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Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Historisch-Kritische Ausgabe der Werke von Johann Georg Hamann. Alleiniger Herausgeber war Josef Nadler.
Dieser Name hat in der Germanistik einen äusserst üblen Geruch an sich. Nadlers Hauptwerk war die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, erstmals 1912-1928 erschienen. Nadler versucht darin, die Beiträge einzelner Dichter zur deutschen Literatur nach völkischen Gesichtspunkten zu sortieren. Das war 1912 zwar schon nicht alltäglich, war aber per se auch nichts Aussergewöhnliches, und brachte Nadler sogar eine Professur in Freiburg im Üechtland ein – ohne vorherige Habilitation notabene! Jahrzehnte später, als Professor für Literatur in Wien, arbeitete Nadler aktiv auf den ‚Anschluss‘ hin, weshalb er bei seinem Aufnahmegesuch in die NDSAP auch bevorzugt behandelt wurde. Die in dieser Hinsicht bis anhin relativ neutral gehaltene Literaturgeschichte wurde 1938-1941 in 4. Auflage neu gedruckt – diesmal gespickt mit antisemitischen Äusserungen. (Dabei widersprach das nationalsozialistische Gedankengut einer Grundthese seiner Literaturgeschichte, die nämlich der Rassenvermischung das Wort predigte, indem sie davon ausging, dass die Germanen erst durch Vermischung mit den Römern instand gesetzt wurden, poetisch tätig zu werden. Doch wie so mancher suchte auch Nadler sich dem herrschenden Gedankengut anzupassen.) Nach dem Krieg verlor er seinen Lehrstuhl und sah sich seither als Opfer.
Da kam es ihm wohl nur recht, dass die Edition der Historisch-Kritischen Werke Hamanns seinen Ruf aufpolieren sollte. 1949-1957 erschien im Herder-Verlag in Wien die sechsbändige Ausgabe, die bis heute die letzte vollständige historisch-kritische von Hamanns Werken geblieben ist. Nadler hatte den rund 200 Jahre älteren ostpreussischen Intellektuellen näher kennen gelernt, als er selber Professor in Königsberg war. Schon bald war ihm klar, dass eine historisch-kritische Werkausgabe ein Desideratum der Forschung war, und er machte sich daran, jedes Tüttelchen zu Hamann zu sammeln und wenn möglich zu fotokopieren. Mit diesen – privaten! – Kopien ging er nach Wien; die meisten davon ‚überlebten‘ den Krieg und waren so auch noch in seinen Händen, als er 1949 seiner Professur verlustig ging.
Das mag den Geschmack des Handgestrickten erklären, der dieser Ausgabe über weite Strecken anhaftet. Nadler war schon immer Einzelgänger gewesen, und nun fehlten ihm die Ressourcen eines grossen germanistischen Instituts oder einer andern Forschungsanstalt. Generell waren die Zeiten einem solchen Projekt nicht gerade günstig. Ich vermute, dass der Kontakt zum ehemaligen Königsberg, nunmehrigem Kaliningrad, komplett abgebrochen war. Er hätte aber ihm, dem ehemaligen NSDAP-Mitglied, auch dann nicht offen gestanden, wenn er überhaupt jemandem offen gestanden hätte.
So muss Nadler immer wieder auf Fotokopien verweisen – oder auf verloren gegangene Fotokopien, oder auf eigene Exzerpte von Textzeugen, die zu kopieren man vergessen hatte. Er hat Fehler gemacht – man kann ihm heute nachweisen, dass er vieles in Hamanns Handschrift verlesen hat, zum Teil schwerwiegend. Doch das sind Details. Die gravierendste Kritik der heutigen ‚zünftigen‘ Germanistik richtet sich gegen Nadlers editorisches Prinzip. Nadler suchte eine Art Edition letzter Hand zu bewerkstelligen, indem er handschriftliche Notizen und Korrekturen, die Hamann in den eigenen Exemplaren seiner Werke eingefügt hatte, in den Haupttext der HKA übernahm. Eine zu seiner Zeit durchaus gängige Auffassung des ‚historisch-kritischen‘ Prinzips. Heute setzt man sich zum Ziel, den Text in seiner historisch wirkungsmächtigsten Version darzustellen – was meist der ersten Auflage entspricht. Nachträgliche Korrekturen des Autors sind irrelevant, bzw. werden in den Apparat verbannt. Dieser Konflikt ist wissenschaftsgeschichtlich; Nadler kann man für seine Prinzipien keinen Vorwurf machen.
Störender – vor allem für einen Laien störender – finde ich die Tatsache, dass Nadler, der selber Katholik war, in seinen Anmerkungen versuchte, Hamann explizit in die mystisch-katholische Ecke zu drängen. (Hamann hatte zwar starke mystische Züge, aber er war im Übrigen stock-protestantisch. Allerdings ist es wohl wirklich so, dass sich ein Hang zum Katholisieren aus seinen Schriften via den Sturm und Drang in die Romantik geschlichen hat.) Diese Anmerkungen sind im Übrigen – wiederum störend für den Laien, und Laie ist hier jeder, der Hamanns Leben und Werk nicht zu 100% im Kopf hat – zu wenig informativ, als dass sie den heutigen Leser freuen könnten. Da hat schon runde 50 Jahre früher das Team um Bernhard Suphan bei der Herder-Ausgabe Besseres geleistet. Dem Einzelgänger Nadler fehlten hier schlicht die Ressourcen – auch wenn er es selber als editorisches Prinzip ausgibt. Der 6. Band (Der Schlüssel) entschädigt dafür nur ungenügend.
Last but not least stört es den Bibliophilen, wenn die ersten vier Bände der HKA in Fraktur gesetzt wurden, die letzten beiden dann plötzlich in Antiqua.
Die Ausgabe umfasst folgende Teile:
Band 1: Tagebuch eines Christen
Band 2: Philosophie, Philologie, Kritik (1758 – 1763)
Band 3: Sprache, Mysterien, Vernunft (1772 – 1788)
Band 4: Kleine Schriften (1750 – 1788)
Band 5: Tagebuch eines Lesers (1753 – 1788)
Band 6: Der Schlüssel (1750 – 1788)