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«Für die Armen bleibt nichts übrig»
Wem gehören die Covid-19-Impfstoffe? Die globale Knappheit der zu einem Grossteil mit Steuergeldern finanzierten Impfung wäre nicht nötig, sagt Mohga Kamal-Yanni, Expertin für globale Gesundheitsfragen in Oxford. Um zu verhindern, dass das Virus weiter mutiert und Hunderttausende Menschen unnötig sterben, müsse man handeln, wie damals in der HIV-Krise – und das Monopol der Pharmakonzerne brechen.
Ein Interview von Daniel Ryser, Nathalie Schmidhauser (Text) und Ella Mettler (Bild), 26.02.2021
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Auf dem Höhepunkt der zweiten Polio-Epidemie in den USA, die jährlich 15’000 Kinder lähmte und Tausende tötete, gelang dem Wissenschaftler Jonas Salk von der Universität Pittsburgh 1955 die Entwicklung des ersten Impfstoffs. Auf die Frage, wem das Patent gehöre, antwortete er: «Well, the people, I would say», also dem Volk.
Februar 2021: Die Corona-Pandemie hat bisher weltweit über 2 Millionen Menschen das Leben gekostet. Seit Beginn der Pandemie liegt die grosse Hoffnung auf den Pharmakonzernen. Hatten diese in den letzten Jahren eher im Zusammenhang mit Opioidkrisen und betrügerischen Machenschaften für Schlagzeilen gesorgt, versprachen sie nun, alles zu tun, um die Pandemie zu beenden und den universellen Zugang zu Impfstoffen und Medikamenten zu gewährleisten. Milliarden an Steuergeldern flossen an Pharmafirmen, um die Entwicklung eines Impfstoffs voranzutreiben. Allein das US-Biotechunternehmen Moderna erhielt beispielsweise eine Milliarde Dollar Steuergelder für die Entwicklung einer Covid-Impfung. Dazu kam ein Deal mit der US-Regierung, wonach ihr diese später 100 Millionen Impfdosen im Wert von 1,5 Milliarden Dollar abkaufen werde.
«Diese Pandemie wird als einer der entscheidenden Momente unserer Zeit in die Geschichte eingehen, und niemand – unabhängig von seinem Land, seinem Einkommen oder anderen Faktoren – sollte sich Sorgen machen müssen, ob er Zugang zu der Versorgung und den Innovationen hat, die ihm und seinen Angehörigen im Kampf gegen Covid-19 helfen könnten», sagte der CEO von Novartis, Vas Narasimhan, im Herbst 2020.
Insgesamt wurden bisher weltweit 7,8 Milliarden Impfdosen verkauft, 60 Prozent davon an westliche Industriestaaten, die nur 16 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Die Schweiz hat Verträge für über 30 Millionen Impfdosen abgeschlossen – genug, um die Bevölkerung vier Mal zu impfen. Von weltweit bereits gelieferten 120 Millionen Impfdosen gingen bis jetzt 55 an low-income countries, also Niedriglohnländer. Nicht 55 Millionen oder 55’000: fünfundfünfzig. (Am Mittwoch dieser Woche erhielt schliesslich Ghana die erste «historische Lieferung», so Unicef, von 600’000 Impfdosen aus dem sogenannten Covax-Programm.)
Diese Ungleichheit habe schwerwiegende Konsequenzen, sagt Dr. Mohga Kamal-Yanni, politische Beraterin der Organisation «People’s Vaccine Alliance» sowie von Unaids, dem Programm der Vereinten Nationen zur Eindämmung von HIV und Aids. Die Ungleichheit entstehe, sagt sie, weil die Entscheidungsgewalt über Produktion, Lieferung und Preis des Impfstoffs – trotz öffentlicher Milliardenzuschüsse, trotz Pandemie – in den Händen von Big Pharma liege.
Mohga Kamal-Yanni, einerseits haben wir innerhalb von kurzer Zeit mit den Impfungen gegen das Sars-CoV-2-Virus grosse Fortschritte gemacht. Am 29. Januar 2021 jedoch sprach die ugandische Frauenrechtlerin und Unaids-Direktorin Winnie Byanyima von einer «globalen Impf-Apartheid». Einige Tage später warnte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, «Impf-Nationalismus» breite sich aus. Können Sie uns erklären, was hier passiert?
In der Bekämpfung der Pandemie fehlt ein globaler Ansatz, ein globales Denken. Und das ist fatal, denn Viren kennen keine Ländergrenzen. Die Regierungen reicher Industriestaaten haben im vergangenen Jahr sehr viel Geld in die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen investiert. Diese finanzielle Unterstützung scheint allerdings an keine Bedingungen geknüpft worden zu sein – ausser, dass man sich Millionen von Impfdosen für die eigene Bevölkerung gesichert hat. Die USA haben das gemacht, Grossbritannien, die EU-Länder, Kanada: Millionen von potenziellen Impfdosen für sich selbst. Statt einer globalen Vision entwickelte man den Covax-Mechanismus, eine Plattform, mit der Impfstoffe für Entwicklungsländer beschafft und finanziert werden sollen.
Warum wird jetzt, ein halbes Jahr nach der Gründung dieser Covax-Plattform, trotzdem von einer «Impf-Apartheid» gesprochen?
Dieser globale Mechanismus kann funktionieren. Das grundlegende Problem jedoch ist der globale Mangel an Impfstoffen. Wir haben schlicht nicht genug Impfdosen. Womöglich gibt es genügend Dosen für Europa, aber das bedeutet gleichzeitig, dass für die ärmeren Länder keine Dosen übrig bleiben. Seit einem Jahr sagen wir wieder und wieder: Das Problem liegt im Angebot.
Wie ist diese Impf-Knappheit zu erklären? Warum wird die Produktion nicht maximal hochgefahren?
Einerseits, weil reiche Industriestaaten Impfstoffe geradezu horten. Da bleibt für die Armen nichts übrig. Und deswegen bringt auch Covax nichts. Egal, wie viel Geld die Plattform letztlich bereitstellt: Was soll damit gekauft werden? Dieses Problem des Angebots wird von der Politik ignoriert, weil die Regierungen, vor allem die Regierungen der einflussreichen Industriestaaten, das System nicht ändern wollen: dass die Pharmakonzerne alle wichtigen Entscheidungen treffen. Die Konzerne sind es, die entscheiden, welche Impfstoffe produziert werden. Sie entscheiden darüber, wie viele Impfdosen zu welchem Zeitpunkt an welche Staaten verkauft werden. Und sie sind es, die damit enorme Profite machen. Hier in England beispielsweise: Wir wissen nicht, wie viele Dosen wir nächste Woche oder nächsten Monat haben werden. Oder in sechs Monaten. Wir wissen nicht, wann die Impfdosen geliefert werden, und den Preis der Dosen kennen wir auch nicht.
Wie ist das möglich?
Die Regierungen wollen so schnell wie möglich die eigene Bevölkerung impfen, damit die Wirtschaft wieder zum Laufen kommt. Grundlegende Fragen stören dabei nur.
Indien und Südafrika haben im Oktober 2020 bei der Welthandelsorganisation einen Antrag gestellt, der es Staaten ermöglichen sollte, Patentrechte für Covid-19-Impfstoffe, Tests und Medikamente temporär zu umgehen, sodass die Pandemie so schnell wie möglich eingedämmt werden könnte. Der Vorschlag wurde von den reichen Industriestaaten abgelehnt. Auch die Schweiz lehnte diesen Antrag ab. Warum?
Grund für den Antrag war die angesprochene Angebotsknappheit: Wollen wir sie angehen, müssen wir mehr Impfstoffe produzieren. Das funktioniert aber nur, wenn viel mehr Firmen in die Produktion einsteigen. Dafür sind zwei Dinge notwendig: Einerseits muss die Technologie, die für die Produktion des Impfstoffs nötig ist, aktiv zugänglich gemacht werden. Und zweitens müssen die Pharmakonzerne auf ihre Patentrechte verzichten, damit die Produktionsstätten sich nicht um die Verletzung geistigen Eigentums sorgen müssen. Beide Schritte sind notwendig. Einer allein reicht nicht. Indien und Südafrika wollen die eine Seite angehen: die Patentrechte aufheben. Die reichen Staaten waren dagegen. Warum? Big Pharma hat lobbyiert. Die Pharmakonzerne verfolgen die Strategie von «teile und herrsche»: Wenn sich ein Land gegen die Interessen der Konzerne stellt, wandern sie ab. Oder sie drohen zumindest damit. Ihre Macht ist enorm.
Die Konzerne argumentieren, der Verzicht auf die Patentrechte hätte massive negative Konsequenzen für zukünftige Forschung und Innovation. Was antworten Sie darauf, gerade auch angesichts der aktuellen Krise?
Es ist eine reine Glaubensfrage. Wenn Sie eine gläubige Christin sind und jemand kommt zu Ihnen und sagt, dass wir jetzt die Bibel ändern: Das können Sie als gläubige Christin nicht akzeptieren. Oder Sie sind ein gläubiger Muslim und jemand kommt und sagt, wir ändern jetzt gewisse Verse des Korans: Das ist genauso inakzeptabel. Und darum geht es hier: Das Trips-Abkommen über geistige Eigentumsrechte ist für Pharmakonzerne so heilig wie für Gläubige die Bibel oder der Koran. Es ist aus ihrer Sicht unantastbar. Es sichert ihnen die Monopolstellung. Die Kontrolle über Angebot, Preis, Lieferung.
Wir befinden uns mitten in einer globalen Pandemie, die uns längst entglitten ist. Wiegt das nicht stärker?
Der Vorschlag, das Monopol der Pharmakonzerne während der Pandemie auszusetzen, löst bei den Unternehmen eine grosse Angst aus. Denn es könnte ja sein, dass die Leute auf die Idee kommen zu sagen: Könnten wir das Monopol dann nicht auch für die Ebola-Krise umgehen? Oder bei Krebs? Letztlich wiederholt sich heute einfach die Geschichte.
Wie meinen Sie das, die Geschichte wiederholt sich?
Während der HIV- und Aids-Krise gab es schon früh Medikamente, die Leben retten konnten. Die HIV-Positiven ein normales Leben ermöglichen konnten. Ich selbst habe Freunde, die an Aids gestorben sind. Und ich habe Freunde, die dank diesen Medikamenten heute ein glückliches Leben führen. Obwohl diese Medikamente schon lange existierten, starben die Menschen in den Drittweltländern wie die Fliegen. Nicht, weil es keine Medikamente gab, sondern weil sie unerschwinglich waren. Den Pharmakonzernen war das egal. Und auch den Politikern in den reichen Industriestaaten war es egal. Eigentlich war es allen egal, ausser denen, die am Sterben waren, und einigen Aktivistinnen, welche an dieser Ungerechtigkeit fast zugrunde gingen.
Wenn es allen egal war, wie hat sich die Situation damals dann geändert?
Nicht wegen der Pharmakonzerne. Sondern wegen einer Generikafirma aus Indien. Wegen eines Mannes namens Yusuf Hamied.
Was hat Yusuf Hamied getan?
Er ist der Vorsitzende des indischen Generika-Pharmaunternehmens Cipla. Er hat sich einfach eigenhändig entschieden, die Patentrechte zu umgehen und die notwendigen Medikamente zur Behandlung für infizierte Menschen in armen afrikanischen Staaten für einen Dollar pro Tag zur Verfügung zu stellen. Für 365 Dollar im Jahr. Rechtlich war sein Vorgehen damals in Indien möglich.
Was kostete bis dahin eine HIV-Therapie mit den Medikamenten von Big Pharma denn?
12’000 Dollar im Jahr. Und plötzlich, durch Hamieds Vorpreschen, war es auch den Pharmakonzernen möglich, ihre Preise zu senken. Plötzlich spielten all die Rechtfertigungen und Argumente für die hohen Preise, dass sich beispielsweise die teuren Investitionen in die Forschung ja auszahlen müssten, keine Rolle mehr. Plötzlich konnte man viel günstiger produzieren. Und zwar einzig und allein wegen der Generikafirma aus Indien, die die Patentrechte umging und dadurch das Monopol gebrochen hat. Jetzt, während der Corona-Pandemie, passiert wieder dasselbe: Die Pharmakonzerne bringen wieder die gleichen Argumente für ihre Monopolstellung, und die reichen Industriestaaten nicken es ab.
Wer hat denn eigentlich die Entwicklung der Covid-Impfstoffe finanziert?
Viele Leute glauben ja, gerade auch unter Impfkritikerinnen ist diese Geschichte sehr beliebt, diese Impfung sei von null auf hundert im letzten Jahr entwickelt worden. Diese Darstellung ist falsch. Die breitere Forschung, die schliesslich zur Entwicklung der jetzigen konkreten Impfstoffe geführt hat, läuft schon seit mehr als 20 Jahren. Und zwar an Universitäten, finanziert mit öffentlichen Geldern. Nehmen Sie die Universität Oxford und den jetzigen Covid-19-Impfstoff Oxford/Astra Zeneca: Es war die Universität, die den Impfstoff mit öffentlichen Geldern erforscht und entwickelt hat. Dann hat die Regierung Gelder an Pharmakonzerne bezahlt für die notwendigen klinischen Tests, für die Entwicklung des Impfstoffs im grossen Stil. Das heisst: Die Steuerzahlerinnen haben die Forschung bezahlt, welche die Entwicklung des Impfstoffs ermöglicht hat. Und jetzt zahlen die Steuerzahlerinnen noch einmal für die Impfung selbst, während die Pharmakonzerne Generika verhindern, weil sie sich auf geistiges Eigentum berufen.
Astra Zeneca hat angekündigt, den Impfstoff zum Selbstkostenpreis zu verkaufen, also keine Profite mit diesem Impfstoff machen zu wollen. Gleichzeitig hat sich herausgestellt, dass Südafrika mehr als doppelt so viel pro Dosis bezahlen muss wie die meisten europäischen Staaten. Wie geht das zusammen?
Die Universität Oxford wollte ursprünglich ihren Impfstoff allen zugänglich machen. Der Plan war, eine offene Lizenzvergabe zu machen. Dies hätte es allen interessierten und fähigen Produktionsfirmen ermöglicht, den Impfstoff herzustellen. Dann plötzlich hat die Universität Astra Zeneca eine Exklusivlizenz vergeben. Astra Zeneca hat dann auch angekündigt, den Impfstoff auf einer Non-Profit-Basis für ärmere Staaten zur Verfügung zu stellen. Astra Zeneca ist aber selbst keine Produktionsfirma. Also hat das Unternehmen mit zahlreichen Produktionsstätten überall auf der Welt Verträge abgeschlossen. Zum Beispiel mit dem Serum Institute in Indien, mit Firmen in Argentinien, in Thailand. Dabei wiederum handelt es sich um kommerzielle Verträge, die nicht öffentlich sind. Wir wissen also nicht, was da drin steht, ob beispielsweise die Verträge an Preisbedingungen geknüpft wurden, die sagen, für wie viel der Impfstoff verkauft werden darf. Es gibt keine öffentliche Kontrolle über diese Verträge. Alles, was wir wissen, ist, dass etwas anderes passiert ist, als angekündigt wurde.
Wie ist das möglich?
Astra Zeneca hatte angekündigt, den Impfstoff für weniger als 3 Dollar pro Dosis zu verkaufen. In Südafrika kostet die Dosis nun mehr als 5 Dollar. Ebenso in Brasilien. Und Uganda, eines der ärmsten Länder Afrikas, bezahlt 8 Dollar pro Dosis. Zudem wissen wir, dass wir eine enorme Knappheit an Impfdosen haben. Durch diese Knappheit müssen gewisse Bevölkerungsgruppen bevorzugt werden. Das indische Unternehmen Serum beispielsweise verkauft den Impfstoff an die indische Regierung für relativ günstige Beträge. Diese verteilt die Dosen zuerst an Risikogruppen. Gleichzeitig verkauft das Serum Institute Impfdosen zu einem viel höheren Preis in der Privatwirtschaft, also an vermögende Inder und Inderinnen. Das heisst: Weil das Gut knapp ist, steigt der Preis, und die Reichen – egal ob Risikogruppe oder nicht – haben den schnelleren Zugang, und die Armen warten, bis die Regierung sie impfen kann. Nicht das Risiko ist massgebend dafür, wer zuerst geimpft wird, sondern das Geld.
Warum hat die Universität Oxford dann nicht wie ursprünglich geplant die Rechte am Impfstoff an alle beliebigen Hersteller verschenkt?
Die Gründe dafür kennen wir nicht genau. Aber aus geleakten Dokumenten weiss man, dass es zu einem Treffen zwischen der Universität Oxford und Vertretern der britischen Regierung und der Bill & Melinda Gates Foundation kam. Was in diesem Treffen besprochen wurde, ist geheim. Die beiden Akteure haben jedoch offensichtlich Druck auf die Universität ausgeübt, diesen Deal einzugehen.
Warum hat die Bill & Melinda Gates Foundation ein Interesse daran, dass die Universität Oxford keine offene Lizenzvergabe macht?
Die Bill & Melinda Gates Foundation arbeitet seit Jahren im Bereich Impfstoffentwicklung. Und sie haben dort gute Arbeit gemacht. Sie haben viele Geldgeber mobilisiert, die in die Entwicklung von Impfstoffen für Drittweltländer investierten. Davor waren viele Impfprogramme unterfinanziert. Heute ist die Foundation ein zentraler Akteur im Bereich globale Gesundheit. Die Gates-Stiftung hat zusammen mit anderen Akteuren und der Weltgesundheitsorganisation auch den Covax-Mechanismus mitbegründet. Ihr Einfluss dort ist sehr gross, und sie versuchen, auch die Staaten zu mobilisieren, dort mehr Geld einzuschiessen. Bill Gates war aber gleichzeitig offenbar der Meinung, dass nur die Pharmakonzerne in der Lage sind, Impfstoffe für alle zu produzieren. Und da liegt nun das Problem: Covax hin oder her: Du kannst nicht kaufen, was nicht existiert. Und dann kommen wir zur problematischen Seite dieser Stiftung.
Und die wäre?
Die Bill & Melinda Gates Foundation ist Investorin und Shareholderin bei einigen Pharmakonzernen. Wenn die Pharmakonzerne Gewinn machen, macht die Foundation auch Gewinn. Und auch die Frage, wie Bill Gates eigentlich so reich wurde, spielt eine Rolle.
Inwiefern?
Bill Gates wurde so reich mit geistigem Eigentum. Es ist darum logisch, dass er das geistige Eigentum nicht antasten will. Es wäre ja blöd, die Gans zu schlachten, die jeden Tag ein goldenes Ei legt. Das Problem mit privaten Stiftungen wie der Gates Foundation ist, dass sie, anders als Regierungen, gegenüber der Bevölkerung nicht rechenschaftspflichtig sind. Die Gates Foundation ist die grösste private Stiftung mit wahnsinnig viel Einfluss im Bereich der globalen Gesundheit, aber letztlich ohne Verantwortlichkeit. Und wegen ihres enormen Einflusses ist es fatal, wenn sie Ansätze unterstützt, die nicht funktionieren. Die Auswirkungen sind, wie sich jetzt zeigt, verheerend.
Sie sagen: Die Antwort auf die globale Krise ist von marktorientierten Ansätzen bestimmt. Von den klassischen Mechanismen: niedriges Angebot, hohe Nachfrage. Und die Nutzniesserin dieser künstlichen Knappheit: die Pharmaindustrie.
Ja, das sage ich. Und das zeigt, warum wir aus der HIV-Krise nichts gelernt haben: Die Entscheidungshoheit liegt noch immer bei der Pharmaindustrie. Die Politiker haben ihr Denken nicht geändert, weil man glaubt, dadurch, dass man die HIV-Krise eingedämmt habe, habe sich ja auch das Grundsatzproblem gelöst. Nehmen wir als Beispiel Pfizer: Südafrika hätte ein Pfizer-Medikament gebraucht, um eine Infektion zu bekämpfen, die von HIV ausgelöst wurde. Aber weil das Land das Trips-Abkommen unterzeichnet hatte, konnte man das Patent nicht umgehen. Nutzen konnte man das Medikament aber auch nicht, weil es viel zu teuer war. Als dann Yusuf Hamied das Generikum günstig nach Südafrika gebracht hatte, versuchte Pfizer sein Gesicht zu wahren, indem man Tausende von Dosen des Medikaments spendete – Hauptsache, das geistige Eigentum wurde nicht angetastet.
Sie schreiben in einem Artikel für «Health Policy Watch» von zwei konkurrierenden Ansätzen, den Zugang zu Medikamenten zu ermöglichen, die während der HIV-Pandemie entstanden seien. Weiter schreiben Sie, diese beiden Ansätze seien miteinander auf Kollisionskurs. Können Sie die beiden Ansätze erklären?
Der marktorientierte Ansatz besteht darin, dass man den Pharmaunternehmen die Entscheidung überlässt, welche Medikamente sie produzieren wollen, mit dem Ziel des maximalen Profits. Dieser Ansatz ist der Grund, warum wir viele vernachlässigte Krankheiten haben, zu wenig erforschte Krankheiten, zu wenig vorhandene Medizin. Und wenn dann – wie im Fall von HIV – ein wichtiges Medikament auf den Markt kommt, dann ist es fast unbezahlbar. Die Impfforschung lohnt sich für die Pharmaindustrie nicht, sie ist nicht profitabel. Bei der Covid-19-Impfung zeigten die Pharmamultis erst Interesse an der Entwicklung eines Impfstoffs, als erstens die Regierungen Millionen in die Forschung investierten und zweitens zahlreiche Wissenschaftler klarmachten, dass das Virus nicht so bald wieder verschwinden würde. Dass es vielleicht, ähnlich wie beim Grippevirus, jedes Jahr eine neue Version geben würde. Dort sahen die Konzerne plötzlich den Marktreiz. Die Covid-19-Impfung ist keine Impfung, die ein Leben lang anhält wie beispielsweise die Masernimpfung. Sie ist wahrscheinlich vergleichbar mit einer Grippeimpfung, die man jedes Jahr erneuern muss.
Die Pharmaindustrie investiert und entwickelt normalerweise nicht die notwendigsten Medikamente und Impfstoffe, sondern jene, die am meisten Profit abwerfen?
Ja. Und wenn sie Impfstoffe produzieren wie jetzt die Covid-19-Impfung, dann nur zu einem hohen Preis und mit staatlichen Subventionen. Wenn wir grundlegende Entscheidungen über Produktion und Preis in den Händen von Pharmakonzernen lassen, ist das einfach nur blöd. Ich sage nicht einmal, es sei moralisch verwerflich, sondern es ist schlicht sehr dumm. Denn solange nicht ein Grossteil der Weltbevölkerung geimpft ist, ist niemand sicher. Und wenn wir jetzt auf eine Art handeln, die das verhindert, dann ist das schlicht ein dummer Ansatz. Denn ohne die Möglichkeit für eine flächendeckende, globale Impfung bewegt sich das Virus ungehindert weiter. Und damit mutiert es. Die heutigen Impfstoffe nützen vielleicht schon bald nichts mehr, und dann braucht es neue Impfstoffe. Die Krise dauert immer länger. Die Knappheit des Impfstoffs ist aus lokaler und globaler Sicht ein Desaster.
Was wäre denn der richtige Ansatz?
Wir müssen die Produktion maximieren, nicht den Profit. Die dafür notwendige Technologie muss zugänglich gemacht werden. Es darf keine Monopole in Bezug auf die Technologie geben. Nur so können mehr Firmen Impfstoffe und Medikamente produzieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat mit dem Covid-19 Technology Access Pool bereits einen Mechanismus für die gemeinsame Nutzung von Technologie etabliert. Aber niemand wirbt oder fördert diesen Mechanismus. Könnten alle gewillten Firmen Impfstoffe produzieren, ohne sich Sorgen über geistiges Eigentum machen zu müssen, wären wir nicht abhängig von Pharmakonzernen und deren Lizenzvergaben, um die Produktion zu fördern. Und wenn mehr Firmen den Impfstoff produzieren würden, würde auch der Preis fallen, weil es Konkurrenz gäbe.
Was antworten Sie denn der Pharmaindustrie, die argumentiert, damit würde ihr Geschäft zerstört?
Während Pandemien und globalen Krisensituationen muss auf geistiges Eigentum und Patentrechte verzichtet werden – egal, wer das Patent hält. Egal, ob Pharmakonzern oder Regierung. Und dies vor allem, wenn dieses geistige Eigentum mit öffentlichen Geldern finanziert wurde. Das ist meine Antwort. In solchen Fällen soll auch der Preis nicht von der Pharmaindustrie bestimmt werden können. Ihr Argument, die hohen Preise seien nötig, um die Kosten für die Forschung zu decken, hält nicht stand. Es ist angesichts der öffentlichen Fördergelder unglaublich arrogant. Auch hier könnte ein Blick in die Geschichte helfen.
Wie meinen Sie das?
Während des Zweiten Weltkriegs hat die US-Regierung Pharmakonzerne mobilisiert, miteinander zu kooperieren und Technologie untereinander zugänglich zu machen, um genügend Penizillin herstellen zu können. Warum betrachten wir die Pandemie nicht auch wie einen Krieg? Benötigen wir einen Terroristen, der das Coronavirus in einem Couvert verschickt, um zu verstehen, dass wir uns in einer ernsthaften Bedrohungssituation befinden? Es ist unglaublich leichtsinnig, Monopolstellungen auf Kosten der Weltwirtschaft und der öffentlichen Gesundheit zu schützen. Es geht ja auch gar nicht darum, zu sagen, dass es keinen Gewinn geben soll. Ein Unternehmen muss Gewinn machen. Niemand bestreitet das. Aber das Ziel kann nicht maximaler Profit sein. Maximaler Profit steht im Widerspruch zur globalen Gesundheit.
Nathalie Schmidhauser arbeitet als freischaffende Journalistin und lebt in Zürich. Für die Republik schrieb sie über Amerikas Scheitern im Irak.