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Vor Félicien Frossard liegen zwei dicke Dossiers auf dem Tisch. Frossard ist der Generalsekretär der Agglomeration Freiburg, und mithilfe der zwei Dossiers kann er die Zukunft voraussagen – oder zumindest so etwas in der Art. Denn das eine Dossier enthält eine Analyse der Agglomeration Freiburg sowie eine Strategie für die Entwicklung der Siedlungen, Verkehrsachsen sowie der Landschaft in den Jahren 2024 bis 2028. Im zweiten, noch dickeren Dossier sind konkrete Massnahmen aufgelistet, mit denen die Strategie umgesetzt werden kann. Das sind zum Beispiel Strassensanierungen oder die Realisierung neuer Langsamverkehrsachsen (siehe farbige Kästen).
Wettbewerb für Subventionen
Zusammen bilden die beiden Dossiers das Agglomerationsprogramm der 4. Generation. Doch warum braucht es ein solches überhaupt? «Das Ziel ist, Subventionen vom Bund für unsere Projekte zu erhalten», sagt Félicien Frossard. Er bezeichnet das Ganze als Wettbewerb: Die rund 30 Agglomerationen der Schweiz stellen alle vier Jahre ein Agglomerationsprogramm zusammen. Der Bund entscheidet dann in einem ersten Schritt, ob das Programm den Anforderungen genügt oder nicht – tut es das nicht, gibt es kein Geld. In einem zweiten Schritt schaut der Bund die Massnahmen an und entscheidet, welche Projekte Subventionen erhalten. Bundesgelder gibt es für jene Massnahmen, die mit Mobilität zu tun haben. Im Programm sind aber auch andere Massnahmen drin, etwa für die Förderung der Biodiversität.
Rund 30 prioritäre Massnahmen mit einem Investitionsbudget von rund 110 Millionen Franken umfasst das aktuelle Programm. «Die Kosten können aber noch stark variieren», sagt Frossard. Es sind weniger Massnahmen, als die vorangegangenen Programme umfassten. «Das hat damit zu tun, dass wir beim 4. Agglomerationsprogramm nur noch vier Jahre Zeit für die Umsetzung haben, nämlich von 2024 bis 2028», erklärt Frossard. Bei den bisherigen Programmen habe die Umsetzungszeitspanne zehn beziehungsweise sechs Jahre betragen. «Wir haben deshalb versucht, die Projekte bereits möglichst konkret zu umschreiben.» Zudem gibt es eine Priorisierung: Projekte, die zwischen 2024 und 2028 definitiv umgesetzt werden, erhalten die Priorität A. Dann gibt es Projekte mit Priorität B und C, die zu den 30 prioritären Projekten hinzukommen: Diese sollen nach 2028 umgesetzt werden. «Da kann sich noch viel ändern.»
Langsamverkehr und Natur
Der Fokus des 4. Agglomerationsprogramms liegt auf dem Langsamverkehr und der Natur. «Das Programm der 3. Generation hat sich besonders auf den öffentlichen Verkehr konzentriert. Viele Projekte wie etwa neue Buslinien werden derzeit umgesetzt», so Frossard. «Gerade in der Corona-Krise haben wir gesehen, wie wichtig der Langsamverkehr ist, als viele Leute zu Fuss und mit dem Velo unterwegs waren.» Dem wolle man nun Rechnung tragen – auch, um einen Verkehrskollaps im Raum Grossfreiburg zu verhindern.
Derzeit ist das Aggloprogramm der 4. Generation in der öffentlichen Vernehmlassung: Privatpersonen können bis am 8. Dezember ihre Meinung einbringen. Danach wird das Programm überarbeitet, und im September 2021 will es die Agglo beim Bund einreichen.
Unsichere Entwicklungen
Doch wie das so ist mit dem Blick in die Zukunft: Es kann sich noch vieles ändern. «Wir müssen beim Planen mit dem maximalen Bevölkerungszuwachs rechnen», erklärt Frossard. Konkret heisst das: Der Kanton rechnet bis 2032 mit einer maximalen Bevölkerungszunahme von 65 000 Personen. «Es ist gut möglich, dass viel weniger Leute kommen. Aber wenn tatsächlich so viele Menschen in den Kanton ziehen, müssen wir bereit sein.» Idealerweise liessen sich die Leute in der Agglomeration nieder, was eine weitere Zersiedelung verhindern würde.
Eine weitere Unbekannte ist die Corona-Krise. Auf die Erstellung des Programms hatte diese bisher zwar keinen Einfluss, man ist laut dem Generalsekretär im Zeitplan. Es sei aber möglich, dass es bei der Wahl der definitiven Massnahmen zu einer strengeren Auswahl komme, weil die Gemeinden wegen der Krise weniger Geld in den Kassen hätten und deshalb Projekte trotz Subventionen nicht finanzieren könnten.
Und dann ist da noch die Agglo selbst: Die Freiburger Spezialform wird in den nächsten Jahren durch einen Gemeindeverband ersetzt. Das sollte die Ausgestaltung des Programms zwar nicht beeinflussen. Doch wer die Projekte dann konkret umsetzt, ist noch nicht klar.
Natur
Neuer Jura-Park und mehr Grün
Im Juraquartier gibt es einen kleinen Park mit Teich, den Jura-Park. Was die Biodiversität betreffe, sei der Park momentan ziemlich arm, sagt Agglo-Generalsekretär Félicien Frossard. Im Agglomerationsprogramm der 4. Generation ist vorgesehen, diesen Park neu zu gestalten und aufzuwerten, damit dort künftig mehr Pflanzen- und Tierarten heimisch werden. Der Park befindet sich mitten im Siedlungsgebiet – genau auf solche Orte will das Agglomerationsprogramm sein Augenmerk legen. Ähnliches gilt für den Vorplatz des Theaters Nuithonie in Villars-sur-Glâne. Dort befinden sich derzeit Park-plätze. «Wir wollen den Platz mit mehr Grünflächen aufwerten», so Frossard.
Strassen
Ein neues Gesicht für die Spitalgasse
Die Agglomeration Freiburg will zwischen 2024 und 2028 die Spitalgasse (Rue de l’Hôpital) im Freiburger Stadtzentrum neu gestalten. So sollen die Linienbusse dort künftig einfacher verkehren können, wie Agglo-Generalsekretär Félicien Frossard ausführt. Zudem soll die Strasse attraktiver für den Langsamverkehr werden. Im oberen Teil, beim Kreisel bei der Universität Miséricorde, führt nämlich ein Teil der Langsamverkehrsachse Transagglo durch. Die Kreuzung sei für Velofahrerinnen und Velofahrer derzeit ziemlich gefährlich, so Frossard. Es soll eine bessere Verkehrsführung gefunden werden, damit die Kreuzung für den Langsamverkehr sicherer wird.
Öffentlicher Verkehr
Neue Buslinie undPark and Ride
Im Bereich des öffentlichen Verkehrs ist im Agglomerationsprogramm der 4. Ge-neration der Ausbau des Busnetzes in Marly vorgesehen. Bisher fährt einzig die Stadtlinie 1 nach Marly. Neu soll eine Buslinie so verlängert werden, dass sie künftig den Norden Marlys und die dort geplante neue Schule erschliesse, so Agglo-Sekretär Félicien Frossard. Weiter soll das Park-and-Ride-Angebot neu organisiert werden. Das Prinzip: Die Leute fahren mit dem Auto an den Stadtrand, parkieren dort und fahren mit dem ÖV weiter. Künftig will die Agglo mit Privaten, etwa Betreibern von Einkaufszentren oder dem Forum Freiburg, zusammenarbeiten, um deren Parkplätze auch als Park-and-Ride-Plätze zu nutzen.
Langsamverkehr
Eine neue Transagglo von Süd nach Nord
Eines der grössten Projekte im Agglo-Programm der 4. Generation ist die zweite Transagglo, eine Langsamverkehrsachse, die von Nord nach Süd durch das Agglo-Gebiet führt. Sie soll in Marly starten und in Belfaux enden. Sie wird von der Agglo finanziert, abzüglich Subventionen von Bund und Kanton. Verschiedene Teilstücke sind in Planung: So soll man künftig mit dem Velo einfacher von der Bus-haltestelle Jura zum Bahnhof Givisiez gelangen. Bereits in grossen Teilen realisiert ist die erste Transagglo, die die Agglo von West nach Ost durchquert. Einige letzte Teilstücke, etwa zwischen der Grandfey-Brücke und der Tunnelstrasse in Düdingen, sind im 4. Agglomerationsprogramm enthalten.
Analyse
Mehrere Gemeinden des Sensebezirks einbezogen
Zehn Gemeinden sind Mitglied der Agglomeration Freiburg: Avry, Belfaux, Corminboeuf, Düdingen, Freiburg, Givisiez, Granges-Paccot, Marly, Matran und Villars-sur-Glâne. Der Agglo-Perimeter, den der Bund festlegt, umfasst aber mehr Gemeinden, nämlich rund 30. Darunter sind fast alle Gemeinden des Saanebezirks und einige des Sensebezirks. «Die Grundlage dafür sind statistische Berechnungen auf Bundesebene zu den Pendlerströmen», erklärt Agglo-Generalsekretär Félicien Frossard.
In Zukunft wird sich die Agglo wahrscheinlich ausdehnen. Denn wenn es zur Fusion in Grossfreiburg kommt, wird sie nur noch aus zwei Gemeinden bestehen: Freiburg und Düdingen. Das ergibt nicht viel Sinn. Die Agglo hat für ihr Programm der 4. Generation (siehe Haupttext) deshalb sämtliche rund dreissig Gemeinden in die Analyse einbezogen, darunter vier Sensler Gemeinden, die nicht Mitglied sind. Giffers, Tentlingen und Tafers befinden sich gemäss Bund im Perimeter, und auch St. Ursen wurde auf Anfrage der Gemeinde einbezogen. «Wir haben für das Programm eng mit dem Sense- und dem Saanebezirk zusammengearbeitet», so Frossard.
Er fügt an: «Wir hoffen, dass die Beachtung des ganzen Perimeters vom Bund positiv evaluiert wird.» Für die betroffenen Gemeinden habe die Analyse keine konkrete Auswirkungen. «Wir können die Lage analysieren, aber wir können keine Strategien oder Massnahmen festlegen für Gemeinden, die nicht Mitglied sind.» Die Gemeinden haben das Strategiepapier Anfang Oktober erhalten. Frossard hat bisher noch keine Rückmeldung der Sensler Gemeinden erhalten. Die Gemeinden haben dafür bis Anfang Januar Zeit; die Vernehmlassungsfrist läuft für sie einen Monat länger als für die Bevölkerung.