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Wohl dem, der noch einen Dornseiff hat, denn der ist gewarnt: Als Synonym von «unter die Räder kommen» steht da «auf die Schokoladenseite kommen». Jedenfalls in der «sechsten, unveränderten Auflage» des Standardwerks «Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen», erschienen 1965, wenige Jahre nach dem Tod seines Schöpfers Franz Dornseiff. Auf dass ja niemand ahnungslos der Schokoladenseite zum Opfer falle, hatte er die Redewendung in die Sachgruppe «Misslingen» eingereiht.
Eine 80-jährige Sprachfreundin, die einen solchen Dornseiff besitzt, aber «keine modernen Apparaturen», hat mir von Hand geschrieben – als ob sie sich für ihre makellose Handschrift entschuldigen müsste. Zu ihrem Leidwesen hatte sie niemanden gefunden, der ihre Ansicht teilt, die Schokoladenseite sei etwas Negatives und der «stofflich berührbare Hintergrund» dieser Metapher müsse wohl aus einer anderen braunen Substanz bestehen. Die zu nennen sie sich hütete, war sie doch einer «schmutzigen Phantasie» geziehen worden von jemandem, der die Schokoladenseite für etwas Appetitliches hält.
Sadistische Erklärung
Nun ist mit modernen Apparaturen und Wörterbüchern ebenfalls viel Positives über die Schokoladenseite zu finden; auf Abschätziges bin ich dagegen nicht gestossen. Was im Dornseiff steht, scheint mir auf eine (frühere) ironische Verwendung zurückzugehen; ob die Verkehrung der Schokolade in ihr Gegenteil mit schmutziger Phantasie verbunden war, kann dahingestellt bleiben. Allerdings deutet, wer von der Schokoladenseite einer Person oder Sache spricht, immer auch an, dass da noch eine andere Seite ist. Die mit der Sonnenseite verwandte Verwendung braucht auch nicht als schweizerische, Schoko-freundliche Eigenart erklärt zu werden, wie es die Briefschreiberin vermutet: In Deutschland klingts ebenso.
Nicht nur einen Dornseiff hat die Dame, sondern auch ein beneidenswert gutes Gedächtnis: Vor etwa zwölf Jahren habe in der NZZ gestanden, «der Begriff ‹Schokoladenseite› gehe auf den Marquis de Sade zurück». In der Tat: Wie eine moderne Apparatur zutage fördert, war dort 1998 zu lesen, Casanova habe für die lichten Seiten des Eros gestanden, Sade dagegen für die düsteren – er mit seiner «Vorliebe für schwarze Trüffel, Kaffee und Schokolade, die ‹so dunkel sein muss wie der Hintern (cul) des Teufels›, kurz: mit seiner Kochkunst als art cul-inaire». Da aber all dies Schwarze für Sade etwas Genüssliches war, ist damit immer noch nicht erklärt, was an der Schokoladenseite schlecht sein soll.
Gegenteil gefällig?
«Kann es sein», fragt die Muse dieser «Sprachlupe», «dass in der Entwicklung einer Sprache ein Ausdruck, eine Bedeutung sich ganz natürlicherweise in ihr Gegenteil verkehren kann?» Ja, es kann, nur vermute ich, dass bei der Schokoladenseite das Schöne zuerst war und sich die Verkehrung nicht durchgesetzt hat. Anders verhält es sich etwa mit «eine schöne Bescherung». Wer das sagt, will sich kaum für ein willkommenes Geschenk bedanken; vielmehr ist er im Dornseiff’schen Sinne «auf die Schokoladenseite gekommen».
Eine andere Umkehrung ist gerade im Gang: Immer öfter liest man, jemand habe sich «einen Deut» um etwas geschert. Dabei kommt die Redensart «sich keinen Deut scheren» von einer alten, geringen niederländischen Münze; gemeint ist also, dass man sich nicht im Geringsten um etwas kümmert. «Sich einen Deut scheren» wäre immer noch recht wenig, aber wer es sagt, denkt gewiss nicht an Kleingeld, sondern für ihn ist Deut was Dreck. Ebenfalls am Verschwinden ist die Unterscheidung von «voll» und «ganz» bei der Einschätzung von Mengen: Wer heute erzählt, er habe «GANZE 1000 Seiten» gelesen, meint nicht wie früher, das sei ein Deut, sondern er ist stolz auf seine Leseleistung; einst hätte er deshalb sagen müssen «VOLLE 1000 Seiten». Richtig schokoladenseitig!
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund». Ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».