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Quellen:
Braunschweig, Max: "Schicksale vor den Schranken. Berühmte Schweizer Kriminalprozesse aus vier Jahrhunderten". Darin: "Die Magd von Glarus. Der letzte Hexenprozess in Europa 1782", Schweizer Druck und Verlagshaus, Zürich 1943
Noll, Peter, Prof. Dr.: "Der Prozess gegen Anna Göldi", Beobachter (Schweizerische Zeitung in Basel), mehrere Ausgaben Februar 1971
Prof. Dr. rer. nat. Werner Schiebeler, Zeitschrift 'Wegbegleiter' Nr. 2/2005, S. 7-49.
Anna Göldi war die Tochter sehr armer Eltern, die schon in früher Jugend ihren Lebensunterhalt als Dienstmagd verdienen musste. Mit 28 Jahren war sie im Pfarrhaus von Sennwald beschäftigt. Dort lernte sie einen jungen Burschen Namens Jakob Rhodurner (red. oder Rhoduner) kennen. Dieser schwängerte sie, liess sie dann aber sitzen. Anna verbarg die Schwangerschaft und gebar das Kind ohne jeden Beistand. Es starb aber sehr schnell. Als das tote Kind entdeckt wurde, stellte man Anna öffentlich an die Schandsäule. Drei Jahre später fand sie Dienst im Haus eines Dr. Zwicky in Mollis. Wieder wurde sie schwanger, und zwar diesmal von ihrem Dienstherrn. Wieder wurde die Geburt verheimlicht, aber das Schicksal dieses Kindes ist unbekannt.
Nach weiteren mehrfachen Stellungswechseln, sie war inzwischen 42 Jahre alt, trat sie 1780 ihren Dienst bei dem angesehenen Arzt und Richter Johann Jakob Tschudi an. Er lebte mit Frau und fünf Kindern in Glarus in der Schweiz. Die zweitälteste Tochter des Ehepaars hiess Annemaria, genannt Annemigli. Sie war acht Jahre alt, dumm, verwöhnt, unartig und der Liebling der Mutter. Dieses Kind riss der Magd 1781 einige Male die Haube vom Kopf und bekam dafür einen Klaps. Die Mutter rügte daraufhin die Magd.
Einige Tage darauf fand das Kind in seiner Milch eine Stecknadel (Gufe). Und in den folgenden Tagen jeweils wieder eine, und dann sogar eine im Brot. Nun wurden die Eltern stutzig. Ein erster Verdacht fiel auf die Magd Anna, welche die Milch kochte und in der Küche in die Tassen goss. Am nächsten Tag untersuchte die Mutter die Milchtassen der Kinder und fand wirklich Nadeln in den Tassen der Annamaria und der Susanna. Daraufhin wurde die Magd hart zur Rede gestellt. Diese antwortete amüsiert, woher sie wohl Nadeln nehmen sollte, wenn sie doch überhaupt keine besässe. Als aber am folgenden Tag wieder eine Gufe in Annemarias Tasse und eine in einem Brotstück gefunden wurden, jagte man Anna noch am selben Tag aus dem Haus.
Wenn aber Dr. Tschudi und seine Angehörigen gehofft hatten, dass durch den Fortgang der Göldi die leidigen Vorfälle beendet seien, so sahen sie sich hierin getäuscht. Fast gleichzeitig mit der Entlassung der Magd stellten sich bei der kleinen Annamaria höchst sonderbare Anfälle krankhafter Art ein: Das Kind wurde beim Aufstehen von heftigem Zittern befallen, stöhnte und begann wie im Fieber unverständliches Zeug zu sprechen, wie: Man solle ihm zu Hilfe kommen; es seien Männer da; man wolle es erschlagen – und dergleichen. Auch verweigerte es tagelang feste Nahrung und musste mit Tee ernährt werden. In der Zeit zwischen den Anfällen lag es stumm und mürrisch da. Kurze Zeit nachher traten auch heftige und erschöpfende Hustenanfälle auf, bis das Kind eines Tages mitten in einer solchen Hustenkrisis mit blutigem Schleim einige Stecknadeln (Gufen) ausspie.
Das fassungslose Staunen der Eltern und der andern Augenzeugen steigerte sich noch, als das "Gufenspeien" Tag für Tag fortdauerte. Sofort wurde die kleine Annamaria das Tagesgespräch von ganz Glarus. Man drängte sich, das unheimliche Wunder zu sehen. Man empfand tiefes Mitleid mit dem kranken Kind, das nach seinen Anfällen röchelnd und zu Tode erschöpft auf seinem Bette lag. Die ausgespieenen Gufen, deren es bald hundert an der Zahl waren, grosse und kleine, gerade und verbogene, wurden sorgfältig untersucht und aufbewahrt
Sogleich war man sich darüber einig, dass das seltsame neue Ereignis mit jenen Vorfällen vor der Entlassung der Anna Göldi zusammenhängen müsse. Zwar waren seit dem Weggang der Magd bis zum ersten Gufenspeien volle achtzehn Tage verflossen; aber es schien den meisten offensichtlich, dass die Person, die heimtückischerweise Nadeln in die Milch des Kindes habe legen können, – denn dies sah man als erwiesen an, obschon Anna ihre Unschuld beteuert hatte – diese auch auf irgendeine Weise dem Kind in den Leib gebracht haben müsse. Dabei wusste man aber, und auch die Eltern behaupteten nichts anderes, dass Annemiggeli damals keine Nadeln verschluckt habe; überdies wäre es auch unerklärlich gewesen, wie solche Nadeln erst nach achtzehn Tagen vom Körper ausgeschieden worden wären. Es konnten also unmöglich dieselben Nadeln sein; und doch – so schien es den Glarnern – musste ein Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen bestehen. So kam man allgemein zur Überzeugung, dass die Göldi das Kind mit ihren Nadeln "verderbt", also verzaubert habe.