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Und er bewegt sich doch
Brigitta Kaufmann
Der Name des unteren, gegen Riehen hin abfallenden Teils des Tüllinger Hügels lässt keine Zweifel offen: Der Hang hat die Tendenz sieh zu bewegen, zu rutschen, zu «schlipfen» eben.
Die Bezeichnung «Schlipf» geht weit in die Geschichte zurück. Bereits im 14. Jahrhundert (1328 und 1352) belegen im Riehener Gemeindearchiv vorhandene Akten die Bezeichnung «an dem sliffe» und Karl Tschamber erwähnt in seiner «Chronik der Gemeinde Weil» (1928) einen Beleg aus dem Jahr 1344 mit der Bezeichnung «Wil am Schlipf». Die Rutschtendenz des Berges widerspiegelt sich auch auf der deutschen Seite mit Flurnamen wie «Hiitze», «Hützenmättle», «In den Hitzen», «d'Hützete». All diese Flurnamen gehen auf das Wort «hützen» oder «hutzen» zurück, was soviel wie «sich schwingend bewegen, schaukeln» bedeutet.1
Tschamber schildert in seiner «Chronik» eine solche «Hütze» mit dramatischen Worten: «Ein besonders unglückliches Jahr war das von 1758. Am 15. Juni wurden die Bänne von Weil, Haltingen, Tüllingen, Lörrach, Stetten und Riehen durch ein heftiges Hagelwetter verwüstet. Es fielen Hagelkörner in der Grösse eines Hühnereies. Das Wenige, das noch übrig blieb, wurde durch ein zweites, nicht minder schweres Hagelwetter am 17. Juli vernichtet. Nachdem es schon vier Wochen ununterbrochen geregnet hatte, öffnete sich am 22. Juli der Rebberg im Schlipf auf eine unheimliche Art. Die ältesten Männer konnten sich nicht erinnern, so etwas je erlebt zu haben. Die Leute nannten es <Hitzen>. Grosse Erdmassen schössen mit den Reben von oben herunter auf die untern Reihen und bildeten am Bergrand einen mächtigen Erdwall.
Weite Stellen sanken in die Tiefe, so dass man ganze Häuser in die grossen öffnungen hätte setzen können. Diese Vertiefungen füllten sich sofort mit unterirdischen Wassermassen. Im Berg hörte man ein gewaltiges Rauschen, wie das Brausen grosser Fluten. Niemand wagte es, in den Berg zu gehen, der einem verschanzten Lager glich, von mächtigen Wassergräben durchzogen. Die Quelle des Gemeindebrunnens versank. Der Weg nach Tüllingen war zerrissen. Manche Rebstücke waren überhaupt nicht mehr zu finden. Von andern ragten nur noch die Spitzen der Rebpfähle hervor.» (Tschamber, Seite 39). Emanuel Büchel (1705-1775) hat am «12.7bris. 1758» (12. September) diesen Erdrutsch detailgetreu in einer Zeichnung festgehalten.
Die Geologie
Der Tüllinger Hügel ist ein sogenannter Härtling, dessen heutige geologische Beschaffenheit sich zwischen Pliozän (bis vor ca. 2,4 Mio Jahren) und Pleistozän (bis vor ca. 10 000 Jahren) in mehreren Phasen - durch die Abwechslung von Kalt- und Warmzeiten - ergeben hat.
Peter Merian hat sich in seinen 1831 erschienenen «Beiträgen zur Geognosie» bereits mit der Geologie des Tüllinger Hügels beschäftigt und dessen Tendenz zu Schlipfen zu ergründen versucht. Er hat als Erster eine «Süsswasserformation» beschrieben und die Gesteine in drei Typen eingeteilt, und zwar in: 1. einen weisslichen bis schmutzig gelben oder braunen, zerreiblichen Mergel, 2. einen oft festen Mergel mit einem «im Grossen flachmuschligen Bruch» und 3. einen festen, gelblichbraunen oder auch schwarzen Kalkstein.
Eine genaue geologische Analyse des Hügels verdanken wir Otto Wittmann, der 1965 seine «geologischen und morphologischen Untersuchungen am Tüllinger Berg bei Lörrach» veröffentlichte. Entscheidend für die Rutschneigung des Hanges sind wechselnde Schichten von verschiedenen Mergeln und Süsswasserkalk. Bereits 1912 hat der Geologe Otto Würz bemerkt: «... auf dieser Mergellage im Süsswasserkalk gleiten ähnlich wie auf dem 100 m tiefer liegenden Gipsmergel die Schichten oft aus...» und Otto Wittmann ergänzte 1952, dass der besonders rasche Wechsel von Mergeln und Kalken eine mögliche Verschlipfung des Gebiets fördert.
Vor der Wiesekorrektur waren überschwemmungen und damit verbundene Unterspülungen des Schlipfs eine weitere Ursache für Rutsche. Dem Rutsch von 1758 zum Beispiel gingen, wie oben zitiert, eine langanhaltende Regenperiode und damit verbundene heftige überschwemmungen der Wiese voraus.
Der Erdrutsch von 1831
Mitte September 1831 ereignete sich im Schlipf - wiederum nach starken Niederschlägen - ein grosser Rutsch, von dem eine Fläche von etwa 30 Jucharten betroffen war (1 Jucharte = 3600 m2). Im Rutschgelände hatten sich drei grosse Terrassen und verschiedene Weiher gebildet: «Bedeutende Flächen bieten den Anblick völlig kahler Stein- und Erdmassen dar, unter denen die Rebstöcke begraben liegen. Und wo solche auch noch stehen sind sie (...) ertränkt, grossentheils entwurzelt und im Abdorren begriffen, andere liegen über einander geschichtet und erstickt.»
Die Ursache der Hangrutsche im Schlipf
Auslöser für alle Rutsche waren jeweils starke, langanhaltende Niederschläge. Die übergänge zwischen Schuttmantel und Tonmergelschicht wurden dabei wegen unterschiedlicher Wasserdurchlässigkeit der Schichten zu einer fast breiigen Masse, auf der der mächtige Schuttmantel abrutschen Alte Grenzen - auch die Landesgrenze zu Weil - waren nicht mehr auszumachen, «weil die Marksteine mit dem Erdreiche 50 bis 60 Fuss gewichen sind.»
Natürlich bedeutete ein solch enormer Rutsch unmittelbar vor der Traubenernte für alle grosse Verluste, für manche ärmere Bauern konnte es den Ruin bedeuten: Als Landpächter mussten sie Zinsen zahlen, hatten aber keine Aussicht auf irgendwelche Einnahmen: Die Reben würden für mehrere Jahre keinen Ertrag mehr abwerfen.
Gemeinde- und Kantonsbehörden reagierten schnell. Nach mehreren Augenscheinen wurde der Gesamtschaden auf etwa 19200 Franken geschätzt. Man erstellte eine Liste mit den Besitz- bzw. Nutzungsverhältnissen und notierte jeweils hinter den Namen, ob die Leute arm oder dem Mittelstand zugehörig seien. Für die Armen und Mittelständischen wurde eine «Collecte» beschlossen: Per Publikation im Kantonsblatt wurde die Basler Bevölkerung zum Spenden aufgerufen. Für etwa 7 Jucharten, so rechnete der Rath vor, brauchte es finanzielle Unterstützung. Pro Jucharte rechnete man mit 300 Franken, was bedeutete, dass eine Summe von 2100 Franken gesammelt werden musste. Im Berichthaus (d.h. dort, wo täglich die Zeitungen ausgehängt wurden) stellte man Kistchen für die Spenden auf. Doch statt der erhofften 2100 Franken, kamen bloss 735,35 zusammen. Man beschloss einen zweiten Aufruf, doch die Endsumme war nur unwesentlich höher: 952,55.
Schlipfkommission auf der Barauszahlung, nicht zuletzt mit dem Argument, dass fast alle der unterstützungsberchtigten Geschädigten die Arbeiten bereits seit Längerem in Angriff genommen hätten. Nach einigen Briefwechseln zwischen Kanton und Gemeinde wurde schliesslich der gesammelte Betrag im April 1832 an die Schlipfkommission zur Verteilung übergeben. Allerdings wurde bemängelt, die Verteillisten seien nach dem Rutsch ungenau erstellt worden, für einmal aber zugunsten der Armen, weshalb man die Sache auf sich beruhen liess. Tatsächlich seien nämlich bei der letzten Vermessung und Parzellierung des Schlipf in den Jahren 1824 bis 1829 die Parzellengrenzen oftmals falsch - und zwar damals zugunsten der Wohlhabenden - eingetragen worden.
In den folgenden Jahren ergaben sich wegen kleinerer Rutschungen immer wieder Grenzstreitigkeiten, weshalb im Jahr 1864 ein Rebenbesitzer (Schultheiss-Müller) eine gänzlich neue Vermessung des Schlipf forderte, was aber abgelehnt wurde.
Entwässerungspläne über die Verteilung dieser sogenannten «Liebessteuer», wie die Collecte in den Dokumenten immer wieder genannt wurde, war man in Basel und Riehen nicht ganz der selben Meinung. Während der Rath vorschlug, das Geld nicht direkt auszuschütten, sondern den Arbeitenden, die die Instandstellungsarbeiten im Schlipf vornahmen, einen Taglohn auszubezahlen, bestand die Gemeinde und die zuständige Dass schlecht ablaufendes Wasser im Berg die Rutsche verursachte, wurde schon bald erkannt und so kamen auch früh Ideen auf, den Berg zu entwässern, um weitere Rutsche zu verhindern. Nach dem Erdrutsch im Jahr 1698 schrieb Hans Jacob Merian, Obervogt von Riehen, an den «wohlweisen Herr Bürgermeister», dass er im Schlipf vier Gräben «von oben bis unten» anlegen würde, damit das Wasser in den Mühleteich abfliessen könne. Auch warnte er vor willkürlichen Geländeveränderungen, in welchen er eine weitere Ursache für die Rutsche sah.
Im Jahr 1941 waren Entwässerungspläne erneut Anlass für einen Briefwechsel zwischen dem Riehener Gemeinderat und der Basler Regierung. Wiederum war die Empfehlung, Drainagerohre zu verlegen, die einen kontrollierten Abfluss des überschüssigen Wassers in den Weilmüheleteich erlauben würde. Allerdings war die Realisierung zu der damaligen Zeit nicht möglich, weil für die Arbeiten deutscher Boden hätte betreten werden müssen, was während des Krieges nicht möglich war.
Seither wurden keine systematischen Entwässerungen realisiert. Es bestehen nur entlang der Strässchen Ablaufrinnen, die das Regenwasser via diverse Bächlein in den Weilmühleteich ableiten, und die zahlreichen privaten Landbesitzer am Schlipf haben individuelle Drainagelösungen realisiert, worüber aber heute keine Übersicht besteht.
Und er bewegt sich doch... immer noch
Die vorhandenen Akten2 zu den Hangrutschungen am Schlipf können den Eindruck erwecken, dass es sich dabei um reine Geschichte handelt, hat man doch schon seit Längerem nichts mehr von grösseren Rutschen vernommen. Zwar ist bekannt, dass im Zentimeterbereich immer leichte Verschiebungen des Geländes vorkommen (Landbesitzer am Schlipf, die z.B. eine Quelle zu fassen versuchen, können ein «feuchtes» Lied davon singen), grössere Rutsche haben jedoch seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr statt gefunden.
Nun hat Ende August 2007 der Schlipf plötzlich eindrücklich in Erinnerung gerufen, dass er seinen Namen nach wie vor zu Recht trägt: Beim Nägeliweg sind 500 bis 1000 Kubikmeter Erdmasse ins Rutschen geraten und haben zu Erdaufwerfungen und tiefen Rissen im Boden geführt. Wiederum ist der Hang nach einer überaus regenreichen Wetterperiode instabil geworden. Zwar sind sich alle einig, dass der Rutsch mit dem kürzlich erfolgten Bau der Brücke für die Zollfreistrasse in keinem Zusammenhang steht. Von früheren Ereignissen her ist aber bekannt, dass grosse Erdbewegungen und Erschütterungen im Gelände, gepaart mit einer besonderen Wettersituation, die Rutschungen jeweils begünstigt haben. Das wird auch beim Bau der Strasse entlang dem Schlipf berücksichtigt werden müssen.
Anmerkungen
1 Auch im alten Riehener Dialekt war das Wort «hützen» in der Bedeutung von schaukelnder Bewegung gebräuchlich.
2 Einen ganz herzlichen Dank an Dr. Hans B. Kälin für seine grosse Unterstützung bei der Lektüre der Akten im Staatsarchiv.
Literatur
Tschamber, Karl: Chronik der Gemeinde Weil, Weil 1928 Wittmann, Otto: Geologische und geomorphologische Untersuchungen am Tüllinger Berg bei Lörrach, Freiburg i. Br. 1965 Akten Staatsarchiv BS «Schlipf, Rutschungen und Vermessungen, 1698-1879», Land und Wald P 16