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In der Grotte der Verwandlungen
In Zeiten professionell organisierter Partnersuche kommt einem die «Grotte des Trofonio» zwar wie der Schwindel eines geschäftstüchtigen Scharlatans vor, doch die Vorstellung eines Magiers, der zänkisch-streitsüchtige oder depressiv-missmutige Menschen in liebenswürdig-zutrauliche und lebensfrohe und vor Glück strahlende Wesen zu verwandeln vermag, geht bis auf die Antike zurück.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, voll im Zeitalter der Aufklärung, waren Magie, Zauberkunst und Scharlatanerie Themen, über die man sich in Erinnerung an abergläubische Zeiten und im Wissen um die immer noch ihr Unwesen treibenden zeitgenössischen Hokuspokus-Profiteure gern lustig machte. Ein Stoff also, der sich eher für eine Komödie, als für eine Tragödie eignete. Zu den aufgeklärten Geistern des ausgehenden Ancien Régimes gehörte auch der italienische Dichter und Diplomat Giovanni Battista Casti (1724–1803), ein als Dichter und Librettist im Wien Josephs II. hoch angesehener Mann. Von ihm kennt man heute fast nur noch den Fabelzyklus «Gli animali parlanti – Die redenden Tiere», in dem Casti sich über Eitelkeit und Bigotterie und Kriecherei an europäischen Höfen lustig macht.
Ein witziges Libretto
Für den am Wiener Hof als Musiker ebenso verehrten Komponisten Antonio Salieri (1750–1825) schrieb Casti das Libretto zu einer «Opera comica» mit dem Titel «La grotta di Trofonio». Dies, nachdem Salieri sich vom anderen famosen Hoflibrettisten und Mozart-Freund Lorenzo da Ponte im Streit wegen eines vorausgegangenen Misserfolgs getrennt hatte. Die Oper hatte am Burgtheater im Oktober 1785 Premiere und wurde für Salieri zum durchschlagenden Erfolg. Sie übertraf an Popularität und Beliebtheit bei weitem die im Mai des folgenden Jahres am selben Theater stattfindende Uraufführung von Mozarts «Le nozze di Figaro».
Salieris Ruf und Ruhm als Komponist und Musiklehrer gehörte zu seinen Lebzeiten zu den allerbesten in ganz Europa. Er muss auch ein sehr hilfsbereiter und freundlicher Mensch gewesen sein, zu dessen Schülern sowohl Mozart und Beethoven wie Schubert und Meyerbeer – um nur wenige zu nennen – gezählt haben. Dass Salieri 1791 Mozart aus Neid vergiftet haben soll, ist eine posthume Legende, ja ein böswilliger Rufmord, der auch in Miloš Formans Film nach Peter Shaffers Theaterstück «Amadeus» noch aufrechterhalten wird. Salieri war weder ein Mörder noch ein unbedeutender Komponist, sondern ein in den Musikhochschulen der europäischen Hauptstädte hoch verehrter Lehrer, dazu ein Schöpfer von weit mehr als nur noch historisch interessanter Musikwerke.
Das Libretto ist sprachlich von grossem Charme, auch wenn die Geschichte inhaltlich etwas dürftig ist. Die Zwillingstöchter eines begüterten Mannes Ofelia und Dori haben als zukünftige Ehemänner die beiden Herren Artemidoro und Plistenes angelacht und ausgesucht. Artemidoro und Ofelia sind beide ernst und grüblerisch, Plistenes und Dori dagegen beide lebenslustig und geniesserisch. Eigentlich ideal für eine Ehe, in der man es miteinander aushalten soll. Doch die zwei Liebespaare geraten nun transitorisch in den Bann des Magiers Trofonio, der mit den Mächten der Unterwelt in Verbindung ist und diese für seine Zwecke einzusetzen vermag.
So wohnt er in einer Höhle, in welcher magische Veränderungen im Charakter und in der Lebensbefindlichkeit jener Personen geschehen, die diese Unheilsgrotte betreten. Die Leichtsinnigen werden tiefsinnig, die melancholisch Veranlagten verwandeln sich in Hallodris und Spassvögel, was zu heillosen Konfusionen führt, zumal unter Liebenden, die sich nun gar nicht mehr verstehen. Die Folgen sind Wut und Tränen, Entsetzen und Abscheu vor einander.
Da es am Ende einer Komödie aber unbedingt heissen muss: «Ende gut, alles gut!», muss das eingetretene Ungemach wieder aus der Welt geschaffen werden können. Die Grotte des Trofonio hat Eingänge und Ausgänge. Wer durch die Pforte, durch die sie oder er die Grotte betreten hat, diese wieder verlässt, kommt mit einem veränderten Charakter ans Tageslicht. Wer sie durch den alternativen Ausgang verlässt, behält seine ursprünglichen Anlagen, ja er erhält sie zur Freude der Liebenden wieder zurück. Wenn das nicht eine faire Magieofferte ist?
Ob eine «sposa a l’umor conforme – eine Braut von konformem Charakter» die Beste auffindbare ist, klärt die Oper nicht. Was am Anfang passt, kann mit der Zeit immer noch schief liegen. Doch die Geschichte zeigt, dass es für Menschen vorteilhaft ist, wenn sie sich von Magiern und ihren Grotten fernhalten. «Via di quà! – nur fort von hier!» singen die Protagonisten, nachdem sie einander in ihrer ursprünglichen Gefühlsbefindlichkeit wiedergefunden haben.
Vorausweisende Musik
Die Musik dieser Oper gehört zum Besten, was man von Antonio Salieri im Opernbereich heute hören kann. Darum ist es löblich für die Musikbranche, dass Christophe Rousset und sein Ensemble «Les Talents Lyriques» mit einer hervorragenden Sängerschar 2005 das Werk an der Opéra de Lausanne eingespielt und erneut erlebbar gemacht haben. Wenn man bedenkt, dass diese Musik unmittelbar vor Mozarts drei Da-Ponte-Opern entstanden ist, kann man Salieris Kompositionskunst in den Ensembles und in den Finales der beiden Akte nur als staunenerregend bezeichnen. Mozart hat diese Musik gekannt, als er als Komponist Konkurrent Salieris am Wiener Hof war. Salieri hatte noch keinen Ton von Mozarts kommenden drei Grosstaten im Bunde mit Da Ponte auf der Opernbühne gehört. Wenn man heute Mozarts «Cosi fan tutte» hört, vielleicht sein geheimnisvollstes und vollkommenstes Werk, lässt Salieris Grotte mit den Verwirrungen der beiden Paare und dem Magier Trofonio – nun als zynischer Menschenkenner Don Alfonso – erkennbar grüssen.
Ausgesucht ist hier die Szene XIII aus dem 2. Akt, wo Ofelia verwandelt aus der Grotte des Trofonio zurückkommt und nichts mehr von ihren Versenkungen in die ernsten Schriften griechischer Philosophen wissen will, sondern nur noch «la ra, la ra, la ra, la ra» lallt. Sie hält den Magier der Grotte inzwischen für einen alten hässlichen Dummkopf mit einem Affengesicht. Ihr Geliebter Artemidoro kann den Wandel nicht begreifen. Welches Delirium hat sie befallen?
Sie aber ist überzeugt: Mit einem so ernsthaften Mann hält sie es nicht aus. Ernst macht befangen und kaltherzig. Der nunmehr auf Spass und Vergnügen gepolten Ofelia ist es klar: «Non amo uno sposo / Melenso, nojoso! – Ich kann einen Bräutigam nicht lieben, der ahnungslos dumm und langweilig ist!» Da gibt es nur eine Lösung: «O cangia cervello, / O cangia d’amor! – Entweder tauscht er sein Gehirn aus oder er tauscht seine Geliebte!» – Wir wissen, am Ende finden sich die beiden dann doch wieder.
Die römische Sopranistin Raffaella Milanesi singt und spielt diese durchgedrehte und vergnügungssüchtige Ofelia in dieser Lausanner Produktion, wie man es sich nicht lüsterner wünschen kann. Zur CD-Produktion gehört eine Bonus-DVD mit einer Dokumentation über Christophe Rousset und über seine Einschätzung der Bedeutung dieses Werkes von Salieri.
Träumen wir nicht alle gelegentlich von einer magischen «Grotte der Verwandlungen»? Obwohl wir doch wissen, dass der eigentliche Ort der Verwandlungen unsere tickende Lebenszeit ist?