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Ruhe im Büchermeer
Michael Guggenheimer
Ob Max Frisch jemals die Buchhandlung Bodmer an der Stadelhoferstrasse in Zürich betreten hat? Das Haus Stadelhoferstrasse 28 ist die letzte und am längsten genutzte Adresse des Schriftstellers in Zürich. Er erwähnte die Wohnung verschiedentlich. Zum Beispiel 1984: «In der Stadelhofer Passage gefällt’s mir: Ich erreiche zu Fuss die Buchhandlung Rohr, die Kronenhalle und den Bratwurst-Stand und die Apotheke, die vierundzwanzig Stunden offen ist, sowie das Kunsthaus, dazu fünf Kinos und vier Kioske, Lebensmittel finde ich sogar im Hof.» Zu jener Zeit, als Frisch an der Stadelhoferstrasse lebte, hätte er auch die Buchhandlung Humana aufsuchen können. Nun sind die erwähnte Buchhandlung Rohr und die auf Psychologie spezialisierte Humana ebenso wie die Buchhandlung Dr. Oprecht an der Rämistrasse schon längst aufgelöst worden. Die Buchhandlung Bodmer aber ist noch da!
Ganz bestimmt haben andere Autoren die Buchhandlung zur Kenntnis genommen: Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Westschweizer Schriftstellerin Aline Valangin, lebte der renommierte Rechtsanwalt, Antiquar und Antifaschist Wladimir Rosenbaum in den 1930er Jahren im Haus Nummer 26. Er gewährte u. a. Ernst Toller und Wladimir Vogel Obdach in seiner Wohnung, wo auch Robert Musil sowie Ignazio Silone, Meret Oppenheim ein und ausgingen. Und gleich auf der gegenüberliegenden Strassenseite an der Ecke St. Urbangasse / Stadelhoferstrasse wohnten im mittlerweile nicht mehr existierenden Hotel Urban immer wieder so bekannte Autoren wie Erich Kästner, Curt Goetz, Eugène Ionesco . Es ist nicht bekannt, ob sie seinerzeit bei Fräulein Bodmer, der damaligen Eigentümerin des im Jahr 1933 gegründeten Buchladens, Bücher gekauft haben.
45 Jahre nach Gründung des Geschäfts übernahm die Familie Lindecker die Buchhandlung. Der Name des Ladens wurde beibehalten. Seit 2002 leitet die Kunsthistorikerin und frühere Journalistin Suzanne Lüthi-Lindecker die Buchhandlung, von der die NZZ schrieb: „Die Buchhandlung Bodmer trotzt den Stürmen“. Welche Stürme das sein könnten? Amazon, die Wechselkurse, die fehlende Buchpreisbindung, das Sterben einer ganzen Anzahl von Buchläden in Zürich und nicht zuletzt die Eröffnung des grossen Buchhauses Orell-Füssli am nahen Stadelhoferplatz? Suzanne Lüthi-Lindecker strahlt Optimismus aus, sie zählt auf die Stammkunden und auf gute Bücher, das Klagen ist ihre Sache nicht.
Die Buchhandlung Bodmer ist ein wundersam ruhiger Bücherort in einem denkmalgeschützten Haus. Der Raum ist klein, das Angebot sehr sorgfältig ausgewählt. Es wird gleich klar: Hier sind lesende Buchfreunde an der Arbeit. Im ersten Stockwerk, wohin eine Treppe direkt vom Laden aus führt, wurden einst ebenfalls Bücher zum Verkauf angeboten. Vor einigen Jahren wurde diese Etage in eine Galerie umgenutzt. Die Auswahl der ausgestellten Bücher im Parterre macht das Besondere dieser Buchhandlung aus: Nicht die Masse, nicht die in manch anderen Läden angebotenen Beststeller sind es, die dem Laden eine besondere Aura verleihen. Hier wird das angeboten, was den fünf Buchhändlerinnen im grossen Büchermeer aufgefallen ist. Die übersichtlich geordneten Büchergestelle sind thematisch aufgeteilt: Politik/ Gesellschaft / Religion, Literaturwissenschaft / Sprache / Nachschlagewerke, Biographien, Philosophie, Ratgeber und nochmals Politik/ Gesellschaft / Religion. Und dazu viel gute Belletristik, ein Gestell ist mit „Belletristik Sonderausgaben“ angeschrieben.
Dass alljährlich im Januar eine gründliche Überprüfung des Buchangebots stattfindet, beweist die jedes Jahr im Laden hingestellte elegante Berkel-Präzisionswaage: Hier können ausrangierte Bücher nach Gewicht eingekauft werden. Pro Kilogramm Bücher sind Fr. 20.- zu zahlen. Es sind gewissermassen liegen gebliebene, weniger beachtete Bücher, die da zum Verkauf gelangen, nicht minder gute Literatur, keinesfalls! Barbara Honigmanns Roman „Alles, alles Liebe“ bringt 160 Gramm auf die Waage., Gerbrand Bakers Roman „Tage im Juni“ kommt auf 320 Gramm und Maxim Billers „Der gebrauchte Jude“ wiegt 150 Gramm. Wer die Rechnung nicht selber vornehmen kann, dem hilft Janka Wüest, die Stellvertreterin von Buchhändlerin Lüthi-Lindecker, mit dem Rechnen nach.
Während grosse Buchhäuser „Buchverwandtes“ von der Spielzeugpuppe bis zu Farbstiften und Knetmaterial für die Kinder anbieten, hat sich die Buchhandlung Bodmer auf wenige Nebenartikel beschränkt. Aus Sympathie für die Bauern der Magadinoebene werden hier seit einigen Jahren Polenta, Mehl und Reis aus einem Bauerngut im Tessin ebenso zum Verkauf angeboten wie Weinflaschen. Lesebrillen, Brillenputztücher mit lustigen Sprüchen und batteriebetriebene Leselampen für unterwegs oder im Bett gehören zum Nebenangebot wie auch witzige handgeformte Figuren aus Papiermaché von Claudia Meisterhans . Mehr als 300 Mal konnten die Buchhändlerinnen die faustgrossen grünen Tiefenmuskeltrainer mit dem Namen „Brasil“ verkaufen, die in der Orthopädischen Klinik Balgrist im Rahmen der Rehabilitation eingesetzt werden.
Stammkunden halten der Buchhandlung die Treue, sagt Suzanne Lüthi-Lindecker . Beachtet wird das Schaufenster der Buchhandlung aber auch von den zahlreichen Passanten auf ihrem Weg zum nahen Bahnhof Stadelhofen. Immer wieder organisiert das Team Autorenlesungen. „Zudem bieten wir die Möglichkeit eigene Kunst auszustellen.“, sagt die Besitzerin der Buchhandlung. „Unser Ausstellungsraum im ersten Stock hat Ambiente und Charme.“ Die Leiterin der Buchhandlung lädt immer wieder Künstler ihrer Wahl ein. Zudem können Künstler aber auch Arbeiten einreichen, die nach einer Beurteilung durch die studierte Kunsthistorikerin und ihrem Team auch ausgestellt werden können.
Buchhandlung Bodmer
Stadelhoferstrasse 34
8024 Zürich
T: 044 251 93 54
www.buchhandlung-bodmer.ch/
Weggeschnappt
Heinz Egger
„Gar nicht zum Lachen“, sagt eine ältere Frau sichtlich enttäuscht. Eben trug eine Verkäuferin das Buch „Wie die Menschheit zur Sprache fand“ von der Anthropologin Dean Falk vom Schaufenster zur Kasse. Dabei antwortet sie lachend auf die Frage, ob sie ein weiteres Exemplar habe mit Nein. Und die Käuferin in ihrem Schlepptau sagt schnippisch: “Eine Minute früher …“ und lacht ebenfalls. Wie ein begossener Pudel steht die Frau in ihrem langen, offenen Mantel da, den prallvollen Einkaufstrolley immer noch an der Hand. Irritation, Enttäuschung, auch Wut stehen in ihrem Gesicht.
Darauf wendet sich die Frau der Auslage zu. Im Schaufenster steht eine Berkel-Waage, wie man sie früher in Charcuterien fand. Bücher zum Kilopreis sind angeboten. Dieser Ausverkauf findet schon seit Jahren statt. Der Buchbestand wird bei jedem jährlichen Inventar um einen Drittel abgeschrieben. Mehr als drei Jahre gehaltene Bücher kommen in den Kiloverkauf. Dieses Jahr kostet das Kilo 20 Franken. In graue Kunststoffkisten sind sie gepackt. Um Platz zu sparen, zeigen sie alle den Rücken. Alles neue Bücher, teilweise noch in Folie eingeschweisst.
Die Buchhandlung liegt im Parterre des alten Hauses. Die weissen Gestelle laufen rings um den Wänden nach und sind oben mit einem grossen Schild beschriftet. Die Ordnung ist jene wohl grundsätzliche, wie sie jede Sortimentsbuchhandlung führt. Einen Schwerpunkt bildet die Literatur von Schweizer Autoren. Ein Regal ist mit „Sonderausgaben“ bezeichnet. Farbenprächtige Einbände mit künstlerischer Gestaltung leuchten darin.
In der Ecke unter dem Schaufenster steht ein schön hergerichtetes altes Sofa. Eine ergraute Frau hat den Zweiplätzer in Beschlag genommen. Zwei Taschen und einen Stock hat sie neben sich. Sie liest länger in einem dicken Taschenbuch. Dann erhebt sie sich und streicht den Gestellen entlang. Unsicher, in viel zu grossen Schuhen! Die Verkäuferin äugt ihr etwas argwöhnisch nach.
Neben der Treppe zum ersten Stock, wo oft Kunst ausgestellt wird, ist eine Ecke mit Kochbüchern eingerichtet. Dazu liegen Tessiner Lebensmittel auf. Roter und weisser Merlot, Risottoreis und Polenta gemahlen aus jenem Mais mit roten Kernen, der einen so anderen Geschmack hat als der gelbe Mais.
Und gerade diese Produkte laufen gut, sagt die Geschäftsleiterin Suzanne Lüthi-Lindecker. Und es sei schön, den Produzenten einen Absatzkanal zu öffnen. Das gilt auch für andere Dinge, die keine Bücher sind. In einem alten Kasten ohne Türe beim Eingang stehen einige Figuren von Klaudia Meisterhans. Sie bestehen aus kaschiertem Drahtgeflecht und sind witzig bemalt. Die Gesichter sind ausdrucksstark. Die Damen im Badeanzug könnten in der Frauenbadi stehen. Die eine ruft „aus der Sonne!“, eine andere „nicht schon wieder tropfnass über mein Tüchlein!“, eine dritte lächelt selig.
Zum Lesen braucht es ein Buch, aber auch gute Sicht. Wer seine Lesebrille verloren hat, findet hier Ersatz, wer vor lauter Staub auf den Brillengläsern durch ein Milchglas sieht, findet Reinigungstücher mit frechen Sprüchen darauf.
Der Gong der Eingangstüre geht häufig. Kunden kommen und holen Bücher ab oder bestellen etwas. Die Laufkundschaft sei nicht so wichtig, sie lebe von einer stabilen Stammkundschaft, sagt Frau Lüthi.
Die alte Frau hat ihren Einkaufswagen inzwischen zur Theke geschleppt, lehnt sich an und fragt erneut nach dem Buch. Die Buchhändlerin offeriert, den Titel zu bestellen, stellt aber fest, dass er vergriffen ist. Sie lacht und verweist die Dame an ein Antiquariat. Schwerfällig schlurft die Enttäuschte zur Tür.