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MS J.J. Rousseau ist seit fünf Jahren zurück in der Schweiz und wird in diesem Sommer sein grosses Comeback feiern. Das Schiff kommt auf jenen See zurück, an dem es einst gebaut wurde! 1950 sieht das Flottenerneuerungsprogramm der Bielersee Schifffahrtsgesellschaft BSG vor, den alten Schraubendampfer J.J. Rousseau zu ersetzen*. Der Auftrag für den Ersatzbau ging an die Zürcher Schiffsbauwerft Portier in Meilen, die das Schiff im Stil der damaligen seit 1939 verkehrenden Landischiffe Speer, Halbinsel Au und Möve nach den Plänen von Ing. F. Bosch (Basel) erbaute. Am 3. Dezember 1952 absolvierte das Motorschiff seine Probefahrten auf dem Zürichsee, bevor es dann am 9. Dezember auf dem Strassenweg nach Biel überführt und drei Tage später bereits als «J.J. Rousseau» getauft wurde. Während vier Jahren verkehrten beiden «Rousseau»s auf dem See, der ehemalige Dampfer wurde dann direkt nach seinem letzten Betriebstag am 17. Dezember 1956 abgewrackt.
Gar mancher, heute gestandener Kapitän erlernte in jungen Jahren sein Metier auf diesem Schiff. Ganzjährig vor allem zwischen Erlach und La Neuveville eingesetzt war es zum Erlernen der nautischen Künste beliebt. 1969 wurden erstmals die Fahrgasträume renoviert und zehn Jahre später der Hauptmotor ersetzt. Nach der Einstellung der Querfahrten von La Neuveville kam die «J.J. Rousseau» 1993 in den Querverkehr zwischen Twann, St. Petersinsel und Lüscherz zum Einsatz**. Drei Jahre später musste diese Linien wegen zu geringer Frequenzen eingestellt werden und das Schiff wurde «überflüssig». Schiffsmakler Leo Ullmann verkaufte im November 1996 das Schiff nach Holland, wo es bei der Reederei Toman in Amsterdam vor allem als Charterschiff weiter im Einsatz stand.
Im Juni 2014 gelangen Bea und Daniel Landös, Inhaber und Schulleiter der Privatschule Terra Nova in Küsnacht, an die Schiffs-Agentur mit der Idee, als Ergänzung zu ihrer erfolgreichen Schule und als USP ein Schulschiff zu lancieren. Anfänglich sah das Konzept vor, am Morgen die Schülerinnen und Schüler vom gegenüberliegenden Zürichsee-Ufer abzuholen, während dem Tag einen Teil des Unterrichtes an Bord zu gestalten und am Abend sowie an den Weekends dieses auch als Charterschiff einzusetzen. Unsere Analyse zeigte auf, dass vier zwingende Voraussetzungen nötig waren, damit das Projekt umgesetzt werden konnte: es brauchte ein dazu geeignetes Schiff, einen Standplatz, eine entsprechende Finanzierung und einen Betreiber.
Das Schiff J.J. Rousseau war inzwischen in Holland wieder zum Verkauf ausgeschrieben und es schien allen Beteiligten ideal für die Absichten und Ziele der Schule. Der gleiche Mann, der das Schiff bereits nach Holland verkaufte, konnte es wie schon bei MS Oberhofen vom Thunersee wieder in die Schweiz zurückholen. Es war ein spezieller Moment, als am 9. Dezember 2014 die «Rousseau» nach zwei Tagen Fahrt auf einem Tieflader nachts um elf Uhr nachts in Baar ankam. Leider war das Schiff in einem schlechteren Zustand als beschrieben. Zum Glück fand die «J.J. Rousseau» in den Personen von Koni und Adrian Risi zwei geduldige Gewerbetreibende, die dem Schiff Asyl boten, denn es sollten mehrere Jahre dauern, bis dieses das Werkgelände verlassen kann. Die Schiffs-Agentur war bereit, den Betrieb zukünftig sicher zu stellen, wobei zwei der vier Voraussetzungen erfüllt waren.
Mit den andern zwei «musts» als Voraussetzungen für einen erfolgreichen Betrieb harzte es dann abwechslungsweise. Anfängliche Versprechungen betreffend Standplatz in Küsnacht verflüchtigten sich, nachdem die Eigner «Nägel mit Köpfen» machen wollten. Zudem stellte die Finanzierung des Projektes eine grössere Hürde dar als ursprünglich gedacht. Inzwischen, unabhängig vom «Projekt Schulschiff», hatten sich die Eigentümer der Schule Terra Nova entschlossen, diese zu verkaufen, womit die Sinnfrage des Schiffes wegfiel. Seit dem 14. Februar 2019 steht fest: Die «J.J. Rousseau» wird ihren Heimathafen im Ziegelhof in Schmerikon der JMS haben. Das Schiff ist inzwischen renoviert1 und wird am 7. Juni 2019 erstmals seit 66 Jahren und 6 Monate wieder Zürichsee-Wasser unter dem Kiel haben. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Rapperswil (HSR) soll künftig der alte Motor durch einen umweltverträglicheren Antrieb ersetzt werden. Momentan erstellt die HSR entsprechende Machbarkeitsstudien.
„Was lange währt wird endlich gut“, diese Redewendung trifft nun auf das Projekt "J.J. Rousseau" zu. Es brauchte einen Haufen Nerven, einen langen Atem und eine dicke Haut. Davon können auch andere Eigentümer, Schiffbauingenieure, Finanzierungsgremien und Schiffsbetreiber ein „Liedchen singen“, die „J.J. Rousseau“ ist da kein Einzelfall. In diesem Jahr feiern legendäre Schiffe nach vielen Jahren Stillstand ein fulminantes Comeback. Das ehemalige OeBB-Schiff Oesterreich mit Baujahr 1929 kam am Karfreitag wieder in Betrieb, dies nach 10 Jahren "ausser Betrieb". Das BLS-Schiff Spiez (Baujahr 1901) soll nach 12 Jahren Ausrangierung Ende 2019 wieder in Dienst kommen. Das ehemalige URh-Schiff Munot (1936) wird im kommenden Jahr (nach fünf Jahren Stillstand) in der Tschechei sein Comeback feiern. Ebenfalls seit fünf Jahren ist nun das legendäre BSG-Schiff J.J.Rousseau wieder in der Schweiz und sieht nun bald wieder Wasser unter dem Kiel.
Bilder: Der Schraubendampfer J.J. Rousseau war das Vorgängerschiff der heutigen «J.J. Rousseau» II. In dieser Form verkehrte das Zürcher Portier-Schiff während 44 Jahren auf dem Bielersee. Im holländischen Exil war die "J.J. Rousseau" während 18 Jahren mit Heimathafen Muiden, östlich von Amsterdam am IJmeer. Ankunft des Schiffes im Zugerland am 14. Dezember 2014. Die Eigner Bea und Dani Landös haben noch gut lachen, noch nichts ahnend, welche nervenaufreibende Prozesse sie nun während fünf Jahren erwarten werden. MS J.J. Rousseau "fliegt durch die Luft" in der Morgendämmerung des 15. Dezembers mit Föhnfenster über der Rigi. Abladung des Schiffes in Baar. Bild 3 L. Ullmann, Bilder 1 und 2 Sammlung sowie Text und übrige Bilder H. Amstad
Hinweis: 1) Die Renovation beinhaltet folgende Arbeiten: Sanierung des Schiffsrumpfes: Stahl-Aussenhaut Reparatur, Konservierung Rumpf und Innenräume-Sanierung / Antriebstechnik: Welle, Antrieb, Ruder-Anlage, Bugstrahler / Technik: neuer Generator, neue elektrische Verteilung, Erneuerung Lenzanlage, Erneuerung Trink- und Abwasseranlage, neue Heizung, Brandschutz und Isolation auf neuestem Stand, neue Ankeranlage / Sanierung Aufbau und Dach: Sanierung Fenster, Sanierung Dach, GFK-Aufbau / Steuerhaus-Deck: Erneuerung Holzdeck, Wetterschutz Windstieg, neue WC-Anlage / Neuer Farbanstrich gesamtes Schiff / Ausrüstung: neue Navigationsgeräte, neues Radarsystem, neue Audioanlage.
Quellen: *) Liechti, Meister, Gwerder „Die Geschichte der Schiffahrt auf den Juragewässern“ (1982) Link
**) Inäbnit „Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft – Die Geschichte der Schifffahrt auf dem Bielersee und der Aare“ (2015) Link
***) Video zur Ankunft des Schiffes in der Schweiz: Link

MS Jura ist das erste Salonmotorschiff auf dem Bielersee und somit ein verkehrshistorisches Denkmal. Dass es heute noch fährt verdankt es Markus Petrig und seinen Studentinnen der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule (BFF) Bern. Für den Dozent Petrig war es wichtig, seinen Projektunterricht nicht nur im Theoretischen zu dozieren und im Sandkasten zu modellieren. Nein, der Praxisbezug war ihm jeweils in all seinen Projekten wichtig. Er hörte 1992 von der Ausrangierung der «Jura» und eine Handvoll motovierter Studierender entwickelten daraus das nachhaltigste von all den Projekten. Sie kreierten nicht nur das Konzept für das erste Lagerschiff der Schweiz, sondern legten zusammen mit dem Landschaftswerk Bielersee auch gleich selber Hand an für die komplette Sanierung und Umrüstung in ein fahrendes «Jugendherbergeschiff».
Seit 1995 bietet das Schiff für 60 Personen als Sonderschiff, für 30 Personen für Bankette oder für 26 Personen zum Übernachten (in zwei Räumen) von Ende Mai bis September Seeschulwochen, Kinder- und Jugendlager, Weiterbildungen für Institutionen und Familien eine schwimmende Plattform auf den drei Juraseen und den zwei Kanälen*. MS Jura darf an allen Anlegestellen der BSG- und LNM-Schiffe anlegen; übernachtet wird in der Regel in Erlach, weil dort an Land in naher Distanz die sanitären Einrichtungen vorhanden sind, die auf dem Schiff fehlen (ausser WC). Aber auch Murten, Faoug, La Sauge, Auvernier, Cortaillod, Hauterive (Neuenburg) und St. Petersinsel sind beliebte «Nacht-Häfen». Bis heute haben in 24 Jahren weit über 200 Behindertengruppen und Schulklassen aller Stufen eine "Seeschulwoche" oder Lagerwoche auf dem MS Jura verbracht. Nun stand 2019 eine grosse Landrevision auf dem Programm. Bevor ich am Tag der offenen «Werft» einen Besuch abstattete, warf ich noch einen Blick in die Geschichte des Nostalgieschiffes.
Der Bau erfolgte in prominter Nachbarschaft
Zusammen mit dem Schwesterschiff Seeland wurden die beiden Pionierschiffe in La Neuveville am 18. Oktober 1932 zu Wasser gelassen und ersetzten DS Stadt Biel (1911), das nach Meinung des Verwaltungsrats der Dampfschifffahrtsgesellschaft Union (heute BSG) zu klein und unrentabel war. Als Folge der Weltwirtschaftskrise und der Sättigung des Heimmarkts wurde der industrielle Schweizer Schiffbau von Escher Wyss Zürich und Sulzer Winterthur in der Zwischenkriegszeit (1918 bis 1939) weitgehend aufgegeben**. In Zürich hoffte man auf den Auftrag aus Biel, um den angeschlagenen Schiffbau zu unterstützen. Es war dann eine Überraschung, dass der Bau der beiden Schiffe nach Deutschland vergeben wurde: Die Bodanwerft im baden-württembergischen Kressbronn erhielt den Zuschlag als Kompensationsgeschäft der Bieler Uhrenindustrie mit Deutschland***. Im Flottenprogramm der Bodanwerft waren die beiden Schiffe in prominenter Gesellschaft: ein Jahr zuvor baute die Werft die SBB-Salonschiffe Thurgau und Zürich, ein Jahr danach vertraute die DB ihren Raddampfer Hohentwiel der Werft für einen Umbau an.
60 Jahre später übernahm ein Verein für 50 000 Franken das ausrangierte MS Jura und gleichzeitig einen ständigen Liegeplatz an der inneren Hafenmole von Erlach. Die Studierenden verabschiedeten sich naturgemäss von der BFF und somit auch von ihrem Projekt. Der bisherige Verein wurde in eine Genossenschaft umgewandelt. Markus Petrig übergab das Präsidium der Genossenschaft an Andreas Zahnd, dieser wiederum 2017 an Katrin Mühlemann. Die Präsidentin: «Mit einer Lagerwoche kann den Gruppen ein Erlebnis von unermesslichem Wert geboten werden. Das Lagerleben auf einem Schiff in einer unglaublich attraktiven Umgebung ist eine Erfahrung der Sonderklasse!» Daneben sorgt seit 2008 der Gönnerverein unter Markus Petrig dafür, dass regelmässig Beträge zusammenkommen, sodass der Betrieb der MS Jura gesichert werden kann. Seit 2012 steht auch der Lions Club Büren a.d. Aare finanziell zur Seite, wenn es um Investitionen geht, denn ausserordentliche Renovationen übersteigen die Möglichkeiten des Gönnervereins.
Am 7. April 2019 wurde das 42 Tonnen schwere Schiff in Nidau auf der Slipanlage der BSG beim Barkenhafen an Land gezogen. Gleichzeitig startete die Genossenschaft die Crowdfunding-Aktion auf der Plattform «Lokalhelden» der Raiffeisenbank. Es galt, die zu erwartenden Kosten von 70 000 Franken zu decken; der «Einstiegspreis» lag bei 30 000 Franken, der just am Tag der offenen «Werft» erreicht wurde. Heute fehlen noch 20 000 Franken, die Aktion «Lokalhelden» dauert noch bis zum 24. Mai 2019. Hier der Link für Ihre Unterstützung, Fan zu werden und schliessloch einen Betrag zu sprechen, was ich als regelmässiger Kunde und Mitglied des Gönnervereins wärmstens empfehlen kann.****
Arbeiten im Trockenen
Unter der Federführung des gelernten Rheinschiffers David Weber, seit 15 Jahren Schiffsführer auf der «Jura», haben bis zu acht Leute am Schiff gearbeitet. Vom Ergebnis ist er begeistert: «Die Arbeiten gingen dank Traumwetter flott voran. Einzig das Auswechseln der Schraube machte trotz Unterstützung von Profis einige Probleme, da niemand mehr wusste, wie die Montage-Mechanik aus den Fünfzigerjahren, wo die Schraube letztmals gewechselt wurde, funktionierte. Einige Stellen der Schale mussten ersetzt werden. Glück hatten wir, dass der alte Kupferanstrich sich bereits mit dem Hochdruck-Abspritzen löste. Nach dem Schleifen der Schale konnten wir sie vier Mal grundieren und anschliessend mit einem umweltverträglichen, ebenfalls vierfachen Farbaufbau versehen. Parallel dazu wurde die Ruderanlage neu justiert, der Seekasten und das Seewasserventil, durch die das Wasser zur Motorenkühlung fliesst, erneuert und der ehemalige WC-Überlauf verschweisst.»
Am Montag 29. April gleitete die «Jura» wieder zurück in den Bielersee. Der Motor sprang an und David Weber und Helena Nidecker brachten das Schiff zurück nach Erlach an seinen Stammplatz. Bei stürmischer Bise arbeitete die Crew vergangene Woche im Innern des Schiffs weiter. Ende Mai werden die ersten Jugendlichen und Gäste wiederum aussergewöhnliche Tage auf dem schwimmenden Lagerschiff geniessen können.
Bilder: Ab dem 7. April war die Slipanlage der BSG frei für den Landgang des MS Jura. David Weber am Grundieren der Schale mit dem imposanten Ruderblatt. Noch zwei Tage warten, und die «Jura» darf zurück in ihr gewohntes Element. David Weber darf stolz sein auf das Erreichte: in bloss drei Wochen musste die gesamte Sanierung über die Bühne. Frontansicht der «Jura» am Tag der offenen Tür vom 27. April. Der Vorstand setzt sich mit voller Kraft ein für den Erhalt des Kulturgutes MS Jura: v.l.n.r.: Niklaus Graber, Hans Lüdi, Genossenschaftspräsidentin Katrin Mühlemann, Marlise Baumgartner (von der ersten Stunde an dabei!) und Regina Stucki.
MS Jura ist bereit für weitere Jahre für Lagerwochen auf den Kanälen und Seen des Jurasüdfusses, hier mit einer Lerngruppe der BVS Zug mit Geri Kobelt und Othmar Wüest. Tabelle Textteil: Ausschnitt aus der Originalflottenliste der Bodanwerft von MS Jura, eingebettet in prominenten Nachbarn MS Thurgau und MS Zürich sowie DS Hohentwiel (mit der Bemerkung «Wulstanbau und Umbau Raddampfer»), heute alle noch fahrend! Bilder 1 und 2 N. Graber, übrige Bilder und Text H. Amstad
Hinweise: *) Die Tagesfahrt kostet 1 400 Fr., das Weekend 2 300 Fr., die Schulwoche 3 500 Fr. und ein privater 5-Tages-Törn (inkl. 15 Stunden Fahrt) 5 200 Fr. Mit einem Lagerwochenpreis von Fr. 3 500 fehlen der Genossenschaft pro Woche rund Fr. 1 500 für die Finanzierung des Betriebspersonals, Betriebsstoffe und Schiffsunterhalt. Dafür muss die Genossenschaft aufkommen.
Quellen: **) Charlotte Kunz Bolt «Industrieller Schiffbau» aus: Historisches Lexikon der Schweiz / ***) Heinz Amstad «Ein schwimmendes Lager» aus: Dampferzeitung 2/1998 S. 48ff

Die Ostschweizer können Feste feiern. Sie finden (mit Erfolg) immer wieder Möglichkeiten, damit für ihre Anliegen einzustehen. Aus Sicht der übrigen Schweiz und vor allem aus der Perspektive der Metropolitanräume Zürich und Léman (von Lausanne bis Genf) sind die Kantone Thurgau und St. Gallen heute peripher. Vor 150 Jahre war das anders: damals entwickelte sich Romanshorn zur Verkehrsdrehscheibe der Schweiz. Im Jahr 1911 wurden hier täglich im Schnitt 233 Eisenbahnwagen nach Deutschland und Österreich verschifft, 40 Gleise zählte der Bahnhof, der Ort wuchs von 1850 bis 1910 um 400 % auf 6 000 Einwohner, die eidgenössische Alkoholverwaltung, die Post und der Zoll errichteten zahlreiche Schuppen und imposante Gebäude als Lager- und Verwaltungshallen. Der Umsatz der Romanshorner Zollverwaltung lag betreffend Einfuhren vor Basel auf Platz eins. Die Abgaben allein aus dem Fruchtmarkt waren so hoch, dass Romanshorn zwischen 1867 und 1888 keine Steuern von den Bürgern einziehen musste.
2019 feiert der Verkehr am Bodensee ein besonderes Jubiläum: 1869 wurde die Zugstrecke von Romanshorn nach Rorschach (früher Seethallinie, heute Seelinie genannt) eröffnet und zum ersten Mal Eisenbahnwagen auf Schiffen von Lindau aus über den Bodensee zur Schweiz transportiert*. Dadurch wurden wichtige Verbindungen im Bodenseeraum über die Landesgrenzen hinaus geschaffen und der Verkehr entscheidend beschleunigt. Die Seeverbindung war doppelt so schnell wie der Schienenweg über Bregenz mit zweifacher Grenzabfertigung. Damit trug der Schiffsverkehr dazu bei, die Anrainerländer des Bodensees noch enger aneinander zu führen und Grenzen zu überwinden.
Politische Botschaft
Das Jubiläum mit dem Motto «Wir haben etwas bewegt» nahmen die Ostschweizer als Aufhänger, gleichzeitig in die Zukunft zu blicken. Mit attraktiven Verkehrsverbindungen per Eisenbahn rund um den Bodensee und einem geplanten, saisonalen Halbstundentakt der Fähre zwischen Romanshorn und Friedrichshafen würde die Ostschweiz die Länder Baden-Württemberg, Bayern und Vorarlberg ins wirtschaftliche Boot holen und dies gleich im doppelten Sinne. Die Ostschweiz kommt dadurch zu einer zentralen Rolle, weg vom Image der Peripherie. Obwohl heute die Schweiz bereit wäre, die S7 der Thurgauer SBB-Tochter Thurbo von Romanshorn über Bregenz nach Lindau zu verlängern, klemmt die Bürokratie in Wien und Berlin und stuft das Vorhaben als zu komplex an. Nicht einmal am Jubiläumswochenende liessen sich die Nachbarländer dazu bewegen, der angekündigten Attraktion "Grünes Licht" zu geben.
Nichts desto Trotz setzt der Kanton Thurgau beim nördlichen Nachbarn engagiert dafür ein, dass wenigstens neue, kleinere und schnellere Fährschiffe den Seeweg attraktiver machen könnten. Nach jahrelangem Zögern der Württemberger ist nun das Thema in Stuttgart angekommen. Die Idee kommt auch sonst überall gut an, nur bezahlen will die neuen Fähren niemand. Der Leiter der Abteilung für den öffentlichen Verkehr im Kanton Thurgau, Stefan Thalmann (Nachfolger vom Initiant Werner Müller), erklärt den Stand der Dinge: «Die drei Akteure Thurgau, das Land Baden-Württemberg und der Bodenseekreis haben nun eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um Kosten und Nutzen eines solchen Vorhabens realistisch zu kalkulieren. Mitte 2020 sollen die nötigen Informationen vorliegen, um über die Verwirklichung des Projektes zu befinden.» Bis dann sind dann auch die beiden Fährschiffe Romanshorn (1958) und Friedrichshafen (1966) am Ende ihrer «Lebenszeit» angelangt.
Das Fest zum Jubiläum
Am 4. und 5. Mai 2019 wurden in Romanshorn, Kreuzlingen/Konstanz, Rorschach, Bregenz, Lindau und Friedrichshafen die Jubiläen der Seelinie und des Trajektverkehrs mit insgesamt 42 Attraktionen gefeiert. Unter anderem mit einer Eventfähre der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt (SBS), die zwischen Romanshorn, Friedrichshafen, Lindau und Bregenz die Verbundenheit der drei Länder demonstrierte. An Bord waren nicht nur historische Güterwagen, sondern auch die fünfköpfige Band Take a Dance mit gehobener Unterhaltungsmusik. Entlang des östlichen Bodenseeufers bot «Thurbo» in Kooperation mit den ÖBB Sonderfahrten zwischen Romanshorn, Bregenz und Lindau an. Ebenso fuhren Sonderzüge ab Kreuzlingen nach Rorschach mit dem neuen, in den Schlagzeilen stehenden SBB Fernverkehrs-Doppelstockzug.
An den zwei Tagen nahm ich an 16 Programmpunkten teil, wobei ich an dieser Stelle bloss über meine erlebten Highlights berichte. Dazu gehörte die Überfahrt mit der ältesten, restaurierten Autofähre Europas auf einem Binnengewässer (1931), die am Samstag zwischen Kreuzlingen und Konstanz pendelte. Am Sonntag verhinderte ein Defekt diesen Einsatz. Der «Gwunder» führte mich in Romanshorn auf das neu erstrahlte MS Oesterreich, die sich zum ersten Mal in der Schweiz der Öffentlichkeit präsentierte und viele «Aah» und «Ooh» unter den Hunderten von Festbesucher entlockte. In einem alten Postbureau-Eisenbahnwagen signierte der Schöpfer der Sondermarken zum heutigen Jubiläum, Willi Spirig, seine Werke – es herrschte grosser Andrang**. Weil der Rote Pfeil «Churchill» am Sonntag bereits am Morgen früh ausgebucht war stieg ich als Alternative in den Goofy-Zug und war über das Gebotene begeistert: die Rangier-Hybridlokomotive (Diesel/elektrisch) Goofy fuhr mit einem historischen Personenwagen während fast einer Stunde kreuz und quer durch die Dreieck-Gleisanlage von Romanshorn. Die Fahrt führte unter anderem durch die Lokremise des Museums Locorama und auf der Drehscheibe wurden wir mitsamt Lokomotive mit Muskelkraft gewendet.
Höhepunkt unter den Highlights dann die Fahrt mit der Eventfähre nach Lindau und Bregenz, auf der trotz teilweisen Schnee- und Graupelschauern und grossem Gedränge im Salon eine tolle Stimmung herrschte. Schliesslich überzeugte mich eine schöne Ausstellung in der Eilguthalle am Seehafen Lindau, die noch bis zum 2. Juni geöffnet hat: Grossformatige Modellanlagen mit beachtenswerter Detailtreue zeigen sich im professionellen Scheinwerferlicht.
Bilder: Als Eventfähre war die «Romanshorn» für zwei Tage wieder eine kombinierte Fähre, auf der auch zwei Güterwagen der Bahn mitfahren durften, hier bei der Einfahrt in Romanshorn. Rechts im Bild die «Emily» vom privaten Anbieter des Badhotels Horn. Manuel Keller und Daniel Giesen begleiten als Nautiker die «Romanshorn» am Samstag, vor einem der Güterwagen, die von Romanshorn nach Bregenz transportiert werden wollen. Aufsehen erregte die Autofähre am Sonntag in Lindau, wo kurzzeitig sogar die Sonne sich zeigte. Fast ein Fixierbild: Fährschiff mit Tieflader und Güterwagen, im Hintergrund der Lindauer Leuchtturm und das ausfahrende Dampfschiff Hohentwiel.
Pascal Müller ist gut ausgerüstet für den internationalen Verkehr im Bodenseeraum; die zwei Kassen in Franken und Euro trägt er mit Würde. Abbild der «Romanshorn» in der Spiegelung der «Sonnenkönigin» in Bregenz. Majestätisch verlässt das Eventfähre die Vorarlberger Metropole im Wechselspiel fahler Abendsonne und Regenschauern. Die Grafik zeigt, welche Rolle der Bodensee im Wirtschaftraum des Dreiländereckes einnimmt; die Zahlen bedeuten das Bruttoinlandprodukt pro Kopf im Jahr 2016. Bild Textteil: Während des gleichzeitig stattfindenden Hafenfestes in Romanshorn fuhren bis zu 11 Schiffe den flächenmässig grössten Hafen am Bodensee an. Text und Bilder H. Amstad, Grafik 8 NZZ vom 11.5.19
Hinweise: *) Auch zwischen Romanshorn und Friedrichshafen (1869–1976) wurde eine Verbindung aufgenommen. Später kamen die Verbindungen Lindau–Konstanz (1873–1899), Bregenz–Konstanz (1884–1917), Bregenz–Friedrichshafen (1884–1913) und Bregenz–Romanshorn (1884–1915) hinzu. Die letzte Eisenbahnfähre fuhr am 30. Mai 1976.
**) Ich werde darüber später einen (B)Logbucheintrag verfassen.