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Eine französische Provinzstadt während der dreissiger Jahre. Die beiden Schwestern Christine (Joely Richardson) und Lea (Jodhi May) leben als Dienstmädchen im Hause von Madame Danzard und ihrer Tochter Isabelle. Diese sind hochangesehen und werden von ihren Nachbarn um ihre Hausmädchen beneidet, denn die fallen nur positiv auf, weil sie praktisch kein Wort sprechen und sehr dienstbeflissen sind. Dabei wird die Atmosphäre in diesem äusserlich perfekten bürgerlichen Haushalt zunehmend angespannter und klaustrophobischer. Die autoritäre Mme Danzard (Julie Walters) sorgt mit strikten Vorgaben dafür, dass alles im Hause wie ein Uhrwerk läuft, ihr Perfektionismus ist total, so sucht sie mit weissen Handschuhen an den unmöglichsten Stellen nach Staub, der dann sofort von den bereitstehenden Hausmädchen entfernt werden muss. Durch die praktisch nicht vorhandene Kommunikation zwischen den Bedienten und den Dienenden (Madame erteilt Befehle häufig nur durch schroffe Handbewegungen) wächst allmählich auch das Misstrauen zwischen den beiden Parteien.
Christine, schon längere Zeit bei Mme Danzard, nimmt die Macken ihrer Arbeitgeberin scheinbar gelassen hin, sie erfüllt ihre Aufträge präzise und so entsteht trotz der strengen Hierarchie eine Art gegenseitiger Respekt. Lea, die jüngere Schwester kommt zu Beginn des Filmes in Danzards Haus, sie ist schön, unerfahren und schüchtern und leidet unter dem Druck, ja nichts falsch zu machen. Nur in ihrem kahlen, ungeheizten Dachzimmer, isoliert von der gefühllosen Aussenwelt, können die beiden Schwestern aus sich herauskommen und sich die Geborgenheit und menschliche Wärme geben, die sie so sehr vermissen. Sie erschaffen sich eine private, geheime Welt, mit deren Hilfe sie sieben Jahre in der unmenschlichen Umgebung überleben.
Das Leben von Mme Danzard und ihrer Tochter Isabelle (Sophie Thursfield) ist währenddessen nicht viel spannender. Ausflüge nach Paris, die nie stattfinden, endlose Kartenspiele, das Warten auf Briefe, die nie ankommen und die Hoffnung auf eine Heirat Isabelles, die nie erfüllt wird, verursachen zunehmende Frustration und Langweile.
Als auch noch Gefühle wie Neid und Besitzansprüche zwischen den vier Frauen entstehen, kommt es, wie es kommen muss. Die aufgebaute Spannung entlädt sich und die seltsame Welt des danzardschen' Haushalts bricht zusammen.
Am Ende bleibt nur das Entsetzen über einen extremen Gewaltausbruch.
Sister My Sister basiert auf zwei Theaterstücken, die wiederum einem wahren Mordfall zu Grunde liegen, das Drehbuch dürfte deshalb eine zumindest in den Details fiktive Geschichte beinhalten. Die Darstellung, wie es zu einer so unvorstellbaren Tat kommen konnte, überzeugt aber bis in alle Feinheiten. Sie gibt uns einen tiefen Einblick in die Welt von Frauen, deren Leben einzig darin besteht, als Dienstmädchen Befehle auszuführen, von morgens früh bis spät in den Abend. Schockierend daran ist, wie wenig die Bediensteten als Menschen behandelt werden. Wenn man sieht, wie die Herrin mit der Dienerin kommuniziert, fühlt man sich unweigerlich an den Umgang mit dressierten Tieren erinnert. Zwar spielt diese Geschichte anfangs unseres Jahrhunderts, man darf aber nicht vergessen, dass ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse auch heute noch in Oberschicht-Haushalten vieler Länder bestehen. Auch in einem anderen Punkt greift dieser aussergewöhnliche Film ein brisantes Thema auf: Die Schwestern beginnen eine körperliche Beziehung, als Reaktion auf eine Gesellschaft, die sie isoliert und ihnen verbietet, ihr Bedürfnis nach Liebe befriedigen zu können. Dabei wird zwar weniger der Aspekt des Inzests in den Vordergrund gestellt, sondern die gesellschaftliche Isolation, ein Problem, das auch in unserer zunehmend individualisierten Gesellschaft immer häufiger auftritt, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Obwohl die sexuelle Beziehung der beiden Schwestern hier so unspektakulär dargestellt ist, hat sie schlussendlich doch gravierende Konsequenzen, was verständlich ist, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass Inzest auch heute noch ein Tabuthema ist. Umso mutiger ist es, dieses Thema in in jener Zeit anzusiedeln.
Alles in allem ist Sister My Sister ein überzeugender Film mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen und einer dichten, verwirrenden Atmosphäre, die einen mehr erschauern lässt als mancher "moderner Thriller"!
Angaben zum Film
Bewertung: ***** (von 5*)
Daniel Schneider