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Sie habe eine enge Beziehung zu diesen Viechern gehabt, sagt Ulrich Weber, der im Schweizerischen Literaturarchiv ihren gesamten Nachlass, Link öffnet in einem neuen Fenster mitverwaltet. Sie habe einmal erzählt, dass sie auf einem Markt in New York Zeugin geworden ist, wie dort lebendige Schnecken zum Verzehr angeboten wurden. Sie hingegen war fasziniert vom gerade stattfindenden Liebesspiel eines Schneckenpaares. Sie hat das Paar gekauft und nicht gegessen. Sie hat eine Zucht angelegt. Irgendwann konnte sie sich nicht mehr trennen und nahm die Schnecken auf Flugreisen mit. Unter dem Pullover. Diese Tiere mochte sie. Den Menschen hielt sie eher für einen «Irrläufer der Evolution», sagt Ulrich Weber.
Der Wahnsinn der Normalen
Ihre Familiengeschichte machte das nicht einfacher: Zu ihrer Mutter hatte sie eine Beziehung, die zwischen Symbiose und radikalem Beziehungsabbruch schwankte. Ihre Mutter gab ihr zu verstehen, dass sie durch ihre früh aufscheinenden bisexuellen Neigungen «anders» sei. Ihren leiblichen Vater lernte sie mit elf kennen. Im Elternhaus entdeckte sie ein Buch von Karl Menninger. Darin beschrieb er psychische Erkrankungen. Die Begegnung mit diesem Buch hat Highsmith geprägt: Ihr Menschenbild ist nicht düster – es ist monochrom schwarz.
Highsmith interessierte der normale Wahnsinn von Menschen. Das war ihre «erzählerische List», wie Ulrich Weber sagt. Es waren nicht die offensichtlich Bösen. Highsmith war eine Verführerin. Sie zeichnete Figuren, die faszinieren. Gerade wenn man sich mit ihnen anfreundet, entpuppen sie sich als Monstrum. Sie schrieb ohne moralische Wertung. Das ist ihr Markenzeichen. Sie hat die Schemata der Kriminalliteratur radikal aufgebrochen. Ulrich Weber erinnert an «Der Stümper». Am Ende dieser Geschichte erzählt sie aus Sicht des Mordopfers. Der Leser wird gleich mit ermordet. Viele haben danach Highsmith nur noch in homöopathischen Dosen genossen.
Ripley – ihre bekannteste Figur
Highsmith zog die meisten Geschichten aus der Selbstbeobachtung. Kein angenehmer Gedanke. Und sie führte Experimente durch, sagt Weber. Ripley sei ein solches. Er ist der Versuch, sich in jemanden hineinzuversetzen, der keine Schuldgefühle hat: Ripley erschlägt einen anderen, weil er ein Stück vom grossen Kuchen will. Und glaubt, darauf ein Recht zu haben. Ripley ist ihre bekannteste Figur. Was sie der Verfilmung mit Alain Delon verdankt.
Die europäische Rezeption ist wichtig für ihr literarisches Überleben. Starke Regisseure verfilmten ihre Geschichten: Hitchcock, Clement, Chabrol, Wenders, Minghella, der die Neuverfilmung mit Matt Damon inszenierte.
Im Schatten von Ripley sind Romane, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, sagt Ulrich Weber. Da ist zum Beispiel «Der Schrei der Eule», kein Krimi, aber eine Geschichte über die Frage nach Schuld ohne Verbrechen. Oder «Der süsse Wahn», die Geschichte einer Liebes-Obsession, die jemanden in wahnhafte Vorstellungen treibt mit ungeheurer Sogkraft. Und «Das Zittern des Fälschers», die Geschichte einer seelischen Destruktion par excellence.
Endstation
Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie im Tessin. Von Schnecken, Katzen, Depressionen und Alkohol umgeben. Menschliche Nähe ertrug sie ganz schlecht. Sie schrieb aus dem Schmerz heraus, den sie sich selbst zufügte. Rationalität war ihr der «Firnis über der Obsession». Am Schluss war sie voller Zorn.
Neu veröffentlichte Biographien zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild. Den Menschen Highsmith hat die Autorin beobachtet, ertragen und literarisch ausgeschlachtet: Kalt und präzise.
Mit schmucklosen Dialogen. Nur das Notwendigste. Wer mit Schnecken lebt, wartet nicht auf Antwort.
Sie ist am 4. Februar 1995 in Locarno gestorben und ist auf dem Friedhof von Tegna beigesetzt.
Buchhinweis
Die Gesamtausgabe Patricia Highsmith ist im Diogenes Verlag erschienen.