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Kapitalismus: Reine Zeitvergeudung
Konrad Lotter. Der Kapitalismus kommt ohne fortwährende Beschleunigung nicht aus. Weil jener aber grundverkehrt läuft, schafft diese keine Besserung. Über eine Funktionsbestimmung in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie.
Ein grundlegender, häufig zu wenig beachteter Unterschied in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie ist der zwischen allgemein warenproduzierender und speziell kapitalistischer Gesellschaft. Erstere ist dadurch gekennzeichnet, dass arbeitsteilig und nicht für den eigenen Bedarf, sondern für den Austausch und damit für den Markt produziert wird. Auf diese Weise verwandeln sich die Arbeitsprodukte in Waren. Letztere schließt sich daran an, geht aber einen entscheidenden Schritt darüber hinaus: In ihr werden nicht nur die Arbeitsprodukte, sondern auch die Arbeitskraft der Menschen wird zur Ware und auf dem Markt gehandelt. Historisch betrachtet liegen die Anfänge der warenproduzierenden Gesellschaft im »Kontakt der [naturwüchsigen] Gemeinwesen« untereinander.[i]
Von den Rändern, dem Handel zwischen verschiedenen Gemeinwesen ausgehend, breitet sich der Warentausch dann auch im Inneren, als Handel zwischen verschiedenen Privatpersonen desselben Gemeinwesens, aus. Warenproduzierende Gesellschaften existierten somit bereits zur Zeit der griechischen Antike, des römischen Weltreichs oder des Mittelalters. Dagegen hat die kapitalistische Warenproduktion die »ursprüngliche Akkumulation« zur Voraussetzung, bei der die Bauern (seit dem 16. Jahrhundert) von ihren »Subsistenzmitteln« (Grund und Boden) getrennt und »als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert« wurden (23, 744). Mit der Aneignung des durch die Lohnarbeit produzierten Mehrwerts durch den Kapitalisten schlagen die Gesetze der einfachen in die kapitalistische Warenproduktion um. Der Warenmarkt erweitert sich zum Arbeitsmarkt (wo Arbeitskraft gekauft und verkauft wird), zum Finanzmarkt (wo Geld, Kredite, Wechsel und Aktien gehandelt werden) und zum Weltmarkt (wo alle nationalen Grenzen überschritten werden).
Funktionen der Zeit
Für die folgenden Überlegungen ist die Unterscheidung von warenproduzierender und kapitalistischer Gesellschaft insofern grundlegend, als »Zeit« der einen, »Beschleunigung« der anderen wesensmäßig zugeordnet werden kann. Gleich auf den ersten Seiten des »Kapitals«, auf denen Marx die Grundbegriffe der Warenproduktion einführt, werden nacheinander drei Grundbestimmungen oder Funktionen der Zeit genannt. Erstens ist die Zeit der Maßstab, an dem der Wert von Arbeitsprodukten gemessen wird. Je mehr Zeit zur Produktion einer Ware aufgewendet werden muss, desto größer ihr Wert. Zweitens ist die Zeit das Kriterium, nach dem verschiedene Arbeitsprodukte oder Gebrauchswerte gegeneinander ausgetauscht werden. Beim Tausch von z. B. 20 Ellen Leinwand gegen einen Rock werden demnach gleiche Zeitquanten getauscht, da zur Herstellung von 20 Ellen Leinwand genauso viel Zeit benötigt wird wie zur Herstellung von einem Rock. Drittens ist Zeit im Geld vergegenständlicht. Der von Benjamin Franklin geprägte Satz »Zeit ist Geld«, den Max Weber als Beleg für den »Geist des Kapitalismus« zitiert, besitzt, wie Marx in der Wertformanalyse zeigt, für jede (also nicht nur für die kapitalistische) Waren- oder Tauschgesellschaft Gültigkeit. »Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit« (23, 109). Anzumerken bleibt, dass allen drei Funktionen der Zeit eine »einfache« und am Stand der Produktivkraftentwicklung gemessene »durchschnittliche« Arbeit zugrunde liegt.
Eine weitere Grundbestimmung oder Funktion der Zeit reicht über die Grenzen der warenproduzierenden Gesellschaft hinaus. Beim fiktiven Robinson Crusoe (in Defoes Roman), bei einer autark lebenden Bauernfamilie oder in einem zukünftigen »Verein freier Menschen« ist die Zeit die Grundlage für die Planung der Arbeit. »Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts« (23, 93).
Der Schatzbildner ist ein Typus der vorkapitalistischen Gesellschaft. Seine Haupteigenschaften sind Fleiß (er produziert Waren, die er gegen Geld verkauft) und Sparsamkeit oder Geiz (er tauscht das erhaltene Geld nicht vollständig gegen andere Waren ein, sondern hortet es). Auf diese Weise vergrößert sich sein Geldbesitz und wird zum Schatz. Möglicherweise hatte Marx die Karikaturen aus Molières Komödie »Der Geizige« oder Balzacs Romanzyklus »Die menschliche Komödie« (etwa die Figur des Gobseck) vor Augen, als er das hässliche Porträt des Schatzbildners zeichnete: Er »macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung« und »opfert … dem Goldfetisch seine Fleischeslust« (23, 147). Setzt man Zeit und Geld gleich, so stellt der Schatz allerdings auch eine Anhäufung von Zeit dar, von freier Zeit, in der der Schatzbildner nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss und die er, wenn die Schatzbildnerei nicht zum Selbstzweck geworden ist und ihn psychisch deformiert hat, zur Muße, d. h. zum Lesen, Musizieren, zur Geselligkeit oder zum Sport verwenden kann. Er kann seinen Zeitvorrat auch verschenken oder sogar vererben. Der Gegensatz des Schatzbildners wäre der Schuldner. Er hat sich Geld ausgeliehen und bereits ausgegeben, d. h. einen Teil seiner Lebenszeit verpfändet. Seine Zukunft liegt damit in der Hand des Gläubigers.
Sobald der Schatzbildner sein Geld nicht mehr unter der Matratze versteckt, sondern investiert oder auf die Bank trägt, um dafür Zinsen zu erhalten, hört er auf, Schatzbildner zu sein. Er tritt aus der Warenzirkulation W – G – W’ (Ware wird gegen Geld, Geld gegen andere Waren getauscht) aus und in die Kapitalzirkulation G – W – G’ (Geld wird gegen Waren, Waren gegen mehr Geld getauscht) ein. Damit wird er zum Kapitalisten. Die Warenzirkulation ist eine endliche Bewegung, sie beginnt mit der Produktion einer Ware und endet mit dem Konsum einer Ware.
Erst mit der Entstehung des Kapitalismus wird die Warenzirkulation durch die Geld- oder Kapitalzirkulation überlagert. Sie beginnt mit Geld, das jemand hat, der damit Waren (Rohstoffe, Werkzeuge, Arbeitskräfte etc.) kauft, um neue Waren zu produzieren, die er auf dem Markt für mehr Geld, also mit Gewinn, verkauft. Da das über das vorgeschossene Geld gewonnene Geld in der Regel nur zum Teil verkonsumiert und wieder investiert, d. h. in eine erweiterte Geldzirkulation zurückfließt, bezeichnet die Geld- oder Kapitalzirkulation eine unendliche Bewegung. Wie bei der einfachen Warenzirkulation (in warenproduzierenden Gesellschaften) die Zeit eine tragende Rolle spielt, so wird bei der Geldzirkulation (in kapitalistischen Gesellschaften) die Beschleunigung zum Dreh- und Angelpunkt des ökonomischen Geschehens. Nun, da die Arbeitskraft zur Ware geworden ist und Mehrwert (die Differenz zwischen vorgeschossenem Geld G und zurück erhaltenem Geld G’) produziert, kommt alles darauf an, den Gesamtprozess des Wirtschaftens zu beschleunigen. Das treibende Motiv ist dabei nicht die Gier des einzelnen Kapitalisten. Es handelt sich vielmehr um einen in der Struktur des Kapitalismus angelegten Zwang: Wer im Tempo nicht mithalten kann, fällt im Kampf der Konkurrenten zurück und geht unter. Da der Gesamtprozess des Wirtschaftens zwei Seiten hat, die Produktion und die Zirkulation der Waren, nimmt auch die Beschleunigung zwei Formen an: als Beschleunigung der Produktion und Beschleunigung der Zirkulation.
Entwicklung der Produktivkräfte
Marx unterteilt den Arbeitstag in die »notwendige Arbeitszeit«, die durch den Lohn abgegolten wird und zur Reproduktion des Arbeiters und seiner Familie dient (Nahrung, Wohnen, Kleider, Erholung, Ausbildung der Kinder etc.), und die »Mehrarbeits- oder Surplusarbeitszeit«, die nicht durch den Lohn abgegolten wird und den Mehrwert erwirtschaftet (23, 231 f.). Da im Konkurrenzkampf der Kapitalisten möglichst viel Mehrwert oder Gewinn herausgeschlagen werden soll, wird versucht, die notwendige Arbeitszeit zu verkürzen und die Surplusarbeitszeit zu verlängern. Dazu stehen zwei Wege offen. Entweder wird der Arbeitstag verlängert, was aber schnell an die »physischen Schranken« der Arbeiter oder an gesetzlich vorgegebene Grenzen stößt. Oder das Verhältnis der notwendigen zur Surplusarbeitszeit wird (bei gleich langem Arbeitstag) zugunsten der letzteren verschoben. Das kann z. B. auch durch Verbilligung und »Verfälschung von Lebensmitteln«, Verwendung von Surrogaten etc. (23, 262 und 264 Fußnote) geschehen, was die Absenkung des Reallohns und die Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit ermöglicht. Der Haupthebel aber ist die Steigerung der Produktivität der Arbeit, d. h. die Beschleunigung der Produktion durch verbesserte Produktivkräfte: durch den Einsatz effektiverer Maschinen, zunehmende Arbeitsteilung, speziellere Ausbildung, reibungslosen Ablauf der Produktion. Wem es gelingt, den Durchschnitt der Produktivität, d. h. die Durchschnittsgeschwindigkeit der Produktion zu übertreffen, der vergrößert die Surplusarbeitszeit und erwirtschaftet einen »Extraprofit«, der ihm einen Wettbewerbsvorteil verschafft.
Für den Arbeiter hat die Beschleunigung der Produktion durch verbesserte Produktivkräfte eine doppelte Konsequenz. Zum einen verlängert und intensiviert sie seinen Arbeitstag. Marx spricht von dem »ökonomischen Paradoxon«, dass die Maschine, »das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit« unter kapitalistischen Verhältnissen »in das unfehlbarste Mittel umschlägt, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung des Kapitals zu verwandeln«. An sich erleichtert die Maschine die Arbeit, »kapitalistisch angewendet« aber steigert sie vor allem ihre Intensität, so dass ein Zehnstundentag »jetzt so viel oder mehr Arbeit« enthält wie früher ein Zwölfstundentag (23, 430, 465, 433). Zum anderen gibt die Maschine die Geschwindigkeit der Arbeit vor. Dass der Arbeiter zum »lebendigen Anhängsel« der Maschine wird (23, 445), heißt auch, dass die »Eigenzeit« (der Biorhythmus) des Arbeiters der mechanischen Zeit, dem Takt der Maschine, untergeordnet und durch die Maschine eine Beschleunigung der Arbeit erzwungen wird.
Wie in der Produktion hat die Beschleunigung auch in der Zirkulation das Ziel, den Profit zu steigern; wie in der Produktion wird auch sie dem einzelnen Kapitalisten bei Strafe des Untergangs durch die Konkurrenz aufgezwungen. War die Beschleunigung der Produktion (in der die Warenwerte erzeugt werden) allerdings unmittelbar auf die Steigerung des Profits gerichtet, so zielt die Beschleunigung der Zirkulation (in der den Waren keine Werte hinzugefügt werden) nur mittelbar auf die Steigerung des Profits: durch Senkung der Kosten, die bei der Vorbereitung der Produktion oder der Realisierung des Mehrwerts anfallen.
Wird die Beschleunigung der Produktion vornehmlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte, so wird die Beschleunigung der Zirkulation durch die Vermeidung von Verzögerungen im gesamten Kreislauf der Produktion erreicht. Neben der Reduzierung der Kosten (die den Mehrwert schmälern) nennt Marx ein zweites Motiv, das zur Beschleunigung der Zirkulation anspornt: die Reduzierung des unternehmerischen Risikos und zwar in verschiedener Hinsicht. Erstens vermindern eine »größere Geschwindigkeit, Regelmäßigkeit und Sicherheit«, womit die nötigen Produktionsmittel beschafft werden können, das Risiko, dass die Produktionsabläufe ins Stocken geraten (24, 143). Zweitens steigt »mit der längeren Umlaufszeit der Waren das Risiko eines Preiswechsels auf dem Verkaufsmarkt« (24, 255), so dass die Kalkulation nicht mehr stimmt und die berechneten Erlöse nicht mehr erzielt werden können. Drittens besteht die Möglichkeit, dass die Produktion, aus welchen Gründen immer, eingestellt und nicht zu Ende geführt wird. Mit der Länge der Umschlagszeit wächst daher das Risiko, dass »die bereits … verzehrten Produktionsmittel und Arbeit nutzlos verausgabt« (24, 233) worden sind.
Verkürzung der Umschlagszeit
Die Mittel, um die Zeit für die Bereitstellung der Produktionsmittel zu verkürzen, sind Verbesserung der Kommunikation, des Transports, der Vorratshaltung (von Rohstoffen und Werkzeugen), damit keine Engpässe oder Verzögerungen entstehen. Zur »Logistik« der Abläufe gehört auch ein »flexibler Arbeitsmarkt«, der geeignete Arbeitskräfte in ausreichender Menge bereitstellt. Große Bedeutung spricht Marx der »Buchführung« zu, die nicht nur die Preise kalkuliert, sondern die ganze »Bewegung der Produktion und namentlich der Verwertung« (24, 135) kontrolliert und rational organisiert. Sie sorgt dafür, dass die Bereitstellung der Produktionsmittel zwar so groß wie nötig ist, damit die Arbeitsabläufe nicht unterbrochen werden, gleichzeitig aber so gering wie möglich, damit keine zusätzlichen »Aufbewahrungskosten« (24, 138) entstehen.
Unter Produktionszeit versteht Marx über die Arbeitszeit (in der die Waren produziert werden) hinaus auch die Unterbrechungen der Arbeit, die zur Regeneration der Arbeiter (Pausen, Nächte) oder zur Reifung der Arbeitsprodukte (Wachstum des ausgesäten Korns, Gärung der gepressten Trauben) erfordert sind. Da das Kapital, das in Fabrikgebäude, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe etc. investiert ist (»fixes Kapital«) seinen Wert auch dann verliert, wenn nicht gearbeitet wird, nämlich durch Alterung oder »moralischen Verschleiß«, d. h. Überholt-Werden durch den technischen Fortschritt (23, 426), ist der Kapitalist daran interessiert, dass die Arbeit nach Möglichkeit nicht unterbrochen wird. Im einen Fall nimmt die Beschleunigung die Form der Schicht- und Nachtarbeit an. Im anderen Fall wird versucht, die Reife- oder Gärungszeiten zu verkürzen, etwa durch die künstliche Trocknung von Holz (24, 242) oder – Beispiele, die Marx nicht anführt – durch Gewächshäuser, Beheizung des Bodens, Zusatz von Chemikalien oder Züchtung schneller reifender Arten. Da während der »überschüssigen« Zeit (Nächte, Reifezeit) »keine Verwertung des produktiven Kapitals«, also keine Mehrwertproduktion stattfindet und nur (Zirkulations-)Kosten anfallen, besteht »die Tendenz der kapitalistischen Produktion, den Überschuss der Produktionszeit über die Arbeitszeit möglichst zu verkürzen« (24, 127).
Die Verkürzung der Realisierungszeit, d. h. des Verkaufs der hergestellten Waren, spielt in Marx’ Analyse noch eine untergeordnete Rolle. Hierzu gehört neben der guten Organisation des Transports (Beschleunigung der Lieferzeit) auch der ganze Bereich der Reklame und Werbung (einschließlich Mode und Warenästhetik), der Erzeugung neuer Bedürfnisse oder die gezielte Reduktion der Haltbarkeit (Verschleiß), wodurch die Nachfrage gesteigert und beschleunigt wird.
Das wirkungsvollste Mittel, um die gesamte Umschlagszeit zu verkürzen, ist das Kreditsystem. Unter normalen Umständen müsste gewartet werden, bis der ganze Kreislauf beendet, die Waren W’ also verkauft, das Geld G’ zurückgekehrt ist, bis ein neuer Umschlag begonnen werden kann. Im Interesse einer beschleunigten Akkumulation zieht der Kapitalist den Beginn des nächsten Umschlags allerdings nach vorne. Anders ausgedrückt: Er kauft Arbeitskräfte und Produktionsmittel und beginnt mit der Produktion neuer Waren, noch ehe die alten Waren (aus dem vorherigen Umschlag) verkauft sind. Da er das vorgeschossene Geld aber noch nicht zurückerhalten hat, leiht er sich das Geld.
An die Stelle des Geldes (als direktes Zahlungsmittel) tritt zunächst der Wechsel als Zahlungsversprechen, der bis zu seinem Verfallstag selbst (als indirektes Zahlungsmittel) zirkuliert. Durch Wechsel werden Zahlungen aufgeschoben, insofern bilden sie die Grundlage des Kredits. Es handelt sich um wechselseitige Vorschüsse, die sich Industrielle und Kaufleute untereinander geben (»Handelskredit«) bzw. um Vorschüsse, die Banken (die Gehälter, Spargelder etc. einsammeln und verwalten) an Industrielle und Kaufleute vermitteln (»Bankkredit«) (25, 413, 415 f.) Durch Wechsel oder Kredite, für die Zinsen gezahlt werden müssen, die aus dem realisierten Gewinn abgezweigt werden, wird der Umschlagsprozess »aufs äußerste forciert«. Marx spricht von der ungeheuren »Beschleunigung der einzelnen Phasen der Zirkulation oder der Warenmetamorphose«, der ungeheuren Beschleunigung »der Metamorphose des Kapitals und damit der Beschleunigung des Reproduktionsprozesses überhaupt« (25, 452) durch das Kreditsystem. Denn zwischen der ersten Phase des Umschlags G – W und der zweiten Phase W’ – G’ »steht der Produktionsprozess [nicht] still« (24, 45); vielmehr können sich beide Phasen überlagern und gleichzeitig ablaufen, womit zugleich Zeit eingespart wird und der Profit wächst.
Ausbrüche des Widerspruchs
Die Aktie bildet in Marx’ Darstellung die entwickeltste und speziellste Form des Kredits. Sie ist weder Handelskredit noch Bankkredit, sondern ein Kredit, den (Klein-) Anleger an große Unternehmen (Aktiengesellschaften) geben. Sie werden dadurch anteilsmäßig zu Miteigentümern, die (in Form der Dividende) am Profit des Unternehmens beteiligt werden, aber auch das Risiko mittragen, wodurch sie im Falle des Bankrotts ihr eingesetztes Geld verlieren können. Vor allem handelt es sich um eine Form des Kredits, der nicht nur zum reibungslosen Ablauf des Kapitalumschlags, sondern zur Ausdehnung der Produktion bzw. zur Finanzierung neuer Umschläge mit neuen Waren eingesetzt wird, wie im 19. Jahrhundert etwa zur Finanzierung des Eisenbahnbaus. Die Beschleunigung, die schon mit dem Kreditwesen eingetreten ist, wird noch insofern forciert, als die von den Aktionären gewährten »Kredite« (je nach dem erhofften Gewinn oder dem befürchteten Verlust) in kürzester Zeit wieder abgezogen und in andere Produktionszweige geworfen werden können.
Mit der gewollten und beabsichtigten Beschleunigung der Produktion bewirkt das Kredit- oder Aktiensystem auch eine ungewollte und nicht beabsichtigte Beschleunigung der »gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs« der kapitalistischen Produktionsweise, d. h. der Krisen. Sie »beschleunigen … die … Auflösung der alten Produktionsweise« (25, 457). Unter dem Aspekt der Zeit lassen sich Wirtschaftskrisen als Inkongruenz zweier Geschwindigkeiten interpretieren. Durch Kredite oder die Ausgabe von Aktien nämlich wird zum einen in »täglich wachsender Raschheit … die Produktion gesteigert« und das Warenangebot vergrößert. Dem vergrößerten Warenangebot aber steht zum anderen »die stets zunehmende Langsamkeit der Ausdehnung des Marktes für diese vermehrten Produkte« (25, 453; Einfügung von Engels) gegenüber. Die zeitlichen Abläufe von Produktion und von Konsumtion fügen sich nicht mehr ineinander, ihre Einheit zerbricht, die Überproduktion von Waren trifft auf eine (durch gleichbleibende oder schwindende Kaufkraft bedingte) Unterkonsumtion bei den Massen. In der Folge fallen die Preise, das Kreditsystem bricht zusammen, weil die Schulden nicht mehr bedient werden können. Die durch das Kredit- und Aktiensystem bewirkte Beschleunigung schlägt in ihr Gegenteil um, in eine Entschleunigung oder in einen Stillstand, bei dem Unternehmen Bankrott gehen, Arbeiter arbeitslos und Waren vernichtet werden.
»Ökonomie der Zeit« heißt es in den »Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie« von 1857/58, »darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf«. Gemeint ist der haushälterische, sparsame, rationale, planvolle Umgang mit der Zeit, denn: »Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. [zur Befriedigung der Grundbedürfnisse] zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller und geistiger« (42, 89), »zum enjoyment [Genießen], zur Muße, … zur freien Tätigkeit«. »Wealth is disposable time, and nothing more.« [Reichtum ist verfügbare Zeit, und sonst nichts.] »Die Zeit ist der Raum für die Entwicklung der faculties« [der menschlichen Fähigkeiten] (26.3, 252). Marx unterscheidet zwischen dem Reich der Naturnotwendigkeit, d. h. der Produktion der lebensnotwendigen Güter, und dem Reich der Freiheit, das erst da »beginnt, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört« und »die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt« beginnt (25, 828). Um dieses Reich der Freiheit und der menschlichen Selbstentfaltung zu erweitern, muss – das ist die »Grundbedingung« – der Arbeitstag verkürzt werden, was aber nur möglich ist, wenn »der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten« ökonomisch mit der Zeit umgehen und »ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln und unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen«.²
Kolossale Verschwendung
In den Ausführungen über die »Ökonomie der Zeit« stecken zwei Thesen. Erstens: Der Kapitalismus verschwendet Zeit, trotz aller seiner Beschleunigungen. Er entfremdet die Zeit dem Menschen, unterwirft die Lebenszeit (Eigenzeit) der Arbeitszeit (fremdbestimmte Zeit), lässt zu wenig Zeit für Muße oder selbstbestimmte Tätigkeit. Zweitens: Das »Reich der Freiheit« (die Utopie des Kommunismus) geht »ökonomischer« mit der Zeit um, es gewinnt die Kontrolle über sie zurück, erweitert die freie Zeit der Muße und Selbstbestimmung durch Zeitersparnis im Reich der Naturnotwendigkeit. Was den Kapitalismus in Marx’ Augen diskreditiert, ist nicht nur das Privateigentum an den Produktionsmitteln, die Ausrichtung der Produktion am Tauschwert (Profit) oder die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft; es ist auch die daraus entspringende Zeitverschwendung. Zum einen haben die Krisen immer eine kolossale Verschwendung von Zeit zur Folge: Bis sich die richtige Proportion zwischen Angebot und Nachfrage wieder eingependelt hat und ein neuer Konjunkturzyklus beginnen kann, steigt die Arbeitslosigkeit und Zeitpotentiale liegen brach. Zum anderen wird die Beschleunigung immer nur in Teilbereichen vorangetrieben, die sich dann gegenseitig zeitraubend in die Quere kommen und die harmonische Entwicklung des Ganzen behindern: Während jeder einzelne Betrieb höchst rationell und zeitsparend arbeitet, bringt das Gegeneinander der einzelnen Betriebe, das »anarchistische System der Konkurrenz die maßloseste Verschwendung« mit sich, nicht nur durch eine »Unzahl … entbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger Funktionen« (23, 552), sondern auch der Zeit.
Da sich die Produktion am Tauschwert (Profit) und nicht an den Bedürfnissen orientiert, wird oftmals das Falsche und fortwährend zu viel produziert. Wenn eine Ware »in einem das gesellschaftliche Bedürfnis … überschreitenden Maß produziert« wird und also verdirbt, nicht gebraucht und weggeworfen wird, so ist damit auch »ein Teil der gesellschaftlichen Arbeitszeit vergeudet« (25, 197). Dieselbe Vergeudung von Zeit findet statt, wenn ein Teil der produzierten Waren absichtlich vernichtet wird, um das Angebot zu verknappen und den Marktpreis nicht fallen zu lassen. Nach der Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, so prognostiziert Marx, wird der Umgang mit der Zeit ökonomischer, d. h. rationeller geregelt werden: »die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit unter die verschiedenen Produktionsgruppen« und die »Buchführung hierüber« wird dann »wesentlicher denn je« (25, 859).
Quelle: jungewelt.de… vom 21. August 2017
[i] Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Berlin 1956 ff., Bd. 23, S. 102; im Folgenden im Text nur als Band- und Seitenzahl zitiert.