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von Dr. Sebastian Horn
Verlustaversion («Verluste wiegen stärker als Gewinne») ist ein vielbeachtetes Prinzip in der Entscheidungsforschung. Dabei stellt sich die Frage, ob Verlustaversion ein stabiles Merkmal von Personen ist und inwiefern Verlustaversion von bestimmten Situationen abhängt. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass die Beurteilung von Gewinnen und Verlusten stark situationsabhängig ist.
Unter Verlustaversion versteht man in der Psychologie und Wirtschaftswissenschaft die generelle Tendenz, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne des gleichen Betrags. Menschen beurteilen beispielsweise eine Wette, bei der sie mit gleicher Wahrscheinlichkeit (.50/.50) entweder 1000 CHF gewinnen oder 1000 CHF verlieren können als wenig attraktiv. Nur wenige würden eine solche Wette eingehen. Erst wenn die möglichen Gewinne die Verluste deutlich übersteigen (z.B. 2000 CHF Gewinn und 1000 CHF Verlust) fangen Menschen typischerweise an, solche Wetten überhaupt in Betracht zu ziehen. Verlustaversion («Verluste wiegen stärker als Gewinne») ist ein vielbeachtetes Prinzip in der Entscheidungsforschung und dient als Erklärung für verschiedenste Phänomene. Ein Beispiel ist der sogenannte «Besitztumseffekt»: Personen bewerten Objekte, die sie besitzen, höher als dieselben Objekte, wenn sie diese nicht besitzen. In einigen Studien zeigte sich, dass Versuchspersonen für dasselbe Objekt aus Verkäuferperspektive deutlich höhere Preise verlangten als sie in der Rolle als Käufer bereit waren zu bezahlen.
Eine wichtige Frage ist, ob Verlustaversion ein stabiles Merkmal von Personen ist und inwiefern Verlustaversion von bestimmten Situationen abhängt. Dieser Frage gingen Walasek und Stewart (2015) in einer Reihe von vielbeachteten Experimenten nach. Die Wissenschaftler baten die Versuchspersonen zu entscheiden, ob sie verschiedene Wetten (wie in dem oben genannten Beispiel) mit einem bestimmten Gewinnbetrag und einem bestimmten Verlustbetrag annehmen oder ablehnen (die Wahrscheinlichkeiten, etwas zu gewinnen oder zu verlieren waren dabei immer gleich: .50/.50, wie bei einem Münzwurf). Typischerweise wurde angenommen, dass Menschen bei dieser Art von Entscheidungen generell «Verlustaversion» zeigen. Walasek und Stewart hatten in ihrer Studie aber systematisch in unterschiedlichen Bedingungen die Gewinnwerte und Verlustwerte variiert. Dabei zeigte sich, dass dieselbe Wette ganz unterschiedlich bewertet wurde—je nachdem welche Erfahrungen die Personen sonst noch gemacht hatten (d.h., welche Werte sie vorher noch bei anderen Wetten gesehen hatten). Diese Ergebnisse zeigen, dass Verlustaversion ein stark situationsabhängiges Phänomen ist. Ähnlich wie in der Wahrnehmung beispielweise die Temperatur eines Innenraums als kälter oder wärmer empfunden wird, je nachdem wo man sich vorher aufgehalten hat, so werden auch Gewinne und Verluste in Abhängigkeit des Kontextes unterschiedlich beurteilt.
Literatur
Walasek, L., & Stewart, N. (2015). How to make loss aversion disappear and reverse: tests of the decision by sampling origin of loss aversion. Psychology: General, 144(1), 7-11.
http://dx.doi.org/10.1037/xge0000039
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