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Eigentlich wollte ich dieses Buch schon vor Jahren lesen. Ich begegnete damals dem berühmten Philosophen aus dem 19. jahrhundert, als ich in den Ferien ein Buch mit dem Titel «Der lachende Schopenhauer» fand. Es lag direkt beim Eingang einer Buchhandlung in der Altstadt von Graz. Bei der Lektüre stellte sich bald heraus, dass Schopenhauer nicht zu verstehen ist, wenn nur einzelne Auszüge seines Werkes gelesen werden. Auch der Autor, Ralph Wiener, schreibt im Vorwort seiner «Blütenlese», dass sein Buch eine Einladung sei, sich mit dem Hauptwerk des Philosophen tiefgehender auseinanderzusetzen. Und Schopenhauer selbst hat verlangt, dass, wer ihn verstehen will, jede Zeile seines Opus zu lesen habe. Er sei schliesslich kein Vielschreiber, so wie der «Unsinnschmierer» Hegel!
Das Hauptwerk, «Die Welt als Wille und Vorstellung» ist nun aber kein Werk, dass man während den Ferien am Strand oder im Zug zur Arbeit lesen kann. Es fordert dem Leser einiges mehr ab! Trotzdem kann es jeder verstehen, der sich ausgiebig damit beschäftigt. Denn Schopenhauer war ein grosser Meister in der Kunst, auch die komplexesten Zusammenhänge und Gedankengänge in einer verständlichen Sprache zu formulieren. Seine Schriften sind auch deswegen von unerreichter Genialität und haben Massstäbe gesetzt, die bis heute Geltung besitzen. Selbst Nietzsche war von Schopenbhauers Hauptwerk begeistert.
Wer nun aber das Buch aufschlägt und das Vorwort liest, bekommt als erstes vom Philosophen Bedingungen auferlegt. Was nun folge, sein nur zu verstehen, wenn der Leser erstens Kant’s Hauptschrift und zweitens «Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde» studiert habe. Ferner habe das Buch einen organischen Aufbau, so seien Gegenstände des ersten Kapitels erst nach der Lektüre des vierten Kapitels zu verstehen. Damit folgt also die letzte Forderung, dass das Buch zweimal gelesen werden muss! Wer nun einwendet, dass dies reichlich viel verlangt sei, dem hat Schopenhauer einen Rat: Er könnte das Buch um sich schadlos zu halten ja auch als Zierde des Büchergestelles verwenden oder es auf den Teetisch legen, wenn die Freundin zu Besuch kommt.
Aber worum geht es in dem Buch? Schopenhauer entwickelt darin einen Gedanken, der neu war: Schopenhauer postulierte, dass die umgebende Welt sich uns nur durch unsere Sinnesorgane erschliesst, das wahre Wesen der Dinge bleibt uns verborgen: «Die Welt ist meine Vorstellung». Die treibende Kraft hinter jeder Erscheinung ist ein universaler Wille, der frei von Ursache und Wirkung die Welt in Bewegung hält.
Noch etwas: Schopenhauer hat einen editorischen Willen hinterlassen. In Form eines Bannfluches verlangt er, dass bei einer Neuauflage seines Werkes nicht ein Jota seiner Schriften verändert werden darf. Nur der Haffmans Verlag ist in neuerer Zeit dieser Anweisung des Verfassers gefolgt und hat sich in seiner Gesamtausgabe aus dem Jahre 1988 genau an die Ausgabe letzter Hand von Julius Frauenstädt gehalten. Ich konnte dies selbst nachprüfen, da ich eine Frauenstädt-Ausgabe aus dem Jahre 1877 und die Haffmans-Edition von 1988 besitze.