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Esther erkennt mich nicht mehr
Kurt sitzt in einem Restaurant im Wallis. Er sitzt da und weiss nicht, was er tun soll. Was passiert, kann er nicht einordnen. Er ruft seine Kinder an und bittet um Hilfe. Dann tippt er die Nummer des Notrufs ins Handy.
Später schreibt Kurt in sein Tagebuch: 27. Mai 2015, Esther erkennt mich nicht mehr.
Esther ist seine Frau. Das Ehepaar wollte gerade ein Glas Wein trinken, als sie plötzlich sagte: „Was machst du überhaupt da? Du hast dich zehn Jahre nicht gemeldet und jetzt mischst du dich ein.“ Später diagnostizierten Ärzte bei ihr die Lewy-Körper-Demenz.
Die Sätze trennen ihre Beziehung in ein Vorher und Nachher. Sie stellen sie auf den Kopf und schütteln sie durch. Kurt taumelt. Esther taumelt. Die Sätze rütteln sogar an Kurts Überzeugung, dass das Leben eine lösbare Aufgabe ist.
Kurt ist mein Götti, 72-jährig, braune kurze Haare, schmales Gesicht. Im Wohnzimmer seiner Wohnung im Wiggertal schildert er mir, was nach dem Vorfall geschah, und erzählt mir, wie sie als Paar zuvor lebten. Seine Stimme ist gedämpft. Über die Ereignisse spricht er offen, über Gefühle ungern. Zwischendurch steht er auf und humpelt in die Küche, um nach den Älplermagronen zu sehen.
Nach der Diagnose versuchen Kurt und Esther ihr bisheriges Leben weiterzuführen. Doch das funktioniert nicht. Kurt will Esther etwas erklären. Sie versteht es nicht. Er wiederholt es, noch einmal, und noch einmal – bis seine Tochter reagiert. „Papi, sie kann es nicht verstehen, sie ist krank.“ Esther kann nicht verstehen, Kurt will nicht verstehen. Nicht verstehen, dass sie nicht mehr versteht.
Esther ist 71-jährig, graue kurze Haare, breites Gesicht, wache Augen. Ihre Stimme ist hoch, sie zieht Grimassen, zwinkert mit den Augen, als würde sie Ironie noch verstehen. Einen Dialog führen, das kann sie nicht mehr.
Kurt und Esther sahen sich 1965 das erste Mal in einer Beiz in Reitnau. Sie als Mitglied im Damenturnverein, er im Musikverein. Die beiden Vereine setzten sich an einen gemeinsamen Tisch. Kurt und Esther lernten sich kennen. Später fuhr er sonntags mit seinem VW Käfer über Landstrassen zu ihr. Sie verliebten sich. 1970 heirateten Kurt und Esther in der Kapelle beim Knutwiler Bad. Sie mit Schleier, er mit Scheitel. Mit einem Arm hängte sie sich bei Kurt ein, im anderen hielt Esther den Brautstrauss. Sie schworen sich ewige Treue und lächelten dabei in die Kamera. Ein Fotoalbum zeugt von diesen glücklichen Tagen.
Sommer 2015. Esthers Wahrnehmung kann sich innert Sekunden ändern. Ein Satz wie „Schön bist du wieder da, Kurt“ kann unmittelbar auf einen wie „Ich muss mit einem fremden Mann im Bett schlafen” folgen. Ein Bekannter gibt Kurt den Tipp, Esther zu überlisten, indem er aus der Haustür trete und durch die Kellertür wieder hinauf in die Wohnung komme. Kurt probiert es. Manchmal begrüsst ihn Esther euphorisch, als wäre er Stunden weg gewesen, manchmal erkennt sie ihn immer noch nicht wieder.
In den folgenden Monaten häufen sich die Vorfälle. Esther fühlt sich unwohl in der Wohnung, steht nachts manchmal auf und will die Wohnung verlassen. Die Haustür kann sie meistens nicht öffnen, weil Kurt sie geschlossen hat – einmal schafft sie es trotzdem. Kurt eilt ihr hintennach. Er ist verunsichert, hofft, dass sich alles wieder einpendelt, widerspricht ihr, sagt ihr, dass sie unrecht hat. Das verunsichert sie.
Nach der Hochzeit zog Esther auf Kurts Hof im Wiggertal. Dort lebten und arbeiteten sie zusammen. Die Aufgaben teilten sie sich klassisch auf: Kurt erledigte die Hofarbeit, Esther den Haushalt. Sie arbeiteten viel. Wenn die Arbeit erledigt war, kümmerten sie sich oft um Gäste. Beide waren sie gastfreundlich, hatten ein offenes Haus für Geschwister und Bekannte. Später zogen sie drei Kinder gross. Viele Jahre funktionierte alles. Sie funktionierten. Wenn sie einen Konflikt hatten, lösten sie diesen vor dem zu Bett gehen, sagt Kurt. Wenn Esther Zeit für sich brauchte, besuchte sie für ein paar Stunden ihre Eltern, sagen die Kinder.
Im Herbst 2015 besucht Kurt einen Kurs zum Umgang mit dementen Menschen. Er will sich selbst helfen. “Ich schaffe das alleine”, sagt er und liest auch Bücher zum Thema Demenz. Er lernt, dass er aufhören muss, Esther immer zu widersprechen. Das will er ändern.
Seine Kinder machen sich Sorgen. Sie eilen ihm zur Hilfe, wenn etwas mit Esther ist – und auch wenn nichts ist.
Bereits 1994 veränderte sich das Leben von Kurt und Esther entscheidend. Kurt verunfallte bei der Arbeit. Er stürzte von einem Wagen und verletzte sich schwer an der Halswirbelsäule. Sieben Wochen lag er auf Intensivstation. Mehrere Monate war er vom Hals abwärts gelähmt. Esther besuchte Kurt fast täglich im Spital, als er Tetraplegiker war. Zuhause führte sie mit den Kindern den Hofbetrieb weiter. Esther hatte Angst. Kurt hatte den Willen, wieder gehen zu können. „Ich laufe da wieder heraus“, sagte er den Ärzten, die ihm einen Rollstuhl bestellen wollten.
Kurts Geschichte mit seinem Unfall kommt jetzt, da er sich um Esther kümmert, wieder hoch. Das sei er ihr schuldig, sagt er. Sie habe sich auch um ihn gekümmert, als er im Spital lag. “Jetzt bin ich dran.”
Trotz Fortbildung schafft es Kurt nicht alleine. Esther wohnt für ein paar Tage die Woche bei seinen Kindern. Kurt lernt, Hilfe anzunehmen. Zudem wird Esther im Frühling 2016 ein erstes Mal für drei Wochen in einer Tagesstätte betreut. Aber auch das ist keine optimale Lösung. Das Hin und Her zwischen ihrem Zuhause, Kindern und Tagesstätte stresst Esther.
Ab Sommer 2016 wird sie wöchentlich für zwei Tage in einer Tagesstätte betreut. Ihr gefällt es aber nicht in der neuen Umgebung. „Ich rede doch nicht mit denen“, sagt sie; und meint damit ihre Mitbewohner im Pflegeheim. Kurt kann sich an den zwei Tagen die Woche, die Esther in einem Pflegeheim ist, nicht erholen. Nach diesem aufreibenden Jahr, in dem er sich fast rund um die Uhr um Esther kümmerte, kommt bei ihm auch eine Leere auf. Er hat Zeit. Zeit zum Nachdenken. Kurt hadert.
1995, ein Jahr nach Kurts Unfall, konnte er wieder laufen, seinen Willen durchsetzen. Kurt hat einen starken Willen. Er glaubt an die innere Kraft, versucht immer alles positiv zu sehen, pragmatisch. Er sagt Sätze wie: Das Leben ist eine Aufgabe, die dir gestellt wird.” Bei Esther geht ihm das nicht auf. Die Aufgabe scheint unlösbar.
„Ich kann Esther keine fünf Minuten alleine lassen.“ Kurt ist überfordert, kann nichts mehr planen. Vorfälle, die zu Beginn der Krankheit noch wöchentlich passierten, sind im Herbst 2016 an der Tagesordnung. Einmal hält sich Esther das Bügeleisen an den Kopf, weil sie meint, es sei ein Haarföhn.
Als Kurt selbst gesundheitlich angeschlagen ist, raten ihm seine Kinder, Esther in einem Pflegeheim vollständig fremd betreuen zu lassen. Kurt zögert, hat Schuldgefühle. Letztlich stimmt er doch zu.
Esther wohnt ab Januar 2017 in einem Pflegeheim. Wenn Kurt sie besucht, sagt sie: „Du kommst mich nie besuchen.” Er glaubt ihr, fühlt sich schuldig – obwohl er am Tag zuvor bei ihr war. Verabschiedungen nach Besuchen im Pflegeheim fallen schwer, Kurt zerreisst es innerlich.
Nach seinem Unfall verbrachte Kurt viel Zeit im Thermalbad in Leukerbad. Später kaufte er sich im Wallis eine Wohnung, für sich und Esther. Kurts Plan war es, dort zu bleiben. Esther arrangierte sich – ihm zuliebe. Nach der Pensionierung nahmen sie sogar die Schriften ins Wallis.
Fortan lebten sie die meiste Zeit im Wallis. Sie renovierten das Haus nach und nach, richteten sich ein, waren immer weniger im Wiggertal. Gleichzeitig fiel Kurt auf, dass Esther Dinge vergisst oder vertauscht. Sie stritten sich über Kleinigkeiten. Ihre Kinder nannten sie „s’Chifflers“.
Nach einigen Monaten fühlt sich Esther wohler im Pflegeheim. Ihre kognitive Leistungsfähigkeit verschlechtert sich zwar fortwährend, dennoch scheint sie Kurt, wenn er sie besucht, jedes Mal als ihren Ehemann wiederzuerkennen. Sie umarmt Kurt und küsst ihn. Abschiede fallen beiden leichter.
Im Frühling 2017 feiern Kurt und Esther ihren 47. Hochzeitstag. Sie reisen zusammen mit ihrer Tochter nach Weggis. Die Sonne scheint, Esther ist glücklich, Kurt ist glücklich. Sie spazieren Hand in Hand am Vierwaldstättersee. Im Zug will Esther Kurt andauernd abküssen. Ihm wird es fast zu viel. „Jetzt ist dann mal genug“, sagt er.
Kurts Plan, im Wallis zu bleiben, ging nicht auf. Er ging in die Brüche, als ihn Esther nicht mehr erkannte. Die ganze Betreuung, das hätte nicht funktioniert, sagt Kurt. Er verkaufte das Haus.
Bei einem Besuch an einem Nachmittag im November 2017 betreten Kurt und Esther das Restaurant des Pflegeheims. Sie setzen sich nebeneinander an einen Tisch und lassen ihre Blicke schweifen. Die anderen Gäste jassen, Kurt bestellt zwei Gläser Sauser. Esther kann nicht mehr jassen. Aber sie beobachtet. Sie scheint viele Gäste zu kennen und winkt ihnen fröhlich zu. Diese winken – teilweise etwas irritiert – zurück. Kurt sitzt nebenan und sagt: “Es ist beruhigend, sie glücklich zu sehen.” Nachdem sie ihr Glas ausgetrunken haben, erheben sie sich. Kurt hilft Esther dabei, ihre Jacke anzuziehen, dann bringt er sie zurück auf die Demenzabteilung.
Nächsten Herbst wird Kurt wieder an den Ort ziehen, wo er aufgewachsen ist. Er hat sich eine Eigentumswohnung gekauft. Da diese auf einer Etage ist, überlegte er sich für kurze Zeit, Esther wieder nach Hause zu nehmen, sich wieder um sie kümmern. Seine Kinder haben ihm davon abgeraten. Er nimmt den Rat an. Vielleicht weil er sieht, dass Esther angekommen ist, dass sie glücklich ist. Vielleicht, weil er seinem eigenen Glück nicht mehr selbst im Weg stehen will.