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Wenn Nützlichkeit (größtmöglicher Nutzen für die größtmögliche Zahl, oder auch individueller Nutzen) das Gute normiert, ein Letztgedanke der Unantastbarkeit der Menschenwürde aber nicht zulässig sein soll, so können die Idee der Menschheit als eines Guten an und aus sich selbst, der Würde als eines Absolutums und einer letzten Grenze, nicht gedacht werden.
… Wenn Menschenwürde als transzendental apriorisch oder als metaphysisch unabdingbar für menschliches Sein angesehen und verstanden wird – im Sinn von dessen Maß (norma), dann bedeutet dies, dass sie keinesfalls und von niemandem zu- oder abgesprochen werden darf.
… Philosophisch ist mithin die anthropologische Unterscheidung zwischen ›Jemand‹, der Benennung für den Menschen als Person, und ›Etwas‹ von einer entscheidenden, empirisch nicht einholbaren Bedeutung.
… (Menschenwürde) ist also Privilegium ohne Verdienst und zugleich Verpflichtung. Ihr widerstreitet alles, was die menschliche Integrität bestreiten oder reduzieren würde.
… Ein Positivismus, der einen Transzendenzbegriff verleugnet, der über das hinausgeht, was in der Welt der Fall ist, kann sehr schnell zu der kurzschlüssigen Implikation kommen, dass Recht auf das jeweils gültige System begrenzt ist.
Es gibt eine Reihe von Fragen, zu denen ich mit bestem Wissen und Gewissen einen Standpunkt einnehme. Ich bin mir jedoch bewusst, dass möglicherweise Korrekturen anstehen – spätestens in der kommenden Ära.
- Wen werde ich auf der neuen Erde antreffen, den ich nicht erwartet hätte?
- Wieviel Kontinuität von der ersten Erde wird sein?
- Wie war das mit den Geistesgaben? Habe ich 1. Korinther 14 richtig verstanden?
- Ist die Bundestheologie wirklich das systematische Netz, das über die Heilsgeschichte gespannt werden kann?
- Hatte ich das mit der Kirchenordnung und -regierung richtig verstanden?
- Welche Bedeutung haben Taufe und Abendmahl, ganz abgesehen von den dogmengeschichtlichen Streitigkeiten?
- Hatte ich das mit dem "christlichen Hedonismus" auf angemessene Art erfasst?
- Welches sind die Werke, die durch Gottes Gnade Bestand hatten?
- Welches sind genau die Unterschiede in der Erkenntnis eines erlösten und eines nicht erlösten Menschen?
- Wie war das genau mit dem kulturellen Engagement der Christen gemeint?
Krieg gehört zur Schöpfung unter dem Sündenfall. Er bringt unsägliches Leid. Menschen sind über ihre Grenze gefordert und tragen dauernden Schaden davon. Hier sind fünf Bücher, die in verschiedener Weise den Zweiten Weltkrieg mit ihren Langzeitfolgen thematisieren. Ich habe kurze Rezensionen geschrieben.
Also packten wir es an. Zeitzeugenberichte 1945-1947. "Die 43 Beiträge bilden eine bunte Sammlung von persönlichen Erlebnissen in den ersten Jahren nach dem Krieg. Sie sind ungeschönt und schnörkellos. Kein einheitlicher Aufbau oder gar redaktionelle Bearbeitung, was das Lesen abwechslungsreich hält."
Mütter von Männern: 25 Söhne erinnern sich. "Der Evangelist Jörg Swoboda (* 1947) bat 25 Männer, deren Leben a) vom christlichen Glauben geprägt, b) andere Menschen beeinflusst und c) beruflich mit Theologie und Gemeindedienst verbunden ist, etwas über ihre Mütter zu schreiben."
Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. "Das Buch stellt eine Mischung zwischen Literaturrecherche, Portraits einzelner Schicksale und übergeordneter Reflexion dar. Die Werke von Soziologen, Ärzten, Schriftstellern und Historikern werden ebenso zitiert, wie einzelne Betroffene selbst zu Wort kommen."
Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat. "Die Kontrolle der „Organe“ reichte bis in die intimsten Details des Privatlebens ihrer Mitglieder hinein."
Der Teufel in Frankreich. Ein Erlebnisbericht. "Der bekannte jüdische Schriftsteller, der bereits in den 1920er-Jahren das aufkommende Unheil vorausgesehen hatte, beschreibt in diesem biografischen Bericht seine Erlebnisse im französischen Internierungslager in Les Milles, eine strapaziöse Zugfahrt und einen zweiten Aufenthalt in einem Lager in Nîmes im Jahr 1940."
Angeregt durch den Vortrag von Albert Mohler über die Reformation der Southern Baptists habe ich mich mit einer Aufsatzsammlung der Southern Baptists "Southern Baptist Identity: An Evangelical Denomination Faces the Future" beschäftigt, in der sich Leiter über die Zukunft der Denomination Gedanken machen. Dabei habe ich mir diese 20 Punkte notiert:
- Sie können benennen, welche 5 – 7 Themen innerhalb der Southern Baptists zur Zeit am heftigsten diskutiert werden und weshalb.
- Sie haben ein Bekenntnis, dessen Bindung bei den Dozenten der Seminare, den Pastoren und auch den Missionaren eingefordert wird.
- Sie sind sich bewusst, dass nicht nur der untheologische Pragmatismus, sondern ebenso der unversöhnliche Separatismus eine dauernde Gefahr darstellt.
- Es ist ihnen ein Anliegen, dass das Evangelium in jeder Predigt klar verkündigt wird – und dass stets die Gefahr besteht, dass auch dabei Clichés entstehen und gepflegt werden.
- Die (vor-)letzte Autorität liegt bei den Gemeinden und nicht beim Senior Pastor.
- Sie betonen die Mitgliedschaft sowie das Eingebundensein in die Ortsgemeinde bei evangelistischen Bemühungen.
- Sie behalten im Auge, woraus die Denomination hervorgegangen ist (Geschichte, Lieblingsthemen).
- Sie können benennen, was künftige Herausforderungen sind (z. B. finanzielle Gewohnheiten der Babyboomer, brach liegende Potenziale der Pensionierten, Merkmale der städtischen und multiethnischen Gemeinden, sexualethische Themen, Veränderungen durch die Neuen Medien).
- Sie sind sich bewusst, dass sich die Gemeindeglieder ihre Informationen zur Hauptsache übers Netz beziehen.
- Sie definieren nicht nur das Zentrum (hohe Sicht der Schrift, orthodoxes Verständnis der Trinität/Christologie, evangelisches Verständnis der Errettung, baptistisches Verständnis der Ekklesiologie), sondern ringen auch um die Definition der Grenzen.
- Sie stellen sich die Frage: Bewahren wir eine demütige Haltung auch bei Uneinigkeit?
- Sie investieren viel Zeit und Energie in theologische Fragen, weil sie sich bewusst sind, dass sie andernfalls bald von der säkularen Umgebung "aufgesaugt" würden.
- Sie betreiben theologische Triage durch die Überlegung: Welche Menschen in welcher Verfassung betreten unsere Gemeinden?
- Sie sind sich der Gefahr der Verwirrung bewusst, wenn Gemeinden und Gemeindebund zu stark wie ein Unternehmen geführt werden.
- Sie fragen sich, was die Auswirkungen einer neuen Generation von theologisch konservativen Pastoren sein könnten.
- Sie unterscheiden zwischen gemeinsamen Überzeugungen inhaltlicher Art und den Merkmalen einer gemeinsamen (Sub-)Kultur ("tribal identity").
- Sie wachen über den theologischen Seminaren.
- Sie sind sich den möglichen Auswirkungen bewusst, wenn Gemeindezucht nicht geübt wird oder es bei formalen Bekenntnissen genügen lässt (anstatt auf Anzeichen echter Bekehrung zu achten).
- Sie verschliessen nicht die Augen davor, dass nur ein kleiner Teil der nächsten Generation der Denomination treu bleibt.
- Sie wissen um die Möglichkeit, dass das Einreden "weltoffen" und "aufgeschlossen" zu sein schnell in eine Haltung des Vermeidens schwieriger Fragen abdriftet.
Wir fragen uns:
Was werden wir heute im Feierabend unternehmen?
Was sollen wir morgen anziehen?
Wie verbringen wir das nächste Wochenende?
Wir sorgen uns
um unser Essen
um unsere Befindlichkeit
um rechtzeitig den Zug zu erwischen.
Wir jagen nach
dem nächsten Erlebnis,
der Bestätigung von anderen,
der Ablenkung von Unangenehmem.
Schenke uns
das Leben immer wieder vom Ende her zu denken
zu priorisieren
und entsprechend zu investieren.
In aktiver Passivität
voller Vertrauen die leeren Hände ausstreckend,
engagiert laufend und kämpfend
und doch dankbar und gelassen.
Sich fragend:
Mit wem lässt du mich gerade zusammentreffen?
Wem lässt du mich dienen?
Wem die ewige Hoffnung bezeugen?
Bittend:
Was werde ich der nächsten Generation hinterlassen,
was meinen (ehemaligen) Arbeitskollegen,
was meinen (ehemaligen) Nachbarn?
Dankend:
Für das, was ER bis heute gewirkt hat.
Für das, was ER mir jetzt gerade schenkt.
Für das, was ER bereithält.
Mein Zweiter hat Tolkiens Meistererzählung „Der Hobbit“ gelesen bzw. sich als Hörbuch vorlesen lassen und brillant auf seine Lebensreise angewandt (ich paraphrasiere):
Ich muss in meinem Leben nicht nach Abenteuern suchen,
denn sie begegnen mir in meinem Alltag.
Ich bin in Gemeinschaft mit anderen unterwegs,
habe viele Feinde zu bekämpfen und Versuchungen zu widerstehen.
Dabei bleibe ich motiviert (wenn auch zwischendurch verängstigt und entmutigt),
bis ich am Schluss am Ort des Schatzes ankomme.
Ich lese dieses Jahr durch verschiedene Werke zur Reformation und den Reformatoren. Ich habe jeweils kurze Besprechungen veröffentlicht:
- Timothy George. Theology of the Reformers. Ausgezeichnete Einführung in das Werk von fünf Reformatoren.
- Herman J. Selderhuis. Johannes Calvin: Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel. (2009) Mit sehr vielen Hinweisen aus seinem Briefwerk.
- Herman J. Selderhuis. Gott in der Mitte. Calvins Theologie der Psalmen. (2004) Herz erfrischende Monografie mit unzähligen Hinweisen auf die Kommentare, thematisch geordnet.
- Bruce Gordon. Calvin. (2009) Exzellene Einbettung in die Zeitgeschichte, realistisches Portrait.
- Bruce Gordon. John Calvin's "Institutes of the Christian Religion" (Lives of Great Religious Books). Eindrückliche Biografie zum grossen Werk.
- Ford L. Battles. Interpreting Calvin. Zentrale Aufsätze des Calvin-Experten.
- Martin Luther. Das grosse Lesebuch (Fischer Klassik Plus.) Exzellente Textauswahl zu Luther.
- Martin Greschat. Philipp Melanchthon: Theologe, Pädagoge und Humanist. Zügige Einführung und Überblick.
- Karin Maag. Melanchthon in Europe: His Work and Influence beyond Wittenberg (Texts and Studies in Reformation and Post-Reformation Thought). Feine Studie zum Einfluss Melanchthons.
- Martin Greschat. Martin Bucer – Ein Reformator und seine Zeit. Sorgfältig recherchierte, zu den Quellen führende Biografie.
- Fritz Büsser. Heinrich Bullinger. Leben, Werk und Wirkung: Heinrich Bullinger 1. Der Zürcher Kirchenhistoriker hat sich lebenslang mit Bullingers reichem Werk auseinandergesetzt.
- Alan Jacobs. Book of Common Prayer (Lives of Great Religious Books). Mehr als ein Gebetsbuch.
Ich schätze es sehr, wenn der Autor seines Buches seine eigene weltanschauliche Position offenlegt (Diarmaid MacCulloch, Die Reformation, DVA: München, 2008, S. 21):
Meine eigene Perspektive ist weder konfessionell noch dogmatisch-christlich ausgerichtet. Meine religiösen Wurzeln liegen in der anglikanischen Kirchengemeinschaft: Ich entstamme einer Linie von Geistlichen der Schottischen Episkopalkirche… Und ich habe mir eine tiefe Zuneigung zum Anglikanismus in seiner besten Form bewahrt, zu seiner unverwechselbaren, dezenten Kultur und Kunst, seiner Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und einer Einstellung zur Wahrheitsfindung, die sowohl respektvoll zynisch als auch geduldig ernsthaft ist. Ich persönlich billige heute kein wie auch immer geartetes religiöses Dogma (auch wenn ich mich mit einer gewissen Nostalgie daran erinnere, wie es war, als ich es getan habe). Als Autor eines Buches über die Reformation in einer Gesellschaft, die grösstenteils vergessen oder nur zum Teil verstanden hat, worum es damals ging, sehe ich darin einen Vorteil. 'Blinder Unglaube wird immer irren', sang der christliche Kirchenlieddichter William Cowper im georgianischen England des 18. Jahrhunderts. Historiker würden wahrscheinlich entgegnen, dass blinder Glaube sich als weit abgründiger erwiesen hat. Geschichtsschreibung mit einer unterschwellig konfessionellen Perspektive läuft Gefahr, die Geschichte aus einer einseitigen Voreingenommenheit heraus zu verfälschen.
Heisst übersetzt wohl etwa:
- Christliche Vorfahren
- Eigene religiöse Vergangenheit
- Persönlich (als Fortschritt gedeutete) "Entwicklung"
- Dogmenfeindlichkeit (als neues erstes Dogma)
- Abneigung gegen "blinden Glauben"
- Fazit: Säkular-religiös, mit christlichen Versatzstücken/Tugenden
Daher kommt auch der ungeheure Schlamm von Irrtümern, der die ganze Welt bedeckt und erfüllt. Denn einem jeglichen ist sein Verstand wie ein Labyrinth, und es ist deshalb kein Wunder, daß die einzelnen Völker je in ihre besonderen Irrtümer verfallen sind, ja daß es dabei nicht bleibt, sondern gar einzelne Menschen sich ihre eigenen Götter gemacht haben. Es gesellte sich ja zur Unwissenheit und Verfinsterung die Keckheit und der Mutwille, und deshalb ist kaum einer zu finden, der sich nicht an Stelle Gottes ein Götzenbild oder ein Gespenst gemacht hätte! Wie aus einer großen und weiten Quelle die Wasser hervorbrechen, so fließt auch die unmeßbare Menge der Götter aus dem Menschenherzen hervor, indem jeder in seiner Ausschweifung bald dies, bald jenes Gott freventlich andichtet.
Ich habe Menschen kennengelernt, die sich durch Lexikas geblättert und gelesen haben. So kam ich auf den Gedanken einzelne Artikel aus Kompendien zu lesen. Es gibt mittlerweile zu vielen Themen, Personen und Epochen solche Begleitwerke, z. B. die Reihe der Oxford Companion, der Cambridge Companion oder die der Blackwell Companions to Literature and Culture.
Aus dem The Oxford Companion to the Supreme Court of the United States las ich unter den Stichworten "Abortion" und "Roe vs. Wade" über die gerichtlichen Entscheide zur Zulassung der Abtreibung in den Vereinigten Staaten nach. Hier sind 10 Argumente:
- Es gehe um das konstitutionelle Recht zur sexuellen Autonomie (zu deutsch "Eigengesetzlichkeit"). Der Umbruch sei durch die sexuelle Revolution und die Verhütungsmittel ausgelöst worden.
- Die Vorkämpfer der Abtreibungsbefürworter, allen voran Margaret Sanger, wollten die Familiengrössen besonders unter Armen begrenzen.
- Es gehe um die reproduktive Selbstbestimmung (ich folgere: es geht vor allem um das Individuum, nicht um die Langfristfolgen für die Gemeinschaft).
- Die zentrale Frage laute: Ist der Fötus ein vollständiges menschliches Wesen? Genau, das ist die Frage. Christen können darauf nur mit einem entschiedenen "Ja" antworten.
- Die Argumentation für die Legalisierung im ersten Trimester: Es gehe um die "Gesundheit der Frau". Im zweiten Trimester handle es sich um "potenzielles Leben".
- Es gab verschiedene Vorstösse, den Begriff "Person" für Ungeborene gesetzlich zu verankern. Ein wichtiges Anliegen!
- Die Frauen hätten sofort realisiert und reagiert, wenn sie in einem anderen Bundesstaat ihr Ziel (Abtreibung) erreichen konnten.
- Ein weiteres Argument lautete, die Illegalität aufheben zu wollen und damit die Qualität der medizinischen Versorgung zu heben. (Heute wissen wir, dass dadurch vor allem die Zahl der Abtreibungen dramatisch anstieg.)
- Pikantes Detail: Die Frau, an deren Fall sich die Gerichtsentscheidung 1973 zuspitzte, log das Gericht an, es habe sich um Vergewaltigung gehandelt. Im Nachhinein gab sie zu, dass das Kind aus einer zerbrochenen Beziehung stammte!
- Als praktische Folge wird festgehalten: Abtreibung auf Verlangen ist möglich. Erschütternd!