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Bern sitzt auf einem Bücherschatz, und fast niemand weiss es. Mit einer Ausstellung und Veranstaltungen über Jacques Bongars, den vor 400 Jahren verstorbenen Sammler, wollen die Universitäts- und die Burgerbibliothek Bern dies ändern.Dieser Inhalt wurde am 09. November 2012 - 16:44 publiziert
"Gelehrter, Diplomat, Büchersammler" heisst die Schau über Bongars, einen Hugenotten und Humanisten, geboren 1554 in Orléans, gestorben 1612 in Paris.
Zusammengestellt wurde die Ausstellung gemeinsam von Fachleuten der Universitätsbibliothek und der Burgerbibliothek Bern.
Mit dem im Ausstellungs-Titel umrissenen Profil war Bongars ein typischer Vertreter der "Gelehrtenrepublik", wie das intellektuelle Netzwerk im damaligen Europa hiess. Aus der Verknüpfung seiner politischen Missionen, der damit verbundenen regen Reisetätigkeit und seiner Leidenschaft für Wissenschaften und Bücher resultierte schliesslich "eine der grössten und bedeutendsten privaten Bibliotheken der frühen Neuzeit", wie Florian Mittenhuber, Konservator der Sammlung Bongars in der Burgerbibliothek, gegenüber swissinfo.ch sagt.
Bücher statt Geld als Lohn
Den Sammler Bongars beschreibt der Philologe als einen "Büchernarren, der aus innerer Begeisterung heraus seine ganze Kraft und sein ganzes Vermögen für Bücher aufgewendet hat".
Die Einstellung des Franzosen illustriert Mittenhuber am Beispiel des Strassburger Kapitelstreits, in dem Bongars zwischen Katholiken und Protestanten vermittelte. "Den Lohn für seine Dienste hat er sich nicht in Geld, sondern in Büchern ausbezahlen lassen. So kamen einige der wertvollsten Stücke der Bibliothek in seinen Besitz", berichtet Mittenhuber.
Der Spezialist charakterisiert Bongars als "sehr offen gegenüber neuen Erkenntnissen und Menschen". Als einer der gefragtesten Gelehrten seiner Zeit habe er seine bedeutende und wertvolle Sammlung allen Gelehrten zur Verfügung gestellt, was zu jener Zeit die Regel gewesen sei.
Als einer der wichtigsten Diplomaten, der die Politik Frankreichs in den Gebieten der reformierten Reichsstände in Deutschland wesentlich mitbestimmt hat, habe er umsichtig und ausdauernd agiert, beschreibt Mittenhuber Bongars Rolle als Gesandter von Frankreichs König Heinrich IV. "Aber er hat sich in unzähligen Verhandlungen aufgerieben, sein Erfolg war relativ bescheiden."
Heute werde Bongars nicht mehr als einer der führenden Wissenschaftler und Diplomaten wahrgenommen, der er im damaligen Europa gewesen sei, hält Mittenhuber fest. Er schreibt dies auch dem Umstand zu, dass sich Bongars nie in den Vordergrund gedrängt habe.
Der Philologe verweist aber auch auf die tragische Note in Bongars Leben, erlag doch seine Verlobte just am Tag der Hochzeit einer Krankheit.
Einmalige Preziosen
Die Bibliothek, die Bongars seinem Patensohn vererbte, zählte schliesslich 3000 Druckbände mit rund 7000 Titeln sowie 600 Handschriften, insgesamt 200 Laufmeter.
Sie beinhaltet etwa die nur in Bern erhaltenen spätantiken Vergil-Kommentare oder damals neueste naturwissenschaftliche Schriften seiner Zeitgenossen Galileo Galilei oder Tycho Brahe wie etwa die Mechanica, worin Letzterer seine neuesten astronomischen Instrumente vorstellte.
1632 vermachte Bongars Erbe, der mit der Tochter des damaligen Berner Schultheissen Franz Ludwig von Erlach verheiratet war, die Sammlung der Stadt Bern.
"An die Spitze katapultiert"
Vor der Schenkung sei die Bibliothek der damaligen Hohen Schule (Vorläuferin der heutigen Universität, die Red.) eine theologische Fachbibliothek gewesen, sagt Sabine Schlüter, Kuratorin der historischen Bestände der Universitätsbibliothek Bern.
"Die Bestände aus Klöstern, die aufgelöst wurden, kamen nach Bern. Dies war der Ursprung der Handschriften-Bestände, die vor allem aus theologischen Schriften bestanden", sagt Schlüter. "Dank der Erweiterung um Naturwissenschaften, Medizin, Literatur und Reiseliteratur – u.a. von Marco Polo – wurde aus der theologischen Fachbibliothek eine barocke Universalbibliothek, wie sie im 17. Jahrhundert zum Standard wurde."
Die Hinterlassenschaft Bongars wurde für Bern zum bedeutenden Gewinn. "Die Schenkung hat die Berner Bibliothek auf einen Spitzenplatz unter den damaligen Schweizer Bibliotheken katapultiert", sagt Claudia Engler, Direktorin der Burgerbibliothek Bern. Quantitativ sei die Bibliothek der Hohen Schule mehr als verdoppelt worden.
Instrument der Machtpolitik
Das Geschenk kam aber nicht ohne Zutun in die Zähringerstadt, verfolgte Bern doch mit der Sammlung konfessionelle und politische Absichten. Einerseits ging es darum, dass Bern mit dem Bücherschatz im inner-eidgenössischen Wettbewerb als Gelehrten-Standort Boden gutmachen konnte, wie Claudia Engler erklärt.
"Im Gegensatz zu den humanistischen Städten Basel und Genf war Bern vor der Reformation keine Gelehrtenstadt. Dies wurde sie erst ab 1528 und mit der Gründung der Hohen Schule zur Ausbildung der reformierten Pfarrer."
Auf europäischer Bühne, es herrschte der 30-jährige Krieg, hegte Bern andererseits möglicherweise gar die Absicht, Heidelberg als geistige Hochburg Europas zu überflügeln und sich als reformierter Gegenpol zu den katholischen Standorten zu positionieren, sagt Claudia Engler.
Der Stadt gelang es in der Folge aber nicht, das reiche Erbe als Magnet für Studenten und Gelehrte aus dem Ausland nachhaltig zu nutzen. Schon kurz darauf mokierte sich eine Satireschrift über die Preziosen, die in Bern unbenutzt Staub ansetzen würden.
Dank moderner Archivtechnik und intensiver Forschungstätigkeit sind die Bände und Handschriften heute wieder frei von Staub.
Geblieben ist aber der Wunsch, die Preziosen einem grösseren Publikum zugänglich zu machen. "Die Qualität der Sammlung ist von der Forschung bisher viel zu wenig gewürdigt worden, dabei gilt es noch viel zu entdecken", sagt Florian Mittenhuber.
Jacques Bongars
1554 geboren in Orléans als Sohn hugenottischer Eltern aus unterem Adel.
1564: Schüler in Deutschland (Jena, Heidelberg, Marburg, Köln).
1576: Rechtsstudium an der Universität von Bourges/F.
Ab 1584: rege Reisetätigkeit (u.a. Holland, Balkan).
Ab 1593: Ständiger Gesandter des Königs Heinrich IV. von Frankreich bei den deutschen protestantischen Reichsständen.
1597: Seine Verlobte stirbt am 1. Februar, dem Tag der geplanten Hochzeit.
Der Diplomat und Humanist gehört zur "Gelehrtenrepublik", dem damaligen intellektuellen Netzwerk in Europa. So kann er seine politischen Kontakte zur Vergrösserung seiner Bibliothek nutzen.
1610: Ende der Diplomatentätigkeit auf eigenen Wunsch, weil er sich wieder seinen Studien widmen will.
1612: Tod Ende Juli in Paris.
1632: Bongars Patensohn Jakob Graviseth, der mit Salome von Erlach, der Tochter des Berner Schultheissen Franz Ludwig von Erlach, verheiratet ist, schenkt die Bibliothek der Stadt Bern.End of insertion
Die Jubiläums-Aktivitäten
Die Ausstellung "Jacques Bongars (1554-1612), Gelehrter, Diplomat, Büchersammler" zu dessen 400. Todesjahr ist in der Universitätsbibliothek Bern zu sehen. Sie dauert bis am 22. März 2013.
Begleitet wird die Schau von der Schrift "Jacques Bongars. Humanist, Diplomat, Büchersammler", in der die Berner Forscherinnen und Forscher ihre neuesten Ergebnisse präsentieren und die sich ausdrücklich auch an interessierte Laien richtet.
Die reich bebilderte Publikation erscheint innerhalb der Schriftenreihe Passepartout der Burgerbibliothek Bern.
Zum Abschluss der Jubiläumsveranstaltungen führt die Universität Bern Anfang März 2013 ein zweitägiges wissenschaftliches Kolloquium zu Jacques Bongars durch.End of insertion
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