Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03095.jsonl.gz/1751

Wie man ihren Namen richtig schreibt, erklärt die fast 96-jährige Vera Molnar in einem Video, das in der Ausstellung in Zürich zu sehen ist: Ihren ungarischen Nachnamen müsse man eigentlich «Molnár» schreiben. Und in Paris, wo Molnar seit 1947 lebt, wäre sie wohl eher «Véra». Doch sie möge es nicht, wenn da Akzente «herumspazierten», drum schreibe sie sich selbst schlicht ohne.
Regeln und eine Prise Zufall
Caroline Hirt, die Co-Direktorin des Museum of Digital Art, führt uns durch die Ausstellung. Wir beginnen mit einem frühen Werk von Molnar, noch ganz analog: «Carrés» von 1969.
Auf einem quadratischen Gitter platziert Molnar grössere oder kleinere Quadrate, in verschiedenen Grün- und Orange-Tönen. Grösse und Farbe hat sie dabei nach bestimmten Regeln erwürfelt.
Molnar funktioniert dabei als «machine imaginaire»: Wie ein Computer benutzt sie einen Algorithmus. Regeln und eine Prise Zufall produzieren das Werk.
Kindliches System fürs Leben
Die Methode habe Molnar bereits als Kind entdeckt, erzählt Caroline Hirt. Die 10-jährige Vera habe in den Sommerferien an einem See beschlossen, jeden Abend den Sonnenuntergang zu malen. Sie habe dabei festgestellt, dass sich gewisse Farbstifte im neuen Kasten schneller abnutzten. Und sich deshalb einen Algorithmus ausgedacht, um die benutzten Farben zu rotieren und so die Farbstifte gleichmässiger abzunutzen.
Diese Arbeitsweise behält Molnar ihr Leben lang bei: ein Motiv immer wieder zu wiederholen und nach gewissen Regeln und mit einer Prise Zufall leicht zu variieren.
Es ist naheliegend, dass Molnar schon früh den Computer als Werkzeug entdeckt. Als eine der ersten erkennt sie, dass die damals noch riesigen, kompliziert zu bedienenden Maschinen nicht nur Mathematikern und Wissenschaftlerinnen dienen, sondern auch Kunst produzieren können.
Wenn die Wissenschaftler schlafen
So entstand 1974 das Werk «Out Of Square». Von einem Plotter lässt Molnar einfache Vierecke auf Papier zeichnen. Wir beginnen ganz rechts an der Wand vor einem Beinahe-Quadrat. Dann variieren Seitenlängen und Winkel immer mehr, bis die Formen ganz links vollends aus dem Rechteck ausbrechen.
Jedes Viereck trägt den Titel «JOB FROM MOLNAR». Die Zeitstempel auf dem Papier verraten die Arbeitsweise: Spätabends, wenn die Wissenschaftler nach Hause gegangen sind, lässt Molnar den Computer unzählige Varianten produzieren – und wählt dann jene aus, die ihr gefallen.
Künstlerin wartet auf Eingebung? Fehlanzeige!
Diese Methode sei nicht nur moderner, sondern auch besser, erklärt Molnar in einem weiteren Videoclip. Sie macht sich lustig über die romantische Vorstellung eines Künstlers, der ein Glas Alkohol trinkt und auf eine Eingebung wartet.
An die Stelle der Intuition setzt Molnar den Zufall – entweder analog über Würfel erzeugt, oder eben digital vom Computer.
Ausstellungshinweis
Die Ausstellung zu Vera Molnar im Museum of Digital Art, Link öffnet in einem neuen Fenster in Zürich läuft noch bis am 9. Februar 2020.
Das habe zwei grosse Vorteile: Ein Computer werde nicht müde und könne deshalb viel mehr Varianten durchprobieren. Ausserdem verfallen Menschen gerne in immer gleiche Muster – über den Zufall kann der Computer dagegen eine viel breitere Palette an Varianten produzieren.
Ihr Kunstverständnis sei deswegen aber keineswegs das der Dadaisten – nicht alles sei Kunst, sie treffe eine Auswahl.
Molnar beantwortet damit eine Frage eindeutig, die sich in der digitalen Kunst immer stellt: Wer produziert diese Kunst – ist es der Künstler oder die Maschine? Jüngere digitale Künstler sprechen oft von einer Kollaboration; insbesondere, wenn sie mit Methoden der künstlichen Intelligenz wie etwa dem maschinellen Lernen arbeiten.
Bei Molnar dagegen sind die Machtverhältnisse noch ganz klar: Den Computer nennt sie ihren Assistenten, manchmal gar Sklaven, mit dem sie sich zwar in einen Dialog begibt. Doch was Kunst ist, entscheidet immer sie.