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Ein Leben im Wartezimmer
Kuba ist eine Insel der Warteschlangen und Wartelisten. Für das tägliche Brötchen, für irgendein Papier von irgendeinem Amt, für eine Telefonleitung, für eine Fahrt im Bus, kurz: In Kuba muss man für fast alles anstehen und warten. Bei manchen Ämtern erhält man eine Nummer und wird so zum Fall Nummer so und so.
Je weiter vorne in der Schlange und je tiefer die Nummer, desto schneller ist man an der Reihe. Würde man meinen. Ist in Kuba aber oft nicht so. Neben all den Warteschlangen und -listen existieren Tausende dringendere Fälle, die bearbeitet werden müssen. Die Kubaner haben sich daran gewöhnt. Sie wissen: Die Wartezeit kann eine halbe Stunde dauern oder ein halbes Leben, vielleicht auch länger.
Fallnummer 53
Delly, die 87-jährige Nachbarin eines Freundes, wäre froh, hätte sie nur ein paar Jahre warten müssen. Das dreistöckige Kolonialhaus in der Altstadt Havannas, in dem sie seit 60 Jahren wohnt, ist 1973 teilweise eingestürzt. Treppenhaus und Böden der oberen Wohnungen brachen ein. Delly zog mit dem, was sie retten konnte, in ein zehn Quadratmeter grosses Zimmer im Erdgeschoss. Und meldete sich umgehend im Büro der «Einheit für Unterbringung». Diese quartiert Menschen um, deren Haus eingestürzt ist oder von einem Hurrikan hinweggefegt wurde. Delly erhielt die Fallnummer 53. Man sagte ihr, es könne allenfalls ein paar Wochen dauern, bis sie an der Reihe sei und umziehen könne. Das war vor 45 Jahren.
Delly lebt immer noch im selben Zimmer ohne Fenster, ohne Küche, ohne Bad und WC. Sie sagt: «Das Nötigste habe ich.» Ein Bett, einen Kühlschrank, eine Elektroherdplatte, einen Fernseher und ein Radio. Delly kann das WC einer Nachbarin benützen und deren Lavabo, um sich zu waschen.
Bis zu ihrem 80. Lebensjahr ging sie jedes Jahr einmal auf das Büro, um sich zu erkundigen. Immer hiess es, sie solle sich doch bitte noch ein wenig gedulden, man habe andere, dringendere Fälle vorziehen müssen. Vor sechs Jahren schien das Warten ein Ende zu haben. Man wies Delly eine kleine Wohnung in einer Notunterkunft beim Hauptbahnhof zu. Als ein Amtsangestellter bei ihr vorbeikam, um den Umzug zu organisieren, sah er, was sich im Lauf der vier Jahrzehnte bei Delly so alles angesammelt hatte. Tüten, Taschen und Koffer vollgestopft mit allerhand Zeugs und eine Unmenge anderer Dinge. Delly bewahrt sie auf, weil sie ständig denkt, das kann ich dann mal brauchen, wenn ich umziehe und mehr Platz habe.
Sein Wille geschehe
Der Umzug wurde storniert. Die Begründung: Dellys Hausrat sei zu gross für die kleine Notunterkunft. Delly nahm es gelassen: «Ich dachte, nach vierzig Jahren warten kommt es nun auf ein Jahr mehr oder weniger auch nicht mehr an.»
Vor zwei Jahren stürzten oben die letzten Mauern ein. Seither tropft es durch die Decke, wenn es stark regnet. Delly stellt dann Pfannen und Plastikeimer auf, damit ihre Sachen und ihr Bett nicht nass werden. Sie sagt: «Jetzt ist es schwierig und ich wäre froh, wenn ich hier raus könnte.» Weil sie nicht mehr so gut auf den Beinen ist, geht eine Nachbarin für sie aufs Amt und versucht dort, Druck zu machen. Bisher erfolglos.
Delly, eine gläubige Methodistin, sagt: «Ich gebe die Hoffnung nicht auf.» Sie habe die Angelegenheit schon vor langem in die Hände eines anderen gelegt. Mit dem Finger zeigt sie auf ein Bild über ihrem Bett: Jesus Christus. Er blickt barmherzig. Delly lächelt.