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Was hat dich zu dieser Arbeit veranlasst?
Gian-Andri Tönduri:
In dieser Arbeit geht es um politische Meinungsbildung. Die Aussagen, die im Radio ertönen, widersprechen sich. Trotzdem sind sie so formuliert und gesprochen, dass beide Seiten erstmal plausibel erscheinen. Jede(r), die/der den Text hört, könnte sich so für eine Ansicht oder ihr Gegenteil entscheiden.
Die Idee der deliberativen Demokratie, die im Titel der Arbeit erwähnt wird, ist eine Demokratie, in welcher die BürgerInnen durch rationales Abwägen zu ihren politischen Meinungen kommen. In der Realität funktioniert aber politische Meinungsbildung ganz anders. Die politischen Meinungen der Einzelnen sind häufig eher das Resultat gesellschaftlicher Machtkämpfe.
Meine Reaktion auf diesen «Funktionsfehler» der Demokratie, wenn man so will, ist ein Bildungsprogramm, welches die BürgerInnen mit der Entscheidung zwischen grundsätzlichen Fragen wie der Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft konfrontiert. Die kontinuierliche Radiodurchsage, die man auch aus Katastrophenfilmen kennt, weist die BürgerInnen an, sozusagen Ruhe zu bewahren und zu reflektieren.
Natürlich ist das alles sehr problematisch: Wer formuliert die Thesen? Mit welchem Recht werden die Leute beschallt? Darf politische Bildung so autoritär sein? Wegen dieser und anderer Probleme ist meine Idee auch kein wirkliches Bildungsprogramm oder wirklicher politischer Aktivismus, sondern eine Kunstaktion. Mich interessiert daran die problembehaftete Mischung aus Subversion – es ist ja ein einzelner, der über sein Radio den Piratensender spielt –, Aufklärung und Paternalismus. Es ist praktisch gesehen eine absurde Idee, mit Radiodurchsagen die BürgerInnen zu abwägenden PhilosophInnen machen zu wollen.
Welchen Raum brauchst du für deine Kunst?
Keinen spezifischen. Eine Arbeit könnte auch etwas sein, was erzählt wird, so etwas wie ein Gerücht. Den Raum dafür bieten die Leute, die das Gerücht erzählen. Das Internet oder das Radio sind Räume, die ich gerne mehr benutzen würde. Vortragssituationen sind Räume, die ich momentan recht oft nutze.
Sind gesellschaftliche Fragen Thema deiner Kunst?
Es gibt ja die Ansicht, dass es nichts gibt, was nicht gesellschaftlich ist. Kunstmachen ist immer irgendwie eine exemplarische oder symbolische Tätigkeit. Wenn jemand als KünstlerIn die totale Subjektivität sucht, dann ist das auch schon wieder gesellschaftlich. Denn es beinhaltet exemplarisch die Abkehr vom Gesellschaftlichen.
Gesellschaftliche Fragen verstanden als der Bezug zu zeitgeschichtlichen Ereignissen sind eher indirekt in meinen Arbeiten vorhanden. Das hat damit zu tun, dass meine Arbeiten zu langsam sind fürs Tagesgeschehen. Zu langsam in der Entstehung und der Diffusion. Es ist eher so, dass ich vom Tagesgeschehen zu grundsätzlichen Überlegungen oder Gefühlen angeregt werde und diese in die künstlerische Arbeit einfliessen.
Suchst du die Öffentlichkeit?
Ja. Öffentlichkeit kann sehr vieles sein. Zum Beispiel ist die Öffentlichkeit eines Buches, das die LeserInnen zu Hause oder im Zug lesen, eine ganz andere als die Öffentlichkeit einer permanenten Kunstinstallation im öffentlichen Raum. Ich bin momentan eher an Büchern, Vorträgen und Filmen interessiert als an Monumenten. Der Ausstellungsraum kann auch eine Art Öffentlichkeit bieten, in welcher die BesucherInnen die Arbeiten langsam und mit einer gewissen Distanz aufnehmen.
Wo siehst Du Potential zur Nutzung des öffentlichen Raums?
Ich mag grundsätzlich subversive Interventionen im öffentlichen Raum lieber als Kunstprojekte, die von den entsprechenden Kommissionen bewilligt wurden. Das Interessante an Letzteren ist, dass, wenn man sie in der Menge betrachtet, sie Auskunft darüber geben, welche Vorstellungen von Kunst in den Kommissionen vorherrschen. Manchmal denkt die Kommission auch «ans Volk». Dann kann es sein, dass über-metaphorische oder süsse poppige Werke in den öffentlichen Raum gestellt werden. Das interessiert mich als Studienthema. Aber künstlerisch mit dem Thema «Kunst im öffentlichen Raum» oder «Monument» umzugehen ist für mich momentan nicht dringend.
Dass es dabei aber ein Potential gibt, aus verschiedenen Perspektiven um den Kunstbegriff zu streiten, würde ich schon bejahen und gutheissen. Der Streit um den Kunstbegriff ist ja nicht belanglos. Dabei spielen Themen wie Nützlichkeit und Zustimmung der grossen Masse zu bestimmten Formen der individuellen Arbeit, der künstlerischen Arbeit, eine Rolle. Daran zeigt sich, wie viel Abweichung von der Norm, wie viel Freiheit, Kritik und ökonomische Unnützigkeit eine Gesellschaft bereit ist zuzulassen.
Welches ist dein persönlicher Hotspot in Bern?
Ich halte mich gerne zu Hause und im Atelier auf – das sind momentan meine eigentlichen Hotspots.