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Steine. Lesenswertes über einen ganz normalen Baustoff
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Er wird nicht bewusst wahrgenommen und doch ist er überall. Wir laufen auf ihm herum, wir wohnen in ihm, Kinder spielen mit ihm, wir schmücken uns mit ihm, wir benutzen den Begriff in Redensarten. Es handelt sich um den Baustoff Stein.
2 Träger dieses Begriffs als Namen fallen mir spontan ein:
-- Freiherr vom Stein, genauer: Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein, geb. 1757, gest. 1831, ein preussischer Beamter, Staatsmann und Reformer. Viele Schulen in Deutschland tragen seinen Namen.
-- Gertrude Stein, geb. 1874, gest. 1946, war eine US-amerikanische Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin, die die längste Zeit ihres Lebens in Paris verbrachte. Sie schrieb u. a. eine Biographie über Pablo Picasso und beeinflusste den Stil berühmter Schriftsteller, wie z. B. Ernest Hemingway.
Aber das nur nebenbei, ihr Name ist eben wie der Baustoff, über den ich hier berichten will.
Steine sind ein vielfältiger Baustoff. Schon als Kind kam ich damit in Berührung. Damals waren sie nicht aus dem Mineral, nach dem sie üblicherweise benannt sind, sondern aus Holz oder Kunststoff, Holzbausteine zuerst und dann Legosteine für den Bau von kleinen Häuschen, Türmen, Kirchen und Brücken und vielem mehr. Es gab sie auch aus „echtem“ Stein, diese waren aber für meine Eltern unerschwinglich. Sie hatten unterschiedliche Grössen, ich konnte sie aufeinander schichten und wieder auseinandernehmen. Noch heute sehe ich ab und zu Einfamilienhäuser, die als Vorbilder meine Modelle gehabt haben könnten.
Ein Kinderlied fällt mir ein, die erste Strophe hat damit zu tun:
Wer will fleissige Handwerker seh´n,
ei, der muss zu uns Kindern gehn.
Stein auf Stein, Stein auf Stein,
Das Häuschen wird bald fertig sein.
Steine sind im Unterschied zum Fels nicht mehr fest mit dem Grund verbunden und im Laufe der Erdgeschichte entstanden. Manche Felsformationen werden aber auch Stein genannt, wie zum Beispiel die Externsteine im Teutoburger Wald, eine uralte Kultstätte.
Die Steine für den Hausbau sind aber meistens keine Natursteine, sondern hergestellt aus tonhaltigem Lehm: geformte Ziegel, Backsteine und andere, die in Öfen auf der ganzen Welt gebrannt werden. Nicht nur für den Hausbau wurden und werden sie verwendet, sondern auch für den Kirchenbau, für Stadtmauern und Tore, wie z. B. das berühmte Ishtartor.
Natursteine findet man bekanntlich auch überall, vor allem im Strassenbau. Früher waren die Wege mühsam, es ging über Stock und Stein.
Ich war als Kind zwar fleissiger Häuslebauer, aber einen Beruf, der mit dem Errichten von Bauwerken zu tun hat, habe ich nicht ergriffen. Auch andere Berufe, die mit „Steinen“ zu tun haben, nicht: ich denke an den Obstbauern, der mit Steinfrüchten umgeht, an den Chirurgen, der Gallen- und Nierensteine und an den Zahnarzt, der Zahnstein entfernt, an den Steinmetzen und an den Schmuckhersteller.
Als Student hielt ich nicht viel von Verbindungen, auch nicht vom Lied „O alte Burschenherrlichkeit“. Darin kommt eine Zeile vor:
„Wo sind sie, die vom breiten Stein
Nicht wankten und nicht wichen …“
Dieser „breite Stein“ hatte eine Geschichte, die man heutzutage kaum noch glauben mag: Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Strassen oft noch kaum befahrbar. In Studentenstädten hatten Strassen, die zur Universität führten, einen schmalen Steinbelag in der Mitte. Hier hatten die Studenten das Wegerecht, alle anderen Bürger mussten ausweichen! Natürlich gab das öfters Reibereien, wenn die Studenten auf ihr vermeintliches Recht pochten und andere Fussgänger in den Schmutz abdrängten.
Ich beschäftige mich mit der deutschen Sprache. Redensarten und Sprichwörter interessieren mich sehr. Es gibt einige davon, die von Steinen handeln. Die Bibel benutzt das Wort mehrmals im negativen Sinne:
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ weist auf die grausame Hinrichtung durch Steinigung hin.
„Er wird das Heiligtum sein für beide Reiche Israel, der Stein an dem man anstösst, der Felsen, an dem man zu Fall kommt“ wird gesagt, wenn man die Ursache einer missliebigen Sache ist.
„Kein Stein bleibt auf dem anderen“ kündet die eine totale Zerstörung an.
Der „steinerne Gast“ im letzten Akt des „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart bringt dem Titelheld den Tod.
Mein „Stein der Weisen“ ist eine kleine Liebesgeschichte. Ich gebe ihr die Überschrift eines alten Schlagers.
„Marmor, Stein und Eisen bricht …“
Sie war steinreich und hatte ein Herz aus Stein und gab ihm Steine statt Brot. Ihr Gesicht war ein Gesicht aus Stein.
Seine Anfangsversuche waren ein Tropfen auf den heissen Stein. Er war nicht in der Situation, er sass nicht im Glashaus, er brauchte nicht mit Steinen zu werfen. Er dachte, ein steter Tropfen höhlt den Stein.
Zuerst legte sie ihm Steine in den Weg. Er wusste, er war der Stein des Anstosses. Er brach sich keinen Stein aus der Krone.
Und richtig, mit einem Edelstein als Geschenk brachte er den Stein ins Rollen. Ein rollender Stein setzt kein Moos an. Er schwor ihr Stein und Bein seine Liebe. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Liebe ist der Stein der Weisen! Auf diese Steine konnten sie bauen! Von da an hatte er bei ihr einen Stein im Brett.
Und als ihre kleine Tochter alt genug war, sang die Mutter ihr die Ballade „Mariechen sass auf einem Stein“ vor, zuerst nur die erste Strophe, denn das Lied ist doch ein wenig grausam und traurig.
„Mariechen sass auf einem Stein
einem Stein, einem Stein
Mariechen sass auf einem Stein
einem Stein.“
Doch am Ende wird alles gut, wie wir es aus den letzten Strophen erfahren:
„Sie lebten beide hundert Jahr
Hundert Jahr, hundert Jahr
Sie lebten beide hundert Jahr
Hundert Jahr.
Drum woll'n wir alle lustig sein
Lustig sein, lustig sein
Drum woll'n wir alle lustig sein
Lustig sein.
Und uns unsres Lebens freu'n
Lebens freu'n, Lebens freu'n
Und uns unsres Lebens freu'n
Und immer glücklich sein!“
Das tat auch das junge Glück und sie wurden steinalt!
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