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Das Wagnis hat sich gelohnt. Am Opernhaus Zürich hatte am Sonntag eine unbekannte Oper von Giacomo Puccini Premiere: La Rondine (Die Schwalbe). Die grossartige Besetzung wurde vom Premierenpublikum enthusiastisch gefeiert.
Selten gelingt im Opernbetrieb eine Ausgrabung, die bahnbrechend ist für das Werk. Am Opernhaus Zürich wurde diese Schweizer Erstaufführung wohl zum Durchbruch für Puccinis «La Rondine». Es handelt sich um ein subtiles Zwitterwerk, das zwischen Operette und Drama schwankt. Dieses vergessene Werk des grossen Puccini einmal inszenieren zu können, war der Wunsch von Regisseur Christof Loy.
Puccini nannte seine «Rondine» eine «Commedia lirica», die für sie als einzige kein Rollendebüt war. Das Carltheater in Wien hatte den erfolgreichen Maestro beauftragt, für einmal eine leichte, unterhaltsame Operette zu schreiben. Und obwohl Puccini das Libretto zu oberflächlich fand, sagte er zu: Er hatte wohl auch dem hohen Honorar von 200‘000 Kronen nicht widerstehen können.
Der Traum vom vielen Geld
Die Geschichte ist einfach. Magda, ein Waisenkind, traf als junges Mädchen in einem Tanzlokal einen Studenten, dessen leidenschaftlichen Kuss sie bis heute nicht vergessen hat. Da sie keinen Beruf lernen durfte, schlägt sie nun aus ihrer Schönheit Kapital, sie ist die Kurtisane der reichen Pariser Gesellschaft.
Magda (Ermonela Jaho) und Gastgeber Rambaldo (Vladimir Stoyanov) in der “feinen Gesellschaft”. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)
Bei einem Nachmittagsempfang für den Bankier Rambaldo und dessen Geschäftsfreunde wird heiter über die leichte und die ernste Liebe sinniert.
Als der Dichter Prunier am Klavier eine Romanze improvisiert, taucht in Magda der Traum von damals wieder auf – dieses Glücksgefühl möchte sie nochmals erleben.
Der Traum vom Glück
Sie geht in das Tanzlokal von damals und trifft dort Ruggero, der von all den Reizen der anwesenden jungen Frauen nichts wissen will. Er suche die eine wahre Liebe. Magda verliebt sich auf der Stelle in ihn und brennt mit ihm durch. Doch als er ihr einen Heiratsantrag macht, holt sie ihr Kurtisanen-Dasein wieder ein. Die Moral zwingt die beiden zur schmerzlichen Trennung, die «heilige Ehe» ist nicht möglich. Beide kehren in ihr altes schmerzliches Dasein zurück.
Gekonnter Mix zwischen Drama und Operettenseligkeit.
So banal das Thema ist, die Geschichte wird subtil erzählt. Puccini weiss meisterhaft zwischen träumerischer Lyrik und realer Welt zu wechseln. Seine Operetten-Tänze passen zur dargestellten Amüsier-Gesellschaft, von der sich Magda und Ruggero mit lyrischem Schmelz abheben. Dirigent Marco Armiliato spielt die Tanzrhythmen gekonnt aus, um sie dem operettenhaften Parlando, den dahinschmelzenden Melodien und den feinen lyrischen Phrasen wirkungsvoll entgegenzusetzen. Die Philharmonia Zürich folgt ihm aufmerksam und begleitet die Sänger zur Saisoneröffnung sehr einfühlsam.
Subtile Charakterzeichnungen
Christof Loy ist bekannt für seine subtile und charakterstarke Personenzeichnung. Magda ist in seiner Inszenierung eine selbstbewusste Frau, die ihren Traum vom Glück nicht ganz verloren hat. Als Kurtisane kommt sie zwar nobel, aber schlicht daher. Neben den aufgedonnerten anderen Damen wirkt sie natürlich und echt. Auch der Chor im Tanzlokal ist farbenfroh, aber konventionell gekleidet (Kostüme: Barbara Drosihn).
Eine Liebe ohne Zukunft: Magda und Ruggero (Benjamin Bernheim)
Die Hauptdarstellerin Ermonela Jaho ist erstmals am Opernhaus Zürich zu erleben. Sie vermag der Magda schauspielerisch und stimmlich viele Facetten abzugewinnen, für sie ist es auch als Einzige kein Rollendebüt. Ihre Stimme hat einen betörenden Schmelz, besonders wenn sie verträumt in der höchsten Lage singt. Man nimmt ihr die Melancholie in ihrem Dasein als Edeldame ebenso ab wie die erneut aufflammende Glückseuphorie. Und wie sie im dritten Akt ganz allmählich resigniert, als sie realisiert, dass Ruggero sie heiraten möchte und das nicht geht, das ist hervorragend.
An ihrer Seite wächst am Premierenabend auch der französische Tenor Benjamin Bernheim über sich hinaus. Er, der seine Karriere einst als Mitglied am Internationalen Opernstudio Zürich begann, zählt heute zu den gefragtesten lyrischen Tenören. Seine agile Stimme verbindet sich mit dem weichen Sopran von Jaho zu innigen Liebesduetten. Bernheim singt mit viel Schmelz, vermag aber auch in der Verzweiflung dramatisch auszubrechen.
Ein enthusiastisches Publikum
Für die operettenhafte Leichtigkeit in diesem Stück sorgt das andere Liebespaar: der Dichter Prunier (Juan Francisco Gatell), der sich mit Magdas Dienstmädchen Lisette (Sandra Hamaoui) verlustiert. Hamaoui singt diese quirrlige Partie mit heller Stimme und keckem Selbstbewusstsein, während Gatell als komödiantischer Dichter überzeugend den Überlegenen mimt.
Das Premierenpublikum spendete immer wieder enthusiastischen Szenenapplaus und wollte sich zum Schluss gar nicht mehr beruhigen. Das erlebt man in Zürich selten.
Weitere Vorstellungen: Mi, 20. So, 24. Sept; So, 1. So, 8. Fr, 13. Mi, 18. Sa, 21. Sa, 28. Okt