Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/3139

Von Mark Andreas Seiler
Bild- und Textband über das Hotel Glacier du Rhône in Gletsch (1858–1984), die anderen Seiler’schen Gastbetriebe in Zermatt, Bern und Küsnacht am Zürichsee und markante Unternehmerpersönlichkeiten dieser wohl bekanntesten Walliser Hoteliersfamilie.
Mit einem Vorwort von alt Bundesrat Pascal Couchepin.
In der ersten Hälfte der 1830er-Jahre eröffnete Joseph Anton Zeiter aus Münster am Fusse des Rhonegletschers eine erste Gaststätte mit etwa zwölf Betten. Die Zeichnung für die Affiche wurde von Lorenz Justin Ritz im Sommer 1836 während eines zweitägigen Aufenthalts vor Ort ausgeführt.
Auf dem wohl 1855 oder 1856 von Alexandre-Pierre Bertrand aufgenommenen Bild ist das Gasthaus noch in seiner ursprünglichen sehr bescheidenen Gestalt, wie es Alexander Seiler (1819-1891) und sein Bruder wenige Jahre danach von Zeiter übernahmen, zu sehen.
Franz Seiler (1827-1865), Bruder Alexanders des Älteren, Grossrat und Notar, plädierte in der Gemeindeversammlung vom 19. Dezember 1857 in Münster für die Überlassung von Bauland zwecks Vergrösserung der Herberge. Spätestens im August 1861 stand südwestlich des alten Zeiterhauses ein erster dreigeschossiger Erweiterungsbau, der die Zahl angebotener Gastbetten auf 40 erhöhte. In der Legende dieser Affiche der früheren 1860er-Jahre weisen die Hotelunternehmer Seiler auf die von ihnen geführten Hotels Monte Rosa und Riffelberg in Zermatt hin.
Die Eröffnung der Passstrasse über die Furka im Jahre 1866 erhöhte die Zahl der Reisenden dermassen, dass sich eine nochmalige Vergrösserung aufdrängte: Bis spätestens 1870 wurde ein gleicher Baukörper symmetrisch im Nordosten angefügt, und an die Stelle der Herberge der 1830er-Jahre trat ein Mittelrisalit. Auf der Gouache von Konrad Corradi ist das Hotel nach der zweiten Erweiterung (1870 oder wenig später) abgebildet.
In einer dritten Bauphase wurde in Gletsch bis etwa 1892 das Hauptgebäude um ein Stockwerk erhöht, mansardiert und im Nordosten, in Richtung Gletscher, um einen gegen die Strasse hin vorspringenden Trakt mit fünf Fensterachsen erweitert, in dem sich der grosse Speisesaal befindet.
Die „Reisenden-Karawanserei“ Gletsch in der Belle Epoque: Kommen und Gehen vor dem Hotel, wie es für eine deutsche Volksillustrierte in den 1890er-Jahren festgehalten wurde. Im Mittel- und Hintergrund fünf Pferdekutschen, zwei Damen sind zu Pferd unterwegs.
Zur Bedeutung des Etappenortes Gletsch trugen die Verzweigung der beiden Passstrassen bei, ein gastgewerbliches Angebot, das weitgehenden Ansprüchen (wie jenen des europäischen Hochadels) genügte, und ganz besonders die in den Reiseführern der Zeit gerühmte Nähe der beiden Hotels und auch der Strasse zum Rhonegletscher. Die Aufnahme zeigt den Eisstrom des Gletschers und die Serpentinen der Furkastrasse bei Belvédère im Jahre 1894.
Auf der um 1900 aufgenommenen Fotografie sieht man den Speisesaal mit den Tables d’hôte und den damals üblichen Bugholzstühlen. Die Fenster sind zwecks Mehrung des Lichteinfalls während der Aufnahme sperrangelweit geöffnet. Vor den Fenstern rote, mit kostbaren breiten St. Galler Stickereibordüren besetzte Vorhänge der 1890er-Jahre. An den Zwischenwänden bedeutende Walliser Buffets des 17. und 18. Jahrhunderts; auf diesen antikes Zinngeschirr (vornehmlich Kannen). An den Wandflächen über den Buffets Ölbilder (mehrheitlich Stillleben) des italienischen Barock. In der Mitte der Querwand ein Kamin, auf dem Sims Leuchter und eine Kaminuhr, darüber ein mit Akanthusblättern beschnitzter hoher Florentiner Barockspiegel, der Tische und Deckenleuchter widerspiegelt. Links hiervon ein weiteres Buffet, mit acht beschnitzten Türen; darauf dicht arrangiert Walliser Zinnteller. Der Parkettboden ist aus Kirschholz. Vor den beiden mittleren Fenstern wartende Kellner im Frack.
Der grosse Speisesaal in den 1970er- und 1980er-Jahren. Der Service par petites tables an einer Vielzahl verschieden grosser runder Tische trat in den 1920er-Jahren an die Stelle jenes an den langen Tables d‘hôte. Um 1930 und in den folgenden Jahren wurden kunsthandwerklich weniger bedeutende zeitspezifische Elemente des Belle Epoque Interieurs ersetzt, die wertvollen originalen des 17. und 18. Jahrhunderts durch im Barockstil elegant historisierende (holländische Deckenleuchter, farblich hervorgehobene Architrave, geschnitzte Supraporten, eine barockisierende Bestuhlung) ergänzt und das Ensemble insgesamt so komponiert, dass es der von Cäsar Ritz initiierten intimeren Grand Restaurant-Interpretation und dem privateren Lebensstil der Zwischenkriegszeit entsprach.
Hermann Seiler (1876-1961), seit Mitte der 1920er-Jahre aus familialer Solidarität Alleineigentümer des Hotelunternehmens beim Ursprung des Rotten, führte als Generaldirektor und einer der Hauptaktionäre der Hotels Seiler Zermatt 1927/28 am Fusse des Matterhorns einen ersten probeweisen Sportwinter durch, indem er 180 englische Sommerstammgäste nach Zermatt einlud und sie in 50 Pferdeschlitten von St. Niklaus (bis wo ein Extrazug sie brachte) zum Hotel Victoria fahren liess. Auf die folgende Wintersaison 1928/29 hin boten die Hotels Seiler in den nunmehr schon drei für den Winterbetrieb eingerichteten Häusern Mont Cervin, Victoria und Beau Site 520 Gästebetten an, wie dem Textteil dieses Prospektes zu entnehmen ist.
Die frühe Zermatter Wintersaison beruhte nicht nur im Jahr der Lancierung, sondern auch in der Folge Jahr für Jahr auf grossen organisatorischen, baulichen und werbemässigen Anstrengungen, die von der Leitung der marktführenden Hotelgesellschaft selbst, unter deren Ägide oder auf deren Anstoss hin geleistet wurden. Hierzu gehörte der kontinuierliche Aufbau der Skischule und des Angebots an zahlreichen weiteren Sportmöglichkeiten wie Hochgebirgsskitouren, Skilanglauf, Schanzenspringen, Eislauf, Curling, Eishockey, Skijöring, Pferdeschlittenfahrten, Tailing Parties, Schlittelbahnen und wintersicheren Wanderwegen. Nachfrageseitig unabdingbar für die Etablierung des Zermatter Sportwinters vor dem Zweiten Weltkrieg war offensive Überzeugungsarbeit gegenüber Sommerstammgästen, Vertretern der Presse, ausländischen Reisevertriebsorganisationen, Wintersportclubs und Wintersportartikelgeschäften. Die Cousins bzw. Brüder Emeline, Andreas und Eduard Seiler verbrachten auch noch in den 1930er-Jahren jährlich im Rahmen mehrerer Reisen während des vierten Jahresquartals Wochen in London, Paris, Brüssel, Amsterdam, Stuttgart, Frankfurt, Berlin, Leipzig und Dresden, um Kontakte mit Vertretern von Clubs und Reiseagenturen, Zeitungen und Zeitschriften zu knüpfen oder zu vertiefen. Mit Hunderten von persönlichen Briefen und Privatbesuchen bei Sommerstammgästen im Ausland, zumal in Paris und London, wurde für „Zermatt im Winter“ geworben. Cocktailparties im Londoner Ritz dienten eigens dem Zweck, neue Wintergäste zu gewinnen und alte zu motivieren, nach Zermatt zurückzukehren.
Als eine der basalen Voraussetzungen für die Sportwinter am Fusse des Matterhorns musste gelten, dass die einheimischen Bergführer sich mit dem Skilauf anfreundeten und zu Skihochtourenleitern und Skilehrern ausgebildet wurden. Im Januar 1902 hatte Hermann Seiler als 26jähriger Präsident der Sektion Monte Rosa des Schweizer Alpenclubs in Zermatt den für den alpinen Skisport „in verschiedener Richtung bahnbrechend[en]" (Neue Zürcher Zeitung vom 8. Februar 1952) ersten Skikurs in der Schweiz organisiert. Auf der Fotografie sind die Kursteilnehmer auf dem Gornergletscher zu sehen. Victor de Beauclair, einer der beiden Kursleiter, und Hermann Seiler erscheinen auf der Fotografie als zweiter bzw. vierter von links. Der zweite Kursleiter, Albert Weber, von 1904 an erster Präsident des Schweizer Skiverbandes, machte die Aufnahme am 12. Januar 1902.
Aus den beiden Hotels beim Rhonegletscher entwickelten sich seit Anfang der 1940er Jahre an Orten ohne strikte lagebedingte Beschränkung der Betriebszeit auf einen Jahresbruchteil gastgewerbliche Unternehmen, die nach Stil, qualifiziertem Interieur und hervorragender Situation tradierte Vorgaben aufnahmen: seit der ersten Hälfte der 1940er-Jahre das Restaurant Ermitage in der Berner Altstadt (dessen Carnotzet auf das Walliser Interieur des Glacier du Rhône verwies), eine Gaststätte, „die zu den schönsten im ganzen Lande" (Berner Tagblatt vom 30. November 1946) gezählt werden konnte, und um 1950 das „traumhaft gelegene[]" (Neue Zürcher Zeitung vom 30. September 2005) Restaurant und später, von 1961 an, auch Hotel Ermitage in Küsnacht.
Seit 1925 wirkte Hermann Seiler als Vizepräsident und 1928 bis 1945 als Zentralpräsident des Schweizer Hoteliervereins. Von 1932 und 1933 an übernahm er die Chargen des Vizepräsidenten des Schweizerischen Fremdenverkehrsverbandes wie auch der Schweizerischen Fremdenverkehrszentrale. Die Neue Zürcher Zeitung urteilte in ihrer Ausgabe vom 10. Juni 1945, der ehemalige Walliser Staatsrat habe während der Krisenzeit und des Zweiten Weltkriegs sein Amt als Zentralpräsident des Schweizer Hoteliervereins „mit der ganzen Umsicht, Tatkraft und Überlegenheit einer für einen solchen Posten in ungewöhnlichem Masse befähigten Persönlichkeit“ ausgeübt. Gemäss Wortlaut der Neuen Zürcher Zeitung vom 24. August 1961 trug er so „wesentlich zur Sanierung des gesamten Gastgewerbes“ bei. 1929 wählten ihn in Rom die etwa 300 Delegierten aus 18 Ländern der Alliance internationale de l’hôtellerie für eine dreijährige Amtszeit einstimmig zu ihrem Präsidenten, in der Folge zu einem ihrer Ehrenpräsidenten. Auf der Aufnahme der späteren 1930-Jahre wird Seiler von einer Delegation im Ausland empfangen.