Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/784

4. SEPTEMBER 2016 – 22. JANUAR 2017
Die Ausstellung widmet sich einem der faszinierendsten Kapitel in der Geschichte der Kunst, das unter dem Namen «Der Blaue Reiter» Berühmtheit erlangte und exemplarisch für einen zentralen Aspekt in der Entwicklung der modernen Kunst steht. Vor dem 1. Weltkrieg, zwischen 1908 und 1914, machte sich im liberalen kulturellen Klima Münchens eine internationale Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern daran, die Kunst grundlegend zu reformieren. Ihr Ziel war die Befreiung der Farbe vom Zwang, etwas darstellen zu müssen, die Befreiung der Linie von der Kontur und die der Fläche von der Illusion der Gegenständlichkeit. Es sollte nicht mehr um die Abbildung der sichtbaren Wirklichkeit gehen, sondern um die Verbildlichung geistiger Inhalte: ein Wendepunkt in der abendländischen Kunstauffassung, der Generationen von Malern prägte – bis heute. Die führenden Köpfe waren Wassily Kandinsky und Franz Marc, die sich Anfang des Jahres 1911 kennenlernten. Beide Künstler waren Revolutionäre, die, teilweise heftigen Anfeindungen ausgesetzt, unbeirrt ihre Ideen verfolgten. Kandinskys legendäre Bilder, die seinen Weg in die Abstraktion markieren, sind ebenso zu erleben wie die pantheistischen Tierdarstellungen Franz Marcs. Weitere Künstlerpersönlichkeiten, die mit Kandinsky und Marc in Verbindung standen und von denen Werke in der Ausstellung gezeigt werden, sind unter anderen Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky und August Macke.
«Der Blaue Reiter», der zum Synonym für den Aufbruch in künstlerisches Neuland geworden ist, war ursprünglich der Titel des legendären Almanachs, einer Publikation, die Kandinsky und Marc 1912 herausgaben. In ihr wurden Texte und Bilder von verschiedenen Künstlern aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen versammelt. Der Almanach war keine Programmschrift im engeren Sinn; allein die Zusammenstellung heterogener Werke der europäischen wie auch der aussereuropäischen Kunst, von sogenannter hoher Kunst und Volkskunst, war Programm genug. Kandinsky und Marc waren davon überzeugt, dass nicht formale Faktoren massgeblich seien, sondern der Inhalt. Da sich Form und Stil unablässig ändern, ist für das Kunstschaffen die «innere Notwendigkeit» das alles entscheidende Kriterium.
In dieser Ausstellung sind über 90 Werke aus bedeutenden internationalen Museen und Privatsammlungen zu sehen, darunter selten ausgestellte Meisterwerke aus den USA und Russland. Mit einer Auswahl von mehr als 30 Werken wird in einem eigens dafür eingerichteten Raum der Almanach vorgestellt.
#BlauerReiter
Die Ausstellung «Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter» wurde grosszügig unterstützt durch:
Beyeler-Stiftung
Hansjörg Wyss, Wyss-Foundation
L. + Th. La Roche Stiftung
Novartis
Walter Haefner Stiftung
Irma Merk Stiftung
Kommunikationspartner der Ausstellung: MANOR
Weitere Info
Audioguide
Erwachsene D, E, F
CHF 8.- / € 8.-
Art Club CHF 7.- / € 7.-
Dauer: 60 Min
Kinder D (bis 12 Jahre)
CHF 3.- / 3.- €
(kostenlos, beim Kauf eines Erwachsenen Audioguides)
Dauer: 40 Min
Beide erhältlich am Infodesk
im Museum
werke
Murnau – Obermarkt mit Gebirge, 1908
Das Künstlerpaar Münter und Kandinsky fand in Murnau einen idealen Ausgangspunkt für regelmässige Ausflüge in die malerischen Moorlandschaften, zu den schneebedeckten Alpenketten und für Fahrten in die Grossstadt München. Oft malten sie die verschiedenen Strassenzüge Murnaus im strahlenden Licht der Berge. Murnau – Obermarkt mit Gebirge vermittelt einen Eindruck von einem Hochsommernachmittag, der durch die Leuchtkraft der Farben und das Wechselspiel zwischen hellen und dunklen Partien intensiviert wird. Licht und Schatten grenzen sich klar voneinander ab und entfalten durch die flächige und gestische Malweise einen dynamischen und lebhaften Rhythmus. Kandinskys Streben, die Farbwirkung seiner Bilder zu steigern, tritt in den Werken seiner Murnauer Zeit besonders deutlich zutage.
Improvisation 10, 1910
Ab 1909 begann Kandinsky, seine grossformatigen Bilder in drei Kategorien einzuteilen: »Improvisationen«, »Kompositionen « und »Impressionen«. Die beiden Improvisationen von 1910, die im Museum direkt nebeneinander hängen, zählen zu jenen Gemälden, in denen er nicht die äussere Welt abbilden, sondern inneren Erlebnissen Ausdruck verleihen wollte. Der direkte Vergleich der beiden Werke vermag Ihnen die Vielfältigkeit und den Reichtum von Kandinskys abstrakter Bildsprache unmittelbar zu vermitteln. Improvisation 10 gewährt einen Blick auf aus der Ferne gesehene abstrakte Farbformen und -linien, man hat das Gefühl, dass die Linien und die angedeuteten Landschaftselemente (beispielsweise der Regenbogen oder der Palast mit Kuppeln) dem Auge Halt bieten. Die durch schwarze Linien eingefassten Farben in Improvisation 10 leuchten in ihrer Reinheit und Klarheit dem Betrachter direkt entgegen.
Die grossen blauen Pferde, 1911
In dieser Ausstellung können zahlreiche Hauptwerke von Franz Marc bewundert werden, darunter auch Die grossen blauen Pferde. Friedlich und in sich ruhend nehmen die drei mächtigen blauen Pferde nahezu die gesamte Bildfläche ein. Mit gesenkten Köpfen und geschlossenen Augen scheinen sie in völligem Einklang mit der sie umgebenden Natur zu stehen. Das tiefe Blau wird durch das leuchtende Gelb intensiviert, der rote Horizont wird von Grün durchbrochen und dadurch geerdet. Marc hat die äussere Gestalt des Pferdes durch subtiles Aneinanderreihen und Übereinanderblenden der Körper weitgehend aufgelöst. Deren runde Bewegungen spiegeln sich in den Formen der Landschaft wider – es entsteht ein beruhigtes rhythmisches Spiel der Wiederholungen. Nicht das naturalistische Erfassen der Tiere ist hier das Ziel, sondern das Abbilden ihrer inneren Welt. Das grossformatige Werk wurde erstmals Ende 1911 in der Ersten Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter dem Publikum präsentiert.
Stallungen, 1913
Ein letztes Mal widmet sich Franz Marc in einem Hauptwerk seinen Lieblingstieren – den Pferden. Die in verschiedenen Ansichten wiedergegebenen Tiere in ihren Boxen verbindet der Maler zu einem panoramaartigen Formgefüge, in dem er das Wesentliche zeigt, ohne das Naturvorbild im Detail nachzuahmen. Nicht der exakten Abbildung einer bestimmten Pferderasse, sondern dem Sichtbarmachen ihres inneren Wesens galt das Interesse des Künstlers. Im Tier erkannte er ein Sinnbild für Unschuld und Natürlichkeit, dem er in seinem Schaffen besonderen Ausdruck verlieh. Das nornamentale Farbenspiel und die rhythmischen Kreisformen zeugen vom Einfluss der Malerei Robert Delaunays, dessen Werke Marc in der ersten Ausstellung »Der Blaue Reiter« von 1911 und wenige Monate später bei einem Atelierbesuch in Paris kennengelernt hatte. In den Kriegsjahren gab er seine Tiermotive vollständig auf, um die universelle Harmonie der Natur in gänzlich abstrakten Formen und Farben darzustellen.
Die Wölfe (Balkankrieg), 1913
»Ich habe auch gar nie das Verlangen, […] die Tiere zu malen ›wie ich sie ansehe‹, sondern wie sie sind (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen)«, schrieb Marc 1915 in einem Brief an seine Frau Maria. Diese Vorstellung von einer Verbindung zwischen dem inneren Wesen der Tiere und der äusseren Welt liegt auch dem apokalyptischen Bild Die Wölfe (Balkankrieg) zugrunde. Die kantigen Formen und expressiven Farben der Umgebung korrespondieren mit denen der marschierenden Wölfe, die wie eine Armee in den Bildraum vordringen. Die beunruhigende Wirkung dieser geschundenen und zerfurchten Landschaft mit ihren beissenden Farbkontrasten wird durch den Titel und die damit verbundenen Assoziationen konkretisiert. Durch das Tier als Ausdrucksträger eines Weltgefühls offenbart sich in diesem Bild die bedrohliche Szenerie einer Kriegskatastrophe, die sich in den Jahren 1912 und 1913 auf dem Balkan ereignete und ab 1914 ganz Europa erfassen sollte.
Grosse Promenade: Leute im Garten (Predigtamtskandidaten), 1914
Im letzten Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hielt sich August Macke mit seiner Familie am Thunersee auf. Die dort entstandenen Bilder künden von friedlichen, vielleicht sogar sorgenfreien Monaten. Elisabeth Macke sagte rückblickend: »Es war wohl die harmonischste, glücklichste Zeit, die wir miteinander verlebten.« Die Grosse Promenade gibt dieses Lebensgefühl in einer farbenfrohen und lichtdurchfluteten Komposition wieder. Sie zeigt einige Spaziergänger unterschiedlichen Alters zumeist in Rücken- oder Seitenansicht, wodurch sich der Betrachter in die Gruppe einzugliedern scheint. Die winzigen Farbtupfer erzeugen ein flirrendes Farbenspiel. Sie erinnern an Georges Seurats grosses Gemälde Un dimanche après-midi à l’Île de la Grande Jatte von 1884–1886. Die eleganten Formen, der rhythmische Schwung und die prachtvolle Farbentfaltung zeugen aber auch von Mackes Interesse an den Bildern seines Freundes Robert Delaunay.
Veranstaltungen und Tipps
Katalog
Audioguide
Almanach «Der Blaue Reiter»
Videoeinführung
Kurator Ulf Küster führt in die Themen und einzelne Werke der Ausstellung ein.
Almanach "Der Blaue Reiter"
»Nun! Ich habe einen neuen Plan«, schrieb Wassily Kandinsky am 19. November 1911 an Franz Marc und meinte damit die Produktion eines Jahrbuchs mit Werken und Artikeln von verschiedenen Künstlern. Sofort wandten sich die beiden an Kollegen aller Kunstrichtungen, ersuchten Dichter, Komponisten und Kunsthistoriker um Beiträge und kontaktierten Sammlungen mit ozeanischer, asiatischer und afrikanischer Kunst. 1912 erschien schliesslich im Münchener Piper-Verlag Der Blaue Reiter, ein Almanach, in dem alle Kunstrichtungen, sogar Kinderzeichnungen, gleichwertig nebeneinandergestellt waren. Er wurde zunächst in drei Varianten publiziert: Es gab die »allgemeine Ausgabe«, die »Luxus-Ausgabe«, die zwei von Marc und Kandinsky selbst kolorierte und handsignierte Holzschnitte enthielt, sowie die »Museums-Ausgabe«, von der sie zehn Exemplare produzierten und der je eine Originalarbeit der beteiligten Künstler beigegeben wurde. Zur Titelfindung erklärte Kandinsky: »[…] beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter.« Die christlichen Volksheiligen Georg und Martin wurden von ihm in der Gestalt des Blauen Reiters, der Schlüsselfigur des Titelbildes, vereint. Holzschnitte erkor Kandinsky dabei zu einem favorisierten Mittel der Illustration: »In ihnen findet man die Spuren meiner Entwicklung vom ›Figurativen‹ zum ›Abstrakten‹.«
Dem Plan, den Blauen Reiter jährlich erscheinen zu lassen, bereitete der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende. Während Kandinsky Deutschland als feindlicher Ausländer verlassen musste und erst 1921 zurückkehrte, fiel Marc 1916 bei Verdun.
Über die Formfrage
Sowohl das Votivbild als auch die Initiale in Wassily Kandinskys Beitrag »Über die Formfrage« beziehen sich auf die Passage, in der Kandinsky das Positive, das Schaffende, das Gute beschreibt, für das er die Metapher »der weiße befruchtende Strahl« einsetzt. Mit dem blitzartigen »Z« beruft sich Hans Arp eindeutig auf den weissen Strahl im Votivbild, der von der Madonna zum Verunglückten führt, und stellt so eine ganz eigene Verbindung zwischen Bild- und Textebene her.
Der Blaue Reiter ist der Name des legendären Almanachs, der von Wassily Kandinsky und Franz Marc herausgegeben wurde und 1912 in München erschien. Der Almanach sollte die Notwendigkeit eines Epochenumbruchs der Künste zu Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentieren.
Katalog "Kandinsky, Marc und der Blaue Reiter"
Wenige Jahre nur war München zu Beginn des 20. Jahrhunderts der »Hotspot« der künstlerischen Avantgarde in Deutschland. Als wahrer Glücksfall für die Kunst erwies sich die Initiative des russischen Malers Wassily Kandinsky, gemeinsam mit Franz Marc die Redaktion des Almanachs Der Blaue Reiter zu gründen und eine Ausstellung gleichen Titels zu organisieren: ein programmatisches Unterfangen, das noch vor dem Ersten Weltkrieg die Moderne in Deutschland einläutete – und international hohe Wellen schlug. Die Namen der Protagonisten Franz Marc, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky, August Macke und anderer klingen seither nach, die von ihnen initiierte Überführung der Malerei in eine vibrierende, transzendentale Farbigkeit und Abstraktion bildet ein wesentliches Kapitel der internationalen Kunstgeschichte. Die prächtig bebilderte Publikation widmet sich einem Thema, das eine damals revolutionäre Neubewertung der Künste in einem offenen Europa zeigt. (Englische Ausgabe ISBN 978-3-7757-4169-9)
Chronologie
DER BLAUE REITER‹ – ZEITTAFEL
1908
Wassily Kandinsky und Gabriele Münter kehren nach Jahren auf Reisen mit längeren Aufenthalten in Rapallo, Paris und Berlin nach München zurück. Kandinsky bezieht im September eine Wohnung in der Ainmillerstrasse 36 im Stadtteil Schwabing.
Kandinsky und Münter, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin arbeiten einige Wochen in Murnau am Staffelsee. Das Erlebnis des Alpenvorlands und der oberbayerischen Volkskunst führt besonders bei Kandinsky, Jawlensky und Münter zu einem Wendepunkt, hin zu starker Farbigkeit und Betonung der Fläche: »Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhaltes, zum Abstrahieren – zum Geben eines Extraktes. […] Wir alle vier strebten sehr, und jeder einzelne entwickelte sich«, so Münter in ihren rückblickenden Tagebuchaufzeichnungen für das Jahr 1908.
1909
Gründung der ›Neuen Künstlervereinigung München‹ (NKVM) durch Kandinsky (1. Vorsitzender) und Jawlensky (2. Vorsitzender), zusammen mit unter anderen Münter, Werefkin, Alfred Kubin, Adolf Erbslöh, Alexander Kanoldt und dem Komponisten Thomas von Hartmann.
Münter und Kandinsky mieten sich in einer kleinen Jugendstilvilla auf einer Anhöhe im Westen Murnaus ein. Am 21. August kauft Münter das später als ›Russenhaus‹ bekannte Anwesen. Dort verbringen Münter und Kandinsky bis 1914 vor allem die Sommermonate. Die Murnauer Landschaft, das Haus selbst, sein Garten und die unmittelbare Umgebung werden für Münter und Kandinsky zu einer wichtigen Inspirationsquelle. Oft malen sie den Blick aus dem Fenster zur Kirche und zum Schloss sowie zur Bergkette.
Erste Ausstellung der ›NKVM‹ in der Münchner Galerie Thannhauser. Der Besuch der heftig umstrittenen Ausstellung ermutigt Franz Marc, seinen eigenen künstlerischen Ideen nachzugehen und seine künstlerische Isolation aufzugeben.
1910
Nach dem Besuch der ersten Einzelausstellung von Marc in der Kunsthandlung Brakl besuchen August Macke, sein Cousin Helmuth Macke und Bernhard Koehler jun. spontan Marc in seinem Atelier. Diese erste Begegnung schildert Marc seiner späteren Frau Maria am selben Tag in einem Brief und prophezeit: »Die Verbindung mit dem Berliner Herrn [gemeint ist Koehler als Sohn des wohlhabenden Unternehmers und Kunstsammlers Bernhard Koehler sen.] […] ist auch vielleicht aussichtsreich.« Tatsächlich unterstützt Bernhard Koehler sen. in den folgenden Jahren nicht nur die Publikation des Almanachs, sondern fördert vor allem Macke, den späteren Mann seiner Nichte Elisabeth, und Marc.
Zweite Ausstellung der ›NKVM‹, wieder in der Galerie Thannhauser. Auch diese Ausstellung erntet vernichtende, zum Teil polemische Kritiken.
Nach dem Besuch der Ausstellung der ›NKVM‹ schreibt Marc eine der wenigen positiven Rezensionen, die er dem Galeristen sendet. Die Kritik wird dem Katalog als Sonderdruck beigegeben. Marc lernt in der Folge die Mitglieder der ›NKVM‹ kennen, bis auf Kandinsky, der verreist war.
Macke wird von Marc bei Jawlensky und Werefkin in den Kreis der Künstler der ›NKVM‹ eingeführt.
1911
Kandinsky und Marc lernen sich auf dem Neujahrsempfang bei Werefkin in der Giselastrasse 23 kennen. Ebenfalls anwesend ist Gabriele Münter
Begleitet von Jawlensky und Helmuth Macke besuchen Kandinsky und Marc ein Konzert von Arnold Schönberg in München. Kandinsky und Schönberg beginnen nach dem Konzert einen regen Briefwechsel.
Kandinsky legt nach anhaltenden Konflikten in der ›NKVM‹ den Vorsitz nieder.
Marc erhält ein Telegramm der ›NKVM‹, die ihn »einstimmig zum Mitglied und 3. Vorsitzenden« wählt. Seine Freude über den inspirierenden künstlerischen Austausch wird in einem Brief an Maria vom selben Tag deutlich: »Nun ist’s geschehen, und ich freue mich […]. Die Eigenbrödelei hab ich satt; nun geht’s gemeinsam.« 19. Juni Kandinsky unterbreitet Marc seine Idee, ein Buch in Form eines Almanachs zu publizieren: »Nun! Ich habe einen neuen Plan. Piper muß Verlag besorgen und wir beide […] die Redakteure sein. Eine Art Almanach (Jahres=) mit Reproduktionen und Artikeln und Chronik!!« Den Plan entwickeln die beiden den Sommer über.
In Sindelsdorf und Murnau bereiten Kandinsky und Marc den Almanach Der Blaue Reiter vor.
Die Redaktionsarbeit intensiviert sich, auch Macke ist aus dem Rheinland gekommen. Elisabeth Erdmann-Macke erinnert sich: »Es waren unvergeßliche Stunden, als jeder der Männer sein Manuskript ausarbeitete, feilte, änderte […]. Alles wurde gesichtet, diskutiert, angenommen oder abgelehnt, nicht ohne kleine Streitigkeiten und Reibereien. […] Trotz allem waren diese Tage ungeheuer anregend […].«
Die Jury der ›NKVM‹ für die dritte Ausstellung weist Kandinskys Gemälde Komposition V mit Berufung auf die Vereinssatzung aus formalen Gründen zurück. Kandinsky und Marc treten daraufhin aus der Vereinigung aus, gefolgt unter anderen von Münter, Kubin und von Hartmann. Jawlensky und Werefkin solidarisieren sich mit Kandinsky, bleiben aber (vorerst) Mitglieder.
»Die ›Redaktion des Blauen Reiters‹ wird jetzt der Ausgangspunkt von neuen Ausstellungen. […] Wir werden suchen, das Zentrum der modernen Bewegung zu werden«, schreibt Marc an seinen Bruder Paul.
Kandinskys kunsttheoretische Schrift Über das Geistige in der Kunst erscheint im Piper Verlag München (datiert auf 1912).
Innerhalb von nur zwei Wochen organisieren Marc und Kandinsky eine eigene Ausstellung, die parallel zur ›NKVM‹-Ausstellung in der Galerie Thannhauser gezeigt wird: Die Erste Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter. Der Katalog verzeichnet 43 Gemälde von 14 Künstlern, darunter Henri Rousseau und Robert Delaunay.
1912
Die Erste Ausstellung ist im Anschluss an die Münchner Premiere in Köln, Berlin, Bremen, Hagen, Frankfurt und Hamburg zu sehen, insgesamt tourt sie bis 1914 durch elf Städte in Europa.
Die Zweite Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter. Schwarz-Weiß, in der Galerie Goltz, München, legt den Schwerpunkt auf Zeichnungen und Druckgrafik.
Der Almanach wird mit einem vier Seiten starken Subskriptionsprospekt angekündigt, der grosses Interesse hervorruft. Die Auflage wird auf 1200 Exemplare erhöht.
Herwarth Walden übernimmt die Erste Ausstellung als Eröffnungsausstellung seiner Galerie Der Sturm in Berlin: Der Blaue Reiter. Franz Flaum. Oskar Kokoschka. Expressionisten.
Kandinskys Über das Geistige in der Kunst erscheint in der zweiten Auflage.
Klee besucht auf Vermittlung Kandinskys Robert Delaunay in Paris. Klee übersetzt Delaunays programmatischen Text »La Lumière« für Waldens Zeitschrift Der Sturm.
Der Almanach Der Blaue Reiter erscheint im Piper-Verlag. Bernhard Koehler hat die Drucklegung finanziell unterstützt. Für das Titelbild hatte Kandinsky elf Entwürfe gefertigt. Auf Wunsch des Verlegers Reinhard Piper hatte Kandinsky im schliesslich gewählten Holzschnitt aus dem Druckstock das Wort ›Almanach‹ entfernt, um keine jährliche Publikationsverpflichtung einzugehen. Vorbereitungen für einen zweiten Band laufen parallel.
Nicht alle Werke der Künstler um den ›Blauen Reiter‹ werden auf der Sonderbund-Ausstellung in Köln ausgestellt, daher organisiert Marc vom 16. Juni bis Ende Juli eine Gegenausstellung in der Sturm-Galerie in Berlin: Refüsierte des Sonderbundes.
Die dritte Auflage von Kandinskys Über das Geistige in der Kunst erscheint.
Das Buch Das neue Bild des Kunsthistorikers und ›NKVM‹-Mitglieds Otto Fischer wird kontrovers aufgenommen und führt schliesslichauch zum Austritt Werefkins und Jawlenskys.
1913
Die Erste Ausstellung macht in diesem Jahr lediglich in Budapest Station. Es sind nur wenige Pressestimmen überliefert.
Kandinsky und Marc tauschen sich weiter zu einem zweiten Band des Almanachs aus, Kandinsky sieht den Erscheinungstermin jedoch später: »Ich glaube, daß wir kaum schon in der nächsten Wintersaison mit dem zweiten Band ausrücken werden.«
Walden zeigt in seiner Sturm-Galerie den Ersten Deutschen Herbstsalon, in dem alle Künstler um den ›Blauen Reiter‹ vertreten sind. Marc und Macke helfen beim Hängen. Die Ausstellung gilt heute als die wichtigste Galeristen-Ausstellung vor dem Ersten Weltkrieg.
1914
Die Erste Ausstellung erreicht Stationen in Oslo, Helsinki, Trondheim und Göteborg.
Die zweite Auflage des Almanachs Der Blaue Reiter erscheint.
Macke fährt mit Klee und dessen Jugendfreund Louis Moilliet nach Tunis. Die Reise beeindruckt alle Beteiligten künstlerisch nachhaltig: »Wir liegen in der Sonne, essen Spargel etc. Dabei kann man sich herumdrehen und hat Tausende von Motiven. Ich habe heute schon sicher 50 Skizzen gemacht. Gestern 25. Es geht wie der Teufel und ich bin in einer Arbeitsfreude, wie ich sie nie gekannt habe«, schreibt Macke seiner Frau Elisabeth am 10. April.
Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Kandinsky, Jawlensky und Werefkin müssen als feindliche Ausländer Deutschland verlassen. Marc und Macke werden unmittelbar nach Kriegsausbruch einberufen. Alle Aktivitäten des ›Blauen Reiters‹ kommen zu einem plötzlichen Ende.
Kandinsky emigriert mit Münter zunächst in die Schweiz
Macke fällt an der Westfront bei Perthes-lès-Hurlus in Frankreich.
Marc schreibt an Kandinsky, »ich habe das traurige Gefühl, daß dieser Krieg wie eine große Flut zwischen uns beiden strömt, die uns trennt; der eine sieht den andern kaum am fernen Ufer«.
Marc verfasst erschüttert einen Nachruf auf Macke: »Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche Kunst gesorgt hat, wer etwas von unsrer künstlerischen Zukunft ahnte, der kannte Macke. Und die [ihn kannten wie] mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, [die] wir wußten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit seinem Tode knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unsrer deutschen künstlerischen Entwicklung ja <sic!> ab; keiner von uns ist im Stande, sie fortzuführen. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir uns begegnen werden, wird er immer fehlen.«
Kandinsky reist nach Russland und kehrt erst 1921 wieder nach Deutschland zurück.
1916
Marc wird während eines Erkundungsritts bei Verdun durch einen Granatsplitter tödlich getroffen.
Nach einem letzten Treffen in Stockholm trennen sich Kandinskys und Münters Wege endgültig.
Kandinsky besucht nie wieder München oder Murnau. Er wird einer der führenden Köpfe des Bauhauses und emigriert 1933 nach Frankreich, wo er 1944 stirbt. Gabriele Münter kehrt 1931 nach Murnau zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1962 hauptsächlich lebt. 1956 stiftet sie wichtige Teile ihrer einmaligen Sammlung von eigenen Werken sowie Werken Kandinskys und anderer Protagonisten des ›Blauen Reiters‹ der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München. Ihr Wohnhaus wird in den Zustand der Zeit von 1909 bis 1914 zurückversetzt und Museum.