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In Brian Carters Roman A Black Fox Running (1981) vollzieht sich das, was das Genre des Nature Writing politisch macht, auf fast magische Weise. Die Landschaft des Dartmoors im südenglischen Devon faltet sich langsam, von Seite zu Seite, immer mehr auf. Und dies, obwohl der Roman in medias res beginnt. Wie ein Fantasyroman für Kinder setzt der Text mit einem Gespräch zwischen zwei Füchsen ein: „‚Yes, I can smell him‘, said Stargrief. The old dog fox raised his muzzle. ‚And the lurcher‘, Wulfgar said.“ Damit sind schon in den ersten kurzen Sätzen die drei radikal unterschiedlichen Perspektiven benannt, aus denen die Erfahrung der Landschaft für die Leser:innen im Folgenden konstruiert wird, ohne jemals ein Ganzes zu ergeben: Fuchs, Jäger, Hund. Der Roman ermöglicht so die Erkenntnis, dass Funktion und Bedeutung der Landschaft mit ihren Bäumen und Bächen und Höhlen für die unterschiedlichen Spezies unvereinbar sind, dass sie in ihrer Alltagspraxis in unterschiedlichen Welten leben, auch wenn ihre Fuchs- oder Jagdhundepfoten und ihre Stiefel im selben Sumpf einsinken und dieselben Steine berühren.
Die Dartmoor-Landschaft erscheint also immer wieder anders, je nachdem, ob sie sinnlich durch die Nase, die Ohren, die Augen und die Pfoten eines Fuchses geschildert wird, den Schauplatz für die Pläne eines Jägers oder für den Blutrausch eines seinerseits getriebenen Jagdhundes bildet. Der Erzähler hat gleichermaßen Zugang zu den Gedanken der drei Figuren, und er macht keinen Hehl daraus, dass seine Sympathien ganz auf der Seite der Füchse liegen. Wulfgar, so heißt der Protagonist, ist denn auch die am wenigsten beschädigte der drei Figuren. Der Jäger war als Soldat im Krieg in Frankreich und ist traumatisiert; seinem Hund ist die Behandlung durch den zornigen Meister nicht gut bekommen, und er tötet alles, was er zwischen die Zähne bekommt. Wulfgar dagegen setzt seine ganze sprichwörtliche Intelligenz ein, damit die Füchse, darunter auch seine Partnerin mit den Welpen, die Fuchsjagden überleben, die geradezu obsessiv betrieben werden.
Dabei gelingt es Brian Carter (1937–2015), der als Naturforscher und Umweltaktivist in Devon wirkte, den Fuchs, den Jäger und den Hund mehr als Erkenntnisfiguren in die Erzählung zu integrieren als herkömmliche Romanheld:innen. Im Vordergrund ist immer die Landschaft, die sich mit Licht und Wetter permanent ändert und auf die immer reagiert werden muss. Doch niemals erscheint sie als archaische Wildnis; vielmehr entsteht sie als vielschichtiger Handlungsraum immer wieder neu. Die einzelnen Tiere, Pflanzen, Bäche und Menschen sind nicht so wichtig, und gleichzeitig bringt ihnen der Erzähler unendlich viel Empathie entgegen. Das zeigt sich in zärtlichen Szenen. Etwa als Wulfgar seine ganze Kraft zusammennimmt, um seiner Partnerin den Fuß abzubeißen, um sie aus einer Falle zu befreien. Damit verweist der Erzähler auf einen Widerspruch im Zusammenleben unterschiedlichster Wesen, der nicht aufgelöst werden kann, sondern ausgehalten werden muss.
Soziale Implikationen
Das Faszinierende an Carters Roman ist nicht etwa, dass die Füchse sprechen und sich als kluge, teilweise sogar spirituelle Wesen erweisen – sie machen sich Gedanken über den Sinn des Lebens, über Gott und das Leben nach dem Tod. Diese Fantasy-Elemente irritieren eher. Doch es braucht sie, damit sich im Roman die vermeintliche Grenze zwischen Natur und Kultur auflösen kann: die Füchse sind viel kultivierter als die Jäger, die gern zu tief in ihre Guinness-Gläser schauen. Solche Zuschreibungen sind aber nicht als Ausdruck der Verachtung gegenüber den working class-Figuren zu verstehen, sondern vielmehr als Kritik an der menschlichen Klassengesellschaft, die aus dem Krieg zurückgekehrten Soldaten keine andere Option lässt, als ihre Aggressionen an Schwächeren auszulassen. Dass die Tiere so hemmungslos anthropomorphisiert sind, wirkt im Roman als Verfremdungseffekt und betont immer wieder, dass ein nicht-menschlicher Blick nichts anderes als eine Konstruktion sein kann; Menschen können sich nicht in andere Wesen einfühlen. Aber dass sie sich vorstellen, wie es sein könnte, etwas anderes als ein Mensch zu sein, bringt sie dazu, genau hinzuschauen, mehr wissen zu wollen über all das, was unter Tieren und Pflanzen geschieht. Sich darin zu üben, betont die britische Autorin Helen Macdonald in ihrem aktuellen Essayband Abendflüge, sei eine Möglichkeit, etwas beizutragen zu einer der wichtigsten Aufgaben, die im Moment anstehen: „[…] zum Finden von Möglichkeiten, Verschiedenheit anzuerkennen und lieben zu lernen. Zum Versuch, die Welt mit den Augen anderer zu sehen, damit uns klar wird, dass unsere Art zu sehen nicht die einzige ist. Darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte, diejenigen, die nicht wie wir sind, zu lieben. Sich an der Komplexität der Dinge zu erfreuen.“
Mehr als Achtsamkeitsprosa
Wenn man Carters Roman zusammen mit Helen Macdonalds Essays liest, kristallisiert sich die Relevanz des Genres Nature Writing deutlich heraus. Wenn wir nicht lernen, uns als Teil eines vielfältigen Ganzen zu begreifen, kann sich auch nichts an der Trennung von „Natur“ und „Kultur“ ändern, die letztlich legitimiert, dass menschliche Gesellschaften alles Nicht-Menschliche als verfügbare Rohmasse für ihre eigenen Bedürfnisse behandeln. Die Literatur hat mit Nature Writing ein eigenes Genre hervorgebracht, das sich ganz der Sensibilisierung für das untrennbare Verflochtensein alles Lebendigen verschrieben hat. Wer Nature Writing betreibt, bildet sich keineswegs ein, die menschliche Perspektive hinter sich lassen zu können, wie Carters Roman deutlich zeigt. Ganz im Gegenteil: Im Zentrum steht gerade der menschliche Blick auf einsame Landschaften, aber auch auf bevölkerte, suburbane oder urbane Räume, der aufmerksam wird für das Leben, das sich außerhalb der alltäglichen Wahrnehmung abspielt. Autor:innen, die Nature Writing praktizieren, erschreiben einen Zugang zur Welt, der sich von den menschlichen Alltagspraktiken löst und den Fokus auf alles richtet, was da auch noch ist, ohne dass ihm Bedeutung oder Handlungsmacht zugeschrieben wird: Stadtbäume, Schnecken, die bei Regen über die Straße kriechen, der Fuchs, der jede Nacht durch den Garten schnürt.
Im deutschsprachigen Raum hat Nature Writing erst in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen, mit Marion Poschmann als prominenter Stimme; aber auch dank dem Engagement des Verlags Matthes & Seitz, der Klassiker und Neuerscheinungen aus dem angelsächsischen Bereich übersetzt vorlegt und mit der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ einen eigenen Zugang entwickelt hat. Obwohl die Texte durchaus politisch sind, werden sie, in der Tradition von Naturlyrik, eher als harmlose Achtsamkeitsliteratur rezipiert. In Großbritannien dagegen, wo das Genre unter dem Label New Nature Writing schon länger äußerst erfolgreich ist, entzünden sich daran immer wieder Debatten rund um die gesellschaftliche Aufgabe von Literatur. Zurzeit wird darüber gestritten, inwiefern sich das Genre aktiv gegen die Zerstörung des Klimas engagieren müsse und was es zu bedeuten habe, dass die kanonischen Texte mehrheitlich von gut situierten weißen Männern stammten – zu den Urvätern gehört Henry David Thoreau, der Autor von Walden (1854) – die sich das Territorium bei aller Feinfühligkeit für die Schnecke am Wegrand eben doch in einem imperialistischen Abenteurermodus erschließen.
Dabei findet gerade in den letzten Jahren eine Aneignung der männlich geprägten Aussteiger-, Wander- und Schreibpraxis durch weibliche und nicht-weiße Autor:innen statt. Helen Macdonald zeigt überzeugend, wie politisch ein Waldspaziergang ist: je nachdem, ob wir den Wald als Wellnesszone betrachten, die zu unserer Erholung da ist, oder als einen Ort mit einem Eigenleben und einer eigenen Zeitlichkeit. Und Mya-Rose Craig, die schon als kleines Mädchen ihre Leidenschaft für Vögel entdeckte, stellte als Jugendliche plötzlich fest, dass sie als PoC (Person of Color), oder genauer und ihrer Selbstbezeichnung entsprechend, VME (visible minority ethnic), unter den Naturbeobachter:innen nicht vorgesehen war. Heute, als 19jährige, engagiert sie sich als Klima- und Antirassismus-Aktivistin und hat sich zum Ziel gesetzt, den der Naturliebhaberszene inhärenten Rassismus zu bekämpfen.
Tradition der Vielfalt
Nur auf den ersten Blick erstaunt an den Texten Macdonalds oder Craigs, dass sie so gar keine Kampfspuren einer Dekonstruktion des männlich geprägten Genres aufweisen. Ganz im Gegenteil hat man als Leser:in das Gefühl, dass Nature Writing in diesen suchenden, die eigene Perspektive und Wahrnehmung ständig und lustvoll in Frage stellenden Texten zu sich selbst gekommen sei. Sie haben das, was Donna Haraway tentakuläres Denken nennt: Es braucht unzählige Tentakel, um alle Geschichten zu erzählen, die die Gegenwart ausmachen. Dieses Tentakuläre gehört ebenso zur Tradition des Nature Writing wie die Erzählung vom einsamen Wanderer, der sich von der Welt zurückzieht, um Teil der Wildnis zu werden, nur war sie bisher weniger prominent. Auch, weil Romane wie A Black Fox Running als Kinderliteratur behandelt wurden. Das führte zwar dazu, dass sie nicht ernstgenommen wurden (bisher gibt es keine deutsche Übersetzung des Romans); umgekehrt prägte der Text eine ganze Generation, die jetzt selbst schreibt. Man könnte diese Traditionslinie imaginatives Nature Writing nennen, denn anstatt autofiktional von den eigenen Abenteuern und Erfahrungen auszugehen, werden Geschichten von tierlichen Figuren und ihrem Alltag erzählt.
Ob diese Literatur die Welt verändern kann? Lange glaubte niemand so recht daran. Doch nun scheint die Überzeugung an Schwung zu gewinnen, dass das Erzählen die Wirklichkeit nicht nur hinterfragen, anders beleuchten und reflektieren, sondern auch entscheidend mitgestalten kann. Nature Writing, vor allem in seiner imaginativen Ausprägung, bietet sich mit seinen vielschichten Erzählweisen als ein Genre an, in dem Vielfalt gedacht werden kann.
Brian Carter: A Black Fox Running. London: Bloomsbury 2018 [1981].
Helen Macdonald: Abendflüge. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer, München: Hanser 2021.