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Das musst du wissen
- Noch vor vier Jahren verschrieb die deutsche Ärztin Natalie Grams ihren Patienten homöopathische Präparate.
- Seit sie 2015 ein homöopathiekritisches Buch geschrieben hat, reisst das mediale Interesse an ihr nicht mehr ab.
- Trotz Hasskommentaren und Polizeischutz auf Veranstaltungen hält sie weiter an ihrer Mission fest.
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Frau Grams, wenn Sie heute zurückschauen: Sind sie auf die Homöopathie hereingefallen?
Ja, das würde ich im Nachhinein so sagen – obwohl es mir nie so vorkam. Ich empfand die Homöopathie damals als echte Hilfe. Als eine Art zweites Wissen, das ich geschenkt bekommen habe. Als Reinfallen oder als Betrug kam es mir nicht vor.
Die Idee der Homöopathie kurz erklärt
«Ähnliches kann mit Ähnlichem geheilt werden.» Das ist die These des deutschen Arztes Samuel Hahnemann, der die Homöopathie Ende des 18. Jahrhunderts begründete. Leidet ein Patient zum Beispiel unter Kopfschmerzen, so wird er mit einer Substanz behandelt, die die gleichen Symptome bei einem gesunden Menschen hervorruft.
Diese Substanz wird vorher aber einer sogenannten Potenzierung (Verdünnung) unterzogen: Sie wird mit Wasser oder Ethanol verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben, dies meistens im Verhältnis 1:10 oder 1:100.
Ursprünglich verdünnte man, weil viele Substanzen giftig waren. Erst später entwickelte Hahnemann die Idee der Potenzierung oder «Dynamisierung», durch die eine «im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft» wirksam werde.
Aber sie haben ihren Patienten Zuckerkügelchen verschrieben, die am Kiosk als Traubenzucker billiger zu haben gewesen wären. Ist das kein Betrug?
Betrug setzt voraus, dass jemand vorsätzlich täuschen will. Fast alle Homöopathen, die ich kennengelernt habe, glauben aber wirklich, dass die Homöopathie eine besondere Wirkung hat, die einfach noch nicht erforscht worden ist. Das ist kein Betrug. Ich weiss, dass manche Skeptiker die Homöopathie sogar als Kindesmisshandlung bezeichnen. Das werden Sie von mir aber nicht hören.
Sie waren eingebettet in eine Gemeinschaft von Homöopathen. Haben Sie Freunde verloren, als sie sich davon abgewendet haben?
Ja. Eigentlich alle.
War auch ihre Familie betroffen?
Ich habe aufgehört, über meine Familie zu sprechen. Denn ich stehe unter ständiger Beobachtung. Es wurde auch schon versucht, Dinge über meine Kinder herauszufinden. Da ziehe ich eine klare Grenze. Das geht zu weit. Und es wird die Homöopathie auch nicht retten.
Wie bleiben sie trotz so viel Gegenwind motiviert?
Mein Antrieb ist, dass ich mich selbst so geirrt habe. Und dieser Irrtum ist der omnipräsenten Falschdarstellung der Homöopathie geschuldet, in der Medizin, in den Medien. Dem versuche ich nachzukommen. Das gelingt erstaunlich gut, weil mir eine enorme Medienpräsenz geschenkt wird, weil sich dieser Twist in meiner persönlichen Geschichte medial gut macht.
Natalie Grams
Ärztin, Autorin und ehemalige Homöopathin
Natalie Grams engagiert sich seit vier Jahren in der Aufklärung über Homöopathie. Sie hat dazu die Bücher «Homöopathie neu gedacht» und «Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen» geschrieben.
Sie ist ausserdem Kommunikationsmanagerin bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften GWUP, Leiterin des Informationsnetzwerkes Homöopathie und arbeitet für den Deutschen Konsumentenbund.
Ehrenamtlich engagiert sich Natalie Grams als Vize-Präsidentin des Humanistischen Pressedienstes, als Beirätin der Giordano-Bruno-Stiftung sowie im Münsteraner Kreis.
Zudem schreibt die Buchautorin regelmässig für «Spektrum der Wissenschaft».
Im Internet erhalten Sie Hasskommentare, und auf Veranstaltungen mussten sie auch schon von der Polizei geschützt werden. War es das wirklich wert?
Ich habe nicht mit dem Rummel gerechnet. Die ganze Mediensache kam erst nachdem ich mein Buch veröffentlicht und meine Praxis geschlossen hatte. Unsere Lokalzeitung in Heidelberg hat dann mal angefragt, ob ich ein Interview geben will. Ich war völlig unvorbereitet und hatte keine Ahnung, wie man so etwas macht. Nur einen Tag nach diesem Interview meldete sich der Stern: Frau Grams, sprechen Sie mit niemandem mehr, wir wollen Sie exklusiv. Und danach hat es einfach nicht mehr aufgehört. Seit vier Jahren kriege ich nahezu jeden Tag Presseanfragen. Natürlich muss es auch immer mit der Familie passen.
Sie wurden vollkommen überrumpelt?
Ich hatte niemals den Plan, zur Homöopathie-Kritikerin zu werden. Mir war es wichtig, meinen Patienten in die Augen schauen zu können. Und mir selbst. Dass diese Furore losbricht, war nie Teil der ganzen Idee. Und trotzdem ziehe ich die Motivation vor allem daraus, dass ich so angefeindet werde. Ich dachte immer, es gehe um ein Sachthema. Wir sprechen über Wissenschaft, über Medizin. Eigentlich habe ich persönlich nichts damit zu tun. Aber je mehr man mich ärgert, desto klarer sage ich meine Meinung dazu. So hat sich das entwickelt. Im Moment überlege ich, meine Ausbildung zur Fachärztin wieder aufzunehmen, und andere Lebensbereiche wieder auszudehnen. Denn meine jetzige Aufgabe ist schon auch sehr anstrengend.
Unschuldig sind Sie ja nicht daran. In der Presse und auf Social Media befeuern Sie den Rummel und sind omnipräsent. Haben Sie einfach ein neues Geschäftsmodell gefunden?
Das denken viele Menschen. Sie sagen, jetzt verdient sie sich reich mit dem Buch. Aber das stimmt gar nicht. Es ist ein kleines Buch in einem kleinen Fachverlag in einer kleinen Sachbuch-Sparte. In zwei, drei Monaten Praxistätigkeit hätte ich mehr verdient als mit dem Buch in vier Jahren. Die meisten Medienauftritte mache ich umsonst. Im besten Fall werden die Fahrtkosten erstattet. Und dann bin ich mit einer kleinen Teilzeitstelle beim Verein der Skeptiker und beim Konsumentenbund angestellt.
Es gibt Kritiker, die sagen, dass Sie von der Industrie bezahlt seien. Ein User hat mich im Vorfeld dieses Gesprächs gewarnt: Sie hätten im Dienst von Bayer/Monsanto eine Veranstaltung zur Reinwaschung des Herbizids Glyphosat und der Gentechnologie moderiert.
Ich werde nicht von der Industrie bezahlt. Ich habe nie für Bayer/Monsanto gearbeitet und Glyphosat ist gar nicht mein Gebiet. Es werden mir jeden Tag viele Dinge unterstellt, ohne sie zu überprüfen.