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|Die vierte Art

Land: USA, Grossbritannien
Regie: Olatunde Osunsanmi
Drehbuch: Olatunde Osunsanmi, Terry Robbins
Darsteller: Milla Jovovich, Will Patton, Hakeem Kae-Kazim, Corey Johnson, Enzo Cilenti, Elias Koteas, u.a.
Kamera: Lorenzo Senatore
Schnitt: Paul Covington
Musik: Atli Örvarsson
Laufzeit: 94 Minuten
Kinostart: 15.04.2010
Vertrieb: Ascot Elite
Weitere Infos bei IMDB
4th Kind: Unauthentische Begegnung der Vierten Art
von Sarah Stutte
The Fourth Kind ist ein Horrorthriller, der Entführungen durch Ausserirdische in einer alaskischen Kleinstadt thematisiert. Der Regisseur beabsichtigt, die als inszeniert gekennzeichnete Handlungsebene mit vermeintlich echten Dokumentaraufnahmen zu intensivieren, scheitert damit jedoch, weil sich die Aufnahmen früh als unecht erweisen.
The Fourth Kind gehört in die Reihe pseudodokumentarischer Horrorfilme, die dem Zuschauer wahre Begebenheiten suggerieren. Bekanntestes Beispiel in diesem Bereich ist The Blair Witch Project (1999), der mit Handkamera gefilmt und durch eine im Vorfeld gelungene Internetaktion als „echt“ vermarktet wurde. Die Low-Budget-Produktion schickte eine Gruppe Amateurfilmer auf die Spur einer Waldhexe und war ein kommerzieller Grosserfolg, der einige Nachzügler zur Folge hatte. Aktuellstes Beispiel: Paranormal Activity (2007), der unsere Kinos letztes Jahr erreichte. Im Gegensatz zum Hexenfilm, der sich wackliger Handkameras bediente, setzt man hier vorwiegend auf statische, schwarz-grüne Amateuraufnahmen im Nachtmodus: Ein junges Paar wird von übernatürlichen Aktivitäten heimgesucht und dokumentiert diese mit eigenem Camcorder im Schlafzimmer. Der vorwiegend durch Mundpropaganda an Universitäten bekannt gewordene Film setzte grundsätzlich aber wieder auf das gleiche Prinzip: den Zuschauer glauben machen, dass das Gesehene echt ist.
Auch Regisseur Olatunde Osunsanmi möchte seinem Publikum im Rahmen einer Ausserirdischen-Entführungsgeschichte weismachen, authentische Aufnahmen vorzulegen, allerdings nochmal auf andere Weise: The Fourth Kind (der Titel spielt auf die vierte und schlimmste Stufe einer Ausserirdischen-Begegnung an: Entführung) beginnt mit einem ungewöhnlichen Prolog seitens der bekannten Hauptdarstellerin Milla Jovovich (Resident Evil): „I\’m actress Milla Jovovich, and I will be portraying Dr. Abigail Tyler in The Fourth Kind. This film is a dramatization of events that occurred October 1st through the 9th of 2000, in the Northern Alaskan town of Nome. To better explain the events of this story, the director has included actual archived footage throughout the film […].”
Deutlich wird der Zuschauer darauf hingewiesen, dass das Folgende zu einem grossen Teil inszeniert ist. Neben den gespielten Szenen wird Archivmaterial (Video- und Tonbandaufnahmen) der „wahren Ereignisse“ eingestreut, mehrmals sogar parallel als Splitscreen.
Der eigentliche Plot handelt von Dr. Abigail Tyler, deren Mann einen mysteriösen, gewaltsamen Tod fand. Die zweifache Mutter und Psychologin führt fortan seine Studien über unerklärliche Phänomene fort. Sie betreut eine handvoll Patienten, die alle im alaskischen Nome wohnhaft sind und von identischen Träumen berichten. Um der Sache auf den Grund zu gehen und die schweren Schlafstörungen ihres Patienten Tommy (Corey Johnson) zu behandeln, setzt sie ihn unter Hypnose, die in einen höchst emotionalen Ausbruch des Patienten gipfelt. Noch am selben Abend läuft Tommy zuhause Amok, erschiesst seine Familie und sich selbst. Dieser Vorfall ruft den lokalen Sheriff (Will Patton) auf den Plan, der die Psychologin fortan im Auge behält. Doch Dr. Abigail Tyler betreut ihre Patienten weiterhin, bittet ihren Freund und Mentor Abel Campos (Elias Koteas) um Hilfe und führt eine weitere Hypnose durch. Wieder sind die Reaktionen des Hypnotisierten extrem und seine Erfahrungsbeschreibungen klingen höchst beunruhigend: werden Leute in Nome etwa von Ausserirdischen als Versuchsobjekte entführt? Auch die Psychologin muss plötzlich sonderbare Male an ihrem Körper feststellen. Als sie daraufhin die Stadt zu verlassen versucht, ist ihre kleine Tochter Ashley spurlos verschwunden.
In Dokumentarfilmen ist es keine Seltenheit, dass Schlüsselmomente, zu denen es keine realen Aufnahmen gibt, zur Dramatisierung von Schauspielern nachgestellt werden. Osunsanmi dreht dieses Prinzip nun gewissermassen um und ergänzt den Spielfilm mit dokumentarischem Material, das das Gruseln intensiviert. Der Haken an der grundsätzlich interessanten Idee liegt jedoch darin, dass der Regisseur aufgrund der rein fiktiven Geschichte keine echten Aufnahmen zur Verfügung hat und auch das dokumentarische Ergänzungsmaterial fingieren muss, was der Stimmung abträglich ist. So sind neben den actionreichen Szenen insbesondere die Aufnahmen, in denen Osunsanmi selbst die scheinbar echte Abigail Tyler interviewt und zur ihren Erlebnissen retrospektiv befragt, an der Grenze zum Lachhaften. Vor allem auch deshalb, weil man die Frau mit schon fast zombiehaft anmutendem Make-up versehen hat. Im Gegensatz zu den filmischen Vorbildern, die die Illusion mit minimalistischen Mitteln über das Filmerlebnis hinaus aufrechtzuerhalten versuchten, stellt sich hier das vermeintlich Authentische schon zu Beginn als Fälschung heraus. Auch durch die realitätsbezogene Einführung Jovovichs – man beachte, dass auch während des Films Zwischentitel mit der Nennung der Schauspieler erfolgen – funktioniert der Gruselfilm auf der Hauptebene nicht, wird man ständig (absichtlich) an die Inszenierung erinnert. Es bleibt dem Zuschauer nichts anderes übrig als der Versuch der Selbsttäuschung, sprich: das dokumentarische Material für echt zu halten, um eine Illusion zu bewahren, die schon früh zerstört wird.
©Ascot Elite
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