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Autor L.G. - Da sind sie schon zu Fünft
Es war im März 1959, als wir den Umzug nach Kamerun in Angriff nahmen. Unser neues Zuhause war mitten unter den Fulbe (1), einem muslimischen Volk. Da kam einmal eine Witwe mit ihrem Jungen und wollte, dass wir ihn bei uns aufnehmen, um aus ihm einen Mann zu machen. Dairu, so hiess der Junge, hatte gut auf unsere Kinder aufgepasst. Er wusch sogar die Stoffwindeln unserer Kinder. Er blieb neun Jahre bei uns. Dank ihm haben wir die Fulani-Sprache sehr gut gelernt. Auf der Missionsstation gab es ein Strohhaus, wo wir unseren Heustock hatten. Die Idee war, den Fulani das Heu zu verkaufen. Diese lachten uns aus. Bei ihnen würden die Kühe das Gras ab der Weide fressen, sagten sie. Wir hatten auch einen Hund namens Rip. Für die Moslem sind Hunde unrein. Doch mit der Zeit hat sich jedermann an unseren Hund gewöhnt. Unsere Küche hatte keine Fenster und war ein Rauchloch. Man kochte mit Holz und Kohle, konnte aber kaum erkennen, was man genau kochte. Für uns war klar. Wir brauchten eine neue Küche. Die Devise lautete: „Brauchst du eine Küche, so baue eine Küche.“ Wir kauften einen Sack Zement, ein paar Bleche, stellten Lehmziegel her und machten daraus unsere Küche. Auf dem Markt mitten unter den muslimischen Händlern hatte unser Arbeitskollege einen Laden gemietet. Dort wurde unter anderem auch christliche Literatur verkauft. Zu seinem Arbeitszweig gehört auch, dass ein einheimischer Mitarbeiter mit seinem Schweizer Militärvelo und einem schweren Anhänger durchs Land fuhr und Werbung machte für den christlichen Glauben. Für unsere Literaturarbeit hatten wir den Wunsch, selber produzieren zu können. Nicht lange Zeit danach lieferte uns mein Schwager die erste Vervielfältigungsmaschine, mit der wir kurze Lesetexte in der einheimischen Sprache und Arbeitshefte für die Jugendarbeit drucken konnten.
Auf der Missionsstation selber gab es bei unserer Ankunft noch keinen Gottesdienst. Wir begannen dann einfach und Fred predigte jeden Sonntag. Die Übersetzung machte ein einheimischer Christ, der jeden Sonntag die 7 Kilometer zu Fuss gekommen war. Dieser Gottesdienst besteht heute noch und ist mittlerweile zu einer grossen christlichen Gemeinschaft herangewachsen. Um einen besseren Kontakt zur muslimischen Bevölkerung zu haben, eröffneten wir einen Erste-Hilfe-Posten. Ein altes Magazin wurde umfunktioniert in eine „Mini-Poliklinik“. Hier waren unsere Sprachenkenntnisse besonders gefordert. Mit der Zeit kamen täglich 30 bis 40 Leute zur Behandlung. Es war klar, für diese Arbeit brauchte es zusätzliches Personal. Aber wer würde sich für diese Arbeit eignen? Eine erfahrene Missionarin hat sich bereit erklärt, die Verantwortung für den Erste-Hilfe-Posten zu übernehmen. Fred nahm sofort die Arbeiten am alten Strohhaus auf, damit die Räume bewohnbar waren. Wir stellten fest, dass immer weniger Fulbe auf die Missionsstation kamen. Wir fanden heraus, dass ein Islam-Gelehrter die Leute davon abhielt, zu uns zu kommen. In vielen Dörfern wollten die Leute mehr über den christlichen Glauben erfahren, aber der Dorf-Chef war dagegen. Es gibt für Muslime ein klares Verbot, den Glauben zu wechseln. Es gab einige Probleme zu bewältigen. Im Norden Kameruns war es für Christen z.B. nicht erlaubt Alkohol zu trinken, weil das Suchtproblem weit verbreitet war. Man war der Meinung, dass ein „richtiger“ Christ frei von jeglichen Süchten ist. Das Problem kam aus dem Süden. Die Christen von dort trinken Alkohol und rauchen und sehen darin nichts Falsches. Sie wurden von den Franzosen unterrichtet, die eben immer wieder ihr Gläslein tranken.
Ende Oktober 1959 verbrachte ich wieder einige Tage im Spital zur Geburt unseres zweiten Kindes. Der Arzt kam vorbei, Zigarette im Mund. Er meinte, wenn das Kind nicht bald komme, müsse er die Zange hervornehmen. Glücklicherweise kam Myrtha vorher gesund zur Welt. Die hygienische Situation war auch in diesem Spital prekär. Später erfuhren wir, dass der Arzt zum ersten Mal eine Geburt leitete. Er sei Militärarzt und habe sich später in Frankreich zum Gynäkologen spezialisiert. Ich war froh, als wir wieder Zuhause waren. Myrtha war ein liebes Mädchen. Schon nach zwei Monaten hat sie uns entgegengelacht und begann zu plaudern. Die beiden Kinder taten uns gut. Sie halfen uns über viele Sachen hinweg. Und sie waren auch die Kontaktbrücke zu den Afrikanern.
Im Dezember 1960 kam unser drittes Kind zur Welt. Die Geburt konnte dieses Mal unter fachkundiger Aufsicht auf der Missionsstation eingeleitet werden. Es ging alles gut. Nun waren wir zu Fünft.
(1) Die Fulbe (auch Fula, Fulla, Fullah oder Fulani genannt, ihrem französischen Namen als Peul bekannt), sind in grossen Teilen Westafrikas ein ursprünglich nomadisierendes Hirtenvolk, das im Zuge der Islamisierung heute vorwiegend sesshaft ist.
Episode 19 - L.G. Da sind sie schon zu Fünft