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«Wir sind leider pleite», verkündete der griechische Premier Charilaos Trikoupis 1893, «Dystychos eptochefsame». Das Land war bereits seit 1826 hoffnungslos überschuldet und hatte die Auslandskredite nicht mehr zurückzahlen können. Ursache war wie üblich die griechische Tradition, den Staat vor allem als Versorgungsanstalt zu nutzen. Kulturell verankert waren auch die fehlende Steuermoral und «Fakelaki», die Kunst der freundlichen Bestechung. Auch nach 100 Jahren besetzt Griechenland gemäss «Transparency International» Platz eins auf der europäischen Korruptionsliste.
Nach der Bankrotterklärung verlor Trikoupis haushoch gegen Theodoros Deligiannis, der seine Anhänger mit populistischen Versprechungen begeisterte und als «grösster Demagoge Neugriechenlands» in die Geschichtsbücher einging. Trotz leeren Staatskassen plante man in grotesker Selbstüberschätzung einen aussichtslosen Angriffskrieg (1897) gegen das übermächtige Osmanische Reich, der aber bereits nach einem Monat kläglich scheiterte.
In diesem Jahr gingen auch zahlreiche Investoren jenseits des Atlantiks pleite. In der «Panik von 1893» crashte die Börse, nachdem eine weitere Eisenbahngesellschaft Insolvenz angemeldet hatte. In Erwartung einer Dollarabwertung (aufgrund der geschrumpften Goldreserven) begann am «Industrial Black Friday» der plötzliche Ausverkauf an den Börsen. Fünfzehntausend Firmen gingen bis Ende Jahr bankrott, Hunderte von Banken und Eisenbahngesellschaften waren pleite.
Nach dem Eisenbahnhype folgte der Automobilhype: Rudolf Diesel erhielt das Patent für seinen Dieselmotor, Whitcomb Judson ein Patent auf seinen neuartigen Reissverschluss und Charles Cretors brachte Maiskörner maschinell zum Platzen und patentierte die Popcornmaschine, die heute zu jeder Kinoausstattung gehört.
Kino gabs jedoch erst in der «Black Maria», dem ersten kommerziellen Filmstudio der Welt. Inspiriert durch die Serienfotografien von Muybridge und Marey hatte Thomas Edison, gemeinsam mit dem Ingenieur und Hobbyfotografen Dickson, ein Gerät entwickelt, das während einer Minute bewegte Bilder aufzeichnen und wiedergeben konnte: den Kinetoskopen.
Durchaus filmreif war auch die Karriere von Grover Cleveland. Der frühere Sheriff wurde zum 24. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Der Naturbursche galt als integer und bekämpfte die Korruption. Er liebte gesellige Pokerrunden in den Saloons und das weibliche Geschlecht. Eines seiner Kinder wurde gleich im Weissen Haus geboren, und selbst ein uneheliches Kind konnte ihm im prüden 1893 nicht das Genick brechen. Aufgrund seiner Leibesfülle wurde der Genussmensch «Big Steve» genannt, nach Ablauf seiner Amtszeit hatte er bereits die Schwergewichtsklasse erreicht und hiess fortan «Uncle Jumbo».
Genussmenschen gehörten auch zur Klientel des Kellners Maxime Gaillard, der in Paris das Restaurant Maxim’s eröffnete. In der Schweiz wurde eine Volksinitiative zur Abschaffung des Schächtens angenommen, bewirkt hat es jedoch wenig. Und in Basel wurde der FC Basel gegründet.
1893 war auch die Zeit von Rosa Luxemburg, der Terroranschläge von Anarchisten in Paris und Barcelona, die Zeit der europäischen Kriege auf Kolonialgebiet. Deutsche töteten in Deutschland-Südwestafrika, Spanier jagten Berberstämme im nördlichen Marokko, Franzosen unterwarfen Mali und gründeten die Kolonie Französisch-Sudan, und selbst in Asien führten sie Krieg und schufen die Kolonie Französisch-Indochina (Laos).
Und Edvard Munch malte die erste Version seines Gemäldes «Der Schrei».
Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel.
© Basler Zeitung; 13.02.2015