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Solar Plexus
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24.10.2009 - Jack Johnson, der erste farbige Schwergewichts-Weltmeister und Miles Davis, Jazz-Trompeter, -Flügelhornist, Komponist und Bandleader haben etwas gemeinsam: sie sind bzw. waren Superstars ihres Fachs. Geniessen Sie den sehr lesenswerten, von Michael Heisch, Präsident des Box-Club Zürich, verfassten Aufsatz. Wer übrigens mehr über die Boxlegende Jack Johnson erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch "Unforgivable Blackness" von Geoffrey C. Ward (ISBN 0-375-41532-7). Jack Schmidli
Michael Heisch
10.10.09 - Boxen, Black-Power-Bewegung und Rockmusik als Ausdruck einer Veränderung in der amerikanischen Gesellschaft: Miles Davis’ Album «A Tribute To Jack Johnson » bringt all das auf eine Summe, weshalb seine Musik als Soundtrack zum Dokumentarfilm über den Schwergewichtsboxer Jack Johnson verwendet wurde (Regie: Bill Cayton, 1970). Entstanden ist dieses Album aus verschiedenen Studiosessions in unterschiedlichen Besetzungen, einzelne Takes wurden ausgewählt und später zusammen montiert. Zwar war « A Tribute to Jack Johnson » kommerziell weniger erfolgreich als beispielsweise « Bitches Brew » im 1969 . Viele Fans und Kritiker sind sich jedoch einig und sehen in « Jack Johnson » das musikalisch wesentlich ausgereiftere Album, gleichzeitig wird es auch als das rockigste von Miles Davis gefeiert. Auch nach 30 Jahren seit der Entstehung dieser klingenden Hommage verströmt jenes Meisterwerk immer noch viel elektrifizierte Energie und einen sogartigen Power.
Auf « A Tribute To Jack Johnson » finden sich zwei formal gross angelegte Stücke: Das erste heisst « Right Off » (Dauer: 26’53“) und ist aus verschiedenen Mitschnitten und einem Solo von Miles Davis montiert. Das zweite Stück « Yesternow » (Dauer: 25’34“) ist im Grunde eine leicht geänderte Basslinie des bekannten James Brown-Lieds « Say It Loud - I'm Black and I'm Proud » . Eine vermutlich beabsichtigte Anspielung, da wie eingangs erwähnt, das Black Power-Motiv des Stückes zugleich auch der Leitgedanke des Filmes war.
Dass der Jazztrompeter und -innovator, Komponist und Freizeitboxer Miles Davis die Nähe des Boxers Jack Johnson suchte, ist keine eigentliche Überraschung. Johnson war von 1908 bis 1915 – in einer von Rassismus schwer geprägten Zeit - der erste, schwarze Weltmeister im Schwergewicht. Er schlug den weissen Champion Tommy Burns und löste damit eine schwere Krise im dünkelhaften Selbstbewusstsein derjenigen aus, die daran festhielten, dass der Meisterschaftstitel aller Klassen ein Privileg der weissen Rasse sei. Erst 1954 wurde Johnson als erster Schwarzer in die «Hall Of Fame » des «Ring Magazines » aufgenommen, 1990 in die «International Boxing Hall Of Fame ». Der erste afro-amerikanische Boxweltmeister im Schwergewicht, dessen Siege, aber auch sein angeberischer Lebenswandel diente vielen Afro-Amerikanern geradezu als Genugtuung angesichts ihrer Unterdrückung und Verachtung. Auch Miles Davis sollte im Laufe seines Lebens zu einer Symbolfigur des « schwarzen Stolzes » werden.
Anders als der ehemalige Baumwollpflücker und Pferdehüter Johnson stammte Davis aus einer vermögenden Familie; sein Vater war ein erfolgreicher Zahnarzt und verdiente verhältnismässig gut. Sowohl Davis als auch Johnson waren keine Kostverächter; beide bevorzugten einen gepflegten Lebensstil und genossen schnelle Auto und schöne Frauen. Bestimmt war der Jazzer auch von der selbstbewussten Haltung des Schwergewichtsmeisters beeindruckt. Denn ihm missfiel die Rolle des schwarzen Underdogs ganz und gar, was sich leicht anhand einer kleinen Anekdote veranschaulichen lässt:
Der Schwergewichts-Champ war mit seinem Sportwagen auf einer Landstrasse unterwegs- mit überhöhter Geschwindigkeit. Die Polizei stoppte ihn: «Das macht 50 Dollar Strafe. » - «Hier - nehmen Sie gleich 100 Dollar », antwortete ein stoischer Johnson. Der verdutzten Polizeistreife erklärte er darauf, dass er beabsichtige, auf dem Nachhauseweg die gleiche Strecke zurückzulegen – wohl verstanden, mit derselben überhöhten Geschwindigkeit.
Nach seiner Boxer-Karriere tingelte der legendäre Schwergewichtsmeister durch die Londoner Kleinkunstszene. Johnson markierte auf Vaudeville-Bühnen den Possenreisser oder in Jazzclubs den Ladykiller am Kontrabass und liess sich als Sportlegende gerne wie ein Rockstar feiern. Tragischerweise starb Jack Johnson 1946 bei einem Autounfall. Er war mit einem Beifahrer unterwegs, und als die beiden Hunger verspürten, hielten sie bei einem Drive-in an. Nach ihrer Bestellung wurden sie allerdings aufgefordert, unverzüglich das Lokal zu verlassen, da das Lokal «nur für Weisse » war. Johnson war dermassen darüber erzürnt, so dass es in der Folge zu einer Kollission kam und er noch an der Unfallstelle verstarb.
Doch nochmals zurück zu Miles Davis und dessen Verhältnis zum Boxsport, der bereits als Kind am Boxsport interessiert war und sich ausserdem als geübter Schwimmer betätigte. Er verfolgte Joe Louis’ Kämpfe am Radio und notierte später in seiner Autobiographie, wie die Nachbarschaft jeweils ausser Rand und Band geriet, wenn Louis bei einem Wettkampf als Sieger den Ring verliess.
Viele weitere Jazzmusiker waren am Boxen interessiert, darunter Kenny Dorham, Red Garland und Jimmy Smith, die diesen Sport aktiv ausübten. Miles Davis Vorbild in jungen Jahren war der Trompeter Dizzy Gillespie, der ein bekennender Boxfan war. Der Legende nach stand Gillespie eines Abends gemeinsam mit dem Saxophonisten Charlie Parker auf der Bühne. Gillespie war indes nicht ganz bei der Sache, weil er sich mehr auf eine Boxkampf-Live-Übertragung konzentrierte, worüber ihn jemand auf der Bühne laufend berichten musste.
Nachfolgende Gedanken übers Boxen sind ebenfalls Miles Davis’ Autobiographie entnommen: « Viele Leute sagen mir, dass ich den Verstand eines Boxers habe, dass ich wie ein Boxer denke, und wahrscheinlich stimmt’s. Ich bin ein aggressiver Mensch, wenn’s um Dinge geht, die ich durchsetzen will. Sobald ich das Gefühl habe, dass mir jemand Unrecht tut, kämpfe ich – auch mit meinem Körper. So bin ich immer gewesen. Boxen ist eine Wissenschaft für sich, und ich schau mir wahnsinnig gern einen Kampf zwischen zwei Jungs an, die genau wissen, was sie machen (…) Im Boxen ist Stil genauso wichtig wie in der Musik (…) Bei allem, was du tust, musst du Stil haben. »
Den Zeitzeugen nach war Miles Davis ein talentierter Boxer. Ende 1960 nahm er einen persönlichen Boxtrainer mit auf seine Tourneen. Es wurde jeweils ein Trainingsring für ihn aufgestellt; ferner schaute man sich nach geeigneten Sparring-Partnern um, damit Miles Davis sich vor seinen Auftritten fit halten und boxen konnte. 1971 war er 45 Jahre alt und legte grossen Wert auf seine körperliche Fitness. Ebenso besessen kämpfte und buhlte er um ein junges Publikum, welches Rock- und Funk-Musik hörte und liebte, was ihn dazu brachte, seinen Trompetenstil kraftvoll und aggressiv einzusetzen, ganz mit der Behändigkeit und dem Durchschlag eines Boxers eben.
Soweit recht beeindruckend, gäbe es da nicht noch ein eher dunkles Kapitel in seiner Vita. Denn wie es sich zeigte, kämpfte Miles Davis eine zeitlang gegen ein Leben im Drogensumpf. 1959 kam er als 23-jähriger nach Paris, wo er viele Künstler und Intellektuelle kennen lernte (darunter Pablo Picasso, Jean-Paul Sartre, Boris Vian), und nicht zuletzt ging er eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit Juliette Gréco ein. Nach seiner Rückkehr nach Amerika verfiel er alsbald in eine vier Jahre lange Heroinsucht. Diese vierjährige Drogenabhängigkeit war nicht nur die Hölle für ihn, er erfuhr auf diese Weise eine tiefgehende Demütigung durch andere, aber auch durch sein eigenes Verhalten, was ein grundlegendes Misstrauen hinterliess. Starke Vorbilder waren gefragt, um ebenso willenstark von der Sucht frei zu kommen - und die fand Miles Davis in Boxkämpfern, an die er sich fortan orientieren wollte: « Ich hab jede Bewegung von Ray (Boxweltmeister Sugar Ray Robinson) studiert, ich verehrte ihn. Als ich ihm einmal erzählte, dass ich vor allem seinetwegen mit dem Heroin aufgehört hatte, grinste er nur (…) Er erzählte jedem, dass ich ein toller Musiker sei, der gerne Boxer wäre (…). Er war gern mit Musikern zusammen, weil er selber Schlagzeug spielte. (…) Ich spreche so viel über Sugar Ray, weil er 1954 für mich – neben der Musik – die grösste Rolle spielte. Ich verhielt mich wie er (...). Ray war kalt, er war der Beste, er war alles, was ich 1954 sein wollte . » Noch war zu jener Zeit nichts von der Härte des Boxens in der Musik von Miles Davis hörbar. Im Gegenteil, sein Trompetenstil war sensibel und lyrisch, beinahe introvertiert und trug melancholische Züge. Dieser Stil hielt sich bis 1969.
Der Saxophonist John Coltrane dümpelte 1956 ebenfalls im Drogensumpf, sehr zum Leide von Miles Davis, der sich über Coltranes Unzuverlässigkeit stets aufregte und ihm eines Tages ins Gesicht schlug und ihn in den Bauch boxte. Coltrane liess dies geschehen. Denn zu sehr war er vom Engagement der Miles-Davis-Band abhängig, als dass er sich hätte wehren können, ausserdem war er ihm aufgrund seiner Sucht körperlich unterlegen.
Eigentlich stand Coltranes Spiel in seiner Energie und im Ausdruck der von Davis keineswegs nach. Der Miles-Davis-Stil war lyrisch, beinahe schon sparsam, was Coltrane mit seiner kraftvoll-drängenden Art bestens ergänzte. Ein Jahr später befreite sich John Coltrane von seiner Drogensucht, mit derselben Willenskraft wie Miles Davis ein paar Jahre zuvor, allerdings ohne Hilfe des Boxsports. Coltrane erlebte seinen damaligen Neubeginn als eine Art spirituelle Erweckung, was wiederum seine Entwicklung stark beeinflusst hat. Der Schlagzeuger Rashied Ali erzählte aus den letzten beiden Jahren Coltranes: « Er spielte ständig in der Garderobe, vor dem Auftritt, wie ein Boxer, der Schweiss überströmt von den Aufwärmübungen in der Garderobe in den Ring klettert. Er hat es genauso gemacht. Er spielte und spielte und spielte. Und wenn er dann Schweiss gebadet auf die Bühne kam, dann hatte er so viel Energie. Ich weiss nicht, woher er sie genommen hat. » Das mag jetzt etwas übertrieben klingen, denn Coltrane folgte zu jenem Zeitpunkt seinem spirituellen Anliegen. Aber in gewisser Weise war diese « Energieabfuhr » auch ein zentrales Thema seiner Musik.
Michael Heisch
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