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WICHTIGER HINWEIS: Liebe Leserinnen und Leser, sollten Sie noch nie etwas von Herman Webster Mudgett gehört haben, tun Sie sich einen Gefallen und recherchieren Sie nicht. Es könnte Ihnen die Überraschung verderben. Die Rezension ist spoilerfrei.
Chicago, 1893: Die Weltausstellung ist in vollem Gange, als der Ermittler Frank Geyer und Arlis Christen in die Stadt kommen, auf der Suche nach Arlis' verschwundener Schwester Endres. Die einzige Spur führt zum Hotelier Dr. Henry Howard Holmes. Arlis checkt in Holmes' Hotel ein, doch der ehemalige Arzt ist der beste Freund von Herman Webster Mudgett, dem Mann, mit dem Endres zuletzt gesehen wurde...
'Mörderhotel' beruht auf einer wahren Geschichte. Der Mediziner Herman Webster Mudgett war ein Serienmörder, der vermutlich über 200 Menschen auf dem Gewissen hat. Zu diesem Zweck ließ er zur Weltausstellung 1893 in Chicago ein Hotel errichten, das er mit Geheimgängen versah und in eine wahre Todesfalle verwandelte: So war es z.B. möglich, über ein Lüftungssystem Gas in die Zimmer zu leiten; andere Opfer ließ er in einem luftdichten Raum ersticken oder in einem Raum verdursten, zu dem es nur in der Decke einen Zugang gab.
Bei 'Mörderhotel' handelt es sich aber nicht um eine Dokumentation, sondern um einen Roman. Wolfgang Hohlbein geht sehr großzügig mit dem Stoff um und nimmt dramaturgische Anpassungen vor. In einigen Punkten hält er sich sehr eng an die historischen Fakten, z.B. bei der Geschichte, warum Mudgett zum Serienmörder wurde; andere wurden leicht angepasst, wie Mudgetts Handlanger Ben Petizel, der im Buch zu Will Peitzel wird; und wieder andere sind reine Fiktion, z.B. der Aufenthalt in London. Dem historisch Interessierten ist aber spätestens beim Namen der ersten Prostituierten klar, wohin hier die Reise geht.
Gut gelungen ist die Charakterisierung der Hauptfigur. Während man anfangs noch Mitleid mit dem kleinen Herman hat, der von seinen Mitschülern verprügelt wird, ändert sich das an einem bestimmten Punkt in der Geschichte schlagartig. Ab diesem Punkt ist Mudgett eiskalt, skrupellos und berechnend; es besteht nicht die Gefahr, dass man Sympathie für ihn entwickelt. Hohlbein lässt die Hauptfigur zwar aus Kalkül handeln, glorifiziert ihre Taten aber nicht. Als bessere Identifikationsfigur für den Leser dient Holmes, der zwar ein loyaler Freund und moralisch integer ist, aber dank seiner Schwächen sehr menschlich wirkt.
Es gibt zwei Punkte, die im Buch massiv stören. Der erste ist das überraschende Ende, das wenig überraschend kommt. Selbst Leser, die noch nie von Mudgett gehört haben (s. o.), werden ab der Mitte des Buchs so massiv darauf hingewiesen, dass sie die Pointe lange vorausahnen können.
Der zweite Punkt ist das Fehlen eines Lektorats. Das äußert sich zum einen in Logikfehlern: So wechselt die Haarfarbe einer Person innerhalb einer Seite, und der grobschlächtige Hausmeister Kyle wird Faustkeil genannt, was im Englischen keinen Sinn ergeben würde. Wesentlich schlimmer ist aber, dass das Buch dadurch vor allem in der ersten Hälfte sehr langatmig wirkt. Hohlbein nimmt sich ewig Zeit, um die Figuren vorzustellen, und schreibt dabei auch viele Szenen, die die Geschichte nicht voran bringen. Wenn auf den ersten 400 Seiten eines rund 850 Seiten starken Buchs, auf dem Thriller steht, keine Spannung aufkommt, ist irgendetwas falsch gelaufen. Die zweite Hälfte kann das auch nicht herausreißen, da man dort bereits einen begründeten Verdacht hat, was die Pointe angeht. Hohlbeins begrenztes Repertoire an Formulierungen trägt auch nicht gerade zum Lesevergnügen bei, auch wenn er generell flüssig und gut lesbar schreibt. Nur auf Bandwurmsätze und die Einschübe in Klammern sollte er verzichten.
Ob das Buch zu brutal ist, lässt sich nicht pauschal sagen, das muss jeder für sich entscheiden. Hohlbein ist zwar ein Autor, der gerne das Blut spritzen lässt und auch ausführlich manch unappetitlich Stelle beschreibt; andere Szenen überlasst er der Fantasie des Lesers. Wer nach einem 'Tatort' vor Aufregung nicht schlafen kann, sollte einen Bogen um das Buch machen; wer regelmäßig Krimiserien wie 'Bones' oder 'Criminal Minds' schaut, hat schon Schlimmeres gesehen.
'Mörderhotel' hat eine gute Idee, aber das Buch wäre wesentlich besser geworden, wenn man alles Unnötige gestrichen und es auf gut 400 Seiten gekürzt hätte.
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