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Josephine und die Pergamentlaternen – eine Adventsgeschichte, Teil II
In der folgenden Woche wandern Josephines Gedanken oft zu Anna-Katharina. Der verbeulte Rucksack und die ganze armselige Erscheinung der jungen Frau stimmen Josephine nachdenklich. Beim Nachtessen am Mittwochabend, den sie stets mit Tante Mi bei ihren Grosseltern verbringt und gleich auch dort übernachtet, will Josephine wissen, warum es Menschen gibt, die es nicht so gut haben wie sie; Menschen, die nicht in einem schönen warmen Haus wohnen, etwas Sauberes zum Anziehen und genug zu essen haben; Menschen, die von niemandem beachtet werden und ganz alleine sind.
Tante Mi – in Josephines Augen die coolste Tante mit den witzigsten Ideen und der verrücktesten Wohnung – räuspert sich: „Jo“, meint sie zu Josephine gewandt und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, „das ist eine gute Frage und darauf gibt es…“, will sie gerade dozieren, da grummelt Josephine mit tragischer Miene, den Kopf in die Hände gestützt: „mindestens tausend Antworten“. „Oje“, Grossvater muss ein Lachen unterdrücken und wuselt Josephine durch die Haare, „so schlimm ist es nun auch nicht, Josephine. Tante Mi hat schon recht, es gibt viele Gründe dafür und einfache Antworten werden Deiner Frage wohl nicht gerecht. Aber, was denkst Du denn, warum das so ist, wie Du es beschrieben hast“?, fragt Grossvater ernst und Grossmutter und Tante Mi legen das Besteck ab, um Josephine genau zuzuhören. Josephine zwirbelt eine Haarsträhne zwischen den Fingern der linken Hand und stochert mit der Gabel im Salat herum; schliesslich legt sie die Gabel weg und meint: „Also, vielleicht muss das so sein, damit nicht jeder alles selbst machen kann und keinen andern nötig hat“.
Nun sind die drei Erwachsenen ehrlich verblüfft! Tante Mi, welche als pfiffige Anwältin zu einem langen Plädoyer über Gerechtigkeit ansetzen wollte; Grossmutter, die aus Erfahrung zu erzählen wüsste, dass selbst bei gleicher Ausgangslage nach kurzer Zeit die Unterschiede wie von Josephine beschrieben eintreten würden, weil schlicht nicht jeder Mensch in gleicher Weise mit Gut und Wissen umzugehen weiss; Grossvater, der eigentlich nur konstatieren wollte, dass er es auch nicht wisse, weshalb die Welt so funktioniere, wie sie eben funktioniere.
Tante Mi findet als erste die Sprache wieder. „Jo, ich muss sagen, Du überraschst mich und bringst mich in Verlegenheit. So habe ich das ja noch gar nie gesehen, das hat was!“, meint sie anerkennend und auch Grossvater und Grossmutter nicken mit den Köpfen. „Ich denke“, erklärt Grossvater, „jedes weitere Wort dazu wäre eines zu viel, oder was meinst Du, Grossmutter?“, fragt er seine Frau, die aufgestanden ist und das Geschirr auf ein Tablet räumt. „Ich bin derselben Meinung. Josephine, dein Ururgrossvater pflegte zu sagen, dass weniger mehr sei. Dein Satz soll seine Wirkung tun. Wie wäre es, wenn ich Euch dazu eine luftige Zimtcréme mit Pflaumenkompott servieren würde?“, fragt Grossmutter in die Runde, wohlwissend, dass bestimmt kein Protest aufkommen würde.
Es ist Samstag und Josephine begleitet ihre Mutter zu einem Patienten nach Hause. „Was fehlt Deinem Patienten, dass er nicht in die Praxis kommen kann?“, will Josephine von Ihrer Mutter wissen. „Du wirst es gleich selbst merken, wenn wir dort sind“, gibt diese zur Antwort und öffnet mit der freien Hand ein rostiges Gartentor. Durch einen hübschen Vorgarten, in welchem ein Vogelhaus vielen zwitschernden Vögeln eine willkommene Mahlzeit aus Nüssen, Sonnenblumenkernen und kleinen Fettknödeln bietet, gelangen die beiden an eine schlichte Tür. Die Mutter klingelt und sogleich öffnet eine freundliche Dame die Tür. „Guten Morgen Frau Doktor“, begrüsst sie Josephines Mutter und nickt Josephine zu. „Guten Morgen Frau Wygart, wie geht es Ihnen? Das ist meine Tochter Josephine, wenn Sie gestatten, sie begleitet mich heute“, die beiden Frauen geben sich die Hand und Frau Wygart nimmt Josephine und ihrer Mutter Mantel, Mütze und Handschuhe ab. „Thomas liegt in seinem Bett, er war heute zu schwach, um aufzustehen“, sagt Frau Wygart etwas resigniert und bittet die beiden Gäste die Treppe hoch.
Sie geht voraus, einen hellen Flur entlang, der an einer Seite verglast ist und den Blick in einen grossen Park mit alten Bäumen freigibt. Unter einem der Bäume kann Josephine eine gelbe Schaukel ausmachen und weiter hinten in einer grossen Eiche findet sich sogar ein Baumhaus! Sie wundert sich ein wenig und will Mutter etwas fragen, als Frau Wygart die Türe in ein helles Erkerzimmer öffnet: In einem riesig wirkenden Bett liegt eine weisse Gestalt, der Kopf ist klein und ohne Haare, das Kind, das eher einem Gespenst gleicht, denn einem zehnjährigen Jungen hebt die Hand und flüstert nicht ohne Schalk Richtung Josephine und ihre Mutter „Guten Morgen Frau Doktor, wie geht’s uns denn heute?“. Humor hat dieses Wesen, denkt sich Josephine und muss lächeln. „Wen haben Sie denn heute mitgebracht?“, fragt das Gespenst bereits weiter. „Guten Morgen Thomas, das ist meine Tochter Josephine. Sie begleitet mich heute auf meinem Besuch bei Dir“, gibt Josephines Mutter zur Antwort, setzt sich auf den Bettrand und streichelt Thomas’ Hand. „Ich lasse Sie alleine und bereite Ihnen nachher gerne einen Tee, wenn Sie mögen“, sagt Frau Wygart, lächelt ihren Sohn an und schliesst leise die Tür.
„Sie macht sich Sorgen, Frau Doktor, ich kann Sie ja verstehen, aber, bringt das irgendetwas? Nein, ich weiss, es macht das Ganze nur schlimmer, weil ich mir auch noch Mühe geben muss, meine Mutter, ganz zu schweigen von meinem Vater, aufzuheitern. Dabei ist mir doch oft genug zum Heulen und sterbensschlecht, ein wenig Fröhlichkeit würde da gut tun!“, vor Anstrengung hustet Thomas eine ganze Weile und fällt noch tiefer in die weichen Decken. Josephines Mutter sagt lange nichts, misst den Blutdruck, überprüft den Puls und meint dann zu Thomas gewandt, indem sie seine Hand fest in die ihre nimmt: „Dein Entscheid ist mutig und endgültig. Damit als Eltern klarzukommen, Dich loszulassen, ist sehr schwierig. Einerseits bist Du ihr Kind und noch nicht einmal erwachsen, andererseits hast Du gerade durch diesen festen Entschluss eine Reife gewonnen, welche Deine Eltern schlicht umhaut. Sie lassen Dich aber dennoch Deinen Weg gehen. Dass sie das nicht fröhlich-tanzend können, musst Du akzeptieren; auch sie gehen einen Weg, der nicht der deinige ist!“.
Josephine muss schlucken, da hört sie Thomas fragen: „Was wünschst Du Dir zu Weihnachten Josephine?“. Komische Frage von einem Gespenst, das sterben wird, denkt sich Josephine, aber es ist eine Frage und die soll man doch beantworten, alles andere wäre unhöflich, ermahnt sich Josephine. „Eine Kerze, die die ganze Welt hell erleuchtet und allen warm gibt“, hört sich Josephine antworten. „Ein spezieller Wunsch“, meint Thomas nachdenklich, „ob es eine so grosse Kerze gibt?“, fragt er ernst zurück. „Ja“, meint Josephine verlegen und zeichnet mit dem Fuss einen Kreis auf den Teppich, „und Du, was möchtest Du zu Weihnachten“, fragt sie kühn. Josephines Mutter steht auf und meint, sie gehe kurz mit Thomas’ Mutter etwas besprechen. Als die beiden Kinder allein sind, zählt Thomas auf: „Ich möchte gerne in meiner Baumhütte Winnetou lesen und meine Lieblingskekse – Aniskringel – essen, bis ich platze. Dann würde ich gerne nach Paris fliegen und auf den Eiffelturm klettern, dort oben würde ich auf die Stadt hinab schauen und einen Drachen steigen lassen. Weiter möchte ich mit meinen Freunden einen Fussballmatch gewinnen und hätte gerne eine kleine Katze. Und zu guter Letzt möchte ich ganz normal ins Kino gehen und Popcorn essen mit einer Freundin zusammen“.
Josephine sitzt mittlerweile auf dem Bettrand, lässt ihre Beine baumeln und sagt gar nichts zu all’ diesen Wünschen. Schliesslich meint sie nach einer Weile, sie könne Thomas morgen besuchen kommen, sie würde ihm dann eine Überraschung mitbringen, was er dazu meine? „Gerne, kleine Lady“, antwortet Thomas müde und schliesst die Augen.
Am Abend, als ihre Eltern in ihr Zimmer hoch kommen, finden sie Josephine am Schreibtisch eine Pergamentlaterne basteln. „Ich besuche Thomas morgen und bringe ihm die Laterne mit; darf ich ihm auch ein Säckchen Aniskringel mitnehmen, es sind seine Lieblingskekse“, fragt Josephine, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. Ihr Vater streicht ihr über den Kopf und findet das eine gute Idee. „Ich werde Dich bringen und später wieder abholen“, sagt er und drückt ihr einen Kuss ins Haar. „Schlaf gut Josephine, Deine Mutter erzählt Dir sicher noch eine Geschichte, wenn Du magst“. Josephine nimmt nur den ersten Teil der Geschichte wahr, sie ist viel zu müde und schläft schon bald tief und fest.
Der Besuch bei Thomas war sehr schön. Thomas hatte riesig Freude gehabt an der selbstgebastelten Laterne, mit viel Fantasie war darauf eine Winnetou-Figur zu erkennen gewesen und Josephine war immer noch ganz aus dem Häuschen, dass ihr Geschenk gut angekommen war. Auch die Aniskringel waren willkommen, Thomas stürzte sich ganz wild auf sie, doch nach zwei, drei Bissen war ihm hundeelend und er musste das Säckchen beiseite stellen. „Wir haben uns ganz lustig unterhalten“, erzählt Josephine ihrem Grossvater am Mittwochabend nach dem Essen, als sie zusammen ein Mühle-Spiel spielen. „Thomas hat einen Galgenhumor, gell, so sagst Du doch immer Grossvater?“, Josephine lächelt Grossvater an und beisst genüsslich in eine Schokoladenkugel. Grossmutter hat sie vor wenigen Minuten erst aus dem Backofen geholt und so sind sie noch warm und am besten zu geniessen.
Grossvater nimmt einen Schluck Kaffee und wischt sich einen nicht vorhandenen Schnauz ab: „Tja, Josephine. Thomas scheint ein mutiger Junge zu sein und dazu weise wie ein alter Mann: Er hat verstanden, dass man einige Dinge im Leben nicht ändern kann und stellt sich dieser Tatsache. Weißt Du, ich bin gar nicht sicher, ob ich in meinem Alter so grossartig mit einer derartigen Diagnose umgehen könnte“. Solche Worte aus Grossvaters Mund, den doch nichts und niemand aus der Ruhe bringen kann, der für alle Probleme eine Lösung bereit hält, wenngleich manchmal auch etwas unkonventionelle; Josephine legt ihren Kopf schief und schaut ihren Grossvater genau an. „Musst Du denn auch sterben?“, will sie wissen. „Irgendwann schon, wann, das weiss niemand so genau, mit Ausnahme vielleicht von Menschen mit einer Krankheit wie Thomas“. Ihr Grossvater hat den letzten Stein gesetzt und Josephine wäre eigentlich nun am Zuge, doch wie das immer der Fall ist, wenn sie beide Mühle spielen: Grossvater ist ein Meister im Einsperren des Gegners, man darf sich schon auf die Schulter klopfen, wenn es einem einmal gelingt überhaupt einen Zug zu tätigen. „Du hast mich wieder eingesperrt, aber warte, eines Tages kann ich das auch!“, gibt Josephine überzeugt von sich und hält drohend ihren Zeigfinger in die Luft. Sie liebt es, mit Grossvater Mühle zu spielen oder mit Grossmutter in der Küche ein Eile mit Weile zu verlieren, denn das ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Grossmutter gewinnt immer, naja, fast immer.