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Wer vom Künstler Steve McQueen einen Kunstfilm erwartet, sitzt bei «12 Years a Slave» sprichwörtlich im falschen Film. Als Regisseur ist McQueen ein Erzähler, der seinen Stoff recht konventionell in Szene setzt. Das hat vollkommen seine Berechtigung: McQueen widmet sich ganz seiner Geschichte – jener des freien, afro-amerikanischen Bürgers Solomon Northup, der in die Sklaverei verschleppt wird. Jede andere Form, als die der konventionellen Erzählung mit Rückblenden, wäre dem britischen Künstler zu künstlich gewesen, hätte von seiner Kernaussage abgelenkt.
McQueen wollte keine parodistische Überzeichnung schaffen wie Tarantino mit «Django Unchained» – auch kein Kunstwerk. Er wollte diese ungeheuerliche Geschichte erzählen, er wollte anklagen. «12 Years a Slave» ist ein wütender Aufschrei, eine Faust in den Magen der amerikanischen Geschichte, ein wuchtiges Statement. Und trotzdem – oder gerade deshalb – auch ein Kunstwerk.
Entführt, verschleppt, versklavt
Der Film, den McQueen zusammen mit Drehbuchautor John Ridley schrieb, basiert auf einem Bestseller des 19. Jahrhunderts, der 1853 erschienen ist. Solomon Northup beschreibt darin präzise, wie er, ein freier Mann aus New York, entführt und in die Sklaverei verschleppt wird. Erst zwölf Jahre später gelingt es ihm mit Hilfe eines weissen Zimmermanns seine Identität aufzudecken und frei zu kommen.
Das Buch schrieb er direkt nach seiner Befreiung – und McQueen hat nicht nur die Geschichte daran interessiert. Northup, so McQueen, sei ein unglaublicher Beobachter gewesen und schreibe so präzise, dass das Grauen der Sklaverei nicht nur begreifbar, sondern auch sicht- und spürbar sei im Buch.
McQueen übernimmt genau dies in seinen Film. Über 134 Minuten nimmt das Publikum daran teil, wie ein Mensch total entmenschlicht wird. Wie er sich zunächst wehrt, wie er sein Wissen in die Arbeit einbringt, Kommunikation sucht. Und wie er immer wieder körperlich bestraft wird und seelisch erniedrigt. Wie er seinen Namen abgeben muss, Bildung verstecken und verleugnen muss, wie er langsam zerbricht.
Schöne Bilder kontrastieren das Unrecht
Die Kamera legt sich manchmal zusammen mit Chiewetel Ejiofor auf den Boden in den Dreck oder blickt direkt von oben herab auf die Szenerie, sucht einmal auch den Ausweg aus dem Sklavenschiff durch das Schaufelrad. Ein Ausweg, der nur dem Kinozuschauer bleibt, nicht aber den Sklaven. Die immer wieder wunderschönen Bilder – vom Verglühen eines Briefes im Dunkeln, den Solomon nicht abschicken kann oder von den wunderschönen Bäumen in den Sümpfen der Südstaaten, von Sonnenunter- und Aufgängen – verklären nichts, sie kontrastieren das Unrecht nur noch mehr.
Das Buch «12 Years a Slave» ist nur zwei Jahre nach dem Bestseller «Gone With The Wind» erschienen. Der Unterschied könnte nicht grösser sein: Verklärung dort, Anklage hier. McQueen selber bezeichnet das Buch von Solomon Northup als «Das Tagebuch der Anne Frank» für die USA. Die amerikanische Filmkritik spricht vom Film als Pendant zu «Schindler's List» für die US-Geschichte. Diese Vergleiche sind sehr stark und plakativ.
Aber klar ist: Hier legt einer (ein Brite zwar, aber ein Afro-Brite) den Finger ganz tief in eine Wunde der nordamerikanischen Geschichte. Und regt eine Diskussion an, die immer noch geführt werden muss, auch knapp 136 Jahre nach dem Abschaffung der Sklaverei.