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Vor zwanzig Jahren unterzeichneten 24 Staaten in Montreal ein Abkommen zum Schutz der Ozonschicht, das als wegweisend gilt. Als Vorbild für den Klimaschutz taugt es leider kaum.
Der Mann, der den Planeten Erde so stark veränderte wie niemand sonst, war - glaubt man dem Umwelthistoriker John McNeill - nicht Dschingis Khan oder Napoleon oder Hitler, sondern ein Chemiker namens Thomas Midgeley. Er synthetisierte 1929 erstmals Fluorchlorkohlenwasserstoffe. FCKW sind nicht brennbar, ungiftig, sehr stabil und eignen sich hervorragend für verschiedene industrielle Anwendungen, etwa als Treibmittel in Spraydosen oder zur Herstellung von Schaumstoffen und als Kühlmittel.
Aber FCKW zerstören Ozon. Die Ozonschicht wirkt in der Stratosphäre als Filter für aggressive UV-Strahlung im Sonnenlicht. Weniger Ozon bedeutet mehr Hautkrebs, mehr Augenerkrankungen sowie Ertragseinbussen in der Landwirtschaft. Mit Deodorantsprays und Kühlschränken hat die Menschheit den Schutzschirm des irdischen Lebens nachhaltig beschädigt - und über vierzig Jahre lang nichts gemerkt.
Die Geschichte der FCKW erzählt auch den bislang grössten Erfolg der internationalen Umweltpolitik. Vor zwanzig Jahren, am 16. September 1987, unterzeichneten in Montreal 24 Staaten ein internationales Abkommen, in dem sie sich verpflichteten, die Herstellung ozonschädigender Substanzen zu reduzieren; heute ächtet es FCKW sogar vollständig. Bemerkenswert am Montreal-Protokoll ist, dass es zustande kam, bevor der Zusammenhang zwischen Ozonloch und FCKW wissenschaftlich erwiesen war: Einen echten Konsens in dieser Frage erreichten die ForscherInnen erst später.
Von «Montreal» ist heute im Zusammenhang mit dem Klimawandel viel die Rede: Montreal steht für die Hoffnung, dass auch gegen den Klimawandel - nach Auslaufen des schwachen Kioto-Protokolls im Jahr 2012 - eine wirksame Lösung gefunden werden kann. Klimawandel und die Zerstörung der Ozonschicht tauchten ungefähr zeitgleich auf der Agenda von Wissenschaft, Medien und Politik auf. Ähnlich wie heute beim Klima war auch die Ozondiplomatie wesentlich von der US-amerikanischen Haltung geprägt. Die Rollen waren allerdings etwas anders verteilt: Die USA, gemeinsam mit den skandinavischen Staaten, wollten eine wirksame Regulierung; ihnen stand als Bremserin die Europäische Gemeinschaft gegenüber.
Der Computer kanns nicht glauben
1973 entdeckten Mario Molina und Frank Rowland die ozonzerstörende Wirkung von FCKW. Diese Wirkung ist besonders nachhaltig, weil das schädigende Chlor dabei selber nicht aufgebraucht wird; ein einziges Chloratom kann Zehntausende Ozonmoleküle zerstören. Die US-Akademie der Wissenschaften plädierte bereits 1974 für eine Regulierung der FCKW. Die Industrie, im Verbund mit konservativen PolitikerInnen und einigen WissenschaftlerInnen, wehrte sich. Sie konnte zwar keine anders lautenden Forschungsresultate vorweisen, schoss sich aber auf die Schwächen und Lücken der Molina-Rowland-Hypothese ein. Angeführt wurde diese Koalition von DuPont, dem weltgrössten Hersteller von FCKW. Trotzdem erliessen die USA 1978 ein Verbot für FCKW in Spraydosen.
Die US-Regierung verlangte auch, dass andere Staaten sich ihrem Verbot anschlössen. 1982 begannen auf Einladung des Umweltprogramms der Uno (UNEP) internationale Verhandlungen. Doch die EG widersetzte sich einer bindenden Regelung. Mit dem Amtsantritt von Ronald Reagan 1981 begann die Position der USA zu schwanken. Umweltanliegen traten in den Hintergrund. Reagan verfügte, dass für jede Umweltschutzmassnahme eine Kosten-Nutzen-Abschätzung vorzulegen sei - ein Ansatz, der heute die Klimadebatte weltweit dominiert.
Dass es doch noch zum Durchbruch kam, lag an der Entdeckung des «Ozonlochs» im Jahr 1985. Britische WissenschaftlerInnen erkannten, dass über der Antarktis bereits vierzig Prozent des Ozons zerstört waren. Darauf überprüfte die Nasa eigene Messungen - und stellte fest, dass sie das Ozonloch übersehen hatte, weil die Computer Messresultate, die ausserhalb des erwarteten Bereichs lagen, als Fehler interpretierten.
Es war ein Schock. 1986, nach der Bestätigung des Ozonlochs durch die Nasa, änderte DuPont überraschend seine Position. Der Konzern kündigte an, in etwa fünf Jahren FCKW-Ersatzstoffe bereitzustellen, und nahm Forschungen wieder auf, die er 1980 auf Eis gelegt hatte. Nun bröckelte auch die internationale Front: Deutschland und Grossbritannien gaben ihren Widerstand auf, und in den USA setzte sich die Umweltbehörde gegen RegulierungsgegnerInnen in der Regierung durch.
Für den Gesinnungswandel von DuPont gab es mehrere Gründe. Einerseits bangte der Chemiekonzern wohl um seine Reputation, er befürchtete Klagen von Krebskranken. Zudem durfte er damit rechnen, ein FCKW-Verbot ohne grösseren wirtschaftlichen Schaden zu überstehen, bestand doch die Aussicht auf Ersatz.
Gefährliche Analogie
Der Politologe Reiner Grundmann, der eine Studie über den Verhandlungsprozess verfasst hat, sieht den ausschlaggebenden Grund für das Zustandekommen des Montrealer Abkommens im Ozonloch und in seinem «symbolischen Gebrauch». Der Begriff «Ozonloch» sei «geschickt gewählt» gewesen; eine Farbanimation der Nasa, die zeigte, wie das Ozonloch sich vergrösserte, fand weite Verbreitung. Auf der Gegenseite schlug der amerikanische Innenminister Donald Hodel vor, man solle nicht FCKW verbieten, sondern mehr Hüte, Sonnenbrillen und Sonnencremes verwenden, und gab sich damit der Lächerlichkeit preis.
Auch das Abkommen ist geschickt formuliert. Ursprünglich sah es eine Reduktion der FCKW um fünfzig Prozent vor. Das war zwar ein halbbatziger Kompromiss, für den es keine wissenschaftliche Begründung gab. Doch das Abkommen enthält eine Klausel, wonach es beim Auftauchen neuer Erkenntnisse zwingend zu verschärfen ist. So gelang nachträglich doch die weltweite Ächtung.
Ein Erfolg, der sich wiederholen lässt? BefürworterInnen eines Klimaschutzabkommens haben sich immer wieder explizit auf Montreal berufen. So etwa Richard Benedick, der damalige Delegationsleiter der USA in Montreal. Zwar sei der Klimawandel ungleich komplexer als das Ozonproblem, räumt Benedick ein. Doch das sei ein gradueller, kein grundsätzlicher Unterschied.
Auch wenn diese Einschätzung stimmen sollte, der «graduelle» Unterschied wäre jedenfalls riesig. FCKW hatten begrenzte Anwendungen und wurden nur in wenigen Ländern hergestellt. Öl, Gas und Kohle hingegen, die Hauptverursacher des Klimawandels, sind der Treibstoff der Weltwirtschaft.
Auch zwischen dem Montreal- und dem zehn Jahre später unterzeichneten Kioto-Protokoll bestehen fundamentale Unterschiede. Kioto versucht, den Kohlenstoff dort zu regulieren, wo er zu CO2-Emissionen wird, am Ende der Wirtschaftskette also. Das ist kaum kontrollierbar: Es erinnert an den Versuch, bei einem Brunnen, der aus vielen Rohren Wasser speit, ein paar Rohre zuzuhalten; solange die Wasserzufuhr nicht gedrosselt wird, speien dann einfach die anderen Rohre umso mehr. Montreal hingegen erfasst die Schadstoffe an der Quelle - es dreht bei der Wasserzuleitung des Brunnens den Hahn zu.
Montreal verbietet FCKW schlicht und einfach. Kioto hingegen setzt, Ausdruck des ungehemmten Marktglaubens unserer Zeit, auf «marktgerechte», «flexible» Ansätze. Das bedeutet in der Praxis vor allem, dass das Klimaabkommen vielerlei Möglichkeiten bietet, die eingegangenen Verpflichtungen zu umgehen.
Der wichtigste Unterschied aber ist: Das Ozonproblem konnte wirksam angegangen werden, weil es dafür eine technische Lösung gab. FCKW konnten durch andere Stoffe ersetzt werden, deshalb musste niemand sein Verhalten ändern. Es gibt heute auf der Welt nicht weniger Kühlschränke, Klimaanlagen, Schaumstoffe und Sprays, im Gegenteil - aber sie sind nicht mehr so schädlich. Für Kohle, Öl und Gas gibt es keinen Ersatz im grossen Massstab, und es existiert bis anhin auch keine technische Lösung des CO2-Problems.
Der Klimaschutz ist bisher nicht zuletzt deshalb gescheitert, weil die Politik sich auf technische Lösungen verlässt, die im besten Fall Wunschträume sind. Sich in der Klimadebatte auf Montreal zu berufen, ist gefährlich: Man suggeriert dadurch Möglichkeiten, die gar nicht bestehen.