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Was bewirken wir in der Welt, wenn wir allerorten mit be-Verben denken und handeln? Da wird zum Beispiel ein Grundstück bebaut, ein See befischt, ein Bach oder eine Strasse begradigt, eine Alp beweidet, ein Vorgarten bepflanzt, eine Wiese bewässert, eine Skipiste beschneit. Auch werden Flächen begrünt und Sportplätze bespielt. Warum beschleicht uns, zumindest bei einigen dieser Formulierungen, ein leichtes Unbehagen? Spüren wir vielleicht, dass die Wahl bestimmter Verben auch eine bestimmte Wahrnehmung der Natur und Art des Umgangs mit ihr ausdrückt? Da tritt ein Handlungsverb wie be-fischen auf den Plan: Was sagt es uns und über uns und unser Verhältnis zur Natur? Es erweckt in uns eine Fülle von Vorstellungen. Sprachwissenschaftlich betrachtet ruft das Wort einen bestimmten Frame, einen Deutungsrahmen auf, der uns dazu führt, über Fischerinnen und Fischer, über ein Gewässer und über Fische in einer bestimmten Weise und mit einer bestimmten damit verbundenen Haltung zu denken (Ziem 2008, 229ff). Die Diskurslinguistik kann zeigen, welches Natur-Mensch-Verhältnis in sprachlichen Formulierungen dieser Art zum Ausdruck kommt (z. B. Bendel Larcher 2015, v.a. 59-101).
Im Folgenden stellen wir in einem ersten Schritt die wichtigsten Ergebnisse unserer Untersuchung in verkürzter Form dar. Dieser Teil vertieft und differenziert unseren Artikel in Kultur & Politik 3/16. Er ist gefolgt von einem Abschnitt Herleitung und Begründung, der den sprachwissenschaftlichen Hintergrund breiter ausleuchtet.
2015 stellte das Magazin BIOAKTUELL eine neue Form der Rebberg-Pflege mit Tieren vor. Vom Bio-Winzerpaar Strasser aus dem Kanton Zürich wird dort erzählt, wie sie mit dem Einsatz von Ponys, Gänsen und Schafen einen naturnäheren Umgang mit dem Rebberg erproben (Abb. 1). Im Text finden wir neben dem Ausdruck Unterwuchsbeweidung auch die Formulierungen Unterwuchs beweiden und mittels Beweidung die Fläche urbarisieren. Wir heben diese durch Unterstreichung hervor:
Sind diese be-Verben (und die aus ihnen abgeleiteten Nomen) ein Problem – etwa für die Tiere? An diesen Formulierungen fällt auf, dass sie die Tiere aus dem Blick rücken: In Unterwuchs beweiden und Unterwuchsbeweidung sind die Tiere als Mittel menschlichen Handelns bloss mitgemeint. Sie sind ähnlich mitgemeint, wie etwa im Satz Ich bewässere den Rasen der Schlauch oder die Giesskanne mitgemeint sind. Auch die Formulierung mittels Beweidung die Fläche urbarisieren rückt die Tiere aus dem Blick. Die eigentlichen Handlungsträger der Beweidung sind die Menschen. Be-weiden drückt eine Handlung aus, die darauf abzielt, mit dem Mittel des Weidens (und der Tiere) den Unterwuchs der Reben optimal kleinzuhalten. «Ich» beweide, genauso wie «ich» Wein produziere. Die Tiere und Pflanzen sind nur die Werkzeuge bzw. Mittel zum Zweck (Abb.2).
Der Artikel aus BIOAKTUELL zeigt Rebberg und Tiere aber auch aus ganz anderer Sicht. Der Satz Tierarten können den Unterwuchs pflegen zeigt die Tiere in ihrer Möglichkeit, tätig zu werden. Sie können pflegen. Die Kann-Aussage gewährt ihnen einen gewissen Spielraum. Sie erfüllen einen menschlichen Wunsch, doch wird ihre Pflegeaufgabe aus ihrer Betroffenheit erschlossen. Auch der Satz (Die Halter) haben Tiere grasen lassen zeigt die Tiere bei einer Eigentätigkeit, die ihnen gewährt wird. Die Tiere sind frei, doch an «der langen Leine» des Menschen. Dies sind Formulierungen, welche die Lebensbedürfnisse und -ansprüche der Tiere durchscheinen lassen.
Und wie sieht das Mensch-Natur-Verhältnis bei anderen be-Verben aus? Der Blick in den Duden Rechtschreibung (24. Auflage) fördert zahlreiche be-Verben mit Bezug auf die Natur zutage. Versieht man diese mit möglichen Bezugsobjekten, so ergibt sich dieses Bild:
|bearbeiten||z.B. Felder|
|bebauen||z.B. Gelände|
|begrünen||z.B. Dächer, Flächen|
|befeuchten||z.B. Boden, Sand|
|befischen||z.B. einen See|
|beforsten||z.B. ein Waldgebiet|
|befluten||z.B. Reisfelder, Wiesen (unter Wasser setzen)|
|befruchten||z.B. Ei, Huhn|
|beheizen||z.B. ein Treibhaus|
|begradigen||z.B. Weg, Wasserlauf, Ufer|
|beleuchten||z.B. Stadion, Skipiste|
|belüften||z.B. ein Treibhaus|
|bejagen||z.B. Hasen|
|bepflanzen||z.B. Balkon, Beet, Garten|
|bepflastern||z.B. eine Strasse|
|beregnen||z.B. Rasen, Felder|
|bereinigen||z.B. Fluren|
|besäen||z.B. einen Acker|
|besamen||z.B. Kuh|
|beschneiden||z.B. Hecken, Bäume|
|besiedeln||z.B. Lebensräume, Kontinente, Bach|
|beschildern||z.B. Wald mit Informationsschildern|
|beschneien||z.B. Skipisten|
|besömmern||z.B. eine Alp (im Sommer nutzen)|
|besprengen||z.B. einen Rasen|
|bestossen||z.B. eine Alp mit Vieh|
|bewässern||z.B. Felder, Gärten, Äcker, Flächen|
|beweiden||z.B. Flächen, Alpen, Wälder, Felder|
|bewirtschaften||z.B. Hektar, Äcker, Flächen, Land, Hof|
Was verbindet diese Verben in ihrem Bezug zur Natur?
Natur wird in diesen Formulierungen ausschliesslich als Zielobjekt menschlicher Handlungen gedacht und in eine passive Rolle gedrängt. Ein Gegenbeispiel zum Vergleich: Im Satz Ich gebe dem Salat Wasser eröffnet das Verb geben (im Dativ) immer auch die Möglichkeit einer umgekehrten Handlung: Wo ein Geben ist, kann auch ein Nehmen sein. Wenn ich also den Salaten Wasser gebe, schliesse ich ein, dass auch sie mir etwas geben können, nämlich ihr gesundes Wachstum. Der Dativ in Verbindung mit dem Verb macht den Salat somit zu einem Gegenüber, dem ein Eigenleben innewohnt. Dies gilt für den Dativ allgemein. Er zeigt, wie Renate Wegener ausführt, meist eine «belebte Grösse» auf, die «anderen Handlungsbeteiligten selbständig gegenübersteht» (Wegener 1985, 321). Nicht selten finden wir im Dativ deshalb auch «Personen und personifizierte Grössen» (Köller 2004, 411).
Anders der Akkusativ: Sage ich zum Beispiel Ich wässere die Salate, so verfüge ich über die Salate und übe ich eine Handlung an ihnen aus. Wenn ich sie be-wässere, setze ich noch eins oben drauf: Ich wässere sie mit besonderem Nachdruck. Dieser verstärkte Wirkungswille drückt sich nicht selten im Einsatz technischer Mittel aus. Wie oft führt eine Bewässerung doch eine Bewässerungsanlage mit sich. Das ‹Eigenleben› der Wiese, ihre Eigendynamik, wird dabei aus dem Blick gerückt. Sie wird zu einem abhängigen Objekt gemacht, zum Gegenstand einer zupackenden menschlichen Handlung. In diesem Sinn können wir tatsächlich sagen: Die Wiese und der Salat geraten in den ‹Krallengriff› des Akkusativs.
Wir halten fest: Die grammatische Form der Be-Verben erzeugt einen Denkrahmen, der den handelnden Menschen (zumindest grammatisch) zum Verfüger über Teile der Natur macht. Vereinfacht gesagt: Be-Verben, die sich auf Natur beziehen, atmen den Geist menschlicher Naturbeherrschung. Und wichtig: Sie tun dies selbst da, wo der Mensch einen schonenden Umgang mit der Natur sucht. Dies wird uns bewusst, wenn wir einige be-Formulierungen mit alternativen Wendungen vergleichen. Wenden wir uns noch einmal dem Beispiel des Rebbaus zu:
|Be-Formulierungen: Natur im ‹Krallengriff›|
des Akkusativs
|Alternativen|
Tiere als Subjekte sichtbar machen
Wir beweiden den Rebunterwuchs mit Gänsen und Schafen.
Folgen: Der Rebunterwuchs erscheint als Verfügungsobjekt, das von Tieren gefressen werden soll. Die Tiere werden als Instrumente menschlichen Handelns verdinglicht und auf ihre Funktion als ‹Unterwuchsbeweider› beschränkt. Der Weidevorgang wird auf menschliche Zwecke, die sog. Rebflächenurbarisierung, reduziert. Die Lebensansprüche der Tiere werden in den Hintergrund gerückt.
Wir lassen Gänse und Ponys zwischen den Reben weiden. Diese fressen den Unterwuchs.
Folgen: Der von Menschen ausgelöste Vorgang wird aus der Betroffenheit der Tiere miterschlossen. Tieren wird es ermöglicht, zwischen den Reben zu weiden. Das Verb fressen erschliesst die Handlung im Lichte ihrer Bedürfnisse. Weitere Folgen: Aus dieser tiernahen Sicht kann zum Beispiel in den Blick rücken, dass die Gänse nachts Schutz vor dem Fuchs brauchen oder dass die Ponys mit ihrem Kot beiläufig die Reben düngen.
|Dativ|
Wir bewässern die Blumen.
Folgen: Blumen und Fluss erscheinen als passive, leblose Objekte, über die verfügt wird.
Wir geben den Blumen Wasser.
Folgen: Blumen und Fluss werden als belebte Grössen gesehen, sie sind Gegenstände persönlicher Zuwendung. Weitere Folgen: Die Betroffenheit der Natur durch menschliche Handlungen rückt in den Blick. Mögliche Nebenwirkungen menschlicher Handlungen werden leichter erkennbar.
|Verb ohne be-, dafür mit Ortsangabe der Handlung|
Die Architekten bebauen die Südhänge.
Folgen: Südhänge erscheinen als passive, leblose Objekte, über die verfügt wird.
|Die Architekten bauen an den Südhängen.|
Folgen: Die menschliche Handlung wird nicht als Verfügen charakterisiert, sondern bloss örtlich bestimmt.
Die Beispiele zeigen, dass be-Verben den Umgang des Menschen mit der Natur auf ein zielgerichtetes Verfügen über die Natur, auf Naturbeherrschung verengen. Dadurch wird all die (wirklich??) «mitgemeinte» Komplexität ihres Seins und unserer Beziehungen verschwiegen – oder verdrängt oder verleugnet. Im Ausdruck Unterwuchsbeweidung zeigt sich diese Beherrschung im doppelten Sinn: Das Tier wird zum Weideinstrument verkürzt, der Unterwuchs pauschal zum Gegenstand der Be-weidung gemacht. Übersehen werden dabei all jene Aspekte der Tiere und des Unterwuchses, die diese von Instrumenten und Objekten unterscheiden. Dazu gehört vorab die Tatsache, dass sie Teil der lebendigen Natur sind.
Welche Schlüsse lassen sich aus diesem Befund ziehen? Be-Verben sind nicht grundsätzlich verwerflich. Sie drücken ein Mensch-Natur-Verhältnis aus, das vor allem in Texten der Verwaltung und der Landschaftsplanung technischer Ausrichtung vorkommt. Sie bringen eine Haltung des Planens, Machens und Verwaltens gegenüber der Natur und Landschaft zum Ausdruck, deren Hauptinteresse ein intensiver, zielgerichteter und partikulärer menschlicher Eingriff in die Natur ist.
Der eingangs zitierte Text macht deutlich, dass sich mit den be-Verben ‹zupackende› Perspektiven in die Texte einschleichen können, die der Suche nach einem umsichtigen und naturnahen Umgang mit der Natur zuwiderlaufen. Wo das Mensch-Natur-Verhältnis aber als eines von Geben und Nehmen verstanden wird, wäre es ratsam, die be-Verben zurückhaltend und mit Bedacht zu gebrauchen. Sie sollten dann, wann immer möglich, durch Formulierungen ersetzt bzw. ergänzt werden, die der eigenen Haltung des Gebens und Nehmens auch wirklich entsprechen. Dies wird möglich, wenn man Landschaften, Pflanzen und Tiere als Subjekte sprachlich sichtbar macht. Auch der Dativ kann Lebensansprüche von Tieren und Pflanzen zum Ausdruck bringen.
Etwas Soziales kommt hinzu: In ihrer starken Fokussierung auf einen eingeschränkten Eingriff gehören be-Verben meist zu den Sprechweisen von Fachleuten. Aus ihnen spricht deshalb auch gesellschaftliche Autorität. Wer sie braucht, besitzt oder verleiht sich gesellschaftliche Geltung und legitimiert diese Sprechweisen dadurch. Für den eigenen Sprachgebrauch fragt sich also, ob man sich dieser experto-technokratischen Denkrichtung anschliessen will. Stattdessen könnte man auch alternative Sprechweisen pflegen und diese stärken, Sprechweisen, die unter Umständen der eigenen Haltung besser entsprechen. Das sind keine neuen Sprachzwänge, das kann vielmehr von teilweise unbewussten Sprachzwängen befreien.
Noch versteckter als die Begriffe, aber nicht weniger wirkungsvoll, führen auch grammatische Strukturen Perspektiven und Wertungen in unsere Naturwahrnehmung ein. Zu diesen Perspektiven gehört u. a. die Unterscheidung der Fälle (Kasus). So zwingt uns jeder Satz, unsere Aussagen um ein Verb zu gliedern und unsere Gedanken nach dem grammatischen Bauplan von Prädikat, Subjekt und Objekt auszurichten. Dieser Bauplan erzeugt ein Kräftefeld, in dem bestimmte Vorstellungsgrössen – etwa Menschen und Dinge – in spezifischer Weise perspektivisch ausgerichtet werden.
Dies soll am Beispiel einiger Handlungsverben aus der Sprache über Landschaft genauer vorgestellt werden. Die Rede ist von einer Gruppe transitiver Verben, die bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu Diskussionen Anlass gab (Weisgerber 1963, Kolb 1960), die Verben mit der Vorsilbe (dem Präfix) be-.
Im Folgenden gehen wir der perspektivierenden Wirkung dieses Verbtypus nach und fragen, wie dieser das menschliche Denken und Handeln in Bezug auf die Natur prägt. Linguistisch gesprochen ist unser Thema die Bedeutung morphologischer und syntaktischer Formen, anders ausgedrückt, die Frage, wie der Bau von Wörtern und Sätzen auch Denkweisen und Handlungen prägt.
Verben, die einen Akkusativ nach sich ziehen, gelten als transitive Verben. Diese zeichnen sich durch diese formalen Merkmale aus:
Be-Verben sind keine neue Erscheinung. Die Sprachgeschichte beobachtet eine Zunahme dieses Verbtyps seit dem Spätmittelalter und begründet diese sprachökonomisch, d.h. durch Aufwandminderung (von Polenz 1999, 346, Fleischer/Barz 2013, 384). Be-Verben erlauben direktere und kürzere Ausdrucksweisen als Dativ- oder Präpositionalwendungen. Bsp. Wir leiten Wasser in die Wiese. → Wir bewässern die Wiese. Wir lassen Tiere in den Reben weiden. → Wir beweiden die Reben.
Jüngere Wortschöpfungen wie begrünen, beweiden (eine Wiese oder einen Rebberg) oder beleben (einen toten Bach) belegen, dass diese Wortbildung auch heute aktiv ist.
In ihrer inhaltlichen Leistung kann man die be-Verben (wie eingangs schon festgestellt) zu den Effektiva (Verben des Verwandelns) und Faktitiva (Verben des Bewirkens) zählen, wie etwa auch füttern, wässern und kleiden. Diese folgen dem Grundmuster des transitiven Satzbaus: In der Akkusativposition steht typischerweise eine Sachvorstellung, «die von einem Vorgang erzeugt oder betroffen wird» (Köller 2004, 411). Das Ziel des Handelns ist, auf diese Sache (das Objekt) – etwa auf den Unterwuchs eines Rebbergs – einzuwirken und es zu verwandeln. Umgekehrt zeigen Beispiele wie besitzen, begreifen und bedrücken, dass die Bedeutung des Bewirkens auch verblassen kann, wenn der Bezug auf das Grundwort nicht mehr wahrgenommen wird.
Dass be-Verben den Zielgegenstand menschlichen Handelns auf eine Sachvorstellung reduzieren, hat weitreichende Folgen: Wer sie gebraucht, distanziert sich emotional von den Zielgrössen seiner Handlung. Sein Umgang mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen wirkt kühl und distanziert. Beispiel: Wir beschulen die Kinder. → Die Kinder werden in die Nähe einer Sachvorstellung gerückt.
Welche Bedeutung hat nun die be-Vorsilbe, wenn man sie für sich allein nimmt? Dies lässt sich an Verben beobachten, die mit oder ohne das be-Präfix vorkommen. Beispiel: wässern: Ich wässere die Wiese oder Ich bewässere die Wiese. Die Vorsilbe be- verleiht der Ausstattung Nachdruck, betont die Absicht des Einwirkens auf das Objekt. Die Vorsilbe verstärkt den transitiven Charakter des Verbs (Fleischer/Barz 2013, 384).
In Sätzen wie Wir beweiden den Rebberg, wir beschneien die Skipiste oder bekochen die Gäste richtet sich die Handlung des Subjekts direkt auf das Objekt. Be-Verben wirken zielgenau und zugreifend: In ihrem Gebrauch wird der bezeichnete Gegenstand «vollständig von der betreffenden Tätigkeit betroffen» (Fleischer/Barz 2013, 384) und damit dem Subjekt unterworfen. Das Zielobjekt wird dadurch verwandelt und in einen passiven Zustand versetzt. Deutliche Beispiele sind etwa beatmen, befruchten, besamen, begatten, belauschen, befahren, beschulen, bestrahlen.
In der passiven Satzstellung tritt ein weiteres Merkmal der transitiven Verben zutage. Ein Beispiel:
aktiv: Der Bauer bewässert die Wiesen. passiv: Die Wiesen werden bewässert (vom Bauern).
Im Passivsatz wird das Agens, der Handlungsträger (hier der Bauer), in den Hintergrund gerückt. Der Bauer erscheint als fakultative Ergänzung zum Satz. Im Fokus der Aussage stehen die Handlung und ihr Ziel. Menschliches Handeln erscheint in täterabgewandter Form. Nicht der intentional handelnde Mensch, sondern seine Handlung rückt in den Vordergrund. Da die aktivische Formulierung als die übliche gilt, lässt sich die passivische auch als Abwahl der aktivischen verstehen (Köller 2004, 468). Warum ist sie im Gebrauch der Be-Verben so verbreitet?
Die Passivformulierung transitiver Verben anonymisiert den Träger der Handlung. Bsp.: Die Flussläufe werden begradigt, die Wiesen bewässert. Die beschriebenen Handlungen werden so in die Nähe von Massnahmen gerückt, die etwa durch eine Behörde angeordnet werden, die nicht genannt sein will oder soll. Die Verwandlung des Verbs in ein Nomen (Flusslaufbegradigung, Wiesenbewässerung), d.h. die Nominalisierung, verstärkt diese Anonymisierung. Die Nomina verschweigen, welche Person oder Instanz es ist, die begradigt oder bewässert. Die durch die be-Verben ausgedrückte emotionale Distanzierung zeigt so ein zweites Gesicht.
Etwas Weiteres fällt auf: Ein Blick in das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) zeigt, dass zahlreiche Verben mit dem be-Präfix sich oft auf ein Objekt im Plural beziehen. So werden häufiger Felder, Flächen oder Äcker bewässert oder bewirtschaftet als ein bestimmtes Feld oder eine bestimmte Fläche. Die häufige Bezug auf mehrere Objekte deutet darauf hin, dass mit be-Verben typischerweise ein summarisches, rational motiviertes, planmässiges und systematisches Vorgehen charakterisiert wird. Wir giessen die Rose vor unserem Fenster, bewässern aber die Rasenflächen. Be-Verben rücken die Handlung in die Nähe einer verwaltungstechnischen Massnahme.
Zusammenfassend halten wir fest:
Angesichts dieses groben Phantombilds der be-Verben erstaunt es nicht, dass ihr gehäufter Gebrauch ideologische Sprachkritik ausgelöst hat. Anlass dazu war eine Welle neuer be-Verben in der Nachkriegszeit, die sich direkt auf Menschen beziehen. Beispiele wie beamten, bezuschussen, beliefern, benachrichtigen, besolden, bevollmächtigen, bevormunden, bewaffnen machen einen verfügenden Zugriff auf den Menschen spürbar. Verschiedene Linguisten haben die Akkusativformulierung deshalb als Mittel der Machtausübung über Menschen angeprangert, als «inhumanen Akkusativ». So führt Sternberger 1957 aus: «Dieses be- gleicht einer Krallenpfote, die das Objekt umgreift und derart zu einem eigentlichen und ausschliesslichen Objekt macht» (Sternberger 1957, 19). Weisgerber erkennt im be- eine «herrschsüchtige Vorsilbe,» in der er den Geist «statistischer, karteimässiger ‹Erfassung›» diagnostiziert (Weisgerber 1958, 82). Er prangert eine «Akkusativierung des Menschen» an und weist darauf hin, dass «insbesondere jede Ablösung personaler Dative durch Akkusative den Menschen aus seiner gedanklichen Stellung als sinngebender Person herausrückt und ihn den Gegenständen des geistigen Machtausübens und des tatsächlichen Verfügens annähert» (Weisgerber 1958, 69). Kolb streitet die «Inhumanität» der be-Verben ab und sieht in ihnen vielmehr Ausdruck eines «Schematismus», einen «technischen Sprachgebrauch», wie er typisch für das Massenzeitalter sei (Kolb 1960).
Mit Recht lässt sich fragen, ob die auf Menschen gerichtete «Herrschsucht» und der «Krallengriff» der Akkusativierung nicht auch in ihrem Bezug auf die Natur beschrieben werden kann, wie dies etwa in Ansätzen der deep ecology geschehen ist (Goatly 1996, Gerbig 1993). Dabei erhebt sich die Frage, wie die «erspürte» gedankliche Ausrichtung einer Wahrnehmung durch die grammatischen Fälle (Kasus) auch verbindlich erfasst werden kann, ohne einer vorschnellen Ideologisierung zu verfallen. Vor dieser hat die jüngere Linguistik ausdrücklich gewarnt (Dürscheid 1999, 164). In unserem diskurslinguistischen Ansatz interessieren wir uns insbesondere für die Frage, welches Mensch-Natur-Verhältnis und welche Machtverhältnisse in den untersuchten sprachlichen Formen zu Ausdruck gelangen.
Im Folgenden skizzieren wir zwei Formen des Mensch-Natur-Verhältnisses, in denen sich der bisher beschriebene Deutungsrahmen (Frame) der be-Verben gespiegelt findet: das Newtons›sche Weltbild und das Landschaftsverständnis der fordistischen Moderne. Wir stellen damit die hier beschriebenen sprachlichen Muster in einen grösseren kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Vorausgeschickt sei, dass sprachliche Strukturen, auch wenn ihnen eine Perspektivierungsmacht innewohnt, niemals als einzige Erklärungen für menschliches Handeln oder Unterlassen gelten können. Sprachliche Formen eröffnen Denkmöglichkeiten. Ob jedoch aus diesen jemals Realität wird, ist – wie der Linguist Vilnos Agel betont – «Sache des Menschen und nicht des Systems» (Agel 2000, 272, siehe dazu auch Köller 2004, 310).
Alwin Fill hat darauf hingewiesen, dass indoeuropäische Sprachen Vorgänge typischerweise in die folgenden Elemente auflösen:
|Handlungsträger (Agens)||Handlung||Objekt||Zeit/Ort|
|Beispiele:||Jäger||töten||die Robben||heute/in Grönland.|
|Beispiele:||Die Alpinisten||besteigen||den Berg.|
Dieses Grundmuster gilt für sog. Handlungsverben, zu denen auch die be-Verben gehören.
Andrew Goatly sieht in den Satzmustern, wie sie die transitiven Verben vorgeben, die Grundstruktur des Newton›schen Weltbilds gespiegelt. In diesem komme ein Natur-Mensch-Verhältnis zum Ausdruck, das Goatly (1996, 544) wie folgt umschreibt:
Beide Beobachtungen Goatlys fügen sich in das Bild der be-Verben ein, das wir skizziert haben. Im transitiven Satzmuster ebenso wie im wissenschaftlichen Vorgehen verfügt ein menschliches Agens über ein natürliches bzw. ein grammatisches Objekt. In beiden wird die Natur bzw. ein Objekt einem zielgerichteten menschlichen Eingriff unterworfen, in beiden eine Trennung von Erkenntnissubjekt und Gegenstand vorgenommen. Anders gesagt: Die wissenschaftliche Naturwahrnehmung wird durch ein grammatisches Muster vorperspektiviert, gestützt und begünstigt. Grammatische Erkenntnismittel und wissenschaftliche Erkenntnis spiegeln und bestärken sich gegenseitig. Vereinfacht gesagt: Die Grammatik leitet uns dazu an, über Natur in einer gewissen, verfügenden Weise zu denken.
Die oben beschriebene ‹Krallenverfahren› der be-Verben entspricht einem Mensch- Landschafts-Verhältnis, das der Geograf Olaf Kühne als typisch für die fordistische Moderne beschrieben hat (Kühne 2013, 92ff). Der Fordismus ist benannt nach Henry Ford, dem Vater der Massenproduktion im Automobilbau. Er kennzeichnet ein planmässiges Vorgehen, das Arbeitsabläufe durch Spezialisierung rationalisiert mit dem Ziel der Gewinnsteigerung. Für die Herstellung des Ford Models T war nur eine einzige durchgehende Produktionsstrasse nötig, die identische Autos derselben Farbe für den Massenmarkt ausstiess. Durch die Aufteilung der Arbeit in kleinste Teilschritte die Produktion grosser Stückzahlen sanken die Kosten pro Stück, was den Absatz in grossen Mengen antrieb.
Im Zuge des 20. Jahrhunderts ergriff die fordistische Moderne auch weite Teile der europäischen und amerikanischen Landwirtschaft. Sie leitete einen tiefgreifenden Strukturwandel ein, der die traditionelle bäuerliche Landwirtschaft weitgehend zerstörte (Kühne 2013, 97).
Die traditionellen Bauernbetriebe, welche Tierhaltung, Acker- und Obstbau in einem Betrieb vereinen, verlieren ihre Existenzgrundlage. Zentralstaatliche Massnahmen monofunktionale Rationalisierung und dadurch die Spezialisierung in Milch- oder Fleisch«produktion» sowie die Arbeitsteilung in überregionalen Produktions- und Verarbeitungsabläufen nehmen Überhand. Auch der bäuerliche Umgang mit der Landschaft wird ökonomischen Maximen unterworfen. Leitend wird ein rationales Kalkül, das in die «Fläche» wirkt. Kleinteilige Landstrukturen werden melioriert, zu grösseren Einheiten verbunden, Bäche begradigt, komplexe Landschaftsformen bereinigt und saniert. Landschaft wird weitgehend reduziert auf die Funktion einer Produktionsgrundlage etwa für Mais-, Gras- oder Getreideanbau.
Diese Nutzungslogik ist für die Mannigfaltigkeit der Lebensformen blind. Die rationelle, technische Bewirtschaftung fegt Büsche und Obstbäume vom Feld und schafft reizarme, ausgeräumte Anbauflächen, deren Ertrag nicht selten durch den Einsatz von Düngemitteln gesteigert wird. Zusammenfassend tun sich die folgenden Strukturähnlichkeiten zwischen der fordistischen Landwirtschaft und be-Verb-Akkusativierung auf:
Welche Schlüsse können wir aus diesen kulturgeschichtlichen Zusammenhängen ziehen, wenn wir einen Sprachgebrauch suchen, der einen nachhaltigen Umgang mit Natur und Landschaft zum Ausdruck bringt?
Auffällig ist, dass be-Verben keineswegs nur in Texten vorkommen, in denen man einen naturfernen, industriellen Umgang mit der Natur vermuten kann. Der eingangs vorgestellte Artikel aus BIOAKTUELL illustriert, dass be-Verben auch in Zusammenhängen vorkommen, in denen ein naturnaher und nachhaltiger Umgang mit der Landschaft und den Pflanzen und Tieren gesucht wird.
Dieser ‹falsche› Sprachgebrauch kann verschiedene Gründe haben. Er kann zeigen, dass alternative Ausdrücke fehlen oder dass sich den Autorinnen oder Autoren einfach jene Ausdrücke aufdrängen, die in einem bestimmten Zusammenhang als gängig und normal erscheinen. Doch was macht diese ‹gängig und normal›? Warum setzen sie sich durch? Mit dieser Frage rücken soziale Aspekte des Sprachgebrauchs in den Vordergrund und damit auch Fragen gesellschaftlicher Konventionen und Macht.
Sprachliche Macht hat unterschiedliche Seiten. Eine davon haben wir im Nachweis des sprachlichen ‹Krallengriffs› der be-Verben erkannt. Sie zeigt sich in der Wahl einer sprachlichen Perspektivierung, denn der Frame von beweiden legt die Machtverhältnisse zwischen Natur und Mensch stets einseitig fest. Die Menschen befinden sich dabei in der Rolle eines Regisseurs oder einer Regisseurin, der oder die über Tiere und den Unterwuchs herrschen. Der Unterwuchs wird in die Rolle des passiven Akkusativobjekts gedrängt, die Tiere sind zu Instrumenten verkürzt. Das be-Verb entwirft damit ein Drehbuch, das zum zupackenden Handeln einlädt. Die Hand des Akteurs bzw. der Akteurin wird zur ‹Krallenhand›.
Be-Verben sind also keine ‹unschuldigen› Wörter. Sie drücken Haltungen und Werte aus, die zu einer eindimensionalen technokratischen Naturbeherrschung anleiten, die nur menschliche Zwecke gelten lässt. Anders gesagt: Wo Menschen ihre Rollen nach Vorgabe der be-Verben einnehmen, üben sie Macht über die Natur aus. Ihr Frame stellt eine sprachliche Form der Machtausübung bereit.
Der erwähnte Text enthält aber noch andere Frames, die ein alternatives Mensch-Natur-Verhältnis entwerfen. Dazu gehören solche, die auch die Lebensansprüche von Tieren und Pflanzen zum Ausdruck bringen. Diese sind:
Die Macht ist hier in einem variablen Zusammenspiel unter den unterschiedlichen Rollenträgern aufgeteilt. Die Frames dieser Verben gestehen Tieren und Pflanzen ein gewisses Eigenleben, eine Eigendynamik zu. Das menschliche Verhältnis zur Natur ist hier durch Zurückhaltung und Sorge geprägt. Man lässt die Tiere an der ‹langen Leine› gewähren. Der Vergleich mit einem Bach kann dies illustrieren. Nimmt man einen begradigten und eingedämmten Bach für das ‹Krallen›-Prinzip, so steht ein renaturierter Bach, der nach einer Gerinne-Aufweitung freier in der Landschaft mäandern kann, für das Prinzip des variablen Zusammenspiels, das den Bach an die ‹langen Leine› nimmt. Doch zurück zur Frage: Was macht die be-Verben so gängig und normal?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir noch andere Formen sprachlicher Macht betrachten. Zu ihnen gehört ein Phänomen, das man den Status der Wörter nennen kann.
Im genannten Text zeigt sich, dass die be-Verben eine Kraft entfalten, die andere Sichtweisen überstrahlt und diese als weniger bedeutsam erscheinen lässt. Eine solche Strahlkraft besitzen in einem Text gewöhnlich Wörter, die in der Überschrift vorkommen. Der journalistische Text in BIOAKTUELL führt den Begriff Unterwuchsbeweidung im Titel als Schlüsselwort, als Leitvokabel ein. Er macht ihn auf diese Weise zu jenem Begriff, der diese neue Praxis der Rebbergpflege verbindlich als Unterwuchs beweiden festlegt.
Bedeutsamkeit verleiht dem Wort Unterwuchsbeweidung auch sein Status als Nomen. Unterwuchsbeweidung charakterisiert die menschliche Handlung als versachlichte objektive Gegebenheit. Aus dem Nomen Unterwuchsbeweidung spricht Abstraktion und Übersicht, das Wort vermittelt den Eindruck, als sei mit ihm etwas Eigenständiges in die Welt gesetzt, das auch ohne den einzelnen Menschen existiert.
Unterwuchsbeweidung gehört aber auch zur Sprache der Fachleute. In seiner Abstraktheit kommt der Begriff Unterwuchsbeweidung mit der Autorität eines wissenschaftlichen Fachbegriffs daher. Es erstaunt nicht, dass Beweiden, Beweidung und Unterwuchs auch im Agrar- und Forstwesen gängig sind und über diese Zugehörigkeit als Begriffe in die Lehre (an Hochschulen etc.) und in Fachzeitschriften einfliessen.[1] Zum Beispiel in der Fachzeitschrift Schweizer Bauer (20.7.2016)Expertenwissen wird in Texten oft breit ausgeführt, auch sind Fachbegriffe meist ausdrücklich definiert (Konerding 2015, 73). Zudem gelten sie in Fachkreisen als verbindlich. Wer das Wort braucht, gibt sich als Fachperson zu erkennen. Das Fachwort verleiht dem Sprecher bzw. der Sprecherin damit gesellschaftliche Autorität. Auch in die Rechtssprache, etwa in Gemeinde-Reglementen, hat das Wort Beweidung Fuss gefasst. [2] Vgl. dazu das Waldweidereglement der Gemeinde Filisur aus dem Jahr 2008. www.filisur.ch (21.7.16)Das Beispiel des Artikels in BIOAKTUELL illustriert zudem treffend, dass es von seiner Verbreitung durch die Medien profitiert. Alle diese Faktoren tragen dazu bei, den gesellschaftlichen Status des Wortes zu heben, es ‹gängig und normal‘ zu machen.
Im Vergleich zu diesen Fachwörtern wirken Formulierungen wie Strassers pflegen Reben, Tiere können Unterwuchs pflegen oder Tiere weiden lassen laienhaft, alltagssprachlich und unprofessionell. Aus ihnen spricht keine wissenschaftliche Autorität, obwohl in ihnen vielleicht ein tieferes Naturverständnis zum Ausdruck gelangt. Sie sind eher an subjektive Aussagen , an «personale Wissensträger» gebunden (Konerding 2015, 73). Solche Formulierungen fehlen in Lehrbüchern. Man kann sie etwa in Interviews durch Erfragung ermitteln, wenn Menschen aus ihren persönlichen Erfahrungen berichten (Konerding 2015, 73). Kurz gesagt: Sie sind nicht cool. Es fehlt ihnen die Statur des wissenschaftlichen Begriffs.
Aus dieser persönlichen Perspektive erfahren wir am Ende des Artikels in einem Kommentar, dass das Winzerpaar «ganz einfach Freude an den Tieren hat» (BIOAKTUELL, 6/15, 19). Damit gelangt eine emotionale Nähe zu den Tieren zum Ausdruck, die der ‹coolen› Distanzierungs-Optik und der Instrumentalisierung der Tiere in den be-Verben diametral entgegensteht. Im Ganzen beleuchtet der Artikel in BIOAKTUELL das Mensch-Natur-Verhältnis also im Lichte unterschiedlicher Perspektiven. Da ist zum einen die technokratisch verfügende und zum andern die subjektiv emotionale. Entscheidend ist, dass die beiden Sichtweisen mit unterschiedlicher Autorität und Geltung ausgestattet sind. Zu vermuten ist, dass sich im Kopf der Leserin und des Lesers die Perspektive der be-Verben als die Perspektive mit Status durchsetzt. Es ist jene Perspektive, die durch Bildung, Gesetz, Verwaltung und Forschung gestützt ist und deshalb gesellschaftliches Prestige mit sich führt.
Wie ist mit diesem Befund umzugehen? Was geschieht, wenn be-Verben durch ihren unbewussten Gebrauch im Umgang mit Natur und Landschaft stärkeres Gewicht gewinnen, als uns lieb sein mag? Im Ganzen sind die be-Verben nicht einfach verwerflich. Sie drücken menschliche Nutzungsinteressen aus, die ihre – beschränkte – Berechtigung haben. Ihr unreflektierter und selbstverständlicher Gebrauch kann aber Sichtweisen auf die Realität verstellen, die für eine umfassende Einschätzung menschlichen Handelns wichtig wären. Bedenklich ist, dass der mit den be-Verben aufgerufene Frame blind machen kann für all jene Aspekte, die zu einem nachhaltigen Umgang mit der Natur gehören. Dazu zählen etwa die Lebensbedürfnisse der Weidetiere, aber auch mögliche Nebenwirkungen ihres Einsatzes in den Reben oder im Unterwuchs. Aus ökologischer Sicht wäre die Herausforderung also, eine Sprache zu finden, die der eigenen Haltung und den eigenen Werten entspricht. Dazu gälte es, neben der ‹Krallenperspektive› ergänzende Sichtweisen aufzuspüren und diesen die Geltung zu verleihen, die ihnen gebührt.
Wie könnte eine solche Sprache aussehen? Wir wenden uns noch einmal dem Dativ zu.
Unsere folgenden Beobachtungen bleiben auf dreiwertige Verben beschränkt, d. h. Verben, die neben der Akkusativposition auch eine Dativposition enthalten. Beispiel:
|Handlung||Dativ||Akkusativ|
|Ich gebe||dem Schiedsrichter||den Ball.|
Hennig Brinkmann hat festgestellt, dass «der Dativ den Menschen als Person zur Geltung bringt» (Brinkmann 1953, 104ff). Köller erkennt in ihm eine «sinngebende Zuwend- grösse», «de(r) eine natürliche Präferenz für Personen» innewohnt (Köller 2004, S. 407).
Während der Akkusativ das von der Handlung unmittelbar betroffene Objekt enthält (Dürscheid 1999, 171.), ist die Dativposition für den indirekt Betroffenen reserviert. Weiter nimmt die Dativposition in der Regel Personen oder personifizierte Grössen auf, für die ein Prozess sinngebend bestimmt ist (Köller 2004, 411). Beispiele: Ich baue dem Hund eine Hütte.Ich baue dem Auto eine Garage. Folge: Das Auto wird in die Nähe einer Person gerückt.
In Sätzen, die sich auf Landschaft beziehen, lässt sich diese Wirkung des Dativs wie folgt illustrieren: Er gibt dem Acker Dünger.Der traditionelle Anbau gewährt dem Acker ein Jahr Pause. Der Acker scheint in diesen Sätzen in die Nähe eines Lebewesens gerückt. Eine umfangreiche Studie von Heide Wegener bestätigt diesen Befund. Sie führt aus:
Der Dativ «bezeichnet im wesentlichen eine belebte Grösse, die nur indirekt in das vom Verb beschriebene Geschehen involviert ist, von ihm nicht verändert wird und den anderen Handlungsbeteiligten selbständig gegenübersteht.» Wegener 1985, 321
Wegener weist weiter darauf hin, dass im Dativ eine geringere Agentivität, d.h. eine geringere Wirkungsabsicht des oder der Handelnden zum Ausdruck kommt als im Akkusativ (Wegener 1985, 169). Beispiel: «Er hat mir ins Gesicht geschlagen», «Er hat mich ins Gesicht geschlagen.»
Setzt man sich das Ziel, der Landschaft und der Natur ein gewisses Eigenleben zuzugestehen, so verspricht der Dativ, diesem Vorsatz mehr Raum zu geben als der Akkusativ.
|Landschaft im Akkusativ||Landschaft im Dativ|
|Landschaft wird erfasst als verfügbares, unbelebtes Objekt.||Blick auf Eigengesetzlichkeit und Belebtheit (Komplexität) der Landschaft wird gestärkt.|
|Landschaft unterliegt starker Wirkungsabsicht.||Bezug zur Landschaft erfolgt mit geringerer Wirkungsabsicht.|
Als Alternativen zur Akkusativierung der Landschaft und der Natur bieten sich neben dem Dativ auch Präpositionalfügungen, Formulierungen ohne be-Verben und neue Wortbildungen an. Beispiele:
→ Alternative: Wir leiten Wasser in die Felder. (Präpositionalfügung)
→ Alternative: Wir geben den Feldern Wasser. (Dativ)
→ Alternative: Wir verleihen dem Fluss eine gerade Form. (Dativ)
→ Alternative: Architekten bauen an den Südhängen. (Präpositionalfügung)
→ Alternativen: Wir pflegen den Rebberg mit Tieren.
Wahl eines transitiven Verbs ohne be-Präfix; sprachlicher Einbezug mehrerer Akteure
→ Alternative: die Rebweide (neue Wortbildung)
Der betroffene Gegenstand wird sprachlich so perspektiviert, dass mehrere Akteure, Reben, Weidetiere und die Handlung des Weidens mitgemeint sind.
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