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«Wenn ich gross bin, will ich nicht so dumm sein wie du», schreit Liam* seine Mutter an. Da ist er drei. Sie stehen vor einer Autowerkstatt – und die Mutter kann ihm nicht ganz genau erklären, wie ein Motor funktioniert und wie das mit den Zylindern geht. Der Kleine tobt.
Liam kann früh sprechen und begreift sehr schnell. Als ihn einmal eine Kollegin der Mutter in die Kita fährt, spielt der Dreijährige «Navi» und lenkt sie ohne Umweg ans Ziel. Immerhin eine 15-minütige Autofahrt.
Jeannine Huber*, Liams Mutter, zuckt mit den Schultern, zupft an ihrem Rossschwanz. Sie wisse nicht, wie sie mit Liams Begabung umgehen soll. Sie ist gelernte Verkäuferin, arbeitet momentan als Serviceangestellte, ist schon lange von Liams leiblichem Vater, einem Italiener, getrennt. Sie haben kaum Kontakt zu ihm.
Liam ist heute zwölf, lebt mit der Mutter, dem Stiefvater und den beiden jüngeren Halbgeschwistern in einem Reihenhäuschen im Zürcher Oberland. In einer Ecke des Wohnzimmers steht eine Spielzeugküche für die Kleinen. Huber streichelt gedankenverloren die graue Katze, die nicht von ihrer Seite weicht.
Mit fünf wird Liam von einer Zecke gestochen . Mit einseitiger Gesichtslähmung muss er ins Spital. Ein Arzt nimmt ihm Blut ab und erklärt, das Blut werde sagen, woran er leide. Liam reagiert ärgerlich: «Blut kann doch gar nicht reden. Sie meinen, dass Sie mein Blut unter dem Mikroskop untersuchen und dann sehen, womit es befallen ist.» Liam war an Neuroborreliose erkrankt, übertragen von Zecken. Er musste drei Wochen im Spital bleiben.
Die Ärzte raten nach dem Spitalaufenthalt zu einer psychosomatischen Therapie, einer ganzheitlichen Behandlung von Körper und Seele. Zur Abklärung gehört ein Intelligenztest
. Liams IQ liegt bei 147 – alles über 130 gilt als
Hochbegabung. Ein IQ von 85 bis 115 steht für durchschnittliche Intelligenz. Nur zwei Prozent der Bevölkerung haben einen Wert über 130.
Es zerreisst ihn fast
Bei der Untersuchung stellen die Ärzte auch fest, dass Liam im motorischen und im sozialen Bereich Defizite aufweist. Tatsächlich lernt er erst mit acht Velo fahren, auch beim Schwimmen ist er spät dran. Er hat zudem Mühe, Freunde zu finden. Die Diskrepanz zwischen seiner Intelligenz und seinen Defiziten zerreisst den Buben manchmal fast.
Das Drama begann, als Liam in den Kindergarten musste. Damals lebte er mit der Mutter im Zürcher Weinland. Voller Stolz ging Liam in den Chindsgi. Aber nach dem ersten Tag kam er enttäuscht nach Hause. «Mami, da ist es genauso langweilig wie in der Kita», sagt er. Er wollte in die Schule, sofort, aber das ging nicht. Er schlug sich jeden Morgen den Kopf blutig, weil er in den «blöden Chindsgi» müsse. Er begann in der Nacht plötzlich wieder zu nässen, jeder Tag war ein Kampf.
Jeannine Huber erinnert sich, wie die Schulpsychologin sagte: «Es gibt so viele Akademikerkinder in der Gemeinde, die auch keine besondere Förderung brauchten. Was fällt Ihnen ein, so etwas zu wollen? Sie sind ja nur Verkäuferin.» Den unterschwelligen Vorwurf, es könne doch gar nicht sein, dass eine Verkäuferin ein so intelligentes Kind hat, hat Huber schon oft gehört.
Sie wolle nur prahlen
Auch die Heilpädagogin sagte zu Jeannine Huber, sie wolle ihr Kind doch nur in die Förderschule schicken, damit sie prahlen könne, es sei gescheit. «Am Anfang habe ich mich gefreut, dass Liam hochbegabt ist. ‹Wow!›, dachte ich. Aber man bekommt nur Neid und Missgunst», so Huber. Mittlerweile habe sie gelernt, Liams Begabung zu verschweigen.
In dieser Zeit lernte Jeannine Huber ihren neuen Partner kennen. Als er von Liams Schwierigkeiten im Kindergarten hörte, riet der Sanitärinstallateur seiner Freundin, sie solle doch mit ihrem Sohn zu ihm ins Zürcher Oberland ziehen. Dort könne Liam neu anfangen und mit der ersten Klasse starten.
Die Unterstufe meisterte Liam erstaunlich gut. «Ein Glück, dass wir umgezogen sind», sagt seine Mutter. «Das waren drei wunderbare Jahre.» Liam kam in eine leistungsstarke Klasse. Seine Noten waren sehr gut, auch im Betragen. Liam besuchte die Begabtenförderung, blühte auf, schloss Freundschaften. Beim Fussballclub wird er Stammgoalie. Bis zu dreimal wöchentlich trainiert er. Inzwischen hat er eine kleine Halbschwester, um die er sich liebevoll kümmert.
«Plötzlich kam er mit Dreiern heim»
Doch dann kündigte ihnen der Vermieter die Wohnung , weil das Haus verkauft wurde. Die Familie musste ins Nachbardorf ziehen und Liam zu Beginn der vierten Klasse die Schule wechseln. «Ab da ging es nur noch bergab», sagt seine Mutter.
Liam war unterfordert, die ständigen Wiederholungen und Erklärungen von Dingen, die ihm nach dem ersten Mal völlig klar waren, nervten ihn. Er isolierte sich immer mehr, verweigerte sich, störte den Unterricht. Er wurde frech und lenkte die Mitschüler ab. Seine Noten verschlechterten sich. «Plötzlich kam er mit Dreiern heim», so seine Mutter. Sie war entsetzt.
Das ist typisch für Minderleister, wie Kinder und Jugendliche genannt werden, deren Leistungen deutlich schlechter sind, als von ihrer Intelligenz her zu erwarten wäre. Jeder achte Hochbegabte ist ein Minderleister – Buben sind doppelt so oft betroffen wie Mädchen. Es spielt auch keine Rolle, ob sie in einer bildungsnahen oder bildungsfernen Familie aufwachsen.
Typisch sei, dass sie sich wenig zutrauen, unsystematisch lernen und arbeiten, schlecht motiviert sind und eine «grosse Schulunlust verspüren», sagt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm
. Für die Betroffenen ist es hart, mit dauerndem Frust umzugehen – das bringt hohen Leidensdruck.
«Zu wenig Ressourcen für hochbegabte Schülerinnen und Schüler»
Sein Lehrer weiss um Liams missliche Situation. Die Schule müsste ihm ein Mentoring anbieten. Darin könnten spezielle Aufträge mit ihm besprochen werden, an denen er während des Unterrichts arbeiten kann. Die schulische Heilpädagogin habe oft nicht die Zeit, um auch noch mit den besonders begabten Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Sie sei mit den Schwachen schon genug ausgelastet.
«Ein Mentoring wird leider nur ganz selten von der Schule bezahlt und eingerichtet», so der Lehrer. Sein Fazit: «Für hochbegabte Schülerinnen und Schüler stellt der Kanton zu wenig Ressourcen zur Verfügung.»
In der fünften Klasse wird Liam auf Wunsch der Mutter erneut schulpsychologisch abgeklärt. Im Bericht heisst es: «Liam weist eine Hochbegabung auf und verfügt über eine besonders schnelle auditive und visuelle Informationsverarbeitung. Im Unterricht langweilt er sich dadurch sehr oft. Er lässt sich immer wieder zu Unfug anstiften. Dass er als Streber bezeichnet werden könnte, bereitet ihm Sorgen, wodurch er mit grosser Wahrscheinlichkeit auch bewusst nicht lernt und dadurch schlechte schulische Leistungen zeigt.»
Die vorgeschlagene Massnahme: Liam soll weiter in die Begabtenförderung und zusätzlich einen halben Tag pro Woche in die Talenta in Zürich, eine Privatschule für Hochbegabte. Die Schulbehörde bewilligt das. Eine gute Massnahme. Liam geht gern an die Talenta, ist interessiert und beteiligt sich am Unterricht. Ganz anders in seiner angestammten Klasse. Dort stört er weiterhin massiv und beteiligt sich nicht. «Er fällt im Unterricht auf, weil er sich sehr schnell ablenken lässt. Er ist oft schlecht gelaunt und beeinflusst das Klassenklima negativ», sagt sein Lehrer.
Allein im dunklen Zimmer
In der sechsten Klasse ist Liam völlig demotiviert. An schlechten Tagen hat er nicht einmal mehr Lust, ins Fussballtraining zu gehen. Daheim zieht er sich immer mehr zurück und verbringt seine Tage am liebsten allein im abgedunkelten Zimmer. Seine Mutter leidet unter der Situation.
Mittlerweile ist die Familie zu fünft, Liam hat nun eine Halbschwester und einen Halbbruder. Um die beiden Kleinen kümmert sich der Zwölfjährige gut, er passt auf sie auf, wenn die Mutter mal kurz etwas erledigen muss. Viele hochbegabte Kinder können kaum zeigen, was in ihnen steckt. Das macht es schwierig, sie zu fördern und ihnen gerecht zu werden. «Logischerweise spielen Lehrkräfte eine wichtige Rolle», sagt Expertin Margrit Stamm. «Wenn sie professionell agieren, schalten sie im Unterricht mit guter Organisation und hoher Qualität Minderleistungen massgeblich aus.»
Liam fährt sich durch seine dunklen Haare. Er redet nicht gern über sich. Seine Lieblingsfächer sind Mathematik und Sport. Der Rest sei langweilig. Nur beim Thema Fussball wird er gesprächiger. Er ist Fan von Juventus Turin, die italienische Liga hat es ihm angetan.
Aber Liam hat nun ein Ziel. Er setzt all seine Energie auf die Gymiprüfung von Anfang März. Am Gymnasium werde alles besser, hofft er. Dort seien dann alle Schüler wie er, und er könne endlich normal lernen. «Hoffentlich klappt das», schiebt Liam leise nach. Niemand wünscht sich das mehr als seine Mutter. «Wenn es dann wieder so wäre wie in der Unterstufe damals. Ganz normal.»
*Name geändert
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Wird das Kind eingeschult, ist das nicht nur für die Kleinen ein bedeutender Einschnitt ins Leben. Guider bietet Eltern wertvolle Tipps rund um die Schule: Erfahren Sie als Mitglied unter anderem, wie Sie zu einem angenehmen Lernklima beisteuern können und welche Mittel Ihnen bei Unzufriedenheit mit der Schule offenstehen.