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Die geschickte Anwendung von Hilfsmitteln (Teil 1)
Vimalakirti Sutra 2.1 – Dieses Kapitel macht uns mit Vimalakirtis geschickten Anwendung der Hilfsmittel zur Befreiung bekannt. In dieser Vortragsreihe wird dieses Kapitel in drei Teilen kommentiert. Teil 1 (Kap. 2.1 ) ist Vimalakirtis Verwirklichung der buddhistischen Tugenden von Mitgefühl, Disziplin, Nachsicht, Hingabe, Meditation und Weisheit dargelegt (Śīla, Sechs Paramitas) gewidmet. Im Teil 2 (Kap. 2.2 ) wird darauf Bezug genommen im Hinblick auf das eigene Verstehen und die eigene Praxis. Der 3.Teil (Kap. 2.3) handelt von Vimalakirtis Krankheit als einem Zustand, den er willentlich auf sich genommen hatte. Denn durch seine Abwesenheit in der Öffentlichkeit kamen unzählige Besucher, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen. Dies nutze Vimalakirti geschickt dazu, ihnen den Weg der geistigen Befreiung darzulegen und zu fördern.
Der Sutratext
In der grossen Stadt Vaisali lebte ein Stammhalter des Licchavi-Clans namens Vimalakirti. Er hatte zahllosen alten Buddhas gedient und die Wurzeln aller heilsamen Tugenden gepflanzt. Nun ruhte er in der geduldigen Gelassenheit des Ungeschaffenen.
Seine Weisheit und Eloquenz ermöglichte es ihm, sich unter allen Menschen frei zu bewegen und sie zu unterweisen. Er hatte absolute Kontrolle über gute und böse Geisteskräfte und verwirklichte dadurch endgültige Furchtlosigkeit. So durchschritt er alle Dharma-Tore und verwirklichte vollkommenes Verstehen (Prajñāpāramitā). Er meisterte alle zweckmässigen Methoden (Upaya) des Lehrens, wodurch er die grossen Bodhisattva-Gelübde erfüllte. Er kannte die geistigen Veranlagungen der Lebewesen sehr gut und konnte ihre verschiedenen (unbewussten) Neigungen unterscheiden. Da er die Lehre von Weisheit und Mitgefühl (Mahayana) verstand, basierten alle seine Handlungen auf rechtem Denken. Er lebte in der Erhabenheit eines Buddhas und sein Geist war so gross wie der Himmel. Da er entschlossen war, die Befreiung von Menschen zu erwirken, hielt er sich bewusst zu diesem Zweck in Vaisali auf.
Er nutzte seinen unbegrenzten Reichtum, um Arme und Hilflose zu unterstützen. Er hielt alle Regeln der Moral und Disziplin ein, um diejenigen zu stärken, die die Gebote missachteten. Mit seiner Geduld und Selbstbeherrschung besänftige er diejenigen, die Zorn und Hass unterlagen. Er strahlte Eifer und Hingabe aus für diejenigen, die träge waren. Den geistig Unruhigen begegnete er mit Gelassenheit und den Törichten mit entschlossener Weisheit.
Er trug die weisse Kleidung der Laien, beachtete aber alle Gebote von Buddhas Gemeinschaft. Auch als wohlhabender Geschäftsmann lehnte er es ab, an materiellem oder nicht-materiellem Besitz zu haften. Obwohl er verheiratet war und Kinder hatte, pflegte er Enthaltsamkeit. Er ass und trank wie alle anderen, liebte es aber, Mass zu halten.
1. Dharmavortrag:
Vimalakirtis Motivation
Zur Erinnerung: Vimalakirti war ein Bodhisattva. Er hatte gelobt, alle Lebewesen auf den Weg zur Befreiung zu führen. Nun nutzte er seine Anwesenheit in Vaisali, dieses Gelübde zu erfüllen.
In der buddhistischen Tradition steht die Klärung der Motivation ganz am Anfang des Meditationswegs. Wenn man bloss nach einem besseren Lebensgefühl für sich selbst oder weniger Probleme mit den Mitmenschen sucht, dann wird man unweigerlich scheitern. Die Selbstzentriertheit – die Grundursache aller Übel in der Menschenwelt – kann nur überwunden werden, wenn man das Denken und Handeln auf das Wohl aller Lebewesen ausrichtet. Dann und nur dann, ist die Meditation das geeignete Mittel zur Entfaltung der Weisheit, die zur Befreiung aus Angst und Leiden führt.
Aus buddhistischer Sicht, ist die gegenwärtige Lebenslage eines Menschen kein Zufallsprodukt, sondern eine Folge des Denkens und Handelns während vielen Zeitaltern, in vielen Verkörperungen. Das heisst, das Individuum ist keine in sich geschlossene, unabhängige Identität, sondern eine Wiedergeburt von Gedanken und Taten anderer Individuen aus unterschiedlichen Zeiträumen und Lebensläufen.
In diesem Verständnis sind auch die mentalen Formen, die das Bewusstsein eines jeden Menschen bevölkern, Lebewesen. Denn Gedanken entspringen der gleichen Lebenskraft wie die körperlichen Formen; sie entstehen und vergehen gemäss den gleichen Gesetzen wie diese.
Die Buddha-Natur
Das Wort «Buddha» charakterisiert einerseits einen Menschen, der dank seines erwachten Gewahrseins die Zusammenhänge der Existenz vollkommen und endgültig durchschaut und dadurch alle Täuschungen, Ängste und persönliche Leiden hinter sich gelassen hat. Ein solch vollkommen erwachter Mensch wird Buddha genannt. Andererseits steht das Wort auch für die fundamentale Geistesnatur aller Lebewesen. Denn jedes Lebewesen, vom kleinsten bis zum grössten besitzt von Natur aus das Wissen, das ihm wie ein Licht den Weg durch das Leben weist. Dieses intuitive Wissen, das allen Lebewesen angeboren ist, wird Buddha-Natur genannt. Der Zen-Meister Hakuin formulierte es in seinem Lied der Meditation (Zazen Wasan) so treffend:
«Die Lebewesen sind im Grund alle Buddha. Es ist wie Eis und Wasser, ohne Wasser gibt es kein Eis. Wo fänden wir Buddha ausserhalb der Lebewesen?»
Von Vimalakirti sagt das Sutra:
Er hatte zahllosen alten Buddhas gedient und die Wurzeln aller heilsamen Tugenden gepflanzt.
Damit ist gesagt, dass Vimalakirti nicht nur als eine gewöhnliche Person zu verstehen ist, sondern als eine Verkörperung des ewigen Gewahrseins – das in jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze, ja selbst in der materiellen Natur die Kraft der fundamentalen Buddha-Natur erkennt – und der allumfassenden Liebe – die allen Lebewesen hilft, zur vollkommenen Weisheit zu erwachen.
Mit anderen Worten: Vimalakirti wohnt auch in uns, die Stadt Vaisali ist in unserem eigenen Bewusstsein angelegt. Wir sind die zahllosen Buddhas, denen der erleuchtete Buddha-Geist seit jeher dient.
Die heilsamen Tugenden
Was sind heilsame Tugenden?
Wer im orthodoxen Buddhismus geschult ist, denkt hier vielleicht zuerst an die Lehren des Edlen Achtfachen Pfades und der Sechs Paramitas, in denen der Buddha die Grundlagen des ethischen Verhaltens darlegte, ohne das keine Befreiung vom Leiden, bzw. kein endgültiger Geistesfrieden zu verwirklichen ist.
Doch der Begriff heilsame Tugenden weist über die blosse Kenntnis und Befolgung von Regeln und Geboten hinaus. Er hat eine universale, allgemein menschliche Dimension. Um dieses umfassende Konzept etwas zu erläutern, erlaube ich mir einen Zeitsprung ins Japan des 17. Jahrhunderts: Dort lebte ein Meister namens Bankei Eitaku, der, wie Vimalakirti, Buddhas Botschaft mit viel Erfolg in den gewöhnlichen Alltag unter die Menschen brachte.
Die Geschichte von Bankei
Im Alter von elf Jahren hörte Bankei in der Schule das Zitat des berühmten chinesischen Philosophen Konfuzius: «Der Weg der Grossen Lehre besteht in der Klärung der strahlenden Tugend.» Bankei fragte den Lehrer, was «strahlende Tugend» sei. Der Lehrer antwortete: «Die strahlende Tugend ist die dem Menschen angeborene Natur des Guten.» Er fragte: «Was ist die angeborene Natur des Menschen?» Der Lehrer antwortete: «Das Urwesen». «Was ist das Urwesen?» «Die unergründliche Wahrheit des Himmels», lautete die Antwort.
Aus philosophischer Sicht antwortete der Lehrer sicher korrekt, doch seine Antworten nützten dem Jungen nichts. Die philosophischen Formulierungen waren bedeutungslos. Enttäuscht wandte er sich von der Schule ab. Stattdessen besuchte er alle Vorträge von Wanderpredigern, die in seiner Umgebung auftraten. Später verdiente er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in Tempeln und Klöstern und war immer auf der Suche nach einem Meister, der ihm seine Fragen beantworten und die Zweifel nehmen könnte. Dazwischen verbrachte er lange Perioden in Einsamkeit mit asketischen Übungen.
Schliesslich erkannte er, dass ihm niemand die Zweifel nehmen konnte. Er hörte auf, sich selbst zu kasteien und die Wahrheit bei anderen zu suchen und begann, sein eigenes Denken und Handeln zu erforschen und entdeckte die ihm eigene innewohnende Stimme der Weisheit. Schliesslich realisierte, dass die strahlende Tugend keine absolute Grösse ist, die man erkennen oder sich aneignen soll, sondern das eigene Gewissen – das innewohnende Wissen um Gut und Schlecht.
Gut und schlecht
Es ist eine Tatsache, dass wir Menschen, wenn wir still und vollkommen ehrlich in unseren Geist hineinschauen, intuitiv wissen, ob unseren Gedanken und Taten heilsame oder unheilsame Motive unterliegen. Doch gewöhnlich wollen wir dies gar nicht wissen. Deshalb werden wir von den unbewussten Motiven beherrscht und verursachen viel Unheil.
Es gab einmal einen Zen-Meister, der es sich zur Gewohnheit machte, in einem Baum zu leben. Nach jedem Almosengang kehrte er in die Baumkrone zurück und meditierte. Er war sehr berühmt. Eines Tages wurde er von einem hohen Beamten besucht und befragt: Was ist der Kern Ihrer Lehre? Der Meister antwortet: «Meine Lehre lautet: Tue nichts Böses und übe das Gute.» Der Beamte war sehr enttäuscht, ja fast beleidigt: «Jedes dreijährige Kind kennt das.» Der Meister erwiderte: «Obwohl Dreijährige es wissen, vermögen selbst Alte es nicht zu tun.»
«Tue das Gute, unterlasse das Schlechte» ist nicht nur das prinzipielle Grundgebot, das der Buddha für alle seine Anhänger forderte, sondern das Grundgebot für die ganze Menschheit. Das Unterscheidungsvermögen ist eine der Fähigkeiten des universalen Geistes und bildet die Qualität des menschlichen Gewissens. Die natürliche Harmonie des Lebens ist Ausdruck des Geistes, der unabhängig vom Sein oder Nicht-Sein körperlicher Formen existiert.
Nachdem Bankei zur Gewissheit eben dieses Geistes gekommen war, münzte er dafür den Begriff «das immerwährende Ungeborene». Von da forderte er seine Mitmenschen nur noch auf, sich der Präsenz des Ungeborenen mit Herz und Verstand zu öffnen. Denn dann, so sagte er, ergeben sich die heilsamen Tugenden ganz von selbst, ohne jegliche Anstrengung.
Das Ungeschaffene
Das Sutra sagt:
«Vimalakirti ruhte gelassen im Ungeschaffenen.»
Das Ungeschaffene bedeutet dasselbe wie das Ungeborene bei Bankei. Beide Worte stehen für eine Realität, die nichts zu tun hat mit Zeit und daher auch nichts mit Werden und Vergehen. Da sie nicht «wird», hat sie keine Form, und was keine Form hat, das kann man mit dem Verstand nicht fassen. Trotzdem wurden und werden Menschen zu allen Zeiten in allen Kulturen davon «berührt». Es ist eine Art überweltliche Weisheit oder Harmonie, die man nur staunend wahrnehmen kann.. Die Menschen benennen dieses Unfassbare mit vielen Namen, wie zum Beispiel: Urwesen, Universalgeist, Tao, Gott, Dharmakaya, Buddha-Natur, Nicht-Selbst, Nirwana, Heiliger Geist, Weltgeist. Im Zen-Buddhismus sind es Begriffe wie «Leerheit» oder «Mu». Bankei nannte es «das Ungeborene».
Da der Verstand prinzipiell in Gegensätzen denkt, ist es logisch, dass es neben dem Geborenen auch etwas Nicht-Geborenes geben muss. Das Ungeschaffene, von dem das Sutra spricht, ist jedoch nicht das Gegenteil von Etwas. Es ist nichts Geteiltes, keine Zweiheit. Es offenbart sich allein in Momenten, in denen das Denken ausgeschaltet ist und es folglich auch kein Diesseits und Jenseits, kein Geburt und Tod gibt.
Wer diese Erfahrung kennt, spricht von einer «Sicht» oder einem «Sehen» und einem «erhabenen Gefühl». Das gewöhnliche Gefühl der Begrenztheit und Ichbefangenheit wandelt sich in das Gefühl eines grenzenlosen klaren Bewusstseins, in dem selbst die kleinsten Dinge strahlen und bedeutungsvoll sind. Es herrscht vollkommene Angstfreiheit und tiefe Freude. So äussert sich das reine Gewahrsein der allgegenwärtigen, namenlosen, formlosen Existenz in der geformten Welt.
Der nicht-urteilende, nicht-anhaftende Geist ist frei wie Wasser und Luft. Er kann sich in der Welt in jeder Gestalt und Funktion manifestieren und jeder Situation anpassen, aber auch in Stille und Abgeschiedenheit wirken. Er ist überall präsent, aber nicht involviert.
Ruhen im Ungeschaffenen
Im reinen Gewahrsein ist es nicht die Welt und nicht der Mensch, die abwesend sind, sondern nur die dualistische Sichtweise, mit der man die Welt normalerweise sieht. Auch ist das Bewusstsein nicht leer im Sinne von tot, im Gegenteil, es ist äusserst lebendig. Die Bewusstheit oder das Gewahrsein sind nicht gespalten und gefangen in den Gegensätzen. Es geht weit über die Begrenztheit der sinnlichen Wahrnehmung hinaus. Wir können dies bei viele Tieren beobachten: Sie bemerken nicht nur die winzigste Regung in ihrem Gesichtsfeld, sondern darüber hinaus Dinge und Geschehnisse weit ausserhalb ihres Gesichtsfeldes.
Im reinen Gewahrsein sind Sehen und Verstehen eins. Diese Aufhebung der Zweiheit drückt sich aus in Sätzen wie: Form ist Leere, Leere ist Form (Herz-Sutra); das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist das Auge, mit dem Gott mich sieht (Meister Eckhard); Samsara ist Nirwana (Nagarjuna); alle Lebewesen sind im Grunde alle Buddha (Hakuin Zenji). Dies sind nur einige Beispiel dafür.
Vimalakirti wollte also den Menschen helfen, diese befreiende Sicht zu erlangen. Wie ihm, sollten ihnen die Leiden der Welt nichts mehr anhaben können. Wie er sollten sie die dualistische Denkweise verstehen, um den Prozess von Geburt und Tod, Werden und Vergehen durchschauen zu können. Zu diesem Zweck lehrte er sie, die Sinneswelt weder zu verleugnen noch abzulehnen noch daran zu haften.
Sein Ruhen im Ungeschaffenen bestand jedoch nicht in einem Leben in Abgeschiedenheit fern ab vom Lärm der Welt. Im Gegenteil, er nutzte jeden Atemzug und jeden Tag dafür, den klaren Geist, in dem nichts zu viel und nichts zu wenig ist, im ganz gewöhnlichen Alltag eines Geschäfts- und Familienmannes, zum Wohle aller wirken zu lassen. Da er wusste, dass es nicht «sein» Geist, nicht sein Ich ist, das dies alles vollbringt, konnte er in wahrhaftigem Vertrauen, in wahrhaftiger Gelassenheit ruhen.
Verharren in Unwissenheit
Doch die Idee der fundamentalen Buddhaschaft und ursprünglichen Freiheit der Menschen findet in unserer Zeit und Kultur kaum Resonanz, und wenn, dann wird sie oft belächelt oder vehement abgelehnt. Denn unser Denken ist einzig von der Gegensätzlichkeit der persönlichen Empfindungswelt geprägt. Die Dinge sind entweder gut oder schlecht, richtig oder falsch, geistig oder materiell, und das Leben beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Alles andere gehört in das Reich der Fantasie oder Mystik.
Wer in dieser Einstellung verharrt, fühlt sich früher oder später alt und bekommt es mit der Angst zu tun. Was wird aus mir, wenn ich all das, was mich ausmacht, nicht mehr tun kann? Von Angst getrieben, strengt man sich an, «seine» Lebenszeit möglichst angenehm und störungsfrei zu überstehen, wobei störungsfrei heisst: ohne Schmerzen, ohne Armut, ohne Unglück, ohne Krankheit, ohne Tod. Man sucht Sicherheit im Wohlstand und Ansehen. Erreicht man dies, hat man Erfolg, erreicht man es nicht, ist das Leben sinnlos und man leidet. Also greift man zu schmerzstillenden Drogen – nicht nur aus dem Apothekerkasten. Denn neben Arbeit und vielerlei Vergnügungen können auch sogenannte spirituelle Aktivitäten wie Meditation, Yoga, Gebet, Rituale und Ähnliches wie Drogen wirken. Und so stirbt man, lange bevor der letzte Atemzug ausgehaucht ist.
Wenn man jedoch akzeptiert, dass das, was das eigene Leben belebt und trägt, nicht stirbt und unendlich ist, dann hat jede Lebensspanne ihren Sinn, auch das Alter. Dann ist es nie zu spät, das eigene Bewusstsein zu läutern und die Wurzeln der heilsamen Tugenden zu pflanzen.
Alltag als Übung
Der Buddha hat oft davon gesprochen, wie wertvoll es ist, als Mensch geboren zu sein. Denn der menschliche Geisteszustand hat die Potenz, die Unwissenheit und den damit verbundenen Irrsinn zu überwinden. Praktisch heisst das: Wenn man das konkrete, alltägliche Leben mit all seinen Freuden und Schwierigkeiten als die einmalige Chance sieht, die ungeschaffene Wirklichkeit zu erkennen und sein ganzes Denken und Handeln danach ausrichtet, dann erfüllt das menschliche Leben seinen Sinn, nämlich: Dem Leiden Kraft seiner wahren Natur ein Ende zu setzen. Dann können Angst, Hass und Raffgier ins Leere laufen und mit Hilfe der heilsamen Tugenden in Geduld, Bescheidenheit und echte Selbstlosigkeit verwandelt werden und einem erfüllten Leben steht nichts mehr im Weg.
Es braucht allerdings ein gewisses Mass an Mut und viel Ausdauer und oft einen grossen Leidensdruck, sich vorurteilslos der Selbsterkenntnis zu stellen. Ungeduld, Arroganz und Selbstoptimierung – oft versteckte Motive für «Meditation» oder «spirituelle» Übungen – sind fehl am Platz.
Wenn in der vorstellungslosen Meditation der Geist hellwach ist und alles, was vor sich geht, mit passivem Gewahrsein betrachtet, wenn alle Worte und Gedanken verblassen und alles Bekannte seine Bedeutung verloren hat, dann ist er frei.
Kein Ende in Sicht
Gelegentliche Einsichten und Freiheitsgefühle bedeuten noch nicht, dass die Person frei ist. Selbst wenn man in gewissen Sternstunden vielleicht meint, mit der Freiheit in Berührung gekommen zu sein, dauert das entsprechende Hochgefühl meist nur kurze Zeit an. Man findet sich schnell wieder in den gewöhnlichen Zustand zurückgeworfen. Nun strengt man sich vielleicht doppelt an zu meditieren, im Wunsch, dieses Freiheitsgefühl wieder zu haben. Doch solange Meditation ein Mittel zum Zweck ist, in dem man sich bemüht, ein Ziel zu erreichen mit der Absicht, sich besser zu fühlen oder ein besserer Mensch zu werden, steckt man immer noch im wunschorientierten Ich-Bewusstsein fest.
Und wenn die Ich-Gewissheit in der Stille der Meditation einmal wirklich zu verschwinden droht, geschieht es leicht, dass der ungeübte Geist plötzliche zurückschreckt, wie vor einem schwarzen Loch. Zurück auf dem Sitzkissen bleibt einem dann meist dann nur der Schreck oder die Verwirrung wie nach einem Traum!
Diese Unstabilität ist das Zeichen dafür, dass die Geisteskraft, in allen Umständen standhaft und still zu sein und gelassen im Ungeborenen zu ruhen noch nicht voll entfaltet ist. Dies sollte jedoch kein Grund sein, aufzugeben. Im Gegenteil: Wenn man sich immer von neuem in gesammelter, nicht wertender Achtsamkeit übt, nicht in Bezug auf das Verhalten anderer, sondern auf das Verhalten des eigenen Denkens und Körpers, dann ist jeder Tag ein neuer Tag und eine neue Gelegenheit zum Erwachen. Dann spielt es doch auch keine Rolle, wie lang oder kurz oder schwierig einem das Leben erscheinen mag, nicht wahr? Man kann getrost und gelassen im Ungeschaffenen ruhend dem endlosen Weg folgen.
Ein altes Zen-Wort lautet: 99 x hinfallen, 100 mal aufstehen.