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«Manchmal bedaure ich, wenn mein Gegenüber nicht auch Italienisch oder Deutsch kann», meint Franco Supino, Schweizer Autor mit neapolitanischen Wurzeln, «weil ich weiss, dass es ein ebenso treffendes und schönes Wort in der anderen Sprache nicht gibt - etwa ‹gemütlich› oder ‹ambiguo›.»
Zwei- oder Mehrsprachige haben die Qual der Wahl. Manche wählen für bestimmte Textarten die Muttersprache, für andere hingegen die erlernte Sprache. Einige suchen in der Fremdsprache die Distanz, die man zu sich selbst braucht, um Literatur hervorzubringen, wieder andere finden in ihr die geistige Heimat.
In einem sind sich alle Befragten einig: Ein innerer ‹Übersetzungsvorgang› findet beim Schreiben nicht statt. «Manchmal will ein bestimmtes Wort nicht kommen», räumt die deutsch-romanischsprachige Romana Ganzoni ein, «dann muss ich geduldig sein, bis es sich anfüttern lässt - zum Beispiel mit etwas Ruhe. Ich habe zu jeder Sprache eine intime, komplizierte und für mich konstitutive Beziehung.»
Auf folgende Fragen haben mehrsprachige Autorinnen und Autoren geantwortet:
1. Warum schreiben sie in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache?
2. Hat die Mehrsprachigkeit Ihre Hinwendung zum literarischen Schreiben erschwert oder begünstigt?
3. Können Sie Ihre Muttersprache und Ihre Schreibsprache mit je einem Adjektiv charakterisieren?
Hayde Ardalan
1. Keine Ahnung - ich habe drei Muttersprachen. Mit meinem Vater sprach ich Persisch, mit meiner Mutter Französisch und in der Schule Englisch.
2. Dass ich schreibe, hat nichts mit meiner Mehrsprachigkeit zu tun.
3. Persisch: nostalgisch, lebendig; Französisch: kompliziert; Englisch: natürlich
Zsuzsanna Gahse
1. Deutsch ist quasi meine Muttersprache und meine Literatursprache. Echte Autorinnen und Autoren aus der Sicht der Migrationsliteratur zu betrachten, ist eine Art Rassismus. Ich bin der Ansicht, dass ich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur mitgestalte. Stilistisch und sprachlich.
2. Ich würde in jeder Sprache schreiben. In jedem Land wäre ich Schriftstellerin geworden.
3. Überflüssig! Wer mich je gelesen hat, weiss, dass ich mich grundsätzlich für Sprachen interessiere.
Romana Ganzoni
1. Meine Eltern sprachen Bündnerdeutsche Dialekte mit mir, allerdings wohnten wir in einer romanischsprachigen Gegend. Ich würde sagen, ich spreche (und schreibe in) mehrere(n) Erstsprachen, dazu zähle ich auch Hochdeutsch. Welche Sprache ich wähle, ist nicht immer ein bewusster Akt. Themen und Stimmungen bevorzugen manchmal die eine oder die andere Sprache.
2. Die Freude am Schöpferischen, am Spiel, an Geschichten und am Ausdruck waren wahrscheinlich der stärkere Motor für meinen Weg, als die Sprachen, die mir zur Verfügung stehen.
3. Wie gesagt kann ich mich weder auf eine Schreib-, noch auf eine Muttersprache festlegen. Wenn ich ein Adjektiv wählen muss für meine Sprache, dann: existenziell.
Pierre Lepori
1. 2010 habe ich angefangen, meine Bücher selbst zu übersetzen. Zuvor schrieb ich nur in meiner Muttersprache, Italienisch. Heute entstehen manche Texte - vor allem die fürs Theater - in meiner zweiten Sprache, Französisch. Die Gründe, warum ich mal die eine, mal die andere Sprache wähle, sind intuitiv, tief und mysteriös.
2. Die Zweisprachigkeit ist zweifellos ein Reichtum. Zu meiner Muttersprache habe ich ein archaischeres Verhältnis, möglicherweise mit Tabus, die ich gar nicht nennen kann. Da ich meine zweite Sprache weniger tief beherrsche, fühle ich mich manchmal freier und ungezwungener, wenn ich direkt französisch schreibe. Aufgrund dieser Spannung entstehen zwei ganz unterschiedliche Stile in den beiden Idiomen.
3. Italienisch: tripale (aus dem Bauch heraus); Französisch: sans honte (schamlos)
Franco Supino
1. Neapolitanisch war unsere Familiensprache - eingeschult wurde ich aber in der Schweiz und so wurde Deutsch meine Schulsprache, die Sprache, in der ich Lesen und Schreiben gelernt habe. In dieser Sprache schreibe ich auch jetzt noch.
2. Vom Selbstverständnis - also von der Herkunft her - hat die Zweisprachigkeit das Schreiben erschwert (wir besassen zuhause kein einziges Buch, Deutsch war eine problembehaftete Sprache), gleichzeitig aber auch begünstigt: ich konnte als 14-, 15-Jähriger literarisch schreiben, ohne dass meine Eltern eine genau Vorstellung davon hatten, was das hiess. Ich war in diesem Sinne vollkommen frei.
3. Italienisch: naiv; Deutsch: sentimental
Anne Weber
1. Nach einigen Jahren in Paris waren die Worte, die mir einfielen, wenn ich etwas schreiben wollte, französische geworden. Und tatsächlich hat sich dann beim zweiten Manuskript auch ein französischer Verlag dafür gefunden. Danach habe ich eine deutsche Fassung geschrieben, die bei Suhrkamp unterkam. Das habe ich noch bei zwei, drei weiteren Büchern so gehalten. Irgendwann hatte ich aber das Bedürfnis, doch wieder zu meiner Muttersprache als erste Schreibsprache zurückzukehren, und seither mache ich es umgekehrt: Ich schreibe erst die deutsche, dann die französische Fassung.
2. Ohne Distanz gibt es kein literarisches Schreiben. Natürlich gibt es noch andere Mittel, Distanz herzustellen, als in einer Fremdsprache zu schreiben. Aber das ist vermutlich eines der radikalsten, es rückt einen quasi ausserhalb seiner selbst. Für mich war das hilfreich.
3. Deutsch: schwer; Französisch: leicht
*Diese Umfrage von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.