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Woran ich mich erinnere
Ich möchte nicht von seiner Seite weichen. Ich möchte auch nicht, dass er nach Istanbul fährt. Einige Tage verbringt er dann trotzdem dort und kehrt wieder zurück. Meine Mutter und ich sind in dieser Zeit allein. Er schickt Briefe, schickt Geschenke, dann nichts mehr. Meine Mutter und die Freunde führen untereinander besorgte Gespräche. Ich kann sie nicht immer verstehen. Vater ist untergetaucht, wenn er gefasst wird, landet er wieder im Gefängnis. Albtraumhafte Medienprozesse stehen ihm bevor.
Ich besuchte die sechste Klasse des Mädchen-Gymnasiums in Ankara, als ich eines Tages aus dem Unterricht geholt wurde. Ein älterer Schüler führte mich hinaus. Zwei junge Männer standen auf dem Schulhof, einer von beiden kam auf mich zu und fragte mich, ob ich die Tochter von Sabahattin Ali sei. Der andere machte ein Foto von mir.
Noch am selben Abend klingelte es an der Tür. Zwei Journalisten fragten meine Mutter: »Wir haben die Information, Sabahattin Ali sei ermordet worden, aber die Nachricht hat sich als falsch erwiesen. Er soll ins Ausland geflohen sein. Was können Sie uns dazu sagen?«
Meine Mutter schwieg. Am nächsten Tag schrieb die Zeitung: »Sabahattin Alis Ehefrau sagte: ›Alles, was meinem Mann an Unglück widerfahren ist, ist wegen dieser Bücher geschehen.‹ Das glauben bis heute viele Menschen.«
Wir gingen dann zu Freunden, um den Journalisten zu entkommen. Mutter schwieg die ganze Zeit, als ob sie ihre Zunge verschluckt hätte.
[…]
In unserem Haus gab es eine reich bebilderte Ausgabe der Grimm’schen Märchen. Während ich die Bilder anschaute, übersetzte mein Vater die Märchen und erzählte sie mir auf Türkisch. In den folgenden Jahren trug er mir Gedichte, Erzählungen und Romane der deutschen Klassik und Romantik vor, genauso spannend wie er früher Grimmsche Märchen erzählt hatte. Er berichtete mir von den Eigenheiten dieser Schriftsteller und den Besonderheiten ihrer Zeit, ausführlich sprach er von den Sitten und Bräuchen, dem Alltag. So hat er mir auch eines Abends Goethes »Faust« vorgetragen. In späteren Jahren, wenn mein Vater nicht da war, nahm ich die in Ziegenleder gebundene und mit goldenen Lettern versehene »Faust«-Ausgabe, blätterte darin herum und schaute mir die deutschen Sätze an. Zwar verstand ich damals noch kein Deutsch, aber ich schaute mir die Sätze an und erinnerte mich an die Erzählung meines Vaters. Gogol, Puschkin und Tschechow lernte ich auch auf diese Weise kennen.
[…]
Mein Vater plante die Texte, die er schreiben wollte, ausführlich und lange. Er stellte sie oft um und machte sich Notizen. In solchen Phasen war er wie abwesend. Er hätte es nicht einmal gehört, wenn neben ihm eine Bombe hochgegangen wäre. Irgendwann holte er eilig seine Hermes-Schreibmaschine hervor, stellte sie manchmal auf seine Knie und manchmal auf den Esstisch. Dann begann er zügig zu schreiben. Wenn er den Text fertig geschrieben hatte, wollte er ihn unbedingt vorlesen. Er las die Texte mir, meiner Mutter oder Freunden vor und brannte darauf zu erfahren, welches Urteil wir abgeben würden.
Wenn er sein Monatsgehalt erhielt, war das Erste, was er tat, in die Akba-Buchhandlung zu gehen und dort Bücher einzukaufen. Auf dem Heimweg blätterte er in den neuen Büchern und vergaß die Welt um sich herum.
Aus dem Türkischen von Fatma Sagir.
Auszug aus: Ali, Filiz / Atilla Özkirimli (Hg.): Sabahattin Ali. Dev Yay: Istanbul 1986