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Buchtipp
Über Nationalismus
1945 hat George Orwell (jawohl, der Autor von «1984») einen Essay über Nationalismus geschrieben, der bisher nie auf Deutsch erhältlich war. Obwohl der Text genau 75 Jahre alt ist, hat er nichts von seiner Aktualität eingebüsst. Im Gegenteil: Es ist geradezu erschreckend, wie aktuell sich George Orwells Warnung vor Nationalismus liest und wie präzise sein Text auf die Gegenwart (Stichwort Donald Trump) zutrifft. Orwell versteht Nationalismus recht breit. Er meint damit ein Gefühl, das sich nicht auf eine Nation beschränkt, also nicht auf die Verbindung mit einem einzigen Volk oder einer bestimmten geografischen Region. Er schreibt, Nationalismus könne sich an einer Kirche oder einer Klasse festmachen oder in einem rein negativen Sinne funktionieren, gegen irgendetwas und ohne Bedürfnis nach einem positiven Gegenstand der Loyalität. Orwell bezeichnet mit Nationalismus die «verbreitete Annahme, dass sich Menschen wie Insekten klassifizieren lassen und ganze Gruppen von Millionen oder Abermillionen Menschen mit dem Etikett ‹gut› oder ‹böse› belegt werden können.» Vor allem aber meint er damit «die Angewohnheit, sich mit einer einzigen Nation oder einer anderen Einheit zu identifizieren, diese jenseits von Gut und Böse zu verorten und keine andere Pflicht anzuerkennen als die, deren Interessen zu befördern.» Orwell unterscheidet scharf zwischen Patriotismus und Nationalismus: Unter Patriotismus versteht er «die Verbundenheit mit einem bestimmten Ort und einer bestimmten Lebensweise, die man für die beste auf der Welt hält, aber anderen Menschen nicht aufzwingen möchte». Patriotismus sei «von Natur aus defensiv, militärisch wie kulturell.» Ganz anders der Nationalismus: Er sei «untrennbar mit dem Streben nach Macht verbunden. Das dauerhafte Ziel jedes Nationalisten besteht darin, immer mehr Macht und immer mehr Prestige anzuhäufen».
Orwell wendet Nationalismus nicht nur auf Nationen an. Der Begriff umfasst für Orwell auch «Bewegungen und Neigungen wie den Kommunismus, den politischen Katholizismus, den Zionismus, den Antisemitismus, den Trotzkismus und den Pazifismus». Ein Nationalist sei «jemand, der einzig und allein – oder überwiegend – in Kategorien konkurrierenden Prestiges denkt.»
Als Hauptmerkmale nationalistischen Denkens bezeichnet Orwell die Besessenheit, mit der ein Nationalist die Überlegenheit seiner Gruppe thematisiert, die Instabilität – ein Nationalist kann sich über Nacht einer anderen Gruppe zuwenden – und die «Gleichgültigkeit gegenüber der Realität». Orwell schreibt dazu: «Ein britischer Tory wird die Selbstbestimmung in Europa verteidigen und sie in Indien ablehnen, ohne den Widerspruch zu bemerken.» Ersetze «Indien» durch «Schottland» und wir sind in der Gegenwart.
Es lohnt sich, George Orwells Text auch 75 Jahre nach seiner Entstehung zu lesen. Gerade die zeitliche Distanz zu den Beispielen macht die Analyse sachlicher. Seine Gedanken lassen sich unbefangener auf die Gegenwart beziehen. Der Text ist deshalb auch heute unbedingt lesenswert.
George Orwell: Über Nationalismus. Mit einem Nachwort von Armin Nassehi. dtv, 64 Seiten, 12.50 Franken; ISBN 978-3-423-14737-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783423147378
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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 14. Februar 2020: Der Kurzschluss der Bürgerlichen
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