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Es gibt eine Grafik, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich sie vor ein paar Jahren bei der Recherche für einen Vortrag über Ethik und Nachhaltigkeit gefunden habe: der Zusammenhang zwischen dem Human Development Index und dem ökologischen Fußabdruck, gerechnet pro Person.1 In einem Quadranten mit dem Human Development Index (HDI) auf der horizontalen Achse und dem ökologischen Fußabdruck (öF) auf der vertikalen sind die Länder der Erde als farbige Punkte eingetragen.
Es sieht zunächst aus wie eine Wolke, deren Schwerpunkt sich von links weit unten nach rechts weit oben bewegt, wie eine Exponentialkurve nach oben geschwungen. Links unten befinden sich fast alle Länder Afrikas: Geringer HDI und ein öF, der deutlich innerhalb der Tragekapazität der Erde liegt. Die Kurve führt von niedriger Umweltbelastung bei niedrigem HDI zu hohem HDI mit z.T. sehr hohen öF, der ein Mehrfaches über der globalen Biokapazität liegt.
Praktisch alle Länder mit einem HDI von über 0,7 – was nach UNO-Standards eine „hohe Entwicklung“ bedeutet – haben einen Pro-Kopf-öF weit über der Nachhaltigkeitsschwelle. Dazu gehören alle EU-Länder, die Schweiz und Nordamerika, die reichen Industrienationen, in denen der Lebensstandard hoch ist, die Lebenserwartung ebenfalls und auch das Bildungsniveau. Was bedeutet das?
Entwicklungsmodelle
Die Menschen in den hoch entwickelten Ländern leben am wenigsten umweltverträglich. Das ist heute Vielen bekannt. Die Industrieländer sind es, die pro Kopf am meisten CO2 ausstoßen und am meisten Ressourcen verbrauchen. Der Reichtum in diesen Ländern ist mit Kosten für die Natur verbunden.
Die philosophische Relevanz ist aber radikaler. Sie liegt im Entwicklungsmodell, das in dieser Grafik abgebildet ist. Es ist ein Entwicklungsmodell, das in diesem Zusammenhang zwischen höherer Entwicklung und geringerer Nachhaltigkeit besteht. Damit bringt die Grafik genau das Grundproblem zum Ausdruck, dem die Ethik der Nachhaltigkeit und damit auch die Klimaethik gegenübergestellt ist: Die Kriterien der Nachhaltigkeit und der Klimagerechtigkeit lassen sich nur mit einer Abkehr von denjenigen systemimmanenten Zusammenhängen erfüllen, die hohe Entwicklung mit dem hohen öF koppeln. Welche Zusammenhänge es sind, ist nur zum Teil klar. Z.B. ist es heute selbst für viele PolitikerInnen deutlich, dass die Abhängigkeit der Wirtschaft von fossilen Brennstoffen mit hoher CO2-Produktion langfristig sehr ungünstig ist. Aber unklar ist, wie solche Abhängigkeiten von Fußabdruck-Faktoren entstehen. Was kann uns davor bewahren, nur das eine Problem (z.B. CO2) durch das nächste zu ersetzen? Wie können Systeme so transformiert werden, dass sie nachhaltig werden? Das ist Thema der Forschung an „zukunftsfähigen sozialen Praktiken“ (Shove und Sperling 2013).
Die Bewertung, was es ausmacht, dass eine Kultur hoch entwickelt ist, muss kritisch befragt werden. Warum ist der Entwicklungsstand nicht umgekehrt dadurch gekennzeichnet, dass eine hoch entwickelte Kultur in einem möglichst harmonischen Verhältnis in der Welt lebt und die deshalb auf lange Zeit Bestand haben kann? Was wir mit dieser Grafik sehen, ist das Gegenteil von dem. Wir nennen diejenigen Kulturen hoch entwickelt, die von ihrer ökologischen Struktur her keinen Bestand haben können. Anders gesagt: Der innerhalb dieses kulturellen Modells definierte größte Wohlstand wird von einer Lebensform produziert, die auf Kosten anderer lebt und wenn sie verallgemeinert wird, nicht zukunftsfähig ist. Ich glaube nicht, dass es an den Faktoren liegt, die in den HDI einfließen, wie etwa die Bildung oder die Gesundheit. Man kann nicht einfach „Entwicklung“ umdefinieren, sondern man muss die darunterliegenden, gesellschaftlich-ökonomischen Systeme angehen, die in der Moderne Entwicklung „produzieren“.
Diese Grafik ist eine Momentaufnahme. Es gibt animierte Darstellungen, die den zeitlichen Verlauf zwischen 1980 und 2011 zeigen.2 Darin sieht man deutlich, wie sich fast alle Länder im Laufe dieser 30 Jahre deutlich nach rechts bewegen. Die Erde ist wie ein Fischschwarm von Ländern, die in Richtung höherem HDI schwimmen und gleichzeitig in ihrem öF nach oben wandern. Sie entwickeln sich und verlieren Nachhaltigkeit. Entwicklung scheint gleichbedeutend zu sein mit dem Verlust der Nachhaltigkeit. Diese Koppelung wird von gesellschaftlich-ökonomischen Systemen geleistet, die Wohlstand durch Ausbeutung von Ressourcen und durch Ausbeutung von Räumen anderswo oder in der Zukunft erzeugen.
Solche Systeme können nur lokal und zeitlich begrenzte Phänomene sein. Sie müssen lokal begrenzt und kurzzeitig bleiben, damit sie überhaupt Vorteile verschaffen können. Denn sie operieren in einer Welt mit begrenzten Räumen und Ressourcen und verschaffen den einen Vorteile nur auf Kosten von anderen, die dieselben Vorteile nicht mehr erlangen können. Die Regeln, denen sie gehorchen, sind als allgemeines Gesetz innerhalb der begrenzten Welt physikalisch nicht denkbar.
Kants Imperativ
Sie können deshalb vor Immanuel Kants Test des kategorischen Imperativs nicht Bestand halten. Denn dieser verlangt, dass Vernunftwesen müssen wollen können, dass die Maximen, von denen sie sich leiten lassen, allgemeine Gesetze werden. Was für sie gilt, muss nicht nur für alle gelten können, sondern sie müssen dies auch anstreben können. Wenn in dieser Intuition, die Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten formulierte, ein Funke Vernunft steckt, zeigt die Verteilung der öF relativ zum HDI ein moralisches Problem auf. Es lässt sich so formulieren: Die moralische Anerkennung Anderer verlangt und beinhaltet, dass ein angestrebter Lebensstil ethisch nicht zu rechtfertigen ist, solange er nur sich selbst und den Eigenen zugestanden und anderen vorenthalten werden muss. Das Entwicklungsmodell, das einen hohen Entwicklungstand mittels verringerter Nachhaltigkeit produziert, ist deshalb, nüchtern betrachtet, moralisch unhaltbar.
Diese Analyse ist aber pauschal, wie die Messverfahren dieser Grafik und deshalb sehr grob. Sie muss verfeinert werden. Es muss geklärt werden, welche Aspekte von und welche Anteile an diesem Entwicklungsmodell es genau sind, die verändert werden müssen. Es ist nicht so, dass man sagen müsste, die Ziele dieser Entwicklungsmodelle seien verwerflich. Menschenrechte, Frieden und Demokratie, Gesundheit und Bildung sind aus guten Gründen erstrebenswert. Es geht nicht um diese Ziele, sondern um den gesellschaftlich-ökonomischen Mechanismus, der sich seit der Industrialisierung und verstärkt seit den 1950-er Jahren installiert hat, und der die Gesellschaften in die Lage versetzte, sich diesen Zielen zu nähern.
Die moralische Unzulässigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung auf der Grundlage dieses gesellschaftlich-ökonomischen Mechanismus ist die ernüchternde Diagnose, die diese Grafik nahelegt. Sie enthält aber weiteren Diskussionsstoff. Man müsste etwa genauer ansehen, wie der HDI berechnet wird, welche Faktoren einfließen und auf welchen Wertannahmen diese beruhen. Und man müsste untersuchen, wie die wenigen Länder operieren, die einen relativ hohen HDI aufweisen, ohne die Grenze der globalen Biokapazität pro Person zu überschreiten und so die „minimal criteria for global sustainable development“ erfüllen. Ich kann beides hier nicht weiterverfolgen, sondern möchte mich im Folgenden der Struktur dieses Entwicklungsmodells zuwenden, die de facto in einer Auslagerung von Nutzgebieten in fremde Räume besteht.
Klima-Kolonialismus
Das Entwicklungsmodell der real existierenden Industriegesellschaften, das wir in der Grafik dargestellt sehen, hat Parallelen zu einer kolonialen Praxis. „Hoch entwickelt“ sind nämlich diejenigen privilegierten Länder, die nur deshalb privilegiert sein können, weil sie auf Kosten von weniger hoch entwickelten leben. Und gleichzeitig wirkt sich der Fußabdruck auch zeitlich aus; sie leben auf Kosten der Zukünftigen. Sie besetzen Zukunftsraum. Die reichen Länder lagern de facto Nutzgebiete in die Länder aus, die mit kleineren Fußabdrücken innerhalb des begrenzten Raum der irdischen Biokapazität noch Platz lassen.
Ähnliches lässt sich von dem begrenzten Raum der atmosphärischen Fassungskapazitäten für Treibhausgase sagen. Zu Recht spricht man heute von einem „carbon budget“ und meint diejenige Menge an Kohlenstoff-Äquivalenten, die noch in die Atmosphäre gelangen darf, um ein bestimmtes Treibhausziel (z.B. das +20 C-Ziel) nicht zu überschreiten. Das Kohlenstoffbudget ist ein Globalbudget, das sich die Länder untereinander aufteilen müssen. Ihre Ausgangsposition ist dabei, dass die Lebenspraktiken der Industrienationen pro Kopf viel mehr Kohlenstoff emittieren, als es für alle möglich wäre. In diesem Sinn kann man von einem begrenzten Klima-Raum sprechen, der in CO2 Äquivalenten gemessen wird und gegenwärtig und von einigen auf Kosten anderer besetzt gehalten wird.
Wie sich im Phänomen des Klimawandels besonders deutlich zeigt, ist damit auch eine Auslagerung von Lasten auf die nachfolgenden Generationen verbunden, welche durch die lange Verweildauer von Treibhausgasen in der Atmosphäre die klimatischen Nachteile für die Produktion des Nutzens für die gegenwärtigen Generationen zu tragen haben werden. – Treibhausgase haben einen zeitlich verzögerten, kumulativen und lang andauernden Effekt auf die Erderwärmung. Diese bewirkt ein Abschmelzen der Polkappen, einen Anstieg der Meeresspiegel, und sie erhöht die Stärke und die Häufigkeit von Extremwettern. Insgesamt verschlechtern sich die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen für die Menschen, die nach uns leben und die Ökosysteme werden auf lange Zeit geschädigt.
Wenn ich von „Klima-Kolonialismus“ spreche, dann mit dem Vorbehalt, dass die Form der räumlichen und zeitlichen Auslagerung von Nutzgebieten in Länder mit geringerem ökologischen Fußabdruck und in den Klimaraum der Zukunft nicht mit deutlich erkennbaren imperialen Strukturen verbunden sein muss, um die formelle Beherrschung dieser anderen Länder oder der zukünftigen Generationen sicherzustellen. Es gibt freilich nach wie vor Herrschaftsstrukturen zwischen den reichen Industrieländern und den ehemals durch sie kolonialisierten Gebieten, vor allem auf ökonomischer Ebene. Die hauptsächliche Form der Macht, die sich in dem Phänomen des Klima-Kolonialismus auswirkt, manifestiert sich als Disparität von Entwicklungsmöglichkeiten.
Ich möchte den Begriff des Kolonialismus nicht als „Moralkeule“ verwenden, um ein System zu diskreditieren, das sich wirksamer (und präziser) mit Hilfe einer Kantischen Argumentation kritisieren lässt. Aber eine postkoloniale Perspektive kann helfen, das Phänomen besser zu verstehen. Es ermöglicht eine Analyse. Edward Said spricht vom Kolonialismus im Sinn von „overseas dominion“ (Said 1993, S. 81), die zum ökonomischen und strategischen Vorteil der Kolonialmächte errichtet und aufrechterhalten wurde (vgl. auch Kohn und Reddy 2017). „Kolonialismus“ bedeutet das Errichten von Siedlungen in entfernten Gebieten und ist meist mit der Errichtung einer imperialen Struktur von Herrschaft verbunden, um Güter und Produkte ins eigene Land zu bringen. Diese Definition ist auch im Fall des Klimakolonialismus erfüllt, wenn man die einseitige Verteilung von Wirtschaftsmacht berücksichtigt.
Diese analytische Perspektive zeigt erstens die Größe des Problems. Das Problem, das in der betrachteten Grafik vor Augen liegt, lässt sich nicht schon damit lösen, dass man nur Technologien einführt, die weniger Kohlendioxid produzieren. Denn der ökologische Fußabdruck enthält viele weitere Dimensionen. Die Aufgabe, die uns in Form des Nachhaltigkeitsproblems bevorsteht, ist umfassender. Es lässt sich vielleicht am ehesten mit der Aufgabe vergleichen, welche die Gesellschaften der Erde lösen müssen, wenn sie sich postkolonial transformieren. Es beinhaltet Veränderungen nicht nur der ehemaligen Kolonien, etwa durch Unabhängigkeitskämpfe und die Errichtung eigener Regierungen, sondern auch Veränderungen in den auf Imperialismus fundierten Systemen in den herrschenden Staaten.
Zweitens wird die Aufmerksamkeit durch diesen Vergleich deutlicher auf die Herrschaftsstrukturen gelenkt, welche zwischen den reichen Industrieländern und den Ländern de facto bestehen, die sich in ihrem HDI und im öF unterscheiden. Die zukünftig Betroffenen sind in den gegenwärtigen politischen Strukturen der repräsentativen Demokratie gar nicht vertreten (vgl. Rehmann-Sutter, Vatter und Seiler 1998).
Der Vergleich weist drittens darauf hin, dass es nicht nur um die Veränderung der äußeren Bedingungen gehen kann, sondern dass die Identität der Gesellschaften und der Individuen in den privilegierten Ländern in komplizierter und tiefgreifender Weise an ihrem System der Privilegierung hängt. Wie die Identität des „Westens“ dadurch überhaupt erst etabliert werden konnte, dass er sich auf einen weniger entwickelten „Osten“ („Orient“) bezog, diesen von sich abgrenzte und ihn kolonialistisch ausbeutete (Said 1979), ist die Identität der Industrienationen und der Länder, die sich in den G-7 oder G-20 Konferenzen jeweils versammeln, davon geprägt, dass sie sich von den anderen nicht nur abgrenzen, sondern sie auch durch die im Erdsystem ökologisch gegebenen Grenzen klein halten.
Diese Überlegungen sind provokativ. Es sind die Gründe, weshalb die Klimaethik eine postkoloniale Perspektive braucht (und Kant).
(Dies ist der zweite Artikel aus einer Serie zur Ethik des Klimawandels. Den ersten Artikel "Klimawandel – und die Philosophie?" finden Sie hier.)
Literatur
Kohn, Margaret; Reddy, Kavita: "Colonialism", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/colonialism/
Rehmann-Sutter, Christoph; Vatter, Adrian; Seiler, Hansjörg: Partizipative Risikopolitik. Opladen: Westdeutscher Verlag 1998.
Said, Edward W.: Orientalism. New York: Vintage 1979.
Said, Edward W.: Culture and Imperialism. London: Vintage 1993.
Shove, Elizabeth; Spurling, Nicola (eds.): Sustainable Practices. Social Theory and Climate Change. London: Routledge 2013.
1 Global Footprint Network: Sustainable Development: Making it Measurable https://www.footprintnetwork.org/content/images/article_uploads/2015_HDI_poster_final_low_res.pdf (abgerufen am 24. Juli 2018)
2 https://www.youtube.com/watch?v=WX89TlVyMh8; oder https://www.footprintnetwork.org/our-work/sustainable-development/ (abgerufen am 24. Juli 2018)