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Der bizarr geformte Luganersee umgibt südlich des Monte S. Salvatore eine gebirgige Halbinsel, auf deren äusserstem ende Morcote liegt. Die malerisch zusammengedrängte Siedlung zieht sich längs der geschwungenen Uferlinie hin und steigt in Stufen bis zur Pfarrkirche S. Maria mit ihrem berühmten Friedhof empor. Auf noch höher gelegenem Felssporn ragen drohend die Trümmer der Feste Morcote. Von der Burganlage aus geniesst man einen unvergänglichen Rundblick über die Landschaft des Luganersees. Heute erreicht man die Ruine über einen bequemen Fussweg, der vom Dorf Vico-Morcote her in gemächlicher Steigung durch ein umzäuntes Privatareal bis an die Mauern der mittelalterlichen Feste führt. Restaurierungsarbeiten, vor längerer Zeit vorgenommen, haben den Zerfall des Gemäuers aufgehalten und die Aufdeckung einzelner baugeschichtlicher Zusammenhänge ermöglicht, gleichzeitig aber auch den originalen Baubestand durch moderne Ergänzungen und Rekonstruktionen verfälscht.
Bergseits wird die auf felsigem Geländesporn liegende Burg von einem tiefen, aber nicht sehr breiten Halsgraben geschützt. Reste eines mehrgliedrigen Gebäudekomplexes stehen nur noch im bergseitigen Nordostabschnitt des Burgareals aufrecht, die weitläufige Südwestpartie ist als Gartenterrasse gestaltet. Es sind hier zwar zahlreiche Fundamente von Gebäuden sichtbar, die mit Sicherheit eine einstige Überbauung des jetzt offenen Areals belegen, aber keine architektonischen Zusammenhänge erkennen lassen. Die ehemalige Ringmauer ist heute bis auf Brüstungshöhe abgetragen, dient sie doch als Stützmauer für das zur Gartenterrasse umwandelte Burgareal. Die Mauer folgt der natürlichen Geländekante und beschreibt somit ein längliches, unregelmässiges Vieleck. Im südlichen Abschnitt sind die Reste der einstigen Toranlage zu erkennen, die Fundamente eines aus der Mauerflucht vorspringenden Viereckturms mit seitlich angebrachter, überhöhter Toröffnung. Das ursprüngliche Tor befand sich an der gleichen Stelle, bestand aber bloss aus einer einfachen Tür im Bering. Der vorstehende Torturm stammt von einem nachträglichen Umbau des 14. oder 15. Jahrhunderts.
Die ansehnlichen Mauerreste im nordöstlichen Abschnitt der Burganlage gehören mehrheitlich ins 15. Jahrhundert. Sie bilden einen wehrhaften, mehrteiligen Baukörper mit starken Verteidigungseinrichtungen gegen den Halsgraben hin. Die an dieser Stelle durch die Mauer gebrochene Eingangstüre ist modernen Ursprungs. Die Nordecke der Burg wird von einem gewaltigen Geschützturm flankiert. Seine heutigen Oberteile beruhen allerdings auf etwas fragwürdigen Rekonstruktionen. Hinter der Rundbastion und der grabenseitigen Schildmauer erstrecken sich die Reste von Wohnbauten. Neu aufgesetzt sind die krönenden Schwalbenschwanzzinnen, dagegen gehören die tiefer gelegenen Teile im Innern der Wohnräume, die gewölbten Decken, die Kaminanlagen und die Fenster mit Sitznischen, zum originalen Mauerbestand. All diese Bauten datieren aus dem Spätmittelalter, vornehmlich aus dem 15. Jahrhundert. Sie gruppieren sich um einen engen Innenhof, in dem die Fundamente eines starken Viereckturms sichtbar sind, der offensichtlich aus älterer Zeit stammt. Seine Bauweise das Mauerwerk besteht aus grossen, lagerhaft geschichteten Blöcken in Quaderform weist ihn ins 12. oder frühe 13. Jahrhundert. Im Innern des Turmgevierts sind die Reste einer wohl erst nachträglich eingebauten Zisterne zu erkennen.
Die vorhandenen Trümmer der Feste Morcote deuten auf eine rege Bautätigkeit im 15. Jahrhundert hin, welche die hochmittelalterliche Anlage gänzlich umgestaltete. Die massiven Neubauten des Spätmittelalters, deren wehrhafte Teile damals auch einem Artilleriebeschuss hätten widerstehen können, haben die Formen der ursprünglichen Burg hochmittelalterliche Zeitstellung bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Es lässt sich lediglich vermuten, dass zum viereckigen Hauptturm, dessen Fundamente noch sichtbar sind, eine Ringmauer gehörte, doch sind wir weder über die Gründungszeit der Burg noch über das Aussehen der ältesten Anlage informiert.
Ähnlich dürftig ist es um die schriftlichen Nachrichten über die Burg bestellt. Wohl liegen aus der Spätzeit des 15. und frühen 16. Jahrhunderts zahlreiche Zeugnisse vor, doch schweigen sich die Quellen des Hochmittelalters über die Burg aus. Die Mitteilung eines geschwätzigen Chronisten aus dem 17. Jahrhundert, die Burg von Morcote sei um 1100 errichtet worden, hat nicht die geringste Beweiskraft, und auch die Erwähnung eines Aufenthalts Barbarossas auf der feste im Jahr 1176 gehört ins Reich der Fabel. Somit wird das bestehen der Burg im Hochmittelalter einzig und allein durch das Mauerwerk des oben beschriebenen Viereckturms aus dem 12. oder frühen 13. Jahrhundert belegt. Die Namen des Erbauers und der ersten Besitzer sind uns jedoch unbekannt.
Sicher stand die Burg von Morcote im 13. Jahrhundert nicht völlig einsam auf ihrem Felsen hoch über dem Luganersee. Eine Siedlung Morcote ist bereits im 10. Jahrhundert urkundlich bezeugt, die Marienkirche stammt in ihren ältesten Teilen noch aus dem 13. Jahrhundert, und ein Burgus von Morcote, also ein befestigter Marktort, wird 1270 erwähnt. In der seeseitigen Häuserfront steht noch heute der untere Teil des wehrhaften Turms, der Torre del Municipio. Dieser Bau er dürfte um 1200 erstanden sein diente vermutlich einem herrschaftlichen Amtmann als Wohnsitz.
Ins Licht der Geschichte trat die Burg von Morcote zu Beginn des 15. Jahrhunderts. 1412 bestätigte Herzog Filippo Maria Visconti dem Ort Morcote seine alten Privilegien, zu denen die Fischereirechte im Luganersee, die Befreiung von gewissen Zollabgaben und vor allem die direkte, von Lugano und Como unabhängige Unterstellung unter das Herzogtum Mailand gehörten. Während des ganzen 15. Jahrhunderts bildete Morcote einen eigenen Herrschaftsbezirk, gleichzeitig aber auch den Schauplatz langwieriger Machtkonflikte. Im Jahr 1416 fiel die Burg Morcote tauschweise als mailändisches Lehen zusammen mit der Talschaft Lugano, der Herrschaft Balerna und den Schlössern Capolago, Sonvico und Castel S. Pietro an Luterius Rusca, der damit praktisch das ganze Sottocenere in seiner Hand vereinigte. Die Rusca, die mächtigsten Grundherren im Raum des Luganersees, schienen auf dem besten Weg, unter mailändischen Schutz eine geschlossene Herrschaft zwischen dem Ceneri und dem Mendrisiotto aufzurichten. Familienzerwürfnisse in der auf Luterius folgenden Generation, entstanden durch umstrittene Erbteilungen, bewirkten eine Aufspaltung des Herrschaftskomplexes. 1433 zog nach dem Tod des Giovanni Rusca Herzog Filippo Maria dessen Besitz ein und verlieh ihn an seinen getreuen Condottiere Aluysius de Sanseverino. Dies führte zum Konflikt zwischen dem Herzog und Franchino Rusca, der sich um sein Erbe geprellt fühlte. Im Verlauf dieser Vorgänge gelangte auch Morcote in die Hand des Sanseverino, der die Burg mit seinem übrigen Besitz 1447 an seine drei Söhne vererbte. Der Tod des Herzogs Filippo Maria im gleichen Jahr löste in Mailand einen politischen Umsturz aus. In der Metropole wurde die Ambrosianische Republik ausgerufen, und tusammen mit anderen Feudalherren griff Franchino Rusca zu den Waffen, um seine verlorene Machtstellung im Sottocenere zurückzugewinnen.
Der Feste Morcote bemächtigte sich Franchino mit Gewalt. Er sollte sich aber seines im wildem Aufruhr gewonnenen Besitzes nicht lange freuen. Die Ambrosianische Republik einigte sich mit der Stadt Como, welche sich nun in der Hoffnung, ihr altes Territorium zurückzugewinnen, an die Eroberung der von Franchino Rusca besetzten Gebiete machte. Die nun einsetzenden wilden Kämpfe, an denen auch Schweizer Soldaten beteiligt waren, brachten für Morcote einen wiederholten Besitzerwechsel, aber für den Machtkonflikt keine endgültige Entscheidung. 1450 gehörten Lugano, Morcote und die übrigen Burgen des Sottocenere wieder Franchino Rusca, doch hatte sich in der Zwischenzeit Francesco Sforza, der Condottiere der Ambrosianischen Republik, der Herrschaft im Mailand bemächtigt und zum Herzog aufgeschwungen. Er stellte im Land den Gehorsam wieder her und teilte den drei Söhnen des Aluysius de Sanseverino die Herrschaft ihres Vaters zu. Franchino zog sich grollend zurück. Die neuen Herren machten sich aber bei den Untertanen bald so unbeliebt, dass es zum offenen Aufruhr kam und Francesco Sforza das Land unter mailändische Verwaltung stellen musste. Mehrmals versuchte der Herzog, die Sanseverino als Herren über Morcote, Lugano und das übrige Sottocenere wieder einzusetzen, allerdings erfolglos. Hinter dem Widerstand des Volkes gegen die verhassten Sanseverino standen die Rusca und die anderen alteingesessenen Feudalherren, die immer noch hofften, ihre verlorene Stellung zurückgewinnen zu können. Der letzte Sanseverino verliess um 1485 das Land, worauf die mailändischen Beamten auf den Burgen des Sottocenere Einzug hielten und von diesen aus ihre Verwaltungstätigkeit aufnahmen. Die letzten grossen Ausbauten auf der Feste Morcote scheinen in jenen Jahren vorgenommen worden zu sein.
Der Untergang des Hauses Sforza und die Besetzung des Herzogtums Mailand durch den König von Frankreich im Jahr 1500 wirkten sich auf das Sottocenere katastrophal aus, wurde das Land nun doch jahrelang von plündernden Kriegerscharen vornehmlich eidgenössischer Herkunft durchzogen. Morcote, nicht direkt an der grossen Durchgangsroute gelegen, mag glimpflicher davongekommen sein als andere Orte. Im Pavierzug von 1512 brachten die Eidgenossen das Sottocenere unter ihre Herrschaft, wobei die meisten festen Plätze, vor allem das starke Kastell von Lugano, mit Gewalt eingenommen werden mussten. Auch die Burg Morcote fiel damals in eidgenössische Hand. Um sich den kostspieligen Unterhalt der Burg zu sparen und gleichzeitig zu verhindern, dass sich auf die Feste gegnerische Truppen einnisten konnten, beschlossen die Eidgenossen im Jahr 1513, den Bau soweit zu verwüsten, dass er als militärischer Stützpunkt nicht mehr benutzbar war. Der anschliessend einsetzende Zerfall dürfte die Burg rasch zur Ruine gemacht haben.
Bibliographie