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Interview | André Seidenberg | Der Platzspitzhirsch
Publiziert am 15. Januar 2020
Herr Seidenberg, in den Credits von «Platzspitzbaby» werden Sie als «ärztlicher Berater» aufgeführt. Was muss man sich darunter vorstellen?
André Seidenberg: Ich habe Hauptdarstellerin Sarah Spale vor etwa einem Jahr kennengelernt. Das war im Zusammenhang mit dem Kurzfilm «Fensterlos» von Samuel Flückiger. Sie spielte darin die Hauptrolle, eine junge Frau, die als Baby von ihrer Mutter in einem Babyfenster abgegeben wurde. Sarah Spale erzählte mir damals von «Platzspitzbaby» und dass sie mit mir gerne einmal ausführlicher über dieses Projekt sprechen wolle. Es ging vor allem darum, dass ich sie coache, ihr bei der Vorbereitung auf ihre Rolle als drogensüchtige Mutter ein paar Tipps gebe. Das war allerdings keine grosse Sache, Frau Spale ist so professionell, dass sie von mir nur bezüglich einiger Details Ratschläge und Anregungen brauchte.
Das Drehbuch zu «Platzspitzbaby» war also schon fertig, als Sie mit Sarah Spale arbeiteten?
Ja, ich hatte damit nichts zu tun – und das Drehbuch beruht zu grossen Teilen auf dem 2013 erschienenen gleichnamigen Buch von Michelle Halbheer, in welchem sie ihre Kindheit als Tochter einer drogenabhängigen Mutter beschreibt.
Kannten Sie das Buch bereits?
Nein, ich las es erst, nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte. Falls Sie nun von mir wissen wollen, ob ich Frau Halbheer kannte, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich hatte in jenen Jahren von Platzspitz und Letten bei meiner Tä-tigkeit als Arzt sicher mit 100 ähnlich gelagerten Schicksalen drogenabhängiger Mütter mit Kindern zu tun, aber ich kann mit grosser Sicherheit sagen: Michelle Halbheer und ihre Mutter waren nicht darunter.
Was halten Sie nun von dem fertigen Film?
Ich finde ihn sehr gelungen. Er vermittelt die damalige Realität Anfang der 90er Jahre, nach der Schliessung des Platzspitz, adäquat und er gibt auch die Stimmung gut wieder, die damals herrschte. Und das Protagonstinnenpaar ist schlicht brillant. Die beiden Figuren geben einen perfekten Eindruck davon, wie komplex und unheilvoll ihre gegenseitige Abhängigkeit ist. Der Film zeigt den unglaublichen Loyalitätskonflikt und die Überforderung, in der die Tochter Luna steckt.
Sie haben keine Kritikpunkte?
Nein, oder höchstens einen kleinen. Es gibt eine einzige Szene im Film, bei der ich sagen muss: Das entspricht nun wirklich nicht der Realität. Es handelt sich um jene Szene, in der die Mutter von ihrer Tochter in leblosem Zustand aufgefunden und schliesslich von einem Notarzt reanimiert und gerettet wird. Die betreuende Sozialarbeiterin, die schon länger für die Frau zuständig ist, erfährt von dem Vorfall und unternimmt nichts. In Wirklichkeit würde und hätte sich keine Sozialarbeiterin so verhalten. Sie würde auf jeden Fall einen Antrag auf Obhutsentzug stellen.
Sie werfen hier eine Frage auf, die ich mir während des Films mehrmals gestellt habe: Waren die zuständigen Behörden damals naiv?
Nun, wenn man das Buch von Frau Halbheer liest, dann strotzt es nur so von Vorwürfen gegen die Behörden, die einfach untätig waren – Vorwürfe, die aus heutiger Sicht durchaus verständlich sind. Im Film ist dieser Teil abgeschwächt, was ich richtig finde, denn die damalige Realität war komplexer. Ich will nicht in Abrede stellen, dass man zu jener Zeit, in den 90ern von amtlicher Seite sehr zurückhaltend war, was den Entzug der elterlichen Obhut bei Kindern von Drogenabhängigen betraf. Aber man muss sich vergegenwärtigen, dass noch wenige Jahre davor, konkret: bis 1981, die «Bestimmungen über administrativ Versorgte» galten und es auch dieses monströse Projekt «Kinder der Landstrasse» gab. Mit diesen gesetzlichen Grundlagen hatten die Behörden freie Hand Eltern die Kinder unter den abstrusesten Vorwänden wegzunehmen. Derartige schlimme Geschichten wollte man in den 90ern auf gar keinen Fall mehr, weshalb man dann bezüglich Zwangsmassnahmen bisweilen ins andere Extrem verfiel.
Waren Sie bei Ihrer ärztlichen Tätigkeit mit Drogenabhängigen und ihren Kindern mit diesen Fragen konfrontiert?
Ja, es gab einige wenige Fälle, bei denen ich Anzeige bei den Vormundschaftsbehörden (heute KESB) machte oder mich mit der Kinderschutzgruppe des involvierten Spitals absprach. Dabei ging es immer um die heikle Abwägung zwischen Kindswohl und ärztlicher Schweigepflicht – denn wenn ich jemanden anzeige, begehe ich als Arzt einen extremen Vertrauensbruch.
Der Film zeigt ein Einzelschicksal, er kann nicht die ganze Realität von damals vermitteln. Trotzdem frage ich: War die Situation der Zürcher Drogenszene nach der Schliessung des Platzspitz in Wirklichkeit nicht noch weit schlimmer als im Film dargestellt, gerade was die Verwahrlosung der Süchtigen betrifft?
Da muss man differenzieren: Natürlich gab es jene Süchtigen, die obdachlos und total verwahrlost waren. Und viele von diesen Elendsgestalten sah man auf dem Platzspitz und später am Bahnhof Letten. Aber der Grossteil der Drogenabhängigen war nicht verwahrlost, und einige waren etwa so wie die Figur der Mutter im Film. Ich hatte während meiner 40-jährigen Tätigkeit als Arzt mit allen Arten von Süchtigen zu tun: Es gab sowohl die Elendsgestalten, aber es gab auch den Banker, der sich auf dem Platzspitz mit Stoff eindeckte und danach wieder zur Arbeit ging oder den Jus-Studenten, der sein Studium erfolgreich abschloss – mit Methadon, oder die heroinabhängige Maturandin, die alle Prüfungen bestand.
Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit der Letten geräumt wurde. Damit ist auch die offene Drogenszene aus dem Stadtbild verschwunden. Zustände wie im Film scheinen heute Lichtjahre entfernt. Was kann heutigen Generationen, die diese Zeit nicht erlebt haben, dieser Film noch sagen?
Das ist eine schwierige Frage, ich bin ein alter Mann und als solcher lebe ich in der Vergangenheit (lacht). Ich schaue oft zurück und erinnere mich, wie wir, die damals für eine Drogenpolitik der Vernunft kämpften, weg vom Irrglauben der Abstinenz um jeden Preis, doch einiges erreicht haben. Ich möchte nur zwei Zahlen nennen: 1994 starben in der Schweiz rund 1000 Menschen am Konsum von Drogen und ihren Folgeerkrankungen, 2018 waren es deutlich weniger als 100. Mir ist klar, dass solche Überlegungen nur indirekt mit dem Film zu tun haben. Aber die Tatsache, dass wir heute in der Schweiz eine Drogenpolitik haben, die weltweit Vorbildcharakter hat, hat damit zu tun, dass man die damals herrschenden Vorstellungen von Drogenkonsum überwunden hat. Auf der Seite des Staates hiess das damals: Sünde und Gesetzesbruch – den man mit aller Härte bekämpfen muss – und auf der Seite der Konsumenten hiess das: Aufmüpfigkeit und grenzenlose Freiheit. Solch fataler Irrglaube führte dann zur Katastrophe auf dem Platzspitz und am Bahnhof Letten.
André Seidenberg
Der Zürcher André Seidennerg (*1950) praktizierte von 1978 bis 2018 als Arzt und war einer der Pioniere einer ärztlich kontrollierten Drogenabgabe an Süchtige. In den 80er und 90er Jahren wurde er schweizweit und international bekannt als «Drogenarzt von Zürich». Er stellte sich konsequent gegen eine repressive, abstinenzorientierte Drogenpolitik und scheute dabei den Konflikt mit den Behörden nicht, so setzte er sich 1986 über das damals von amtlicher Seite verfügte Spritzenabgabeverbot hinweg und war einer der Mitorganisatoren ärztlicher Nothilfe auf dem Platzspitz. Nach dessen Räumung war er der Erste, der 1992 eine niedrigschwellige Abgabestelle für Methadon eröffnete. André Seidenberg machte sich nicht nur als Kämpfer für eine liberale, pragmatische Drogenpolitik einen Namen, sondern auch in der Prävention von Aids und im Kampf für straflosen Schwangerschaftsabbruch. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit war er in zwei Nebenrollen in Schweizer Spielfilmen zu sehen (2004 in «Strähl» von Manuel Flurin Hendry und 2018 in «Vakuum» von Christine Repond). Zurzeit ist André Seidenberg damit beschäftigt, die Erinnerungen an seine Jahre als Drogenarzt in Buchform niederzuschreiben. Das Buch soll den Titel «Platzspitzhirsch» tragen und im Laufe dieses Jahres veröffentlicht werden.