden Franken. Gerhard Schwarz, ehemaliger Chef der NZZ-Wirtschaftsredaktion und heute Direktor des wirtschaftsnahen Think-Tanks Avenir Suisse, bezweifelt deshalb die Aussagekraft von Steuerdaten. Berücksichtige man alle Vermögenswerte, sei der Wohlstand in der Schweiz ziemlich gleichmässig verteilt. Aufgrund einer Untersuchung in Österreich schätzt er, dass die Berücksichtigung der Pensionskassengelder den Gini-Index um zwei bis drei Zehntel senken würde. Selbst die Rentenansprüche aus der AHV, findet Schwarz, müssten eigentlich zum Vermögen hinzugezählt werden.
Für Schwarz ist klar: Je besser das Rentensystem eines Landes, desto weniger Vermögen weist der Mittelstand in der Steuererklärung aus. Die Mehrheit kann sich auf die Rente verlassen und spart nicht noch zusätzliches Vermögen an. Selbst Leute, die ein Leben lang in ihre Pensionskasse einbezahlt haben, tauchen in der Statistik als arme Schlucker auf, obwohl sie bei der Pensionierung vielleicht von einem Millionenvermögen zehren können.
Dennoch lassen sich aus den Steuerdaten ein paar Trends herauslesen. Es zeigt sich zum Beispiel, dass in der Schweiz die Vermögensverteilung über die letzten hundert Jahre recht stabil geblieben ist. Das reichste Prozent der Bevölkerung besass 1915 etwa 45 Prozent des Vermögens, der Anteil ging bis zu Beginn der 1980er Jahre auf 35 Prozent zurück, heute sind wir wieder bei 40 Prozent angelangt. Wie in anderen Ländern ist auch in der Schweiz seit den 1980er Jahren vor allem der Vermögensanteil der reichsten 0,1 Prozent stark gestiegen: von 14 Prozent auf 22 Prozent.
4. Woher der Reichtum kommt
Wer zum Schweizer Geldadel zählt, enthüllt alljährlich das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» in seiner Liste der 300 Reichsten. Was beim Durchblättern des Hefts auffällt: Die Reichsten haben zu einem grossen Teil einen Migrationshintergrund. Unter den Top Ten, die zusammen ein Vermögen von 180 Milliarden haben, gibt es nur drei Schweizer Clans: Hoffmann und Oeri, Schindler und Bonnard sowie der Selfmade-Multimilliardär Hansjörg Wyss. Alle anderen sind Zugezogene – Steuerflüchtlinge, wenn man so will: vom Ikea-Chef Kamprad über den Textilhändler Brenninkmeijer bis zur Bierbrauerin Carvalho-Heineken. Hinzu kommen russische Oligarchen (Viktor Vekselberg), Rohstoffhändler (Iwan Glasenberg) Erben (Heidi Horten), Popstars (Tina Turner), Bestsellerautoren (Paulo Coelho), Rennfahrer (Michael Schumacher).
Sie alle haben sich vor nicht allzu langer Zeit in der Schweiz niedergelassen, und mit ihnen dürften auch mehr als hundert Milliarden in die Schweizer Vermögensstatistik eingewandert sein. Genaue Zahlen gibt es dazu keine. Zudem werden reiche Ausländer in mehreren Kantonen nach Lebensaufwand pauschal besteuert und müssen darum ihr wirkliches Vermögen gegenüber dem Steueramt gar nicht offenlegen.
Zur rasanten Vermögensvermehrung beigetragen hat neben der Zuwanderung – und unternehmerischer Tüchtigkeit – die lange Hausse an den Aktienbörsen. Die Globalisierung und Deregulierung der Märkte, die digitale Revolution und sinkende Zinsen haben die Kurse über die letzten Jahrzehnte in neue Höhen getrieben. Selbst der unter Investoren als langweilig geltende Swiss Market Index, in dem die grössten Schweizer Firmen enthalten sind, hat seinen Wert seit der Lancierung im Jahr 1988 bis Ende 2015 versiebenfacht. Wer mehr riskierte, konnte an den Finanzmärkten Hunderte von Millionen scheffeln, so wie der Hedge-Fund-Gründer Rainer-Marc Frey, der aus dem Nichts innert weniger Jahre zum Milliardär aufstieg. Es gibt aber auch den umgekehrten Weg: Die Gebrüder Erb aus Winterthur, einst mit einem geschätzten Vermögen von 1,5 bis 2 Milliarden in der «Bilanz»-Liste ganz weit oben, machten Pleite; sie verloren alles – fast alles. Was Pikettys Statistiken nicht zeigen: Es sind nicht immer die Gleichen, die ganz oben sind; auch hier gibt es Auf- und Absteiger.
5. Was ist ein Einkommen?
Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, begegnet der «Bilanz»-Liste wie auch den Statistiken mit Skepsis: Erstens schwankten die Bewertungen an den Börsen und damit die Vermögen stark. Und zweitens wisse man ja nicht, wie viel Vermögen in Steueroasen versteckt werde. «Ob der Gini-Koeffizient so oder anders berechnet wird, ist eine akademische Frage», sagt der Gewerkschafter. Für ihn zähle die Realität, und die sehe so aus: «In der Schweiz kann heute ein Durchschnittsverdiener kaum noch etwas von seinem Lohn auf die Seite legen. Früher konnten sich ein Lokführer oder ein Pöstler ein Häuschen leisten, dafür sparte man, das war ein Lebensziel. Heute ist das für einen einfachen Angestellten praktisch unmöglich.»
Um das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu bremsen, braucht es für Lampart primär eines: «Anständige Löhne für alle.» Auch in der reichen Schweiz lebten viele Menschen in engen, wenn nicht prekären finanziellen Verhältnissen. «Nimmt man das tatsächlich verfügbare Einkommen zum Massstab, dann zeigt sich, dass es den untersten 10 Prozent heute in vielen Fällen finanziell schlechtergeht als vor zwanzig Jahren. Einer der Hauptgründe dafür sind die seit 1997 real um 94 Prozent gestiegenen Krankenkassenprämien; die Prämienverbilligungen für Einkommensschwache haben damit bei weitem nicht Schritt gehalten.» Lohnerhöhungen habe es vor allem für die Topverdiener gegeben.
Als Haupttreiber dieser Entwicklung sieht Lampart die individuellen Bonuszahlungen, die den Spitzenverdienern zugute kamen. Tatsächlich sind ihre Löhne überproportional gestiegen: Mit der Globalisierung des Arbeitsmarkts für Topmanager kamen auch die internationalen Standards bei ihren Salären in die Schweiz. Das bestätigt eine Studie von Reto Föllmi, Professor an der Universität St. Gallen: Am steilsten stiegen die Löhne in den höchsten Einkommensklassen. Die obersten 0,1 Prozent konnten ihren Anteil am Volkseinkommen innert dreissig Jahren von 2,9 auf 4,9 Prozent anheben. Die absoluten Spitzenverdiener mit Millionensalären (0,01 Prozent) konnten ihren Anteil gar verdoppeln. Wenig erstaunlich, dass einige Manager mit einem Vermögen von über 100 Millionen Franken zu den 300 Reichsten des Landes gehören: Ex-Banker wie Marcel Ospel oder Oswald Grübel zum Beispiel.
Auch bei der Verteilung der Einkommen wird gern auf den Gini-Koeffzienten verwiesen, der hier tatsächlich aussagekräftiger ist als beim Vermögen. Länder mit der grössten Ungleichheit findet man wenig überraschend in Afrika und Lateinamerika mit Werten über 0,5. Unter den Ländern der OECD schneidet Dänemark mit 0,25 am besten ab, Chile mit 0,5 am schlechtesten. Die Schweiz befindet sich im vorderen Mittelfeld mit 0,29.
Für Gerhard Schwarz von Avenir Suisse bestätigt dieser Wert, dass in der Schweiz der Wohlstand relativ gleichmässig verteilt ist. Wenn man den hierzulande hohen Anteil an Teilzeitarbeit in Rechnung stelle, liege die Schweiz erst recht auf Augenhöhe mit den skandinavischen Ländern, meint Schwarz. Dazu komme ein weltrekordhohes Niveau in absoluten Zahlen: Die Hälfte aller Angestellten in der Privatwirtschaft bezog 2014 einen Bruttojahreslohn von über 74 268 Franken. Das ist selbst unter Berücksichtigung der hohen Schweizer Preise ein Spitzenwert. Die kaufkraftbereinigten verfügbaren Einkommen in der Schweiz liegen im Durchschnitt 2,6 Mal so hoch wie jene in Portugal und 1,3 Mal so hoch wie jene in Deutschland und Frankreich.
Studien zur Einkommensentwicklung und -verteilung sind besonders zahlreich; je nach Auftraggeber fallen in der Regel die Ergebnisse aus. Während wirtschaftsnahe Organisationen wenig Veränderungen feststellen, sehen Gewerkschafter fast überall sich öffnende Scheren. Christian Suter, Professor für Soziologie in Neuenburg, hat die wichtigsten Studien miteinander verglichen und erklärt die Differenzen mit den verschiedenen Datenquellen: Die einen stützen sich auf Steuerdaten, andere auf AHV-Register oder auf Stichprobenbefragungen bei Einzelpersonen oder Haushalten. Sie operieren entweder mit den Löhnen, mit dem Haushalteinkommen (Lohn und Kapitalerträge) oder mit dem verfügbaren Einkommen (abzüglich Steuern und Sozialabgaben). Das kann paradoxe Folgen haben, wie Suter an einem Beispiel zeigt: Da Teilzeitstellen meist schlecht bezahlt sind, schlägt sich eine Zunahme der Teilzeitarbeit in der Statistik der Lohnstruktur als eine Zunahme von Tieflöhnen nieder. In der Statistik der Haushalteinkommen hingegen führt die Zunahme der Teilzeitarbeit zu einer Steigerung der Erwerbseinkommen, weil vermehrt beide Ehepartner arbeiten.
Am aussagekräftigsten ist für Suter die Entwicklung des verfügbaren Einkommens nach Abzug von Zwangsabgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträgen, Krankenkassenprämien. Nehme man diesen Massstab, dann zeige sich: Die Einkommensungleichheit ist, abgesehen von den ausscherenden Spitzenlöhnen, auffallend stabil geblieben. Und dies seit fünfundzwanzig Jahren.
Für den Ökonomen Reiner Eichenberger belegt dies vor allem eines: dass die Klagen über die angeblich wachsende Ungleichheit weit übertrieben seien. Im internationalen Vergleich stehe die Schweiz sehr gut da. «Wir sind ein langweiliges Land! Warum können gewisse Kreise das einfach nicht akzeptieren?» Einkommens- und Vermögensstatistiken, gibt der Professor der Universität Freiburg ausserdem zu bedenken, seien nur Momentaufnahmen. «Die Verteilungsdiskussion suggeriert, dass die Menschen ihr Leben lang in ihrer Einkommensklasse festgenagelt sind.» Das Gegenteil sei jedoch richtig. «Die meisten wechseln im Verlauf ihres Lebens mehrmals die Einkommensklasse. Wer jung ist, figuriert in der Regel in der Statistik als arm – weil er noch in der Ausbildung ist oder ein Praktikum absolviert. Ab 30 steigt er die Karriereleiter hinauf, mit 50 gehört er vielleicht zu den Topverdienern, im Rentenalter wieder zum Mittelstand.» Realistischer, sagt Eichenberger, wären Untersuchungen, die nicht das Jahreseinkommen, sondern das Lebenseinkommen zum Gegenstand hätten. Dann würde sich zeigen, dass die Einkommensverteilung in der Schweiz noch viel stabiler sei als in den Statistiken ausgewiesen.
6. Wer wird reicher, wenn Reiche ärmer werden?
Die Zahlen und Studien zeigen vor allem eines: Die Schweiz ist auch heute noch eine Gesellschaft des saturierten Mittelstands. Aber obwohl sie ein Sonderfall ist, ein Hort der Stabilität, wie alle betonen, kann sie sich den globalen Trends nicht entziehen. Die Konzentration immenser Vermögen in wenigen Händen und Millionensaläre für Spitzenmanager sind Ausdruck davon. Abgefedert wird diese Entwicklung durch eine vergleichsweise solide Wirtschaft, niedrige Arbeitslosigkeit und ein engmaschiges soziales Netz. All dies, so der Soziologe Suter, habe dazu geführt, dass sich die Einkommensschere in der Schweiz weniger stark geöffnet habe als in vielen anderen Ländern. Auch der untersten Schicht geht es besser. Die Quote der absoluten Armut, also der unter dem Existenzminimum lebenden Personen, sank von 9,3 Prozent 2008 auf 7,7 Prozent 2012.
Wie man die Entwicklung in Zukunft steuern könnte oder sollte, ist eine politische und letztlich ideologische Frage. Die Linke fordert mit Thomas Piketty massiv höhere Steuern auf hohen Einkommen, Vermögen und Erbschaften. Der Basler Soziologe Ueli Mäder, der seit dreissig Jahren über Armut und Reichtum in der Schweiz forscht, beschreibt in seinem neusten Buch «Macht.ch – Geld und Macht in der Schweiz» ein Land, das von einer Geldelite regiert wird. Das seit dem Ende des Kommunismus vorherrschende «finanzkapitalistische Denken» habe dazu geführt, dass extreme Löhne und Kapitalgewinne einfach hingenommen und Gegensätze banalisiert würden. Die sich öffnende Kluft zwischen Arm und Reich hält Mäder für gefährlich. Es sei für die unteren Schichten entmutigend, wenn sie sähen, dass ihre Arbeit nicht mehr belohnt werde, während Manager Millionen abzockten und Reiche riesige Vermögen an ihre Kinder steuerfrei vererbten.
Für Gerhard Schwarz, den konsequenten Ordnungspolitiker, wird in der Schweiz bereits heute zu viel umverteilt durch die progressiven Einkommens- und Vermögenssteuern. Er hat keine Probleme mit der Ungleichheit. «Eine dynamische Gesellschaft ist notwendigerweise auch eine ungleiche Gesellschaft», sagt er. Er vertraut darauf, dass es letztlich allen zugute kommt, wenn die Talentiertesten und Tüchtigsten für ihren Einsatz nach den Gesetzen des Marktes belohnt werden. Grundsätzlich stellt sich für ihn auch die Frage, ob die Vermögenskonzentration wirklich eine entscheidende Rolle für die Lebensbedingungen der Menschen spiele. Wichtiger als höhere Abgaben für die Reichen sind für Schwarz zwei Dinge: Erstens wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, das heisst tiefe Unternehmenssteuern, ein liberaler Arbeitsmarkt, wenig Bürokratie und staatliche Regulierungen; und zweitens eine sozial mobile, durchlässige Gesellschaft, in der jeder die Chance hat, von unten nach oben zu kommen.
Dass dies immer noch möglich ist – heute vielleicht mehr denn je –, zeigt ein Blick auf die Forbes-Liste der Reichsten der Welt. Von altem Geld keine Spur; unter den von der Organisation Oxfam zitierten 62 Reichsten der Welt stellen die Erben eine kleine Minderheit. Dafür wimmelt es von Selfmade-Unternehmern, die innert kurzer Zeit zu einem Milliardenvermögen gekommen sind. Leute wie die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, der Amazon-Chef Jeff Bezos, der Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg. Ganz oben thronen nicht alteingesessene Dynastien, die ihr Vermögen über Jahrzehnte dank Kapitalgewinnen vermehrt haben, sondern junge Männer, die mit ihrer Firma das ganz grosse Geld gemacht haben. Parvenus, wenn man so will.
ANDREAS HELLER ist NZZ-Folio-Redaktor.