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Wenn Brigitte Jäger nervös ist, geht sie zum Spültisch und wäscht Geschirr. Dabei summt sie leise vor sich hin. «Das ist sehr meditativ und macht mich wieder ruhig», sagt die 38-Jährige. Auch wenn die Telefonistin traurig ist, hilft ihr Gesang : «Dann lege ich zu Hause eine CD mit einem Requiem auf und singe ganz laut mit.» Nach einer halben Stunde geht es ihr jeweils viel besser: «Es ist, als hätte ich etwas mitteilen können, obwohl ich mit keiner Person geredet habe.» Ihr Kopf ist dann wieder frei für den Alltag und seine Anforderungen.
«Das Singen ist etwas ganz Zentrales für die Gesundheit», bestätigt Karl Adamek von der Universität Münster, der sich seit Jahren mit der Wirkung des Singens auf den Körper und die Seele beschäftigt. Der Musikpsychologe nennt den Gesang inzwischen «Gesundheitserreger».
Gegen die Monotonie ansingen
Auch die körperliche Leistungsfähigkeit profitiert: Karl Adamek bat 200 Personen, Ein-Pfund-Gewichte so lange mit ausgestreckten Armen zu halten, bis sie nicht mehr konnten. Im Schnitt schafft dies ein Mensch etwa zehn Minuten lang. Bei Adamek konnten jene Personen, die dabei sangen, die Gewichte rund 15 Minuten halten; das Ergebnis war auch für ihn zuerst verblüffend.
Diesen Energie spendenden Effekt des eigenen Gesangs kannten allerdings schon die Männer in den amerikanischen Goldminen des vorigen Jahrhunderts. Sie sangen schwermütige und raue Lieder, wobei der Rhythmus den Arbeitstakt vorgab. Die schwarzen Sklaven auf den Baumwollfeldern sangen ebenfalls. Ihre traurigen und schleppend gesungenen Weisen halfen ihnen, die gleichförmige und belastende Pflückerei besser zu ertragen.
Neben der Muskelkraft stärkt Singen auch den Geist: Adamek legte 34 seiner Versuchspersonen einen Konzentrationstest vor. Nach dem ersten Testdurchlauf entliess er alle Versuchspersonen in eine Pause. Die eine Hälfte konnte sich frei entspannen, die andere sollte 30 Minuten singen. Nach der Pause legte er beiden Gruppen einen weiteren Konzentrationstest vor. Jene Versuchspersonen, die gesungen hatten, schnitten sehr viel besser ab als jene, die in der Pause keine Lieder zur Entspannung benutzt hatten.
Zufriedener und ausgeglichener
Ausserdem kann der eigene Gesang helfen, schlimme Gefühle zu verarbeiten. «Singen ist eine effektive Bewältigungsstrategie bei Stress, Enttäuschungen und Depressionen», sagt Adamek. «Es hilft über Einsamkeit hinweg und vertreibt Angstgefühle .» Selbst Aggressionen und Trauer können mit dem eigenen Gesang abgebaut werden.
Adamek stellte auch fest, dass Singende im Vergleich zu Nichtsingenden ausgeglichener und zufriedener mit ihrem Leben sind. Ausserdem haben sie meist ein grösseres Selbstvertrauen, sind belastbarer und häufiger bei guter Laune. Und sie – so die neuste Erkenntnis – schlafen ruhiger , und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Leute, die 20 Minuten pro Tag singen, stärken ihre Kehlmuskulatur und schnarchen deshalb weniger. Wenn das nicht Musik in den Ohren ihrer Lebenspartner ist…