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SRF News: Wie gross sind die Zerstörungen in Palmyra?
Mirko Novak: Die Fachkollegen aus Damaskus waren noch nicht vor Ort, wir haben also erst vorläufige Informationen. Die von Soldaten der syrischen Armee veröffentlichten Aufnahmen deuten aber auf darauf hin, dass die Schäden mehr oder weniger dem entsprechen, was befürchtet worden war.
Reden wir zuerst über das Museum: Was wurde dort beschädigt?
Im Museum sieht es schlimm aus, das zeigen die Handyaufnahmen der Soldaten. Die meisten Kleinfunde, also mobile Objekte, hatte die syrische Antikenbehörde im Vorfeld der Eroberung Palmyras durch den IS noch evakuieren können. Die Statuen und andere grössere Objekte aber wurden sehr stark zerstört. Der IS zerschlug insbesondere die Gesichter der Statuen und der Büsten von Verstorbenen.
Was wissen Sie über die Beschädigungen von Bauten auf dem Gelände der antiken Stadt?
Erste Eindrücke vermitteln hier Drohnenaufnahmen der russischen Luftwaffe. Darauf ist zu sehen, dass der IS, wie selber propagiert, den Baal-Tempel tatsächlich zerstört hat. Es liegt praktisch kein Stein mehr auf dem anderen. Die grosse Mauer, welche die ganze Tempelanlage umgab, ist aber noch erhalten. Ähnlich steht es um den zweiten grossen Tempel, den Baalschamin-Tempel. Auch der existiert wohl nicht mehr. Andere Gebäude, über die keine Informationen vorlagen und von denen man befürchten musste, dass sie nicht mehr existieren, sind aber offenbar noch intakt. So zum Beispiel das Theater oder das Tetrapylon.
Wird man die zerstörten Gebäude wieder rekonstruieren können?
Offenbar hat der IS die Gebäude ‹nur› in die Luft gesprengt, ohne die Steine in einer anderen Form wiederzuverwenden. Theoretisch ist es also möglich, die Gebäude wieder aufzubauen. Die grosse Anzahl wissenschaftlicher Aufnahmen ermöglichen in einem ersten Schritt eine sehr detailgetreue Wiederherstellung. Diese kann später als Vorlage für eine physische Rekonstruktion der Gebäude dienen. Die Voraussetzungen sind also nicht schlecht. Allerdings ist das eine sehr teure und aufwendige Unternehmung, die wissenschaftlich gut begleitet werden muss. Und bei allen Bemühungen entspricht der Wert einer Rekonstruktion nie dem des Originals.
Reisen Sie und ihr Team für Ausgrabungen oder sonstige archäologische Arbeiten bald wieder nach Palmyra?
So optimistisch ist keiner von uns. Aber wir hoffen alle, dass der Bürgerkrieg bald ein Ende finden wird. Selbstverständlich planen wir dann wieder nach Palmyra zu reisen. Nicht unbedingt, um mit Ausgrabungen zu beginnen. Eher um Hilfe anzubieten, für all die Reparaturen, die nötig sein werden. Betroffen sind ja nicht nur die spektakulären Gebäude sondern auch viele Museen und Ruinenstätten, die in Mitleidenschaft gezogen worden sind.
Mirko Novák
Mirko Novák ist Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Universität Bern. Er leitete während 27 Jahren Ausgrabungen in Syrien.