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Zum Regieren brauche er »nur Bild, BamS und Glotze«, sagte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Februar 1999 zu Beginn seiner ersten Amtszeit. Wer in den Medien nicht vorkommt, so der logische Umkehrschluss, ist politisch quasi nicht existent. Eine häufig zu beobachtende Manipulationstechnik der Meinungskonzerne ist das Verschweigen von Informationen, vor allem von solchen, die gewohnte Feindbilder konterkarieren könnten.
Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit dem seit April amtierenden kubanischen Staatspräsidenten Miguel Díaz-Canel. Der Politiker war Ende September eine Woche lang in New York und hatte dort mehrere Auftritte. So hielt er seine erste Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen und sprach bei deren Nelson-Mandela-Friedensgipfel. Weder die dabei bekräftigte Anklage der US-Blockade gegen Kuba noch eine Reihe weiterer politischer Aktivitäten des Staats- und Regierungschefs fanden in den großen Medien der USA Erwähnung. Im deutschen Sprachraum wurde das genauso gehandhabt. Laut Definition ein klassischer Fall: »Manipulation erfolgt bereits durch einseitige Vorauswahl eines Themas, dann durch seine Plazierung und schließlich durch die Art der Berichterstattung. Dadurch entsteht eine verzerrte Wahrnehmung beim Rezipienten«, heißt es dazu in der realsozialistischer Umtriebe unverdächtigen Onlineenzyklopädie Wikipedia.
Die kubanische Journalistin Arleen Rodríguez Derivet, die aus New York über das umfangreiche Programm von Díaz-Canel berichtete, beklagte am vergangenen Donnerstag auf dem Onlineportal cubadebate.cu, dass weder die New York Times noch das Wall Street Journal oder andere überregionale Medien auch nur eine Notiz darüber veröffentlicht hätten. Man habe während der UN-Vollversammlung den Eindruck gewinnen müssen, dass in dieser Woche »nichts Wichtiges im ›Big Apple‹ passiert sei«, schrieb Derivet. Das Verschweigen positiver Nachrichten aus und über Kuba sei eine weitere Form der gegen ihr Land verhängten »Blockade«, folgerte die Journalistin. Dabei habe sie Verständnis dafür, dass westliche Medien sich nicht für das Begleitprogramm der Präsidentengattin interessiert hätten, da diese weder Boutiquen noch eine Modenschau besucht habe, spottete Derivet. Tatsächlich hatte Díaz-Canels Ehepartnerin, die Kulturwissenschaftlerin Liz Cuesta Peraza, darauf bestanden, Universitätseinrichtungen, Kulturzentren und Museen aufzusuchen. So etwas interessiert US-Medien nicht.
In der dortigen Öffentlichkeit habe kaum jemand mitbekommen, dass sich in der letzten Septemberwoche die Staats- und Regierungschefs von 130 Ländern in New York aufgehalten hatten, schrieb die kubanische Medienexpertin Rosa Miriam Elizalde bestätigend. Die UNO sei »in den USA völlig bedeutungslos«, weiß der langjährige Korrespondent der mexikanischen Tageszeitung La Jornada in New York, David Brooks. »Von Mal zu Mal gibt es weniger ständige Korrespondenten« bei der Weltorganisation. »Wer den Pressebereich aufsucht, trifft dort oft niemanden an«, bedauert Brooks. Auch deshalb würden inhaltliche Debatten und Reden wie die von Díaz-Canel nicht erwähnt. Über Diskussionen, Argumente und unterschiedliche Positionen werde immer weniger berichtet. Für die meisten dortigen Medien existierte in der UNO nur der Auftritt Donald Trumps und dessen von Gelächter begleitete Behauptung, seine Regierung habe »mehr Erfolge als jede andere in der Geschichte des Landes« vorzuweisen. So etwas verkauft sich fast so gut wie »Sex and Crime«.
Auch deutschsprachige Medien ignorierten den ersten USA-Besuch von Díaz-Canel nach dessen Amtsantritt weitgehend. Dabei hätten dessen Zusammenkünfte mit einflussreichen Vertretern der Wirtschaft, sein Besuch in der Google-Zentrale oder das Treffen mit Kongressabgeordneten beider großer Parteien gut einen Monat vor den den Zwischenwahlen zum US-Parlament am 6. November spannende Hintergrundinformationen über Washingtons Kuba-Politik liefern können. Denn sollten die Kandidaten der Demokratischen Partei bei den »Midterms« die Mehrheit im Repräsentantenhaus erringen und sollte es der Partei gelingen, eine ausreichende Anzahl republikanischer Senatoren und Gouverneure abzulösen, könnte das Ergebnis darüber entscheiden, wie viele seiner Vorhaben Trump noch durchsetzen kann. Möglich, dass dann auch dessen restriktive Kuba-Politik auf den Prüfstand kommt.
Solche Informationen enthalten die großen Medien ihren Lesern vor. Medienexpertin Elizalde spricht von »politischem Spam«, der statt dessen verbreitet werde. Die Medienmanipulation führe dazu, dass viele Bürger in diesen Ländern sich nicht informiert und aufgeklärt, sondern irritiert und bestenfalls unterhalten fühlten. Neu ist dieses Phänomen ohnehin nicht. Als Journalist wisse er »sehr genau darüber Bescheid, auf welche Art und Weise Verdienste einiger Personen konstruiert und wie das Vergessen anderer historisch forciert werden kann«, begründete der argentinische Journalist Rodolfo Walsh vor mehr als einem halben Jahrhundert sein Engagement. Walsh war neben Gabriel García Márquez und Jorge Ricardo Masetti eines der Gründungsmitglieder der 1959 auf Anregung von Fidel Castro und Ernesto »Che« Guevara gebildeten kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina.
Volker Hermsdorf
Und Frage an die Schweizer Leserinnen und Leser: irgendwas in einer bürgerlichen Zeitung gelesen?