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Yves' Leidensgeschichte nimmt schon ihren Anfang, bevor er überhaupt auf der Welt ist: Während der Schwangerschaft fängt seine Mutter einen schweren Infekt ein. Yves wird im siebten Monat aus dem Mutterleib geholt, seine Mutter in ein künstliches Koma versetzt.
Von da an muss sie mit einem Herzschrittmacher und künstlichen Herzklappen leben. Yves leidet lange unter Schuldgefühlen: Er fühlt sich verantwortlich für das Leiden seiner Mutter und dafür, dass sie stellenweise nicht für seine Geschwister da sein kann.
Du kannst nicht davonlaufen. Die Themen holen dich immer wieder ein.
Als Yves 15 Jahre alt ist, wird ihm bei einer schulärztlichen Untersuchung eine schwere Skoliose, eine Verdrehung der Wirbelsäule, diagnostiziert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Yves keine merklichen Rückenbeschwerden, aber die Ärzte machen ihm klar, dass eine Operation unausweichlich ist.
Die Operation dauert zwölf Stunden – Yves' Wirbelsäule wird aufgerichtet und von da an von Metallteilen gestützt. Die Rehabilitation ist ein Kampf zurück ins Leben: Er muss wieder laufen lernen und in mühseliger Arbeit seine Muskulatur neu aufbauen. Yves sagt heute, er habe sich von klein auf anders gefühlt, nicht richtig zugehörig. Nach der Wirbelsäulenkrankheit verstärkt sich dieses Gefühl noch mehr.
Das Kiffen war immer ein Pflaster für etwas, womit ich mich nicht beschäftigen wollte.
Yves wird depressiv. Er kifft jeden Tag – aus heutiger Sicht ein Coping-Mechanismus, wie er sagt. Die Betäubung sei ein Trostpflaster für seine Sorgen gewesen. Tatsächlich geht es ihm immer schlechter: Das Kiffen bringt ihn an den Rand einer Psychose. Er hat extreme Versagensängste, Panikattacken. Schliesslich geht er freiwillig für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik.
Yves' Mutter geht es gesundheitlich immer schlechter. Lange weiss er selber nicht wirklich, welche Erkrankung sie hat. Erst als er Ende zwanzig ist, erfährt er die ganze Wahrheit: Seine Mutter hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es bilden sich so weiträumig Metastasen, dass ihre Behandlung eingestellt wird. Es ist klar: Früher oder später stirbt sie.
Ich bin an einer Psychose vorbeigeschlittert. Es wurde immer dunkler.
Trotzdem ist es für Yves ein Schock, als seine Mutter im Sterben liegt. Er kommt gerade aus den Ferien zurück, als er erfährt, dass sie im Spital in der sogenannten Palliativpflege auf den Tod wartet. Er verbringt dort die letzten zwei Wochen mit ihr. Der zweite Schicksalsschlag folgt nur zwei Jahre später: Yves' Vater stirbt ebenfalls – an der chronischen Lungenkrankheit COPD.
Irgendwann realisiert Yves, dass er nicht vor seinen Sorgen und Ängsten davonlaufen kann: «Es holt dich immer wieder ein», meint er. In den letzten Jahren habe er sehr intensiv über die Themen reflektieren können, die ihn belasten – und er sei dankbar: Yves ist überzeugt, dass ihn sein Schicksal sensibler und innerlich stärker gemacht hat.
Es gilt oft als cooler, sich anzupassen, keine Schwäche zu zeigen.
Er wünscht sich eine Gesellschaft, die mehr über ihre Probleme spricht. In der man eben nicht einfach seine Schwächen und Ängste hinunterschlucken und sich anpassen muss. Und in der man respektiert wird, wenn man sich öffnet: «Wenn Leute, die offen über ihr Leiden sprechen, als aufmerksamkeitsgeil hingestellt werden – das macht mich auch heute noch wütend», sagt er.
S.O.S. – Sick of Silence
Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.
Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.