Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03112.jsonl.gz/3012

Verschriftlichtes Schweizerdeutsch: linguistische Revolution
Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) berichtete, dass der linguistische Wissensstand über Schweizerdialekte überholt sei angesichts der derzeitigen „linguistischen Revolution […], deren Ende weit offen ist“.
Bisher galt Schweizerdeutsch als mündliche Sprachvarietät, die nur gelegentlich geschrieben wurde. Im letzten Jahrzehnt habe sich Schweizerdeutsch im Zuge der „neuen Schriftlichkeit […] im Zusammenhang mit der Entwicklung der elektronischen Medien“ „zu einer etablierten Schriftsprache“ entwickelt.
Das Schreiben von SMS und elektronischen Nachrichten habe sich auf die meisten Sprachen ausgewirkt, in der Schweiz habe dies unerwartet zur Verschriftlichung der Mundart geführt. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen sei mittlerweile eine schriftliche Parallelsprache entstanden, sie nutzten für den privaten schriftlichen Austausch fast ausschließlich die Mundart.
Die Gründe dafür seien vielfältig: Schriftdialekt bediene die neue allgemeine Tendenz zur Informalität, es schreibe sich, vor allem in der „dialogischen“ Kommunikation, leichter, spontaner und authentischer. Zudem herrschten dabei keine Klassenschranken. In der Schweiz dringe die Mundart nun auch in die Domäne des Hochdeutschen, zudem gab es vielerorts Volksentscheide, die Hochdeutsch aus dem Kindergarten verbannen. Somit ergeben sich Schwierigkeiten für Kinder in der Schweiz, Hochdeutsch zu lernen.
Die NZZ prognostiziert, dass vielleicht in absehbarer Zeit Zweischriftigkeit in der Schweiz allgemein werde. Der Schriftdialekt bliebe nicht mehr nur für das Private reserviert, sondern sickere ins Öffentliche ein und erhielte irgendwann die Weihen des Offiziellen, so wie es im Laufe der Geschichte mit verschiedenen Dialekten wie etwa in Luxemburg passiert sei.
(NZZ 1.Febr. 2013 / aus der VDS-Presseschau Nr. 139)