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Bart,
der dem männlichen Geschlechte eigentümliche Haarwuchs (s.
Haare)
[* 2] um Mund,
Kinn und
Wangen. Die
Barthaare haben
gewöhnlich einen derbern Schaft als die übrigen, sind kürzer und starrer als das Haupthaar und beginnen ihre eigentliche
Entwicklung erst um die Zeit der
Pubertät. Bei Frauen findet sich ein Bärtchen öfters in spätern Jahren,
meist nach Erlöschen der Zeugungsfähigkeit, ferner als hysterische
Hyperplasie, besonders auch bei den (gewöhnlich unfruchtbaren)
Mannweibern.
(Über bärtige Frauen vgl. Zeitschrift für Ethnologie, VIII, 110; XI, 145; XIII, 213.)
Die
Farbe des
Bart stimmt gewöhnlich mit der des Haupthaares überein, doch giebt es eine Menge
Nuancen, wie den dem Norden
[* 3] eigentümlichen Rot
bart, den schwach oder nicht gefärbten Milchbart u. a.
Auf Länge,
Dichtigkeit u. s. w. haben
Klima
[* 4] und Nationalität wesentlichen Einfluß. Bei manchen Völkern ist der
Bartwuchs
schwach entwickelt, namentlich bei denen mit straffem, grobem
Haar,
[* 5] so außer bei Indianern bei Nord-
und Ostasiaten sowie bei Malaien, kümmerlich bei den
Hottentotten, reichlicher bei mittel- und südafrik.
Negern, mäßig
bei den
Australiern, üppiger bei
den Papua.
Ursprünglich wurde bei allen bärtigen Völkern der
Bart als Zeichen der Kraft
[* 6] und als Zierde der Männlichkeit betrachtet,
daher auch sorgfältig gepflegt und für heilig gehalten; seine unehrerbietige Berührung wie das Entfernen
galt und gilt noch als Schimpf oder
Strafe. Aber in ganz
Mittel- und Nordeuropa findet man in Gräbern der
Metallzeit
[* 7] und
Pfahlbauten
[* 8] gebogene Bronzemesser, die vielleicht zum Rasieren dienten, wiewohl auch in Frauengräbern solche gefunden werden. Im Morgenlande
ist der Gebrauch des Rasierens uralt, bei den Ägyptern, wo nur der
Adel ein würfelförmiges Kinnbärtchen,
Pharao einen längern gepflegten und sorgsam geschützten Spitz
bart trug,
bis in die ältesten
Zeiten zurückzuverfolgen. In
Assyrien rasierte man den
Bart erst zur Zeit Sardanapals und Nebukadnezars; aber wie dort einen schmalen keilförmigen
Kinn
bart, heftete man hier einen breiten Voll
bart künstlich an. Die Babylonier sowie die alten
Perser
trugen sorgfältig gepflegte Bart. Jedoch war der, unter Umständen künstlich ersetzte, geflochtene und gekräuselte
Vollbart bei allen Altorientalen
Vorrecht des Herrschers, in verkürzter Gestalt des hohen
Adels; alle Eunuchen waren bartlos.
Die Juden stutzten den Bart wenig, salbten ihn und pflegten ihn als Abzeichen des Freien und Frommen; nur Trauernde und Gefangene vernachlässigten symbolisch auch die Pflege des Bart, ja rauften ihn wohl aus. Die Griechen ließen den Bart um Wangen, Lippen und Kinn wachsen und verwandten große Sorgfalt auf seinen Zustand. Erst zu Alexanders d. Gr. Zeit und durch ihn kam das wirtliche Scheren [* 9] des Bart auf. Die meisten Philosophen aber, insbesondere Cyniker und Sophisten, sahen im B. einen Gegenstand bewußter Würde.
Die Römer [* 10] gingen ungeschoren bis etwa 300 v. Chr.; der erste Barbier kam nach Rom [* 11] angeblich durch P. Licinius Mänas aus Sicilien. Seitdem ging man außer in Trauer glatt rasiert. In Ciceros Zeit gingen die vornehmen Stutzer noch nach dem 22. Geburtstage (Tag des ponere barbam) mit schön gestutztem Kinnbärtchen (bene barnati und barbatuli). Erst unter Hadrian ließ man allgemein den Bart wieder wachsen, und dies dauerte bis auf die Zeit Konstantins d. Gr., wo wenigstens die langen Kinnbärte in Europa [* 12] zum großen Teil verschwanden.
Bei den alten Germanen galt nach Tacitus (Germ., 31) gekürztes Haar und geschorener Bart als Zeichen der Unfreiheit oder des Verlustes der Ehre. «Gescherter» ist in Süddeutschland jetzt noch ein Schimpfwort. Die Langobarden erhielten ihren Namen vom langen Bart. Die Sachsen [* 13] trugen jedoch im 6. Jahrh, keinen Bart. Die Franken trugen in der Merowingerzeit kurzen, unter Karl d. Gr. längern Vollbart, die Vornehmen damals schon meist Schnurrbart. Im 10. Jahrh, wurde aber durch Otto I. der Bart wieder allgemein. - Noch im 12. Jahrh, pflegte man in Frankreich den bis auf die Brust herabfallenden in einzelne Strähnen zu flechten und die Spitzen des Schnurrbarts zusammenzubinden. Die vornehmen und gebildeten Stände des ausgehenden Mittelalters bevorzugten den Bart wieder. Heinrichs IV. fein bearbeiteter Knebel- und einzackiger Kinnbart (Henri quatre) machte rasch Schule und ist, geringfügig modifiziert, noch heute für den französischen Bart typisch. Ludwig XIV. und seine Feldherren und Hofdichter trugen den ausgezogenen Schnurrbart. Seines Enkels Philipp V. Eintreten für das Rasieren ¶
mehr
erregte die Spanier, die noch aus ihrer großen Zeit den dem Henriquatre verwandten sog. Spanischen Bart trugcn. Seit Ludwig XIII. und XIV. begann in Westeuropa die Mode, dann die Militärdisciplin sich des Bart zu bemächtigen, und seine Form und Gestalt wurde seitdem zahllosen Veränderungen unterworfen. In Rußland begann Peter d. Gr. die Kultivierung mit Verbot des großen Bart für alle Nichtbauern und führte, als er nicht gleich durchdrang, eine Bartsteuer ein; wer durch die Thore einer Stadt mit einem Bart ging, mußte ihn versteuern. Die Starowherzen (Altgläubigen) behielten ihn trotz Peters Verfolgungen bei.
Seit der Eroberung von Algier (1830) wurde erst in Frankreich, dann im übrigen Europa, besonders seit 1848 wieder der Vollbart Mode; er galt eine Zeit lang als Abzeichen demokratischer Gesinnung, und einzelne Regierungen bekämpften den Bart, wenigstens bei Beamten. Für die europ. Heere giebt es teils bestimmte Vorschriften, teils allgemein befolgte Sitten; so ist in Österreich [* 15] der Kotelettbart mit ausrasiertem Kinn, im Deutschen Reiche der ausgezogene Schnurrbart, in Frankreich der Knebel- mit Spitzbart, dem Henriquatre ähnlich, ihm verwandt der Victor Emanuel-Bart in Italien, [* 16] in Rußland der quadratische Vollbart üblich, im großbrit.
Heere der bis 1840 untersagte Schnurrbart seitdem vorgeschrieben; die preuß. Garde trägt das Kinn stets rasiert. Die Mode hat sich fort und fort in häufigem Wechsel mit der Form des Bart beschäftigt. Bald war mehr der Schnurr- oder der Knebelbart, bald, besonders in Frankreich (wo später der Kinnbart à la. Napoleon III. aufkam), der Henriquatre, bald der Backenbart beliebt. Der Geistlichkeit wurde der Bart bald streng verboten, bald wieder gestattet. Bei den Katholiken tragen nur die Ordens-, nicht die Weltgeistlichen einen Bart. Die Priester der griech. Kirche traten seit Mitte des 9. Jahrh. lebhaft für den in die Schranken, schmähten die röm.-kath. Geistlichen und deren bartlose Heilige und behielten den Bart bis heute bei, insbesondere die russ. Dorfpopen. In neuerer Zeit tragen viele prot. Geistliche den Bart, der ihnen vor nicht langer Zeit noch verboten oder bloß als Backenbart erlaubt war, während bis um 1700 Schnurr- und Zwickelbart für sie als allgemeiner Brauch galt. Die israel. Rabbiner tragen der alten religiösen Vorschrift entsprechend den ungestutzten Vollbart.
Der hat, außer den mit dem Kopfhaare gemeinsamen Krankheiten (z. B. Schuppen- und Kleienflechte, Wabengrind, Ansfallen oder Ergrauen der Haare u. s. w.), noch einige eigentümliche Krankheiten, namentlich die Bartfinne, Bartflechte oder den Bartgrind (Mentagra, Sycosis), eine schmerzhafte, tiefgreifende Entzündung der Haarbälge und Haarbalgdrüsen, welche leicht zu ausgedehnter Borkenbildung, zu Geschwüren und Wucherungen führt, meist durch Anhäufung von Schmutz an den Wurzeln des Haars, oft aber auch nur durch das Rasieren hervorgerufen oder unterhalten wird.
Ein eigentümlicher mikroskopischer Pilz [* 17] (Trichophyton tonsurans) findet sich bei der Bartfinne an und in den erkrankten Haaren. Diese parasitäre Form der Bartfinne, welche Köbner als knotige Trichomycosis bezeichnet, ist durch Ansteckung von einer Person auf die andere übertragbar. Dieselbe kann gewöhnlich schon durch vollständiges Beseitigen (Ausraufen) oder tägliches Abrasieren der kranken Haare und durch Bestreichen der erkrankten Stelle mit Auflösung von Quecksilber- oder Kupfersalzen, mit Carbolöl, Schmierseife oder Schwefelpaste gründlich geheilt werden.
Vgl. G. Barth, De barba (1736);
Fangé, Mémoire pour servir à l'historie philosophique de la barbe (Lyon [* 18] 1770);
Geschichte der und der spitzen Kapuzen (aus dem Französischen, Köln [* 19] und Bamb. 1780);
Dulaure, Pogonologie on historie philosophique de la barbe (Par. 1786);
Schelle, Geschichte des männlichen Bart bei allen Völkern (nach dem Französischen, Lpz. 1787 u. 1797);
Dom Calmet, Historie de la barbe de l'homme.
Historie des révolutions de la barbe des Français, depuis l'origine de la monarchie (Par. 1826);
Philippe, Histoire philosophique, politique et religieuse de la barbe (ebd. 1845);
Falke, Haar und Bart der Deutschen (im «Anzeiger des Germanischen Museums», 1858);
Quicherat, Historie du costume en France (Par. 1875);
Fleischer, Wertschätzung und Pflege von Haar und Bart (Lpz. 1885).