Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03422.jsonl.gz/395

Manfred Kraxenberger, Senior Manager
Nuklearforum. Die Uno-Klimakonferenz (COP28), die am 30. November 2023 in Dubai beginnt, konzentriert sich auf mehrere Paradigmenwechsel, darunter die Beschleunigung der Energiewende, die Umgestaltung der Klimafinanzierung und die Senkung der Emissionen vor 2030. Das erweist sich als Gelegenheit, das Thema einer neuen Finanzierung der Kernenergie anzugehen.
Diese Ziele sollen laut World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IAE) vom Oktober 2023 durch einen erheblichen prognostizierten Ausbau der weltweiten Kernkraftkapazität von 417 GW im Jahr 2022 auf 900 GW im Jahr 2050 unterstützt werden. Angesichts dieser und ähnlich optimistischer Prognosen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) und der World Nuclear Association (WNA) ist die geplante Gründung der International Bank for Nuclear Infrastructure (IBNI) eine bedeutende Entwicklung.
Impulsgebend sind neue klimawissenschaftliche Forschungsergebnisse – darunter eine Studie der Nasa und der Columbia University zur globalen Erwärmung, über die Reuters Anfang November berichtete – die zeigen, dass nur 250 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (und nicht die zuvor geschätzten 450 Milliarden Tonnen) freigesetzt werden dürfen, wenn der Planet eine 50-prozentige Chance haben soll, den Temperaturanstieg bis 2050 auf 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Dies weist darauf hin, dass die kohlenstoffarme Stromerzeugung, z. B. durch neue Kernkraftwerke, in grossem Umfang erhöht werden muss.
IBNI und die nächsten Schritte zur Finanzierung von Kernenergie
Im Vorfeld von COP28 sprachen Mitglieder der strategischen Beratungsgruppe von IBNI mit der internationalen Kernenergie-Nachrichtenagentur NucNet über die nächsten Schritte zur Einrichtung dieser ersten Finanzierungsinstitution für die Nuklearindustrie. Die IBNI soll auch ESG-Standards – also betriebliche Standards betreffend Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance) – für die Finanzierung der Kernenergie festlegen.
Daniel Dean, Vorsitzender der IBNI-Lenkungsgruppe und ehemaliger Investmentbanker und Berater in Wien, geht davon aus, dass die Unterzeichnung einer Erklärung zur Zusammenarbeit hinsichtlich einer baldigen Gründung der IBNI durch die wichtigsten Führungsländer von Anfang Dezember 2023 bis Ende März 2024 erfolgen wird, wenn der Kernenergiegipfel in Brüssel stattfindet. Dieser Gipfel wird von der IAEO organisiert und von der belgischen Regierung und der IAEO ausgerichtet.
«Unser Hauptziel bei COP28 ist es, eine breite Koalition von Organisationen, die sich für das Klima und saubere Energien einsetzen, zu informieren, um eine breite Abstützung der IBNI zu erzielen, da die Kernenergie ein wesentlicher Bestandteil für die Erreichung der Netto-Null-Ziele für 2050 ist», sagte Dean. «Detaillierte Gespräche mit führenden Ländern, welche die Kernenergie nutzen – darunter Frankreich, Grossbritannien, Japan, Kanada, Schweden, Südkorea, die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate – sind bereits in vollem Gange, und die Unterzeichnung der gemeinsamen IBNI-Erklärung wird in den nächsten Monaten erwartet», erklärte er. Letztendlich sei es jedoch das Ziel, dass eine breitere Koalition von mehr als 30 potenziellen Ländern die gemeinsame Erklärung der IBNI unterzeichne, die den Rahmen für die internationale Zusammenarbeit bei der Gründung der neuen multilateralen Bank in naher Zukunft bilden werde, so Dean weiter.
Dean merkte an, dass es ehrgeizig sei, zu erwarten, dass all dies auf der COP28-Konferenz geschehe. Der festgelegte Zeitrahmen – Dezember und März [2024] – sei jedoch für das Erreichen dieses ersten kritischen Meilensteins realistisch.
Aufstrebende Nukleartechnologien
Milko Kovachev, Mitglied der strategischen Beratungsgruppe von IBNI in Bulgarien und ehemaliger Leiter der Infrastrukturabteilung der IAEO, sagte, dass «das IBNI dazu beitragen wird, Empfehlungen auszusprechen, wie die Flut neuer Kernkrafttechnologien in realisierbare Projekte umgesetzt werden können.» «Wir hören von vielen Auslegungen, aber nur sehr wenige erreichen die Projektphase, da sie das Stadium einer finanzierbaren Projektstruktur erreichen müssen, also werden wir die Standards und Kriterien für erfolgreiche neue Kernkraftprojekte liefern», sagte er. Derzeit gebe es nationale und regionale Initiativen, aber keine globalen Initiativen für die Finanzierung von Kernkraftwerken wie IBNI. «Wir werden in den USA und auf der ganzen Welt Lösungen zur Risikominderung anbieten, um sowohl die Kundennachfrage als auch die Angebotsseite in hoch entwickelten Ländern und in Einsteigerländern in Afrika und Südostasien zu befriedigen.»
Kovachev stellte klar, dass diese «Lücken bestehen, weil die Kernenergie als zu riskant angesehen wird, um in sie zu investieren, sodass IBNI eine Brücke zwischen den Finanz- und den Nukleargemeinschaften schlagen wird und in der Lage sein wird, Projekte zu präsentieren, welche die Finanzgemeinschaft unterstützen kann.»
Darüber hinaus wird die IBNI als «Bank ein Beschleuniger» für die Entwicklung von SMRs sein, für die es nicht immer geeignete Finanzierungsmöglichkeiten gibt. D.h., dass sie dadurch «derzeit nicht die Bedürfnisse des Klimanotstands decken können», sagte er.
Die IBNI ist eine «Infrastrukturbank, keine Entwicklungsbank wie die World Bank Group, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung oder die Asiatische Entwicklungsbank, die Geber in einer oder mehreren Regionen sind», so die strategische Beratungsgruppe. Sie wird jedoch [mit diesen anderen Finanzinstitutionen] zusammenarbeiten, da die IBNI sich mit allen Vermögenswerten befassen muss, die diese Banken finanzieren werden, einschliesslich der Versorgungsnetze, der industriellen Entwicklung und aller anderen Übergangsphasen.
IBNI setzt sich für Kernenergie ein
George Borovas, Mitglied der strategischen Beratungsgruppe von IBNI und Anwalt für internationale Kernenergie bei Hunton Andrews Kurth, sagte, dass «IBNI die richtige Bank ist, um die Kernenergie zu unterstützen.»
Es besteht ein «Konsens darüber, dass die Kernkraft Teil der Netto-Null-Strategie sein muss und dass ihre Finanzierung eine multilaterale Anstrengung erfordert», so Borovas. Angesichts des starken Anstiegs der SMR-Projekte konzentrieren sich die meisten SMR-Unternehmen heute auf die Technologie, verfügen aber nicht über die notwendige Projektstruktur. Daher wird IBNI nicht nur bei der Bereitstellung strukturierter Finanzierungen, sondern auch bei der Unterstützung und Anleitung in Bezug auf die Projektstruktur und die richtige Risikoverteilung eine wichtige Rolle spielen», fügte Borovas hinzu.
«Nach der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung durch die IBNI-Mitglieder werden wir eine Nichtregierungsorganisation gründen, welche die Finanzierung der Kernenergie beschleunigen und hinsichtlich Finanzierung beratend sein wird», sagte Dean. «Folglich werden wir die Bank zwischen Anfang 2024 und spätestens 2026 als Vertragsorganisation einrichten und wie alle multilateralen Organisationen Mittel bereitstellen.»
«Wir gehen davon aus, dass die Teilnehmerländer insgesamt USD 55 Mrd. an Vorab-Kapitalzusagen bereitstellen werden, wobei USD 30 Mrd. davon in Form von Aktionärskapital [25 USD Mrd.] und Gebermitteln [USD 5 Mrd.] eingezahlt werden sollen.»
Zu den grossen Ideen für die Finanzierung der Dekarbonisierung der Energieversorgung und der Eindämmung des Klimawandels auf dem COP28-Gipfel gehört der Vorschlag des ehemaligen britischen Premierministers und Uno-Gesandten Gordon Brown, eine weltweite Sonderabgabe in Höhe von USD 25 Mrd. auf die grossen Erdöl produzierenden Länder, darunter Katar, Norwegen und die Vereinigten Arabischen Emirate zu erheben, um bis zu USD 1 Mrd. an Klimafinanzierung für Ländern des Globalen Südens aufzubringen. Dadurch sollen eine «Pattsituation und ein mögliches Scheitern der Verhandlungen auf dem COP28-Gipfel» verhindert werden, so Brown in einer Erklärung im Herbst 2023.
Es ist unklar, ob einige dieser Mittel der Kernkraft zugutekommen werden, aber angesichts des erwarteten Aufschwungs kohlenstoffarmer Energiequellen auf der ganzen Welt könnte dies eine Gelegenheit sein, die Partnerschaften von IBNI zu erweitern.
Nucleareurope, die in Brüssel ansässige Industriegruppe, welche die europäischen Kernkraftwerksbetreiber vertritt, ist der Ansicht, dass eine spezielle Bank wie IBNI hilfreich sein könnte, dass es aber vor allem darauf ankommt, dass die richtigen politischen Massnahmen ergriffen werden, um Projekte auf den Weg zu bringen. «Dazu gehört, dass die EU mehrere ihrer Finanzierungsmechanismen überprüft, um sie mit dem Grundsatz der Technologieneutralität in Einklang zu bringen, da viele von ihnen derzeit einen automatischen Ausschluss der Kernenergie beinhalten», sagte eine Sprecherin von Nucleareurope. «Die Verwendung von Steuern auf fossile Brennstoffe oder Einnahmen aus dem europäischen Emissionshandelssystem zur Finanzierung von Nuklearprojekten ist ebenfalls ein möglicher Weg», fügte sie hinzu.
Verfasser/in
Rumyana Vakarelska, NucNet / Übersetzung und Vorspann: Nuklearforum Schweiz