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Otto Nebel
Maler und Dichter
1892–1973
«Meine Malerei ist Dichtung, die Schwester meiner Wortkunst. Wo die Sprache aufhört, beginnt die Runenordnung der Sinnzeichen. Jedenfalls ist das mein Verfahren, und es ist ein zeitloses Mittel, die unsichtbaren Befunde sichtbar zu machen.»
Als Otto Nebel 1955 im Kunstgewerbemuseum Zürich seine Bilder ausstellte – Seite an Seite mit einer dokumentarischen Präsentation zum «Sturm» –, schrieb Willy Rotzler im Begleitkatalog: «Dass es uns gelungen ist, das Werk von Otto Nebel in eindrücklicher Breite zeigen zu können, freut uns besonders [...]. Die Begegnung mit seinem ungegenständlichen Schaffen wird [...] für einen Grossteil unserer Besucher eine erste Begegnung sein. Möge sie vielen zum Erlebnis eines künstlerischen Werkes werden, von dem wohl Fäden zu Klee und vielleicht noch mehr zu Kandinsky hin führen, das aber in seiner geistigen Haltung wie in seiner formalen Gestaltung und der Sorgfalt seiner handwerklichen Durchführung sich als die Leistung einer unverwechselbaren Persönlichkeit zu erkennen gibt.»
Angeregt durch Kandinskys Schriften und angespornt durch Albert Gleizes – der ihm 1935 schrieb: «Wir sind auf den gleichen Fährten, beschäftigt mit den gleichen Untersuchungen» – erarbeitete sich Nebel eine eigene Kunsttheorie, deren Bedeutung in einer speziellen Licht-Auffassung lag und in die Lehre von den drei «Dichtigkeitsgraden» der Farben mündete.
Als Mitglied der «Sturm»-Bewegung um Herwarth Walden war er zunächst als Wortkünstler hervorgetreten und lieferte sowohl Texte wie erste Linolschnitte für deren Publikation. In den 1920er Jahren verfasste er seine Runen-Fugen, Dichtungen, die aus einer beschränkten Anzahl Buchstaben bestehen. Die Abstraktion, die er hier anstrebte, hielt in seinem bildnerischen Schaffen erst später Einzug. Nebel war ein minutiös arbeitender, technisch sorgfältig abwägender Künstler. Er ‹baute› seine Gemälde und farbigen Blätter oft in zähen Arbeitsgängen Schicht um Schicht auf dem mehrmals präparierten Malgrund auf.
Zu den einschneidenden Erlebnissen gehörten Aufenthalte in Italien, wo er den Farben-Atlas aus Italien erstellte, ein Kompendium der Farbe, das auf zahlreiche Werke Einfluss nehmen sollte. Analog zu den Schriftzeichen in den Runen-Fugen bilden Farbe und Licht in den halbabstrakten Landschaften und Stadtansichten eine eigenständige Bedeutungsebene. Ab Mitte der 1930er Jahre löste sich Nebel zunehmend vom Gegenständlichen und bediente sich einer zeichenhaften Bildsprache, mit der er seine «Runenbilder» gestaltete.
Der grösste Teil von Nebels malerischem Frühwerk ist durch Kriegseinwirkungen 1943 in Berlin zerstört worden. Geprägt durch die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs erkannte Nebel
die vom Nationalsozialismus ausgehenden Gefahren schon früh. Otto und Hilda Nebel fanden 1933 in der Schweiz Zuflucht und lebten hier als Flüchtlinge jahrelang unter sehr schwierigen Bedingungen. 1952 nahm Nebel die Schweizer Staatsbürgerschaft an und wurde Bürger von Bern. In den 1950er und 1960er Jahren konnte er mit wiederkehrenden Ausstellungen ansehnliche Erfolge verbuchen und war als «Maler, Zeichner, Bilddrucker [...] weithin anerkannt», wie er selbst sagte. Die reichen Eindrücke einer Nahost-Reise 1962 bestätigten den 70-Jährigen in seiner «ungegenständlichen Bilderkunst». Er starb 1973 im Alter von 82 Jahren in Bern und wurde mitten aus einer noch immer regen künstlerischen Tätigkeit gerissen. Er hinterliess ein immenses Œuvre von annähernd 2000 gemalten Werken und über 4000 Zeichnungen und verfügte, dass es der Otto Nebel-Stiftung einverleibt werde. Das Vermächtnis war mit der Auflage verbunden, den Nachlass zu verwalten und das Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Bei Otto Nebel ist nicht nur von einer Doppelbegabung zu sprechen. Wie viele Vertreter der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts experimentierte er auch an und mit den Grenzbereichen von Sprache und bildender Kunst. Sein übergeordnetes Bemühen war es, «aus Elementen Sinngebilde, Modelle von Harmonie herzustellen» (Jörg Drews). Bei Nebel ist das literarische vom malerischen Werk nicht zu trennen, und es zeigt sich, dass er als intermedial arbeitender Künstler neu entdeckt werden kann.