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Als einheimischer Geologe lese ich natürlich mit Interesse die Berichte zum Thema Erlenrunse in Rüti, bin mir aber nicht mehr sicher, ob ich mich darüber ärgern oder amüsieren soll. Die Reihe begann mit einem Leserbrief, der sich gegen eine zweifelhafte Umzonung eines Wohngebiets in die höchste Naturgefahrenstufe wandte, und endet jetzt in der niedlichen Geschichte eines Autos, das vor 100 Jahren von seinem Eigentümer während eines Unwetters in den Schlamm der Erlenrunse gesetzt wurde. Der Fahrer hielt den Kanton für verantwortlich und forderte vor Bundesgericht eine Entschädigung. Gott sei Dank umsonst.
Dass in einer solchen Runse Murgänge stattfinden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dass das Quartier Huob in Rüti davon jedoch nicht betroffen sein wird, ebenso. Murgänge verlassen ihre Rinne nur, wenn sich deren Querschnitt verkleinert oder sie durch eine abnehmende Hangneigung gebremst werden und nachfolgendes Material sich darüberschüttet. Meistens geschieht das in der Nähe des Talbodens, wo sich halt häufig Strassen und Eisenbahnlinien befinden. Nun liegt die Huob aber nicht in dieser Zone, sondern klar oberhalb davon. Noch weiter oben macht die Runse eine Linksbiegung. Ein extrem grosser Murgang könnte hier allenfalls das Gerinne verlassen und sich, der Falllinie folgend, über die Allmeind und vor allem hinter den schon bestehenden Schutzdamm ergiessen. Im Quartier Huob wird er nie landen.
Oberhalb des Kegelhalses folgt eine schmale Schlucht, in der sich in den letzten Jahren Felssturzmaterial angesammelt und durch Verkeilung und innere Reibung stabilisiert hat. Um dieses Material gesamthaft in Bewegung zu bringen, bräuchte es schon fast ein Wunder. Sollte dieses trotzdem geschehen, würden die mehrheitlich groben Sedimentblöcke aber keiner Biegung des Gerinnes folgen, sondern mit voller Wucht in Richtung Erlen-Geren über die Uferkante donnern – ähnlich wie das 2005 beim Sulzbach im Klöntal geschehen ist, dessen Rinnenverlauf mit jenem der Erlenrunse vergleichbar ist.
Wenn nun das Simulationsmodell nette Murzüngelchen in Richtung Huob zeigt, liegt das daran, dass der Computer mit entsprechend ausgewählten Daten gefüttert wurde. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es wäre allerdings wünschbar, dass sich unsere vermeintlichen Naturgefahren-Experten nicht nur auf manipulative Computersimulationen verlassen würden, sondern die Situation durch erfahrene, unabhängige Fachleute, beispielsweise des ETH-Bereichs, beurteilen liessen. Ich kann beim besten Willen und vor allem aus wissenschaftlichen Gründen nicht nachvollziehen, wie das Quartier Huob in die höchste Naturgefahrenstufe gestellt werden konnte. Das hilft niemandem, und viele Liegenschaften wurden dadurch grundlos entwertet.
Erzeuge genug Angst, präsentiere dich als Retter und erhalte einen lukrativen Auftrag. So etwa dürfte das Motto dieser Umzonung gelautet haben. Mit guten Freunden in Verwaltung und Politik ist dafür nicht einmal ein Problem nötig.
Natürlich kann niemand ausschliessen, dass auch die Huob in Rüti eines Tages durch eine Naturkatastrophe betroffen sein könnte. Aber an diesem Tag werden sich die Helferinnen und Helfer kaum speziell um dieses Quartier kümmern, da der halbe Kanton in Nöten stehen wird.
Mark Feldmann
Dr. sc. nat. ETH, Geologe
Niederurnen