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Wenn man keine Zeit mehr hat für unbezahlte Arbeit, drohen die Verschuldung und die Verarmung. Was die Wirtschaftskrise mit den Frauen anstellt, erläutert die Ökonomin Mascha Madörin.
WOZ: Mascha Madörin, Sie sind Volkswirtschaftlerin. Kann man feststellen, dass die Krise die Frauen anders trifft als die Männer?
Mascha Madörin: Ja, sicher. Es gibt sehr viele Untersuchungen von früheren Wirtschaftskrisen in Lateinamerika oder Asien, sie alle haben gezeigt: Letztlich sind es immer vor allem die Frauen als Erwerbstätige und letztlich Verantwortliche für die Familie, die für die Krise zahlen. Dazu gibt es inzwischen eine umfangreiche Forschung, die in der Schweiz völlig ignoriert wird.
Stimmt dies auch heute? Es werden doch milliardenschwere Konjunkturpakete geschnürt, um Jobs zu schaffen.
Von den osteuropäischen Ländern, die stark von der Krise betroffen sind, hat der Internationale Währungsfonds bereits verlangt, dass sie ihre Sozialausgaben zusammenstreichen. Das trifft Frauen anders als Männer, denn die Frauen sind vor allem in der Erziehung und im Gesundheitswesen tätig. Gleichzeitig sind sie im privaten Bereich letztlich immer noch zuständig für die Betreuung der Kinder und der pflegebedürftigen Erwachsenen.
In Ungarn vielleicht, aber in der Schweiz ...
... auch in der Schweiz: Erst kürzlich hat die Berner Kantonsregierung Budgetkürzungen angekündigt, die vor allem bei Spitälern und im Erziehungswesen ansetzen. Die Konjunkturpakete in der Schweiz wie in der EU setzen auf Infrastrukturprojekte - da wird gebaut, das gibt Jobs für Männer. Tausend US-amerikanische Historiker und Historikerinnen haben in einem offenen Brief an Präsident Barack Obama auf dieses Problem hingewiesen: Der New Deal von Franklin D. Roosevelt hat vor allem zur Schaffung von Arbeitsplätzen für gut ausgebildete männliche weisse Personen geführt. Das war in den dreissiger Jahren ein Fehler und wäre jetzt noch gravierender, da viele Familien vom Erwerbseinkommen von Frauen abhängig seien, wie die Historiker und Historikerinnen schreiben. Das Modell des Ernährerlohnes ist völlig überholt. In den USA sind zurzeit mehr Frauen erwerbstätig als Männer - das hat es vorher noch in keinem kapitalistischen Land gegeben. Möglich, dass die hohe Verschuldung der US-amerikanischen Haushalte sogar damit zu tun hat.
Können Sie das erklären?
In den USA sind die Leistungen des Staates für die Kinder- und die Krankenbetreuung sehr schlecht. Arbeiten beide Eltern ausser Haus, muss für die Kinderbetreuung viel Geld ausgegeben werden - sofern nicht die Grosseltern einspringen. Ist die Familie nicht reich, kann das zur Verschuldung führen. Die Eltern arbeiten immer mehr, um ihr Einkommen aufzubessern, haben deswegen weniger Zeit für die notwendigen unbezahlten Arbeiten wie putzen, kochen, waschen. Deshalb kaufen sie zum Beispiel auch Fertigmenüs, was teuer ist.
Sie behaupten also, die Leute kaufen Fastfood, weil sie zu wenig Zeit haben?
Genau. Die Bedeutung der unbezahlten Arbeit wird völlig unterschätzt. Ich habe für eine Studie eines Uno-Forschungsinstituts, die im Herbst erscheinen wird, Daten für die Schweiz zusammengetragen. Die Resultate sind frappant: Im Jahr 2004 wurden 7000 Millionen Stunden bezahlte Arbeit geleistet, zusätzlich aber auch noch 8500 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit - in Form von Kinderbetreuung, Kochen, Haushalten, Pflege von Alten und Kranken. Allein fürs Kochen - zu Hause meine ich, nicht im Gastgewerbe - wird fast so viel Arbeitszeit aufgewendet wie in der Industrie und im Baugewerbe zusammen!
Arme Familien stecken mehr Zeit in bezahlte Arbeit, um über die Runden zu kommen, werden dabei aber eigentlich ärmer, weil sie keine Zeit mehr haben, um für sich selber zu sorgen. Heisst es das?
Meiner Meinung nach hängt der Lebensstandard tatsächlich auch davon ab, wie viel unbezahlte Arbeit sich ein Haushalt leisten kann. Rund siebzig Prozent der unbezahlten Arbeit wird für erwachsene, arbeitsfähige Personen im gleichen Haushalt geleistet - zu zwei Dritteln von Frauen. Das zeigt, wie wichtig unbezahlte Arbeit für die Wohlfahrt aller ist, diese unbezahlte Arbeit produziert Wohlstand!
Nun könnte man daraus schliessen: Eigentlich ist es gut, wenn die Frauen in der Krise keinen Job mehr finden, dann können sie sich endlich wieder der unbezahlten Arbeit zuwenden.
In den USA ist das bereits spürbar. Die Leute kochen wieder selber, Putzfrauen und Nannies - die meist Migrantinnen sind - werden entlassen, weil wieder selber geputzt und die Kinder wieder selber betreut werden. Vergangene Krisen haben gezeigt, dass Frauen durch Mehrarbeit zu Hause versuchen, Geld zu sparen; gleichzeitig sind sie auch bereit, zusätzlich schlechte Jobs anzunehmen, nur um ihre Familie irgendwie über die Runde zu bringen.
Und bei uns?
Es wird auch bei uns neben all jenen, die ihren Arbeitsplatz in der Export- und die Finanzindustrie verlieren, vor allem diejenigen treffen, die unter prekären Bedingungen arbeiten und zum Beispiel keinen regulären Vertrag besitzen: Ausländer und Frauen, Personen, die zum Beispiel im Gastgewerbe tätig sind oder im Tourismus - oder eben Putzfrauen. Es ist immer die Frage: Auf wen lassen sich langfristig die Kosten abwälzen?
Was würden Sie tun, wenn Sie ein Konjunkturpaket schnüren könnten?
Die soziale Infrastruktur verbessern: Wir brauchen bessere soziale Einrichtungen, nicht nur physische Bauten. Das heisst, wir benötigen mehr Kinderkrippen und Tagesstätten, mehr Pflege- und Spitexdienste und mehr Mittel, um die Chancengleichheit in der Bildung zu realisieren. Kurz: Ich würde vor allem in die Care-Ökonomie investieren.
Care-Ökonomie? Was ist das eigentlich?
Die Care-Ökonomie beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Gesellschaft die Sorge für ihre Mitglieder organisiert - also die alltägliche Versorgung aller. In den gängigen ökonomischen Theorien gibt es diese Fragestellung einfach nicht. Man tut so, als ob es keine unbezahlte Arbeit gäbe und als ob für den Lebensstandard das Gesundheits- und das Erziehungswesen nicht zentral wären. Und so kann auch unsäglicher Blödsinn verbreitet werden, wie zum Beispiel die Rede vom angeblichen «Generationenkonflikt» oder den «explodierenden Gesundheitskosten».
Stimmt es denn nicht, dass die Jungen für die Alten zahlen?
Wenn die unbezahlte Arbeit berücksichtigt wird, wirklich nicht! Es sind ältere Menschen, vor allem Frauen, die die Alten pflegen. Und die Alten übernehmen auch einen beachtlichen Teil der Kinderbetreuung. Das lässt sich mit Zahlen belegen. Wenn es eine Ungerechtigkeit gibt, dann ist es nicht eine Generationenungerechtigkeit - dann ist es eine Geschlechterungerechtigkeit: Die Frauen versorgen unbezahlt die Gesellschaft. Im Pflegebereich werden zu Hause fünf- bis achtmal mehr unbezahlte Stunden investiert als von allen bezahlten Hauspflegediensten zusammen. Und für die - auch hier wieder unbezahlte - Betreuung der Kinder wird zehnmal mehr Zeit aufgewendet als für die unbezahlte Betreuung und Pflege von Erwachsenen. Nur um zu zeigen, in welchen Grössenordnungen wir uns bewegen.
Gibt es eine Chance, dass hierzulande mehr Geld in die Care-Ökonomie fliesst?
Die Rettung der UBS wird die Nationalbank noch Milliarden kosten - und das geht zulasten des AHV-Ausgleichsfonds und vor allem zulasten der Kantone. Diese erhielten bislang jährlich zwei Milliarden Franken aus den Gewinnen der Nationalbank. Die Nationalbank wird wohl in den nächsten Jahren wegen der UBS-Rettung kaum Gewinn ausweisen, also fehlen den Kantonen die zwei Milliarden. Sie werden sparen müssen und das vermutlich kurzsichtig im sozialen Bereich tun. Es braucht noch viel politische Arbeit, um das zu ändern.
Die Gesundheitskosten steigen und steigen. Halten Sie das nicht für beunruhigend?
Klar steigen sie, aber das geht nicht anders.
Wie bitte?
Die Krankenversicherung ist unsozial organisiert. Im europäischen Vergleich müssen die Leute einen viel zu hohen Anteil der Gesundheitskosten selber tragen. Abgesehen davon, geht es noch um etwas ganz anderes: Die Krankenpflege wie auch das Schreiben eines Artikels lassen sich nicht effizienter machen - und deshalb lassen sich im Gesundheitsbereich wie auch bei den Medien nicht Kosten einsparen, ohne Leistungen abzubauen.
Können Sie das ausführen?
Die Industrie hat in den vergangenen Jahrzehnten immer produktiver gewirtschaftet. Ein Arbeiter oder eine Primarschullehrerin muss zum Beispiel heute wesentlich weniger Stunden arbeiten, um ein Auto oder ein Paar Schuhe zu kaufen als noch vor fünfzig Jahren. Maschinen erlauben es, immer schneller, immer mehr und immer billiger zu produzieren. Das geht aber nicht in der Pflege oder bei einer ärztlichen Konsultation. Einen Kranken zu pflegen, braucht seine Zeit, da gibt es keine Möglichkeit für einen Produktivitätsgewinn - deshalb werden diese Leistungen verglichen mit produzierten Gütern immer teurer, es sei denn, die Löhne sinken. Deshalb steigen die Kosten im Gesundheitswesen überproportional. Und in der Politik wird dies schamlos ausgenutzt, um Leistungen zu kürzen und die Leute zu disziplinieren
Wie liesse sich eine gute Care-Infrastruktur finanzieren?
Es braucht dafür einen starken Staat, der bereit ist, die soziale Infrastruktur über Steuern zu finanzieren. In den skandinavischen Ländern läuft das so, und sie haben bisher die Globalisierung erfolgreicher gemeistert als andere Staaten.