Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03180.jsonl.gz/1787

mehr
vermischt); gebrannter Kalk; in Fäulnis übergegangene Fische. [* 2] Das wichtigste Bodenprodukt des südlichen und mittlern China [* 3] ist Reis, in zweiter Reihe Zuckerrohr und in der Nähe der Küste Baumwolle; [* 4] im nördlichen China werden statt Reis Hirsearten (Kaoliang), dann Weizen und Hülsenfrüchte gebaut. Von Gemüse, Wurzel- und Knollengewächsen werden enorme Quantitäten gewonnen. Von der Kultur des Theestrauchs wurde bereits oben gehandelt; er erfordert kräftige Düngung, fleißige Bodenbearbeitung und wird im siebenten Jahr seines Wachstums nahe am Boden abgeschnitten, damit die Stümpfe neue Schößlinge treiben und zartere Blätter liefern.
Die Theeblätter werden für den eignen Gebrauch sehr einfach zubereitet. Man läßt sie an einem luftigen Ort oder an der Sonne [* 5] verwelken (aber nicht austrocknen), erhitzt sie dann unter beständigem Mischen auf einem seichten Bambusgeflecht über Kohlenfeuer, rollt sie, indem man über sie, während sie noch warm sind, die flach aufgelegten Hände im Kreis [* 6] herumführt, und trocknet sie dann an einem luftigen Orte. Der zum Export bestimmte Thee wird von den Händlern in eignen Öfen [* 7] wiederholt (bis viermal) stark erhitzt, geröstet, mit wohlriechenden teuern Blüten vermischt und an der Luft ausgetrocknet.
Auch Öl gebende Pflanzen werden vielfach angebaut; unter den Gespinst- und Faserpflanzen sind neben der Baumwollstaude Hanf, darunter das sogen. chinesische Gras (Boehmeria nivea), und Jute [* 8] die wichtigsten. Blauer Farbstoff wird aus Indigofera tinctoria, Polygonum tinctorium etc. im südlichen und mittlern China gewonnen. Die Kunstgärtnerei wird sowohl im Freien als in geschlossenen Räumen mit vieler Sachkenntnis und Sorgfalt betrieben. Die Forstwirtschaft wird dagegen ganz vernachlässigt; auch der eigentliche Wiesenbau, verbunden mit Heugewinnung, wie die Viehzucht [* 9] (s. oben) sind den Chinesen fremd.
Eine besondere Wichtigkeit hat für China der Seidenbau, der auf einer hohen Stufe der Entwickelung steht; die meiste und beste Seide [* 10] liefern die mittlern Provinzen und die Umgegend von Kanton. [* 11] Der Maulbeerbaum erfreut sich einer sachkundigen und sorgfältigen Pflege, die Seidenraupenzucht ist aber weniger fortgeschritten. Eine Besonderheit ist hier wie in Japan der Eichenspinner. Alle Zweige der Landwirtschaft leiden unter mancherlei vermeintlichen Erfahrungsregeln. Die Fischerei [* 12] und zwar das Fischen von Pflanzen wie von Süßwassertieren und einigen Seetieren beschäftigt eine große Menge von Leuten und liefert für die Nahrung der Menschen wie für Düngung der Felder enorme Massen; die Fischerei wird häufig mittels eines abgerichteten Kormorans (Seeraben) ausgeübt. - Zu den Landplagen, welche oft Mißwachs und Hungersnot zur Folge haben, gehören vor allen die Überschwemmungen, weil der Reis meist in den Flußthälern angebaut wird; aber auch Dürre verdirbt die Ernten auf weite Strecken, da jahrhundertelang fortgesetztes Abholzen, ohne für Nachwuchs zu sorgen, dem Lande die regenbildenden Einflüsse der Wälder entzogen hat. Für Zeiten der Hungersnot hat die Regierung wie die Privatwohlthätigkeit Speicher angelegt, wo ein Teil der in Reis entrichteten Grundsteuer oder angekaufte Frucht aufbewahrt wird, bis Mißernte unentgeltliche Abgabe oder Verkauf unter dem Marktpreis nötig macht.
Vgl. Plath, Die Landwirtschaft der Chinesen (Münch. 1874).
Die technischen Fertigkeiten der Chinesen sind seit 1873 auf den verschiedenen Weltausstellungen durch ausgestellte Gegenstände und eingehende Kataloge (meist durch Arbeiten der Mitglieder des chinesischen Seezolldienstes entstanden) der europäischen Welt näher gerückt worden. Die Papierbereitung geht zurück bis 153 n. Chr.; man verwendet jetzt dazu Hanffasern, junge Bambussprosse und Bambusfaser, die Rinde des Papierbaums (Broussonetia papyrifera), Baumwolle, Maulbeerbaumrinde, Rotang (sogen. Spanisches Rohr), Meeralgen, Reis-, Weizenstroh u. dgl. Die sehr dauerhaften Sorten werden zu Fenstern und Regenschirmüberzügen verarbeitet, dienen auch, mit Harz bestrichen, als Zunder etc. Der Gebrauch des Holzstockdrucks reicht bis ins 6. Jahrh. unsrer Zeitrechnung zurück; 992 wurden zum erstenmal Schriften durch Steindruck vervielfältigt.
Letterndruck wurde im 11. Jahrh. erfunden, kam aber bei den großen Schwierigkeiten, welche die chinesische Sprache dem Druck mit beweglichen Typen entgegenstellt, erst seit 1662 in Anwendung, als unter dem aufgeklärten Kaiser Khanghi europäische Missionäre es dahin brachten, daß 250,000 bewegliche Letternstücke in Kupfer [* 13] gestochen wurden; doch konnten nur wenige Abzüge gemacht werden, da die Typen bald darauf von unehrlichen Beamten veruntreut wurden.
Neuerdings werden in Hongkong, Schanghai [* 14] und andern Küstenplätzen chinesische Zeitungen sowie in deren Offizinen herausgegebene andre Werke, auch Bibelübersetzungen, Missionsschriften etc. mit beweglichen Lettern gedruckt. Eine bedeutende Zukunft hat für China wegen der eigentümlichen Schrift- und Litteraturverhältnisse die Photolithographie, die schon jetzt dazu dient, die seltenen, teuern Palastausgaben der hauptsächlichsten historischen und andrer Werke fehlerlos zu vervielfältigen.
Schießpulver [* 15] wurde von den Chinesen zwar lange vor Berthold Schwarz erfunden; es ward jedoch nicht zum Schießen, [* 16] sondern als Material zu Feuerwerkskörpern verwendet, bis das Beispiel der Europäer seinen Nutzen zu Kriegszwecken lehrte. Feuerwerkskörper werden fabrikmäßig in der Nähe von Kanton produziert und bilden einen bedeutenden Ausfuhrartikel nach den Vereinigten Staaten. [* 17] Unter den Metallwaren der Chinesen sind ihre weittönenden Gongs zu erwähnen.
Chinesisches Email hat jetzt noch seinen besondern Wert; an Porzellan wird heutzutage wenig mehr als Fabrikware geliefert; Form und Ornamentation sind bei den Japanern in dieser Branche viel vorzüglicher, wenigstens was die im Handel vorkommenden Fabrikate betrifft, wenn auch für eigentliche Articles de vertu China immer noch der klassische Boden ist. Besondere Aufmerksamkeit erregen die Lackwaren, die an Zierlichkeit und Sauberkeit nichts zu wünschen übriglassen und in solcher Vollendung nur durch mühsames, wiederholtes Abhobeln, Abschaben und Glätten dargestellt werden können.
Alle diese Industrien, wozu unter andern auch die Elfenbeinschnitzereien gehören, werden nicht so geheimnisvoll betrieben, daß ein intelligenter Europäer nicht in das Wesen ihres Betriebs eindringen könnte; das Geheimnis der chinesischen Überlegenheit scheint vielmehr darauf zu beruhen, daß bei diesen Artikeln viel geduldige Handarbeit erfordert wird, wie z. B. beim Schnitzen der bekannten Elfenbeinkugeln, und daß die beispiellos niedrigen Lohnverhältnisse in China europäische Konkurrenz bei dem jetzt so leichten Warenverkehr nicht aufkommen lassen. Die Schiffbaukunst [* 18] hat nur in den kaiserlichen Werften unter europäischen Lehrern Fortschritte gemacht. Die Schiffe [* 19] für den Handel zur See wie auf den Flüssen, die Dschonken, sind lange Kuffe ohne Kiel, [* 20] mit Mattensegeln aus Bambus und plumpen, ungeschickten Steuerrudern, die sich auf der offenen See nicht gut zu halten vermögen. Die chinesischen Händler selbst befrachten jetzt mit Vorliebe ¶
mehr
europäische Fahrzeuge, deren größere Sicherheit und Seetüchtigkeit, verglichen mit den gebrechlichen Dschonken, die im Jahr nur eine vom Monsun abhängige Reise zu vollführen befähigt sind, sie bald erkannten. Der Bestand der chinesischen Dschonkenflotte ist gänzlich unbekannt, von Schiffen europäischer Bauart besaß die große China Merchants' Steam-Navigation Company 1877: 33 Dampfer mit 22,910 Ton., welche indes während des Kriegs mit Frankreich in amerikanische Hände übergingen.
Handel und Verkehr.
Der Handel, für welchen der verschmitzte, ausdauernde und genügsame Chinese, der im Verkehr mit Fremden seinen Landsleuten nicht Konkurrenz macht, sondern einmütig mit ihnen gegen jene vorgeht, vorzüglich paßt, ist auf dem Land als Kleinhandel sehr belebt; Märkte sind in jeder kleinen Stadt mehrere im Monat, in großen Städten öfters unter großem Zudrang von Händlern und Käufern. Die Höhe für den Wert dieses Binnenhandels ist nicht zu bestimmen; die willkürlichen Zölle der Mandarinen sind ein bedeutendes Hindernis seiner vollen Entwickelung.
Der Handel mit dem Ausland war bisher mit wenigen Ausnahmen ausschließlich in den Händen europäischer und amerikanischer Handelshäuser; der Verkehr darf aber bloß an bestimmten Plätzen stattfinden und ist nur unter starker Beiziehung der eingebornen Händler möglich. Bis zum Frieden von Nanking (1842) war für den Landweg nur Maimatschin, Kiachta gegenüber an der Nordgrenze der Mongolei, für den Seeweg nur Kanton Ausfuhrstation unter hemmenden Bedingungen. Im genannten Frieden wurden außer Kanton noch Amoy, Futschou, Ningpo, Schanghai zu Freihäfen erklärt u. neuerdings im Frieden von Tiëntsin (1858) und später eine Anzahl noch andrer Häfen (Swatau, Takao, Tamsui, Tschingkiang, Kiukiang, Hankeou, Tschifu, Niutschuang, Tiëntsin, Kiungtschau, Itschang, Wuhu, Wentschou und Pakhoi) dem europäischen Handel geöffnet (s. unten, Geschichte), so daß jetzt im ganzen 19 Vertragshäfen dem Verkehr offen stehen.
Infolge des kürzlich (1885) mit Frankreich abgeschlossenen Friedensvertrags steht die Eröffnung von zwei Handelsplätzen an der Grenze von Anam in Aussicht. Der auswärtige Handel hat sich mit der allmählichen Eröffnung des Landes für Fremde erstaunlich gehoben. Im J. 1814 wertete der Gesamthandel erst 3,75 und 1827: 5 Mill. Pfd. Sterl.; 1833 erlosch das Privilegium der Ostindischen Kompanie, und die Handelsumsätze hoben sich bis 1856 auf 17,5 Mill. und erreichten 1869: 42,6 Mill. Pfd. Sterl. In den letzten Jahren hat der Wert des ausländischen Handels betragen in Haikuan Taels:
|Jahr||Einfuhr||Ausfuhr||Zusammen|
|1881||91910877||71452974||163363851|
|1882||77715228||67336846||145052074|
|1883||73567702||70197693||143765395|
|1884||72760758||67147680||139908438|
Im J. 1884 stellte sich der Wert des Handels mit den wichtigsten Verkehrsgebieten in Tausenden von Haikuan Taels wie folgt:
|Einfuhr||Ausfuhr||Zusammen|
|England und seine Kolonien||65709||40240||105949|
|Europa ohne England u. Rußland||1752||10071||11823|
|Rußland inkl. Sibirien||258||5488||5746|
|Vereinigte Staaten||2418||8280||10698|
|Japan||3655||1795||5451|
Die Hauptartikel der Einfuhr bilden Opium (1884: 26,2 Mill.), Baumwollwaren (22,1 Mill.), Wollwaren (3,7 Mill.), Metalle (4,1 Mill.), wogegen auf diverse andre Waren 16,5 Mill. fallen. Von der Ausfuhr entfallen etwa 80 Proz. auf Thee und Seide; 1884 betrug die Ausfuhr von schwarzem, grünem und Ziegelthee 29,1, von Rohseide und Seidenwaren 23,2 Mill. Haikuan Taels; nächstwichtig sind Zucker, [* 22] Häute, Felle, Baumwolle, Matten und einige Droguen. Weit über die Hälfte des ganzen Verkehrs nimmt seinen Weg über Schanghai. In Bezug auf die Opiumeinfuhr ist England bekanntlich in zwei Lager [* 23] geteilt: die philanthropische Partei, von welcher die Einfuhr indischen Opiums in China als eine Versündigung am Geiste des Christentums angesehen wird, und die Partei der praktischen Politiker, die in den Einnahmen, welche der indischen Regierung aus der Mohnkultur zufließen, ein Bedürfnis des Landes erblicken, dessen Abschaffung der Kolonie unersetzlichen Schaden thun würde. Die chinesische Regierung ist im Begriff, diese geteilte Stimmung zu benutzen, indem sie dem von Jahr zu Jahr wachsenden Konsum durch Erhöhung der Einfuhrsteuer sowie durch außerordentliche Belastung der einheimischen Produktion steuern will, ohne dadurch die auch für China unentbehrliche Opiumsteuer, die 1880 an Einfuhrzoll allein 13½ Mill. Mk. einbrachte, zu verlieren.
Im J. 1884 liefen in den Vertragshäfen ein und aus: 23,755 Schiffe mit einem Gehalt von 18,806,788 Ton.;
hiervon waren 14,141 englische, 1758 deutsche, 2381 amerikanische Schiffe;
4625 fielen auf die chinesische Flagge, die seit einer Reihe von Jahren in Gestalt einer sich alljährlich weiter ausdehnenden Dampfschiffahrtsgesellschaft, der China Merchants' Steam-Navigation Company, den fremden Reedereien Konkurrenz machte, jedoch bei Ausbruch des französischen Kriegs ihre Dampferflotte an eine amerikanische Firma verkaufte.
Man nimmt an, daß demnächst, da der Friede geschlossen, ein Rückkauf stattfinden wird, wodurch sich die oben für amerikanischen Verkehr mitgeteilten Ziffern auf etwa 600 Schiffe reduzieren, während auf die chinesische Flagge über 6000 zu rechnen sein würden. Diese Dampfer, die vor Ausbruch des Kriegs als chinesisches Eigentum von europäischen Kapitänen kommandiert wurden, haben ihre Fahrten bereits auf amerikanische und englische Häfen ausgedehnt, und es will scheinen, als ob von dieser Seite her dem Handel der Europäer ein größerer Feind erstehen wird, als es seiner Zeit die Abgeschlossenheit des chinesischen Innern gewesen ist.
Sollte es chinesischen Kaufleuten gelingen, auf dem Markt von London [* 24] mit Thee und Seide festen Fuß zu fassen, so würde ein Umschwung bevorstehen, der für viele in diesem Handel interessierte Häuser leicht verhängnisvoll werden könnte. Der allgemeine Zug der Verdrängung der Segelschiffe durch größere Dampfer macht sich auch hier und zwar seit der Eröffnung des Suezkanals in besonders hohem Maß geltend. Scheinbar leidet darunter augenblicklich die deutsche Schiffahrt, deren Fahrzeuge hauptsächlich der Klasse der Segelschiffe angehören; doch hat man neuerdings allerorten Dampfer für den fernen Osten wie Australien [* 25] gebaut, welchem Zug ja auch die deutsche Reichsregierung durch subventionierte Dampferlinien gerecht geworden ist.
Gegen Eisenbahnen hat sich China lange hartnäckig verschlossen; eine 1876 eröffnete Linie von Schanghai nach Kangwan (9 km) mußte schon nach wenigen Monaten wieder beseitigt werden. Aber 1881 wurde die Herstellung von Schienenwegen für ¶