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1799 bezogen Dorothy Wordsworth und ihr Bruder William ein Haus in Grasmere, einem kleinen Ort im Nordwesten Englands, der zum sog. ‘Lake District’ gehört. Ob Dorothy von Anfang an ein Tagebuch führte, weiss ich nicht. Das sog. Grasmere Journal beginnt am 22. Dezember 1800 und endet am 16. Januar 1803, als Williams frisch geehelichte Frau ebenfalls im Dove Cottage einzieht. Dazwischen findet sich eine Lücke, die suggeriert, dass da wohl ein Band verloren gegangen ist. Vier Bände sind überliefert. Ob Dorothy das Tagebuch noch weiterführte, weiss ich eben so wenig; die drei lebten noch bis 1813 in Grasmere.
Dorothy wird heute ob ihres Journal als eigenständige Schriftstellerin von Rang aufgefasst. Das kann man durchaus so sehen; es entsprach aber wohl nie Dorothys Selbstverständnis. Das Journal war nie für eine Publikation gedacht, und der einzige Leser ausser Dorothy wird wohl ihr Bruder William gewesen sein – vielleicht noch Coleridge.
Dorothy notierte im Journal vor allem den Alltag der beiden Wordsworths in Grasmere: Besuche von und bei den Nachbarn, ein- und ausgehende Briefe, Spaziergänge, die Lektüre. Bei den Besuchen wie bei den Briefen ist die herausstechende Figur der gemeinsame Freund Coleridge. Er ist körperlich von seinem Drogenmissbrauch gekennzeichnet, immer wieder krank oder zumindest schlecht beieinander. (Auch Dorothy klagt immer wieder über Kopfschmerzen oder Probleme mit der Verdauung. Dass sich ihr Bruder an der Revision seiner Gedichte buchstäblich krank arbeitet, entgeht dem Leser ebenso wenig. – Gesundes Landleben stellen wir uns heute anders vor, aber dann war auch der Tagesverlauf in Grasmere völlig ungeregelt: mal früh zu Bett, mal bis in die Puppen diskutiert, spaziert oder Gedichte revidiert.)
Bei den Besuchern handelt es sich ansonsten um Familienmitglieder oder Nachbarn. (Walter Scott, der die ‘Lake Poets’ auch besucht haben muss, wird das später getan haben – nach der Zeit, die von Dorothys Journal abgedeckt ist.) Bei den Briefen erfahren wir nicht viel mehr als den Namen der Absender bzw. der Empfänger – allenfalls noch, besonders im Falle Coleridge, ob es dem Betreffenden gut geht oder nicht. So macht ein von Davy 1801 erhaltener Brief neugierig: Ob es darin noch um die Experimente mit Lachgas ging? Experimente, von denen ja vor allem der drogenabhängige Coleridge sich einiges erhoffte? Wir erfahren nichts über den Inhalt des Briefs.
Dasselbe bei der Lektüre: Viel mehr als den Titel erfahren wir kaum, weder, was die Wordsworths vom Buch hielten, noch warum sie ausgerechnet diesen und nicht jenen Text lasen. In stiller, einsamer Lektüre oder in gemeinsamem Vorlesen führte man sich zwischen 1801 und 1803 folgende Bücher zu Gemüte: Ein Life of Smollett [Robert Andersons Vorwort zu seiner 6-bändigen Smollet-Ausgabe, die um 1800 in einer zweiten Auflage erschien?], Milton, Chaucer, Shakespeare, Lessings Fabeln (auf Deutsch! – Dorothy studierte eine Zeitlang deutsche Grammatik).
Am Wichtigsten sind die Spaziergänge. Nicht nur, weil Dorothy darüber am Besten und am Freiesten erzählen kann. Hier erfüllt das Journal auch seinen eigentlichen Zweck. Wir haben oben gesagt, dass der einzige Leser ausser Dorothy wohl William gewesen sein wird. Es existieren etwelche Gedichte Wordsworths, die ganz eindeutig auf Anregungen dieser Spaziergänge zurückgehen, und die ebenso eindeutig auf Dorothys Notizen beruhen. (Wenn Dorothy im Tagebuch mal allzu gut formuliert hat, wird ihr Bruder sogar böse darüber, weil ihn Dorothys Formulierungen nun daran hindern, eigene zu finden.)
Das Ende des Grasmere Journal irritiert nicht wenig. William heiratet und führt seine junge Frau nach Dove Cottage. Dorothy, völlig hysterisch, wie man damals zu sagen pflegte, ist nicht in der Lage, an den Hochzeitsfeierlichkeiten teilzunehmen. Vor allem aber die Geschichte um den Ehering ist mysteriös: Dorothy trägt ihn offenbar am Zeigefinger, gibt ihn am Morgen der Zeremonie ihrem Bruder, der ihn an ihren Finger zurück steckt und blessed me fervently (oder: I blessed it softly? – Die Stelle wurde nachträglich mit Tinte unleserlich gemacht, und auch moderne Infrarot-Verfahren haben keine hundertprozentige Klarheit gebracht). Da scheinen tiefere Gefühle vorhanden gewesen zu sein, als man (zumindest heute) zwischen Bruder und Schwester erwartet.