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Was ist ein „Eiszeitrelikt“?
Die letzte Eiszeit erlaubte vielen kälteliebenden Tier- und Pflanzenarten, sich in vorher unerreichbaren Gebieten anzusiedeln. Nach dem Rückzug des Eises konnten sich Populationen mancher Spezies in diesen neuen Gebieten erhalten und sind heute als Eiszeitrelikte auffindbar.
Ein Eiszeitrelikt (manchmal auch Glazialrelikt genannt) ist definiert als eine Art, die normalerweise nur in kalten, nördlichen Regionen zu finden ist (z. B. in Polarregionen), sich jedoch während der letzten Eiszeit in gemässigtere Lagen ausbreiten konnte. Als sich das Eis wieder zurückgezogen hatte, wichen auch diese Arten zurück, meistens in Bergregionen.
Denn die tiefer liegenden Gebiete, die während der Eiszeit ihr Lebensraum waren, wurden nun wärmer und immer dichter von Konkurrenten besiedelt. Von den nördlichen Populationen wurde die Population im Berggebiet dadurch getrennt. Die bildliche Beschreibung „Arten die sich auf Kälteinseln im Wärmemeer erhalten haben“ wird oft benutzt, um Eiszeitrelikte zu veranschaulichen. Diese Beschreibung passt genau, denn Arten, die als Eiszeitrelikte gelten, haben sich in kalten, kleinen und begrenzten Gebieten (den Kälteinseln) erhalten, während die Gebiete rund herum zu warm für sie sind (das Wärmemeer). Da solche Arten in kalten Gebieten vorkommen, werden sie kälteliebende Arten genannt.
Beispiele von Eiszeitrelikten
Bekannte Beispiele für Tiere, die als Eiszeitrelikte gelten, sind der Schneehase oder das Schneehuhn. Populationen dieser Spezies haben sich nach der Eiszeit in die Alpen zurückgezogen und leben isoliert von den grossen Populationen, welche weite Polargebiete besiedeln. Das Verbreitungsgebiet des Schneehasen kann symbolisch für viele Eiszeitrelikte betrachtet werden. Doch nicht nur Tiere gelten als Eiszeitrelikte, sondern auch Pflanzen. Die Weisse Silberwurz ist eine Pflanzenart, die als Eiszeitrelikt bereits ausführlich untersucht wurde und in den Alpen sowie Polarregionen zu finden ist.
Es gibt jedoch auch andere Beispiele solcher Eiszeitrelikte, die weniger bekannt sind. So gilt auch das Alpenmurmeltier als Eiszeitrelikt. Der Pyrenäen-Gebirgsmolch ist ein Beispiel eines Eiszeitreliktes, der nicht in den Alpen, sondern in einer anderen Gebirgskette zu finden ist. Die Aurikel (eine Art Primel), die in den Alpen vorkommt, gilt auch als Eiszeitrelikt, wobei andere Primelarten nicht als solche gelten. Dies zeigt, dass nahe verwandte Spezies nicht alle automatisch Eiszeitrelikte sind, sondern dass sie unterschiedliche Verbreitungsgebiete aufweisen.
Einfluss des Klimawandels
Der Klimawandel wird einen entscheidenden Einfluss auf Spezies haben, die als Eiszeitrelikte gelten. Da das Verbreitungsgebiet solcher Arten in südlichen Lagen sehr klein ist und sich meistens auf das höchste Gebiet eines Gebirges beschränkt, wird die Erderwärmung diese Gebiete schrumpfen lassen. Eine Möglichkeit auszuweichen und sich anderweitig anzusiedeln gibt es praktisch nicht, da die Eiszeitrelikte von ihrem ursprünglichen Ausbreitungsgebiet getrennt sind und bereits in maximaler Höhe wohnen. Sie können sich nicht in noch höheren Lagen, wo das Klima kühler ist, ansiedeln. Zusätzlich muss man beachten, dass sich nur Tierspezies aktiv fortbewegen können und Pflanzenspezies auf passive Verbreitung vertrauen müssen (beispielsweise Pollen oder Samen, die durch den Wind oder Tiere transportiert werden). Solche nicht mobilen Eiszeitrelikte können vom Klimawandel noch schneller verdrängt werden, wenn sie nicht in geeignete Gebiete umsiedeln können.
Eine ungewisse Zukunft
Eiszeitrelikte sind historisch interessante Spezies, die uns zeigen, wie unsere Erdgeschichte das heutige Verbreitungsgebiet von Tier- und Pflanzenarten geformt hat. Ihre Zukunft jedoch ist ungewiss. Viele solcher Arten stehen bereits unter Artenschutz. Die Isolation von anderen Populationen zusammen mit der Erderwärmung wird ihnen das Leben zukünftig erschweren.