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Kaum ein militärischer Begriff wird so ambivalent gebraucht wie “Doktrin”. Deutsche Agenturen berichten vom russischen Flottentag, Präsident Putin habe in St. Petersburg eine neue “Marine-Doktrin” unterzeichnet. Experten heben die Augenbraue: Doktrin? neu? wozu? wohin? In der Tat steht “Doktrin” nicht über dem Originaldokument, und das, was bisher bekannt ist, deutet eher auf eine Kampfansage an die USA hin.
Und das vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges, in dem die russische Marine den Kreuzer “Moskwa” und mindestens ein Landungsschiff verlor. Die bestens einstudierte Flottenparade sollte vergessen machen, dass die Schwarzmeerflotte ihr Flaggschiff durch Nachlässigkeit verlor. Was weiss man, mit Stand am 2. August 2022, von Putins Dokument?
Seegrenzen
Das Dokument soll Russlands Seegrenzen festlegen, namentlich auch
- in der Arktis;
- im Schwarzen Meer.
Russland werde diese Grenzen hart und mit allen Mitteln, notfalls auch militärischen, schützen. Der russische Anspruch auf die Arktis ist seit langem bekannt; insofern sind Putins markige Worte nicht neu. Wenig überraschend ist auch der Anspruch auf das Schwarze Meer, der im Süden indessen auf die Türkei prallt, die von der bulgarischen bis zur georgischen Grenze einen langen Küstenstreifen hält. Am 18. März 2014 annektierte der Kreml die Krim, von der aus Russland den Golf von Odessa und das Asowsche Meer beherrscht; doch das ist jetzt auch seit acht Jahren publik.
Putin will verhindern, dass die USA Russlands Zugang zu Bodenschätzen auf dem Grund der Ozeane einschränken oder Schifffahrtswege sperren. Russland erhebt in der Arktis Anspruch auf das dort vermutete Gas und andere Ressourcen.
Militärische Gewalt
- Sollten Konflikte nicht diplomatisch zu lösen sein, werde Russland auch auf hoher See militärische Gewalt anwenden. Im Krieg werde die Marine zivile Schiffe requirieren.
- Putin trat Staaten entgegen, die auf Russlands Kosten Gebiete beanspruchten. Er sprach Japan nicht namentlich an, doch stand der japanische Anspruch auf die Südkurilen im Raum.
- Russland brauche ein genügendes Netz von Marinestützpunkten ausserhalb seiner Grenzen. Das entspricht Russlands uraltem Streben nach “warmen Häfen”, das auf Peter den Grossen, “Zar und Zimmermann”, zurückreicht. Der syrische Präsident Asad “entschädigt” Putin für seine Militärhilfe nicht nur mit dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim, sondern auch mit dem Hafen Tartus.
- Vorgesehen sei der Bau von neuen Flugzeugträgern.
Die “Wunderwaffe” Zirkon
Wie Putin in St. Petersburg ankündigte, werde Russland die neue Hyperschall-Seerakete Zirkon rasch in den Truppendienst überführen. Der Hersteller liefere die ersten Raketen schon in den nächsten Monaten. Die Fregatte «Admiral Gorshkov», die an der Flottenparade teilnahm, komme als erste Einheit dran. Die Hyperschall-Zirkon sollen ihre Ziele mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit bekämpfen, fast nicht zu erfassen und schwer zu bekämpfen sein.
Die Zirkon-Ankündigung ist vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges zu bewerten. Einerseits gelangen im Krieg offensichtlich die “Superwaffen” der Siegesparade 2015 nicht zum Einsatz; vom Engagement der T-14-Armata-Kampfpanzer, des 70-Kilometer-Geschützes Koalizja und des Stealth-Jets Suchoi-57 ist nichts bekannt. Anderseits richten die russischen Fernwaffen Iskander und Kalibr Tag für Tag schweren Schaden an. Vereinzelt zerstören die Russen auch mit der “Wunderwaffe” Kinshal ausgewählte Ziele.
Fazit: Zu früh
- Für eine abschliessende Beurteilung fehlen im Moment die Details.
- Namentlich auch der Begriff “Doktrin” kann einem Übersetzungsfehler geschuldet sein.
- Das eine sind Paraden, Manöver und Reden, das andere ist die Leistung im Krieg.