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Herr Escher, wie sollen wir Sie ansprechen?
Alfred Escher: Sie können mich Herrn Nationalrat nennen. Oder Herrn Regierungsrat. Oder Herrn Kantonsrat. Oder Herrn Kirchenrat. Oder Herrn Erziehungsrat. Oder Herrn Direktionspräsident. Oder Herrn Verwaltungsratspräsident. Aber am einfachsten sprechen Sie mich mit meinem Namen an.
Also gut, Herr Escher. War es zu Ihrer Zeit üblich, dass Wirtschaftsführer in so vielen Firmen und Ämtern gleichzeitig aktiv waren?
Das war nötig, um die rückständige Schweiz voranzubringen: Wir hatten kaum Eisenbahnen und zu wenig Banken. Ich gründete die Kreditanstalt, die Rentenanstalt und die Gotthardbahn, auch mit Hilfe meiner politischen Ämter. Heute ist das ja anders. Die Wirtschaftsführer nennen sich Manager, und die Räte heissen Politiker. Die meisten üben nur noch ein Amt aus – mir wäre das zu eindimensional.
Warum wissen Sie auch über die heutigen Verhältnisse Bescheid?
Meinen Sie, ich würde die Entwicklung von Wirtschaft und Politik nicht mehr verfolgen, die ich selber einst so geprägt habe? Seit meinem Tod ist ja einiges passiert: zwei Weltkriege und jetzt, quasi als Fortsetzung meiner Gotthardbahn, der Bau der Neat.
Wie sah zu Ihrer Zeit das Who is who der Schweizer Wirtschaft aus?
Es war weniger umfangreich. Es gab den Spinnereikönig Heinrich Kunz mit seinen neun Spinnereien, es gab die Herren Geigy und Merian von der Basler Chemie, es gab die Milchverarbeiter George Page und Henri Nestlé, es gab Escher Wyss, Rieter und Sulzer mit ihren Maschinen, Sprüngli, Cailler und Suchard mit ihren Schokoladen, und es gab alte Zünfterfamilien, unter denen es begabte Kaufleute hatte.
Sie galten als «Zar von Zürich» oder als «König der Schweiz». Warum sind solche Bezeichnungen für Schweizer Wirtschaftsführer heute undenkbar?
Damals bekam nicht jeder einen solchen Beinamen. Doch die Zeit von Alleinherrschern wie mir lief ab. Schon zu meiner Zeit fing die Aufteilung von Eigentum und Unternehmensführung an: Fortan kümmerte sich ein kaufmännischer Direktor um die Finanzen, ein technischer Direktor um die Produktion. Heute gibt es 20-köpfige Geschäftsleitungen für die Arbeiten, die ich alleine erledigte. Die Zeit der Firmenzaren und Unternehmenskönige ist vorbei.
Wann setzte der Kostendruck ein, der heute so dominant ist?
Der verstärkte sich in Wellen. Gründe dafür konnten politische Wirren wie Kriege sein, welche die Rohstoffe verteuerten oder die Absatzmärkte verkleinerten. Meine Nachfolger wollten 1924 die Arbeitszeit von 48 auf 54 Stunden pro Woche erhöhen, scheiterten damit aber. Dadurch führten Unternehmer wie Iwan Bally Rationalisierungen durch – im Stile von Henry Ford.
Gab es eigentlich auch Frauen, welche die Schweizer Wirtschaft als Unternehmerinnen prägten?
Schon, aber nur wenige. Da wir gerade von der Rationalisierungswelle in den 1920er Jahren sprachen, kommt mir Else Züblin-Spiller in den Sinn. Sie gründete den Schweizer Verband Volksdienst und optimierte die betriebs- und hauswirtschaftlichen Abläufe. Heute heisst Züblins Betrieb SV Group und führt Personalrestaurants. Frauen werden übrigens in Zukunft als Führungskräfte immer wichtiger.
Wenn man sich die Schweizer Wirtschaftselite Mitte des 20. Jahrhundertsanschaut, bekommt man den Eindruck, dass alle einander kannten.
Das war auch richtig so. Man kannte sich aus dem Militär und aus den Verwaltungsräten, wo man immer wieder denselben Gesichtern begegnete. Man sprach damals vom «Old Boys Network». Dagegen sind heute immer mehr Nichtschweizer in Führungspositionen von Schweizer Firmen tätig, die sich nicht aus dem Militärdienst kennen. Dafür sind andere Netzwerke wichtig, etwa in diesem Internet, aber auch Serviceclubs, von denen ich mehrere gegründet habe.
Ist die Globalisierung der Grund für die neuen Netzwerke?
Schon lange vor meiner Zeit waren unsere Kaufleute sehr international tätig, trotz allen Zollschranken. Mit der Industrialisierung kamen viel mehr grenzüberschreitende Geschäfte hinzu. Und vergessen Sie nicht die 1950er Jahre: Da wuchsen die Schweizer Multis, wie man sie nannte – ohne dass jemand von Globalisierung sprach.
Sie, Herr Escher, wurden ja gegen Ende Ihres Lebens richtiggehend demontiert. Hat sich das öffentliche Image von Wirtschaftsführern verbessert?
Die Schönwetterkapitäne der Hochkonjunktur hatten es leicht. Sie konnten die Löhne erhöhen und hatten dennoch exzellente Geschäftsabschlüsse. Spätestens nach der Erdölkrise im Jahr 1973 mussten sich diese Herren allerdings wieder wärmer anziehen. Von da an musste man als Unternehmensleiter unangenehme Positionen vertreten, so wie ich früher. Und wenn man an die Diskussionen um die Abzockerinitiative und die 1:12-Initiative denkt, sieht man durchaus Parallelen von heute zu meiner Demontage damals.
Heute sind die Manager in den Betrieben sehr gefordert. Wie war das zu Ihren Zeiten? Wie hielten Sie es mit der Work-Life Balance?
Ich arbeitete sieben Tage pro Woche, manchmal auch die Nächte; anders war mein Pensum nicht zu bewältigen. Zudem war ich nach dem Tod meiner geliebten Augusta alleinerziehender Vater unserer Tochter. Zweimal fragte man mich, ob ich Bundesrat werden wolle. Ich lehnte ab, weil ich in Zürich bleiben wollte. Damals gab es noch keine Intercity-Züge, noch keine Klapprechner und auch noch keine Taschentelefone.
Nach Ihrem Tod wurde, um Sie und Ihr Wirken zu ehren, auf dem Bahnhofplatz in Zürich ein Alfred-Escher-Denkmal errichtet. Welchem Wirtschaftsführer würden Sie heute ein Denkmal widmen?
Vielleicht dem ersten Chinesen, der eine Schweizer Grossbank präsidiert? Nein, ich denke, dass die Zeit der Denkmäler für einzelne Personen vorbei ist. Die Schweizer mögen Helden heute noch weniger als früher. Und übrigens: Mein Denkmal müsste wieder einmal vom Vogeldreck gereinigt werden.
«Der Schweizer König»: Alfred Escher (1819-1882) war der herausragende Schweizer Wirtschaftsführer und Eisenbahnunternehmer des 19. Jahrhunderts. Er war führend in der Politik, bei der Gründung der Schweizerischen Nordostbahn, der ETH, der Schweizerischen Kreditanstalt (heute CS) und der Rentenanstalt (heute Swiss Life). Er prägte die Schweizer Gründerzeit wie kein Zweiter, weshalb er den Übernahmen «Schweizer König» bekam.