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Zwei Namen sind jedermann geläufig, die repräsentativ nicht nur für die Schweizer Kriminalliteratur stehen, sondern im gesamten deutschen Sprachraum Klassikerstatus geniessen, nämlich Friedrich Glauser (1896–1938) und Friedrich Dürrenmatt (1921–1990). Beiden ist gemeinsam, dass sie sich dem Genre auch aus pekuniären Gründen zuwandten. Der zeitlebens unglückliche Ex-Dadaist Glauser schrieb seinen ersten Krimi «Der Tee der drei alten Damen» 1932, um vom Boom der damals in Zeitschriften florierenden Fortsetzungsromane zu profitieren. Und der Dramatiker Dürrenmatt liess sich nur durch eine Verdoppelung des Honorars dazu überreden, nach «Der Richter und sein Henker» (1952) seinen Kommissär Bärlach in «Der Verdacht» (1953) ein weiteres Mal ermitteln zu lassen. Dass die beiden Autoren dennoch einen solitären Beitrag zur deutschsprachigen Kriminalliteratur geleistet haben, ist unbestritten, und so wundert es nicht, dass die Sommerakademie Schweizer Literatur, als sie sich dem Thema «Kriminalroman» widmete, das doch recht guterforschte Werk der zwei Friedrichs wieder einmal zum Gegenstand germanistischer Exerzitien werden liess. Man untersuchte, inwieweit Glausers eigene Psychiatrieerfahrungen in seinen «Irrenhaus-Roman» «Matto regiert» eingeflossen seien, warf einen kritischen Blick auf alte und neue «Wachtmeister-Studer»-Verfilmungen und deutete Dürrenmatts Krimis als «Schlüsselwerke» im «Hinblick auf [dessen] Ästhetik». Als Vertreter der Gegenwartsliteratur diente Hansjörg Schneider, dessen Hunkeler-Romane eindeutig in der von Glauser und Dürrenmatt geprägten (und damit in der von Simenons Kommissar Maigret begründeten) Tradition stehen, während sich gleich drei Vorträge Romanen von Patricia Highsmith zuwandten, die offenbar, seit der Zürcher Diogenes-Verlag die Weltrechte an ihrem Werk besitzt, der Schweizer Literatur zugerechnet wird.
Unter all diesen Texten, die nun, beinahe vier Jahre nach der Tagung, in einer hübschen Klappbroschur versammelt sind, findet sich mancherlei von Interesse. Wenn Jochen Vogt der Frage nachgeht, warum die Amerikanerin Patricia Highsmith in Europa erfolgreicher war als in ihrem Heimatland, oder Elizabeth Bronfen die kulturgeschichtlichen Dimensionen von «Der talentierte Mr. Ripley» auslotet, kann der Freund der Kriminalliteratur etwas lernen. Ärgerlich findet er allerdings, dass andere Beiträge wieder einmal all jene Klischees vom sogenannten «traditionellen» Detektivroman aufwärmen, die in der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Genre seit Jahrzehnten kolportiert werden. Da schreibt ein Germanistikprofessor unter Berufung auf einen Text Helmut Heissenbüttels aus dem Jahre 1964 (!) tatsächlich vom «Schema der englischen detective story», von dem sich der «literarische Kriminalroman» unter anderem durch den Verzicht auf ein «triviale[s] Happy End» unterscheide. Und die Herausgeber erkennen ein besonderes Verdienst Dürrenmatts darin, «das Rätselspiel Kriminalroman in ein Denkspiel [verwandelt zu haben], das insofern neue Spielmöglichkeiten erprobt, als es die Setzung der Regeln selbst als Spiel inszeniert». Dass solch ein Kunststückchen bereits der oft belächelten Agatha Christie gelang («The Body in the Library», 1942), ganz zu schweigen von einem talentierten literarischen Spieler wie dem Meister des selbstironischen Detektivromans Edmund Crispin (1921–1978), wird jene Literaturwissenschafter, bei denen sich Lesefaulheit und Ignoranz trefflich ergänzen, wohl nicht interessieren.
Peter Gasser, Elio Pellin & Ulrich Weber: «Es gibt kein grösseres Verbrechen als die Unschuld». Zürich: Chronos, 2009