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Neue Fahrten in den Berner Alpen
Von Willi Weizenbach und Erich Schulze.
Die Nordwand des Gross Fiescherhorns.
Es war im März 1923, als ich mit Ski die weiten Gletschergebiete der Berner Alpen durchstreifte und die Hauptgipfel der Gruppe betrat. Damals bestieg ich auch erstmals das Gross Fiescherhorn vom Süden über den Walliser Fiescherfirn und blickte vom Gipfel aus nach Norden in eine bodenlose Tiefe. Ich muss gestehen, ich habe damals vor diesen Abstürzen ein grenzenloses Grauen empfunden.
Wenige Wochen später las ich in Guido Lammers « Jungborn » einen Aufsatz über die Besteigung des Mönch. Lammer bringt in seiner Schilderung, die schon in der Ö.A.Z. von 1886 erschienen war, eine Betrachtung über das Problem der Fiescherwand; er schreibt wörtlich: « Das noch ungelöste Problem der Ersteigung des Grossen Fiescherhorns direkt aus dem Grindelwaldgletscher über die furchtbare Nordwand halte ich für die schönste, aber auch schärfste Leistung in den Berner Alpen. » Nachdem ich dies gelesen hatte, begann ich mich geistig mit dem Problem zu beschäftigen. Ich sagte mir: Wenn Lammer die Möglichkeit einer Durch- Steigung der Wand schon im Jahre 1886 erörterte, so konnte sie nicht so unmöglich aussehen, als dass nicht ein Bergsteiger der heutigen Schule sich an eine solche Aufgabe wagen könnte.
Ein Jahr später — es war zu Ostern 1924 — bekam ich die Wand erstmals zu Gesicht. Ich fuhr damals mit der Jungfraubahn zum Jungfraujoch empor. An der Station Eismeer war kurzer Aufenthalt. Ich verliess den Zug und schaute durch die aus den Felsen gebrochenen Fensteröffnungen hinaus. Graues Nebelgebräu umbrandete die Bergesflanken. Der Sturmwind tobte und riss hin und wieder ein Loch in den Nebelschleier, durch das der Ausblick frei wurde auf die wildzerborstenen Einbrüche des Grindelwald-Fiescherfirns.
Mit einem Male lichteten sich die Schwaden, und hinter einem Schleier von Schneestaub wurde eine Fels- und Eiswand sichtbar, die in unwahrscheinlicher Steilheit aus weissen Firnen emporstieg zu schwindelnden Höhen.
Und während ich noch mit den Blicken das Bild zu erfassen, festzuhalten suchte, während ich schon mit meinem Auge einzudringen glaubte in die verborgensten Runsen und Ritzen dieser Mauer, während ich mir schon im Geiste einen Weg bahnte durch die grausige Flucht, stiegen neue Schwaden auf, qualmten empor an den Flanken der Berge und entrückten dieses Bild unfassbarer Grösse und Wildheit ins Wesenlose.
Lange Jahre blieb ich darauf dem Berner Oberland fern, wandte mich anderen grossen Aufgaben zu. Doch wo immer ich alpinen Zielen zustrebte, immer blieb mir diese eine Wand in Erinnerung, und ich war entschlossen, um sie zu werben, sobald ich Gelegenheit fand.
So war der Spätsommer 1926 herangekommen, als mir Kunde ward von dem Versuch, den der bekannte Berliner Alpinist Dr. Kehl mit dem Grindelwaldner Führer Ammatter unternommen hatte. Ich vernahm weiterhin, dass noch andere namhafte Bergsteiger sich für die Wand interessierten, nicht zuletzt Captain Farrar 1 ), der grosse englische Bergsteiger, dessen Wirken noch zurückreicht in die klassische Zeit.
Der ernsten Bewerber gab es genug, nun hiess es, sich beeilen.
Da traf mich im Herbst 1926 die Nachricht: Die Fiescherhornnordwand ist gefallen, die Berner Akademiker Amstutz und von Schumacher haben am 3. August 1926 sich einen Durchstieg durch die Wand erzwungen. Diese Kunde bedeutete für mich eine grosse Enttäuschung. Schien mir doch mit dieser Neufahrt das Ziel jahrelanger Sehnsucht und jahrelangen Hoffens entronnen zu sein.
Die Tat der Berner stellte eine hervorragende alpine Leistung dar; waren sie doch die ersten, die den Bann brachen, der über der Wand ruhte, die es wagten, ihren Fuss in die abschreckende Steilmauer zu setzen. Die Route Amstutz-von Schumacher konnte jedoch nicht voll befriedigen; sie führte rechts der Gipfelfallinie über jene schon von Farrar als Anstiegslinie erwogene Felsrippe empor, die etwa 800 m abseits des Gipfels im Punkt 3802 des Nordwestgrats endet.
Die Fiescherhorn-Nordwand.Anstieg Amstutz-v. Schumacher, I. Begehung am 3. August 1926.
Unmittelbarer Gipfelanstieg, I. Begehung am 5. September 1930 durch H. Tillmann und W. Weizenbach.
Die direkte Nordwand des Fiescherhorns harrte demnach noch ihrer Bezwinger. Diese Erkenntnis liess mein Interesse an der Wand neu aufleben. Ja, ich möchte sagen, dass das Problem in meinen Augen nun doppelt an Reiz gewann, wurde doch durch die Routenführung der Berner das Problematische eines direkten Gipfelanstieges nur noch unterstrichen.
Das Jahr 1926 ging zu Ende, als ich plötzlich schwer erkrankte. Es bedurfte jahrelanger, zielbewusster Arbeit, bis ich früheres alpines Können und frühere Leistungsfähigkeit wieder erreichte.
So war es Herbst 1929 geworden. Da erinnerte ich mich wieder der Fiescherhornnordwand, und meine alte Bergsteigersehnsucht wurde wieder wach. Mit Freund Heinz Tillmann vom A.A.V.M.ünchen ging ich die Wand an. Damals gelang uns wohl die zweite Begehung der kühnen Kante rechts der Gipfelfallinie, die drei Jahre vorher von Amstutz und von Schumacher bezwungen worden war. Die direkte Fiescherhornnordwand aber war uns durch Wetterunbilden versagt geblieben.
Ein Jahr war verstrichen, da rüstete ich zu neuem Ansturm; mein Begleiter war auch diesmal Freund Tillmann.
An einem sonnendurchfluteten Tag — es war der 4. September 1930 — stiegen wir vom Unteren Grindelwaldgletscher über schrofige Grashänge zum Zäsenberg empor, der wie eine Insel von den Eismassen des Unteren Grindelwaldgletschers und des Grindelwald-Fiescherfirns umbrandet wird. Der Zäsenberg ist wie geschaffen als Biwakplatz für Anwärter auf die Fiescherhornnordwand. Auf der letzten begrünten Terrasse, dicht unter dem als « Zäsenberghorn » bezeichneten höchsten Punkt, richteten wir uns einen Biwakplatz zurecht. Nachdem wir den Rest des Tages mit Abkochen und Essen verbracht hatten, schliefen wir bald recht und schlecht, so wie es eben in einem behelfsmässigen Biwak möglich ist.
Um 515 Uhr verliessen wir unseren Schlafplatz, eigentlich viel zu spät für ein so grosses Unternehmen, wie wir es beabsichtigten. So war es 715 Uhr, bis wir am Fusse der Wand anlangten.
Wieder, wie schon im vergangenen Jahr, stand die Mauer vor uns in ihrer abweisenden Steilheit, doch viel vertrauter war uns heute schon ihr Anblick. Hatten wir sie ein Jahr vorher mit Grauen betrachtet, so beäugten wir sie heute mit kühler Sachlichkeit. Bald glaubten wir dann auch, mit dem Auge einen gangbaren Weg ausfindig gemacht zu haben.
Die felsige Basiszone der Wand ist in eine Reihe von Vertikalrippen gegliedert. Wenn wir am Fusspunkte der dritten Rippe von rechts 1 ) in die Wand einstiegen, so musste es uns gelingen, von hier über einen steilen Firnhang nach links die vierte Rippe zu gewinnen, welche oberhalb einer ausserordentlich steil geneigten Eiswand mit etwas flacherer Neigung ansetzt. Über diese Rippe konnten wir dann emporsteigen, bis sie sich in fast senkrechten Plattenschüssen verliert. Hier galt es, über eisbedecktes Felsgehänge weiter nach links auf die fünfte Rippe zu queren, welche als steile Kante zu einem links der Gipfelfallinie in die Wand eingelagerten Eisfeld emporzieht. Gelang es dann, dieses Eisfeld nach rechts zu queren und den hier sperrenden Wandgürtel zu durchsteigen, so war die firnige Gipfelwand erreicht und damit der Weg zum Gipfel frei. Glückte uns dieser kühne Weg durch die stolze Wand, so war eines der grössten Probleme der Berner Alpen gelöst.
Nun gab es kein Zaudern mehr. Ohne weiteres Besinnen stiegen wir über den Lawinenkegel zum Bergschrund empor. Wir überschritten ihn auf einer guten Brücke am Beginn der dritten Rippe, dann standen wir in der Wand. Um möglichst rasch vorwärts zu kommen, gingen wir zunächst noch ohne Seil. Die Knöchel bogen sich, dass sie schmerzten, die Steigeisen krallten sich ins harte steile Eis. Schräg nach links stiegen wir empor. Nur hin und wieder ritzte ein Pickelhieb das Eis, raschelnd kollerten die Splitter zur Tiefe und verschwanden im weitklaffenden Bergschrund am Fusse der Wand. Freund Tillmann, der als Erster voranging, war bald hinter einer aus dem Eise vorspringenden Felskante meinem Blick entschwunden. Als ich um die Ecke bog, sah ich ihn am Grunde der steilen engen Eisrinne, welche zwischen der dritten und der vierten Rippe herabzieht, in einer grottenartig aus dem Eise ausgehöhlten Gufel sitzen. Über morsches, splittriges Eis querte ich in die Gufel hinein. Eng zusammengedrängt in dem kleinen Loch legten wir das Seil an.
Ein schmales Gesimse aus brüchigem Fels, welches nach links aus der Rinne hinausführt, ermöglichte den Weiterweg zur vierten Rippe. Über Eis und Fels stiegen wir empor, bis sich die Rippe in den fast senkrechten Plattenlagen der Mittelzone verliert. Hier wiesen abschüssige Eisfelder nach links gegen die fünfte Rippe, welche als ausgeprägte vorspringende Kante diese Plattenzone durchzieht. Ohne Stufen, lediglich auf die Kraft unserer Knöchel und die Güte der Steigeisen vertrauend, traten wir den schweren Gang an. Immer steiler und immer schlechter wurde das Eis. Nach einigen Seillängen vertrugen unsere Knöchel die wachsende Beanspruchung nicht mehr. Eine Zone von sprödem, muschelartig ausgehöhltem Wassereis musste von Tillmann in mühsamer Stufenarbeit überwunden werden, dann endlich war die fünfte Rippe erreicht.
Sie baut sich als ausserordentlich steile, aber gutgriffige Kante auf. Gerade wegen ihrer Steilheit war sie fast vollkommen schneefrei. Hier legten wir unsere Eisen ab und strebten dann in prächtiger Kletterei empor. Es ging schon gegen Mittag, als wir endlich am Ende der Rippe anlangten und am Beginn des steilen Eisfeldes standen, das hier in die Wand eingelagert ist. Über uns wuchsen Fels und Eis in unnahbarer Steilheit zu schwindelnden Höhen empor. Nur nach rechts schien der das Eisfeld begrenzende Felsgürtel einen Durchstieg zu ermöglichen.
Nun übernahm ich den Vortritt, um Tillmann, der bisher geführt hatte, zu entlasten. Stufenschlagend stieg ich schräg nach rechts gegen das Felsbollwerk empor, welches dieses Eisfeld abschliesst. Vorsichtig sicherten wir Seillänge um Seillänge; nur langsam war unser Vordringen. Durch die Tageswärme begannen sich aus den höher gelegenen Wandpartien die Steine zu lösen und flogen pfeifend über die steile Firnfläche an uns vorbei, um wenige Seillängen unterhalb in den Abstürzen der Mittelzone zu verschwinden.
Mählich rückten die Felsen näher; auf Firnbändern und durch Eisrinnen gelang es uns, den sperrenden Wandgürtel zu überwinden, dann standen wir auf einem kleinen, abschüssigen Felsblock am Beginn der Firnwand. Hier schalteten wir die erste kurze Rast des Tages ein. Wir waren frühester Stimmung, schien doch nun das Schwerste überwunden zu sein, der Weg zum Gipfel lag frei vor uns. Doch unsere Freude sollte nicht allzu lange währen. Hinter Mönch und Eiger stiegen schwarze Gewitterwolken empor, und auch über den Gipfel des Fiescherhorns begann sich eine Wolkenhaube zu stülpen.
Eiligst machten wir uns wieder auf den Weiterweg, um noch möglichst vor Eintritt des schlechten Wetters den Beginn der Firnrampe zu erreichen, welche unter der die Wand krönenden Eisbarre nach rechts gegen den Gipfel emporzieht. Der Schnee, welcher im unteren Teil der Firnwand von guter Beschaffenheit war, wurde mit zunehmender Höhe immer schlechter. Teils war er so morsch, dass der Fuss bei jedem Schritt einbrach, teils bedeckte er als eine nur dünne Schicht das darunterliegende Eis, so dass in ermüdender Arbeit Stufen geschlagen werden mussten, um dem Fuss einen sicheren Stand zu verschaffen. Zu allem Überfluss stellte sich nun noch eine heftige Gewitterböe ein. Nebel umhüllten uns, und mit einem Male begann es heftig und in dichten Graupeln zu schneien. Der in den oberen Wandteilen gefallene Schnee floss in Bächen über die Wand herab und füllte jede frisch geschlagene Stufe im Augenblick wieder zu.
Mühsam arbeiten wir uns im Schneetreiben empor. Als wir uns dem unteren Ende der Firnrampe näherten, liess der Schneefall nach, die Nebel hoben sich, sogar ein kurzer Durchblick auf ein Stückchen blauen Himmels wurde frei.
Durch eine steile Eisrinne stiegen wir empor und gewannen den Beginn der Rampe. In ermüdender Einförmigkeit ging 's über diese hinan. Es schien uns, als wollte die Wand kein Ende mehr nehmen. Alle zwei Seillängen wechselten wir im Vortritt, wir waren schon zu müde, als dass einer von uns länger hätte die Führung beibehalten können. An den Bergen im Umkreis beobachteten wir unser Vordringen; wenn wir dann nach geraumer Zeit wieder unseren Standpunkt prüften, so schienen wir kaum höher gekommen zu sein. Verdrossen schätzten wir die Höhe bis zum Gipfel; 200 m mochten uns noch vom Ziele trennen, dann 150 m, 100 m, 50 m. Nun entschlossen wir uns, ansteigend nach links zum Nordostgrat hinauszuqueren, der als scharfe Schneide zum Gipfel emporzieht.
Kaum hatten wir den Grat betreten, da fiel uns der Sturmwind, von dem wir in der Wand geschützt gewesen waren, mit aller Macht an. Es kostete uns noch eine letzte grosse Überwindung, um die wenigen Seillängen zu erkämpfen, die zum Gipfel führten. Um 730 Uhr abends betraten wir den höchsten Punkt, gerade als der letzte Schimmer des Tages hinter brauenden Nebelschwaden verglomm.
Es war keine frohe und geruhsame Rast, die wir hier am sturm-umpeitschten Gipfel verlebten; nur wenige Minuten hielten wir uns auf, zogen einige wärmende Kleidungsstücke an, um uns vor der schneidenden Kälte des Sturmwindes zu schützen, dann machten wir uns im nächtlichen Dunkel an den Abstieg über die steilen Firnschneiden des Nordwestgrates. Wir sahen nicht die gähnenden Tiefen zu beiden Seiten des Grates, wir achteten nicht der schwindelnden Ausgesetztheit unseres Weges, nur ein Gedanke beseelte uns: « Hinunter! » Tastend verfolgten wir in der Dunkelheit unseren Weg, denn an ein Entzünden der Laterne war bei dem heftigen Sturm nicht zu denken. Hin und wieder wiesen uns alte, ausgeschmolzene Spuren den Weiterweg.
Endlich wurde das Gelände flacher. Wir kamen zur sanft gewölbten Firnkuppe des Punktes 3802. Der Sturm hatte inzwischen etwas nachgelassen, und die schwarze Wolkendecke begann sich zu lichten, der Mond lugte durch das zerrissene Gewölk und liess gespentische Lichter über den weissen Flächen der Gletscher tanzen.
Wir verfolgten eine schwach erkennbare Spur weiter gegen Westen. Über einen steilen Hang ging 's hinab zum Fusse des Walcherhorns und im Bogen südwärts um dieses herum zum obersten Firnbecken des Ewigschneefeldes, das nordwärts emporzieht gegen die beiden Mönchjoche.
In eintönigem Trott stapften wir über die weite, flache Firnfläche empor, gegen eine niedere Einsattelung im rechten Begrenzungskamm, welche wir im fahlen Licht der Nacht als das Unter Mönchjoch zu erkennen glaubten. Der Mond hatte sich wieder hinter schwarzen Wolken verkrochen, dafür erhellte fernes Wetterleuchten hin und wieder das nächtliche Dunkel.
Näher und näher rückten wir der genannten Scharte, da trafen wir unverhofft eine breit ausgetretene Trasse. Wir verfolgten sie über einen kurzen Firnhang empor, dann standen wir auf der flachen Einsattelung des Unter Mönchjoches.
Über Firnhalden sprangen wir jenseits hinab, ein Firnrücken folgte, ein blockiger Felsgrat, dann sahen wir mit einem Male wenige Meter unter uns das Dach der Berglihütte im nächtlichen Dunkel auftauchen. Um 2315 Uhr überschritten wir die Schwelle der Hütte, genau 18 Stunden nach unserem Aufbruch vom Biwak.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir in föhniger Hitze anderen Tages von der Berglihütte durch die Eisbrüche hinab zum Grindelwald-Fiescherfirn stiegen. Wir überquerten ihn durch aufgeweichte Schneesümpfe gegen den dunklen Felsrücken des Zäsenberges, wo wir unsere Biwakausrüstung abzuholen gedachten.
Wieder stand die Fiescherhornnordwand vor uns in ihrer gewaltigen Grosse, wieder betrachteten wir ihre Runsen und Rinnen, ihre Plattenwände und Eisfluchten. Diesmal aber nicht mit dem Auge des Suchenden, der ihre Geheimnisse zu ergründen trachtet, sondern mit den Augen des Wissenden, den die stolze Befriedigung erfüllt, die Rätsel dieser Wand gelöst zu haben.W. W.
Die Nordwand des Crosshorns.
Meine Freude war gross, als mich im Frühjahr 1932 Willi Weizenbach einlud, mit ihm in die Berge zu fahren. Unser Ziel sollte das Berner Oberland sein. In begeisterten Worten wusste er von der Schönheit der Berner Alpen zu berichten, wusste von grossen alpinen Problemen zu erzählen, die noch der Lösung harrten.
Ich war glücklich, meinen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen: meine Kraft an den Bergriesen der Schweiz zu messen und mir zugleich unter Weizenbachs Anleitung letztes alpines Können anzueignen.
Zur Partie gesellten sich noch Alfred Drexel und Hermann Rudy, beide Mitglieder der Akademischen Sektion München.
Das Wetter des jungen Sommers blieb unentwegt schlecht. Woche um Woche verschoben wir die Abreise. Schliesslich riss uns die Geduld. Mit Weizenbachs schnittigem Wagen brausten wir eines Mittags los in der Hoffnung, dass das Wetter sich endlich bessern möge.
Unser erster Angriff sollte der 1200 m hohen Nordwand des Grosshorns gelten. Der gewaltige Nordabsturz dieses Berges ist eines der prächtigsten Schaustücke der eisigen Umrahmung des obersten Lauterbrunnentales. Noch hatte es niemand gewagt, den Bann ihrer abschreckenden Steilheit zu brechen.
Am 19. Juli gingen wir schwer bepackt von Stechelberg durch das Tal der Weissen Lütschine bergwärts. Es regnete, und Schleiergardinen von dünnen Nebeln zogen über unseren Pfad. Unser Ziel war die Oberhornalp am Oberhornsee, die einen geradezu idealen Stützpunkt für alle Nordanstiege auf Breithorn, Grosshorn und Mittaghorn darstellt. Gerade vor einbrechender Dämmerung fanden wir noch die Hütte, von der aus der Sturm auf die jungfräuliche, weisse Wand des Grosshorns erfolgen sollte.
Sechs lange Sommertage belagerten wir die Wand in einer Alm, in der es am Notwendigsten fehlte. Doch auch dieser Unterschlupf und das harte Lager wurde uns durch die Gewöhnung lieb. Sechs Tage trommelte der Regen fast ohne Unterlass auf das Schindeldach der Hütte. Ebenso viele Tage gingen wir in unserem Stall im Kreise spazieren mit geduckten Köpfen, damit unsere Schädel nicht in unliebsame Berührung kämen mit dem verräucherten Gebälk der Hütte. Und immer wieder blickten wir zur Tür hinaus in den fliessenden Regen, ins Grau der wogenden Nebel.
Ab und zu in kurzen Regenpausen verkrochen sich die dicken Wolkenbänke in die Tiefen des Lauterbrunnentales oder schwebten in grössere Höhen. Dann konnten wir, manchmal nur für wenige Minuten, durch hauchzarte, graue Schleier unser Ziel sehen. Mehr als tausend Meter steigen die ebenmässig steilen Eisflanken der riesigen Nordwand des Grosshorns aus dem Schmadrigletscher auf. Und wenn dann des Abends für kurze Zeit die Wolken sich zerteilten, dann überrann der Schein der scheidenden Sonne wie flüssiges Gold die Eiswand. Traumhaft schön, unnahbar und abschreckend, anziehend, verlockend und verheissungsvoll stand sie da, unsere Wand — für wenige Minuten nur. Dann zogen wieder die Nebel heran, verbargen neidvoll das herrliche Bild unter ihrer Tarnkappe.
Die Zeit kroch, und die Tage wollten nicht enden — die Zeit eilte, sie raste, schon die Hälfte unserer Bergtage hatte sie verschlungen. Wir sprachen von vielem, aber wir dachten nur an eins. Wir berieten manches, aber wir hatten nur einen Wunsch, und dieser Wunsch musste Wirklichkeit werden.
Endlich kam eine klare Nacht. Nach kurzem Frühstück wandten wir uns um 2 Uhr zum Einstieg. Als wir am Lawinenkegel am Fusse der Wand unsere Steigeisen anziehen wollten, hörte das Flimmern der Sterne auf. Mit dem Dämmern des Morgens zogen die üblichen graunassen Wetterhexen durch die Lüfte, und wir mussten, noch nicht begonnen, unseren Plan wieder fallen lassen.
Abermals kam ein prächtiger Morgen. Wieder flimmerten die Sterne in unendlicher Klarheit. Das Gras troff noch von den letzten Regenschauern des Vortages.
Es war Montag, den 25. Juli. Um 230 Uhr verliessen wir die Oberhornalp und stiegen über grasdurchsetzte Felshänge und Moränenhalden südwärts empor zum Breithorngletscher. Beim spärlichen Licht unserer einzigen Laterne überschritten wir ihn in westöstlicher Richtung und gewannen über steile, mit messerscharfem Schotter überdeckte Moränenhalden den zirka 2300 m hoch gelegenen Schmadribrunnen, eine zwischen den Zungen des Breithorn- und des Schmadrigletschers eingelagerte, begrünte und wasser-durchflossene Moränenmulde. Als es graute, standen wir zum zweitenmal auf dem Lawinenkegel am Fusse der Wand in 2550 m Höhe. 1215 m trennten uns von dem sich über uns reckenden Gipfel.
Hier hatten wir erstmals Gelegenheit, die Wand aus nächster Nähe zu studieren, suchenden Auges den Weg zu verfolgen, den wir gehen wollten: Durch den unteren Teil der Wand zieht ein steiler, beiderseits von Felsbollwerken eingesäumter Gletscherarm bis zum letzten Schrund ( zirka 2900 m ) empor. Darüber setzt eine ausserordentlich steile Eiswand an, die sich in nahezu gleichmässiger Neigung, teilweise von Felsbollwerken durchsetzt, bis unter die felsige Gipfelwand aufschwingt. Der naturgegebene Anstieg musste vom Lawinenkegel am Fusse der Wand in der Fallirne der Scharte zwischen West- und Hauptgipfel bis oberhalb der in drei Fünftel der Wand- höhe eingelagerten Felsbollwerke emporführen. Über den Weiterweg von dort zum Gipfel konnten wir uns noch nicht schlüssig werden. Sollten wir zur Scharte emporsteigen? Zweifellos wäre dies möglich gewesen. Aber gelang es uns dann, den senkrechten bisher noch nicht begangenen Grataufschwung zum Hauptgipfel zu bezwingen? Oder sollten wir die Gipfelwand direkt angehen? Bei trockenen Felsen ja! Aber jetzt, nach einer wochenlangen Schlechtwetterperiode, die einen weissen Neuschneemantel über die Flanken der Berge gebreitet hatte? Oder sollten wir die Gipfelwand zur Linken umgehen? Dieser Weg musste auf jeden Fall möglich sein. Er sollte begangen werden, wenn die Gipfelwand sich als unangreifbar erwies.
Auf einem Eisblock hockend, zogen wir unsere Steigeisen an, dann gingen wir in zwei Zweierpartien die Wand an. Rasch stiegen wir über die untersten, von seichten Lawinenfurchen durchpflügten Firnhänge empor. Mehrere Schrunde hemmten für kurze Zeit unseren Ansturm. Um 715 Uhr standen wir vor dem obersten Schrund.
Die Überwindung dieses Hindernisses bot ernstliche Schwierigkeiten. Ich schlug Kerben für die Hände, Löcher für die Füsse in die jenseitige Firnwand, schob mich katzenartig hoch, rammte den Pickel in den obersten Spaltenrand, eine Rückstemme, und ich war oben.
Nun standen wir an dem Beginn der unheimlich steilen Eiswand, die in nahezu gleichmässiger Neigung bis unter die Gipfelwand emporzieht, jener Wand, von der wir glaubten, sie mit Steigeisen in wenigen Stunden meistern zu können. Firn hofften wir zu finden; hartes Eis trafen wir an, das nur von einer fingerdicken Lage lockeren Schnees bedeckt war. Das war eine bittere Enttäuschung.
Beim frühen Aufstehen hatte ich gehofft, am Nachmittag schon im gleissenden Gipfelfirn des Grosshorns zu stehen. Wenn ich gewusst hätte, dass unser nächster Lunch erst drei Tage später im Lötschental erfolgen würde, dass uns die übrige Zeit das Grosshorn in seinem Bann halten und uns erst nach härtestem Kampf die Wand preisgeben würde — ich hätte mich zumindest anders ausgerüstet.
Vorläufig rangen wir noch hoffnungsfreudig dem zähen Element Stufe um Stufe ab und legten Kehre um Kehre in die steile Wand. Kameradschaftlich teilten wir uns in die harte Arbeit. Weizenbach ging die ersten beiden Seillängen voran, ich löste ihn während der nächsten zwei ab, dann kam die Partie Drexel-Rudy an die Reihe.
Wir kamen so dem Gipfel zwar näher, näher schon, doch nah kamen wir ihm nicht. Wieder löste ich im Vortritt ab, und mein rassiger Willischpickel biss sich wütend ins spröde Eis. Dünne durchsichtige Schollen, dicke, klotzige Brocken der gläsernen, grauen Schicht brachen los und jagten klirrend und polternd in tollen Sprüngen in die jähe Tiefe.
Während der jeweils Erste, in schmalen Kerben stehend, seine ganze Kraft auf die Schaffung der Himmelsleiter konzentrierte, machte der Zweite Manöver, die ein Sichern andeuten sollten,... andeuten, mehr konnte das nicht sein. Es hätte schon eine Möglichkeit gegeben, unseren Weg durch die grossartige Steile der Wand sicherer zu gestalten. Wir hatten die Werk- zeuge bei der Hand. Doch, wenn wir diese Möglichkeit gewählt hätten, wenn wir Haken um Haken ins spröde Eis getrieben und wieder herausgehauen hätten, wie viele Stunden mehr hätte uns dann die Wand gekostet?
Auf einer wunderbaren Leiter aus weissem, hartem Kristall zwischen Himmel und Erde stehend, durften wir nie unsere Lage vergessen, konnten wir uns nie entspannen. Oft jagten dünne Schlangen weissen Pulverschnees über uns hinweg, füllten die flimmernde Luft mit glitzerndem Schneestaub und zogen rasend weiter über die blanke Eisfläche. Und wenn wieder eine so wilde, kleine Staublawine heranjagte, mussten wir uns zusammenreissen und unser ganzes Augenmerk dem « Wie bleibe ich stehen? » widmen.
Mit der Annäherung an die Felsen der Mittelzone nahm die Neigung der Wand noch einige Grade zu. Wir durchstiegen die Engstelle zwischen den die Wand sperrenden Felsbollwerken und erreichten einen riesigen Felsquader, der hier aus der Eiswand herausragt. Sein Rücken bot spärlichen Platz für vier; unsere Beine liessen wir über dem Abgrund baumeln.
Wir nahmen einen kleinen Imbiss zu uns und berieten unsere Lage: Würde es möglich sein, heute noch aus der Wand zu kommen? Es war 2 Uhr nachmittags. An eine Durchsteigung der Gipfelwand war nicht zu denken, das erkannten wir jetzt klar; aber wenn wir die Eiswand zur Linken in Angriff nähmen? Wenn die Schneeverhältnisse, die Eisbeschaffenheit im oberen Wandteil günstiger wären wie im unteren, vielleicht gelänge es uns doch, noch am heutigen Tage den Gipfel zu erreichen?
Während wir noch beratschlagten, trat Weizenbach schon den Weiterweg an. Wieder reihte sich Stufe an Stufe, schmäler, kleiner, weiter voneinander entfernt; wir mussten Zeit und Kraft sparen. Wieder kamen wir höher, der Gipfel aber blieb in unnahbarer Ferne. Wir strebten nach links einer Steilrinne zu, welche das zweite Felsbollwerk der Wand durchreiset, arbeiteten uns über vereisten Fels empor, erklommen in harter Arbeit eine felsige Kante zur Linken der Rinne. Wir hatten die zweite Felszone überwunden. Eine Seillänge weit verfolgten wir noch eine steile Firnrippe, dann hielten wir inne.
Im harten Kampf hatten wir nicht bemerkt, wie die Stunden des Tages zerrannen, hatten nicht beachtet, wie Wolkenbänke sich von Westen heranschoben, wie die Dämmerung in die Niederungen kroch. Noch leuchtete der Westen in allen Schattierungen von Rot und Gelb; allmählich aber verlor er seine Farbe, wurde matt, grau. Aus den Tälern schlichen dunkle Schatten empor, der letzte Schimmer des Tages verglomm an den Zinnen der Berge.
In schwarzer Nacht gruben wir in die Firnrippe eine Höhle. Bald stiessen wir auf hartes, gläsernes Eis, das uns tagsüber so viele Schweissperlen gekostet hatte, fanden fast unüberwindlichen Widerstand und mussten uns mit dem kleinsten Raume zufrieden geben.
Noch hatten wir nicht unseren Battistsack fallen lassen, der als Vorhang zum Abschluss des Eingangs angebracht worden war, noch starrten wir ein wenig benommen von Arbeit und Ergebnis des Tages in die Weite, fanden die Sterne am Himmel nicht mehr, suchten und fanden leuchtende Punkte im Tal.
Eisige Kälte drang in unseren Unterschlupf. Wir liessen den Vorhang herunter. Auf einem kleinen Metakocher, den wir auf dem Schosse hielten, bereiteten wir uns etwas Tee. Bei Musterung der Proviantvorräte zeigte sich, dass Weizenbach in ahnender Voraussicht und aus überlegener Erfahrung am besten ausgerüstet war. Von seinem Proviant lebten wir während der nächsten 36 Stunden.
Durch die Körperwärme begann der Firn um uns zu schmelzen. In kleinen eisigen Rinnsalen rieselte das Wasser über unsere Rücken herab, sammelte sich am Boden der Höhle zu kleinen Lachen an. Unsere Kleider wurden vollkommen durchnässt.
Als der Morgen graute, machte uns die Freude, aus der drangvoll fürchterlichen Enge zu kommen, tatkräftig. Wir traten ins Freie. Graue Nebel umgaben uns, Schnee trieb uns ins Gesicht. Unsere wassergetränkten Kleider froren zu steifen Ritterrüstungen zusammen; Hände und Füsse waren kalt.
Um 7 Uhr begann Weizenbach, wieder einmal als Erster, den zweiten Tag. In dichtem Nebel, der nur die Sicht für eine Seillänge freigab, stiegen wir durch die Eiswand nach links an. Wieder zerrannen die Stunden in Windeseile. Gegen Mittag tauchte hinter grauen Schleiern ein dunkles Gebilde auf, bekam Form und Gestalt. Das musste der Felssporn sein, der die Gipfelwand links begrenzt. Am Rande der Felsen stiegen wir hoch, spurten in weicher werdendem Firn, den Pickel nur noch als Sicherung benützend, in das immer heller werdende, diffuse Licht hinein. Wir sahen nichts, wir wussten nur, dass wir höher kamen. Die Neigung wurde flacher, aufspringender Wind verriet uns die Nähe des Grates. Noch einige Seillängen stapften wir rechts haltend empor. Wir mussten uns in nächster Nähe des Gipfels befinden.
Zögernd hielten wir inne. Hin und wieder glaubten wir für Sekunden, zur Linken eine Gratlinie zu erkennen. Wir ahnten, dass dieser Grat stark überwächtet sein müsse. Sollten wir weiter vordringen? Sollten wir einen Wächtensturz riskieren und den Gipfel suchen? Sollten wir im unbekannten Gelände ohne jegliche Sicht den Abstieg versuchen? Es schien aussichtslos, bei diesen Verhältnissen den Weg ins Tal zu finden.
Um 230 Uhr fingen wir an, zum zweitenmal eine Firnhöhle zu bauen, diesmal gross und geräumig. Wir hatten ja Zeit.
Die Beiwacht war bitter und lang. Als der junge Tag erwachte, waren die Berge frei von Nebeln. Zwar heulten kalte Böen über den Gipfel des Grosshorns, zwar lachte uns die Sonne noch lange nicht wärmend an, doch wir waren zufrieden und glücklich, waren voll Siegesfreude. Sahen wir doch nun unseren Gipfel, kaum eine Seillänge von uns entfernt. Alle Mühsal war vergessen; unser Traum war Wirklichkeit, unser Kampf war Sieg geworden.
Es war zu kalt, als dass wir uns auf dem Gipfel hätten lange aufhalten mögen. Ein steiler, wächtengekrönter Grat, der Südgrat des Grosshorns, führte uns in der gleichen Anzahl von Stunden zutal, die wir Tage durch die Wand gebraucht hatten. Über grüne Matten kamen wir zur Fafleralp, erreichten auf breiten Wegen Blatten im Lötschental. Das war am dritten Tag nach unserem Aufbruch von der Oberhornalp.E. S.