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Die Brücke im Nordwesten von Nanjing spannt sich in einer Länge von knapp sieben Kilometern über den mächtigen Jangtsekiang. Doch von der Zufahrt aus, wo mich der Taxifahrer absetzte, glich sie eher einer gespenstischen Erscheinung, die sich im Monsundunst auflöste und in ein Nirgendwo führte. Es war ein irritierender Anblick, diese halbe Brücke, die, wie von einem Surrealisten gemalt, im Nichts endete. Später fand ich heraus, dass sie aus 500 000 Tonnen Zement und einer Million Tonnen Stahl besteht, eine doppelstöckige Konstruktion mit vier Fahrspuren auf dem oberen Geschoss und zwei Eisenbahngleisen auf dem unteren, täglich benutzt von Tausenden Fahrzeugen und Menschen. Doch jetzt wurde sie von den Wolken erfasst, und ein scharfer Schwefel- und Fischgestank lag in der Luft. Es regnete Bindfäden.
Genutzt wurde sie auch auf andere Weise: Mindestens einmal pro Woche springt jemand von dort oben in den Tod. Genaue Zahlen liegen nicht vor, auch deswegen, weil all jene, die den Fluss verfehlen, von den Behörden nicht gezählt werden, all jene, die in den Bäumen am Ufer oder auf dem Betonstreifen unter der Brücke landen oder tot im Schlamm aufgefunden werden, einen halben Meter vom Wasser entfernt.
Chen stand am Südturm, hatte ein Bäuchlein, schwarze Zähne und einen schlimmen Raucherhusten. Unablässig wanderten seine Augen umher, selbst wenn er eine seiner billigen Nanjing-Zigaretten rauchte. Vor sechs Jahren hatte er in der Zeitung einen Bericht über die Brücke gelesen, von der es Selbstmörder regnete. Und seitdem stand er auf der Brücke, wenn er nicht in seinem eigentlichen Job als Angestellter eines Transportunternehmens arbeitete, und zog Lebensmüde vom Geländer weg. Mehr als 174 Menschen hatte er bereits gerettet – und sich den Ruf eines barmherzigen Samariters erworben.
Seine Mission hatte etwas Absurdes: Wie wollte er auf einer knapp sieben Kilometer langen Brücke die Todeskandidaten erkennen? Zeichneten sie sich durch etwas aus, was nur er sehen konnte? Und das Fernglas, bei einer Sichtweite von fünfzig Metern, war das wirklich sein Ernst? Als ich mich vorstellte, reagierte er unwirsch: «Nicht jetzt, ich habe zu tun.» Dann hob er das Fernglas an die Augen, drehte an der Feineinstellung und starrte auf die Menschenmenge, als suche er jenen flüchtigen Infrarotfunken der Verzweiflung, jenen Moment, in dem er heldenhaft eingreifen würde.
Genau in diesem Moment huschte ein grüner Schatten an uns vorbei. Ich achtete nicht auf den Mann, bis er vielleicht zwanzig Schritte vor uns war, dort, wo die Brücke zum ersten Mal über Wasser ist. Er blieb stehen, beide Hände auf dem Geländer, und schwang ein Bein hinauf. Er klemmte den Fuss in eine Sprosse, hievte sich hoch und lag bald auf dem Geländer. Die Leute gingen mit gesenktem Blick an ihm vorbei, bemerkten ihn offenbar nicht. Und nun machte der grüne Mann Anstalten, sich über das Geländer zu rollen, ich wusste nun, dass ich nicht träumte und dass er sich in den Tod stürzen würde. Ich rief ihm etwas zu und rannte los.
»Er blieb stehen, beide Hände auf dem Geländer, und schwang ein Bein hinauf.«
Der grüne Mann schob sich schon zur anderen Seite, wie auf dem Kamm einer Welle, halb hatte er schon losgelassen. Ich stemmte mich gegen den Betonsockel des Geländers und zog den Mann mit aller Kraft vom Geländer zurück. Der Körper, steif und willenlos wie ein Sack Sägespäne, plumpste in die reale Welt und nahm wieder seine menschlichen Proportionen an. Der Mann roch nach Alkohol und machte einen heruntergekommenen Eindruck. Er wartete nicht auf Fragen, es strömte nur so aus ihm heraus: «Ich wollte Schluss machen, weil mein Vater furchtbar krank ist und wir kein Geld für seine Behandlung haben.» Passanten blieben stehen, drängten sich um uns. Und nun stand ich da und hielt den grüngekleideten Mann namens Fan Ping fest.
Schliesslich schaltete sich Chen ein. Er sagte, ich solle den Mann loslassen, was mir überhaupt nicht gefiel. Chen funkelte Fan Ping an, der mit hängenden Schultern und geröteten Augen dastand, und rief: «Ich sollte Ihnen ins Gesicht schlagen. Sie bezeichnen sich als Familienmensch, als Sohn, als Chinese. Wenn Ihr Vater nicht in der Armee gewesen wäre und Sie nicht gerade versucht hätten, sich das Leben zu nehmen, würde ich Sie verprügeln. Haben Sie keinen Verstand – oder wollen Sie einfach keine Verantwortung für sich übernehmen? Zeigen Sie mir Ihren Ausweis.»
Es war nicht zu verbergen: Meine Hände zitterten. Ich befand mich ausserhalb meines Körpers, schwebte in der Luft, sah von dort oben, wie Fan Ping von Chen in einen Bus gesetzt wurde, wie er in seinen erbärmlichen Schuhen nach hinten schlurfte, sich auf einen Fensterplatz setzte und unverwandt nach vorn schaute. Der Bus fuhr stotternd los und war bald in einer grauen Abgaswolke verschwunden. In diesem Moment landete ich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ich drehte mich um und lief die Brücke hinunter bis zu der Stelle, wo Fan Ping sich beinahe hinuntergestürzt hätte. Als ich am Geländer stand und hinunterblickte in den dunklen, aufgewühlten Fluss, wären mir die mittäglichen Nudeln fast wieder hochgekommen.
Diesen Sturz hätte er nicht überlebt. Und aus irgendeinem Grund empfand ich plötzlich einen deutlichen Verlust, auch wenn niemand gestorben war. Mir war, als sei ich einen kurzen Moment zu spät gekommen, auch wenn ich im richtigen Moment da gewesen war. Ich dachte nicht an Fan Ping, sondern an alle anderen – in mir und fern von mir –, die sich umgebracht hatten. Fan Ping vom Geländer herunterzuholen, hatte mich nicht beruhigt, sondern, im Gegenteil, dem Tod nähergebracht. Chen war keine Witzfigur, er trug so viel Schmerz in sich.
Noch Monate später, nach meiner Heimreise, erinnerte ich mich an Herrn Chen, sah ihn am Südturm Wache stehen und die Menschenmassen beobachten. Also rufe ich ihn an. Er erzählt, er habe monatelang Fan Pings Nummer gewählt, aber der Anschluss sei nicht mehr in Betrieb gewesen. Da kann man nichts machen, sagt Chen.
Ich bin sicher, er wird Fan Ping retten. So wie er kürzlich einen Vater, einige Studenten und eine psychisch gestörte Frau gerettet hat. Er weiss, wie Fan Ping aussieht. In glühender Hitze und bei heftigem Monsun steht er wachsam auf der Brücke, sucht die Menge nach Fan Ping ab und all den anderen, die an einen Abgang denken. Auf sie alle wird er warten – auch auf Sie und auf mich –, das Fernglas auf unsere undeutlichen Gesichter gerichtet, auf uns, die wir versuchen, das Schimmern auf der Oberfläche des Flusses zu deuten. Fragt sich nur, ob er rechtzeitig zur Stelle sein wird.
Nanjing ist eine der chinesischen Millionenstädte, die den Aufbruch in ein neues Wirtschaftszeitalter teuer bezahlen. Smog, ein allgegenwärtiger Gestank und eine rekordhohe Suizidrate sind die traurige Realität, die dem grenzenlosen Wachstum folgen. Auf einer für Selbstmordkandidaten beliebten Brücke hält Herr Chen Wache, bringt die Lebensmüden davon ab, in die Tiefe zu stürzen. Schon mehr als 174 Menschen hat er das Leben gerettet und er gilt deshalb als der «Schutzengel von Nanjing».
Die vollständige Reportage «Im letzten Augenblick», die hier in stark gekürzter Form vorliegt, erschien als deutscher Erstabdruck in der Ausgabe #17 von REPORTAGEN, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht REPORTAGEN sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und Orten.
REPORTAGEN gibt es als Jahres-Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com, sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.