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Die Zentralbanken sind die Stützen der Finanzmärkte geworden. Aber was ist mit der realen Wirtschaft?
Stephanie Kelton ist eine amerikanische Ökonomin und die bedeutendste Vertreterin der Modern Monetary Theory (MMT). Die MMT besagt im Wesentlichen, dass die Zentralbanken unbeschränkt Geld drucken dürfen, solange sie es in der eigenen Währung tun. Und dass der Staat sich problemlos verschulden darf, solange er gleichzeitig geeignete Massnahmen ergreift, um die Inflation im Griff zu behalten.
In diesen Tagen hat Kelton ihr jüngstes Buch mit dem Titel «The Deficit Myth» («Der Defizit-Mythos») veröffentlicht. Der Zeitpunkt hätte idealer nicht sein können. Staatsdefizite sind das Gebot der Corona-Stunde, und die Notenbanken drucken derzeit Geld, als gäbe es kein Morgen.
Klassische Ökonomen haben wenig Verständnis für die MMT. Verantwortungslose Gelddruckerei sei das, die zwangsläufig im Elend, respektive einer Hyperinflation enden müsse, jammern sie. Was die besorgten neo- und ordoliberalen Wächter einer vermeintlich verantwortungsvollen Geldpolitik jedoch nicht laut aussprechen, ist die Tatsache, dass wir dank den Notenbanken de facto bereits mit einer Art von MMT leben. Nur kommt ihr Geldsegen nicht der realen Wirtschaft und dem Mittelstand zu Gute, sondern den Finanzmärkten und den Superreichen.
Aber der Reihe nach: Nach der Finanzkrise 2008/09 retteten die Notenbanken die Finanzwirtschaft, indem sie den Banken faule Kredite in grossem Stil abkauften. Dadurch wurden sie unfreiwillig zu Gläubigern von zweifelhaften Schuldnern und blähten ihre Bilanzsumme massiv auf. In der Folge sorgten die Notenbanken mit dem sogenannten quantitativen Easing dafür, dass die Finanzmärkte mit reichlich Geld versorgt wurden und Aktien- und Obligationenkurse nicht kollabierten.
In der Coronakrise wiederholt sich diese Übung wieder, nur in weit grösserem Umfang. Als im März die Finanzmärkte taumelten und ein globaler Crash drohte, griffen die Zentralbanker ein. Um die Kurse zu stützen, kauften sie alles, was es zu kaufen gab. Selbst vor Junkbonds schreckten sie nicht zurück. Mit Erfolg: Obwohl der realen Wirtschaft eine schwere Rezession, ja gar eine Depression droht, erholten sich die Finanzmärkte in der Folge wieder erstaunlich rasch.
Das Resultat ist, dass die Notenbanken, allen voran die US-Fed, heute die wichtigsten Gläubiger auf den Finanzmärkten geworden sind. In der «Financial Times» spricht Robin Wigglesworth davon, dass der Markt für Staatsanleihen «de facto verstaatlicht» worden sei. Diese Entwicklung werde weitergehen, prophezeit Wigglesworth:
Ebenso ist die rasche Erholung der Aktienmärkte auf den Geldsegen der Notenbanken zurückzuführen. «Die Anleger fühlen sich bestätigt. Die Fed lässt uns nicht im Stich», sagt Thomas Stucki, Chief Investment Officer der St. Galler Kantonalbank.
Wer heute Aktien erwirbt, kann dies mehr oder weniger gefahrlos tun. Er weiss, dass die Zentralbanken erneut einschreiten werden, wenn es wirklich brenzlig zu werden droht. So lässt sich auch die absurde Diskrepanz zwischen der Entwicklung der Aktienmärkte und der realen Wirtschaft erklären.
Nicht nur die Fed, auch andere Notenbanken eilen den Finanzmärkten zu Hilfe. Die Europäische Zentralbank hat ein Hilfsprogramm in der Höhe von 750 Milliarden Euro aufgelegt. Selbst die Deutschen willigen inzwischen ein, dass Eurobonds durch die Hintertür eingeführt werden.
Eine Wiederholung der Griechenland-Tragödie wie 2013 ist daher unwahrscheinlich geworden. «Die Gefahr, dass die Wirtschaftskrise in einer Schuldenkrise mündet, ist kleiner als 2008», so Stucki.
Die massiven Interventionen der Notenbanken zeigen jedoch politische Folgen. Ihre Unabhängigkeit wird zunehmend in Frage gestellt. Warum soll die Schweizerische Nationalbank (SNB) nicht die Coronarechnung begleichen, beginnt man sich auch hierzulande zu fragen. Die SNB verfügt in ihrer Ausschüttungsreserve über ein Polster von rund 80 Milliarden Franken. Zudem fallen die Kosten für das Coronavirus möglicherweise 10 Milliarden Franken tiefer als die angekündigten 30 Milliarden Franken aus. Das zumindest meldet die «NZZ».
Das Argument einer drohenden Inflation indes hat viel von seiner Wirkung verloren. Für die unter 50-jährigen ist es ohnehin ein Spuk der Vergangenheit. Den letzten Teuerungsschub hat die Ölkrise ausgelöst – und das war in den Siebzigerjahren. In absehbarer Zukunft bleibt das Risiko überschaubar. «Der Einfluss des zusätzlichen Geldes auf die Inflationsentwicklung ist gering», sagt Stucki.
Sozialpolitisch hingegen ist die verkappte MMT der Notenbanken eine tickende Zeitbombe geworden. Die massiven Interventionen haben zu einer sogenannten Asset-Inflation geführt, will heissen: Wertpapiere und Immobilien sind bisher von der Coronakrise weitgehend verschont geblieben. Der Mittelstand hat davon wenig bis nichts, und irgendwann werden auch die grosszügigsten staatlichen Hilfsprogramme auslaufen.
Stephanie Kelton war Beraterin von Bernie Sanders. Sie versteht MMT nicht als Krücke für die Finanzmärkte, sondern als Instrument, um die reale Wirtschaft so zu gestalten, dass sie den normalen Menschen dient. Der Corona-Schock könnte der Auslöser sein, dass ihre Botschaft auch ankommt.