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Zeit ist Macht
Der Diktator Josef Stalin setzte 1930 in der Sowjetunion seine ungewöhnliche Vorstellung von der Fünftagewoche durch. Er liess Samstag und Sonntag aus dem Kalender streichen, sodass für die Bevölkerung möglichst viele arbeitsfreie Tage wegfielen. Zudem kennzeichneten die Bolschewiken die Wochentage mit Zahlen und Farben – gelb, orange, rot, violett und grün; vielleicht mit Rücksicht auf leseunkundige Menschen. Das Projekt erwies sich zwar nach kurzer Zeit als undurchführbar. Aber es zeigte laut dem britischen Historiker Christopher Clark («Die Schlafwandler») beispielhaft, wie eng Zeit und Macht miteinander verbunden sind: «Die Sowjetunion startete ein revolutionäres Experiment, welches das Verhältnis der Menschen zur Zeit neu ordnen sollte», schreibt er in seinem neuen Buch «Von Zeit und Macht». Die Avantgarde der Partei wollte «die Beschränkungen der konventionellen ‹bourgeoisen›, linearen Zeit durch die endlose Intensivierung der Arbeit überwinden».
Die Deutungshoheit der Zeit
Clarks These belegt ein aktuelles politisches Beispiel, auch wenn dieses lediglich als eine Quisquilie in die Zeitgeschichte eingehen wird: das Bestreben der EU, die Sommerzeit abzuschaffen. Diese Umstellung ist im Vergleich zu Russland zwar banal, doch sogleich setzten die bekannten Reflexe in der Gemeinschaft ein. Die Mitgliedsstaaten lehnten die Idee mit Verweis auf ihre nationalen Eigenheiten ab, Brüssel verlangte dagegen eine einheitliche Zeitumstellung für alle. Die aktuelle Auseinandersetzung erinnert an den politischen Kampf, der 1980 bei der Einführung der Sommerzeit geführt wurde, obschon sie in einer Volksabstimmung zwei Jahre zuvor deutlich abgelehnt wurde. Schon damals ging es um die Deutungshoheit der Zeit und damit symbolisch die politische Macht. Die Gegner der Sommerzeit befürchteten einen gestörten Biorhythmus der Kühe, die Befürworter erhofften sich Energieeinsparungen – beide lagen falsch.
Historiker Clark belegt die enge Verbindung von Zeit und Macht anhand zahlreicher Beispiele aus der Geschichte: Am 24. Oktober 1793 nahm in den Wirren der Französischen Revolution der von den Jakobinern kontrollierte Nationalkonvent einen neuen «republikanischen» Kalender an. Er sollte einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit symbolisieren und als Zeichen einer Ära gelten: Hätte sich dieser Kalender langfristig durchgesetzt, dann hätte eine Zehntagewoche («une décade») den Lohn- und Arbeitsrhythmus der Franzosen bestimmt. Notabene wiederum mit weniger Freizeit für die Bürger.
Zehntagewoche und das Pendel der Sowjetunion
Auch die Nationalsozialisten erkannten die Bedeutung der Zeit für ihre politischen Ziele. Clark zitiert eine Rede von Adolf Hitler, der seine Machtübernahme als den Anbruch eines neuen Zeitalters feierte: «Am 30. Januar 1933 ist nicht zum soundsovielten Male eine neue Regierung gebildet worden», sagte Hitler 18 Monate später mit Verweis auf die häufigen Regierungswechsel in der Weimarer Republik, «sondern ein neues Regiment hat ein altes und krankes Zeitalter beseitigt.» Der Wechsel von der unstabilen Republik mit ihren wechselnden Mehrheiten zum Nationalsozialismus sollte demnach als ein radikaler, zeitlicher Bruch verstanden werden. Die Vorstellung vom «Tausendjährigen Reich» illustriert exakt diesen politischen Anspruch.
Wie raffiniert die Verbindung zwischen Zeit und Macht sein kann, belegt Clark anhand des «Antireligiösen Museums» der Bolschewisten in der Isaak-Kathedrale von St. Petersburg in den 1930er-Jahren. Das religiöse Inventar der Kirche liessen sie ausräumen und installierten dafür ein monumentales Foucault’sches Pendel von 56 Kilo Gewicht. Mit seiner langsamen Rotationsbewegung registrierte es die Bewegung der Erde. Die Installation dokumentierte damit den zeitlichen Ablauf der Erdrotation und sollte als empirische Beobachtung Glauben und Aberglauben widerlegen, sofern die Sowjetmenschen diesen noch immer nachhängen sollten.
8 Kommentare zu «Zeit ist Macht»
„Zeit ist Macht“ ist schlichtweg ein unlogischer Titel.
Zeit ist eine physikalische, wohldefinierte Grösse. „Wissen was Zeit ist, ist Macht“ wäre schon zutreffender.
Dann kann man „.. was Zeit ist …“ auch gleich weglassen und landet beim
„Wissen ist Macht“, das googelt man und eignet sich Wissen (ist Macht!) bei Wikipedia an. Man darf auch hier nachlesen
Albert Einstein: Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, Springer Verlag 2009, 24. Auflage (1. Auflage 1916)
„Zeit ist Macht“ ist schlichtweg ein unlogischer Titel.
Zeit ist eine physikalische, wohldefinierte Grösse. „Wissen was Zeit ist, ist Macht“ wäre schon zutreffender.
Dann kann man „.. was Zeit ist …“ auch gleich weglassen und landet beim
„Wissen ist Macht“, das googelt man und eignet sich Wissen (ist Macht!) bei Wikipedia an. Man darf auch hier nachlesen
Albert Einstein: Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, Springer Verlag 2009, 24. Auflage (1. Auflage 1916)
Die Macht der Zeit haben vor allem die Kapitalisten erkannt : Zinsen, Produktivität, Arbeitszeiten … Pünktlichkeit gilt als eine der grössten Tugend einer guten Arbeitskraft …
Der Titel „Zeit ist Macht“ ist irreführend, m. E. passender – aber länger – wäre
„Das Wissen um die Zeit ist Macht“
mit dem Untertitel „Wissen um die unmittelbare und mittelbare Zukunft im Besonderen“.
Man kann dann getrost das noch kürzere und prägnantere auf F. Bacon zurückgehenden „Nam et ipsa scientia potestas est“ (Wissen ist Macht“) bringen.
Das „Wissen um die Zeit“ ist somit nur ein Teilaspekt; wie die Macht damit umgeht ein Aspekt der auch eine näheren philosophischen Untersuchung verdienen würde. Besonderers Augenmerk sollte man dann nicht nur auf die „Mächtigen“ richten sondern auf die das „Wissen schffenden“ die sich im grossen Spiel oft als „Ohnmächtige“ erweisen.
Die „Physiker“ von F. Dürrenmatt – speziell Möbius – lassen grüssen.
Wir schreiben das Jahr 2018 nach Christus. Alle Nationen, auch solche die nebenbei noch einen eigenen Kalender haben, anerkennen diese globale Zeitrechnung. Ein Hinweis auf den kommenden Herr der Herren und König der Könige Offb 19.19.
Die Kenntnis der Gesetzmässigkeiten der Zeit waren Machtinstrument schon der Pharaonen und der ersten chinesischen Kaiser. Da sassen wir noch auf den Bäumen und haben auf zufällige Beute gewartet.
Der Herrscher musste den Bauern sagen können, wann der optimale Zeitpunkt der Saatausbringung und der Ernte war. Dazu braucht man Astronomie. Deshalb waren in China Astronomen verbeamtet.
Trotzdem waren es Jesuiten, die am Übergang der Ming- zur Qing- Dynastie den Chinesen den noch heute gültigen Kalender brachten, was gleichzeitig der Beginn des vorläufigen Untergangs der tradierten chinesischen Kultur einleitete. Dass kehrt sich gerade wieder um. Mit dem europäischen Wissenschaftsverständnis wird die chinesische Kultur wieder stärker als unsere.
„Da sassen wir noch auf den Bäumen und haben auf zufällige Beute gewartet.“
Nicht einmal Ihre Vorfahren, Herr Schrader haben sich so verhalten. Sonst sässen sie wohl noch heute, aber verhungert auf besagten Bäumen, oder waren Parasiten der Jäger und – JAWOLL – SammlerINNEN!
Wissens- und Willensgesellschaften sind beim „survival of the fittest“ im Vorteil, c’est ci simple que ça, gestern, heute, morgen.
Herr Schrader, wenn „ihre/unsere“ Vorfahren zur Zeit der Shang-Dynastie (ca. 1570–1066 v. Chr. als man in China ein Kalendersystem schuf) auf den Bäumen sassen und auf zufällige Beute warteten haben „meine/unsere“ Vorfahren Broncemetallurgie und den dazu nötigen Rohstoffhandel betrieben, nebst der Jagd schon Ackerbau gepflegt und waren laut
https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra
auch astronomisch nicht unbedarft.
Zu Zeiten als in Aegypten durch astronomische Beobachtungen das Jahr schon 365,25 Tage hatte und aus der Siriusposition das +/-Eintreffen der Nilschwemme bestimmt wurde, machten „meine /unsere“ Vorfahren gerade den Technologiewandel von der Stein- zur Kupferzeit durch., wohl kaum auf den Bäumen.