Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03328.jsonl.gz/1165

Michel Lachat setzt sich auf seinen Richterstuhl im Saal des Jugendstrafgerichtes an der Beauregard-Allee in Freiburg. Die Bilder, die vor kurzem noch die weissen Wände zierten, sind bereits abgehängt. Für einmal sitzt Lachat kein Jugendlicher gegenüber, sondern eine Journalistin. Ein Interview nach dem anderen hat Michel Lachat in den letzten Wochen gegeben: Nach 31 Jahren als Präsident des Jugendstrafgerichts des Kantons tritt er Ende Monat in den Ruhestand. Er hat das Jugendstrafrecht geprägt und weiterentwickelt. Unzählige Minderjährige hat er verurteilt und bestraft, viele hat er mit seinen Massnahmen, die immer erzieherischen Charakter haben sollten, auf den rechten Weg gebracht.
«Einmal ging ich durch den Bahnhof in Romont, und ein Mann rief durch die Menge ‹Monsieur Lachat, Monsieur Lachat!› Ich erkannte den Mann nicht gleich, doch er sagte mir: ‹Sie haben mich damals ins Gefängnis gesteckt. Jetzt habe ich eine Frau, ein Kind und einen Job. Merci.›» Solche Erlebnisse erfüllten ihn mit grosser Zufriedenheit, sagt Lachat. Und so habe er nie den Glauben in die Jugendlichen verloren. «Wenn man die Hoffnung verliert, muss man aufhören.» Immer wieder gebe es junge Delinquenten, die den Weg aus der Kriminalität hinausfänden. «Aber man kann nicht jeden retten.»
Unglaubliche Fälle
2012 ist ein Buch über die Arbeit von Jugendrichter Lachat erschienen. Darin beschreibt er Fälle, die unglaublich wirken: Zwei Kinder, 12- und 13-jährig, die einen Mann erstechen. Ein minderjähri- ges Mädchen, das schwanger wird, ohne genau zu wissen, weshalb. Es versteckt die Schwangerschaft, bringt das Kind alleine zur Welt und erstickt es danach. Oder die Geschichte einer jungen Frau, die an ihrem 18. Geburtstag an einer Überdosis Heroin stirbt. An ihrer Beerdigung waren drei Personen anwesend: ihre Mutter, ihr Halbbruder und Jugendrichter Lachat. Er hatte sie erfolglos in verschiedenste Entzugskliniken und Einrichtungen, sogar im Ausland, gesteckt.
Harter, guter Typ
Michel Lachat ist ein grosser Mann. Graue Haare, Brille, breite Schultern. Tiefe, kräftige Stimme. «Ich war hart, obwohl man mir immer gesagt hat, ich sei ein guter Typ.» Der gute Typ ist ihm anzumerken: an seinen Augen voller Menschlichkeit, an seiner Art, wie er über die Jugendlichen spricht und an seinem persönlichen Engagement, das weit über das Pflichtenheft hinausging.
Die meisten Kinder und Jugendlichen, die in die Kriminalität abrutschen, kommen aus zerrütteten Familien. «Sie sind alleine», sagt Lachat. Um sich zu bessern, müssten die minderjährigen Straftäter einen Effort machen, doch sie bräuchten Hilfe. Von den Eltern, einem Sozialarbeiter oder Richter.
Im Gegensatz zu einem Richter für Erwachsene hat ein Jugendrichter drei Rollen: Er ist Staatsanwalt, Präsident des Jugendstrafgerichts und Vollzugsbehörde. In der letzten Funktion überwacht er die verhängten Sanktionen und Massnahmen. Dafür hat Michel Lachat viel Zeit investiert. Er hat Jugendliche im Gefängnis oder in Heimen und ähnlichen Institutionen besucht und immer wieder mit ihnen und ihren Eltern gesprochen. «Es braucht Geduld und Überzeugungskraft», sagt Lachat. Denn die Justiz für Kinder und Jugendliche sei eine Justiz der Verhandlung: «Ich muss die jungen Leute überzeugen, dass meine Entscheidung die beste Entscheidung für sie ist. Nur so bringt es etwas.»
Veränderte Gesellschaft
In den 31 Jahren seiner Amtszeit hat sich das Jugendstrafrecht verändert, Michel Lachat hat die Entwicklung mitgeprägt. So führte er in Freiburg die Mediation ein: Opfer und Täter treffen sich, wobei sich diese oft ausserhalb des Gerichtes einigen. «Ich wollte die Opfer in den Prozess integrieren, damit sie die Sanktionen verstehen können und besser abschliessen können.» Auch sei die Wirkung bei den jungen Tätern stärker, wenn sie mit den Opfern zusammentreffen; sie würden eher realisieren, was sie angestellt hätten.
Das Jugendstrafrecht hat sich entwickelt; haben sich auch die Jugendlichen verändert? «Nicht die Jugendlichen, aber die Gesellschaft», antwortet Lachat. Wie früher würden Jugendliche stehlen und sich streiten. «Und Messer gab es früher auch schon.» Hinzu kämen die neuen Technologien. «Ein junges Mädchen filmt sich nackt, schickt das ihrem Freund, er verbreitet es übers Internet. Solche Dinge gab es früher nicht.» Und Lachat findet: «Es gibt heute viel mehr Versuchungen; so ist es für die Jugendlichen viel schwerer zu widerstehen.» Sie könnten jeden Abend ausgehen und in der Stadt an jeder Ecke Drogen kaufen. «Wir haben eine Freizeitgesellschaft; es ist nicht einfach, darin jung zu sein.»
Michel Lachat wehrt sich gegen das Bild, dass es immer schlimmer werde mit der Jugend: «Seit 2006 geht die Zahl der Delikte zurück, das beweist die Statistik.» Heute werde jugendliche Gewalt und Kriminalität viel stärker mediatisiert. «Früher sprach man nicht darüber, heute sind die Fälle auf den Frontseiten der Zeitungen.» Lachat selbst hat sich jedoch für eine Öffnung des Jugendstrafrechts eingesetzt und bei schweren Fällen Pressekonferenzen einberufen. «So gibt es weniger Gerüchte. Und wir machen hier wichtige und gute Arbeit, das sollen die Leute wissen.»
Zur Person
Gerichtsschreiber und Gerichtspräsident
Michel Lachat wurde 1950 in Freiburg geboren. Nach der Matura schloss er 1977 das Rechtsstudium ab. Im Juli 1978 begann er als Gerichtsschreiber-Adjunkt beim Gericht des Glanebezirks zu arbeiten, fünf Monate später wurde er zum Gerichtsschreiber befördert. Gleichzeitig war er Vorsteher des Betreibungsamtes sowie des Handels- und des Güterrechtsregisters. 1984 wurde Michel Lachat zum Präsidenten der Jugendstrafkammer ernannt. Er entwickelte den Rechtsbereich weiter und führte die Mediation ein. Als Jugendrichter war er für die südlichen Bezirke des Kantons sowie für Villars-sur-Glâne und Givisiez zuständig. 1995 gründete Lachat mit Jean Zermatten, Jugendstrafrichter im Wallis, das Internationale Institut für Kinderrechte mit Sitz in Sion. Michel Lachat ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder.mir