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Wir treffen Paulin Tadadjeu Dadjeu im Protestantischen Studentenwohnhaus Genf, wo er in einem kleinen Zimmer an seiner Serie «Une affaire de minijupe» arbeitet. Die «erste afrikanische Serie der Schweiz» ist von RTS im Auftrag von TV5 Monde vorabgekauft worden und es gelang, einen Teil der Postproduktion dank einer Crowdfunding-Aktion mit über 40’000 Franken zu finanzieren. Bis Ende Jahr werden nun die ersten zwölf Episoden auf rts.ch und TV5 Monde ausgestrahlt. Ein schöner Erfolg für den Filmemacher, der fünf Jahre lang ganz allein an diesem Projekt gearbeitet hat, das mit vierzig Laiendarstellern realisiert worden ist.
Bei einem Kaffee erzählt der 35-jährige Kameruner von seinen ersten Erinnerungen ans Kino und entführt uns so in seine Heimatstadt Melong und den Videoklub seiner Jugend: «Da gab es chinesische Filme und Rambos. Ein Lautsprecher übertrug die Tonspur ins Freie und lockte die Besucher an – man hörte Kampfsportgeräusche und Fausthiebe, das verlockte, hineinzugehen und mitzuschauen. Man zahlte zehn oder zwanzig Centimes und sass auf kleinen Bänken. Es gab während der Vorführung viele Reaktionen. Eines Tags hat uns der Vater verboten, dorthin zu gehen, denn der Ort galt als anrüchig und die Filme waren oft gewalttätig.»
Paulins Vater war Krankenpfleger, seine Mutter Restauratorin. Zwischen 11 und 13 wurde er traditionsgemäss bei einem Tutor placiert. «Ich musste bei einem Mann leben, der noch strenger war als mein Vater, dann aber war ich bei einem anderen, der sehr nett und sympathisch war, bei ihm war jeder Tag eine Freude, so sehr, dass mich mein Vater wieder zurückgeholt hat.»
Haben ihn diese Erinnerungen zu den Vaterfiguren in seiner Serie inspiriert? «Vielleicht», meint er. «Ich wollte vor allem die Vielfalt der Charaktere und der Kulturen zeigen, wollte Stereotypen vermeiden wie wir sie uns machen auf Grund von Herkunft oder Lebenserfahrung.»
«SwissAfroWood»
Mit solchen Vorurteilen hatte Paulin Tadadjeu Dadjeu selbst zu kämpfen, als er 2005 ins deutsche Kaiserslautern zu seinem Bruder kam. «In Kamerun hatte ich die Vorstellung von einem einheitlichen Europa.» Von einem Traumziel auch. «Die Bilder, die mein Bruder schickte, kontrastierten stark mit unserer Welt. So etwa, wie Manhatten ein Kind aus Genf zum Träumen bringt. Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, wird mir bewusst, dass ich in einem Paradies aufgewachsen bin, aber ich lebe gern hier und bin glücklich darüber, mich hier wie dort heimisch zu fühlen.»
Paulin Tadadjeu Dadjeu hat die Kamera ziemlich zufällig in Deutschland entdeckt. Er beginnt Familienereignisse zu filmen, dann befragt er mit der Kamera in der Hand Punks am Mannheimer Bahnhof. Daraus macht er einen ersten Dokumentarfilm, mit dem er sich bei der HEAD in Genf bewirbt und aufgenommen wird. Er macht den Bachelor, den Master und dreht 2010 seinen ersten Langfilm «Ein Afrikaner im Winter». Er beginnt eine Doktorarbeit an der Universität Lausanne über die Oralkultur im Nollywood-Film, die er letztes Jahr abgebrochen hat.
Das Realisieren seiner Serie vergleicht er mit dem Aufbau eines Start-ups: Man hat eine Idee, aber kein Budget. Dass er bei der Geldsuche Schwierigkeiten hatte, konnte ihn nicht entmutigen. Sein Projekt, dessen Konzept er als «SwissAfroWood» beschreibt, habe es «in der Schweiz so noch nie gegeben. Da verstehe ich es, dass niemand darauf eintreten will. Alle Minderheiten klagen darüber, in Film und Fernsehen schlecht repräsentiert zu sein. Ich bin aber überzeugt, dass man etwas vorschlagen muss und dann sehen, was daraus wird.»
Die Arbeit, die er in vier Jahren bewältigt hat, ist riesig. Er hat die 26 Episoden selber geschrieben, vierzig Laien-Darstellerinnen und -Darsteller rekrutiert, sie einstudiert und ihren Einsatz geplant; er hat die Dreharbeiten organisiert und hat allein gefilmt und montiert. «Ein Freund riet mir ab, gemäss ‹système débrouille› zu improvisieren, aber ich meine: im Gegenteil. Das Resultat ist natürlich kritisierbar, doch es zeigt auch, dass ich mit mehr Mitteln mehr zustandegebracht hätte.» Und Paulin Tadadjeu Dadjeu meint, nach einigem Nachdenken: «Eine Serie realisieren bedeutet, eine Pandora-Büchse zu öffnen: Kaum hast du ein Problem gelöst, ist das nächste da. Es braucht viele Opfer. Aber um das Projekt hat sich eine Gemeinschaft gebildet, und wir haben es geschafft. Ich hoffe, das werde auch andere inspirieren.»
Laure Gabus
▶ Originaltext: Französisch