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Das «Musée gruérien» in Bulle zeigt noch bis 10. Januar 2016 die Ausstellung «Fous de couleur», welche einen repräsentativen Querschnitt der Autochrome-Fotografie von 1907 bis 1930 in der Schweiz vermittelt.
Die Erfindung der Fotografie war eine Sensation. Endlich war es möglich, das Bild der Camera obscura mit chemischen Mitteln festzuhalten und so eine Landschaft, vor allem aber Porträts und Gruppen realistisch und detailgetreu darzustellen. Nur etwas fehlte noch: die Farbe. Um diesen Mangel auszumerzen wurden die frühen Bilder von Hand koloriert, bis die ersten Farbverfahren kamen, beispielsweise von Ducos du Hauron (1862), von Gabriel Lippmann (1891) oder vom Schweizer Fotografen Adolf Gurtner (1903). Doch alle diese Prozesse waren zu kompliziert und zu teuer als dass sie sich als Massenmedium hätten durchsetzen können.
Die Erfindung der Autochrome Farbplatten der Gebrüder Lumière stellte einen Meilenstein der Fotografie nach 1900 dar, weil sie die Farbe in die Fotografie brachte. Autochrome gilt als erstes massentaugliches Verfahren in der Geschichte der Farbfotografie – und doch war das Verfahren mit Mängeln behaftet, welche eine Verbreitung im grossen Stil verhinderten.
Im Musée gruérien in Bulle ist die Autochrome-Ausstellung noch bis 10. Januar 2016 zu sehen
Was Kartoffeln mit Farbfotografie zu tun haben
Der Durchbruch gelang den Gebrüdern Auguste und Louis Lumière im Jahre 1904 beziehungsweise mit der Vermarktung ihres Verfahrens 1907. Sie schnitten Kartoffelstärkekörner mit einem Durchmesser von 15 bis 20 Tausend Millimeter zu, pressten diese, damit sie transparent wurden und färbten sie schliesslich orangerot, grün und violett ein. Vor einer lichtempfindlichen Schwarzweissplatte wirkten diese willkürlich angeordnet als mikroskopisch kleine Farbfilter, die in ihrer Gesamtheit auf Grund der additiven Farbmischung ein einheitliches Farbbilddiapositiv ergaben.
Verpackung der Autochrome-Platten der Firma Lumière & Jougla im Format 18 x 24 cm
Experimente mit Farbe und Licht
Um zu verstehen, wie das Autochrome-Verfahren funktioniert, stehen dem Besucher der Ausstellung sieben Experimente zur Verfügung, welche zeigen, wie eine Autochrome-Platte aufgebaut ist, wie die additive Farbmischung funktioniert, wie ein Autochrome-Bild betrachtet beziehungsweise projiziert wird, was Lichtempfindlichkeit ist und wie man sich in der fiktiven Umgebung vom 6000 bis 7000 farbigen Kartoffelstärkekörnchen pro Quadratmillimeter vorkommen würde.
Beeindruckend ist ein auf mehrere Meter vergrössertes Riesenbild einer Greyerzer Landschaft, die von weitem einheitlich aussieht. Wenn man sich dem Bild nähert sieht man die Struktur des in höchster Qualität digitalisierten Autochrome-Bildes mit den Millionen mikroskopisch kleiner Farbpünktchen.
In einem weiteren Raum sind neben verschiedenen frühesten Farbbildern aus der Vor-Autochrome-Zeit auch die Kameras und Utensilien aus dem frühen 21. Jahrhundert zu sehen, darunter eine Dreifarbenkamera von Jos-Pe, die Stereokamera von Simon Glasson oder ein damaliger Projektor für 9×12 cm Diapositive, der wahrscheinlich auch benutzt wurde, um Autochrome-Platten zu projizieren.
Simon Glansson «Der Weg nach Gruyères», Autochrome 1921. Dieses Bild ist mehrere Meter gross in der Ausstellung zu sehen, damit man darauf die einzelnen Farbkörner wahrnimmt
Die ersten Farbfotografien der Schweiz
Möglich wurde diese Ausstellung durch die Entdeckung eines mysteriösen Koffers aus lackiertem Holz im Nachlass des in Bulle ansässigen Fotografen Simon Glasson (1882–1960) im Jahr 2002. Der Koffer enthielt 242 Autochrome-Glasplatten, die zwischen 1914 und 1938 in der Schweiz, vor allem im Greyerzerland, aufgenommen worden waren. Der Fonds Glasson umfasst auch stereoskopische Ansichten, die in einem privaten Rahmen angefertigt wurden, Landschaften des Unterlandes, der Voralpen und der Alpen – davon rund 50 Winterlandschaften –, Bauernhäuser, Alphütten und historische Gebäude sowie botanische Bilder. Um diese Aufnahmen in ihrer Zeit zu situieren, lancierte das Musée gruérien eine Suche nach den Anfängen der Schweizer Farbfotografie. Dabei wurden mehr als 30 Sammlungen mit fast 5000 Autochromes entdeckt. Die Ausstellung «Fous de couleur» und die Begleitpublikation präsentieren einen ersten Überblick über diese Sammlungen.
Autochrome-Bilder, ein Verfahren für Amateure?
Das Autochrome-Verfahren hatte auch Nachteile. Die geringe Lichtempfindlichkeit der Platten führte zu langen Belichtungszeiten, was die Möglichkeiten von Momentaufnahmen einschränkte. Zudem war das Bild ein sehr dichtes Diapositiv, das nur für die Projektion mit einem sehr lichtstarken Projektor geeignet war. Als Einzelbilder waren die Platten schwierig zu reproduzieren und es konnten damals noch keine – oder nur sehr aufwändige – Papierbilder angefertigt werden konnten, was die kommerzielle Verbreitung des Verfahrens stark einschränkte. Und letztlich war das Material sehr kostspielig, was die meisten Kunden bewog ihre Bilder doch in üblichem Schwarzweissfotografie zu bestellen. Das sind die Gründe, weshalb sich die Berufsfotografen vorwiegend auf die Schwarzweissfotografie konzentrierten und kaum Autochrome-Bilder anboten. Benutzt wurde das Verfahren vorwiegend von wohlhabenden Amateuren und Mitgliedern von Fotovereinen, für die es eine spannende Herausforderung war, mit der jungen Farbfotografie zu experimentieren.
Farbfotos im Stil des Pointillismus
Autochrome-Platten verblüffen durch ihren eigenartigen Farbcharakter. Mit der mikroskopisch feinen Kornstruktur ergibt sich ein Bild, das besonders bei starker Vergrösserung an den Pointillismus und den Impressionismus erinnern. Zudem war für die Autochrome-Platten eine geringe Farbsättigung typisch, was in aquarellähnlicher Manier jener Stilepoche entsprach.
Die Fotografen, die mit den Autochrome-Platten endlich imstande waren, die Farben der Natur wiederzugeben, nutzten das ganze Potenzial der neuen Technik. Mit einem Apparat, einem Stativ und dem legendären schwarzen Tuch ausgestattet, das eine exakte Einstellung der Bildschärfe ermöglichte, machten sie Aussenaufnahmen aller Arten von Motiven: blühende Gärten und Parks, Unterholz im Herbst, Sonnenuntergänge, Personen in ihrer Tracht meist mit einem roten Halstuch, Dorfhäuser und Baudenkmäler, Unterland- und Gebirgsansichten. Aus Gründen, die mit der Technik, aber auch mit den damaligen Konventionen in Verbindung standen, fehlen bestimmte Themen in den Schweizer Autochrome-Sammlungen: Man findet nur wenige oder keine Bilder von Fabriken oder Arbeitern, Bahnhöfen oder dampfspeienden Lokomotiven, Tagesaktualitäten, Akten, Sportszenen, belebten Strassen oder verräucherten Gaststuben.
Ein Kulturgut, das es zu bewahren gilt
Die Farbdiapositive bilden eine wichtige historische Quelle für die Kenntnis der Schweizer Natur- und Architekturlandschaft. In ihnen spiegeln sich überdies die Debatten, die im frühen 20. Jahrhundert in der Schweiz über Kulturgüter- und Landschaftsschutz sowie über den Kampf gegen die Auswirkungen der Industrie, der Urbanisierung und des ungezügelten Kapitalismus im 19. Jahrhundert geführt wurden. Die Modernität und die touristische Entwicklung fanden nicht nur Bewunderung. Eine ständig wachsende Zahl von Stimmen protestierte gegen die Zerstörung des Bauerbes und der Naturschönheiten, die als Seele des Landes galten. Folglich war es eine patriotische Pflicht, zu bewahren, was noch erhalten werden konnte: historische Stadtquartiere, die ländliche Schweiz und ihre Traditionen, die Landschaften des Unterlandes und der Berge.
Die Autochrome-Fotografie trug zur Bildung eines neuen Image der Schweiz und der Welt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bei. Dieses Erscheinungsbild entstand im Dialog zwischen den Blicken der lokalen und der auswärtigen Fotografen. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass sich die bedeutendste Autochrome-Sammlung mit Schweizer Ansichten im Département Les Hauts-de-Seine in Frankreich befindet: Das Musée Albert-Kahn in Boulogne-Billancourt besitzt mehr als 72’000 Platten, von denen 1600 Schweizer Sujets zeigen. Albert Kahn war ein Bankier, der einen Teil seines Vermögens in eine internationale Foto- und Filmkampagne gesteckt hatte, um ein Archiv des Planeten zu begründen, ein ehrgeiziges Projekt zur Inventarisierung der Welt. Dazu präsentierte das Museum Rietberg in Zürich dieses Jahr eine repräsentative Ausstellung (Fotointern berichtete) zu der auch ein faszinierender Bildband herausgegeben wurde.
Der Titel der Ausstellung «Fous de couleur» zitiert eine Aussage des amerikanischen Fotografen Alfred Stieglitz: «Bald wird die Welt verrückt nach Farben sein, und Lumière ist dafür verantwortlich» (Zeitschrift Photography, 1907).
(Pressebilder Musée gruérien, Bulle)
Das Buch zur Ausstellung
Zur Ausstellung «Fous de couleur» ist auch ein gleichnamiges Buch in der Edition Alphil erschienen, das im Shop des Musée gruérien für CHF 49.— auf Französisch erhältlich ist. Es geht weit über eine Ausstellungsdokumentation hinaus und zeigt einen breiten Bestand von Autochrome-Bildern aus den verschiedensten Sammlungen. Zudem enthält es viele fundiert recherchierten Texte, welche interessante Details über die Geschichte und das Typische der Autochrome-Fotografie vermitteln.
Bibliografie
«Fous de couleur – Autochromes, les premières photographies couleur en Suisse (1907-1938)»
160 Seiten, durchgehend vierfarbig illustriert
Mit Texten von Christophe Mauron, Nicolas Crispini und Christophe Dutoit
Grösse 245 x 290 mm, fester Einband und Schutzumschlag
Editions Alphil, Neuchâtel
ISBN 978-2-88930-045-7
Preis: CHF 49.– / EUR 36,00
Die Ausstellung
Die Ausstellung ist noch bis 10. Januar 2016 zu sehen im
Musée gruérien
Rue de la Condémine 25
CH-1630 Bulle
Tel. 026 916 10 10