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Sport für die Psyche
Markus Gerber, Uwe Pühse
Sportliche Aktivität wirkt sich nicht nur auf die körperliche Fitness, sondern auch auf die psychische Gesundheit aus. Warum das so ist, versuchen verschiedene Ansätze zu erklären.
Die Einsicht, dass Sport der Gesundheit nützt, ist Allgemeingut. Neun von zehn Schweizern sind der Ansicht, Sport sei für die Gesundheit wichtig. Zwei von drei Personen glauben, sie würden sich für ihre Gesundheit genug bewegen. Dabei erstaunt, dass dies auch rund die Hälfte jener meint, die sich aus gesundheitlicher Sicht eigentlich zu wenig bewegen. Es wird davon ausgegangen, dass nur etwa 35% der Schweizer Bevölkerung die offiziellen Bewegungsempfehlungen erfüllen (täglich eine halbe Stunde Bewegung in Form von Alltagsaktivitäten oder Sport mit mindestens mittlerer Intensität). Zudem ist nur jeder Achte mit diesen Mindeststandards vertraut. Für Kinder und Jugendliche gilt als Minimalvorgabe für ausreichende Bewegung eine Stunde körperliche Aktivität mit mittlerer Intensität pro Tag. Seit den 1960er-Jahren liegen zahlreiche Studien vor, welche die Bedeutung körperlicher Aktivität für die physische Gesundheit belegen (z.B. koronare Herzkrankheiten, Fettleibigkeit, Diabetes, Krebs, Osteoporose, Immunfunktion).

Ausdauertrainings können die psychische Gesundheit positiv beeinflussen: Junge Schwimmerin im Wasser (Bild: Fotolia.com).
Stimmungsaufhellend
Mit der Frage, wie sich körperliche Aktivität auf die psychische Gesundheit auswirkt, begann sich die Sportwissenschaft erst seit den frühen 1980er-Jahren zu befassen. Mittlerweile lässt sich auch hier die empirisch breit abgestützte Aussage machen, dass sportliche Aktivität mit den meisten untersuchten Konstrukten in einer günstigen Wechselbeziehung steht: mit weniger depressiven Symptomen, geringerer Eigenschaftsangst, weniger psychosomatischen Beschwerden, höherem Selbstwertgefühl und mehr Lebenszufriedenheit. Dabei gilt es jedoch anzufügen, dass die Befunde in der Regel heterogen ausfallen und methodisch anspruchsvollere Studien (z. B. mit randomisierten Kontrollgruppen) wesentlich kleinere Effekte zeigen.
Vieles deutet darauf hin, dass die grössten Effekte bei jenen zu erwarten sind, die körperlich und psychisch am meisten von Bewegung profitieren: Jugendliche und Senioren, Untrainierte, Fettleibige sowie Menschen mit psychischen und physischen Beschwerden. Studien zeigen, dass sowohl ein Ausdauertraining wie auch ein Krafttraining die Psyche positiv beeinflussen können. Ob kürzere oder längere Trainingseinheiten besser sind, darüber gibt es uneinheitliche Befunde, doch scheint die Mindestdauer 20 Minuten zu betragen. Entscheidender ist die Intensität: Besonders bei Ausdaueraktivitäten zeigt sich, dass sich ein Überschreiten der anaeroben Schwelle auch nachteilig auswirken kann. Bekannt ist weiter, dass Interventionsprogramme mindestens 12 bis 16 Wochen dauern sollten, um gesundheitswirksam zu werden.
Wie die stimmungsaufhellenden Effekte von sportlicher Aktivität zustande kommen, ist noch nicht abschliessend geklärt. Verschiedene Ursachen werden genannt, die sich allerdings gegenseitig nicht ausschliessen müssen. Wenig attraktiv erscheinen die Fitness- und Endokrinhypothese: Zum einen kann die Psyche schon nach sehr kurzer Trainingsdauer verbessert werden, wenn Fitnesseffekte noch gar nicht auftreten können. Zum andern kann Endorphin zwar zu einem so genannten „Runner’s High“ führen, dies aber erst ab einem Intensitätsgrad, der im Freizeit- und Gesundheitssport normalerweise nicht erreicht wird.
Wesentlich plausibler scheint die Rolle des thermogenetischen Effekts, wonach bei sportlicher Aktivität die Körpertemperatur ansteigt, was, ähnlich einem Saunabesuch, einen Wohlfühleffekt hervorrufen kann. Ebenfalls möglich ist, dass sich durch Bewegung der Blutfluss im Gehirn erhöht und dabei auch emotionale Hirnareale tangiert werden. Weiter gibt es Hinweise, dass durch sportliche Aktivität die Sekretion von Neurotransmittern im Gehirn (Noradrenalin, Dopamin und Serotonin) angeregt wird, deren Konzentration bei Menschen mit psychischen Störungen üblicherweise geringer ausfällt als bei Gesunden.
Kompetenzerlebnisse
Neben den physiologischen sind psychologische Erklärungsansätze mindestens ebenso plausibel. Sie argumentieren, Menschen würden beim Sporttreiben von ihren Alltagssorgen abgelenkt; entsprechend wird sportliche Aktivität häufig als emotionszentrierte Stressbewältigungsstrategie angesehen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ein sportinduziertes Timeout eher kurzfristige Effekte zeitigt, während sich langfristige Wirkungen mit anderen Mechanismen besser begründen lassen, etwa mit der Selbstpräsentationshypothese. Diese nimmt an, dass Personen von ihrem Umfeld positiv wahrgenommen werden möchten. Und da Sport normalerweise mit positiven Charaktertugenden assoziiert wird, kann das Image als Sportler dabei behilflich sein.
Ein positiver Einfluss kann zudem auch auf einer kognitiven Dissonanz basieren. Gerade bei anstrengenden und zeitaufwändigen Sportaktivitäten müssen Argumente gefunden werden, um sie zu rechtfertigen. Dadurch, dass man sich nach dem Sporttreiben wohler fühlt, kann die entstandene Dissonanz eliminiert werden. Häufig postuliert wird auch die Selbstwirksamkeitshypothese, wonach sportliche Aktivität Kompetenzerlebnisse und die Einsicht ermöglicht, dass die eigene Trägheit erfolgreich überwunden werden kann. Für einige Sportarten eignet sich ferner die Flow-Hypothese: Ein Flow-Effekt tritt dann auf, wenn die Anforderungen und Fähigkeiten im Gleichgewicht sind und jemand durch seine Aufgabe voll und ganz absorbiert wird.
Ebenso zeigen sich Hinweise auf Erwartungseffekte: Studien belegen, dass ein herkömmliches Fitnesstraining das Wohlbefinden vor allem dann verbessert, wenn den Teilnehmern suggeriert wird, das Programm ziele nicht ausschliesslich auf physische Gesundheitseffekte. Schliesslich wird argumentiert, das durch sportliche Aktivität verbesserte Lebensgefühl beruhe hauptsächlich auf einer stärkeren sozialen Integration, was für viele Mannschaftssportarten zutreffen dürfte. Die Frage, ob Sport wirklich zur sozialen Integration beiträgt, ist jedoch erstaunlicherweise bis heute noch wenig erforscht.
Mit Medikament vergleichbar
Die Wirkungen von sportlicher Aktivität sind bei Patienten mit psychischen Störungen mit denen einer medikamentösen Behandlung vergleichbar. So erstaunt es wenig, dass der Sport heute als gesundheitsfördernde Ressource erkannt wird. Bewegung ist auch in der Schweiz seit Mitte der 1990er-Jahre ein fester Bestandteil systematischer Gesundheitsförderung. Die Relevanz der Bewegungsförderung geht davon aus, dass die Pathogenität von körperlicher Inaktivität mit anderen Risikofaktoren (z. B. Tabakkonsum) vergleichbar ist, dafür aber die Prävalenz in der Bevölkerung wesentlich höher ausfällt.
Körperliche Aktivität als Gesundheitsressource nutzbar zu machen, ist jedoch nicht einfach. Zum einen widerspiegeln sich im Bewegungsverhalten soziale Ungleichheiten (Personen aus der sozialen Unterschicht, Frauen und Migranten sind unterrepräsentiert), sodass Interventionsmassnahmen auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Bezugsgruppe zugeschnitten werden müssen. Zum anderen haben sich Informationskampagnen als ziemlich ineffektiv erwiesen, da das Wissen um den gesundheitlichen Nutzen des Sports keine verlässliche Determinante für die Annahme eines überdauernd aktiven Lebensstils darstellt. Die hohen Dropoutraten aus Fitnesszentren – speziell nach Abklingen der Neujahrsvorsätze –, dem Gesundheits- und dem Jugendsport zeigen dies klar.
Körperliche Aktivität verlangt einen Effort, ist bisweilen schweisstreibend und zeitraubend. Die Intention, sich längerfristig sportlich zu betätigen, scheitert häufig an fehlender Willenskraft oder der Unfähigkeit, Barrieren zu bewältigen. Die Frage nach den psychischen Gesundheitswirkungen des Sports ist deshalb eng mit Fragen der Motivation und der Willensbildung (Volition) verknüpft. Soviel scheint aber sicher: Sportliche Aktivität verspricht wohl dann den grössten Gesundheitsnutzen, wenn sie um ihrer selbst willen betrieben wird. Denn nur so ist gewährleistet, dass man aus sich heraus motiviert ist und den Willen aufbringt, Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, um Sport zu einer festen Verhaltensgewohnheit werden zu lassen.
Sport, Stress, Willensbildung
Am Institut für Sport und Sportwissenschaften sind mehrere Forschungsprojekte zum Thema im Gang. So wurde empirisch erforscht, ob sportliche Aktivität bei Jugendlichen die gesundheitsschädigenden Wirkungen von Stress abpuffert; dazu läuft demnächst auch eine Totalerhebung im Polizeikorps Basel-Stadt. Andere Studien gehen dem Zusammenhang zwischen Fitness und Stressbewältigungskompetenz nach und fragen, ob die Gesundheitseffekte des Sports über ein verbessertes Schlafverhalten vermittelt werden. Im Fokus empirischer Untersuchungen ist auch die Volition (Prozess der Willensbildung): Zum einen wird untersucht, ob mit einer Kürzestintervention die Einstellung zum Sport bzw. das Aktivitätsniveau übergewichtiger Erwachsener beeinflusst werden kann; zum anderen wird mit Jugendlichen die Validität eines neuen Motivations-Volitions-Modells überprüft.
Weitere Studien beschäftigen sich mit dem Dropout von Jugendlichen aus dem Vereinssport und der Entwicklung eines Instruments zur Erfassung des Stresserlebens im Sportunterricht. Ein anderes Projekt zielt in Richtung betriebliche Gesundheitsförderung: Die Idee besteht darin, Mitarbeiterteams innerhalb der Betriebe eine Distanz zurücklegen zu lassen, die der Wegstrecke von Basel nach Madrid entspricht.
Dr. Markus Gerber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Prof. Uwe Pühse Ordinarius am Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Basel.