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Caroline Abu Sa’Da, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Schweiz zu der aktuellen Situation auf der Ocean Viking:
„Die Ocean Viking, das Rettungsschiff von SOS MEDITERRANEE, hat in vier Einsätzen am 25. und am 30. Juni 181 Menschen gerettet. Seit zehn Tagen warten die Geretteten an Bord mit wachsender Verzweiflung darauf, an einem sicheren Hafen an Land gehen zu können. Sieben Anfragen zur Ausschiffung an die zuständigen Seefahrtbehörden blieben erfolglos. Diese sind nach dem Seerecht verpflichtet, einen Hafen zuzuweisen. Die Anspannung wurde zuletzt für viele unerträglich. Das lange Warten und die Ungewissheit hat die physische und psychische Angegriffenheit der Menschen nur noch verschlimmert.
Eine Gruppe von geretteten Personen, die in Libyen nach eigenen Angaben wiederholt gefoltert wurde, ist augenscheinlich traumatisiert und nicht mehr in der Lage, mit den Bedingungen an Bord umzugehen. Sie haben hierdurch die Sicherheit der anderen geretteten Menschen und der Besatzung gefährdet. Das medizinische Team von SOS MEDITERANEE bat gestern Mittag um eine medizinische Evakuierung. Diese Anfrage auf medizinische Evakuierung blieb unbeantwortet. Diese Ablehnung, die Verschlechterung des Gesundheitszustandes vieler Geretteter und die Zunahme der Spannungen haben den Kapitän veranlasst, am Freitag, dem 3. Juli den Notstand an Bord auszurufen.
24 Stunden später ist unser Hilferuf immer noch nicht gehört worden. Wir werden mit 180 Menschen in schwerer seelischer Not auf See alleingelassen. Die einzige Reaktion der italienischen Seefahrtbehörden war, heute Mittag ein medizinisches Team zur Ocean Viking zu schicken, bestehend aus einem Arzt und einem kulturellen Vermittler. Dem SOS-Team gelang es, die Menschen zu beruhigen, so dass das italienische Ärzteteam eine Einschätzung des Zustands der Überlebenden vornehmen konnte. Ausserdem ist nun ein COVID-19 Test für die Geretteten im Gespräch.
Rettung auf See ist Pflicht und eine Rettung erst dann abgeschlossen, wenn die Geretteten an einem sicheren Ort von Bord gehen konnten. Muss erst jemand sterben, damit die Ausschiffung möglich wird?“
Frédéric Penard, Head of Operations von SOS MEDITERRANEE:
«Die europäische Such- und Rettungsorganisation SOS MEDITERRANEE wurde vor fünf Jahren gegründet. Seitdem haben unsere Teams 271 Einsätze durchgeführt und 31 799 Menschen im zentralen Mittelmeerraum gerettet.
Wir haben schreckliche Krisen, dramatische Rettungsaktionen und lange Einsätze auf See erlebt, aber in unserer kurzen Geschichte haben unsere Besatzungen stets professionell und unter strikter Einhaltung der rechtlichen Verpflichtungen und Verfahren gehandelt, die im Seerecht und in den Seerechtskonventionen verankert sind. Dies wurde wiederholt von allen staatlichen Akteuren anerkannt, mit denen wir stets einen konstruktiven Dialog angestrebt haben.“