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Verstehen wir alle das Gleiche unter dem Begriff Craftbier? Vermutlich Jein. Deswegen gibt es immer wieder Versuche den Begriff oder das Phänomen zu definieren. In unserer Umfrage bei Schweizer Brauereien haben wir auch nachgefragt, was für sie Craftbier ist und was nicht. Sind sich die Brauereien einig? Hier unsere Analyse.
Teil 1 der Schweizer Craftbier Umfrage Posts: „Schweizer Brauereinamen – oder jeder Stadt die eigene Braufabrik und Braugarage?„
Wie das oft bei kulturellen Bewegungen der Fall ist ist, gibt es keine einzige Definition von Craftbier, mit der alle einverstanden sind. Nur in Italien gibt es eine gesetzliche Definition von «birra artigianale»: Im «Collegato Agricoltura» wird Craftbier als das Produkt einer kleinen und unabhängigen Brauerei definiert, wo Mikrofiltration und Pasteurisierung kein Teil der Herstellung sind.
Viel häufiger wird aber international die Definition von Craftbierbrauereien der Brewers Association der USA verwendet. Diese nennt drei Kriterien: Unabhängigkeit, Grösse (bzw. klein: es darf nur eine Maximalmenge hergestellt werden) und traditioneller Herstellungsprozess.
Die Grösse kann allerdings nicht in jedem Land übernommen werden, sondern muss adaptiert werden: Italien setzt die Obergrenze bei 200’000 HL pro Jahr, in den USA liegt diese bei 7’040’865 HL. Alle Schweizer Brauereien haben 2020 gesamthaft 3’404’000 Hektoliter Bier produziert (2019 waren es noch gesamthaft 3’675’381 Hektoliter), also weniger als die grössten Craftbierbrauereien in den USA. Grösse kann also nicht der einzige relevante Parameter sein, um Craftbierbrauereien zu identifizieren. Vielmehr geht es um Eigenschaften, eine Art von Kultur oder Identität, ein Verhalten oder ein Ethos.
Definitionsversuche in der Schweiz
Die IG unabhängiger Schweizer Brauereien setzt Craftbier mit «handwerklich gebrautem Bier» gleich und beansprucht, dass «die 30 Mitglieder der Interessengemeinschaft unabhängiger Schweizer Brauereien (IG Bier) unangefochten die echten Original ‘Craft Beer Brewer’ der Schweiz [sind]» (siehe auch diesen Artikel). Beim ersten Versuch, eine Swiss Craft Brewers Association zu gründen, wurde auch versucht, Craftbier zu definieren. Schlussendlich sind Kriterien entstanden, was jemand erfüllen muss, um Mitglied werden zu können, sowie ein «Ethos», der umschreibt, wie sich jemand verhalten soll.
Gefragt, ob eine Instanz definieren soll, was oder wer eine Craftbierbrauerei (oder ein Synonym wie Handwerkliche Brauerei, Artisanale Brauerei, Kleinbrauerei etc.) ist, verneinen das zwei Drittel aller Brauereien (67.66%). Das ist beachtlich.
In unserer Umfrage haben wir als nächstes diejenigen, welche sich eine Definition wünschen, gefragt, wer Craftbier definieren soll. Am meisten Zuspruch erhielt ein neuer, zu schaffender Verband (73.8% der Antworten waren Ja oder Eher ja) – eine Definition vom Gesetzgeber will nur etwas mehr als die Hälfte.
Dies bedeutet, dass sich die Brauereien die Definition selbst geben wollen, denn in einem neuen Verband können sie Einfluss ausüben. Wir interpretieren das schlechte Abschneiden der IG als eine Unkenntnis darüber, welches die Handlungs-/Wirkungsfelder sind. Oder, dass sie es ein Verband mit Eigenschaften ist,, welche den Brauereien nicht gefallen. Die IG wäre eigentlich prädestiniert dafür sich als Verband um um eine Definition von Craftbier zu kümmern. In dieser Definition könnten sie den Begriff «unabhängig» – für welchen die IG bereits steht– betonen. Die Bedeutung von «unabhängig» zeigt auch die Auswertung zu den Brewers Association-Kriterien unten.
Ob der Schweizer Brauereiverband Craftbier definieren, wird vom höchsten Anteil der Teilnehmenden mit einem konsequenten “Nein” beantwortet. Das dürfte nicht viele verwundern. Dass aber doch knapp 70% sich eine Definition vom SBV vorstellen könnten, ist dann doch sehr überraschend.
Craft-Bier Definition der Brewers Association
Gemäss Brewers Association müssen drei Kriterien erfüllt sein, damit sich eine Brauerei Craftbier-Brauerei nennen darf:
- Sie muss unabhängig sein,
- darf eine gewisse Grösse nicht überschreiten,
- a) verwendet traditionelle Braumethoden und Rohstoffe nur,…
b) um Geschmack oder Aroma herbeizuführen.
Die grösste Zustimmung fand das Kriterium Unabhängigkeit bei den Schweizer Brauereien, gefolgt von Grösse, Rohstoffe und traditionelle Braumethoden. Angesichts dieser hohen Zustimmungswerte können Unabhängigkeit und Grösse als zentrale Definitionskriterien erachtet werden, wobei die Brauereien, welche sich als Craftbier-Brauerei empfinden und bezeichnen diesem Kriterium am stärksten zustimmten, erwartungsgemäss die Nicht-Craftbier-Brauereien am Wenigsten.
Wie schon oben gesagt werden die beiden Begriffe «unabhängig» und «Grösse» bereits von der IG unabhängige Klein-/ Mittelbraureien besetzt. Scheinbar gelingt es der IG aber nicht, sich als relevante Instanz zu positionieren, damit sie den Auftrag erhält, alle diese Brauereien zu repräsentieren.
Wird konkret nach der maximalen Jahresproduktion einer Craftbierbrauerei gefragt, ergibt sich allerdings ein diffuses Bild: Die Antworten gehen von 0 bis 99999999999000 Hektoliter, wobei die letzte Menge wohl zum Ausdruck bringen will, dass keine Beschränkung vorhanden sein soll. Die meisten Nennungen erhielt 10’000’000 hl, mit 13.58% aller Nennungen. Es wurde nach Hektoliter gefragt. Und selbst wenn Teilnehmende das überlesen haben und Liter angegeben haben (also 10 Millionen Liter), dann wäre das immer noch 100’000 hl, was in der Schweiz einer Grossbrauerei entspricht und wovon es in der Schweiz sechs Brauereien gibt (gemäss Eidgenössische Zollverwaltung). Vergleicht man die Antworten der unterschiedlichen Brauereien-Cluster, dann setzten die nicht-Craftbier-Brauereien die Limite bei fünf Millionen, diejenigen welche sich als Craftbier-Brauerei bezeichnen bei zehn Millionen hl und diejenigen die sich nur als solche empfinden bei einer Million Hektoliter.
All dies bedeutet, dass die Schweizer Brauereien entweder keine Grössenbeschränkung wollen oder sie so hoch ansetzen, dass diese die grössten Brauereien der Schweiz einschliesst.
Gewünschte Eigenschaften für die Definition von Craftbier
Danach gefragt, welche Eigenschaften bei einer Definition von Craftbier besonders berücksichtigt werden sollen, werden
- verwendete Rohstoffe,
- handwerkliche Produktion und
- die lokale Verankerung
als besonders wichtig bezeichnet. Die grösste Abweichung findet sich beim Punkt «Besitzverhältnisse der Brauerei», wo die nicht-Craftbier-Brauereien der Meinung sind, dass dieses Merkmal bei der Definition einer Craftbier-Brauerei nicht wichtig sei. Während die Gesamtheit der Brauereien die Zugehörigkeit zu einer Community als unwichtig erachtet, erachten die Brauereien, welche sich als Craftbier-Brauerei empfinden und bezeichnen dieses Merkmal als wichtig. Auffallend ist, wie sehr die Nicht-Craftbier-Brauereien die Eigenschaft «Besitzverhältnisse» als sehr viel unwichtiger bewerten, als alle anderen Brauereien – wobei ihre Einschätzung ist nicht überraschend ist.
Wir können also feststellen, dass die Brauereien grundsätzlich keine Definition von Craft-Bier wollen. Sollte doch jemand Craftbier definieren, dann sollen in dieser Definition Begriffe wie «Unabhängigkeit», «Grösse», «Qualität der Rohstoffe», «Handwerkliche Produktion» und «Lokale Verankerung» eine besondere Bedeutung erhalten.
Hier zeigen sich Begriffe, mit welchen sich Craftbier von den anderen Bieren abgrenzen kann. Qualität wird vom Kunden so-oder-so erwartet und auch nicht-Craftbier hat Qualität. Lokal verankert können diese ebenfalls sein; eine Brauerei kann sich in lokalen Vereinen engagieren oder einen Namen haben der eine lokale Bedeutung hat, selbst wenn sie einer ausländischen Firma gehören. Was aber schwierig ist, dass sie sich als unabhängig bezeichnen können, dass ihre Grösse für Schweizer Verhältnisse immer noch «klein» ist oder, dass sie «handwerklich produzieren». Das ist aber eine Eigenschaft welche gewisse Craftbier-Brauereien nicht mehr erfüllen und eigentlich kaum eine Brauerei erfüllen sollte. Denn, wer immer noch mit einem Holzlöffel im Sud rumrührt ist wohl eher ein Hobbyprojekt und keine Brauerei.
Es gibt kein Craftbier
Angesichts dieser Ambivalenz darf es uns nicht überraschen, dass sich die Grossbrauereien gegen die Abgrenzung von Craftbier wehren. So zitiert der Bierautor Stan Hieronymus Tom Schmidt von der Grossbrauerei Anheuser-Busch, der meint: «Ich glaube nicht, dass es so etwas wie ‚Craft Beer‘ gibt. Die Verwendung des Begriffs kann die Verbraucher dazu verleiten, zu glauben, dass Bier, das in irgendeinem kleinen, beschaulichen Ort hergestellt wird, viel besser ist als Bier, das in einer großen, effizienten Brauerei produziert wird, wo Qualität und Konsistenz die Markenzeichen sind. Wir kämpfen alle den gleichen Kampf mit den gleichen Rohstoffen.”
Hierzu ergänzend ist es interessant zu erwähnen, dass sich in unserer Umfrage viele Brauereien als Craftbier-Brauerei empfinden, sich aber nicht als solche bezeichnen. Von den 201 ausgewerteten Antworten, empfinden und bezeichnen sich 121 als Craftbier-Brauereien, 61 empfinden sich zwar als Craftbier-Brauerei, bezeichnen sich aber nicht so. Als Begründung warum sie sich zwar als Craftbier-Brauerei empfinden, sich aber nicht als solche bezeichnen, nennen die Brauereien die fehlende Identifikation mit dem Begriff. Die verbleibenden 19 Brauereien empfinden sich nicht als Craftbier-Brauerei.
Inwiefern die Brauereien eine Definition oder Beschreibungsmerkmale erfüllen, also ob die Brauereien theoretisch tatsächlich Craftbier-Brauereien sind oder welche Eigenschaften Schweizer Brauereien haben, besprechen wir im nächsten Blogpost dieser Serie.
Informationen zur Schweizer Craftbier Umfrage
Im Rahmen eines MAS (Master of Advanced Studies) hat Christian eine Arbeit zum Thema «Identität» und «Craftbier» gemacht. Über mehrere Blogposts werden wir einen Aspekt der Umfrage beleuchten und diskutieren.
An der Umfrage haben 200 Schweizer und eine Brauerei aus dem Fürstentum Lichtenstein teilgenommen. Die Brauereien konnten angeben, ob sie sich als Craftbier-Brauerei fühlen und auch als solche bezeichnen. 121 fühlen und bezeichnen sich als Craftbier-Brauereien, 61 fühlen sich als Craftbier-Brauereien, bezeichnen sich aber nicht so und 19 Brauereien fühlen sich nicht als Craftbier-Brauereien.
Speziellen dank an Philippe Bov Corbat, der uns seine Adressliste zur Verfügung gestellt hat.