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Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in Holland zu einer Hungersnot. Tausende starben. Doch ausgerechnet einer Gruppe ohnehin kranker Kinder ging es plötzlich besser: Sie litten an einer rätselhaften Krankheit, die sich durch Erbrechen, Durchfall und verlangsamtes Körperwachstum äusserte: dem Gee-Herter-Syndrom. Doch jetzt, da Mangel herrschte, blühten sie auf. Ihre Sterberate fiel von fünfunddreissig auf null Prozent.
Das entging auch dem Kinderarzt Willem Karel Dicke nicht. Die wundersame Gesundung der Kinder und der erneute Ausbruch der Krankheit, als es wieder genug zu essen gab, bestätigte eine Vermutung, die er schon lange gehegt hatte.
Das Gee-Herter-Syndrom war schon im Altertum bekannt, nicht aber seine Ursache. Eine schwierige Zahnstellung? Die Psyche? Sogar das Wetter wurde als Einfluss vermutet.
Anfang das 20.Jahrhunderts setzte sich die Meinung durch, die Nahrung sei schuld. Doch weil niemand wusste, wovon die Kinder zu viel oder zu wenig assen, waren die Diätvorschriften widersprüchlich: Ein Arzt empfahl zwei Liter Milch pro Tag, der nächste viel Rindfleisch und der dritte nur Früchte. Bei einem Kind waren Muscheln erfolgreich – bis sich der Junge weigerte, noch eine Muschel zu essen. Die grössten Erfolge versprach eine Bananendiät. Nicht weil sie bestimmte Nährstoffe enthielt, sondern weil ihr einer fehlte, wie sich zeigen sollte. Dicke hatte schon vor dem Krieg zu wissen geglaubt, wo der Schuldige sich versteckte. 1936 hatte ihm eine Mutter erzählt, wenn ihr Kind auf Brot verzichte, gehe es ihm besser. Brot gab es auch während der Hungersnot in Holland kaum.
Nach dem Krieg führte Dicke eine Serie von Versuchen durch. Er setzte Kinder im Spital auf unterschiedliche Diäten und bestimmte, wie viel des eingenommenen Fetts sie im Stuhl wieder ausschieden. So viel wusste man bereits: Wer unter dem Gee-Herter-Syndrom litt, konnte die Nährstoffe im Essen schlecht aufnehmen und schied übermässig viel davon wieder aus.
Die Experimente zeigten, dass es der Weizen war, der die Kinder krank machte. Doch welcher Bestandteil des Getreides führte die Krankheit herbei? Die meisten Forscher tippten auf die Stärke, woraus Weizen zu drei Vierteln besteht. Fett macht nur 1 Prozent aus, Eiweiss 9 Prozent. Dicke spaltete den Weizen auf, so dass er dem Essen jeden Nährstoff getrennt zumischen konnte. Als Versuchsperson wählte er Mechie aus, ein Mädchen, dessen Körper besonders schnell reagierte.
Dauerte es normalerweise Tage, bis sich Symptome einstellten, erbrach sich Mechie schon wenige Stunden nachdem sie weizenhaltige Speisen zu sich genommen hatte. Es war aber nicht die Stärke, die ihr zusetzte, sondern das Eiweiss Gluten, das auch in andern Getreidesorten vorkommt. Tests an sieben weiteren Kindern bestätigten diesen Befund.
Heute heisst die erbliche Glutenunverträglichkeit Zöliakie. Der Darm regiert überempfindlich auf Gluten, entzündet sich und kann Nährstoffe schlecht aufnehmen. In Europa soll eine von 133 Personen darunter leiden. Mechie gehörte aber wahrscheinlich nicht dazu. Ihre Symptome deuten nach neueren Erkenntnissen eher auf eine Weizenallergie als auf Zöliakie.
Zurzeit ist glutenfreie Ernährung der letzte Schrei unter den Diäten. Die meisten, die ihr nacheifern, leiden allerdings nicht unter Zöliakie, sondern halten es für gesund, kein Gluten zu essen. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es allerdings keine.