Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03580.jsonl.gz/2169

| Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)

Erstes Buch
8.
39. Wenn sie aber gar zu heftig auf ihrer Behauptung bestanden, daß sie mir Etwas anvertraut hätten, dann sagte ich wohl mit fröhlichem Lächeln: Sehet zu, ob ihr es nicht dem Bruder gesagt habt. Denn während wir Alles gemein hatten, während Geist und Gemüth untrennbar waren, wurde doch das Geheimniß der Freunde keineswegs Gemeingut; nicht als ob wir Gefahr in der Mittheilung besorgt hätten, sondern nur um die Treue des Schweigens zu bewahren. War eine Angelegenheit zu berathen, so hielten wir immer gemeinschaftlich Rath; das Geheimniß tauschten wir aber nicht aus. Wenngleich nämlich die Freunde so zu dem Einen von uns sprachen, daß das Gesagte auch zu dem Anderen kommen sollte: so bin ich doch gewiß, durchweg die Treue des Geheimnisses so bewahrt zu haben, daß nicht einmal dem Bruder Mittheilung wurde. Es mußte als ein Vertrauen erweckendes Zeichen dafür gelten, daß nach außen nicht verrathen würde, was nicht einmal dem Bruder bekannt geworden.
40. Durch all diese so großen, aus unserer Gemeinschaft entspringenden Güter in eine Art geistiger Verzückung versetzt hatte ich die Furcht, ich könnte der Ueberlebende sein, aufgegeben, weil ich ihn eben zu leben würdiger erachtete: und deßhalb empfing ich den Schlag, wie ich ihn jetzt nicht ertragen kann. Voraus erwogener Schmerz ist ja erträglicher als eine Wunde, die man nicht erwartete. Wer wird [S. 342] nun den Traurigen trösten, den Gebeugten aufrichten? Mit wem soll ich die Sorgen theilen? wer wird mir das Mühen um die zeitlichen Angelegenheiten abnehmen? Du warst ja der Führer der Geschäfte, der Aufseher der Diener, der Schiedsrichter der Geschwister, nicht freilich im Streite, sondern in den Erweisen der Liebe.
41. Wenn mitunter zwischen mir und meiner heiligen Schwester zu verhandeln war, welche Meinung als die bessere erscheine, dann wählten wir dich zum Richter, der du Keinen von uns beleidigtest, sondern in dem Bestreben, Jedem gerecht zu werden, gleichzeitig das Gefühl der Liebe und das Amt des Schiedrichters im Auge hieltest. So entließest du uns beide in voller Zufriedenheit und verdientest dir jedesmal gesteigerte Huld. Legtest du selbst Etwas zur Entscheidung vor, wie angenehm war dann dein Streiten! wie ganz ohne Bitterkeit war selbst dein Unwille! Sogar die Zurechtweisung der Diener hatte nichts Verletzendes, da du mehr bemüht warest, dich vor den Brüdern anzuklagen, als aus der Erregtheit des Geistes zu strafen. Das Bekenntniß erstickte in uns dann das Verlangen zu strafen! Ja, du nahmest mir, mein Bruder, jede Neigung zu strafen, indem du, bemüht zu sänftigen, versprachest, selbst die Strafe zu verhängen.
42. Das muß aber als Beweis für eine nicht gewöhnliche Klugheit gelten, die ja von den Weisen folgendermaßen erklärt wird. Das höchste der Güter sei — sagen sie — Gott zu erkennen, ihn als das Wahre und Göttliche frommen Sinnes zu verehren, jene liebens- und begehrenswürdige Schönheit der ewigen Wahrheit mit der vollen Gluth des Herzens zu lieben. Das Zweite aber bestehe darin, von jenem göttlichen Urquell aller Dinge die Liebe auf die Nebenmenschen hinüberzuleiten, weil auch die Weisen der Welt aus unseren Gesetzen geschöpft haben. Sie hätten ja nicht in die menschliche Gesetzgebung hinüberleiten können, was sie nicht aus jenem himmlischen Quell des göttlichen Gesetzes geschöpft hatten.
43. [S. 343] Was soll ich nun von seiner Treue in der Verehrung Gottes sagen? Eines wird genügen. Er kam in die Gefahr des Schiffbruches, ohne zuvor der erhabenen Geheimnisse theilhaftig geworden zu sein. Als das Schiff, mit dem er fuhr, auf einer klippenreichen Untiefe festfuhr und sich unter dem Andrange der Fluthen löste, da fürchtete er nicht den Tod, sondern lediglich das Eine, ohne das Geheimniß aus dem Leben scheiden zu müssen. Darum erbat er von denjenigen, von welchen er wußte, daß sie bereits zugelassen waren, das göttliche Geheimniß der Gläubigen,1 sicher nicht um einen neugierigen Blick auf das Geheimniß zu werfen, sondern um die Gnadenhilfe des Glaubens zu erlangen. In ein Leinentuch barg er dann das Geheimniß, schlang jenes um seinen Hals, und so warf er sich in das Meer hinab, ohne daran zu denken, wie er ein Brett, das vom Schiffsgefüge sich losgerissen, erhaschen möchte, auf dem er schwimmend sich rettete: er suchte einzig die Hilfe des Glaubens. Damit hielt er sich hinreichend gedeckt und geschützt und verlangte deßhalb andere Hilfe nicht.
44. Man wird dabei wohl die Tapferkeit desjenigen betrachten dürfen, der bei ermattendem Ruder nicht wie ein Schiffbrüchiger nach einem Rettungsbrette greift, sondern wie ein Starker aus sich die Stütze seines Muthes nimmt: die Hoffnung hat ihn nicht irren lassen, seine Ueberzeugung hat ihn nicht getäuscht. Aus den Fluthen gerettet und glücklich in dem Hafen gelandet, erkannte er zuerst seinen Führer, dem er sich anvertraut hatte: als er dann auch die Diener theils durch sich selbst, theils durch Andere [S. 344] gerettet wußte, da kümmerte er sich nicht mehr um das verlorene irdische Gut, sondern eilte alsbald zur Kirche Gottes, um dort für seine Rettung zu danken und die ewigen Geheimnisse zu schauen, unter der lauten Versicherung, daß es keinen erhabeneren Gottesdienst gebe, als die Darbringung des Dankes. Sei es ja schon vordem dem Morde gleichgeachtet, wenn man einem Menschen den schuldigen Dank nicht darbringt: wie groß sei dann das Verbrechen, ihn Gott zu versagen?
1: Es bedarf kaum der besonderen Versicherung, daß diese Worte sich auf das Sakrament des Altares beziehen. Die Praxis der alten Kirche, nach welcher den Gläubigen die heilige Hostie zur Selbstkommunion anvertraut wurde, ist bekannt. Daß Ambrosius die Eucharistie divinum illud fidelium sacramentum nennt, bleibt aber beachtenswerth.