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dem Standpunkte der reinen Farbenkunst. Von dem führenden Meister unterschieden sie sich jedoch durch Eigenheiten, welche zugleich als starke Gegensätze zwischen ihnen selbst erscheinen.
Tintoretto suchte das Lebendig-Bewegte zu steigern, um noch eindrucksvoller zu wirken; er gab deshalb seinen Darstellungen einen gewissen schauspielerischen Zug, der das Entscheidende in dem Vorgange stärker hervorhebt, indem er es vergröbert; seine Gestalten sind wuchtiger und in ihren Bewegungen gewaltsamer. Er zeichnet daher schon schärfer, als Tizian, da er aber doch hauptsächlich durch die Farbe wirken will, so verwendet er, um seinen Zweck zu erreichen, starke Gegensätze zwischen Licht und Schatten.
Diese vertiefte Schattengebung ist für seine Bilder bezeichnend, sie ist leider durch die natürliche Nachdunkelung der Farben noch derart verstärkt worden, daß viele Gemälde ganz undeutlich geworden sind, wie beispielsweise die sonst vorzüglichen in der Scuola San Rocco zu Venedig (56 an der Zahl). Eine minder rühmenswerte Eigenheit ist die Neigung zur Derbheit und Flüchtigkeit, für welche allerdings die Entschuldigung darin liegt, daß er nicht nur mit Aufträgen überhäuft war, sondern auch Gemälde von wahrhaft riesigem Umfang herzustellen hatte.
Sind schon die Bilder in Madonna del' Orto (Venedig) 15 m hoch, so werden sie noch übertroffen durch das «Paradies» im großen Saal des Dogenpalastes, welches das größte Oelbild der Welt ist, 22 m lang und 9 m hoch, mit angeblich 900 (sicher jedoch mindestens 400) Figuren. In all diesen Riesenbildern ist mehr die Kühnheit in der Anordnung der Gruppen und in der Ausführung oft launenhafter Einfälle, sowie die Handfertigkeit zu bewundern; seine echten künstlerischen Vorzüge entfaltet er in den Tafelbildern kleineren Umfanges und in den Bildnissen, welche seine damalige und spätere Berühmtheit auch vollauf rechtfertigen. Zu diesen Meisterwerken zählen unter anderen die «Ehebrecherin vor Christus» und das «Wunder des heiligen Markus». Letzteres
^[Abb.:Fig. 562. Paolo Veronese: Raub der Europa.
Venedig. Dogenpalast.] ¶
Bild fesselt jedoch mehr durch das kühne Kunststück: die Gestalt des Heiligen kopfüber vom Himmel herabstürzend darzustellen. Eines verstand Tintoretto immer, auch dort, wo er auf Maßhalten, Schönheit und Gedankentiefe vergaß - starke Wirkung zu erzielen.
Paolo Veronese. Gegenüber dem schattendunkeln und derbkräftigen Tintoretto erscheint Paolo Veronese als Maler des Lichtes und des Frohsinnes. Der tiefe goldige Ton der Farbengebung Tizians dünkte ihm noch zu schwer und er wählte daher einen leichteren, silberig hellen, für die Darstellung seiner heiteren, von festlicher Freude erfüllten Vorgänge. Von einer religiösen Empfindung, wie sie noch bei Tizian zu finden war, ist bei den Kirchenbildern Paolo Veroneses nichts zu verspüren; er ist weltlich durch und durch, und der sinnliche Zug tritt weit stärker hervor, wenn er auch niemals das Maß überschreitet, und stets in den Grenzen des Geschmackvollen und Gefallsamen bleibt.
Selbst in Schilderungen von Martyrien der Heiligen findet er Anlaß, eine Art Fest-Aufzug zu geben, und seine Besonderheit bilden daher die biblischen Gastmähler, wie die Hochzeit zu Kana oder das Mahl des Heilands im Hause des Simon. Diese Vorwürfe behandelte er in Gemälden, welche zur Ausschmückung der Speisesäle von Klöstern dienten, und daß sie dem Geiste der Zeit entsprachen, erhellt daraus, daß er sie mehrfach wiederholen mußte. Bezeichnend für seine Art sind diese Bilder in hohem Maße.
Daß die Gestalt Christi unter den Gästen erscheint, ist wohl das Einzige, was die biblische Bezeichnung rechtfertigt; im übrigen sind es Festmahle mit allem Prunk der Renaissance-Zeit. Die Hallen, in welchen sie stattfinden, die Gewandung der Gestalten, kurz alles Aeußerliche, und auch das Innerliche, wie es sich in Gebahren ausdrückt, ist zeitgenössisch. Seine ganze Malweise - Auffassung, Formensprache und Farbengebung - ist eine schmuckhafte, und wurde daher auch für die Richtung der Barock-Zeit vorbildlich, die freilich noch weit über ihn hinausging.
Die vorzüglichsten Werke finden sich in Venedig vereinigt, die Kirche S. Sebastiano könnte man fast ein Museum Paolo Veroneses nennen; San Caterina besitzt gleichfalls ein hervorragendes Meisterwerk, und weitere finden sich im Dogenpalaste, unter diesen ist von besonderem Reiz der «Raub der Europa». Paolo Veronese ist unter den großen Farbenkünstlern Venedigs wohl der am wenigsten gehaltvolle, aber auch der frohsinnigste. Seine Schule - darunter ein Bruder und zwei Söhne - brachte es zu keinen nennenswerten Leistungen; gerade die Leichtigkeit, welche Paolos Weise kennzeichnet, war zu sehr an die persönliche Begabung gebunden, als daß sie nachgeahmt werden konnte.
Die Bassanos. Aus dem Kreise der Venezianer soll schließlich noch die Familie der Bassanos erwähnt werden, die eine Art «Kunstfabrik» besaß. Der Sohn des Vicentiner
^[Abb.: Fig. 563. Paolo Veronese: Das Gastmahl im Hause des Levi.
Venedig. Akademie.] ¶