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Interview mit dem Referenten Prof. Markus Freitag
SGG: Markus Freitag, Sie sind mit der SGG eng verbunden. Im Moment führen Sie mit Ihrem Institut für Politikwissenschaft an der Uni Bern im Auftrag der SGG den dritten Freiwilligen-Monitor durch. [nbsp]Ihre Erkenntnisse aus den Befragungen zum Thema Freiwilligenarbeit sind auch eingeflossen in Ihr jüngstes Buch Das soziale Kapital der Schweiz. Was sagt das soziale Kapital über ein Land bzw. eine Gesellschaft aus?
Freitag: Das soziale Kapital einer Gesellschaft gibt Auskunft über die Stärke des sozialen Miteinanders und des Zusammenhalts in einem Land. Sozialkapital beschreibt den Wert dieser sozialen Beziehungen. Von diesem sozialen Kitt und Vitamin B können Einzelne wie ganze Gruppen, Gemeinden, Kantone oder Nationen profitieren und Erfolge in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erzielen.
SGG: Wie fit ist der Kitt in der Schweiz? In welchen Bereichen sind im internationalen Vergleich der soziale Kitt und das berühmte Vitamin B in der Schweizer Gesellschaft besonders stark ausgeprägt, in welchen Bereichen eher schwach?
Freitag: Im internationalen Vergleich erreicht die Schweiz bei verschiedenen Gesichtspunkten des Sozialkapitals vergleichsweise hohe Werte und reiht sich damit ohne grosse Ausnahme unter die fünf sozialkapitalstärksten Nationen Europas ein. Hinsichtlich des freiwilligen Engagements nimmt die Schweiz in internationalen Umfragen gar eine Spitzenposition ein.
SGG: Die Kriterien für das soziale Kapital sind Vereinsengagement und Netzwerke, unbezahlte Freiwilligenarbeit, Einbindung ins enge soziale Umfeld, zwischenmenschliches Vertrauen, Normen der Gegenseitigkeit sowie Toleranz. Die Schweiz ist ein Land von Vereinsmeiern, es gibt über 100000 Vereine. Über 90% der Nidwaldner sind aktiv in einem Verein, in Neuenburg, Waadt, Genf sowie im Tessin weniger als 70%. In allen Kantonen sind die Bewohner in mindestens zwei Vereinen aktiv, in Neuenburg, Waadt und Genf nur in 1,5 Vereinen. Warum tickt die lateinische Schweiz anders?
Freitag: Der Unterschied zwischen Deutschschweiz und lateinischer Schweiz ist kulturell und politisch bedingt. Zum einen dürfte der höhere Stellenwert familiärer, verwandtschaftlicher sowie enger freundschaftlicher Bindungen in den lateinischen Sprachregionen das Engagement in formellen Organisationen einschränken. Zum anderen spiegeln sich ungleiche Wahrnehmungen zur Rolle des Staates in einem unterschiedlichen Grad an gesellschaftlicher Selbstorganisation und somit auch an Vereinsmeierei wider. Schliesslich schafft die ausgeprägte direkte Volksmitsprache in der Deutschschweiz Anreize zur vereinsmässigen Bündelung und Organisation gesellschaftlicher Interessen.
SGG: Bei einer ihrer Analysen fällt auf, dass die Aktivität der Frauen in Vereinen aller Art in den letzten 30 Jahren zugenommen hat, während sie bei den Männern abnahm. Spiegelt sich in der starken Vereinsaktivität der Frauen die Emanzipation wider?
Freitag: Das könnte in der Tat auf einen zivilgesellschaftlichen Zugewinn an Freiheit und Gleichheit der Frauen hinweisen. Zudem dürfte es auch Ausdruck grösserer Mitwirkungsmöglichkeiten von Frauen in Vereinen sein. Es muss aber noch darauf hingewiesen werden, dass jüngere Befragungen zum freiwilligen Engagement oftmals eine Übervertretung befragter Frauen aufweisen.
SGG: Die Aktivität der Männer hat in den letzten 30 Jahren bei den Interesseverbänden sehr stark abgenommen. Zu diesen Verbänden gehören Berufsverbände, Gewerkschaften, Konsumentenorganisationen, ACS/TCS usw. Sind Interesseverbände heute nicht mehr nötig? Wie deuten Sie diese deutliche Veränderung?
Freitag: Interessenverbände, allen voran die Gewerkschaften, haben in den letzten Jahrzehnten den stärksten Mitgliederschwund zu beklagen. Gewerkschaften führen sowohl strukturelle Veränderungen als auch den Verlust des Gemeinschaftsgefühls als Begründungen an. Die Wirtschaft und die Beschäftigung verlagern sich weg vom traditionellen Arbeiter hin zu den Dienstleistungen und zu Branchen mit besser qualifizierten Angestellten, die weniger an der Interessenvertretung durch die Gewerkschaft interessiert sind. Zudem wird vorgebracht, dass insbesondere die kollektiv ausgerichteten Gewerkschaften unter dem Zeitgeist der Individualisierung, Flexibilisierung und Unverbindlichkeit leiden. De Entwicklungen zeigen auf, dass zweifelsfrei etwas Sand im zivilgesellschaftlichen Getriebe der Schweiz ist. Der soziale Kitt scheint an einigen Stellen porös zu werden. Risse tun sich vor allem dort auf, wo das spassige Miteinander pro-soziale Verpflichtungen und gemeinwohlorientierte Verbindlichkeiten einfordert.
SGG: In allen Vereins-Bereichen, also Sport, Hobby, Kultur, Kirche, Soziales und Interessenverbände sind die Personen unter 40 Jahren untervertreten? Werden wir den grossen Bruch in den Vereinen in den nächsten 10-20 Jahren erleben? Oder wird das Pendel zurückschlagen und die jetzigen 20-Jährigen werden einen Overkill an Individualismus erlebt haben und sich wieder mehr in Vereinen organisieren?
Freitag: Während in den 1970ern unter allen Vereinsmitgliedern noch rund die Hälfte aus den Reihen der 20-39-Jährigen bestand, hat sich der Anteil dieser Alterskohorte heute halbiert. Diese Zahlen können als ein alarmierendes Signal hinsichtlich künftiger Entwicklungen im Vereinssektor und dem damit zusammenhängenden Sozialkapital gedeutet werden: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass die Vereinseinbindung im jungen Alter eine weniger hohe Priorität erfährt als im Zuge späterer Lebensabschnitte, wenn vielleicht die eigenen Netzwerke und Kenntnisse gefördert werden oder die familiäre Situation Vereine wieder schmackhaft macht. Junge Menschen frönen aber nicht allein dem rigorosen Individualismus. Sie sind vielfach oft und gerne mit Anderen zusammen. Diese soziale Beziehungen funktionieren aber eher in einem informellen Rahmen und weniger in den geregelten Abläufen von Vereinen, wo zudem noch Verpflichtungen auf sie warten.
SGG: Das soziale Kapital im sozialen Nahbereich ist in den letzten 30 Jahren bezüglich Familie und Freunden ziemlich konstant geblieben? Die Kontakte zu Nachbarn haben hingegen abgenommen. Was tun?
Freitag: Mein Buch liefert am Ende 150 konkrete Hinweise, wie man aus dieser Misere herauskommen kann. Etwa Tipp 47: Im Winter den Weg für den Nachbarn freischaufeln. Oder Tipp 73: Für Nachbarn oder Freunde Kuchen und Kekse backen. Hilfreich könnte aber bereits Tipp 12 sein: Keine Gerüchte streuen.
SGG: Gemeinschaften mit vielen Vereinsmitglieder und freiwillig Engagierten leiden gemäss Ihrer Analysen weniger unter Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Man könnte daraus schliessen, dass das Engagement in Vereinen und Ehrenämtern beruflichen Erfolg garantiert und vor Verbrechen schützt. Der kausale Zusammenhang wird vermutlich aber eher umgekehrt sein. Wer arbeitslos oder kriminell ist, wird sich wohl eher nicht freiwillig und auch nicht in Vereinen engagieren. Oder wie deuten Sie diesen Zusammenhang?
Freitag: Hier geht es um Analysen und Aussagen im Vergleich der Schweizer Kantone. Rückschlüsse auf Individuen sind mit äusserster Vorsicht zu geniessen. Generell ist aber anzunehmen, dass in Gemeinschaften mit einem ausgeprägten Vereinsengagement und freiwilligem Engagement deviantes Verhalten wie Kriminalität zurückgedrängt wird, da eine vitale Zivilgesellschaft das gegenseitige Vertrauen und die soziale Kontrolle gleichermassen stimuliert. Zudem begünstigt ein gut funktionierendes System sozialer Netzwerke die wirtschaftliche Entwicklung, da die Diffusion von Informationen, Wissen und neuen Technologien reibungsloser vonstatten geht und die produktive Arbeitsteilung gefördert wird.
Markus Freitag (1968) ist ordentlicher Professor für Politische Soziologie am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Bern. Er studierte an der Universität Heidelberg Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Germanistik. Danach wirkte Markus Freitag als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bern, wo er 1999 promovierte. Später führte sein akademischer Weg weiter an das Europainstitut in Basel, an die ETH Zürich, an die University of Essex (GB), an die Universität Konstanz und an die Humboldt-Universität in Berlin.
Das Gespräch führte Lukas Niederberger