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Kanton Graubünden
Chantun Grischun
Cantone dei Grigioni
Ausstellungsposter «Europa und die Schweiz im Revolutionsjahr 1848» als PDF
Diese Webseite ist Bestandteil der Ausstellung «Graubünden und die Bundesverfassung» im Grossratsgebäude in Chur. Lehrreiche Visualisierungen erinnern daran, was die Einführung der Bundesverfassung für Graubünden bedeutete und wie sich der Bergkanton in den jungen Schweizer Bundesstaat integrierte. Die Ausstellung ist während der August-, Oktober- und Dezembersession 2023 des Grossen Rates jeweils von 8:30 bis 12:00 Uhr und von 14:30 bis 18:00 Uhr öffentlich zugänglich.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Europa im Zuge der industriellen Revolution ein zunehmend selbstbewusstes Bürgertum. Gestützt auf Ideen der Aufklärung und nach dem Vorbild der französischen Revolution von 1789 wurden überall ähnliche Forderungen erhoben:
Häufig waren solche bürgerlich-liberalen Forderungen gekoppelt mit Wünschen nach politischer Unabhängigkeit und Errichtung von Nationalstaaten anstelle der bestehenden Vielvölkerreiche. Mancherorts spielten auch bereits radikale soziale und frühsozialistische Ideen und Bewegungen eine Rolle: Nicht nur „Pressfreiheit“, sondern auch „Fressfreiheit“ wurde – humoristisch zugespitzt – gefordert (also das Recht nicht nur auf geistige, sondern auch auf ausreichende körperliche Nahrung).
Das Jahr 1848 sah dann in verblüffender Gleichzeitigkeit eine ganze Welle von Aufständen und Revolutionen durch Europa rollen, in denen liberale und radikale Forderungen erhoben wurden. Man sprach vom „Völkerfrühling“. Auch in der Schweiz hatten die liberalen Ideen Verbreitung gefunden und in einigen Kantonen schon in den 1830er Jahren zu Verfassungsreformen inspiriert. Auf Bundesebene war es aber bis 1847 nicht gelungen, eine derartige Reform durchzuführen. Die Konflikte zwischen reformwilligen, meist – aber nicht ausschliesslich – protestantischen Kantonen und konservativen katholischen Kantonen häuften sich. Dabei ging es auch um die Frage, ob für die Entwicklung des eidgenossenschaftlichen Staatenbunds eine verstärkte Zentralisierung und stärkere Bundesinstitutionen notwendig seien. Es kam zur Eskalation: die liberalen Kantone beschlossen am 3. November 1847, den ihrer Ansicht nach verfassungswidrigen „Sonderbund“ von sieben katholischen konservativen Kantonen mit Gewalt aufzulösen. Dies führte zum letzten Bürgerkrieg in der Schweiz. Dank einem enormen Truppenaufgebot von rund 50‘000 Mann auf Seite der liberalen Kantone und nicht besonders ausgeprägtem Kampfeswillen der Gegenseite konnte die Auseinandersetzung bereits Ende November 1847 wieder beendet werden. Insgesamt waren nur 93 Todesopfer zu beklagen.
Die konservativen europäischen Grossmächte Österreich, Preussen und Russland, die am Wiener Kongress 1815 die Neutralität und das Territorium der Schweiz garantiert hatten, sahen den Sonderbundskrieg und dessen Ergebnis mit grossem Unwillen als Bruch der Wiener Vereinbarungen und damit als Bedrohung für die gesamteuropäische Ordnung. Von weiterem Eingreifen wurden sie durch die in ihren Gebieten anfangs 1848 ausbrechenden Revolutionen aber abgehalten, und so ergab sich für die Schweiz die Chance, in aller Eile im Windschatten der gesamteuropäischen Unruhen eine neue liberale Verfassung zu verabschieden und den Wechsel vom Staatenbund zum Bundesstaat zu vollziehen. In der Rückschau wurde der Sonderbundskrieg vielfach als Auftakt und Vorspiel des Revolutionsjahrs 1848 gesehen. „Im Hochland fiel der erste Schuss“, betitelte im Februar 1848 der deutsche Dichter und Revolutionär Ferdinand Freiligrath ein Gedicht auf die Revolution, in dem er weiter meinte: „Schon kann die Schweiz vom Siegen ruhn / Das Urgebirg und die Nagefluhn / Zittern vor Lust bis zum Kerne!“