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Matthew Lewis (1775-1818) ist vor allem durch ein Buch bekannt geworden, ein Buch, das er schon als Zwanzigjähriger schrieb: The Monk. Dabei stammte Lewis aus einer wohlhabenden Familie, war Diplomat in britischen Diensten und auch Unterhausmitglied. Er starb an einem tropischen Fieber bei seiner Rückkehr von Jamaika, wo er die Güter seiner Familie besucht hatte. (Und nebenbei versucht, die Lebensbedingungen der dort gehaltenen Sklaven ein wenig zu verbessern.)
Was ich damit sagen will: Er hätte es nicht nötig gehabt. Das Schreiben nämlich. Doch schon der Student konnte es offenbar nicht lassen. Er war mit Byron und Shelley befreundet, hatte in Weimar Goethe, Schiller und Wieland kennen gelernt, Schillers Kabale und Liebe ins Englische übersetzt und Byron auch mit dem Faust-Stoff bekannt gemacht. Was von ihm geblieben ist, ist aber jener Schauerroman, jener Horrorroman The Monk (Der Mönch), der u.a. auch E. T. A. Hoffmann als Inspiration zu den Elexieren des Teufels diente. Doch gerade der Vergleich mit Hoffmann zeigt die Grenzen Lewis‘ auf. Wie viel wusste Hoffmann aus dem Thema zu machen, wie wenig letzten Endes Lewis!
Der Roman von Lewis – eigentlich sind es zwei Romane. Da ist zum einen die Geschichte des Mönchs, zum andern die von Agnes, einer Nonne wider Willen. Die beiden Geschichten sind nur locker miteinander verbunden, das ist schon die erste und grösste Schwachstelle von The Monk. Es erschliesst sich dem Leser nicht wirklich, warum er auch noch mit Agnes‘ Geschichte belästigt wird. Agnes stammt aus einem reichen, spanischen Adelshaus (das Ganze spielt vorwiegend in Madrid). Familiäre Intrigen reissen sie aus den Armen ihres Geliebten, der sich ihr aus einer absolut hirnrissigen Laune heraus unter falschem Namen vorgestellt hat. Hätte er nämlich seinen richtigen genannt, wäre er – da ebenfalls aus reichem spanischen Adel – mit offenen Armen als Schwiegersohn aufgenommen worden. Um die ganze Liebesgeschichte ein für alle Mal zu unterbinden, wird Agnes in ein Kloster gesteckt. Dieses Nonnenkloster liegt unmittelbar neben dem Mönchskloster, das Ambrosio, die Hauptfigur des Parallelromans, leitet. Berührungspunkt N° 2 der beiden Stories. (Berührungspunkt N° 1 nämlich die Tatsache, dass Agnes‘ Bruder unsterblich in dieselbe Frau, Antonia, verliebt ist, die auch Ambrosio begehrt. Für eine eventuelle Verflechtung der beiden Stories ist dieser Punkt aber absolut irrelevant. Antonias Liebhaber könnte irgendwer sein.) Berührungspunkt N° 3: Wie die Nonnen bei Ambrosio zur Beichte geführt werden, fällt dem dummen Schaf von Agnes natürlich ein Zettel aus dem Gewand, auf dem der ganze mit ihrem Liebhaber verabredete Fluchtplan notiert ist. Agnes wird abgeführt, und bis zum Schluss des Romans sehen und hören wir von ihr nur in Rückblenden, in denen ihr Liebhaber erzählt, wie er sie kennen gelernt und wie schon frühere Fluchtpläne gescheitert sind. Der ganze Rückblick dient aber offenbar vor allem dazu, dass Lewis eine Räuberpistole und eine Gespenstergeschichte einbauen kann. (Erstere an das Wirtshaus im Spessart erinnernd – vielleicht hat Hauff ja auch Lewis gelesen?)
Schwachpunkt N° 1: Die beiden Stories sind nur lose miteinander verbunden. Schwachpunkt N° 2: Die Motivierung des adligen Liebhabers, pseudonym zu bleiben, ist hirnrissig. Wie so viele weitere Motivierungen in diesem Roman.
Ambrosio in der Haupt- und titelgebenden Geschichte ist ein knapp dreissigjähriger Mönch, der gerade Abt seines Klosters geworden ist. Ein Modell an Tugendhaftigkeit. Jedenfalls gegen aussen, denn sehr bald erfährt der Leser, dass das heisse spanische Blut nur so in ihm brodelt, und er darf dem langsamen Niedergang eines überheblichen, auf seine Tugenden stolzen Menschen beiwohnen. Diese zweite Geschichte ist, bei aller Hirnrissigkeit, über die auch sie verfügt, bedeutend besser und interessanter erzählt. Doch wirklich faszinierend für den heutigen Leser sind vor allem die Schauer- und Horrorelemente. Da läuft Lewis wirklich zu einer Form auf, die macht, dass man diese Passagen mit Vergnügen lesen kann. (De Sade mochte den Roman, doch las er ihn offenbar v.a. als Kritik am Ancien Régime.)
Lewis hat von Ausgabe zu Ausgabe seinen Mönch immer weiter purgiert, nachdem die anonym erschienene Erstausgabe aufgrund einer für damalige Verhältnisse sehr expliziten Beschreibung gewisser Dinge (z.B. Antonias Vergewaltigung durch den Mönch) auf Kritik gestossen war. Es empfiehlt sich also, die erste Auflage zu lesen.
Alles in allem: Eine nette Lektüre, die aber wohl dem literaturgeschichtlich Interessierten mehr bringt, als jemandem, der einfach einen unterhaltenden Gruselroman lesen will. Die Erwartungen eines heutigen Lesers an Grusel und Horror sind doch ganz anders als die von Lewis‘ Zeitgenossen gehegten.