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Sebastian Stich
Die Siedlung ‹Wittigkofen› bei Bern wird nach 1975 zum Inbegriff des «antiurbanen Reflexes» im Städtebau der Schweizer Moderne. Architekt Otto Senn aus Basel (1902-93) hatte das Projekt seit 1957, aufbauend auf dem Wohnbau- und Stadtplanungsdiskurs der Moderne, entworfen. Noch 1966 bezeichnet Paul Hofer die Siedlung als einen «der interessantesten Werkplätze des Städtebaus in unserem Lande». Kaum zehn Jahre später illustrieren Kritiker anhand der «unförmigen Gebäudegebirge und Betonlandschaften» die «verfehlte Planungseuphorie» der 60er Jahre.
Senns frühe Wohnbauten hingegen sind Ikonen der Moderne. Deren Ausdruck kombiniert er – nach dem Diplom bei Karl Moser 1927 – von Beginn an mit bürgerlichen Wohnvorstellungen und formuliert, wie Alfred Roth, eine moderate Variante des Neuen Bauens. Seine Arbeit am städtebaulichen Konzept der Berner Siedlung beginnt Senn bereits 1933 mit dem Wohnblock ‹Parkhaus Zossen› in Basel (1933-38). Er verknüpft das Wohnen «im Grünen» mit einer «Wohnsackgasse» – der «Lieblingsidee» seines Städtebauprofessors Hans Bernoulli, die Senn auf einer Englandreise sowohl in Gartenstädten als auch in der Innerstadt anhand von Planungen des London County Council studiert. Während Haefeli Moser Steiger in der Nachkriegszeit «differenzierte Bebauungen» abhängig von der Topografie entwerfen, entwickelt Senn die Sackgasse zum kreisförmig umfriedeten Aussenraum mit pentagonalem Wohnhochhaus als Zentrum. Die Vielecke weichen in ‹Wittigkofen› aus Gründen der Rationalisierung gestaffelten, rechteckigen Baukörpern. Obwohl deren Ausdruck den Vorstellungen zeitgenössischer Urbanität bald widerspricht, beinhaltet die Siedlung wertvolle Beiträge zum Städtebau der Schweizer Moderne.
Die Dissertation hat die Analyse und Einordnung der Bauten, Entwürfe und Schriften Senns zum Ziel. Sein Œuvre ist bestimmt vom Wohnungsbau, den er konsequent mit urbanistischen Fragen verbindet. Untersuchungsschwerpunkte liegen auf der Rezeption von Gartenstadtideen sowie den Mischbebauungen und Wohnhochhäusern der Nachkriegszeit. Öffentliche Bauaufgaben, darunter der Kirchenbau, sollen auf einer zweiten Ebene erfasst und mit dem gesamten Werk in Beziehung gesetzt werden. Die letzten Siedlungsprojekte Senns rufen zunächst kritische Rezeption hervor, so dass vor allem die Studien zum Kirchenbau in Erinnerung bleiben. Die Dissertation versucht die Gewichte der Werkgruppen durch die Erforschung von Senns Beitrag zur Architektur- und Städtebaugeschichte in der Schweiz neu auszuloten.