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Eine hellbraune, undurchsichtige Flüssigkeit in einer Kunststoffflasche. Ein blonder Bub lächelt auf einem hellblauen Hintergrund. Die Schrift für mich unlesbar: Kyrillisch.
Was nimmst Du mit auf der Flucht, wenn Du nicht weisst wohin die Flucht geht und wie lange sie dauern wird? Was hat Platz in einem Van mit acht Insassen davon fünf Kinder?
Zwölf Stunden für die ersten 400 Kilometer, nach drei Tagen überquerst Du erstmals eine Landesgrenze. Freunde fragen Dich über Facebook: wohin die Reise geht. Du antwortest: ich weiss es nicht, einfach nach Westen, weg von den gefährdeten Gebieten.
Immer wieder neue Länder, immer wieder Kontrollen, immer wieder neue Unterkünfte, sogar Luftschutzkeller. Ausgerechnet Luftschutzkeller, nachdem Du Kiew verlassen hast, damit Deine Kinder nicht in einem Luftschutzkeller leben müssen. Unterwegs hast Du ein Foto von der Schule Deiner ältesten Kinder bekommen: völlig zerstört. Waren noch Kinder drin? Sind Klassenkameraden meiner Kinder gestorben? Soll ich Ihnen das Foto zeigen?
Siebzehn Tage nachdem Du Kiew verlassen hast, kommst Du in einer kleinen Ortschaft in der Schweiz an. Eine Ukrainerin, die dort lebt, hilft als Übersetzerin, Deine Kinder dürfen den Hauschlüssel drehen. Das Haus mit Garten wird bis auf Weiteres Euer Zuhause sein. Die Flucht wird erst zu Ende sein, wenn Du nach Hause kannst, aber hier wirst Du warten können, bis es soweit ist. Sicherheit? Irgendwie schon.
Diese Flasche ukrainische Kondensmilch habe ich von einer Ukrainerin bekommen. Diese Flasche, die den Weg von Kiew nach Huttwil in siebzehn Tagen gefunden hat, ist mehr als ein Geschenk. Sie symbolisiert, dass die Ukrainerin nicht mehr auf die Flasche angewiesen ist. Sie braucht keine Notration mehr, möglichst intelligent gewählte Lebensmittel für diese Flucht ohne bekanntes Ziel. Sie hat noch andere solche Flaschen, die sie an ihre Heimat erinnern werden.
Ich sei herzlich eingeladen nach Kiew zu kommen, wenn der Krieg vorbei ist. Ich werde sehr gerne nach Kiew gehen sobald der Krieg vorbei ist.