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Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Springer, Opladen, 1975, 5. Aufl. 2005 Wiesbaden
Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Band 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 1974 (zuerst 1970)
N. Luhmann schreibt, wie er die Funktion anstelle der Struktur wichtig nimmt und insofern bei T. Parsons bleibt, aber das Vokabular der Kyberntik übernimmt: Luhmann über Kybernetik, S. 99f (siehe dazu funktionaler Strukturalismus).
... koinom'a-communitas-societas-Gesellschaft gemeint war, nicht gelungen, ja nicht einmal ernsthaft versucht worden. Der Grundbegriff selbst hat nie eine begründende Funktion erfüllt. Vielmehr hat das gesellschaftstheoretische Denken sich stets durch ein sehr viel konkreteres Problembewußtsein führen lassen. Der Systemcharakter, die Außengrenzen, das Gemeinsame des gesellschaftlichen Zusammenhangs konnten offenbar noch als selbstverständlich vorausgesetzt werden, so daß es auf eine Durcharbeitung der systemtheoretischen Grundkonzeption nicht ankam. Vor allem fällt auf, wie wenig, gemessen an der erstaunlichen Klarsicht und dem vielfältig belegten Denkvermögen der klassischen Theoretiker, der Begriff der Grenze beachtet und bearbeitet worden ist. Man wendet sich statt dessen konkreteren, vornehmlich normativ artikulierbaren Problemen zu, zunächst der politischen Teilproblematik, dann der wirtschaftlichen Teilproblematik; man sucht Probleme wie Frieden und Gerechtigkeit oder Produktion und Verteilung zu lösen und bestimmt von deren Erfordernissen aus das Wesen der Gesellschaft gleich mit. Gesellschaftstheorie wird nie zur unabhängigen, übergeordneten Instanz, von der aus man beurteilen könnte, ob und wieweit Frieden, Gerechtigkeit, Produktion, Verteilung überhaupt sinnvolle Probleme und realisierbare Ziele darstellen.
Ein solcher Denkansatz ist kein Fehler, auch kein Mangel, der im Sinne eines Fortschritts zu besserer Erkenntnis zu beheben wäre. Er ist Symptom einer Gesellschaft mit unvollständiger funktionaler Ausdifferenzierung ihrer Teilsysteme und war für eine solche Gesellschaft adäquat. Diese Gesellschaft, die sich aus archaisch-segmentierten Formen des Zusammenlebens zur Hochkultur entwickelt hatte, war nämlich in besonderer Weise durch den Primat eines ihrer Teilsysteme bestimmt gewesen, und zwar desjenigen Teilsystems, das durch seine eigene Komplexität in der Evolution führend war, zunächst des politischen, dann des wirtschaftlichen Teilsystems. Nur politische Herrschaft konnte den Bestand der frühen, den archaischen Gesellschaften abgerungenen Hochkulturen sichern und nur ein hochkomplexes Teilsystem der Wirtschaft vermochte die moderne, technisch-industrialisierte Gesellschaft herbeizuführen. Insofern war es sinnvoll, die Gesellschaft selbst von ihrem jeweils führenden Teilsystem aus zu begreifen, dessen Probleme ihr zu unterlegen, ja sie mit ihm zu identifizieren. Die Akzentuierung des menschlichen Zusammenlebens als politische Gesellschaft bzw. als wirtschaftliche Gesellschaft war nicht falsch, und eine Theorie der politischen Gesellschaft bzw. der wirtschaftlichen Gesellschaft hatte mit ihrem beschränkten Abstraktionsgrad für ihre Zeit ausreichende begriffliche Komplexität. Aber: Jene Theorien reichen nicht aus, um sich selbst zu begründen; um die Frage des Primats gesellschaftlicher Funktionsbereiche unvoreingenommen zu stellen und auf einen möglichen Wechsel hin zu problematisieren. Die Gesellschaft ist ihnen politische bzw. wirtschaftliche Gesellschaft - und dieses „ist" wird durch Verankerung in der „Natur" der Problematisierung entzogen. Schon wenn man einen Funktionsbereich als ausdifferenziert und gesellschaftlich autonom betrachtet, wird, wie man bei Hobbes sehen und bei Rousseau herausfühlen kann, der Gesellschaftsbegriff abstrakt. Erst recht wird eine Theorie der Gesellschaft, die mit mehreren funktional ausdifferenzierten Untersystemen zu rechnen hat, zwischen denen der funktionale Primat variieren (oder auch unentschieden bleiben) kann, auf einem sehr viel abstrakteren Begriffsniveau angesiedelt werden müssen — einfach deshalb, weil sie mit sehr viel mehr möglichen Zuständen der Gesellschaft kompatibel sein, das heißt selbst sehr viel höhere begriffliche Komplexität haben muß.
Diese Anforderungen könnten Anlaß sein, das alte Versäumnis zu bemerken und aufzuarbeiten, nämlich über Gesellschaft als soziales System nachzudenken. Läge es nicht
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nahe, Gesellschaft nicht mehr vom Politischen oder vom Wirtschaftlichen her zu begreifen, sondern abstrakter aus ihrem Charakter als soziales System heraus zu definieren - gleichsam als Sozialsystem par excellence, oder als soziales System der sozialen Systeme, oder als Sozialsystem, das als Bedingung der Möglichkeit anderer sozialer Systeme fungiert? Damit kommen wir'an dem Problem des Verhältnisses der Gesellschaft zu anderen sozialen Systemen nicht vorbei; sie ist nur ein System unter anderen, aber dasjenige, das zu den anderen eine ausgezeichnete Beziehung unterhält. Diese ausgezeichnete Beziehung war, wie gezeigt, von der alteuropäischen Tradition als umfassende und dadurch autarke Ganzheit ausgelegt worden. Daran hing, mit im nachhinein bemerkenswerter gedanklicher Geschlossenheit, die Auffassung der Gesellschaft als einer internen Ordnung des Verhältnisses der Teile zueinander und zum Ganzen, die hierarchische Konzeption dieser Innenordnung und die Möglichkeit, einem Teil den hierarchischen Primat und damit die Repräsentation des Ganzen zuzusprechen. Wir können jetzt sehen, daß diese Lösung unseres Problems die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht hat. Sind andere denkbar? Erst die neueren Entwicklungen allgemeiner systemtheoretischer Konzeptionen machen diese Frage realistisch. Diese Entwicklungen haben wesentliche Anregungen aus der Theorie des Organismus, dann aus der Theorie bewußtseinsanaloger Maschinen erhalten, sind aber weit darüber hinaus verallgemeinert worden. Aufs gröbste vereinfacht, zeigen sie die durchgehende Tendenz, Systeme durch ihre Beziehung auf eine Umwelt zu charakterisieren, diese Beziehung funktional zu interpretieren und daraus Maßstäbe für die Beurteilung der Bestandsfähigkeit und Rationalität ihrer inneren Ordnung abzuleiten. Akzeptiert man diese Sichtweise, wird es unmöglich, Systeme als autark, als aus sich selbst heraus bestehend, zu definieren. Damit entfällt auch die Vorstellung eines selbstgenügsamen Gesellschaftssystems, das alle Voraussetzungen für Fortbestand und Rationalität selbst erfüllt und darin seine Auszeichung vor anderen Sozialsystemen hat. Vielmehr muß die begriffliche Basis neu formuliert werden, auf der man Sozialsysteme zueinander und zum ausgezeichneten System der Gesellschaft in Beziehung setzen kann. Wir wollen zu zeigen versuchen, daß eine System/Umwelt- Theorie gerade dafür neue Möglichkeiten eröffnet.
III
Wenn man die traditionelle analytische Isolierung des Einzelsystems als Substanz für sich theoretisch aufhebt und sich ein System als System-in-einer-Umwelt vorstellt, wird der theoretische Bezugsrahmen sogleich recht kompliziert. Man muß dann klar unterscheiden zwischen System, Umwelt und Welt (=System und Umwelt). Ein Bezug zwischen den durch diese Begriffe bezeichneten Sachverhalten läßt sich herstellen durch den Begriff der Komplexität. Systeme sind Weltausschnitte, sind also von geringerer Komplexität als die Welt selbst. Ihr Verhältnis zur Welt kann daher als Selektion beschrieben werden. Die Identität des Systems wird durch seine Selektionsweise konstituiert; es ist, je nach dem, physisches System, organisches System, psychisches System, soziales System. Diese Selektion kann nicht beliebig erfolgen (selbst wenn Welt als unendlich und voll kontingent gedacht wird), weil sie zur Konstitution einer Differenz von System und Umwelt führt, die problematisch ist und nicht beliebig geordnet sein kann. Jedes System hat nicht nur relativ zur Welt, sondern auch im Verhältnis zu seiner Umwelt geringere Komplexität. Die Umwelt kann mehr mögliche Zustände annehmen als das System selbst. Aus diesem Komplexitätsgefälle folgt, daß
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