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Die Österreichische Apothekerzeitung veröffentlichte vor kurzem einen informativen Text zum Thema „Weissdorn“.
Hier die interessantesten Zitate:
„Weißdornpräparate (Crataegus monogyna, C. laevigata)……werden bei nachlassender Leistungsfähigkeit des Herzens entsprechend den Stadien I und II nach NYHA (New York Heart Association) angewandt. Ergänzend ist der Einsatz bei funktionellen Herzbeschwerden, koronarer Herzkrankheit sowie Herzrhythmusstörungen tradiert.“
Damit sind die gegenwärtig in der Phytotherapie etablierten Anwendungsbereiche gut umrissen.
Zu den Inhaltsstoffen und Anwendungsformen:
„Als wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe gelten Flavonoide – wie z.B. Vitexin, Hyperosid und Rutin – und oligomere Procyanidine (OPC). Weißdornpräparate enthalten meist wässrig-alkoholische Auszüge bzw. Trockenextrakte der offizinellen Arzneidrogen.“
Typisch für Weissdorn ist, dass man nicht einen einzelnen entscheidenden Wirkstoff kennt. Man muss nach gegenwärtigem Wissensstand davon ausgehen, dass eine Kombination verschiedener Inhaltsstoffe für die Wirkung verantwortlich ist. Das ist offensichtlich auch bei vielen anderen Heilpflanzen so.
Und wie muss man sich die Wirkung des Weissdorns genauer vorstellen?
„Weißdorn zeigt eine positiv inotrope und dromotrope sowie eine negativ bathmotrope Wirkung am Herzen. Die gesteigerte Kontraktilität wird durch einen erhöhten Ca2+-Influx und eine vermehrte Ca2+-Freisetzung in den Myokardzellen erreicht. Eine gefäßdilatierende Wirkung wird wahrscheinlich über K+-abhängige Ca2+-Kanäle mediiert. In vitro Untersuchungen der Crataegus-Hauptwirkstoffe zeigen auf molekularer Ebene eine Hemmung der c-AMP-Phosphodiesterase, des Angiotensin-converting-Enzyms (ACE), direkte und indirekte β-sympathomimetische Effekte, eine Beeinflussung der Thromboxan-(TXA2) und Prostacyclin(PGI2)-Synthese sowie antioxidative Eigenschaften. Eine Hemmung der Na+/K+-ATPase wird ebenfalls diskutiert, die aber im Vergleich zu Steroidglykosiden (z.B. in Digitalis) eine untergeordnete Rolle spielt.“
Vereinfacht zusammengefasst: Eine leichte Gefässerweiterung in den Herzkrankgefässen und damit eine Förderung der Durchblutung des Herzmuskels sowie eine leichte Steigerung der Herzkraft.
Was sagen die klinischen Studien?
„Ein Cochrane Review (Guo R, 2008) analysierte bis 2007 durchgeführte klinische Studien (10; 855 Patienten) zum Nutzen von Weißdorn zur Behandlung chronischer Herzinsuffizienz und beschreibt signifikante Vorteile im Rahmen der Symptomenkontrolle und bei mittels Ergometrie bestimmten Endpunkten. In den meisten Studien wurde Weißdorn als Adjuvans zur konventionellen Herzinsuffizienz-Therapie mit Diuretika, β-Blockern und ACE-Hemmern untersucht. Neben der oft kurzen Studiendauer und anderen methodischen Mängeln wird auch die Wahl klinisch nicht relevanter Endpunkte kritisiert. Eine 2008 publizierte Studie (Holubarsch CJF, 2008) zum Einfluss von Weißdornextrakt auf einen kombinierten Endpunkt aus kardial bedingtem Tod, Herzinfarkt oder Krankenhausaufnahme über 2 Jahre zeigte gegenüber Placebo keinen Vorteil.“
Bei aller Sympathie für den Weissdorn zeigt das auch seine Grenzen. Entscheidender als Verbesserungen der Beschwerden oder der Messwerte im Ergometer-Test wäre natürlich eine Reduzierung von Herztod und Herzinfarkt durch eine Weissdorn-Therapie. Solche Effekte konnten aber bisher nicht gezeigt werden.
Zu Nebenwirkungen und Wechselwirkungen (Interaktionen):
„Die Nebenwirkungsrate ist gering und Weißdornpräparate gelten generell als gut verträglich, mit Flush, gastrointestinalen Beschwerden, Herzklopfen, Verwirrtheit, Dyspnoe, Kopfschmerzen und Nasenbluten als häufigste Nebenwirkungen. Verdachtsfälle schwerwiegender Nebenwirkungen wie z.B. Angioödem oder Stevens-Johnson-Syndrom sind aber für Crataegusmonopräparate beschrieben (arznei-telegramm, 2010). In Kombination mit Plättchenaggregations-hemmenden Arzneistoffen besteht theoretisch ein erhöhtes Blutungsrisiko aufgrund einer möglichen Interaktion von Vitexin mit der TXA2-Biosynthese. Digitalis-Effekte können durch die gleichzeitige Einnahme von Weißdornpräparaten theoretisch verstärkt (additive positiv inotrope Wirkung), aber auch reduziert werden (verringerte Digitalis-Bioverfügbarkeit durch intestinale p-Glykoproteininteraktion) (Micromedex, 2010).“
Quelle:
http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2010/OAZ-2010-25.pdf
Österreichische Apothekerzeitung 25 / 2010-12-13
Autor:
Mag. pharm. Gunar Stemer
Kommentar & Ergänzung:
Ich bin weit davon entfernt, Heilpflanzen generell als sanft und unschädlich zu bezeichnen. Was eine erwünschte Wirkung hat, kann auch unerwünschte Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben.
Weissdorn gilt aber wirklich als sehr verträgliche Heilpflanze, die auch für eine Langzeitanwendung geeignet ist.
Klar bleibt auch, dass eine Herzinsuffizienz in ärztliche Behandlung gehört.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
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