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Bücher erzählen nicht nur, manchmal sind sie auch selber Geschichten. Aus der Dämmerung des Vergessens, den Tiefen der Regale künden sie von Vergangenem.
In meinen Schubladen und Regalen verschüttete literarische Schätze meiner frühen Jahre sind kaum noch anders als archäologisch wieder ans Tageslicht zu bringen. Es sei denn, sie geraten mir unerwartet und ungewollt in die Hände. So wie heute Aus Dämmer und Tag. Eine Anthologie deutschschweizerischer Gedichte. Mit einem Vorwort von Werner Weber und einem Nachwort von Otto Ernst Marti, offenbar dem Herausgeber. Erschienen ist das dünne Bändchen (119 Seiten) 1955 im Verlag Hans Huber, Bern und Stuttgart.
Seine Geschichte ist die meine rund um meinen zwanzigsten Geburtstag. Es ist mein allererstes Rezensionsexemplar. Im August 1957 erbettelte ich es gewissermassen in der Buchhandlung Hans Huber in Bern, dem Verlag angegliedert. Schrieb ich im Harlekin darüber? Ich nehme es an, bin jedoch nicht sicher; bestimmt jedoch noch nicht im BUND, wo ich später schreiben durfte.
Der Herausgeber Otto Ernst Marti lebte von 1903 bis 1979 in der Ostschweiz. Vorwiegend schrieb er in den Schweizer Alpen angesiedelte Heimatromane; daneben auch Erzählungen und Gedichte (letztere 1951, 1954 erschienen). Übersetzt hat er unter anderem das Tao-te-king von Lao Tse (Zürich 1977). Den Verlag Hans Huber, Bern und Stuttgart, gibt es längst nicht mehr, dieses Bändchen allerdings bei mir schon. Reizvoll wäre es herauszufinden, ob es noch antiquarisch irgendwo aufzutreiben wäre. Darin finde ich nebst Gedichten namhafter bekannter Schweizer einige Raritäten. Eine davon ist von Arnold H. Schwengeler, dem letzten mir bekannten Feuilletonredaktor des Berner BUND, der den Text zum Festspiel 600 Jahre Bern in der Eidgenossenschaft geschrieben hat. Auch ein Werk von Max Rychner, 1939-1943 Chefredaktor der Tageszeitung DIE TAT, dann bis 1962 Leiter von Die literarische Tat, wie die ehemalige Beilage Kunst-Literatur-Forschung ab 1943 hiess, ist in Aus Dämmer und Tag vertreten. Rychners Nachfolger Erwin Jaeckle, Chefredaktor 1943 bis 1971, Leiter der Literarischen Tat von 1962 bis 1977, daneben Nationalrat und Dichter (Die goldene Flaute, Gedichte vorwiegend in der Zeitschrift Hortulus) findet man interessanterweise in dieser Anthologie nicht vertreten.
Die meisten Namen sind unbekannt – mindestens heutzutage. An ganz wenige erinnere ich mich noch, so an Hans Roelli und an Adolf Maurer, dessen berndeutsche Adventslieder ich mit meinen Schülern 1957-1962 an der Oberstufe Urtenen-Schönbühl gesungen habe, komponiert von ich weiss nicht mehr wem. Auch Joseph Victor Widmann, Hans Huber (wohl der Verleger selbst) und Carl Hilty (unter anderem) sind vertreten. Eine ganz besondere Perle ist Silja Walters Korallenlied. Ich erinnere mich andererseits auch an meinen Stolz darüber, dass ich zum Teil wörtliche Anklänge an Hesses Ravenna bei einem der mir noch heute unbekannten Dichter festgestellt und im Text meiner Würdigung des Bändchens auch vermerkt habe. – Banalitäten, wenige, neben sprachlich-poetischen Glanzlichtern, Pathetisches neben Zartem, Echtes neben Hohlem – eine Sammlung von Gedanken, Bildern und Liedern von Menschen, die dem Gehalt ihres Spürens und Fühlens eine sprachliche Form verleihen wollten, und als solches von vornherein spannend und interessant.
Sind die Gedanken aus der Dämmerung des Vergessens einmal angeregt, werden auch noch weitere Geschichten wach, die mit dem ursprünglichen Fund verknüpft sind. Wie bin ich überhaupt dazu gekommen, in einer Buchhandlung um ein Rezensionsexemplar zu bitten? Es hängt mit meinem Geburtstag zusammen. Heidi und André, das eng mit mir befreundete Studentenpaar, haben mir auf meinen Wunsch zum Geburtstag Welt im Wort von Max Rychner geschenkt, eine Sammlung literaturwissenschaftlicher Essais. Dieses Buch und der Name des Autors bilden die Brücke zum ganz im Anfang erwähnten Harlekin. Heidi und ich waren tätig im Arbeitsausschuss der damaligen Jugend-Theater-Gemeinde (JTG). Wir gründeten den Harlekin als Jugend-Theaterzeitung; A4, dreispaltig, zweiseitig, als Flyer oder (wie man damals sagte) Leporello gefaltet. Der junge Drucker hatte sein Geschäft kurz zuvor neu eröffnet, und da wir selber das Falten und Bündeln übernahmen, hat er uns einen traumhaft günstigen Preis für seine Arbeit gemacht. (Seine Firma ist später in Bern sehr bekannt geworden.) «Vom Flohboden aus…» hiess der Untertitel unserer etwa monatlich erscheinenden Periodika, die wir selber als Studenten an unsere Kommilitonen verkauften. Die meisten Theaterkritiken habe ich geschrieben. Ich denke, dass es auch meine Idee war, mit Buchbesprechungen die Sache etwas lebendiger zu gestalten – oder einfach die Spalten zu füllen. – Es war der Harlekin, der mir ungefähr zwei Jahre später die Spalten des BUND öffnete, zuerst als Filmkritiker, mit der Zeit auch für Berichte von Konzerten.
Geschichten von Büchern, mit Büchern, die Geschichte machen…