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Geschichte
Hochkultur im tropischen Regenwald
Brezel aus Maismehl und Chili, ein Mais-Labyrinth und Anbau von Mais, mehr regionale Bezüge fielen den Ausstellungsmachern zum Thema "Maya - Rätsel der Königsstädte" nicht ein. Dabei hat das Kernthema der Ausstellung einen immer währenden aktuellen Bezug: Die Instabilität herrschender Machtsysteme. (Verfall herrschender Machtsysteme durch deren Destabilisierung)
Das größte Rätsel, mit den sich die noch relativ junge Altamerikanistik beschäftigt, ist das plötzliche Verschwinden der Maya-Kultur aus ihrem Kernland ab dem 8. Jh. n. Chr. Eine derartig hochentwickelte Kultur könne, so die bisherige Theorie, nur durch eine Klimakatastrophe zum Kollabieren gebracht worden sein. Dürreperioden und darauf folgende Hungerkatastrophen konnte diese, auf göttlicher Legitimität und komplexen Beziehungsgeflechten beruhende Herrschaftsform nichts entgegenhalten. Die Prunksucht der höfischen Elite und der Gottkönige ließen die Bevölkerung und die Umwelt ausbluten. Jedoch fanden der Klimawandel und die Dürrephasen erst 100 Jahre später statt, als die meisten Städte des Maya-Kernlandes (Guatemala, Mexiko/Yucatan, Belize) bereits verlassen waren.
Aktuelle Grabungen in Uxul, einer Stadt im Einflussbereich der berühmten Städte Calakmul und Tikal, könnten neue Erkenntnisse zum Kollaps dieser Kultur liefern. Uxul wurde 1932 von den beiden amerikanischen Archäologen Karl Rupert und John H. Denison bereits ausgegraben und dokumentiert. Allerdings misslang die Kartierung des Ortes, so dass erst 2005 der slowenische Altamerikanist und Kollege Prof. Nikolai Grubers, Prof. Ivan Sprajc, die Stadt wiederentdeckte. Heute ist Prof. Grube der Leiter des Forschungsprojektes und hat gemeinsam mit dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer die aktuelle Ausstellung "Maya-Rätsel der Königsstädte" konzipiert. Es ist nun möglich, anhand der rund 250 Exponate, zusammengetragen aus Europa und Guatemala, eine untergegangene Kultur zu erfahren. Erstaunlich viele Exponate stammen aus Raubgrabungen. Der Fundort der Beute ist meist nicht mehr zu ermitteln, geschweige denn ihr Fundzusammenhang. Damit ist eine historische Quelle unwiderruflich zerstört. Allein 89 Artefakte aus Raubgrabungen stellte die guatemaltekischen Fundación La Ruta Maya zur Verfügung. Ihr Ziel ist es, die seit den 1950er Jahren immer mehr ausufernden Raubgrabungen zu unterbinden und die Bevölkerung für den Wert ihres kulturellen Erbes zu sensibilisieren. Beuteobjekte, die sich mittlerweile in Sammlungen und Museen befinden, sollen dem Staat Guatemala zurückgeführt werden und anschließend der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Neben der kulturhistorisch relevanten Frage nach dem Niedergang der Maya ab dem 8. Jahrhundert n. Chr., widmet sich die Ausstellung auch der Frage nach deren Aufstieg in einer derart lebensfeindlichen Umwelt wie dem tropischen Regenwald. Eine straffe und raffinierte Organisation der Versorgung war vonnöten, um dem Dschungel das wenig Lebensraum abringen zu können. Die Achillesferse der Städte lag in der Wasserversorgung begründet. Das in der Regenzeit fallende Wasser versickerte im Karstfelsen. Für die Trockenzeit mussten raffinierte Leitsysteme und Wasserreservoirs mit Kläranlagen genutzt werden.
Nicht minder komplex war das gesellschaftliche Gefüge. Im Zentrum der Stadt stand ein Gottkönig, dessen Herrschaft neben der göttlichen Linie ein weit verzweigtes Beziehungsnetz zu konkurrierenden und untergebenen Städten/Königen unterhielt. Vasallen wurden mit Statussymbolen wie beschrifteten und reich dekorierten repräsentativen Tellern für ihre Loyalität belohnt. Wie ein Hofstaat ausgesehen haben mag, zeigt eindrücklich eine Gruppe von qualitativ hochwertigen Figurinen aus El Peru. Diese Gruppe farblich gefasster und detailverspielter Figuren sind in ihrer Qualität und Quantität bisher einmalig. 23 Protagonisten einer Wiederauferstehungszeremonie werden hier dargestellt. Darunter der verstorbene König mit seinem tierischen Alter Ego. Neben König und Königin erscheinen Kleinwüchsige wohl in der Rolle hochgeschürzter Narren, Tänzerinnen und Ballspieler. Aber auch der Thronfolger mit einem Klistier, womit bei zeremoniellen Handlungen Halluzinogene rektal eingeführt wurden. Die Elite halluzinierte sich in Trance während das einfache Volk an die Göttlichkeit der in Zungen Redenden glauben sollte.
Ein Highlight der Ausstellung stellt ein hölzerner Türstütz mit historischen Motiven dar. Ist es schon Sensation genug, dass sich im tropischen Regenwald Holz überhaupt erhalten hat, so verhelfen die Darstellungen auf den vier Brettern zum Verständnis des Konfliktes zwischen den beiden Großmächten der Städte Tikal und Calakmul. Die Hieroglyphen erwähnen die Datierung der Szene in das Jahr 744 n. Chr., der Sieg des Königs von Tikal über Naranjo, einem ehemaligen Vasallen Calakmuls. Mitte des 7. Jhs. war zwischen den beiden Städten ein Konkurrenzkampf um die Vormachtstellung im Kernland der Maya entfacht. 695 n. Chr. wurde diesem Tauziehen ein Ende bereitet, nachdem Tikal den König von Calakmul gefangen nahm und wohl auch opferte. Allerdings entstand nun, in der Zeit der höchsten Bevölkerungsdichte, ein Machtvakuum. Die Vasallenstädte rangen nun in jahrzehntelangen Kriegen um die Nachfolge Calakmuls. Das sensible Gefüge geriet ins Wanken, die Versorgungssysteme verfielen zunehmend und die Bevölkerung verlies alsbald die Städte. Von den kriegerischen Auseinandersetzungen zeugen in Uxul sowohl eine Brandschicht als auch zahlreiche Funde von Pfeilspitzen. Einige Skelette deuten darauf hin, dass es niemanden mehr gab, der sie hätte bestatten können. Von diesem Niedergang erzählen die letzten Exponate der Ausstellung. Standardisierte Gefäße erlaubten eine Produktion qualitativ minderer Massenware. Am deutlichsten wird das Ende des Gottkönigtums durch eine Stele, die, anders als ihre Vorgänger, in drei Register unterteilt ist und mehrere Personen statt nur alleine den König darstellen. Unsicher ist zudem, ob es sich bei der Person im mittleren Register überhaupt um einen König handelt. Er erscheint in allzu geringer Körpergröße, umgeben von dem mexikanischen Regengott Tallok und fremden Hieroglyphen.
Mitte des 10. Jh. waren die Städte des Kernlandes nahezu entvölkert. Die Überlebenden zogen auf die Halbinsel Yucatan. Dort entstand die nächste Epoche der Maya-Kultur, nur diesmal ohne Gottkönige. Ein endgültiges Ende dieser Hochkultur wurde mit der Konquista erreicht und bis heute kämpfen Maya-Nachkommen um ihre Würde. Die letzten Aufstände liegen gerade mal etwas über 20 Jahre zurück, als die indigene Bevölkerung Mexikos, größtenteils Maya-Nachkommen, gegen das Freihandelsabkommen NAFTA aufbegehrte und seither die Weltöffentlichkeit aus dem lakadonischen Urwald auf ihre prekäre Lebenssituation aufmerksam machen. Ein Versäumnis beider Museen, diesen historischen Aspekt zumindest im Begleitprogramm anklingen zu lassen, statt sich unverfänglich und oberflächlich auf die Kulinarik und das Brezeln backen zu beschränken.
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