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Schon länger besteht die Vermutung, dass die Häufigkeit von neuen MS-Fällen über die letzten Jahrzehnte zugenommen hat. Ob es sich dabei um einen verallgemeinerbaren Trend handelt und was die Gründe dafür sein könnten, waren jedoch bisher weitgehend ungeklärte Fragen. Das Dänische MS Register hat hierzu kürzlich eine wichtige Forschungsarbeit veröffentlicht.
Weil in Dänemark (im Gegensatz zur Schweiz) die MS eine meldepflichtige Krankheit ist, konnten sich die Forschenden auf eine Vollerhebung aller MS-Fälle seit 1950 abstützen, insgesamt 19‘536 Personen. Sie haben hierfür die Inzidenz (das heisst, die Anzahl Neudiagnosen) für die beiden Geschlechter und mehrere Altersgruppen von 1950 bis 2009 ausgewertet.
Die Forscher fanden heraus, dass die Inzidenz in diesem Zeitraum sowohl für Männer wie auch für Frauen markant angestiegen ist, und dies über alle Altersgruppen hinweg. Interessant dabei ist, dass dieser Anstieg für Frauen mit einer Verdoppelung der Inzidenz zwischen 1950 und 2009 sehr ausgeprägt war, wohingegen bei Männern die Inzidenz um etwa einen Viertel anstieg. Wie zu erwarten wirken sich diese Veränderungen auch auf das Geschlechterverhältnis bei der MS aus: es stieg von 1.3 Frauen pro betroffenem Mann in den 50-er Jahren hin zu 2 Frauen pro betroffenem Mann nach dem Jahrtausendwechsel.
Aktueller Stand in der Schweiz
Auch für die Schweiz gibt es Arbeiten, die Änderungen im Geschlechterverhältnis bei Betroffenen belegen. Ein Team der Universität Zürich um Dr. Ajdacic mit Beteiligung von Forschenden aus dem Schweizer MS Register hat Langzeitdaten aus der Schweizer Todesursachenstatistik für Personen mit bekannter MS-Diagnose analysiert. Diese Studie zeigt ebenfalls einen Anstieg des Frauenanteils unter den MS-Betroffenen. Dieser Anstieg erfolgte nicht kontinuierlich, sondern kam bei Generationen aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren vorübergehend zum Stillstand.
Was sagen solche Daten über die Entstehung von MS aus? Sowohl die Studie aus Dänemark wie auch jene von Dr. Ajdacic deuten darauf hin, dass sogenannte Geburtskohorten-Effekte bei den Neudiagnosen eine wichtige Rolle spielen. Unter Geburtskohorten-Effekten werden Umwelteinflüsse und Risikofaktoren verstanden, die alle betreffen, die innerhalb einer bestimmten Zeitperiode geboren wurden. Beispielsweise spekulieren die dänischen Autoren, dass der gesellschaftliche Trend zu späteren Schwangerschaften und weniger Kindern den beobachteten Anstieg der Neuerkrankungen bei Frauen beeinflusst haben könnte. Einen substantiellen Einfluss der verbesserten Diagnosemöglichkeiten in der neueren Zeit schliessen die Forschenden hingegen weitgehend aus.
Beide Studien zeugen von der Wichtigkeit bevölkerungsbezogener Daten für die Erforschung der MS-Entstehung. Sie zeigen aber auch auf, dass viele Fragen noch offen sind. Das Schweizer MS Register wird ebenfalls einen Beitrag dazu leisten, die langfristigen Veränderungen in der MS-Verbreitung besser zu verstehen.
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