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Nachdem der 2. Weltkrieg ausgebrochen war und die Schweiz eine eigene Seefahrtsflagge geschaffen hatte, stieg die Nautilus S.A. in die Seefahrt ein. Sie erwarb vorerst mal den italienischen Dampfer SEMIEN zum stolzen Preis von 10 Mio. Schweizer Franken, der der Reederei Ignazio Messina & Cie, Genua gehörte und in Dakar interniert war (diese Reederei besteht heute noch und scheint erfolgreich in der Schifffahrt zu bestehen). Herr A. Anastasi hatte offensichtlich den Anstoss zum Kauf der LUGANO gegeben, wollte aber als englischer Konsul im Hintergrund bleiben. Seine guten Beziehungen zu England machten aber das Auslaufen aus Dakar erst möglich.
Die LUGANO während des Krieges mit KTA-Schornstein und KriegskennzeichnungAm 29.04.1942 wurde der Frachter unter dem Namen LUGANO als Nummer 10 im Schweizer Schiffsregister eingetragen. Mit einer Tragfähigkeit von 9'200 Tonnen blieb die LUGANO der grösste Schweizer Dampfer während der Kriegszeit. Die Nautilus S.A. hatte keine technische Expertise um das Schiff zu betreiben, noch hatte sie genügend Mittel um den Dampfer in Betrieb zu nehmen. Sie schloss aus diesen Gründen einen Vertrag mit der SRAG, Schweizerischen Reederei AG, Basel ab, um den Betrieb sicherzustellen. Die SRAG gewährte einen Betriebskredit von 2,5 Mio. Schweizer Franken und übernahm die technische und personelle Führung des Schiffes. Während der Kriegszeit wurde die Befrachtung vom KTA, Kriegs Transport Amt in Bern durchgeführt. Schon die erste Fahrt von Lissabon nach Genua und zurück soll 898'604.- Franken eingebracht haben, die gleich nach Basel überwiesen werden mussten.
Schon im Juli 1942 äusserte die Schweizer Gesandtschaft in Rom Befürchtungen, dass Messina in irgendeiner Form an der Nautilus S.A. beteiligt sein müsste und die Schweizer Exponenten der Firma als seine Strohmänner missbrauchte.
Am 03.07.1946 gab die Schweizerische Reederei die LUGANO im Hafen von Genua an die Nautilus S.A. zurück, die den Dampfer fortan selber betrieben. Nach Beendigung des Krieges verkaufte das KTA, Bern seine vier Bundesschiffe, die Nautilus erwarb im Frühjahr 1947 die nun nicht mehr gebrauchten Schiffe SAENTIS, ST. GOTTHARD und CHASSERAL für insgesamt 3,55 Mio. Franken, die alle unter gleichem Namen und unter Schweizer Flagge weiter betrieben wurden (das 4. Schiff, die EIGER übernahm die SRAG, sie taufte es CRISTALLINA). Im Juni des gleichen Jahres erwarb die Reederei einen älteren amerikanischen Tanker und registrierte ihn als CERTENAGO unter Schweizer Flagge.
Ehemaliges Nautilus Büro an der Via Caffaro 12 in Genua im Jahr 2014 (Archiv Swiss-Ships)
Vom Frühjahr 1947 bis zum August 1949 betrieb die italienische Reederei Messina die Nautilus S.A. und deren Schiffe praktisch in Eigenregie und schaltete und waltete nach eigenem Gutdünken. Sogar das bordeigene Schreibpapier führte einen Messina Briefkopf, was die Konsularbehörden und das EPD (Eidg. Politisches Departement) mehrmals beanstandeten.
Nach der Rückgabe der LUGANO setzte Messina den Dampfer ohne die Eigner und die Schweizer Behörden zu informieren, zur Passagierbeförderung nach Südamerika und nach Westindien ein. Diese Machenschaften waren absolut skandalös und rufschädigend für die Schweiz, ja man kann sagen, Messina missbrauchte unser Flaggenrecht. Die desolaten Zustände an Bord, unter der Regie von Messina, erzeugten geharnischte Beschwerden an unsere Behörden in Bern. Im April 1948 verkaufte Nautilus die LUGANO an Messina, oder müsste man vielleicht sagen "zurückgegeben"? Die Hauptaktivität der Reederei bestand jedoch in der 1947 eröffneten Linie nach Westafrika, der Nautilus-Line, die später auch Keller Shipping weiterführte. In 1948 versuchte die Messsina/Nautilus einen Liniendienst von Genua nach Indien aufzuziehen, ob aus eigener Initiative von Nautilus oder auf Veranlassung von Messina ist nicht bekannt. Die ST. GOTTHARD machte im Sommer 1948 eine Reise nach Indien bis Calcutta.
Flyer für die neu gegründete Genua-Indien-Linie
1949 beschwerte sich die Union Handelsgesellschaft, Basel (bei den Afrikafahrern besser bekannt als UTC, Union Trading Company, die einige Kaufhäuser in Nigeria und Ghana betreiben) in einem Brief an das Eidg. Politische Departement in Bern über den unter Schweizerflagge fahrenden Dampfer ST. GOTTHARD der Messina Linie in Genua. Der Dampfer lief im Januar 1949 in Lagos ein und der Kapitän erwartete, dass UTC die Agentur übernehme. Aus guten Gründen wollten alle etablierten Agenturen in Lagos dieses Mandat nicht übernehmen, auch UTC nicht. Zwei Jahre vorher in Takoradi hatte der Kapitän des gleichen Dampfers UTC angebettelt, ihm bei der Begleichung der Hafenausgaben zu helfen. In der Folge hatten sie monatelange Scherereien um das Geld von der Nautilus S.A. zurück zu erhalten. Darum forderte UTC eine Bankgarantie, die jedoch in der kurzen Zeit unmöglich ausgestellt werden konnte. Der Kapitän bettelte bei der lokalen italienischen Gemeinschaft Geld zusammen um wenigstens Frischwasser zu kaufen und so die Reise fortzusetzen. Natürlich war die Schweizerkolonie in Lagos, aber auch in Ghana nicht glücklich, dass das gute Ansehen der Schweizer durch solches Gebaren in Verruf gebracht wurde. Offensichtlich hatte Nautilus keine Kontrolle über die Machenschaften von Messina.
Im Juni 1950 erstand die Reederei von der G.E.N. Gestione Esercizio Navi, Genua auch noch den alten Frachtdampfer TICINO, somit war ihre Flotte auf 6 Einheiten angewachsen. Die G.E.N. schaute vermutlich schon seit einiger Zeit nach den technischen und kommerziellen Belangen der Schiffe, auch hier verlangte der Bund eine Änderung um den ausländischen Einfluss einzudämmen. Daraufhin eröffnete die Nautilus S.A. im Laufe von 1947 ein Zweigbüro in Genua in der Via Caffaro 12. Das Büro, in bester Lage im Stadtzentrum, stand unter der Leitung des ehemaligen Schweizer KTA-Hafenkommissärs in Genua, Christian Bach. Allerdings beschwerte sich das KTA schon im März 1948 beim EPD, dass Herr Bach immer noch Briefpapier mit dem Kopf "Commissariat fédéral du port de Gênes" verwendete.
Die G.E.N. Gestione Esercizio Navi, Genua gehörte zum Firmenimperium des Vatikans und wurde 1947 von der Vatikan Bank gegründet. Diese Reederei, die viele Schiffe betrieb, stand unter der Leitung von Giulio Pacelli, einem Neffen des Papstes Pius XII (1876 - 1958). Eine zweite Firma war die G.E.N.S. Gestione Esercizio Navi Sicilia mit Sitz in Palermo. Giulio Pacelli war auch in einer leitenden Position in der Banco di Roma. Dr. Waldo Riva wiederum amtete auch als Schweizer Statthalter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem der direkt unter dem Schutz des Vatikans steht. Es scheint uns, Waldo Riva, der auch in anderen Tessiner Reedereien eine Rolle spielte, hatte seine Beziehungen zum Vatikan spielen lassen.
Schornstein und Flagge der G.E.N. (gelb / weiss die Farben des Vatikans)
In 1949 wurde die Nautilus umorganisiert, der Präsident des Verwaltungsrates war wie bisher Angelo Anastasi, neu in das Gremium kamen der Anwalt Dr. Bixio Bossi (1896 - 1990) und Dr. Waldo Riva, beide auch Ständeräte (FDP und CVP). Dr. Luigi Fontana schied aus. Das Aktienkapital wurde von 50'000.- auf 500'000.- Franken erhöht. Die Firma Ignazio Messina wurde zurückgestutzt und ausgebootet. Natürlich sah Messina die Angelegenheit mit ganz anderen Augen, wie sie den Fall heute in ihrer Firmenwebseite darstellen.
Im Zuge der Koreakrise, als Schiffsraum knapp zu werden drohte, führte der Bund auf Grund des Gesetzes zur Sicherstellung der Landesversorgung von 1938, eine Aktion zur Erhöhung der Schweizer Überseetonnage um 60'000 Tonnen durch. Mit Beschluss vom 17/21.11.1950 gewährte der Bund Darlehen von bis zu 75% des Schiffswertes.
Obwohl Nautilus S.A. schon 1950 in finanziellen Schwierigkeiten steckte, half der Bund der Reederei um einen möglichen Konkurs und den Verlust der Schiffe abzuwenden. Der Bund befürchtete auch, dass die ausländische Banco di Roma, Lugano und die ihr nahestehende G.E.N. zu viel Einfluss auf die Nautilus S.A. nehmen könnten und in 1951 wirkte er dahin gehend, dass Nautilus ihre Kredite bei der Banco di Roma zurückzahlen konnte, indem er eine Bundesgarantie auf 6 Jahre gab. Die Banco di Roma wurde abgelöst durch Kredite der Schweizer Volksbank und der Schweizer Kreditanstalt. Damit konnte man die italienische Bank und die G.E.N. ausschalten.
In 1951 wurde der alte Frachter CHASSERAL und der Tanker CERTENAGO verkauft, wobei das Tankschiff im Januar 1951 einen relativ guten Preis erzielte. Bei dieser Gelegenheit kaufte die Nautilus S.A. einen neuen, erst ungefähr 6 Monate alten griechischen Frachter und taufte ihn BADEN. Der Kaufpreis der BADEN betrug 3,45 Mio. USD (ungefähr 15,0 Mio Franken), somit schon an der Grenze des Tragbaren. In Genua munkelte man, dass bei diesem Kauf hohe Zwischengewinne gemacht wurden, ohne jedoch zu wissen, in welchen Taschen sie verschwanden.
Schon in 1949 erfuhr Bixio Bossi als Ständerat, dass der Bund verzweifelt Interessenten für seine Lire-Guthaben in Italien suchte. Mit Hilfe des Bundes bestellte die Firma einen neuen, speziell für die Westafrikafahrt gebauten Frachter bei einer italienischen Werft im Wert von total 11,05 Mio. Franken. Mit diesem Geschäft konnte der Bund Lire-Guthaben für 8,75 Mio. Franken beim italienischen Staat abbauen. Es muss jedoch auch erwähnt werden, dass zu jener Zeit das gleiche Schiff in Deutschland ungefähr die Hälfte gekostet hätte, andererseits aber stiegen wegen der Koreakrise die Frachtraten.
Die restlichen 2,3 Mio. Franken standen für den original Sulzer Motor zu Buche. Die HELVETIA kam im Juli 1952 in Fahrt und segelte für 26 Jahre unter Schweizer Flagge.
Die HELVETIA auf einer Reede in Westafrika (Bild: E. Haldimann)
Schon bei der Flaggenverleihung für die HELVETIA durch den Bundesrat wurde dringend geraten, das Aktienkapital auf 5,0 Mio. Franken zu erhöhen. Im Juni 1952 betrug das Aktienkapital nur 500'000.- Franken, wovon Ständerat und Präsident der Reederei, Bixio Bossi 40 %, Dr. Emilio Bianchi (ein Verwandter von A. Anastasi) 30 % und Angelo Anastasi die restlichen 30 % hielten. Der Verwaltungsrat bestand jetzt aus Bixio Bossi, Präsident und Dr. Bianchi (Waldo Riva und A. Anastasi waren ausgetreten). Schon zu dieser Zeit hatten wohl einige Beamte in Bern Bedenken wegen der finanziellen Lage der Firma. Die extrem hohen Erwerbskosten der beiden Schiffe BADEN und HELVETIA belasteten den Bund schon mit 24,0 Mio. Franken. Zudem verbürgte sich der Bund für weitere 5,0 Mio um alte Bankschulden abzuzahlen. Die Aktien waren dem Bund verpfändet, die Eidgenössische Finanzkontrolle beaufsichtigte die Buchhaltung und bestimmte über die Verwendung der Betriebsüberschüsse, die in erster Linie zur Tilgung von Bankkrediten zu verwenden waren. Auch über grössere Anschaffungen redete die Verwaltung mit. Allerdings eine Erhöhung des Aktienkapitals führte man nie durch.
Im Jahr 1953 ging der Koreakrieg zu Ende und damit sanken die Frachtraten erheblich und brachten die Luganeser Reederei immer mehr in finanzielle Bedrängnis. Lange wusste man auch nicht, dass Nautilus mit Messina in einen grösseren Gerichtsfall verwickelt war, vermutlich nahm die Affäre schon ihren Anfang mit dem Kauf der LUGANO während der Kriegszeit. Ein Schiedsgericht verlangte eine Zahlung von etwas über 3,5 Mio. Franken an Messina. Als Nautilus den Bund um einen Kredit von 2,0 Mio. Franken bat, um Messina auszuzahlen, rückte die Katastrophe näher. Anstelle von Bixio Bossi beauftragte der Bund den Tessiner Nationalrat Franco Maspoli (1908 bis 1974), der auch in der Finanzkommission sass, mit Messina zu verhandeln, er erreichte, dass diese Summe in einem aussergerichtlichen Entscheid noch erheblich auf 2,1 Mio. Franken gesenkt werden konnte.
Zu allem Elend entdeckten die Finanzprüfer, dass eine ausbezahlte Versicherungssumme von 106'000.- Franken nicht in den Büchern ausgewiesen war, sondern direkt an die Aktionäre ausbezahlt wurde. Das Vertrauen in die Leitung der Firma war erschüttert, aber was sollte der Bund nun unternehmen, die Firma sich selbst überlassen und in den sicheren Konkurs schicken, oder die Reederei in fähigere Hände übergehen lassen? Keine leicht zu beantwortende Frage, zumal mit Bixio Bossi als langjähriger Ständerat und Firmenchef, eine gewichtige und in Bern bestens bekannte Persönlichkeit involviert war.
Die Eidg. Finanzverwaltung versuchte für die in Schieflage geratene Reederei eine für den Bund günstige Lösung zu finden. Massgeblich beschäftigten sich Max Iklé und Bernhard Müller mit der Nautilus. Dr. Max Iklé (1903 bis 1999) war von 1948 bis 1956 Direktor der Eidg. Finanzverwaltung, später sass er im Direktorium der Schweizerischen Nationalbank, zudem war er auch Vater unserer ersten Bundesrätin Frau Elisabeth Kopp. Fürsprech Bernhard Müller (1921 bis 2006) leitete als Chef den Rechtsdienst des Eidgenössischen Finanzdepartements.
Dr. Bixio Bossi, Ständerat Dr. Max Iklé, später Direktor SNB
(Photos "Zürcher Woche")
Die Finanzverwaltung stand im Gespräch mit Transoceanique S.A. Genf, um nach Möglichkeit eine schweizerische Lösung des Problems zu erreichen. Diese Firma wurde von Charles Keller (1900 – 1992), Inhaber der Keller Shipping AG, Basel kontrolliert und besass auch den neuen Frachter GENERAL DUFOUR. Die Reederei stand der Genfer Privatbank Lombard, Odier & Cie nahe und deren Verwaltungsrat bildeten die drei Herren Jean Bonna und Edmond Barbey, beide Bankiers in Genf, sowie Charles Keller. Mittlerweile verhandelte Bixio Bossi mit einer "Gruppe Jäger", die auch Interesse an der Nautilus bekundet hatte, offenbar waren dies Ausländer und Jäger war nur der Schweizer Strohmann.
Bei einer Reise nach Genua im August 1953 stattete Charles Keller einen Höflichkeitsbesuch in Büro der Nautilus Genua ab, wobei er auch den dort zufällig anwesenden Fürsprech Bernhard Müller der Eidg. Finanzverwaltung traf. Im Frühjahr 1954 gelangte der Bund erstmals mit der Frage an die Transoceanique heran, ob sie gewillt wären die Flotte der Nautilus zu übernehmen.
Am 01.07.1954 übernahm Keller Shipping AG, Basel die volle kommerzielle und technische Betreuung der Nautilus Schiffe. Bei dieser Übernahme besass Nautilus fünf Schiffe, die ST. GOTTHARD und die TICINO wurden gleich verkauft, vermutlich auf Betreiben von Charles Keller, während die HELVETIA, die BADEN und die SAENTIS noch viele Jahre unter der Flagge von Keller Shipping weiter fuhren. Gemäss einem Eintrag in dem Schweiz. Handelsamtsblatt vom 09.08.1954 wurde der Verwaltungsrat der Nautilus S.A. jetzt mit Vertrauensleuten von Charles Keller besetzt. Neuer Präsident wurde Jean Ernst Bonna, sodann folgte Edmond Barbey und Charles Keller wurde Delegierter. Bixio Bossi durfte im Verwaltungsrat bleiben, hatte jetzt aber nur noch Kollektivunterschrift. In 1955 übernahm Transoceanique S.A. die Aktien und somit auch die Schiffe der Nautilus S.A. Lugano.
Das Abenteuer kostete den Bund vermutlich 19,0 Mio. Franken, so genau lässt sich dies heute nicht mehr feststellen. Zudem wurde der Wert der Flotte erst im Nachhinein geschätzt, zu einem Zeitpunkt als die Frachtraten im Keller lagen. Die italienischen Experten ermittelten einen Gesamtwert von ungefähr 10,0 Mio. Franken. Beim Bund erwartete man allerdings eine Schätzung so um die 20,0 Mio. Franken, stand doch die Flotte mit 29,0 Mio. zu Buche - einige Leute im Bundeshaus machten bestimmt lange Gesichter. Die Transoceanique S.A. einigte sich jedoch mit dem Bund 12,0 Mio. Franken für die Schiffe zu bezahlen.
Charles Marcel Keller-Gysin (Photo Strom + See)
In 1955 als die Frachtraten wieder kräftig anzogen, aber die Übernahme der Nautilus längst vollzogen war, bereute Bixio Bossi anscheinend seinen Entscheid, leichtfertig auf die Schalmeien aus Bundesbern und aus Genf hereingefallen zu sein und er veröffentlichte in 1956 ein 62 Seiten umfassendes Exposé, in dem er die beiden Berner Beamten Max Iklé und Bernhard Müller des Betrugs zu Lasten der Nautilus bezichtigte. Dieses Schreiben verteilte er grosszügig im Bundeshaus und an die Presse. Somit nahm die so genannte "Nautilus Affäre" ihren Anfang, die, die Gerichte und die Öffentlichkeit für ungefähr die nächsten 10 Jahre beschäftigen sollte. Die beiden Beamten liessen das nicht auf sich sitzen und verklagten Bossi wegen Ehrverletzung. Es scheint, dass damals die Zeitung "Die Tat" (die Migros Tageszeitung, deren Gründer Gottlieb Duttweiler war bestimmt sehr erpicht diese Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen) massgeblich an der Aufdeckung und Veröffentlichung dieser Affäre beteiligt war, die unsere Behörden über Jahre unter dem Deckel halten konnten. Der Bundesrat setzte eine Eidg. Untersuchungskommission unter Leitung von Emil Schmid, Berner Oberrichter, sowie Robert Grimm, Verwaltungsrat der Schweiz. Reederei und Dr. Heinrich Wachter, früher in leitender Position bei der Welthandelsfirma Gebr. Volkart, Winterthur ein. Einige der wichtigsten, aufgeworfenen Fragen:
- Kreditvergabe an Nautilus in 1950/51?
- Hätte die Sanierung in 1954 nicht besser ausgehandelt werden können?
- Warum wurden andere Firmen nicht angefragt?
- Könnte der Bund Schadenersatzansprüche gegen die früheren Organe der Nautilus geltend machen?
Am 23.10.1956 sah sich Bundesrat Streuli vom Eidg. Finanz & Zoll Departement genötigt, eine Pressekonferenz einzuberufen, um erstmals ausführlich über die Affäre zu informieren. Leider wurde das Seeschifffahrtsamt in Basel in dieser Sache nie beigezogen oder um Rat gefragt.
Besser als viele Worte zeigt die nachfolgende Tabelle aus dem Untersuchungsbericht die damalige Lage mit den Bundesdarlehen per 18.02.1954:
|Reederei||Darlehen||Rückzahlungen||RZ in Prozent|
|Suisse-Atlantique||15'447'000.-||3'885'000.-||25,15 %|
|Alpina (SRAG)||15'562'462.-||300'462.-||1,93 %|
|Nautilus||24'035'109.-||---------||--- %|
|Suisse-Outremer||6'185'477.-||910'477.-||14,72 %|
|Transoceanique (Keller)||4'900'000.-||1'600'000.-||32,65 %|
|Reederei Zürich (Migros)||12'000'000.-||1'200'000.-||10,00 %|
Eine Vergabe der Nautilus an Suisse-Atlantique kam aus rein kommerziellen Gründen nicht Frage, Suisse-Atlantique hauptsächlich im Getreidehandel tätig, hätte sich mit einer Linienreederei schlecht vertragen. Die Alpina nagte selber am Hungertuch, Suisse-Outremer war erst kürzlich ins Geschäft eingestiegen und eine Übernahme durch die Migros kam eh nicht in Betracht. So verblieb nur noch die Transoceanique mit Keller Shipping.
Im Februar 1958 fand im Berner Amtsgericht der Ehrverletzungsprozess Max Iklé und Bernhard Müller gegen Bixio Bossi statt. Er wurde erstinstanzlich verurteilt und ein Jahr später bestätigte das Berner Obergericht das Urteil. Bei der Nautilus S.A. herrschte offensichtlich eine beträchtliche Misswirtschaft, wie der Hauptzeuge, der alte Charles Keller aussagte, die Organisation war "katastrophal", der Zustand der Schiffe schlecht, für Versicherungsprämien wurde anscheinend das Doppelte als nötig bezahlt, Lieferanten machten Spezialzuschläge (Korruption) und die meisten Agenten mussten "zum Teufel" gejagt werden. Am Schluss meinte Keller noch keck "Ohne mich und meine Organisation wäre die Nautilus heute nichts wert".
Bei einer parlamentarischen Nachfrage im Februar 1958 erklärte der Bundesrat, dass sich dank der verbesserten Frachtlage, aber auch dank des guten und effizienten Management durch Keller Shipping, die Situation der Nautilus nachhaltig verbessert hätte. Auch sollen Exponenten der neuen Nautilus erklärt haben, dass die Verluste des Bundes wieder gut gemacht werden.
Im April 1959 verklagte die Bundesanwaltschaft Bixio Bossi ihrerseits wegen Betrugs zu Lasten des Bundes, er wurde jedoch am 13.11.1964 vom Berner Strafamtsgericht freigesprochen oder wie die "Zürcher Woche" damals in einem längeren Artikel schrieb "die Bundesanwaltschaft erhielt eine Ohrfeige und der Bundesrat einen Wink mit dem Zaunpfahl", waren doch die Bundesbeamten all die Jahre bestens informiert über die prekäre Lage der Nautilus. Offensichtlich herrschte die Ansicht vor, dass man diese Angelegenheit zu einem besseren Abschluss hätte bringen können. Es ist heute schwierig diese Affäre zu beurteilen, vor allem kennen wir die Charaktere dieser Akteure nicht, z.B. war Bossi grenzenlos naiv oder einfach ein durchtriebener Geschäftsmann? Ohne Zweifel war Charles Keller ein schlauer Fuchs, der für Keller Shipping ein gutes Geschäft tätigen und somit seine kleine Flotte um ein beträchtliches Stück vergrössern konnte. Die Berner Beamten lagen mit ihren Entscheidungen auch nicht falsch, bewährte sich Keller Shipping doch über viele Jahre erfolgreich im Liniengeschäft nach Westafrika und nach Portugal. Allerdings wendete sich das Blatt in den neunziger Jahren, aber das ist eine andere Geschichte.
Am 17.02.1964 wurde das gesamte Aktienkapital von 500'000.- Franken der Nautilus S.A. Genf (c/o Keller Shipping, Basel) an die Transoceanique Suisse S.A. Genf überschrieben.
SwissShips HPS, Januar 2019
Nachtrag zur Nautilus AG:
Nach Recherchen im Landesarchiv Glarus kann gesagt werden, dass die Nautilus S.A. am 23.12.1937 mit der ersten Generalversammlung im Amtslokal des öffentlichen Notars an der Talstrasse 25 in Zürich gegründet wurde.
Der erste Verwaltungsrat bestand aus zwei Personen:
Giuseppe Ferrazzini war der Vertreter der Società di Navigazione sul Lago di Lugano, diese Firma hielt den Löwenanteil von 96 Aktien, während der Rest, je zwei Aktien zur Banca Unione di Credito, Lugano und zur Genossenschaft An der Halden, Zürich gingen. Als Firmenzweck wurden Finanzierungen, Immobilien, besonders aber auch An- und Verkauf von Schiffen aller Art eingetragen.
Das legale Domizil der Firma befand sich an der Hauptstrasse in Glarus (anscheinend hatten damals die Häuser noch keine Nummern), bei Dr. jur. Rudolf Gallati (1880 - 1943) ein Anwalt und Politiker, der viele Ämter inne hatte, z.B. Landrat, Landammann und Nationalrat. Nach seinem Tod 1943 übernahm seine Ehefrau Dr. Christine Gallati-Dinner das Mandat der Nautilus.
Zur der Zeit als Nautilus S.A. in die Seefahrt einstieg und die LUGANO erwarb, hatten die Firmenaktien schon neue Besitzer gefunden und neue, andere Personen amteten als Verwaltungsräte. Allerdings die Verbindung zur Banca Unione di Credito in Lugano blieb erhalten. Der Verwaltungsrat Angelo Anastasi war auch Vizedirektor dieser Bank. An der ausserordentlichen Generalversammlung vom 10.07.1954 beschloss man den Sitz der Nautilus S.A. nach Genf zu verlegen (Übernahme der Firma durch Charles Keller). Somit endete das Domizil der Firma in Glarus.
SwissShips, HPS, HM, im November 2020