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"Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich in der westlichen Welt ein Konsens über die Vorteile der liberalen Demokratie, des Marktkapitalismus und des freien Welthandels unter der Schirmherrschaft der Welthandelsorganisation herausgebildet", erklärt Erik Knutzen, Chief Investment Officer - Multi-Asset Class bei Neuberger Berman. Die Schwellenländer öffneten sich für globale Märkte und etablierten konventionelle politische und finanzielle Institutionen. Im Gegenzug reformierten die Industrieländer die eigenen Volkswirtschaften, um Zugang zu neuen, schnell wachsenden Märkten sowie zu billigeren Waren und Krediten zu erhalten.
"Dieser Konsens gerät jetzt unter Druck", mahnt Knutzen. China würde sich bald zur grössten Volkswirtschaft der Welt entwickeln und sei zunehmend sowohl Konkurrent als auch Ergänzung zu den wirtschaftlichen und politischen Interessen der entwickelten Welt. Die Schwellenländer im Allgemeinen dürften gemäss dem CIO ihre demografischen Vorteile nutzen und perspektivisch zum wichtigsten Wachstumsmotor der Weltwirtschaft avancieren.
Die globale Ost-West-Ordnung des 20. Jahrhunderts wurde in den 90er- und 2000er-Jahren erst durch eine Nord-Süd-Ordnung abgelöst. In den letzten zehn Jahren seit der Finanzkrise habe sich diese nun zu einer globalen, aber gleichzeitig instabileren multipolaren Weltordnung weiterentwickelt, die die Zukunft massgeblich bestimmen wird, urteilt Knutzen. Für Anleger in Europa und den USA würden sich daraus zwei zentrale Schlussfolgerungen ergeben: "Die Unterscheidung zwischen Industrieländern und Emerging Markets löst sich zunehmend auf und das Engagement institutioneller Anleger in den Schwellenländern wird aufgrund des Endes des Anleihen-Bullenmarktes in den westlichen Ländern stark zunehmen."
Emerging Markets werden Mainstream
"Noch immer sind Anleger in den Emerging Markets unterdurchschnittlich vertreten, jedenfalls wenn man die Portfoliostruktur mit der Struktur des Welt-BIP vergleicht", schätzt Knutzen. Etwa 13% des MSCI All Country World Index entfielen auf die Emerging Markets, doch die Schwellenländer würden etwa ein Viertel der weltweiten öffentlichen und privaten Schulden und sogar fast 40% des Welt-BIP stellen. Die unterdurchschnittliche Emerging-Market-Gewichtung in den Portfolios dürfte weiter korrigiert werden, wenn die Emerging Markets zum wichtigsten Wachstumstreiber der Weltwirtschaft werden, denkt er. Jüngste Entwicklungen, von der chinesischen Initiative "Belt and Road" über die Expansion der Fremdkapitalmärkte in lokaler Währung seit der Finanzkrise, würden bereits auf diesen Übergang hindeuten.
Die Liberalisierung der chinesischen Onshore-Märkte für internationale Investoren hätten allein in puncto Grösse eine immense Bedeutung. Entsprechend seiner grossen Wirtschaftsleistung hat China den nach Marktkapitalisierung zweitgrössten Aktienmarkt der Welt. An seinen verschiedenen Segmenten sind über 4'000 A-Shares notiert, mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von 12 Billionen USD. Gemessen am Handelsvolumen ist der Renminbi jetzt die sechstwichtigste Währung der Welt; sein Anteil am weltweiten Devisenhandel hat sich seit 2013 verdoppelt.
"Es ist davon auszugehen, dass das Engagement institutioneller Investoren an den Emerging Markets sowohl differenzierter als auch umfassender wird", erwartet Knutzen. Da der Anteil der ausserbörslichen Märkte insgesamt weiter steige, glaube er auch, dass zu den Anlagen in börsennotierte Emerging-Market-Titel immer mehr Investitionen in nicht-börsennotierte Schwellenländertitel hinzukommen würden. Ausserdem dürfte die ESG-Analyse beim Emerging-Market-Research eine wesentlich grössere Rolle spielen, nicht zuletzt, weil die Börsen der grossen Schwellenländer oft strengere Reporting-Anforderungen hätten als die USA. In den nächsten zehn Jahren würden niedrigere Erträge Anreize schaffen, um in wachstums- und ertragsstärkere Märkte zu investieren. Knutzen glaubt daher, dass sich die gegenwärtige Unterscheidung zwischen Industrieländern und Emerging Markets auflösen wird.
Die Ära der "Grossen Disinflation" ist bald vorbei
Die Globalisierung, der technologische Wandel sowie eine alternde Weltbevölkerung hätten insgesamt für eine Verringerung der Inflation bei gleichbleibendem Preisniveau gesorgt, denkt Knutzen. Diese sogenannte Disinflation sei durch die Finanzkrise noch verstärkt worden. Jetzt erwarte er jedoch, dass dieser Trend zu Ende gehe.
Löhne und Produktivität würden langsamer wachsen als früher. Dies liege an einer Vielzahl von Faktoren, erklärt Knutzen. Dazu würden eine schnell alternde und kurz vor dem Ruhestand stehende berufstätige Bevölkerung, die Automatisierung von Fabriken und sogar von Dienstleistungsjobs sowie die Entmachtung der Gewerkschaften gehören. Weitere Faktoren seien die mangelnden Investitionen von Unternehmen und Regierungen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit im privaten Sektor, der hohen Verschuldung des öffentlichen Sektors sowie den immer grösseren Belastungen der Wirtschaft durch Regulierungen.
So real die disinflationären Wirkungen des technologischen Wandels seien, würden sie sich in ihrem Ausmass am Ende womöglich doch in Grenzen halten und durch gesellschaftliche Entwicklungen beschränkt werden. "Die Alterung der Bevölkerung dürfte zum Teil dadurch ausgeglichen werden, dass Millennials sowohl in den Industrieländern als auch in den Emerging Markets jetzt in ihre produktivste Lebensphase eintreten und damit vielleicht für steigende Löhne sorgen werden", ergänzt Knutzen.
Chinas Wandel zu einer konsumfreudigen Volkswirtschaft
China, das als Billigproduzent für die ganze Welt die Disinflation jahrzehntelang exportiert hat, erlebt gerade einen raschen Wandel hin zu einer unabhängigeren, konsumfreudigeren Volkswirtschaft. Auch dürfte die Urbanisierungsrate im Land langsam abnehmen, sodass Chinas Auswirkungen auf die Weltinflation insgesamt ausgewogener werden. Die zunehmende Autarkie Chinas passt zum weltweiten Trend einer langsameren Globalisierung, der durch populistische und nationalistische Bewegungen in den Industrieländern noch verstärkt werden könnte. Wenn dies zu mehr Protektionismus führt, dürften die Verbraucherpreise steigen.
"Nach den letzten zehn Jahren möchte man glauben, dass uns die niedrige Inflation für immer erhalten bleibt", sagt Knutzen. Auch wenn eine neue Ära der Inflation unwahrscheinlich sei, würde sich die Dynamik hier in den kommenden Jahren verändern. Einerseits werfe die hohe weltweite Verschuldung die Frage auf, wie sicher vermeintlich risikoarme Assets wirklich seien. "Das Ende der grossen Disinflation und des Anleihen-Bullenmarktes der letzten 30 Jahre wirft zudem auch die Frage auf, wie Investoren die Risiken in langfristigen Anlageportfolios diversifizieren sollen und wie attraktiv inflationssensitive Assets im Vergleich zu anderen Anlagemöglichkeiten sind", schliesst Knutzen.