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Seit seiner Gründung hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz alle Dokumente über seine Einsätze in der Welt aufbewahrt. Ein aussergewöhnliches Erbe aus Schriftstücken, Fotografien, Filmen und Tondokumenten, das zum Teil noch gar nicht erforscht ist.
"Die Erinnerung zu bewahren ist eine Art, die Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken, sie kritisch und umfassend zu prüfen und über die Gegenwart zu reflektieren", sagt Fabrizio Bensi, einer der Archivare und Historiker des IKRK.
In anderthalb Jahrhunderten hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Millionen von Dokumenten gesammelt. Im Lauf der Jahrzehnte entstand so eine einzigartige Dokumentation über den Weg der Institution, über die Entstehung und Entwicklung des humanitären Völkerrechts und humanitärer Einsätze generell.
Bensi arbeitet bereits seit 23 Jahren in der Abteilung Archiv. Er ist eine Art lebendes Lexikon dieser Institution. "Ein bescheidener Lehrling, der noch viel zu lernen hat", sagt er über sich. Was ihn Tag für Tag motiviert, ist die grosse Leidenschaft für Gegenwartsgeschichte, die beim Tessiner aus Giubiasco mit 13, 14 Jahren aufgeflammt ist und die er an der Universität in Genf verfeinert hat.
"Ich bin keine Archivmaus", antwortet er mit einem leichten Lächeln. "Ich bin ein Spezialist, der sein Wissen nährt und dieses an Besucher und Wissenschaftler weitergeben will, damit sie sich in diesem Wald von Dokumenten zurechtfinden. Mein grösstes Glück ist, wenn sie ein interessantes Dokument finden."
Chronologie
Die Geschichte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz beginnt 1859, als der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant Zeuge der Schlacht von Solferino wird. Erschüttert von diesem Erlebnis, schreibt er das Buch "Eine Erinnerung an Solferino", das 1862 publiziert wird.
1863 gründet eine Gruppe von Genfer Bürgern das "Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege", aus dem 1876 das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) entsteht.
Seit seiner Gründung gibt sich die Organisation ein rotes Kreuz als Symbol, also das Schweizer Wappen mit umgekehrten Farben. Aus diesem ersten Symbol gehen der Rote Halbmond und der Rote Kristall hervor.
Am 22. August 1864 unterzeichnen 12 Staaten das Abkommen über Respektierung und Schutz verwundeter Soldaten und des Personals, das erste Hilfe leistet. Es ist die Geburtsstunde der ersten Genfer Konvention.
1901 erhält Henry Dunant den Friedensnobelpreis. Der Vater des IKRK stirbt 1910 in Heiden im Kanton Appenzell Ausserrhoden.
1949 werden vier Genfer Konventionen zum Schutz von Zivilpersonen und Kriegsopfern angenommen. 1977 werden zwei Zusatzprotokolle gutgeheissen, die Kämpfer von Befreiungsbewegungen schützen.
(Quelle: IKRK)
Nicht nur Schriftstücke
Seit 1863 hat das IKRK gewissenhaft alle seine Dokumente aufbewahrt. Zu Beginn mussten die Dokumente Zeugnis der philanthropischen Arbeit dieser humanitären Institution ablegen. Heute, 150 Jahre später, sind die öffentlichen Archive eine unerschöpfliche Quelle für historische Forschung und Sozialwissenschaften.
"Die am meisten untersuchte Periode ist jene zwischen 1930 und 1960. Der Zweite Weltkrieg vermag noch immer ein konstantes Interesse wachzuhalten", sagt Fabrizio Bensi. "Ebenfalls oft untersucht werden die bewaffneten Konflikte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, wie der Äthiopienkrieg, der Spanische Bürgerkrieg, die Entkolonialisierung und der Kalte Krieg."
In den Archiven finden sich aber nicht nur Millionen von Papierdokumenten, sondern auch über 100'000 Fotografien, etwa 3500 Filme und 6000 Stunden Tonaufnahmen.
Um einen Teil dieser Quellen aufzuwerten und mit der Öffentlichkeit zu teilen, hat das IKRK eine Internet-Plattform geschaffen. Diese verschafft Zugang zu diversen Archiv-Materialien, darunter einigen wertvollen Tonaufnahmen über die Arbeit der Institution im Verlauf der Jahrzehnte.
Eine Abteilung des Archivs gehört der Internationalen Agentur für Kriegsgefangene. Dort finden sich Millionen von Karteikarten mit Informationen zu Opfern von Konflikten: Kriegsgefangenen, internierten Zivilisten, Vermissten, Flüchtlingen usw.
"Die enorme Anzahl an Karteikarten seit 1870 ermöglicht es dem IKRK, sein humanitäres Mandat zu erfüllen und die Familienzusammenführung zu erleichtern", sagt der Archivar.
"Beispielsweise umfasst die Sammlung von deutschen Personendaten des Zweiten Weltkriegs allein neun Millionen Karten." Er erinnert daran, dass die Dokumente der Kriegsgefangenen-Agentur von 1914 bis 1923 von der Unesco 2007 auf die Liste "Gedächtnis der Welt" gesetzt worden sind.
Tonarchive des IKRK
Die Tondokumente, die sich im Archiv des IKRK befinden, stammen grösstenteils aus dem Zeitraum 1950 bis 2000.
Die am Hauptsitz in Genf produzierten Aufnahmen dienten vor allem der Verbreitung über "Radio-Inter-Croix-Rouge", später "Red Cross Broadcasting Service" (RCBS), waren aber auch dazu gedacht, die mündliche Geschichte der Institution zu bewahren.
Um eine bessere Verbreitung der Botschaften und Informationen des IKRK zu erreichen, hat die Organisation während Jahren auch mit Schweizer Radio International, heute swissinfo.ch, zusammengearbeitet.
Anfang des 21. Jahrhunderts erkannte das IKRK, dass es notwendig wurde, dieses mündliche Erbe zu digitalisieren, damit es auch in Zukunft erhalten bleibt.
Das Projekt zur Sicherung und Digitalisierung der Audiodokumente wurde von der Schweizer Nationalphonothek unterstützt und von Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) finanziert.
Nach Abschluss dieses Projekts Ende 2013 sollen tausende digitalisierte Aufnahmen der Öffentlichkeit, Medien und Forschenden zur Verfügung gestellt werden.
Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums hat das IKRK eine Internet-Plattform ins Leben gerufen, auf der eine Auswahl von Ton-, Bild-, Film- und Schriftdokumenten gesucht, angesehen und angehört werden kann.
(Quelle: IKRK)
Nichts mehr zu verstecken
Während Jahrzehnten umgab das IKRK-Archiv eine Aura des Mysteriösen, die Polemiken um die Rolle der Institution bei einigen besonderen Situationen der jüngeren Geschichte angeheizt hatte, besonders während des Zweiten Weltkriegs. Tatsächlich war das Archiv bis 1996 nicht zugänglich, ausser in Ausnahmefällen.
"Einer der bedeutendsten Momente meiner Aktivitäten beim IKRK war jener der Öffnung eines Teils der allgemeinen Archive für die Öffentlichkeit", erzählt Fabrizio Bensi.
"Mit diesem Entscheid hat die Organisation akzeptiert, sich der kritischen und unabhängigen Prüfung der Historiker und genereller, jenem der Spezialisten in Sozialwissenschaften, zu stellen. Für mich war es der Startschuss zu einer aktiven und interessanten Zusammenarbeit mit der akademischen Welt ausserhalb unserer Mauern."
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz wollte sich der Welt öffnen, um dem steigenden Interesse von Historikern und besonders jenen Personen nachzukommen, die biografische Daten oder Zeugenberichte von Kriegsopfern suchten.
Trotzdem gab sich die Institution vor der Öffnung der Archive einige präzise Regeln: 40 Jahre Sperrfrist für Dokumente allgemeiner Natur und 60 Jahre für jene von Konfliktopfern. "Diese Sperrfristen wurden festgesetzt, damit die Recherche-Aktivitäten nicht die Mission des IKRK behindern, das dazu aufgerufen wird, sein Mandat in Ländern auszuüben, die in einen Konflikt verwickelt sind", erklärt Bensi.
Im Moment können Forscher die Quellen der Jahre 1893 bis 1965 auswerten. Ab Januar 2015 wird die Zeitspanne 1966-1975 freigegeben: "Das war eine ereignisreiche Periode, mit dem Sechstagekrieg oder dem Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten, dem Biafra-Krieg in Afrika, der Militärdiktatur in Griechenland, dem Krieg der US-Streitkräfte in Vietnam, dem Staatsstreich von Pinochet in Chile oder dem Ende des portugiesischen Kolonialreichs. Die nächste Öffnung wird daher Studien und Debatten über dieses Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts neu anfachen", so der Archivar.
Würde man die Kasten mit den unzähligen Dokumenten in eine Reihe stellen, müsste man eine Strecke von über 20 Kilometern Länge abschreiten. 150 Jahre Erinnerungen – eine ununterbrochene Linie über Konflikte, Kriege und menschliche Tragödien. Ein Halbmarathon, quasi, auf dem sich Archivar Fabrizio Bensi mit chirurgischer Präzision, aber auch mit grenzenloser Leidenschaft bewegt.
(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch