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Leny Bider (1894–1919)
Am 8. November 1894 wird Julie Helene Bider als jüngstes von drei Kindern in die Langenbrucker Familie Bider-Glur geboren. Ihr älterer Bruder ist Oskar Bider, der spätere Flugpionier und Alpenüberflieger.
Die Eltern betreiben ein Tuchhandlungsgeschäft und sind zeitweise Geranten im damals neuen Kurhaus auf der Langenbrucker Passhöhe. Der Vater ist überdies Leiter des Verkehrsbüros und Kassenverwalter der Ersparniskasse Langenbruck sowie Landrat.
Leny hat eine wirtschaftlich sowie politisch sehr aktive Familie. Sie verbringt eine glückliche und wohlbehütete frühe Jugend – wie sehr umfangreiches Fotomaterial belegt. Im Winter wird am Hang hinter dem Elterhaus geschlittelt oder Ski gefahren, im Sommer gibt es grosse Picknicks.
Leny ist oft zu Besuch bei Verwandten, viel beim Rektorehepaar Glur-Forster in Liestal.
Im November 1907 stirbt die Mutter an Krebs. Auf den Fotos aus der Zeit wirkt die halbwüchsige Leny traurig und zurückgezogen.
Gemeinsam mit dem Vater und dem ältesten Bruder zieht Leny im folgenden Jahr nach Basel. Mit dem Umzug in die Stadt will Vater Bider Sohn Georg das Arztstudium erleichtern; Oskar absolviert eine landwirtschaftliche Ausbildung. Leny tritt im Oktober 1908 von der Primarschule Langenbruck direkt in die Töchterschule, das Basler Mädchengymnasium, über. Ihr bewegtes Teeny-Leben in Basel beschreibt sie ausführlich im Tagebuch, das sie ab November 1910 führt.
Als im Februar 1911 völlig unerwartet auch der Vater stirbt, ist Leny erst 16 Jahre alt, ihr Vormund ist der geliebte Onkel Max Glur-Forster. In dessen Liestaler Haus lebt sie dann auch für einige Zeit, bevor sie - gemäss dem Willen ihres Vaters - in ein Lausanner Mädchenpensionat eintritt. Im Sommer 1912 besucht Leny die Haushaltungsschule Ralligen bei Merligen am Thumersee.
Ab Herbst 1916 führt sie unter ihrem Namen Helene Bider ein Moden-Atelier an der Zürcher Bahnhofstrasse, wo sie nicht nur für Kleider- und Hut-Entwürfe verantwortlich,
Leny Biders Schauspielkarriere
Ihrem Bruder Oskar, ein landesweit bewunderter Aviatiker, fühlt sich Leny sehr verbunden. Die Beziehung zu ihrem Bruder Georg, mittlerweile Arzt, scheint weniger überschwänglich zu sein.
Durch ihre Erbschaft, streng verwaltet durch ihren Vormund, ist Lenys wirtschaftliche Zukunft auf Jahre gesichert. Es folgen Sprachaufenthalte in England. Vom Mai 1913 stammt etwa eine Postkarte an Offizier Oskar: Sie habe eine flotte Reise hinter sich und schlage sich nun mit Heldenmut durch London «und zwar ganz alleine»... Weitere Ansichtskarten zeugen, auch noch nach Kriegsausbruch, von weiteren Aufenthalten in Grossbritannien.
Im Frühjahr 1915 lässt sich Leny Bider in Zürich nieder, besucht eine Kunstfachschule und lässt sich zur Stummfilm-Schauspielerin ausbilden.
Im 15-minütigen Stummfilm «Frühlingsmanöver» (1917) ist Leny in einer Nebenrolle zu sehen, wo sie laut Kritik «mit ihrer reizenden Art und dem schelmischen Übermut allerliebst» wirkt.
Das laut Werbung «pikante schweizerische Militär-Lustspiel in drei Akten» sorgt für einige Aufregung, Regisseur Charles Decroix wird wegen Missbrauchs von Offiziersuniformen bis Kriegsende interniert. Der Film gilt als verschollen.
In der «Bergführer» von 1917, dem ersten grossen Schweizer Kinofilm unter der Regie des jungen Eduard Binz, erhält Leny Harold (Biders Pseudonym), die weibliche Hauptrolle. Gemäss Premieren-Kritik im Basler Kino Atelier gelingt es Fräulein Harold trefflich, die Bergbewohner nachzuahmen. Trotz Erfolg findet Leny Biders Schauspielkarriere keine Fortsetzung.
Leny Biders Tod im Schatten des Flugpioniers
Den Sonntagabend des 6. Juli 1919 verbringt Leny Bider mit ihrem Bruder Oskar und einigen seiner Offizierskameraden im Restaurant des ehemaligen Hotel Bellevue-au-Lac, wo Leny seit einiger Zeit wohnt.
Gefeiert wird der Übertritt des Bruders in die Zivilluftfahrt, nachdem er während des Kriegs bei den Fliegertruppen als Chefpilot gewirkt hat. Am folgenden Tag stürzt Oskar bei einer Flugakrobatik-Vorführung in Dübendorf in den Tod.
Noch gleichentags nimmt sich Leny Bider in ihrem Mietzimmer das Leben und entscheidet sich damit - nun verlassen vom nahe stehenden Bruder - gegen die neue Vormundschaft des kommenden Ehestands.
Schon frühere Tagebucheinträge Lenys zeigen, wie sehr sie als künstlerisch orientierter Mensch jede Art von Bevormundung ablehnt.
Leny Bider wurde zusammen mit Oskar Bider am 10. Juli 1919 in Langenbruck beigesetzt.
Quellen:
Frauenverein Langenbruck: «Leny Bider im Schatten des Flugpioniers», 2. nachgeführte Auflage, Oktober 2011
Johannes Dettwiler-Riesen: «Eine frühe Langenbrucker Kinofilm-Schauspielerin, Betrachtungen zur Biografie von Julie Helene ‹Leny› Bider 1894–1919»
Baselbieter Heimatblätter: Nr. 3 im September 2009
Tagseanzeiger, 2011, "Bruder Himmelsstürmer, Schwester Leinwandgöttin"
Volksstimme, 2007, "Schauspielerin im Schatten des Flugpioniers"