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Mit Brandnarben im Gesicht zu leben?
Aufgezeichnet: Stephanie Hess; Fotos: Gabriela Acklin
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Es war der erste warme Frühlingsabend in jenem Jahr, ich fuhr mit dem Velo zu einem Kollegen. Er hatte sturmfrei, wir wollten zu viert bei ihm zuhause bräteln. Wir feuerten ein, die Kohlen wollten jedoch nicht recht glühen. Die Idee kam auf, Brennsprit draufzuschütten. Dann ging alles schnell; es gab eine riesige Stichflamme. Ich stand nicht besonders nah am Grill, einfach am falschen Ort. Das Feuer erfasste mich, meine Kleider brannten, meine Haare auch. Meine Freunde schütteten mir sofort Cola über den Kopf und andere Getränke, die herumstanden. Im Pool war noch ein bisschen Wasser vom letzten Jahr, da bin ich wie in Trance rein geklettert, um mich abzukühlen. Einer rief die Ambulanz und meine Kollegin meine Mutter, sie sagte: « Isabel hat sich ein bisschen verbrannt. Also ein bisschen fest.» Mein Vater – wir leben auf einem Bauernhof – war gerade beim Melken. Er kam mit meiner Mutter direkt in den Stallstiefeln zum Haus meines Kollegen, von wo mich dann die Rega ins Kinderspital Zürich flog.
Ich spürte keinen Schmerz, aber mir war wahnsinnig kalt. Das war wohl der Schock, 30 Prozent meiner Haut war verbrannt. Ich trug ein synthetisches Jäckchen, leider, muss man im Nachhinein sagen. Es schützte mich überhaupt nicht. Das Baumwollträgershirt, das ich darunter anhatte, leistete bessere Arbeit. Die Verbrennungen am Decolleté verlaufen entlang des Shirt-Ausschnitts. An den Armen, an manchen Stellen am Bauch, am Hals und im Gesicht hatte ich sehr starke Verbrennungen.
Ich erinnere mich ziemlich gut daran, wie ich im Schockraum wieder aufgewacht bin. Etwa zwölf Leute standen um mein Bett. Das nächste Mal kam ich auf der Intensivstation zu mir. Ich konnte mich nicht bewegen, spürte überall nur Verbände. Ich erkundigte mich nach meinen Haaren, mit schwerer Stimme musste mir meine Mutter dann erzählen, dass sie abgeschnitten wurden. Ich weiss noch, wie ich sagte: Aber ich wollte nie eine Kurzhaarfrisur! Erst später wurde mir klar, dass die Haare wohl mein kleinstes Problem sein werden. Die Kopfhaut und Haut von den Oberschenkeln und dem Rücken wurde dann auch für die Transplantationen verwendet. Erst kurz vor Weihnachten konnte ich definitiv nachhause zurückkehren.
Mein Schicksal habe ich schnell akzeptiert. So schnell, dass ich am Anfang Angst hatte, dass mich das Ganze irgendwann noch mal einholen wird. Inzwischen liegt der Unfall jedoch sieben Jahre zurück, ich glaube nicht, dass er nochmals hochkommen wird.
Der Blick in den Spiegel machte mir jedoch lang Mühe. Die ersten zwei Monate ging ich allen spiegelnden Flächen aus dem Weg. Dann schenkte mir meine Schwester Zebra-Ohrringe. Eine Krankenschwester half mir, sie anzuziehen, und fotografierte mich damit. Der Anblick dieses Fotos war schwierig, die Narben, die noch nicht verheilten Wunden der transplantierten Haut. Es blieb eines von sehr wenigen Fotos aus der Zeit meines Spitalaufenthalts. Dem Spiegel wich ich danach weiterhin aus, Fotoapparaten auch. Freunde und Familie gewöhnten sich jedoch sehr schnell daran, wie ich aussah, behandelten mich genau gleich. Das half auch mir, mich zu akzeptieren, wie ich nun war.
Sowieso haben mich die Menschen, die mir nahstehen, über diese Zeit getragen. Meine Familie vor allem, aber auch meine Kollegen, Schulfreunde, meine Lehrer. Ich habe mich nie allein gefühlt. Meine Mutter stellte sogar einen Stundenplan zusammen, damit täglich jemand bei mir war. Betrachte ich es aus diesem Blickwinkel, war es auch eine schöne Zeit, für die ich noch immer dankbar bin.
Als ich nachhause kam, hatte ich immer noch kurze Haare und Verbände im Gesicht, worunter dann später die Brandnarben zum Vorschein kamen. Schon im Spital bereitete man mich auf die Blicke der Leute auf der Strasse vor. Es gibt zwei Arten von Starren: Die einen fixieren, die anderen schauen hin und sofort wieder weg, auch das ist nicht besonders angenehm. Ich lernte damals den Umgang, den ich bis heute pflege: ich ignoriere die Blicke oder schaue zurück und lächle. Leute können mich gern auch fragen, was passiert ist. Nur nicht unbedingt als allererste Frage, das dürfen nur Kinder. Es nervt mich nicht, Auskunft über meine Geschichte zu geben. Für mich gehört das jetzt einfach zu meinem Alltag.
Ich bin heute mit meinem Körper im Reinen. Schwer fiel mir bisher eigentlich nur das Baden. Diesen Sommer bin ich nun erstmals wieder ins Berner Freibad Marzili. Mich hier zu entblössen, wo mich alle kennen, ist für mich schwieriger als in den Badeferien in Italien, aber es ging am Ende erstaunlich gut. Es wird für mich wohl immer schwierig bleiben, fremden Leuten meinen Körper mit seinen Narben zu zeigen. Bisher war ich noch nie in einer Beziehung. Ich frage mich, wie es wäre, wenn ich einen Freund hätte. Es bräuchte bestimmt viel Zeit, um dieses Vertrauen aufzubauen.
Den Kollegen, der den Sprit ins Feuer leerte, sehe ich noch ab und zu, wir verstehen uns gut. Er schrieb mir oft auf die Krankenstation, schickte Bilder, die ich aufhängte. Ein gemeinsames Gespräch über den Unfall gab es nie, das habe ich auch nicht verlangt. Wir haben uns später etwas auseinandergelebt, weil er in einen anderen Gymer ging als ich. Aber nicht, weil ich ihm böse war oder wir zerstritten gewesen wären. Logisch gab es Momente, in denen ich dachte, warum hat er das getan? Doch passiert ist passiert.
Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Ich hätte viele Leute nicht getroffen, die ich durch diese Wendung in meinem Leben kennengelernt habe. Zum Beispiel dadurch, weil ich das Schuljahr wiederholt habe und in eine neue Klasse kam. Durch die Erfahrungen im Spital lernte ich die Medizin überdies noch besser kennen, für die ich mich schon länger interessierte. Das trug sicherlich auch dazu bei, dass ich nun Ärztin werden möchte. Bald beginnt mein zweites Studienjahr.
Heute schaue ich wieder in den Spiegel. Es gibt nur noch sehr selten Momente, in denen ich denke, warum ist es bloss so? Es passiert mir vielmehr, dass ich die Narben gar nicht mehr sehe. Das freut mich jedes Mal. Denn dann weiss ich: Ich sehe sie nicht mehr, weil sie zu mir gehören.
Ausstellung «Schaut uns ruhig an», 8. bis 23. September. Vernissage am Freitag, 7. September, 18.30 Uhr mit anschliessender Podiumsdiskussion, an der neben Isabel Sahli auch die Fotografinnen der Ausstellung: Gabriela Acklin, Valérie Jaquet und Gabi Vogt, sowie die Journalistin Marianne Kägi teilnehmen.
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