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Joh. Gerhard, König, Calov, Quenstedt, Baier und Hollaz. Ähnlich wie die lutherische entwickelte sich die reformierte Theologie, wenn auch die größere Mannigfaltigkeit der methodischen Behandlung eine etwas freiere geistige Bewegung und lebendigere Reproduktion biblischer Anschauungsformen offen ließ.
Auf dem gemeinsamen Boden der äußern Autorität und der dogmatischen Lehrüberlieferung hatte die katholische Theologie die innere Konsequenz durch einfaches Fortführen der bisherigen kirchlichen Lehre [* 1] und häufig auch die gelehrte Kenntnis der letztern vor der protestantischen voraus. Aber die protestantische Theologie zog ihre Kraft [* 2] aus den auf Entfesselung der freien Subjektivität gerichteten Tendenzen der Zeit, und ihre religiösen Principien erlaubten eine fortwährende Verjüngung der theol.
Wissenschaft. Dieselbe geistige Bewegung, die in der Reformationszeit das Recht der religiösen Subjektivität gegenüber den Traditionen der Kirche zur Geltung brachte, führte in ihrem weitern Verlauf dazu, das wissenschaftliche Denken in immer weiterm Umfange von den bisherigen Fesseln zu befreien. Seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrh. sah sich die altprotestantische Theologie überall zur Defensive gedrängt. Nachdem der Pietismus (s. Pietisten) das orthodoxe Dogma erweicht, die Wolfsche Philosophie es nur scheinbar und vorübergehend befestigt hatte, zog gegen Ende des Jahrhunderts der Geist der Aufklärung auch in die theol.
Schulen ein. Es entbrannte der Kampf um die alten Autoritäten der Kirche: göttliche Eingebung der Heiligen Schrift, übernatürliche Offenbarung und übernatürliche Beglaubigung derselben durch Wunder und Weissagungen. Die neu erwachten exegetischen und histor.-kritischen Studien arbeiteten der philos. Aufklärung in die Hände und schärften das Auge [* 3] für die menschliche Entstehung der biblischen Bücher, für den natürlichen Hergang der Wunderbegebenheiten, für den lokalen und temporellen Charakter zahlreicher im Alten und Neuen Testament enthaltenen Vorstellungen.
Der Rationalismus (s. d.) trat dem Supranaturalismus (s. d.) gegenüber. Die notwendige Konsequenz des erstern Standpunktes war die Unterscheidung zwischen dem Wesen und der geschichtlichen Erscheinung der christl. Religion, von denen jenes durch philos., diese durch histor.-kritische Forschung auszumitteln sei. Einmal von den alten Autoritäten erlöst, begann auch in der Theologie das denkende Subjekt seine unveräußerlichen Rechte zurückzufordern und das kirchliche Dogma wie jedes andere Lehrsystem, die biblischen Urkunden wie alle andern Geschichtsquellen zu prüfen.
Hatte die Theologie früher der Philosophie nur einen formellen oder methodischen Wert, aber weder ein konstitutives, noch ein kritisches Ansehen in Glaubenssachen eingeräumt, so stellte sich jetzt eine lebhafte Teilnahme der an der philos. Bewegung ein und das dogmatische System durchlief die Stadien der Kantschen, Fichteschen, Schellingschen, Hegelschen Philosophie. Die Kantianer setzten das Wesentliche der christl. Religion in ihren moralischen Gehalt und in die sog. Postulate der praktischen Vernunft, die Ideen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit; die Fichtesche Schule in den Glauben an eine moralische Weltordnung, während die spekulative Theologie unter den Einflüssen Schellings und Hegels gerade in den geheimnisvollen Dogmen der Kirche, den Lehren [* 4] von der Dreieinigkeit, der Menschwerdung Gottes, der Versöhnung, der Offenbarung, dem innern Geisteszeugnis u. s. w., sinnliche Hüllen philos. Wahrheiten sah. Bei aller meist mehr scheinbaren als wirklichen Annäherung an das altkirchliche Dogma stand diese Theologie völlig auf dem Boden der modernen Weltanschauung, die das Göttliche und Ewige der Welt und dem Menschen nicht äußerlich gegenüberstellt, sondern in seiner Immanenz in Natur und Geschichte zu begreifen suchte.
Auch Schleiermacher (s. d.), der zuerst wieder der Religion ein selbständiges Gebiet gegenüber dem sittlichen Handeln und den: philos. Denken zu sichern wußte, suchte dieses Gebiet nicht in einer jenseitigen Welt, aus der uns übernatürliche Belehrungen zugeflossen seien, sondern in dem innersten Wesen des Menschengeistes und seinem Verhältnis unbedingter Abhängigkeit von Gott als dem unendlichen Grunde alles endlichen Daseins, und beschrieb die kirchlichen Dogmen als Reflexionen über innere Gemütszustände des Menschen, in denen niemals das Göttliche als ein direktes Objekt theoretischer Erkenntnis, sondern nur immer indirekt in seiner Beziehung aus unser frommes Selbstbewußtsein gesetzt sei.
Indessen hatte die Verflüchtigung des religiösen Gehalts durch die philos. Schulen eine Reaktion des frommen Gefühls erzeugt, die, durch die allgemeinen Restaurationstendenzen seit 1815 begünstigt, den ältern Autoritätsglauben von neuem erweckte und von biblischer «Gläubigkeit» bald zu orthodoxer Rechtgläubigkeit fortschritt. Trotz des auf ihr lastenden Drucks hat jedoch die theol. Wissenschaft niemals gefeiert und auf dem durch Schleiermacher angebahnten Wege den religiösen Gehalt des christl. Glaubens, unbekümmert um verlebte Autoritäten, mit den geistigen Bildungsmitteln der Gegenwart denkend reproduziert, während gleichzeitig ihre histor.-kritischen Untersuchungen über die Person Christi, die Urzeit der christl. Kirche und ihre heilige Litteratur bereits ein echt menschliches und geschichtliches Verständnis derselben ermöglicht haben. -
Vgl. Schleiermacher, Kurze Darstellung des theol.
Studiums (Berl. 1811; 2. Aufl. 1830; in seinen «Sämtlichen Werken», Abteil. 1, Bd. 1, ebd. 1843, S. 1-132);
Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (hg. von Herzog, Hamb. 1854-66; 3. Aufl., hg. von Hauck, Lpz. 1896 fg.);
Karl Schwarz, Zur Geschichte der neuesten Theologie (Berl. 1856; 4. Aufl. 1869);
Hagenbach, Encyklopädie und Methodologie der theol.
Wissenschaften (12. Aufl. von Kautzsch, Lpz. 1889); Handbuch der theol. Wissenschaften, hg. von O. Zöckler (3. Aufl., 4 Bde., Münch. 1889-90); O. Pfleiderer, Entwicklung der protestantischen in Deutschland [* 5] seit Kant und in Großbritannien [* 6] seit 1825 (Freib. i. Br. 1891); von Frank, Geschichte und Kritik der neuern Theologie (2. Aufl., hg. von Schaarschmidt, Lpz. 1895).