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01.01.2014 Wie wird in der Schweiz mit Impfungen vorgebeugt?
Leitartikel. Impfungen sind unbestritten eines der wirksamsten Mittel der Prävention im Gesundheitswesen. Die Geschichte der Impfungen reicht weit zurück – es gibt aber auch ganz neue Kapitel.
Die Idee, Menschen vor einer tödlichen Krankheit zu schützen, indem sie mit einer harmlosen Form des Erregers geimpft werden, reicht bis in das 7. Jahrhundert zurück. Schon damals tranken Buddhisten in Indien das Gift der Schlangen, um sich gegen deren Bisse zu immunisieren. Die Immunisierungstechnik der Variolation wurde in chinesischen Dokumenten aus dem 10. Jahrhundert erwähnt und sie wurde auch im Indien des 16. Jahrhunderts angewendet. Dabei wurde getrockneter Eiter aus Pockenpusteln auf die aufgeritzte Haut aufgetragen. Diese Impfung wurde auch in weiten Teilen des Osmanischen Reiches praktiziert, von wo sie im Jahre 1721 nach England exportiert wurde. Diese Methode war hilfreich, um die Krankheit im Falle einer Infektion harmloser zu machen. Sie war aber nicht ohne Risiko, denn 2 bis 3% der Behandelten starben an den Pocken, die durch die Variolation eingebracht worden waren. Am Ende des 18. Jahrhunderts beobachteten Viehzüchter in England, dass Menschen, die sich mit Kuhpocken – einer für Menschen harmlosen Krankheit – angesteckt hatten, gegen eine Pockeninfektion immun waren. Einer der Viehzüchter hatte seine Familienmitglieder mit Kuhpocken geimpft, schon zwanzig Jahre bevor der britische Arzt Edward Jenner 1798 seine Studien veröffentlichte, die darlegten, dass diese gutartige Infektion imstande war, vor den in vielen Fällen tödlichen Pocken (je nach Form 30 bis 96%) zu schützen. Diese Impfung mit Kuhpockenviren konnte von einer Person zur nächsten übertragen werden, was auch erwünscht war, um weitere Personen zu schützen. Dies war allerdings nicht ohne Risiko, da dabei auch andere Infektionen wie Syphilis übertragen wurden. Ab 1890 wurde ein standardisiertes Serum hergestellt und regelmässig verwendet. Das Serum wurde mithilfe von Kühen produziert, die absichtlich infiziert worden waren. Die im Serum enthaltenen Bakterien wurden dann abgetötet. Das war die eigentliche Geburtsstunde des ersten Impfstoffes.
Durchbruch der modernen Impfung
Im 19. Jahrhundert wurden nur relativ wenige neue Impfstoffe entwickelt. Das von Pasteur entwickelte Verfahren war ursprünglich gegen Tiererkrankungen vorgesehen (Geflügel-Cholera, Milzbrand und Tollwut) und beruhte auf der Abschwächung der Virulenz der Erreger. 1885 gab es einigen Widerstand gegen den Einsatz des abgeschwächten Tollwutvirus bei Kindern, die von einem tollwütigen Hund gebissen worden waren. Wenn das Kind starb, wurde sein Tod nicht selten dem Impfstoff angelastet und nicht der tödlichen Krankheit. Aber Hunderte von Menschenleben wurden gerettet. Mittlerweile war in den USA das Prinzip der Impfstoffe aus abgetöteten Keimen geboren. Dies erlaubte die Entwicklung von Impfstoffen gegen Typhus, Cholera und Pest.
Das 20. Jahrhundert brachte dann Impfstoffe gegen mindestens zwanzig weitere Krankheiten – etwa gegen Diphtherie (1923) und Tetanus (1926), hergestellt aus inaktiviertem bakteriellem Toxin. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich nicht nur die Entwicklungsmethoden erheblich weiterentwickelt, sondern es wuchs auch das Wissen über die Mechanismen der Immunantworten. Dies war vor allem der Kultur von Viren, der Molekularbiologie, der Gentechnik sowie den umfangreichen klinischen Studien und den erhöhten Anforderungen an die Produktionsqualität und der Sicherheitsüberwachung zu verdanken.
Eine internationale Erfolgsgeschichte
Die Durchführung von gross angelegten Impfprogrammen hatte einen riesigen und gut dokumentierten Einfluss auf die Mortalität und die Morbidität. Beispiele dafür sind das Programm gegen Diphtherie in Kanada Ende der 1920er-Jahre oder die Ausrottung der Pocken im Jahr 1980, welche es erlaubte, die Pockenimpfung einzustellen. Das 1974 von der WHO eingeführte «Erweiterte Immunisierungsprogramm» hatte einen Rückgang der Zahl der weltweiten Diphtheriefälle von einer Million auf weniger als 10 000 zur Folge. Die durchschnittliche globale Impfabdeckung lag bei 81% für drei Dosen, die bis zum Alter von einem Jahr verabreicht wurden. Umgekehrt führte der Wegfall oder die Unterbrechung von Impfprogrammen regelmässig zum Wiederaufleben der Krankheit und zu Todesfällen, was beweist, wie wirksam und nützlich Impfungen sind. Gründe für solche Rückschritte waren beispielsweise politische Unruhen, der Verlust des Vertrauens in der Bevölkerung aufgrund von Vorwürfen schwerer Nebenwirkungen (Keuchhusten in Japan, 1975; Masern in Grossbritannien, 1998) oder sogar durch den Verdacht auf bösartige Absichten (Poliomyelitis in Nigeria).
Die Wirkung von Impfungen geht über den individuellen Schutz von Personen hinaus, die geimpft sind. Letztere bilden durch ihre Immunität ein Hindernis für die Verbreitung der Erreger, sodass sie auch ungeimpfte Personen schützen oder solche, bei denen die Impfung nicht gewirkt hat.
Impfen in der Schweiz: Zusammenspiel verschiedener Partner
In der Schweiz obliegen die Zulassung von Impfstoffen und die Überwachung der Nebenwirkungen dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist verantwortlich für Impfempfehlungen, die im jährlich erscheinenden nationalen Impfplan zusammengefasst und kontinuierlich in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) an die neuesten Erkenntnisse angepasst werden. Impfungen werden auf der Grundlage des erwarteten Nutzens für die Gesundheit der Gesamtbevölkerung und der Einzelpersonen empfohlen. Sie werden dabei in drei Kategorien eingeteilt: Die empfohlenen Basisimpfungen gelten als unerlässlich für das individuelle Wohlbefinden und die öffentliche Gesundheit. Ergänzende Impfungen werden jenen empfohlen, die sich individuell vor speziellen Krankheiten schützen wollen. Schliesslich gibt es die für Gruppen mit erhöhtem Risiko von Exposition, Übertragung oder Komplikationen empfohlenen Impfungen. Die Kosten für empfohlene Impfungen werden im Allgemeinen durch die obligatorische Krankenversicherung vergütet. Dies gemäss den in der Spezialitätenliste und der Verordnung des EDI über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung umschriebenen Bedingungen, nachdem jede einzelne von der Eidgenössischen Arzneimittelkommission und der Eidgenössischen Kommission für allgemeine Leistungen und Grundsatzfragen beurteilt wurde.
Gemeinsam für bessere Durchimpfungsraten
Die Kantone sind zuständig für die Umsetzung der Massnahmen zur Erfüllung der Ziele der öffentlichen Gesundheit. Sie organisieren zum Beispiel mit den schulärztlichen Diensten die Information, die Kontrolle der Impfausweise und gegebenenfalls die Impfungen in der Schule. Impfungen werden von Ärztinnen und Ärzten oder unter ihrer Verantwortung in der Privatpraxis und im Rahmen öffentlicher Gesundheitsdienste vorgenommen, um so einen breiten und einfachen Zugang sicherzustellen. Alle Angehörigen der Gesundheitsberufe tragen im Rahmen ihrer beruflichen Kompetenzen dazu bei. Die Evaluation der Impfmassnahmen wird gemeinsam vom BAG und von den Kantonen durchgeführt. Sie erfolgt in Form von Studien zur Durchimpfungsrate und durch die obligatorischen Meldungen der Krankheiten, die sich durch Impfung vermeiden lassen, sowie den obligatorischen Meldungen von unerwünschten Nebenwirkungen, die von den Pharmakovigilanz-Zentren gesammelt und durch Swissmedic analysiert werden.
Gute Akzeptanz, aber weiterhin Potenzial
Die empfohlenen Basisimpfungen werden in der Schweiz insgesamt sehr gut akzeptiert: 95 bis 96% der Kinder im Alter von zwei Jahren haben drei Dosen des Impfstoffes gegen Diphtherie, Tetanus (Starrkrampf), Pertussis (Keuchhusten), Poliomyelitis (Kinderlähmung) und Haemophilus influenzae Typ b (Hib) erhalten. Es gibt jedoch Verzögerungen und Nachlässigkeiten bei gewissen Impfungen: Im Alter von zwei Jahren haben nur 88% der Kinder die vierte Dosis der obigen Impfung erhalten, und nur 86% haben zwei Dosen des Impfstoffs gegen Masern, Mumps und Röteln erhalten, die in der Zeit zwischen dem 15. und 24. Lebensmonat empfohlen werden. Im Alter von acht Jahren haben 95% die vierte Dosis von DTP (Diphtherie, Tetanus, Pertussis) bekommen, aber nur 80% auch die fünfte Dosis, die im Alter zwischen vier und sieben Jahren empfohlen wird. Bis zum Alter von 16 Jahren haben 95% mindestens eine Dosis des Impfstoffs gegen Masern erhalten, aber nur 88% auch die zweite Dosis. Für die Hepatitis-B-Impfung bei Jugendlichen ist mit durchschnittlich 70% das Ziel erreicht, nicht aber dasjenige für die HPV-Impfung (humanes Papillomavirus) bei Mädchen, die das Risiko von Gebärmutterhalskrebs eindämmt. Angestrebt wird eine Durchimpfungsrate von 80%, derzeit sind aber nur etwa 54% der Mädchen geimpft. Es gibt also ein Potenzial für Verbesserungen.
Impfinformation
Auf der Website des Bundesamts für Gesundheit stehen umfangreiche
Impf-Informationen zur Verfügung:
www.sichimpfen.ch
Alles Wichtige über das Thema Masern und Impfen finden Sie hier:
www.stopmasern.ch
Ein unabhängiger Auskunftsdienst für Impffragen ist die Website InfoVac:
www.infovac.ch
Auf folgender Website können Sie Ihren elektronischen Impfausweis erfassen:
www.meineimpfungen.ch
Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) hat Factsheets zum Thema Impfungen erarbeitet, die auf folgender Website heruntergeladen werden können:
http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00682/00685/03212/index.html?lang=de
Im Shop Bundespublikationen können Flyer, Broschüren und Factsheets zum Thema Impfungen gratis bestellt werden: www.b2cshop.admin.ch/cshop_bbl/b2c/start.do
Kontakt
Virginie Masserey Spicher, Leiterin Sektion Impfprogramme und Bekämpfungsmassnahmen, <email-pii>