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Trotz widersprüchlichen Vorstellungen vom Christsein gehen von den Klöstern im Burgund bedeutende Aufbrüche aus. Fragen an Reiseleiter Michael Bangert
Bild: Stephanie Weiss
aufbruch: Michael Bangert, Sie leiten die aufbruch-Leserreise ins Burgund. Welche Aufbrüche in der europäischen Entwicklung lassen sich im Burgund beobachten?
Michael Bangert: Das Burgund liegt im Herzen Europas und entwickelte sich im Mittelalter zum Zentrum europäischer Kultur, zu der die Klöster Wesentliches beigetragen haben. Eine der wichtigsten Abteien ist das Grosskloster in Cluny, wo sich ab dem frühen Mittelalter prägende Formen klösterlicher Frömmigkeit und Bildung entwickelten. Diese monastische Tradition rettete wesentliche Teile der antiken Kultur ins Mittelalter und in die Neuzeit hinein. Aufgrund ihrer umfassenden Bildung gehörten Äbte – wie etwa Petrus Venerabilis (1094–1156) – zu den führenden Männern Europas und waren gefragte Gesprächspartner der Herrscherhäuser.
Was hat es mit der Frömmigkeit auf sich?
Ein zweiter wichtiger Aspekt liegt in der damaligen theologischen Überzeugung in Cluny, dass sich der wahre Gottesdienst in der Liturgie manifestiere. Die Welt und der Glaube sollten liturgisch erfasst und gefasst werden. Demnach sollte die Liturgie nicht den Alltag der Menschen abbilden, sondern den Himmel als Lobgesang Gottes. In der Liturgie zeigt sich das Göttliche und vereinigt sich, so dachte man, mit der Erde. Theologisch steht dahinter die Idee der Majestas Domini. Entsprechend werden die Gottesdienste zunehmend opulenter mit der Folge, dass die Priestermönche fast nichts anderes zu tun hatten als im Chor zu beten. Wirtschaftlich bedeutete dies, dass sehr viel Geld in die Ausstattung der Liturgie floss, in prächtige Messgewänder etwa. Das kulturelle Epizentrum des 10./11. Jahrhunderts der cluniazensischen Kultur wird einer der Höhepunkte der aufbruch-Reise.
Inwiefern ist die Bewegung der Zisterzienser, die in Jesus den armen Bruder sahen, prägend für die heutige Kultur und für das Christentum?
Die Zisterzienser entwickelten sich aus einer Gegenbewegung zu den Benediktinerklöstern. Augenfällig ist, dass die Benediktiner ihre Klöster oft auf einem Berg bauten, während sich die Zisterzienser wie in Fontenay als Zeichen der Demut in Tälern ansiedelten. Sie wollen Christus in seiner Armut und Schlichtheit nachfolgen und lassen sich darum im »desertum«, in abgelegenen Regionen und Sümpfen, nieder, analog zu Jesu Wüstenzeit. Diesen neuen Aspekt brachte vor allem Bernhard von Clairevaux (1090–1163) ein. Entsprechend feiern die Zisterzienser eine einfache, schlichte nach innen gewendete Liturgie. Aus dieser nach innen gerichteten Schau bei Bernhard von Clairvaux entwickelt sich eine Blütezeit der Mystik. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Zisterzienser liegt in ihrer Innovationskraft, die sie im landwirtschaftlichen und technischen Bereich entfalteten. Sie nutzen den Eisenpflug und setzen Wasserräder zur Energiegewinnung ein – ein wichtiger wirtschaftlicher Impuls, der Europa bis heute Prosperität gebracht hat.
Eine weitere Station der aufbruch-Leserreise ist Taizé. Welche Bedeutung hat Taizé mit seiner ökumenischen Brüder-Gemeinschaft für das Christentum heute?
Taizé ist eine der hoffnungsvollsten Bewegungen, die die Kirche im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Dabei steht Taizé seit 1940 für den Versuch, das Trennende zwischen den Kirchen zu überwinden. Eindrücklich finde ich, dass dort vor allem junge Menschen in ihren unterschiedlichen Traditionen zusammenkommen und sich spirituell begegnen können, ohne ihre eigene Tradition aufgeben zu müssen. Dahinter steht das überzeugende Konzept von Gründer Roger Schutz (1915–2005), das spirituell auf innere Verständigung ausgelegt ist und nicht auf die Betonung von Dogmen. Darüber werden wir in Taizé mit einem Bruder ins Gespräch kommen.
Ein weiterer Anziehungspunkt im Burgund ist die Abtei von Vézelay. Was macht sie so einzigartig?
Vézelay ist eine der schönsten Kathedralen der Christenheit. Hier kann man sehen, wie eine mittelalterliche Kirche funktionierte, also sich der grosse Kommunikationszusammenhang zwischen Gemeinde, Bildern und Kirchenraum ereignete. Im Vorraum der Kirche werden die Besucher hineingenommen in das österliche Ereignis. Darauf legt es das Bildprogramm inklusive die Lichtführung in dieser Kirche in einer einzigartig gelungenen Weise an. Anhand des Bildprogramms zu Maria von Magdala werden wir zudem auf interessante Aspekte zur Bedeutung der Frauen im Mittelalter stossen.
Interview: Wolf Südbeck-Baur