Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/882

Einen Filmproduzenten stellt man sich irgendwie anders vor. Ein bisschen glamouröser. Ein bisschen schmissiger. Ein eigenes Büro sollte er vielleicht haben. Mit gerahmten Plakaten von seinen bisherigen Produktionen an der Wand. Und eine Sekretärin. Oder wenigstens eine eigene Kamera. Min Sitha hat nichts davon. Er trifft sich mit uns zum Interview im fensterlosen Lehrerzimmer einer Schule in der Innenstadt von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, dessen einziger Schmuck aus einigen Regalen mit Aktenordnern und einem Verbandskasten an der Wand besteht. Seine Lehrerkollegen gehen ein und aus, während er mit uns spricht. Das einzige glamouröse an ihm ist seine goldene Rolex-Armbanduhr, und die ist höchstwahrscheinlich nicht echt.
Min Sitha ist von Hauptberuf Mathematiklehrer, daher der Treffpunkt. Filme machen ist sein Zweitberuf, dem er am Abend und am Wochenende nachgeht. «Ich mache meine Arbeit als Lehrer wirklich gerne», sagt er, «die Filme sind bloss mein Hobby.» Aber diesem Hobby geht er mit so viel Elan nach, dass er zurzeit der produktivste Filmproduzent Kambodschas ist. Anfang 2010 drehte er den Horrorfilm Proleung Mday Knhom Tamloang (Haunted by My Mother’s Spirit), drei Monate später legte er mit Sronos Khleum Chan (Miss Sandalwood) nach, und nun arbeitet er an seinem dritten Opus, Vinhean Aditakal (Ghost from the Past). Alle drei sind Geisterfilme, denn das ist das beliebteste und erfolgversprechendste Genre im abergläubischen Kambodscha. «Ich muss mich nach dem Geschmack der Leute richten, sonst sieht sich niemand meine Filme an. Aber ich bin auch Lehrer, und daher versuche ich, in meinen Filmen immer, eine Botschaft unterzubringen.» Die Botschaft von Haunted by My Mother’s Spirit ist, dass man seine Eltern gut behandeln soll. Sonst kommen sie als Geister zurück, wenn sie gestorben sind. Min Sitha dreht seine Filme nicht selbst. Er schreibt die Drehbücher und lässt sie von einer Filmproduktion, die sonst Karaoke-Videos dreht, realisieren, Drehzeit: eine Woche. Das kostete ihn bei seinem ersten Film «zwischen 10 000 und 20 000 US Dollar». Dass er das investierte Geld durch die Kinoaufführung wieder reingeholt hat, scheint ihn selbst ein bisschen zu wundern.
Dass ein Amateurproduzent wie Min Sitha mit seinen Low-Buget-Filmen innerhalb eines Jahres zum führenden Produzenten des Landes aufsteigen kann, sagt einiges über die Situation der Filmindustrie in Kambodscha. In dem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, haben das Fernsehen, DVDs vom Schwarzmarkt und die Konkurrenz ausländischer Filme mit höheren Budgets die lokale Filmproduktion fast vollständig zum Erliegen gebracht. 2007 wurden noch 35 Filme produziert, 2008 waren es 25 und 2009 13 Filme, fast alle von ihnen schnell heruntergedrehte Gruselfilmchen. Gezeigt werden können sie in den nur noch zwei Kinos der Hauptstadt: dem Sorya in einer Shopping Mall und dem Cine Lux, einem Art-Deco-Palast aus den 30er-Jahren, als Kambodscha noch zum französischen «Protektorat» Indochina gehörte. Beide Kinos bestreiten ihr Programm ansonsten damit, dass sie DVDs von koreanischen, thailändischen und japanischen Geisterfilmen zeigen.
In Kambodscha gibt es keine Filmschule, keine Studios, keine Filmlabors, keine Techniker, keine Schauspieler. Als der deutsche Regisseur Detlev Buck 2009 seinen Film Same same but different in Kambodscha drehte, wurde lange nach einer geeigneten Kambodschanerin für die weibliche Hauptrolle gesucht – vergeblich. Die Starlets, die in den lokalen Fernsehserien in Soap Operas auftreten, können zwar auf Zuruf buchstäblich Rotz und Wasser heulen – wenn’s ganz dramatisch wird, tropft es in Nahaufnahme wirklich nicht nur aus den Augen, sondern auch aus der Nase. Aber für die schwierige Rolle des Bargirls Sreykeo musste man schliesslich auf die Thailänderin Apinya Sakuljaroensuk zurückgreifen. Eine Prostituierte wollten die kambodschanischen Schauspielerinnen, die zum Teil mit ihren Eltern zum Vorsprechen kamen, nicht spielen, denn Kambodscha ist ein sittenstrenges Land.
Mangels Infrastruktur gelingt es der Regierung Kambodschas nur selten, ausländische Filmproduktionen ins Land zu holen. Denn zu bieten hat es ausser billigen Arbeitskräften, unberührten Stränden und exotischen Lokalitäten wie der Tempelstadt Angkor Wat wenig. Und die kambodschanische Regierung will auch gar nicht jede Art von Film in ihrem Land drehen lassen. Tief sitzt bis heute der Schock über Matt Dillons Regiedebüt City of Ghosts (USA 2002), in dem Kambodscha als Land der Prostitution, der Landminen, der Warlords und der Entführungen gezeigt wird. Aber auch Grossproduktionen wie Tomb Raider (Simon West, USA 2001) mit Angelina Jolie, die erste internationale Produktion in Kambodscha seit David Leans Lord Jim (GB 1964), nutzten lediglich die Tempel von Angkor Wat als pittoreske Kulisse und hinterliessen ansonsten wenig Spuren im Land – bis auf die Tatsache, dass der Film heute an jeder Ecke auf Piraten-DVD an Touristen verkauft wird.
Dabei hatte Kambodscha in den 1960er- und 1970er-Jahren eine blühende Filmindustrie. Sie mag nicht die Grösse oder die Budgets der Produktionen anderer asiatischer Länder, wie Hongkong, Thailand oder der Philippinen gehabt haben. Doch die Filme aus dieser Zeit haben einen eigenartigen Charme. Das Kino des «Goldenen Zeitalters», wie es heute nostalgisch genannt wird, war geprägt von ausufernder Fantasie und überschäumender Fabulierlust, die sich in Termini ausdrückte, die vom Mangel in einer gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Ex-Kolonie in Südostasien diktiert waren. Diese Periode dauerte nur gut anderthalb Jahrzehnte. Aber sie ist ein faszinierendes Beispiel für ein postkoloniales, populäres Kino, das seiner internationalen Entdeckung harrt. Auf nationaler Ebene wurde ein erster Schritt zu einem Revival gemacht: Mit der Ausstellung und Filmretrospektive «Golden Reawaking», die im November 2009 von einer Gruppe von jungen Filmfans unter der Leitung des französisch-kambodschanischen Regisseurs Davy Chou in Phnom Penh organisiert wurde. Zehn Tage lang liefen in dem grosszügigen Foyer der früheren Villa eines chinesischen Geschäftsmannes aus der Zeit der Jahrhundertwende allabendlich lang verschollen geglaubte Filme. Und die Organisatoren hatten einige der Regisseure und Schauspieler eingeladen, die den blutigen Terror der Roten Khmer überlebt haben, um über diese kurze Blüte des lokalen Kinos zu sprechen.
Abend für Abend versammelte sich hier zuerst vorwiegend junge Leute, unter denen sich gerade eine Nostalgie für die Swinging Sixties in Kambodscha ausbreitet. Je länger die Retrospektive lief, desto mehr Leute aus der benachbarten Slumgegend sassen zwischen den kambodschanischen Bohemiens auf riesigen Plastikkissen und Rattanmatten: alte, zahnlose Frauen in Pyjamas, die sich an diese Filme noch aus ihrer Jugend erinnern konnten, und ihre Enkel, die mit offenem Mund die fantastischen Geschehnisse auf der Leinwand verfolgten. Für viele von ihnen dürfte es der erste Kinoabend ihres Lebens gewesen sein.
Solange das heutige Kambodscha ein Teil von Indochina war, machten dort nur die Kolonialherren Filme, die sich des Landes als exotischen Hintergrunds bedienten, fast alle von ihnen Dokumentarfilme. Erst ab Ende der 1950er-Jahre begannen kambodschanische Regisseure, die zum grössten Teil keinerlei Ausbildung hatten, mit simpelsten Mitteln eigene Filme zu machen.
Som Sam Al war 1958 der erste Khmer, der einen Spielfilm drehte: Phkar Rik Phkar Rouy (Blossoming Flower, Withering Flower), ein Stummfilm, den er mit einer 16-mm-Kamera geschossen hatte. Bis Mitte der 1960er-Jahre, als endlich die notwendige Ausrüstung für Tonfilme ins Land kam, waren alle kambodschanischen Filme ohne Ton. Bei ihrer Vorführung improvisierten Kinoerzähler, ähnlich wie im Nachbarland Thailand, den Soundtrack. Diese Erzähler wurden zum Teil selbst Stars, die das Publikum ins Kino lockten.
Ein wichtiger Auslöser für die Entwicklung einer eigenen Filmindustrie war der französische Regisseur Marcel Camus, der 1958 mit seinem brasilianischen Film Orfeu Negro einen internationalen Hit gelanden hatte und dessen Erfolgsformel – Laiendarsteller in einer Liebesgeschichte in exotischen Milieu – man in Kambodscha wiederholen wollte. L’oiseau de paradis (Bird of Paradise) von 1963 erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem armen Wanderarbeiter und einer Tempeltänzerin, die tragisch endet. Camus besetzte den Film ausschliesslich mit Kambodschanern ohne Schauspielausbildung. Einige von ihnen wurden in der sich entwickelnden lokalen Filmindustrie in den nächsten Jahren zu Stars, so wie Sak Sisbourng und Meas Sam El.
Der junge Yvon Hem, der bei dem Film als Produktionsassistent mitarbeitete, war von der Produktion so begeistert, dass er sich das Filmemachen mit einem französischen Fernkurs beibrachte. Mit seiner Schwester Narie Hem, die in dem Film die Hauptrolle gespielt hatte, gründete er eine eigene Produktionsfirma, die in den folgenden Jahren zu den produktivsten Kambodschas gehörte und einige der besten Filme der 1960er- und 1970er-Jahre machte.
Die Filme, die von Hem und anderen jungen Filmemachern ohne grosse Vorbildung gemacht wurden, fanden im Land schnell ein begeistertes Publikum. Es bleibt einem heute oft der Mund offen stehen, so unbelastet von Kinokonventionen und narrativen Regeln werden hier Geschichten erzählt, die sich meist aus dem reichen Schatz an Fabeln und Sagen der Khmer speisen, welche wiederum oft auf indische und javanische Ursprünge zurückgehen. Diese Filme sind archaisches Kino, das an die Stummfilme aus der Zeit vor D.W. Griffith gemahnen, mit Spezialeffekten, die an Méliès erinnern. Aber einige der avancierteren Regisseure – wie Yvon Hem, Ly Bun Yim oder Tea Lim Koun – realisierten Filme, die durchaus an die Produktionen aus anderen südostasiatischen Nachbarländern wie Malaysia und auf den Philippinen heranreichen, die in der Nachkriegszeit eine relativ hoch entwickelte Filmindustrie hatten.
In ihren Filmen tut sich ein wüster Mikrokosmos voller Schlangenmenschen und Krokodilmonster auf, bevölkert von Riesen, sprechenden Affen, unbesiegbaren Kriegern und auf der Erde herumstromernden Gottheiten. Kurzfristig reüssierte man damit sogar im benachbarten Ausland: Tea Lim Kouns Pous Keng Kang (The Snake Man) von 1970 wurde erfolgreich bei Festivals in Thailand, Singapur, Hong Kong, Taiwan und den Philippinen gezeigt. Die Heldin, Tochter des «Schlangenmannes», der dem Film seinen Titel gab, hatte statt Haaren ein Bündel Schlangen auf dem Kopf. Digitale Tricks gab es damals noch nicht, andere kostspielige Special Effects standen in dem Entwicklungsland Kambodscha auch nicht zur Verfügung – da musste die Teenagerin, die die asiatische Version der Medusa spielte, eben ein Perücke tragen, an die statt künstlicher Haare echte Schlangen geklebt waren.
Zwischen 1958 und 1975 entstanden schätzungsweise 350 Filme – viele Melodramen und Komödien, aber vor allem Märchen- und Gruselfilme. Stars wie die ehemalige Schönheitskönigin Dy Saveth hatten in dieser Zeit über hundert Filme gedreht, die in den mehr als 30 Kinos Phnom Penhs zum Teil monatelang liefen. Diese Filme gelten heute als Teil eines alle Künste umfassenden Prozesses der «Khmerisierung» Kambodschas.1 Mit tatkräftiger Unterstützung von Norodom Sihanouk, dem damaligen König Kambodschas, erlebte das Land in der Zeit zwischen der Unabhängigkeit von der französischen Kolonialherrschaft 1953 und dem Beginn des blutigen Terrors der Roten Khmer eine Zeit der kurzen kulturellen Blüte. Sihanouk unterzog das Land einem ehrgeizigen Modernisierungsprogramm und hoffte, binnen weniger Jahre den Lebensstandard eines Landes der Ersten Welt erreichen zu können. Zu dieser Zeit galt Kambodscha kurzzeitig wegen seines relativen Wohlstandes und seines innenpolitischen Friedens als die «Schweiz Südostasiens».
Unter westlichen Exotika-Fans geniesst der kambodschanische Rock aus dieser Zeit heute Kultstatus: dreckige E-Gitarren begleiten Balladen, die westlicher Popmusik ebenso viel verdanken wie lokalen Traditionen. Die Lieder von Stars wie Sinn Sisamouth, Ros Serey Sothea oder Pan Ron sind auch im Land bis heute von ungebrochener Popularität und ihre Songs prägen auch viele der Filme aus dieser Zeit. Architekten wie Vann Molivann entwickelten in Kambodscha eine Architektursprache, die sich auf den Modernismus eines Le Corbusiers bezog, diesen aber regionalisierte und an lokalen Traditionen und Klimabedingungen orientierten: das fantastische Olympiastadion, die Universität, das Nationaltheater, das Hotel Cambodiana sind nur einige der Gebäude, die im Auftrag des jungen Staates Internationalismus und Modernität bei gleichzeitiger Traditionsverbundenheit signalisierten sollten.
König Sihanouk ist bis heute auch einer der produktivsten Regisseure Südostasiens. Der König, der fast drei Jahrzehnte mit verschiedenen Titeln Staatschef war, hat 17 Spielfilme und diverse Dokumentarfilme gedreht, die man heute zum Teil von der Website des «Königsvater» herunterladen kann. Die Spielfilme seiner Majestät, die 2004 abdankte und heute in Peking lebt, sind meist Melodramen, die in der westlich orientierten Upper Class Kambodschas spielen. Einige seiner Filme sollen aber auch der kambodschanischen Landbevölkerung, die bis heute oft nicht Lesen und Schreiben kann, Khmer-Geschichte und -Tradition nahebringen. Sie wurden im Auftrag seiner Majestät im ganzen Land gezeigt.
Filmisch interessanter sind jedoch die Werke der Regisseure, die in den 60er-Jahren das populäre Kino entwickelten. Unbestrittener Höhepunkt der Retrospektive in Phnom Penh war der Film Punthysen Neang Kongrey (12 Sisters) von 1968, gedreht von dem autodidaktischen Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Produktionsdesigner Ly Bun Yim, einer orientalischen Fantasie voller Gewalt und Wunder. Ein König lässt seine zwölf Frauen, alle Schwestern, blenden und in eine Höhle werfen, weil ihm die dreizehnte Ehefrau eingeredet hat, dass sie Hexen sind – tatsächlich ist sie die Hexe. Als sie keinen Reis mehr bekommen, fressen sie nach und nach alle ihre Kinder auf. Nur ein Sohn überlebt, der nach einer wundersamen Karriere als Glücksspieler nicht nur die schöne Tochter der Hexe heiratet, sondern schliesslich auch seine Mutter und Tanten befreit und ihnen das Augenlicht wiedergibt, weil er ihre Augäpfel in der Schatzkammer der Hexe gefunden hat.
12 Sisters ist auch einer der wenigen Filme, die heute noch in einer relativ guten Version zu sehen sind und der im Breitwandformat und mit Technicolor-Farben eine Vorstellung von der Prachtentfaltung gibt, zu der das kambodschanische Kino zu dieser Zeit in der Lage war. Ly, der 1975 vor den Roten Khmer nach Frankreich floh und dort ein Restaurant eröffnete, fand eine gut erhaltene Kopie des Films in dem Labor in Hong Kong, wo er ihn 1968 hatte entwickeln lassen. Der Film wurde zum Teil in den Ruinen von Angkor Wat, zum Teil in einem Studio gedreht, dessen Kulissen aus Wachs gegossen war – Regisseur Ly hatte kein Geld für richtige Dekorationen und verwendete das eingeschmolzene Wachs später für die Gestaltung anderer Sets. Weitgehend unbeeinflusst von westlichen Konventionen des filmischen Erzählens (oder unbeeindruckt von diesen?) hat Ly eine eigene, kraftvolle Filmsprache geschaffen, die so wohl nur in einem Land möglich war, das zuvor keine eigene Kinotradition hatte.
Doch nicht alle Filme aus dieser Zeit basieren auf Legenden. Es gibt auch Filme, die im zeitgenössischen Kambodscha spielen, wie etwa Pous Troung On Tov (Hear my wish) von 1972. Er handelt von einer Schönheit aus der Provinz, die in einem ultramodernen Phnom Penh zur Prostitution gezwungen wird, und dabei so viel Geld verdient, dass sie sich schliesslich frei kaufen und als Boutiquenbesitzerin das Leben der Schönen und Reichen leben kann. Auch Pel Del Trov Zum (A time to cry) aus dem Jahr 1974 von der Regisseurin Uong Kan Thuok zeigt eine urbane, westlich orientierte High Society, die sich die Zeit mit Liebesaffären und Luxusleben vertreibt. Dass der Film in der Kinoszene spielt, zeigt, was für eine Ausstrahlungskraft die Filmindustrie für das Publikum zu dieser Zeit gehabt haben muss.
Trotz solcher kreativen Höhepunkte ist das Nationalkino Kambodschas bisher ein weisser Fleck auf der Karte des Weltkinos. Der Autorenfilmer Rithy Pan, dessen Film Rice People 1994 beim Filmfestival in Cannes lief, ist der einzige kambodschanische Regisseur, der heute im internationalen Arthouse-Kino eine Rolle spielt. Und auch wenn seine Filme alle in Kambodscha spielen, lebt er hauptsächlich in Frankreich. Geduldig Suchende finden im Internet hier und da Hinweise darauf, dass das Land einst eine Filmindustrie gehabt haben muss. Und auf YouTube gibt es eine Menge Filmschnipsel von ausgebleichten, rotstichigen Märchenfilmen und Melodramen – ohne Untertitel, aber oft mit herzergreifenden Gesangseinlagen. Diese Clips sind meist von Exil-Kambodschanern in Frankreich und den USA im Internet veröffentlicht worden, um an die vergangene Kino-Glorie ihres Heimatlandes zu erinnern. Trotzdem haben auch Fans des asiatischen Films vom «Goldenen Zeitalter» des kambodschanischen Kino noch nie etwas gehört. Literatur zu dieser Epoche gibt es praktisch nicht.
Der Steinzeitkommunismus der Roten Khmer, deren Terror sich dezidiert gegen das Moderne und gegen die Kultur richtete, machte der Hochzeit des kambodschanischen Films 1975 ein Ende. Ihren Feldzug gegen die Künste haben nur gut dreissig der Filme aus dieser Zeit überlebt, die meisten von ihnen sind in schlechtem Zustand und nur mit viel Glück als DVD auf dem Schwarzmarkt in Versionen ohne Untertitel auffindbar. Wie sie dahin gekommen sind, weiss niemand. Unter den Opfern der Roten Khmer waren viele der Regisseure, Schauspieler und anderer Filmarbeiter, die an der kurzen Blüte des kambodschanischen Films mitgewirkt hatten. Von dieser historischen Katastrophe hat sich das Kino des Landes bis heute nicht erholt. Den amateuerhaften Werken der Gegenwart geht der ungeschulte Charme der Filme aus den 1960er-Jahren vollkommen ab. Da verwundert es nicht, dass junge Filmfans auf der Suche nach positiven Bezugspunkten in Landes- wie Filmgeschichte die kurze Periode wiederentdecken, in der lokale Filmemacher aussergewöhnliche Filme machten, die zum Teil sogar international erfolgreich waren. Hier gibt es noch viel zu entdecken und zu erforschen. So ermahnte Oum Dara, ein Filmkomponist aus dieser Zeit, der zu den wenigen Überlebenden aus der grossen Zeit des kambodschanischen Kinos gehört und der bei der «Golden Reawakenings»-Retrospektive für ein Publikumsgespräch zu Gast war, seine Zuhörer: «Fragen Sie mich noch etwas. Bald bin ich tot.»
Davy Chou, der französische Filmemacher, der die Ausstellung initiiert hat, arbeitet nun an einem Dokumentarfilm über die Blüte des kambodschanischen Kinos. Sein Grossvater Vann Chann war einer der erfolgreichsten Filmproduzenten der 1960er-Jahre. 1970 verschwand er unter bis heute ungeklärten Umständen. Chou kam 2008 auf der Suche nach Spuren seines Grossvaters in das Land, das seine Eltern kurz nach seinem Verschwinden verlassen hatten, um in Frankreich zu studieren. Er suchte nach überlebenden Schauspielern und Regisseuren. Nun schneidet er das reiche Material, das er in zwei Jahren in Phnom Penh gedreht hat.
Dass die Filme aus dieser Zeit einem internationalen Publikum vorgeführt werden, ist allerdings schwer vorstellbar. Die wenigen Filme, die heute noch in digitalem Format zu finden sind, sind in einem so schlechten Zustand, dass ihre Wiederaufführung wohl auch bei hart gesottenen Cineasten im Westen Unverständnis und Protest auslösen würden. Ly Bun Yim, der zwei seiner Filme in akzeptablem Zustand besitzt, hat bisher wenig Bereitschaft gezeigt, diese aus der Hand zu geben und etwa für Festivals unbewacht ins Ausland zu schicken. Zu gross ist seine Angst, dass seine wertvollen Filmen Piraten in die Hände fallen könnten. Bei der Vorführung von 12 Sisters bei der «Golden Reawaking»-Retrospektive, thronte er während der ganzen Vorstellung auf einem Schaukelstuhl neben dem Projektor, der die inzwischen digitalisierte Version des Films zeigte, um zu verhindern, dass jemand die DVD aus dem Player nehmen und kurzerhand kopieren könnte. Beim anschliessenden Publikumsgespräch beantwortete er einige Fragen, kam dann aber schnell aufs Geschäftliche zu sprechen. Für 10 000 Dollar seien die DVD-Rechte für individuelle Territorien zu haben, der Preis sei verhandelbar. Solange niemand mit dem alten Herren handelseinig wird, muss man ihn wohl in Phnom Penh besuchen, wenn man sein Meisterwerk 12 Sisters sehen will.
Und Min Sitha, der zurzeit produktivste Filmemacher des Landes? Auch er hofft auf internationale Abnehmer für seine Geisterfilme. «Wenn ich die Filme in ein anderes Land verkaufen kann, mache ich sogar einen Profit», sagt er. Ob aber eine Billigstproduktion wie Haunted by my Mother’s Spirit Käufer im Ausland findet, bleibt abzuwarten.