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Unser tägliches Filmfestival
Letzten Freitag hatte ich einen freien Abend. Vielleicht läuft ein guter Film, dachte ich und setze mich mit dem «Züritipp» an den Küchentisch. Als ich durch war, hatte ich 34 Filme angestrichen, die ich alle gern gesehen hätte – bei einem Achtstundentag hätte ich achteinhalb Tage im Kino verbracht. Dokumentarfilme, Schweizer Filme, «Avengers», Romy Schneider, Churchill, Stalin, die heldenhafte «Washington Post», Selbstmord im Tessin, neues algerisches Kino. Ein Feuerwerk wie an einem Filmfestival. Nur läuft das Festival nicht zehn Tage, sondern das ganze Jahr.
Ich wählte zwei Filme aus, «Adieu à l’Afrique», einen Dokumentarfilm von Pierre-Alain Meier, und «Isle of Dogs» von Wes Anderson, beide liefen im Kosmos, die zwei Regisseure hatten mich bisher nie enttäuscht. In «Adieu à l’Afrique» waren wir etwa fünf Zuschauer. Ich habe keine Minute bereut. Der Film dreht sich um eine junge weisse Frau, die mit einer Gruppe von Emigranten vor den Kanarischen Inseln ertrunken war. Warum war sie aus Senegal aufgebrochen? Pierre-Alain Meier hatte den Schlepper ausfindig gemacht, während der Mann von der tragischen Reise berichtete, sah man die diesige, hellblaue Küste Westafrikas.
Der Jurassier Pierre-Alain Meier ist Regisseur und ein erfolgreicher Produzent, er hat «More than Honey» produziert und eine senegalesische Verfilmung des «Besuchs der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt, «Hyènes». Diese lief vor Jahren im Wettbewerb des Festivals von Cannes. Afrika bleibt Meiers Sehnsucht, auch davon handelt sein Film, von der Unmöglichkeit, diesen Kontinent zu verstehen, der dich nicht loslässt, wenn du ihn einmal kennen gelernt hast.
Nach der Vorstellung trank ich ein Bier. Ich stand unten im langen Gang des Kosmos, hinter jeder Tür wartete ein Geheimnis. «Isle of Dogs» war eine geistreiche, abgründige, herzerwärmende und aus unerfindlichen Gründen in Japan angesiedelte Geschichte eines Hundeaufstands, die ich allen Menschen dieser Welt empfehlen kann. Der grosse Saal war halb voll gewesen.
Auf dem Heimweg trank ich noch ein, zwei Biere und schwärmte von meinen Trips nach Japan und Afrika. Man liest immer wieder, dass es so nicht weitergehen kann mit dem Filmgeschäft. Dass es zu viele Filme gibt und zu wenig Menschen, die ins Kino gehen. Dass Netflix die Preisträger der Festivals wegkauft, bevor sie auf die grosse Leinwand kommen. Dass die Filme nur kurze Zeit gespielt werden, weil die Kinos ständig auf der Suche sind nach der Offenbarung, nach dem Überraschungstreffer. Dass sich keine Fangemeinde herausbilden kann, weil das Angebot kurzlebig ist, weil die Filme keine Öffentlichkeit mehr haben, weil sie privatisiert werden, weil jeder etwas anderes sieht am Wochenende. Dunkles braut sich zusammen am Kinohorizont. Es ist wie mit den Zeitungen. Es gibt sie noch. Aber wie lange?
Deshalb sage ich: Geht ins Kino und freut euch, dass ihr 34 tolle Filme zur Auswahl habt. Grossartig. Verrückt. Ein Filmfestival, jeden Tag.