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Steven Soderbergh: ein Regisseur, der seit zwanzig Jahren auf fast schon bewundernswerte Weise zwischen Independent-Kino (Sex, Lies and Videotape) und Hollywood-Mainstream (Ocean’s Eleven) pendelt, zwischen persönlicher Sicht und kommerziellem Erfolg, zwischen Kür und Pflicht. Wobei nicht immer zu unterscheiden ist, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Und vielleicht hat Soderbergh selbst über diese Trennungen, die ja auch immer beim Einordnen helfen sollen, nie nachgedacht. Mit dem gleichen Interesse und dem gleichen Engagement bewegt er sich in unterschiedlichen Genres und frönt unterschiedlichen Stilen. Auch sein neuer Film passt in keine Schublade. Eine wahre Geschichte, die ein packender Wirtschaftskrimi sein könnte. Oder auch eine Komödie. Nach dem zweiteiligen Mammutprojekt Che, der filmischen Annäherung an eine übergrosse, mythische Figur der Geschichte, hat sich Soderbergh einmal mehr neu erfunden.
Die Handlung beginnt 1992. Mark Whitacre, überzeugend dargestellt von Matt Damon, ist hochrangiger Angestellter und Biochemiker des Agrarkonzerns Archer Daniels Midland (ADM), der abseits der Metropolen, in Decatur, Illinois, beheimatet ist. Unter seiner Aufsicht wird auf einer ADM-Plantage soeben ein Lebensmittelzusatz namens Lysine hergestellt. Als ein hartnäckiger Virus die gesamte Produktion bedroht, berichtet Whitacre seinem Vorgesetzten Mick Andreas, dass es einen Saboteur in ihren Reihen gäbe. Ein japanischer Kunde wäre jedoch, gegen entsprechendes Entgelt, bereit, den Schuldigen zu benennen. Anstatt zu zahlen, schaltet Andreas das FBI ein. Whitacre nutzt, unterstützt von seiner Frau Ginger, die Gelegenheit, sein Gewissen zu erleichtern. ADM, so erzählt er den verdutzten Agenten, treffe seit Jahren auf multinationaler Basis illegale Preisabsprachen, er sei daran beteiligt, er kenne alle Details. Das FBI braucht Beweise, und so nimmt Whitacre die Gespräche mit einem Kassettenrekorder, der im Aktenkoffer versteckt ist, auf.
So nüchtern aufgeschrieben, könnte man The Informant! für einen weiteren, auf wahren Begebenheiten beruhenden corporate thriller à la Michael Manns The Insider halten. Russell Crowe deckte dort die Machenschaften der Tabakindustrie auf. Aber schon das Ausrufezeichen im Filmtitel, das Geradlinigkeit und Schlüssigkeit zu versprechen scheint, führt auf die falsche Fährte. Soderbergh und sein Drehbuchautor Scott Z. Burns lassen ihren Helden in einem fast ständig gegenwärtigen Off-Kommentar seine Gedanken mitteilen. Gedanken, die nicht notwendigerweise mit den Bildern übereinstimmen. Einem Stream of consciousness gleich berichtet Whitacre, was ihm gerade so durch den Kopf geht, während um ihn herum alles zusammenbricht: penible Beschreibung des Wegs zu seinem Schreibtisch, die Vorteile von Merinowolle, den richtigen Kauf von gestreiften Krawatten und ähnliches. Das ist weder interessant noch erhellend, offenbart aber, dass Whitacre keine Kontrolle über seine Gedanken hat, sich nicht konzentrieren will. Darum führt die Geschichte immer wieder vom Weg ab, nimmt Umwege und Hürden. Die Schere zwischen Wort und Bild, zwischen Gedanken und Aktion, verleiht dem Film von Beginn an einen ironischen Grundton, der durch den jazzig-groovigen Retro-Soundtrack von Marvin Hamlisch (The Sting), der in den Bürofluren von ADM unpassend wirkt, noch unterstützt wird. Soderbergh liebt es, disparate Elemente aufeinanderprallen zu lassen. Von der ernsthaften Aufklärung Michael Manns ist er weit entfernt. Wer sich auf diesen Spagat zwischen Thriller und Komödie, auf das ungeordnete Erzählen, nicht einlassen mag, wird an The Informant! keine Freude haben.
Und noch etwas enthüllt das voice-over: Whitacre ist ein unzuverlässiger Erzähler. Genauer: Er lügt das Blaue vom Himmel herunter. Darum ist man als Zuschauer auf die nun folgende Wendung so wenig vorbereitet: Whitacre hat – mit nicht sehr originell gefälschten Transaktionen – Firmengelder unterschlagen. Die abgezweigten Millionenbeträge steigen mit jeder neuen Lüge, so dass man schon bald gar nicht mehr schockiert ist. Währenddessen rückt das Verfahren gegen ADM immer mehr in den Hintergrund – zum Unwillen des FBI.
Der Rest ist Geschichte. Whitacre musste für mehrere Jahre ins Gefängnis, ADM kam mit einer Strafe von hundert Millionen Dollar davon, die Verantwortlichen waren nicht halb so lange in Haft wie der Informant. Angesichts dieser Diskrepanz muss man sich fragen, was in Whitacres Kopf vorgegangen sein mag. Seine wortreichen Erklärungen sind keine Hilfe, und auch Soderbergh versteckt seine Absichten. Die Wahrheit schält sich nur bruchstückhaft heraus, jede neue Erkenntnis birgt einen neuen Abgrund. Das Ende des roten Fadens lässt der Regisseur mitunter einfach fallen, um es ganz woanders wieder aufzunehmen. So taucht zum Beispiel der ominöse Japaner vom Beginn des Films gar nicht mehr auf.
Das Geheimnis von The Informant! liegt wahrscheinlich in der Darstellung durch Matt Damon begründet. Schon in The Bourne Identity spielte er einen Mann, der nicht wusste, wer er ist. Auch hier überzeugt er – mit Nickelbrille und fünfzehn Kilo Übergewicht – als netter, junger Mann, der mit Charme, Energie, Optimismus und Naivität seiner Umwelt eine andere Person vorgaukelt. Dass er jemals entdeckt werden würde, ist ihm nie in den Sinn gekommen. Denn: Er hat nie Verdacht erregt. So mag auch die letzte Szene des Films als Metapher für die ganze Figur stehen. Da ist Whitacre im Gefängnis zu sehen – mit Glatze. Die ganze Zeit über hatte er ein Toupet getragen, vor unseren Augen. Und niemand hat es gesehen.