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Florenz, 24 Nov. 65.
Hochgeachteter Herr,
Ich beginne meine Berichterstattung von der Konferenz mit dem Minister Jaccini, die auf heute Nachmittag angesetzt ist, u von der ich erst wesentliche Aufschlüsse zu erwarten habe. Es wird mir aber dadurch möglich das Ergebniß nur kurz beizufügen u den Brief noch heute abgehen zu lassen. Entschuldigen Sie gütig, wenn Wiederholungen oder spätere Berichtigungen vorkommen.
Ich übernachtete Samstags, 18 Nov. in Altorf wo ich die Ehre hatte Herrn Landammann Müller zu sprechen. Meine Ankunft in Florenz fiel aber erst auf Dienstag Abend, weil die eidgenössische Post trotz des schönsten Wetters zum Grenzübergang in Cammerlata eine halbe Stunde zu spät eintraf u den direkten Zug verfehlte.
Florenz ist überfüllt. Der Zufall führte Herrn Pfyfer u mich nach einigen Abweisungen in das hôtel de la ville (unterhalb des hôtel d'Italie), wo wir ziemlich schlecht logirt sind u wohin sich gerade auch die Repräsentanten des Lukmaniers, die Herren Lanicca u Kilias, Sohn, von der Fluth der Fremden u der Parlamentsglieder zurückgezogen haben.
Um ein einigermaßen leidliches Verhältniß herzustellen machten wir den Landsleuten einen Besuch. Die Aufnahme war nicht unfreundlich, aber sie ist sehr verbittert worden | durch die Proben, welche wir seitdem von der schriftstellerischen Thätigkeit unserer Konkurrenten kennen gelernt haben. Der Appennino, ein ziemlich geringes Blatt, brachte der Reihe nach das bekannte Schreiben der Regierung von Graubünden an den Präfekten von Mailand, einen Bericht über die Niederlage der Nordostbahn oder des Gotthards in der Konzession Rorschach– Romanshorn, wodurch nun der Union Suisse die kürzesten Verbindungen nach dem Rheinthal u nach Belgien u Holland gesichert seien, u einen Bericht über die Subsidien von Seiten der Schweiz, aus welchem hervorgehen soll, daß wenn man die Bedingungen nach ihrer wahren Tragweite beurtheilt, für den Gotthard höchstens 6 Millionen herauskommen, während für den bündnerischen Bergpaß bekanntlich 8 Millionen gesichert seien. Endlich macht Herr Lanicca mit Namensunterschrift in der Oppione 1 Herrn Koller mancherlei Vorwürfe u als ganz bezeichnend auch den, daß Koller früher den Lukmanier empfohlen u erst seit seiner Ernennung zum Gotthardagenten, die Meinung gewechselt habe.
Wenn Unwahrheiten zu entschuldigen wären, so könnten unsere Konkurrenten anführen, daß sie ärgerlich seien, weil sie sich gar nicht auf dem Wege des Sieges befinden.
Herr Rombaux berichtet, daß der Lukmanier aus den Traktanden der großen Kommission ganz entfernt, u daß namentlich das obere Projekt, das Lanicca mit der warmen Liebe des Vaters empfiehlt, als zweckwidrig u unausführbar| verurtheilt ist. Es handelt sich nur noch um Splügen oder Gotthard. Die letzten Sitzungen der Kommission verflossen in einem sehr spitzfindigen Streite zwischen Ruva u Rombaux über die eigentlichen Transportkosten Marseille –Basel u Genua –Basel, ein rein theoretischer fruchtloser Streit, der die meisten Mitglieder ernstlich langweilte, u der endlich letzten Dienstag eine Intervention des Ministers herbeigeführt hat. Die Kommission soll in kürzester Frist und zwar durch namentliche Abstimmung die drei Fragen beantworten, welche Linie die erste sei für den Transit (Suez–England), für den internationalen Handel u für den Seehandel von Genua. Über die erste soll in einer Abendsitzung von Mittwoch schon abgestimmt worden sein; gestern war wieder Sitzung u heute ebenfalls. Der Abschluß erfolgt heute oder morgen, u wahrscheinlich im Sinne der Parität von Splügen u Gotthard, wo dann die Entscheidung den Subventionen zufallen wird.
Die Kommission hat sich, wie man schon früher merken konnte, in einem theoretischen Detail verloren. Sie untersucht und streitet über die Selbstkosten der Transporte Marseille–Basel, ohne sich zu bekümmeren, ob dieser Transportpreis zur Anwendung kommen kann, wegen der Konkurrenz von Lyon– Mèdit. Starken Rabatt auch da zu gewähren, wo kaum Konkurrenz besteht, ferner wegen der Betheiligung der franz. Ostbahn durch Belfort–Basel, endlich wegen der franz. Regierung, die nicht gestattet, daß Marseille–Basel absolut wohlfeiler sei als Marseille–Mühlhausen oder Marseille– Besançon oder Dijon. Geschäftskenntnisse u prakt. Blick werden wie es scheint in der Kommission nur durch Herren Casoretto repräsentirt, dessen Achtung auch im Parlamente steigend ist. |
Immerhin hat der Widerstand von Rombaux gegen Ruva zur Folge gehabt, daß der Bericht des letztern zu Gunsten des Gotthard etwas modifizirt worden ist.
Von Herrn Pioda erfuhren wir, daß Herr Jaccini in der alten Gotthardseifrigen Gesinnung beharrt, daß er ein wenig unzufrieden war über die Abreise von Herr Koller u über den Mangel einer Repräsentation des Gotthardausschußes, u daß er bisweilen entmuthigt werde durch das langsame Steigen der Subventionen in der Schweiz u durch die Stagnation in Deutschland.
Herr Pioda theilte uns ferner mit, daß Herr v. Bismark nach einem Schreiben an Herrn v. Usedom, eine kräftigere u lautere Anregung der Subvention in den Rheinstädten, etwa auf dem Wege größerer Versammlungen, von Seiten des Gotthardausschußes erwartet hätte.
Der Mittwoch war für uns fast ganz verloren, weil die Ankunft des portugisischen Königpaares in Florenz einen Festtag improvisirt hatte. Der Zutritt zum Minister ist ohnehin erschwert durch die Parlamentsverhandlungen, u durch besondere Sprechstunden für die Deputirten. Doch hat der Minister nicht unterlassen auf die Abgabe meiner Karte mit einer Einladung für heute 1 Uhr zu antworten.
Ich hätte sehr gewünscht bei diesem Anlaße einen günstigen Entscheid des Großen Raths von Tessin melden zu können. Die Subventionen von der Schweiz u von Deutschland sind das Einzige was durchschlägt. |
Freitag, 24 Nov 65. Nachmitt. 3 Uhr.
Ich komme so eben vom Minister u nicht mit guten Nachrichten. Die Kommission, sagt er, werde im Sinne der Parität zwischen Splügen u Gotthard entscheiden, letzterem vielleicht auch in kommerzieller Beziehung einen kleinen Vorzug einräumen; aber es mangle ein anderes Element in der beabsichtigten Kombination u das seien die Subventionen von Deutschland. Die Schweiz habe sich angestrengt; u wenn auch erst 13½ Millionen u nicht ohne Bedung beschlossen seien, so dürfe man doch auf 20 hoffen. Dagegen eröffne Deutschland nun die fernsten Aussichten. Preussen scheine sich noch besinnen zu wollen, ob u wann Etwas zu geben sei. Und doch sei jetzt der entscheidende Moment. Mit 35 Millionen von der Nordseite der Alpen hätte die Sache vor das Parlament gebracht u günstig entschieden werden können. Ohne dieselben müße eine Verschiebung eintreten, u eine Verschiebung lasse die guten Dispositionen für den Gotthard verschwinden, u gebe die Zukunft dem Splügen.
Der Minister las mir eine Depesche oder vielmehr ein Schreiben des italienischen Gesandten in Berlin vom 12ten Nov vor, worin Herr v. Bismark ungefähr mit folgenden Worten aufgeführt wird. «Der Finanzminister mag sich gegen eine Gotthardsubvention ausgesprochen haben, das ist seine Rolle; der Handelsminister wird anders urtheilen, u ich bin aus politischen mehr als aus kommerziellen Gründen der Sache nicht abgeneigt. Der Gotthard ausschuß aber hat sich ungeschickt benommen; statt eine laute Bewegung durch Versammlungen u Adressen in den Rheinlanden zu veranstalten, hat er sich mit dem Schreiben des Präsidents einer Handelskammer | begnügt.»
Jaccini schien ohne Hoffnung zu sein in Preußen eine bessere u eine schleunige Entscheidung zu erhalten: wenn es ihm oder der italienischen Regierung, gegen welche Preussen Rücksichten haben müsse, nicht gelungen sei, so werde es dem Gotthardausschuß noch weniger gelingen.
Das hält mich übrigens nicht ab bei Ihnen den Gedanken anzuregen, ob nicht durch die Vermittlung der Herrn von Roggenbach oder Ihr persönliches Eingreifen die Sache in Fluß zu bringen wäre. Baden soll nicht abgeneigt sein, den Drittel, vielleicht auch die Hälfte der Summe zu übernehmen, wenn Preussen den andern Theil auf sich nimmt.
Mit einer bestimmten Erklärung der Bereitwilligkeit 15 Millionen zu zahlen von Seite Deutschlands, würde Jaccini die viel besprochene Konferenz doch veranstalten. Er hat mir wieder ausgedrückt, wie gerne er Sie sehen würde.
Ich schließe für heute mit der Bitte mir etwaige Nachrichten über Subventionsbeschlüsse in der Schweiz, über Verhandlungen im Auslande, u namentlich auch über die Schritte von Herrn Feer bei der franz. Ostbahn, die wir (Centralbahndirektion) mit einem Schreiben vorbereitet | haben, gef. bald zukommen zu lassen. Ebenso ersuche ich auch diese Blätter Herrn Zingg mitzutheilen u gelegentlich auch Herrn Bürgermeister Stehlin.
Bis auf weitere Weisungen vom Gotthards ausschuß bleibe ich hier, da meine Kollegen Sulger u Trog sehr freundlich für meine Amtsgeschäfte einstehen.
Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochschätzung.
W. Schmidlin
P. S. Der Minister sagte mir auch, daß die 8 Millionen von St. Gallen u Graubündten als gesichert, u ein Beitrag von Bayern zu Gunsten eines bündner. Alpenpaßes als sehr wahrscheinlich anzusehen sei. Ebenso betrachtet er die Konzession für den Splügen, nach dem bekannten Schreiben der Graubündtner Regierung an den Präfekten von Mailand, als eine unzweifelhafte Sache.
Mehre Mitglieder der großen Kommission wie z. B. Berlinzaghi sind durch Stellung oder Interessen genöthigt für den Splügen zu stimmen, dessen Ausführung allerdings nicht jetzt, aber mit Sicherheit in der Zukunft erwartet wird. Denn sagt man so gute Chancen für den Gotthard, in persönlichen u materiellen Verhältnissen, werden niemals wiederkehren.