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Eigentlich ist es eine Ehre, wenn ein Regisseur in eine Jury berufen wird. Für den jungen Filmemacher Moritz de Hadeln war es aber schlicht «unerträglich», als er 1968 als Juror ans Amateurfilmfestival nach Nyon eingeladen wurde. Stundenlang schaute er sich belanglose Familienfamilie an – ein Gräuel. «1968», erinnert sich Moritz de Hadeln, «stellten wir alles infrage: die Schweiz. Das bürgerliche Leben. Und natürlich dieses amateurhafte Festival.» Die Organisatoren nahmen seine Kritik ernst. Und prompt erhielten Moritz und seine Frau Erika de Hadeln den Auftrag, nun selber für ein professionelles Filmfestival zu sorgen.
Eine Katastrophe, nichts funktionierte
Die erste Ausgabe 1969 überforderte Moritz de Hadeln. «Es war eine Katastrophe: die Tonanlage, der Projektor, nichts funktionierte.» Doch die pannenreiche Premiere blieb eine Ausnahme. Nyon wurde zu einer der wichtigsten Adressen für den zeitgenössischen Dokumentarfilm.
Die de Hadelns sorgten mit ihrer zum Teil hochpolitischen Filmauswahl für viel Gesprächsstoff, Debatten und Zensurandrohungen. Sie programmierten Schwerpunkte zur Apartheid in Südafrika, zur Bürgerrechtsbewegung in den USA oder zur heiss diskutierten Abtreibungsfrage in der Schweiz. Diese Programmierung sorgte gar für einen Eintrag in der Fiche von Moritz de Hadeln. «Wir hatten Illusionen. Wir waren geprägt von Dsiga Vertow, der sagte, der Film sei eine Waffe. Wir glaubten fest daran, dass der Dokumentarfilm die Welt verändern kann.»
Eine neue Generation, ein neuer Name
Mit der politischen Wende und dem Zusammenbruch des Sozialismus kam es auch in Nyon zu Umbrüchen. Die alte Dokumentaristen-Garde trat ab und die Art und Weise, wie das Festival in Nyon geführt wurde, wurde vor allem in der Deutschschweiz hinterfragt. 1993 verliessen die de Hadelns das Festival.
Übernommen wurde es vom Westschweizer Filmkritiker Jean Perret. Seine erste Amtshandlung war gleich eine Provokation: die Umbenennung in «Visions du Réel». Perret wollte Filme, die nicht nur eins zu eins die Realität abbildeten, sondern sich auch ästhetisch mit dem Thema auseinandersetzten. Das «Wie» war ihm wichtiger als das «Was». Es war ein deutliches Zeichen an die Filmemacher und die Zuschauer, eine Provokation. «Ich wollte nicht nur gute Themen, ich wollte auch gute Filme».
Film wurde zur Massenware
Der neue Anspruch an den Dokumentarfilm in Nyon fiel zusammen mit einer Zäsur im Bereich der Filmtechnologie. Bis Ende der 90er-Jahre drehten die meisten Autoren ihre Filme auf 16-Millimeter-Material. Kaum trat Jean Perret sein neues Amt an, setzte sich mehr und mehr das erschwingliche Video durch. Der Dokumentarfilm wurde zur Massenware und essayistische Videotagebuchfilme wurden Mode.
Für den Ästheten Jean Perret war das zunächst ein Problem und er lehnte in den ersten beiden Jahren Video grundsätzlich ab. Aber mit der Zeit musste er anerkennen, dass Video bisher unbekannte Autoren zu Wort kommen liess, die es auf dem klassischen Weg nie geschafft hätten. Perret nennt das Beispiel China: «Dank Video haben wir eine neue Generation chinesischer Filmemacher entdeckt. Früher wurden chinesische Filme nur in staatliche Studios hergestellt.»
Der Dokumentarfilm wurde begehrter
Nach 16 Jahren verliess Perret das Festival. Der italienische Filmkritiker Luciano Barisone trat in seine Fussstapfen und hat inhaltlich leichte Kurskorrekturen angebracht. Barisone will sich von der Verpackung eines Filmes nicht blenden lassen. Ihm sind Filme wichtig, die eine definierte Haltung zum Thema, zu den Protagonisten und zu den Zuschauern einnehmen.
Heute ist die Suche nach geeigneten Dokumentarfilmen für Nyon aufwändiger geworden. Denn der künstlerische Dokumentarfilm ist zur begehrten Ware geworden. Nicht nur traditionelle Dokumentarfilmfestivals konkurrieren mit «Visions du Réel», sondern auch Generalisten-Festivals der A-Liga wie die Berlinale oder Locarno.
Dennoch scheint Barisone einen guten Spürsinn zu haben. Der Film «El lugar mas peqe ño» gewann 2011 – in Barisones erstem Jahr – den Hauptpreis in Nyon. Danach lief er auf über 100 Festivals und gewann über 20 Preise.