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Radioaktive Abfälle: Wie sehr gefährdet uns strahlender Müll?
Behälter mit tausenden Tonnen radioaktiver Abfälle rosten in Russland vor sich hin, bedrohen in Asien die Trinkwasserversorgung. Und bis 1994 durften radioaktive Abfälle sogar ganz legal in den Weltmeeren versenkt werden. Forscher warnen davor, dass Radioaktivität dadurch sogar in der Nahrungskette landet. Wie gefährlich sind radioaktive Abfälle wirklich und kommt die Endlager-Suche schon zu spät?
Wie Atommüll in den Weltmeeren landet
«Aus den Augen, aus dem Sinn» ist eine in vielen Atomnationen gängige Sichtweise, wenn es um radioaktive Abfälle geht. Bis es zu einem Verbot kam, wurden radioaktive Abfälle gerne einfach im Meer entsorgt. In Fässer oder Container hinein und ab ins Meer. So sollen alleine die USA 90.000 Container mit radioaktiven Abfällen – aus Atomkraftwerken oder der Medizin – vor ihren Küsten versenkt haben. Auch neun europäische Länder sollen den Nordostatlantik, sowie den Ärmelkanal, Jahrzehnte lang als Endlager benutzt haben. Bis 1982 seien dadurch insgesamt mehr als 110.000 Tonnen Atommüll in über 220.000 Fässern an 15 Stellen des nördlichen Atlantiks versenkt worden.
Die allermeisten radioaktiven Abfälle, immerhin 80 Prozent, seien hiervon alleine aus Grossbritannien gekommen, gefolgt von dem zweiten Verursacher, der Schweiz. Die Eidgenossen sollen von 1969 bis 1982 etwa 5.341 Tonnen radioaktiver Abfälle, damals noch ganz legal, in das Meer gekippt haben. Auch wenn es sich dabei lediglich um schwach- bis mittelmässig stark strahlendes Material handeln soll.
Damals wie heute ging und geht man offensichtlich davon aus, dass sich die Gefährlichkeit der radioaktiven Abfälle durch die massive Verdünnung im Meereswasser erheblich minimieren würde. Das Gegenteil behaupten Umweltaktivisten, unter ihnen so mancher Meeresforscher. So auch der französische Molekularbiologe Pierre Barbey von der Universität Caen, der davon ausgeht, dass sich viele der radioaktiven Abfälle in Fischen anreichern, die am Grund fressen. Durch Strömungen könne aber die Radioaktivität auch in höhere Wasserschichten gelangen und damit letztlich in der Nahrungskette landen.
Auch heute noch gelangen radioaktive Abfälle ins Meer
Heute ist «nur» noch die Einleitung von radioaktivem Abwasser, etwa in der französischen Aufbereitungsanlage in Le Hague oder dem britischen Sellafield, erlaubt. Dies unterliegt Grenzwerten, die aber regelmässig überschritten werden.
Die Entsorgung von radioaktiven Abfällen ins Meer gibt es auch noch, nur eben nicht mehr legal. So wurden rund um die Küste Italiens mindestens 32 Schiffe versenkt, die Fässer mit Giftmüll oder radioaktiven Abfällen transportiert hatten. Die Mafia wird hierfür beschuldigt. Auch in der Erdöl- und Erdgasindustrie sollen jährlich Millionen Tonnen von radioaktiven Rückständen entstehen, die nie ein Endlager oder eine andere geeignete Lagerstätte erreichen. Stattdessen werden sie einfach wie konventioneller Müll entsorgt.
Nicht nur Russlands Weiten: Beliebte «Endlager»
Ins russische Sewersk schicken Europäer laut Greenpeace gerne ihre radioaktiven Abfälle, vor allem aus Atomkraftwerken. Hier und andernorts wird das Material zwar angereichert und damit wiederverwendbar, es bleiben aber auch Tausende von Tonnen strahlender Abfall übrig. So sendet alleine Deutschland laut Greenpeace-Informationen 7.000 Tonnen radioaktive Abfälle nach Russland, wovon 5.500 als gefährlicher Müll übrigbleiben.
Dieser verbleibt in Sibirien endgelagert, wie die Dokumentation Alptraum Atommüll des Fernsehsenders ARTE dokumentierte. Sie werden bestenfalls in Containern, meistens nur in einfachen Fässern in den Weiten Sibiriens unter freiem Himmel gelagert. Und diese Fässer strahlen. So hat eine stichprobenartige Messung der Dokumentarfilmer ergeben, dass bereits in einer Stunde in der Nähe der Fässer ein Mensch jener Strahlung ausgesetzt ist, die Strahlenschutzverordnungen als Grenzwert für zwei Jahre festlegen. Alles andere als ein gutes Endlager. In Russland sollen bereits 2008 über 700.000 Tonnen radioaktiver Abfall aus der ganzen Welt und in solchen Lagerstätten gestanden haben.
Auch in Kirgisistan gibt es solche ungesicherten Endlager mit hohem Gefahrenpotenzial. Die Stadt Mailuussuu soll 36 solcher Lagerstätten für Uranabfälle besitzen und die Region ist eine der am meisten verseuchten Landstriche der Erde. Die Gefahr könnte sich noch erhöhen, wenn radioaktive Abfälle in Form von Uranschlamm durch einen befürchteten Erdrutsch in einen Fluss gelangen. Dieser sorgt für die Trinkwasserversorgung des Landes sowie des Nachbarn Usbekistan.
Radioaktive Abfälle: Wohin mit dem strahlenden Müll?
Derzeit ist man vielerorts auf der Suche nach geeigneten Endlagern. Doch die Suche gestaltet sich schwierig, zumal massive Fehleinschätzungen über vermeintlich sichere Endlager in der Vergangenheit begangen wurden. So zum Beispiel in Deutschland. Dort wurden mit Asse II und Morsleben, beides ehemalige Salzbergwerke, zwei damals als sicher geltende Endlager bereits wieder geschlossen. In Asse II dringt salzhaltige Lauge in die Lagerstätten ein, in Morsleben stürzten Teile der Decken ein. Derzeit setzt man in Deutschland auf 16 Zwischenlager, ein neues Endlager ist noch nicht gefunden.
Auch die Schweiz kann derzeit nur auf Zwischenlager setzen, die Suche nach geeigneten Endlagern in Form von Tiefenlagern läuft. Tief in Gesteinsschichten verborgen, soll ein Endlager maximale Sicherheit bieten.
Umfrage: Mehrheit der Schweizer will radioaktive Abfälle im Land entsorgen
Eine aktuelle, repräsentative Umfrage der Nagara, der «Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle» ergab, dass sich die Mehrheit der Schweizer, 67 Prozent, eine rasche Lösung für ein Schweizer Endlager von radioaktiven Abfällen wünscht, 60 Prozent sogar in der unmittelbaren Nähe des Wohnortes, sofern es wirklich sicher sei. 81 Prozent der Befragten äusserten, dass radioaktive Abfälle in der Heimat verbleiben sollten.
Die Welt jedenfalls darf gespannt sein, welche Folgen der rücksichtslose Umgang mit radioaktiven Abfällen – damals wie heute – noch haben wird und ob mit der Endlager-Suche nicht viel zu spät begonnen wurde.
Quellen: Arte, Welt, Greenpeace, Nagra.ch, 20 min.ch, Text: Jürgen Rösemeier-Buhmann