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Figurenlexikon
Hier finden Sie Informationen zu den Figuren in «Bergünerstein»: Hat die Person wirklich gelebt, oder hat die Autorin sie erfunden? Wann hat sie gelebt? Was weiss man über sie?
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Mastrel Cla hat wirklich gelebt und war ohne Zweifel die schillerndste Persönlichkeit Bergüns um 1600. Er taucht nicht nur in Bergüner Quellen auf, sondern hat wegen verschiedener Streitereien und Gerichtsfälle auch in den Akten des Bundestags in Chur zahlreiche Spuren hinterlassen.
Aus Pol Clo wird Gregori
Mastrel Cla hiess ursprünglich Cla Giargieli Pol Clo, änderte aber seinen Familiennamen zu Gregori. In den Quellen taucht er unter beiden Namen auf. Er entstammte einem wohlhabenden Zweig der in Bergün zahlreich vertretenen Familie Pol Clo. Bereits sein Vater, ebenfalls Giargieli genannt, war Mastrel gewesen. Eine Schwester oder Tante war mit Jannöli (Jakob) Schalkett verheiratet, einem Mitglied der im 16. Jahrhundert reichsten Familie im Dorf. Jannöli hatte im Jahr 1573 das Podestatenamt von Morbegno bekleidet und war mehrfach Mastrel von Bergün gewesen.
Mastrel Clas Leben...
Mastrel Clas Geburtsjahr ist nicht bekannt, lässt sich aber ungefähr ermitteln. Als erstes seiner Kinder heiratete Tochter Urschla im Jahr 1601. Nimmt man für Urschla ein Heiratsalter von 20 Jahren an und war sie das älteste Kind des Mastrels, wäre sie also um 1581 geboren, und der Mastrel hätte 1580 geheiratet. Sein Geburtsdatum liegt somit wahrscheinlich irgendwo zwischen 1550 und 1560. Gestorben ist er vor 1622.
Da das Eheregister im Kirchenbuch Bergün erst 1585 einsetzt, ist der Name von Mastrel Clas erster Ehefrau nicht bekannt. Es könnte sich aber um eine Tochter der Familie Marchett (Marcket) handeln, dafür würde der ungewöhnliche Vorname Marchett des erstens Sohns von Mastrel Cla sprechen. Möglicherweise ist Mastrel Cla identisch mit dem Giargieli Polckla, der am 24. Mai 1586 Anna Modein geheiratet hat – dies wäre seine zweite Ehe gewesen. Sicher ist, dass Mastrel Cla am 11. Oktober 1614 Duonna Ursina Salice geheiratet hat, die Tochter des Bergwerksbetreibers Johann von Salis-Samedan (Vicari Zon).
... und Familie
Mastrel Cla hatte mindestens zehn Kinder, denn im Estim von 1622 erscheinen zehn Personen als seine Erbinnen und Erben. Die meisten von ihnen haben sich in Bergün verheiratet, wobei sich in der Wahl der Ehefrauen für die Söhne eine zunehmende Vorliebe für Töchter aus dem Herrenstand der Bünde ablesen lässt. Details zu Mastrel Clas Kindern gibt es auf der Seite Stammbäume.
Kaufmann, Konditor und Politiker
Der Lokalhistoriker L. Juvalta-Cloetta berichtet (leider ohne Quellenangabe), dass Mastrel Cla vor 1590 als Kaufmann in Venedig tätig war und dass er nach seiner Rückkehr von dort der Kirche von Bergün eine Glocke spendete. In den Unterlagen von Gian Gianett Cloetta, dem bedeutendsten Bergüner Heimatforscher, findet sich zudem ein Hinweis, dass Mastrel Cla in Venedig eine Konditorei geführt habe und diese später gewinnbringend verkauft habe. Gemäss der Aufstellung in Cloettas «Heimatkunde» bekleidete Mastrel Cla mehrere Male das Amt des Mastrels (Ammanns), nämlich mindestens 1589, 1590, 1591 und 1607. Ein Dokument aus Bergün aus dem Jahr 1601 nennt ihn für dieses Jahr als amtierenden Mastrel.
In seiner Funktion als Mastrel, aber auch als ehemaliger Kaufmann in Venedig, sandte er am 4. Juli 1591 einen Brief an den Dogen von Venedig. Darin bat er um die Freilassung des jungen Bergüners Jacob Albiert, der zu einer Galeerenstrafe verurteilt worden war. Im Brief schreibt Mastrel Cla, es handle sich beim jungen Albiert um einen unbescholtenen Mann, der sich nie etwas habe zuschulden lassen kommen. Jacob müsse für seine 80jährige Mutter sorgen und sei überhaupt nur verurteilt worden, weil er in Brescia in schlechte Gesellschaft geraten sei. Ob diese Intervention Erfolg hatte, ist zweifelhaft – während Jacob Albierts Vater im Estim von 1562 noch genannt wurde, erscheint er selber nie.
Streitereien mit der Gemeinde
Mastrel Cla war in zahlreiche Gerichtsfälle verwickelt. Von allen Einwohnern Bergüns um 1600 erscheint er daher mit Abstand am häufigsten in den Akten des Bundestags in Chur.
1598 wurden Ammann Clas Gregori und das Gericht Bergün zu je 50 Kronen Busse verurteilt, wegen «Zuwiderhandlung gegen Abschiede des Bundestags». Es könnte sich dabei um einen widerrechtlich erhobenen Viehzoll handeln, von dem in den Akten von 1594 die Rede ist.
Um 1600 finden sich mehrere Einträge im Bundestagsprotokoll bezüglich eines Streits zwischen Mastrel Cla und der Gemeinde Bergün. Worum es bei dem Streit ging, ist im Protokoll nicht vermerkt, aber wir erfahren, dass der Bundestag ein unparteiisches Schiedsgericht zur Schlichtung ernannt hat.
Ärger mit Giargieli
Im Jahr 1601, am 8. August und 23. Oktober, vertrat Mastrel Cla seinen Sohn Giargieli im Eheverfahren Gregori, Sohn des Mastrel Cla, gegen Ursula del Thöni del Galles von Bergün (Details s. Eintrag zu Giargieli).
Auf dem Bundstag vom 17. Juni 1601 und dem Beitag im Mai 1603 vertrat Mastrel Cla wiederum seinen Sohn Giargieli, diesmal in einem Rechtshandel gegen Ursula Ambriesch von Bergün. Der Beitrag ordiniert, dass die beiden den Rechtsspruch des Gerichtes Bergün akzeptieren sollen. Es ist möglich, dass es auch hier um ein Eheverfahren ging.
Eine renitente Natur
1605 erwähnen die Akten einen Streit zwischen Mastrel Cla (und/oder seinem Sohn) und Ammann Peter Jecklin. Wieder ist nicht ersichtlich, worum es bei dem Streit ging. Im Roman wurde der Streit als schiefgegangenes Geschäft mit edlen Zuchtpferden dargestellt.
Auf jeden Fall wird bei diesem Fall die renitente Natur Mastrel Clas deutlich: Das vom Bundstag eingesetzte Schiedsgericht lehnte er ab und machte so lange Druck, bis ein neues bestellt wurde, bestehend aus Prefectenrichter Andreas Jenni, Landeshauptmann Rudolf von Planta (Chavalier Raduolf), Vicari Albert Dietegen von Salis, Vicari August von Travers und Landammann Fortunat von Juvalta.
Rudolf von Planta, Albert Dietegen von Salis und Augustin Travers waren in den kurze Zeit später ausbrechenden Bündner Wirren Anführer der spanischen Partei – falls Mastrel Cla, wie anzunehmen ist, ein Anhänger Venedigs war, muss ihm dieses Gericht noch weniger behagt haben als das ursprüngliche! Einem enervierten Brief von Ammann Peter Jecklin an Bürgermeister und Rat von Chur vom 28. Juli 1606 lässt sich entnehmen, dass der Streit auch ein Jahr danach noch nicht beigelegt war.
Der Wahlskandal von 1610
Am 16. Oktober 1610 ereignete sich der im Buch beschriebene Aufruhr bei der Ammannwahl, über den wir dank ausführlicher schriftlicher Aussagen der Streitparteien besser Bescheid wissen als über die anderen Gerichtsfälle Mastrel Clas.
Sagenhafter Reichtum – aber woher?
Gemäss Cudesch da Estims war Mastrel Cla Zeit seines Lebens einer der reichsten Männer Bergüns. Nach dem Tod seines Vaters erscheint er 1579 zum ersten Mal im Estim, mit einem Vermögen von 2000 Gulden, während seine Mutter 4 000 Gulden versteuert. 1583 hat sich dieses Verhältnis umgedreht, jetzt versteuert die Mutter 2 500 Gulden und der Sohn 4 500. 1589 besitzt Mastrel Cla bereits 11 000 Gulden, seine Mutter noch 1500. 1599 besitzt er 30 000 und 1609 sagenhafte 80 000 Gulden. (Nur der adlige Peter Jecklin von Hohenrealta kann ihm das Wasser reichen, mit ebenfalls 80 000 Gulden im Estim von 1609.)
Woher dieser Reichtum stammte und woraus er bestand, ist nicht bekannt. Da die anderen Haushalte in Bergün zwischen 1599 und 1610 keineswegs verarmten und gleichzeitig die landwirtschaftlich nutzbare Fläche um Bergün nicht in diesem Ausmass hätte zunehmen können, war es wahrscheinlich kein Landbesitz. Im Buch hat Mastrel Cla sein Vermögen mit Salpeter verdient, während Peter Jecklin von einem Salzprivileg profitierte, das die Familie Jecklin in Österreich tatsächlich besessen hat.
Im Unterschied zu den meisten anderen Bergünern konnte Mastrel Cla sein Vermögen durch die wirren 1610er Jahre halten: 1622 erscheinen nicht weniger als zehn Erbinnen und Erben mit einem Vermögen von je 8 100 Gulden. (Mehr zu den finanziellen Verhältnissen in Bergün um 1600 finden Sie unter Brauegn.)
1626 erscheint Mastrel Cla ein letztes Mal in den Akten – seinen Erben wird vom Bundestag in Chur beschieden, sie müssen der Gemeinde Bergün die geforderte Steuer, basierend auf dem letzten Schnitz (Estim), in vollständiger Höhe und mitsamt den aufgelaufenen Zinsen bezahlen.
Quellen/Bildnachweis
Kirchenbuch Bergün, Gemeindearchiv Bergün und Staatsarchiv Graubünden (Mikrofilm, StAGR A I 21 b 2/60.3)
Cudesch da Estims, in Privatbesitz, digitalisierte Version online hier.
Mastrel Cla gegen Gemeinde Bergün: Bundestagsprotokoll Bd. 7, S. 289 und 291, 19. Oktober 1598, und Bd. 8, S. 146, 3. Juli 1602 (StAGR AB IV 1/7 und 1/8). Ratsakten der Stadt Chur, 22. Juli 1600, (Stadtarchiv Chur, RA.1600.011)
Busse gegen Mastrel Cla und Bergün (Viehzoll?): Bundestagsprotokoll Bd. 7, S. 485 und 488, 17. Juni 1598; S. 532, 19. Juni 1599 (StAGR AB IV 1/7)
Ammannwahl 1610: Landesakten: 1610, Oktober 10. und 27. (StAGR A II LA 1)
Ehesache mit Urschla del Galles: Abschiede Dr. Ruinelli, Bd. 21, S. 57, 69-71, 8. August und 23. Oktober 1601 (StAGR AB IV 5/21)
Streit mit Urschla Ambriesch: Bundestagsprotokoll Bd. 8, S. 65, 19. Juni 1601, und S. 197, Mai 1603 (StAGR AB IV 1/8)
Streit zwischen Ammann Klaus Gregori und Ammann Peter Jecklin: Protokoll des Gotteshausbundes, Bd. 26, S. 5-6, 8. Mai 1605 (StAGR AB IV 3/26) und Abschiede Dr. Ruinelli, Bd. 21, S. 117-119, 3. Juni 1605 (StAGR AB IV 5/21; im Bild: S. 118). Ratsakten der Stadt Chur, 28. Juli 1606 (Stadtarchiv Chur, RA.1606.008)
Erben: Bundestagsprotokoll Bd. 14, S. 47 und 49, 20. Juni 1626 (StAGR AB IV 1/14)
Literatur
Cloetta, Gian Gianett: Bergün-Bravuogn: Heimatkunde. Bergün, 1954
Juvalta-Cloetta, L: Die Kirche von Bergün. Bündnerisches Monatsblatt, 1932.