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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

15. Buch
27. Arche und Sündflut sind nicht bloße geschichtliche Tatsachen ohne allegorische Bedeutung, aber auch nicht bloße Allegorien ohne geschichtliche Unterlage.
Dagegen darf niemand glauben, es sei das ohne Grund aufgezeichnet worden, oder man habe es hier lediglich mit geschichtlichen Tatsachen ohne jede allegorische Bedeutung zu tun, oder umgekehrt, dies habe sich überhaupt nicht zugetragen, sondern es handle sich nur um Redefiguren, oder es fehle, wie es sich im übrigen damit auch verhalten mag, jede vorbildliche Beziehung zur Kirche. Nur ein verkehrter Geist könnte behaupten wollen, unnützerweise seien diese Bücher geschrieben worden, die durch Jahrtausende hindurch mit solcher Ehrfurcht und mit so sorgsamer Einhaltung ununterbrochener Überlieferungsabfolge in acht genommen und bewahrt worden sind, oder die nackten Tatsachen allein seien darin ins Auge zu fassen, wo doch so merkwürdige Dinge erzählt werden, wie zum Beispiel von der Auswahl der Tiere, die in die Arche aufgenommen werden sollten; mag sich die Größe der Arche erklären durch die große Zahl der Tiere, aber was nötigte dazu, von den unreinen Tieren je zwei Paare einzulassen und von den reinen je sieben1 , da doch beide Arten in gleicher Zahl hätten erhalten werden können? Oder vermochte Gott, der die Erhaltung anbefahl zum Zweck der erneuten Ausbreitung der Art, diese Tiere nicht ebenso aufs neue ins Dasein zu rufen, wie er es ursprünglich getan?
Die Vertreter der Meinung dagegen, es handle sich überhaupt nicht um Tatsachen, sondern nur um Sinnbilder, berufen sich zunächst darauf, daß eine Überschwemmung, bei der das Wasser noch fünfzehn Ellen über die höchsten Berge emporstieg, nicht habe stattfinden können im Hinblick auf den Gipfel des Berges Olympos2 , über dem sich, wie sie angeben, keine Wolken zusammenballen können, da hier, in solcher Höhe des Himmels, nicht mehr unsere dichtere Luft anzutreffen sei, in der sich Nebel und Regenwolken bilden. Sie lassen dabei nur außer acht, daß selbst das dichteste aller Elemente, die Erde, dort anzutreffen sein könnte. Oder aus was sonst sollte der Gipfel des Berges bestehen? Also hätte nach diesen Elementen-Messern und -Wägern, die doch selbst erklären, daß das Wasser über der Erde sei und leichter als sie, zwar die Erde, nicht aber das Wasser bis zu jenen Himmelshöhen emporsteigen dürfen? Da wäre man doch auf die Begründung gespannt, weshalb sich die schwerere und tiefer befindliche Erde in das Gebiet des ewig heiteren Himmels so viele Jahrtausende hindurch eindrängen konnte, während ein gleiches auch nur auf kurze Zeit dem leichteren und höher befindlichen Wasser verwehrt sein sollte.
Man führt auch die Maße der Arche ins Feld und sagt, sie sei nicht groß genug gewesen, um so viele Arten von Tieren beiderlei Geschlechtes zu fassen, je zwei Paare unreiner und je sieben Paare reiner Tiere. Bei diesem Einwand legt man wohl nur die 300 Ellen Länge und 50 Ellen Breite der Berechnung zugrunde, ohne zu berücksichtigen, daß im ersten und im zweiten Obergeschoß je die gleichen Maßverhältnisse wiederkehrten und sonach jene Ellenzahl dreimal genommen werden muß, was 900 x 150 Ellen ergibt. Wenn wir gar noch in Betracht ziehen, worauf Origenes scharfsinnig hingewiesen hat3 , nämlich daß Moses, ein Gottesmann, „unterrichtet“, wie geschrieben steht4 , „in aller Weisheit der Ägypter“, bei denen die Geometrie eifrig betrieben wurde, hier möglicherweise geometrische Ellen gemeint hat, von denen eine gleich sein soll sechs unsrigen, so liegt auf der Hand, welche Unmasse von Dingen ein solcher Raum fassen konnte. Denn daß eine Arche von solchem Umfang nicht hätte zusammengezimmert werden können, wie man geltend macht, ist grundloses Geschwätz. Man weiß ja doch, daß ungeheure Städte zusammengefügt wurden, und sollte doch auch die hundert Jahre berücksichtigen, die der Bau der Arche in Anspruch nahm. Man müßte nur glauben, daß zwar Stein an Stein, bloß mit Kalk verbunden, Halt genug gewinnen könne, um eine Mauer viele Meilen weit im Kreise aufzuführen, daß aber Holz an Holz mittels Klammern, Pflöcken, Nägeln und der Verklebung durch Pech nicht hinreichend Halt gewinnen könne, um eine solche nicht in geschweiften, sondern der Länge und Breite nach in geraden Linien geführte Arche herzustellen, die dann nicht Menschenkraft ins Meer zu lassen brauchte, sondern das Wasser erheben sollte, wenn es kam, nach dem Naturgesetz des Schwergewichts, und nicht so fast menschliche Geschicklichkeit, als vielmehr die göttliche Vorsehung auf ihrer Fahrt steuern sollte, damit sie nicht irgendwo Schiffbruch leide.
Was aber die schon doch recht ängstliche Frage bezüglich der kleinsten Tiere betrifft, nicht nur als da sind Mäuse und Eidechsen, sondern selbst Heuschrecken, Käfer oder gar Mücken und Flöhe, ob sich davon nicht am Ende eine größere Zahl in jener Arche befunden habe, als die durch Gottes Befehl bestimmte, so seien die deshalb Hinterdenklichen aufmerksam gemacht auf den Sinn des in jenem Befehl vorkommenden Ausdrucks: „Was da kriecht auf Erden“. Damit ist schon gesagt, daß in der Arche den Wassertieren nicht die Erhaltung gesichert zu werden brauchte, und zwar weder denen, die im Wasser selbst leben wie die Fische, noch denen, die auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, wie eine große Zahl von Vogelarten, Ferner ist klar ersichtlich, daß, wenn es heißt: „Männchen und Weibchen sollen es sein“, die Arterhaltung als Zweck ins Auge gefaßt ist. Demnach brauchten in der Arche keine solchen Tiere zu sein, die ohne Begattung von selbst entstehen aus allerlei Dingen oder deren Verwesungszuständen; oder wenn es dort solche gab, wie es deren in den Häusern zu geben pflegt, so konnten sie in unbestimmter Zahl vorhanden sein; oder, falls das hochheilige Geheimnis, um das es sich hier handelte, und die Sinnbildung einer so erhabenen Sache zur genauen Erfüllung unbedingt auch in der Wirklichkeit die genannte feste Zahl für gar alles forderte, was nicht von Natur aus im Wasser leben kann, so ist darauf hinzuweisen, daß ja die Sorge hierfür überhaupt nicht den Noe und die Seinigen anging, sondern Gott. Denn Noe hat nicht die Tiere eingefangen und sie in die Arche gesperrt, sondern er hat sie hineingelassen, wie sie kamen und hineingingen. Diese Bedeutung haben nämlich die Worte: „Es werden eingehen zu dir“; nicht durch Zutun des Menschen, sondern auf den Wink Gottes, immerhin jedoch so, daß man sich geschlechtslose Tiere ausgeschlossen zu denken hat. Denn es war vorgeschrieben und festgesetzt: „Männchen und Weibchen sollen es sein“. Es gibt ja Tiere, die aus allerlei Dingen ohne Begattung entstehen, weiterhin aber sich begatten und fortpflanzen, so die Mücken; und andere, bei denen es Männchen und Weibchen überhaupt nicht gibt, so die Bienen. Zu verwundern wäre es ferner, wenn in der Arche Tiere vorhanden gewesen wären, die allerdings geschlechtlich unterschieden, aber unfruchtbar sind, wie die Maulesel und die Mauleselinnen; da hätte es ja genügt, wenn deren Erzeuger vertreten waren, die Arten Pferd und Esel. Das gilt auch von allen anderen etwaigen Tierarten, die durch Vermischung mit anderen Arten eine neue Art hervorbringen. Wenn jedoch auch das zum Geheimnis gehörte, waren die Bastardarten vorhanden; denn immerhin haben auch sie Männchen und Weibchen.
Manche wieder haben Bedenken darüber, welche Art von Nahrungsmitteln in der Arche jenen Tieren wohl hätte zur Verfügung stehen können, die man meist nur als fleischfressende kennt, ob es ohne Mißachtung des Befehls in der Arche mehr als die vorgeschriebene Zahl geben konnte, einen Überschuß von solchen Tieren, die als unentbehrliche Nahrung für andere darin eingeschlossen worden wären, oder ob es, was eher anzunehmen ist, außer dem Fleisch noch andere Nahrungsmittel hätte geben können, die für alle paßten. In der Tat wissen wir, daß viele Tiere, die sich von Fleisch nähren, auch Früchte und Obst fressen, namentlich Feigen und Kastanien. Wäre es also wirklich so auffallend, wenn jener weise und gerechte Mann, noch dazu von Gott belehrt, was jedem Tiere zusage, eine für jede einzelne Art geeignete fleischlose Kost hergerichtet und aufgespeichert hätte? Und der Hunger treibt alles hinein, und Gott konnte jede Nahrung wohlschmeckend und zuträglich machen, wie er auch mit göttlicher Leichtigkeit das Leben ohne Nahrung gefristet hätte, wenn nicht auch die Versorgung der Tiere mit Nahrung dazu gedient hätte, das Sinnbild eines so erhabenen Geheimnisses zu vervollständigen. Aber daß so vielfältige Sinnbilder von wirklichen Geschehnissen keinen vorbildlichen Bezug auf die Kirche hätten, das zu meinen kann sich nur ein Streithahn gestatten. Denn schon haben die Völker in einer Weise die Kirche erfüllt und Reine und Unreine — bis zur Scheidung am Ende — Platz genommen in dem wohlgezimmerten Gefüge ihrer Einheit, daß allein schon diese ganz offenkundige Tatsache den Zweifel an den übrigen Beziehungen verbietet, die weniger klar ausgedrückt und schwerer zu erkennen sind. Die Sache steht also so: Niemand, selbst der Hartgläubigste nicht, wird die Stirne haben, anzunehmen, daß diese Aufzeichnungen unnützerweise gemacht worden seien; niemand kann wahrscheinlich machen, daß diese Dinge sich zwar zugetragen, aber nichts zu bedeuten hätten, oder daß sie ausschließlich in bildlichem Sinne und nicht als Tatsachen erzählt seien, oder daß sie keine sinnbildlichen Beziehungen zur Kirche enthielten; vielmehr ist anzunehmen, daß sie weislich überliefert und aufgezeichnet worden seien, daß sie sich wirklich zugetragen und etwas zu bedeuten haben und daß diese Bedeutung in vorbildlichem Sinne auf die Kirche gehe. Bei diesem Abschnitt angelangt, schließe ich das Buch, um den Verlauf der beiden Staaten, des nach dem Menschen lebenden Weltstaates und des nach Gott lebenden Himmelsstaates, wie er sich nach der Sündflut und weiterhin in den folgenden Begebenheiten gestaltet hat, [in den nächsten Büchern] zu verfolgen.
1: Gen. 7, 2.
2: 2973 in hoch.
3: Homil. 2 in Genes.
4: Apg. 7, 22.