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...Genau das ist der Fall mit der neueren soziologischen Systemtheorie. Sie bildet einerseits Grundbegriffe (wie etwa Sinn, Medium/Form, strukturelle
Kopplung, Interpenetration etc.) heran, die für alle Sinnsysteme gelten sollen; andererseits wird sie schon in ihrer Hauptunterscheidung, die ihr primum movens darstellt, nämlich System/Umwelt, in einem fort verwiesen auf eine Außenseite (Umwelt), ohne die es keinen Sinn machen würde, von einer Innenseite (System) zu sprechen.
Es ist schließlich eine der zentralen Abstraktionen der Theorie, daß man Systeme jedenfalls dann, wenn sie als sinnbasiert begriffen werden nicht auffassen kann als Lagen, Räume, Dinge, als Gegeben- und Vorhandenheiten, sondern immer nur: als Differenzen eigentümlicher Art.
Ein System ist das, was es ist, durch das, was es nicht ist, und das, was es nicht ist, ist das, was es ist: durch das System. Weder System noch Umwelt sind ohne einander irgendetwas.
Man kann also auch sagen, daß das System nicht ausgedrückt ist durch das Zeichen System und nicht durch das Zeichen Umwelt, sondern durch das Zeichen der Differenz, durch die Barre in: System/Umwelt.
Eine Barre ist aber kein Ding, kein Moment der Welt als ein Etwas, auf das sich zeigen ließe anders als nur auf ein Zeichen1. Sie ist kein Objekt, das als Forschungsgegenstand in klassisch cartesischer Manier aufgegriffen werden könnte. Sie ist nichts als die Markierung eines Unjekts2.
Oder wie man es auch formulieren könnte: die Markierung einer konditionierten Koproduktion3.
Darunter kann man die laufende ›Ver-zweiung‹ einer Einheit verstehn, bei der es keine Eins ohne die Zwei gäbe ohne beides: die Eins und die Zwei.
1 Man kann sich das daran verdeutlichen, daß noch niemand einen Unterschied, eine Differenz gesehen hat, ohne eine Unterscheidung zu gebrauchen, und Unterscheidungen sind Sequenzen (z. B. Mann/Frau), in die ein Zeichen der Separation zumindest implizit eingebaut ist. Was man sehen kann, das ist etwa ein Tisch und eine Tasse, aber nicht: ihren Unterschied.
2 Vgl. Fuchs, P., Die Metapher des Systems. Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tanz vom Tänzer unterscheiden lasse.
3 Vgl. Spencer-Brown, G., A Lion’s Teeth. Löwenzähne, etwa S. 20: »How we, and all appearance that appears with us, appear to appear is by conditioned coproduction.« Vgl. ferner ders., Gesetze der Form, Vorstellung der internationalen Ausgabe, S. ix f. Siehe auch Fuchs P., »Die konditionierte Koproduktion von Kommunikation und Bewußtsein«.
Das System ist so wenig wie die Umwelt ein sui-suffizientes Arrangement. Formal läßt sich dieser Umstand markieren als: S = S/U, eine Notation, die zeigt, daß der Einheitsbegriff der Differenz (System) noch einmal in der Differenz auftritt, ein Wiedereintritt der Einheit in das, was sie unterscheidet, so daß der Systembegriff (ebendies verdeutlicht die Formel) allen Problemen der Rekursion und der Nicht-Selbigkeit des Selben anheimzufallen
scheint4. Inhaltlich läßt sich formulieren, daß das System (diese Einheit) die fortlaufende Reproduktion derselben Differenz ist, immer derselben Differenz.5
Daß es um Differenzen-im-Betrieb geht, schließt allemal nicht aus, daß man aus spezifischen Forschungsinteressen heraus (die Interessen disziplinärer Art sein können) die Seite des Systems in der Unterscheidung System/Umwelt favorisiert und sich so verhält, als seien Systeme monotone und isolierbare Singularitäten. Man kann also durchaus sagen, daß man die Gesellschaft, ein Funktionssystem, eine Organisation analysiert und dabei erhebliche Erkenntnisgewinne einfährt. Sobald man sich aber hineinbegibt in den Bereich grundbegrifflicher Dispositionen, läßt sich nicht davon absehen, daß ein System die Umwelt definiert, durch die es definiert ist. Es ist bestimmt durch eine Alterität, die die seine ist, ohne die seine zu sein.
In der grundbegrifflichen Abstraktionslage kann man nicht mehr (wie in einer sonst durchaus sinnvollen, methodologischen Ignoranz) ausklammern, daß soziale Systeme ebenso wie psychische Systeme differentiell konstituiert sind. Das, was sonst ausgeklammert wird, muß eingeklammert werden, in diesem Fall also, daß die Barre der Differenz des Systems soziale und psychische Systeme sprachlich (zeichentechnisch) separiert, aber zugleich besagt, daß das Soziale, ohne je psychischzu sein, so durch Psychisches ist wie das Psychische, ohne je sozial zu sein, durch das Soziale ist.
Peter Fuchs
Systemtheorie
Eins-Zwei-Problem