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Herbert Büttiker, Der Landbote (02.06.2008)
Die Aufführung von Luigi Cherubinis «Medea» steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. Das Stadttheater Bern, das die Oper wieder einmal auf eine Schweizer Bühne bringt, hat Glück im Unglück mit der Einspringerin Elzbieta Szmytka.
Wer «Medea» hört, denkt an Maria Callas. Ihre Interpretation von Cherubinis Heroine am Maggio Musicale Fiorentino 1953 bedeutete die Wiederentdeckung dieser Oper für das 20. Jahrhundert und der Gewinn einer starken, faszinierend schillernden Heldin für das Musiktheater bis heute: eine liebende Frau, die den Verrat des Mannes furchtbar rächt, eine böse Zauberin, die Jasons neue Braut, ihren Vater Kreon auf bestialische Weise zu Grunde gehen lässt und am Ende als Mörderin ihrer eigenen Kinder triumphierend die gelungene Rache feiert.
Eigenartig kreuzen sich in dieser singulären Gestalt archaische Mächte des Weiblichen und die moderne Diskussion um die Unterdrückung der Frau – so schon in der griechischen Tragödie des Euripides im 5. Jahrhundert und dann in den vielen Bearbeitungen seines Stückes, zu denen auch Cherubinis Oper gehört. Diese wurde 1797 in Paris uraufgeführt, machte im 19. Jahrhundert, sehr bewundert von Komponisten wie Beethoven oder Brahms, im deutschen Sprachraum Karriere, und erst nach dem internationalen Erfolg mit Maria Callas kehrte sie in den 60er-Jahren zurück nach Paris.
In der Tradition Glucks, aber auch beeinflusst durch Haydn und Mozart besticht Cherubinis Oper durch eine sorgfältige Dramaturgie und ein Gestalten in grossen Zusammenhängen, vor allem aber bietet sie ein musikalisch reich differenziertes Porträt der Heldin zwischen zarten Muttergefühlen und aufbrausenden Rachegelüsten, zwischen wilder Verzweiflung und berechnender Verstellung.
Eine Absage, ein Kraftakt
Es sind neben zwei Arien vor allem spannungsvolle Duettszenen mit Jason und Kreon, schliesslich die Finalszene mit den Klagerufen des Chors und den expressiven Steigerungen im weiten Tonumfang, die nach der grossen Stimme und dem hochdramatischen Temperament rufen. Viele grosse Sopranistinnen folgten dem Ruf, respektive Maria Callas; im Opernhaus Zürich ist die Inszenierung mit der Griechin Antigone Sgourda in der Saison 1971/72 unvergessen. Nach langer Absenz auf den Schweizer Bühnen hatte das Werk jetzt nicht in Zürich, sondern am Stadttheater Bern endlich wieder einmal Premiere – und kein Topstar im Operngeschäft war angesagt, sondern eine der profilierten Sängerinnen, die herausfordernden Regisseuren zur Seite stehen – wenn es nicht ganz anders kommt.
Leandra Overmann musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Als Ersatz konnte Elzbieta Szmytka verpflichtet werden. Sie hatte in der letzten Spielzeit die Partie in Enschede gesungen. Dennoch und obwohl gesanglich in der wenig stabilen, eher kurzatmigen und etwas brüchigen Stimmführung auch viele Wünsche offen blieben, war das kurzfristige Einspringen eine bewundernswerte Leistung. Zum einen sind da die Fassungsfragen – Bern erarbeitete sich eine Mischfassung mit teils gesprochenen originalen Dialogen (ins Italienische übersetzt) und den üblichen, später hinzukomponierten Rezitativen von Franz Lachner. Zum anderen galt es, sich in kurzer Zeit eine episodenreiche Regiearbeit einzuleben. Zu Recht konnte sich Elzbieta Szmytka, die mit einem darstellerischen wie stimmlichen Kraftakt beeindruckt hatte, am Ende jubelnden Applaus entgegennehmen.
Insgesamt ergab sich an der Premiere eine Steigerungskurve von zunächst etwas steifer zu impulsiverer Dramatik. Das betraf vor allem auch die weiteren Protagonisten, Thomas Ruud als Jason vor allem, dann auch Carlos Esquivel als Creonte. Hélène le Corre bezauberte mit hellem Sopran als Glauce gleich zu Beginn, und Qin Du als Neris setzte mit mezzosopranistischer Fülle einen schönen Ruhe- und Glanzpunkt ins Drama. Eine anspruchsvolle Aufgabe bewältigten Chor und Orchester mit steigender Intensität, die der Dirigent Srboljub Dinic in guter Balance aller Kräfte wirkungsvoll erreichte.
Auf wirkungsvolle, auch schockierende Bilder zielt das Inszenierungsteam mit Jakob Peters-Messer (Regie), Markus Meyer (Bühne) und Sven Bindseil (Kostüme) von Beginn weg. Raum und Kostüme siedeln die Handlung in der Moderne an, womit die Entstehungszeit der Oper ebenso gemeint ist wie die Gegenwart. Aber mit elementarer Wucht bricht Medea ins gesellschaftliche Zeremoniell um Jasons Hochzeit mit Glauce ein: und dabei verlässt die Inszenierung alle realistische Verortung. Ein bleiern schimmernder und keilförmiger Fels, auf dem Medea sitzt, durchstösst mit Getöse die Palastmauer.
Mythos und Aktualität
Konsequent gegen die klassische Mauerschau, die auch bei Cherubini noch das Grässliche vor den Augen fernhält, zeigt die Inszenierung sogar die mörderischen Phantasien Medeas, bevor sie Wirklichkeit werden. Zur Sturmmusik (Introduktion 3. Akt) geistert, das verzauberte Diadem auf dem Kopf, die blutüberströmte Braut über die Bühne, und Medea dekliniert gleich mehrere Todesarten an ihren Kindern durch. Da wird dick aufgetragen, aber auch eine drastische Albtraumszenerie evoziert. Eine solche ist die Inszenierung aber auch als Ganzes und als solche ist sie, von Einzelheiten einmal abgesehen, eine adäquate Reaktion auf die Tatsache, dass die Geschichte aus dunkler Vorzeit nicht aufhört, aktuell zu sein.