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41acul hat geschrieben:
» 30.04.2019, 7:43h
@Verdandi,
"Kafka am Strand" von Haruki Murakami
Zunächst ganz herzlichen Dank für dieses Lesevergnügen. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass die Übersetzung durch Ursula Gräfe etwas "leichtfüßiger" daherkommt im Gegensatz zu "Gefährliche Geliebte".
Ganz überragend die Handhabung der Dialoge durch Murakami. Da ist er ein wahrer Meister und man kann viel lernen. Er benutzt souverän jede Form:
Dialog zwischen Personen (auch sprechenden Tieren),
Dialog mit dem eigenen "Ich", hier mit der Möglichkeit eines gespaltenen "Ichs",
die sogenannte Innenschau,
Dialog mit dem Leser durch die Ich-Erzählung.
Dadurch bekommt die Prosa eine wunderbare Lebendigkeit, er beschreibt nicht nur, er lässt die Personen durch Sprechaktionen (Dialoge) sich selber vorstellen.
So müsste man es machen, wenn man es könnte:-). Mich hat diese Meisterschaft fasziniert.
Auf den feinen Unterschied der Übersetzung von Gräfe - äußere Wirklichkeit = Realität - und innerer Wirklichkeit möchte ich zunächst verzichten. Keine Frage, sie ist ein Gewinn, diese Gräfe.
Was meinst Du?
Gruß
Felix
@ 41acul
Hallo Felix, vielen Dank!
Deine Wahrnehmungen aus Deinem - wie Du schreibst: Lesevergnügen (das höre ich gern und empfand es selbst auch beim Lesen) finde ich sehr anregend, ja - so kann man es sehen! Es freut mich, dass Du diese Erfahrung mit Murakami und seinem Buch "Kafka am Strand" machen konntest.
Die englische Erstübersetzung seines früheren Buches "Südlich der Grenze, westlich der Sonne", aus der die Zweitübersetzung ins Deutsche mit dem erfundenen deutschen Titel "Gefährliche Geliebte" - also indirekt - erfolgte, war vielleicht an sich gar nicht so schlecht. Die Qualitätseinbuße der ersten deutschen Ausgabe erfolgte wegen des Verzichtes auf das japanische Original, die erst viele Jahre später dank U. Gräfes Direktübersetzung unter dem ebenfalls direkt übersetzten o.a. Originaltitel ausgebügelt werden konnte.
"Kafka am Strand" wurde dagegen sofort aus dem japanischen Original übersetzt - und weil wir U. Gräfes Können vertrauen dürfen, müssten wir schon gut Japanisch beherrschen, um dennoch störende Differenzen zwischen dem Original und der deutschen Übersetzung feststellen zu können. Stattdessen muss man den Japanisch-Kennern vertrauen, von denen mir bisher noch nicht negatives zu Ohren gekommen ist.
Man darf dabei natürlich - wie bei allen Übertragungen in andere Sprachen - nie vergessen, dass diese aus verschiedenen Gründen nie 100prozentig möglich sind. Ein wesentlicher Grund dafür ist bereits die Einmaligkeit jeder Sprache an sich vor dem Hintergrund ihrer ganz spezifischen Entstehungsgeschichte und der gesellschaftlichen Kultur, in der sie eingebunden ist und der nie endenden wechselseitigen Prägung - so dass sie nie in allen Aspekten einer anderen Sprache entsprechen können wird.
Ein ganz anderes Spielfeld ist die inhaltliche Interpretation. Selbst die professionell geschulten und belesenen Rezensenten der gesellschaftlich relevantesten Medien werden nie eine einheitliche Rezeption erfahren und davon berichten können. Jeder ist mit seiner Sicht auf die Welt und ihre Literaturen mit seiner persönlichen Wesensart und Geschichte involviert.
Man merkt es einer Rezension an, wenn versucht wurde, das Persönliche außen vor zu lassen. Daher betreibt ein guter Rezensent dies nur im notwenigen Umfang und setzt im Übrigen bewusst seine persönliche "Handschrift" ein. Die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Perspektiven in Bezug auf eine literarische Erzählung machen ja im Idealfall die Gesamtwirkung so facettenreich und spannend.
Meine eigene Rezeption durchläuft natürlich stets auch gewisse persönlich relevante Filter, die je nach Leseanlass variieren können. Ich lese Bücher nicht unbedingt deswegen, weil alle Welt von ihnen spricht oder die Rezensenten angesagter Feuilletons sich mehrheitlich dafür begeistern. Ich gehe da eher nach meinen persönlichen Vorlieben und Interessen vor, folge aber auch schon mal gern der Empfehlung des einen oder anderen Lieblingsrezensenten oder literaturbegeisterten Freundes, wenn ich gerade mal wieder offen für literarisches "Neuland" bin.
Eine Ausnahme mache ich stets für meinen Literatur-Debattierclub. Um mitreden zu können, lese ich auch mal entgegen eigener Vorlieben - immer das Buch, was von unserer Leiterin, die sich immer sehr engagiert bei der Recherche und Planung zeigt, uns alternativ zur Auswahl vorschlägt und was dann mehrheitlich beschlossen wird.
Unter dieser "Fremdprämisse" fällt es mir manchmal nicht leicht, mich auf den Stoff einzulassen und mit ihm vertraut zu werden. Aber wenn es gelingt, bin ich immer überrascht über den zunächst aufgezwungenen, dann aber sehr goutierten Zugewinn für meinen literarischen Fundus.
Die Debatten in der Gruppe bringen im Verlauf der gemeinsamen Erarbeitung des jeweiligen Lesestoffs immer wieder überraschend neue Potenziale der Interpretation zum Vorschein. 10 Interessierte sehen mehr als nur einer und jeder trägt auf seine Weise zur Bereicherung der Gruppe bei.
Meine Sicht ist oft eine psychoanalytische und philosophische, gern aber auch mal die der künstlerischen oder/und gesellschaftlichen Rebellion. Andere, die ein besseres Auge für stilistische Eigenheiten z.B. das indirekt zum Ausdruck Gebrachte oder gar Unausgesprochene haben, konnten mich schon oft dazu bringen, einen Text noch sorgfältiger zu lesen und bewusst auf solche Dinge zu achten, die mir vorher entgangen waren.
Ein gutes Buch zum zweiten Mal zu lesen, eröffnet fast immer ganz neue Perspektiven und den Genuss weiterer Lesefrüchte!
Lange Rede - kurzer Sinn (aber der "Ausflug" hat mir gefallen!) in Bezug darauf, auf das ich eigentlich hinaus wollte - wir befinden uns hier ja nicht im Literatur-, sondern im Philosophie-Forum, im Thread "Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts".
Meine persönliche Rezeption von "Kafka am Strand" hat mich also beim Lesen immer wieder eine Verbindung erkennen lassen, zu dem mich nach wie vor sehr interessierenden Themenkomplex "Wirklichkeit".
Was mich diesbezüglich an "Kafka am Strand" fasziniert, habe ich hier in meinem Beitrag vom >>15.04.2019, 16:41h, bereits beschrieben. Ergänzend möchte ich noch anmerken, dass ich Lyrik und Literarische Prosa als Kunst und die einzelnen Werke als Kunstwerke begreife - nur, dass das Geschaffene nicht vom Rezipienten angeschaut sondern gelesen oder angehört wird, damit er dazu eigene Bilder in seinen Vorstellungen entstehen lassen kann.
Insofern bin ich im Bezug auf Kunst und Literatur keineswegs so kritisch. wie gegenüber den Wissenschaften. Ein Künstler oder Literat ist nur sich und seiner Kunst verpflichtet, er muss niemandem irgendetwas beweisen, sondern soll nur authentisch sein in seinem Bestreben, sich auszudrücken.
Also sind mir auch fantastische Elemente als Bereicherung der Ausdrucksmöglichkeiten im Hinblick auf das Sujet willkommen - sofern und solange ich einen wie auch immer gearteten Zugang dazu finden kann - dank der Vermittlung des Autors.
Das ist zum Beispiel bei den Stoffen von Murakami, insbesondere bei "Kafka am Strand", durchaus der Fall, weil das zentrale Thema (es geht bei MURAKAMI immer darum:) das menschliche Empfinden ist - und zwar unter allen denk- und fantasierbaren Umständen, denen es ausgeliefert wird und sich anheimstellen, an denen es sich erproben und unter denen es bestehen muss.
Meine besondere Empfehlung für neue Liebhaber der Bücher von Haruki Murakami ist sein dreiteiliger Roman:
"1Q84" (1.+2: 2009, D2010 / 3: 2010, D 2011)
https://de.m.wikipedia.org/wiki/1Q84
Liebe Grüße und einen schönen 1. Mai morgen!
Verdandi