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Eine frühe Diagnose und der rasche Einsatz von geeigneten Therapien sind der Schlüssel zur erfolgreichen Behandlung der rheumatoiden Arthritis (RA). Die weit verbreitete entzündliche Gelenkerkrankung trat schon vor tausenden von Jahren erstmals auf – Durchbrüche konnten jedoch erst im 20. Jahrhundert erzielt werden. Mittlerweile kann die Erkrankung bei immer mehr Betroffenen so gut kontrolliert werden, dass diese nahezu beschwerdefrei leben.
Jahrtausende alte Knochenfunde und berühmte Patienten – die Geschichte der RA
Knochenfunde belegen, dass die rheumatoide Arthritis (RA) schon 4500 vor Christus erstmals aufgetreten ist. Danach ist in Schriften immer wieder von Erkrankungen die Rede, deren Symptome zur RA passen. Ein berühmter Patient war im 17. Jahrhundert der flämische Maler Rubens, der in seinen späteren Werken häufig rheumagezeichnete Hände darstellte. 1859 führte der britische Arzt Alfred Baring Garrod schliesslich erstmals den Begriff «rheumatoide Arthritis» ein. Die Behandlungsmethoden beschränkten sich in jener Zeit auf Hausmittel wie Blutegeltherapien. Später wurden den Patienten opiat- und alkoholhaltige Mittel verabreicht, um eine gewisse Linderung zu erzielen.
Anfang des 20. Jahrhunderts ermöglichten Fortschritte in der Radiologie eine präzisere Diagnose von RA und die Abgrenzung von verwandten Erkrankungen wie Arthrose. So begann die moderne Ära der RA-Betrachtungsweise – 1941 erkannte die «American Rheumatism Association» die RA dann als eigenständige Erkrankung an.
Wie bei vielen Erkrankungen wurde ab den 1920er-Jahren auch bei RA Gold eingesetzt. Die Goldsalz-Injektionen, welche erst nach einem halben Jahr eine Wirkung entfalten konnten, gelten als erste Generation von Basismedikamenten gegen RA. Die Basismedikamente werden auch DMARDs genannt (Disease Modifying Anti-Rheumatic Drugs = krankheitsmodifizierende anti-rheumatische Medikamente). Diese wirken entzündungshemmend und können so längerfristig eingesetzt werden, wenn bei Betroffenen konstant Entzündungen auftreten.
Das Jahr 1948 gilt als «Schlüsseljahr» der Rheumatologie im 20. Jahrhundert: In den USA wurde durch Philipp S. Hench erstmals Kortison zur Behandlung der RA eingesetzt. Dieser Einsatz veränderte nicht nur die Rheumatologie, sondern die gesamte Medizin und verbesserte somit das Leben unzähliger Patientinnen und Patienten. In den 1950er-Jahren wurden schliesslich verschiedene synthetisch hergestellte DMARDs zugelassen, beispielsweise das ursprünglich als Malariamittel verwendete Hydroxychloroquin.
Durchbrüche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Die 60er- und 70er-Jahre zeichneten sich vor allem durch diagnostische Neuentwicklungen aus, welche eine differenzierte Einordnung verschiedener Rheuma-Erkrankungen erlaubten.
In den 80er- und 90er-Jahren folgten weitere Meilensteine in der Behandlung der RA. Hervorzuheben ist dabei unter anderem die Entwicklung von Methotrexat. Der zu den synthetisch hergestellten DMARDs gehörende Wirkstoff wurde dank seiner zielgerichteten entzündungshemmenden Wirkung in den 1980er-Jahren rasch auf breiter Basis eingesetzt und läutete eine völlig neue Ära der RA-Behandlung ein.
Ende des 20. Jahrhunderts stand die Entwicklung der Biologika im Fokus. Diese Wirkstoffe greifen in den Entzündungsprozess ein, indem sie beispielsweise Eiweisse, welche Entzündungssignale übermitteln, neutralisieren. Zu den Biologika gehören unter anderem die TNF-Alpha-Inhibitoren. Die entsprechenden Medikamente zeichnen sich durch grosse Wirksamkeit aus – bei den Patientinnen und Patienten konnten damit bessere Ansprechraten erzielt werden als jemals zuvor. In den darauffolgenden Jahren kam es im Bereich der Biologika zu diversen Neu- und Weiterentwicklungen. Für immer mehr Patientinnen und Patienten bedeuteten diese Durchbrüche die Hoffnung auf ein langsameres Fortschreiten der Erkrankung oder gar auf eine Remission (darunter versteht man einen beschwerdearmen, nach bestimmten Kriterien festgelegten Zustand).
Die rasante Entwicklung setzte sich auch in den letzten beiden Jahrzehnten fort. Zum einen wurden neue Wirkmechanismen identifiziert und entsprechende Präparate auf den Markt gebracht (z.B. Anti-IL-6-Rezeptor-Antikörper und Anti-CD20-Antikörper im Bereich der Biologika sowie JAK-Inhibitoren aus der Gruppe der synthetischen Basismedikamente). Zum anderen konnte dank neuer Erkenntnisse auch die Strategie bei der Anwendung von Kortisonpräparaten angepasst werden. Diese spielen nach wie vor eine wichtige Rolle, können aber mittlerweile häufig geringer dosiert werden.1
Dank der durch anhaltende Forschung und Entwicklung erzielten Durchbrüche steht heute eine breite Palette an Medikamenten zur Verfügung. Dies ist von enormer Wichtigkeit, da die RA bei jeder Patientin und jedem Patienten anders verläuft und die geeignete Therapie somit individuell festgelegt werden muss. Zum Einsatz kommen bei der Behandlung der RA heute klassische Schmerzmedikamente (Aanalgetika), nichtsteroidale entzündungshemmende Medikamente (NSAR) zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung sowie Kortisonpräparate mit einem stark entzündungshemmenden Effekt. Die Medikamente aus diesen Gruppen können den Betroffenen zwar grosse Erleichterung bringen, haben aber keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Nicht schmerzlindernd, aber dafür entzündungshemmend wirken hingegen die DMARDs in unterschiedlichsten Formen (konventionell oder zielgerichtet synthetisch hergestellt oder in Form von Biologika).2
Wenn RA-Patientinnen und -Patienten hingegen nicht nach heutigen Erkenntnissen optimal medikamentös behandelt werden, weisen sie eine geringere Lebenserwartung auf, da eine unbehandelte RA auch auf Organe übergreifen kann.3 Dank der modernen RA-Therapie ist es jedoch gelungen, die Anzahl der RA-bedingten Todesfälle kontinuierlich zu senken:
Präzisionsmedizin: rasche Diagnose und Minimierung der Krankheitslast
Die medizinischen Durchbrüche der vergangenen Jahre haben für die betroffenen Patientinnen und Patienten enorme Erleichterungen gebracht und die Krankheitslast massiv verringert. So zeigen beispielsweise Daten von knapp 40’000 Patientinnen und Patienten aus Deutschland einen signifikanten Rückgang der mittleren Krankheitslast. Der Anteil der Betroffenen mit einer niedrigen Krankheitsaktivität war im betrachteten Zeitraum auf beinahe 50 % angestiegen. Sogar auf sozioökonomische Faktoren hat die optimierte Kontrolle der Erkrankung einen Einfluss: Die Zahl der Krankheitstage war am Ende der untersuchten Zeitspanne fast dreimal geringer als zu Beginn.4
Es wird geschätzt, dass theoretisch gar etwa 70% aller RA-Betroffenen im ersten Jahr nach der Diagnose eine Remission erreichen könnten. Um diesen hohen Wert zu erreichen, sind eine frühzeitige Diagnose und der Einsatz der richtigen Therapie essenziell.5 Die Verfügbarkeit von vielen verschiedenen Medikamenten mit unterschiedlichen Wirkmechanismen erlaubt es, die Therapie bei Bedarf anzupassen, bis das Therapieziel erreicht ist. Mit einer Kombination aus den richtigen Medikamenten und unterstützenden Massnahmen wie Physiotherapie können die Beschwerden minimiert und die Lebensqualität entsprechend aufrechterhalten werden.
Die Präzisionsmedizin dürfte in den kommenden Jahren auch für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis weitere Fortschritte bringen. Mittels genetischer Analysen von Gelenkgewebe wird beispielsweise innert kurzer Zeit vorausgesagt werden können, auf welche Medikamente eine Patientin oder ein Patient anspricht. Bald werden Betroffene wohl nicht mehr anhand von klinischen Parametern in unterschiedliche Gruppen eingeteilt, um die Wirksamkeit von Medikamenten vorherzusagen. Stattdessen werden die individuellen genetischen Signaturen die Entwicklung massgeschneiderter Behandlungsschemata ermöglichen.6 Folgeschäden einer fortschreitenden RA-Erkrankung könnten somit bald Geschichte sein.
1 Manger B. et al. (2020): 80 Meilensteine der Rheumatologie aus 80 Jahren. I-IV. Z Rheumatol.
2 Rheumaliga Schweiz (2021): Medikamente bei entzündlichem Rheuma.
3 Internisten im Netz (2017): Rheumatoide Arthritis: Prognose & Verlauf. https://www.internisten-im-netz.de/krankheiten/rheumatoide-arthritis/prognose-verlauf/#:~:text=Patienten%20mit%20rheumatoider%20Arthritis%2C%20die,um%203%2D13%20Jahre%20geringer
4 Fiehn, C. (2011): Rheumatoide Arthritis – Meilensteine für Klassifikation und Therapie. Dtsch Med Wochenschr 136: 203–205.
5 Deutsche Rheuma-Liga (2021): Rheumatische Erkrankungen: Zeit ist Remission. https://www.rheuma-liga.de/aktuelles/detailansicht/rheumatische-erkrankungen-zeit-ist-remission#:~:text=Theoretisch%20k%C3%B6nnten%20bis%20zu%2070,der%20Diagnose%20eine%20Remission%20erreichen
6 Northwestern University (2018): Rheumatoid arthritis meets precision medizine https://news.northwestern.edu/stories/2018/march/rheumatoid-arthritis-meets-precision-medicine/
Rheumatoide Arthritis (RA)
Die rheumatoide Arthritis, früher auch Polyarthritis genannt, ist eine entzündliche Gelenkerkrankung. Lange war die Ursache unklar – heute wird davon ausgegangen, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt. Das Immunsystem richtet sich gegen eigene Körperzellen in den Gelenken, Schleimbeuteln sowie Sehnenscheiden und löst so Entzündungen aus. Im Krankheitsverlauf können neben den Gelenken auch innere Organe betroffen sein. Die RA gehört zu den über 200 unter dem Begriff «Rheuma» zusammengefassten Erkrankungen.
Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr erstmals auf, Frauen erkranken dreimal häufiger als Männer. Risikofaktoren wie Übergewicht oder Rauchen begünstigen das Auftreten einer RA. In der Schweiz ist ungefähr 1% der Bevölkerung betroffen – die rheumatoide Arthritis ist somit die am weitesten verbreitete chronisch entzündlich-rheumatische Erkrankung überhaupt.
Die Symptome der RA sind vielfältig und können sich im Verlauf der Erkrankung auch ändern. Häufig leiden Betroffene zu Beginn unter unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, nächtlichem Schwitzen oder Appetitlosigkeit. Später kommen schleichend typische Symptome wie beidseitige Gelenkschmerzen und -schwellungen sowie Morgensteifigkeit hinzu.
Die Diagnose der Erkrankung erfolgt mittels bildgebender Verfahren, Blutuntersuchungen und körperlicher Untersuchungen wie Abtasten der Gelenke. Eine frühzeitige Behandlung ist von grosser Wichtigkeit, da die Schäden der RA im weiteren Krankheitsverlauf stetig zunehmen.