Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/852

Die Bildungstheorie Wilhem von Humboldts
Aus: Hans-Christoph Koller (2015). Grundbegriffe, Theories und Methoden der Erziehungswissenschaft. Stuttgart: Kohlhammer. Seiten 73-87
Hauptaussagen Text
Koller (2015) erläutert die Bildungstheorie wie sie von Humboldt hervorgegangen ist. Hierbei geht er auf verschieden Werke von Humboldt ein und benutzt sie komplimentierend zueinander für die Darstellung des Bildungsbegriffs und deren Philosophischen Grundgedanken dahinter. Humboldt behauptet, dass der „Wahre Zweck des Menschen (…) die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen” ist (Humboldt, 1792/1980, S.64). Es gilt sich selbst und die ’Welt’ durch seine Kräfte zu verbessern und ein “möglichst würdiger Repräsentant der Gattung zu werden“ (d.h. die Menschheit als ganzes verkörpern) (Koller, 2015, S.78). Bildung wird im Sinne der Entwicklung dieser Kräfte verstanden. Humboldt, so Koller, setzt auch eine vielseitige und abwechslungsreiche Umgebung durch die möglichst alle Kräfte angesprochen werden voraus. Und dazu soll die Wechselwirkung von ‘Ich und Welt’, welche frei zugänglich, beidseitig aktiv und immer unterschiedlich ist, als gesellschaftlicher Prozess dazu dienen alle Kräfte zu entwickeln. Dies ist die Thematisierung des Begriffes der Bildung und er stellt somit auch die Hypothese auf, dass dies der beste Weg ist zur Bildung. Er beschreibt noch die Kriterien dieser Wechselwirkung, die seiner Meinung nach unbedingt statt finden muss. Zuletzt stellt er Sprachen, die er als “Weltanisicht“ beschreibt, als ’Organe der Gedanken’ dar die als solches und in ihrer Mannigfaltigkeit die Weltansicht aller (konfrontierten) bereichern.
Problemstellung
Zum einen standen sich die Verkörperung des Besten Selbst und stellvertretend für die ganze Menschheit im Gegensatz. Aber die Ansicht von Humboldt, dass wo der einzelne Mensch nicht mehr vermag, soll er dies mit Hilfe der Gesellschaft das gleiche bewirken, behebt die Ambiguität. Dann, hieß es Menschen sollen frei Zugang zu der Wechselwirkung haben, aber dennoch sollen Eltern für die (Aus-) Bildung aufkommen und dessen Opportunitätskosten in Kauf nehmen. Und obwohl es zu seinen Lebzeiten nicht mehr gereicht hat, ist wenn auch ein Jahrhundert später die freie schulische Bildung nach Humboldt’s Vorstellung so eingetroffen. Es scheint fast, als würde Koller (2015) immer passend die Lücken zu schließen wissen. Dies soll auf keinen Fall heißen, dass Humboldt mit seinen Gedanken auf dem richtigen Weg war.
Aber im generellen ist die Problemstellung, oder eher der Sachstand, der Ansatz einer Bildungstheorie zu einer Zeit wo die geschilderte Thematisierung von Bildung so noch nirgends stattgefunden hat, bis heute einen Anklang gefunden hat. Ja, ich finde seine Angehensweise an den Begriff der Bildung, wie sie so schön von Koller recherchiert wurde und repräsentiert ist, an sich, die Problemstellung des Textes. Also, nehmen wir an, dass die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen der Beste Weg zur Bildung ist.
Ergebnisse
Leider ist die Metaanalyse nicht tief genug um aus diesen wenigen Seiten eine Schlussfolgerung zu ziehen. Aber rein das Status Quo des jetzigen Bildungssystems im Sinne wahrend, lässt sich schließen, dass es, mit unter anderem, Humboldt’s Beiträge und Annahmen sind, die sich verwirklicht haben.
Forschungsansatz
Koller betreibt eine Metaanalyse von Humboldt’s Beiträgen zu Bildung. Hierzu wird auch oft die Nähe zu Kant’s Philosophischen Gedanken aufgezeigt.
Eigenen Gedankengänge
Humboldt’s Ansätze find ich sehr vertretbar. Ein Mensch soll seine vollen Kapazitäten durchaus erreichen wollen und dadurch seinen Wert auf der Sozioökonomischen Ebene verbessern. Und wenn er dem nicht gewachsen ist, soll die ’Welt’ oder Gesellschaft ihm dabei behilflich sein. Und diese Wechselwirkung lässt sich mit der Auseinandersetzung mit anderen stets erreichen. Demnach ist Bildung wirklich die Entwicklung jener Fähigkeiten und die Wechselwirkung von sich selbst und der Welt.
Mir gefällt der letzte Abschnitt von Koller (2015) in dem er Sprachen, wie von Humboldt als Gegenstand und Medium von Bildung gesehen wird, angeht:
Er interpretiert, dass mit Bildung, die Auseinandersetzung mit fremden Sprachen, jeder “Dialog mit anderen Menschen, in dem sich ein Subjekt auf eine fremde Weltansicht seines Gegenübers einlässt und auf diese Weise seine eigene Weltansicht erweitert oder sogar überschreitet” (S.87), verstanden wird.
Seinen Ausgangspunkt die Welt mit “unverzichtbaren Momenten“ (Koller, 2015, S.83) zu schmücken finde ich sehr schön. Ebenfalls seine Nutzung des Begriffs “Gegenpol”, die er auch in alltäglichen Umständen eines Menschen, wie in der Ehe oder in einer Freundschaft widerspiegelt sieht.
Er geht somit fast der philosophischen Nachfragung des Sinn des Lebens nach. Wieso sind wir hier wenn nicht zur Besserung des Daseins? Das eigene Dasein, aber auch das Dasein aller Mitmenschen soll hier berücksichtigt werden; was auch heißt, Mitmenschen die auch eine andere Sprache sprechen. Das Menschen sich austauschen sollen, um sich zu Bilden, Über die eigenen Grenzen gehen soll ist ein wärmender Gedanke. Und dabei finde ich schön, dass das Ganze von Innen stattfinden soll.
Ich finde das Zitat “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (aus Immanuel Kant – Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung [1784]) sehr passend. Es scheint, viele ’aufklärerische’ Wertvorstellungen lassen sich heute im Schweizer (Schul-) System finden. Der Neuhumanismus wird demnach noch lange anhalten, da wir den Weg von Humboldt nach wie vor begehen.