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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XVIII. Rede
6.
Als der Verstorbene noch außerhalb unseres Schafstalles war, gehörte er schon zu uns. Sein sittliches Leben hatte ihn mit uns verbunden. Wie viele von uns eigentlich nicht zu uns gehören, da ihre Lebensführung sie dem gemeinsamen Körper entfremdet, so gehören anderseits viele der Außenstehenden zu uns, soferne ihr sittliches Verhalten dem Glauben vorauseilt und ihnen nur der Name, nicht die Sache fehlt. Zu den letzteren zählte auch mein Vater; er war zwar ein fremder Zweig, doch durch sein Leben hatte er sich zu uns geneigt. Durch seine weise Mäßigung hatte er sich so sehr ausgezeichnet, daß er der Liebste und Einfältigste zugleich war, was schwer zusammenfällt. Gibt es einen besseren und deutlicheren Beweis für seine Gerechtigkeit als den, daß er, nachdem er in nicht [S. 357] unbedeutende staatliche Stellen eingerückt war, sein Vermögen auch nicht um eine einzige Drachme vermehrte, obwohl er doch sehen mußte, daß die anderen Beamten ihre Briareos-Hände1 nach Volkseigentum ausstreckten und gierig nach bösen Mitteln ― ich meine ungerechten Reichtum ― strebten? Auch nicht wenige Beweise für seine Klugheit wären zu erbringen; ich will davon mehrere aber erst im Laufe der Rede erwähnen. Hiefür erhielt mein Vater, wie ich glaube, als Lohn den (wahren) Glauben. Auf welche Weise er sich denselben erwarb, darf nicht verschwiegen werden; ich will es dartun.
1: Briareos war ein Gigant mit hundert Händen.