Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/945

|Streiflichter auf eine Werbe-Erfolgsgeschichte

1958-1964
Der Basler Graphiker Hermann Eidenbenz war bereits 1923-1932 als Lehrer an verschiedenen Fachschulen und als selbständiger Graphiker für diverse Firmen in Deutschland tätig gewesen.1945 kehrte er wieder dorthin zurück und war von 1955 bis 1967 Art Director in der Werbeabteilung der «Gebr. Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg». In dieser Funktion fungierte er als eigentliche Drehscheibe bei der Vergabe von Werbe- und Graphikmandaten. Ohne ihn wären Herbert Leupin und Fritz Bühler wohl nie an so prominente Aufträge herangekommen und ohne diese Graphiker hätten diese Marken wohl auch nie solche Erfolge buchen können. «Ernte 23», «Salem» und «Peter Stuyvesant» lassen grüssen! Führen war auch schon damals nicht ausführen! So bedurfte die Realisierung ihrer Ideen logischerweise eines guteingespielten Teams, zu dem ich im Falle «Peter Stuyvesant» auch gehören durfte.
Es war vermutlich der recht unzimperliche niederländisch-südafrikanische Wein-/Tabak-Plantagenbesitzer und Luxusgüter-Magnat Anton Eduard Rupert, der aus seiner Produkte-Pipeline eine noch wenig bekannte Cigarettenmarke, eben «Peter Stuyvesant» (Name eines holländischen Seefahrers und Gründers von New Amsterdam, heute New York) mit seiner Handelspartnerin «Gebr. Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg» in Deutschland etablieren wollte.
Bei der Übernahme (1958/59) der «Peter Stuyvesant»-Werbung durch Fritz Bühler verschwand, sogar gegen den anfänglichen Widerstand seiner Auftraggeber, die marode «Peter Stuyvesant»-Figur eiligst von der Packungsvorderseite und wurde durch einen adretten knallroten Balken mit der Anschrift FILTER ersetzt. Dieses Wort stand für eine von Amerika herüberschwappende, neue, leichtere Geschmacksrichtung. Der seltsam lautende Markenname faszinierte das Publikum, obwohl man ihn aus Angst vor einer Blamage kaum auszusprechen wagte. Aber die elegante Packung mit dem roten Schild, dem feinen Schriftzug und der stilvollen Heraldik galt als «chic» und als Ausweis für Cleverness und Weltgewandtheit. Wer sie kaufte, sagte einfach: «Die da!»
Hier griffen die süffigen Texte «...jung... frisch... keck... weltoffen... Der Duft der grossen, weiten Welt!» von Fritz Bühler ein und kamen mit den von mir skizzenhaft hingeworfenen Bildern aus der Flug- und Reisewelt beim damals wieder ausgesprochen reiselustigen deutschen Publikum recht gut an. Diese Cigaretten-Anzeigen wurden zwar eher als Werbung für internationale Airlines wahrgenommen, was aber dem Konsum eines derart renommierten Genussmittels keinen Abbruch tat.
Da mein Chef nicht alle Flugofferten annehmen konnte, gab er mir hin und wieder einen dieser Bälle weiter. So konnte ich mir die grosse, weite Welt auch ein wenig von oben ansehen. Was wiederum nicht ganz unbeabsichtigt mein Gestaltungspotenzial optimierte.

Ich nuzte diese Gelegenheiten aber auch, um Bildmotive für meine zeichnerischen Arbeiten zu sammeln. Es mag heute in einer Zeit überall lauernder Gefahren überraschen, wie ich mich damals um parkende und startbereite Jets frei bewegen und meine Sujets optimal auswählen und photographisch festhalten konnte.
Es war die Zeit des wieder aufkommenden Tourismus. Der erste zum Verkehr zugelassene Reise-Jet, die englische Comet löste die Douglas-Maschinen und das damalige Flagschiff der Lüfte, die Superconstellation ab. Bald darauf tauchten die eleganten, mit Hecktriebwerken ausgestatteten Caravelles auf. Kurz, es herrschte eine eigentliche Technik-Euphorie, die uns aus der heutigen Sicht der Dinge recht oberflächlich vorkommen mag.
Damals war das Rauchen in keiner Weise suspekt. Da kam ich mir als Nichtraucher ziemlich exotisch vor. Heute bin ich jedoch froh, nie Raucher gewesen zu sein. Denn die meisten meiner damals täglich Aschenbecher füllenden Berufskollegen sind schon lange nicht mehr ansprechbar.
Trotzdem habe ich einige meiner besten Jahre (1958-1964) für die Gestaltung einschlägiger Anzeigensujets ver(sch)wendet. Ich hätte schon damals meine Arbeiten viel lieber für ein dem Menschen bekömmlicheres Produkt verwendet gesehen.
Dass der Erfolg dieser Marke nach dem Tode von Fritz Bühler (1963) und nach meinem Weggang (Ende September 1964) allmählich nachliess, scheint mir nicht ganz unerklärlich. Denn auch die Rettungsversuche prompt herbeigeeilter Werbeagenturen verlängerten bloss noch ein wenig die Agonie dieser Erfolgsmarke. Offenbar lässt sich eine persönliche, originale Leistung doch nicht so leicht durch ein billiges Surrogat ersetzen.
Wie ging es nach dem Tode von Fritz Bühler mit der «Peter Stuyvesant»-Werbung weiter?
Ab September 1964 wurde die «Peter Stuyvesant»-Werbung von der Nachfolgefirma «Grafisches Atelier Fritz Bühler AG, Basel»* mit den verbliebenen MitarbeiterInnen weitergeführt. Es fehlte aber eindeutig das «Feu sacré», was sich nach ein paar Jahren (1971) im stetig weiter sinkenden Absatz manifestierte.
So entschloss sich die Auftraggeberin «Gebr. Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg» zu einem Agentur- inkl. Sloganwechsel, dem später weitere folgten (Unit, Frankfurt, GGK Basel, Scholz & Friends, Hamburg). Etwa gleichzeitig ging die «Gebr. Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, Hamburg» in den viel grösseren Tabakkonzern «Imperial Tabacco Group» über. Die Firmeninhaber Hermann F. und Philipp F. Reemtsma waren ja schon 1959/1960 bereits gestorben.
Heute ist vom Namen «Peter Stuyvesant» nicht mehr viel wahrnehmbar. Wenn überhaupt, so vielleicht am ehesten als Flug- und Reisewerbung. Das kann an den ersten von mir entworfenen Anzeigen liegen. Denn schon beim Start (1958) der «Peter Stuyvesant»-Werbung wiesen alle Anzeigen Motive aus der Flug- und Reisewelt auf.
* Neue, modernisierte Schreibweise.