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Der Musikbetrug
Mamoru Samuragochi Lebensgeschichte war so schön, das keiner daran zweifelte. Der heute 50-jährige Musiker wird in den 1990er-Jahren mit verschiedenen klassischen Kompositionen zu Videospielen, wie beispielsweise Resident Evil, berühmt. Dass er gehörlos ist hält ihn nicht vom Komponieren ab.
Die «Sinfonie No. 1, Hiroshima», welche die Opfer des Atombombenabwurfs ehrt, verhilft ihm zum endgültigen Durchbruch in Japan. Über 180’000 Mal wurde die CD verkauft. Für klassische Musik ist dies ein Grosserfolg.
Selbst das renommierte Time Magazine widmet ihm 2001 einen Artikel mit dem Titel «Songs of Silence». Mamoru Samuragochi habe mit einer reichen, strukturierten Symphonie ein Videospiel mit banalem Inhalt in eine Geschichte epischen Ausmasses verwandelt, heiss es darin.
Samuragochi gab sich im Gespräch mit dem Magazin sehr bescheiden. Er komponiere seit dem 10. Altersjahr. Mit 24 beginnen die Probleme mit dem Hören. Der Gehörverlust sei jedoch das grösste Geschenk Gottes gewesen, lässt er Time Magazine wissen. Samuragochi wird zum Beethoven des digitalen Zeitalters gekürt. Sein wildes, langes Haar zementiert dieses Image. Selbst Japans öffentlich-rechtlicher Sender NHK widmet ihm eine ausführliche Dokumentation.
Der Ghostwriter
Doch offenbar war die Geschichte zu schön, um wahr zu sein. Als Eiskunstläufer Daisuke Takahashi ankündigte, bei den Olympischen Spielen in Sotschi ein von Samuragochi komponiertes Stück zu verwenden, mochte Takashi Niigaki nicht mehr länger schweigen.
Es handle sich hier um einen Betrug, liess Niigaki die Medien wissen. Der 43-jährige Lehrbeauftragte an der renommierten Tokioter Toho Gakuen School of Music habe als enger Vertrauter von Samuragochi über die letzten 18 Jahre hinweg dessen Musik komponiert. Rund zwanzig Stücke seien es gewesen.
Bereits letzten Mai mochte Niigaki nicht mehr der Komplize sein. Doch Samuragochi drohte mit Selbstmord, falls Niigaki mit dem Komponieren aufhören würde. Und so ging die ungewollte Zusammenarbeit noch eine Weile weiter.
Weder Komponist noch gehörlos?
Samuragochi hat den Betrug in einer Medienmitteilung zugegeben. Er entschuldigte sich bei seinen Fans. Doch seine Version hörte sich leicht anders an. Er könne durchaus komponieren und habe jeweils die grosse Idee geliefert habe, während Niigaki dann die Feinarbeit erledigt habe. Bei der Hälfte seiner Stücke habe er wegen seines Gehörverlusts Hilfe bezogen. Niigaki habe seine eigenen Gründe gehabt, wieso er nicht als Komponist öffentlich genannt werden wollte.
Dies brachte bei Niigaki das Fass zum Überlaufen. Am nächsten Tag machte er sich daran, den Mythos Samuragochi in einer Pressekonferenz komplett zu demontieren. Japans Beethoven sei nicht mal in der Lage Partituren zu schreiben. So sei er immer mehr in die Sache hineingerutscht. Der zunehmende Rummel um Samuragochi habe ihm nicht gepasst.
Ausserdem sei bei ihm nie das Gefühl aufgekommen, dass Samuragochi nichts hören könne. Man habe normale Gespräche geführt. Nur ganz am Anfang seien Handzeichen zum Einsatz gekommen. Offensichtlich hörte sich Samuragochi die aufgenommenen Kompositionen auch an und kommentierte diese.
Nicht gut bezahlt
Am Ende entschuldigte sich Niigaki öffentlich bei den Käufern der Musik für den Betrug. Als Ghostwriter habe er ebenfalls zur Legendenbildung beigetragen. Reich ist Niigaki mit dem heimlichen Komponieren übrigens nicht geworden. Bescheidene 7 Millionen Yen (rund 50’500 Euro) hat er von Samuragochi während der ganzen Zeit erhalten.
Das Label Nippon Columbia hat inzwischen reagiert und die Plattenverkäufe eingestellt. Die Stadt Hiroshima will Samuragochi laut TBS News die 2008 verliehene Ehrenurkunde entziehen. Es stellt sich zuletzt die Frage, ob die Musik auch ohne den Mythos Samuragochi den Fans gefallen hätte?
Update, 7. März 2013
Mamoru Samuragochi hat sich in einer langen Pressekonferenz für seine Vergehen entschuldigt. Mit kurzem Haarschnitt und ohne Sonnenbrille trat er vor die Medien. Samuragochi drücke sich auch sehr gut aus und hören konnte er offensichtlich auch genug. Sein Hörvermögen habe sich in den letzten drei Jahren wieder verbessert. Ein ärztlicher Test hatte ergeben, dass er zwar Hörprobleme hat, diese ihn aber nicht als gehörlos qualifizieren. Er habe mit Takashi Niigaki über 18 Jahre lange zusammengearbeitet. Er entschuldigte sich bei seinen Fans für sein Verhalten. Gleichzeitig zeigte er sich enttäuscht über die Reaktion von Niigaki. Dieser habe Unwahrheiten über ihn verbreitet, so Samuragochi.
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