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Hans Fehr, Salomon Landolt-Weg 34, 8193 Eglisau
Von Hans Fehr, Nationalrat von 1995-2015, in dieser Eigenschaft Mitglied der Staatspolitischen sowie der Sicherheitspolitischen Kommission, OberstleutnantTeil 6 meiner Erlebnisse aus rund 1400 Tagen Militär
Kurz nach meiner "Minenwerfer-Ära" wird mir das Kommando einer Korps-Stabskompanie
(Stabskompanie des damaligen Feldarmeekorps 4) angeboten. Nach kurzer Bedenkzeit sage
ich zu, denn ich will wieder ein Kommando und keine Stabsfunktion. Zunächst soll ich
mich aber beim Kommandanten des Stabsregiments, Oberst Hans Heckmann, Generaldirektor
bei der damaligen SBG, vorstellen. An einem Samstagnachmittag treffe ich in den
"heiligen Hallen" am Paradeplatz einen lockeren, hemdsärmligen, kollegialen Heckmann,
der sich dann auch bei kommenden grossen Übungen des Korps bzw. des Korpsstabes als
solcher entpuppt und sich auf das Wesentliche konzentriert. Als bei einer grossen
Übung Politiker und ausländische Generäle als Gäste kommen, organisiert Heckmann
zu ihrem Empfang per Telefon ganze Polstergruppen und andere Zutaten von der SBG
- ein Beispiel guter Zusammenarbeit Zivil/Militär.
Meine Korpsstabskompanie ist zuständig für den Betrieb des Kommandopostens (KP) des Korps, sowohl bei Stabsübungen als auch bei Volltruppenübungen und muss die dafür nötigen Dienstleistungen sicherstellen. Sie besteht aus dem Kommandozug, dem Stabs-, Motorfahrer-, Sanitäts- und dem Sicherungszug. Meine Spezialisten müssen u.a. die Pforten des KP sichern (Personenkontrolle, Identifikation), die Nachrichtenkarten zeichnen und nachführen sowie die ganze Infrastruktur sicherstellen.
Bei grossen Übungen, zum Beispiel 1989 beim "Dreizack" werden mir zusätzliche Sicherungszüge - ehemalige Kavalleristen - unterstellt. Am Sonntagmorgen im KVK 1989 kommt Hans-Rudolf Blumer, den ich von der Übung in Bure bereits kenne (nunmehr Brigadier und Stabsschef des Feldarmeekorps 4), für eine kurze Theorie mit den Ex-Kavalleristen zu uns nach Gachnang bei Frauenfeld. Um irgendein Verhaltensmuster zu erklären, fragt er einen älteren Ex-Kavalleristen: "Wie hetti sich Ihres Pferd i däre Situation verhalte?" Dieser antwortet: "Herr Brigadier, das chan ich Ihne nid säge - ich bi ja keis Ross!" Da bleibt selbst dem sonst schlagfertigen und zackigen Blumer das Wort im Hals stecken, und die Episode wird während dem ganzen WK immer wieder herumgeboten.
Die Gesamtverteidigungsübung Dreizack vom 6. bis 16. November hat es in sich. Ich bin mit meiner Korpsstabskompanie in der alten Kaserne beim Bahnhof Frauenfeld stationiert, wo wir den Betrieb und die Sicherheit der höheren Stäbe im Schichtbetrieb in drei Ablösungen rund um die Uhr gewährleisten. Intensiv geübt wird die Zusammenarbeit Militär-zivil. Militärischer Übungsleiter ist Korpskommandant Josef Feldmann ("Pater Josef"). Beteiligt sind der Stab Feldarmeekorps 4 mit der Felddivision 7, der Mechanisierten Division 11 sowie den Grenzbrigaden 7 und 8. Für die Übungsleitung "zivil" mit etwa 20'000 Teilnehmern (kantonale Führungsstäbe/Kantonsregierungen, Gemeindeführungsstäbe, Teile der kantonalen Zivilschutzorganisationen und Ortsleitungen) zeichnet der Zürcher Regierungsrat und Generalstabsoberst Alfred Gilgen verantwortlich. Endlich, so stellen wir fest, wird realitätsnah geübt. Regierungsräte und andere Politiker sind nicht nur - wie sonst üblich - nur als Gäste mit Kaffee und Gipfeli dabei, sondern sie sind in die Übung einbezogen, müssen Lagebeurteilungen vornehmen und Entschlüsse fassen.
Der legendäre St. Galler Ständerat und Regierungsrat Ernst Rüesch, ziviler Übungsleiter für seinen Kanton, stellt zurecht fest: "Üben dient dem Ernstfall." Rüesch ist im Übrigen ein hervorragendes Beispiel für das Funktionieren des Milizsystems: Er war seinerzeit nicht nur Kommandant der Grenzbrigade 8 sondern u.a. auch Mitglied und Präsident des Verwaltungsrates von Rentenanstalt/Swisslife. Über die zivile Seite der Gesamtverteidigungsübung, insbesondere den Zivilschutz, zieht er die folgende Bilanz: "Die Leistungen reichen von sehr gut bis ungenügend."
Vielleicht hat er dabei auch an das folgende kleine Ereignis gedacht: Interessierter Besucher der Übung ist auch Generalleutnant (Viersternegeneral) von Ilsemann, Generalinspekteur und damit ranghöchster Offizier der Deutschen Bundeswehr. Auf einem Übungsplatz des Zivilschutzes taucht er unvermittelt auf, und ein Zivilschützer will sogleich seine Kübelspritze zum Löschen kleiner Brandherde vorführen. Die "Demonstration" wird zum Debakel. Nur ein kleines Rinnsal kommt aus dem Rohr. Ilsemanns Reaktion kommt auf dem Fuss: "Weiterfahren!" befiehlt er seinem Chauffeur.
Die eindrückliche Übungsbesprechung mit allen Kadern der beübten Verbände, umrahmt vom Armeespiel, umfasst zwei Höhepunkte: Alfred Gilgen, als ziviler Gesamtleiter, präsentiert eine messerscharfe "Bilanz in elf Punkten" - wie man es von ihm gewohnt ist. Und der Thurgauer Regierungsrat Hermann Bürgi, der leichtfüssig auf die Bühne springt, wagt es, Korpskommandant Feldmann in einem zentralen Punkt bei dessen Ausführungen zu widersprechen - etwa nach dem Motto: "Das Sagen hat in diesem Fall die zivile Gewalt, Herr Korpskommandant. Und das sind nicht Sie. Das bin ich!" "En fräche Siech", sagen nachher etliche Anwesende, "aber Bürgi hat Recht!"
Speziell an diesem denkwürdigen WK 1989 ist auch die Tatsache, dass am 26. November - nach zwei Wochen WK - die Abstimmung über die Volksinitiative zu Armee-Abschaffung stattfindet. Spannung liegt in der Luft. Die zentrale Frage der Soldaten beim Abtreten in den Urlaub lautet: "Müssen wir im Fall einer Annahme überhaupt noch für die letzte Woche einrücken?" Die Antwort ist natürlich JA. Denn bei einem JA zur Initiative hätten Bundesrat und Parlament zuerst das genaue Prozedere festlegen und beschliessen müssen.
Die Frage stellt sich dann allerdings nicht. Die Initiative wird mit 64,4 Nein- gegen 35,6 Prozent Ja-Stimmen, bei einer Stimmbeteiligung von 69,2 Prozent abgelehnt. Dazu kommt ein überaus deutliches Ständemehr. Nur die Kantone Jura und Genf stimmen der Initiative zu. Zum relativ hohen JA-Anteil trägt zweifellos der Mauerfall vom 9. November 1989 und die damit einsetzende Friedenseuphorie bei. Dazu kommt, dass bei der erwähnten Gesamtverteidigungsübung "Dreizack" zum Teil ganze Bataillone während Tagen untätig herumgestanden sind, was weitherum Kritik ausgelöst und den Abschaffungsbefürwortern in die Hände gespielt hat.
(Fortsetzung folgt)