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Reiche dürfen nicht überall wohnen
Von Beat Metzler. Aktualisiert am 11.10.2009
Zürich könnte keine passendere Partnerstadt haben als San Francisco: Beide Städte sind klein, hügelig und wirtschaftliche Musterschüler. Beide leiden unter den gleichen (Luxus-)Problemen. Nur erschütterten sie San Francisco früher und heftiger. Weshalb Zürich von seiner Partnerin einiges lernen könnte.
Was hier gerade erst begonnen hat, bestimmt in San Francisco seit über zehn Jahren den politischen Alltag: die Yuppisierung ganzer Stadtteile.
Wegen des Dotcom-Booms traf es San Francisco besonders stark. Ab Mitte der 90er-Jahre gründeten digitale Goldgräber in und um San Francisco zahllose Internet-Start-up-Unternehmen. Sie mieteten sich in Stadtteilen ein, wo die Mieten tief lagen – ihre Aktienkurse hoben bald ins Unendliche ab. Die Firmen holten gut ausgebildete Angestellte aus der ganzen Welt in die Bay Area. Diese zogen lieber in die Innenstadt als in die Einfamilienhaus-Suburbs rundherum.
Miete um 40 Prozent hoch
Doch wie in Zürich gibt es auch in San Francisco nur eine begrenzte Anzahl Wohnungen.
In manchen Vierteln stieg die Miete innerhalb von 12 Monaten um 40 Prozent. Das ist im Land der unbeschränkten Möglichkeiten möglich, da die Gesetze bei der Mietpreisgestaltung mehr Freiraum lassen als in der Schweiz. Die bisherigen Bewohner und Industrien – Malereien, Möbelhersteller oder Lagerhäuser, deren Gewinne gegenüber der Dotcom-Branche geradezu mickrig wirkten – konnten die neuen Preise bald nicht mehr zahlen. Viele mussten die Stadt verlassen. Kritiker klagten, San Francisco werde so rasant umgepflügt wie Paris im 19. Jahrhundert, als dort die breiten Boulevards durch die Altstadt getrieben wurden. Bereits im Jahr 2000 fürchteten viele, dass Lehrerinnen oder Krankenpfleger zu wenig verdienten, um in der Stadt zu leben, wo sie arbeiteten. Am deutlichsten schlug diese Entwicklung im Mission-Quartier durch, einem klassischen Einwandererviertel. Dabei gingen manche Vermieter ziemlich rabiat vor. Um die alten Mieter hinauszuekeln und Platz für reichere zu schaffen, drehten sie den Strom ab, wechselten Schlösser aus, drangen in die Wohnungen ein, wo sie Ammoniak über Kleider schütteten.
Die Gegenseite wehrte sich – auch nicht immer zimperlich. In der Mission gründeten Betroffene und linke Politiker die «Anti-Displacement Coalition» (Koalition gegen die Verdrängung). Ihre Mitglieder setzten auf öffentlichkeitswirksame Proteste, demonstrierten und besetzten Neubauprojekte, welche die Yuppisierung ihrer Meinung nach vorantrieben. Radikalere Bewohner gründeten das «Yuppie Eradication Project» (Yuppie-Austrottungs-Projekt). Sie beschimpften die neue Elite auf der Strasse und zerkratzten deren SUVs.
Gesetze für billigen Wohnraum
Als wirksamer erwies sich der politische Weg. Die Regierung arbeitete mit Fachleuten und Quartiervertretern den «General Plan» aus. Das mehrere 100 Seiten dicke Dokument beschreibt detailliert, wie sich die einzelnen Stadtteile entwickeln sollen. Für die Mission heisst es: Charakter, bisherige Bewohner und Gewerbebetriebe müssen dem Viertel erhalten bleiben, die Anzahl der günstigen Wohnungen soll ansteigen. Die Regeln halten detailliert fest, für welche Einkommensschichten die Mieten bezahlbar sein müssen. Der Plan rät, zu sanieren statt abzureissen. Und Neubauten so sparsam wie möglich zu erstellen. Mittlerweile hat der «General Plan» verbindlichen Status. Damit stehen Quartiere wie die Mission sozusagen unter behördlichem Schutz.
Alle grösseren Neubauprojekte müssen mit den Richtlinien übereinstimmen. Eine Kommission überprüft dies von Fall zu Fall. Das bedeutet aber nicht, dass nur noch Billigwohnungen entstehen. Denn San Francisco bemüht sich weiterhin um die Ansiedlung der Bio-Tech-, Green-Tech- und Digital-Industrie. Die «Anti-Displacement Commission» ficht deshalb die Entscheide der Stadt immer wieder an. Trotzdem: dass der «General Plan» die Mission vor einer radikaleren Umwandlung bewahrt hat, bestreitet niemand.
Mittlerweile haben die Aktivisten eine neue Methode entdeckt. Sie prozessieren gegen Neubauprojekte, indem sie sich auf Umweltgesetze berufen. Die Argumentation: Wenn plötzlich 100'000 Arbeiter, die bisher in der Stadt gewohnt haben, pendeln müssen, schadet das der Natur. Der Pilotprozess ist noch nicht entschieden.
Amerika ist schneller
Natürlich lassen sich die Gesetze von San Francisco nicht einfach auf Zürich übertragen. Und natürlich präsentiert sich die hiesige Situation nicht so drastisch wie in Kalifornien. Der Kreis 4 ist nicht die Mission, das Seefeld schon gar nicht. Aber gewisse Parallelen sind offensichtlich. So könnte ein Blick, wie die Partnerstadt mit dem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Schutz von Quartieren umgeht, der Zürcher Regierung sinnvolle Anregungen geben.
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