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«Tagesschau»: Welche Auswirkungen hat die Abspaltung der Krim nun für die Bevölkerung auf der Halbinsel?
Jonas Grätz: Das wird jetzt vor allem von der Reaktion der Behörden in Kiew abhängen. Denn die Krim ist wirtschaftlich sehr stark verbunden mit dem Rest der Ukraine. Man wird jetzt Probleme haben, die Wirtschaft und den Tourismus am Laufen zu halten. Wenn nur Russland die Abspaltung anerkennt, kommen nur noch russische Touristen. Es kommt nun darauf an, ob Russland das wirtschaftliche Potenzial der Halbinsel zu nutzen vermag. Diese Abspaltung könnte grosse Auswirkungen auf die Bevölkerung haben.
Über 80 Prozent des Wassers und der Elektrizität der Krim kommen aus der Ukraine. Was, wenn Kiew der Krim den Wasserhahn zudreht?
Ohne Wasser wird es schwierig. Die Krim könnte mit Notmassnahmen noch etwa einen Monat überleben. Danach müsste man für Abhilfe aus Russland sorgen. Aber ich schätze, dass es nicht zu einer Kappung der Wasserzufuhr kommen wird. Denn damit würde sich die Ukraine ins eigene Fleisch schneiden.
Weshalb denn?
Weil Russland noch sehr viele Druckmittel hat gegenüber der Ukraine. So hat Russland die Gasversorgung zu 60 Prozent in der Hand. Putin könnte den Gashahn schliessen.
Russland sitzt also am längeren Hebel?
Es wäre für die ukrainische Regierung nicht sehr klug, sofort zu reagieren. Denn dadurch anerkennt man ja auch die Abspaltung der Krim von Russland. Und genau dies möchte das Land, aber auch der Westen, nicht.
Russland will, dass die Krim unabhängiger von der Ukraine wird, insbesondere in den Bereichen Wasser und Elektrizität?
Auf der Krim gibt es sehr wenig Grundwasser. Dieses müsste man aufwändig an die grossen Bevölkerungszentren heranführen. Darum gibt es jetzt Pläne, vom russischen Festland her eine neue Wasserversorgung aufzubauen. Das wird aber sehr lange dauern. Auch bei der elektrischen Versorgung denkt man darüber nach, ob neue Gasleitungen gebaut und auf der Krim Gaskraftwerke betrieben werden sollen. Wie sich das entwickeln wird, wird man erst in zwei oder drei Jahren sehen. Klar ist: Man müsste sehr viel von russischer Seite investieren.
Vor der Krim wollen Exxon Mobile und Royal Dutch Shell nach Öl und Gas bohren. Was nun mit dem Wechsel?
Diese Frage stellen sich diese Konzerne auch gerade. Es gibt verschiedene Verträge mit den genannten Firmen, aber auch mit verschiedenen kleineren Unternehmen. Diese Abkommen stehen jetzt natürlich alle in Frage. Allerdings wird es wohl zu einer Einigung mit der russischen Regierung kommen. Russland kann also diese Schätze nicht alleine heben, wenn sie das wollen, weil diese sehr tief im Wasser sind. Und da habe natürlich diese internationalen Firmen das nötige Wissen, um das zu tun.
Momentan gibt es noch keine direkte Verbindung zwischen Russland und der Krim. Wie kann Russland dieses Problem lösen?
Eine Fährverbindung zwischen dem russischen Festland und der Halbinsel besteht bereits. Die Route führt durch die Strasse von Kertsch, im Osten der Krim. Russland will nun eine Brücke bauen. Der Entscheid ist schon gefallen. Bis die Brücke steht, dürfte es mehrere Jahre dauern.
Wie viel Geld muss Russland in die Krim pumpen, wenn Kiew alles stoppt?
Mindestens 10 Milliarden Dollar dürfte dies kosten. Alleine der Bau dieser Brücke wird drei Milliarden verschlingen. Zudem müssen Gaskraftwerke aufgebaut werden, wenn man eine von der Ukraine unabhängige Versorgung will.
Ist Russland überhaupt bereit dazu, diese Gelder in die Krim zu investieren?
Da ist jetzt eine nationalistische Mobilisierung im Gange – auch in Russland. Man will also um jeden Preis die Krim zurückholen. Diese Investitionen werden für Russland kein grösseres Problem sein. Das russische Bruttoinlandprodukt beträgt ja 2 Billionen Dollar. Und so gesehen, sind diese Investitionen von 10 Milliarden ein Pappenstiel.
Das Interview führte Simon Erny
Jonas Grätz
Grätz ist Ukraine- und Russland-Spezialist an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik der ETH Zürich. Zudem ist er auf Energiefragen spezialisiert.