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In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.
Nr. 8: Von Blauen Stunden
Hebt sich etwas vom anderen ab, geschieht dies „wie Tag und Nacht“. Tagsüber ist es hell, nachts dunkel, klare Sache. Von Dämmerung und Blauen Stunden spricht niemand.
Das Foto unten zeigt zuoberst auf dem Treppchen die Schweizer Hochspringerin Ilsebill Pfenning. Dass das Meeting in Turin zwei Wochen nach Ausbruch des II. Weltkriegs stattgefunden hat, interessiert hier nicht. Ebenso wenig der kuriose Umstand, dass der rechte Arm Pfennings, den olympischen Sportgruss vollziehend, dilettantisch wegretuschiert worden ist, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Athletin grüsse deutsch.
Von Interesse ist hingegen: Zwei Jahre später, am 27. Juli 1941, egalisierte Pfenning in Lugano mit einer Höhe vom 1.66m den Weltrekord. Die erste auf Schweizer Boden erzielte Weltbestmarke in der Leichtathletik. Doch das erfuhr man erst Jahre später. Pfennings Rekordsprung wurde erst 1976 offiziell anerkannt. Warum?
Den Weltrekord hielt seit 1938 die Deutsche Dora Ratjen (1.70m). Ratjen war intersexuell. Ihre äusseren Sexualorgane liessen bei der Geburt keine eindeutige Geschlechtszuordnung zu. Die Hebamme entschied auf weiblich, und Ratjen wuchs als Dora auf. Kurz nach ihrem Weltrekord stellte ein Polizeiarzt fest, dass Ratjen Ansätze männlicher Genitalien besass. Das Gezerre um ihr Geschlecht endete mit der amtlich beurkundeten Korrektur des Geschlechts und der nachträglichen Aberkennung des Weltrekords. Aus Dora wurde Heinrich.
Dora Ratjen war eine Blaue Stunde. Ein Mensch auf einer langen Liste von Sportlerinnen, die sich in der Dämmerung zwischen Mann und Frau bewegen. Eine Tageszeit, für die der Sport keinen Platz findet. Dabei ist Intersexualität heute ein unbestrittenes Faktum. Einige Länder, darunter Australien, anerkennen auch formell ein „drittes Geschlecht“.
Der Sport hält an einer Tag-Nacht-Regelung fest. Hier gibt es nur Männer und Frauen. Keine Dämmerung. Das kann gewaltsam sein. Vor Kurzem willigten in Frankreich vier ausländische Athletinnen mit hoher Testosteronproduktion, was auf Hoden im Bauchraum zurückzuführen ist, unter Druck in eine Kastration und Klitoristeilentfernung ein, um weiterhin eine Starterlaubnis zu erhalten.
Ob der Sport in Zukunft auf die inhumane Einteilung der Menschen in Geschlechter verzichten wird, steht in den Sternen. In der Vergangenheit war er zu Ähnlichem schon einmal bereit: An den Olympischen Spielen 1904 St. Louis unterschied man noch zwischen „Weissen“ und „Wilden“. Nachdem ein Streit darüber entbrannt war, wem die Türken zugeordnet werden sollten, wurde auf eine Fortführung verzichtet.