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1954 in Cannes, während der Dreharbeiten zu «To Catch A Thief»: Alfred Hitchcock und sein Star Cary Grant sitzen in der Bar und kommen ins Plaudern – eine Frage führt zur nächsten, und schon sind wir mitten in Hitchcocks Leben und den Ängsten und Traumata seiner Kindheit.
Als der fünfjährige Alfred einmal nach seinem Mittagsschläfchen allein aufwacht, weil seine Eltern einen Spaziergang machen, fühlt er sich verlassen. Und wie bekämpft er seine Panikattacke? Er verdrückt einen ganzen Braten.
Mit dieser Strategie zur Bekämpfung seiner Ängste legte Hitchcock wohl auch die Grundlage für seine füllige Silhouette, die zu seinem Markenzeichen werden sollte.
Ein genialer Selbstvermarkter
Kein Zweifel: Alfred Hitchcock war einer der grössten Filmregisseure des 20. Jahrhundert. Mit Filmen wie «Psycho», «The Birds» oder «Rear Window» definierte er Spannung und Angst im Kinosaal neu.
Der Master of Suspense war aber auch ein genialer Selbstvermarkter und wurde zur Ikone. Aber er war auch ein Muttersöhnchen und Angsthase. Das verrät die zweibändige Comic-Biografie «Alfred Hitchcock» von Noël Simsolo und Dominique Hé, deren erster Teil «Der Mann aus London» soeben erschienen ist.
Buchhinweis:
Noël Simsolo/Dominique Hé, «Alfred Hitchcock. Band 1: Der Mann aus London, Link öffnet in einem neuen Fenster», aus dem Französischen von Tanja Krämling, Splitter, 2020.
Das Buch deckt Hitchcocks Leben bis 1940 ab, dem Jahr seines Umzugs nach Hollywood, wo er seine Klassiker drehen sollte. Hitchcocks früheres britisches Schaffen steht zwar im Schatten seiner späteren Meisterwerke, doch sind seine Entwicklungsjahre ausgesprochen aufschlussreich, um zu verstehen, wie er zum Master of Suspense wurde.
Fliegende Teetassen
Der Autor Noël Simsolo strebt keine lückenlose Biografie an, sondern arbeitet fragmentarisch: eine Collage von Momentaufnahmen, Entscheidungen, Krisen und Höhepunkten, mehr und minder bekannten Anekdoten und Schlüsselszenen aus seinen frühen Filmen. Den Rahmen bildet Cary Grant mit seinen Fragen und Stichworten.
Privates verknüpft Simsolo mit Hitchcocks filmischer Karriere: Hitchcock war Katholik, liebte seine depressive Mutter abgöttisch, pflegte eine innige Beziehung zu seiner Arbeitskollegin und späteren Gattin Alma.
Ehrgeizig und selbstbewusst ging er als Regisseur seinen Weg, musste indes immer wieder Kompromisse eingehen. Er lernte, sich gegen seine Produzenten zu behaupten, entwickelte dabei seine Handschrift und wurde zum Regie-Star.
Dazwischen erleben wir Hitchcock als Ironiker und Scherzbold, der seine Schauspieler und Produzenten mit fiesen Spässen verunsicherte oder zur Entspannung mit Teetassen um sich warf.
Noël Simsolo gelingt es, die Szenen so zu montieren, dass sich aus dieser Collage ein vielschichtiges Bild von Alfred Hitchcock schält. Das ist kein Zufall: Simsolo ist sowohl ein Filmhistoriker als auch ein auf Biografien spezialisierter Comic-Autor.
Er kennt sein Thema und weiss es so zu vermitteln, dass sowohl Hitchcock-Kenner als auch Hitchcock-Neulinge auf ihre Kosten kommen.
Zeichnerisch ist «Alfred Hitchcock» indes weniger aufregend. Dominique Hé ist ein solider Handwerker, der sich um eine kühle, filmische Schwarzweiss-Ästhetik bemüht, doch wirken seine Zeichnungen etwas steif.
Eine weitere Schwäche noch hat diese ansonsten empfehlenswerte Biografie: Simsolo und Hé erzählen alles in Dialogen, die deshalb stellenweise zu faktenreich sind, um natürlich zu klingen.
Damit missachten sie eine berühmte Maxime des Film-Meisters selbst: Möglichst wenig mit Dialogen und möglichst viel über das Bild zu vermitteln.