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Der widerspenstige Hund
Amur hat eine schmerzhafte Entzündung im Mund. Aber seine Schnauze will er um keinen Preis öffnen. Er knurrt und wehrt sich, als ob er gefoltert würde. Dabei soll ihm doch geholfen werden.
Der grosse schwarze Hund sass wohlerzogen neben dem linken Bein seiner Besitzerin. Neugierig schaute er abwechselnd zu mir und zu seiner «Chefin». Er sabberte ein wenig und ein übler Geruch erfüllte das kleine Behandlungszimmer. Die Besitzerin erzählte, dass ihr Hund Amur in letzter Zeit extrem aus dem Maul stinke. Er habe auch vor wenigen Tagen immer wieder die Schnauze am Boden gerieben.
Ich fragte die Halterin, ob sie denn auch Amurs Maulhöhle inspiziert habe. Sie antwortete mit einem resignierten Achselzucken, dass sie es versucht habe, aber leider erfolglos. Klein-Amur hatte das offenbar nie lernen müssen. Und jetzt liess Gross-Amur das Maulöffnen nicht mehr zu.
Mein Versuch, Amur an der Schnauze zu packen und ihm das Maul zu öffnen, scheiterte ebenfalls kläglich. Amurs Augen wurden gross und starr und ein dumpfes Knurren liess mich zurückfahren. «Ich müsste ihm eigentlich einen Maulkorb anziehen, um ihn genauer untersuchen zu können. Doch dann kann ich ihm die Schnauze nicht öffnen! Wir müssen Amur schlafen legen, um ihn genau anzuschauen», erklärte ich.
Dem Hund wurde ein Katheter in die Armvene gesteckt. Das war nur mit Maulkorb und kräftigem Festhalten möglich. Anschliessend erhielt er langsam das Schlafmittel injiziert. Amurs Grollen machte Pausen. Seine Augen wurden weich und schliesslich legte er sich mit einem Seufzer hin. Ich wartete eine Weile, um sicher zu sein, dass er wirklich schlief. Wir hörten bald sein tiefes Luftholen und sogar ein leises Schnarchen. Vorsichtig löste ich den Maulkorb. Dann öffnete ich seinen Fang und fixierte ihn mit einem Maulgatter.
Seine Zähne waren riesig und schneeweiss. Gerade grosse Hund haben wenig Zahnstein. Die Zähne waren jedoch an den Spitzen etwas abgeschliffen. Die Besitzerin erzählte, dass er oft mit Tennisbällen spiele, was mit der Zeit zu stumpfen Zähnen führt. «Benutzen Sie doch bitte die speziellen Hunde-Tennisbällen mit normaler Filzoberfläche, diese wetzen seine Zähne weniger ab,» riet ich ihr. Sie sagte, diese Bälle habe Amur nicht gerne. Also habe sie versucht, mit Holzstöckchen zu spielen.
Mit einer Taschenlampe leuchtete ich alle Zähne ab. Im Gaumen, auf der Höhe der hinteren Reisszähne, hatte sich ein Stück Holz verklemmt. Es spannte sich über die gesamte Gaumenbreite. Mit einer Zange hatte ich den Übeltäter schnell entfernt. Eine eiterige Wunde zeigte sich unter dem Holz. Das war der Grund des Mundgeruches. Ich richtete mich auf. «Innert weniger Tage wird das wieder abgeheilt sein und Amur keinen Mundgeruch mehr haben. Sonst kommen Sie noch einmal vorbei», sagte ich zur Halterin.
Nachdem Amur wieder erwacht war, versuchte er so stolz und würdevoll wie möglich aus der Praxis zu laufen. Da er aber noch etwas herumtorkelte, musste ich lachen. Er antwortete mit einem tiefen Knurren.
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