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| Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)

Erstes Buch [323—337]
12. Schreiben des Bischofs Eusebius von Cäsarea über das in Nizäa aufgestellte Glaubensbekenntnis
Ich aber will jetzt wegen der Unverschämtheit der Arianer, die nicht nur die uns mit ihnen gemeinsamen Väter verachten, sondern auch ihre eigenen verleugnen, den Brief des Eusebius von Cäsarea, welchen er in [S. 49] Betreff des Glaubens geschrieben hat, in meine Darstellung aufnehmen, weil derselbe eine klare und deutliche Verurteilung ihrer Kampfesweise enthält. Während sie nämlich diesen als Gesinnungsgenossen hochhalten, widersprechen sie direkt dem, was er geschrieben hat. Er richtete dieses Schreiben an einige arianisch Gesinnte, welche ihm, wie es scheint, Preisgabe seiner Glaubensüberzeugung zum Vorwurf gemacht hatten. Jedoch wird das Schriftstück selbst am besten die Absicht des Verfassers kundgeben.
Brief des Bischofs Eusebius von Cäsarea in Palästina, den er von Nizäa aus schrieb, als daselbst die große Synode versammelt war.
“Über die Verhandlungen auf der großen in Nizäa versammelten Synode in Betreff des kirchlichen Glaubens habt Ihr wahrscheinlich schon von anderer Seite Kunde erhalten, da ja das Gerücht dem genauen Berichte über die Ereignisse vorauszueilen pflegt. Damit jedoch nicht infolge eines solchen Hörensagens der wahre Verlauf in entstellter Weise Euch zu Ohren komme, sind wir genötigt, Euch zunächst das von uns in Vorschlag gebrachte Glaubensbekenntnis zu übersenden und dann auch das andere, das man nach Beifügung einiger Zusätze zu dem unsrigen wirklich angenommen und veröffentlicht hat. Das von uns eingereichte Bekenntnis, das in Gegenwart unseres gottgeliebtesten Kaisers vorgelesen und für gut und recht befunden wurde, hat folgende Fassung:
Das von uns entworfene Glaubensbekenntnis. Wie wir es von den früheren Bischöfen im ersten christlichen Unterricht und beim Empfang des Taufbades vernommen haben, wie wir es aus den göttlichen Schriften gelernt haben und wie wir dann selbst in unserem priesterlichen und bischöflichen Amte geglaubt und gelehrt haben: so glauben wir auch jetzt und legen diesen unseren Glauben zur Bestätigung vor. Derselbe ist folgender:
„Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge; und an einen Herrn Jesus Christus, das Wort [S. 50] Gottes1, Gott von Gott, Licht vom Lichte, Leben vom Leben, den eingeborenen Sohn, den Erstgeborenen aller Schöpfung, der vor allen Zeiten aus dem Vater gezeugt ist, durch den auch alles geworden ist; der um unseres Heiles willen Fleisch geworden ist und unter den Menschen gewohnt hat, der gelitten hat und am dritten Tage wieder auferstanden ist und aufgefahren zum Vater und in Herrlichkeit wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Wir glauben auch an einen Heiligen Geist.
Wir glauben ferner, daß von diesen jeder ist und existiert, der Vater in Wahrheit Vater, der Sohn in Wahrheit Sohn und der Heilige Geist in Wahrheit Heiliger Geist, wie auch unser Herr sprach, als er seine Jünger zur Predigt aussandte: „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes2.“ Und wir versichern auf das Bestimmteste, daß wir hierüber wirklich so denken und so glauben, und daß wir von jeher so gedacht haben und daß wir bis zum Tode für diesen Glauben einstehen werden, indem wir jede gottlose Irrlehre verdammen. Wir rufen Gott den Allmächtigen und unsern Herrn Jesus Christus zum Zeugen an, daß wir in unserem Herzen und in unserer Seele so gedacht haben, seitdem wir um uns wissen, und daß wir auch jetzt in Wahrheit so denken und sprechen, und können auch durch Beweise dartun und Euch überzeugen, daß wir auch in den vergangenen Zeiten so geglaubt und gepredigt haben.“
Gegenüber diesem von uns vorgelegten Glaubensbekenntnisse war kein Grund zum Widerspruch vorhanden. Im Gegenteil, unser gottgeliebtester Kaiser selbst bezeugte als der erste die Richtigkeit desselben; er gestand, daß er ebenfalls so denke, und knüpfte daran die [S. 51] Aufforderung, alle möchten diesem Bekenntnisse beitreten, die Glaubenssätze unterschreiben und auf eben diese sich einigen, nur sollte noch das eine Wort „gleichwesentlich3” hinzugefügt werden. Aber auch dieses Wort erklärte er selbst wieder, indem er sagte, daß der Sohn nicht in derselben Weise gleich wesentlich genannt werde, wie die Körper infolge ihrer Entwicklung, und daß er weder durch eine Teilung noch durch irgendeine Abtrennung von dem Vater sein Dasein habe; denn die immaterielle, geistige und körperlose Natur könne unmöglich einer körperlichen Veränderung unterworfen sein; es gezieme sich vielmehr, derartige Dinge im göttlichen und geheimnisvollen Sinne zu verstehen. So suchte also unser überaus weiser und gläubigfrommer Kaiser derartige Schwierigkeiten philosophisch zu lösen, die anderen (die Bischöfe) aber verfaßten zum Zweck der Beifügung des Ausdrucks „gleichwesentlich“ folgendes Schriftstück.
Das auf der Synode veröffentlichte Glaubensbekenntnis.
„Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge; und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes4, gezeugt aus dem Vater als der Eingeborene, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gotte , gezeugt, nicht geschaffen, gleich wesentlich dem [S. 52] Vater, durch den alles wurde, sowohl was im Himmel als auch was auf Erden ist; der um uns Menschen und unseres Heiles willen herabgekommen und Fleisch und Mensch geworden ist, gelitten hat und auferstanden ist am dritten Tage, der aufgefahren ist zu den Himmeln und wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten; und an den Heiligen Geist. Diejenigen aber, welche sagen: „Es gab eine Zeit, da er nicht war“, und: „Bevor er gezeugt wurde, war er nicht“, und daß er „aus nicht Seiendem geworden“, oder die sagen, daß er, der Sohn Gottes, aus einer andern Substanz oder Wesenheit, oder daß er veränderlich oder dem Wechsel unterworfen sei: diese alle belegt die heilige, katholische und apostolische Kirche mit dem Banne.“
Wir wollen hier auch nicht übergehen, daß die Bischöfe, nachdem sie vorstehendes Schriftstück verlesen hatten, nicht unerörtert ließen, in welchem Sinne die Ausdrücke „aus dem Wesen des Vaters“ und „dem Vater wesensgleich“ von ihnen gebraucht wurden. Es wurden nämlich durch dieselben Fragen und Antworten veranlaßt und der Sinn dieser Worte sorgfältig erwogen. Endlich wurde einstimmig von ihnen anerkannt, daß die Bezeichnung „aus dem Wesen“ besagen wolle, daß der Sohn das Sein aus dem Vater habe, nicht aber, daß er gewissermaßen ein Teil des Vaters sei. Dieser Auffassung glaubten auch wir mit Fug und Recht beistimmen zu sollen, da ja die rechtgläubige Lehre bekennt, daß der Sohn aus dem Vater sei, nicht aber daß er ein Teil seines Wesens sei. Deshalb traten auch wir dieser Auffassung bei und wiesen auch den Ausdruck (aus dem Wesen des Vaters) nicht zurück, indem wir dabei den Zweck vor Augen hatten, einerseits dem Frieden zu dienen und andererseits doch von der richtigen Auffassung nicht abzuweichen.
Ebenso haben wir auch die Formel „gezeugt und nicht gemacht“ angenommen, da sie erklärten, der Ausdruck „gemacht“ sei die allgemeine Bezeichnung für die übrigen, durch den Sohn geschaffenen Wesen, mit denen doch der Sohn keine Ähnlichkeit habe. Daher sei er auch kein Geschöpf ähnlich den durch ihn gewordenen Dingen, sondern er besitze eine vollkommenere [S. 53] Wesenheit als jegliches Geschöpf, eine Wesenheit, die nach der Lehre der Heiligen Schrift aus dem Vater gezeugt sei, jedoch so, daß die Art und Weise der Zeugung für jede geschaffene Natur unaussprechlich und unerforschlich sei.
Desgleichen stellte die Untersuchung auch den Sinn des Ausdruckes fest, daß der Sohn dem Vater gleichwesentlich sei: daß er dieses sei nicht nach Art der Körper noch auch ähnlich wie bei den sterblichen Wesen, nämlich nicht durch eine Teilung des Wesens, nicht durch eine Abtrennung, auch nicht durch irgendein Erleiden5 oder eine Wandlung oder Veränderung der Macht des Vaters; denn all diesem sei die ungezeugte Natur des Vaters fremd; vielmehr besage der Ausdruck „gleichwesentlich dem Vater“, daß der Sohn Gottes keinerlei Ähnlichkeit mit den gewordenen Geschöpfen an sich trage, sondern allein dem Vater, seinem Erzeuger, in jeglicher Beziehung ähnlich sei, und daß er nicht aus irgendeiner anderen Substanz und Wesenheit, sondern aus dem Vater sei. Nachdem so auch dieser Ausdruck in der genannten Weise erklärt worden war, hielten wir es für angemessen, demselben beizupflichten, zumal da wir erfuhren, daß schon von den Alten einige gelehrte und angesehene Bischöfe und Schriftsteller in ihrer Lehre von der Gottheit des Vaters und des Sohnes sich übereinstimmend der Bezeichnung, „gleichwesentlich“ bedient haben6.
Soviel möge gesagt sein in Betreff des Glaubensbekenntnisses, dem wir alle zustimmten, nicht ohne vorgängige Untersuchung, sondern auf Grund der abgegebenen Begriffserläuterungen, welche in Gegenwart des gottgeliebtesten Kaisers selbst geprüft und aus den angeführten Gründen allgemein angenommen wurden.
Auch den Anathematismus, der von ihnen dem Glaubensbekenntnis angefügt wurde, glaubten wir annehmen zu sollen, weil er ein Schutzmittel ist gegen den Gebrauch von Ausdrücken, die nicht schriftgemäß sind, durch welche Ausdrücke beinahe die ganze Unruhe und Verwirrung in der Kirche entstanden ist. Da [S. 54] nämlich keine von Gott inspirierte Schrift sich der Ausdrücke „aus dem Nichts“ und „es gab eine Zeit, wo er nicht war“ und der übrigen Bezeichnungen bedient, so schien es nicht vernünftig zu sein, Derartiges zu sagen und zu lehren. Darum schlossen wir uns auch dieser Verurteilung an, weil sie uns zweckmäßig erschien, zumal wir auch früher nicht gewohnt waren, uns gleich jenen (den Arianern) dieser Ausdrücke zu bedienen.
Ferner wurde auch die Anathematisierung der Formel: „Bevor er gezeugt wurde, war er nicht“, für nicht unstatthaft gehalten, da alle darin übereinstimmen, daß er (der Logos) der Sohn Gottes ist auch vor seiner Geburt dem Fleische nach. Außerdem hat unser gottgeliebtester Kaiser bereits den Beweis erbracht, daß er auch seiner göttlichen Zeugung nach vor allen Zeiten sei, da er schon vor seiner wirklichen Erzeugung der Potenz nach auf ungezeugte Weise im Vater existierte, weil ja der Vater immer Vater ist, wie er auch immer König und Erlöser und der Potenz nach alles ist und sich immer auf die gleiche und eben dieselbe Art und Weise verhält (d. h. unveränderlich ist)7.
Diesen Bericht fühlten wir uns gedrängt, Euch, Geliebte, zu senden und Euch das Ergebnis unserer Untersuchung und den Grund unserer Zustimmung offen darzulegen, damit Ihr sehet, wie wir mit vollem Recht zuerst und bis zur letzten Stunde standhaft blieben, so lange, als uns die abweichenden Ausdrücke anstößig vorkamen, wie wir aber später frei von aller Streitsucht die nicht mehr anstößigen Ausdrücke annahmen, sobald sie uns nach verständiger Prüfung des Sinnes der Worte als [S. 55] offenbar gleichbedeutend erschienen mit dem Bekenntnisse, das wir selbst in unserem vorher eingereichten Entwurf einer Glaubensformel niedergelegt hatten.“
1: In diesem Eusebianischen Symbolum sind hier durch Sperrschrift diejenigen Worte hervorgehoben, welche das Konzil in seinem S. 51 folgenden Symbolum nicht adoptierte. Diese Worte schienen den Konzilsvätern die wahre Gottheit des Sohnes nicht klar und bestimmt genug zum Ausdruck zu bringen.
2: Matth. 28, 19.
3: Griechisch: homousios.
4: Hier sind durch Sperrschrift jene Worte hervorgehoben, welche das Konzil in der Darlegung der Lehre von der wahren Gottheit des Sohnes statt der Eusebianischen Ausdrücke gewählt bzw. den Eusebianischen Formeln hinzugefügt hat. Die vom Konzil gewählten Worte sollten die wahre Gottheit des Sohnes klarer und bestimmter zum Ausdruck bringen und den Arianern jede Ausflucht unmöglich machen. Außerdem hat das Nizänische Symbolum noch den Zusatz: ,,sowohl was im Himmel als auch was auf Erden ist“, ferner statt des „unter den Menschen gewohnt“ das bestimmtere „Mensch geworden”, und endlich ist der lange und matte Schluß bei Eusebius durch einen kurzen und kräftigen Anathematismus ersetzt worden.
5: Griechisch: πάθος [pathos].
6: Vgl. oben S. 38 mit Anmerkung 1.
7: Eusebius will sagen: Der Logos existierte immer und von Ewigkeit her. Er existierte vor seiner menschlichen Geburt und existierte schon vor seiner göttlichen Erzeugung der Potenz nach im Vater. Daher konnte die Behauptung, daß er vor der Erzeugung nicht existiert habe, auch vom Standpunkt des Eusebius aus mit Recht anathematisiert werden. Es bedarf jedoch keiner ausdrücklichen Hervorhebung, daß diese Ansicht des Eusebius von einem bloß potenziellen Sein des Sohnes im Vater vor seiner wirklichen Erzeugung unzulänglich ist. Der Logos ist von Ewigkeit her aktuell, nicht anfänglich bloß potenziell der Sohn des Vaters.