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Er ist schon etwas in die Jahre gekommen, der alte Vater. 25 Millionen Kerzen ständen auf seiner Geburtstagstorte, gäbe es denn eine. Gross ist er, seine Fläche entspricht ungefähr Belgien, nämlich rund 31 700 Quadratkilometern. Reich ist er, fasst er doch 23 000 Kubikkilometer Wasser, also einen Fünftel der Süsswasserreserven der Welt. Und mit bis zu 1624 Metern ist er der tiefste See der Welt. Das alles ist schon aussergewöhnlich, aber damit nicht genug: Er hat auch noch sage und schreibe 337 Kinder.
Die Rede ist vom Baikalsee. Doch so wird er von den Ureinwohnern Sibiriens nicht genannt. Wenn sie mit ehrfürchtiger Stimme von ihm sprechen, dann ist die Rede vom «alten Mann mit seinen 337 Kindern». Denn um den Baikal ranken sich Mythen und Legenden.
Die 337 Kinder (336 Söhne und eine Tochter) beziehen sich auf die 336 Zuflüsse und den einen Abfluss des Baikalsees. Der Abfluss heisst Angara und zählt zu den grössten Flüssen Sibiriens. Die Angara fliesst landeinwärts und wird südöstlich von Irkutsk gestaut. Nach 1779 Kilometern mündet sie in den Jenissei – von hier geht die Reise weiter in die Karasee des Polarmeers.
Doch auch das wird in Sibirien selten so erzählt. Die russische Legende geht so: Angara war die einzige Tochter des Baikals. Als der Augenstern des Vaters sich unsterblich in Jenissei verliebt, ist Feuer im Dach. Der Vater will sein Herzblatt nicht ziehen lassen und spricht ein Verbot aus: «Du bleibst hier!»
Angara, trunken vor Liebe und wild entschlossen, denkt gar nicht daran. Sie widersetzt sich, schiebt die Felsen, die den See umgeben, auseinander und macht sich auf den Weg zu Jenissei. Da wirft Baikal in seinem ohnmächtigen Zorn einen Stein nach ihr. Bei Listwijanka fällt der Brocken ins Wasser – seine Spitze markiert bis heute die Grenze zwischen Baikal und Angara. Der «Schamanenstein», wie er auch genannt wird, gehört zu den beliebtesten Fotosujets rund um den Baikalsee.
Im Winter, wenn die glatte Oberfläche gefriert, verändert der Baikal sein Aussehen. Wer genau hinschaut, erkennt einen Eisbart – für einen Vater, der bereits 25 Millionen Jahre auf dem Buckel hat, nicht weiter verwunderlich, oder?