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Man könnte ihn als einen Erfolgstyp bezeichnen, doch dafür ist Christian Etter viel zu bescheiden. Er fährt kein fettes Auto, lebt mit seiner Frau, einer Ingenieurin aus London, und den beiden kleinen Töchtern in einer 3½-Zimmer-Wohnung.
Geld ist nicht die Triebfeder des 34-Jährigen. Vielmehr ist er beseelt von rastlosem Schaffensdrang. Wer auf die Website von Etter Studio schaut, stösst auf grosse Namen wie Tommy Hilfiger, Hermès, Reebok oder die Kult-TV-Serie «Breaking Bad». Für Letztere hatte der Zürcher eine Onlinekampagne lanciert, die massgebend zum Erfolg der Krimiserie beigetragen hatte.
Etter ist auch an der Produktion der beiden originellsten Schweizer Videospiele «Dreii» und «Plug & Play» beteiligt. Das «Plug & Play»-Game basiert auf dem gleichnamigen Kurzfilm von Michael Frei. Let’s-Play-Videos, in denen das Spiel vor laufender Kamera gespielt und kommentiert wird, haben sich über 100 Millionen Menschen auf Youtube angeschaut – ein ähnlich erfolgreiches Kulturprodukt hat es in der Schweiz noch nie gegeben. Und vor ein paar Monaten hat Etter im Parterre des Migros-Hochhauses an der Zürcher Pfingstweidstrasse mit der Co-Direktorin Caroline Hirt das Museum of Digital Art (Muda) eröffnet.
Profit ist uninteressant – es geht um Vernetzung
Wer versucht, Christian Etter ein Berufsetikett anzuheften, muss scheitern. «Unternehmer, vielleicht?», meint er mit einem Schulterzucken. «Mich treibt allerdings nicht der Profitgedanke an», relativiert er sofort. Was ihn anspornt, sind «Verbindungen»: «Wie hängt das Ganze zusammen?» Um der Antwort auf diese Frage auf die Schliche zu kommen, ist Etter stets bereit, neue Wege zu gehen.
Schon früh kam der dritte von vier Söhnen einer Lehrerin und eines Pfarrers in Kontakt mit Computerspielen. Sein sechs Jahre älterer Bruder hatte sich in den 1990er-Jahren Bücher über Computerprogrammation in den USA bestellt und selber Games geschrieben. Nach einer Polygrafenlehre gründete Christian Etter mit seinem Bruder eine Firma für Webdesign. Das sei aber nicht nachhaltig gewesen, sagt er: «Nach zwei Jahren war Schluss, und ich wollte weg.»
Der Zufall brachte ihn nach Kolumbien, wo er sich in Bogotà um minderjährige Prostituierte kümmerte. «Es war ein riesiger Kontrast zur heilen Welt der Schweiz», erinnert sich Etter. Obschon das Leiden dieser Mädchen und Knaben gross war, zieht er eine positive Bilanz: «Sie waren immer noch Kinder, und sie hatten Freude, wenn man einfach mit ihnen spielte.» Dieser prägenden Erfahrung folgte ein Abstecher nach Mailand in die Werbebranche, was Etter als «lehrreiche, aber auch ernüchternde Zeit» beschreibt.
Ein Ort für digitale Errungenschaften
Da es in der Schweiz nur wenige Orte gibt, an denen digitale Errungenschaften zelebriert werden, machte er sich daran, das Museum of Digital Art (Muda) zu planen. Was nur drei Monate hätte in Anspruch nehmen sollen, zog sich schliesslich über zwei Jahre hin. «Die Migros hat unsere Pläne sehr unterstützt und ist uns auch mit dem Mietzins entgegengekommen», erzählt der Co-Direktor.
Kunst mit ausrangierten SBB-Anzeigetafeln, zu sehen im neuen Museum of Digital Art in Zürich.
Das Muda umfasst zum einen physische Installationen, die auf 400 Quadratmetern im Parterre des Migros-Hochhauses gezeigt werden. Aktuell sind es Kunstwerke des Tessiner Künstlerduos Gysin/Vanetti, die ausrangierte Anzeigetafeln neu programmieren und ihnen animierte und akustische Muster entlocken. «Zum anderen zeigen wir hier virtuelle Werke aus aller Welt.» Letztlich gehe es darum, was im Kopf ausgelöst wird, sagt Etter.
Kaum war das Muda eröffnet, wandelte er bereits wieder auf neuen Pfaden und entwickelte ein Möbelsystem aus Beton, obschon er keine Ahnung von Industriedesign hatte. «Die Lernkurve war steil», sagt er. Ausgangspunkt dieses Abenteuers war, dass Etter keinen passenden Wickeltisch fand. «Den gibts zwar noch immer nicht, dafür nehmen die Möbel aus einem fünf Mal stärkeren Beton als dem handelsüblichen Form an.» Man darf gespannt sein, was als Nächstes aus seinem Studio kommt.
Autor: Marc Bodmer
Fotograf: Gian Marco Castelberg