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Wildhaus
Orte
Station 1: Zwingli-Geburtshaus
Das Geburtshaus von Ulrich Zwingli steht im Ortsteil Lisighaus und ist zugleich eines der ältesten erhaltenen Bauernhäuser der Schweiz. Wann und von wem es gebaut wurde, ist nicht bekannt. Es diente im 19. Jahrhundert als Schulhaus, um 1900 wurde es renoviert und der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons St. Gallen geschenkt. Diese betreibt darin ein Museum.
Der zweigeschossige Blockbau besteht im Erdgeschoss aus einer Wohnküche, einer Stube und einem Nebenraum, im Obergeschoss sind zwei Schlafkammern. Nach dem Bau sind einige Veränderungen vorgenommen worden. So ist der heutige Eingang frontseits nicht der ursprüngliche, er befand sich ursprünglich wahrscheinlich an der Westseite. Auch die grosszügige Fensterreihe in der Frontseite wurde erst für den Schulbetrieb ausgeschnitten. Das Mobiliar stammt grossenteils aus dem Schweizerischen Landesmuseum oder aus der Region.
Station 2: Zwingli-Quelle und Zwingli-Brunnen
Beim Zwinglihaus sprudelt schon seit Menschengedenken eine Quelle, die zuverlässig gutes Wasser liefert. Wahrscheinlich ist die Siedlung Lisighaus sogar um diese Quelle herum entstanden. Die ältesten Wasserrechte gehören zum Zwinglihaus, der kleine Ulrich dürfte also täglich aus der Quelle bzw. dem darüber gebauten Brunnen getrunken haben. 1951 wurde der heutige Brunnen nach einem Entwurf des Winterthurer Architekten Edwin Bosshardt erstellt. Das Zwingli-Relief stammt vom Berner Künstler Karl Hänny.
Station 3: Reformierte Kirche Wildhaus
1484 löste sich Wildhaus von der Pfarrei Gams und wurde eine eigene Kirchgemeinde. Im selben Jahr wurde die heutige «Liebfrauenkirche» eingeweiht. Die Glocke stammt aus dem Jahr 1396 und hing ursprünglich in der Kapelle der Wildenburg. 1506 las Ulrich Zwingli in dieser Kirche seine erste Messe. Von 1595 bis 1777 wurde sie von Reformierten und Katholiken gemeinsam genutzt, weil das Toggenburg eine der wenigen Regionen war, wo beide Konfessionen nebeneinander lebten. 1777 bauten die Wildhauser Katholiken eine eigene Kirche.
Station 4: Probstei Alt St. Johann
Das Benediktinerkloster Alt St. Johann wurde 1152 erstmals urkundlich erwähnt. Es besass umfangreiche Güter im Toggenburg und im Rheintal. Seine Blütezeit erlebte es im 14. Jahrhundert. Das Kloster überlebte zwar die Reformation, wurde aber 1555 als Priorat der Abtei St. Gallen inkorporiert. Nach einem Brand 1626 und mysteriösen Todesfällen wurde das Priorat 1629 nach Neu St. Johann verlegt. Es wurde zu einem wichtigen Vorposten der Gegenreformation. Sehenswert ist die katholische Kirche und der Schaugarten.
Historie
Der Übergang vom Toggenburg ins Rheintal wurde erst spät besiedelt. Zwar begann die Nutzung der Alpen am Fusse des Säntis in der Spätantike, aber erst um 1200 erbauten die Herren von Sax eine Burg, Wildenburg genannt. Sie gab der bäuerlich geprägten Siedlung den Namen. Im Geburtsjahr von Ulrich Zwingli 1484 löste sich Wildhaus kirchlich von der Gemeinde Gams. Gleichzeitig wurde die neue Pfarrei zur Diözese Chur geschlagen und auch die heute noch bestehende Kirche wurde in jenem Jahr eingeweiht.
Obwohl das Toggenburg zur Fürstabtei St. Gallen gehörte, war nach der Reformation die Mehrzahl seiner Einwohner reformiert. Das Toggenburg gehörte zu den wenigen Regionen, in denen beide Konfessionen ihren Glauben ausüben durften. Im 17. Jahrhundert bemühte sich der Abt von St. Gallen im Zuge der Gegenreformation, Reformierte zurück zum katholischen Glauben zu bringen; er liess in den meisten Ortschaften neben der reformiert gewordenen alten Kirche eine neue katholische bauen. Heute leben etwas mehr Reformierte als Katholiken in Wildhaus.
Wildhaus war Teil eines Untertanenlandes. Das abgelegene und einigermassen wohlhabende Wildhaus dürfte sich um 1500 einer gewissen Selbständigkeit erfreut haben. Das Toggenburg als vormalige Grafschaft schloss Bündnisse mit Glarus und Schwyz, 1530 erklärten sich die Toggenburger gar für selbständig – allerdings gelangte der Fürstabt von St. Gallen 1531, nach dem zweiten Kappeler Krieg in den Besitz seiner Rechte zurück. Seit 2010 bildet Wildhaus zusammen mit Al¬t St. Johann eine politische Gemeinde. Wildhaus ist mit knapp 1100 Metern über Meer (Dorfzentrum) das höchstgelegene Dorf des Kantons St. Gallen und trägt die höchste Postleitzahl der Schweiz: 9658.
Ulrich Zwingli
Zwingli wurde am 1. Januar 1484 in Wildhaus im Toggenburg geboren. In Basel erhielt er eine theologische und humanistische Bildung. Der Rat von Zürich berief ihn als Leutpriester ans Grossmünster, wo er seine Arbeit 1519, an seinem 35. Geburtstag, begann. Allein durch die Auslegung der Bibel kritisierte Zwingli kirchliche und religiöse Missstände seiner Zeit, aber auch das einträgliche Geschäft des Reislaufens (Söldnerwesen). Er hatte als Seelsorger bei der Schlacht von Marignano 1515 das Elend der Söldner miterlebt. Noch glaubte er an die Reformfähigkeit der katholischen Kirche.
Während der Fastenzeit 1522 assen der Buchdrucker Froschauer und seine Gesellen Wurst zum Abendessen und wurden deswegen angeklagt. Zwingli verteidigte die «Schuldigen» mit Predigten und der Schrift «Vom Erkiesen (Auswählen) und der Freiheit der Speisen». Der Grosse Rat veranstaltete im Januar 1523 eine Disputation über Zwinglis Lehre und erlaubte ihm, damit weiterzufahren. Ein Jahr später hob der Rat die Fastengesetze vollends auf. 1524 heiratete er Anna Reinhart; das war der eigentliche Bruch mit der katholischen Kirche.
Zwinglis Predigten, seine Schriften und sein persönlicher Einfluss bewirkten, dass der Rat der Stadt Zürich in den folgenden Jahren die Heiligenfiguren und Kirchenschätze entfernen liess. Auch Gesang und Orgelmusik wurden auf Jahre aus dem Gottesdienst verbannt. Der Altar für das Messopfer wurde ersetzt durch einen schlichten Tisch. Das Abendmahl sollte eine Dankes- und Erinnerungsfeier der Gemeinde sein. Es war auch das Abendmahl, welches Zwingli von Martin Luther entzweite. Dieser glaubte an die wirkliche Gegenwart Christi in Brot und Wein, Zwingli aber nur an eine symbolische.
Gemeinsam mit Landgraf Philipp dem Grossmütigen von Hessen hatte Zwingli grosse Pläne: Eine reformierte Achse sollte ganz Europa vom Katholizismus befreien. Seit 1528 war auch das mächtige Bern dank Zwinglis Intervention reformiert, und die Schweiz nach dem 1. Kappeler Krieg vermeintlich befriedet. Doch 1531 kam es, für Zürich überraschend, zum 2. Kappeler Krieg. Die schlecht vorbereiteten Zürcher wurden vernichtend geschlagen. Auch Zwingli selber kam auf dem Schlachtfeld um. Sein Tod stürzte die Reformation weit über Zürich hinaus in eine tiefe Krise.