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Was macht die Kompositionen von Thelonious Monk so speziell? Komponieren im Jazz ist ja oft ein Euphemismus. Ein Themenkopf wie der «C-Jam Blues» von Duke Ellington, der aus zwei Tönen besteht, ist kaum mehr als ein Sprungbrett in die Improvisation. Einem musikalischen Gebilde aus zwei Tönen und zwölf Takten denselben Namen zu geben, wie, sagen wir, einer Symphonie von Gustav Mahler, ist doch wohl etwas übertrieben? Mahler hat Kathedralen aus Tönen, Rhythmen und Klängen gebaut. Dagegen ist Blues eine Hundehütte! – Könnte man meinen.
Monks Geheimnis
Thelonious Monk belehrt uns eines Besseren. Seine Stücke, und seien sie noch so kurz, sind Kompositionen, die diesen Namen verdienen. Dies, obwohl sie kaum je die Formen sprengen und obschon sie mit Ingredienzien arbeiten, die in vielen anderen Jazzstandards auch vorkommen. Oft sind es die 12-taktigen Formen des Blues, die über ein festgelegtes Harmonieschema verfügen. Sehr oft aber auch AABA-Formen über 32 Takte. Nichts Neues unter der Sonne also? Nicht bei Monk.
Monks Geheimnisse zu ergründen, ist allerdings nicht ganz einfach. Eines könnte sein, dass Thelonious Monk seine musikalischen Ideen konsequenter durchführt als andere. Er zeigt mehr Mut und Radikalität, zuweilen bis zum Exzess. «Misterioso», zum Beispiel: Ein Blues mit einer Melodie, die ausschliesslich aus parallelen Sexten in Achtelnoten besteht. Oder «Straight No Chaser», ebenfalls ein Blues, der mit chromatischen Bewegungen operiert, immer derselben kurzen Melodie, die aber immer auf einem anderen Schlag des Taktes beginnt.
«Crepuscule with Nellie»
Thelonious Monk hat ein paar der eigenwilligsten Stücke des Jazz geschrieben. Schroffe Schönheiten, kantig und ungeschliffen, gleichwohl Preziosen, die unmittelbar an der Seele rühren. Eine der berühmtesten Jazzkompositionen überhaupt stammt von ihm, «Round Midnight», die sogar einem Film den Namen gab. Die vielleicht anrührendste Melodie allerdings hat er für seine Frau Nellie geschrieben, und ihr auch einen wunderbaren Titel gegeben, «Crepuscule with Nellie», ein Sonnenuntergang, wie man ihn selten sieht, und schon gar nicht hört.
Monks Werk lebt!
Die Musiker sind schnell auf Monks Stücke aufgesprungen, sie waren anders als die Standards des Great American Songbook, die Stücke von George Gershwin, Cole Porter, und den anderen. Eigenwilliger eben, erratischer, einer improvisierten Musik wie dem Jazz adäquater. Oft klingen sie unfertig, provisorisch, obwohl sie das überhaupt nicht sind. Und zuweilen passiert auch das Gegenteil, dass improvisierende Musiker kaum eigene Ideen finden und sich kaum lösen können von der Improvisationsvorlage, weil diese so stark und gleichsam gemeisselt ist.
Thelonious Monk starb 1982. Die Jazzer allerdings haben noch lange nicht genug von seinen wunderbaren Kompositionen. Sie spielen sie immer und immer wieder und wir Zuhörerinnen und Zuhörer wollen sie hören. Thelonious Monks Werk lebt, und wie!
Thelonius Monk hören
MONK'S CASINO
The complete works
Dörner, Rudi Mahall, Jan Roder, Uli Jennessen
Sonntag, 5. Januar 2014, 17.00 Uhr, Moods im Schiffbau, Zürich
Auf CD:
- Monk’s Casino, Intakt CD 100
- Schweizer/Favre live in Zürich, Intakt CD 228