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Ein Muss für alle Gipfelstürmerinnen, Engadinliebhaber und Sporttreibenden: die erste Ausgabe der druckfrischen Zeitschrift „Les Sports Modernes“.
«Eine besondere Kategorie bilden diejenigen Erstbesteiger, die den von ihnen eroberten Gipfel einem weiblichen Familienmitglied widmeten, wie bei der Punta Alessandra (3268 m) zu Ehren von Alexandrine von Rydzewsky-von Nordmann (1847–1924). Eine weitere vorher namenlose Spitze benannte Umberto Balestreri (1889–1933), ein bekannter italienischer Alpinist (er starb in einer Spalte des Morteratschgletschers) und Jurist (er verweigerte die Mitgliedschaft im Partito Nazionale Fascista), nach seiner Tochter; die Punta Maria Luisa (ca. 3317 m) liegt im Grenzkamm zwischen dem Mont Vélan und der Dent d’Hérens. Der Schweizer Führerautor Marcel Kurz (1887–1967) war damit nicht zufrieden: «Malgré toute la sympathie de l’auteur pour le cher disparu et sa petite fille, il est impossible d’admettre de nouveaux noms personnels sur notre frontière.» Er schlug den Namen Petit Epicoune vor. Maurice Brandt (1927–1999), Nachfolger von Kurz für die SAC-Führer zu den Walliser Alpen, bekräftigte das Urteil im Führer von 1987; in der Auflage von 1999 fehlt es. Dass sowohl Marcel Kurz wie Brandt heute «ihre» Gipfel erhalten haben, steht auf einem separaten Blatt… In der aktuellen, von anderen Autoren verfassten Ausgabe von 2014 stehen die Namen Petit Epicoune und Punta Maria Luisa gleichberechtigt nebeneinander. Nun fehlt nur noch die Aufnahme auf die Landeskarte, wenigstens mit einer Kote.»
Die Punta Maria Luisa ist einer der 200 helvetischen Personenbergen, die erstmals erfasst und zusammengestellt wurden, von der Punta Adami, einem Fast-Dreitausender im Rheinwald, bis zur Zumsteinspitze, dem dritthöchsten Gipfel der Schweiz. Es sind oft ziemlich unbekannte Gipfel, die auf der Landeskarte verzeichnet sind oder auch nicht. Wer versteckt sich hinter der Pointe Morin (die Geschwister Micheline und Jean-Antoine), der Punta Carducci (italienischer Literaturnobelpreisträger) und dem Paulcketurm (Skipionier und Nazi)? Unter den personifizierten Gipfeln hat es starke (Pointe Marie-Christine) und brüchige (Agassizhorn), bescheidene (Dunantspitze) und brave (Eduardsruh), heilige (Cima Mosé) und profane (Punta Michele).
Italien hat mit 34 Personengipfeln auf der Grenze (17%) den grössten Anteil an den 200 gefundenen Gipfeln. Diese Vorrangstellung hat drei Gründe. Erstens ist die Grenze der Schweiz zu Italien mit 800 Kilometern nicht nur die längste, sondern auch noch fast ausschliesslich gebirgig; entsprechend viele Gipfel konnten und mussten da einen Namen erhalten. Zweitens benennt man in Italien Gipfel und Hütten gerne mit Namen von Personen. Und drittens ist das Grenzgebirge in mehreren schweizerischen und italienischen Führerwerken bestens dokumentiert, wodurch die Personengipfel eine Legitimation erhalten, auch wenn der Name auf der schweizerischen Landeskarte (noch) fehlt, wie die Punta Maria Luisa.
Das metergenaue Verzeichnis aller Personenberge der Schweiz (inkl. Quellenangaben) ermöglicht einen neuen Blick auf das helvetische Gipfelterritorium und die Toponomastik des Landes. Die von mir zusammengestellte und kommentierte Liste findet sich in der ersten Ausgabe der neuen, mehrsprachigen Zeitschrift „Les Sports Modernes“, die dem Thema „La montagne: territoire du moderne?“ gewidmet ist.
Das Fragezeichen steht nicht zufällig. Denn: Sind die Berge modern? Oder sind sie veraltet? Wenn man in die Geschichte eintaucht, erhält man kontrastreiche Antworten. Auf der einen Seite gilt das Gebirge als Ort der Isolation, des Rückzugs, ja der der Rückständigkeit und des Konservatismus. Andererseits erweisen sich die Berge aufgrund ihrer Enge und eigenen Ressourcen als Vorreiterin, insbesondere bei der Erprobung und Umsetzung von Formen der Demokratie. Und das Aufkommen des Tourismus, der Sanatorien und des Wintersports entspricht ebenfalls, wie ein Echo, dieser Aufwertung der Berggebiete und der neuen Blicke auf diese steile Welt.
Grosse Beiträge in der Nr. 1 der sporthistorischen Zeitschrift behandeln Wanderlust und Wilderness, die Gründung des Alpine Club of Canada, das Sportklettern und den Everest. Geografischer Schwerpunkt ist das auch auf dem Cover verankerte Engadin. Dazu gibt es auf den 244 Seiten spannende Seitenpfade und Gespräche, Institutionen und Bücher zu entdecken. Die einmal jährlich erscheinende Revue „Les Sports Modernes“ wird von der Association pour la valorisation des archives et de l’histoire des sports publiziert.
Die Vernissage findet am Donnerstag, 20. April 2023, in der IDHEAP-Aula der Université de Lausanne statt. Das Gebäude liegt nördlich der Colline de Dorigny (410 m). Auf diesem Hügel befindet sich ein drei Meter hoher Obelisk zu Ehren von Albrecht von Haller und seinem Sohn Rudolf Emanuel. Warum heisst in den Schweizer Alpen eigentlich kein Gipfel nach Albrecht, dem heiligen Vater der Begeisterung für die (Schweizer) Alpen und des Alpentourismus? Der Hallerbärg (570 m) ob dem schaffhausischen Schleitheim kann es ja nicht sein.
Christophe Jaccoud, Grégory Quin (Hrsg.): La montagne: territoire du moderne ? Les Sports Modernes n°1, Société, Culture, Temporalité, Territoire. Éditions Alphil-Presses universitaires suisses, Neuchâtel 2023. Fr. 35.- www.alphil.com/livres/1296-1547-les-sports-modernes-numero-1-2023.html#/1-format-livre_papier
PS: Die Colline de Dorigny ist zur Zeit, wie am 20. April 23 spätnachmittags festgestellt wurde, eine Baustelle, wegen der Erweiterung der Bibliothèque de l’UNIL am Südfuss des Hügels. Der Obelisk ist deshalb nicht zugänglich, wohl aber der Gipfel von Osten.