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Mit ihren 86 Jahren noch rüstig, füttert Elsa Hofer Ferrari jeden Tag ein Dutzend freilebender Katzen. Verwitwet und kinderlos lebt die alte Dame allein in ihrem grossen Haus, umgeben von Erinnerungen an ein aufregendes Leben.
"Ich wurde auf den Namen Elsa getauft. Gefallen hat er mir nie und ich nannte mich immer Elsy", sagt Elsa Hofer Ferrari. Die Jahre haben ihr Gesicht mit einem feinen Netz von Falten überzogen, ihr Blick ist klar, spiegelt frühere Schönheit.
In Sala Capriasca kennt und duzt sie jeder. Aber niemand in diesem kleinen Tessiner Dorf weiss, dass Elsy die Nichte des grossen Waadtländer Schriftstellers Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) ist. "Für die Menschen hier bin ich nur die 'Gattara', die Dame mit den Katzen."
"Mein Vater Charles Ramuz war der jüngere Bruder von Charles-Ferdinand, dem Schriftsteller. Er war noch sehr jung, als er die Heimat verliess, um nach Deutschland zu gehen. Das war in der Zwischenkriegszeit. Zurück in der Schweiz zog er nach Basel, wo er meine Mutter kennenlernte und wo ich geboren wurde."
"Ramuz nannte uns 'les Boches'"
Welche Erinnerung hat Elsa an den Autor von "Derborence"? "Ich erinnere mich an einen eher strengen Mann, den ich persönlich nicht sehr freundlich fand. Ich war 16, als er starb. Einige Jahre vor seinem Tod war ich mit meinem Vater und meinem Bruder zu ihm nach Lausanne gefahren, ich muss zehn oder elf Jahre alt gewesen sein", erzählt sie.
"Ich habe aber nicht vergessen, dass er uns 'les Boches' nannte. Er machte meinem Vater Vorwürfe wegen seines deutschen Akzents. Er hat uns nie akzeptiert. Obskure Familienstreitigkeiten, deren Grund ich nicht kenne, zerrissen die beiden Brüder." Boches ist eine französische, abwertende Bezeichnung für Deutsche.
Und doch: Das Wappen der Familie Ramuz schmückt eine Wand ihres Hauses, das mit Kommoden und antiken Konsolen möbliert ist.
Von der Terrasse ihres Hauses, umgeben von einem 5500 Quadratmeter grossen Grün, fällt der Blick auf das Vedeggio-Tal. Der Pool im Garten scheint auch schon bessere Zeiten erlebt zu haben: "Es kommt niemand mehr, um darin zu baden", sagt Elsy. "Dieses Jahr habe ich ihn Mitte Juli geleert und werde ihn wahrscheinlich nicht mehr füllen."
Unermüdlich auf Reisen
Die "Gattara" von Sala Capriasca hat keine Kinder. "Ich heiratete Paul 1960 im Alter von 29 Jahren. Wir sind viel gereist, aber die Unmöglichkeit, Kinder zu bekommen, hat unsere Ehe untergraben. Wir liessen uns schliesslich scheiden. Ich arbeitete in der Edelsteinbranche in Basel, als mich ein renommiertes Juweliergeschäft in Lugano, das auch ein Geschäft in Interlaken hatte, anwarb."
Seit einigen Jahren macht Elsy jeden Tag, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter ihre "Katzen-Tour". "Ich gebe ihnen Futter an acht verschiedenen Orten", sagt sie. "Einige wurden hier geboren, andere blieben hier, nachdem sie sich verlaufen hatten."
Tierschützer haben damit begonnen, die Tiere zu sterilisieren. Elsy aber zieht es vor, sie in ihrem Habitat leben zu lassen. Jedem Tier gab sie einen Namen: Eine kleine weisse Katze, die eine Pfote in einer Falle verloren hatte, taufte sie "Zoppina" (die Hinkende). "Mammina" heisst die Mutter von "Zoppina" und von "Blackie", eine richtige Familie. "La Gattara" aber lebt alleine – mit "Binggeli", ihrer schwarzen Katze, die keine anderen Katzen akzeptiert.
(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)