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Bessere Chancen für Menschen ohne Berufsabschluss
Tribüne
Beschäftigung für Bildungsbürokraten
Rudolf Strahm* über die NQR-Gleichmacherei.
M it dem aufwändigen NQR-Projekt soll ein achtstufiger Qualifikationsrahmen, der sich am Europäischen System orientiert, auf das schweizerische Modell der dualen Berufsbildung und Höheren Berufsbildung überstülpt werden. Im Folgenden acht Fragen zum Projekt.
Ist die Vergleichbarkeit der Berufe möglich?
D as SBFI konnte bei seiner Präsentation keine einleuchtende Antwort geben auf die Frage, wie und nach welchen Kriterien die Berufe zu bewerten und einzustufen sind. Man verwies auf einen «Leitfaden» als Hilfe zur Beschreibung von «Deskriptoren» der Kompetenzen. Wie werden die Kompetenzen beschrieben? Wie werden die Deskriptoren bewertet und gewichtet? Wie sind die Berufsabschlüsse des dualen schweizerischen Berufsbildungssystems vergleichbar mit jenen aus Ländern mit nur vollschulischen Bildungsgängen? In England studiert man Pflegefachfrau (Nurse) nur an der Hochschule. In Südeuropa wird der diplomierte Schweisser nur in einer technischen Schule in Metallurgie und andern schulischen Fächern, aber ohne Praxis ausgebildet. Wie werden die von der Wirtschaft geschätzten Stärken, etwa die Arbeitsmarktfähigkeit und die berufspraktischen Kompetenzen, valorisiert? Was wird da zum Vergleich gezwungen, wenn zwei ungleiche Berufsbildungssysteme nebeneinander stehen?
Einstufung über den gleichen Leisten?
F ür die Zuordnung der Berufsabschlüsse mit dem EFZ ist grundsätzlich die Einstufung auf NQR-Niveau 4 vorgesehen. Sollen damit niederschwellige Berufsabschlüsse eines Malers oder Kochs gleich eingestuft werden wie etwa wissensbasierte, anspruchsvolle Berufe eines schweizerischen Polymechanikers, Informatikers oder eines Kaufmanns, einer Kauffrau, die mindestens über so viel Wissens- und Anwendungskompetenzen verfügen wie ein ausländischer Ingenieur resp. ein Bachelor auf der EQR-Stufe 6? Josef Widmer vom SBFI beteuerte, bei der NQR-Einstufung sei die «Systemoptik» im Vordergrund, also die Zuordnung zur Bildungssystematik, anstatt ein branchenübergreifender Vergleich. Ein Coiffeur-Beruf oder Informatikerberuf dürfe nicht miteinander verglichen, sondern im Rahmen ihrer je branchenspezifischen Bildungshierarchie zugeordnet werden. Ob dies der Reputation der höherschwelligen, wissensbasierten Berufslehren dient, bezweifle ich. Wie wird der bildungsfremde Funktionär des KV Schweiz, ein glühender Befürworter dieser NQR-Übung, seinen karriereorientierten KV-Absolventen die Einstufung bloss auf Niveau 4 oder 5 verkaufen? Wird der NQR im Endeffekt zu einem Berufsbildungs-Killer? Meine langjährige Praxiserfahrung national und international ist: Je mehr die schematische Schere des OECD-Bildungssystems angewandt wird, desto schlechter wird die praktische Intelligenz und Berufspraxis bewertet.
Wer beurteilt – wer beschliesst?
Die OdA und Berufsverbände müssen in Ihren Anträgen bereits Expertenwissen einbringen, notfalls unter Zuhilfenahme externer Beratungsfirmen. Wer verfügt aber im EHB beim sog. Konsistenzprüfungsverfahren über die Kompetenz zur Beurteilung und Bewertung der berufspraktischen Deskriptoren? Und wer im SBFI verantwortet den Einstufungsentscheid? Was legitimiert zu diesem weittragenden Behördenakt? Wie erwähnt, ist bei unterschiedlichen Auffassungen zwischen Verband und Verwaltung keine Rekursmöglichkeit gegen die SBFI-Verfügung vorgesehen (es sei denn, sie würde noch geschaffen oder erzwungen). Vorgesehen bei Nichteinigung ist bloss ein Rauswurf aus dem Berufsregister bei Nichteinigung.
Warum Berufsmaturität beiseite lassen?
Rund 14 000 Jugendliche absolvieren jedes Jahr mit oder nach der Berufslehre die Berufsmaturität BM, neben den 18 000 Absolventen/innen der gymnasialen Maturität. Die BM soll im NQR-Verfahren nicht bewertet und bei der Einstufung nicht berücksichtigt werden. Ist ein solches Verfahren für die Schulen und Absolventen überhaupt nachvollziehbar?
Hochschultitel privilegiert
Die Hochschulen verdienen sich enorme Erträge mit blumigen Weiterbildungstiteln wie Master of Advanced Studies MAS, Diploma of Advanced Studies DAS, Certificate of Advanced Studies CAS oder Master of Business Administration MBA. Diese sehr unterschiedlich nivellierten, nichtakademischen Bildungstitel konkurrieren die formalen, geregelten Abschlüsse der Höheren Berufsbildung. Doch alle die MAS, DAS, CAS, MBA der Fachhochschulen sollen mit dem NQR nicht eingestuft werden. Sie werden damit dem Vergleich entzogen und profitieren weiterhin vom Defizit an Qualitätsprüfung, dafür von der Reputation der Fachhochschulen.
Wie ist die Höhere Berufsbildung einzustufen?
Die für das ganze Berufsbildungssystem entscheidende Schicksalsfrage, nämlich die Einstufung der Höheren Berufsbildungsabschlüsse, wurde in der Präsentation des SBFI nicht beantwortet. Vorgesehen ist deren Einstufung in den Niveaus 5 bis 7, in Ausnahmefällen auch auf Niveau 8. Eine solche NQR-Einstufung mit dem Diploma Supplement ist indes kein Ersatz für einen übergeordneten Titel! Doch immerhin würde – dies ist der Vorteil der bildungsbürokratischen Monsterübung – manifest werden, dass die Höhere Berufsbildung eben auf dem Niveau der Hochschul-Bachelor und Hochschul-Master einzuordnen wäre.
E in vorläufiges Fazit: Wer die Schere der OECD-Bildungssystematik im Kopf hat, wird seine Vorteile in dieser NQR-Gleichmacherei finden. Aber der Berufslehre und der Höheren Berufsbildung verhilft sie nicht zu mehr gesellschaftlicher Reputation. Der Trend ins Gymnasium und zur Akademisierung wird weitergehen.
* Rudolf Strahm ist alt Nationalrat (SP) und ehemaliger Preisüberwacher.
Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.
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