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Dominikanerinnen wollten verstehen, was in der Bibel steht
Der Wunsch von Zürcher Ordensschwestern führte zur ältesten deutschen Übersetzung der ganzen Heiligen Schrift
Die älteste vollständige deutsche Bibelübersetzung hat Anfang des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich der Zürcher Dominikaner Marchwart Biberli verfasst, zur Lektüre für seine Ordensschwestern.
Es ist doch sehr erstaunlich: Die älteste vollständige deutsche Bibelübersetzung ist praktisch unbekannt. Dabei hat sie sich vierfach erhalten. Je eine komplette, illustrierte Handschrift ist in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und in der Bibliotheca Palatina in Heidelberg vorhanden, letztere online abrufbar. Zwei unvollständige Exemplare liegen in Zürich und Weimar. In unterschiedlichen Versionen enthalten sie alle die gleiche Übersetzung aus dem Latein ins damalige «Schweizerdeutsch» – seriöser gesagt: in hochalemannisches Mittelhochdeutsch.
Gedruckt wurde diese «erste Zürcherbibel» bisher nie. Erhältlich ist jetzt aber eine handliche Auswahl* mit spannenden Informationen. Sie enthält 17 Bibelabschnitte von der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes im Original und in heutigem Deutsch.
Initiant dieser Ausgabe war der Bibelwissenschafter Adrian Schenker OP, emeritierter Professor in Freiburg i.Ü. Die Germanistin und Dominikanerin Raphaela Gasser vom Kloster Ilanz macht darin Umfeld und Wirken der Predigerbrüder und -schwestern in Zürich ums Jahr 1300 anschaulich. Der Germanist Urs Kamber (Erlinsbach SO), früher Privatdozent an der Universität Basel, hat anhand des Manuskripts aus Wien den Originalwortlaut für den Druck erstellt.
Marchwart Biberli als Übersetzer
Der Übersetzer ist nicht sicher bekannt. Eine Dissertation von 1981 ermittelte den Dominikaner Marchwart Biberli, der etwa 1265 bis 1330 in Zürich lebte, als wahrscheinlichen Urheber. Die Herausgeber schliessen sich dieser These an, die aber eine (begründete) Vermutung bleibe. Biberli entstammte einer angesehenen Zürcher Bürgerfamilie mit Kontakten zum literarischen Kreis der Familie Manesse. Er war «Lesmeister» und ab 1325 Prior des Zürcher Predigerklosters.
Entscheidend war offenbar das Bedürfnis der Dominikanerinnen nach geistlicher Lektüre in deutscher Sprache. «Die Schwestern waren nicht ungebildet, die meisten konnten vermutlich lesen und schreiben, aber Latein beherrschten sie nicht», schreibt Raphaela Gasser. So verfassten die Zürcher Dominikaner seit Ende des 13. Jahrhunderts geistliche Werke auf Deutsch für ihre Ordensschwestern. Der seelsorgerliche Austausch mit den Schwestern trug reiche Frucht.
Die Übersetzung der gesamten Bibel, ein Riesenwerk, entstand wahrscheinlich zwischen 1300 und 1325 für die Frauenklöster Oetenbach in Zürich oder Töss in Winterthur. «Es war eine Serviceleistung für die Ordensschwestern», meint Urs Kamber im Gespräch mit «Kirche heute». Biberlis Übersetzung war nicht die einzige – aber andere umfassten nur Teile der Bibel oder sind verschollen. Germanist Kamber spricht von einer hervorragenden Übersetzung: «Man versteht genau, was da steht.»
Auch eine «Baslerbibel»
Über einen Zeitraum von rund 150 Jahren wurde Biberlis Bibel fleissig kopiert. Sie verbreitete sich rheinabwärts im alemannischen Raum. Darum ist die «erste Zürcherbibel» auch eine «Baslerbibel»: Die jetzt in Wien liegende Abschrift entstand 1463/1464 in Basel auf Kosten von Mathis Eberler, einem der reichsten Basler seiner Zeit. Der eher berüchtigte Sponsor liess sich darin mit protzigen Wappen verewigen und wollte mit der Prachtbibel wohl seinen Ruf aufbessern. Auch der Schreiber ist bekannt: Es war der Münchner Johann Liechtenstern, der zum Studium an die damals brandneue Universität nach Basel gekommen war. Vermutlich verdiente er sich mit dem mindestens ein Jahr dauernden Schreibauftrag seinen Aufenthalt am Rhein.
Christian von Arx
* Die erste Zürcherbibel. Erstmalige teilweise Ausgabe und Übersetzung der ältesten vollständig erhaltenen Bibel in deutscher Sprache. Academic Press, Fribourg 2016/Theologischer Verlag Zürich 2018. 198 Seiten, 38 Franken.