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Chan Chan – Vermächtnis der präkolumbischen Chimú-Kultur
Westlich der peruanischen Küstenstadt Trujillo liegt eine der grössten Lehmstädte, die je errichtet wurden. Chan Chan, die Hauptstadt des längst vergangenen Chimú-Reiches, zählte zu präkolumbischen Zeiten bis zu 100.000 Bewohner.
Bei ihrer Erbauung um das Jahr 1300 war Chan Chan vermutlich die grösste Stadt auf dem amerikanischen Kontinent. Obwohl die Lehmstadt heute weit weniger bekannt ist als die grossen Inka- und Mayastädte Lateinamerikas, war Chan Chan einst eine reiche und bedeutende Stadt, die nicht einmal von den Inkas eingenommen werden konnte.
Auf einer Fläche von rund 28 km² bieten die Überreste der alten Hauptstadt bis heute einen Einblick in eine längst vergangene Kultur. Die archäologische Stätte Chan Chan zählt seit 1986 zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Stadtgründung um 1300
In der Vor-Inka-Zeit war das Chimú-Reich die bedeutendste Zivilisation im heutigen Peru. Zur Hochzeit der Chimú-Kultur reichte ihr Einflussgebiet bis zur heutigen Grenze mit Ecuador im Norden und bis nach Lima im Süden. Chan Chan bildete den Mittelpunkt dieses Reiches und war zu ihren Hochzeiten die grösste Stadt Südamerikas. Als Entstehungszeitpunkt gilt ungefähr das Jahr 1300, als der Chimú-Herrscher Tacaynamo an der Pazifikküste einen autoritären, militärisch geführten Staat errichtete.
Zehn Herrscher führten die Stadt insgesamt bis zur Ankunft der Inka, und genauso viele Paläste werden der Stadt Chan Chan zugeordnet. Die Thronfolge im Chimú-Reich erfolgte von Vater zu Sohn, wobei der herrschende König als Sapa Inca, als Sohn Gottes, bezeichnet wurde. Die herrschende Elite errichtete sich imposante Gebäudekomplexe aus Adobe, die klar von den einfachen Lehmbauten der unteren Gesellschaftsklassen unterschieden werden können.
Die Chimú entwickelten während ihrer Hochzeit zahlreiche Neuerungen und moderne Techniken. So errichteten sie zur Wasserversorgung ein weitverzweigtes Kanalsystem, das die Bewohner selbst an abgelegenen Orten versorgte. Ausserdem errichteten die Chimú riesige Festungsanlagen und entwickelten neue Methoden zur Färbung von Keramik. Daneben waren die Chimú kunstfertige Goldschmiede, wenngleich von den produzierten Schmuckstücken nur wenige erhalten sind.
Leben in der Hauptstadt Chan Chan
Die Stadt Chan Chan war ursprünglich in verschiedene Bereiche gegliedert. Es fand eine klare Trennung zwischen den sozialen Schichten statt. So waren die königlichen Paläste durch hohe Mauern gesichert und nur über einen Eingang zugänglich, während die unteren Schichten in minderwertigen Lehmbauten lebten. Diese ärmeren Viertel waren vor allem im Süden und Westen der Stadt angesiedelt und beherbergten insgesamt rund 20.000 Menschen.
Zwischen den unteren Schichten und der herrschenden Klasse gab es in Chan Chan auch eine gehobene Mittelschicht, die in insgesamt 35 elitären Wohnkomplexen lebten. Diese Anlagen zeichnen sich durch eine deutlich höhere Qualität der Baumaterialien und Verarbeitung aus. Auch die öffentlichen Räume zwischen den Gebäuden waren grosszügiger und sauber als die der ärmeren Viertel.
Die herrschende Klasse von Chan Chan hat in ihren Grabstätten viele Hinweise auf die Thronfolge, das Herrschaftsgefüge und die Vermögensverhältnisse hinterlassen. So ist mittlerweile bekannt, dass der Thronfolger keineswegs das Vermögen des verstorbenen Königs erbte, sondern sich dieses selbst erarbeiten musste.
Niedergang von Chan Chan
Die Blütezeit von Chan Chan endete erst, als der Inka-Herrscher Túpac Yupanqui im Jahr 1470 die Wasserzufuhr zur Stadt kappte. Nachdem die Inkas vergeblich versucht hatten, Chan Chan zu eroberten, schnitten sie die Hauptstadt auf diese Weise von ihrer Lebensader ab. Ein Massen-Exodus setzte ein, bis Chan Chan auf weniger als 10.000 Einwohner reduziert war. Um 1500 wurde die Stadt schliesslich vom Inka-König Huayna Cápac eingenommen und teilweise geplündert.
Das gesamte Chimú-Reich verlor in der Folge an Bedeutung. Hatte das Reich zuvor noch rund 500.000 Bewohner gehabt, reduzierte sich die Bürgerzahl in nur einem Jahrhundert auf etwa 40.000. Chan Chan selbst wurde auch nach der spanischen Eroberung Perus wiederholt geplündert, da die Spanier unter den Gebäuden grosse Gold- und Silberschätze vermuteten.
Die archäologische Stätte heute
Mittelpunkt der heutigen archäologischen Stätte ist der Tschudi-Komplex, der noch immer restauriert wird und für Besucher zur Besichtigung geöffnet ist. Der Tschudi-Komplex umfasst prachtvoll geschmückte Prunksäle, mit Zeichnungen verzierte Hofmauern und königliche Audienzsäle. Auch der begehbare Brunnen des Königshofes ist noch heute zu erkennen. Eine Reihe von Grabstätten geben Aufschluss über das soziale Gefüge und die religiösen Bräuche im alten Chan Chan.
Obwohl die Ruinenstadt Chan Chan bereits seit 1986 als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes unter besonderem Schutz steht, hat die alte Stadt dennoch mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen. Vor allem heftige Niederschläge und der Anstieg des Grundwassers bedrohen die Ausgrabungsstätte, und im Jahr 1998 wurde Chan Chan so stark vom Wetterphänomen El Niño in Mitleidenschaft gezogen, dass die kleineren Gebäude nur durch Stahlgerüste vor dem Wegschwemmen bewahrt werden konnten.
Generell ist die Ausgrabungsstätte Chan Chan stark von den Auswirkungen des Klimawandels bedroht. Eine weitere Gefahr stellen illegale Ansiedlungen auf dem Ausgrabungsgelände dar. Mittlerweile wurde die Ruinenstadt aufgrund der zunehmenden Zerstörungen in die Rote Liste des gefährdeten Welterbes aufgenommen. Die archäologische Stätte Chan Chan ist nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum von Trujillo entfernt und umfasst ebenfalls ein Museum, das über den Aufbau und die Geschichte der Ruinenstadt informiert.
Oberstes Bild: Durchgang in Chan Chan (© Bruno Girin / Wikimedia / CC)