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Wirtschaftswunderland
Die Schweiz hat eine ausserordentlich erfolgreiche Wirtschaft, aber die Geschichte des Erfolgs wird selten dargestellt. Das letzte Buch, das auf ein grösseres Publikum zielte, stammt aus dem Jahr 1969: «Das heimliche Imperium: wie die Schweiz reich wurde», geschrieben von Lorenz Stucki.
Nun ist endlich ein neues Buch zum Thema erschienen: «Wirtschaftswunder Schweiz – Ursprung und Zukunft eines Erfolgsmodells», herausgegeben von R. James Breiding und Gerhard Schwarz. Es ist vielleicht kein Zufall, dass beide Herausgeber in die Schweiz eingewandert sind. Für die Alteingesessenen scheint der hohe wirtschaftliche Wohlstand so selbstverständlich zu sein, dass er keine weiteren Fragen aufwirft. Ein grosser Fehler.
Das Buch enthält 14 historische Porträts von Branchen, in denen Schweizer Unternehmen Besonderes geleistet haben und immer noch leisten. Das Geleitwort stammt von Harold James (Princeton University), der die Erfolgsfaktoren elegant und treffend auf den Punkt bringt. Sein filmisches Zitat, das ihm aus Ausgangspunkt für die Diskussion der Schweiz-Klischees dient, muss man sich merken:
Im Film «Der Dritte Mann» sagt Orson Welles (als Harry Lime) die berühmten Zeilen: «Italien hatte in den 30 Jahren Herrschaft der Borgias Krieg, Terror, Mord und Blutvergiessen erlitten – und dabei Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervorgebracht. Die Schweiz hingegen hatte Brüderlichkeit und fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden, und was hat sie dabei geschaffen? Die Kuckucksuhr!»
Natürlich alles falsch, angefangen bei der Kuckucksuhr, die im Schwarzwald, nicht in der Schweiz erfunden wurde, aber dennoch wahr, weil es viele glauben.
Umrandet werden die historischen Kapitel durch eine einleitende Bestandesaufnahme der Schweizer Wirtschaftskraft und einem Schlusswort, das die Ursachen und Rahmenbedingungen des Schweizer Wirtschaftswunders diskutiert. Letzteres ist besonders interessant, weil es über die Fallbeispiele hinausgeht und die Zukunftsfähigkeit zu beurteilen versucht. Die Herausgeber Breiding und Schwarz stellen folgende drei Kernelemente ins Zentrum (S. 400):
Erstens erweisen sich die Armut (an Bodenschätzen), das ungünstige Klima in grossen Teilen des Landes und die Binnenlage als Segen und nicht als Fluch. Sie zwingen zu besonderen Anstrengungen und führen zu einem anderen Verständnis von Wohlstand als in von der Natur stärker begünstigten Gebieten.
Zweitens machen Kleinheit und Vielfalt das Verständnis des Fremden und Andersartigen sowie eine gewisse selektive Offenheit zur Notwendigkeit.
Drittens schliesslich wächst aus diesen Eigenheiten eine einmalige Balance zwischen individueller Selbstverantwortung und genossenschaftlicher Solidarität.
Aus meiner Sicht kann man die Grundlagen des Schweizer Modells nicht besser beschreiben, als es Breiding und Schwarz in diesen drei Punkten getan haben. Das Buch ist ein Meilenstein und verdient viele Leserinnen und Leser.