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Eindrücke einer Expertin in Beirut: Gespräch mit der Ingenieurin Regina Wenk
Mehrere Teams des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) arbeiten seit mehreren Tagen in Beirut. Regina Wenk reiste mit dem ersten Einsatzteam in den Libanon. Die Ingenieurin des SKH hat schon in vielen von Katastrophen zerstörten Gebieten gearbeitet. Sie ist es gewohnt, Gebäude zu betreten, die erhebliche Schäden erlitten haben. Nach ihrer Inspektion können die Bewohnerinnen und Bewohner im besten Fall in ihre Wohnungen zurückkehren, im schlimmsten Fall müssen sie wegziehen.
Ingenieurin Regina Wenk prüft bei ihrem Einsatz in Beirut, ob Risse in der Wand die Stabilität des Gebäudes gefährden. © EDA
Regina Wenk, wie haben Sie sich auf diesen Einsatz vorbereitet?
Regina Wenk: Ich habe die Bilder der Explosion in den Nachrichten gesehen. Kurz danach fragte mich die Humanitäre Hilfe des Bundes für einen Einsatz im Libanon an. Da Ferienzeit war, konnte ich mich mit meinem Arbeitgeber problemlos arrangieren. Ich bestätigte meinen Einsatz und reiste am darauffolgenden Tag für eine ärztliche Untersuchung und einen COVID-19-Test nach Bern. Am Abend fand ein Briefing mit der Krisenzelle in den Räumlichkeiten der Humanitären Hilfe statt. Danach fuhr ich nach Aarau zurück, um mich vorzubereiten. Am nächsten Tag flog ich nach Beirut.
Was waren die ersten Aufgaben nach Ihrer Ankunft in Beirut?
Wir fuhren vom Flughafen direkt zur Schweizer Botschaft. Das Gebäude befindet sich in der Nähe des Explosionsortes. Es wurde schwer beschädigt, und alle Fenster sind zerbrochen. Durch die gewaltige Detonation haben Trümmerteile Löcher in die Wände geschlagen. Stromkabel hingen herunter, Türen lagen auf dem Boden: ein riesiges Ausmass der Zerstörung.
Unsere erste Aufgabe bestand darin, die Grundstruktur des fünfzehnstöckigen Gebäudes zu überprüfen. Wir waren zu zweit, ich und ein weiterer Ingenieur. Wir führten in den Residenzen des Botschaftspersonals die gleichen Prüfungen durch. Bei keinem der inspizierten Gebäude bestand Einsturzgefahr. Das half, die Menschen, die durch die Katastrophe bereits traumatisiert waren, zu beruhigen.
Was ist die Rolle der Statikfachleute?
Wir prüfen nach einem Erdbeben, einem Wirbelsturm oder wie in diesem Fall einer Explosion die Stabilität der Gebäude. Die Überlebenden trauen sich nicht mehr in ihre Häuser, weil sie Angst haben, das Gebäude könnte einstürzen. Wenn die Struktur eines Gebäudes nicht beschädigt ist, können wir den Betroffenen sagen, dass ihr Zuhause sicher ist und dass sie nicht um ihr Leben fürchten müssen. Wenn wir jedoch Risse entdecken, informieren wir die Behörden, damit sich die Bewohnerinnen und Bewohner in Sicherheit bringen können.
Unser Fachwissen dient auch den Rettungsteams, die in stark beschädigten Gebäuden, die jederzeit einstürzen können, Einsätze leisten müssen.
Und wie sieht die Situation in Beirut aus? Wie gross ist die Zerstörung?
Es gibt viele Schäden, aber die meisten Gebäude sind nicht einsturzgefährdet. Die alten Sandsteinhäuser sind sehr stark beschädigt. In der Nähe des Hafens wurde alles dem Erdboden gleichgemacht. Man kann also auch nichts mehr beurteilen. Von den grossen Lagerhäusern ist nicht mehr viel zu erkennen. In der Baustatik unterscheiden wir drei Schadenskategorien: zerstörte Gebäude, beschädigte, aber wiederaufbaubare Gebäude sowie intakte Gebäude.
Die durch die Explosion verursachte Zerstörung ähnelt der eines Erdbebens. Allerdings gibt es bei einer Explosion keine Nachbeben, was unsere Arbeit erleichtert. Wenn wir hier in Beirut einen Standort prüfen, wissen wir, dass unsere Beurteilung auch morgen noch Gültigkeit hat. Bei einem Erdbeben müssen wir wegen der Nachbeben das gleiche Gebäude mehrmals prüfen.
Wie sieht ein Arbeitstag in Beirut aus?
Jeden Tag teilt uns die libanesische Behörde einen Sektor zur Prüfung zu. Dadurch wird eine gewisse Koordination der verschiedenen Einsatzteams vor Ort sichergestellt. Es gibt viele libanesische und ausländische Ingenieurinnen und Ingenieure, die in den betroffenen Zonen arbeiten. Am Ende eines Tages stellen wir die Daten zusammen und übergeben sie der libanesischen Behörde.
Wie viele Gebäude haben Sie geprüft? Gab es Gebäude, bei denen eine Evakuation nötig war?
Wir haben in drei Tagen 80 Gebäude geprüft, hauptsächlich Wohnhäuser. Wir haben auch die Baustruktur einiger Spitäler geprüft. Die Humanitäre Hilfe der Schweiz wird in Beirut ein Spital bei der Versorgung und Betreuung von Schwangeren und Kindern unterstützen. Wir haben das Gebäude auf seine Stabilität überprüft, um sicher zu gehen, dass bei dieser Hilfsaktion keine Gefahren bestehen.
Unsere Rolle beschränkt sich auf die Beurteilung des Zustands eines Gebäudes, die wir danach den zuständigen Behörden mitteilen. Es liegt in ihrer Zuständigkeit, die betroffenen Familien über eine allfällige Evakuation zu informieren.
Mit wem arbeiten Sie vor Ort?
Wir arbeiten immer nach dem Vier-Augen-Prinzip. Neben meinem SKH-Kollegen ist auch ein einheimischer Ingenieur in unserem Team. Seine Präsenz ist sehr nützlich, denn er kennt die Baunormen im Libanon und kann uns wichtige Informationen geben.
Was hat Sie bei diesem Einsatz besonders berührt?
Ich habe viel Blut gesehen in den Wohnungen, die wir inspiziert haben. Glassplitter und umherfliegende Trümmer verursachten schwere Verletzungen. Da kann man nicht gleichgültig bleiben. Das berührt mich sehr. Ich kann mir gut vorstellen, wie schrecklich dieses Ereignis für die Betroffenen war.
«Positiv erlebe ich jedoch die grosse Solidarität unter den Menschen. Die Leute helfen sich gegenseitig mit Nahrungsmitteln oder bei der Pflege von Verletzten. Kleider werden verteilt. Ich habe auch viele junge Leute gesehen, die in ihrer Nachbarschaft Schutt wegräumten. Viele, die noch ein Dach über dem Kopf haben, nehmen Menschen auf, die obdachlos geworden sind.» Es tut gut, dies alles zu sehen.