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Der Alpenraum befindet sich im Zuge der Klimaveränderung in einer beschleunigten Metamorphose. Die einstige Vorstellung der physisch und ideell stabilen Alpen löst sich kontinuierlich auf und wandelt sich zu einem Bild, das die Fragilität des Gebirges auf eindrückliche Weise offenbart. Gleichzeitig gewinnt die Makroregion Alpen, welche die angrenzenden Metropolitanräume miteinschliesst, als Ressourcenraum für die Anrainer:innen zunehmend an Bedeutung. Erneuerbare Energien, Frischwasser, biologische Ressourcen, Schutz vor Naturgefahren,1 die Aussicht auf Sommerfrische oder die in den nächsten Jahrzehnten durch den Gletscherrückzug entstehenden neuen Landschaften mit potenziell 683 natürlichen Seen2 wecken zahlreiche Begehrlichkeiten. Die heute bereits existierenden Interessens- und Nutzungskonflikte dürften sich also im Zuge dieser Entwicklung nicht nur häufen, sondern zukünftig in zugespitzter Form artikulieren.
Indes leisten die verfügbaren Grundlagen einer übergeordneten Planungssichtweise, wie das Raumkonzept Schweiz, das die Alpen in drei Handlungsräume gliedert, oder das städtebauliche Portrait der Schweiz, das die Lesart des Landes als urbanisiertes Territorium vorschlägt, lediglich rudimentäre Beschreibungen des Alpenraums. Sie sind geprägt von der Vorstellung einer heterotopen Raumaufteilung. Was Urbanität nicht zu umgreifen vermag, wird als «Brache» gleichsam in die Wildnis zurückgestossen. Der Nachteil dieses dualen Systems liegt in seiner grossen Unschärfe. Zwischen den urbanen Zentren einerseits und der «Wildnis» andererseits klaffen noch in üppiger Flächenausdehnung die Zwischenräume.3 Daraus resultiert die paradoxe Situation, dass konkrete Vorhaben jeweils am Einzelfall mit einer dichotomen Vorstellung verhandelt werden, ohne die unterschiedlichen Nutz- und Schutzinteressen unter Berücksichtigung grossräumiger Abhängigkeiten differenziert abzuwägen.
Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine übergeordnete Betrachtung auf der Basis sorgfältig orchestrierter Landschaftsprofile. Ein Profil benennt die charakteristischen Eigenarten und Phänomene einer konkreten Landschaft, setzt diese in Beziehung und gewichtet. Auf diese Weise wird, immer im Kontext einer Gesamtkonfiguration betrachtet, eine Art «Substrat» für eine mögliche Entwicklung an die Oberfläche befördert. Der Priorisierung spezifischer Nutzungen (z.B. Tourismus, Erosion, Energieproduktion) ist dabei besondere Beachtung zu schenken, wobei hybride Konstellationen (also z.B. Energieproduktion und Tourismus) in expliziter Form zu untersuchen sind. Das Profil beschreibt also nicht nur was ist, sondern umreisst vor allem auch, was sein kann. Somit ist das Profil gleichermassen als Fluchtpunkt der am Ort gebundenen Energien zu verstehen, bei dem anders als im klassischen Zonenplan Gebrauch, Form und Wahrnehmung des Raums eine unentflechtbare Einheit eingehen.
Im Alpenraum ist «das Andere» nachbarschaftlich omnipräsent, das Nebeneinander geprägt von der Topographie. Unsere Betrachtungen folgen der Erkenntnis, dass die ausgesprochene Kleinräumigkeit, wie sie beispielsweise in Talschaften ihren Ausdruck findet, ein kennzeichnendes Merkmal der Alpen darstellt. Damit sind nicht nur die naturräumlichen Gegebenheiten gemeint, sondern auch die sozioökonomischen Verhältnisse. Hier mischen sich die massgebenden Merkmale wie Sprache, Konfession, Armut oder Wohlstand sowie Land- und Stadtorte. Der Cluster einer solche Mischung wirkt dabei identitätsstiftend für Gemeinschaften. Die beschleunigte Erzeugung von Differenz ist also das erklärte Ziel, denn Differenz wirkt stabilisierend – Vielfalt statt Einheit.4
Bibliography
1 Paul Messerli, Vom Alpenbild zur Alpenpolitik von Werner Bätzing, in: Tobias Chilla (Hrsg.), Leben in den Alpen. Verstädterung, Entsiedlung und neue Aufwertungen, Bern, 2014, S. 259-269.
2 Tim Steffen, Matthias Huss, Rebekka Estermann, Elias Hodel, Daniel Farinotti, Volume, evolution, and sedimentation of future glacier lakes in Switzerland over the 21st century, in: Earth Surface Dynamics, 10, 2022, S. 723-741.
3, 4 Markus Ritter, Alpendynamik sehen – beim Spazierengehen, in: Thomas Kissling (Hrsg.), Fest, flüssig, biotisch. Alpine Landschaften im Wandel, Zürich, 2021, S. 18-33.