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Unaufhaltsam erobert die «freie Enzyklopädie» das Internet. Damit kommt das Prinzip des umfassenden, immer aktuellen Wissens endlich zur totalen Entfaltung - und an sein Ende.
Enzyklopädien sind Werke des Wahns. Sie wollen das Unmögliche: Alles wissen, alles Wissen sammeln. Und mit dem gesammelten Wissen wollen sie auch noch die Welt verbessern. Kein Wunder, sind sie zum Scheitern verurteilt - einem vielsagenden Scheitern. Das gilt für die Enzyklopädien der Frühmoderne nicht weniger als für das bald weltgrösste Werk dieser Art: die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die wächst und wächst, scheinbar unaufhaltsam. Im Jahr 2001 von einem amerikanischen Internetunternehmer gegründet, zählte die deutschsprachige Ausgabe der Online-Enzyklopädie im September 2004 schon 100 000 Einträge, heute sind es beinahe 280 000, in zwei Jahren dürfte sich diese Zahl mehr als verdoppelt haben. Die englischsprachige Ausgabe, vor der deutschen und japanischen die grösste, ist mittlerweile bei nahezu 500 000 Artikeln angelangt.
Alles wissen: ein neurotischer Wunsch der Neuzeit, der bis heute unerfüllt blieb. Johann Samuel Erschs «Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste» blieb 1889 nach 71 Jahren beim Buchstaben P stehen. 1858 abgeschlossen wurde die «Oeconomische Encyclopädie» von Johann Georg Krünitz, an der er von 1773 bis 1796 gearbeitet hatte: mit dem 242. Band. Abgeschlossen wurde auch die 28-bändige «Encyclopédie» (1751-1772) von Denis Diderot und Jean le Rond d’Alembert, die Mutter aller modernen Enzyklopädien. Doch Diderot, der «das Monstrum» verfluchte, weil es ihm 25 Jahre seines Lebens geraubt hatte, musste einsehen, dass das Werk am entscheidenden Punkt gescheitert war: an der Ordnung des Stoffes.
Das Alphabet und ein ausgeklügeltes Verweissystem, das die Artikel untereinander verbindet: Sie sollten den «Baum des menschlichen Wissens» bis in seine feinsten Verästelungen wiedergeben. Doch ausgerechnet im Artikel «Enzyklopädie», der ihm nur schon umfangmässig aus dem Ruder lief, stellt Diderot resigniert fest, dass die alphabetische Ordnung ihre Tücken hat, weil sie nicht einmal die Länge der Artikel vorgibt, und das Verweissystem an seine Grenzen stösst, obschon sich damit die Zensur überlisten liess: So verweist der Eintrag «Eucharistie», der mustergültig die heilige Kommunion erläuterte, auf «Menschenfresser».
Es würde, klagt Diderot, «eine jahrhundertelange Arbeit erfordern (...), um so viele zusammengetragene Stoffe in die wahrhaft geeignete Form zu bringen, die jedem Artikel die entsprechende Ausdehnung, jeden Artikel auf die richtige Länge bringen, das Schlechte in ihm unterdrücken, das Fehlende ergänzen und ein Werk vollenden würde, das den Zweck erfüllt, den man sich gesetzt hat, als man es begann». Dagegen half auch nicht, dass die Enzyklopädisten realisierten, dass ihr Werk unmöglich von einer Person allein bewältigt werden könne, wie man noch im 18. Jahrhundert glaubte, und daher gewisse Artikel sogar kollektiv verfassten.
Muss es da der «freien Enzyklopädie» Wikipedia nicht viel besser ergehen? Nicht nur sind die Wikipedianer, wie sie sich selbst nennen (sie verwenden in der Regel die männliche Form), den früheren Enzyklopädisten zahlenmässig überlegen; auch scheint das Internet die Ordnungsproblematik, an der jene verzweifelten, zu lösen, indem es schier grenzenlos freien Raum zur Verfügung stellt. Die von einer Nonprofitorganisation betriebene Enzyklopädie ist «frei», weil sie ihre Dienste kostenlos anbietet, weil ihre unter einer freien Lizenz veröffentlichten Inhalte unentgeltlich verbreitet werden dürfen und weil im Prinzip jede Person mit Internetzugang an den Artikeln mitarbeiten und neue schreiben kann (Wikis sind Seiten, welche die BenutzerInnen direkt verändern können). «Frei» ist darüber hinaus weltanschauliches Programm: Die WikipedianerInnen sehen sich - wie weiland die Enzyklopädisten des Aufklärungszeitalters - als eine Gemeinschaft, eine «Community», welche die «Gesamtheit des Wissens unserer Zeit anbietet» und so zur Emanzipation der unwissenden und besonders derjenigen Menschen beiträgt, die sich Wissen nicht leisten können.
Zwar gibt sich diese Vision gerne futuristisch: So wie die im Hirn scheinbar chaotisch interagierenden Neuronen Gedanken hervorbringen würden, so erarbeiteten die im Netz interagierenden WikipedianerInnen «für die Menschheit relevante Problemlösungen», ist im Artikel «Wissen» zu lesen. Doch die gemeinsame Ethik, der sich die WikipedianerInnen verpflichtet fühlen (die Wikiquette), mutet in manchem geradezu evangelisch an: «Fühle dich nicht beschämt oder angegriffen, wenn dein Artikel grammatisch oder stilistisch überarbeitet wird», lautet ein Ratschlag, «wir alle lernen voneinander, und die WikipedianerInnen helfen gerne.» Die WikipedianerInnen - in der Schweizer treffen sie sich oft ganz real am Stammtisch - sollen ferner «mutig» sein, «vom guten Willen» des Gegenübers ausgehen und diesem auch im Streit «vergeben».
Im Gegensatz zu einem traditionell organisierten Nachschlagewerk wie dem «Historischen Lexikon der Schweiz» kommt Wikipedia (das hawaiische Wort «wikiwiki» heisst schnell) ohne Chefredaktor und - schwerwiegender - ohne feste Redaktion und wissenschaftliche GutachterInnen aus. Trotzdem funktioniert Wikipedia erstaunlich gut. Grobe Fehler werden von emsigen WikipedianerInnen - mehrheitlich wohl internetbegeisterte StudentInnen, wissbegierige Privatgelehrte und arbeitslose AkademikerInnen - in der Regel bemerkt und verbessert, akzeptierte neue Erkenntnisse nachgeführt. Wenn sabotiert wird, was selten geschieht, werden die Betreffenden von den AdministratorInnen ausgeschlossen. Die von der Community gewählten AdministratorInnen (in der deutschsprachigen Ausgabe arbeiten ungefähr 160 mit) sind die einzigen WikipedianerInnen mit Befehlsgewalt: Sie können nicht nur fehlbare BenutzerInnen, sondern auch Artikel so lange sperren, bis sich die uneinigen AutorInnen auf eine Version geeinigt haben.
Wikipedias Struktur bringt Nachteile mit sich, die sich nicht zuletzt in der Qualität der Einträge niederschlagen. An manchen Einträgen haben offenbar Leute mitgearbeitet, die sich in der Materie nicht gut auskennen oder sich mit der positivistischen Aufzählung von «Fakten» begnügen. Viele Texte wirken selbst in abgeschlossenem Zustand wie ein eklektizistischer Bau, an dem zu viele ArchitektInnen herumgebastelt haben. Häufig verweisen Artikel nicht auf die relevante einschlägige Literatur, sondern auf Internetadressen, und manchmal gelten auch Produkte der Unterhaltungsindustrie als Sachquellen. Weil niemand das Ganze im Auge zu behalten versucht, schiessen immer neue Artikel und Verweise aus dem Boden; so ist das Thema Nationalsozialismus mittlerweile in dutzende von sich überschneidenden Artikeln aufgesplittert - ein grosses Durcheinander.
Wikipedias dezentrale und antihierarchische Struktur hat aber auch einen aufklärerischen Effekt: Hier wird Wissen nachgeführt, zur Debatte gestellt und so gleichsam entsakralisiert. Während in einem herkömmlichen Lexikon der Aushandlungsprozess nämlich oft so verläuft, dass am Schluss nicht die Autorität des vernünftigeren Arguments (also die wissenschaftliche Wahrheit) obsiegt, sondern die Autorität der Position (letztlich hat der Chefredaktor oder die auf diesem Gebiet spezialisierte Professorin Recht), vertraut Wikipedia einem radikalen «herrschaftsfreien Diskurs».
Weil die AutorInnen anonym sind, können sie sich in einer Auseinandersetzung nicht hinter ihrer Position oder ihrem akademischen Titel verschanzen (auch wenn diese, wenn der Streit sich zuspitzt, gerne angedeutet werden), sondern müssen ihren Standpunkt immer wieder von neuem begründen. Das Interessanteste an Wikipedia sind denn auch nicht die Artikel, sondern die Seite «Diskussion». Hier kann man Genese und Entwicklung jedes Eintrags beobachten: wie er vorgeschlagen wird und Gestalt annimmt, wie er korrigiert und verworfen, ja vielleicht gesperrt wird - kurzum: wie Wissen entsteht und vergeht. Besonders umstrittene Themen (Fundamentalismus, Abtreibung, Adolf Hitler, Papst) haben es in sich: Seitenlang und über Wochen und Monate hinweg wird argumentiert und gefochten.
Die heiligste aller Wikipedia-Regeln, auf die sich alle Diskutierenden berufen, ist diejenige des neutralen Standpunktes («Neutral point of view», kurz Npov). Sie deckt sich in etwa mit der «Werturteilsfreiheit» des Soziologen Max Weber, der die WissenschaftlerInnen schon 1904 anhielt, zwischen den eigenen Idealen und der wissenschaftlichen Arbeit zu trennen. Auch diese Regel kann nicht verhindern, dass die Diskussionen sich häufig im Kreis drehen; ob der Begriff «Enzyklopädie» (Kreis des Wissens) daher seinen Namen hat? Vor allem aber haben sie einen massiven weltanschaulichen Überhang; die moralisierenden und gesinnungsethischen Ergüsse mancher WikipedianerInnen wiederholen sich und ermüden, etwa wenn «Jesusfreund» und «Ahmadi» über die «religiösen Aspekte» von Holocaust und Terrorismus debattieren. Und dennoch: Das unlösbare Problem, wie WissenschaftlerInnen ihre Weltanschauung in ihren Arbeiten «neutralisieren» (oder gerade umgekehrt fruchtbar machen?), droht im arrivierten Wissenschaftsbetrieb hinter der Autorität der Position zu verschwinden: Man tut so, als ob man sowieso werturteilsfrei wäre oder als ob das eigene Werturteil wissenschaftlich objektiv wäre. Auf den Wikipedia-Diskussionsseiten liegt dieses Problem offen zutage, Zeile für Zeile.
Wikipedia ist subversiv. Wissen wird hier nicht mehr nach dem hierarchischen Prinzip des «Baumes der Erkenntnis» geordnet, das «die Wirklichkeit und das gesamte Denken des Abendlandes» beherrsche, wie Gilles Deleuze und Félix Guattari 1980 in «Tausend Plateaus» befanden. Wie es sich die Poststrukturalisten wünschten, wuchert Wissen mit Wikipedia rhizomatisch in den virtuellen Raum, von den blau gefärbten Verweisen, welche man anklicken kann, zu den nächsten Links, immer weiter. Wie die französische «Encyclopédie» des 18. Jahrhunderts wird auch Wikipedia scheitern, aber nicht vor, sondern erst mit ihrer Vollendung. Sie wird dann abgeschlossen sein, wenn alle Worte und Zahlen blau sind: Dann wird alles auf alles verweisen, alles alles und zugleich nichts bedeuten, ein einziges grosses blaues Rauschen. Wikipedia ist so subversiv, dass sie Erlösung vom enzyklopädischen Wahn sucht, indem sie sich selbst zerstört. ◊