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Der Bericht «Energieperspektiven 2035» ist das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit von Fachleuten aus Wissenschaft, Energiewirtschaft und Verwaltung und soll auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage die energiepolitischen Handlungsspielräume in der Schweiz aufzeigen. Gestützt auf die gesammelten Daten und Fakten skizziert der Bericht verschiedene Szenarien im Sinne von «Wenn-dann-Aussagen». In einem «Management Summary» hat das Bundesamt für Energie (BFE) die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Demnach erwartet das BFE − unabhängig von der zukünftig gewählten Energiepolitik − keine weitere Zunahme des Gesamtenergieverbrauchs der Schweiz. Im Strombereich schwanken die Auswirkungen der politischen Handlungsszenarien zwischen einem Nachfragezuwachs bis 2035 von knapp einem Drittel und dem Verbleiben des Stromkonsums etwa auf dem Niveau des Jahres 2000. In jedem Fall verbleibt im Jahr 2035 eine grössere oder kleinere Versorgungslücke, die mit neuer Produktionskapazität geschlossen werden muss.
Das BFE verweist dazu auf die Sonderstellung der Elektrizität: «Im Gegensatz zu den fossilen Energieträgern kann Strom kaum durch andere Energieträger ersetzt werden. Zudem spielt die Elektrizität bei der technologischen Entwicklung eine immer grössere Rolle.»
Die Szenarien im Einzelnen
Für den Strombereich präsentiert das BFE die folgenden Zahlen:
Szenario I «Weiter wie bisher»: Es handelt sich um das Referenzszenario, bei dem die heute in Kraft stehenden Energiemassnahmen weitergeführt werden. Bei diesem Szenario würde die Stromnachfrage bis 2035 um 29% gegenüber dem Jahr 2000 ansteigen. Dabei wird unterstellt, dass die Nachfrage dank steigender Effizienz jährlich nur noch um 0,8% zunimmt, und nicht um durchschnittlich 1,8% wie in den letzten zehn Jahren. Mit Beginn der Versorgungslücke ab 2018 würde sich so bis 2035 − zusammen mit dem Stilllegen der drei älteren Kernkraftwerke in Beznau und Mühleberg und dem Auslaufen der Lieferverträge mit Frankreich − eine einheimische Produktionslücke von gut 22 Mrd. kWh öffnen. Diese Lücke entspricht 36% des heutigen inländischen Bedarfs. Der Stromverbrauch würde aber noch stärker ansteigen, wenn sich die Schweizer Wirtschaftsleistung überdurchschnittlich entwickeln oder das Erdöl schneller teurer würde als angenommen.
Szenario II «Verstärkte Zusammenarbeit»: Hier werden jährlich zusätzliche CHF 330 Mio. für die Förderung «grünen» Stroms und freiwillige Effizienzsteigerungsmassnahmen eingerechnet. Bei dieser Handlungsoption würde die Stromnachfrage um jährlich knapp 0,6% ansteigen; bis 2035 um insgesamt rund 23% gegenüber 2000. Durch die verstärkte Förderung der erneuerbaren Energien (einschliesslich der Wasserkraft) erhofft sich das BFE zusätzliche 5,7 Mrd. kWh. Die einheimische Deckungslücke würde ab 2018 einsetzen und im Jahr 2035 gut 18 Mrd. kWh erreichen, d.h. rund 30% der heutigen inländischen Stromnachfrage.
Szenario III «Neue Prioritäten»: Anders als bei den beiden ersten Szenarien werden bei den Szenarien III und IV Ziele vorgegeben. Beim Szenario III ist dies die Reduktion des gesamten Energiekonsums pro Kopf um 34% bis 2035. Unterstellt wird die Einführung einer Energielenkungsabgabe, welche die fossilen Energieträger um 100% und den Strom um 30% verteuert, kombiniert mit der Annahme, dass das europäische Umfeld mitzieht und dadurch die Schweizer Industrie ihre Konkurrenzfähigkeit erhalten kann. Bei dieser Handlungsoption steigt der Stromkonsum bis 2035 immer noch um rund 13% an. Die einheimische Stromlücke würde ab 2018 einsetzen und im Jahr 2035 gut 13 Mrd. kWh erreichen.
Szenario IV «Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft»: Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine gegenüber Szenario III verschärfte und ebenfalls international harmonisierte Energielenkungsabgabe und durch tiefgreifende Veränderungen im Investitions-, Konsum-, Arbeits- und Mobilitätsverhalten. Zudem verlagert sich die Wirtschaftstätigkeit von einer «energie- und materialintensiven zu einer dienstleistungs- und wissensorientierten Produktion», wie das BFE schreibt. Die Deckungslücke beim Strom ist immer noch vorhanden und beträgt im Jahr 2035 rund 5 Mrd. kWh bzw. 10% des heutigen Landesverbrauchs.
Deutliche Kritik der Stromwirtschaft
Nachdem bereits die politischen Begleitgruppe - das «Forum Energieperspektiven» - zu keinem Konsens gefunden hatte, stiess auch der jetzt publizierte Bericht auf starke Vorbehalte der Strombranche. So hielt der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) dazu fest, dass die «Energieperspektiven 2035» die Ergebnisse der vom VSE im Mai 2006 herausgegebenen Studie «Vorschau 2006» im Prinzip bestätigen. Jedoch gingen die Energieperspektiven teilweise von wenig realistischen Annahmen aus, kritisiert der VSE. Insbesondere die Szenarien III und IV dürften in einer freiheitlichen Gesellschaft kaum Akzeptanz finden. Die Prognosen des VSE stützten sich demgegenüber auf die aktuellen Entwicklungen in der Schweiz und in Europa ab und profitierten von der jahrzehntelangen Erfahrung der Branche.
Auch für die swisselectric, die Organisation der schweizerischen Stromverbundunternehmen, stellen insbesondere die Szenarien III und IV keine valablen Planungsgrundlagen dar, da sie nur mit massiven staatlichen Eingriffen umgesetzt werden könnten und zu einem «drastischen Wohlstandsverlust» führen würden. Aber auch für das Referenzszenario I würden Annahmen getroffen, die am untersten Rand der zu erwartenden Entwicklungen liegen. So gehen beispielsweise die Energieperspektiven von einem Wachstum der Bevölkerung von 7,2 Mio. im Jahr 2001 auf 7,6 Mio. im Jahr 2035 aus. Gemäss Bundesamt für Statistik zählte die Schweiz jedoch bereits am 31. Dezember 2005 rund 7,5 Mio. Einwohner.
Der Band 1 (Synthese) der «Energieperspektiven 2035» und das Management Summary können von der Website des BFE im PDF-Format heruntergeladen werden
Quelle
M.S. nach BFE, Energieperspektiven 2035 – Management Summary, 15. Januar 2007; sowie VSE, Medienmitteilung, 16. Februar 2007, und swisselectric, Medienmitteilung, 21. Februar 2007
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