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Die olympische Freiwilligenarbeit ist ein faszinierendes Phänomen unserer Zeit. Wie ist es nur möglich, dass sich Zehntausende darum bemühen, unentgeltlich mitzuhelfen, die olympischen Milliardäre noch reicher zu machen?
Ich muss immer wieder an Karl Marx denken. An den wortgewaltigen, zynischen Kritiker des Kapitalismus und der Religion. An den grossen Theoretiker des Sozialismus und des Kommunismus. Solltest du beim Lesen der folgenden Zeilen das Gefühl haben, der Chronist sei ein alter olympischer Zyniker, dann entschuldigt er sich dafür in aller Form.
Also: Es zieht. Gefühlte minus 15 Grad. Mindestens. Und da steht ein älterer, freundlicher Herr in bunten olympischen Kleidern beim Eingang zur Hockeyarena. Er tut es freiwillig. Ohne Bezahlung. Er hat sogar die Reise hierher selber bezahlt und auch für die Unterkunft während der Spiele wird er zur Kasse gebeten. Er ist Volunteer. Einer der 22'000 freiwilligen Helferinnen und Helfer.
Ja, wenn das Karl Marx wüsste! Die IOC-Kapitalisten schaffen es nicht nur, die Kosten für die Spiele zu sozialisieren (dem Volk aufzuerlegen = Ausbeutung des Proletariats) und den Gewinn zu privatisieren (für sich zu behalten). Sie bringen es auch noch fertig, ein riesiges Heer von Frauen und Männern gratis für sich arbeiten zu lassen, um ihren Reichtum zu mehren.
Der Wert der Arbeit der rund 22'000 Volunteers wird hier auf mehr als 50 Millionen Franken geschätzt. Und würden auch noch allen die Reise und eine anständige Unterkunft bezahlt, wären es bald 100 Millionen. Die Spiele kosten insgesamt mindestens zehn Milliarden Franken.
Das Phänomen der Volunteers, der olympischen Sklavenarbeit – Pardon, Pardon: Freiwilligenarbeit – fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Was nur motiviert Zehntausende aus allen Ländern der Erde (zumindest aus jenen, die eine Ausreise erlauben), sich für diese unbezahlte Arbeit zu bewerben? Das Auswahlverfahren läuft übers Internet und es gibt viel mehr Bewerbungen als Plätze. Das Programm läuft inzwischen mehr als 30 Jahre. Seit Peter Ueberroth für die Spiele von 1984 in Los Angeles die olympischen Volunteers im heutigen Sinne «erfunden» hat. Die Volunteers spielen inzwischen eine zentrale Rolle. Wahrscheinlich wäre es gar nicht mehr möglich, die Spiele ohne sie durchzuführen.
Wo liegt der Reiz? Die meisten werden nie einen olympischen Helden aus der Nähe sehen. Und nie bei Wettkämpfen mitfiebern. Die meisten verrichten sterbenslangweilige Arbeit. Und hier in Südkorea frieren sie auch noch.
Aber der Chronist müsste sich die neuen Schuhe ablaufen, um jemanden zu finden, der sich beklagt, schlecht gelaunt ist und der nicht mit leuchtenden Augen und verklärtem Gesicht von der olympischen Erleuchtung schwärmt.
Sektenforscher, Theologen, Politologen, Religionswissenschaftler, Soziologen oder Historiker sollten sich intensiver mit diesem Phänomen befassen. Die Magie, die Strahlkraft der fünf Ringe – Karl Marx würde von einer Ideologie der fünf Ringe schwadronieren – ist weltweit so stark, dass seit mehr als 30 Jahren Zehntausende freiwillig dafür arbeiten wollen. Zwang braucht es nie. Das war bei den Ideen von Marx und seines Kumpels Friedrich Engels anders. Deren Lehren sind die Menschen nie über eine längere Zeit freiwillig und ohne Gewaltdrohung gefolgt. Und 70 Jahre nach der ersten praktischen Umsetzung haben sie den Reiz verloren.
Der phänomenale, dauerhafte Erfolg des olympischen Sozialismus ist faszinierend. Es geht ja nicht einmal um gemeinnützige Arbeit zum Wohle der Allgemeinheit, wie sie jedem Menschen mit sozialem Verantwortungsgefühl gut ansteht. Es ist Götzendienst am Mammon, um die Superreichen noch reicher zu machen. Reine Ausbeutung. Das IOC zieht so hohe Gewinne aus den Olympischen Spielen, dass es problemlos möglich wäre, die Helfer zu bezahlen.
Aber wenn die Volunteers Geld bekämen, dann wären sie nur noch ganz gewöhnliche Arbeiterinnen und Arbeiter. Wie das Putzpersonal in den Hotels. Und nicht mehr auserwählte und geweihte Dienerinnen und Diener in den von Steuergeldern errichteten Tempeln der olympischen Götter. Die ganze Magie, die Romantik wäre dahin. Es wäre wie ein Erwachen aus einem Traum und ernüchtert würden sich die meisten fragen: «Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?»
Tja, wer weiss, vielleicht sind so einst die Pyramiden gebaut worden. Für höhere Werte – im alten Ägypten waren es nicht fünf Ringe, sondern die Errichtung einer angemessenen Ruhestätte für einen gottgleichen Herrscher – haben möglicherweise auch Zehntausende freiwillig geschuftet und Steine geschleppt. Nur um erzählen zu können: «Ich war dabei! Ich bin geweiht. Ich bin auch ein Teil davon.» Alleine auf der Basis von Gewaltandrohung wäre es doch in diesen alten Zeiten kaum möglich gewesen, Zehntausende auf der gleichen Baustelle jahrelang zu Sklavenarbeit zu zwingen – und erst noch zu erstklassigem Handwerk. Oder?
Wir wissen es nicht. Und übertreiben wollen wir ja auch nicht und uns nicht in unzulässigen und unzutreffenden historischen Betrachtungen verlieren. Das Bauen der Pyramiden in Ägypten war sicherlich ungleich anstrengender als ein bisschen Frieren für die olympische Idee in Südkorea.