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Kuriosingen: Edgar
Es gibt eine geheime Stadt, dessen genaue Koordinaten besser gehütet sind als das Geheimnis zu Area51. Eigentlich sollte sie ja namenlos sein, denn das gehört sich so für eine geheime Stadt. Aber die Einwohner brauchen einen Namen, wenn sie untereinander von ihrem Zuhause sprechen und so nennen sie es Kuriosingen.
Einige der Bewohner lieben ihr neues Daheim, denn sie haben hier einen sicheren Zufluchtsort gefunden. Andere müssen sich erst noch akklimatisieren und sich mit ihren eigenen Ängsten stellen, bevor sie ihr neues Glück schätzen lernen. Allen Einwohnern in Kuriosingen ist etwas gemeinsam: Sie sind Ausgestossene und besitzen Defizite, ob physische oder psychische, welche ihr Umfeld nicht akzeptiert.
In diesem geheimen Städtchen jedoch können sie ganz sich selbst bleiben. Der Bürgermeister, ein mysteriöser Mann, der sich nie unvermummt und ohne Gesichtsmaske zeigt, nimmt jeden Gestrandeten auf, sorgt dafür, dass er keine Gefahr für sich sowie die anderen ist und gibt ihnen ein Zuhause.
Edgar ist einer der ältesten Bürger von Kuriosingen. Dies ist die Geschichte, wie er seinen Platz in der Gesellschaft der Stadt gefunden hat:
Edgar taumelte kurz vor Sonnenaufgang über die Stadtgrenze. Gerade noch rechtzeitig fand der Bürgermeister ihn, nahm ihn mit nach Hause und päppelte den geschwächten Fremden auf. Sobald der junge Mann wieder bei Kräften war, erklärte ihm der Bürgermeister, was es sich mit diesem Ort auf sich hatte. Er versprach Edgar, dass dieser hier einen Platz finden und vor allem akzeptiert werden würde. Als Verstossener, als Schandfleck seiner Familie, fiel dem jungen Mann die Entscheidung einfach. Er würde bleiben.
Nachdem er eine Weile in Kuriosingen gelebt hatte, verspürte Edgar irgendwann den Wunsch, zu arbeiten. Die Nächte waren lang, wenn er gar nichts zu tun hatte. Über seinen Schatten springen, das konnte er nicht. Trotzdem schwor er sich, etwas Sinnstiftendes zu tun. Als er den Bürgermeister um Rat fragte, sagte dieser: «Ich habe genau das Richtige für dich, Edgar mein Lieber!» Er schnappte sich seinen Mantel und eilte mit seinem Schützling aus dem Gemeindehaus.
Auf dem Weg erklärte er: «Ich habe vor, diesen Ort zu einer blühenden Stadt zu machen. Weisst du, was jeder annehmbare Ort braucht?»
Edgar schüttelte ratlos den Kopf.
«Einen Kiosk!», freute sich der Bürgermeister. Das silberne Licht des Mondes spiegelte sich auf der Maske, die er immer trug.
«Einen Kiosk?», wiederholte Edgar lahm. «Um Zeitungen zu verkaufen?»
«Hm, leider haben wir noch keinen Journalisten unter uns. Aber ein Kiosk ist weit mehr als ein Zeitungsstand, Edgar. Mittlerweile kannst du dort deine Post abholen, einen Snack essen, Geld abheben … Der Kiosk ist ein Ort des Zusammenkommens und genauso wichtig in seiner Funktion wie die Dorfkneipe.»
«Wird Wolf Freude daran haben, wenn er einen Konkurrenten bekommt?», fragte Edgar zweifelnd und dachte an den grimmigen Gastronom mit den leuchtend gelben Augen.
«Ihr ergänzt eure Dienstleistungen ja, deswegen wird er kein Problem damit haben. Um eine Kneipe zu besuchen, muss man ein gewisses Mass an Selbstvertrauen haben, das man für den Besuch im Kiosk nicht braucht. Der Kiosk hat Dinge im Sortiment, die jeder neue Bürger braucht: Abfallsäcke, eine Stadtkarte, das Aktivitätsprogramm und vieles mehr. Deswegen ist dieser Ort ihre erste Anlaufstelle – ein sicherer Hafen, der ihnen zeigt, wie harmonisch das Leben in dieser Gemeinschaft sein kann und von dem aus sie sich vorsichtig vorantasten können», erklärte der maskierte Mann.
Edgar lauschte dem Bürgermeister gerne. Der Mann war so enthusiastisch und seine Begeisterung ansteckend.
Die beiden erreichten eine grosse Kreuzung, von der die vier Hauptstrassen abzweigten. Dies war das Zentrum des Städtchens. Zwischen die nördliche und östliche Strasse gequetscht lag Wolfs Kneipe «Grünkäppchen – das beste Bier und die gesündesten Veggies».
Auf der anderen Seite, zwischen Süden und Westen prangte ein Gebäude, das Edgar auf seinen Streifzügen noch nie aufgefallen war. Hatte der Bürgermeister es hingezaubert? Möglich wäre es. Schließlich wusste er nicht, was der Maskierte für besondere Fähigkeiten hatte. Als Einwohner von Kuriosingen musste er etwas Besonderes sein!
Das Gebäude lag im Dunkeln. Trotzdem konnte Edgar mit seiner ausserordentlichen Nachtsicht erkennen, dass es grosse, noch leere Schaufenster besass.
Mit weitausholenden Schritten ging der Bürgermeister darauf zu. Von einem riesigen Bund suchte er den richtigen Schlüssel heraus und sperrte die Türe zum Laden auf. Ein helles, sympathisches Glöckchen erklang. Leere Regalreihen und Zeitungsständer gähnten ihnen entgegen. Im der Fensterfront zugewandten Teil gab es eine Fläche mit Barhocker und hohen Tischchen. Gleich daneben befand sich die Theke für die Auslage von frischem Essen und einen Kassenbereich.
«Wie gefällt es dir?», fragte der Bürgermeister.
Edgar drehte sich einmal um die eigene Achse. «Gut», bekannte er schliesslich.
Wenn er die Augen schloss, dann konnte er es sich vorstellen: Er roch die lecker duftenden heissen Sandwiches, hörte das Murmeln der Leute, das Rascheln der Zeitschriften, das Rattern der Kasse und das helle Bimmeln des Glöckchens.
«Sehr schön», freute sich der Mann mit der Maske. «Hier. Das ist deiner.»
Er streckte Edgar die Schlüssel hin. Zögernd hob der junge Mann die Hand. Er hatte nie etwas eigenes besessen und jetzt sollte er einen Kiosk führen?
«Was wenn ich das nicht kann? Wenn ich nicht gut genug bin?», fragte er schüchtern.
Der Bürgermeister legte Edgar einen Arm um die Schultern und schaute aus den Schaufenstern hinaus und seufzte: «Wir sind alle nicht gut genug, mein Sohn. Deswegen sind wir hier.»
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.