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Wie hat sich der Berner Dialekt im Berner Mittelland in den letzten hundert Jahren verändert? Dieser Frage ist die Berner Sprachwissenschaftlerin Christa Schneider in ihrer Dissertation nachgegangen. Hintergrund des Projekts ist der Sprachatlas der deutschen Schweiz, der zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren erstellt wurde. Damals haben Sprachforscher grosse Teile der Deutschschweiz durchquert und in umfangreichen Umfragen ermittelt, welche Wörter in den einzelnen Gemeinden gebraucht wurden (siehe Kasten).
Arbeit für zwei Jahre
Diese Forschungsergebnisse hat Schneider als Grundlage genommen, um zu ermitteln, wie sich der Dialekt im Berner Mittelland seit dieser Zeit verändert hat. Dabei hat sie einen Fragebogen erstellt, basierend auf den Fragen, welche die Forscher vor 80 Jahren bereits gestellt hatten. In zwanzig Gemeinden im Berner Mittelland hat sie jeweils vier Personen 120 Fragen zu ihrem Dialekt gestellt.
Schneider befragte über zwei Jahre lang jeweils eine junge Person, eine Person mittleren Alters sowie eine ältere Person. Zudem versuchte sie, noch jemanden aus der Landwirtschaft zu interviewen, da im historischen Sprachatlas fast nur Landwirte befragt worden waren und Schneider herausfinden wollte, wie sich das Vokabular in der Landwirtschaft verändert hat. Darüber hinaus versuchte Schneider, gleich viele männliche wie weibliche Testpersonen aufzunehmen.
«Es war nicht immer ganz einfach, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden», sagt Schneider. Je weiter sie aus den urbanen Kreisen herausgekommen sei, desto schwieriger sei es geworden, passende Personen für die Umfrage zu finden.
Eigenheiten bleiben bestehen
Schneider hat herausgefunden, dass der Einfluss des Berner Stadtdialekts zwar durchaus da sei, er aber nicht so gross sei, wie man vielleicht annehmen würde. «Schon wenn man aus der nächsten Agglomeration herauskommt, sind im Dialekt der Leute Abgrenzungsmerkmale zu finden.» So werde beispielsweise aus dem Wort «Boum» im ländlichen Berner Mittelland immer noch «Buum». Speziell sei, dass einige Gemeinden ihre Eigenheiten beibehalten hätten. So würden die Rüeggisberger «Hùn» und «Chin» sagen statt «Hùng» und «Ching» wie die meisten Berner. «Das hat mich ziemlich überrascht, da Rüeggisberg nicht unmittelbar an den Kanton Freiburg grenzt.» Aussergewöhnlich sei auch der Fall Neuenegg. Das Wort «Guufe» sei dort ein Schimpfwort für eine Frau mit zweifelhaftem Ruf. «Das habe ich in meiner Untersuchung nur in der Gemeinde Neuenegg gesehen.»
Wie jemand spreche, hängt laut Schneider hauptsächlich damit zusammen, wo die Person sozialisiert worden sei, wo sie sich meistens aufhalte und vor allem gegen wo sie sich orientiere. Dies sei besonders in Grenzgemeinden der Fall. Exemplarisch dafür sei ein Geschwisterpaar aus Guggisberg. Während er sich mehr nach Freiburg orientiere und sein Dialekt dementsprechend mit Sensler Wörtern gespickt sei, orientiere sich seine Schwester mehr nach Schwarzenburg. Ihr Dialekt sei demnach kaum von Freiburger Einflüssen geprägt.
Dasselbe habe sie bei einer jungen Dame in Laupen beobachtet, die sich bewusst von Sensler Einflüssen abgrenzen wollte und Berndeutsch ohne Freiburger Einschlag sprach.
Gewisse Wörter werden jedoch nur im Grenzgebiet verwendet, sagt Schneider. In Gemeinden, die an den Kanton Freiburg grenzen, sagen die Leute für einen Küchenschurz «Füürte» oder «Fürtuech», während die Bernerinnen und Berner im Rest des Mittellandes «Schurz» oder «Schüübe» benutzen.
Dialekt ist in Mode
Dass der Dialekt in naher Zukunft verschwinden werde, wie vielerorts befürchtet wird, glaubt Schneider nicht. «Natürlich gibt es Wörter, die man heutzutage weniger braucht und die verschwinden werden.» Dazu gehöre das Wort «Nidle», das die jüngere Generation kaum noch verwende. Anstelle dessen gebrauchen die Bernerinnen und Berner vermehrt das Wort «Rahm». «Viele Leute denken, dass dieses Wort besser verständlich sei, weil sie glauben, ‹Rahm› sei Hochdeutsch. Lustigerweise sagt man in Deutschland aber ‹Sahne›.» Es gebe aber auch ältere Wörter, die weiter bestehen würden, ihre Bedeutung aber veränderten. So sei das Wort «gfätterle» früher ein Synonym für spielen gewesen. «Heute kennt dieses Wort im Raum Bern-Mittelland kaum noch jemand als ‹spielen›. Heute meint dieses Wort eher ‹etwas Unnützes machen› und ist eher negativ konnotiert.»
In der Schweiz gab es immer wieder Dialektwellen. Es gibt Zeiten, da ist der Dialekt sehr prominent; dann gibt es wieder Wellen, in denen die Leute lieber Hochdeutsch sprechen. «Mir fällt auf, dass wir seit längerer Zeit oben auf einer Dialekt-Welle sind.» Das gehe so weit, dass jüngere Leute sogar wieder alte Dialektwörter verwenden. «Vor allem Millenials gebrauchen beispielsweise wieder das Wort ‹Pfifouter› für Schmetterling, das eigentlich als praktisch ausgestorben galt.» Schon nur, dass das Bewusstsein für dieses alte Wort noch da ist, ist laut Schneider erstaunlich. Ob es wieder zurück zum alltäglichen Sprachgebrauch der Bernerinnen und Berner finde, stehe jedoch auf einem anderen Blatt.
Was hat Einfluss auf Sprache?
Dass sich Sprachen und Dialekt verändern, sei ganz normal, sagt die Forscherin. «Solange sich Sprachen verändern, sind sie gesund. Es wäre eher besorgniserregend, wenn sich der Dialekt gar nicht verändern würde.» Erstaunlich findet Schneider eher, dass viele «aussersprachliche» Faktoren einen Einfluss auf die Sprache haben. So seien Mobilität, Alter, Beruf oder der Ort der Sozialisation massgebend für die Veränderung des Dialektes. «Arbeitet jemand in Zürich, in der Stadt Bern oder auf einem Bauernhof? War die Person in der Jugend in einem Verein in einem anderen Kantonsteil?» Solche Fragen würden bestimmen, wie eine Person spreche und in welche Richtung sich ein Dialekt entwickle.
«Wie gebildet eine Person ist und ob die Person weiblich oder männlich ist, hat zumindest im Berner Mittelland keinen Einfluss auf das Sprachverhalten.»
Geschichte
Der Sprachatlas der deutschen Schweiz
Der Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS) dokumentiert die alemannischen Mundarten der Schweiz inklusive der Walserdialekte in Norditalien. In einer gross angelegten Studie haben Sprachwissenschaftler von 1939 bis 1958 an 573 Ortspunkten in der gesamten Deutschschweiz und in angrenzenden Piemonteser Walsersiedlungen meist ältere Personen mündlich nach ihrem Sprachgebrauch befragt. Als Resultat erschienen zwischen 1962 und 1997 acht Bände des Sprachatlas der deutschen Schweiz mit über 1500 Sprachkarten der alemannischen Mundarten der Deutschschweiz.
Im Jahr 2010 erschien der Kleine Sprachatlas der deutschen Schweiz (KSDS), der für ein breiteres Publikum bestimmt ist. Er basiert auf SDS-Karten und umfasst 121 farbige Karten, die mit einem Kommentar versehen sind.
Ein Forschungsteam der Universität Bern unter der Leitung des Sprachwissenschaftler Adrian Leeman geht nun in einem neuen Projekt der Frage nach, wie sich die schweizerdeutschen Dialekte in den letzten 70 Jahren verändert haben. Dazu wollen die Forscher bis nächsten Sommer 1000 Personen aus 125 Ortschaften (dazu gehört unter anderen auch Schwarzenburg) in der ganzen Deutschschweiz zu ihrem Dialekt befragen (die FN berichteten).