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Es gibt Bilder aus dem Schaffen Giorgios von Arb, die blickt man an und sagt: «Wie schön». Oder auch: «Wunderschön». Sie sind es in der Tat. Etwa die, die er in den Parkanlagen und Gärten Zürichs aufgenommen hat. Jenen grünen Schmuckstücken der Stadt, durch die Kinder tollen, Verliebte schlendern und Fremde spazieren gehen. In denen man Federball spielt oder den Hund ausführt, sich auf die Parkbank flegelt oder auf der Wiese sonnt. Schön ist das Bild eines Baumes, der sich leicht zu verneigen scheint und seine Blätter im Licht spielen lässt; Jahrhunderte hatte er zur Verfügung, um seine raumgreifende Individualität zu entwickeln. Schön ist das Bild der Treppen; die Stufen aus Naturstein sind von Flechten verziert. Und schön auch jenes mit der griechischen Statue, die mit edler Geste über den Park zu wachen scheint. Doch es sind gerade diese Bilder, die Giorgio von Arb am wenigsten mag.
Sein liebstes Bild ist ein anderes: es steht im Archiv, und es dauert eine Weile, bis es von den Bandagen aus Klebeband und der Luftpolsterfolie befreit ist, die es schützend umgibt. Die rund anderthalb mal einen Meter grosse Photographie zeigt einen hingestreckten, nackten Frauentorso in schwarzweiss, vom unteren Brustansatz bis zum oberen Drittel der Oberschenkel, die Arme sind nicht zu sehen. Die Scham ist rasiert, der Oberkörper und der Bauch sind zur Vorbereitung einer Operation mit einer gerade getrockneten, dunklen Flüssigkeit überzogen. In Schlieren ist sie an der Körperseite hinuntergelaufen und auf das weisse Tuch getropft, das unter dem Torso ausgebreitet liegt. Der Nabel ist zu einem schwarzen Krater geworden, um den sich straff die Bauchhaut mit dunklen, hervortretenden Poren wölbt und einen scharfen Gegensatz zu der Haut der Scham und Beine bildet, die aussieht wie milchiger Marmor. «Schön» kann dieses Bild nicht genannt werden, auch «interessant», «faszinierend», «cool» ist nicht passend. «Schreckend» meint Giorgio von Arb.
Die Serie, aus der die Aufnahme des Torsos stammt, heisst «Fragile» und beschäftigt sich mit der Zerbrechlichkeit des Daseins. Wie Menschen mit ihrer Sterblichkeit fertig werden, ist die Frage, die Giorgio von Arb am meisten interessiert. Und wie versuchen sie es? «Sie erfinden die Götter, sie bekommen Kinder und werden berühmt», sagt Giorgio von Arb, der sich als freier Photograph einen Namen gemacht hat und Vater dreier Kinder ist.
Giorgio von Arb ist froh, dass nicht alles photographiert werden kann. Manches kann nur erzählt werden. Etwa die Geschichte von dem Mann, den er einst während einer Reportage auf einem Berg in der Nähe von Basel traf. Dessen Leidenschaft war das Funken und auf die Frage hin, bis wohin er denn funke, antwortete er, bis dort hinunter ins Tal. Als der Photograph sich über den Aufwand des Funkers wunderte, bloss um mit Menschen Grüsse auszutauschen, zu denen man doch leicht auch hingehen könne, erklärte dieser, seine Funksprüche nähmen den anderen Weg, einmal rund um die Welt. Einmal rund um die Welt, um dann mit denen zu sprechen, die man schon vorher kennt? So also photographiert Giorgio von Arb: er geht einen langen Weg, um wieder bei sich anzukommen. Aber nur fast. Eine schöne Geschichte.