Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03285.jsonl.gz/3326

Nachdem ich den letzten Beitrag veröffentlichte, fiel mir die verblüffende Ähnlichkeit des Bildes von Enrique Simonet zu demjenigen von Gabriel von Max auf. Der Anatom nimmt eine meditative Haltung ein, ebenso wie das Entblössen der Frau meditativ wirkt. Repräsentationen des Todes weiterlesen
Etwas ratlos sieht er aus, nachdem er ihr das Herz herausoperiert hat. So als ob er etwas anderes erwartet hätte. Ein Herz eben, das sich erobern liesse. Sie ist eine schöne Frau, wie sie da liegt, dürftig von diesem weissen Laken bedeckt. Die Operation scheint keine allzu blutige Sache gewesen zu sein, das Laken färbt sich nur in der Herzgegend rötlich.
Ein Herz also. Ein Muskel, der uns am Leben hält und mit dem wir so viel mehr verbinden. Wie auch Eins in Heiner Müllers Gedicht fragt: «Darf ich Ihnen mein Herz zu Füssen legen?» und zwei, trocken zunächst an seinen Fussboden denkt, der nicht schmutzig werden darf. Eins als Romantiker und zwei als Realist, der schlussendlich nach einer Operation mit Taschenmesser erkennen muss: «Aber das ist ja ein Ziegelstein. Ihr Herz ist ein Ziegelstein.» «Aber es schlägt nur für Sie», antwortet Eins.
Vielleicht wird der Operateur das Herz noch ein wenig betrachten, über ihre Schönheit nachdenken und darüber, dass das Herz eigentlich nur ein Muskel ist. Nichts, das sich erobern liesse. Nach einer Weile wird er das Herz entsorgen, sie zur Beerdigung freigeben und nichts dazugelernt haben.
Zitatbeleg: Heiner Müller, Herzstück