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Leserfrage: Wieso gibt es so viele Autoren für dieses Lied?
Unsere Kolumne zu Glaubensfragen. Haben Sie Fragen? Schreiben Sie Ihr Anliegen an die Redaktion, wir leiten es gerne weiter. <email-pii>
Es ist schön, dass Sie sich so intensiv mit dem Kirchgesangbuch beschäftigen. Oftmals hat man den Eindruck, das Liedgut schlummere seit Jahrhunderten unbeleckt vom Weltenlauf in einem verstaubten Regal vor sich hin. Wer die Lieder näher betrachtet, merkt rasch, dass sie eine lange, durchaus spannende Geschichte haben. Ihre Melodien und ihre Texte erzählen vom Leben mit seiner ganzen Fülle zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Tod und Auferstehung. Und in ihren Strophen spiegelt sich Weltgeschichte.
So auch im «Grosser Gott, wir loben dich». Es ist eines der bekanntesten Kirchenlieder der Welt und wird in den verschiedensten Sprachen gesungen. Die Melodie stammt aus dem 4. Jahrhundert vom lateinischen Loblied «Te Deum laudamus». Der Priester Ignaz Franz dichtete dazu 1768 eine deutsche Fassung. Durch Auswanderer gelangte das Lied nach Nordamerika. Die eingängige Melodie blieb über all die Jahrhunderte mehr oder weniger unverändert. Der Text jedoch passte sich den Herausforderungen der Zeit an. 1819 fand das Lied Einzug in protestantische Liederbücher, wurde jedoch als «geistliches Volkslied» der Aufklärungszeit angefeindet. Der Text schien zu demokratisch. Im 20. Jahrhundert setzte er sich jedoch durch.
In den Zeiten des deutschen Militarismus stand es als Danklied in den Militärgesangbüchern. Die deutsche evangelische Kirche fügte 1939 eine den Führer verherrlichende Schlussstrophe hinzu. Die «deutschen Christen», die mit den Nazis kollaborierten, arisierten das Liedgut und passten es der nationalsozialistischen Ideologie an. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war die grosse Zeit des ökumenischen Aufbruchs. «Grosser Gott, wir loben dich» sang man jetzt in den Gottesdiensten der meisten christlichen Gemeinden in Deutschland und Österreich, nach einem Text von Romano Guardini. Für das Kirchenlied gab es ab dann keine konfessionellen Grenzen mehr.
Nur die Schweiz fährt ihren Sonderzug. Die Schweizer Gesangbücher folgen ebenfalls der ökumenischen Fassung, mit Ausnahme der letzten Strophe. Während in der deutschen Version der Segen nur jenen zukommt, die auf Gott vertrauen, verleiht die helvetische Fassung Gottes Güte und Segen allen. Ausserdem: In der Schweiz gibt es eine in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstandene pazifistische Neufassung von Karl von Greyerz für den Dank-, Buss- und Bettag. Dort singt man: «Send uns Kraft und Zuversicht, die der Waffen Joch zerbricht.» Und in der 6. Strophe: «Brich des Mammons Reich entzwei.» – Wer sagt da noch, Kirchenlieder seien verstaubt?
Herzliche Grüsse, Tilmann Zuber