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Schamanische Seelenarbeit
Interview mit Sandra Ingerman
Kreiszeit: Was versteht man unter "Seelenverlust" bzw. "Verlust von Seelenteilen"?
Sandra Ingerman: Die Definition von "Seele", die ich verwende, bezeichnet mit Seele unsere Lebenskraft. Es handelt sich um unsere Vitalität, um die Teile unseres Selbstes, die uns am Leben halten. Wenn wir - vom schamanischen Standpunkt aus betrachtet - ein emotionales oder physisches Trauma erleiden, dann besteht die Möglichkeit, dass ein Teil unserer Essenz oder Seele sich von unserem Körper ablöst und dann in ein Paralleluniversum geht, wo es ausserhalb der Zeit darauf wartet, gefunden und zurückgebracht zu werden.
In der Psychologie sprechen wir von "Dissoziation". Wenn wir also ein Trauma erleben - in unserer Kultur könnte das ein emotionaler, sexueller oder körperlicher Missbrauch sein, ein chirurgischer Eingriff, ein Unfall, Krieg, das Erleben einer Naturkatastrophe, eine Scheidung, der Tod eines geliebten Menschen - alle diese Dinge können die Ursache dafür sein, dass sich ein Teil von uns abspaltet, so dass wir zu diesem Zeitpunkt nicht den ganzen Schmerz fühlen müssen. Wenn ich mich mit dem Auto in einem Auffahrunfall befinde, dann ist der letzte Ort, an dem ich mich zum Zeitpunkt des Aufpralls befinden möchte, mein Körper. So hat unsere Psyche diesen wunderbaren Selbstschutzmechanismus. Sie geht weg, sie schickt einen Teil von uns davon, während das Trauma stattfindet. Das Problem besteht darin, dass diese Teile nicht von sich aus wieder zurückkommen.
Wenn wir in der Psychologie über Dissoziation sprechen, dann sprechen wir über Menschen, die sich ausserhalb ihres Körpers befinden. Leider verfügt die Psychologie über keine guten Möglichkeiten, diese Teile wieder zurückzubringen. Im Schamanismus gehört es zur Rolle des Schamanen, dass er oder sie sich aufmacht und in die unsichtbaren Welten, die nicht-alltägliche Wirklichkeit oder das Paralleluniversum reist, um dort die entflohene Seele zu finden und dann wieder in den Körper zurückzubringen.
Kreiszeit: Wie kann man sich vor Seelenteilverlust schützen?
Sandra: Dass Seeleverlust auftritt, ist eine gute Sache, so dass man sich normaleriweise nicht vor einem Seelenverlust schützen will, da er eine Möglichkeit darstellt, um Schmerz zu überleben. Normalerweise wollen wir uns also nicht vor Seelenverlust schützen.
In unseren Beziehungen jedoch wollen wir uns schon vor Seelenverlust schützen. Wenn wir mit anderen Menschen in Beziehung stehen, dann wollen wir sicherstellen, dass wir keine Teile von uns an die andere Person abgeben oder dass wir der anderen Person gestatten, von unserer Vitalität, bzw. unserer Energie zu nehmen, wiel sie sie will oder weil sie das Gefühl hat, dass sie sie für sich braucht.
Was wir tun können, um uns in Beziehungen zu schützen, besteht darin, dass wir - vom schamanischen Standpunkt aus gesehen - unsere helfenden Spirits zu uns rufen. Eine andere Möglichkeit, die ich von einer Indianerfrau vor vielen Jahren gelernt habe ist, sich in einem durchsichtigen blauen Ei zu sehen, wodurch niemand auf die eigene Energie Einfluss nehmen kann. Bei Personen in helfenden Berufen ist es häufig der Fall, dass, wenn sie mit jemandem arbeiten, der einen Kraftverlust erlebt hat, oder schwer erkrankt ist, diese Person um sich greift und Seelenteile von anderen zu nehmen versucht.
In Beziehungen geben wir oft unsere Seele ab oder wir nehmen die Seele einer anderen Person, um so auf eine starke psychische Weise verbunden zu werden. Es geht hier darum zu lernen, wie wir uns auf der unsichtbaren Ebene inbezug auf andere Menschen verhalten. Wir müssen lernen, dass die Seele einer anderen Person uns nicht helfen kann, weil sie uns nur mit für uns nicht verwendbarer Energie zusätzlich belastet. Niemand kann die Kraft oder Energie einer anderen Person verwenden. Das schafft nur emotionale und körperliche Krankheit für die Person. Und so geht es darum zu lernen, wie wir unser Verhalten ändern können. Bei einem grossen Trauma aber will man die Seele abgeben, weil das der Weg ist, um das Trauma durchzustehen.
Kreiszeit: Gibt es Methoden, wie man die eigenen Seelenteile selbst zurückbringen kann?
Sandra: Man kann es versuchen. Manchmal passiert es in einem Traum. Wenn man in schamanischem Reisen ausgebildet ist, dann kann man es versuchen, indem man die helfenden Spirits auf einer Reise bittet, bei der Rückholung der eigenen Seele zu helfen. Im Schamanismus sind wir immer sehr ergebnisorientiert. Und es ist immer gut, es für sich selber zu versuchen. Aber es ist wichtig sicherzustellen, dass man sich danach besser oder anders fühlt. Wenn es nicht funktioniert, dann sollte man die Hilfe einer anderen Person in Anspruch nehmen. Manchmal macht uns das Universum Heilungen als Geschenk. Das nennen wir dann Wunderheilungen. Und manchmal bekommen wir auch unsere Seelenteile ganz spontan zurück.
Kreiszeit: Wie kann man wissen, ob man Teile einer anderen Person besitzt und wie kann man sie freisetzen? Wie kann man sicherstellen, dass man nicht die Seelenteile anderer Personen stiehlt?
Sandra: Wenn man schamanische Reisen beherrscht, dann kann man eine Reise machen und fragen, ob man die Seelenteile eines anderen Menschen hat. Wenn man nicht weiss, wie man schamanische reisen kann, dann muss man sich nach innen wenden und die eigene Seele untersuchen und sich fragen, ob man denkt, dass man die Seele anderer Menschen hat.
Ich schlage dann zum Freisetzen der Seelenteile vor, dass man ein kurzes Ritual macht. Dieses kann so einfach sein, dass man einfach nach draussen geht, einen Ast sucht und diesen dann durchbricht, was zugleich die Verbindung zerbricht. Oder indem man die Seele auf Rauch zurückschickt oder die Seele zurücksingt. Dies sind nur einige Beispiele, jeder Mensch kann seine eigenen finden. Allerdings lehre ich, dass Seeleteile an die Spirits oder das Universum freigesetzt werden sollen und es dann dem Universum überlassen bleiben soll, diese Teile an die Person zurückzuschicken, wenn diese dafür bereit ist. Es geht also darum, die Seelenteile in die Hände der Spirits zu geben, so dass diese dann für die Seelen Sorge tragen können.
Wir können dieses Verhalten beenden, indem wir die Aufmerksamkeit auf unsere Energien richten und wenn wir dann zugreifen und versuchen eine unnatürliche Verbindung mit einer anderen Person zu knüpfen, dann besteht die einzige Möglichkeit, wie wir dieses Verhalten beenden können darin, dass wir unser Bewusstsein erhöhen. Es ist besonders wichtig, dass man versteht, dass es Schaden zufügt, denn man nimmt keine verwendbare Energie auf, man nimmt etwas auf, das man nicht benutzen kann.
Kreiszeit: Kann man diese Arbeit mit Seelenteilen auch für Tiere tun?
Sandra: Ja, sehr erfolgreich sogar, weil sie psychisch sehr viel sensibler sind. Bei Tieren arbeite ich jedoch normalerweise auf Entfernung, weil es manchmal schwierig ist mit Tieren zu arbeiten, wenn sie im Raum sind.
Kreiszeit: Gibt es spezielle schamanische Methoden, um mit Paaren zu arbeiten - mit Menschen, die eine Beziehung haben - denn sehr oft werden ja Seelenteile zwischen Partnern ausgetauscht?
Sandra: Im Schamanismus würde der Schamane oder die Schamanin sich anschauen, ob ein solcher Austausch stattgefunden hat und er oder sie würde den Menschen zeigen, wie sie mit diesem Verhalten aufhören können. Wenn es dem Paar möglich ist, schamanisch zu reisen, dann wäre das die beste Methode. Das Paar verfällt dann nicht in Schuldgefühle oder gegenseitige Beschuldigungen. Und es ist wichtig daran zu denken, dass es sich bei allen Fällen von Seelendiebstahl um erlerntes Verhalten handelt. Es ist etwas, das wir alle tun. Wir brauchen uns deshalb nicht schuldig zu fühlen oder andere zu beschuldigen. Es geht vielmehr darum, sich dessen bewusst zu werden. Durch schamanisches Counseling ist es möglich zwei Menschen beizubringen, wie sie sich ihrer inneren Handlungen bewusster werden können.
Kreiszeit: Ich danke herzliche für dieses Interview
Bernhard
Sandra Ingerman wurde weltweit bekannt durch ihre Forschungen auf dem Gebiet der schamanischen Seelenarbeit. Von ihr sind drei Bücher zum Thema erschienen.Dieses Interview stammt aus der KREISZEIT von 1998