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Vor einigen Jahren wurde im Kanton Zürich eine Debatte um den Religionsunterricht an den Schulen geführt. Rahel Katzenstein-Corrodi hat in ihrer Seminararbeit „Säkularismus – Die sechste Weltreligion“ den Religionsbegriff im neuen Zürcher Schulfach “Religion und Kultur” analysiert. Sie stellt fest, dass
die Betrachtungsweise einer westlichen Religionswissenschaft nicht voraussetzungslos
sei. Es müsse offen gehalten werden, ob indirekt nicht eine relativistische oder agnostische Position nahe gelegt werde. Um nicht einfach säkular-liberalen Wertunterricht im Gewande des Religionsunterrichts zu erteilen, müsse – so ihre These – neben den grossen Weltreligionen ebenso die säkular-liberale Weltanschauung thematisiert werden.
Ist denn nicht wertender neutraler Unterricht überhaupt möglich?
Um diese Frage zu beantworten, will ich mich eines Gedankenexperimentes bedienen. Das heisst, ich will versuchen darzustellen, wie ein radikal neutraler Religionsunterricht aussehen müsste. Das Gedankenexperiment fusst auf der Prämisse, dass eine Dichotomie zwischen Fakten und Werten möglich ist. Neutralität in Bezug auf Religion und Weltanschauung bedeutet keine religiöse oder weltanschauliche Überzeugung einer anderen vorzuziehen. Die “Fakten” aller zu vermittelnden Religionen, das heisst, deren Entstehung, Überzeugungen, Riten und Praktiken, gesellschaftliche Ausprägungen und innerreligiösen Kontroversen müssten vollständig dargestellt werden.
So zum Beispiel die hinduistische und buddhistische Karmalehre, die Geschichte Israels bis zum Untergang des Tempels, das christliche Kirchenjahr und seine wichtigsten Festtage, die fünf Säulen des Islams … Und in gleicher nicht wertender Manier auch die jüdische und islamische Praxis des Schächtens, die augustinische Erbsündenlehre, christliche Massenevangelisationspraktiken, die in Somalia geltende schafiitische Rechtsschule (sunnitische Richtung), welche die weibliche Beschneidung als verpflichtend anschaut, das hinduistische Kastensystem, die Lehre von den Dhimmi, Inquisition und Kreuzzüge, die islamische Lehre, die Todesstrafe für Apostasie fordert usw. Die selbe nicht wertende Darstellung gälte auch für innerreligiöse Zwiste. Einige Beispiele aus dem Christentum: Abendmahlsverständnis, Unfehlbarkeit des Papstes, reformierte Laienpriesterschaft, katholische und orthodoxe Heiligenverehrung, Küssen von Ikonen, Kreuzen und Händen der Priester, historisch-kritisches vs. buchstäblich-wörtliches Schriftverständnis etc.
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