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1417, 21.3.1487 Ranft (Gem. Sachseln), aus Unterwalden. ∞ Dorothea Wyss ( -> 2). In den ersten fünfzig Jahren seines Lebens war F., der später als Bruder Klaus bekannt wurde, v.a. Bauer und Vater von fünf Söhnen und fünf Töchtern. Vor 1467 wird er dreimal urkundlich erwähnt. 1462 erscheint er als Vertreter Obwaldens in einem Urteilsspruch, den die Kastvogteiorte im Streit zwischen dem Kloster Engelberg und den Pfarrgenossen von Stans fällten. Aus dem Dokument lässt sich indirekt auf eine Mitgliedschaft F.s in Rat und Gericht von Obwalden schliessen. Zu den führenden Männern des Landes gehörte er jedoch nicht. Polit. Bedeutung erlangte er erst, nachdem er der inneren Stimme, die er als Ruf Gottes begriff, endgültig gefolgt war.
Am 16. Okt. 1467 nahm F. Abschied von seiner Familie und begab sich auf eine Pilgerreise. Sie führte ihn bis Liestal, wo er sich - die ganze Stadt schien ihm in feuriges Rot getaucht - zur Umkehr entschloss. Er kehrte jedoch nicht zu seiner Familie zurück, sondern übernachtete in einem Kuhstall in der Nähe seines Hauses. Am nächsten Morgen zog er sich in den Wald im Melchtal zurück, in dem er nach einigen Tagen von Jägern entdeckt wurde. Aufgrund einer Vision baute er sich in der Ranftschlucht in der Nähe seines Hofes eine Hütte, in der er fortan leben wollte. Die Kunde, dass Klaus ohne Nahrung lebe, verbreitete sich rasch, zog Neugierige an und alarmierte weltl. und kirchl. Behörden. In Obwalden wurden durch Ratsbeschluss Wächter angestellt, welche den Eremiten während eines Monats sorgfältig beobachteten, doch fand man nichts, "was religiöse Heuchelei aus eitler Prahlerei verriet" (gemäss Heinrich Wölfli). Von kirchl. Seite wurde 1469 bei der Einweihung der Kapelle im Ranft im Auftrag des Konstanzer Bischofs die Abstinenz von Klaus geprüft und weder Betrug noch Dämonie festgestellt.
Trotz der Zäsur, die das Jahr 1467 darstellt, gibt es Verbindungen zwischen den Lebensabschnitten vor und nach der Hinwendung zum Eremitentum. In Visionen und mystischen Meditationen bereitete sich F. darauf vor. Zu den Besonderheiten von Bruder Klaus, welcher der Bewegung der spätma. Gottesfreunde zuzuordnen ist, zählt seine Verbundenheit mit der oberrhein. Mystik; seine Äusserungen weisen insbesondere Berührungspunkte zum Sprach- und Gedankengut von Heinrich Seuse auf. Auch als Mystiker blieb F. jedoch durchaus an weltl. Dingen interessiert. Der Rat des "lebendigen Heiligen" wurde nicht nur von einfachen Leuten gesucht, wie ein Bericht offenbart, den der Gesandte des Hzg. von Mailand, Bernardino Imperiali, im Juni 1483 über seinen Besuch im Ranft erstattete. Er fand den Einsiedler "informato del tutto" vor, also bestens unterrichtet über die Angelegenheit, derentwegen er in die Innerschweiz geschickt worden war. Der vermittelnde Einfluss, den Bruder Klaus, ohne persönlich anwesend zu sein, beim Abschluss des Stanser Verkommnisses 1481 ausübte, gilt als erwiesen. Am Ende seines Lebens nannte F. gegenüber dem vier Jahre älteren Erni Anderhalden "dry gros gnaden", für die er Gott zu danken habe: die erste, dass die Trennung von der Familie mit deren Einverständnis einhergegangen sei, die zweite, dass er nie die Anfechtung verspürt habe, zur Familie zurückzukehren und schliesslich, dass er ohne leibl. Speise und Trank leben konnte.
Erste Nachrichten über das Leben des Bruder Klaus wurden im "Pilgertraktat" (Erstdruck um 1487) festgehalten, einer in Augsburg verfassten, illustrierten Erbauungsschrift. 1488 wurde im Sachlser Kirchenbuch über Bruder Klaus berichtet. Heinrich von Gundelfingen und Heinrich Wölfli verfassten 1488 bzw. 1501 erste Biografien. Seit der Quellenedition von Robert Durrer kann die hist. Gestalt des Bruder Klaus von späteren Legenden und Mythen deutlich abgehoben werden. In Sachseln setzte die Verehrung des "Gottesgelehrten" schon in den ersten Jahren nach seinem Tod ein. Sein Bild erschien 1492 auf dem spätgot. Flügelaltar in der Pfarrkirche Sachseln, seit 1510 befinden sich eine Relieffigur im Beinhaus auf dem Friedhof und seit 1513 eine Plastik am Sakramentshäuschen in der Pfarrkirche. Namhafte Künstler liessen sich von der Gestalt des Eremiten inspirieren. Von zentraler Bedeutung für die Spiritualität von Bruder Klaus war das Gebet. Das "gewonlich bet" wurde aufgrund der Ausstrahlung des Obwaldners handschriftlich bis nach Norddeutschland verbreitet. Sein Wortlaut wurde u.a. vom luth. Pfarrer Johann Heermann, von Paul Gerhardt und von Clemens Brentano literarisch aufgenommen. Vom Beginn des 16. Jh. an tauchte die Figur des Bruder Klaus in gereimten Schriften und in Prosatexten von kath. und prot. Autoren auf. Eine weitere Besonderheit der Bruder-Klaus-Rezeption ist die Symbolik des Betrachtungsbildes, welches der Einsiedler in seiner Zelle hatte. Dargestellt ist ein sechsspeichiges Rad mit dem gekrönten Haupt in der Nabe. Das Bild, das im Grossraum Oberrhein entstanden ist, gilt als beachtenswertes Beispiel symbolischer Malerei mit tiefem theol. Gehalt. Auf Interesse stiessen auch die Berichte über die Visionen von Bruder Klaus (Stein, Öl, Brunnen, Turm, Lilie), die tiefenpsychologisch untersucht wurden.
Nach dem Tod des Einsiedlers besuchten viele Pilger die Bruder-Klausen-Stätten in Sachseln und auf dem Flüeli. Vor 1550 gelobten die Sachsler einen jährl. Bittgang in den Ranft. Kurz davor und danach hatten Nidwalden und Obwalden regelmässige Landeswallfahrten zu Bruder Klaus beschlossen. Seit 1787 werden in Sachseln Bruder-Klausen-Jubiläen gefeiert. Mehrmals (1518, 1600, 1625, 1654, 1679, 1732) wurde das Grab des Eremiten feierlich geöffnet. Die kirchl. Erlaubnis, ihn auf den Altären zu verehren, wurde erst nach langen Bemühungen erteilt. Nach mehreren Anläufen zwischen 1587 und 1647 erfolgte 1648/49 die Seligsprechung. Nach 1865 wurden die Anstrengungen für die Heiligsprechung wieder aufgenommen, und Papst Pius XII. vollzog sie schliesslich am 15. Mai 1947. Damit erfuhr der Bruder-Klausen-Kult einen neuen Aufschwung. Besonders seit dem 2. Weltkrieg pilgern jedes Jahr Tausende aus der Schweiz und aus Deutschland zu Bruder Klaus. Nachdem F. für die Schweizer besonders in den beiden Weltkriegen zum (überkonfessionellen) Schutz- und Friedenspatron geworden war, erlangte er diesen Ruf seit seiner Heiligsprechung weit über die Grenzen der Schweiz hinaus. Gefördert wurden die Wallfahrten auch durch die Gründung des Bruder-Klausen-Bundes 1927 und die Errichtung des Bruder-Klausen-Museums in Sachseln 1976. Der bekannteste der überlieferten polit. Ratschläge des Einsiedlers, "Machet den zun nit zu wit", wurde vom Chronisten Hans Salat (1537) überliefert. Noch 1986 und 1992, in den polit. Auseinandersetzungen um den Beitritt zu den Vereinten Nationen und zum Europ. Wirtschaftsraum, wurde der Ausspruch als Mahnung zur Vorsicht im Hinblick auf die polit. Öffnung der Schweiz verwendet.
Quellen
– Bruder Klaus: die ältesten Qu. über den seligen Nikolaus von F., sein Leben und seinen Einfluss, hg. von R. Durrer, 2 Bde., 1917-21
– R. Amschwand, Bruder Klaus, Ergänzungsbd. zum Quellenwerk von Robert Durrer, 1987
Literatur
– H. Stirnimann, Der Gottesgelehrte Niklaus von F., 1981 (22001)
– H. Stirnimann, «Niklaus von F., Identifikation und Inspiration», in UKdm 35, 1984
– VL 6
– R. Gröbli, Die Sehnsucht nach dem "einig Wesen", 1990
– P. Baud, Nicolas de Flue (1417-1487), un silence qui fonde la Suisse, 1993
– E. Walder, Das Stanser Verkommnis, 1994
– A. Keel, Bruder Klaus und Dorothea, 1995
Autorin/Autor: Ernst Walder, Heinrich Stirnimann, Niklaus von Flüe