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Eine neue wissenschaftliche Studie ruft nach systematischen Untersuchungen der genetischen Effekte in der Umgebung von Schweizer Nuklearanlagen
Dr. med. Claudio Knüsli, Basel, Vorstandsmitglied PSR/IPPNW Schweiz
Ionisierende Strahlen – selbst in niedrigen Dosen – verursachen eine Vielzahl von gesundheitlichen Störungen. Studien nach dem GAU in Tschernobyl 1986 zeigten, dass das Geschlechterverhältnis (Knaben zu Mädchen; Englisch Sex Odds, SO) bei Lebendgeburten besonders in den stärker verstrahlten Gebieten zunahm. Bereits vor über 10 Jahren wurde ebenfalls in der Umgebung von Kernkraftwerken und anderen nuklearen Anlagen wie z.B. Atommülllagern oder Versuchsreaktoren – auch in der Schweiz – eine solche Zunahme der SO nachgewiesen. Ein Zusammenhang mit der auch im Normalbetrieb dieser Anlagen üblichen Abgabe von Radioisotopen in die Umgebung liegt nahe. Die Ende Dezember 2020 von H. Scherb, München, publizierte Arbeit (1) nahm einen Zwischenfall im Kernkraftwerk Leibstadt (KKL) vom 31. 8. 2010 im Rahmen einer sechswöchigen Revision zum Anlass, die SO der Geburten ab 2011 bis 2019 (Periode B, total 530 Geburten) derjenigen in den 9 vorhergehenden Jahren (Periode A, 2002 bis 2010, total 467 Geburten) gegenüberzustellen. Beim Ereignis handelte es sich um einen Unfall der Kategorie INES-2 mit erhöhter Strahlenfreisetzung in die Umgebung. Analysiert wurden die Geburten der fünf Gemeinden Leibstadt, Full-Reuenthal, Schwaderloch, Leuggern und Koblenz, welche alle im Umkreis von 5 Kilometern des KKL liegen. Verglichen wurde das Geschlechterverhältnis dieser Geburten zusätzlich mit demjenigen des gesamtschweizerischen Durchschnitts in den Perioden A und B. Letzterer SO-Wert liegt bei circa 1.06, was bedeutet, dass in der Schweiz etwa 106 Knabengeburten auf 100 Mädchengeburten beobachtet werden. Die Analyse der 530 Geburten der Periode B in den fünf KKL-nahen Gemeinden fand nun jedoch eine SO von 1.465! Dies ist ein höchst unnatürlicher Befund, heisst dies doch, dass in Periode B auf 3 Knabengeburten nur noch etwa 2 Mädchengeburten beobachtet wurden. Die Beobachtung des sehr deutlich erhöhten Geschlechterverhältnisses kann nachweislich einer relativen Verminderung der Mädchengeburten (und nicht etwa einer Zunahme der Knabengeburten) zugeordnet werden. In absoluten Zahlen ausgedrückt fehlen somit in der Periode B seit dem Zwischenfall im KKL im Jahre 2010 in den fünf nächstgelegenen Gemeinden rechnerisch etwa 80 bis 100 Mädchen. In der Gemeinde Leuggern, die genau zwischen dem KKW Beznau und dem KKL liegt, gab es ab 2011 auf 2 Knabengeburten durchschnittlich sogar nur 1 Mädchengeburt. Ähnlich extreme Resultate wurden bisher erst in der Umgebung des Atommülllagers Gorleben (D) beobachtet. Dieser medizinisch sehr beunruhigende Befund reiht sich lückenlos in die internationalen Beobachtungen der letzten Jahre ein. Eine andere plausible Ursache als die ionisierende Strahlung aus den genannten Atomanlagen scheint unwahrscheinlich. Gerade im Hinblick auf die Diskussion zum Bau eines Atomendlagers in der Schweiz muss die hochsignifikante Assoziation eines deutlich erhöhten Geschlechterverhältnisses mit der Umgebung von Atomanlagen ernstgenommen werden.
Referenz:
(1) Scherb H (2020) The Human Secondary Sex Odds in the Vicinity of the Nuclear Power Plant Leibstadt in Switzerland, 2002 to 2019. J Womens Health Care Management, Volume 2:1. 113. https://www.scholarsliterature.com/article_pdf/9/scientific_9_569_31122020102312.pdf