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Auto, Tampfgutsche und Chlepftrotschge – oder: Was das Ross mit dem Chare zu tun hat
Mancher nimmt das Velo oder geht zu Fuss, andere fahren lieber mit dem Töffli, und für weitere Strecken fährt man im Zug – oder mit dem Auto. Das Wort Auto fehlt im Idiotikon, weil die beiden – das Automobil und das Schweizerische Idiotikon – in etwa zur gleichen Zeit Fahrt aufgenommen haben, nämlich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Darum findet man auch das typisch nordwestschweizerdeutsche Auti im Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache nicht angesetzt – beziehungsweise erst viele Jahrzehnte später unter einem Synonym nachgetragen.
Früher hätte man weder den Zug noch das Auto, sondern das Ross samt Wage genommen. Das Wort Wage beschreibt im Schweizerdeutschen vor allem ein Gefährt sehr traditioneller Art oder eben eines, das von Tieren gezogen werden muss, zum Beispiel eine Kutsche. Heute kann der Wage aber auch ein Auto sein. Wer ein kleines Auto fährt, läuft allerdings Gefahr, dass andere es scherzhaft Chinderwägeli nennen könnten. Die Übertragung von Bezeichnungen für andere Arten von Gefährten auf das damals noch neue Automobil liegt auch in zahlreichen weiteren Fällen vor: So wurden zum Beispiel die Wörter Trog und Tampfer ursprünglich für Schiffe gebraucht, später dann aber scherzhaft auf das Auto übertragen. Die ausgestossenen Abgase des Autos dürften für die Bezeichnungen Tampfgu(u)tsche, Tampfschääse und Tampfpfure verantwortlich sein – letztgenanntes übrigens parallel zur Iisepfure, einer Bezeichnung für die Lokomotive. Ebenfalls in diese Kategorie gehören die Wörter Chlepftrotschge und Stinktrotschge; eine Trotschge (auch Trotschgi oder Trötschgeli) ist ein eine leichte Pferdekutsche. Das Wort ist – zusammen mit dem standarddeutschen Droschke – aus dem russischen dróžki entlehnt. Während die Stinktrotschge den Gestank beklagt, der dem Auspuff des blechernen Fortbewegungsmittels entweicht, geht es bei der Chlepftrotschge darum, dass bei älteren Modellen aus dem Auspuff häufig ein Chlapf, also ein Knall, zu hören war, wenn das Auto fehlgezündet hat. So ist auch die heute noch geläufige Bezeichnung Chlapf für das Auto entstanden. Den gleichen Hintergrund hat das früher weithin bekannte Töff-Töff. Eine weitere scherzhafte Benennung verdankt das Automobil sodann dem Umstand, dass es im Gegensatz zu seinen Vorgängern mehrheitlich aus Blech bestand: die Blächbadwanne. Dieser ist eine Erweiterung zum Wort Badwanne, ebenfalls ein Wort für das Auto, welches seinerseits aber vermutlich aus der humoristischen Benennung eines bestimmten, 1946 von den SBB gebauten Lokomotivtyps entstanden ist, der – auf den Kopf gedreht – tatsächlich wie eine Badewanne aussah.
Sprachlich besonders interessant ist der Chare: Da früher bestimmte Kutschen als Karren bezeichnet wurden, liegt der im Titel versprochene Zusammenhang natürlich auch in der Sache selbst, denn ein solcher Karren wurde von Rossen gezogen. Viel faszinierender jedoch ist die sprachgeschichtliche Verbindung der beiden Wörter Ross und Karren an sich: Karren wurde etwa im 10. Jahrhundert als carrus aus dem Lateinischen entlehnt und geht auf eine indogermanische Wurzel *ḱr̥s- zurück, die 'laufen, rennen' bedeutet. Aus derselben Wurzel ist vermutlich auch das germanische *hrus-sa- entstanden, welches sich dann zum englischen horse sowie zum gleichbedeutenden Ross entwickelt hat. Um die sprachliche Verbindung zwischen Chare und Ross herzustellen, muss man also ganz schön weit zurückschauen in der Sprachgeschichte. Weniger weit zurückgehen muss man, um die Verbindung zum (Reise-)Car (via englisch car 'Auto') zu machen. Und via italienisch carretta 'Karren' sind wir zum Ggarettli gekommen.
Ein Begriff, der in der Schweiz hingegen nie Einzug gehalten hat, ist das amtlich bundesdeutsche Kraftwagen. Den überlassen wir gerne unseren Nachbarn im Norden.