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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

74. Vortrag
1.
Wir haben, Brüder, bei der Verlesung des Evangeliums den Herrn sagen hören: „Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote, und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, damit er bei euch bleibe in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber werdet ihn erkennen, weil er bei euch bleiben wird, und er in euch sein wird“. Vieles ist es, was bei diesen wenigen Worten des Herrn untersucht werden kann, aber zu viel ist es für uns, entweder alles, was hier zu suchen ist, zu suchen, oder alles, was wir hier suchen, zu finden. Soweit jedoch der Herr gemäß unserer und eurer Fassungskraft zu geben sich würdigt, was wir sagen sollen und was ihr hören sollt, wollet aufmerksam, Teuerste, durch uns empfangen, was wir können, und von ihm erbitten, was wir nicht können. Den Tröster-Geist hat Christus den Aposteln verheißen; auf welche Weise er ihn aber verheißen hat, laßt uns sehen. „Wenn ihr mich liebt“, sagt er, „haltet meine Gebote, und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, damit er bei euch bleibe in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit“. Das ist gewiß der Heilige Geist in der Trinität, den der katholische Glaube als gleichwesentlich und gleichewig mit dem Vater und dem Sohn bekennt; er ist es, von dem der Apostel sagt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“1. Wie also sagt der Herr: „Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote, und ich werde den Vater [S. 879] bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben“, da er dies doch vom Heiligen Geist sagt, ohne dessen Besitz wir weder Gott lieben noch seine Gebote halten können? Wie sollen wir ihn lieben, damit wir ihn empfangen, ohne dessen Besitz wir nicht zu lieben vermögen? Oder wie werden wir die Gebote halten, damit wir ihn empfangen, ohne dessen Besitz wir die Gebote nicht halten können? Oder geht vielleicht in uns die Liebe, wodurch wir Christus lieben, voraus, damit wir durch die Liebe zu Christus und die Beobachtung seiner Gebote den Heiligen Geist zu empfangen verdienen, so daß nicht die Liebe zu Christus, die schon vorausgegangen war, sondern die Liebe zu Gott dem Vater in unseren Herzen ausgegossen wird durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist? Dies ist eine verkehrte Ansicht. Denn wer den Sohn zu lieben glaubt und den Vater nicht liebt, der liebt fürwahr auch den Sohn nicht, sondern was er selbst sich ersonnen hat. Sodann ist es ein apostolischer Ausspruch: „Niemand sagt: Herr Jesus, außer im Heiligen Geiste“2. Und wer sagt: Herr Jesus, außer wer ihn liebt, wenn er es so sagt, wie es der Apostel verstanden wissen wollte? Viele sagen es nämlich mit dem Munde, verleugnen ihn aber mit dem Herzen und durch die Werke, wie er von solchen sagt: „Sie behaupten, daß sie Gott kennen, verleugnen ihn aber durch die Werke“3. Wenn er durch die Werke verleugnet wird, so wird er ohne Zweifel auch durch die Werke bekannt. Also „niemand sagt: Herr Jesus“, im Geiste, im Worte, im Werke, im Herzen, im Munde, in der Tat, „niemand sagt: Herr Jesus, außer im Heiligen Geiste“, und niemand sagt so, außer wer liebt. Die Apostel also sagten bereits: „Herr Jesus“, und wenn sie es in der Weise sagten, daß sie es nicht zum Scheine sagten, mit dem Munde bekennend, mit dem Herzen und durch die Tat verleugnend, folglich wenn sie es wahrheitsgemäß sagten, dann liebten sie ohne Zweifel. Wie liebten sie nun, außer im Heiligen Geiste? Und doch wird ihnen zuerst befohlen, daß sie ihn lieben und seine Gebote halten, [S. 880] damit sie den Heiligen Geist empfangen, ohne dessen Besitz sie fürwahr nicht imstande wären, zu lieben und die Gebote zu beobachten.
1: Röm. 5, 5.
2: 1 Kor. 12, 3.
3: Tit. 1, 16.