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Warum können uns Reformer weismachen, das Bisherige sei veraltet und das Neue sei immer besser? Neues kann sich normalerweise nur durchsetzen, wenn es tatsächlich besser ist. Weil das vielfach nicht der Fall ist, wird oft versucht, das Alte abzuwerten, um das (angeblich) Neue im besseren Licht erscheinen zu lassen.
Ein Beispiel dafür ist der pejorative Begriff «Frontalunterricht», der vom Schulreformer und Alt-Nazi Peter Petersen in den 1960er Jahren erfunden wurde, um seine Methoden hervorzuheben und die Sozialform des Klassenunterrichts durch Abwertung zu verdrängen. Seit dem Humanismus haben uns grosse Erzieher und Menschenkenner in ihren Werken ein Mass von Erziehungsweisheit hinterlassen, das heute noch gültig ist, weil der Mensch sich seither nicht verändert hat. Da dieses Wissen heute kaum mehr bekannt ist, kann es uns immer wieder als «neue» Erkenntnis verkauft werden.
Männer wie Galilei, Kepler, Kopernikus, Bacon, Descartes, Newton, Boyle, Leonardo da Vinci usw. schufen das geistige Fundament der Neuzeit.
Mit der Reformation im 16. Jahrhundert erwachte das Interesse an den Naturwissenschaften. Dies führte zu bahnbrechenden Errungenschaften auf allen Gebieten des menschlichen Wissens. Die neue Philosophie stellte die Erfahrung und das vernünftige Erfassen des Weltganzen in den Mittelpunkt, was innert wenigen Jahrzehnten zu philosophisch-wissenschaftlichen Fortschritten von grösster Tragweite führte. Männer wie Galilei, Kepler, Kopernikus, Bacon, Descartes, Newton, Boyle, Leonardo da Vinci usw. schufen das geistige Fundament der Neuzeit.
Zu ihnen gehört auch Johann Ludwig Vives, der als Begründer der neuzeitlichen Pädagogik gilt. Er gehörte zu den ersten, die die Fesseln der Schriftgelehrsamkeit abstreiften und die Natur selbst befragen wollten. Experiment und Erfahrung allein würden die menschliche Einsicht in das Naturgeschehen vertiefen. Vives entwarf Pläne zur Reform der Wissenschaften und wandte sich den grundlegenden Erziehungsproblemen zu, denen er seine bedeutendsten Schriften widmete.
Der 1492 in Valencia geborene Vives war ein spanischer Humanist, Philosoph und Lehrer. Er entstammte einer angesehenen, gebildeten spanischen Familie. Seine Verehrung galt besonders der Mutter, die er in seinen Schriften als Vorbild weiblicher Bildung darstellte. Als Kind von Marranen stand er im Schatten der spanischen Inquisition, die seinen Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Er studierte 1508 Philosophie und Theologie an der Sorbonne in Paris und zog nach dem Abschluss des Studiums nach Brügge, wo er als Privatlehrer seine zukünftige Frau unterrichtete. Dort begegnete er Erasmus, der ihn zu einer humanistischen Schulung durch das Studium der alten Literatur anregte.
In seiner Schrift «Von der Unterstützung der Armen» verlangte er als Erster eine staatliche Fürsorge und forderte, dass der Reichtum der Kirchen dafür eingesetzt werde.
Zur Zeit des Türkenansturms versuchte Vives mit Briefen an die Könige und den Papst einen europäischen Frieden und eine gemeinsame Front gegen die Türken zu bilden. Den Friedenswillen wollte er durch Aufklärung und Schulung des Volkes festigen. In seiner Schrift «Von der Unterstützung der Armen» verlangte er als Erster eine staatliche Fürsorge und forderte, dass der Reichtum der Kirchen dafür eingesetzt werde. Er wollte die Wissenschaft als Mittel anwenden, um die Unzulänglichkeiten der bestehenden politischen und sozialen Einrichtungen aufzudecken.
Die Gelehrten könnten jedoch nur Bedeutsames erschaffen, wenn sie vom Willen der Wahrheit beseelt seien.
Als Universalgelehrter sah er den Ursprung der Wissenschaften darin, dass der Mensch seine Hilflosigkeit in der Natur überwinden wollte. Die Gelehrten könnten jedoch nur Bedeutsames erschaffen, wenn sie vom Willen der Wahrheit beseelt seien. Er wies auf die Gefahren des Unwesentlichwerdens in allen Disziplinen hin. Alle Erkenntnis müsse darauf ausgerichtet sein, den Menschen besser zu machen und ihn sittlich zu fördern. In seiner Schrift «Von der Seele und vom Leben» betonte er, dass die Basis der Pädagogik auf einem psychologischen Fundament ruhe und dass man das Wesen der Seele nur in ihren Äusserungsformen, also empirisch, studieren könne. Die platonische Lehre von den «angeborenen Ideen» (Ideenlehre) hatte er überwunden, indem er der Seele ein Streben nach Wahrheit, nicht aber deren angeborenen Besitz zuschrieb. Hier war Vives besonders fortschrittlich, wenn man bedenkt, dass die Vererbungslehre von Platon auch heute noch selbst bei Fachleuten weit verbreitet ist. Der Mensch zeichne sich durch das Sprechen-Können zusammen mit der Vernunft aus. Da die Sprache die Beziehungen der Menschen untereinander ermögliche, bedürfe sie der grösstmöglichen Pflege und Ausbildung.
Mit seinen «Bemerkungen über die Methode des Lernens» verdient Vives auch heute noch unsere uneingeschränkte Bewunderung.
Mit seinen «Bemerkungen über die Methode des Lernens» verdient Vives auch heute noch unsere uneingeschränkte Bewunderung. Lehren heisst für ihn, dasjenige, was man selbst wisse, einem anderen, der es noch nicht wisse, zu vermitteln. Der Lernende werde dadurch geistig bereichert und der Lehrende selbst auch, da der Unterricht auch sein Wissen vermehre, anrege und fördere. Ähnlich der Sonne, die mit ihren Strahlen die Keime erwecke, müsse auch der Lehrer am Schüler alles zu entwickeln versuchen, ohne ihn in eine bestimmte Bahn abzudrängen. Die drei Etappen des Lernens sind für ihn die Empfindung, die Vorstellung und das Denken. Durch das Vorbild des Lehrers erlange der Schüler Ausdauer und Fleiss, ohne die er in den Wissenschaften nichts zustande bringen könne. Darum müsse der Lehrer das Ideal des Lernenden sein, von seiner Persönlichkeit gehen mehr Wirkungen aus als von seinen Kenntnissen. Der Lehrer habe die Funktion, die Persönlichkeit seiner Schüler zu bilden, die weit über das Vermitteln blosser Verstandeskultur hinausreiche. 500 Jahre nach Vives bestätigt John Hattie mit seiner Meta-Studie, dass die Erkenntnisse von Vives weltweit Gültigkeit haben.
Vives hat in seiner Schrift «Von der Schulung in den Wissenschaften» seine Pädagogik ausführlich dargelegt. Sein Idealbild einer Schule umfasst die ganze wissenschaftliche Ausbildung vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter. Die Schule sollte dort stattfinden, wo die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder gewährleistet werde und nicht im Trubel von Residenzstädten. Der Staat solle die Lehrpersonen schulen und bezahlen. Sie müssten ideal gesinnte Persönlichkeiten sein, die die Jugend zu fördern wünschten, indem jeder gemäss seiner Individualität behandelt werde. Der Schüler müsse deshalb in allen seinen Betätigungen in Arbeit und Spiel genau beobachtet werden und diese Beobachtungen müssten an Lehrerkonferenzen ausgetauscht werden, um festzulegen zu können, wie jeder einzelne zu führen sei.
Die lateinische Sprache sollte unterrichtet werden, weil diese die einzige Weltsprache der Gelehrten sei.
Die lateinische Sprache sollte unterrichtet werden, weil diese die einzige Weltsprache der Gelehrten sei. Die Pflege der Muttersprache lag ihm besonders am Herzen. Für den Sprachunterricht vom siebten bis zum fünfzehnten Lebensjahr legt er Wert auf die Selbsttätigkeit der Schüler, die mit Fragen und Antworten Beiträge zu den Lektionen liefern sollten. Die Geschichte gilt ihm als Lehrmeisterin der Lebensklugheit, aus historischen Studien könnten die Menschen Schlüsse für die Gegenwart ziehen. Die Heranwachsenden sollten mit der historischen Entwicklung des Menschengeschlechts als Kulturgeschichte vertraut gemacht werden, wobei man sich nicht bei äusseren Ereignissen (Schlachten, Eroberungen) aufhalten sollte, weil diese im Vergleich zur friedlichen Entwicklung der Völker nicht ins Gewicht fallen. Die Werke des Friedens und die Lehren von hochgebildeten, rechtschaffenen Männern mit ihren Worten, Taten und ihre ehrenvollen Absichten sollten zum Vorbild genommen werden. Die Naturwissenschaften sollten gründlich gelehrt werden, wobei die Schüler durch Beobachtung der verschiedensten Berufe Erfahrungen sammeln sollten (Autopsie).
Seine Auffassung, dass auch die Frau ein Recht auf angemessene Bildung habe, trug Wesentliches zur Emanzipation der Frau in der Neuzeit bei.
Mit seinem Buch «Erziehung der christlichen Frau» war Vives der eigentliche Bahnbrecher der Mädchenerziehung und einer vielseitigen weiblichen Bildung, deren Endziel, die Sittlichkeit, für das Gemeinwesen von grundlegender Bedeutung sei. Seine Auffassung, dass auch die Frau ein Recht auf angemessene Bildung habe, trug Wesentliches zur Emanzipation der Frau in der Neuzeit bei. Der Humanist Vives gilt mit Recht als Begründer der neuzeitlichen Pädagogik. Seine Anregungen, reichen weit in die folgenden Jahrhunderte hinein und beeinflussten unter anderen Neander, Ratich, Comenius und Locke.
Wie können wir vom Rückblick in die Vergangenheit profitieren? Wir können eine Standortbestimmung vornehmen: Was haben wir in den 500 Jahren seit Vives in der Schule erreicht? Wie steht es mit der Persönlichkeitsbildung, der Friedenserziehung, dem Geschichtsunterricht usw.? Wo befinden wir uns heute: auf dem Fort- oder Rückschritt? Wie ist der Stellenwert der Pädagogik in Praxis und Ausbildung heute und wie derjenige der Psychologie, die Vives als Fundament der Pädagogik ansah? Gibt es dabei Zusammenhänge mit den in verschiedenen Studien und Pisa seit 2012 festgestellten Leistungsverschlechterungen in der Schule?
Peter Aebersold
Quellen:
Gregorio Marañón: Vives humaniste espangnol, Paris 1941
Susanne Zeller: Juan Luis Vives (1492–1540). Wiederentdeckung eines Europäers, Humanisten und Sozialreformers jüdischer Herkunft im Schatten der spanischen Inquisition. Lambertus, Freiburg im Breisgau 2006, ISBN 3-7841-1648-5.