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« Was kann ich denn noch zusätzlich tun, Frau Doktor ? » ist eine häufige Frage von Krebspatienten im Verlauf einer onkologischen Behandlung. Denn die Anwendung und Akzeptanz von Komplementärmedizin in der Onkologie ist weit verbreitet. Etwa 40 % aller Krebspatienten1 und bis zu 80 % aller Brustkrebspatientinnen nutzen komplementärmedizinische Verfahren.2
Als eigenständiges medizinisches System ist die Chinesische Medizin in antiken philosophischen Lehren (v.a. Daoismus und Konfuzianismus) verwurzelt. Ihre Ursprünge reichen mehr als 2000 Jahre zurück. Die chinesische Medizin kann als eine Systematik von Befindlichkeiten und Befunden verstanden werden, die zum Ziel hat, regulative Prozesse auf vegetativer Ebene zu erfassen und zu beeinflussen.3 Unter Chinesischer Medizin werden verschiedene Therapieformen subsummiert, die in der neueren Zeit auch als « Fünf Säulen » bezeichnet werden (Tabelle 1).
Das pathophysiologische Erklärungsmodell der Krebsentstehung in der Chinesischen Medizin umfasst sowohl eine emotionale als auch eine funktionell-energetische (Qi) Ebene. Beiden gemeinsam ist ein Ungleichgewicht zwischen den Wandlungsphasen Holz und Metall. Wandlungsphasen beschreiben Abschnitte in einem regulativen Modell und können als vegetative Funktionstendenzen verstanden werden (Abbildung 1).3
Grundsätzlich kann man in der Chinesische Medizin zwischen einem präventiven, supportiven und kurativen Ansatz unterscheiden. In der Onkologie setzt sich zunehmend der Begriff Integrative Medizin durch. Obgleich es keine einheitliche Definition für Integrative Medizin gibt, wird damit in der Literatur die Implementierung von komplementärmedizinischen Verfahren in die konventionelle Medizin unter Beachtung einer möglichst hohen Evidenz und nachgewiesener Sicherheit bezeichnet.4 In der Komplementärmedizin sowie in der Chinesischen Medizin zielt der Großteil der Studien auf die Linderung oder Behandlung von Nebenwirkungen und Komplikationen der konventionellen onkologischen Therapie ab. Oftmals wird der Fokus dabei nicht auf « harte » Endpunkte wie Überleben oder Lebenszeit gesetzt, sondern vielmehr auf subjektives Wohlbefinden, Milderung der Symptome und die Erhaltung der Lebensqualität. Einige wichtige Verfahren der Chinesischen Medizin sind :
Die häufigsten Anwendungen der Chinesischen Medizin in China sind die chinesische Phytotherapie und die chinesische Diätetik. Dabei ist letztere im Alltag und im Wissen der Bevölkerung fest verankert. In vielen Metaanalysen und systematischen Reviews gibt es zu verschiedenen Arznei- und Lebensmitteln eine gute Evidenz mit nachgewiesenen antikanzerogenen, antiproliferativen und antioxidativen Wirkungen. Beispiele hierfür sind :
Es muss stets an mögliche Interaktionen und Nebenwirkungen einer Behandlung mit chinesischen Arzneimitteln gedacht werden.15 Zudem muss berücksichtigt werden, dass Gegenstand aktueller Forschung vorwiegend die Wirkung von Einzelsubstanzen ist, deren Wirkmechanismen in vitro nachgewiesen werden. In der Praxis jedoch wird meist eine Kombination aus Arzneigemischen eingesetzt, um synergistische Wirkmechanismen zu erzielen und dabei potenziell toxische Effekte und Nebenwirkungen zu lindern.
Zahlreiche Metaanalysen und systematische Reviews belegen die Wirkung von Akupunktur bei verschiedenen Beschwerdebildern im Rahmen einer onkologischen Erkrankung. Dazu gehört die Linderung von Chemo- und Radiotherapie-induzierten Nebenwirkungen wie z.B. Fatigue,16 Übelkeit und Erbrechen.17 Des Weiteren ist eine Besserung von postoperativer gastrointestinaler Dysfunktion und eine Reduktion von onkologischen Schmerzen nachgewiesen.18 Auch bei psychologischen Indikationen wie Depression, Angstzuständen, Schlafstörungen und reduzierter Lebensqualität kann Akupunktur erfolgreich eingesetzt werden.19 Ebenso ist ein positiver Einfluss auf Chemotherapie-induzierter Leukopenie mittels Steigerung von neutrophilen Granulozyten sowie von natürlichen Killerzellen und B-Lymphozyten belegt.20,21 Bei der Akupressur kann die Stimulation von Akupunkturpunkten durch den Patienten selbst durchgeführt werden mit guter Evidenz bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen.22
Qi Gong und Tai Ji haben ihren Ursprung in den chinesischen Kampfkünsten und werden heute oftmals als Techniken der Entspannung, Visualisierung und Achtsamkeit eingesetzt, um die Körperwahrnehmung und Selbstwirksamkeit zu fördern. Gleichzeitig soll auch die Beweglichkeit und Kraftausdauer verbessert werden. Der onkologische Patient gewinnt dadurch wieder Vertrauen in seinen « versagenden » oder durch eine Operation veränderten Körper. Verschiedene Studien zeigen positive Einflüsse von Qi Gong und Tai Ji hinsichtlich Lebensqualität, Wohlbefinden und Reduktion von Tumor-assoziierter Fatigue.23,24
Traditionell gehört auch die Musiktherapie zur Chinesischen Medizin, welche vorwiegend auf pentatonischen Tonleitern gespielt wird. Die enge Verbindung zwischen Musik und Medizin geht auch aus den alten chinesischen Schriftzeichen hervor (Abbildung 2). Einige randomisiert kontrollierte Studien konnten durch den Einsatz von Musiktherapie nach Chinesischer Medizin eine Steigerung der Lebensqualität und eine Reduktion von Tumor-assoziierter Fatigue und Depression nachweisen.25,26
Die vorgestellten Verfahren werden in der praktischen Umsetzung meist nicht einzeln eingesetzt, sondern nach vorausgegangener chinesischer Diagnose in einem individuellen Therapiekonzept miteinander kombiniert.
Da es bei vielen Verfahren der Chinesischen Medizin eine gute Evidenzlage gibt, gilt es nun dieses Wissen zu bündeln und anzuwenden. Es entstehen zunehmend Institute, welche konventionelle Schulmedizin mit Komplementärmedizin und somit auch Chinesischer Medizin unter Berücksichtigung der aktuellen Evidenzlage im Sinne einer Integrativen Medizin kombinieren. Wenn das oberste Ziel des ärztlichen Handelns die bestmögliche Therapie für den Patienten sein soll, dann müssen Brücken zwischen den verschiedenen Medizinsystemen gebaut werden.