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Martin von Tours war ein römischer Offizier im 4. Jahrhundert, später Bischof, noch später Heiliger der Katholischen Kirche. Wie kein anderer steht er für den Beginn des Teilens. Der Legende nach erblickt er einen halbnackten Bettler, als er hoch zu Ross aus der Stadt reitet. Niemand bleibt stehen, alle schauen weg. Nur Martin hält das Pferd an, zieht sein Schwert, teilt unter spöttischen Blicken den Mantel seiner Uniform und reicht diesen dem Bettler.
Für Martin war das nicht ungefährlich. Die Uniform der Soldaten war Eigentum des Kaisers; diese zu beschädigen wurde mit Gefängnis bestraft. Ob Martin für diese aus unserer Sicht grosszügigen Tat bestraft wurde, ist nicht bekannt. In der Nacht des Teilens erscheint Jesus im Traum Martins – und Jesus trägt den halben Mantel.
Was teilen wir heute?
Martin teilte seinen Mantel aus Mitmenschlichkeit, aus religiösen Gründen. Heute zerschneiden und teilen wir keine Mäntel mehr, denn unsere Garderoben sind prallvoll mit Kleidern, von denen wir nur die wenigsten tragen. Dafür teilen wir anderes: Wissen, Bilder, Filme, Musik, Schulungsunterlagen und anderes mehr. Aber nicht alle tun dies: Einige sind im Horten verhaftet.
In diesen Tagen werden Hunderttausende von Gänsen ihr Leben lassen müssen, weil sie heute zum Martinstag verspeist werden. Bei mir wird keine Gans dran glauben müssen. Ich nehme mir vor, vermehrt meine Zeit mit anderen zu teilen: mit Freunden und der Familie, mir aber auch Zeit zu nehmen, wenn jemand meinen Rat hören möchte. Beziehungen sind letztlich das, was unserem Leben den grössten Wert verleiht. Und das Einzigartige an einer tiefen Beziehung zu jemandem ist, dass man sich nie vorstellen will, sie durch irgendetwas zu ersetzen.