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Von Michael Sennhauser | 6. Oktober 2015 - 14:30
Im August hat sie noch mit viel Energie am Filmfestival von Locarno ihren letzten Film vorgestellt. Gestern ist die belgische Filmemacherin Chantal Akerman mit nur 65 Jahren gestorben. Obwohl sie das grosse Publikum kaum kannte, hat Chantal Akerman von den 70er Jahren an den modernen Film und vor allem das feministische Kino geprägt.
1975 hat die erst 25 Jahre alte Chantal Akerman aus Brüssel mit einem sehr ungewöhnlichen, dreieinhalb Stunden langen Film das europäische Kino revolutioniert.
Allein schon der Titel war seltsam, er bestand aus einer Adresse: Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles.
Den Inhalt des Films fasst die junge Autorin in einer Fernsehsendung damals so zusammen: Der Film erzähle drei Tage aus dem durchstrukturierten Alltags-Leben einer Frau, die Frau sei Witwe, sie lebe allein mit ihrem Sohn und sie habe seit dem Tod ihres Mannes nichts am Tagesablauf verändert …
…ausser dass sie jeden Tag zwischen 5 und halb Sechs Männer empfange, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren…
Die Sachlichkeit und Nüchternheit, mit welcher Chantal Akerman damals die Prostitution in den Alltag integrierte, und vor allem das betonte Interesse an der psychischen Verfassung der Frau, die schliesslich einen ihrer Kunden ersticht, hat Kritiker und Publikum schockiert und fasziniert.
Der Film war mit seiner dokumentarischen Nüchternheit stilbildend, Chantal Akerman hatte quasi über Nacht eine Etikette bekommen.
Noch 20 Jahre später, als ihre smarte Psychoanalyse-Komödie A Couch in New York mit Juliette Binoche bei Publikum und Kritik durchgefallen war, war Akerman überzeugt, das liege an der Schublade, in die man sie gesteckt habe. Alle hätten von ihr bloss noch ein Remake dieses ersten grossen Erfolgs erwartet.
Dabei ist Chantal Akerman zeitlebens eine geschätzte und bewunderte Filmemacherin geblieben. Das grosse Publikum hat sie mit ihren über 40 Dokumentar- und Spielfilmen nie mehr erreicht. Aber für jüngere Kollegen und insbesondere Kolleginnen blieb sie Vorbild, Messlatte und oft auch eine sehr rauhbeinige, eben so herzliche wie unverblümte Sparring-Partnerin.
Ihr letzter Film, den sie im August am Filmfestival Locarno gezeigt hat, heisst No Home Movie und gab sich alle Mühe, seinem Titel gerecht zu werden. Im Wesentlichen nahm sie damit Abschied von ihrer zunehmend dementen Mutter, filmte sich im Gespräch mit der alten Frau, stets bemüht, keine Rührung und keine filmische Ästhetik aufkommen zu lassen.
No Home Movie ist so herzlich und so rauh wie ihre mit zunehmendem Alter auch immer rauhere Stimme und Sprechweise geworden war. Und nun zeigt sich, dass der Film nicht nur ein Abschied von der Mutter war, sondern Chantal Akermans Abschied von der Welt.
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