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N°11
Die beiden Tramführer blinzelten in die Sonne, scherzten, der vom 2er deute mir an, er werde zuerst fahren, ich stieg ganz vorne ein. Auf der ersten Bank sass eine junge Dame in teurem Sportoutfit, sie kam wohl aus der Ballettschule Tiefenbrunnen, eine Nike-Tasche rechts auf dem Nebensitz, links von ihr eine Auslegeordnung an Schminkutensilien. Ihre Lippen hatte sie soeben eingecremt, rutschte mit der Ober- auf der Unterlippe herum, legte das Döschen zum Schminkkram, schaute aus dem Fenster, überlegte eine Weile, der 2er fuhr ab. Dann öffnete sie behutsam ein zweites Döschen, entnahm etwas Make-up, tupfte es sorgsam auf die Lippen. Sie tat das in einer ungestörten Ruhe und ohne Eile, kontrollierte ihr Tun fortwährend mit einem kleinen Spiegel in ihrer Linken. Nach zwei Stationen griff sie zur Puderdose, wedelte mit einem Pinsel in der Dose, dann über die Lippen, klopfte mit den Fingern behutsam auf den Mund. Die Prozedur dauerte. Als nächstes war der Stift dran, ein Konturenstift. Mit kräftigem Rot zog sie die Lippenlinien nach, oben entschied sie sich für die äussere Linie, begann am Lippenherz, zuerst nach links, dann nach rechts, die Zeichnung sah aus wie die Silhouette einer fliegenden Möve. Unten setzte sie an der inneren Lippenlinie an, zog immerzu strichelnd einen präzisen Bogen nach aussen, spannte die Lippen, machte auch den oberen Strich bis zu den Mundwinkeln fertig, betrachtete erst stolz ihr Werk und füllte danach mit dem selben Stift die Lippen innerhalb der Konturen mit Farbe auf. Fertig, dachte ich, aber nein, sie drehte den Stift um, tunkte den Pinsel auf einem Lippenstift in gleichem Rot und trug davon noch üppiger auf. Dann kramte sie ein Kleenex hervor, presste die Lippen darauf, tat das Tuch mit dem Abdruck zur Seite, trug erneut Farbe auf, spannte wiederum die Lippen so, dass auch die letzte und kleinste Ritze eines jeden Lippenfältchens ausgefüllt wurde. Inzwischen hielt der 2er am Stadelhofen. Sie inspizierte eine ganze Weile ihren vollen Mund, war davon sichtlich angetan, kramte ihre Utensilien hurtig zusammen, erhob sich putzmunter, drückte den Türöffner, stolzierte übers Bellevue in Richtung Odeon. Es war eine Freude, ihr zuzusehen, wie sie ihr kleines Kunstwerk zur Schau stellte, und als ich die Männer bemerkte, die sie mit Stilaugen anstarrten, erhielt für mich der Wortbegriff «an den Lippen hängen» eine neue Bedeutung.
Sonntag, 3. Mai 2015