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Die grosse Retrospektive des kommenden Locarno Festivals ist dem Autor und dreifachen Oscargewinner Leo McCarey (1898 – 1969) gewidmet, der sowohl im komischen Film (Laurel & Hardy, Marx Brothers, Harold Lloyd) als auch in der Blütezeit der Filmkomödie (Cary Grant, Charles Laughton, Bing Crosby) unauslöschliche Spuren hinterlassen hat. Die Retrospektive reiht sich in die Rückblicke auf andere grosse Meister des Genres wie Lubitsch, Minnelli und Cukor ein und wird laut dem künstlerischen Leiter des Festivals Carlo Chatrian „eine anregende und stimulierende Wirkung auf die neuen Generationen von Zuschauern und Regisseuren haben“.
Seinen Aufstieg verdankte McCarey der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Hal Roach, für den er in den 20er-Jahren zuerst Gags schrieb und dann Regie führte. Gemeinsam prägten sie die goldenen Jahre des amerikanischen komischen Stummfilms, entdeckten Komiker wie Charley Chase und Max Davidson, schafften das unvergessliche Duo Dick und Doof (Laurel & Hardy) und führten sie zu Weltruhm. Später wollte McCarey den Slapstick modernisieren und begründete einen neuen, unverkennbaren Stil mit anspruchsvolleren Gags und einer eleganteren Choreographie der Bewegungen.
Nach der Einführung des Tonfilms wurde McCarey zum Meister der Screwball Comedy und lancierte Stars wie Cary Grant (The Awful Truth, 1937). Mit seinen Darstellern, die zu den grössten Interpreten des Genres gehörten, schrieb er Filmgeschichte: Harold Lloyd und Mae West, Charles Laughton und Eddie Cantor sowie die Marx-Brothers, die ihr Meisterwerk Duck Soup (1933) seiner Regie anvertrauten.
Ende der 30er-Jahre und in der Nachkriegszeit ging McCarey allmählich von der Komik zum Melodrama über und schuf Werke, die von der romantischen Komödie bis hin zum religiösen Film reichten. Auch in dieser letzten Phase seiner Karriere lag sein grosses Verdienst darin, Schauspieler wie Ingrid Bergman und Paul Newman, Bing Crosby und Deborah Kerr zu ihrer Höchstform auflaufen zu lassen. Unvergesslich bleibt auch Cary Grant in Streifen wie Good Sam (1948) oder An Affair to Remember (1957).
Für Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Locarno Festivals, ist „eine Retrospektive von Leo McCarey in erster Linie eine Hommage an den Meister eines Genres, das heute immer seltener geworden ist. Seine Filme waren grosse Publikumserfolge und wurden auch von der Kritik sehr wohlwollend aufgenommen. Mit etwas Verspätung hat diese mittlerweile die verschiedenen Lesearten seiner Werke entdeckt. Es ist in unseren Augen an der Zeit, dass der Name McCarey seinen verdienten Platz einnimmt. Wir sind überzeugt, dass seine Kunst, sein Sinn für Tempo und seine Eleganz für die neuen Generationen von Zuschauern und Filmemachern anregend und stimulierend sind. Dazu noch eine persönliche Bemerkung: Diese Retrospektive erinnert uns an einen Abschnitt unserer Kindheit, den viele von uns erlebt aber vielleicht nicht mehr so präsent haben. Doch das herzliche Lachen mit Laurel & Hardy ist mehr als nur eine nostalgische Heraufbeschwörung sorgloser Momente, sondern es gemahnt uns an die unverbrüchliche visionäre und wohltuende Kraft der Komik.“
Die Retrospektive unter der Leitung des Kurators Roberto Turigliatto konnte dank der Partnerschaft mit der Cinémathèque suisse und der Cinémathèque française realisiert werden. Auch das Filmfestival Le Giornate del Cinema Muto von Pordenone hat seine Unterstützung zugesichert. Programmbegleitend wird eine Publikation auf Englisch und Französisch (Verlag Capricci) erscheinen.
Roberto Turigliatto, Kurator Retrospektive des Locarno Festivals: „McCarey war ein Multitalent und hatte unter Tod Browning gearbeitet. Er gehörte zu den bedeutendsten Regisseuren des Hollywood-Systems, hatte aber auch eine unerforschte Seite, die es noch zu entschlüsseln gilt. Wie kein anderer in der Filmgeschichte beherrschte er eine subtile Alchimie der Gefühle und verband auf raffinierte Weise Komödie und Melodrama, man denke bloss an grosse Meisterwerke wie Love Affair (1939). Sein Lieblingswerk Make Way for Tomorrow (1937) war zwar ein Misserfolg, ist jedoch erstaunlicherweise der Vorläufer von Filmen wie Tôkyô monogatari (1953) von Yasujirô Ozu.“
Dank der Mitarbeit namhafter Institute aus dem In- und Ausland wird die Retrospektive bis 2019 auf Tournee gehen. Bisher haben folgende Institutionen ihre Zusammenarbeit zugesichert: in der Schweiz die Cinémathèque suisse, das Filmpodium von Zürich, das Kino REX in Bern und Les Cinémas du Grütli von Genf; in Italien das Museo del Cinema von Turin und das Festival I Milleocchi von Triest; in Frankreich die Cinémathèque française .
Die 71. Ausgabe des Locarno Festival findet vom 1. bis 11. August 2018 statt.