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Er hatte stets eine Schräglage: Seine Beine waren krumm, das eine zudem noch sechs Zentimeter kürzer als das andere. Deshalb schien es ständig so, als würde er sofort sein Gleichgewicht verlieren. Doch Manoel Francisco dos Santos, genannt «Garrincha», fiel nicht; oder erst dann, wenn er mehrfach in die Beine getreten worden war.
Er hat in seinem Leben viele Namen erhalten: Garrincha, kleiner Vogel, wurde er wegen der Leichtfüssigkeit im Spiel genannt. Weil er von Geburt an ein O- und ein X-Bein hatte, nannten sie ihn «Engel mit krummen Beinen». Und als er berühmt war, wurde er zur «Alegria do Povo», der Freude des Volkes. Der brasilianische Journalist und Schriftsteller Nelson Rodrigues gab ihm schliesslich den Namen «Charlie Chaplin des Fussballs».
Genauso slapstickartig sieht es aus, wenn man den tanzenden Derwisch mit Ball in den wenigen alten Filmaufnahmen sieht, die es von Garrincha gibt. Es scheint die reine Freude für ihn zu sein, den anderen auszutricksen, lächerlich zu machen, um sich danach vor Lachen auf den Boden zu werfen. Meistens ist es der gleiche Trick: Er täuscht an, einmal, zweimal, wippt mit dem Oberkörper, springt vor und zurück, wartet ab, und plötzlich zieht er am Gegner vorbei. Manchmal hält er dann inne, damit ihn der Verteidiger wieder einholt, um einmal mit dem Ball um ihn zu kreisen und erneut an ihm vorbeizuflitzen.
Malandro und Mulherengo
Garrincha war ein «Malandro», ein Schlitzohr, ein Schlingel - eine Figur, die im brasilianischen Fussball bis heute kaum wegzudenken ist. Unangenehme Grossmäuler wie Edmundo und Romário sind - bis heute aktive - Malandros. Aber es gab auch sympathische Malandros. So wie Josimar, jener Rechtsverteidiger, der bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko aus dem Nichts auftauchte, zwei unglaubliche Tore fast von der Eckfahne schoss, sogleich wieder aus dem Rampenlicht verschwand und im Drogensumpf endete. In der aktuellen brasilianischen Nationalmannschaft zählt indes allenfalls noch der kleine Dribbler Robinho zu diesem Spielertyp.
Der bekannteste von allen ist aber Garrincha: 1958 und 1962 mit Brasilien zweifacher Weltmeister, Rechtsaussen von Botafogo in Rio de Janeiro, ein Malandro und ein «Mulherengo» (Frauenheld) aus dem kleinen Städtchen Pau Grande. In Brasilien sagt man, Pelé werde zwar geschätzt; verehrt und vergöttert werde aber allein «Mané» Garrincha. Der Biograf Ruy Castro sagt: «Ich bin mir sicher, dass Garrincha heute noch zehnmal besser spielen würde. Als Garrincha aktiv war, gab es noch keine Gelben Karten, und er wurde ständig getreten und gefoult, ohne dass es geahndet wurde.»
Aber das ist nur eine Spekulation. Wer weiss schon, wie Garrincha zurechtgekommen wäre im verdichteten Mittelfeld des modernen Fussballs und im Blitzlichtgewitter der elektronischen Medien. Er war ein Kind seiner Zeit. Als Garrinchas Stern 1958 während der Weltmeisterschaft in Schweden aufging, begriffen die ZuschauerInnen sogleich, dass hier ein aussergewöhnlicher Fussballer sein Debüt feierte. So etwas hatte man noch nicht gesehen, all die Tricks, die Finten, diese ursprüngliche, fast naiv anmutende Freude am Spiel. Er erfand Tricks, entwickelte andere weiter, machte intuitiv Dinge, die andere Spieler über Jahre hätten einstudieren müssen.
Bejubelt und belächelt
Der Titelgewinn an der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden milderte das Trauma der im eigenen Land verlorenen WM 1950 und machte Garrincha fast über Nacht zur nationalen Identifikationsfigur. Er versammelte die Bevölkerung eines Landes hinter sich, die sich aus eigener Kraft aus der Kolonialherrschaft befreit hatte, dennoch von Minderwertigkeitskomplexen geplagt wurde und von einer Krise in die nächste taumelte. Die Seleção, das brasilianische Nationalteam, einte die Bevölkerung. Schriftsteller Rodrigues schrieb: «Das ist das Wunder, das der Fussball vollbringt. Jeder Sieg entschädigt das Volk für alte, niemals vernarbte Enttäuschungen.» Und Garrincha war in diesen Jahren ein Garant für grosse Triumphe. An der Seite Pelés führte er die brasilianische Elf zur Titelverteidigung, er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere.
Seine Ausnahmestellung wurde jedoch nicht allein durch Tricks und Tore begründet. Für Rodrigues etwa war Garrincha Sinnbild eines Brasilianers: «Er hatte dieses entwaffnende Gemüt eines Kindes, das mit einer Schrotflinte Zaunkönige abschiesst und in seiner grenzenlosen Herzlichkeit im Dorf sogar die Hunde grüsst. Wir alle sind Opfer unseres Verstandes. Garrincha dagegen hat nie nachdenken müssen. Garrincha denkt nicht. Bei ihm läuft alles über den Instinkt.»
Garrincha wurde verehrt, obwohl seine Schwierigkeiten mit dem Leben jenseits des Fussballplatzes offensichtlich waren. Früh schon begann er zu trinken, wohl auch, um die Schmerzen in seinen verkrüppelten Beinen zu ertragen. Er war in mehrere Autounfälle verwickelt, kam mit dem Geld nicht aus. Wenig erstaunlich also, dass Garrincha in Porträts stets als genialer Fussballer, aber bescheidener Geist gemalt wurde. Erst die 2006 auch auf Deutsch erschienene Biografie hat geholfen, das Bild des im Privatleben eher dümmlichen Garrincha zu revidieren. Biograf Castro zeichnet Garrincha als einen dem Alkohol verfallenen, aber gleichwohl empfindsamen Menschen, der sich nur auf dem Land, in der Natur wirklich wohl fühlte. Er beschreibt, mit welchen gesellschaftlichen Vorurteilen Garrincha zu kämpfen hatte, als er sich 1966 von seiner Frau und sechs Kindern trennte, um mit der skandalumwitterten Sängerin Elza Soares zusammenzuleben, einer schönen Mulattin aus bitterarmen Verhältnissen. Das entsprach im tief katholischen Land nicht dem guten Ton. Das bürgerliche Brasilien rümpfte kollektiv die Nase.
Das Ende des «futebol arte»
Das Volk auf den Strassen hingegen liess nicht von seinem Idol. Und stürzte prompt in eine tiefe Depression, als Garrincha 1966 Abschied von der Nationalmannschaft nahm. «Wir hatten das Lachen verlernt. In dieser Zeit lebten wir verwaist und verlassen. Ohne seinen dynamischen, akrobatischen, dionysischen Fussball waren wir achtzig Millionen Waisen.» So beschrieb es Rodrigues. Aber Garrincha schaffte noch einmal ein Comeback, spielte bis 1972 bei den brasilianischen Vereinen Atlético Junior, Flamengo und Olaria. Und «als er in einer Kurve des Maracanã-Stadions ein einsames Olé anstimmte, einsam und vollkommen wie ein Schwanengesang (...), da fühlten wir Brasilianer uns fast allmächtig» (Rodrigues).
1973 beendete er mit einem Abschiedsspiel im legendären Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro seine Karriere - und geriet bald in Vergessenheit. Die knappe Rente reichte bei weitem nicht. Als er am 20. Januar 1983 ohne einen Pfennig in der Tasche als erst 49-Jähriger an einer Alkoholvergiftung starb, hinterliess Garrincha mindestens vierzehn Kinder und ein Publikum, das sich nun wieder an ihn erinnerte. Den Weg zu seinem Grab säumten bei der Beerdigung tausende AnhängerInnen.
Garrinchas Tod fällt zeitlich mit dem Ende des «futebol arte» zusammen, des klassischen brasilianischen Kunstfussballs, der den Fussball in spielerischer Vollkommenheit inszenierte. Ein Jahr zuvor, bei der WM 1982 in Spanien, war die traumhaft aufspielende Nationalmannschaft Brasiliens um Zico, Sócrates und Falcão an den cleveren Italienern bereits im Achtelfinal gescheitert - «in Schönheit gestorben», sagt man dazu in Brasilien.
«Hier ruht in Frieden einer, der das Volk glücklich gemacht hat», steht auf dem Grabstein von Manoel Francisco dos Santos, genannt Garrincha, gestorben vor 25 Jahren in Rio de Janeiro.
Ruy Castro: «Garrincha. Titel, Tore und Tragödien.» Bombus Verlag. München 2006. 362 Seiten. Fr. 31.20.