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Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Bertolt Brecht, geboren 1898 in Augsburg, begann 1917 ein Literaturstudium in München, welches er 1918 zum Kriegsdienst unterbrechen musste. Ab 1924 lebte er als Schriftsteller und Regisseur in Berlin, 1933 emigrierte er nach Dänemark, 1941 in die USA. 1947 kehrte er nach Europa zurück, und lebte bis 1949 in der Schweiz, bis er schliesslich nach Berlin zurückkehrte. In dem 1949 in Ost-Berlin gegründeten „Berliner Ensemble“ schuf sich Brecht zusammen mit seiner Frau Helene Weigel eine Experimentierbühne, seine dortigen Arbeiten erlangten Weltruhm. Brecht starb 1956 in Ost-Berlin.
Die früheren Stücke waren expressionistisch-anarchistische Dramen wie „Baal“ oder „Trommeln in der Nacht“, ein grosser Erfolg seine „Dreigroschenoper“. Unter zunehmendem Einfluss des Marxismus fand Brecht zu strengerer Form, es entstanden die Lehrstücke „Der Jasager“, „Der Neinsager“, „Die Massnahme“ und weitere. Zunehmend spiegelt sich in seinen Stücken auch seine politische Haltung als überzeugter Kommunist, zugleich übte er starke Kritik am bürgerlichen deutschen Theater und der Schauspielkunst, und entwickelte sein episches Theater. Seine Hauptwerke entstanden im Exil: „Der kaukasische Kreidekreis“, „Mutter Courage“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Das Leben des Galilei“, die drei letztgenannten wurden am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.
Regie Sebastian Baumgarten / Bühne Thilo Reuther / Kostüme Jana Findeklee / Kostüme Joki Tewes / Musik Jean-Paul Brodbeck / Video Stefan Bischoff
Mit Jan Bluthardt, Samuel Braun, Gottfried Breitfuss, Alejandra Cardona, Carolin Conrad, Lukas Holzhausen, Yvon Jansen, Sean McDonagh, Isabelle Menke, Markus Scheumann
|Johanna Dark||Yvon Jansen|
|Mauler||Markus Scheumann|
|Cridle||Jan Bluthardt|
|Graham||Lukas Holzhausen|
|Slift||Carolin Conrad|
|Frau Luckerniddle||Isabelle Menke|
|Gloomb||Samuel Braun|
|Paulus Snyder||Sean McDonagh|
|Martha||Alejandra Cardona|
|Mulberry, Hauswirt||Gottfried Breitfuss|
|Kellnerin||Alejandra Cardona|
|Viehzüchter||Alejandra Cardona, Sean McDonagh|
|Arbeiter, Arbeiterführer||Gottfried Breitfuss, Samuel Braun|
|Detektiv||Samuel Braun|
|Regie||Sebastian Baumgarten|
|Bühne||Thilo Reuther|
|Kostüme||Jana Findeklee|
|Kostüme||Joki Tewes|
|Musik||Jean-Paul Brodbeck|
|Video||Stefan Bischoff|
|Licht||Gerhard Patzelt|
|Dramaturgie||Andrea Schwieter|
|Regieassistenz||Marco Dahinden|
|Bühnenbildassistenz||Prisca Baumann|
|Kostümassistenz||Ina Rohlfs|
|Videoassistenz||Kevin Graber|
|Dramaturgieassistenz||Karolin Trachte|
|Regiehospitanz||Clara Helfmann, Clara Isabelle Dobbertin|
|Kostümhospitanz||Anna-Katharina Mülhauser|
|Souffleuse||Susi Saussenthaler|
|Inspizienz||Michael Durrer|
|Musik und Piano||Jean-Paul Brodbeck|
Pfauen
Premiere am 29. September 2012
Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2013
Der Fleischkönig Pierpont Mauler kontrolliert dank Insidertipps Chicagos Viehbörse. An ihn gerät Johanna Dark, eine Heilsarmeesoldatin der „Schwarzen Strohhüte“, die an das Gute in jedem Menschen glaubt und in der Armut der Arbeiter den Grund allen Unglücks erkennt.
Brecht schrieb das Stück 1929/30 vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, angelehnt an Friedrich Schiller und Karl Marx. Es inszenierte der Schauspiel- und Opernregisseur Sebastian Baumgarten – von ihm war in Zürich zuletzt „Die Affäre Rue de Lourcine“ zu sehen.
Börsenspekulationen prägen das Geschehen an Chicagos Viehbörse. Der Fleischkönig Pierpont Mauler, der durch Insidertipps die Börse kontrolliert und dadurch den Markt künstlich zu regulieren vermag, spielt mit dem Gedanken, sich aus dem „blutigen“ Geschäft zurückzuziehen. Um für seine Anteile einen angemessenen Preis zu erzielen, will er zunächst aber seinen Konkurrenten Lennox niederringen – mit fatalen Folgen für die Arbeiter der Fleischfabriken. Johanna Dark, eine Heilsarmeesoldatin der „Schwarzen Strohhüte“ macht sich auf, den entlassenen und hungernden Arbeitern zu helfen und wendet sich schliesslich an Mauler. Dieser will sie von der Schlechtigkeit der Armen überzeugen – doch Johanna glaubt an das Gute in jedem Menschen und erkennt in der Armut der Arbeiter den Grund allen Unglücks. Als sich kurze Zeit später das Blatt an der Börse wieder wendet und Mauler durch Niedriglöhne seine Monopolstellung am Fleischmarkt zu festigen sucht, bahnt sich ein Generalstreik der Arbeiter an. Johanna solidarisiert sich mit ihnen – doch sie vermag die Katastrophe nicht zu verhindern.
Bertolt Brecht schrieb „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ 1929/30 zur Zeit der Massenarbeitslosigkeit und vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, wobei ihm Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orléans“ als Vorbild und Reibungsfläche diente und auch seine intensive Beschäftigung mit Karl Marx’ „Das Kapital“ in seine Überlegungen zum Stück mit einfloss. Der Text wurde 1932 in einer gekürzten Hörspielfassung von Radio Berlin ausgestrahlt, zur Uraufführung am Schauspielhaus Hamburg kam es aufgrund der politischen Situation erst 1959, drei Jahre nach Brechts Tod.
„Sebastian Baumgarten zeigt ein bilderreiches Spektakel voller Trash und Zeichen, die Fleischhändler mit verschmutzten Leichengesichtern, die ernüchterte Johanna taucht aus dem Schlamm auf. Die skrupellose Maklerin Slift (Carolin Conrad) ist Glamourgirl und sportives Pin-up, Frau Luckerniddle (Isabelle Menke), deren Mann im Mahlwerk verloren ging, eine schokoladenbraun bemalte Obdachlose.
Das hat Tempo und Witz und ist von packender Musikalität. Die Inszenierung spielt mit und gegen Brecht, den Klassiker der Kapitalismuskritik, verfremdet die Verfremdung und zeigt den Kern des Stücks: Dass der Mensch gut sei, ist ein Märchen. Aus dem umwerfend spielfreudigen und wendigen Ensemble leuchten Markus Scheumann als Mauler und Yvon Jansen als Johanna, die sich von der Paula zur Saula wendet, heraus.
Es ist ein erfrischender Spass, den Fleischmarkt untergehen zu sehen und zu lernen, dass nicht Worte, sondern Taten die Welt verändern – vielleicht.“ Neue Luzerner Zeitung
„Handwerklich greift eins hervorragend ins andere: Brecht mit brechtschen Techniken variiert. Dass zudem aufs frühe Kino und damit zugleich auf Brechts Kinobegeisterung angespielt wird (etwa wenn Mauler nosferatumässig seine Hand zur Klaue verbiegt), rundet den Eindruck perfekter Durchkomponiertheit ab.
Trotzdem legt Baumgarten nicht einfach eine ebenso andeutungsreiche wie Brecht-nahe Arbeit vor. Er macht aus dem Makler Slift, Maulers hintertriebenem willigen Vollstrecker, dessen Ehefrau (Carolin Conrad). Dadurch personalisiert er Maulers Zerrissenheit zwischen kapitalistischer Versuchung und Mildtätigkeit. Gleichzeitig führt diese Entscheidung einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Kapitalismus zu Brechts Zeit und der Gegenwart vor Augen: im Chicago Brechts herrschen Typen, gegenwärtig Märkte.
Also eine regelrechte Verweigerung der Gegenwart? Nicht ganz. Als Johanna schon tot auf dem Boden liegt (die Faust mit einer Pistole steif in die Luft gereckt), stehen die anderen um sie herum. Längst tragen sie rote, blaue und weisse Ganzkörperanzüge aus dünnem Stoff. Im Bühnenhintergrund wird das wehende Star-Spangeld-Banner projiziert, das farblich wunderbar mit den Kostümen harmoniert. Statt des vielfachen „Hosianna“ bei Brecht stimmen sie Rammsteins „Haifisch“ an und lösen Brodbecks variantenreiches Spiel ab.
Zugleich macht Baumgarten ein letztes Mal unmissverständlich klar, wie sehr ihn die Vervielfältigung der Brechtbezüge gereizt hat – variiert der Refrain doch die „Moritat von Mackie Messer“. Der Gesang der Schauspieler wird vom Original überblendet, die Fahne im Hintergrund von Kino-Szenen und schliesslich einem Abspann, in dem in Video-Clip-Ästhetik die Beteiligten des Abends vorgestellt werden. Das Zürcher Publikum hat grosses Kino erlebt.“ Nachtkritik.de
„Die Figuren – allen voran Markus Scheumanns vielschichtiger, phänomenal wendiger Mauler und Yvon Jansens Johanna, wunderbar schwankend zwischen rührend zerbrechlich und nervend weinerlich – kauen den Text, als wär’s das entfremdete Büchsenfleisch.
Sie sagen „Fle-isch“ und „Jo-Anne“, rappen sich durch ihre Monologe, zerfetzen die Dialoge. Sie probieren die Revolution, derweil sie pantomimisch Charlie Chaplins „Modern Times“ geben und optisch, in ihren US-Flagge-farbenen Ganzkörperanzügen, Superhelden aus einem verstaubten Marvel-Universum: Klarer Fall, sie stehen auf verlorenem Posten. Und Pianist Jean-Paul Brodbeck macht dazu, absolut fantastisch, das Wetter, ur-amerikanisches Wetter wohlgemerkt, von Jazzmusik-Tropfen bis zu Popmusik-Gewittern.“ Tages-Anzeiger
„Links vor der Bühne setzt sich Jean-Paul Brodbeck hinters Klavier und beginnt zu spielen – einen Jazz der 20er Jahre, der rasch variiert wird durch Blueselemente, manchmal durch spielerische, an Keith Jarrett erinnernde Läufe, durch fugenartige Momente und hingehauchte Zitate von Jazz-Standards. Noch bevor die ersten Schauspieler die Bühne betreten, ist klar: Ganz egal, wie dieser Abend wird, die Erinnerung an Brodbecks Klavierspiel, das so leichthändig auf den Ort der Handlung, das Chicago während der Wirtschaftskrise, anspielt, wird bleiben.“ Nachtkritik.de
„Zum furiosen Finale der Pfauenpremiere von Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (1929/30) am Samstag schmetterte das Ensemble munter die Moritat aus der Dreigroschenoper und änderte zudem den Text: „Und der Haifisch, der hat Tränen, und die laufen vom Gesicht“. Im Fond flimmerten dazu amerikanische Archetypen über die Leinwand, von Louis Armstrong und Neil Armstrong bis Supercop und Spongebob; und im Parkett raste dazu das Publikum, klatschte sich rhythmisch in eine Beifallsorgie hinein.“ Tages-Anzeiger
„Dann: The End, grosser Applaus, vorbei ist ein Theaterabend, der ein grosser Film ist und auch ein grosses musikalisches Stück.“ Zürcher Unterländer