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Seit Wochen beherrscht die Katastrophe im japanischen AKW Fukushima nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami die Schlagzeilen. Der Reaktorunfall wird mit dem Gau in Tschernobyl verglichen, der sich vor 25 Jahren in der Ukraine ereignet hat.
Damals war eine radioaktiv verseuchte Wolke über Europa gezogen - nationale Grenzen konnten sie naturgemäss nicht aufhalten. Von Finnland bis Italien wurden teilweise stark erhöhte Strahlenwerte gemessen.
Das Land, das von der Explosion in dem Atomkraftwerk wohl am stärksten betroffen war und die Auswirkungen der Katastrophe bis heute spürt, ist Weissrussland, dessen Grenze nur einige wenige Kilometer von dem Kraftwerk entfernt liegt.
Tausende von Menschen wurden aus Städten und Dörfern im Südwesten Weissrusslands evakuiert. Zwei Drittel der Bevölkerung Bragins, der grössten Stadt der Region, rund 35 Kilometer von Tschernobyl entfernt, wurden in die Hauptstadt Minsk und in weiter entfernte Orte umgesiedelt. Nur wenige der zehntausenden Evakuierten sind bis heute zurückgekehrt.
swissinfo.ch hat das Gebiet im März 2011 besucht. Auch 25 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe sind die Spuren der Zerstörung sichtbar, wecken Erinnerungen an die Explosion.
Überall trifft man auf verlassene Dörfer. In den Strassen herrscht eine gespenstische Stille. Hunderte von Häusern liegen in Trümmern, aus denen Bäume und Büsche wachsen.
Auf dem Lenin-Platz im Stadtzentrum von Bragin steht ein Denkmal. Es ist Wassily Ignatenko gewidmet, dem ersten örtlichen Feuerwehr-Mann, der nach der Explosion in Tschernobyl eingetroffen und 14 Tage nach dem Einsatz gestorben war. Neben der Büste Ignatenkos finden sich Gedenktafeln, die an die 12 Dörfer in der Umgebung erinnern, die nach der Katastrophe dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Gesundheitsfragen
Auch dank der Grosszügigkeit und dem Können der humanitären Hilfsprogramme der Schweiz haben Menschen aus den am stärksten betroffenen Gebieten mittlerweile wieder ein einigermassen normales Leben aufnehmen können.
Die Schweizer Unterstützung für Weissrussland konzentrierte sich auf die von der Verstrahlung am stärksten betroffenen Regionen. Viel Zeit, Geld und Energie wurden eingesetzt, um die Menschen dort über die möglichen drohenden Gefahren aufzuklären.
Zhanna Chubsa ist die Verantwortliche für den Bezirk Bragin von Green Cross Schweiz. Die Nichtregierungs-Organisation kümmert sich seit fast 17 Jahren mit lokalen Hilfsprogrammen um Opfer der Tschernobyl-Katastrophe.
Chubsa war zur Zeit der Tschernobyl-Explosion elf Jahre alt. Ihre Familie war unter den wenigen, die nach der Katastrophe in Bragin blieben. Heute leitet sie Mutter-und-Kind-Gruppen und Familienclubs. Im Zentrum der Programme stehen Unterstützung und Schulung der Menschen in Gesundheitsfragen.
Die Menschen wollten verstehen, womit sie konfrontiert seien. "Wenn sie Früchte aus den Wäldern bringen, wollen sie wissen, wo sie diese auf Strahlung untersuchen lassen können", erklärt Zhanna Chubsa. "Oder wenn sie in ihren Gärten Kartoffeln ziehen, wollen sie lernen, wie man das Risiko der Kontamination verringern kann."
Der Rat der Kinder
Noch immer gibt es Erwachsene, welche die Ratschläge nicht so ernst nehmen, wie sie sollten, doch von der jüngeren Generation wird Zhanna voll unterstützt.
"Wenn eine Mutter unseren Ratschlägen nicht folgt, erlebe ich oft, dass die Kinder den Mund aufmachen", sagt sie dazu. "Es kam oft vor, dass ich bei Hausbesuchen hörte, wie ein Kind sagte, 'Mama, du musst die Kartoffeln gut waschen und das Fleisch zuerst kochen'."
Familien können sich bis drei Mal pro Jahr einer gründlichen medizinischen Kontrolle unterziehen. Daneben gibt es Bezirkslabors, in denen die lokale Bevölkerung Einkäufe auf mögliche Verstrahlung untersuchen und sich beraten lassen kann.
Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Erde in der Umgebung von Tschernobyl noch immer bedrohlich ist für die Gesundheit und es bis zu 300 Jahre dauern könnte, bevor das Caesium 137, eines der Elemente aus dem radioaktiven Niederschlag, wieder ganz aus dem Boden verschwunden sein wird.
Entlang den Strassen und an Waldrändern warnen Schilder die Menschen vor den Gefahren des verstrahlten Bodens. Es wird davor gewarnt, wilde Pilze und Beeren zu sammeln oder wilde Tiere zur Nahrungsnutzung zu jagen.
Wiederaufbau einer Gemeinschaft
Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) spielte auch beim Wiederaufbau der südwestlichen Region Weissrusslands eine vitale Rolle. Das Zehn-Jahres-Programm, das im November 2010 zu Ende ging, hat geholfen, die lokale Infrastruktur zu verbessern sowie Gesundheits-Einrichtungen und Notfalldienste zu stärken.
Die DEZA versorgte das lokale Spital in Bragin mit Ausrüstung für Ultraschall-Diagnosen und stattete Schulen mit neuen Computern und Hochgeschwindigkeits-Internetverbindungen aus, in Workshops lernten junge Leute den Umgang mit Computern.
"So konnten diese jungen Leute dann ihre eigenen Websites einrichten, zum ersten Mal mit der weiten Welt da draussen kommunizieren und allen erzählen, was hier passiert", erzählt Slava Kulchytski, Projektmanager von DEZA-Programmen.
Auch die landwirtschaftliche Entwicklung war in dieser ländlichen Region von Weissrussland sehr wichtig. Ein Mangel an sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten hatte die Leute passiv gemacht - und abhängig von sozialen Almosen. Die DEZA unterstützte die ländliche Bevölkerung, lokal nicht-verstrahlte Lebensmittel zu produzieren, was auch eine Einkommenssteigerung von rund 25% nach sich zog.
Ausbildung und Rettung
Die grösste Leistung der DEZA war aber ihr Beitrag zum Aufbau des Internationalen Ausbildungszentrums für Rettungskräfte (IPPK) in der Nähe der Hauptstadt Minsk.
"Ehemalige Schweizer Armeelastwagen wurden umfunktioniert zu massgeschneiderten Fahrzeugen für Ausbildung und Rettung", erklärt Kulchytski. "In dem Zentrum wurden bereits Teams aus mehr als 15 Ländern ausgebildet, darunter drei EU-Staaten. Das Zentrum gilt als eines der besten in Osteuropa."
Die Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl führte zu einer grossflächigen Kontamination und kostete zahlreichen Menschen das Leben. Die Katastrophe wird noch Jahrzehnte lang grundlegende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.
Hilfsprojekte in einigen der am schlimmsten betroffenen Gebieten haben aber dazu beigetragen, dass Familien wieder die Kontrolle über ihr Leben übernehmen konnten, und Gemeinschaften wieder positiv in die Zukunft schauen können.
Tschernobyl-Vertuschung
Die Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl und anschliessende Feuer im Reaktorinnern verursachten eine radioaktive Wolke, die dann über weite Teile Europas hinwegzog.
Die ersten Beweise, dass eine Menge radioaktiven Materials in die Umgebung entwichen war, waren damals allerdings nicht aus der Sowjetunion gekommen, sondern aus Schweden.
Am 28. April 1986, zwei Tage nach der Explosion in Tschernobyl, waren auf Kleidern von Angestellten des Kernkraftwerks Forsmark radioaktive Partikel registriert worden. Das Kraftwerk liegt rund 120 Kilometer nördlich von Stockholm und etwa 1100 Kilometer vom Ort der Katastrophe entfernt.
Die Suche Schwedens nach der Quelle der Radioaktivität führte zu den ersten Anzeichen eines schweren Nuklearunfalls im Westen der damaligen Sowjetunion.Infobox Ende
Green Cross Schweiz
Die Stiftung Green Cross Schweiz wurde 1994 gegründet. Zwei Jahre zuvor hatte Michail Gorbatschow bei einer UNO-Konferenz in Rio de Janeiro einen Aufruf zu einem "Roten Kreuz für die Umwelt" erlassen.
Dies hatte zur Gründung von Green Cross International geführt. Der ehemalige Staatschef der Sowjetunion steht noch heute an der Spitze der Organisation, die Ableger in mehr als 30 Staaten hat.
Green Cross Schweiz legt den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf das Legacy-Programm. "Legacy", auf Deutsch: Vermächtnis, Erbe, befasst sich mit schneller, direkter und effizienter Hilfe zur Selbsthilfe zur Bewältigung von Folgeschäden von Katastrophen.
Die Katastrophe im Reaktor von Tschernobyl führte zu einer grossflächigen radioaktiven Kontamination. Noch heute sind Tausende von Menschen von den Auswirkungen betroffen.
In Weissrussland, Russland und in der Ukraine organisieren die lokalen Büros von Green Cross regelmässig Therapielager für Kinder und junge Leute.
Die Organisation glaubt daran, dass das Leben in frischer und sauberer Luft, sowie unverseuchte Nahrung und umfassende Pflege während mindestens vier Wochen in Folge dazu beitragen kann, das Immunsystem und die Psyche zu stärken. Vor und nach den Lagern sorgen sich mobile Ärzteteams um die Kinder und Jugendlichen.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch