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Elektrolok Ae 6/6 11407 «Aargau»
Bereits in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts beschafften die SBB eine beträchtliche Zahl von Elektrolokomotiven. Ein fortwährender Verkehrsanstieg und der beabsichtigte Ersatz der verbliebenen Dampflokomotiven durch Elektrolokomotiven machten in den 50er-Jahren eine erneute Beschaffung von universell einsetzbaren Lokomotiven notwendig. Während die vor dem Krieg beschafften Lokomotiven im Allgemeinen auf dem Konstruktionsprinzip der starren Rahmen und grossen Elektromotoren im Lokkasten basierten, ging die Entwicklung nun dahin, dass die Elektromotoren derart verkleinert werden konnten, dass sie in einem Drehgestell unter der Lok Platz fanden. Dies ermöglichte eine leichtere Konstruktionsweise und ein beweglicheres Fahrwerk, das entsprechend höhere Geschwindigkeiten zuliess. Insbesondere auf kurvenreichen Strecken war dieses bewegliche Fahrwerk ein erheblicher Vorteil. Die erreichten Gewichtsreduktionen ermöglichten zudem eine Konstruktion ohne antriebslose Laufachsen. Dies bedeutet, dass das gesamte Gewicht der Lokomotive für die Kraftübertragung auf die Schiene genutzt werden kann.
Nach Massgabe der SBB entwickelte die Schweizer Industrie eine sechsachsige Lokomotive der Achsfolge Co’Co, also zu je drei Achsen in zwei Drehgestellen. Diese wies eine Leistung von 4300 kW (5830 PS) auf und brachte 120 t auf die Waage. Mit ihrer hohen Zugkraft und einer Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h konnte sie sowohl vor Schnellzügen als auch vor schweren Güterzügen eingesetzt werden. Als technische Neuerung verfügten die Maschinen über eine elektrische Rekuperationsbremse. Bei Talfahrt oder beim Abbremsen des Zuges konnten die Fahrmotoren zu Generatoren umgeschaltet werden. Die sich daraus entfaltende Bremskraft wird dabei in elektrischen Strom umgewandelt und an den Fahrdraht zurückgegeben. Geliefert wurden die Loks von den Firmen BBC und MFO als Elektrofirmen und der SLM im mechanischen Teil. Der elektrische Teil wurde im BBC Zweigwerk Münchenstein eingebaut.
Obwohl als Universallokomotive konzipiert, erlangten die Maschinen schnell Bekanntheit als Gotthard-Lokomotiven. Sie waren das Paradepferd der SBB in den 50er-Jahren. Die ersten 25 Lokomotiven mit den Nummern 11401 – 11425 erhielten die Namen und Wappen der damals 25 Kantone der Schweiz. Zudem wurden sie mit einem markanten Chrom-«Schnauz» auf der Frontseite und einem breiten Chromstreifen an den Seitenwänden verziert. Unsere Lokomotive – die 11407 – wurde dabei zur Aargauer Kantonslok. Die nächsten 25 Lokomotiven erhielten die Wappen der Kantons-Hauptorte. Anschliessend folgten noch weitere 70 Lokomotiven, bis die Serie von 120 Lokomotiven im Jahr 1966 komplett war. Diese erhielten die Wappen von Schweizer Städten, darunter auch die Aargauer Kleinstädte Baden (11452), Zofingen (11467), Lenzburg (11468), Brugg (11470) und Wohlen (11491). Als Standorte bedeutender Bahnhöfe (Abzweig Seetal- resp. Furttal-Linie) erhielten auch Wildegg (11507) und Wettingen (11508) «ihre» Ae 6/6. Bei den sogenannten Städteloks verzichtete man auf die markante Chromverzierung.
Die Aargauer Kantonslok 11407 wurde am 31. März 1956 von den SBB übernommen. Am 24. Mai 1956 wurde die Lok in Aarau eingeweiht und fuhr anschliessen mit einem beachtlichem Zug, der mit Schulkindern aus dem gesamten Kanton besetzt war, über den Gotthard nach Locarno.
Die Gotthardstrecke war dann auch die erste Heimat unserer Lokomotive. Dort fuhr sie vor allem Schnell- und Güterzüge. Sie lösten dort die schwächeren Krokodile und Ae 4/7 ab. Mit ihren Chromstreifen und Wappen wurden die Ae 6/6 richtiggehend zu Stilikonen und fanden nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland, grosse Beachtung.
Mit dem Bau der noch stärkeren Re 6/6 in den 70er-Jahren verloren die Ae 6/6 nach und nach Leistungen am Gotthard und wurden sukzessive ins Flachland abgegeben. Hier wurden sie mit Handkuss angenommen und übernahmen fast alle Leistungen. Vor allem schwere Güterzüge, aber auch Schnellzüge wurden ihnen anvertraut, die vorher mit den in die Jahre gekommenen Lokomotiven aus der Elektrifizierungszeit geführt wurden. Nach der Divisionalisierung der SBB im Jahr 1998 wurden die Lokomotiven der Division Cargo zugeschlagen. Dort verrichteten sie nur noch Güterzugdienste. Anfangs dieses Jahrhunderts wurden die Maschinen auch bei Cargo zusehends entbehrlich. Auch machten sich die langen Jahre im harten Dienst bemerkbar. Hiervon waren vor allem die Speichen der Räder betroffen, die oftmals Risse aufwiesen. Der vernachlässige Unterhalt tat auch sein Übriges, so dass die einst so stolzen Maschinen zum Ende ihrer Betriebszeit einen erbärmlichen Anblick boten.
Bereits kurz nach Ablieferung war unsere Ae 6/6 in einen schweren Unfall verwickelt: Am 12. März 1957 stiess die noch neue Lok von Basel kommend bei Sissach mit in Gelterkinden entlaufenen Personenwagen zusammen. Trotz schwerer Schäden wurde die Lok wieder instand gesetzt, während ein Grossteil der betroffenen Personenwagen nicht wieder hergestellt werden konnten. In den nachfolgenden fünf Jahrzehnten des täglichen Betriebs blieb sie jedoch von grossen Unglücken verschont.
Mit dem vermehrten Ausscheiden der Ae 6/6 reifte beim Verein der Gedanke, eine Lok der Nachwelt zu sichern. Es zeigte sich immer mehr, dass bei verschiedenen Sonderfahrten eine Lok mit elektrischer Bremse fehlte, um starke Gefälle problemlos zu befahren. Mit unserem Heimatstandort in Brugg lag es nahe, sich um die Lok „Aargau“ zu bemühen und diese somit vor dem Schneidbrenner zu retten. Erste Anfragen stiessen bei den SBB auf taube Ohren. Später öffnete sich aber ein Türchen, indem die Aussicht bestand, die «Aargau» als Leihgabe von SBB Historic übernehmen zu können. Die Lok war immer noch bei Cargo im Einsatz, als die Anfrage gestellt wurde. Kurze Zeit später wurde die Maschine wegen Speichenrissen abgestellt. Abklärungen hatten ergeben, dass die Risse nicht gravierend waren und die Lok weiter betrieben werden könne.
So traf die Lok am 11. August 2010 in Brugg ein. Dort wurde sie mit einem kleinen Festakt empfangen und anschliessend wurde ein Arbeitsplan erstellt. Ziel war es, die Maschine weitgehend in den Ablieferungszustand von 1956 zu versetzen. Hierzu mussten aber vorerst die finanziellen Voraussetzungen geschaffen werden. Der Lok waren noch zu Betriebszeiten die Wappen und Nummernschilder gestohlen worden. Hier half SBB Historic aus, da die Modelle der Wappen noch vorhanden waren, was einen Nachguss ermöglichte. Auch Modelle der verschiedenen Schilder waren noch vorhanden. Die Chromteile waren in einem desolaten Zustand und mussten sich einer Neuverchromung unterziehen. Hier half ein Vereinsmitglied mit einer grossen Spende und auch das Gavanikwerk spendete einen grossen Beitrag.
Die umfassende Restauration mit kompletter Neulackierung und mechanischer Revision wurde aber erst dadurch ermöglicht, dass der Aargauer Lotteriefond einen ansehnlichen Betrag sprach. Als Glücksfall für den Verein Mikado erwies sich die Tatsache, dass das Ende der Ae 6/6 bei den SBB relativ abrupt kam und so zu Beginn der 2010er-Jahre auch Lokomotiven in gutem Zustand dem Abbruch zugeführt wurden. Entsprechend konnten frisch revidierte Drehgestelle mit intakten Speichen und guten Radreifen aus einem Abbruchfahrzeug gewonnen werden. Diese Drehgestelle – jedes davon 30 t schwer – wurden über die Weihnachtsferien 2012 im Rangierbahnhof Limmattal gewechselt. Spenderlok war die Nr. 11455. Die Laternen wurden wieder in der ursprünglichen Ausführung angebracht. Diese wurden der Abbruchlok 11405 entnommen. Für den Neuanstrich wurde das ursprüngliche Tannengrün verwendet, während das Fahrwerk hellgrau und das Dach in Silber lackiert wurden, genau so wie die Lokomotive vor über 60 Jahren die Werkshallen verlassen hat.
Am 14. Mai 2014 war es zum zweiten Mal soweit, dass die «Aargau» eingeweiht werden konnte. Die Lok absolvierte ihre 2. Jungfernfahrt wiederum mit einem beachtlichen Zug nach Locarno. Seither verkehrt sie ab und zu vor Sonderzügen und kündet von der hervorragenden Lokbaukunst, welche auch von im Aargau ansässigen Unternehmen ausging.
Zur Gewährleistung der langfristigen Betriebsbereitschaft wurden verschiedene Ersatzteile auf die Seite gelegt. Zu erwähnen sind die grössten Brocken, wie Transformator mit Stufenschalter, ein komplettes Drehgestell, Wendeschalter, Bremsdrosselspuhlen und vieles mehr.
So bleibt zu hoffen, dass die Lok der Nachwelt noch viele Jahre betriebsfähig erhalten bleibt. Der Verein Mikado 1244 ermöglicht dies so weit als möglich mit Eigenleistungen. Spezialarbeiten wie das Überdrehen von Radsätzen oder das Aufbereiten von Transformatorenöl müssen jedoch extern ausgeführt werden.
Als Besonderheit hat die Firma Märklin im Jahr 2019 ein exaktes Modell der Museumslokomotive 11407 in ihrem heutigen, restaurierten Zustand in Baugrösse H0 (Massstab 1:87) auf den Markt gebracht, das sich grosser Beliebtheit erfreut.
Technische Angaben der Ae 6/6 11407 «Aargau»
|Baujahr||1955|
|Inbetriebsetzung||1956|
|Herstellerfirma||SLM, BBC und MFO|
|Leergewicht||120 t|
|Achsanordnung||Co'Co'|
|Grösster Achsdruck||20 t|
|Länge über Puffer||18,4 m|
|Triebraddurchmesser||1,26 m|
|Höchstgeschwindigkeit||125 km/h|
|Dauerleistung (bei 80 km/h)||5250 PS; KW|
|Zugkraft||392 kN|
|Achslager an allen Achsen||Rollenlager|
|Gesamtleistung||Mio km|
Anhängelast bei:
|Steigung||Anhängelast|
|0 ‰||2000 t|
|12 ‰||1300 t (1600t)|
|26 ‰||650 t|