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An der Kasse bekomme ich gegen zwei Franken Depot einen Kabinenschlüssel, schon bald schlägt mir warme Luft entgegen und ich vernehme die blubbernden Geräusche eines Schwimmenden. Die Kabine betritt man von der Schuhzone her und verlässt sie in der Barfusszone. Aber Achtung, der Abstand von Kabinentüre und Beckenrand beträgt nur etwa einen Meter, ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche und mit einem unfreiwilligen „Ränzler“ die Schwimmenden erheitere. Allerdings ist ausser einer älteren Dame, die rasch im Brustschwimmstil durchs Wasser pflügt, kein anderer Zeuge in Sichtweite.
Am Anfang des Beckens befindet sich eine Steinskulptur: zwei Jungen, die eine wasserspeiende Schildkröte vor dem Sprung ins Becken hindern, beobachtet von einem hämisch grinsenden gehörnten Wassermann. Ich gleite in das angenehm warme Wasser ein und beginne zu schwimmen, begleitet werde ich von klassischer Klaviermusik, die Sonne strahlt durch die grossen Fenster auf das Wasser und lässt es glitzern.
Das Volksbad wurde am 18. Oktober 1906 eröffnet. Verschiedene Ärzte begannen den Zusammenhang zwischen Hygiene und Gesundheit zu erkennen, damals besassen nur wenige ein eigenes Badezimmer. Der Architekt des Volksbads Albert Pfeiffer plante darum Wannenbäder und Duschen ein. Der Eintritt zur Zeit der Eröffnung betrug für Erwachsene 60 Rappen und für Kinder 30 Rappen. (im Vergleich dazu: heute zahlen Erwachsene 5.90 und Kinder 3 Franken, Studenten profitieren übrigens von einem Eintritt von 4.10 Franken).
Das Volksbad wird grössenteils von Erwachsenen besucht, die einzige Attraktivität, das ein Meter Sprungbrett, bildet wohl für die Kinder einen zu kleinen Reiz. Sobald man mehr als zu acht seine Runden zieht, wird es eng im zehn Meter breiten Bassin und die Schwimmenden müssen schon mal einen versehentlichen Fusstritt in Kauf nehmen.
Eine Renovierung des Bades ist geplant, der sehr freundliche Bademeister erzählt mir, dass manche Leitungen schon älter als hundert Jahre alt seien, die Wannenbäder kaum mehr benutzt würden und die gesamte Einrichtung eher veraltet sei. Vielleicht wird das Bad vergrössert, links und rechts befindet sich nämlich noch Freiraum, aber genauere Angaben zum Umbau kann er mir nicht machen. Friederike Pfromm, die Abteilungsleiterin im Bereich des Projektmanagement des Hochbauamts St.Gallen, weiss mehr: „Es ist klar, dass das Volksbad sanierungsbedürftig ist. Wir arbeiten momentan an einem Bäderkonzept für alle Bäder in der Stadt St.Gallen. Die Ideen für die Sanierung des Volksbads reichen von einem Wellnessgesundheitsbad mit Gesundheisräumen, in denen beispielsweise Yoga oder Gymnastik praktiziert würde, bis zu einem Hamam, einem türkischen Dampfbad. Aufgrund des jetzigen Zustands des Volksbads wird jede Sanierung teuer werden. Wir müssen folglich ein gutes Konzept erarbeiten, das sich auch wirtschaftlich lohnt.“
Ich persönlich hoffe, dass das Schwimmbecken beibehalten wird, dass ich auch weiterhin meine Runden im Takt der Walzermusik ziehen und der Steinschildkröte beim Wasserspeien zu schauen kann.