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700 Jahre aktiv, seit gut 100 Jahren in Rente: Zum Palmesel aus Steinen (SZ) und zur Tradition der Palmeselprozessionen
Der sogenannte Steiner Palmesel aus dem Landesmuseum Zürich wird in die Zeit um 1055 datiert und gilt als ältestes erhaltenes Exemplar dieser Gattung. Stetige Anpassung der Figurengruppe an sich verändernde funktionale und formale Bedürfnisse und die lange Tradition der Palmeselprozessionen in ländlichen katholischen Gebieten, besonders im Kanton Schwyz, legen nahe, dass der Palmesel darüber hinaus bis kurz vor seinem Verkauf 1893 an das Schweizerische Nationalmuseum in Gebrauch war.
Von den vielen Bildern des Mittelalters, deren Aufgabe es war, mit den Gläubigen auf verschiedensten Ebenen zu kommunizieren, war dasjenige des Christus auf dem Palmesel wohl eines der potentesten und langlebigsten. Als handelndes Bildwerk bildete es den Verbindungspunkt zwischen der Gegenwart und der biblischen Vergangenheit. Es diente der Vermittlung liturgischer Inhalte und dazu, das in den Evangelien Beschriebene erlebbar zu machen.[1. Lehmann 2012.] Der Palmesel aus Steinen SZ, der im Schweizerischen Nationalmuseum aufbewahrt wird, gilt als ältestes erhaltenes Exemplar einer solchen Figurengruppe. Wie im Folgenden darzulegen sein wird, kann darüber hinaus aufgrund der Veränderungen, die im Laufe der Zeit an der Skulptur vorgenommen worden sind, sowie anhand der nachgewiesenen langen Tradition des Mitführens eines dreidimensionalen Bildwerks des Christus auf dem Esel im alten Land Schwyz, beim Steiner Palmesel von einer sehr langen Benutzung dieses hochmittelalterlichen Bildwerks ausgegangen werden.
Eine „effigies sedentis Dominum super asinum“ aus Steinen, SZ
Der Steiner Palmesel (LM 362) wurde 1893 durch das damalige Landesmuseum aus Steinen im Kanton Schwyz angekauft, wo er bis dahin auf dem Dachstock des Beinhauses der Pfarrkirche St. Jakob aufbewahrt worden war.[2. Katalog Landesmuseum 2007, S. 179.] Zunächst kam der reitende Christus auf dem Esel im Ausstellungsraum der „Obere Kapelle“ des Landesmuseums zur Aufstellung, in der Mitte der 1990er Jahre befand er sich für einige Zeit im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz.[3. Dietrich 2006, S. 70] Seit der letzten Umgestaltung des Landesmuseums führt er im Galerieraum der Sammlung eine Gruppe von Palmeseln an, die vornehmlich aus dem 16. Jahrhundert stammen.
Der Vergleich mit den drei weiteren bekannten frühen plastischen Palmeseln, die heute in Berlin, München und Verona aufbewahrt werden und deren Datierung im beginnenden 13. Jahrhundert angenommen wird, zeigt, dass der Palmesel aus Steinen stilistisch mit Sicherheit als der älteste dieser Gruppe bezeichnet werden kann.[4. Tripps 2000, S. 118-119.] Eine Serie von zwei Holzproben, die Ende des Jahres 2000 entnommen worden war, konnte mit Hilfe der Radiokarbonmethode auf einen Zeitraum zwischen 1011 und 1015 datiert werden.[5. Restaurierungsakten SNM: Labor-Nr. ETH-23175 mit einem kalibrierten Alter von 1011-1096 n. Chr. (100%) und Labor-Nr. ETH-23176 mit einem Kalibrierten Alter von 866-1015 n. Chr. (99.5%). Auch eine dendrochronologische Beprobung des Esels wurde in Betracht gezogen. Da jedoch keine geeignete Stelle für die Ermittlung des jahrgenauen Fälldatums des Baumes ausgemacht werden konnte, sah man von einer Beprobung ab.] Aus kunsttechnologischen Überlegungen setzte man die Entstehung des Steiner Palmesels gestützt auf diese C14-Daten in die Zeit um 1055 an.[6. Die Proben stammten nicht vom äussersten und somit jüngsten Bereich des Baumes. Da diese Teile bei der Bearbeitung durch den Bildhauer abgeschlagen worden sind. Die ermittelten Daten sind also bei einer kritischen Betrachtung im Bezug auf das Schlagdatum des Baumes als zu alt zu bezeichnen (sog. Altholzeffekt).] Zuvor war das Bildwerk nicht zuletzt aufgrund des stilistischen Vergleichs mit den weiteren drei erhaltenen frühen plastischen Palmeseln in die Zeit um 1200 oder kurz davor datiert worden.[7. Vgl. Reinle 1988, S. 212./ Tripps 2000, S. 118.] Nach der auf die C-14 Daten gestützten Frühdatierung des Steiner Palmesels scheint eine erneute Betrachtung und stilistische Bewertung der vier frühesten bekannten Palmeselgruppen wünschenswert.[8. Auch Dietrich 2006, S. 70 macht auf die eher problematische relativchronologische Datierung der vier frühen Palmesel aufmerksam.]
Obwohl die Haltung Christi bei Darstellungen des Einzugs in Jerusalem von den frühesten bekannten Beispielen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nahezu unverändert bleibt, fallen bei der Betrachtung des Steiner Palmesels grosse formale Übereinstimmungen mit der Buchmalerei des 10. und 11. Jahrhunderts auf. Christus trägt in diesen Darstellungen jeweils ebenfalls einen über die linke Schulter geworfenen Mantel, die Rechte zum Segensgestus erhoben, die Linke hält eine Schriftrolle oder ein Buch an den Oberkörper gepresst. Bei der Betrachtung der Einzugsszene im Perikopenbuch Heinrichs II. (Reichenau, ca. 1007-1012, fol. 78r) scheint die Gewandschlaufe erwähnenswert, die über die linke Hand Christi geworfen ist und ähnlich jener am Steiner Palmesel wohl die Schrift in seiner Hand zusätzlich betonen sollte (Abb. 3). Auch die Decke in der Pfarrkirche St. Martin in Zillis GR, die im frühen 12. Jahrhundert entstanden sein dürfte, zeigt eine gut vergleichbare Darstellung des Einzugs Christi in Jerusalem.[9. Katalog Landesmuseum 2007, S. 179.]
Bis zu vier Mal neu bemalt
Der sogenannte Steiner Palmesel wurde zwischen 1974 und 1976 eingehend restauriert und untersucht. Einzelne nicht originale Teile sind dabei entfernt worden. Andere heute noch erhaltene Teile kamen hinzu. Zudem konnte die ursprüngliche Polychromie der Figurengruppe freigelegt werden. Aufnahmen vor der Restaurierung zeigen Christus mit einem angesetzten Spitzbart (Abb. 4). Dieser wurde im Zuge der Freilegung der originalen Farbfassung entfernt. Ebenso die wohl im 19. Jahrhundert ergänzte Rechte Christi. Beim rechten Ohr des Esels handelt es sich hingegen um eine Ergänzung aus den 1970er-Jahren.[10. Katalog Landesmuseum 2007, S. 177.]
Remigius Sep, der die Untersuchungen der verschiedenen Fassungen durchgeführt hat, erwähnt im Bericht bis zu 5 übereinanderliegende Farbschichten. Das Inkarnat Christi an Gesicht und linker Hand wies demnach über der originalen Polychromie vier Übermalungen auf, das Buch wurde drei Mal, der Oberkörper zwei Mal neu gefasst.[11. Restaurierungsakten SNM.] Die angetroffene Fassung im Gesicht wird als „Anstrich und nicht als Bemalung im Sinne einer Polychromie“ beschrieben.[12. Restaurierungsakten SNM.] Was man sich wohl in der Art einer eher unsauber aufgebrachten monochromen Farbfassung mit Ölfarbe vorzustellen hat, lag auf einer ebenfalls ölhaltigen monochrom grauen Malschicht. Die zwei folgenden Schichten in unterschiedlichem Rosa, die dieser dritten Übermalung vorausgegangen waren, konnten dem Bericht zufolge nicht voneinander getrennt werden. Mindestens die zweite Übermalung war als polychrome Fassung deutlich zu erkennen. Weiter zeigte sich, dass die ursprüngliche Bemalung der Figurengruppe gänzlich auf einer zuvor auf einem Gipsgrund angebrachten Leinwand aufgetragen worden war. In der ursprünglichen Fassung wurde der Bart Christi direkt auf die Leinwand gemalt. Da in den angetroffenen Kerben um das Kinn und im Haupthaar (vgl. Abb. 3) der Kreidegrund und die Leinwand fehlen, muss diese Massnahme zu einem späteren Zeitpunkt vorgenommen worden sein. Am Oberkörper Christi fanden sich jeweils zwei Übermalungen, wobei die zweite von den Restauratoren wiederum als „Anstrich“ beschrieben wird.[13. Restaurierungsakten SNM.]
Der Bericht bewertet die beiden obersten Farbfassungen als „maltechnisch und geschichtlich uninteressant“ und datiert sie in eine rezente Phase.[14. Restaurierungsbericht SNM. Nicht ganz klar ist die Zuweisung der Entstehung in „diesem Jahrhundert“. Die Figurengruppe wurde 1893 angekauft. Für das 20. Jahrhundert sind keine grösseren Restaurierungsarbeiten ausser jenen der mittleren 1970er dokumentiert. Vieles würde also dafür sprechen diese angetroffene und unsauber aufgebrachte Fassung dem 19. Jahrhundert zuzuweisen.] Die erste polychrome Übermalung weist Sep der Gotik zu. Die dritte, ebenfalls noch polychrome, Neufassung beschreibt er als nuanciert und an die Anatomie des Körpers angepasst. Sie muss dem Bericht zu folge zwischen dem ausgehenden Mittelalter und dem 18. Jahrhundert datieren.
Der Einzug Christi in Jerusalem: sakrale Prozession oder Götzendienst?
Eine der ersten Schilderungen von Palmsonntagsprozessionen, bei denen Bilder im weitesten Sinne mitgeführt worden sind, finden wir in der zwischen 982 und 992 verfassten Vita des Hl. Bischofs Ulrich von Augsburg. Darin wird beschrieben, wie sich der Klerus im Morgengrauen bei der Kirche St. Afra traf, um Palmen und andere grüne Zweige zu segnen. Beim Auszug später am Morgen wurden, neben einem Evangeliar, Kreuzen und Fahnen, eine „effigies sedentis Dominum super asinum“ mitgeführt.[15. Tripps 2000, S. 97.] Eine Volksmenge begleitete den Zug zum Hügel Perlach, wo wiederum neue Personen dazu stiessen.[16. Tripps 2000, S. 95.] Vereint führte die Prozession anschliessend von Gesängen und Texten begleitet zurück in die Stadt, wobei die Palmzweige vor dem Bild des reitenden Christus niedergelegt wurden.[17. Reinle 1988, S. 212. / Tripps 2000, S. 95] Johannes Tripps zeigte, dass mit dem Begriff „effigies“ bereits im 10. Jahrhundert ein dreidimensionales Bild der Palmeselgruppe gemeint war.[18. Tripps 2000, S. 97-99.] Weiter legt er dar, dass im 10. und 11. Jahrhundert der Umgang mit dem christlichen Bildwerk von Heiligen, der zuvor eher negativ konnotiert war, einen Wandel erfuhr. Erst vor dem Hintergrund der Verankerung der Kreuzverehrung in der Liturgie im 9. Jahrhundert in Frankreich traten in der Folge dreidimensionale Kultbilder von Heiligen in Erscheinung, die als Reliquienbehältnis quasi als irdischer Stellvertreter ihres himmlischen Selbst fungierten.[19. Fricke 2007, S. 151-161.] Diese Figuren waren jeweils mit Silber- oder Goldblech überzogen und reich verziert, sodass über die Materialität eine gewisse Distanz zwischen Bildwerk und Betrachter erzeugt wurde. Bernhard von Anger war im beginnenden 11. Jahrhundert entsetzt darüber, welches Mass an Verehrung der Skulptur der immer wieder wundertätigen heiligen Fides im französischen Städtchen Conques zukam.[20. Tripps 2000, S. 99.] Sie wurde an Prozessionen mitgetragen, konnte bei Grenzstreitigkeiten richten und nahm an Synoden teil.[21. Tripps 2000, S. 99-100.] Auf dieser Basis kann sich in der Folge um das Jahr 1000 das realistisch gestaltete dreidimensionale Heiligenbild entwickeln.[22. Fricke 2007, S. 134.] Die Legitimation des Bildes durch darin aufbewahrte Reliquien spielt dabei keine Rolle mehr. Das Bildwerk erhält die Berechtigung durch die Verankerung in der Liturgie und durch die performative Ebene des Rituals.[23. Lehmann 2012.] Die radiokarbongestützte Datierung des sogenannten Steiner Palmesels in das mittlere 11. Jahrhundert macht ihn somit auch zu einem der ältesten erhaltenen realistischen dreidimensionalen Bildwerke überhaupt.
Die Dynamik einer mittelalterlichen Palmsonntagsprozession mit den verschiedenen multimedialen Ebenen in Verbindung mit dem sich bewegenden Christus auf dem Esel können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Dennoch wurde diesen an Prozessionen mitgeführten Bildwerken ungeheure Potenz nachgesagt. Palmzweige, die mit der Figurengruppe in Berührung gekommen waren, trug man mit nach Hause, weil ihnen unter anderem apotropäische Wirkungen zugedacht wurden, nicht nur durch die Segnung durch den Klerus, sondern vielmehr durch den direkten Kontakt zum „lebendig gewordenen“ Bildwerk.[24. Lehmann 2012.] Die Macht des handelnden Bildwerks ist dabei im Gegensatz zu den etwas früher aufkommenden reliquienbergenden Kultbildern zeitlich eng begrenzt. Nur durch das Ritual der Prozession wird die „Aura“ des Bildes aktiv: zu einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Stunde. Diese Aktivierung erfolgt interessanterweise erst ausserhalb der Kirche. Die unmittelbare Umgebung wird quasi zur Bühne, die Zeitlichkeit wird aufgehoben. Man befindet sich in Jerusalem zu Zeiten Christi. Dennoch bleibt der Prozessionscharakter präsent. Das Bild bleibt ein unnahbares Bild.[25. Lehmann 2012.]
Der genaue Ablauf der Palmsonntagsprozessionen war regional und zeitlich sehr unterschiedlich. Grosse Konstante bleibt der mitunter stille Auszug aus und der triumphale Einzug in die Stadt oder die Siedlung.[26. Tripps 2000, S. 95-97. / Dietrich 2006, S. 72-73.] Trotzdem scheint gerade diese Zuschreibung besonderer Heiligkeit, wie sie der Figurengruppe des Palmesels zukam, immer wieder Missmut gegenüber dieser Prozessionsform geführt zu haben. Bereits aus vorreformatorischer Zeit sind Angriffe auf Palmesel überliefert und gerade die Reformatoren bezeichneten die Palmesel als den Inbegriff des Götzenbildes. Bei Schilderungen reformatorischer Bilderstürme werden Bildwerke, die Christus auf dem Esel zeigen, nach Kruzifixen, Marienbildern und Ölbergdarstellungen an vierter Stelle genannt.[27. Dietrich 2006, S. 73-74. / Inerbitzin 2006, S. 135.]
Dennoch tat diese Ablehnung durch die Reformation der Popularität der Palmeselprozessionen in den katholischen Gebieten keinen Abbruch. Die übrigen erhaltenen Palmesel in der Dauerausstellung des Schweizerischen Nationalmuseums stammen alle aus dem 16. Jahrhundert. Im Flecken Schwyz wurde bis 1860 eine Figurengruppe mit Christus auf dem Esel aus dem mittleren 18. Jahrhundert mitgeführt.[28. Dietrich 2006, S. 74] In der Zeit um 1800 war das Mitführen einer Palmeselgruppe jedoch bereits wieder in die Kritik geraten: Im Zuge der späten Aufklärung ebbte das Phänomen allmählich ab und wurde bald als rückständige „Volksfrömmigkeit“ abgetan.[29. Dietrich 2006, S. 74]
Wie viel Zündstoff ein Palmesel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dennoch bot, zeigt eine Anekdote aus Arth im Kanton Schwyz im Jahre 1838. Nachdem der Palmesel von Arth im Frühjahr zunächst beschädigt und später gestohlen worden war, geriet das politische Lager der Liberalen in Verdacht, die Figurengruppe als Provokation gegenüber dem dominierenden konservativen Lager entwendet zu haben. Der Hauptverdächtige, Kirchenvogt Xaver Zay (1809-1885) floh nach Zug, bevor ihn die Schwyzer Obrigkeit zu den Anschuldigungen verhören konnte.[30. Inderbitzin 2006, S. 127-128.] Zay wollte in Arth offenbar einige kirchliche Neuerungen durchsetzen, die unter anderem die Abschaffung der alljährlichen Palsonntagsprozession beinhalteten.[31. Inderbitzin 2006, S. 128.] Im Zuge dieser Affäre kam es in Arth im Sommer 1838 zu mehreren Vorkommnissen, bei welchen sich Liberale und Konservative in die Haare gerieten. Scheiben der Wohnhäuser des Pfarrers und des Kaplans gingen durch Steinwürfe zu Bruch und es kam zu tätlichen Angriffen auf Personen aus beiden Lagern. Die Ermittlungen der Schwyzer Obrigkeit blieben jedoch auch zwei Jahre später ergebnislos, der Arther Palmesel blieb verschollen, Kirchenvogt Zay konnte nichts Konkretes nachgewiesen werden.[32. Inderbitzin 2006, S. 132-133.] Vor dem Hintergrund der politischen Spannungen zwischen konservativ und liberal gesinnten politischen Lagern in Schwyz, dem sogenannten „Hörner- und Klauenstreit“, bei dem es vordergründig um Nutzrechte von Allmeind-Weideflächen ging, stand der Arther Palmesel aus liberaler Sicht als Sinnbild der rückwärts orientierten politischen Gesinnung der Konservativen.[33. Hörner- und Klauenstreit HLS. / Inderbitzin 2006, S. 125-134.]
Für Steinen hergestellt und 700 Jahre in Verwendung?
Die Frage, ob das heute überregional eher unbedeutende Dorf Steinen der ursprüngliche Standort des Palmesels ist, oder die Figurengruppe erst später dorthin verbracht wurde, lässt sich nicht abschliessend beantworten. Barbara Dietrich hält fest, dass die Skulptur auch erst im Zuge der Reformation nach Steinen gerettet worden sein könnte.[34. Dietrich 2006, S. 74.]
Dennoch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass Steinen bis ins 19. Jahrhundert als Durchgangsort auf der Gotthardroute von einiger Bedeutung war. Erstmals 1124 als „steina“ erwähnt erstreckte sich die Kirchhöre der Grosspfarrei im 14. Jahrhundert über Sattel, an der Grenze zum Kanton Zug, und Rothenthurm bis quasi vor die Tore Einsiedelns. Eine erste Kirche dürfte in Steinen bereits im 9. Jahrhundert bestanden haben.[35. Vgl. dazu: Joseph Kessler, Die Baugeschichte der Pfarrkirche St. Jakob von Steinen SZ anhand der archäologischen Grabungen , in: Mittelungen des Historischen Vereins des Kanton Schwyz 61 (1968), S. 17-90.] Um 1300 stellte die Steiner Familie Stauffacher mehrere Landammänner des alten Landes Schwyz. Die Familie bildete ein wichtiges Glied in der tradierten Befreiungsgeschichte und der legendären Gründung der Eidgenossenschaft.[36. Steinen HLS.] Zudem wurde das Dorf Steinen niemals von einem verheerenden Brandereignis heimgesucht.
All diese Aspekte: Steinen als bedeutende Grossgemeinde mit alter Pfarrkirche und der Fakt, dass das Dorf niemals einem Brand zum Opfer gefallen ist, beweisen bezüglich der gestellten Frage letztlich nicht, dass das Bildwerk für Steinen geschaffen worden ist. Dennoch sind im mittleren 11. Jahrhundert sowohl die wirtschaftlichen als auch die religiösen Voraussetzungen für die Stiftung eines solchen Bildwerks in Steinen erfüllt.
Bei der Betrachtung des Steiner Palmesels als ältestem erhaltenen Exemplar fällt auf, dass offenbar immer wieder Reparaturen und nicht zuletzt ästhetische Verbesserungen vorgenommen wurden. Bereits im Mittelalter scheint der Christuskörper ein erstes Mal neu gefasst worden zu sein. Die Nachschnitzungen an Bart und Haupthaar können grob in die Zeit des 17. oder 18. Jahrhunderts datiert werden und stehen eventuell mit der zweiten Neufassung in Zusammenhang. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde der Spitzbart ergänzt, bevor die letzten Farbfassungen kurz vor der Zeit des Ankaufs durch das Schweizerische Nationalmuseum 1893 entstanden. Laut dem Bericht des Restauratoren dürfte der Grossteil der angetroffenen Ergänzungen am Esel und an der Figur des Christus – wie die Beine des Tiers, die Speichenräder oder die Rechte Christi – dem 19. Jahrhundert zuzuordnen sein. Unter der Voraussetzung, dass nichts repariert oder ergänzt wird (und werden muss) wenn es nicht in Gebrauch steht, und in Anbetracht der nachgewiesenen langen Tradition des Mitführens von figürlichen Palmeselgruppen in der Region, kann im Falle des Steiner Palmesels im Schweizerischen Nationalmuseum eine Benutzung bis ins 19. Jahrhundert angenommen werden. Eventuell stehen zwischen dem letzten Mitführen dieser Darstellung Christi auf dem Esel an Palmsonntag und dem Verkauf des damals gut 700 jährigen Kunstwerks an das Nationalmuseum nicht mehr als zwei Generationen.
Literatur
Dietrich 2006: Barbara Dietrich, Der Triumph des Messias. Der Steiner Palmesel, in: Markus Riek / Markus Bamert (Hrsg.): Meisterwerke im Kanton Schwyz Bd. 1, von der Frühzeit bis zur Gegenreformation, Bern 2006. S. 70-75.
Fricke 2007: Beate Fricke, ecce fides. Die Statue von Conques, Götzendienst und Bildkultur im Westen, München 2007.
Hörner- und Klauenstreit HLS: Erwin Horat, Hörner- und Klauenstreit, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.05.2010, URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D17234.
Inderbitzin 2006: Peter Inderbitzin, Der Palmesel von Arth, in: MHVS 98 (2006), S. 125-134.
Katalog Landesmuseum 1936: Ilse Baier-Futterer, Die Bildwerke der Romanik und Gotik (Kataloge des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich), Zürich 1936.
Katalog Landesmuseum 2007: Dione Flühler-Kreis / Peter Wyer, Die Holzskulpturen des Mittelalters I. Katalog der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums Zürich, Einzelfiguren, Kat. 75: Christus auf dem Palmesel aus dem Beinhaus in Steinen, Zürich 2007, S. 176-179.
Katalog Landesmuseum 2009: Galerie Sammlungen. Katalog der Dauerausstellung im Landesmuseum Zürich, Zürich 2009.
Lehmann 2012: Julius Lehmann, Bildwerk und Ereignis. Eine performanztheoretische Betrachtung der mittelalterlichen Palmeselfigur im Kontext der Prozession. Blogeintrag vom 24.09.2012, artefakt, Blog für Kunst und Kritik, URL: http://www.artefakt-sz.net/wissenschaftliche-aufsaetze/bildwerk-und-ereignis-eine-performanztheoretische-betrachtung-der-mittelalterlichen-palmeselfigur-im-kontext-der-prozession [24.03.2015].
Reinle 1988: Adolf Reinle, Die Ausstattung deutscher Kirchen im Mittelalter. Eine Einführung, Darmstadt 1988.
Restaurierungsbericht SNM: Remigius Sep, Restaurierungsbericht LM 362, Typoskript um 1976, im Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums Affoltern a. A.
Steinen HLS: Andreas Meyerhans, Steinen (Gemeinde), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.11.2012, URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D737 [15.03.2015].
Stückelberger 1895: E. A. Stückelberger, Ueber die Verbreitung von Palmeseln, in: ASA 7 (1892-1895), S. 470-471.
Tripps 2000: Johannes Tripps, Das handelnde Bildwerk in der Gotik. Forschungen zu den Bedeutungsschichten und der Funktion des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Hoch und Spätgotik Neue Ausgabe, Berlin 2000.