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- Simone Preuss |
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Als Reaktion auf den Bericht “Unfree and Unfair”, veröffentlicht von der Menschen- und Arbeitsrechtsorganisation India Committee of the Netherlands (ICN) im Januar 2016, haben sich fünf internationale Auftraggeber - C&A, H&M, Inditex, PVH und Gap - verpflichtet, die Lebensbedingungen der Bekleidungsarbeiter ihrer Zulieferfabriken in Bangalore, Indien, zu verbessern, einem Produktionszentrum im Süden Indiens für führende internationale Marken und Einzelhändler. Der Bericht bemängelt besonders die schlechten Lebensbedingungen und beschränkte Bewegungsfreiheit junger Wanderarbeiterinnen in Bangalore.
“Nichts ist gut. Aber wir bleiben hier, weil wir leben müssen und es keinen anderen Weg gibt”, sagte eine der befragten Arbeiterinnen. Die meisten haben zu viel Angst vor den Folgen, um mehr über ihr Leben in den Bekleidungsfabriken oder die häufigen Belästigungen durch Aufseher und Wachpersonal preiszugeben.
Doch als wichtiges Produktionszentrum nimmt der Strom der Wanderarbeiter nach Bangalore nicht ab und besonders junge Frauen zieht es in die rund 1.200 Bekleidungsfabriken der Stadt, von denen rund 300 nicht registriert sind. Auch wenn etwa 80 Prozent der Arbeiter aus Dörfern in Karnataka stammen, dem Staat, dessen Hauptstadt Bangalore ist, so stammen doch 10 Prozent aus Nachbarstaaten oder von weiter weg, was ihnen das Leben erschwert, da sie weder die regionale Sprache sprechen noch mit den Bräuchen vertraut sind.
Frauen leiden besonders unter den unzureichenden Lebensbedingungen
Ein Forschungsteam vor Ort befragte für den Bericht im Oktober 2013 und im Dezember 2014 110 Arbeiter und Arbeiterinnen, die in vier Bekleidungsfabriken beschäftigt waren, nämlich beiK Mohan & Co., Texport Industries, Arvind Ltd. Exports und Shahi Exports, die alle eine Vielzahl von Konfektionswaren wie Hemden, Hosen und Jeans herstellen. Während Arvind Bekleidung für H&M produziert, ist Shahi Exports ein langjähriger Zulieferer von C&A. Texport brüstet sich auf seiner Website mit einer langen Kundenliste (s. Foto), zu denen Branchenriesen wie Kmart, Walmart, H&M, Gap, Sears und viele andere gehören.
Alle untersuchten Zulieferer sind große Bekleidungsproduzenten, die auf ihre gute Kundenausrichtung, Qualitätsprodukte und ihre soziale Unternehmensverantwortung stolz sind. Hier ein Auszug von Texports eigener Beschreibung auf der Website des Unternehmens: “TIPL ist eines der bekanntesten und besten Geschäftshäuser der Bekleidungsindustrie, in Indien sowohl wie in internationalen Märkten. Es ist eines der ersten Unternehmen in Indien, die ihre Exportgeschäfte starteten. Es ist bekannt für Qualität und seine Verpflichtung zur sozialen Unternehmensverantwortung; es ist ein Pionier bei der Wertschätzung menschlicher Beziehungen.” Es kommt noch besser: “Wir stellen die Besten der Branche ein und gehen keine Komprisse ein, wenn es um personelle Ressourcen geht.”
Leider sieht die Realität auf der untersten Ebene, bei den Bekleidungsarbeitern und -arbeiterinnen, anders aus. Zu den Hauptproblemen zählt der Bericht beengte Wohnbedingungen in den fabrikeigenen Wohnheimen. Diese kosten zudem für Arbeiter aus anderen Staaten mehr als für jene aus Karnataka. Zudem fehlt es an Grundausstattung wie Betten, Matratzen und Schränken. Rund 12-15 Arbeiter teilen sich ein Badezimmer und es steht oft keine Kochgelegenheit zur Verfügung, so dass die Arbeiter auch noch das von der Fabrik gestellte Essen bezahlen müssen, das sehr einfach und weit von einer optimalen Ernährung für lange Fabriktage entfernt ist. Die Entkräftung der Arbeiter und ein Abfall der Produktivität sind die Folge.
Die Freiheit der Arbeiterinnen ist besonders eingeschränkt: Während ihre männlichen Kollegen jeden Abend bis 23 Uhr ausbleiben dürfen, müssen sie nach der Arbeit gleich ins Wohnheim und dürfen nur für zwei Stunden pro Woche das Gelände verlassen. Normalerweise am Sonntag, was für den Einkauf von Essen und andere Notwendigkeiten verwendet wird. Zudem müssen sich die Arbeiterinnen jedes Mal beim Wachpersonal an- und abmelden, wenn sie kommen und gehen. Beschimpfungen und Schlimmeres sind an der Tagesordnung. Obwohl die Löhne in allen vier untersuchten Fabriken leicht über dem staatlich festgesetzten Mindestlohn liegen, sind sie immer noch weit unter Existenzlohnniveau.
Anfang November 2015 ließ ICN führenden internationlen Marken, die ihre Bekleidung in Bangalore fertigen lassen - GAP, H&M, Tommy Hilfiger, Inditex und C&A - einen Entwurf des Berichts zukommen. Alle angesprochenen Unternehmen äußerten sich und versprachen “ernsthafte Maßnahmen” zu ergreifen (alle Antworten wurden inzwischen dem Bericht zugefügt, der unter indianet.nl abrufbar ist).
Im Besonderen versprachen die Unternehmen, die Ausgangssperren der Wohnheime zu überprüfen und sich mit Branchenexperten, Marken und Interessenvertretern kurzzuschließen, um ein “umfassendes, branchenweites Programm umzusetzen, um internationale Standards für die Rekrutierung von Arbeitern, ihre Unterbringung, den Umgang mit Missständen und das Training und die Entwicklung von Wanderarbeitern einzuführen", so ICN.
C&A, H&M und Inditex wollen zudem zusammen auf einen “koordinierten und kollaborativen Ansatz” hinarbeiten, um die Lebensbedingungen von Wanderarbeitern in der Bekleidungsindustrie zu verbessern und mit Gewerkschaften vor Ort wie GLU (Garment Labor Union) und GATWU (Garment and Textile Workers Union) Verbindung aufnehmen. Mithilfe der NRO Gram Tarang wollen sie auch Training und ein System für die Wanderarbeit anbieten, mit dem sie ihre Probleme zur Sprache bringen können.
Außerdem will C&A sich die Zustände bei Shahi Exports genauer anschauen, während H&M die Wohnheimregeln in der gesamten H&M-Lieferkette überprüfen und Hilfe für Wanderarbeiter durchsetzen will. Inditex will ebenfalls seine gesamte Lieferkette in Indien überprüfen und sich um bessere Wohnheimbedingungen und ein System zur Behandlung von Beschwerden bemühen und Training und Beratung für Wanderarbeiter anbieten beziehungsweise das Management auf ihre spezielle Situation aufmerksam machen.
PVH hat einen Bericht von den Zulieferern angefordert und gesagt, das Unternehmen entwickle Richtlinien, um die genannten Probleme anzugehen. Gap verdeutlichte, dass die Anstrengungen des Unternehmens über die mit individuellen Zulieferen hinausgingen, da es auch “eng mit ETI und anderen Marken zusammenarbeite, um sich an einem branchenweiten Forum zu beteiligen, das aus Branchenvertretern, Marken, Gewerkschaften und anderen Organisation bestehen werde, um die Probleme in Bangalore effektiv zu behandeln und langfristige Lösungen zu finden.”
Die Reaktion aller beteiligten, führender internationaler Auftraggeber zeigt, dass die Zeiten des Wegschauens oder der Schuldzuschiebungen auf andere hoffentlich vorbei sind. Schließlich profitieren alle von zufriedenen und gesunden Arbeitern; Studien haben gezeigt , dass die Produktivität steigt, während die Fluktuationsrate abnimmt.
Fotos: Texport / Shahi Exports / K Mohan & Co.