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Sing-Song-Signs & Folded Stories
Eine Ausstellung über das Leben und Werk der Künstlerin Warja Lavater (1913–2007)
1991 vertraute Warja Lavater der Zentralbibliothek Zürich ihren künstlerischen Vorlass als Depositum an. Dieses wurde mit ihrem Tod 2007 in eine Schenkung umgewandelt. Zum 30. Jahrestag der Übergabe ihres Œuvres veranstalteten die Graphische Sammlung und der Themenraum Turicensia eine umfassende Retrospektive. Gastkuratorin war die Lavater-Spezialistin Carol Ribi.
Die Buchkünstlerin, Malerin und Gestalterin Warja Lavater bildete sich 1931–1935 bei Ernst Keller (1891–1968), einem Meister der Schriftkunst, an der Kunstgewerbeschule in Zürich zur Grafikerin aus. 1937 gründete sie mit dem Werbegrafiker Gottfried Honegger (1917–2016) ihrem späteren Ehemann, ein gemeinsames Atelier. Honegger avancierte in den folgenden Jahren zu einem renommierten Künstler und Bildhauer. Lavaters bekannteste Arbeiten aus ihrer Anfangszeit als Grafikerin sind die Schlüssel für den Schweizerischen Bankverein (die heutige UBS) und das Signet für die Landesausstellung 1939.
In den Jahren 1957–1958 gestaltete Warja Lavater die «Linie» für die zweite «Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA)» in Zürich, die auf elf monumentalen Bildtafeln bedeutende Frauen aus zehn Jahrhunderten in Erinnerung rief. Das einzige noch existierende Werk, das sich im Besitz der Zürcher Bullingerkirche befindet, konnte im Foyer der ZB nach mehr als sechzig Jahren der Öffentlichkeit erstmals wieder präsentiert werden (Abb. 1). Das in einer plakativen Bildsprache ausgeführte Gemälde markiert den Übergang der Künstlerin von ihrer gebrauchsgrafischen Tätigkeit zum freien Kunstschaffen.
1958–1960 lebte Warja Lavater mit Gottfried Honegger in New York. Unter dem Eindruck der chinesischen und japanischen Faltbücher und der US-amerikanischen Strassensignaletik (Abb. 2) entwickelte sie ihre berühmten Leporellos. Auf eine faszinierende Art übersetzt die Künstlerin alte Legenden oder Märchen wie das «Rotkäppchen» (Abb. 3) in eine zeitgenössische abstrakte Bildsprache. Den Protagonisten der Erzählung werden zu Beginn jedes Künstlerbuches Symbole wie verschiedenfarbige Kreise, Dreiecke und Rechtecke zugeordnet, anhand derer sich die Geschichte entwickelt. Lavaters Kunst ist auf diese Weise universell und sprachunabhängig verständlich. Diese «Notationen» verwendete sie in der Folge auch in ihren Gemälden und in Arbeiten auf Papier, die ebenso humorvolle wie gesellschaftskritische Aussagen beinhalten. In «Le contrôle garanti par le conformisme» (Abb. 4) lässt sie Citoyens, die an Ameisen erinnern, ihren Lebensweg zurücklegen, auf dem sie mit diversen Konventionen beladen werden. Einige tragen die Last, andere zerbrechen daran, nur einzelne befreien sich davon. Ihre Karriere beschloss Warja Lavater im hohen Alter mit dreidimensionalen Objekten, die der Paper Art (Abb. 5) zugerechnet werden, sowie mit preisgekrönten Filmen, die mit musikalischer Untermalung die Piktogramme ihrer Faltbücher in Bewegung setzen.
Lavaters Kunst hat nichts an Frische, Humor und Klarheit eingebüsst. Im Gegenteil haben sich parallel zur Ausstellung Studierende der Fachrichtung Game Desgin an der Zürcher Hochschule der Künste von Lavaters Symbolik zu Videospielen inspirieren lassen. Positiv war auch die Resonanz des Publikums im Benutzerbuch, wie folgende Einträge belegen: «Endlich erhält eine grossartige Zürcher Künstlerin wieder die Chance, entdeckt zu werden. Höchste Zeit!» und «Man/frau könnte stundenlang staunen!»
Dr. Jochen Hesse
Leiter Graphische Sammlung und Fotoarchiv
«Sing-Song-Signs & Folded Stories»
Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich & Themenraum Turicensia
3. März 2021 - 19. Juni 2021