Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/2910

Schreiben als Therapie
von Beat Mazenauer
Publiziert am 15/05/2017
«Dann schreib einfach auf, schreib drauflos, der Sinn kommt später oder ein Erzählen, das Sinn stiftet», ruft ihm der Lektor zu: «Schreib, das hilft.» Der Rat geht an einen Schriftsteller, dem das Schreiben abhanden zu kommen droht, weil er sich während neun Wochen täglich in der Klinik einzufinden hat, um sich bestrahlen zu lassen. Es wurde in ihm ein «Invasives Karzinom» entdeckt, das zerstört werden muss. Siebzehn Stationen von seinem Zuhause quer durch die Stadt, an Bahnhof und Paradeplatz vorbei zum Bellevue, dann hoch zum Balgrist. Siebzehn mal vierzig macht 680 Stationen ohne Halt auf Verlangen, und genauer: mit dem Verlangen, an jeder von ihnen innezuhalten.
Den Rat des Lektors im Ohr greift er, zur Ablenkung, «zum Stift, um sich festzuhalten». Und er hält fest, «was er sah, ein Fahrtenschreiber durch die Stadt, durch das Tal und die Erinnerung, durch Zeit und Dunkelheit. Ein Fabelschreiber.»
Nach und nach vermehren sich die Stationen, angereichert aus der Erinnerung an die Kindheit und Jugend, als Vater sein Tram, seine Bahn das Tal hinunter und dann wieder hoch fuhr. An einer Haltestelle verlangte es den Jungen damals auszusteigen, beim Kino Odeon, dessen Schrift verführerisch in die Nacht glänzte, und unter der Mile, oder Emilie, wie sie richtig hiess, auf ihn wartete.
Doch dann wurde der Vater krank und er, sein Sohn, zog weg, in ein Internat. Er würde Mile allmählich vergessen und dennoch in Gedanken aufbewahren, um an sie zu denken, während der er im Elfer-Tram quer durch Zürich fuhr.
1982 erschien von Adolf Muschg der Essayband Literatur als Therapie?, der aus Notizen und Entwürfen zu den Frankfurter Poetikvorlesungen 1980 entstanden war. Unter dem Stichwort «Spielen, verspielen, spielen» heisst es darin: «Die Kunst hilft nicht. Aber sie ist da, wo uns nicht mehr zu helfen ist; wo Hilfe nicht mehr helfen kann, nur noch Dasein.» Der Zusammenhang, in den Muschg diesen Satz einbettet, ist ein anderer. Urs Faes hätte den vorangehenden Satz, unversöhnliche Kunst sei «Sympathie mit der Unruhe», so wohl nicht unterschrieben.
In Halt auf Verlangen wird Urs Faes und mit ihm sein Protagonist zu einem, der schreibt, der gegen das Verstummen erzählt: «Und jedes Wort war eines gegen das, was fort war, gegen die Lücke, das Nicht-mehr-da, das der Kleine gemurmelt hatte, als der Vater ausblieb.»
Sein sehr persönlicher Bericht lässt zwei existentielle Komplexe ineinander fliessen. Da sind die Spital-Fahrten des Schriftstellers. Er braucht bloss eine Station länger sitzen zu bleiben, um bei der Station Enzebühl und somit beim gleichnamigen Friedhof anzukommen. Der Arzt gab ihm 70 Prozent Heilungschancen. Ein Schatten der Vergänglichkeit, ein Memento mori, liegt über diesem täglichen Ritual, das begleitet wird von Gefühlen der Einsamkeit und der Furcht. Nachts hat er, «wenn das Dunkel kam, Träume, die ihn hochschrecken liessen, ihn ängstigten und wach hielten». Tagsüber hofft er vergeblich auf einen Anruf.
Dabei rücken die Frauen in sein Blickfeld. Meret, Iris, Ruth ... Weshalb ist es mit ihnen auseinander gegangen? Der Schriftsteller ist keiner, der sich selbst stilisieren will. Er fühlt sich angegriffen, allein, bedürftig.
Während die Frauen in diesem Text eher blass bleiben – sie haben anderswo in Büchern von Urs Faes ihren Ort gefunden –, rücken die Erinnerungen an die Jugendzeit auf melancholisch berührende Weise ins Zentrum des Fahrtenbuchs. Mile, das Mädchen der Sehnsucht; und mit ihm erinnert er sich an die Mutter. Vor allem aber tritt der kränkelnde Vater aus dem Dunst der Vergangenheit hervor. Er war Tramführer bei der Talbahn – der Suhrentalbahn. Die Fahrt führte vom Dorf in die Stadt und wieder zurück. Der Junge durfte hin und wieder im Führerstand mitfahren, auf einer Kiste stehend, damit er hinausschauen konnte, wenn das Tram am Kino Odeon vorüberfuhr.
Auf einer solchen Fahrt wurde er einmal Zeuge eines Besorgnis erregenden Hustenanfalls des Vaters, der wenig später vielleicht mitverantwortlich gewesen sein mochte, dass er die Notbremse zu spät zog und in ein Fuhrwerk hineinfuhr, das auf den Geleisen stand. Das Pferd musste auf der Stelle abgetan werden, allein dafür fühlte sich er schuldig. Er sollte sich nie mehr davon erholen.
Das ist ergreifend persönlich geschildert – so wie das ganze Buch, das intime Züge trägt und den Protagonisten in die Nähe zum Autor Urs Faes rückt. Kleine Elemente wie die fiktive Menschenschlange vor der Hirslandenbuchhandlung, die schon frühmorgens für Lesestoff anstehen, signalisieren allerdings, dass Literatur und Wirklichkeit selbst hier nicht deckungsgleich sind.