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Die körperliche Abhängigkeit entsteht aus der Nikotinwirkung im Hirn. Die beiden anderen Abhängigkeiten beruhen auf Faktoren wie dem Gemütszustand, bestimmten Situationen, der psychologischen Verfassung usw.
Die Klassifizierung nach Suchtarten ist nicht mehr zeitgemäss. Viele Forschende sind der Meinung, dass der Abhängigkeitsbegriff trotz seiner Komplexität nicht unterteilt werden soll, da es dafür keine wissenschaftlich etablierten Regeln gibt.
Um die Sucht besser zu verstehen, werden wir sie jedoch in 3 Teile zerlegen (körperlich – psychisch – verhaltensbezogen). Behalten Sie jedoch im Hinterkopf, dass es sich um eine einzige Einheit handelt!
Die Nikotinabhängigkeit zeigt sich wie folgt:
- Bessere Laune
- Gefühl grösserer Leistungsfähigkeit
- Vor allem: Das Vermeiden von Entzugserscheinungen!
Folgende Entzugserscheinungen treten auf
- Reizbarkeit, Depression, Agitiertheit, Angstzustände
- Sozialisierungsprobleme
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Verstärktes Hungergefühl
- Schlaflosigkeit
- Plötzliches, unwiderstehliches Rauchverlangen («Craving»)
Die körperliche Abhängigkeit: Immer mehr Nikotinrezeptoren
Die körperliche (pharmakologische) Abhängigkeit lässt sich möglicherweise damit erklären, dass bei regelmässig Rauchenden die Zahl der Nikotinrezeptoren auf den Nervenzellen zunimmt. Diese Rezeptoren werden so genannt, weil sie unter Laborbedingungen (aber auch beim Rauchen und bei jeder Art von Nikotinkonsum) Nikotin besonders stark an sich binden.
Unter natürlichen Bedingungen existiert im Körper keinerlei Nikotin. Diese Rezeptoren sind eigentlich dazu da, den Neurotransmitter Acetylcholin zu binden. Acetylcholin nimmt im zentralen Nervensystem eine wichtige Rolle für das Gedächtnis und das Lernen ein. Im peripheren Nervensystem trägt es insbesondere zur Muskelaktivität und zu vegetativen Funktionen bei.
Wenn Nikotin konsumiert wird, verändert sich die Rolle gewisser Rezeptoren. Man spricht nun von Nikotinrezeptoren. Das Nikotin bindet sich an diese Rezeptoren und wirkt auf das Belohnungssystem, indem es verschiedene Botenstoffe wie etwa Dopamin freisetzt. Die Zahl der Nikotinrezeptoren nimmt nach und nach zu, was zu einer Gewohnheit führt.
Allmählich wird die Nikotinzufuhr zu einer zwingenden Voraussetzung, damit überhaupt Dopamin ausgeschüttet wird. Dopamin löst ein Gefühl der Freude und der Zufriedenheit aus. Wenn diese Substanz nicht ausreichend ausgeschüttet wird, führt dies zu Müdigkeit, Energieverlust, Konzentrationsstörungen und anderen Entzugserscheinungen. Nikotin kann sich auf alle Bewusstseinsebenen des Menschen auswirken. Bei süchtigen Testpersonen konnte nachgewiesen werden, dass die Zahl der Nikotinrezeptoren nach dem Tabakstopp langsam wieder abnimmt. Doch dauert es 6 bis 12 Monate, bis die ursprüngliche Zahl erreicht wird.
Körperliche Entzugserscheinungen bis zu 2 Monate
Die akuten Symptome einer körperlichen Nikotinsucht (Entzugserscheinungen) verschwinden je nach Abhängigkeitsgrad 1 bis 2 Monate nach dem Rauchstopp. Aus diesem Grund ist es wichtig, mindestens 2 Monate in Behandlung zu bleiben (ärztliche Beratung, Nikotinersatz, Bupropion, Vareniclin).
Was ist mit psychischer Abhängigkeit?
Die psychische oder psychologische Abhängigkeit dauert länger als die körperliche und ist schwerer zu erfassen. Das Vorhandensein des Produkts wird allmählich mit Gedanken und Gefühlen des privaten, sozialen und beruflichen Lebens verknüpft. Bei einer solchen Abhängigkeit brauchen die Betroffenen das Produkt als Stütze, um zu denken, sich zu erholen oder sich einfach nur wohlfühlen zu können. Es gibt Rauchende, die sogar meinen, nicht mehr ohne Tabak leben zu können, und dass das Produkt ein Teil ihres Lebens ist.
Es braucht 6 bis 12 Monate oder sogar mehr, um die psychische Abhängigkeit abzuschütteln. Auch dazu ist Hilfe nötig.
Zu jeder alltäglichen Tätigkeit eine Zigarette
Die Verhaltens- oder Umfeldabhängigkeit ist mit der psychischen (und körperlichen) Abhängigkeit verbunden, bezieht sich aber spezifisch auf die Handlungen, die man im Alltag ausführt. Nach und nach wird jede Verhaltensweise und jede Handlung nicht nur mit der Aufnahme der Substanz, sondern auch mit einer Geste, einer Verhaltensweise und einem Automatismus in Verbindung gebracht. Das ist alles andere als harmlos, denn wer regelmässig raucht, führt seine Hand mehrere Hundert Mal am Tag zum Mund. Darum wird in den Wochen nach dem Rauchstopp geraten, Strategien zu finden, um dieser Verhaltensabhängigkeit entgegen zu wirken: Kaugummi kauen, Bonbons lutschen, die Hände beschäftigen, einen Gegenstand anstelle des Zigarettenpakets in der Tasche haben usw.
Theorie der Oralphase
Gemäss der Theorie der Oralphase soll das Verhältnis zur Zigarette ähnlich sein wie die Genuss- und Zufriedenheitsgefühle des Säuglings an der Mutterbrust. Demnach werde die immer greifbare Zigarette zum Mund geführt, um Ängste abzubauen. «Oral» Rauchende hätten ein grösseres Risiko, den Nikotinentzug mit Essen oder Alkohol zu kompensieren.
Es muss grundsätzlich berücksichtigt werden, dass die Zigarettensucht eine Kombination aller dieser Faktoren ist. Wenn jemand auf die psychischen Aspekte anspricht, heisst das nicht, dass er oder sie nicht auch körperlich den Nikotin-«Schuss» jeder einzelnen Zigarette spürt.
Was die Forschung sagt
Laut neueren Studien könnte Nikotin im Hirn eine Verknüpfung der verschiedenen Abhängigkeitsformen bewirken. So könnte es die Rauchenden für Tabakhinweise in ihrem Umfeld sensibler machen: Gerüche, Bilder, Stimmungen usw. Und es stärke die unbewusste Verknüpfung zwischen solchen Hinweisen und dem Akt des Rauchens. Weil Nikotin grundsätzlich die Nervenströme im Hirn anregt, scheint diese Erklärung durchaus plausibel.
Frau und Mann sind nicht gleich
Zweifellos ist die Abhängigkeit bei den Frauen stärker psychologisch begründet als bei den Männern, deren Abhängigkeit stärker vom Nikotin-Schuss geprägt ist. Laut Forschungsarbeiten sind die Frauen für Geruchs- und Geschmacksaspekte der Zigarette sensibler. Wird ihnen der Geruch oder der Geschmack ihrer Lieblingsmarke entzogen, verlieren sie viel mehr Befriedigung als die Männer.
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Männer grundsätzlich eher wegen der nikotinbedingten grösseren Leistungsfähigkeit rauchen und die Frauen mehr aus nikotinunabhängigen Gründen. Die Frauen bekunden grössere Mühe beim Aufhören und sprechen weniger günstig auf Ersatztherapien an. Zudem soll es bei der Verabreichung von Nikotin und Tabak geschlechterspezifische Unterschiede geben, was das System der Nikotin-Acetylcholin-Rezeptoren und das Dopamin-System anbelangt.
Literatur
- Verplaetse, T. L., Morris, E. D., McKee, S. A., & Cosgrove, K. P. (2018). Sex differences in the nicotinic acetylcholine and dopamine receptor systems underlying tobacco smoking addiction. Current opinion in behavioral sciences, 23, 196-202.
- McGrath-Morrow, S. A., Gorzkowski, J., Groner, J. A., Rule, A. M., Wilson, K., Tanski, S. E., Collaco, J. M., & Klein, J. D. (2020). The Effects of Nicotine on Development. Pediatrics, 145(3), e20191346.
- C Chiamulera. Brain Research Reviews, In Press (2004).Cue reactivity in nicotine and tobacco dependence: a « multiple-action » model of nicotine as a primary reinforcement and as an enhancer of the effects of smoking-associated stimuli.
- KA Perkins, E Donny, AR Caggiula. Nicotine & Tobacco Research 1(4), S. 301-315 (1999).Sex differences in nicotine effects and self-administration: review of human and animal evidence.
- KA Perkins. Pharmacology Biochemistry and Behavior 64(2), S. 295-299 (1999).Nicotine Discrimination in Men and Women.
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