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Herr Petkovic, wenn Porträts über Sie erscheinen, beginnt die Geschichte meist mit Ihrem Weggang aus Sarajevo. Über Ihre Zeit im früheren Jugoslawien ist indes fast nichts bekannt.
Das war eine wunderschöne Zeit. Fast alles hat sich um die Familie und den Fussball gedreht. Mein Vater, der selbst Fussballer war, hat mich schon mit drei ins Stadion mitgenommen. Natürlich war auch die Schule wichtig. Aber ich durfte fast unendlich viel Zeit mit Fussball füllen. Was gibt es Schöneres?
Wie hat Ihr Vater auf Ihre Ernennung zum Schweizer Nationaltrainer reagiert?
Er war schon stolz. Aber seine Überraschung hielt sich in Grenzen, weil ich nicht aus dem Nichts Nationaltrainer geworden bin. Mein Vater hat mich jedenfalls sofort mit Tipps eingedeckt (schmunzelt). Ich mag es durchaus, mit unterschiedlichen Ansichten konfrontiert zu werden.
Hat Ihr Vater Ihnen fussballtechnisch auch schon mal die Augen geöffnet?
Das hat es sicher auch schon gegeben. Ebenso wie die eine oder andere Meinungsverschiedenheit.
Wie hat die Mutter auf Ihre Fussball-Obsession reagiert?
Da ich stets gute Noten in der Schule schrieb, war meine Leidenschaft kein Problem für sie. Leider konnte ich mein Studium der Rechtswissenschaften in Sarajevo nicht beenden, weil ich als junger Spieler zweimal an andere Vereine ausgeliehen wurde, um Spielpraxis zu sammeln.
Wer, neben dem Vater, sind die anderen Ratgeber?
Auch Journalisten gehören dazu (lacht). Wichtig ist, dass man seine Sensoren ausfährt, aber auch die Fähigkeit hat, das Wichtige von Unwichtigen zu trennen.
Kaum wurde die Regel abgeschafft, wonach jugoslawische Fussballer nicht vor 28 ins Ausland wechseln dürfen, sind Sie in die Schweiz gekommen. Warum eigentlich?
Mein Vertrag war ausgelaufen, und es hat sich spontan so ergeben. Vier, fünf Jahre später war ich sehr glücklich, dass ich diesen Schritt, der kein einfacher war, gewagt habe.
Sie haben 1987 Sarajevo verlassen. Gab es damals schon Anzeichen für Unruhen auf dem Balkan?
Nein, überhaupt nicht. Selbst im Sommer 1991, den ich in Sarajevo verbracht habe, deutete nichts auf Unruhen hin. Erst auf dem Heimweg in die Schweiz habe ich in Slowenien Militärs in Kampfmontur gesehen. Ein Jahr später erreichte der Krieg auch Sarajevo.
Wie war das für Sie, aus der Distanz mit dem Krieg konfrontiert zu sein?
Das war eine äusserst schwierige Zeit für mich. Umso mehr, als meine Eltern und Schwiegereltern noch dort waren. Es ist schrecklich, wenn man durch das Telefon die Einschläge der Granaten hört. Zum Glück konnte ich meine Eltern später zu mir holen. Doch die Schwiegereltern sind geblieben. Nach dieser Erfahrung ist mir klar geworden: Das, was man gemeinhin ein Problem nennt, ist meist überhaupt kein Problem.
Sie sagten, der Wechsel in die Schweiz hätte sich spontan ergeben. Ein einzelner Entscheid kann das Leben in völlig andere Bahnen lenken.
Rückblickend war es ein grosses Glück, in die Schweiz zu gehen. Aber glauben Sie mir: Ich musste vom ersten Tag an kämpfen, um mich in der Schweiz über Wasser zu halten. Niemand hatte hier auf mich gewartet. Deshalb musste ich jedes Jahr um einen neuen Vertrag als Spieler kämpfen. Ich war damals noch zu nett, zu scheu.
Wie meinen Sie das?
Ich musste lernen, Forderungen zu stellen und selbstbewusster aufzutreten. Das ist als Ausländer in einem fremden Land nicht so einfach und braucht seine Zeit. Auch musste ich den Mut entwickeln, Probleme direkt anzusprechen, statt sie mit mir herumzutragen. Als Spieler hätte ich es damals nicht gewagt, den Trainer zu fragen, warum ich denn nicht spiele.
Das tönt nach einem Leben als Aussenseiter.
Ja, das war ich auch lange. In dieser Gesellschaft muss man selbstbewusst auftreten, um etwas zu erreichen. Heute habe ich dieses Selbstbewusstsein. Ich habe keine Zweifel mehr, meine Ideen zu vermitteln.
Wie hat sich die Wertschätzung Ihnen gegenüber zwischen den ersten Jahren in der Schweiz und heute verändert?
Wertschätzung für die berufliche Leistung erfährt nur, wer erfolgreich ist. Menschlich hingegen wird nur respektiert, wer auch den Mitmenschen Respekt entgegenbringt. In dieser Hinsicht hat sich bei mir nicht viel verändert. Wenn es um Respekt geht, bin ich sehr wertkonservativ.
Haben Sie sich zu Beginn in der Schweiz als Verlierer gefühlt?
Nein, das nicht. Aber damals waren pro Mannschaft nur zwei Ausländer erlaubt. Blieb dann aber der Erfolg aus, wurden immer die Ausländer verantwortlich gemacht. Von den Ausländern wurde erwartet, dass sie den Unterschied ausmachen.
Das tönt paradox: Der «ungeliebte Jugo» muss den Erfolg bringen.
Vielleicht ist das paradox. Man denkt, Erfolg sei käuflich. Aber so einfach ist das nicht immer. Ein Beispiel dafür ist Liverpool. Die Engländer haben etwa zehnmal mehr Geld für neue Spieler ausgegeben als der FC Basel. Aber Liverpool ist ausgeschieden und Basel jetzt unter den besten 16 Klubteams von Europa.
Wie haben Sie das Spiel von Basel in Liverpool erlebt?
Es war eine sehr gute Leistung. Positiv, selbstbewusst, frech – wie es sein muss. Basel dominierte Liverpool 90 Minuten lang mehr oder weniger deutlich. Das Spiel war aber auch wieder einmal ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man das zweite, dritte Tor nicht schiesst. Wenn in den letzten fünf Minuten plötzlich noch ein Ball im Tor landet – wie hätten dann die Kommentare ausgesehen? Schliesslich war der Abend eine Bestätigung: Wer kontinuierlich und beharrlich an seinen Zielen arbeitet – und das tut Basel nicht erst seit gestern, sondern seit mindestens zehn Jahren –, wird dafür belohnt.
Mit Breel Embolo wächst ein sehr grosses Talent nach. Sie haben ihn kürzlich besucht, welchen Eindruck hat er Ihnen vermittelt?
Einen sehr positiven. Er ist ein intelligenter, junger Spieler, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Es ist wichtig, dass er sein Lachen behält und weiter an sich arbeitet. Er steht am Anfang seiner Karriere. Und in jeder Karriere geht es bergauf und bergab. Darauf muss er sich vorbereiten.
Embolo hat den Schweizer Pass erhalten. Werden Sie ihn für das EM-Qualifikationsspiel im März gegen Estland aufbieten?
Wissen Sie denn schon, wie sich unsere Situation im März präsentiert? Wen Sie aufbieten würden? Wenn der Spielbetrieb in einigen Ligen ruht, ist es im Fussball gleichwohl nicht ruhig. Spieler und Trainer wechseln Vereine. Es gibt andere Veränderungen, Exploits und Formschwächen, Verletzungen und Hochs. Das Aufgebot für das Spiel in mehr als drei Monaten werde ich aufgrund der dannzumal aktuellen Situationen erlassen. Und über diese werde ich mir das bestmögliche Bild machen und viele Spiele sowie Spieler besuchen, so wie dieses Wochenende bei Freiburg gegen den HSV.
Entspricht die Entwicklung des Nationalteams dem, was Sie sich bei Amtsantritt im vergangenen Juli vorstellten?
Teilweise war ich überrascht, wie schnell die Spieler einige Inputs umsetzten, gerade weil wir bis anhin noch nicht allzu viel Zeit zusammen auf dem Trainingsplatz verbrachten. Ich bin den Umständen entsprechend zufrieden. Seit Beginn der zweiten Halbzeit gegen England machen wir stets Fortschritte. Gleichwohl sehe ich noch viele Möglichkeiten zur Verbesserung. Ich versuchte auch, das Kader etwas zu verbreitern. In den drei Zusammenzügen waren vier Debütanten dabei. Auch das ist eine gute Entwicklung.
Einen Makel gab es in diesem Herbst: Das verhexte Spiel in Slowenien …
… das war unser bestes Spiel!
Auch besser als das 4:0 gegen Litauen?
Ja, ich denke schon. Denn die Slowenen sind eine Stufe höher einzuschätzen. Und wir haben es geschafft, dass sie in ihrem eigenen Stadion kaum gefährlich vor unser Tor kamen. Ich finde überdies, es wurde zu wenig analysiert, wie es zu unserer Niederlage gekommen ist. Konkret auch: Ob es ein Penalty war oder nicht.
Bald geht das Transferfenster auf. Sind Sie gespannt darauf, was Xherdan Shaqiri macht?
Nein, er muss und wird selber spüren, was für ihn am besten ist.
Hat er Sie um Rat gefragt?
Es hat genügend Leute um ihn herum, die ihm Ratschläge erteilen.
Zum Schluss: Bald sind Sie 30 Jahre in der Schweiz. Wie hat sich das Land aus Ihrer Sicht verändert?
Ich denke, die Schweiz hat sich geöffnet. Auch im Fussball. Die viel zitierte zweite, dritte Generation von Ausländern zieht eine Mischung in allen Sphären des Alltags nach sich. Eine Mischung, die heute völlig normal ist. Nehmen wir als Beispiel die Europa-Frage. Einige sind dafür, einige dagegen. Aber egal, wer wie denkt, die allermeisten schätzen eine Zusammenarbeit.
Welches Bild haben die Leute in Sarajevo heute von der Schweiz?
Viel feine Schokolade. Schöne Uhren. Alles schön. Alles piccobello (lacht).
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Seit dem 1. Juli heisst der Schweizer Fussballnationaltrainer Vladimir Petkovic (51). Er zieht eine erste Bilanz, erzählt, auf wen er hört, und erklärt seinen Wandel vom Aussenseiter zum anerkannten Trainer.
Herr Petkovic, wenn Porträts über Sie erscheinen, beginnt die Geschichte meist mit Ihrem Weggang aus Sarajevo. Über Ihre Zeit im früheren Jugoslawien ist indes fast nichts bekannt.