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Wir wägen ab, und beim Abwägen sind es unsere Werte, die massgeblich zur Entscheidung beitragen.
Allerdings ändern sich die Werte. Das kann ich an mir selbst überprüfen. Oder sind meine Werte heute dieselben wie als Teenager, als Erstklässler? Wenn ja, dann aus zwei Gründen: entweder Du bist Teenager (ich geh mal davon aus, dass Erstklässler diesen Text nicht lesen), oder es ist etwas schief gelaufen.
Ähnlich verhält es sich mit Gesellschaften und Subkulturen. Lass mich ein Beispiel aus der Schweizer Geschichte anführen:
Nach der Reformation blieb der Kanton Uri katholisch. Uri hat mit dem Gotthard eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Europas. Und tRotzdem ist der Kanton bis heute arm und ein Ausgleichsempfänger beim nationalen Finanzausgleich der Kantone.
Der Kanton Glarus hingegen wurde reformiert (der Schweizer Ausdruck für pRotestantisch). Glarus ist im Grunde genommen eine Sackgasse, ein Tal mit ein paar Nebentälern. Und tRotzdem erwirtschaftete der Kanton einen gewissen Reichtum. Heute sind sie zwar im selben Masse Empfänger wie Uri, aber über eine lange Zeit war Glarus wesentlich besser gestellt, tRotz widriger geographischer Umstände.
Dies lässt sich mit der reformierten Arbeitsethik bestens erklären. Die Wertehierarchie des PRotestantismus weicht von der des Katholizismus ab. Verkürzt erklärte Calvin den Glauben zur Privatsache des Individuums und Erfolg zum äusseren Zeichen eines gottgefälligen Lebens. Rechter Glauben war also am Wohlstand der Person ablesbar.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Werte wieder gewandelt. Um das zu sehen, muss man nur gewisse Zeitungen aus Deutschland aufschlagen. Da wird der jungen Generation, Gen Z genannt, jeglicher Arbeitswillen abgesprochen. Die Krankheitstage werden gezählt, die Unwilligkeit, gratis 10 Minuten früher mit der Arbeit zu beginnen, und das Weinen wegen zu hoher Belastung ins Lächerliche gezogen.
Die Wertehierarchie der Jugend hat sich verschoben, und die ältere Generation kann das nicht nachvollziehen. Wir erleben im Grunde genommen einen neuen Sonderbundskrieg, der zum Glück zivilisierter ausgekämpft wird, mit Zeitungsartikeln statt Hellebarden.
Doch es zeigt sich auch ein weiteres Problem. Die meisten Menschen übernehmen unbewusst eine Wertehierarchie, welche ihnen von der Gesellschaft und ihrer Subkultur vorgelebt wird, ja welche diese von ihnen verlangen. Es ist eine Mischung aus egoistischen Wünschen, Fähigkeiten und Bedürfnissen und von Aussen auferlegten Erwartungen.
Kennen Sie Ihre eigenen Werte? Wissen Sie, warum sie Dinge tun? Warum glauben Sie zum Beispiel, dass Arbeit notwendiger Teil eines menschenwürdigen Lebens ist?
Werte tendieren heute dazu, zu versteinern. Wir sind in einer Wertekrise oder Sinnkrise. Verschiedene Wertesysteme bekämpfen einender, weil sie sich nicht verstehen. Spiral Dynamics erklärt, warum das so ist. Die Theorie der positiven Desintegration zeigt einen Weg aus dieser Situation hinaus.
Ein erster Schritt ist es, die Sicherheit und Gewissheit des Denkens der eigenen Gruppe zu hinterfragen.
Lass die Gewissheit los. Das Gegenteil ist nicht Unsicherheit. Es ist Offenheit, Neugierde und die Bereitschaft, sich auf Paradoxes einzulassen, anstatt sich für eine Seite zu entscheiden. Die ultimative Herausforderung besteht darin, uns selbst so zu akzeptieren, wie wir sind, aber nie aufzuhören zu versuchen, zu lernen und zu wachsen.Tony Schwartz