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Gegenwärtig leben wir im Schatten einer Pandemie, die häufig als Corona-Krise bezeichnet wird. In ökonomischer Hinsicht wird sie regelmäßig mit der Finanzkrise (ab 2007) verglichen, in politischer Hinsicht mit der sogenannten Flüchtlingskrise (2015), in ökologischer Hinsicht mit der Klimakrise. Der Krisenbegriff erlebt inzwischen eine Art von Inflation: Eine Krise geht zu Ende, sobald die nächste Krise ausgerufen wird. Ursprünglich wurde der Krisenbegriff in der griechischen Antike von der Gerichtssprache – κρίσις bedeutete die Entscheidung, das Urteil – in die ärztliche Terminologie eingeführt; als Krise galt der an bestimmten Tagen erreichte, mehr oder weniger ausgedehnte Höhepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem entweder eine Änderung zum Besseren oder zum Schlechteren eintritt. In der Krise beginnt die Genesung oder das Sterben der Patienten. In diesem Sinne betont Hippokrates im ersten Buch seiner Epidemien, dass „die Krisen zum Leben oder zum Tode führen oder entscheidende Wendungen zum Besseren oder Schlimmeren bringen werden“.
Bis zur Neuzeit dominiert der medizinische Wortgebrauch. Erst im 17. Jahrhundert wird der Krisenbegriff auch auf politische Verhältnisse bezogen: Reinhart Koselleck zitiert in seinem einschlägigen Artikel zur Krise den Dichter und Politiker Sir Benjamin Rudyerd, der 1627, anlässlich eines Konflikts zwischen Krone und Parlament, bemerkte: „This is the Chrysis of Parliaments; we shall know by this if Parliaments life or die“. Der Satz klingt noch ganz nach Hippokrates; doch erscheint jetzt das Parlament an Stelle des Patienten, und spätestens nach der Französischen Revolution die Monarchie. Politische Krisen werden als Spannungen, begleitet von Kriegsdrohungen, zwischen Nationen und Regierungen wahrgenommen, als Streit um Verfassungen, als schwierige Verhandlungen, die stets bedroht sind von Abbruch und Scheitern. Häufig werden sie durch Ortsangaben konkretisiert: die Berlin-Krisen von 1948/49 und 1958/59, die Suezkrise (1956), die Kubakrise (1962), die Panama-Krisen von 1964 und 1989/90. In seinen posthum herausgegebenen Weltgeschichtlichen Betrachtungen (1905) spricht Jacob Burckhardt von sozialen und revolutionären Krisen, von Krisen der Restauration, Verfassungskrisen oder kulturellen Krisen, die er als „furchtbare“ Beschleunigungen beschreibt: „Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen“, gleichsam wie ein „Fieber“, eine „Aushilfe der Natur“. Diesem hippokratischen Akzent des Krisenbegriffs folgt noch dreißig Jahre später der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga, selbst ein Arztsohn, mit seinem Essay Im Schatten von morgen (1935), in dem es heißt: „Krisis ist ja selbst ein hippokratischer Begriff. Für das Gesellschaftliche und Kulturelle ist keine Figur so stimmig wie die medizinische. Fieber hat unsere Zeit ohne Zweifel.“ Doch wie kann eine Zeit zu fiebern beginnen?
Und wie lange kann ein Fieber dauern?
Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, auch von ökonomischen Krisen, von Wirtschaftskrisen, Finanzkrisen, Geldkrisen, Währungskrisen oder Schuldenkrisen zu sprechen. Daneben leiden wir an psychischen Krisen, womöglich gar an suizidalen Krisen, was auch erklärt, warum die 1948 von dem Psychiater Erwin Ringel in Wien gegründete „Lebensmüdenfürsorge“ 1975 umbenannt wurde; seither wird sie als „Kriseninterventionszentrum“ geführt. Gemeinsam ist freilich allen diesen Erweiterungen des Krisenbegriffs, dass sie – wie das vielzitierte Fieber – auf kurze, überschaubare Zeiträume bezogen werden. Nicht umsonst erwähnt Hippokrates vier-, fünf-, sieben- oder neuntägige Fieber; von jahrelangem Fieber ist nicht die Rede. Eine Krise ist also nur solange eine Krise, als ein Urteil oder eine Diagnose über die weitere Entwicklung – zum Besseren oder Schlimmeren – erwartet werden darf. Anders gesagt: Krisen werden als Ereignisse wahrgenommen. Nach Maßgabe der Unterscheidung Fernand Braudels zwischen longue durée und Ereignisgeschichte (histoire événementielle) betreten sie vorrangig als Ereignisse die Bühne unseres Bewusstseins.
Vergangenheit wird in Aktualität aufgelöst
Nun lässt sich leicht argumentieren, dass Politik und Medien die Wahrnehmung von Krisen als Ereignissen notwendig begünstigen. Die Ausübung politischer Funktionen ist – teilweise selbst in autoritären Systemen – an Wahlzyklen gebunden; die Nachrichten-Medien sind einem Imperativ der Aktualität unterworfen, der sich schon in Titeln wie Tagesschau oder heute manifestiert. Sie reden vom Jetzt, seltener von der vergangenen Woche, und einen Jahresrückblick empfangen wir bestenfalls zu Silvester. Selbst die Welten-Saga zum Kulturerbe der Menschheit, die gerade vom ZDF in der Terra X-Reihe ausgestrahlt wird, lebt erstens von den Reisebildern monumentaler Schauplätze und Ruinen, zweitens von Christopher Clark, der als historisch gebildeter Reiseführer auftritt, um dem Publikum zu erklären, was gerade gezeigt wird. Vergangenheit wird in Aktualität aufgelöst, wie ein Löffel Zucker im frisch gebrühten Tee. Nach ähnlichen Regeln funktioniert Erinnerungspolitik: Sie ist gebunden an aufrufbare Jubiläen. Heute vor fünfundsiebzig Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende, wurde dieses oder jenes Konzentrationslager befreit, wurde diese oder jene Persönlichkeit geboren; am 20. März 2020 feiern wir den 250. Geburtstag Hölderlins, am 16. Dezember 2020 den 250. Geburtstag Beethovens. Doch die geplanten Ausstellungen, Gedenkzeremonien und Veranstaltungen wurden wegen der aktuellen Pandemie abgesagt oder auf das nächste Jahr verschoben; ob sich der Zauber solcher Jubiläen vertagen lässt, bleibt allerdings fraglich. Sollen wir dann den 251. Geburtstag Hölderlins oder Beethovens begehen?
Individuelles Erinnern und kollektive Amnesie
Was bedeutet es, eine Pandemie als Krise, als Ereignis, wahrzunehmen? Worüber belehrt uns der Blick auf den täglichen „Corona-Ticker“, der nicht nur die jeweils neuesten Statistiken und Kennzahlen verzeichnet, sondern auch die Ausbrüche neuer Infektionen in einem Pflegeheim, einer Fleischfabrik, einem Restaurant, im Gottesdienst? Pandemien gehören – ebenso wie Migrationen – zur longue durée menschlicher Geschichte. Dennoch scheinen sie kein Kontinuum zu bilden, keine tiefen Spuren im kulturellen Gedächtnis zu hinterlassen, sie werden vielmehr wiederholt vergessen. Selbst die Pestsäulen auf zahlreichen Plätzen europäischer Städte wirken beliebig, als könnten sie jedes denkbare Ereignis bezeichnen: den Sieg in einer Schlacht, den Abschluss eines Friedensvertrags, die Gründung einer Republik, die Krönung eines Monarchen, die Rettung vor einer Gefahr, sei es nun ein Erdbeben, der Angriff einer feindlichen Armee, eine Feuersbrunst, eine Flut oder eben die Überwindung einer Epidemie. Was bezeugt die Pestsäule am Graben in der Wiener Innenstadt? Feiert sie die göttliche Dreifaltigkeit, die gescheiterte Türkenbelagerung von 1683, das Ende der Pestepidemie von 1679, den Glauben und die Tapferkeit der Stadtbevölkerung oder den Ruhm des damals herrschenden Kaisers Leopold I.? Immerhin wurden während der Corona-Pandemie mitunter Kerzen, Zeichnungen und Gebetstexte am Fuß der Säule niedergelegt.
In ihrer Untersuchung der katastrophalen Pandemie der sogenannten „Spanischen Grippe“ von 1918/19 – der Name ist irreführend, denn die Erreger wurden vermutlich aus den USA eingeschleppt und die Pandemie trug verschiedene Namen, in Großbritannien hieß sie beispielsweise „flandrische Grippe“ – betont Laura Spinney schon in der Einleitung, wie wenig wir über diese Pandemie wissen. Daher gebe es „weder in London noch in Moskau oder Washington D.C. irgendein Monument, das an die Pandemie erinnert. Die Spanische Grippe schlägt sich in persönlichen Erinnerungen nieder, nicht im kollektiven Gedächtnis. Sie steht uns nicht als historische Katastrophe vor Augen, sondern bildet sich in Millionen einzelner privater Tragödien ab.“ So bewundern wir Egon Schieles Gemälde von der Familie des Künstlers, das im März 1918 erstmals ausgestellt wurde; seltener denken wir daran, dass Edith Schiele ein halbes Jahr später, am 28. Oktober 1918, im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft, der Spanischen Grippe erlag, ebenso wie Egon Schiele selbst, der am 31. Oktober starb, er war erst 28 Jahre alt. Wie viele Bücher wurden seit 1918 über den Ersten Weltkrieg verfasst! Und doch haben die drei Wellen der Spanischen Grippe mindestens dreißig, womöglich sogar siebzig bis hundert Millionen Todesopfer gefordert, also deutlich mehr als in den gesamten vier Jahren des großen Kriegs (mit siebzehn Millionen Toten). 1918 wusste die medizinische Forschung noch nichts über Viren, während heute, wenige Wochen nach Ausbruch der Corona-Pandemie in China, bereits die genetische Struktur des neuen Virus vollständig decodiert und weltweit bekanntgegeben werden konnte.
Fragen ohne Antwort
Krisen als Ereignisse fesseln die mediale und politische Aufmerksamkeit, doch werden sie rasch vergessen, wenn sie nicht durch erhebliche Anstrengungen immer wieder vergegenwärtigt werden. Nicht zufällig brauchte es ein Centenarium, um die Spanische Grippe in Erinnerung zu rufen; nicht zufällig wurde erst im Horizont der Corona-Krise der längst vergessenen „Asiatischen Grippe“ von 1957/58 (mit bis zu zwei Millionen Toten) oder der „Hongkong-Grippe“ von 1968–70 (mit einer Million Opfer) gedacht. Darum klagt der Virologe Peter Piot, der selbst an Covid 19 schwer erkrankt war, „dass große Ziele, die nach SARS oder nach dem Ausbruch der Schweinegrippe 2009 formuliert worden waren, stillschweigend in bürokratischen Schubladen gelandet sind, sobald die Krise von den Titelseiten verschwunden war. Als ob man die Feuerwehr abschafft, sobald ein Haus gelöscht worden ist, und erst beim nächsten Brand wieder neu gründet.“ Die Frage, welche Zeitstrukturen mit dem Krisenbegriff sinnvoll erfasst werden können, verschärft sich noch, wenn wir nicht nur die Vergangenheit ins Auge fassen, sondern auch die Zukunft. Wie sollen denn das Anthropozän, das Artensterben – The Sixth Extinction, nach Elizabeth Kolbert – und der Klimawandel mit einem ereignisbezogenen Krisenbegriff angemessen beschrieben werden? Gewiss, die aktuellen Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie, die verordneten Ausgangs-, Reise- und Kontaktbeschränkungen, haben die meisten Menschen auf allen Kontinenten, oft unter schwierigsten Bedingungen, akzeptiert und eingehalten; doch schon nach wenigen Wochen werden nun Proteste und Demonstrationen gegen diese Maßnahmen organisiert. Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, wie kompliziert es wäre, Verzichte und Beschränkungen zu vereinbaren und durchzusetzen, deren Geltungsdauer nicht befristet werden könnte, und deren Erfolge nicht nach ein paar Wochen, sondern erst nach Jahrzehnten, und womöglich bloß in Gestalt eines etwas weniger schlimmen Verlaufs der Erderwärmung, eintreten würden.
Die Klimakrise ist eben gar keine Krise, kein „Fieber“, das den Planeten erhitzt, sondern die longue durée einer unabsehbaren Zukunft. Sie folgt nicht der Logik von Ereignissen, die täglich beurteilt, berichtet und moderiert werden könnten. Sie erinnert eher schon an die unlösbaren Fragen, die 1984 anlässlich einer Debatte zur Errichtung von Atommüll-Endlagern aufgeworfen wurden: Wie kann die Gefährlichkeit dieser Orte den Gesellschaften in zehntausend Jahren vermittelt werden? In welcher Sprache, mit Hilfe welcher Institutionen, Zeichen und Symbole? Damals bekannte der Semiotiker Thomas A. Sebeok resigniert in seinem Report für das „Office of Nuclear Waste Isolation“ in Columbus/Ohio, „that no fail-safe method of communication can be envisaged 10,000 years ahead“. Nur am Rande unseres von der Corona-Pandemie täglich beanspruchten Bewusstseins haben wir wahrgenommen, dass vom 4. April bis zum 14. Mai die Wälder in der Sperrzone um den Atomreaktor von Tschernobyl brannten; niemand weiß genau, welche Mengen an Radioaktivität in diesen Wochen freigesetzt wurden. Eine neue „Tschernobyl-Krise“? Die „Krise“ – wie unbrauchbar erscheint doch dieser Begriff – hat vor 34 Jahren begonnen, und sie wird noch Jahrtausende lang andauern.