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Als Schwangere sollte man den Wein nicht mal in der Küche rumstehen haben: Ein Ratschlag in einer nicht enden wollenden Reihe von guten Tipps an schwangere Frauen, die zuweilen oft ins Bevormundende kippen. Gründet diese gutgemeinte Empfehlung tatsächlich auf Evidenz oder handelt es sich um einen modernen Mythos?
Die Ökonomin Emily Oster hat die empirische Evidenz zu dieser und weiteren schwangerschaftsrelevanten Fragen zusammengetragen und evaluiert.* Dabei stellt sie fest, dass die Regeln der selbsternannten Schwangerschafts-Polizei überraschend oft auf Irrglauben basieren oder nur in bestimmten Konstellationen Gültigkeit besitzen.
Mangelhafte Studien
Wie siehts nun mit Alkohol in der Schwangerschaft aus? Ist zu Feierlichkeiten ein Schlückchen erlaubt oder muss während dieser Zeit die Prohibition ausgerufen werden? Oster stösst auf Studien, deren empirisches Handwerk selbst für Bachelor-Studierende nicht akzeptabel wäre. So findet eine Publikation einen schädigenden Effekt von Alkohol bei schwangeren Frauen. Diese klammert aber aus, dass die Hälfte der trinkenden Frauen gleichzeitig Kokain konsumierte. Weitere Studien haben eine zu kleine Stichprobe, um daraus einen signifikanten Effekt ableiten zu können.
Kein Binge drinking!
Auf Basis der empirisch belastbaren Arbeiten lassen sich folgende Resultate zusammenfassen:
- Schwangere Frauen, die über längere Zeit mehr als fünf Standardeinheiten Alkohol** aufs Mal trinken, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass es zu sogenannten Foetal alcohol spectrum disorders (FASD) kommt. Diese Diagnose beschreibt Langzeitfolgen beim Kind, die eine Reihe mentaler und physischer Behinderungen umfasst. Der Zusammenhang ist im ersten Drittel der Schwangerschaft etwas stärker als in der restlichen Schwangerschaft.
- Mehrere Studien, die den Alkoholkonsum ausserhalb von starkem Trinken oder sogenanntem binge drinking untersuchen, resümieren, dass bei bis ca. zehn Standardeinheiten Alkohol pro Woche kein negativer Effekt auf die Schwangerschaft erwartet werden kann. Auch aufgrund der medizinischen Logik kann durch den Alkoholabbau im schwangeren Körper kein solcher Effekt erwartet werden. Langzeitstudien kommen ausserdem zum Schluss, dass auch das Verhalten und die kognitiven Fähigkeiten der Kinder nicht negativ von leichtem Alkoholkonsum beeinflusst werden.
Wieso der Evidenz trotzdem nicht geglaubt wird?
Wieso setzen sich die falschen Erkenntnisse trotz der unbestrittenen Evidenz fest und weshalb sind auch von Gesundheitsfachleuten entsprechende Empfehlungen zu vernehmen? Einerseits mag es ein gesellschaftliches Normativ geben, gemäss dem eine schwangere Frau ihre persönlichen Präferenzen zurückzunehmen hat und alles dem Schutz und der Entwicklung des ungeborenen Kindes unterordnen muss. Dieses dringt auch auf die schwangeren Frauen selbst durch, die zu Höchstleistungen ansetzen, um ihrem späteren Nachwuchs die bestmöglichen Entwicklungsvoraussetzungen zu gewährleisten. Die Gesundheitsfachleute ihrerseits sichern sich lieber mit einer weiteren Verzichtsempfehlung ab, anstatt Gefahr zu laufen, sich zu Komplizen einer Fehlgeburt oder Komplikation zu machen. Selbst wenn diese eigentlich durch andere Faktoren ausgelöst werden. Erstaunlich ist auch, wie stark die fehlerhaften Erkenntnisse in die Ratgeberliteratur eingeflossen sind.
Die Handlungsempfehlung für schwangere Frauen dürfte geklärt sein. Aber was können wir als Forscher aus dieser Episode lernen? Wir haben die Pflicht, die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen wir unsere Argumente aufbauen, zu hinterfragen und sorgfältig zu prüfen. Umso mehr, wenn diese gesellschaftliche Normative bestätigen.
* Emily Oster, Expecting Better, Verlag KNV Besorgung, ISBN 978-1-4091-7792-0
** Eine Standardeinheit Alkohol entspricht 120 ml Wein, 30 ml Hochprozentiges oder 350 ml Bier.
Christoph Thommen ist Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachstelle für Gesundheitsökonomische Forschung am WIG.