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Charakteristisch für das Schaffen von Sarah Lucas ist die Verwendung von einfachen, alltäglichen Materialien und Gegenständen. Mit Nahrungsmitteln, ausrangierten Möbeln und Fundstücken kreiert die Künstlerin freche, provokante Objekte, die in ihrer häufig makabren Qualität Sprachwitz entwickeln und inhaltlich anspruchsvolle Themen subjektiver und kollektiver Erfahrungsbereiche ausloten. Oft gepaart mit direkten Anspielungen auf historische Kunstwerke, setzt Sarah Lucas die Collage und die Assemblage ein, um klischierte Vorstellungen von Rollenzuschreibungen, von Rollenverhalten und die sowohl gesellschaftspolitischen als auch individuellen Bedeutungen dieser Kategorisierungen zu thematisieren. In ihren Arbeiten werden der weibliche und männliche Körper immer wieder auf Platzhalter reduziert, sind fragmentarisch vorhanden und öffnen so das Feld für ambivalente Assosziationen und Interpretationen. Die Arbeit «Bitch» (1995) besteht aus einem Tisch, dem ein T-Shirt übergestreift wurde, so dass eine knieende Frau evoziert werden kann, denn im TShirt hängen zwei Melonen und eine eingeschweisste Makrele ist dort am Tisch angepint, wo sich das Geschlecht befinden würde. Aggressiv und augenzwinkernd, vulgär und subtil zugleich steht die Plastik in direkter Linie der Materialverwendung des Surrealismus wie auch der Arte Povera, und sie teilt zugleich einen Seitenhieb auf Alan Jones männerphantasie-durchzogene Popskulpturen aus.
Sarah Lucas Arbeiten sind von einer befreienden Illusionslosigkeit und erweitern das imaginative Feld vieler bekannter Kunst- wie Alltagsformen. In der Kunsthalle Zürich werden die Besucher von einer gigantischen Fotografie empfangen, die die Künstlerin von hinten, nur mit einem beschrifteten T-Shirt bekleidet zeigt: «Complete Arsehole» (1993) ist die freche Verquickung von Sub-Kulturästhetik mit der subversiven Unterwanderung von Konzeptkunstdogmen und des bekannten Satzes des Amerikanischen Expressionismus "You get what you see": Wir sehen ein kompletes Hinterteil und tautologisch sagen Bild und Text genau das gleiche.
Der durch die allgegenwärtige Medienpräsenz auch klischierte männliche Blick wird in Lucas Werk entlarvt, imitiert und erwidert. Dass die Künstlerin dabei immer wieder auf männliche Verhaltensweisen rekurriert und diese grandios durch weibliche Nonchalance untergräbt, wird besonders deutlich in der Serie ihrer Selbstporträts (1990-1998), in denen sich Lucas in der Doppelrolle der Autorin und des Objekt des Blickes selbst in den Kreislauf von Rollenvermischungen und Anzüglichkeiten einbringt. Sarah Lucas zeigt sich keck zum Betrachter gewandt in eine Banane beissend; sie sitzt mit Spiegeleiern auf den Brüsten lasziv in männlicher Pose in einem Sessel; verbildlicht das "alte Rein und Raus" («The Old In And Out») als zwischen sexueller und existentieller Dimension oszillierendes Sprachspiel auf Toiletten sitzend; hängt sich eine Zigarette in kruder männlicher Arbeiterklassenpose in den Mundwinkel oder tritt mit absurden Dekorationen wie "stinkenden" Fischen über der Schulter auf. Wir sehen
sie in der verklärten Pose des rauchenden Vamps, während ihr verzerrtes Gesicht in einem anderen Selbstporträt von einer weissen Gischtmasse verdeckt wird. Sarah Lucas Werk geht mit "grossen" Themen spielerisch, mit eindrucksvoller formaler Leichtigkeit und zugleich grösster Präzision um und kreiert anregend ambivalente Bilder, mit denen die Künstlerin unbekümmert die Widersprüchlichkeit unserer Assoziationen und Wahrnehmungsstrukturen entlarvt.
Die Kunsthalle Zürich dankt:
Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Stanley Thomas Johnson Stiftung, Luma Stiftung