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Pedro Lenz über Ehrungen und Schmähungen eines Fussballfunktionärs
Am letzten Donnerstag erreicht mich ein E-Mail aus der Redaktion einer Schweizer Zeitschrift mit folgender Anfrage: «In der nächsten Ausgabe wollen wir gegen die aktuelle Stimmung Sepp Blatter nicht nur als korrupter Machtmensch zeigen. Hierfür machen wir eine Umfrage, in der wir Persönlichkeiten bitten, in wenigen Sätzen zu schreiben, weshalb Sepp Blatter gut ist für die Schweiz. Würden Sie auch ein paar Sätze dazu schreiben?»
Ohne nun näher auf Stil und Grammatik der zitierten Anfrage einzugehen, dünkt einen in diesem Fall der journalistische Ansatz interessant: Da hat ein Redaktor den Eindruck, die Presse mache Stimmung gegen Sepp Blatter, und nun sucht er krampfhaft nach «Persönlichkeiten» (was immer das sein mag), die für Sepp Blatter Stimmung machen. Stimmung muss offenbar sein. Und Stimmung ist, dies nur nebenbei bemerkt, eine der Spezialitäten des Fussballs. Ohne Stimmung wäre Fussball nur halb so schön. Deswegen wird im Fussball ja auch hin und wieder ein bisschen Feuerwerk gezündet, was dann freilich manchen wieder die Stimmung verdirbt.
So lange der Fussball Stimmung macht, wird er gelobt. Aber was Stimmung ist, definieren immer mehr die, die mit Fussball nichts oder fast nichts am Hut haben. Anlässlich der Endrunde der Fussballweltmeisterschaft in den USA wurde Blatter im Jahr 1994 zum Ehrenbürger von Texas erkoren. Nachdem die Fifa die Weltmeisterschaft an Deutschland vergeben hatte, war die Stimmung in der Bundesrepublik prächtig. Blatter erhielt 2006 das Bundesverdienstkreuz. Zwei Jahre vorher war er vom französischen Staat zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt worden. Als Österreich zusammen mit der Schweiz im Jahr 2008 die Europameisterschaft austrug, erhielt der Mann aus Visp ausserdem das Grosse Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Dass ihm 2010 während der WM in Südafrika auch ein Orden mit dem wohlklingenden Namen «Order of the Companions of Oliver Reginald Tambo» zugesprochen wurde, kann einen da nicht mehr gross überraschen.
Sepp Blatter kann Stimmung machen wie wenige, was wiederum dazu geführt hat, dass viele Staaten Stimmung machen wollten, indem sie ihn geehrt haben. Gegenwärtig hat sich die Stimmung ein bisschen gekehrt. Der König sah sich veranlasst, seinen Thron überstürzt zu räumen. Die Spekulationen darum, welcher Korrupte ihn beerbt, sorgen freilich schon wieder für neue Stimmung.
Diego Armando Maradona, der weltbeste Fussballer aller Zeiten, hat schon während seiner Aktivzeit immer wieder darauf hingewiesen, dass die Fifa ein korrupter Haufen sei. Er musste teuer dafür bezahlen. Die gleichen Medien, die nun zwanzig oder dreissig Jahre nach Maradona zu ähnlichen Schlüssen kommen, haben immer wieder Stimmung gegen Maradona gemacht. Aber diejenigen, die jetzt so tun, als ginge es ihnen um den Fussballsport, die wissen vermutlich gar nicht mehr, wer Maradona ist und wie viele Menschen auf der ganzen Welt dieser mit seinem Spiel in glückliche Stimmung versetzt hat.
In seiner Autobiografie «Yo soy el Diego» erklärte Maradona, die Menschen gingen nicht wegen der Fifa-Funktionäre in die Stadien, sondern wegen der Spieler. Warum hat das damals niemanden von der Zeitschrift interessiert, die mich jetzt darum bittet, «in wenigen Sätzen zu schreiben, weshalb Sepp Blatter gut ist für die Schweiz»? Mir fehlte die Lust und die Stimmung, auf die Anfrage zu antworten.
Gut für die Stimmung in der Schweiz sind Spieler wie Gökhan Inler oder Xherdan Shaqiri. Gut für die Stimmung in der Schweiz sind die Tausenden und Abertausenden von Freiwilligen, die sich Wochenende für Wochenende ehrenamtlich für den Fussballsport engagieren. Gut für die Stimmung in der Schweiz sind all diejenigen, die den Fussball lieben für das, was er ist: ein einfaches und dennoch hochemotionales Spiel.
Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er liebt den Fussball, aber er liebt nicht alles, was diesen umgibt.