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Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosymatik, Universitätsspital Zürich
Kennen Sie das Gefühl, nach einer langen und emotional anstrengenden Schicht total erschöpft zu sein, nicht mehr abschalten und sich nicht mehr richtig erholen zu können? Studien zeigen, dass chronischer Stress Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit hat. Mit einer Studie am Universitätsspital Zürich wird der Effekt von Burnout auf die kardiovaskuläre Gesundheit von Ärzten untersucht.
Definition und Konzeptualisierung von Burnout
Der Begriff «Burnout» wurde in den 1970er Jahren vom New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger eingeführt [1]. Er beschrieb den psychischen und körperlichen Abbau bei Freiwilligen, die in sozialen Einrichtungen arbeiteten. Unter anderem litten diese unter Erschöpfung, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Verdauungsbeschwerden und berichteten über eine erhöhte Gereiztheit und Ungeduld, sowie einen Verlust an Flexibilität im Denken.
In der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) wird Burnout nicht als eigenständige Krankheit, sondern als negativer affektiver Risikozustand für die Entwicklung von psychischen und körperlichen Folgekrankheiten definiert (Z73.0).
Das in der Klinik und Forschung am häufigsten verwendete Konzept von Burnout umfasst drei Kernsymptome, das a) durch Gefühle von emotionaler Erschöpfung, b) Entfremdung und Distanzierung von der Arbeit und c) verminderter Leistungsfähigkeit bei der Arbeit charakterisiert ist, und mit dem Maslach Burnout Inventar (MBI ) [2] erhoben wird.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat in einem Positionspapier 2012 ein Konzept zum Übergang von Arbeitsbelastung zur Manifestation von Krankheiten entwickelt [3]. Dieses Konzept berücksichtigt die dynamischen Zusammenhänge der arbeitsplatzbezogenen und der individuellen Auslösebedingungen, inklusive eventuell vorbestehender Krankheiten (Abb. 1). Während im Bereich der Arbeitsüberforderung die Stressreaktionen in kurzen Erholungsphasen wieder abklingen können, kommt es im Rahmen eines Burnouts nicht mehr zu einer Rückbildung von Erschöpfung, vegetativer Symptomatik und Leistungsminderung, eine Regeneration ist aber mit geeigneten Massnahmen möglich. Burnout wird auch hier als Risikozustand für die Entwicklung von psychischen und körperlichen Krankheiten im Kontext von Arbeitsüberlastung definiert (abgebildet im Bereich der Folgekrankheiten). Der Bereich der somatischen und psychischen Erkrankungen umfasst Krankheiten, die mit Burnout-ähnlichen Beschwerden einhergehen können, das heisst Gefühle von Überforderung, Insuffizienz und Erschöpfung provozieren. Diese Krankheiten müssen in die Differenzialdiagnose einbezogen werden, da sie Burnoutsymptome imitieren oder verstärken können. Beispielsweise kann die erfolgreiche Therapie einer zum Beispiel mit chronischer Müdigkeit einhergehenden Grunderkrankung das Burnout-Problem beheben beziehungsweise deutlich reduzieren.
Prävalenz von Burnout im Arztberuf
Eine kürzlich veröffentlichte Review, die 109 628 Ärztinnen und Ärzte aus 45 verschiedenen Ländern einschloss, berichtete eine Prävalenz von Burnout von 67% [4]. Eine Längsschnittstudie in den USA konnte einen Anstieg der Prävalenz von Burnout bei Ärztinnen und Ärzten von 45% auf 54% von 2011 bis 2014 zeigen [5]. Eine weitere Studie hatte 1755 Ärztinnen und Ärzte aus der Schweiz untersucht, wobei 4% ein schweres Burnout (hohe Werte in allen drei Kernsymptomen) und 30% ein mittelschweres Burnout zeigten [6]. Als prädiktive Faktoren für die Ausprägung eines mittelschweren Burnouts zeigten sich in dieser Studie männliches Geschlecht, Alter zwischen 45–55 Jahren, übermässig empfundener Stress aufgrund hoher Arbeitsbelastung und Schwierigkeiten eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden.
Auswirkungen der hohen Prävalenz von Burnout im Arztberuf
Burnout bei Ärztinnen und Ärzten kann sowohl auf persönlicher als auch auf professioneller Ebene negative Auswirkungen haben (Abb. 2) [7]. Unter anderem sind mehr Schmerzen im Bewegungsapparat [8], beeinträchtigte Fruchtbarkeit [9], Alkoholismus und Drogenabhängigkeit [10, 11], eine höhere Rate von Suizidrisiko [12] und die Gesamtmortalität [13] mit Burnout verbunden. Zudem legen Ergebnisse neuerer Studien nahe, dass Burnout die Professionalität beeinträchtigt, die Qualität der Versorgung verringert, das Risiko für medizinische Fehler erhöht [14] und ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben bewirken könnte [9]. 2006 konnte in einer Review gezeigt werden, dass Burnout sowie auch das Konzept der vitalen Erschöpfung das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht und auch einen Einfluss auf andere kardiovaskuläre Risikofaktoren haben kann, wie zum Beispiel Diabetes [15].
Zusammenfassend können wir festhalten, dass gerade im Gesundheitsbereich die Prävalenz und die daraus entstehenden Konsequenzen eine hohe Relevanz für Forschungsarbeiten besitzen.
Stressreaktivität als möglicher Zusammenhang zwischen Burnout und subklinischer koronarer Herzkrankheit
Emotionaler Stress (auch psychosozialer Stress), mediiert durch das sympathische Nervensystem (SNS) und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, ist Teil der Kampf-Flucht-Reaktion. Stress führt zu einer Reihe von biologischen Veränderungen, die für die kardiovaskuläre Gesundheit relevant sind, einschliesslich einer Erhöhung der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Entzündungs- und Gerinnungsaktivität [16]. Bei Personen mit Anzeichen von vorzeitiger, subklinischer Atherosklerose wie vaskulärer Endotheldysfunktion, verringerter Myokarddurchblutung, erhöhter Carotis-Intima-Media-Dicke und Koronararterienkalzifikation kann das Risiko eines akuten Koronarsyndroms und Herztodes durch eine verstärkte Reaktion auf biologischen Stress erhöht auftreten [17]. Eine weitere Längsschnittstudie konnte erstmals zeigen, dass die Herzratenvariabilität (HRV) unabhängig von depressiven Symptomen mit Veränderungen der Burnout-Symptome assoziiert ist [18]. Dabei war nur das Kernsymptom «emotionale Erschöpfung» prädiktiv für die Veränderungen der HRV. Dies unterstreicht die Bedeutung der emotionalen Erschöpfung für die Veränderung der Regulation des autonomen Nervensystems.
Ziel der Studie
Bisher gibt es keine Studien, die spezifisch Ärzte mit Burnout hinsichtlich ihrer kardiovaskulären Gesundheit untersucht haben. Wir möchten mit dieser Querschnittstudie die psychobiologischen Mechanismen, die sich ungünstig auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bei Burnout-Betroffenen auswirken, identifizieren. Dazu untersuchen wir männliche Ärzte mit und ohne Burnout.
Wir wollen folglich in erster Linie herausfinden, inwiefern sich der Blutfluss zwischen den beiden Gruppen unterscheidet. Es wird hypothetisiert, dass die Burnoutgruppe gegenüber der Kontrollgruppe einen signifikant geringeren Blutfluss im Herzen hat. Zudem wird mittels Herz-Computertomographie (Herz-CT) und Calcium Score Scanning die Koronarsklerose erfasst. Nicht zuletzt möchten wir auch verschiedene psychosoziale Variablen untersuchen beziehungsweise für diese kontrollieren, zum Beispiel Depressivität, Angst und soziale Unterstützung. Mittels Blutentnahme vor und nach einem standardisierten Stresstest von 15 min Dauer sollen zudem Biomarker für Entzündung und Gerinnung erhoben werden.
Die Ergebnisse können hilfreiche Hinweise und Ansatzpunkte für die Entwicklung therapeutischer Frühinterventionen im Zusammenhang mit chronischem arbeitsbezogenen Stress liefern.
Ärzte mit hohem chronischen Stress könnten frühzeitig über ihren kardialen Gesundheitszustand aufgeklärt werden und mit entsprechenden Massnahmen unterstützt werden.
Ablauf und Dauer der Studie
Die Untersuchung wird mit Hilfe einer Positronen-Emissions-Tomographie (PET), einer Herz-CT, Blutentnahmen, verschiedenen Fragebögen sowie einer Stresstestung durchgeführt.
Sämtliche Untersuchungen und Tests finden am Universitätsspital Zürich statt: Herz-PET und Herz-CT in der Klinik für Nuklearmedizin, der Stresstest inkl. Blutuntersuchung für die Bestimmung von Biomarkern und das Ausfüllen mehrerer Fragebögen zur körperlichen und mentalen Gesundheit im Labor der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik.
Bei Interesse erhalten Sie die Studieninformation zugeschickt. Sind Sie mit der Teilnahme grundsätzlich einverstanden, klären wir in einem Telefoninterview (ca. 20 Min.) ab, ob Ihre Studienteilnahme möglich ist. Danach erhalten Sie alle Informationen zum weiteren Verlauf und einen Termin für die medizinische Untersuchung. Zudem holen wir Ihre schriftliche Einwilligung ein.
Ein Ausstieg aus der Studie ist jederzeit möglich. Ihre Teilnahme wird mit einer Gutschrift für ein Mittagessen entschädigt. Ebenso werden die Anreise mit ÖV bzw. die Parkplatzkosten entschädigt. Der Gesamtaufwand beträgt ca. 5–6 Stunden. Alle Erhebungen finden innerhalb eines halben Tages statt.
Studienteilnehmer gesucht. Wer kann teilnehmen?
Sie sind Arzt und fühlen sich durch die Arbeit als Arzt seit mindestens 6 Monaten gestresst oder ausgebrannt. Sie sind männlich*, zwischen 28 und 65 Jahre alt, Nichtraucher und ohne diagnostizierte Herzerkrankung und ohne bekannte kardiovaskuläre Risikofaktoren.
Für unsere Kontrollgruppe suchen wir männliche Ärzte, die sich nicht gestresst oder ausgebrannt fühlen (28–65 Jahre alt, Nichtraucher, ohne diagnostizierte Herzerkrankung, ohne bekannte kardiovaskuläre Risikofaktoren).
* Aufgrund unseres Studiendesigns und der finanziellen Möglichkeiten können wir nur eine kleine Stichprobe mit zwei Extremgruppen (Burnout ja/nein) untersuchen. Dies macht es uns leider nicht möglich für die hormonellen Einflüsse des weiblichen Zyklus zu kontrollieren, weshalb wir in dieser ersten Studie zum Thema kardiovaskuläre Gesundheit bei Burnout nur männliche Ärzte in unsere Studie einschliessen können.
Anmeldung
Ihre Anmeldung oder Fragen zur Studie nimmt die Studienkoordinatorin Dr. phil. Mary Princip entgegen: +41 44 255 52 52, burnoutstudie[at]usz.ch.
Redaktionelle Verantwortung:
François Héritier, KHM
Credits
Kopfbild: © Gror | Dreamstime.com
Literatur
1 Freudenberger HJ. Staff burnout. J Soc Issues 1974;30:159–64.
2 Maslach C, Jackson SE. The Maslach Burnout Inventory. Research Edition. Palo Alto, CA: Consulting Psychologists Press, 1981.
3 Berger M, Linden M, Schramm E, Hillert A, Voderholzer U, & Maier W. Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Thema Burnout. Nervenarzt. 2012;4:537–43.
4 Rotenstein LS, Torre M, Ramos MA, Rosales RC, Guille C, Sen S, & Mata DA. Prevalence of burnout among physicians: a systematic review. JAMA. 2018;320(11):1131–50.
5 Shanefelt TD, Hasan O, Dyrbye LN, Sinsky C, Satele D, Sloan J, West CP. Changes in Burnout and Satisfaction With Work-Life Balance in Physicians and the General US Working Population Between 2011 and 2014. Mayo Clin Proc. 2015;90(12):1600–13.
6 Goehring C, Gallacchi MB, Kunzi B, & Bovier, P. Psychosocial and professional characteristics of bournout in Swiss primary care practitioners: A cross-sectional survey. Swiss Med Wkly. 2005);135(7-8):101–108.
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8 Armon G, Melamed S, Shirom A, Shapira I. Elevated burnout predicts the onset of musculoskeletal pain among apparently healthy employees. J Occup Health Psychol. 2010;15:399–408.
9 Sheiner EK, Sheiner E, Carel R, Potashnik G, Shoham-Vardi I. Potential association between male infertility and occupational psychological stress. J Occup Environ Med. 2002;44:1093–9.
10 Ahola A, Honkonen T, Pirkola S, Isometsä E, Kalimo R, Nykyri E, Aromaa A, Lönnqvist J. Alcohol dependence in relation to burnout among the Finnish working population. Addiction. 2006;101(10):1438–43.
11 Hyman SA, Shotwell MS, Michaels DR, Han X, Card EB, Morse JL, Weinger MB. A Survey Evaluating Burnout, Health Status, Depression, Reported Alcohol and Substance Use, and Social Support of Anesthesiologists. Anasth Analg. 2017;125(6):2009–18.
12 Pompili M, Innamorati M, Narciso V, Kotzalidis GD, Domenici G, Talamo A, Girardi P, Lester D, Tatarelli R. Burnout, hopelessness and suicide risk in medical doctors. Clin Ter. 2010;161(6):511–4.
13 Ahola K, Väänänen A, Koskinen A, Kouvonen A, Shirom A. Burnout as a predictor of all-cause mortality among industrial employees: a 10-year prospective register-linkage study. J Psychosom Res. 2010;69:51–7.
14 Shanafelt TD, Balch CM, Bechamps G, Russell T, Dyrbye L, Satele D, Collicott P, Novotny PJ, Sloan J, Freischlag J. Burnout and medical errors among American surgeons. Ann Surg. 2010;251(6):995–1000.
15 Melamed S, Shirom A, Toker S, Berliner S, & Shapira I. Burnout and risk of cardiovascular disease: Evidence, possible causal paths, and promising research directions. Psychological bulletin. 2006;132(3):327.
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17 Pedersen SS, von Känel R, Tully PJ, Denollet J. Psychosocial perspectives in cardiovascular disease. Eur J Prev Cardiol. 2017;24(3_suppl):108–15.
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19 von Känel R. Burnout und Resilienz bei Ärztinnen und Ärzten. Prim Hosp Care (de). 2017;17(03):51–56.
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