Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03388.jsonl.gz/1247

Vor ein paar Jahren haben meine Studentinnen und Studenten damit begonnen, ein Wort zu benutzen, das ich im Zusammenhang mit Literatur noch nie zuvor gehört hatte. Sie sagten, eine Figur oder eine Situation sei »relatable«, also nachvollziehbar, nachempfindbar. Dass sich Jane Eyre von Rochester angezogen fühlt, sei »relatable«, aber ihre Freundschaft zur gelehrten und frommen Helen Burns nicht. Lydia Bennets Vorliebe für Konsum sei ebenfalls »relatable«. Sie meinten damit, dass ihnen bestimmte Handlungsweisen bekannt vorkommen, dass sie sich mit den Figuren in den Romanen identifizieren können. In gewisser Weise waren ihre Aussagen hilfreich, denn dadurch konnte ich aufzeigen, wie komplex literarische Texte sind. Sie sind eine Art Lebewesen, das Widersprüche in sich bergen kann. Austen schreibt uns nicht vor, wie wir Lydia und ihre Schwestern sehen sollen. Wie jeder Ich-Erzähler ist Jane Eyre nicht vollkommen verlässlich. So gibt es feine Bemerkungen, die die Leserin bei der heiligen Helen stutzig machen lassen. Ich mag es, wenn Leserinnen lernen, ihren Instinkten zu vertrauen, wenn sie merken, dass ihre emotionalen Reaktionen auf Romane von den Wörtern auf den Seiten herrühren.
Aber es gibt ein Problem mit dem Wort »Relatability«, besonders wenn es als Bewertungskriterium dient. Selbstverständlich kann ich mich mir der Figur einer gebildeten Frau in einer europäischen Stadt – möglicherweise Mutter, weiß und heterosexuell – am ehesten identifizieren. (Es gibt ein paar hervorragende Romane in dieser Kategorie, aber ich glaube nicht, dass es eine spezifische Korrelation zwischen literarischem Wert und Identitätsmarkern gibt.) Für mich ist es nicht besonders schwierig, fiktionale Texte zu finden, die »relatable« sind, die also meine eigenen Annahmen über die Welt und meine Erfahrungen spiegeln, weil Leute wie ich Bücher schreiben und veröffentlichen. Ich stoße immer wieder auf diese Art Bücher und lese sie häufig mit Freude und manchmal mit Bewunderung, aber ich suche auch nach ganz anderen Texten, nach Figuren, mit denen ich mich nicht ohne Weiteres identifizieren kann, die für mich also nicht »relatable« sind. Nach Büchern, die Fenster sind, keine Spiegel. Falls fiktionale Texte einen moralischen Zweck erfüllen – und das muss nicht zwingend der Fall sein –, dann liegt dieser darin, unsere Welt aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen, verschiedene Blickwinkel zu öffnen, uns andere menschliche Erfahrungen, eine andere Geschichte und Geografie aufzuzeigen, die für uns alles andere als »relatable« sind.
Alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller bauen Fenster, keine Spiegel. Sachen zu erfinden ist unser Job. Wir denken uns Situationen aus, die wir selbst nicht erlebt haben. Dennoch sollten wir als Lesende nicht solche Autorinnen und Autoren meiden, die von uns vertrauten Dingen schreiben. Denn auch in unserer eingeschränkten Perspektive, die durch soziale Schicht, Gender, nationale Identität, ethnische Zugehörigkeit, Religion und dergleichen bestimmt ist, gibt es ganz unterschiedliche Erfahrungen. Einige Leserinnen haben mir gesagt, die Beziehung zwischen Ally und ihrer Mutter in Wo Licht ist und Zwischen den Meeren sei unglaubwürdig, weil »keine Mutter ihr eigenes Kind so behandeln würde«, dass Annas Verzweiflung in Schlaflos die Erfahrung von Eltern mit Schlafentzug falsch darstelle, oder dass Adam in Gezeitenwechsel sicher nicht an Wäsche denken würde, während seine Tochter im Krankenhaus liegt. Wenn die Figurenzeichnung fehlerhaft ist, wenn der Eindruck entsteht, eine Figur könne nicht in dieser oder jener Weise agieren, dann weist der Roman ganz einfach entscheidende Mängel auf. Wenn aber das Problem darin besteht, dass die Erfahrungen der Lesenden nicht deckungsgleich sind mit den im Roman dargestellten Erfahrungen, dann sind wir hier auf den Zweck von Fiktion gestoßen: Ein Fenster in eine Welt zu sein, in der man (glücklicherweise) nicht selbst leben muss.
»Relatability« ist immer nur ein Zufall, aber die Art von Zufall, die gewissen Menschen häufiger widerfährt als anderen.
Dieser Text erschien erstmals auf der Website von Sarah Moss und wurde aus dem Englischen übertragen.