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zu Michael Titze:
|Die Behandlung körperlicher und psychischer Leiden gilt im allgeminen als eine sehr ernsthafte Angelegenheit; trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) gibt es viele Witze über diese Themen. Die Idee, dass man nicht nur über die Behandlung psychischer und organischer Krankheiten lachen kann, sondern dass Humor und Lachen auch in der Therapie für den Prozess der Heilung förderlich sind, ist in den letzten zwanzig Jahren häufiger vertreten worden (vgl. Bernhardt 1985; Cousins 1981; Farrelly & Brandsma 1985; Höfner & Schachtner 1995; Moody 1979; Rubinstein 1985; Titze 1985, 1996; Fry & Salameh 1987, 1993).

Bevor wir uns in diesem Buch mit den Möglichkeiten des Therapeutischen Humors befassen, wollen wir zunächst einen Überblick über die Phänomene Humor, Komik und Witz sowie die dadurch ausgelösten sichtbaren Reaktionen (Lächeln, Lachen) und Gefühle (Heiterkeit, Belustigung) vorlegen. Leider gibt es keinen allgemein akzeptierten Oberbegriff für diesen Bereich des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Wir benutzen daher das Wort "Humor" als Oberbegriff, um das Gesamtgebiet des Komischen oder Lustigen zu bezeichnen. Dies entspricht auch dem Gebrauch des Wortes "humor" im englischsprachigen Raum. Andererseits wird der Begriff "Humor" oft in einem engeren Sinne gebraucht. Der Schriftsteller Otto Julius Bierbaum definierte kurz und präzise: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht." In diesem Sinne unterscheidet auch Freud (1928/1982b S. 278) den Humor von der Komik und vom Witz:
"Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Grossartiges und Erhebendes, welche Züge an den beiden anderen Arten des Lustgewinns aus intellektueller Tätigkeit nicht gefunden werden. Das Grossartige liegt offenbar im Triumph des Narzissmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität zu kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, dass ihm die Traumen der Aussenwelt nicht nahe gehen können, ja es zeigt, dass sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind. Dieser letzte Zug ist für den Humor durchaus wesentlich."
Sicherlich ist es problematisch, das Wort "Humor" einmal als Oberbegriff für den Gesamtbereich komischer Phänomene und ein anderes Mal als Bezeichnung für ein besonderes Phänomen aus diesem Bereich, die heiter-gelassene Einstellung im Angesicht widriger Umstände zu verwenden. Wir hoffen aber, dass durch den Kontext jeweils deutlich wird, welche Bedeutungsebene wir meinen.
Auch für die emotionalen und körperlichen Reaktionen (Belustigung, Lächeln, Lachen), die durch Witze, Komik oder Humor ausgelöst werden (vgl. 2.), gibt es keinen allgemein anerkannten Oberbegriff. McGhee (1971) spricht in diesem Zusammenhang von der Humorreaktion (humor response). Ruch (1993, S. 283) bevorzugt den Ausdruck Erheiterung für die aktuelle emotionale Reaktion, die mit heiterem Erleben, Lächeln oder Lachen verbunden ist; als heitere Stimmung oder Heiterkeit bezeichnet er eine längerdauernde Veränderung der Befindlichkeit.
Wenn dies kein Buch wäre, sondern ein Video, würden wir Ihnen zur Einstimmung auf das Thema einige Szenen zeigen, um das Gebiet des Humors im weiteren Sinne zu veranschaulichen:
Ein Säugling lächelt seine Mutter an und sie lächelt zurück. Die Mutter versteckt kurz ihr Gesicht und blickt das Kind dann wieder an, das daraufhin fröhlich lacht.
Ein Lehrer macht eine ironische Bemerkung über einen Schüler, der eine falsche Antwort gegeben hat und die Klasse lacht über ihn. Der Schüler setzt sich beschämt wieder hin.
Eine Frau sitzt auf einer Parkbank und liest in einem Buch; sie schmunzelt und findet die Lektüre offenbar vergnüglich.
Ein Bundestagsabgeordneter kritisiert die Vorstellungen der Opposition und stellt sie mit pointierten Bemerkungen als lächerlich dar. Während dies bei seinen Parteifreunden Lachen auslöst, scheinen die Abgeordneten der Opposition darüber nicht sehr amüsiert zu sein.
In einem Theater lacht das Publikum über die komischen Situationen und die Pointen einer Boulevardkomödie.
Christof Eschenröder und Michael Titze erzählen sich nach einem Kneipenbesuch auf dem Rückweg zu ihrem Hotel gegenseitig Witze. (Nicht jugendfreie Pointen können nachträglich durch das hereinmontierte Geräusch eines vorüberfahrenden Wagens überdeckt werden.)
Nach einem Vortrag über hilfreiche therapeutische Effekte von Tieren für alte Menschen klatschen die Zuhörer. Ein kleiner Hund mit grossen Ohren, der auf dem Schoss einer Zuhörerin sitzt, fängt daraufhin an, heftig zu bellen, als wolle er auch in den Beifall einstimmen, worüber sich die Zuhörer sehr amüsieren.
Diese Szenen sollen verschiedene Varianten des Humors zeigen:
Humorreaktionen findet man bei Menschen in den verschiedensten Altersstufen (eine Szene in einem Altenheim oder bei einem Seniorennachmittag fehlt noch).
Die Intensität von Humorreaktionen hängt deutlich von der aktuellen sozialen Situation ab. Lautes Lachen wirkt ansteckend und löst wiederum Lachen aus. Wenn sich Menschen alleine über etwas amüsieren, lächeln sie meist oder lachen weniger stark.
Es gibt sozial verbindende Farmen des Humors, die von allen Beteiligten als positiv erlebt werden, und Formen des Humors, durch die ein Einzelner oder eine Gruppe beschämt und abgewertet werden.
In bestimmten Situationen wird bewusst und absichtlich versucht, andere Menschen zum Lachen zu bringen. Manche Menschen verdienen damit sogar ihren Lebensunterhalt (z. B. Kabarettisten, Clowns, Komiker, Entertainer, Schriftsteller, Cartoonisten). Manchmal ergeben sich komische Situationen aber auch spontan und unbeabsichtigt.
Mit dem Thema Humor im weiteren Sinne beschäftigten sich seit der Antike Philosophen wie Platon, Aristoteles, Thomas Hobbes, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Henri Bergson und Helmuth Plessner (vgl. Keith-Spiegel 1972; Titze 1988). Humor ist ein wichtiges Thema für Sprach- und Literaturwissenschaftler (vgl. z. B. Kamper & Wolf 1986; Preisendanz 1974). Auch in literarischen Werken wie den Romanen "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse (1927/1961) und "Der Name der Rose" von Umberto Eco (1982) wird die Bedeutung von Humor und Lachen diskutiert. Biologen, Mediziner und Psychologen beschäftigen sich seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mit diesem Themenbereich.
Wichtige Überblicksarbeiten über den Stand der psychologischen und physiologischen Humorforschung stammen von Goldstein & McGhee (1972), Chapman & Foot (1976) und McGhee & Goldstein (1983).
Bernhardt (1985, S. 23-41) vertritt in seinem Buch über "Humor in der Psychotherapie" die These, nur die geisteswissenschaftliche Vorgehensweise sei für die Erforschung des Humors sinnvoll. Im Gegensatz dazu meinen wir, dass sowohl die Geisteswissenschaft als auch die empirische Psychologie und die Medizin wichtige Beiträge zur Erforschung des Humors leisten können. Das Gebiet des Humors hat einerseits mit den höchsten geistigen Fähigkeiten und den subtilsten ästhetischen Empfindungen des Menschen zu tun, anderereits aber auch mit "niederen" sexuellen und aggressiven Bedürfnissen und elementaren genetisch vorprogrammierten körperlichen Reaktionsmustern. Geisteswissenschaftliche Untersuchungen können die Rolle des Humors in der Kulturgeschichte der Menschheit, z. B. in der Literatur oder in volkstümlichen Bräuchen herausarbeiten; die physiologischen Begleiterscheinungen und Auswirkungen von Lächeln, Lachen und Heiterkeit können dagegen nur mit naturwissenschaftlichen Methoden erforscht werden.
Zum Abschluss dieser einleitenden Bemerkungen möchten wir einen kurzen Überblick über den Inhalt dieses Buches geben. Im zweiten Kapitel geben wir einen Überblick über die körperlichen Vorgänge, die mit Humorreaktionen verbunden sind. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Entwicklung von Lächeln, Lachen und Sinn für Humor bei Kindern. Im vierten Kapitel werden verschiedene Theorien des Humors vorgestellt und diskuiert. Dabei gehen wir auch auf einige Überlegungen von Philosophen über das Wesen des Komischen ein. Im fünften Kapitel haben wir die Literatur über die Rolle des Humors in elf verschiedenen Therapieformen zusammengetragen. Weiterhin diskutieren wir die wenigen bisher vorliegenden empirischen Untersuchungen zum Humor in der Therapie. Das sechste Kapitel beschreibt die Anwendung des therapeutischen Humors in der Krankenpflege. Im siebten Kapitel befassen wir uns mit den Möglichkeiten eines humorbezogenen Vorgehens im Bereich der Gerontologie. Im achten Kapitel gehen wir kurz auf die Heilpädagogik ein. Im neunten Kapitel diskutieren wir die Bedeutung der Emotion Freude für die psychotherapeutische Arbeit. Das zehnte Kapitel beschreibt die Erfahrungen von Michael Titze und Erika Kunz in der therapeutischen Arbeit (bzw. im therapeutischen Spiel) mit Humorgruppen. Und sollte ein Leser oder eine Leserin nach dieser Lektüre immer noch Lust haben, den eigenen Sinn für Humor im Beruf und im Privatleben zu fördern, dann enthält das elfte Kapitel dazu einige Anregungen.