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Un être étoilique: Anaïs Nin (21. Februar 1903 - 14. Januar 1977)
«Während ich diese Zeilen schreibe, hat Anaïs Nin mit dem 50.Band ihres Tagebuchs begonnen...» Als Henry Miller das 1937 unter dem Titel «Un être étoilique» bekanntgab, war Anaïs Nin sechs Jahre seine Geliebte. Und als sie 1966 mit sensationellem Erfolg die ersten 800 Seiten Tagebuch publizierte, begann sie damit 1931, im Jahr der Begegnung mit Henry Miller, der ihr den Ausbruch aus der Ehe und jene innere Wandlung ermöglicht hatte, die sie für viele zur emanzipierten Frau par excellence machte.
Die am 21.Februar 1903 in Paris geborene Tochter einer dänischen Sängerin und eines spanischen Musikprofessors hat von 1914 bis 1977 tatsächlich 35'000 Seiten Tagebuch geschrieben. Aber die zu Lebzeiten gedruckten, vom Amerika des New Age wie eine Offenbarung aufgenommenen Teile waren zensuriert und stilisierten ihr Leben ebenso zur Emanzipationslegende wie die Chirurgen ihr alterndes Gesicht zum Symbol ewiger Jugend. Seit 1923 war sie in zweiter Ehe mit Hugh P. Guiler verheiratet, der bis fast zuletzt für sie aufkam. Dies, obwohl sie ihn spätestens ab 1929 betrog und seit 1949 ein perfekt getarntes Doppelleben zwischen dem Ehedomizil New York und Los Angeles führte, wo sie die Gattin des 17 Jahre jüngeren Rupert Pole mimte. Nicht ohne beiden Männern tunlichst jene Liebschaften zu verheimlichen, die, im ungekürzten Tagebuch detailgetreu protokolliert, die Faszination ihrer exzentrischen Vita ausmachen und nicht nur Henry Miller, Gore Vidal und Lawrence Durrell, sondern auch John Erskine, den Psychiater Otto Rank und - offen als Inzest definiert - den eigenen Vater betrafen. Erst kurz vor ihrem Tod im Jahre 1977 merkten die Rivalen, dass die Frau, die seit dem 28.Lebensjahr in Analyse gewesen war und auch selbst als Analytikerin praktizierte, ihre Psychologie nicht zuletzt dazu benutzt hatte, um in einer Person gleichzeitig die emanzipierteste Frau ihrer Zeit und die treue Gemahlin zweier Ehemänner zu verkörpern.