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Lou Reed hat vor über dreissig Jahren eine Platte mit Gitarren-Feedbacks eingespielt. Das Berliner Zeitkratzer Ensemble spielt die Komposition zur Eröffnung des Blueprint-Festivals in der Berner Dampfzentrale.
Im Juli 1975 hat Lou Reed ein Album aufgenommen, das niemand wollte. Die Lou-Reed-Fans nicht, aber vor allem seine Plattenfirma nicht. RCA hat das Doppelalbum «Metal Machine Music» drei Wochen nach der Veröffentlichung vom Markt zurückgezogen. «The Amine ß Ring» war auf die vier Seiten Vinyl verteilt, jede exakt sechzehn Minuten und eine Sekunde lang, die vierte Seite war zusätzlich mit der liegenden Acht, dem Zeichen für unendlich, versehen, und im Untertitel steht «An Electronic Instrumental Composition».
Lou Reed stand um fünf Uhr morgens in seinem Loft im New Yorker Garment District und hantierte mit unterschiedlich gestimmten Gitarren, Verstärkern und Lautsprechern. Mit einem Analogtonbandgerät von Uher mit zwei Aufnahmegeschwindigkeiten zeichnete er seine Experimente auf. Feedbacks und Loops, die sich laufend verändern, amalgamierte er zu einer instrumentalen Komposition. Eine Komposition von schmerzhafter Intensität, bei der sich Schichten überlagern, Obertöne generiert werden und Veränderungen im Klang stattfinden, wie sie nur analog erzeugt werden können. Es gibt keine Texte, kein Gesang ist zu hören, und ganz selten vernimmt man etwas wie eine Melodie.
Lou Reed, der Sänger und Gitarrist der von Andy Warhol konzipierten Kultgruppe Velvet Underground, hatte 1972 unter seinem Namen bereits die LPs «Lou Reed» und «Transformer» - mit der ausgekoppelten Hitsingle «Walk on the Wild Side» veröffentlicht. In den Linernotes zu «Metal Machine Music» schreibt Reed in Anspielung auf zwei 1974 erschienene Alben: «Das ist der Grund, warum 'Sally Can't Dance' dein 'Rock ‘n‘ Roll Animal' ist». Er führte minuziös alle Geräte und Instrument auf, die er verwendet hatte, gab weitere Anweisungen im Text wie: «This record is not for parties / dancing / background, romance.» Er schreibt, dass niemand, den er kennt, die Platte am Stück gehört hat, auch er selbst nicht. Man könne an irgendeiner Stelle einsetzen und so viel hören, wie man mag.
Reed hat schon während der Velvet-Underground-Zeiten grosses Interesse für die Musik von John Cage, La Monte Young und Iannis Xenakis gezeigt. Sein Velvet-Underground-Partner John Cale arbeitete schon früh mit Young, Tony Conrad, Marian Zazeela und anderen KomponistInnen der Minimal Music zusammen. Die Bedeutung Cales für sie wurde aber erst Jahre später breiter wahrgenommen.
«Metal Machine Music» hätte am meisten Retouren in der bisherigen Geschichte von RCA produziert, bemerkt Reed Jahrzehnte später und fügt an, dass die Linernotes frei erfunden gewesen seien. Die grossen Labels haben wegen der Erfahrung mit Reed einen neuen Paragrafen in ihre Verträge mit MusikerInnen aufgenommen, um solche Produktionen zu verhindern. Er sei intern als Metal-Machine-Music-Paragraf bekannt, so Reed. Trotzdem waren während zwanzig Jahren nichtautorisierte Vinylpressungen und CDs in den Läden zu finden. Die Platte hatte doch noch LiebhaberInnen gefunden. Zum 25-Jahr-Jubiläum erschien eine von Reed und Bob Ludwig sorgfältig überarbeitete CD von «Metal Machine Music».
In Berlin hatte parallel dazu der Saxofonist Ulrich Krieger des Zeitkratzer Ensembles die Idee, «Metal Machine Music» ins Repertoire aufzunehmen. Die Gruppe hat mit NoisemusikerInnen wie dem japanischen Merzbow gearbeitet, Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Carsten Nicolai (siehe WOZ Nr. 21/07), Christian Fennesz, Elliott Sharp und Lee Ranaldo von Sonic Youth gesammelt. Mit den Aufführungen von Kompositionen von Iannis Xenakis, Helmut Lachenmann, Karlheinz Stockhausen und anderen hat sich das Ensemble unter der Leitung von Reinhold Friedl als eines der innovativsten der zeitgenössischen Musik etabliert.
Zeitkratzer trat mit Reed in Kontakt und schlug ihm einen Liveauftritt mit dem Ensemble vor. Seine Antwort war klar: «It can't be done.» Die Gruppe liess sich nicht beirren. Luca Venitucci, der Akkordeonist des Ensembles, und Ulrich Venitucci transkribierten die Musik von der Platte und erarbeiteten eine Partitur. Das Ensemble schickte eine Probe der eingespielten Musik an Reed. Er war begeistert und erklärte sich bereit, an der Uraufführung in Berlin teilzunehmen.
«Metal Machine Music» wurde am 17. März 2002 im Haus der Berliner Festspiele vom Zeitkratzer Ensemble erstmals live aufgeführt, und Lou Reed war im Schlussteil als Gitarrist und elftes Mitglied des Ensembles dabei. Aus dem Experiment im New Yorker Garment District ist ein Stück zeitgenössischer Musik geworden, das nicht mehr ignoriert werden kann. Das Ensemble hat «Metal Machine Music» auf faszinierende Art nachempfunden. Sie haben die Komposition mit Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Saxofon, Trompete, Tuba, Piano, Akkordeon und Perkussionsinstrumenten umgesetzt, spielen Loops und Feedbacks - und beweisen so, dass «An Electronic Instrumental Composition» von Reed durchaus spielbar ist. Sein Klangexperiment entwickelt in der Orchesterfassung einen ungewöhnlichen Klangkosmos, und die Nähe zur Minimal Music wird deutlich hörbar.
Am Ende des vergangenen Jahres ist die Aufnahme von der Uraufführung in Berlin als CD erschienen, der auch eine DVD vom Konzert beigelegt ist. In einem Gespräch vor dem Konzert befragt Diedrich Diederichsen Lou Reed zur Geschichte von «Metal Machine Music». Reed sagt an einer Stelle: «Ich bin Gitarrist, die Melodie ist da, auch wenn man es nicht gerade merkt.»