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Dr. Pop, gibt es so etwas wie einen Bassistenkomplex?
Bassisten haben es nicht leicht. Sie sind austauschbar, dürfen keine Solos spielen und kriegen die hässlichsten Groupies ab. Leiden Bassisten deshalb zwangsläufig unter Minderwertigkeitskomplexen?
Dass Jason Newsted Metallica 2001 verlassen hat, war für die Fans der Band kein Weltuntergang. Man stelle sich vor, Hetfield oder Hammett wären gegangen. Metallica wären nicht mehr das gewesen, was sie mal waren. Newsted hingegen war für Metallica seit jeher nur ein Tieftonsklave. Zwar gab er als Grund für seinen Ausstieg Nackenprobleme wegen jahrelangem Headbangen an, später kam jedoch ans Licht, dass ihm von seiner Band jegliche kreative Entfaltung verwehrt wurde. Nicht mal mit einem Soloprojekt durfte Newsted sich austoben. Anfang April wurden Metallica in die Rock&Roll-Hall-of-Fame aufgenommen und haben sich für diesen Anlass mit ihrem ehemaligen Bassisten wiedervereint. Newsted musste die Schmach über sich ergehen lassen, gemeinsam mit seinem Nachfolger Robert Trujillo aufzutreten.
Das Schicksal von Jason Newsted steht exemplarisch für das Schicksal vieler Bassisten. Zwar ist der Bassistenkomplex bislang wissenschaftlich nicht erwiesen, doch an seiner Existenz dürfte kaum jemand zweifeln. Bassisten werden in vielen Bands unterdrückt, gehänselt und gedemütigt. Selbst wenn sie in den Kreativprozess eingebunden werden, kriegen sie keine Songwriting-Credits. Von den Fans werden sie missachtet, weil sie sich musikalisch im Hintergrund halten und mit ihren spastischen Bewegungen wenig attraktiv wirken. So entwickeln Bassisten über die Jahre Minderwertigkeitskomplexe, werden zu Eigenbrötlern, erscheinen nicht mehr zu den Proben und werden schliesslich gefeuert. Beim Casting des neuen Bassisten stellt die Band dann charakterliche Anforderungen über musikalisches Talent. Unterwürfige Persönlichkeiten haben Vorrang, auch wenn ihr Timing vielleicht nicht ganz so präzis ist, wie das des ehemaligen Bassisten. Lektionen in Demut folgen.
Der Bassist verbringt sein Bühnenleben im Halbdunkel und wird auch bei Promofotosessions gerne als Schattenmann inszeniert. So kann sich die Band, sollte der Bassist aussteigen, neue Pressebilder sparen. Doch aller Bassistenwitze zum Trotz hat es auch durchaus seine Vorteile, Bassist zu sein: Man läuft aufgrund des kleinen Bewegungsradius kaum Gefahr, sich im Kabelsalat zu verwickeln, muss keine Interviews geben, weniger Saiten wechseln und kaum je üben. Doch ist der Bass wirklich einfacher zu beherrschen als die Gitarre, nur weil er zwei Saiten weniger hat? Ist ein guter Bassist nicht eben doch mehr als nur das fünfte Rad am Wagen?
Bestimmt. Denn der Bass ist das Fundament jeder Band. Ohne ihn sackt die Musik in sich zusammen wie ein Körper ohne Rückgrat. Ohne Bass geht nichts, denn den Melodien fehlt der Nährboden, den Riffs die Wucht und dem Beat der Groove. So ist der Bassist keineswegs das fünfte Rad am Wagen, sondern vielmehr der Motor der Band, der letztendlich die Hüften zum Schwingen bringt. Und Sid Vicious hat es schliesslich bewiesen: Bassisten können sexy sein.
> Leserfragen an Dr. Pop bitte an: dr.pop(ät)78s.ch
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