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An einem Theater, an dem ich gearbeitet habe, gab es Blumen in den Pissoirs der Männertoilette. Darüber stand in grossen Buchstaben: «Blumen für eine Welt ohne Gender». An diesem Theater habe ich eine Performance gespielt, in der folgender Text vorkam: «Praise the land where the flowers grow out of the pissoirs.» In dieser Performance gab es einen Teil, in dem wir 45 Minuten immer wieder die gleiche Choreografie getanzt haben, um ein Land auf der Bühne zu «ertanzen», in dem es endlich Gleichberechtigung gibt. In dem Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität keine Rolle mehr spielen. Während einer Vorstellung der Performance, als ich eine gefühlte Ewigkeit die Choreografie getanzt habe, dachte ich die ganze Zeit darüber nach, dass es noch ein weiter Weg sei bis zu diesem gelobten Land. Gerade im Theater. Die Gedanken kamen zum Rhythmus der Musik, der Schritte. Seitschritt rechts. Seitschritt links. Schnips. Schnips. Schnips. Sprung.
Es ist das Jahr 2020, und ich werde immer noch schlechter bezahlt als die männlichen Kollegen, was nicht daran liegt, dass ich weniger arbeite, sondern schlicht daran, dass ich eine Frau bin. Es ist das Jahr 2020, und ich habe noch immer in den meisten Stücken weniger Sprechanteil. Es ist das Jahr 2020, und meine Hauptaufgabe als Frau auf der Bühne ist es immer noch, geschlagen oder umgebracht zu werden. Es ist das Jahr 2020, und mein wichtigstes Gesprächsthema auf der Bühne ist der Mann und meine Liebe oder Nichtliebe zu ihm. Es ist das Jahr 2020, und ich glaube, ich habe in acht Berufsjahren nie einen philosophischen Text auf der Bühne gesprochen. Es ist das Jahr 2020, und ich habe in acht Berufsjahren mit 5 Regisseurinnen und mit 26 Regisseuren gearbeitet. Es ist das Jahr 2020, und ich habe in acht Jahren drei Texte von Autorinnen gespielt. Seitschritt rechts. Seitschritt links. Schnips. Schnips. Schnips. Sprung. Lob dem Land, in dem man scheitern und scheitern und scheitern kann und in dem man immer wieder und wieder eine neue Chance bekommt.
Als ich an diesem Theater anfing zu arbeiten, da habe ich von all dem nichts verstanden. Feminismus war ein böses Wort. Und gleichberechtigt sind doch am Theater eh alle. So dachte ich. Es hat viel Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das nicht stimmt. Wer darf wie viel sprechen? Wer spielt welche Rolle? Welche Geschichten werden auf der Bühne überhaupt erzählt und welche nicht? Wird meine Geschichte des Hartz-IV-Kindes, das sich in der Theaterkultur hochgearbeitet hat, erzählt? Oder die Geschichte meines türkischen besten Freundes? Oder homosexuelle Liebe? Wer kommt eigentlich vor? Und wen will das Theater damit ansprechen? Steht da am Ende nicht doch immer ein privilegierter, weisser Mann in der Mitte der Bühne und hat ein Problem?
Im Stillstand
Gerade fällt es mir nicht leicht, einen Artikel über die Zukunft des Theaters zu schreiben. Seit Wochen sind die Theater aufgrund der Coronakrise geschlossen. Sowohl der Spielbetrieb als auch die Proben liegen auf Eis und niemand weiss, wann es wieder losgehen kann. Die Existenz Tausender freischaffender Künstlerinnen und Künstler ist bedroht. Jene mit Festengagement an einem Theater befinden sich in einer grösstenteils sicheren Situation. Kurzarbeit und die Ungewissheit, was passieren wird, nagen dennoch an den Nerven.
Ich bin erschlagen von meinen Ängsten in dieser Zeit. Alles hatte mich in den letzten Wochen schier gelähmt, und das, obwohl ich durch meine Festanstellung erst mal sehr gut abgesichert bin. Trotzdem stehe auch ich den grossen Ungewissheiten dieser Zeit gerade ratlos gegenüber. Die Tage sind zäh und anstrengend. Ich vermisse seit Wochen meinen Beruf. Ich vermisse den Weg zur Arbeit. Meine Kolleginnen und Kollegen. Die Proben. Die Vorstellungen. Einfach meinen Alltag. Klar, mache auch ich Homeoffice. Rufe zweimal am Tag Zuschauerinnen und Zuschauer an und lese ihnen vor, versuche stundenlang, ein Buch über mein Smartphone einzusprechen. Und ja, auch ich habe ein Homevideo gedreht, aber das ist dann doch nicht das Gleiche wie Theater spielen. Denn der Moment des Zusammentreffens von Publikum und Spielerinnen und Spielern, die über Stunden in einem Raum zusammen Zeit verbringen und füreinander spielen beziehungsweise dabei zusehen, das kann kein Stream ersetzen.
Und doch ist vielleicht gerade jetzt, wo alles stillsteht, der richtige Zeitpunkt, sich zu besinnen. Sich von der vermeintlichen Leere nicht erschlagen zu lassen, sondern sie auszuhalten. Zu atmen. Und die Zeit dafür zu nutzen, über Theater nachzudenken: Wo befindet sich das Theater gerade? Was kann verändert werden? Wo liegen Potenziale und Chancen? Wie könnte ein Theater der Zukunft aussehen?
«Ich hatte nach zweieinhalb Jahren in diesem Beruf fast ein Burn-out.
Ich habe so viel geprobt und gespielt,
dass ich kein soziales Leben mehr hatte.
Alles fühlte sich an wie ein riesiges Hamsterrad.»
Grundlagen
Wenn ich an das Theater der Zukunft denke, dann hoffe ich zuallererst, dass nicht nur die künstlerischen Erfolge das Ziel sind, sondern auch verbesserte Arbeitsbedingungen. Denn das ist es, was ich tagtäglich als Schauspielerin im Festengagement erlebe und wo ich immer noch den grössten Veränderungsbedarf sehe, auch wenn in den letzten Jahren einige Verbesserungen erreicht wurden.
Das Theater der Zukunft ist für mich ein Theater, das endlich die Gehälter der Künstlerinnen und Künstler offenlegt, auch und vor allem die der Leitung. Und ausserdem eine einheitliche sowie gerechte Regelung für die Bezahlung findet (z.B. nach Alter oder Berufserfahrung zahlt). Denn wir Schauspielerinnen und Schauspieler haben keinen Gesamtarbeitsvertrag und keine Gewerkschaft. Bis jetzt werden künstlerische Verträge immer persönlich mit der kaufmännischen Direktion verhandelt. Das kostet viel Kraft und bietet Raum für sehr grosse Gehaltsunterschiede, vor allem bei den Geschlechtern. Ich selbst werde seit Jahren schlechter bezahlt als meine männlichen Kollegen. Ein Theater der Zukunft kann sich nicht als moralische Anstalt begreifen und gleichzeitig einen Teil seiner Angestellten schlechter bezahlen nur aufgrund des Geschlechts!
Einige Theater haben in den vergangenen Jahren das Einstiegsgehalt von sich aus angehoben. Dennoch reicht für viele Künstlerinnen und Künstler die Mindestgage von brutto 2000 Euro ohne finanzielle Unterstützung z.B. der Eltern nicht, um einigermassen gut zu leben. Ich selbst habe als Anfängerin netto 1150 Euro verdient und war nach einem Jahr, in dem ich fünf Produktionen gespielt habe, 1000 Euro im Minus. Ein Theater der Zukunft erhöht seine Anfängergage und erleichtert damit Menschen, die aufgrund ihrer Rasse, Klasse oder ihres Geschlechts benachteiligt sind, den Zugang zu dieser Institution.
Das Theater der Zukunft schafft die Samstagsproben endlich ab. Das Theater von heute probt immer noch täglich von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr. Auch Samstagvormittag wird geprobt und am Abend meist gespielt. So kommt es in intensiven Phasen vor, dass man nur den Sonntagvormittag freihat. Wenn es dann keine Stückbegrenzung im Vertrag gibt, landet man an kleineren Theatern schnell bei 5 bis 7 Produktionen in der Spielzeit und hat das ganze Jahr kaum frei. Ich hatte nach zweieinhalb Jahren in diesem Beruf fast ein Burn-out. Ich habe so viel geprobt und gespielt, dass ich kein soziales Leben mehr hatte. Alles fühlte sich an wie ein riesiges Hamsterrad. Jeden Morgen zur Probe gehen und an fast jedem Abend spielen und funktionieren, während am Ende des Monats das Geld doch nicht reicht. Ich musste lernen, dass ich Pausen brauche. Das Theater der Zukunft weiss, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ruhephasen brauchen, um dann in intensiveren Phasen umso mehr leisten zu können.
Struktur
Das Theater der Zukunft ist eine Demokratie und keine Monarchie. Es arbeitet aktiv daran, Hierarchien abzubauen. Es vertraut seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und versucht, ihnen mehr Mitspracherecht zu geben. Das veraltete Theater von heute hat fast immer einen Intendanten oder eine Intendantin als König oder Königin an oberster Position. Das Theater der Zukunft schafft diese Alleinherrschaft ab, denn die Konzentration der Macht auf nur eine Person kann leicht zu Machtmissbrauch führen.
Seit Jahren ist es so, dass bevorzugt Männer höheren Alters Intendantenposten besetzen (78 Prozent der Intendanten in Deutschland sind männlich). Es wäre wünschenswert, eine genderneutrale Doppelspitze mit einer Frau und einem Mann zu haben. Zudem sollte es ein künstlerisches Beraterteam geben. So würde sich die Macht auf verschiedene Positionen verteilen.
Das Theater der Zukunft wählt mindestens eine Inszenierung im Jahr gemeinsam mit dem ganzen Ensemble, vielleicht sogar mit dem gesamten Haus aus. Im veralteten Theater von heute werden Schauspielerinnen und Schauspieler immer nur «besetzt», d.h. Dramaturgie und Regie bestimmen darüber, welche Stoffe wer mit wem inszeniert. Das Theater der Zukunft fragt die Schauspielerinnen und Schauspieler zumindest bei einer Stückentwicklung, ob sie das Thema interessiert, schliesslich gibt es da noch keinen Text; dieser muss im gemeinsamen Arbeitsprozess erst entwickelt werden. Da bei einer Entwicklung Ideen und Texte von allen mit einfliessen können, verteilt und bezahlt das Theater der Zukunft die Tantiemen, also die Rechte für die Texte, auch gerecht.
Das Theater der Zukunft hat den Mut, Neues zu versuchen und sich mit aktuellen Diskursen auseinanderzusetzen.
«Das veraltete Theater von heute hat
fast immer einen Intendanten oder
eine Intendantin als König oder Königin
an oberster Position.»
Inhalt
Das Theater der Zukunft bringt mutige Texte von Autorinnen auf die Bühne. Momentan stammen weniger als 2 Prozent der Stücke von jungen und insgesamt 25 Prozent von Autorinnen; der Rest, also 75 Prozent, sind meist weisse, tote oder noch lebende, privilegierte Männer. Im veralteten Theater von heute gibt es somit meist nur eine Sicht auf die Welt: eine bürgerlich männliche. Das Theater der Zukunft sieht ein, dass diese Sicht zu einseitig ist für die komplexe und globalisierte Welt, in der wir uns heute befinden. Es weiss, dass es Zeit ist, andere Perspektiven zu hören. Es sieht aktuelle politische Diskurse als Möglichkeit und beschäftigt sich wirklich damit. Political Correctness ist keine Bedrohung, sondern eine Chance. Das Theater der Zukunft bearbeitet natürlich auch den klassischen Kanon, aber versucht, ihn in einen aktuellen Bezug zu setzen und dadurch die Sicht darauf zu erweitern. Es wagt mehr Stückentwicklungen. Das veraltete Theater von heute setzt oft nur auf altbekannte Namen, um dem Publikum und dem Theatermarkt zu entsprechen. Das Theater der Zukunft hat an jeder Bühne einen Experimentierort, an dem junge Regisseurinnen und Regisseure sich ausprobieren können und gefördert werden. Das Theater der Zukunft stellt sich dem Erstarken von Rechtspopulisten mit einer kritischen, politischen Haltung entgegen.
Form
Das Theater der Zukunft hat ein diverseres Ensemble, denn das veraltete Theater von heute ist immer noch mit zu vielen weissen Menschen besetzt. Das Theater der Zukunft hat den Mut, eine neue ästhetische Sprache zu suchen. Es untersucht unsere Sprache und unsere Sehgewohnheiten und hinterfragt sie. Das Ziel ist eine neue Sprache, bei der man von Grund auf neu denkt. Sehgewohnheiten, in denen das alte Theater feststeckt, versucht das Theater der Zukunft immer wieder zu sprengen. Rollenbilder hinterfragt es und erschafft neue. Es ist nie zufrieden mit dem Altvertrauten, sondern wagt immer Neues. Das Theater der Zukunft ist eine hybride Kunstform. Es bündelt die Fragen dieser Zeit, kreuzt unterschiedliche Formen und Gattungen und stellt verschiedene Sichtweisen einander gegenüber, um eine neue, visionäre Welt auf der Bühne zu kreieren. Es ist fluid zwischen bildender Kunst, Tanz, Performance und Film. Fluid zwischen Digitalem und der Liebe zum Livemoment auf der Bühne. Und das Wichtigste: Es vertraut seinen Spielerinnen und Spielern und vermittelt ihnen, dass alle, wirklich alle alles spielen können.
Praise the land where the flowers grow out of the pissoirs. Manchmal träume ich von diesem gelobten Land auf der Bühne, in dem das Geschlecht keine Rolle spielt. Wo es gleiche Bezahlung für alle gibt. Wo alle alles, also wirklich alles spielen können. Wo es gleiche oder ähnliche Sprechanteile gibt. Wo man respektvoll miteinander umgeht. Wo es keinen Rassismus gibt. Ich hoffe, dass es kommt. Dieses Land. Und wenn Kunst doch alles kann. Kann man dann nicht auch mal versuchen, neue Rollenbilder zu erzählen? Dafür ist Kunst doch da! Geschichten anders zu erzählen. Neue Formen und Welten zu kreieren…