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Vielleicht sollte man einen Tag der Familientherapie einrichten – um diese bewährte Therapiemethode wieder mehr ins Bewusstsein zu rufen.
Warum werden immer weniger Familientherapien angeboten?
Ein Beispiel aus der Praxis könnte dies zumindest teilweise erklären:
Die 12-jährige Paula wird zur Therapie angemeldet. Am Telefon erzählt die Mutter mir kurz von der Familiensituation:
»Ich bin 44 Jahre alt, arbeite halbtags, bin seit vier Jahren getrennt und habe noch einen neunjährigen Sohn, Jan. Paula braucht eine Therapie. Das Mädchen war früher fröhlich und aktiv. Jetzt ist sie aber seit einigen Monaten schlecht in der Schule, missgelaunt, frech und verkriecht sich immer mehr in ihr Zimmer.«
Ich frage zurück: »Und seit wann ist das so? Ist etwas vorgefallen, was sie aus der Bahn geworfen haben könnte?«
Mutter: »Sie ist seit einigen Wochen so. Ich weiss nicht, was die Ursache sein könnte, sie erzählt nichts mehr von sich.«
Ego State1 der Therapeutin: »Nicht weiter fragen, das wird nur komplizierter.«
Ego State2 der Therapeutin: »Aber ich muss doch zumindest eine Ahnung haben mit wem sonst noch die Krise zu tun hat!«
Ego State1: »Na dann halt, aber du weisst, dass das Gratisarbeit ist, solange du das Mädchen nicht gesehen hast.«
Nun frage ich: »Das tönt nach einer psychischen Krise. Darf ich fragen, wie oft Paula ihren Vater sieht?«
Mutter: »Paula nimmt sich in letzter Zeit heraus, selber zu bestimmen, wann sie zu ihm geht«.
Ego State2: »Siehst du, den Vater musst du einladen, der gehört dazu!«
Ego State1: »Aber ich warne dich, dann hast du den Konflikt der Eltern hier im Raum und du weisst wie mühsam das sein kann.«
Wenn Ego State1 gewinnt (Variante 1):
Ich: »Dann bringen Sie sie am nächsten Donnerstag um 17.00 Uhr mit. Ich werde sie fünf bis zehnmal sehen, damit ich einen Eindruck habe, dann können wir ein Elterngespräch durchführen.«
Donnerstag 17.00: Die Mutter sitzt allein im Wartezimmer.
Ego State2 (triumphierend): »siehst du, jetzt hast du den Salat.« Ego State1: »Dann arbeite ich halt mit der Mutter.«
Ich bitte die Mutter ins Besprechungszimmer und eröffne die Sitzung: »Ist es ok, mit Ihnen allein zu beginnen?«
Mutter: »Bleibt mir ja nichts anderes übrig.« Sie erzählt dann ausführlich über die Frechheiten und Schulprobleme von Paula. Bei Fragen nach ihr und ihrer gescheiterten Ehe wird klar, dass sie noch immer einen Groll gegen den Ex-Mann hegt, weil er sie jahrelang betrogen hatte. »Wie bringe ich Paula hierher, haben Sie mir einen Tipp?« fragt sie am Ende.
Ich: »Sie müssten sie motivieren, ich kann sie ja nicht abholen zu Hause.«
Einige Tage später ruft die Mutter an und sagt, Paula weigere sich konsequent eine Therapie zu beginnen.
Wenn Ego State2 gewinnt (Variante 2, Fortsetzung des Telefongesprächs):
Ich: »Habe ich richtig gehört, dass Sie mit der Situation zwischen Ihrem Exmann, Paula und Ihnen unzufrieden sind?«
Darauf erklärt die Mutter, dass sie sich damals friedlich getrennt hätten, es aber in letzter Zeit schwieriger zwischen ihnen geworden sei.
»Und was bekommt Paula davon mit?« frage ich weiter.
»Alles, vermute ich. Mein Exmann hat sich vor kurzem von seiner Freundin getrennt, und nun ist Paula seine Vertraute.«
»Und Sie haben keinen neuen Partner?«
»Ja, doch. Seit einigen Monaten habe ich einen Freund, Leo. Er lebt in einer eigenen Wohnung, ist aber oft auch bei uns.«
»Darf ich Sie noch fragen, von wem damals Ihre Trennung als Paar ausging?« Das sei eine lange Geschichte, aber letztlich habe sie ihren Mann rausgeschmissen, weil er fremdgegangen sei – zum x-ten Mal, eben mit dieser Freundin, die sich nun auch wieder von ihm getrennt habe. Es schwingt dabei eine Spur Triumph in ihrer Stimme mit.
»Dann wäre es wohl wichtig, Ihren Exmann einzubeziehen.«
»Der kommt nicht. Er hält nichts von Psychologie und so Beratungszeug.« (triumphierendes Lachen von Ego State 1) Ich lasse mir die Kontaktdaten trotzdem geben und verspreche, mich bald zu melden, um das Erstgespräch zu planen.
Der Mann ist offen für eine Teilnahme an der Therapie, ja dankbar, dass er endlich einbezogen wird in Belange seiner Kinder. Auch er mache sich Sorgen um Paula. Seit die Mutter einen Freund habe, nehme sie sich kaum noch Zeit für den Nachwuchs und er müsse immer mehr Verantwortung übernehmen. »Tue ich ja gerne«, fügt er an.
Telefonisch vereinbare ich zwei Teile einer ersten Sitzung. Zuerst ein Gespräch mit der ehemaligen Familie, anschliessend mit der Mutter, ihrem Freund und den Kindern.
Ego State1: »Das ist doch viel zu komplex, was du da veranstaltest!«
Ego State2: »Nein, es ist viel einfacher zu erkennen, wie die Beziehungen zueinander sind, wenn du sie alle miteinander interagieren siehst.
Ego State1: »Und wenn sich dann die beiden Männer zerfleischen?«
Ego State2: »Deshalb mache ich ja zwei Sitzungen. Die Männer sind nicht gleichzeitig im Raum. Aber ich bin gespannt, wie sie sich begrüssen im Wartezimmer.«
In diesen zwei Sitzungsteilen kommen beide Kinder zu Wort und machen deutlich, dass durch die neue Liebe der Mutter viel weniger Zeit und Zuwendung für sie zur Verfügung steht. Die Mutter ihrerseits versucht verzweifelt, ihren Freund und die Kinder miteinander in einen guten Kontakt zu bringen, indem sie gemeinsame Aktivitäten mit allen vorschlägt, Paula weigert sich aber meist mitzukommen. Im Laufe der Sitzung mit der geplanten neuen Familie sagt Paula glasklar: »Ich habe nichts gegen den Menschen Leo (Freund der Mutter), aber ich will nicht, dass er mir die Mama wegnimmt.«
Bereits der Vorschlag der Therapeutin, keine Familienzwangsanlässe mehr zu planen, sondern mehr Zweiersituationen zu schaffen erleichtert die Kinder. Die Idee, Leos Anwesenheit in der Familie zu reduzieren und für die Kinder vorhersehbar zu machen, führt zu Zufriedenheit aller. Nach wenige Sitzungen ist die Beratung abgeschlossen.
Das Beispiel zeigt deutlich, dass die Wahl des Settings für den Therapieerfolg ausschlaggebend ist. Und dazu müssen bei der Anmeldung die richtigen Fragen gestellt werden. Und zwar nicht nur bei Patchworkfamilien, sondern grundsätzlich.
Die Systemtherapie hat sich leider in den letzten zehn Jahren rückwärts bewegt. In der Familientherapieausbildung des IEF in den 1970er Jahren wurde noch gelehrt, die Familie nach Hause zu schicken, wenn nicht alle unter demselben Dach wohnenden Familienmitglieder erschienen. Das war extrem, und wenige hielten sich konsequent daran. Heute ist man flexibler – leider zu sehr in Richtung: Gespräche nur mit denjenigen, die primär motiviert sind.
Unser Eindruck ist, dass heute in der systemischen Therapiewelt auch bei offensichtlichen Beziehungsproblemen in der Familie fast nur noch mit Einzelnen gearbeitet wird. Obwohl das Mehrpersonensetting bei Beziehungsproblemen – wie auch bei vielen psychosomatischen Störungen, bei Auffälligkeiten eines Kindes oder Erwachsenen als Therapieanlass – das Mittel der Wahl wäre, weil es um Beziehungsarbeit geht.
Es gibt natürlich – Ego State 1 lässt grüssen – auch einige äussere Gründe, die gegen das Mehrpersonensetting sprechen:
– Es braucht einen grossen Raum mit mehreren Stühlen.
– Man benötigt mehr Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit als für Einzelgespräche.
Und beides wird bei den Tarifen der Versicherungen nicht berücksichtigt, obwohl insgesamt (über die ganze Therapie gerechnet) viel weniger Zeit in Rechnung gestellt werden muss als bei Einzeltherapien, die meist viel länger dauern als Paar- oder Familientherapien. Im Gegenteil, der Kassenverband reduziert die in Abwesenheit der Klienten zu verrechnenden Zeiten sukzessive. Auch die Co-Therapie, die bei komplexen Familiensystemen oder hochstrittigen Paaren oft matchentscheidend ist, wird bei psychologischen Psychotherapeuten nicht mehr übernommen (vgl. dazu auch den Blogbeitrag vom 10. Mai).
Da ein grosser Teil der Psychotherapieschulen dem gesellschaftlichen Trend folgt, alle psychischen Schwierigkeiten und Störungen dem Individuum zuzuschreiben und mit einer Diagnose zu versehen, müssen Veränderung dementsprechend auch individuell bewältigt werden. Wahrscheinlich wird deshalb in den Therapieausbildungen nur noch am Rande darauf geachtet, dass die angehenden Therapeut:innen sicher mit Mehrpersonenensettings – oft in massgeschneiderten, unterschiedlichen Zusammensetzungen – umgehen können.
Viele Therapeut:innen wagen also nicht, das ganze System mit einzubeziehen und direkt an Verbesserung der Beziehungen zu arbeiten. Dies ist eine gesellschaftliche Sackgasse. Beziehungen in Familien, aber auch am Arbeitsplatz zu verbessern wäre nützlicher. Und zwar für jeden einzelnen wie für die Gesellschaft
Unser Plädoyer – zum Tag der Familie:
Trotz aller Schwierigkeiten die sich gesellschaftlich und berufspolitisch der Familientherapie in den Weg stellen, plädieren wir für eine Renaissance der Mehrpersonen-Therapie. So werden alle Beteiligten ins Boot geholt, und die beeinträchtigten Beziehungen nachhaltig verbessert.