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Seite 93: Biologie der Sprache: die Epistemologie der Realität (1975)
Vorbemerkungen:
Ich bin Biologe und kein Linguist. Ich werde daher als Biologe über die Sprache sprechen:
1. Welche Prozesse müssen in einem Organismus ablaufen, damit dieser einen sprachlichen Bereich mit einem anderen Organismus aufbauen kann?
2. Welche Prozess laufen in einer sprachlichen Interaktion ab, die es einem Organismus (uns) erlauben, Ereignisse zu beschreiben und vorherzusagen?
Ich werde über Sprache als Biologe sprechen. Dabei werde ich Sprache gebrauchen, unabhängig davon, dass eben diese Verwendung der Sprache, um über Sprache zu sprechen, den Kern des Problems darstellt, mit dem ich mich befassen will.
Boe: Zirkularität - re-entry - Reflexivität - Beobachter - Paradoxie - SpencerBrown - Felix Lau
Seite 94: ... sind wir uns selten der Tatsache bewusst, dass eine Beobachtung die Realisierung einer ganzen Reihe von Operationen ist, die notwendig einen Beobachter als ein System mit Eigenschaften voraussetzen, die es ihm gestatten, ebe diese Operationen auszuführen, und dass folglich diese Eigenschaften des Beobachters den Bereich seiner möglichen Beobachtungen determinieren.
Boe: Beobachter - beobachten: unterscheiden - bezeichnen (vgl. Lau 36 - anzeigen)
Seite 95: Da ich eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Beobachter als eines Systems geben will, dass der Beschreibungen (der Sprache) fähig ist, muss ich die Subjektabhängigkeit der Naturwissenschaft zu meinem Ausgangspunkt machen.
Seite 98: Beobachter: Beschreibung - Erlärung
Ein Beobachter ist ein Mensch, ein lebendes System, das Beschreibungen anfertigen und bestimmen kann, was er als von ihm selbst verschieden Einheit abgrenzt und für Manipulationen oder Beschreibungen in Interaktion mit anderen Beobachtern verwendet.
Ein Beobachter kann in rekursiver Weise praktische und begriffliche Unterscheidungen treffen, und er ist imstande, so zu operieren, als ob er sich ausserhalb der Umstände bewegte (also verschieden von ihnen wäre), in denen er sich befindet. Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter zu einem anderen Beobachter gesagt, der er selber sein kann.
Seite 102: Strukturdeterminierte Systeme
Seite 103: Strukturdeterminierte Systeme kennen keine instruktiven Interaktionen.
Seite 104: Die Koppelung von Systemen:
Seite 105: Das Ergebis der fortgesetzten Interaktionen eines strukturell plastischen Systems in einem Medium mit redundanter oder rekurrenter Struktur kann daher in der fortgesetzten Selektion einer Struktur des Systems bestehen, die einen Bereich möglicher Zustände und ebenso einen Bereich möglicher Einwirkungen auf das System so festlegt, dass das System rekurrent in seinem Medium operieren kann, ohne sich aufzulösen. Ich nenne diesen Prozess "Strukturenkoppelung".
Seite 106: Lebende Systeme und Nervensysteme
Lebende Systeme: Autopoiese
Lebende Systeme sind autonome Entitäten, auch wenn sie für ihre konkrete Existenz und ihren Stoffwechsel ein Medium benötigen; alle mit ihnen zusammenhängenden Erscheinungen sin unabhängig von der Art, in der ihre Autonomie verwirklicht wird. Die Prüfung des gegenwärtigen biochemischen Wissens zeigt, dass diese ihre Autonomie sich daraus ergibt, dass sie als Systeme organisiert sind, die sich ständig selbst erzeugen.
Seite 112: Das Nervensystem bzw. neuronale Netzwerke
Seite 113: Ein geschlossenes neuronales Netzwerk weist in seiner Organisation weder Input- noch Outputoberflächen auf. Auch wenn ein solches System durch die Interaktion seiner Bestandteile beinflusst werden kann, besteht sein Operieren als System ausschliesslich in Zuständen relativer neuronaler Aktivität und deren Veränderungen, unabhängig von dem, was der Beobachter über ihren Ursprung feststellen mag. Bei einem geschlossenen System existieren Innen und Aussen nur für den Beobachter, der das System betrachtet, nicht aber für das System selbst.
Boe: blinder Fleck - Beobachtung erster Ordnung
Seite 114: Verhalten
Als Verhalten betrachtet der Beobachter die sich wandelnden Relationen und Interaktionen eines Organismus mit dessen Umwelt, die ihm durch Folgen von Zustandsveränderungen bestimmt zu sein scheinen, die ihrerseits im Organismus durch Folgen von Zustandsveränderungen des Nervensystems erzeugt werden.
Der Beobachter kann ausserdem ohne Schwierigkeit jedes konkrete Verhalten durch sinn- und zweckbezogene (funktionalistische oder semantische) Begriffe beschreiben, die Werte oder Funktionen ausdrücken, wie sie der Beobachter dem Verhalten mit Bezug auf die Verwirklichung der Autopoiese des Organismus zu misst. Und dennoch ist dem Beobachter gleichzeitig klar, dass die Abfolge der sich verändernden Relationen relativer neuronaler Aktivität des Nervensystems als eines strukturdeterminierten Systems, die eine bestimmte Verhaltensweise hervorzurufen scheint, keineswegs durch irgendwelche funktionalen oder semantischen Werte definiert wird, wie er sie einem solchen Verhalten zumessen mag, sondern dass diese Abfolge im Gegenteil notwendig durch die Struktur des nervensystems im Moment der Verwirklichung des Verhaltens determiniert ist.
Seite 118: Lernen und Instinkt:
Seite 119: Jede Beschreibung des Lernens im Sinne des Erwerbs einer Repräsentation der Umwelt ist bloss metaphorisch und ohne jeden Erklärungswert. Ausserdem ist eine derartige Beschreibung notwendig irreführend, da sie ein System voraussetzt, das instruktiven Interaktionen unterliegt; ein solches System ist daher epistemologisch ausgeschlossen. Das Problem wird ausserdem einfacher, wenn keinerlei Intstruktionsvorstellung verwendet wird, denn Lernen erscheint dann als die fortgesetzte ontogenetische Verkoppelung der Struktur eines Organismus mit seinem Medium, und zwar in einem Prozess, dessen Richtung durch den selektiven Strukturwandel des Organismus determiniert wird...
Seite 120: Ein lernendes System hat keinerlei triviale Erfahrungen (Interaktionen), da alle interaktionen zu einer Strukturveränderung führen, auch wenn die selektierte Struktur zu Stabilisierung eines konkreten Verhaltens führen mag.
Seite 121: Sprache und konsensuelle Bereiche
Konsensuelle Bereiche: Wenn zwei oder mehrere Organismen in rekursiver Weise als strukturell plastische Systeme interagieren und und jeder Organismus so zum Medium der Verwirklichung der Autopoiesis des anderen wird, ergibt sich wechselseitige ontogenetische Strukturkoppelung...
Seite 122: erscheint einem Beobachter der durch derartige ontogenetische Strukturkoppelung gebildete Interaktionsbereich als ein Netzwerk von Sequenzen wechselweise ausgelöster ineinandergreifender Verhaltensweisen, das ununterscheidbar ist von dem was er als konsensuellen Bereich bezeichnen würde.
Beschreibungen: An einem konsensuellen Bereich ist für den Beobachter bedeutsam, dass die beobachteten Organismen so beschrieben werden können, dass sie gleichzeitig als zusammengesetzte und als einfache Einheiten existieren... Im ersten Bereich kann der Beobachter die Organismen beschreiben, wie sie vewrmittes der Eigenschafte ihrer Bestandteile interagieren, im zweiten, wie sie aufgrund ihrer Merkmale als Einheiten interagieren. In beiden Fällen kann die Interaktion der Organismen ohne Rückgriff auf semantische Vorstellungen wie Funktion oder Bedeutung auf streng operationale Weise beschrieben werden. Wenn ein Beobachter jedoch mit einem anderen Beobachter kommuniziert, definiert er einen Metabereich, aus dessen Perspektive ein konsensueller Bereich als Bereich ineinandergreifender Unterscheidungen, Hinweise oder Beschreibungen erscheint.
Boe: unterscheiden - anzeigen (hinweisen) = wahrnehmen,
kommunizieren (interagieren mit Sprache) = "ineinandergreifende", bezeichnete Beobachtungen = unterscheiden - bezeichnen.
Seite 124: Konsensualität zweiter Ordnung - aus deren Perspektive das konsensuelle Verhalten erster Ordnung operational eine Beschreibung der Umstände darstellt, die es auslösen...das Auftreten der rekursiven Operation des Konsensus über Konsensus, die zur rekursiven Anwendung von Beschreibungen auf Beschreibungen führt, ist es jedoch notwendig, dass alle Prozesse der wechselseitigen Beeinflussung, die Beschreibung eingeschlossen, im selben Bereich stattfindet.
Das strukturell plastische Nervensystem von Lebewesen ermöglicht diese Abbildung aller Interaktionen des Organismus... in einem einzigen Phänomenbereich.
Der Umfang dieser rekursiven ontogenetischen Strukturkoppelung häng bei jedem Einzelorganismus einmal von der strukturellen Plastizität seines Nervensystems ab, zum anderen von dem Ausmass, in dem die Struktur seines Nervensystems in jedem Augenblick das Auftreten distinkter Relationen relativer neuronaler Aktivität erlaubt, die als innere strukturelle
(Stör-)Einwirkungen funktionieren. Findet die auch ur in geringfügigem Masse innerhalb der Grenzen eines konsensuellen Bereichs statt, und zwar so, dass die in konsensuellem Verhalten erzeugten Relationen neuronales Aktivität selbst zu (Stör-)Einwirkungen bzw Bestandteilen weiteren konsensuellen Verhaltens werden, dann wird operational ein ein Beobachter erzeugt.
Seite 125: ... der konsensuelle Bereich zweiter Ordnung, den der Organismus mit anderen Organismen herstellt, wird ununterscheidbar von einem semantischen Bereich.
Boe: Sinn-Bereich
Wird ein Organismus in seinem Operieren innerhalb eines konsensuellen Bereichs zweiter Ordnung beobachtet, do erscheint er dem Beobachter so, als ob sein Nervensystem mit internen Repräsentationen äuserer Umstände seiner Interaktionen interagierte und als ob die Zustandsveränderungen des organismus durch den semantischen Wert dieser Repräsentationen determiniert würden.
Repäsentationen, Bedeutung und Beschreibung sind Begriffe, die ausschliesslich zum Operieren eines lebenden Systems in einem konsensuellen Bereich gehören und von einem Beobachter definiert werden um konsensuelles Verhalten zweiter Ordnung zu benennen. Aus diesem Grund haben diese Begriffe keinerlei Erklärungswert hinsichtlich des tatsächlichen Operierens lebender Systeme als autopoietische Systeme, auch wenn sie durch struktrurelle Kopplung entstehen.
Seite 126: Sprache
Das Wort Sprache bezeichnet primär die Fähigkeit zu sprechen, das gesprochene Wort bzw. die gesprochene Rede, und in verallgemeinerter Weise jedes konventionelle Symbolsystem, dass zu Zwecken der Kommunikation verwendet wird.
Eine Sprache wird gewöhnlich - ob in ihrer beschränkten oder in ihrer allgemeinen Auffassung - als denotatives System symbolischer Kommunikation betrachtet, das aus Wörtern zusammengesetzt ist, die Entitäten unabhängig von dem Bereich bezeichnen, indem sie selbst existieren.
Denotation ist jedoch keine primitive Operation, sie setzt Übereinstimmung voraus, Konsens hinsichtlich der Abgrenzung sowohl des Bezeichnenden als auch des Bezeichneten. Wenn Denotation daher keine primitive Operation ist, kann sie auch keine primitive sprachliche Operation sein. Sprache muss als Ergebnis von irgend etwas anderem entstehen, das seinerseits Denotation für sein Zu-Stande-Kommen nicht benötigt, Sprache jedoch mit all ihren Konsequenzen als ein trivial notwendiges Resultat entstehen lässt. Dieser fundamentale Prozess ist die ontogenetische Koppelung von Strukturen, die zur Entwicklung eines konsensuellen Bereiches führt.
Innerhalb eines konsensuellen Bereiches operieren die verschiedenen Bestandteile einer konsensuellen Interaktion nicht als Denotanten; ein Beobachter könnte höchstens sagen, dass sie die Zustände der Beteiligten konnotieren, die in aufeinander bezogenen Abfolgen wechselseitige Zustandsveränderungen auslösen.
Denotation entsteht erst in einem Metabereich, und zwar als ein a-posteriore-Kommentar eines Beobachters hinsichtlich der Konsequenzen des Verhaltens der interagierenden Systeme.
Wenn die primäre Operation für die Herstellung eines sprachlichen Bereiches die ontogenetische Strukturenkoppelung ist, dann sind die primären Bedingungen für die Entstehung der Sprache im Prinzip allen autopoietischen Systemen in dem Maße gemeinsam, indem sie strukturell plastisch sind und rekursive Interaktionen durchlaufen können.
Sprachverhalten ist Verhalten in einem konsensuellen Bereich. Wenn sprachliches Verhalten in rekursiver Weise stattfindet, d.h. In einem konsensuellen Bereich zweiter Ordnung, und zwar so, dass die Bestandteile des konsensuellen Verhaltens in rekursiver Weise im Prozess der Erzeugung neuer Bestandteile des konsensuellen Bereichs kombiniert werden, dann wird eine Sprache erzeugt.
Seite 127: sprachliche Regularitäten: Da ich in dieser Kennzeichnung der Sprache weder Grammatik noch Syntax erwähnt habe, müsse noch die folgenden Erläuterungen gegeben werden:
1. Das Verhalten eines Organismus wird in einem Interaktionsbereich entsprechend den Bedingungen definiert, unter denen der Organismus seine Autopoiese verwirklicht. Ist der Organismus strukturell plastisch, erfolgt seine ontogenetische strukturelle Koppelung an sein Medium durch selektive Interaktionen, wie sie durch sein Verhalten definiert werden. Welche Struktur oder welche Physiologie in einer spezifischen Geschichte der Interaktionen eines spezifischen Organismus jedoch selektiert werden, wird durch die jeweilige Struktur des Organismus und nicht durch die Art des selektiven Verhaltens bestimmt.
Daraus folgt die dem Biologen wohl bekannte Tatsache, dass unterschiedliche Physiologien selektiert werden können, mit denen unterschiedliche Organismen oder ein und derselbe Organismus in unterschiedlichen Phasen seiner Ontogenese dasselbe Verhalten erzeugen können. Die Regularitäten oder Regeln, die ein Beobachter daher an der Ausführung irgend eines besonderen Verhaltens, sei dies Paarungsverhalten, Jagen oder Sprechen, bei verschiedenen Organismen beschreiben kann, verweisen nicht auf Homomorphien der jeweils zu Grunde liegenden Physiologie. Die Regularitäten der Ausführung des Verhaltens gehören zu dem Bereich, indem das Verhalten von einem Beobachter beschrieben wird, und nicht zur zugrundeliegenden Physiologie.
2. Jede Art von Verhalten wird durch Operationen verwirklicht, die rekursiv angewendet werden können oder auch nicht. Wenn bei bestimmten Verhaltensweisen Rekursion möglich ist und wenn sie zu Verhaltensweisen derselben Art führt, dann wird ein geschlossener Bereich der Erzeugung von Verhalten hergestellt.
Hierfür gibt es viele Beispiele: eines davon ist menschlicher Tanz, ein weiteres menschliche Sprache. Für menschliche Sprache ist jedoch kennzeichnend, dass dieser Rekursion durch das Verhalten der Organismen in einem konsensuellen Bereich erfolgt. In diesem Zusammenhang kann die syntaktische oder grammatische Oberflächenstruktur einer konkreten natürlichen Sprache lediglich die Beschreibung der Regularitäten hinsichtlich der Verkettung der Elemente des konsensuellen Verhaltens sein. Im Prinzip kann dieser Oberflächensyntax beliebig sein, da ihre Ausbildung von der Geschichte konsensuellen Koppelung abhängig und kein notwendiges Ergebnis irgend einer notwendigen Physiologie ist. Umgekehrt kann die „universale Grammatik“ der Linguisten als die notwendige Menge grundlegender Regeln, die allen natürlichen Sprachen gemeinsam sein soll, nur in der Universalität des Prozesses rekursiver Strukturenkoppelung liegen, der beim Menschen durch die rekursive Anwendung der Bestandteile eines konsensuellen Bereiches außerhalb dieses konsensuellen Bereichs entsteht.
Die Ursache dieser Fähigkeit rekursiver Strukturenkoppelung sind nicht selbst konsensuell, sie sind struktureller Art und hängen ausschließlich mit dem Operieren des Nervensystems als eines geschlossenen neuronalen Netzwerks zusammen. Diese Fähigkeit rekursiver Strukturenkoppelung liegt außerdem sowohl den gesprochenen Sprachen wie auch den anderen Zeichensystemen der Menschen, ebenso aber auch den mit Hilfe künstlicher Zeichen und symbolischer Objekte hergestellten sprachlichen Bereichen mit Schimpansen zu Grunde.
Die Struktur, die daher für eine universale Grammatik erforderlich ist, die als Fähigkeit rekursiver Strukturenkoppelung im Prozess des Operierens des Nervensystems verstanden wird, ist folglich nicht ausschließlich menschlich.
Die Bedingungen der Evolution, die zur Ausbildung der gesprochenen Sprache beim Menschen geführt haben, sind allerdings spezifisch menschlich.
3. Einem Beobachter scheinen sprachliche Interaktionen bedeutungsvoll und kontextabhängig. Was jedoch in den Interaktionen in einem konsensuellen Bereich tatsächlich stattfindet, sind streng strukturdeterminierte Ineinandergreifender Verkettungen von Verhalten…
Was in einer sprachlichen Interaktion geschieht, ist daher ausschließlich von der konkreten Struktur des Organismus abhängig, der die Interaktionen durchläuft…
Der zufällige mitgehörte Satz „Sehen Sie Sie“ ist nur für den Beobachter mehrdeutig, der das Ergebnis der Interaktionen ohne zureichendes Wissen um die strukturellen Zustände der sprechenden Organismen vorhersagen will. Die Frage eines beobachtenden Linguisten wäre: Wie kann ich den syntaktischen Oberflächenwert der Bestandteile des Satzes bestimmen, wenn ich seine Tiefenstruktur, die die jeweilige Oberflächenstruktur determiniert, nicht kenne, der seine Tiefenstruktur und somit auch seine Oberflächensyntax bestimmt? Diese Frage ist in der Tat irrelevant, denn sie hat nichts mit den Prozessen zu tun, die in sprachlichen Interaktionen ablaufen und deren Ergebnis im konsensuellen Bereich bestimmen. Oberfächen- ind Tiefenstrukturen sind Merkmale einer bestimmten Art der Beschreibung sprachlicher Äußerungen, nicht Merkmale der Prozesse der Erzeugung solcher Äußerungen.
4. Um den evolutionären Ursprung natürlicher Sprachen zu verstehen, bedarf es der Erkenntnis der grundlegenden biologischen Prozesse, wie sie erzeugen können. Bis heute ist dieses Verstehen unmöglich gewesen, da Sprache als ein denotatives System symbolischer Kommunikation betrachtet wurde. Würde Sprache in Interaktionen tatsächlich so funktionieren, dann würde ihr evolutionärer Ursprung die Existenz der Denotationsfunktion, dh. Übereinstimmung hinsichtlich der Bedeutungen der jeweiligen Bestandteile eines Kommunikationssystems voraussetzen.
Denotation ist aber eben jene Funktion, deren evolutionärer Ursprung erklärt werden muss. Wenn wir erkennen, dass Sprache ein System generativer konsensueller Interaktionen ist und das Denotation lediglich eine rekursive konsensuelle Operation ist, die ausschließlich in einem Bereich des Konsensus und nicht in Prozessen operiert, durch welche sprachliche Interaktionen stattfinden, dann wird ganz klar, dass Sprache die notwendige evolutionäre Folge der rekursiven Interaktionen von Organismen ist, die geschlossene, strukturell plastische Nervensysteme haben, und zwar aufgrund einer Selektion, die durch ein Verhalten verwirklicht wird, dass sich durch die Strukturen-koppelung Interagierender Organismen in einem Bereich sich ständig erweiternder Umweltvielfalt vollzieht.
Humberto Maturana