Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03155.jsonl.gz/253

Mitte der 1970er Jahre wollte eine Frau, die im Begriff war, sich scheiden zu lassen, bei einer kleineren Geschäftsstelle der Zürcher Kantonalbank zur Bezahlung von Anteilscheinen für ihre Wohnung und weitere Anschaffungen Geld abheben. Doch der Agenturleiter verweigerte die Auszahlung. Warum? Der Noch-Ehemann hatte einige Wochen zuvor das auf seine Frau lautende Sparheft sperren lassen. Diese wollte das aber nicht einfach so hinnehmen. Sie zog eine Rechtsanwältin bei, die ultimativ die Herausgabe des Geldes verlangte. Es handle sich nicht um gemeinsames Vermögen der Eheleute, über das gemäss dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch (ZGB) der Ehemann verfügen könne, sondern um Lohneingänge der Frau, mit anderen Worten: um «Sondergut», das ihr allein zustehe. Sie drohte gegenüber dem Agenturleiter damit, bei weiterer Zahlungsverweigerung die Frauenverbände zu mobilisieren. Sie sollten alle Frauen dazu auffordern, bei der Zürcher Kantonalbank keine Sparhefte mehr zu eröffnen. Der Rechtsdienst beurteilte das Verhalten des Agenturleiters als rechtlich korrekt und meldete seinerseits den Vorfall der Boykottdrohung an die Aufsichtskommission über die Rechtsanwälte. Der Fall gelangte schliesslich über die Bezirksanwaltschaft ans Bezirksgericht, das jedoch keinen eindeutigen Nötigungsversuch erkennen konnte. Es sprach die Anwältin frei. Die Gerichtsberichterstatter rollten in diesem Zusammenhang auch den Fall der Kontosperre auf, der das Ganze ausgelöst hatte, und warfen den Organen der Kantonalbank frauenfeindliches Verhalten vor. Andere Banken seien nicht so konservativ in der Auslegung des Rechts.
Rosenkrieg am Bankschalter
Leider nein. So lautete die Antwort eines Bankmitarbeiters, als eine Frau das Geld von ihrem Konto abheben wollte. Der Grund: Ihr Ehemann hatte das Sparbuch zuvor gesperrt. Weil sich die Anwältin der Frau wehrte, geriet die Zürcher Kantonalbank plötzlich mitten in die Auseinandersetzungen um das neue Eherecht.
Die Bank in der Zwickmühle
Der Generaldirektor, der in der Bankratssitzung vom 25. Mai 1978 den Fall rapportierte, stellte klar, dass die Leitungsgremien nicht über die Angelegenheit informiert worden waren. Man sei zwar im Recht gewesen, aber es stelle sich die Frage, ob die Bank auch aus geschäftspolitischer Sicht richtig gehandelt habe. «Und hier, man mag es drehen und wenden wie man will, drängen sich gewisse Zweifel auf. Hätte man nicht der Situation der in Scheidung begriffenen Frau Rechnung tragen und in Gottesnamen die Auszahlung durchführen müssen, auch auf die Gefahr hin, dass der Mann eine Schadenersatzklage anstrengen und die Bank belangt werden könnte?» Er glaube persönlich, dass «im Interesse des Auftrags und Ansehens unserer Bank» eine kulante Handhabe angezeigter gewesen wäre. Er versprach, die Weisungen an die Zweigstellen zu überarbeiten und der Kulanz «den ihr gebührenden Stellenwert» einzuräumen. Aufgrund einer Interpellation führte die Angelegenheit im September 1978 auch noch im Kantonsrat zu einer ausführlichen Debatte. In der Diskussion drehte sich alles um die Frage, ob das Sparheft, das auf den Namen der Ehefrau lautete, per se als «Sondergut» und damit als ihr Eigentum zu betrachten sei, wie dies einige Banken bereits praktizierten, oder erst mit dem Vorlegen von Beweisen wie einem Lohnausweis. Schliesslich war man sich im Rat mehrheitlich einig, dass die rechtliche Situation für die Frau höchst unbefriedigend sei. Mit dem neuen Eherecht und dem Prinzip der Errungenschaftsbeteiligung werde sich die Sachlage bald zugunsten der Frau klären. Die entsprechenden Artikel im ZGB traten jedoch erst zehn Jahre später in Kraft – nach grossen Widerständen konservativer Kreise. Heute kann ein Konto nur durch die Inhaberin oder den Inhaber selbst oder eine bevollmächtigte Person gesperrt werden. Der Ehepartner bzw. die Ehepartnerin hat in der Regel nichts mehr zu sagen.
Plakat um 1975.
«Hätte man nicht der Situation der in Scheidung begriffenen Frau Rechnung tragen und in Gottesnamen die Auszahlung durchführen müssen (…)?»