Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03468.jsonl.gz/141

Haakon von der norwegischen Waterkant steht mit beiden Beinen tief im Wasser. Sein siebter Sinn kündigt Sturm an. Immer wieder taucht der ehemalige Fischer und nunmehr Muschelzüchter unter Wasser und macht sich am Tauwerk seiner Muschelzucht zu schaffen. Die Seemöwen kreischen hysterisch und beobachten ihn dumpf, doch Haakon ist ausschliesslich auf seine Arbeit konzentriert und hört sie nicht. Gerade will er vor dem erneuten Abtauchen noch mal tief Luft holen, als er am Horizont einen schwarzen Punkt wahrnimmt.
Der Punkt hebt und senkt sich mit dem Wellengang und driftet wie magnetisch angezogen genau auf ihn zu. Haakon traut seinen Augen nicht, als vor ihm eine Kreatur auf einem Holzfloss heranschwabbt, die wahrscheinlich irgendwann mal ein Pirat gewesen war. Eine Hand dieser abgerissenen Erscheinung hält krampfhaft einen zum Ruder umfunktionierten, gebrochenen Mast fest, auf dem der Name «Seewolf» eingraviert ist. Die andere Hand kann sich nicht von einer abgefressenen Schwanzflosse trennen.
«Was ist das denn?», fragt Haakon, als wäre es in diesem Moment die naheliegendste aller Fragen und deutet auf die Schwanzflosse. «Makrele», röchelt der Gestrandete mit letzter Kraft. «Mein Gott, konntest Du nichts anderes ergattern, Du Held der Meere?», fragt Haakon mitleidig. Er bringt die abgerissene Gestalt nach Hause, damit sich seine Frau um ihn kümmern kann. «Was ist das?», fragt auch diese als Erstes und zeigt auf die Schwanzflosse. «Makrele», antwortet Haakon. Die schöne Vilde schüttelt sich, sie mag doch keinen Fisch.
Als der Fremde wieder zu Kräften kommt, beginnt er zu erzählen: Er sei über Bord gegangen, als die Mannschaft der Seewolf ein riesiges Handelsschiff kaperte. Bei der hohen See habe man ihm nur noch einen Tisch und den Mast über Bord zuwerfen können. «Das ist ja furchtbar. Ich verstehe trotzdem nicht, dass du ausgerechnet Makrele isst», insistiert Vilde. «Meine Liebe …», – unser Pirat erweist sich als Charmeur, der sich auf den Umgang mit Frauen versteht, und gebildet ist er dazu: «… Makrele ist der beste Fisch, den ich kenne. Sie liefert besonders viele der wertvollen Omega-3-Fettsäuren, das ist gut für die Schönheit und Gesundheit, insbesondere fürs Herz. Haben Sie ihn denn schon einmal geräuchert gekostet?»
Haakons Gattin ist verzückt, das liegt aber auch an dem sympathischen Singsang des Dialekts, mit dem der Pirat spricht. Am folgenden Tag scheint zuerst alles wie immer – fast. Früh am Morgen geht Haakon Muscheln sammeln. Während der Held der Meere seine Chance erblickt und sich daran macht, das hübsche «Terrain» namens Vilde zu erobern. Was dem Casanova der Kaviar ist, ist dem Piraten die geräucherte Makrele. Er gibt sich die grösste Mühe und serviert Vilde eine Kostprobe seiner Räucherkünste à la pirate. Der Fisch ist überraschend schmackhaft, er droht gar, die Miesmuscheln von Vildes Spitzenplatz zu schupsen.
Als Haakon am Abend heimkommt, gibt es zufällig frische Makrele zum Znacht, herzhaft, aromatisch und geräuchert. «Ich habe dir feine Muscheln mitgebracht, die hast du doch immer so gerne, Liebes», setzt Haakon an. Heute kann der fleissige Muschelzüchter mit seinen Miesmuscheln nicht bei seiner Frau landen. Fisch oder Muscheln, ja, was will sie denn nun?, denkt er nervös. Es wird ihm zu bunt. Er beschliesst, den Piraten wieder auf seine Tischplatte zu versetzen und in die weite Welt zu schicken. Vilde wagt keinen Protest. Erst als ihr Mann die Makrele aus dem Fenster schmeissen will, ruft sie: «Die Makrele bleibt!»
Liebe Leser, welcher Seeräuber hat die Nordmeere mit seinem Schiff «Seewolf» unsicher gemacht? Wenn Sie die Antwort wissen, schreiben Sie uns einen Kommentar!