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finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds SNF
September 2010 – August 2013
Die Grandes Chroniques de France waren die dominierende historiographische Erzählung im Frankreich des 15. Jh. Sie kamen bereits 1476/77, kurz nach der Einführung des Buchdrucks in Paris, auf den Markt und waren das erstes Buch, das dort in der französischen Volkssprache publiziert worden ist. Bis in das frühe 16. Jh. folgten weitere Editionen. Das Zielpublikum dieser Editionen war ein lesefähiges, doch nicht unbedingt der akademisch gebildeten Elite angehöriges Publikum.
Die Bedeutung der Grandes Chroniques für die nationale Identitätsbildung Frankreichs im Mittelalter ist in der Forschung bereits hervorgehoben worden. Eine Würdigung ihrer Fortsetzungen in den Editionen der Inkunabelzeit und im frühen 16. Jh. ist bislang jedoch unterblieben, obwohl es sich um einen für die Genese der französischen nationalen Identität ganz zentralen Zeitabschnitt handelt.
Das Projekt hat sich daher zum Ziel gesetzt, diese Lücke in der Erforschung der französischen Historiographie und Erinnerungskultur zu schliessen. Die Untersuchung der Textgestalt und des Inhalts der frühneuzeitlichen Handschriften und Editionen wird durch Forschungen zur Rezeption, zur Intention der Auftraggeber und der von den Verlegern intendierten Wirkung ergänzt werden, um so die Rezeptions- und Transformationsgeschichte der Grandes Chroniques sichtbar zu machen.
Die inhaltliche Untersuchung der Textgestalt beschränkt sich auf die Fortsetzungen von 1380 bis 1461 und legt hier den Fokus auf Verschiebungen in der Darstellung der zentralen und in der zweiten Hälfte des 15. Jh. noch immer aktuellen Ereignisse des Hundertjährigen Krieges.
Die Grandes Chroniques werden damit erstmals in ihrer Bedeutung als identitätsstiftende Erzählung der nationalen Geschichte Frankreichs auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Frühneuzeit dargestellt. Die Resultate werden darüber hinaus generelle Schlüsse auf die Methoden und Intentionen der Vermittlung von Geschichte in der Frühzeit des Buchdrucks auch ausserhalb Frankreichs erlauben. Das Projekt leistet damit nicht zuletzt einen Beitrag zur Beantwortung der Frage nach Wandel und Kontinuität der identitätsstiftenden Geschichtsschreibung an der Epochengrenze zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Bedeutung des Projekts liegt aber auch in der Herausarbeitung von Analogien und Differenzen zur Medien-, Kommunikations- und Kulturrevolution der vergangenen zwei Jahrzehnte. Dessen Folgen und Entwicklungstendenzen sind heute ebenso schwer einzuschätzen wie für die Menschen des ausgehenden 15. und frühen 16. Jh. Gemeinsam mit ihnen haben wir die mehrheitlich positive Haltung diesen Umbrüchen gegenüber, können uns der kulturellen Implikationen jedoch nicht bewusst sein.