Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03194.jsonl.gz/2175

Martha Vogel-Sprecher (1897-1990) hielt in ihrem Familienalbum ihre Erinnerungen an den Landesstreik im November 1918 fest. In ihrem Album befindet sich ausserdem ein Foto des 11er Trams an der Endstation in Aesch, bereit für den Transport von Arbeitswilligen von Aesch in die Stadt Basel. Auf dem Foto wird eine Situation am Morgen des dritten Streiktages, dem 14. November 1918, dokumentiert: Der Aescher Gemeindepräsident und Landrat Wilhelm Schmidlin hatte Freiwillige im Dorf zum Arbeitseinsatz in Basel und für den Fahrbetrieb gesucht und gefunden. Sie warteten nun vor und im Tram, bereit zur Abfahrt.
Der Aescher Fotograf H. Kühn hatte eine Gruppe von 25-30 Personen vor ihrer Abfahrt in der Station Aesch vor dem Tram arrangiert, neun Soldaten deutlich sichtbar mit Stahlhelmen und Gewehr in der vorderen Reihe. Der Sondereinsatz zog mehrere Zuschauer an, darunter viele Kinder. Martha Sprecher hielt auf der Rückseite der Fotografie fest, dass ihre Brüder Otto und Bernhard als Billeteure amteten und Ruedi Schmidlin, auf dem Trittbrett stehend, als Techniker.
Auch die Schwester von Martha Sprecher, Annemarie (1909-1995) erinnerte sich die Kriegszeit und den Landesstreik:
„An allem nagte die Kriegszeit, auch am Arbeitsfrieden. Gegen Ende des vierten Jahres streikten die Schweizer-Roten oder Rot-Schweizer. Auch die Trämler hielten mit. Vergebens warteten die Stadtgänger an den Haltestellen. Kurzerhand holten meine Brüder Bernhard und Otto mit unserem Cousin Ruedi Schmidlin (der spätere Six-Madun) einen Tramwagen und fuhren die Leute unter militärischer Bewachung hin und her, Dorf – Stadt – Dorf.
Nicht alles lief so glimpflich ab:
Im vierten Kriegsjahr wurde die „Achtzehnergrippe“ wie man die Epidemie später nannte, eingeschleppt. In diesem Jahr klagte die Totenglocke sehr oft durch das Dorf, in einer schlimmen Woche sogar täglich. Meine Mutter, die schon lange kränklich war, wurde auch von ihr ergriffen. (...) Ihre letzte Stunde war in der Novembernacht 23./24.“
Quelle: Staatsarchiv Basellandschaft