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Über einen Versuch, den Gletscheruntergrund zu erreichen
mittelst Einstiegs durch ein Strudelloch
zu erreichen
Von H. Carol
Mit 2 Bildtafeln ( 61—67 ) und 1 SkizzeZürich ) Da liegen sie, unsere Gletscher, träg und harmlos für den harmlosen Bewunderer — voller Probleme, die sie unter ihrem eisigen Leibe tückisch hüten, für den Forscher. Wohl lassen sich aus Beobachtungen an der Oberfläche in Verbindung mit Berechnungen Vorstellungen gewinnen von den Vorgängen, die sich im Gletscher und an seinem Untergrunde abspielen. Entsprechen diese Theorien aber der Wirklichkeit? Wie ist die Wirklichkeit? Wie ändert sich der physikalische Zustand des Eises mit zunehmender Tiefe? Wie die Fliessgeschwindigkeit, wie die Kornstruktur? Wie geht die erodierende Tätigkeit am Gletschergrunde vor sich? Welche Bedeutung kommt den subglazialen Gewässern zu? Das waren die Fragen, welche mich seit Jahren beschäftigten.
Erste Versuche ( 1939/40 ), durch Strudellöcher auf den Gletscheruntergrund zu steigen, scheiterten an unzulänglichen Kenntnissen und Mitteln, zeitigten aber einen andern Weg, verborgene Probleme des Gletschers zu belauschen: den Einstieg in Klüfte zwischen Felsbett und Eis am Rande des Gletschers, die Untersuchung der « Gletscherrandklüfte » 1.
Doch auch die Gletscherrandklüfte liessen mich maximal nur bis 50 m Tiefe unter die Gletscheroberfläche vordringen.
Am leichtesten lässt sich der Gletscheruntergrund in ausgeschmolzenen Hallen des Gletschertores beobachten, aber in diesem Bereich liegt der Gletscher in der Agonie und zeigt daher nicht sein wahres Wesen.
Es bleibt als letzte Möglichkeit, die tiefsten Tiefen des Gletschers auf natürliche Art zu erreichen, der Einstieg durch Strudellöcher. Ein derartiges Strudelloch befindet sich im Kessel des « Unteren Eismeeres » am Unteren Grindelwaldgletscher. Auf der Siegfriedkarte ( Überdruck 1922 ) ist dort ein ansehnlicher Schmelzwasserbach eingezeichnet, welcher beim « Walchiloch » P. 1664 plötzlich verschwindet. Heute liegt das Walchiloch 500 m weiter abwärts auf ca. 1570 m Höhe, 600 m westlich Stieregghütte. Im Sommer ein reissender Bach, der sich einen tief eingeschnittenen Cañon geschaffen hat, stürzt er am Ende seines oberirdischen Laufes mit Donnergetöse in einen tiefen Eisschacht, ins Strudelloch. Es ist anzunehmen, dass dieses kräftige Wasser sich im Gletscherinnern einen geräumigen Weg bis zum Felsgrund geschaffen hat. Es sollte daher möglich sein, dem Strudelloch folgend, im Spätherbst, wenn kein Wasser mehr fliesst, den Gletscheruntergrund zu erreichen.
1 H. Carol: Beschreibung einer Gruppe von Randklüften am Oberen Grindelwaldgletscher. Wird in den Mitteilungen der Geogr.Ethnogr. Gesellschaft Zürich, 1945, erscheinen.
Gerade dieser Bereich des Gletschergrundes müsste zur Verifizierung nachfolgender Vermutungen besonders interessant sein. Wie auf der Skizze angedeutet, drängt sich die Annahme eines subglazialen Talriegels auf, der in steilem Anstieg die im Unteren Eismeer liegende Wanne talauswärts abschliesst. Der Gletscherbach wird den Kalkriegel in schmalem Sägeschnitt, der in der Lütschinenschlucht endigt, durchbrochen haben. Folgende Gründe sprechen für diese Annahme: 1. Stärkere subglaziale Erosion im stark klüftigen Kristallin als im zähen, massigen Doggerkalk. Nach der primären Schwellen-bildung Staudruckverflüssigung im Eis, damit verringerte schleifende, keine ausbrechende Erosion1. 2. Wenn sich an der Oberfläche eine eindeutige Beckenbildung im Kristallin und eine starke Verengerung im Bereich des autochthonen Sedimentmantels zeigt, so ist anzunehmen, dass sich der petrographische Faktor auch subglazial ähnlich auswirkt. 3. Analogie zum Kirchet-riegel bei Innertkirchen.
Durch finanzielle Hilfe des Dudley-F.Wolfe-Fonds des S.A.C. wurde mir ermöglicht, den schon drei Jahre geplanten Einstiegsversuch im Spätherbst 1943 zu wagen.
Am Morgen des 8. November verliess eine kleine Expedition unter Führung Hermann Steuris Grindelwald und konnte am spätem Vormittag ihre schweren Lasten ( 65 m Strickleitern, Seile, Eishaken, Instrumente ) im Eingang zum Walchiloch abpacken. Die Witterung war denkbar günstig; Frost verhinderte die Schmelzwasserführung, und nur eine leichte Schneedecke lag über dem Gletscher. Abb. 1 zeigt den etwa 30 m in die allgemeine Gletscheroberfläche eingeschnittenen Canon des Walchibaches, der jetzt bei der Pfeil-marke im Gletscher verschwindet. Den Maßstab findet man durch Vergleich mit einem stehenden Begleiter links vom Pfeil. Mäanderstücke früherer Jahre sind links des Pfeiles sichtbar. 1940 befand sich das Walchiloch beim strichlierten Pfeil ( siehe auch Skizze ). Abb. 2 zeigt uns die Eingangspforte, ca. 30 m unter der allgemeinen Gletscheroberfläche gelegen.
Ein prächtiger Rastplatz, eine gemütliche Stube, Schutz gegen Wind und Wetter bietend, so begrüssten wir die geräumige Eingangshalle! Doch dem Gletscher ist nie zu trauen! Am andern Morgen war die Stelle, auf der wir gerastet hatten, auf der wir ein Materialdepot unter einem Felsblock angelegt hatten, mit meterdicken Eisblöcken zugedeckt. Eine dicke Eislamelle war längs einer unsichtbaren Kluftfläche — durch Schub und Zerrung erzeugt — abgebrochen. Abb. 3 zeigt die freigelegte Ein- und Ausschlupföffnung.
Nun führte ein 50 m langes, schwach fallendes Teilstück bis zu einem senkrecht abfallenden Schacht. Auf Abb. 4, einer Blitzlichtaufnahme, erkennt man ein Detail dieses Teilstückes mit einer ausgekolkten, wassergefüllten und zugefrorenen Eiswanne. Abb. 5 zeigt uns den Blick in den senkrechten Schacht, welcher eine Fortsetzung nach oben hat, von einem früheren Strudel-lauf ( 1940 ) herrührend. Von hier aus stiegen wir mit Seilsicherung auf der verankerten Strickleiter ab. Nach 12,5 m erreichte man einen kleinen Absatz, von welchem der Blick senkrecht nach oben in Abb. 6 festgehalten ist. ( Auf 1 H. Carol: Beobachtungen zur Entstehung der Rundhöcker. Die « Alpen » 1943, Heft 6.
der Strickleiter ist Hermann Steuri im Abstieg. Blitzlicht. ) Die Kannelierung im Eis stammt von verschiedenen Eintiefungsständen des sommerlichen Gletscherbaches. Hoch oben über dem Einstiegsschacht ist ein dünnes Eis-schwert sichtbar, dessen möglicher Absturz uns den Aufenthalt im Schacht vergällte.Vom kleinen Absatz aus ging 's nochmals 20 m senkrecht hinunter auf einen grösseren, mit herabgestürzten Blöcken belegten Boden. Blick senkrecht aufwärts auf Abb. 7 ( Blitzlicht ). In der zweifachen, dunkeln horizontalen Streifung links im Bilde erkennt man eingeschlossene Moränen-linsen von bis 1 m Mächtigkeit.
Mit dem ersten Tagesergebnis von 72,5 m Tiefe unter der allgemeinen Gletscheroberfläche waren wir sehr zufrieden. Morgen noch gut einmal so tief, und wir könnten günstigstenfalls schon auf dem Gletscherboden sein.
Der Aufstieg gestaltete sich wider Erwarten ausserordentlich mühsam, da sich die Leiter mit der einen Schmalseite in die schmalen Eisrinnen stellte und uns nur die andere Schmalseite zum Aufstieg blieb. Das ganze Strudelloch keuchte, wenn sich einer nach oben arbeitete! « Verfluchter als ein Kamin in den Dolomiten! », meinte Steuri. Mit unserem Keuchen verband sich gelegentlich ächzendes Geräusch im bewegten Gletschereis.
Folgenden Tags schleppten wir wieder 70 m Strickleitern hinauf. Leider umsonst. Von der tiefsten, gestern erreichten Stelle von 72,5 m führte nur ein 20 cm breiter, aber sehr hoher Spalt horizontal weiter. In einem Altwasserschacht, den wir über eine trennende Eisrippe erreichten, schloss ein wassergefülltes Becken den Durchgang allseitig ab. Und endlich bot sich in einem andern, noch älteren Altwasserschacht ebenfalls kein Durchgang. So blieb nichts anderes übrig, als das bis jetzt Geschaute in Skizze und Photo festzuhalten.
Ein weiteres Strudelloch 150 m westlich des Walchiloches wurde aufgesucht. Vorerst ging es unter Tageslicht 15 m senkrecht hinunter. Von hier aus gelangten wir durch eine niedrige Öffnung in einen engen, 1/2—1 m breiten und 1—3 m hohen, leicht geneigten Gang, dem wir etwa 50 m folgen konnten. An einer Stelle war der Durchpass so eng und steil, dass ich mit ausgestreckten Armen von meinen Begleitern eben noch knapp hinuntergelassen werden konnte! Das Ende des begehbaren Ganges bildete ein tiefer Wassertümpel, der im Gegensatz zu den im Walchiloch gelegenen Tümpeln nicht zugefroren war. ( Dichterer Abschluss gegen Kaltluft. ) Jenseits des Wassers Hess sich eben noch der Übergang vom horizontalen Gang zu einem vertikalen Schacht feststellen. Sollten wir den Durchpass erzwingen, den Abstieg durch den Schacht versuchen? Aber wie mühsam müsste der Materialnachschub durch den engen Gang und gar durch den « Flaschenhals » sein? In der Hoffnung, noch günstigere Einstiegsstellen zu finden, traten wir den Rückzug an. Leider! Lange noch verfolgte mich der schwarze, gähnende Schacht in Träumen und Gedanken. Hätte er vielleicht doch zum ersehnten Ziele geführt, hinunter in die geheimnisvollen Tiefen des Gletschers?
Die andern im Sommer 1942 rekognoszierten und ausgeloteten Strudellöcher erwiesen sich sämtliche als unpassierbar. Teils zu eng, mit Wassereis gefüllt oder nicht mehr auffindbar.
Das Strudelloch des Walchibaches in seinem mutmasslichen Verlauf a ) alte Strudellöcher, von links nach rechts: 1942, ( 1941 ?), 1940 b ) subglazialer Gletscherbach c ) Talriegel Die Nummern geben die ungefähre Lage der gleichbezeichneten Abbildungen an Einen letzten Versuch, dem unteren Gletscher doch noch « auf den Grund » zu kommen, unternahmen wir unterhalb Bäregg, wo eine tiefe, taschenförmige Randkluft vielleicht einen Einstieg gestattet hätte. Mittlerweile waren aber die Felswände über unsern Köpfen durch die tauende Sonne lebendig geworden, so dass ein Einstieg unverantwortlich gewesen wäre.
So blieb uns nichts anderes übrig, als nach viertägiger Arbeit schwer beladen heimzuziehen, froh dem Gletscher ohne Unfall entronnen zu sein — unbefriedigt, weil das erstrebte Ziel nicht hatte erreicht werden können und die umfangreichen wissenschaftlichen und technischen Vorbereitungen umsonst gewesen waren.
Als Positivum ist immerhin die meines Wissens erstmalige Erkundung und Dokumentation eines Strudelloches festzuhalten. Zudem eine gewisse Erfahrung in der Technik des Einstieges. Unter anderem die Erkenntnis, dass für senkrechte Schächte eine Seilwinde mit Sitzkorb günstiger sein wird, als die Benützung von Strickleitern, die sich besser für geneigte Stellen eignen werden.
Ich glaube, dass wir bei unserem Einstiegsversuch eher durch tückische Zufälligkeiten behindert worden sind als durch gesetzmässige Erscheinungen, dass also die Verhältnisse in anderen Jahren sehr wohl günstiger sein könnten. Ebenso ist es durchaus möglich, dass an anderen Gletschern, z.B. am Unteraar, günstigere Verhältnisse anzutreffen sind. Wenn ein Einstieg erzwungen werden sollte, müsste man sich nach genauer Rekognoszierung vielleicht für teilweise künstliche Freilegung des Durchganges vorbereiten.
Zum Schlusse möchte ich noch auf die praktische Bedeutung derartiger Untersuchungen beim Bau von subglazialen Wasserfassungen für Kraftwerke hinweisen. Eine derartige Anlage ist im Zungenbereich des Glacier de Tré-la-Tête im Mont-Blanc-Gebiet bereits im Bau 1.
Es ist mir ein Bedürfnis, auch an dieser Stelle all jenen zu danken, welche den Einstiegsversuch persönlich oder materiell unterstützt haben. Vorab dem Stiftungsrat des Dudley-Wolfe-Fonds und damit auch dem S.A.C. für die Finanzierung dieser im Ausgang Ungewissen Unternehmung. Dann meinem Freund und mehrfachen Begleiter Werner Zingg, ferner Fritz Steuri, dem technischen Leiter, Hans Rubi, Franz Amacher und Hans Schlunegger für ihren vollen Einsatz. Für die kostenlose Überlassung von Strickleitern danke ich dem Forschungsinstitut Jungfraujoch, der Firma Losinger & Co., Bern, der Seilerei Denzler, Zürich, und der Direktion der Jungfraubahn; für den besonders günstigen Abschluss einer Unfallversicherung der « Zürich-Unfall ». Beratung und Unterstützung gewährten mir die Herren Prof. Niggli, Prof. Rüst, Dr. Haefeli und Dr. Winterhalter, Zürich, und andere.