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Am 12. März 1974 hatte ich bereits Gelegenheit, das Politische Departement auf besonderem Wege kurz über diesen Abschiedsbesuch vom 11. dies zu orientieren, der Aufsehen erregt hat, weil Tito seit Jahren keine Botschafter mehr zu Antritts- oder Abschiedsbesuchen empfängt. Auch der frühere Doyen, der damalige kubanische Botschafter2, ist nicht bis zum Staatsoberhaupt «vorgedrungen».
Einer der nächsten Mitarbeiter3 des Marschalls hat mich schon anlässlich meines Abschiedsempfanges, am 26. Februar, gebeten, zwei bis drei Tage gegen Mitte März für den Fall offenzulassen, dass Präsident Tito entweder doch selber mich empfangen oder dies durch eine andere hohe Persönlichkeit besorgen lassen möchte. Da ich den hier üblichen Abschiedsorden bereits abgelehnt hatte, musste ich diese Eröffnung als Beweis besonderer Gunst des Prä siden ten betrachten, was andererseits eine Verlängerung meiner Amtszeit um einige Tage bedeutete. Ich habe die Verwaltungsdirektion sofort entsprechend informiert4. Ich erlaube mir, ihr auch eine Kopie dieses Berichtes zuzustellen.
Tito liess mich am 9. dies wissen, mein Abschiedsbesuch in seinem Jagdschloss in Karadjordjevo sei auf den 11. März 1974 angesetzt (ca. 150 km von Belgrad entfernt). Ich war überrascht, zu erfahren, dass meine Frau5 und ich nicht nur den Präsidenten und seine Gattin6 treffen würden, sondern anschliessend auch noch zum Mittagessen in Karadjordjevo eingeladen seien. Ferner offerierte mir das Marschallat einen Wagen der Präsidentschaft für die Hinund Rückfahrt, eine Faveur, die allen hiesigen Gepflogenheiten widersprach und dementsprechend eingeschätzt werden darf. In Begleitung meiner Frau traf ich am 11. März um 11 Uhr in Karadjordjevo ein und vernahm, das Treffen gelte in erster Linie dem Ehepaar Keller und dem Vertreter der befreundeten Schweiz. Von meiner Funktion als Doyen war dagegen nicht die Rede; ohne Zweifel deshalb, weil der Präsident bedacht ist, keinen Präzedenzfall für andere Botschafter oder einen andern Doyen zu schaffen.
Nach der Begrüssung, die ausgesprochen herzlich war und wobei neben den Gastgebern nur der Protokollchef7 des Präsidenten und seine Frau, ein General8 aus dem persönlichen Stab des Marschalls und ein Sekretär zugegen waren, schlug Tito einen einstündigen Spaziergang in seinem riesigen Park vor. Das Wetter war kalt aber trocken und ich war überrascht festzustellen, wie rüstig der Marschall sich zeigte und offenbar nicht die geringste Mühe hatte, eine Stunde lang kräftig zu marschieren. Er äusserte sich dabei u. a. über die zahlreichen Verbesserungen, die er als Jagdherr in und um Karadjordjevo während der vergangenen Jahre angeordnet hatte, über die Fürsorge für die zahlreiche Fauna und Flora und über die auch in Jugoslawien bekannten Probleme des Wildschutzes. Nach einer Stunde folgte ein Picknick an einem Lagerfeuer, bei dem ich feststellen konnte, wie gut und gerne Tito den zahlreichen und natürlich erstklassigen Speisen und Getränken zusprach. Nach einem weiteren kurzen Spaziergang begab man sich zum Mittagessen, in dessen Verlauf Tito einmal mehr bewies, wie leistungsfähig er beim Essen, Trinken, Zigarrenrauchen und besonders beim Erzählen von Anekdoten geblieben ist. Ich revanchierte mich mit passenden Erzählungen aus meiner Karriere, was bei Tito wiederholt schallendes Gelächter auslöste.
Tito machte sich lustig über Leute, die – wie er sagte – sich überflüssigerweise um seine Gesundheit sorgen. Er bemerkte auch, dass vor wenigen Tagen eine französische Presseagentur die Nachricht kolportiert habe, er müsse sich demnächst an einem Bein operieren lassen. Sein einstündiger Marsch durch den Wald bewies aber, dass davon keine Rede sein kann. Nicht nur die körperliche, aber auch, und ganz besonders, die geistige Frische Titos stehen ausser Zweifel. Was sich dagegen offenbar geändert hat, ist eine etwas vermehrte Rücksicht auf den ärztlichen Rat, an seine Gesundheit und sein Alter zu denken.
Dass Tito sich über die Zukunft seines Landes, Europas und der Welt andererseits Sorgen macht, war nicht zu verkennen. Ich hatte den Eindruck, er sei überzeugt, dass Jugoslawien heute und in nächster Zeit ihn wieder mehr brauche als während der vergangenen Jahre und dass er sich bewusst ist, wie sehr das Schicksal seines Landes und seiner Völker von einer starken autoritären Hand abhängig ist; und diese Hand kann natürlich heute und morgen nur diejenige Titos sein. Eine gewisse Bitterkeit war nicht zu verkennen, als Tito sich über die Begehrlichkeit der jungen Generation und deren Mangel an Bürgersinn äusserte, der auch Jugoslawien zu schaffen macht. Anderseits sprach sich der Präsident sehr optimistisch aus über die Entwicklungsmöglichkeiten Jugoslawiens angesichts seiner natürlichen Reichtümer, seiner grossen Reserven an tüchtigen Arbeitskräften, seiner guten Position in der Dritten Welt und besonders enger Zusammenarbeit mit den arabischen Rohstoffländern. Er äusserte sich sehr zuversichtlich über die Möglichkeiten, auf diesem Gebiete schon in kurzer Zeit neue und dauernde Erfolge zu erzielen, und erwähnte mit besonderer Befriedigung was jugoslawische Unternehmungen und Spezialisten in zahlreichen Entwicklungsländern geleistet haben und weiterhin zu leisten berufen seien. Im übrigen sprach er im Sinne der bekannten jugoslawischen innen- und aus senpolitischen Thesen, vermied aber jede Schärfe und jeden Angriff auf irgendein Land oder Regime. Immerhin wies er auf die Probleme hin, mit denen sich besonders die Russen und die Amerikaner heute befassen müss ten. Ich hatte den Eindruck, dass er insbesondere der Aussenpolitik der beiden Supermächte skeptisch gegenübersteht. Die neusten Vorgänge in der jugoslawischen Innenpolitik streifte er kaum, vermutlich deshalb, weil er um die Kritik weiss, der Jugoslawien auf diesem Gebiet in letzter Zeit im west lichen Ausland begegnet9.
Zu meiner Überraschung erwies sich Tito als aussergewöhnlicher Kenner unserer bilateralen Beziehungen und unserer Zusammenarbeit, die er auch auf politischem Gebiet noch ausbaufähig sieht10. Er sprach mit Achtung von den Leistungen unseres Landes während der vergangenen Jahrhunderte, unseren ständigen Bemühungen um Unabhängigkeit und Selbständigkeit in einer unruhigen Welt, von unserem Wehrwesen, über das er offenbar durch den früheren Generalsstabchef Bubanj sorgfältig orientiert worden war; erwähnte sogar ohne Kritik die jugoslawischen Arbeitskräfte in unserem Lande11 und lobte die Disziplin der Schweizer auf allen Gebieten. Sehr positiv äusserte er sich über die erfreulichen Resultate unserer industriellen und wissenschaftlichen Kooperation12. Tito hat vor einiger Zeit drei unserer wichtigsten Lizenznehmer besucht, nämlich die Schiffswerft «3. Maj» (Sulzer13), die Pharmazeutische Fabrik PLIVA (Ciba-Geigy14) und die Werkzeugmaschinenfabrik «1. Maj» in Zagreb, die ebenfalls mit einer Schweizer Lizenz arbeitet. Die Schiffswerft «3. Maj» und die Firma PLIVA in Zagreb gehören zu den grössten und in aller Welt bekannten Unternehmungen Jugoslawiens. Tito hat mit seinem Besuch alle Bedenken, die in gewissen Kreisen über die Kooperation mit dem «Westen» aufgetaucht sein mögen15, ein für alle Male beseitigt. Er ist sich klar, dass die Schweiz aus politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Gründen ein geradezu idealer Partner ist. Er weiss es ohne Zweifel zu schätzen, dass unser Land Jugoslawien vor 25 Jahren, als Belgrad mit dem Ostblock brach (Kominformkrise) und völlig isoliert war und nach neuen Partnern Umschau hielt, Verständnis zeigte und Hilfe gewährte16. Gerade in Beziehung auf diese Zusammenarbeit wiederholte Tito was er in vielen seiner Reden immer wieder unterstreicht; er sprach von noch ungenützten ausserordentlichen Möglichkeiten. Über das Gespräch betreffend Schweizeruhren, einem eigentlichen Hobby Titos berichte ich Ihnen noch separat17.
Auf das Risiko hin unbescheiden zu werden, darf ich auch noch erwähnen, was der Präsident in seiner kurzen Tischrede über die Arbeit dieser Botschaft und meiner Frau sagte. Ich glaube sein Urteil war so schmeichelhaft wie ich es besser gar nicht hätte erwarten dürfen. Ich antwortete selbstverständlich dementsprechend und mit einem Hinweis auf das Verständnis, das Entgegenkommen und die Hilfe, die ich während der vergangenen sieben Jahre überall in Jugoslawien gefunden habe, und mit der Bitte, das gleiche Wohlwollen auch auf meinen Nachfolger18 zu übertragen. Das Mittagessen war gegen 15 Uhr fertig.
Zum Schluss überreichte Frau Broz und der Präsident meiner Frau und mir noch die hier in solchen Fällen üblichen Abschiedsgeschenke, nämlich ihre Photographien (mit handschriftlicher Widmung) in silbernen Rahmen.
Ich glaube, diesen Abschiedsbesuch einerseits als sicheres Zeichen dafür interpretieren zu dürfen, dass es gelungen ist, die mir vom Bundesrat anvertraute Aufgabe in Jugoslawien so zu lösen, dass auch auf jugoslawischer Seite Anerkennung, Befriedigung und Vertrauen zu finden waren19. In dieser Vermutung werde ich gestärkt durch die ungewöhnliche Publizität, die auf Weisung Titos in ganz Jugoslawien dem Besuch gegeben wurde, und durch zahlreiche schriftliche und mündliche Beweise und andere Manifestationen20 der Sympathie und Achtung. Selbst grösste Blätter veröffentlichten illustrierte Meldungen auf der ersten Seite, was überhaupt noch nie in einem solchen Fall vorgekommen sein soll. Andererseits legte Tito ohne Zweifel Wert darauf, an Hand eines solchen Abschiedsbesuches im In- und Ausland zu betonen, dass die Gerüchte über seine angebliche Erkrankung unbegründet sind. Meine Frau und ich können uns denn auch der Gesuche aus diplomatischen und andern Kreisen um Auskunft fast nicht erwehren.
Präsident Tito hat mich bei der Verabschiedung gebeten, «dem schweizerischen Bundespräsidenten und seiner Regierung» seine besten Grüsse zu entbieten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Herrn Bundespräsident E. Brugger, den ich im vergangenen Jahr bereits einmal über den Stand unserer Beziehungen zu Jugoslawien orientieren durfte, und die übrigen Mitglieder unserer Landesregierung in der Ihnen gut scheinenden Weise orientieren wollten und danke Ihnen für Ihre Bemühungen bestens.
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