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Die Umfragen zu den Abstimmungen vom 27. September zeigen, dass die Initiative "für massvolle Einwanderung" von einer Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten abgelehnt wird. In der italienischen Schweiz ist die Ja-Front stärker als anderswo. Ein Unternehmer aus dem italienischsprachigen Teil Graubündens ist überzeugt von der Notwendigkeit, der Freizügigkeit Grenzen zu setzen.Dieser Inhalt wurde am 17. September 2020 - 11:08 publiziert
Brusio ist eine Gemeinde mit etwa 1100 Einwohnerinnen und Einwohnern im Kanton Graubünden, im Puschlav an der Grenze zu Italien. Man spricht Italienisch. "Grenzbewohner, unternehmungslustig und freundlich", steht auf der Website der Gemeinde zu lesen.
Die Beziehungen zum benachbarten Veltlin haben jahrhundertealte Wurzeln und sind immer noch sehr intensiv. Die Bewohnerinnen und Bewohner der grenznahen Gebiete haben oft familiäre Bindungen.
Grenzland
Zu Spitzenzeiten überqueren fast tausend Angestellte aus Italien die Grenze, um in Brusio und im übrigen Valposchiavo zu arbeiten. Andere überqueren gar täglich den Berninapass, um ins Engadin zu gelangen.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verdankte Brusio seine wirtschaftliche Entwicklung vor allem seiner Grenznähe. Im unteren Puschlav gab es verschiedene kommerzielle Aktivitäten. Und zumindest bis in die 1970er-Jahre florierte auch eine intensive Schmuggelaktivität, speziell mit Kaffee und Zigaretten.
Heute ist das wirtschaftliche Gefüge der Gemeinde noch immer dynamisch. Aber Brusio muss, wie viele andere Peripherien und Berggebiete, mit einem fortschreitenden demografischen Rückgang rechnen.
Politisch erlebte Brusio in den letzten Jahren einen rasanten Aufstieg der Schweizerischen Volkspartei (SVP), der konservativen und antieuropäischen Rechten. Bei den Nationalratswahlen 2019 erhielten die verschiedenen Listen der Partei in der Gemeinde mehr als 50% Zustimmung.
Ein innovativer Unternehmer
In diesen Bergen wurde 1969 Dario Cao geboren. Nach der obligatorischen Schule erlernte er das Handwerk des Spenglers und Klempners. Anfang der 1990er-Jahre machte er sich selbständig. Einige Jahre später begann er, sich für Solarenergie zu interessieren. Es war der Beginn einer langen unternehmerischen Karriere. 2010 wurde er mit dem Schweizer Solarpreis für die Renovierung eines Hotels im Engadin ausgezeichnet.
Damals gehörte Cao zu den ersten lokalen Unternehmern, die versuchten, sich auf dem italienischen Markt zu etablieren. Mit dem Rat der Region Valposchiavo und dank dem Abkommen über den freien Personenverkehr zwischen der Schweiz und der Europäischen Union. Er wurde oft als Beispiel für die neuen Möglichkeiten angeführt, die sich für kleine und mittlere Unternehmen in den Grenzregionen eröffneten.
"Eine Zeit lang hatten wir 20-25% unserer Aktivitäten in Italien", sagte er während eines Interviews im Jahr 2012. Doch der anfängliche Enthusiasmus kollidierte bald mit dem ungünstigen Wechselkurs zwischen Euro und Franken. Und vor allem mit bürokratischen Hindernissen.
Bürokratische Hürden
Heute schaut er mit grosser Skepsis auf diese Erfahrung zurück. "Als man mir vorschlug, das Versuchskaninchen zu spielen und in Italien arbeiten zu gehen, war ich sehr enthusiastisch. Nach mehr als zehn Jahren kann ich sagen, dass es nicht möglich ist", sagt er.
"Die verschlungenen Wege der italienischen Bürokratie zwangen mich zur Aufgabe." Seiner Ansicht nach unternimmt Europa, und in diesem Fall Italien, nichts, um die Freizügigkeit wirklich auf Gegenseitigkeit beruhen zu lassen.
Cao ist seit vielen Jahren Mitglied der SVP und stellvertretender Abgeordneter des Grossen Rats, des kantonalen Parlaments. Er teilt voll und ganz die Haltung seiner Partei zu Europa und zur Einwanderung. Und er lässt keinen Zweifel an seiner bedingungslosen Unterstützung für die Begrenzungs-Initiative. Seine Erfahrung als Unternehmer auf dem italienischen Markt bestätige ihn darin.
"Schlaumeier vom Dienst"
In seiner täglichen Arbeit auf den Baustellen sieht sich Cao oft mit einem Mangel an Präzision und Respekt für die Arbeit anderer konfrontiert. Er schreibt dies der Kultur zu. "Es ist sehr deprimierend", sagt er.
Dennoch beschäftigt er in seinem Unternehmen zahlreiche Grenzgängerinnen und Grenzgänger, mit denen er keine Probleme hat. "Sie kommen aus dem Veltlin, sie sind wie wir." Das eigentliche Problem seien die Ausländer, die in der Schweiz ein Unternehmen gründen würden, sagt er. Seiner Meinung nach mangelt es ihnen oft an der Professionalität und Qualität der Schweizer Unternehmen. "Es sind unsere eigenen Kunden, die den Preis zahlen."
Sollte die Initiative angenommen werden, hat der Bauunternehmer keine Angst vor einem Mangel an Arbeitskräften. Im Gegenteil: Er hofft, dass wenn "das Tempo etwas gedrosselt wird", mehr junge Schweizerinnen und Schweizer ermutigt werden, eine berufliche Laufbahn in kleinen und mittleren Unternehmen einzuschlagen. Und dass die Löhne "zum Wohle aller" steigen.
"Jetzt, wo alle diese Leute sich fast darum prügeln, um in die Schweiz zu kommen und hier zu arbeiten", sagt er, werde es immer "den Schlaumeier vom Dienst" geben, der das ausnutze, um die Löhne zu senken.
Wenn er weiter in die Ferne schaue und an seine Freunde in Genua denke, die mit ihm über eine "Invasion der Ausländer" sprechen würden, sehe er eine düstere Zukunft. "Sie sind in wirklich schlechter Verfassung", sagt er. Und er befürchtet, dass die Schweiz den gleichen Weg einschlagen werde. Der Durchschnittschweizer, der normal lebe, der täglich arbeite, der die Schweiz im Kleinen gross mache, werde den Kürzeren ziehen.