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Ganz Panama lebt vom Kanal. Seine Erweiterung ist zur Überlebensfrage des Landes geworden, der alles unterworfen wird. Leidtragende sind auch die indigenen WaldbewohnerInnen.
Am Anfang gab es einen gewaltigen Knall. Eine Ladung von fünfzehn Tonnen Dynamit explodierte, und die Präsidenten von Panama, El Salvador, Honduras und Nicaragua schauten zu. Aus sicherer Entfernung, versteht sich. Auch Jimmy Carter, ehemaliger Präsident der USA, war zum Spektakel gekommen. Er hatte 1977 mit Omar Torrijos, dem damaligen Staatschef Panamas, die Rückgabe des von den USA kontrollierten und verwalteten Kanals ausgehandelt. Dreissig Jahre später ist dessen Sohn Martín Torrijos Präsident. Der grosse Knall am 3. September 2007 war der Startschuss für die Erweiterung der künstlichen Wasserstrasse. 2014, wenn der Panamakanal hundert Jahre alt wird, soll der Bau abgeschlossen sein. Dann werden doppelt so viele und doppelt so grosse Schiffe die sechzig Kilometer schmale Landenge zwischen Nord- und Südamerika passieren können. Theoretisch zumindest.
Als sich der Staub gesenkt hatte und die Schallwelle über dem pazifischen Ozean verhallt war, war der Cerro Paraíso verschwunden. 136 Meter hoch war er gewesen, eher ein Hügel, aber einer der höchsten in der Gegend. «Er musste auf 27,5 Meter eingeebnet werden», sagt der Ingenieur Samuel Cohen von der Kanalverwaltung. «Es sind seither noch ein paar Berge verschwunden.» An ihrer Stelle klafft nun eine riesige Ritze in der Landschaft, gut drei Kilometer lang, weit über hundert Meter breit und vielleicht fünfzig Meter tief. Mehr und mehr füllt sie sich mit Stahlbeton.
Der Cerro Paraíso trug seinen Namen zurecht. Panama, die schmale Schnittstelle zwischen der nördlichen und der südlichen Hälfte des amerikanischen Kontinents, ist, was die Artenvielfalt angeht, ein kleines Paradies. Auf engstem Raum gibt es mindestens 940 Vogelarten, geschätzte 300 000 Insektenarten und etwa zwanzig Mal so viele Holzsorten wie im gesamten Europa. Und im Dschungel rund um den Gatún-Stausee, der die Schleusen an Atlantik und Pazifik mit dem nötigen Frischwasser versorgt, leben Indigene aus der Ethnie der Emberá.
Wassermangel im Regenwald
Doch der Kanal bedroht sie alle. Die US-Armee schlug bereits 1911 die ersten Löcher in den Regenwald und baute nach 1947 eine Kaserne nach der anderen in den schmalen, aber strategisch wichtigen Streifen. Im Dschungel darum herum übten die Soldaten den Krieg gegen Guerillas, und noch heute, dreizehn Jahre nach dem Abzug der letzten US-Militärs, sind diese Gegenden gesperrt, weil zu viele Blindgänger im Unterholz liegen. Es war dem Pentagon zu teuer, den gefährlichen Kriegsschrott zu räumen.
Wo keine Soldaten waren, kamen Viehzüchter und schlugen Breschen in den Wald. So lange, bis sich das regionale Klima änderte, es weniger regnete und der Kanal auszutrocknen drohte. Denn der ist ein grosser Säufer. Um ein Schiff vom Meeresspiegel 26 Meter hinauf aufs Durchfahrtniveau zu heben und danach wieder herunterzulassen, brauchen die heutigen Schleusenkammern gut fünf Millionen Hektoliter Frischwasser. Das kommt aus dem eigens dafür angelegten Gatún-Stausee und fliesst danach ins Meer und ist weg.
Um den Wassernachschub zu sichern, wurden die Wälder rund um den See 1985 zum Schutzgebiet erklärt. Die dort lebenden Emberá dürfen seither keine Bäume mehr für den Bau ihrer auf hohen Stelzen stehenden Rundhäuser fällen, sie dürfen keine Waldlichtungen für ihre kleinen Felder schlagen, und sie dürfen auch nicht mehr jagen. Seither müssen sie einkaufen gehen, um zu überleben; sie brauchten plötzlich Geld. Und so zogen die Männer, deren Vorfahren jahrtausendelang nur ein an einem Faden befestigtes Tuch vor dem Geschlecht getragen hatten, Jeans und T-Shirt an und gingen zum Arbeiten in die Stadt. Die jungen Frauen tauschten ihr Hüfttuch gegen die Uniform von Hausangestellten. Nach fünfzehn Jahren war die Hälfte der rund 50 000 Emberá in die Stadt abgewandert, und die Zurückgebliebenen verfluchten den Kanal.
Für den jetzigen Ausbau sind 25 gefährdete Vogelarten und 160 Säugetierarten umgesiedelt worden. Zunächst hiess es, auch die Emberá-Siedlungen müssten verschwinden. Man müsse das Niveau des Gatún-Sees anheben, um genügend Wasser für das neue, grössere Schleusensystem zu haben.
Platz für die Megafrachter
In die alten Kammern passt maximal die nach dem Kanal benannte Panamax-Klasse: Schiffe, die höchstens 366 Meter lang und 49 Meter breit sind und einen Tiefgang von nicht mehr als 12,8 Meter haben dürfen. 4000 Container kann so ein Frachter laden. Die neuen Kammern sind für die sogenannte Post-Panamax-Klasse: Ozeanriesen von bis zu 427 Metern Länge, 55 Metern Breite und einem Tiefgang von bis zu 18,3 Metern. Sie können gut 10 000 Container laden. Die dafür nötigen Schleusenkammern haben fast das doppelte Volumen der alten.
Aber woher das viele Wasser nehmen, um solche Kolosse 26 Meter zu hieven? Ingenieur Cohen stellt sich am Rand der grossen Ritze vor einen Plan. Der zeigt, wie es aussehen soll, wenn 5,7 Milliarden US-Dollar verbaut sind. Allein das neue Schleusensystem kostet 3,2 Milliarden Dollar. Ein internationales Konsortium unter Leitung des spanischen Baukonzerns Sacyr Vallehermoso erstellt es. Das Süsswasser, das aus dem Gatún-See in seine Kammern fliesst, «werden wir recyceln», sagt Cohen. Neben die neue Schleuse werden neun Auffangbecken gebaut, in denen sechzig Prozent des Wassers aufgefangen werden. «Sechzig Prozent ist nicht alles, aber es ist etwas», meint Cohen.
Doch trotz Auffangbecken wird künftig fast doppelt so viel Wasser verbraucht wie heute. Denn der Kanal, durch den derzeit knapp fünf Prozent der weltweit gehandelten Waren transportiert werden, soll in Zukunft mit den alten und den neuen Schleusen arbeiten. Statt bis zu vierzig sollen bis zu siebzig Schiffe jeden Tag die Landenge passieren. «Wir werden den Wasserspiegel des Gatún-Sees um 45 Zentimeter heben», wirft Cohen ein. Dieses zusätzliche Volumen reicht allerdings nur für drei Passagen mehr am Tag, aber nicht für dreissig.
Tanzen für die TouristInnen
Dennoch hat diese Nachricht die Emberá am Ufer des Sees beruhigt. «Sie sagten zuerst, unser Dorf werde überflutet», sagt Atilano Flaco. «Aber 45 Zentimeter mehr, das können wir verwinden.» Flaco ist Ältester in einer Siedlung aus sieben Familien, die noch vor fünfzehn Jahren keinen Namen trug. Heute heisst sie Emberá Querá, was übersetzt heisst: Duft der Emberá, und es gibt sogar ein Ortsschild mit diesem romantischen Namen. Die Rundhütten wurden erst vor kurzem neu gebaut, der Einbaum, mit dem man ins Dorf gebracht wird, hat einen Aussenbordmotor bekommen. Flaco trägt ausser dem Tuch vor dem Geschlecht einen kurzen Rock aus einem Geflecht von kleinen Plastikperlen, gekreuzte bunte Bänder über der Brust und an der Hüfte ein Täschchen mit einem Mobiltelefon. Die Frauen gehen nicht mehr barbusig, sondern in Wickelkleidern oder tragen einen Büstenhalter aus silbrig glänzenden Pailletten.
«Zu viel Nacktheit verstört die Touristen aus den USA», erklärt Flaco. Er überreicht seine Visitenkarte mit zwei Telefonnummern, zwei E-Mail-Adressen und einer Internetseite. Sie stellt ihn als «Geschäftsführer» vor. Flaco hat aus seinem Dorf einen Themenpark gemacht. «Alle unsere Dörfer hier leben heute vom Tourismus», sagt er. Dreimal in der Woche, zur Hochsaison sogar täglich, empfängt er ein Dutzend BesucherInnen mit Musik und Tanz, bietet ihnen traditionelles Essen an und Schnitzereien. Wer über Nacht bleibt, mit dem fährt er hinaus auf den See zum Fischen und zum Beobachten von Krokodilen. Für alle empfangenen TouristInnen wird er von einer staatlichen Agentur bezahlt. «Das ist doch kein schlechtes Leben», sagt er. «Wir hängen hier faul herum und bekommen auch noch Geld dafür.»
Ohne Tourismus hätte sein Dorf nicht überlebt, sagt er. «Wir dürfen ja nichts mehr tun: nicht jagen und keine Felder anlegen.» Erst mit dem Tourismus habe die Abwanderung in die Stadt aufgehört, weil man jetzt auch im Dorf verdiene. «In der Stadt hat sich unsere Kultur verloren, erst der Tourismus hat sie wiederbelebt.» Die Kanalerweiterung sei deshalb gut: «Es werden mehr Kreuzfahrtschiffe kommen.» Ein Trip nach Emberá Querá ist ein typischer Tagesausflug für solche Kreuzfahrer.
Wird der Kanal zum Schlammloch?
Panama hatte in der Frage, ob es den Kanal erweitern soll, eigentlich gar keine Wahl. Das Land ist wirtschaftlich stark von seiner Wasserstrasse abhängig (vgl. «Der Kanal und sein Ausbau» im Anschluss an diesen Text). Doch die Frachter werden immer grösser; immer weniger passen in die alten Schleusen. Im Jahr 2000 konnten noch 85 Prozent aller Containerschiffe den Kanal passieren. Heute sind es schon weniger als die Hälfte.
Allerdings nützt ein verbreiterter Kanal auch nichts, wenn es zu wenig Wasser gibt. Und genau das droht. Schon 1997 und 1998 fiel wegen des wiederkehrenden Klimaphänomens El Niño vierzig Prozent weniger Regen als üblich. Als Folge davon musste die Zahl der Durchfahrten auf weniger als dreissig am Tag reduziert werden. Ausserdem waren viele Schiffe gezwungen, vor der Einfahrt in den Kanal einen Teil ihrer Ladung zu löschen, um nicht auf Grund zu laufen. Es gab lange Staus auf beiden Seiten. Prognosen zum Klimawandel sagen für Zentralamerika voraus, dass bis zu vierzig Prozent weniger Regen als heute eher die Regel als die Ausnahme sein werden. Der Kanal aber wird doppelt so viel Wasser verschlucken. Wird die Passage also zum Schlammloch verkommen?
Ingenieur Cohen wird für einen Moment nachdenklich – noch hat er sich mit Prognosen zum Klimawandel nicht beschäftigt. «Ob wir wohl neue grosse Wasserspeicher brauchen werden? Ich weiss es nicht.» Das Thema ist in Panama tabu. Der Präsident hat nach Protesten versprochen, kein Dorf werde für den Kanalausbau in einem Stausee versinken. Und Cohen geht schnell über aufkommende Zweifel hinweg: «Der erweiterte Kanal wird funktionieren, und das für weitere hundert Jahre.»