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Biografie
Johnny Cash: Country-Idol mit Ecken und Kanten
Rebellisch, authentisch und eine Stimme, so rau und emotional, dass sie direkt ins Herz geht: Johnny Cash war nicht nur der King of Country, er galt auch als Charakterkopf, als Individualist. Seine zahlreichen Höhen und Tiefen machten ihn menschlich und zum Vorbild für mehrere Generationen und Musiker verschiedener Genre.
Die ersten Jahre: Frühe Heirat, Dienst bei der Air Force
Der am 26. Februar 1932 in Kingsland geborene Johnny Cash bekam seine erste Gitarre im Alter von zehn Jahren von seiner Mutter geschenkt. Wenngleich seine große Familie – er hatte sechs Geschwister – bei der Arbeit und in der Freizeit gerne sang, blieb für seine Leidenschaft nicht viel Zeit: Bereits ab seinem fünften Lebensjahr half er seiner Farmer-Familie auf dem Baumwollfeld aus. In seiner Kindheit und frühen Jugend kam der als „J. R.“ Getaufte mit Gospels und der Radiomusik der 1930er und 1940er in Berührung. Die Gospelmusik sollte für den tiefreligiösen Cash lebenslang eine bedeutungsvolle Rolle spielen, der er in eigenen Gospel-geprägten Alben Ausdruck verlieh.
1950 ging der Sänger mit der markanten Bassbariton-Stimme zur Air Force. Während seiner Dienstzeit in Deutschland gründete Cash seine erste Band, die Landsberg Barbarians, und zeigte sein zweites musikalisches Talent – das Mundharmonikaspiel. Nach seiner Militärzeit heiratete er 1954 die zwei Jahre jüngere Vivien Liberto, mit der er vier Töchter hatte und nach Memphis in Tennessee zog.
Seite an Seite mit Elvis: Karrierestart unter Sun Records
1955 gelang ihm endlich der Durchbruch: Johnny Cash konnte Sam Phillips, Besitzer und Produzent des Plattenlabels Sun Records, nach einigen gescheiterten Versuchen von seinem musikalischen Talent überzeugen. Gemeinsam mit seiner Band Tennessee Two nahm er seine erste Sun-Single „Cry! Cry! Cry!“ mit „Hey Porter“ auf der B-Seite auf, die prompt die Country-Charts eroberte. Seinen ersten großen Auftritt hatte die Band als Vorgruppe für keinem Geringeren als Elvis Presley, der ebenfalls bei Sun Records unter Vertrag stand und im Laufe der Zeit Cash vergötterte.
In den nachfolgenden Jahren entstanden einige seiner größten Welthits wie „Folsom Prison Blues“ (1955), „I Walk the Line“ (1956) und „Ring of Fire“ (1963). Mit seinem Protestsong „The Ballad of Ira Hayes“ (1964), der das Schicksal des gleichnamigen indianischen Kriegshelden, der als bettelarmer Alkoholiker verendete, thematisiert, manifestierte sich sein Ruf als authentischer Künstler.
Nach jahrelangem Drogenmissbrauch: Johnny Cash stürzt in die Tiefe
Ständig von einem Auftritt zum nächsten jagend, ging seine erste Ehe in die Brüche. Die Scheidung war auch seinem außer Kontrolle geratenen Tabletten- und Drogenmissbrauch geschuldet. So wurde er 1965 in Texas verhaftet, nachdem er versuchte, über 1.000 Amphetamintabletten von Mexiko in die USA zu schmuggeln. Cash fiel in eine schwere Depression und wollte eigenen Aussagen zufolge nur noch sterben. Doch er erkannte, dass er seinen eigenen Todeszeitpunkt nicht selbst festlegen konnte.
Der Wendepunkt: Entzug und Heirat mit June Carter
June Carter, mit der er bereits „Ring of Fire“ komponierte und über all die Jahre eine geheime Liebschaft pflegte, half ihm aus seinem tiefen Sumpf. Gemeinsam mit ihren Eltern schaffte sie es, den von Drogen gezeichneten Ausnahmekünstler von seiner Sucht zu befreien. June Carter sollte 1968 seine zweite Ehefrau werden, seine große Liebe, mit der er bis zu ihrem Tod im Mai 2003 zusammenblieb. Sie war es auch, die ihn wieder zum Christentum brachte.
Nach jahrelangen Eskapaden und zig Auftritten im Vollrausch, trat Johnny Cash im Jahr 1967 das erste Mal seit mehr als zehn Jahren wieder nüchtern auf. Er gab ein Konzert an der Highschool von Hendersonville.
Legendäres Konzert im Gefängnis
Darauf folgten seine glorreichen Jahre. Sein wohl legendärstes Konzert ist das im kalifornischen Gefängnis von San Quentin im Jahre 1969. Seine musikalischen Fertigkeiten kamen beim ungewöhnlichen Auditorium an. Noch mehr war es aber seine Attitüde, die das lautstarke Publikum hellauf begeisterte – Johnny Cash präsentierte sich selbstbewusst, er spielte mit den rauen Kerlen vor ihm, provozierte sie mit Sprüchen wie „Sorry, I couldn't hear you, I was talking!“ (dt.: „Entschuldigung, ich konnte Euch nicht hören, ich habe grad gesprochen“) und wurde damit zu einem der ihren, zu einem Outlaw. Country-Musik war spätestens seit diesem besonderen Konzert der Popgeschichte nicht mehr eine Marotte amerikanischer Hinterwäldler, sie durchbrach Mauern und erreichte Außenseiter genauso wie Gutbürgerliche sowie Musiker jeden Genres wie etwa Rapper Eminem.
Weitere Erfolge: „Man in Black“ und Auftritte im Fernsehen
Seine Erfolge sollten weitergehen: Von 1969 bis 1971 erhielt er auf dem Sender ABC seine eigene Fernsehshow, die ihn einem noch breiteren Publikum bekannt machte. Darüber hinaus ergatterte er eine Rolle im Western „Gunfight“ an der Seite von Kirk Douglas. Und eine weitere Attitüde sollte sich Anfang der 1970er herauskristallisieren: Nach dem Erscheinen seines Albums „Man in Black“ sah man Johnny Cash nur noch in schwarzer Kleidung – für die Verlierer und schlechter Gestellten dieser Welt, wie er selbst sagte.
Das Comeback mit „American Recordings“
Ende der 1970er wurde es etwas stiller um die Country-Legende. Sein Zenit schien überschritten, doch sein Feuer erlosch nie. In den 1980ern musizierte er erfolgreich mit den Highwaymen und interpretierte außerdem einige Songs aus Bruce Springsteens Album „Nebraska“. Sein großes Comeback feierte er aber 1994: Auf dem vom Hip Hop-Experten Rick Rubin produzierten Album „American Recordings“ ertönt ein neuer Johnny Cash. Neben seinen eigenen Songs raunt er Stücke von Leonard Cohen, Glenn Danzig und Tom Waits, begleitet von seiner Akustikgitarre. Das kam an. Obgleich er Songs anderer Künstler sang, machte er sie auch zu seinen eigenen. Das geliehene Liedgut tat seiner Authentizität keinen Abbruch. Im Gegenteil, es bestärkte sein unnachahmliches Talent und brachte seinen Facettenreichtum abermals zum Vorschein.
Noch bis kurz vor seinem Tod Musiker mit Leib und Seele
Einer seiner bekanntesten Songs aus der „American Recordings“-Serie ist der 2002 veröffentlichte Song „Hurt“ – im Original von der Band Nine Inch Nails. Zu diesem Zeitpunkt ist der Mann in schwarz bereits schwer krank. 1999 diagnostizierte man bei ihm – nach mehreren Fehldiagnosen – eine Nervenkrankheit, die ihn körperlich einschränkte. Weiterhin litt er an starkem Asthma und wurde mehrmals mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Dennoch nahm er weiterhin Alben auf und versuchte, der Krankheit nicht so viel Raum in seinem Leben zu geben.
Am 12. September 2003 starb Johnny Cash im Alter von 71 Jahren im Baptist Hospital in Nashville an Lungenversagen. Nur vier Monate zuvor, am 15. Mai 2003, verstarb seine Ehefrau June Carter an den Folgen einer Herzklappenoperation.
Posthum erschienen weitere seiner Werke wie „Unearthed“, eine 5-CD-Box mit über 60 unveröffentlichten Songs sowie 2014 das Album „Out Among The Stars“.
Fazit
Am 12. September 2003 verlor nicht nur die Country-Szene ihr Idol. Johnny Cash erreichte mit seiner Musik, die sich fortwährend entwickelte und doch immer seinen einzigartigen Stempel trug, die breite Masse. Weil er menschlich war und sich dieses Menschsein unverkennbar in seiner fragilen, tiefen und emotionalen Stimme wiederfand. Seinen Fans hinterlässt er ein Sammelsurium großer Hits wie „Ring of Fire“ und „I Walk the Line“.