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ts. Was ist gutes Handeln? Was ist der Sinn des Lebens? Woran soll man sich in einer Welt orientieren, in welcher viele Menschen empfinden, dass die individuelle Freiheit überbetont, Normen abgewertet und Gemeinschaftsinteressen vernachlässigt werden? Wo Eigennutz positiv als Gewinnmaximierung verkauft wird? Wo Begriffe wie Tugend, Ethik und Moral als verstaubt, einschränkend und negativ mit dem Mahnfinger eines ewiggestrigen Sittenwächters assoziiert werden?
Antworten auf diese Fragen legt Ulrich Wickert, seines Zeichens ausgebildeter Jurist und Politologe, ARD-Korrespondent in Washington, New York und Paris, bis 2006 Moderator der Tagesthemen und Autor mehrerer Bücher, in seinem neuen Werk mit dem Titel «Das Buch der Tugenden» vor. Von Aristoteles bis Karl Valentin, von Aesop, Platon, Mark Aurel und Seneca über Bacon, Kant, Schiller, Goethe, Büchner, Schopenhauer, Nietzsche bis Schweitzer, Neruda, Spaemann, Bubis und Popper, um nur einige wenige zu nennen: In der gesamten Weltliteratur sucht und findet Ulrich Wickert die Antworten auf die eingangs gestellten Fragen, die Fragen nach dem Guten und Wahrhaftigen.
Wickert beweist Mut, den Mut zur Ethik, wenn er die Frage der Werteorientierung aufwirft und jene auch wieder einfordert. Schon die von ihm gewählten Kapitelüberschriften wirken befreiend, getraut sich doch da einer, über Jahrhunderte bewährte Begriffe aufzugreifen, ihr Existenzrecht zu verteidigen und sie mit zeitgemässem, aber nicht zeitgeistimitierendem Inhalt zu füllen. Wie ruhig und klar, den Geist befreiend und klärend sind doch Begriffe wie «Tugend und Sitten, Ethik und Moral» (Überschrift von Kapitel 1), «Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit» (Kapitel 2), «Vernunft, Weisheit und Klugheit» (Kapitel 3), «Gerechtigkeit» (Kapitel 4), «Pflicht, Selbstverpflichtung und Verantwortung» (Kapitel 5), «Solidarität, Brüderlichkeit und Güte» (Kapitel 6), «Mut, Tapferkeit und Zivilcourage» (Kapitel 7), «Toleranz» (Kapitel 8), «Zuverlässigkeit und Treue» (Kapitel 9), «Demut und Bescheidenheit, Fleiss und Geduld» (Kapitel 10).
Alle Kapitel werden von Ulrich Wickert eingeführt, darauf folgen die von ihm ausgewählten Perlen der Weltliteratur. In einem Fazit mit dem Titel «Wo bleibt das Positive?» zieht der Autor abschliessend seine persönliche Summa.
So wohltuend wie die eben zitierten Titel von Wickerts Kapiteln, die nur schon alleine für sich genommen eine Orientierung in der heutigen unübersichtlichen und von vielerlei Akteuren beeinflussten Zeit an die Hand geben, so wohltuend und klärend sind die dem Band vorangestellten Ausführungen des Autors: Zwei Gründe nennt Wickert dort, weswegen die Gesellschaften in Ost und West heute die Frage nach dem Verbleib ihrer ethischen Werte überprüften: «Zum einen ist das Abendland im vergangenen Jahrhundert mit seinen eigenen Normen schändlich umgegangen, zum anderen entfiel mit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Ersatzbegründung für das, was als gut oder böse anzusehen war.» Hätten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein christliche Vorstellungen von Moral eine wesentliche Rolle gespielt, so habe, nicht zuletzt mit den barbarischen Weltkriegen, «mit der systematischen Vernichtung von Millionen Kindern, Frauen und Männern in den Konzentrationslagern und im Anschluss daran mit der unreflektierten Ernennung von Fortschritt und Individualismus zu Götzen […] die westliche Zivilisation einen wesentlichen Teil ihrer ethischen Identität» verloren. Zu Zeiten des kalten Krieges hätten sich viele damit zufrieden gegeben, «sich auf die jeweils eigene ideologische Position zu berufen, um das Gute zu definieren. Der ideologische Gegner war stets der Böse.» Das gesellschaftliche Experiment des Sozialismus habe deswegen versagt, «weil sich die Diktatoren der sozialistischen Staaten nicht nach den vorgegebenen ethischen Werten des sozialistischen Gedankens – etwa der Gerechtigkeit und der Gleichheit – richteten». Der Traum von einer besseren Welt in den sozialistischen Staaten sei deshalb gestorben, «weil sie sich kein Gerüst allgemeingültiger Tugenden gebaut und danach gelebt haben. Aber auch der Westen empfand es in dieser Zeit als nicht notwendig, sich aus sich selbst heraus zu definieren, sondern ihm reichte das ihm gegenüberstehende Bild vom ‹Reich des Bösen›, um das eigene Verhalten als gut zu empfinden.»
In dieser Zeit der Ideologien seien «die Worte, die Moral und Ethik ausmachen, wenig angewandt worden. So geriet die Sprache in Unordnung und mit ihr die Ethik selbst. Denn wenn die Bürger ‹Moral› als überholte Bezeichnung, ‹Tugend› als verstaubt und ‹Pflicht› als out betrachten, dann passen auch die Inhalte nicht mehr zusammen.» Es sei heute notwendig, die Begriffe wiederzubeleben und «ihren auf eine fortschrittliche Gesellschaft ausgerichteten Inhalt hervorzuheben.» Insbesondere, da ohne Ethik keine demokratische Gesellschaft bestehen könne. Ethik bestimme, was in einer Gesellschaft als gut oder böse angesehen werde, und dies zunächst im vorgesetzlichen Raum. «Inhalte von Ethik und Moral sind Werte und Tugenden. […] Im ethischen Sinn versteht man unter einem Wert eine sittliche Idee oder Forderung, die zu befolgen jedes Mitglied der ethischen Gemeinschaft unabhängig von seinen eigenen Gelüsten oder Vorteilen anerkennt.»
Zentral auch, so Wickert: «Der erste Wert einer jeden Ethik ist die Würde des Menschen, denn von ihrer Respektierung geht jede Entscheidung zwischen Gut und Böse aus.»
Das Werk, welches uns Ulrich Wickert hier vorlegt, wird jeder mit Gewinn zur Hand nehmen – sei es als Vater, Mutter, Onkel, Tante, Grossvater oder -mutter, Erzieher, Lehrer, Polizist, Richter und, und, und – ja schlicht jeder wache Bürger, der als Zeitgenosse unsere nicht einfache Zeit des Umbruchs mitgestalten will. Ausgehend von der goldenen Regel bzw. dem kategorischen Imperativ schickt uns Wickert auf eine Tour d’horizon durch die Weltgeschichte und schafft die Möglichkeit, die eigenen, tiefempfundenen Wertmasstäbe auch historisch zu verorten.
Ein Werk also, welches auf jedes Nachttischchen gehört und immer wieder zur Hand genommen werden will, verlangt doch jeder Text genügend Zeit zur Reflexion, um dann aber über Tage hinweg im Gemüte des Lesers wohltuend nachzuklingen. •
Ulrich Wickert, S. 599
«Voraussetzung für jede Ethik ist also das Streben nach dem Guten. Was gut handeln heisst, definiert sich aus der Erkenntnis, aber auch aus Traditionen und Gebräuchen. Voraussetzung für ein moralisches Wertgefüge in einer demokratischen Gesellschaft ist, dass ethische Werte nicht autoritär festgelegt werden, auch nicht durch göttlich bestimmten Glauben, sondern durch Wissen, durch die Vernunft. Die Werte geben die ideellen Ziele vor, die Tugenden bestimmen das ideale Handeln. Doch von allein wirkt eine Ethik nicht, sondern sie bedarf gewisser Werkzeuge, um zu überzeugen. Hat nicht Aristoteles schon beklagt, dass der Mensch lieber seinen Gelüsten nachgeht, als sich massvoll zu verhalten? […] Es wird dem Menschen aber gelingen, die Lust zu zügeln, wenn ihm die Vernunft Hilfsmittel an die Hand gibt. Als solches mögen die beiden Maximen dienen, die diesem Buch vorangestellt sind: der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, der philosophisch überhöht ausdrückt, was die goldene Regel besagt: ‹Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu.›» (Wickert, S. 32)
«Dies ist das Moderne an der Ethik: Sie geht von der Freiwilligkeit aus. Diese Freiwilligkeit entsteht durch die Einsicht in die Notwendigkeit moralischen Handelns. Ich habe die Freiheit, mich zu moralischem Handeln zu entscheiden. Wenn ich mich jedoch entschieden habe, dann trage ich auch die Verantwortung für mein Handeln. Wie aber sind die jungen Menschen zu einem tugendhafteren Verhalten gelangt als ihre Eltern? Durch Erziehung. Doch die Erziehung zum moralischen Verhalten in der Familie, in der Schule oder allgemein im Gesellschaftsleben ist nur eine Teilstrecke auf dem Weg zur Vollendung einer Person zum tugendhaften Charakter.
Gelernt wird nicht nur durch die Aufnahme von Wissen, sondern auch durch Einüben und Zwang. Einmal dadurch, dass man sich selbst in die Pflicht nimmt, wenn man eingesehen hat, dass eine andere Entscheidung als ‹du sollst› moralisch nicht vertretbar ist. Aber auch dadurch, dass andere unmoralisches Verhalten durch sozialen Druck strafen.» (Wickert, S. 33)
«Um Solidarität mit neuem Inhalt zu füllen, so dass sie wieder als Tugend aufleben kann, müssen die Individuen den Sinn für die Gemeinschaft wiederentdecken. Das kann durch ein Gemeinschaftserlebnis geschehen. Nach dem von John F. Kennedy geprägten Motto: ‹Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst›, wäre es sinnvoll, für alle jungen Frauen und Männer ein soziales Pflichtjahr einzuführen, das die Solidarität zum Inhalt hat, da sie ihre Arbeit der Gemeinschaft widmen. Soweit sie nicht ihren Wehrdienst leisten, könnten junge Menschen in diesem einen Jahr – wenn möglich in ihrer Nachbarschaft – Gemeinschaftsaufgaben übernehmen: von der sozialen Hilfe bei einzelnen Personen über Kindergärten, Krankenhäuser bis hin zu Umweltaufgaben oder Stadterneuerung bietet sich vieles an. Allerdings sollte dieses Pflichtjahr nicht vom Staat organisiert werden. Zu dieser Gemeinschaftsaufgabe sollten sich Einrichtungen, die in der jeweiligen Nachbarschaft vorhanden sind – Schulen, Kirchen, Handwerkskammern, Gewerkschaften, Handelskammern, Theater oder Museen – zusammenschliessen.
Es muss sich allerdings auch der Gedanke durchsetzen, dass die Gemeinschaft, die moralischen Anspruch auf Solidarität erheben kann, nicht nur die eigene Gesellschaft oder einen national beschränkten Personenkreis betrifft, sondern die Menschheit insgesamt zu umfassen hat.» (Wickert, S. 357)
«Den Weg zum ‹guten› Tun können die Tugenden weisen. Das bedingt aber Wissen. Und Wissen vermittelt sich immer noch nicht durch den «Nürnberger Trichter», sondern durch Erziehung. Und leider versagen hier Eltern immer mehr. Erziehung ist lästig und kostet Kraft. Deshalb parken Eltern ihre Kinder häufig vor dem Fernseher oder geben schnell nach. Die Schule soll dann nachholen, was die Eltern versäumten. Und manche Schulen tun es auch. So berichtete letztens eine Hauptschullehrerin, den Kindern an ihrer Schule würden die ‹bürgerlichen Tugenden› wie etwa Pünktlichkeit beigebracht: Wer morgens nicht zur rechten Zeit erscheint, muss noch am gleichen Tag nachsitzen. Das bedeutet für die Lehrer, dass auch einer von ihnen eine Stunde länger bleiben muss. Und die Strafe wirkt. Es kommt keiner mehr zu spät. Allerdings müssen jetzt auch die Lehrer pünktlich sein!
Aber Erziehung allein reicht nicht. Voraussetzung für die Einsicht in gutes Handeln ist auch das Wissen darum, dass man nicht für sich selbst handelt, sondern im Sinn der Gemeinschaft. Der Gemeinsinn trägt das ethische Tun.» (Wickert, S. 597)
«Ein positives Gefühl, manche nennen es gar Glück, empfinden Menschen, die Verantwortung für andere in der Gemeinschaft übernehmen. Sie kümmern sich um das Gemeinwohl und entwickeln Gemeinsinn. Sollten sie danach gesucht haben, dann finden sie hier den Sinn ihres Lebens. Der französische Soziologe Emile Durkheim hat sogar festgestellt, dass Menschen um so weniger Selbstmord begehen, je mehr Verantwortung sie für andere tragen. Der Junggeselle ist stärker gefährdet als der Verheiratete. Je mehr Kinder in einer Familie vorhanden sind, um so weniger denkt ein Elternteil an sich. Denn wer an der Gemeinschaft hängt, der hängt auch an einem sozialen Ideal.» (Wickert, S. 598)
«Was du nicht willst, dass man dir tu‘,
das füg auch keinem andern zu.»
Die goldene Regel
«Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.»
Der kategorische Imperativ von Immanuel Kant
Ulrich Wickert: Das Buch der Tugenden. Grosse Texte der Menschheit - für uns heute ausgewählt. München 2010. ISBN 978-3-492-25863-0
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