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Früher wurde unter Hochwasserschutz die rasche Ableitung des schädigenden Wassers in die Flüsse verstanden. Heute verlangt das revidierte Gewässerschutzgesetz der Schweiz eine Revitalisierung der ökologisch beeinträchtigten Gewässerabschnitte. Zudem sichert es den Flüssen und Bächen den Gewässerraum zur Aufrechterhaltung der natürlichen Funktionen und zur Reduktion der negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung zu.
Gewässerkorrektionen und ihre Folgen
Fliessgewässer galten lange Zeit als unberechenbar und gefährlich. Der Mensch siedelte deshalb immer in respektvoller Distanz zum Fluss. Mit der Industrialisierung und dem Aufkommen der Ingenieurberufe wuchs jedoch der Wunsch, dem Fluss Land abzugewinnen, ihn auch für grössere Transporte nutzbar zu machen und die von Gewässertieren übertragenen Krankheiten zu bekämpfen. Mit den sogenannten «Gewässerkorrektionen» verschwand aber auch die vielfältige Tierwelt der Gewässer. Die um 1850 in Basel beschriebene und damals massenhaft auftretende Rheinmücke, die Eintagsfliege Oligoneuriella rhenana, lebt im Rhein schon lange nicht mehr. Sie hat sich in entlegene Voralpenflüsschen zurückgezogen. Auenwälder wurden trockengelegt und die Fischbestände dadurch stark beeinträchtigt.
Hochwasserschutz in alter Bauweise
Im Wasserbau herrschte bis in die 1990er-Jahre die Meinung vor, man müsse den Schutz der Siedlungen und des Kulturlands vor den schädigenden Hochwassern mit einer möglichst raschen Ableitung der Wassermassen erreichen. Die Unterlieger hatten in der Folge das Nachsehen. Die Tieflandflüsse traten häufiger über die Ufer, das Ausmass der Hochwasserschäden nahm zu. Die Wasserbauer überdachten ihre Strategie, und im letzten Jahrzehnt des 20. Jh. hat sich europaweit eine naturnahe Form des Wasserbaus durchgesetzt.
Revitalisierung als Teil des neuen Hochwasserschutzes
Der Schutz der Infrastruktur vor den Folgen der Hochwasser wurde nicht aufgehoben, vielmehr wurde seine Form neu definiert. Wasserbaumassnahmen sollen wenn immer möglich naturnah geschehen. Nicht mehr eine Einengung des Gerinnes, sondern Aufweitungen, lautet die neue Devise; nicht mehr Beton und Steinblöcke, sondern Uferbefestigungen mit lebenden Pflanzen, zum Beispiel als Faschinen oder als Spreitlagen. Mit dem Schutz von Siedlungen und Kulturland wurde es plötzlich möglich, neue Lebensräume für die Tiere und Pflanzen der Fliessgewässer und ihrer Ufer zu schaffen. Inzwischen hat sich die Wiederbelebung durchgesetzt, und die Kantone müssen aufgrund des Gewässerschutzgesetzes diejenigen Strecken der Flüsse und Bäche bezeichnen, die ausgedolt oder revitalisiert werden sollen.
Durchwanderbarkeit der Fliessgewässer für ihre Bewohner
Wichtig ist, vor allem für Fische, die Wiederherstellung der Längsvernetzung. Die meisten Fischarten steigen zum Ablaichen in die Oberläufe der Flüsse auf. Durch die seit dem Beginn des 20. Jh. zahlreich gebauten Wehre von Wasserkraftwerken wurde der Aufstieg verhindert. Manchmal wurden zwar Fischpässe gebaut, oft funktionieren sie aber nicht zufriedenstellend. Die Wiederherstellung der Durchwanderbarkeit für Fische ist deshalb ein weiteres Ziel, das mit dem 2011 in Kraft getretenen Gewässerschutzgesetz erreicht werden soll.
Raum fürs Gewässer sichern
Als dritte Forderung im neuen Gewässerschutzgesetz ist die Festlegung eines Gewässerraums vorgeschrieben. Die Kantone müssen die Flächen bezeichnen, die den Fliessgewässern für ihre natürlichen Funktionen dienen und dem Hochwasserschutz zustehen. Landwirte können diese Bereiche als ökologische Ausgleichsflächen anrechnen lassen. Sie werden für Mindererträge entschädigt.
DK