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© Basler Zeitung; 14.6.2003; Seite 40
BS-Kultur
Kabarettist Hans Fässler im Sudhaus
Sklavenhandel
von PRISKA FORTER
«Die Revolution trifft am 10. Mai 1798 in St. Gallen ein, Endstation», wird die Fernsehshow «Chromosomen XY -Kinder suchen ihre Eltern» von Dani Escher, alias Kabarettist Hans Fässler, im Sudhaus durch eine Ansagerstimme unterbrochen. Escher sucht die Eltern von St. Gallen, geboren 1803. Bisher ist nur ein Anruf eingegangen, jener von «Krieg». Es folgt die Tagesschau. Die Haare von einem Föhn verwirbelt, kommentiert der Aussenkorrespondent den Fortlauf der Unterdrückung des Sklavenaufstandes in Haiti 1803. «Während der Kampf auf St. Domingue weitergeht, hat sich der Gesundheitszustand des Gefangenen Louverture in Fort de Joux, Frankreich, verschlechtert», berichtet er.
Profitabler Kreiselverkehr
Hans Fässlers Programm heisst «Louverture stirbt 1803», mit dem er zur Feier des 25-Jahr-Jubiläums der «Aktion Finanzplatz Schweiz» durch die Schweiz tourt. Wie kommt er dazu, darin Haiti und St. Gallen zusammenzubringen? «Am Anfang stand die Angst vor Lokalpatriotismus», erzählt Fässler, der zur 200-Jahr-Feier des Kantons St. Gallens über ein Kabarettprogramm nachdachte. Ironisches wollte er der kantonalen Nabelschau entgegenstellen. Als der Historiker dabei auf Haiti stiess, wurde er von ihm völlig Unbekanntem überrascht. 1803, im Gründungsjahr des Kanton St. Gallen, sticht von Korsika aus ein Schiff mit über 600 Schweizer Soldaten - unter ihnen auch Männer aus St. Gallen - ins Meer. Als Teil von Napoleons Armee sollen sie mithelfen in Haiti den von Toussaint Louverture erfolgreich geführten Sklavenaufstand niederzuschlagen. Ausser sieben starben alle im Kampf oder an Gelbfieber. Louverture wird verschleppt und stirbt, ebenfalls 1803, im Fort de Joux bei Pontarlier. An diesem Punkt wird die Fernsehshow, in welcher Fässler die unrühmliche Geschichte der Schweiz mit der Sklaverei aufrollt, brisant: Der Kreiselverkehr, Europa-Afrika-Europa, sei nichts anderes gewesen, als «kluge Transportpolitik ohne Leerfahrten». Ein Dreieckshandel, in welchen Schweizer Banken und Handelshäuser eingebunden waren, die sich am profitablen Geschäft mit der Sklaverei bereicherten: Textilien, Alkohol oder Waffen wurden in Afrika gegen Sklaven und Sklavinnen eingetauscht und diese wiederum in der Neuen Welt gegen Rohstoffe, Zucker, Baumwolle, Kaffee. Wirtschaftliche Verstri-ckungen und historische Verbindungen verpackt Fässler in verschiedenste Formen: An der Gitarre beweist er, dass «hei-diri-diri-don» im «Kleinen Trommelknaben» von «Haiti-ri-Dom-Tom» kommt, als Ed Fagan nennt er Fakten, als Historiker vergleicht er St. Gallische Kreiselkultur und Kreiselverkehr mit dem Atlantischen.
Basler Familien beteiligt
Fässler wäre nicht Fässler, würde er es bei den Erkenntnissen auf der Bühne bleiben lassen. 15 Interpellationen hat er schweizweit angeregt, die den politisch kaum thematisierten Skandal der schweizerischen Partizipation an Sklaventransporten zum Thema machen. Der Basler Grossrat Urs Müller (BastA) nennt in seiner Interpellation im Basler Grossen Rat Namen wie Johann Jakob Hoffmann, die Familie J. J. Faesch, das Basler Handelshaus Burckhardt, Reinhard Iselin, die Firma Riedy und Christoph Merian. «Basler Unternehmen waren am Sklavenhandel beteiligt und an der Sklaverei...», heisst es in der Antwort des Regierungsrates auf Müllers Fragen. Es sei aber nicht Sache des Staates, die Erforschung einzelner historischer Themen direkt zu fördern, um so weniger, als in diesem Fall Private die Hauptakteure gewesen seien.