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Mein Vater fuhr Peugeot. Aber mein Onkel hatte eine DS. Und ich werde nicht vergessen, wie der Erwachsene lächelnd – und mit nicht sehr erwachsenem Stolz – den Hebel der hydropneumatischen Federung betätigte, und sich vor den staunenden Kinderaugen das Chassis magisch hob und senkte.
1955, am 6. Oktober, als sie im Salon de l'automobile von Paris zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, brachte sie nicht nur Kinderaugen zum Staunen. Der Sprecher der «Wochenschau» konnte kaum an sich halten: «Le clou du salon», jubelte er, «ist ohne Widerrede die DS 19 von Citroën, die alle Neugier auf sich zieht!»
Andere Autos sahen alt aus
Dass die Buchstabenbezeichnung DS als «Déesse» interpretiert wurde, ist französische Wortspielerei, wie Citroën sie schon beim Vorgängermodell Traction Avant gepflegt hatte: «La Traction» klingt wie «L'attraction». Aber die DS ist mehr als nur eine D (für «grande diffusion») spéciale.
Mit einem Schlag sahen alle anderen Autos neben ihr alt aus. «Die ‹Déesse› hat alle Wesenszüge eines jener Objekte, die aus einer andern Welt herabgestiegen sind», stellte der Kulturtheoretiker Roland Barthes im Jahre 1957 in «Mythologies» fest.
Die Schöpfer der DS waren Künstler
Jedes ihrer Details genügte technischen Massstäben so gut wie ästhetischen. Das einspeichige Lenkrad, das sich kühn übers Armaturenbrett schwingt; die Frontscheinwerfer, die synchron zur Lenkung die Kurven ausleuchten. Und die Farben!
Bisher waren Autos in der Regel schwarz. Die DS zeigte sich in kokettem Kolorit: Gris Rosé und Champagne, Brun Scarabée, Bleu Delta, Jaune Jonquille und Vert Printemps. Frühling, Meeresblau, Champagner: Das waren die Träume einer Nachkriegsmoderne. Die DS wurde zur Ikone für ein Frankreich, das den Aufbruch wagt.
«Es ist möglich, dass die ‹Déesse› einen Wendepunkt in der Mythologie des Automobils bezeichnet», dachte Barthes: «Fahren wird ausgekostet.» 1955 war das Jahr, in dem von Orly aus die ersten Caravelles starteten, in dem Renault seinen Angestellten drei Wochen Ferien bezahlte, in dem Juliette Gréco und Edith Piaf im «Olympia» sangen und der junge Charles Aznavour zum ersten Mal als Sänger auffiel. Und es ist das Jahr, in dem der Warschauer Pakt unterschrieben wurde.
Scharfe Kurven
Was hätte sich als Vehikel für das neue Lebensgefühl besser geeignet als die DS mit ihren verheissungsvollen Linien? Das zeitgenössische Publikum hat sie sich umgehend angeeignet: «Paris Match» zeigte noch im Oktober 1955 Gina Lollobrigida mit der DS auf dem Titel; Brigitte Bardot und Jane Birkin liessen sich mit ihr ablichten. Auch Charles de Gaulle erkor sie zu seinem Lieblingsauto. Die hydropneumatische Federung hat ihm 1962 beim Attentat von Petit-Clamart das Leben gerettet – der Wagen fuhr mit zwei durchschossenen Pneus weiter, als wäre nichts gewesen.
Max Frischs «Homo faber» fährt so selbstverständlich eine DS wie Filmheld Fantômas, der sie gar zum Fliegen bringt. Sie war das Glamour-Gefährt in Cannes: Auf Zelluloid beförderte sie Alain Delon so wirkungsvoll wie Romy Schneider, Jean Marais, Michèle Morgan oder Louis de Funès. Auch neuere Filme docken an ihren Kultstatus an: «Amélie Poulain», «Les Triplettes de Belleville» oder «Back to the Future II». Und im Jahr 2000 wurde die DS zur Titelheldin in «The Goddess of 1967» von Clara Law.
1'455'746 Exemplare verliessen das Citroën- Werk am Pariser Quai de Javel, bis im April 1975 die Produktion eingestellt wurde.