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1.1 Zur Person Dr. Schüßlers 1
Wilhelm Heinrich Schüßler wurde am 21. August 1821 in Zwischenahn im Großherzogtum Oldenburg (heute BRD) geboren, wo er auch seine Kindheit verlebte. Er hat das Gymnasium nicht zu Ende besuchen können. Vor seinem Staatsexamen in Oldenburg musste er nämlich das Abitur (Matura) nachholen.
Schüßler war sehr sprachbegabt. Er besaß Kenntnisse in Griechisch und Latein, er sprach Italienisch, Spanisch und Französisch. Ja, er hat sich in späteren Jahren sogar mit Sanskrit beschäftigt. Die Beschäftigung mit diesen Sprachen wird mit dem Bestand an Büchern in seinem Nachlass belegt. Die Familie Schüßler war sehr arm und vermutlich hat sich Wilhelm Heinrich mit Sprachunterricht und als Hauslehrer durchgebracht, bis er im Alter von dreißig Jahren mit dem Studium beginnen konnte. Wahrscheinlich hat er von seinem ältesten Bruder Ernst Georg das Geld bekommen mit der Auflage, später als homöopathischer Arzt tätig zu sein.
Er studierte ein Jahr in Paris, dessen medizinische Fakultät zu dieser Zeit einen besonders guten Ruf hatte. Danach setzte er seine Studien in Berlin fort, wo er den Beginn des Umbruches in der Medizin von einer naturphilosophischen zu einer naturwissenschaftlichen erlebte. Man ging nicht mehr von den philosophischen Bemühungen aus, mit denen die Erkenntnisse von Wesen, Gesetzen, Formen und Erscheinungen der sichtbaren Natur gewonnen wurden, sondern von den Erfahrungen, von den empirischen Experimenten. Die Erkenntnisse in der Naturwissenschaft werden gewonnen durch Beobachtung, Messung, Vergleich und Experiment.
Unter anderem lehrten zu dieser Zeit Justus von Liebig und Rudolf Virchow. Ihre Forschungen hatten entscheidenden Einfluss auf den Medizinstudenten Schüßler. Auch in Berlin hielt es ihn nicht länger als ein Jahr. In Gießen hat er dann nicht nur seine Studien fortgesetzt, sondern auch promoviert.
Nach seiner Promotion ging Schüßler nach Prag. Dort waren sehr gute Lehrer der Homöopathie, was vermutlich ein Grund war, sein Wissen dort zu erweitern. Nach einem Semester Aufenthalt in Prag reichte er bei der Großherzoglichen Regierung ein Gesuch auf Zulassung zum medizinischen Staatsexamen ein. Dieses Gesuch wurde von der Regierung abgelehnt, weil er einerseits das geforderte Maturitätszeugnis nicht erbringen konnte und andererseits noch keine vollen vier Jahre Studium vorweisen konnte, welche nach einer Oldenburgischen Verordnung vom 30. 4. 1831 verlangt wurden.
Im Jahre 1857 bewarb Schüßler sich erneut um die Zulassung zum Staatsexamen, nachdem er das Abitur am „Alten Gymnasium“ nachgeholt hatte. Diesmal konnte Schüßler alle erforderlichen Unterlagen für die Zulassung zum Staatsexamen vorlegen und es wurde ein Termin angesetzt. Das medizinische Staatsexamen, das mehrere Tage dauerte, war am 14. August 1857 abgeschlossen.
Erstaunlich sind die sehr umfangreichen und relativ strengen Vorschriften bezüglich medizinischer Belange. Das Collegium medicum, also das Großherzoglich Oldenburgische Gesundheitsministerium, war am 14. September 1818 eingerichtet worden zur Prüfung angehender Ärzte, Wundärzte, Apotheker, Hebammen und Tierärzte. Außerdem wurde es oder einzelne Mitglieder zur Erstellung von Gutachten herangezogen.
So musste es auch über die Zulassung Schüßlers als homöopathischer Arzt entscheiden. Zur Zeit Schüßlers lebten noch Schüler Samuel Hahnemanns, dem Begründer der Homöopathie. Die neue Heilweise war bei den Ärzten sehr umstritten und wurde häufig bekämpft.
In den Ärztevereinen fanden die Homöopathen keine Aufnahme und mehr als einmal findet man die Bemerkung „der frühere Arzt“, als er sich inzwischen der Homöopathie zugewandt hatte. Obwohl die Ärzte die Homöopathie ablehnten, fand sie bei den Menschen begeisterte Aufnahme, weil auch schon damals das Vertrauen in die herkömmliche medizinische Heilweise erschüttert war. Viele Menschen wandten sich wegen der Erfolge der Homöopathie zu, aber auch andere Richtungen hatten großen Zulauf wie zum Beispiel Pfarrer Sebastian Kneipp.
309 Oldenburger Bürger reichten nun ein Gesuch um Zulassung eines homöopathischen Arztes ein. Sie weisen auf den jungen Arzt Dr. med. W. H. Schüßler hin, der kürzlich das Examen wohlbestanden habe und sich hierselbst zur Ausübung der Homöopathie bereit erklärt hat. Die Erlaubnis zur Niederlassung, es wurde nur eine begrenzte Anzahl von Ärzten zugelassen, wurde am 2. Jänner 1858 ausgestellt.
Schüßler nahm seinen Wohnsitz in Oldenburg. Trotz seiner niedrigen Honorare war er schon 1877 in der Lage, einen Bauplatz zu kaufen und mit dem Bau seines Hauses zu beginnen, das er 1880 bezog und bis zu seinem Tod bewohnte.
Über sein Privatleben findet man nur spärliche Angaben, was in erster Linie damit zusammenhängt, dass er es immer abgelehnt hat, biographische Notizen zu machen. Sein privates Leben ist so still und ohne jede Äußerlichkeit abgelaufen, dass es in der Tat schwer ist, darüber zu berichten. Nachdem Schüßler erst einmal seine Biochemie erarbeitet hatte, gab es für ihn nichts anderes mehr, als die Verbesserung dieser Lehre. Das sah er als seine einzige Aufgabe an. Wir wissen, dass er es in der Jugend nicht leicht hatte, eine Situation, die ihm sein ganzes Leben lang vor Augen blieb. Er war verschlossen in seinem Wesen und in sich gekehrt. Es könnte sein, dass das auch ein Grund war, warum er unverheiratet blieb.
Nach seiner Zulassung als homöopathischer Arzt in Oldenburg war Schüßler endlich dort angelangt, wo sein Weg als Arzt beginnen konnte. Noch war er Homöopath und von der Biochemie war keine Rede, die kam erst 15 Jahre später.
Schüßler begann bald, sich in Artikeln mit aktuellen medizinischen und homöopathischen Problemen auseinander zu setzen. Sie wurden in Fachzeitschriften veröffentlicht und haben oft Entgegnungen hervorgerufen. Zu diesen musste sich Schüßler äußern, was er gern und mit Nachdruck getan hat. Er trat 1861 dem Homöopathischen Zentralverein bei, welchen er 1876 wieder verließ, weil die „tonangebenden Herren meine Therapie nicht als eine homöopathische anerkennen wollen“ (Schüßlers eigene Worte).
Schüßlers Suche nach einer Möglichkeit, das umfangreiche Arzneigut der Homöopathie zu verkleinern und damit überschaubarer zu machen, musste ihn früher oder später in Gegensatz zur Hahnemann’schen Schule bringen. Es entstand die „Biochemische Heilweise“. Drei Wissenschaftler sind zu erwähnen, deren Forschungen die Grundlage für Schüßlers Lebenswerk gewesen sind.
Der Niederländer Jacob Moleschott lehrte in Heidelberg, Zürich und Turin physiologische Chemie. Er stellte die Gesamtheit aller biochemischen Vorgänge, die in einer Zelle oder dem Körper ablaufen, mit all den möglichen Zwischenstufen im Stoffwechsel, in den Mittelpunkt seiner Arbeiten. Sein Buch „Kreislauf des Lebens“, dessen erste Ausgabe 1852 erschien, hat Schüßler wertvolle Impulse vermittelt, auf die er im wesentlichen seine spätere Heilmethode aufbaut.
Schüßler hat auch die Stelle aus Moleschotts Werk überliefert, die für ihn ein Leitmotiv war:
„Der Bau und die Lebensfähigkeit der Organe sind durch die notwendigen Mengen der anorganischen Bestandteile bedingt. Und darin ist es begründet, dass die in den letzten Jahren erwachte Würdigung des Verhältnisses der anorganischen Stoffe zu den einzelnen Teilen des Körpers, die Würdigung, welche weder hochmütig verschmäht, noch überschwänglich hofft, der Landwirtschaft und der Heilkunde eine glänzende Zukunft verspricht.“
Es lässt sich angesichts der eingreifenden Tatsachen nicht mehr bestreiten, dass Stoffe, die bei der Verbrennung zurückbleiben, die sogenannten Aschenbestandteile, zu der inneren Zusammensetzung und damit zu der formgebenden und artbedingten Grundlage der Gewebe ebenso wesentlich gehören, wie die Stoffe, welche bei der Verbrennung verflüchtigen. Ohne leimgebende Grundlage kein wahrer Knochen, ebensowenig ein wahrer Knochen ohne Knochenerde, ein Knorpel ohne Knorpelsalz; oder Blut ohne Eisen, Speichel ohne Chlorkalium.“ Zu diesen Worten Moleschotts bekennt sich Schüßler ausdrücklich im Jahre 1879: „Obige Worte haben vor reichlich 6 Jahren in mir die Idee erregt, die betreffenden anorganischen Salze – und nur diese – zu Heilzwecken zu verwenden.“
Rudolf Virchow, ein seit 1876 in Berlin tätiger Wissenschaftler, hat mit seinem Buch von der „Cellularpathologie“ einen großen Einfluss auf die Entstehung der Schüßler’schen Biochemie gehabt. Dieses Buch, eine fundamentale Krankheitslehre, das 1858 erschien, hat einen Einfluss auf die Medizin, der bis in die heutige Zeit reicht, wenn auch neue Erkenntnisse den Totalitätsanspruch erheblich eingeschränkt haben. Damit ist gemeint, dass nicht nur mehr dieses Werk allein für das Verständnis von den krankhaften Veränderungen der Zelle ausschlaggebend ist.
Justus von Liebig ist der dritte Wissenschaftler, dessen Forschungen großen Einfluss auf das Wirken Schüßlers hatte. Er lehrte in Gießen und hat vor allem auf dem Gebiete der Pflanzen und Tiere geforscht, er verwendete auch den Ausdruck „Nährsalze.“ Sein Einfluss auf Schüßler ist aus folgenden Texten gut ersichtlich:
„Für die Landwirtschaft haben die anorganischen Stoffe der Pflanzen durch die Agriculturchemie bereits ihre Verwertung gefunden. Ich habe es unternommen, die Chemie der Gewebe des animalischen Organismus auf das therapeutische Gebiet zu übertragen.“
„Danach ist meine Therapie ein Analogon der Agriculturchemie. So, wie man – was jeder rationelle Landmann weiß – kränkelnde Pflanzen durch Begießen mit einer Lösung des ihnen entsprechenden Salzes zum Gedeihen bringen kann, so curire ich die erkrankten animalischen Gewebe mittels Verabreichung von Molekülen eines anorganischen Salzes, welches demjenigen homogen ist, durch dessen Funktionsstörung die betreffende Krankheit bedingt ist.“
(Minimumgesetz Seite XXX)
Ab dem Jahre 1872 hat sich Schüßler nun intensiv mit seiner neuen Heilweise beschäftigt und hat in seiner Praxis nur mehr die neuen Funktionsmittel verwendet. Er hat seine Erkenntnisse im März 1873 erstmalig in der „Allgemeinen Homöopathischen Zeitung“ unter dem Titel einer „abgekürzten homöopathischen Heilweise“ veröffentlicht. Vor allem die älteren Homöopathen reagierten vorsichtig, ja sogar skeptisch auf diese erste Kundmachung. Schüßler wurde aufgefordert, ein Indikationsschema (Anwendungsmöglichkeiten) und einige ausführliche Krankengeschichten zu liefern, damit Versuche zur Überprüfung der Wirksamkeit der Mittel angestellt werden könnten.
Es ist von großer Bedeutung, hier darauf hinzuweisen, welch große Umwälzungen Schüßlers neue Erkenntnisse hervorriefen, ja, welche Revolution sie ausgelöst haben. Die Homöopathen mussten nämlich für ihr Studium unzählige Arzneimittelbilder lernen. (Zur Zeit Dr. Schüßlers waren es nach seinen eigenen Angaben an die 200 verschiedene Mittel). Außerdem waren viele hervorragende Forscher an der Erstellung dieser Arzneimittelbilder tätig gewesen. Nun sollte es aber möglich sein, mit nur 12 Mitteln für alle heilbaren Krankheiten auszukommen. Das war einfach unvorstellbar.
Schon als homöopathischer Arzt war Dr. Schüßler Kritik und herausfordernden Stellungnahmen ausgesetzt. Als er sich nun mit seiner biochemischen Heilweise auch noch von der homöopathischen Richtung absetzte, stand er noch viel mehr im Brennpunkt der Auseinandersetzungen und kritischen Anfechtungen. Er wurde nicht müde, seinen Standpunkt immer wieder zu vertreten und darzulegen.
Im Jahre 1874 erschien zum erstenmal die Arbeit Dr. Schüßlers als „Abgekürzte Therapie“ in Form einer Broschüre.
In ihr führte er auch die von ihm ausgewählten Mineralstoffe an, damals noch in einer uns ungewohnten Reihenfolge:
- Ferrum phosphoricum, 2. Kali sulphuricum, 3. Kali phosphoricum, 4. Magnesia phosphorica, 5. Calcarea phosphorica, 6. Natrium sulphuricum, 7. Natrium muriaticum, 8. Kalium chloratum, 9. Natrium phosphoricum, 10. Silicea, 11. Calcarea sulphurica, 12. Ca.Fl.
Damit begann der eigentliche Siegeszug der „Biochemischen Heilweise nach Dr. med. Schüßler“. Dieses schmale Heftchen von nur 16 Seiten sollte Medizingeschichte machen und in erweiterter Form 52 Auflagen erreichen. Schon die zweite Auflage, die schon nach einem Jahr notwendig wurde, umfasste aufgrund der notwendigen Erweiterungen durch Anregungen und Beantwortung von Anfragen bereits 48 Seiten.
Obwohl die Behandlungsmethode sehr umstritten war, verbreitete sie sich rasch und traf auch auf großes Interesse bei den Ärzten. Sehr schnell waren die Funktionsmittel auch im Ausland bekannt und es gab bald Übersetzungen der Veröffentlichung Schüßlers über die Funktionsmittel in alle bedeutenden Sprachen.
Es ist nur Schüßlers Willensstärke und seiner Überzeugungskraft zu verdanken, dass wir heute seine biochemische Therapie kennen, anwenden und weiterverbreiten können. Er war ein Mann, der mutig zu dem stand, wovon er überzeugt war. Er verteidigte seine Heilweise bei jedem Angriff und im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurden immer wieder neue Argumente gebracht, was sehr wertvoll war.
Seine vielen Anhänger, die er in Oldenburg hatte, gründeten schon im Jahre 1885 den ersten biochemischen Verein. Später wurden die vielen biochemischen Vereine, die in Folge entstanden, im Biochemischen Bund Deutschlands zusammengefasst. Er besteht heute noch und beweist durch seine hohe Mitgliederzahl das Interesse an der Biochemie auch in der heutigen Zeit.
In allem was seine Person betraf, war er sehr zurückhaltend und äußerst bescheiden. Dr. Schüßler wurde am 14. März 1898 von einem Schlaganfall getroffen, von dem er sich aber schnell erholte, so dass er im Stande war, die letzten Korrekturen an der 25. Auflage seiner „Abgekürzten Therapie“ zu erledigen. Am 30. März 1898 im 77. Lebensjahr entschlief er sanft.
Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler hinterließ uns eine Heilweise, die uns ermöglicht, ganzheitlich auf das Leben des Menschen auf der körperlichen Ebene einzugehen, Vorsorge für die Gesundheit zu treffen und sie zu pflegen sowie bei Störungen des Betriebes die Not-wendenden Maßnahmen zu ergreifen.
… wird fortgesetzt
1Die Angaben sind zusammengefasst folgendem Buch entnommen: Lindemann, Günter: Dr. Med. Wilhelm Heinrich Schüler: Sein Leben und Werk Oldenburg: Isensee Verlag, 1992
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