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Der verstorbene Dokumentarfilmer Peter Liechti machte es bereits 2010: Einen Film über einen Menschen, der sich in einen Wald zurückzieht, um zu sterben. Liechtis poetisches «The Sounds of Insects» basierte auf einen japanischen Roman, der sich auf das Tagebuch eines auf diese Weise verstorbenen Mannes bezog.
Oneway-Ticket nach Japan, kein Gepäck
Tatsächlich gibt es in Japan immer wieder Fälle von Menschen, die sich im Wald erhängen, durch Tabletten umbringen oder in einem Zelt unter den Bäumen verhungern. Ein Wald ist dafür besonders berühmt: Aokigahara – auch «das Meer der Bäume» genannt. Über ihn gibt es Spukgeschichten, denn er gilt als äusserst dicht und eintönig. Bereits auf kurze Distanzen verliert man die Orientierung.
In diesem Setting spielt Gus van Sants Wettbewerbsbeitrag «The Sea of Trees». Arthur Brennan (Matthew McConaughey), ein Wissenschaftler und Uniprofessor, will sterben. Er bucht ein Oneway-Ticket nach Japan. Ohne Gepäck und ohne Umwege begibt er sich in den Suizidwald, der am Fusse des Fujis liegt. Dort angekommen richtet er sich bald einmal zum Sterben auf einem Fels ein. Beschleunigen soll dies eine Überdosis Schmerztabletten.
Zu viel Pathos
Bereits nach der Einnahme der zweiten Pille wird er unterbrochen. Ein Mann (Watanabe Ken), sichtlich verwirrt, taucht auf. Arthur will dem Orientierungslosen helfen, aus dem Wald zu kommen, bevor er sich selbst ans Sterben macht.
Doch nach kurzer Zeit haben sich beide hoffnungslos im Wald verlaufen. Der Ort des Todes, in den die Männer zum Sterben kamen, wird zur Lebensbedrohung. Arthur und sein neuer Begleiter kämpfen von nun an ums Überleben.
In Rückblenden erzählt Gus van Sant die Gründe für Arthurs Todessehnsucht: eine kaputte Ehe, eine kranke Ehefrau (Naomi Watts), ein tragischer Unfall. Van Sant untermalt die Szenen der Vergangenheit mit unerträglich pathetischer Musik. Darauf läuft die Erzählung der Ehe hinaus: Pathetisch und verkitscht wirkt die Konstellation von Liebe und Tragik.
Rutsch ins Esoterische
Die Bilder des Überlebenskampfes hingegen sind intensiv, auch der Wald vermag zu beeindrucken. Obwohl van Sant es leider nicht gelingt, ihn zu einem eigentlichen Protagonisten zu stilisieren. Der Wald wirkt durch Panoramaaufnahmen vor allem in seiner Schönheit; viel zu wenig hingegen in seiner Gefährlichkeit – trotz der Leichen, die den Waldweg pflastern.
Und schliesslich rutscht van Sant komplett ins Esoterische ab. Die Reise in den Wald, die unverhoffte Begegnung und am Ende der wiederkehrende Wunsch zu leben verdanken sich übersinnlichen Kräften und belehren den einst so rationalen Wissenschaftler eines Besseren: Leben und Lieben sind keine Angelegenheiten der Vernunft.
Dieser kaum auszuhaltende Kitsch war dann vermutlich auch der Grund, warum der Film vom internationalen Kritikerpublikum in Cannes ausgebuht wurde. Leider zu Recht.