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Nach Bomben und Flucht zur Normalität zurückfinden
Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine sind Moldawien und Rumänien mit einem beispiellosen Flüchtlingsstrom konfrontiert, der in der Mehrheit aus Frauen und Kindern besteht. Terre des hommes (Tdh) ist seit langem in diesen Ländern aktiv und hat zusammen mit Partnerorganisationen an wichtigen Orten Räume für Kinder und Bereiche für Mütter und ihre Babys eingerichtet.
Während mehrerer Wochen haben sich Tatiana und ihr Mann Artur an der Hoffnung festgeklammert, dass der am 24. Februar 2022 von Russland losgetretene Krieg nicht lange dauern und am Ende alles wieder in Ordnung kommen würde. Doch am 13. März nehmen die Luftangriffe auf Mykolajiw zu, die Hafenstadt in der Südukraine, wo das Paar mit seinen fünf Kindern Milana, Versavia, Luiza, Yasmin und Rustam im Alter von einem bis zehn Jahren lebt. «Wir hatten keinen Keller, keinen Ort, um uns vor den Bomben zu schützen. Nur unser grosses gepolstertes Sofa, das wir mit Decken und Kissen in eine Ecke geschoben haben, um die Kinder zu verstecken», erinnert sich Tatiana. An diesem Tag beschliesst die Familie, die Stadt zu verlassen.
Informationen rund um die Uhr
Tatiana, Artur und ihre Kinder sind in MoldExpo untergekommen, dem grossen Ausstellungszentrum der moldawischen Hauptstadt Chişinău, das die Behörden in aller Eile in ein Aufnahmezentrum umfunktioniert haben, nachdem hier während der COVID-19-Epidemie PatientInnen untergebracht waren. In dieser hohen, in blaues Licht getauchten Halle unterteilen dünne Trennwände die «Zimmer» der Familien. Der Vinylvorhang, der als Tür dient, reicht nicht aus, um sie vor dem ständigen Stimmengewirr abzuschirmen. Duschen und Toiletten werden geteilt. Die Familien haben aber wenigstens einen Ort zum Schlafen, Essen und Ansprechpersonen, die sie rund um die Uhr über ihre Rechte, Reiserouten und die Sicherheitslage informieren.
An diesem neuralgischen Ort mit einer Aufnahmekapazität von 600 Personen führt Tdh einen sogenannten «Blue Dot», der dank der Partnerschaft mit Unicef Moldawien eröffnet wurde. Dieser Raum dient dazu, Kinder dank Spielen und körperlichen, kreativen und erzieherischen Aktivitäten in einer neuen Routine zu verankern. Das Ziel ist, dass sie möglichst schnell zur Normalität zurückkehren können, um den durch den Krieg verursachten Stress abzubauen. «Ich bin sehr gerne hier», berichtet Versavia, drei Jahre alt, die zweitjüngste Tochter von Tatiana und Artur. «Ich spiele jeden Tag mit neuen Freunden im Kinderzimmer. Die Animateure spielen die ganze Zeit mit uns.»
Tatiana, Artur und ihre Familie in ihrem Zimmer im Moldexpo-Zentrum.
Von Kriegsbeginn an im Einsatz
Das Team von Tdh war sofort an Ort und Stelle, als die ersten ukrainischen Familien in Moldawien eintrafen. «Am ersten Kriegstag standen wir bei Tdh alle unter dem Eindruck unserer persönlichen Reaktionen. Bereits am zweiten Tag haben wir aber begonnen, in professioneller Hinsicht Überlegungen anzustellen», sagt Elena Madan, die Landesverantwortliche von Tdh in Moldawien. Schon bald nimmt Unicef mit Tdh Kontakt auf. Die beiden Organisationen pflegen seit langem partnerschaftliche Beziehungen. «Es sind hauptsächlich Kinder und ihre Mütter auf der Flucht», betont die Verantwortliche von Tdh. «Kinder bilden die verletzlichste Gruppe der Flüchtlingsgemeinschaft, weil sie am stärksten Risiken wie Menschenhandel und Ausbeutung ausgesetzt sind. Sie brauchen einen besonderen Schutz.»
Einfach nur reden können
Neben dem Kinderzimmer gehören zum «Blue Dot» auch ein Raum für psychologische Beratungen, der von Tdh koordiniert wird, und ein Bereich für Mütter und ihre Babys. «Ich komme fast jeden Tag mit meiner sechs Monate alten Tochter hierher, um Porridge, Spiele, Schnuller, Feuchttüchlein und Windeln zu holen. Oder einfach nur zum Reden. Das ist unentbehrlich. Es ist auch wichtig, zu wissen, dass immer jemand da ist, der sich um mein Baby kümmern kann. Das lässt mir sogar Zeit, in aller Ruhe zu duschen», erzählt Katya, eine 19-jährige Mutter. Ihre Zukunftsprojekte? «Warten wir erst mal ab, bis der Krieg zu Ende ist. Alles andere ist zweitrangig», erwidert die junge Frau.
Bedürfnissen von Kindern und Eltern gerecht werden
Etwas mehr als 400 km von Chişinău entfernt liegt ein anderer von Tdh betreuter Raum am Bahnhof von Bukarest in Rumänien in einem abgegrenzten Bereich des grossen Wartesaals. Im Teil für Erwachsene wurden ein paar Betten und Stühle aufgestellt, damit diejenigen, die dies möchten, sich ausruhen oder fernsehen können. Der Ort ist in düstere Stille getaucht, im Kontrast zu den Schreien und dem Lachen, die aus dem Spielbereich dringen, wo Kinder zeichnen, Ball spielen und bei Aktivitäten mitmachen, die von Animateuren und Animateurinnen angeboten werden. Nach stundenlangen Zug- oder Autofahrten, oft unterbrochen von endlosen Wartezeiten, haben die Kinder Energie und Stress angehäuft, die sie loswerden müssen. Im Gegensatz dazu müssen sich ihre Eltern entspannen und auf alles Weitere konzentrieren. Der Kinderbereich wurde dazu konzipiert, diese beiden Erfordernisse in Einklang zu bringen.
Die Kinder betreten den Raum zunächst verschüchtert. Dann eignen sie sich den Spielbereich an und wollen gar nicht mehr weggehen. «Ich habe beobachtet, dass die Kinder das Bedürfnis haben, mit jemandem zu sprechen», stellt Cristina Panov, die Teamleiterin in Bukarest fest. «Ein Zweijähriger hat mich bei der Hand genommen und mich zum Sitzen aufgefordert. Er versuchte, mir etwas zu erklären, indem er mich in den Arm nahm. Er schien glücklich, dass ihm jemand zuhörte. Andere Kinder wollten mir von ihren Erfahrungen erzählen. Ein neunjähriges Mädchen erklärte mir, dass ganz in seiner Nähe eine Bombe explodiert war und es im Gesicht und an den Augen von Splittern getroffen wurde. Viele wollen Geschichten erzählen, haben aber niemanden, der ihnen zuhört.»
«Was braucht ihr?»
Die UkrainerInnen, die am Hauptbahnhof von Bukarest ankommen, verbringen hier im Durchschnitt nur acht Stunden und die meisten kommen auch nicht wieder hierher zurück. Unweit des Bahnhofs hat Tdh ein weiteres Zentrum eröffnet, das sich an Familien richtet, die länger in der rumänischen Hauptstadt bleiben möchten. «Wir versuchen, diese Familien kennenzulernen und ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen», erklärt Cristina. «Wir möchten uns ihnen nicht aufdrängen, indem wir ihnen sagen, was sie brauchen. Wir bitten sie im Gegenteil, uns zu sagen, was ihnen fehlt. Die Gesichter hellen sich oft auf, wenn sie dies hören, denn es ist eine Frage, die niemand stellt. Alle neigen dazu, zu geben, ohne zu fragen.» Viele Ukrainerinnen sind von den Bombenangriffen sehr mitgenommen und leiden darunter, dass sie ihre Männer, Söhne oder Brüder zurücklassen mussten. Sie haben den Mut, zu sagen, dass sie psychologische Unterstützung brauchen, die Tdh bereitstellen kann.
Crédits photos: ©Tdh/Ramin Mazur
Das vollständige Magazin können Sie unter diesem Link lesen https://www.tdh.ch/sites/default/files/220524_tdh_mag77_ukraine_de_light...