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| Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

11. Die Einheit Gottes.
Nachdem nun die Frage von der Vorsehung entschieden ist, so erübrigt uns noch die Untersuchung, ob sie einer Mehrheit von Göttern zukommt oder vielmehr einem einzigen Gott. In unseren „Unterweisungen“1 haben wir, wie ich glaube, genugsam nachgewiesen, daß es eine Vielheit von Göttern nicht geben kann. Denn würde sich die göttliche Gewalt und Macht unter mehrere verteilen, so müßte eine Schmälerung derselben eintreten; was aber der Verminderung unterliegt, ist sicherlich sterblich; wenn aber die göttliche Macht nicht sterblich ist, so kann sie auch nicht vermindert oder geteilt werden. Gott ist also ein einziger, und seine vollkommene Gewalt und Macht kann keine Verminderung und keine Vermehrung erfahren. Bei einer Mehrheit von Göttern müßte das Ganze und Gesamte der Macht abnehmen, indem die einzelnen Götter einen Teil der göttlichen Macht und Wirksamkeit haben würden; denn es können nicht die einzelnen das Ganze haben, das ihnen mit mehreren gemeinsam ist; jedem einzelnen wird soviel mangeln, als die übrigen besitzen. [S. 95] Es kann also in diesem Weltall nicht eine Vielheit von Lenkern geben, gleichwie es in einem Hause nicht viele Herren, in einem Schiff nicht viele Steuermänner, in einer Herde von Rindern oder Schafen nicht viele Führer, in einem Bienenschwarm nicht viele Könige geben kann; ja auch am Himmel können nicht viele Sonnen sein, gleichwie nicht mehrere Seelen in einem Leibe sein können; so sehr beherrscht das Gesetz der Einheit das gesamte All. Wenn nun den Leib der Welt:
„Nährt von innen der Geist, der über die Glieder ergossen,
Bringt in Bewegung das All, vermischt mit dem mächtigen Körper“2,
so erhellt aus dem Zeugnis des Dichters, daß der Inwohner des Weltalls, Gott, ein einziger ist, nachdem der gesamte Leib nur von einem einzigen Geist bewohnt, und gelenkt werden kann. Die gesamte göttliche Macht muß also in einem einzigen sein, dessen Wink und Befehl alles regiert; und darum ist er so groß, daß der Mensch ihn nicht mit Worten aussprechen, nicht mit den Sinnen ermessen kann.
Woher ist nun aber zu den Menschen die Annahme und Einbildung vieler Götter gekommen? Unzweifelhaft sind alle, die man als Götter verehrt, ehedem Menschen gewesen, und zwar waren es die ersten und größten Könige; diese wurden entweder wegen der Tapferkeit, mit der sie sich dem Geschlechte der Menschen hilfreich erwiesen hatten, nach dem Tode göttlicher Ehren teilhaftig, oder sie wurden wegen der Wohltaten und Erfindungen, mit denen sie zur Veredelung des menschlichen Daseins beigetragen, unsterblichen Andenkens gewürdigt, wie das allgemein bekannt ist. Und zwar kamen nicht bloß Männer, sondern auch Frauen in Betracht. Dies lehren die ältesten griechischen Geschichtschreiber, die von den Griechen Theologen benannt [S. 96] werden; dies lehren auch die römischen Schriftsteller, die in die Fußstapfen der griechischen getreten sind und sie nachgeahmt haben. Zu diesen zählt besonders Euhemerus3 und von den unsrigen Ennius4, die von allen Göttern Zeit und Ort der Geburt, Vermählung, Nachkommenschaft, Herrschaft, Taten, Tod und Begräbnis nachgewiesen haben. Ihm schloß sich Tullius im dritten Buch „Über das Wesen der Götter“ an und zeigte die Nichtigkeit der öffentlichen Religionen; aber die wahre Religion, die ihm unbekannt war, vermochte weder er selbst noch irgendein anderer aufzuweisen, so zwar, daß er selbst bezeugt hat, das Falsche liege wohl am Tage, aber die Wahrheit bleibe verborgen. „Könnte ich doch“, sprach er, „so leicht das Wahre finden, als das Falsche widerlegen.“ Und dies hat Cicero nicht in Verheimlichung seiner wahren Gesinnung, wie es gerne die Akademiker taten, sondern aufrichtig und aus innerer Überzeugung ausgesprochen; denn die Wahrheit kann durch menschliche Sinne nicht ans Licht gebracht werden. Was menschliche Voraussicht erreichen konnte, das hat Cicero erreicht, nämlich das Falsche aufzudecken. Denn was erdichtet und ersonnen ist, kann man leicht entkräften, weil es sich auf keine vernünftige Begründung stützt.
Einer ist also das Haupt und der Ursprung der Dinge, Gott, wie Plato im „Timäus“ erkannt und gelehrt hat; und dessen Erhabenheit ist so groß, daß der Verstand ihn nicht erfassen und die Zunge nicht ausdrücken kann. Das nämliche bezeugt Hermes, der nach Cicero bei den Ägyptern unter die Zahl der Götter gerechnet wird, jener Hermes5, der wegen seiner Vortrefflichkeit und der Wissenschaft vieler Künste der dreimalgrößte [S. 97] (Termaximus) genannt wurde, und der nicht bloß dem Plato, sondern auch dem Pythagoras und jenen sieben Weisen dem Alter nach weit voranging. Bei Xenophon läßt sich Sokrates in seinen Erörterungen so vernehmen, daß man nach dem Sein Gottes an sich nicht forschen dürfe; und Plato sagt in den Büchern der Gesetze: „Was Gott seinem Wesen nach ist, darf man nicht untersuchen; denn man kann ihn weder finden noch aussprechen.“ Auch Pythagoras6 bekennt sich zu einem einzigen Gotte; dieser ist nach ihm die unkörperliche Vernunft, die über das ganze All der Dinge ausgegossen ist, die über allem waltet und belebende Empfindung allem Lebendigen zuteilt. Auch Antisthenes7 sagt im „Naturforscher“: „Es gibt nur einen wirklichen Gott, obschon Völker und Städte ihre eigenen heimischen Götter haben.“ Fast das nämliche sagt Aristoteles8 mit seinen Peripatetikern und Zeno mit seinen Stoikern. Es wäre zu weitläufig, die Anschauungen der einzelnen Schulen zu verfolgen; trugen diese auch verschiedene Benennungen, so waren sie doch einhellig in der Annahme einer einzigen Macht, die die Welt regiert. Obschon aber Philosophen und Dichter und schließlich auch die Verehrer der Götter selbst einen höchsten Gott anerkennen, so hat doch nie jemand über den Dienst und die Verehrung des höchsten Gottes in Untersuchung oder Erörterung sich eingelassen, in dem Wahne, daß der höchste Gott immer guttätig und unveränderlich ist, und weder jemand zürnt noch irgendeines Dienstes bedürftig ist. So wenig kann die Religion bestehen, wo keine Furcht besteht.
1: Inst. I 3 f.
2: Aen. VI 726. Der stoische Pantheismus betrachtet Gott als Weltseele, als die bewegende und gestaltende Kraft in der Natur; sie selbst ist ohne Empfindung und Bewußtsein, entwickelt sich aber nach ewigen vernünftigen Gesetzen (ratio aeterna).
3: Griechischer Philosoph und Geschichtsschreiber aus Agrigent, blühend um 315 v. Chr.
4: Dichter der vorklassischen Zeit, 240-170 v. Chr., Verf. einer lateinischen Bearbeitung der Schrift des Euhemerus.
5: Verfasser der sogen. hermetischen Schriften (2.—3. Jahrh. n. Chr.), die altägyptischen, pythagoreischen und platonischen Ideen wieder Eingang zu verschaffen suchten; benannt nach dem ägyptischen Gotte Toth oder Hermes, dem ,,zweimal Großen“, dem die Erfindung der Schrift zugeschrieben wurde.
6: Geb. um 550 v. Chr. auf Samos. Nach weiten Reisen stiftete er in Unteritalien die berühmte pythagoreische Schule, die sich viel mit Mathematik (Zahlenlehre), Geometrie (pythagoreischer Lehrsatz), Astronomie (Harmonie der Sphären) und Ethik (pythagoreische Freundschaft) beschäftigte. Gott ist nach ihm die unpersönliche Weltseele, die Zahl ist das Wesen der Dinge. Auch vertrat er die Lehre von der Seelenwanderung.
7: Schüler des Sokrates, Stifter der cynischen Schule.
8: Aus Stagira; Schüler des Plato, Stifter der Peripatetiker oder der „auf- und abgehenden“ Philosophen. Lehrer Alexanders d. Gr., gest. 322 v. Chr. zu Athen; einer der schärfsten Geister und größten Gelehrten aller Zeiten.