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Le Mans, ein «Rütli unseres Motosports» sollte die Wende bringen. Aber Tom Lüthi konnte auch diese Chance nicht nützen. Eine Karriere ist zu Ende. Wird dafür Jason Dupasquier der neue Tom Lüthi?
Le Mans. Auf keiner anderen Rennstrecke ist so viel helvetische Motorsportgeschichte geschrieben worden, haben wir so viele Triumphe und Tragödien erlebt wie hier, gut 200 Kilometer westlich von Paris.
Der Unfall beim 24-Stunden Rennen 1955 (Teile eines Rennautos wurden nach einem Crash in die Tribüne geschleudert) kostete 84 Menschenleben und führte zum Rundstreckenrennverbot in der Schweiz. Zum «Aus» für Formel-1- und Töff-GP von Bern. Und in Le Mans hat Michel Frutschi, der einzige Schweizer GP-Sieger der Königsklasse, 1983 sein Leben verloren.
Aber in Le Mans haben auch drei Schweizer die 24 Stunden (Auto) gewonnen: Sébastien Buemi, Neel Jani und Marcel Fässler.
In Le Mans hat Jacques Cornu das 24-Stunden-Rennen auf zwei Rädern gewonnen und den ersten Podestplatz bei den 250ern geholt. Und in Le Mans ist fast auf den Tag genau vor 16 Jahren der Stern von Tom Lüthi aufgegangen. Hier hat er am 15. Mai 2005 den ersten GP gewonnen, hier hat er die Grundlage zu seinem WM-Titel von 2005 gelegt. Hier hat er schon viermal gewonnen.
Le Mans ist also ein Erinnerungsort unseres Motorsportes. Und Le Mans war nun auch so etwas wie der letzte Hoffnungsort für Tom Lüthi. Wenn er hier nicht mehr zu einem respektablen Resultat in der Lage sein würde, wo dann noch? Es hätte ein respektables Resultat, ein 10. Platz werden können. Als er umkippte, brauste er auf Platz 13 dahin.
Aber es wäre Selbstbetrug gewesen. Eine Klassierung in den WM-Punkten (bis Rang 15) hätte er den vielen Stürzen (9) seiner Konkurrenten und nicht einer Leistungssteigerung verdankt. Nun sind es saisonübergreifend neun Rennen mit zwei verschiedenen Rennteams und einem einzigen WM-Punkt (15. Beim Saisonauftakt in Katar).
Eine der grössten Karrieren in unserem Motorsport ist zu Ende. Es gibt keine Ausreden, keine Erklärungen mehr. Sein Teamkollege Bo Bendsneyder hat soeben in Le Mans den 5. Platz herausgefahren. Tom Lüthi ist zum ersten Mal in seiner Karriere nicht einmal mehr dazu in der Lage, sich gegen den eigenen Teamkollegen zu behaupten.
Die Zielsetzung beim Saisonbeginn war hoch. Aber nicht unrealistisch hoch. Tom Lüthi wollte noch einmal ganz nach vorne. Aufs Podest. Ein Faktor im Titelkampf sein.
2020 hatte ihm eine bittere Enttäuschung beschert: zum ersten Mal blieb er in der zweitwichtigsten WM ohne Podestplatz und musste sich mit dem 11. Schlussrang zufriedengeben.
Tom Lüthi und sein Manager und Freund Daniel Epp orteten das Problem bei der ungenügenden technischen Betreuung im deutschen Team. Also orchestrierte Epp den Wechsel in die spanische Mannschaft von Eduardo Perales und verkündete nach den Querelen mit den deutschen Technikern: «Wir werden 2021 die Antwort auf der Piste geben.»
Diese Ankündigung ist ihm nun auf die Füsse gefallen. Die Antwort ist diese Saison ausgeblieben – und wird ausbleiben. Fünf Rennen, ein einziger WM-Punkt (15. beim Saisonauftakt in Katar).
Ist Tom Lüthi zu alt? Er wird zwar im Herbst erst 35. Aber in einer sich stürmisch entwickelnden Rennszene ist er inzwischen ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.
Die Welt von heute gehört den verrückten Jungen. Der 16-jährige Spanier Pedro Acosta hat drei der ersten fünf Moto3-Rennen gewonnen. In den vier ersten GP seiner Karriere ist er viermal aufs Podest gefahren. Das hat es in der Geschichte seit 1949 noch nie gegeben.
Die spanische Sportvermarktungsagentur Dorna, die alle Rechte hält, hat ein nahezu perfektes System aufgebaut: die Talente beginnen beim Rookies Cup, steigen von dort in die Moto3-WM ein und streben über die Moto2-WM in die Königsklasse MotoGP.
Tom Lüthi hat gegen diese aufstrebenden Jünglinge keine Chance mehr, die fahren, als gebe es kein nächstes Rennen. Er ist ein sensibler Perfektionist.
Was einmal seine Stärke war, wird in der Krise eher eine Schwäche: die verzweifelte Suche nach der Perfektion in der Abstimmung führt zu einer ewigen Suche, die eine negative Eigendynamik entwickelt. Er ist nicht der Typ, der mal einfach draufsitzt und Gas gibt. Der Verstand übernimmt nach dem 30. Geburtstag mehr und mehr das Primat über das Handgelenk am Gasgriff.
Das sieht er nicht so. Er sagt immer wieder, er sei nach wie vor motiviert. Die Zusammenarbeit mit dem Team sei super. Aber es sei bisher einfach nicht gelungen, die optimale technische Abstimmung zu finden. Das sagt er seit Mitte der letzten Saison nach jedem Rennen. Er versucht in Worten Zuversicht zu verbreiten. Aber die nonverbalen Signale, auch die Körperhaltung auf seiner Höllenmaschine verraten inzwischen Zweifel.
Für Daniel Epp ist klar: «Wenn die Resultate nicht besser werden, macht es keinen Sinn mehr, nächste Saison weiterzumachen.»
Der Vertrag mit Eduardo Perales ist zwar für zwei Jahre abgeschlossen. Aber das wird sich regeln lassen. Das Problem: Tom Lüthi muss diese Saison erstmals Geld in die Teamkasse einzahlen, um fahren zu können. Weil er nicht mehr zu den wenigen Spitzenpiloten gehört, die bezahlt werden, um zu fahren. Ein Sponsor hat diese Zahlung übernommen. Es geht um gut 300000 Franken. Bleiben die Resultate aus, wird für nächste Saison niemand mehr das Portemonnaie öffnen.
In den nächsten Wochen werden Manager und Fahrer das schwierigste Gespräch ihrer jahrelangen, erfolgreichen Zusammenarbeit haben. Aufhören? Epp sieht für diesen Fall auch keinen Sinn, die Karriere nächstes Jahr in anderen Rennklassen (Superbike, Supersport, E-Weltcup) ausklingen zu lassen, wie es der vier Jahre jüngere Dominique Aegerter tut.
Bleibt die Frage: Warum tut sich Tom Lüthi diese nicht ungefährliche Hinterherfahrerei an? Inzwischen ist er auf den 27. Platz im WM-Klassement abgerutscht. Ganz einfach: Weil dieser Sport seine Leidenschaft ist.
Es ist die Leidenschaft, die ihn zum Weltmeister, zum Champion und 17-fachen GP-Sieger gemacht hat. Wer das Herz eines Champions hat, gibt nie auf.
Le Mans ist historisches Terrain für unseren Motorsport. Die Frage ist deshalb naheliegend: haben wir soeben in Le Mans mit Jason Dupasquier – er ist im Moto3-Rennen auf den 13. Platz gefahren – den nächsten Tom Lüthi gesehen? Ja und nein.
Nein, weil es keinen nächsten Tom Lüthi geben wird. Die Art und Weise, wie er von einem Bauernhof im oberen Emmental den Weg hinaus in die Töffwelt gefunden und seinen Traum verwirklicht hat, bleibt einzigartig.
Die Welt ist inzwischen auf zwei Rädern eine andere geworden. So wie er eingestiegen ist, so wie er seinen Titel von 2005 geholt hat – das bleibt so einmalig wie seine Persönlichkeit.
Ja, weil Jason Dupasquier alle Voraussetzungen hat, um der nächste Schweizer Weltklassefahrer zu werden. In Le Mans ist er diese Saison zum fünften Mal in Serie in der Moto3-WM in die Punkte gefahren (13.). In der WM finden wir ihn schon auf Rang 10. Auf den Spuren von Tom Lüthi. Er wird im Juli 20 und ist der erste Schweizer, der im neuen System gross geworden ist und den Weg ins MotoGP-Fahrerlager gefunden hat: Zuletzt die Einstiegsklasse Rookies Cup, jetzt in der zweiten Saison in der Moto3-WM. Es ist der Weg, den heute die Talente gehen.
Tom Lüthis Eltern konnten und wollten die Rennfahrer-Karriere ihres Sohnes nicht managen und haben diese Aufgabe klug Daniel Epp überlassen. Jason Dupasquiers Karriere wird hingegen von den Eltern eng begleitet. Sein Vater Philippe war eine Motocross-Legende und ist heute als Rennsportverantwortlicher von KTM Schweiz eng mit dem Motosport verbunden.
Sein Sohn hat den ganzen Winter in Spanien verbracht, um dort fahren, fahren, fahren und nochmals fahren zu können. Ein Merkmal der neuen Generation ist diese Rastlosigkeit. Die Räder stehen nie still.
Tom Lüthi gehört noch zur Generation, die im Winter zwischendurch die Motoren ruhen und die Höllenmaschinen abkühlen liess. Eine Saisonvorbereitung in Spanien hätte er sich in diesem Stil zu Beginn der Karriere gar nicht leisten können.
Tom Lüthis Manager Daniel Epp hilft auch der Familie von Philippe Dupasquier, sich im Haifischbecken MotoGP zurechtzufinden und hat teilweise die Unterstützung der Sponsoren gesichert, die auch Tom Lüthi alimentieren. Er hat die Kontakte zum deutschen Team von Ingo und Florian Prüstel geknüpft und dieses junge Team entwickelt sich zusammen mit Jason Dupasquier: keine WM-Punkte letzte Saison, jetzt in jedem Rennen WM-Punkte.
Folgt bereits nächste Saison der Aufstieg in die Moto2-WM? «Nein, daran denken wir nicht einmal», sagt Daniel Epp. «Auch wenn die Verträge noch nicht unterschrieben sind: wir planen auch die nächste Saison in der Moto3-WM.»
Jason Dupasquier soll behutsam an die zweitwichtigste WM herangeführt werden. Was ihm noch fehlt, ist ein Exploit, der ihn ins Bewusstsein der Sportfans ausserhalb der Motorsportkreise katapultiert. Ein Sieg wie damals jener von Tom Lüthi 2005 in Le Mans. Wenn nicht diese Saison, so wird ihm dieser Exploit nächste Saison gelingen.
Von der Persönlichkeit her ist der Unterschied zwischen ihm und Tom Lüthi gar nicht so gross. Der Freiburger ist freundlich, weiss, was er sagen muss, wenn er gefragt wird und er pflegt mit bemerkenswertem Geschick den Ruf des hochprofessionellen Traum-Schwiegersohnes. So wie der eher scheue und introvertierte Tom Lüthi ist auch er kein «Haudegen» und Rock’n’Roller wie Dominique Aegerter, der erfolgreich das Image des wilden Abenteurers pflegt.
Unser Staatsfernsehen hat die Übertragungsrechte am GP-Zirkus bis 2025 gesichert. Das garantiert Jason Dupasquier die Medienpräsenz, die er als «Sauerstoff» für seine Karriere braucht.
Es mag sein, dass Tom Lüthis Karriere für alle ersichtlich soeben in Le Mans in die Schlussphase eingetreten und letztlich zu Ende gegangen ist. Aber die Hoffnung, dass Jason Dupasquier seine Rolle als «Posterboy» unseres Töffrennsports übernehmen kann, ist berechtigt.
Nicht als nächster Tom Lüthi. Aber als erster Jason Dupasquier.