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15 Jahre mit Martin Casentieri (1987-2002)
1987 suchte die Eintracht wieder einen neuen Dirigenten. Martin Casentieri sagte zu, das Korps interimistisch zu übernehmen. 1988, nach langem Zögern und nach einem gelungenen Jahreskonzert, waren sich beide Seiten einig. Martin Casentieri wurde fester musikalischer Leiter der Eintracht. Er blieb es fünfzehn Jahre lang und wurde 1997 zum Ehrendirigenten der Stadtharmonie gewählt. Unter seiner Stabführung machte die Eintracht nochmals enorme Fortschritte.
Wie die Musik im Allgemeinen, so hatte sich in den 70er- und 80er-Jahren auch die Blasmusik stark gewandelt. Moderne Kompositionen und Arrangements verwendeten neue Instrumente und Harmonien und erlaubten den Übergang herkömmlicher Blasmusiken zu eigentlichen Blasorchestern. Hinzu kam eine rasche Niveausteigerung vieler Vereine, gefördert durch die verbesserte Grundausbildung der Musikantinnen und Musikanten. Um diese neuen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, brauchte es aber künstlerische, vielseitige Dirigenten. Martin Casentieri gehörte zu diesen. Mehr noch als seine Vorgänger feilte er am orchestralen "Sound", was sowohl von ihm als auch von den Musikanten grosse Ausdauer verlangte. Dafür war viel zu gewinnen: Mit sattem Klang, viel Schwung, musikalischer und präziser Interpretation verzückte die Eintracht regelmässig die Ohren ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer.
Zu diesen Ohren gehörten auch diejenigen der Juroren an musikalischen Wettbewerben. Dort schloss die Eintracht erfolgreicher ab denn je. Herausragend war ihre Leistung beim Eidgenössischen Musikfest 1991 in Lugano. Die Jury belohnte sie mit hohen Punktzahlen und fand fast nur lobende Worte für die Interpretation der Konzertstücke. Unter den Harmoniemusiken der ersten Stärkeklasse belegte die Stadtharmonie den stolzen zweiten Rang. Auch in der Marschmusikdisziplin kam sie auf beachtliche Punktzahlen. Laut Jahresbericht wurde der Erfolg denn auch auf der Rückfahrt mit "viel und warmem Bier" gefeiert.
Ebenfalls herausragend waren die Auftritte beim Internationalen Unterhaltungsmusikwettbewerb in St. Gallen. 1998 startete die Eintracht in der zweiten Klasse und schaffte es auf Anhieb an die Spitze. Das gab ihr 2002 die Möglichkeit, in der ersten Klasse anzutreten. Völlig unerwartet landete sie auch dieses Mal auf dem ersten Rang! Darauf hatte sich die Eintracht nicht eingestellt und musste, weil sie kein Galakonzert einstudiert hatte, den Sieg an die zweitplatzierte Musicband Odyssey aus Belgien abgeben. Trotz diesem Missgeschick hatten Dirigent, Musikantinnen und Musikanten wieder einmal bewiesen, was in ihnen steckte!
Um den Reigen der Musikwettbewerbe abzuschliessen, seien noch die Kantonalen Musikfeste und die regionalen Anlässe erwähnt. Bei den "Kantonalen" 1989 in Gossau, 1994 in Jona und 1999 in Mels hatte die Eintracht das undankbare Vergnügen, jeweils auf dem hervorragenden zweiten Rang abzuschliessen. Die Vereine an der Spitze wechselten ständig, die Stadtharmonie war ihnen immer dicht auf den Fersen. In Gossau konnten die Einträchtler wenigstens den ersten Rang unter den Harmonievereinen für sich beanspruchen. Eingefleischte Blechbläser argumentierten damals, die siegreiche Bürgermusik aus Untereggen, eine Brassband, hätte ohne trübende Holzbläser ohnehin einen Vorteil gehabt! Und siehe da, auch beim Stundenchor 1997 in Goldach stand wieder eine Brassband vor der Eintracht auf dem obersten Treppchen. Glücklicherweise gab es da noch die Kreismusiktage und den bereits erwähnten Internationalen Unterhaltungsmusikwettbewerb. Dort konnte die Stadtharmonie noch wahre erste Ränge feiern!
Nicht nur bei den Wettbewerbsjuroren kam der "Eintracht-Sound" gut an, sondern auch bei den Konzertbesucherinnen und -besuchern. Martin Casentieri liess die Stadtharmonie mehrmals in der Kirche konzertieren. Einmal brachten Harmonien von Johann Sebastian Bach Orgel und Blasorchester zum Verschmelzen. Ein anderes Mal begleiteten die Einträchtler ihren Kollegen Roger Ender, als dieser das virtuose Trompetenkonzert von Haydn aufführte. Wieder ein anderes Mal wurden die Sänger des Bodan-Chors, mitsamt ihrem Dirigenten am Flügel, ins Kirchenkonzert einbezogen.
Normalerweise fanden die Jahreskonzerte aber ausserkirchlich statt, das heisst in der Aula des Seminars oder im Stadthofsaal. Anders als in früheren Jahren führte die Eintracht einheitliche Themenabende durch. Je nach Konzert wurde das Publikum in die Schönheiten ungarischer Musik eingeweiht, nach Spanien entführt, mit Musical-Melodien bezaubert, dem unwiderstehlichen "Wiener Charme" ausgesetzt, mit amerikanischen Visionen ausgestattet oder zum feurigen Salsa-Tanz aufgefordert. Die konsequente thematische Einkleidung kam gut an und half mit, die Säle samstags und sonntags zu füllen. Natürlich musste dazu auch die musikalische Qualität stimmen. Martin Casentieri bereitete die Konzerte intensiv vor und liess sich auf keine Experimente ein. Dass bei der Hauptprobe auch einmal die Fetzen fliegen konnten, daran gewöhnten sich die Einträchtler mit der Zeit.
Neben musikalischen Höhenflügen erlebte der Verein noch andere Highlights. 1987 war die Zeit der "Fremdenlegionäre vom Bodensee" vorbei. Man trennte sich von der 13-jährigen Uniform und schaffte sich ein edles aber schweres Marinegewand an. Französische Einflüsse waren wiederum nicht zu übersehen, doch nahm die Eintracht vor allem Bezug auf Rorschachs hafenstädtischen Charakter und passte sich optimal ins Stadtbild ein. Gleichzeitig mit der Uniformenweihe führte sie den Kreismusiktag durch.
Nicht nur neue Uniformen mussten her, sondern auch Instrumente im Wert von rund 50'000 Franken. Auf das Eidgenössische Musikfest 1991 hin brachte die Eintracht das Geld und die Instrumente zusammen. "Neue Instrumente musizieren besser", heisst ein leicht abgewandeltes Sprichwort, das sich (wie beschrieben) in Lugano bestätigte.
Was die Reisen betrifft, folgte die Stadtharmonie einem leicht variierten Vierjahresrhythmus. 1988 ging es ins französische Château-Thierry, 1992 nach Oberitalien, 1996 ins Wallis, 1998 nach Sopron (Rorschachs Partnerstadt in Ungarn). 2003 machte die Eintracht von den Vorzügen des Flugzeugs Gebrauch und genoss vier Tage in Dubrovnik und Split (Kroatien). In globo sei gesagt, dass jede einzelne Reise angenehmste Erinnerungen weckt. Einen Finger hat im Gegensatz zu früher niemand verloren, dafür hat man 2003 um ein Haar die halbe Musikantenschaft (sowie das Gepäck der andern Hälfte) in Kroatien gelassen.
Bezüglich Festivitäten war die Eintracht auch unter Martin Casentieri sehr aktiv. Dies, obwohl bei ihm ein generelles Alkoholverbot vor Konzerten herrschte (schon beim "Kantonalen" 1989 sassen alle Musikantinnen und Musikanten mit einem Mineralwässerchen am Tisch!). Regelmässig wirkte die Stadtharmonie beim Marktplatz- und beim Badifest mit. Auch besondere Anlässe wie das Folklorefest in Romanshorn, die 700-JahrFeier der Eidgenossenschaft, der Empfang der Goldbrüder Gier, das Jubiläum der Stadtmusik, die Meisterfeier des FC St. Gallen (man hatte fast 100 Jahre Zeit zum Proben) und der Kantonaltag an der expo.02 wurden nicht ausgelassen!
Wenn es etwas zu beklagen gibt während dieser Zeit, dann vor allem den Niedergang der Kleinformationen. Die Güllenfilter hatten 1990, nach über einem Vierteljahrhundert, ihren letzten Auftritt. Nachdem Willi Graf von der Fasnachtsbühne abgetreten war, versuchten andere Einträchtler, das Konzept zu modernisieren. Damit kamen sie beim Rorschacher Fasnachtspublikum leider nicht mehr gleich gut an wie in den Jahren zuvor. Auch die Mariner konnten sich nicht halten und wurden Mitte der 90er-Jahre aufgelöst. Der intensive Probebetrieb und die sinkende Bereitschaft der Einträchtler, sich auch ausserhalb des Gesamtvereins musikalisch zu verpflichten, trugen das Ihre zu dieser Entwicklung bei. Als ein letztes Fiasko sei noch die 13:42-Kanterniederlage gegen die Fussballer der Bürgermusik Untereggen erwähnt. Das schmähliche Resultat aus dem Jahr 1994 bleibt bis zum heutigen Tag unvergessen!
Auch wenn das musikalische "Goldene Zeitalter" schon in den 70er-Jahren proklamiert wurde: Eingetroffen ist es erst unter der Stabführung von Martin Casentieri. Mit seiner Musikalität liess er den entscheidenden "Funken" auf Musikanten, Konzertbesucher und Juroren überspringen. Nach 15 Jahren hatten sich die Eintracht und Martin Casentieri aber fast zu sehr aufeinander eingespielt und sich gegenseitig abgeschliffen. Die Stadtharmonie ging das Wagnis ein, einen neuen Dirigenten zu suchen. Die grossen Verdienste von Martin Casentieri werden dadurch in keiner Weise geschmälert, er hat die heutige Eintracht entscheidend geformt!