Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03243.jsonl.gz/1813

Carelink wurde nach dem Flugzeugabsturz in Halifax gegründet. Wie muss man sich das gesellschaftliche Umfeld vorstellen?
Walter Kälin: Fluggesellschaften waren die Ersten, die eigene Careteams zur Bewältigung möglicher Katastrophenfälle aufbauten. Gesellschaftlich relevant wurden diese jedoch erst, als 34 Schweizerinnen und Schweizer 1997 bei einem Attentat in Ägypten umkamen und professionelle Betreuung der Betroffenen und Angehörigen weitgehend fehlte. Breiter eingesetzt wurden Careteams erst 2001 nach einem parlamentarischen Vorstoss von Felix Gutzwiller.
Kaum war der Verein Carelink gegründet, folgte das Grounding der Swissair. Was bedeutete das?
Als es zum Zusammenbruch der Swissair kam, wäre Carelink durch die steigende Nachfrage finanziell fast selbsttragend gewesen. Durch das Grounding löste die Swissair jedoch das Arbeitsverhältnis mit den beiden Carelink-Gründern Richard Frei und Franz Bucher auf. Damit verloren die beiden Initianten über Nacht ihre Stelle und der Verein verlor eines der Gründungsmitglieder sowie dessen finanzielle Unterstützung. Glücklicherweise sprang das zweite Gründungsmitglied, die SBB, kurzfristig in die Bresche und nahm die beiden Carelink-Gründer unter Vertrag. Allerdings wollten diese ihre Dienstleistungen nicht ausschliesslich den Schweizerischen Bundesbahnen zur Verfügung stellen. Deshalb wurde der Verein 2003 in eine Stiftung umgewandelt. Seither ist die Nachfrage nach Betreuungsdienstleistungen ständig gestiegen.
Wenige Monate nach dem Swissair Grounding stürzte am 24. November 2001 eine Crossair-Maschine in Bassersdorf ab. Waren die Carelink-Mitarbeitenden darauf vorbereitet?
Ja. Das Team bestand aus denselben Personen, die sich nach dem Absturz der Swissair-Maschine in Halifax um die Angehörigen der verunglückten Passagiere gekümmert hatten. Das Know-how war also vorhanden, um eine solche Krise zu bewältigen. Wir betreuten die Überlebenden und Hinterbliebenen psychologisch und sorgten darüber hinaus auch für die Trauerbegleitung, führten Gedenkanlässe durch und organisierten die Überführung der persönlichen Gegenstände der Verstorbenen.
Nicht alle Ereignisse werden in den Medien publik...
Das stimmt. Unser Alltag besteht darin, Firmen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu unterstützen. Etwa bei der Bewältigung von tragischen Unfällen und plötzlichen Todesfällen, von Suiziden, Überfällen, Gewaltverbrechen und Drohungen. Nach einem Ereignis wie dem Amoklauf in Zug ist die mediale Aufmerksamkeit natürlich viel grösser. Das erfordert zusätzliche Kenntnisse zum Schutz der Betroffenen.
Beispielsweise?
Vor 15 Jahren waren soziale Medien weitgehend inexistent. Man konnte nicht alles sofort posten. Das hat sich komplett verändert. Das Wichtigste ist deshalb, Betroffene möglichst schnell vom Ort des Geschehens wegzubringen, um ihre Persönlichkeitsrechte zu schützen. Wichtig ist auch ein Schutz im eigenen Zuhause. Beispielsweise wenn ein Reporter gleich nach dem Unglück mit einem Blumenstrauss vor der Türe steht, um die betroffene Person zu einer Aussage zu bewegen. In solchen Fällen arbeiten wir mit den Behörden zusammen und lassen einen Journalisten auch mal wegweisen.
Wie helfen Sie Betroffenen sonst noch?
Nach einem belastenden Ereignis wie einem schweren Unfall treffen wir auf ganz unterschiedliche Reaktionen und Bewältigungsstrategien. Beispielsweise auf Menschen, die unter enormem Stress stehen, oder solche, die ein Gefühl von Hilflosigkeit, Trauer oder Wut entwickelt haben. Wir helfen Betroffenen dann, Struktur, Sicherheit und Ruhe wiederherzustellen, und bieten ihnen die Möglichkeit, das Erlebte zu erfassen, zu bewerten und einzuordnen. Dies ist die Hauptaufgabe der Notfallpsychologinnen und Notfallpsychologen. Wiederermächtigung und Herstellung der eigenen Handlungsfähigkeit ist das oberste Ziel. Dies, um eine potenzielle Traumafolgestörung zu verhindern und einen konstruktiven Weg zur Krisenbewältigung zu finden.
Wann kann das Erlebte zum Trauma werden?
Ereignisse sind nicht per se traumatisierend, es gibt aber potenziell traumatische Ereignisse. Menschen können ganz viel bewältigen. Eine Traumafolgestörung kann erst vier Wochen nach einer Diagnose gestellt werden. Das ist normalerweise eine Zeitspanne, in der Betroffene sich von einem Ereignis erholen und wieder Tritt fassen. Im notfallpsychologischen Handeln müssen zudem einige Grenzen gezogen werden, zum Beispiel zur Psychotherapie, zur psychiatrischen Behandlung oder zum betrieblichen Sozialdienst. Die wichtigste Haltung in der Krisenintervention? Es geht um seelisch gesunde Menschen, denen etwas Schlimmes widerfahren ist, denen wir aber zutrauen, diese Krise zu bewältigen.
Sind Firmen auf Notfälle vorbereitet?
Die meisten schon. Diese haben aber auch einen Krisen- oder Notfallplan. Die Pandemie hat Betriebe sensibilisiert, psychisch belastete Mitarbeitende besser zu unterstützen. Organisationen wie die SBB haben hierfür eigene Strukturen aufgebaut, andere holen sich extern punktuell Hilfe, weil sie die Ressourcen und das Know-how zur Krisenbewältigung nicht haben.
Wo besteht Handlungsbedarf?
Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden im Unternehmen ist. Firmen können hier noch vermehrt Angebote schaffen, denn die Sensibilisierung und Akzeptanz, externe professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, hat zugenommen. Um sich in einem Gespräch oder vor Ort über Sorgen oder Ängste auszutauschen, sollten sich Mitarbeitende und Vorgesetzte beim oder über das HR bei einer psychologischen Fachperson melden.
Carelink
Nach dem Swissair-Flugzeugabsturz in Halifax geht aus dem zur Katastrophenbewältigung eingesetzte Emergency Team 2001 der Verein Carelink hervor. Nach dem Grounding der Fluggesellschaft wird Carelink zunächst Teil der SBB, bevor sich die beiden Gründer von der Schweizerischen Bahngesellschaft trennen und Carelink 2003 in eine Stiftung überführen. Heute beschäftigt die Geschäftsstelle der Stiftung zehn Mitarbeitende, die bei einem Ereignis auf ein 350-köpfiges Freiwilligenteam, darunter 85 Notfallpsychologinnen und Notfallpsychologen, zurückgreifen können. Carelink zählt knapp 170 Firmenkunden und leistete zahlreiche Hilfestellungen. Etwa 2004 bei der Repatriierung von Schweizerinnen und Schweizern nach dem Tsunami in Asien oder 2010 nach dem Erdbeben in Haiti und 2020 während der Corona-Pandemie. Letztes Jahr hat die Organisation rund 273 Einsätze geleistet. Nebst Akuteinsätzen und Beratung in der Krisenkommunikation bietet Carelink Firmenkurse zu verschiedenen Themen und führt Notfallübungen in den Unternehmen durch.