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Das Ende der Vorphilatelie und der Beginn der Postgeschichte in der Markenzeit fanden bei den klassischen europäischen Staaten meist im Zeitraum von ca. 1840 bis 1860 statt. Es gab eigentlich nur eine Änderung im Vergleich zur Postgeschichte der vorphilatelistischen Zeit: Ein Frankobrief konnte ab jetzt nicht nur in bar ganz oder teilweise im Voraus bezahlt werden, sondern auch durch das Anbringen eines Franko-Klebezettelchens, besser bekannt als Briefmarke.
Aber ganz so kontinuierlich gehen Vorphilatelie und die Postgeschichte der Markenzeit nun doch nicht ineinander über. Nahezu alle Länder, die Briefmarken herausgaben, verbanden dies mit tiefgreifenden Postreformen. Dazu zählen Vereinfachungen der inländischen Portosätze wie die Penny Post im Grossbritannien. Andere Postgebiete wie der Deutsch-Österreichische Postverein (DÖPV) oder der Österreichisch-italienische Postverein (LEGA) entstanden neu und benutzten die neue Form der Briefmarke als Bezahlform innerhalb des Postvereins.
Oktober 1851: Die Post des Königreichs Württemberg gibt die ersten eigenen Freimarken heraus, nachdem es am 1. September 1851 dem DÖPV beigetreten war. Als eines der wenigen Mitglieder dieses Postvereins nannte es explizit die Ursache für die Herausgabe von Briefmarken auf dieser selbst, nämlich den „Deutsch-Oester. Postverein / Vertrag v. 6. April 1850“
Es gab also schon lange vor der Gründung der GPU / UPU (Genereller Postverein / Weltpostverein) das Bedürfnis, den Postverkehr zu vereinfachen, insbesondere durch eine simple Tarifstruktur, durch gemeinsame Gewichtsgrenzen und Währungen. Wenn der politische Wille stark genug war, klappte dies auch wie beim DÖPV. Die LEGA hingegen war ein zwar ein österreichisch-italienischer Postverein, an dem aber nur die nord- und mittelitalienischen Staaten teilnahmen, die unter direkter oder indirekter Kontrolle Österreichs standen. Weder Sardinien noch Neapel & Sizilien waren Teil der LEGA.
Meist stand aber immer noch die Maximierung des Gewinns aus dem Postregal der einzelnen Nationalstaaten im Vordergrund, nicht die Vereinfachung des Postverkehrs für den Kunden. Und von billiger ist besser war meist keine Rede. Natürlich führte aber der Ausbau der Eisenbahnen und der Schiffsverbindungen zu einer Absenkung der Postgebühren, dies wiederum zu einer Zunahme des Postverkehrs und so weiter und so fort.
Die modernen Transportmittel sorgten auch für Konkurrenz unter den verschiedenen Postverwaltungen. Wie heute bei A- und B-Post konnte der Postkunde wählen, welchen Preis er bereit war zu zahlen, um einen schnelleren Transport zu gewährleisten. Und der Postverkehr der 1870er Jahre war zumindest in Europa und auf dem Atlantik schon sehr gut organisiert und aufeinander abgestimmt und somit auch berechenbar.
Hier ein Beispiel für die Wahlmöglichkeiten der Postkunden:
November 1875: Brief vom deutschen Postamt in Konstantinopel nach Lyon. Der Vertrag zum Allgemeinen Postverein (GPU) war eigentlich schon in Kraft, Frankreich aber noch nicht Mitglied. Daher galten weiterhin die alten bilateralen Verträge. Zunächst mit 45 Pf. über Warna und dann weiter mit der österreichischen Post frankiert. Dann aber um 5 Pf. höher frankiert und über Odessa, die russischen und dann die schnellen preussischen Bahnlinien geleitet.
Dieser Brief zeigt uns die Komplexität und damit auch gleichzeitig die daraus entstehende Vielfalt der Postgeschichte vor der Gründung der UPU
Post vom deutschen Auslandspostamt in Konstantinopel wurde zu dieser Zeit auf zwei verschiedenen Wegen in den Westen transportiert. Da waren zum einen die Dienste des österreichischen Lloyd von Konstantinopel nach Warna, an der Küste des erst 1878/79 unabhängig werdenden Bulgariens gelegen. Der zweite Weg verlief mit der ROPiT, der russischen Gesellschaft für Handel und Dampfschifffahrt über Odessa, heute in der Ukraine gelegen. Von den Häfen bestand Anschluss an Eisenbahnlinien nach Westeuropa. Von Warna ab 1866 über eine Bahnverbindung nach Rustschuk an der Donau und dann weiter mit der rumänischen und österreichischen Bahnen nach Lemberg. Alternativ von Odessa durch die Ukraine und das österreichische Galizien ins preussische Schlesien, wo der Anschluss nach Berlin bestand.
Der Absender dieses Briefes hatte somit verschiedene Transportmöglichkeiten, auch Leitwege genannt, zur Auswahl, die sich natürlich in Dauer und Porto unterschieden. Er entschied sich für den Weg mit österreichischem Lloyd bis Warna und weiter über Rustschuk, Bukarest und Lemberg, vermerkte auf dem Brief “Voie de Varna” und frankierte ihn portogerecht mit 45 Pfg. der neuen deutschen „Pfennige“-Serie. Die beiden Marken wurden mit dem Datumsstempel “KAISERL. DEUTSCH. P.A. CONSTANTINOPEL 8.11.75” entwertet. Direkt danach muss sich der Absender aber anders entschieden haben. Der Vermerk des Leitwegs wurde in “Odessa” geändert, eine zusätzliche 5 Pfg. - Marke wurde teils über den zuvor abgeschlagenen Stempel platziert und ebenfalls entwertet. Der Absender hat sich also im Nachhinein für den Leitweg mit der russischen ROPiT entschieden, der 50 Pfg. kostete. Der Vermerk des Leitwegs wie auch das Porto wurden angepasst. Der Brief kam nach sechs Tagen in Frankreich an.
Warum entschied sich der Absender im Nachhinein für den Weg über Odessa? Er hatte die Wahl zwischen dem österreichischen Weg, der in 75 Stunden von Konstantinopel nach Wien führte und 45 Pf. kostete oder dem ‚russischen‘ Weg, der 99 Stunden brauchte und 50 Pf. kostete. Warum den langsameren Weg wählen und mehr bezahlen? Dies hängt einfach damit zusammen, dass das Schiff in Konstantinopel nach Odessa am Montag und Donnerstag um 14.00 Uhr ablegte, das nach Warna am Mittwoch um 15.00 Uhr. Da der Abgangstag, der 8. November 1875 ein Montag war und der Brief auf dem deutschen Postamt am Mittag (12-1 N.) angenommen worden war, reichte es noch auf den russischen Dampfer vom selben Nachmittag. Der Weg mit dem österreichischen Dampfer zwei Tage später wäre zwar schneller gewesen, im Endeffekt wäre der Brief aber einen Tag später in Lyon angekommen.
Wir haben also vor uns den seltenen Fall, das wir nur einen Beleg brauchen, um die zwei möglichen Leitwege dokumentieren zu können. Ein Glücksfall für jeden Postgeschichtler.
Komplexität und die daraus resultierende Vielfalt sind ja nun aber nicht nur Eigenschaften der Postgeschichte vor der UPU, sondern z. B. auch der Vorphilatelie. Was macht diese Zeit für den Postgeschichtler denn dann so besonders anziehend?
Der Zeitraum zwischen Vorphilatelie und UPU von 1840 bis ca. 1875 fällt zusammen mit der „Eroberung der Welt“ durch die Imperien des Westens. Postverbindungen bis in den letzten Winkel des Planeten wurden in dieser Zeit aufgebaut, waren ausserhalb Europas resp. nach Nordamerika aber noch recht komplex, da eine Vielzahl von Staaten involviert waren. Ich möchte dies anhand der Postverbindungen aus der Schweiz nach China verdeutlichen:
Kombination aus Forwarder und teilfrankiertem Posttransport, 1855: Brief aus Aarau an den Uhrenhändler Carlowitz in Canton. Der Absender wählte einen Transport ausserhalb der Post bis nach Singapur, dort wurde der Brief von dem sogenannten Forwarder Rautemburg Schmidt & Co. der Post übergeben. Ein Forwarder war ein bezahlter Agent, der den Transport von Briefen und Gepäckstücken ausserhalb des Postsystems organisiert resp. für Teilstrecken auf das Postsystem zurückgreift. Dies geschah auch hier. Rautemburg frankierte den Brief mit einem Paar der indischen Freimarken zu 4 Annas, die auch in Singapur verwendet wurden und beglich damit den Transport mit dem Postschiff bis zum Landungshafen Hong Kong. Den Landweg von Hong Kong nach Canton / Guangzhou musste der Empfänger bezahlen. (ex Spink 2021)
Teilfrankierter Posttransport 1856: Brief von St. Gallen an die gleiche Adresse in Canton, von der Schweiz weg frankiert. Ein Brief aus dem zweiten schweizer Postkreis bis zum Übergabepostamt für den britischen Dampfer in Alexandria hätte eigentlich nur 105 Rappen betragen. Bis wohin der Brief mit 145 Rappen frankiert sein sollte, ist nicht ganz klar, aber wahrscheinlich wurde fälschlicherweise eine Frankatur bis Hong Kong angenommen. Der Rest der Strecke wurde mit „1/-“ (1 Shilling) taxiert. (ex Köhler 2018)
Teilfrankierter Posttransport 1862: Brief aus der Korrespondenz des Missionars Oscar Rau nach Tschifu / Chéfou in China. Briefe an Oscar Rau nach Chefoo und Shanghai sind alle erst aus den Jahren nach 1860 bekannt. Dies liegt an der Tatsache, dass erst nach dem Friedensabkommen vom Oktober 1860 ausländische Staaten Botschaften in China errichten und Missionare in China offiziell tätig werden durften. Brief mit doppeltem Gewicht, versandt im Tarif vom 1. Januar 1857 über Marseille mit französischem Schiff bis zum Landungshafen im indischen Ozean. Auf dem Brief wurde fälschlicherweise ein PD abgeschlagen, der eine Bezahlung bis zum Empfänger nahelegt. Der Tarif von 95 Rappen je ½ Lot galt aber nur bis zum Anlandungshafen, der Empfänger musste bei diesem teilfrankierten Leitweg den Rest der Strecke bezahlen. Selbst für die Postbeamten waren die Bestimmungen manchmal einfach zu kompliziert. (ex Corinphila 2021)
Vollfrankierter Posttransport 1868: Brief aus Basel nach Shanghai mit rücks. Brief mit doppeltem Gewicht, versandt im Tarif vom 1. Oktober 1865 mit französischem Schiff und bezahlt bis zum Empfänger. (ex Corinphila 2019)
Anhand der vorher präsentierten Stücke lässt sich leicht erkennen, dass der internationale Postverkehr vor der UPU sehr komplex war und sich für ein interessantes postgeschichtliches Objekt anbietet. Aber wie sah es mit dem Postverkehr im Inland aus?
Die Tarife ins Ausland, die durch bilaterale oder multilaterale Verträge bestimmt wurden, hatten mit den Inlandstarifen nichts zu tun, für die logischerweise nur eine Postverwaltung zuständig war. Als Beispiel möchte ich hier zwei Einschreibebriefe aus Frankreich aus den 1870er Jahren zeigen:
R-Brief im Inland 1873: Brief von Blangy-sur-Bresle nach Paris in der ersten Gewichtsstufe bis zu 10 Gramm, 25 c. Briefporto und 50 c. Einschreibezuschlag. Das Porto und der R-Zuschlag waren im September 1871 drastisch von 20+20 auf 25+50 Centimes erhöht worden, um die Strafzahlungen nach dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg schneller begleichen zu können.
R-Brief ins Ausland 1874: Brief von Chaumont-en-Bassigny nach Bristol in der ersten Gewichtsstufe bis zu 10 Gramm im Tarif vom Juli 1870, 30 c. Briefporto mit Verdoppelung für das Einschreiben. Der Tarif blieb unverändert bis zur GPU im Dezember 1875.
Von 1871 bis 1875 war es also billiger ein einfaches Einschreiben nach Grossbritannien zu verschicken als innerhalb Frankreichs. Aber warum? Weil ein bilateraler Vertrag nur mit Zustimmung beider Vertragsparteien geändert werden konnte. Und das Vereinigte Königreich hatte offensichtlich kein Interesse an höheren Postgebühren.
Wer sich also mit einem postgeschichtlichem Thema aus der Zeit vor der UPU beschäftigt, hat also praktisch die „Garantie“ für ein vielgestaltiges und interessantes Objekt. Viele Sammler wählen daher diesen „natürlichen“ Schlusspunkt für ihre Sammlung. Mit der UPU wurde vieles für den Postkunden und den Postbeamten einfacher und für den heutigen Sammler vielleicht auch etwas zu übersichtlich und langweilig. Aber vielleicht ist ja gerade dieser Übergang wiederum ein interessantes Thema?