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Der Aufenthalt in der Nervenheilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence gehörte zu den aktivsten Phasen des holländischen Malers Vincent van Gogh. Ein Augenschein an dem magischen Ort.
Vincent van Gogh (1853-1890) kam am 8. Mai 1889 während einer heftigen psychischen Krise nach Saint-Rémy-de-Provence. Die dortige Nervenklinik war ihm von seinem Arzt, Dr. Ray, empfohlen worden. Kurz zuvor hatte sich der holländische Maler in Arles – angeblich selbst – das Ohrläppchen durchgetrennt. In der Klinik «Saint-Paul de Mausole» blieb er ein ganzes Jahr, bis Mai 1890. An seinen Bruder Theo schrieb er: «Ich bitte Dich nur um eins: Sorge Dich nicht, denn das wäre für mich eine Sorge zuviel.»
Der Eingang zur Nervenklinik, links 1889 gemalt, rechts 2023 fotografiert.
In einem kleinen Krankenzimmer erlebte van Gogh die produktivste Zeit, eine bedeutende Phase seines Künstlerlebens. Rastlos schuf er fast 150 Werke, darunter «Die Sternennacht», «Der blühende Mandelbaumzweig» und «Die Schwertlilien». Aus dem Fenster sah er reife Weizenfelder, hart arbeitende Bauern sowie den Hügelzug «Les Alpilles». Trotz seiner Depressionen und Ängste inspirierten ihn Olivenbäume, Zypressen, Pinien, die Felder und klaren Sternennächte zu immer neuen Gemälden. Nach einigen Monaten erlaubte ihm die Klinikleitung, die Anstalt tagsüber fürs Malen zu verlassen. So zog er mit Esel und Staffelei durch die Gegend.
Drei seiner berühmtesten Bilder: «Die Sternennacht», «Der blühende Mandelbaumzweig», «Die Schwertlilien».
Die ältesten Gebäude der Klinik sind im provenzialisch-römischen Stil erbaut und stammen aus dem 11. Jahrhundert. Die Fassade der Kapelle wurde im 18. Jahrhundert restauriert. Der Bau wird von einem quadratischen, lombardischen Glockenturm überragt. Die Stimmung um und in der ummauerten Anlage wirkt spirituell. In einem Flügel des romanischen Klosters befindet sich ein Museum, das an van Goghs Aufenthalt erinnert. Noch heute dienen die Gebäude als Nervenklinik, wo zahlreiche psychisch kranke Menschen untergebracht sind.
Van Goghs Zimmer, hier vom Künstler gemalt, war sehr bescheiden eingerichtet.
Besichtigt werden kann eine Rekonstruktion des Krankenzimmers des Malers. Es war bescheiden möbliert, spärlich dekoriert und von der Aussenwelt isoliert. Bei einem Gang durch den Klinikgarten konnten wir mehr als zwanzig Reproduktionen der berühmtesten Gemälde van Goghs am Ort ihrer Entstehung bewundern. Die Anlage, die uns wegen ihrer Ruhe beeindruckt hat, ist für Touristen aus aller Welt eine magische Quelle der Natur.
«Sie werden meine Arbeit bestimmt später wiedererkennen und über mich reden, wenn ich tot bin. Ich werde dafür sorgen, falls ich es schaffe, noch länger zu leben», schrieb der kranke Maler 1889 in einem Brief an seinen Freund Anton Kerssemakers, einen wohlhabenden holländischen Gerber, der die Malerei als Hobby ausübte.
Ein Gebäudeteil der Klinik heute.
Die Landschaften von Saint-Rémy-de-Provence und der Hügelzug «Les Alpilles» waren wichtige Motive in van Goghs Schaffen. Die natürlichen Sujets, die den Maler faszinierten, wirkten auch anlässlich unserer Visite an Ostern 2023 auf uns. Unterbrochen wird die Stille nur von Schreien von Patienten, die aus dem geschlossenen Teil der Anstalt nach draussen dringen. Man fühlt sich in die Zeit van Goghs zurückversetzt.
Van Goghs Lieblingsmotive: oben gemalt, unten fotografiert.
«Die Zypressen beschäftigen mich seit langem, ich möchte sie so wie das Gemälde der Sonnenblumen hervorheben, weil es mich erstaunt, dass sie noch nie so gemacht wurden, wie ich sie wahrnehme. Sie sind schön in ihren Linien und Proportionen, wie ein ägyptischer Obelisk. Und das Grün ist eine so herausragende Qualität», kommentierte der Maler die regelmässige Wiederkehr der Zypressen in seinen Bildern. Zahlreiche seiner in Saint-Rémy gemalten Bilder zeigen Oliven- und Zypressenbäume.
«Es ist der schwarze Fleck in einer sonnigen Landschaft, aber es ist eine der interessantesten und am schwierigsten zu tupfenden, schwarzen Noten, die ich mir vorstellen kann. Aber wir müssen sie hier gegen das Blaue sehen, im Blauen, um es besser auszudrücken», schrieb der Maler am 25. Juni 1889 in einem weiteren Brief an seinen Bruder Theo.
Trottoir-Markierung auf dem Rundweg.
Ein mit neunzehn Reproduktionen seiner farbigen Gemälde verzierter Rundgang von etwa einer Stunde führt von Städtchen in das Universum des Künstlers. Eine Beschilderung zeigt den Weg vom Estrine Museum zur Klinik «Saint-Paul de Mausole».
An der Rezeption des lokalen Fremdenverkehrsbüros kann ein Audioguide ausgeliehen werden, der in französischer oder englischer Sprache die Geschichten und Anekdoten von Vincent van Gogh in Saint-Rémy nachzeichnet. Auf dem Rundweg finden sich auch originalgetreue Auszüge seiner vielen Briefe, wobei sowohl die eigenwillige Syntax als auch die ungewöhnliche Schreibweise des Künstlers respektiert wurden.
Am Ziel des Rundwegs.
Um die Tour zu bereichern, kann eine «Van Gogh Nature App» kostenlos aus dem Play- und dem Apple- Store herunterladen werden. Die mobilen Anwendungen dienen als geolokalisierter Multimedia-Guide, der es den Besuchenden ermöglicht, die Werke van Goghs auf dem Spaziergang durch die Landschaften noch anschaulicher zu erleben. Die App ist auf Französisch, Englisch, Spanisch, Deutsch, Italienisch und Japanisch verfügbar.
Als Hommage an Vincent van Gogh hat das Estrine Museum einen multimedialen Bildungsraum geschaffen, der dem Leben und Werk des Malers gewidmet ist. Die Ausstellung ermöglicht es den Besuchenden, die menschliche und künstlerische Reise der aussergewöhnlichen Persönlichkeit und ihren Einfluss auf die Malerei des 20. und 21. Jahrhunderts zu entdecken.
Zypressen: «eine der interessantesten und am schwierigsten zu tupfenden, schwarzen Noten, die ich mir vorstellen kann» (aus einem Brief van Goghs).
Die Dauerausstellung des Estrine-Museums ist der Malerei und Grafik des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet. Sie befindet sich in einem Juwel von provenzalischer Architektur des 18. Jahrhunderts. Das Gebäude selber wurde 1748 erbaut, also vor van Goghs Aufenthalt.
Das Museum zeigt zudem jedes Jahr zwei bis drei Wechselausstellungen mit Werken von Vincent Bioulès, Bernard Buffet, Albert Gleizes, Eugène Leroy oder Paul Rebeyrolle. Nach Vincent van Gogh liessen sich weitere Künstler in Saint-Rémy-de-Provence oder in den umliegenden Dörfern nieder. Zu ihnen zählen Yves Brayer, Auguste Chabaud, Mario Prassinos und der berühmte Albert Gleizes, Vorläufer des Kubismus.
Die beiden Selbstbildnisse entstanden während van Goghs Aufenthalt in der Nervenheilanstalt: Links, nach der Selbstverletzung am Ohr. Das Werk rechts wird von Kunstkennern als eine Art «Testament» interpretiert, mit welchem van Gogh das Ende seiner Träume, die verlorenen Hoffnungen und die Ahnung um das unausweichbare Drama enthüllt.
Als van Gogh die Anstalt 1890 verliess, zog er nach Auvers, einem Dorf in der Nähe der französischen Hauptstadt, um seinem Bruder Theo, der ihn als Galeriebesitzer in Paris gefördert und bekannt gemacht hatte, näher zu sein. Seine Geisteskrankheit verschlechterte sich jedoch weiter. Am 29. Juli 1890 schoss sich von Gogh mit einem Revolver in die Brust. Er starb zwei Tage später. Seine letzten, an seinen Bruder gerichteten Worte lauteten: «Die Traurigkeit wird ewig dauern».
Titelbild: Der «Vincent van Gogh Rundgang» erfreut Besuchende durch typische Werke des Malers und Briefauszüge in Französisch und Englisch. Fotos PS / Bilder Vincent van Gogh
LINKS
– Multimedia-Show «Carrières des Lumières » mit van-Gogh-Bildern: www.carrieres-lumieres.com
Aufruf im Journal Municipal de Saint-Rémy-de-Provence. Nr. 71, Avril 2023