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Wie ein Lauffeuer erfasste das Projekt Volksbildung in der kurzen Zeit von 1919 bis 1921 die vom Krieg ruinierten europäischen Staaten. Insbesondere im deutschsprachigen, im englischen und im skandinavischen Raum, schossen Volkshochschulen aus dem Boden. Rasch dehnte sich das System in die Landschaft aus. Jede Gemeinde, die etwas auf sich hielt, gründete mindestens einen VHS-Ableger. Die rasante Industrialisierung und die Neuformation der Gesellschaften als Nationalstaaten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten ein neues Bedürfnis nach breiter Weiterbildung der breiten Bevölkerung geweckt. Das Bildungsprivileg der Bessergestellten, die die Universitäten bevölkerten, erschien den jungen Demokratien als ungerecht.
Die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren auch sonst eine aussergewöhnliche Zeit. Sie waren geprägt von politischer und sozialer Desorientierung, verstärkt durch die Erfahrung einer mächtigen Beschleunigung. Radio und Telefon führten zu einer ungeahnt schnellen Zirkulation von Information, Mobilität erschien als neues Versprechen, die technologisch-industrielle Innovation stellte die Lebenswelt auf den Kopf. Nicht zufällig erschien Ludwig Witttgensteins «Tractatus Logico-Philosophicus» 1922, Le Corbusiers Grundlagenwerk «Vers une architecture» 1923, wurde das Fliessband als Ausdruck einer rationalen Gesellschaftsorganisation in den 1920er-Jahren populär.
Die unvermeidlichen sozialen Verwerfungen dieses ökonomischen wie kulturellen Rauschs liessen sich mit Bildung überwinden – so war die Hoffnung. Denn Bildung ermöglichte es dem Gebildeten, zu verstehen, die eigenen Optionen souveräner zu erkennen und entsprechend zu handeln. Gemeint war damit in erster Linie kulturelle und wissenschaftliche Allgemeinbildung. Jede und jeder sollte Zugang zur bürgerlichen Kultur, die das Herz der neuen, der demokratischen Gesellschaftsformation ausmachte, finden.
Und heute? Heute haben wir das Internet, eine unglaubliche, allen verfügbare Wissensbasis, zugänglich über das Handy, dem neuen Sackmesser der Bildung. Die Moderne hat das zu Beginn des 20. Jahrhunderts lancierte Projekt der Selbstverwirklichung vollendet. Doch sie macht aus Selbstverwirklichung eine Sache von Karriere und Status, in jedem Fall der Distinktion. Sie reduziert Bildung auf Wissen, schlimmer, auf Information. Sie ignoriert den zweiten grossen Gründungsimpuls von 1920: Dass Erwachsenenbildung immer Bildung zur Mündigkeit ist. Mündigkeit meint mehr als Fertigkeit. Mündigkeit meint, dass der Mensch fähig ist, die Welt zu erkennen, zu verstehen und angemessen zu handeln. Mündigkeit meint: In der Lage sein, argumentieren zu können, anderes gelten zu lassen, Demokratie zu leben, Freiheit und ihre Grenzen zu erkennen und sich darin zu bewegen. So kann man das Projekt Volkshochschule von 1920 auch als Ausdruck des Freiheitsdurstes der von den alten Aristokraten und den neuen Fliessbändern geknechteten Völker lesen.
Dieses Freiheitsprojekt hat es nicht leicht in einer Zeit, die von globalen Rankings, der unermüdlichen Jagd nach Einzigartigkeit, der binären Like-Dislike-Kultur der Social Media und vom unerbittlichen Kampf um die Steigerung des BIP bestimmt ist.
Aufbruch, Ernüchterung, Umbruch, Neuerfindung spiegeln sich in der Geschichte der Volkshochschule Zürich auf den folgenden Seiten. Sie macht begreifbar, warum und wie die Volkshochschulen sich der Verwertungslogik des Bildungssystems entzogen und damit aus dem Blick der Politik geraten sind. Aus dieser Position hat der Verband der Schweizerischen Volkshochschulen zu seinem 75-Jahr-Jubiläum ein Bildungsmanifest verfasst: «Bildung zur Vernunft». Darin heisst es: «Wir fordern […] eine Bildungspolitik, die die wissenschaftliche und kulturelle Allgemeinbildung als Kern jeder Bildung anerkennt und fördert.»
Dieser Forderung schliessen wir uns an. Sie bedeutet kein Zurück zu den Anfängen. Die Gesellschaft heute ist nicht die Gesellschaft von 1920. Wissen ist 2020 fast geschenkt; die digitalen Instrumente sind unverzichtbar. Verstehen fällt heute nicht leichter, eher schwerer, weil es mehr Orientierung und eine grössere Anstrengung erfordert. Deshalb behält das gemeinsame partizipative Lernen, wie die Volkshochschulen es anbieten, seine Bedeutung. Wir nennen es die humanistische Allgemeinbildung, in der es um den ganzen Menschen geht: um Kopf, Herz, Hand, um Geist und Körper.
Pius Knüsel
(Vorwort zur Festschrift «Ein lernbegierig Volk»)