Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/1122

Fragen rund um das Babyschreien
Fragen rund um das Babyschreien
Hat das untröstliche Schreien der Babys immer mit Bauchschmerzen zu tun?
Es ist ein weit verbreiteter Glaube, dass das Schreien der Babys in erster Linie mit Verdauungsproblemen zusammenhängt. Sowohl aus der Forschung, wie auch aus der therapeutischen Arbeit wissen wir, dass nur in einem sehr geringen Prozentsatz der Fälle, effektiv Störungen des Magen-Darm-Traktes für das vermehrte Schreien der Babys verantwortlich sind.
Obwohl das krampfartige Zusammenziehen der Babys, der harte und gewölbte Bauch wichtige Phänomene bei untröstlich schreienden Säuglingen sind, so bedeutet dies nicht gleichzeitig, dass sie die Ursache der Problematik sind. Nur lediglich 5 % aller frühen Regulationsstörungen in der Säuglingszeit lassen sich direkt auf Verdauungsprobleme zurück führen. Heute sind sich die Säuglings- und Bindungsforscher einig, dass das exzessive Babyschreien gleichermaßen im „schwierigen“ Temperament des Säuglings sowie bestehenden Interaktions- und Beziehungsstörungen zwischen Eltern und Kind ihren Hintergrund haben kann.
Viele Eltern machen fälschlicherweise die so genannte „Dreimonatskolik“ für das untröstliche Weinen der Babys verantwortlich. Der Begriff legt zudem nahe, dass die Koliken und Blähungen sich auf die ersten drei Lebensmonate des Kindes beschränken. Liegt jedoch eine Regulationsstörung des Säuglings vor, was sich u. a. daran zeigt, dass das Kind nicht mehr mit Beruhigung auf die tröstenden Angebote der Eltern reagiert, kann das Schreien weit über die ersten Monate hinaus anhalten.
Innerhalb der Emotionellen Ersten Hilfe helfen wir den Eltern vorerst dabei, einen inneren Halt in ihrem Körper zu finden, so dass sie besser in der Lage sind, die Schreiphasen ihres Babys emotional begleiten zu können. Im zweiten Schritt geht es darum, die Ursachen für das vermehrte Schreien des Säuglings aufzuspüren und zu verstehen.
Häufig machen wir in der Praxis die Erfahrung, dass durch das Wiedererlangen innerer Sicherheit bei den Eltern, die Krämpfe und Bauchschmerzen der Babys nachlassen. Manchmal lässt sich auch beobachten, dass trotz des weiterhin gespannten und geblähten Bauches des Kindes die Dauer und Intensität des Schreiens nachlässt. Sollte ein ausgeprägtes und häufig spitzes Schreien im unmittelbaren Anschluss an das Stillen oder der Flaschenfütterung erfolgen, sollte der Kinderarzt konsultiert werden, um auszuschließen, dass eine Kuhmilch-Unverträglichkeit des Babys vorliegt.
Ich habe schon alles versucht: Fliegergriff, Pezziball, Autofahren. Nichts hilft. Was kann ich noch tun?
Viele Eltern beantworten das Schreien und die Unruhe ihres Babys mit verschiedenen Versuchen unterschiedlicher Beruhigungsstrategien. Speziell das stundenlange Spazieren gehen mit dem Baby, das Tragen im Tragetuch oder auch das Angebot von auditiven Reizen (wie Spieluhren etc.) werden eingesetzt, um das Baby zu beschäftigen und abzulenken. Das Problem dieses Vorgehens besteht jedoch darin, dass die vorliegende Anspannung des Kindes oder gar die tieferliegende Beziehungsstörung hierdurch nicht behoben werden. Viele Eltern wissen dies intuitiv, da das Aussetzen der Beruhigungsangebote sofort zu einer Steigerung der Schreiaktivität führt. Deshalb beschreiben viele Eltern diesen Zustand auch so, als seien sie „auf der Flucht“ vor ihren eigenen Kindern. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und fühlen sich von ihren eigenen Kindern unter Druck gesetzt.
Ein erster Schritt ist häufig, dass die Eltern lernen, dem Schreien ihres Säuglings nicht mehr auszuweichen. Babys drücken über das Weinen ihren Kummer aus. Dieser Kummer kann ganz unterschiedliche Ursprünge haben: So kann das unbefriedigte Bedürfnis nach Zuwendung und Nähe genauso die Ursache des kindlichen Schreiens sein, wie eine unverarbeitete Trennungserfahrung oder der Schrecken einer überwältigenden Geburt. In jedem Fall ist es wichtig, dass die Eltern dem Baby den Raum einräumen, diesen Tränen Ausdruck zu verleihen.
Dieser Schritt ist häufig nur dann möglich, wenn die Eltern selbst emotionale Unterstützung erhalten. Im Rahmen der Schreiambulanzen erfahren Eltern diese Hilfe und lernen, durch gezieltes Stressmanagement ihre Kinder emotional durch das Weinen hindurch zu begleiten. Im Rahmen der EEH-Sitzungen lernen die Eltern, ihren Körper als Kraftquelle zu nutzen, um auch in den belastenden Zeiten, wo das Baby vermehrt weint, in einem Zustand der Gelassenheit und inneren Ruhe zu verbleiben. Das Baby macht dadurch eine neue Erfahrung, dass es während der belastenden Zeit einen Partner an seiner Seite hat, der für sich sorgt und Halt und Sicherheit verströmt.
Eine Folge dieses Vorgehens, die wir häufig in den Krisensitzungen beobachten können, ist ein Einstellungswechsel der Eltern. Indem die Eltern mehr in ihrem Körper geerdet und gesichert sind, hören sie plötzlich die konkrete Not und das Leid ihrer Kinder, welche sich in dem Weinen ausdrücken. Statt mit Rückzug und Kränkung auf die Äußerungen des Kindes zu reagieren, können sie nun mit Empathie und innerer Anteilnahme auf die Notsignale ihres Kindes antworten.
Insofern ist professionelle Hilfe in einer Schreiambulanz immer dann anzuraten, wenn die Strategien der Eltern keine nachhaltige Veränderung des Schreiverhaltens des Babys nach sich ziehen oder, wenn die Eltern in einen Zustand der Ohnmacht und Hilflosigkeit geraten.
Woran erkenne ich ein Schreibaby?
Das Schreien ist ein natürliches Ausdrucksmittel des Säuglings. Vor dem Erwerb der Wortsprache ist das Schreien das wichtigste Ausdrucksmittel, mit der es seine Bezugspersonen darauf aufmerksam machen kann, dass ihm etwas fehlt. Ein Baby schreit, wenn es Hunger oder Durst hat, wenn es Schmerzen hat, wenn es ein Mangel an Sicherheit oder Zuwendung verspürt, aber ebenso, wenn unverarbeitete Belastungen, wie die Erfahrung einer verfrühten Trennung oder übermäßig schmerzvollen Geburt, das Kind in einen Zustand der Spannung versetzen. Grundsätzlich ist das Weinen der Babys ein Mittel, mit der es seine Umwelt auf Defizite hinweist. Das Schreien des Babys ruft die Eltern heran, damit sie schauen, was los ist und damit sie den Mangel beheben. Insofern hat das Schreien im Optimalen einen bindungsstärkenden Effekt.
Dies ist jedoch nicht mehr der Fall, wenn das Schreien des Säuglings ein bestimmtes Maß überschreitet. Schreit das Baby viele Stunden am Tag, reagieren die meisten Erwachsenen mit Rückzug, Stress und vermehrter Verunsicherung auf die Reaktionen des Kindes. Diese exzessiv schreienden Babys lassen sich in der Regel nicht mehr durch herkömmliche Methoden, wie Körperkontakt, Schaukeln auf dem Arm oder Singen beruhigen. Ihr Schreien erfolgt anfallsartig, oft ohne Vorankündigung. Schon kleinste Störungen, wie ein lauteres Geräusch reichen bei diesen Säuglingen, um einen Schreckreflex und eine anschließende Schreiattacke auszulösen. Neben der Heftigkeit und der Tatsache, dass das Schreien nicht zu beeinflussen ist, zeigen viele Babys während der Schreiphasen eine enorme Verstärkung ihrer Muskelspannung, sie vermeiden häufig den Blickkontakt und sie neigen während des Schreiens zur Überstreckung.
Grundsätzlich hat man sich in der Säuglingsforschung und Kinderheilkunde darauf geeinigt, dass man von einem exzessiven Schreibaby dann spricht, wenn das Baby mindestens drei Stunden am Tag, über drei Tage, über drei Wochen hinweg schreit. Dies ist die sogenannte Dreierregel nach Wessel. Diese Versuche, dem “problematischen“ Schreien ein bestimmtes Maß zuzuordnen, muss aus Sicht der Praxis durchaus kritisch bewertet werden. In aller Regel entscheiden die inneren und äußeren Ressourcen (Kraftquellen) der Eltern darüber, ab wann sie das Schreien ihres Kindes als problematisch bewerten. Eine Mutter, die über ein liebevolles Umfeld verfügt und die über eine gute Fähigkeit verfügt, Stresszustände innerlich zu begleiten, kann selbst dann noch in einem guten Zustand mehr fünf oder mehr Stunden am Tag quengelt oder schreit. Hingegen sind andere Eltern bereits nach einer Stunde mit ihren Nerven und Kräften am Ende und geraten in einen Zustand der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sollten Sie im Umgang mit Ihrem Baby das Gefühl haben, sie befinden sich mit dem Rücken zur Wand, haben das Gefühl ständig erschöpft zu sein oder gar Impulse, ihrem Baby etwas anzutun oder es zu verlassen, dann sollte in jedem Fall dringend professionelle Hilfe in der nächsten Schreibaby-Sprechstunde oder Frühberatungsstelle aufgesucht werden.
Manchmal würde ich mein schreiendes Baby am liebsten schütteln oder “an die Wand klatschen”. Ich bin entsetzt über meine Gefühle und Gedanken. Was kann ich tun?
Das Schreien des Babys führt in einem erwachsenen Menschen zu starken Stresszuständen. Dies ist insofern sinnvoll, als der menschliche Organismus vermehrt Kraft benötigt, um seine Aufmerksamkeit auf das Baby zu richten und die Ursachen des kindlichen Schreiens zu ergründen. Unter normalen Bedingungen führen die Pflegeangebote der Eltern schnell zu einer Beruhigung des Säuglings. Problematisch ist es jedoch, wenn die mobilisierten Bindungskräfte ungenutzt verpuffen: das Baby schreit weiter und lässt durch die Beruhigungsstrategien nicht beeinflussen. In diesem Fall kann die enorme Anspannung auch Grundlage von destruktiven Impulsen werden. Vor allem dann, wenn die Eltern sich in ihren Bemühungen durch das anhaltende Schreien enttäuscht und zurückgewiesen fühlen, besteht die Gefahr von gewaltvollen Impulsen gegenüber dem Baby. Viele Eltern haben in diesen spannungsreichen Schreiphasen bedrängende Phantasien, ihr Baby „an die Wand zu klatschen“ oder am „liebsten aus dem Fenster zu werfen“. In der überwiegenden Anzahl der Fälle sind es kurze Momente, wo einem etwas Derartiges durch den Kopf schießt. Obwohl bei einem gesunden Erwachsenen diese Gedanken nicht ausgeführt werden, sind sie doch bereits ein Warnzeichen, dass die Belastungsgrenzen des jeweiligen Menschen erreicht sind.
Heute weiß man, dass die fortdauernde Stressbelastung durch das erhöhte Schreiaufkommen eines Säuglings zu den größten Gefahren für spätere Kindesmisshandlung und Kindstötung gehören, die derzeit bekannt sind. Schon ein kurzes, heftiges Schütteln eines Säuglings im ersten Lebensjahr bedeutet für das Baby eine lebensbedrohliche Gefahr. Das Schütteln kann sehr schnell zu massiven Schädigungen der Wirbelsäule oder zu einschneidenden Hirntraumen führen, die nicht selten tödlich ausgehen.
Sollten Sie in den Phasen, wo ihr Baby vermehrt untröstlich weint, Impulse haben, aus der Haut zu fahren, mit Jähzorn zu reagieren oder ihr Kind oder ihren Partner anschreien, ist dringend anzuraten, professionelle Hilfe aufzusuchen. Die emotionale Belastung in Schreibaby-Krisen ist für die betroffenen Eltern enorm und außen stehenden Menschen kaum mit Worten zu beschreiben. Sehen Sie die gewaltvollen Phantasien und Impulse als ein Notsignal ihres Organismus. Ihre Belastungsgrenzen sind erreicht. Im Rahmen einer Schreibaby-Beratung kann professionelles Vorgehen schon nach wenigen Sitzungen für eine emotionale Entlastung der betroffenen Eltern gesorgt werden.
Wo finde ich eine/n geeignete/n EEH-Berater/in meiner Nähe?
In den letzten Jahren ist das Netzwerk an zertifizierten Fachberaterinnen für Emotionelle Erste Hilfe immer dichter geworden. Eine Liste findet Sie auf dieser Internetseite: www.eeh-deutschland.de Dort klicken Sie auf die “BeraterInnenliste” oder klicken Sie auf die Länderkarte und suchen nach geeigneten Beraterinnen in ihrer Nähe. Sollten Sie nicht fündig werden, wenden Sie sich bitte direkt an das ZePP (Zentrum für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie) in Bremen mit der Rufnummer: 0421/3491236.