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Ende April. Kaum hat Joëlle Nager die Partitur ihres Auftragswerks für das Festival Murten Classics abgegeben, da reist sie nach Budapest. Die im Jahr 2000 geborene Baslerin dirigiert da das Budapest Art Orchestra für Aufnahmen ihrer Musik; im Juni arbeitet sie dann in den Air Studios in London. Beides gehört zum letzten Jahr des Masters-Programms am Berklee College Of Music; die Ausbildungen zur Filmkomponistin und Dirigentin an der University of West London hat sie bereits abgeschlossen. Und Joëlle Nager hat bereits eigene Aufträge. Wie feinsinnig sie komponiert, zeigt etwa ihr unterschwellig wirkender Soundtrack zum Kurzfilm «EGO» (2022), der zweimal als «Best Score» (FilmCon Awards und Monthly Indie Shorts) ausgezeichnet wurde.
Spezielle Instrumentenkonstellation
Joëlle Nager hat sich über den Auftrag von Murten Classics sehr gefreut, weil dieses Festival grossartig sei und die Komposition im Jubiläumsprogramm von 100 Jahre SUISA uraufgeführt werde. «Speziell gefreut hat mich, dass ich Konzertmusik schreiben konnte, weil meine Ausbildung primär auf Filmmusik ausgerichtet ist.» Sie habe schon früher sehr gerne für Orchester mit Bläsern, für reine Streichorchester und auch andere Instrumentenkonstellationen gearbeitet. «Neu für mich und deshalb eine schöne Herausforderung ist aber die Zusammenstellung von Piano, Harfe, Perkussion und einem Streichorchester», erklärt Joëlle Nager, die das Klavier als ihr Primärinstrument bezeichnet, aber auch klassischen Gesang gelernt hat.
Das Klavier hat eine spezielle Bedeutung für Joëlle Nager. «Ich habe am Klavier zu musizieren begonnen. Und eines Tages habe ich mehr als nur die Noten auf dem Papier gespielt, also gewissermassen zu komponieren begonnen» (lacht). Sie nutzt das Klavier immer noch als Werkzeug, «aber zunehmend stelle ich mir die verschiedenen Stimmen einer Komposition in meinem Kopf vor und reihe dann die einzelnen Teile aneinander». Joëlle Nager erklärt auch, dass sie nicht eine Art von Lieblingsmusik oder einen Lieblingskomponisten habe. Bedingt auch durch die Ansprüche der Filmmusik lasse sie sich von überall inspirieren. «In jeder Zeitspanne sehe ich verschiedene Möglichkeiten, verschiedene Perspektiven, auch mit Musik aus dem Jazz-, Pop- und Rockbereich. Dies ist besonders in der Filmmusik wichtig, wo man mit dem Film und seiner Geschichte mitgehen möchte.»
Über die grösste Geschichte
Es ist nicht so, dass Joëlle Nager für eine neue Komposition entweder zuerst ein Konzept entwickelt oder gleich mit musikalischen Ideen beginnt. «Es ist immer ein zeitgleicher Prozess. Ich lasse mich auch von der Umgebung inspirieren, was um mich herum vorgeht, diese kleinen Geschichten. Und die Musik spielt bereits im Kopf.» Zunächst sei sie sich aber der Instrumentation bewusst. «Welche Instrumente kann ich einsetzen, was können diese bewirken, was ist idiomatisch für sie?» Im Fall dieser Komposition für das Festival Murten Classics habe sie geleitet, dass hauptsächlich Streichinstrumente zur Verfügung stehen, aber auch Perkussion. Dies habe zu einer gewissen melodischen und rhythmischen Prägung geführt.
Mit dem Titel «Between Life And Death» nimmt Joëlle Nager Bezug zum Festivalthema «Geschichten – Histoires», denn für sie sei das Leben die grösste Geschichte, die man als Mensch habe. «Doch diese Geschichte besteht aus vielen verschiedenen Unterkapiteln, Phasen, die man im Verlauf seines Lebens durchläuft. Daher ist mein Stück sehr divers und zeigt sehr verschiedene Eigenschaften auf.» Passend dazu hat Joëlle Nager ihrer Komposition den Untertitel «A Constant Struggle Between Reality, Dreams And Hope» gegeben. «Innerhalb seines Lebens hat man ja immer gewisse Hoffnungen, Wünsche, die man versucht, innerhalb dieser Geschichte zu erfüllen. Die Realität steht aber immer wieder im Weg, sie kann jedoch auch helfen. Und so ist man immer wieder in diesem Kampf zwischen dem, was man möchte, dem was real ist, und dem, was irreal ist. Und: Die Linie zwischen Leben und Tod ist sehr dünn.» Dem Thema entsprechend wird auch die Komposition tönen: «Die Musik ist zügig und wechselt schnell zwischen verschiedenen Stimmungen.»
Anregendes Feedback
Dem «Young Composer» Joëlle Nager stand während des Kompositionsprozesses der «Senior Composer» Daniel Schnyder als Mentor zur Seite. Joëlle Nager teilte ihm bereits im Oktober 2022 erste Ideen mit. In den Winterferien schuf sie dann eine erste Version der Partitur und schickte sie ihm. «Per Videocall haben wir dann darüber geredet, sind Seite für Seite durchgegangen, haben geschaut, was man verbessern kann. Er gab mir Anregungen, die für mich sehr spannend waren.»
In der Zwischenzeit hat Joëlle Nager einige Teile der Komposition umgeschrieben und Daniel Schnyder die zweite Version der Partitur geschickt. Diese wird wiederum in einem Videocall besprochen, worauf sich Joëlle Nager bereits freut, denn «es ist eine tolle Zusammenarbeit, die mir auch Spass macht». Nach der Fertigstellung der Partitur stellt sich die Frage der Umsetzung durch das Orchester. «Ich habe natürlich eine Grundvorstellung, wie die Komposition tönen muss. Feinheiten besprechen kann man bei den Proben sicher noch, bei einigen Stellen vielleicht sogar experimentieren. Ich bin grundsätzlich sehr offen und lasse mich gerne auch vom Orchester inspirieren.»
Jubiläumskonzert zu 100 Jahre SUISA am Festival Murten Classics 2023
Murten Classics hat letztes Jahr die vier jungen Schweizer Talente Pascal Bachmann (*2006), Joëlle Nager (*2000), Théo Rossier (*2002) und Arseniy Shkaptsov (*1993) beauftragt, zum Festivalthema «Geschichten – Histoires» je eine maximal achtminütige Komposition für Streichorchester, Klavier, Harfe und zwei Schlagzeuge zu schreiben. Ausgewählt wurden die vier «Young Composers» von dem Dirigenten Christoph-Mathias Mueller, der auch künstlerischer Leiter von Murten Classics ist, und dem «Senior Composer» Daniel Schnyder. Letzterer begleitet die «Young Composers» während des Kompositionsprozesses als Mentor. Der 1961 in Zürich geborene und seit 1992 in New York City lebende Saxofonist und Flötist gilt als einer der vielseitigsten Komponisten seiner Generation.
Unter dem Titel «Aus der Werkstatt geplaudert» findet am Samstag, 26. August um 14 Uhr in der Deutschen Kirche Murten eine öffentliche Generalprobe mit Gesprächen statt. Ein Ticket zum Konzert von Sonntag, dem 27. August berechtigt zu dieser öffentlichen Probe in Anwesenheit der Komponistin und der Komponisten. Das Konzert mit den Uraufführungen beginnt am Sonntag um 20 Uhr im idyllischen Schlosshof. Die Werke der Young Composers werden von Arcangelo Corellis «Concerto grosso op. 6, Nr. 4» und Ernest Blochs «Concerto grosso No. 1» eingerahmt. Interpretiert wird das Programm durch das Hilaris Chamber Orchestra, das erweitert wird mit Isabel Goller (Harfe), Kiril Zvegintsov (Klavier), Jens Ruland (Schlagzeug) und João Carlos Pacheco (Schlagzeug); als Dirigent wirkt Christoph-Mathias Mueller.
Tickets ab dem 1. Juni und weitere Infos: www.murtenclassics.ch