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Dienstag, 28. Mai 2013, 19:00
Wo hätten wir links abbiegen müssen? Manès Sperber quergelesen mit Bini Adamczak
Lesung von Bini Adamczak, Dito Behr und Katharina Morawek
Der Kommunismus hat das „historisch einklagbare Anrecht in die Welt gezwungen (...), keine Entmündigung hinnehmen, nicht eine einzige Erniedrigung mehr ertragen zu müssen. Seitdem ist noch das kleinste Unrecht größer und das größte schmerzt um ein Vielfaches mehr“. So schreibt Bini Adamczak in ihrem Buch „gestern morgen – über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft“. „Gestern Morgen“ bürstet die Geschichte der russischen Revolution gegen den Strich; ausgehend vom stalinschen Terror wird der Frage nachgegangen, wie es im Verlauf nach 1917 kommen konnte, dass vom Aufbruch hin zu einer universellen Emanzipation, mit dem viele in die Revolution gegangen waren, kaum etwas übrig blieb. In seiner Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ lässt Manès Sperber den Revolutionär Herbert Sönnecke, einen der wichtigsten Protagonisten seines Romans, folgenden Satz sagen: „Einer von den Überlebenden wird sich an die Arbeit machen müssen, um genau herauszufinden, wann diese Entwicklung begonnen hat“. Zu diesem Zeitpunkt steht Sönnecke, Kommunist seit den Ruhrkämpfen 1920, in Moskau als Angeklagter der Schauprozesse vor Gericht. Einen Tag später wird er ermordet.
Bei der Lesung greifen wir diesen Faden auf und wollen den Versuch unternehmen, in einer gemeinsamen Debatte der erinnerungspolitischen Arbeit nachzugehen, zu der Manès Sperber uns ermahnt und auf die sich Bini Adamczak in „gestern morgen“ bezieht. Die Lesung ist gleichzeitig auch eine Hommage an Manès Sperber. Hier in Zürich verbrachte der Schriftsteller von 1942 bis 1945 drei widersprüchliche aber gleichzeitig entscheidende Jahre seines Exils. Hier entstanden die Fundamente seiner grossen Romantrilogie ”Wie eine Träne im Ozean”. Mit dem Titel der Lesung „Wo hätten wir links abbiegen müssen“ wollen wir nicht über richtige und falsche revolutionäre Linien streiten; zudem entwickeln wir weder ein Parteiprogramm noch sind wir Teil einer Gruppe mit offen artikuliertem oder unausgesprochenem Avantgarde-Anspruch. Wir stellen uns allerdings auch nicht außerhalb der Geschichte – unser Interesse gilt den gesellschaftlichen Bedingungen für revolutionäre Politik gestern, heute und morgen.