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Es ist ein sonniger Frühlingstag, als ich in Männedorf ankomme, um mit Adolf Muschg zu sprechen, der gerade eine Kontroverse in Sachen Debattenkultur hinter sich hat. Auch wenn der Schriftsteller fussläufig vom Bahnhof wohnt, werde ich zuvorkommend von seiner Ehefrau Atsuko abgeholt, die aus Japan stammt. Sie fährt mich den Hang hinauf zum Atelierhaus, in dem das Paar seit den 1990er Jahren wohnt. Dort begrüsst mich Muschg freundlich und führt mich an sehr vielen Büchern vorbei hinaus in den japanischen Garten, dessen Teich angenehm vor sich hinplätschert und für eine geruhsame Atmosphäre sorgt. Manchmal schaut hier ein Kranich vorbei, was den Eheleuten viel Freude bereitet, den Goldfischen hingegen weniger, wie sie mir berichten. Frau Muschg serviert Kaffee und Konfekt. Wir unterhalten uns lang.
Anlass unserer Zusammenkunft ist, dass Muschg im April in der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» zu Gast war, wo er Auskunft zum Thema Lebenskunst gab. Dort fragte ihn der Moderator Yves Bossart, ob er fände, dass der heutigen Gesellschaft der Sinn für Widersprüche und Inkonsistenzen fehle. Der Schriftsteller bejahte dies, verwies auf die Gefahren der Cancel Culture und führte aus, dass man in gewissen politischen Diskussionen Gefahr laufe, bei Meinungsverschiedenheit gebrandmarkt und aus der Gemeinschaft der sich für zivilisiert Haltenden verbannt zu werden. Dann sagte er: «Das ist im Grunde eine Form von Auschwitz – man stempelt Leute ab, und von da an kommen sie als Gesprächspartner nicht [mehr] in Frage.» Es folgte eine heftige mediale Auseinandersetzung über den Gebrauch dieses Vergleichs.
Nach dem Sturm der Entrüstung: Wie ging es weiter, Herr Muschg?
Ich hatte direkt nach der Sendung keine Ahnung, dass der Wurm drin ist. Die ersten Rückmeldungen waren nur zustimmend gewesen. Am nächsten Tag erhielt ich dann einen Telefonanruf vom Sender, und der Moderator liess mich zerknirscht wissen, dass der Auschwitz-Vergleich vielen sehr böse aufgestossen sei. Er fragte mich, ob ich dazu eine Erklärung abgeben könne. Sie war dann nicht genehm. Am Ende war die «Weltwoche» so freundlich, sie abzudrucken.
Dass sich Auschwitz mit nichts vergleichen lässt, haben Sie dort selber eingeräumt, indem Sie sagten: «Ich hätte das Unwort besser nicht gebraucht.» Allerdings hoben Sie hervor, dass es ein Fehler sei, «Auschwitz als Singularität zu betrachten», weil Sie den Rückfall in die Barbarei für einen leider nicht abzuschüttelnden Begleiter der menschlichen Zivilisation halten. Sie schlossen mit den trotzigen Worten: «Ich nehme nichts zurück.» Warum nicht?
Weil von einem Vergleich keine Rede war, sondern von einer gemeinsamen Wurzel: dem Ausschluss einer Gruppe aus der als menschenwürdig betrachteten Gesellschaft. Das ist immer der Anfang der Unmenschlichkeit – das Ende ist weit offen. Als Symptom habe ich diese Exklusion wohl oder übel auch persönlich wahrgenommen, und zwar in einer Weise, wie ich es seit über zwanzig Jahren nicht mehr erfahren habe, seit meinem 1997 erschienenen Essay «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt». Ein paar Jahre später war ich als Präsident der Akademie der Künste in Berlin noch einmal intensiv mit dem Thema der Erinnerungspolitik befasst und sah in Auschwitz nicht nur einen Abgrund der deutschen Geschichte, sondern der industriellen Neuzeit. Der Zweite Weltkrieg lieferte den Rahmen und Vorwand für das Undenkbare – Hiroshima und Nagasaki gehören auch dazu. Damit will ich nicht sagen, dass diese Niederlagen der Menschheit vergleichbar oder gar verrechenbar seien. Der Nullpunkt, den sie bezeichnen, liegt auf keiner physischen Landkarte, sondern im Potenzial jeder Gesellschaft. Sich daran erinnern muss heissen: gewarnt sein, auch vor sich selbst.
Führte diese Einschätzung schon früher zu Konflikten?
Allerdings. Der Umgang mit der Erinnerungspolitik führte zu Verrenkungen aller Art, die etwa in den Debatten um die Errichtung des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas zutage traten. Mein Schriftstellerkollege György…