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Viele halten den Solothurner Mike Müller, der in der Satiresendung «Giacobbo/Müller» vor allem bei Gesprächen mit Gästen eher den Assistenten mimt, für den vielseitigeren Schauspieler als seinen 'Chef' Viktor Giacobbo. Speziell an seinem einprägsamsten Figuren aus dem Fernsehen ist, dass er nicht nur real existierende Figuren aus Politik und Unterhaltung parodiert (dabei operiert Giacobbo eher prägnanter, zuspitzender), sondern viel stärker im Weiterentwickeln eigener Figuren ist, die einen speziellen Typ Mensch ins Zentrum rücken, aber häufig einen ohne (bekannten) Namen.
Am unterschiedlichsten sind wohl die vier folgenden Typen:
1. Giacobbos Assistent
Oft hat Mike Müller in der sonntäglichen Satiresendung die Rolle des Sidekicks inne. Es ist seine wichtigste, die als (angeblich) echter Mike Müller im TV-Studio. Er liefert Stichworte, um Giacobbo neu in ein Thema zu lancieren, in einigen Situationen diskutieren die beiden aber auch scheinbar gegensätzliche Meinungen oder Müller kommentiert Giacobbos Statements. Gerade letzteres wäre einem klassischen Sidekick schwerlich möglich. Als Gesamteindruck bleibt, dass Giacobbo zwar klar mehr Sprechanteile hat und bei den Interviews unbestritten die Führungsrolle einnimmt, die beiden aber in Momenten, in denen sie beide aktiv sind, durchaus gleichberechtigt nebeneinander funktionieren.
Auch deshalb sind gerade die beiden einzigen Momente auffallend komisch, in denen Mike theatralisch auf die Rolle des Assistenten, ja gar des abhängigen 'Gang go...' reduziert wird. Sie sind sehr stilisiert, und funktionieren gerade deshalb so gut, weil sie nicht den wirklichen Verhältnissen entsprechen. Das eine ist Mikes Rolle des Protokollanten bei Gesprächen mit Gästen, das andere, noch markantere, sein Job, ein wenig vor der Mitte der Sendung Viktor (und sich selbst) jeweils einen Kaffee zu servieren. Beides wird auch wiederholt neu verhandelt und die Dienerrolle Müllers als Kaffee-Barista theatralisch ausgekostet. Sie sind aber weniger vielsagend für seine Rolle und die wirklichen Machtverhältnisse als einfach dem einfachen Humor-Mechanismus geschuldet, dass die stetige Wiederholung in allen Variationen bereits eine praktisch geschenkte Pointe hergibt.
2. Frank A. Meyer & Co.
Unter den klassischen Parodien von real existierenden Prominenten sticht gerade diejenige des Ringier-Publizisten Frank A. Meyer heraus. Sie zeigt besonders, dass Müller die Parodie bekannter Zeitgenossen durchaus beherrscht. Nicht schlechter, aber sicher anders als Giacobbo, der eine Figur wie Ueli Maurer innert Kürze auf einen oder zwei Gesichtszüge ('Grimassen') und Zitate runterbricht, lässt er seinen Frank A. in den erfundenen Interviewszenen in ein paar Schritten langsamer entstehen, kann ihn dann aber häufig auch freier verändern. Je nach Gesprächspartner einer solchen «Vis-à-vis»-Parodie werden dann die gezeigten Hauptzüge der Figur (mehr reden als der Interviewte, sich im Scheinwerferlicht sonnen, usw.) auch recht unterschiedlich umgesetzt.
Ähnliches lässt sich auch von anderen Veräppelungen prominenter Schweizer Figuren sagen, etwa von Mike Shiva. Aus dem Rahmen fällt vielleicht nur etwas der jüngere nordkoeanische Herrscher Kim. Da von ihm ja kaum in der Schweiz bekannte Aufzeichnungen existieren und er in erster Linie wegen der schulischen Vergangenheit in der Schweiz Zielscheibe der Komiker wurde, nahmen diese die Konstellation mit Sohn und (nunmehr totem) Vater zum Anlass, relativ frei ein paar Einblicke ins private Dasein einer Diktatorenfamilie zu werfen. Insofern gehören die Kim-Nummern nach unserer Aufteilung fast eher zur Gruppe 4.
3. Das Muttersöhnchen
Eine der witzigsten Rollen Müllers ist eine anonyme, die des Muttersöhnchens. Dabei spielt er nicht etwa das Muttersöhnchen einer berühmten Familie oder hat selbst einen Namen, sondern spielt wortwörtlich einen niemand, der sich von und bei Muttern rumkommandieren lässt und zwischendurch einen lächerlichen Mini-Ausbruchsversuch startet oder hilflos auf seine Volljährigkeit oder ähnliches pocht.
Markant ist bei diesen Nummern der grosse Unterschied zwischen den beiden dargestellten Figuren. Die von Giacobbo dargestellte Mutter lässt sich viel stärker auf eine klagende Geste und den mehr als leicht ödipal wirkenden Satz «Ich bin die Mutter, die dich unter Schmerzen geboren hat» reduzieren, Mike Müller gibt das Söhnchen im Grunde klassischer, fast wie auf der Theaterbühne: Er windet sich, wird immer kleiner, trägt die brave Altherrenkluft in mittleren Jahren mit einem Schuss Ekel, gerade der Pullover über dem Hemd ist etwas zu klein und ein besonderes Zeichen der Erniedrigung. Und die wird zelebriert, in jeder Geste und den paar Sätzen, die selten bloss auf eine Pointe aus sind, sondern eher aufbauend eine Person entwickelt und vorführt. Klar: Diese Person muss im Verhalten handgestrickt, schnell durchschaubar sein wie auf einer Boulevard-Bühne.
4. Niederdörfler und muslimischer Papa
Etwas weniger stereotyp in der (psychologischen) Anlage sind Kabarettfiguren wie der dicke Niederdörfler (neben Giacobbo mit einem künstlichen Ränzchen) oder der muslimische Familienvater. Letztlich entstammen sie den klassischen Kaberettprogrammen mit mehr als einem Darsteller. Sie stehen zumeist für eine klar definierte soziale Schicht, einen Herkunfts- oder Wohnort und damit verbundenen Verhaltens-, vor allem aber Redeweisen. Der Immigrantenpapa ist als Schweizer Papa mit astreinem Schweizerdeutsch nicht denkbar, ja der immer restlos als Deutsch verstehbare Secondoslang muss ziemlich genau rüberkommen und definiert den zu Hause rumsitzenden Pascha nicht nur über die Herkunft, sondern auch über die Zugehörigkeit zur nicht eben höchst gebildeten oder finanziell auf Rosen gebetteten Schicht. Umso witziger die paar Momente, in denen sich der Musilm-Papa plötzlich doch mehr bewegt als erwartet und dem Bünzlischweizer (zu dem man bei längerem Zusehen schnell zu werden droht) gar voraus ist mit bisweilen durchaus originellen Lehren.
Noch etwas sonderbarer ist der letzte hier vorgestellte Typ, der behäbige Niederdorf-Bewohner und Stammkneipen-Besucher, der effizient eine ach so zürcherische Besonderheit vorführt: Man ist doch über alles im Bilde, kennt sich nicht nur in der Schweiz, sondern dank ein paar Ferien in der ganzen Welt aus – wirkt aber dennoch, als hätte man im Geist das Niederdorf noch nie verlassen. Die Nummer mit den beiden Möchtegern-Szenis ist umso witziger, weil es letztlich stolze Vertreter Zürichs aus einer Zeit sind, als das Niederdorf nicht allein für Touristen das Zentrum der Limmatmetropole war. Heute verkehren die Szenis längst anderswo. Und unsere Niederdöfler sind nicht nur als Weltbürger, sondern selbst als Zürcher ganz von gestern...
Ebenfalls nicht zu vergessen wäre zuletzt die beliebte Figurt des Hanspeter Burri, der zwar einen konkreten Namen trägt, mit seinem (scheinbar) ziellosen Staccato-Geschwafel als dozierender Möchtegern-Wissenschaftler jedoch auch ohne reales Vorbild zum Begriff geworden ist.
WAS KANN MÜLLER AM BESTEN?
Geben Sie rechts Ihre Stimme ab: Ist für sie der Mike Müller als Assistent im TV-Studio (1), als Parodist (2), als Boulevard-Schauspieler (3) oder als klassischer Kabarettdarsteller bestimmter Typen (4) am eindrücklichsten?
Autor: Reto Meisser
Fotograf: Andreas Eggenberger