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21.11.2017 | Universität | Geist & Gesellschaft
Einstein Lectures: Was die Wahrheit nicht ist
Der renommierte britische Philosoph Simon Blackburn hielt am 20. November die erste der drei dem Thema Wahrheit gewidmeten Einstein Lectures 2017. In dieser Auftaktvorlesung zeigte er dem Publikum Probleme auf, die sich ergeben können, wenn man Wahrheit als eine bestimmte Form von Übereinstimmung mit Fakten erklären möchte.
Von Joannes Bernard Campell
Simon Blackburn ist ein wichtiger und einflussreicher Philosoph – sowohl innerhalb der akademischen Welt, wie auch ausserhalb. Er war unter anderem der Professor für Philosophie an der Universität Cambridge, Herausgeber der prestigeträchtigen philosophischen Fachzeitschrift «Mind» und er trägt mit Büchern und Texten, die in 18 Sprachen übersetzt wurden, vieles zur Popularisierung der Philosophie bei. Er ist zudem auch ein ausserordentlich höflicher Gast: gleich zu Beginn seiner Vorlesung entschuldigt sich Blackburn dafür, dass er diese auf Englisch halten werde – sein Deutsch sei nicht gut genug, um darin vorzutragen. Die Sprache, die er dann benutzt, entpuppt sich als schönes Gastgeschenk. Er versteht es, komplizierte Sachverhalte in einfacher Sprache darzustellen, ohne dabei an gedanklicher Tiefe zu verlieren.
Eine Hommage an Einstein
Im ersten Teil der Veranstaltung rekonstruierte Blackburn Positionen von Einstein bezüglich der Frage, ob es die von den naturwissenschaftlichen Theorien postulierten, nicht beobachtbaren Gegenstände tatsächlich gebe. Er zeichnete das Bild eines jungen Einstein, der auf der Seite der Anti-Metaphysiker steht. Den Anti-Metaphysikern zufolge ist die Frage nach der Existenz keine relevante Frage für die Naturwissenschaften. Diese Frage sei eine metaphysische Frage, also eine Frage, die über die Physik hinausgeht. Blackburn zitierte den bekannten Chemiker August Kekulé als einen Vertreter dieser Position: «Die Frage, ob Atome existieren oder nicht, hat vom Standpunkt des Chemikers aus wenig Bedeutung. […] In der Chemie haben wir lediglich zu entscheiden, ob die Annahme von Atomen eine Hypothese ist, die sich zur Erklärung der Chemischen Phänomene eignet.»
Eine Befreiung von solchem metaphysischen Ballast kann die Weiterentwicklung von wissenschaftlichen Theorien vereinfachen. Nach Blackburn wurde Einsteins Formulierung der Relativitätstheorie durch solche Überzeugungen mit ermöglicht. «Einstein wäre sonst eingeschlossen gewesen in einer sehr viel konservativeren Ansicht von Raum und Zeit», ist Blackburn überzeugt.
Ist Wahrheit so selbstverständlich?
Im zweiten Teil widmete sich Blackburn kritisch einer Theorie der Wahrheit, die zumindest auf den ersten Blick sehr plausibel scheint: der Korrespondenztheorie. Die Kernaussage dieser Theorie ist, dass ein Satz wahr ist, wenn er mit den Fakten übereinstimmt. Diese Aussage scheint so wahr, dass sie zur Plattitüde taugt. Umso erstaunter war man, als Blackburn anfing, Philosophen zu zitieren, die in scharfem Ton gegen diese Theorie wetterten. Richard Rorty erntete einige Lacher mit «The idea that truth is correspondence should be extirpated rather than explicated», zu Deutsch: «Die Vorstellung, dass Wahrheit Korrespondenz ist, sollte nicht erklärt, sondern ausgerottet werden». Das Problem ist diesen Leuten zufolge nicht, dass die Korrespondenztheorie falsch sei: niemand zweifle daran, dass wahre Sätze mit den Fakten korrespondieren würden. Das Problem sei mehr, dass ‘wahr sein’ und ‘mit den Fakten übereinstimmen’ Synonyme seien und die Theorie entsprechend nicht viel Erklärungskraft habe, oder aber, beim Wort genommen, zu unglaubwürdigen Schlüssen führe.
Warum manche Plattitüden nicht zur Theorie taugen
Blackburn präsentierte im Folgenden zwei Argumente gegen die Korrespondenztheorie. Beide gehen davon aus, dass man die Theorie beim Wort nimmt. Beim ersten Argument, das auf Wittgenstein zurückgeht, geht man davon aus, dass ein Satz wahr ist. Der Theorie zufolge müsste es dann einen Fakt geben, der mit dem Satz in einer echten Relation der Korrespondenz steht. Wenn Fakten überhaupt Gegenstände seien, dann sehr eigenartige. Blackburn erklärte: «Man könnte zum Beispiel, im Prinzip, den Eiffelturm von Paris nach Berlin bewegen.» Aber den Fakt, dass der Eiffelturm in Paris ist, den könne man nicht bewegen, denn Fakten befinden sich nicht in Raum und Zeit. Es sei also schwierig, sich vorzustellen, wie solche Fakten in einer Relation mit irgendetwas stehen können. Die Theorie scheint also hier eine implausible Folge zu haben.
Beim zweiten Argument, das auf Frege zurückgeht, schaut man sich den Prozess des Erkenntnisgewinnes an. Blackburns Beispiel war die Frage, ob sein Anzug in England hergestellt wurde. Nun stelle man sich zwei Gruppen vor, beide mit einer leicht verschiedenen Aufgabe. Die erste Gruppe soll herausfinden, ob der Anzug in England hergestellt wurde. Die zweite Gruppe soll herausfinden, ob es wahr ist, dass der Anzug in England hergestellt wurde. Der Korrespondenztheorie zufolge müssten diese zwei Gruppen mit völlig verschiedenen Aktivitäten beschäftigt sein. Während die erste Gruppe den Mantel untersuchen würde, wäre die zweite Gruppe damit beschäftigt, zu überprüfen, ob es irgendwelche Fakten und Relationen gibt, in denen der Satz mit den Fakten steht. Intuitiv würde man aber meinen, dass beide Gruppen das Gleiche tun sollten.
Als Blackburn am Ende der Vorlesung gefragt wurde, ob er glaube, dass er viel Wahres gesagt hätte heute Abend, antwortete Blackburn: «Ich glaube einiges Wahres gesagt zu haben über Einstein, über andere Philosophen und auch über die Wahrheit selbst.» Er fügte aber gleich an, dass er sich heute Abend nicht allzu sehr aus dem Fenster gelehnt hätte. Man darf also gespannt sein auf die zwei noch folgenden Veranstaltungen, an denen sich Simon Blackburn wohl weiter hinauslehnen wird.
ZUR PERSON
Simon Blackburn ist einer der bekanntesten Philosophen der Gegenwart, dessen zahlreiche Werke ein breites Publikum begeistern und in 18 Sprachen übersetzt sind. Als «Bertrand Russell Professor für Philosophie» der Universität Cambridge hatte der 73-Jährige bis vor Kurzem einen der renommiertesten philosophischen Lehrstühle überhaupt inne: den Lehrstuhl von Ludwig Wittgenstein. Von 1984 bis 1990 war Blackburn der Herausgeber der Zeitschrift «Mind».
EINSTEIN LECTURES 2017
Im Andenken an das Werk von Albert Einstein widmen sich die jährlich stattfindenden Einstein Lectures der Universität Bern und der Albert-Einstein-Gesellschaft abwechselnd Themen aus der Physik und Astronomie, der Mathematik und der Philosophie. Für die aktuelle Vorlesungsreihe wurde der britische Philosoph Simon Blackburn eingeladen.
Weitere Vorträge:
Truth and the pragmatist challenge
Dienstag, 21.11.2017, 17:15 Uhr
Truth in feeling
Mittwoch, 22.11.2017, 19:30 Uhr
Hauptgebäude der Universität Bern, Aula, Hochschulstrasse 4, Bern. Die Vorträge sind öffentlich und kostenlos. Vortragssprache ist Englisch.
Weiterführende Links:
ZUM AUTOR
Joannes Bernard Campell (*1985) studiert im vierten Master-Semester Philosophie an der Universität Bern.