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Sie betrachte die Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur nicht als individuellen Triumph, hat Annie Ernaux in Oslo gesagt. Sie teile die Freude darüber mit jenen, die sich mehr Freiheit, Gleichheit und Würde für alle Menschen wünschten. Tatsächlich freue ich mich seit Wochen mit. Das Rampenlicht dieses Preises strahlt in den Alltag aus. Am Tag der Ankündigung meinte ich beim Einkaufen, Annie Ernaux zu sehen. Es war aber einfach nur eine andere Kundin.
Wobei «einfach nur» falsch klingt. So wie die Bezeichnung «kleine Leute» nicht vorkommt, wenn Annie Ernaux spricht. Wenn sie schreibt, kann ich kaum etwas anstreichen. Da ist alles gleich wichtig, eine Unterstreichung würde das Gesamtgebilde stören. Besonders im Buch «Die Jahre», das die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg neu arrangiert. Hauptperson ist ein Kollektiv, das mal «die Leute» heisst oder «man», das aber auch ein ganz individuelles «sie» wird. «Obwohl weiterhin Soldaten nach Algerien geschickt wurden, blickte man voller Zuversicht und Tatendrang in die Zukunft, man hatte grosse Pläne zu Land, zu Wasser und in der Luft, schwang grosse Reden und trug grosse Männer zu Grabe, Gérard Philipe und Albert Camus. Bald würde der Transatlantikliner France vom Stapel laufen, die Caravelle und die Concorde wurden gebaut […].» Es schadet nichts, dass ein Publikum, das die schöne deutsche Übersetzung von Sonja Finck liest, wahrscheinlich gar nicht weiss, wer Gérard Philipe war. Aus schemenhaften Namen setzt sich die Welt zusammen.
Mittendrin entdeckt ein Mädchen ganz allein das Masturbieren. Ebenso verheissungsvoll wie «Caravelle» klingen neue Produkte: «… die Leute flochten Scoubidou-Schlüsselanhänger …» Ernaux schreibt keine Anklageschrift, sie rollt alles neu auf. Dass sie den Standpunkt wechselt, ist die grosse Provokation und Befreiung. Auch der Blick der Leser:innen, die sich jetzt mitfreuen, hat sich verändert. Nach der Lektüre von Annie Ernaux habe ich stets das Gefühl, das Buch gehe im eigenen Leben weiter, in der Gegenwart und der Vergangenheit. Zum Beispiel erscheint eine Erinnerung ans Opernhaus Zürich, die lange nur schambehaftet war, in einem neuen Licht.
Da kam ich einmal aus dem Regen und musste dringend aufs Klo. Also stürzte ich durch die Eingangshalle, nahm aber auf der Treppe vor den Toiletten eine Kontrolleurin und Platzanweiserin wahr. Sie trat auf mich zu, und schon fühlte ich mich als Eindringling entlarvt. Entschuldigungen stiess ich aus, bevor sie etwas sagen konnte. Ich würde das Billett gleich zeigen, müsse nur leider zuerst. «Selbstverständlich», beruhigte sie, «ich wollte der Dame nur die Garderobe zeigen – falls Sie Ihren Mantel ablegen möchten.»
Statt mich weiter für die Scham zu schämen, die mich vor Angestellten der Bourgeoisie befallen kann, weitet sich der Blick auf die Stadt. Im Entrée des Opernhauses denke ich an den Vortag im Hardturmstadion, an den Einlass der Fans, die Kontrollschleusen, das Abtasten der Gesässe, und ich staune im Rückblick über die Geduld, die sich dort gezeigt hat. Wie die Damen und Herren im Opernhaus ausrasten würden, wenn man sie am Eingang so behandelte, stelle ich mir gerne vor. Und so danke ich Annie Ernaux ganz herzlich für die Wut, die ihr Werk befeuert. Dieses Werk, das jetzt so viel Freude macht.
Annette Hug ist Leserin.