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Chor
Der Chor in der Filmmusik gehört in den meisten Fällen zur extradiegetischen Musik und hat sehr oft keinen Text.
Die frühe Filmmusik war stark von Richard Wagners Musikdrama beeinflusst, der das Orchester als Erneuerung des kommentierenden Chors in der altgriechischen Tragödie betrachtete (Oper und Drama 1852, Kap. 25). Damit übernahm er Vorstellungen von einer unartikulierten Sprache der Musik, wie sie im 19. Jahrhundert etwa von E. T. A. Hoffmann formuliert worden sind.
In der Filmmusik der Hollywood-Ära (und dann wieder für «New Hollywood» seit den 1970er-Jahren) wird das Orchester in pathetischen Momenten oft durch einen textlosen Vokalisenchor ergänzt, der ein Bindeglied zwischen den Menschenstimmen der Dialoge oder Erzählstimmen, dem Stimmengewirr öffentlicher Schauplätze und den «sprachlosen» Stimmen der Musikinstrumente bildet. In Science-Fiction-Filmen ist ein Vokalisenchor häufig ein Symbol für das Grenzenlose. Die Textlosigkeit lässt offen, ob es sich um «eigene» Stimmen (als Identifikationsangebot) oder um «fremde», unheimliche Stimmen handelt.
Wenn ein Chor Texte singt, sind sie oft als Identifikationsangebot für den «Chor» der Filmzuschauer gedacht, sollen zum Mitsingen animieren und haben dadurch eine naive Wirkung. Jingles bestanden ursprünglich aus Chören.
Mit den Möglichkeiten der digitalen Klangverarbeitung können Stimmenchöre erzeugt werden, die sich im Grenzbereich zwischen Menschenstimmen, Instrumentalstimmen und Geräuschen befinden.
Die wissenschaftliche Literatur über Chöre im Film befasst sich hauptsächlich mit Chören, die im Film sichtbar sind (siehe Maas 2014).
Schweizer Filmmusik
Mit dem Vokalisenchor im Animationsfilm Précision Longines (1952) zitiert Hans Vogt ein Symbol für die Grenzenlosigkeit des Weltalls. Alphonse Roy kreierte für L’inconnu de Shandigor (1967) einen Science-Fiction-Chor, der eine mysteriöse Spannung schafft. Einen modernen Chor ohne Text hat André-Daniel Meylan für die letzten Einstellungen von La nébuleuse du coeur (2005) geschaffen: Dem Thema des Films entsprechend, handelt es sich um einen Totentanz, verstärkt durch das Vanitasmotiv des Spiegels oder Echos, weil der Komponist hier mit sich selbst im Chor singt. Die Tanzform des Walzers lässt das Ende des Films dennoch versöhnlich erscheinen.
Der Text des Chors von Walter Wild in Kampf dem Hunger (1941) fordert die Schweizer Bevölkerung zu Identifikation auf. Jean Binets Chor am Ende von Jim et Jo détectives (1943) übernimmt mit seinem Text die Funktion des «Filmerklärers» aus der Zeit des frühen Stummfilms und soll die Zuschauer zum Mitgefühl mit den Filmfiguren bewegen. Robert Blum integrierte in die Ouverture von Heidi und Peter (1955) zunächst einen Chor ohne Text, der die «grenzenlose» Schweizer Landschaft charakterisiert, und am Ende einen textierten Chor im konkreten Raum des Klassenzimmers. Walter Baumgartners teilweise textierter Chor in seiner Titelmusik für Oberstadtgass (1957) soll es den Zuschauern ermöglichen, sich in das Milieu des Films einzustimmen. Als Werbelied für Ernst-Teigwaren seit den 1960er-Jahren hat Tibor Kasics einen Chor geschrieben, der zum Mitsingen animieren und dabei ein Produkt sympathisch machen sollte. Der lateinisch textierte Chor von Adrian Frutiger in Sennentuntschi (2010) schafft dagegen mit «fremden» Stimmen eine Atmosphäre des Unheimlichen. (Autor: Mathias Spohr)
Literatur
- Mathias Spohr: «Filmmusik», in: Daniel Brandenburg, Rainer Franke, Anno Mungen (Hg.): Das Wagner-Lexikon, Laaber: Laaber 2012, S. 217–219. ISBN 978-3890075501
- Susanne Maas: Chöre im Spielfilm, Berlin: Lit 2014. ISBN 978-3-643-12600-9