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In der Tierethik wird untersucht, wie wir mit Tieren umgehen sollten. Ist es legitim Fleisch zu essen? Lassen sich Tierversuche rechtfertigen? Über solche und ähnliche Fragen diskutieren viele von uns auch im Alltag mit Freund*innen oder in der Familie. Unter „Diskussion“ verstehen wir typischerweise den Austausch von Argumenten. Es geht also darum, so zumindest das Idealbild, rationale Gründe für die eigene Position anzuführen und auf diese Weise zu versuchen, die Gesprächspartnerin zu überzeugen - oder aber umgekehrt einzusehen, dass die andere Position im Wettstreit der Gründe gewinnt. Ist das aber die einzig vernünftige Weise, über ethische Fragen nachzudenken oder andere von der eigenen Position zu überzeugen? Die Philosophin Cora Diamond stellt das in Frage. Und obwohl ich ein großer Fan der rationalen Argumentation bin, finde ich ihre Überlegungen sehr bedenkenswert.
Cora Diamond hat in mehreren Aufsätzen seit den 70er Jahren sowohl die vorherrschende Tierethik kritisiert – worauf ich hier nicht eingehe – als auch andere Herangehensweisen vorgeschlagen, u.a. in ihrem Aufsatz „Fleisch essen und Menschen essen“. Darin geht es um die Frage, ob wir Tiere essen sollten. Es gibt aus meiner Sicht sehr gute rationale Argumente dafür, dass die aktuelle Fleischproduktion ethisch nicht vertretbar ist und wir sie daher boykottieren sollten. Cora Diamond zielt aber darauf, statt Argumente der einen oder anderen Art zu präsentieren, den Leser*innen eine andere Sichtweise auf Tiere, eine andere Einstellung ihnen gegenüber nahezubringen – die dann sowohl mit bestimmten Wertungen als auch mit bestimmten emotionalen Reaktionen verbunden ist. Dazu bedient Diamond sich u.a. literarischer Texte. In dem Aufsatz zitiert sie zuerst ein Gedicht von Jane Legge, das die Widersprüche in der Erziehung von Kindern in Bezug auf Tiere hervorhebt und damit recht offen für den Vegetarismus wirbt:
Learning to be a Dutiful Carnivore
Dogs and cats and goats and cows,
Ducks and chickens, sheep and sows,
Woven into tales for tots,
Pictured on their walls and pots.
Time for dinner! Come and eat
All your lovely, juicy meat.
[…]
Yes, that leg's from Peter Rabbit
Chew it well, make that a habit.
Eat the creatures killed for sale,
But never pull the pussy's tale
Eat the flesh from “filthy hogs“
But never be unkind to dogs.
[…].
Das Gedicht liefert keine Argumente im klassischen Sinn. Es fordert uns auch nicht dazu auf, gegenüber Tieren bestimmte Gefühle zu zeigen. Vielmehr setzt es bestimmte Gefühle und Verhaltensregeln gegenüber bestimmten Tieren schon voraus. Das Gedicht zeigt die Widersprüchlichkeit, oder auch die, wie Diamond schreibt, „mit Heuchelei gemischte Konfusion in unserer Art und Weise, wie wir über Tiere denken“.
Man kann sicher die Kritik, die in dem Gedicht steckt, auch explizit machen bzw. als Argument für Vegetarismus oder Veganismus ausformulieren. Aber das heißt nicht, dass wir beim Nachdenken über das Gedicht eigentlich über ein so formuliertes Argument reflektieren. Vielmehr können wir uns direkt unsere unterschiedlichen Einstellungen gegenüber verschiedenen Tieren bewusst machen und so einen anderen Blick gegenüber den typischen „Nutztieren“ gewinnen. Einen ähnlichen Reflexionsprozess stoßen Tierrechtsorganisationen an, wenn sie etwa Plakate aufhängen mit Fotos von Welpen und Ferkeln mit der Frage „Wen streicheln, wen essen?“.
Der zweite Vorschlag von Diamond ist noch interessanter. Wieder bildet die Basis ein Gedicht und zwar von Walter de la Mare. Es geht um eine kleine Meise, die sich an einer aufgehängten Kokosnuss erfrischt und damit dem Betrachter Gesellschaft leistet. Das Gedicht beschreibt, dass der Vogel aus der unbekannten, unermesslichen Weite der Erde auftaucht und in das gewaltige Nichts der Zeit davonflattert. In der Beschreibung dieser Szene benutzt de la Mare den Ausdruck „This tiny son of life“ für die Meise, „dieser winzige Sohn des Lebens“. Diamond schreibt, durch den Gebrauch dieses sehr überraschenden Ausdrucks würde gezeigt, dass der Vogel unser Mitgeschöpf sei. Das ist die andere Sichtweise, auf die es ihr ankommt: Wir können Tiere als Mitgeschöpfe sehen: „Man kann auf Tiere als Wesen ansprechen, die in diesem irdischem Leben gleichfalls Sterbliche sind“. Damit geht eine bestimmte moralische Einstellung ihnen gegenüber einher. Zu dieser Einstellung gehört zum Beispiel die Idee, dass die Tiere ein von uns unabhängiges, eigenes Leben haben, eine Art eigenes Schicksal, das wie das unsere fragil und gefährdet und von vielen Eventualitäten abhängig ist. Daraus kann sich ein Respekt vor diesem unabhängigen Leben ergeben.
Aus der Idee des Mitgeschöpfts folgt noch nicht unbedingt, wie Diamond richtig anmerkt, die Forderung, dass wir sie nicht essen sollten. Es folgt aber daraus, dass wir sie nicht bloß als, wie Diamond schreibt, „Phase im Produktionsprozess eines Fleischprodukts“ behandeln dürfen. Ich denke auch, dass viel von dem, was an Abscheu und Ablehnung gegenüber der sogenannten Massentierhaltung in der Bevölkerung vorhanden ist, auf solchen Einstellungen gründet. Darin steckt kein verstecktes Prinzip der Art: „Es ist falsch, fühlenden Wesen unnötiges Leid zuzufügen.“ Sondern mit einer bestimmten Einstellung gegenüber Tieren verträgt es sich nicht, dass sie in der Tierhaltung als bloße Waren und Ressourcen gelten, dass sie wie Maschinen optimiert und kostengünstig ausgebeutet werden.
Ich denke darüber hinaus, dass sich die Einstellung durchaus erweitern lässt und zu einer Ablehnung der Nutztierhaltung und des Tierkonsums insgesamt führen kann. Denn je mehr wir Tiere als eigenständige Individuen betrachten, die ihre eigenen Ziele und Zwecke haben und mit denen wir mitfühlen können, desto schwerer wird es, diese Wesen zugleich als Lieferanten von Produkten und als essbares Material zu sehen.
Ein Einwand gegen Diamond könnte lauten, dass sie es versäumt, ein echtes Argument für ihre Sichtweise zu liefern, also zu zeigen, warum wir Tiere als Mitgeschöpfe sehen sollten. Diesen Einwand kann aber, so ihre Position, nur jemand anbringen, der meint, das moralische Denken und Überzeugen müsse sich immer in Form von Argumenten vollziehen. Auch das Aufzeigen, das Vorführen einer anderen Sichtweise kann jemanden überzeugen.
Aber diese Überzeugungskraft ist doch nicht zwingend, so würde der Einwand weiter gehen, nicht so zwingend wie ein logisch schlüssiges Argument. Diamonds Antwort ist, grob gesagt: Genauso wenig oder noch weniger zwingend sind ja, praktisch gesehen, die Argumente, die sonst von Kritiker*innen der Tiernutzung vorgebracht werden. Es gibt sehr viele Menschen, die sich davon nicht überzeugen lassen, ihr Verhalten zu ändern. Zugleich sorge die Art der Argumentation dafür, „dass wir dazu ermutigt werden, das Mitleid außer Acht zu lassen“, obwohl doch das Mitleid eine wesentliche Grundlage dafür sei, warum wir überhaupt bereit seien, die Bedürfnisse und Wünsche von anderen in unser Handeln einzubeziehen. Diamond bestreitet also hier den Alleinvertretungsanspruch einer bestimmten Art von Moralphilosophie und fordert ein, alternative Weisen des moralischen Nachdenkens ernstzunehmen.
Ethische Diskussion muss in Diamonds Perspektive dann nicht allein darin bestehen, Argumente auszutauschen. Stattdessen geht es um eine Reflexion, die „den Einsatz der Gesamtheit unserer Vermögen erfordert“. Dazu gehört, dass wir unsere eigenen Gefühle und Einstellungen kritisch überprüfen und neue Einstellungen ausprobieren – dabei trainieren wir unsere moralische Vorstellungskraft und Sensibilität. Solche Prozesse können wir auch bei anderen anstoßen. Und auf diese Weise macht Diamond auch verständlich, inwiefern Literatur und Kunst eine ethische Funktion haben können.
Literatur
Cora Diamond: „Fleisch essen und Menschen essen“, in: dieselbe, Menschen, Tiere und Begriffe (2012), S. 83-106.
Cora Diamond: „Ausschließlich Argumente?“, in: dieselbe, Menschen, Tiere und Begriffe (2012), S. 57-82.
Jane Legge: „Learning to be a Dutiful Carnivore“, in: The British Vegetarian, Januar-Februar 1969, S. 59, zitiert in „Fleisch essen und Menschen essen“, S. 95.
Friederike Schmitz: „Die Schwierigkeit der Wirklichkeit. Cora Diamond über verschiedene Formen des moralischen Denkens“, in: Björn Hayer, Klarissa Schröder (Hg.): Tierethik transdiszplinär, Berlin 2018, S. 213-230.
Friederike Schmitz: Tiere essen – dürfen wir das? Stuttgart 2020.