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Ananea (Südperu)
2 Der Goldbagger auf 4800 Meter; unmittelbar rechts dahinter das alte Indianerdorf mit Kirche aus der Kolonialzeit
4Der im Text erwähnte Indianer vor dem Eingang zu seinem Stollen mit der Goldader Photos Alain Gönnet und Hanspeter Duttle
1 Der Ananea, vom Bagger aus gesehen 2 Der Goldbagger auf 4800 Meter; unmittelbar rechts dahinter das alte Indianerdorf mit Kirche aus der Kolonialzeit 3Der Ananea, vom Biwak ( 5000 m ) aus gesehen
Ananea
Hanspeter Duttle-Albrecht, Chuquibambilla, Peru
Cordillera Apolobamba, Südperu Genau nördlich des Lago Titicaca befindet sich die Cordillera Apolobamba. Sie zieht sich von Südperu hinüber nach Bolivien und findet ihre südliche Fortsetzung in der gewaltigen Cordillera Real, deren berühmter Illimani über La Paz, der Hauptstadt Boliviens, thront.
Ein markanter Gipfel auf der peruanischen Seite der Cordillera Apolobamba ist der Nevado Ananea, mit 5850 Meter allerdings nicht der höchste dieser Gebirgskette. In seinem Werk « Wunderland Peru » erzählt Arnold Heim von seinem Besuch am Fusse dieses Berges. Bei einem Besteigungsversuch gelangte er jedoch nur bis auf 5500 Meter Höhe.
Mit unseren beiden Volkswagen erreichen wir, vom Titicacasee her kommend, kurz vor dem Minendorf Ananea einen flachen Sattel auf 4700 Meter, und da steht auch schon der Ananea in seiner ganzen Breite vor uns. Von Südosten her verläuft ein langer, flacher Firnrücken, der den einfachsten Weg zur Besteigung unseres Berges zu bieten scheint, zum Gipfel, hinter dem, gerade noch sichtbar, eine Wolkenwand aus dem Amazonasbecken hochsteigt. Es ist April, und wenn wir Glück haben, ist die Regenzeit endgültig vorbei, so dass wir höchstens mit einem Herbstgewitter rechnen müssen.
Zwischen uns und dem Berg liegt auf 4600 Meter Höhe eine gewaltige Hochebene, die gegen Norden an die 5000 Meter erreicht. Durch den Feldstecher lassen sich im flimmernden Licht grosse Lama- und Alpakaherden erkennen, sich um die Strohhütten der Indianer scha-rend oder, beladen wie Kamelkarawanen, langsam dahinziehend. Diese bewegen sich auf die Urwaldseite hinunter, wo Kartoffeln und Trockenfleisch gegen Mais, Reis und Cocablätter eingetauscht werden. Die Hochebene vor uns gehört noch zum Einzugsgebiet des Titicaca- sees. Der Carabayafluss entspringt am Ananea, fliesst in dieser Hochebene in einem gewaltigen Bogen gegen Nordwesten, um schliesslich mit seinem Wasser diesen mächtigen Binnensee zu speisen.
Nun verlassen wir die Hauptstrasse, die in den Urwald nach Sandia führt, zweigen nach Osten ab und erreichen nach wenigen Kilometern die Ortschaft Ananea. Hier befindet sich auf 4600 Meter ein grosses Dieselkraftwerk für den berühmten Goldbagger, der weiter oben steht. Wir fahren noch eine halbe Stunde aufwärts durch ein Gebiet von künstlich ausgewaschenen Moränen und kommen schliesslich wieder auf eine grosse Ebene, die jedoch lediglich aus den Blöcken einer alten Grundmoräne besteht. Und inmitten dieser Ebene, auf über 4800 Meter, schwimmt in einem knapp bemessenen künstlichen See der vielleicht höchstgelegene Bagger dieser Art in der Welt. Aber mehr noch als dieses technische Ungeheuer interessiert uns das alte Indianerdorf, das verschneit unmittelbar in seiner Nähe steht. Ein paar Hütten, eine Kirche im Kolonialstil und ein kleiner Dorfplatz auf fast 5000 Meter Meereshöhe! Dahinter, jenseits der Moräne, weiden grosse Alpakaherden, die Haupterwerbsquelle der Bewohner dieses Dorfes. Nun aber frisst sich der riesige Bagger durch die Behausungen, deren Bewohner seit einigen Tagen mit dem englischen Captain des Ungetüms verhandeln, um ihre Hütten möglichst teuer zu verkaufen, denn diese werden dem Koloss ohnehin zum Opfer fallen.
Unser Weg führt aber noch weiter, zum abgelegenen Minennest Rinconada auf 5100 Meter, am Hang neben einem gewaltigen Gletscherplateau gelegen. Dort stehen, zweihundert Meter unter einem felsigen Vorgipfel des Ananea, strohbedeckte Steinhütten, in denen bei erbärmlicher Kälte und ohne jegliche Heizung armselige Indios hausen und auf eigene Rechnung Gold suchen. Wir erreichen diese Ortschaft am Nachmittag und halten sogleich Ausschau nach einem Stollen. In einer Felswand, etwa fünfzig Meter oberhalb des Dorfes, entdecken wir unter einem Überhang ein Loch von einem halben Meter Durchmesser und davor hockend, in Lumpen gehüllt, einen Indianer, der eben die Explosion abwartet. Nach der Detonation und einer Zigarettenpause dürfen wir ihm in den Stollen folgen. Unser Indio geht voran mit einer Kerze in der Hand; wir kriechen auf dem Bauch über elend spitze Steine etwa zwanzig Meter nach. An der Sprengstelle liegen einige Felsbrocken mit knapp erkennbaren Goldspuren. Die Goldader sieht man als feinen gelben Strich am Stollenende. Draussen erfahren wir dann im Gespräch den tristen Lebenslauf dieser Goldsucherfamilie: Jeden Abend bringt der Mann die gesprengten Steinblöcke seiner Frau, die sie mit einem Hammer — manche besitzen auch eine primitive Mühle -zerkleinert, sich dann an eine Pfütze neben der Hütte setzt und das Gold im klassischen Holz-teller auswäscht. Der wöchentliche Ertrag beläuft sich auf etwa vier Gramm Goldstaub. Nach Abzug des Zinses an den Minenbesitzer verbleiben dem Mann täglich etwa 20 Soles, also ganze zwei Franken!
Wir steigen noch auf den Felsgipfel über dem Minendorf und suchen das Gelände vor dem Ananea nach einem geeigneten Biwakplatz ab. Ein Fussweg führt über das riesige Gletscherplateau zwischen verdeckten Spalten hinüber zu einer hohen Felswand unter einem Hängegletscher, und hoch oben in dieser Wand, sicher nur mit schwieriger Kletterei zu erreichen, entdecken wir einen zweiten Stolleneingang.
Nach unserer Rückkehr ins Dorf schauen wir noch den Frauen beim Goldwaschen zu. Die Landschaft ist grossartig: Im Südosten erheben sich die bolivianischen Sechstausender; hier aber sitzen bedauernswerte Menschen und kämpfen um ihr tägliches Brot, hier, auf einer unmenschlichen Höhe.
Gedankenverloren setzen wir uns in unsere Wagen und fahren ein Stück weit zurück. Bald aber müssen wir uns ganz aufs Gelände konzen- trieren, denn nun geht 's über Stock und Stein, ohne jede Spur oder Piste, über die Puna zu unserem festgelegten Biwakplatz.
Auf fast genau 5000 Meter - die Höhen entsprechen den Angaben meines Altimeters — klettern wir aus unsern Fahrzeugen und errichten sofort die Zelte daneben, da die Nacht gleich hereinbrechen wird. Wir befinden uns unmittelbar unterhalb des Scheitels einer Moräne am Fusse des Ananea. Leider wird uns beim letzten Tageslicht klar, dass die Eiswand vor uns für die Besteigung nicht in Frage kommt. Morgen werden wir zuerst absteigen, dem Fusse des Ananea entlang gehen und dann den weit entfernten, zuerst vorgesehenen Südostgrat besteigen müssen.
Der Vollmond scheint, und um Mitternacht ist für uns Tagwache bei klarem Himmel, Windstille und erstaunlich milder Luft. Michel, Alain und ich werden aufsteigen, während Thildy das Lager hüten will. Um 0.45 Uhr beginnen wir den Abstieg in den grossen Kessel vor uns. Wir kommen an einer Indianerhütte vorbei. Diese Behausungen sehen sich alle ähnlich, haben einen ovalen Grundriss und sind etwa drei Meter lang. Die Mauer besteht aus grossen Steinblöcken und ist nur einen Meter hoch, ohne Fenster. Den Eingang bildet ein niederes Loch, mit einem Fell verhängt, und als Bedachung dient Ichu-Gras, mit Ichu-Seilen an mehreren Ästen des Quehuifla-Baumes befestigt. Und in dieser Hütte lebt auf fast 5000 Meter Meereshöhe jahrein, jahraus eine Indiofamilie vom Ertrag ihrer Alpakaherde. Die Kartoffel gedeiht auf dieser Höhe nicht mehr, doch gibt es vielleicht in der Lagune weiter unten Forellen. Die Hirtenfamilie wird durch unser plötzliches Auftauchen mitten in der Nacht in Angst und Schrecken versetzt, und ich bin erstaunt, dass die Leute keinen - im allgemeinen bösartigen -Wachhund besitzen. Sie kehren, ohne unsern Gruss zu erwidern, in ihre Hütte zurück, nachdem sie sich vergewissert haben, dass wir nur verrückte Gringos und keine « cucuchis » ( Gespenster ) sind.
Auf 4700 Meter erreichen wir nach etwa ein- stündigem Abstieg die sumpfige Ebene zu Füssen des Ananea. Nach etlichen Misserfolgen und mit nassen Füssen finden wir endlich einen Weg durch den Morast und stehen nach einer weiteren Stunde auf dem steilen, verschneiten Gletscher. Es wird nun empfindlich kalt; aber unsere Daunenjacken bieten guten Schutz, und der Vollmond beleuchtet unseren Weg. Angeseilt steigen wir gemächlich, aber stetig durch die Séracs dem Grate zu. Da wir alle drei seit über einem Jahr auf 4000 Metef Höhe leben, haben wir keine Atembeschwerden, und nach drei Stunden stehen wir auf dem Grat. Es ist ein breiter, sanft ansteigender Firnrücken, den wir gestern deutlich auf der rechten Seite des Gipfels gesehen haben; aber dieser ist immer noch bedenklich weit entfernt. Tief unter uns schimmert ein helles Licht durch das Nebelmeer: Der Goldbagger arbeitet offenbar auch nachts. Im Norden versteckt sich der Urwald unter einer Wolkendecke. Der Blick schweift ohne Hindernis über das Wolkenmeer in die Weite, und wir ahnen in riesiger Entfernung den Atlantischen Ozean.
Plötzlich ist es taghell, und bald weicht die schneidende Kälte einer erbarmungslosen Hitze. Nun gilt es auf die Zähne zu beissen und den langen Firngrat unter die Füsse zu nehmen. Wir wechseln ab mit der Spurarbeit; um halb io Uhr betreten wir die breite Gipfelkuppe. Eben beginnen vom Urwald her die Wolken über uns zu branden und zu wogen, aber gegen Süden ist der Blick noch frei. Wir glauben in der Ferne den Titicacasee zu erkennen. Ich werde gefesselt durch die Sicht auf den Altipiano unter mir. Sah ich nicht die gleiche Landschaft vom Everest-Grat aus? Ich habe genug Zeit zum Träumen. Vergangenheit und Zukunft verschmelzen ineinander. Eins ist gewiss: mein Leben wird sich immer in der Wildnis des Hochgebirges abspielen, es sei denn, eine höhere Macht werde anders entscheiden.
Der Abstieg wird zur bösen Schinderei. Der Schnee ist nun butterweich, und wir müssen ausnahmslos bei jedem Schritt die Steigeisen aus- klopfen. Nach dem Grat gelangen wir wieder in den oberen steilen Gletscherhang. In der Nacht war er hart gefroren, aber jetzt, mit den Schneestollen unter den Füssen, sind alle unsere Sinne angespannt, damit wir einen verhängnisvollen Sturz vermeiden. Keiner spricht es aus, aber alle fürchten noch einen anderen schlimmen Feind: die Lawine. Aber auch dieser Abschnitt wird gemeistert, und die Séracs bilden eine angenehme Abwechslung. Unsere Kehlen sind vollkommen ausgetrocknet, wir bringen kaum mehr ein Wort hervor, und die Tropensonne brennt auf unsere Haut mit beinahe unerträglicher Schärfe.
Und jetzt noch der letzte, sehr steile Firnhang. Er ist gewiss zweihundert Meter hoch, und darunter befindet sich eine beinahe senkrechte Felswand. Die Steigeisen wollen nicht recht fassen. Der Sturz eines Kameraden würde zur Katastrophe. Jeder Schritt füllt die Steigeisen bis über den Rand mit bleischwerem Schnee. Wir sind nun seit mehr als zwölf Stunden unterwegs, und die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Gerade deswegen zwingt uns dieser Abstieg zur schärfsten Konzentration.
Endlich kommen wir in die Felsen. Wir können die Steigeisen abschnallen, das Seil aufnehmen. Jetzt scheint alles ein Kinderspiel gewesen zu sein. Unsere Kehlen brennen noch immer fast unerträglich. Weit unter uns, in der Nähe unseres morgendlichen Sumpfes, liegen kleine türkisblaue Gletscherseen. Wir eilen dort hinunter, und ich erstarre beinahe beim Bade in einem der eiskalten Seelein. Das Wort « eiskalt » ist hier wörtlich zu verstehen, denn der See erhält sein Wasser aus einer Gletscherzunge, welche keine hundert Meter entfernt ist. Aber das Gletscherwasser belebt mich wieder. Die letzten dreihundert Meter Gegensteigung zu unserem Lager bedeuten jetzt nichts mehr. Das Herz jauchzt vor Freude über den gelungenen Sieg und das erfrischende Bad.
Um 4 Uhr nachmittags erreichen wir unser Lager. Noch fünf Stunden Autofahrt, gespickt mit den üblichen Pannen, und wir erreichen unsere Schweizer Freunde in Putina.