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Die Szene ist ein Déjà-vu: Wir sehen, wie sich die Sonne majestätisch über der afrikanischen Savanne erhebt, bevor eine Stimme in der Zulu-Sprache Nashörner, Antilopen und weitere Exponenten des Tierreichs zum Königsfelsen lotst. Als dort der alte Affe Rafiki den jungen Thronfolger Simba in die Sonnenstrahlen emporstreckt, gehen die Tiere unter dem Felsen in die Knie – und ein Popsong versichert uns, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht: Die Löwen regieren, das ist der Circle of Life.
Der neue Kinofilm «Der König der Löwen» beginnt exakt wie der Originaltrickfilm aus dem Jahr 1994. Wie eindrucksvoll diese Eröffnungssequenz ist, ahnte Disney damals bereits Monate vor der Kinopremiere. Statt wie üblich einen Trailer zu schneiden, bewarb Disney den Film ab Herbst 1993 mit der ungeschnittenen, vierminütigen Circle-of- life-Szene. Die Reaktion des Publikums darauf fiel derart begeistert aus, dass Disney-Produzent Don Hahn gar befürchtete, dem plötzlichen Hype nicht gerecht werden zu können.
Der erste originelle Disney-Trickfilm
Denn: Anders als heute war «Der König der Löwen» damals kein programmierter Kinoerfolg. Mit Trickfilmen wie «Arielle – Die Meerjungfrau», «Die Schöne und das Biest» und «Aladdin» hatte Disney in den Jahren zuvor zwar Rekordergebnisse erzielt.
Ihnen schwebte eine Coming-of-Age-Geschichte im afrikanischen Tierreich vor, mit Anlehnungen an «Hamlet»; das entsprechende Drehbuch wurde allerdings über Jahre hinweg immer wieder überarbeitet. Erfolgsregisseur George Scribner stieg irgendwann aus, weil er partout kein Musical inszenieren wollte, und wurde durch Newcomer Rob Minkoff ersetzt. Und die besten Animationskünstler im Haus fürchteten einen Prestigeverlust und gingen lieber an «Pocahontas» arbeiten.
Das Projekt der Wagemutigen
So wurde «Der König der Löwen» zum Projekt der Wagemutigen im Maushaus. Die verbliebenen Animationskünstler waren Studienabgänger und Tierliebhaber.
Der damals 31-jährige Minkoff hatte sich eben erst seine Sporen an kleineren Disneyfilmen wie «Basil, der grosse Mäusedetektiv» (1986) und «Der tapfere kleine Toaster» (1987) abverdient. Und die ebenfalls 31-jährige Brenda Chapman, die die Storyabteilung unter sich hatte, war eine der wenigen leitenden Frauen im Unternehmen (sie sollte 1998 mit «Der Prinz of Ägypten» als erste Frau in die Geschichte eingehen, die bei einem Animationsfilm Regie führte).
Abgerundet wurde das Filmteam mit dem «Aladdin»-Songschreiber Tim Rice, er seinerseits holte Elton John mit ins Boot. Der Rest ist Geschichte: zwei Oscars, 970 Millionen Dollar Kinoeinnahmen, über 30 Millionen verkaufte VHS-Kopien (bis heute Rekord). Die Gesamteinnahmen der «Lion King»-Marke werden heute – auch dank Merchandisingprodukten und dem weltweiten Erfolgsmusical – auf über 8,1 Milliarden Dollar geschätzt.
Der neue Kinofilm wird diese Zahl weiter in die Höhe schnellen lassen. Es ist von unwesentlicher Konsequenz, dass Regisseur Jon Favreau nicht viel mehr eingefallen ist, als nicht nur die Eröffnungsszene, sondern auch alle nachfolgenden Szenen aus dem Trickfilm nachzustellen. Die Handlung, die Songs und sogar die Kadrierung stimmen in der Neuverfilmung eins zu eins überein, hie und da hat Favreau einzelne Szenen etwas erweitert.
Dass Disney sein eigenes Trickfilmarchiv aushöhlt, ist nicht neu. Doch die bisherigen Verfilmungen hatten oft, wenn auch nur beiläufig, den Anspruch, der Vorlage einen neuen Drall zu verleihen.
«Maleficent» etwa zeigte für einmal die Sicht der vermeintlich bösen Hexe, «Die Schöne und das Biest» (2017) machte aus Emma Watson eine feministische Märchenprinzessin, und «Das Dschungelbuch» (2016), ebenfalls aus Favreaus Hand, übernahm auch einige der düstereren Komponenten aus Rudyard Kiplings Romanvorlage.
Ehrerbietung in Vollendung. Der Circle of Life schliesst sich
Der neue «Der König der Löwen» hat keinen solchen Anspruch. Er ist die Antithese zum Originaltrickfilm, hier ist kein Funken Originalität, keine Spur von Wagemut.
Er geht vor dem Original in die Knie wie die Savannentiere vor Simba. Ehrerbietung in Vollendung. Der Circle of Life schliesst sich. Aber das Spiel mit der Nostalgie geht auf. Schliesslich funktioniert es nach demselben Erfolgsprinzip wie All-inclusive-Ferien.
Ob im Hotel oder im Film, die gesamte Einrichtung ist einem wohlig vertraut. «Hakuna matata»? Zaubert auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht. «Can You Feel the Love Tonight»? Gänsehaut. Pionierarbeit liefert der neue Film vor allem punkto Computereffekte. Die britische Firma Moving Picture Company, die bereits beim «Dschungelbuch» mitgewirkt hat, erreicht bei der Gestaltung der Tiere – allen voran der Löwen und Hyänen – ein neues Level. Regisseur Favreau hat Fotorealismus zur Maxime erhoben.
Das Ergebnis ist zweischneidig. Die Bilder sind zweifellos atemberaubend, aber auch seltsam abweisend. Was daran liegen könnte, dass singende und tanzende Löwen vielleicht gar nie den Anspruch hatten, möglichst lebensecht zu wirken.