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«Tagesschau»-Beitrag «Masern-Ansteckungsgefahr» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 3. April 2019 beanstandeten Sie die Sendung «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom 2. April 2019 und dort den Beitrag über die Masern-Ansteckungsgefahr. [1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«In der Heutigen Tagesschau (02.04.2019; Hauptausgabe) wurde ein Bericht zu den Masern ausgesendet. Darin wurde eine Behauptung aufgestellt, die um einen Faktor 100 daneben liegt. So sollen die Masern gemäss der Ärztin Esther Künzli <unter idealen medizinischen Versorgungen ungefähr bei 1% der Fälle tödlich>. Das wiederspricht jeglicher Fachliteratur und selbst auf der Impfseite des Bundes[2] wird die Tödlichkeit mit 1-3 pro 10'000 Erkrankten angegeben. Das wäre dann 0.01 bis 0.03% der Fälle...
Somit wird ziemlich heftig gegen folgende Regel verstossen: des Sachgerechtigkeitsgebots: Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Tagesschau» antwortete Herr Franz Lustenberger, ehemaliger stellvertretender Redaktionsleiter:
«Mit Mail vom 3. April 2019 hat Herr X eine Beanstandung gegen die Tagesschau vom 2. April, konkret zum Bericht über Masern eingereicht. Es geht um die Zahl der Todesfälle bei Masern.
Es ist richtig, dass das Bundesamt für Gesundheit BAG auf seiner Homepage die Zahl der Todesfälle mit 1-3 auf 10'000 Erkrankten beziffert: [3]<Die Sterblichkeit an Masern beträgt heutzutage in den Industrieländern noch etwa 1 bis 3 pro 10'000 Erkrankte, in Entwicklungsländern beträgt sie oft 300-500 pro 10'000 Erkrankte, teilweise liegt sie noch darüber.>
Die von der Tagesschau befragte Oberärztin des Schweizer Tropen und Public-Health-Institutes stützt sich in ihren Quotes auf weltweite Untersuchungen zum Thema Masern. Beispielsweise auf Aussagen von David L. Heymann, einem ausgewiesenen Fachmann für übertragbare Krankheiten, der unter anderen auch in leitender Stellung für die Weltgesundheitsorganisation WHO gearbeitet hatte.
Im Standardwerk «Control of communicable diseases manual” (20. Ausgabe) halt David L. Heymann zu Masern fest (Seite 390): <The case-fatality rate is estimated to be less than 1% in developed countries but can be 3-5% in developing countries, reaching 10-30% in some localities.>
Wie dramatisch Masernepidemien sich auf die Menschen auswirken können, zeigen Berichte in den letzten Monaten aus verschiedensten Ländern. Als Beispiel sei auf einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung verwiesen.[4]
Die Zahlen über Todesfälle bei Masern in industrialisierten Ländern gehen also weit auseinander. Die vom Beanstander geforderte Sachgerechtigkeit ist demnach nicht so klar feststellbar. Im beanstandeten Beitrag wurde nicht direkt der Bezug zur Schweiz mit einer hohen Impfungsrate hergestellt; im Zentrum standen vielmehr der weltweite Kampf gegen Masern in Verbindung mit der heute hohen Reisetätigkeit sowie die vorbeugenden Impfungen. Der Tagesschau liegt es fern, Panik in der Schweiz auszulösen.
Die Redaktionsleitung hat daher entschieden, den Beitrag im Player zu sperren und den Online-Text mit einem Absatz zu ergänzen, um Missverständnisse zu vermeiden.[5]
Da der Beitrag im Player nicht mehr abrufbar ist, hier die Abschrift des TV-Beitrages:
<Wir Schweizer reisen gerne und viel: Aber was, wenn wir nicht nur mit Zahnbürstli und Kleidern unterwegs sind? Wenn es um die Verbreitung von hochansteckenden Krankheiten wie zum Beispiel Masern geht, kann Reisen ein wichtiger Faktor sein:
Esther Künzli Oberärztin Schweizer Tropen und Public-Health-Institut
DEUTSCH
‘Man weiss, das Masern immer wieder mal importiert oder exportiert werden. Beispielsweise 2001/2002 ein Masern Ausbruch in Venezuela und Kolumbien, wo man weiss, dass der erste Masernfall ein Reisender war, der aus Europa nach Venezuela zurückgekehrt war und dann zu nachfolgenden Ansteckungen geführt hat.’
Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation ist es, Masern bis 2020 auszurotten, die Zahlen aber zeigen ein anderes Bild:
GRAFIK
2018 gab es in Europa rund 82.600 Masernfälle – die meisten davon in der Ukraine mit 53'000.
Weltweit wurden der WHO bis Ende Januar fast eine Viertel Million Neuansteckungen gemeldet – das sind deutlich mehr als 2017, als die Zahl der Masernfälle ebenfalls stark gestiegen ist. Eine Ausrottung scheint im Moment zumindest in weiter Ferne. Noch immer sterben pro Tag rund 245 Personen.
Esther Künzli Oberärztin Schweizer Tropen und Public-Health-Institut
DEUTSCH
‘Masern verlaufen unter idealer medizinischer Versorgung in 1 Prozent der Fälle tödlich, bei schlechter medizinischer Versorgung oder bei mehr Grunderkrankungen z.B in Entwicklungsländern sind es 3-5 Prozent.’
Wer reist, sollte geimpft sein, empfiehlt die Ärztin. Eingeschleppte Erreger sind es auch, die für einen Teil der bislang knapp 100 in der Schweiz bekannten Fälle verantwortlich sind.>
Schweizer Radio und Fernsehen berichtet trotz dieser ‘Widersprüchlichkeiten’ in Bezug auf die Anzahl Todesfälle (case-fatality rate) weiter über die Erkrankung durch Masern und die Folgen in den verschiedensten Ländern. Unter dem Suchbegriff ‘Masern’ finden sich auf srf.ch verschiedenste Artikel und Beiträge.
Fazit
Die sehr unterschiedlichen Zahlenangaben zu der Anzahl Todesfällen waren nicht Gegenstand des Beitrages; sie wären in einem kurzen Bericht in der Tagesschau auch nicht endgültig zu klären. Sowohl das BAG wie auch das Schweizer Tropen und Public-Health-Institut sind nämlich beides Institutionen, denen eine Redaktion grundsätzlich vertrauen darf.
Die Tagesschau hat aus diesem Grund nicht gegen das Sachgerechtigkeitsgebot verstossen. Sie hat aber aus Rücksicht auf die Besorgnis über Masern im Publikum, die Online-Berichterstattung mit den BAG-Zahlen ergänzt und den TS-Beitrag im SRF-Player gesperrt.
SRF wird auch in Zukunft in der gebotenen Sorgfalt, das heisst ohne Panikmache, über das Thema Masern berichte.
Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Es ist in der Tat fatal, wenn wegen falscher Angaben Panik ausbricht. Wobei natürlich gilt: Jeder Masern-Tote ist einer zu viel. Aber es ist ein Unterschied, ob die zu befürchtende Sterberate ein Prozent (also eine Person auf 100) oder ein bis drei Zehntelspromill (also bis drei Personen auf 10`000) beträgt. Beide Angaben stützen sich zwar auf seriöse Quellen, aber die eine Quelle wird ungenau zitiert, denn im einschlägigen Handbuch steht, die Rate betrage in Industrieländern weniger als 1 Prozent, nicht: 1 Prozent, wie die befragte Ärztin sagt. Weniger als 1 Prozent können 9 Promille, aber auch 1 Promille sein (oder noch weniger).
Es war nicht die Redaktion der «Tagesschau», die die ungenaue Aussage machte, sondern die befragte Ärztin. Dennoch trägt die Redaktion die Verantwortung. Sie hätte die Aussage korrigieren müssen. Da ich die Sendung im Moment der Ausstrahlung zu beurteilen habe, kann ich Ihrer Beanstandung beipflichten. Die Sendung, so, wie sie am 2. April 2019 ausgestrahlt wurde, war nicht sachgerecht. Er verstieß gegen die Standards des Radio- und Fernsehgesetzes.
Gleichzeitig ist zu würdigen, dass die Redaktion sehr professionell reagiert, den Beitrag in der Mediathek gelöscht und den Online-Text korrigiert und ergänzt hat. Das ist vorbildlicher Journalismus! Fehler können überall und jederzeit passieren. Man muss indes bereit sein, sie zu erkennen und sie zu korrigieren.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann
Der Beitrag ist mittlerweile gesperrt.
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