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Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass dies mein erster Trollope ist; zu meiner Ehrenrettung darf ich aber hinzufügen, dass er mir ausgezeichnet gefallen hat.
Anthony Trollope erzählt in The Warden die Geschichte von Septimus Harding, Wittwer und Vater zweier erwachsener Töchter, Pfarrer und eben Leiter eines Spitals – um genauer zu sein, handelt es sich bei diesem Spital um (wie wir heute sagen würden) ein kleines Alters- und Pflegeheim für zwölf männliche Senioren, aufgrund einer mittelalterlichen Stiftung entstanden und unter Oberaufsicht des Bischofs von Barchester. Barchester seinerseits ist eine fiktive Stadt im Westen Englands, nicht allzu weit von London entfernt.
Der Bischof von Barchester ist ein gütiger alter Herr, zwar soweit noch munter, aber vom Alter her halt wirklich am Rande des Grabes stehend. Die Geschäfte des Bistums führt als Erzdiakon sein Sohn – der auch der Schwiegersohn unseres Septimus Harding ist, hat er doch dessen ältere Tochter geheiratet. Die Ämtervergabe in diesem Bistum riecht also sehr nach Korruption und Nepotismus – ist es wohl auch, wird aber zumindest vom Bischof und vom Spitalvorsteher mit einer grenzenlosen Naivität und nachgerade kindlichen Unschuld betrachtet, die es dem Leser unmöglich macht, ihnen böse zu sein. Doch das Unheil naht in der Form von Dr. Bold (Trollope liebt sprechende Namen genaus so wie Charles Dickens!). Der ist ein junger Arzt, der von seinen Kollegen in Barchester aus jeder Praxis ausgeschlossen wird, weil seine Methoden allzu neumodisch sind. So behandelt er halt hin und wieder ein paar Arme – gratis. Sein soziales Engagement verführt Bold auch dazu, die Ämtervergabe des Bistums genauer anzusehen, bzw. zu hinterfragen, warum die zwölf Senioren mit einem winzigen Teil der Zinsen der Stiftung abgefertigt werden, der Spitalvorsteher dagegen die nicht kleine Summe von £ 800 jährlich bezieht. (Das Vermögen der Stiftung nämlich liegt vorwiegend in Land, das nun im 19. Jahrhundert überbaut worden ist und so beträchtliche Zinsen abwirft.) Es kommt, wie es kommen muss: Zum Schluss stehen alle als Verlierer da – in jeweils spezifischer Hinsicht. Harding verzichtet freiwillig auf sein Amt und sein Einkommen, weil er es nicht ertragen kann, wie er von der Presse namentlich genannt und fix und fertig gemacht wird (damals schon!). Doch die alten Männer, die sich dem Aufstand gegen Harding angeschlossen haben, stehen ebenfalls schlechter da. Ihnen wird kein neuer Spitalvorsteher zugeteilt, aber auch das so freiwerdende Geld wird nicht unter sie verteilt, Harding kann ihnen seine aus seiner privaten Kasse bezahlte kleine Aufbesserung ihrer Almosen auch nicht mehr weiter entrichten; ihr Traum von einem späten Reichtum verfliegt, sie erhalten weniger als vorher und sind nun auch ohne väterlich-priesterlichen Beistand ihren letzten Stunden ausgesetzt. Dr. Bold, der in die jüngere Tochter Hardings verliebt ist, wird von dieser mit fraulichen Mitteln überredet, von seinem Kreuzzug abzulassen; er kriegt zwar die Frau, verliert aber seine Reputation bei seinen Londoner Freunden. Der Erzdiakon schliesslich, der Führer der kirchlichen Seite, hat ebenfalls verloren, bzw. in seinen Augen die Kirche, weil Harding mit seinem Rücktritt implizit deren Schuld bei der Vergabe des Amtes eines Spitalvorstehers und bei der Festsetzung von dessen Lohn eingestanden hat.
Im Grunde genommen ein mikroskopisch kleiner Plot: Absolut überschaubar ist der Schauplatz (vorwiegend Barchester und Barsetshire County – auf dem Kulminationspunkt der Handlung finden zwei Ausflüge der jeweiligen Antagonisten nach London statt), absolut überschaubar auch die Zahl der Figuren.
Doch genau dies ermöglicht Trollope auf nur 200 Seiten ein intensives Eingehen auf alle seine Figuren – so, dass man sich kaum traut, von Haupt- und Nebenfiguren zu sprechen. Trollope verfügt über die Gabe, die Entscheidungsfindungen seiner Protagonisten, ihr inneres Raisonnement, dem Leser vermitteln zu können. Das macht alle seine Figuren zu Sympathieträgern, auch den Arzt und den Erzdiakon, die beiden hitzköpfigen Prinzipienreiter. Dennoch können wir sagen, dass gerade die charakterlich schwächste Figur, der Spitalvorsteher, der immer und überall nachgibt, bis er plötzlich wie eine in die Enge getriebene Maus zurückbeisst, zu Recht der Titelheld geworden ist. Trollopes subtile Ironie (die er auch auf andere seiner Figuren ausgiesst) hindert das nicht, im Gegenteil.
Anthony Trollope ist der bedeutend bessere und feinere Ironiker als sein viktorianischer Landsmann Charles Dickens. Vor allem (und zum Glück!) fehlt Trollope jene grausam sentimentale Ader, die mir alle so hoch gelobten Romane des frühen und mittleren Dickens ungeniessbar macht. Trollope ist ein wahrer Realist; in der deutschen Literatur kommt ihm wohl Gottfried Keller am nächsten, der auch mit Seldwyla eine ähnliche fiktive Kleinstadt gefunden hat – allerdings kann Trollope (der auch im ‚richtigen Leben‘ keine massgeblichen Probleme mit den Frauen hatte) die Beziehungen der beiden Geschlechter realistischer angehen, als der hierin entweder hoffnungslos romantische oder ebenso hffnungslos bissig satirische Schweizer. Trollope erzählt seine Story in der dritten Person, kann sich also jederzeit in die Gedanken einer Figur versetzen; er erlaubt es sich aber auch das eine oder andere Mal, direkt als Autor den Leser anzusprechen.
Dass Trollope im deutschen Sprachraum bedeutend weniger rezipiert wird als eben zum Beispiel Dickens, liegt sicher nicht an der Qualität seines Werks, auch wenn Trollope (wie Dickens!) ein ungeheurer Vielschreiber war. Ich vermute, es liegt an seinem Thema. Die komplizierten Stellungen der anglikanischen Kirche im 19. Jahrhundert – gegenüber dem Staat, gegenüber der Öffentlichkeit, im lokalen wie im nationalen Bereich, von innerkirchlichen, theologisch motiverten Strömungen und Gegenströmungen ganz zu schweigen – sind wohl selbst für Briten nicht immer leicht nachzuvollziehen. Geschweige denn für einen Kontinentaleuropäer. Doch auch ohne hierin allzu beleckt zu sein, lohnt es sich, Trollopes Figuren kennen zu lernen. Und Trollopes fein ziselierte Ironie, seinen subtilen Humor. Für mich – spät in diesem Jahr, spät in meinem Leseleben – noch eine wirkliche Entdeckung.