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apostolischen Vikar und den Gemeindebehörden unterbreitet werden. Die Kirchenpflege sichert den guten Unterhalt der kirchlichen Bauten, kann aber keine ausserordentlichen Ausgaben im Betrag von über 50 Fr. verfügen, ohne zuvor von der Kirchgemeindeversammlung dazu ermächtigt worden zu sein.
Die Reformierten sind im Kanton Tessin wenig zahlreich und beziehen für ihre Kultusbedürfnisse keinerlei Staatsbeitrag. Sie schliessen sich den schweizerischen reformierten Landeskirchen an und besitzen Pfarrer und Kirchen in Bellinzona, Biasca, Novaggio, Locarno und Lugano. In Lugano besteht ferner eine anglikanische Kirche. In den Gemeinden Chiasso und Airolo wird von Zeit zu Zeit reformierter Gottesdienst gehalten.
23. Oeffentliche Wohlfahrt.
Das öffentliche Armenwesen war bis 1903 durch die Bestimmungen verschiedener Gesetze und Reglemente, besonders über das Gemeindewesen geordnet. Das Prinzip der obligatorischen öffentlichen Unterstützungspflicht zu Lasten der Heimatsgemeinde findet sich schon in der auf die Mediationsakte folgenden ersten kantonalen Verfassung von 1803 und wurde später zu wiederholten Malen von neuem bestätigt, so besonders in dem Gesetz vom das die in einer Gemeinde, in der sie nicht verbürgert sind, krank gewordenen Unterstützungsbedürftigen betrifft.
Ein neues Gesetz von hat dann den Grundsatz aufgestellt, dass die Unterstützungspflicht derjenigen Gemeinde obliege, in der der Bedürftige oder seine Familie seit einer bestimmten Zeit niedergelassen sind. Zunächst werden auch alle übrigen Punkte der so wichtigen Frage genau festgelegt und die Unterstützungspflicht gegenüber bedürftigen Ausländern dem Kanton überbunden. Während einige wenige Gemeinden über Spezialfonds zur Unterstützung von Bedürftigen verfügen, muss die grosse Mehrzahl sich mit den ordentlichen Einnahmen aus den Steuern abzufinden suchen. Es besteht fast ausschliesslich Hausarmenpflege, ausgenommen in Krankheitsfällen, wo die Bedürftigen (so weit der Platz reicht) in den Krankenhäusern von Mendrisio, Lugano, Bellinzona und Locarno untergebracht werden können. Für Geisteskranke besteht in Mendrisio seit 1895 eine staatliche Irrenheilanstalt, für deren Pfleglinge die Gemeinden täglich 1 Fr., d. h. etwa die Hälfte der Unterhaltungskosten, bezahlen.
Hinsichtlich der Krankenpflege ist der Kanton in 58 Kreise von je 1500-3000 Ew. eingeteilt, deren jedem ein fest angestellter Kreisarzt vorsteht. Diese werden von den Gemeinden ihres Kreises besoldet und erhalten noch einen staatlichen Zuschuss, sind dafür aber verpflichtet, ihre Dienste jedermann unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Der Kanton hat eine besondere Armenkasse, die auch in Fällen von ausnahmsweisem Landesunglück (Feuersbrünsten, Lawinenverheerungen, Ueberschwemmungen etc.) Unterstützungen verabfolgt.
Eine 1900 aufgestellte Statistik über die Gemeindearmenpflege hat folgende ziffernmässige Nachweise ergeben: Gemeindegüter Fr. 1322000; Ertrag derselben Fr. 51891. Ausbezahlte Unterstützungen Fr. 134566, wovon Fr. 65740 durch die Steuern, Fr. 7800 durch Bussen und Spezialgebühren und Fr. 5000 durch Beiträge der Verwandten gedeckt wurden. Der Staat hat rund 1 Mill. Fr. für die Irrenheilanstalt Mendrisio ausgegeben, deren Jahresbudget eine Ausgabe von Fr. 127000 (die Kapitalzinsen nicht mitgerechnet) aufzeigt. Die Besoldungen der Kreisärzte verursachen eine jährliche Ausgabe von etwa 150000 Fr., woran der Staat 23000 Fr. beiträgt.
Ein sehr bedeutendes Privatinstitut ist der Kantonsspital zu Mendrisio (Ospitale cantonale della Beata Vergine), dessen Stiftung der Freigebigkeit des 1808 verstorbenen italienischen Grafen und Bürgers von Mendrisio Alfonso Turconi zu verdanken ist. Er wird seit 1904 vom Staat mit einem jährlichen Beitrag von 12000 Fr. unterstützt, muss dafür aber Kranke aus allen Teilen des Kantons in Pflege nehmen. Dieser nicht sehr grosse Spital ist durchaus nach allen Anforderungen der heutigen Wissenschaft eingerichtet. Die Krankenhäuser von Lugano, Bellinzona, Locarno und Brissago sind dagegen nur für die Bürger der betr. Gemeinden unentgeltlich zugänglich.
Das öffentliche Gesundheitswesen steht unter der Leitung des kantonalen Sanitätsdirektors, dem eine aus 5 Mitgliedern bestehende kantonale Sanitätskommission beigegeben ist und die Kreisärzte unterstehen. In Lugano besteht das Kantonslaboratorium mit dem Kantonschemiker, der sich besonders mit der Nahrungs- und Genussmittelkontrolle befasst. Die Sanitätspolizei der einzelnen Gemeinden ist den Gemeindebehörden überbunden. Dank diesem wohl organisierten Sanitätsdienst sind Epidemien eine sehr seltene Erscheinung.
Alle die öffentliche Wohlfahrt betreffenden Fragen sind ausführlich behandelt in einer von Dr. Raimondo Rossi dem internationalen Kongress für staatliches Armenwesen in Genf 1896 vorgelegten Arbeit über die Assistance publique dans le canton du Tessin.
24. Soziales und geselliges Leben; Volkssitten und -charakter.
Der Geselligkeitstrieb ist im Kanton Tessin sehr scharf ausgesprochen. Zuerst entstanden patriotische Vereine, die sich aus den beiden grossen Parteien des Kantons rekrutierten, zur Verschärfung der politischen ¶
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Gegensätze leider einen grossen Teil beitrugen und in den verschiedenen Revolutionen des vergangenen Jahrhunderts stets eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Sie waren meistens zugleich Schützenvereine und pflegten auch die gegenseitige Unterstützung ihrer Mitglieder in Krankheits- und Todesfällen. Noch heute haben zahlreiche Vereine der verschiedensten Art einen mehr oder weniger stark hervortretenden politischen Hintergrund. Daneben bestehen aber glücklicherweise auch manche, an Zahl stets zunehmende Vereinigungen, die ohne Rücksicht auf die politische Zugehörigkeit ihrer Mitglieder ihre besondern Zwecke verfolgen: Armen- und Unterstützungsvereine, Schützen-, Turn-, Gesang-, Musik- und Sportvereine, Jagd- und Fischereivereine, gemeinnützige und Berufsvereine etc. Sehr bedeutend sind die kantonale Gemeinnützige Gesellschaft, der Lehrerverein, der kantonale Landwirtschaftliche Verein mit mehreren blühenden Sektionen und zahlreiche Arbeitervereine.
Man darf wohl sagen, dass der Kanton Tessin mit Bezug auf das Vereinswesen keinem andern Kanton der Schweiz nachsteht. Die 97 Schützenvereine zählen zusammen 9769 Mitglieder und stehen unter der Aufsicht einer kantonalen Schiesskommission. Die Schiessplätze erhalten dank der von der Regierung gewährten Geldbeiträge ständig Verbesserungen und werden sich in naher Zukunft denen der übrigen Kantone ebenbürtig zur Seite stellen können.
Die Tessiner Volkssitten zeichnen sich durch manche Eigentümlichkeiten aus. Sehr beachtenswert ist der Kontrast zwischen dem Geist der Solidarität, der die Tessiner - besonders im Ausland - beseelt, einerseits und dem leidenschaftlichen Hass, der zwischen den Anhängern der verschiedenen politischen Parteien besteht und sich bis auf die rein privaten und geschäftlichen Beziehungen fühlbar machen kann, andrerseits. Freilich ist zu betonen, dass sich die politischen Sitten seit der vor 15 Jahren erfolgten Einführung des Systems der Proportionalvertretung beträchtlich verfeinert haben und die Wahlkämpfe mit loyaleren Mitteln und weniger Aufregung als früher ausgefochten werden.
Der Tessiner ist im allgemeinen intelligent, nüchtern, guter Arbeiter und seiner Heimat sehr anhänglich. Der Auswanderer hegt stets die Hoffnung, dereinst wieder heimkehren zu können. Die Liebe zur angestammten Heimat beseelt die seit langen Jahren im Ausland lebenden Söhne des Kantons in nicht minderem Mass als den eben erst Ausgewanderten oder im Kanton verbliebenen Landsmann.
25. Geschichtliche Uebersicht.
Als älteste Bewohner des Landes betrachtet man die keltischen oder gallischen Lepontier, von denen die Leventina ihren Namen erhalten haben soll. Später (ums Jahr 200 v. Chr.) gehörte der Tessin zur Gallia Cisalpina. An verschiedenen Orten vorgenommene Ausgrabungen haben uns unzweifelhaft Beweise für die Römerherrschaft geliefert, und es scheint als ob Bellinzona und Stabio schon vor der Römerzeit befestigte Plätze und Militärlager gewesen seien. Nach dem Zerfall des römischen Weltreiches kam das Tessingebiet der Reihe nach unter die Herrschaft der Goten, Longobarden und Franken (770), um dann von 1100-1353 unter den Herrschern von Como und Mailand zu stehen.
Bis 1402 gehörte dann das Land ausschliesslich den Visconti von Mailand, aus welcher Zeit Bellinzona und Locarno heute noch Denkmäler besitzen. Nach 1402 begannen die Eroberungszüge der Eidgenossen. 1403 besetzten die Urner die Leventina, und 1410 kam Bellinzona an die Eidgenossen. Es folgten zahlreiche Kämpfe zwischen den Eidgenossen und Mailand, worauf das Bleniothal, die Riviera und Bellinzona 1510 endgiltig zu gemeinsamen Vogteien von Uri, Schwyz und Nidwalden, sowie Mendrisio, Lugano, Locarno und die Valle Maggia 1512 zu solchen der 12 alten Orte wurden.
Dieses oft harte Untertanenverhältnis dauerte bis 1798. Von den Versuchen der Tessiner, das Joch der Eidgenossen abzuschütteln, ist namentlich der Aufstand der Leventina von 1755 zu erwähnen, der von den Urnern mit Hilfe ihrer Verbündeten rasch unterdrückt und strenge geahndet wurde (Hinrichtung von elf der Führer der Bewegung). Die von der französischen Revolution in die Welt hinausgeworfenen freiheitlichen Ideen führten 1798 auch im Tessin zum Sturz der Herrlichkeit der eidg.
Landvögte. Sogleich entbrannten aber zwischen den Tessinern selbst heftiger Zwist, indem ein Teil den Anschluss an die Zisalpine Republik forderte und in der Nacht des 15. Februar einen Ueberfall von Lugano wagte, der jedoch von den «Freiwilligen» (Volontari) glücklich abgeschlagen werden konnte. Nun erklärten sich die Tessiner für den Anschluss an die Eidgenossenschaft, die auf ihre einstigen Hoheitsrechte verzichtete, worauf das Land, in die beiden Kantone Lugano und Bellinzona getrennt, zum integrierenden Bestandteil der helvetischen Republik ward. 1803 stellte die Mediationsakte die Autonomie des nun zu einem einzigen eidgenössischen Stand geeinten Kantons Tessin ausdrücklich fest, worauf man zum erstenmal zur Wahl eines Grossen Rates von 110 Mitgliedern und eines Kleinen Rates (als vollziehender Behörde) von 9 Mitgliedern schritt.
Die Jahrhundertfeier von 1798 und 1803 sind in Lugano 1898 und in Bellinzona 1903 mit grossem Pomp begangen worden. Die erste Kantonsverfassung von 1803 wurde 1815 durch einen weniger demokratischen Bundesvertrag und dieser wieder 1830 durch eine neue Verfassung ersetzt. Die politischen Fehden der folgenden Jahre führten zur Revolution von 1839, mit welcher die Liberalen die sog. gemässigte Regierung stürzten. Während dann die Gegenrevolution der Gemässigten vom Jahr 1841 scheiterte, hatte diejenige von 1855, die von den Konservativen im Verein mit einer Fraktion der liberalen Partei (den sog. Fusionisten) inszeniert ward, den Erfolg, dass sie ¶