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Geschichtliches aus Visp
Einst Marktflecken, heute Oberwalliser Industrie- und bald Verkehrszentrum. Visp ist neben der Agglomeration Brig-Glis/Naters das andere – bedeutend kleinere – Zentrum in der Talebene des Oberwallis. Im Verlaufe der letzten Jahrzehnte ist es aber in mancher Beziehung weit über das Potenzial hinausgewachsen, das einem Gemeinwesen seiner Grösse üblicherweise zukommt. Dank seiner Infrastruktur ist Visp zu einem Wirtschafts-, Kultur-, Sport-, Gesundheits-(Spital)- und neuerdings Verkehrs-Zentrum für das Oberwallis geworden.
Vom geistlichen zum weltlichen Adel
Der Bischof von Sitten, der – seit 999 – auch die weltliche Macht besass, übertrug diese für den Zenden (Bezirk) Visp einem Meier, vorerst einheimischen, später landesfremden Adelsfamilien, als um 1250 die Tochter des amtierenden Meiers den aus dem Piemont stammenden verarmten Grafen Gottfried von Biandrate ehelichte. ES folgte eine unruhige, blutige Herrschaft, die weit über hundert Jahre dauerte. Die Bevölkerung rang dem Bischof in der Folge immer mehr Rechte ab.
Um 1214 erstmals erwähnt, bleib Visp während Jahrhunderten ein beliebter Marktflecken, der gleichzeitig ein wichtiger Ausgangs- und Umschlagsort für die beiden Vispertäler, nach Italien und bis ans Mittelmeer war. Davon zeugt die 1352 errichtete Pflanzetta, eine weitherum bekannte Suste, ein bedeutender Güterumschlagsplatz.
Schlacht bei Visp 1388 – ein Sieg für das Oberwallis
Ach von kriegerischem Wirren wurde die Burgschaft mehrmals heimgesucht. So 1388, als aber die vereinigten Oberwalliser ein übermächtiges Savoyander-Heer mit Wagemut und List entscheidend schlug, woran der Blaue Stein mitten in der Burgschaft noch heute erinnert.
1799 gerieten die Visper nochmals vorübergehend unter Fremdherrschaft, als die Oberwalliser an der Landbrücke in Visp nach schweren Verlusten die Waffen streckten und Visp Plünderung und Brandschatzung der französischen Truppen über sich ergehen lassen musste.
1848 bei der Gründung des Bundesstaates ging die Führung der Ortschaft von der Burgerschaft an die Munizipalgemeinde über. Diese erweiterte sich 1972 im Osten durch die Eingemeindung von Eyholz beim Grosshüs bis an die Grenze zu Brig-Glis.
Räumliche Entwicklung durch Überschwemmungen gehemmt
Eingebettet zwischen den beiden grössten Flüssen des Wallis, dem Rotten und der Vispa, blieb Visps räumliche Entwicklung während langer Zeit auf die leicht erhöhten Dorfteile um die beiden Kirchenhügel herum beschränkt. Allzu oft traten diese Gewässer über die Ufer und richteten in der Ebene unterhalb der Hügel, jeweils grossen, ja verheerenden Schaden an den Kulturen an.
Am Anfang des Tourismus war Visp voll dabei
Fremde – vor allem reiche Engländer – entdeckten um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Schönheit der Alpen, wobei das Matterhorn eine besondere Anziehungskraft ausübte. Wer dorthin wollte, musste – angesichts des damaligen Zustandes der Verkehrswege – in Visp rasten, übernachten oder auf andere „Verkehrsmittel“ umsteigen. Zunächst entstanden einfache Unterkünfte, später gleich mehrere stattliche Hotels. Aus Bauern und Fuhrwerklern wurden Hoteliers, Portiers, Kutscher, Säumer, Gepäck- und Sänfteträger.
Die Geschäftigkeit nahm noch zu und der Wohlstand wurde grösser, als Visp 1876 vorübergehend Endstation der Jura-Simplon-Bahn wurde. Die Blütezeit war aber von kurzer Dauer, denn schon 1891 führte die Visp-Zermatt-Bahn die Gäste bequem bis nach Zermatt hinauf. Visp wurde zum Umsteige-Bahnhof degradiert. Viele Einwohner verloren so ihren Brot- oder Zusatzerwerb. Als Ende der 20er Jahre die VZ-Bahn bis nach Brig verlängert wurde, war dies für Visp ein weiterer Schritt in die verkehrsmässige Bedeutungslosigkeit.
Visp – der Werkplatz für das Oberwallis
Erst als man um 1870 die beiden Flüsse in jahrelangen aufwändigen Arbeiten einigermassen korrigiert und die Ebene entsumpft hatte, konnte sich die Siedlung nach Norden ausdehnen. Das war zusammen mit der nahen Wasserkraft im Saastal Voraussetzung dafür, dass die bis dahin in Gampel etablierte Lonza AG Visp 1907 als neuen Standort wählte und damit für die Burgschaft das industrielle Zeitalter einläutete. Visp zählte um die Jahrtausendwende 6‘500 Einwohner, ist aber mit 7‘200 Arbeitsplätzen der wichtigste Werkplatz des Oberwallis. 4‘800 Arbeitnehmer pendeln nämlich täglich nach Visp. 2‘700 Berufstätige sind allein in den Chemiewerken der Lonza AG beschäftigt. Deren guter Geschäftsgang, seit bald hundert Jahren, ist somit für die wirtschaftliche Sicherheit weiter Kreise im ganzen Oberwallis von entscheidender Bedeutung.
Dank der organisierten Personentransporte durch das Werk konnten viele Arbeiter-Bauern in den Bergdörfern der näheren und weiteren Umgebung wohnhaft bleiben. Dort sorgten initiative Kräfte durch den Bau von Bahnen und Liften, von Hotels und Chalets für zusätzlichen Verdienst im Tourismus.
Tourismus heute – Zusammenarbeit in der Region
Da es sich aber um durchwegs kleinere Stationen handelt und andererseits das Zentrum Visp verkehrstechnisch günstig liegt und über eine vielseitige Infrastruktur verfügt, lag da eine Verbindung auf der Hand. Aus diesen Überlegungen heraus entstand 1986 die touristische Werbegemeinschaft „rund um Visp“, bei der inzwischen 24 Gemeinden aus vier Bezirken mitmachen. In Visp selber wurde die Bahnhofstrasse in eine fussgängerfreundliche Einkaufsstrasse umgewandelt. Ein wöchentlicher Pürumärt belebt den Kaufplatz wieder, der zuvor während Jahrhunderten Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens geblieben war. Prächtig restauriert und herausgeputzt zeigt sich die Altstadt mit den beiden Kirchen, die von den Bruchstücken einer Wehrmauer umgeben sind. Das älteste Gebäude, der Meierturm, stammt aus dem 12. Jahrhundert.
Pfarrei bald 1‘000 Jahre alt
Die Geschichte der Pfarrei Visp dürfte bis ins 11. oder gar ins 10. Jahrhundert zurückreichen. Als eine der grössten im Wallis umfasste diese ungefähr den Bereich des späteren Zenden, des heutigen Bezirkes Visp. Heute gehören in Visp 93% der römisch-katholischen, 7% der evangelisch-reformierten Konfession an.
Der Turm der Pfarreikirche verlor 1855 beim grossen Erdbeben, bei dem praktisch jedes Gebäude im Dorf in Mitleidenschaft gezogen wurde, seinen majestätischen Rippenhelm, der nicht mehr aufgesetzt wurde, ein Entscheid für den nicht etwa finanzielle, sondern architektonische Überlegungen massgebend waren.
Seit 1938 ist Visp Sitz des St. Jodernheims, des Bildungshauses für die Oberwalliser Katholiken.
Schon 1528 Sitz einer Privatschule
Bildung spielte in Visp schon früher eine Rolle, führte doch hier der Humanist Thomas Platter schon 1528 eine Privatschule. Eine Pioniertat war 1935 die Gründung der ersten Sekundarschule des Oberwallis. Heute ist Visp Schulzentrum für die Jugend aus sieben Gemeinden.
Seit den 20er Jahren beherbergt Visp die Landwirtschaftliche Schule Oberwallis und die gewerbliche Berufsschule für die metallverarbeitenden und gewerblichen Berufe. Bedeutend mehr Gewicht erhält in naher Zukunft die Berufsschule, die in Visp seit anfangs der 60er Jahre in eigenen Räumen unterrichtet. Zu den zwei bisherigen Schulgebäuden kommt nun noch ein drittes. Dazu gibt es neu Werkstätte für den praktischen Unterricht und später ist eine Dreifach-Turnhalle, die endlich den seit 20 Jahren vorgeschriebenen Lehrlingssport ermöglicht.
Die Hochschule für Wirtschaft (HWV) für das Oberwallis wurde nach 12 Jahren Aufbau, in den die Gemeinde beachtliche Mittel investiert hatte, von Visp nach Siders verlegt. Sie wurde ersetzt durch die Oberwalliser Antenne zur kantonalen Wirtschaftsförderung, verbunden mit einer breitgefächerten Unternehmerschulung. Visp beherbergt die Walliser Hochschule für Gesundheit und soziale Arbeit für Deutschsprachige.
Eine Infrastruktur, die kantonsweit ihresgleichen sucht
Der Tatsache, dass Visperinnen und Visper seit jeher und inzwischen in über 100 Vereinen aktiv, initiativ und oft auch erfolgreich sind, ist es zu verdanken, dass Visp heute in sportlicher wie kulturellen Hinsicht über eine Infrastruktur verfügt, die proportional zur Einwohnerzahl im ganzen Kanton ihresgleichen sucht.
So gäbe es beispielweise ohne Eishockey-Club Visp – Schweizermeisterschaft 1962 – im Oberwallis wohl kaum eine polyvalent nutzbare Eishalle. Ohne beachtliche und weit über die Ortsgrenzen hinaus begeisternde, kulturelle Leistungen während Jahrzehnten gäbe es wohl kaum ein Kultur- und Kongress-Zentrum „La Poste“ mit einem 600-plätzigen Theater, das mancher Stadt mit zehnmal mehr Einwohnern gut anstehen würde, und seit 1991 auch eine willkommene Aufwertung des Ortsbildes darstellt.
Das „La Poste“ aber hatte seinen Preis. Es war ein Kraftakt, der nicht aus der „Portokasse“ bezahlt werden konnte. Nach Jahren, in denen die Gemeinde allein für Schuldenzinsen bis zu 4 Millionen Franken aufwenden musste, sorgten verschiedene günstige Faktoren anfangs dieses Jahrhunderts für einen spürbaren Schuldenabbau. Die Gemeinde kann – weiterhin solide Gemeindefinanzen voraussetzen – das dritte Jahrtausend mit Zuversicht in Angriff nehmen.
Überschwemmungsgefahr gebannt
Erst die erste Rottenkorrektion vor bald 150 Jahren erlaubte endlich eine grössere bauliche Entwicklung von Visp auch in der Talebene. Seither ist die Siedlung bei verschiedenen Hochwassern zum Teil nur mit grossem Glück von schlimmeren Schäden verschont geblieben.
Diese wiederholte Bedrohung verlangt seit Jahrzehnten nach wirkungsvollen Massnahmen. Nun läuft die dritte Korrektion des Rottens mit Aufwendungen in Milliardenhöhe an, mit dem Bereich Visp als dringendste Priorität an, ebenso diejenige der Vispa.
Damit wird Visp nun endlich von der Überschwemmungsgefahr befreit. Das Industriegebiet – das einzige grössere im Oberwallis – und die Wohnzone der Zukunft im Westen werden damit gesichert.
Ein solider Industrie-Standort
Obwohl die Fusionitis am Ende des 20. Jahrhunderts auch die Lonza, ihre Aktionäre und vor allem die Mitarbeiter in Aufregung versetzte, sollten – unter welchem Namen und bei welchen Produkten auch immer – die Arbeitsplätze in den Visper-Werken erhalten bleiben können. Laufend modernisierte Forschungs- und Produktionsanlagen, beträchtliche Ausdehnungsmöglichkeiten und eine anerkannt leistungsbereite, zuverlässige und tüchtige Belegschaft sollten gute Garantien dafür sein.
Dies dürfte auch auf die Biotechnologie zutreffen, die 2001 mit einem bedeutenden Neubau für Forschung und Produktion in Visp vielversprechend gestartet, dann aber wegen weltweiter Nachfragelaute brüsk gestoppt und auf Eis gelegt wurde. Inzwischen schein aber auch dieser Sektor – wenn auch zögernd – anzulaufen.
Wünschbar wäre die Ansiedlung von weiteren mittleren und kleineren Unternehmen, die Förderung von Firmengründungen. Mit gezieltem Standortmarketing will die Gemeinde hier jetzt aktiv werden.
Bern – weniger als 1 Stunde von Visp entfernt
Die Fahrzeit zwischen Visp und Bern beträgt seit dem Bau des NEAT-Tunnels nur noch 54 Minuten. Damit ist das Pendeln für Arbeit oder Studium in den Bereich des Zumutbaren gerückt, ein neuer Trumpf für die Wohnqualität von Visp.
Nach 20 Jahren Stagnation , Wachstum auch bei Bevölkerung
Hatte sich die Bevölkerungszahl während gut 20 Jahren bei rund 6‘500 Einwohner eingependelt, könnte sich dies bald ändern. Die neue Funktion als internationaler Bahnknotenpunkt für fast das ganze Wallis hat eine Aufbruchsstimmung erzeugt, die u. a. zur Folge hat, dass noch nie so viele grössere Bauvorhaben anstanden wie zurzeit. Auch der vermehrte Zuzug von bisher andernorts zentralisierten Firmen und Institutionen ist offensichtlich.
Es ist – stetig noch wachsendes – regionales Einkaufszentrum für den täglichen Bedarf und für Baumaterialien, ist Verteilzentrum für Getränke für das ganze Oberwallis und Sitz einer ganzen Reihe von Walliser Elektrizitäts-Gesellschaften. Seit mehr als 30 Jahren führt es jährlich regionale Publikumsmessen und Ausstellungen durch. Visp ist Standort des Akut-Spitals für das Oberwallis.
Wenn es seine Zentrumfunktion aktiv wahrnimmt und bewusst und gezielt ausdehnt, wird Visp gewappnet sein für die Herausforderungen einer neuen Zeit. Ein merklich stärkeres Wachstum des Städtchens dürfte damit einhergehen.