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Historienfilm. GB/USA 1984
Alternative Titel -
Regie David Lean
Drehbuch David Lean nach dem Roman von E.M. Forster und dem Stück von Santha Rama Rau
Produktion Richard B. Goodwin, John Bradbourne
Schnitt David Lean
Musik Maurice Jarre
Kamera Ernest Day
Darsteller Judy Davis, Victor Banerjee, Peggy Ashcroft, James Fox, Alec Guinness,
Nigel Havers, Saeed Jaffrey, Art Malik, Richard Wilson, Antonia Pemberton, Roshan Seth
Länge 157 Min.
US-Kinostart 14.12.1984
|Humor||Spannung||Action||Gefühl||Anspruch||Erotik|
© Text Marco,
molodezhnaja 20.8.06
© Bilder Arthaus, Screenshots molodezhnaja
STORY
In den 1920er-Jahren reist die Engländerin Adela Quested (Judy Davis) mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter Mrs. Moore (Peggy Ashcroft) nach Indien. In der britischen Kolonie will Adela ihren Verlobten Ronny (Nigel Havers), Mrs. Moores Sohn, besuchen, der als Richter arbeitet. Während die Engländer in Indien die Einheimischen mit Verachtung behandeln, möchte Adela das "richtige Indien" kennen lernen und Mrs. Moore freundet sich in einer Moschee mit dem indischen Arzt Dr. Aziz H. Ahmed (Victor Banerjee) an. Der bietet an, die beiden Damen in die legendären Marabar-Höhlen bei Chandrapur zu begleiten, von denen der Gelehrte Prof. Godbole (Alec Guinness) meint, sie seien weder heilig noch schön. Doch schon beim Aufbruch gibt es Probleme, da Godbole und der liberale Engländer Richard Fielding (James Fox) den Zug verpassen. Während des Höhenbesuchs kommt es prompt zu einem Zwischenfall und Dr. Aziz wird verhaftet. Er soll versucht haben, Adela zu vergewaltigen!
REVIEW
David Lean drehte seine drei bekanntesten und besten Filme nacheinander: 1957 "The Bridge on the River Kwai", 1962 "Lawrence of Arabia" und 1965 "Dr. Zhivago", bevor er mit "Ryan's Daughter" einen künstlerischen und vor allem finanziellen Reinfall erlitt. Fortan blieb der passionierte Filmemacher dem Kino fern und alles deutete darauf hin, dass die Welt nie wieder einen echten Lean zu Gesicht bekommen würde. Sein Projekt "Empire of the Sun" gab er auf, sein Verehrer Steven Spielberg übernahm den Film. Doch 1985, vierzehn Jahre nach seinem letzten Film, lieferte Lean mit "A Passage to India" doch noch einen Werk ab - es sollte sein letztes sein, und sicher nicht sein bestes. Doch selbst ein durchschnittlicher Lean ist besser als die Mehrheit der Kost, die sonst auf die Leinwände der Welt kommt.
"A Passage to India" basiert grösstenteils auf dem Roman von E.M. Forster mit Beigaben des Bühnenstücks der Bengalin Santha Rama Rau sowie David Leans eigenen Drehbuchänderungen. Die Story ist nicht so ausgefeilt wie in Leans besten Filmen und es fehlt die Innbrunst eines "Kwai" oder die Vielschichtigkeit eines "Lawrence". Stattdessen versucht Lean, Forsters Kulturclash detailgetreu wiederzugeben, und dabei ein paar Fragen betreffend des Zusammenlebens von Engländern und Indern in den Raum zu stellen. Einzelne Figuren deuten bereits die indische Unabhängigkeit an und besonders der beinahe unterwürfige Aziz repräsentiert im Verlauf des Films die Emanzipation von den Engländern.
Diese Ideen im Hintergrund empfand ich als reizvoller als die Hauptgeschichte um Adela und ihre mögliche Vergewaltigung. Deren Aufbau erinnert bisweilen an den besseren "Picnic at Hanging Rock" von 1975, der lyrisch das Verschwinden einiger Mädchen in abgelegenen Hügeln zum Thema hatte. Adela verschwindet zwar nicht, doch ihr Geist setzt aus und ihre Emotionen, vielleicht sogar ihre Lust (die bei einem Tempelbesuch angedeutet werden) kommen zum Vorschein. Ob diese Gefühle sie einfach übermannt haben oder ob doch mehr passierte, bleibt offen, wenngleich mir die Interpretation, die am wenigsten vom Erzählten abweicht, die plausibelste scheint.
Mehr Kraft holt der Film aus seiner Präsentation. Nur wenige Menschen verstehen Kino besser als David Lean und auch hier zeigt sich Lean in guter Form. Die Bilder sind ein Genuss, Maurice Jarres "Oscar"-gekrönte Musik bisweilen deplaziert, aber stets wuchtig, die Statistenaufmärsche beeindruckend, der Einbezug der indischen Architektur vorzüglich. Es entsteht tatsächlich ein grossartiges Bild des damaligen Indiens, obwohl die europäische Sicht überwiegt - und warum auch nicht: Es ist die Betrachtung eines Landes aus fremder Sicht, ohne aufdringliches Exotik-Flair, aber mit viel Neugier.
Die Schauspieler, die meisten davon geschulte britische Theaterleute, geben ihr Bestes, um angesichts der technischen Überwältigung nicht zu kurz zu kommen. Judy Davis, als eine Art Nicole Kidman ihrer Generation, ist ideal besetzt als fragile und auf ihre Art durchaus starke Frau. James Fox und "Oscar"-Preisträgerin Peggy Ashcroft, die die besten Dialogzeilen des Films hat, sorgen für den süffisanten Teil. Nur Alec Guinness, Leans Glücksbringer, ist fehlbesetzt als weiser Inder. Dass Guinness in verschiedene Rollen schlüpfen kann, hat er mehrfach beweisen, doch hier wirkt dies a) wie ein Show-off-Spiel und b) unnötig, da es genügend indische Schauspieler gäbe, die einen überzeugenderen Inder gespielt hätten. Der aus Gujarat stammende Ben Kingsley (alias Krishna Bhanji) war in "Gandhi" drei Jahre früher nicht umsonst eine schlauere Besetzung. Guinness spielt trotz dieses Handicaps solide. Die "echten" Inder kommen etwas zu kurz. Nur der bengalische Parallel-Cinema-Veteran Victor Bannerjee ("Chess Players", "Kalyug", My Brother Nikhil) hat eine echte Hauptrolle. Mit dem Bühnen-, Independent- und späteren Bollywood-Nebendarsteller Saeed Jaffrey, dem primär in westlichen Produktionen beheimateten Roshan Seth ("Indiana Jones and the Temple of Doom") und der Bollywood-Schauspielerin Dina Pathak (1922-2002, Devdas) erhält er immerhin ein wenig südasiatische Unterstützung.
Verwunderlich ist es jedoch nicht, dass primär englische Akteure zum Zug kommen, denn Lean ist eher interessiert am Einfluss Indiens auf seine Landsleute, als auf jenen der Engländer auf die unterdrückten Inder. Fielding wird einmal gefragt, was er in Indien zu suchen habe, Mrs. Moore versucht sich in Völkerverständigung und bei Adela bringt das fremde Land womöglich lange unterdrückte Gefühle hervor. Die "Passage to India" ist demnach durchaus auch spirituell zu sehen, nicht nur wegen des etwas gar plump eingeflochtenen Reinkarnations-Ideen im Plot, sondern wegen dem Wandel der Menschen, die dieses Land bereisen und dessen Aura sie nie ganz fassen können.
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Roger Ebert (4/4)
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