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Der Tiefpunkt beim Ölpreis scheint durchschritten. Einverstanden?
Nitesh Shah*: Im letzten Jahr schwankten die Ölpreise zwischen 40 und 55 Dollar pro Barrel. Ich erwarte, dass sich daran kurzfristig wenig ändert. Die Untergrenze mag inzwischen etwas höher liegen, doch der Ölpreis bleibt in einem engen Bereich. Der Preis pro Barrel sollte sich nun zwischen 45 und 60 Dollar einpendeln.
Was führte zum Preissturz in den Jahren 2014 und 2015?
Der Hauptgrund war, dass die Organisation erdölexportierender Länder (Opec), die von Saudi-Arabien dominiert wird, Marktanteile gewinnen wollte und deshalb 2014 die Strategie der Preisstabilität verliess. Stattdessen wurde mehr Öl gefördert. Saudi-Arabien sah die kostenintensiven Produzenten wie die USA als Bedrohung. Die US-Ölförderer brauchten damals einen Preis von 80 Dollar pro Barrel um profitabel zu wirtschaften.
Eine massive Fehleinschätzung der Opec-Länder?
Genau, der Schuss ging nach hinten los. Die Opec hat die Widerstandskraft der US-Ölproduzenten unterschätzt. Diese haben mit technologischen Verbesserungen die Kosten gesenkt. So wurden zum Beispiel viele alte Fördertürme durch effizientere Bohranlagen ersetzt. Die Amerikaner haben ihre Fördermethoden an die neuen Preisanforderungen angepasst. Deshalb gelang es nicht, die USA aus dem Markt zu drängen.
Könnte das wieder passieren?
Die Opec wird in Zukunft vorsichtiger sein, denn den Mitgliedsländern sind durch die Überproduktion gewaltige Öleinnahmen entgangen. Dazu kommen die Erinnerungen an den arabischen Frühling. Die Regierungen der Ölländer in der Region haben die politischen Umwälzungen dank grosser Ausgabenprogramme überstanden, die mit Öleinnahmen finanziert wurden.
Die Weltwirtschaft ist im Aufschwung und dank den Schwellenländern steigt die Nachfrage. Warum steckt der Preis bei 55 Dollar fest?
Der wichtigste Grund ist die Produktion in den USA. Diese hat sich als sehr elastisch erwiesen. Bei einem Preis von 55 Dollar pro Barrel liegen die amerikanischen Schieferöl-Produzenten inzwischen klar in der Gewinnzone und fördern deshalb sogar mehr Öl als vor dem Preissturz.
Die Opec hat sich Ende 2016 auf Fördergrenzen verständigt. Die Auswirkungen auf den Preis waren aber gering.
Die Gesamtförderung weltweit ist kaum zurückgegangen. Die Fördergrenze stabilisierte den Preis und half so den USA die Produktion zu erhöhen. Doch es gibt noch einen anderen Grund. Die Opec ist nicht besonders gut darin, die Limiten einzuhalten. So fördert etwa der Irak mehr Öl, als er eigentlich dürfte.
Warum kann die Opec die Grenzen nicht durchsetzen?
Wenn ein Land – in diesem Fall Saudi-Arabien – die ganze Arbeit macht, ist die Versuchung für die anderen gross, als Trittbrettfahrer nichts zu tun. Die Iraker zum Beispiel wollten erst gar nicht mitmachen, denn sie sind von ihrer früheren Ölproduktion vor den Kriegen noch weit entfernt. Heute sagen sie, dass sie sogar stärkere Einschnitte unterstützen würden, ohne sich jedoch an die bisherige Grenze zu halten. Doch das ist nicht neu. Die Opec ist schon lange ein sehr fragiles System und solche Spiele sehen wir seit Jahren.
Saudi-Arabien plant den Börsengang des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco. Wie wird sich das auf den Ölmarkt auswirken?
Sie wollen nur 5 Prozent an die Börse bringen. Auf die Strategie der Staatsfirma wird der Börsengang deshalb kaum Einfluss haben. Doch es gibt andere Effekte für Saudi-Arabien. Das Land will von der grossen Abhängigkeit vom Öl wegkommen. Und bei dieser Diversifizierung, die Saudi-Arabien bis 2030 erreichen will, wird das Geld helfen.
Das Ölzeitalter neigt sich dem Ende zu, aber nicht weil das Öl ausgeht, sondern weil andere Technologien auf dem Vormarsch sind. Wann ist der Wendepunkt bei der Nachfrage erreicht?
Die Nachfrage sollte noch mindestens bis 2020 stetig zunehmen. Dieses Wachstum wird inzwischen fast ausschliesslich von den Schwellenländern getrieben. Doch auch dort wird Umweltschutz immer wichtiger. Umfragen zeigen, dass in China die Luftverschmutzung heute zusammen mit der Korruption und der Wasserverschmutzung zu den drei dringendsten Problemen für die Bevölkerung gehört. In einigen Jahren dürfte der Höhepunkt der Nachfrage deshalb überschritten werden.
Die chinesische Regierung will möglicherweise ab 2040 Autos mit Verbrennungsmotoren verbieten.
In Europa gibt es bekanntlich ähnliche Bestrebungen. Doch wenn die Elektrifizierung des Verkehrs einen Einfluss auf den CO2-Ausstoss haben soll, muss auch der Anteil des Öls bei der Energieproduktion zugunsten von erneuerbaren Energien zurückgefahren werden. Sonst wird die Transformation zum Nullsummenspiel.
Wo sehen Sie den Ölpreis in den nächsten Jahren?
Der Ölpreis wird sich voraussichtlich weiter in einem engen Rahmen bewegen und langsam ansteigen. 2018 oder 2019 müsste die Bandbreite zwischen 60 und 70 Dollar pro Barrel liegen, damit einige schwerer erschliessbare Ölquellen gewinnbringend angezapft werden können. Diese braucht es um die Nachfrage zu decken. Während Schieferöl preislich sehr beweglich ist, lässt sich der Preis für andere Fördermethoden nur schwer senken.
Gibt es Risiken, die zu einem erneuten Preisanstieg auf 100 Dollar führen könnten?
Die Zeiten mit einem Ölpreis über 100 Dollar sind unter normalen Umständen vorbei. Doch ausschliessen möchte ich es nicht. Wenn ein Krieg dazu führt, dass ein wichtiges Förderland nicht mehr liefern kann, hätte das natürlich einen starken Anstieg des Preises zur Folge.
Was sollen Öl-Investoren heute tun?
Mit Öl gibt es viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen, auch wenn sich der Preis in einem relativ kleinen Bereich bewegt. Der Schlüssel liegt darin, die Bandbreite zu kennen und entsprechend zu reagieren.
Was heisst das konkret?
Als Investor sollte man Öl kaufen, wenn es sich um 50 Dollar pro Barrel bewegt und verkaufen, wenn die Region von 60 Dollar erreicht wird. Liegt der Preis nahe der oberen Grenze der erwarteten Bandbreite, sind auch Produkte interessant, die auf einen sinkenden Ölpreis setzen.
*Nitesh Shah ist Rohstoffstratege bei ETF Securities. Beim Anbieter von Anlageprodukten ist er für den makroökonomischen Ausblick zuständig und kümmert sich die Strategie in den Bereichen Edel- und Industriemetalle, Energie und Agrarrohstoffe.