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Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (08.09.2009)
Das Luzerner Theater hat am Sonntag seine Saison mit einer Oper nach Georg Büchners Drama-Fragment «Woyzeck» eröffnet. Nicht die bekannte von Alban Berg, sondern die praktisch gleichzeitig entstandene von Manfred Gurlitt.
Die 2 auf dem Rücken hat sie nie abwischen können, die «Wozzeck»-Oper von Manfred Gurlitt. Praktisch gleichzeitig arbeiteten zwischen 1923 und 1925 der deutsche Kapellmeister in Bremen und der Schönberg-Schüler Alban Berg in Wien an einer Opernfassung von Büchners Drama-Fragment «Woyzeck». Während der Komposition hatten sie wohl keine Ahnung von der Arbeit des jeweils anderen; erst die Tatsache, dass beide Werke in der Wiener Universal-Edition verlegt wurden, dürfte den Schleier gelüftet haben.
Von Beginn an im Schatten Bergs
Bergs «Wozzeck» wurde als erste atonale Oper im Dezember 1925 uraufgeführt und machte sogleich mächtig Eindruck. Als Gurlitts Version vier Monate später in Bremen auf die Bühne kam, erntete er zwar auch Anerkennung, aber die Affiche «der Zweite Wozzeck» blieb am Werk hängen.
Nicht ganz zu Unrecht, muss man nach der verdienstvollen Aufführung am Sonntag in Luzern sagen - aber Gurlitts Tonsprache ist deswegen nicht uninteressant. Er pflegte eine durchaus avancierte Harmonik, setzte die Singstimmen einerseits mit Gewinn in instrumentalen, das heisst wortlosen Vokalisen ein, liess sie ansonsten aber hauptsächlich recht einfach, manchmal parodistisch deklamieren. Defizite gibt es eher in der Ausformung melodischer Gedanken, die manchmal arg banal wirken, oder bei der Zuspitzung der dramatischen Ereignisse.
Der Wahnsinn steht im Hintergrund
Die sozialkritische Seite des Stoffs war Gurlitt viel wichtiger als Berg. Der schillernde Wahnsinn Wozzecks oder die zynischen Psycho-Experimente des Doktors stehen bei ihm weniger im Zentrum als Erklärung für Wozzecks Handeln als die naturalistisch ausgeleuchtete Darstellung der «armen Leut'». Interessant sind Gurlitts Orchesterfarben und Klangmischungen, die er für die Szenen findet, in denen Wozzeck Stimmen hört oder vorstellt.
Gerade in dieser Beziehung hätte der Dirigent Mark Foster, der das Stück ansonsten engagiert und kompetent leitete, noch mehr herausholen können. Die meist kammermusikalisch zusammengesetzten, expressiven Szenen leben einerseits von der solistischen Brillanz der Orchestermusiker, andererseits von der Delikatesse der Klangmischungen und der Subtilität etwa im Streichersatz. Dieses feine Geflecht auszutarieren und die zum Teil exquisiten Stimmungen im Detail noch stärker herauszuarbeiten, wäre sicher ein Gewinn für das Stück.
Überzeugendes Sängerensemble
Zählen konnte die Luzerner Produktion auf ein engagiertes Sängerensemble, das vor allem in den kleineren Rollen - etwa mit Caroline Vitale als Margaret/Alte Frau, Thomas Gazheli als Hauptmann oder Manuel Wiencke als Tambourmajor - restlos überzeugte. Simone Stock als Marie und Marc-Olivier Oetterli sangen zwar hörbar an ihren stimmlichen Grenzen, machten mit Einsatz und dramatischer Emphase aber vieles wett.
Die konzentrierte Inszenierung von Vera Nemirova versuchte gar nicht, naturalistische Elemente in diese Folge kurzer fragmentarischer Szenen einzubringen. Werner Hutterli hatte ihr eine quadratische Arena gebaut, in der Wozzeck wie im Reagenzglas als Spielball der Gesellschaft vorgeführt wird. Die übrigen Figuren treten aus der weiss uniformierten Masse nur als Abbilder ihrer Rollen hervor. Nur Marie erhält ein wenig Individualität, die sich aber fast ausschliesslich auf ihr Kind und ihr Gewissen - und nicht auf Wozzeck - konzentriert.
Das Luzerner Theater setzt sich mit dieser Koproduktion mit dem Lucerne Festival nicht nur für eine vergessene Oper ein. Es wirft zur Saisoneröffnung ein Schlaglicht auf den Stoff selbst: Er kommt ab dem 18. September auch in einer Musik-Theater-Version auf die Bühne. Nicht in jener von Berg, sondern als Rockmusical von Tom Waits, Kathleen Brennan und Robert Wilson; eine interessante Gegenüberstellung, unterstützt durch günstige Kombi-Tickets.