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SRF: Afrika war die zweite Heimat von Al Imfeld, warum?
Lotta Suter: Auf den ersten Blick ist das eine sehr unwahrscheinliche Beziehung. Al Imfeld ist als erstes Kind von dreizehn Kindern aufgewachsen, in einem Kleinbauernhof im Luzerner Hinterland. Wie kommt so ein Mann nach Afrika?
Doch die Antwort ist naheliegender als man vielleicht denkt: In jenen katholischen Gegenden waren Missionare sehr aktiv, sie erzählten von China, von Afrika und von Fremden – das hat Imfeld schon als kleinen Buben sehr fasziniert.
Später hatte er diese Faszination ausgelebt, jedes Land Afrikas besucht. Was hat ihn immer wieder dorthin gezogen?
Weil er durch die Missionen dort hingekommen ist, hat er schnell gesehen, dass es eine koloniale Beziehung ist und das hat ihn sehr geärgert. Das wollte er auf jeden Fall ändern. Seine Beziehung zu Afrika war eine der Vermittlung. Er wollte vermitteln, dass das eine Kultur ist wie jede andere, mit einer langen Geschichte, mit einer komplexen Agrikultur, mit einer literarischen Tradition, mit einem kulturellen Reichtum.
Al Imfeld
|Alois Johann Imfeld, kurz Al, wurde am 14. Januar 1935 als ältestes |
von 13 Kindern im Napfgebiet geboren. Er studierte zuerst Theologie,
später unter anderem Soziologie und Journalismus. Durch zahlreiche
längere Aufenthalte in afrikanischen Ländern wurde er zum gefragten
Experten. In der Schweiz war er langjähriger Mitarbeiter der «WOZ», mit
der er seit der Gründung verbunden war. Für sein literarisches Schaffen
und sein Engagement wurde Al Imfeld vielfach ausgezeichnet.
Er ist im Luzerner Entlebuch aufgewachsen, einer religiösen Gegend. Und er hatte auch Theologie studiert. Wie hatte er es am Ende seines Lebens mit dem Glauben?
Dass er Theologie studiert hat, hatte mit seinem Aufwachsen zu tun. Das war für ihn, der aus einer nichtvermögenden Familie stammte, die Möglichkeit eine Hochschulbildung zu bekommen. Imfeld ist in den 60er-Jahren zum Priester geweiht worden und er ist auch bis zum Ende seines Lebens Mitglied des Ordens der Bethlehemgesellschaft geblieben. Doch sein Glaube, seine Spiritualität, ebenso wie seine Tätigkeit umfasste die ganze Welt. Alle Kontinente, Menschen verschiedenster Kulturen.
Das begann schon als junger Mensch. Seine Dissertation schrieb er über verschiedene Ansätze, wie man über Transzendenz nachdenkt. Das war für ihn immer wichtig – aber im Sinne von: Ich lebe in dieser Welt und ich möchte mich um die Menschen hier kümmern. Er sagte immer, er möchte etwas vom Heiligen in den Alltag hineinbringen. Er war nicht sehr an einer jenseitigen Religion interessiert.
In den 1960er-Jahren ist Al Imfeld zum ersten Mal nach Afrika gereist, nach Rhodesien, ins heutige Zimbabwe. Bereits dort hatte er Probleme mit der Regierung. Wie kommt es, dass er so oft von lokalen Herrschern des Landes verwiesen wurde?
Er hat sich einfach an keine Regeln gehalten. Das antiautoritäre habe er von seinem Vater geerbt, sagte er immer. Er dachte sehr stark darüber nach, was in einer Situation richtig ist, wie er reagieren will. Hat sich dann aber nicht um Autoritäten und Macht gekümmert. Er machte, was er dachte, das man machen muss.
Er war nicht nur an der Front tätig – er schrieb auch darüber und gewann für sein literarisches Schaffen Preise. Seit über 30 Jahren arbeitete er an einer grossen Anthologie afrikanischer Gedichte, die Ende 2015 herauskam. Was trieb ihn zu dieser Arbeit an?
Für ihn wurde im Verlauf der Jahre die Vermittlung immer wichtiger. Dass es wichtig ist, eine andere Kultur zu verstehen. Dass es nicht zu sehr um Hilfe geht, die eben immer etwas paternalistisch, von oben herab kommt. Es ging ihm darum, die anderen zu verstehen, zu anerkennen, ihnen etwas Würde zu geben, die ihre Kultur verdient.
Mit diesem Buch wollte er viele Dichterinnen und Dichter aus Afrika selber sprechen lassen. Ich habe bei diesem Projekt mitgemacht und viele dieser Gedichte übersetzt. Dabei habe ich selber gemerkt, wie sich mein Afrikabild mit jedem Gedicht, mit jedem Land wieder etwas ändert und mir neue Zugänge gibt.
Als Al Imfeld begonnen hat, war er ein Einzelgänger. Stimmt der Eindruck, dass die Hilfswerke heute seine Philosophie, für die er steht bei der Entwicklungshilfe, übernommen haben?
Das wäre etwas zu linear gedacht. Und lineares Denken lag Al Imfeld gar nicht. Ich würde ihn eher als Pionier bezeichnen. Er hat sehr viele neue Zugänge geschaffen, hat immer wieder quer gedacht. Auf jeden Fall ist er immer ein kritischer Begleiter der Hilfsorganisationen geblieben.
Das Gespräch führte David Vogel.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 16.2.2017, 17:08 Uhr.
Zur Person
Lotta Suter studierte Philosophie und Publizistik. Sie war Mitbegründerin und langjährige Redaktorin der «WOZ». Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Übersetzerin. Sie lebt in der Nähe von Boston.