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March 2, 2014 / erstellt am: March 2, 2014

Gedanken, Leben, Schweiz, Identität
Wie man richtiger Schweizer wird«Schweizer ist der, dessen Sohn (oder natürlich dessen Tochter) Schweizer ist. Das würde bedeuten, dass der gute Schweizer, der Schweizer Patriot, den Willen hat, etwas weiterzugeben, die Geschlechterfolge zu sichern, er sich aber bewusst ist, dass letztendlich sein Sohn oder seine Tochter entscheiden werden, was er oder sie bewahren werden von dem, was ihnen überliefert wurde.» Pascal Couchepin, 1942 in Martigny geboren, war von 1998 bis 2009 Bundesrat der FDP, erschienen in der Wochenbeilage Nr. 9 «Das Magazin» vom 07.03.2014
Gemäss dieser Definition von Herrn Pascal Couchepin bin ich also kein richtiger Schweizer, weil ich keine Kinder gezeugt habe und es auch zukünftig nicht tun werde. Ich habe zwar einen Schweizer Pass, weil ich von Schweizer Eltern gezeugt wurde und in der Schweiz aufgewachsen bin. Ich habe keinen Migrationshintergrund und dies bereits seit Generationen. Lebe seit meiner Geburt in diesem Land, spreche Dialekt, verdiene meinen Lebensunterhalt hier, zahle Steuern, halte mich an hiesige Gesetze und gehe mehr oder weniger regelmässig abstimmen oder wählen. Aber all dies scheint mich noch nicht zu einem richtigen Schweizer zu machen.
Sex mit einer Frau würde mich also zu einem richtigen Schweizer machen, meint Herr Couchepin. Allerdings nur mit dem Zweck der Fortpflanzung. Patriotischer Geschlechtsverkehr, sozusagen. Was den Begriff Patriotismus um eine Dimension erweitert. Würden die Schweizer keine Nachkommen zeugen, gäbe es in ferner Zukunft zwar noch das Land, aber keine Schweizer mehr, die hier leben würden.
Patriotismus ist eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation. Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz bezeichnet. Nun gut, stolz ein Schweizer zu sein bin ich nicht gerade. Würde mich wahrscheinlich auch als Norweger, Japaner oder Amerikaner wohl fühlen. Aber ich bin nun einmal hier geboren und bin nicht unglücklich damit, da es sich in der Schweiz, im Vergleich zu anderen Ländern, ziemlich gut leben lässt. Dass dem so ist, verdanke ich allen Schweizern, die fleissig Kinder gezeugt haben und die Schweiz zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Ich fühle mich also sehr wohl meiner Nation emotional verbunden, aber vielleicht auch nur, weil ich nichts anderes kenne.
Ich mag die Schweizer Berge, Seen und unterschiedlichen Landschaften auf relativ kleinem Raum. Schweizer Schokolade schmeckt mir am besten. Beim Käse bin ich weniger wählerisch und finde zum Beispiel Roquefort, Gorgonzola oder Edamer auch gut. Auch wenn ich es rein vernunftsmässig seltsam finde, freue ich mich wenn Roger Federer gewinnt oder wenn die Schweizer Skifahrer und Skifahrerinnen besser abschneiden als die Österreicher und Österreicherinnen. An der Schweiz schätze ich den funktionierenden Rechtsstaat, auch wenn vieles überreglementiert ist, habe ich das Gefühl hier relativ sicher und frei leben zu können. Das Gefühl von Sicherheit geben mir auch alle sozialen Werke, die mich auffangen, wenn ich arbeitslos oder alt werde. Vieles erachten wir als selbstverständlich, weil wir nicht wissen, wie es wäre zum Beispiel ohne Meinungs- und Redefreiheit leben zu müssen. Ja und ich mag unseren Wohlstand, der mir ein angenehmes Leben erlaubt.
Allerdings befürchte ich, dass dieser Wohlstand in der Schweiz nicht nur durch Fleiss und Arbeit erzielt wurde. Warum zählt die Schweiz zu den reichsten Ländern der Welt und dies ohne eigene Rohstoffe? Der Vorteil von zwei Weltkriegen verschont zu bleiben, genügt mir nicht als Begründung. Basiert unser Reichtum nicht auf Kosten anderer? Jedoch weiss ich viel zu wenig darüber, wie viel die Schweiz zum Beispiel vom Bankgeheimnis profitiert hat. Problematisch finde ich auch, dass die Schweiz nach wie vor eine Hochpreisinsel ist. Wir verdienen zwar mehr als in den umliegenden Ländern, bezahlen aber auch mehr für den Lebensunterhalt. Dass die Wirtschaft und vor allem der Handel mit dem Ausland dennoch funktionieren kann, erstaunt mich immer wieder.
Von einer Schweizer Mentalität zu sprechen ist eigentlich widersinnig, da die Schweiz als Willensnation aus ganz verschiedenen Volksgruppen mit verschiedenen Mentalitäten besteht. Und dennoch ist der Schweizer bekannt für seine Bescheidenheit, Sauberkeit und Pünktlichkeit, die ich durchaus zu schätzen weiss. Andererseits kann diese Mentalität auch in Biederkeit und Selbstgefälligkeit kippen, was mich dann eher peinlich berührt. Auch die latente Fremdenfeindlichkeit und die unbegründete Angst, dass andere einem etwas wegnehmen könnten, kann ich zwar verstehen, macht den Schweizer aber nicht sonderlich sympathisch. Und dennoch glaube ich, hat sich die Mentalität auch verändert, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass die Volksabstimmung zur Registrierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften angenommen wurde. Gleichgeschlechtliche Paare zeugen zwar keine Kinder, werden aber rechtlich den heterosexuellen Paaren gleichgestellt.
Die direkte Demokratie gibt mir als Bürger zwar das Gefühl, mitbestimmen zu können. Wenn man es aber genau betrachtet, habe ich als Einzelner relativ wenig zu sagen. Ist die direkte Demokratie keine Augenwischerei, die mir Mitbestimmung vorgaukelt, damit ich zufrieden bin? Als Alternative sehe ich eine parlamentarische Demokratie. Das Volk wählt seine Vertreter, die sich dann mit den Sachfragen auseinandersetzen (müssen). Ob dieses System allerdings wirklich besser ist, kann ich nicht abschliessend beurteilen.
Es stimmt natürlich, dass es mir relativ egal sein kann, ob es die Schweiz in hundert Jahren noch geben wird oder nicht, weil ich dann nicht mehr leben werde und weil ich keine Kinder habe, die zukünftig hier leben werden. Insofern hat Herr Couchepin Recht. Ich setze mich zu wenig dafür ein, dass die Schweiz weiterhin so bestehen bleibt, wie sie heute ist, oder dass sie sogar noch besser wird. Allerdings sind meine Mittel dazu beschränkt. Ich müsste mich politisch engagieren, einer Partei beitreten, politische Ämter annehmen (sofern ich gewählt würde) mit dem Resultat der Einsicht, dass mein Einfluss wahrscheinlich bescheiden bleiben würde. Aber ich hätte zumindest das beruhigende Gefühl, alles versucht zu haben um ein guter Schweizer zu sein.
Ich bin also Schweizer, aber kein Schweizer Patriot, weil ich kein Interesse habe, mich für das Konstrukt Schweiz zu engagieren (wie auch immer). Ich denke, damit kann ich als Schweizer leben.