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«Wir benutzen die Erde wie einenSelbstbedienungsladen. Sie ist für uns wie etwas Totes. Wir meinen, wir könnten über sie herrschen», sagte Leonardo Boff letzten Herbst während seiner Schweizer Tournee, die zur Lancierung des Wegwarte-Buches «Anwalt der Armen» organisiert wurde.
Der bekannte Befreiungstheologe, der vor kurzem 70-jährig wurde, warnte vor einer «institutionellen Aggression gegen die Erde. Denn diese sei letztlich stärker als der Mensch. Die herrschende Form der Ausbeutung mache das menschliche Überleben unmöglich. Boff erinnerte an die Tatsache, dass drei Planeten von der Grösse und Qualität der Erde nötig wären, wenn die ganze Weltbevölkerung so viel konsumieren würde wie die SchweizerInnen.
Mutter Erde
«Wir müssen die Erde so behandeln, als ob sie unsere Mutter wäre», forderte Leonardo Boff. Er erinnerte an die Römer, für welche die Erde die «magna mater», die «grosse Mutter» war; und an die Indios von Lateinamerika, die mit ihrer Vorstellung einer «Pachamama» leben.
Die alten Griechen hätten die Erde als «gaia» angesehen: als lebendiges Wesen. Vor allem Lebendigem aber müsste der Mensch Ehrfurcht haben: «Leben verlangt Respekt.» Boff betonte, dass nur eine geschwisterliche Vision Zukunft habe. Gefordert sei eine Produktion in Harmonie mit der Natur, ohne Zerstörung der Ressourcen. Ein weiteres Kriterium sei die «Solidarität mit den Generationen, die nach uns kommen ». Auch sie hätten das Recht auf eine gut erhaltene Erde.
Unter den Stichworten «Ethik und Mystik» lud der Befreiungstheologe dazu ein, «eine universelle Verantwortung » zu übernehmen. Er plädierte für eine «Haltung der achtsamen Sorge für das ganze System der Erde».
Wie Franziskus
Als Franziskaner hat Leonardo Boff in etlichen seiner zahlreichen Bücher eine Spiritualität der Schöpfung entwickelt – wobei er sich immer wieder auf den Ordensgründer Franziskus abstützte. Er erinnerte daran, dass dieser alles Geschaffene «mit den zärtlichen Namen ‹Bruder› und ‹Schwester› ansprach».
Bereits in seinem 1981 erschienenen Franziskusbuch «Zärtlichkeit und Kraft» schreibt Boff von einer «kosmischen Demokratie mit allen Geschöpfen»: «Um wirklich Bruder zu sein, muss man auch den Vögeln, dem Feuer, dem Wasser, den Grillen, den Dingen mit Achtung und Ehrfurcht, Zärtlichkeit und Mitleiden begegnen.»
Die Beziehung zu den Dingen der Natur dürfe nicht von Besitz und Eigentum bestimmt sein, sondern von Zusammenleben und lebensgerechtem Miteinander:«Wir gehören alle einander, in Gleichheit und Symmetrie.»
Schnecke und Galaxien
«Von der Würde der Erde. – Ökologie, Politik, Mystik» heisst ein weiteres Buch von Boff aus dem Jahre 1993. Wie andernorts betont der Autor, alles habe mit allem zu tun, in jeder Hinsicht: «Die Schnecke auf dem Weg hat mit der noch so viele Lichtjahre entfernten Galaxie zu tun, die Blume im Garten mit dem Urknall vor fünfzehn Milliarden Jahren, der Kohlendioxidausstoss eines alten Omnibus mit unserer Milchstrasse und mein Bewusstsein mit den subatomischen Elementarteilchen.
Im Jahr 2000 veröffentlichte Leonardo Boff das kleine Buch: «Dass ich liebe, wo man hasst. Das Friedensgebet des Franz von Assisi.» Auch hier unterstreicht er die Verbundenheit alles Geschaffenen: «Aufgabe von Religion und Spiritualität ist es, die heilige Erinnerung an das Band, das alles aneinander rückbindet, wachzuhalten, immer neu die Wahrnehmung zu nähren, dass die Dinge nicht willkürlich dahin geworfen sind, sondern, dass alles mit allem in Verbindung steht und mithin ein einziges Ganzes und eine umfassende kosmische, irdische und menschliche Geschichte bildet.» Friede und Heiterkeit seien der Lohn des Bewusstseins, zu einem grossen Ganzen zu gehören, fügt Boff hinzu.
Keine Arche Noahs
Wie in seinem Berner Vortrag warnt der brasilianische Befreiungstheologe davor, dass der Angriff auf die Erde auch ein Angriff auf die «Kinder der Erde» und somit auch auf die Menschen sei.
Im Buch «Von der Würde der Erde» wird Leonardo Boff sehr ernst: «Diesmal kommt keine Arche Noah daher, die einige retten wird und die anderen untergehen lässt. Entweder wir retten uns alle, oder wir laufen alle Gefahr umzukommen.»
Klimaforscher und andere Naturwissenschafter betonen immer wieder: Es ist schon sehr spät. Aber noch ist es nicht zu spät. Die diesjährige Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle nimmt diese Botschaft auf. Ob sie von den Gläubigen in der Schweiz gehört wird?
Walter Ludin
Befreiung
Im Wegwarte-Buch «Anwalt der Armen» sagt Leonardo Boff zum Stichwort Ökologie: «Die Erde wird generell ausgebeutet. Die Ökologie muss in die Option für die Armen eingeschlossen werden. Sie muss von Produktions- und Konsumationsweisen, die Menschen und Nationen ausbeuten und die begrenzten Güter der Natur zerstören, befreit werden.»
Fast alles vergriffen
Die meisten deutschsprachigen Bücher von Leonardo Boff sind leider vergriffen, so auch die hier zitierten. Erhältlich ist jedoch «Anwalt der Armen» mit einem Interview, das Angelika Boesch und Sergio Ferrari kürzlich mit Boff gemacht haben (Nachwort: Walter Ludin). Von seinen bekanntesten, leicht lesbaren Büchern sind immerhin zwei noch erhältlich: «Die kleine Sakramentenlehre» und «Der Adler und das Huhn».