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Er war schon Provokateur, ja Popstar, bevor diese Begriffe in der Literaturszene populär wurden: Mitte der 1960er-Jahre betrat der Österreicher Peter Handke die literarische Bühne.
Dem Schriftstellerkreis um die legendäre Gruppe 47 warf er «Beschreibungsimpotenz» vor, kurz darauf profilierte er sich mit einem Theaterstück mit dem sprechenden Titel «Publikumsbeschimpfung».
Schon war das Enfant terrible etabliert und Peter Handke ein Name, den man nicht mehr vergessen sollte. Inzwischen ist sein Werk gewaltig: Über 20 Theaterstücke, Lyrik, Prosa.
Meister der alltäglichen Beobachtungen
Der klassischen Roman-Form entzog er sich gern – seine sprachliche Form findet er in «Journalen», «Versuchen», Aufzeichnungen, Gedanken, Beobachtungen aus dem Alltag, die tatsächlich ihresgleichen suchen.
Bücher, die keine Story benötigen, die sich ausschliesslich über die Sprache ins Gedächtnis der Lesenden einschreiben. Ein Autor, der die Sprache und die Literatur sehr ernst nimmt.
Unvergessen für mich sein «Versuch über den Stillen Ort», den ich im Zug von der Frankfurter Buchmesse zurück nach Zürich las: eine überraschend tiefgründige Reflexion über die Toilette. Dieser konkrete Stille Ort wird zum Ausgangspunkt für seine gedanklichen Umkreisungen von stillen Orten generell.
In seinem Roman «Wunschloses Unglück» verarbeitete er den Tod seiner Mutter, die sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen hatte.
Legendär sind die Titel seiner Bücher: «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter», «Der kurze Brief zum langen Abschied», «Die Unvernünftigen sterben aus», «Als das Wünschen noch geholfen hat».
Liebe zum Film
Nicht nur mit dem Theater, auch mit dem Film verbindet ihn eine Liebe. Gemeinsam mit seinem engen Freund Wim Wenders schrieb er das Drehbuch zu «Der Himmel über Berlin» (1987), mit Bruno Ganz in der Hauptrolle.
Seine Lebensgefährtinnen waren allesamt Schauspielerinnen: Libgart Schwarz, mit der er eine Tochter namens Amina hat, Jeanne Moreau, Marie Colbin, Katja Flint.
Seit einigen Jahren lebt Handke zurückgezogen in Chaville in der Nähe von Paris, seine ausladenden Spaziergänge haben sich literarisch niedergeschlagen im aktuellen Roman «Die Obstdiebin».
Späte Genugtuung
Dann, Ende der 1990er-Jahre, die hitzige Kontroverse um den politischen Denker Handke, der sich im Balkankrieg radikal an die Seite der Serben stellte und gegen die NATO-Einsätze aussprach.
Auf der Beerdigung von Slobodan Milošević im Jahr 2006 hielt Handke eine Grabrede. All das machte ihn zu einer Persona non grata. Seine literarische Reputation wurde dennoch nie wirklich in Zweifel gezogen.
Den Büchner-Preis, den er 1973 erhalten hatte, gab er nach den Debatten um seine Person zurück. Auf den Heinrich-Heine-Preis verzichtete er nach langem Hickhack. Und jetzt: der Nobelpreis.
Zwei Nobelpreise verkündet
Die Jury verkündete heute zwei Literaturnobelpreise: Den diesjährigen für Peter Handke und – nachträglich – den letzjährigen für die polnische Autorin Olga Tokarczuk.
2018 war die Vergabe des Literaturnobelpreises ausgefallen – wegen eines Skandals bei der Schwedischen Akademie. Mehrere Frauen hatten dem Ehemann eines Akademiemitglieds sexuelle Übergriffe und Belästigung vorgeworfen.
«Grossartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen», lässt seine österreichische Schriftstellerkollegin Elfriede Jelinek verlauten. Insofern wird der Nobelpreis für Peter Handke eine späte Genugtuung sein. Aus literarischer Sicht ein richtiger Entscheid. Aus politischer Sicht wird dieser freilich zu reden geben.