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Ich habe Diego Armando Maradona dreimal getroffen. Zum ersten Mal Anfang 1994, als Diego nach der ersten Dopingsperre in seiner argentinischen Heimat noch einmal untergekommen war. Bei Newell’s Old Boys in Rosario. Der Heimat von Ché Guevara und Lionel Messi, der damals gerade fünfjährig war.
Erpresst von den Hooligans
Für Rosario, 300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires, war es, als wäre der Allmächtige höchstpersönlich zu ihnen heruntergestiegen. Dabei hätte Diego nach seiner ersten Dopingsperre, doch eigentlich zu seinem Jugendklub Argentinos Juniors zurückkehren sollen. Doch die berüchtigten Argentinos-Hooligans wollten auch ihr Stück haben vom Transfer und verlangten von Diego 50'000 Dollar.
Andernfalls, so sagte ihr Capo ganz freimütig, seien Maradona und seine Familie ihres Lebens nicht mehr sicher. In Argentinien musste man solche Drohungen schon damals sehr ernst nehmen.
«Komm morgen, Junge»
Newell’s Old Boys in Rosario also: Maradona residierte im damals vornehmsten Hotel der Stadt, dem «Riviera» an der Avendia Corrientes. Zu seinem ersten Training kamen 40'000 Fans.
«Wir brauchen ein Interview mit Maradona», hatte mein Chefredaktor gesagt. Daran war erst mal nicht zu denken. Bei jeder Trainingseinheit belagerten 20 Kamerateams und zwei Dutzend weitere Reporter das Trainingsgelände. Vor dem Hotel Riviera sah es nicht besser aus. Als Europäer, der nicht so einfach als Journalist zu erkennen war, gelang es mir, bis in die Lobby vorzudringen. Als Diego vom Mannschaftraining zurückkam, bat ich um ein kurzes Interview für meine Schweizer Zeitung. «Komm morgen, Junge. Oder besser nächste Woche», sagte Diego, bevor er im Aufzug verschwand. So ging das eine Zeit lang. Vier-, fünfmal sagte Diego: «Mañana. La semana que viene», bis man auch mir keinen Einlass ins Hotel mehr gewährte.
Vier Monate und fünf Spiele später war Diego ohnehin wieder weg aus Rosario.
Maradona schiesst mit Luftgewehr auf Reporter
Ich versuchte es ein paar Wochen danach noch einmal in Moreno, einem Stadteil von Buenos Aires, wo Maradona vorübergehend wohnte. Jeden Morgen stellte ich mich zu den Kamerateams und den Radioreportern vor Diegos Haus. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich die Sinnlosigkeit meines Unterfangens ziemlich schnell eingesehen hatte. Wenige Tage danach feuerte Diego mit einem Luftgewehr auf die wartenden Journalisten.
Es dauerte fast sieben Jahre, bis ich Diego wieder begegnete. Im September 2000 stellte er im «Hilton» in Buenos Aires seine Autobiografie vor. Ich hatte seit Wochen Kontakt zu einem seiner Berater gehabt. «Komm einfach an die Präsentation, dort kannst du dann ein paar Fragen stellen.»
Journalisten feiern Diego
Als ich eine Stunde vor dem Termin beim «Hilton» vorfuhr, standen dort bereits 50, oder wohl eher 100 Reporter. Argentinier, Brasilianer, Franzosen, Italiener, Engländer, Mexikaner, Japaner. 1500 Plätze waren im Konferenzraum reserviert worden.
Als Diego mit einer Stunde Verspätung den Raum betrat, umarmte er zunächst einmal zwei Dutzend Leute. Dann plötzlich standen alle im Saal, applaudierten und sangen gemeinsam: «Olé, olé, olé, olé, Diego, Diego.»
Unnötig zu sagen, dass ich meine Fragen nicht stellen konnte.
«Blast euch eins!»
Erneut vergingen neun Jahre. Diego war inzwischen Trainer der argentinischen Nationalmannschaft, die sich gerade mit zwei glückhaften Last-Minute-Siegen für die WM 2010 in Südafrika qualifiziert hatte. Ich hatte die meisten Partien der Argentinier im Stadion als Reporter verfolgt und hätte eigentlich auf der Tribüne und bei der Pressekonferenz nach dem letzten Qualifikationsspiel sitzen sollen.
Doch weil ich kurz davor eine neue Stelle bei BLICK angetreten hatte, schaute ich die Partie in der Schweiz im TV. Und verpasste einen seiner legendärsten, ganz sicher aber seinen denkwürdigsten Auftritt als Trainer. «Ich bedanke mich beim Team und dem argentinischen Volk», sagte Diego nach geschaffter Qualifikation. Dann wischte er sich mit einem Badetuch ganz langsam den Schweiss aus dem Gesicht: «Und all jene, die nicht an uns geglaubt haben, all ihr Journalisten. Euch sage ich: Blast euch eins – und dann gleich noch eins!»
Gesungen und applaudiert hat danach niemals mehr ein Reporter. Aber wir alle haben geweint, als Diego am vergangenen Mittwoch für immer verstummte.
*Martin Arn war sechs Jahre Korrespondent in Buenos Aires und langjähriger BLICK-Mitarbeiter. Auf ein Exklusivinterview mit Maradona im Jahr 2009, das 35’000 Dollar gekostet hätte, hat sein damaliger Chefredaktor dankend verzichtet.