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Das Ungeheuer war gefühlt einen halben Meter lang, feucht, gesichtslos und schlabberig. Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, stellte ich fest, dass das Viech, dass da im Laub in der Rinne zwischen Vorplatz und Garage wohnte, ein Regenwurm war. Einfach ein ganz grosser… Zum Glück nahm er mein Getue (wäääh! igitt!!) nicht persönlich und kroch in sein Nest zurück. Wer einen Riesenregenwurm in der Ablaufrinne nicht zu würdigen weiss, ist selber schuld.
Riesenregenwürmer gibt es nicht sehr häufig. Der Lumbricus badensis, der badische Riesenregenwurm, etwa wohnt normalerweise nur auf einem kleinen Areal im Südschwarzwald. Sein nächster Riesenverwandter, der Lumbricus friendi, gilt als recht selten, auch wenn er sich in grossen Teilen Europas angesiedelt hat. Scheu sind sie auch, was nicht verwundert, wenn man sich bewusst macht, für wie viele Tiere so ein fetter Wurm ein echter Eisweissleckerbissen ist. Dazu haben sie kein Fell, keine Knochen und auch keinen harten Panzer, den man mühsam knacken müsste. Fast Food sozusagen.
Schon Aristoteles bezeichnet die Regenwürmer als „Eingeweide der Erde“. Da hatte der gute Mann vollkommen recht: Regenwürmer verspeisen 24/7 Blätter und Mikroorganismen, die sie in ihren Gedärmen dann in Superdünger umwandeln. Ausserdem durchlüften sie den Boden, indem sie Tunnel über Tunnel graben. Die sie mit ihrem Kot auskleiden. Schöner Wohnen einmal anders… So kann keine neue Erde nachrutschen und die Tunnel, die bis zu zwei Metern tief sein können, bleiben erhalten.
Auch wenn sie plusminus alle gleich aussehen, wenn sie über eine regennasse Strasse kriechen, ist Regenwurm nicht gleich Regenwurm. Allein in Europa gibt es um die 400 Arten, weltweit sind es über 3000. Der Längste wohnt in Australien und wird bis zu drei Metern lang.
Fortbewegen tun sich Regenwürmer mit Hilfe ihres Hautmuskelschlauches. Der besteht aus Längs- und Ringmuskeln. Diese werden wechselweise angespannt und entspannt und so kann der Regenwurm wellenförmig kriechen. Ausserdem hat er noch kleine Borsten am Bauch, die verhindern, dass er zurück rutscht.
Wer einen Regenwurm schon mal genauer angeschaut hat, dem ist wahrscheinlich die gürtelförmige Verdickung im vorderen Bereich des Wurms aufgefallen. Das ist das sogenannte Clitellum. Dort sitzen die Geschlechtsorgane des Regenwurms und zwar männliche wie weibliche. Der Regenwurm ist also ein Zwitter, er könnte ergo mal sein männliche und mal seine weibliche Seite ausleben. Tut er aber nicht. Treffen sich zwei Regenwürmer, machen sie beide das Gleiche: sie tauschen Samenzellen aus. Das gerne stundenlang und bevorzugt in wärmeren Nächten im Mai und Juni. Die Fremdsamen speichern sie in einer Tasche im Clitellum. Wenn die Eizellen im Clitellum reif sind, bildet der Regenwurm am Clitellum einen schleimigen Kokon, aus dem er sich dann herauswindet. Dabei befruchten dann die Samen die Eier.
Der Regenwurm besitzt keine Augen, keine Ohren, keine Nase. Braucht er auch nicht. Er hat lichtempfindliche Zellen auf dem ganzen Körper. Mit Hilfe dieser Zellen kann er hell von dunkel unterscheiden. Hell ist schlecht für den Regenwurm. Oben im Hellen lauern schliesslich ganze Heerscharen von Regenwurminteressierten. Mit seinem Gravitationssinn kann er aber oben von unten unterscheiden. Dazu kommt ein Tastsinn, mit dem er Hindernisse und Hohlräume erspürt. Mit seinem Drucksinn nimmt er Erschütterungen wahr und sein Geschmackssinn bewahrt ihn davor, für ihn schädliche Dinge zu verzehren. Einen Mund hat er also. Und das Gegenstück dazu auch (Stichwort Schöner Wohnen.)…
Regenwürmer haben ein relativ einfaches Kreislaufsystem: Ihr Blut strömt unter der Hautoberfläche durch, wo es mit Sauerstoff angereichert wird. Regenwürmer atmen nämlich über die Haut. Dafür muss die Haut einigermassen feucht sein, was auch der Grund ist, dass Regenwürmer, die es nicht rechtzeitig über die Strasse geschafft haben, recht schnell eben dort verenden.
Fünf „Herzpaare“ pumpen das Blut durch den ganzen Körper. Regenwürmer haben sogenannte Lateralherzen, das sind muskelverstärkte Regionen im Kreislaufsystem. Auch ihr Nervensystem ist recht schlicht angelegt: Es sieht aus wie eine Strickleiter und heisst auch so. Im Kopf des Regenwurms sind zwei verdickte Stellen, die man mit etwas gutem Willen als Gehirn bezeichnen könnte.
Wachsen tut ein Regenwurm wie ein Baum: Je älter er wird, desto mehr Ringe legt er an. Diese heissen Segmente sind den ganzen Wurm durch gleich angelegt. Lediglich die Kopfsegmente sind anders aufgebaut (siehe oben). Die einzelnen Segmente sind durch Scheidewände voneinander getrennt, der Austausch von Flüssigkeiten findet durch Poren in den Scheidewänden statt. Dass man aus einem Wurm mit der Gartenschere zwei Würmer machen kann, ist übrigens ein Mythos. Der Regenwurm wäre zwar in der Lage, mit einem verkürzten Schwanz weiterzuleben. Ob ihm das gefällt, ist eine andere Frage.
Übrigens hat der Name Regenwurm nichts mit dem Nomen Regen zu tun. Sondern mit dem Verb: Der Regenwurm ist also ein reger Wurm. Allerdings passt das mit dem Regen auch irgendwie, denn der Regenwurm muss sein Tunnelsystem bei Regen verlassen, sonst ertrinkt er. Einige schlaue Regenwurmforscher sagen zwar, er könne das überleben, sofern das Wasser genug Sauerstoff enthielte. Das scheint der Durchschnittsregenwurm aber anders zu sehen, sonst wären nicht so viele Regenwürmer unterwegs, wenn es regnet.
Das Monster in der Ablaufrinne allerdings scheint sich mit dem Wasser arrangiert zu haben. Wobei ich nicht sicher bin ob es noch da wohnt. Ob ich das wirklich wissen will, weiss ich allerdings auch nicht…