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von Dr. David Weiss
Die Fähigkeit unsere Zukunft zu antizipieren ist ein zentraler Aspekt menschlichen Denkens. In jeder Phase unseres Lebens denken wir darüber nach, welche Veränderungen die Zukunft mit sich bringt. Wie gut sind wir beispielsweise darin, unsere Lebenszufriedenheit vorherzusagen? Gibt es Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Menschen in einer eher optimistischen, realistischen oder pessimistischen Einschätzung der Zukunft? Und welche Rolle spielen diese Einschätzungen für die Anpassung an Herausforderungen über die Lebensspanne?
Lang, Weiss, Gerstorf und Wagner haben diese Fragen am Beispiel der Vorhersage der eigenen Lebenszufriedenheit in einer Längsschnittstudie mit mehr als 10000 Personen zwischen 18 und 96 Jahren untersucht. In dieser Studie wurden die Teilnehmenden über einen Zeitraum von über 11 Jahren jährlich über ihre aktuelle und erwartete Lebenszufriedenheit fünf Jahre später befragt. Auf dieser Datengrundlage wurden die erwarteten Einschätzungen der Lebenszufriedenheit mit der tatsächlichen Lebenszufriedenheit fünf Jahre später verglichen. Damit war es möglich zu bestimmen, wie gut die Befragten darin waren, ihre Lebenszufriedenheit in der Zukunft vorherzusagen.
Interessanterweise zeigen die Ergebnisse kaum altersspezifische Unterschiede in der aktuellen Lebenszufriedenheit, jedoch starke Unterschiede in der erwarteten Lebenszufriedenheit. Demnach passen Menschen ihre Vorhersagen hinsichtlich ihrer Zufriedenheit über die Lebensspanne von eher optimistischen, über realistische, bis hin zu pessimistischen Einschätzungen an. Jüngere Erwachsene erwarteten eine Zunahme der Lebenszufriedenheit und überschätzen ihre tatsächliche Lebenszufriedenheit fünf Jahre später. Im Gegensatz dazu zeigten ältere Erwachsene eher eine pessimistische Sicht auf die Zukunft und unterschätzten ihre tatsächliche Lebenszufriedenheit fünf Jahre später. Die Ergebnisse zeigten weiterhin, dass die Vorhersagen Erwachsener mittleren Alters am besten mit der tatsächlichen Lebenszufriedenheit fünf Jahre später übereinstimmten. Weitere Analysen mit einer Berücksichtigung von Daten bis zu 17 Jahren nach der ersten Befragung zeigten, dass eine Unterschätzung (im Vergleich zu einer Überschätzung) der Lebenszufriedenheit für ältere Erwachsene mit positiveren gesundheitlichen Folgen und einem längerem Leben verbunden war. Demnach ist eine realistische bis pessimistische Sichtweise älterer Erwachsener mit einem geringeren Risiko verbunden, krank zu werden und sogar zu sterben.
Die Autoren erklären dieses zunächst kontraintuitive Ergebnis damit, dass im jungen Erwachsenenalter positive Illusionen dienlich für die persönliche Entwicklung und Zielverfolgung sein können. Dahingegen stellt eine realistische bis pessimistische Sichtweise im hohen Alter eine mögliche Anpassung an Verlusterfahrungen dar. Übermässig positive Erwartungen führen im hohen Alter eher zu Enttäuschungen und Rückschlägen im Umgang mit altersbedingten Verlusten. Weniger positive und sogar eher pessimistische Erwartungen stellen eine defensive Haltung dar und tragen damit möglicherweise zu einer Stabilisierung bei, die älteren Menschen dabei hilft die Herausforderungen des Alterns zu meistern.
Quelle: Lang, F. R., Weiss, D., Gerstorf, D., & Wagner, G. G. (2013). Forecasting life satisfaction across adulthood: Benefits of seeing a dark future? Psychology and Aging. doi:10.1037/a0030797
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