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Ökonom, Eidg. Steuerverwaltung, Doktorand Universität Lausanne.
Themenbereich: Wirtschaftspolitik, Verhaltensökonomie, Finanzmärkte
Starten wir mit einem kleinen Quiz: Glauben Sie, Nigeria hat mehr oder weniger als 14 Millionen Einwohner? Legen Sie sich fest, dann gehen wir zur nächsten Frage (in der Hoffnung, dass Sie die richtige Antwort nicht schon gegoogelt haben). Wie hoch schätzen Sie die Einwohnerzahl von Nigeria? Nennen Sie eine Zahl. Die Antwort gibt es weiter unten in diesem Artikel inkl. einer Vermutung betreffend Ihrer Schätzung. Vorher besprechen wir aber einen anderen Denkfehler.
Warum wir uns von den Erfolgreichen blenden lassen
Welche erfolgreichen Unternehmer kommen Ihnen spontan in den Sinn? Es gibt einige: Mark Zuckerberg (Facebook), Bill Gates (Microsoft), Peter Spuhler (Stadler Rail), Jeff Bezos (Amazon), Steve Jobs (Apple), die Hayeks (Swatch), Philippe Gaydoul (Denner), um spontan eine Auswahl zu nennen. Fällt Ihnen auch ein Unternehmer ein, der sein neu entwickeltes Produkt lancierte, sein Herzblut und sein hart verdientes Erspartes in sein Unternehmen steckte, dann nach fünf Jahren Konkurs anmeldete und mit leeren Händen dastand? Vermutlich nicht.
Kein Wunder, denn über die gescheiterten Unternehmer werden keine Bücher geschrieben, keine Dokumentarfilme gedreht und sie treten auch nicht in Talkshows auf, um über ihre Misserfolge zu reden. Die Befunde aus wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich nicht von der medialen Präsenz der Erfolgreichen blenden lassen, zeigen aber klar, dass die gescheiterten Unternehmer viel zahlreicher sind als die erfolgreichen. Zahlen aus den USA deuten darauf hin, dass nach 5 Jahren über 60% und nach 10 Jahren über 80% der neu gegründeten Unternehmen nicht mehr im Markt sind. Unsere Wahrnehmung ist völlig verzerrt, wir sehen nur die Glorreichen, so dass wir geneigt sind zu glauben, dies sei der Regelfall.
Bei Sängern, Schriftstellern oder Sportlern ist eine systematische Untersuchung zum Anteil der gescheiterten kaum möglich, da unklar ist, ab wann man von einem missglückten Versuch sprechen muss (muss man von einer gescheiterten Sängerkarriere sprechen, wenn jemand bis im Alter von 25 Gesangsstunden nimmt, ohne auf der grossen Bühne zu landen?). Auch wenn es keine genauen Zahlen gibt, es spricht alles dafür, dass es viel mehr gescheiterte Sänger als Popstars und viel mehr angefangene Manuskripte als Bestseller-Bücher gibt. «Survivorship-Bias» (auf Deutsch: «Überlebensirrtum») nennt sich dieses Phänomen, Erfolgswahrscheinlichkeiten systematisch zu überschätzen aufgrund der grösseren Sichtbarkeit von Erfolgen gegenüber Misserfolgen.
Doch warum dieser martialische Begriff «Überlebensirrtum», der andeutet, dass die anderen ums Leben kommen? Das geht zurück auf die Bombardierung Deutschlands durch die Englische Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Um den Anteil der Überlebenden zu erhöhen, untersuchten Ingenieure die Flugzeuge der Rückkehrer und panzerten die Maschinen gezielt an den Stellen mit den meisten Einschusslöchern. Die Überlebenswahrscheinlichkeit der Piloten erhöhte sich dadurch aber nicht. Der Denkfehler? «Überlebensirrtum» im wahrsten Sinne des Wortes. Die Einschusslöcher bei den Rückkehrern waren offenbar nicht tödlich, also waren dies genau die falschen Stellen, um den Flieger zusätzlich zu panzern. Paradoxerweise muss man also genau da panzern, wo man keine Einschusslöcher sieht, denn da wurden diejenigen getroffen, die nie mehr zurückkehrten.
Zurück zur Nigeria-Schätzfrage
Die Einwohnerzahl des grössten Afrikanischen Landes beträgt rund 186 Millionen. Hier meine Vermutung: Sie gingen richtig in der Annahme, dass die Einwohnerzahl grösser ist als 14 Millionen, Ihre Schätzung der Einwohnerzahl war dann aber viel zu niedrig. Falls dem so ist, liegen der Fehleinschätzung nicht zwingend mangelhafte Geografiekenntnisse zugrunde, sehr wahrscheinlich aber der sog. Anker-Effekt.
Der Anker-Effekt beschreibt folgendes Phänomen der kognitiven Psychologie: Menschen starten bei Beurteilungen und Einschätzungen bei einem – möglicherweise völlig zufälligen – Ausgangswert und machen ausgehend davon nur unzureichende Anpassungen. Im Nigeria-Beispiel habe ich Sie zuerst bei viel zu tiefen 14 Millionen «geankert», so dass die meisten Menschen die Einwohnerzahl massiv unterschätzen. Nun mögen Sie zu Recht einwenden, dass dieses Beispiel nicht ganz fair ist. Da die 14 Millionen nicht zufällig vom Himmel fielen, durften Sie annehmen, dass die wahre Einwohnerzahl irgendwo in dieser Grössenordnung sein muss.
Um diesen Kritikpunkt auszuschliessen, haben Kahneman und Tversky, zwei Psychologen mit Ökonomie-Nobelpreis, folgendes Experiment gemacht. Die Probanden mussten zuerst an einem Glücksrad drehen, welches zufällig eine Zahl von 0 bis 100 generiert. Dann wurde die Schätzfrage gestellt, wie hoch der Anteil afrikanischer Länder in der UNO ist (richtige Antwort: 28%). Auch der rein zufällig erzeugte Anker durch das Glücksrad hat die Schätzungen der Leute systematisch beeinflusst. Will heissen, wer vom Glücksrad einen hohen Ausgangswert bekommt, schätzt den Anteil afrikanischer Länder in der UNO systematisch höher ein.
In einem weiteren Experiment zeigen Forscher, dass der Anker-Effekt bares Geld kosten kann. Sie forderten BWL-Studenten auf, die letzten zwei Ziffern ihrer «Social Security Number» (vergleichbar mit der Schweizer AHV-Nummer) niederzuschreiben. Bei der anschliessenden Versteigerung verschiedener Alltagsgegenstände wie Wein, Lehrbücher oder Computer-Hardware zeigten diejenigen mit einer hohen zweistelligen Zahl der AHV-Nummer eine signifikant höhere Zahlungsbereitschaft.
Man sei also auf der Hut, wenn das Gegenüber in Lohnverhandlungen oder in Verhandlungen über den Kaufpreis eines Fahrzeugs oder eines Einfamilienhauses mit dem gezielten Setzen eines Ankers – beispielsweise indem es gleich zu Beginn der Verhandlungen eine Zahl in den Raum stellt – das Verhandlungsergebnis zu seinen Gunsten zu beeinflussen versucht.
Weitere Beispiele für die Grenzen des menschlichen Verstandes wurden auf diesem Blog ebenfalls schon diskutiert: Überschätzung kleiner Wahrscheinlichkeiten, die Tendenz zur Selbstüberschätzung, der Besitztumseffekt oder der Framing-Effekt.
Ökonom, Eidg. Steuerverwaltung, Doktorand Universität Lausanne.