Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03636.jsonl.gz/507

Phep Philouceros ist passionierter und erfahrener Segler. Diesen Sommer ist er wieder allein mit seiner Doppelkiel-Jacht namens Oxygene unterwegs. Der 77-jährige Franzose, der seit über einem halben Jahrhundert segelt, umschiffte am Montag gerade das Cabo de São Vicente an der äussersten Südwestspitze Portugals, als bei seinem Boot rund 400 Meter vor der Küste fünf Orcas auftauchten.
Zunächst umkreiste die Gruppe von Schwertwalen das Boot, wenig später attackierten zwei von ihnen das Ruder der 9-Meter-Jacht. «Es war innerhalb von einer Minute zerstört», erzählte Philouceros später den örtlichen Medien. «Später haben sie auch die Kimmkiele gerammt. Das Boot wackelte, es drehte sich, aber es kenterte zum Glück nicht.» Der Franzose, der den Vorfall noch filmte, setzte umgehend einen Notruf ab und wurde wenig später in einen Hafen geschleppt. Während der Rettungsaktion rammten die Orcas sein Schiff aber weiterhin.
Philouceros Schreckerlebnis ist die neuste von rund 470 Orca-Attacken, die Forscher der Organisation GT Orca Atlántica (GTOA) seit Sommer 2020 registriert haben. Wobei «Attacke» eigentlich das falsche Wort ist – schliesslich haben die Meeressäuger nichts Essbares, sondern Boote im Visier. Forscher sprechen daher lieber von «Interaktion».
Vor allem in den Sommermonaten kommt es häufig zu solchen Interaktionen zwischen Schiffen und Orcas, in den Wintermonaten wurden bislang nur wenige Zwischenfälle gemeldet. Dies liegt einerseits daran, dass zu dieser Zeit weniger Boote unterwegs sind, andererseits, dass die Orcas sich dann im Nordatlantik befinden und erst ab März zu den Küsten der iberischen Halbinsel zurückkehren. Dann beginnt für sie die Jagd auf den Roten Thunfisch, der im Juli durch die Strasse von Gibraltar zieht, um im Mittelmeer zu laichen.
Bei den Interaktionen haben es die Orcas insbesondere auf die Ruder der Boote abgesehen. Diese werden sowohl gerammt als auch abgebissen, darüber hinaus werden auch Rumpf und Kiel von den Orcas ins Visier genommen. Die Angriffe auf ein einzelnes Boot dauern nicht selten über eine Stunde.
Durch ihre Grösse und ihr Gewicht von bis zu 3,6 Tonnen wäre es den Schwertwalen ohne Weiteres möglich, das gesamte Boot zum Kentern zu bringen. Das bestätigt auch Philouceros: «Wenn die Orcas meine Jacht wirklich versenken wollten, hätten sie es ohne Mühe tun können. Ich glaube aber nicht, dass das ihre Absicht war.» In bisher drei Interaktionen ist allerdings genau das passiert.
Warum es die Orcas auf die Segelschiffe abgesehen haben, gibt der Wissenschaft nach dreijähriger Untersuchung noch immer Rätsel auf. Auch eine Anfang 2022 ins Leben gerufene Zusammenarbeit der Cruising Association (CA) mit der GT Orca Atlántica gab keine neuen Ergebnisse, obwohl seither 147 Interaktionen mittels eines Fragebogens für betroffene Schiffsbesitzer genauestens untersucht wurden.
So gibt es bis heute keine belegbare Erklärung, warum rund 15 Orcas aus einer Population von weniger als 50 Tieren ein komplett neuartiges Verhalten zeigen. Mittlerweile werden aber mehrere verschiedene Thesen diskutiert:
Der Walforscher Renaud de Stephanis rät kleineren Schiffen, Gegenden mit Orca-Präsenz zu umfahren. Im Auftrag der spanischen Regierung statten der Leiter der Umweltorganisation CIRCE und sein Team Orcas mit Ortungsgeräten aus. «Wir setzen Satellitensender ein, um zu wissen, in welchem Gebiet sich die Orcas aufhalten», sagt de Stephanis. So könnten Boote diese Gebiete umfahren und Interaktionen vermeiden. Eine diesbezüglich angefertigte elektronische Seekarte, die mittels einer App oder Webseite abgerufen werden kann, sei so gut wie fertig.
Das Ziel sei es, in Echtzeit zu informieren und Warnungen auszusprechen, damit niemand verletzt und keine weiteren Boote angegangen werden. Ansonsten gibt es gemäss de Stephanis nur eine Lösung: «Jederzeit wissen, wo die Orcas sind. Und dann ganz nah an der Küste auf der 20-Meter-Tiefenlinie entlang segeln. Dort ist man sicher.»
Kaffee gehört zu den meistkonsumierten Getränken weltweit. Von belebten Stadtcafés bis hin zu abgelegenen Bergdörfern – Kaffee hat Einzug in das Leben von Millionen Menschen gehalten.