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Schon nur durch seine Präsenz hat Toshiro Mifune (1920-1997) die Leinwand dominiert. Dabei war er als Samurai so glaubwürdig wie als Gangster, als abgeklärter Arzt oder als Geschäftsmann. Legendär war vor allem seine Zusammenarbeit mit Akira Kurosawa, doch er hat auch Filmen anderer Regisseure seinen Stempel aufgedrückt, sogar westlichen Kinohits wie Hell in the Pacific (1968) und Red Sun (1971).
Schauspielerisch gesehen ist das Kino nicht selten eine herbe Enttäuschung. Auf der Leinwand sind Orgien der gestischen Unterbeschäftigung immer noch die Regel. Aber zum Glück gibt es Ausnahmen, und zu den wenigen, die aus dem Spielen im Film wirklich eine Kunst gemacht haben, gehört nicht zuletzt Toshiro Mifune (1920–1997). Allerdings war Darsteller zu werden nun wirklich das Letzte, was er beruflich im Sinn hatte. «Beim Geldverdienen wollte ich nicht auf mein Gesicht angewiesen sein», bekannte er rückblickend, «wenn schon, wollte ich Kameramann werden.» Also stellte er sich am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Wochen verzweifelter Stellensuche bei einer Filmgesellschaft in die Schlange der Wartenden, in der Hoffnung, dort endlich bei der Technik Arbeit zu finden. Erneut vergeblich, wie sich herausstellte. Aber es gab ja noch die Schlange für Statisten und Darsteller. Das Vorsprechen stellte sich zwar als Katastrophe heraus, aber aus irgendeinem Grund hatte einer der anwesenden Regisseure dennoch Mifunes Namen notiert. Und als wenige Jahre später Akira Kurosawa mit einem Besetzungsproblem kämpfte, erinnerte sich dieser Kollege an jene alte Notiz. Und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere galt Mifune als die Verkörperung des japanischen Mannes schlechthin, aber zu Beginn war er alles andere als das. Für den Typus des Liebhabers schien er zunächst völlig ungeeignet, was 1952 zu einer merkwürdigen Fehlbesetzung führte, als kein Geringerer als Kenji Mizoguchi ihm in Das Leben der Oharu eine solche Rolle anvertraute. Mifune als sogenannter nimaime, als mitleiderregender Schwächling aus der Tradition des Kabuki-Theaters? Nicht wirklich. Aber sogar als Kämpfer fiel er zunächst gehörig aus der Reihe, was Kurosawa zwei Jahre nach Mizoguchis Missgriff in den Anfangsszenen von Die sieben Samurai mit grossem Witz unter Beweis stellte. Denn dort benimmt sich Mifune als unzivilisierter Trottel anfänglich derart daneben, dass sein baldiges Verschwinden aus dem Film wie vorprogrammiert erscheint. Bezeichnenderweise kam die Figur des Kikuchiyo, dieses absolute Gegenteil eines kriegerischen Aristokraten, im Drehbuch gar nicht vor, und Kurosawa wollte, indem er in letzter Minute Mifune engagierte, eigentlich nur zeigen, wie tief die Samurai in dieser Geschichte gefallen waren, um einen solchen Hanswurst in ihrer Mitte aufzunehmen. Und dann geschah das Unglaubliche, dass er aus dieser schauspielerischen Dissonanz am Ende zu einer der wirklich grossen, tragischen Gestalten dieses Films emporwuchs.
Nicht nur Samurai Anfänglich war Mifunes Auftreten von einer rohen Energie gekennzeichnet, wie man es seit der Stummfilmzeit nicht mehr gesehen hatte. Kurosawa ging also ein grosses Wagnis ein und das ganz bewusst: Wie einst David Wark Griffith seine Darsteller in den Anfangsjahren des Kinos, machte er Mifune auf das Agieren von Tieren als nützliche Studienobjekte aufmerksam. So empfahl er ihm, sich für seine Rolle als Räuber in Rashomon (1950) einen Dokumentarfilm über einen Löwen anzuschauen. Und tatsächlich, als Angeklagter gefesselt vor dem Gericht, zuckt und schlackert Mifune wie ein verwundetes Tier. Auch in Die sieben Samurai kann man ihm dabei zusehen, wie er mitunter Fussbewegungen macht, die man sonst nur bei Hunden sieht, wenn sie mit der Hinterpfote ihre Häufchen vergraben. Aber Mifune brilliert keineswegs nur als der Gestalter von wilden Kerlen. Gerade in den Filmen, die er mit Kurosawa drehte, entwickelte er bald eine erstaunliche Breite an Charakteren, die vom linkischen Polizisten über den besonnenen Arzt bis zum verzweifelten Geschäftsmann reichen. Sein bevorzugter Regisseur liess ihm bei der Rollengestaltung grosse Freiheit, konnte aber andererseits auch rücksichtslos mit ihm umgehen, etwa in Das Schloss im Spinnwebwald (1957), als er im grossen Finale richtige Pfeile in wilder Menge auf ihn abschiessen liess. Die Angst in den Augen des Protagonisten war denn auch, wie Mifune später gestand, nicht gespielt, sondern echt. Und dennoch bekannte er, dass er von allem, was er je als Darsteller gemacht habe, auf nichts so stolz war «als auf das, was ich mit Kurosawa gemacht habe». Gibt es ein ähnliches Fazit bei Kurosawa? Nun, von den dreissig Filmen, die er insgesamt gedreht hat, spielt Mifune in nicht weniger als sechzehn davon eine der Hauptrollen. Doch im Jahr 1965 war plötzlich Schluss, und in den letzten achtundzwanzig Jahren, in denen beide noch beruflich aktiv waren, kam es nie mehr zu einer Zusammenarbeit. Mifune war ratlos, und bis heute wird über die Gründe gerätselt.
Nach Kurosawa Einer der wenigen erfolgreichen Filme, die nachher noch entstanden, war Rebellion (1967), bei dem Mifune neben der Hauptrolle auch die Produktion übernahm. Regie führte Masaki Kobayashi, dem wir den grossartigen Kwaidan (1964) verdanken, aber Rebellion ist leider visuell von einer kunstgewerblichen Sterilität und dramaturgisch unverzeihlich redselig und das erst noch, ohne Mifune als Schauspieler wirklich zu fordern. Wehmütig erinnert man sich, wie stark allein schon die reine Präsenz seiner Gestalt auf der Leinwand doch sein konnte! Etwa im Showdown von Yojimbo (1961), wo er einer Horde von zu allem entschlossenen Hitzköpfen derart gelassen entgegentritt, als wäre Verachtung schon als Markenname in seinem Kimono eingenäht. «Welch eine Präsenz!», staunte denn auch Charlton Heston, der selber noch zwei Tafeln mit zehn Geboten brauchte, um einen halbwegs vergleichbaren Eindruck zu machen. «Wenn der Kerl nur Englisch könnte, er hätte die Welt erobert.» Aber Englisch konnte Mifune nun mal nicht, was in der Hollywoodproduktion Winter Kills (1979) erbarmungslos in seiner (erstaunlicherweise nicht nachsynchronisierten) Verballhornung dieser Sprache bestaunt werden kann. Mifune ist dort – quelle injure! – in einer winzigen Nebenrolle als Butler zu sehen. Trotzdem hat er sich die enorme Mühe genommen, seine englischsprachigen Dialoge phonetisch zu memorieren, und seinen Mitspielern sieht man denn auch die Mühe an, seine Repliken halbwegs zu verstehen. Da-bei war das Sprachproblem bereits von John Boorman im Jahr 1968 für seinen Hell in the Pacific gelöst worden. «Ich wollte schon immer einen Stummfilm machen», bekannte der Regisseur maliziös. Tatsächlich hat das, was Mifune und sein Gegenspieler Lee Marvin als zwei auf einer verlassenen Insel gestrandete ehemalige Kriegsgegner einander zu sagen haben, leicht auf einer A4-Seite Platz. Dafür legte sich der sonst auf dem Set so zurückhaltende Mifune mit Boorman an und empfahl diesem eines Tages sogar, nach England zurückzukehren und dort nur noch mit der eigenen Familie Super-8-Filmchen zu drehen. Lee Marvin dagegen war rundweg begeistert von seinem ja-panischen Kollegen: «Als Schauspieler ist er sogar noch grösser, als ich mir erträumt hatte. Man muss von seiner Kunst wirklich angefressen sein, um das zu tun, was er tat.»
Fred van der Kooij
Fred van der Kooij ist Filmemacher und -dozent; u. a. hält er seit 2007 jeden Herbst einen Vorlesungszyklus im Filmpodium. Dieser entfällt dieses Jahr wegen der Ringvorlesung aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Seminars für Filmwissenschaft; umso mehr freuen wir uns, dass Fred van der Kooij am 2. Juli um 18.30 Uhr in das Schaffen von Toshiro Mifune einführt.