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Der Roman "Chimären" von Wilfried Ohms, erschienen bei Leykam, ist die Geschichte eines Mannes, der Betrug zu seinem Beruf gemacht hat. Wir lesen über Schwartz, den Mann, der aus seinen Erfahrungen nicht lernt, der da weitermacht, wo er aufgehört hat, nämlich beim Fälschen.
Was für ein unsympathischer Geselle, dieser Schwartz! Und was für eine konstruierte Geschichte! Für einen komplexen Roman mit den vorliegenden 149 großgedruckten Seiten zu kurz, könnte man ihn als Novelle betrachten, wenn man die Entlarvung von Schwartz als die "unerhörte Begebenheit" ansieht, die Goethe für diese kleine Romanform einforderte. Lassen wir es bei dem Begriff "Geschichte", was auch besser zur fast konsequent durchgehaltenen indirekten Rede passt. Aber nun zu eben dieser Geschichte:
Schwartz lebt in Seoul, seine Ehefrau Alexandra hat an der dortigen Universität einen Lehrauftrag übernommen. Die pubertierende gemeinsame Tochter besucht die Deutsche Schule, er hat sich ein Atelier angemietet, wo er sich vorgeblich seiner Kunst widmet, der Malerei. In Wahrheit stellt er ausnahmslos Fälschungen her, es sind Kopien koreanischer antiker Kunst, weder Alexandra noch die Geliebte In-Hee wissen um seinen wahren Beruf. Beauftragt und bezahlt wird der "Künstler" von einem italienischen Galeristen. Schwartz ist ein guter Fälscher, der seine Arbeit ernst nimmt und keinen Pfusch abliefert. Soweit die Rahmenhandlung.
Glücklich ist hier niemand, alle spielen etwas falsch in dieser Geschichte, die - vermutlich deshalb - allerdings auch ziemlich künstlich wirkt. Da ist zum einen Schwartzens Blödheit, anders kann man es kaum bezeichnen, den teuren, von In-Hee geschenkten Designer-Anzug in den ehelichen Schlafzimmerschrank zu hängen, noch dazu, wo Anzüge nicht seiner üblichen Kleidung entsprechen. Zusätzlich lässt er die Kreditkartenabrechnungen, die seinen Ehe-Betrug dokumentieren, offen liegen. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Schwartz entdeckt werden will, was natürlich das ist, was geschieht. Alexandra findet alles und weiß sofort, dass Schwartz wieder fremdgeht.
Konstruiert aber auch, dass Alexandra in der vollen U-Bahn mit einem nach Alkohol riechenden Fremden Sex hat (Männerfantasie?), und zudem noch, sozusagen als Tüpfelchen auf dem i, eine kleine, wenn auch kurze Affäre mit ihrer koreanischen Professorenkollegin, von der sie in einer einsamen Nacht getröstet wird. Zudem wirkt die Geschichte aber auch deshalb unwirklich, weil Schwartz als ein Europäer, der weder in Asien sozialisiert ist noch sich mit der Kultur, Kunst, Tradition erkennbar auseinandergesetzt hat, ausgerechnet antike koreanische Kunst fälscht. Und nicht zuletzt ist es unrealistisch, dass Alexandra nie etwas aus seinem Schaffen zu sehen bekommt oder einfordert, obwohl Schwartz ganze Tage im Atelier verbringt und nicht wenig Geld verdient.
Und dann ist da eine ganz banale Frage, die den Leser umtreibt, und die nicht endgültig beantwortet wird: Spricht Schwartz Koreanisch? Zunächst glaubt man, ja, sicherlich, lebt er doch in Seoul, bewegt sich in der Stadt, sieht fern, geht zu Auktionen. Aber wo er es wann gelernt hat, entzieht sich der Kenntnis. Oder kann er es doch nicht, weil der Vater seines Ateliervermieters sein dürftiges Englisch an Schwartz versucht? Koreanisch lesen jedenfalls kann er nicht.
Der Kunstbetrüger Schwartz glaubt sich natürlich in Sicherheit, denn er geht in seinen Fälschungen sehr professionell vor. Doch seine falsche Welt zerbricht; zunächst zumindest: Die Ehe scheitert, In-Hees Ehemann erfährt von dem Betrug, sein Mittelsmann entpuppt sich als Polizist. Der allerdings hat solche Geldsorgen (wie passend), dass er Schwartz einen Handel vorschlägt. Teil davon ist, dass der Fälscher für einige Monate in einem Kloster untertaucht. Und was lernt unser Held bei diesem meditativen Leben dort für sich? Nichts, denn als er es verlässt, geschieht dies in der Absicht, nun Spitzweg, von dem nur ein Bruchteil des Werkes bekannt ist, fälschen zu wollen.
Man kann vielleicht davon ausgehen, dass Ohms das alles mit voller Absicht so konstruierte. Aber dann muss man entgegenhalten, dass er die falsche Form wählte. Ein größerer und klassisch erzählter Roman, in dem man die Figuren und ihre Lebensgeschichte hätte komplexer ausführen können, es Auseinandersetzungen in Form von Dialogen gäbe, wäre sicherlich glaubwürdiger gewesen als diese fragmentarisch wirkende Geschichte.Diese Buchbesprechung ist ursprünglich im Online-Buchmagazin Literaturhaus Wien erschienen.