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Heartfield, Schlingensief und ihre Hassliebe zu den Massenmedien
- Aktualisiert am Donnerstag, 4. Februar 2016, 15:18 Uhr
Der eine erfand vor 100 Jahren die Fotomontage, der andere war bis zu seinem Tod 2010 Darling und Enfant terrible der deutschen Kulturszene: John Heartfield und Christoph Schlingensief waren als Künstler beide Meister der Provokation. Und sie hegten beide eine Vorliebe für Massenmedien.
Als John Heartfield 1968 starb, war Christoph Schlingensief gerade sieben Jahre alt. Erst später hat sich der Theater- und Filmemacher wie Heartfield einen Namen als bildgewaltiger Monteur gemacht.
Schlingensief hatte eine Vorliebe für provokative Vorhaben: Er inszenierte «Hamlet» mit angeblich aussteigewilligen Neonazis oder machte das eigene Sterben zum Thema einer Oper. Schlingensief war aber auch ein Künstler, der in vielen seiner Arbeiten meisterhaft mit bestehenden Film- und Fernsehformaten umging, sie parodierte, zerlegte und neu nutzte.
Manipulation durch Medien
Keine Frage: Heartfield und Schlingensief arbeiteten in unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Mitteln und verfolgten unterschiedliche Ziele. Aber beide hegten eine Vorliebe für Massenmedien: Heartfield nutzte für seine Montagen die Unmengen an Fotos, die illustrierte Zeitschriften verbreiteten. Schlingensief interessierte sich für Film- und Fernsehformate, die Realität nicht nur dokumentierten, sondern für Unterhaltungszwecke verzerrten. Manipulation und Verzerrung durch Medien, die ein breites Publikum rezipierten, waren für beide Künstler Ansatzpunkte ihrer Arbeitsweise.
Heartfield leistete während des Ersten Weltkriegs kurze Zeit Kriegsdienst und kehrte 1916 politisiert nach Berlin zurück. Der Grafiker und Maler war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Berliner Dadaisten. Seine Kunst verstand er bald als Waffe im Kampf für den Kommunismus und gegen den Nationalsozialismus. «Ich merkte (…), dass der Bleistift zu schwach war, um wirklich glaubhaft den Menschen einzubleuen, was man eigentlich sagen musste in dieser Zeit», so Heartfield Jahre später in einem Radiointerview 1966.
Die politische Fotomontage
John Heartfield sucht nach Alternativen zum Bleistift und entwickelte darum ab 1916 mit George Grosz die politische Fotomontage. Er kombinierte Fotos, Fototeile und Texte zu Collagen. Ein Mittel, das auch andere Dadaisten verwendeten. Scheinbar Unzusammenhängendes gerät dabei nebeneinander, erzeugt erst Verwirrung, und erhält dann überraschend eine neue Bedeutung.
Heartfield gestaltete mit dieser Collagentechnik Bücher, etwa für den politischen Malik-Verlag seines Bruders Wieland Herzfeld, oder illustrierte Kurt Tucholskys «Deutschland, Deutschland über alles» (siehe Bildergalerie). Heartfield entwarf aber auch Wahlkampfplakate für die KPD und produzierte Titelblätter für kommunistische Zeitungen wie die auflagenstarke «Illustrierte Arbeiterzeitung» («IAZ»). Dabei verwendete Heartfield häufig Fotos, welche die Nationalsozialisten propagandistisch in den Massenmedien verbreiteten.
Satire auf den Führerkult
Für die berühmte «IAZ»-Titelseite «Adolf, der Übermensch: schluckt Gold und redet Blech» (Juli 1932) verwendete Heartfield ein bekanntes Foto Hitlers während einer Rede im Berliner Lustgarten, montierte den Hitlerkopf auf die Röntgenaufnahme eines Brustkorbs und fügte Münzen als Wirbelsäule dazu.
Die eminent wichtige Unterstützung der Nationalsozialisten durch deutsche Industrielle ist auch Thema der berühmten Collage «Der Sinn des Hitlergrusses» (Titelbild «IAZ» Oktober 1932, siehe Bildergalerie oben). Wiederum benutzt Heartfield NS-Propagandabilder, invertiert durch Montage ihren Sinn und deckt auf, dass sie lügen. Seine Arbeiten sind nicht nur politische Kampfbilder, sie kritisieren auch den propagandistischen Einsatz von Massenmedien durch das NS-Regime und waren als Titelbilder für die auflagenstarke «IAZ» selbst Teil der Massenmedien.
Der Zynismus des Privatfernsehens
Die Einsicht, dass Inhalte, die über Massenmedien verbreitet werden, mit den Mitteln der Massenmedien befragt werden können, setzte Jahrzehnte später auch der Filme- und Theatermacher Christoph Schlingensief radikal um. Und wie Heartfield setzte auch Schlingensief dabei jeweils noch einen drauf. Bekannt wurde der Künstler unter anderem mit seiner Aktion «Bitte liebt Österreich» für die Wiener Festwochen (2000), eine Parodie auf das Fernsehformat «Big Brother», das den Zynismus des Privatfernsehens mit den mehrheitsfähigen Parolen von Haiders rechtspopulistischer Partei FPÖ kurzschloss.
Zwölf «Asylbewerber» zogen für eine Woche in einen kameraüberwachten Container, aus dem sie abgewählt werden konnten. Geschmückt war das Ganze mit Fahnen der FPÖ, dem Logo des Boulevardblatts «Kronenzeitung» und einem Plakat, das unter Beifall enthüllt wurde, und schnörkellos forderte: Ausländer raus.
Auch für seine mehrteilige Fernsehshow «Freakstars 3000», die 2002 beim Musiksender Viva lief, usurpierte Schlingensief massenmedial erfolgreiche Fernsehformate: Diesmal parodierte er Castingshows und suchte die Bandmitglieder für die Retortenband «Mutter sucht Schrauben» unter Behinderten. Viva erzielte mit der Serie Traumquoten und die Öffentlichkeit debattierte darüber, wer eigentlich behindert sei: die sogenannt «Behinderten» oder die, die als nicht behindert gelten.
Schlingensief ging auch mal auf die Nerven
Anders als John Heartfield setzte Schlingensief seine Kunst nicht ausschliesslich als politische Waffe ein. Seine Aktionen, Filme und Inszenierungen mit brisanten Themen waren mehrdeutige Kunstwerke. Vielen gingen sie als berechenbare Medienhypes auch einfach auf die Nerven. Aber das Gespür dafür, dass Massenmedien in Form und Inhalt seit hundert Jahren Dreh- und Angelpunkte einer wirksamen Kunst sind, teilen beide Künstler.
Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 8.2.2016, 8.20 Uhr.
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