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Rede vor dem chinesischen Generalkonsulat in Zürich, am 17. Mai 2005
Liebe Kinder und Jugendliche, liebe Tibeterinnen, liebe Tibeter, liebe Freundinnen und Freunde Tibets
Es macht mich traurig, wenn ich daran denke, weshalb ich hier bin. Es macht mich traurig, wenn ich realisiere, weshalb wir alle hier zusammen gekommen sind.
Und ich bin wütend, weil wir heute hier stehen müssen, um unseren Protest gegen das Verschwindenlassen des vor 10 Jahren 6-jährigen 11. Panchen Lama zu deponieren.
Am 14. Mai 1995 wurde der 6-jährige Gedhun Choekyi Nyima vom Dalai Lama als der 11. Panchen Lama anerkannt.
Er sollte als Reinkarnation als Panchen Lama seine spirituelle Arbeit in Tibet fortsetzen. Der Panchen Lama oder Panchen Rinpoche ist ein ein flussreicher, spiritueller Lehrer, eine hohe Autorität und einer der höchsten Würdenträger im tibetischen Buddhismus. Der Panchen Lama gilt als Reinkarnation des Buddha Amitabha, des Buddhas des Unermesslichen Lichts. Die Regierung der Volksrepublik China (VRC) erklärte diese Anerkennung für ungültig und widerrechtlich.
Nur drei Tage nach der Ernennung zum Panchen Lama waren der 6-jährige und seine Eltern verschwunden. Ein paar Monate nach dem Verschwinden ernannte die chinesische Regierung ihren eigenen Panchen Lama, einen Jungen namens Gyaltsen Norbu. Ein Jahr später, im Mai 1996, gab die VRC zu, daß sie Gedhun Choekyi Nyima "auf Ersuchen seiner Eltern" in Gewahrsam – manchmal wird es „Schutzhaft" genannt - halte. Er "stünde in Gefahr, von den Separatisten entführt zu werden und seine Sicherheit sei bedroht". Es mutet seltsam an, daß die chinesische Regierung so viel daran setzt, jemanden zu "schützen", den sie nur als einen gewöhnlichen Jungen betrachtet.
Unzählige Suchaktionen blieben bisher erfolglos. Seit dem 14. Mai vor 10 Jahren sind Gedhun Choekyi Nyima und seine Eltern von keinem unabhängigen Augenzeugen mehr gesehen worden. Ihr Aufenthalt wird in Peking vermutet, es gibt aber keinerlei Zeugen dafür.
Wir sind hier und protestieren gegen das Gefangenhalten des 11. Panchen Lama.
Mit der Gefangenhaltung des Gedhun Choekyi Nyima, dem heute 16-jährigen 11. Panchen Lama verletzt China die Religionsfreiheit. Die Uno-Kinderrechtskonvention fordert, dass jeder Mensch – unabhängig seiner Religion – Anspruch auf die Rechte und Freiheiten hat, die in der Konvention erwähnt sind. Die Verschleppung und das jahrelange Versteckthalten des zweithöchsten Lamas in der tibetischen Hierarchie widerlegt Chinas Behauptung, die Religionsfreiheit in Tibet zu respektieren.
China ist Mitunterzeichner der Charta der Vereinten Nationen, dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes. In dieser Kinderrechtskonvention heisst es: „Die Vertragsstaaten treffen Massnahmen, um das rechtswidrige Verbringen von Kindern ins Ausland und ihre rechtwidrige Nichtrückgabe zu bekämpfen“, soweit Absatz 1 von Art. 11.
China verstösst mit der sogenannten Schutzhaft des 11. Panchen Lamas klar gegen diese Konvention.
China lässt weder Besuchsdelegationen, z.B. des EU-Parlamentes mit Repräsentanten der Autonomen Region Tibet, noch Delegierte des IKRK zu ihm. China ist auch nicht bereit, Fotos des 11. Panchen Lamas herauszugeben. Dagegen protestieren wir. - Wir sind entsetzt über die fortgesetzte Gefangenhaltung des 16-jährigen 11.Panchen Lama. Wir appellieren erneut an die VRC, einer unabhängigen Person zu erlauben, Gedhun Choekyi Nyima zu besuchen und sich seiner Gesundheit und Lebensumstände zu vergewissern.
Wir fordern die Verantwortlichen der VRC auf, den vom Dalai Lama ernannten Panchen Lama und seine Familie unverzüglich frei zu lassen und zukünftig für ihre Sicherheit zu sorgen.
In der Märzsession hatte ich den Bundesrat gebeten, von China mit Nachdruck den sofortigen und ungehinderten Zugang einer unabhängigen Delegation zu verlangen, um sich ein Bild vom Wohlbefinden des 16-jährigen zu machen. Der Bundesrat hat versprochen, sich weiterhin bei den Verantwortlichen Chinas für den 11. Panchen Lama einzusetzen.
Wir bitten China eindringlich, das Anliegen der Schweiz aufzunehmen.
Wir fordern auch Religionsfreiheit für alle Tibeterinnen und Tibeter, die seit über 50 Jahren unter der Herrschaft Chinas zu leiden haben. Zur Religionsfreiheit gehört auch das Recht, den religiösen Führer selber zu bestimmen.
Liebe Jugendliche, liebe Tibeterinnen, liebe Tibeter, liebe Freundinnen und Freunde Tibets. Ich danke, dass Sie gekommen sind. Wir kämpfen weiter. Auf dass die Sonne der Freiheit und der Menschenrechte bald über Tibet leuchten wird. ▲

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