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In der US-Metropole Atlanta wurden im letzten Jahr 7 Milliarden Dollar mit Film- und TV-Produktionen sowie Zulieferfirmen erwirtschaftet. Das liegt auch an den Gebäuden in der Stadt.
Wie sehr «King Kong», «Breakfast at Tiffany’s», «Taxi Driver», «Godzilla» und andere Filme unsere Wahrnehmung von New York City geprägt haben, bedarf keiner weiteren Ausführung. Die Liste der cineastischen Beiträge an die urbane Ikonografie der USA umfasst Bände. Selbiges gilt für Los Angeles (z. B. «Boyz n The Hood», «Mulholland Drive» oder «The Big Lebowski») und San Francisco («Chinatown», «Dirty Harry» oder «The Rock»), Washington DC «(All The President’s Men», «Independence Day»), für kleinere US-Städte wie Boston («The Departed», «Good Will Hunting»), Philadelphia («Rocky», «Philadelphia») und sogar für Baltimore (via David Simons «The Wire»). Filme und Serien pflanzen das Bild einer Stadt ins kollektive Bewusstsein ein, Szenen mit ikonischen Gebäuden und Strassenzügen definieren das Bild dieser berühmten Städte.
Atlanta, in Europa hauptsächlich bekannt durch die Olympischen Sommerspiele 1996, als Hauptsitz der Coca-Cola Company und vielleicht für den grössten Flughafen der Welt, war bislang noch nicht wirklich auf der Landkarte der Kinostädte eingezeichnet. Die Hauptstadt des Bundesstaats Georgia ist aber drauf und dran, in diese Phalanx einzubrechen – denn die Filmindustrie hat derzeit in Atlanta Hochkonjunktur. Verantwortlich dafür sind eine Fülle von Kino- und TV-Produktionen, ironischerweise dystopisch-apokalyptische Science-Fiction-Werke, die der Stadt den Namen «Zombie Capital of the World» einbrachten.
Apokalyptisches Stadtbild
Den zweifelhaften Ruf als Hauptstadt der Untoten verdankt Atlanta hauptsächlich der Fernsehserie The Walking Dead. Die Zombie-Serie (in den USA erfolgreichste in der Altersgruppe der 18- bis 49-Jährigen) ist seit 2010 jedes Jahr fester Bestandteil im Programm des AMC-Networks. Bereits in der dritten der sieben Staffeln mit bislang 99 Episoden schauten im Schnitt über 10 Millionen Zuschauer dem Zombieschlachtfest vor der Skyline und in den Vororten von Atlanta zu. Die erste Episode der fünften Saison sahen 17,3 Millionen Menschen – das ist bis heute die meistgekuckte Episode einer Fernsehserie überhaupt.
Auch bei einer anderen Produktion darf der Stadtkern Atlantas als post-apokalyptischer Hintergrund herhalten. Wie The Walking Dead verdankt Insurgent, Fortsetzung und zweiter Teil der Divergent-Trilogie und Verfilmung des gleichnamigen Science-Fiction-Romans von Erica Roth, einen Grossteil seiner futuristischen Effektivität dem visuellen Dekor Made in Atlanta. Der dystopische Thriller für junge Erwachsene über eine Welt, in der der freie Wille verboten ist, spielte mit dem Stadtbild von Downtown Atlanta, und nach seiner Veröffentlichung 2015 weltweit 297 Millionen Dollar ein.
Ausgangspunkt Portmans Architektur
Freilich ist das echte Atlanta keineswegs apokalyptisch. Schuld an diesem Eindruck sind unter anderem die Hochhäuser von John Portmans Peachtree Center, dessen Dächer und Umrisse prominent in Insurgent und drei der vier The-Hunger-Games-Filme erscheinen. Kinogänger kennen die Interieurs der Meisterwerke von Portmans spätmoderner und neofuturistischer Architektur aus den 60ern und 70ern auch von früher: Burt Reynolds filmte 1981 für Sharky’s Machine im Atrium des Hyatt Regency Hotels in Atlanta und auf der Westin Peachtree Plaza. Andere Portman-Gebäude in Detroit und L.A. waren Drehort für Robocop oder Mission Impossible III. Das urbane Dekor von Downtown Atlanta eignet sich gemäss Michael Hayes, Professor für Architekturtheorie an der Harvard University, besonders für destruktive Fantasien. «Regisseure projizieren eine Zukunft, indem sie sich vorstellen, wie Atlanta in Trümmern aussehen würde», wird Hayes im «Atlantic-Magazin» zitiert. «Portmans Gebäude machen sich sehr gut als Ruinen, weil sie im Wesen so direkt und mächtig sind.»
Netflix mit eigenem Studio
Vom Ruin indes ist die Stadt derzeit weit entfernt. Die neue Top-Destination der Filmindustrie boomt und mit ihr die Film- und Medienbranche. Nicht nur haben CNN und Turner Broadcasting hier ihre Hauptquartiere aufgeschlagen. In 16 Studios und Soundstages (darunter auch die internationalen Pinewood Studios) produzieren Firmen wie Comic-Gigant Marvel Blockbuster wie Spider-Man: Homecoming, Black Panther oder Guardians of the Galaxy: Vol 2. TV-seitig werden Dutzende Serien («Halt and Catch Fire», «24: Legacy», «Love & Hip-Hop in Atlanta») gemacht. Netflix betreibt ein lokales Produktionsstudio für seine Serien, zudem hat der afroamerikanische TV-Entrepreneur Tyler Perry (gemäss Forbes 2011 der bestbezahlte Entertainer Amerikas, geschätztes Vermögen 2017: 600 Millionen Dollar) sein Unternehmen im Grossraum Atlanta angesiedelt.
Wirtschaftlich bergauf ging es, nachdem der Staat Georgia 2008 Steuererleichterungen für Filmproduktionen von bis zu 30 Prozent einführte (20 Prozent für die Produktion vor Ort, weitere 10 Prozent für Standortmarketinghilfe und Image-Promotion wie die Abbildung von Staatswappen). Seit 2013 hat sich der Film-Cluster in Atlanta verdoppelt. Laut Georgias Büro für Film, Musik und digitalem Entertainment belief sich der Aufwand von 245 Film- und TV-Produktionen im Fiskaljahr 2016 auf über zwei Milliarden Dollar. Zuzüglich der Zuliefererwirtschaft zeichnete sie für einen Umsatz von über sieben Milliarden Dollar verantwortlich. Dieses Geld fliesst ins lokale Gewerbe und Dienstleistungen, das meiste davon in und um Atlanta. Gemäss der Motion Picture Association of America gibt die Kino- und Fernseh-Industrie in Atlanta heute über 85 000 Menschen Arbeit und zahlt (direkt und indirekt) Löhne in der Höhe von 4,2 Milliarden Dollar. Die Location Atlanta gilt nach Los Angeles und New York als drittgrösste Filmproduktionsstätte der USA.
Boom auch jenseits der Leinwand
Dabei ist die Filmbranche nicht das einzige Aushängeschild des Grossraums Atlanta mit seinen gut 5 Mio. Einwohnern. Zum einen ist Atlanta nicht überteuert. Für den Median-Preis eines Apartments im New Yorker Stadtteil SoHo, rund 3 Millionen Dollar, erhält man in Atlanta 23 Eigenheime. Stadtplaner investieren zudem in den öffentlichen Verkehr und neue Konzepte im Sozialwohnungsbau der «Chocolate City» mit einem schwarzen Bevölkerungsanteil von über 50 Prozent. Und als Schauplatz des Bürgerkriegs und der Bürgerrechtsbewegung, Geburtsort von Martin Luther King junior, Lehrstätte von W.E.B. Dubois und Epizentrum von schwarzer R&B- und Hip-Hop-Kultur (von Outkast in den 90ern zu «Run The Jewels»-Star Killer Mike heute) ist Atlanta eine pulsierende Südstaatenmetropole, in der es von Geschichte, Kultur über Architektur bis zu Soul Food Unmengen zu entdecken gibt – mit einer Ausnahme: den Zombies. Die gibt es nur im Film.
Von Marc Neumann aus Washington DC