Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/1813

Selbst für die Wallenried-Gespräche war der Journalist Werner von Gent ein besonders prominenter Gast. Organisator Heinz Pfander hatte für die gestrige 40. Ausgabe seines Anlasses den Journalisten in den Golfclub Wallenried eingeladen. «Es ist mir eine besondere Ehre, jemanden begrüssen zu dürfen, der mich ein Leben lang im Fernsehen begleitet hat», so Pfander. Gerne habe er Van Gents Berichten aus dem Nahen Osten und dem Balkan zugehört. «Man glaubt, was er sagt», sagte Pfander, vielleicht spielte der holländische Akzent des Gastes eine Rolle.
Van Gent schaute zurück auf 37 Jahre Korrespondentenleben – in einer Region mit vielen Konflikten und Schönheiten zugleich, wie er sagte. «Ich habe viele Kriege gesehen, jedoch noch nie Militärdienst geleistet», begann er sein Referat. Er bezog sich aktuell auf die US-Wahlen und erinnerte daran, dass die USA seit über einem Jahrhundert in der Region interveniert und alle relevanten Entwicklungen beeinflusst haben.
Schwieriges Journalistenleben
Van Gent sprach frei und blickte tief zurück in eine Geschichte, die er selbst aus nächster Nähe erlebt hatte. Den Krieg lernte er an der iranisch-irakischen Front kennen. Von einem Berg aus hätten ihm die iranischen Militärs den Kriegsverlauf erklärt, als die irakische Luftwaffe sie mit Raketen beschoss. Er überlebte, erfuhr aber von Kollegen, die in Minenfeldern ihr Leben liessen. Van Gent sah im Lazarett verwundete Männer, die am Tag zuvor mit Begeisterung «Gott ist gross» gerufen hatten. «Im Spitalbett riefen sie nach ihrer Mutter», erinnerte sich Van Gent an das Geschehen.
Er sprach von einer Zeit, als er mit Schreibmaschine, Kurzwellenempfänger und einem Koffer über die griechisch-türkische Grenze marschiert war, um über den Putsch 1980 zu berichten. «So sah das Leben eines Korrespondenten damals aus», so Van Gent. Der Vollblut-Journalist schilderte, wie es selbst in den grossen Städten schwierig war, nur schon einen Text zu übermitteln.
«Europa löst sich auf»
Beeindruckt habe ihn, wie seine Berichte und jene seiner Kollegen über die Flüchtlingswelle von den irakischen Kurdengebieten in die Türkei Ende der 1980er-Jahre dazu geführt haben, dass die Schweiz viel Geld für Hilfe in der Region gespendet habe. Er habe sich immer vorgenommen, eine Situation in seiner Gesamtheit zu begreifen, ein Bild in seiner Tiefe zu verstehen.
Überall seien die USA Akteur gewesen, mit unterschiedlichen Rollen und Interessen. Nach dem Kalten Krieg habe sich eine unüberschaubare Phase der vielgestaltigen Konflikte angebahnt, die noch andauere. «Der Krieg stand mit den vielen Flüchtlingswellen plötzlich vor unserer Haustür.»
Gerade in Griechenland sei die Zunahme der Unsicherheit über Jahre hinweg gut sichtbar. Die Wirtschaftskrise brach aus, und nicht zuletzt spielte das Wachstum der EU für die Destabilisierung eine entscheidende Rolle, so Van Gent. «Europa löst sich auf – obschon es eigentlich ein erfolgreiches politisches Projekt ist.»
Van Gent kommentierte die Weltgeschichte und die Rolle von Mächten wie den USA mit spitzen Bemerkungen, mitunter auch mit scharfer Kritik. Die Amerikaner hätten zum Beispiel nach Saddams Sturz die ehrliche Absicht gehabt, das Herz und die Köpfer der Menschen zu gewinnen. «Doch es hat nicht funktioniert.» Das forsche Vorgehen der Grossmacht habe die Menschen in die Arme der Terroristen getrieben. Van Gent wies darauf hin, dass Islamisten lange einen Gegenpol zur USA gebildet haben und verantwortlich für viel Leid sind. Er riet dennoch, den Islam differenzierter zu betrachten.
Ein Jubiläums-Event
Die Wallenried-Gespräche begannen 1997 mit einem Vortrag von Hotelier und Medienmann Art Furrer, der den Gästen erzählte, wie man «Mit Freude und Mut zu Erfolg» kommt. Organisator Pfander lud in den letzten 20 Jahren Referenten wie Roger de Weck. Peter Reber, Roger Köppel und Doris Leuthard ein. Pfander kündigte zum Abschluss eine einmalige Pause und die Neuorientierung des Prix Atec an, der traditionell im Herbst an den Wallenried-Gesprächen verliehen wird. So nehme eine neue Jury die Arbeit für die nächste Verleihung auf.
Zur Person
Rasender Reporter mit Akzent
Werner van Gent wurde 1953 als Sohn schweizerisch-niederländischer Eltern in Utrecht geboren. Er zog 1972 in die Schweiz. Van Gent studierte Soziologie und fuhr am Abend in Zürich Taxi. Ab 1979 lebte er in Athen und begann, als freier Journalist für Zeitungen zu arbeiten. 1981 heiratete er Amalia van Gent. Von 1985 an war er für das Schweizer Radio, danach für das Schweizer Fernsehen tätig. Sein Schwerpunkt lag in Griechenland, der Türkei und im Nahen Osten. Nebenher war und ist er als Organisator und Begleiter von Spezialreisen, als Verleger, Referent und Buchautor tätig.