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Kerzerz - Annexionsgelüste der Berner?
Abb. 1
Keine Angst, geneigter Leser, die Zeiten sind längst vorbei; es wird keinen Eroberungsfeldzug der Berner in den Kanton Freiburg geben. Aber es gibt da doch etwas, was bislang eher unbesehen zum Kanton Freiburg geschlagen wurde — auch Herr Winkler tat dies, und zwar mit seiner Stempel-Nr. 2563, KERZERZ (einziger Stempel mit Z am Schluss, Frühdatum lt. Abb. l 15.1.1847, sehr fragliche Verwendungszeit nach Winkler 1848-1850) - was nun durch den Verfasser eingehend untersucht wurde. Das überraschende Resultat ergibt, dass dieser Stempel unter der bernischen Posthoheit verwendet wurde; was im Folgenden, mit einer weiteren Überraschung, zu beweisen wäre.
Die Suche nach Briefen mit solchem Abdruck ist nicht gerade einfach, denn der Stempel ist selten aufzuspüren; und eben, Sie werden sagen, wozu der Aufwand, Kerzers liegt ja trotzdem im freiburgischen Seeland. Politisch ja, bei der Wi-Nr. 2563 aber mit nichten.
Allein schon von der Stempelform ausgehend kann festgestellt werden, dass solche mit geringen Ausnahmen nur im Kanton Bern verwendet wurden und dem Schreibenden ist auch schon seit etlichen Jahren bekannt, dass es sich bei derartigen kursivförmigen Abdrucken zum überwiegenden Teil um Botenstempel handelt. Nach dieser Erkenntnis, die auf eine bernische Verwendung schliessen lässt, zeigte eine Überprüfung einiger der wenig bekannten Briefen auffallende Merkmale:
- Abgangsort in allen Fällen Wileroltigen (BE)
- rückseitig den Zweikreisstempel von Gümmenen, Wi-Nr. 798 in gleicher, schwarzgrauer Farbe wie KERZERZ
- Bestimmungsorte Richtung Bern oder darüber hinaus
- Verwendungszeit im ersten Halbjahr 1847.
- Ähnlichkeit der Buchstaben z.B. "K" wie bei Köniz usw., woraus geschlossen werden kann, dass der Stempel von Büchsenmacher Hofer in Walkringen, einem Freund des damaligen Oberpostdirektors Gueissbühler, gestochen wurde.
Diese Farbidentität lässt daher kaum Zweifel daran, dass beide Stempel vom Boten erst im Post-, Zollamt- und Ohm-Geldbüro Gümmenen (früher Güminen und Gümminen) angebracht wurden.
Ein Vergleich mit einer Landkarte aus der Zeit zeigt ein ebenso prägnantes Merkmal: Golaten - Wileroltigen - (Kerzers?) — Gurbü — Gümmenen — Bern etc. wäre wohl ein recht merkwürdiger Postweg, wenn man weiss, dass um 1840 bereits eine einigermassen gangbare Strasse von Golaten nach Gümmenen führte, ohne Kerzers zu berühren (s. Skizze). Wozu dann der Umweg über Kerzers?
Im vorliegenden Fall können wir festhalten, dass Wileroltigen 1846 eine Postablage zugesprochen erhielt, die 1882 bereits wieder aufgehoben wurde und die dem Postbüro Gümmenen unterstellt war. Ein Postlokal scheint aber nicht vorhanden gewesen zu sein. Dies konnte sowohl beim Gemeindeamman oder auch beim ernannten Boten persönlich gewesen sein, und es ist vorläufig auch nicht die Rede von einem Stempel, sowenig wie anfänglich von einer Entschädigung. Umliegende Ortschaften erhielten interessanterweise früher Stempel. So z.B. Biberen (für Biberen-Ritzenbach); Eröffnung der Postablage 1833, es sind zwei verschiedene Stempel bekannt, früheste Verwendung ab 1834; die Ablage wurde 1844 geschlossen; Ablagehalter war Jakob Hirsig mit einem Lohn von Fr. 10.— pro Jahr. Ferenbalm folgte mit Eröffnung am 28.7. 1846; Stempel bekannt ab 1846; Ablagehalter war Joh. Andrist mit Fr. 30.- Jahreslohn als Briefträger und Fr. 45.— als Bote. Ritzenbach wurde am 1.7.1846 eröffnet oder umbenannt, denn der Ablagehalter war wiederum Joh. Andrist.
Kehren wir zu Wileroltigen zurück, dem Schlüsselpunkt unserer Forschungsarbeit. Zum Ablagehalter der Kirchgemeinde "Kerzerz zu Wyleroltigen" und auch als Bote nach Gümmenen wurde 1846 der Gemeinderat Kaspar Bracher ernannt. Dies bestätigt die Tatsache, dass nur angesehene Bürger für eine solche Wahl in Frage kamen. Gleichzeitig war er auch Briefträger für Wileroltigen, Golaten und Gurbrü. Dreimal wöchentlich ging er um 07.00 von Wileroltigen weg und traf jeweils um 08.30 bereits in Gümmenen ein. Somit besteht wohl kein Zweifel daran, dass es sich bei Kaspar Bracher um den legendären Golatenbot handelt. Seine Besoldung als Ablagehalter betrug 1848 Fr. 25.— und als Briefträger Fr. 60.— pro Jahr. Über seinen Lohn als Bote schweigen leider die Akten. Er trat von diesen Ämtern am 1.4.1864 zurück.
Der zunächst verfügbare Stempel KERZERZ in schwarz, Wi-Nr. 2563 scheint nun zu Differenzen mit den in Kerzers (FR) verwendeten Stempeln geführt zu haben. Möglich ist dabei auch die falsche Bestimmung von Gebühren gewesen. Kaspar Bracher sprach daher auf der Post-Direction in Bern vor, um einen anderslautenden Stempel zu erhalten. Seinem Wunsche wurde Folge geleistet und er schreibt am 22.7.1847 der obgenannten Stelle:
"Tit! Ich zeige Ihnen hierdurch den richtigen Empfang des heute mir zugesendeten neuen Post-Stempels für "Bernisch Kerzerz" an, mit dem Beifügen, dass ich darüber recht froh bin, und meinen Dank dafür ausspreche. Es war dies umso nothwendiger, da, wie ich Ihnen schon mündlich gesagt habe, eine Ortschaft und zwar freiburgisch (mit dem Namen Kerzers) sich befindet, auch mit einer Postablage, dagegen eigentlich hier kein eigener Ort ist, der Kerzerz heisst. Sondern BernischKerzerz begreift die Ortschaften Wyleroltigen, Gurbrü, Golaten und Stämpflishäusern. Mit freundlichem Grüss und Werthschätzung! Ihr ergebener K. Bracher, Postablagehalter zu Wyleroltigen."
Abb. 2
Abb. 2 zeigt uns diesen bis anhin völlig unbekannten Stempel und der Brief Brachers erklärt uns freundlicherweise auch noch, was unter "Bernisch Kerzerz" zu verstehen ist.
Damit ist unter anderm auch die grosse Seltenheit der Wi-Nr. 2563 erwiesen, denn dieser Stempel war kaum länger als ein halbes Jahr in Gebrauch. Der bislang unbekannte Abdruck "Bernisch Kerzerz." (Merkmal: Punkt nach z) ist auf einem Brief und einem Briefstück belegt.
Als Ergänzung sei beigefügt, dass der rot und schwarz vorkommende, in französischer Schrift ausgefertigter Stempel "Chietres", Wi-Nr. 2561 und 2561a, ausschliesslich freiburgischer Herkunft ist. Es sind keine bernischen Abgangsorte bekannt. Dasselbe gilt für die Wi-Nr. 2562, 2562a, 2562b (Langstempel Kerzers, eingefasst im Achteck), wobei es sich hier im übrigen stets um denselben Abdruck handelt. Nur waren damals die Farbmischungen sehr unvollkommen, sodass sich bei jedem Anrühren der Farbe verschiedene Nuancen ergaben, die jedoch nicht zu höheren oder niedrigeren Bewertungen führen sollten.
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