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Der zweite Beitrag zum Thema Asperger-Syndrom beschäftigt sich mit der Ursache einer Autismus-Spektrum-Störung. Zudem wird erläutert, wie die Diagnose gestellt werden kann.
Im ersten Teil wurde der Begriff Asperger-Syndrom eingeführt sowie die dazugehörigen Symptome beschrieben. Das Asperger-Syndrom gehört zu den Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Typisch sind qualitative Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion, Probleme in der zwischenmenschlichen Kommunikation bei gleichzeitig eingeschränktem Verhaltensrepertoire, dem Hang zu repetitiven stereotypen Verhaltensmustern und eingeschränkten, stark fokussierten Interessensgebieten.
Ursachen einer Autismus-Spektrum-Störung
Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze für die Entstehung einer Autismus-Spektrum-Störung. Auch wenn überwiegend genetische Ursachen für die Störung verantwortlich gemacht werden, werden doch auch Umweltfaktoren, psychosoziale Einflüsse und verschiedene biologische Risikofaktoren genannt, die auf Genese und Ausprägung der Störung Einfluss nehmen. Es handelt sich somit um ein Zusammenspiel von genetischen und Umweltfaktoren.
Die genetischen Faktoren beschreiben eine erbliche Komponente der Störung. ASS gehören unter den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diagnosen zu jenen Störungen mit dem stärksten genetischen Einfluss. So wurde in Zwillingsstudien nachgewiesen, dass bei eineiigen Zwillingen ein gemeinsames Auftreten von Autismus-Spektrum-Störungen häufiger vorkommt als bei zweieiigen Zwillingen. Auch zeigen Familienstudien, dass Verwandte ersten Grades ein deutlich erhöhtes Risiko für Autismus in sich tragen. Der Begriff „Broader Autism Phenotype“ beschreibt, dass Familienangehörige einzelne Verhaltensweisen oder kognitive Verarbeitungsstile wie Menschen mit ASS aufweisen, ohne jedoch das Vollbild einer ASS zu zeigen. Genmutationen können das Risiko, an einer Autismus-Spektrum-Störung zu erkranken, ebenfalls erhöhen. Es konnten bereits spezifische Genausprägungen ausfindig gemacht werden, die bei Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung vermehrt vorkommen.
Studien konnten nachweisen, dass auch das Alter der Eltern bei der Zeugung einen Einfluss auf die Entwicklung einer Autismus-Spektrum-Störung beim Kind haben könnte. Je älter die Eltern beim Zeitpunkt der Zeugung waren, desto wahrscheinlicher ist die Entwicklung einer Autismus-Spektrum-Störung beim Kind. Zu den Risikofaktoren während der Schwangerschaft gehören bestimmte Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel die Rötelninfektion, die Einnahme von Valproat in der Schwangerschaft oder Folsäuremangel zu Beginn der Schwangerschaft. Des Weiteren kann eine extreme Frühgeburt die Entwicklung einer Autismus-Spektrum-Störung begünstigen.
Keine ursächliche Rolle spielt das elterliche Erziehungsverhalten. Das elterliche Erziehungs- und Bindungsverhalten kann hingegen die postpartale Gehirnentwicklung beeinflussen, indem förderliche oder weniger günstige Lernbedingungen geschaffen werden. Als psychosoziale Risikofaktoren werden extreme Formen der Deprivation im ersten Lebensjahr angenommen. Derartig schwere Formen von Deprivation liegt jedoch beim überwiegenden Teil der von Autismus betroffenen Personen nicht vor. Die Annahme, Autismus entstehe durch fehlende Zuwendung der Mutter, wurde durch zahlreiche Studien eindeutig widerlegt.
Ein weiterer Erklärungsansatz befasst sich mit der neuronalen Entwicklung. Es gibt Hinweise darauf, dass die Hirnentwicklung von Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung bereits vorgeburtlich anders verläuft als bei gesunden Kindern. Menschen mit ASS zeigen andere kortikale Netzwerke und Aktivierungsmuster als neurotypische Menschen. Auffälligkeiten zeigen sich einerseits in der Verbindung des Hirnstammes und des Kleinhirns sowie bei den Temporal- und Frontallappen des Gehirns. Diese Veränderungen in der Gehirnstruktur werden als Grundlage für die kognitiven Besonderheiten und Verhaltensauffälligkeiten angenommen. Das Gehirn von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen zieht Objekte den Gesichtern vor, die Verarbeitung sozialer Reize benötigt mehr Zeit. So verfügen Personen mit ASS häufig über gute Fertigkeiten der Formerkennung und logisch-schlussfolgernden Fertigkeiten, beachten jedoch den Kontext weniger und zeigen Schwierigkeiten in der Wahrnehmung von biologischen Bewegungen, bei der Handlungsplanung und Zielorientierung.
Diagnose
Die Autismus-Diagnostik ist aufwändig und komplex. Es gibt keinen spezifischen Test, mit dem die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung gestellt werden kann. Die Diagnose beruht auf genauen Angaben zur bisherigen Entwicklung und dem aktuellen Befinden und Verhalten der Person. Bei Kindern werden dazu in erster Linie die Eltern befragt, oft aber auch Fachpersonen, die das Kind aus Krippe, Schule oder aus der Therapie kennen. Auch bei erwachsenen Personen sollten die Eltern, wenn möglich, zur Entwicklung befragt werden. Die betroffene Person muss selbst ausführlich über ihr früheres und aktuelles Leben Auskunft geben. Falls vorhanden, können enge Freunde oder Lebenspartner/-innen befragt werden. In die Diagnostik einbezogen werden die Ergebnisse einer Reihe von psychometrischen Fragebögen sowie die Ergebnisse neuropsychologischer Zusatzuntersuchungen. Bei Kindern ergänzen strukturierte Spielbeobachtungen die Untersuchung. Dabei ist es oft hilfreich, das Kind in einer Gruppensituation zu erleben. Bei Jugendlichen und Erwachsenen werden neben den inhaltlichen Aussagen vor allem Aspekte der nonverbalen Kommunikation, der Gegenseitigkeit im Gespräch und des sozialen Verständnisses beurteilt.
Bei Kindern mit frühkindlichem Autismus kann die Diagnose in der Regel im Alter von zwei bis zweieinhalb Jahren gestellt werden. Bei Kindern mit Asperger-Syndrom werden die Probleme meist erst im Kindergarten- oder Schulalter deutlich. Bei Erwachsenen sind die autistischen Symptome manchmal durch Depressionen, Ängste oder Zwänge überlagert, was die Diagnose erschwert. Zudem entwickeln Menschen mit ASS, die in der Kindheit nicht diagnostiziert wurden, häufig ausgeklügelte Kompensationsstrategien (bewusstes Unterdrücken von Stereotypien, bewusstes Erlernen sozialer Regeln, bewusstes Erlernen des Blickkontaktes, bewusste Zurückhaltung in sozial komplexen Situationen...), so dass die Symptome beim Erwachsenen nicht mehr sichtbar sind. In diesen Fällen ist eine ausführliche Eigen- und Fremdanamnese unerlässlich.