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Man kann die Welt entweder in ihrer Vielfalt beschreiben oder in ihrer Funktionsweise erklären. Beides aus der gleichen Perspektive zu tun, ist nicht möglich. Wer vorgibt, die Funktionsweise der Vielfalt erklären zu können, macht seine Einfalt zur Ideologie. Nicht selten erschöpft sich genau darin der politische Diskurs, der schon immer, um als kompetent zu wirken, das streng genommen Undenkbare als machbar erscheinen lassen musste.
(03.04.1997, 14.09.2005)
An diesem Werkstück fasziniert mich heute, dass die rhetorisch herausgearbeitete Evidenz inhaltlich in tiefer Dämmerung versinkt. Ich verstehe nicht mehr genau, was ich damals habe sagen wollen. Spontan habe ich daran gedacht, das Stück deshalb zu streichen. Spannender ist aber vielleicht der Versuch einer Rekonstruktion.
Die Version von 1997 finde ich auf Seite 318 eines handschriftlich vollgeschriebenen Buches mit dem Titel «NOTIZEN 1989-2002. Transkribiert bis 21.10.2005 (Notizen 1-236)». Das Werkstück trägt dort den Titel «Weltanschauung» und ein Blick ins Archiv der elektronischen Dateien zeigt, dass ich es am 14. September 2005 ohne jede redaktionelle Änderung transkribiert habe. Den jetzigen Titel – zuerst «Vielfalt und Einfalt» – habe ich erst bei der Sichtung der Werkstücke zu diesem Mäander gegen Ende September 2017 gesetzt – ein Arbeitsgang, der vor allem dazu diente, die Reihenfolge der Werkstücke innerhalb des Mäanders festzulegen.
Bei diesem Stand der Dinge entschliesse ich mich, mir auszudenken, was ich damals möglicherweise habe sagen wollen. Vielleicht das:
«Man kann die Welt entweder in ihrer Vielfalt beschreiben oder in ihrer Machbarkeit erklären. Im ersten Fall versuche ich zu sagen, wie die Welt ist, im zweiten, wozu ich sie brauchen will. Im ersten Fall bilde ich Welt ab, im zweiten interagiere ich mit ihr, um sie mit Sprache zur Machbarkeit zuzurichten. Im ersten Fall brauche ich Sprache als Malkasten, im zweiten als Kommunikationsmittel. Erklärend zu beschreiben oder beschreibend zu erklären – also malend zu kommunizieren oder kommunizierend zu malen –, ist nicht möglich. Die Vielfalt der Welt für machbar zu halten, ist die Ideologie der Einfalt. Nicht selten erschöpft sich in dieser Einfalt die politische Debatte, in der man, um kompetent zu wirken, versuchen muss, die in ihrer Vielfalt undenkbare Welt als machbar erscheinen zu lassen.»
(10.10.2017; 17.06.2018)