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Das Landesmuseum Zürich als Symbol der Schweiz im Lauf der Zeit, Vorschlag für eine Erweiterung im Sinn der ursprünglichen Idee / © 2007 Franz Gnaedinger, www.seshat.ch, fgn(a)bluemail.ch – mit einem Nachtrag vom Februar 2016
lmu24.JPG Blick auf das Landesmuseum vom Park her, Morgen des 15. August 2007. Meiner Meinung nach symbolisiert das Landesmuseum die Schweiz im Lauf der Zeit, der grosse Turm des Eingangs deren Gründung 1291, das Gebäude von Aussen her die Alte Eidgenossenschaft, der Park die Helvetische Republik, der Lauf der beiden Flüsse auf Seiten des Parks den Lauf der Zeit, und der gemauerte Bug über dem Zusammenfluss von Sihl und Limmat die Gegenwart (einstmalen das Jahr 1891, 600 Jahre Schweiz). Leider würde die geplante Erweiterung auch in der abgespeckten Form diese Idee ignorieren und dem schönen Anblick des Museums vom Park her – für mich der eigentliche Charme des Gebäudes, im symbolischen Sinn ein Blick auf die alte Schweiz aus zeitlicher Ferne – einen Riegel vorschieben lmu25.JPG
In Architektur und Städtebau steht man öfter vor der Frage: renovieren und erweitern oder abreissen und neu bauen? Man beantwortet sie am besten indem man den Wert einer Anlage zu benennen versucht: ist eine Idee erkennbar? wenn ja, wie wurde sie realisiert? kann sie immer noch bestehen? könnte man das Gebäude im Sinn der originalen Idee erweitern? oder weicht sie besser einer neuen Idee, einem neuen Gebäude, einer neuen Anlage, einer neuen Nutzung, einem neuen Konzept?
Das Landesmuseum stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, als der Symbolismus in Malerei, Poesie, Musik und Architektur eine recht bedeutende Rolle spielte. Das schlossähnliche Gebäude und der grosszügige Park lassen fünf herrschaftliche Stile erkennen: der hohe Turm des Eingangs evoziert eine mittelalterliche Burg; das restliche Gebäude imitiert Gotik und Renaissance; der Park erinnert mit seinen geometrischen Elementen an französische Gärten, mit seinen geschwungenen Wegen und grossen Bäumen an einen naturnahen englischen Garten. Liest man Gebäude und Park als Symbol der Schweiz im Lauf der Zeit, so markiert der grosse Turm den Beginn der Eidgenossenschaft im Jahr 1291. Der grosse Hof, bestückt mit Kanonen und geschmückt mit zwei Helden-Fresken vor goldenem Grund, dürfte die heroische Schweiz der frühen Jahre darstellen: unser Land im Mittelalter, symbolisiert vom gotischen Baustil, und in der beginnenden Neuzeit, symbolisiert vom Baustil der Renaissance. Damals war die Schweiz eine europäische Militärmacht, "unsere" Söldnerheere entschieden bisweilen Kriege. Diese Rolle der frühen Schweiz endete mit der Niederlage von Marignano im Jahr 1527. Die Schweiz der neueren Zeit dürfte im Park gespiegelt sein, wobei der "französische" Garten Frankreich ehren mag, dem wir eine stabile Verfassung und eine glückliche Aufteilung des Landes in Kantone verdanken, während der "englische" Garten auf die britische Insel anspielen dürfte, von wo die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts ausging. Die prächtigen Bäume im unteren Teil des Parks wären zudem ein Kontrapunkt zur Industrialisierung, nämlich den einstigen Textilfabriken längs der Limmat, vom Zürcher Central bis nach Baden, wo ganze Familien in lärmigen Hallen an gefährlichen Maschinen arbeiteten, und wo es ein grosser Fortschritt war, als Kinderarbeit auf lediglich vierzehn (!) Stunden pro Tag eingeschränkt wurde. Das Gelände des Landesmuseums und Parks bildet ein langes Dreieck, endend in einem gemauerten "Bug" über dem Zusammenfluss von Sihl und Limmat (übrigens dem Lieblingsort von James Joyce als er in Zürich weilte). Der steinerne Bug wäre dann der Gegenpunkt zur Eingangshalle im grossen Turm: Symbol des Jahres 1891, ein Jubiläum für die Schweiz, meines Wissens der Anlass für den Bau des Museums. Die Zeitachse verläuft wie die beiden das Gelände flankierenden Flüsse: von der alten Schweiz (symbolisiert im Gebäude) zur neuen Schweiz (symbolisiert im Park), mit dem Bug an der Spitze als Gegenwart …
Diese Ideen wären schlüssig umgesetzt, ohne aufdringlich zu sein. Symbole wirken am besten wenn sie nicht erklärt werden müssen. Da jetzt aber eine Erweiterung des Museums geplant ist, stellt sich die Frage nach dem symbolischen Gehalt und dem architektonischen Wert der bestehenden Anlage. Museum und Park gehören zusammen, sie repräsentieren nach dem obigen Schema die alte und neue oder zumindest neuere Schweiz. Besonders gelungen scheint mir das Zusammengehen von Hof und Park. Der Anblick des Hofes vom Park her macht für mich den eigentlichen Charme der Anlage aus. Leider schiebt die geplante Erweiterung diesem Anblick einen Riegel vor: sie schneidet den Park an, trennt ihn vom Hof des Museums ab und zerstört das oben beschriebene Ensemble, ein Konglomerat aus verschiedenen Stilen welche doch eine Einheit darstellen, nämlich die Schweiz im Lauf von 600 Jahren. Das anstehende Projekt ist aus einem zweistufigen Wettbewerb hervorgegangen. Siegerprojekte von architektonischen und städtebaulichen Wettbewerben sind allerdings nur so gut wie die Vorgaben, beziehungsweise der Mut eines genialen Architekten, einer genialen Städtebauerin, falsche Prämissen über den Haufen zu werfen. Das Volk liebt das Landesmuseum in seiner bestehenden Form, mit dem grossen Park, dem ersten seiner Art in Zürich. Meine obige Rekonstruktion der originalen Idee stützt das Empfinden vieler sog. einfacher Leute und architektonischer Laien: Gebäude und Park gehören zusammen und verdienen es, in der bestehenden Form erhalten zu werden.
Allerdings braucht das Landesmuseum dringend neue Räume. Eine Erweiterung ist nicht zu umgehen. Kann man das Museum analog der obigen Idee erweitern? Vor ein paar Jahren machte ich den Vorschlag, das Landesmuseum zu renovieren und als Museum für Schweizer Archäologie und ältere Schweizer Geschichte bis 1848 zu verwenden, bei vollem Erhalt des Parks in seiner heutigen Form und Grösse, und dann die Sihlpost auf der anderen Seite des Bahnhofs in geeigneter Weise umzubauen und als Dépendence für Schweizer Geschichte ab 1848 einzurichten. Die umgebaute Sihlpost wäre dann der Brückenkopf für das neue Quartier am Bahnhof. Zwischen der Sihlpost und dem ersten Riegel von Bürogebäuden könnte man einen Hof für Konzerte und andere Aktivitäten einplanen. Als Verbindung zwischen dem alten und neuen Museum kann man sich einen Tunnel unter der Sihl denken, wäre technisch machbar (andere Museen werden in der ganzen Fläche unterkellert). Die Logistik zweier Häuser wäre auch zu bewältigen, man bedenke die Transporte zum und vom viel weiter entfernten Sammlungszentrum Affoltern am Albis. Zudem wäre die "Bespielung" der beiden Häuser einfacher als bisher: alte Geschichte im einen Haus, neue Geschichte im andern Haus. Kontraste beleben. Man könnte eine klare Linie fahren, es wäre vorbei mit dem bisherigen Kuddelmuddel von Ausstellungen und Sammlung. Das bestehende Ensemble bliebe gewahrt, gleichzeitig könnte man völlig unbelastet ein neues Museum angehen, dessen Bau und Infrastruktur in dem sehr schönen, funktionalen, ebenso schützenswerten Gebäude der alten Sihlpost weitgehend vorgegeben wären. Diese Variante käme voraussichtlich billiger als der jetzt geplante Anbau. Sie würde zudem die originale Idee des Landesmuseums weiterführen, indem auch sie einen symbolischen Wert hätte: die Schweiz vor und nach 1848, vor und nach der Gründung des modernen Bundesstaates, dazwischen der Hauptbahnhof, aus dem Bahnhof der Spanisch-Brötli-Bahn hervorgegangen, welche das Industriezeitalter in Zürich einläutete, -ratterte, -dampfte, -zischte und -fauchte … Wenn es ein Wahrzeichen brauchen sollte, so könnte man sich eine Regenbogen-Gondel über den Hauptbahnhof vorstellen, von der Sihlseite des Landesmuseums zur Bahnhofseite der Sihlpost führend, entworfen von Santiago Calatrava, der in Zürich studierte und meines Wissens immer noch ein Büro unterhält: er bringt die richtige Mischung von Ingenieur und Poet mit sich, nur er könnte diesen schweren Bogen leicht aussehen lassen, Wahrzeichen sowohl des Landesmuseums als auch des neuen Quartiers an den Geleisen auf der andern Seite der Sihl mit dem Brückenkopf der umgebauten Sihlpost.
Eine bewusste Aufteilung des Museums auf zwei Häuser bietet eine neue Perspektive für die Museumspolitik des Bundes an. Ein föderaler Staat und ein auf mehrere Häuser verteiltes Landesmuseum passen gut zusammen. Wir hätten dann in Zürich die beiden verbundenen Häuser für ältere und neuere Geschichte; in Affoltern am Albis das Sammlungszentrum; mit dem Schloss von Prangins ein Haus im Welschen; das schöne Museum in Chur würde sich als alpine Station empfehlen; Mario Botta mag vielleicht ein Haus für den Tessin entwerfen oder eine bestehende Liegenschaft umbauen; allenfalls könnte man auch das Museum von Sion in den Verbund des föderalen Landesmuseums eingliedern; und all dies könnte stufenweise geschehen.
Die jungen Architekten, welche den Wettbewerb für die Erweiterung des Landesmuseums gewannen, sind sicher begabt. Sie könnten im Rahmen der obigen Alternative beschäftigt werden. Es kam auch schon vor, dass ein Siegerprojekt nicht realisiert wurde, beispielsweise das Projekt Long John für die Erweiterung des Kunsthauses Winterthur um 1980, wenn ich mich recht erinnere. An jenem Wettbewerb beteiligten sich über 270 Büros, alles was in der Schweizer Architektur Rang und Namen hatte. Ich beriet damals zwei junge Architekten, prüfte die Anlage des Museums von Rittmeyer & Furrer aus der Zeit des Jugendstils, ungefähr 1920, auf harmonische Proportionen, und fand eine geniale Geometrie, welche vom einfachen Rasterplan 4 mal 4 ausgeht, ihn auf 12 mal 12 Einheiten für musikalische Proportionen verfeinert, auf 16 mal 16 Einheiten für statische Elemente, und auf 144 mal 144 kleine Einheiten für Details. Die oberen Säle des Museums, die gleichsam im Licht schwammen (indirektes Tageslicht von der Decke) hatten es mir angetan. Ich fand den Bau schützenswert, umso mehr wegen seiner Geometrie, welche mit Sempers Rathaus in der Nähe harmoniert: 3/2 als Hauptakkord des Rathauses, 4/3 als Hauptakkord des Museums. Also schrieb ich dem damaligen Direktor, schlug einen Anbau vor, welcher das Gebäude unberührt lässt, und legte ein paar meiner Plänchen bei. Er schrieb mir, dass er sie an den Stadtbaumeister weitergebe. Long John wurde dann nicht gebaut, was grossen Unmut in der Architektenszene erregte. Zehn Jahre später fand ein neuer Wettbewerb statt und resultierte in einem sehr schönen kleinen Anbau, der das bestehende Museum voll respektiert. Sehr zu meiner Freude.
Die Prämissen des ersten Wettbewerbs für Winterthur waren falsch: es hatte niemand erkannt, dass das bestehende Museum ein in sich geschlossenes Ensemble darstellt. Meiner Meinung nach waren auch die Prämissen des Wettbewerbs für die Erweiterung des Landesmuseums falsch: es hatte niemand erkannt, dass Gebäude und Park ein symbolisches Ganzes darstellen. Wenn man dieses Ganze nicht respektieren will, das Symbol der Schweiz im Lauf von 600 Jahren, oder wenn man den Wert seiner architektonischen Realisierung bezweifelt, soll man das Gebäude abbrechen und einen mutigen Neubau hinstellen.
(Die obigen Zeilen stammen vom 6. August 2007. Es folgt ein Nachtrag vom 12. August.)
Von Aussen her würde das Gebäude die Alte Eidgenossenschaft repräsentieren, der grosse Turm deren Gründung 1291. Über dem Eingang wachen ein Haudegen im Harnisch und Helvetia, Personifikationen der Alten Eidgenossenschaft und der jungen Helvetischen Republik, symbolisiert im Gebäude und Park (wie oben erklärt). Hebt man den Blick weiter, so bildet die Fassade des Turms eine mächtige Front, abwehrend, sich behauptend, Antithese zum Reich der Habsburger, von dem sich die Eidgenossen lösten. Die drei merkwürdigen Türmchen oben auf dem Turm dürften Uri, Schwyz und Unterwalden repräsentieren: das obere Türmchen den Bergkanton Uri, das linke untere Türmchen Schwyz, das rechte untere Türmchen Unterwalden, Die grünen, braun,en, ockerfarbenen und gelben Ziegel des hohen steilen Dachs evozieren Wald, eine hoch gelegene Waldstätte, eine Lichtung, so dass die aufsteigenden Chevrons, mit den drei Türmchen übereinstimmend. auf den Schwur der drei Männer auf dem Rütli anspielen. Die Dreizahl findet sich auch in den Fenstern: drei kleine Fenster auseinander, darunter drei grosse Bogenfenster beisammen – für sich allein waren die drei Stände klein, zusammen waren sie gross und wuchsen über sich hinaus … Geht man links um das Gebäude, so gelangt man zur langen hohen Fassade auf Seiten des Bahnhofs. Der mittlere Teil dieser Fassade gleicht einer gotischen Kathedrale und verweist so auf den Höchsten, um dessen Beistand die Alten Eidgenossen baten.
Im Inneren birgt das Landesmuseum Zeugnisse aller Epochen, von der Steinzeit bis zur Moderne, jedoch ist der grosse zentrale Saal der Alten Eidgenossenschaft vorbehalten. Will man den Geist des Landesmuseums wahren, so stellen sich diese Themen: Wie kam es zur Gründung der Eidgenossenschaft? was geschah vorher? seither? wie hat sich unser Land entwickelt? wie verhält sich die neue zur alten Schweiz? Diese Themen scheinen mir gut eingebettet in die allgemeinen Fragen, die ein archäologisches bzw. historisches Museum stellt und so anschaulich als möglich beantwortet: Wie lebten unsere Vorfahren? wie fühlten und dachten sie? wie gingen sie miteinander um? welche Schwierigkeiten trafen sie an? wie gingen sie vor, wenn sie dieses oder jenes Problem lösen wollten? worin sind sie gescheitert? worin haben sie triumphiert? Immer dieselben Fragen, immer wieder spannend.
(Ich gewann meine Interpretation aus blosser Anschauung, ohne Literatur konsultiert zu haben, nicht einmal Reiseführer, so darf ich nicht erwarten, dass alles stimmt, hoffe aber doch die wesentliche Intention des Architekten einigermassen richtig erfasst zu haben. Erste Ideen werden nie 1:1 realisiert, es gibt immer Abstriche, Modifikationen, Kompromisse. Vielleicht spielen auch weitere Ideen hinein.)
Arbeits-Fotos vom Morgen des 15. August 2007:
lmu01.JPG lmu02.JPG lmu03.JPG lmu04.JPG Kommt man vom Bahnhof, so erblickt man die Fassade der gotischen Kathedrale im Zentrum des grösseren Gebäude-Komplexes. Ihr Baustil ist nicht wirklich gotisch sondern eine Synthese von Gotik und spätem 19. Jahrhundert. Die „Kirche“ symbolisiert den Beistand Gottes, um den die Alten Eidgenossen baten. Die Inschrift besagt: Domine conservat nos in pace – der Herr bewahre uns in Frieden. Hinter den hohen Fenstern befindet sich allerdings der grosse Waffensaal, Erinnerung an die kriegerische Vergangenheit der Schweiz, bis 1527 gegen Aussen, danach lange Zeit gegen Innen. Die Gotik verweist auf das hohe und späte Mittelalter, während Kathedrale und Waffensaal einen für das Landesmuseum typischen Kontrast bilden: Kriege wurden im Namen Gottes geführt, aber die Kathedrale im Komplex des Museums will diese Tradition nicht weiterführen sondern für die Hilfe in früher Zeit danken und Beistand für die friedliche Schweiz von heute erbitten, die aus der einstigen kriegerischen Nation hervorging. Daher die Mischung von Gotik und spätem 19. Jahrhundert: wir sehen nicht einfach Imitationen alter Stile wie Gotik und Renaissance oder auch Burgenbau, sondern immer Synthesen dieser Stile mit dem späten 19. Jahrhundert – Erinnerungen an die frühe Schweiz, kommentiert aus einem Abstand von bis zu 600 Jahren.
lmu05.JPG lmu06.JPG Der grosse Turm, Symbol für die Gründung der Eidgenossenschaft im Jahr 1291, wie oben erklärt. Der Eingang ist wieder spätes 19. Jahrhundert: es sind ja neuzeitliche Menschen, welche das Museum betreten, keine Alte Eidgenossen, aber sie sollen im Museum mehr über die Vergangenheit des Landes erfahren.
lmu07.JPG Über dem Eingang wachen zwei Figuren, ein Mann im Harnisch links und eine Frau rechts, meiner Meinung nach Personifikationen der Alten Eidgenossenschaft und der Helvetischen Republik, symbolisiert in Gebäude und Park – beide im Gleichgewicht, der Gebäudekomplex gross, der Park weit …
lmu08.JPG Fassade gegen die Limmat, an die Renaissance gemahnend, wieder eine Synthese eines alten Stils mit dem späten 19. Jahrhundert.
lmu09.JPG lmu10.JPG lmu11.JPG Anblick des Landesmuseums vom Park her. Der Hof ist zurzeit verstellt. Das barocke Schmiedeisengitter zwischen Hof und Park symbolisiert die Epoche zwischen der Alten Eidgenossenschaft und der Helvetischen Republik. Die zwei symmetrischen, hier nicht zu sehenden Wasserbecken würden auf den „französischen“ Park verweisen, wie oben erklärt.
lmu25.JPG Der geplante Anbau würde diesem Anblick einen Riegel vorschieben.
Die Aufnahmen repräsentieren einen Spaziergang im Park, um 9 Uhr als wenig Leute unterwegs waren, in zeitlicher Folge, und sollen hier als Reihe nocheinmal gezeigt werden:
lmu01.JPG lmu02.JPG lmu03.JPG lmu04.JPG lmu05.JPG lmu06.JPG lmu07.JPG lmu08.JPG lmu09.JPG lmu10.JPG lmu11.JPG lmu12.JPG lmu13.JPG lmu14.JPG lmu15.JPG lmu16.JPG lmu17.JPG lmu18.JPG lmu19.JPG lmu20.JPG lmu21.JPG lmu22.JPG lmu23.JPG lmu24.JPG // lmu25.JPG
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An das Bundesamt für Kultur, Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege, Hallwylerstrasse 15, 3003 Bern, eingeschrieben
Kopien an: Herrn Dr. Andreas Spillmann, Direktor des Landesmuseums Zürich / Präsidium der Stadt Zürich / und an den Schweizerischen Heimatschutz
Betrifft: Erweiterung Landesmuseum Zürich
Zürich, 17. August 2007-08-17
Sehr geehrte Damen und Herren,
haben Sie mein Papier zu, Landesmuseum als dem „Symbol der Schweiz im Lauf der Zeit“ bekommen? Anbei die neue Version: dasselbe Papier vom 6. August, mit einem Nachtrag vom 12. August, einer Serie Bildern vom 15. August, sowie Legenden vom 16./17. August. Den Text finden Sie anbei, Text und Bilder auf der beiliegenden CD (Ordner lmu öffnen, zum Beispiel mit Explorer, Text lmu.htm anklicken, dann die Bilder lmu01.JPG bis lmu25.JPG vom Text aus anwählen).
Die Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi, zusammen mit der Bundespräsidentin für ein Jahr nominell die höchste Schweizerin (Schweizer eingeschlossen) sagte in ihrer Rede zum 1. August auf dem Rütli, dass wir mitreden, uns einmischen sollen. Das tue ich hiermit. Mein Anliegen ist eine Denkpause bezüglich der geplanten Erweiterung des Landesmuseums, denn sie widerspricht meiner Meinung nach der bestehenden Anlage, auch in der abgespeckten Version. Wäre es nicht besser, den städtebaulichen Ehrgeiz von Zürich auf das neue Quartier am Bahnhof und auf Zürich-West zu verlegen?
Mit freundlichen Grüssen
Franz Gnaedinger 8005 Zürich
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Impressionen vom unteren Ende des Parks, Herbst 2003: linda7j.JPG
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Inzwischen konsultierte ich Sigmund Widmers Kulturgeschichte von Zürich. Gustav Gull, Architekt des Landesmuseums, dachte gross. Er plante eine durchgehende Reihe von Verwaltungsgebäuden am linken Limmatufer (es blieb dann beim Stadthaus und den Amtshäusern). Das Landesmuseum steht ebenfalls auf dem linken Ufer, in der Verlängerung dieser Reihe, während Gulls Baustil, der Historismus, dem Landesmuseum eine symbolische Dimension verleiht. Gull bezeichnete den Waffensaal als „Ruhmeshalle“, während er als Thema für das Fresko den Rückzug von Marignano vorschlug, also eine Niederlage, welche die Wende in der Kriegspolitik der Eidgenossen einleitete und letztlich zur neutralen, friedlichen Schweiz führte – Domine conservat nos in pace.
Aus dem Internet erfahre ich, dass der grosse Turm des Landesmuseums dem Turm von Brugg nachempfunden sei. Der Schwarze Turm von Brugg wurde von den Habsburgern erbaut, wahrscheinlich unter Albrecht III im 12. Jahrhundert. Auf dem Dach sieht man dieselben merkwürdigen Türmchen, jedoch in anderer Zahl und Anordnung. So bestätigt sich meine obige Interpretation des Torturms des Landesmuseums als Antithese zum Reich der Habsburger, von dem sich die Eidgenossen lösten.
In einem Buch über die Siedlungsgeschichte von Zürich finde ich die Reproduktion einer Lithographie von Heinrich Burger, die kurze aber sehr erfolgreiche Landesausstellung von 1883 auf dem Platzspitz darstellend. Überraschenderweise gleicht das untere Ende des Parks wirklich dem Bug eines Schiffs (wohl eine künstlerische Freiheit im Dienst einer Idee): lmu26.JPG lmu27.JPG Im oberen Teil des Parks bildet ein grosser Springbrunnen das Zentrum eines geometrischen Gartens in Form eines von Bäumen umstandenen Halbkreises mit radialen Wegen; im unteren Teil stehen mehrere Gebäude, worin die industriellen Errungenschaften der Zeit präsentiert worden waren; und auf der linken Seite der Sihl (da wo ich wohne) steht eine grosse Fabrik mit hohem Schlot. Nach dieser Lithographie zu schliessen hat sich Gustav Gull mit seinem Plan für das Landesmuseum an die Vorgaben der Landesausstellung gehalten. Er war Stadtbaumeister, Professor, und Doktor der philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Im Bauarchiv fand ich seinen Pläne vom September 1892. Man sieht einen grossen Brunnen im Zentrum eines halbkreisförmigen Gartens mit radialen Wegen – wohl einfach von der Landesausstellung übernommen und der neuen Anlage eingegliedert. Von diesen Plänen kann man auf die erste Idee schliessen: das Gebäude ein Rechteck im Verhältnis 3:2 (musikalisch eine Quinte), die „gotische Kathedrale“ die halbe Länge einnehmend, der Mittelteil einen Fünftel, der ausgedrehte Flügel der damaligen Kunstgewerbeschule auf Seiten der Limmat ein Äquivalent der „gotischen Kathedrale“, der Hof ein offenes Äquivalent für beide, und der Park das freie Äquivalent zum Gebäude – eine grosszügige Anlage, sorgfältig austariert, einer schönen Idee gehorchend, welche wohl von der Landesausstellung 1883 stammen dürfte: die Schweiz als „Kahn“ im Strom der Zeit …
Früher mokierte ich mich eher über das Landesmuseum: es sei ein Konglomerat aus falscher Gotik, Pseudo-Renaissance und echtem Rübezahl. Inzwischen verstehe ich den eigentümlichen Stilmix und glaube zu wissen, was er bedeuten soll: die Alte Eidgenossenschaft im Dialog mit der im Park symbolisierten Helvetischen Republik. Der geplante Anbau würde leider diesen Dialog stören und das Landesmuseum auf das obige Konglomerat reduzieren, dem Mischmasch einen weiteren Stil beifügend. Im Fall des Kongresshauses will man ein schwer erträgliches Konglomerat von Baustilen abreissen, samt der schönen Halle der Landi 39 in dessen Kern, dagegen im Fall des Landesmuseums ein solches schaffen …
Die Schweiz ist gross geworden weil unsere Vorfahren in der Enge des kleinen Landes intelligente Lösungen für ihre Probleme fanden. Ich hoffe diese Fähigkeit bleibe uns erhalten.
Nocheinmal die Lithographie Heinrich Brunners von 1883: lmu26.JPG lmu27.JPG Sihl und Limmat bilden eine breite Fläche. Der Wasserweg diente einst dem Transport von Baumwolle aus dem Süden der USA. Der Platzspitz erscheint als Kahn, der radial gegliederte Halbkreis des „französischen Gartens“ erinnert in diesem Zusammenhang an die sichtbare Hälfte des Schaufelrades eines Mississippi-Dampfers. Der „französische“ Teil des Parks wäre damit auch ein Hinweis auf Louisiana im Süden der USA, der „englische“ Teil eine Anspielung auf die Yankees im industrialisierten Norden. In der Schweiz kam es ebenfalls zu einem Bürgerkrieg, nämlich dem Sonderbundskrieg von 1847 zwischen den Liberalen (mehrheitlich protestantisch) und Konservativen (katholisch). Dank der menschlichen Grösse General Dufours verlief er glimpflich, er dauerte nur drei Wochen und kostete nicht mehr als hundertsiebzig Menschenleben. Schon ein Jahr später wurde der Schweizer Bundesstaat gegründet, und er bekam eine Verfassung nach amerikanischem Vorbild. Ich glaube auch diese Verhältnisse in der Anlage des Landesmuseums reflektiert zu sehen. Gustav Gull übernahm zunächst den Springbrunnen der Landesausstellung von 1883 (ein Plan vom September 1892), realisierte dann aber die beiden geometrisch eingefassten Teiche zwischen Gebäude und Park – meiner Meinung nach als Symbol der Seen zwischen den Alpen und dem vergleichsweise flachen Mittelland, respektive zwischen dem konservativen Kern der Alten Eidgenossenschaft und der liberalen Helvetischen Republik.
Der Reiz der Anlage besteht im Dialog von Park und Gebäude, sei er symbolisch gelesen oder einfach als Augenweide wahrgenommen. Gustav Gull verwendete seine ganze Kunst auf diesen stillen Dialog. Er macht für mich den ideellen Wert der Anlage aus, und er ginge leider mit der Realisierung des geplanten Anbaus verloren.
Der Dialog zwischen der alten und neuen Schweiz findet sich auch in den Massen des Landesmuseums, programmatisch in der „Windrose“ des gepflasterten Vorplatzes: einer kleinen Scheibe mit angestücktem vierteiligem Ring, dessen radiale Fugen die Kardinalrichtungen angeben. Die kleine Scheibe hat einen Durchmesser von 30 cm, was einem Zürcher Fuss von 30,16 cm entspricht, während die mehrteilige grössere Scheibe einen Durchmesser von 100 cm oder einem Meter aufweist. Der Fuss steht für die alte Schweiz, der aus Frankreich stammende Meter für die neue Schweiz der Helvetischen Republik. Die leicht erhöhte Scheibe wird von einem konzentrisch ausgelegten Kopfsteinpflaster umgeben, eingefasst vom „Ufer“ eines weiten Rings radial angeordneter Platten, die je 30 mal 53,4 cm messen: das wäre ein gerundeter Zürcher Fuss mal eine auswärtige Elle in der Grössenordnung der Basler Elle von 53,98 cm und der Berner Elle von 54,17 cm. Die Zürcher Elle mass praktisch zwei Zürcher Fuss, nämlich 60,28 cm, gerundet 60 cm. Diese gerundete Elle dominiert das Innere der „gotischen Kathedrale“ und spielt auch sonst eine wichtige Rolle. Masse nach Gull, konvertiert, in aufsteigenden Zahlen: 3 5 6 11 12 16 20 21 30 31 40 60 65 86 109 130 172 Ellen à 60 cm. Es gibt auch viele ganze Metermasse: 3 4 5 6 11 12 14 15 16 17 18 23 24 36 39 53 78 m. Alle durch drei teilbaren Masszahlen sind in ganze Ellen konvertierbar: 3m 5 E, 6m 10 E, 12m 20 E, 15m 25 E, 18m 30 E, 36m 60 E, 39m 65 E, 78m 130 E.
Die Länge des grossen Rechtecks misst 103,2 m oder 172 Ellen, die Breite 65,4 m oder 109 Ellen. Die südliche Länge des Hofes misst 78 m oder 130 Ellen, die nördliche (auf Seiten des Parks) 78,12 m (ein klein wenig breiter, als leichte Unterstützung der Perspektive), die östliche Tiefe (auf Seiten des Eingangs) 35,05 m, die westliche Tiefe 34,7 m (selber Effekt). Darin lassen sich zwei Primär-Ideen erkennen, eine harmonische und eine geometrische. Die harmonische: Gebäudelänge 12, Breite 8, Hoflänge 9, Tiefe 4 (Oktave 8:4, Quinte 12:8, Quarte 12:9, Ganzton 9:8). Die geometrische: die Gebäudelänge verhält sich zur Breite wie der Umfang eines Halbkreises zum Durchmesser (Pi zu 2), die Hoflänge zur Tiefe wie der Umfang eines Kreises zur Diagonale des umschreibenden Quadrates (Pi zu Wurzel 2). Das realisierte Gebäude ist ein Kompromiss der beiden Ideen (und möglicher weiterer Ideen wie dem Goldenen Rechteck), so wie auch politische Gebilde Kompromisse darstellen. Gute Lösungen sind solche die möglichst vielen Ideen und Anliegen Raum gewähren.
Nachtrag vom Februar 2016 – verlorenes Emblem des Landesmuseums
An das Landesmuseum und das Stadtpräsidium Zürich
zur Kenntnisnahme
es grüsst
Franz Gnaedinger
Was geschah mit dem Kreis-Mosaik vor dem Eingang des Landesmuseums?
Vor einigen Jahren interpretierte ich die Anlage des Museums: das Gebäude — ein Komplex aus mehreren alten Stilen, von Burgbau und Gotik über Renaissance zu Barock und Rococo — symbolisiert die alte Schweiz vom Mittelalter bis 1848, der Park die moderne Schweiz von 1848 an, der geometrische Teil den Einfluss von Frankreich und der freie Teil den Einfluss Englands. Die Gebäude-Masse reflektieren diese Idee, indem sie den alten ‘Fuss', im Mittel rund 30 Zentimeter verdoppelt auf 60 cm, und den von Frankreich eingeführten Meter kombinieren. Ebenso das Kreis-Mosaik des Eingangs: der grosse Kreis hatte einen Durchmesser von 10 Metern, der zentrale kleine Kreis einen Durchmesser von einem Meter, und der halbierte kleinste Kreis darin einen Radius von 30 cm, als Referenz an den einstigen Fuss. Das verschwundene Mosaik war das Emblem des Landesmuseums, eine Erinnerung an die Gründung der modernen Schweiz die auf den Sonderbundskrieg folgte, welcher dank dem grossen General Dufour vergleichsweise glimpflich verlief. Man denke an den ähnlich gelagerten amerikanischen Bürgerkrieg: in beiden Fällen stand der industrialisierte Norden dem agrarischen Süden gegenüber. So war das unscheinbare Mosaik eine Erinnerung an eine der grössten Leistungen der Schweiz. Nun ist es weg, so wie auch der Sinn der ganzen Anlage wegen des Neubaus verloren ging.
PS Bin mir schon im Klaren dass Interpretationen und mathematische Studien der obigen Art nichts gelten, ebensowenig wie Arbeiten zur vorgriechischen Mathematik (insbesondere Ägypten und Mesopotamien, einfache aber clevere additive Methoden einschliesslich einer systematischen Berechnung des Kreises, lange vor Archimedes). Eine prosperierende globale Gesellschaft würde einen fairen Handel und eine faire Kulturgeschichte erfordern welche alle Beiträge würdigt und gutgesinnte Menschen in aller Welt ermutigt, am Aufbau unserer gemeinsamen Zivilisation mitzuwirken. Fairer Handel kostet, wogegen eine faire Kulturgeschichte umsonst wäre. Aber nein, der europäische Dünkel geht vor. Pythagoras über alles, auch in den Schweizer Schulen und Medien. Wäre eigentlich ein Thema für das Landesmuseum, gerade im Zeichen der anhaltenden Flüchtlings-Ströme.