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Morbus Bechterew, weltweit ausserhalb des deutschen Sprachgebrauchs, vor allem axiale Spondyloarthritis genannt, ist eine chronische entzündliche Erkrankung der gesamten Wirbelsäule und der Kreuzdarmbeingelenke.
Je nach Ausprägungsform unterscheidet man zwei Formen, die ankylosierende Spondylitis (schwere Form) und die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis (Frühform und leichtere Form). Zusammen mit anderen Formen von Arthritis (entzündlich-rheumatische Gelenkserkrankungen) welche mit dem Erbfaktor HLA-B27 assoziiert sein können, wird der Morbus Bechterew zur Gruppe der Spondyloarthritiden gezählt. Die Erkrankung kann zwar nicht geheilt werden. Bei Mitwirkung der erkrankten Person und unter gezielter medikamentöser Behandlung ist aber ein gutes Krankheitsmanagement möglich.
“Ankylosierend” meint versteifend, “Spondylitis” bedeutet Wirbelentzündung; somit ist Morbus Bechterew die zunehmende Versteifung von Wirbelteilen durch fortschreitende Entzündungen. Durch eine fehlerhafte Funktion des Immunsystems werden unter anderem die Sehnenansätze an Wirbelsäule und Becken attackiert: ein Entzündungsherd entsteht. Oft beginnt die Erkrankung mit einer Entzündung im Beckenbereich, im Gelenk zwischen Kreuz- und Darmbein (Sakroiliitis). Durch wiederkehrende Entzündungen kann es zu einer Zerstörung des Gelenkes und einer Verschmelzung/Verknöcherung der Gelenkanteil (Ankylose) kommen. Im Bereich der Wirbelsäule können Verknöcherungen seitlich zwischen den Wirbelkörpern zu einer zunehmenden Einsteifung des Rückens führen. Entzündungen von Gelenken und Sehnenansätzen in der Peripherie sind ebenfalls Teil des Krankheitsbildes. Auch andere Bereiche des Körpers können von den entzündlichen Entwicklungen in Mitleidenschaft gezogen werden, zum Beispiel die Iris des Auges oder andere Organe. Die in Schüben verlaufende Erkrankung ist am Rücken durch zielgerichtete Bewegungstherapie sehr gut zu handhaben. Die einhergehenden massiven Schmerzen müssen aber oft medikamentös behandelt werden. Zum Glück kommt es bei vielen Patienten und Patientinnen gar nicht zu einer Verknöcherung, so dass man inzwischen die leichtere Form (die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis von der ankylosierenden Spondylitis (auch röntgenologische Form genannt) unterscheidet.
Der Fund von Knochen mit erheblichen Veränderungen, die einem Morbus Bechterew eindeutig zuzuordnen sind, belegt, dass diese Form der Arthritis den Menschen seit mehreren tausend Jahren begleitet. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es verschiedene Aufzeichnungen über Symptombereiche. Die erste ausführliche Beschreibung stammt aus dem Jahr 1893 von Wladimir Bechterew. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung sind wahrscheinlich von Spondyloarthritis betroffen. In den häufigsten Fällen sind die Beschwerden jedoch so mild und möglicherweise fehlgedeutet, dass nur ein kleiner Teil der Betroffenen eine Diagnose erhält und entsprechend therapiert wird.
Eine endgültige Klärung, wie Morbus Bechterew ausgelöst wird, gibt es bisher nicht. Fest steht aber, dass ein bestimmter Erbfaktor das Risiko einer Erkrankung deutlich erhöht. Dieses Merkmal heisst HLA-B27. Es ist verantwortlich für verschiedene Prozesse des Immunsystems, wobei der genaue Mechanismus trotz intensivster Forschung über 50 Jahren immer noch im Dunkeln bleibt. Bei 80 Prozent der Erkrankten von Morbus Bechterew findet sich HLA-B27. Da jedoch etwa acht Prozent der Bevölkerung das Molekül in sich tragen, ohne jemals an irgendeiner rheumatischen Erkrankung zu leiden, gehen Forschende davon aus, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Unter anderem richtet sich bei einer Spondyloarthritis das Immunsystem gegen das eigene Gewebe, zum Beispiel gegen Sehnenansätze. Ausserdem legen manche Untersuchungen auch eine Beteiligung der Darmflora nahe. Insgesamt werden die Ursachen von Morbus Bechterew im erblichen Kontext vermutet, wobei Infektionen und auch das Rauchen eine Rolle spielen.
Jede körperliche Erkrankung kann auch mit psychischen Belastungen verbunden sein. Diese kann sich unter anderem in Sorgen, Anspannung, Gedankenkreisen oder Schlafstörungen zeigen und den Behandlungsverlauf erschweren. Falls Sie oder Ihre Angehörigen den Wunsch nach psychiatrisch-psychologischer Beratung und Unterstützung haben, stehen Ihnen unsere Fachleute im USZ gerne zur Verfügung.
Im frühen Stadium macht sich ein Morbus Bechterew durch verschiedene allgemeine Rückenbeschwerden bemerkbar. Beginnend in später Jugend oder frühem Erwachsenenalter summieren sich morgendliche Steifheit und ein stumpfer Schmerz in Lenden und Gesässregion, wobei die Beschwerden durch Bewegung abnehmen. Ein schubweiser Verlauf mit jeweiligen Verschlechterungen ist möglich. Nach den anfänglich diffusen Beschwerden lassen sich verschiedene Symptome dem Morbus Bechterew zuordnen:
Die Symptome haben gemeinsam, dass nach leichten Beeinträchtigungen meistens eine Verschlechterung eintritt. War ein Schmerz nur auf jeweils einer Seite (stetig oder wechselnd) angesiedelt, wird er beidseitig. Die Schwere vor allem der Bewegungseinschränkung ist sehr unterschiedlich. In manchen Fällen führt die Entzündung an der Wirbelsäule zur Wirbelverschmelzung an den Kanten. Unbehandelt verändert sich die Haltung von Erkrankten auf charakteristische Weise: Die Vorwärtskrümmung im Lendenbereich verschwindet, die Gesässmuskeln verkümmern und die Rückwärtskrümmung im Brustwirbelbereich steigert sich. So entsteht ein typischer massiver Haltungsschaden mit Rundrücken, der aber heute – aufgrund von Fortschritten in Diagnose und Therapie – selten auftritt.
Durch den schleichenden und zunächst unspezifischen Krankheitsverlauf in der früheren Phase kann ein Morbus Bechterew oft jahrelang unentdeckt bleiben. Rückenbeschwerden sind zwar ein Leitsymptom, deuten jedoch auf eine Vielzahl anderer Erkrankungen hin und sind auch häufig eine Folgeerscheinung des modernen Alltags bei sonst völlig gesunden Personen. Rheumafaktoren spielen für die Diagnose keine Rolle, deshalb müssen wir auf andere Methoden zurückgreifen:
Die Ursachen von Morbus Bechterew sind nicht abschliessend geklärt, gesichert ist aber in jedem Fall ein grosser Einfluss der Gene. Deshalb ist eine Vorbeugung im klassischen Sinnen nicht möglich. Allerdings verläuft die Krankheit ohnehin häufig mit milden Symptomen und bleibt deshalb auch oft unentdeckt. Gesunde Ernährung und viel Bewegung sind wichtig.
Wenn Sie unter ersten, möglicherweise nur diffusen Symptomen leiden, kann eine ärztliche Untersuchung schon im frühen Stadium Klarheit schaffen, ob Sie an Morbus Bechterew erkrankt sind.
Der Verlauf bei Morbus Bechterew ist sehr vielfältig und reicht von gelegentlichen Schmerzen mit leichten Bewegungseinschränkungen bis zu grossen Schäden zum Beispiel einem Buckel. In manchen Fällen stehen Schmerzen im Vordergrund, in anderen eine zunehmende Versteifung. Die Dunkelziffer der Erkrankten liegt vermutlich sehr hoch. Da die Symptome oftmals so mild bleiben, dass eine betroffene Person keinen ärztlichen Rat einholt. Ungefähr 90 Prozent der Erkrankten leben auch gut 40 Jahre nach Diagnose noch völlig eigenständig. Nur in seltenen, schweren Verläufen muss beispielsweise auch in jungen Jahren ein Hüftgelenk ersetzt werden. Im späteren Krankheitsstadium kann eine Osteoporose auftreten, die das Knochenbruchrisiko stark erhöht und die Situation weiter verkompliziert. Auch gibt es Betroffene mit schweren Beschwerden an Augen, Darm oder Herz. Glücklicherweise kann die moderne Medizin einen solch kritischen Zustand vorbeugen. Der schubweise Verlauf verleitet Betroffene unter Umständen nachlässig zu werden in der Vorsorge. Eine lange und gute Lebensqualität sollte deshalb auch in beschwerdefreien Zeiten die Motivation für Ihre konsequente Therapie sein.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine Heilung für Morbus Bechterew. Durch verschiedene Massnahmen können Erkrankte und die Ärztin oder der Arzt gemeinsam eine günstige Prognose erzielen, was ein weitgehend beschwerdefreies, mobiles Leben ermöglicht.