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Als vor fünf Jahren, im Juni 2017, die Interviews von US-Regisseur Oliver Stone mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ausgestrahlt wurden, war die Rezeption geradezu vernichtend: «Joviale Gespräche, in denen Stone als Stichwortgeber figuriert, damit Putin seine Propaganda anbringen kann», urteilte Claudia Schwartz von der NZZ. «Keine Dokumentation, sondern ein Autokraten-Porno», fand die «Süddeutsche Zeitung». Doch macht es nicht vielleicht Sinn, jemandem zuzuhören, wenn man seine Beweggründe verstehen möchte? Nichts anderes hat Filmemacher Stone gemacht. Er lässt Putin auf Russisch ungefiltert zu Wort kommen, und dieser zeigt sich in den vier Stunden als kontrollierter, gut informierter und durchaus auch als witziger und selbstironischer Gesprächspartner. All jene, die keine Originalquellen in russischer Sprache konsultieren, erfahren so Putin ungefiltert und direkt ab Quelle.
Den Vorwurf, «Wohlfühlinterviews» zu führen, hören alle regelmässig, die Menschen befragen, die Macht ausüben oder Macht ausgeübt haben, ohne gleich nach jedem Satz heftigsten Widerspruch dazwischenzuwerfen. Matthias Ackeret, der Christoph Blocher auf Tele Blocher wöchentlich Fragen stellt, wurde und wird von seinen Journalistenkollegen zum «Mikrofonständer» degradiert. Und auch preisgekrönte «Spiegel»-Journalisten müssen sich vorwerfen lassen, mit Angela Merkel kürzlich einen reinen «Wohlfühlabend» veranstaltet zu haben: «Es wäre schön gewesen, wenn Angela Merkel bei ihrem ersten grösseren Auftritt seit dem Ende ihrer langen Amtszeit einen Gesprächspartner gehabt hätte, der sie nicht anhimmelt», urteilte die NZZ über das von «Spiegel»-Journalist Alexander Osang geleitete Gespräch. (rg)
Die Putin-Interviews. Zum Beispiel auf YouTube.