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Ausstellung
Ein Gletscherforscher und Rassist
In der Schweiz gedachte man im Jahr 2007 des 200. Geburtstags von Louis Agassiz (1807–1873), einem Schweizer Glaziologen. Agassiz war indes auch ein einflussreicher rassistischer Anthropologe. Der St. Galler Historiker Hans Fässler lancierte deshalb die Kampagne «Démonter Louis Agassiz»: Das nach dem Glaziologen benannte Agassizhorn in den Berner Alpen sollte in «Rentyhorn» umgetauft werden. Renty war ein Sklave aus dem Kongo, den Agassiz in South Carolina fotografieren liess, um die behauptete Minderwertigkeit der «schwarzen Rasse» nachzuweisen.
Seither macht Fässler, unterstützt von einem transatlantischen Komitee, den Rassismus von Agassiz zum Thema. 2009 reichte das Komitee in Bern und Grindelwald die Onlinepetition «Rentyhorn» mit über 2400 Unterschriften ein. Adressiert war die Petition zur Umbenennung des Agassizhorns an Bundesrat, eidgenössische Räte, Kantonsregierungen von Bern und Wallis, Gemeindebehörden von Grindelwald, Guttannen und Fieschertal sowie an den Stiftungsrat des Unesco-Welterbes Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn.
Im Dezember 2010 lehnte der Nationalrat die Petition ab. Im Gemeindemuseum Grindelwald ist nun das Resultat eines Kompromissangebots des dortigen Gemeindepräsidenten zu sehen: Die Ausstellung über Agassiz’ rassistisches Denken und Erbe ist zustande gekommen, obwohl diverse Stellen ihre Unterstützung verweigerten. Der Stadtrat St. Gallen begründete dies damit, dass man sich nicht in die Angelegenheiten Grindelwalds einmischen wolle und die Ausstellung nichts mit St. Gallen zu tun habe. Harvard-Institutionen wie das Peabody Museum und das Art Museum verweigerten die Reproduktionsrechte von Fotos, weil die Ausstellungsbroschüre eine «aggressive Sprache» enthalte.
Die Ausstellung besteht aus zwölf Tafeln. Besonders brisant ist Tafel 7 («Von Harvard nach Berlin»), die erstmals den Einfluss von Agassiz auf die NS-Rassenhygiene belegt. In einem Video von Sasha Huber ist zudem der Helikopterflug zu sehen, mit dem die Künstlerin auf dem Agassizhorn eine Tafel zu Ehren Rentys in den Schnee rammte.
Adrian Riklin
Art Container
Was in, um und auf Schiffscontainern so alles geschehen kann, ist zurzeit in Steffisburg bei Thun zu sehen. «Aussen Stahl und Rost, innen hochkarätige Kultur» lautet das Motto der eineinhalbmonatigen «Art Container»-Ausstellung: Vierzehn renommierte Kunstschaffende aus dem In- und Ausland haben farbige Container, die mitten in der Landschaft platziert sind, in ein Kunstprojekt verwandelt. Der Bieler Comickünstler M. S. Bastian und seine Partnerin Isabelle L. haben im Container eine verspielte, interaktive Comicwelt geschaffen, in der die BesucherInnen an der Gestaltung des Raums teilhaben können. Der Berner Künstler Niklaus Wenger nennt seinen Container, der unter anderem schräg auf Holzbalken liegt, «Deep Down the Structure», und die Zürcher Künstlerin Andrea Good lässt in ihrem Container die Besuchenden das Phänomen der Camera obscura erleben.
Neben den Kunstprojekten – von KünstlerInnen vor Ort geschaffen – gibt es auch Konzerte: Am Samstag, 30. Juni 2012, treten die Mundartsängerin und Kabarettistin Lisa Catena («Tippmamsell»), das Duo Schertenlaib & Jegerlehner und die Berner Mundartpolkaband Kummerbuben auf. Am Sonntag, 1. Juni 2012, sind Gesangstalente aus der Region sowie The White Sox Jazz Band zu hören.
Silvia Süess
«Art Container» in: Steffisburg Dorfplatz, bis So, 1. Juli 2012. Konzerte am Sa, 30. Juni 2012, ab 17 Uhr, und So, 1. Juli 2012, ab 11.30 Uhr. Finissage: So, 1. Juli 2012, 13 Uhr. www.artcontainer-steffisburg.ch
Endstation Meer?
Plastik ist biologisch nicht abbaubar, wird in der Umwelt aber in immer kleinere Teile aufgebrochen. Das führt dazu, dass es kaum noch Meerwasser gibt, das nicht Teile davon enthält. So gerät Plastik in die Nahrungskette und landet irgendwann auf unserem Teller.
Die Ausstellung «Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt» präsentiert Plastikmüll aus den verschiedenen Weltmeeren und zeigt die Ausmasse auf, die das Meer im Meer angenommen hat. Sie beschreibt die Auswirkungen auf Ökologie und Gesundheit von Pflanzen, Mensch und Tier. Im Rahmen der Ausstellung finden eine Reihe von Podien und Workshops zu Themen wie Meeresschutz, Kunststoff und Design und «From Trash to Treasures» statt.
Fredi Bosshard
«Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt» in: Zürich Museum für Gestaltung, Di, 3. Juli 2012, 19 Uhr, Vernissage; Di–So, 10–17 Uhr; Mi, 10–20 Uhr. Bis 23. September 2012. www.museum-gestaltung.ch / www.plasticgarbageproject.org
Festival
Belluard Bollwerk
«Retoxifikation» sagt man, wenn jemand nach einem Entzug einen Rückfall erleidet. Die Leute des Freiburger Festivals Belluard Bollwerk haben sich gedacht, dass es in einer Gesellschaft, «in welcher Wohlbefinden zur Pflicht und Entspannung zum Geschäftszweig geworden ist», an der Zeit sei, «die Komfortzone zu verlassen: Zeit für Retox».
Nicht, dass sie zum Komatrinken an ihrer neuen Cocktailbar aufrufen würden: «Aber Kunst, Kultur, Politik und Ökologie sollen neu erfunden, wiederbelebt, neu verortet und regeneriert werden.» Nun gelte es, «das Publikum moralisch herauszufordern; zurückzukehren zur Einzelaktion als Gegenstück zur Wissenshierarchie».
Seit 1983 hat sich das Belluard zu einem wichtigen Produktionsort entwickelt, der KünstlerInnen aus dem In- und Ausland die nötigen Mittel zur Verfügung stellt, um ihre Arbeiten entfalten und bekannt machen zu können. Mit seinem transdisziplinären Ansatz ist das Festival zu einem Fixpunkt in der internationalen Performanceszene geworden.
Unter den rund zwanzig Produktionen sind dieses Jahr fünf Projekte zu sehen, die zum Thema «Retox» entstanden sind. Aus fast 350 Bewerbungen wählte eine Jury folgende Arbeiten aus: «Ponte en mi pellejo» des Teatro Ojo (Mexiko-Stadt), «Achievement Achieved» von Keith Lim (Sidney/Berlin), «Big Hits» von Getinthebackofthevan (London), «Bolidage» von Stéphane Montavon, Gilles Lepore & Antoine Chessex (Delémont/Basel/Krakau/Vevey/Berlin) sowie «As it is» von Damir Todorovic (Belgrad).
Adrian Riklin
Festival Belluard Bollwerk International in: Freiburg Belluard/Bollwerk, Bahnhof SBB und alter Bahnhof. Fr, 29. Juni 2012, bis Sa, 7. Juli 2012. Detailliertes Programm: www.belluard.ch.
Widmer & Wiedmer
Wangen an der Aare liegt zwischen Olten und Solothurn und gehört zum bernischen Oberaargau. Es gibt dort einen Zytgloggeturm, eine alte Holzbrücke über den Fluss und das Festival Nomen est omen. Dieses Jahr im Juli und bis zum 1. August sind die Widmers und Wiedmers zu Gast.
In diesen Tagen gibt es gar einen Wiedmerweg. Er führt vom Festivalzentrum Salzhaus der Aare entlang durch den Schlossgarten hindurch in den Altstadtkern. Dabei begegnet man den Plastiken von Christoph Widmer und Paul Wiedmer, den Cartoons von Ruedi Widmer – den man in der WOZ nicht vorstellen muss –, den Fotografien aus der Wasserwunderwelt von Daniel Widmer und den keramischen Arbeiten von Renate Wiedmer.
Die Journalistin und Theaterautorin Gisela Widmer eröffnet das Programm mit «Zytlupe und anderes», einige Tage später ist der Film «Bruno Ganz – Behind Me» zu sehen, der von Norbert Wiedmer stammt. Auch der hochgeschätzte Urs Widmer reist für eine Lesung an, und Thomas Widmer lädt zu einer vierstündigen Wanderung ein, die am Inkwilersee vorbeiführt. Die Wi(e)dmers bespielen also nicht nur das ganze Städtchen, sondern auch die Umgebung. Das ist natürlich nicht das ganze Programm. Ein Leckerbissen der besonderen Art dürfte Ruedi Widmers Cartoonlesung am 25. Juli werden, bei der Sie bestimmt auch Texte zu hören bekommen, die Sie schon in der WOZ gelesen haben. Die Eintritte sind moderat und «alle Ausstellungen angenehm eintrittsfrei», wie im Programmheft zu lesen ist.
Fredi Bosshard
Festival Nomen est omen «Wi(e)dmer» in: Wangen an der Aare Salzhaus und andere Orte, So, 1. Juli 2012, bis Mi, 1. August 2012. www.festivalnomen.ch