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SDG 10
Weniger Ungleichheiten
Die Verringerung der Ungleichheiten in und zwischen Ländern bildet das zehnte Ziel für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Doch während der Zigarettenkonsum in den Industrieländern stetig zurückgeht, verzeichnet er einen Zuwachs in ärmeren Regionen, wo die Gesetzgebung weniger streng ist, das Bevölkerungswachstum anhält, der Einfluss der Tabakwerbung zunimmt und Gesundheitskampagnen noch keine Wirkung entfalten. Hinzu kommen steigende Durchschnittseinkommen, auch wenn diese im Vergleich zu den westlichen Ländern immer noch niedrig sind. Im Jahr 2018 machte die Region Asien-Pazifik 64 % am Gesamtzigarettenabsatz aus; 2005 waren es noch 55 %.[1] Insgesamt leben 80 % aller Raucher in Entwicklungsländern.[2]
Diese Ungleichheiten zwischen den am meisten begünstigten und den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen sind ebenso innerhalb der einzelnen Länder zu spüren – auch in der Schweiz. Im Vereinigten Königreich rauchen 35 % der Frauen und 40 % der Männer aus den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Gruppen; bei den Gruppen mit hohem Einkommen und hohem Bildungsniveau sind es nur 10 % respektive 12 %.[3]
Die Zahl der Rauchenden ist ausserdem höher bei Erwachsenen, die in manuellen Berufen arbeiten, in Sozialwohnungen leben, keinen höheren Bildungsabschluss haben, arbeitslos sind oder an einer psychischen Erkrankung leiden. Ebenso liegt der Anteil der Frauen, die auch in der Schwangerschaft rauchen, in den am stärksten benachteiligten Kategorien bei 25 %, gegenüber 4 % bei besser gestellten Schwangeren.[4]
Es handelt sich hierbei um ein generationenübergreifendes Problem. Bei Kindern, die in einer Gemeinschaft aufgewachsen sind, in der Rauchen zum Alltag gehörte, ist die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen des Passivrauchens zu erkranken respektive selbst zum Raucher zu werden, höher. Eine britische Studie zeigte, dass Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren, die bereits Erfahrung mit dem Rauchen gesammelt hatten, doppelt so häufig einen Raucher unter ihren nahen Angehörigen hatten wie diejenigen, die noch nie geraucht hatten.[5]
Diese Ungleichheiten wirken sich nachteilig auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerungsgruppen aus. Da Personen aus benachteiligten Verhältnissen einen schlechteren Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und Vorsorgeuntersuchungen haben, tragen sie auch ein entsprechend höheres Risiko, tabakbedingte Erkrankungen zu entwickeln. Beispielsweise sind sie unverhältnismässig häufig von Lungenkrebs betroffen, der zudem meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird, was die Behandlung erschwert.[6]
In den Vereinigten Staaten rauchen Afroamerikaner weniger Zigaretten und beginnen später mit dem Rauchen als ihre weissen Landsleute. Dennoch ist bei ihnen das Risiko, an einer Folgeerkrankung des Rauchens zu sterben, höher. Weltweit belief sich die Zahl der tabakbedingten Todesfälle im Jahr 2019 auf 7,69 Millionen, mit steigender Tendenz.[7] Bis 2030 könnte sie 8 Millionen erreichen, von denen 80 % auf Länder mit niedrigem Einkommen entfallen dürften.[8]
Angesichts ihres geringeren Informationsstands und ihres schlechteren Zugangs zu Rauchstopp-Programmen sind Menschen aus benachteiligten Verhältnissen auch im Hinblick auf die Rauchentwöhnung nicht gleichgestellt. In den Vereinigten Staaten schaffen es nur 34,5 % der Erwachsenen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ihre Sucht zu überwinden, gegenüber 57,5 % derjenigen, die oberhalb der Armutsgrenze leben.[9]
Diese Unterschiede sind nicht dem Zufall geschuldet. Die Tabakindustrie zielt seit jeher mit aggressiven Marketingstrategien auf bedürftige Bevölkerungsgruppen. In den Vereinigten Staaten boten Tabakhändler Kindern, die in subventionierten Wohnungen lebten, regelmässig kostenlose Zigaretten an. Auch an Bürger, die Lebensmittelmarken erhielten, verteilten sie bedenkenlos Rabattgutscheine für Zigarettenpackungen.[10]
Ferner gibt es in sozial benachteiligten Vierteln mehr Geschäfte, die Tabakprodukte verkaufen, sodass die dortigen Bewohner den Anzeigen und Werbeaktionen der Einzelhandelsketten entsprechend stark ausgesetzt sind. In Philadelphia ist das Verhältnis zwischen Zigarettenverkaufsständen und Einwohnerzahl in armen Vierteln um 69 % höher als in den wohlhabenderen Gebieten der Stadt.[11]
Mit ihren mentholisierten Erzeugnissen zielt die Tabakindustrie in den USA seit jeher auf die Gruppe der Afroamerikaner. Marken wie Newport oder Kool haben zahlreiche Musikfestivals, Künstler und Universitäten der schwarzen Community gesponsert und Anzeigen in Zeitschriften geschaltet, die sich an diese Zielgruppe richten.[12] Noch heute bevorzugen mehr als 70 % der afroamerikanischen Raucherinnen und Raucher Menthol-Zigaretten; bei der weissen rauchenden Bevölkerung sind es nur 30 %.[13]
In den 1990er Jahren begann die Tabakindustrie zudem, die LGBT-Community ins Visier zu nehmen. Sie platzierte Anzeigen in einschlägigen Publikationen für diese Subkulturen, organisierte LGBT-Abende oder liess Angehörige dieser Minderheiten für Werbekampagnen posieren. Die E-Zigaretten-Marken folgten diesem Beispiel ebenso wie die amerikanische VaporFi, einer Sponsorin der Gay Pride von Miami.[14]
All dies hat sich deutlich im Tabakkonsum dieser Communities niedergeschlagen. LGBT-Frauen rauchen dreimal so viele herkömmliche und doppelt so viele E-Zigaretten wie ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen. Junge Transmenschen konsumieren sogar viermal mehr herkömmliche Zigaretten und dreimal mehr E-Zigaretten als ihre Cisgender-Pendants.[15]
Da die Zigarettenhersteller in den Industrieländern zur Einhaltung strengerer Werberegeln gezwungen sind, wenden sie sich nun den Schwellenländern zu, wo sie ihre Produkte frei bewerben können. Die Bevölkerung einiger Länder mit niedrigem Einkommen wie Indien, Pakistan oder Simbabwe ist im Vergleich zu den Verhältnissen in Kanada oder Schweden dem 81-Fachen an Zigarettenwerbung ausgesetzt.[16]
Die Tabakindustrie macht daraus keinen Hehl: «BAT (British American Tobacco) sieht in den Schwellenländern das grösste Potenzial für künftige Gewinnzuwächse», so das Unternehmen im Jahr 2017.[17]
[2] Reitsma, Marissa B.; Kendrick, Parkes J.; Ababneh, Emad; Abbafati, Cristiana; Abbasi-Kangevari, Mohsen; Abdoli, Amir et al. (2021): Spatial, temporal, and demographic patterns in prevalence of smoking tobacco use and attributable disease burden in 204 countries and territories, 1990–2019: a systematic analysis from the Global Burden of Disease Study 2019. In The Lancet. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01169-7.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[7] Reitsma, Marissa B.; Kendrick, Parkes J.; Ababneh, Emad; Abbafati, Cristiana; Abbasi-Kangevari, Mohsen; Abdoli, Amir et al. (2021): Spatial, temporal, and demographic patterns in prevalence of smoking tobacco use and attributable disease burden in 204 countries and territories, 1990–2019: a systematic analysis from the Global Burden of Disease Study 2019. In The Lancet. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01169-7.
[9] Ebd.
[10] Brown-Johnson CG, England LJ, Glantz SA, et al, Tobacco industry marketing to low socioeconomic status women in the USA, Tobacco Control 2014;23:e139-e146.
[13] Gardiner PS. The African Americanization of menthol cigarette use in the United States. Nicotine Tob Res. 2004 Feb;6 Suppl 1:S55-65. doi: 10.1080/14622200310001649478.
[15] Ebd.