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Verehrtes Publikum
Heute möchte ich auf ein speziell deprimierendes Kapitel meines an Fehlschlägen ohnehin reichen Lebens zu sprechen kommen. Bevor ich dies tue, sei mir ein Exkurs zu den alten Römern gestattet, die in einer pädagogischen Absichtserklärung verlautbaren liessen: «Non scholae, sed vitae discimus.» – Wer über längere Zeit Schule ausgesetzt war, gelangt allerdings oft zur gegenteiligen Ansicht: «Non vitae, sed scholae…»
Um den Beginn meiner Karriere an einer höheren Bildungsanstalt, vulgo Gymnasium, möglichst authentisch nachvollziehbar zu machen, darf ich mich aus meinem Frühwerk ‹Sebastian› selbst zitieren: «Eine Woche lang wurden die Aspiranten für die Oberschule geprüft, nach allen Regeln der Kunst. Dann lag ein Schreiben an Sebastians Eltern im Briefkasten, des Inhalts, dass man amtlicherseits versuchen wolle, dem Jungen eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen. Man werde ja schon sehen, wie sich dies über die Jahre entwickle. Das Risiko läge überwiegend bei Sebastian, an dessen Voraussetzungen zu zweifeln man ‹derzeit› keine Veranlassung sehe.»
Zunächst lief alles akzeptabel. Im Rechnen hielt ich wacker mit, wenn gefragt wurde, wie lange 88 Bauarbeiter benötigten, einen 1 Meter tiefen und 1 Meter langen Graben auszuheben, wenn 9,8 von ihnen 36 Monate damit beschäftigt waren. Als ich mir die Frage erlaubte, wie viele Jahrtausende diese Gurkentruppe zum Aushub des Suezkanals gebraucht hätte, flog ich achtkantig aus dem Unterricht. Die Lage spitzte sich zu, als man uns aufforderte, f′(x)=u′(x)·v(x)+u(x)·v′(x) auszurechnen. Beim Anblick dieses Enigmas schritt mein armes Seelchen zu einer Notabschaltung des Grosshirns.
Hatte ich in der Sexta noch gehofft, auf der Oberstufe an intellektuellen Weihestunden teilhaben zu dürfen und spielerischen Umgang mit den Einstein’schen Feldgleichungen zu erlernen, so begann dort stattdessen die Heisenberg’sche Unschärferelation meine CPU zu umnebeln; der Mathematikunterricht wurde mir zur Nahtoderfahrung.