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Buch des Monats Juni 2010
Der katholische Priester Sarto M. Weber legt mit diesem Buch eine eigene Übersetzung des ersten Buches der Bibel vor. Und man muss sich über sein steiles Vorwort zu dieser Übersetzung lange geärgert haben, bevor man die Vorzüge dieser Übersetzung zu würdigen lernt. Aber beginnen wir mit dem Ärgerlichen:
Weber beginnt nämlich mit einer Generalabrechnung. Sämtliche bisher vorliegenden Übersetzungen seien wenig «originell» (ausser in der Eigenwerbung) und für die Zukunft sei zu vermuten, «dass auch künftige Bibelübersetzungen mit dem überlieferten Urtext in etwa so viel zu tun haben werden wie ein Kirchenchor mit den himmlischen Heerscharen auf Bethlehems Fluren» (9). Den Übersetzer-KollegInnen wird unterstellt, dass sie den althebräischen Text gar nicht verstehen wollen und deshalb «beim geringsten Widerstand der Sprache Textkorrekturen vor[zu]nehmen» (10). Für ihn liegt es «zudem auf der Hand, dass sich ,Interpretationen in einer Übersetzung oder Übertragung der biblischen Texte von selbst verbieten, um so mehr, als sich jeder biblische Text, allen voran das Buch Genesis, selbst interpretiert» – daran werden wir im Folgenden noch seine eigene Übertragung zu messen haben. Die «eigentliche Crux» sowohl katholischer wie auch evangelischer Bibelübersetzungen macht Weber dann – nicht ganz neu – bei der «historisch-kritischen Methode» aus, die für ihn nichts anderes bringt, als eine «literarische[n] Entmündigung der biblischen Verfasser» (11). «Quellenkritik» ist für ihn nichts anderes als ein «therapeutischer Zeitvertreib für theologische Don Quichotes, denen mehr daran gelegen ist, die biblischen Texte zu sezieren, sie zur Ordnung zu rufen und ,unschädlich zu machen oder als ,heisse Luft zu karikieren, als sie zu verstehen.» Seiner Meinung nach aber bedarf das Wort Gottes «keiner Textkritik, sondern nur eines Propheten und des zum Glauben bereiten ,Hörers des Wortes»(12). Als ein solcher «Prophet» und «Hörer des Wortes» scheint sich der Autor selbst zu verstehen.
Als Vorbilder für eine angemessene Bibelübersetzung macht Weber dann die literarischen Bibelübersetzungen von Walter Jens oder diejenigen von Buber/Rosenzweig aus, die nicht im strengen Sinne «wörtlich», sondern «wortgetreu» seien (13).
Davon inspiriert geht der Autor dann an die eigene Übersetzungsarbeit (29-126). Er zieht durchgehend die jüdische Exegese in Form des Kommentars von Benno Jacob (1934; Neuauflage 2000) und die Midraschim zu Rate, offensichtlich in der Überzeugung, dass die Tradition des Judentums den eigentlichen Textsinn besser bewahrt hat als das Christentum. Und ihm – selber Komponist und Musikwissenschaftler – scheint eine gewisse Musikalität des deutschen Textes wichtig zu sein. Dieser Anstoss kam interessanterweise aus der Gemeindepraxis, nämlich aus der Erfahrung, dass für den Vortrag des Schöpfungsliedes in der Osternacht die Einheitsübersetzung zu «trocken» war (15). Dem hat Weber nun seine eigene Übersetzung gegenübergestellt.
Wie sieht diese nun aus? «Ein Anfang, endlich! GOTT setzt sich ans Werk, schafft Himmel und Erde. Die Erde, wüstes Durcheinanderland, Düsternis und öde Flut, Wassergischt, darauf sich GOTTes Ruhe niederlässt.» Man merkt sofort, dass hier keine «wörtliche» Übersetzung vorliegt. Wer eine solche haben will, dem empfiehlt der Autor die Interlinearübersetzung von Rita Maria Steurer (Hänssler Verlag 1989). Er selbst bemüht sich, den von ihm im Gespräch mit dem Judentum erkannten Wortsinn in eine diesem Text angemessene «wortgetreue» deutsche Sprache zu bringen, manchmal mit altertümlichen Worten und so gut wie durchgehend rhythmisiert. Dabei finden sich für mich als Liebhaber dieser biblischen Texte kongeniale Textpassagen, die manchmal – wen wunderts – an Buber/Rosenzweig oder Fridolin Stier erinnern. Aber natürlich hat auch diese Übersetzung (wie jede andere auch) mit typischen Problemen zu kämpfen, z. B. dem Gottesnamen JHWH. Weber kritisiert entschieden die Nicht-Entscheidung der «Bibel in gerechter Sprache» (13f) und entscheidet sich dafür, das Tetragramm «JHWH» unübersetzt zu lassen. Aber wie Lektoren dieses Tetragramm – wenn überhaupt? – aussprechen sollen, sagt er nicht. Und wenn dann Elohim ebenfalls mit einem Tetragramm, nämlich GOTT, wiedergegeben wird, kann das zumindest Verwirrung stiften. Ganz abgesehen davon, dass dann auch Adonai mit einem Tetragramm wiedergegeben wird: HERR. Und ganz kompliziert wird es dann bei indirekten Bezugnahmen: ER, SEIN, … Sie können sich dann wirklich auf alles beziehen, was der Übersetzer als göttlich ausmacht.
Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um kleinliche Kritik. Doch im Wissen um die Schwierigkeit jeden Übersetzens hätte sich Weber sicher manche Polemik ersparen können.
Ich halte seine Übersetzung nämlich für sehr gelungen. Im Miteinander all der anderen Übersetzungen zeichnet sie sich aus durch eine wirkliche Sprachkraft und Würde, die dem Wort Gottes sehr angemessen ist. Vor allem beim lauten Lesen spürt man diese Kraft. Man merkt Weber einfach an, dass er sich intensiv mit der jüdischen Auslegung, aber auch mit der Musikalität und Rhythmik der hebräischen Sprache auseinandergesetzt hat. Ich würde seine Übersetzung durchaus in der Nähe derer von Buber/Rosenzweig oder Fridolin Stier ansiedeln.
Und natürlich: Wie jede andere Übersetzung auch interpretiert Weber den Text. Das geht ja gar nicht anders. Ein Übersetzer muss sich entscheiden. Er kann nicht alle Deutungsmöglichkeiten offen lassen, wenn er einen verständlichen deutschen Text vorlegen will. Von daher habe ich Webers Polemik gegen das Interpretieren überhaupt nicht verstanden, sagt doch schon Rabbi Jehuda im von Weber zitierten Talmud: «Wer einen Schriftvers wörtlich übersetzt, ist ein Lügner; und wer ihm etwas hinzufügt, beschimpft und lästert» (Qid. 49a). Nicht nur die anderen, auch Weber kann es also eigentlich nur falsch machen.
Ein Letztes: Weber hat seiner ca. 100 Seiten umfassenden Übersetzung Anmerkungen in mehr als doppelt so grossen Umfang hinzugefügt. Diese Anmerkungen sind eine wahre Fundgrube für diejenigen, die dann doch nachschauen wollen, wie der Übersetzer zu der einen oder anderen Entscheidung gelangt ist. Darin finden sich vor allem (oft polemische) Vergleiche mit den anderen Übersetzungen, aber vor allem auch eine «Blütenlese» aus dem jüdischen Kommentar von Benno Jacob und den Midraschim, insgesamt auch eine gute Einführung in jüdische Schriftauslegung. Diese Anmerkungen sind ein zusätzliches Plus zu der schönen Übersetzung, und ich habe mich immer wieder darin festgelesen, weil es so spannend war mit dem Übersetzer zusammen auf die Spur des Textes zu kommen.
Ich halte das vorliegende Buch für eine wirkliche Bereicherung auf dem grossen Markt der Bibelübersetzungen. Und wenn man die Polemik des Übersetzers nicht gar so ernst nimmt, hat man viel Freude nicht nur am schönen Text selbst, sondern auch an seinen Kommentaren.
Dieter Bauer
Sarto M. Weber, Gesegnet seist du und ein Segen. Genesis – das Buch vom Anfang (Frieling Verlag) Berlin 2010, 340 S., Br., 21.00 € [D]
ISBN 978-3-8280-2757-2