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Es liegt in der Natur der Sache, dass mit dem Erreichen des ehrwürdigen Rekords auf der einen Seite ein Loslassen der traurigen Art auf der anderen Seite einhergeht: Alexander Imich ist der älteste Mann der Welt, seit der 112-jährige Italiener Arturo Licata das Zeitliche gesegnet hat. Imich ist 111 Jahre alt.
«Ich weiss auch nicht, was passiert ist», sagte der Amerikaner mit polnischen Wurzeln dem Sender NBC. «Ich bin einfach nicht früher gestorben.» Aber auch nicht früher geboren als die älteste Frau: Die Japanerin Misao Okawa zählt 116 Lenze und ist so alt wie die Young Boys Bern.
Nun, was passierte 1903, als Imich zur Welt kam? So einiges, Sie werden sehen.
Damals wird in Bern ein umtriebiger Italiener verhaftet. Der Delinquent ist gerade mal 19 Jahre jung. Ein armer Wanderarbeiter, der zum Streik, notfalls auch mit Gewalt, aufruft. Er landet dafür zehn Tage im Gefängnis, bevor er nach Italien abgeschoben wird. Er kehrt jedoch prompt zurück. Der Name des damaligen Sozialisten: Benito Mussolini.
Der Grundschullehrer und spätere Faschistenführer war am 9. Juli 1902 in die Schweiz gekommen, um sich als Steinmetz mal in Orbe, mal in Genf, mal in Fribourg oder Bern zu verdingen. Ausserdem entgeht er so dem Militärdienst. Seine sozialistische Einstellung verdankt er seinem Vater, er schreibt in Lausanne gar für die Gewerkschaftszeitung «L'Avvenire del Lavoratore» (Die Zukunft des Arbeiters).
Bei seinen Landsmännern, die in der Schweiz schuften, fallen die Worte des Gewerkschaftlers auf fruchtbaren Boden. Und bei der ihn überwachenden Polizei auf offene Ohren: Die verhaftet ihn 1904 in Genf erneut, dieses mal wegen falscher Papiere. Mussolini schert sich darum nicht, fährt erneut nach Lausanne und besucht dort Uni-Vorlesungen des von ihm bewunderten Soziologen Vilfredo Pareto. Danach endet sein Intermezzo in der Schweiz, bis er 1913 wieder einreist, um einen Vortrag zu halten.
Ein Gastspiel auch in Basel: Am Rhein kommt zum sechsten Mal der Zionistische Kongress zusammen. Seit dem ersten Treffen 1897 in Basel ist die Grenzstadt ein Mekka der Bewegung für einen jüdischen Staat, wie ein Tagebucheintrag ihres Vorkämpfers Theodor Herzl aus jenem Jahr beweist:
Sechs Jahre darauf ist alles anders: Europas Juden stehen unter dem Eindruck der bis dato schwersten Pogrome gegen die Gemeinschaft. Im russischen Kischinew werden nach dem Ostersonntag-Gottesdienst am 6. und 7. April 1903 jüdische Bürger gejagt, misshandelt, ermordet. Kischinew heisst heute Chisinau und ist Hauptstadt Moldawiens. 92 Menschen werden schwer- und 500 leicht verletzt, fast 50 jüdische Russen kommen um.
Herzl, der verhinderte Staatenlenker, versucht vor dem Kongress in Basel noch, auf der Halbinsel Sinai eine Bleibe für die Juden zu finden, doch die Wasser-Reserven von El Arisch im heutigen Ägypten reichen nicht aus. In Basel diskutieren die Kongressteilnehmer ein britisches Angebot, die Gemeinschaft könnte in einer Kolonie in Ostafrika, im heutigen Kenia siedeln. Fälschlicherweise ist diese Idee heute als Uganda-Plan bekannt. Der Kongress hält aber an dem Plan fest, auf einen Platz in Palästina zu warten. Herzl stirbt ein Jahr später und wird nie erleben, wie sein Traum von Eretz Israel Realität wird.
Grosser Bahnhof in Graubünden: Am 1. Juli 1903 wird das Engadin durch die Albulabahn verkehrstechnisch erschlossen. Die Linie, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist mit ihren weiten Viadukten eine technische Meisterleistung. Fünf Jahre haben die Bauarbeiten für die Strecke zwischen Thusis und Celerina gedauert, ein Jahr später erst wurde auch St. Moritz angefahren.
Die Bahnlinie führt zu einem Boom: Bald muss die Rhätische Bahn wegen des Andrangs neue Waggons bestellen, während in ihrem Einzugsgebiet neue Hotels gebaut werden. In Pontresina entseht 1905 der Schweizerhof, in St. Moritz das Grand Hotel und das Hotel Calonder im selben Jahr, das Cresta Palace in Celerina 1906. Gasthäuser wie das Hotel Bernina in Samedan erweitern ihre Zimmer: Bevor die Eisenbahn fuhr, dauerte die Kutschfahrt von Chur nach St. Moritz noch geschlagene 14 Stunden.
Die Bezwingung der Alpen wäre ohne die technischen Innovationen der Jahrhundertwende undenkbar gewesen. Erst trieben Dampfmaschinen die Gesellschaft voran, dann gleiste der Verbrennungsmotor das nächste Etappenziel auf: In den USA werden 1903 gleich zwei Unternehmen gegründet, deren Namen durch die Welt gehen werden.
In Milwaukee, Wisconsin, tun sich ein technischer Zeichner und ein Modellbauer zusammen, um einen Motor auf einen Velorahmen zu montieren. William S. Harley ist gerade mal 23 Jahre alt, als er mit seinem Jugendfreund Arthur Davidson die erste Harley-Davidson erschafft. Gebaut im Schuppen der Davidsons – was auch erklärt, warum Arthurs Brüder William und Walter ins Geschäft einsteigen.
Der 39-jährige Henry Ford hingegen wird 1903 schon zum zweiten Mal ein Autobauer. Die Firma, die er mit Geschäftspartner zwei Jahre zuvor in Detroit gegründet hat, bringt ihn nicht voran. Sie ist heute unter dem Namen Cadillac bekannt. Die Ford Motor Company hingegen schreibt Geschichte. Je nach Gusto wegen der Gefährte, aber unbestritten wegen der Fertigung.
Die Erfindung der Fliessbandarbeit in der Ford Motor Company im Staat Michigan macht das Auto zur Massenware: Von den ersten Typen A, C und AC werden knapp 1700 Exemplare gebaut, das Modell T wird dagegen von 1908 bis 1927 über 15 Millionen Mal hergestellt. Eine Bestmarke, die erst 45 Jahre später geknackt wird – vom VW Käfer.
Die Gebrüder Wright hätten Fords Zulieferer werden können, denn eigentlich wollten sie eine Fabrik für Verbrennungsmotoren bauen, fanden aber kein Kapital. Der Werdegang der Amerikaner ist bemerkenswert: Sie gründeten eine Druckerei, betrieben und schrieben selbst eine eigene Zeitung, entschlossen sich dann aber, eine Velowerkstatt aufzumachen.
Hier holen sie sich das mechanische Rüstzeug, entwerfen eigene Velomodelle und konstruieren ab 1900 einen Gleiter, den sie mit einem Motor versehen. Am 17. Dezember 1903 erhebt sich der Flyer in Dayton, Ohio, zum ersten Motorflug der Menschheit in die Lüfte. Der Ruhm wird brüderlich geteilt: Orville (32) und Wilbur (36) fliegen an jenem Tag jeweils zwei Mal.
Auch die Populärkultur profitiert von der Technik: Der Stummfilm «The Great Train Robbery» («Der grosse Eisenbahnraub») lässt die Menschen in die neumodischen Kinos strömen. Der erste Western ist mit seinen 14 Szenen und zwölf Minuten quasi auch der erste Actionfilm der Geschichte.
Der Streifen wird Jahre später als wegweisend erachtet werden, obwohl er weder Schnitt noch Kameraführung neu erfindet. Das zeigt, das Nachzügler manchmal dadurch bestehen, dass sie das Vorhandene am besten bündeln.
Womit wir in der Schweiz wären. Und bei Watson. Dem Doktor in Diensten von Sherlock Holmes, versteht sich. Denn der sorgt 1903 für Aufruhr unter seinen Fans, die ihn lieber tot und in seinem nassen Schweizer Grab sehen wollen. Klingt krude, ist aber wahr: Eigentlich starb Sherlock Holmes 1893 den Roman-Tod, weil Sir Arthur Conan Doyle auch mal was anderes schreiben wollte. Eine Randnotiz: In London trugen Menschen deswegen Trauerflor.
Holmes war mitsamt seinem Widersacher den Reichenbachfall bei Meiringen BE heruntergestürzt. Ferien mit seiner tuberkulosekranken Frau hatten Doyle auf die Idee gebracht. Doch 1903 liess der Autor, 44, den lukrativen Detektiv mit dem Roman «The Adventure of the empty House» («Das leere Haus») wieder auferstehen. Sherlocks Schatten Watson hatte nun plötzlich doch noch seinen Freund greifen können, bevor der fiel. Wütende Proteste der Fans waren die Folge.
Nach der (halb-)nationalen Nabelschau ziehen wir zuletzt den Fokus noch einmal auf, denn 1903 gibt es zwei Ereignisse, die ihre Schatten auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorauswerfen: In Istanbul im Osmanischen Reich wird die Konzession zum Bau der Bagdadbahn erteilt. Deutsche Investoren sollen eine Linie von Istanbul nach Basra bauen, nebst Abzweigung Richtung Mekka und Medina. Der britische King Edward VII. was not amused.
Wer nun sagt, die Briten seien gegen das Deutsche Reich wegen dessen Flottenpolitik in den Krieg gezogen, hat Recht. Aber auch wegen dieser Eisenbahn, denn auch sie bedrohte das, was für London am wichtigsten war: Freie Seewege zur Schatzkiste Indien. Die Karte erläutert die Lage am anschaulichsten.
Sie sehen oben links das Osmanische Reich (gelb) auf einer Karte von 1822. Die Eisenbahn hätte dem Sultan ermöglicht, Truppen deutlich schneller von Anatolien an die Grenzen seines übergrossen Staates zu bringen. Zum einen zur Halbinsel Sinai, wo der Suezkanal eine neuralgische Stelle des Seewegs nach Indien bildet, zum Zweiten an den Persischen Golf. Zum Dritten enthielt die Konzessionen auch die Hoheit über einige Kilometer links und rechts der Gleise.
Und auch London war heiss auf Öl aus dem Zweistromland: Vorsorglich schlossen die Briten ein Geheimabkommen mit einem örtlichen Emir, damit das Deutsche Reich an Ende der Bahnlinie keine Kohlestation für seine Marine bauen konnte. Des Emirs Gebiet wurde nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs eigenständig: Kuwait.
Logisch: Wenn Sie, mit Verlaub, der nicht gerade sympathische Zeitgenosse Edward VII. wären, würden Sie des Sultans Söldner ihre Baumwollfelder in Ägypten bedrohen lassen? Oder die Kreuzer Ihres Neffen Wilhelm II., den direkten Draht nach Bombay? Zumal der Kaiser aus Berlin ebensowenig liebenswürdig ist wie Sie, Eure Hoheit?
Natürlich nicht! Sie würden lieber mit einem bis dato ungeliebten Nachbarn paktieren. Dachte sich auch Edward, versuchte einen Staatsbesuch lang, sich zu benehmen und traf im Mai Frankreichs Präsidenten Émile Loubet in Vincennes. Der Lohn: Die Entente Cordiale wird 1904 geschlossen – das britisch-französische Verteidigungsbündnis, das das Ende des Wilhelminischen Reiches einläutete.
Die USA tun (auch) 1903 so, als wären sie ganz anders als jene Europäer, die Kolonialherren, die Alte Welt. Es ist aber auch das Jahr, in dem Washington eine Region in Kolumbien zur Rebellion ermuntert: Panama. Flotte vier Tage nach der Unabhängigkeitserklärung am 2. November wurde der neue Staat anerkannt. Im Gegenzug erhält Uncle Sam bis heute die Hoheitsrechte über die Region, in der später der Kanal entstand.
Und näher vor der Haustür, auf Kuba, wird ein Stück Land gepachtet: Guantánamo. Eine Laufzeit wird nicht vereinbart, so dass der Vertrag nach US-Auslegung nur endet, wenn Washington nicht zahlt, abzieht oder sich mit Havanna auf einen Abzug einigt.
Noch heute gibt der US-Stützpunkt auf Kuba zu reden: 1903 ist nun mal nicht so weit von der Gegenwart weg, wie es den Anschein haben mag.