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Wien war schon in der Frühklassik das musikalische Zentrum in Europa und erlebte unter Kaiserin Maria Theresia eine ihrer grössten kulturellen Blütezeiten. Der traditionell kunstfreudige Habsburger Hof mit der bereits 1498 gegründeten Wiener Hofkapelle zog Musiker aus ganz Europa in die Donaumetropole. Begünstigt wurde diese Vormachtstellung auch durch die geographische Lage im goldenen Dreieck der Kulturstädte Prag, Wien und Budapest.
Es sollen einige hundert Komponisten gewesen sein, die um 1800 in Wien wirkten, ihr Glück versuchten und um ein Publikum wetteiferten. Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven als die Vollender der Wiener Klassik hatten es oft schwer, ihre innovativen Ideen zu verbreiten, während einige dieser Klein-und Kleinstmeister mehr Akzeptanz beim Publikum, beim Adel und den Verlegern fanden.
Joseph Haydn, dessen 200. Todestag im Jahre 2009 gefeiert wird, gilt als Erfinder des Streichquartetts. Er schuf davon 83 Werke, die so bahnbrechend neu und vorbildlich waren, dass Mozart's und Beethoven's Quartette ohne sie nicht möglich gewesen wären. Mozart widmete seinem bewunderten Vorbild ("al mio caro amico Haydn") seine berühmten "6 Haydn-Quartette, die einen Höhepunkt seines Schaffens bilden. Vom über-aus vielseitigen Werk Haydns seien vermerkt: 107 Sinfonien, 52 Klaviersonaten, 41 Klaviertrios, diverse Instru-mentalkonzerte, 4 Oratorien, 24 Opern, geistliche Musik, Gesänge, Märsche, Divertimenti und eine grosse Anzahl von Werken für die verschiedensten Besetzungen. Haydn war ein eigenwilliger Tüftler und Experimentator, wozu er in seiner 30-jährigen Amtszeit am Hofe des kunstsinnigen Fürst Nikolaus Estherhàzy in Fertöd und Eisenstadt, weit weg und isoliert von Wien, auch genügend Zeit hatte. Die Distanz zum musikalischen Zentrum ersparte ihm eine mühevolle und zeitraubende Selbstinszenierung in den dort massgebenden Musikkreisen und erhöhte überdies seine Originalität. Gegenüber seinem Biografen Griesinger bemerkte er: "Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so musste ich original werden." Von den über 900 Werken Haydns werden im Konzertrepertoire nur eine beschränkte und einseitige Auswahl gespielt. Seine Originalität zeigt sich aber besonders exemplarisch in den wenig bekannten Werken, wie den Baryton-Trios, den Duetten und Divertimenti und den frühen Opern.
Aus den hunderten von Komponisten in Wien um 1800 greifen wir Franz Krommer (1759-1831) heraus, dessen 250. Geburtstag sich im Jahre 2009 jährt. Franz Krommer, als Frantisĉek Kramář 1759 im böhmischen Kremsier (Kromĕřiž) geboren, versuchte schon in jungen Jahren sein Glück in der Donaumetropole und brachte es bis zum "k. und k. Wiener-Hofcompositeur" unter Kaiser Franz dem I. Er schuf über 80 Streichquartette, die sich stilistisch von der Frühklassik bis zur Frühromantik entwickeln. Es gibt keinen zweiten Wiener Komponisten des 18. Jahrhunderts, dessen Quartettschaffen rein zahlenmässig und stilistisch an das Werk von Joseph Haydn herankommt. Sein durchaus persönlicher Stil, der sichere Instinkt für die Wirkung der Instru-mente, sein Klangsinn und die reizvolle Mischung aus Virtuosität und Geschmack, heben ihn weit ab von einer kleinmeisterlichen Statur und Geschwätzigkeit. Felix Mendelssohn (1809 – 1847) und Johannes Brahms (1833 – 1897) hätten sich ohne die Wiener Klassik wohl ganz anders entwickelt.
Künstlerische Leitung: Thomas Wicky-Stamm