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An diesem Abend steht ein unklares Begriffspaar im Zentrum: Toleranz und Kultur. Beides sind viel verwendete Worte, ohne dass ihre Bedeutung jeweils ganz klar scheint. Was ihnen jedoch gemeinsam ist, so Sommer in seinem Vortag an der Uni Zürich, ist die positive Empfindung, die sie auslösen. Gleichwohl reichen die Verwendungen von „toleranter Mulitkulturalität“ bis hin zu „die herrschende Kultur sei von zu viel Toleranz bedroht“.
Sommer spricht in drei Teilen über das schwierige Paar: Als Erstes analysiert er ihre historische Entwicklung und Verwendungsweise sowie die Bedeutungsverschiebungen, danach spricht er über systematische Schwierigkeiten des Toleranzbegriffes und als dritter und letzter Teil stellt er Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Kultur und Toleranz an.
Eine These von Sommer, die er vorweg nimmt, lautet:
Für die Gegenwartskultur ist es charakteristisch, dass sie sich – anders als in früheren Epochen – über Toleranz definieren kann.
Toleranz ist somit ein historisch gewachsenes und – stärker formuliert – erkämpftes Gut. Doch vorerst zurück zur Geschichte: Hier greift Sommer weit zurück, zu den Griechen und den Römern. „Cultura“ bedeutete zunächst schlicht „Bebauung“, also Ackerbau, bevor sich der Begriff in allgemeinere Sphären bewegte und also in die Nähe, wie er heute verwendet wird. Kultur und Toleranz traten in diesem römischen Kontext bereits aufeinander, nämlich im „cultura animi“, was übersetzt die „Pflege des Geistes“ bedeutet. Damit meinte Cicero, ein römischer Philosoph, dass diese Pflege in der Erduldung aller menschlichen Dinge liege und das Schicksal von Weisen ausmache. Bei den griechischen Stoikern wurde Toleranz als Individualtugend betrachtet, die auf sich selbst bezogen war. Toleranz hiess, in unbeugsamer Manier unveränderbare Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tode erdulden zu können, in dem das eigene Leben gleichwohl oder gerade deswegen als souverän betrachtet wurde. Im Bereich der Politik war der Toleranzbegriff hingegen nicht geläufig. Im Mittelalter tauchte er auf und meinte das Gewährenlassen von der Staatsreligion abweichenden religiösen Kulten. In diesen nicht demokratisierten Gesellschaften war Toleranz etwas, was von Herrschern ausgeübt wurde und also mit Macht zu tun hatte. In Zeiten der starken Kirche übte die christliche Kultur keine Toleranz aus, weil dies ‚falschen‘ Glauben ermöglich hätte, der dem eigenen Dogma auf den christlichen Alleinheilsspruch widersprochen hätte. Erst mit dem Tod eines für alle geltenden Gottes wurde Toleranz möglich, wenn nicht gar nötig. Denn mit der Aufklärung wurde der herrschende und religiöse Absolutheitsanspruch kritisiert, John Locke beispielsweise forderte Toleranz gegenüber Andersgläubigen, weil er die exklusive staatliche Verfügungsgewalt gegenüber den Untertanen kritisierte. Politische Entscheidungsträger waren Hauptadressaten der Toleranzforderung. Durch die Reformation entstand in Europa eine irreduzible Vielfalt von Glaubensströmungen, die religiöse Toleranz zum Thema machten. Damit wechselte Toleranz von einer staatlichen zu einer individuellen Ebene der Herausforderung, um der entstandenen Pluralität von Denkweisen und Handlungen begegnen zu können. Das Objekt von Toleranz, so Sommer, war nicht mehr eine religiöse Minderheit, sondern das abweichende Individuum. Beispiele für abweichendes Verhalten nannte Sommer an seinem Vortrag nicht, aber es sind grundsätzlich von einer Norm abweichende Handlungen und Äusserungen, die hier in den Blick geraten. Homosexualität, politische Verräter, uneheliche Kinder, Prostituierte oder Clochards können als solche Beispiele angeführt werden.
Hier bricht Sommer seinen Geschichtsteil ab und zitiert aus der deutschen Unesco-Erklärung zu Toleranz. Darin steht beispielsweise, dass Toleranz „Harmonie über die Unterschiede hinweg“ ermögliche, ein Garant sei für ein friedliches Zusammenleben. Fast schon zynisch kommentiert der Referent dies als Vorstellung von Toleranz als ein „Heil- und Wundermittel“. Oder auch: „Sie sehen, Toleranz kann alles“. Wie lässt sich aber Toleranz begrifflich genauer verstehen? Das Problem für die diffusen Verwendungsweisen liegt in der Unklarheit über die Verallgemeinerungsfähigkeit von Toleranz. Toleranz hat ihre Negativfolie, ihre Grenzen. Meint Toleranz das Dulden von etwas, seine Zulassung oder gar Anerkennung?
Wie kann ich etwas anerkennen, dem ich nicht zustimme?
Damit müsste ich, abstrakt gesprochen, Ungleichheit und Gleichheit beidermassen tolerieren, was logisch nicht aufgeht. Ausserdem würde aus einem absoluten Toleranzbegriff folgen, dass unterdrückte Minderheiten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft Toleranz aufbringen müssen, was ihre eigene marginalisierte Position verstärken würde. Das wäre eine mehr als absurde Forderung und widerspräche dem verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatz. Das Ziel des zweiten Teils ist für Sommer damit erreicht: Die Schwierigkeiten, zu einem klar umrissenen Toleranzbegriff zu kommen, sind aufgezeigt.
Im letzten Teil, verspricht Sommer, den unbefriedigenden zweiten Teil doch noch einer einigermassen versöhnlichen Rezeption von Toleranz zuzuführen. Doch vorerst beginnt er mit dem dritten und letzten Teil zum Verhältnis von Kultur und Toleranz in der Gegenwart. Seine nicht ganz einfach formulierte These dazu nennt er denn auch gleich: „Die Störungsresistenz der Moderne lässt der Toleranz ein weites Spielfeld“. Die heutige westeuropäische Gesellschaft hat in vielen Bereichen Krisen erlebt, wie den Brexit, Finanzkrisen, die Kämpfe um Austeritätspolitik oder zunehmende Jugendarbeitslosigkeit. Nur, so Sommer, war der Umgang mit den unerwarteten Ereignissen jeweils besser als prognostiziert. „Das sei Alarmismus“, so der Referenz dazu. Denn die Gesellschaft habe sich starke Regenerativkräfte erarbeitet und verfüge über ein grosses Normalisierungsvermögen.
„Wir stehen schnell wieder auf den Beinen“.
Auf Nachfrage aus dem Publikum erwähnt Sommer dann doch noch die Opfer, die dieses Normalisierungsvermögen verursacht hat. Leute in Europa und den USA verloren ihre Häuser, ihr Vermögen, ganze Familien lebten und leben immer noch immer von der einen Rente der Grosseltern. Die Normalität kann auch das sein, dass sich Bonidiskussionen nach wie vor harzig gestalten und andere Themen medial Oberhand gewannen, ohne dass die Krisenerfahrungen kritisch analysiert werden konnten. Man macht weiter bis zum nächsten Crash – diese Ansicht existiert durchaus auch von Seiten der Ökonomen. Ein Ankläger gegen das „zuviel an Toleranz“ ist Michael Schmitt-Salomon, der Sommer als ein Beispiel für das weite Spielfeld von Toleranz dient. Dessen Buch trägt den Titel „Grenzen der Toleranz: Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen“. Salomon fordert, dass die Toleranz gegenüber Intoleranten eingeschränkt werden müsse. Der überzeugte Atheist und Leiter der Bruno Giordano-Stiftung bezeichnet diese falsche Toleranz als ein Systemrisiko der Gesellschaft. Auch an dieser Stelle kommentiert Sommer den Ton als alarmistisch. Den Grund für diese Ansicht ist für Sommer das Abstand-nehmen-können der Individuen und der Kultur insgesamt. Ein Distanzen herstellen und damit relativieren können, sei etwas durch die Pluralität Angelerntes. Darin vertraut Sommer.
„Wir leben in einer Kultur, die alles mit allem in Beziehung setzt, das wird durch die Toleranz ermöglicht“.
Eine vernetzte und globalisierte Welt macht aber die Toleranz auch weniger greifbar. Was bedeutet es denn, wenn ich sage, dass ich nicht toleriere, was Erdogan macht? Entstehen daraus Konsequenzen? Vielleicht wäre ein anderes Wort passender, dass ich es ablehne oder kritisiere, weil es meinen Standpunkt als Zuschauerin klarer kenntlich macht. Aber „Erdogan-Momente“ im Nahen gibt es auch, weniger grundsätzlich, aber gleichwohl herausfordernd. Das Nachdenken über Toleranz, die eigene Haltung und wo sie endet, kann im Zusammenleben und im Umgang mit sich selbst nur hilfreich sein. Oder wie es Sommer formuliert:
„Pluralität ist irreduzibel“.
Wir können nicht hinter die plurale Gesellschaft zurück, sie ist schon lange Realität, auch wenn politische Parteien und Gruppierungen gerne anderes behaupten. Die Schweiz ist nicht erst seit dem Syrienkrieg ein Einwanderungsland. Sie ist es, seit es sie gibt. Deshalb kommen wir um Toleranz nicht herum. Und das ist gut so.
Das aktuelle Buch von Andrea Urs Sommer: „Werte: warum man sie braucht auch wenn es sie nicht gibt“.
Hiermit endet die Reihe zu Toleranz. In Kürze beginnen wir mit dem Themendossier zu Migration. Wir interviewen Asylsuchende und ehemalige Menschen auf der Flucht, stellen einen queeren Migrationstreffpunkt und die spezifischen Probleme von Menschen mit queeren Fluchtgründen vor, porträtieren Aktvisten in den Bereichen Sans-Papier und Unbegleitete minderjährige Asylsuchende und besuchen das Lucerne-Festival mit dem diesjährigen Thema Identität.