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Diskontinuität / Discontinuité / Discontinuity
Alexander Honold: Hysteron proteron. Musils Zeitstürze
In der Prosa Robert Musils herrscht auf den ersten Blick ein vergleichsweise konventioneller Erzählton, der mit der avancierten inhaltlichen Modernität des Erzählten nicht recht übereinzustimmen scheint. Bei genauerer Betrachtung aber ist das Erzählverhalten bereits in der frühen Prosa (Törless, Tonka) und erst recht im Mann ohne Eigenschaften von paradoxen Manövern durchzogen, welche die Erzählung eines plots ebenso sehr vereiteln wie befördern. Musil kritisiert die narrative Konsekution als blosse perspektivische Verzerrung und setzt an ihre Stelle aporetische Zeitstrukturen, die das Spätere vor dem Früheren (hysteron proteron) sagen und damit die Unmöglichkeit freilegen, im Erzählvorgang die Textgenese zu simulieren.
Christian Villiger: Ver/gleich. Zur Digression in Jean Pauls Leben des Quintus Fixlein
Der Aufsatz untersucht Jean Pauls digressive Metaphorik im Quintus Fixlein. Der metaphorisch konstituierte Text schwankt zwischen der Potenzierung möglicher Sinnbezüge, die eine Lesbarkeit der Welt suggeriert, und dem Verlust von Zusammenhang. Auch die Idylle ist ein durch Überhöhung metaphorisch erschriebener Ort, der dadurch zugleich als prekärer erscheint. Der Digression kommt insgesamt die Aufgabe zu, die Produktion von literarischer Bedeutung zu reflektieren und erweist sich als ein auf die Moderne vorausweisendes Verfahren des Sinnaufschubs.
Tobias Weber: „That Indescribably Small Interval“. Emerson and the Problem of America’s Epoch
Because the advent of a culture specifically American hinges on America’s turn from Europe, early American literature abounds with accounts of moments of passage and transition. This paper collates material from Emerson’s essays to argue that they reformulate the problem of America’s epoch as one of its poetic transition or passage. The beginning of America’s epoch thus depends both upon a liminal moment of historical passage as well as upon a moment of poetic transition in which ‘America’ itself is refigured.
Natacha Lafond: Ponge et Rameau. Pour une réson d’êtres au XXe siècle
Cette étude s’attache à l’œuvre d’un poète moderne, Francis Ponge, et à son écoute des règles et des qualités de Rameau, compositeur baroque. Les passages consacrés à la musique instaurent une poétique qui se revendique de ces règles musicales du baroque, comme réaction au classicisme du XVIIe siècle, dans un mouvement de différenciation nécessaire, où le « baroque [représente] la corde sensible du classicisme ». La discontinuité est pensée ainsi comme une notion nécessaire à la pratique d’une Langue moderne, qui désigne cette différence de la langue à la musique et du baroque au classicisme, tout en ouvrant aux qualités philosophiques et morales de la « rigueur variée » des « lyres » au pluriel.
Tamara Rüegger: „… du bedünckest mich vor ein Kalb viel zu verständig zu seyn“. Zur Kunst der Transformation und Integration von enzyklopädischen Quellen in Grimmelhausens Simplicissimus Teutsch
Grimmelshausen betreibt die Transformation von enzyklopädischen Quellen ins Narrative mit hoher Kunstfertigkeit. Wenn im Simplicissimus das eigentlich fremde Wissen in Gespräche einfliesst, geht damit von Seiten der Figuren im Text immer auch ein Gebrauch und damit ein (Miss-)verständnis dieses Wissens einher. Der Artikel untersucht die Brüche und Diskontinuitäten, die dadurch entstehen und im Text selber auch dargestellt werden. Diese Darstellung richtet den Fokus darauf, dass Wissen immer diskurs- und interessengebunden verwendet wird.
Thierry Gillyboeuf: E.E. Cummings. Une esthétique de la (dé)composition
Virtuose de la machine à écrire, E.E. Cummings est l'inventeur d'une contre-langue et d'un contre-système de ponctuation qui lui permettent de libérer le sens du poème. Obsédé par la Composition, de son propre aveu, il n'a cessé de chercher une façon de re-présenter, de manifester le réel, en usant d'une typographie synesthésique. Ce qui peut, au prime abord, n'apparaître que comme un jeu d'écriture, répond en réalité à une profonde réflexion (intuitive) sur le langage et sur sa façon de restituer au plus près l'émotion. Cela passe par la nécessaire recréation-récréation des « mots de la tribu », contraignant de la sorte le lecteur à reconstruire le poème. Celui-ci étant « toujours la belle réponse qui pose une plus belle question ».
Daniel Cuonz: Der Denker auf der Probebühne. Walter Benjamins Theorie und Praxis der Übung
Die Frage, ob und wie die Lektüre literarischer Texte produktive Diskontinuitäten in der Konzeptualisierung der Relation Alt-Neu erfahrbar machen kann, hat im Denken Walter Benjamins mehrere Einsatzstellen. Wie sich diesbezügliches Wissen in seinen Schriften zu lesen gibt, entspricht auf verblüffende Weise dem, was er selbst „Übung“ nennt. Die Vermutung, dass Benjamins Theorie der Übung die Erfahrbarkeit der Diskontinuität des Übens als eine Begegnungsqualität im Umgang mit Texten einschliesst, wäre daran zu messen, inwiefern sie in seinem Schreiben die Entsprechung eines Übens mit Diskontinuitäten fände. Zum Beispiel in der Mehrfachbegegnung mit Baudelaires Gedicht „Le Cygne“.
David Christoffel: Le grain n’est pas le sujet
Partant d’une définition quantique de la discontinuité, cet article soumet à expérience, la pertinence du concept de discontinuité dans le champ musical, en cherchant à définir ce que pourrait être une musicologie quantique. En démontrant l’insuffisance d’une seule approche historiographique de quelques corpus de pratiques musicales hétérogènes, il s’agit d’éprouver comment notre sujet n’est pas le grain (quantum à partir duquel la continuité n’est plus opérante, dans le champ musical de même), mais l’atermoiement paradigmatique qui lui permet d’entendre la musique poétiquement.
Johannes Fehr: … und nichts als sie. Eine epistemologische Rhapsodie
Das von Niels Bohr aufgestellte ‚Quantenpostulat’, wonach jeder atomare Prozess einen Zug von Diskontinuität enthält, führte in den zwanziger Jahren zu einer über die Grenzen der Physik hinaus reichenden Erschütterung der Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnis und zu einer vielstimmig geführten Debatte zur ‚Krise der Wirklichkeit’. Überlegungen, mit welchen sich der aus Lemberg / Lwów stammende Mikrobiologe und Wissenschafts-theoretiker Ludwik Fleck in diese Debatte einschaltete, werden in einer Textcollage zu Auszügen u. a. aus den Romanen Radetzkymarsch von Joseph Roth und Sól ziemi – Das Salz der Erde – von Józef Wittlin in Beziehung gesetzt. Im gleichen Zeitraum entstanden, handeln diese von Zusammenbruch und Untergang der Donaumonarchie. Wenn auch auf je besondere Weise, geht es in all diesen Texten um Fragen nach dem Verhältnis zu und dem Umgang mit „Wahrheit“.
Alexander Ziem: Understanding Misunderstanding. Aspects of Discontinuity in Language Processing
In this article I address the concept of “discontinuity” from a linguistic point of view. It is argued that discontinuity in language processing gives rise to misunderstanding, particularly on the semantic and pragmatic level. On the one hand, the non-linguistic context is considered to be crucial for the interpretation of the illocutionary force of sentences. Thus, speech acts may go wrong due to extralinguistic factors. On the other hand, ‘misframing’ of the propositional content of sentences may lead to discontinuity with respect to either highly context-sensitive knowledge or to entrenched background knowledge.
Stefan Hofer: Plädoyer für eine ökologisch orientierte Literaturwissenschaft
Der Beitrag zeigt auf, dass auch die Literaturwissenschaft angesichts der sich anbahnenden Umweltkrise angehalten ist, das eigene Vorgehen kritisch zu hinterfragen. Denn ihr Untersuchungsgegenstand, die Literatur, ist bis heute wesentlich mitverantwortlich für kulturell geschaffene Natur-Bilder, die das menschliche Ver-halten der Natur gegenüber beeinflussen. Eine auf diese Problematik fokussierende ökologisch orientierte Literaturwissenschaft beginnt sich gegenwärtig herauszubilden, weist aber bisher gravierende Theoriedefizite auf, weshalb hier dafür plädiert wird, diese literatur-wissenschaftliche Richtung mit Hilfe der Systemtheorie auf eine tragfähige theoretische Basis zu stellen.
Charles de Roche: Dichtung jenseits des Lustprinzips. Sigmund Freuds Todestriebthese in Paul Celans Poetik und Poesie
Der Beitrag geht Spuren der Rezeption von Sigmund Freuds Essay Jenseits des Lustprinzips im Werk Paul Celans nach. Im Zentrum stehen dabei einerseits Aufzeichnungen aus dem Korpus der Notizen zur Büchner-Preis-Rede Der Meridian, andererseits das Gedicht „WIRF DAS SONNENJAHR…“ aus Fadensonnen. Zeigen die Notizen die eminente Bedeutung von Freuds Todestriebthese für die an der Idee der Sterblichkeit orientierte Poetik des Meridian, so erweist sich das Gedicht im Licht seiner Freud-Zitate als poetische Diskussion der problematischen Beziehung zwischen Todes- und Sexualtrieben im Schlussteil des Essays. Celans kritische Rezeption von Freuds epochalem Text ist exemplarisch für die sein eigenes Werk prägende Auffassung des ‚Lebendigen in der Poesie’.