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Zur Ikonographie der Viola da gamba im Umfeld Ganassis / Martina Papiro
Vortrag anlässlich der Galpin/CIMCIM Konferenz "Musical Instruments - History, Science and Culture" in Oxford, UK, Faculty of Music, 25–29. Juli 2013
Der kunsthistorische Teil des Forschungsprojekts setzte bei Ian Woodfields Early history of the viol von 1984 an. Dessen Studie enthält die umfassendste Sammlung von Bildmaterial zur Ikonographie der frühen Viola da Gamba. Jedoch sind darin die Kunstwerke meist nur in Ausschnitten abgebildet und ihr Kontext wird nicht diskutiert. Woodfields Bildmaterial wurde daher kunsthistorisch erschlossen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse ergänzend wie relativierend mit dem aktuellen Wissensstand verknüpft. Auf dieser Grundlage wurde auch eine quantitative wie qualitative Auswertung der Gambenikonographie begonnen.
Bezüglich des Forschungsschwerpunkts „Ganassi“ erlaubte der kunsthistorische Blick auf die Bilder eine Kontextualisierung der Viola da gamba in der venezianischen Kunst und Kultur um 1540. Dabei konnten exemplarisch Chancen und Grenzen der kunsthistorischen Arbeit mit ikonographischen Quellen aufgezeigt werden. Die Sehnsucht nach bildlichen Belegen für bestimmte organologische Eigenschaften führt oft zu Bildinterpretationen, die eine bestätigende Antwort auf bestehende Thesen oder Vorstellungen geben. Differenzierte und aussagekräftige Resultate ergeben sich jedoch nur aus der Kontextanalyse, sowohl der äusserlichen (Entstehung, Einbindung oder Aufstellungsort des Bildwerkes, etc.) als der bildimmanenten (Bildaufbau, Darstellungsweise, etc.).
|Abb. 1: Silvestro Ganassi, Regola Rubertina, Venedig 1542,

Titelbild, Bild: Museo internazionale e biblioteca della musica di Bologna
So steht auch das Titelbild von Silvestro Ganassis Regola Rubertina von 1542 in einem spezifischen medialen und künstlerischen Kontext (Abb. 1). Der Band erschien im Selbstverlag und entspricht formal dem Standard der zeitgenössischen Musikdrucke: Quarto-Querformat, moderne humanistische Schrifttype für den Text und für die Buchillustrationen und musikalische Notation die Technik des Holzschnitts. Zeitgenössische Textquellen erwähnen Ganassi auch als Maler und Zeichner.[1] Daher dürfte er selbst zumindest die Vorlagen für den Bildschmuck seiner Drucke entworfen haben.
Das Titelbild der Gambenschule steigert die Attraktivität des Drucks und sagt etwas aus über den Inhalt sowie über den Kontext und Anspruch des Bandes. Was also zeigt dieses Bild und wie wird es gezeigt? Wir sehen drei Männer mit Viole da gamba und einen Sänger mit einem Notenblatt. Die Kleidung der Musiker ist gepflegt, aber ohne Prunk und entspricht der damaligen bürgerlichen Mode. Prominent in Szene gesetzt ist das Musizieren, der Gebrauch der Streichinstrumente. Variierte Spielhaltungen und bauliche Merkmale der Instrumente werden präsentiert. Dabei gibt es zwar einige Inkonsistenzen: Der Spieler links scheint quasi im Spagat zu sitzen und seinem Instrument fehlen die Bünde. Bei der Viola da gamba der mittleren Figur sind – perspektivisch inkorrekt – zu beiden Seiten Zargen sichtbar, die Saitendicken sind verkehrt herum angeordnet – die dickste an der Diskantposition – und der Hals des Instruments ist überlang. Beim Spieler rechts ist die Bogendarstellung perspektivisch nicht korrekt. Dennoch erweckt das Bild aufgrund der Detailfülle und der Individualisierungen insgesamt den Eindruck von Präzision. Es zeigt dem Betrachter das erwünschte Ergebnis der Schule, die er in den Händen hält, also die Erfüllung des im Titel explizit formulierten Versprechens: „Regelwerk, welches das Spielen der Viola d'arco tastada lehrt“. So vereint das Titelbild von Ganassis Schule realitätsnahe Veranschaulichungen mit direktem Bezug zum Inhalt und schliesst zugleich an zeitgenössische Konzepte elitärer Musikkultur an, wie sie von den Widmungsträgern Capponi und Strozzi gefördert wurde.[2]
Diese realitätsnahe Darstellung hat in der Forschung zu der durchaus plausiblen Vermutung geführt, dass Ganassi sich auf seinen Publikationen selbst abgebildet habe. Daher wird jeweils versucht, eine Person auf den Titelbildern mit ihm zu identifizieren. Aber welche der vier Figuren soll es bei der Regola Rubertina sein?
|Abb. 2: Silvestro Ganassi, Fontegara, Venedig 1536,Titelbild,

Bild: Museo internazionale e biblioteca della musica di Bologna
Der Vergleich mit dem Titelbild der Fontegara von 1536 (Abb. 2) spricht für den Mann am linken Bildrand. Doch über die Ähnlichkeit der beiden Figuren hinaus gibt es kaum weitere Anhaltspunkte. Zudem ist ein vermeintliches Portrait ohne Untersuchung der szenischen Kontextualisierung nicht aussagekräftig. Dabei sollte auch beantwortet werden, weshalb sich Ganassi – wenn er es denn ist – eine Randposition zuweist, wer dann die anderen Personen sein sollen, und was ihr Blick- und Gebärdenspiel bedeutet.[3]
|Abb. 3: Anonym, Portrait eines Mannes mit Gambe und Zirkel

Bild: Umschlag von Musiques, images, instruments, Bd. 5, 2003
So sind auch Identifikationsversuche anderer Portraits nicht weiterführend. Beispielsweise konnte dieses anonyme Bildnis[4] (Abb. 3) nicht überzeugend als Portrait von Ganassi ausgewiesen werden, gerade weil sich die Interpretation in Widersprüchen zwischen Möglichem und Wünschbarem verstrickt. Die Gambe als Attribut des Mannes bildet den einzigen Anhaltspunkt für die Identifikation mit Ganassi, während etwa die Kleidung auf einen Kleriker hinweisen soll, der Zirkel dagegen auf den Kontext der Theoretiker, Baumeister und Architekten. Völlig rätselhaft bleibt schliesslich der Sinn des Heiligenscheins, der sich deutlich links hinter der Kopfbedeckung des Mannes abzeichnet.
Zurück zu den Darstellungen der Instrumente in Ganassis Drucken. Auf dem Titelbild der Regola Rubertina sticht das Instrument des mittleren Spielers mit seinen eingezogenen Ober- und Unterbügeln besonders hervor. Weder bei erhaltenen Gamben noch in der Ikonographie vor 1542 trifft man auf eine vergleichbare grosse Viola da gamba. Belege finden sich nur bezüglich der Einzelteile und auch dies nur bei der Lira da braccio oder der Viola da mano bzw. ihren Darstellungen.[5] So wird die venezianische Gamben-Ikonographie durch die Darstellungen in den Drucken Ganassis erheblich erweitert. Allerdings sind für die Zeit bis 1550 bislang nur zwei Viola da gamba-Darstellungen bekannt, die in Venedig gemalt wurden.
|Abb. 4: Tizian, sog. "Concerto", Florenz, Palazzo Pitti,

Inv. 185. public domain
Auf Tizians sogenanntem „Concerto“ von ca. 1511 (Abb. 4) ist von der Gambe nur der Hals und Wirbelkasten zu sehen, und auf Bonifacio de’ Pitatis Darstellung einer biblischen Parabel erscheint die Gambe innerhalb eines gemischten Ensembles in einer ungewohnten Profilansicht (Abb.). Das Gemälde entstand in Venedig zu Lebzeiten Ganassis zwischen 1535-40 und könnte ihm auch bekannt gewesen sein. Die Gambe auf Bonifacios Gemälde weist erhebliche Unterschiede zu den Modellen auf dem Titelbild der Regola Rubertina auf, besonders hinsichtlich der Oberbügel und der Proportionen. Während einerseits diese geringe Anzahl an Darstellungen einen Kontrast zur belegten Präsenz von Gambenbauern und -Spielern in Venedig bildet, könnte andererseits die Vielgestaltigkeit aus lauter Einzelvorkommnissen gerade auch die existierende Vielfalt der Gamben-Typen/Formen in Venedig bezeugen.
Parallelen zwischen den Gambendarstellungen ergeben sich jedoch auf der Ebene ihrer thematischen bzw. künstlerischen Kontextualisierung. Der Blick auf das Gemälde von Bonifacio de’ Pitati (Abb. 5) vermag diesen Bezug zu erhellen.
|Abb. 5: Bonifacio de' Pitatii: Der reiche Mann und der arme Lazarus, Venedig, Accademia,

Inv. 291. public domain
Das Gemälde illustriert das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus aus dem Lukas-Evangelium (XVI, 19-31): Der reiche Mann geniesst in der lieblichen Umgebung seiner Landvilla und in Begleitung zweier Kurtisanen die Darbietung eines Musik-Ensembles. Dieses besteht aus Laute, Blockflöte, Viola da gamba und vermutlich Gesang. Der Bettler Lazarus – räumlich und akustisch durch das Ensemble zur Seite hin gedrängt – findet mit seinem Flehen um Almosen kein Gehör. Das Musiker-Ensemble evoziert musikalischen Wohlklang und lädt damit zur sinnlichen Wahrnehmung der gesamten Szene ein. Durch seine Scharnierposition bietet es einen Einstieg in die Reflexion über die dargestellte Parabel. Wie Philip Cottrell überzeugend darlegen konnte, ist die Parabel im Gemälde aktualisiert, und zwar in Bezug auf das für Venezianer angemessene Verhalten gegenüber Armen und Kranken.[6]
Was das Gemälde Bonifacios mit Ganassis Titelbild zur Regola Rubertina verbindet, ist das Musiker-Ensemble mit Gambe als Zeichen von Kultiviertheit: Das Musizieren auf diesem Instrument geschieht in beiden Fällen im Rahmen eines privaten Kreises für oder von gebildeten und wohlhabenden Personen. Beide Werke adressieren Mitglieder der Oberschicht oder solche, die sich dazu zählen möchten.
Während also die ikonographische Kontextanalyse in Bezug auf Ganassis Aussehen bzw. Portrait und auf sein Gambenmodell sowie auf Konstruktionsmerkmale nur bedingt Hilfe leisten kann, bietet sie relevante Bestätigungen zur kulturhistorischen Einordnung des Instruments: Die Viola da gamba hat zur Mitte des 16. Jahrhunderts einen festen, angesehenen Platz in der zeitgenössischen Gesellschaft eingenommen.
Martina Papiro, 2013
[1] Vgl. den Beitrag "Silvestro Ganassis 'viola d'arco tastada'. Bericht über ein Forschungsprojekt zu ihrer Kontextualisierung und Rekonstruktion." auf dieser Website.
[2] Aus Platzgründen muss die Besprechung der Bezüge zwischen dem Titelbild und der zeitgenössischen Musikkultur und Malerei entfallen. Ein ausführlicherer Beitrag zu diesem Zusammenhang ist in Arbeit.
[3] Auch zu diesem Aspekt muss auf den ausführlicheren Beitrag verwiesen werden, siehe Anmerkung 2.
[4] Florence Gétreau, „Un portrait énigmatique de l'ancienne collection Henry Pruniéres“, in: Musiciens, facteurs et théoriciens de la Renaissance, Paris 2003, 148-156. (= Musiques, images, instruments Bd. 5).
[5] Für den Vergleich der „Ganassi-Gambe“ mit den erhaltenen originalen Streichinstrumente siehe den Beitrag von Kathrin Menzel "Ganassi und die Gambe - Anmerkungen zu Konstruktionselementen erhaltener Instrumente" auf dieser Website. Für den Vergleich mit erhaltenen und dargestellten Lire da braccio siehe den Beitrag von Thilo Hirsch "Rekonstruktion einer Viola da gamba nach Ganassi" auf dieser Website. Für die Herleitung der besonderen Form der „Ganassi-Gambe“ siehe ebda., und ders.: Das „Cantar alla viola“ im 16. Jahrhundert. Diplomarbeit, Schola Cantorum Basiliensis 1999, http://www.arcimboldo.ch/cantar-alla-viola .
[6] Philip Cottrell, „Vice, Vagrancy and Villa Culture: Bonifacio de’ Pitati’s „Dives and Lazarus“ in Its Venetian Context“, in: Artibus et historiae, 26 (2005), Nr. 51, 131-150. Siehe Cottrell, 2005, 134: Die Sünde des Reichen bestünde in der Verschwendung von Speis und Trank, während der Arme abgewiesen wird. Denn die Schale mit Süssigkeiten (?) bleibt unangetastet liegen, und die Pagen im Hintergrund links trinken den Wein ihres Herrn (das Darreichen des Weinglases ist vermutlich mehr als Aufforderung zu einem Liebesdienst aufzufassen). „[…] the implication is that Dives’ sin arises not from the extent of his wealth, but from moral indolence that leads to the misuse and misapplication of wordly bounty.“