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Alpine Unglücksfälle 1916
Wiederum, wie letztes Jahr, soll die Besprechung auf das gesamte europäische Alpengebiet ausgedehnt und innerhalb desselben sollen nur die tödlich verlaufenen Unfälle, welche Touristen und Führer bei Ausübung des Bergsportes betrafen, berücksichtigt werden. Und dies nur in der knappesten Form, ohne Diskussion der Ursachen und Lehren; welche doch nicht erschöpfend sein könnte. Da die besonderen Verhältnisse, welche es in Band L rätlich erscheinen ließen, von der Trennung der Fälle nach West-, Zentral- und Ostalpen und daheriger Vergleichung abzusehen, für das Jahr 1916 noch in verstärktem Maße angehalten haben, so verzichte ich auch diesmal auf eine solche Einteilung. Selbstverständlich ist wohl auch, daß alle mit dem Krieg und der Grenzbesetzung in irgendeinem Zusammenhang stehenden Fälle unberücksichtigt geblieben sind.
Mit diesen Einschränkungen ergibt sich für uns folgendes Bild: Im Jahre 1916 stehen für winterliche Touren verzeichnet 8 Fälle mit 12 Toten, darunter 1 Führer; im Mittel- und Voralpengebirge 18 Fälle mit 20 Toten, darunter 1 Vermißter; im Hochgebirge 12 Fälle mit 15 Toten, darunter 3 Vermißte; zusammen 38 Fälle mit 47 Toten. In Anbetracht des auch 1916 oft recht ungünstigen Wetters und der geringen Frequenz der Touristen ist dieses Resultat ziemlich ungünstig. Die Verlustziffern von 1916 stehen in Kategorie A ungefähr auf dem Durchschnitt von 1914 und 1915; in Kategorie B etwas unter demselben; in Kategorie C bedeutend darunter. Die Besserung kommt hauptsächlich davon, daß im Jahre 1915 6 von den 7 Unglücksfällen im Hochgebirge je 2 Opfer heischten, während dies 1916 nur zweimal, mit zusammen 5 Opfern, vorkam. Die Zahl der Fälle an sich ist im Steigen begriffen. In Kategorie A ging sie von 6 ( 1914 ) auf 7 ( 1915 ) und 8 ( 1916 ) hinauf; in Kategorie B sank sie entsprechend von 22 auf 13, um dann wieder auf 18 zu steigen. Desgleichen in Kategorie C 16: 7: 12. Die Einzelheiten für 1916 sind folgende:
A. Winterliche Touren.
1 ) Am 18. Januar ist vom Hochschwab ( Steiermark ) ein 17jähriger Realschüler aus Bruck a. d. Mur, der von einem Schneesturm überrascht worden war, abgestürzt. Die von Seewiesen abgegangene Rettungsmannschaft hat die Leiche geborgen. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 37.
2 ) Am 4. Februar verunglückten beim Abstieg von der Claridenhütte. den sie wegen Wetterumschlag angetreten hatten, die Herren Fridolin Schuler, 29 Jahre alt, und Dr. jur. Kaspar Jenny, 25 Jahre alt, indem sie durch ein über ihnen abrutschendes Schneebrett fortgerissen und verschüttet wurden. Die von ihrem Begleiter, Herrn Leuzinger, der, an der Spitze marschierend, unbeschädigt davongekommen war, aus Linthal herbeigeholte Rettungskolonne konnte nach langer und beschwerlicher Arbeit am 5. Februar morgens nur die Leichen der beiden, die augenscheinlich sofort erstickt waren, bergen. Alp. 1916, pag. 41—42.
3 ) Am 16. Februar verunglückte an der Dreisprachenspitze Dr. med. Verseil von Chur, als er auf Skiern gegen das Umbrailtal abfuhr. Er geriet in eine Lawine. Da die Fahrt des Verunglückten von weitem beobachtet worden war, machte man sich auf, um nach ihm zu suchen. Nach kurzer Zeit wurde er ausgegraben, doch alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Alp. 1916, pag. 59; D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 67.
4 ) Am 20. Februar verunglückten im Val d' Es-chia der Führer Perret von St. Moritz und Herr Hofmann aus Amerika, der im dortigen Kulmhotel als Kurgast weilte, indem sie auf einer Skitour durch eine gewaltige Lawine, die von dem steilen Hang des Munt della Bes-chia ( Montisello P. 2513 Siegfr. ) niedergegangen war, verschüttet wurden. Der zufällige Umstand, daß ein Angestellter des Elektrizitätswerkes Madulein am 21. zum Wasserreservoir in Val d' Es-chia gegangen war, um einer Störung nachzuforschen, führte zur Auffindung ihrer Skispur, die in der Lawine endigte, aber es gelang den daraufhin aufgebotenen Rettungsmannschaften aus Madulein, Zuoz und St. Moritz erst einige Tage später, in dem riesigen Schneefelde zunächst den Führer als Leiche auszugraben, während der Körper des Touristen erst am 1. Juni zufällig von Soldaten entdeckt und dann geborgen wurde. Es hatte am Vortage des Unglücks stark geschneit und demzufolge lag auf altem, hartem Schnee eine nicht gebundene Neuschneeschicht von zirka 1 m Mächtigkeit, die als Staub- und Grundlawine abging. Alp. 1916, pag. 58-59 und 108; D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 67.
5 ) Am 20. Februar fuhr an den Birgitz-Köpfen bei Innsbruck der Landesschul-inspektor Dr. Joseph Alton, welcher sich mit andern Herren und Damen am Skifahren vergnügte, ahnungslos in eine von ihm nicht gesehene Lawine ( Schneebrett ) hinein, die sich weiter oben abgelöst hatte, und wurde von dieser mitgerissen und am Ausgang des Grabens 31/2 m tief verschüttet. Die nämliche Lawine riß auch einen eben entgegenkommenden Skifahrer, den Beamten Fritz Reiber, mit. Herbei-eilende Skifahrer, es waren etwa 20 zur Stelle, gruben diesen sofort aus, konnten ihn aber nicht ins Leben zurückrufen, obschon zwei Ärzte sich um ihn bemühten. Die Leiche von Dr. Alton, dessen Tod durch Ersticken sofort eingetreten sein muß, wurde erst zwei Tage später durch militärische Rettungsarbeit geborgen. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 56.
6 ) Am 1. März ( vielleicht schon 1-2 Tage früher ) stürzte nächst der Hochalpe ( Hofalpe ?) bei Spital a./Pyhrn der Student Erich Müller tödlich ab. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 67.
7 ) Am 29. Dezember verunglückte bei einer Besteigung des Kramer ( bei Garmisch ), die er mit seinen zwei Söhnen unternommen hatte, der Oberstabsarzt Dr. Weißwange aus Dresden, indem er beim Abstieg in die schwer zugängliche Falkensteinschlucht über eine etwa 30 m hohe Wand abstürzte und eine sehr schwere Kopfverletzung erlitt, die den sofortigen Tod herbeiführte. Die durch den einen Sohn von der nächsten alpinen Rettungsstelle herbeigerufene Mannschaft konnte am andern Morgen den andern Sohn, der, nur unbedeutend verletzt, in der kalten Nacht bei dem toten Vater ausgehalten hatte, bergen, und ebenso die Leiche in schwierigem Transport zu Tale bringen. D.&Ö.A.V.M.. 1917, pag. 10.
8 ) Am 31. Dezember sind in der Hochtorgruppe die 19jährigen Otto Bornsik und Rudolf Zawada aus Wien verunglückt. Sie waren vom Gstatterboden bei ganz schlechtem Wetter aufgebrochen, um über den Wasserfallweg zur Heßhütte zu gelangen und das Hochtor zu ersteigen. In der übrigens verschlossenen Heßhütte sind sie nicht eingekehrt. Wahrscheinlich sind sie in deren Nähe von der Nacht über- « rascht worden und dann durch Erfrieren zugrunde gegangen. D.&Ö.A.V.M.. 1917, pag. 9.
B. Im Mittelgebirge und in den Yoralpen.
1 ) Am 10. Juni ging in den Churfirsten Fräulein Kellenberger aus Zürich, die mit einem wohlausgerüsteten und bergtüchtigen Herrn aus St. Gallen den Zustoll von der Südseite aus erstiegen hatte, an Erschöpfung und Kälte zugrunde. Die beiden hatten sich im Nebel verirrt und mußten die Nacht vom 9. auf den 10. in den Felsen zubringen. Der von ihrem Begleiter vom Kurhaus Schrina-Hochruck herbeigeholten Hülfsmannschaft gelang es nicht, bei dem inzwischen einsetzenden Schneesturm die Dame rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die Rettungskolonne selbst mußte eine Nacht in den Felsen biwakieren und die Tote konnte erst später zu Tal geschafft werden. Alp. 1916, pag. 133—134.
2 ) Am 11. Juni ist an der Benediktenwand bei dem Versuch, die Ersteigung von Benediktbeuren allein durchzuführen — er hatte den Anschluß an eine größere Gesellschaft verfehlt — der 17jährige Lithographenlehrling Karl Röscheisen aus München verunglückt. Die Leiche des Vermißten wurde erst viel später gefunden und geborgen. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151.
3 ) Am 12. Juni stürzte bei einem Aufstieg auf das Ettaler Manni, den nordöstlichen Eckpfeiler des Ammergebirges und das Wahrzeichen des Loisachtales, der in Gesellschaft anderer junger Leute gehende 17jährige Danzer aus München-Grie-sing ab und fand den Tod. Der Gipfel ist in seinem obersten Teil durch künstliche Stufen und Drahtseil versichert und gilt als vollkommen harmlos. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 124.
4 ) Am 18. Juni kam beim Übergang vom Frieder zur Kreuzspitze im mittleren Ammergebirge der Oberamtsrichter Georg Meikel aus München auf einem Gemswechsel, vermutlich durch das Ausbrechen eines Trittes, zu Fall, glitt über einen kurzen Schrofenhang auf ein Schneefeld und verletzte sich durch Aufschlagen mit. dem Kopfe an einen vorstehenden Fels so schwer, daß nach zwei Stunden der Tod eintrat. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 124.
5 ) Am 25. Juni stürzte beim Aufstieg über das „ Heitertannli " zum Pilatus der 17jährige Zeichnerlehrling Willimann von Kriens zu Tode. Er war vom üblichen Wege abgewichen und glitt auf dem schlüpfrigen Boden aus. Sein Begleiter wurde ebenfalls verletzt. Alp. 1916, pag. 134.
6 ) Seit dem 4. Juli wird im Lattengebirge der Rentner Emil Dülfer aus Bad Reichenhall vermißt. Er hatte in guter touristischer Ausrüstung eine Besteigung des Hochschlegels durch die Alpgartenrinne unternommen und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Mehrfache Nachforschungen blieben ergebnislos. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 134.
7 ) Am 19. Juli traf am Bockmättlistock ( Wäggitaler Alpen ) beim Abstieg den 18jährigen Willy Schacht aus Zürich ein sich ablösender Stein so, daß er auf der steilen und nassen Halde zu Fall kam. Eine von seinem Begleiter herbeigeholte Rettungskolonne konnte nur den zerschmetterten Leichnam bergen. Alp. 1916, pag. 154.
8 ) Am 24. Juli sind beim Übergang über die durch den „ Höfertsteig " gangbar gemachte Neualmscharte ( Niedere Tauern ) der Bahnbeamte Friedr. Schindler, dessen Tochter Josefa und eine Verwandte, Hermine Kawan, durch Ausgleiten auf hartem Schnee und Absturz über steile Hänge verunglückt. Sie waren unterwegs von einem schweren Gewitter überrascht worden und wurden von einer Suchpartie unterhalb einer steilen, harten, durch den Regen glitschig gewordenen Schneezunge aufgefunden. Nach den festgestellten Verletzungen muß der Tod sofort eingetreten sein.
— D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 137.
9 ) Anfangs August wurde unterhalb des Kreuzecks bei Garmisch ein junger Mann, der sich Adolf Schröder aus Frankfurt a./M. nannte, mit schweren Verletzungen ( Schädelbruch ), die vermutlich von einem Absturz stammten, aufgehoben und ins Krankenhaus nach Garmisch verbracht, wo er verschied, ohne daß nähere Auskunft von ihm erhältlich gewesen wäre. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 138.
10 ) Anfangs August stürzte an der Kleinen Vissoka ( Hohe Tatra ) der 15jährige Gymnasiast Stephan Matzner beim Abstieg nach dem Kohlbachtale auf dem Dubke-weg etwa 80 m ab und blieb mit zerschmetterten Gliedern tot liegen. Der Weg ist durchaus unschwierig, aber der ungeübte und ungenügend ausgerüstete Knabe hielt sich gegen den Rat seiner beiden gleichaltrigen Gefährten, die auf dem Schnee in der Schlucht abstiegen, auf den brüchigen Felsen. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151.
11 ) Am 6. August traf einen vom Widderfeld nach Engelberg absteigenden jungen Touristen aus Horw ein fallender Stein mit solcher Wucht am Kopf, daß er über eine Felswand hinunter stürzte, an deren Fuß er von seinem Begleiter tot aufgehoben wurde. Alp. 1916, pag. 155; D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 138.
12 ) Am 7. August stürzte am Brünig Rothorn der 66jährige Kaufmann Probst aus Basel, der mit seiner Tochter als Kurgast im Kurhaus Frutt weilte, etwa 150 m tief ab und erlitt einen Schädelbruch, an dem er sofort verschied, während seine Tochter, welche die Schulter gebrochen hatte, von Kurgästen und Älplern geborgen wurde, die auch die Leiche nach der Frutt brachten. Alp. 1916, pag. 155; D.&Ö.A.V.M.. Ì916, pag. 138.
13 ) Am 13. August ist an der Hohen Wand ( Nieder-Österreich ) der 21jährige Eisendreher Franz Münster auf dem sogenannten Turnersteig tödlich verunglückt.
D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 137.
14 ) Am 14. August ist in den Niederen Tauern der Kaufmann Hans Pichler aus St. Polten, welcher, seiner Gesellschaft vorauseilend, von der Gigladseehütte über den „ Höhenweg " nach Schladming absteigen wollte, vermutlich in dem mit Nebel verbundenen schlechten Wetter von dem ungefährlichen Wege abgekommen und abgestürzt. Man fand den Leichnam in der Nähe des Landauersees. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151.
15 ) Am 21. August ist an den Rochers de Naye der Engländer Holmes, der in Freiburg Theologie studierte, bei einer Bergtour ums Leben gekommen. Man fand den Leichnam des Alleingängers inmitten der Felsen an einer gefährlichen Stelle. Alp. 1916, pag. 177.
16 ) Am 27. August ist an den Wurzköpfen ( Weidringer Berge ) der 17jährige Thomas Gschwentner aus Weidring, der mit einem gleichaltrigen Freund den gefährlichen Aufstieg unternehmen wollte, verunglückt. Er wollte sich an einer Latsche festhalten; diese riß jedoch aus und er stürzte nahezu 100 m in die Tiefe, wo er tot liegen blieb. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151.
17 ) Am 27. August ist am Frauenstein nächst Mödling bei Wien die 19jährige Buchhalterin A. Krakovietsky bei einer Kletterübung abgestürzt und tot geblieben. Diese „ Kletterschule " ist seit einigen Jahren wegen der Gefahr für die Besucher dieses Gebietes ( abkollernde Steine usw. ) behördlich verboten. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151.
18 ) Am 4. September ist am Schneibstein ( Hagengebirge ) der 48jährige Rentner Ph. Amberger aus Frankfurt a./M. einem schweren Hochgewitter mit folgendem Wettersturz zum Opfer gefallen. Er irrte im Abstieg im Nebel in die Nordostabstürze des Berges ab und blieb schließlich am Ende einer steilen Rinne vor dem Wandabbruch hülflos und erschöpft liegen. Die Leiche wurde am 7. September nachmittags von Mitgliedern der alpinen Rettungsstelle Salzburg und einem Jäger, welcher tags zuvor Hut und Bergschuhe, die dem Verunglückten vermutlich entfallen waren, am Fuße der Wand gefunden hatte, unter einem Überhang, in der Nähe des Tor-renerjochs, sitzend, ohne sichtbare Verletzung angetroffen und am B. September nach Berchtesgaden transportiert. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151 und 163.
€. Im Hochgebirge.
1 ) Am 15. Mai kam beim Abstieg von der Grand'Uja ( Val di Susa ) der Ingenieur Francesco Pergameni Larsimont, welcher mit fünf Gefährten diesen Gipfel über den Südgrat erstiegen hatte, auf dem Abstieg in einem Schneecouloir, in welchem er stehend abfuhr, zu Fall und in schnelles Gleiten, wurde über einen Felssatz hinausgeschleudert, rollte in einem zweiten Couloir mehrere 100 m hinunter und wurde am Fuß desselben gegen einen großen Stein geschleudert, wo ihn 8/4 Std. später seine Kameraden als Leiche aufhoben. R.M. 1916, pag. 199 und 234.
2 ) Am 25. Juni verunglückte am Westgipfel der Dreitorspitze ( Wettersteingebirge ) der geübte Münchener Tourist Fritz Hollmann auf folgende Weise. Er hatte nach einer allein durchgeführten Überschreitung der Dreitorspitzen eine ihm unbekannte Dame auf deren und ihrer umkehrenden Begleiter Bitten hin auf dem üblichen, damals noch teilweise überschneiten Wege auf die Dreitorspitze begleitet. Die Dame glitt auf einem Schneefelde unweit des Gipfels aus. Hollmann konnte sie zwar zunächst an dem um den eingerammten Eispickel geschlungenen Seil halten, durch die Wucht des stürzenden Körpers wurde aber der Pickel herausgeschleudert und die beiden stürzten nun über das Schneefeld und die anschließenden Felsen in die Tiefe. Hollmann blieb mit einem Schädelbruche sofort tot liegen, die Dame erlitt schwere Verletzungen und wurde von der in einer Steilrinne höher liegenden, verklemmten Leiche am gespannten Seile gehalten. Aus dieser Lage befreiten die Dame einige in der Meilerhütte zufällig anwesende „ Bayerländer ", welche durch deren Begleiter auf den Unglücksfall aufmerksam gemacht worden waren. Die Rettung der Dame und die Bergung der Leiche verlangte schwere und aufopfernde Arbeit. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 124 und 178.
3 ) Am 27. Juni wurden beim Abstieg vom Campo Tencia Herr G. Frick und dessen Frau und Herr A. Roth, alle aus Zürich, als sie sich am Fuß des Crozlinagletschers zu einer Rast und Imbiß niedergelassen hatten, von einer Eislawine aus dem Gletscher überrascht und verschüttet. Eine durch eine Touristenpartie, die vorher mit den Verunglückten in der Campo Tencia-Hütte genächtigt hatte und durch ihr Ausbleiben geängstigt worden war, von Rodi-Fiesso herbeigerufene Militärrettungs-kolonne fand und barg am 28. Juni die Leiche von A. Roth. Die der Eheleute Frick wurde am 16. Juli von Mitgliedern der Sektion Tessin S.A.C. geborgen. Alp. 1916, pag. 133-134, 154 u. 193; D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 124 u. 137—8.
4 ) Am 11. Juli ist auf dem Hallstädter-Gletscher ( Dachsteingruppe ) der 37jäh-rige Magistratsbeamte Franz Spicka aus Wien durch Sturz in eine Gletscherspalte verunglückt. Er hatte am 10. Juli geschrieben, daß er für den nächsten Tag eine Ersteigung des Dachsteins beabsichtige. Seit jener Zeit hatte man nichts mehr von ihm gehört. Eine Suchmannschaft fand am 3. August den Leichnam. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 137.
5 ) Um den 24. Juli verunglückte im Kaukasus, in der Nähe des Kurortes Teberda, der bekannte Kaukasusforscher Ing. Affanasieff. Nach damaligen Nachrichten war der Leichnam noch nicht gefunden worden. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 178; Ö.A.Z. 1916, pag. 155.
6 ) Am 30. Juli verunglückte beim Abstieg vom Krönte ins Gornerental ein Geschwisterpaar Friedrich aus Zofingen, indem sie nicht die richtige Route trafen und an steilem Hang abstürzten. Eine Rettungskolonne schaffte den mit gebrochenen Unterschenkeln angetroffenen Hermann Friedrich zu Tal; seine Schwester konnte nur als Leiche dem Schnee entrissen werden. Alp. 1916, pag. 154.
7 ) Am 2. August verunglückte am Birghorn ( Petersgrat ) der Gymnasianer Adolf Rüesch aus St. Gallen. Er war mit einer Gruppe „ Wandervögel " ( 6 Knaben und 4 Mädchen ) von der Lauchernalp ob Kippel, wo sie einen Ferienaufenthalt mit Besteigungen ( Hockenhorn, Ferden-Rothorn, Lötschenlücke und Ebnefluh ) gemacht hatten, zum Grat zwischen Sackhorn und Birghorn emporgestiegen, in der Absicht, von dort den Petersgrat und über die Gamchilücke das Kiental zu erreichen. Von der Grathöhe weg verfolgte Rüesch mit einem Kameraden den Felsgrat weiter bis zum Birghorn, während die andern dem Grat entlang auf dem Firnschnee gingen. Vom Birghorn weg stieg Gruber leicht über den Grat nach Osten ab, Rüesch direkt durch die Südwand, um die andern einzuholen. Dabei kam er zu Fall aus unaufgeklärter Ursache ( Übermüdung ?), rutschte bis zu einem Felsband und stürzte nur etwa 7 m. tief auf den Schnee hinunter. Als die andern, die auf Grubers Hilferuf zurückkamen, bei Rüesch anlangten, atmete er schon nicht mehr. Sie stellten einen komplizierten Schädelbruch und Bruch des linken Handgelenkes fest. Die Leiche wurde am andern Tage von 5 „ Wandervögeln " und 2 Sennen nach Kippel hinabgebracht, wo der gerichtliche Augenschein stattfand. Alp. 1916, pag. 154 und 220.
8 ) Am 6. August verunglückte am Ortstock bei Linthal der Turner Anton Wyß aus Zürich, welcher bei einer Turnfahrt des Turnvereins Unterstraß sich mit zweien von den übrigen ( 26 im ganzen ) getrennt hatte, um den Berg statt über das Ort-stockfurggele über die vorderste große Schneehalde, die gegen eine Einsattelung zwischen dem Gipfel und dem Furggele hinaufführt und oben mehrere Felsbänder zu überwinden hat, zu bezwingen. Dabei kamen alle drei zu Fall, wobei Wyß in den Bergschrund fiel, aus welchem ihn erst abends eine Rettungskolonne aus Braunwald als Leiche herausholte und zum Lauchboden hinunterschaffte. Seine beiden Leidensgenossen, die mit geringen Schürfungen und Quetschungen davonkamen, waren schon vormittags von anderen Touristen beobachtet und in Sicherheit gebracht worden. Alle drei waren ungenügend, mit genagelten Schuhen und Handstöcken ausgerüstet. Alp. 1916, pag. 154-155; D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 138.
9 ) Am 17. August verschied auf dem Grat zwischen dem Nadeljoch ( siehe Walliserführer III b, pag. 254 ) und dem Nadelhorn Herr Eduard Winterhalter, Kaufmann aus Luzern, ein wohlbekannter Hochtourist, an Erschöpfung und Kälte, vielleicht auch infolge eines durch die Obduktion konstatierten Herzübels. Er war mit einem Führer von der Mischabelhütte aus in normaler Zeit über den Ostgrat auf die Lenzspitze gelangt, hatte dort bei sich rasch verschlechterndem Wetter auf eine nachkommende Partie ( 2 Herren mit 1 Führer ) 21/2 Std. lang gewartet und dann mit diesen die weitere Wanderung zum Nadeljoch und Nadelhorn angetreten. Auf diesem Gange wurde das Befinden von Winterhalter so schlecht, daß die Partie nur sehr langsam vorwärts kam und schließlich, von der Nacht überrascht, etwa 20 Min.
unter dem Gipfel des Nadelhorns biwakieren mußte. Um 11/2 Uhr morgens starb Herr W. Die Leiche mußte, gut versichert, zurückgelassen werden und die übrigen stiegen zur Mischabelhütte und nach Fee ab, unter großen Schwierigkeiten und Gefahren wegen schwerem Schneefall. Erst 5 Tage später konnte die Leiche von einer zahlreichen Mannschaft abgeholt und nach Fee gebracht werden, wo die gerichtliche Untersuchung des Falles stattfand. Die Leiche wurde dann nach Luzern überführt. Alp. 1916, pag. 177 und 212-213; persönliche Beobachtungen und Erkundigungen des Unterzeichneten.
10 ) Seit dem 4. September werden im Wettersteingebirge vermißt die Herren Prof. Gabriel Haupt aus Würzburg und der Primaner Seso Müller aus München. Laut Eintragungen in den Gipfelbüchern, welche von verschiedenen Suchpartien eingesehen wurden, haben die beiden am 5. September, von der Meilerhütte über den Söllerpaß und das Scharnitzjoch kommend, die Scharnitzspitze über die Südwand erklettert, sind über den Ostgrat zur östlichen Wangscharte abgestiegen und haben über den Westgrat die Schüsselkarspitze erreicht, von wo der Übergang zur Leutascher Dreitorspitze geplant war. Von da an verlieren sich die Spuren. Weder im Gipfelbuch der Leutascher Dreitorspitze noch in dem des Oberrheintalschrofens fand sich eine Eintragung. Vermutlich sind die beiden auf der weiteren Gratwanderung von dem am 5. September nachmittags 5 Uhr 30 Min. hereinbrechenden Unwetter überrascht und durch Absturz oder Blitzschlag verunglückt; vielleicht deckt sie der Schnee in einer der Rinnen oder Schluchten der Nordseite der Schüsselkarspitze oder in dem zerklüfteten Gebiete der Dreizinkenscharte. Eine Aufklärung des Unglücksfalles ist vor dem Sommer 1917 kaum zu erwarten. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151, 163 und 178.
11 ) Am 13. September stürzte beim Begehen des Rosenlauigletschers der 42jäh+ rige Koch Neuenschwander aus Bern über einen Felsen ab und blieb tot. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 163.
12 ) Am 19. September stürzte auf dem Bifertenfirn der 28jährige diplomierte Ingenieur Ernst Christen aus Zürich schon in völliger Erschöpfung in eine Gletscherspalte und konnte wegen ungünstiger Verhältnisse nicht mehr lebend geborgen werden. Folgende Einzelheiten sind lehrreich: Christen war am 18. September mit dem 26jäh-rigen O. Künzler aus Konstanz bei ungünstigem Wetter von der Hüfihütte aufge- brochen. Sie erreichten bei Schneesturm den Piz Rusein um 2 Uhr nachmittags und mußten wegen Nebel und Schneegestöber auf dem Bifertenfirn, ob der Gelben Wand, übernachten, fast ohne Proviant und ohne den Kochapparat in Tätigkeit setzen zu können. Halb erfroren und erschöpft stiegen sie am andern Morgen durch die „ Schneerunse " hinunter. Um 11 Uhr vormittags fiel der hinten am Seil gehende Christen etwa 8 m tief in eine Spalte des Gletschers. Künzler konnte ihn trotz aller Anstrengung nicht herausbringen, weil der sehr ermattete Christen, dessen Pickel schon am Vortag gebrochen war, nichts zu seiner Rettung beitragen konnte. So befestigte Künzler das Seil, so gut es ging, ließ seinen Rucksack zur Orientierung an der Unglücksstelle liegen und eilte nach Hülfe aus. Er gelangte glücklich zur Grünhornhütte, verfehlte die Fridolinshütte, wo drei Touristen waren, und konnte erst von der hinteren Sandalp aus Hülfe von Linthal requirieren. Die Rettungskolonne, die noch in der Nacht aufbrach, gelangte unter Künzlers Führung erst am Morgen des 20. auf den Gletscher, konnte aber, da inzwischen 1 m Neuschnee gefallen war, die Stelle nicht finden und mußte bei andauernd schlechtem Wetter umkehren. Erst am 27. September gelang die Bergung der Leiche, die in halbliegender Stellung und eingeklemmt getroffen wurde, einer Kolonne von 4 Mann, bestehend aus Herrn Künzler und drei Mitgliedern der Sektion Uto S.A.C. Alp. 1916, pag. 219-220; D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 163—164.
Zu der Berichterstattung in S.A.C.J.. L, pag. 310, über das Unglück an der Jungfrau, welchem die Brüder Frick aus Zürich am 3. August 1915 zum Opfer fielen, wäre nachzutragen, daß laut Eintragungen im Hüttenbuch der Rottalhütte die beiden daselbst vom 31. Juli auf den 1. August genächtigt hatten und schon die Nacht vom 1. auf den 2. August in den Felsen unterhalb des Hochfirns biwakieren mußten, bevor sie am 2. August nachmittags mit der morgens um 6 Uhr von der Rottalhütte aufgebrochenen Partie F. Stucki, A. Weber und A. Eberle zusammentrafen und mit derselben ein zweites Biwak in schlechtestem Wetter, diesmal auf dem Hochfirn selbst, durchmachen mußten. Daß nunmehr bei den Brüdern Frick aus scheinbar geringfügigem Absturz oder Abrutschen eine Katastrophe wurde, nimmt bei dieser Sachlage weniger wunder. Vgl. Alp. 1915, pag. 233—234, mit Alp. 1916, pag. 26.
Ferner haben wir über einen Leichenfund ( nach 7 Jahren !) zu berichten. Am 20. August 1909 hatte der 20jährige Studierende Felix Popper aus Wien allein eine Ersteigung des Reissecks ( Kärnten ) durchgeführt und war seit jener Zeit verschollen. Alle Nachforschungen blieben erfolglos ( vgl. D.&Ö.A.V.M.. 1909, pag. 213 und 275; S.A.C.J.. XLV, pag. 343 ). Nunmehr hat am 31. August 1916 ein Gendarm im Gebiete des Reissecks eine ganz verweste Leiche gefunden, die an mehreren untrüglichen Kennzeichen als die des vermißten Felix Popper festgestellt wurde. D.&Ö.A.V.M.. 1916, pag. 151.Redaktion.