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Rolle der Wälder und Waldsterben
Der Wald liefert uns nicht nur einen Teil des Sauerstoffes, den wir einatmen oder in unseren Motoren verbrauchen. Er spielt auch eine grundlegende Rolle bei der Regulierung des Klimas. Auf einer unbedeckten Fläche erodiert das Regenwasser den Boden, weil es hart aufschlägt und sogleich wegfliesst. Im Wald wird es durch die Blätter, Zweige, Stämme und den Humus, der wie ein Schwamm wirkt, aufgefangen. Ein Teil wird in reinem Zustand der Atmosphäre zurückgegeben. In der Tat kann während der Wachstumsperiode eine Hektare Hochwald im Mittel 25 000 l pro Tag verdunsten lassen, beinahe doppelt soviel wie eine entsprechende freie Wasserfläche. Der Wald ist folglich ein riesiger Verdunster, der in der Luft und im Boden die Schwankungen der Feuchtigkeit abschwächt. In den Kulturen spielen die Schutzhecken eine wesentliche Rolle: Sie vermindern die austrocknende Wirkung des Windes. Die Waldbestände dämpfen zudem den Lärm und sind mächtige Filter; sie halten pro Hektare und Jahr 30-60 Tonnen Staub zutück. Neben diesem Einfluss auf die Umwelt übernimmt der Wald, je nach Gegend mehr oder minder wichtige Funktionen: Schutz gegen Naturkatastrophen, Erzeugen von Holz, Erhalt der Lebewesen und der Landschaft, Erholungsraum.
Inhaltsverzeichnis
Schutz gegen Naturkatastrophen
Mehr als drei Viertel der Waldfläche des Kantons entfällt auf Hänge mit über 50% Neigung. Unter solchen Umständen spielen die Bäume eine wesentliche Rolle als Schutzwall vor Lawinen, Steinschlag und Abrutschen des Hanges. Mit ihren Wurzeln halten sie den Boden zusammen und vermindern die Erosion. Als Nutzung und Rodung des Waldes immer grössere Ausmasse annahmen, begnügte man sich damit, die unmittelbar über den Ortschaften gelegenen Wälder mit Bann zu belegen, so 1553 bei Martigny den Bannwald des Guercet. Dies verhinderte leider nicht, dass im Goms der Mensch den Lawinen schweren Tribut zahlen musste: 88 Opfer in Obergestein im Jahre 1720, 51 in Biel und Selkingen 1827, 30 in Reckingen 1970.
Heutzutage, da Bautätigkeit und Strassenbau rapid zunehmen, kommt der Schutzwirkung des Waldes mehr Bedeutung zu als je zuvor. Die Bäume widerstehen Schneerutschen bis zu einem gewissen Grad, darüber hinaus werden sie mitgerissen. Die durch Lawinen geschlagenen Wunden lassen sich nicht heilen. Man kann indessen dafür sorgen, dass die Schneisen nicht breiter werden oder keine neuen entstehen. Nun aber tragen heute mehrere Faktoren dazu bei, die Schäden zu vergrössern: schlechte! Zustand des Waldes, Senkung der oberen Grenze zur Gewinnung von Weidefläche, Aufgabe der Beweidung, daher Bildung langhalmiger Gräser, auf welchen der Schnee abrutscht. Deshalb versucht man, die Schutzwälder mit allen Mitteln zu erhalten: Verbauungen, Wiederaufforsten, Pflege. Im Jahre 1986 schätzte man die Kosten künstlicher Schutzmassnahmen auf 200 SFr. pro Quadratmeter.
Erinnern wir zum Schluss daran, dass die Bäume die Flussufer mit Erfolg gegen die Erosion schützen; sie halten mit ihren Wurzeln das Erdreich zusammen. Die Erfahrung lehrt, dass Dämme, die mit einer hohen Ufervegeration bewachsen sind, weit besser dem Hochwasser trotzen als kahle, mit Gras überwachsene oder erst vor kurzem errichtete Verbauungen.
Holzertrag
Im Wallis waren Ende der achtziger Jahre 4000 Personen im Holzgeschäft tätig. Die jährliche Holzgewinnung betrug 120 000 m3, wobei das Brennholz, das lange Zeir das einzige Heizmaterial war, nur mit 30 000 m3 zu Buche sreht. Diese Zahlen bleiben weit unter den 300 000 m3 der jährlichen Holzproduktion im ganzen Kanton. Einer der Gründe liegt im schwer zugänglichen Gelände. Nimmr man 100 000 Hektaren als theoretisch nutzbar an, kommt man für den Walliser Wald auf einen Ertrag von 3 m3/ha/Jahr, bei einem schweizerischen Mittel von 4,8 m3/ha/Jahr. Der Unterschied erklärt sich durch Höhenlage, Trockenheir, steile Hänge und wenig tiefgründige Böden, alles besondere Merkmale des Wallis. Der Holzertrag schwankt sehr von Ort zu Ort, wie dies der Vergleich zwischen Aletschwald und Derborence ergibt. Tabelle 3 erlaubt, den Ertrag eines Waldes nach der Höhe der Hauptbäume zu schätzen. Es versteht sich, dass ein Bestand, dessen ältere Bäume 30 m hoch sind, bedeutend mehr hergibt als einer mit nur 20 m hohen Stämmen.
Erhalt der Arten und der Landschaft
Der Wald stellt ein riesiges genetisches Reservoir dar und ist ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Hier sind Reh, Wildschwein, Luchs, Dachs, Wildhühner und viele andere Tiere zuhause. Die Flora entfaltet sich darin noch frei und natürlich, weit weg von Dünge- und Vertilgungsmitteln. Im Wallis wachsen die Wälder zu 80% über 1000 m. Nun aber leben die Arten, welche für die besondern klimatischen Verhältnisse des Wallis die typischsten Vertreter sind, ausgerechnet in den Niederungen. So stellen die letzten Auenwälder der Rhoneebene einen Lebensraum für Biber, Pirol, verschiedene Spechtarten und weitere besondere Arten dar. Die wenigen Eichenwälder an den Hängen beherbergen Zikaden und eine Menge Insekten aus wärmeren Gegenden, die Föhrenwälder der Trockenhalden seltene Pflanzen mediterranen Ursprungs. Derartige Wälder besitzen nur geringe wirtschaftliche Bedeutung, sind aber von unschätzbarem Wert für den Artenschutz und die Erhaltung der Landschaft. Solche Lebensinselchen sind von umso grösserer Bedeutung als Bauboom und Ausdehnung des Kulturlandes ihnen immer mehr Raum streirig machen (Abb. 76).
Der Wald als Erholungsraum
Die Wälder sind die letzten natürlichen und verhältnismässig intakten Grossräume in unserem Land. Der Mensch findet darin Ruhe und Entspannung, reinigt seine Lungen und erfrischt seinen Geist. Schon immer war der Wald eine Welt für sich. Er hüllt sich, nachts besonders, in geheimnisvolles Raunen. So hat er Kultur und Fantasie manchet Völker geprägt. Der Wald trägt zweifellos zu unserem seelischen Gleichgewicht bei.
Waldsterben
Seinen vielfältigen Aufgaben kann nur ein gesunder Wald gerecht werden. Seit einiger Zeit jedoch leidet er unter der Luftverschmutzung. 1983 wurde diese Erscheinung auf nationaler Ebene erkannt. Schon im Zusammenhang mit den Föhrenwäldern, die einen alten und beispielhaften Fall darstellen, sprachen wir davon. Seit 1970 zeigten die Weisstannen Krankheitssymptome; grosse Mengen mussten gefällt werden. 1983 begannen die Wipfel der Fichten sich zu lichten, 1984 diejenigen der Arven.Woran erkennt man die Anzeichen des Waldsterbens? Bei den Nadelbäumen färben sich die alten Nadeln rostbraun und fallen frühzeitig. Verglichen mit denen gesunder Bäume werden die Kronen "durchsichtig" (Abb. 77). Bei den Laubbäumen stellt man oft eine geringere Grösse und ein frühzeitiges Vergilben der Blätter fest. Zwischen der Aderung können braune Fleckchen und andere Verfärbungen auftauchen. Beobachtet man die Jahrringe eines frisch gefällten Stammes, so bemerkt man ein plötzlich verlangsamtes Wachstum. Im gesamten Kanton vorgenommene Messungen ergaben bei 69% der Weisstannen, 66% der Föhren und 25% der Fichten einen Rückgang des Wachstums. So geschädigte Bäume haben Mühe sich zu erholen.
Beim Waldsterben sind äusserst komplexe Phänomene am Werk, die sich schwer auf einfache Weise darstellen lassen. Einer der Gründe ist, dass der Mensch, nach einer gedankenlosen Übernurzung im vergangenen Jahrhundert, den Wald plötzlich sich selbst überliess. Trockene Jahrgänge wie 1975, 1978 und 1982 hatten ebenfalls einen Einfluss. Parasitäre Insekten nutzen dann die Schwächung der Bäume aus und vermehren sich gewaltig (Abb. 78). Der Hauptgrund jedoch, der berühmte Wassertropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist die Luftverschmutzung, deren Auswirkungen im Wallis durch verschiedene Umstände verschlimmert werden: trockenes Klima, sehr starke Sonneneinstrahlung, die die Umwandlung der primären Schadstoffe in giftige Verbindungen wie Ozon, zum Beispiel, begünstigt; dann die im Rhonetal nur zögernd erfolgende grossräumige Erneuerung der Luft. Die kranken Bäume wegschaffen, wenn sie sterben, bringt noch keine Abhilfe; es bleibt lediglich die Landschaft intakt. Wichtiger wäre, das Übel an der Wurzel anzupacken und das Mass der in die Luft ausgestossenen Giftstoffe zu vermindern.
Siehe auch