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Wer Meer verliert.
Text: Andreas Grote
Mit steigendem Meeresspiegel büssen Insel- und Küstenstaaten Teile ihrer Seegebiete ein. Pazifikinseln fordern deshalb neue Regeln für Seegrenzen.
Durch den Klimawandel steigt seit dem 20. Jahrhundert der Meeresspiegel: Bis zur Jahrtausendwende waren es schon rund 15 Zentimeter, sagt der Weltklimarat, und prognostiziert für die nächsten 80 Jahre einen weiteren Anstieg um 76 bis 110 Zentimeter. Der Löwenanteil geht auf das Schmelzen der Gletscher und Eisschilde zurück. Ein weiterer Grund für den Anstieg ist die Tatsache, dass sich das Meerwasser mit steigenden Temperaturen ausdehnt.
Niedrig liegende Staaten wie die Malediven, Bahamas, Indonesien, Philippinen oder Seychellen befürchten dadurch nicht nur, dass sie künftig immer weniger Landfläche haben und Inseln womöglich ganz verschwinden. «Viele Staaten werden durch den Klimawandel auch wertvolle Seegebiete verlieren», sagt Anna Petrig, Professorin für Völkerrecht und Öffentliches Recht an der Universität Basel. Denn Ausgangspunkt für die Bemessung der Meereszonen sind die sogenannten Basislinien. Sie orientieren sich am Wasserstand entlang der Küstenlinie und definieren von dort aus 200 Seemeilen seewärts jenes Gebiet, in dem der Küstenstaat exklusiv fischen und wertvolle Rohstoffe im Meeresuntergrund abbauen darf. Danach beginnt die für alle zugängliche und nutzbare Hohe See.
Verluste von Meeresgebieten.
Verändert nun der steigende Wasserspiegel das Küstenprofil oder gehen vorgelagerte Inseln komplett unter, wandern Basislinien landwärts oder verschwinden ganz, wodurch Küstenstaaten Seegebiete verlieren. Laut dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen müssten betroffene Staaten veränderte Basislinien in den Seekarten laufend aktualisieren, um rechtssicher zu dokumentieren, wo ihre Seegebiete enden und wo die Hohe See beginnt. Das soll Streitigkeiten um Fischereirechte und Ressourcen verhindern.
Doch maritime Gebietsverluste bedrohen die wirtschaftliche Existenz dieser Staaten. Nur wenige sind finanziell in der Lage, mit Dämmen oder Aufschüttungen ihre Küsten zu schützen. Und da das aus den 1980er-Jahren stammende Seerechtsübereinkommen klimabedingte Änderungen des Meeresspiegels nicht kennt, greifen immer mehr betroffene Staaten zu kreativen Lösungen. 18 pazifische Inselstaaten haben bereits deklariert, ihre Basislinien künftig nicht mehr zu aktualisieren, weitere werden wohl folgen. «Sie frieren ihre Basislinien auf dem aktuellen Stand ein», erklärt Anna Petrig.
Für die Rechtsexpertin ein nachvollziehbarer Schritt, auch wenn das Seevölkerrecht eigentlich vorsieht, dass sich der Verlauf der Basislinien den natürlichen Gegebenheiten anpasst, die ja über Jahrtausende relativ stabil waren. Heute verändert sich die Küstengeografie allerdings in einem noch nie dagewesenen Tempo.
Künftige Entwicklung ist ungewiss.
«Es bleibt zu sehen, ob andere Staaten die Fixierung der Basislinien als fair betrachten und ob auch Staaten des globalen Nordens dem Beispiel der Pazifikinseln folgen.» Petrig vermutet, dass diese Praxis der eingefrorenen Basislinien irgendwann in Gewohnheitsrecht übergehen könnte und die aktuelle Regelung im Seerechtsübereinkommen ablöst.
Derzeit ist allerdings unklar, wohin die Rechtsentwicklung geht. «Es ist wichtig, dass das Seevölkerrecht in diesem Punkt geklärt und eventuell nachjustiert wird. Unklarheit darüber, wie Seegrenzen definiert werden, birgt eine grosse Gefahr für Konflikte zwischen Staaten.» Dass Seegrenzen auch in Zeiten des Meeresspiegelanstiegs und sich rasant verändernder Küstengeografie verbindlich und dauerhaft festgelegt werden können, sei eine Grundvoraussetzung für eine stabile und friedliche maritime Ordnung, so Petrig. Wie dies allerdings geschehen soll, ist derzeit ungewiss.
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