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Jakob Vetschs «Soleja»
«Ein leuchtender Maiabend des Jahres 2100. Rot und röter übertünchte die Sonne das ihren Strahlen bald entschwindende Soleja. (...) Gegen achthundert junge Männer und ebensoviele Mädchen, welche im letzten Jahre das zwanzigste Altersjahr vollendet hatten, feierten heute den Übertritt aus dem Jugendalter ins Liebesalter. (...) Da war kein Halten mehr. Während bisher nur einzelne Paare sich fast unwillkürlich in eurythmischen Bewegungen zu wiegen begonnen hatten, wogte jetzt der weite Wiesenplan wie ein großes Feld weißer Lilien, über das ein belebender Windhauch streift.»
Jakob Vetsch: Die Sonnenstadt. Ein Roman aus der Zukunft für die Gegenwart (1923)
Die Szene bildet den Auftakt zu einer bemerkenswerten Zukunftsvision aus dem Jahr 1923, situiert in der Sonnenstadt «Soleja», dem ehemaligen, aber nur noch in Bruchstücken erkennbaren Zürich. Mundus (so das Pseudonym von Jakob Vetsch) propagiert darin die Abschaffung des Geldes, eine Arbeitswoche von maximal fünfundzwanzig Stunden, die freie Liebe, beziehungsweise die Möglichkeit, Ehen unbürokratisch nach fünf «Probejahren» zu lösen und hochkomplexe urbanistische Strukturen für ein Maximum von 100'000 Einwohnern und Einwohnerinnen pro Stadt. Mit seinen Ideen war es ihm übrigens bitterernst – um seine Vision zu verbreiten, liess der 40'000 (!) Exemplare seines Romans auf eigene Kosten drucken und verteilte und verschickte sie unter anderem an Politiker und an die Ämter aller Schweizer Städte und Städtchen von einer gewissen Grösse. Vetsch bezahlte diesen «Spleen» teuer, sein «Mundismus» fand keine Anhänger, er selber ging Konkurs, es wurde ihm mit psychiatrischer Zwangseinweisung gedroht und er lebte bis zu seinem Tod 1942 völlig verarmt und vergessen.
Dass der Roman heute noch gelesen werden kann, ist Charles Linsmayers Wiederentdeckung zu verdanken. Er hat «Die Sonnenstadt» 1982 neu herausgegeben und mit einem faktenreichen Nachwort versehen. (BP)
Unser Bild zeigt die Ganymed-Skulptur von Herman Hubacher am Bürkliplatz in Zürich. Sie ist zwar erst 1952 entstanden, aber zusammen mit der hell gleissenden Sonne würde das Motiv sehr gut auf den Umschlag einer Neuausgabe von Vetschs «Sonnenstadt» passen… Ansonsten hat sich Zürich in eine ganz andere Richtung entwickelt, als von Vetsch erhofft: Mit rund 400'000 Einwohnern ist es die grösste und mächtigste Stadt der Schweiz. Die grössten Banken und Versicherungen haben ihren Sitz hier, die Börse SIX (Swiss Exchange), die internationalen Organisation von Fussball (FIFA) und Eishockey (IIHF), die wichtigsten Industrieverbände. Wie in anderen Schweizer Städten, liegt der Anteil ausländischer Einwohner bei über 30 Prozent. Zürich versteht sich als internationale Grosstadt und wirbt als «Erlebnismetropole am Wasser» mit einem bunten Nachtleben und über 50 Museen. Zürich war eine treibende Kraft bei der Entstehung der modernen Schweiz. Im 19. Jahrhunderts war es Zufluchtsort deutscher Liberaler und das Zentrum der wirtschaftlich-politischen Elite («Zürcher Freisinn»), später wiederholt Brenn- und Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderungen. Eine spezielle Zürcher Tradition ist das «Sechseläuten» im April, ein Umzug der kostümierten Zunftmitglieder (ausschliesslich Männer – Frauen stehen am Strassenrand) und das abschliessende Verbrennen des «Böögg», der den Winter personifiziert. Anfang August zieht die «Street Parade» mit House und Techno eine Million Feiernde in die Stadt.