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Ältere haben Probleme am Arbeitsmarkt. Das ist eine besonders beliebte Begründung für die Ablehnung eines höheren Rentenalters. Doch solche Rhetorik hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.
Höhere Renten klingt sympathischer als ein höheres Rentenalter. Das Erstere (Volksinitiative der Gewerkschaften) verspricht einen Geldsegen aus dem Nichts, das Letztere (Volksinitiative der Jungfreisinnigen) ruft nach Mehrarbeit.
Doch im Kern unterscheiden sich die beiden Initiativen «nur» durch ihre Verteilungswirkung: Mit der Erhöhung aller AHV-Renten würde die versteckte Umverteilung von Jung zu Alt und von oben nach unten deutlich zunehmen, während die Erhöhung des ordentlichen Rentenalters diese Umverteilung wenigstens innerhalb der Gruppe der heutigen Erwerbstätigen ein Stück bremsen würde.
Wer den Jungen nicht sehr hohe Hypotheken hinterlassen will, kommt mit dem Vorstoss für ein höheres Rentenalter wenigstens zum Teil auf seine Rechnung. Wer vor allem mit dem eigenen Portemonnaie abstimmt, mindestens 50-jährig ist und auf das bewährte Prinzip «nach mir die Sintflut» setzt, ist dagegen mit der Initiative für höhere Renten bestens bedient.
Doch die meisten Menschen wollen nicht hören, dass sie sich um die nächsten Generationen foutieren. Deshalb gibt es einen aufnahmefähigen Markt für wohlklingende Ausreden dafür, warum es heute höhere Renten brauche und ein höheres Rentenalter abzulehnen sei.
Eine besonders beliebte Ausrede für die Gegner eines höheren Rentenalters umfasst den Verweis auf den Arbeitsmarkt. Das Argument geht etwa so: Solange Firmen 60-Jährige entlassen oder in die Frühpensionierung schicken und Ältere generell grosse Mühe haben am Arbeitsmarkt, sei eine Erhöhung des ordentlichen Rentenalters widersinnig und produziere vor allem mehr Arbeitslose.
Das eiserne Gesetz
Bei diesem Thema kommt man zunächst nicht um ein eisernes ökonomisches Gesetz herum: Es gibt keine fixe Menge an Arbeit, die man irgendwie auf die Bevölkerung aufteilen müsste.
So muss eine Ausdehnung der Erwerbsarbeit der Frauen keine Massenarbeitslosigkeit der Männer produzieren; so verdrängen Einwanderer nicht automatisch angestammte Arbeitskräfte; und so wird eine Erhöhung des Rentenalters nicht massenhaft Junge aus dem Arbeitsmarkt drücken. Denn zusätzliche Erwerbstätige bringen zusätzliche Ideen, zusätzliche Kaufkraft und Nachfrage und fördern damit das Stellenwachstum.
Die Schweiz liefert eine Illustration dieser Theorie in der Praxis: Im internationalen Vergleich hat das Land eine hohe Einwanderung und gleichzeitig eine hohe Erwerbstätigkeit der Schweizer; die Schweiz hat auch eine relativ hohe Beschäftigungsquote der Älteren und gleichzeitig eine hohe Beschäftigungsquote der Jüngeren.
Einzelfall contra Gesamtbild
Mit taktisch geschickt gewählten Einzelschicksalen kann man in Abstimmungskämpfen vieles «beweisen» – einschliesslich des Gegenteils. Für eine ernsthafte Gesamtbetrachtung der Lage der Älteren am Arbeitsmarkt kommt man aber nicht um Statistiken herum.
Die erste naheliegende Quelle ist die offizielle Arbeitslosenquote. Diese Quote war in der Schweiz bei den Älteren (50- bis 64-Jährigen) in den letzten Jahrzehnten meist etwas tiefer als bei den Jüngeren. Das gilt immer noch: Ende Januar 2024 lag die Arbeitslosenquote der 50- bis 64-Jährigen mit 2,3 Prozent etwas unter dem Mittel der Gesamtbevölkerung (2,5 Prozent).
Auch mit der breiter definierten Erwerbslosenquote nach internationalem Standard lässt sich keine Horrorgeschichte über die Älteren am Arbeitsmarkt basteln. Die Erwerbslosenquote war bei den Älteren in den letzten dreissig Jahren meist etwas tiefer als bei den Jüngeren (vgl. Grafik).
In dieser Statistik sind die 55- bis 64-Jährigen als höchste Alterskategorie unterhalb des Rentenalters ausgewiesen. 2023 betrug die Erwerbslosenquote der 55- bis 64-Jährigen vom ersten bis zum dritten Quartal im Mittel 3,4 Prozent, was unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung lag (4,1 Prozent).
Wenn allerdings Ältere entlassen werden, brauchen sie im Mittel für die Stellensuche deutlich länger als Jüngere. Genau deshalb können Personen ab 55 maximal zwei Jahre statt «nur» anderthalb Jahre lang Arbeitslosengelder beziehen. Und wer ab Alter 61 arbeitslos wird, erhält eine weitere Fristerstreckung von einem halben Jahr.
Seit Mitte 2021 erhalten ältere Langzeitarbeitslose unter gewissen Bedingungen eine Überbrückungsleistung bis zum ordentlichen Pensionierungsalter. 2021 und 2022 haben total rund 670 Personen eine solche Leistung bezogen, was deutlich unter den Erwartungen lag.
Man könnte dies als Hinweis auf ein nicht allzu grosses Bedürfnis werten, doch stattdessen löste dies Forderungen nach erleichterten Zugangsbedingungen für die Überbrückungsleistung aus. Dies ist eine weitere Illustration der enormen Anspruchshaltung auf der Wohlstandsinsel Schweiz.
Hoffnung für Ausgesteuerte
Die Lage ist jedenfalls für viele ältere Arbeitslose alles andere als hoffnungslos, obwohl die Gewerkschaften seit langem versuchen, das Gegenteil zu suggerieren und damit eine Opferhaltung bei den Älteren zu fördern. Gemäss den jüngsten Daten des Bundes (für die Periode 2017 bis 2020) finden selbst manche ausgesteuerte Ältere wieder eine Stelle. So war in der genannten Untersuchungsperiode bei den Ausgesteuerten in der Altersgruppe 55+ ein Jahr nach der Aussteuerung immerhin rund die Hälfte der Betroffenen wieder erwerbstätig.
Laut einer Auswertung des Bundes von dieser Woche ist insgesamt die Wahrscheinlichkeit, den Arbeitsplatz zu verlieren und danach von der Arbeitslosenversicherung wegen Erreichens der maximalen Bezugsdauer ausgesteuert zu werden, für 55- bis 64-Jährige nach wie vor geringer als für Jüngere.
Auch die Statistiken zur Sozialhilfe zeigen kein speziell schlimmes Bild für die Älteren. Im Gegenteil: Die Sozialhilfequote lag bei den Älteren in den letzten zwanzig Jahren traditionell unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. 2022 betrug diese Quote bei den 56- bis 64-Jährigen 2,7 Prozent. Das Mittel der Gesamtbevölkerung lag bei 2,9 Prozent, und unter Ausklammerung der Kinder und Jugendlichen waren es deutlich über 3 Prozent.
Corona-Knick ausgebügelt
Doch wie sieht es mit dem Trend aus? Die Gewerkschaften suggerieren gerne, dass die Lage für die Älteren am Arbeitsmarkt schwieriger geworden sei. Die Zahlen zeigen das Gegenteil. Die Erwerbstätigenquote der Älteren ist in der Schweiz wie auch in vielen anderen Ländern bis zur Corona-Krise nicht etwa gesunken, sondern gestiegen (vgl. Grafik; direkt vergleichbare Daten für die Schweiz reichen bis 2010 zurück).
Dies liegt vor allem an der stärkeren Erwerbstätigkeit der Frauen, doch auch die Männer haben in der Tendenz noch etwas zugelegt. Und beide Geschlechter haben den Corona-Knick von 2021 bereits wieder ausgebügelt.
Doch die 55- bis 64-Jährigen liegen bei der Erwerbstätigenquote deutlich hinter den Jüngeren zurück – mit 74,5 Prozent im Mittel der ersten drei Quartale 2023 gegenüber fast 87 Prozent bei den 40- bis 54-Jährigen. Hinweise zu den Gründen liefert die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung.
Gemäss der Erhebung für 2022 war bei den 55- bis 64-Jährigen knapp ein Viertel nicht auf dem Arbeitsmarkt – also weder erwerbstätig noch auf Stellensuche. Die von den Betroffenen meistgenannten Gründe: (Früh-)Pensionierung (38 Prozent), Dauerinvalidität (17 Prozent) und Krankheit/Unfall (16 Prozent).
Noch etwas genauere Hinweise lieferte die Erhebung für 2020. Damals erklärten 4 Prozent der Nichterwerbspersonen in dieser Altersgruppe, keine Chance am Arbeitsmarkt zu haben. Andere nannten «persönliche Gründe oder Verpflichtungen».
Zählt man die Dauerinvaliden und Entmutigten zusammen, dürften bei den 55- bis 64-Jährigen etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Nichterwerbspersonen und damit etwa 5 bis 6 Prozent der gesamten Altersgruppe mangels realistischer Aussicht nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt sein. Wer deswegen die Erhöhung des Rentenalters für alle verhindern will, schiesst weit über das Ziel hinaus.
Manche gehen früher
Frühpensionierungen und zunehmende Schwierigkeiten bei der Stellensuche in den Jahren vor der ordentlichen Pensionierung gibt es zudem bei jedem Referenzrentenalter. Läge das ordentliche Rentenalter bei 55, würde es mehr Frühpensionierungen mit 53 geben. 53-Jährige gälten dann schon als «alt» und hätten zunehmende Schwierigkeiten bei der Stellensuche, da die Arbeitgeber Hemmungen hätten, jemanden einzuarbeiten, der in zwei Jahren schon wieder gehen dürfte.
Bei einem Referenzrentenalter von 80 gälten dagegen 60-Jährige auf dem Arbeitsmarkt noch als «jung». Klar ist, dass heute 70-Jährige im Mittel fitter sind, als dies 65-Jährige bei der Gründung der AHV 1948 waren.
Eine Erhöhung des ordentlichen Rentenalters führt auch zu einer Erhöhung des effektiven Rücktrittsalters. Letzteres dürfte allerdings nicht im gleichen Umfang steigen.
Grund: Manche Ältere hätten noch das frühere Referenzrentenalter im Kopf, und sie würden sich deshalb eine Frühpensionierung (mit 65) leisten wollen; viele könnten sich dies auch leisten. So führte die Erhöhung des ordentlichen Rentenalters für Frauen in zwei Schritten von 62 auf 64 (2001/2005) zu einer effektiven Erhöhung des Rücktrittsalters von knapp anderthalb Jahren.
Frühpensionierungen sind im Prinzip kein Problem, solange sie nicht zulasten von anderen Gruppen subventioniert sind. Eine Erhöhung des ordentlichen Rentenalters würde die jetzige Subventionierung der Neurentner reduzieren und entspräche faktisch einer Senkung der Jahresrente bei unverändertem Pensionierungsalter.
Und eine Erhöhung der Jahresrenten gemäss Gewerkschaftsinitiative würde die Subventionierung der Neurentner noch steigern und entspräche faktisch einer Senkung des ordentlichen Rentenalters bei unveränderter Jahresrente.
Bei einer Erhöhung des ordentlichen Rentenalters würde die offizielle Zahl der Arbeitslosen steigen – denn plötzlich könnten zusätzliche Jahrgänge offiziell arbeitslos werden. Entscheidend sind aber die Arbeitslosenquoten. Hier wäre im Grundsatz bei «normaler» Wirtschaftslage nicht mit einer Erhöhung zu rechnen. Die früheren Erhöhungen des Referenzrentenalters für Frauen hinterliessen in der Statistik der Arbeitslosenquoten keine sichtbaren Spuren.
Arbeitslose wird es immer in jeder Altersgruppe geben, die auf dem Arbeitsmarkt ist. Wer die Erhöhung des Rentenalters mit dem Verweis auf Arbeitslose bekämpfen will, müsste selbst ein Rentenalter 30 als zu hoch kritisieren. Infrage käme dann nur noch ein Modell: von der Schule direkt in die Rente.