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Taylor Swift hat zwei ihrer ersten sechs Alben neu eingespielt und veröffentlicht: «Fearless» und «Red». Mit den vier weiteren, «Taylor Swift», «Speak Now», «1989» und «Reputation» wird sie demnächst gleich verfahren. Es geht ihr darum, dass die Inhaber der Masters dieser sechs Albumveröffentlichungen nicht mehr daran profitieren.
Okay ... mal von vorne ...
Gleich vorab: Hier geht es nicht um Songrechte. Songwriting Credits, die Rechte und die daraus folgenden Einnahmen durch die jeweiligen nationalen Urheberrechtsverwalter jedes Landes (z.B. in der Schweiz die SUISA), beziehen sich auf die Komposition selbst und nicht auf irgendeine Aufnahme. Diese werden bei einer Veröffentlichung separat behandelt. Beispiel: Wenn Miley Cyrus «Jolene» aufnimmt, verdient Songwriterin Dolly Parton an den Gebühreneinnahmen ihres Songs (=ihres geistigen Eigentums) via Urheberrechtsverteilungsgesellschaften. Miley und ihr Label verdienen an den Verkäufen und Streams der Aufnahme der Miley-Version des Songs, des Masters, also.
Masters – das sind die jeweiligen Aufnahmen, die jeweiligen Versionen eines aufgenommenen Songs, die ausgewählt wurde, um auf einem Album zu sein. Die Version, von der alle Kopien gezogen werden. Irgendwelche Demos von Swifts Lied «Love Story», etwa, die sie vielleicht zuhause auf dem Sofa aufgenommen hätte, sind keine Masters. Die Version, die du vom Album her kennst aber, diese eine Aufnahme, mit diesem einen Vocal-Take – das ist der Master. Und solche Masters werden oftmals in einem Vertrag dem Label zugesprochen: Das Label und der Künstler oder die Künstlerin verdienen an den Aufnahmen (Prozentanteile sind hier Verhandlungssache), aber das Label sichert sich die exklusiven Nutzungsrechte. Oftmals «in perpetuity», also für immer und ewig. Will heissen: In 30 Jahren verdient Frau Swift weiterhin zwar an ihrem ersten Album, ihr Label aber auch. Auch wenn beide längst getrennte Wege gegangen sind.
Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die sich die Rechte an den Masters selbst sichern. Sie gehen dann vielleicht einen licensing deal mit einem Label ein, d.h., die Exklusivrechte an den Masters werden für eine finite Periode – z.B. 5 Jahre – dem Label ‹vermietet›, quasi. Für ein Label ist dies selbstredend etwas weniger attraktiv und oftmals nur profitabel, wenn es sich um einen bereits etablierten Künstler handelt. Steht eine Künstlerin aber am Anfang ihrer Karriere, heisst es nun mal: Wie du mir, so ich dir. Der Künstler oder die Künstlerin ist daran interessiert, einen Vorschuss zu bekommen, um die Aufnahmen zu finanzieren und in den Promo-Aufbau zu investieren; das Label ist daran interessiert, dass diese Investitionen auch mal zurückkommen.
Taylor Swift hat ihre ersten 6 Alben bei Big Machine Records veröffentlicht. Von diesem Vertrag ist sie seit 2018 frei und hat seither Songs und Alben auf Universals Republic Records veröffentlicht (in ihrem neuen Vertrag sicherte sich Swift das Eigentum an ihren zukünftigen Masters). Die Masters der ersten 6 Alben gehören weiterhin Big Machine. Wie oben erwähnt: Taylor verdient weiterhin ihren Anteil daran, das Label aber auch. So weit, so normal.
Aber: Big Machine wurde an die Private-Equity-Gruppe Ithaca Holdings verkauft, ein Unternehmen, das dem Musikmanagement-Mogul Scooter Braun gehört. Dieser verkaufte 2019 Swifts Masters an ein anderes Unternehmen, Shamrock Holdings, für 300 Millionen Dollar. Swifts Master-Aufnahmen bringen Gewinne, wenn die Songs gestreamt oder gekauft werden – Gewinne, die fortan an Shamrock gehen. Ithaca verdient nicht mehr daran, ist aber 300 Millionen reicher. Business, halt.
Bloss, auf persönlicher Ebene geigte es nicht, denn Swift behauptet, Braun, der auch Stars wie Kanye West oder Ariana Grande managt, hätte sie wiederholt schikaniert und gemobbt: «Nicht in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir vorstellen können, dass Scooter der Käufer sein würde», so Swift. «[...] Im Grunde genommen liegt mein musikalisches Erbe in den Händen von jemandem, der versucht hat, es zu zerstören.»
Taylor Swifts ursprünglicher Plan, die Alben von Braun nach und nach zurückzukaufen, scheiterte, da sein Anwaltsteam darauf bestand, dass sie eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieb, die besagte, dass sie sich nicht mehr negativ über ihn äussern dürfte. Zudem hätte er als Teil der Vereinbarung immer noch indirekt von der Musik profitiert.
Plan B, also: Alle Big-Machine-Alben neu aufnehmen. Nochmals: Urheberrechte eines Songs – einer Komposition – sind nicht dasselbe wie die Rechte an einer Aufnahme – einem Master. Diese neuen Aufnahmen, die neuen Masters, also, unterliegen Swifts aktuellem Vertrag, worin sie Eigentümerin ihrer Masters ist.
Swifts Hoffnung ist wohl, dass ihre Swifties, die Legionen zahlen- und einflussmässig nicht zu unterschätzender Hardcore-Fans, fortan nur noch die neuen Versionen streamen, um diese zuoberst auf Spotify und Co. zu platzieren. Jeder, der jetzt eine alte Version von Swifts frühen Songs anspielt, zahlt nämlich in die Bank von Braun ein.
Letztendlich macht Swift dies (auch) aus künstlerischen Überlegungen. «Künstler sollten aus so vielen Gründen ihr eigenes Werk besitzen», schreibt sie in einem Instagram-Post, «aber der am schreiendsten offensichtliche Grund ist, dass der Künstler der Einzige ist, der sein Werk wirklich *kennt*.»
Etliche Künstler reiben sich an den Verträgen mit ihren alten Plattenfirmen (Kanye West, etwa, hat sich öffentlich über seine eigenen vertraglichen Verpflichtungen beschwert). Aber wenige machen sich die Mühe, alte Werke neu aufzunehmen und wiederzuveröffentlichen. Swift hatte diese Möglichkeit – und die Zeit dafür (Lockdown, kännsch). Und ausserdem ist sie es sich gewohnt, einen sehr innigen Dialog mit ihren Fans zu führen, worauf letztere dies ihr mit Loyalität und Aktivismus danken. Die Fans, die Swifts alte Musik am aktivsten streamen, kennen ihre Absichten und werden sich an ihre Wünsche halten. Somit ist Swift ist in der seltenen Position, das System umstossen zu wollen und tatsächlich die Macht zu haben, dies zu tun.
Und was ist anders an Taylor Swifts neu aufgenommenen alten Songs? Nicht viel; ihre Neuaufnahmen bleiben den Originalversionen sehr nahe – mit subtilen Produktions-Updates und einer gewissen Reife in ihrer Stimme, die eine Dekade musikalischer Tätigkeit so mit sich bringen. Das wirklich ‹Neue› daran ist die Absicht, die dahinter steckt. Und die Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass Swift nun ihre Masters selbst besitzt. Sie hat verstanden, dass Künstler und Künstlerinnen – selbst solche mit derart krassem Erfolg und einem derart starken Brand wie sie – anfällig für Ausbeutung sind, und tut etwas dagegen. Bloss befinden sich 99% aller Künstlerinnen und Künstler nicht in einer vergleichbaren Machtposition, weshalb sich deren Realität kaum verändern wird. Unwillkommen ist Swifts Aktion dennoch nicht ... und der Kampf geht weiter.