Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/2940

Der Kanderdurchstich von 1713 war eigentlich ein Desaster. Dennoch hat er dazu geführt, dass die Aare in Thun zwei Arme bildet, dass das Bälliz eine Insel ist und dass auf den einst sumpfigen Kander-Allmenden der Waffenplatz Thun entstehen konnte.
Der vor 306 Jahren vollzogene Kanderdurchstich war die erste Gewässerkorrektur grösseren Umfangs – und veränderte Land und Leben der Region nachhaltig. Vor allem gäbe es ohne ihn nicht den Waffenplatz Thun. Dessen Geschichte beginnt also eigentlich schon 1713.
Bis damals floss die Kander mitten durch die heutige Thuner Allmend und mündete gegenüber der Zulg-Mündung zwischen Thun und Uttigen in die Aare. Führten Kander und Zulg viel Wasser, begann die Aare, nahezu stillzustehen. Ihr Pegel stieg, es entstand ein flacher See, weite Teile der flachen Landschaft um Thun, Strättligen, Thierachern und Uetendorf wurden überschwemmt. Das Ackerland versumpfte, die Malaria wurde zur Plage.
Samuel Bodmer, Mühlenbesitzer, Artillerieleutnant, Feldmesser und Schlossherr von Amsoldingen, schlug 1710 vor, die Kander durch einen Graben im Strättlighügel in den Thunersee umzuleiten. Am 1. April 1711 begann der Tagbau, doch Anfang 1712 zwang der Zweite Villmergerkrieg zur Aufgabe der Arbeiten. 1713 wurde nach Plänen von Samuel Jenner, Werkmeister am Berner Münster und Altspitalmeister, der Bau eines Stollens durch den Strättlighügel begonnen. Am 12. Dezember 1713 wurde erstmals Kanderwasser direkt in den Thunersee eingeleitet. Doch die Kander spülte die Stollenfundamente fort – und im Sommer 1714 stürzte der Stollen ein. Die Kander frass sich daraufhin tief und tiefer ins lose Gestein. 1716 lag sie bereits 27 Meter unter der einstigen Stollensohle, heute sind es mehr als 50 Meter. Das vom Geschiebe gebildete Delta dient seit 1913 dem Kiesabbau.
Für Thun hatte der Kanderdurchstich fatale Folgen. Die Wassermenge im Thunersee stieg quasi schlagartig um 40 Prozent, weil der Abfluss der Aare viel zu gering war. Überschwemmungen der Stadt waren die Folge. 1717 wurde der Mühledamm abgebrochen – und die Aare zum reissenden Strom. 1721 wurden Traversierschwellen eingebaut, 1722 der Stadtgraben (Äussere Aare) geflutet, 1723 bis 1726 Schleusen zur Regulierung des Seespiegels gebaut. 1870 brachte der Bau des Uttigenkanals unterhalb von Thun etwas Besserung. Dennoch stand Thun immer wieder unter Wasser, besonders schlimm im Mai 1999 und im August 2005, als der Seepegel einen neuen Rekordwert erreichte. Daher wurde ein Hochwasser-Entlastungsstollen gebaut und 2009 eröffnet. Er beginnt am Ende des Schifffahrtskanals beim Bahnhof und mündet unterhalb der Altstadt wieder in die Aare.
Trocken fielen durch den Kanderdurchstich indes die einst sumpfigen Flächen entlang des alten Flussbetts. Die Allmenden wurden ab 1714 in Felder verwandelt – und für militärische Manöver genutzt. Heute sind sie Nutz- und Bauland, werden von der Autobahn durchquert und beherbergen den grössten Waffenplatz unseres Landes.