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Mit dem „Kinderhaus Dietfurt“ wurde 1864 erstmals ein Arbeiterinnenheim im Kanton St. Gallen eröffnet. Das Heim diente anfangs als Versorgungs- und Erziehungsanstalt für „arme“ und „verwahrloste“ Kinder, welche zusätzlich in den Textilfabriken arbeiteten. Ab 1900 rekrutierten St. Galler Textilfabrikanten aufgrund mangelnder billiger Arbeitskräfte vor allem ausserkantonale und ausländische Arbeiterinnen. Ledige junge Frauen arbeiteten als sogenannte „Fädlerinnen“ oder „Schifflifüllerinnen“ für einen geringen Lohn in den Stickereifabriken im Kanton St. Gallen. Sie wurden in den Arbeiterinnenheimen untergebracht und stammten zum grössten Teil aus industriearmen katholischen Gebieten - praktisch ausschliesslich aus dem Tessin und Norditalien. Geführt wurden die Heime von den Menzinger und Ingebohler Ordensschwestern. Sie verstanden ihre Tätigkeit als Akt der Nächstenliebe. Das Leben der Bewohnerinnen der Arbeiterinnenheime stand unter dem Grundsatz „Ora et Labora!“ Neben der Fabrikarbeit sollten die jungen Frauen in den sogenannten „Fabrikklöster“ die Selbstheiligung und die christliche Reife erreichen. Für meine Arbeit verwende ich Quellen aus dem Archiv für Frauen- und Geschlechtergeschichte Ostschweiz sowie des Staatsarchiv St. Gallen. Ich skizziere in meiner Arbeit unter anderem die Entwicklung der St. Galler Textilindustrie. In einer Quellenanalyse beschreibe ich zudem die in den Arbeiterinnenheimen vorherrschende Ordnung und Lebensumstände. Weiter gehe ich auf die Idee der „Fabrikklöster“ ein, welche von Pater Theodosius Florentini formuliert wurde. Er gilt als Gründer der Kongregationen Menzinger und Ingebohler Schwestern. Mit seinen Vorstellungen zur „Industrie-Caritas“, ermöglichte er unter anderem die Ausbeutung der jungen Arbeiterinnen und die Instrumentalisierung der Schwestern. Ich diskutiere ferner die Kritik, welche vor allem von der „Berufsrevolutionärin“ Angelica Balabanoff gegen die Arbeiterinnenheime geäussert wurde. Ihre Kritik löste Klagen des Kantons Tessin, des italienischen Generalkonsulats und des schweizerischen Arbeitersekretariats gegen die Arbeiterinnenheime im Kanton St. Gallen aus. Mit meiner Arbeit leiste ich einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von Frauen und Kindern, der Arbeiterinnen der Ostschweizer Textilindustrie und der momentan auflebenden Diskussion der Heimversorgung von Kindern und Jugendlichen.
(Mai 2006)