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Die Theiler-Rüfi bei Jenins
Von Friedr. v. Salis, Ingenieur.
Die Theiler-Rüfi bei Jenins Bergeinstürze und Küfenbildungen sind in unserm Hochgebirgskanton zwar keine Seltenheit, allein dieungewöhnlichen Erscheinungen, von welchen ein solchesi Naturereigniss im Jahre 1866/67 in Jenins begleitet war, veranlassen den Referenten, darüber einige Aufzeichnungen zu Papier zu bringen.
Die Theiler-Rüfi, zwischen den Gemeinden Jenins und Maienfeld, erstreckt ihr Einzugsgebiet vom Kamme und Furnis, einem Vorberg des Falknis, mit ziemlich weitem Kessel am Fusse des stärksten Abfalles, bis in die Rheinebene. In diesem Kessel findet die Vereinigung der fächerförmig von dort ausgehenden Zuflüsse statt; wir unterscheiden besonders das nördliche Haupttobel, welches mit einem ziemlich bedeutenden Wasserfall, Hochfall genannt, seine letzten Capriolen macht, und eine südliche Runse, welche über die steile Böschung abfällt und Schnellertobel genannt wird. Zwischen diesen zwei Rinnen ist ein Felsgrat, der diese trennend sich hoch bis gegen den Furnis, einen kahlen Felskopf, hinaufzieht. Während also der Abfall vom Furnis, mit einer Höhenquote von 2135 m, bis in den Kessel ein sehr starker ist, wohl mehr als ganzer Böschung gleichkommt, beträgt das Gefälle des Tobeis von dem Hochfall ab = 2O°/e. Der Verlauf über dessen Schuttkegel, auf welchem das Dorf Jenins liegt, geht mit ziemlich gleichmässigem Gefälle bis in die Thalsohle und endigt dort auf Kilometer-Distanz vom Rheine, ohne bisher grosse Verwüstungen wegen Geschiebsablagerungen angerichtet zu haben. Das wenige Wasser fällt in den Maienfelder Mühlbach. Der Hintergrund des Kessels hat die Quote von circa 950 m, die Thalsohle am Ende des Schuttkegels 505 m und die horizontale Länge vom Furnis bis zur Thalebene beträgt circa 4 Kilom., die Breite des Thales gegen 1 Kilom. und mithin die Fläche des Einzugsgebietes ungefähr 4 Quadratkilometer oder 400 Hektaren.
Das Thal ist bewaldet und trägt nebst Fichten und Föhren sehr schöne Buchen.
Fassen wir die geologischen Verhältnisse dieser Gebirgswand näher in 's Auge, so sind dieselben unzertrennbar von denjenigen des Falknis. Die ganze Erhebung über Maienfeld inclusive Augstenberg bis See- wis, mit Abgrenzung nach rückwärts durch die Alpen Stürvis, Sarina und das Glecktobel, ist aus grauen und schwarzen Schiefern ( Bündnerschiefer ) aufgebaut und diese Formation setzt auch noch unter den Falknis fort.
Nach Theobald bestehen die Spitzen des Falknis aus den kalkigen Allgäuschiefern von verschiedenen Farben. Wir haben es also dort mit dem Lias und dem Unterjura zu thun. Von diesen farbigen Schiefern ist am Furnis und gegen den Angstenberg ( Vilan ) nichts zu sehen, dagegen kommen Kalklappen und muldenförmige Einlagerungen von Kalk auch hier vor. Auf der Rückseite des Furnis gegen das Glecktobel findet sich auch ein Gypslager, das in den 60er Jahren ausgebeutet worden ist und einen guten Dünggyps geliefert hat.
In den kalkigen Schiefern und besonders in der Nähe von Kalkeinlagerungen finden sich viele Kalkspathadern, welche bekanntlich einer Zersetzung keinen grossen Widerstand zu bieten vermögen und zur Abbröckelung der Felsarten nicht wenig beitragen.
Ein eigenthümliches Conglomérat aus eckigen krystallinischen Bestandtheilen und kalkigen Bindemitteln kommt dort ebenfalls vor und ist dessen Entstehung oder Herkunft unaufgeklärt, wie überhaupt die Einreihung des Bündnerschiefers nach dem Stufenbau noch nicht abgeschlossen und nicht festgestellt ist, ob er zu dem Lias gezählt werden könne oder den Eocenbil-dungen, also der Tertiärformation angehöre. Der Mangel an Versteinerungen erschwert diese Erkenntniss und es ist trotz dem allerdings häufigen Auftreten von Fucoiden noch nicht gelungen, die genaue Bestimmung zu treffen.
Am Furnis, dem höchsten Punkte der Theiler-Rüfi, hängt auch ein Kalklappen herüber und hat dort im Monat Juni des Jahres 1866 eine bedeutende, bis in den Monat Oktober andauernde fast tägliche Fels-ablösung, ein eigentlicher Bergeinsturz begonnen. Am 10. September, Nachmittags 2 Uhr, ereignete sich der Hauptsturz. Man sah einen ganzen Theil der sogenannten Ecke sammt darauf stehendem Walde sich der Tiefe zu bewegen, und konnte damals deutlich wahrnehmen, wie Felsen und Wald gemeinsam abrutschten. Bald aber verhüllte sich Alles in eine dichte Staubwolke, aus der man donnerähnliche Schläge vernehmen konnte. Bei dieser starken Ablösung wurde der ganze Bergeinschnitt in eine so dichte Staubwolke gehüllt, dass man für jenen Nachmittag über die Tragweite des Ereignisses im Ungewissen war. Am folgenden Morgen war von dem Staube die ganze Gegend gelb und grau besäet.
Von dieser Zeit nahm die Mächtigkeit der Einstürze wieder ab, Schloss mit dem Monat Oktober und seither ist der Berg ruhig.
Es verlieh für den Besuchenden, bei einem etwas erhöhten Standpunkte und bei an der Gebirgswand sich hinziehenden Nebeln, ein ganz possirliches Aussehen, wenn aus der Nebelmasse Felsstücke wie Bomben herausflogen und wieder untertauchten, um abermals andern plötzlich erscheinenden das Feld zu räumen. Dieses Spiel hatte man nicht selten Gelegenheit zu beobachten.
Der in der Sturzlinie stehende Fichtenwald vermochte auf der steilen Böschung natürlich nicht zu widerstehen, wurde rasirt und dadurch der Gemeinde Jenins ein sehr beträchtlicher Schaden zugefügt. Die Sturzline hatte die Richtung so genommen, dass ein Theil der Trümmer auf dem oben schon bezeichneten Grat nach dem Haupttobel, jedoch weitaus der grösste Theil in das Schnellertobel geworfen wurde. In dem Haupttobel blieb eine grosse Masse oberhalb des Hoch-falles liegen, während durch die südliche Runse die Steinmasse in dem weiten Kessel sich ablagerte und im Lauf der fünf Monate zu immensen Dimensionen heranwuchs.
So weit der erste Akt. Diesem sollte ein zweiter folgen.
Nachdem die Kalkbrocken auf neuer Unterlage ruhig überwintert hatten, kam sie im Frühling die Wanderlust abermals an.
Um die Mitte März des folgenden Jahres, zur Zeit der Schneeschmelze, gerieth nämlich der einige hundert Meter lange Steinstrom von beträchtlicher ( bis 60 Meter ) Breite in Bewegung und erfüllte die anliegenden Gemeinden, besonders Jenins, wegen ihrer Wohnungen mit ernstlicher Besorgniss.
Die Geschwindigkeit der Fortbewegung war zwar auf der schwach geneigten Fläche von nur 2O°/o Gefäll eine geringe, betrug je nach Witterung und damit in Verbindung stehender Wasserstärke in 24 Stunden 3-12 Meter und gestattete meist ohne alle Gefahr das Herumgehen auf den trockenen, schwach oscillirenden Steintrümmern, ohne irgend etwas von Wasser zu sehen. Meist war der ganze Strom in einem ziemlich gleichmässigen Fortgange, doch kam es zuweilen vor, dass durch Heraufpressen des Wassers, oder oberflächlichen Zutritt von solchem durch das Schnellertobel schmale Runsenbildungen in dem Steinstrom entstanden, welche zwar mit der ganzen seitlichen Masse die allgemeine Bewegung gemeinsam hatten, aber eine weit grössere Abflussgeschwindigkeit zeigten und sich auch bald wieder erschöpften. Die wackeren Jeninser und mit ihnen im Vereine Hülfsmannschaften aus den Nachbargemeinden suchten der Bewegung auf der linken Uferseite, wo ihnen die grösste Gefahr drohte, Einhalt zu thun und legten zu diesem Zwecke aus starkem Holz gegen stehende Baumstämme Verhaue an, allein diese wurden von der langsam sich vorschiebenden Masse zerknickt wie Spielzeug.
Der grössten Anstrengung und mehrtägiger ununterbrochener Tag- und Nachtarbeit gelang es, 0,50 bis 0,60 Meter starke Fichtenstämme mit allem Ast- und Laubwerk herbeizuschaffen und sie gegen die stärksten Buchen in mehrfacher Uebereinanderlage aufzubauen, und schon glaubte man so den Strom auf die Mitte zu concentrimi, allein auch diese Kiesenarbeit erwies sich als unhaltbar, und drückte der 4—6 Meter hohe Steinstrom den aufgebauten Wall mit sammt den wuchtigen, festgewurzelten Buchen unter lautem Krachen mit unwiderstehlicher Gewalt ein und setzte seinen Lauf, langsam fort.
So hielt dieses allgemeine Vorschieben die Gemüther und die Arbeitskräfte in steter Erregung und suchte man sodann auf der Seite von Jenins durch Anlage von bockartigeii Wuhren in zurückgezogener Linie so gut wie möglich provisorisch sich zu schützen, bis am 7. Mai dann die Bewegung nachliess und damit die Steinmasse zum Stehen kam.
Um jedoch einer Wiederholung entgegenzuarbeiten, entschlossen sich die Gemeinden Jenins und Maienfeld nach eingeholtem technischen Käthe, Verbauungen an- zulegen und schritten auch sofort im gleichen Jahre zur Ausführung von drei grossen, 6-11 Meter hohen steinernen Thalsperren.
Um das in das Haupttobel geworfene Geschiebe über dem Hochfalle zurückzuhalten, wurde dorten die oberste Sperre auf 11 Meter Höhe angelegt, eine zweite unter dem Hochfall in dem Abstande von 100 Metern von diesem, so dass dort ein ziemlich bedeutendes Depositionsbecken gebildet wurde. Eine dritte über 80 Meter lange Thalsperre fand ihre Baustelle im sogenannten Loch, circa 500 Meter von der zweiten entfernt, wodurch eine sehr beträchtliche Fläche zur Ablagerung gewonnen worden ist. In dem südlichen Zweige, dem Schnellertobel, bilden 13 Stück übereinander angebrachter Holzsperren eine weitere Kette von Hindernissen. Ueberdies wurde von der grossen Sperre einige hundert Meter weiter thalabwärts ein 130 m langes Ablenkungswuhr mit einer 46 m langen, sehr starken und hohen Rückbindung hergestellt und damit der Schutz gegen Ausbrüche in der Richtung auf das Dorf Jenins bedeutend erhöht.
Die Werke haben bisher alle gut gehalten und haben sich überhaupt bewährt, da sie einer wiederkehrenden Beweglichkeit der Schuttmassen seit 10 Jahren den gewünschten Widerstand zu leisten vermochten. Ohne die eingebauten Hindernisse wäre wohl bei vermehrtem Wasserzutritt zur Zeit der Schneeschmelze oder in Zeiten heftiger Regengüsse die Katastrophe wieder eingetreten, wofür die gegen die Querbauten hochaufgestauten Geschiebe ein sprechendes Zeugniss ablegen.
Au die Erstellungskosten oben bezeichneter Schutzbauten haben beigetragen:
die Gemeinde MaienfeldFr. 8,000. »Jenins » 17,000. Gesammtkosten Fr. 25,000. Sollten nun weitere Felsstürze vom Hochkamme des Furnis zu erwarten stehen, so sind im sogenannten Loch weite Terrassen zu fernerer Ablagerung vorbereitet und ist voraussichtlich keine grosse Gefahr zu befürchten.
Achtzig Jahre früher soll eine ähnliche Katastrophe stattgefunden haben. Hoffen wir, dass abermals 80 Jahre vergehen mögen bis zur nächsten.