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Ein Fax jagt den andern: Es geht um riesige Mengen saudiarabischen Erdöls 300000 Barrel pro Tag. Das schwarze Gold soll über einen Vermittler in Pakistan an «westeuropäische Abnehmer» verkauft werden. Auch mit Libyen wird eifrig per Faxgerät kommuniziert.
Das war im Frühling 1999. Drehscheibe der Geschäfte sind nicht die pompösen Büros eines internationalen Rohstoffkonzerns, sondern ein eher unscheinbares Ersatzteillager der Papierfabrik Netstal im Glarnerland. Dort hat ein gewisser Maurice Becker ein provisorisches Büro eingerichtet, das im Wesentlichen aus einem Faxapparat besteht. Obwohl Becker in seiner Geschäftskorrespondenz grossspurig unter «Becker Management» beziehungsweise «Becker AG» auftritt, ist weder die eine noch die andere Firma im Handelsregister eingetragen.
Die angegebene Firmenadresse in Zug stimmt mit den tatsächlichen Gegebenheiten offensichtlich nicht überein, und die benützte Faxnummer ist offiziell auf eine Firma Tecon Technische Treuhandgesellschaft AG eingetragen. Diese Firma existiert aber bereits seit 1994 nicht mehr: Sie wurde damals von Amts wegen im Handelsregister gelöscht, weil der rechtmässige Zustand nicht mehr erfüllt war und keine verwertbaren Aktiven mehr vorhanden waren. Letzter Verwaltungsrat war Hansjörg Spörri, ein prominenter Glarner Wirtschaftsmann und unter anderem Verwaltungsratsdelegierter und Geschäftsführer der Papierfabrik Netstal.
Kurzfristige Erinnerungslücke
Was aber hat der Chef der zur internationalen Mandl-Gruppe gehörenden Papierfabrik sie ist führend in der Herstellung von Kaffeefiltern und anderen Spezialpapieren mit Erdölgeschäften zu tun? «Nichts», wehrt Spörri zunächst die Frage nach einer allfälligen Verbindung zu Maurice Becker ab. Er kenne Herrn Becker lediglich als Geschäftsmann, der versucht habe, Geschäfte im Ölsektor abzuwickeln. «Erfolg hatte er aber wahrscheinlich nicht. Ich spielte dabei keine Rolle.»
Bereits einen Tag später weiss Spörri dann aber plötzlich sehr viel mehr über die öligen Geschäfte: Er habe Becker, einen langjährigen Bekannten, die «freie Faxnummer» in der Papierfabrik zur Verfügung gestellt. Einerseits sei auch die Papierfabrik als Grossverbraucherin an allenfalls günstigeren Einkaufskonditionen für Öl interessiert. Anderseits habe er sich von Beckers Geschäften Gewinne erhofft, die es ihm «über einen Vorschuss Beckers» ermöglicht hätten, ein privates finanzielles Problem zu lösen. Spörri schuldet gemäss Beobachter-Recherchen einem früheren Geschäftspartner rund 50000 Dollar aus einem umstrittenen Firmenverkauf. Der Fall ist noch pendent.
Firma wundersam auferstanden
«Ich gebe zu, dass dies alles ein wenig komisch aussieht, aber mit Scheinadressen und Scheinfirmen hat das rein gar nichts zu tun», beteuert Hansjörg Spörri. Am Anfang sei für eine offizielle Infrastruktur eben noch kein Geld vorhanden gewesen. Heute jedoch schon: Maurice Becker sei jetzt Geschäftsführer einer Firma namens Petroswiss Ltd. in Chur. Dieses Unternehmen plane eine Kapitalerhöhung und werde offiziell libysches Öl für die Raffinerie Cressier NE importieren.
Bei Petroswiss ist Spörri nach Recherchen des Beobachters ebenfalls involviert auch hier nicht frei von gewissen Merkwürdigkeiten: Die Firma hiess bis vor kurzem noch Saxofin AG; sie wurde im letzten Dezember von Amts wegen in Liquidation versetzt, weil der gesetzmässige Zustand bezüglich Domizil nicht mehr erfüllt war. Im Verwaltungsrat sitzt Hansjörg Spörri. Nach einer Namensänderung und einer Domizilverlegung zu einem Churer Rechtsanwalt ist diese Firma nun plötzlich auferstanden für Maurice Becker und seine hochfliegenden Pläne.
Gegenüber dem Beobachter schwärmt Becker von seinen exzellenten Beziehungen zu allerhand arabischen Ölscheichs, mit denen er «seinerzeit in Monaco Tür an Tür gewohnt» habe. Nun sei es ihm gelungen, über die Petroswiss gross mit Libyen ins Geschäft zu kommen: «Wir besitzen als erste Schweizer Firma eine libysche Konzession», verkündet Becker stolz. «Bereits diesen Sommer werden wir die eigene Benzinmarke Petroswiss lancieren.»
Und nicht nur das: Der in Cressier raffinierte Sprit werde an der Tankstelle drei bis vier Rappen billiger sein als das Benzin der Konkurrenz. Wenn er sich da nur nicht verrechnet. Denn bis jetzt verfügt Becker über keine Importbewilligung der Zentralstelle für die Einfuhr flüssiger Treib- und Brennstoffe, Carbura. Laut Auskunft von Heinz Gerber, Geschäftsführer der Carbura, ist noch nicht einmal ein entsprechendes Gesuch eingegangen. «Die Firma Petroswiss ist uns nicht bekannt.»
Die Carbura überwacht hauptsächlich die Einhaltung der Pflichtlagervorschriften im Rahmen der wirtschaftlichen Landesversorgung. Gemäss Gerber verlieren viele Händler, die auf schnelles Geld mit Ölgeschäften aus sind, nach einem Gespräch mit der Carbura rasch das Interesse. Vor allem dann, wenn sie erfahren, welche immense Infrastruktur und Logistik für eine Bewilligung nötig ist.
Marco Berg, Sprecher der Erdölvereinigung, erinnert zudem daran, dass die Lancierung einer neuen Benzinmarke, insbesondere der Aufbau eines Tankstellennetzes, «Investitionen in Millionenhöhe» erfordert: «Da haben schon grössere Firmen die Schweizer Verhältnisse überschätzt.» Besonders merkwürdig aber ist: Selbst bei der holländisch-deutschen Firma Petroplus, seit Anfang Mai neue Betreiberin der Raffinerie Cressier, weiss man von Beckers Benzinplänen nichts.
Noch fliesst kein Tropfen Öl
«Es gab zwar gewisse Kontakte zu einer Firma namens Petroswiss», bestätigt Petroplus-Geschäftsleitungsmitglied Rüdiger Hanss, «aber von Verträgen über ein neues Benzinlabel kann keine Rede sein. Das würde ja gegen sämtliche Abmachungen mit unserem Hauptabnehmer Shell verstossen. Bei uns melden sich täglich etwa 20 Leute, die uns irgendwelches Öl von irgendwelchen Prinzen andrehen wollen», sagt Hanss.
Auch Hansjörg Spörri, Beckers Mentor und Förderer, muss gestehen, dass effektiv noch kein einziger Liter importiert wurde. Spörri sieht in seinem privaten Ölengagement übrigens keine Interessenkonflikte zu den Verwaltungsratsmandaten, die er im Kanton Glarus in öffentlichen Einrichtungen der Energieversorgung wie der Erdgas Linth AG und der Linth-Kraft AG ausübt. «Das sind lokale Firmen, sie haben mit den anderen Geschäften nichts zu tun.» Spörri wird deshalb an den Ölgeschäften der Petroswiss «im Rahmen einer Verwaltungsratsentschädigung» auch in Zukunft mitverdienen. Wenn es denn überhaupt etwas zu verdienen gibt.