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Judith Bernstein
BIRTH OF THE UNIVERSE #2, 2013
Judith Bernstein (*1942) war bereits siebzig Jahre alt, als sie ihre erste Museumsausstellung im New Museum, New York, erhielt. Da lebte und arbeitete sie – unerkannt in ihrem künstlerischen Talent – schon seit vierzig Jahren in der Stadt. Bernstein gehört damit zu den vielen weiblichen Künstlerinnen, die erst sehr spät zu ihrer verdienten Karriere kommen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Während ihres Studiums an der Yale University in den 1960er-Jahren war sie mit ihren politischen Arbeiten, die in Auseinandersetzung mit dem Vietnam-Krieg entstanden, und der sehr direkten kruden künstlerischen Sprache eine Aussenseiterin. Die Mitstudenten waren meist Männer und der Abstrakte Expressionismus der vorherrschende Stil. Als Bernstein sich entschied, den Phallus als Metapher für Feminismus und männliches Imponiergehabe zu verwenden, war die Reaktion der Professoren pures Unverständnis. 1974 wurde eine ihrer grossformatigen «Schrauben»-Kohlezeichnungen, von denen das Kunsthaus ebenfalls eine besitzt, in einer Ausstellung in Philadelphia gar zensuriert und als Pornografie abgetan. Später entdeckte Bernstein Graffiti als Inspiration und war damit in Zeiten der Minimal Art erneut abseits des gängigen Kanons unterwegs. Entdeckt wurde sie schliesslich von dem Künstler Paul McCarthy bzw. dessen Tochter Mara McCarthy, die in Los Angeles die Galerie «The box» leitet und dort das Werk von Judith Bernstein 2009 erstmals ausstellte. Seither reiht sich eine Ausstellung an die andere. Kein Problem für die inzwischen fast achtzigjährige Künstlerin. Judith Bernstein ist eine energiegeladene Persönlichkeit, und ihr lautes Lachen entspricht ihrer explosiven Kunst.
Lange war Bernsteins bevorzugtes Medium die Kohlezeichnung und ihr präferiertes Sujet der Phallus. Dieser war und ist für sie eine Form von Protest gegen Sexismus, testosterongetriebenes Kriegsgebaren und jede Form von Unterdrückung. «Ausgestopfte Phalli, Blut und Sperma gleich neben Bildern der Nation und der Flagge der Vereinigten Staaten: Das ist lustig – aber eben auch todernst!», so die Künstlerin. Erst später traten Vaginas – Bernstein nennt sie «angry cunts» – auf, wie in der Serie «Birth of the Universe». Die Künstlerin verarbeitet darin die Wut der Frau, erneut aber mit viel Humor und Stilmitteln, die an Graffiti erinnern und am ehesten als eine Art comicartigen Expressionismus zu beschreiben sind. Die Vagina als Anfang des Lebens und des Universums. Da schwingt im Hintergrund natürlich Courbets berühmtes «L’Origine du monde» (1866) mit, das seinerseits ja ähnlich Aufruhr verursachte wie Bernsteins schraubenartige Riesenpenisse. Die knallig-bunten Farben in «Birth of the Universe», die unter UV-Licht übrigens leuchten, waren für die Künstlerin ebenfalls völlig neu und eine Art Befreiung. Das spürt man. Oder um es mit Judith Bernsteins Worten zu sagen: «I just love the explosive energy – it’s almost like an ejaculation.»
Wir freuen uns sehr, dass wir dieses starke Werk dieser aussergewöhnlichen Frau fürs Kunsthaus ankaufen und damit ein Zeichen für die Stärkung weiblicher Positionen in der Sammlung setzen konnten.