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Stefan Degen, Neue Luzerner Zeitung (20.10.2005)
Die Neuproduktion von Verdis «La forza del destino» am Opernhaus Zürich ist in erster Linie ein Sängerfest. Regiearbeit ist kaum wahrzunehmen.
Verdis «La forza del destino» (Die Macht des Schicksals) gilt dramaturgisch als schwieriges Stück, da die Handlung mancherlei unlogische Wendung nimmt. Das Libretto von Francesco Maria Piave basiert auf Angel de Saavedras Drama «Don Alvaro o La fuerza del sino» (von 1835) und auf Schillers «Wallenstein». Ungeachtet des konfusen Textbuchs hat sich Verdis musikdramatisches Gespür an der Vielfarbigkeit des Stoffes entzündet. Der Komponist leitete selber die Uraufführung 1862 in St. Petersburg. Die italienische Erstaufführung der überarbeiteten Fassung fand 1869 an der Mailänder Scala statt.
Regie abwesend
Der französische Regisseur Nicolas Joel begnügte sich in Zürich mit einer Reihe von pittoresken Arrangements der Soldaten- und Chorszenen, während die Protagonisten in dem Stück um Liebe, verletzte Ehre und Rache völlig auf sich selbst gestellt bleiben. Von einem Herausarbeiten der psychologischen Beziehungen der Charaktere untereinander wollte Joel offenbar nichts wissen. Sein Bühnenbildner Ezio Frigerio schuf eine düster-naturalistische Bühnenlandschaft mit Felsen und Mauern, die rasch hinauf- und heruntergefahren werden können. Ein Pappmaché-Felsblock hängt schicksalsschwanger über der Szenerie und senkt sich am Schluss, wie erwartet, ganz herab.
In der zentralen Klosterszene schafft das Bühnenbild wenig Atmosphäre. Einzig die riesige Christus-Ikone an der Rückwand verweist auf den Schauplatz. Joel siedelt die Handlung zur Zeit der Entstehung der Oper an (Kostüme: Franca Squarciapino). Doch es bleibt der Eindruck einer altbackenen, überaus konventionellen Inszenierung mit viel Rampensingen, was denn auch an der Premiere mit einigen Buhs quittiert wurde. Die dreieinhalb Stunden der Oper ziehen sich fast quälend lang hin.
Altmeister am Pult
So rückte einmal mehr in Zürich die musikalische Umsetzung der Verdi-Oper ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und hier ist Altmeister Nello Santi Garant für eine packende Wiedergabe. Santi liess das Orchester der Oper Zürich mit viel Drive musizieren, kostete aber auch lyrische Szenen mit subtilem Einfühlungsvermögen aus. Musikalische Kontraste vom Feinsten also, wie auch das Melodramma sie aufweist.
Zwei Rollendebüts
In den Hauptpartien gab es zwei Rollendebüts: Vincenzo La Scola sang den Don Alvaro überaus differenziert und mit kraftvoller Höhe. Sein Tenor gefällt durch angenehmes Timbre, die Stimme ist geschult am Belcanto. Die junge Polin Joanna Kozlowska (Leonora) hinterliess an der Premiere einen zwiespältigen Eindruck. Ihr Sopran klang streckenweise seltsam belegt, doch es gab auch Momente wunderbarer Kantilenen und feuriger Aufschwünge.
Als Verdi-Stilist gefällt Leo Nucci (Carlo di Vargas) durch elegante Phrasierungen und eine noch immer sichere Höhe seines edlen Kavalierbaritons. Auch darstellerisch ist der Sänger ungemein präsent.
Matti Salminen ist mit samtenem Bass eine Luxusbesetzung als Padre Guardiano. Einspringer Paolo Rumetz als Fra Melitone versprühte deftige Komik nicht ohne Gefahr, denn Joel lässt ihn unsinnigerweise auf ein wackeliges Fass steigen. Stefania Kaluza ist eine verführerische, stimmschöne Preziosilla. Der Chor läuft zu grosser Form auf, so im Mönchsgesang («Maledizione!») im zweiten Finale, das auch dank Salminen zum Höhepunkt des Abends wird. Zürichs umfangreiches Verdi-Repertoire ist mit dieser «Forza» um ein Werk reicher wenn auch in antiquiertem Gewand.