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von Barbara Kopp / 4. 9. 2013: Bildergeschichten I. Der Sommer war aussergewöhnlich lang und heiss. Lor, wie sich damals Laure Wyss nannte, und Ernst Zietzschmann hatten eine Ferienwohnung auf Utö gemietet, auf der grössten Insel im Schärengarten südlich von Stockholm. Von der Stadt aus fuhr ein Fährboot hinaus zur Insel, die weit draussen am Rande des Schärengartens liegt. Vier Stunden dauerte damals die Überfahrt. Ernst Zietzschmann hatte in Stockholm als Architekt Arbeit gefunden. Lor lernte Schwedisch und besorgte den Haushalt. Sie war seit zwei Jahren verheiratet, als die deutschen Schwiegereltern auf Besuch kamen.
Der ungezwungene Auftritt der jungen Hausfrau auf Utö war für den Schwiegervater, der im deutschen Kaiserreich gross geworden war, ein eigentümlicher, vielleicht auch gewagter Anblick. Auf die Rückseite der Fotografie, die er von ihr und seinem Sohn am gedeckten Tisch gemacht hatte, schrieb er: «Vorbereitungen zum Abendbrot: im Staatskostüm».
Die Ferieninsel liess ihn schwärmen. Ins Gästebuch schrieb er: «Den Höhepunkt stellten aber die 10 Tage in Utö dar, wo wir so ganz einander leben konnten: im lieben Nifflheim bei der knorzigen Kiefer am Stachelbeerberg hinter der Windmühle; am Meere im Schatten knürzeliger Bäume auf den granitenen Rümköcker». Utö war für ihn eine «wahrhafte Insel der Seligen». Weil das Leben auf Utö unbeschwert war, ohne Hitlergruss, ohne Aufmärsche und Radionachrichten? Weil hier ein drohender Krieg unwirklich erschien, während in Deutschland alle den Beginn erwarteten? Es war Anfang August 1939, als er Ernst und Lor vor dem Abendessen fotografiert hatte. Drei Wochen später überfiel die deutsche Wehrmacht Polen.
Aufzeichnungen von Laure Wyss, wie sie damals diesen letzten Sommer vor dem Krieg erlebt hatte, sind nicht erhalten. Im Alter beschäftigte sie die Frage des Verdrängens und der beschränkten Wahrnehmung. Mit fast 80 Jahren besuchte sie die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz. Über diese Reise schrieb sie 1992 in der «WochenZeitung»: «Wenn eine, einer sagt: ‚Was kann ich schon tun? Auschwitz ist passiert‘, dann werde ich jetzt zornig und werde laut: Aufpassen sollst du, welche Sprache gesprochen wird, welche Wörter du selbst brauchst. (…) Wenn jeder aufschrieb: nie wieder! und lehrte, dass die Sprache jeden Rassismus klar zeigt, Menschenverachtung verrät. Auf die Wörter aufpassen, die man selber spricht, die zu uns gesprochen werden, das ist der Anfang.»
Zitate: Gästebuch, Eintrag von Otto Zietzschmann, 18. Juli – 12. August 1939, Privatarchiv Karin Zietzschmann Girndt. Die notwendige Reise, WochenZeitung, 24.04.1992