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Armut als Parcours
Was würden Sie tun, wenn Sie in einen finanziellen Engpass gerieten, ohne Aussicht darauf, dass die Einkünfte bald wieder mit den Ausgaben Schritt halten? Können Sie sich vorstellen, was es ganz konkret heisst, jeden Rappen umdrehen zu müssen, bevor man ihn ausgibt? Welche Prioritäten würden Sie setzen? Denken Sie, sich einzuschränken sei doch kein Problem, vielleicht sogar eine positive Herausforderung, eine heilsame Erfahrung, die dank etwas mehr Bescheidenheit zu grösserer Zufriedenheit führen kann?
Was aber, wenn alles Wünschbare bereits gestrichen ist, alle Reserven aufgebraucht sind und nur noch die Wahl zwischen Notwendigem und ebenso Notwendigem besteht?
In der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt, leben gemäss dem katholischen Hilfswerk Caritas Schweiz mehr als eine Million Menschen an oder unter der Armutsgrenze. Entscheidungen wie beispielsweise «Schicke ich mein Kind mit den Zahnschmerzen zum Zahnarzt oder bezahle ich die Schulbücher?» sind für sie Alltag. «Schaffen Sie, was diese Menschen jeden Monat schaffen müssen?», fragt Caritas.
Antworten darauf gibt es in einem Online-Armutsparcours. Für einen Monat kann man ins Leben von fiktiven Personen in einer typischen Armutskonstellation eintauchen und versuchen, sich mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld zu organisieren. Nicht jedes dabei auftauchende Dilemma lässt sich so einfach auflösen wie jenes der Familie P., die entscheiden muss, ob sie ihrem Sohn einen coolen Schulsack für 229 Franken oder einen etwas weniger coolen für Fr. 69.90 kaufen soll. Schwierig wird es vor allem, wenn es um Ausgaben geht, die eine Investition in eine bessere Zukunft sind. Der Sprachkurs, der die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht, erscheint sinnvoll, aber wozu soll man für 480 Franken gesünder kochen lernen, wenn man sich die gesünderen Lebensmittel gar nicht leisten kann?
Mit einem knappen Budget kämpfen auch der seit längerem arbeitslose Herr D. und Frau G. mit ihren beiden Buben. Die drei Beispiele, die der Armut ein Gesicht verleihen, stehen stellvertretend für Bevölkerungsgruppen, deren Armutsrisiko überdurchschnittlich hoch ist: Kinder armutsbetroffener Eltern, Alleinerziehende und Menschen, die mit Mitte 50 ihre Stelle verlieren und keine Arbeit mehr finden.
Unter www.caritas.ch findet man nicht nur den Armutsparcours, sondern auch weitere Informationen darüber, was Armut in der Schweiz heisst, welches ihre Ursachen sind und wie sie verhindert werden könnte.
Regula Vogt-Kohler