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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

IV. Rede
99.
Weisester und verständigster Julian, der du die Christen zwingst, den Gipfel der Vollkommenheit zu besteigen, weißt du nicht, daß die einen Vorschriften unseres Gesetzes verpflichtende Kraft haben, so daß ihre Übertretung [S. 138] Strafe nach sich zieht, während die anderen nicht verpflichten, sondern freie Wahl lassen, so daß ihre Beobachtung zwar Ehre und Lohn einträgt, ihre Vernachlässigung aber nicht die geringste Strafe verursacht? Wenn alle vollkommen sein und den Gipfel der Tugend besteigen könnten, so wäre es das Schönste und das Beste. Da jedoch zwischen Gott und Mensch ein großer Unterschied besteht und die einen zwar an gar allen Tugenden Anteil haben, es für die anderen aber schon eine Leistung ist, wenn sie nur bis zur Mitte vordringen, warum willst du Gesetze, die nicht alle beobachten können, oder warum willst du Gesetzesübertreter und Verdammte? Wie einer, der keine Strafe verdient, nicht auch schon des öffentlichen Lobes würdig ist, so verdient nicht einer deshalb, weil er nicht des öffentlichen Lobes würdig ist, auch schon Strafe. Nicht dürfen wir über die Grenzen christlicher Lehre und menschlichen Könnens hinaus sittliche Forderungen stellen.