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Andreas Heege, 2019
Das Engadiner Museum in St. Moritz ist ein Museum für alpine Lebens- und Wohnkultur vom 15. bis ins 19. Jahrhundert, das 1906 im Auftrag des Sammlers Riet Campell eigens für dessen Sammlung historischer Innenräume gebaut wurde (zum Museum und zur Sammlung vgl. Campell 1946; Casutt 2006; Caviezel 1993; Maier 2006). Architekt Nikolaus Hartmann jun. schuf dafür den historisierenden Typus eines Engadinerhauses und damit eine Stilikone des sogenannten Heimatstils. Das Haus wurde um die Sammlung herum gebaut und beherbergt 18 historische Zimmer. Riet Campell hatte in den Jahren davor eine ausserordentlich qualitätsvolle Sammlung von vollständigen Interieurs, Möbeln, Geräten, Haushaltgegenständen, Waffen, Büchern und Textilien aus dem Engadin, den Bündner Südtälern, dem Oberhalbstein (Surses) und dem Veltlin (Grosio) zusammengetragen. Die Entstehung des Museums bewegte sich zeitgleich mit der Heimatschutzbewegung in Graubünden, die sich die Erhaltung des einheimischen Kulturgutes zum Ziel setzte und den drohenden „Ausverkauf der Heimat“ des einheimischen Kulturgutes zu verhindern suchte.
Die mehrere Tausend Objekte umfassende Sammlung trägt den Stempel ihres Gründers Riet Campell, der vorwiegend kunsthandwerklich hochstehende Interieurs und Objekte der gehobenen Schichten und nicht etwa der einfachen Bauern sammelte. Sie ist in ihrer Art einzigartig und in weiten Teilen in den historischen Zimmern inszeniert, die jeweils einen bestimmten Typus und eine Epoche repräsentieren, nicht aber alle aus dem gleichen Ort stammen.
Dieser Sammlungsbestand, von Campell zu Lebzeiten zusammengetragen, bildet eine in sich geschlossene Sammlung, die den Zeitgeist und die Präferenzen des Sammlers abbildet, gleichzeitig aber auch ein umfassendes Bild der Wohnkultur des Engadins und der angrenzenden Täler bietet. Die Sammlung ist in ihrer Geschlossenheit eine hochinteressante Dokumentation zur Sammeltätigkeit an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert und repräsentiert beispielhaft die Ideen und Ziele der damals entstehenden Heimatschutzbewegung. In dieser Prägnanz ist dies in keinem anderen vergleichbaren historischen oder heimatkundlichen Museum der Schweiz anzutreffen. Dies macht die Einzigartigkeit des Engadiner Museums und seiner Sammlung aus.
Aus diesem Grund ist die Sammlung weitgehend abgeschlossen. Künftig sollen nur noch Objekte in die Sammlung aufgenommen werden, die in einem engen Zusammenhang zu Museumsgründer Riet Campell, Museumsarchitekt Nicolaus Hartmann jun. und der Heimatschutzbewegung im Engadin und den angrenzenden Bündner Südtälern stehen.
Die Sammlung umfasst etwa 160 Keramikobjekte, die in Bilddatenbank CERAMICA-CH aufgenommen wurden. Sie beinhaltet Irdenwaregefässe, Fayencen, Steingut, Steinzeug und Porzellan. Da die Objekte aus dem Antiquitätenhandel erworben wurden, ist der ehemalige Nutzungsort bzw. die Herkunft der Keramiken unklar. Für einen grösseren Teil der Keramik ist eine Herkunft aus dem Engadin vorstellbar, jedoch nicht durch Inventareinträge zu belegen. Nur archäologische Ausgrabungen im Verbrauchermilieu des Kantons könnten hier wohl Klarheit bringen.
Unter den Irdenwaren finden sich immerhin vier Keramiken, für die eine Herkunft aus dem süddeutschen Raum anzunehmen ist (ME-STM 0270, ME-STM 2249 ME-STM 3578, ME-STM 3587). Ähnliche Stücke sind aus dem RMC und anderen Museen Graubündens bekannt und aus dem Fürstentum Liechtenstein als archäologische Bodenfunde belegt (Heege 2016, 162–169).
Dank
Die CERAMICA-Stiftung dankt der Museumsleiterin Charlotte Schütt und ihrem Team herzlich für die sehr freundliche und interessierte Unterstützung der Inventarisationsarbeiten.
Bibliographie:
Campell 1946
Riet Campell, Istorgia dal Museum Engiadinais da San Murezzan, scritta dal fundatur in occasiun da seis ottant’avel an (maschinenschriftlich vervielfältigt, Exemplar im Museum Engiadinais), Celerina 1946.
Casutt 2006
Marcus Casutt, Das Engadiner Museum wird 100. Der Heimatschutz, das Engadiner Haus und die Erfindung des Heimatstils, in: Bündner Monatsblatt: Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur, 2006, Heft 2, 176-189.
Caviezel 1993
Nott Caviezel, Das Engadiner Museum in St. Moritz (Schweizerische Kunstführer 537), Bern 1993.
Heege 2016
Andreas Heege, Die Ausgrabungen auf dem Kirchhügel von Bendern, Gemeinde Gamprin, Fürstentum Liechtenstein. Bd. 2: Geschirrkeramik 12. bis 20. Jahrhundert, Vaduz 2016.
Maier 2006
Marcella Maier, Riet Campell – ein Mann und ein Museum : 100 Jahre Engadiner Museum, St. Moritz 2006.