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Auffällig sind Sprache und Stil Kürnbergers: Sie muten ungeheuer modern an, es gibt collagenhafte Überblendungen, die Zivilisationskritik wird in einer sehr genauen, verfremdenden Weise vorgetragen, mich an Rudolf Brunngrabers Kapitalismuskritik „Karl und das 20. Jahrhundert“ erinnernd, während zeitlich vergleichbare Werke (wie Freytags „Soll und Haben“) dagegen völlig antiquiert erscheinen. Karl Kraus hat Kürnberger nicht umsonst seiner Sprachgenauigkeit wegen hoch geschätzt.
Der Roman selbst, die Amerikakritik, sind aber trotz allem misslungen. Das liegt zum einen an den Übertreibungen Kürnbergers, die weitgehend undifferenziert alles Amerikanische in Bausch und Bogen verdammen (das geht so weit, dass selbst die Blumen in Ohio einen nur mediokren Geruch verströmen und die Natur insgesamt der Gleichförmigkeit und Langweiligkeit geziehen wird: Natur und Menschen passen sich aneinander an), noch mehr aber an der Tatsache, dass diesem Amerikabild ein völlig verklärtes Bild Europas und im speziellen Deutschlands gegenübergestellt wird. Das Verstiegene, Übertriebene könnte noch ästhetisch gerechtfertigt werden, wenn sich aber jemand an satirsch-ironischer Gesellschaftskritik versucht gibt es nichts Schlimmeres, als die eigene Gesellschaft von dieser Kritik weitgehend auszunehmen. Und so wünscht Kürnberger offenbar, dass die Welt am deutschen Wesen genesen möge, deutsches Wesen, das da bedeutet: Ein hohes, künstlerisch-philosophisches Niveau, ebenso anspruchsvolle ethisch-moralische Normen, wirkliche Gleichheit und ein gerechtes juristisches System. Dies alles wird nun dem deutschen Sprachraum zugeschrieben und Amerika grundsätzlich abgesprochen: Dort besteht die Freiheit nur darin, den anderen zu übervorteilen, den Geldeswert über alles andere zu setzen und ein heuchlerisch-pervertiertes Christentum zu pflegen.
Diese berechtigte Kritik wirkt durch die Glorifizierung des Deutschtums unaufrichtig. Und diese Glorifizierung kann eigentlich auch nicht durch die späte Bismarck-Begeisterung Kürnbergers erklärt werden, da der Roman 1855 erschien, zu einer Zeit, in der Kürnberger selbst noch wegen seiner Beteiligung an den revolutionären Umtrieben von 1848 auf der Flucht war. Kürnberger wusste also durchaus um die wenig anheimelnden Zustände in seinem Vaterland. Sein Vorbild dürfte eher die Regierungszeit Josef II. in ihren freiheitlichen, toleranten Bestrebungen gewesen sein sowie die Tradition der Aufklärung im Kantschen Sinne. Der tiefere Grund für diese Kritiklosigkeit dürfte aber in der Tatsache zu suchen sein, dass es sich hier um ein Auftragswerk handelte, das Kürnberger aus ökonomischen Gründen übernommen hat und das von vornherein als ein Gegenentwurf zur weit verbreiteten Verklärung Amerikas (wie etwa durch Gottfried Duden in seinem „Amerika-Bericht“) gedacht war. Dies würde auch manch konstruierte Zusammenhänge erklären (die recht lieblos gestaltet scheinen), so finden die Personen in den amerikanischen Weiten ähnlich wieder zusammen wie in Dickens‘ London. Man glaubt hier manchmal den Wunsch des Autors zu spüren, mit diesem Roman endlich zu einem Ende zu kommen, was ihn aber nicht hindert, sehr gelungene und witzige Abschnitte über das Verhalten der amerikanischen Gesellschaft einzufügen, die auch heute noch äußerst lesenswert – und aktuell – sind.
So ist das also ein durchwachsenes Lesevergnügen: Die Freude, einem sprachgewandten Autor mit satirischem Talent über mehr als 500 Seiten zu folgen wird getrübt von lieblos zusammengekleisterten Handlungsverläufen und vor allem vom völlig unkritischen Deutschlandbild. Nur manchmal dürfen auch Deutsche einen moralisch fragwürdigen Weg einschlagen, allerdings stets unter dem verderblichen Einfluss der amerikanischen Geld- und Besitzgier. Diese Schwarz-Weiß-Zeichnung verärgert – und dies umso mehr, als man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sich hier ein Autor unter Wert verkauft hat.