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Besonders in den beiden Landgemeinden – im Baselbiet und im Emmental – fühlte sich Jakob Niedermann wohl, der mit Leib und Seele Gemeindepfarrer war und unter anderem schon in den 1960er Jahren als ganz früher „Grüner“ für die Mitverantwortung des Menschen für die Mitwelt eintrat. Über seinen mit 80 Jahren selbst verfassten Lebenslauf, der leicht gekürzt folgt, setzte er in schöner hebräischer Schrift den Spruch aus Koh. 5,1: „Denn Gott ist im Himmel, du aber bist auf Erden. Darum seien deiner Worte wenige!“
„Eingedenk dieser Mahnung soll auch das folgende curriculum vitae seine Würze in der Kürze haben... Am 28. Mai 1922 bin ich in Winterthur geboren und wuchs bei liebevollen Eltern, aber in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Mein Vater war Vorarbeiter im SBB-Güterbahnhof. Ich hatte zwei Geschwister: den älteren Bruder Willi und die jüngere Schwester Alice. Dass ich nach der Primarschulzeit ins Gymnasium übertreten durfte, habe ich meinem Primarlehrer zu verdanken, der sich dafür eingesetzt hat. Im Spätsommer 1941 schloss ich die Mittelschule mit der A-Maturität ab. Es folgte die Immatrikulation an der theologischen Fakultät der Universität Zürich. An einen Ausland-Aufenthalt war in jenen Jahren nicht zu denken. Aber ein Studiendarlehen (das ich später zurückbezahlte) ermöglichte mir einige Semester an der Basler Fakultät, wo ich besonders aus der Begegnung mit Professor Karl Barth, den ich bewunderte, sehr viel Lehrreiches und Wertvolles für den Pfarrerberuf mitnehmen durfte. Das Studium wurde immer wieder durch den Aktivdienst unterbrochen; denn es war die Zeit des 2. Weltkrieges.... Im Frühling 1946 machte ich das Theologische Staatsexamen, anschliessend ein Lernvikariat in der Kirchgemeinde Kloten-Opfikon-Glattbrugg. Kloten war damals noch ein Bauerndorf. Die Ordination in der Wasserkirche in Zürich fand am 17. November 1946 statt.
Zunächst wurde ich vom Zürcher Kirchenrat als Vikar für die Betreuung der Flugplatz-Arbeiter angestellt. Der Flughafen Zürich-Kloten war allerdings noch kaum über den ersten Spatenstich hinaus. Im Sommer 1947 wählte mich die Kirchgemeinde Oltingen-Wenslingen-Anwil im Baselbieter Jura zu ihrem Pfarrer!
Am 2. Oktober 1947 heiratete ich Heidi Schilling in Neuhausen am Rheinfall. Zusammen wohnten und arbeiteten wir im riesigen Oltinger Pfarrhaus und bekamen unsere drei Kinder: Barbara 1951, Annekäthi 1954 und Samuel 1959. Die 14 Jahre in den Oberbaselbieter Bauerndörfern waren für die ganze Familie eine schöne und frohe Zeit mit vielen bleibenden Kontakten...
Den Umzug in eine grössere Gemeinde hatte ich beschlossen wegen der Kinder. Sie hätten schon bald nicht mehr in Oltingen zur Schule gehen können. Der Schulbesuch von Oberstufe oder höheren Schulen wäre mit weiten Wegen und Postautokursen nur morgens und abends verbunden gewesen.
In der Kirchgemeinde Thayngen-Barzheim SH fand am Nachostersonntag 1961 die Amtseinsetzung statt. Die Industriegemeinde war schulisch für die Kinder genau das Richtige; aber nachdem alle drei ihre Schulabschlüsse gemacht hatten, zog es Heidi und mich wieder in eine ländliche Gegend. Mit der neuen Stelle im Emmental ging ein langersehnter Wunsch für mich in Erfüllung. Das Emmental war nämlich schon immer eine meiner liebsten Schweizer Gegenden gewesen!
Am 1. Juli 1979 war meine Amtseinsetzung in der Kirchgemeinde Trub, wo wir uns bald daheim fühlten – und immer noch fühlen – und wo wir daher auch noch das Bürgerrecht erworben haben. Hier im Trub haben wir viele gute Freunde gefunden, mit denen wir immer noch gerne Kontakt pflegen.
Nur allzu schnell nahte das Pensionierungsalter! Am 30. August 1987 hielt ich die Abschiedspredigt in Trub, nach genau 40 Jahren im Pfarramt. Am 31. August zogen wir nach Sumiswald, wo wir ein kleines Haus für die „alten Tage“ gefunden hatten. In den folgenden Jahren war ich noch ziemlich oft als Aushilfsprediger im ganzen Emmental und darüber hinaus tätig. Dann stand ich in Sumiswald am 16. April 1995 zum letzten Mal auf der Kanzel, genau 51 Jahre nach der ersten Predigt! Es war der richtige Zeitpunkt, mich zurückzuziehen. Im selben Jahr 1995 noch machte sich eine ernsthafte Erkrankung bemerkbar, bösartige Tumore an der Ohrspeicheldrüse. Eine schwierige Operation wurde nötig, durch die ein Teil des Gesichtsnerves gelähmt und mein Gesicht entstellt wurde. Auch fühlte ich mich beim Sprechen etwas behindert dadurch. Aber eben: Ich habe ja 51 Jahre lang genug, vielleicht mehr als genug geredet!
Und davon abgesehen: Da ist auch sehr viel Grund zur Dankbarkeit: für liebe Kinder und Grosskinder, für das nun schon 55 Jahre währende Zusammensein mit meiner Heidi, für gute Nachbarschaft und einen kleinen Kreis von lieben Freunden, sowie für viel anderes noch. Last but not least, Dankbarkeit für die grosse Hauptsache: die Treue des Herrn, dem ich nur ein ganz unbedeutender und manchmal auch unwürdiger Diener gewesen bin. Wie gut, dass in erster Linie nicht das zählt, was ich für ihn gewesen bin, sondern das andere: Was er für mich ist und sein wird – auch über das bevorstehende „letzte Stündlein“ hinaus! Denn dabei geht es nicht um eine bedeutungslose Feststellung aus meiner Froschperspektive. Das ist für mich Erkenntnis des Glaubens, die als Geschenk von ganz oben kommt. Kürzer und besser kann sie gar nicht ausgedrückt werden als mit Phil. 1, 21: Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“
In den letzten Jahren seines Lebens machte Jakob Niedermann mehr und mehr die Parkinson-Krankheit zu schaffen. Bis 2009 konnte er aber noch zusammen mit seiner Gattin das kleine Haus in Sumiswald geniessen. Danach war ein Umzug ins Pflegeheim leider unumgänglich, wo er von seiner Heidi bis zu seinem Tod täglich besucht wurde. Seine letzte irdische Ruhestätte fand er am 13. Februar 2013 auf dem Friedhof in Trub.
Barbara Lustenberger-Niedermann