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Schon in hohem Alter stehend, wurde ich angefragt, unter dem Stichwort „Quintessenz“ meine wesentlichen Lebenseinsichten für die Nachkommen- schaft zu formulieren.
Nun hatte ich ja keine einfache Jugend: erlebte als Teenager den zweiten Welt- krieg mit Bombenangriffen auch auf mein Elternhaus, nahm die Spannungen in meiner sozialen Umgebung wahr und später die entsetzlichen Berichte von den Verbrechen des Naziregimes.
Von klein auf war ich ein nachdenkliches Kind und fragte mich, was Menschen bewegt, so und nicht anders zu handeln. Auch den schlimmen Dingen wollte ich auf den Grund gehen. Später nannte ich diesen Hang zur Reflexion meine „psychische Kläranlage“. Sie hat mich auch bei Enttäuschungen vor Bitterkeit bewahrt, und sie trug zu dem Entschluss bei, Philosophie und Psychologie zu studieren.
An der Universität München promovierte ich 1950 mit einem Thema aus der philosophischen Ethik und plante, weiter an kulturphilosophischen Themen zu arbeiten und mich zu habilitieren. Doch dies scheiterte an der konservativ sexistischen Einstellung der damaligen Universitätsleitung. Man sagte mir: die Universitätskarriere sei für Frauen nicht vorgesehen, mit der Begründung: „Die heiraten ja doch“, und das wäre mit beruflicher Karriere nicht vereinbar.
So schloss ich mein Nebenfach Psychologie ab und liess mich zur Psychotherapeutin ausbilden. Am Ende eines Studiensemesters in den U.S.A. lernte ich meinen Mann, den Schweizer Chemiker und Gymnasiallehrer Hans-Ludwig Meier kennen. Ich heiratete ihn 1958 und siedelte in die Schweiz über.
Obwohl ich ja nun doch geheiratet hatte und ich die Aufgabe als Mutter zweier Töchter mit Freude erfüllte, blieb dank der familiären Mitarbeit meines Mannes noch Spielraum für meine Tätigkeit als Psychotherapeutin und als Dozentin an einer sozialen Fachschule.
Nach dem frühen Tod meines Mannes nahm ich meine kulturphilosophischen Nachforschungen wieder auf. Ich veröffentlichte eine Reihe von Büchern zu vorpatriarchalen Gesellschaften und deren Wandel zu patriarchaler Gewaltherrschaft. Meine Auseinandersetzung mit der patriarchalen Philosophie führte zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster und zum Einbezug emotionaler Urteilskraft in Philosophie, Wissenschaftstheorie und Ethik.
Wenn ich etwas aus meiner Lebenserfahrung als Kompass an die junge Generation weitergeben kann, so sind es vor allem folgende Punkte:
Erstens: Sich in allen Lebenslagen ein eigenes Urteil zu bilden und propagierte Trends zu hinterfragen. Selber denken kann einsam machen, weil es vom starken Bedürfnis nach Zugehörigkeit absieht, aber es schliesst Freundschaften mit anders Denkenden nicht aus.
Zweitens: Es ist eine Binsenwahrheit, dass sich Glück nicht erzwingen lässt. Dennoch gibt es in jedem Leben „Hohe Augenblicke“, wie Karl Jaspers sie nannte. Seien es Wahrnehmungen der Schönheit und Kreativität in der Natur, seien es Sternstunden in den Erlebnissen von Kunst oder in ganz persönlichen Erfahrungen der Freundschaft und Liebe.
Für diejenigen, die in gesicherten und relativ privilegierten Verhältnissen leben, sollte nicht vergessen gehen, dass auch das Ausbleiben von Unglück geschenktes Lebensglück bedeutet.
Drittens: Zu den häufig genannten Voraussetzungen für ein gelingendes Leben gehöre das Gewinnen inneren Halts: Rückhalt in der Familie und Halt im Glauben. Ich selbst finde mein inneres Gleichgewicht nicht im Glauben an eine göttliche Macht, sondern in ethischen Überzeugungen, die ich mit Gleichgesinnten teile. Darüber hinaus erfüllt mich ein Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Lebenswelt, das Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ nannte.
Gegenwärtig steht der Begriff „Coolness“ für innere Ausgeglichenheit und die Fähigkeit, bei Stress und Frustrationen die Fassung zu bewahren. Nur wird selten die Ambivalenz der geforderten Coolness realisiert, die ja nicht nur bedeutet, einen kühlen Kopf zu bewahren, sondern hinter der sich auch mitmenschliche Distanzierung und die Unfähigkeit zur Empathie verbergen können.
Im politischen Diskurs wird Sachlichkeit oft mit reinem Zweckrationalismus verwechselt, während emotionales und moralisches Engagement nicht gefragt sind. Doch ohne die Begeisterung für die Forschung hätte es wesentliche Erkenntnisse in der Wissenschaft nicht gegeben, und ohne Mitgefühl und Empörung keine sozialen Errungenschaften. Deshalb plädiere ich weniger für Coolness, vielmehr für „leidenschaftliche Geduld“, die sich trotz Rückschlägen die Begeisterung für die gute Sache nicht rauben lässt.
Meine Zukunftshoffnungen setze ich auf zwei gesellschaftliche Bewegungen: Zum einen auf die Korrektur des aus den Fugen geratenen Finanzimperiums, wie sie die besten Ökonomen diesseits und jenseits des Atlantiks fordern. Nur das Veto gegen die Ausplünderung unseres Planeten kann uns vor Umweltkatastrophen und der Verelendung eines Teils der Weltbevölkerung bewahren.
Zum andern setze ich auf die konsequente Gleichstellung der Geschlechter - durch die Aufwertung und bessere Bezahlung aller Berufe in der Care-Arbeit und das eigentlich selbstverständliche Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Noch entscheidender ist die faire Arbeitsteilung der Partner innerhalb der Familie. Sie macht es nicht nur den Frauen möglich, endlich Mutterschaft und berufliche Selbstverwirklichung zu verbinden, sondern bietet auch den Männern ein humaneres Selbstverständnis in Gestalt der Neuen Väter. Die intensive Beziehung zu ihren Kindern von klein auf bedeutet unmittelbare Erfahrung von Lebenssinn und lebenslanger Bindung. Wobei die gleichgewichtige Elternschaft für Mädchen und Knaben die Chance auf ausgeglichene Selbstidentität befördert.
Angesichts der Tatsache, dass die patriarchale Geschlechterideologie seit mehr als 4000 Jahren besteht, wird es wohl mehrere Generationen dauern, bis sich Frauen und Männer auf allen Ebenen auf Augenhöhe begegnen. Dazu braucht es konsequente Emanzipationsschritte und Menschen mit leidenschaftlicher Geduld, die sich von Widerständen nicht beirren lassen.