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Als ich vor 2 Jahren in Esalen war, hatte ich die Gelegenheit, an einem der Wochenenden ein Mantra-Seminar mit Girish zu erleben. Girish, Amerikaner und Musiker, lebt vom Mantra Singen. Er hat über die Entstehung und das Schreiben seines Buches „Music and Mantras“ erzählt, das kurz vor der ersten Auflage stand. Über sein Erstaunen, wie er im Verlaufe der Recherchen neue Studien mit knallharten Fakten über die Verbindung der Herzfrequenzen und Mantras gefunden hat. Ob ein Mantra in Sanskrit oder in einer anderen Sprache, ob ein freies Tönen von Vokalen: eine lange Ausatmung muss es sein und ein Atemzyklus von 6x pro Minute. Dann sind die Effekte besonders gut sichtbar.
Anatomie zwischen Herz, Lunge und Nervensystem
Normalerweise sind die beiden Schwingungssysteme Herz und Lunge nur schwach aneinander gekoppelt. Wenn aber die Atmung langsam ausgeführt wird, wie beispielsweise durch das Singen eines einfachen Mantras, dann verstärkt sich die Wechselwirkung Atmung – Herzschlag. Die langsame, tiefe Atmung, die sich beim Mantra Singen durch die Struktur der Melodie unweigerlich einstellt, wirkt sich positiv auf die Herzgesundheit aus.
Eine Anhäufung von Nervenzellen an der äusseren oberen Herzwand, der Sinusknoten, ist der Taktgeber des Herzens und schlägt mit einer natürlichen Frequenz von etwa 90 Schlägen pro Minute. Nervenverbindungen des autonomen Nervensystems zwischen Hirnstamm und Herzen und Dehnrezeptoren der Lunge beeinflussen zusätzlich den Rhythmus unseres Taktgebers. Die Modulation ist fein: bei jeder Ausatmung werden Druckrezeptoren angesprochen, die über eine parasympathische Aktivierung zusätzlich den Herzschlag verlangsamen. Atmen wir ein, so wird der Sympathikus aktiv, das Herz wird schneller, die dämpfende Wirkung des Parasympathikus entfällt. Bei jedem Atemzug und jedem Herzschlag schwingt so auch das unwillkürliche Nervensystem mit.
Der Parasympathikus ist jener Anteil des Nervesystemes, der für die Entspannung, Regeneration und Verdauung zuständig ist. Vermittler ist vor allem der 10. Hirnnerv, der Nervus vagus, der als dicker Nervenstrang die Schädelbasis verlässt und sich dann aufteilt. Wenn wundert’s: Anteile dieses Nerves versorgen auch die Kehlkopfmuskulatur. Das ist also der Grund, weshalb es sich unter der warmen Dusche leichter singt als vor Publikum.
HRV – nicht jeder Herzschlag gleicht dem anderen
Selbst wenn das Herz regelmässig schlägt, wenn wir unseren Pulsschlag ertasten, sind die Ausschläge auf dem EGK variabel, wenn sie fein genug aufgeschlüsselt werden. Das ist die Herzraten-Variabilität, kurz HRV genannt. Eine hohe HRV ist Ausdruck eines gesunden, anpassungsfähigen Organismus. Die HRV kann diagnostisch erfasst und ausgewertet werden, was auch der Messparameter in vielen Studien ist, die den wohltuenden Effekt des Singens untersuchen.
Sanskrit Mantras und Rosenkranz
Ob Rosenkranz beten, Mantras rezitieren oder Singen im Chor: Atemintervalle pendeln sich um 0.1 Hz ein, was einem Atemzyklus von 10 Sekunden pro Minute entspricht. In diesem Bereich kommunizieren Lunge und Herz besonders gut, hier senkt sich der Blutdruck, die HRV verbessert sich. Und, kaum zu glauben, wir singen nicht nur die gleiche Melodie oder beten das gleiche Gebet. Unsere Herzen beginnen, im gleichen Takt zu schlagen, wobei gleichzeitig auch die Herzraten-Variabilität ansteigt. Eine Gruppe von neun Wissenschaftlern haben sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und sind zu folgendem Ergebnis gelangt:
Die Musikstruktur bestimmt die HRV von Sängern
Vickhoff und sein Team aus dem schwedischen Göteborg haben 2013 eine Untersuchung publiziert, die sich mit der Musikstruktur und der Herzratenvariabilität befasst. Hier die Studie mit vielen interessanten Querverweisen:
Eine einfache, ruhige Musikstruktur (wie ein Mantra), die sich wiederholt, hat auf das Singen in einer Gruppe einen erstaunlichen Effekt: die HRV Profile der Sänger gleichen sich in Frequenz und Ausschlag an. Die Kopplung zwischen Atmung und Herz wird durch eine geeignete Melodie verstärkt, der Atemrhythmus pendelt sich dabei auf 0.1 Hz ein. 10 Atemzüge pro Minute.
Diese Synchronizität des Herzschlages ändert das Gruppenfeld – von der Ich-Welt zu einer Wir-Perspektive. Das könnte der Grund sein, wieso gemeinsames Singen in allen Kulturen der Welt so tief verankert ist. Denn nur als Gruppe können wir Menschen überleben, nur so ist Evolution möglich. Das zumindest ist die Argumentation der Wissenschaftler.
Singen alleine oder in der Gruppe, Töne oder Lieder?
Alles hat eine heilende und entspannende Wirkung, reguliert die Stress- und Entspannungsachse und wirkt sich auf das Wohlbefinden aus. Das kann auch nur das Tönen von Vokalen sein, das bereits die kardiorespiratorischen Funktionen optimiert. Die Forschungsgruppe um Bernardi et al. hat im Sommer 2017 eine schöne Arbeit dazu publiziert:
Alles klar? Ich finde es wahnsinnig kompliziert. Aber das ist offensichtlich:
Wer schwingen kann, lebt gesünder
- Wenn wir schwingungsfähig sind, sind wir gesund. Das findet seinen messbaren Ausdruck in der Herzraten-Variabilität.
- Die Herzraten-Variabilität wird durch Singen sowohl im Chor als auch alleine verbessert.
- Die grössten Effekte zeigen sich bei Melodien, die unsere Atmung auf 0.1 Hz einschwingen lässt.
- Unsere Schwingungsfähigkeit macht uns anpassungsfähig an wechselnde Umweltbedingungen und wechselnde sozialen Strukturen.
- Wenn wir zusammen tönen und singen, stärken wir das Kollektiv und zugleich das Herz eines jeden einzelnen durch eine verbesserte HRV.
Die Singing Buddhas
Anfangs Dezember war ich bei einem gemeinsamen Singen mit Weltliedern und Mantras mit den Singing Buddhas mit dabei. Wir konnten die Ergebnisse von Vickhoff und Team im Feldtest eindeutig bestätigen. Nach 2 Stunden gemeinsamen Singens in der Wasserkirche in Zürich fühlten wir uns alle als eine grosse Familie. Im Einklang miteinander. Die Singing Buddhas singen regelmässig an verschiedenen Orten in der Schweiz. Hier geht’s zu ihrer Webseite und den nächsten Singterminen: http://www.singingbuddhas.ch/.
Frohe besingte Festtage!
Lili
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