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|Alfred
Mierzejewski: Ludwig Erhard

Artikel vom 5. Juli 2005
Alle schnorren immer wieder von ihm,
doch wer hat ihn eigentlich gelesen, studiert und danach umgesetzt? Die Rede
ist von Ludwig Erhard. Er gehört zusammen mit Karl Schiller und Otto
Graf Lambsdorff zu den bedeutenden deutschen Wirtschaftsministern seit dem
Zweiten Weltkrieg.
Karl Schiller war einer jener Ausnahmepolitiker, der die Konsequenzen aus
einer falschen (Wirtschafts-) Politik - jener der Regierung Brandt - zog und
1972 zurücktrat. Otto Graf Lambsdorff gelang in den 1980er Jahren eine - wenn auch
bescheidene - Trendwende, ehe er über den Flick-Skandal stolperte und die
deutsche Wiedervereinigung seine Politik wegfegte. Gerade die Wiedervereinigung wäre
ja der richtige Moment für eine (wirtschaftspolitische) Rede à la Churchill
1940 gewesen: blood, toil, tears and sweat. Doch auf der ökonomischen
Ebene versagte Kohl. Statt einer Rückkehr zu ordoliberalen Ideen folgten eine
Schuldenpolitik und noch mehr Staat. Da tröstet auch der Hinweis auf die Sozialdemokraten
wenig, die damals an Kohls Stelle eine noch verheerendere Wirtschaftspolitik
betrieben hätten.
Immerhin aufmerksam gelesen und studiert hat den erfolgreichen deutschen
Wirtschaftsminister und schwachen Kanzler ein Amerikaner, der seine Kenntnisse
in einer lesenswerten Biografie verarbeitet hat, die als Gegenstück zur
kenntnisreichen, aber vernichtenden Studie von Volker Hentschel (Ludwig
Erhard. Ein Politikerleben) gelten kann: Alfred C. Mierzejewski: Ludwig
Erhard. Mierzejewski ist Professor für Geschichte an der University of
North Texas und Verfasser zahlreicher Publikationen zur deutschen
Wirtschaftsgeschichte.
In den Augen von Mierzejewski stellt Hentschel Ludwid Erhard als
"Hanswurst" dar. Doch zollt der Amerikaner der detailreichen,
umfassenden Arbeit des Deutschen Tribut, nicht zuletzt in den zahlreichen
Verweisen auf Ein Politikerleben. Der Unterschied der zwei Autoren
liegt nicht so sehr bei den Fakten, als vielmehr bei deren Interpretation.
Hentschel hebt die unbestrittenen Schattenseiten Erhards hervor, die
Mierzejewski übrigens keineswegs ignoriert, doch dabei den Akzent auf die
Erfolge Erhards legt. Hentschel rückt selbst bei Erhards politischen Siegen
Negatives in den Vordergrund, redet die Erfolge bzw. Erhards Anteil daran
klein, während dem Mierzejewski Erhards Verdienste würdigt, dabei Kritik
nicht verschweigt, jedoch unverständlicherweise Adenauer keine Visionen zubilligen will.
Hentschel und Mierzejewski sind sich in einem Punkt weitgehend einig: Alle in
Deutschland beriefen und berufen sich auf Erhard, doch in Wahrheit verstanden
die meisten nie seine Politik, beherzigten keine seiner Rezepte, ja
hintertrieben gar bewusst seine Massnahmen. Das betrifft Feinde wie Freunde in den eigenen Reihen.
Mierzejewski beschreibt eindringlich die frühen Erfolge Erhards, das Jahr
1948, die Liberalisierung der Bizone mit der Währungsreform sowie später der
Bundesrepublik. Von "1948 bis 1951 wehrte er sich mit Erfolg gegen Planer
und Interventionisten". Er glaubte immer an die Währungsreform und an
den Markt, auch als sein Projekt auf der Kippe zu stehen schien, weil
Rückschläge erfolgten, ehe die Marktmechanismen sich einspielten und wieder
richtig greifen konnten. Damals kamen zwischenzeitlich selbst den Amerikanern
und Adenauer Zweifel, ob Erhards Politik so weitergeführt werden könne.
1951, als die Wirtschaft entgegen den (vor allem linken) Kritikern boomte,
bezeichnet Mierzejewski als den Höhepunkt von Erhards Karriere.
Mierzejewski analysiert, wie Mitte der 1950er Jahre Arbeitnehmer und
Arbeitgeber, die vom Staat Geschenke erwarteten bzw. den Markt zurückdrängen
wollten, an Einfluss gewannen, und wie die Regierung zwecks Machterhalt willig
Wahlgeschenke machte. Fortan setzte Erhard seine meiste Energie gegen
marktfeindliche Kräfte ein und wirkte daher weniger gestaltend, nicht zuletzt
weil er kein originärer Denker war. Leider beleuchtet Mierzejewski nicht im
Detail und gesondert die Beziehung Erhards zu den verschiedenen liberalen und
ordoliberalen Schulen und Denkern.
In den 1950er Jahren folgte ein langer, weitgehend erfolgloser Kampf Erhards
gegen die Kartelle. Interessengruppen, nicht zuletzt der Bundesverband der
Deutschen Industrie, verwässerten das Kartellgesetz so sehr, dass es bei der
Verabschiedung 1957 nicht mehr viel mit Erhards ursprünglichem Konzept zu tun
hatte. Mierzejewski bezeichnet dies zurecht als die erste grosse Niederlage
Erhards. Eine zweite folgte sogleich in der Rentenreformdebatte. Die ebenfalls
1957 verabschiedete Sozialreform brachte massive Rentenerhöhungen mit sich.
Obwohl Erhard dem Gesetz skeptisch gegenüber stand, versuchte er die Reform
zu modifizieren und überliess die Opposition dem Finanzminister, wie Mierzejewski
kritisch anmerkt. Die Folgen für den Staatshaushalt sind bis heute zu
spüren.
Die Staatsausgaben stiegen, Defizite kamen, langsameres Wachstum und eine
steigende Arbeitslosigkeit waren - wie von Erhard vorausgesagt - die Folge. Es
war der Schritt weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zum Wohlfahrtsstaat,
wie Mierzejewski betont.
Erhard war ein Einzelkämpfer, ein Mann ohne Lobby, ohne Rückhalt bei den
Hinterbänklern der Regierungskoalition, der zudem die Kleinarbeit, das
Aktenstudium scheute, sich auf die Festlegung der grossen Linien sowie die
Darstellung seiner sozialen Marktwirtschaft in der Öffentlichkeit
konzentrierte. Als Kanzler war er ungeeignet und musste scheitern, wie
Adenauer zurecht vorhersah, was Mierzejewski allerdings nicht so recht
einsehen will, auch wenn er mit Kritik nicht spart.
Aussenpolitisch stellte sich der Atlantiker Erhard zu offensichtlich auf die
Seite der Amerikaner. Als Kanzler wurden ihm seine "Ehrlichkeit und
Offenheit" - Mierzejewski hätte auch Naivität hinzufügen können - zum
Verhängnis. Präsident Johnson vergalt Erhard dessen Position schlecht, liess
den Kanzler wiederholt im Regen stehen, mit leeren Händen aus Washington nach
Bonn zurückfliegen.
Im Verhältnis zu de Gaulle sieht Mierzejewski Erhards Misstrauen
gerechtfertigt. De Gaulle lag wirtschaftspolitisch mit seiner planification
- die Mierzejewski leider nie näher erläutert - falsch. Bereits Adenauer
hatte de Gaulle der deutsch-französischen Versöhnung wegen und wider
besseres Wissens in Agrarfragen nachgegeben, mit den bis heute sich
auswirkenden Folgen. Premierminister Blair hatte vor kurzem bei der Übernahme
der EU-Ratspräsidentschaft 2005 recht mit dem Hinweis auf den unhaltbaren
Zustand, dass nach den bestehenden Plänen selbst noch 2013 rund 40% des EU
Budgets für die Landwirtschaft vergeudet werden sollen. Diese Politik wurde
bereits unter de Gaulle und Adenauer eingeschlagen und fand später mit
Agrarminister Chirac - dem heutigen, unfähigen Präsidenten Frankreichs -
seine traurige Fortsetzung, wobei das Ende immer noch nicht abzusehen ist.
Allerdings verkennt Mierzejewski die Bedeutung der deutsch-französischen
Aussöhnung, die Europa bis heute Frieden gebracht hat. Adenauer versuchte von
1960 bis 1963 die Quadratur des Kreises, wie Mierzejewski zurecht anmerkt.
Erhards einseitige Festlegung auf die USA brachte allerdings auch nicht die
erhoffte Lösung.
Erhard war ein Unpolitischer, der dachte, seine Ideen würden sich
durchsetzen, weil sie richtig waren. Seit seiner Jugend sei er Konflikten aus
dem Weg gegangen, so der Autor. Zudem habe er ein idealistisches Bild der USA
gehabt, das nicht der Realität entsprach, insbesondere nicht die
Veränderungen seit dem New Deal mit einbezog. Dass Grossbritannien seit dem
Zweiten Weltkrieg nicht mehr das marktorientierte Land des Freihandels war,
erkannte Erhard ebenfalls nicht, wie Mierzejewski kritisch anmerkt.
Erhards dritten Weg bezeichnet Mierzejewski
als Absage an die Marxisten, aber auch an "den unbeschränkten freien
Markt". Er wollte keinen Laissez-faire-Kapitalismus, sondern freie
Märkte, die vom Staat auf Absprachen und Monopole überwacht werden.
"Nur der Markt, so Erhard, könne den Wohlstand gerecht verteilen."
Er war davon überzeugt, dass "ein von einer starken Regierung
überwachter freier Markt das sozial verantwortungsvollste Wirtschaftssystem
sei". Daher die Formel von der sozialen Marktwirtschaft, die von
der Linken sowie Teilen der Rechten bis heute falsch verstanden wird.
Bei Erhard kommt dem starken Staat neben der Schaffung und Aufrechterhaltung
des Marktsystems die Aufgabe der Überwachung der sozialen Auswirkungen
ökonomischer Entwicklungen, die Sicherung von Wohlstand und Stabilität, die
Förderung von Wachstum und freiem Handel sowie die Bereitstellung der
Infrastruktur zu. Unter letzterem verstand Erhard im Sinne von Adam Smith und
Walter Eucken Versorgungsbetriebe, Schulen und die Legislative, so Mierzejewski.
Als "wichtigstes Vermächtnis" Erhards bezeichnet der Autor dessen
"Wirtschaftsphilosophie und seine Ethik des Fairplay". Seine
Liberalisierung der deutschen Wirtschaft "schuf ein Deutschland, das sich
grundlegend vom Staat unter den Fürsten, dem Kaiser, den Weimarer Politikern
und Hitler unterschied", denn sie "ermöglichte sowohl Wohlstand als
auch ökonomische und politische Freiheit."
Erhard nannte Neid und Missgunst gegenüber jedem, der wohlhabender ist, das
deutsche "Erbübel", so Mierzejewski, sich auf die Rede
"Handwerk hat Zukunft" des Ministers in Köln 1960 berufend, die im
Sammelband
Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften
abgedruckt ist. Damit wären wir bei Mierzejewskis Quellen.
Der Autor gehört zu jenen verdienstvollen, die am Ende des Buches einen
bibliografischen Kommentar abgeben, sodass der Leser eine Ahnung erhält, auf
wen und was sich der Autor genau stützt bzw. was besonders lesenswert ist.
Hier einige Auszüge daraus:
Unter den Primärquellen verweist Mierzejewski natürlich zuerst auf die
Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn, die eine umfangreiche Sammlung seiner
Korrespondenz und seiner Schriften beherbergt. Als "zweitwichtigste
Fundgrube" bezeichnet der Autor die Akten des
Bundeswirtschaftsministeriums im Bundesarchiv Koblenz. Die Sammlung sei
"ebenso schlecht organisiert wie einst Erhards Ministerium". Mit
diesem Kommentar wird einmal mehr klar, dass Mierzejewski - bei aller
Abgrenzung von Hentschel - kein Apologet Erhards ist. Nicht verkneifen kann
sich der Autor den Fingerzeig an die deutschen (Wirtschafts-) Historiker, die
reichhaltigen Archivquellen zu Erhard und zur deutschen Wirtschaft von Mitte
der 1940er bis Mitte der 1960er Jahre seien bisher kaum benutzt worden.
Zu den wichtigen Sekundärquellen gehört Hentschel, dessen Erhard-Biografie
der Autor im bibliografischen Kommentar als "umfassend, sorgfältig
recherchiert" bezeichnet. Doch fügt er an: "Der Held wird darin als
Stümper dargestellt, der es zwar gut meinte, dessen politische Massnahmen
aber fast immer missverstanden wurden. Der Hauptvorzug von Hentschels
Darstellung ist seine Vollständigkeit." Mierzejewski fügt hinzu,
Hentschel interpretiere "Erhards geistige Entwicklung und sein Verhalten
als Kanzler falsch, insbesondere seine Aussenpolitik". Hier können wir dem
Amerikaner nur bedingt folgen.
Mierzejewski erklärt zwar die Aussenpolitik aus der Sicht Erhards als logisch
und richtig, zudem als besser als bisher allgemein angenommen. Dabei
unterschätzt er jedoch den Beitrag Adenauers,
der sehr wohl Visionen hatte. Adenauer gehört das Verdienst der Durchsetzung der Westbindung
Deutschlands, in einer Zeit, in der viele von einem neutralen Deutschland in
der Mitte Europas schwadronierten. Ohne Adenauers
Aussöhnung mit Frankreich wären keine EWG, keine EU und kein
wiedervereinigtes Deutschland möglich geworden. Im Gegensatz zu Mierzejewskis
Einschätzung war Adenauer also durchaus ein langfristig denkender Politiker.
Zudem half er innerhalb der CDU das Konzept der Marktwirtschaft durchzusetzen.
In der Partei gab es ja nach dem Zweiten Weltkrieg christlich-ethisch
untermauerte kollektivistische Fantasien. Auch wenn Adenauer danach sündigte
und seinem Wirtschaftsminister schon mal in den Rücken fiel, so bleibt sein
Bekenntnis zur Marktwirtschaft entscheidend. All das ignoriert Mierzejewski bzw. redet es klein.
Mit diesem Exkurs sollen natürlich Adenauers Schattenseiten nicht beschönigt
werden.
"Gerade weil Erhard so viel Energie der Verbreitung seiner Ideen in der
Öffentlichkeit widmete, ist diese Sammlung unverzichtbar", schriebt Mierzejewski
zu Erhards Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften, 1988 herausgegeben
von Karl Hohmann. Das Kompendium bezeichnet der Autor als wichtigste
veröffentlichte Sammlung von Archivquellen, "die für Erhards
öffentliches Leben von Bedeutung sind".
Als herausragende Sekundärquelle bezeichnet Mierzejewski die Studie von
Anthony J. Nicholls: Freedom with Responsibility: The Social Market Economy
in Germany 1918-1963. Darin finde sich "eine scharfsichtige
Darstellung des Aufkommens der neoliberalen Schule der
Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland". Laut Mierzejewski wird in dem
Buch klar, weshalb Erhards Politik keine "unverantwortliche Rückkehr zu
den Exzessen Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutete, sondern eine ausgewogene
Form des 'dritten Weges' war".
Als Korrektiv zur umfassenden zweibändigen Adenauer-Biografie von Hans-Peter
Schwarz empfiehlt Mierzejewski die ebenfalls zweibändige von Henning Köhler,
die allerdings ihrerseits stellenweise zu kritisch ist bzw. in der Bewertung
falsch liegt.
Unter den Spezialstudien verweist Mierzejewski unter anderem auf Henry Wallich:
Mainsprings of the German Revival von 1954, Rüdiger Roberts: Konzentrationsverbot
in der Bundesrepublik sowie Hans Günter Hockerts: Sozialpolitische
Entscheidungen im Nachkriegsdeutschland.
Eine "gründlich recherchierte und sorgfältige, ausgewogene Diskussion
der Quellen für Erhards wirtschaftliche Anschauungen" bezeichnet Mierzejewski
Horst-Friedrich Wünsches Ludwig Erhards Gesellschafts- und
Wirtschaftskonzeption. Erhard werde bei Wünsche zurecht nicht als simpler
Anhänger Röpkes und Euckens dargestellt, doch lese er zuviel in andere
Quellen hinein und lasse die chronologische Entwicklung der Ansichten Erhards
ausser Acht.
Als Schlusswort sei ein Gang in die Ludwig-Erhard-Stiftung empfohlen, deren
Besuch eigentlich zum Pflichtprogramm
aller Wirtschaftsstudenten - und verwirrten Geister wie Oskar Lafontaine -
gehören sollte.

Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard. Siedler, 2005, 397 S. (engl.
Originalausgabe The University of North Carolina Press 2004). Bestellen bei Amazon.de
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Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. Olzog Verlag,
2002, 712 S. Bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Ludwig Erhard: Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften.
Herausgeber Karl Hohmann. Gebundene Ausgabe, Econ Verlag, München, 1998, 1104
S. Leider nicht mehr im Programm. Diesen Band sollte Econ neu auflegen, denn
Deutschland braucht neue Erhards, und hier kann man ihn unverfälscht, im
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