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Roland Zoss zog als 24-Jähriger mit langen Haaren und Gitarre los in Richtung Süden. Bald fand er seinen Bestimmungsort: Die Insel hinter dem Mond, wie er sie selbst nennt. Fast 50 Jahre später sind die Haare etwas kürzer, die Musik zum Beruf und die Heimat ein kleines Eiland geworden. Das ist seine Geschichte.
Roland Zoss könnte durchaus dem einen oder anderen ein Begriff sein. Der Berner ist Schriftsteller und Musiker. Unter anderem erfand er für Kinder die Figuren «Jimmy Flitz» oder das «Xenegugeli». Er besang als erster die Bäume und schrieb über «Die Insel hinter dem Mond» oder die Seventies im soeben erschienenen «Hippie-Härz», einem Hörbuch/Roman in Mundart.
Zum Schriftsteller wurde er auf einer knapp zehn Quadratkilometer kleinen Insel, die zu den Liparischen Inseln nördlich von Sizilien gehört und die er als 24-Jähriger entdeckte. Damals gab es dort weder Strom noch Strassen, ca. 180 Einwohner und viele Ruinen. Er erwarb mit seinem letzten Geld eines dieser alten, halb zerfallenen Häusern mit Wohnhöhle und fand sein persönliches Paradies. Wir trafen ihn während seinem Heimaturlaub in Bern. Hier erzählt er uns seine Geschichte.
Roland Zoss, wann hast du das erste Mal von den Liparischen Inseln gehört?
Roland Zoss: Das war eigentlich ziemlich früh. Ich las mit zirka zwölf Jahren Bücher über Odysseus, der nach einigen Abenteuern dort strandete. In den Büchern hatte es Bilder mit Felsen und Vulkanen drin – das faszinierte mich und ich vergass die Inseln nicht mehr.
Wie kann man die Liparischen Inseln kurz beschreiben?
Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs, der Stromboli-Vulkan gehört auch dazu. Die Gruppe besteht aus sieben Teilen, warum man sie auch die sieben Schwestern nennt: Stromboli, Panarea, Salina, Lipari, Vulcano, Filicudi und Alicudi. Sie liegen 30 bis 80 Kilometer nördlich von Sizilien und zählen ca. 14'000 Einwohner. Die Inseln gehören zu Italien, auch wenn sich die Einheimischen nicht so fühlen. Einige waren ausser zur Aushebung nie auf dem Festland oder Sizilien.
Dir war früh klar, dass du nicht in der Schweiz bleiben willst?
Die Schweiz war mir zu kaltherzig. Ich brauchte die Sonne. Es trieb mich immer wieder in die Welt hinaus.
Wie bist du schliesslich auf den Liparischen Inseln gelandet?
Ich suchte nach einer Insel. Die Inspiration gab mir Leonard Cohen, der lebte auf Hydra und schrieb dort seine ersten Lieder. Das wollte ich auch. 1973 packte ich meine Gitarre und zog mit Jesus-mässig langen Haaren los. Erst nach Korsika, dann ein Jahr später nach Filicudi, eine der Liparischen Inseln.
Erzähl von deiner ersten Ankunft.
Ich bestieg kurz vor Mitternacht das Schiff in Messina. Sieben Stunden später kamen wir an. Es gab dort nichts. Weder einen Hafen, noch Strassen oder Strom. Wir mussten vom grossen Schiff aus unseren Seesack schultern, über eine Holzleiter in ein kleines Ruderboot steigen und wurden an den Strand gerudert.
Und dann?
Ich erkundete die Insel. Etwa 180 Menschen lebten dort. Schnell lernte ich einen deutschen Seefahrer kennen, der seit etwa drei Jahren in einer Felsgrotte lebte. Der war etwa 30 Jahre alt und total hippie-mässig. Er lebt übrigens heute noch dort – ohne Strom und ohne Wasser. Aber ja, er ermunterte mich, das Studium fallenzulassen und hier ohne Zivilisation das Leben zu lernen.
Das hat dir Eindruck gemacht?
Ja, ich sagte mir: Das will ich auch. Er zeigte mir einige Ruinen auf der Insel. Bei einer, rund 300 Meter über dem Meeresspiegel mit freier Sicht auf das Mittelmeer, war mir klar: Ich bin heim gekommen. Die Terrassen waren kaputt, der Olivenhain-Garten zerfallen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Noch am selben Tag unterschrieb ich den Kaufvertrag.
Was kostete das?
Rund 4000 Franken. Ich hätte mir für das gleiche Geld auch einen «Döschwo» kaufen können. Meine Mutter gab mir noch 1000 Franken, mehr hatte ich als Student nicht.
Und dann bist du da eingezogen?
Nun ja, ich dachte: Ein Dach drauf und gut ist. Aber es wurde eine längere Geschichte und ich brauchte fast 20 Jahre, um alles so aufzubauen, dass man «gut» dort leben kann.
Wo hast du gelebt?
Schon dort. Aber Bern blieb meine Basis und ich reiste sehr viel in der Welt herum in dieser Zeit und lebte auch einmal ein Jahr in Australien. Der Aufbau war hart. Ich konnte kaum italienisch, hatte keine Ahnung vom Hausbau, ich wusste nicht, dass man für Zement Wasser braucht – und Wasser gab es da oben nicht. Das war abenteuerlich. Aber ich war kräftig und unverwüstlich.
Wie hast du die lokale Bevölkerung erlebt während dieser Zeit?
Die waren überzeugt, dass ich bald wieder weg sein werde. Die waren doch selbst kaum je da oben. Sie dachten: Der spinnt. Kein Wasser, kein Strom, nur ein Maultierpfad, die Ruine total zerfallen.
Wie kam es eigentlich, dass auf der Insel so viele Ruinen standen?
Früher hatte Filicudi fast 2500 Einwohner. Aber zwischen den beiden Weltkriegen brach die Armut aus, die allermeisten wanderten aus und liessen die Häuser zurück. Zucco Grande im Norden der Insel wurde beispielsweise zum Geisterdorf. Es gibt übrigens eine schöne Wanderung dorthin.
Was sagten deine Eltern zu deinem Vorhaben?
Für meine Eltern war das schlimm. Die Erdbebenregion, die Mafia – alles furchtbar. Du wirst alles verlieren, sagte mir mein Vater. Und mit deiner Musik kommst du eh nirgends hin.
Er hatte zum Glück nicht recht.
Nein, hatte er nicht. Ich lebe von der Musik und meinen Büchern, hatte die Inspiration für meine Werke auf der Insel und wenn ich mein Haus heute verkaufen würde, wäre ich Millionär. Denn in den 1980ern kam die italienische Schickeria und kaufte sich diverse Grundstücke.
Bevor wir auf den Tourismus kommen. Erzähl noch einmal von deinen ersten Arbeiten an der Ruine.
Zuerst lebte ich in einer Eselsgrotte. Diesen Stall habe ich dann ausgebaut, ein Fenster und eine Türe gebaut, ein Bett und einen Tisch reingestellt und mit weissem Zement verputzt. Später baute ich auf meinem Grundstück im Tuffstein zwei weitere Grotten. So lebten die Menschen hier früher auch.
Wann hattest du fliessend Wasser?
Ich musste eine Zisterne bauen. Das ist eine Kunst, dafür benötigte ich Hilfe. Ich habe dann mit einer Pumpe dafür gesorgt, dass Wasser aus dem Wasserhahn kommt. Damit ich warm duschen konnte, schlängelte ich auf dem Dach die Wasserrohre. Das wird dann von der Sonne erhitzt: 100 Prozent ökologisch.
Was hast du sonst noch gebaut?
Ich musste das Land roden, weil sonst das Feuer alles hätte zerstören können, das Aufschütten der Terrassen war extrem arbeitsintensiv, ich legte einen riesigen Garten an und pflanzte unzählige subtropische Bäume. Viele davon entdeckte ich auf meinen Reisen und dachte: Der könnte bei mir wachsen.
Was lernt man bei so einem Projekt?
Alles ist beschränkt. Bei mir war es vor allem das Wasser. Und dann musst du mit den Einheimischen tauschen, damit du alles hast. Oder wenn hier ein Nagel krumm ist, dann wird der wieder gerade gehauen. Fehlt an einer Türe etwas, bastelst du da mit irgendeinem Hölzli rum. Du musst erfinderisch sein und dich auch mal bisschen «dürepschiise». Man kann es sich nicht leisten, etwas zu schnell wegzuwerfen. Eigentlich zeigte mir die Insel, was die Welt jetzt lernt, dass alles beschränkt ist. Und mit dem Glück ist es so: Je weniger du hast, desto glücklicher bist du. Es braucht nicht viel.
Wie ging es mit dem Kontakt mit den Einheimischen weiter?
Irgendwann merkten sie, dass ich nicht wieder gehe. Ich ging zum Fischen mit ihnen, spielte mit ihnen Fussball. Als ich kam, gab es sonst kaum Touristen hier, darum haben sie mich nach einigen Jahren so richtig aufgenommen. Ich bin heute einer von ihnen.
Ich nehme an, es kamen auch andere Ausländer auf die Insel.
Ja, das schon. Aber die meisten gingen wieder. Meistens, weil hier nichts funktioniert. Und sich etwas aufzubauen, ist «chnütschhärte» Arbeit. Der Boden ist steinhart, die Feuersbrünste, die Winterstürme, die Erdbeben. Das wollen die meisten nicht zweimal erleben. Mir war die Liebe zur Insel wichtiger. Ich habe es nie bereut.
Hast du ein Erdbeben erlebt?
Natürlich. Normalerweise werden jährlich ungefähr vier mit einer Stärke von 3 oder mehr gezählt. Eines vergesse ich nicht mehr. Ich sass draussen und spielte Gitarre. Plötzlich zitterte alles, ich rannte in den Garten. Ich hörte einstürzendes Gemäuer, rumpelnder Fels, splitterndes Glas und sah nur eine riesige Staubwolke. Als sie sich verzieht, erkenne ich: Das Haus steht. Zwar sind diverse Dinge kaputtgegangen und die Wände haben feine Risse. Aber ich hatte Glück im Unglück.
Du hast es erwähnt: Zu den Liparischen Inseln gehört auch Stromboli und der Ätna ist in Sichtweite. Hast du eigentlich keine Angst vor Ausbrüchen oder weiteren Erdbeben?
Ich sehe das pragmatisch. In den letzten 60 Jahren ist nie etwas Schlimmes passiert. Bei den beiden Beben in der Nähe von Bern vor ein paar Wochen war ich praktisch beim Epizentrum. Es kann dich überall treffen. Und man vergisst schnell: Wir leben auf einer Eierschale. Die Erde bebt immer.
Was konntest du den Inselbewohnern zeigen?
Als ich ankam, war ich – überspitzt gesagt – 30 Jahre voraus. Man wusch sich beispielsweise noch die Hände mit Asche. Das war hier eigentlich wie in der dritten Welt. Die Beatles, die Stones – nie gehört. Ich brachte dann den ersten CD-Spieler auf die Inseln, den wir mit Generatoren betrieben, und wir hörten Musik.
Wann änderte das?
Den ursprünglichen Robinson-Crusoe-Charme vom grossen Abenteuer verlor die Insel mit dem Strom und der Strasse 1987. Ich erlebte, was Stromanschluss mit Menschen macht, das war eindrücklich. Plötzlich gab es TV, diese Entwicklung kam über die Leute wie ein Bulldozer. Das war heavy. Früher machten die Leute zusammen Musik, dann schauten sie plötzlich alle TV. Einige wurden gierig auf den Konsum. Durch den Kreislauf des Geldes kamen einige in eine Stresssituation.
Was hat Geld für einen Wert auf der Insel?
Es hatte lange gar keinen Wert. Dann wurde die Situation mit der Ankunft der ersten Reichen vergiftet. Die Einheimischen verdienten an ihnen. Zum Glück gingen viele wieder. Aber die Preise für die Häuser sind explodiert. Eine grosse Sorge ist, dass das Leben auf der Insel für die Einheimischen unerschwinglich wird.
Wie läuft das eigentlich mit der Versorgung auf der Insel heute?
Immer am Montag kommt das Schiff. Manchmal auch am Donnerstag – je nach Laune des Kapitäns. Lange Zeit gab es einen fahrenden Händler, aber mit Corona gab der auf. Wir haben einen kleinen Lebensmittelladen. Wenn du etwas unbedingt brauchst, solltest du da sein, wenn das Schiff ankommt. Es hat beispielsweise auch eine Post. Aber wann die offen hat, musst du immer fragen, es gibt keine fixen Öffnungszeiten.
Und gibt es eine Schule für die Kinder?
Ja, bis zur 5./6. Klasse gehen sie hier zur Schule, danach müssen sie mit dem Schiff eine Stunde bis Lipari fahren. Arbeit gibt es eigentlich auch genügend. Wie erwähnt: Hier lebten mal fast 2500 Personen. Die Arbeitslosenquote ist tiefer als auf Sizilien. Viele arbeiten in handwerklichen Berufen, es gibt eine Tauchbasis und eine WildLife-Station.
Hast du eigentlich selbst Kinder?
Ja, ich habe zwei mittlerweile erwachsene Kinder. Durch sie wurde ich Kinderbuchautor und fing mit Kindermusik an. Ich wurde erst mit 40 Vater, wodurch ich meinen Lebensmittelpunkt in die Schweiz verlegte. Da war ich vielleicht noch drei bis vier Monate auf meiner Insel. Jetzt bin ich wieder meist unten, ausser im Dezember und Januar, wo es sehr kalt wird und stürmisch ist.
Aber du willst auf den Liparischen Inseln bleiben?
Ja, klar. Es ist der Ort, der mich glücklich macht. Ich kann monatelang unter dem Sternenhimmel schlafen, nur mit einem Moskitonetz über mir. Man sieht Sternschnuppen, der Mond ist da, du hörst eine Zwergohreule – das ist einfach wunderschön.
Du hast von deinem Garten und den Bäumen erzählt. Wie kam es dazu?
Wenn du jemanden nach den grössten Lebewesen der Welt fragst, nennen die meisten ein Tier. Dabei sind es die Bäume. Du spürst eine Energie, die von ihnen ausgeht. Bäume waren meine ersten Kinder. Ich habe über 100 verschiedene Arten in meinem Garten. Bäume haben nicht die gleichen «Gefühle» wie wir, aber sie unterstützen sich untereinander gegenseitig. Ich kann mir vorstellen, dass wir in den nächsten Jahrzehnten noch Dinge rausfinden werden, die uns staunen lassen. Die Indios sagten ja schon, dass Bäume eine Seele haben. Sie sind die Basis unseres Lebens. Meine Baumlieder würden gut zu den Klimademos passen.
Du sagtest mal, Kinder seien das letzte Urvolk. Wieso?
Sie haben diese spezielle Beziehung zur Natur und den Tieren. Als ob sie kurz nach der Geburt noch im gleichen «Pool» sind, eventuell auch mit den Pflanzen. Wenn sie dann eingeschult werden, geht dieses Instinktive, das Gspürige verloren.
Aussteiger, Musiker, Hippie, Entdecker, Abenteurer – Es ist schwierig, dich zu beschreiben. Kannst du es selbst in wenigen Worten versuchen?
Ich habe ein Hippie-Herz. Es schlägt für drei Dinge: Himmel, Erde, Rock'n'Roll. Der Himmel steht für das Spirituelle; die Erde ist, wo wir sind, die Wurzeln der Bäume. Rock'n'Roll steht für die Musik, die alles verbindet. Musik ist ja auch unsichtbar, sie verbindet sich aber mit dem Sichtbaren.
Was fehlte dir in der Schweiz?
Die Schweiz war mir menschlich zu stur. Wenn ich Ende der 1960er meine Freundin in der Berner Altstadt küsste,
hiess es, dass geht doch nicht. Wir brachen das mit Love and Peace alles auf. Ich habe das noch heute im Herzen und spüre diesen Geist von damals teilweise an den Klimademos der Jungen heute wieder. Und jeden Sommer auf meiner Insel.
Was fehlt dir von der Schweiz?
Wenn du suchst, fehlt immer etwas. Birchermüesli und Schoggi sind es für mich. Und natürlich Freunde und Freundinnen. Und manchmal auch die Kultiviertheit, wie wir sie kennen. Auf der Insel sind alle sehr bodenständig und haben sehr starke Naturverbindungen, sie spüren das Wetter beispielsweise. Aber wenn du gewisse Dinge diskutieren willst, geht das nicht.
Hast du dich auf der Insel auch schon einsam gefühlt?
Ja, das kommt vor. Einmal war es so schlimm, dass ich nach Bern musste, einfach in eine Bar sass und die Menschen beobachte, wie sie sich unterhielten und Bier tranken.
Du hast erwähnt, dass die Schikeria in den 1980ern die Insel entdeckte. Wie touristisch ist die Insel heute?
Es hat sich vieles verändert und es gibt auch mehr Touristen. Aber wer hier herkommen will, braucht Zeit. Mit dem Schiff von Sizilien aus dauert es erst eine Stunde bis Lipari, dann eine weitere bis Filicudi. Im Hafen von Pecorini legen neuerdings Jachten an, es gibt ein paar einfache Herbergen, auch ich habe ein Gästehaus.
Was macht man auf Filicudi?
Man muss auf jeden Fall gut zu Fuss sein. Es gibt hier unglaublich schöne Wanderungen. Du kannst in einer Höhle leben. Du kannst schlafen, wie sonst nirgends. Früher sagten die Feriengäste, es sei schön hier. In den letzten Jahren sagen alle, dass sie schon lange nicht mehr so gut geschlafen hätten. Wir haben hier keine Strahlung, kein Elektrosmog. Ich glaube, das hängt zusammen.
Was bedeutet die Schweiz für dich?
Nach all meinen Reisen fallen mir zwei Worte ein: liebenswert und langweilig. Schweizer sind so brav und anständig, aber wenn einer am Boden liegt, helfen sie ihm auf. Sie haben eine Menschlichkeit, aber nicht übertrieben. So eine sympathische, bodenständige Bescheidenheit. Organisatorisch und in Sachen Bildung und Medizin ist die Schweiz ein Paradies. Die Insel Filicudi ist ein Paradies, mit ihrer rauen Natur und ihrer «mütterlichen» Wärme.