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«Buebeli, meine Windel!» Edouard löst sich vom Fenster und geht zum Bett. Je näher er kommt, desto schärfer sticht ihm der Ammoniakgeruch in die Nase. Er zupft zwei Einweghandschuhe aus der Kartonbox auf dem Nachttisch und nimmt die Nackenrolle vom Kopfende des Bettes – Daunenklumpen, zusammengehalten durch Schweiss und Satin. Ohne hinzuschauen, schiebt er seine Hand unter das Häufchen Mensch. Haut verrutscht zwischen seinen Latexfingern. Geübt hebt er Mutters Becken an, das auf der lahmen Seite viel schwerer liegt, und schiebt die Rolle unter ihren Steiss.
Als er die Klettverschlüsse der Windel löst und das uringetränkte Rechteck unter der Mutter wegzieht, atmet er durch den Mund. Mit Feuchttüchern säubert er die Vulva, dann drückt er sich einen Klecks Salbe auf den linken Handschuh, schmiert ihn über Scham und Hintern der Mutter und windelt sie frisch ein.
Trübe Flüssigkeit läuft ihr aus den Augen und sickert in ihr Haar. Sie grochst wohlig, als sie sich in die Matratze zurückwiegt, in die Kuhle hinein, die sie seit dreiundzwanzig Monaten und siebzehn Tagen umfängt. «Du könntest wirklich sanfter sein mit deinem armen Muetti, Buebeli. Wenn ich daran denke, wie lieb ich dich jeweils gewickelt habe. Und dir Liedlein gesungen. Immer. Du warst ja so ein süsser Bub.»
Edouard überhört, wie ihr Lamento in röchelndes Husten übergeht. Rasch geht er zum Fenster und öffnet es, senkt kurz den Kopf, schaut über die Strasse. Ein knappes Nicken nur.
Noch bevor sich die Mutter über den Durchzug beschweren kann, hat er bereits die Türe zu ihrem Zimmer hinter sich geschlossen. Als er die offene Treppe hinabsteigt, spürt er die Mutter noch immer im Rücken.
Er schaut auf die Uhr an seinem Handgelenk. Es ist zu früh.
Eins tiefer, im ersten Stock, nimmt Edouard wie immer das Babyphone aus der Halterung an der Wand. Mit einem Klacken lässt er den Drehknopf auf Kanal B einrasten. Das weisse Plastikkästchen rauscht und knistert, die Mutter schweigt.
Vielleicht döst sie schon, denkt er. Legt seinen Kopf auf die Schulter, einmal nach links, einmal nach rechts, bis es knackt. Drückt den Kopf in den Nacken und die Brust nach aussen. Atmet die Enge weg.
Er steigt weiter die freischwebenden Stufen hinab, direkt auf die Fensterfront des Wohnzimmers zu. Hinter den Scheiben dehnt sich der Himmel weit in die Dämmerung hinein und auf das Nachbarsdach hinab.
Edouard weiss, dass er nicht hinsehen darf. Nicht einmal an ihren Namen denken, der leise in ihm pocht.
Amalia.
Noch nicht. Er will das Wort nicht verschwenden, bevor sein Körper rein ist und bereit.
Der unstillbare Hunger verschlingt ihn, frisst und gebiert sich selbst. Tag für Tag.
Die Gewissheit, dass sie dort unten ist, atmet und lacht, umfängt Edouard dennoch warm und tröstend.
Rasch dreht er sich vom Fenster weg und betritt die Küche auf der Rückseite des Hauses. Er holt die Butter und etwas Greyerzerkäse aus dem Kühlschrank, schneidet zwei Scheiben aus dem Laib Brot, den er aus dem geblümten Brotsack hervorholt, und legt alles auf einen Teller. Krumen bleiben an seinen feuchten Händen kleben. Er reibt sie an den Seitennähten seiner Manchesterhose.
Wenn er wollte, könnte er jetzt rauchen. Als die Mutter noch hier unten fuhrwerkte, hatte sie oft moniert, Rauchen sei etwas für Männer ohne Er-wisse-schon-was. Sie als Dame könne das unmöglich aussprechen.
Zu ihrer Zeit hatte es hier nach Sandelholzsplittern und angeschimmelten Orangenscheiben gerochen. Die Mischung hatte in der Porzellanschale mit dem Gitterrand gelegen, der ihn an glasierte Brezeln erinnerte und von dem er so gerne einmal ein Stückchen abgebissen hätte. Er hatte das Krachen schon in den Ohren gehabt, sich den Zucker auf der Zunge vorgestellt, seine…