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Das Priorat
Seit spätestens 1250 eine Pfarrei
Einer alten Überlieferung zufolge sollen die Lötscher einst in Niedergesteln pfarrgenössig gewesen sein. Doch nennen die Urkunden die Talkirche von Lötschen schon 1233 anlässlich der Gründung durch Girold von Turn. Von der Kirche von Niedergesteln ist erst Jahrzehnte später die Rede, doch mag sie aus dem 12. Jh. stammen.
1248 Prior von Gesteln
In einem Schreiben von Papst Innozenz IV. aus Lyon vom 19. Oktober 1248 wird ein Prior von Gesteln erwähnt. Sicher ist, dass in Gesteln schon vor dem Jahr 1284 eine Kirche war. Pfarrei und Kirche sind also schon mittelalterlich.
1371 und 1374 Friedhofsegung
Zweimal (1371 und 1374) liess Papst Gregor XI. Kirche und Friedhof, die wegen Blutvergiessen entweiht waren, neu einsegnen.
1384 Gericht über Feuerlegung im Prioratshaus
Am 13. April 1384 wurde im Hof der Gestelnburg Gericht über die Feuerlegung im Prioratshaus gehalten. Es war vermutlich das letzte Gericht auf der Burg, danach wurde die Burg zerstört.
Auf einem Pergament wurde in lateinischer Sprache das Gericht dokumentiert. Inhalt (gekürzt): „Im Namen des Herrn amen. Es sei allen kundgetan, dass am 13. April 1384 im mittleren Hof der Burg von Niedergesteln der hochwürdige Herr Nycholaus, Prior des Ortes, und ein gewisser Cop von Niedergesteln erschienen sind. Der Prior sprach zu ihm: „Siehe, Cop, du hast mir mein Prioratshaus zerstört, indem du darin Feuer gelegt hast, wie es scheint“. Worauf dieser zur Antwort gab: „Sicher, mein Herr, ich gebe zu, das Feuer gelegt zu haben, doch geschah dies durch unglückliche Umstände und mein Sinn war verwirrt. Ich verspreche aber eidlich durch Berühren des Evangelienbuchs mit meiner Hand vor den hier anwesenden Zeugen, das Haus auf meine Kosten wieder herstellen zu lassen.“ Darauf bat er den Notar, dies zu verurkunden. Zeugen: Petrus Satteri von Leuk, Kleriker und Notar, Herr Bartholomäus, Priester aus Alemannien, Perrodus Aymonis, Theodolus Perroneti, Johannes Franchodi, Bürger von Leuk, Mapheodus von Brig und andere und ich Petrus Suap, Kleriker von Leuk, der ich diese Urkunde auf Verlangen des Priors verfasst und mit meinem Signet unterzeichnet habe.“
Name und Entstehung
Weil Girold von Turn die Kirchen Lötschen und Niedergesteln dem Kloster von Abondance südlich des Genfersees übergab, heissen die Pfarrherren seitdem Prior, wenn auch heute die Bezeichnung nur noch historischen Charakter aufweist. Der Prior von Gesteln war verantwortlich für Niedergesteln, Steg, Hohtenn und Eischoll. Die ersten Geistlichen waren Chorherren aus Abondance.
1470 der letzte Prior aus Abondance
Der Freiherr Girold von Turn hat ebenfalls die Kirche von Gesteln gestiftet und dem Chorherrenstift „Unserer lieben Frau von Abondance“ übertragen.
Prior Schwick, der 1470 Prior in Niedergesteln war, soll der letzte Prior aus dem Kloster Abondance in Niedergesteln gewesen sein.
Gegen Ende des 15. Jh., als es dem Kloster an Nachwuchs mangelte, traten Weltpriester an ihre Stelle. Der jeweilige Prior besass auch die kleine Herrschaft Giesch.
1607 Verkauf der Rechte
Im Jahr 1607 verkaufte der Abt von Abondance alle Rechte auf die Priorate Val d’Illiez, Lötschen und Niedergesteln an Bischof Adrian II. von Riedmatten.
1766 Loslösung von Eischoll
Ursprünglich war Niedergesteln die grösste Pfarrei des Zenden Raron. Im Jahre 1766 löste sich die Tochterpfarrei Eischoll von der Mutterpfarrei. Als Gotteshaus diente noch über ein Jahrhundert lang die Kapelle, bis 1886 die heutige Kirche in Eischoll von Bischof Adrien Jardinier eingeweiht wurde. Von den letzten Rechten der Mutterpfarrei kaufte man sich 1897 los.
1913 Loslösung von Steg und Hohtenn
In Steg, wo schon zuvor mehrmals von einem Rektorat die Rede gewesen war, beschloss die Urversammlung 1904 die Gründung einer Pfarrei. Diesem Plan stimmte 1905 Bischof Jules-Maurice Abbet zu, doch vergingen bis zu ihrer Errichtung noch acht Jahre. Hohtenn schloss sich der Gründung an. Wie in Eischoll feierte man vorerst in der Kapelle Gottesdienst. Im Jahr 1915 war die Kirche von Steg bezugsbereit. Auch Hohtenn besitzt seit 1963 ein eigenes Gotteshaus, doch ist es kirchlich nicht selbständig, sondern bildet mit Steg zusammen eine gemeinsame Pfarrei.
1913 F. G. Stebler berichtet
F. G. Stebler schrieb am 28. Juli 1913 über die Kirche von Niedergesteln (Auszug):
„Die Kirche in Niedergesteln bestand schon 1252. Es war früher ein Priorat des Klosters Abondance in Savoyen und heute noch trägt der Pfarrer den Titel Prior. Bis 1912 war auch Hohtenn und Steg zu Niedergesteln Kirchansässig, noch früher auch Eischoll und in alter Zeit sogar Lötschen. Die älteste Kirche in der nächsten Umgebung ist jedoch diejenige des hl. Romanus in Raron, die urkundlich schon 1212 vorkommt.“
Pfarrarchiv
Niedergesteln besitzt ein stattliches Pfarrarchiv; dessen ältestes Pergament vom 14. Mai 1347 datiert. Die Dokumente der Pfarrei konzentrieren sich auf das 15. Jh. und vor allem auf das 19. Jh.
Im Jahr 1887 sichtete Pfarrer Ferdinand Schmid, damaliger Archiv-Inspektor für das Oberwallis, die Materialien und klassierte sie damaligem Usus gemäss. Aufgrund der Inventare von F. Schmid (1887) und H. A. von Roten (1961) neu analysiert und ergänzt von lic. phil. Philipp Kalbermatter (1999/2000).
Die Akten des Pfarrarchivs berichten uns von Kirche und Kapellen, Altarpfründen, Bruderschaften, Visitationen der Bischöfe, Prioren und dem Leben im Priorat. Das Pfarrarchiv ist in zwei Gruppen aufgeteilt. D für Einzeldokumente, G für Register (Pfarr-Register, Protokoll- und Rechnungsbücher).
Prioren und die Landwirtschaft
Prior Stockalper war der vorletzte Prior, der selber Landwirtschaft betrieb. Besonders stolz war er auf seine Pferde, welche er für die Fahrt nach Steg vor den Wagen spannte. Stall und Scheune waren früher direkt ans Pfarrhaus angebaut. Heute steht dort ein moderner Trog.
Nach 1913 ging Prior Stockalper auf Wanderschaft. Am 18. August 1925 stürzte er in die Massa und wurde am 9. September auf der Höhe seiner alten Pfarrei Niedergesteln aus dem Rotten gezogen und am 12. September in Glis begraben.