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Jahrzehntelang plagte die zünftige Germanistik – sofern sie sich überhaupt um die Nachtwachen kümmerte – die Frage, wer hinter dem Pseudonym Bonaventura stecken könnte. Viele Namen wurden in die Runde geworfen – auch bekannte. Jean Paul – den man später selber der Autorschaft verdächtigte – brachte den Philosophen Schelling ins Spiel, andere dessen Frau Caroline. Auch auf Brentano, Hoffmann und Wezel wurde getippt, was immerhin ein Zeichen dafür war, dass man dem seltsamen Roman eine gewisse literarische Qualität nicht absprach. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte dann Ernst August Friedrich Klingemann ins Spiel, einen ansonsten unbekannten Literaten der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Nachdem dessen Urheberschaft zunächst sprachstatistisch belegt worden war, fand sich 1987 in seinen nachgelassenen Papieren ein Werkverzeichnis, in dem er handschriftlich die Nachtwachen eingetragen hatte. Somit war diese Frage geklärt, und es stellte sich höchstens noch die, wie und warum der eher als Theaterdirektor und Regisseur bekannte Klingemann dazu kam, so eine Geschichte niederzuschreiben. Klingemann nämlich war einer jener Busy-Bodies, die die Literatur eines jeden Jahrhunderts kennt, die aber nach ihrem Tod der Nachwelt sehr schnell vergessen gehen. Ich vermute, dass mit Ausnahme von ein paar auf die Goethe-Zeit spezialisierten Literaturhistorikern und den paar sonstigen Lesern der Nachtwachen kaum jemand auch nur den Namen ‘Klingemann’ kennt. Selbst ich muss gestehen, dass ich, außer dem Namen, nichts über Klingemann weiß – während ich doch von jedem bekannteren Namen der Literatur zwar nicht Geburts- oder Sterbedatum hersagen könnte, aber mich doch an die eine oder andere Anekdote aus seinem Leben zu erinnern vermag. Bei Klingemann, wie gesagt, gar nichts.
Kommen wir aber zum Text. Die Nachtwachen sind ein Potpourri verschiedenster Themen und Stile. Zeitlich im Übergang von Früh- zu Spätromantik angesiedelt (was sich zum Beispiel an den ständig auftretenden Exkursen zeigt) finden sich auch Elemente des Sturm und Drang; ja, mit dem immer wieder aufscheinenden Motiv der Vanitas allen irdischen Strebens greifen die Nachtwachen sogar zurück ins Zeitalter des Barock. Wir stoßen auf Elemente des Schauerromans, motivisch angeregt und angereichert durch die beiden Shakespeare-Dramen König Lear und Hamlet. Ebenso darf der Steinerne Gast aus Mozarts Don Juan nicht fehlen, aber auch eine eigene, natürlich tragisch endende Don-Juan-Geschichte liefert Klingemann. Echte Liebe ist in diesem Roman allerdings nur im Narrenhaus möglich. Politische Satire fehlt ebenso wenig wie Hölle und Teufel – die Hölle wiederum (auch) als literarische Reminiszenz an Dantes Divina Commedia. Die Faszination, die der Hanswurst des Puppentheaters auf den Ich-Erzähler ausübt, erinnert nicht nur an den Sturm und Drang, sondern weist auch auf Heinrich von Kleist. Zum Schluss – in einer Verkehrung und Zerstörung des ansonsten üblichen Endes eines romantischen Bildungsromans, wo der Protagonist endlich, endlich seine wahre Herkunft erfährt. und wo damit alles, alles gut wird, sich alles, alles erklärt – zum Schluss also erfährt auch der Protagonist, der sich als Findelkind und nachheriger Nachtwächter vorgestellt hat, woher er stammt. Aber sein Stammbaum (in der Form der Leiche seines Vaters, eines Kabbalisten und Nekromanten) zerfällt vor seinen Augen im wahrsten Sinn des Wortes zu Staub und was ihm am Grab seines Vaters bleibt, sind ein Geisterseher beim Nachbargrab und das Nichts.
»Drüben auf dem Grabe steht noch der Geisterseher und umarmt Nichts!«
»Und der Widerhall im Gebeinhause ruft zum letzten Male – Nichts!« –“
Mit diesem Satz enden die Nachtwachen: Die Conditio humana als Horror vacui.
Nachtwachen. Von Bonaventura. Im Anhang: Des Teufels Taschenbuch [eine Ankündigung eines offenbar nie erschienen weiteren Werks von ‘Bonaventura’]. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Küpper. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004.