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Das Kunstmuseum Bern dokumentiert mit „Moderne Meister – ‚Entartete’ Kunst“ nicht nur Bilder, sondern auch Verantwortung.
Schwierige Zeiten waren es für die Künstler ebenso wie für die Kunst, als die Nationalsozialisten regierten und nicht nur die arische Rasse, sondern auch die Kunst – unter noch vielem anderen – von Fremdeinflüssen rein halten wollten.
Im Verlauf der Geschichte hat es sich gezeigt, dass jede Diktatur nicht nur politische und gesellschaftliche Freiheiten einschränkt, sondern auch Äusserungen des kulturellen Lebens. Angesichts der antisemitischen Verbrechen in Nazideutschland ist es nicht weiter verwunderlich, dass neben der Diffamierung von Künstlern und deren Werken auch die Enteignung eine Rolle spielte.
Der Titel der Ausstellung – „Moderne Meister – ‚Entartete’ Kunst“ lehnt sich eng an die Verhältnisse von 1937, als rund 20'000 Kunstwerke von mindestens 1'400 Kunstschaffenden aus 80 deutschen Museen beschlagnahmt wurden. Rechtfertigen sollte diese Aktion das „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“, das 1938 erlassen wurde. Ein Grossteil dieser Werke wurde 1937 in München mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamierend zur Schau gestellt. Gleichzeitig zeigte das Haus der Deutschen Kunst in München die erste Grosse Deutsche Kunstausstellung, wo die „völkische“ Kunst Nazideutschlands das Ringen um ihre Definition und Rechtfertigung dokumentierte, fortan jährlich bis 1944. Emigrierte oder in Lager deportierte jüdische Besitzer von Kunstwerken wurden schon seit 1933 enteignet.
Dass diese Raubkunst, wie sie später bezeichnet wird, auch der Devisen- und damit der Rüstungsbeschaffung dienen kann, haben die Machthaber recht gut erkannt. 1939 stellten sie einen grossen Teil der geraubten Werke der Luzerner Galerie Fischer für eine historisch gewordene Auktion zur Verfügung: „Plastiken und Gemälde Moderner Meister aus deutschen Museen“. Aber auch im freien Kunsthandel fanden viele dieser verfemten Werke über Sammler, Stiftungen, Schenkungen, vorübergehende oder Dauerleihgaben und Legate den Weg in westeuropäische Museen, auch in solche der Schweiz.
Mit der Gurlitt-Erbschaft sieht sich nun das Kunstmuseum Bern veranlasst, die ganze Faktenlage um Kunstwerke ungeklärter Herkunft wissenschaftlich aufzuarbeiten. Noch ist die Provenienzgeschichte von 337 von 525 Werken der Sammlung des Museums ungeklärt. Gründe dafür ist einerseits die Tatsache, dass früher beim Erwerb von Kunstwerken bei vertrauenswürdigen Händlern kaum nach der Herkunft der Objekte gefragt wurde. Andererseits umfassten die 1945 von den Alliierten geforderten Wiedergutmachungs-Massnahmen die im Gebiet des Deutschen Reichs beschlagnahmte Raubkunst nicht. Schon im Zusammenhang mit den „Nachrichtenlosen Konten“ und dem „Bergier-Bericht“ 1996, und zuletzt jetzt im Zusammenhang mit der Gurlitt-Erbschaft, wird den Verantwortlichen klar, dass eine vorbehaltlose, gründliche und umfassende Aufarbeitung des Themas notwendig ist.
Deshalb legt die Ausstellung im Kunstmuseum Bern auch Zeugnis ab von dieser mit wissenschaftlicher Gründlichkeit betriebenen Erforschung der Provenienz möglicher Raubkunst. Niedergelegt sind die Ergebnisse dieser umfangreichen Arbeit im Katalog der Ausstellung, herausgegeben von Matthias Frehner und Daniel Spanke. Das Werk ist ein bedeutendes, eindrückliches Zeitdokument. Es enthält Beiträge einer erlesene Reihe namhafter Publizisten auf diesem Fachgebiet. Trotz der unzähligen Fakten und Einzelheiten liest man deren Untersuchungen und Überlegungen mit nicht abreissender Spannung.
Ist hier ein bisschen viel Geschichte ausgebreitet? – Die Ausstellung ist allerdings mit einem Schuss Hintergrundwissen viel besser sowohl zu verstehen als auch zu erleben. Schon der handliche Führer im Postkartenformat enthält eine Kurzfassung der wesentlichsten Fakten; der Katalog stillt weitere, tiefer gehende Informationsbedürfnisse.
Gegliedert ist die von Daniel Spanke kuratierte Ausstellung räumlich in den vertikalen „Roten Horizont“ rundum, in einzelne Stellwände mit ergänzenden thematischen Aspekten und in die horizontalen Tische mit Zusatzdokumentationen über die Ausstellung 1937 in München und über Aspekte der Auktion 1939 in Luzern. Die Bilder sind in der Reihenfolge ihrer Ankunft im Museum an der roten Wand gehängt; das erste kam 1934 in die Sammlung, „Alpsonntag. Szene am Brunnen“ von Ernst Ludwig Kirchner.
Vier in der Ausstellung vertretene verfemte Künstler standen in besonderer Beziehung zur Schweiz. Das hat seine Gründe in einer für jene Zeit typischen Haltung der Schweizer Gesellschaft, eine Haltung, die sich in den Begriffen „Landi 1939“ und „Geistige Landesverteidigung“ verdichtete. Moderne Künstler hatten nicht ein überwältigendes Ansehen in der Schweiz. Die vier Ausnahmen hatten jedoch eine besondere Verknüpfung mit unserem Land. – Paul Klee, der schon ganz im Anfang der Naziherrschaft sein Lehramt verlor, kehrte als Deutscher nach Bern zurück, wo er aufgewachsen war. – Ernst Ludwig Kirchner seinerseits emigrierte auch recht früh nach Davos und war als „Künstler, der die Schweizer Berge malt“, hierzulande sehr geschätzt.
- Otto Dix floh nur an die Grenze des Deutschen Reiches nach Hemmighofen, wo er und vor allem seine Frau mit einer verhaltenen Sehnsucht über den „Breiten Rhein“, wie man dort sagt, geblickt hat.
Johannes Itten, auch er aus dem „Bauhaus“ verbannt, schätzte man, weil er Schweizer war, der mit seiner „Tellenwacht“ zum Bekenner der Geistigen Landesverteidigung wurde.
Die Ausstellung ist bis 21. August 2016 geöffnet.