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23. Januar 2023
Baukultur fasst viele Aspekte des Bauens und des Lebensraums zusammen und gewinnt im Hinblick auf eine (soziale, ökologische und wirtschaftliche) möglichst nachhaltige Entwicklung des Baubestands in der Schweiz an Bedeutung. In diesem Blog-Artikel werden die wichtigsten Fragen zum Thema Baukultur beantwortet.
Ein Artikel von Steven Rowntree, HSLU
Der Begriff Baukultur umfasst einerseits die gebaute Umwelt (also z. B. Gebäude, Strassen, Brücken etc.), die Umgebung (Gärten, Plätze etc.) und anderseits auch die Entstehung dieser Orte. Der Begriff bezieht sich somit nicht nur auf den Architekturstil, sondern umfasst ein viel breiteres Spektrum an Elementen, welche eine Umgebung beeinflussen. SIA [S. 6] fasst zusammen: «Baukultur umfasst den gesamten Baubestand in seiner sozialen Funktion, einschliesslich des baukulturellen Erbes (…), Gärten und offene Landschaften sowie das zeitgenössische Bauen und die Planung für die Zukunft.» Weiter versteht man unter Baukultur nicht nur die Vergangenheit, sondern man berücksichtigt ganz bewusst auch die aktuelleren Bauten. SIA [S. 2] schreibt dazu: «Baukultur schliesst das baukulturelle Erbe genauso ein wie das aktuelle Baukulturschaffen.» Baukultur ist somit nicht ein Synonym für Denkmalschutz oder Kunst am Bau, sondern ein umfassender Begriff.
Die wohl bekannteste Definition von hoher Baukultur sind die sogenannten Davoser Kriterien, welche im Jahr 2018 von verschiedensten Kulturministerinnen in Europa verabschiedet wurden. Die Davoser Kriterien beschreiben, was hohe Baukultur ist und liefern einen Leitfaden, wie man die Baukultur eines Ortes beurteilen kann. Ein Ort wird in diesem Zusammenhang sehr breit gefasst. Es kann sich um ein einzelnes Gebäude, ein Quartier, ein Dorf oder eine ganze Region handeln. Zur Beurteilung der Baukultur werden acht verschiedene Kategorien definiert [S. 11]:
Innerhalb dieser Kategorien werden unterschiedliche Fragen vorgestellt, die helfen sollen, ob ein Ort eine hohe Baukultur hat oder nicht. Solche Fragen sind beispielsweise: «Erfüllt der Ort derzeit seinen Zweck?», «Fördert der Ort die Biodiversität?» oder «Ist der Ort auf lange Sicht rentabel?». Gewisse Fragen lassen jedoch weiterhin Raum für Interpretation, beispielsweise die Frage «Trägt der Ort durch seine Eigenschaften zu einer lebendigen und gemischten Nutzung bei?» Es ist hier unklar, was lebendig und gemischt bedeutet. Für gewisse Personen könnte ein Spielplatz ein Indikator für die Lebendigkeit sein, andere Personen würden eher einen Nachtclub und Bars als Indikator heranziehen.
Es gibt viele Studien, welche die Auswirkungen von einzelnen Bestandteilen von hoher Baukultur untersuchen. Studien, welche Baukultur holistisch betrachten, sind jedoch rar. Eine Ausnahme bildet die Studie von Ahlfeldt & Pietrostefani (2022). In ihrer Studie untersuchten sie beinahe 400 empirische Analysen und versuchten so herauszufinden, was hohe Baukultur nützt. Ihre drei Haupterkenntnisse werden im Folgenden beschrieben.
Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Hohe Baukultur kann zu einer verbesserten Lebensqualität führen und die nachhaltige Bodennutzung fördern. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass höhere Ansprüche an Form und Gestaltung auch zu höheren Preisen führt und dies die Angebotspreise nach oben treibt, was natürlich zu einer Segregation von unterschiedlichen Einkommensschichten führen kann.
Höhere Rendite: In einer aufwendigen Analyse wird gezeigt, dass sich die Investition in hohe Baukultur lohnt. Die Autoren nennen unter anderem eine höhere Rendite von bis zu 2 Prozentpunkten und fassen zusammen: «…developers who invest in HQB [high-quality Baukultur] can do well by doing good.» [S. 56]
Marktversagen: Ein Problem bei hoher Baukultur ist, dass die Nutzenden nicht in jedem Fall wissen können, ob ein Ort nun hohe Baukultur hat oder nicht und reduzieren dementsprechend ihre Bereitschaft, mehr für hohe Baukultur zu bezahlen. Die Autoren schlagen daher ein Zertifizierungssystem vor, ähnlich wie wir es bereits im Energiebereich (z. B. Minergie) kennen.
In der Schweiz ist das Bundesamt für Kultur für dieses Thema zuständig und mit den Davoser Kriterien gibt es erste Leitlinien, wie sich die Baukultur in der Schweiz verbessern kann. Ein Monitoring-System wird aktuell erarbeitet, ein konkreter Zeitplan liegt jedoch noch nicht vor (Bundesamt für Kultur (a), online). Die Strategie des Bundesamtes ist es jedoch, dass sich die Gesellschaft mit der gestalteten Umwelt auseinandersetzt, Fachleute sich mit dem Konzept der Baukultur auskennen und die Forschung in diesem Bereich vertieft wird (Bundesamt für Baukultur (b), online).
Unsere deutschsprachigen Nachbarländer sind ebenfalls sehr aktiv in diesem Bereich. So wurde in Österreich im Jahr 2021 bereits der 4. Baukulturbericht und in Deutschland im letzten Jahr der 5. Baukulturbericht veröffentlicht (Bundestiftung Baukultur, online; Baukulturpolitik, online). Diese Berichte zeigen qualitativ den Stand der Baukultur im jeweiligen Land auf und machen Vorschläge, wie und wo sich die Gesellschaft noch verbessern kann.
Eine Frage in den Davoser Kriterien ist, ob die Beteiligten mit dem Konzept der Baukultur vertraut sind. Eine beteiligte Partei ist die Gemeinde, welche die Baubewilligung erteilen muss. Ein einfacher Indikator, ob das Thema Baukultur vorhanden ist, ist die Anzahl Nennungen dieses Begriffs (oder des Begriffs in einer anderen Landessprache oder Englisch) auf den Webseiten der Gemeinden. Auf den über 2’100 untersuchten Webseiten der Gemeinden, wurde lediglich bei rund 340 Webseiten der Begriff Baukultur einmal erwähnt.
Wenig überraschend ist das Thema besonders in den Städten verbreitet, so sind vier der 5 Gemeinden mit den meisten Nennungen des Begriffs die Hauptstädte ihres jeweiligen Kantons (Top 5: Luzern, Will SG, Zürich, Basel, Bern). Aber auch in eher kleineren Gemeinden (z. B. Speicher, Fläsch, Diessenhofen) gibt es Nennungen des Begriffs der Baukultur.
Auf der Karte findet sich die Übersicht über die ganze Schweiz. Neben den oftmals grünen Hauptstädten gibt es kein klares Muster. Der Begriff ist in den meisten Gebieten vertreten, jedoch gibt es noch viele weisse Lücken. Natürlich bedeuten die weissen Flächen nicht, dass sich diese Gemeinden nicht mit der Baukultur auseinandersetzen, zum Zeitpunkt der Datenerhebung (Ende November 2022) liessen sich via Google lediglich keine Nennungen zum Begriff auf den jeweiligen Webseiten finden.
Studien zeigen, dass Baukultur viele Vorteile haben kann. Eine genaue Definition von hoher Baukultur und wie diese erreicht werden kann existiert nicht, auch wenn viele erste Ansätze vorhanden sind. Beispielsweise liefern die Davoser Kriterien eine Orientierungshilfe, auf was man sich bei der Entwicklung eines Ortes achten kann. In der Schweiz geniesst das Thema beim Bundesamt für Kultur einen hohen Stellenwert. In den Gemeinden ist das Thema jedoch noch nicht flächendecken angekommen. Es wird sich zeigen, ob durch sich der Begriff durchsetzt und so ein nachhaltiger Baubestand in der Schweiz erzielt werden kann.
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