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Besonders ist nicht besser
Als ich vor Jahren in Süddeutschland wohnte und meine älteste Tochter eingeschult werden sollte, bekam ich einen Brief. Der erste Satz darin lautete: «Ihr Kind ist womöglich hoch begabt.» Das an sich war schon befremdlich genug. Aber bei der weiteren Lektüre fiel mir die Kinnlade immer tiefer herunter. Aus «womöglich» wurde in der Mitte des Briefes ein «vermutlich» und gegen Ende ein «wahrscheinlich».
Diese Steigerung wurde mit der Aufforderung verbunden, mein Kind für eine Sommerakademie für hoch begabte Kinder anzumelden. Die Absender des Schreibens kannten weder meine Tochter noch uns Eltern. Sie setzten einfach nur darauf, mit dem Begriff «hoch begabt» über einen Schlüsselreiz zu verfügen, der dafür sorgt, dass ihr Angebot angenommen wird. Haben wir nicht.
Stattdessen habe ich seitdem nicht mehr aufgehört, mich über diesen Brief zu ärgern. Unter anderem deshalb, weil das Thema Hochbegabung dabei auf geradezu gefährliche Weise vereinfacht wurde. Hochbegabung ist ein sehr seltenes Phänomen, das gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung betrifft und das nicht zwingend in eine Leistungssteigerung übersetzt wird. Hoch begabte Kinder schreiben nicht zwangsläufig gute Noten oder sind später erfolgreicher im Leben.
Das macht schon insofern keinen Sinn, als unser allgemeines Leben hauptsächlich in den Bahnen einer Norm verläuft, deren Rahmen sie sprengen. Dementsprechend sind Abweichungen des eigenen Sozialverhaltens von dem der anderen nicht weiter verwunderlich.
Ein unterschwelliges Angebot
Was mich aber seit diesem Brief vor allem nicht loslässt, ist dieses unterschwellige Angebot, das elterliche Bedürfnis nach der Besonderheit des eigenen Kindes zu befriedigen. Besonders meint in diesem Zusammenhang immer besser. Besser als die anderen, besser als der Durchschnitt. Begabter, talentierter, leistungsfähiger, stärker, aufmerksamer, kompetenter. Nicht besser im Springfurzen oder im «So lange rot anlaufen, bis man kriegt, was man will». Sondern besser in gesellschaftsrelevanten, marktkonformen Eigenschaften. Sagen wir ruhig: in verwertbaren Eigenschaften.
Um das gleich klarzustellen: Ich bin in dieser Hinsicht wie viele andere Eltern auch. Ich halte meine Kinder für etwas Besonderes. Sie haben alle bestimmte Eigenarten, die sie auszeichnen und einzigartig machen. Das heisst aber nicht automatisch besser. Im Gegenteil: Manchmal sind sie auch besonders fies oder besonders ausdauernd nervig.
Worum es mir hier geht, macht eine legendäre kanadische Studie deutlich, die ungefähr zum gleichen Zeitpunkt erschien, als meine Tochter eingeschult wurde. Damals wurden knapp 400 Männer und Frauen zu ihrem Fahrverhalten und ihrer diesbezüglichen Selbsteinschätzung befragt. Ausnahmslos alle hielten sich für überdurchschnittlich gut am Steuer.
Wer ist der Durchschnitt?
Aber wenn alle über dem Durchschnitt liegen, wer ist dann der Durchschnitt? Wenn alle sich für «besser» halten, was ist dann mit «gut» oder «okay» oder «eher schlecht» gemeint? Mir scheint, dass wir als Gesellschaft das «besonders Bessere» immer mehr fetischisieren und Genügsamkeit und Zufriedenheit dabei ins Hintertreffen geraten. Deswegen stehen Menschen in langen Schlangen vor Felszungen an, um wie alle anderen auch das perfekte, einmalige Instagram-Foto zu schiessen.
The social media queue pic.twitter.com/hRj6kBXypS
— Lukas Stefanko (@LukasStefanko) 25. November 2018
Oder sie lassen sich wie Hunderte vor ihnen von einheimischen Sherpas auf den Mount Everest hinaufschleifen, um anschliessend von der Einmaligkeit der Bergbesteigung zu berichten.
In all der Sehnsucht nach dem angeblich Besonderen ist es heute nicht mehr ungewöhnlich, ein Buch wie «1000 Places to See Before You Die» auf dem Nachttisch zu haben, sondern eher, sich zu fragen: warum eigentlich? Kommt am Ende des Lebens etwa ein Kontrolleur, der abstempelt, wo wir überall gewesen sind, und uns dafür benotet?
Ich fürchte, viele von uns warten für sich oder die eigenen Kinder so sehr auf den Brief aus Hogwarts, dass sie sich damit den Appetit am Gewöhnlichen verderben. Und damit an dem, was das Leben zum grössten Teil ausmacht. Das wünsche ich niemandem. Am wenigsten meinen Kindern.