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IHRE MAJESTÄT, DIE PÄONIE
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Fotografie: Claus U. Rieth
Text: Claus U. Rieth
Helle Begeisterung unter den Botanophilen lösten die Berichte der Jesuiten-Pater in China über die «Paeonia moutan» aus, wie die Strauchpfingstrose erstmals genannt wurde. Die Schilderungen waren derart, dass jeder, der sich auf einen exotischen Garten verlegt hatte, diese «königliche Blume», so die Chinesen, haben wollte. Ein Must-have! So schreibt Du Halde in seinem Werk «Ausführliche Beschreibung des Chinesischen Reiches», Rostock 1747 (französisch, Paris 1735): «Die Pfingstrosen sind an vielen Orten Chinas viel schöner als die in Europa und ohne von der Vielfalt der Farben zu sprechen, haben sie noch an manchen Orten die Einzigartigkeit, dass sie einen überaus weichen und angenehmen Duft verströmen.» Diese Duftmarke versetzte die «plant hunters» wie Sir Joseph Banks, Direktor der Royal Horticultural Society, in helle Aufregung. Er selbst hatte mit dem berühmten Captain Cook auf seinem Schiff, der HMS Endeavour, von 1768 bis 1771 die Welt in Sonnenrichtung nach Westen umsegelt. Dabei hatten sie Neuseeland und Australien botanisch entdeckt, nachdem schon Abel Tasman, ein Holländer, 1642 die zu Australien gehörende Insel «Tasmanien» und Neuseeland erstmals betreten hatte. Banks war der Organisator der Pflanzen-Jagd in Asien und anderswo in der Welt. Nachdem er mit Captain Cook nach ihrer Rückkehr nach England selbst zu Berühmtheit gelangt war, sandte er seine Pflanzen-Jäger aus und gab ihnen klare Aufträge, welche Arten sie ihm liefern sollten. John Duncan war einer dieser «plant hunter». Er war Arzt im Dienst der East India Company in Kanton, China. Die Ausländer in China Ende des 18. Jh. waren auf das Gebiet von Kanton eingegrenzt und durften es nicht verlassen. So blieb Duncan nichts anderes übrig, als sich die begehrten Pflanzen durch chinesische Gärtner liefern zu lassen. Banks hatte Duncan in einem Brief klar instuiert, dass er die berühmte «moutan», 牡丹, «mǔdān» im heutigen Pinyin, so der chinesische Name, suchen und senden solle! Fast 45 Jahre nach Du Haldes Bericht und einigen vor ihm, die nicht zur gleichen Öffentlichkeit gelangten, gelang es John Duncan als Erstem, zwei Exemplare nach England zu senden, die dort auch «lebendig», d. h. pflanzbar, ankamen. Dabei hatte Jean-Baptiste Du Halde, interessanterweise, niemals auch nur einen Fuss auf chinesischen Boden gesetzt! Er hat als Redakteur in Paris die vielen Berichte seiner Jesuiten Kollegen aus China kompiliert und ein wahrhaft umfassendes Werk über China verfasst, das alle Gelehrten des Westens faszinierte, von Leibniz bis Voltaire und Banks, und lange Zeit als «das» Werk über China galt. Über die Strauchpfingstrosen, lat. paeonia suffruticosa, strauchartige Pfingstrose, oder auch paeonia arborea, baumbzw. gehölzartige Pfingstrose, genannt, wusste er noch zu berichten, dass sie keinerlei Dornen hätten und sie es mit ihrem Duft «daher mit all unseren Nelken, unseren Tulpen, Ranunkeln, unseren Anemonen und anderen ähnlichen Blumen aufnehmen können». Vom Wuchs wie eine Hortensie, mit Zweigen, die im Winter sichtbar sind, unterscheidet sich die Strauchpfingstrose von den Staudenpfingstrosen, die im Winter ihre Stängel und Blätter ganz verlieren und im Frühling wieder mit neuen Knospen aus der Erde austreiben. Die Strauchpfingstrose dagegen bildet auf den Zweigen neue Knospen und bald nach einigen Wochen neue Triebe, die schon Mitte April aufblühen können. Die Staudenpfingstrose mit ihren Varianten ist rund ums Mittelmeer (wohl durch die Gartenkultur der Römer gepusht) und nördlich der Alpen sowie im Kaukasus, Russland – dort die feingliedrige paeonia tenuifolia – heimisch. Wir kennen sie hauptsächlich als die «Bauernpfingstrose», die paeonia officinalis. Sie wurde von Martin Schongauer in seinem Gemälde «Maria im Rosenhag» von 1473 wunderschön festgehalten, das heute in der Dominikanerkirche in Colmar zu sehen ist.
Officinalis heisst sie daher, weil auch sie schon früh in der europäischen Pharmazie verwendet wurde. Daher auch ihr Name nach «Pàon» oder «Päon», dem griechischen Gott der Heilkunst. Die Strauchpfingstrose, die «moutan», ist in China in verschiedenen Gegenden, Yunnan und nördlich von Shanghai zu Hause. Sie ist eine Bergpflanze, wächst in Höhen bis 1000 m und ist sehr robust und winterhart bis -35 Grad Celsius. Sie kann im Herbst ausgegraben werden und «wurzelnackt» wie Rosen versandt werden, um dann wieder gepflanzt zu werden. Ihre wunderbare Blüte in allen Weiss- und Rottönen und der superbe Duft machten sie schon in China zur begehrtesten blühenden Pflanze, die um das Jahr 1000 in Luoyang zur «Pflanze des Kaisers» avancierte. Vom Kaiser selbst geschätzt und an seinem Hof zu Hunderten angepflanzt, stand sie unter kaiserlichem Schutz, und wehe dem, der eine Pflanze zerstörte, der wurde dafür hart bestraft. Luoyang war zu dieser Zeit Hauptstadt des Reiches und dort gediehen die «moutan» hervorragend. Später, als die Hauptstadt nach Nanjing und Beijing verlegt wurde, deren Klima den «moutan» eher abträglich war, begann der Versand der «kaiserlichen Blume» in grossem Stil aus Luoyang und anderen Gegenden. Sie durfte auf keinem Hof mehr fehlen, alle Wohlhabenden, Adlige wie Nichtadlige, wollten sie in ihren Gärten haben, galt sie doch als Zeichen des Reichtums und des Erfolges. Noch heute ist sie Nationalblume Chinas und galt in der Kulturrevolution als «bürgerliches Erbe», das zu zerstören war. So wurden unzählige Pflanzen ausgerissen und Gärten vernichtet. Zum Erbe der Strauchpfingstrose gehört auch, dass sie wie unsere Bauernpfingstrose von Anfang ihrer Kultivierung an, und das sind in China bald 4000 Jahre, zu den Medizinal-Pflanzen gehörte, zusammen mit ihrer Schwester, der Staudenpfingstrose, 芍药, sháoyào in Pinyin, der chinesischen Umschrift. So fanden die beiden noch vor ihrer Berühmtheit als «blühendes» und «duftendes» Wunder weite Bekanntschaft bei den hoch angesehenen chinesischen Ärzten, die diese Wurzeln und deren Rinde vielfach für internistische-gynäkologische Leiden in Kombination mit anderen Pflanzen einsetzten. Die ersten Beschreibungen der Paeonia moutan, wie sie dann von den Europäern zuerst genannt wurde, finden sich daher auch in den Materia Medica, den pharmakologischen Handbüchern der chinesischen Weisen. Der Pen t’sao Kang Mu, von Li Shi-Zhen (1518 – 1593), dem Michelangelo der Arzneikunst Chinas, enthält im 16. Jahrhundert die ersten Lignographien, Holzdrucke, der moutan! Dieses Werk gehört zum Weltkulturerbe und existiert nur noch zwei Mal auf der Welt. Auszüge der Drucke finden sich noch in einer auf die Geschichte der Medizin spezialisierten Bibliothek der Universität Paris Descartes.
Wer also wollte nicht seinen Garten mit dieser berühmten Pflanze schmücken, und damit mit Ansehen und einem Touch von Macht und Ruhm? Alle Noblen und Adligen, die vom botanischen Fieber Ende des 18. Jahrhunderts erfasst waren, wollten es! Sir Joseph Banks war ausser sich vor Begeisterung, als er die ersten beiden Exemplare in Empfang nehmen konnte. Eines wurde im Royal Garden in Kew gepflanzt und ein anderes in seinem Privatgarten. Das Exemplar in Kew wurde bei Umbauarbeiten eines Glashauses «zerstört»! Hélas, ausgerechnet nach so vielen beschwerlichen Mühen, sie nach Europa zu bringen! So blieb nur noch das Exemplar bei Banks, das nicht sehr gut gedieh. Erst 1794 gelang es Duncan, weitere Exemplare zu senden, von denen sieben in England ankamen. Zwei waren für den König bestimmt, zwei für Banks und drei erreichten George Hibbert, Esq. of Clapham, nachdem das Schiff im Ärmelkanal im Sturm seinen Mast verloren hatte und die Pflanzen einiges zu leiden hatten! Was für Unbill für die weit gereisten Kostbarkeiten! Nun erhielten sie ihren europäischen Namen von Henry Charles Andrews, der die ersten Zeichnungen von ihnen im Botanist’s Repository anfertigen liess. Sie hiessen nun paeonia suffruticosa Andrews. Sie hatten die Farben Rot, Pink, Gelb und Weiss. Lange suchte man nach einer «blauen» Suffruticosa, von der die chinesischen Werke über die mudan berichteten – z. B. Ouyang Xiu, «Die mudan von Luoyang» aus dem Jahr 1034 –, sie wurde nie gefunden. Das lag auch an einer anderen Farbskala, die die chinesische Kultur aufwies. Ein sehr dunkles Rot wurde als Blau bezeichnet, wohl dem leichten Stich ins Blaue oder Violette gemäss. So blieb es eine lange Jagd nach den mudan, bis alle Wildarten und Kultur-Arten entdeckt wurden, die Suffruticosa als erste, dann die Papaveracea, die aussahen wie Mohnblüten (Ostii), und die vielen anderen vorläufigen Namen, die heute ungebräuchlich sind, da sie immer wieder umklassifiziert wurden. Die Hauptgruppen sind heute die Suffruticosa, die einen schönen Duft aufweisen; die Lutea, die durch die Einkreuzung einer gelben Wildart ein neues Farbspektrum eröffneten – von gelb, bronze, orange bis pastell; die Rockii, nach dem plant hunter Joseph Rock benannt, der sie in Gansu in China in den 1920er-Jahren entdeckte, die eine dunkle Makula aufweisen, einen Basalfleck wie die Stiefmütterchen, und dann die Itoh Hybriden, die von dem Japaner Itoh 1954 durch eine Kreuzung von Strauch- und Stauden-Pfingstrosen gezüchtet wurden und auch durch ihre Gelbtöne bezaubern. William Kerr, einem Schotten, gelang es ab 1804, nachdem er von Joseph Banks nach Kanton gesandt worden war, in Auftrag der RHS – Royal Horticultural Society – nun grössere Mengen an Suffruticosa nach England erfolgreich zu verschiffen und damit die steigende Nachfrage zu befriedigen. Eine Lady Stapleton rühmte sich bald, eine riesige Pflanze in ihrem Garten ihr Eigen nennen zu können, die Hunderte von Blüten trug. 1797 gelang es Louis Noisette, einem berühmten königlichen Gärtner, später Faubourg St. Jacques, Paris, von seiner Englandreise (er wurde sogar in die RHS aufgenommen!) Samen mitzubringen und erfolgreich zu wunderschönen Pflanzen zu ziehen.
Er hatte nun als Erster in Frankreich in seinem Garten den ersehnten Traum, die Suffruticosa und Papaveracea. Bald schon fanden sich beide Pflanzen, wohl auf Bitten der frisch gekrönten Kaiserin Josephine, wie könnte es anders sein, im Garten ihres Schlosses in Malmaison bei Paris – heute Rueil-Malmaison – ein. Das war im Jahr 1803, wie Aimé Bonpland, der neue Hofgärtner und Botanist Josephines, 1813 in «Description des plantes rares (…) à Malmaison» berichtet. Er war selbst Weltreisender und mit Alexander Humboldt in Südamerika in Venezuela und Amazonien, Mexico und den USA botanisierend unterwegs gewesen, hatte mit Humboldt Präsident Jefferson getroffen, der zuvor Botschafter in Paris und ein begeisterter und begeisteter Botaniker gewesen war (sic!). Berühmt mit Humboldt, war Bonpland der Mannfürs Grüne für die junge Kaiserin, die ihre Leidenschaft für die Botanik in unerreichte Höhen trug, so dass selbst die Engländer staunten und Englands Gärtnerei Lee & Kennedy ihr, trotz der Kontinentalblockade durch ihren Gemahl gegen England, für astronomische Summen Pflanzen lieferte. Die Reise der mudan ging rasch weiter durch alle Höfe Europas und in Gärten von meist adligen Botanikern. 1810 gelangte sie nach Berlin an den preussischen, 1810 ebenfalls nach Schönbrunn an den österreichischen Hof, 1811 in den botanischen Garten des neu gekürten Grossherzogs von Baden, der mit Stéphanie Bonaparte geb. Beauharnais 1806 Napoléons Adoptivtochter geheiratet hatte. So schlossen sich unter Napoléon manche Kreise, wie auch der, dass die «kaiserliche Blume» mudan wieder in einem Kaiserhof in Malmaison gelandet ist. Man sagt, der Kaiser in China habe Josephine selbst eine mudan geschenkt, aber das ist eine schöne Legende, wie manches andere aus der Welt der Botanik dieser Zeit auch. Die Kunst der Gärtner führte nun zu vielen neuen Züchtungen der wundervollsten Blume der Welt: Noisette in Paris hatte 1826 bald Varietäten zu bieten, dann, erstaunlicherweise, auch die Gärtnerei der Gebrüder Baumann in Bollwiller im Elsass schon 1836 als eine der ersten in Frankreich. Die Baumanns, ursprünglich aus der Schweiz im 17. Jh.nach Bollwiller im Elsass gezogen, waren berühmt für ihre Obstbaumzüchtung, wie z. B. die Reinette Baumann, die in aller Welt bekannt war bis Rio, in die USA und St. Petersburg. Auf diesem Fundament züchteten die Baumanns bald alles, was es an Exotischem gab, Mammutbäume aus Kalifornien, Sophora aus Japan, Kamelien aus China, die sie zu Tausenden an alle Höfe Europas bis nach Russland und Italien verkauften. Diese Gebrüder bezogen selbst die Samen aus aller Welt, hatten ihre Sammler und standen mit dem Royal Garden in Kew im Austausch. Auguste Napoléon Baumann war selbst durch alle berühmten Gärten der Zeit gereist, von Berlin, Wien, bis Edinburgh und natürlich
Kew und Paris.
So fand sich auch eines Tages Victor Lemoine bei den Baumanns ein, der dort bei ihnen eine Gärtnerausbildung machte. Er wurde danach in Nancy später zum Schöpfer des Zaubers der berühmten Lemoine-Strauchpfingstrosen, Flieder, Begonien und Chrysanthemen. Ihm folgten viele andere Züchter, Guérin, Sénéclauze und Rivière in Frankreich; Prof. A. P. Saunders, Präsident der American Peony Society, und Nassos Daphnis in den USA, und ein Sir Peter Smithers in Vico Morcote am Luganer See. Er war britischer Ex-Diplomat und Navy-Attaché in den Dreissiger- und Vierziger-Jahren des letzten Jahrhunderts, Minister für die britischen Kolonien und danach Generalsekretär des Europarates gewesen. Man sagt, er sei für Ian Fleming das Vorbild für James Bond gewesen. Am Luganer See baute er im Ruhestand als begeisterter Botaniker eine traumhafte Parkanlage auf, in der er vor allem neue Rockii-Varietäten züchtete. Er erhielt den Schweizer Schulthess-Gartenpreis. Lassen Sie sich von seinen Kreationen verzaubern, von Dojean, Baron Thyssen-Bornemisza, Brigadier Lane, Lydia Foote und Suzanne Rivière. Nach seinem Tod im August 2006 fand seine Pfingstrosensammlung bei Rivière in Crest ein neues Zuhause. Sein Garten in Vico Morcote ist nicht öffentlich zugänglich und hat neue grüne Hände gefunden. Weitere schöne Sammlungen finden Sie heute bei Turin in der Vivai delle Commande, bei Rivière in Crest, F, und bei Volker (Paeonien-)Emrich in Wonsheim in der Pfalz, D. Auch bei Walter Good und seinem Garten in Russikon über dem Pfäffikersee können sie Raritäten bestaunen und einen Kenner und Freund von Nassos Daphnis Pfingstrosen kennenlernen. Nicht zuletzt bieten die Merian-Gärten in Basel einen Pfingstrosen-Garten und der botanische Garten und Zoo in Mulhouse im Elsass eine wunderschöne Sammlung alter Suffruticosa gleich am Eingang. So ist die Strauchpfingstrose aus China zu einer in aller Welt geschätzten Spezies geworden. Die, die sie einmal mit ihren seidenartigen, leuchtenden Blütenblättern und ihren einfachen, anemonenartigen, gefüllten und sogar glockenartigen Blüten in ihren Bann gezogen hat, lässt sie so schnell nicht los. Und sie kann ganz schön alt werden, bis zu 450 Jahre und mehr. Wann zieht sie wohl in Ihren Garten ein – oder ist sie dort schon ansässig geworden? Und nicht mehr wegzudenken! Schöner als alle Blumen Europas!