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Können Sie sich kurz vorstellen?
Ich setze mich seit 25 Jahren für die Rechte von Tieren ein. Ursprünglich komme ich aus Frankreich, lebe aber seit 2010 in Lausanne. Ich engagiere mich aktiv in lokalen Tierschutzverbänden und war einer der Hauptorganisatoren der internationalen Veggie Pride 2013 in Genf. Zudem engagiere ich mich auch im französischen Verband L214, der seit Langem eine Kampagne gegen «Foie Gras», also Stopfleber, führt. Seit 2014 beteilige ich mich nicht mehr an den Aktionen vor Ort, um mich intensiv mit Untersuchungen zum Thema Stopfleber in der Schweiz zu beschäftigen.
Seit wann engagieren Sie sich bei Stop Gavage Suisse?
Nach zwei Jahren Untersuchungen und Forschungen zum Thema Stopfleber in der Schweiz habe ich im Januar 2017 den Verein Stop Gavage Suisse gegen die Stopfmast in der Schweiz gegründet. Ich bin also nicht nur von Anfang an dabei, sondern habe den Verein auch mitgegründet.
Was hat Sie dazu bewogen, Stop Gavage Suisse zu gründen und sich zum Thema Stopfleber zu engagieren?
Nachdem ich jahrelang in allen möglichen Bereichen des Tierschutzes Aktivist war, wollte ich mich auf ein konkretes Thema fokussieren, um die verschiedenen Aspekte dieses Themas gut zukennen und mein Handeln effizienter zu machen.
Das Thema Stopfleber erschien mir dazu besonders geeignet. Zunächst einmal verfügte ich dank der Arbeit bei L214 in Frankreich bereits über recht gute Kenntnisse zur Produktionsmethode. Vor allem aber wurde mir bewusst, dass die Stopfmast in der Schweiz bereits seit Langem verboten ist, dass es deshalb in der Schweiz keine Stopfleberproduktion gibt und dass zudem die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer keine Stopfleber isst.
Die Thematik schien daher ideal, einen recht schnellen Sieg für den Tierschutz zu erringen – im Gegensatz zu anderen Themen, die in der Schweizer Tradition stärker verankert sind, wie beispielsweise Milch.
Wie haben Sie Joy kennengelernt ?
Wir kannten die Person, die sich jetzt um Joy kümmert. Sie besitzt einen Teich und hatte bereits Mulardenenten gerettet. Wir hatten schon länger die Idee, eine Rettungsaktion durchzuführen. Nicht nur zur Rettung der Vögel, sondern auch, um sie sichtbar zu machen, um ihre Entwicklung zu zeigen, und zwar über die sozialen Netzwerke, damit die Leute sie als eigenständige Individuen wahrnehmen und nicht mehr als Organlieferanten.
Als wir mit der künftigen Pflegemutter sprachen, war sie sofort einverstanden. Dann haben wir eine Möglichkeit gefunden, Jay und Joy am Tag ihres Schlüpfens aus der industriellen Brüterei herauszuholen, bevor sie getötet worden wären, da sie nicht den Industriestandards entsprachen. Das war der Beginn des Abenteuers – sowohl für sie als auch für uns.
Joy konnte aus einer Stopfleberproduktion gerettet werden. Warum ist die Methode der Stopfmast so bedenklich?
Die «Foie gras» ist eine Leber, die an hepatischer Steatose leidet, einer Krankheit, die ähnlich ist wie die Zirrhose beim Menschen. Die Leber wächst um das Zehnfache und reichert sich zulasten ihrer anderen Bestandteile mit Fett an. Sie kann ihre Funktionen im Körper des Vogels nicht mehr erfüllen.
Durch die Methode der Stopfmast wird diese Krankheit ausgelöst, was auch das erklärte Ziel der Stopfleber-Produzenten ist.
Sobald die Enten im Alter von drei Monaten ausgewachsen sind, werden sie für die Stopfmast in Käfigen gehalten, in Hallen, wo der Mäster ihnen mit Hilfe eines Metallrohrs, das mit einer Hydraulikpumpe verbunden ist, zweimal am Tag grosse Mengen Maisbrei in den Kropf – eine Aussackung am Ende der Speiseröhre, direkt vor dem Magen – pumpt. Nach zwei Wochen werden die Enten zum Schlachthof gebracht, und ihre Leber wird als Stopfleber verkauft.
Das Stopfen ist eine echte Tortur für die Vögel, was von europäischen Experten wissenschaftlich anerkannt ist (insbesondere im EFSA-Bericht von 1998), obwohl die französische Industrie versucht, das Leiden der Enten so gering wie möglich zu halten. Man muss jedoch kein Experte sein, um die Realität zu erkennen: Es genügt, sich die Bilder anzuschauen, die L214 in französischen Stopfmasthallen aufgenommen hat.
Die Stopfmast dient vor allem der Produktion von Stopfleber, aber auch viele andere Produkte stammen von gestopften Enten und Gänsen. Können Sie uns dazu einige Beispiele geben?
Eines der Nebenprodukte der Stopfleberproduktion ist der «Magret», die Brust von gestopften Enten oder Gänsen. Es handelt sich dabei um eine recht neue Idee der Stopfleberindustrie. Mit der Industrialisierung in den 1980er-Jahren sah sich diese Branche in der Tat mit Millionen von Entenkadavern konfrontiert, wogegen etwas unternommen werden musste. Sie nannte also den Teil der Vogelbrust, der von einer dicken Fettschicht überzogen ist, «Magret», also Brust, und hob dadurch eine neue Spezialität aus der Taufe. Wenn man also «Entenbrust» kauft, dann kauft man immer einen Teil einer Ente, die gestopft wurde.
Ein weiteres Produkt, das aus den Stopfmästereien stammen kann, sind die Daunen und Federn von Enten und Gänsen. Sie stecken in Daunenjacken, Matratzen, Sofas usw. Angesichts der Menge an Vögeln, die von der Stopfleberindustrie verwendet werden, kann man fast sicher sein, dass beim Kauf eines Produkts, das Enten- oder Gänsedaunen bzw. -federn enthält, diese von gestopften Vögeln stammen.
Das Stopfen von Enten und Gänsen ist in der Schweiz seit 1978 verboten. Trotzdem wird eine grosse Menge an Stopfleber importiert. Weshalb ist das ein Problem?
Jahr für Jahr werden fast 300 Tonnen Stopfleber in die Schweiz importiert. Sie ist damit nach Frankreich der weltweit grösste Importeur von Stopfleber.
Das Problem ist vielschichtig. Der unbeschränkte Import dieser Produkte, obwohl die Stopfmast verboten ist, widerspricht dem eigentlichen Sinn dieses Gesetzes, das ja gerade diese Fütterungspraktik verurteilt. Im Ausland etwas tun zu lassen, was man hierzulande verurteilt, ist reine Heuchelei.
Auf Grundlage internationaler Abkommen, wäre es möglich, Stopfleber in der Schweiz zu verbieten. Die GATT-Verträge sehen zum Beispiel eine Ausnahme von der Verpflichtung zum Freihandel vor, wenn Gründe der öffentlichen Moral vorliegen. Es ist so, dass in der Schweiz die Mehrheit der Menschen die Stopfleber ablehnt, zudem ist die Stopfmast aus ethischen Gründen verboten.
Und letztlich sendet ein tierquälerisch erzeugtes Produkt wie Stopfleber, das im freien Verkauf zu finden ist, die Botschaft aus, dass es schon nicht so schlimm ist und dass es eigentlich doch gar kein Problem gibt. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sagen sich, dass man das Produkt nicht im Restaurant oder in den Geschäften finden würde, wenn es damit wirklich ein Problem gäbe. Dadurch werden Tierquälerei und Gewalt heruntergespielt, und die Glaubwürdigkeit des Gesetzgebers wird geschwächt.
Was kann jede und jeder Einzelne tun, um zu verhindern, dass Enten und Gänse zwangsgefüttert werden?
Das Wichtigste ist natürlich, den Konsum der Produkte dieser Industrie zu verweigern: Stopfleber, Brust und Federn. Idealerweise sollte man niemals Stopfleber essen, kein einziges Mal. Tatsächlich essen die Menschen in der Regel nur ein- oder zweimal im Jahr Leber, doch das reicht aus, um allein für die Schweiz eine Million Vögel zu töten.
Wenn sich die Gelegenheit bietet, sollte man auch versuchen, seinen Boykott zu erklären. Allein der Boykott an sich reicht tatsächlich nicht aus. Man sieht das an der Schweiz, wo 70% der Personen keine Stopfleber essen, was aber nichts daran ändert, dass das Land trotzdem der grösste Importeur ist. Wir sollten versuchen, unserem Umfeld den Verzehr von Stopfleber zu verderben, aber mit Vorsicht vor dem «Bumerang-Effekt»: Man muss dem Gegenüber gut zuhören können und den geeigneten Moment abwarten, ihm unsere Position zu erklären. Falls sie oder er gerade dabei ist, ein Stopfleber-Canapé zu verzehren, ist es sicherlich nicht der passende Augenblick, unsere Argumente anzubringen. Im Gegenteil – dann läuft man Gefahr, einen psychologischen Abwehrmechanismus in Gang zu setzen, der die Person in ihrer Position bestärkt, wenn sie derart angegriffen wird. Manchmal kann der Vorschlag einer vegetarischen Alternative zur Stopfleber einen für alle akzeptablen Kompromiss darstellen.
Natürlich kann man sich auch im Aktivismus engagieren, entweder durch eine Mitgliedschaft bzw. ehrenamtliches Engagement bei Stop Gavage Suisse oder durch Spenden, mit deren Hilfe wir unsere Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit durchführen können.
Wie verhalten sich Gänse und Enten, wenn sie sich in artgerechter Umgebung entwickeln?
Gänse und Enten sind Wassertiere. Um sich voll entfalten zu können, brauchen sie Wasser. Für ihre Ernährung und zu ihrem Schutz. Ausserdem sind es soziale Tiere, die in einer Gruppe leben müssen, um sich wohlzufühlen. Das ist sowohl bei den Mulardenenten als auch bei den Gänsen und tatsächlich auch beim Grossteil der anderen Wasservögel zu beobachten.
Ansonsten gehören das Putzen der Federn, das Suchen von Futter und das Dösen in der Sonne zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.
Was fordert Stop Gavage Suisse ?
Wir wollen ein Verbot von Stopfleber in der Schweiz – und idealerweise auch von allen weiteren Produkten aus der Stopfleberindustrie.
Wie unterstützen Stop Gavage Suisse und VIER PFOTEN die Enten und Gänse?
Die beiden Handlungsschwerpunkte, um Enten und Gänse zu unterstützen, sind Informationsarbeit für die breite Öffentlichkeit und politische Lobbyarbeit. Die Rettung der Mulardenenten ist an sich eine direkte Hilfsaktion für die Enten, aber auch eine Möglichkeit, die Öffentlichkeit auf die Realität der Stopfleberproduktion aufmerksam zu machen.
Die Öffentlichkeitsarbeit erfolgt durch Stände, Werbekampagnen, Umfragen und natürlich durch Publikationen in sozialen Netzwerken. Sie ist notwendig, um die Ablehnung von Stopfleber in der Schweizer Bevölkerung aufrechtzuerhalten und zu verstärken.
Die Lobbyarbeit besteht darin, politische Entscheidungsträger zu identifizieren, zu treffen und in der Thematik zu überzeugen. Die Ablehnung von Stopfleber durch den Grossteil der Bevölkerung hilft dabei, die Politiker davon zu überzeugen, die Sache zu unterstützen und Massnahmen vorzuschlagen, die auf das Verbot dieses Produktes abzielen, wie es aktuell bei der Motion Haab der Fall ist. Umgekehrt werden die Personen, die noch Stopfleber konsumieren, leichter darauf verzichten können, wenn das Produkt verboten ist.