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Als 1975 der Roman «Urwil (AG)» erschien, im Artemis Verlag in Zürich, dachten wir, da sei einer im Kommen. Ernst Halters Sprachkraft ist gross, seine Bilder verblüffend und nie gekünstelt. Er hat in der Folge Gedichte, Erzählungen und einige Romane geschrieben. Dennoch hält sich hartnäckig der Eindruck, seine künstlerischen Werke hätten sich dem öffentlichen Bewusstsein nicht nach ihrem Rang eingeprägt. Er lebt im Freiamt, ist rastlos tätig als Herausgeber, Lektor, Verlagsberater. Jetzt hat er – mit dem Titel «Die Stimme des Atems» – Erinnerungen aus seiner Kindheit in Zofingen vorgelegt, ein Buch, das allein schon in der Form, in der es geschrieben ist, Aufsehen erregen wird.
Ernst Halter verzichtet darauf, eine zusammenhängende Kindheitsgeschichte zu erzählen. In kurzen Prosastücken, die manchmal nur eine halbe, manchmal vielleicht drei Seiten umfassen, beschreibt er punktuelle und prägnante Erlebnisse. Sie sind immerhin in zehn Gruppen gegliedert, zusammengehalten auch durch Fussnoten, mit denen der Autor auf zwei oder drei andere Abschnitte in anderen Gruppen davor oder danach verweist und den Leser damit ermuntert, ein anderes Beziehungsnetz über die einzelnen Bilder zu legen als die Kapitelüberschriften. Ausserdem sind – in anderer Schrift – Artikelbruchstücke aus dem «Zofinger Tagblatt» eingefügt, die Zeit und öffentliche Anlässe betreffen, in denen sich Halters Kindheit abspielte. Diese Form ist ein Fund. Der Autor gibt sogar in einem Register von «Aargauer Schulwand- und Schülerkarte» bis «Zügelmann Holderegger, Dienstkollege» ein alphabetisches Verzeichnis der Abschnitte des Buches, das mit vollem Recht im Untertitel als Wörterbuch einer Kindheit bezeichnet wird. Keine Nostalgie kommt auf, keine Sentimentalität der Erinnerung an die Kindheit.
Die Notate gelten, vereinfacht gesagt, drei Bereichen: der Familie, der Kleinstadt Zofingen, der Welt, die ja vorwiegend als Kriegsgeschehen erlebt wird. Ernst – der Name gefällt ihm nicht (zuviele Konsonanten, ein schmalbrüstiger Vokal) – ist Jahrgang 1938, das jüngste Kind der Familie, stärker behütet als die Schwester und der ältere Bruder. Er geniesst seine Vorschulzeit vor allem als Freiheit und erlebt die Schule, die unvermeidlich ist, als Zwang. Immerhin tauchen da auch einzelne Lehrer auf, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, Dr. Julius Rütsch zum Beispiel (Emil Staiger hat ihn uns an der Universität Zürich vorgestellt, den Bezirkslehrer aus Zofingen, in der Reihe «Klassiker der Kritik»). Ihm und anderen Namen, auch Stadtoriginalen und Prominenten der Oberschicht, sind meisterliche Miniaturen gewidmet. Viel Raum nehmen Erinnerungen an die Krankheit des Kindes ein. Ernst Halter beschreibt seine Beklemmungen und Ängste, die er als Asthmatiker durchzustehen hatte. Er war viel von der Schule dispensiert, im Krankenbett nach Atem ringend. Die Einsamkeit umgibt den Knaben, der die Sagen des klassischen Altertums und die nordischen Sagen, die Nibelungen und andere Helden – aus Büchern und Erzählungen der Mutter vermittelt – als eine Art Gegenwelt erfährt, in der er leben und sich selber als Ritter fühlen kann.
Ernst Halter war schon an sich ein Sonderfall. Von körperlichen Anstrengungen wie etwa dem Kadettenunterricht als Folge der Krankheit freigestellt, wird er mehr ein Beobachter des Lebens als einer, der an seinen Abenteuern teilhat. Er wirkt in seinen Kommentaren zu dem, was er sah oder erlebte, altklug. Das will heissen, seine Überlegungen, die er – zum Beispiel bei der Schilderung des «Post-Industriellen» Herrn Strähl – anstellt, könnten vielleicht Einsichten des Kindes und nicht nachträgliche Deutungen des Schriftstellers sein, obgleich das doch anzunehmen ist. In jedem Fall aber hat hier ein Autor seine nur ihm gemässe Form gefunden.
Ernst Halter, «Die Stimme des Atems. Wörterbuch einer Kindheit», Limmat Verlag, Zürich 2003.
Anton Krättli, geb.1922, promovierte in Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich. Er war von 1965 bis 1993 Kulturredaktor der «Schweizer Monatshefte».