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Frauen und Männer jeden Alters packen freiwillig an, um das Leben aller zu schützen. Bei Katastrophenalarm bleibt keine Zeit. Der Fluchtweg zur nächsten Schutzunterkunft muss frei und sicher sein. Die Hänge stabilisiert, Bäume über dem Haus geschnitten. Jedes Kind muss wissen, was zu tun ist. Seit dem verheerenden Erdbeben vor zehn Jahren hat das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) in Haiti viel bewirkt. Mit seinem Engagement will das SRK Leid verhindern, nicht nur lindern.
10 Jahre SRK in Haiti: Von der Nothilfe zum Wiederaufbau bis zur Entwicklungszusammenarbeit 2010 (Januar bis Mai) 5 Monate Emergency Response Unit (ERU) mit Gesundheitsversorgung und Koordination der Logistik 2010-2013 Wiederaufbau von 600 Häusern in Palmiste-à-Vin, Léogâne Ab 2011 (Oktober) Verbesserungen im Bereich Wasserversorgung und Hygiene, Léogâne Ab 2012 (Juli) Unterstützung der Katastrophenvorsorge, Léogâne 2012-2018 Unterstützung des HRK beim Ausbau eines nationalen Blutspendedienstes, Port-au-Prince Ab 2015 (Juni) Engagement in den Bereichen Basisgesundheit und Ernährung, Léogâne 2016 (Oktober) - 2020 (März) Nothilfe nach Hurrikan Matthew und Unterstützung beim Wiederaufbau in Corail
Wenige Sekunden genügten, um am 12. Januar 2010 das Leben Hunderttausender Menschen in Haiti zu vernichten. Wie viele ihrer Landsleute befand sich Alexis Joceline im Freien, als sich die Katastrophe ereignete. Plötzlich sah die damals 30-Jährige, wie Bäume vor ihr auf die Strasse stürzten und Hausmauern in sich zusammenfielen. Der Boden unter ihren Füssen schwankte, doch sie realisierte nicht, dass es sich um ein Erdbeben handelte. Ihr einziger Gedanke galt ihrer Familie: Waren ihr zweijähriger Sohn und ihr Mann, die zu Hause geblieben waren, noch am Leben?
An diesem Tag Anfang 2010 richtete ein Erdbeben der Stärke 7 in Haiti verheerende Schäden an. Das Epizentrum lag in der Region Léogâne, wo Alexis Joceline mit ihrer Familie lebt. In der Hauptstadt Port-au-Prince brach das Chaos aus. Der Rest der Insel war zwar weniger stark betroffen, litt jedoch indirekt unter den Auswirkungen der gigantischen Katastrophe. Das politisch, wirtschaftlich und sozial bereits geschwächte Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird, lag im wahrsten Sinn am Boden. 230 000 Menschen verloren ihr Leben und 1,6 Millionen wurden obdachlos. Dazu kamen immense Schäden an der Infrastruktur und darniederliegende staatliche Strukturen.
Ein völlig verwüstetes Land
Als SRK-Logistiker Thomas Büeler drei Tage nach der Katastrophe in Port-au-Prince eintraf, bot sich ihm ein apokalyptisches Bild. Noch immer irrten verstörte, staubbedeckte Menschen durch die Trümmer. Die meisten wussten nicht, wo sie unterkommen sollten. und hatten weder Zugang zu Trinkwasser noch zu Lebensmitteln. Rotkreuzgesellschaften aus der ganzen Welt, darunter auch das Schweizerische Rote Kreuz, entsandten Helferinnen und Helfer nach Haiti.
Auch für sie waren die Verhältnisse prekär: Zum Schlafen standen den 200 Delegierten zwar Zelte zur Verfügung. Doch sie mussten sich eine einzige Toilette teilen und eine Dusche gab es nicht. «Da wir keine staatlichen Ansprechpartner hatten, mussten wir von A bis Z alles selbst organisieren, um die Nothilfe sicherzustellen», erzählt Thomas Büeler. Abgesehen von den logistischen Schwierigkeiten war die Situation auch deshalb sehr komplex, weil eine Vielzahl von unerfahrenen Hilfsorganisationen vor Ort im Einsatz war. Normalerweise ist die Nothilfe innerhalb weniger Tage aufgegleist. In Haiti benötigten die Rotkreuz-Teams drei Wochen, um eine funktionierende Hilfskette mit maximaler Kapazität aufzubauen. Nun konnten Wasser, Medikamente, Zelte und Nahrungsmittel endlich mit grösstmöglicher Effizienz weiterbefördert werden. Doch die Organisation der Verteilung blieb kompliziert: Viele betroffene Gebiete sind schwer zugänglich und die Sicherheit der Transporte war nicht immer gewährleistet.
Wieder ein Dach über dem Kopf
Alexis Joceline hatte Glück im Unglück: Nach dem Beben musste sie nicht lange um ihren Mann und ihren Sohn bangen. Beide waren am Leben! Ihr Zuhause hingegen lag in Trümmern. «Stellen Sie sich vor, Sie leben in Ihrem eigenen Haus. Und plötzlich landen Sie von einer Minute zur nächsten auf der Strasse und müssen unter freiem Himmel schlafen. Das war sehr schlimm», erzählt sie uns. Wie viele andere Haitianerinnen und Haitianer lebte die kleine Familie monatelang in Ungewissheit. Vor allem in der Region Léogâne blieb die Situation katastrophal. Deshalb beschloss das SRK nach dem Abschluss der Nothilfephase, sich längerfristig im Land zu engagieren. Im Juli 2010 lief der Wiederaufbau an. «Als sie mit den Zählungen begannen, um die Geschädigten, die ihr Haus verloren hatten, zu ermitteln, wusste ich nicht, was sich konkret daraus ergeben würde», erzählt Alexis Joceline. Das Zwei-Phasen-Projekt des SRK sah vor, in Palmiste-à-Vin in der Region Léogâne 600 Häuser wiederaufzubauen: Mit vor Ort ausgebildeten Handwerkern und Zimmerleuten wurden zunächst temporäre Unterkünfte errichtet. In einem zweiten Schritt wurden diese zu dauerhaften Behausungen ausgebaut. Die Zuteilung der Häuser war eine echte Herausforderung. Fabienne Weibel, Programmverantwortliche für Haiti beim SRK, erinnert sich: «In vielen Fällen gab es keine Eigentumsurkunden oder das Erdbeben hatte diese zerstört.» Als Erstes mussten deshalb die Eigentumsrechte geklärt werden. Konnten keine Urkunden wiederbeschafft werden, wurden die Eigentumsverhältnisse an Dorfversammlungen mit einem Friedensrichter geklärt.
Als die ersten Baumaterialien für ihr künftiges Haus eintrafen, schöpfte Alexis Joceline Hoffnung. Doch bis zum neuen Dach über dem Kopf war es noch ein weiter Weg. In der ländlich geprägten, hügeligen Region Léogâne sind die Strassen nicht asphaltiert. In den beiden jährlichen Regenzeiten verwandelt sich der Untergrund in einen schlammigen Morast, in dem das Vorankommen schwierig ist. «Nicht nur der Transport war ein Problem, sondern auch die Beschaffung von qualitativ hochwertigem Baumaterial», fügt Fabienne Weibel hinzu. Da der Wiederaufbau im Erdbebengebiet auf Hochtouren lief, explodierte die Nachfrage und damit auch die Preise. Als Alexis Joceline und ihr Mann die Schlüssel zu ihrem neuen Zuhause erhielten, konnten sie ihr Glück kaum fassen. Nun waren die jungen Eltern wieder in der Lage, sich eine Existenzgrundlage aufzubauen.
Zugang zu Wasser
Das SRK engagierte sich mit Unterstützung der Deza und der Glückskette jedoch nicht nur für den Wiederaufbau. Ab Oktober 2011 sorgte es zusammen mit der Bevölkerung für Verbesserungen bei der Wasserversorgung und der Hygiene. In einer Region mit steilen Hängen ist der Bau von Latrinen eine echte Herausforderung. «Es war nicht einfach, die richtigen Standorte zu finden. Denn die Toiletten mussten abseits von Grundwasserquellen sowie Bächen oder Seen errichtet werden», erklärt Fabienne Weibel. Zudem wurden die Häuser mit sogenannten Tippy Taps und Seife ausgestattet. Mit diesen einfachen Händewaschvorrichtungen lässt sich die Verbreitung von Krankheiten verhindern.
Gleichzeitig wurden Systeme für einen besseren Zugang zum Wasser errichtet. «All dies setzt voraus, dass die Menschen ihre Gewohnheiten ändern und neue Verhaltensweisen annehmen», erläutert die Programmverantwortliche. Dazu gehört, konsequent eine Latrine zu benutzen und die Hände gut zu waschen. In mehreren Dörfern wurden zudem Quellen gefasst, Leitungen gelegt und Wasserstellen gebaut. Das SRK führt die Entwicklungszusammenarbeit im Bereich Wasser und Hygiene bis heute weiter. Denn für ein gesundes Leben ist der Zugang zum blauen Gold unabdingbar.
Kampf gegen Naturgefahren und Mangelernährung
Weil die Karibikinsel alljährlich von Hurrikanen bedroht ist, lancierte das SRK 2012 ein neues Programm zur Katastrophenvorsorge. Frühwarnsysteme, sichere Fluchtwege und Schutzbauten helfen den Menschen, sich im Ernstfall rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Um die Gefahr von Erdrutschen einzudämmen, werden abgeholzte Hänge aufgeforstet, bepflanzt oder terrassiert. Für diese wichtige Arbeit betreiben Dorfgruppen, die vom SRK begleitet werden, Baumschulen und Gärten. Zudem wurde die Vernetzung zwischen den Gemeinden und dem Zivilschutz ausgebaut, der bei Katastrophen zusammen mit dem Haitianischen Roten Kreuz Hilfe leistet. Auch Alexis Joceline engagiert sich und besucht regelmässig die Präventionskurse, die von den Gemeindeeinsatzteams erteilt werden. Dort wird sie mit verschiedenen Massnahmen vertraut gemacht, die im Katastrophenfall Leben retten können: Sie lernte zum Beispiel, die Bäume neben ihrem Haus zu schneiden, damit sie bei Stürmen nicht aufs Haus stürzen, ein Notfallset für ihre Familie zusammenzustellen oder wichtige Dokumente mit Plastikhüllen vor Wasser zu schützen.
Um die Bevölkerung zu stärken, engagiert sich das SRK ab Juni 2015 ausserdem im Bereich Gesundheit und Ernährung. In Haiti besteht bei vielen Kindern ein Vitaminmangel, da sie nicht genügend Früchte und Gemüse essen. «Nehmen Kinder zu wenig Eisen zu sich, verfärben sich ihre Haare rötlich. Der Bevölkerung wird erklärt, woran das liegen könnte.» Oft reicht es, wenn eine Mutter ihr Kind besser ernährt und positive Auswirkungen sichtbar sind – schon folgen die anderen ihrem Beispiel», erklärt Fabienne Weibel. Die neu angelegten Gemüsegärten machen den Boden nicht nur fruchtbarer, sondern bereichern auch die Ernährung der Dorfbevölkerung. «Manchmal wurden die Einheimischen, die sich im Gartenanbau schulen liessen, anfangs von den anderen belächelt», erzählt die Programmverantwortliche. «Doch als sie dann grösseres oder mehr Gemüse ernteten, übernahmen auch ihre Nachbarn die neuen Anbaumethoden.»
Die nächste Katastrophe
Im Verlauf der Jahre rappelte sich die Bevölkerung Haitis langsam wieder auf und erholte sich von der schweren Erdbebenkatastrophe. Doch am 4. Oktober 2016 folgte der nächste Schlag: Mit Windgeschwindigkeiten bis zu 250 km/h und sintflutartigen Regenfällen fegte Hurrikan Matthew über die Insel. Von diesem verheerenden Wirbelsturm waren fast zwei Millionen Menschen betroffen. Das SRK entsandte erneut ein Logistik-Team nach Haiti, dem wieder Thomas Büeler angehörte. «Die Situation war noch schlimmer als nach dem Erdbeben. Menschen, die vom Beben traumatisiert waren, wirkten verstört, verzweifelt und orientierungslos», beschreibt er. Rasch musste wieder eine gewisse Struktur und Stabilität hergestellt werden. Wichtig waren zunächst Wasser, Lebensmittel, Notunterkünfte und Medikamente. Damit war für das Nötigste gesorgt, um die Menschen zu beruhigen und ihnen ein zusätzliches Trauma zu ersparen. Alexis Joceline war zu Hause, als der Sturm losbrach. Sie stand Todesängste aus. Trotz den Schulungen, die sie beim Roten Kreuz besucht hatte, befürchtete sie, ihr neues Zuhause werde dem Sturm nicht standhalten. Zum Glück blieb das Haus intakt. «Bei vielen Häusern, die nicht das Rote Kreuz gestiftet hatte, wurden die Dächer weggerissen. Meines hingegen hat gehalten! Das Rote Kreuz setzt bei seiner Arbeit auf Qualität», betont die Haitianerin. Und tatsächlich: Alle Häuser, die mit Hilfe des Roten Kreuzes gebaut wurden, hielten Matthew stand.
Weiterführung der Unterstützung
Alexis Joceline ist jeden Tag dankbar, dass sie nun ein sicheres Dach über dem Kopf hat. Doch sie ist sich der Naturgefahren bewusst, die ihr Land auch künftig bedrohen. Dank den Kursen des Roten Kreuzes kann sie nun bei einer Katastrophe richtig reagieren. In den Bereichen Katastrophenvorsorge, Wasser und Hygiene sowie Basisgesundheit und Ernährung führt das SRK zusammen mit der Deza die Entwicklungszusammenarbeit weiter. Die Unterstützung durch das SRK trägt in allen Bereichen dazu bei, die haitianische Bevölkerung zu stärken und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Naturereignissen zu erhöhen. «Es ist ein langer Prozess, doch seine positiven Auswirkungen sind spürbar», versichert Fabienne Weibel. Dies zeigt auch die Wirkungsanalyse, welche die Glückskette kürzlich durchgeführt hat. Aufgrund seiner geografischen Lage bleibt Haiti auch in Zukunft anfällig für Naturkatastrophen. Seine Bevölkerung hat dieser Bedrohung nur wenig entgegenzusetzen. Doch etwas kann sie tun: Sie kann sich vorbereiten, um im Ernstfall bereit zu sein. Dank Ihrer Hilfe.