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Chronische Müdigkeit (Fatigue) ist ein häufiges Symptom, das verschiedene Ursachen haben oder Folge von psychischen sowie körperlichen Erkrankungen und deren Behandlungen sein kann.
Das chronische Müdigkeitssyndrom wird im Gegensatz dazu relativ selten diagnostiziert. Betroffene spüren zum Beispiel tiefe Erschöpfung selbst nach geringer körperlicher Belastung, etwa nach einem Spaziergang, und stossen in ihrem Umfeld häufig auf Unverständnis.
Für das chronische Müdigkeitssyndrom lässt sich bisher keine alleinige Ursache finden, sondern geht am ehesten von einem multifaktoriellen Geschehen aus. Es handelt sich um eine Ausschlussdiagnose. Dies bedeutet, dass die Diagnose erst dann gestellt werden kann, wenn andere Krankheiten, die mit chronischer Erschöpfung einhergehen, durch eine bio-psycho-soziale Exploration der Krankengeschichte (Anamnese), klinische Untersuchungen und allenfalls weiterführende diagnostische Abklärungen ausgeschlossen worden sind. Das chronische Müdigkeitssyndrom ist unter anderem auch als chronisches Erschöpfungssyndrom, Chronic Fatigue Syndrom (CFS) oder myalgische Enzephalomyelitis (ME) bekannt. Als neue Bezeichnung hat die National Academy of Medicine (vormals Institute of Medicine) im Jahr 2015 «Systemic Exertion Intolerance Disease (SEID)” vorgeschlagen, die zum Ausdruck bringen soll, dass die betroffenen Patientinnen und Patienten vielfältige körperliche, kognitive und emotionale Belastungen schlecht tolerieren.
Die chronische Müdigkeit ist schwer zu fassen. Erkrankte zeigen unterschiedliche Symptome in verschieden starker Ausprägung. Vor allem zeichnet sich das chronische Erschöpfungssyndrom durch eine extreme Müdigkeit aus, die zu einem definierbaren Zeitpunkt begonnen hat und seit mindestens sechs Monaten anhält. Selbst ausreichend Schlaf und Ruhe bringen Betroffenen keine Erholung. Auch ohne äussere Stressfaktoren und körperliche Krankheiten können sie sich ständig stark erschöpft fühlen. Viele haben Mühe, ihren Alltag zu bewältigen. Sie sagen Freizeitaktivitäten ab, um all ihre Ressourcen für die Arbeit zu sparen. In starker Ausprägung schaffen Betroffene auch die Arbeit nicht mehr. Wegen der vielfältigen Symptome und unklaren Ursachen lässt sich die chronische Müdigkeit schwer behandeln. Sie ähnelt zwar der Fibromyalgie, was jedoch eine andere Erkrankung ist.
Da viele Erkrankte eine Odyssee von einer Praxis zur anderen erleben und vermutlich viele Erkrankungen nicht erkannt werden, ist die Zahl der Betroffenen schwer zu ermitteln. In der Schweiz rechnen Fachleute mit 17‘000 bis 34‘000 Erkrankten. Frauen trifft das chronische Erschöpfungssyndrom zwei- bis viermal häufiger als Männer. Betroffen sind eher jüngere Menschen: Meist tritt CFS erstmals im Alter zwischen 20 und 50 Jahren auf. Nur bei den wenigsten Menschen dauerten die Müdigkeit tatsächlich länger als sechs Monate. Von allen Patienten und Patientinnen, die wegen Müdigkeit einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, erfüllen nur rund zwei Prozent die Kriterien für das chronische Müdigkeitssyndrom.
Warum bin ich immer müde? Diese Frage stellen sich viele Menschen. Doch Ursachen und Auslöser des chronischen Erschöpfungssyndroms sind immer noch unklar. Wahrscheinlich wirken verschiedene Faktoren zusammen als Auslöser. Bisher ist es Forschenden nicht gelungen, spezielle Ursachen zu finden, die bei allen an chronischer Müdigkeit Erkrankten nachzuweisen sind. Wer Verwandte hat, die schon an CFS leiden, hat selbst ein höheres Risiko, ebenfalls daran zu erkranken. Viele Betroffene sind vor dem Ausbruch der Krankheit sehr aktiv. Prädisponierende Faktoren können genetisch, früheres Müdigkeitserleben im Rahmen von Infekten, Tumorbehandlungen, Entzündungen oder anhaltendem Stress sein und ein “Fatigue-Gedächtnis” etablieren. Mögliche auslösende Faktoren können vielfältige körperliche, kognitive und emotionale bzw. psychische Stressoren sein (CFS als Systemic Exertion Intolerance Disease, SEID). Sekundäre Stressoren (z.B. drohende Arbeitsunfähigkeit, übermässige Anstrengungen, Komorbiditäten) und unangemessene körperliche Anstrengungen können den Zustand aufrechterhalten und verschlimmern. Patientinnen und Patienten klagen oft über nicht erholsamen Schlaf, eine verminderte Schlafqualität und längere Schlafzeiten.
Als mögliche Auslöser des chronischen Müdigkeitssyndroms werden diskutiert:
Chronische Müdigkeit kann hingegen im Rahmen von psychischen Erkrankungen auftreten, z.B. bei einer Depression oder Angststörung. Bei einem chronischen Müdigkeitssyndrom können psychische Probleme sowohl prädisponierende und auslösende Faktoren als auch Folge dieser Erkrankung sein. Wer keiner gewohnten Tätigkeit mehr nachgehen kann, wird schnell depressiv. Häufig erzählen Erkrankte jedoch von einschneidenden Ereignissen vor Beginn der Müdigkeit, etwa dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Tod eines nahestehenden Menschen.
Auch Krankheiten, die mit chronischer Müdigkeit einhergehen, wie eine Anämie (Blutarmut) wurde als Auslöser von CFS beobachtet, ebenso Diabetes, Schilddrüsenfehlfunktionen, das Schlafapnoesyndrom oder COPD.
Erschöpft und müde fühlt sich jeder Mensch einmal. Doch beim chronischen Erschöpfungssyndrom übersteigt das Müdigkeitsgefühl deutlich eine normale Müdigkeit im Ausmass und insbesondere in der Dauer. Sie lässt sich nicht mit der Erschöpfung nach einer Bergtour, einem stressigen Arbeitstag oder einer schlaflosen Nacht vergleichen.
Grundsätzlich kann eine Müdigkeit verschiedenste Ursachen haben. Deshalb klären wir durch Anamneseerhebung und weiterführende diagnostische Untersuchungen ab, ob körperliche und/ oder seelische Erkrankungen dafür verantwortlich sein können. Weiter kann eine Blutuntersuchung verschiedene Einblicke geben:
Insbesondere werden die Lebensumstände erfragt. Sowohl die familiäre und berufliche Situation als auch die Schlafqualität können eine Rolle in der Entwicklung einer chronischen Müdigkeit spielen.
Insbesondere versuchen wir herauszufinden, ob die grundlegenden Kriterien eines chronischen Müdigkeitssyndroms (Chronic Fatigue Syndrom) gegeben sind: Die Beschwerden haben zu einem bestimmten Moment begonnen und bestehen seit mindestens sechs Monaten. Sie sind nicht Folge einer übermässigen Anstrengung und bessern sich nicht durch Schlaf und Ruhe. Das Gefühl immerwährender Müdigkeit führt zu deutlicher Einschränkung sowohl in der Arbeit als auch in der Freizeit. Dazu spielt es auch eine Rolle, ob neben der bleiernen Müdigkeit noch andere Symptome auftreten. Um sich ein detailliertes Bild über die Krankheit zu verschaffen, werden wir Sie eventuell auffordern, ein Tagebuch über das Auftreten der Müdigkeit und anderer Symptome zu führen.
Wie schwer die Symptome der chronischen Müdigkeit die Betroffenen beeinträchtigen, ist sehr unterschiedlich. Manche schaffen es, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und verbringen den Rest des Tages und das Wochenende im Bett. Andere sind kaum mehr in der Lage, ihren Haushalt auch nur notdürftig zu führen. In vielen Fällen tritt das chronische Erschöpfungssyndrom in Wellen auf. Die Symptome werden nach einiger Zeit besser, dann kehren sie mit voller Wucht zurück. Manchmal spüren Erkrankte für einen Zeitraum auch gar keine Symptome mehr. Dabei kann es jedoch leicht passieren, dass es zu einem Rückfall kommt, wenn sie ihr vorheriges Leben wiederaufnehmen. Je früher Sie sich professionelle Hilfe holen, desto besser sind ihre Heilungsaussichten. Bei rechtzeitiger und konsequent durchgeführter interdisziplinärer Begleitung durch uns, sind die Prognosen ermutigend: zwar werden nicht mehr alle ihre Leistungsfähigkeit von vor der Krankheit vollständig zurückerlangen, doch erholen sich viele Erkrankte und können wieder ein erfülltes Leben führen. Dafür brauchen sie allerdings Geduld: Oft benötigt die Behandlung des chronischen Müdigkeitssyndroms Jahre.
Eine ursächliche Behandlung der Krankheit an sich gibt es beim chronischen Erschöpfungssyndrom bisher nicht, da die Ursachen immer noch unklar sind. Behandlungen können immer nur die Symptome lindern. Dafür haben wir allerdings wirksame Methoden zur Hand und können die Lebenssituation betroffener Personen oft deutlich bessern. Gegen Schmerzen und Schlafstörungen verschreiben wir bei Bedarf Schmerz- und Schlafmittel oder Antidepressiva. Oft hilft eine Psychotherapie. Dabei lernen Patientinnen und Patienten, negative Gedanken durch positive zu ersetzen, eingefahrene Denkmuster neu zu gestalten und mit den verbliebenen Energien haushälterisch umzugehen.
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