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Nach einer (angeblich repräsentativen) Umfrage des Kreationisten-Magazins „Factum“ wünschen sich 75% der SchweizerInnen, dass die Schöpfungslehre in der Schule gleichberechtigt mit der Evolution gelehrt werden solle. Warum der ansonsten lobenswerte Hang der SchweizerInnen zum Kompromiss hier definitiv fehl am Platz ist.
Wissenschaft ist eine junge Erfindung: Während Jahrhunderten bestimmte die Kirche anhand von Dogmen, die sie aus der Bibel abgeleitet hatte, welches Weltbild man sich machen durfte, was „wahr“ und „falsch“ war. Diejenigen, die es dann doch genauer wissen wollten, und es etwa wagten, die Sonne statt die Erde ins Zentrum des Sonnensystem zu stellen, wurden von der Inquisition verfolgt und gezwungen, ihren „ketzerischen“ Weltbildern abzuschwören oder einem schnellen Ende auf dem Scheiterhaufen entgegenzusehen. Je weiter die Aufklärung später den Absolutheitsanspruch der Kriche zurückdrängte, desto weiter schritt die technische Entwicklung fort und wuchs unser Wissen über unsere Welt. Freies Denken katapultierte den Westen technologisch an die Spitze der Welt, während restriktivere Kulturkreise wie China und insbesondere die islamische Welt, die während vielen Jahrhunderten Forschung und Technik dominiert hatte, immer weiter zurück fielen.
Bald erkannte man auch, dass es mit dem biblischen Weltalter von 6000 Jahren nicht besonders weit her sein konnte. Gewaltige Sedimentschichten, vielfach verfaltet, wieder abgetragen, neu bedeckt und wieder verfaltet, zeugten davon, dass Geologische Prozesse die Erde über eine sehr viel längere Zeit verändert haben mussten. Fossilien unbekannter Tiere belegten, dass eine enorme Vielfalt von Tieren einst gelebt haben musste und seither wieder ausgestorben war. Durch den Quervergleich von Fossilien (die meisten davon mikroskopisch klein) gelang es, das relative Alter (älter/jünger, aber noch ohne absolute Altersangabe) der Sedimentschichten zu bestimmen und sie in charakteristische Zeitabfolgen einzuteilen. Eine Zeit, in der es praktisch nur gigantische Reptilien (später unter dem Namen „Dinosaurier“ bekannt) gegeben haben musste. Eine andere, spätere Zeit, in der die Reptilien mit wenigen Ausnahmen verschwunden waren, und erstmals die Säugetiere auftauchten. Und eine sehr viel ältere Zeit, in der es weder Fossilien von Reptilien noch von Säugetiere gab, sondern lediglich skurrile Meereslebewesen versteinert wurden. Noch früher eine Zeit, aus der es gar keine Fossilien gab und offenbar nur mikroskopische Lebewesen existierten. Und zwischen all diesen Schichten kurze Zeiten, in denen – erschreckenderweise – fast alle Lebewesen, die bis dahin gelebt hatten, verschwanden, während kurz darauf in höher gelegenen, jüngeren Schichten neue Lebewesen in neuer Vielfalt auftauchten.
Charles Darwin sah das Offensichtliche: Es hat offenbar Zeiten gegeben, in denen ganz andere Tiere gelebt hatten, als heute: die heutigen Tiere hingegen kommen in diesen Schichten nie als Fossilien vor. Es war offensichtlich, dass eine Entwicklung stattgefunden hatte: die heutigen Tiere hatten andere Tiere abgelöst: es hatte nie eine einzige Schöpfung gegeben, die Schöpfung dauerte immer noch an!
Auch wenn noch heute über die genauen Mechanismen der Evolution diskutiert wird, DASS die Evolution an sich stattgefunden hat, ist ein unumstösslicher geologischer Fakt. Wenn es KEINE Entwicklung der Arten gegeben hätte, wenn also alle Tiere in einem einzigen Akt geschaffen und somit schon immer existiert hätten (und einfach ein paar, wie die Dinosaurier, irgendwann ausgestorben wären), dann müsste man die heutigen Tiere auch als Fossilien finden. Warum finden wir nie das Fossil eines Nashorns – oder irgend eines anderen, heute lebenden Tiers – in den Schichten der Saurierzeit?
Später erkannte man, dass man Gesteinsschichten mit radioaktiven Stoffen absolut datieren kann. Das heisst, es wurde plötzlich möglich, den verschiedenen Erdzeitaltern, die man anhand der charakteristischen Fossilienvorkommen bestimmt hatte, eine Zeit zuzuordnen: So konnte man nun sagen, dass die Saurierzeit von 250 bis 65 Millionen Jahre vor der Gegenwart gedauert hatte. Kein Geologe zweifelt daran, dass diese Methoden im Generellen sehr zuverlässig sind, auch wenn, wie mit allem, in Einzelfällen Irrtümer möglich sind.
Die Erde ist uralt, und die Lebewesen auf ihr haben sich über grosse Zeiträume entwickelt. Diese Fakten sind durch die Geologie in überwältigender Art und Weise belegt worden. Kritik kommt einzig und allein aus der religiös-fundamentalistischen Ecke, aus naheliegenden Gründen: dort hat man das Gefühl, an einer wortwörtlichen Wahrheit der Bibel festhalten zu müssen (die, konsequent zu Ende gedacht, die Erde zur Scheibe im Zentrum des Universums macht, aber das ist jetzt ein anderes Thema). Die „Schöpfungslehre“ hat nichts an Erkenntnis beizutragen als verdrehte Fakten und Lügen. Es gibt nichts, was auch nur im Entferntesten dafür sprechen würde, dass die Erde nur 6000 Jahre alt ist – jeder Geologe wird das bestätigen (wenn er nicht gerade Mitglied einer religiös-fundamentalistischen Gemeinschaft ist). Der einzige Grund, warum die „Schöpfungslehre“ immer noch von einigen wenigen hochgehalten wird, ist, dass diese Leute nicht akzeptieren können, dass es in der Bibel nicht um Naturwissenschaft, sondern um das Zwischenmenschliche geht – nicht um das objektiv wahre, sondern um das subjektiv richtige. „Schöpfungslehre“ ist Dogma in Reinform, um es noch etwas klarer auszudrücken, ein Märchen.
Wenn also „Schöpfungslehre“ und wissenschaftliche Fakten gleichberechtigt gelehrt werden sollen, warum dann nicht auch Astrologie als Zugabe zur Astronomie? Zusammen mit der Chemie lehren wir ein bisschen Alchemie und Zaubertränke, und in Physik werden Magie und Zaubersprüche unterrichtet. In Geschichte werden Holocaustleugner gleichberechtigt mit Historikern behandelt, in Biologie kommen endlich die Klapperstorchbefürworter zum Zug, und wer weiss, vielleicht kann man in der Geografie auch die flache Erde gleichberechtigt zum Kugelmodell behandeln?
Wissenschaft und Technik ist die Grundlage unserer modernen Welt. Wissenschaftliches, kritisches Denken sollte so früh wie möglich geübt werden: Die Schöpfungslehre hat da höchstens als abschreckendes Beispiel Platz.
Dass die Schweizerinnen und Schweizer auf die Frage „Entweder – Oder“ am liebsten mit „beide“ antworten, ist ein altes Klischee, aber sicher nicht ganz falsch. Aber die Schöpfungslehre als echte „Alternative“ zum wissenschaftlichen Weltbild zuzulassen, öffnet der Dummheit, den Pseudowissenschaften Tür und Tor, wie oben etwas überspitzt dargestellt (mit welcher Berechtigung wäre denn die christliche Schöpfungslehre „wahrer“ als etwa, sagen wir, die hinduistische? Welche der weltweit vielleicht 5000 Schöpfungsmythen sollen denn alles „gleichberechtigt“ werden?).
Zumindest gibt es in der Studie aber auch einen Funken Hoffnung: je jünger die Befragten sind, und je besser ihre Schulbildung, desto eher sind sie dafür, nur Evolution zu unterrichten. Offenbar hilft Bildung dabei, kritisch zu denken und pseudowissenschaftlich ummäntelte Religion als solche zu erkennen. Gegenüber der Dummheit darf es keine falsche Toleranz geben.