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Micha Friemel
2019
Kompost
Ich esse
Giannas After Eights. Ich war nur zwei Tage weg. Aber wie ich hier sitze, wie
ich in der Küche sitze, wie still es hier ist, wie still ich es auszuhalten
vermag – so kenne ich mich nicht. Es ist, als sitze hier eine andere.
Gianna
hatte mich wie verabredet angerufen. Ich hatte seit ihrer Abreise darüber
nachgedacht, was ich sagen würde, wenn es so weit war. Ich mache das oft: Ich
spiele im Voraus Varianten durch von Gesprächen, die ich beunruhigend finde.
Als ich in
Santa Maria aus dem Postauto stieg, ging ich wie selbstverständlich die
Strasse hoch Richtung Umbrail. Ich hatte zur Sicherheit die Adresse gegoogelt.
Es wäre nicht nötig gewesen. Als ich da war, erinnerte ich mich.
Ich betrat
Madlainas Haus. Ich blieb lange im Flur. Ich betrachtete die Aquarelle, die in
einer langen Reihe hingen. Porträts von Bergen. Ich stand vor ihnen, als sei
ich eigens gekommen, um sie zu betrachten. Ich hatte kalte Füsse. Die Tür
wurde ständig geöffnet. Leute kamen, Leute gingen. Dann kam Gianna, sie nahm
meine Hand.
Es tut mir
so leid, sagte ich. Immerhin hatte sie keine Schmerzen.
Gianna lachte. Hast du wieder einmal Sätze auswendig gelernt? Komm herein. Ich bin froh, bist du da.
Da war die
Stube, wie ich sie kannte. Da war das leise Zurren der Uhr, der Ofen, die
Ofenbank mit dem gewobenen Kissen. Mein Blick floh aus dem Fenster. Draussen
versammelten sie sich in der Kälte. Die Bäume und Wiesen waren weiss
gepudert, dabei war erst September. Auch in Zürich hatte der Herbst sich
verabschiedet. So plötzlich, dass man denken konnte, er bringe nur eben ein
paar Gläser Eingemachtes in den Keller und kehre dann wieder.
Letzte
Woche noch hatten wir im T-Shirt im Garten gestanden. Gianna grub den Kompost
um. Sie trug keine Handschuhe. Ich fragte sie nicht, ob sie sich ekelt. Es war
offensichtlich, dass sie es nicht tat. Ich ekle mich nicht nur vor Würmern.
Ich trage sogar Handschuhe, um Salat zu ernten. Ich hasse die Asseln, die sich
unter den Blättern verstecken. Die Schnecken, die Tausendfüssler, im Grunde
alle Vielfüssler – die Spinnen und Käfer.
Schau mal, wie hübsch, sagte Gianna und zeigte auf Nester von Schneckeneiern. In der dunklen Erde sahen sie aus wie silberne Perlen. Sie sammelte sie ein und verstreute sie am Wegrand, auf dass die Vögel sie frässen. Ich habe Gianna im Garten nie schimpfen gehört. Nicht einmal im letzten Sommer, als die Schnecken fast die ganze Salaternte weggefressen hatten.
Ich bin sicher, als Kind hast auch du Schnecken und Würmer gestreichelt, sagte Gianna.
Ich kann mich nicht erinnern.
Gianna sagte, das Kompostieren mache sie glücklich. Denk an den Mangold und an die Erdbeeren, die wir bald essen werden.
In der
Stube roch es nach Weihrauch. Ich lehnte mich an die Wand. Gianna lehnte sich
an mich. Ich mochte Weihrauch nicht, so wie ich früher After Eights nicht
gemocht hatte. Beides überwältigt mich, beides ist mir zu viel. Weihrauch zu
viel an Bildern, After Eights zu viel an Geschmack. Doch hier in dieser Stube
war Weihrauch nicht mehr als Rauch, der entsteht, wenn Harz brennt.
Ich frage
mich, was es ist. Warum neben Gianna alles so einfach ist. Sie hielt mir eine
Packung After Eights hin und sagte: Zucker, Kakao, Fett, Minze, Salz. Es sind
nicht so viele Bestandteile, dass sie dich erschrecken müssten.
Wenn ich
früher den Kompost wegbrachte, bemühte ich mich, die Abfälle nicht zu
berühren. Ich hatte einen Plastiksack über den Eimer gespannt, den ich beim
Entsorgen sorgsam ausschüttete und so faltete, dass meine Finger sauber
blieben. Den Sack entsorgte ich danach im öffentlichen Abfall. Ich hätte ihn
nie zurück nach Hause genommen. Schon so hatte ich das Gefühl, den Geruch
nicht mehr loszuwerden. Ich roch die sich zersetzenden Abfälle noch lange.
Einmal beobachtete Gianna mich dabei und sah mich an, als komme ich vom Mars.
Beim
Kompostieren letzte Woche hielt sie mir einen Maiskolben hin. Ich begriff
nicht, was sie mir zeigen wollte, und wagte nicht nachzufragen. Es war mir
peinlich, so wenig vom Gärtnern zu wissen. Hätte der Maiskolben nicht auf den
Kompost gehört? Gianna legte ihn auf die kleine Mauer, die unseren
Schrebergarten
von den anderen trennt. Als sie sich wieder dem Haufen zugewandt hatte, ging
ich hin und betrachte den Kolben. Man erkannte noch die einzelnen Kämmerchen
der Körner. Sie waren durch filigrane Wände voneinander abgetrennt. Während
die Kerngehäuse der Äpfel, ihre Schalen, die Zucchiniabschnitte, die
Fenchelstängel, die Kürbiskerne, die Kartoffelschalen sich vollkommen
zersetzt hatten, war der Maiskolben in Form geblieben. Ich war auf sonderbare
Weise berührt.
In der
Stube war es ruhig. Viel ruhiger, als ich es mir hatte vorstellen können.
Die Katze ist anders als sonst, raunte Gianna. Sie sass einer Statue gleich auf dem Stuhl neben der Tür, inmitten des Gedränges. Normalerweise flieht sie vor den Menschen.
Madlainas
Sarg war schlicht. Er war aus Arve oder aus Lärche. Oder Fichte? Föhre?
Jedenfalls aus irgendeinem Nadelholz. Glaube ich. Innen war er wattiert und mit
festem Leinen bezogen. Gianna hatte Madlainas Zöpfe frisch geflochten. Sie
hatte sie auch angezogen, ihre Lieblingshose gewählt und ein schlichtes Hemd,
darüber die Weste, die Madlaina fast täglich getragen haben soll. Gianna
hatte ihr Kornblumen zwischen die Finger gesteckt.
Als ich
Gianna in Zürich kennenlernte, war ich neugierig, wo sie herkommt. Wir
frotzelten, dass wir uns irgendwann zeigen würden, wo und wie wir aufgewachsen
waren.
«Wir besteigen ein Raumschiff und reisen zurück auf unsere fernen Planeten.»
Gianna ist dermassen anders als ich. Bei all dem Vielen, was sie macht, scheinen ihr die Gedanken nie davonzufliegen. Sie kocht. Sie isst. Dann wäscht sie ab. Sie sagt, wenn sie nicht da ist. Sie schimpft, wenn sie wütend ist. Sie spricht mit mir. Sie schaut mich an. Sie sieht mich. Sie ist bei mir. Ich brauchte nicht lange mit Madlaina zu sprechen, um Gianna in ihr zu erkennen. Ich kenne sonst niemanden, der so genau spricht. Sie sind oft still. Aber wenn sie reden, ist es, als genössen sie jeden Vokal, jeden einzelnen Konsonanten.
Meine
Familie ist anders: Wir machen immer fünf Dinge zugleich und alle schlecht.
Wir sind laut. Wir kommentieren, was wir machen, was wir gemacht haben. Wir
sagen etwas und meinen etwas vollkommen anderes. Mein Vater rennt immerzu.
Ausser er fährt Rad. Er ist stets besorgt, er könnte das Beste verpassen. Und
Mama? Auch sie macht alles zu schnell. Sie verschluckt Worte. Sie führt ihre
Sätze selten zu Ende. Als ich Gianna kennenlernte, war mir, als atme ich zum
ersten Mal aus.
Während
ich Madlaina betrachtete, versuchte ich, meine Hände ruhig zu halten. Da war
immer ein Zucken. Ich versuchte, still zu stehen. Ich versuchte, beide Füsse
gleich zu belasten. Meine Beine standen ruhig. Nur was mache ich mit meinen
Händen? Ich faltete sie probeweise wie zum Gebet.
Ich würde
das Aussprechen von Konsonanten auch gerne geniessen.
M-A-D-L-A-I-N-A. Es ist sonderbar, den Namen einer Toten zu denken. Es ist, als hätte etwas den Namen verlassen. Als sei da nur noch ein bleiches Buchstabenskelett.
Der Pfarrer
sprach den letzten Segen. In Gedanken legte ich Mama in den Sarg. Meinen Vater.
Meinen Bruder. Und mich selbst.
Ich hätte
mir gewünscht, die Stille aushalten zu können. Nichts sagen zu müssen. Ich
schaffte es nicht. «Sie sieht zufrieden aus.» Danach kniff ich die Lippen
zusammen. Ich streichelte Giannas Hand. Ich hörte uns atmen.
Vier Männer in dicken Daunenjacken betraten die Stube, sie hoben den Deckel und verschlossen den Sarg mit dicken Schrauben. Sehr hübschen Schrauben. Jemand schluchzte.
In einem
solchen schlichten Sarg will ich irgendwann liegen. (Wenn sich das Sterben
schon nicht vermeiden lässt.)
Wir gaben Madlaina das letzte Geleit. Die Kirchenglocken läuteten. Ich ging neben Gianna. Auch auf dem Friedhof stand ich neben ihr. Sie senkten den Sarg ab. Es war nicht meine erste Beerdigung. Aber zum ersten Mal in meinen Leben hatte sie nichts Surreales. Zum ersten Mal floh ich mich nicht anderswo hin. Nicht in den Himmel. Nicht zurück. Da war Holz. Hinter dem Holz lag Madlaina. Da war ein Loch in der Erde. Das Loch war an einer Stelle zu eng. Sie hoben den Sarg an den Seilen nochmals hoch. Einer nahm die Schaufel. Er grub kurz und energisch. Danach passte der Sarg in das Loch.
Gianna
löste sich aus meiner Umarmung, sie machte einen Knicks. Sie liess die Lilien
aus ihrer Hand aufs Grab hinabfallen.
Ich zog die Handschuhe aus und schüttete etwas Erde auf den Sarg.
Der Tod war
hier dermassen beiläufig.
Jetzt mag ich After Eights.