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Martin Herzog
6.1 Die Verbesserung des IQ durch nicht-vererbbare Lerneffekte:
Der Flynn-Effekt
Nebst dem Selektionseffekt, durch den die einen Länder eher intelligenteren Einwandern zutritt gewähren, die andern eher Hilfskräften, dürfte auch eine nichtvererbliche Komponente von einigem Einfluss sein. http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2274/1.html :
Da in den letzten Jahrzehnten in allen Industrieländern ein phänotypische Erhöhung der IQ-Testwerte um bis zu 10 Punkten nachgewiesen worden ist der so genannte Flynn-Effekt.
Pro Generation nahm der Intelligenzquotient um etwa 18 Punkte zu. Die Grosseltern liegen also rechnerisch im Schnitt so weit unter ihren Enkeln, wie ein Mensch am Rande des Schwachsinns unter einem normal begabten.
J. Paulus: Der Intellektuelle Höhenflug geht zu Ende. Tagesanzeiger, 3. August 2005. S. 28
James Flynn, ein Wissenschaftler aus Neuseeland, hat bereits in den 80er Jahren eine seltsame Beobachtung gemacht: er hat einen Trend festgestellt, daß bei Menschen aus verschiedenen hochindustrialisierten Ländern die Werte, die sie bei Intelligenztests erzielten, kontinuierlich zunahmen. Wenn man die Messung aus Intelligenztests nicht mit dem Durchschnitt der aktuellen Gruppe, sondern mit dem Durchschnitt für eine Vergleichsgruppe einer oder mehrerer Generationen früher vergleicht, so läßt sich ein durchschnittliches Wachstum des Intelligenzquotienten in einem Jahrzehnt von 3 Prozent feststellen.
Der Satz galt allerdings wie's scheint nur bis ca. 1990. Seither stagniert die Zunahme der Intelligenz oder geht sogar zurück, zumindest im Westen. Deutsche Wehrpflichtige liefern seit der Wende ziemlich konstante Resultate, auch deutschsprachige Schulkinder in der Schweiz. Die Norweger sind 2002 wieder auf dem Niveau von 1976 angekommen, die dänischen Rekruten sind auf dem von 1990. Man vermutet vor allem Motivationsprobleme - die es in Korea und Singapur weniger gibt.
Mir selbst scheint die Sache einigermassen logisch. Bis anhin hat die zunehmende Komplexität es nötig gemacht, sich damit auseinander zu setzen, um bestehen zu können. Irgendwann in den letzten 25 Jahren wurden aber die Anforderungen der Arbeitswelt so, dass eigentlich nur noch "Schizophrene" darin bestehen können: Karrieregeil und Teamfähig, Spitzenleistungen und Anpassung, treuer Diener der Betriebsvorschriften und selbständig denkend, bestqualifiziert aber immer gehorsam gegenüber dem Chef, der alles besser weis etcetc. Kurzum, die Welt ist inzwischen derart komplex und kompliziert geworden, dass es offensichtlich einer Mehrheit ganz einfach "abhängt" - läckmramarsch, nofuture etc. Die Anforderungen steigen, die Löhne, ja bereits die Chance auf einen einigermassen anständigen Arbeitsplatz, für viele bereits die Aussicht auf eine Lehrstelle, schwinden. Korea und Singapur brauchen nur etwas länger, bis sie's merken. In Japan hat der "no chance-Effekt" auch bereits zugeschlagen. Hier zeigt sich die Rückseite der Goldmünze Wettbewerb: Die Verlierer erkennen langsam, dass eben im Wettbewerb nicht jeder gewinnt. Die Verlierer, die im dauernden Wettbewerb keine Chance mehr sehen, also gar nicht mehr mitmachen, sind bereits in der Mehrheit. Wettbewerb ohne Belohnung hat es noch kaum je gegeben. Hier versaut sich unser Wirtschaftssystem die eigenen Grundlagen.
Das liegt aber nicht bloss am Wettbewerb. Die moderne Ökonomie hat zwar die Religion ersetzt, aber dabei aus einem komplexen Wertesystem ein monofinales gemacht: Geld, mehr Geld, Kapital, mehr Kapital, Shareholder Value als einziges ernsthaft anzustrebendes Ziel. Das ist keine zynische Randbemerkung von mir, dass ist "wissenschaftlich" (soweit man bei der Ökonomie von einer Wissenschaft reden kann ...) belegt. (s. Cools, Van Praag).
Nicht ganz unschuldig an der Entwicklung sind aber auch die Wissenschaftler und Philosophen. Da sitzt jeder in seinem Gärtchen, palavert etwas über den Zaun mit dem Nachbarn und nennt das Multidisziplinarität - aber es gibt kaum Leute, nicht mal Philosophen, deren Auftrag es eigentlich wäre, die versuchen, das ganze postmodern zerbröselte Chaos wieder als ganzes zu sehen. Dabei ist sie nach wie vor ein Ganzes, unsere Welt, wir sehen bloss nur noch Teile davon.

< Einschub 4.3.05: Der Mythos der Leistungs-Elite und der Ausschluss der Schwachen (s. auch: Die Erhaltung sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem)
Apropos Lerneffekte des IQ: Der Fall des Mörders Daryl Atkins aus Virginia zeigt, dass der Flynn-Effekt tödlich sein kann. In den USA dürfen laut eines Entscheides des Obersten Gerichts, Angeklagte die geistig behindert sind (was mit einem IQ von unter 70 gleich gesetzt wird, wie er bei 2.1% der Bevölkerung vorhanden ist), nicht mehr hingereichtet werden. Atkins wies bei seiner Festnahme einen IQ von 59 auf - Kaum genug, sich die Schnürsenkel zu binden. [Martin Kilian: IQ 74 bringt den Tod. Tagesanzeiger, 10. März 2005. S. 7]. Nun hat sich Atkins aber während seiner Gefangenenzeit intensiv mit Juristen und dem Recht auseinander gesetzt - und wurde kürzlich auf einen IQ von 74-76 getestet, was ihm die Todesstrafe einbringt. Ein deutliches Zeichen, dass Recht nicht nur wenig mit Gerechtigkeit, sondern eben so wenig mit Intelligenz zu tun hat.
Ende Einschub >
Allerdings verdankt sich die Zunahme überwiegend der Fähigkeit, besser und schneller abstrakte Muster zu erkennen, sich räumlich zu orientieren, eine Entscheidungsauswahl zu treffen und abstrakte Probleme zu lösen.
Möglicherweise also "wissen" wir vielleicht weniger als die Menschen vor 100 Jahren, aber können uns schneller etwas Neues aneignen. Dafür haben wir ja unsere künstlichen Gedächtnisse zuhauf, die wir zudem immer besser mit uns führen können.
Längere Schulausbildung, weniger Kinder in einer Familie und daher höhere Aufmerksamkeit auf die Kinder und ihre Bedürfnisse, bessere Ernährung und medizinische Versorgung wären solche möglichen Gründe. Dann könnte natürlich eine immer komplexere und dynamischere Lebenswelt eine Rolle spielen, die Menschen von jung auf zwingt, sich schnell Neuem anzupassen.
Francis Heylighen etwa meint, ein allgemeiner Faktor dafür sei, "daß die Gesellschaft als ganze auf einer höheren intellektuellen Ebene laufe und dem neugierigen Kind mehr Informationen, mehr intellektuelle Herausforderungen, mehr komplexe Probleme, mehr Beispiele zum Nachmachen und mehr Denkmethoden zum Anwenden anbiete. Allein die Benutzung alltäglicher Apparate wie Videokameras, Mikrowellenherde und Thermostate verlangt ein abstrakteres Denken, zu dem die ältere Generation nicht imstande ist. Die gestiegene Komplexität des Lebens könnte eine steigende Komplexität des Geistes stimulieren. Die zunehmende Benutzung von Computern im frühen Alter beim Lernen und Spielen könnte vermutlich allgemeines Wissen, abstraktes Denken und intellektuelle Beweglichkeit weiter fördern."
In Dänemark und der Schweiz wird allerdings seit 1990 eher eine Trendumkehr beobachtet. Die Autoren (Teasdale / Schallberger) führen dies auf ein schwächeres Interesse an akademischer Ausbildung zurück: Je mehr junge Männer bei ihrer Musterung nicht mehr an Prüfungen gewohnt sind, desto schlechter kommen sie mit dem Test zurecht.
Der Satz belegt auch die hohe Kulturabhängigkeit des IQ. Nehmen wir einen extremen Fall wie etwa Sokotra, wo heute noch die Mehrheit der Bevölkerung von Viehzucht und Fischfang lebt, in Hütten und Höhlen hausend, eine eigene, nichtarabische Sprache sprechend, ohne Umgang mit Schrift. Da IQ-Tests als minimale Erfordernis die Beherrschung von Lesen und Schreiben erfordern, sind Analphabeten bereits als Volltrottel qualifiziert. Darf man aber eine Kultur, die der Schrift aber nie bedurfte, in der aber sehr hohe Kenntnisse über die natürliche, soziale und kulturelle Umwelt mündlich weitergegeben werden, als unintelligent bezeichnen? Sicher nicht. Hier zeigt sich bloss die hohe Abhängigkeit des Resultats von der Messmethode.
Was die Schätzung der IQs alter (historischer) Genies betrifft, so darf der Flynn-Effekt da kaum hinzugerechnet werden. Der IQ bezeichnet ja den Ort, den ein Mensch in der Normalverteilung der Intelligenz in seiner Zeit und in seiner Umwelt einnimmt. So entspricht ein Mensch mit einem IQ von 100 dem statistischen Mittelmass an Intelligenz, während einer mit 140 an der Pforte zu den Genies steht, die nur noch 1 bis 2% der Bevölkerung Durchlass gewährt. Fragen wir uns, ob Napoleon, 1926 mittels Standford-Binet auf einen IQ von 145 geschätzt, heute um 24 Punkte höher liegt (80 Jahre mal Flynn-Effekt 0.3) ist das Unsinn, denn eigentlich müsste der IQ seine relative Position in der Gesellschaft um 1800 ausdrücken. Da seit 1926 auch die Bewertung der tieferen und mittleren Intelligenzen durch den Flynn-Effekt um den selben Betrag anstiegen, müsste eine heutige Schätzung mit den selben Methoden auch den selben Wert erzeugen. Man sollte das aber nicht als viel mehr betrachten als ein müssiges Denkspiel, denn in einer Gesellschaft die zu 90'% oder mehr aus Bauern bestand, spielt es kaum eine Rolle ob Napoleon nun zu den 2, 0.2 oder 0.02 intelligentesten Menschen seiner Zeit gehörte - und mehr sagt der IQ nicht aus! [s. auch Sprach- und Wirkungslosigkeit der High-Iq-Societies].
Martin Herzog Webdesign Rheinfelden he www.brainworker.ch 24. Juli 03