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Reisebericht Tonga
09.08. bis 24.08.2004
Grüezi - Malo e lelei*
Der Empfang auf Tonga ist sehr herzlich. Seniva, die Besitzerin von Tom's Guesthouse in der Hauptstadt Nuku'Alofa öffnet uns mit einem Freundlichen Lächeln die Türe, obwohl es erst morgens um halb sieben ist. Sie gönnt uns noch ein paar Stunden Schlaf, bevor sie um elf Uhr an die Türe klopft und uns Kaffee und Toast anbietet. Wir sitzen zu dritt in der modernen Küche ihres Einfamilienhauses und vergessen die Zeit beim erzählen und diskutieren.
Seniva lebte mit ihrer Familie 20 Jahre in Australien bevor sie vor Einigen Jahren zurückkehrte und ihr kleines Gästehaus eröffnete. Zwei ihrer sechs Kinder leben weiterhin in Australien und unterstützen die Familie finanziell. Dies ist hier kein Einzelfall. Die meisten Familien haben Verwandte in Neuseeland, Australien oder den USA. Ohne diese privaten finanziellen Zuschüsse wäre das Leben in Tonga weitaus schwieriger und die Bewohner könnten sich den hohen Lebensstandard gar nicht leisten. Und die Wirtschaft Tongas wäre schon längst kollabiert: Im Jahre 1999 betrugen nämlich die Exporte lediglich zwölf Millionen Tonga-Dollars, demgegenüber wurden Waren im Umfang von 105 Millionen importiert.
Das Koenigreich Tonga besteht aus vier grossen Inselgruppen; jede mit Ihrem eigenen Charakter. Die Hauptinsel Tongatapu ist das Zentrum und ist Wohl am meisten den ausländischen Einflüssen ausgesetzt. Etwa 100 Kilometer nördlich liegt Ha'apai mit seinen einsamen Stränden und weitere Hundert Kilometer nordwärts Vava'u, das touristische Zentrum für all jene, die etwas mehr Luxus suchen. Die vierte Inselgruppe, die Niuas, liegt Abgelegen noch weitere 400 Kilometer im Norden.
Insgesamt leben auf der Insel rund 100'000 Tonganesen. Man schätzt, dass nochmals so viele im Ausland wohnhaft sind. Seit 1965 wird das Land vom Koenig Taufa'ahau Tupou IV regiert. Der heute weit über 80 Jahre alte Regent war in den siebziger Jahren als dickster Monarch der Welt bekannt; er wog damals 201 Kilogramm. Und er war wohl nicht der einzige Tonganese mit Übergewicht: Geschätzte 60 Prozent der Bewohner sollen übergewichtig sein. Der Koenig ging zumindest mit gutem Beispiel voran, speckte rund 75 Kilogramm ab und ermutigt seither seine Landsleute, dasselbe zu tun.
Das Christentum ist Staatsreligion in Tonga. Das würde bedeuten, dass Alle Bewohner gleichwertig sind unter "Gott". Auch die Verfassung von 1875 Verbannte das traditionelle Feudalsystem mit der Unterscheidung in Königsfamilie, Adel (Nobels) und gewöhnlichen Bürgern (Commoners). Bis heute prägen aber die Überreste dieses alten Klassensystems das gesellschaftliche Leben. Die Mitglieder der königlichen Familie und die 33 Adelsfamilien Erfahren das höchste gesellschaftliche Ansehen im Lande. Alle anderen Einwohner sind "Gewöhnliche". Mitglieder des Adels dürfen keine gewöhnlichen Buerger heiraten, sie riskieren sonst, ihren Titel zu verlieren. Auch ein Aufstieg in eine höhere Klasse ist in jedem Fall ausgeschlossen.
Die Sehenswürdigkeiten auf der Hauptinsel Tongatapu erkunden wir Während eines Tagesausfluges. Im Westen der Insel erinnert eine Gedenktafel an die Landung des holländischen Seefahrers Abel Tasman im Jahre 1643. Ein anderes Denkmal östlich von Nuku'Alofa markiert den Landungsort eines weiteren Entdeckers, des Engländers James Cook auf seiner letzten Pazifikreise 1777. Ein spektakuläres Naturereignis sind die Mapu'a Vaea Blow Holes an der steilen felsigen Südküste. Bei stürmischer See erreichen die zischenden Wasserfontänen eine Höhe von bis zu 30 Metern, wenn die Brandung das Meerwasser in die engen Felslöcher drückt.
Am östlichsten Punkt der Insel befindet sich Ha'amonga'a Maui, eine Der umstrittensten archäologischen Fundstätte Tongas. Alter, Zweck und Herkunft des fünf Meter hohen und vier Meter breiten steinernen Tores sind unklar. Die aktuellste und vom jetzigen Koenig unterstützte Theorie setzt das Monument in Zusammenhang mit den Jahreszeiten und dem Verlauf der Sonne. Am 21. Juni 1967 stellte man fest, dass der Sonnenauf- und -untergang exakt in der Verlängerung der eingeritzten Markierungen erfolgte. Ein weiterer archäologisch interessanter Ort ist Paepae 'o Tele'a. Die pyramidenartigen Steingräber sollen die letzte Ruhestätte des im 16. Jahrhundert regierenden Koenigs Tele'a oder Ulukimata I darstellen. Dies ist aber stark umstritten: Einer Legende nach soll nämlich der Herrscher vor der Küste Tongas ertrunken sein. Der Leichnam sei vom Meer verschluckt und nie gefunden worden. Der Historikerstreit dreht Sich auch um das Fehlen oder Vorhandensein wichtiger Merkmale eines Königsgrabes.
Für ein paar Tage erholen wir uns am einsamen Strand von Kolovai. Das Wetter zeigt sich aber von der raueren Seite. In der Nacht von Freitag auf Samstag stürmt es sehr stark, was zum Umstürzen mehrerer Palmen führt. Die Strom- und Telefonverbindung zu unserer Unterkunft wird für die nächsten drei Tage unterbrochen. Das für Samstag geplante Hochzeitsfest eines Mitglieds der königlichen Familie muss kurzfristig in ein Hotel in der Hauptstadt verlegt werden. Da sämtliche Angestellte unseres Hotels an der Hochzeit engagiert sind, wird das Restaurant am Samstag kurzerhand geschlossen. Und auch am Sonntag bleibt das Schild mit der Aufschrift "Closed Today" am Eingang hängen.
Als wir eines Abends vom zwei Kilometer entfernten Dorf Kolovai in Unsere Unterkunft zurückkehren, fliegen hunderte von schwarzen Vögeln über unsere Köpfe. Es handelt sich um die "Flying Foxes". Diese Fledermäuse haben eine Flügelspannweite von bis zu einem Meter. Tagsüber hängen sie in den Bäumen im Dorfzentrum. In der Dämmerung gehen sie auf Nahrungssuche. In Tonga gelten die Tiere als heilig, einzig die königliche Familie darf sie jagen.
Schlendert man durch die Dörfer auf dem Lande, hört man aus vielen Häusern ein lautes, hölzernes Klopfen. Wir folgen diesem Geräusch und treffen auf eine ältere Frau, die im Schatten vor dem Haus sitzt. Sie ist Damit beschäftigt, aus der Rinde des Maulbeerbaums Taya herzustellen. In Regelmässigem Takt schlägt sie mit einem Holzhammer auf ein Stück der weichen Rinde, die auf einem langen Holzbalken aufliegt. Durch das Schlagen wird die Rinde in die Breite geklopft, bis sie ganz dünn und beinahe durchsichtig ist. Aus dem anfänglich etwa zehn Zentimeter breiten Rindenstück wird Schliesslich ein Stück von bis zu einem halben Meter Breite. Anschliessend wird die fertig verarbeitete Rinde zum Trocknen aufgehängt. Die Frau erklärt uns, dass sie sich einmal wöchentlich mit 65 weiteren Frauen in der Stadt trifft. Gemeinsam würden sie ihre Tapas mit Leim aus dem Saft der Manjok zu Einem riesigen, über 50 Meter langen Stoffstück zusammenfügen. Die noch Weissen Tapas werden schliesslich mit dunkler Farbe, die aus der Rinde der Mangroven hergestellt wird, kunstvoll bemalt. Man nutzt sie als Wandbehang oder Bettüberzug.
Ein weiteres Handwerk mit denen die Frauen Tongas beschäftigt sind, ist das Weben von Matten mit Blättern der Pandanus-Pflanze. Den meterlangen schmalen Blättern werden ihre Stacheln abgeschnitten, anschliessend werden die Blätter im Wasser gekocht und später an der Sonne getrocknet. Man rollt sie dann auf, zieht sie aber immer wieder durch die Finger und rollt sie wieder zusammen. Dadurch werden die nun hellen Bänder weich und geschmeidig. Schliesslich schneidet man sie in schmale Streifen und webt sie von Hand in wochen-, monate- oder gar jahrelanger Arbeit zu wertvollen Matten. Viele Frauen beginnen gleich nach der Geburt ihrer Tochter mit dem Weben und übergeben bei der Heirat die Matte als Aussteuer. Trotz dem Annaehern an den westlichen Lebensstil wird die traditionelle Ta'ovala, die Pandanus-Matte nach wie vor zu wichtigen Anlässen getragen. Sei dies zur Arbeit, zu einer Hochzeit oder einer Beerdigung, beim Kirchenbesuch oder bei der Visite eines Adeligen. Die Matte wird um die Hüfte gerollt und mit einer Schnur aus Kokosnussfasern festgebunden.
Zum Abschluss unserer Tongaaufenthaltes verbringen wir noch einige Tage auf der östlich von Tongatapu gelegenen Insel Eua, einem Paradies für Naturliebhaber. Nachdem die einzige bestehende Flugverbindung eingestellt wurde, stellt die Fähre die einzige Verbindung zur Aussenwelt dar. Es verschlägt nicht viele Urlauber auf die beiden Boote, die sechsmal wöchentlich auf das 88 Quadratkilometer grosse Eiland fahren. Die zweistündige Überfahrt ist nichts für ausgesprochene Landeier, wie wir beiden Schweizer. Aber auch Meereserprobte Tonganesen haben Mühe, ihren Mageninhalt bei sich zu behalten. Auf der Insel verkehren keine öffentlichen Busse und wir werden von Taina, der Besitzerin einer kleinen Pension mit vier Bungalows, abgeholt. Als sie erfährt, dass wir aus der Schweiz sind, beginnt sie mit uns perfekt Hochdeutsch zu sprechen. Sie erklärt uns, dass sie 20 Jahre in Deutschland gelebt hat. Vor etwas mehr als zehn Jahren kehrte sie in ihren Heimatort zurück. Während unserem Aufenthalt ist Taina meistens in ihrer schönen und gepflegten Gartenanlage anzutreffen. Sie hofft, dieses Jahr die Auszeichnung des schönsten Gartens auf Eua zu gewinnen. Der erste Platz wird nämlich mit einem persönlichen Besuch des Koenigs belohnt. Und Taina wünscht sich so sehr, der königlichen Hoheit die Hand geben zu können. Bis zum Tag des Jurybesuchs wird also noch gejätet, gehackt, bepflanzt und dekoriert.
Der Eua-Nationalpark umfasst 54 Hektaren urtümlichen und unberührten Tropischen Regenwald. Der Ausblick von den beiden Aussichtspunkten auf dem Kliff über den 300 Meter tiefer liegenden rund 800 Meter breiten bis zum Strand führenden Dschungel ist grandios. Wir können fast nicht aufhören, dem Echo der Geräusche der im Wald lebenden Tiere zu lauschen. Ab und zu löst sich ein Koki, ein rotbauchiger Papagei, aus den Baumwipfeln und schwebt elegant über den grünen Urwald. An den steilen Felswänden nisten Kolonien von Seevögeln. Wir beobachten auch Tawaki, weiss-schwänzige Tropenvögel. Auch der farbenprächtige Kingfischer ist hier oft anzutreffen und abends zeigen sich diese Vögel sogar im Garten vor unserem Bungalow.
Am Sonntag besuchen wir zusammen mit Tainas Familie den Gottesdienst in der örtlichen Kirche. Anschliessend treffen sich die Männer des Dorfes zu einer Kava-Prozession. Wir haben die Ehre, dazu eingeladen zu werden. Selbst Lea wird gestattet, sich zur Männerrunde auf den Boden zu setzen. Das Pulver der Kavawurzel wird in einer vierbeinigen flachen Schale mit Wasser gemischt. Die milchigbraune Brühe wird dann in einer Trinkschale aus Kokosnuss der Reihe nach herumgereicht. Jeder trinkt die Schale in einem Zug leer. Dann wandert sie wieder zurück zum Auffüllen. Das Getränk hat einen erdigen, bitteren Geschmack. Für uns bleibt es rätselhaft, weshalb das Trinken von Kava bei der männlichen Bevölkerung so beliebt ist.
Die Gastfreundschaft Tainas ist einmalig. Wir werden von ihr auch kulinarisch verwöhnt: Sie kocht uns jeden Abend feine lokale Spezialitäten. Anschliessend sitzen wir noch lange zusammen am Tisch und sie erzählt von ihrem aufregenden Leben. Der Abschied von ihr fällt uns nicht leicht. Wir haben auf Eua in Taina eine neue Freundin gefunden. Mit dem Besuch Tongas endet unsere Reise durch Südostasien und die Südsee. Die Begegnungen mit fremden Kulturen und Menschen waren faszinierend, beeindruckend und unvergesslich.
*so begrüsst man sich in Tonga
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