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Von oben herab: Wichtig zu wissen
Stefan Gärtner über geteilte Städte
Wenn Kolumnist und Kolumne eine Weile miteinander Umgang hatten, beginnt die Kolumne, ins Leben ihres Schöpfers zurückzuwirken; und kaum hatte ich aus Gründen, die mir entfallen sind, wieder Zeit mit der Überlegung zugebracht, ob es angehe, die Jahre auf der Uni für meine alles in allem glücksfernsten zu halten, fragt mich mein Führungsredaktor, ob mir nicht etwas zu Moutier einfalle, dem Ort im Berner Jura, der sich am Sonntag, nach Jahrzehnten des Haders, recht deutlich für den Wechsel zum Kanton Jura entschieden hat.
Der Zusammenhang mit meiner Vita ist einer, der sich gut für eine Knobelaufgabe eignen würde, aber ich will es abkürzen: Das Gros meiner Studienjahre habe ich in Mainz verbracht, der Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz, eine halbe Bahnstunde südlich von Frankfurt gelegen und ausserhalb Deutschlands vielleicht durch Johannes Gutenberg (nach dem ist die Universität benannt) und die Fernseh-Fassenacht bekannt. Erst wohnte ich im Ortsteil Bretzenheim, dann in der Neustadt; ich hätte auch in Mainz-Amöneburg, Mainz-Kastel oder Mainz-Kostheim wohnen können, direkt auf der anderen Rheinseite, aber dann hätte ich nicht in der Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, sondern der von Hessen gewohnt. Die drei Stadtteile gehören nämlich zum benachbarten Wiesbaden, seit der Rhein nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen französischer und amerikanischer Besatzungszone war.
In den mittleren neunziger Jahren waren die Mainzer Stadtbusse noch manchmal mit dem Slogan beklebt: «Rechts des Rheins ist auch noch Mainz», und vom legendären Altbürgermeister Jockel Fuchs stammte der Satz, auch Mainz sei eine geteilte Stadt. Berlin war ja nun nicht mehr geteilt, Mainz aber blieb es und wird es bleiben, denn zwar lässt das deutsche Grundgesetz Gebietswechsel zu, aber Wiesbaden hatte nie ein Interesse daran, seine neuen Stadtteile wieder zu verlieren. Kein Separatismus entwendete auch je einen Unspunnenstein aus einem Regionalmuseum, denn in Mainz, da gibt es keine Unspunnensteine, da gibt es nur Spundekäs, einen Frischkäse, der sich gut mit Salzbrezelchen zu Wein und Bier verzehren lässt.
Wer also in Mainz rechts des Rheins wohnt, der wohnt in Wiesbaden, und ich kann nicht sagen, dass das meinen ausgeprägten Ordnungssinn damals nicht verletzt hätte. Ich wäre darum auch nie auf den Gedanken gekommen, in – so die Kurzform, lange vor Annegret Kramp-Karrenbauer – «AKK» zu wohnen, denn was antwortet, wer da wohnt, auf die Frage, wo er wohnt? Mainz? Wiesbaden? Souveränere Menschen als ich werden hoffentlich sagen: Was spielt das für eine Rolle, und wem das wichtig ist, wie kann der für die Überwindung von Staat und Nation sein!
Das stimmt; und doch: «Ein Kuriosum sind die Ortseingangsschilder, auf denen zu lesen ist: ‹Landeshauptstadt Wiesbaden Stadtteil Mainz-Kastel›. Andererseits fühlen sich viele Bewohner als Hessen (…) und können sich mit Rheinland-Pfalz nicht identifizieren» (Wikipedia). 54,8 Prozent der Leute von Moutier können sich jetzt also mit dem Kanton Jura identifizieren, die anderen müssen, und dass ich mich mit meinen Studienjahren nicht identifizieren kann, müsste ich als kritischer Theoretiker, der die Identität von Begriff und Sache als gewalttätig zu verstehen gelernt hat, eigentlich begrüssen; wenn mein Ordnungssinn nicht darüber verrückt würde, dass die Studienjahre so weithin verschenkte waren. Und weil immer eins zum andern kommt, lag gestern, ohne mein Zutun, Element of Crime auf dem, was wir Älteren Plattenteller nennen: «Ich will immer so viel erleben / und verschlafe doch nur die Zeit / und kaum dass ich einmal nicht müde bin / ist der Sommer schon wieder vorbei.»
Und wenn ich mich mit diesen Zeilen identifizieren kann, dann weil ichs muss; und das ist immer das Problem.
Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.