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(NZZ am Sonntag – Meinungen – 19. November 2006, Seite 22)
Wenn die Wissenschaft über Gott und die Schöpfung nachdenkt
Beda M. Stadler
Religiöse Leser sollten nach dem Punkt mit Lesen aufhören. Bei den anderen Lesern möchte ich mich entschuldigen, falls die folgende Geschichte bekannt sein sollte. Immerhin werde ich der Geschichte eine zweite Pointe anhängen.
Es geht um die wissenschaftliche Frage, ob die Hölle exotherm oder endotherm ist. Ein amerikanischer Chemielehrer hat diese Bonusfrage in einer Prüfung gestellt. Ein Schüler erhielt für die folgende Antwort die maximalen Bonuspunkte: Als exotherm bezeichnet man eine Reaktion, bei der Wärme entsteht. Eine endotherme Reaktion verbraucht hingegen Energie. Der Student argumentierte, wer in die Hölle kommt, wird dort für immer und ewig schmoren.
Zumindest sind sich alle monotheistischen Religionen darüber einmal einig. Jede monotheistische Religion ist sich auch absolut sicher, dass die Seelen der Konkurrenzreligion in der Hölle enden werden. (Da es riskant ist, eine monotheistische Weltreligion zu kritisieren, sollten wir allen drei Religionen recht geben!) Das lässt den Schluss zu: Eigentlich enden alle Menschen, die bloss an einen Gott glauben, in der Hölle. Zudem wurde mir als ehemaligem Katholiken eingebläut, dass auch sämtliche Heiden zur Höllenewigkeit verdammt sind.
Da die Menschheit exponentiell wächst, darf man davon ausgehen, dass es immer mehr Platz in der Hölle braucht. Daraus folgt ein logisches Problem: Ist die Hölle eine konstante Grösse, oder wird sie ständig grösser? Nimmt sie schneller zu als der Nachschub an Seelen, ergibt sich eine endotherme Situation, die Hölle würde einfrieren. Ist die Hölle hingegen eine konstante Grösse oder wächst sie zu langsam, käme es zu einer extremen Form der Exothermie, zu einer Explosion. (Bum! Ein sinnvoller Beitrag an den Weltfrieden; Anmerkung des Kolumnisten.)
Für die Lösung des Konflikts hatte der Student nur eine plausible Erklärung. Eine Kommilitonin hatte ihm gesagt, eher werde die Hölle frieren, als dass sie mit ihm schlafen werde. Er nahm also an, die Hölle sei exotherm.
Mir hat die Geschichte gefallen, weil daraus eine nächste logische Tatsache folgt: Der Himmel ist sinnlos, da gar niemand übrig bleibt, diesen je zu besiedeln. Es kann somit auch keine Jungfrauen oder andere Lockvögel im Himmel geben. Das wäre ein zweiter Beitrag an den Weltfrieden.
Da die Angst die Mutter aller Religionen ist, muss ich nun folgern: Einzig furchtlose Menschen, zum Beispiel Atheisten, enden nicht in der Hölle. In den Himmel wollen die aber für gewöhnlich auch nicht.
Um die Frage zu klären, habe ich mehr als zweihundert Leute gefragt, ob sie einen berühmten, lebenden Schweizer Atheisten kennen. Bisher wurde mir niemand genannt, ausser dass einige sich selber als Atheisten bezeichnet hatten (meist leider Unberühmte). Zudem war oft nach kurzer Diskussion klar, sie wussten es doch nicht so genau oder glaubten im Ernstfall sogar an die Schöpfung. Das stimmt mich nachdenklich, schliesslich gibt es heute sogar Schwule, die sich darüber ärgern, wenn es keine Reaktion auf ihr Comingout gibt.
Warum zieren sich die Atheisten so? Wird man in der Schweiz als Atheist diskriminiert, nicht aber, wenn man an Märchen wie die Schöpfung glaubt? Diese Diskriminierung wäre gar legal, schliesslich steht in der Präambel zu unserer Bundesverfassung: «Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung [. . .].» Ist für uns Wissenschafter, die wir doch ziemlich sicher sind, dass die Evolution eine Tatsache ist, die Schöpfung der Stolperstein zur fehlenden Akzeptanz von modernen Technologien, wie etwa Gentechnik oder Reproduktionsmedizin?
Da die Angst die Mutter aller Religionen ist, muss ich folgern: Einzig furchtlose Menschen enden nicht in der Hölle.
Für die religiösen Leser, die trotz meinem Abraten bis zum Ende weitergelesen haben: Dies war mein Beitrag zum Ein-Jahr-Jubiläum unseres Gentech- Moratoriums. Das Volk hat uns eine sogenannte Denkpause auferlegt, da darf ein Wissenschafter doch wohl einmal laut denken.
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Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie und Professor für Immunologie an der Universität Bern.