Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03428.jsonl.gz/887

Ein Jahr lang fundierte und differenzierte Artikel rund um Religion, Sozialismus und Kritik - verschenken Sie ein Jahresabo der Neuen Wege!
Es ist die Philosophin Hannah Arendt, die in ihren Schriften die Gebürtigkeit zum Ausgangspunkt für das Verständnis des menschlichen Lebens erklärt und für die Philosophie der Moderne starkmacht. Arendt arbeitet das menschliche Prinzip heraus, das die Gebürtigkeit mit sich bringt. Sie findet im Geborensein die politische Dimension des menschlichen Lebens. In diesem Sinne soll die Gebürtigkeit in einem ersten Teil dieses Textes vorgestellt werden.
Von Säuglingen und Kindern, Müttern und Vätern und den Tätigkeiten der Generationen aber spricht Arendt auffälligerweise nicht. Das mag daher kommen, dass Zeugen, Gebären, Ernähren, Bauen eines Nests, Erziehen usw. Tätigkeiten sind, die Menschen mit Tieren gemein haben. Jedes Säugetier ist ein Geborenes, wird gefüttert, versorgt und grossgezogen, bis es selbstständig ist und als Erwachsenes allein oder in der Gruppe der Erwachsenen seiner Gattung überleben kann. Arendts Ausführungen über die menschliche Gebürtigkeit als ein spezifisch menschliches Prinzip legen es also nahe zu unterscheiden: Gebürtigkeit ist nicht gleich Gebürtigkeit, menschliche Gebürtigkeit hebt sich von der anderer (Säuge-)Tiere ab. Einerseits besagt menschliche Gebürtigkeit damit mehr als das Nähren, Pflegen und Grossziehen von Kindern. Andererseits können und müssen diese Tätigkeiten als menschliches «Werk» spezifiziert werden. Daher wird ein zweiter Teil des Texts davon handeln, inwiefern Arendts Ansatz die Verbindungslinie zwischen der spezifisch menschlichen Natur und den Sorgetätigkeiten der Generationen zu ziehen erlaubt.
Der dritte Teil dieses Textes wird über Arendt hinausweisen. Denn die menschliche Gebürtigkeit impliziert nicht nur eine eigene menschliche Eigenart, sie stellt zugleich selbst ein eigenes Gefüge dar, dessen Bedingungen erfüllt werden müssen. Es handelt sich um ein Bedingungsgefüge, an dem sich entscheidet, wie das Generationengefüge, das Ökonomische und das Politische miteinander in Beziehung gesetzt werden und werden können.
Hannah Arendt sieht in der «existenzielle[n] Relevanz menschlicher Gebürtlichkeit»1 nicht nur die anthropologische Alternative zum Todeszentrismus, in dem Menschen allein als Sterbliche und ihr Leben als Dasein zum Tode bestimmt wird, wie etwa bei dem Philosophen Martin Heidegger. Schon in der antiken Philosophie findet sie das politische Moment der menschlichen Existenz als Eigenschaft der Gebürtigkeit begriffen. Für Arendt stellt Gebürtigkeit dabei die Alternative zu Willkür, Gewalt, Verbrechen, Terror, Revolution, aber auch zur Konstruktion eines Absoluten dar.
Denn, so ihre Begründung, mit der Geburt kommt ein einzigartiger neuer Mensch in die Welt, den es zuvor nie gab und den es nach seinem Tod auch kein zweites Mal geben wird. Dadurch sei der Mensch mit der Fähigkeit des Beginnens begabt. Mit jedem Menschen kommt ein Anfang in die Welt. Menschen verfügen über die Fähigkeit, Anfänge zu machen, also etwas in Bewegung zu setzen und etwas neu zu gründen. Auf diese Weise wird Neues inmitten des Gewesenen möglich. Dieses Neue durchbricht das Gefangensein in allem Vorbestimmten, Übergeordneten, aber auch Unabwendbaren und Unerträglichen. Es handelt sich dabei um ein Ursprungsgefüge «ohne allen Rückbezug auf Vergangenes»2.
Das Anfangen kann ein neues Prinzip einbringen, dem von da an alles folgt. Darum kann das Prinzip «Anfang» als etwas Göttliches verstanden werden – Arendt beruft sich auf Platon. In der Freude über die Geburt eines Kindes zeigt sich die Freude über das Kommen einer neuen Generation. In dieser Freude wird die Göttlichkeit der Geburt gepriesen. «Das ‹Wunder› besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins […] Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien ‹die frohe Botschaft› verkünden: ‹Uns ist ein Kind geboren›.»3
Theologisch kann man darüber hinaus festhalten, dass mit der Geburt ein neues Konzept des Göttlichen fassbar wird, das die christlichen Evangelien genauer entfalten: ein Anfang ohne ersten bestimmenden Ursprung, ohne ein (neues) gewaltsames Absolutes, sondern als ein Einzigartigsein in Kontingenz und Pluralität.
Arendt erweist sich als eine ausgezeichnete Interpretin des Johannesevangeliums. Dort wird verkündet, dass Jesus als ein einzigartiger Geborener zur Welt kommt. Dabei findet er seinen Anfang nicht in der vor- oder übergeordneten Natur einer göttlichen Schöpfung, sondern im Wort. Denn das Wort stiftet eine spezifische Weise des Werdens: die menschliche Weise des Werdens. Wie ein Wort Fleisch wird (Joh. 1,14), hängt wiederum von der Kommunikation der Menschen miteinander ab, davon, wie es die anderen aufnehmen. Es kann sich auf eine Weise materialisieren, die tyrannisch-bevormundend und gewaltförmig-übergriffig ist, oder aber auf eine solche, die Menschen in Freiheit immer wieder neu miteinander in Beziehung setzt und dabei hoffnungsgetragen ist.
Die Möglichkeit, einen neuen Anfang zu setzen, bedarf also, so hebt es Arendt hervor, der Pluralität: der Stimmen unterschiedlicher, einzigartiger Menschen, die die Worte voneinander aufgreifen, miteinander konkrete Möglichkeiten beraten und sich Versprechen geben. Menschen können sich auf diese Weise von der Zukunft her verstehen und derart ihre Identität gewinnen, und zwar ohne dabei der Zwangsvorstellung zu verfallen, dass die Folgen des einzelnen und gemeinsamen Tuns absehbar und berechenbar sein müssen.4
Christ*innen feiern demzufolge an Weihnachten die Hoffnung der Welt, die durch das Zur-Welt-Kommen eines neuen Menschen vorstellbar wird. An Weihnachten werden einerseits die konkreten und materiellen Errungenschaften der Welt gefeiert, vergegenständlicht im Tausch von Geschenken. Zugleich wird mit der Geburt gefeiert, dass Festgefahrenes sichtbar gemacht und neu gewichtet werden kann, sodass Hoffnung aufscheint, und zwar auch darum, weil ein Neuankömmling einerseits die Verhältnisse aufbricht und andererseits sich selbst nicht als ein neues Absolutes zu setzen vermag.5
Arendt spricht allerdings weder über Kinder noch über die Sorgetätigkeiten, die sich die Generationen teilen. Deshalb könnte man ihr vorwerfen, dass sie (genauso wie die patriarchale Tradition) in ihrer Interpretation der Gebürtigkeit die Körperlichkeit und Materialität der menschlichen Existenz ignoriert. Liest man den Prolog des Johannesevangeliums jedoch genauer, so wird deutlich, dass es sich bei ihrer Interpretation nicht um eine weitere Ignoranz von Körperlichkeit und Materialität handelt, sondern darum, nach welchem Prinzip Menschen ihre gebürtliche Existenz praktizieren. «Nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren» (Joh. 1,13) zu sein, unterscheidet zwischen unterschiedlichen Weisen, wie Menschen Gebürtigkeit realisieren. Arendt zufolge kann zwischen der allgemeinen Natur der Gebürtigkeit und der menschlichen göttlichen Gebürtigkeit unterschieden werden, sofern Menschen das Neuanfangen realisieren.
Um der Idee einer Unmittelbarkeit der «Natur» etwas entgegenzustellen, hebt Arendt den Unterschied zwischen Natur und Bedingtheit hervor. «Blut» und «Wille» als Ursprung des Geborenseins wären blosse und determinierende «Natur». Aus dem Wort-in-Pluralität geboren zu werden, zeigt an, dass die Natur ein Bedingungsgefüge darstellt, in dem es Leerstellen und Möglichkeitsräume gibt, die Menschen durch ihre Tätigkeiten und Erfindungen füllen müssen, zum Beispiel indem sie Nahrungsmittel erfinden, die passgenau für Kleinstkinder sind.
Arendt betitelt im Englischen ihr Werk Vita activa entsprechend mit The human condition. Sie weist darauf hin, dass Aussagen über die Bedingtheit des Menschen und Aussagen über die Natur des Menschen nicht das Gleiche seien. Denn alles, womit Menschen in Berührung kommen, verwandelt sich in eine Bedingung ihrer Existenz,6 also auch das, was sie selbst geschaffen haben – Kleinkindnahrung und Windeln, Bildungseinrichtungen, Wasserwerke, Autobahnen und politische Verfassungen. Derart bilden Menschen inmitten der Natur die konkreten Erfindungen der Welt, orientiert an den geografischen und klimatischen Bedingungen ihrer Umwelt. In den Leerstellen und Möglichkeitsräumen der Natur lassen sich Natur und Welt immer wieder neu verflechten.7
Damit haben wir eine Präzisierung für die Bestimmung der menschlichen Gebürtigkeit gewonnen: Als Mensch geboren zu sein, heisst, in das Bedingungsgefüge Welt einzutreten, wobei die Welt die schon praktizierte Verarbeitung menschlicher geburtlicher Bedingtheit darstellt. Den Philosophen Immanuel Kant und Eugen Fink folgend kann formuliert werden: Dialog und Austausch sind ein generatives Erziehen, sie stellen ein aktives Hineinbilden in das Bedingungsgefüge dar, das Natur und Welt gemeinsam bilden.
Allerdings stellt sich in Bezug auf die Welt die Frage, inwiefern diese bereit ist, sich auf einen neuen menschlichen Anfang mindestens dann einzustellen, wenn ein Kind zur Welt kommt. Auf eindrückliche Weise erzählt das Magnifikat im Lukasevangelium von dieser Problematik, der Lobgesang einer jungen Frau, die schwanger werden soll. Der biblische Text hebt dabei einen Aspekt hervor, den Arendt nicht genauer aufgreift: Der Neuanfang eines Geborenen geschieht nicht im luftleeren Raum. Die Bedingungen der Welt sind persönlich und konkret. Sie werden deutlich an der Situation der Frau, die schwanger werden kann: Wird die Situation von Mutter und Kind so gestaltet, dass die Welt den Neuankömmling aufnimmt und sich darum für Mutter und Kind die soziale und ökonomische Ordnung öffnet? Werden die Mächtigen vom Thron gestürzt? Das Zur-Welt-Kommen eines neuen Menschen verlangt nach einer Öffnung der Welt; wenigstens ein Ort zum Schlafen für das Neugeborene muss eingerichtet werden, und sei es in der Krippe in einem Stall. Es bringt neue Konflikte hervor und lässt alte erneut zu Tage treten.
Gebürtigkeit als Phänomen des Anfangens steht demnach nicht allein, sie muss mit Schwangerschaft und mit der Situation der Mutter kombiniert werden. Die Geburt verdeutlicht als dezentrierender Akt im Beziehungsgefüge Mutter–Kind das Zusammenfallen der Kontinuität des Gewesenen mit dem Neuanfang inmitten einer konkreten Situation. Dezentrierung aber beinhaltet: dominierende Faktoren an die Seite zu rücken, um Lücken und Möglichkeiten deutlicher hervortreten zu lassen und inmitten von diesen Neuanfänge zu setzen (zum Beispiel stellt die Erfindung von NGOs ein solches Erobern von Leerstellen dar, NGOs erlauben es, neue Bezüge zwischen etablierten Institutionen und sozial-politischen Bewegungen zu stiften).
Bislang sind wir Arendts Überlegungen dazu gefolgt, inwiefern das Phänomen der Gebürtigkeit das Anfangen-Können-inmitten-des-Gegebenen als menschliche Besonderheit gründet. Aber welche Bedingtheit wird durch das Geborensein konstituiert? Auch dies führt zur Figur der Mutter (und den Ersatzpersonen von Müttern). Die Philosophin Luisa Muraro erläutert dazu den Zusammenhang des «fleischlichen Kreises» und des «mütterlichen Werks».8
Mit dem mütterlichen Werk ist gemeint, dass der mütterliche Körper dem Geborenen im Moment der Geburt und mit dem Durchschneiden der Nabelschnur bestimmte Bedingungen mitgibt, die von Erwachsenen gefüllt werden müssen, sodass das Geborene am Leben bleibt und gross und selbst erwachsen werden kann. Mit jeder Geburt also ist ein neuer Anfang etabliert, in dem laut Muraro die grundlegenden Bedingtheiten der menschlichen Natur und die der Welt erneut miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen, sodass der Vermittlungskreislauf an der Schnittstelle der Geburt eines Individuums sozusagen wieder auf eins gesetzt wird. Um ein Kind in immer grössere Eigenständigkeit zu entlassen, wird es im Rahmen von kulturellen Gewohnheiten entsprechend seiner natürlichen, geburtlichen körperlichen Bedürfnisentwicklung genährt und gepflegt, es bekommt zugleich das Geschenk der mütterlichen Resonanz und der Sprache ebenso wie Initiationen in die Bedingungen der Situation seiner Mutter, deren Eigenständigkeit und in die Möglichkeiten der Welt dargebracht.9 Zugleich entwickeln unterschiedliche Familien, Kulturen und Epochen unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die körperlichen Bedürfnisse von Kindern gut erfüllt werden und wie Kinder entsprechend ihren Entwicklungsphasen grossgezogen werden. Darüber hinaus entwickeln sich Kinder zu Egoisten gegenüber Müttern, wenn diese ihnen nicht vermitteln, welche Bedürfnisse und Wünsche sie selbst haben («ich brauche jetzt Zeit für mich») und welchen Bedingungen sie unterliegen («ich fange um 8 Uhr an zu arbeiten»; «das kann ich mir / können wir uns finanziell nicht leisten …»). So, wie Kinder die gemeinsame Situation als Begegnung in der Differenz des Generationengefüges verstehen lernen, so lernen sie Pluralität, aber auch die Vermittlungspraktiken zwischen Natur und Welt.
Man könnte von der gebürtlichen ökonomischen Ordnung des menschlichen Lebens sprechen: von den Tausch- und Vermittlungsmomenten zwischen natürlichen, materiellen und sozialen Bedingungen, den persönlichen, generativen und gesellschaftlichen Situationen in Natur und Welt und den Wünschen und Zielen, die mit der Geburt eines Kindes von Neuem miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen.
In diesem Sinne weist die Ökofeministin Ariel Salleh darauf hin, dass moderne, etablierte, kritische Ökonomiekonzeptionen dem Paradigma von Produktion folgen, wenn sie das Tun von Müttern und die Sorgeaufgaben der Generationen im Rahmen der Produktionslogik bewerten und die mütterliche Arbeit als Reproduktion beschreiben.10 In einer Logik der Dualisierung von Natur und Welt können die Vermittlungsleistungen zwischen Natur, Menschsein und Welt nicht gewürdigt werden, die mit der Geburt eines Kindes jedes Mal von Neuem eingerichtet werden müssen und können. Im Dualismus erscheint die Welt vielmehr als das Andere zur Natur und damit als Hort von Fortschritt gegenüber einem Naturzustand, dessen Nährboden die idealisierte weiblich-mütterliche Natur bildet.
Die Verarbeitung von Widersprüchlichkeiten, die Niederlagen und Widerständigkeiten von Müttern ernst zu nehmen und zugleich ihre Vermittlungsleistungen zwischen Natur und Welt zu würdigen und ihre erfolgreichen Lösungen zu tradieren, begründet hingegen ein Verständnis von «Wachstum», das nicht von der Produktionslogik – immer mehr Güter und Gewinne – vereinnahmt werden kann. Gewinn und Wachstum definieren sich stattdessen über die verbesserten Vermittlungsleistungen, mit denen Menschen auf die Bedingungsgefüge antworten, in denen sie leben, indem sie dem Selbstbewusstsein folgen (lernen), Natur, Einzigartigkeit und Welt immer wieder neu zu verweben. Die Natur ist hierbei nicht länger auf eine Ressource für die Produktion reduziert, sondern als Teil des Bedingungs- und Resonanzraumes klassifiziert, in dem Menschen Vermittlungen für ihre Bedingtheit suchen.
Trotz seines Patriarchalismus kann Aristoteles’ Leistung Tribut gezollt werden, Haushalt, Produktion, Handel und Gerechtigkeit als vier Sphären des Ökonomischen zu unterscheiden und damit vier unterschiedliche Vermittlungsbereiche zwischen Welt und Natur zu sondieren. Die Moderne hat diese Differenzierungsmöglichkeit hingegen hierarchisiert und mit Marx zunächst den Bereich der Produktion über die beiden anderen gestellt, während im Spätkapitalismus der Handel in Form von Neoliberalismus und Finanzkapitalismus über Produktion und Reproduktion / Haushalt gestellt wird. Solche hierarchisierenden Gefüge aber können nur überwunden werden, wenn das Paradigma des mütterlichen Werks als Antwort auf die Bedingtheit der Gebürtigkeit verstanden wird. Hiermit kann nicht nur der Haushalts-Ökonomie-Patriarchalismus überwunden werden. Vielmehr kann der Sinn dafür geschärft werden, dass die Vermittlungen zwischen Natur, Welt und Generationengefüge sowie zwischen Grundversorgung, Produktion und Geldwirtschaft immer wieder neu zu gestalten sind. Gebürtigkeit besagt, die Bereitschaft zu Dezentrierung und Transformation als primäre politische Tugend zu deklarieren.
Die politische Bedeutung der Gebürtigkeit herauszustellen ist so dringend wie kaum zuvor. Wie kein anderes Phänomen lässt der Klimawandel die fehlgeleiteten Füllungen der Leerstellen und Interaktionen zwischen Welt und Natur zutage treten, wie etwa die Ressourcenverschwendungen des Westens. Inmitten der Kontinuität des Gewesenen einen neuen Anfang zu setzen, darin besteht die politische Problematik unserer Zeit. Wenn die junge Generation in der Fridays-for-Future-Bewegung gegenüber Eltern und Grosseltern die Ernsthaftigkeit des Neuanfangs einklagen, so aktualisiert sie das Prinzip der Gebürtigkeit. Den jungen Menschen kommt diese Aufgabe zu, weil «ihnen die Zukunft gehört», sie zugleich weniger in vorhandene Verhältnisse verstrickt sind und leichter neue Vermittlungen suchen können als die Mächtigen und Wohlsituierten. Die Elterngenerationen hingegen müssen den Widerspruch zwischen der Sorge für die nachfolgende Generation und der eigenen Etabliertheit durchschreiten lernen. Mit Hannah Arendt lässt sich also konstatieren, dass die Fridays for Future keinen Generationenkonflikt sichtbar machen, sondern das Moment des Neu-anfangen-Könnens inmitten gefrorener Verhältnisse gegen das Establishment starkmachen.
Im psychologischen Bereich wird zunehmend das Phänomen der Klimaangst entdeckt. Es handelt sich um die Angst, dass trotz allem Engagement die Transformation der Verhältnisse nicht gelingt. Die Rede der «Klimakatastrophe» etabliert ein Absolutes. Diese Angst ist an Sterblichkeit und am Wunsch nach einer absoluten Tat («alles ist ganz anders» und «die Folgen meines Tuns müssen absehbar und berechenbar sein») orientiert. Hier die Gebürtigkeit ins Spiel zu bringen, heisst nicht, im Gegenzug Klimaprobleme kleinzureden oder zu individualisieren, sondern vielmehr die Möglichkeit zu realisieren, Anfänge inmitten der Zeiten setzen zu können. Dazu muss nicht jede*r Einzelne eine eigene, neue Initiative starten. Vielmehr kann danach geschaut werden, welche Initiativen es ermöglichen, ein erstes, wenn auch nicht unbedingt ein ideales Neues im Inmitten des Vorhandenen zu realisieren – und zwar, ohne (sich) selbst ein neues Absolutes zu setzen.●
Hannah Arendt: Über die Revolution. München 1974, S. 275.
Arendt: ebda., S. 273.
Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. 3. Aufl. München 1981 (orig. 1958/1960), S. 243.
Ausführlicher dazu: Andrea Günter: Geist schwebt über Wasser. Postmoderne und Schöpfungstheologie. Wien 2008, S. 47–76.
Ausführlicher dazu: Andrea Günter (Hrsg.): Maria liest. Das heilige Fest der Geburt. Rüsselsheim 2004.
Arendt: Vita activa, S. 16
Diese Einsicht hatte auch schon Platon in seinem Werk Gesetze eindrücklich formuliert, Herder und Hegel haben sie aufgegriffen, sie wurden zur wichtigen Referenz von Arendts Unterscheidung zwischen «Natur» und «Bedingtheit» und dem Sprechen-in-Pluralität. Die Tradition, in die Arendt sich stellt, zu kommunizieren, besagt zu realisieren, dass es seit den Anfängen der Philosophie eine starke Alternative zu Aristoteles’ Natur-Kultur/Welt-Dualismus gab, eine, die des Weiteren auch nicht den Fehler beging, Natur auf eine menschliche Konstruktion zu reduzieren.
Luisa Muraro: Die symbolische Ordnung der Mutter. 2. Aufl. Rüsselsheim 2006.
Wenn wir präzise sein wollen, müssen wir das Wort «Mutter» als ein Homonym auffassen, das zwei Bedeutungen hat. Einmal benennt es die Frau, die ein Kind geboren hat, und damit zugleich eine Relation. Dann benennt es die Situation des Geborenen in seiner Bedingtheit durch den Körper seiner Mutter, so müssen die Funktionen der Nabelschnur durch Erfindungen der Welt ersetzt werden, womit die Sorgetätigkeit von Müttern als Ersatz dieser Verbindung kenntlich wird. Der Unterschied wird auch darüber sinnfällig, dass die Situation des Kindes nicht mit der der Mutter identisch ist, das Kind von der sozial-ökonomisch-politischen Situation ebenso wie von der Erfahrenheit der Mutter mit der Welt abhängt, denken wir an die Schicksale unverheirateter Mütter in den letzten Jahrhunderten und die Praxis, dass viele von ihnen ihre Kinder weggegeben haben, um arbeiten zu gehen, und andere Personen wenigstens die Funktionen erfüllen mussten, sollten die Kinder am Leben bleiben. Zur kategorialen Bestimmung von «Mutter» vgl. Andrea Günter: Mutter, Sprache, Autorität. Sprechenlernen und Weltkompetenz. Rüsselsheim 2009.
Ariel Salleh: Ecofeminism as politics. Nature, Marx and the postmodern. London 2017, S. 61–71; 153–157.