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Im Nichts
Nach der Flucht aus Dhule wissen wir nicht, wo wir sind.
Die wenigen Strassenschilder können wir nicht lesen und es ist dunkel. Ab und zu rast ein LKW an uns vorbei ansonsten sind wir inmitten gähnender Leere. Einfach so im Freien zu schlafen, ist nicht wirklich eine Option. Abgesehen von der Unsicherheit bezüglich Menschen, die immer irgendwo sein können, möchten wir auch nicht von wilden Tieren überrascht werden, zumal wir auf dem Boden schlafen müssten. Skorpione und Schlangen würden sich sicherlich gerne bei uns im Schlafsack einnisten. Uns ist auch das Wasser ausgegangen, wir dachten ja, wir würden in Dhule übernachten, vom Hunger mal ganz abgesehen.
Wir fahren weiter, einfach der Strasse lang. Nach ungefähr einer Stunde Fahrt sehen wir ein einsames Haus. Ein richtiges grosses Haus mit Steinmauern so, wie wir das aus Europa kennen. Wir biegen in den Zufahrtsweg ein und fahren bis vor das Haus. Eine Dame so um die 60 kommt an die Türe. Sie wirkt nicht indisch und ist europäisch gekleidet. Wir erzählen ihr, was passiert ist. Sie lächelt und meint, sie habe ein Zimmer frei und wir könnten bei ihr übernachten. Sie macht uns etwas zu Essen und gibt uns reichlich Wasser und Tee.
Ich kann mich nur noch erinnern, dass wir überglücklich waren, dass wir dieses Haus gefunden hatten.
Am nächsten Morgen lese ich beim Frühstück, welches aus Brot, Butter, Marmelade und Kaffee bestand, in unserem Reiseführer. Da steht:
“Meiden Sie die Stadt Dhulia, es ist dort sehr gefährlich!”
Manchmal sollte man vorher nachschauen! Wir bedanken uns und zahlen einen stattlichen Preis für eine wunderbare Unterkunft und ein richtig tolles Frühstück.
Weiterfahrt
Die weitere Fahrt führt uns in die Richtung von Indore (Bundesstaat Madhya Pradesh). Dass das die falsche Richtung ist, haben wir vom Sonnenstand her relativ schnell gemerkt. Wir wollen jedoch, nach den Erfahrungen, die wir gemacht hatten, das Bundesland Maharashtra so schnell wie möglich verlassen. Zwei Stunden später kommen wir an eine grosse Kreuzung, da steht ein Mann, den fragen wir nach dem Weg Richtung Ahmedabad (Bundesstaat Gujarat), das nordwestlich liegt, ich hatte das Gefühl, dass wir eher gegen Nord-Osten fahren würden. Der Mann weist geradeaus. Die Strassenschilder sind jetzt in einer ganz anderen Schrift, es schaut aus wie lauter kleine und grosse Kreise (was wohl Gujarati ist) oder sie sind in Urdu, was aussieht wie Arabische Schrift.
Wir biegen nicht ab.
Doris soll beim ersten Strassenhändler, der Wasserflaschen anbietet, anhalten, damit wir uns für den Tag eindecken können. Es ist schon am Morgen extrem heiss und wir werden auch Wasser zum Abkühlen benötigen. Wir fahren einige Stunden, der Durst wird immer stärker, da sitzt endlich einer am Strassenrand und bietet Wasser an. Doris fährt einfach an ihm vorbei. Ich bekomme einen Wutanfall, trommle mit beiden Fäusten auf ihrem Rücken rum. Ich schreie, dass sie anhalten soll, sie fährt einfach weiter. In diesem Moment hätte ich sie umbringen können, sie lässt uns verdursten. Auch habe ich eine Wut auf uns, dass wir einen Reservekanister für Benzin aber keinen für Wasser eingerichtet hatten! Nach einer Weile hält Doris an und erklärt mir:
“Ich habe gesehen, dass das nur abgefüllte Flaschen waren, ich wollte nicht, dass wir die, nur weil wir Durst haben, gekauft hätten. Wir wären davon krank geworden, glaub mir.”
Ab jetzt fahre ich. Wir haben Durst und kein Wasser, es ist extrem heiss. Die Landschaft verwandelt sich mehr und mehr in eine Wüste, wir sind insgesamt an dem Tag schon sechs Stunden gefahren und es wird heisser und immer trockener, die Vegetation nimmt ab, es schaut aus wie mitten in einer Steppe. Wir merken mehr und mehr, dass wir in die falsche Richtung fahren, ohne Wasser, immer tiefer in eine Wüste hinein.
Umkehr
Auch wenn es fast vier Stunden Fahrt bedeutet, wir müssen wieder zu der Kreuzung zurück, wo wir nicht abgebogen waren. Wir entscheiden uns, zu wenden. Schon jetzt sind wir völlig dehydriert und erschöpft.
Dass wir uns um viele Stunden in die Wüste hinein verfahren haben, ohne ausreichende Verpflegung und vor allem Wasser, macht uns grosse Sorgen. Es ist heute wieder so heiss, dass der Teer auf der Strasse schmilzt.
Irgendwo unterwegs hatten wir einen Brunnen gesehen, dort würden wir halten. Wir haben unseren Wasserfilter dabei und könnten die leeren Flaschen füllen. Es folgt eine scheinbar unendlich lange Fahrt; wir halten durch und befinden uns in einem Zustand der Verzweiflung und auch der Gleichgültigkeit. Wir werden es schaffen oder eben auch nicht.
Irgendwann erreichen wir den Ort, wo wir den Brunnen gesehen hatten. Mit letzter Kraft schleppen wir uns zu der Wasserstelle. Es ist eine “Schwengelpumpe”. Mit einem Hebel wird Grundwasser hochgehoben und sprudelt sodann hoffentlich aus dem Wasserhahn.
Was wenn gar kein Wasser kommt?
Ich fingere an dem Wasserfilter herum, Doris betätigt den Hebel.
Gott sei Dank: Wasser!
Es würde 20 Minuten dauern, bis ich einen halben Liter gefiltert hätte… wir sind am verdursten und das Wasser quillt in seiner ganzen Frische aus dieser Pumpe. Ich werfe den Filter weg, gehe zu dem Wasserhahn, betätige den Hebel und nehme einen grossen Schluck Wasser, noch einen und noch einen, halte meinen Kopf unter das Wasser und bin so dankbar. Ob das Wasser nun gut oder schlecht sei, war mir in diesem Moment egal. Doris macht dasselbe.
Wer schon einmal kurz vor dem Verdursten war weiss, dass es uns nicht mehr möglich gewesen wäre, das Wasser erst zu filtern. Wir haben bestimmt beide mindestens einen Liter davon getrunken.
Nacht
Es wird Nacht und wir sind immer noch mit dem Motorrad auf der Strasse unterwegs als wir endlich die Kreuzung erreichen. Wir biegen ab und fahren weiter. In der Dämmerung sehen wir Kamele in der spärlichen Vegetation weiden. Vielleicht ist das ein Hinweis auf eine kommende Ortschaft?
Zum zweiten Mal wissen wir nicht, wo wir die Nacht verbringen werden.
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Den ganzen Reisebericht beginnen hier: Teil 1
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