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ZFF 2015 | Filmerbe | Marie-Louise
Der erste Oscar, der eine nicht-amerikanische Produktion prämierte, ging 1946 an die Schweiz. «Marie-Louise» wurde für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Nun liegt Lindtbergs Flüchtlingsdrama in einer restaurierten Fassung vor. Aktuell wie nie!
Vom Beinah-Flop zum Oscar
Nach der Lancierung des Filmes schien Leopold Lindtbergs Flüchtlingsdrama «Marie-Louise» alles andere als ein Erfolg zu werden. Der Produktionsfirma Praesens drohte der Konkurs. Zum Glück trat in dem Moment der Migros-Gründer und Visionär Gottlieb Duttweiler auf den Plan. Er glaubte an den Film und an seine Botschaft. Kurz entschlossen kaufte er eine Vielzahl Tickets auf. Er liess diese an Hausfrauen verteilen, die ausserhalb der Stosszeiten einkauften. Die Migros-Aktion begann an einem Montag, und bereits am Donnerstag waren alle Vorführungen ausverkauft. In nur drei Wochen verzeichnete die berührende Geschichte allein in Zürich 50.000 Eintritte, eine Million wurden es in der ganzen Schweiz. Ein Lichtblick, denn die Schweizer Filmbranche lag damals am Boden. Gerade mal zwei Schweizer Langspielfilme wurden 1944 realisiert. Einer davon war «Marie-Louise», der als erster Schweizer Film Bundesgelder erhielt. Metro-Goldwyn-Mayer zeigte den Film nach Kriegsende wiederum als ersten europäischen Kinofilm in Amerika. Er wurde als Ereignis des Tages gefeiert und erhielt 1946 den «Academy Award» für das beste Drehbuch. Es war der erste Oscar überhaupt, der je für eine ausseramerikanische Produktion verliehen wurde. «Marie-Louise» machte internationale Karriere. Nur die Franzosen waren mässig begeistert. Für sie war der Film ein allzu kindliches Rührstück einer Schokoladen-Schweiz.
«Marie-Louise» – die Geschichte
Mit einer Gruppe französischer Kinder kommt die kleine Marie-Louise 1943 für einige Monate zur Erholung in die Schweiz. Weil sie nicht wie geplant von Pflegeeltern abgeholt wird, nimmt die Rotkreuzhelferin Heidi Rüegg das Kind mit nach Hause. Fabrikdirektor Rüegg missbilligt den Entscheid der Tochter, schliesst das Mädchen aber schnell ins Herz. Als das Ende ihres Aufenthaltes naht, will Marie-Louise nicht mehr zurück nach Frankreich.
Leopold Lindtberg
Leopold Lindtberg (1902–1984) wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Wien geboren. 1922 debütierte er in Berlin als Schauspieler und war später an mehreren grossen Bühnen als Regisseur tätig. Seinen ersten Spielfilm «Wenn zwei sich streiten» drehte er 1932. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung emigrierte er 1933 in die Schweiz, wo er 1951 eingebürgert wurde. Von 1933 bis 1948 war er als Regisseur, von 1965 bis 1968 als Direktor des Schauspielhauses Zürich tätig. 1935 engagierte ihn der Zürcher Produzent Lazar Wechsler als Filmregisseur für Praesens Film. Lindtbergs erste Inszenierung war «Jä-soo!» (1935). Es war der Auftakt zu mehreren Schweizer Filmen, die unter seiner Regie zu Klassikern wurden: «Füsilier Wipf» (1938), «Wachtmeister Studer» (1939), «Die missbrauchten Liebesbriefe» (1940), «Landammann Stauffacher» (1941) oder eben «Marie-Louise» (1944). Sein wichtigster Film «Die letzte Chance» (1945) setzt sich kritisch mit der Schweizer Flüchtlingspolitik auseinander. Sowohl «Marie-Louise» wie «Die letzte Chance» waren auch international grosse Erfolge, erhielten renommierte Preise und machten Lindtberg weit über Europa hinaus bekannt.