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Seinen Gegner hätte Cassius Clay am liebsten schon vor dem WM-Kampf vermöbelt. Im Ring zermürbt er Sonny Liston dann mit allerlei Tricks – kurz danach wird er zu Muhammad Ali.
Der Tag, an dem der neue Boxchampion im Schwergewicht erkoren wurde, begann und endete mit viel Geschrei. Es war kurz nach elf Uhr am 25. Februar 1964, als Cassius Clay, wie er damals noch hiess, beim Wiegen zu seinem 20. Profikampf (nach 19 Siegen) in einem Raum der Miami Beach Convention Hall die Nerven verlor.
Der 22-jährige Herausforderer schien sich an Ort und Stelle auf den Weltmeister Sonny Liston stürzen zu wollen. Nur mühsam konnte er von seiner Entourage eingefangen werden. Also begnügte er sich eben damit, seinen designierten Gegner mit wüsten Tiraden einzudecken. «Ich kann dich jederzeit schlagen, du Dummkopf!», brüllte er und: «Heute Abend stirbt jemand im Ring. Du hast Angst, Dummkopf. Ich fresse dich bei lebendigem Leib.»
Von diesem Moment an durften die Augenzeugen bis zum ersten Gong am Abend darüber sinnieren, was Clays wilder Auftritt zu bedeuten hatte. Das Publikum wurde sich schnell einig darüber, dass der unerfahrene Aspirant offenbar eigene Ängste überspielen wollte. Er musste am Abend gegen den damals gefürchtetsten aller Titelträger antreten: Liston konnte ein Ringduell mit ein, zwei Wirkungstreffern beenden – wie er es zuletzt in zwei Titelkämpfen gegen Floyd Patterson getan hatte, den er jeweils in der 1. Runde zerstörte.
Diese Interpretation wurde auch vom Befund des Ring-Arztes unterstützt, der bei Clay nach dessen Ausraster kurzfristig einen Puls von 120 festgestellt hatte. Liston (35 Siege, 1 Niederlage) verglich ihn vor Reportern daher mit einem Kind, das allein im dunklen Wald zu pfeifen beginnt.
Cassius Clay würdigte seine Gegner herab, um selbst umso grösser zu erscheinen
Inszenierungen zu durchschauen, gehörte eher nicht zu den Talenten des 31-jährigen früheren Delinquenten mit dem eiskalten Blick, der in St. Louis mit Mafiosi verkehrte. Doch in einem Punkt wusste er die Mehrheitsmeinung hinter sich: Im Boxgeschäft galt bisher das ungeschriebene Gesetz, dass seinem Gegner gefälligst ein Mindestmass an Respekt entgegenzubringen sei.
Insofern darf die Show des wortmächtigen Herausforderers, der als Muhammad Ali bald zur berühmtesten Sportikone des Planeten aufstieg, als historische Zäsur verstanden werden. Zum ersten Mal nutzte hier jemand jede Sekunde der Sichtbarkeit für maximale PR-Wirkung im eigenen Interesse. Er würdigte seine Widersacher schon im Vorfeld mit flinker Zunge herab, um selbst umso grösser, wichtiger und attraktiver zu erscheinen.
«Liston ist nichts», hatte der Youngster alle Sportjournalisten bereits wissen lassen. «Der Mann braucht Sprechunterricht. Der Mann braucht Boxunterricht. Und weil er gegen mich antritt, braucht er auch Unterricht im Fallen.» Nach dem Sieg wolle er dann «Champion des Universums» werden, indem er «diese kleinen grünen Männchen von Mars und Jupiter» vermöble. Deren Anblick werde ihm gewiss keine Angst einjagen, «sie können nicht hässlicher als Sonny Liston sein».
In ähnlicher Weise sollte Clay alias Muhammad Ali Jahre später Joe Frazier als «Gorilla» verunglimpfen und George Foreman einen «grossen, alten texanischen Bullen» schimpfen, der sich im Ring «so langsam wie eine Mumie» bewege.
Heute weiss man, dass die «Louisville Lip», so einer von Clays vielen Beinamen, neben der Physis auch über die Technik, das Tempo und die taktische Finesse verfügte, um die von ihr beleidigten Boxgrössen tatsächlich auch zu bezwingen. Anfang 1964 aber hatte Clay – abgesehen von seinem Olympiasieg in Rom (1960) – kaum etwas vorgelegt. Sein Punktsieg über Doug Jones in New York (1963) war schmeichelhaft; in zwei anderen Duellen hatten ihn Aufbaugegner kurzfristig zu Boden gebracht. Obendrein wurde seine Sympathie für den schwarzen Bürgerrechtsaktivisten Malcolm X und die rebellische Nation of Islam von den meisten amerikanischen Medien mit wenig Begeisterung zur Kenntnis genommen.
So erstaunte es kaum, dass die Convention Hall in Miami Beach am Abend des Boxkampfes, einem Dienstag, mit knapp 8300 Zuschauern nur gut zur Hälfte gefüllt war. Für die weisse, halbwegs kaufkräftige Mehrheit in Florida war der WM-Kampf «eine Auseinandersetzung zwischen einem Muslim-Quatschkopf und einem furchterregenden Schläger», wie David Remnick in seinem Muhammad-Ali-Buch «King of the World» schreibt. Und für die Journalisten, die sich mit Boxen auskannten, gab es schlicht keine Diskussion über den sportlichen Ausgang: Bei einer Umfrage hatten 43 von 46 Experten auf einen weiteren Sieg für Liston getippt. Dessen Punch und Killerinstinkt würden Clay, dieses «Bantamgewicht mit über zweihundert Pfund», wie der New Yorker Sportkolumnist Jimmy Cannon ihn nannte, schnell überfordern.
Der frühere Weltmeister Rocky Marciano, der als Co-Kommentator des Radiosenders ABC direkt am Ring sass, konnte sich indes nicht festlegen. «Wenn Clay die ersten paar Runden übersteht, erleben wir vielleicht einen interessanten Kampf», sagte er wenige Minuten vor dem Gong.
Er bringt seinen Gegner in Rage – und landet giftige Treffer
Tatsächlich konnte Liston jedoch nicht einmal zu Beginn eindeutig dominieren. Seine gefürchteten Schläge mit der Führhand und die rechten Haken verfehlten häufig das Ziel, oder ihre Wirkung wurde von Clays flinken Meidbewegungen abgeschwächt.
Gleichzeitig kassierte Liston selbst giftige Treffer aus allen möglichen Winkeln. Diese bestätigten den Herausforderer darin, dass hier wirklich etwas möglich war. Davon war Clay vor dem Kampf längst nicht so überzeugt, wie er sich am Vormittag gegeben hatte. Umso mehr wollte er den Champion so in Rage bringen, dass dieser zwischen den Seilen «alles vergisst, was er übers Boxen wusste», wie er später schilderte. Oder, noch besser, ihn für einen Verrückten hielt, der sportlich nicht ernst zu nehmen war.
Zu Listons Unmut über den vorlauten Clay kamen bald Frustration, ein tiefer Cut und eine lädierte Schultersehne hinzu – und nicht zuletzt die Angst, mit zunehmender Kampfdauer vorgeführt zu werden. Ab der dritten Runde war Clay dann im Vorwärtsgang, und nach einer kurzfristigen Irritation durch eine Wundsalbe, die von Listons Körper in sein Auge geraten war, kam er in Runde 5 umso vehementer zurück.
Damit hatte er den Titelverteidiger zermürbt. In der Pause zu Runde 7 blieb dieser auf dem Stuhl sitzen. «Es reicht jetzt», sagte Liston seinen verdutzten Betreuern. Dann war allenthalben erneut Geschrei zu vernehmen.
«Ich habe die Welt geschockt» – Clay weiss sofort um die Bedeutung seines Triumphs
«Wartet mal, wartet mal!», brüllte der Radiokommentator Howard Cosell am Ring, «Sonny Liston kommt nicht mehr hoch, Sonny Liston kommt nicht mehr hoch.» Betreuer und Offizielle strömten nun in den Ring, und mitten in der Aufregung bellte der neue Champion die Reporter in den ersten Reihen an: «Ich bin der Grösste. Ich habe die Welt geschockt. Nehmt eure Worte zurück, gebt mir Gerechtigkeit!»
So ging in Miami Beach die kurze, dunkle Ära des Sonny Liston zu Ende, während gleichzeitig der Mythos eines neuen Helden entstand, der die Welt noch etliche Male schocken würde. Das Gerede von einem manipulierten Kampf war nach ergebnislosen Untersuchungen durch Floridas Staatsanwaltschaft sowie ein Senatskomitee bald vom Tisch – auch wenn das nicht allen älteren weissen Männern gefiel. Ihnen war ein Champion mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität im Zweifel lieber als einer, der wenige Tage später einen muslimischen Namen annehmen sollte.