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Verfolgt man Diskussionen über "Sekten", dann hort man oft Aussprüche wie: "Darauf würde ich nie reinfallen" oder "Mir kann sowas ohnehin nicht passieren." Weit verbreitet ist zudem die Ansicht, daß nur "schwache" oder "labile" Menschen gefährdet sein könnten.
Beide Vorstellungen entsprechen nicht der Realität. Denn wie die Wirklichkeit immer wieder zeigt, ist prinzipiell jeder von neu-religiösen Gruppen ansprechbar. Vor allem idealistische und reflektiert lebende Menschen interessieren sich oftmals für neue Sinn-Anbieter.
Experten halten fest, daß generell Menschen, die vor wichtigen Lebens-Entscheidungen stehen, potentielle Adressaten dieser Gruppierungen sind. Personen, die über eine gefestigte Lebenseinstellung verfügen, sind im Gegenzug weniger "anfällig". Junge Menschen gelten deshalb als gefährdet, weil sie in den Jahren der Pubertät und der Adoleszenz wichtige Weichen für ihr Leben stellen müssen (sh. Abschnitt "Spezialfall Jugendliche"). Von den neuen Sinn-Anbietern fasziniert können Menschen unterschiedlicher Altersgruppen sein: Erwachsene etwa, die hohen Anforderungen in Beruf und Privatleben ausgesetzt sind, oder Menschen, die gesellschaftliche Gefahren wie Drogenmißbrauch, Umweltzerstörung oder Gewalt nicht tatenlos hinnehmen wollen. In derartigen Situationen sind auch Erwachsene zunehmend bereit, die Lösung dieser Probleme bei den "Programmen" der neuen Heilslehren zu suchen. Fast jeder Mensch ist einmal mit dem Werbeangebot einer derartigen Gruppierung konfrontiert. Ob und in welcher Form er diese Angebote wahrnimmt bzw. beitritt, hängt von verschiedenen persönlichen und externen Umständen ab. Das können z.B. folgende Faktoren sein:
- das Gefühl der Einsamkeit und das Bedürfnis nach Freunden oder einer Gruppe, zu der man dazu gehören kann;
- Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und das Gefühl, unbefriedigt zu sein;
- das Leiden unter Mißerfolgen in Schule oder Beruf;
- ein starker Leistungsdruck, den man auf Dauer nicht mehr auszuhalten glaubt;
- das Gefühl, daß eigene Leistungen nicht anerkannt werden;
- der Wunsch nach (mehr) Zuwendung und Geborgeneit;
- Enttäuschung durch eine zerbrochene Bindung im privaten Bereich;
- das Problem, als Jugendlicher Schwierigkeiten mit der Ablösung von den Eltern zu haben;
- der Wunsch nach einer neuen Eltemfigur oder Bezugsperson;
- die Angst davor, Verantwortung zu übernehmen, die zum Wunsch führt, diese Verantwortung auf eine Gruppe zu übertragen;
- das Bedürfnis nach dem echten, tiefen Sinn des eigenen Lebens;
- die Sehnsucht nach spirituellen Erlebnissen, die die Oberflächlichkeit der Realität übersteigen;
- der Wunsch nach möglichst perfekten Antworten auf persönliche und gesellschaftliche Probleme;
- das Bedürfnis nach einer geistlichen Führung und nach Autorität;
- die Enttäuschung über die heutige Gesellschaft, über ihren Materialismus und Egoismus;
- die Angst vor der Zukunft, die verhindert, daß man sein Leben eigenständig in die Hand nimmt;
- das Interesse an psychologischen Fragen und psychologischen Problem-Lösungen;
- der Wunsch, alternative Lebensmodelle jenseits der übernommenen und als überkommen empfunden Vorstellungen über Leben und Glück zu verfolgen;
- das Interesse daran, sich engagiert für eine bessere Zukunft einsetzen.
All diese Wünsche, Ziele und Sehnsüchte sind in jedem von uns vorhanden. Vor allem in Zeiten persönlicher Krisen kommen sie verstärkt zum Ausdruck. Wird man dann mit einem entsprechenden neuen Sinn-Angebot konfrontiert, ist das Interesse gegenüber diesem Angebot nicht verwunderlich. Dies natürlich auch unter der Voraussetzung, daß man über die einzelnen Bewegungen nicht oder nur unzureichend informiert ist. Inwieweit in der Folge die Bereitschaft besteht, sich der entsprechenden Gruppe anzuschließen, hängt von weiteren Faktoren ab. Dem weltanschaulichen Hintergrund des Einzelnen bzw. der betreffenden Gruppe kommt dabei entscheidende Bedeutung zu.
aus: "Sekten - Wissen schützt", Broschüre des österreichischen Bundesministeriums für Umwelt, Jugend und Familie, s. 11f.