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Sex, Lügen und blumige Briefe
di Beat Mazenauer
Pubblicato il 10/08/2015
Die turbulenten Zwanzigerjahre weckten utopische Ideen und zerstörten gleichzeitig alle Illusionen. In diesem Spannungsfeld von Aufschwung und Depression begegnen wir Eugen Esslinger im Roman Vierfleck oder Das Glück. Der Sohn eines reichen jüdischen Miederwarenfabrikanten lebte viele Jahre frei von finanziellen Sorgen. Sein Leben kreiste um Reisen, Feste und untaugliche Versuche, ein eigenes Geschäft aufzuziehen. Doch mit einem Mal rafften Krieg und Krise das ererbte Vermögen hinweg. Unter neuen Umständen konnte er seiner Frau Mila und seinen Kindern keine Annehmlichkeiten mehr bieten. So räumte Eugen Esslinger seinen Platz für den aufstrebenden Heinrich Zimmer: Dozent, später Professor für Indologie und in einer Heidelberger Behausung Nachbar von Mila und Eugen. Ein «magischer» Verbindungsschrank zwischen ihren Wohnräumen liess Heinrich Zimmer heimlich mit Mila Esslinger nähere Bekanntschaft schliessen, schon bald mit sichtbaren Folgen. Milas drei Kinder hatten Heinrich zum Vater, was Eugen nicht sonderlich störte, weil er sich ohnehin von Männern angezogen fühlte. So wurde die Ehe für alle Beteiligten zur perfekten Tarnung, und sie sollte es bleiben, als Heinrich seine Verlobte Christiane, geborene von Hofmannsthal und Tochter des Dichters, heiratete. Mit ihr zeugte er ebenfalls drei Kinder, dennoch billigte Christiane die Liaison mit Mila.
«Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt», notiert Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften in ihr Tagebuch. Das Zitat stimmt auch für diese ménage à quatre, die im Gegensatz zu Goethes Entwurf sogar zu glücken schien. Christiane hielt ihr Erbe mit Bedacht zusammen, Mila brachte ihre Kinder durch und der selbstbewusste Heinrich bediente beide Frauen mit Charme und Männlichkeit. Nur Eugen Esslinger verschwand nach und nach im rauschenden Hintergrund der Epoche, in der politische Unrast aufkam und ein neuer Krieg drohte.
Katharina Geiser erzählt die Geschichte von Christiane und Heinrich Zimmer (1890-1943) sowie von Mila und Eugen Esslinger (1871-1944) aus der Hinterlassenschaft des letzteren. Esslingers Tochter Maya – als Mädchen im Buch Mücke genannt und Geisers ehemalige Lehrerin für Deutsch – hat der Autorin Einblick in diese ungewöhnliche Paarkonstellation vermittelt. Allem voran 1700 Briefe Heinrich Zimmers an seine Geliebte Mila zeichnen das Bild eines unverbesserlichen Erotomanen. Zur Liebe wie zum Beruf, ja zu «allen Dingen, zu denen er überhaupt in einer Verbindung steht, hat er eine rein erotische Beziehung». In der «Sinnlichkeitsweltgewandtheit» lag auch seine Originalität als Wissenschaftler begründet. Heinrich Zimmer kristallisiert sich mehr und mehr als dominante, auch ambivalente Figur heraus, der ehrgeizig und egoistisch seinen Interessen nachging und dennoch der Liebe zweier Frauen gerecht zu werden schien. Dabei war sich die begüterte Christiane nie zu schade, immer wieder auch Mila mit Geld und Geschenken zu versorgen. Neben Zimmer blieb für Esslinger bloss noch die Nebenrolle des bescheidenen Versagers. Als väterlicher Beistand für seine Kinder, «aus Liebe zu meiner Frau», erntete er bestenfalls Undank. Die Viererbeziehung wandelte sich zum Dreiecksverhältnis, mit Eugen Esslinger als demütigem, zuweilen auch gedemütigtem Zeugen aussen vor. Gerade deshalb fällt ihm Katharina Geisers Zuneigung zu.
Vierfleck oder Das Glück greift einen superben Stoff auf und erzählt ihn mit nüchterner Zurückhaltung. Katharina Geiser bewegt ihre Figuren wie auf einem Spielfeld der Gefühle, ohne selbst in Emphase zu geraten. Im Unterschied zu ihrem emotional gefärbten Roman Diese Gezeiten (2011) konzentriert sie hier den Stoff weniger auf ein zentrales Geschehen hin, sondern zerstreut die vier Leben in kurzen, jeweils mit einer Jahreszahl überschriebenen Kapiteln, die keiner strengen Chronologie gehorchen. Die einzelnen Episoden überlappen sich manchmal und häufiger lassen sie Leerstellen, in denen das Geheimnis ihrer Figuren ungesagt bleibt. Dieses Nichtwissen steckt auch im titelgebenden Leitmotiv. Der Vierfleck ist eine Libellenart, die in Schwärmen zu beobachten sei, wobei niemand wisse, wohin diese Schwärme ziehen und warum die Libellen überhaupt ausschwärmen würden.
Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen gleichen sich die Schicksale der beiden Männer an. Die Naziherrschaft brandmarkte sowohl den Juden Esslinger wie den von «nicht-arischer Versippung» betroffenen Zimmer. Beide emigrierten. Eugen Esslinger landete in der Schweiz, wo er ein Bleiberecht erhielt. Um seine Kinder vom jüdischen Makel zu befreien, willigte er in die Scheidung ein. Verarmt und verlassen starb er 1944 in Fribourg, um wenige Monate nach Heinrich Zimmer, der in den USA eine Stellung in Aussicht hatte, die er wegen seines frühen Todes nicht mehr antreten konnte.
Von den politischen Vorgängen ist im Buch freilich nur andeutungsweise die Rede, die Erzählung konzentriert sich sachlich auf die Protagonisten und ihre «Liebschaftskompliziertheiten». Nur hin und wieder fängt der Text Feuer, wenn Heinrich Zimmer an seine Mila schreibt. Auf einmal blühen Metaphern und emphatische Liebesschwüre. Katharina Geiser greift hier – mutmasslich – auf den Briefschatz zurück, in den sie Einblick erhalten hat. Mutmasslich deshalb, weil sie in ihrem Text nicht explizit zwischen Erzählung, Zitat und Hinzufügung aus eigener dichterischer Imagination unterscheidet. Dadurch gewinnen die Figuren ein fiktives Eigenleben, worin eine stärke dieses Buch liegt. Das hat zugleich zur Folge, dass die politischen Hintergründe wie auch die Begegnungen mit realen historischen Persönlichkeiten – etwa dem «Schweinskopf C.G. Jung» oder dem «Vogelkopf Hesse» – eher plakativ ausgearbeitet wirken.
Ihr Verfahren deutet die Autorin unterschwellig in einer Bemerkung über die philologische Methode Zimmers an, dem die Exaktheit des Erinnerns abgehe, wodurch die Dinge in seinem Gedächtnis verschieben und so «einen neuen Sinn» erhalten würden – was den guten Schriftsteller auszeichne. Vierfleck oder Das Glück rekonstruiert vier Lebensgeschichten mit literarischer Freizügigkeit und ohne den Anspruch zur Wahrheit. «Glücklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des Unglücks fassen; was darüber hinausgeht, vernichtet ihn oder lässt ihn gleichgültig», heisst es in Goethes Wahlverwandtschaften. Wenigstens dieses Glück konnte Eugen Esslinger für sich in Anspruch nehmen, indem er überlebte ohne gleichgültig zu werden. Das adelt seine Biographie.