Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03646.jsonl.gz/1988

Sayagyi U Ba Khin sagte:
«Der vierte Soldat von Mara ist der Wunsch, bei Speisen und Getränken eine Vielfalt an Geschmäckern zu erfahren.
Einige dieser Wünsche werden unwiderstehlich. Deshalb möchte ich, dass das Essen hier gut ist. Bei den Mahlzeiten, die wir euch anbieten, gibt sich Sayama grösste Mühe, um sicherzustellen, dass alle mit dem Essen zufrieden sind. Schmeckt euch das Essen? Vermisst ihr Huhn, welches ihr hier nicht bekommt? Wir bemühen uns jedenfalls, euch das beste (vegetarische) Essen aufzutischen.
Was geschieht, wenn ihr eine große Vielfalt an schmackhaften Gerichten esst? Besteht dann das Verlangen nach verschiedenen Geschmäckern nicht, oder wird es dennoch aufkommen? Was wir essen kommt unweigerlich mit unserer Zunge in Berührung. Können wir essen, ohne den Geschmack der Nahrung zu genießen? Niemand außer der Arahats kann dies tun.
Ihr seid hierhergekommen, um das Verlangen ganz und gar zu überwinden. Ihr gebt die Verunreinigungen auf, damit sich die Begierden vermindern. Ihr befreit euch von Unreinheiten.
Wenn wir den Wohlgeschmack der Nahrung etwas vermindern, [indem wir kein Fleisch servieren], nimmt dann nicht auch das Verlangen nach Geschmäckern ab? Wenn ich von einem Stück gekochtem Schweinefleisch spreche, entsteht in dir sofort das Verlangen danach. Aber wir sind hierhergekommen, um dieses Verlangen, diese Verunreinigung zu beseitigen. Ihr seid daran, genau dies zu tun. Ich muss hier sicherstellen, dieses Verlangen in euch nicht zu stärken. Wenn ihr versucht, euch derart vollständig von Verunreinigungen zu befreien, dass sie restlos verschwinden, müsst ihr alles aufgeben. Mara bringt das tief in euch angelegte Verlangen nach Nahrung hervor.»
Dies sind die Grundsätze, die Sayagyi für die Küche des IMC in Yangon aufstellte. Sayamagyi befolgte sie sehr gewissenhaft. Jeden Tag wurde wohlschmeckendes Essen serviert und jedes einzelne Gericht wurde mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit zubereitet, so dass es perfekt schmeckte. Die Vielfalt der Geschmäcker hielt sich jedoch in Grenzen und die Anzahl der verschiedenen Geschmacksrichtungen war immer gleich. Das Mittagessen bestand aus einer Suppe, einem Curry, gebratenem Gemüse, einem Salat und vielleicht etwas sauer eingelegtem Gemüse, einem Chutney oder einem Dip. Außerdem wurde eine Süßspeise serviert; ein- oder zweimal während eines Kurses gab es ein frittiertes Gericht.
Gemäss Sayagyi ist in den Lehren des Buddha Entsagung wichtig. Er sagte, dass dies im Zentrum praktiziert werde, indem man nur vegetarisch esse. Zu Sayagyis Zeiten war es für einen Burmesen ein bedeutender Akt des Entsagens, rein vegetarisch zu essen. Die BurmesInnen kannten weder Käse noch Eier oder Milchprodukte. Es gibt nur wenige traditionell burmesische und vollständig vegetarische Rezepte, da viele Gerichte mit Krabbenpaste, Krabbenpulver und Fischsauce gewürzt werden. Ohne diese Gewürze hat das Essen für eine Burmesin wenig Geschmack.
Sayagyi und Sayamagyi wollten, dass alle StundentInnen mit ihrem Essen zufrieden waren, damit sie gut meditieren konnten, aber sie achteten auch auf die Menge der verzehrten Speisen. Bei zu vielen Gerichten steigt nicht nur das Verlangen nach Geschmack, die StudentInnen essen auch so viel, dass sie nicht mehr gut meditieren können. Sayagyi U Tint Yee sagte in einer seiner Vorträge: "Als Sayagyi noch lebte, war er nicht darüber erfreut, wenn Leute während der Vipassana-Tage reichhaltiges Essen wie Nudeln an Kokosnusssauce und dergleichen spendeten. Wenn das Essen zu reichhaltig ist, fühlen sich die Meditierenden schwerfällig und Trägheit und Faulheit stellen sich ein."
Sayamagyi folgte einem mittleren Weg des Ausgleichs. Als sie am Zentrum hier in England an einem besonderen Tag zum letzten Mal Ono kauk-swe, ein Hühner-Kokosnuss-Nudelgericht, kochte, liess sie sich durch ihren ‘Souschef’ Yin Htwe vertreten. Er lief mit Kostproben zwischen der Küche und Sayamagyis Haus hin und her bis Sayamagyi überzeugt war, dass das Gericht perfekt schmeckte. Neben dem Hauptgericht ließ ihn Sayamagyi lediglich einen Salat aus fein geschnittenem Kohl zubereiten, der mit Öl, Essig, Salz und überraschenderweise auch mit ein wenig Chili gewürzt war.
Auf diese Weise verwöhnten Sayagyi und Sayamagyi die StudentInnen mit einer sehr guten, schmackhaften Küche und zügelten ihr Verlangen, indem sie die Vielfalt der verschiedenen Gerichte begrenzten.