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...wer die digitalen Möglichkeiten nutzen will
Die Post Riesbach in Zürich ist beinahe voll besetzt. Ich habe beim Eingang die obligatorische Nummer abgerissen: 315. Die Anzeige-Tafel zeigt die aktuelle Zahl 295: 20 Personen sind vor mir. Ich setze mich auf den einzigen noch freien Stuhl, lese „20 Minuten". Die Gratis-Zeitung habe ich mir an der Tramhaltestelle aus der Zeitungbox im Vorübergehen noch schnell herausgefischt, die Letzte. Ich lese die Kurznachrichten, überfliege Berichte, verweile auf einem Bild: Sehe Flavia Kleiner, die Chefin von „Operation Libero“; sie steht in Amsterdam in einem Kreis von jungen Frauen, wird auf der Seite umarmt von Barack Obama, der strahlend leicht dahinter steht und alle überragt. Es ist ein Treffen von jungen politischen Aktivistinnen, die sich an einem Treffen von Organisationen sogenannter „Zivilgesellschaften“ aus aller Welt in Holland zu einem Kongress getroffen haben. Sie lächelt, ist sichtlich auch ein wenig stolz. Recht hat sie.
Ich verpasse meinen elektronischen Nummernaufruf, merke, dass die Anzeige-Tafel schon auf eine Nummer weiter geschaltet ist. Ich gehe dennoch an den aufgerufenen Schalter, leicht verärgert über meine Unaufmerksamkeit. Davor steht bereits eine ältere Frau, schlicht, aber elegant gekleidet. Sie hat rechtzeitig reagiert. Die Frau hinter dem Schalter bedeutet mir, dass ich danach drankommen würde. Ich bin beruhigt. Es geht auch so.
Die Frau öffnet ihre Handtasche, holt das gelbe Einzahlungs-Büchlein heraus. Mein erster Gedanke: Es gibt es also noch. Aus dem Büchlein gleiten rosa Zahlungsscheine. Die Schalter-Frau greift sie auf, büschelt sie, stempelt jeden Schein und die entsprechenden Positionen im Büchlein in raschen, schwungvollen Bewegungen, tippt die Zahlen in ihren Rechner ein. Die Frau fischt einen Zettel aus Ihrer Handtasche. Die beiden vergleichen die errechneten Zahlen. Es gibt anscheinend eine Differenz. Die Schalterfrau tippt noch einmal alle Zahlen ein. Die beiden Frauen verständigen sich.
Und nun sucht die Frau in ihrer weiten, grossen Tasche wohl nach dem Geld, nach dem Portemonnaie. Sie findet einen kleinen Geldbeutel. Er enthält aber anscheinend nur Kleingeld. Die Frau öffnet die zweite, die kleinere Handtasche, sucht darin. Sie findet nichts. Sie widmet sich wieder der grossen Tasche. Jetzt hat sie, was sie sucht, ihr Gesicht hellt sich auf. In ihrer Hand hat sie ein A-5-Couvert. Daraus kramt sie sich die Noten heraus: blaue, grüne, rote, gelbe. Sie übergibt die gebündelten Noten der Frau am Schalter. Diese zählt hurtig, mit eleganten Bewegungen. Nun ist das Geschäft erledigt. Die Frau packt alles zusammen, schaut mich an und meint: „Es ist immer so mühsam, auch aufwendig.“ Ich kann es nicht lassen und frage: „Haben Sie es schon mal über das Internet probiert, das ist sicherer, das ist, sofern man es beherrscht, auch einfacher.“ „Ja, mein Sohn sagt das auch immer wieder. Ich hab es probiert. Mir ist der Gang zur Bank, danach zur Post aber immer noch lieber. Ich sehe Leute unterwegs, ich komme mit den Menschen an den Schaltern in Kontakt. Danach treffe ich eine Freundin zum Café."
Ich stecke ihr eine Karte mit den Koordinaten von seniorweb.ch zu: „Wenn Sie sich mal informieren wollen?“ Sie lacht, nimmt die Karte entgegen, dankt und entschwindet aus dem Postbüro, wohl ins nächste Café.
Und ich: ich bin nachdenklich geworden. Ja wir befinden uns in einer Transformations-Phase. Die digitale Welt ist noch nicht überall angekommen. Beim Zürcher Senioren- und Rentnerverband ZRV erreichen wir beispielsweis erst 40 % unserer Mitglieder über das Internet. Es gibt also noch viel zu tun. Gerade für ältere Leute, die nicht mehr so mobil, nicht mehr so sicher auf der Strasse, im Verkehr, in ihrer Umwelt sind, ist das Internet doch eine grosse Stütze. Früh übt sich...