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(zoon politicon) Wahlentscheidungen, die wir heute im Kurs “Empirische Politikforschung in der Praxis” behandelt haben, sind sozialwissenschaftlich gut untersucht. Sie haben, mit dem Wahlergebnis, das man erklären will, eine objektive und quantifizierte Grösse als Ausgangspunkt. Sie kommen in allen allen Demokratie vor, und sie folgen sich zeitlich in regelmässigen Abständen. Das sind fast schon ideale Voraussetzungen für empirische Forschung. Hinzu kommt, dass es sich um ein Forschungsfeld handelt, indem sich Grundlagen- und Anwendungsforschung seit langem bewegen und sich auch gegenseitig befruchtet haben. Wahlforschung ist heute nicht nur eine der entickeltesten Teilgebiete der Politikwissenschaft. Sie hilft auch, relevante Tatsachen zu identifizieren, sie bietet Erklärungen hierfür an, sie erlaubt Prognosen, und sie gibt auch Handlungshinweise für ein rationaleres Verhalten politischer Akteure.
1. Theorien des Wählens
Die relevante Theoriediskussion ist auf Deutsch im Handbuch Wahlforschung weitgehend dargestellt worden. Auf der theoretischen Ebene werden vier Ansätze unterschieden:
. Wahlgeografische Erklärungen aufgrund der räumlichen Bedingungen, die Religion, Sozialstruktur und politische Tradition formen und so vor allem in Agrargesellschaften politische Entscheidungen bei Wahlen determinieren;
. wahlsoziologische Erklärungen, wobei politische Parteien das konfliktreiche Verhalten von BürgerInnen regeln, indem sie ihre Werthaltungen, Interessen und Gruppenzugehörigkeiten während Wahlkämpfen repolitisieren;
. wahlpsychologische Erklärungen, für die Einstellungen der BürgerInnen wie die mittelfristige Parteiidentifikation, die Kandidaten- und Themenorientierungen, die während des Wahlkampfes entstehen, die Wahlentscheidungen bestimmen;
. und wahlökonomische Erlärungen, die BürgerInnen als rationale Nutzenmaximierer sehen, die bei Wahlen auf dieser Basis namentlich eine ökonomische Evaluierung der Regierungsarbeit vornehmen.
Nach Ansicht verschiedener führender Wahlforscher zeichnet sich heute immer mehr ab, dass wahlgeografische und wahlsoziologische Theorien zu komplex angelegt sind und die Erklärung der Wahlentscheidung zu weit hergeholt suchen. Diese findet nach Auffassung von Politikwissenschaftern wie Jürgen Falter weitgehend im Menschen selber statt und könnte mit einer Synthese von ökonomischen und psychologischen Theorien noch verbessert untersucht resp. erklärt werden.
2. Empirie (bezogen auf die Schweiz)
. Seit 1995 testet die akademische Wahlforschung in der Schweiz sozialwissenschaftliche Theorien, um das hiesige Wahlverhalten zu erklären. Sie kommt dabei zum Schluss, dass es am sinnvollsten ist, sozialpsychologische Ansätze, angereichert durch ökonomische Erklärungen einzusetzen. Das aktuelle Wahlverhalten ergibt sich demnach durch die bisherige Wahl, die mittelfristige Parteiidentifikation und die Position auf der Links/Rechts-Achse, erweitert um die Themenidentifikationen der Wählenden.
. Die angewandte Wahlforschung wurde ihrerseits 1999 neu begründet. Sie versucht, sowohl nachfrage- wie auch angebotsseitig Wahlverhalten zu erklären. Die Parteien werden nicht als fixe Grössen gesehen, sondern aufgrund ihrer Kampagnenfähigkeit als variable, die sich in unterschiedlich intensivem und geeignetem Masse an die Wählerschaft wenden. Diese wiederum identifiziert sich mit Parteien aufgrund eines für das Zielpublikum adäquat geführten Wahlkampfes, aufgrund der medialisierten Personen, welche die Partei repräsentieren und aufgrund von Werthaltungen resp. politischen Positionen in Grundsatzfragen.
3. Praxis (in der Schweiz)
In der Praxis geht es allerdings weit weniger um die Bildung von Erklärungsmodellen, denn um die Prognosefähigkeit der Wahlforschung. Dabei kommen immer mehr verschiedene Instrumente zum Einsatz, wie Wahlumfragen, Wahlbörsen, und ökonometrische Modelle. Bisher arbeiten kein Instrument ganz fehlerfrei. Die Güte der Prognosen kann aber verglichen werden. Anders als im Ausland schneiden dabei Wahlumfragen in der Schweiz neuerdings am besten ab. Wahlbörsen erweisen sich als etwas weniger genau, und sie haben vor allem keinen Erklärungswert. Extrapolationen von kantonalen Wahlen sind ebenfalls etwas weniger genau, vor allem weil sie die vermehrte Nationalisierung der Wahlkämpfe nicht reflektieren.
Meine Bilanz
Die Wahlforschung entwickelte sich rasch. Ihre Anfänge in der Schweiz gehen auf die 70er Jahre zurück. Die rasanten Veränderungen der Parteistärken bei Nationalratswahlen seit 1995 haben sowohl die Grundlagen- wie auch die Anwendungsforschung stimuliert. Die Erkenntnisfortschritte sind rasch gewachsen. Die Prognosefähigkeit hat generell zugenommen. Die Erklärungskraft der verwendeten Ansätze sind noch etwas uneinheitlich, es zeichnet sich aber hierzulande ein sozialpsychologischer mainstream ab, erweitert um ökonomische Erklärungen oder um kommunikationswissenschaftliche.
Die Wahlforschung ist generell wie auch in der Schweiz einer jener Zweige in der Politikwissenschaften, die durch eine evolutionäre Wissensvermehrung ausgehend von der Wissenschaft, aber auch übergreifend auf die Praxis gekennzeichnet sind.
Claude Longchamp