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Das Kompositionsprinzip des Goldenen Schnitts ist ein altes und wurde bereits in der Antike (Ägypten, Griechenland) vor allem bei Bauwerken angewendet, später dann bei Kathedralen und Renaissance-Bauten. Während der Renaissance fand das Prinzip auch zusehends Anwendung bei Bildern. Die Natur wurde nach den Massen des Goldenen Schnittes vermessen und ein Ideal-Mensch wurde von Leonardo da Vinci entsprechend konstruiert.
Was zeichnet diesen Goldenen Schnitt genau aus?
Verhältnisse des Goldenen Schnitts
Der Goldene Schnitt ist ein exakt definiertes Verhältnis zwischen zwei Teilstrecken, einer längeren (Major) und einer kürzeren (Minor). Diese Strecken stehen im Verhältnis des goldenen Schnittes, wenn sich die gesamte Länge aus Major plus Minor gleich verhält wie Major zum Minor:
(Major+Minor) / Major = Major / Minor
Das Verhältnis der Längen dieser beiden Teilstrecken ist also der Goldene Schnitt, er beträgt genau:
Major/Minor = 1,61803...
Für die praktische Anwendung wird das Verhältnis des Goldenen Schnittes immer gerne als Quotient ganzer Zahlen angenähert:
Für den fotografischen Bedarf genügend genau entspricht der Goldene Schnitt dem Verhältnis 5:3.
Die häufigste Regel, welche man im Zusammenhang mit dem goldenen Schnitt zu hören kriegt lautet:
Regeln sind zum Brechen da.
(Des Amateurs liebste Regel)
So sehr sie sich auch anstrengen, es gibt hier keine Regel zu brechen. Der goldene Schnitt ist vorerst einfach ein Verhältnis mit einer besonderen Eigenschaft: Das Verhältnis vom Ganzen zum grösseren Teil wiederholt sich in seinen beiden Teilen.
Die Linien zeigen die möglichen Unterteilungen
des Bildes in Höhe und Breite nach dem
Golden Schnitt.
Die Frage lautet eher: Wie wendet man den goldenen Schnitt nun an? Allgemein eignet sich der goldene Schnitt zum Gestalten von Proportionen, auch für die Fotografie. Nach diesem Verhältnis können wir Einteilungen vornehmen, Unterteilungen des Bildes in der Breite oder der Höhe. Werden beide Seiten des Bildformates im Verhältnis des Goldenen Schnitts geteilt, so kommt man zu vier möglichen Punkten. Laufen in einem dieser Punkte wichtige Bildinformationen zusammen - zum Beispiel Linien, Diagonalen oder Bögen - oder befinden sich wichtige Bildinhalte dort, so wird dadurch eine harmonische Wirkung erzielt. Unsere Wahl besteht also darin, eine solche Einteilung zu wählen oder sie zu unterlassen.
Flächenverteilung nach dem
Goldenen Schnitt
Analog zur Positionierung von Punkten richtet sich eine ähnliche Frage nach der Flächenverteilung innerhalb eines Bildes. Bei nebenstehendem Beispiel gibt es eine Flächenteilung zwischen links und rechts durch die vertikale Linie, welche bei diesem Beispiel ungefähr in den goldenen Schnitt gelegt wurde. Die Flächenverteilung ist jedoch nicht nur eine Frage des genauen Verhältnisses, viele zusätzliche Aspekte spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle und sollten abgewogen werden. Die Trennung in diesem Beispiel erfolgt zwischen dunkel und unruhig auf der linken Seite und heller, klarer Gliederung auf der rechten Seite. Beide Hälften haben ihre eigene, im Bild sichtbare Lichtquelle. Die Frage der Einteilung ist damit auch eine Frage der Gewichtung dieser Attribute, welche durch die beiden Flächen vertreten werden.
Eine andere Idee, welche im Umfeld des Goldenen Schnittes prächtig gedeiht, ist die Drittelregel. Während der Goldenen Schnitt sich primär auf zwei sich im Bild gegenüberstehende Teile bezieht, so konzentriert sich die Drittelregel vor allem auf eine Einteilung der Bildfläche in drei übereinanderliegende, gleichgrosse Bildbereiche.
Diese Bildbereiche werden oft den drei fotografischen Bildebenen Vordergrund, Mittelbereich und Hintergrund zugeordnet. Bei Landschaftsaufnahmen entsprechen diese dann Erde und Himmel und was es alles so zwischen Erden und Himmel geben mag.
Eine Spielart leitet aus der Drittelregel zwei Bereiche ab indem einem der beiden Bereiche zwei Abschnitte zuerkannt werden. In der Landschaftsfotografie wird daraus die Bildeinteilung zu zwei Drittel Erde und ein Drittel Himmel oder in umgekehrter Zusammenfassung ein Drittel Erde zu zwei Drittel Himmel.
Die Drittelregel lässt sich auch in der Bildbreite anwenden.
Eine Bildfläche unterteilt nach der Drittelregel
ergibt eine Auszeichung von vier Punkten.
Aus der Kombination von Dritteleinteilungen in Breite und Höhe werden gleich wie beim Goldenen Schnitt wiederum vier Punkte ausgezeichnet, welche sich zur Motivplazierung besonders eignen. Diese derart ausgezeichneten Punkte weichen in ihrer Position nur geringfügig von denjenigen des Goldenen Schnitts ab, bezüglich den Streckenverhältnissen ergibt sich bei der Drittelteilung jedoch eine deutliche Abweichung von den Verhältnissen des Goldenen Schnittes.
Alle Zufriedenheit, die wir an irgendeinem Kunstschönen empfinden, hängt doch davon ab, dass Regel und Mass beobachtet sei; unser Behagen wird nur durch Harmonie bewirkt.
Friedrich Schiller
In mehreren Studien wurde versucht herauszufinden, ob die Proportionen des Goldene Schnitts gegenüber anderen Verhältnissen bevorzugt werden. Die Ergebnisse sind nicht einheitlich und die Proportionen auch nicht klar von der einfachen Proportion 2:3 getrennt. Es scheint aber so, dass Bildformate oder Gebäudemasse im Goldenen Schnitt eine leichte Bevorzugung vor anderen Formaten finden. Aber auch Teilungen in den einfachen Verhältnissen 1:1 oder 1:2 werden vor anderen Teilungsverhältnissen bevorzugt (J. Benjafield 1985).
Auch wenn sich das Verhältnis des Goldenen Schnittes nicht weltbewegend von den Einteilungen der Drittelregel unterscheidet, so unterscheiden sie sich doch bezüglich ihrer geistigen Heimat, indem die Drittelregel primär die Ebene aufteilt während der Goldene Schnitt Proportionen gestaltet.
Das Einhalten präziser Verhältniszahlen zum Selbstzweck alleine ist kein Wert, zumal auch die fotografischen Punkte, an welchen gemessen wird, mathematischen Anforderungen nicht genügen. Viele Künstler setzten den Goldenen Schnitt bewusst ein, bei anderen Werken wurden Kunsthistoriker erst im Nachhinein fündig. Zuweilen ist es erstaunlich, wie ungenau Experten in Kunstwerken zum Teil willkürliche Punkte markieren mussten, um anschliessend daran den genauen Goldenen Schnitt festzustellen.
Wenn wir schon nach der idealen Position fragten, gibt es auch unzulässige Plazierungen? Es gibt sie! Machen wir die Probe aufs Exempel:
Das Hauptmotiv ist zu nahe am Rand. Das Verhältnis der Strecken zum oberen und zum unteren Rand der Bildfläche wird zu gross, die obere Strecke kaum mehr als solche empfunden. Das Motiv wird bereits dem Rand zugerechnet, es beisst sich ganz offensichtlich mit der Bildfläche.
Punkte, welche die Seiten des Bildformats im Goldenen Schnitt teilen werden somit für die Plazierung des Hauptmotivs besonders empfohlen. Pragmatisch gesehen ergibt sich dies aus dem Wunsch, eine Figur nicht im Zentrum der Bildfläche zu plazieren. Bei mittiger Plazierung sind die Abstände der Figur zum Rand sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen jeweils identisch, das Bild wirkt entsprechend statisch und spannungslos. Zunahe am Rand ergeben sich Konflikte mit ebendiesem. Ein Kompromiss zwischen Mitte und zunahe am Rand scheint unumgänglich und ist dann eben unsere ideale Plazierung.