Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03179.jsonl.gz/1233

Kadetten
Das erste Kadettenkorps war, als Zeichen des geistigen und politischen Umbruchs, in Zürich gegründet worden, wenig später, 1787, folgte Aarau – und als zweite dieser Jugendorganisationen im Aargau Brugg, und zwar anno 1804. In besagtem Jahr lud die Aarauer Schulpﬂege Vertretungen der Schuljugend der aargauischen Städte zum Besuch des Maienzuges ein. Brugg war mit 20 Knaben vertreten. Man nimmt an, dass die Übungen der Aarauer Kadetten den Brugger Knaben und ihren Begleitern grossen Eindruck machten, worauf sie begeistert heimkehrten. Noch im gleichen Jahr – das genaue Datum kann nicht mehr eruiert werden – wurde im Prophetenstädtchen ein Kadettenkorps auf freiwilliger Basis aus der Taufe gehoben, als Exerziermeister Bezirkskommandant Belart gewählt und als Inspektor ein Mitglied der Schulpﬂege. Zur Bewaffnung wurden 24 Gewehre angeschafft.
1805 nahm das Korps erstmals am Rutenzug teil. Der erste Ausflug erfolgte im gleichen Jahr ans Jugendfest in Aarau. Neben den Bruggern waren die neu gegründeten Korps von Lenzburg und Zoﬁngen mit dabei. In einem Triumphzug wurden sie in die Hauptstadt geleitet, wo sie am zweiten Tag ihre Fertigkeit an den Waffen zeigten und vor der Obrigkeit von Aarau defilierten.
Erste Fahne
Es gab in den folgenden Jahren einige Rückschläge, selbst über eine Auﬂösung des Korps wurde diskutiert. So bereiteten personelle Probleme in der Leitung wie die Rekrutierung des Nachwuchses Sorgen; 30 bis 40 «Mann» wurden als Minimalbestand angestrebt. 1828 konnte die erste Fahne angeschafft werden.
Das neue Schulgesetz von 1835 bescherte dem Kadettenwesen mit der Einführung der Bezirksschulen Auftrieb, im Kanton wurde eine ganze Reihe neuer Korps gegründet. Die Mitgliederzahl kletterte rasch an; 1847 zählte man in Brugg 93 Kadetten. Die vorhandenen Gewehre reichten nicht aus, weshalb die jüngeren Kadetten am Rutenzug unbewaffnet mitmarschieren mussten. 1847 wurden neue Gewehre angeschafft, Perkussionsgewehre, immer noch ein Vorderlader, aber mit verbesserter Zündvorrichtung.
Gegenseitige Besuche
Traditionsgemäss luden die Städte die Korps gegenseitig zu Anlässen ein. So waren die Brugger immer wieder am Lenzburger und Aarauer Jugendfest zu Gast. 1839 zogen die Brugger mit 2 Vierspännern und einem Zweispännerwagen ans Zoﬁnger Jugendfest, wo sie sich zusammen mit andern Korps am Freischarenmanöver beteiligten. 1842 luden die Brugger ihrerseits die Korps von Aarau, Aarburg, Lenzburg, Zoﬁngen, Zurzach sowie das Kadetten-Musikkorps von Baden zum Jugendfest ein. Traditionell waren sodann die Herbstausflüge mit anschliessendem Tanzvergnügen. Diese Bälle arteten dann aber aus und wurden verboten. Ein besonderer Höhepunkt war 1851 das aargauische Kadettenfest in Baden, an welchem auch Zürcher und Winterthurer Kadetten teilnahmen, insgesamt rund 1600 Knaben. Im Mittelpunkt stand das Manöver. 1853 durften die Brugger zu einem Manöver in Turgi sogar zwei Kanonen aus dem Zeughaus mitnehmen...
Ein weiterer Höhepunkt war 1856 das Ostschweizerische Kadettentreffen in Zürich mit 3500 Teilnehmenden. Grosse aargauische Manöver folgten u. a. 1861 in Windisch, 1868 bei Habsburg. 1871 bestellte Brugg 60 neue Gewehre, System Vetterli (Einlader). 1871 führten die Brugger Kadetten erste Scharfschiessübungen auf Scheiben durch. Ab 1884 hatten die Kadetten nicht mehr an zwei Nachmittagen, sondern nur noch an einem, von 16 bis 18 Uhr, zum Exerzieren einzurücken.
Einige weitere Stichworte: 1889 Eidg. Kadettenfest in Aarau — Brugg war mit 90 Knaben präsent -, im gleichen Jahr sowie 1905 Anschaffung einer neuen Fahne, 1894 Wahl einer neuen Bekleidung nach Aarauer Muster, 1900 Kauf von 85 Kadetten-Ordonnanzgewehren,1904 einheitliche Uniformen im ganzen Kanton. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kadettenunterricht in Frage gestellt. Eine Konferenz der Kadettenkommissionen legte in ihren Richtlinien 1919 fest, dass das Schwergewicht vermehrt auf Turnen zu legen und die Gefechtsausbildung einzustellen sei.
Skilager und Kadettenmusik
Ab 1929 lieh die Brugger Schule an Kadetten Ski aus; das erste Brugger Kadettenskilagerfand 1945 auf dem Oberberg bei Schwyz statt (Teilnehmerzahl 68). 1930 wurde die Brugger Kadettenmusik gegründet. 1933 stiftete John Zimmermann aus New York, ehemahliger Brugger Kadettenhauptmann, eine neue Fahne; mit der im gleichen Jahr 200 Brugger Kadetten an die Kadettentage in Lenzburg marschierten. In Erinnerung blieben wohl vielen die Eidg. Kadettentage 1954 in Thun. In der Disziplin Tauziehen belegte Brugg den 1. Rang.
Im gleichen Jahr 1954 feierte man den 150. Geburtstag des Brugger Korps. Paul Brack, Riniken, verfasste aus diesem Anlass eine höchst informative, reich illustrierte Jubiläumsschrift zur Geschichte des Korps; wir stützen uns bei diesem Bericht auf seine Angaben. Die Kadettenkommission trug im Vorwort der Schrift den Wunsch vor:
«Möge auch in Zukunft unser Kadettenkorps mit unserer Stadt und seiner Einwohnerschaft eng verbunden bleiben und seinen Beitrag an die Erziehung unserer Jugend aufs Beste leisten.» Im folgenden Jahr konnte ein Rekordbestand von 230 Kadetten registriert werden: 175 Bezirksschüler, 55 Sekundar– und Realschüler. Doch die Zeiten, Bedürfnisse und Ansichten ändern. 1974 wurde im Aargau des Kadettenwesen durch den Schulsport abgelöst und auch das Brugger Korps (1973) aufgelost. Erstmals seit Jahrzehnten nahmen 1974 keine Kadetten mehr am Rutenzug teil, bis dann auf private Initiative hin die Teilnahme einer «historischen Gruppe» als Reminiszenz zustande kam: Und der jüngst verstorbene Willi Wengi war Initiant eines Kadettenmuseums.
Quelle: Edgar Zimmermann, Aargauer Zeitung vom 28. März 2004