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Lebendiges Musizieren: Die Camerata Rousseau spielt Werke der beiden Koželuchs.
Sie machen es den Musikwissenschaftlern nicht einfach, die Cousins Koželu(c)h. Nicht nur ist die Zuordnung von einzelnen Werken zur Autorschaft des einen oder des andern mit einigen Unsicherheiten behaftet. Die beiden Vettern tragen auch noch die gleichen Vornamen: Ioannes Antonius Koželuch (1747–1818) und Ioannes Antonius Koželuch (1738 –1814), beide aus Velvary (Welwarn) in Nordböhmen, also Tschechien, stammend. Um Verwechslungen mit seinem Vetter zu vermeiden, legte sich der Jüngere der beiden um 1774 den Vornamen Leopold zu und lebte ab 1778 in Wien.
Der Ältere, eben Jan Anton, studierte zwar auch in Wien – bei Gassmann, Hasse und vielleicht auch bei Gluck –, lebte und wirkte aber hauptsächlich in Prag, wo er auch starb. Er stand zeitlebens etwas im Schatten seines Cousins Leopold Anton, dem Wahlwiener. Dieser war mit Kammermusikwerken, Klavierkonzerten und Sinfonien ausserordentlich berühmt und wurde neben Mozart und Haydn europaweit aufgeführt. Schubert soll ihn geschätzt haben, aber gleichzeitig musste Leopold A. Koželuch auch strikte Ablehnung hinnehmen – unter anderem offenbar durch Mozart und Beethoven, was allerdings durch Fakten kaum belegt ist. Seine Festkantate zur böhmischen Königskrönung Leopolds II. in Prag soll beim Publikum besser angekommen sein als Mozarts «Tito», der für den gleichen Anlass entstanden war. So mag denn vielleicht sogar eine gewisse Rivalität im Spiel gewesen sein, wie sie der Mozart-Biograph Einstein suggeriert. Wahrscheinlicher dagegen ist, dass man sich sachlich, ohne allzu grosse Empathie begegnete. Immerhin hat Mozart für Koželuchs blinde Klavierschülerin Maria Theresia Paradis ein Klavierkonzert geschrieben (KV 456); den ersten Klavierauszug zur «Zauberflöte» brachte Leopold Koželuch heraus.
Leonardo Muzii und die von ihm gegründete Camerata Rousseau bringen auf einer mit einem äusserst informativen Booklet begleiteten CD vier Werke der beiden Vettern heraus. Die immer wieder angestellten, aber letztlich unerspriessliche Quervergleiche, ob die Werke neben den grossen Namen der Wiener Klassik bestehen können, kann man getrost beiseitelassen. Im Gegenteil, die eingespielten Werke bezaubern durch Charme und Einfallsreichtum: Musik, die erfreut und – im besten Wortsinn – geistvolle Unterhaltung bietet. Dass sich Dirigent und Ensemble auf weniger bekannte Komponisten konzentrieren und so eine Bereicherung des Repertoires ermöglichen, ist absolut verdienstvoll, unterstreicht es doch, dass auch die ganz Grossen ihre Werke nicht im luftleeren Raum schufen, sondern andere beeinflussten und ihrerseits beeinflusst wurden. Und die Camerata Rousseau – ein sinniger Name für ein Ensemble, das sich wie der Genfer Philosoph und Wegbereiter der Aufklärung durch Offenheit, Neugier und Unkonventionalität auszeichnet – lässt diesen Werken die verdiente interpretatorische Sorgfalt und Spielfreude angedeihen, mit historischem Klangbild, versteht sich.
Gelassen heisst nicht spannungslos
Das zeigt sich etwa in der beachtlichen dreisätzigen Sinfonie in g-Moll von Leopold Anton, entstanden um 1787. Packend, wie im Kopfsatz mit den Kontrasten zwischen Forte und Piano gespielt wird, wie die präzisen Akzente sich mit den verhaltenen Passagen abwechseln. Mit delikater Abschattierung und sublim intoniertem Hornklang wartet der zweite Satz auf: hier gelingt eine wunderbare Synthese zwischen gelassenem Musizieren, oft im sordinierten Piano der Streicher, und dem grossen Bogen, der dennoch die Spannung hält. Der dritte Satz dagegen vibriert förmlich von Brio und Schneid.
Geradezu «kulinarischen» Musikgenuss bieten die drei Solokonzerte: je ein Fagottkonzert von Jan Anton und Leopold Anton sowie ein Oboenkonzert von Jan Anton. Der Fagottist Sergio Azzolini spielt ein Originalinstrument von ca. 1794, das sich durch weichen, gerundeten Klang auszeichnet. Dazu kommt Azzolinis Sinn für die ausschwingende Kantilene, die, besonders im Konzert von Jan Anton, mitunter an eine belcantistische Opernarie denken lässt. Die perlenden, mit virtuosen Fiorituren gespickten Finalsätze sprühen vor Humor und Spielwitz. Auch der Solist des Oboenkonzerts, Giovanni De Angeli, vermittelt puren Hörgenuss. Auch er beherrscht die gesangliche Linie «alla Primadonna» ebenso wie die quirligen Läufe, die exquisiten Koloraturen und die beeindruckenden Intervallsprünge, an denen die Ecksätze reich sind.
Kurz, eine beglückende Einspielung: die grundsätzlich eher gemässigten Tempi erlauben den Solisten, neben aller Virtuosität, auch das gefühlvolle Ausmusizieren der musikalischen Linie, das faszinierende Einfärben einzelner Töne, die bis ins Detail gestaltete Phrase, den natürlich pulsierenden Atem... Mit drei Worten: Musik, die lebt.