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Fluchtpunkt Zürich – unter diesem Titel fanden vor fünfundzwanzig Jahren die traditionellen Zürcher Festwochen statt. Sie waren den deutschen Künstlerinnen und Künstlern gewidmet, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Zürich Zuflucht gefunden haben. Einige dieser Flüchtlinge sind für immer hier geblieben und hier begraben. Thomas und Erika Mann in Kilchberg bei Zürich oder, auf dem Friedhof Sihlfeld, Walter Mehring und Alfred Polgar. Es ist erst wenige Wochen her, da stand ein Zeitgenosse und Landsmann von August Bebel im Zentrum der Zürcher Festspiele: Richard Wagner. Auch für Richard Wagner war Zürich ein Fluchtpunkt, und auch er hat hier wichtige Werke seines wegweisenden Oeuvres geschaffen. Wagner hat sich in Dresden am gescheiterten Mai-Aufstand 1849 beteiligt und musste deswegen fliehen. Er hat die Schweiz gewählt, weil hier deutsche Revolutionäre – wie Wagner einer war in seiner Jugendzeit – sicher waren vor der Verfolgung. Und darum haben die deutschen Sozialdemokraten Jahre später ihre Versammlungen hier abgehalten. Deshalb ist auch ihre Zeitung jahrelang hier gedruckt und dann ins Deutsche Reich geschmuggelt worden. Zusammen mit Wagner kamen seinerzeit auch Gottfried Semper und Georg Büchner. Viele Professoren der beiden neu gegründeten Zürcher Hochschulen waren Deutsche, und einige waren auch politische Flüchtlinge. Später lebte Lenin hier, und Rosa Luxemburg und Ricarda Huch studierten hier.
Fluchtpunkt Zürich
Zürich nahm diese Funktion auch während des ersten Weltkriegs wahr und bot vielen Pazifistinnen und Pazifisten und revolutionären Sozialisten und Sozialistinnen aus den kriegsführenden Ländern Sicherheit vor Verfolgung. Und wie während des zweiten Weltkriegs war diese Zeit künstlerisch wegweisend für die europäische Kultur.
Zürich zu Zeiten als Bebel hier lebte, also die letzten Jahre vor seinem Tod 1913, war eine offene, liberale und internationale Stadt. Am Vorabend des ersten Weltkriegs war jeder und jede Fünfte in der Zürcher Bevölkerung deutscher oder italienischer Herkunft. Die meisten von ihnen waren Bauarbeiter, Handwerker und Dienstmädchen. Aber es lebten auch viele Hundert politische Flüchtlinge aus allen Monarchien Europas in unserer Stadt. Der Aufstieg Zürichs zur grössten Schweizer Stadt und zu einem industriellen und zugleich kulturellen Zentrum ersten Ranges in Europa wäre ohne diese Menschen aus ganz Europa gar nicht möglich geworden. Das muss gesagt sein.
Zürich ist zu Recht stolz auf diese Rolle als Fluchtpunkt für Verfolgte. Wir sind uns aber auch bewusst, dass es in der Geschichte unserer Stadt auch Phasen gab, die von kleinlicher und unmenschlich harter Abwehr und virulenten Überfremdungsängsten geprägt waren. Aber – und das ist wichtig – schlussendlich haben sich immer die Werte der Offenheit und der Toleranz gegen die Ignoranz und den Chauvinismus durchgesetzt. Zürich ist heute mehr denn je eine offene und internationale Stadt, in der die Menschen gut und friedlich zusammenleben.
Anziehungspunkt Zürich
Zürich, und auch darauf dürfen wir stolz sein, hat nicht nur in der Vergangenheit vielen Tausend prominenten und weniger prominenten Flüchtlingen einen sicheren Hafen geboten. Auch heute ist Zürich ein Magnet für Menschen aus der ganzen Welt. Fast zwei Drittel der Zürcher Bevölkerung haben heute einen Migrationshintergrund. Die wenigsten dieser Menschen sind als Flüchtlinge zu uns gekommen. Europa ist heute gerade dank der Europäischen Union befriedet und in grosser Breite ein Kontinent der Rechtsstaatlichkeit. Heute kommen die Menschen nach Zürich, weil sie hier eine berufliche Perspektive für sich und ihre Kinder sehen. Auch das ist eine Auszeichnung für unsere Stadt – und es bereichert unsere Gesellschaft in hohem Masse.
Allerdings: Es ist auch wahr, dass heute Teile der Bevölkerung und der Medien die starke Zuwanderung aus Deutschland als problematisch und bedrängend empfinden. Diese Debatte ist entstanden, nachdem die lange dominierende Zuwanderung aus dem Mittelmeerraum seit Mitte der 00er Jahre von einer Zuwanderung aus Deutschland abgelöst worden ist. Heute stellen, wie zur Zeit von Bebels Tod, die Deutschen die grösste Gruppe innerhalb der ausländischen Bevölkerung. Im Unterschied zur Migration aus dem Süden, die eine Armutsmigration war und ist, sind die Zuwandernden aus Deutschland, aus dem skandinavischen oder angelsächsischen Raum im Schnitt besser ausgebildet als die einheimische Bevölkerung. Es findet statt, was die Soziologie eine Überschichtung nennt. Der Diskurs um die Zuwanderung von deutschen Menschen findet heute in den Mittelschichten statt. Teile von ihr fühlen sich bedroht – und das unterscheidet den aktuellen Diskurs von jenem über die Migration aus dem Süden, der, als er in den 60er und 70er Jahren aufkam, vor allem in den Arbeiterschichten geführt wurde.
Überfremdungsängste– ob nun in den Mittelschichten oder in der Arbeiterklasse – sind auch als eine problematische Antwort auf eine unzureichende Politik zu sehen. Und zwar unzureichend im Herkunftsland wie auch im Zielland von Migrationsströmen.
- Wenn wir in der Schweiz bspw. einen Fachkräftemangel haben, haben wir offenbar ein Problem in unserer Bildungspolitik.
- Wenn Migrantinnen und Migranten hier Lohndrücker sein können, haben wir ein Problem mit der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.
- Und wenn man meint, dass volle Züge und ein stark unter Druck stehender Wohnungsmarkt einfach den Migrantinnen und Migranten anzulasten seien, dann verkennen wir auch unser eigenes Unvermögen in der Raumplanung, der Verkehrsplanung und dem Wohnungsmarkt.
Ob Flüchtling oder Arbeitsmigrantin, für mich ist die Antwort klar: Es ist für mich ein Privileg, als Präsidentin eine Stadt zu repräsentieren, die so oft Fluchtpunkt für verfolgte Menschen sein konnte. Und die heute für viele Menschen aus der ganzen Welt attraktiv ist, ein Anziehungspunkt ist, und Menschen immer wieder neue Perspektiven geben kann. In diesem Sinne stehe ich auch ein für die Personenfreizügigkeit und verfechte ein humanes, liberales Asylrecht.
Auch wenn es durchaus problematische Aspekte gibt: Unsere Gesellschaft bietet vielen eine Chance. Wirklich gerecht ist sie deswegen noch nicht. Denn nicht alle bekommen dieselben Chancen. Machen wir uns weiterhin an die Arbeit.