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Tiere und Salz
Alle Lebewesen brauchen Salz, ertragen aber nur wenig davon. Wie die Natur dieses Problem erfolgreich löst, stellen wir Ihnen am Beispiel verschiedener Wirbeltiere vor. Die Auswahl ist nicht ganz zufällig, denn erst die gegensätzlichen Lebensbedingungen rücken die Entsalzungs-Strategien ins rechte Licht.
Die Evolution der Wirbeltiere hat verschiedene Organe zur Osmoregulation befähigt. So etwa die Haut und die Kiemen. Sie stehen als äussere Grenzflächen im direkten Kontakt mit dem umgebenden Medium, Meerwasser, Süsswasser oder Luft. Drüsen, die aktiv Salz ausscheiden, sind im Tierreich weit verbreitet. Bei Reptilien und Vögeln sind sie im Augen-, Nasen- und Mundbereich zu finden. Ebenso effizient sind die Nieren an der Regelung des Wasser- und Salzhaushaltes beteiligt.
Atlantischer Lachs (Salmo salar)
Der Lachs ist weit mehr als ein ausgezeichneter Speisefisch. Legendär sind seine Wanderungen. Die Jungfische verlassen ihre Heimatgewässer, wandern stromabwärts und verschwinden in der sagenumwobenen Sargassosee. Mit der Geschlechtsreife treten sie die Rückkehr ins Süsswasser an, geleitet durch ihren phänomenalen Geruchssinn und den übermächtigen Drang zur Laichablage.
Der Lachs ist Süss- und Meerwasserfisch zugleich, und das macht ihn noch interessanter.
Im Süsswasser hat sein Körper eine grössere Salzkonzentration als das umgebende Wasser, und deswegen tritt es laufend durch Haut und Kiemen ein. Der Lachs droht zu quellen. Die Niere muss das Wasser ausscheiden und Salz zurückbehalten. Sie produziert deswegen grosse Mengen stark verdünnten Urins. Im Meerwasser hingegen hat der Körper des Lachses eine geringere Salzkonzentration als das umgebende Wasser. Das Salzwasser entzieht ihm laufend Körperflüssigkeit durch die Haut und durch die Kiemen. Er droht durch Wasserentzug (Dehydratation) paradoxerweise zu verdursten. Der Lachs trinkt darum laufend grosse Mengen Salzwasser, die Niere hält das Süsswasser zurück und scheidet das Salz aus. Sie produziert wenig, aber stark konzentrierten Urin. Auch die Kiemen der Meerfische können Salz ausscheiden.
Rennkuckuck (Geococcyx californianus, G. velox, amerik. Roadrunner)
Der Renn- oder Erdkuckuck ist ein origineller Wüstenvogel, der sich in seinem Lebensraum hervorragend zu behaupten weiss. Zwei amerikanische Arten sind bekannt. Sie kommen in den westlichen USA, z.B. in der Sonora- und Mojave-Wüste und in Mittelamerika vor und sind wegen ihrer spektakulären Schnellfüssigkeit bekannt. Sie erreichen fast 30 km/h. Rennkuckucke sind Allesfresser, flitzen aber hauptsächlich hinter Reptilien und Insekten her. Auch Kolibris und Klapperschlangen verschmähen sie nicht. Der Rennkuckuck wurde wegen seiner quirligen Art auch als Comic-Figur The Road Runner von Chuck Jones (Warner Brothers) populär.
Mit Wasser gehen Rennkuckucke sehr sparsam um. Die Wasserretention im Enddarm ist extrem, der Kot daher knochentrocken. Während der brütenden Mittagshitze reduziert der Rennkuckuck seine Aktivität um die Hälfte. Überschüssiges Salz wird durch eine Salzdrüse in der Nase ausgeschieden, die Niere spielt für die Salzregulation keine Rolle.
Seeschlangen (Hydrophiidae)
Seeschlangen bewohnen tropische Gewässer vom Persischen Golf bis zum Südwesten des Pazifischen Ozeans. Sie sind alle giftig. Gewöhnlich werden sie etwa 1,5 Meter lang. Junge Seeschlangen schlüpfen zumeist bereits im Körper des Weibchens, sie werden also lebend geboren. Die meisten Arten verlassen das Wasser nie. Sie sind hervorragende Schwimmer, müssen aber grundsätzlich Luft holen. Sie können auch mehrere Stunden unter Wasser bleiben, indem sie Wasser schlucken, den darin gelösten Sauerstoff aufnehmen und das Wasser wieder ausstossen. Seeschlangen ernähren sich von Fischen. Sofern sie sich nicht bedroht fühlen, greifen Seeschlangen Menschen in der Regel nicht an. Seeschlangen scheiden das überschüssige Salz durch Drüsen aus, die sich unter der Zunge befinden.
Kamel (Camelidae)
Das einhöckrige Kamel (Camelus dromedarius) und das zweihöckrige Kamel (Camelus ferus) leben in den Wüstenregionen Asiens und Nordafrikas. Beide Arten werden seit alters her domestiziert und geniessen als Existenzgrundlage oder als Rennkamel hohe Wertschätzung. Kamele sind in der Lage, lange Trockenperioden und grosse Hitze ohne Wasseraufnahme zu überstehen. Sie zeigen eine extreme Art der Steuerung des Wasser- und Salzhaushaltes. Das Fettgewebe in den Höckern ist Energiereserve und Wasserspeicher zugleich. Beim Abbau des Fettes wird Wasser in den Stoffwechsel abgegeben. Die Urinmenge ist gering, aber hochkonzentriert an Harnstoff und Salz.
Das zweihöckrige Kamel kommt frei lebend nur noch im Südwesten der Mongolei und im Nordwesten Chinas vor. Der Bestand ist unter 1000 Tiere gesunken. Anfang 2001 sorgte die Entdeckung einer angeblich unbekannten, Salzwasser trinkenden Kamelart kurz für Schlagzeilen. In den abgeschiedenen Kum-Tagh-Dünen in der chinesischen Provinz Xinjiang, am Rande des tibetischen Gebirges, sollen noch 600 Exemplare leben. Fotos gab es keine, und eine Bestätigung der Meldung blieb bis heute aus.
Pinguin (Spheniscidae)
Gross und Klein haben diese drolligen Vögel ins Herz geschlossen. Ihr Frack und der aufrechte Watschelgang mögen unbeholfen wirken, im nassen Element brillieren Pinguine hingegen mit herausragenden Schwimmkünsten. Sie sind auch hart im Nehmen, leben doch die 18 Pinguinarten grösstenteils in der Antarktis und auf subantarktischen Inseln. Weitere Arten sind an den Küsten Australiens, Südafrikas und Südamerikas, sowie auf den Galápagos- und den Falkland-Inseln beheimatet. Wenn ihnen der Zugang zu Süsswasser verwehrt bleibt, treten bei den Pinguinen, wie bei anderen Meeresvögeln, die Salzdrüsen in Funktion, um die Salzkonzentration im Körper zu regulieren. Die Salzdrüsen befinden sich bei den Pinguinen hinter den Augen. Sie münden in die Nasenhöhlen. Die konzentrierte Salzlösung tritt durch die Nasenlöcher aus und tropft am Schnabel ab.
Flamingos (Phoenicopteridae)
Es ist ein eindrückliches Schauspiel, wenn sie sich zu Tausenden mit lautem Gekreisch aus den Lagunen in die Luft erheben und der Himmel weissrosa flimmert. Aber auch im Zoo faszinieren diese langbeinigen, langhalsigen und krummschnäbligen Vögel, wenn sie majestätisch nach Nahrung gründelnd umher stelzen. Flamingos brüten in verschiedenen Teilen der Erde, meist in stehenden Gewässern oder auf niedrigen Inseln in flachen Teichen, Salzseen und Lagunen. Weniger bekannt ist ihre perfekte Anpassung an den meist sehr salzigen Lebensraum. Selbst die alles zerfressenden Natronseen Ostafrikas können ihnen nichts anhaben. Flamingos scheiden das überschüssige Salz durch Salzdrüsen in der Nase aus. Einige Flamingoarten trinken Süsswasser aus Geysiren und heissen Quellen.
Meerechse (Amblyrhynchus christatus)
Dieses urtümliche Reptil gehört zur einzigartigen Tierwelt des Galápagos-Archipels. Charles Darwin machte sich dort grundlegende Gedanken zur Evolution und zur Entstehung der Arten, weil er die Beweise lebendig vor sich sah. Die Meerechsen leben auf den brandungsumtosten Klippen und scheinen mit ihrer düstern Farbe und dem zerfurchten Aussehen direkt der Lava entsprungen zu sein. Es sind aber harmlose Pflanzenfresser, die sich von Seegras, Algen und Tang ernähren. Sie regulieren die Salzkonzentration des Körpers durch Salzdrüsen. Sie befinden sich vor den Augen und münden in die Nasenhöhle. Die konzentrierte Salzlösung tritt als feine Tropfen aus den Nasenlöchern aus.
Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata)
Diese Meeresschildkröte bewohnt alle warmen Meere. Sie erreicht eine Panzerlänge bis 90 Zentimeter. Die Form ihres Oberkiefers erinnert an einen Greifvogelschnabel. Echte Karettschildkröten ernähren sich von Fischen, Weichtieren, Krebstieren und verschiedenen Meerespflanzen. Sie werden zur Gewinnung von Schildpatt gejagt und dezimiert. Um die Hornplatten vom Rückenpanzer der Schildkröte ablösen zu können, werden die Tiere oft bei lebendigem Leib einer Hitzequelle ausgesetzt. Die Schildkröten können diese Prozedur überleben und bilden dann neue Platten, die als Schildpatt aufgrund der minderen Qualität nicht mehr geeignet sind. Wie andere Meerestiere muss die Echte Karettschildkröte dauernd überschüssiges Salz in starker Konzentration ausscheiden. Spezielle Salzdrüsen übernehmen diese Funktion. Ihre Öffnung ist vor dem Auge und an der Luft bildet sich ein verkrustendes Rinnsal. Schildkröten und auch andere Tiere mit Salzdrüsen scheinen daher dauernd zu weinen.
Felchen (Coregonus spez.)
Der bestbekannte Edel- und Speisefisch gehört zu den lachsähnlichen Fischen. Er ist vorwiegend in kalten und tiefgründigen Seen der nördlichen Hemisphäre beheimatet. Er ist ein typischer Süsswasserfisch und ernährt sich von Plankton und wirbellosen Tieren.
Sein Körpergewebe hat eine grössere Salzkonzentration als das Süsswasser, und darum tritt laufend Wasser durch Haut und Kiemen in den Körper ein. Der Felchen trinkt kein Wasser, und er muss Salz zurückbehalten. Die Niere filtert das Salz aktiv aus. Sie produziert folglich grosse Mengen stark verdünnten Urins.
Robben (Pinnipedia)
Diese Säugetiere bevölkern alle Meeresregionen der kalten und gemässigten Zonen. Nur die Mönchsrobben kommen in tropischen Gebieten vor. Robben bilden drei Familien: Ohrenrobben (Seelöwen, Pelzrobben), Walrosse und Hundsrobben (Seeelefanten). Die Vorfahren der Robben waren früher Landbewohner und haben sich im Laufe ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung ins Wasser zurückgezogen. An das Leben im Wasser sind sie nahezu perfekt angepasst, obwohl sie zur Paarung und zur Aufzucht der Jungen an die Küste oder auf das Treibeis zurückkehren. Als Raubtiere ernähren sie sich von Fischen, Krebsen, Mollusken und anderen Meereslebewesen. Sie regulieren den Salzhaushalt über die Nierenfunktion. Der Urin ist stark konzentriert.