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Françoise Giroud (1916–2003) war Chefredaktorin der Frauenzeitschrift «Elle» und Mitbegründerin des Nachrichtenmagazins «L'Express» . Sie gehörte zu den führenden Feministinnen der französischen Nachkriegszeit.
Mit 44 Jahren war sie seelisch und körperlich am Ende und versuchte sich umzubringen. Sie überlebte und schrieb einen furiosen Text über ihr bisheriges Leben. Dieser Text erschien unter dem Titel «Ich bin eine freie Frau» 2016 auf Deutsch. Die Übersetzerin Patricia Klobusiczky erklärt, was an der Autorin Françoise Giroud und ihren Texten so fasziniert.
Zur Person:
Patricia Klobusiczky ist Literaturübersetzerin aus dem Französischen und Englischen. Sie hat unter anderem Françoise Girouds Autobiografie «Ich bin eine freie Frau» ins Deutsche übersetzt.
SRF: Françoise Giroud hat ihre Autobiografie im Sommer 1960 geschrieben – nach einem Selbstmordversuch. Sie war damals knapp 44 Jahre alt. Welche Persönlichkeit zeigt sich in diesem Text?
Patricia Klobusiczky: Françoise Giroud findet die Kraft zu schreiben, zu reflektieren und zu analysieren, obwohl sie körperlich wie seelisch am Ende ist. Und es zeigt sich eine grosse Aufrichtigkeit.
Françoise Giroud schreibt ausführlich über ihre Zeit als Chefredaktorin bei der Frauenzeitschrift «Elle» und über das Nachrichtenmagazin «L’Express», das sie 1953 zusammen mit Jean-Jacques Servan-Schreiber gegründet und geleitet hat. Wie hat sie ihre Rolle als Journalistin gesehen?
Sie ist mehr oder weniger in diesen Beruf reingerutscht, hat eine Ausbildung für Stenografie und Maschinenschreiben absolviert, später Drehbücher verfasst und schnell festgestellt, dass ihr das Schreiben liegt. Ihre journalistische Arbeit war aufklärerisch und unabhängig. Françoise Giroud war der Wahrheit verpflichtet und weniger parteipolitischen oder ideologischen Standpunkten.
Das heisst, sie war politisch weder links noch rechts zuzuordnen?
Man kann schon sagen, dass sie eher linke Sympathien hatte. Aber weder ist sie einer Partei beigetreten, noch hat sie sich parteikonform verhalten. Darin hat sie sich in jener Zeit von manchen Kollegen unterschieden.
Dank ihrer Arbeit war Françoise Giroud finanziell unabhängig. Trotzdem schreibt sie: «Was mir fehlte, war Selbstvertrauen.» Warum?
Das hat mit ihrer frühsten Kindheit und ihrer Jugend zu tun. Ihr Vater starb, als sie noch ganz klein war. Sie hat gesehen, wie hart ihre Mutter kämpfen musste, um die Familie über Wasser zu halten. Das Mädchen war überzeugt, dass sie als Junge an der Seite ihrer Mutter mehr hätte bewirken können. Sie hatte das Gefühl, keine Existenzberechtigung zu haben. Dieses Gefühl liess sie ein Leben lang nicht los, obwohl sie erfolgreich bewiesen hat, dass sie ihre Frau stehen konnte.
Gemeinsam mit Jean-Jacques Servan-Schreiber hat sie den «Express» geleitet und geprägt, mit ihm hat sie auch eine grosse Liebe verbunden. Schliesslich kommt es zur Trennung – privat und beruflich: Wie geht Françoise Giroud in ihrer Autobiografie damit um?
Wenn man bedenkt, dass dieser Text unmittelbar nach dem Selbstmordversuch entstanden ist, erstaunt es, wie klarsichtig und frei von Ressentiments sie diese Trennung analysiert. Sie will diesen Mann schützen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das hat mich beeindruckt.
Françoise Giroud wollte diesen Text zu Lebzeiten nicht veröffentlichen. Nahe Freunde haben ihr davon abgeraten. Trotzdem hat sie den Text nicht vernichtet. Ist es legitim, ihn zu publizieren?
Ja, hundertprozentig. Jeder, der diesen Text gelesen hat, wird die Entscheidung der Herausgeberin Alix de Saint-André begrüssen. Zustimmung erhielt sie auch von Caroline Eliacheff, der Tochter von Françoise Giroud. Zudem wollten die beiden die Verstorbene selbst zu Wort kommen lassen, nachdem zwei Biografien ein sehr spekulatives Bild gezeichnet hatten.
Buchhinweis
Françoise Giroud: «Ich bin eine freie Frau». Zsolnay, 2016.
Im Nachlass von Françoise Giroud sind zwei Versionen des Textes aufgetaucht. Die Herausgeberin hat daraus – so beschreibt sie es im Vorwort – «die bestmögliche Fassung» erstellt. Inwiefern ist das sinnvoll?
Ich halte das für sinnvoll. Denn Françoise Giroud hat offensichtlich geschwankt zwischen einer journalistischen Analyse und einem persönlichen Bericht, den sie auf Anraten ihres Seelenarztes verfasst hat. Diese zwei Richtungen überlagern sich mal mehr, mal weniger.
Ich glaube, dass Alix de Saint-André, die mit Françoise Giroud eng befreundet war und selbst eine erfahrene Journalistin ist, sehr gut einschätzen konnte, was die stimmigste Fassung ergibt – auch für ein Publikum von aussen. Beim Übersetzen merkte auch ich, dass es ein stimmiger und schlüssiger Text ist.
Als Sie dieses autobiografische Dokument zum ersten Mal im Original gelesen haben – wie haben Sie reagiert?
Für mich war der Text eine Offenbarung, weil ich von Françoise Giroud nur ein sehr diffuses Bild hatte. Ich wusste natürlich, dass sie in Frankreich eine Ikone des Journalismus und des Feminismus war. Aber ich habe auch gehört, dass sie eitel und opportunistisch gewesen sei. Dann habe ich dreissig oder vierzig Seiten ihrer Autobiografie gelesen und war sofort gefangen von dieser grossartigen Persönlichkeit. Für mich war klar, ich möchte dieses Buch übersetzen.
Wie würden Sie Girouds Stil beschreiben, und wie haben Sie ihn ins Deutsche übertragen?
Der ist bemerkenswert, weil sie einerseits die kühle Analytikerin ist, die sehr pointiert formuliert und auch einen Sinn hat für das Szenische und Anekdotische. Andererseits finden sich in ihrem Text auch hochemotionale, geradezu lyrische Passagen. Das befremdet vielleicht ein wenig, ist aber auch unglaublich schön. Die Herausforderung für mich war, diese unterschiedlichen Tonlagen ins Deutsche zu übertragen.
Der Text ist also einigermassen heterogen. Ergibt sich trotzdem ein Ganzes?
Ja, denn es ist die Persönlichkeit von Françoise Giroud, die sich im Schreiben zeigt. «Le style c'est l'homme» oder hier «Le style c'est la femme», das zeigt sich im komplexen und doch immer glasklaren Stil der Autorin. Darin steckt die ganze Françoise Giroud.
Das Gespräch führte Sandra Leis.