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José Ortega y Gasset - La rebelión de las masas (1929)
In den folgenden Jahren wurde es in zehn Fremdsprachen übersetzt und immer wieder neu aufgelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Werk erneut sehr erfolgreich, vor allem in Deutschland. Dann wurde es still um das Buch und seinen Autor, den spanischen Philosophen und politischen Publizisten José Ortega y Gasset.
Ortegas Leben ist geprägt von den Wechselfällen des Zeitgeschehens, in das er hineingeboren wurde. Er kam im Jahre 1883 in Madrid als Sohn eines Journalisten und Politikers zur Welt, wurde von den Jesuiten erzogen und studierte in Spanien und Deutschland, das zu seiner zweiten geistigen Heimat werden sollte. Bereits im Jahre 1910 wurde er auf den Lehrstuhl für Metaphysik der Universität Madrid berufen. Freilich verfasste Ortega keine tiefgründigen Abhandlungen und schwer verständlichen Untersuchungen, sondern war eher ein Meister der kleineren Form, des spontanen Kommentars, des literarisch ausgefeilten Essays, der wohlklingenden Rede. Er war kein Dogmatiker oder Ideologe, sondern ein liberaler Freigeist, der Anregungen vermittelte, Stichworte gab, die elegante stilistische Wendung, das Bonmot und das Paradoxon liebte.
Ortega besass ein feines Sensorium für Zeittendenzen, aber wenig Begabung und Neigung, im politischen Kampf einen Parteistandpunkt zu vertreten. Weit eher war er bemüht, Widersprüche aufzuzeigen, Gegensätzliches zu verbinden: Freiheit und Ordnung, Vitalität und Rationalität, Demokratie und Elitebewusstsein. Es war ihm ein wichtiges Anliegen, sich für eine geistige Erneuerung Spaniens einzusetzen, und die von ihm 1923 gegründete Zeitschrift Revista de Occidente wurde zu einem international beachteten Instrument der Kulturvermittlung. Berühmt wurde ein politischer Zeitungsartikel Ortegas vom November 1930, den er mit dem Pathos des römischen Senators Cato schloss: „Ceterum censeo delendam esse monarchiam.“ Wenige Monate später war diese Forderung erfüllt: Der König ging ins Exil, Spanien wurde zur Republik. Am 14. April 1932 wurde die Zweite Spanische Republik ausgerufen.
Doch die Lebensdauer der neuen Staatsform war beschränkt, und Ortega gab sich als Abgeordneter davon Rechenschaft, dass sich die dringend notwendigen Reformen im wirren Gegeneinander der radikalen politischen Gruppierungen nicht verwirklichen liessen. Noch war der neue Staat kein halbes Jahr alt, als er ausrief: „So haben wir es nicht gewollt.“ Wenig später wurde das Scheitern der Republik offensichtlich. „Man hat erlebt“, schrieb Ortega resigniert, „dass diese Männer, als sie sich mit dem Land in ihren Händen antrafen, nicht die geringste Vorstellung davon hatten, was sie mit diesem Land tun sollten.“
In der politischen Polarisierung, die Spanien 1934 zu teilen begann, wandte sich Ortega von der Linken ab und näherte sich der Rechten, bei der er das geistige Erbe Spaniens besser aufgehoben glaubte. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges wählte der politisierende Philosoph die Emigration; seine Söhne schlossen sich General Franco an. Ortega ging zuerst nach Paris und Holland ins Exil, dann nach Portugal und Argentinien, wo er von 1939 bis 1942 lebte. Im Jahre 1945 kehrte er in das Spanien des Generals Franco zurück, der den angesehenen Mahner zwar duldete, aber nicht liebte.
Ortega y Gassets berühmtestes Buch, Der Aufstand der Massen, ist zuerst eine Reaktion auf das Phänomen der Verstädterung und Bevölkerungsverdichtung, das bereits im Europa des 19. Jahrhunderts ins Bewusstsein der Menschen getreten war. Der medizinische Fortschritt und die verbesserten Existenzbedingungen hatten die Lebenserwartung erhöht. Der Industrialisierungsprozess hatten zur Zuwanderung in die Städte geführt und neue Arbeitersiedlungen in der Nähe der Produktionsstätten entstehen lassen. Der Grosstadtbewohner empfand sich mehr und mehr als anonymes Individuum in einer anonymen Menge.
Die althergebrachten gesellschaftlichen Strukturen veränderten sich; Volksbildung und Erweiterung der bürgerlichen Rechte liessen die Masse als neuen politischen Faktor erscheinen. Der Basler Historiker Jacob Burckhardt schrieb bereits 1845 an seinen liberalen Jugendfreund Gottfried Kinkel: „Das Wort Freiheit klingt schön und rund, aber nur der sollte darüber mitreden, der die Sklaverei unter der Brüllmasse, Volk genannt, mit Augen angesehen und in bürgerlichen Unruhen duldend und zuschauend mitgelebt hat... Ich weiss zuviel, um von diesem Massendespotismus etwas anderes zu erwarten als künftige Gewaltherrschaft...“
Am Ende des Jahrhunderts sah der französische Sozialpsychologe Gustave Le Bon in seinem Buch über die Psychologie der Massen die Herrschaft der Masse bedrohlich am Horizont heraufkommen. „Das Zeitalter, in das wir eintreten“, schrieb er, „wird in Wahrheit das Zeitalter der Massen sein.“
Das Thema der „Vermassung“ war also nicht neu; neu war, dass es von einem sprachlich höchst begabten Autor zu einem Zeitpunkt aufgegriffen wurde, da unter Intellektuellen Krisenbewusstsein und Geschichtspessimismus weit verbreitet waren. Nach dem Ersten Weltkrieg war Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes erschienen. Dieser Titel wurde während der Zwischenkriegszeit zum gern gebrauchten Schlagwort, und die politisch instabile Situation in vielen Ländern, verbunden mit der Weltwirtschaftskrise, verstärkte den Eindruck des Niedergangs. Ortega y Gasset, der Spengler aufmerksam gelesen hatte, setzte sich zwar deutlich vom Geschichtsmodell des Deutschen ab, indem er die Idee der Zwangsläufigkeit des kulturellen Niedergangs nicht übernahm. Wenn aber Spengler vom „formlos durch alle Grossstädte flutenden Pöbel“ und der „wurzellosen städtischen Masse“ der Spätzeiten spricht, ist die Verwandtschaft beider Denker unverkennbar.
Ortega y Gassets Aufstand der Massen ist zuerst und vor allem eine Zeitdiagnose. Mit einer Art von Faszination umkreist der Autor, Wiederholungen nicht scheuend, den Typus des Massenmenschen, wie er, seiner Ansicht nach, für die Moderne charakteristisch ist. Hauptkennzeichen dieses Menschen ist seine Durchschnittlichkeit. Er verfügt über keinerlei herausragende Begabung oder Individualität, sonnt sich im Gefühl, gleich zu sein wie alle andern, denkt nicht daran, sich vor andern auszuzeichnen oder in den Dienst einer Sache zu stellen. Der Massenmensch empfindet wie die Mehrzahl, handelt instinktiv und kümmert sich nicht um gesetzliche Vorgaben und demokratisch erarbeitete Lösungen. „Heute wohnen wir einem Triumph der Überdemokratie bei“, schreibt Ortega, „in dem die Masse direkt handelt, ohne Gesetz, und dem Gemeinwesen durch das Mittel sozialen Drucks ihre Wünsche und Geschmacksrichtungen aufzwingt.“
Der Massenmensch bricht in eine technisch und kulturell hoch entwickelte Zivilisation ein, die er weder versteht noch zu meistern imstande ist. „Der Europäer, der jetzt zu herrschen beginnt“, schreibt Ortega, „ist im Verhältnis zu der verwickelten Kultur, in die er hineingeborenen wird, ein Barbar, ein Wilder, der aus der Versenkung auftaucht, ein vertikaler Eindringling.“
Ortega y Gasset schliesst nicht aus, dass die Vitalität des neuen Menschen auch Gutes bewirken könne – hier denkt er weniger pessimistisch als Spengler. Die liberalen Errungenschaften der Aufklärung bleiben, davon ist Ortega überzeugt, wichtig und unverzichtbar; aber sie bedürfen einer Belebung und Erneuerung, die nur mit starker Hand herbeigeführt werden kann. Ortega wendet sich mit Entschiedenheit gegen Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus. Solche Ideologien stehen für ihn ausserhalb der geschichtlichen Kontinuität Europas, sie sind „falsche „Morgenröten“ und „Rückfälle in die Barbarei“.
Ortega y Gasset diagnostiziert den Krankheitszustand seiner Zeit wie ein fachkundiger und sensibler Arzt; aber eine Therapie schlägt er nicht vor. Er sieht viele Entwicklungen voraus, die uns noch heute zu denken geben. Er spricht von der Verhätschelung des Durchschnittsmenschen, der die Möglichkeiten der fortgeschrittenen Zivilisation wahrnehme, ohne einen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft zu leisten. Er tadelt das Spezialistentum in den Wissenschaften und kritisiert „den gelehrten Ignoranten“, der auch dort, wo er nichts verstehe, sein anmassendes Urteil abgebe. Er beklagt den Verlust des geschichtlichen Bewusstseins, in dem er eine Voraussetzung zur Gestaltung der Zukunft sieht. Er wendet sich gegen die Vorherrschaft des Staates und die Bürokratisierung des Lebens, was dazu führe, dass der Staat nicht mehr dem Bürger diene, sondern der Bürger dem Staat.
Manche von Ortegas Urteilen sind, so pauschal sie oft wirken, für den besorgten Zeitgenossen von heute nachvollziehbar. So etwa, wenn er sagt: „Ein Wind allgemeiner, alles ergreifender Hanswursterei weht in Europa. Fast alle Stellungen, die man bezieht und zur Schau stellt, sind innerlich verlogen.“ Am zukunftsträchtigsten waren wohl seine Verurteilung des Nationalismus und seine Forderung nach einem vereinigten Europa. „Einzig der Entschluss“, schreibt er, „aus den Völkergruppen des Erdteils eine grosse Nation zu errichten, könnte den Puls Europas wieder befeuern. Unser Kontinent würde den Glauben an sich selbst zurückgewinnen und in natürlicher Folge wieder Grosses von sich fordern, sich in Zucht nehmen. Mit der heutigen EU hätte sich Ortega y Gasset freilich kaum befreunden können. Bürokratie, die den Geist verschlingt, war ihm zuwider.
Im Nachkriegsdeutschland wurde der Spanier zu einem gern gesehenen Gast. In seinen Vorträgen betonte er die Kontinuität der deutschen Geistesgeschichte und neigte dazu, im Nationalsozialismus einen blossen Betriebsunfall zu sehen. „Kein Volk ist an seinen Katastrophen zugrunde gegangen“, sagte er etwa, „höchstens an Verkalkung. Wir durchschreiten einen Übergang zu ganz neuen Verhältnissen. Die Deutschen werden ihn überleben.“ Einen leisen Verdacht gegenüber dem Massenmenschen der Moderne konnte er auch im Alter nicht verbergen, wenn er über die Deutschen der Nachkriegszeit sagte: „Wenn man ihnen zusieht, mit welcher Energie und Zähigkeit sie schaffen, so hat man bisweilen das Gefühl, es seien nicht Menschen, welche arbeiten, sondern Ameisen.“
Im Jahre 1949 schrieb der bedeutende deutsche Romanist Ernst Robert Curtius einen Essay über den spanischen Philosophen. „Alles, was Ortega bisher geschrieben hat“, heisst es am Schluss, „trägt den Charakter des Programms. Es ist stimulierend und vorläufig. Wird er die vielen angesponnenen Fäden zu einem Gewebe verknüpfen? Das ist unsere frage an ihn.“ Ortega y Gasset starb sechs Jahre später; der Teppich, an dem er wob, ist nie fertig geworden.
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