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Das Schlussbild des Abends von Thessaloniki war schliesslich, als Eray Cümart seinen Kollegen Raoul Petretta auf dem Rücken zum Bus schleppte. Cümart weiss nach zwei Schulteroperationen, wie es ist, wenn es richtig wehtut. Petretta trug einen massiven Bluterguss aus dem Toumba-Stadion davon, getroffen am rechten Knöchel im Zweikampf mit Vieirinha und ausgewechselt kurz vor der Pause.
Der Ausfall verschärfte von jetzt auf die Lage für die Basler in diesem ersten Durchgang der Champions-League-Qualifikation. Sie waren in Rücklage nach einem Zauberschuss von José Cañas. Der 28-jährige Andalusier hatte in seiner ganzen Karriere zuvor nur zwei Mal das Tor getroffen, und dieser Treffer, auch noch mit seinem schwächeren linken Fuss erzielt, schürte die grosse Sehnsucht des Paok nach der Königsklasse. Begünstigt wurde das Tor durch eine akrobatische, aber nutzlose Aktion von Dimitri Oberlin, der auch ansonsten einen enttäuschenden Auftritt bot.
In diesem Moment musste Raphael Wicky entscheiden, wie er die ausgedünnte rechte Seite besetzen will. Diverse Szenarien hatte der FCB-Trainer mit seinen Assistenten vor dem Spiel durchgespielt. Der Einsatz des aus einer Verletzung zurückgekehrten Eder Balanta in der international bewährten 3-4-3-Grundordnung trug zum Beispiel eine Ungewissheit.
Balanta funktionierte schliesslich bestens, auch wenn er beim zweiten Gegentor keine vorteilhafte Figur machte. Aber einen rechten Aussenverteidiger, den hatte Wicky am Mittwochabend nicht mehr zur Hand. Michael Lang hat nach Mönchengladbach gewechselt, während der als Back-up aufgebaute Neftali Manzambi das nicht spielen will und vor dem Abgang steht. Und die teuere Ersatzverpflichtung Silvan Widmer musste die Reise nach Griechenland wegen eines Magen-Darm-Infekts absagen.
Wickys Wahl für einen Novizen geht auf
Kevin Bua wäre eine äusserst mutige, weil offensive Variante gewesen, um Petretta zu ersetzen. Doch Wicky entschied sich für Yves Kaiser, einen jungen Mann, der noch keine einzige Minute in der ersten Mannschaft unter Wettkampfbedingungen gespielt hat und seit seinem Wechsel von Solothurn nach Basel vor fünf Jahren eigentlich nur als Innenverteidiger zum Einsatz kam.
Bei seiner ersten Aktion rutschte Kaiser im Strafraum aus und dachte: «Scheisse». Dann kam die Pause, und dort wurde dem 20-Jährigen noch erklärt, wie er sich bei Standardsituationen verhalten sollte. Mehr nicht. «Ich kenne ihn aus meiner Zeit als U18- und U21-Trainer, und da hat Yves seine Aufgaben immer sehr gut und ruhig gelöst», erklärte Wicky, «ich hatte in diesem Moment grosses Vertrauen in ihn, obwohl es keine dankbare Aufgabe für ihn war.»
Der Novize spielte eine unerschrockene, fehlerfreie Halbzeit, tauchte nach ein paar Minuten sogar gefährlich im gegnerischen Strafraum auf und erklärte: «Das ist für die Aussenverteidiger so vorgegeben, wenn wir mit einer Dreierkette spielen. Es war sehr intensiv, der Rhythmus ist sehr hoch, aber ich persönlich bin ganz zufrieden. Aber natürlich nicht mit dem Ergebnis.»
Der Schatten der Katastrophe von Athen
Es hatte ordentlich Pathos über der Partie gelegen. «One Team, one Dream» heisst die Losung von Paok auf dem Weg, erstmals die Champions League zu erreichen. Und allein die Anreise der Mannschaft vom nur ein paar Torwartabschläge entfernt gelegenen Hotel war Livebilder im lokalen Fernsehen wert.
Vor dem Teambus wurde Ivan Savvidis in einer Limousine kutschiert, und nachdem der Klubbesitzer mit georgischen Wurzeln alle Spieler beim Aussteigen vor dem Stadion geherzt hatte, entschwand er wieder. Savvidis darf für drei Jahre kein Fussballstadion betreten, weil er im März bei einem präsidialen Platzsturm verhaltensauffällig geworden war – dass er dabei eine Pistole am Gürtel getragen hatte, machte die Sache nicht besser.
Weil Savvidis mit den Emotionen der Menschen umzugehen weiss, stellte Paok das Spiel an einem für Griechenland tragischen Tag mit den vielen Toten bei der Waldbrandkatastrophe in Athen unter das Motto «#PlayForGreece», und der Klubbesitzer liess verbreiten, dass Paok sämtliche Matcheinnahmen gegen Basel den Hinterbliebenen spenden will.
Albian Ajeti trifft: «Das war spät, aber wichtig»
Nach einer Gedenkminute trat die Heimsuchung mit dem Anpfiff des Spiels in den Hintergrund. Und die Basler boten in der zwar lauten und leidenschaftlichen Atmosphäre des mit 28’000 Zuschauern fast komplett gefüllten Toumba eine anständige, weil grossteils kompakt und mit Bedacht geführte Partie, in der sie ganz früh (Stocker) und ganz spät in der ersten Halbzeit (Ajeti) beste Gelegenheiten ausgelassen hatten. «Das war fahrlässig», räumte Ajeti ein, «das ist eine Chance, die drin sein muss.»
Wicky musste wie schon bei der Saisonstart-Niederlage gegen St. Gallen fehlende Entschlossenheit im Abschluss beklagen, und dann auch noch mitansehen, wie sich aus einem läppischen Ballverlust von Luca Zuffi der Konter entwickelte, mit dem ein in der zweiten Halbzeit genügsames Heimteam durch seinen bis dahin nicht gesehenen Torjäger Aleksandar Prijovic auf 2:0 erhöhte. Die Taktik von Paok schien aufzugehen – der FCB empfindlich geschlagen.
Dass die Basler dennoch mit dem Gefühl nach Hause reisen, am kommenden Mittwoch die Wende schaffen zu können, dafür sorgte einerseits ein zweimal ausgezeichnet reagierender Schlussmann Jonas Omlin. Und nur zwei Zeigerumdrehungen nach dem 2:0 führte eine Kombination aus einer leicht abgefälschten Flanke von Valentin Stocker, die Albian Ajeti in der 82. Minute aus spitzem Winkel mit Kopf verwertete, zum 2:1. «Das war spät, aber wichtig», so Ajeti.
Es war nicht nur das erste Tor Ajetis auf internationalem Parkett, sondern bedeutet auch den im Europacup mit seiner eigenen Formel so oft beschworenen Auswärtstreffer. Damit würde den Baslern im Rückspiel schon ein 1:0 reichen. «Zufrieden bin ich nicht, wenn wir verlieren», sagte Wicky nach einer zweiten Halbzeit, in der dem Basler Spiel die Zuspitzung in der Offensive fehlte, «aber unter den Umständen haben wir relativ viel herausgeholt.»
Die Erinnerung an Celtic Glasgow 2002
Es ist die erste Niederlage des FCB in einem Auswärtsspiel zum Auftakt einer Qualifikationsrunde seit 2002 in Glasgow. Damals schaffte er es, einen 1:3-Rückstand mit einem 2:0 in ein Weiterkommen umzumünzen. Ein Sieg, der den Basler Aufschwung der Neuzeit markiert. 16 Jahre später sagt Ajeti, einer der nächsten Fussballergeneration: «Es liegt noch alles drin. Und mit unseren Fans im Rücken werden wir voll auf Angriff spielen.»
Bis dahin hat der FCB noch in der Liga die Aufgabe auf dem Kunstrasen in Neuenburg zu lösen. Während Paok Saloniki sich voll und ganz auf den zweiten Teil in Basel konzentrieren kann. Vier Mal bereits sind die Thessaloniker gescheitert in der Champions-League-Qualifikation, zuletzt haben sie gegen Ajax Amsterdam und Schalke 04 auswärts jeweils 1:1 gespielt.
Und auch wenn der Treffer des FCB ein Dämpfer war für die Griechen, so verbreitete ihr rumänischer Trainer Razvan Lucescu anschliessend eine angriffslustige Parole: «Wer in Basel nicht auf Sieg spielen will und an das Weiterkommen glaubt, der kann in Thessaloniki bleiben.»
Am Wochenende waren erst 8500 Tickets verkauft für das Rückspiel gegen Paok Saloniki am Mittwoch, 1. August (20 Uhr) im St.-Jakob-Park, davon rund 2000 an griechische Fans. Informationen zum Ticketing bei fcb.ch