Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03576.jsonl.gz/3143

Grönlandwale erholen sich nach dem Ende des kommerziellen Walfangs langsam wieder. Mittlerweile gibt es in der Arktis etwa 25.000 von ihnen, in vier Populationen. Doch ihr Lebensraum verändert sich aufgrund des Klimawandels. Der Rückgang des Meereises führte in den letzten Jahren bereits zu einer Anpassung des Wanderverhaltens der Grönlandwale, die sich gern in Meereisnähe aufhalten, wie zwei Forscherinnen der Oregon State University in ihrer neuen Studie zeigen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift Movement Ecology.
Eine der vier Grönlandwalpopulationen ist die sogenannte Bering-Tschuktschen-Beaufort-Population. Sie ist die größte und scheint zu wachsen, so Kathleen Stafford, außerordentliche Professorin am Marine Mammal Institute im Hatfield Marine Science Center der Oregon State University und Co-Autorin der Studie. Die Wale überwintern normalerweise im nördlichen Beringmeer und wandern im Frühjahr durch die Beringstraße nach Norden in die kanadische Beaufortsee. Dort verbringen sie den Sommer und Herbst und kehren im Winter mit dem zunehmenden Meereis, das die Beringstraße verschließt, zurück nach Süden ins Beringmeer.
Die steigenden Temperaturen in der Arktis in den letzten zehn Jahren haben zu einem Rückgang des Meereises geführt und die Meerenge in den Wintermonaten zunehmend offen gehalten, erklärt Angela Szesciorka, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Marine Mammal Institut der Oregon State University in Newport, Oregon und Hauptautorin der Studie.
«Der Mangel an Eis bedeutet, dass sie diesen kritischen Lebensraum verlieren, und infolgedessen sehen wir, dass diese Wale die Arktis im Winter nicht mehr verlassen», sagt Szesciorka. «Ohne das Eis könnte sich die Verfügbarkeit von Grönlandwalen für die indigene Bevölkerung, die auf diese Wale angewiesen ist, ändern. Das fehlende Eis öffnet auch anderen Arten die Tür in die Arktis, was zu einem Wettbewerb um Ressourcen, potenziellen Raubtieren und verstärkter menschlicher Interaktion durch Kollisionen mit Schiffen oder Verfangen in Fanggeräten führt.»
Die Wissenschaft geht davon aus, dass das Meereis eine wichtige Rolle im Leben der Grönlandwale spielt. Stafford zufolge nutzen die sich nur langsam bewegenden Wale das Meereis möglicherweise als Schutz vor potenziellen Raubtieren. Zudem könnte das eisbedeckte Wasser auch die Kommunikation zwischen den Tieren verbessern.
Das arktische Meereis hat seit 1979 jedoch um etwa 13 Prozent pro Jahrzehnt abgenommen. In der Tschuktschensee gab es einst mehrjähriges Eis, jetzt nur noch einjähriges, das den Sommer nicht überlebt.
Die beiden Autorinnen analysierten Rufe und Gesänge der Wale, die zwischen 2009 und 2021 in der Tschuktschensee in der Nähe der Beringstraße aufgenommen wurden, um zu verfolgen, wie sich die Wanderungen der Wale mit dem Meereisrückgang verändert haben. Dabei wurden auch die Geräusche vorbeifahrender Schiffe erfasst.
«Bowheads machen eine Reihe von nicht-singenden Rufen, aber im Herbst, Winter und bis ins Frühjahr hinein singen sie», sagt Szesciorka. «Wir glauben, dass es die Männchen sind, die singen, und dass die Lieder der Balz dienen. Sie singen viele verschiedene Lieder und neigen nicht dazu, sie zu wiederholen. Es ist sehr komplex.»
Die Forscherinnen kombinierten ihre Ergebnisse mit Meereis- und Wetterdaten und fanden heraus, dass sich die Herbstwanderung der Wale in die Beringsee in Jahren mit weniger Meereis verzögerte und dass einige Tiere stattdessen in der südlichen Tschuktschensee überwinterten.
«Die Meerenge ist das einzige Tor zwischen der Arktis und dem Pazifik — alles, was sich zwischen den beiden Gebieten bewegt, muss hier durch, wie ein Drehkreuz», sagt Stafford. «Nicht mehr alle Grönlandwale passieren dieses Drehkreuz.»
Zudem wanderten die Wale in Jahren mit wenig Meereis im Frühjahr früher in Richtung Norden. Auch das traditionelle Wissen der indigenen Bevölkerung deutet darauf hin, dass weniger Eis und mehr offenes Wasser den Zeitpunkt der Frühjahrsmigration um etwa einen Monat verschoben haben. Da die indigenen Gemeinschaften auf die Grönlandwale angewiesen sind, um ihre Ernährung und ihre kulturelle und spirituelle Existenz zu sichern, könnten die veränderten Migrationsmuster der Wale den Forscherinnen zufolge auch Auswirkungen auf sie haben.
«Grönlandwale werden seit Jahrtausenden von arktischen Völkern gejagt, aber im Herbst 2019 gab es keine Wale in Reichweite der indigenen Jäger in Utqiagvik, Alaska», sagt Stafford. «Das hat das Potenzial, die Ernährungssicherheit in diesen Gemeinschaften zu verringern, und das ist problematisch.»
Darüberhinaus bedeutet das fehlende Meereis, dass die Beringstraße für potenzielle Raubtiere wie Schwertwale und für kommerzielle Schiffe offen ist, vor denen die Grönlandwale im Winter bisher sicher waren.
«Es gibt einige wichtige Fragen für zukünftige Studien: Besteht für Grönlandwale ein erhöhtes Risiko, von Schiffen angefahren zu werden oder sich in Fischereigeräten zu verfangen, wenn das fehlende Meereis zu mehr Fischfang oder anderem Schiffsverkehr führt? Grönlandwale sind normalerweise nicht in der Nähe von Schiffen, und sie wissen vielleicht nicht, wie sie reagieren sollen», so Szesciorka. «Dieser Wandel vollzieht sich sehr schnell, und es ist unklar, welche Auswirkungen die fortschreitende Erwärmung der Arktis haben könnte.»
Julia Hager, PolarJournal
Beitragsbild: Heiner Kubny
Link zur Studie: Angela R. Szesciorka, Kathleen M. Stafford. Sea ice directs changes in bowhead whale phenology through the Bering Strait. Movement Ecology, 2023; 11 (1) DOI: 10.1186/s40462-023-00374-5