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Es fühlt sich etwas seltsam an, eine Rezension zu dieser ausgezeichneten Nick-Cave-Biografie ausgerechnet an jenem Tag zu schreiben, als ein weiterer Sohn von ihm gestorben ist. Ähnlich erging es wohl auch Mark Mordue, der sein fertiges Werk der Mutter von Cave, Dawn Cave, überreichen wollte, doch leider verstarb sie 93-jährig kurz vor Veröffentlichung von "Jugendfeuer - Die frühen Jahre des Nick Cave". Damals, 2020, schrieb Nick Cave auf seinen redhandfiles: "My beautiful mother passed gently away today. She was ninety-three years old. She was the most extraordinary woman and greatly loved."
Die Geschichte des Nick Cave, die die Öffentlichkeit kennt, beginnt mit dem frühen Tod seines Vaters, Colin Cave. Damals, 1979, war Nick gerade einmal 21 Jahre alt. Sein Vater erst 53. Vor dem Autounfall seines Vaters hatte Nick mit Freunden gefeiert und war von einem Polizisten gestellt worden, als er einen gestohlenen, roten Sessel über einen Zaun schmiss. Oder zumindest kurz danach. Autodiebstahl, Einbruch und Diebstahl gehörten damals zu den Hobbies seines Freundes und Bandmates Tracy Pew, dem Bassisten der ersten Bands von Cave, Boys Next Doors und The Birthday Party. Auch er starb eines vorzeitigen Todes, 1986, mit 28 an einer Gehirnblutung. Durch den Tod seines Vaters entwickelte sich vielleicht der Arbeitseifer, der Nick Cave seither nicht mehr loslässt. Das zeigen schon die frühen Jahre des Enfant terribles, denn die Biografie handelt von den Anfangstagen bis hin zum Abflug nach London, als sich die Band dann in The Birthday Party umbenannte. Mark Mordue hat für die vorliegende Biografie nicht nur mit Nick Caves Mutter und einem seiner Brüder und seiner Schwester gesprochen, sondern auch mit vielen Bandkollegen, wie etwa Mick Harvey, Phill Calvert oder Bleddyn Butcher und Jugendfreundinnen Caves wie Dorina oder Kathy u. v. a. m. Immerhin zehn Jahre hat der Biograf an vorliegendem Werk gearbeitet, das viel mehr ist als nur eine bloße Biografie. Natürlich spielten auch viele Interviews und Telefonate mit Cave eine große Rolle, aber auch die Werke der anderen beiden Biografen sowie die exzeptionellen Filme über Cave. Auch wenn schon drei Kapitel zuvor als Artikel in Zeitungen erschienen waren, ist es umso erstaunlicher, mit welcher Umsicht und Sorgfalt Mordue ein ganzes Buch lang durchgearbeitet hat. Stellenweise liest es sich als würde man mit dem Autor als Fahrer durch die australische Wüste fahren. So wie Mark Mordue einmal mit Nick Cave zu einem Gig in Newcastle fuhr. Mit Mr. Cave am Steuer.
Denn Mark Mordue lässt nicht nur Nick Cave, sondern auch das Australien der Siebziger wiederauferstehen, das in den Jahren des Punk keineswegs hinterherhinkte, sondern vielmehr noch sogar als Avantgarde bezeichnet werden könnte. Darüber hinaus erzählt Mordue aber auch von den musikalischen, literarischen und künstlerischen Einflüssen auf die erste Band Caves, The Boys Next Door. So wie Mordue schreibt, hat man wirklich das Gefühl, selbst dabei gewesen zu sein, etwa wenn die Caves von Melbourne nach Warracknabeal oder nach Wangaratta umzogen. Seine Eltern wurden gerne als "Zugvögel" bezeichnet und die Kindheit in einer so epischen Landschaft wie dem australischen Outback zu verbringen, wirkte sich als wahrer Segen für die Kreativität des jungen Nicholas aus. Allerdings wurde seine Kindheit jäh unterbrochen, als er als Jugendlicher auf die Caulfield Grammar School in Melbourne geschickt wurde. Seine Eltern sahen in dem Internat eine Möglichkeit für den Jugendlichen aus der Beengtheit herauszukommen und neue Freunde zu finden. Und genau das tat er auch: The Boys Next Door! Damals löste Prog Rock gerade Glam Rock ab und Punk saß in den Startlöchern. Bryan Ferry, David Bowie, Iggy Pop, Ramones waren die Vorbilder, aber auch lokale Bands wie The Saints oder Radio Birdman wurden imitiert. Nick las Nabokov oder Dostojevski und vergewisserte sich, bei Live-Auftritten stets einen verstörenden ("pfauenartige Aggression") Eindruck zu hinterlassen. Eine besondere Situation ergab sich auch durch die konstruktive Rivalität mit Rowland S. Howard, der auch den ersten Hit der Band geschrieben hatte: "Shivers". Doch während es bei ihm wie Selbstironie klang, hatte man mit Nick eher Mitgefühl. Die künstlerische Spaltung trat auch auf der ersten LP "Door, Door" zutage. Seite A waren Nicks Sachen, Seite B Howards. Aber letzterer durfte sie nicht selbst singen.
Eines der schönsten Kapitel ist das über St. Kilda und den dortigen Crystal Ballroom in den man sich durch die Beschreibungen Mordues geradezu hineinversetzt fühlt. Mark Mordue entschlüsselt nicht nur einige der besten Videos und Songtexte der Boys Next Door, sondern entführt einen auch in die mentale und manifeste Landschaft Australiens Ende der Siebziger. In einer Verquickung des Werkes von Kulturanthropologe Ernest Becker mit Caves frühem Output schreibt Mordue: "Es beschreibt, wie wir heroische Narrative etabliert haben, um die Angst vor dem Tod zu lindern, um uns in tröstliche Illusionen von dahinter liegendem Sinn und Unsterblichkeit zu flüchten." Und weiter meint Becker: "..., dass unser Bewusstsein und unsere Kreativität uns eine einzigartige gottgleiche Selbstwahrnehmung ermöglichen, allerdings auch Frustration". Nick Cave kennt wohl beides. Mark Mordue bringt uns nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen Nick Cave näher. Oder wie meinte der ebenfalls aus Australien stammende Musikerkollege Michael Hutchence (INXS) so schön: "Im Vergleich dazu war Johnny Rotten ein Clown. Nick war so wild! Und die Musik! So etwas hatte ich noch nie gehört!!! So eindringliche Musik, wie ein Messer zwischen den Rippen. Wie ein wunderschöner Alptraum, der intellektuell und niveaulos ist und bei dem man sagt: `Oh, ich habe Angst! Aber bitte gleich nochmal!!!'" Am 22. September 2022 wird Nick Cave 65 Jahre und man wünscht sich und ihm mindestens nochmal so viele Jahre! Aber bitte gleich nochmal!!!