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vielleicht das Saanenthal, dessen Mundart eine romanische Grundlage zu haben scheint), sowie endlich den obersten Abschnitt des Wallis bis zum Zehnten Brig hinunter. Diese erste Periode der Germanisierung muss im Jahr 888 mit der Gründung des zweiten burgundischen Königreiches ihren Abschluss gefunden haben.
Eine zweite Periode alemannischer Expansion begann nach dem Jahr 1032, als die welsche Schweiz zusammen mit dem ganzen transjuranischen Burgund an das deutsche Kaiserreich übergegangen war. Während des folgenden Zeitraumes fielen die Zehnten Raron und Visp im Wallis, das Saanenthal (?), das linke Ufer der Sense, die Gemeinden Ins und Erlach im Seeland, ein dreieckiger Landstrich zwischen Murten, Gümmenen und der Saane, sowie endlich auch Twann an das deutsche Sprachgebiet. Um das eben eroberte Uechtland vor Angriffen zu sichern, gründeten und befestigten die Herzoge von Zähringen zu dieser Zeit die Stadt Freiburg. Zugleich entsandten sie auch schon einige deutsche Vorposten in den freiburgischen Seebezirk.
Das Ende des 13. Jahrhunderts bezeichnet mit der Errichtung der savoyischen Oberherrschaft über die französische Schweiz eine Rückkehr des romanischen Uebergewichtes. Doch gelang es den Welschen nicht, das gesamte verlorene Gebiet zurückzugewinnen, indem sie sich damit begnügen mussten, die feste Einbürgerung des Deutschen im Gebiet zwischen Marly und La Roche zu verhindern. Dafür begann aber zu dieser Zeit die Verwelschung der Stadt Freiburg, die doch gerade als Bollwerk zum Schutze der deutschen Interessen gegründet worden war.
Verstärkt wurde der deutsche Einfluss hierauf durch die Burgunderkriege, den Eintritt Freiburgs in den Bund, die Eroberung des Waadtlandes durch Bern und des Unterwallis durch die Oberwalliser, sowie die teilweise Zerstückelung des einstigen Fürstbistums Basel. Damals überflutete das Deutsche den Rest des Seelandes, den grössten Teil des freiburgischen Seebezirkes, den Zehnten Leuk, sowie auch Sitten und Brämis (Bramois). In der Hauptstadt des Wallis wird dem Romanischen ein erbitterter Kampf geliefert. Das Deutsche beginnt in Marly, Praroman und La Roche die Oberhand zu gewinnen. Murten tritt zur Reformation über und wird ein einflussreiches Germanisationszentrum. Aus dieser Zeit datiert die endgiltige Festlegung der deutsch-französischen Sprachgrenze, die sich seither nur noch unwesentlich verschoben hat.
Immerhin machte sich während der Zeiten der französischen Revolution, der helvetischen Republik und des Eintrittes mehrerer französischer Kantone in den Bund wieder ein schwaches Vordringen des welschen Elementes bemerklich. Seit dieser Zeit romanisieren sich Freiburg, wie auch Sitten, Brämis, Siders und Biel mehr und mehr. In den Hochthälern des Jura weicht die Landwirtschaft einer industriellen Tätigkeit, was unabsehbare sprachliche Folgen nach sich ziehen sollte.
Tausende von deutschsprechenden Zuwanderern nehmen sich des verschmähten Acker- und Wiesenbodens im Hochjura an. -So sind wir Zeugen einer neuen, durchaus friedlichen germanischen Ueberflutung von welschem Boden geworden, die sich als langsame und harmlose Infiltration vollzieht. Diese neuen Einwanderer passen sich bald ihrer welschen Umgebung an und gehen in ihr auf. Als Pächter, Landarbeiter, Dienstboten und Kleinhandwerker nehmen sie einen untergeordneten Rang ein, und viele von ihnen leben auf isolierten Pachthöfen. Sie vermögen in den Gebieten, die seit einiger Zeit auf ihre welschen Dialekte verzichtet haben, mit ihrer alemannischen Mundart gegen die feinere und glorreiche Sprache Frankreichs nicht anzukämpfen. Das Uebrige besorgen die Eheschliessungen mit aus dem Land stammenden welschen Frauen und die französische Schule.
Seit 1888 hat die deutsche Zuwanderung nachgelassen und die Romanisierung grosse Fortschritte gemacht. Die nachfolgenden Zahlen beweisen, dass die Bevölkerung wieder mehr und mehr eine homogene wird. Ich stelle die Verhältniszahlen der Deutschen und Romanen für die beiden letzten Volkszählungen zusammen:
|Zählung von 1888||Deutsche||Romanen||Numerisches Verhältnis der Deutschen|
|Berner Jura||20790||76048||1/ 3.6|
|Neuenburg||22579||83762||1/ 3.7|
|Freiburg (exkl. Bezirk Sense)||19780||80774||1/ 4|
|Waadt||23873||218358||1/ 9|
|Genf||12317||89111||1/ 7|
|Wallis (v. Bez. Siders an abwärts)||3804||68354||1/ 17|
|Zählung von 1900:|
|Berner Jura||18933||83290||1/ 4.4|
|Neuenburg||17629||104551||1/ 6|
|Freiburg (exkl. Bezirk Sense)||20668||86686||1/ 4.2|
|Waadt||24372||243463||1/ 10|
|Genf||13343||109741||1/ 8|
|Wallis (v. Bez. Siders an abwärts)||3362||74096||1/ 22|
Diese Sprachverschiebung zu Gunsten des französischen Idiomes hält in allen Kantonen der französischen Schweiz fortdauernd an. In den drei Kantonen Bern, Neuenburg und Wallis stellt sich die absolute Ziffer der Bevölkerung deutscher Sprache heute niedriger als im Jahr 1888, während in den übrigen Kantonen der Zuwachs der Deutschen hinter demjenigen der Welschen zurückgeblieben ist. Soviel scheint wenigstens aus den Zahlen der Statistik hervorzugehen; die Verschiedenheit der Fragestellung bei den beiden letzten Zählungen, Voreingenommenheiten aller Art bei der Ausfüllung der Formulare, die Kompliziertheit des Durchdringungsprozesses zweier Sprachen, die schwerlich in Zahlen ausgedrückt werden kann, mahnen uns, diese Zahlen mit grösster Vorsicht zu benutzen.
Im Ganzen genommen darf gesagt werden, dass die Deutschen während der letztvergangenen 1500 Jahre auf ehemals gallo-romanischem Boden einige dauernde Eroberungen gemacht haben. Die heutige Grenzlinie verbindet die am weitesten nach Westen vorgeschobenen Orte, die man als vollkommen deutsch ansprechen darf. Von Charmey bis zur Dent d'Hérens erscheinen die beiden linguistischen Gruppen ziemlich scharf geschieden, während die Sprachgrenze in ihrem nördlichen Abschnitt in eine mehr oder weniger zweisprachige Grenzzone übergeht, die durch beständige Schwankungen zwischen den beiden Idiomen, sowie durch Doppelreihen von Ortsnamen (Épendes-Spinden, Morat-Murten, Anet-Ins, Bienne-Biel etc.) und sogar von Familiennamen (Gendre-Techtermann, Dupasquier-Vonderweid etc.) gekennzeichnet wird.
Bibliographie. 1. Sprachgrenze: Zimmerli, J. Die deutsch-französische Sprachgrenze in der Schweiz. 3 Teile. Basel und Genf 1891-1899. Der erste Teil wird nächstens in 2. Auflage erscheinen. Dieses grundlegende Werk ersetzt sehr vorteilhaft alle frühern Arbeiten über diese Materie. - Knapp, Ch. Sur la frontière des langues franç. et allem. en Suisse (in: Tour du Monde. 1886). - Büchi, A. Die histor. Sprachgrenze im Kanton Freiburg (in: Freiburger Geschichtsblätter. III, 1896). - Hoppeler, R. Die deutsch-roman. Sprachgrenze im 13. und 14. Jahrh. (in: Blätter aus der Walliser Geschichte. I.) - Morf, H. Deutsche und Romanen in der Schweiz. Zürich 1900. - Morel, Ch. Allemands et Romands en Suisse (in den Étrennes helvétiques. Lausanne 1901). - Stadelmann, J. A quelle époque les Germains établis dans notre pays ont-ils été romanisés? (in der Revue histor. vaud. 1901).
2. Statistik: Die verschiedenen Veröffentlichungen des statistischen Bureau des eidg. Departement des Innern. - Zemmrich, J. Verbreitung und Bewegung der Deutschen in der französ. Schweiz. Stuttgart 1894. - Hunziker, J. Die Sprachverhältnisse in der Westschweiz (in der Schweizer. Rundschau. 1896). - Hunziker, J. Der Kampf um das Deutschtum. München 1898. - [Zimmerli, J.]. Von der deutsch-französischen Sprachgrenze (in der ¶
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Neuen Zürcher Zeitung vom 20.-21. Juli 1905). In neuester Zeit droht leider eine Sprachenfrage einzureissen, die besonders in Zeitungsartikeln diskutiert wird, hier aber nicht weiter berührt werden kann. Wir machen auf die zahlreichen Artikel von E. Blocher und J. Zemmrich in der Zeitschrift Deutsche Erde (1902-1907) aufmerksam.
2. Einführung des Französischen als offizielle Sprache.
Das Lateinische ist bei uns verhältnismässig lange Zeit die Sprache der Urkunden geblieben. Dies gilt namentlich für das Wallis, wo diese Tradition bis über das 16. Jahrhundert hinaus zu Recht bestand. Ueberall, wo das Lateinische als Sprache der Urkunden in Abgang kam, wurde es durch das Pariser Französisch (in Freiburg gleichzeitig auch durch das Deutsche) ersetzt. Di ältesten in französischer Sprache abgefassten Urkunden datieren von 1244 (Berner Jura), 1250 (Moudon), 1251 (Neuenburg), 1260 (Genf). Das erste französisch redigierte Mandat der Stadt Freiburg stammt aus dem Jahr 1319. Wie man sieht, kann eine bestimmte Zeit für die Einführung der neuen Sprache kaum aufgestellt werden. Diese ist zunächst eine Notariats- und Kanzleisprache gewesen, die während mehreren Jahrhunderten bei uns wohl geschrieben, nicht aber auch vom Volk gesprochen wurde, und nur sehr langsam und unmerklich in allen Verwaltungszweigen obligatorisch wurde. Vor nicht länger als etwa fünfzig Jahren verhandelte man in den Gemeindeversammlungen des Val de Ruz noch in der angestammten Mundart, die aus den Beratungen der Dörfer des Wallis, des Berner Jura und namentlich des Kantons Freiburg heute noch nicht vollständig verschwunden ist. Ein strenges Auseinanderhalten der geschriebenen und der aus dem Volksherzen kommenden gesprochenen Sprache war überhaupt lange Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Das Erlernen des von der allgemein gebräuchlichen Volkssprache sehr stark abweichenden fremden Idiomes gestaltete sich zu Zeiten, die unserer heutigen Schul- und Verkehrsverhältnisse noch entbehrten, zu einer fast unerfüllbaren Aufgabe. Die ungenügende Vertrautheit mit der fremden Schriftsprache geht in den Texten des 13. bis 15. Jahrhunderts aus der Mischung von mundartlichen und französischen Formen deutlich hervor und zeigt sich ganz besonders in der Anwendung einer grossen Menge von Ausdrücken der gewöhnlichen Umgangssprache, deren französische Aequivalente den Schreibern nicht bekannt waren. Als Beispiel dieses Stiles gebe ich folgende Stelle einer Urkunde aus dem Freiburger Archiv (die nicht französischen Formen sind kursiv gesetzt): «Fait et dona l'ant de l'encarnation de nostro segnyour corent mil tres cent et deyx et no, ou moys de host.» Die falschen Formen sind in der Mehrzahl blosse unfreiwillige Versehen, während man in gewissen Urkunden allerdings auch eine relativ ständige Wiederkehr von unfranzösischen Formen feststellen kann. Wir konstatieren die Regularisierung einer lokalen Ueberlieferung, die - wie in der deutschen Schweiz - zu einer unabhängigen Kanzleisprache hätte führen können, wenn die Umstände dazu günstiger gewesen wären. Unüberwindliche Hindernisse bildeten aber namentlich die zu grosse Verschiedenheit der romanischen Dialekte und auch das Fehlen eines dominierenden geistigen oder politischen Mittelpunktes.
Nachdem das Französische zur Rechts- und Amtssprache geworden, ward es auch die Sprache des Gottesdienstes und der Schule. Die Vénérable Compagnie des Pasteurs in Genf befiehlt 1668 den Lehrern am Kollegium, von Seiten der Schüler keine Antworten im Dialekt mehr zu dulden. Diesem Beispiel folgten bald die übrigen bedeutenderen Städte. Auf dem Lande hat die Mundart im Unterricht bis zum 19. Jahrhundert ausschliesslich geherrscht, und noch heute kostet es in den ihren Ueberlieferungen treuer anhängenden katholischen Kantonen den Schulmeistern viele Mühe, ihre Schüler an das Französische zu gewöhnen, so dass Widerspänstige oft durch Strafen zur Ordnung gewiesen werden müssen.
In letzter Instanz ist das Französische auch in der Familie an die Stelle der Mundart getreten. Dieser Vorgang vollzog sich zuerst in den grössern Städten, und zwar wahrscheinlich mit nachstehender Reihenfolge: Genf um 1750, Neuenburg und Lausanne um 1800 (Freiburg und Sitten waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorwiegend deutsch). Es folgten die Landstädtchen und endlich auch die Bauernbevölkerung. Während der Vorgang der Französierung in den Städten eine Zeit von 6-7 Jahrhunderten erforderte, vollzieht er sich auf dem Lande in 30-40 Jahren.
Sobald einmal die sog. «besseren» Familien in der Erziehung ihrer Kinder sich der offiziellen Sprache zu bedienen angefangen haben, ist es mit der Herrschaft des Dialektes vorbei. Das von den Standespersonen gegebene Beispiel verbreitet sich wie eine Ansteckung, sodass man die Sprache eher aus Moderücksichten als infolge von Ueberlegung wechselt. Der ganze Vorgang bedeutet für die Kinder ein grosses Glück, da sie ihren Weg in der Welt mit einer nahezu internationalen Sprache leichter zu finden im Stande sind, als mit einem ungelenken und altertümlichen Dialekt, der in einer Entfernung von 50 km nicht mehr verstanden wird.
In der Beseitigung des Dialektes sind die protestantischen Kantone mit ihren Reformbestrebungen den katholischen Landesteilen vorangegangen. Der Vorgang ist stark beschleunigt worden durch den Anteil der Städte Genf, Lausanne und Neuenburg an der französischen Literatur, das Aufblühen der industriellen Tätigkeit im Neuenburger und Waadtländer Jura, sowie den immer inniger werdenden Kontakt mit dem Ausland. Grössere Bedachtsamkeit zeigten in diesem Punkte die vorwiegend agrikolen Gebiete Freiburgs, des Wallis und der Genfer Landschaft.
Dazu kommt, dass in den Kantonen Bern, Freiburg und Wallis das Beispiel der ihrer Mundart treu gebliebenen Mitbürger deutscher Zunge die linguistische Entwicklung der romanischen Bevölkerung verzögern konnte. Heute erinnern sich noch einige wenige Neuenburger des Dialektes, den keiner mehr spricht. Im Kanton Waadt haben das ganze Uferland am Genfersee, die Rhoneebene und das Jouxthal den Dialekt seit etwa 50 Jahren aufgegeben, während er im Gros de Vaud und im Alpengebiet noch eine kümmerliche Existenz fristet; im Kanton Bern kennen ihn die Amtsbezirke Courtelary (St. Immerthal) und Münster nicht mehr, während in der Ajoie (Amtsbezirk Pruntrut) ein Advokat die Mundart noch ein wenig verstehen muss, wenn er sich mit seinen Klienten leicht verständlich machen will.
Die alten Genfer Landgemeinden stehen etwa auf demselben Standpunkt wie das Gros de Vaud, während die 1815 dem Kanton neu angegliederten Gemeinden die Mundart etwas besser bewahrt haben. Auch das Greierzerland beginnt jetzt, der allgemeinen Strömung sich anzuschliessen, während der Dialekt im mittleren Teil des Kantons Freiburg und im Broyebezirk zwar stark eingeschränkt aber doch noch lebenskräftig ist. Das Wallis endlich bildet für den Dialektforscher immer noch das ausgibigste Untersuchungsobjekt, mit Ausnahme allerdings der Uferstriche längs der Rhone, die dem Beispiele der Städte gefolgt sind und eine stark gemischte Bevölkerung aufweisen. Wenn sich der Dialekt bis zum Ende unseres Jahrhunderts überhaupt irgendwo erhalten kann, so wird dies am ehesten noch in den Seitenthälern des Wallis der Fall sein.
Die romanische Bevölkerung ist nicht unmittelbar vom Dialekt zum reinsten Französisch übergegangen. Bei dem Ersatz der altgewohnten Sprache durch die französischen Laute hat zunächst die Aussprache zu leiden gehabt. So sprechen die Waadtländer, die in ihrem Dialekt «férə la mīma tsouza» mit deutlicher Artikulation der Schlussvokale zu sagen pflegen, den entsprechenden französischen Satz «faire la même chose» derart aus, dass sie die stummen e noch etwas nachklingen lassen. Da sie in der Mundart das Schluss -r in Wörtern wie «hiver, servir» etc. nicht aussprechen, übertragen sie diese Gewohnheit auch auf die entsprechenden französischen Ausdrücke.
Weil die Franzosen gewisse Schlusskonsonanten, wie in «fils, jadis» etc., ausnahmsweise artikulieren, haben die Welschen angefangen, solche Konsonanten auch dann, wenn sie in Frankreich nicht mehr gesprochen werden, ertönen zu lassen, wie z. B. in «avis etc.», die sie als avisse etc. aussprechen. Ferner gibt man oft dem französischen Substantiv irrtümlich dasjenige Geschlecht, welches das entsprechende Dialektwort gehabt hatte: «un vitre, un poire, une lièvre, une serpent» etc. Die grösste Schwierigkeit bestand aber in der sinngemässen Aneignung und Anwendung des fremden Wortschatzes. Die Dinge, die ihr Aussehen beibehalten hatten, ¶