Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/1352

Die Orange Farm Township, Südafrika, eine Ansammlung von billigen Blechhütten, entspricht nicht unbedingt der landläufigen Vorstellung eines Technologie-Zentrums.
Und doch erhalten hier Hunderte von armen Schulkindern die Chance für ein besseres Leben – dank einer Initiative aus der Schweiz.
Die weitläufige Township 5,5 Kilometer südlich von Johannesburg hat über eine halbe Million Einwohner und Einwohnerinnen. Die meisten von ihnen sind arbeitslos.
Die Kinder, die hier und in zahllosen ähnlichen Siedlungen im ganzen Land aufwachsen, leben in einer harten Wirklichkeit geprägt von Gewaltverbrechen, Vergewaltigung, HIV-Infektion, Analphabetismus und Armut.
Ihre Eltern haben meist kaum genug Mittel für ein Essen, geschweige denn für Schulgeld oder –uniformen.
Bessere Zukunft
Doch Dada Deva, die Leiterin des IT-Zentrums in der Primarschule Amsai, ist überzeugt, dass diese erstmalige Initiative den Kindern etwas bieten kann, was ihre Eltern nie hatten: Die Chance, Computerkenntnisse zu erwerben, und, damit verbunden, die reelle Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
"Unser Zentrum ist die einzige Einrichtung in einer südafrikanischen Township, die einen derart breiten Zugang zu Computern und Computerausbildung anbietet", erklärt Deva gegenüber swissinfo.
"Für die benachteiligten Kinder, die hier die Chance erhalten, Fähigkeiten zu erwerben, die der überwiegenden Mehrheit der schwarzen Bevölkerung in diesem Land bisher versagt blieben, ist das Zentrum etwas einmalig Neues."
Die Schüler im Alter von fünf bis dreizehn Jahren teilen die Meinung ihrer Lehrerin mit grossem Enthusiasmus. Sie alle glauben, dass die Fähigkeiten, die sie hier erwerben, für ihr späteres Leben von entscheidender Bedeutung sind.
"Wenn ich gross bin, will ich Wissenschafter werden und die Ozonschicht reparieren, und dabei werden mir Computer sicher eine grosse Hilfe sein", sagt der zwölfjährige Simon.
"Ich will Polizist werden, und ich denke Computer werden mir helfen, Verbrecher zu fangen", verkündet ein anderer Schüler.
Aussenwelt
Per E-Mail haben die Schüler auch Kontakt mit Schulkindern in der Schweiz aufgenommen – ein Austausch, der ihre Neugierde und ihre Phantasie beflügelt.
"Wir schreiben über unsere Familien und über unseren Alltag. Und ich habe herausgefunden, dass wir verschieden sind wegen unserer Kultur und unseren Namen", sagt die elfjährige Anna.
"Ich habe entdeckt, dass man mit Leuten kommunizieren kann, die weit weg sind", meint ein anderer Schüler. "Und dass die Schweiz ein kleines Land ist und weniger Verbrechen hat als Südafrika."
Unterstützung aus der Schweiz
Im August eröffnet, bietet das Amsai Zentrum auch Abendkurse für Erwachsene und dient Arbeitsuchenden aus der näheren Umgebung als Online-Ressource.
Der Komplex mit seinen 60 gespendeten Computern wurde von der Schweizerisch-Südafrikanischen Initiative für Zusammenarbeit (SSACI) auf Ersuchen von Anwohnern gebaut und finanziert.
Die Organisation hat ihren Sitz in Pretoria und fördert in Zusammenarbeit mit Schweizer Unternehmen und der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Aus- und Weiterbildung von benachteiligten Jugendlichen im ganzen Land.
Ken Duncan, der Leiter von SSACI, ist überzeugt, dass frühzeitige Computerbewusstheit und –kenntnisse für die späteren Arbeitschancen der Kinder von grosser Bedeutung sind.
"Orange Farm ist eine typische Übergangsgesellschaft. Die meisten Bewohner sind vom Land zugezogen und leben jetzt in einer städtischen Umgebung, wo sie sich zunehmend an der modernen, technologisch ausgerichteten urbanen Wirtschaft beteiligen", erklärt Duncan und fügt hinzu: "Sie haben entdeckt, dass Computerkenntnisse oder zumindest ein Grundverständnis für die Funktionsweise von Computern auf dem Arbeitsmarkt sehr nützlich sein können."
Totale Herausforderung
Laut Duncan hat das südafrikanische Erziehungsministerium kürzlich eine gross angelegte Kampagne lanciert und finanziert, um sicherzustellen, dass alle Schulabgänger zumindest über ein Minimum an technischen Fähigkeiten verfügen.
Noch haben ungefähr die Hälfte der Menschen in Südafrika keinen Zugang zu Computern, und die landesweite Jugendarbeitslosigkeit beträgt 51%. Angesichts dieser Tatsachen ist Deva überzeugt, dass nur eine intensive Zusammenarbeit zwischen Regierung, Organisationen und Gemeinden langfristig reelle Verbesserungen bringen wird.
"Solange wir dranbleiben können, meine ich schon, dass wir die vielen Hindernisse, die in diesem Land leider unumgänglich scheinen, langfristig überwinden können," meint Deva mit vorsichtigem Optimismus.
swissinfo, Anna Nelson in Orange Farm, Südafrika
(Übertragung aus dem Englischen: Dieter Kuhn)
Fakten
Nur 18% von 43,6 Millionen Südafrikanern haben Zugang zu einem Computer bei sich zu Hause.
Gemäss Angaben der Weltbank stehen im ganzen Land nur 300'000 Computer für Ausbildungszwecke zur Verfügung.
Die Arbeitslosigkeit bei 15-30-jährigen Südafrikanern beträgt 51%.
In Kürze
Schüler in der südafrikanischen Township Orange Farm südlich von Johannesburg erhalten eine Chance für ein besseres Leben – dank einer von der Schweiz unterstützten e-Ausbildungsinitiative.
Dank dem Projekt in der Primarschule Amsai sollen Hunderte von armen Schulkindern die seltene Gelegenheit einer Computer-Grundausbildung erhalten.
Laut der Schweizerisch-Südafrikanischen Initiative für Zusammenarbeit (SSACI), die das Zentrum gebaut und finanziert hat, sind Computerbewusstheit und -kenntnisse für das erfolgreiche Bestehen auf einem überfüllten Arbeitsmarkt unabdingbar.
Die SSACI wurde 2001 von der Direktion für Zusammenarbeit und Entwicklung (DEZA) lanciert und verschiedene Schweizer Unternehmen in Südafrika bieten Ausbildungs- und Anstellungsmöglichkeiten für benachteiligte Jugendliche.