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„Wenn ich heute einen Rock erwerbe, so erscheint es, nach den bestehenden Verhältnissen, ganz natürlich, dass ich ihn so billig wie nur möglich erwerbe. Das heißt: ich habe dabei nur mich im Auge. [...] Man mag noch so viele Verbesserungen zum Schutze irgendeiner Arbeiterklasse einführen, und damit gewiss viel zur Hebung der Lebenslage dieser oder jener Menschengruppe beitragen: Das Wesen der Ausbeutung wird dadurch nicht gemildert. Denn dieses hängt davon ab, dass ein Mensch unter dem Gesichtspunkt des Eigennutzes sich die Arbeitsprodukte des anderen erwirbt. [...] Bezahle ich die Arbeit eines anderen teurer, so muss er dafür auch meine teurer bezahlen, wenn nicht durch die Besserstellung des einen die Schlechterstellung des anderen bewirkt werden soll. [...] Auf was muss jemand sehen, der nur seinem Eigenwohle dienen kann? Doch darauf, dass er möglichst viel erwerbe. Wie die anderen arbeiten müssen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, darauf kann er keine Rücksicht nehmen. Er muss also dadurch seine Kräfte im Kampfe ums Dasein entfalten.“
(aus Rudolf Steiner, GA 34/1960/206ff.)
Rudolf Steiners Aufsätze 1905/06 - Keim für die Zukunft
Geistes Wissenschaft und soziale Frage
1905/1906 veröffentlichte Rudolf Steiner in der 1903 begründeten Zeitschrift „Luzifer“ (später vereinigt mit „Gnosis“) drei Aufsätze unter dem Titel „Theosophie und soziale Frage“, heute „Geisteswissenschaft und soziale Frage“. Kurz vor der Jahrhundertwende war Steiner als Redakteur des „Magazins für Literatur“ nach Berlin gekommen. Dort wirkte er zugleich - von 1899 bis 1904 - als Lehrer an der von Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule. Und seit 1902 war er Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Der Anlass für die Aufsätze war eine Veröffentlichung von G. L. Dankmar („Die kulturelle Lage Europas beim Wiedererwachen des modernen Okkultismus“,Leipzig 1905), in der dieser das Aufkommen der Theosophie würdigt und zugleich kritisch fragt, was diese Strömung denn zur Lösung der sozialen Probleme der Gegenwart beizutragen habe. Es waren ursprünglich mehr Aufsätze geplant, offenbar war aber das Interesse der theosophischen Leserschaft so gering, dass Steiner die Veröffentlichung nach dem dritten Aufsatz abbrach und das Thema erst viel später wieder aufgriff.
Mehr als 100 Jahre danach haben wir Anlass zur Standortbestimmung: Was ist aus den Keimen geworden, die der Begründerder Anthroposophie damals gelegt hat? Wie steht der anthroposophische Sozialimpuls in den großen Auseinandersetzungen unserer Zeit? Was muss getan werden, damit er kraftvoll zur Lösung der sozialen Probleme beitragen kann?
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Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden. (Rudolf Steiner, 14.08.1906)