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Robert A. Heinlein gilt als einer der besten US-amerikanischen Science-Fiction-Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; er ist auch einer der umstrittensten. Wie praktisch alle begann er (1939) seine Karriere mit einer Kurzgeschichte (Life Line) für die Zeitschrift Astounding Science Fiction, die sich unter John W. Campbell langsam von reiner Pulp Fiction weg entwickelte.
Dass Heinlein umstritten ist (v.a. in Europa), liegt daran, dass sein Gedankengut umstritten ist. Zu Beginn seiner Karriere hat er tatsächlich militaristische und chauvinistisch-rassistische Züge in seine Fiktion einfliessen lassen. Die hohe Wertschätzung des Militärs zeigt sich z.B. in Starship Troopers, wo nur der Stimmrecht erhält, der auch Dienst geleistet hat. Im selben Roman werden Asiaten und ihre Lebensweise in der Form der extraterrestrischen Feinde der Menschheit, von den Soldaten nur Bugs genannt, karikiert. Noch schlimmer ergeht es den Asiaten in The Sixth Column, wo die USA von China erobert und unterdrückt werden.
Diese Einstellungen gehen allerdings von den 60er Jahren an praktisch völlig verloren. Viele von Heinleins Protagonisten sind dunkelhäutige Mischlinge, und auch den Asiaten gegenüber wird seine Haltung zumindest neutral. (Man wirft dafür dem späten Heinlein vor, dass in seinen Geschichten immer wieder sexuellen Beziehungen zwischen jungen, hübschen Frauen und älteren Herren geschildert werden.)
Der Inhalt von Mondspuren ist rasch erzählt: Luna ist eine Strafkolonie der Erde. Unser Held, Manuel O’Kelly, genannt Mannie, ist zwar als freier Bürger auf Luna geboren (seine Vorfahren wurden deportiert, nicht er), dennoch kann er den Mond nicht verlassen, weil die geringere Gravitation seine Muskeln und Knochen für die Erdschwerkraft untauglich gemacht hat. Mannie ist der beste Computertechniker vor Ort, was er der Tatsache verdankt, dass er seinen rechten Arm bei einem Unfall verloren hat, und nun mit verschiedenen Prothesen ausgerüstet ist, die ihm zum Teil Mikroreparaturen erlauben. Der Roman fängt damit an, dass Mannie ins Hauptquartier der Erd-Verwaltung gerufen wird, wo der Zentralcomputer steht. Luna exportiert Weizen auf die Erde, und dieser Computer ist ursprünglich für die Berechnung der ballistischen Bahnen konstruiert worden, hat aber im Laufe der Zeit immer mehr Aufgaben übernehmen müssen, bis er eines Tages sich seiner selbst bewusst worden ist und zu sprechen begonnen hat. Er spricht allerdings nicht mit jedem – eigentlich nur mit Mannie. Mike, so nennt Mannie den Computer, versucht, sich der menschlichen Intelligenz anzunähern, indem er versucht zu verstehen, was Witze sind und was witzig ist. (Lieutenant Commander Data aus der Fernseh-Serie Star Trek – The Next Generation ist hierin sein legitimer Nachfolger.)
Im Lauf der Ereignisse werden Mike und ein weiterer Protagonist, Professor Bernando de la Paz, errechnen, dass die Weizenexporte binnen weniger Jahre die Ressourcen des Mondes komplett aufgefressen haben werden, worauf dort Hungersnöte und Schlimmeres ausbrechen werden. Zusammen mit der Vierten im Bunde, Wyoming Knott (genannt Wyo), einer jungen und hübschen Frau, beschliesst man, eine Revolution auf Luna zu starten.
Was den Roman über die übliche Pulp Fiction hinaushebt, ist einerseits die Tatsache, dass alle Protagonisten beschädigt sind oder werden. Mannie hat den Verlust seines Arms im Grunde genommen nie ganz verwunden; Wyo wurde einmal einer Überdosis atomarer Strahlung ausgesetzt und hat in der Folge ein Monster, wie sie es ausdrückt, auf die Welt gebracht, worauf ihr die Eileiter unterbunden wurden; der Professor hat ein schwaches Herz und stirbt an dem Tag, als Lunas Unabhängigkeit definitiv fest steht; Mike schliesslich, der die ganze Revolution als grossen Witz betrachtet hat, wird bei einer Bombardierung beschädigt – nur leicht, er schweigt aber trotzdem von nun an.
Was den Roman über die übliche Pulp Fiction hinaushebt, ist andererseits die Tatsache, dass der Professor, im Einklang mit Heinlein, ein bestimmtes staatspolitisches Ziel verfolgt. Heinlein gilt als starker Verfechter des sog. Libertarismus. Diese v.a. in den USA starke Bewegung votiert für robuste Eigentumsrechte und wirtschaftliche Freiheit, woraus sich eine aus der freien Entwicklung getragene soziale Ordnung ergibt, die im Einklang mit ökonomischen Freiheitsrechten steht. Aktuelle Staatsaufgaben sollten so weit wie möglich ausgelagert und auf private Hände übertragen werden. (Die aktuelle Tea-Party-Bewegung innerhalb der Republikanischen Partei trägt viele libertäre Züge; allerdings wäre der Ex-Demokrat Heinlein wohl nicht glücklich mit ihr, da ihre rigider Anspruch auf Moral und Sitten seinem auch in dieser Hinsicht äusserst freizügigen libertären Gedankengut völlig widerspricht. Auch die Suprematie des Weissen Mannes, die von der Tea-Party-Bewegung immer noch portiert wird, hatte Heinlein schon Ende der 50er des letzten Jahrhunderts überwunden.) Bei Heinlein geht der Libertarismus praktisch in einen völligen Anarchismus über. In Mondspuren ist es v.a. de la Paz, der Intellektuelle, der – gestützt auf so widersprüchliche Quellen wie Sūnzǐ oder Malthus – eine möglichst ungehinderte Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft postuliert. (Es ist bezeichnend für Heinleins pessimistische Grundhaltung, dass die neuen Machthaber auf Luna la Paz‘ diesbezüglichen Ermahnungen in den Wind schlagen und solche völlig unlibertären Dinge einführen wie Steuern und eine ständige Polizei. Weshalb Mannie zum Schluss des Buchs überlegt, ob er nicht noch auf die Asteroiden auswandern soll. – Man sieht, dass der Mythos des immer offen stehenden und unregulierten Wilden Westens an Heinlein nicht spurlos vorübergegangen ist.)
Ich habe Mondspuren vor Jahrzehnten, als Revolte auf Luna, schon gelesen. Mondspuren soll nun die Übersetzung des kompletten Romans darstellen. Tatsächlich enthält diese Version von 2014 nicht nur Details zu Wyos Leben, die den 60er Jahren in Deutschland wohl zu pikant erschienen (so hat sie u.a. Geld als Leihmutter verdient, was die damalige Übersetzung ebenso unterschlug, wie die Geburt des Monsters), auch grosse Teile des libertären Bekenntnisses von de la Paz wurden damals unterschlagen. Insofern lohnt es sich, diese neue Übersetzung zu lesen.
PS. Zu den Übersetzungen des Titels noch eine kleine Bemerkung: Der Titel der aktuellen Übersetzung (Mondspuren) hat, ausser dass darin der Mond seine Spuren hinterlassen hat, keinerlei Beziehung aufzuweisen, weder zum Originaltitel noch zum Inhalt des Romans. Der Mond ist eine herbe Geliebte ist der Versuch, den Originaltitel wörtlich zu übersetzen, übersieht aber, dass dieser von einem Satz la Paz‘ abgeleitet ist (The Moon is a stern schoolmistress.), der eigentlich dessen libertäres Gedankengut resümiert, wonach man entweder sich in der Gesellschaft, die man vorfindet, arrangiert oder an ihr zu Grunde geht, und so das Wort Geliebte – abgesehen davon, dass ‚Mond‘ im Deutschen männlich ist, während die Englischsprachigen hierin ihren lateinischen Wurzeln folgen, und diesen Himmelskörper als weiblich betrachten – eine falsche Bedeutung von Mistress supponiert. Am besten will mir immer noch der Titel erscheinen, unter dem ich den Roman damals kennen lernte: Revolte auf Luna.