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Wilhelm Tell gelogen, Gessler
gelogen, Rütlischwur ebenfalls gelogen:
"Tell ist nicht nachweisbar"
Abschrift von Michael
Palomino
Die Schweiz ist doch so ein liebes Land, also muss man ihnen
doch verzeihen, dass sie mit ihrer Tell-Propaganda die ganze
Welt anlügen.
aus: Thomas Compagno: Tell
ist nicht nachweisbar; Interview mit Historiker Roger Sablonier;
Coopzeitung Nr. 28/2004, 7.7.2004, S.90;
Roger
Sablonier ist Professor für Geschichte des
Mittelalters an der Universität Zürich und Projektleiter des
Forums der schweizer Geschichte in Schwyz.
Der Artikel
Coopzeitung: 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer
glauben, Wilhelm Tell habe als Person gelebt. Liegen die
alle falsch?
Roger Sablonier: Ja. Es ist klar, dass die Leute Mühe mit
der Vorstellung haben, dass es Tell nicht gegeben haben
könnte. In der Schule haben sie es ganz anders gehört. aber
Wilhelm Tell ist als historische Person nicht nachweisbar.
Was macht Sie da so sicher?
Man kann natürlich nicht beweisen, dass es jemanden nicht
gegeben hat. Es ist aber aufgrund historischer Kriterien
sehr unwahrscheinlich, weil es nicht den historischen
Verhältnissen im 13.Jahrhundert entspricht. Tell ist eine
erfundene Figur.
Hat es Gessler gegeben?
Eine Person namens Gessler, die in Uri als habsburgischer
Landvogt aufgetreten ist, hat es nicht gegeben.
Habsburgische Vögte gab es im Mittelland und es gab dort
später auch den Namen Gessler.
Dennoch gab es immer wieder Versuche, die Existenz von
Tell und Gessler zu beweisen. Ist man sich in
Historikerkreisen nicht einig?
Doch. Es gibt, auch wenn es immer wieder behauptet wird,
keinen Historikerstreit in dieser Frage. Ich kenne keinen
professionellen Historiker mehr, der die These vertritt,
Tell habe als historische Figur existiert. Der Versuch,
mythologische Figuren mit Genealogie nachzuweisen, ist
abstrus. Mit Genealogie kann man alles, denn in jeder
Genealogie gibt es einen Ermessensspielraum. Historisch ist
das nicht vertretbar.
Gibt es heute noch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit
der Frage, ob es Tell gegeben hat?
Nein, das ist erledigt und auch völlig uninteressant. Tell
ist ja nur ein Teil einer Befreiungstradition. Die ganze
Befreiungstradition ist eine Rekonstruktion, wie man es sich
Ende 15. Jahrhundert, also 200 Jahre später, vorgestellt
hat.
Zerstören Sie damit nicht einen Mythos?
Nein, es ist kein antischweizerischer Mythensturm, wenn man
sagt, Tell habe es um 1300 nicht gegeben. Die Frage nach der
Historizität der Person hat wenig zu tun mit der Frage, was
die Tellengeschichte und die Befreiungstradition für eine
Bedeutung bekommen haben. Es gibt einen Teil, aber im 19.
und 20. Jahrhundert als Vorstellung. Und dieser Mythos ist
für die Geschichte der Schweiz mindestens so wichtig, wie
wenn Tell eine Realität im 13.Jahrhundert gewesen wäre.
Was ist am Bild vom Rütlischwur wahr?
Am Bild selber ist nicht viel wahr im Sinne eines
historischen Faktums. Man weiss nicht einmal sicher, wo denn
das "historische" Rütli gewesen wäre. Die
Rütlischwur-Episode ist ebenfalls ein Teil der
Befreiungstradition und taucht erst Ende 15.Jahrhundert auf.
Beschworene Vereinbarungen, Schwureinungen zur Sicherung des
Landfriedens treten schon vorher auf. Sie werden aber unter
den lokalen Führern geschlossen und sind nicht als
antihabsburgische Verschwörung im "Volk" zu verstehen.
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Umfrage 2006: 58 % sagen, Tell ist Legende
aus: Facts, 43/06, 26.10.2006, S.25
Hat Wilhelm Tell wirklich gelebt, oder ist er eine
Sagenfigur?
-- 36 % sagen, Tell habe wirklich gelebt
-- 58 % sagen, Tell sei eine Sagenfigur
-- 6 % sagen, sie wüssten es nicht, oder sie geben keine
Antwort