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Meine Urgrossmutter war ein Hexenbesen. Mein Vater behauptete, man habe ihren höllischen Schwefel tausend Kilometer gegen den Wind riechen können. Sie wiederum nannte Mutters heissen Trämler-Hans nur «den Hammel».
Alles mit einem angewiderten Ton, als würde ihr jemand eine stinkende Auster anbieten. Sie begrüsste den Hammel übrigens nur in Handschuhen - WENN ÜBERHAUPT.
Muss ich mehr über das Verhältnis der beiden sagen?
Muss ich nicht.
Leider hatte die Uroma (die wir alle nur «die Marschallin» nannten) das Geld.
In unserer Familie hatten immer die Frauen den Pulver. Und ihre Männer dasselbe nicht erfunden...
MAN KÖNNTE SAGEN: DIE MÄNNER EXISTIERTEN ZU REINEN FORTPFLANZUNGSZWECKEN. Oder vielleicht noch für den kleinen Lustmoment, wie die gefüllte Olive. Oder die Sardelle im Glas.
Die Marschallin hielt sich auch mit 88 Jahren noch einen teuren Galan. Er hiess Ugo. Kam aus Apulien. Und schmierte sich die Locken mit Gel voll. Das Haarige war das Glänzendste an Ugo.
Die Marschallin hatte ihr Geld mit zwei Friseurläden, drei Restaurants, einem Hotel für Geschäftsreisende und dann noch mit zwei Quincaillerie-Läden gemacht.
Quincaillerie war damals das vornehmere Wort für «Allergattig-Laden» - eine Art Lidl-Shop im Kleinen.
Die Uromi verschacherte von den Fadenspulen über die Wäscheklammern bis zu den Totenhemden alles, was der Haushalt so brauchte.
Tatsächlich tauchte die Tochter der Marschallin (also die Omama) wie der Drache aus dem Märchen vor meinem allerersten Messestand auf. Sie begutachtete die Ware. Fauchte angewidert über die schwarz gespritzten Gartenzwerge. Und zischte: «Auch die Marschallin führte hier vor 60 Jahren einen Stand. Drei Buden weiter oben. Sie verhakte Bestattungskränze... Jesuskreuze und billige Totenlichter... so wiederholt sich im Leben alles wieder!»
Ich vermute, sie hat mich als «billiges Totenlicht» gesehen.
Es gab zwei typische Geschichten über die Marschallin und ihre Tochter.
Die Omama lag als junges Mädchen mit hohem Fieber im Bett. Es sah aus, als wolle sie den Pass abgeben.
Auf jeden Fall liess die Marschallin sowohl den Arzt wie auch den Priester kommen. Sie war eine Frau, die sich gerne doppelt absicherte.
Der Priester forderte sie dann auf, mit ihm für die Tochter zu beten. Doch die Marschallin fuhr den Schwarzrock nur giftig an: «Dafür bleibt im Himmel genügend Zeit... hier auf Erden muss die Beiz weitergehen. Wir sind am Kücheln.»
Tatsächlich wurden damals vier Wochen vor dem Aschermittwoch im Hotel und in den Beizen meiner Urgrossmutter jeden Tag Fasnachtskiechli gebacken. Die Köchinnen schichteten sie in einer Waschzaine. Legten ein Handtuch darüber. Dann wurden diese knusprigen Mondlandschaften auf den Beizentischen verteilt.
Die Wirtshaus- und Hotelgäste konnten sich à discrétion bedienen.
MEINE URGROSSMUTETR WAR WEISS GOTT KEIN GROSSZÜGIGER MENSCH, DEM DER GELDBEUTEL OFFEN STAND. SCHON EHER IM GEGENTEIL. SIE FEILSCHTE UM JEDEN ZINKEN KNOBLAUCH.
Aber die Marschallin war eben auch eine gewiefte Geschäftsfrau. Und argumentierte: «Die Küchlein kosten mich ein paar Gramm Mehl und Eier. Sie machen jedoch grossen Durst. Da hole ich beim Weisswein das Dreifache wieder rein...»
ZURÜCK ZUR OMAMA. Die lag wie la Traviata in den letzten Zügen und wurde vom Priester mit guten Worten zum Paradies geführt.
Der Arzt hingegen jagte den schwarzen Gebets-Knochen aus dem Zimmer. Er rief nach einer Flasche gekühltem Champagner. So etwas stand in der Beiz immer für besondere Kunden auf Eisblöcken im Keller bereit.
Dann füllte er die junge Omama mit dem Prickelgesöff ab. Sie war noch immer heiss und keine 17.
Die Familiengeschichte erzählt: Sie habe nach drei Stunden kein Fieber mehr gehabt.
ALLE GLAUBTEN AN EIN WUNDER. UND DER PRIESTER WOLLTE DIESES DANN AUF SEINE GEBETSSCHNUR BUCHEN. Aber die Marschallin schickte ihn zum Teufel.
Sie entlöhnte den Arzt grosszügig mit dreien ihrer berühmten Frikadellen. Und posaunte die Geschichte in ganz Reinach herum. Man könnte sagen: Sie machte mündlich, was heute über ein WHATSAPP upgeht. Natürlich alles aus Reklamezwecken.
JEDENFALLS: Am Abend war das Restaurant in Aesch rumsbumsvoll. Alle wollten die schöne Omama sehen. Die sass - immer noch etwas blass - an der dritten Flasche.
Als die Marschallin das Personal aufscheuchte, man solle endlich die Zaine mit den Fasnachtskiechli holen, kamen die Leute aufgeregt in die Wirtsstube gerannt: «Die Katze hat auf dem Korb sechs Junge zur Welt gebracht. Die Küchlein sind alle zerbrochen...»
WIE GESAGT: DAS WAR SO EINE FAMILIENSAGA.
Die Omama aber köpfte von jenem Tag an bereits zum Frühstück eine Flasche. So war die Geschichte auch eine Entschuldigung für die 84 Jahre, während deren sie täglich eine, zwei «Bouteilles» (wie sie es später vornehm nannte) runterspülte. Allerdings wars kein Champagner mehr. Sondern ziemlich klebriger Asti Spumante. VON DER BILLIGSTEN SORTE.
Grund: Die Frauen hatten das Vermögen durchkrachen lassen. Und die Männer studieren heute noch dem Pulver hinterher.
«Es wiederholt sich im Leben stets alles...», hat mich kürzlich Innocent etwas schräg angeschaut, als mein Bankkonto rot blinkte.
NA JA - ABER SPASS GEHABT!