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Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI zieht aus Vorkommnissen in internationalen Tiefenlagern Lehren für künftige Lager in der Schweiz. Diese Erkenntnisse können einerseits technischer Art sein, andererseits kann auch die Sicherheitskultur im Zentrum stehen. Dies legte das ENSI im Rahmen einer Sitzung des Technischen Forums Sicherheit TFS dar.
Die Vorkommnisse in den USA im Tiefenlager WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) vom Februar 2014 wären vermeidbar gewesen, sagt der entsprechende Untersuchungsbericht der amerikanischen Aufsichtsbehörde. Als hauptsächliche Ursache werden mehrere Schwachstellen in den Betriebsabläufen identifiziert. Dies ist nicht das erste Mal, dass Vorkommnisse nicht primär auf technische Mängel, sondern vielmehr auf menschliche und organisatorische Faktoren – die über die Sicherheitskultur thematisiert werden – zurückzuführen sind.
Im Februar 2014 kam es im Tiefenlager WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) im amerikanischen Bundesstaat New Mexico untertägig zum Brand eines Transportfahrzeugs. Alle 86 im Untergrund arbeitenden Personen wurden innerhalb von 45 Minuten aus dem Grubengebäude evakuiert. Aufgrund der starken Rauch-Entwicklung wurden sechs Personen wegen einer Rauchgasvergiftung ins Spital gebracht, sieben weitere wurden vor Ort untersucht. Eine Woche später kam es zudem zu einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen, darunter Americium und Plutonium.
Das WIPP ist ein Endlager für nicht-wärmeentwickelnde radioaktive Abfälle, das in einer rund 600 Meter mächtigen Salzgesteinsschicht erstellt wurde und seit 1999 in Betrieb ist. Die Abfälle werden in etwa 650 Meter Tiefe eingelagert. Die Abfälle stammen nicht aus dem Betrieb von Kernkraftwerken, sondern aus militärischen Anlagen der USA.
ENSI und Nagra im Dialog über Sicherheitskultur
Obwohl die eigentliche Aufsichtstätigkeit des ENSI erst im Zusammenhang mit der Rahmenbewilligung für ein geologisches Tiefenlager beginnt, beschäftigt sich die Aufsichtsbehörde des Bundes bereits heute mit der Sicherheitskultur bei der Realisierung von Tiefenlagern. Jede Kultur, so auch eine Sicherheitskultur, ist vom Umfeld und Akteuren abhängig und kann nicht verordnet werden. Vielmehr entwickelt sie sich in einer Organisation langsam und von Beginn ihrer Existenz an.
Die Sicherheitskultur bei der Realisierung von künftigen Tiefenlagern wird schon heute von den beteiligten Stellen geprägt. Aus diesem Grund ist zwischen dem ENSI und der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle Nagra ein Dialog über die Sicherheitskultur bereits in konkreter Planung. Dieser Dialog wird an die Praxis bei Kernanlagen anlehnen, wie diese im Bericht des ENSI zur Aufsichtspraxis beschrieben wird.
Spezifisch für Tiefenlager ist zudem bereits einiges bezüglich Sicherheitskultur in der Richtlinie G07 festgehalten. Das Regelwerk und die Aufsichtspraxis, welche die Sicherheitskultur mitprägen, werden regelmässig weiterentwickelt; zum einen aus in der Schweiz gewonnenen Erkenntnissen, zum anderen basierend auf Lehren, die aus internationalen Vorkommnissen wie denen im WIPP gewonnen werden konnten.
- Zu geringe Auslegung der Lüftung: Die WIPP-Lüftung war nicht darauf ausgelegt, dass bei kontaminierter Luft die ganze Anlage belüftet und die ausströmende Luft vollständig gefiltert werden kann.
- Konsequenz für Schweizer Tiefenlager: Die Lüftungsanlage eines Tiefenlagers muss so ausgelegt werden, dass ein kontaminierter Luftstrom in vollem Umfang über entsprechende Filtersysteme geleitet werden kann. Für die Entrauchung der Anlage sollten zudem maximale Zeiten festgelegt werden, die im Brandfall eine rasche Intervention erlauben.
- Redundante Auslegung des Monitoring-Systems: Die Abluft wurde nur von einem einzigen Monitoring-System überwacht. Der zuständige Operateur ging von einer Fehlfunktion des Monitors aus und schaltete es aus.
- Konsequenz für Schweizer Tiefenlager: Das Monitoring der Abluft sollte redundant ausgelegt werden.
- Trennung von Ausbruchs- und Einlagerungsbetrieb: Nach dem Störfall sind alle unterirdischen Bauwerke des WIPP kontaminiert.
- Konsequenz für Schweizer Tiefenlager: Die Bereiche, die sich im Ausbruch befinden, sollten von den Bereichen abgetrennt werden, in denen Abfälle eingelagert werden. Diese Trennung kann durch bauliche, administrative oder lüftungstechnische Massnahmen erfolgen.
- TFS-Frage 98: Asbest als alternatives Material für Lagerbehälter
- TFS-Frage 101: Lagerkonzepte: Grösse und Gewicht Endlagerbehälter für SMA
- TFS-Frage 110: Evaluation des Einflusses bestehender Abfallbehälter SMA auf Lagerkonzept und Langzeitsicherheit
- TFS-Frage 131: Asbest-Zement als Material beim Bau der Lagerstollen
- TFS-Frage 132: Sicherheitstechnischer Vergleich anhand von Dosisintervallen
- TFS-Frage 133: Gefährlichkeit von Plutonium 239
Dieser Artikel wurde am 21. September 2016 aktualisiert.