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Flashback in die Achtzigerjahre: Die wilden Jahre von annabelle-Redaktorin Claudia Senn
Text: Claudia Senn
1985, ich war gerade zwanzig geworden, zog ich in ein besetztes Haus in Zürich-Oerlikon. Die erste Hälfte der Achtzigerjahre hatte ich weitgehend damit zugebracht, die falschen Jungs anzuschmachten und mich im Gymnasium zu Tode zu langweilen. Nun sollte das Leben endlich losgehen. Ein bisschen befremdlich fand ich schon, mit welchem Gleichmut mich meine Eltern ziehen liessen. Doch mein Auszug von zuhause muss auch für sie eine Befreiung gewesen sein.
Die Mitbewohner: Ein Staatsfeind und ein Fotograf
Mein neues Heim teilte ich mit einem Staatsfeind und einem Fotografen. Der Staatsfeind war ein liebenswürdiger Mensch und ein begabter Künstler. Auf dem Höhepunkt seiner terroristischen Karriere hatte er einen Armeelastwagen in Flammen aufgehen lassen, was ihm in der Szene eine Menge Street Credibility eingebracht hatte und einen längeren Aufenthalt hinter Gittern. Nie hörte ich von ihm ein lautes Wort, er war der höflichste Mitbewohner, den ich je haben sollte.
In den Fotografen war ich verliebt. Erfolglos natürlich. Das Schmachten für die Falschen sollte noch bis in meine späten Zwanziger andauern. Eines Nachts zertrümmerten wir mit dem Vorschlaghammer die Wände, denn der Fotograf war von der Vision beseelt, aus der heruntergekommenen Altbauwohnung einen Loft mit Lower-East-Side- Flair zu machen. Nach einigen Stunden verging uns die Lust. Von da an lebten wir mit halben Wänden. Ein Wunder, dass die Bude nicht einstürzte.
Der Fotograf zog aus — eine Lesbe mit Ratte zog ein
Irgendwann zog der Fotograf aus, um mit einer anderen Frau unglücklich zu werden, und eine kahl rasierte Lesbe mit einer zahmen Ratte nahm seinen Platz ein.
Die Lesbe ass nichts als Spaghetti mit Parmesan. Als Folge davon neigte ihre Gesichtsfarbe deutlich ins Graue. Gleich nach ihrem Einzug fasste sie den Plan, mich zu einer Vorzeigefeministin auszubilden. Als ihre Bemühungen nicht fruchteten, brachte ich ihr bei, welch herrliche Nahrungsmittel man sonst noch essen kann.
Schliesslich probierte sie sogar meinen Lippenstift aus, obwohl ihre Freundinnen der Meinung waren, solche von Schwanzträgern erfundenen Unterdrückungsrequisiten dienten einzig dazu, Frauen zu willenlosen Weibchen zu knechten. Wir hatten viel Spass miteinander.
Keine Chance auf dem freien Wohnungsmarkt
Ja, meine Mitbewohner waren, jeder auf seine Weise, einzigartig. Und doch hatten wir alle etwas gemeinsam: Keiner von uns hätte auf dem freien Wohnungsmarkt auch nur den Hauch einer Chance gehabt.
Zwar waren wir nicht ganz so unvermittelbar wie unser vielleicht schrägster Nachbar, ein deutscher Motorradfreak, dessen einziges Möbelstück ein mit Damast ausgeschlagener Sarg war, in dem er sich nachts mit seiner Ratte Hamletta zur Ruhe bettete (Ratten waren damals das It-Animal schlechthin).
Doch keiner von uns war bei einer Wohnungsvergabe je in die engere Wahl gekommen. Wir lebten in einer Ära, in der die Wohnungsnot in Zürich so dramatisch war, dass Jugendliche jeden Donnerstagabend mit dem Slogan «Wo-Wo-Wonige!» dagegen demonstrierten.
Einmal verkleidete ich mich sogar als Junkie, um beim Sozialamt eine Bleibe zu schnorren. Es hatte mich viel Überwindung gekostet, die Haare zehn Tage lang nicht zu waschen, drei Nächte durchzufeiern und vor dem Termin einen fetten Joint mit sieben Bechern Kaffee zu kombinieren – man stellte mir einen Platz im Methadonprogramm in Aussicht, jedoch keine Wohnung.
Häuser zu besetzen, war also eine Art Notwehr
Allerdings handelte es sich in unserem Fall nicht um eine klassische Besetzung. Wir erkämpften uns das Wohnrecht auf juristischem Weg. Eigner der vier Häuser rund um einen mit Gerümpel zugemüllten Hof an der Hüttisstrasse war Sven Hotz, der Baulöwe und damalige Präsident des FC Zürich, von uns liebevoll Svenie genannt.
Svenie war zwar im Besitz einer Baugenehmigung für ein aus unserer Sicht völlig nutzloses gläsernes Yuppie-Bürogebäude auf seinem Grundstück, hatte es jedoch versäumt, rechtzeitig die Abrissbewilligung für die alten Häuser einzuholen.
Nun wurde er von unserem Rechtsvertreter – einem Jus-Studenten im zweiten Semester – solange mit Prozessen zermürbt, bis sein Nervenkostüm ernsthaft Schaden litt. Es soll zu einem cholerischen Ausbruch vor Gericht gekommen sein. Danach liess uns Svenie zwei Jahre lang gratis wohnen. Ich glaube, er bezahlte sogar unsere Stromrechnung.
Vermutlich hat sich bisher noch keiner von uns so richtig dafür bedankt (merci, Svenie!). Dabei waren es Abbruchhäuser wie unsere, in denen der Grundstein für die heute so lebendige Kulturszene der Stadt gelegt wurde, für die Liberalisierung des Gastgewerbes und für Zürichs gerühmtes Nachtleben.
Komfort gab es keinen
Zum Duschen ging ich ins nahe Squashcenter, wo man mich irrtümlich für ein besonders aktives Mitglied hielt. Nachts tanzten die Mäuse um mein Bett. Und auch die uralten Öfen waren gewöhnungsbedürftig.
Im eisigen Winter 1985/86 stritt ich mich mit dem Fotografen so oft darüber, wer von uns beiden gerade mit Holzhacken dran war, dass meine Liebe zu ihm ganz von selbst erlosch. Doch wer brauchte schon 23 Grad in der Wohnung? Wir hatten etwas viel Besseres: Niemand hielt uns davon ab, zu tun und zu lassen, was wir wollten.
Eine fantastische Sorglosigkeit
In den Achtzigerjahren jung zu sein, hiess, in einer fantastischen Sorglosigkeit heranzuwachsen. Es herrschte Hochkonjunktur. Arbeitslosigkeit war ein Wort, das nicht in unserem Sprachgebrauch vorkam. Das bisschen Geld, das man zum Leben brauchte, liess sich immer irgendwie auftreiben.
Die ganz Harten unter uns wuschen Leichen in der Pathologie oder stöhnten bei einer der ersten Sexhotlines. Ich selbst hatte aus Elternberuhigungsgründen gleich nach der Matur eine Kurzzeitausbildung zur Primarlehrerin absolviert. Indem ich hie und da einen kranken Lehrer vertrat, kam ich prima über die Runden.
Die Hälfte des Jahres war ich sowieso auf Reisen. Karriereplanung war etwas für die Älteren. Warum sollte es uns jetzt schon interessieren, was aus uns später einmal werden könnte?
Das Zeitalter des fröhlichen Dilettantismus
Unbelastet von Ehrgeiz und Ambitionen, hatten wir Zeit für die wirklich wichtigen Dinge, allem voran die Kunst. Es war das Zeitalter des fröhlichen Dilettantismus. Irgendwie waren wir alle Künstler, wobei wir gnädig über das fehlende Talent der anderen hinwegsahen. Sie taten es bei uns ja auch.
Unvergesslich die Konzerte der hauseigenen Punkband Rübe ab, die nur zwei Akkorde beherrschte, den Lautstärkeregler aber immer bis zum Anschlag aufdrehte. Fantastisch auch das Werk jenes Nachbarn, der den gesamten Hof in eine Kunstinstallation aus Schrott und verwesenden Tierkadavern verwandelte. (Im Unterschied zu den meisten anderen blieb er der Kunst treu und erfreut Zürich vielleicht bald mit einem Hafenkran.)
Wer völlig talentfrei war, konnte immer noch sich selbst zum Kunstwerk machen. Ich trug handgeschnitzte Ohrringe aus Styropor, probierte sämtliche Haarfarben, von Wasserstoffsuperoxidblond bis Blauschwarz (Letzteres liess mich etwa so frisch aussehen wie ein Mitglied der Addams Family), und hüllte mich in muffig riechende Zirkuswärteruniformen und Feuerwehrjacken aus dem Secondhandshop.
In dieser Kluft fühlte ich mich stark genug, um meine neue Rolle als «Kuratorin» einer illegalen Kulturbar auszufüllen, die im Wesentlichen darin bestand, jeden auftreten zu lassen, der eine gewisse Peinlichkeitsgrenze nicht unterschritt.
Was bleibt, wenn man in den Achtzigerjahren jung war?
Toleranz gegenüber unkonventionellen Lebensentwürfen – nach zwei Jahren Hüttisstrasse wunderte ich mich über so gut wie gar nichts mehr. Dankbarkeit – für die Jahre völliger Freiheit. Ich wäre bestimmt kein so glücklicher Mensch geworden, wenn ich meine Jugend nicht hätte verschwenden können. Und ein klein bisschen Scham darüber, wie wenig Respekt wir vor dem Besitz anderer hatten.
Diebstahl galt sowieso als probates Mittel, um die eintönige Risotto-/Pasta-/Gemüseeintopf-WG-Küche aufzubessern (sofern man beim bösen Grossverteiler stibitzte und nicht im guten Tante-Emma-Laden).
Ich erinnere mich aber auch an festliche Gelage im Hof, bei denen sich der Tisch unter Kilos von exquisitestem Räucherlachs aus Alaska bog. Die Delikatesse stammte aus einer elterlichen Tiefkühltruhe und gelangte ohne Wissen der Eigner auf unseren Tisch.
Unter den Fischen hatte der Sohn mehrere in Alufolie verpackte Goldbarren entdeckt, die sein Vater in der Tiefkühltruhe vor dem Fiskus versteckte. War es da nicht mehr als gerecht, wenn der asoziale Steuerbetrüger seinen Obolus an die Gesellschaft – also uns – in Naturalien bezahlte? Nein, ein schlechtes Gewissen quälte uns nicht.
FAMILIENCHRONIK
Wer in den Achtzigern jung war, wird sich über dieses Buch freuen: Ein Redaktionsteam unter der Leitung des St. Galler Ur-Punks Lurker Grand bringt die umfangreichste Schweizer Musikgeschichte der Achtziger auf den Markt. «Heute und danach» ist ein 600 Seiten dickes Werk, in dem keiner der Helden von damals fehlt. Grand, der Mitte des Jahrzehnts nach New York auswanderte, kennt alle in seinem Mammutoeuvre vorkommenden Protagonisten persönlich. Und so ist sein Buch eine Art Familienchronik geworden. Macht Spass. Vor allem, wenn man damals selbst dabei war.
— Lurker Grand/André P. Tschan: Heute und danach. Edition Patrick Frey, Zürich 2012, ca. 78 Franken, ab 1. Dezember
— Buchvernissagen: 1. 12. Rote Fabrik, Zürich, mit The Young Gods; 13. 12. Kaserne, Basel, mit Les Reines Prochaines & 20 Jahre Praxis