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Nachdem die Vorwoche eine der bedeutendsten Lawinensituationen der letzten Jahrzehnte gebracht hatte, präsentierte sich diese Wochenperiode als das pure Gegenteil: Eine rasche Stabilisierung der Schneedecke, nur wenig Neuschnee, sonst in den Bergen viel Sonne und wenig Wind. Es herrschten mehrheitlich günstige Lawinenverhältnisse, getrübt nur durch die Gleitschneelawinenproblematik (siehe Bildgalerie und Bildstrecke weiter unten).
Am Ende dieses Wochenberichtes blicken wir zudem auf die Lawinenkatastrophe Ende Januar 1968 zurück, als in Uri und Graubünden innert drei Tagen 24 Menschen ihr Leben verloren.
Freitag, 26. und Samstag, 27.01.
Im Süden schneite es etwas (Abbildung 1), im Norden war es föhnig aufgehellt. Der Südwestwind blies mässig, zeitweise stark. Es entstanden kleine Triebschneeansammlungen. Diese waren das Hauptproblem für Tourengeher und Variantenfahrer.
Sonntag, 28. bis Mittwoch, 31.01.
In den Voralpen, im Jura und zeitweise auch in den Alpentälern des Nordens war es oft hochnebelartig bewölkt. Darüber war es, abgesehen vom Sonntag, sonnig und mit Temperaturen auf 2000 m zwischen 0 und +5 °C sehr mild. Der Wind blies zeitweise mässig, verfrachtete aber nur wenig Schnee.
Donnerstag, 01.02.
In der Nacht auf Donnerstag brachte eine Kaltfront nicht nur starken Südwestwind, sondern auch Schnee bis in tiefe Lagen. Mit bis zu 30 cm Schnee schneite es am meisten im westlichen Jura, sowie im Chablais und im Unterwallis entlang der Grenze zu Frankreich (Abbildung 2).
Nördlich einer Linie Rhône - Rhein lagen Ende Januar auf 2000 m zwei bis drei Meter Schnee, gebietsweise sogar mehr. Am wenigsten Schnee lag in dieser Höhenlage im Oberengadin (Abbildung 3). Aber selbst dort waren die Schneehöhen, verglichen mit langjährigen Mittelwerten, stark überdurchschnittlich.
Vergleicht man die – über den ganzen Monat Januar gemittelte – Schneehöhe mit der Referenzperiode 1971 – 2010, dann zeigen sich in den Alpen stark überdurchschnittliche Schneehöhen (Abbildung 4). In tiefen, und teils auch in mittleren Lagen, fiel zwar ebenfalls sehr viel Niederschlag, aber oft als Regen (siehe auch Klimarückblick Januar von MeteoSchweiz). Dementsprechend gross waren die Unterschiede bei den Schneehöhen zwischen tiefen und hohen Lagen.
Alles in allem betrachtet, war die Lawinensituation in dieser Wochenberichtsperiode mehrheitlich günstig. Besonders am Freitag und Samstag, und wieder am Donnerstag, galt es in einigen Gebieten den frischen Triebschnee zu beachten, sonst beschränkte sich die Lawinenproblematik auf oberflächennahen Altschnee und Gleitschnee.
Die dicke Schneedecke hatte zur Folge, dass sich die bodennahen Schwachschichten – welche es zu Beginn des Winters in allen Regionen gegeben hatte (siehe bspw. dieser Wochenbericht) – entweder verfestigt hatten oder von mächtigen, gut verfestigten Schneeschichten überlagert wurden (Abbildung 5, links; Profil als PDF). Am schwächsten war die Basis der Schneedecke Ende Januar noch in Südbünden (Abbildung 5, rechts; Profil als PDF), aber auch hier konnte sie in Stabilitätstests nicht mehr ausgelöst werden. Während dieser Wochenberichtsperiode wurde denn auch keine einzige durch Personen im bodennahen Altschnee ausgelöste Lawine gemeldet. Auch Gefahrenzeichen – wie Wummgeräusche – wurden sehr selten gemeldet.
Im Bulletin wird vom Gefahrenmuster „Altschnee“ gesprochen, wenn die Hauptgefahr weder vom Neu- noch vom Triebschnee ausgeht, aber eine trotzdem ernst zu nehmende Gefahr von trockenen Lawinen besteht.
Dabei gibt es zwei verschiedene „Altschnee“-Ausprägungen (siehe auch der Beitrag „Fürchtet den Altschnee“):
Beides sind Altschneesituationen und werden als solche kommuniziert. Allerdings ist erstere für Wintersportler wesentlich günstiger als die zweite. Beim Altschnee-Problem ist es also umso wichtiger, die Gefahrenbeschreibung zu lesen, um zu merken, welche Situation gemeint ist. In dieser Berichtsperiode war es das erste, in den letzten beiden Wintern meist aber das zweite Altschneeproblem.
Während sich der Schneedeckenaufbau günstig zeigte, boten die enormen Schneemengen das Potential für mittelgrosse, teils sogar grosse Gleitschneelawinen. Diese wurden in allen Regionen und Hanglagen beobachtet, am meisten aber an Südhängen zwischen 1800 m und 2400 m (siehe Bildstrecke 2). Dabei handelte es sich oft um eine „kalte“ Schneedecke, welche abrutschte. Kalt bedeutet, dass zu mindestens ein Teil der Schneedecke kälter als 0 °C und damit trocken war. Die zur Bildung der Gleitschneelawine nötige Anfeuchtung der Schneedecke an deren Übergang zum Boden erfolgte durch die Wärme des Bodens. Deshalb unterlag die Aktivität von Gleitschneelawinen keinem Tagesgang: Lawinen konnten zu jeder Tages- oder Nachtzeit abgleiten.
Ab Sonntag wurde das Gleitschneeproblem in fast allen Regionen als die Hauptgefahr im Bulletin kommuniziert (Stufe 2, „mässig“). Zwar waren spontane Abgänge relativ selten, sie erreichten teils sehr gefährliche Ausmasse.
In dieser Wochenberichtsperiode wurde eine spontane Gleitschneelawine gemeldet, welche zwei Personen erfasste und mitriss. Beide Personen kamen mit dem Schrecken davon (Abbildung 6).
Gleitschneelawinen waren auch die Ursache für zwei Strassenverschüttungen, am Sonntag im Meiental (UR, Abbildung 7) und am Dienstag bei Avers (GR). In beiden Fällen kam glücklicherweise niemand zu Schaden.
In der Nacht vom 26. auf den 27. Januar jährte sich die Lawinenkatastrophe von 1968 zum fünfzigsten Mal. Damals gingen in den Schweizer Alpen viele ausserordentlich grosse Lawinen ab, die zum Teil historisch nicht bekannt waren oder nur sehr selten auftreten. Am meisten betroffen waren in Graubünden die Landschaft Davos und die Urner Alpen.
Im Oktober und November bildete sich gebietsweise im Wallis, in Nord- und Mittelbünden, im Tessin und im Engadin eine permanente, allerdings nur dünne Schneedecke. Die Schneedecke blieb bis Ende Dezember dünn. Dementsprechend waren die Schneeschichten weitgehend kantig aufgebaut und schwach. Der Januar hingegen war niederschlagsreich. Besonders nördlich einer Linie Rhône – Rhein sowie in Nord- und Mittelbünden gab es Beobachterstationen, die bis am 20. Januar täglich Neuschnee messen konnten. Dabei schneite es zeitweise ergiebig. Nach einer kurzen Pause setzten am 24. Januar in fast allen Gebieten der Schweizer Alpen erneut zum Teil ergiebige Schneefälle ein, begleitet von orkanartigem Nordwestwind. Damit erreichten die Januarniederschläge entlang des nördlichen Alpenkammes, in Nordbünden, den nördlichen Teilen Mittelbündens und des Unterengadins das Drei- bis Vierfache der sonst im Januar üblichen Werte (Abbildung 8).
Bereits in der ersten Januarhälfte lösten sich Lawinen aufgrund des schwachen Schneedeckenfundamentes. Der Neuschnee vom 25. bis 28. Januar fiel zunächst in arktischer Kaltluft. Später stiegen die Temperaturen an. In diesen drei Tagen fiel an einigen Stationen 150 bis 200 cm Schnee. Der eingeschneite, kalte Schnee stabilisierte sich nur sehr langsam. Anhaltender Sturm verfrachtete viel Schnee. In der Nacht vom 26. auf den 27. Januar ereigneten sich vor allem in den Urner Alpen und in der Landschaft Davos katastrophale Lawinenabgänge. Als Schwachschicht wirkte meist der eingeschneite, kalte und noch wenig verfestigte Schnee, teilweise aber auch die schwache Schicht an der Basis der Schneedecke.
Am meisten Schadenlawinen wurden in Graubünden verzeichnet (Tabelle 1). Dort konzentrierten sich viele der extremsten und alle Lawinen mit Opfern (13) auf die Landschaft Davos. Auch der Kanton Bern und St. Gallen gehörten zu den Gebieten mit vielen Schadenlawinen, gefolgt vom Kanton Uri, welcher zwar weniger Schadenlawinen, aber auch viele Opfer (11) zu beklagen hatte. Im Vergleich zur Niederschlagsverteilung glimpflich verlief die Situation im Kanton Glarus.
Alleine in der Landschaft Davos ereigneten sich 41 Schadenlawinen, sechs davon mit Personenbeteiligung (Abbildung 9). Im Siedlungsgebiet von Davos starben 13 Menschen in Lawinen. 51 Wohnhäuser und 14 Ställe sowie 11 Hektar Wald wurden zerstört oder beschädigt. Bei 30 Wohnhäusern handelte es sich um Neubauten, während die 21 anderen seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten unbeschadet blieben. Die zerstörten Ställe waren alle älteren Datums. Auch aus heutiger Sicht ist die örtliche und zeitliche Konzentration von teilweise unbekannten oder sehr selten auftretenden Lawinen mit grosser Schadenwirkung sehr bemerkenswert.
In einer Veranstaltung blickt das SLF zusammen mit der Gemeinde Davos zurück auf die Lawinenkatastrophe am 26./27. Januar 1968.
Im Kanton Uri führten zwei Grosslawinen zu insgesamt 11 Todesopfern. Bei Silenen ging die Wilerlaui am 27. Januar frühmorgens zu wiederholtem Male ab und überströmte den bereits mit viel Lawinenschnee gefüllten Lawinenzug (vgl. Abbildung 10). Dabei zerstörte sie Schutzwald, zwei Ställe und ein Wohnhaus, wobei insgesamt sieben Personen, zwei Erwachsene und fünf Kinder, das Leben verloren. Die Ablagerung des nassen Schnees war zum Teil zehn Meter hoch.
In der Nacht zum 27. Januar ging bei Urigen die Glattlehn-Schienlaui ab und zerstörte je ein Ein- und Zweifamilienhaus sowie neun Ställe. Vier Personen starben.
Gefahrenentwicklung
Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.