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Dr. H. Dübi: J. S. Wyttenbach und seine Freunde
Das Datum der ersten Ersteigung, 30. Juni 1858, scheint also festzustehen; ebenso die Namen der dabei beteiligten Führer: Julien Rey und Joseph Oberhauser. Über deren Personalien hat Mr. Coolidge von dem Curé von Champéry, A. Andereggen, folgende verdankenswerte Erkundigungen eingezogen: „ L' un et l' autre étaient de Champéry — leurs familles sont là pour le prouver. Julien Rey est mort en 1876 à l' âge de 48 ans. Joseph Oberhauser est mort en 1902 à l' âge de 72 ans. La famille Rey est une des plus anciennes de Champéry. La famille Oberhauser est originaire du Haut-Valais. Le père du guide en question est venu s' établir à Champéry. "
Da also auch diese beiden Zeugen verstorben sind, so bleibt die Frage offen: Wer war der Schweizer Reisende, welcher 1858 zum erstenmal mit Rey und Oberhauser die Tour Sallière erstieg? Eine Beantwortung dieser Frage wäre im Interesse der Besteigungsgeschichte der Schweizeralpen vor der Gründung des S.A.C., zu welcher das nahende 50jährige Jubiläum auffordert, sehr zu begrüßen.
Redaktion.
Dr. Heinrich Dübi: Jakob Samuel Wyttenbach und seine Freunde. Beiträge zur Kulturgeschichte des Kantons Bern. Neujahrsblatt der Literarischen Gesellschaft Bern auf das Jahr 1911. Bern, Druck und Verlag von K. J. Wyß. 1910. Preis 4 Fr.
In seiner Studie: Der Alpensinn in der Literatur und Kunst der Berner von 1537—1859 ( Neujahrsblatt der Literarischen Gesellschaft Bern für 1902 ) stellt Dr. Dübi den Pfarrer Jakob Samuel Wyttenbach als einen klassischen Repräsentanten des Berner Alpensinns direkt neben Albrecht v. Haller. In der vorliegenden neuen Studie aus demselben Gebiet weist er nun nach, daß Wyttenbach nicht nur der Mittelpunkt des kleinen Kreises bemischer Natur- und Alpenfreunde seiner Zeit war, sondern in weiten Kreisen der Schweiz und des Auslandes als erste Autorität in alpinen Dingen anerkannt wurde und daß es guten Teils sein Verdienst ist, wenn sich der Alpensinn im ausgehenden XVIII. Jahrhundert so weit und so rasch verbreitet und der Alpenkunde den Boden vorbereitet hat.
Ein vollständiges Bild des langen Lebens ( 1748—1850 ) Wyttenbachs wollte Dr. Dttbi nicht zeichnen; es hätte sich auch kaum in den Rahmen eines Neujahrsblattes der Literarischen Gesellschaft einfügen lassen, denn die Tätigkeit Wyttenbachs lag hauptsächlich auf dem Felde der Naturwissenschaften; war doch der Pfarrer an der Heiliggeistkirche zu Bern auch der Gründer der naturforschenden Gesellschaft und des naturhistorischen Museums seiner Vaterstadt und bekleidete sogar mehrere Jahre lang die Professur der Naturgeschichte an dem bernischen medizinischen Institut.
Die Studie beschränkt sich auf die drei letzten Jahrzehnte des XVIII. und das erste des XIX. Jahrhunderts, d.h. auf die Zeit, in der Wyttenbach seine größte Tätigkeit auf dem Gebiete der Alpenkunde entfaltete, und behandelt im wesentlichen nur eine Seite dieser Tätigkeit, das Wirken Wyttenbachs für die geographische Erforschung der Alpen und die Förderung der Alpenreisen.
Als Quellen benutzte Dr. Dübi hauptsächlich drei bis dahin wenig oder gar nicht benutzte Manuskriptsammlungen: auf der Berner Stadtbibliothek die naturwissenschaftliche Korrespondenz Wyttenbachs und die Autographensammlung, beide angelegt von Rudolf Wolf, auf der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz die Korrespondenz zwischen Wyttenbach und dem Baron Adolf Traugott v. Gersdorf auf Rengersdorf und Meffersdorf ( Schlesien ), die für die Charakteristik beider besonders wichtig ist, da sie sowohl die Briefe von, wie, im Brouillon, die Briefe an Wyttenbach enthält.
Aus den beiden ersten Sammlungen hat Rudolf Wolf einiges für seine Biographie Wyttenbachs im Berner Taschenbuch, Jahrgang I und II, Bern 1852 und 1853, verwendet; die dritte dagegen lag unbeachtet und unbenutzt in der vielbändigen „ Briefschaft " Gersdorfs auf der Görlitzer Bibliothek versteckt, bis sie von Dr. Dübi aufgespürt wurde.
Aus diesen drei Sammlungen hat Dübi die für seinen Zweck dienlichen Briefe ausgewählt und teils im Wortlaut, teils im Auszug, mit einführenden Exkursen über die Persönlichkeit ihrer Autoren versehen, in seiner Skizze veröffentlicht.
Wir finden unter den Freunden und Korrespondenten Wyttenbachs Namen von bestem Klang. Von den Genfer Korrespondenten sind hervorzuheben die berühmten Naturforscher und Bergsteiger Jean André De Luc und Horace-Bénédict de Saussure, unter den Waadtländern Henri Struve, J. P. Berthout van Berchem, Charles Exchaquet, alle drei eifrige Förderer der Alpenkunde als Naturforscher, Verfasser von Reisebüchern, Verfertiger von Reliefs usw., aus dem Berner Kreise die Brüder Gottlieb Sigmund und Samuel Emanuel Studer, jener ein trefflicher Panoramenzeichner, dem die Topographie der Alpen viel verdankt, dieser, Wyttenbachs Begleiter auf mehreren Bergreisen, als Naturforscher, namentlich als Konchyliologe, bekannt, der rauhbeinige Mathematiker Joh. Georg Tralles, der die ersten trigonometrischen Höhenmessungen im Berner Oberland ausführte, u.a. m. Die Ostschweiz ist durch den Pater Placidus a Spescha, den berg- und naturfreudigen Konventualen von Disentis, vertreten, Frankreich durch Henri Besson, den Verfasser des ersten wissenschaftlichen Reisehandbuchs für die Schweiz, und den Elsässer Zoologen Jean Hermann. Von den Engländern ist zu nennen der Reiseschriftsteller Archidiakon William Coxe, der von Wyttenbach mancherlei Auskunft über die Geographie und Naturgeschichte der Alpen erhalten, aber zu dessen schwerem Ärger zum Teil falsch verstanden und wiedergegeben hat. Deutschland ist vertreten durch Goethe, der Wyttenbach für den Plan der Schweizerreise von 1779 zu Rate zog, durch den Geographen E. A. W. v. Zimmermann in Braunschweig und den Entomologen J. F. W. Herbst in Berlin und — last not least — durch den oben erwähnten Sammler der Wyttenbachschen Korrespondenz, Baron v. Gersdorf, dessen Briefe ein sehr freundschaftliches Verhältnis zwischen dem schlesischen Edelmann und dem schweizerischen „ Pastörchen " erkennen lassen.
Zusammengehalten werden diese Briefe und Exkurse durch die Lebensskizze Wyttenbachs, in die sie chronologisch eingeschaltet sind. Der Zusammenhang ist aber ziemlich lose. Durch die vielen Einschaltungen wird der biographische Faden zerrissen, und die Enden müssen immer wieder gesucht und neu verknüpft werden, nicht zum Vorteil der Übersichtlichkeit, die ohnedies unter der Überfülle des Stoffes zu leiden hat.
Aber es lag ja, wie gesagt, nicht in der Absicht des Verfassers, ein abgerundetes Lebensbild zu geben; vielmehr war es ihm darum zu tun, anhand seines neuen Materials den Anteil Wyttenbachs und seiner Freunde an der Erschließung des Hochgebirges und ihre Bedeutung für das geistige Leben Berns zu skizzieren. Und diese Aufgabe hat Dr. Dübi trefflich gelöst. Seine Skizze ist ein sehr wertvoller Beitrag nicht nur zur Geschichte der Entwicklung der Alpenkunde aus dem Alpensinn, sondern auch zur Kulturgeschichte des alten Bern.
Die Ausstattung des stattlichen, 148 Seiten starken Quartheftes ist gut. Zu besonderem Schmuck gereicht ihm das Titelbild, eine sehr duftig gehaltene Alpenansicht von Kirchdorf aus, nach einem Aquarell Gottlieb Sigmund Studers.
A. Wäber.