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Wenn nachts das Telefon klingelte, hatten die Auserwählten keine Chance auf Schlaf. Es war meist Prince am anderen Ende der Leitung, und ihn zog es in die Nachtclubs, um sich von der Atmosphäre und den Gästen inspirieren zu lassen. Das Problem: Er hockte die ganze Zeit in einer Ecke, trank nicht, tanzte nicht, aber beguckte umso intensiver alle Frauen. Die Begleiter waren mächtig gelangweilt, die Angestellten und Feiernden mächtig genervt.
Aber störte es Prince Rogers Nelson, als der er am 7. Juni 1958 geboren wurde, was die anderen über ihn redeten oder dachten? Prince funktionierte nach seinen Prinzipien und gehorchte nur seinen Regeln, der Ruhm gab ihm in allem Recht. Dass Matt Thorne in seiner pünktlich zum ersten Todestag des musikalischen Universalgenies am 21. April auf Deutsch veröffentlichten Biografie zum Urteil gelangt: «Wenn ich definieren müsste, was Prince zum perfekten Popstar macht, so ist es das, dass sein Wunsch zu beeindrucken, sein selbstdarstellerisch-angeberischer Stil definitiv keine Grenzen kennt», mag so kaum überraschen. Mick Jagger, Paul McCartney, Elton John oder Barack Obama hatten nach seinem plötzlichen Ableben ja noch eindeutigere Lobpreisungen kundgetan.
Privates gab Prince nicht gern preis
Was dieses anderthalb Meter kurze Männlein zum Giganten macht, diesen Sänger, Multiinstrumentalisten, Komponisten, Texter, Arrangeur, Produzenten, Schauspieler, Regisseur einerseits und diesen Verführer, Narzisst, Rebellen, Exzentriker, Mystiker, Illusionisten, Sexgott andererseits, versucht Thorne akribisch zu ergründen. Weniger das Leben hat es ihm dabei angetan als vielmehr das Werk in seiner Gesamtheit aus Musik, Videos, Filmen, Konzerten, Einflüssen, Zusammenhängen, Inszenierungen. Dieser Ansatz ist sehr klug gewählt, denn Privates hat Prince nicht allzu gern preisgegeben, und wenn, dann oft nur als flexibel instrumentalisierte Fakten zur Konstruktion seiner künstlerischen Identität. Der Musiker entkoppelte sich nämlich zunehmend von der Welt, schuf seine eigene Wirklichkeit, sein eigenes Universum, in das die Realität nur sehr gefiltert eindrang. In der Biografie kommen deshalb insbesondere Personen ausgiebig zu Wort, die dem Prinzen sehr nahestanden. Dank dieser Methode verknüpfen sich unterschiedliche Stimmen, unterschiedliche Meinungen und Positionen zu einer vielschichtigen Analyse.
Chronologisch arbeitet sich der Autor durch das monumentale Werk, scheinbar nichts übersehend: zwei pedantische Fleissarbeiter unter sich. Denn Prince vermarktet sich zwar früh als Wunderkind, weiss aber sein Talent mit harter Arbeit, Disziplin und Perfektionismus optimal auszunutzen. Der Begriff des Workaholics kommt in diesem Zusammenhang ins Spiel. Kein Wunder bei einem, der fast 900 Songs veröffentlicht (und noch viel mehr schreibt), 39 eigene Alben aufnimmt, mehr als 30 Tourneen bestreitet – in 57 Lebensjahren.
Wie gründlich Matt Thorne in dieser umfassend beschreibenden, erklärenden und einordnenden, an Ereignissen und Menschen reichen Künstlerbiografie vorgeht, zeigt sich etwa bei der Aufbereitung der Londoner Serie aus 21 Shows und 14 Aftershows 2007: 19 von 21 Shows, 13 von 14 Aftershows selbst besucht und dokumentiert auf 25 Seiten, Show für Show, Tag für Tag.
Sieben lange Jahre hat Thorne insgesamt für seine mehr als 500 Seiten dicke Studie samt Fussnoten recherchiert, und sie liefert eine derart komplexe Werkexegese, dass selbst Fans und Experten zufriedengestellt werden sollten. Einfach macht es sich diese Biografie wahrlich nicht, und allein zur flüchtigen Bespassung ist sie wenig geeignet. Aber gerade damit wird sie der einzigartigen Unterhaltungskunst von Prince gerecht.
Oliver Seifert