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Ein Stück Urgestein Zum 100. Geburtstag von Riccardo Cassin
Wer sich für Alpingeschichte interessiert, der kennt seinen Namen: Riccardo Cassin. Am 2. Januar 2009 feierte der italienische Bergsteiger seinen 100. Geburtstag.
Riccardo Cassin wurde 1909 im Friaul geboren. Seine Kindheit war von kargen Lebensumständen geprägt. Sie bewogen seinen Vater 1911 zur Auswanderung nach Kanada, wo er zwei Jahre später verunglückte. Sicher trug die Rolle als Familienoberhaupt, die Riccardo Cassin schon als Jugendlicher übernehmen musste, zu seiner Charakterstärke bei. Zudem begann er bereits im Alter von zwölf Jahren, bei einem Schlosser zu arbeiten – zwölf Stunden am Tag. Und 1926 folgte er einem Freund nach Lecco, der Stadt am Comersee unter den Türmen der Grignetta. Hier erlernte er den Beruf des für die ansässige Industrie typischen Metallarbeiters.
Im Frühling 1929 unternahm Cassin seine erste Kletterei in der Grignetta: eine Offenbarung! Danach verging kaum ein Sonntag mehr, ohne dass Cassin an den Wänden rund um Lecco unterwegs war, und bereits 1931 beging er seine ersten Neutouren. 1933 besuchte er die Dolomiten bereits zum zweiten Mal. Trotz der knappen Zeit – nur am Sonntag frei, eine Woche Ferien pro Jahr – gelang Cassin in kurzer Zeit viel: die Südostkante der Torre Trieste (1935), die Nordwand der Westlichen Zinne (1935) und dann die Nordostwand des Piz Badile (1937), deren Begehung er noch im Alter von 78 Jahren wiederholte. 1938 kam der Walker-Pfeiler an den Grandes Jorasses dazu - damals neben den Nordwänden von Eiger und Matterhorn eines der drei grossen «Probleme» der Alpen. Die Route verlieh seinem Namen endgültig eine unvergängliche Aura. Cassin meinte, der Walker sei «ziemlich anspruchsvoll» gewesen. Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus, der Cassins bergsteigerische Laufbahn abrupt stoppte.
Im Zweiten Weltkrieg kämpften Cassin und seine Gefährten als Partisanen gegen den Faschismus. Er verlor mehrere enge Freunde. Kaum war die Schreckenszeit vorbei, war erneut Aufbruch angesagt: Diesmal ging es um den Aufbau seiner Bergsportfirma, die den Namen Cassin einem breiten Publikum bekannt machte. Cassin hatte vorerst Erfolg. Doch später ging es mit der Firma bergab; 1997 wurde die Marke Cassin von der Konkurrentin Camp übernommen. Eine zweite Niederlage hat Cassin nie verschmerzt: Obwohl er zusammen mit Expeditionsleiter Ardito Desio den K2 erkundet hatte, nahm ihn dieser 1954 nicht zur Erstbesteigung des Berges mit. Desio initiierte ein Komplott und «liess mich bei medizinischen Tests durchfallen, weil er Angst hatte, ich stehle ihm die Schau». Die Enttäuschung Cassins kannte keine Grenzen. So wiederholte er vor Kurzem: «Desio starb mit 104. Ich will mindestens einen Tag älter werden als er!» Cassin leitete aber durchaus auch erfolgreich Expeditionen: 1958 an den Gasherbrum IV, wo Walter Bonatti und Carlo Mauri die Erstbesteigung gelang, 1961 an die Südwand des Mount McKinley («das grossartigste Abenteuer meines Lebens») und 1969 an die Westwand des Nevado.
Riccardo Cassin verbringt heute friedliche Tage, umgeben von Familie und Freunden. Er ist auf den Rollstuhl und Betreuung angewiesen, aber er lebt immer noch in seinem Haus in Lecco. Dort betrachtet er stundenlang die Türme des kleinen, aber markanten Bergmassivs. Ohne ein Wort zu sagen, ohne mitzuteilen, welche Bilder ihm durch den Kopf gehen. Cassin war und ist ein Stück Urgestein, dem die Berge ihre Linien für seine Neutouren darboten. Er erschloss Anstiege, die zu den Glanzstücken des klassischen Alpinismus gehören und die einigen von uns heute noch Momente des Glücks bescheren.