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Alle Angststörungen haben einen gemeinsamen Kern: Das Angstnetzwerk vermittelt den Betroffenen blitzartig über die Aktivierung des psychophysioloschen Stresssystems, dass eine Bedrohung der körperlichen oder psychischen Unversehrtheit vorliegt. Diese Aktivierung wird als starke Aufgeregtheit und Verspannung erlebt; verbunden mit der Steigerung der Herztätigkeit, schwitzen, schnellerer Atmung und dem Gefühl, sofort flüchten zu müssen (Panik). Ob diese Bedrohung tatsächlich realistisch ist, spielt dabei keine Rolle.
Diese Auslösung kann sich theoretisch bei allen Menschen abspielen, da es sich um eine Bereitschaft handelt, die sich genetisch bedingt ausbildet und vage auch die Umweltbedingungen umfasst (Enge, Weite, Höhe, Dunkelheit, Sauerstoffmangel, Hindernisse, Schlangen, Spinnen, öffentliche Ablehnung). Die Auslösungsschwelle ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und sie kann auch bei einem bestimmten Menschen über die Zeit variieren.
Bei manchen Menschen verknüpft sich diese Auslösung mit der Wahrnehmung der realen Umgebungsbedingungen und speichert diese. Dies führt zu einer impliziten Erwartungshaltung: „Hier an diesem Ort ist es gefährlich!“ und zu einer Vermeidungsbereitschaft. Daraus kann sich tatsächlich eine Angststörung entwickeln, die wir dann Phobie nennen.
Die häufigste dieser Angststörungen ist die Agoraphobie: Die Betroffenen haben eine entsprechende Auslösung in der Öffentlichkeit erlebt und lernen so implizit, dass alle Orte, die ein schnelles Flüchten verhindern, speziell bedrohlich sind. Daraus wächst die gefühlte Überzeugung, dass Warenhäuser, Menschenmengen, Haltestellen, Ampeln, Autobahnen, Züge, Bergbahnen, Flugzeuge usw. zu vermeiden sind. Je nachdem vermeiden die Betroffenen dann solche Orte ganz oder teilweise. Die erste Angstauslösung ereignet sich häufig in einer Episode von relativ hoher Belastung. Es treten auch isolierte Formen von Phobien auf: Höhenangst, Klaustrophobie, Tierphobien (Spinnenphobie, Hundephobie) und Examensangst, aber auch komplexere wie Sozialphobie, Generalisierte Angststörung, Hypochondrie und Panikstörung.
Die Therapie umfasst eine Verknüpfung von verhaltenstherapeutischen Interventionen mit einem klärungsorientiertem Fokus (KOP).
Damit sind zwei Aspekte gemeint: Edukation und Motivation. Sie als Betroffene erhalten eine klare Übersicht über die psychophysiologischen Prozesse, die der Angst zugrunde liegen (Edukation). Sie werden verstehen, wie sich diese ergeben haben und Sie werden motiviert, diese Prozesse zu akzeptieren. Dann werden Konfrontationsübungen (Expositionen) vorgeschlagen und ausgeführt. Die alte Bereitschaft zur Angst in diesen Situationen soll überlernt werden und einem neuen Schema weichen. Dieser Lernprozess geschieht nur bei entsprechender Bereitschaft (Motivation) und der Fähigkeit, das bislang „schlimme“ Geschehen neu zu interpretieren.
Möglicherweise ist das Auftreten der Angststörung nicht nur beschämend und belastend, sondern macht (scheinbar paradoxerweise) auch einen persönlichen und lebensgeschichtlichen Sinn. Solche Funktionen sollten unseres Erachtens ebenfalls beachtet werden, da sich daraus eine noch fundiertere Bereitschaft zur Neuausrichtung ergibt. Solche Funktionen finden sich aber meist nicht bei der Agoraphobie, sondern bei Angststörungen wie der Generalisierten Angststörung, Hypochondrie, Sozialphobie und Panikstörung.
In unserer Praxis werden Sie als betroffene Person von uns an- und begleitet, um die erwähnten Lernschritte zur Überwindung Ihrer Angststörung auszuführen.
Auch Zwangsstörungen haben einen gemeinsamen Kern: ein starkes Gefühl (Impuls, Drang), bestimmte Handlungen ausführen zu müssen oder sie vermeiden zu müssen (Zwangshandlungen: häufig Waschen, Putzen oder Kontrollieren) oder aber bestimmte Inhalte denken zu müssen, bzw. diese vermeiden zu müssen (Denkzwänge: Intrusionen oder Grübeln).
Die bei den Angststörungen beschriebene Aktivierung des psychischen Angstnetzwerkes spielt bei Zwangsstörungen ebenfalls eine wichtige Rolle: Befolgen die Betroffenen den Zwang nicht, erleben sie Angst und starke Anspannung. Als zusätzlich belastend werden die Zwangsstörungen erlebt, da den Betroffenen die Unsinnigkeit der Zwangsinhalte rational schon klar ist, sie jedoch trotzdem überzeugt sind, den emotional geforderten Zwangsinhalten hilflos ausgeliefert zu sein.
Auch hier ist die erfolgreichste therapeutische Herangehensweise die Methodik der kognitiven Verhaltenstherapie: Der klärungsorientierte Anteil hat bei den Zwangsstörungen einen gewichtigeren Anteil als bei vielen Angststörungen: Das Verstehen der Bedeutung der Zwangshandlungen oder der Denkzwänge für die jeweilige Persönlichkeit mit ihrer Lebensgeschichte sind von eminenter Wichtigkeit. Denn auch hier gilt: Erst die Akzeptanz der Störung und damit ihrer Bedeutung ermöglicht die nötige Distanz zum Störungserleben und so ihr „Überlernen“.
Akzeptanz meint: Annehmen der besonderen Umstände in der Vergangenheit und der Tatsache, dass Kinder und Jugendliche – um mit ungünstigen Lebensumständen umgehen zu können - vielfach gar keine anderen Möglichkeiten finden, als eben auch ungünstige (pathologische) Lösungsformen. Zudem kann sich eine Zwangsstörung noch komplizieren, wenn die Zwänge auch in der Gegenwart eine wichtige Funktion für die betroffene Person übernehmen – z. B. Abgrenzung von anderen, sich erhaben fühlen, Vermeidung von Schulderleben und Ähnliches.
Konfrontationsübungen mit dem „Nicht-Erlaubten“ (Exposition) sind unabdingbar, um das eigentliche Neulernen auszulösen. Nur eine gestärkte Änderungsmotivation erlaubt dem psychischen System diese Lernprozesse, da die entstehende Angst nur durch eine starke emotionale Überzeugung aufgehoben werden kann.
In unserer Praxis werden Sie als betroffene Person mit uns als Therapeuten genau diese Schritte und Prozesse erleben und gestalten können, um die „unsinnigen“ Zwangsinhalte im Heute und Morgen als das zu erleben, was sie sind: unsinnig.