Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03465.jsonl.gz/254

Aufgezeichnet von Conny Schmid:
Vor meiner Arbeit gab es zu den toten Flüchtlingen kaum Forschung. Man konzentriert sich auf die lebenden. Das wollte ich ändern.
Als Erstes fuhr ich 2018 nach Kalabrien, zum Friedhof von Armo, dem bis dahin einzigen Migrantenfriedhof Europas. Es war ein kalter, nebliger Tag im Februar. Unwirtlich. Ich musste ein wenig suchen, plötzlich tat sich vor mir ein Feld auf mit etwa 60 Gräbern. Da wird einem schon ein wenig schlecht.
Irgendwann erinnert man sich wieder an die Aufgabe. Und fängt an, zu dokumentieren, zu zählen, zu schauen, wie die Gräber angeschrieben sind. Es gab wenige Kreuze. Auf den Grabhügeln steckten verwitterte Plastikblumen, auf Plastikmäppli stand: «Migrante numero 1, 2, 3 …».
Auf anderen Friedhöfen in Kalabrien, auf Sizilien und Lampedusa waren die Toten meist in Wände eingelassen, in sogenannte Loculi. Darauf stand manchmal ein Vorname oder «sconosciuto» – unbekannt. Überall sprach ich mit den Friedhofswärtern, Gerichtsmedizinerinnen, dem Bürgermeister und allen, die irgendwie mit den toten Migranten zu tun hatten.
Der Einfluss Salvinis
Ich wollte auch an Bestattungen teilnehmen, aber es kamen nicht mehr so viele Tote an. Matteo Salvini war gerade an die Macht gekommen, die Schiffe konnten nicht einlaufen. Das Schleppermodell änderte sich. Seither werden die Flüchtlinge auf Gummibooten losgeschickt, die niemals die Küste erreichen. Die Menschen ertrinken vorher.
Ein Mitglied einer Arbeitervereinigung erzählte mir, dass manche Fischer herausgezogene Leichen – oder auch nur einzelne Arme und Beine – einfach zurück ins Meer warfen, damit ihre Schiffe nicht beschlagnahmt wurden und monatelang ausfielen.
Einzelne Schiffe von Hilfswerken oder der Küstenwache kamen trotzdem mit Toten an, es setzte sich eine Maschinerie in Gang, Quarantäne, ein Arzt machte eine kurze Inspektion. Danach wurden die Leichen schnell auf die Gemeinden im Hinterland verteilt.
Die Küstenbevölkerung bekommt die Toten fast nie zu sehen. Sie werden durch dieses Prozedere unsichtbar gemacht. Nur wenn viele Tote aufs Mal ankommen, gibt es grössere Bestattungsfeierlichkeiten. Daran nehmen dann auch Politiker oder Geistliche teil, die sich so profilieren können. Die lokalen Unternehmen profitieren. Im Normalfall werden die Toten aber ohne Ritual bestattet.
Ad-hoc-Entscheide
Es ist schwer, herauszufinden, wo ein Toter hingebracht wurde. Vieles ist schlecht dokumentiert und wird ad hoc entschieden. Ein Schlüsselerlebnis war der Besuch beim Bürgermeister einer sizilianischen Küstenstadt. Der Bestatter sollte eine Leiche abholen, die viel zu lange im Spital gelegen hatte und sich zersetzte. Sie war in einem Sarg für Erdbestattungen . In jener Stadt war es aber üblich, die Toten in Loculi einzulassen. Der Bestatter fragte, ob er diesen Toten in der Erde bestatten dürfe. Der Bürgermeister überlegte kurz und sagte dann, mit einem Schulterzucken: «Ja, dann leg ihn halt unter die Erde.»
Wie mit toten Flüchtlingen umgegangen wird, wo und wie sie bestattet werden, was mit ihren Sachen geschieht, hängt oft von Einzelpersonen ab. Es gibt nichts in der Art von Soldatenfriedhöfen, wo man sehen könnte, wie viele Menschen auf dem Mittelmeer umkommen. Ich möchte mit meiner Forschung einen kleinen Beitrag leisten, damit diese Toten nicht vergessen gehen.