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Das diesjährige PMCamp Berlin, das vom 10. bis am 12. September stattfindet, steht unter dem Thema „Komplexität“. Für mich ist Komplexität eine Voraussetzung eines Systems, damit es seine Funktion erfüllen kann. So benötigt ein Projektsystem eine gewisse Komplexität, um das Projektziel zu erreichen. Würde man die Komplexität des Projekts reduzieren, könnte es das Ziel nicht mehr erreichen.
Aspekte soziotechnischer Systeme
Turbulent kann ein Projekt sein, weil seine Gegebenheiten ständig ändern (Dynamik) oder weil es sich anders entwickelt, als wir erwartet haben (Ungewissheit). Menschen, die in solchen Systemen entscheiden müssen, neigen dabei zu folgendem Verhalten:
- Denken in linearen Ursache-Wirkungsketten
- Nichtbeachtung von verzögertem Feedback
- Hypothesenbildung aufgrund vermeintlicher Korrelation
- Fehleinschätzung exponentieller Entwicklungen und von Wahrscheinlichkeiten
Ursache-Wirkungsketten
Passiert etwas Unvorhergesehenes, fragen wir sofort, wie das passieren konnte. Wir wollen die Ursache wissen, in der Meinung, man müsse bloss diese Ursache entfernen, damit die ungewünschte Wirkung nicht wieder auftritt. Das ist eine irrige Vorstellung. Bekannt ist das Ehepaar von Paul Watzlawick: Er geht ins Wirtshaus, weil er vor seiner nörgelnden Frau flüchtet, während sie ihm Vorwürfe macht, weil er ständig im Wirtshaus ist.
Den linearen Ursache-Wirkungsketten stehen die System-Archetypen gegenüber, die viele Projektsituationen als Ursache-Wirkungszyklen modellieren.
Verzögerter Feedback
Fast jede Handlung bewirkt nicht nur, was sie beabsichtigt, sondern hat darüber hinaus (unbeabsichtigte) Neben- und Fernwirkungen. Speziell Projekte werden oft von Entscheidungen eingeholt, die eigentlich schon lange erledigt waren.
Haben Sie gewusst, dass es verzögerter Feedback erster, zweiter und höherer Ordnung gibt? Kennen Sie den Unterschied? Sollten Sie, wenn Sie durch turbulente Projekte navigieren wollen.
Nichtlineare Entwicklungen und Wahrscheinlichkeiten
Hier sehen Sie eine Grafik der Weltbevölkerung zwischen 1000 v. Chr. und 1800 n. Chr., ohne Angabe der Grössenordnung. So etwas kommt in Projekten oft vor, z.B. im Zusammenhang mit der Anzahl Change Requests oder Test Failures. Setzen Sie die Kurve bis ins Jahr 2000 fort! Die meisten Personen bleiben mit ihren Schätzungen bis zum Faktor 3 hinter dem tatsächlichen Betrag zurück.
David Kahneman hat verschiedentlich darauf hingewiesen, wie schlecht wir im Einschätzen von Wahrscheinlichkeiten abschneiden. Welches Spiel würden Sie lieber spielen, wenn Sie es wiederholt spielen könnten?
Sie erhalten acht Franken mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/3
Sie erhalten drei Franken mit einer Wahrscheinlichkeit von 5/6
Die meisten Versuchspersonen entscheiden sich für das zweite Spiel, weil es anscheinend einen sichereren Gewinn verspricht. Aber im ersten Spiel haben Sie auf die Dauer mehr gewonnen.
Vermeintliche Korrelation
Nehmen wir an, in einem Projekt verhalten sich zwei Grössen auffällig ähnlich, z.B. so:
Der Korrelationskoeffizient beträgt 0.9926. Wir neigen in diesem Fall schnell dazu zu vermuten, dass die beiden Grössen etwas miteinander zu tun haben. Diese Hypothese über das Funktionieren des Projekts dient uns dann als Grundlage für unsere Entscheidungen.
Das obige Beispiel stammt aus dem neuen Buch „Spurious Correlations“ von Tyler Vigen. Die beiden Kurven geben übrigens die Entwicklung der pro Kopf Konsumation von Margarine einerseits und der Scheidungsrate im amerikanischen Maine andererseits zwischen 2002 und 2009 wieder.
Wir neigen in der Tat dazu, Zusammenhänge zu vermuten, wo gar keine sind.
Systemische Darstellungsmittel müssen nicht zwingend „komplex“ sein
Beschränkungen menschlicher Kognition manifestieren sich gerade bei ganzheitlichen Wahrnehmungsautomatismen. In komplexen Projektsystemen ist jedoch genügend Zeit, darüber bewusst zu reflektieren. Dabei kann die Ganzheitlichkeit auf der Strecke bleiben. Rationale Reflektion findet in geeigneten Modellen statt und bedarf systemischer Darstellungsmittel, um den Zusammenhang zur Ganzheitlichkeit nicht zu verlieren. Erkenntnisse aus dem Reflektionsprozess müssen nachträglich durch Achtsamkeitsübungen wieder in die Gesamtsicht eingepflegt werden.
In „Projektdynamik – Modelle für komplexe Umgebungen“ stelle ich die geeignetsten Darstellungsmittel vor. Das Buch kann frei heruntergeladen werden.
Auf Seiten 184ff erkläre ich den Umgang mit der Zeit und was es mit verzögertem Feedback auf sich hat. Ab Seite 202 folgt ein Tutorial zu nichtlinearen Entwicklungen und Wahrscheinlichkeiten. Auf den Seiten 219 bis 234 führe ich in die Verwendung von Causal Loop und Stock-and-Flow-Diagrams ein. Und auf Seiten 235ff zeige ich die kognitive Kraft von Modellen.
Der Verstand kann Defekte der unbewussten Kognition ausgleichen
In „Gestaltungsansätze für Soziotechnische Systeme“ (2005) stellen die Autoren eine Methodenhierarchie auf. Die mathematischen Ansätze des Operations Research werden auf „naturwissenschaftliches Denken“ reduziert, das soziotechnische Systeme nicht voll erfassen könne. Auch mit der nächst höheren Stufe, der Systemanalyse, sei
die Analyse komplexer Systeme … nur begrenzt möglich
Die Autoren schreiben:
Zur effizienten Bewältigung der Analyse und Gestaltung von soziotechnischen Systemen sind darüber hinaus Methoden und Werkzeuge erforderlich
und stellen dann Systeme, wie ERP, Datenmanagementsysteme, Managementinformationssysteme, Systeme des Wissensmanagement, Workflowsysteme, etc. vor, ohne sich Rechenschaft abzugeben, dass diese Systeme gerade auf den eingangs erwähnten Konzepten des Operations Research basieren.
Gewiss, der Artikel ist zehnjährig. Er drückt aber eine Haltung aus, die leider nach wie vor dominiert: da zum Verständnis quantitativer Methoden beträchtliche Denkleistungen erforderlich sind, werden sie als zweitrangig und ungenügend abgetan. Damit hat man eine Entschuldigung, sich nicht damit befassen zu müssen und weiterhin rein intuitiv vorgehen zu können. Aber damit kommt man in komplexen soziotechnischen Systemen nicht weit.
19 Kommentare
„Wir neigen in der Tat dazu, Zusammenhänge zu vermuten, wo gar keine sind.“
Wo sind Zusammenhänge?
Wie? Eben sind keine! Ist das nicht klar geworden? Oft schliessen wir unzulässigerweise von Korrelationen auf Kausalität. Herbert Simon hat schon 1954 auf diesen Bias hingewiesen.
Meine Frage war: Wo sind Zusammenhänge? Nicht: Wo sind keine.
Ach so. Ja, es gibt schon direkte Kausalitäten. Wenn ich Dir auf die Zehen stehe, dann schreist Du, was in direktem Zusammenhang mit meiner Handlung steht, denke ich…. oder wie jetzt?
[…] PROJEKTE SIND SOZIOTECHNISCHE SYSTEME UND ERFORDERN QUANTITATIVE METHODEN – Peter Addor […]
Hallo Peter!
Vielen Dank für Deinen Beitrag und die Verlinkung – wir haben Dich im Aufruf zu unserer Blogparade aufgeführt, auch wenn Du uns zuvor gekommen bist 😉 http://berlin.pm-camp.org/2015/07/21/blogparade-komplexitaet-projekte/
Lieben Gruß/ Heiko
„Ach so. Ja, es gibt schon direkte Kausalitäten.“
Meine Frage war nicht: gibt es Kausalitäten. Sondern: Wo sind Zusammenhänge?
Ich weiss nicht, ob es Zusammenhänge gibt. Falls es Zusammenhänge gibt, weiss ich nicht, wo.
Als „Zusammenhang“ würde ich eine direkte Kausalität verstehen. Aber ich weiss nicht, ob es Kausalitäten gibt.
Nach einer etwas harten Gartenarbeit, schwitze ich heftig und stehe immer wieder unter die kühle Gartendusche. Ich *glaube*, dass der anhaltende Schweissausbruch von der Gartenarbeit her rührt, Aber sicher kann ich nicht sein.
Wir suchen überall Zusammenhänge und dichten solche in die Welt hinein. Dann sind wir glücklich. Ob es aber Zusammenhänge gibt, weiss ich nicht. Du?
„Ob es aber Zusammenhänge gibt, weiss ich nicht. “
Meine Frage war nicht, ob es Zusammenhänge gibt. Meine Frage lautet: Wo sind Zusammenhänge?
Alle deine bisherigen Antworten stehen in keinem Zusammenhang mit meiner Frage. Das erste Mal hast du auf die Frage geantwortet: Wo sind keine Zusammenhänge? Das zweite mal auf die Frage: Gibt es Kausalität und das dritte mal hast du eine Antwort auf die Frage gegeben: Gibt es Zusammenhänge? Aber keine dieser drei Fragen hatte ich jemals gestellt.
Wenn deine Lehre, die besagt, dass man keine Zusammenhänge vermuten soll, wo keine sind, ernsthaft gemeint ist und einen Zweck hat, dann nur, wenn es einen Lernenden gibt, der sie empfängt und sich daran orientiert, wie ich dies tun möchte. Sonst ist es Quatsch und Quatsch willst du nicht lehren und ich nicht lernen.
Also gilt: wenn man keine Zusammenhänge vermuten sollte, wo keine sind, dann bleibt mir nur übrig, meine Frage zu wiederholen:
Wo sind Zusammenhänge?
Ha, haa, ja, da hast Du gewiss recht: was ich denke und schreibe ist Quatsch! Doch da bin ich in guter Gesellschaft, denn alles, was geschrieben und geredet wird, ist Quatsch, mit Ausnahme von Tautologien.
Ansonsten sind alle Behauptungen Deines Posts falsch, insbesondere, dass meine Blogbeiträge eine Lehre seien. Wie ich anderswo erklärt habe, versuche ich in meinem Blog, meine Gedanken zu formulieren, was mir selten zu meiner Befriedigung gelingt. Daher übe ich immer wieder.
„da hast Du gewiss recht: was ich denke und schreibe ist Quatsch!“
Das steht in keinem Zusammenhang mit dem, was ich geschrieben habe.
Ich habe geschrieben: „Wenn deine Lehre, die besagt, dass man keine Zusammenhänge vermuten soll, wo keine sind, ernsthaft gemeint ist und einen Zweck hat, dann nur, wenn es einen Lernenden gibt, der sie empfängt und sich daran orientiert, wie ich dies tun möchte.“ – Das heißt, dass eine Lehre nur da auffällt, wo ein Zusammenhang zwischen einem Lehrenden, der lehrt, und einem Lernenden, der lernt, zu beobachten ist. Wo kein Lernender, da kein Lehrender. Dehalb hatte ich geschrieben:
„Sonst ist es Quatsch und Quatsch willst du nicht lehren und ich nicht lernen.“ Quatsch ist das, was du geschrieben hast nicht, jedenfalls kann ich zwischen deinen Antworten und den Fragen, die ich nicht gestellt habe, keinen Zusammenhang entdecken, der auf Quatsch hindeutet.
Es gibt also mindestens einen Zusammenhang zwischen Lehren und Lernen, nämlich da, wo dieser Zusammenhang beobachtet wird. Möglicherweise gibt es noch mehr Zusammenhänge, nämlich immer genau da, wo sie beobachtet werden.
Hallo Kusanowsky,
„Wo sind Zusammenhänge?“
Das ist eine sehr allgemein gehaltene Frage, die man (oder ich zumindest) sehr unterschiedlich verstehen kann.
Peters Nachdenken über Kausalität (https://www.youtube.com/watch?v=lsTO3-OqdKw) (ohne Zusammenhänge keine Kausalität ;o) ) war mindestens genauso spannend, wie nun Dein Nachdenken, dass offensichtlich der Zuhörer/Leser/Lernende derjenige ist, der die Zusammenhänge herstellt (bzw. herstellen muss).
Früher sagte man das mal so:
Aus dem „Gesagten“ zieht sich jeder die Schuhe an, die ihm am Besten passen. Also sollte für Jeden was dabei sein ;o)
In diesem Sinne viel Spaß beim Zusammenhänge kreieren (oder eben nicht).
….und Dir Peter ein schönes PM-Camp.
Bernd
„Wir neigen in der Tat dazu, Zusammenhänge zu vermuten, wo gar keine sind.“
Hallo Bernd, ich frage mich zu welcher Art von Forschung man käme, wenn man Zusammenhänge nur da vermuten würde, wo welche sind.
Was meinst du?
Hallo Kusanowsky,
wenn man Zusammenhänge nur dort vermuten würde, wo sie auch sind, bräuchte man keine Forschung – meine ich ;o)
Wie Du selbst dachtest (Falls ich Dich richtig verstanden habe):
Wir als Lernende (Wahrnehmende) stellen die Zusammenhänge her.
Das heißt für mich:
Die Zusammenhänge hängen mindestens von unserern Fähigkeiten, unserem Bewusstseinsvermögen, unserem Blickwinkel und unserer „Position“ (dem Ort von dem aus wir Beobachten) ab.
Sie verändern sich also stetig (falls wir aus unserer Forschung was Lernen) und davon abgesehen, dürfte es auch tatsächlich vorkommen, dass wir Zusammenhänge dort vermuten können wo gar keine sind.
Wie kommt es zu Deinem großen Interesse am Thema „Zusammenhänge“?
***********************
Klar passt das hier in den „Komplexitätsblog“.
–
Dort wo die Zusammenhänge fest definierbar (verstehbar) sind, werden die Dinge eher kompliziert.
Dort wo die Zusammenhänge dynamischer (oder gar ungewiß) werden, wirds eher komplex.
–
Aber warum schreibst Du nicht einen eigenen Artikel und steigst dort in Diskussionen darüber ein?
Grüße,
Bernd
„warum schreibst Du nicht einen eigenen Artikel“
Ich habe schon mal einen eigenen Artikel geschrieben.
Ich erforsche wie Zusammenhänge entstehen können, die noch nicht entstanden sind. Zusammenhänge gibt es nicht einfach, sondern entstehen unter bestimmten Bedingungen. Ich beobachte mit Freude, wie manchen Schreiber sich unermüdlich darum kümmern, solche Beobachtungen zu vermeiden.
Ein spannendes Thema hast Du da…
PS:
Naja, Manche haben vielleicht lieber eine „erkennbare, sichere, stabile vlt. sogar halbwegs berechenbare Welt“ als Bild bei sich ;o)
„Manche haben vielleicht lieber eine „erkennbare, sichere, stabile vlt. sogar halbwegs berechenbare Welt“ als Bild bei sich “
Ja, solange die Welt durch die Erwartungen von Warmduschern bestimmt wird, droht das Schlimmste. Die Unsicherheit ist die geeignete Bedingung für die Möglichkeit für Freiheit.
Hallo Herr Addor,
Wo sind die Zusammenhänge? Eine spannende Diskussion. Darf ich eine Beobachtung einwerfen?
… wenn es keine Zusammenhänge gibt, können diese durch Modelle hergestellt werden. Wenn man dann vergißt, dass die Modelle nicht die Realität sind, passieren verrückte Dinge. Stichwort: Managementmodelle und Managementsysteme. Hier bringt die Kollision der Modelle mit der Realität so „wunderbare“ irrationale Lösungen hervor.
So grenzen HR- und Organisationsbereiche in Unternehmen z.B. in Stellenbeschreibungen, Arbeitsplänen, Anweisungen u.ä. den Handlungsraum der Mitarbeiter erst maximal ein – um unerwünschte Einflüsse der individuellen Motivationsebene auf die Sachbene zu unterbinden – und beklagen dann, dass diese Mitarbeiter nicht selbständig und eigenverantwortlich arbeiten und handeln. Um dieses Defizit dann auszugleichen, werden aufwendige Beratungen und Workshops durchgeführt …
Viele Grüße
Thomas
[…] PROJEKTE SIND SOZIOTECHNISCHE SYSTEME UND ERFORDERN QUANTITATIVE METHODEN – Peter Addor […]