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Die verschiedensten Schläge, manchmal auch eher Streicheleien des Schicksals haben Menschen nach Santa Lemusa geführt: Verfolgung oder ökonomische Not, Verliebtheit oder Abenteuerlust. Sophie Studer aus Brig aber kam dank ihrer Legasthenie auf die Insel. Sie hatte eine Schiffspassage nach Argentinien gebucht, um dort als Köchin bei Verwandten aus dem Oberwallis zu arbeiten, die um 1870 ausgewandert waren und es unterdessen zu einigem Wohlstand gebracht hatten. Aus unbekannten Gründen musste der Dampfer auf seinem Weg von Lissabon nach Südamerika in Ponta Delgada einen Zwischenstopp einlegen. Sophie Studer stieg von Bord der «Panama», kehrte aber Stunden später an Bord der etwas kleineren «Amapan» zurück, die ebenfalls im grossen Hafen der Azorenhauptstadt angelegt hatte. Natürlich suchte sie vergeblich nach ihrer Kabine. Als sie endlich leicht verwirrt im Büro des Quartiermeisters auftauchte, war das Schiff längst auf hoher See – Reiseziel Santa Lemusa.
Nun hätte Sophie Studer ja von Port-Louis aus in Richtung Kontinent weiterreisen können – doch erstens fehlte der jungen Dame hierfür das Geld, und zweitens lernte sie auf dem Schiff ihre Namensvetterin Sophie Polter kennen, eine junge Köchin aus Leipzig, die ebenfalls auf dem Weg zu Verwandten war. Sophie Polters Reiseziel war Palmheim im Zentrum von Santa Lemusa. Was die zwei jungen Frauen von Beginn weg einander nahebeachte, war nicht bloss die Passion fürs Kochen, sondern fast mehr noch das Leiden daran, welche Arbeit sie als Köchinnen zu verrichten hatten – in jenen Jahren nämlich war die anspruchsvollere Kochkunst noch eine reine Männerdomäne, derweilen Köchinnen im Grunde meist eher Dienstmädchen waren, die nebenbei auch noch ein paar einfachere Gerichte anfertigten.
Auf der langen Bootsfahrt nach Santa Lemusa reifte in den zwei jungen Frauen der Plan, eine Kochschule zu gründen. Die Begegnung der zwei Sophien fand nach Auskunft der Familie Polter wohl 1895 oder 1896 statt, vielleicht auch erst kurz vor 1900. Sophie Studer (geboren 1875) war damals wohl gut zwanzig Jahre alt, Sophie Polter war mit Jahrgang 1878 drei Jahre jünger. Mit Unterstützung der Familie von Sophie Polter konnten die zwei ehrgeizigen Köchinnen wahrscheinlich noch vor 1900 in Port-Louis ein Institut eröffnen, dem sie den etwas ungewöhnlichen Namen «Pan-Love» gaben – dies zu einer Zeit, als auf Santa Lemusa kaum je englische Namen vergeben wurden. «Pan-Love» sollte natürlich nicht nur die Liebe zur Bratpfanne ausdrücken, sondern auch an den Namen des Schiffes erinnern, auf dem sich die zwei Frauen kennengelernt hatten – über weitere Bedeutungen lässt sich nur spekulieren. Keine der beiden Sophien konnte zu diesem Zeitpunkt mehr als ein paar Brocken Französisch – Sophie Polter sprach ein bisschen Englisch, Sophie Studer hatte schon mit dem Hochdeutschen ihre liebe Mühe. Diesem Umstand und dem eigentümlichen Namen zum Trotz war die Schule von Anfang an sehr beliebt – nicht nur bei jungen Frauen, sondern gerade auch bei Männern. Bald konnten sich die zwei Sophien ein eigenes Haus an der Rue de Marakech (nahe der Place de Buenos Aires) kaufen – im Parterre richteten sie die Schulungsräume ein, in den oberen Etagen wohnten sie. Die Schule befindet sich auch heute noch dort – das Haus gehört der Familie Polter.
Zeitlebens gingen die zwei Sophien, soviel bekannt ist, nie Beziehungen mit Männern ein. Gelegentlich wurde behauptet, sie seien ein lesbisches Paar gewesen. Pipa Polter, die 2014 ein Kochbuch mit Rezepten ihrer Grosstante herausgebracht hat («Palais du Valais»), schreibt in ihrem Vorwort, dass sie die Annahme einer lesbischen Beziehung zwischen den zwei Frauen für unbegründet halte: «Ich glaube, die zwei schätzten einfach die Freiheit, die ihnen diese Lebensweise bot». In ihrer Freizeit waren beide begeisterte Sportlerinnen und engagierte Mitglieder der Société de Chasse «Léopold». Sie hielten grosse Hunde, denen sie immer die Namen berühmter Weintrauben mit dem Anfangsbuchstaben «M» gaben: Merlot, Monastrell, Marsanne, Malvasia etc. Ausserdem unternahmen sie geneinsam verschiedene Reisen, sogar bis nach Asien – «zweifellos auch mit dem Ziel, ihr kulinarisches Repertoire zu erweitern», wie Pipa Polter meint.
Die zwei Frauen führten ihre Kochschule bis ins hohe Alter hinein. Sophie Studer starb 1974 mit 99 Jahren, Sophie Polter im Jahr darauf mit 97. Die Schule wurde von einem Verein ehemaliger Schüler übernommen und wird bis heute mit grossem Erfolg weiter geführt. 1994 wurde der Verein in eine Stiftung verwandelt und seit 2003 wird die Schule an manchen Tagen wie ein Restaurant geführt, in dem zahlende Gäste können kosten können, was die Studenten unter Aufsicht ihrer Professoren zustande gebracht haben.
First Publication: 3-6-2014
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