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Wie «The Guardian» über den Abriss der Kapellbrücke schrieb
Ein Autor berichtet in der englischen Zeitung «The Guardian», dass die Kapellbrücke in Luzern abgerissen werden solle, und bittet den Luzerner Stadtrat, seinen Entscheid zu überdenken. Doch war die historische Brücke vor 120 Jahren tatsächlich ernsthaft in Gefahr?
Wie kam es dazu, dass die Presse in England über den angeblich fixen Abbruch der Kapellbrücke in Luzern berichtete? Sie prägt noch heute das malerische Stadtbild Luzerns und wird jahrein und jahraus von tausenden Touristen abgelichtet. Doch untersucht man den Wandel Luzerns vom 19. in das 20. Jahrhundert etwas genauer, wird ersichtlich, dass die Stadt gar nicht so weit davon entfernt war, die Brücke tatsächlich abzureissen.
Luzern wird umgestaltet
Während im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen vom Land in die Städte zogen und sich der Tourismus zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Luzerns entwickelte, veränderte sich das Stadtbild rasch und stark. So wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter anderem das alte Basler-, das Senti- oder auch die beiden Weggistore abgerissen, um die Stadt touristenfreundlicher zu gestalten.
Auch die Hofbrücke, also der Teil der Kapellbrücke vom Schwanenplatz bis zur Hofkirche, wurde abgebrochen. An ihrer Stelle wurde der heute bekannte Hofquai aufgeschüttet und dutzende Hotels mit schönster Aussicht aus dem Boden gestampft. Weiter leitete man die Planung der heutigen Bahnhofstrasse in die Wege. Bevor diese aber erbaut werden konnte, musste ein grosser Teil der Reuss aufgeschüttet werden. Die fast 50 «neu entstandenen» Meter Land hatten dafür gesorgt, dass die Kapellbrücke nun viel zu lang war. So wurden nach dem Abbruch der Hofbrücke auch auf der anderen Seite der Brücke grosse Teile abgebrochen.
Kantonsräte forderten Abbruch der Kapellbrücke
Dazu kam ein weiteres – und das wohl grösste – Projekt, der Bau der Seebrücke gleich neben der Kapellbrücke. Als der Bau in den 1860er-Jahren immer konkreter wurde, standen ihm aber noch die potenziellen naturtechnischen Gefahren im Weg. Aus Angst vor Überschwemmungen oder einer Stauung des Vierwaldstättersees forderten die Kantonsräte Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden allesamt den Abbruch der Kapellbrücke, sollte die Seebrücke erbaut werden.
Bundesrat forderte einst den Abbruch
Weil sich der Stadtrat Luzerns aber gegen diese Forderung wehrte, gingen die Kantonsräte weiter zum Bundesrat. Der Beschluss des Bundesrates war aus heutiger Sicht fast schockierend. Er beschloss, dass die Kapellbrücke tatsächlich abgebrochen werden müsste. Nur falls bauliche Veränderungen am Projekt vorgenommen würden, hätte die Kapellbrücke noch die Chance zu überleben.
Weil sie für den Tourismus so wichtig war, reichte der Luzerner Stadtrat ein neues, verändertes Projekt der Seebrücke beim Bundesrat ein. Dieser bewilligte den Bau schliesslich, ohne dass der Abbruch der Kapellbrücke erforderlich wurde.
Die «Wahrheit» verformt sich
Während dieser politischen Diskussionen nahmen natürlich auch die Medien auf, was da genau beschlossen wurde. Trotz vieler Unsicherheiten erschienen in einigen Tageszeitungen der Zentralschweiz Berichte über den möglichen Abbruch der Kapellbrücke. Natürlich griffen auch national bekannte Zeitungen dieses Thema sofort auf. Innerhalb weniger Wochen hatte sich eine lokale Diskussion rund um einen nie konkreten Plan zu einer nationalen Diskussion entwickelt. In dieser schien die Hauptbotschaft zu sein, dass die Kapellbrücke wirklich dem Untergang geweiht war.
Verstärkt wurde dies durch die durchaus gewillte Bevölkerung, die Brücke tatsächlich abzureissen. Die «mittelalterliche Brücke» wurde in der Zeit des Aufschwungs von vielen als alt, unattraktiv und stinkend angesehen. Dies legte der Historiker Valentin Groebner in einem Beitrag für SRF dar. Da bereits ein Grossteil der Brücke abgerissen worden war, hielten es viele für naheliegend, dass bald auch der Rest der Brücke folgen sollte. Viele befürworteten den Abriss auch proaktiv. So machte in der Stadt sogar eine Petition die Runde, welche den Abbruch der Kapellbrücke forderte.
Das Phantomprojekt «Abbruch Kapellbrücke» nimmt Form an
Die zahlreichen baulichen Veränderungen und die zeitgenössische Meinung eines nicht unbeträchtlichen Anteils der Luzerner Bevölkerung zeigen also auf, dass der Abbruch der Kapellbrücke gar nicht so absurd war.
Natürlich wurde ein möglicher Abbruch aber nicht nur befürwortet. Viele sahen eines der wichtigsten Wahrzeichen Luzerns bedroht und empfanden den Gedanken des Abbruchs als äusserst schmerzhaft. Die mediale Entwicklung hatte jedoch dafür gesorgt, dass der drohende Abriss der Brücke für viele eine durchaus reelle «Gefahr» einer negativen Veränderung des Stadtbildes darstellte.
«Luzern bricht die Kapellbrücke ab»
Eigentlich war bereits alles beschlossen. Die Kapellbrücke sollte stehen bleiben und die Seebrücke nebenan erbaut werden. Doch schon längst hatte sich das Gerücht des Abbruches zu riesigen Diskussionen in den Zeitungen gewandelt. Wieso liess Luzern die Brücke genau abbrechen? In der «NZZ», der «Allgemeinen Schweizer Zeitung», der «Gazette de Lausanne», im «Bund», im «Vaterland» oder auch im «Luzerner Tagblatt» konnte man plötzlich lesen, dass die ach so schöne und berühmte Kapellbrücke vor dem Abriss stand.
Je mehr Zeitungen über das Thema berichteten, desto mehr Touristen aus dem Ausland bekamen Wind von dem allfälligen Abbruch. Vor allem diese sahen das so malerische Luzern bedroht. Deshalb machten die Diskussionen nicht mal an den nationalen Grenzen Halt. Einen ganzen Monat lang sprach praktisch jede Zeitung über die Diskussionen. Das Gerücht fand den Weg bis nach England, wo man am 9. Dezember 1898 in «The Guardian» lesen konnte, dass die märchenhafte Kapellbrücke abgebrochen werden würde. «Es ist fast unvorstellbar, dass die Luzerner Behörden so kurzsichtig wären, die Kapellbrücke auf irgendeine Art zu gefährden» [Übersetzung].
Weiter schrieb er, dass die Kapellbrücke, mitsamt dem Wasserturm abgebrochen werden würde. Darauf hagelte es aus dem regnerischen England starke Kritik in die Zentralschweiz.
Die Luzerner Hoteliers schalteten sich ein
Die Touristen reagierten heftig auf den Bericht. Innert weniger Wochen hatte der Stadtrat Luzerns zahlreiche Briefe von verschiedenen Engländern erhalten. In diesen forderten die Verfasser, die Brücke auf keinen Fall abzubrechen. Die Schönheit Luzerns müsse auf jeden Fall bewahrt werden. Als in Luzern noch die Petition für den Abbruch herumgereicht wurde, lancierte Carl Fuchs aus Manchester in selbiger Stadt eine Petition für den Erhalt der Kapellbrücke in Luzern. In den Zeitungen bewarb er sie und forderte die Engländer dazu auf, Luzern vor dem Abriss der Brücke zu bewahren.
Diese Eskalation und Verbreitung der Idee versetzten die reichen und mächtigen Hoteliers in Luzern regelrecht in Panik. Sie sahen «ihre» Stadt, mitsamt dem Tourismus – und somit ihren Reichtum – in Gefahr. Wirtschaftlich würde ein Abriss ihrer Meinung nach fatale Folgen für ihr Unternehmen haben. Deshalb wandten sich einige nicht nur an die nationalen, sondern auch direkt an die Zeitungen in England. Die Hoteliers liessen ihren Frust an dem Skandal aus. Sie sprachen von «wenigen Kritikern», welche praktisch aus dem Nichts einen «Vandalen-Komplott» kreiert hätten.
Das «Horrormärchen» nimmt ein Ende
Viele Wochen vergingen, bis im «Luzerner Tagblatt» schliesslich ein Artikel erschien, der darüber aufklärte, dass die ganzen Diskussionen rund um den Abbruch reine Fantasien seien. Es handle sich lediglich um ein Märchen und niemand habe je die Absicht gehabt, die Kapellbrücke abzureissen. Dieser Artikel wurde in den nationalen Medien sofort aufgenommen und die Sachlage erleichtert zur Kenntnis genommen.
Dieser Bericht beruhigte die Gemüter aber nicht umgehend. Trotz des Berichtes waren viele nicht gänzlich davon überzeugt, dass es tatsächlich nie solche Pläne gegeben haben soll. Dennoch initiierte der Bericht das Ende der Diskussionen rund um die Brücke. Nicht viele Tage vergingen, bis also auch die Engländer vernommen hatten, dass alles nur aufgeblasene Luft war. Um das Finale aufzulösen, meldete sich zu guter Letzt auch noch der Stadtrat aus Luzern und tat in einer offiziellen Stellungnahme kund, dass tatsächlich nie jemand die Absicht gehabt hatte, die Brücke abzubrechen.
- Laura Fasol, Stadtgestalt und Stadtgesellschaft, Identitätskonstruktionen in Winterthur, Luzern und Bern um 1900, Zürich, 2020
- Artikel von Raphael Zemp bei zentralplus
- Das Image der Kapellbrücke früher? Unattraktiv und stinkend, in: SRF Regionaljournal Zentralschweiz, 18.07.2022
- The threatened destruction of the old bridge at lucerne, in: The Guardian, 05.12.1898, S. 9.