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Der Begriff E. bezeichnet religiös motivierte Erneuerungsbemühungen im europ. und nordamerikan. Protestantismus des 18. und 19. Jh. Die E. in den angelsächs. Ländern hatten durch ihren zeitl. Vorsprung und bedeutungsmässigen Vorrang auch Vorbildcharakter für die Schweiz. Insgesamt ist die Erweckung als Teil des neuzeitl. Modernisierungsprozesses der Gesellschaft zu verstehen.
In der Schweiz entstanden zwei Zentren: Die 1780 in Basel nach engl. und schwed. Vorbildern gegr. Deutsche Christentumsgesellschaft setzte sich unter Betonung traditioneller Glaubenslehren zum Ziel, der rationalist. Aufklärungstheologie entgegenzuwirken. Von Basel aus organisierte sie ein internat. Netz, bestehend aus Einzelpersönlichkeiten und kleinen Zirkeln, in denen der private Austausch gepflegt und einschlägiges Schrifttum verbreitet wurde. Aus der Christentumsgesellschaft ging nach der Jahrhundertwende eine Reihe missionar., pädagog. und karitativer Organisationen hervor wie etwa 1802 die Gesellschaft zur Verbreitung erbaul. Schriften, 1804 die Bibelgesellschaft, 1815 die Basler Mission und 1840 die Pilgermission St. Chrischona (Chrischona-Gemeinden). Daneben entstanden im Geist der E. zahlreiche soziale Einrichtungen wie 1820 die Schulanstalt Beuggen (Baden, D) und 1833 die Basler Taubstummenanstalt. An der Univ. Basel wurde ein Lehrstuhl für Theologie gestiftet, dessen erster Inhaber Johann Tobias Beck war. Das überregional orientierte Basler Patriziat und auswärtige Unterstützungsvereinigungen waren die wichtigsten Träger dieser christl. Werke. Dies trug zur Öffnung des traditionell kantonal ausgerichteten Protestantismus bei. Nach 1850 gingen Impulse der Erweckung in der entstehenden kirchl.-konservativen Richtung auf.
Junge Theologen unter der Führung von Ami Bost begründeten den sog. Réveil in Genf, wo das zweite Zentrum entstand. Auf Traditionen des Herrnhutertums zurückgreifend, suchten sie ab etwa 1810 - z.T. in enger Beziehung zur Freimaurerloge L'Union des cœurs - nach einer Alternative zu dem in Kirche und Akademie vorherrschenden Rationalismus. Barbara Juliane von Krüdener unterstützte sie dabei, doch erst die Begegnung mit den brit. Evangelikalen Richard Wilcox, Robert Haldane und Henry Drummond führte zur Separation und zu Gemeindebildungen. Treibende Kraft war u.a. César Malan. Drummond beschäftigte oppositionelle Theologen, die in Genf keine Anstellung mehr finden konnten, in der sich bildenden Gesellschaft zur Evangelisation des europ. Kontinents. Mit der Errichtung der Evangelischen Gesellschaft 1831 konnte der Réveil seine gesellschaftl. Basis in Genf wesentlich vergrössern. Zu den Gründungsmitgliedern der Evang. Gesellschaft gehörten die seit 20 Jahren dem Réveil verpflichteten Theologen Antoine Jean-Louis Galland und Louis Gaussen sowie Angehörige von Genfs bürgerl. Elite, welche dem Verein die finanzielle Grundlage sicherten. Ihre Hauptaufgabe sah die Evang. Gesellschaft in der Organisation und Finanzierung von Evangelisationskampagnen in Frankreich sowie in Errichtung und Unterhalt einer "Predigerschule" in Genf. Diese 1832 gegr. Lehranstalt bekannte sich in antiliberaler Frontstellung zu orthodoxen christl. Fundamentalartikeln. 1849 schlossen sich die separierten Gem. zur Église libre (Evangelische Freikirchen) zusammen. Die Genfer Staatsregierung griff nicht in die kirchl. Konflikte ein und liess die ungehinderte Entfaltung des Réveil zu.
Vom Genfer Réveil gingen wesentl. Impulse aus, die nicht nur die prot. Kirchen in den Nachbarkantonen erreichten, sondern auch Frankreich - und in bescheidenem Mass auch die Niederlande und Grossbritannien (Evangelisch-reformierte Kirchen). Galland, der 1816-24 an der Franz. Kirche wirkte, brachte den Réveil nach Bern. Hier wurde 1831 ähnlich wie in Genf die Evang. Gesellschaft ins Leben gerufen. Diese widmete sich neben karitativen Anliegen insbesondere dem christl. Schulwesen sowie der Lehrerbildung und lehnte den Separatismus ab. Der Réveil hatte auch Einfluss auf die Etablierung einer staatsfreien, dem calvinist. Bekenntnis verpflichteten Kirche im Kt. Neuenburg (1873-1943) sowie einer Freikirche im Kt. Waadt (1845-1966).
Zwischen den von Basel und Genf ausgehenden Bewegungen bestanden mehrere Parallelen, z.B. in Bezug auf ihre theol. Begründung, Motivation, Aufgabenfelder, gesellschaftl. Verankerung und ihren Verlauf. Konstitutiv waren Vorbild und Beispiel des brit. Evangelikalismus. Die Bedeutung der E. geht über die organisatorisch sichtbaren Aktivitäten ihrer Mitglieder hinaus und ist noch unzureichend erforscht.
Literatur
– R. Dellsperger et al., Auf dein Wort, 1981
– R. Pfister, Kirchengesch. der Schweiz 3, 1984, 171-259
– H. Hauzenberger, Basel und die Bibel, 1996
– Der Pietismus im neunzehnten und zwanzigsten Jh., hg. von U. Gäbler, 2000, 25-84
Autorin/Autor: Ulrich Gäbler