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Kinuyo Tanaka war ein grandioses Paradox: Während sie in ihren vielen Rollen die unterwürfige Japanerin verkörperte, agierte sie im Leben als höchst unabhängige Frau. Sie schaffte es, in einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft Regisseurin zu werden, zu einer Zeit, als es weltweit nur sehr wenige Filmemacherinnen gab, und sie tat dies mit grosser Bescheidenheit, indem sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms als Praktikantin neu anfing. Sie arbeitete für die Studios und drehte Filme, die in streng genormte Genres passten, während sie Frauenthemen auf völlig ungeschönte Art und Weise in Szene setzte. Radikal und bescheiden: Das war Kinuyo Tanaka.
Kinuyo Tanaka, 1909 geboren, war schon als Kind wild entschlossen und unabhängig: Mit neun Jahren ging sie nach einer Standpauke ihrer Lehrerin von der Schule ab, und mit vierzehn trat sie in ihrem ersten Film auf. In den 1920er- und 1930er-Jahren wirkte Tanaka jährlich in mindestens zehn Produktionen des Studios mit, meist in der weiblichen Hauptrolle. Mit neunzehn war sie bereits eine «kanbu» (Hauptdarstellerin in kleineren Produktionen) und mit 25 erreichte sie «daikanbu», die höchste Stellung, die eine Schauspielerin erreichen kann. Sie war so beliebt, dass Filmtitel nach ihr benannt wurden: Die Geschichte der Kinuyo (1930), Doktor Kinuyo (1937) und Kinuyos erste Liebe (1940).
1940 lernte Tanaka den Filmemacher kennen, für den sie sowohl Mitarbeiterin als auch Muse werden sollte: Kenji Mizoguchi. Gemeinsam schufen sie einige der wichtigsten Werke des japanischen Kinos, darunter Die Liebe der Schauspielerin Sumako (1947), Frauen der Nacht (1948), Frau Oyu (1951), Das Leben der Oharu (1952), Ugetsu (1953) und Sansho, der Landvogt (1954). In den 50er-Jahren, der blühendsten und glorreichsten Ära des japanischen Kinos, spielte Tanaka in einer schwindelerregenden Folge von Klassikern unter der Regie von Ozu, Heinosuke Gosho, Mikio Naruse und Keisuke Kinoshita.
Im Alter von 42 Jahren, nachdem sie in mehr als 200 Filmen mitgespielt hatte, beschloss Tanaka, selbst als Regisseurin hinter der Kamera zu arbeiten. Diese Entscheidung war ein Meilenstein in der Geschichte der Frauen im japanischen Kino.
Vor Tanaka hatte nur eine einzige Frau je bei einem japanischen Spielfilm Regie geführt: Tazuko Sakane, eine regelmässige Mitarbeiterin von Mizoguchi. Ihr Erstling Neue Kleider (1936; verschollen) war ein kommerzieller Misserfolg, und Sakane führte nie wieder bei einem Spielfilm Regie.
Fast zwei Jahrzehnte lang wagte es keine Frau mehr, sich um einen Regieposten in der japanischen Filmindustrie zu bewerben. Als Tanaka dies ankündigte, wurde ihre Entscheidung mit Skepsis aufgenommen. Die 278 Spielfilme, die im Jahr 1952 in den japanischen Studios entstanden, wurden alle von Männern inszeniert. Ausserdem stand Tanaka auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Sie trat in mehreren Filmen pro Jahr auf und galt als die berühmteste Schauspielerin ihres Landes.
Tanaka jedoch wollte sich beweisen und arbeitete bei Bruder und Schwester (1953) mit Naruse als Regieassistentin zusammen, um das Handwerk des Filmemachens zu erlernen.
Vom Leinwandstar zur Regiedebütantin Im Herbst 1953 begann Tanaka mit den Dreharbeiten zu Love Letter. Die Produktion des Films wurde in der Öffentlichkeit stark beworben und geriet zu einer Mediensensation. Dass eine Starschauspielerin – deren Leinwandfigur typischerweise gedemütigte, verletzte und leidende Weiblichkeit verkörperte – Männerkleidung anzog und ein Team von mehr als sechzig Personen leitete, war unerhört.
Die sechs Filme, die Tanaka als Regisseurin gedreht hat, behandeln bedeutende gesellschaftspolitische Themen, aus einer weiblichen Perspektive erzählt und von dieser geprägt. In ihren Filmen vermeiden es die Frauen, zu Objekten des männlichen Blicks zu werden, auch wenn sie Männer begehren, und sie lehnen es ab, sich in restriktive soziale Rollen zu fügen, da sie nach Unabhängigkeit und individueller Handlungsfähigkeit streben.
Mit Tiefblick und Mitgefühl kritisiert Tanaka die gesellschaftlichen Bedingungen und Kräfte, die das Ringen ihrer Heldinnen prägen: Prostitution und gesellschaftliche Schande (Love Letter, 1953), die Reduzierung der Frau auf die passive romantische Partnerin (The Moon Has Risen, 1955), Tabus im Zusammenhang mit der Sterblichkeit und dem weiblichen Körper (Forever a Woman, 1955), Kolonialpolitik (The Wandering Princess, 1960), die Rehabilitierung «gefallener Frauen» (Die Nacht der Frauen, 1961) sowie religiöse Verfolgung und verbotene Liebe (Frau Ogin, 1962).
Anfang der 60er-Jahre begann der Niedergang der japanischen Filmstudios, und Tanakas Karriere folgte demselben Weg. 1974 bot Tanaka in Kei Kumais Sandakan No. 8 eine letzte beeindruckende Leistung, für die sie 1975, zwei Jahre vor ihrem Tod, bei den Berliner Filmfestspielen einen Silbernen Bären als beste Schauspielerin erhielt, ihre erste grosse internationale Auszeichnung als Schauspielerin.
Lili Hinstin
Lili Hinstin ist die künstlerische Leiterin des Villa Medici Film Festival und hat massgeblich zur Wiederentdeckung von Kinuyo Tanakas Werk beigetragen.