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Das Recht, Vereine zu gründen, brachte einen kulturellen Aufschwung, obwohl die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine unruhige Zeit war. Die Zwistigkeiten zwischen Konservativen und Liberalen endeten mit dem Sonderbundskrieg, und im Jahre 1848 folgte die Gründung des Schweizerischen Bundesstaates. Die sangesfreudigen Männer, Frauen und Töchter durften das – wegen der Einschränkungen der reformierten Kirchenobrigkeiten – vernachlässigte Liedgut wieder pflegen. Die Chöre schlossen sich zu Gau- und Bezirksverbänden zusammen und begeisterten die Bevölkerung mit ihren Sängerfesten. Gegen Ende des Jahrhunderts waren Festspiele sehr beliebt.
Gesungener Patriotismus
Man verstand den Volksgesang als Teil der liberalen Bewegung für ein freies, demokratisches Vaterland. Der Inhalt der damaligen Chorliteratur war dementsprechend patriotisch wie auch politisch. Fast hundert Jahre später erlebte dieser Liedcharakter einen Aufschwung im Zusammenhang mit der bedrohlichen Situation, in der sich die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs befand. Die Chorgemeinschaften wurden zum Symbol für Zusammenhalt, die Lieder zum Ausdruck des Freiheitswunsches und der nationalen Stärke.
Nicht nur Lieder, sondern auch Reden bestärkten im letzten Jahrhundert die Einigkeit der Sängerkameraden. In der Zeit des Züriputsches von 1839 verärgerte eine solche die Festschar: Die Hälfte verliess das Sängerfest! Auch Kampfgerichte konnten interne Streitigkeiten entfachen, wenn die «Inspektionsberichte» über die Gesangsdarbietungen zu wenig gut ausfielen. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hielt sich die Tradition, Gesangsvorträge zu beurteilen und mit Kränzen zu belohnen.
Zu allen Zellen
Der Sonderbundskrieg, aber auch andere wirtschaftlich schlechte Zeiten wie die Teuerung und Hungersnot oder die Cholera-Epidemie in Zürich, waren eine besondere Herausforderung, sich für die Probenarbeit frei zu machen und die Sanges- und Festfreude trotz allem und immer wieder hoch zu halten.
Sängerleben
Ein Bezirksgesangverein veranstaltete in der Regel alle zwei Jahre einen Sängertag. So auch am 16. Juni 1872 in Wetzikon, der mit Kanonendonner begann. Um halb neun Uhr zogen die Sänger ein. Das Frühstück mit Wein kostete Fr. 1.20. Am Morgen fanden die Gesangsproben und die Verhandlungen statt. Um 12:30 Uhr folgte der Umzug und danach die Hauptaufführung. Das Mittagessen mit der obligaten Flasche Wein gabs für Fr. 2.50. Ein Emporenplatz für das Kirchenkonzert kostete einen Franken, ein Platz im Schiff einen halben Franken. Zum Vergleich: Ein Pfund Rindfleisch kostete damals 60 Rappen.

||Pokale waren eine beliebte Ehrengabe. Hier ein goldener aus dem Jahre 1870' Der Sängerverein Harmonie Zürich, heute Konzertchor genannt, bekam ihn am "Fête Fédérale de Chants à Neuchâtel" als zweiten Preis.|
Auf Schusters Rappen
Angereist war die Sängerschar und die Zuhörerschaft zu Fuss, in bekränzten Pferdefuhrwerken oder mit der Bahn, soweit es sie schon gab. Die Festschar zog ein in ein Dorf, das mit Fahnen, Blumen und Kränzen geschmückt war. Triumphbogen erhöhten die hehren Gefühle derer, die sie durchschritten. Oft war die Witterung Spielverderber, was einige Verbände bewog, hölzerne Festhütten zu bauen.
Initiative aus dem Säuliamt
Schon 1870 gab es einen Anlauf zu einem Kantonalverband. Der Bericht über das Sängerfest in Rüti vermerkt: "Unter den vielen in der Hütte Toastierenden soll Pfarrer Grob aus Hedingen als Abgeordneter des Kantonalen Sängervereins genannt sein, der für den Eintritt in diesen Verband Stimmung zu machen sich bemühte.»
Singfreudige Lehrer
Viele Lehrer und auch Erziehungsräte waren begeisterte Sänger. Am Sängerfest von 1850 in Wetzikon wurde zum ersten Mal aus einem Synodalheft gesungen, das die Musikkonunission der Schulsynode erstellt hatte. Dieses Gremium gründete kurz vor der Jahrhundertwende die "Vereinigung der Bezirks- und Gau-Gesangsverbände des Kantons Zürich", die später "Zürcher Kantonal-Gesangverein" hiess.
Quelle: Festschrift "100 Jahre Zürcher Kantonal-Gesangverein", Zürich 1999