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Aha, Sie möchten endlich ihren Stammkneipen-Partner schlagen oder im Vereinspokal nicht immer in der ersten Runde verlieren? Üben Sie? Nein? Keine Zeit? Vergessen Sie es.
Wenn es Ihnen ernst ist, dann spielen Sie im Internet. Gehen Sie auf Schach.de, laden Sie das Programm herunter, das dauert 3 Minuten, und spielen Sie. Aber wenn Sie nur spielen, lernen Sie nichts. Sie werden immer wieder die gleichen Fehler machen.
Sie brauchen einen Lehrer. Das ist der Computer. Programme gibt es gratis im Internet. Suchen Sie das Schachprogramm Arena, laden Sie es herunter und installieren Sie es. Arena hat vorinstallierte Engines, die gut genug sind, um damit Partien zu analysieren. Sie können selbstverständlich auch Super-Engines wie Stockfish darin einbinden.
Jetzt können Sie Ihre Internet-Partien mit dem Programm analysieren. Leider ist der Computer kein guter Lehrer, weil er Ihnen nicht sagt, weshalb er den einen Zug besser findet als den anderen. Um einfacher und schneller zu lernen bräuchten Sie einen menschlichen Coach, z. B. mich.
Coaches machen das halt eben nicht gratis, und so müssen Sie zu den Computerzügen Ihre eigenen Überlegungen anstellen. Ich selber gehe noch weiter und kommentiere meine Partien in einem Analyse-Buch, Natürlich nicht jede, sondern nur die interessanten. Aufgeschriebene Gedanken haften im Gedächtnis, deswegen komme ich vor allem in den Eröffnungen besser zurecht.
Betrachten wir eine kleine Gartenschach-Partie, die ich kürzlich gegen einen Patzer gespielt habe.
Ich – Patzer
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 c6
Aha, die Schweineschnauze. Er kennt überhaupt keine Theorie und kommt damit im Gartenschach gut zurecht.
4.e5
Ich „weiss“ sehr wohl, dass das ein Stümperzug ist. Die Maschine empfiehlt 4.Sf3 (+0.48). Er müsste jetzt sofort meinen d-Bauern mit 4…c5 angreifen. Stockfish bestätigt meine Meinung mit der Bewertung (-0.03). Mein Gegner wollte aber „kein Tempo verlieren“.
4…Le7
Ein mittelmässiger Klubspieler würde das nicht ziehen, weil es dem Sg8 das natürliche Entwicklungsfeld e7 wegnimmt.
Tatsächlich findet Stockfish, dass ich nun einen riesigen Vorteil habe, wenn ich 5.Dg4 (+0.77) oder 5.Ld3 (+0.68) ziehe. Auch das „wusste“ ich natürlich.
5.f4
Ich komme ihm erneut entgegen. Er fand die Zugfolge bis hierhin „völlig normal“. Aber mein Zug ist ganz schwach. Er verstellt nämlich den Lc1 und überlässt seinem Springer das Entwicklungsfeld h6. Den Zug 5…Sh6 quittiert Stockfish mit (-0.05).
5…Sd7 6.Sf3 Sb6
Er „entwickelt“ den Springer. 6…Sh6 kam ihm wegen „Springer am Rand ist eine Schand“ nicht in den Sinn.
7.Ld3 f6
Mangels Entwicklungszügen macht er einen Bauernzug. Dass er damit auf Granit beisst, fiel ihm nicht auf. Zusätzlich liegt jetzt ein Damenschach auf h5 in der Luft.
8.0-0 fxe5 9.fxe5
Er hat nun auch noch meinen Lc1 aktiviert. Der Computer hält meine Stellung für gewonnen. Mein Gegner spielt im Gartenschach andauernd so. Würde er seine Partien analysieren, könnte ihm die Maschine demonstrieren, weshalb er nun verliert, und er würde vielleicht sein Spiel verbessern.
9…c5
Er „greift mein Zentrum an“.
10.Sg5
Das spielte ich a tempo. Er bot mir an, den Zug zurück zu nehmen, weil ich den Springer einstellte. Ich meinte, dass der Zug „vielleicht doch“ geht.
10…Lxg5 11.Dh5+ g6 12.Lxg6+ hxg6 13.Dxh8 Lxc1 14.Dxg8+ Kd7 15.Tf7+ 1-0
Ich habe seinen Aufbau widerlegt, genau so wie es ein Programm tun würde. Aber daraus zog er keineswegs die richtigen Schlüsse. Er meinte, dass 7…f6 „nicht so gut war“, und dass er besser 7…g6 gezogen hätte. Ich verzichtete wohlweislich auf die Bemerkung, dass das auch verloren hätte und sparte mir damit eine sinnlose Diskussion.
Im Gartenschach gibt es praktisch nur Experten. Während Grossmeister argumentieren: „vielleicht könnte man diesen Zug machen, auch der da sieht nicht schlecht aus“, wissen Gartenschach-Spieler ultimativ über alles Bescheid. Gerade eben weil sie über Tempoverluste und Randspringer „Bescheid wissen“, sind sie gar nicht in der Lage, die guten Züge zu sehen.
Gerade eben habe ich eine Blitzpartie gespielt, wo ich dache, das könnte einigermassen korrekt gewesen sein… Der Eintrag ins Analysebuch sieht so aus.
Er -Ich
3m+2s, 30.09.2015
1.d4 e6 2.c4 b6 3.a3 d5 4.e3
4.Sc3 Sf6 5.Sf3 Lb7 6.cxd5 Sxd5 7.Dc2 Sxc3 8.bxc3 Le7 9.e4 0–0 10.Ld3 c5 11.0–0 Dc7. Hauptvariante, Repertoire
4…Sf6 5.Sc3 Ld6 6.Sb5 Le7 7.b4?!
Er hat gewiss besseres zu tun: 7.Sf3 c5 8.Le2
7…a5 8.Ld2
8.bxa5 Txa5 9.Ld2 Ta8 ist zäher.
8…Sc6?!
8…c6 9.Sc3 axb4 10.axb4 Txa1 11.Dxa1 Lxb4 gewinnt einen Bauern.
9.c5?
Wieso spielen die immer auf Raumvorteil? 9.cxd5 Sxd5 10.Tc1 Lb7 11.bxa5 Sxa5 12.e4 c6 13.exd5 cxb5 14.Lxb5+ Kf8 15.Lc6 Lxa3 16.Tc3 Lb4 17.Tc1 Lxd2+ 18.Dxd2 exd5 19.Lxb7 Sxb7
9…e5?
9…Se4 10.Tc1 Ld7 11.cxb6 cxb6 12.bxa5 Sxd2 13.Dxd2 0–0
10.cxb6 cxb6 11.Dc2?!
11.Tc1
11…Ld7 12.Tc1?
12.dxe5 Se4 13.bxa5 Sxd2 14.Dxd2 Txa5, jetzt nicht 15.Dxd5? Lb4+
12…Tc8?!
12…axb4 13.axb4 exd4 14.Sxd4 Sxd4 15.exd4 Se4
13.Da4?
13.dxe5 Se4 14.Sf3 axb4 15.Sd6+ Lxd6 16.exd6 bxa3
13…exd4 14.exd4 0–0 15.Sf3 Te8 16.Le2 Se4 17.0–0 Sxd2 18.Sxd2 Sxd4 19.Ld3 axb4 20.axb4 Ta8 0–1
Wie Sie sehen, wimmelt es von taktischen Fehlern. Bei meinem Gegner lag das vor allem an seiner positionellen Denkweise. Er versuchte mich am Damenflügel einzuschnüren, ohne seinen Königsflügel zu entwickeln. Wenn er seine Blitzpartien analysieren würde, würde er vielleicht von solch ungesunden Konzepten wegkommen. Ich vermute aber, dass er das bei der nächsten Gelegenheit wieder versuchen wird.
Bei mir lag es daran, dass ich einfache Abwicklungen nicht sah. Nach seinem 13. Zug gewinne ich dann beliebig. Meine Zugfolge war ziemlich genau, was zeigt, dass ich mich im taktischen Verwerten von Gewinnstellungen verbessert habe. Züge wie 7.b4 sind nicht nur im Blitz bei Patzern sehr beliebt. Früher liess ich mich öfters einmal zerquetschen. Heute finde ich die Gegenspiel-Motive ziemlich schnell, weil ich zu solchen Zügen eben schon ein paar mal den Computer befragt habe.
In Blitzpartien macht jeder in etwa das, was er für richtig hält. Ich kann daher sehr wohl Rückschlüsse auf eigene Stärken und Schwächen ziehen.