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Bahnhof St. Gallen, 10.00 Uhr morgens. Ein junger Mann in schwarzem Mantel und mit Lockenfrisur redet mit einem Greenpeace-Aktivisten. Er lässt sich nicht vollquatschen, sondern diskutiert engagiert, wedelt dabei mit der Brezel in seiner Hand, hält entgegen und schliesst mit dem Satz ab: «Ich bin noch zu jung, um zu unterschreiben.»
8. 4. 2005. Eine Frau wacht in ihrem Bett auf und hört Schreie. Die Wohnung brennt. Ihr Mann brennt. Sie schafft es, ihn mit dem Stubenteppich zu löschen. Knapp und dramatisch erzählt mir heute, mehr als ein Dutzend Jahre später, ein Mann mit Cowboy-Hut die Geschichte. Er zieht an einem Strohhalm, der aus einem Humpen Bier ragt. Sein Gesicht ist dabei verdeckt. Als er wieder aufblickt, ist das Resultat des Wohnungsbrands nicht zu übersehen. Verbrannte Ohren, unzählige Narben, ein lippenloser Mund. Der 49-jährige Marcel Mathis reibt sich die Hände, an deren Fingern mehrere Totenkopfringe stecken.
Moosfluh, 2333 Meter über Meer. «Heute gehen wir auf Wegen, die Tolkien zu ganz Grossem inspiriert haben», sagt der Tolkien-Kenner Bastian Keckeis mit Blick auf den Grossen Aletschgletscher. Zwischen schroffen Felswänden und Berggipfeln schlängelt sich der Eisriese seinen Weg durch das Tal. Schneebedeckt und nebelverhangen wacht die Jungfrau über dem ewigen Eis.
Ein Berg, der den Kanton Bern vom Wallis trennt, und ein Berg, der einen jungen Mann für den Rest seines Lebens in den Bann ziehen kann. Mit 19 Jahren sah J. R. R. Tolkien denselben Gletscher, dieselben Berge. Seine Augen erblickten zum ersten Mal die Alpen. Besonders die Jungfrau und das Silberhorn imponierten ihm. Noch 50 Jahre später schrieb er seinem Sohn Michael, dass er den Blick auf die Jungfrau «mit grossem Bedauern» verliess. Das Silberhorn wurde zur «Silberzinne seiner Träume». Der Anblick der Natur brachte seine Fantasie ins Rattern. Aus den Walliser Bergen schuf er das Nebelgebirge. Dort liess er Zwerge wohnen, Trolle wüten und Frodo beinahe scheitern.
«Das Leben ist ein Weg», sagt Gabrielle Nanchen. Und auf diesem Weg war die heute 75-Jährige ihrer Zeit stets ein paar Schritte voraus. Sie studierte Politik und Soziologie, als Frauen noch gar nicht politisch mitbestimmen durften. Mit 28 Jahren trat sie als Nationalrätin unter die Kuppel im Bundeshaus, das war 1971, im Jahr, als Frauen zum ersten Mal schweizweit an die Urne durften.
Donat Locher steht auf der Plattform, sieht drei Dutzend riesige Antennen, die ihre Ohren in den kaltblauen Himmel strecken. Umgeben werden sie von Betonmauern und Zäunen. Alles umfasst mit Stacheldraht. Der kräftige Wind bläst und pfeift durch die Anlage, ein Gefühl der Isolation macht sich breit. Donat Locher sagt: «Hier oben fühlt es sich an wie auf einer Ölplattform.»
300 Tage haben wir gespielt. Krieg kann es immer geben, haben sie gesagt. Wir haben gespielt, dass irgendwas passieren könnte. Ich denke an den letzten Krieg, der hier wohl gewütet hat. Lange ist es her, stets verschont sind wir geblieben von den Gräueln des Krieges. Und trotz der Zeit, die verflossen ist und den Erinnerungen an Kriege, die wir nur aus den Geschichtsbüchern kennen, spielen wir weiter Krieg. Jedes Jahr rücken Tausende Männer und ein paar Frauen in Kasernen ein, bekommen Gasmasken, einen ABC-Schutzanzug und verschweissen ein frisches Paar Unter-hosen und einen Farmer in einen Plastiksack. Nur für den Fall. Aber für welchen Fall? Meistens haben wir nur gewartet.
«Auf Gejammer stehe ich null»
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre es?
«Kann ich auch zwei Wünsche haben?»
Ausnahmsweise ja.
«Ich möchte gerne 300 Jahre alt werden. Und ich wünsche mir einen richtig fairen, ordentlich regulierten Kapitalismus. Das klingt doch gut?»
Und wenn Sie sich entscheiden müssten?
«Dann will ich 300 Jahre alt werden und gucke mir an, wie die Welt untergeht.
«Baudelaire hat gesagt, dass man die eigene Geschichte nur durch die Augen der Armen erkennt. Aus einem einfachen Grund: Reichtum bedeutet auch Schutz, Schutz vor der Wirklichkeit. Sobald man arm ist, steht man in einem direkten Kontakt mit der Wirklichkeit. Wenn ich keine Schuhe trage, fühle und erkenne ich den Boden, das kann Schmerzen bereiten, kann mich verletzen, aber gewiss erfahre ich mehr über den Boden, und zwar aus eigenem Interesse.»
«Die unglücklichen Lieben bieten die spannenderen Geschichten. Gute Erlebnisse beschäftigen uns nicht auf die gleiche Weise. Wir grübeln über Dinge, die schiefgegangen sind, die in uns bohren und schmerzen. Da wird es für mich als Geschichtenerzähler spannend. In der Tat habe ich bereits seit einigen Jahren vor, ein Liebeslied zu schreiben, das ganz ohne Leid auskommt. Es ist mir einfach noch nicht gelungen.»