Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03308.jsonl.gz/2766

Beat Stocker und Pierin Vincenz waren ein eingespieltes Team. Sie gingen früh mit eigenem Geld in kleinere Firmen rein, nahmen dort selbst oder mittels Statthalter die Zügel in die Hand, um dann durch einen Verkauf an eine liierte Unternehmung oder durch frische Aufträge zu profitieren.
Eine Firma, bei der Beat Stocker ebenfalls aktiv agierte, blieb bis jetzt wenig beachtet – obwohl sie nicht klein ist. Die Rede ist von Netcetera. Diese hat Links zur Aduno. Die dritte Kraft im Schweizer Kartengeschäft und Kleinkreditwesen wurde von Vincenz und Stocker zwei Jahrzehntelang dominiert.
Bei der Netcetera geht es um ein Schweizer IT-Startup von Mitte der 1990er Jahre, als der Boom mit dem Internet begann. Eine Handvoll Freunde tat sich zusammen und hatte grosse Pläne: ein führendes Internet-Unternehmen aufbauen.
Rasch hatten sie grosse Auftraggeber, so die Zürcher Kantonalbank. Und schon bald tauchte einer der Firmengründer, Andrej Vckovski, mit einem Investor im Schlepptau auf.
Beat Stocker.
Das war 1999. Stocker war damals operativer Leiter der Viseca, die später in Aduno umgetauft wurde. Diesen Job hatte Stocker nur im Mandat. Er war sein eigener Chef, mit einer Beteiligungs- und Beratungsfirma.
Investor mit Beziehungen: Beat Stocker, Netcetera-Engagement
Bei der Netcetera AG, also der operativen Gesellschaft in Zürich, wurde Stocker zunächst Vizepräsident des Verwaltungsrats. Schon ein Jahr nach seinem Eintritt, im 2000, übernahm er das Präsidium. Dieses behielt er bis 2005.
Die Netcetera hatte Ableger und kaufte Firmen. Deshalb gründete sie noch eine Netcetera Group, eine Holdinggesellschaft. Auch bei dieser war Stocker aktiv. Er wurde im 2003 einziges VR-Mitglied und agierte von 2004 bis 2005 als VR-Präsident der Holding.
Bei beiden Firmen, also sowohl der Netcetera AG als auch der Netcetera Group, stieg Stocker im 2005 aus. Zurück blieb ein anderer Mann, der im Zuge von Stocker zu den beiden Gesellschaften gestossen war.
Sein Name: Beat Barthold. Sein Beruf: Anwalt. Seine Beziehungen: Stocker und Vincenz.
Barthold zählt zu den bis jetzt 7 Beschuldigten in der Causa Vincenz und Stocker. Er führte für die beiden Auftraggeber ein geheimes Zuger Vehikel, über das Stocker und Vincenz einige ihrer Privatdeals abwickelten.
Anwalt oder Statthalter? Beat Barthold, Netcetera-Engagement
Das Muster bei der Netcetera ist somit: Stocker geht früh rein, platziert seinen Vertrauensanwalt Barthold, geht nachher raus.
Und bald schon folgen die grossen Umsätze. Bei der Netcetera wurde die Aduno, bei der Stocker zusammen mit Vincenz das Sagen hatte, immer wichtiger.
Die Aduno wurde zur sprudelnden Auftragsquelle für die Netcetera. Das IT-Unternehmen konnte nicht zuletzt dank den steigenden Umsätzen aus dem Hause der dritten Kartenkraft im Land weiter wachsen.
Es entstanden Ableger und Softwareschmieden im Ausland, und die Netcetera-Gruppe entwickelte sich von einer Mini-IT-Firma zu einem stolzen KMU.
Beat Stocker profitierte vom Wachstum der Netcetera. Er hatte selbst Aktien der Gruppe. Sein Anteil dürfte unter 10 Prozent liegen.
Als operativer Leiter der Aduno bis 2011 und danach noch als einfaches VR-Mitglied bis 2015 konnte Stocker dazu beitragen, dass die Netcetera eine enge Partnerin der Aduno blieb.
Ob Pierin Vincenz via Partner Beat Stocker ebenfalls an der Netcetera beteiligt ist oder war, ist nicht bekannt. Vincenz konnte als Präsident der Aduno bis 2017 mithelfen, dass das Verhältnis zur Netcetera ein prosperierendes blieb.
Der Anwalt von Stocker leitete Fragen an seinen Klienten weiter. Bisher kamen keine Antworten zurück. Der Sprecher von Pierin Vincenz sagte mit Verweis auf die laufenden Untersuchungen, sein Klient würde sich nicht äussern.
Ein Verkauf der Netcetera an die Aduno sei nie ein Thema gewesen, sagt Netcetera-Mitgründer Andrej Vckovski. „Netcetera macht viel mehr Umsatz mit direkten Konkurrenten der Aduno als mit der Aduno selbst.“
Gründer und Aktionär: Andrej Vckovski
Der IT-Unternehmer will nicht verraten, ob Beat Stocker Aktien der Netcetera hielt oder noch hält. „Ich darf wie Sie wissen keine detaillierten Angaben zum Aktienbuch machen“, begründet er.
Dann sagt Vckovski: „Das Aktionariat besteht aus den Gründern und (bestehenden und ehemaligen) Mitarbeitenden, etwas mehr als 100 Personen, keine Institutionen, Fremdaktionäre, Investoren.“
„Mit etwas mehr als 10% bin ich der grösste Aktionär.“
Zu Anwalt Barthold sagt Vckovski, dass dieser „einige Jahre bei uns im VR“ gewesen sei. Und schliesslich: „Herr Vincenz hatte nie eine Rolle bei uns.“
Eine Untersuchung rund um Stocker, Vincenz und Barthold habe er keine durchführen lassen, sagt Vckovski.
Vckovski sass in einer heiklen Phase als VR-Mitglied in jener Gesellschaft, die in der ganzen Vincenz-Stocker-Affäre eine entscheidende Rolle spielt: dem Bargeldlos-Unternehmen Commtrain.
Bei dieser stiess Vckovski im September 2005 in den Verwaltungsrat. Im November 2005 folgte auch Beat Barthold in den VR der Commtrain. Im Dezember 2005 verliess Vckovski die Commtrain bereits wieder.
In einem Gespräch im Frühling dieses Jahres meinte Vckovski, dass er rasch gemerkt habe, dass er bei der Commtrain nicht viel zum Erfolg beitragen könne.
An der Commtrain beteiligten sich damals Stocker und Vincenz versteckt. Im 2007 kaufte die Aduno, bei der Vincenz Präsident und Stocker VR-Delegierter war, die Commtrain für einen Millionenbetrag.
Vincenz konnte damals sein Investment in die Commtrain auf über 1,5 Millionen Franken verdreifachen. Mittels eines Gutachtens von Professor Peter Forstmoser versuchte sich der Raiffeisen-Chef später zu schützen.
Zurück zur Netcetera. Dort gibt es einen weiteren Link zur Aduno: die Revisionsgesellschaft KPMG. Diese prüft die Bücher sowohl des Kartenunternehmens als auch der Software-Firma.
Auf Seiten der Aduno war lange Daniel Senn als KPMG-Partner der zuständige Revisor. Senn wurde letzte Woche wegen Insiderdelikte verurteilt.
Adunos Ex-Revisor: Daniel Senn, Insider
Die Aduno verweist auf Anfrage auf den Stillhaltebefehl der Strafermittler. „Die Aduno Gruppe führt ihre internen Abklärungen fort und steht dabei im engen Kontakt mit den zuständigen Behörden“, hält die Finanz-Dienstleisterin schriftlich fest.
Diese hatte im Dezember mit einer Strafanzeige den Fall Vincenz und Stocker ins Rollen gebracht.