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Waldmeyer steuerte seinen Porsche Cayenne (schwarz, innen auch) über die Autobahn. Nur kurz zuvor hatte er für eine Tankfüllung ein kleines Vermögen bezahlt. Erdöl scheint niemandem Glück gebracht zu haben, ging es ihm durch den Kopf - weder den Erdöl produzierenden Ländern noch ihm selbst.
«Wieviel?», fragte Charlotte, als Waldmeyer wieder in den schweren Wagen kletterte. «200 Stutz!». Charlotte grinste. Waldmeyer meinte nur «Schono blöd, hatten wir 2020 nicht in Erdöl investiert.»
Ja, im Frühjahr 2020 lag der Erdölpreis kurzfristig sogar unter null. Natürlich hätte er damals in Ölkontrakte oder einfach in Rohstofffonds investieren sollen. Er hätte seine CS-Aktien verkaufen und das Geld so intelligenter parkieren sollen. Und dann einfach warten … Ja, hätte …
Aber auch den Erdöl produzierenden Ländern hatten die vielen Barrels während den letzten Dezennien kaum Glück gebracht:
In Venezuela, mithin das Land mit den grössten Erdöl-Reserven der Welt, konnte sich dank den hohen Exporteinnahmen ein korruptes Regime am Ruder halten. Der ehemalige Busfahrer Maduro plündert und knebelt sein Volk gnadenlos. Ohne Öl wäre er – bestenfalls – noch immer Busfahrer und würde wohl seine lotterige Karre zwischen den Schlaglöchern auf den kaputten Strassen von Caracas durchzirkeln. Vielleicht wäre er und das Volk glücklicher. Vielleicht.
Libyen würde ohne die munter sprudelnden Erdölquellen heute kaum von Warlords regiert, welche sich nur um dieses Öl streiten, und ein Aufstieg Gaddafis wäre gar nie möglich gewesen. Vielleicht würde Gaddafi noch heute auf einem Kamel, Dattel kauend und umgeben von glücklichen Eingeborenen in weissen Gewändern, über die Dünen reiten.
In Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten halten sich islamisch verbrämte Regime nur dank Erdöl an der Macht; die immensen Einkommen hatten jegliche Entwicklung einer «normalen» wirtschaftlichen Produktion blockiert. Nun werden Mega-Projekte in der Wüste geplant, um dem einfachen Volk die Grandezza des Staates zu erklären. Waldmeyer nahm sich vor, später darüber speziell zu berichten.
Nur die Vereinigten Arabischen Emirate scheinen es verstanden zu haben, den Erdölsegen einigermassen gescheit zu verteilen und zumindest in Handel, Finanzen und Tourismus zu investieren.
Die einzige echte Ausnahme, welche das Erdöl-Privileg richtig verstanden hat, scheint Norwegen zu sein: Die cleveren Skandinavier verprassen das Manna des Öls nicht, sondern legen es tunlichst in einem Fonds für spätere Generationen an.
Ob Kasachstan, Nigeria oder viele andere Länder mit Erdölsegen: In der Regel profitieren nur immer eine Nomenklatur oder einzelne Familien mit ihrem kleptokratischen Umfeld von den Rohstoffeinkommen. Und immer wieder verhindert der unkontrollierte Geldsegen die natürliche Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.
Schwer lastet der Fluch des Erdöls auch auf dem Iran: Der Gottesstaat mit seinem irrlichternden Klerus kann sich nur dank Erdöleinkommen an der Macht halten, und das schwarze Gold hat inzwischen auch die letzten Spuren des alten persischen Intellekts verwischt.
Die USA sind das Land mit der weltgrössten Erdölproduktion. Die Amerikaner haben sich heute das Leben mit der billigen Energie ganz bequem eingerichtet. Die Bevölkerung bewegt sich durchs Band fast nur in benzinfressenden Ungetümen, heizt und kühlt auf Teufel komm raus, und bei steigenden Preisen für die Gallone droht fast ein Regierungssturz. Immerhin stellt die Erdölproduktion nur ein geringer Teil der Wirtschaftsleistung dar, sodass der ökonomischen Entwicklung nichts im Wege stand. Die «Vergiftung» mit dem Erdöl fand also nur partiell statt, reflektierte Waldmeyer. Es geht wohl um die «letale Dosis», die in diesem Fall nicht ausreichte, um genügend Fluch über das Land zu bringen.
Ganz anders indessen in Russland: Der heutige Despoten-Staat exportiert, nebst Gewalt, nur Rohstoffe. Der zweitgrösste Ölproduzent der Welt würde wohl ohne die exportierten Barrels und andere Ressourcen nur aus Bauern bestehen, die der Taiga mühsam ein paar landwirtschaftliche Erzeugnisse abringen. Putin hätte nicht mal seine KGB-Schule besuchen können, er würde heute wohl mit Rheuma in einer kärglichen und kalten Datscha hocken und um ein Gnadenbrot betteln. Zuvor hätte er sich vielleicht als Hilfskoch in einer Kolchose verdingt (was nur der historischen Logik entsprechen würde, arbeitete sein Grossvater doch in der Küche Stalins).
Waldmeyer kann sich nicht daran erinnern, je ein Produkt mit dem Label „Made in Russia“ gesehen zu haben. Tatsächlich ist das BIP des alten Sowjetstaates nur gut doppelt so hoch wie jenes der Schweiz, gerade einmal vergleichbar mit jenem Spaniens. Das kriegsführende Land wird massiv überschätzt. Ausser Krieg, Waffen, Rohstoffe und Trolls scheint das Land tatsächlich nichts exportieren zu können. Und auch hier gilt: Das Erdöl hat letztlich nur Wenigen Segen gebracht und das Land nicht wirklich weitergebracht - weder wirtschaftlich noch politisch noch moralisch.
Und jetzt dieses Drama mit den steigenden Energiepreisen bei uns. Hätte er doch nur diese Terminkontrakte gekauft, schoss es Waldmeyer nochmals durch den Kopf. Er steuerte sein SUV weiter über die Autobahn und wiederholte sein Mantra: «Schono blöd, hatten wir 2020 nicht in Erdöl investiert!» Charlotte antwortete nur lakonisch: «Ich habe an Ostern 2020 in Rohstoff-Fonds investiert. Du hattest doch gesagt, es könne nur noch aufwärts gehen mit den Rohstoffen! Mein Fonds hat sich nun verdreifacht.»
Waldmeyer schien das Blut in den Adern zu gefrieren. Er bremste abrupt ab, brachte den schweren Wagen auf dem Pannenstreifen zum Stehen und starrte entgeistert Charlotte an. Er atmete tief durch. Der Fluch des Erdöls hatte nun auch Waldmeyer eingeholt.
Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.
Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.
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