Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03138.jsonl.gz/2564

1972 bauten Allison und Peter Smithson in Poplar, London ihre Wohnsiedlung Robin Hood Gardens: Zwei lange, 7-10 stöckige Wohnblöcke, welche in ihrer Länge zweimal abgeknickt sind und seitlich einen zentralen Grünraum abschliessen. Wer die Gebäude noch besuchen will, muss sich jedoch beeilen. Denn nach einem langen Kampf zwischen einer Gruppierung von weltweiten Architekturgrössen, den Behörden von London und der Besitzerin der Liegenschaft wurde einer der wichtigsten Zeitzeugen der Nachkriegsmoderne zum Abbruch freigegeben. So werden die zwei Wohnzeilen innerhalb der nächsten zwei Jahre dem Erdboden gleich gemacht und durch einen anonymen neuen Wohnkomplex ersetzt werden.
Poplar ist ein Paradebeispiel der Stadtentwicklung und Gentrifizierung. Im ehemaligen Hafengebiet an der Themse war früher die Schwerindustrie angesiedelt und in diesem Zusammenhang ist in der Nachkriegszeit auch das Gebäude der Smithsons entstanden. Es sollte den Bewohnern des sozialen Wohnungsbaus einen qualitativen Wohnraum bieten. Der geschützte Grünraum im Zentrum der Anlage und die von den Smithsons geprägten „Strassen im Himmel“ wurden zur Steigerung der Wohnqualität entwickelt.
Nach dem Abbau des Hafens hat die Stadtplanung gleich neben dem Grundstück der Robinhood Gardens mit dem Bau eines neuen Banken- und Büroquartiers begonnen, wo heute in Zusammenhang mit der neuen Erschliessung durch die Metro tausende von Arbeitsplätzen geschaffen wurden. Klar wurde dadurch der Druck auf die Siedlung gross. Der starke Geruch von Curry, den man beim Besuch der Siedlung sogar im Hof ständig in der Nase hat, lässt auch heute auf eine soziale Schicht von Bewohnern schliessen, die nicht mehr in dieses Quartier passen. Das Gebäude hat es nicht geschafft, sich den neuen sozio-kulturellen Gegebenheiten in der Nachbarschaft anzupassen und der natürliche Veränderungsprozess des Quartieres fand in der Siedlung selbst nicht statt. So steht es heute als Fremdkörper im Stadtraum und die einzige Lösung scheint der Abbruch der maroden Struktur.
Das wie ein Bunker aus Kriegszeiten erscheinende Gebäude ist ein Meisterstück des englischen Brutalismus. Doch widerspiegelt der rohe, kalte und etwas schäbige Ausdruck in keiner Weise die sozialen Gedanken, welche dieser Architektur zugrunde liegen. Die breiten Laubengänge zur Erschliessung der Wohnungen waren als „streets in the air“ konzipiert: Soziale Räume, die abseits der lauten und schmutzigen Strassen als Begegnungsräume für die Bewohner dienen sollten. In gleichem Masse war auch der Grünraum im Zentrum der Anlage gedacht, der durch die Stellung der beiden Baukörper den halbprivaten Raum vor der Umgebung schützte.
Zwar liegen die Robin Hood Gardens nicht im Zentrum und abseits der üblichen Attraktionen, doch wenn man mit der Tube vom City Airport in die Stadt fährt, kann man bei Blackwall einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Und wer sich nicht vom Bahnsteig wagt, sieht die Siedlung auch vom Zug aus.
Die Robin Hood Gardens sind nicht die einzigen Gebäude der Smithsons in London. Viel zentraler und bekannter ist wohl das Economist Building an der St. James Street. Wenngliche kein Wohn- sonder ein Bürogebäude versuchten die Smithsons auch hier soziale Aspekte in der Gebäudeform umzusetzen. So teilten sie das Volumen in drei Türme auf und bildeten dazwischen auf einem über der Strasse liegenden Plateau eine städtische Plaza.
Auf YouTube haben wir noch dieses wunderbare Interview mit Allison und Peter Smithson gefunden, welches von der BBC produziert wurde:
Links