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Kein Blut, keine Operation
Der 26jährige Yang Jianming begab sich aus der südlichsten Region Chinas ganz in den Norden nach Beijing, um sich einen Tumor operativ behandeln zu lassen. Einige Tage, nachdem er im Krankenhaus stationiert war, meldete ihm der Arzt: «Die Blutlager des Krankenhauses sind leer». Er müsse zuerst Verwandte oder Freunde finden, die dem Blutspendezentrum Beijings genügend Blut spendeten, bevor er selber operiert werden könne.
Wie die Zhongguo qingnian bao berichtet, herrscht in China landesweit ein grosser Mangel an Blutreserven. In Folge hat sich eine Praxis durchgesetzt, die das medizinisches Personal als «sich gegenseitig mit Blutspenden unterstützen» (chin. huzhu xianxue) bezeichnet. Sie findet landesweit Anwendung: Wer Blut benötigt, muss zuerst selber jemanden finden, der seinerseits genügend Blut spendet. Die spezifischen Regeln, unter denen dieser «Spendendruck» Anwendung findet, sind jedoch von Region zu Region verschieden.
Ein schlafendes Gesetz wird wach
Im Jahr 1998 trat erstmals ein «Gesetz zur Blutspende» in Kraft, das die Gesundheitsbehörden verpflichtet, das Sammeln von Blut zu standardisieren. Das Gesetz legt auch fest, dass ein Patient, um die Nachfrage nach Blut zu gewährleisten, für die Blutreserven selber verantwortlich sei. Er solle auch selber Familienmitglieder, Freunde, die Arbeitseinheit (chin. danwei) und die Gesellschaft mobilisieren, um sich «gegenseitig mit Blutspenden zu unterstützen».
Diese Regelung wurde jedoch nie richtig durchgesetzt, wie der Forscher Liang Wenbiao vom Blutzentrum der Provinz Jiangsu erklärt. Erst in den letzten 2, 3 Jahren fand sie Anwendung, da die Blutvorräte immer knapper wurden. Denn die freiwilligen Blutspenden decken den Bedarf der Krankenhäuser längst nicht mehr. Dies führt dazu, dass es in vielen Krankenhäusern zu Verzögerungen bei Operationen kommt.
Warum niemand spenden will
Für Herrn Yang, der aus dem Süden kam und in Beijing niemanden kannte, war die Suche nach Spendern schwierig. Nach 12 Tagen fand er schliesslich 5 Leute, die für ihn einen Teil Blut spendeten. Den Rest erhielt er, indem er Leute für eine Spende bezahlte. Damit floriert auch ein anderes Gewerbe in einer Grauzone, das das Blutspende-Gesetz eigentlich verhindern wollte: Blut zu verkaufen.
Denn hier liegt höchstwahrscheinlich der Grund, weshalb niemand Blut spenden möchte: Die Angst vor übertragbaren Krankheiten, insbesondere vor dem HIV-Virus. In den späten 1980ern, im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung, lancierte die Provinzregierung von Henan eine Kampagne: Wer Blut spendete, erhielt dafür Geld. Ein lukratives Geschäft für Bauern, deren Tageseinkommen weit unter jenem der versprochenen Summe lag. Ein System wurde entwickelt, um mehr Blut abnehmen zu können, wobei ein Teil des entnommenen Blutes wieder dem Spender zurückgepumpt wurde.
Aids-Skandal in Henan
Die fatale Folge war, dass dabei offenbar das Blut verschiedener Spender vermischt wurde. Dadurch verbreiteten sich HIV/Aids und andere sexuell übertragbaren Krankheiten derart rasant, dass Ende der 1990er-Jahre bereits von einer Epidemie gesprochen wurde. Ganze Dörfer in Henan erlangten als «Aids-Dörfer» traurige Berühmtheit. Offenbar sitzt Jahre danach die Angst noch so tief, dass niemand wagt, freiwillig Blut zu spenden. Doch gerade dies gibt den «xuetou», also denjenigen, die Blut verkaufen und nichts zu verlieren haben, Aufwind.