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Fragebogen gehören zum Langweiligsten, was die Wissenschaft je hervorgebracht hat. Gelangweilte Studenten sitzen vor dicht bedruckten Blättern, auf denen sie weisse Kästchen ankreuzen. Aus den Antworten ziehen Forscher dann bahnbrechende Schlüsse: Frauen essen mehr Tofu als Männer, 80-Jährige hören weniger Gangsta-Rap als 16-Jährige.
Doch die Befragung, die Dan Ariely im Jahr 2001 durchführte, hatte einen besonderen Dreh. Die Computertastatur, mit der die Versuchsteilnehmer ihre Antworten eingaben, war nämlich so ausgelegt, dass sie «einfach mit der nicht dominanten Hand bedient werden konnte», wie Ariely in seiner Studie «In der Hitze des Gefechts: Die Wirkung sexueller Erregung auf sexuelle Entscheidungen» schrieb. Die andere Hand wurde benötigt, um die im Titel der Studie erwähnte sexuelle Erregung herbeizuführen.
Die Idee für das Experiment kam Ariely, als er über eine in den USA übliche Massnahme gegen Teenagerschwangerschaften nachdachte. Konservative und kirchliche Kreise propagieren den von der Drogenprävention übernommenen Appell «Just say no» – «Sag einfach Nein» – als Mittel gegen Teenagersex. Ariely wunderte sich, warum der von vielen Jugendlichen ernsthaft beherzigte Vorsatz, im entscheidenden Moment einfach Nein zu sagen, so wenig Wirkung zeigte. «Die Frage war: Wissen die Jugendlichen im Grunde, dass ihr Versprechen unrealistisch ist, oder haben sie wirklich keine Ahnung, wie sie sich später verhalten werden?»
Die Vermutung lag nahe, dass sich die sexuelle Erregung auf die Entscheidungsfindung auswirkte. «Triebe wie Hunger und Durst sind so angelegt, dass sie stärker ausgelebt werden, wenn sich die Gelegenheit bietet. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Sex nicht dieser Regel gehorcht», schreibt Ariely. Für Hunger und Durst war dieser Zusammenhang längst wissenschaftlich belegt, für Sex nicht. Das wollte Ariely ändern.
Eigentlich arbeitete Ariely am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts, aber weil er gerade ein Jahr als Gast an der University of California in Berkeley verbrachte, hängte er seine Zettel dort an die Anschlagbretter: «Gesucht: männliche Versuchsteilnehmer, heterosexuell, 18 Jahre oder älter, für eine Studie über Entscheidungsfindung und Erregung.» Weiter unten stand: «Die Experimente können sexuell erregendes Material einschliessen.»
Über mangelndes Interesse konnte sich Ariely nicht beklagen. Schon bald musste er Studenten abweisen. Er hatte sich entschieden, die erste Studie nur mit Männern zu machen. «Was Sex betrifft, ist ihre Verdrahtung viel einfacher als jene von Frauen», schrieb er später in seinem Buch «Predictably Irrational», «eine Ausgabe von ‹Playboy› und ein abgedunkelter Raum waren so ziemlich alles, was wir brauchten, um ans Ziel zu kommen.»
Ein Forschungsassistent übernahm die Aufgabe, die Versuchsteilnehmer zu instruieren. Von der Idee, den Versuch in einem Labor durchzuführen, war Ariely schnell abgekommen. Wenn er ehrliche Antworten auf seine delikaten Fragen erhalten wollte, musste das Ganze in privater Atmosphäre stattfinden. Deshalb verzichtete er auch darauf, den Grad der Erregung mit den in der Sexforschung üblichen ringförmigen Dehnmessstreifen zu bestimmen, die über den Penis gestülpt werden und die Veränderung des Durchmessers anzeigen. Vielmehr drückte sein Forschungsassistent den jungen Männern einen Laptop in die Hand und wies sie an, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, die Tür abzuschliessen und sich aufs Bett zu legen, den Computer so positioniert, dass ihre nicht dominante Hand bequem die in Cellophan gewickelte Tastatur erreichte.
Auf dem Bildschirm konnten sie sich dann durch Pornobilder klicken, die zwei Studenten zuvor im Auftrag von Ariely ausgesucht hatten. «Ich wollte Material, das bei ihnen wirkte, deshalb mussten die Bilder von Studenten ausgewählt werden.» Den Grad ihrer Erregung gaben sie mit den Pfeiltasten auf einem Leuchtbalken an, der sie rechts neben den nackten Körpern ständig daran erinnerte, dass sie im Dienste der Wissenschaft standen. Wenn sie bei «75 Prozent Erregung» angekommen waren, wurde auf dem Bildschirm die erste Frage eingeblendet, die sie beantworten konnten, indem sie mit den Pfeiltasten eine Markierung irgendwo zwischen Ja und Nein auf einem zweiten Leuchtbalken positionierten, je nachdem, ob sie eher zustimmten oder ablehnten. Falls sie aus Versehen ejakulierten, sollten sie die Tabulatortaste drücken. Das Experiment wäre dann abgebrochen worden, was aber nie geschah.
Die Fragen begannen harmlos mit «Halten Sie die Schuhe von Frauen für erotisch?», ging dann aber weiter mit «Könnten Sie sich vorstellen, Sex mit einer 40-jährigen Frau zu haben?», «Mit einer 50-jährigen?», «Mit einer 60-jährigen?», «Könnten Sie sich zu einem 12-jährigen Mädchen hingezogen fühlen?», «Könnten Sie Sex geniessen mit jemandem, den Sie hassen?», «Ist eine Frau sexy, wenn sie schwitzt?», «Würden Sie versuchen, Ihre Chancen auf Sex zu erhöhen, indem Sie einer Frau sagten, dass Sie sie liebten?», «Indem Sie sie ermutigten, Alkohol zu trinken?», «Indem Sie ihr Drogen gäben?», «Würden Sie ein Kondom benutzen, wenn die Gefahr bestünde, dass die Frau ihre Meinung änderte, während Sie es holten?».
Ariely bildete aus den 35 Versuchsteilnehmern drei Gruppen: Die bedauernswerte erste Gruppe beantwortete die Fragen nur in nicht erregtem Zustand und wurde dann entlassen. Die zweite Gruppe antwortete zuerst erregt und mindestens einen Tag später nicht erregt, und die dritte Gruppe zuerst nicht erregt dann erregt und schliesslich wieder nicht erregt. Ariely wollte damit klären, ob die Reihenfolge der verschiedenen Situationen einen Unterschied machte. Sie machte keinen, die Resultate waren erstaunlich konsistent: Sexuell erregt waren die Studenten viel eher bereit zu ungewöhnlichen sexuellen Praktiken, zu arglistigem Verhalten gegenüber einer Partnerin und zu risikoreichen Handlungen.
Der Effekt war gross. Ariely hatte den Leuchtbalken, den die Studenten zur Eingabe ihrer Antworten benutzten, in eine Hunderterskala verwandelt. «Nein» lag bei 0, «vielleicht» bei 50, «ja» bei 100. Die Durchschnittsantwort auf die Frage «Würde es Ihnen Spass machen, Ihre Partnerin zu fesseln?» lag nicht erregt bei 47, erregt bei 75. Für «Ist nur küssen frustrierend?» nicht erregt bei 41, erregt bei 69.
Ariely musste mehrere Anläufe nehmen, bis die Fachzeitschrift «Journal of Behavioral Decision Making» die Arbeit veröffentlichte. Anderen Publikationen war das Experiment zu heiss. Die Reaktionen liessen nicht auf sich warten. «Einige Leute sagten, ‹das Resultat ist trivial› oder ‹das wussten wir schon lange›», erinnert sich Ariely. Er hält das Ergebnis für ganz und gar nicht trivial. «Wenn alle das schon wussten, warum unterscheiden sich die Antworten dann so stark?» fragt er. In Wirklichkeit seien sich die wenigsten Leute dieses Effekts bewusst – jedenfalls nicht bei sich selbst.
Dass jeder von uns – egal wie edel er sich einschätzt – die Wirkung der Leidenschaft auf seine Handlungen unterschätzt, hat weitreichende Folgen. «‹Sag einfach Nein› geht davon aus, dass man seine Leidenschaft auf Knopfdruck abstellen kann», schreibt Ariely. Und weil man das nicht könne, bliebe nur die Alternative: «Entweder lehren wir unsere Teenager, wie man Nein sagt, bevor sich eine Situation entwickelt, in der es unmöglich ist, zu widerstehen, oder wir bereiten sie auf die Konsequenzen vor, wenn sie in entflammter Leidenschaft Ja gesagt haben (indem sie zum Beispiel Kondome auf sich tragen).»
Nach seinem Gastjahr in Berkeley kehrte Ariely ans MIT zurück, wo er das Experiment wiederholen und auf Frauen ausweiten wollte. Er fragte den Dekan um Erlaubnis. «Der Dekan sagte: ‹Lass uns eine Kommission einsetzen›», erinnert sich Ariely, «und jedes Mal, wenn man das Wort ‹Kommission› hört, weiss man, dass es lange dauern wird.» Obwohl die Kommission nicht nur aus Frauen bestand, nannte sie Ariely bald die «Kommission der wütenden Frauen». «Da gab es zum Beispiel eine Frau, die nie nach Frankreich reisen würde, weil die Werbung dort zu gewagt sei. Mit solchen Leuten musste ich mich herumschlagen.»
Nicht unerwartet hatte die Kommission einige Einwände. Sie befürchtete etwa, dass masturbationssüchtige Versuchsteilnehmer rückfällig würden oder dass die Pornobilder unterdrückte Erinnerungen an früheren Missbrauch heraufbeschwören könnten. Ariely hielt beide Einwände für weit hergeholt, einerseits war krankhafte Masturbationssucht extrem selten, andererseits war wissenschaftlich höchst zweifelhaft, ob es das, was die Kommission unter unterdrückten Erinnerungen verstand, wirklich gab.
Schliesslich wurde die Bewilligung erteilt – unter drei Bedingungen: Ariely durfte für das Experiment keine MBA-Studenten seines Instituts rekrutierent, er musste alle Anfragen der Presse direkt an die Kommunikationsabteilung weiterleiten, und es war ihm verboten, von diesen Experimenten im Unterricht zu erzählen. Vor allem der letzte Punkt kam ihm seltsam vor: «Warum sollten wir Experimente machen, wenn wir dann nicht darüber reden dürfen?»
In der Zwischenzeit hatte er sich die Bewilligung bei einem anderen MIT-Institut geholt, für das er tätig war. Doch die Schwierigkeiten nahmen trotzdem kein Ende, denn als nächstes machte Ariely die Tatsache zu schaffen, dass Studentinnen viel seltener masturbieren als Studenten und dabei grössere Schwierigkeiten haben, in Erregung zu geraten. «Bei den Männern kann man jeden nehmen, alle wissen, wie man masturbiert, doch wenn wir die Studie nur mit jenen zwanzig Prozent Frauen machen konnten, die Selbstbefriedigung betrieben oder sich dazu bekannten, hätten wir eine sehr unausgewogene Stichprobe gehabt.» Daraus hätte sich nicht auf das Verhalten der Frauen im allgemeinen schliessen lassen.
Ariely erwog schliesslich sogar den Einsatz von Vibratoren, um seine Studie zu retten, doch das Zulassungsgremium fand das keine gute Idee. «Ich glaube, sie befürchteten, der ‹Boston Globe› würde schreiben ‹MIT-Professor lehrt Frauen das Masturbieren!›» Ariely musste das Projekt schliesslich aufgeben, und so wissen wir bis heute nicht, ob Frauen Männerschuhe erotischer und Männerschweiss anziehender finden, wenn sie sexuell erregt sind.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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