Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/858

E-Mail-Adresse für den Newsletter
Mein Bezug zu Joan Didion sind hauptsächlich ihre Reportagen, dann "Das Jahr magischen Denkens" sowie die Tatsache, dass sie mit dem Schriftsteller John Gregory Dunne verheiratet war, dem Bruder von Dominick Dunne, dessen "Another City, Not My Own" zu den wenigen Büchern gehört, die ich richtiggehend gefressen habe.
Während der ersten paar Seiten dieses Bandes gehen mir aus Gründen, über die ich bestenfalls spekulieren könnte (Geben wir den Äusserungen von Schriftstellern – Frau wie Mann – nicht viel zu viel Bedeutung?), dauernd Arthur Schopenhauers "Aphorismen über Alter und Tod" durch den Kopf und insbesondere dieser "Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d. h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden." Im Laufe der Lektüre zeigt sich dann, dass mich vor allem Didions nüchterne Sichtweise für sie einnimmt. Auch, dass sie offenbar Naipaul sehr schätzt und mich auf Conrads "Sieg" aufmerksam macht.
Im späten Alter befinde ich mich zwar (noch) nicht, doch frage ich mich schon, ob Joan Didions Aussage, Schreiben sei ein feindseliger Akt ("Feindselig in der Weise, dass man jemandem seine Sicht der Dinge aufzuzwingen versucht. Es ist ein feindseliger Akt, das Denken eines Menschen in dieser Weise zu manipulieren."), den sie mit Mitte vierzig geäussert hat (und heutzutage womöglich nicht mehr so sagen würde), mehr als nur der Versuch ist, originell zu sein (ich selber halte diese Aussage für ausgemachten Schwachsinn).
Doch Joan Didion sagt in diesem Band natürlich noch ganz viele andere Dinge, darunter solche, die ich höchst anregend finde. "Bei nicht-fiktionalen Texten findet der Vorgang des Entdeckens nicht beim Schreiben, sondern beim Recherchieren statt. Das macht das Schreiben selbst zu einem zähen Vorgang. Man weiss ja bereits, worum es geht."
"Dinge zurechtrücken" zu lesen, bedeutet auch, Wieder-Entdeckungen zu machen. So hatte ich etwa vollkommen vergessen, dass Joan Didion zusammen mit ihrem Mann auch Drehbücher geschrieben hat. Wie es zu "Up Close & Personal" mit Robert Redford und Michelle Pfeiffer kam, beschrieb John Gregory Dunne in "Monster. Living Off The Big Screen". "Für uns ist es eine Art Spiel", sagt Didion über das Drehbuchschreiben. Und: "Unser wirkliches Leben findet anderswo statt."
"Sie legen Wert auf Ästhetik im Alltag. Sie haben einmal gesagt, Sie benutzen jeden Tag Tafelsilber", bemerkt eine Interviewerin einmal, worauf Didion antwortet: "Nun, der Alltag ist alles, was wir haben." Sie koche gerne und sie nähe gerne, gibt sie zu Protokoll. "Das sind geruhsame Tätigkeiten, und sie sind Ausdruck von Fürsorge." Solcher Einsichten wegen, auf die ich selber kaum gekommen wäre, ist mir dieser Band wertvoll.
"Dinge zurechtrücken" lohnt vor allem, wenn man mit dem Werk der Autorin gut vertraut ist, denn die meisten Interviewer fragen nach Didions Büchern. Und auch wenn es wohl unvermeidlich ist, immer wieder vom Tod des Ehemannes und der Adoptivtochter, die mit Depressionen, Zwangsstörungen und Borderline diagnostiziert worden war, zu lesen, das ständige Darauf-Zurückkommen macht die Lektüre zwischendurch etwas mühsam.
"Ich schreibe ausschliesslich, um herauszufinden, was ich denke, was ich betrachte, was ich sehe und was es bedeutet. Was ich will und was ich fürchte." Diese vor Jahrzehnten geäusserten Sätze würden nach wie vor gelten, sagt Joan Didion in einem Interview aus dem Jahr 2012. Und auch dieser Satz, den sie ebenfalls vor langer Zeit geschrieben hat. "Die Zeit vergeht. Könnte es sein, dass ich das nie geglaubt habe?"