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Eiszeitliche Gletscherrekorde
Von R. v. Klebeisberg ( Innsbruck )
Die heutigen Gletscher sind zwar nur zum Teil verkleinerte Abbilder der ehemaligen; ähnliche Fragen aber wie für die einen * gelten auch für die anderen, nur ist für sie manche Antwort nicht mehr zu geben, nachdem die Gletscher selbst längst verschwunden sind.
Auch sonst versagt der Vergleich beider in manchen Fällen, wie die eiszeitlichen Gletscher der Alpen zeigen. Ihr Grössenwachstum war mit Formen verbunden, die so sehr von den heutigen Gletschern abwichen, dass das Längenmass allein keine ausreichende Vorstellung mehr gibt. Immerhin gilt diesem auch da eine erste Frage: der eiszeitliche Alpengletscher grösster Längserstreckung war der Rhonegletscher; er mass von der Furka bis zu seinem äussersten Rande westlich der Rhone unterhalb Lyon 365 km. Ihm folgt der Inngletscher mit rund 340 km vom obersten Engadin bis nach Erding bei München, nur wenig kürzer ( rund 335 km ) waren die längsten Stromlinien des Etschgletschers, der zum Teil auch im obersten Engadin wurzelte und bis Volta Mantovana südlich des Gardasees reichte. Die äusseren 200 bzw. 60 km dieser Längserstreckung nun aber sind beim Rhone- und Inngletscher nur gleichsam Linien innerhalb breiter, weit ausgedehnter Eisflächen, die erst die Grössenordnung zutreffend charakterisieren. Noch mehr als der Länge nach war flächenmässig der Rhonegletscher der bei weitem grösste eiszeitliche Alpengletscher. Seine Ausdehnung im Alpen- bzw. Jura-vorland, entlang des Gebirgsrandes, mass bis zu 85 km, die grösste Breite des Inngletschers im bayerischen Alpenvorland 50 km.
Im Alpeninnern war am breitesten der Draugletscher bei Klagenfurt, rund 30 km; die breite Öffnung des Kärntner Mittellandes bot die Möglichkeit dazu.
Hinsichtlich der Gletschertiefe ( -dicke ) hielten sich zwei eiszeitliche Alpengletscher annähernd die Waage: sie betrug beim Rhonegletscher über Brig wie beim Etschgletscher über Bozen rund 2000 m. Beim Rhonegletscher verband sich damit höchste Aufragung des Gebirges noch über den Höchststand des Gletscherstromes: bei Zermatt 1500 m.
Auch in der wichtigen Relation des weitesten Vordringens über den Alpenrand hinaus steht der Rhonegletscher an erster Stelle ( fast 90 km ). Das Alpeneis erreichte damit zugleich, zwischen Lyon und Vienne, seinen westlichsten Punkt ( 4° 47'E ). Der Inngletscher drang rund 80 km über den Alpenrand vor, bis zu dem nördlichsten Punkt ( 48° 20'N ) des Alpeneises. Am südlichen Alpenrand, in der Poebene, reichte absolut und relativ am weitesten ( 25 km über den Alpenrand ) der Etschgletscher vor, bis 45° 20'N; hier kam, unmittelbar westlich Verona, Alpeneis der Meereshöhe am nächsten ( 60 m ü. M.; noch 100 m tiefer als an der Rhone bei Vienne ). Die südlichsten alpinen Eiszeitgletscher aber lagen in den Seealpen, nur wenig ( bis 6 Grad-minuten ) südlicher als die südlichsten von heute, in den Tälern der Vesubie 1 Vgl. a Gletscherrekorde », « Die Alpen n », 1945, Heft 8.
und Roja; sie endigten unterhalb Roquebillère ( 800 m; 44° 1'N ) und Tenda ( 813 m; 44° 5'S ). Im Osten lagen die letzten kleinen Kargletscher an der Koralpe ( südwestlich Graz ) bei 15° 17'E, von grossen Gletschern reichte der Draugletscher am weitesten nach Osten bis 15° 5'E ( östlich Völkermarkt ).
Für die ganze Erde erlangte grösste Ausdehnung das nordamerikanische Inlandeis mit im ganzen ( einschliesslich des Kordillereneises ) maximal 16,7 Millionen Quadratkilometern, während das antarktische nur unwesentlich grösser war als heute ( 14,5 gegenüber 14 Millionen Quadratkilometern ). Das nordische Inlandeis Europas stand demgegenüber mit 3,3 Millionen Quadratkilometern schon weit zurück. Grösste Eistiefen ( -dicken ) wurden für das nordamerikanische Inlandeis zwischen Grossem Sklavensee und Hudson-Bai mit 5500 m angenommen, als einigermassen sichergestellt können nur die 2000-3000 m gelten, die für die Scheitelregion des skandinavischen Eises errechnet wurden.
Für den Klimavergleich zwischen damals und heute sind besonders lehrreich die « geographischen Rekorde ». Das grosse nordamerikanische Inlandeis reichte östlich St. Louis bis 37° 30'N nach Süden, 23 Breitengrade weiter als das grönländische Inlandeis heute. Südlichste Gebirgsgletscher in den USA. lagen in der Sangre de Cristo Range ( Rocky Mountains, 4410 m ) bei 36° 30'N; südlichste heutige bei 38° N, in den San Francisco Mountains ( 3844 m, Arizona ) und dem Santa Fé Creek ( 4055 m, Neumexiko ) bei 35° 15'N, in der Küstenkordillere, und zwar der Sierra San Jacinto ( 3250 m ) bei 34° 8'N, d. i. mehr als 2 Breitengrade südlicher als heute in der Sierra Nevada. Dabei kommt es weniger auf das « südlichst » an als auf die grösste Annäherung an den Wendekreis; denn von da gegen den Äquator hin sank wie sinkt die Schneegrenze wieder; absolut südlichste, wenn auch nur ganz kleine Gletscherchen Nordamerikas finden sich auch heute an den hohen Vulkanbergen Mexikos bei 19° 8'N .Heute wie damals sind es die nächsten von Süden her am nördlichen Wendekreis.
In den Tropen, zwischen den Wendekreisen, beschränkte sich die Vergletscherung allgemein auch damals auf die höchsten Berge, sie war wohl beträchtlich ausgedehnter und reichte fallweise um mehr als 1000 m tiefer, trat aber geographisch nicht wesentlich aus dem Rahmen der heutigen.
Dem südlichen Wendekreis kamen die eiszeitlichen Gletscher in den hohen Bergen der Nordchilenischen Anden von Norden her um 1-2 Breitengrade, von Süden her um einen halben Grad näher als heute; im Norden waren es solche am Tacora ( 5950 m, 17° 40'N ), im Süden am Cerro Très Cruces ( 6330 m, ca. 27° S ).
Im Mittel- und Osteuropa reichte das nordische Eis maximal bis in die Mährische Pforte ( bis 49° 20'W ) bzw. an den Dnjepr bei Krementschug ( unter 49° ), also kaum halb so weit von der Südspitze Grönlands wie in Nordamerika. Die südlichsten Eiszeitgletscher Europas lagen, sichergestellten Vorkommnissen nach, an der Südspitze Griechenlands, im Taygetos bei 36° 55'N, rund 2000 m ü. M., nur wenig südlicher, aber mehr denn 1000 m tiefer, als heute der kleine Lawinengletscher an der Veleta ( 3398 m, 37° 6'N ) in der Sierra Nevada Andalusiens. Die südlichsten eiszeitlichen Gletscher in europäischen Meridianen trug der Hohe Atlas ( bei 32° 40'—31° 20'N ), am Toubkal ( 4225 m ) und in der Ouen-Krim-Kette ( 4089 m ), es waren hier die letzten gegen den Wendekreis hin. Weiter im Osten kamen ihm noch um 18 Breitengrade näher Gletscher in den hohen Bergen Abessiniens, in der Landschaft Semien ( um 13° 30'N; Ras Daschan 4620 m, Abu Jarred 4560 m ).
Auch auf dem asiatischen Festland gingen die Gletscher damals nicht sehr viel weiter nach Süden als heute ( 27—26° N in den Ketten zwischen Irawadi und Salween ). Wohl aber wurde dieser Rekord beträchtlich unterboten auf der Insel Formosa, an deren absolut genommen nur massig hohen Bergen ( Niitakayama 3950 m ) noch bei 23° 27'N Gletscher nisteten, also bis unmittelbar an den nördlichen Wendekreis heran — es sind die einzigen Gletscher der geologischen Neuzeit überhaupt in Wendekreislage.Von Süden her kamen dem nördlichen Wendekreis eiszeitliche Gletscher in dem erloschenen Vulkan Mauna Kea ( 4175 m, rund 20° ) auf Hawaii am nächsten.
Vom südlichen Wendekreis standen die eiszeitlichen Gletscher im Norden mangels entsprechender Aufragungen gleich weit ab wie heute: im Carstenszgebirge ( 4435 m, 4° 5'S ) auf Neuguinea, im Süden kamen sie auf der Südinsel Neuseelands um 1—2 Breitengrade näher ( 42—41° ), die Gletscherspuren am höchsten Berg der Nordinsel, dem Ruapehu ( 2803 m, 39° ) sind noch nicht sichergestellt.
Über die Bewegungsgeschwindigkeit der Eiszeitgletscher sind zwar auch Betrachtungen angestellt worden; sie sind jedoch durchaus subjektiv und lassen nicht Höchstwerte angeben. Wohl aber konnten die Geschwindigkeiten des Zurückweichens der Gletscherränder in Fennoskandien und im östlichen Nordamerika mit Wahrscheinlichkeit berechnet werden, sie ergaben in beiden Räumen Höchstbeträge von 300 m im Jahr.
Bei den Gletschern der Vergangenheit nun aber kommt zu Länge, Breite, Tiefe noch eine vierte Dimension; die Zeit. Die Frage: welche waren die ältesten, am weitesten zurückliegenden Gletscher, die man kennt, eröffnet dabei mit interessanteste Einblicke in die Erdgeschichte. Es war in dieser Hinsicht streng genommen nicht ganz einwandfrei, wenn wir bisher kurzweg von « den » eiszeitlichen Gletschern sprachen und dabei an ein bestimmtes Eiszeitalter der Erdgeschichte dachten, nämlich das der Quartär-Periode 1. Ausser diesem, mit seinen Anfängen nach üblicher Schätzung rund 600 000 Jahre zurückliegenden Eiszeitalter gab es noch mehrere ältere. Das nächste sichergestellte und am besten erforschte ist das « Jungpaläozoische » ( Perm-Karbones liegt nach ähnlicher Schätzung über 200 Millionen Jahre weit zurück. Ein noch älteres, auch schon gesichertes fällt in die Wende von Paläo- und Eozoikum, schätzungsweise 550—600 Millionen Jahre vor der Gegenwart. Das älteste aber, mit dem man bisher einigermassen allgemein gerechnet, liegt noch viel weiter, 1 Geologisches Zeitschema vom Älteren zum Jüngeren: Archaisches Zeitalter ( ohne sichere Spuren von Lebewesen ); eozoisches Zeitalter ( mit Spuren von Lebewesen ); geologisches Altertum oder Paläozoikum ( Zeitalter ) mit den Perioden Kambrium, Silur, Devon, Karbon, Perm ( vom Kambrium an reichlich Organismenreste ); geologisches Mittelalter ( Zeitalter ) mit den Perioden Trias, Jura, Kreide; geologische Neuzeit ( Zeitalter ) mit den Perioden Tertiär und Quartär.
vielleicht an die 1000 Millionen Jahre zurück, innerhalb des Eozoikums, der Zeit der « Morgenröte des Lebens » auf der Erde. Es ist besonders bemerkenswert, weil es zeigt, dass schon damals die Abkühlung der Erde weit genug fortgeschritten war, um ausgedehnte Vergletscherungen entstehen zu lassen.
Beziehen wir auch diese älteren, « vorquartären » Vergletscherungen in unsere Rekordsuche ein, so war die grösste, die es nach bisheriger Kenntnis je auf der Erde gegeben hat, die jungpaläozoische. Zu ihrer Zeit waren alle die Südkontinente, Südamerika, Südafrika, Australien, dazu noch grosse Teile Zentralafrikas, Madagaskars und Vorderindiens, schon je für sich in grossem Ausmasse vergletschert; diese Südvergletscherungen hingen aber wahrscheinlich, wenigstens zum Teil, noch irgendwie zusammen, so dass sich ein Inlandeis von einer Grössenordnung ergibt, die alles Spätere überbot. Und mochte sich die Konstellation der Erdoberfläche, die Verteilung von Wasser und Land seither wie immer verändert haben, es bleiben grösste Gegensätze zum heutigen Klima der Gletschergebiete, Kontraste, wie sie für die quartäre Vergletscherung nicht annähernd bekannt sind. Mit den Rekorden der Vergletscherung verbinden sich solche der Klimaänderung.
Wenn uns Bergsteigern die Gletscher so viel bedeuten, kommt für die Vergangenheit auch sehr die Frage nach der ersten Begegnung von Gletscher und Mensch in Betracht. Ein Filmkünstler möchte vielleicht gerade diesen « Gletscherrekord » zu allererst drehen. In den Alpen scheint, nach bisheriger Kenntnis, die Möglichkeit ältester Beziehungen der Gletscher zum Menschen, etwa in dem Sinne, dass Menschen wenigstens in der Ferne Gletscher gesehen haben, für die Steinzeitjäger auf, die in der Wildkirchlihöhle ( 1477—1500 m ü. M. ) im Schwendital ( Säntis ) und im Drachenloch ( 2500 m ) ob Vättis ( Taminatal ) gehaust haben — weiter im Osten sind damit verglichen worden die Tischofer Höhle ( 600 m ) im Kaisergebirge ( Tirol ), die Salzofe ( 2000 m bei Gröbming ) und Drachenhöhle ( 900 m bei Mixnitz ) in Steiermark, die Potoökahöhle ( 1700 m ) in den Karawanken ( Krain ). Diese « Höhlen-kulturen » entfallen zwar zur Hauptsache auf Zeiten, zu denen die Alpen von den grossen Gletschern ganz frei geworden waren, aber Gletscher von heutigen oder noch kleineren Ausmassen könnten in höchsten Lagen des Gebirges noch durchgehalten haben; wenn die Möglichkeit zutrifft, dann wäre es frühestens im dritten Viertel der quartären Eiszeit gewesen. Sicher haben die Neolithiker im letzten Viertel die Alpen- und auch die nordischen Gletscher zu Gesicht bekommen. Für die Spuren des Menschen aus früheren Abschnitten der quartären Eiszeit hingegen lassen sich in Europa derlei Beziehungen zu Gletschern nicht wahrscheinlich machen, und auch vereinzelte positive Angaben aus Kaschmir ( Nordwest-Himalaya ) bedürfen noch der Sicherstellung.
So führt die Frage nach Superlativen auch bei den eiszeitlichen Gletschern mitten hinein in die Fülle des Stoffes und seine Probleme; dem Bilde der Gletscher von heute aber, die uns Schönstes vom Schönen des Hochgebirges sind, verbindet sich damit der Reiz der Vergangenheit, zurück zum Aufscheinen der Menschen, ja bis zu den Anfängen des Lebens auf der Erde.