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Man fragt sich vielleicht: Welche Funktion hat Philosophie im Alltag? Dient sie zur Beratung in schwierigen Lebenslagen? Leistet sie Orientierunghilfe bei persönlichen Entwicklungen? Oder bietet sie einen Katalog von Konzepten über das gute Leben?
Wer sich näher mit Philosophie befasst, wird bald finden, dass solche Anliegen durchaus ihren Platz haben – allerdings nicht auf so direkte Weise wie eben suggeriert. Ein philosophischer Zugang ist vorsichtiger, indirekter, auch weniger marktschreierisch. Philosophisches Wissen waltet eher im Hintergrund als strukturierendes Dispositiv für Handlungen, als Element, in dem Ideen erzeugt werden.
Ein erster Zug, den ich als genuin philosophisch bezeichnen möchte, ist, der Verführung einer Frage zu widerstehen. Wenn sie lautet: Wozu kann man Philosophie im Alltag gebrauchen?, so gilt es zunächst eine Tendenz in ihr zu erkennen. Die Frage stellt sich in einer Form, die nur gewisse Inhalte als Antworten zulässt. Sie beruht auf der still-schweigenden Prämisse, dass es ein Wozu, ein Ziel, eine Finalität gibt. Eine mögliche Antwort ist also auf den Bereich der Dienstleistungen festgelegt.
Übernimmt man unhinterfragt Formen, Wendungen, Floskeln ist man genötigt, ein bestimmtes (Sprach)spiel mitzuspielen, bei dem im schlimmsten Fall der eine Spieler von vornherein unter Verdacht steht und sich von der Anklagebank aus zu rechtfertigen hat. Die Figur der Rechtfertigung hat eine lange theologische und ach auch philosophische Tradition. Die Sokratische Tätigkeit des Gründe Beibringens (logon didonai) mag das ihrige dazu beigetragen haben, dass die Philosophen eine imaginäre Fussballmannschaft wurden, die hauptsächlich aus Verteidigung statt aus Stürmern besteht.
Die Philosophie hingegen muss ihr Spiel selber machen. Das kann hier heissen, das Paradigma der Nützlichkeit aufzugeben und stattdessen zu fragen: Wer ist es, der hinter allem eine Brauchbarkeit sehen will? – Derjenige, der in einer zweckrational organisierten Gesellschaftsform erfolgreich war? Und warum betrachtet jemand Zusammenhänge nur nach dem Mittel-Zweck-Schema? – Aus einer devoten Haltung gegenüber dem vermeintlich Faktischen und einem Mangel an Phantasie, sein Leben nach anderen Gesichtspunkten einzurichten?
Ein Philosoph, der mit aller Schärfe auf solche Tendenzen, Interessen und Perspektiven hingewiesen hat, war Friedrich Nietzsche. Er legte mit seiner genealogischen Methode offen, dass Sinn und Wert immer durch Kräfte entstehen, die sich eines Phänomens bemächtigen und es in ,ihrem Sinn‘ auslegen. Bevor man also die Philosophie als Ratgeberin für einen erfolgreichen Alltag heranziehen möchte, könnte man sich fragen, wer es ist, der die Norm des Alltags und des Erfolgs festlegt, und ob man selber damit in ein konfektioniertes Kleid schlüpft oder es sich eigens anfertigt.
So sind wir mittendrin in dem, was Philosophieren oder zumindest eine bestimmte Art des Philosophierens ist. Ihr geht es darum, ungeprüfte Meinungen aufzudecken und aufzuzeigen, wie sie zustandegekommen sind. Typischerweise ist der Alltag ein Bereich besonders vieler unhinterfragter Meinungen, Normen, Regeln, Routinen. Gerade deshalb ist Skepsis angebracht. Alltag und common sense können weder Anhalts- noch Zielpunkt für die Philosophie sein. Ihre Möglichkeiten sind kühner, ihr Flug höher.
Ob man es nun als Aufklärung, Kritik, Genealogie oder Skepsis bezeichnet: Es geschieht dadurch etwas, das einen aufweckt. Philosoph ist, so formuliert es Platons Dialog Theaitetos, wer die Fähigkeit zum Ergriffenwerden und zum Erstaunen besitzt. Das Staunen und Fragen versetzt etwas in uns in Bewegung, in einen meist langsamen, unmerklichen, unterirdischen Strom, oder in eine tektonische Verschiebung, die unter hohem (Leidens)druck vor sich geht. Solche Änderungen schleichen sich ein, sie kommen wie ein Dieb in der Nacht und werden meist erst wahrgenommen, wenn sie vollzogen sind. Sie sind nicht die rasche Verwirklichung von Vorsätzen, sie münden nicht in der gross-artigen Realisierung von Zielen. Deshalb lassen sie sich auf dem Markt auch weniger gut anpreisen und verkaufen. (Auch darin mag eine Kritik Platons an den Sophisten gelegen haben.) Überhaupt ist das Verfängliche aller Zielvorstellungen, dass sie im Grunde nichts Neues zulassen, weil sie nur Extrapolationen von Bekanntem sind. (Darauf hat Bergson in seiner Schöpferischen Evolution hingewiesen.)
Was ich eingangs als Problematik der Wechselwirkung zwischen Philosophie und Alltag aufgeworfen hatte, präsentiert sich nun in einem anderen Licht. Statt direkt auf die Frage einzugehen haben wir uns von ihr distanziert, statt direkt einen Wunsch zu befriedigen, haben wir die Möglichkeit von subtilen Verschiebungen angedeutet. Die Verschiebung kann bspw. das alltägliche Gefüge betreffen, in dem der Wunsch entsteht, oder die Haltung hinter einer Handlung. Nehmen wir als Beispiel Kants Imperativ, der nicht nur eine zur Allgemeinheit erhobene Maxime ist, sondern sie mit einem Bestimmungsgrund des Wollens verbindet, der vor aller Erfahrung liegt. Das moralische Gesetz hält uns zu einer Änderung der Einstellung an, denn es ist „auch subjektiver Bestimmungsgrund, d.i. Triebfeder, zu dieser Handlung, indem es auf die Sittlichkeit des Subjekts Einfluß hat, und ein Gefühl bewirkt, welches dem Einflusse des Gesetzes auf den Willen förderlich ist.“ (Kant, Kritik der praktischen Vernunft, A 134f.)
Eine andere Möglichkeit von Veränderungen und Verschiebungen beschreibt Gilles Deleuze in Differenz und Wiederholung. Er knüpft u.a. an Bergson, Kant, Spinoza, Nietzsche und Freud an. Bei letzteren beiden spielt der Begriff der Wiederholung eine wichtige Rolle. Es gibt eine ,krankmachende‘ Wiederholung des Immergleichen (angelehnt an Freuds Wiederholungszwang) und eine ,heilsame‘ Wiederholung, in die sich jedes Mal kleine Differenzen einspeisen (angelehnt an Nietzsches ewige Wiederkunft). In dieser zweiten Form liegt die Macht, zwanghafte Muster unseres Alltags sukzessive aufzulösen. Ein solcher Prozess aber verlangt Zeit, Umweg, sogar Abweg und Abkehr von vielem Bekannten. Das Alltägliche der Philosophie, so könnte man in einer Adornitischen Wendung sagen, ist ihr Nicht-Alltägliches. Dadurch eröffnet sie den Blick auf Verborgenes, Entgangenes und schöpft daraus Lebensentwürfe.
Über den Autor
Beitrag von Dr. Timon Boehm, ETH Zürich