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Einmal im Leben fidel auf das Weisse Haus zuflitzen. Nackt. Vielleicht mit einem Blumensträusschen in der Rechten. Landesweite Aufmerksamkeit, Lob an die schweizer Courage. Als ich jedoch bei Starbucks die Washington Post aufschlage, verwerfe ich die Idee umgehend. Die Alarmanlage ist gerade schärfer denn je, Leute vom Secret Service verstecken sich hinter jedem Grashalm. Vor knapp zwei Wochen stürmte Omar J. Gonzales (42 Jahre) über den Zaun und dann durch die Vordertüre der Präsidentenvilla in Washington. Zwar nicht mit Blumenstrauss, dafür mit einem Klappmesser. Gemäss Zeitung erreichte Omar J. sogar einige Türen weiter die Treppe, welche zu Obamas Wohnung führt. Eine sportliche Leistung, wenn man bedenkt, dass der Unterschlupf des Präsidenten eher einer Festung als einem Haus gleicht. Einige Stunden zuvor ermahnt mich in Virginia der Beifahrer eines Geldtransporters via Lautsprecher, die Augenbrauen schräg nach unten gedrückt, gefälligst im Mindestabstand von 20 Meter um das Vehikel „herumzulaufen“. So braust der ziemlich suspekte Herr Gonzales bis kurz vor das Schlafzimmer des Amerikanischen Oberhaupts, während die Insassen eines unspektakulären Geldtransporters schon aus weiter Entfernung allergisch auf mein liebliches Antlitz reagieren.
Auch im sumpfigen Gefilde des heutigen District Colombia mussten europäische Siedler zuerst die Indianer verscheuchen, damit die Region erblühen konnte. Man konnte sich damals auf keine der bereits bestehenden Städte als dauerhaften Regierungssitz und Hauptstadt einigen. So wurde 1792 mit dem Bau einer völlig neuen Planhauptstadt begonnen. Washington D.C. Den Namen verdankt sie Amerikas Gründervater und ersten Präsidenten George Washington. Kämpfer für die Unabhängigkeit von Grossbritannien, Wegweiser der republikanischen Demokratie und Zierde der 1-Dollar-Note.
Zu gerne erinnere ich mich an die aufregende Woche in New York letztes Jahr, blicke kurz auf die Wolken, die an der mächtigen Skyline kratzen und staue weiter in Richtung Boston, wo die noch jungen Vereinigten Staaten vor ca. 400 Jahren ihre ersten Kapitel schrieb. Bekannt wurde die Stadt vor allem durch die Boston Tea Party vom 16. Dezember 1773. Grossbritannien erhöhte damals die Steuer auf Tee um so die enormen Kriegskosten aus den jahrelangen Feldzügen gegen Frankreich und die Niederlande zu decken. Dies betraf vor allem den Handel mit ihren Überseekolonien in Neuengland, in Amerikas Osten. Reiner Frevel. Die erbosten Yankees forderten eine freie Wahl ihrer Handelspartner sowie mehr Mitsprache und Autonomie. Um das ganze zu unterstreichen, versenkte ein als Indianer verkleideter Pöbel die teure Fracht eines Tee-Handelschiffs der „East India Company“ im Bostoner Hafen. Das britische Parlament lehnte darauf die Forderungen von Übersee konsequent ab und schickte umgehend freigewordene Truppen nach Amerika. 1775 erklärten die Yankees ihrem Mutterland den Krieg. Sieben Jahre lang kämpften die 13 „abtrünnigen“ Kolonien; Connecticut, Delaware, Georgia, Maryland, Massachusetts, New Hampshire, New Jersey, New York, North Carolina, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina und Virginia gegen die britische Streitmacht. Aber erst als die Franzosen zu Gunsten der Kolonien eingriffen, gab sich das Königshaus geschlagen. Die Geburt der Vereinigten Staaten. Unabhängigkeitserklärung unterschreiben, blutige Hände schütteln, günstigen Tee trinken, Freiheitsstatue aufstellen, Monroe-Doktrin in die Wege leiten, Weltpolizei-Anzug überziehen.
Boston ist eine der ältesten, wohlhabendsten und kulturell reichsten Städte der USA. Wer durch die Metropole an der Ostküste schlendert, spürt den Geist der alten Welt in jedem Backstein. Es stehen noch Gebäude, die über 300 Jahre alt sind. Ich spaziere durch das romantische Beacon Hill. Das Viertel, dem der Hügel seinen Namen gab, ist eine Stadt in der Stadt, eine friedliche Oase im hektischen Alltag. Beacon Hill gilt als Bostons vornehmstes Wohnviertel. Backsteingebäude, kleine Gassen aus Kopfsteinpflaster und Gas-Laternen erinnern an eine andere Epoche. Jason erzählt mir, dass eine Postleitzahl im angrenzenden Back Bay an die 3’500 Millionäre zählt. Reiche Bostoner Familien, zugezogene Finanzhaie und Berühmtheiten wie Uma Thurman oder auch John Kerry, der leider die Präsidentschaftswahlen gegen Herrn Bush verlor, hausen in der feinen Gegend und treiben die Mieten hoch. Eine Frage der Zeit, bis auch Jason seinen Ladenlokal räumen muss.
Die ersten Einwanderer waren zwar Puritaner aus England, aber bald wurde die Stadt regelrecht überflutet von Einwanderungswellen aus Irland. Bedingt durch Armut und Hungersnot galt Amerika für die Menschen von der grünen Insel als Neustart zu einem besseren Leben. Der Traum vom irischen Tellerwäscher zum Millionär ist trotzdem eine rar gesäte Erfolgs-Story. Bella Italia, in Boston? Ebenso zog es italienische Auswanderer nach Boston. Als Liebhaber der italienischen Küche bin ich wortwörtlich angefressen vom Italo-Viertel im North End, mit all seinen Vinotheken, Cantinas und Kaffeebars. Die Abende verbringe ich mehrheitlich in Bostons Vorort Cambridge, ehrenvoll benannt nach Cambridge in England, wo die Gründerväter studiert hatten. Hier geht Boston auf Partysafari. Der Besucher trifft auf einen charmanten Kneuel aus Bars, Szenecafés, alternativen Restaurants und vor allem; Elitestudenten. In Cambridge thront nämlich der Campus von Amerikas ältester Universität, der Harvard University. Seit einer halben Ewigkeit entsendet sie hungrige Anwälte in die freie Wildbahn und Wirtschaftskapitäne in die Chefsessel nationaler wie internationaler Grossunternehmen. Ich habe meinen Kollegen John in Nashville zwar nicht nach dem Vermögen seiner Eltern gefragt, bekomme aber langsam eine Vorstellung. Ein Studienjahr auf dem vierjährigen Weg zum Bachelor an der Harvard University kommt auf 68’000 Dollar (Food, Logie, Taschengeld und ca. 3’000 Dollar Reisekasse eingeschlossen). Im Monat käme man also über den Daumen auf 5’600 Dollar. Master-Studenten müssen da schon tiefer in die Tasche greifen. Ein Jahr an der „Havard Business School“ kostet um die 100’000 Dollar. Macht also um die 570’000 Dollar für das fünf- bis sechsjährige Komplettprogramm. Klar will man später aus einem fetten Sessel über ein kleines Reich herrschen und üppig abkassieren.
Bostons Krehti und Plehti ist gesellig, liebt es zu schwatzen und beweist Aufgeschlossenheit gemischt mit einem bescheidenem Hauch Patriotismus. Junge Bostianer wie Samantha und Aron sind stolz darauf, dass ihre Stadt die Kultur bewahren und nebenbei ein intaktes Schienennetz wie eine tiefe Kriminalitätsrate vorzeigen kann. Beim Bostoner Marathon würden sie aber trotzdem nie mitmachen.
Mit den lieblichen Worten „lebe frei oder stirb“ begrüsst mich der Bundesstaat New Hempshire. Interessant, dass sich diese historischen Worte bis in die Gegenwart retten konnten. Die letzte Nacht in meiner Zigeuner-Wohnung, mein sichtbarer Atem und die aktuelle Radiowerbung für Feuerholz, lässt mich zunehmends Böses erahnen. Eine aussergewöhnliche Attraktion zieht mich in die Fänge tiefer Temperaturen. Der Laubfall Nordamerikas, ironischerweise auch bekannt als „Indian Summer“. Gerade im Kiefernstaat Maine nimmt das Laub der Bäume im Herbst für kurze Zeit ein derart intensive Färbung an, dass ich jedem Herbstzeitlosen einige Momente im äussersten Zipfel der USA wünsche. Der Weg zum Acadia-Nationalpark führt vorbei an klangvollen Namen wie Newcastle, Manchester, Belfast oder Marlboro. Aber nicht nur der Blick auf die Karte, auch der Baustil erinnert an England, Norwegen oder Island. Feine Cottage Häuser und verwunschene Holzvillen verstecken sich in den von Seen gesäumten Märchenwäldern. Schroff prescht der Atlantik an die Steinküste des Nationalparks und offeriert den Einheimischen und Touristen eine gute Auswahl an Meeresfrüchten und frischem Fisch. Inoffiziell dürfte Maine auch als Hummerhimmel bekannt sein. Überall werden Lobsterrollen, Lobsterkuchen oder auch Lobsterklauen zum Verzehr geboten. Der durch Freitod dahingeschiedene Schriftsteller David Forster Wallace wurde einst von einem renommierten Magazin „Gourmet“ gebeten, über das Hummerfestival in Rockland einen Artikel zu schreiben. „Am Beispiel des Hummers“ ist die Konsequenz seines Besuchs. Der depressive Wortschäumer schrieb neben dem eigentlichen Artikel einige Essays über den grössten Hummerkochtopf der Welt und die moralische Vertretbarkeit hinter der Zubereitung der Schalentierchen.
Maines Menschen sind herzlich, aber auch schwermütig. Seit der Wirtschaftkrise vor sechs Jahren geht es noch steiler bergab. Gerade kürzlich schloss die „Verso Paper Corp.“ einer der grössten Arbeitgeber der Region. Weitere 500 Jobs gehen der Industrie verloren. Ein Schreiner erzählt, in Maine aufzuwachsen und mit einem Familienbetrieb eine Nische zu belegen, sei ganz okey, zuziehen und Arbeit suchen, ganz was anderes. Ich treffe auf die fleissige Emma, sie hilft Anwärter Mike Michoud, den Bürgermeisterposten zu besetzen und organisiert die Voluntäre für Tête-à-Têtes mit Maines Einwohnern. Der aktuelle Bürgermeister Paul LePage habe so ziemlich alles versaut. Er kürzte Schulleistungen, findet soziale Entscheidungen lahm und trifft sich gerne mit Terroristen. Die Gegenspieler von Mike Michoud haben jedoch einen Trumpf im Ärmel, sie behaupten er sei schwul.