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Als Entertainer fiel er früh auf. Schon als Bub soll er Kindergeburtstage mit seinem Kasperlitheater bespielt und dabei bis zu fünfzig Dollar pro Woche verdient haben. So jugendfrei ging es dann nicht weiter mit ihm, in der Stadt an der US-Ostküste, wo er aufwuchs und bald sein Unwesen trieb. «Mein Hobby», so pflegte der Sohn aus stockkonservativem Hause später zu sagen, «ist extremes katholisches Verhalten – vor der Reformation.» Klar, dass er in der Bilderwelt des Christentums vor allem einen sadomasochistischen Schwulenporno sieht: «Ein Mann, nackt ans Kreuz genagelt: Soll man das wirklich seinem Kind übers Bett hängen?»
Bereits als Teenager drehte er erste Kurzfilme. Schon früh mit dabei war auch seine langjährige Muse, eine grosse Travestiekünstlerin, die bis zu ihrem Tod 1988 in fast allen seinen Filmen mitspielen sollte. Berüchtigt wurden er und seine bunt gemischte Gang namens «Dreamlanders» dann mit einem Film, dessen Titel ein farbiger Pleonasmus ist – und dessen legendäre Schlussszene bis heute zumindest kulinarisch als absoluter Tiefpunkt der Filmgeschichte gelten darf. Ein paar wenige Länder, namentlich auch die Schweiz, taten dem Regisseur damals den Gefallen, das schrille Werk zu verbieten, was dem Ruf als Kultfilm durchaus förderlich war.
Ein halbes Dutzend Filme später war er dann fast schon im Mainstream angelangt, mit einer Satire über eine strahlende Mutter, die es übertreibt mit dem Familiensinn. Und es bereitet ihm diebische Freude, dass die makabre Komödie heute regelmässig am Fernsehen läuft, «vor allem am Muttertag».
Der grösste Feind der Kunst ist laut Marcel Duchamp: der gute Geschmack. Und es gibt niemanden in Hollywood, der dieser Maxime so getreu folgte wie er, der einmal sagte: «Wenn jemand bei einem meiner Filme erbrechen müsste, wäre das wie eine Standing Ovation für mich.» Als kultivierter Mensch wusste er dabei, dass man erst die Regeln des guten Geschmacks lernen muss, damit man sich mit schlechtem Geschmack amüsieren kann. Und dass höchstens er als schwuler Feminist sich einen solchen Spruch erlauben darf: «Manchmal wünschte ich, ich wäre eine Frau, nur damit ich mal abtreiben könnte.»
Sein bislang letzter Film handelte dann von einer lustigen Epidemie: Die Seuche, die darin um sich greift, heisst Sexsucht. Seither schrieb er Bücher, stellte Kunst aus und tourte als Komiker. Wie heisst der Doyen des schlechten Geschmacks, der «The Wizard of Oz» ebenso zu seinen Lieblingsfilmen zählt wie «Salò oder die 120 Tage von Sodom»?
Wir fragten nach dem 74-jährigen US-Regisseur John Waters, der einst mit «Pink Flamingos» (1972) seinen Ruf als «Pope of Trash» begründete – nicht zuletzt dank der berüchtigten Schlussszene, in der sein Jugendfreund, die Dragqueen Divine, Hundedreck frisst. Es folgten eine ganze Reihe von Kultfilmen wie «Polyester» (1981), «Hairspray» (1988) oder «Cry-Baby» (1990) mit Johnny Depp – und schliesslich «Serial Mom» (1994), in dem Kathleen Turner aus Mutterliebe zur Serienmörderin wird. Alle Filme von Waters spielen in seiner Heimatstadt Baltimore, zuletzt auch die Sexkomödie «A Dirty Shame» (2004). Im gleichen Jahr zeigte er im Fotomuseum Winterthur seine Ausstellung «Change of Life». Zuletzt wurde Waters 2019 in Locarno mit dem Ehrenleoparden ausgezeichnet.