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In zwei langen Reihen sitzen sich Hamisa und ihre Klassenkameraden auf dem staubigen Zementboden gegenüber. Die Beine haben sie nach vorne ausgestreckt, sodass sich die Zehen mit denen des Gegenübers berühren. Kichernd und aufgeregt warten die Mädchen und Jungs auf den Aufruf eines Buchstabens aus dem Alphabet durch ihre Lehrerin Joyce.
«B!», ruft Joyce laut. Hamisa und das gegenübersitzende Mädchen springen auf, denn «B» ist ihr Buchstabe! Die Mädchen springen im Wettlauf über die Beine ihrer Klassenkameraden. Ziel ist es, bis zu den beiden Schulkameraden, denen der Buchstabe Z zugeteilt wurde, zu springen und dann zu ihrer Startposition, dem Buchstaben «B», zurückzukehren. Hamisa erreicht zuerst ihren Platz. Lächelnd bekommt Hamisa von Joyce ein Stück Kreide. Denn als Belohnung für den Sieg darf Hamisa den Buchstaben «B» an die Tafel schreiben. Anschließend nehmen beide Mädchen wieder ihren Platz ein und warten mit gestreckten Beinen und sich berührenden Zehen auf den nächsten Buchstaben. Am Ende des Spiels haben die Kinder folgende Gegenstände buchstabiert, die sich an der Tafel nach und nach zu englischen Wörtern formiert haben: book, desk, chair, pencil und school. Der Englischunterricht ist vorbei.
«Ich liebe es, zu lesen und zu schreiben. Alphabetleiter ist mein Lieblingsspiel, weil es mir geholfen hat, Lesen und Schreiben zu lernen.»
Hamisa, Schülerin an der Mtakuja-Grundschule in Dar Es Salaam, Tansania
Vor zwei Jahren traf Joyce Hamisa im Rahmen einer Tür-zu-Tür-Kampagne von Right To Play und der Mtakuja-Grundschule in Dar Es Salaam. Die Lehrerin schaffte es, Hamisas Eltern zu überzeugen, sie für die Schule anzumelden. Denn obwohl die Grundschulbildung für Kinder in Tansania kostenlos ist, werden noch immer viele Kinder erst sehr spät oder gar nicht eingeschult, weil sich zahlreiche Eltern Schulmaterial, wie Bücher oder die Schuluniform, nicht leisten können. Statt zur Schule zu gehen, musste Hamisa beispielsweise ihre Mutter zur Arbeit auf dem Straßenmarkt begleiten.
Mit 11 Jahren war Hamisa dann endlich in der 1. Klasse. Sie ist eines der 80 Mädchen, die in Morogoro und Dar Es Salaam als Teil des Catch-up-Programmes «Complementary Basic Education» in Tansania eingeschult wurden.
«Wir wollen alle Kinder in die Schule bringen. Dieses Programm gibt den Kindern den nötigen Antrieb, um die Hindernisse zu überwinden, die sie als später eingeschulte Kinder zu bewältigen haben.»
Joyce, Lehrerin an der Mtakuja-Grundschule in Dar Es Salaam, Tansania
Das Programm wird von der Regierung unterstützt und gibt Kindern, denen der Schulbesuch zuvor nicht möglich war, kostenlos beschleunigte Hilfe, damit sie formal eingeschult werden können. Notwendige Bücher, die Schuluniform und tägliches Mittagessen werden ihnen zur Verfügung gestellt. «Der glücklichste Tag meines Lebens war, als ich zum ersten Mal eine Schuluniform trug. Ich fühlte mich wie die anderen Kinder», sagt Hamisa und erklärt uns weiter: «Für mich war es schwer, die Schule nicht besuchen zu können. Jetzt bin ich glücklich und kann gut lesen, schreiben und rechnen. Wenn ich gross bin, möchte ich anderen Kindern genauso helfen, wie Lehrerin Joyce mir geholfen hat.»
Während es wichtig ist, diese Kinder in die Schule zu bringen, sei es umso wichtiger, sie auch dort zu halten, sagt Joyce. «Kinder wie Hamisa müssen viele Herausforderungen meistern, wenn sie in einem höheren Alter in die erste Klasse eintreten», erklärt Joyce und ergänzt: «Wenn sie gleichzeitig auch noch mit Hunger und fehlenden Schulmaterialien kämpfen, kann es sein, dass sie mit der Situation überfordert sind und nicht mehr zur Schule kommen.»
Joyce wurde in der spielerischen Unterrichtsmethode von Right To Play ausgebildet und ist überzeugt, dass das Spielen im Klassenzimmer darüber entscheidet, ob Kinder regelmäßig die Schule besuchen oder aus dem Unterricht ausscheiden. Das Spielen ist Teil des Lehrplans der Mtakuja-Grundschule. Mit Spielen wie der Alphabetleiter - eine von Hunderten von Aktivitäten, Liedern und Spielen, die Joyce in ihrem Klassenzimmer verwendet - lehrt sie ihren Schülerinnen und Schülern, sich zu konzentrieren, Buchstaben zu identifizieren, zu lesen und zu schreiben.
Spielen trägt dazu bei, Hindernisse zu bewältigen, vor denen Kinder mit späterem Ausbildungsstart stehen.
«Kinder sollten idealerweise im Alter von sieben Jahren eingeschult werden», sagt uns Joyce, «denn ein späterer Start bringt sie weit zurück, wodurch viele nicht mehr den Mut haben, mitzumachen, wenn sie älter sind.» Durch direkte Integration der Kinder über das Spielen werden die Teilnahme am Unterricht und die Aufmerksamkeit erhöht. Diese Motivation und Unterstützung ist entscheidend und fördert das Vertrauen und Selbstbewusstsein der Kinder.
Ein bedeutender Punkt für die Wirkung der Spiele ist die «Reflect, Connect, Apply»-Methode von Right To Play. Joyce beschreibt: Wenn ihre Schüler über das Spiel «reflektieren» und merken, was sie daraus gewonnen haben, «verbinden» sie diese Informationen mit ihren eigenen Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Schule und «wenden» in der Schule, zu Hause und mit Freunden das «an», was sie gelernt haben. Dies befähigt sie, sich selbst und ihr Verhalten besser zu verstehen und ihre Eindrücke zu verarbeiten. Bewusstsein, Gleichheit und Akzeptanz im Klassenzimmer werden geschaffen, was den Kindern hilft, Stigmatisierung und Schamgefühl aufgrund ihres hohen Alters zu überwinden. «Am Anfang wurde ich gehänselt, weil ich 11 Jahre alt und erst in der 1. Klasse war und weil ich nicht lesen und schreiben konnte», erzählt Hamisa. «Lehrerin Joyce war meine Freundin und half mir dabei, mich auf das zu konzentrieren, was mir in der Schule am meisten Spaß macht: die Spiele. Sie erzählt uns interessante Geschichten und wir spielen jeden Tag.»
Letztes Jahr hat Hamisa ihre Prüfungen mit den besten Noten bestanden und wird nun in die vierte Klasse vorversetzt.