Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03645.jsonl.gz/1117

symphonieorchester des bayerischen rundfunks
tölzer knabenchor
Magischer Moment mit dem Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks in Benjamin Brittens «War Requiem»
Im Oktober 1958 wurde Benjamin Britten vom «Coventry Arts Committtee» beauftragt, für die Einweihung der neuen Kathedrale ein abendfüllendes Chorwerk zu komponieren. Da Britten, bekennender Pazifist, sich schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken befasst hatte, eine zeitgenössische Totenmesse zu schreiben, nahm er den Auftrag an. Es wurde sein wichtigstes Werk, in welchem er die Trauer um die Toten des Zweiten Weltkrieges mit der Verurteilung der militärischen Gewalt verband. Um den Opfern des Krieges angemessen gedenken zu können, schrieb er ein Requiem, in welchem er die Worte der Liturgie einer üblichen «Missa pro defunctis» mit Gedichten des englischen Lyrikers Wilfred Owen verwebte Mit ihm verband Britten eine Seelenverwandtschaft. In Owens Gedichten fand er die Klagen, die Verzweiflung und die Friedenssehnsucht eines Menschen, der durch die Hölle des Krieges gegangen war.
Die Komposition wechselt zwischen drei Ebenen: Die lateinischen Worte sind dem Solosopran, dem gemischten Chor und dem vollen Orchester zugeordnet. Sie stehen für die Unmittelbarkeit der menschlichen Klage. Die Gedichte Owens werden von Tenor und Bariton mit einem Kammerensemble vorgetragen und verleihen so den Opfern des Krieges die Stimme. Die Knabenstimmen schliesslich sollen den entrückten, überirdischen Gesang repräsentieren und werden nur von der Orgel begleitet.
Was den Konzertbesuchern am Samstagabend durch das Symphonieorchester und den Chor des Bayrischen Rundfunks, den Solisten und den Tölzer Knabenchor unter der Leitung von Mariss Jansons geboten wurde, war herausragend und bewegend. Von Beginn an wurde man förmlich hineingezogen in die Monumentalität und die Dramatik des Werkes. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und Chor, die ausdrucksstarken Stimmen der Solisten, der sphärische Klang des Knabenchors im Off, als wären sie in himmlischen Gefilden, bereitete den Zuhörern magische Momente grösster Intensität. Bereits nach dem hochexpressiven einleitenden «Requiem aeternam» war man so im Bann der Musik, dass die folgenden Pausengeräusche einen aus einer anderen Welt zurückzuholen schienen. Betörend die Bläser, die Präzision des Chores im «Dies irae», unglaubliche Crescendi im «Sanctus». Moment voller Verzweiflung und Flehen mit der Sopranistin Emily Magee im «Libera me». Am eindrücklichsten aber das musikalische Zwiegespräch zwischen Tenor Mark Padmore und Bariton Christian Gerhaher. „The strange meeting“, nennt Britton diesen Abschnitt, wo Feind und Opfer aufeinander treffen. Wenn die beiden schlussendlich ins verzeihende „Let us sleep now» einstimmen, ist das von betörender Schönheit. Am Ende löst sich die latente, harmonische Spannung auf in einem friedvollen Dreiklang, der ganze Saal verharrte einen langen Moment in vollständiger Stille, bis sich der allerletzte Ton irgendwo zwischen Himmel und Erde verloren hatte. Dann wurden Mariss Janson, das Orchester, der Chor und die Solisten frenetisch gefeiert, Bravo-Rufe erklangen und der Abend endete – hochverdient – in einer Standing Ovation.