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Historisch gesehen, kommt den “Makurap” eine besondere Stellung im interethnischen Komplex am rechten Ufer des Rio Guaporé zu – seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben sie die “Língua franca“ (eine aus portugiesischen und eingeborenen Begriffen zusammengesetzte Sprache) als ihre Umgangssprache eingeführt, zu einer Zeit, als das traditionelle Territorium dieser Gruppen von Latex-Sammlern überflutet wurde, deren Auftraggeber den Fortschritt versprachen und ihnen eine Entvölkerung aufgrund von schrecklichen Krankheitsepidemien bescherten. Sie wurden schliesslich in ein für verschiedene Ethnien demarkiertes Gebiet verwiesen, dessen Grösse nicht den Schatten ihres traditionellen Territoriums darstellte. Dort beherrscht die Sprache der Makurap bis heute die Chicha-Feste, die charakteristisch sind für die indigenen Gruppen dieser Region.
Makurap

Andere Namen: Macurap

Sprachfamilie: Tupari
Population: 478 (2010)
Region: Bundesstaat Rondônia
|INHALTSVERZEICHNIS

Lebensraum
Sprache
Geschichte
Der Prozess zu den Territorien
Lebensweise
Verwandtschaft
Schamanismus und Mythologie
Die Chicha-Feste
Produktive Aktivitäten
Die Barracões
Die Makurap leben in Indio-Territorien (ITs) innerhalb des Bundesstaates Rondônia und in einigen Städten der Nachbarschaft. Diese ITs werden auch von anderen Indio-Völkern bewohnt, wie den “Wayuru, Aikanã, Aruá, Djeoromitxí, Tupari, Arikapú, Sakurabiat“ und “Kanoê“.
Die Sprache der Makurap gehört zur linguistischen Familie Tupari, die ihrerseits zum Sprachstamm Tupi gehört. Nach Aussage der Sprachwissenschaftlerin Alzerinda de O. Braga ist Portugiesisch heute die alltägliche Umgangssprache unter der jugendlichen Bevölkerung. Von den 75 Makurap, die gegen Ende der 90er Jahre beim indigenen Posten Guaporé lebten, benutzten noch 45 die Makurap-Sprache. Und die wird auch von vielen älteren Mitgliedern anderer indigener Gruppen der Region benutzt. Bei den “Chichadas“ (Festen mit kollektivem Konsum eines Getränks aus fermentiertem Mais), tanzen die Alten, spielen und sprechen miteinander in Makurap, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Die während des 18. Jahrhunderts von den Portugiesen kontaktierten Indios am rechten Ufer des Rio Guaporé waren in ihrer Mehrheit vom Sprachstamm Tupi. Diese Gruppen stammten ursprünglich aus versprengten Familien, die vom Rio Aripuanã abgewandert waren. Vor allem die Makurap bewohnten eine Region, die sich oberhalb der Quellen des Rio Branco befindet und entlang beider Ufer des oberen Rio Colorado. Die als ihre Nachbarn bekannte Gruppe waren die “Jabuti“.
Die Kontakte zwischen den Kolonisatoren und jene Völkern – den “Makurap, Tupari, Ajuru, Jabuti, Aruá, Arikapu“ und anderen – während des 18. Jahrhunderts, waren besonders intensiv, denn die Besetzung dieser Region war damals von strategischer Bedeutung, weil es sich um eine Grenzregion zwischen portugiesischen und spanischen Kolonien handelte, und man die indigenen Völker im Fall eines Krieges als Alliierte zu gewinnen hoffte. Im Zuge der notwendigen Verteidigung der Grenze wurde der Rio Guaporé als Grenzfluss intensiv befahren und der Schiffsverkehr bediente sich mehrheitlich der indigenen Arbeitskräfte – mit dem Resultat, dass viele Indios an den von den Weissen eingeschleppten Viren starben.
Dann verlor der Guaporé seine geopolitische Bedeutung und die nicht-indigene Bevölkerung zog sich zurück – der Anfang des 19. Jahrhunderts leitete eine Entleerung der Region ein. Zwar begann die Ära des Gummis und die entsprechende Latex-Ausbeutung Amazoniens in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, aber das war vorläufig ein langsamer Prozess, ein Kommerz, der nur einer sehr begrenzten Nachfrage entsprach. Der erste brasilianische Export fand 1827 statt – und das war der Beginn einer steigenden Ausbeutung, die sich bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erstreckte, um dann plötzlich, im Jahr 1912, einen drastischen Rückgang zu erfahren, als die asiatische Konkurrenz das brasilianische Latex-Monopol auf dem Weltmarkt zu Fall brachte. Dreissig Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, flackerte die Nachfrage noch einmal auf.
Ende des 19. Jahrhunderts gründeten bolivianische Latexsammler, in der Nähe der Mündung des Rio Colorado, die Latex-Sammelstelle “Pernambuco“. Diese Einrichtung und, etwas später, die Sammelstelle “São Luís“ am Oberen Rio Branco, machten den Anfang eines schnellen Erstkontakts mit den Tupi-Völkern, die sich dort in die Isolation zurückgezogen hatten.
Die Besetzung der Flüsse Colorado und Branco fand zwischen 1910 und 1920 statt, mit der Errichtung diverser “Barracões“ (Hütten von Latex-Sammlern) und Sammelstellen. Diese Sammellager waren verantwortlich für die Anstellung der “Makurap, Wayoró, Jabuti, Arikapú“ und “Aruá“ als Arbeitskräfte. Aber das Lager mit dem grössten Einfluss auf die Intensivierung der Kontakte mit den Indios war die Sammelstelle “São Luís“. Von ihr breitete sich Jahre später eine Masernepidemie aus, die in erschreckender Schnelligkeit zur Entvölkerung führte und einige indigene Gruppe an den Rand des Aussterbens brachte.
Wahrscheinlich die ersten Kontakte der Latex-Sammler waren die mit dem Volk der “Jabuti“, deren Dörfer unterhalb der Quellen des Rio Branco lagen. Und diese ersten Begegnungen waren feindlich: Es wurden indigene Frauen geraubt, und es gab Tote. Die nächsten Nachbarn der Jabuti waren die “Aikapú“, die bald mit den Latex-Sammlern Kontakt aufnahmen. Die Makurap, die an den Quellen des Rio Branco und an beiden Ufern des Rio Colorado lebten, waren wahrscheinlich die Nächsten, in einem gemeinschaftlichen Prozess mit den “Ajurú“ des Oberen Colorado – und die “Tupari“ wurden erstmals 1928 kontaktiert.
Im Jahr 1934 besuchte Emil Heinrich Snethlage am Guaporé alle diese Gruppen. Bei seinem Besuch des Latex-Sammellagers “São Luis“ traf er auf Indios, die dort bereits regulär arbeiteten. Er war Zeuge, so schrieb er, dass sich die meisten ihrer Frauen dort prostituierten, der “Chicha“ vom “Cachaça“ ersetzt worden war und einige der Männer durch Peitschenhiebe bestraft wurden. Jedoch trotz alledem wurden die Indios von diesem Lager wie magisch angezogen.
Im Januar 1948 tauchte auch der deutsche Ethnologe Franz Caspar im Latex-Sammellager “São Luis“ auf, um danach Monate unter den “Tupari“ zu verbringen. Der Deutsche beobachtete, dass diese Gruppen sich kulturell sehr ähnlich waren. Was die Makurap betrifft, so besuchte der Forscher nur zwei ihrer Dörfer in der Region.
Nach der Errichtung des Latex-Sammellagers und dem Kontakt mit den Weissen, vertieften sich die Beziehungen zwischen den Tupari und den Makurap. Die Makurap nahmen gewissermassen eine hegemonische Position ein unter den verschiedenen Gruppen der Region, und ihre Sprache wurde zur Allgemeinsprache zwischen ihnen – so berichtet Caspar. Die instrumentale und vokale Musik der Makurap – äusserst gut entwickelt, so der Autor – wurde ebenfalls von den anderen Gruppen angenommen.
1848 registrierte Caspar die folgende Erzählung von Waitó, einem politischen und religiösen Führer der Tupari:
“In meiner Kindheit waren unsere besten Freunde die Makurap, die wir in unserer Sprache “Tamo“ nannten. Wir besuchten sie oft, obwohl der Weg dorthin ziemlich schwierig war, denn auf den grossen Savannen brannte die Sonne den ganzen Tag auf unsere Köpfe. Eines Tages erfuhren wir von unseren Freunden, dass fremde Männer auf dem Fluss angekommen waren. Einige hatten eine weisse Haut, andere eine schwarze. Sie waren nicht nackt, wie wir, sondern mit Hosen und Hemden bekleidet. Sie fuhren auf dem Fluss in grossen Schiffen, die einen monströsen Rauch ausstiessen. Sie jagten nicht mit Pfeilen und Bogen, sondern schossen mit einem Rohr, das einen lauten Knall von sich gab und kleine, harte Kerne in den Körper eines Tieres schleuderte. Diese Männer redeten in einer Sprache, die niemand verstand. Bald kamen sie auch ins Dorf der Makurap.
Sie waren nicht böse, im Gegenteil, sie gaben den Makurap viele Ketten, Spiegel, Messer und Beile. Dann bauten sie ihren Unterstand am Flussufer und suchten nach Bäumen, die wir “Herub“ nennen, und aus deren Saft wir Bälle machen zum Spielen. Die weissen Männer machten daraus jedoch keine Spielbälle sondern riesige Kugeln, die sie anschliessend mit ihren Schiffen den Fluss hinunter transportierten. Sie fällten auch viele Bäume und pflanzten eine Portion Mais, Bananen, Maniok, Reis und viele andere Sachen. Sie gaben den Makurap Arbeit und belohnten sie mit Messern und Beilen, auch mit Hosen und Hemden, Hängematten und Moskitonetzen.
Dafür baten sie die Makurap, ihnen beim Fällen der Bäume zu helfen und beim Öffnen von Pfaden durch den Wald. Wir haben die Beile und Messer gesehen, die die Makurap von den Fremden bekamen. Sie waren sehr viel härter als unsere aus Stein, mit denen wir arbeiteten, und sie zerbrachen nicht bei der Arbeit. Auch die Messer waren viel besser als unsere aus Bambus und dem Schaft des Zuckerrohrs, mit denen wir Fleisch schnitten und die Befiederung unserer Pfeile. Jedoch stellten wir fest, dass viele Makurap husteten und starben. Den Husten hatten die Fremden auf den Motorbooten von ihren Dörfern mitgebracht. Alle Makurap husteten und viele, sehr viele, starben“ (1953:146ss).
Später wurden alle Latex-Sammelstellen am Rio Branco, wie “Laranjal” – “Colorado” – “São Luís“ und “Paulo Saldanha“ von einem einzigen Besitzer übernommen – João Rivoredo, der auch der direkte Verantwortliche für die Auflösung aller indigener Dörfer der Region war. Er rekrutierte die Arbeitskräfte und überliess die Bevölkerung ohne medizinische Unterstützung sich selbst – und ohne das Mindeste gegen die Masern-Epidemien zu unternehmen. Die Makurap unterhielten ihre Dörfer bis zirka 1950, als Rivoredo sie überredete, sich auf “São Luís“ zu konzentrieren. Als sie umzogen, trafen sie dort auf die bereits anwesenden Gruppen der “Tupari, Jabuti, Arikapu“ und “Aruá“.
Als Franz Caspar nach Brasilien zurückkehrte, im Jahr 1955, begegnete er den stark reduzierten lokalen Indios aufgrund einer Masern-Epidemie. Der SPI (staatliche Indio-Schutz Organisation) lockte sie aus ihren Dörfern, um im Lager “São Luís“ zu arbeiten, wo sie sich mit der Krankheit infizierten. Der Ethnologe schätzte, dass mehr als 400 Personen der verschiedenen Gruppen in diesem Lager starben.
Der SPI war seit den 30er Jahren in dieser Region nicht mehr präsent gewesen, nachdem seine Beamten zirka die Hälfte dieser Gruppen in eine Arbeitskolonie in der Nähe von Guajará Mirim transferiert hatten, und später zum indigenen Posten “Ricardo Franco“ (Caspar, 1955:152).
Zwischen 1940 und 1960 fand eine bemerkenswerte Verteilung der Indios auf die Latex-Sammellager statt. 1940 stimulierte der damalige Gouverneur des Territoriums Guaporé (geschaffen 1943 – erneut Rondônia benannt im Jahr 1956 – in die Kategorie eines Bundesstaates erhoben in Jahr 1982) die Verlegung der Indios des Rio Ji-Paraná zum Rio Guaporé, in der Absicht, die durch die Epidemien verlorenen Arbeitskräfte zu ersetzen. Der SPI verfügte dort nur über den Posten “Ricardo Franco“ (gegründet 1930), und der war nicht darauf vorbereitet, die Neuankömmlinge zu versorgen. Über die Bedingungen jener Verlegung ist nichts bekannt, aber man weiss, dass die Anzahl der Toten dramatische Zahlen erreichte.
Trotz Anwesenheit der “9ª Inspetoria Regional” des SPI (dem Indianerschutz) – gegründet 1946 – arbeiteten die Indios weiter in den Latex-Sammelstellen unter sklavischen Bedingungen. Erst ab 1970 begann man mit der Verlegung dieser Indios zum “Posto Indígena Guaporé“, dessen Territorium 1976 demarkiert wurde, aber erst zwanzig Jahre später rechtskräftig anerkannt.
Und erst im Jahr 1980 errichtete die FUNAI (staatliches Organ, das den SPI ab 1967 ersetzte) einen Indigenen Posten in der Region des Rio Branco. Zu jener Zeit waren die nach den Epidemien überlebenden Indios schon resistenter gegen die von den Emigranten eingeschleppten Krankheiten. Aber der Indigenist Mauro Leonel, der das IT Rio Branco 1984 besuchte, machte auf Dutzende von Grippe-Fällen mit Komplikationen und Tuberkulose aufmerksam. Die Malaria, bis dato nicht existent, wurde zu einer neuen Epidemie ab 1983. Im Februar 1984 gab es mehr als fünfzehn Fälle allein im Dorf São Luís, ohne irgendeine medizinische Versorgung vor Ort (der Sanitäter war abberufen worden, und es gab keinen Ersatz für ihn).
Die Beziehungen zu den Besitzern der Latex-Sammellagern waren geprägt von einem Abhängigkeits-System, in dem die Indios in ewige Schuldner verwandelt wurden – sie hatten ihre Arbeitskraft zu verkaufen im Tausch gegen Waren von exorbitanten Preisen in den Kiosken der Gesellschaft. Zu Beginn der 80er Jahre veröffentlichte die FUNAI einen Bericht zur Identifizierung des “Indio-Territoriums Rio Branco“, in dem sie die Existenz von 86 Eingeborenen nachwies, die von einem Chef der Latex-Sammler versklavt wurden. Weiter im Süden, in einem Gebiet, welches später in die “Reserva Biológica do Guaporé“ verwandelt wurde, arbeiteten weitere 68 Indios ebenfalls unter sklavischen Bedingungen für einen Viehzüchter. Lediglich 33 Indios – Kinder, Kranke und Alte – waren von dieser Fron ausgenommen.
Im Jahr 1983 wurde dann das IT Rio Branco endlich demarkiert (und 1986 rechtskräftig). Trotzdem verblieben sieben Dörfer ausserhalb der 240 Hektar Fläche. Im Norden waren es vier Dörfer im Umkreis des antiken Latex-Sammellagers – bewohnt hauptsächlich von Makurap – die ausserhalb der neuen IT-Grenzen verblieben, denn die INCRA (Institution zuständig für die Besiedelungspolitik) hatte das Land an 10.000 Neusiedler-Familien vergeben im Zuge der Kolonisation des Rio Branco. Weitere drei Dörfer verblieben ausserhalb der Demarkation, deren Bewohner – die meisten vom Volk der Tupari – in einem Gebiet am Rand der “Reserva Biológica do Guaporé“ gelebt hatten.
Ausser der viel zu kleinen demarkierten Fläche, fuhr einer der Gummi-Barone fort, die Arbeitskraft der Indios auf ihrem eigenen Land auszunutzen. Wie der Bericht von Mauro Leonel von 1984 andeutet, waren die Zustände im Posten Rio Branco miserabel, und die Indios mussten lange Reisen unternehmen, um Kranke in ein Hospital zu bringen, auch für den Transport von Gütern, die von der Kantine der Kommune finanziert wurden. Diese Kantine war 1980 mit Unterstützung der FUNAI gegründet worden, um von dem “Barracão“ jenes ins Reservat eingedrungenen Gummi-Barons unabhängig zu werden, der bis dato der einzige Lieferant von Industrieprodukten für die Gruppen der Region war.
Für die Unterhaltung der Kantine mussten die Indios 30% ihres Latex-Ertrags und 100% ihrer Paranüsse zur Verfügung stellen, die dann vom Administrator des Postens verkauft wurden. Trotzdem, wegen der fehlenden Infrastruktur des Postens, konnte der Besitzer jenes “Barracão“ die Waren bis zu den jeweiligen Arbeitsplätzen der Familien bringen lassen, und obwohl er mehr für seine Waren verlangte, waren diese für viele Indios schneller und leichter zu bekommen, als über die Kantine (Leonel, 1984:204).
Was die Situation am Rio Mequéns betrifft – so berichtet Ana Vilacy Galucio – besuchten Beamte der FUNAI im Jahr 1982 das Gebiet, in dem Familien der “Sakurabiat“ und Makurap in grossen Schwierigkeiten lebten, jedoch aus diesem Besuch resultierte keinerlei spezifische Unterstützung seitens der dieses Regierungsorgans. Erst im folgenden Jahr, nach einer Grippe-Epidemie, die um die dreissig Personen tötete, wurde ein etwas engerer Kontakt mit der FUNAI hergestellt.
1985 organisierte die FUNAI eine Arbeitsgruppe, um die reale Situation der Bewohner jenes Gebietes zu untersuchen und fand heraus, dass sich inzwischen fünf grosse Unternehmen – inklusive Sägewerke und Viehzuchtbetriebe – dort illegal eingeschlichen hatten, die innerhalb des Indio-Territoriums Bäume fällten und versuchten, sie der Ländereien zu bemächtigen, die gegenwärtig zu, “IT Rio Mequéns“ gehören.
Die Folge war ein Aufstand jener Invasoren, unterstützt von Politikern und lokalen Viehzüchtern – ignoranten Zeitgenossen, denen das Schicksal der Indios nicht nur vollkommen egal war, sondern die auch ihre Exterminierung herbeiwünschten. Erst 1996 wurde dann das “IT Rio Mequéns“ endlich definitiv demarkiert und rechtskräftig registriert, mit einer Fläche von 105.250 Hektar – sehr viel kleiner als der von seinen indigenen Bewohnern einst geforderte Lebensraum.
Wie von Denise Maldi angedeutet, teilten sich die indigenen Gruppen auf der Ostseite des Rio Guaporé (“Aruá, Ajurú, Aricapu, Jabuti, Makurap, Sacurabiap“ und “Tupari“) einen kulturellen Gesamtkomplex mit definierten Charakteristika. Die intergesellschaftlichen Beziehungen funktionierten – und funktionieren auch heute noch – vor allem mittels zweier Mechanismen: die Chicha-Feste und die Eheschliessungen. Bei den Chicha-Festen wechselten sich die Dörfer ab als Gastgeber und als Gäste, und schufen so ein Netz der Solidarität und der Gegenseitigkeit.
Was die materielle Kultur betrifft, so bezeugen einige traditionelle Elemente eine eindeutige Ähnlichkeit zwischen den einzelnen Gruppen der Region:
Das Fehlen des sonst für die Indios so typischen Maniok-Anbaus und des Maniok-Mehls in ihrer Ernährung (gemeint ist die “Mandioca brava“ – die “wilde Maniok“).
Die Konstruktion von Rundhäusern, mit zentralen Stützen, in denen eine patrilokale Grossfamilie wohnte – gewöhnlich zwischen 12 bis 20 Personen – (mit Ausnahme der “Tupari“, deren traditionelle Wohnung eine einzige grosse Maloca war).
Der Chicha-Konsum aus Mais innerhalb der regulären Ernährung und der fermentierte Chicha bei zeremoniellen Anlässen.
Die “Marico-Konfektion“ (Körbe verschiedener Grössen aus Tucum-Palmfasern, geflochten in ein und derselben Art und Weise).
Die traditionelle Organisation der Gesellschaft Makurap bestand aus patrilinearen Clans mit eigenen Namen. Heute ist der grösste Teil von ihnen verschwunden, jedoch erwähnten die Makurap gegenüber Denise Maldis Besuch im Jahr 1991, die folgenden Untergruppen: “Mitum“ (Fasan), “Uaxaliai“ (Fledermaus); “Uaríiiá“ (Papagei); “Xixauap“ (Maus); “Xát“ (Schlange); “Tamunan“ (Singdrossel); “Viriü“ (Gürteltier); “Ikô“ (Urucum); “Ëte“ (Hirsch); “Guüt“ (Lampe); “Mevurá“ (Topf); “Lekô“ (Geier); “In-en-paráp“ (Fuchs); “Perahón“ (Roter Ara); “Aratá“ (Gelber Ara); “Min-án“ (Ameise); “Maranpáin“ (Raupe); “Uruküt“ (Grille).
Oft werden diese Namen begleitet durch die Endsilbe “nian“ – zum Beispiel: “Guüt nian – Iekô nian“ etc. “Nian“ wurde übersetzt als “Leute“. Im selben Jahr 1991 identifizierten sich die Personen des “IT Guaporé“ als Angehörige der folgenden Untergruppen: Maus, Geier, Urucum (roter Pflanzenfarbstoff), Fledermaus, Gürteltier, Ameise. Also besassen von den 18 ursprünglichen Untergruppen nur noch neun entsprechende Repräsentanten.
Die Untergruppen der Makurap definierte man ursprünglich auch nach ihrem jeweiligen Lebensraum. In diesem Sinne waren die Ältesten in der Lage, ein territoriales Panorama der einzelnen Gruppen entlang des Rio Colorado zu entwerfen. Auf diese Weise war das präsentierte Gesamt von 18 Untergruppen aufgeteilt in zwei Dachorganisationen – 9 am linken und 9 am rechten Ufer dieses Flusses.
Unter den Makurap regulierten diese exogamen Gruppen die Eheschliessungen. Sie bildeten territoriale Einheiten mit definierten Arealen, benannt nach mythologischen Vorbildern, Regulatoren der exogamischer Ehen, Regulatoren der patrilinearen Abstammung und der patrilokalen Residenz – und deshalb werden sie als Clans bezeichnet.
Was die Verwandtschaft betrifft, so entspricht das Makurap-Modell genau dem der “Jabuti“. Eine einzige Bezeichnung wird für den leiblichen Vater und den Bruder desselben benutzt, eine einzige Bezeichnung auch für die Mutter und deren Schwester. Andererseits gibt es Extrabezeichnungen für den Bruder der Mutter und die Schwester des Vaters. Die Grosseltern mütterlicher und väterlicherseits erhalten gleiche Bezeichnungen, aber mit einem sprachlichen Unterschied des Geschlechts. Ausserdem gibt es eine Unterscheidung bei der Terminologie der „gekreuzten Cousins“ mütterlicher und väterlicherseits.
Die “gekreuzten Cousins“ väterlicherseits – sowohl der Mann wie die Frau – werden mit dem Terminus “Virá“ bezeichnet, was “Bräutigam“ oder “Braut“ bedeutet. Die ideale Ehe wurde zwischen einem Mann und einer patrilateralen Cousine geschlossen.
Der Schamanismus unter den Makurap, so wie bei den meisten indigenen Gesellschaften der östlichen Guaporé-Region, wird charakterisiert durch die Benutzung eines Halluzinogens – eines Rauschmittels. Zu seiner Herstellung werden die Samen des “Angico“ (Baum aus der Familie Anadenthera) zu einem Pulver zerstampft und dann mit einem Spezialtabak gemischt, der zu diesem Zweck angebaut wird. General Rondon (Gründer des SPI) wurde bei seinen Besuchen der Indios darauf aufmerksam, dass die Männer “nicht rauchen“, aber “eine Art Schnupftabak mittels einer ziemlich genialen Vorrichtung inhalieren, die aus einem Schilfrohr-Tubus von zwei Handbreit besteht, an dessen einem Ende sich ein kleiner Behälter mit jenem Pulver befindet. Die zum Inhalieren bestimmte Person hält nun das Röhrchen an ihre Nasenlöcher und eine andere Person am freien Ende des Röhrchens bläst ihm das Pulver in die Nase, während er mittels profunder Inhalierung das Pulver bis weit oben in die Nasenhöhlen befördert“. Diese Beschreibung entspricht genau der Art und Weise, wie noch heute jene Mischung aus Angico-Pulver und Tabak inhaliert wird, die Rondon “Rapé“ (Schnupftabak) nannte (Maldi, 1991).
Der Gebrauch des Tabaks mit Angico-Pulver in Situationen, die eine Präsenz von Geistwesen erfordern – bei Krankheiten oder sonstigen Problemen – kommt im mythologischen Repertoire der Makurap regelmässig vor.
Was die Mythologie der Herkunft dieses Volkes betrifft, so deutet Maldi (1991) an, bestätigen viele unterschiedliche Versionen die Herkunft der 18 Clans als die eigentliche Entstehung der Gesellschaft. Die Gruppen erscheinen und präsentieren symbolisch ihr eponymes Objekt, Pflanze oder Tier. Und, wie es fast immer in den Stamm-Mythen der indigenen Gesellschaften Südamerikas geschieht, die Genesis ihrer Gesellschaft ist die Genesis der Menschheit, und alle weiteren Völker entstehen in späteren Episoden. Auch die Weissen stammen aus derselben lokalen Schöpfung, und ihre Charakteristik ist die Feindseligkeit: “Feuerwaffen“.
Es waren einmal zwei Brüder, Bejü und Nambô, die wohnten in einem Felsloch. Sie wollten raus, wussten aber nicht wie. Nambô bereitete etwas zum Rauchen (Tabak und Angico-Pulver), um das Loch zu öffnen.
Als sie rauchten, öffnete sich das Loch und es quollen Leute heraus: die “Fasanen“, die “Singdrosseln“, die “Ameisen“ und alle die Andern. Jeder von ihnen trug in seinen Händen das Tier, nachdem sie sich nannten. Einige hatten Wachslichter in der Hand, andere Keramik-Töpfe. Nachdem alle Makurap draussen waren, kamen die Jabuti, Tupari, Aruá… zuletzt kamen die “Eré“ (Weissen) mit Feuerwaffen und schossen. Deshalb bekamen es die “Jabuti“ mit der Angst, rannten in den Wald und wurden zu Feinden der “Eré“.
Auf dieser Basisstruktur bauen verschiedene andere Mythen auf, die sich um die Brüder Bejü-Nambô ranken. Die Autorin hebt zum Beispiel die Legende von der Herkunft des Mais hervor: Nur der “Maus-Clan“ hatte Mais. Bejü verwandelte sich in einen “Nambu-preto“ (schwarzer Vogel) und flog zum Dorf des Maus-Clans und befestigte seine Hängematte neben einem Pott voller Mais um zu stehlen.
Am nächsten Morgen verschwand er mit dem gestohlenen Mais. Nachdem er im Dorf seiner Verwandten angekommen war, befahl er den Frauen ihre Körbe zu öffnen und streute dann den Mais hinein – es ergab viele Körbe voll. Dann gingen sie auf ihre Felder und pflanzten die Maiskörner. Als der Mais reif war, kochte Bejüs Schwester eine grosse Menge davon – Bejü ass alles auf. Und sein Bauch schwoll an – er rief nach Nambô, um ihn zu heilen. Nambô blies Rauch über seinen Bauch, und er wurde gesund.
Ein Thema, das aus der Mythologie der Makurap stammt, taucht in Erzählungen anderer Völker Amazoniens immer wieder auf – die Schlange, ein schöner, verführerischer Mann, der sich plötzlich als nicht menschlich zu erkennen gibt.
Nach dem Bericht des Anthropologen Samuel Cruz (von der NGO Kanindé) finden die traditionellen Feste nur noch einmal pro Jahr statt. Franz Caspar dagegen kommentiert in seinem Werk unzählige Male die Frequenz, mit der die indigenen Völker der Region Feste veranstalteten, die in der Regel drei ganze Tage und Nächte dauerten, und während der man immense Mengen an Chicha aus fermentiertem Mais oder Maniok verkonsumierte.
Der Konsum von Chicha und Wildfleisch wurde durch Erbrechen unterbrochen. In den Worten des Ethnologen: “Zum Fest gehören: trinken, erbrechen, trinken, erbrechen, bis zum Morgengrauen“ (1953:52). Sie bliesen auf Bambusinstrumenten und tanzten bis Sonnenaufgang – wie in dieser Beschreibung:
“Ein Dutzend Musiker stellten sich rund um einen in den Boden gerammten Stab auf. Sie hielten in der linken Hand die Bambusflöte, die rechte lag auf der Schulter des Nachbarn. Die Tänzer bewegten sich im Kreis, mit Schritten zur Seite, zum Klang einer einfachen Melodie. Es dauerte nicht lange, bis sich die übrigen Tänzer zu der Gruppe gesellten. Die trugen Pfeil und Bogen in der Hand oder eine Art Schwert (zweischneidig, aus Palmholz) an der Schulter. Die Frauen bildeten einen äusseren Kreis für sich. Sie gaben sich die Hand, oder hielten sich an den Hüften oder der Schulter. Die geschlossenen Kreise bewegten sich langsam im Rhythmus der Musik. Von Zeit zu Zeit stampften sie auf, führten stets in derselben Kadenz ein paar Schritte nach hinten aus und danach – mit einem wilden Schrei – begannen sie erneut mit der rotierenden Bewegung. Manchmal spielten die Musiker ein Solo – dann wieder sangen die Tänzer im Chor. Eine charakteristische Kadenz verkündete das Ende des Tanzes – ungefähr nach einer Viertelstunde. Der Kreis stand still. Die Tänzer machten sich Luft mit einem “Huuuuuuuh!” Dann rannten alle plötzlich los, um ihre Kalebassen mit Chicha zu füllen und hockten sich rund um die vielen Feuer, die an allen Ecken angezündet waren. Die Musiker leiteten eine neue Session ein…“
Sowohl Männer wie Frauen trinken viel zu solchen Gelegenheiten. Obwohl es die Frauen sind, die den Chicha produzieren, schenken ihnen die Männer bei “maskulinen Festen“ nur kleinere Portionen ein. Während die Frauen bei ihren “femininen Festen“ nur gelegentlich den Männern etwas abgeben und selbst den Chicha literweise verkonsumieren.
Die Basis der Selbsterhaltung dieser Bevölkerung sind ihre Felder, der Fischfang und die Jagd – in dieser Reihenfolge. Nach einem Bericht des Linguistikers Denny Moore über seine Reise zum “Posto Indígena Guaporé“, vom 29. April bis zum Juli 1988, gab es Rinder beim Posten, von denen manchmal ein paar verkauft wurden. Ein paar Personen sammelten Latex, andere verkauften Maniokmehl. Er kommentiert auch, dass die Paranuss kommerzialisiert werden könnte, aber die Indios hielten dagegen, dass der Bestand nur durch ein Flüsschen von äusserst schwieriger Navigation zu erreichen sei.
Wie Franz Caspar erzählt, unterliegt die traditionelle Bearbeitung der Felder einer Rollenteilung – die Männer haben die Ackerfläche abzubrennen und zu säubern, sowie die Vertiefungen anzulegen, in die die Frauen anschliessend die Samen streuen – die Frauen erledigen auch die Ernte und schleppen die Feldprodukte anschliessend ins Dorf. Heute beteiligen sich die Frauen am gesamten Feldbearbeitungsprozess – ausser dem Fällen der Bäume und dem Abbrennen – aber auch da sind sie zugegen und halten eine grosse Menge Chicha zur Erfrischung der schwer arbeitenden Männer bereit. Die Zubereitung des Chicha ist eine exklusive feminine Aktivität – einige Männer helfen manchmal, den Mais im Mörser zu zerstampfen. Auch das Sammeln von Waldfrüchten wird hauptsächlich von den Frauen und ihren Kindern erledigt – ausgenommen die Früchte von Palmen, wie “Açaí“ und “Patauá“ – da müssen die Männer hinaufklettern und die Früchte abhacken.
Chicha wird aus Maniok oder aus Mais hergestellt. Die Maniok wird geschält, geschnetzelt und gekocht – das Ergebnis ist eine Paste – die einst, der Tradition gemäss, zerkaut und in einen Topf gespuckt wurde, um zu gären – heute wird sie in einem Mörser weiter zerkleinert, gesiebt und verrührt. Dann muss sie einige Tage ruhen, um zu gären. Für den Chicha aus Mais füllen die Frauen grosse Töpfe mit Maiskörnern und Wasser. Die gekochten Maiskörner werden in einem Mörser aus Holz zu einem Brei zerstampft – der weitere Prozess gleicht dem der Maniok.
In den 80er Jahren wurde die wirtschaftliche Organisation der Gruppen, welche im IT Rio Branco wohnten, vom Indigenisten Mauro Leonel beschrieben als eine Mischung aus ihrer traditionellen Form und der Extraktion von Latex und dem Sammeln von Paranüssen zum Verkauf oder Tauschhandel auf dem Markt. Zu jener Zeit war es üblich, dass sich die Indios des “Barracão“ bedienten – jenes Ladens innerhalb der Latex-Sammellager, in dem sie ihre Arbeit oder ihre Waldprodukte gegen Güter aus der Stadt eintauschten, wie zum Beispiel Öl, Streichhölzer, Kerosin, Messer, Zucker, Salz, Werkzeuge, Batterien, Seife, Munition und andere Artikel.
Sämtliche Aktivitäten wurden unterbrochen, wann immer dies möglich war, durch die Jagd und den Fischfang. Das Lianengift “Timbó“ gehört immer noch zu den gängigen Praktiken aller Gruppen beim Fischfang, wird aber behindert durch die inzwischen entstandenen “PHCs“ (kleinere Wasserkraftwerke). Auch das Wild für die Jagd ist stark zurückgegangen, jedoch findet man noch Wildschweine, Gürteltiere, Pacas, Hirsche, Tapire, Nasenbären, Affen und Landschildkröten. Sie jagen auch Vögel und sammeln Honig, Früchte und Erdnüsse.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther