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Zuerst sind es Gedanken zur Trauer, hastig mit blauem Filzstift auf Haushaltpapier notiert. Dann die kanadische Weite und ein Chanson: das poetisch-melancholische «Les moulins de mon cœur» aus den sechziger Jahren. So führt uns Tom à la ferme des kanadischen Ausnahmetalents Xavier Dolan an endlosen Äckern vorbei, an Kühen und verlassenen Bruchbuden bis hin zum Schauplatz des Geschehens: eine Farm in nebelverhangener Einöde. Dort klopft der Fahrer, Tom, mit dem strähnig blonden Haar und seinen blutig gekauten Fingernägeln, in schwarzer Lederjacke und mit Rollkoffer an die Tür – ohne dass ihm jemand öffnen würde.
Tom à la ferme basiert auf einem Theaterstück des zeitgenössischen kanadischen Dramaturgen Michel Marc Bouchard und erzählt von Liebe und (Selbst-)Hass, von Heuchelei und Homophobie, von Anziehung und Gewalt. Tom sucht das Elternhaus seines verstorbenen Liebhabers, Guillaume, auf, um an dessen Beerdigung teilzunehmen. Auf dem kärglich und bieder eingerichteten Bauernhof leben Guillaumes Mutter Agathe und Francis, der Bruder, von dessen Existenz Tom erst nach seiner Ankunft erfährt. Dieser setzt Tom alsbald handgreiflich zu: Niemand soll auch nur andeutungsweise erfahren, dass Guillaume schwul und Tom sein Liebhaber war. Ganz besonders nicht seine Mutter …
So unter Druck gesetzt, fabriziert Tom im Lauf der Tage, die er dort bleibt, bleiben will, zu bleiben gezwungen wird, ein Lügengebäude aus einer «heilen Welt» in jener fernen Stadt, wo Guillaume zuletzt lebte, und der “netten” Freundin Sara aus dessen Büro. Tom schweigt, dann münzt er seine eingangs formulierte Trauerrede um und legt sie Sara in den Mund. Er erzählt erotische “Geheimnisse”, die Sara ihm “anvertraute” und die die Mutter, die so wenig über ihren heiss geliebten Sohn weiss, wie eine Verdurstende die letzten Tropfen Wasser aufsaugt: Sie will dies alles so glauben. Sie hat ihre eigenen Vorstellungen vom Leben ihres Jungen. Sie will “Normalität”.
Die Mutter-Sohn-Beziehungen liegen Xavier Dolan schon seit dem ersten Film am Herzen – und die Kritik bemüht des Öftern dessen Biografie, wuchs Dolan doch nur mit seiner Mutter auf. So kollidierten schon in seinem Debüt J’ai tué ma mère (2009) Mutter und Sohn in einer konflikt-geladenen Mischung aus Liebe und dem Versuch gegenseitiger Ablösung. Und auch in seinem jüngsten Werk mit dem emblematischen Titel Mommy, das soeben in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, prallen in einer hochexplosiven Beziehung eine überforderte Mutter und ihr psychisch angeschlagener Sprössling aufeinander. Tom à la ferme fügt sich da sowohl inhaltlich als auch “energetisch” in die eindrückliche, bereits fünf Titel umfassende Filmografie des erst fünfundzwanzigjährigen Regisseurs und Schauspielers, der oft die Hauptrolle in seinen Werken spielt – so auch hier.
Dolan spielt den trauernden Geliebten bravourös, hin und her gerissen zwischen Bleiben und Weggehen, zwischen Lüge und Wahrheit: So bleibt Tom über die Beerdigung hinaus. So möchte es die Mutter, die in ihm einen Ersatzsohn wähnt, und so möchte es auch – und doch auch wieder nicht – Francis, der zu Tom in einem widersprüchlichen Verhältnis von Anziehung und Ablehnung steht. Tom wird zum Stallknecht, zum Kumpel, ja zum Tanzpartner, während er zugleich ein Fremdkörper ist und seine Fragen unbeantwortet bleiben: Wer war der Unbekannte, den Francis nicht zur Beerdigungsfeier in die Kirche reinlassen wollte? Was genau verband Francis mit Guillaume? Und vor allem: Was hält ihn selbst noch dort?
Dolan schafft aus dem Kammerspiel ein unter die Haut gehendes filmisches Familien- und Psychodrama mit thrillerhaftem Grundton. Dabei lässt er nicht nur mit der Musik die Melodramen aus den fünfziger Jahren anklingen, er zitiert auch – wie schon in Les amours imaginaires (2010) – Klassiker der Filmgeschichte. So Hitchcocks Duschvorhangszene aus Psycho oder Godards Filme, wenn er mit einem Augenzwinkern im Bild symbolbefrachtete Schriftzüge aufscheinen lässt – so etwa «Feel Reel» oder «Les vrais affaires». Über allem schwebt als dunkles Geheimnis Guillaumes Vergangenheit – und ein homophober Grundton. Im Pressedossier zitiert Dolan aus dem Vorwort des Theaterautors Michel Marc Bouchard, das er gut dem Film als Motto hätte voranstellen können: «Bevor Homosexuelle lernen, wie man liebt, lernen sie, wie man lügt.»
So zeigt Tom à la ferme, wie unterschwellige Erwartungen und unausgesprochene Gefühle, wie Hypokrisie und Engstirnigkeit ein erstickendes Klima schaffen, das letztlich allen die Luft zum Atmen entzieht. Dolan übersetzt die unheilvolle Geschichte formal durch die Wucht extremer Grossaufnahmen: Die Kamera sitzt den Gesichtern auf, zeigt die Figuren mit ihren Wunden und Narben aus allernächster Nähe und lässt – trotz einiger weniger Totalen der sich in der Weite verlierenden Landschaft – ein klaustrophobes Gefühl von Enge, Gefangensein und ständiger Bedrohung entstehen. Xavier Dolan vermag einmal mehr nicht nur eine hochemotionale Geschichte zu erzählen, er tut dies auch nach wie vor mit einer greifbaren Lust an der kinematografischen Sprache und in perfekter Beherrschung seiner Mittel: Die Ästhetik seiner Bilder, der Rhythmus des Schnitts (für den ebenfalls Dolan zeichnet), der Einsatz der Musik sind ebenso valable Protagonisten im Film wie die brillanten Schauspieler und ihre Dialoge. Und dies alles im Dienst einer Botschaft für Akzeptanz, die bis heute nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat.