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Von Kasparow war bekannt, dass er in der Eröffnungs-Vorbereitung konsequent Varianten suchte, in denen Standardzüge schlecht waren. Standardmanöver haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Schachspieler. Man „weiss“ einfach, dass in „dieser Stellung“ „das da kommt“. Kasparow nützte diese Denkweise gnadenlos aus.
Ich selber suche bewusst Stellungen, in denen positionelle Züge schlecht oder antipositionelle Züge gut sind. Natürlich ist das ein seltenes Ereignis, aber es kommt vor.
Einmal sah ich am Nebenbrett an einem Rapid-Turnier folgende Stellung: 1.d4 e6 2.c4 b6 3.Sc3 Lb7 4.e4 Lb4 5.Ld3 f5 6.Dh5+ g6 7.De2 Sf6 8.f3 Sc6 9.Le3 fxe4 10.fxe4 e5. Nun weiss jeder, der diese Eröffnung spielt, dass das „ganz schlecht für Weiss“ ist und erwartet 11.d5 Sd4 12.Dd2 Sg4 und so weiter. Oder sogar 12.Dd1?? Sxe4 und gewinnt. Nun zog aber Weiss 11.Sf3 exd4 12.Sxd4 Se5 13.0-0. Nach der Partie fragte mich der Schwarzspieler: „Was ist das für ein Zug, 11.Sf3? Fürchterlich.“ Ich: „Das ist der Computerzug“. Er: „Was für ein Computerzug? Der beste der schlechten?“ Ich: „In etwa“. Damit war der gegenseitige Wissensstand korrekt ausgetauscht. Nun zog Schwarz 13…Lxc3 14.bxc3 Sxd3 15.Dxd3 Sxe4?? 16.Tae1 und verlor kläglich. In dieser Stellung steht Schwarz komplett auf Verlust.
Die Stellung begann mich zu interessieren. Nun ist 11.Sf3 kein wirklich guter Zug, halt eben nur der beste der schlechten. Der eigentliche Fehler ist 8.f3. Nach 11…exd4 12.Sxd4 Se5 13.0-0 hält aber nur das paradoxe 13…0-0!! den Vorteil fest. Schwarz verzichtet sozusagen auf alle positionellen Vorteile: Er versäumt es, Weiss einen Doppelbauern anzuhängen und darüber hinaus, den Be4 zu erobern. Nicht genug damit, er lässt sogar den weissen Springer nach d5. Nach 13…Lxc3, was wohl jeder ziehen wird – so hat z. B. der GMDanny King diesen Zug gemacht – ist jeder Vorteil weg und Weiss nach 14.bxc3 0-0 15.Lg5 De7 16.Lc2 Tae8 17.Tae1 sogar schon im Vorteil.
Die korrekte Spielweise ist 13…0-0! 14.Sd5 Lc5! Für den unwahrscheinlichen Fall, dass dies wirklich eintrifft, sollte ich ein Notfall-Programm parat haben. Dieses bestünde hier in 15.Sf3 Lxe3+ 16.Dxe3 und erneut kommt Schwarz nur mit den antipositionellen Zügen 16…Sfg4 17.Dd2 c6 17.Se3 De7 oder 17…Lxd5 18.exd5 Sfg4 19.Dd4 Sxf3+ 20.Txf3?! Dg5 weiter. Weiss sollte in der zweiten Variante eben auch nicht positionell 18.exd5 sondern 18.cxd5 De7 19.Tc1 spielen, wonach ihm der Druck auf c7 reale Überlebenschancen gibt.
Wie gesagt, ist es höchst unwahrscheinlich, dass jemand den 13. und 14. Zug für Schwarz findet, es sei denn er hätte diesen Artikel gelesen. 8.f3 nebst 11.Sf3 ist daher ein fantastischer Bluff, der auch einen Grossmeister ins Schwitzen bringen kann.