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Walliser Gedanken von Chandra Kurt Nr 1
Die Schweizer 200 Franken-Note erinnert mich immer an die Amigne Traube. Denn auf ihr ist der Schweizer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz abgebildet, der 1934 den Roman «Derborence» geschrieben hat. Darin beschreibt er die Geschehnisse rund um den Bergsturz im Talkessel von Derborence im Jahr 1714. Ramuz, Sohn eines Weinhändlers, ist auch der Autor von «Farinet oder das falsche Geld», eine Hommage an den Falschmünzer und «Alpen Robin Hood», zu dessen Ehren im Walliser Dorf Saillon der kleinste Rebberg der Welt angelegt worden ist.
An die Amigne muss ich denken, weil Derborence und das Winzerdorf Vétroz – Heimat der Amigne – eng miteinander verbunden sind. Man erreicht das enge, steil aufsteigende Tal nur durch eine im Sommer geöffnete Strasse, die in Vétroz beginnt. Ich besuchte Derborence zum ersten Mal im selben Jahr, als Francis Reusser gerade für seine Derborence Verfilmung mit den César für den besten französischsprachigen Film bekommen hatte. Damals, Ende der 80er Jahre fuhr ich zusammen mit Jean-René Germanier die extrem steile Strasse Richtung Derborence hinauf, vorbei an Jean-Renés Amigne Rebstöcken.
Die Amigne ist eine einheimische spätreifende Walliser Sorte. Sie produziert eine Unmenge an Trauben, noch mehr Blätter und bei der Ernte bleiben nur wenigen Beeren zurück, denn auch wenn die Traube im ersten Moment gross wirkt, so sind die Beeren daran ganz klein und sehr, sehr süss. Die aus Amigne gekelterten Weißweine können mehr oder weniger lieblich sein, je nach Jahrgang und Auswahl des Kellermeisters. Trocken ausgebaute Weine ergeben eine feine, aber relativ diskrete Aromatik. Als leichter Süss- oder Likörwein entwickelt die Amigne sehr eigenständige Aromen, die an Mandarinenschalen, Zitrusfrüchte, Trockenfrüchte und Honig denken lassen. Diese eher gehaltvollen Weine sind lange lagerbar, da sie einen hohen Zuckergehalt und einen relativ hohen Säuregrad haben. Generell ist es spannend zu beobachten, wie sich die Aromen der Amigne Weine im Alter entwickeln. Grosse Jahrgänge haben das Potenzial für mehrere Jahrzehnte.
Nur wenige bevorzugte Mikro-Terroirs in Europa vereinen die nötigen klimatischen Bedingungen, die es braucht, um süße und edelsüße Weine zu produzieren. Das Wallis ist eines davon. Im Spätherbst bildet ein Pilz – der „Botrytis cinerea“- im Innern der Beere eine Edelfäule. Während der Zucker konzentriert wird, verzehrt der Pilz praktisch die gesamte Weinsäure der Traube, was zur Folge hat, dass aus diesen edelfaulen Trauben grossartige Süßweine mit üppigem Körper und einer außergewöhnlichen Komplexität vinifiziert werden können. Die aus Amigne produzierten Süßweine gehören zu den Besten Süssweinen der Welt – wie der Mitis von Jean-René Germanier.
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