Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03295.jsonl.gz/445

Ein Beitrag von Romy Rüegger und Kerstin Schroedinger, Unterrichtsassistentinnen Bachelor Kunst & Medien, Vertiefung Mediale Künste, zum Workshop «Performance schreiben als Echo» am Showroom Z+ N˚ 4: Gender ver/handeln, 7. März 2015
Ausgehend von Charlotte Salomon’s autobiographischem Singspiel Leben? oder Theater? ein Singspiel haben wir im Workshop einen Performance-Score entwickelt und fortgeschrieben und diesen mit den Teilnehmenden zusammen umgesetzt. Ein Performance-Score ist ein Notationssystem zur Dokumentation von Performances. Die Form des Scores verhandelte für uns dabei eine Möglichkeit der historischen Bezugnahme und der Fortschreibung von Erinnerung. Wir wollten damit das Verhältnis von Performance und Performativität, historischer Bezugnahme und Zitat, auch, aber nicht nur, unter dem Aspekt von genderspezifischen Zuschreibungen befragen.
Die Malerin Charlotte Salomon (1917–1943) schuf zwischen 1940 und 1942 nach ihrer Flucht von Berlin nach Südfrankreich ihr 1325 Gouachen umfassendes Werk Leben? oder Theater? Aus diesen wählte sie 800 aus, die sie nummerierte und mit Texten und Hinweisen auf Musikstücke erläuterte. Die Arbeit wurde 1963 erstmals öffentlich gezeigt. 2012 wurden einige ausgewählte Gouachen an der Documenta 13 in Kassel gezeigt. Die Arbeit wird im jüdischen Museum in Amsterdam aufbewahrt.
Die Arbeit gleicht im Aufbau in Akte und Szenen einem Theaterstück. Sie umfasst einen Prolog, einen Hauptteil und einen Epilog. Charlotte Salomon hat dabei ihre Bilder auf fotografisch-filmischen Prinzipien aufgebaut.
Zwischen inszenierter Autobiographie und zeitbasierter Malerei gibt Leben? Oder Theater? einen vermeintlichen Ein- und Überblick über die Geschichte der jungen jüdischen Protagonistin Charlotte Kann in Deutschland und Frankreich während dem zweiten Weltkrieg. Familienkonstellationen werden dabei ebenso beschrieben wie die politischen Ereignisse und Umwälzungen jener Zeit und ihre direkten Auswirkungen auf den Lebensalltag der Figuren in Leben? Oder Theater? Die Autorin Eva Meyer hat mehrere Texte zu Charlotte Salomon geschrieben. Sie beschreibt Salomon’s Arbeit als Autobiographie, die sich fiktiver Elemente bedient und somit die Grenze zwischen Leben und Aufführung befragt.
Nach einem kurzen Überblick über den Inhalt des Buches und die künstlerischen Mittel, mit denen Charlotte Salomon gearbeitet hat, haben wir im ersten Teil des Workshops einen Aspekt innerhalb eines oder mehrerer Bilder aus dem Buch herausgestellt und isoliert: Mittels Ausschneiden, Abpausen und Herausschreiben haben die Teilnehmer_innen ausgewählt, mit welchen Elementen der Arbeit Charlotte Salomon’s sie sich während des Workshops befassen wollten.
Solche visuelle, narrative und filmische Elemente waren unter anderem: Farbe, Sound, Bewegung, Stimme, Perspektive, Text, Echo, Zeitsprung.
Diese Elemente wurden im zweiten Teil des Workshops von den Teilnehmenden auf einer Hellraumfolie aneinandergereiht und so erneut in einen bildlich-zeitlichen Ablauf gebracht. Jede_r erklärte dazu, was sie an den ausgewählten Ausschnitten interessierte. Es kamen dabei unterschiedliche Aspekte wie Silhouetten, Wiederholungen, Doppelungen, aber auch einzelne Aussagen und Zustandsbeschreibungen der Protagonist_innen von Leben? oder Theater? zur Sprache. So entstand auf der Hellraumfolie eine Neuanordnung von Elementen in zeitlicher Abfolge, verbunden durch die subjektiven Beschreibungen der Teilnehmenden. Aus dem Kreis, in dem die Teilnehmenden mit Schere, Stiften, Klebeband, Folien und Kopien hantierten, wurde nun ein zweiter Kreis bestehend aus dem Hellraumprojektor als Montagetisch.
Eine Person am linken Bildrand wird von rosafarbenem Licht von unten kommend angeleuchtet – unten befindet sich der Projektor – und sie hat beide Hände auf der Leuchtfläche des Projektors. Hinter ihr auf dem Boden in der Mitte des Bildes liegen eine Reihe von Farbfotokopien verstreut. Eine andere Person mit einer Kopie auf den überkreuzten Beinen sitzt hinter den verstreuten Kopien und blickt in Richtung Projektor. Eine weitere Person rechts von der vorigen, aber viel näher an der Kamera, sitzt mit dem Rücken zur Kamera gewandt auf dem Tisch, auf dem sich Stifte, Folien und Arbeitsmaterialien befinden. Sie wartet. Wiederum rechts von ihr sieht man die Wand der Studiobühne und darauf die Hellraumprojektion. Man sieht den Schatten der Hand der Person, die auf der Folie am Hellraumprojektor gerade ihren Beitrag montiert. Ein Grossteil der Projektionsfläche ist von einer Folie eingefärbt, die den gesamten Raum in rosafarbenes Licht taucht. Auf der Projektionsfläche sind die gezeichneten Umrisse von sechs Kindern zu sehen, die sich von der Betrachter_in abwenden, aus dem Bild heraus schauen. Der Schatten von ein paar Stühlen, die zwischen Projektor und Wand stehen.
Im dritten Teil des Workshops wurde der Raum zwischen Hellraumprojektor und Projektionsfläche freigeräumt, sodass er als Performancefläche genutzt werden konnte. Während die Folie ‹abgespielt›, also weitergedreht wurde, bewegten sich die Teilnehmer_innen einzeln in die Projektion der von ihnen ausgewählten Elemente hinein und haben so durch die Überlagerung von Projektion, Körper und Bewegung kurze Bewegungs-Bildkonstellationen hergestellt. Dabei stellten die Teilnehmer_innen erneut Aspekte des ausgesuchten Materials aus Leben? Oder Theater? heraus und befragten dieses sowohl in seiner Materialität, wie auch in seinem narrativ-verweisenden Potential im Bezug auf die eigene Körperlichkeit und das spontan abgerufene Bewegungsrepertoire sowie in Bezugnahme auf die Interaktionen der anderen Teilnehmer_innen. Die Folie wurde also zum Performance-Score.
Eine andere Person am linken Bildrand steht seitlich neben dem Hellraumprojektor (sie dreht die Folie weiter). Rechts von ihr im Bildhintergrund sitzen drei Personen, die alle die Köpfe zur rechten Bildhälfte gedreht haben. Die linke Seite des Bildes ist recht dunkel. Etwa in der Mitte des Bildes steht eine Person mit einer bunten Bluse. Sie wird von der Projektion angeleuchtet. Ihr Oberkörper ist nach vorne geneigt und die Arme sind ausgestreckt, wobei die Hände parallel zueinander und die Handflächen nach unten weisen. Wiederum rechts von ihr sieht man die helle Fläche der Projektion, darin der Schatten der Teilnehmer_in. Ihre ausgestreckten Hände fassen im projizierten Bild eine blaue Linie, die von unten nach oben durchs Bild geht, nach. Im Bild sind die Umrisse einer Engelfigur gezeichnet, oben sieht man zwei orangefarbene krakelige horizontale Linien, die aufeinander zulaufen. Am unteren Rand der Projektion ist eine weitere Figur dargestellt, deren Oberkörper gelb ausgefüllt ist.
Nach einer kurzen Diskussionsrunde haben wir zum Abschluss den Score noch einmal ‹aufgeführt›, also die Folie ein zweites Mal von Anfang bis Ende gedreht. Diesmal konnten alle selbst entscheiden, zu welchen Abschnitten sie sich positionieren oder bewegen wollten. Die räumliche Involvierung der Körper der Beteiligten inner- und ausserhalb des Projizierten hat dabei verschiedene Möglichkeiten der Auf- und Umlagerung, der Befragung und Aktualisierung der Bilder, Bildtexte und Texte hervorgebracht.
In diesem Versuch, gemeinsam flüchtige Lesarten des Erzählten anhand der Körperlichkeit und räumlichen Involviertheit der Teilnehmenden vorzuschlagen, wurde deutlich, dass Gender als ein mögliches Element von Erinnerung und Aufführung immer in Konstellation mit spezifischen räumlichen, zeitlichen und sozialen Umständen in den Raum der Erzählung tritt und diesen mit-, um- oder fortschreibt. In dem von uns vorgeschlagenen Setting liess sich dies ausprobieren, ohne dabei Figuren zu verkörpern oder Fragmentarisches zu vervollständigen, sondern eher entlang möglicher Konstellationen von Materialität und Performativität zu verwirklichen und die Befragungen prosaischer und bildlicher Ordnungen, wie sie in Charlotte Salomon’s Arbeit angelegt sind, fortzuführen und ins Jetzt zu verschieben.
Im Dokumentationsbild sind nun von links bis ins zweite Drittel des Bildes eine Reihe von Personen zu sehen: links in der Unschärfe die Person vor dem Projektor, daneben in die Tiefe des Raums nach hinten gruppiert eine Reihe von Personen, die alle zur linken Bildhälfte blicken. In der Bildmitte sind drei Personen mit dem Rücken zur Kamera gewandt in Bewegung zu sehen. Sie haben ihre Arme erhoben und strecken jeweils einen Arm zu einem gemeinsamen Punkt, der von ihnen verdeckt wird, hin. Sie sind teilweise von der Projektion erhellt, die ihre Köpfe in blaues Licht färbt. Eine von ihnen geht aus dem von ihnen gebildeten Kreis und der Kamera zugewandt an ihnen vorbei. Links von ihnen sieht man einen Ausschnitt der Projektion und die Schatten der Bewegungen. Die Silhouette einer Person, die einen Arm um ihren Körper schwingt. Die Projektion ist oben mit einer blauen Folie eingefärbt und mit scherenschnittförmigen Ausschnitten, die Textfragmente überdecken. Die Form ist nicht zu erkennen. Die Tischkante am unteren Bildrand zeigt auf die Personengruppe in der Bildmitte.
Der Score hat in diesem Workshop eine Scharnierfunktion erhalten: Als filmische Folie dokumentiert es die Nachzeichnungen, Ausschnitte und Neukombinationen der Workshopteilnehmer_innen auf der Zeitebene. Gleichzeitig bietet der Score, durch seine Materialität als Projektion angelegt, Möglichkeit für räumliche Bezugnahmen, sowohl auf den Workshop, wie auf die darin entstandenen performativen Momente zwischen den ausgewählten Materialien selbst.