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Gelbgurt
DER GELBGURT: 6. und 5. KYU
Die Stufe der Behauptung
Nach etwa sechs Monaten ernsthaften Trainings legt der Blaugurt die Prüfung für den sechsten Kyu, also Gelbgurt, ab. Die Farbe Gelb entspricht dem dritten menschlichen Rückenmarkszentrum, dessen Element das Feuer ist. Durch die Polarität steht dieses Zentrum in Verbindung mit seika tanden, der einen Stelle im tieferen Unterleib, welche in der japanischen Philosophie und in den Überlieferungen der Kampfkünste so oft erwähnt wird. In ihr sammelt sich die psychisch-kreative Energie, sie ist das körperliche Zentrum des Gleichgewichtes und liegt unterhalb des Bauchnabels. Man nennt diese Region des Unterleibes auch Hara. Der auf den Gelbgurt trainierende Schüler sammelt sein Bewusstsein im Hara. Demzufolge sollte er versuchen, das Prinzip zu verstehen, Kraft durch Hüfte und Taille zu entwickeln. Durch viel Training lernt man, das die Kraft eines Schlages oder Trittes nicht in der Hand oder im Fuß entsteht. Das Bewegen des schlagenden Körperteils ist von zweitrangiger Bedeutung – es ist der Körper, hauptsächlich der Hara, der diese Kraft erzeugt.
Sosai Oyama betonte im Training häufig, daß man sein Bewusstsein im Hara fokussieren soll. Beim Schlagen konzentriert man sein Bewusstsein zusätzlich auf den Latissimus dorsi, der dazu beiträgt, den Ellenbogen nahe am Körper zu halten und so die Einheit von Körper und Arm ermöglicht. Auf diese Weise ermöglicht man dem Hara, seine Kraft durch den Arm zu übertragen. Wenn man sich beim Trainieren nicht auf den Hara konzentriert, erhält man den Eindruck des Auf- und Niederwippens; der Körper scheint zu versuchen, Kraft nur aus der Schulter zu generieren. Kralle dich mit den Zehen in den Boden, senke deinen Schwerpunkt und fühle, wie du durch eine unsichtbare Verbindung, die dich vom Gürtel an abwärts zieht, mit dem Boden verwurzelt bist. Konzentriere dich auf den Hara und fühle wie die Energie daraus strömt. Deine Fähigkeiten werden sich drastisch verbessern.
Die Kraft, die aus dem Hara kommt – im Gegensatz zu der von Arme und Schulter – kann mit dem Abfeuern eines Hochleistungsgewehres verglichen werden. Du kannst versuchen, die Kugel von Hand so weit wie möglich zu werfen, aber es wird dir natürlich nicht gelingen, die gleiche Durchschlagkraft wie die des Gewehrs zu erreichen. Man sieht, die zerstörerische Kraft der Kugel steckt nicht in der Kugel selbst, sie hängt eher vom Zündpulver und von der Bohrung des Gewehrs ab. Dasselbe gilt auch für die Kraft eines Schlages: Sie hat sehr wenig mit der Hand zu tun, aber alles mit der Energie, die im Körper erzeugt wird. Natürlich trägt die Kraft in der Hand, vor allem der feste Griff, viel dazu bei, diese Durchschlagkraft zu ermöglichen. Eine weiche Schaumstoffkugel, die aus einem Gewehr abgefeuert wird, erzielt nicht die normale Feuerkraft des Gewehres. Eine schwache Hand ist nicht fähig, die im Hara erzeugte Energie vollständig zu übertragen.
Durch die Vorbereitung auf den Gelbgurt wird sich der Karateka über die wichtige Rolle der "einen Stelle" besonders bewusst. Er erinnert sich vor jedem Training daran, währenddem er sich den Knoten des Obi (Gürtel) bindet. Der Obi wird direkt über dem Hara geknotet, so verbindet er symbolisch als Vorbereitung auf das Training Körper und Geist an dieser Stelle. Demzufolge sollte man das Binden des Obi als Ritual betrachten, die Konzentration bedächtig in den Knoten und ins Energiezentrum zentrierend, welches darunter liegt. Falls dein Geist im Training abschweift, dann drücke den Knoten des Obi einfach ein wenig hinein; du fühlst den leichten Druck auf dem Hara und bringst deine Konzentration bewusst dorthin zurück, wo sie sein sollte.
Bis zum Gelbgurt konzentriert sich der Schüler lediglich auf die körperlichen Aspekte – Gleichgewicht, Stabilität, Koordination von Auge und Hand und allgemeine technische Fähigkeiten. Der Gelbgurt sollte sich nun nicht mehr nur mit körperlichem Training, dynamischem Gleichgewicht und Koordination befassen, sondern auch mit den psychologischen Aspekten des Trainings – Auffassungsgabe, Wachsamkeit, Bestimmtheit und andere Ausdrucksformen der Willenskraft.
Das Element Feuer belebt uns und macht uns auf die dynamische Kraft des Willens im Karate aufmerksam. Als Gelbgurt benützt der Schüler Intellekt und Aufmerksamkeit, indem er die grundlegenden körperlichen Konzepte des Karate mit den immensen Möglichkeiten seines Geistes koordiniert. Das Selbstvertrauen in seine heranwachsenden Fähigkeiten wird gestärkt, seine Handlungen werden sicherer. Der Gelbgurt vertieft sein Karatewissen und lernt, alle Bewegungen auf eine reine und korrekte Art auszuführen.
Dies ist wichtig, da ohne diese technische Exaktheit auf einer höheren Stufe weiterer Fortschritt extrem schwierig wird. Wer nicht jetzt schon viel Zeit für die Vertiefung der grundsätzlichen Prinzipien von Stellung, Gleichgewicht oder Koordination aufwendet, wird häufig ernsthafte Probleme haben, wenn er so fortgeschrittene Stufen wie Braun- oder Schwarzgurt erreicht. Dies nur wegen sehr fundamentaler Schwächen, die in diesem frühen Stadium mit vergleichsweise geringem Aufwand schon hätten im Keim erstickt werden können. Die Verantwortung dafür liegt mindestens ebenso beim Lehrer wie beim Schüler.
Indem man versucht, ohne technisch ungenau zu werden die Techniken mit höherer Geschwindigkeit auszuführen, strengt man sich erstmals an, Körper und Geist in Bezug auf technische Verfeinerungen zu koordinieren. Um zu verstehen, wie sich die Kraft durch die Anwendung der Technik ausdrückt, durchläuft man einen zweiteiligen Prozess. Zuerst muss man die korrekten Grundtechniken in die körperlichen und mentalen Systeme einprägen. Dann nimmt der Gelbgurt den nächsten Schritt, indem er die korrekten Techniken mit Geschwindigkeit kombiniert. Das Training am Sandsack, mit dem Makiwara (Schlagbrett) oder im harten Kumite (Kampf) dient hauptsächlich der Vorbereitung des Körpers auf den immensen Schock, den er aufnehmen und abgeben kann, wenn perfektionierte Technik mit Geschwindigkeit kombiniert wird. Dies lehrt den Körper, wie es sich anfühlt, diese Kraft anzuwenden und wie weit er fähig ist, diese auszuhalten. Verschwielte Knöchel oder ein starker Griff können nicht viel ausrichten, wenn man die Koordination von korrekter Technik und Geschwindigkeit nicht beherrscht.
Erbärmliche psychologische Schwächen wie Rachsüchtigkeit, Pessimismus, Übertreibung und Hinterlistigkeit müssen ernsthaft bekämpft werden. Man sollte versuchen, diese zu kontrollieren. Währenddem der Gelbgurt aber über die Rolle seines Geistes im Karate sinniert, vergisst er nicht die Notwendigkeit eines starken, leistungsfähigen Körpers. Im Gegenteil, er intensiviert sein Training mit seinem brennenden Enthusiasmus, denn er erkennt, dass es das körperliche Training ist, das den Geist entwickelt.
Da das Gelbgurtelement das Feuer ist, entwickeln wir ein Gefühl für den Körper in Bewegung und für das dynamische Wesen feuriger Aggression als brauchbares energetisches Mittel. Diese aggressive Vitalität wird zum Mittelpunkt der Einstellung des Gelbgurtes zum Karate. Er lernt, dass man Angst überwindet, indem man sich ihr zuversichtlich stellt. Der Gelbgurt sollte merken, dass der Geist den Körper kontrolliert. Sosai Oyama erzählte von einer Großtat der Geisteskontrolle über das Fleisch. Er war zugegen, als ein Zen-Priester seine Hand in einen Topf kochendes Wasser hielt, ohne sich dabei irgendwelche Verbrennungen zuzuziehen. Der Priester mahnte den jungen Oyama: "Du kannst alles tun, wenn du nur mit Selbstvertrauen handelst." Die Kraft, die jemand durch den Körper leiten kann, hängt von der Stärke der mentalen Stimulation ab. Die mentale Kraft des Menschen ist groß; sein Körper, unterstützt durch diese große Kraft, ist mysteriös und jenseits der Modelle der Wissenschaften.
Das Wesen des Karate besteht deshalb aus nichts anderem als einem Training des Geistes über den Körper. Deshalb darf Karate, das sich solcher Kraft bedient, nicht falsch oder gewalttätig angewendet werden. Die Kunst des Karate trachtet nach etwas Tieferem als bloßer körperlicher Pflege.
Die Gelbgurtstufe ist die letzte der groben Anfängerstufen, und hier beginnt der Karateka, den Anfang seiner direkten Kontrolle über sein eigenes Leben und seine Umwelt zu fühlen.