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Denken in Bruchstücken
Es gibt, grob gesehen, zwei Grundtypen von Philosophen: die Architekten und die Aphoristiker. Erstere entwerfen und bauen Systeme mit wohlziselierten Definitionen, Theoremen und Korollarien; Letztere lassen die Bausteine auf dem Gelände herumliegen, interessieren sich mal für diesen, mal für jenen.
Kant schliesst seine magistrale „Kritik der reinen Vernunft“ ab mit der Kurzcharakteristik: „Unter Architektonik verstehe ich die Kunst des Systems. Weil erst die systematische Einheit die gewöhnliche Erkenntnis in Denken verwandelt.“ Was für Kant bedeutet: Erst die Wissenschaft fügt einen Haufen zufälliger Gedanken in ein kohärentes Ganzes. Und erst dann kann die Philosophie darüber urteilen, ob es sich um Erkenntnis handelt oder nicht. Kein System, keine Philosophie.
Die antiken Vorläufer
Allerdings sind das neuzeitliche Töne. Tatsächlich begann die westliche Philosophie aphoristisch, mit Denkern wie Anaximander, Demokrit, Heraklit, Parmenides. Rhapsoden von Gedanken, spekulative Akrobaten, die vor allem mit dunklen, orakelhaften, rätselvollen Sprüchen glänzten. Niemand zweifelte an der Weisheit ihrer Äusserungen. Aber es fehlte diesen an Fasson, an Stringenz. Sokrates soll gesagt haben, was er von Heraklit verstehe, sei grossartig, auch das, was er nicht verstehe, nur müsse man ein delischer Taucher für diese Denktiefen sein.
Im platonischen „Theätet“ lässt der junge Mathematiker Theodoros keinen guten Faden an Parmenides und Heraklit: „ ... wenn du einen etwas fragst, so ziehen sie wie aus einem Köcher rätselhafte kleine Sprüchlein hervor und schiessen diese ab; und willst du dann darüber wieder eine Erklärung, wie es gemeint gewesen, so wirst du von einem anderen ähnlichen getroffen mit ganz neuer Wortverfertigung. Zu Ende bringen wirst du aber niemals etwas mit einem von ihnen, noch auch sie selbst untereinander“ (180b).
Theologische Aphoristik: Pascal
Aber weshalb sollen wir die stringente mathematische Architektonik zum alleinverbindlichen Massstab des Denkens machen wollen? So lautet die bekannte Frage von Pascal an Descartes’ Philosophieren „more geometrico“, im Morgendämmer der modernen Philosophie. Pascal berühmtes „Das Herz hat seine Gründe, welche die Vernunft nicht kennt“ ist ja keine „romantische“ Beschwörung menschlicher Emotionalität, sondern meint eine intuitive Erkenntnisquelle – „esprit de finesse“ – , die sich der mathematischen Rationalität – „esprit de geometrie“ – nicht (vollständig) erschliesst.
Dieser Pascalsche Einwand erweist sich mehr denn je als stichhaltig, in einer Zeit, in der die Computerwissenschaften gebieterisch den Anspruch erheben, mit dem „esprit algorithmique“ alles erklären und rekonstruieren zu können.
Pascals Aphoristik ist theologisch und epistemologisch motiviert. Er denkt in Fragmenten, um durch die Fragmente hindurch den Blick auf das Unendliche zu schulen. Denn das ist die Conditio humana: in unserer Endlichkeit das Unendliche nicht fassen zu können. Dieses Unendliche – der Kosmos, Gott – kann gar nicht anders begriffen werden als durch endliche Bruchstücke. Aphorismen sind sprachliche Bruchstücke. Sie sind ein Mittel, um das erschreckende „ewige Schweigen dieser unendlichen Räume“ behelfsmässig zu bannen.
Romantische Aphoristik: Schlegel
Das Fragment kann Anzeichen des Zerfalls sein, Zeuge vergangener Ganzheit. So sah es Friedrich Schlegel, der Romantiker. Seine Aphoristik lebt davon, in den Denkruinen seiner Zeit neuen Sinn, neue Orientierung zu stiften. Und zwar mittels Witz und Provokation. Mit dem System hatte er wenig am Hut. Oder genauer: Er sah in ihm das unabwendbare Paradox des Philosophierens: „Es ist zugleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich also wohl entschliessen müssen, beides zu verbinden“ (Athenaeum-Fragmente 53).
Und genau dieses Bindemittel bietet der Aphorismus: ein nichtsystematisches System, ein einzelner Satz steht für einen vollständigen Text, ein einzelner Gedanke, dennoch transparent für Allgemeines. Schlegel vergleicht ihn mit einem Individuum: „Sind nicht alle Systeme Individuuen, wie alle Individuen auch wenigstens im Keime und der Tendenz nach Systeme?“ (Ath. Frag. 242).
Aphoristik mit dem Hammer: Nietzsche
Friedrich Nietzsche, einer der grössten Aphoristiker der Moderne, wollte die Systeme der europäischen Philosophie „mit dem Hammer“ zerschlagen. Übrig bleiben Bruchstücke, allerdings nicht einfach nutzlose Trümmer, sondern Fragmente zum Selber-Weiterdenken. „Der Philosoph glaubt, der Wert seiner Philosophie liege im Ganzen, im Bau: die Nachwelt findet ihn im Stein, mit dem er baute und mit dem, von da an, noch oft und besser gebaut wird: also darin, dass jener Bau zerstört werden kann und doch noch als Material Wert hat.“
Heute nennt man das kreative Zerstörung. Der Aphorismus ist das „Material“, der „Baustein“ des Denkens, und zwar gerade auch für den Leser. Nietzsche bezieht ihn immer ein. Der ideale Leser ist für ihn ein „Unthier von Mut und Neugierde“, etwas „Biegsames, Listiges, Vorsichtiges“, ein „geborener Abenteurer und Entdecker“. Zuviel Interpretation eines Aphorismus entartet in hermeneutischer Logorrhö. Die angemessene Interpretation lässt ihn Körper werden. Wenn man den Aphorismus verstanden hat, dann lebt man ihn. Sein Zweck besteht darin, dass man ihn, indem man ihn „inkorporiert“, hinter sich lässt. „Was ist an einem Buch gelegen, das uns nicht einmal über alle Bücher hinwegträgt?“
Aphoristisch schweigen lernen: Wittgenstein
Wie Nietzsche ging es Ludwig Wittgenstein stets um die Grenzen der Sprache. Er suchte in seinem „Tractatus“ die Grenzen des Sagbaren zu ziehen. Aber nicht, um in diesem Horizont des Sagbaren zu verbleiben, sondern um das „Schweigen“ jenseits zu erkunden. Im Begriff des Aphorismus steckt das griechische Wort „horos“, daraus abgeleitet: Horizont. Der Aphorismus ist sozusagen das Versprechen eines Horizonts. Indem er etwas sagt – sprachlich begrenzt –, weist er auch auf das hin, was er nicht sagt – entgrenzt er. Woraus seine schillernde Bedeutungsvielfalt resultiert. Er weckt ein Horizontbewusstsein.
Wittgenstein selber hat dieses Bewusstsein quasi aphoristisch ausgedrückt, in seinem berühmten Abschlusssatz des „Tractatus“: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ („quasi aphoristisch“, weil die Bedeutung dieses Satzes natürlich von der Bedeutung seiner Vorgänger abhängt). Das Schweigen als die konzentrierteste Form des Aphorismus. Man sagt nichts und dadurch alles.
Twitter-Aphoristik
Und heute, im Zeitalter der Kürzesttexte, des Tweets? Ist dieses Format nicht das aphorismuskonformste? In der Tat gibt es bereits „Twitteratur“. Etwa „Nein. Ein Manifest“ von Eric Jarosinski, eine aphoristische Breitseite gegen das affirmative Diktat des Like, ganz dem Motto eines der grossen Aphoristikers des 20. Jahrhunderts, Theodor Adorno, verpflichtet: „Der gelungene Aphorismus ersetzt eine philosophische Monographie.“ Die Tweets von Jarosinski beweisen, dass Brillanz und Intelligenz sich durchaus mit dem neuen Medium vertragen und Weisheiten sich in Tweetlänge formulieren lassen.
Allerdings frage ich mich, ob Jarosinki nicht doch eher eine alte Tradition im neuen Medium vertritt. McLuhan sprach vom Zeitalter des typographischen Menschen, das die Druckerpresse eröffnete. Die digitale Technologie eröffnet nun, wie man es nennen könnte, das Zeitalter des „zwitschernden“ Menschen. Wenn man freilich von Aphoristik im Twitterversum sprechen will, muss man sich der völlig gewandelten Bedeutung im Kontext der neuen Technologie bewusst sein. Tweets dienen durchaus der Kommunikation – der Message –, mehr noch aber der Manipulation – der Massage.
Der Tweet ist die sprachliche Einheit, die ein Minimum an Bedeutung mit einem Maximum an Anstosskraft verbindet. In der Kürze des Tweets liegt seine Potenz des „Massierens“: des Beeinflussens und des Sammelns von Followermassen.
Diktatorische Aphoristik
Echtes Unbehagen erzeugt deshalb ein weiterer Aspekt des Tweets. Wir kennen ihn bis zum Brechreiz vom grössten Präsidenten aller Zeiten – „GröPraZ“ –,der in seinem Gezwitscher eigentlich immer nur seinen inneren Vakuumzustand meldet. Das Tweet kann zur diktatorischen Aphoristik verkommen: Was ich heute verkündige, gilt; was ich morgen verkündige, löscht das Gestrige. Punkt. Der Tweet-Aphorismus kennt nur eine Richtung, er strahlt aus von mir als dem absoluten Sender, macht mich zum heimlichen Zentrum der Welt. Und nicht das, was ich twittere, zählt, sondern allein, dass ich repetitiv immer wieder twittere. Ich bin ein totlaufender Appendix der digitalen Aphoristik-Maschine.
Die Tweetlänge als Ausdruck einer neuen Dyslexie, nämlich nicht mehr als 300 Zeichen schreiben und lesen zu können? Eine degenerierte Aphoristik? Seien wir nicht voreilig. Mit neuen Medien verknüpft sich immer die Perspektive des kulturellen Niedergangs. Vor der heutigen Twittersucht gab es im 20. Jahrhundert die Fernsehsucht; und im 18. Jahrhundert die Lesesucht. Das massenhafte Schreiben und Lesen von Büchern wurde von vielen Philosophen und Pädagogen in Grund und Boden verdammt. Aber das sind immer vorübergehende Zeitzeichen. Geben wir also dem neuen Medium Zeit.