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Lange Zeit war Miami im Rap-Game höchstens eine Randerscheinung, doch unterdessen hat sich dies massgebend verändert. Dazu beigetragen hat auch Pitbull, doch dieser hat längst grössere Pläne als nur seine Heimatstadt auf die Rap-Landkarte zu setzen. Der Cuban American will Hits produzieren, welche die ganze Welt berühren. Tatsächlich ist es ihm seit seinem Durchbruch mit „Culo“ in erstaunlicher Regelmässigkeit gelungen Songs zu schmieden, die von den angesagtesten Clubs in Miami Beach bis zum Schülerfest im Mittelthurgau jeden zum Tanzen bewegen. Dies auch, weil er seine Musik in verschiedene Richtungen geöffnet hat, vor allem vermehrt House-Elemente einbaut und auch nicht davor zurückschreckt, bekannte Songs als Grundlage für seine Hits zu verwenden. Ein Gespräch mit Mr. 305 über Miami, Hits, tanzende Frauenhintern, Kuba und Crunk.
Ende August soll bereits wieder ein neues Album von dir erscheinen: Das komplett in Spanisch gerappte „Armando“. Wieso ein Album in deiner Muttersprache?
Ich wollte schon seit Jahren ein Album auf Spanisch machen. Damals war ich aber noch bei TVT Records unter Vertrag und hatte das Gefühl, dass sie nicht wissen, wie man ein solches Album promotet. Ausserdem war TVT auch nicht wirklich daran interessiert. Sobald ich mich gerichtlich von TVT lösen konnte und ein Teil der Sony-Maschinerie wurde, sowohl auf der Englischen wie auch auf der Spanischen Seite, wusste ich, dass nun die Zeit dafür gekommen war. Dieses Projekt ist mir sehr wichtig! Den Titel „Armando“ habe ich gewählt, weil dies sowohl mein Name, als auch der meines verstorbenen Vaters ist. Ihm habe ich das Album gewidmet. Es ist nicht das typische spanischsprachige Album; man findet alle möglichen Stile auf der Platte, von House über Techno bis Afro-Cuban, aber kein Reggaeton.
Armando ist dein bürgerlicher Name. Bedeutet das auch, dass es eine sehr persönliche Platte geworden ist?
Es ist definitiv ein sehr persönliches Album, aber vor allem, weil ich es meinem Vater gewidmet habe. Er war eine sehr aufgeschlossene Person, er hat immer getanzt und Witze gemacht. Egal wie wir gelebt haben oder wieviel Geld wir hatten, er hat immer das Leben genossen und das Wichtigste war, glücklich zu sein. Ich spreche auf dem Album zwar über meine Struggles, aber hauptsächlich geht es darum, dass man sich gut fühlt. Es ist Musik, mit der man aus dem Alltag flüchten kann.
Dieses Jahr hast du sowohl mit Enrique Iglesias, als auch mit Cypress Hill gearbeitet. Würdest du sagen, dass es eine starke Verbindung zwischen den Latino-Künstlern gibt, egal aus welchem Genre sie stammen?
Es gibt schon eine starke Community. Aber ich mag den Begriff Latin-Artists nicht, da es nach einer Schubladisierung klingt. Es sind einfach Künstler, die einen Latino-Hintergrund haben und zusammen Musik machen. Es war eine tolle Möglichkeit mit Enrique Iglesias zu arbeiten, er ist ein toller Typ und hat viele Türen für uns geöffnet. Dasselbe gilt für Cypress Hill auf der HipHop-Seite, wie auch für Fat Joe und Big Pun. Das sind Leute, die den Weg geebnet haben, damit Künstler wie ich ihr Ding machen können. Ich versuche dies nun auf ein neues Level zu bringen mit der Möglichkeit, Urban-, Rhythmic-, Latin- und Popmusik zu machen. Das macht meiner Meinung nach das Movement stark.
Deinen Durchbruch hattest du mit der Single „Culo“. Fühlst du seither einen gewissen Druck, bei jedem Album wieder einen Hit dieses Kalibers abzuliefern?
Nein, eigentlich gar nicht. Wenn man sich diesen Druck auferlegt, wird man genau keinen Hit schreiben. Ich mache Songs, weil ich es liebe, kreativ zu sein. Als erstes bin ich ein Fan und ich weiss deshalb, was mich zum jumpen, tanzen oder durchdrehen bringt. Ich finde immer einen Weg zu den Hörern, sei es durch die Lyrics, den Beat oder die Hook. Ich setze mich aber nicht dadurch unter Druck, dass ich einen Song machen will, der grösser ist als „I Know You Want Me (Calle Ocho)“ oder „Hotel Room Service“. Musik ist wie Mode oder alles andere im Leben: Eine konstante Wiederverwertung und Entwicklung. Deshalb muss man immer in Berührung bleiben mit der Musik, die gerade angesagt ist. Nur so kann man überleben.
Den grössten Erfolg hattest du mit deinen Singles und heutzutage scheint es sowieso, dass ein Hit mehr Wert ist, als ein zusammenhängendes Album, da die Leute sich nur einige Songs von einem Album rauspicken.
Das ist genau, was ich zuvor gemeint habe: Es dreht sich alles um Wiederverwertung. In den Achtzigern standen die Singles im Mittelpunkt und dies wiederholt sich nun wieder. Ausserdem wollen die Leute keine schlechte Musik hören. Als in den Neunzigern der CD-Boom einsetzte, veröffentlichten viele Künstler zwei Singles, der Rest ihrer Alben war aber Bullshit. Die Leute wollen heutzutage gute Musik, deshalb kaufen sie zuerst drei, vier Singles, bevor sie sich dann das ganze Album besorgen. Auf diese Weise weisst du aber, dass du einen Fan wirklich abgeholt hast. Heute ist es auch der Fall, dass die Leute einen Song kennen, aber nicht den Künstler, der ihn gemacht hat. Der Song ist grösser als der Künstler. Nur durch Beständigkeit kann man erreichen, dass der Künstler grösser ist als die Songs. Nur so kann man zu Trendsettern wie Madonna oder U2 werden, die einen langen Weg hinter sich haben. Ich bin jetzt zehn Jahre im Game und habe das Gefühl, nur einen globalen Hit davon entfernt zu sein 10-15 Millionen Album zu verkaufen. Ich setze meine Ziele auf dem Level von Künstlern wie Miami Sound Machine, Gloria Estefan, Shakira oder Celia Cruz – alles Künstler, welche die Welt berührt haben. Diese Künstler veröffentlichen vielleicht nicht ständig neue Alben, wenn sie aber etwas veröffentlichen, ist es immer relevant und geht dementsprechend durch die Atmosphäre. Das erste Mal, dass ich ein ähnliches Gefühl hatte, war bei „I Know You Want Me (Calle Ocho)“. Vielleicht werden wir beim nächsten Album wieder einen Song dieses Kalibers haben, aber ich suche nicht danach. Alles was ich machen will, ist gute Musik für die Leute.
Du verwendest öfters Samples von bekannten Songs. Hörst du diese Tracks und sagst den Produzenten, sie sollen etwas daraus machen, oder wie geht das vor sich?
Ich denke jeder grosse Produzent hat seine Ohren immer offen und weiss, was den Leuten gefallen könnte. Bei „Hotel Room Service“ war es beispielsweise so, dass ich den Track von „Nightcrawlers“ schon seit Jahren immer in den Clubs gehört habe. Eines Abends hörte ich die Melodie ohne den Beat, es liefen nur die Bläser. Die Girls schwangen ihren Hintern aber trotzdem, obwohl gar kein Beat lief. Da dachte ich mir: Wenn die Ladies schon zu den Bläsern tanzen, packen wir doch einfach noch einen Miami-House-Beat darunter. Sobald diese Melodie läuft, reagiert die Crowd und man hat augenblicklich eine Verbindung aufgebaut. Jeder grosse Produzent will doch diese Verbindung zum Publikum herstellen, oder nicht? Diddy hat es mit all den Songs gemacht mit denen er aufgewachsen ist. Snoop machte es mit all den Old School Platten, die er in seiner Jugend gehört hat. Ich mache dasselbe, nur ist es bei mir so, dass ich mit so viel verschiedener Musik aufgewachsen bin von Merengue über Salsa, Techno, HipHop oder Dirty South. Wenn man alle diese Einflüsse in einen Kessel wirft, entstehen diese verschiedenen Ideen, die meine Musik prägen. Ich bin nicht engstirnig und habe kein Problem damit, mich auf neues Terrain zu begeben.
Auf dem Song „Krazy“ hast du den deutschen Techno-Song „Meet Her At The Loveparade“ verwendet. Hast du das Original gehört?
Ein befreundeter DJ aus Los Angeles hatte mir erzählt, dass die Leute dazu durchdrehen im Club und gab mir den Track. Das war bevor die breite Masse auf den Geschmack von House, Techno und Electro kam. Ich hatte den Beat über ein Jahr, ich wusste nur noch nicht wirklich, was für eine Hook ich dazu schreiben sollte. Eines Tages sass ich im Flugzeug und hatte die ganze Zeit diesen Beat im Kopf. Da wurde mir klar, dass ich daraus einen Hit machen muss. Der Song hat eine hervorragende Energie und die Leute drehen dazu durch, genau wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich den Song produzierte.
Wie du gesagt hast, wurdest du in deiner Jugend auch von House oder Techno beeinflusst. Ist das der Grund, dass man mehr solche Einflüsse auf „The Rebelution“ zu hören bekommt?
Wenn man in Miami aufwächst, gibt es so viele verschiedene Clubs in die man gehen kann, also hörte ich auch immer diese Musik, genau so wie ganz viele andere Musikstile, die mich alle geprägt haben. Vor sechs Jahren war ich in der Dominikanischen Republik und habe Bob Sinclar auflegen sehen. Die Girls haben die Songs mitgesungen, obwohl sie überhaupt kein Englisch sprechen. Ich dachte nur: „Wow Shit“. Ich ging zurück nach Miami und habe einen Remix seines Songs aufgenommen, der dann im Radio lief. Wir haben diese Musik also schon früh für uns entdeckt, deshalb bin ich auch schon auf der Suche nach dem nächsten Movement, da momentan jeder diese House-Einflüsse verwendet.
Du hast aber noch nicht rausgefunden, welche Richtung das sein könnte?
Bislang nicht, auch wenn ich einige Ideen habe, was als Nächstes kommen könnte.
Zu Beginn deiner Karriere wurdest du oftmals als „Crunk“ bezeichnet. Würdest du dich noch in dieser Sparte einordnen?
Sie haben mich alles mögliche genannt: Latin-Rapper, Reggaeton, Crunk oder Dirty South. Ich mache aber einfach nur Musik und was mich gefährlich macht, ist, dass ich auf jeden Song mit jedem Künstler springen kann und eine gute Performance abliefere. Ich kann den Leuten auch Lyrics für die Strassen geben, da ich diesen Scheiss durchlebt habe. Aber ich mache das nicht mehr, da ich rappe, um von der Strasse wegzukommen, nicht, um dort gefangen zu sein. In meiner früheren Gegend hat man immer gesagt: „Don’t talk about it, be about it“. Ich muss mich niemandem beweisen. Ich liefere den Beweis in dem ich Hits produziere. Es ist ein Geschenk, alle möglichen Arten von Musik machen zu können.
Als ich letztes Jahr mit Lil Jon sprach meinte er, dass er der einzige sei, der Crunk zurückbringen könne.
Jon ist ein verdammtes Genie und er kann alles machen, worauf er sich fokussiert. Wie überall im Leben gibt es Höhen und Tiefen. Mal hat man mehr Erfolg mit der Musik, mal weniger – das ist wie im richtigen Leben. Ich denke er ist ein Survivor und hat das Zeug dazu, Crunk zurückzubringen, aber er muss sich entwickeln. Er muss einen Weg finden, die Musik zu verändern, ohne die Essenz zu verlieren.
Du hast aber nicht das Gefühl, deine Hilfe beisteuern zu müssen?
Nein gar nicht. Glaub mir, wenn er mich braucht muss er nur das Telefon in die Hand nehmen und mich anrufen.
Ich erinnere mich an ein Interview im März 2009 wo du sagtest, dass du sehr zufrieden mit deiner Situation als Independent-Künstler und als dein eigener Boss bist. Nun bist du zurück bei einem Major und hast meines Wissens einen 360-Deal unterschrieben.
Es ist nicht korrekt, dass ich einen 360-Deal unterschrieben habe und ich bin auch immer noch ein Independent-Künstler. Ich habe einen Venture-Deal und auf der spanischen Seite einen Vertriebsdeal mit Sony. Ich kann im grossen und ganzen also immer noch das tun was ich will. Wir stellen unsere Platten selber zusammen, nutzen unsere eigene Infrastruktur und Sony folgt dann. Wir nutzen einfach ihre Maschinerie. Ich habe immer noch den Independent Mindstate. Dass ich zu Sony ging, hing auch damit zusammen, dass Barry Weiss und Bryian Leach, der früher mit mir bei TVT war, dort arbeiten. Beide bringen ebenfalls diesen Independent Mindstate mit. Diese zwei haben mich dazu bewogen, den Deal einzugehen. Ich bin in einer grossartigen Situation, mit einer guten Firma im Rücken. Wir sind im Begriff die Welt zu erobern (lacht).
Schmiedest du bei deinem Label Mr. 305 auch schon Weltübernahmepläne?
Ich habe im Moment fünf Künstler mit denen ich dieses Jahr zusammenarbeite. Sie werden alle diesen Sommer mit verschiedenen Schreibern und Produzenten an Songs arbeiten. Ich habe die zweisprachigen R&B-Sängerinnen Nayer und Madai. Dann David Rush, der ganz unterschiedliche Musik macht. Ausserdem Jamie Drastik und Sincero. Wir haben nun ein Roster zusammen und hoffentlich kann es 2011 richtig losgehen.
Miami überreichte dir den „Key to the City“. Wie wichtig ist Miami für Pitbull und Pitbull für Miami?
Ich wäre nicht Pitbull, wenn es Miami nicht gäbe. Miami hat mir gezeigt wie man kreativ ist, es hat geformt wie ich spreche. Ich wuchs in verschiedenen Gegenden, mit unterschiedlichsten Menschen, Sounds oder Essen auf. Wieso ich wichtig bin für Miami? Weil ich Miami bin! Egal wo ich bin, repräsentiere ich 305, deshalb gaben sie mir auch den Schlüssel zur Stadt. Genau so repräsentieren auch Flo Rida, Rick Ross, Trick Daddy oder Trina Miami. Wir kommen alle aus sehr speziellen Teilen der Stadt und deshalb lieben wir Miami auch so sehr und repräsentieren es. Wir alle wissen, wie hart wir kämpfen mussten, um ins Game zu kommen.
Wie du sagst war es ein Kampf um die Aufmerksamkeit. Denkst du, dass Miami mittlerweile den Respekt erhält, den es verdient?
Mehr als das! Wir haben die Musikszene, die Filmszene, die TV-Shows, das Modelling, die Clubszene – alles geht ab in Miami. Wir sind zu einem Mekka geworden: New York ist der Big Apple und wir sind der Pineapple. Hinter dem Mason Dixon, das ist die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden der USA, sind wir die industriellste Stadt. Wir sind im Süden, aber nicht ländlich.
Du bist ursprünglich aus Kuba…
(unterbricht) Nein nein, meine ganze Familie kommt aus Kuba, ich bin aber in Miami geboren und aufgewachsen. Ich bin die erste Generation der Cuban Americans.
Denkst du, dass es eine Veränderung des Klimas zwischen den USA und Kuba gegeben hat, seit Obama an der Macht ist?
Hoffentlich wird es das. Das wäre definitiv einer der Träume von uns Cuban Americans. Wir würden Kuba gerne frei sehen. Ich denke es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber momentan ist Kuba weiterhin das grösste Gefängnis der Welt.
Hören die Leute in Kuba deine Musik oder konntest du sogar schon dort auftreten?
Ich kann in Kuba nicht einreisen und dementsprechend auch nicht auftreten. Aber ich bin wie eine Urban Legend für die Leute dort, da ich sie überall repräsentiere. Eine Gruppe die momentan wirklich abgeht und sogar im Ausland auftritt sind Gente de Zona. Sie sind sehr talentiert und im Gegensatz zu früher, können sie überraschenderweise sogar rausgehen und ihr Talent zeigen. Hoffentlich wird sich das noch mehr in diese Richtung verändern.
Dein Album „Armando“ steht in den Startlöchern, du sollst aber auch schon an einer weiteren Platte namens „Planet Pit“ arbeiten. Was können wir dieses Jahr noch alles von dir erwarten?
„Armando“ wird im August kommen und „Planet Pit“ folgt dann zu Beginn des nächsten Jahres. Euch erwarten Songs wie „Alright“ oder „Oye Baby“, das von Nicola Fasano produziert wurde. Ausserdem habe ich mit T-Pain, Ludacris und David Guetta gearbeitet. Ich habe noch vor mit jedem Producer und seiner Mutter ins Studio zu gehen. Es wird also noch vielen geschehen dieses Jahr. Checkt www.planetpit.com und vielen dank an alle meine Fans, denn ohne euch gäbe es keinen Pitbull.