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Seit ich im Frühjahr Gessners «Icones animalium» (vgl. Blog-Eintrag hier) sah, sind mir ständig Einhörner begegnet. In der Legion of Honor in San Francisco war Raffaels «Dame mit dem Einhorn» («Bildnis einer jungen Frau mit Einhorn», ca. 1506) zu sehen. Ein Gemälde, das oft mit Leonardo da Vincis Mona Lisa verglichen wird.
In der Legion of Honor wurde auch auf die Bedeutung des Einhorns hingewiesen1.
Dass das Einhorn als mythische Kreatur Reinheit und Keuschheit symbolisierte, ist auf den «Physiologus» zurückzuführen, eine frühchristliche Sammlung naturkundlich-allegorischer Beschreibungen, aus der die mittelalterlichen Bestiarien entstanden sind 2. In der Burgerbiblothek Bern befindet sich ein um 830 entstandener Physiologus mit folgender Abbildung:
Eine Übersetzung des Texts zum Einhorn aus dem zweiten Jahrhundert findet sich bei Hans Zimmermann .
Das Einhorn wird als kleines Tier beschrieben, das so wild und stark sei, dass es von Jägern nicht gefangen werden könne. Das Tier hat aber eine Schwäche: eine Vorliebe für Jungfrauen. Immer wenn ein Einhorn eine Jungfrau sieht, schläft es auf ihrem Schoss ein und kann jetzt von Jägern gefangen oder getötet werden. Bilder von Einhörnern im Schoss von Jungfrauen waren darum in der religiösen und säkularen Kunst beliebt.
In der religiösen Kunst ist das Einhorn Allegorie für Christus, die Jungfrau für Maria.
Im säkularen Bereich identifizieren sich Dichter mit dem Einhorn, das sich einer Frau ergibt, um dann durch die Liebe zu sterben. Im «Bestiaire de l’amour» nimmt Richard de Fournival um 1250 die auf den Physiologus zurückgehende Tradition des moralisch-religiösen Tierbuches auf, gestaltet diese aber radikal um: Die Tiere und ihr Verhalten werden nicht mehr christologisch-heilsgeschichtlich gedeutet sondern in einem weltlich-profanen, erotischen Sinne. Mit seinem «Bestiaire de l‘amour» richtet er sich an eine «Dame», die er von seiner Liebe überzeugen möchte3.
Die Übersetzung aus dem Altfranzösischen ins Englische in der Ausstellung der Legion of Honnor: «Then love, who is a clever hunter, put a maiden in my path and I fell asleep at her sweetness and I died the sort of death that is appropriate to Love».
Die Kuratoren in San Francisco folgern, dass das Porträt von Raffael die beiden Seiten der Einhorn-Darstellungen beinhalte, einerseits wird die Keuschheit der Frau damit belegt, dass das Einhorn bei ihr sitzt, andererseits hält sie die Vorderbeine des Tieres fest und zeigt damit, dass sie das Tier gefangen hat, gefangen mit ihrer Verführungskraft.
|Das Motiv «Einhorn mit Jungfrau» war im Mittelalter durchaus verbreitet, hier z.B. auf einer Spielkarte um 1450 (Meister E.S.)

Meister E S Verwalter: Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD), Kupferstich-Kabinett, Signatur/Inventar-Nr.: Lehrs Nr. 229. Bild: Deutsche Fotothek
|Auch in Heinrich Schlüsselfelders belehrenden Kurzerzählungen «Blumen der Tugend»(1468) ist eine Jungfrau mit Einhorn abgebildet.

St. Gallen, Kantonsbibliothek, Vadianische Sammlung, VadSlg Ms. 484, f. 179 – Heinrich Schlüsselfelder (http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/vad/0484/179)
Im Pontifikal-Messbuch des St. Galler Abtes Diethelm Blarer (1530-1564) wird das Einhorn ebenfalls gejagt, allerdings durch einen Jagdhund an der Leine eines Putto:
Aus der gleichen Zeit stammt das springende Einhorn von Heinz Reisinger (Augsburg, kurz vor 1589), das in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden ausgestellt ist. In diesem Museum wird auch klar, warum Conrad Gessner die Existenz des Einhorns als durchaus möglich angesehen hat. Der neben dem «springenden Einhorn» gezeigte Zahn eines Narwals, könnte durchaus für ein Horn gehalten werden.
1 Vgl. auch den entsprechenden Wikipedia-Artikel
2 Kurzcharakterisierung Burgerbibliothek Bern, http://www.e-codices.unifr.ch/de/bbb/0318/16v (5.8.2016)
3 https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_de_Fournival