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Künstliche Intelligenz: So nennen wir es, wenn ein Computerprogramm einen Output liefert, den wir eigentlich nur einem Menschen zutrauen würden. Dazu gehören Programme, die sich selbstständig verbessern (also „lernen“), sich erinnern, logisch argumentieren oder sogar kreativ sind. Die Antwort oder der genaue Lösungsweg wurden der KI nicht einprogrammiert, sondern sie hat sie selbst entwickelt. Bei einer fortgeschrittenen KI sind die „Gedankenschritte“ dabei oft nicht nachvollziehbar, da sie auf eine Unmenge von Daten zugreift und eigene Netzwerk-Verknüpfungen entwickelt. Dies kann zu originellen Lösungen führen, auf die ein Mensch vielleicht nicht gekommen wäre. Es birgt aber auch Gefahren, da die KI Informationen falsch verknüpfen kann; wenn dann ein offensichtlicher Fehler im Output entdeckt wird, lassen sich die Gründe dafür kaum aufspüren.
Eine selbstständige KI?
Eine KI scheint also unabhängig zu „denken“, und das ist vielen Menschen unheimlich. Wird KI uns zunehmend überflüssig machen? Oder noch schlimmer: Könnte eine KI sich verselbständigen und ihr Wissen, ihre technischen Möglichkeiten und ihre rechnerische Überlegenheit gegen uns einsetzen? Der Begriff „künstliche Intelligenz“ deutet an, dass wir das Programm einer Maschine direkt mit dem Denkvermögen eines Menschen vergleichen können. Doch obwohl ein Chatbot wie ChatGPT mit uns „spricht“ wie ein Mensch, erzeugt seine Programmierung kein logisches Denken, wie es zum Beispiel bei einem IQ-Test verlangt wird – oder bei Textaufgaben in Mathe.
ChatGPT im Mathe-Wettbewerb
Wir testeten ChatGPT mit mehreren Mathe-Textaufgaben für die 3.–6.-Klasse. Der Bot schaffte es dabei erstaunlich gut, Gleichungen aufzustellen und korrekt zu lösen. Bei komplizierteren Aufgaben kam es jedoch sehr auf die Formulierung an, ob ihm dies gelang. Und interessanterweise kam er bei manchen Aufgaben zwar zum korrekten Ergebnis, widersprach sich aber bei der Begründung und zog teils völlig unlogische Schlüsse. Ein Beispiel, bei dem der Bot komplett versagte, findest du im blauen Kasten.
Schlägst du den Chatbot bei dieser Textaufgabe?
Auf einer Geraden befinden sich die Punkte A, B, C und D. Der Abstand zwischen A und B beträgt 7 cm, der Abstand zwischen B und C beträgt 5 cm, die Punkte C und D sind 8 cm voneinander entfernt, und D und A sind 6 cm voneinander entfernt. Welche der vier Punkte A, B, C und D sind am weitesten voneinander entfernt? (Lösung am Ende der Seite)
Die obenstehende Textaufgabe wurde beim Wettbewerb „Mathe mit dem Känguru“ Schülerinnen und Schülern der 5.–6. Klasse gestellt. ChatGPT schaffte es in unseren Tests nicht, sie zu lösen. Der Bot verhedderte sich beim Aufstellen der Gleichungen und versuchte konsequent, die Punkte in die Reihenfolge A, B, C, D zu setzen, obwohl dies nicht vorgegeben ist. Eine clevere Primarschülerin hingegen sollte – vielleicht mit Hilfe einer kleinen Skizze – auf die Idee kommen, dass die Punkte nicht in alphabetischer Reihenfolge angeordnet sein können.
KI ist nicht gleich KI
Es zeigt sich: Ein Chatbot, der für die Simulation von Gesprächen ausgelegt ist, kann nicht automatisch auch logische Schlüsse aus Rechenaufgaben ziehen (ebenso wenig kann die elektronische Steuerung eines Autos einen Plan zur Weltherrschaft entwickeln!). Eine KI wird für eine bestimmte Aufgabe eingesetzt und ist darin nur so gut, wie die Daten, mit denen sie trainiert wurde.
Es erstaunt jedoch selbst die Entwicklerinnen und Entwickler von KI, wie viel leistungsfähiger KI-Modelle innert kurzer Zeit werden, wenn ihre neuronalen Netzwerke vergrössert werden. Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung von ChatGPT schneiden dessen Nachfolger bereits viel besser bei Intelligenztests ab und können Bildmaterial als Informationsquelle einbeziehen. Weil die Struktur einer KI auf selbstständiges Lernen ausgelegt ist, kann man auch nicht vorhersehen, welche Strategien zum Lösen einer Aufgabe eine KI als nächstes entwickelt. Man nennt dieses plötzliche Auftreten unerwarteter Fähigkeiten „Emergenz“. Hier liegt sicherlich ein Grund, warum der Mensch ein leistungsfähiges KI-Modell nicht sich selbst überlassen darf. Wir sind dafür verantwortlich, dass KI innerhalb festgesetzter moralischer und ethischer Grenzen lernt und handelt.
Die Sache mit den KI-Kunstwerken
Kann man KI deshalb als kreativ bezeichnen? Für aktuelle Systeme, welche Bilder erstellen können, gilt dies noch nicht. Die untenstehende Galerie wurde komplett mittels KI erzeugt. Erstaunlich, nicht? Doch ohne menschliche Vorgaben könnte eine KI dies nicht leisten, für ihr Training wurden Abertausende von bestehenden Fotos und Kunstwerken eingesetzt.
Bei der Arbeit mit einem solchen Bild-Generator fällt auf: Bekannte und beliebte Motive, sei das eine berühmte Schauspielerin oder ein klassisches Sujet aus der Aquarellmalerei, erstellt die KI sofort und in verblüffend hoher Qualität. Bei freieren Aufträgen braucht die KI mehrere Anläufe und bessere Stichwörter, um zu einem ansprechenden Bild zu kommen. Hier zeigt sich ein grosser Unterschied zur Kreativität eines Menschen, der aus seiner eigenen Fantasie heraus einen eigenen, charakteristischen Kunst-Stil entwickeln kann. Kein Wunder, dass die Künstlerinnen und Künstler, deren Bilder ohne ihre Erlaubnis zum Training von KI eingesetzt wurden, nicht glücklich sind mit den zahllosen KI-generierten Kunstwerken in ihrem Stil!
Die sprunghafte Entwicklung von KI bringt also ganz neue Copyright-Fragen auf, die noch nicht gesetzlich gelöst sind. Auch die Arbeitswelt verändert sich. Computerprogramme, die sich selbstständig verbessern („maschinelles Lernen“), könnten viele Routineaufgaben übernehmen, die heute von Menschen erledigt werden: Das Schreiben von Zusammenfassungen oder Produktinformationen, ja sogar Illustrationen oder das Design von Logo-Entwürfen. Ein riesiger Vorteil von KI ist dabei ihre Schnelligkeit. Doch in entscheidenden Punkten bleibt die KI einem menschlichen Gegenüber unterlegen. Sie kann einen Sachverhalt nicht auf verschiedene Arten erklären, kann nicht auf die spezifischen Verständnisprobleme eines Gegenübers eingehen. Und sie kann auch nicht entscheiden, welcher Entwurf von Text oder Bild am besten zu einer gewünschten Stimmung passt. Dafür fehlen ihr schlicht und einfach menschliche Eigenschaften wie Fantasie und Einfühlungsvermögen.
Übrigens: Die Punkte aus der Aufgabe im blauen Kasten liegen in der Reihenfolge B–C–A–D (oder umgekehrt) auf der Geraden, und der Abstand zwischen B und D beträgt 13 cm.