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Die Macht der Farben
Rund 80 % der Sinneseindrücke nehmen wir über die Augen wahr – und die Welt ist voller Farben. Farben informieren über unsere Umgebung, z. B. über das Alter von Gegenständen und ihr Material.
1.Interpretation von Farben
Wir interpretieren Farben oft gegensätzlich, ja widersprüchlich. Ein Beispiel ist die Farbe Rot. Rot symbolisiert auf der einen Seite Liebe und Erotik, auf der anderen Seite wird die Farbe jedoch auch mit Aggression und Wut in Verbindung gebracht. Farbe – das unbekannte Wesen, sagt die Wissenschaft. Farbe wird zu einem Prozent kognitiv bewusst bei uns im Gehirn verarbeitet. 99 % oder besser fast 99,9 % werden unbewusst verarbeitet, d. h., jeder Mensch ist ein Farbexperte, wir wissen nur nichts davon.
2.Farbforschung
Die Farbforschung ist ein komplexes Gebiet. Es ist schwierig, gemeingültige wissenschaftliche Aussagen zu treffen. Eines ist jedoch erwiesen: Farben haben Macht. Amerikanische Psychologen haben etwas wirklich Verblüffendes herausgefunden: Sie machten von einer nicht besonders attraktiven Frau eine Videoaufnahme. Die Frau trug einen blauen Pullover. Dann zeigten die Forscher einer Gruppe von Männern das Video. Die Männer waren nicht besonders beeindruckt und bezeichneten die Frau als Durchschnittstyp und hatten kein besonderes Interesse daran, sich mit ihr zu treffen. Danach zeigten die Forscher einer anderen Gruppe von Männern genau dieselbe Frau, aber dieses Mal trug sie einen roten Pullover und keinen blauen. Dies gab offenbar den entscheidenden Anstoß für die Männer, sie attraktiv zu finden. Fast die Hälfte der Herren gab an, sich gerne mit ihr treffen zu wollen. Dies zeigt ganz deutlich, wie stark uns die Wirkung von Farben in unseren Entscheidungen beeinflusst.
3.Wie groß ist die Macht der Farben wirklich?
Farbe ist ein nur schwer zugängliches Phänomen. Das beginnt bereits bei der Wahrnehmung. Sehen
wir eine Farbe auf dieselbe Weise? Oder anders gefragt: Ist mein Rot auch dein Rot? Isaac Newton entdeckte im 17. Jahrhundert, dass weißes Licht eine Mischung aus farbigem Licht ist. Durch einen winzigen Spalt fällt Licht auf ein Wasserprisma. Dort wird das weiße Licht gebrochen und in seine Spektralfarben zerlegt. So konnte Newton den Regenbogen erklären.
Farbe entsteht, wenn Licht auf eine Oberfläche, wie z. B. eine Wand, fällt. Einen Teil des Lichts verschluckt die Oberfläche. Das reflektierte Licht nehmen wir wahr. Was dabei in unseren Augen und im Gehirn geschieht, ist ein höchst komplizierter Vorgang. Das Licht fällt durch die Pupille auf die Netzhaut. Dort sitzen Millionen von Rezeptoren. Die sogenannten Stäbchen reagieren auf Hell-/Dunkel-Reize und die Zapfen auf die unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts. Reflektiert die Oberfläche eines Gegenstandes nur kurze Wellen, werden diese von den blauempfindlichen Rezeptoren aufgenommen. Mittelwellige Lichtstrahlen werden von den grünen und langwellige von den rotempfindlichen Zapfen aufgenommen. Diese Signale werden ans Gehirn weitergeleitet, und zwar über den Kortex bis ins Gefühlszentrum. Dort entscheidet sich maßgeblich, welche Farbinformation in unser Bewusstsein gelangt. Farbwahrnehmung hängt also eng mit unserem Gefühl zusammen.
Jeder Mensch sieht eine andere Welt. Dies hat mit Vorerfahrungen zu tun. Es gibt keine zwei Menschen, die dieselben Farben sehen auf dieser Welt. Moderne Tests haben ergeben, dass die Anzahl der Rezeptoren unserer Netzhaut um das 40fache differenziert ist zwischen einzelnen Menschen, d. h., die Physiologie ist bereits verschieden, aber das Erfahrungswissen, unser anschauliches Gedächtnis ist noch um ein Vielfaches unterschiedlicher.
4.Welchen Einfluss hat das Zusammenspiel von Licht und Oberflächenfarbe auf unsere Wahrnehmung?
Wenn man verschiedenfarbige Wände abwechselnd mit rotem, grünem oder blauem Licht bestrahlt, vermischen sich Licht und Wandfarbe. Nur dieses Mischlicht nimmt das Auge wahr. Deshalb können wir die Ausgangsquellen Wand oder Lichtfarbe nicht mehr unterscheiden. Welche Farbe der Gegenstand und welche Farbe das Licht hat, kann unser Gehirn nur dann auseinanderhalten, wenn es den Gegenstand bereits kennt.
Wenn man mit einer Zitrone in den Keller geht, verändert sich das Licht. Bei normalem Tageslicht ist die Zitrone gelb. Im Keller jedoch ist sie olivgrün. Man nimmt das gar nicht
richtig wahr, aber wenn man die Zitrone im Keller fotografieren würde, würde man erkennen, dass es sich um zwei unterschiedliche Farben handelt.
Wie wir eine Farbe wahrnehmen, hängt auch mit ihrer Umgebung zusammen. Wenn sich die Umgebung verändert, verändert sich in unserer Wahrnehmung auch die Helligkeit der Farbe, obwohl sie gleich geblieben ist. Nicht nur die Helligkeit ändert sich mit der Umgebung, sondern auch der Farbton. Eine Farbe wirkt in Kombination mit anderen Farben unterschiedlich.
5.Farben und Geschmacksempfinden
Französische Forscher haben herausgefunden, dass Farben unser Geschmacksempfinden beeinflussen. Bei dem Experiment haben die Forscher Weißwein mit roter Lebensmittelfarbe eingefärbt und ihn dann geübten Weinkennern zum Probieren präsentiert. Diese haben dann tatsächlich in dem gefärbten Weißwein Rotweinaromen herausgeschmeckt. Aber nicht nur die Farbe des Weins beeinflusst, wie dieser wahrgenommen wird, sondern auch die gesamte Lichtstimmung drum herum. Bei rotem Licht z. B. schmeckt Wein süßer und fruchtiger und bei grünem oder blauem Licht würziger. Dies ist ein Ergebnis einer Studie der Uni Mainz. Farben sind eben tatsächlich Geschmacksache.
6.Welche Wirkung haben Farben auf unsere Sinne, unser Erleben und unser Verhalten?
Man machte mit 500 Studenten ein Experiment. In 2er oder 3er Gruppen bekamen sie je eine Farbe und jeden Morgen eine andere Aufgabe zugeteilt. Sie sollten spontan losziehen und fotografieren, was sie entdeckten. Die erste Frage, die sich bei dem Experiment stellte, war, ob man Fragen riechen und schmecken kann. Die Studenten der weißen Gruppe waren davon überzeugt, dass ihre Farbe geschmacksneutral ist. Dann bewiesen ihre Fotos: Weiß lässt sich durchaus verschiedenen Geschmacksrichtungen zuordnen: Würzig, salzig, süß, milchig und es regt sogar den Appetit an.
Blau spielte die geringste Rolle bei Riechen und Schmecken und rief bei allen Gruppen die Assoziation von Schimmel und Ekel hervor. Außerdem zeigten die Fotos aller Studenten, dass eine Farbe nie nur eine, sondern oft ganz gegensätzliche Geschmacksrichtungen hatte, nämlich süß, sauer und scharf. Überraschend war die große Übereinstimmung der entdeckten Motive.
In dem Experiment stellte man fest, dass die Menschen über eine komplette Farbensprache verfügen, also eine nonverbale Möglichkeit der Verständigung, die beim Menschen schon längst angelegt war bevor sich die Wortsprache entwickelte.
In
dem Experiment wurde dann erforscht, ob man Farben fühlen kann. Alle blauen Gruppen verbanden mit ihrer Farbe Wasser und experimentierten damit auf ganz unterschiedliche Weise, wie z. B. ein Wasserfall aus Textilien. Die Studenten entdeckten auch auf der verwitterten Oberfläche eines ausgelassenen Schwimmbeckens Wasserlandschaften, Wellenstrukturen, Inseln und Strömungsfarben. Mit Weiß assoziierten alle Studenten harte, glatte und glänzende Oberflächen. Aber Weiß fühlte sich auch luftig, wattig und leicht an.
Der dritte Teil des Experimentes sah vor, dass sich die Studenten in einer Farbe kleiden sollten und einen Tag nach Lust und Laune gestalten sollten. Das Experiment sollte zeigen, wie sich Farben auf Gefühle und Verhalten auswirken. Das Ergebnis der statistischen Auswertung von 250.000 Fotos überraschte: Farben wirken auf unsere Gestik, unsere Mimik, welche Orte wir aufsuchen, mit welchen Dingen wir interagieren. Je nachdem, welche Farben die Studenten trugen, suchten sie sich doch ähnliche Umgebungen aus, benutzten ähnliche Gesten. In der Auswertung erkannte man, dass die Probanden, die dieselbe Farbe trugen, 100 % gleiche Verhaltensweisen an den Tag legten. Farben wirken also auf unser Erleben und unser Verhalten und verändern, wie wir der Welt letztendlich begegnen.
7.Die Farbe Blau
83 % der Fotos der blauen Gruppe drückten Ruhe und Entspannung aus. 75 % der Studenten ließen sich mit Blick nach unten alleine an einem verlassenen Ort fotografieren. Blau steht also auch für Melancholie. Viele Teilnehmer der blauen Gruppe ließen sich außerdem mit ausgebreiteten Gesten vor einem Himmel fotografieren. Freiheit und Unbegrenztheit werden auch oft mit der Farbe Blau in Verbindung gebracht.
8.Die Farbe Rot
Große Übereinstimmung der roten Gruppe gab es beim Thema Verführung. Weitere rote Eigenschaften waren dynamisch, selbstbewusst, vital und ausgelassen.
9.Die Farbe Weiß
In der weißen Gruppe zeigten überraschend viele Studenten kindliches Verhalten. Über 90 % kontrastierten weiße Kleidung mit einer schmutzigen Umgebung. Weiß regte die Studenten dazu an, den Körper vollkommen zu verhüllen. Außerdem hat Weiß etwas Starres, Gekünsteltes. Bei keiner anderen Farbe tauchten so viele gestellte, regungslose Fotos auf. Andere Fotos zeigten Menschen, die schweben, in der Luft springen. Weiß ist also auch luftig und frei. Wie bei vielen anderen Farben wird Weiß unterschiedliche Eigenschaften zugesprochen. Sichern Sie sich jetzt Ihr kostenloses Buch:
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