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Drei Jahre sind es her, seit die polemisch zugespitzte Unterscheidung in «alte» und «neue» Europäer im Gefolge einer proamerikanischen Solidaritätserklärung europäischer Regierungen ihre Blütezeit erlebte. Zwar passte die Formel nicht wirklich: der Brief der Acht war auch von Regierungschefs «alter» EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet worden. Aber sie war griffig, sie hatte dramatisches Potential. Im vergangenen Jahr traten neue Komplikationen auf. Niederländer und Franzosen, Europäer der ersten Stunde, stimmten gegen den europäischen Verfassungsentwurf. Aus «alten» und in der Binnenperspektive «guten» Europäern waren über Nacht schlechte geworden, die es in der Sichtweise ihrer Kritiker nicht mehr ernst meinten mit der europäischen Integration. Seither wird einmal mehr darüber gestritten, was gut und schlecht sei für Europa.
Dieser Streit hat Geschichte. Was «gute Europäer» auszeichnet und wofür sie stehen, ist historisch überaus wandlungsfähig, entwickelt sich aber stets in Abgrenzung von einem Nicht-Guten, Nicht-Europäischen, das sich innerhalb wie ausserhalb des geographischen Raums «Europa» finden mag. In dieser steten Abgrenzung bildeten und bilden sich europäische Identifikationen aus.
Natürlich gibt es unverfängliche Antworten. Seit 1950 wird etwa der Aachener Karlspreis an Persönlichkeiten verliehen, die sich um Europa, speziell um die europäische Einigung und Einheit, verdient gemacht haben. Benannt ist der Preis nach Karl dem Grossen, der als Rex Europæ gilt. Allein, sind denn nur jene «gute Europäer», die sich für die politische Einigung des Kontinents und seine wirtschaftliche Verflechtung engagieren? Reicht der Einheitswunsch an sich schon aus, um «gute Europäer» zu kreieren?
Das Streben nach Einheit ist allemal älter als ein halbes Jahrhundert, und manche Politiker gingen dabei weiter als die Architekten der EU. «Adolphus» Hitler sah sich als Erbe Karls des Grossen und vereinigte das im Jahre 843 geteilte Reich, indem er Frankreich, Belgien und die Niederlande überfiel. Er versprach, Europa vor der Gefahr des Kommunismus zu retten, sein Propagandaminister beschwor den «Kreuzzug» der europäischen Völker gegen die Sowjetunion. Das Auswärtige Amt arbeitete gleichzeitig Pläne für eine europäische Nachkriegsföderation aus, selbstverständlich unter deutscher Hegemonie. Waren das «gute Europäer»? Und wie steht es mit jenem anderen Strategen, der Europa nach eigenen Vorstellungen einen wollte? Napoleon kam in seinem Streben nach imperialer Herrschaft bis Moskau und schrieb vier Jahre später in St. Helena, wie sehr er sich, leider vergeblich, bemüht hätte, die «Familie europäischer Völker» zu «einem Volk» in einem «gemeinschaftlichen Vaterland» zusammenzuführen. Ein «guter Europäer»?
Der Begriff selber stammt übrigens aus einer Zeit, da Napoleon längst Legende geworden war. Friedrich Nietzsche hat ihn geprägt und auf sich selber angewandt. «Ich bin vielleicht kein guter Deutscher», schrieb er seiner Mutter 1886, «aber ich bin ein guter Europäer.» Nietzsche setzte sich damit von dem ab, was er als «Krankheit des Jahrhunderts» geisselte: dem Nationalismus und seinem eingebauten Rassismus. Ein «guter Europäer» dagegen lebe nicht nur «übernational» und überwinde alle «patriotischen Beklemmungen»; er distanziere sich darüber hinaus von dem, was die europäische Kultur vornehmlich kennzeichne: christliche Religion und rationale Wissenschaft, Geschichtsbesessenheit und Machtgier.
Nietzsches Begriffsprägung sollte eine bemerkenswerte Karriere machen, auch wenn sich nicht alle, die den Begriff im Munde führten, an die vorgegebene Definition hielten. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebten übernationale Einigungsideen einen neuen Aufschwung; in vielen Ländern Europas entstanden Vereine und Zeitungen, die irgendeine Art europäischer Föderation anpeilten. Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen auch Politiker solche Konzepte auf. «Ein Bundeskanzler», erklärte Konrad Adenauer 1949, «muss zugleich guter Deutscher und guter Europäer sein.» Adenauer hatte Nietzsche leicht abgewandelt: er hielt nationale Identifikationen weiterhin für legitim, aber nur dann, wenn sie mit einem europäischen Bewusstsein einhergingen.
In welcher Form und Intensität sich nationale und europäische Identitäten legierten, war und blieb uneinheitlich. Für die Bundesrepublik Deutschland, die aus dem nationalistischen Schatten der Vergangenheit heraustreten wollte, war das Bekenntnis zu «Europa» wichtiger…