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9.2.2024
Guten Tag Herr St-,
Ich habe Ihren Fragebogen ausgefüllt und den Begriff Alexithymie recherchiert. Er wurde mit „Gefühlsblindheit“ übersetzt. Wie sehr ich nicht weiss, ob ich gefühlsblind oder ein Meister der Intuition bin, zeigt sich für mich auch an den Fragestellungen dieses Fragebogens. Unklare oder mehrere Auslegungen der Begriffe machen einige Fragen für mich unbeantwortbar respektive die Antwort würde nicht dem entsprechen können, was ich meine:
1.) Frage 4: Mir ist oft unklar, was ich gerade fühle und alle weiteren Fragen betreffs Gefühl
Diese Fragen kann ich nicht beantworten, solange ich nicht weiss, ob mein Gefühl nur eine sensorische Wahrnehmung ist, wann und wie und in welcher Wechselwirkung das Fühlen mit der Kognition (mentale Verarbeitung) stattfindet, und wie man den „Erfahrungshorizont“ gewichten muss, der einen dazu veranlasst, eine Schlussfolgerung aus der Kaskade zu ziehen, was man wohl dann in eine Gefühlsebene übersetzt. Mit anderen Worten: Wenn Reizsensor, Signalübertragung, Bewusstwerdung, Reflex und Schlussfolgerung (hiermit Gefühl als Konstrukt wie zb. Gott) in ein und demselben Zeitpunkt auftreten, (wo?), dann kann ich diese Fragen nach meinem „Fühlen“ nicht beantworten.
Ich unterscheide zwischen verschiedenen Formen von physischem Druck, der seit meiner Kindheit nie mehr aufgehört hat und mit meinem (frühen) Tod (vermutlich Hirnschlag) enden wird. In meiner Kindheit kannte ich das Gefühl: Todesangst. Ich hatte es immer durchwegs in der Schule. Es war ein physisches Empfinden (Schwitzen, Herzklopfen, nicht mehr denken können, paralysiert sein usw., erröten usw.) Neben Angst, Todesangst und Druck, wozu ich auch Verzweiflung rechne – alles physische Wahrnehmungen, die ich mit einem Presslufthammer umschreibe – kenne ich noch die Lust, eine sinnliche Wahrnehmung.
Genaugenommen kenne ich nur zwei sinnliche Reize, Wahrnehmungen, Antagonisten und Götter, die im Prinzip Freunde sein könnten: Eros und Thanatos. Eros ist weich im Körper und macht weit, hat die Fähigkeit bis zur Zelle durchzudringen, er ist also feinstofflich und grobstofflich zugleich. Thanatos ist schwarz und hart. Ist das Unbegreifen, ist der Ursprung und das Ende und die Motivation der Angst. Thanatos ist der Gott, der einen lähmt, irgend eine Tat hier in der Welt umzusetzen. Aber er wäre auch ein gütiger Gott, sofern die Menschen ihn zuliessen und mit Eros bekannt machen würden. Aber das tun sie nicht. Eros selbst ist die Verbindung und Lösung von allem materiellem Leid. Aber am Schluss ist der Tod stärker als die Liebe. Deswegen ist das Leben ein unendlicher Kampf. In einem Jahr werde ich ——————- Dann gibt es für mich keinen Zugang zu Eros mehr, denn Eros ist an die äusserliche Schönheit geknüpft. Für mich war auch der Versuch, mir irgendwie halbwegs Formen der Schönheit zu erarbeiten, um damit wenigstens auf der Ebene der rein —————————— erfolgreich zu sein, sinnlos, da ich kein soziales Kapital erlangte wegen meiner körperlichen Erkrankung, die ab Zwanzig mein Leben dominierte. Myalgische Encephalomyelitis heisst sie und ist genetisch mit dem Autismus verwandt.
Der Begriff Alexithymie bedeutet, wie ich sehe, auch, dass man nonverbale Gesten und Mimiken nicht versteht. Das ist bei mir überhaupt nicht so. In die meisten oder zumindest viele (muss ja nicht immer übertreiben) Gesichter mag ich nicht blicken, weil mich ihre Gesten und Ausdrücke abstossen und mir somit physische Schmerzen verursachen, die ich meistens im Solaplexus als tausend Nadeln verspüre. Auch Glück verspüre ich als tausend Nadeln, genauso wie Angst, die ich ja aber zum Glück kaum noch verspüre, da ich nichts mehr zu befürchten habe und schon im Hades lebe.
Ich versuche mich, solange ich zurückdenken kann, mit meiner Mimik auszudrücken, nebst der verbalen Artikulation, ich denke, ich besitze eine sehr fein ausgearbeitete Mimik, aber die Andern, finde ich, besitzen nur rudimentäre Mimik, weswegen sie mich seit Jahrzehnten hängen lassen mit ihrer rudimentären Ausstrahlung, ich meine, im Prinzip, ja, machen sie das.
Ich denke also, Alexithymie, nein, kann es nicht sein, das haben dann wohl die meisten Anderen. Denn einmal ehrlich: ist es ein Gefühl, bei einer Präsidentschaftswahl in Jubel zu verfallen? Ist es ein Gefühl, bei einem Fussballmatch zu klatschen usw.
Gefühle können sich auf einer absolut feinstofflichen und unsichtbaren Ebene (der Körper) abspielen. Und da sieht man sie halt nicht oder muss sie zuerst entdecken.
Mir aber kommen die meisten Menschen eher ohne Aura, mechanistisch, ungreifbar vor.
Wer sind sie? Das, was der Codex vorschreibt? (in diesem Codex sind viele sprachliche Wendungen enthalten, die man mir nie richtig und wortwörtlich erklärte!)
Also: ja, ich begreife und begriff den Codex nicht. Ich begreife einfache Regeln nicht. Ich kann nicht rechnen, nicht logisch denken. Ich kann nur fragen und beschreiben.
Bin ich also gefühlsblind oder bin ich das Gegenteil? War ich ev. Einmal gefühlsblind oder das Gegenteil? Ich war dumm! Soviel steht fest.
2.) Frage 13: Analysiere ich Probleme oder schildere ich sie nur?
Kann ich nicht beantworten. Was ist mein Denken? Kann ich überhaupt denken? Wie kommt mein Denken zustande? Mich dünkt, ich kann nicht denken! Wie also soll ich analysieren können? Muss man nicht etwas schildern und in Wort fassen, bevor man es überhaupt analysieren kann? Wann ist man soweit, dass man vom Schildern zu Analysieren übergehen kann? Mein Denken überschlägt sich immer, bevor ich damit zu Ende komme. Immer! Denken ist ein Abenteuer. Ich liebe Denken, ich hasse Denken.
3.) Alle Fragen zum Thema Tagträumen (hängen Sie oft Tagträumen nach, ja, nein, manchmal, eher, eher nicht, überhaupt nicht:
Kann ich nicht beantworten, solange mir unklar ist, was „Tagträumen“ bedeutet. Schon Träumen kann vieles bedeuten. Grundsätzlich denke ich, dass ich seit Jahrzehnten keinen einzigen Traum mehr habe. Somit kann ich wohl auch nicht Tagträumen. Und was ich dann eigentlich während des Daliegens in meinem Gehirn so mache, weiss ich eigentlich auch nicht. Früher hatte ich Visionen. Ab dem 13. Lebensjahr hatte ich zb. die Vision einmal einen Roman zu schreiben oder sonst etwas zu tun, das mich besser „vermittelt“
. Aber da ich nicht strukturiert denken kann, gibt es mittlerweile nun offenbar 50 verschiedene Versionen meines Romanes, (so sagt mein Ex-Ex, der Germanist) und immer nur überlebt die neuste Version, ehe sie wieder in einer weiteren verschwindet. Ich glaube
nicht, dass ich ein solches Problem hätte, meinen Roman zu schreiben, wenn ich richtig denken könnte und normal wäre wie andere Menschen (normale Literaten, Studenten oder Geisteswissenschaftler). Ich habe nie einen Bildungsweg machen können wegen meiner Andersartigkeit und bescheuerten Dummheit.
Also, Tagträumen: nein. Das mache ich nicht. Ich habe konkrete Vorstellungen. Oder allerhöchstens Wünsche. Zum Beispiel mit Exit gehen zu dürfen, da ich mich von meinem Körper, dem grössten Despoten, den es gibt, nicht scheiden lassen kann.
Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Fragen beantworten konnte. Ich sprenge halt den institutionellen Rahmen, was mich nicht weniger armselig und bedürftig macht.
PS: Jetzt, nachdem ich noch diese Zeilen schrieb, bin ich wieder sicher, dass ich doch Borderliner bin, (obschon Sie das bestreiten) ein Grenzgänger, ein Mensch der Extreme! Auch wenn ich wohl einer der reflektierteren Borderliner bin, bin ich doch nicht fähig, Denken von Impulsen abzutrennen, weil ich nicht weiss, was zuerst bei mir eintrifft, und ich lebe und fühle in einem konstanten Chaos, das ich nur mit Worten und noch mehr Worten vergrössere ….
es ist aber gut möglich, dass in der Kindheit der Autismus zuerst da war. Oder es war bereits Myalgische Enecephalomyelitis. Fest steht, dass ich einfach die einfachsten Dinge wie Stäbchenrechnen nicht allein erledigen konnte. Und lieber Unmengen von „Köpfen“ zeichnete, mit denen ich im Wald nachmittagelang spazierte und mich unterhielt. Das Schlimmste waren die Geburtstagsnachmittage der Kinder, weil man dort Spiele machen musste, die mich als Idiotin verraten hätten. Aus dieser Behinderung wurde dann die todesangstähnlichen Leistungsangst, die mich komplett behinderte und später meine adoleszente Vision einmal etwas „Ureigenes“, „Grosses“ zu machen. Dazu musste ich schon zuerst einmal Borderliner werden und die nötigen Glaubenssätze und Persönlichkeitszüge entwickeln!
Da ich ja psychische Erregungszustände kenne, kann ich sagen, dass selbst diese Peanuts sind im Vergleich mit den physischen Krisen, dem Schwächeschmerz und der folternden Reizsensitivität der Myalgischen Encephalomyelitis. ‚ME is living Death.’
Die Borderline Personality Disorder war nur meine männliche Kraft, mit der ich überlebte. Aber wenn Sie sie mir nun endlich wegnehmen, weil sie nicht mehr stimmt oder ganz einfach nicht mehr in Mode ist, macht das im Endeffekt auch nichts mehr aus.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit,
und freundliche Grüsse
namenlos
Marion Jeanne Suter