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Professor Tom Shakespeare, renommierter Wissenschaftler und Aktivist, gewährt Einblicke in die Literary and Cultural Disability Studies und deren Auswirkungen auf die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in Kunst und Kultur.
Welche Themen und Fragen werden in den Literary and Cultural Disability Studies behandelt?
Shakespeare: Ich bin mir nicht ganz sicher, aber das sind die Fragen, die mich interessieren: Wie werden Menschen mit Behinderungen in Büchern, Filmen, Theaterstücken, Gedichten, Musik, Kunst und anderen Kulturproduktionen dargestellt? Was macht es für einen Unterschied, diese Formen dazu zu benutzen, um Behinderung zu erforschen?
Sind Menschen mit Behinderungen genauso in der Lage, Literatur-, Kunst- und Musikschaffende zu werden? Können Menschen mit Behinderungen genauso in den Genuss kommen, zu schreiben und an anderen Kulturproduktionen teilzuhaben? Vor allem wollen wir nicht nur eine weitere akademische Disziplin: Wir wollen die Dinge verbessern.
Was hat Sie persönlich dazu motiviert, sich wissenschaftlich mit dem Thema Behinderung auseinanderzusetzen?
Shakespeare: Ich habe Beeinträchtigungen, ich sehe die Barrieren, die mich und andere behinderte Menschen behindern, und deshalb möchte ich meinen Beitrag leisten, um dagegen anzukämpfen. Gleichzeitig finde ich viele bestehende Arbeiten zum Thema Behinderung unzureichend und möchte besser nachdenken, schreiben und sprechen.
In einem früheren Statement haben Sie betont, dass Sie aufgrund Ihres Privilegs und Ihrer Stimme die Verantwortung verspüren, über das Thema Behinderung zu sprechen. Gibt es Momente, in denen Sie sich trotzdem von Erklärungsmüdigkeit überwältigt fühlen, ähnlich wie es bei anderen Aktivist_innen vorkommt? Und wurden Ihnen jemals «Voreingenommenheit» in Bezug auf dieses Thema vorgeworfen, ähnlich wie es bei einigen trans Wissenschaftler_innen der Fall ist?
Shakespeare: Natürlich bin ich von Erklärungsmüdigkeit überwältigt worden! Ich sage seit 30 Jahren dieselben Dinge. Jedes Mal, wenn man vor ein neues Publikum tritt, muss man es wieder geduldig sagen, weil es für diese Personen vielleicht das erste Mal ist.
Ich denke nicht, dass mir jemals Voreingenommenheit vorgeworfen wurde. Die Leute wissen, woher ich komme, aber sie können auch sehen, dass ich versuche, fair gegenüber verschiedenen Perspektiven zu sein, zum Beispiel denen von Mediziner_innen, Eltern von behinderten Menschen und anderen Forschenden.
Hybridansätze, die die Akademie und den Aktivismus zusammenführen, gewinnen an Bedeutung. Neue Medien experimentieren mit Publikationen, die Forschung und Aktivismus verbinden. Was ist Ihre Einschätzung dazu?
Shakespeare: Ich glaube, wir benötigen gute Belege. Es ist unsere Pflicht als Akademiker_innen, die uns bestmögliche Forschung zu betreiben. Gleichzeitig benötigen wir aber auch starke Geschichten. Wir müssen die Wahrheit auf eine Art und Weise erzählen, die die Menschen berührt. Ich habe nie das kurze Gedicht von Brecht vergessen, das so lautet (aus dem Gedächtnis):
Ich habe immer gedacht
Dass die allereinfachsten Worte genügen müssen
Wenn ich sage wie die Dinge sind
Muss jedes Herz bluten
Dass du untergehst, wenn du dich nicht wehrst
Das wirst du doch einsehn.
Als Keynote-Sprecher werden Sie bald zum Thema «Representing Disabled People’s Lives» an der Unifr sprechen. Welche Hoffnungen hegen Sie für die Zukunft in Bezug auf die Darstellung des Lebens von Menschen mit Behinderungen und welche konkreten Schritte halten Sie für notwendig, um diese Hoffnungen zu verwirklichen?
Shakespeare: Ich hoffe, dass wir die Vielfalt der Leben von Menschen mit Behinderungen repräsentieren und kommunizieren können. Menschen sind grundverschieden – jung und alt, mit unterschiedlichen Geschlechtern, Ethnien und sexuellen Orientierungen, unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen sowie ihrer Bandbreite von Beeinträchtigungen. Wir brauchen gute Forschung und gutes Schreiben, um diese Komplexität zu erfassen!
Als renommierter Wissenschaftler haben Sie sicher schon viele Universitäten besucht. Was tun Sie, wenn Sie feststellen, dass die Institutionen, die Sie einladen, noch Nachholbedarf in Bezug auf Barrierefreiheit haben? Dass also das, was gerne gefördert wird, selbst noch nicht umgesetzt wird?
Shakespeare: Ich seufze auf, schlage mich damit herum und weise auf die Probleme hin. Ich bin selbst nicht der Typ, der anderen eine Szene macht. Aber ich erinnere mich: Als ich in Genf lebte, wollte ich eine neue Ausstellung in einem bestimmten Museum besuchen. Ich war empört, als ich feststellte, dass ich sie nicht besuchen konnte, weil sie in einem nicht zugänglichen Stockwerk des Museums zu sehen war. Das würde in meinem Land nie passieren.
Welche Fortschritte wurden in den letzten Jahren in der Schweiz in Bezug auf die Wahrnehmung und Inklusion von Menschen mit Behinderungen, insbesondere im akademischen Umfeld, erzielt?
Shakespeare: Ich denke, es geschieht so langsam. Die Schweiz ist bei der Anerkennung von Behinderungen nicht so schnell gewesen wie das Vereinigte Königreich, die USA und die skandinavischen Länder. Aber es ändern sich Dinge, zum Beispiel durch die Bereitstellung von unabhängigem Wohnen und persönlicher Assistenz.
Wo sehen Sie noch erheblichen Handlungsbedarf, insbesondere in Bezug auf Bildungseinrichtungen, um die Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen sicherzustellen?
Shakespeare: Ich möchte nicht behaupten, dass ich dafür ein Experte bin. Aber Menschen mit Behinderungen machen 15 % der Bevölkerung aus, sie sollten also ungefähr auch ein Sechstel der Studierenden und ein Sechstel der Akademiker_innen ausmachen. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, alle Barrieren zu beseitigen, auch negative Einstellungen. Das ist unser Ziel: Fairness.
Welche Ratschläge würden Sie jungen Aktivist_innen sowie Forschenden geben, die sich für die Rechte und die Inklusion von Menschen mit Behinderungen engagieren möchten?
Shakespeare: Sprechen Sie mit Menschen mit Behinderungen: Lernen Sie von ihnen, beziehen Sie sie ein. Sie werden feststellen, dass Sie bessere Gespräche führen und bessere Antworten auf eine ganze Reihe von Problemen finden werden.
Die «Literary and Cultural Disability Studies. British and Continental Perspectives» ist eine internationale Konferenz, die das Ziel hat, die Literary Disability Studies im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Sie findet vom 2. bis 4. November 2023 an der Unifr statt. Die Anmeldung für die Konferenz ist obligatorisch und die Anmeldefrist endet am 1. November 2023.
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