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Fünf Farben im Himalaya
Vier Wächtergottheiten zeigen an, dass gleich etwas Aussergewöhnliches zu sehen sein wird. So betreten wir die Kapelle hinter ihnen. Und stehen vor dem 12-jährigen Buddha im Jokhang-Tempel, dem Jobo-Shakyamuni.
von Markus Buenzli-Buob (Text) und Rosmarie Buenzli-Buob (Fotos)
Die Statue aus vergoldeter Bronze ist eineinhalb Meter hoch und stammt aus dem 7. Jahrhundert. Mitgebracht nach Lhasa, der Stadt der Götter, hat sie der Überlieferung nach Prinzessin Wengcheng als Mitgift zur Hochzeit mit König Songtsen Gampo.
Die Figur des Jobo gilt als heiligste Buddha-Statue Tibets. Fotografieren verboten. Wir befinden uns am wichtigsten Pilgerziel des Schneelands, vergleichbar mit dem Petersdom in Rom oder der Kaaba in Mekka. Wer hierher pilgert, darf schon am Vormittag im Jokhang meditieren. Tourist*innen werden kurz vor Mittag eingelassen.
Der legendäre indische Gelehrte Guru Rinpoche, genannt Padmasambhava, soll 770 in Samye ein Kloster gegründet haben, das heute als das älteste in ganz Tibet gilt. Ein paar Jahre später erklärte König Trisong Detsen den Buddhismus zur Staatsreligion. Zurückgedrängt wurde damit die einheimische Bön-Religion. Zur gleichen Zeit soll Padmasambhava – er erinnert mich irgendwie an Paulus – den Buddhismus über die Berge in das kleine hinduistische Feudalfürstentum Bhutan gebracht haben. Im 9. Jahrhundert geriet dieses unter tibetische Herrschaft. Der buddhistische Einfluss wuchs, bis diese Religion im 12. Jahrhundert zur Staatsreligion erklärt wurde.
Der tibetische Buddhismus – er wirkt auch in die Mongolei hinein – nennt sich Vajrayana-Buddhismus und ist ein Zweig des Mahayana. In der Himalaya-Region war und ist der Vajrayana offen für magische Rituale und Praktiken. Er nahm vieles auf, was Bergvölker früher in der Bön-Religion ausdrückten. Inkulturation kennen wir aus der Geschichte des Katholizismus. Als vom römischen Kaiser zur Staatsreligion erklärtes Christentum integrierte es ab Ende des 4. Jahrhunderts mannigfaltiges regionales «heidnisches» Brauchtum und benannte es neu.
Wer in Asien mit einer religionsvergleichenden Brille reist, ist darum nicht erstaunt über eine grosse Vielfalt, die sich auf Buddha bezieht. Jedes Land weist eigene Formen, Traditionen, Erzählungen und Gestalten auf. Auch in Bern kann man im Haus der Religionen via Interkulturellen Buddhistischen Verein Frauen und Männer treffen mit ihrer Art zu leben und zu beten. In der Stadt versammeln sich weitere buddhistische Gemeinschaften.
Weit weg von Bern haben wir den tibetischen Buddhismus kennengelernt, zuerst im Himalaya-Königreich Bhutan. Klöster und Ordensgemeinschaften üben dort wichtige Funktionen aus. Das zeigt sich unter anderem in grösseren Orten im Dzong, der Klosterburg mit sakralem Tempel- und zivilem Verwaltungsbereich.
Rotmützen und Gelbmützen
Bhutan ist in zwei Einflussbereiche geteilt: im Osten sind die Nyingma-pa-Mönche stark, in Zentral-Bhutan und im Westen die Druk-pa-Mönche. Beide Orden gehören zu den Rotmützen. Die Nyingma-pa berufen sich auf Padmasambhava, während die Druk-pa «nur» aufs 12. Jahrhundert zurückgehen. Der langen Geschichte voller Streitigkeiten kurze Pointe: heute stellt die Schule der Druk-pa den obersten Abt des Landes. Er residiert im Dzong von Punakha, im schönsten des Königreichs. Hier bekam der aktuelle König 2008 die Krone aufgesetzt. Die Menschen in Bhutan betrachten Punakha als heimliche Hauptstadt.
Bhutan bereisten wir von Ost nach West auf einer abenteuerlichen (Haupt-)Strasse. Bei Klosterbesuchen hatten wir das Glück, oft an Gebeten teilhaben zu dürfen. Sie weisen Ähnlichkeiten mit Stundengebeten unserer Klöster auf. Unterschiede: Blas- und Schlaginstrumente werden lautstark eingesetzt. Und Mönchen wie Gästen wird während der Zeremonie Wasser, Tee und Milch serviert.
Auf der Fahrt durchs Land fallen Gebetsfahnen auf. Dutzende, Hunderte, Tausende bilden Meditationsort für Meditationsort. Die kleinen Tücher, oft mit Weisheiten beschrieben, wiederholen die fünf Farben des Buddhismus. Gelb für Erde. Rot für Feuer. Weiss für Luft, Wolken, Wind. Grün für Wasser. Blau für Raum, Leere, Himmel. Leider war unser Himmel oft grau, ohne Aussicht auf schneebedeckte Himalaya-Riesen.
Annäherungen an den tibetischen Buddhismus im Süden des Himalaya machten rasch klar: wir besuchen Tibet. Zwar ist unser Wunsch nicht buddhistisch inspiriert. Denn eine tibetische Weisheit sagt:
«Eine Landschaft, ein Gesicht, ein Bild muss nicht sichtbar sein,
um zu wirken. Es genügt, wenn sie/es existiert.»
Aber einmal in Lhasa zum Potala aufsteigen, zum berühmtesten Dzong. Einmal die Qomolangma (Mount Everest) vom North Base Camp aus mit eigenen Augen sehen. Einmal die Hochebene auf 4000 m ü. M. und Pässe über 5300 m befahren. Davon träumen Leute aus dem Flachland.
Die religiöse Landschaft in Tibet zeigt sich äusserst vielfältig. Im Hochland hält sich die alte Bön-Religion. Innerhalb des Buddhismus gibt es Rotmützen mit speziellen Prägungen – vielleicht vergleichbar mit den Franziskanern bei uns. Neben den Nyingma-pa existieren Kagyü-pa mit einer ganzen Reihe von Nebentraditionen. Die Sakya-pa schufen im 11. Jahrhundert den ersten Priesterstaat. Im 13. Jahrhundert setzte ein mongolischer Eroberer die Sakya-pa als weltliche Herrscher über Tibet ein. Die Kadam-pa hielten sich nur bis ins 15. Jahrhundert als selbstständige Schule. Aus ihnen gingen als Reform-Orden die Gelug-pa hervor, die Gelbmützen. Sie lösten eine Welle von Klostergründungen aus.
Wir konnten auf unserer Reise die Lehrzentren Drepung (gegründet 1416), Sera (1419) und Tashilhunpo (1447) besuchen. Heute leben viel weniger Mönche dort als zur Zeit der Hochblüte. Die Kulturrevolution (1966–1976) zerstörte Klosteranlagen und damit auch Traditionen. Die aktuelle Religionspolitik Chinas lässt zu, dass zahlreiche Klöster und Tempel wieder aufgebaut werden, verlangt von den Mönchen jedoch Unterstützung des herrschenden Systems.
Zurück in die Geschichte: Ein gewiefter Abt der Gelbmützen erhielt 1578 vom damaligen mongolischen Herrscher den Titel Dalai Lama, was «Lehrer, dessen Mitgefühl so gross ist wie der Ozean» bedeutet. Trotz Mitgefühl prägten Streitigkeiten das Schneeland. Im 17. Jahrhundert gab es in Tibet heftige innere Kämpfe zwischen Rot- und Gelbmützen, während China und die Mongolei aufblühten. Der 5. Dalai Lama agierte geschickt, kam dank Mongolen zu politischer Macht und vertrieb Rotmützen u. a. nach Bhutan. Nebenbei wurde nach seinen Plänen von 1644 bis 1692 der Potala erbaut. Nachfolger des «Grossen Fünften» hatten kein Glück. Im 18. Jahrhundert kontrollierte China die Regierung. Der 8. bis 12. Dalai Lama wurde jeweils ermordet. Erst der 13. Dalai Lama (1876–1933) setzte Reformen durch, erklärte die Unabhängigkeit Tibets und lavierte sein Land vorerst durch die Wirren des «Great Game».
1904 wollten die Briten Tibet in ein britisches Protektorat umwandeln, Russland widerstand – und China profitierte. Es übernahm die Oberhoheit über die Region. Das Hin und Her um das Hochland dauerte an, bis 1950 die chinesische Armee einmarschierte. 1959 kamen nochmals Soldaten, weil der 14. (und aktuelle) Dalai Lama nicht einlenkte. Er floh nach Indien. Seit 1965 heisst Westtibet Autonome Region Tibet, während Osttibet der Provinz Sichuan zugeschlagen wurde.
Heute leben in Lhasa mehr Han-Chinesen als Tibeter. Letztere sind in der Altstadt zu Hause. Doch es gibt Pläne, sie in moderne Hochhauswohnungen umzusiedeln. Dann wird die Altstadt ein Museum für Tourist*innen. Mehr als eine Meinung Im tibetischen Buddhismus sind die Gelbmützen, die Gelug-pa, untereinander nicht gleicher Meinung. Während der Dalai Lama in Indien im Exil lebt, hat in Shigatse, der zweitgrössten Stadt, der Panchen Lama traditionell seinen Wohnsitz. Diese Reinkarnationslinie stand früher vielfach im Gegenspiel zur Linie der Dalai Lama. Der Panchen Lama gilt als zweithöchste Reinkarnation der Gelbmützen. Sein Kloster Tashilhunpo, 1447 gegründet, ist heute eines der aktivsten Klöster in Tibet.
Auf unserer Reise von Kloster zu Kloster fuhren wir auch nach Shigatse. Wir besichtigten die mächtige Anlage und umwanderten die traditionelle Kora im Uhrzeigersinn. Da der Panchen Lama als Inkarnation des hierarchisch höher stehenden Amitabha («Buddha des Unendlichen Lichts») angesehen wird, der Dalai Lama «nur» als Inkarnation des Bodhisattvas Avalokiteshvara, lag in seiner Ernennung schon der Keim für künftige Kompetenzstreitigkeiten. Denn der Dalai Lama hatte mehr Einfluss auf die Zentralregierung, besass geistige und weltliche Macht in Tibet.
Heute noch ist Tibet gespalten in Anhänger*innen des Dalai Lama, der eine gewisse Autonomie für Tibet will, und in eher dem Panchen Lama zugeneigte Tibeter*innen, die eine Annäherung an China befürworten. Das nützt die Regierung aus. Der aktuelle 11. Panchen Lama, vom Staat ernannt, lebt meist in Peking. Doch selbst er hat 2015 die Politik in Tibet öffentlich kritisiert. Differenzierte Informationen zur Situation sind für Tourist*innen jedoch nicht erhältlich. Wir erlebten ambivalente Stimmungen.
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