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Ich möchte mich mit dir geistig verbinden. Deswegen schreibe ich dir, liebe heilige Geistin. Oder möchtest du lieber Rûaḥ genannt werden? Ein wahrscheinlich lautmalerisches Wort aus dem Hebräischen, das Atem heisst und wohl das Ein- und Ausatmen nachahmt.
Rûaḥ wird zwar traditionell mit «heiliger Geist» übersetzt, aber es ist im Hebräischen eine weibliche Form. Das Wort kommt fast 400 Mal im Alten Testament vor. Die Bedeutung umfasst Lebensatem, Lebenskraft, Geistkraft oder auch gute Energie. Beim Tod entweichst du, Rûaḥ. Es würde mich interessieren, wohin?
Die griechische Version, «Pneuma», ist geschlechtsneutral. Im Lateinischen wurdest du mit «Spiritus» übersetzt und auf einmal maskulin. Ich will jetzt nicht auf dem grammatischen Geschlecht herumreiten; es deckt sich natürlich nicht mit dem biologischen. Aber ich finde es interessant, dich zur Abwechslung Geistin zu nennen: um von dem Bild einer rein-männlichen Dreifaltigkeit wegzukommen.
Der feministischen Theologie ist es zu verdanken, dass sie weibliche Seiten auch in Gott selbst wiederentdeckt hat – und auch bei dir. Rûaḥ steht für Luftigkeit, Wind, Weite, für das Hinaustreten aus der Beengtheit, für Erleichterung, Aufatmen, Rettung, und auch für Geburt, für die Entstehung von neuem Leben.
Du, heilige Geistin oder heiliger Atem, bist auch bei Zeugungen zugegen, etwa jener mysteriösen und heilsbringenden, über die Mt 1,18 berichtet und die Thema zahlloser Bilder ist. Auf Kunstwerken wirst du oft als weisse Taube symbolisiert. Manchmal fliegen auch goldene Strahlen von Gott zur Jungfrau Maria. Zu Pfingsten hast du einen grossen Auftritt in Form flammender Zungen.
Mal sanft, mal feurig
Ich habe ein paar Schriftstellen konsultiert, durch die du mal sanft, mal feurig wehst. Dabei fiel mir auf, dass tatsächlich vieles auf dich als eine Art Person hindeutet oder zumindest als personenähnlich handelnde Akteurin.
Du weisst Dinge und besitzt Verstand (Röm 8,27), hast einen eigenen Willen (1 Kor 12,11) und bewirkst Wunder (Apg 8,39), sprichst durch andere hindurch (Mt 10,20), bist eine Art Richterin. Wer etwas gegen dich sagt, dem wird nicht vergeben, nicht einmal in der jenseitigen Welt (Mt 10,32).
Man kann dich belügen (Apg 5,3), sich dir widersetzen (Apg 7,51), dich betrüben (Eph 4,30) und auch beleidigen (Hebr 10,29). Am Anfang der Zeit schwebtest du als Rûaḥ Gottes über den Wassern (Gen 1,2). Gleichzeitig bist du ein ungemein dynamisches Prinzip. Du bewegst dich wie der Blitz und du stiftest alle möglichen Verbindungen.
Du bist in heiligen Schriften zu entdecken, in Gesängen oder begeisterten Gesten. Du bist in grossen Stillemomenten präsent, wie wir sie in Gotteshäusern oder draussen in der Natur erleben. Aber auch in den Küssen und Blicken Liebender. Und, wenn es plötzlich in einem Raum für Momente ganz still wird. Und auch in den scheinbar kleinen Dingen, die aber das Herz berühren.
Wir sind deine Werkstätten. Du verwandelst uns auf eine noch verborgene Integrität hin. Wer wir sein werden, ist nach 1Joh 3,2 noch nicht offenbar geworden.
Auch eine schöne Biografie gibt es von dir: «Der Heilige Geist. Eine Biographie» von Jörg Lauster. Er zeichnet nach, wie du dich entwickelt hast. Entwicklungslinien von Personen nachzuzeichnen ist ja das Wesen von Biografien. Als dritte trinitarische Person hattest du immer deine Hand im Spiel, wenn es Neuaufbrüche gegeben hat.
Manchmal stolpere ich aus mir hinaus, atme flach, ohne dass es mir zu Bewusstsein kommt. Dann entferne ich mich von dir, liebe Rûaḥ, von meiner Lebenskraft und dem Heiligen. Auch wenn ich mich betrüben lasse, passiert dies, oder wenn ich mich geistig verliere.
Dann aber bist du plötzlich wieder da. Ich stosse wieder auf Resonanz, fühle mich verbunden mit dir, mir selbst und überhaupt allen und allem. Bitte schreibe mir!
In grosser Begeisterung,
Johanna
Siehe auch den Blogbeitrag meines Kollegen Andreas Loos «Ich folgte dem Rauschen und fand den Geist Gottes» anlässlich des Pfingstfestes 2022.
In dieser Serie schreiben wir Briefe an Frauen aus der Bibel: Der erste ging an die Königin Vashti, der zweite an Zippora, die Frau von Moses und der dritte an die gute Martha. Die Briefe sind inspiriert von feministischer Exegese und von der afroamerikanischen Bibelauslege-Praxis der «sanctified imagination».
Illustration: Rodja Galli.