Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/3354

CH-FÄCHER: GESCHICHTE UND POLITIK
Rütlischwur und Wilhelm Tell
Die moderne Schweiz besteht seit 1848. Die sogenannte Urschweiz entstand im Hochmittelalter aus vier Gemeinschaften in der Zentralschweiz rund um den Vierwaldstättersee. Diesen vier Gemeinschaften (Waldstätten), Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, verdankt der Vierwaldstättersee seinen Namen. Die Gemeinschaften versuchten, durch nachbarschaftliche Hilfestellung ihre Freiheit zu bewahren und ihre Sicherheit zu gewährleisten. Solche Bündnisse entstanden im Laufe des 13. Jahrhunderts in ganz Europa.
Zu der Zeit herrschte das Adelsgeschlecht der Habsburger unter anderem über das Gebiet der heutigen Deutschschweiz. Der Legende nach haben sich die Bewohner der Regionen um den Vierwaldstättersee gegen die Herrschaft der Habsburger aufgelehnt. Drei Eidgenossen – Werner Stauffacher (Schwyz), Walter Fürst (Uri) und Arnold von Melchtal (Nidwalden) – sollen sich auf dem Rütli, einer Wiese am Vierwaldstättersee, Beistand im Kampf für die Freiheit geschworen haben.
Grosse Bekanntheit hat dieser Eid – daher der Name Eidgenossenschaft – durch Friedrich Schillers Freiheitsdrama Wilhelm Tell (1804) erlangt (2. Aufzug, 2. Szene):
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
Dieser Rütlischwur wird auf das Jahr 1291 datiert. Dabei handelt es sich allerdings um eine willkürliche Setzung. Diese Jahreszahl wurde 1889 vorgeschlagen: In Bern wollte man 1891 das 700-jährige Bestehen der (1191 gegründeten) Stadt feiern. Die Verbindung mit einer 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft kam da sehr gelegen. Die zweitägige Feier in Bern fand denn übrigens auch in Bern statt, nicht etwa in der Zentralschweiz.
Wilhelm Tell gilt als der schweizerische Nationalheld. Wir dürfen allerdings vermuten, dass es ihn nie gegeben hat. Während des zweiten Weltkrieges etwa war er ein Symbol für die Wehrhaftigkeit der Schweiz (und dadurch für die sogenannte geistige Landesverteidigung). Bis heute ist seine Armbrust – die Waffe, mit der er seinem Sohn Walterli einen Apfel vom Kopf geschossen haben soll – ein Garant für Schweizer Qualität.
Die Schweiz – ein Transitland
Die Regionen der Zentralschweiz lagen und liegen an wichtigen europäischen Durchgangsrouten und Handelswegen und weckten nicht zuletzt deshalb die Begehrlichkeiten fremder Herren. Die symbolträchtigsten der strategisch wichtigen Verkehrsrouten in und durch die Schweiz sind jene über das Gotthardmassiv. In nord-südlicher Richtung führen sie über den Gotthardpass (2108 m ü.M.) und den Lukmanierpass (1984 m ü.M.), in ost-westlicher Richtung über den Oberalppass (2044 m ü.M.), durch das Urserental und über den Furkapass (2431 m ü.M.). Über den Gotthard gelangten übrigens Wein und Käse in die Schweiz, um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Käse ist also keine schweizerische Erfindung.
Im Jugendbuch «Der Schmied von Göschenen» aus dem Jahr 1919 wird die Wegbarmachung des Gotthardpasses auf spannende Weise thematisiert.
Die Querung des Gotthards, einer zentralen Hürde im europäischen Nord-Süd-Verkehr, ist bis in unsere Tage von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Durch das Gotthardmassiv sind der Eisenbahn-Scheiteltunnel (1882), der Gotthard-Strassentunnel (1980) und der Gotthard-Basistunnel (LINK 1) (2016), also der Eisenbahntunnel der NEAT (NEAT = Neue Alpentransversale), gebaut worden. Der Gotthard-Basistunnel ist 57 Kilometer lang und wurde am 1. Juni 2016 – nach 17-jähriger Bauzeit – eröffnet. An den Eröffnungsfeierlichkeiten haben etliche europäische Regierungschefs teilgenommen; das macht die Bedeutung dieses Bauwerks deutlich.
Die Geburtsstunde der modernen Schweiz
1815 erreichte die Schweiz ihre heutige Ausdehnung. Einige der neuen Kantone gehören der lateinischen Schweiz an; ab jetzt war die die Schweiz ein mehrsprachiges Land. Die Beziehung zwischen den beiden grössten Sprachregionen, der Deutschschweiz und der französischen Schweiz – dem Welschland – ist zwar friedlich und freundlich, aber oft auch wenig leidenschaftlich. Sie wird manchmal als Vernunftsehe bezeichnet. Der langjährige Welschland-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Christophe Büchi, hat diese Beziehung in seinem (von ihm selber in zwei Sprachen geschriebenen) Buch Mariage de raison. Romands et Alémaniques / «Röstigraben». Das Verhältnis zwischen deutscher und französischer Schweiz. Geschichte und Perspektiven beschrieben. Die Grenze zwischen Deutsch- und Welschschweiz nennt man oft «Röstigraben». Dieser Begriff nimmt Bezug auf das – scheinbar – typisch deutschschweizerische Gericht, die Rösti, ein in heisser Butter in der Pfanne gebackener Fladen aus geriebenen, meist gekochten Kartoffeln. Mit einem Augenzwinkern muss man allerdings sagen: Die beste Rösti gibt es im Welschland. Das mag auch damit zu tun haben, dass das Wort vom französischen (!) Verb rôtir (braten) abstammt.
1848 gab sich die Schweiz eine neue politische Ordnung. Dieses Jahr gilt gemeinhin als Geburtsstunde der modernen Schweiz. Mit ihrer Demokratisierung ist die Schweiz eine europäische Vorreiterin. Das politische System von 1848 ist bis heute in Kraft: Die exekutive Gewalt liegt beim siebenköpfigen Bundesrat (Landesregierung). Er wird im Turnus von einem Bundespräsidenten oder einer Bundespräsidentin geführt («primus inter pares»). Im Jahr 2017 ist dies Bundesrätin Doris Leuthard. Die Bundesversammlung besteht aus zwei Kammern, dem National- und dem Ständerat. Die legislative (gesetzgebende) Gewalt liegt bei der Bundesversammlung. Die jährlich aktualisierte Broschüre «Der Bund kurz erklärt» gibt ausführlich Auskunft über die Funktionsweise der modernen Schweiz.
Die Schweiz ist ein föderalistisch organisierter Bundesstaat. Viele seiner Aufgaben obliegen also nicht der Zentralregierung, sondern den Kantonen: Schule, Gesundheit, Strassenbau, Infrastruktur, Justiz und Kirche. Die Kantone haben also relativ viel Macht. Um die Schweiz zu verstehen, muss man sie immer auch als Bundesstaat, als Zusammenschluss von Kantonen verstehen: als Confoederatio Helvetica (CH). So lautet denn übrigens die korrekte Bezeichnung für die «Hauptstadt» der Schweiz Bundeshauptstadt. 1848 wurden aber doch auch viele Regelungen vereinheitlicht und zentralisiert, etwa Mass und Gewicht oder die Währung: 1848 ist also auch die Geburtsstunde des Schweizer Frankens.
Die Schweiz ist eine Konkordanzdemokratie, die sich unter anderem durch eine «Fast-Allparteien-Regierung» auszeichnet (alle grossen Parteien sind in der Landesregierung vertreten und arbeiten da zusammen; das Gegenteil davon wäre die Konkurrenzdemokratie).
Die in der Schweiz seit nunmehr über 160 Jahren mit weitgehender Selbstverständlichkeit gelebte direkte Demokratie sorgt im Ausland immer wieder für Erstaunen, oft auch für Bewunderung und manchmal für Kopfschütteln. Wie auch immer: Viermal pro Jahr finden Abstimmungen auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene statt. Wenn dann die Bürgerinnen und Bürger in diesen Abstimmungen wichtige Entscheidungen treffen, müssen sie auch gut und neutral über deren Inhalt informiert sein. Deswegen gibt der Bund ein sogenanntes Abstimmungsbüchlein (der Bundesbeschluss über die erleichterte Einbürgerung von Personen der dritten Ausländergeneration wurde übrigens angenommen) heraus, das an alle Stimmberechtigten verschickt wird.
Wahlberechtigt sind alle mündigen Schweizer … und, seit 1971, auch alle mündigen Schweizerinnen. Die Schweiz ist eines der letzten europäischen Länder, welche ihrer weiblichen Bevölkerung die vollen Bürgerrechte zugestanden. Die Einführung des Frauenstimmrechts ist das Thema des preisgekrönten Films «Die göttliche Ordnung» (2017).
Das folgende Büchlein gibt auf so gescheite wie spielerische Weise Auskunft über die Schweiz und ihre Eigenheiten (und eignet sich übrigens hervorragend für den Unterricht): Grégoire Nappey / Mix & Remix: Auf zur Schweiz. Geschichte, Mythen, Legenden.
Zusammengestellt von Katrin Burkhalter, Universität Freiburg/CH