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Als Fahrdienstleiter Hubicka in der Oscar-gekrönten Komödie "Liebe nach Fahrplan" einem jungen Mädchen seinen Eisenbahnerstempel auf den nackten Po drückte, war das eine kleine Provokation in einer prüden Gesellschaft.
Und es wurde in der sozialistischen Tschechoslowakei auch als Anklage der allgegenwärtigen Bürokratie gelesen. Am Samstagabend ist der Theater- und Filmregisseur im Alter von 82 Jahren gestorben, wie seine Frau Olga auf Facebook bekanntgab.
Als Menzel für diese Tragikomödie über das Leben auf einer kleinen Bahnstation während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg 1968 einen Oscar entgegennimmt, ist er gerade 30 Jahre alt. Da war er schon eine Weile einer der Hauptprotagonisten der Neuen Welle des tschechoslowakischen Films. Sie zeichnete sich durch eine ausgesprochene Experimentierfreudigkeit aus: Improvisierte Dialoge, schwarzer Humor, die Besetzung mit Laienschauspielern und die Entlarvung der Scheinmoral - all das grenzte sie vom sozialistischen Aufbaufilm ab.
Wie viele seiner späteren Filme beruhte auch "Liebe nach Fahrplan" auf einer Literaturvorlage des Schriftstellers Bohumil Hrabal (1914-1997). In ihm schien Menzel einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Im Jahr 2006 gelang es ihm endlich, nach langem Streit um die Filmrechte, Hrabals Roman "Ich habe den englischen König bedient" auf Zelluloid zu bannen. Die Geschichte des Jan Dite, der vom Würstchenverkäufer zum Millionär aufsteigt, lobten Kritiker als "Abschluss eines meisterlichen Lebenswerks". Die Hauptrollen besetzte Menzel mit Oldrich Kaiser und der Deutschen Julia Jentsch.
Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968 und der Niederschlagung der Demokratiebewegung "Prager Frühling" war zunächst Schluss mit der künstlerischen Freiheit gewesen. Das bekam auch Menzel persönlich zu spüren. Sein 1969 fertiggestellter Film "Lerchen am Faden" nach Motiven einer weiteren Hrabal-Erzählung landete für die nächsten zwanzig Jahre im Tresor. Zu weit ging den Machthabern die Kritik an den Zuständen im Land. Nach der Wende bekam Menzel für die Politiksatire nachträglich den Goldenen Bären der Berlinale.
Menzel war auch vor der Kamera aktiv und trat in den 1980er Jahren in deutschen und ungarischen Filmen auf. Der Sohn eines Kinderbuchautors hatte sich seit der Jugend für Literatur und Theater interessiert. Sein Lehrer an der berühmten Prager Filmhochschule FAMU war Otakar Vavra, Meister des Historienfilms. Später unterrichtet Menzel dort selbst - zu seinen Schülern zählte dabei auch der Bosnier Emir Kusturica.
Aus einem seiner letzten Interviews war ein gewisser Frust herauszuhören. "Die Filme, die wir in den 60er Jahren gemacht haben, sind passé. Der Zuschauer hat sich verändert, und ich kann dem nicht mehr ganz folgen", sagte Menzel.
Seine Liebe zu den Frauen war ein Markenzeichen der Filme von Jiri Menzel. Doch im richtigen Leben habe ihm das Selbstvertrauen gefehlt, sagte er: "Ich hatte immer Angst vor den Mädels - ich mochte sie, aber sie haben sich über mich lustig gemacht."
Die gewagte Stempelszene aus Menzels melancholisch-sentimentalem Meisterwerk "Liebe nach Fahrplan" wäre damals fast der Zensur zum Opfer gefallen. "Sie müssen das rausschneiden", habe man ihm gesagt, erinnerte sich Menzel später. Er habe den Direktor des sozialistischen Filmstudios überreden müssen, eine Probevorführung vor Fabrikarbeitern zu veranstalten. Das Ergebnis war eindeutig: "Alle haben gerufen, dass die Szene drinbleiben muss."
Die letzten Jahre seines Leben verbrachte Menzel zurückgezogen im Kreis seiner Familie. Kurz nach den Dreharbeiten für den Film "Dolmetscher" mit ihm in einer der Hauptrollen war er schwer erkrankt. Nach einer Operation lag er Ende 2017 monatelang im Krankenhaus - und erholte sich nie mehr ganz. Seine Frau, die Filmproduzentin Olga, schrieb nun in den sozialen Medien, ihr Mann sei in dieser Zeit "der Tapferste unter den Tapferen" gewesen.
(SDA)