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„Denn, um es ehrlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Was Sonic für die Gaming-Welt ist, ist Friedrich Schiller (1759 – 1805) für die Spieltheorie. Irgendwie hat man ihn ja schon lieb gewonnen, aber weshalb man ihn jedes Mal neu aufwärmen muss, geht über den Verstand. Längst haben ihm eigentliche Spieltheoretiker wie Roger Caillois oder Huizinga den Rang abgelaufen, und letztlich interessiert es doch niemanden, was mal irgendein berühmter Schriftsteller zufällig über das Spiel dahergeplappert hat. Und seien wir ehrlich: was Schiller hier sagt, ist bestenfalls auf Buswerbung-Zitate-Niveau. Zugegeben haben wir darum auch gar keinen sonderlichen Grund, es unseren Vor-Nekromanten nachzutun. Ausser: vielleicht gibt es ja doch etwas zu lernen.
Ästhetische Erziehung
Der vielzitierte Ausspruch stammt aus Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795), oder kurz den „Ästhetischen Briefen“. Das Werk entstand aus einer Briefkorrespondenz im Jahr 1793, die der Dichter mit dem Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg geführt hatte. Dieser und ein weiterer Gönner (Graf Ernst Heinrich Schimmelmann) hatten ihm durch ein Stipendium von dreitausend Talern für drei Jahre freie Schreibzeit ermöglicht. In dieser fabrizierte er seine philosophische Theorie, die er nach und nach in den „Horen“, seiner selbstgegründeten Zeitschrift, bei der auch Goethe mitmachte, veröffentlichte. Ein Blick auf den Buchrücken der neusten Reclam-Ausgabe lässt Schlimmes vermuten: „Denn, um es ehrlich auf einmal herauszusagen …“ Da haben wir es wieder. Also schnell die Augen zu und an den Anfang des Bändchens geblättert. Hier lesen wir ein paar vernünftige, einleitende Worte. Schiller übernimmt die Aufgabe, „sich nach einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt“ umzusehen. In einer Zeit, da Staatstheorien, politische Traktate und Abhandlungen zum Schicksal der Menschheit in Preussen Hochkonjunktur haben, mochte dieses Projekt damals Schulterzucken oder erhobene Augenbrauen auslösen. Dessen ist sich auch Schiller bewusst: spätestens im zweiten Brief versucht er sich zu rechtfertigen, indem er betont, „dass man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freyheit wandert.“
Mensch und Staat
Ist damit schon alles gesagt? Natürlich wäre es nur halb so lustig, wenn Schiller keine Umwege machen würde. Erst einmal stellt er eine Staatstheorie auf, in der sich der anfängliche „Naturstaat“ allmählich in einen „Vernunftstaat“ entwickelt. Im ersteren haben die Naturkräfte das Sagen, im zweiten die rationalen Kräfte, sprich Gesetze. Der Übergang vom einen zum anderen geschieht nicht einfach so, sondern bedarf einer langwierigen Entwicklung mit einer notdürftigen Zwischenstufe, einem „Notstaat“. In diesem ist der „Mensch in der Zeit“ (das Individuum) und der „Mensch in der Idee“ (welcher den Staat repräsentiert) voneinander abgetrennt. Es herrscht eine Kluft zwischen dem, was der einzelne Mensch will, und dem, was ihm der Staat vorschreibt, zwischen individueller Mannigfaltigkeit und staatlicher Einheit. Während im idealen Staat jeder Mensch seine Gattung repräsentiert, sprich der Willen des Staats auch sein eigener Wille ist, gibt es im Notstaat zur zwei Möglichkeiten, wie der Kampf zwischen Staat und Mensch zur Ruhe kommt: entweder unterdrückt der Staat den Menschen, oder der Mensch wird selbst zum Staat. Das funktioniert aber erst, wenn die „Teile zur Idee des Ganzen heraufgestimmt“ sind, wenn also der Mensch seine Universalisierung und Eigentümlichkeit unter einen Hut zu bringen vermag.
Uhrwerk
Wie sieht es in Schillers Zeit aus? Der Naturstaat wankt schon, aber es fehlt „die moralische Möglichkeit“ zur Weiterentwicklung. Während sich die „niederen Klassen“ den gesetzlosen Trieben hingeben, lassen sich die höheren Gesellschaftsschichten eine Erschlaffung der Kräfte zu Schulden kommen. Wie zu erwarten, sieht Schiller das positive Gegenbild im antiken Staat der Griechen. Während dort Einheit zwischen Vernunft und Materie herrschte, und jeder ihrer Götter sich selbst, aber auch die ganze Menschheit repräsentierte, verzehrt hier blinder Abstraktionsgeist das Feuer, und die Kunst vernebelt den Verstand. Der moderne Staat ist ein Uhrwerk, in dem jeder Mensch nur ein Bruchstück ist, der sich einem einzelnen, kleinen Geschäft aufopfert. Die Regierung hat das Individuum aus den Augen verloren, es herrscht Trennung auf allen Ebenen. Die Staatskritik Schillers ist nicht neu. Sie passt gut zu Wilhelm von Humboldts Einwänden, der seine Staatstheorie nur ein Jahr früher veröffentlicht hatte. Implizit beklagte er den blinden Diensteifer im preussischen Staatswesen und die Untertanenmentalität im Militär, welche 1806 tatsächlich in der Niederlage gegen die Franzosen bei Auerstedt gipfeln sollte. Auch geistesgeschichtlich standen alle Zeichen gegen die beiden Theoretiker. Ausgehend von der Schulphilosophie von Christian Wolff (1679 – 1754) hatten die sogenannten Philantropisten damit begonnen, den Menschen zu einem festen Nutzen, sprich hin zu einem Rädchen im Uhrwerk zu formieren, und ein Monadenprinzip, wie es noch Leibniz lehrte (die Monade als Spiegel des Universums) schien, wenn nicht vergessen, so zumindest gründlich missverstanden.
Ein Jahrhundert
Im sechsten Brief Schillers, am Ende, taucht zum ersten Mal das Wort „Spiel“ auf. Zuvor gesteht er der Trennung der Kräfte auch eine gewisse positive Wirkung zu, zumal sich die Wahrheit auf getrennten Wegen ab einem gewissen Punkt besser verfolgen lässt. Aber: „Wieviel also auch für das Ganze der Welt durch diese getrennte Ausbildung der menschlichen Kräfte gewonnen werden mag, so ist nicht zu läugnen, dass die Individuen, welche sie trifft, unter dem Fluch dieses Weltzwecks leiden. Durch gymnastische Uebungen bilden sich zwar athletische Körper aus, aber nur durch das freye und gleichförmige Spiel der Glieder die Schönheit.“ Schade, sind wir da eher weit entfernt von Pacman und näher bei Humboldt („höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte“). Aber da ist wohl nichts zu machen. Jedenfalls ist schon die ungefähre Richtung eingeschlagen, in die Schillers „Gesetzesbuch“ der Schönheit steuert. Die Totalität unserer Natur muss durch eine „höhere Kunst“ wiederhergestellt werden – eine Aufgabe, die nur der Mensch selbst, nicht aber der Staat übernehmen kann. Den inneren Konflikt zwischen Vernunft und Materie zu besänftigen, ist eine „Aufgabe für mehr als ein Jahrhundert“. Na dann viel Spass.
Form und Sinn
Wie sagt man so schön? Sapere aude. Nicht nur muss sich der Mensch erkühnen, weise zu sein und seine verlorene Einheit wieder herzustellen, er braucht auch ein Werkzeug dazu, wenn er irgendwann auf einen grünen Zweig kommen will. Dieses Werkzeug ist, wie sollte es anders sein, die schöne Kunst, oder, noch kürzer, das Schöne. Wohlgemerkt nicht das Schöne in der Erfahrung, sondern ein reiner, theoretischer Vernunftbegriff. Dazu braucht es zugleich eine Erkenntnistheorie, und diese bastelt Schiller kurzerhand aus zwei Begriffen. Einerseits ist der Mensch jederzeit „Person“ – eine von der Materie unabhängige Instanz, die sich, gottgleich, niemals ändert, also ein „reines Vermögen“ ist – und der Mensch ist „Zustand“. Dieser manifestiert sich in der Materie, ist zeitlich und stets veränderlich. Zugleich ist nur jeweils ein gewisser „Zustand“ in einem Zeitmoment möglich, wie etwa bei einer Abfolge von Tönen. Die Tätigkeit des „Zustands“ ist die Wahrnehmung, die Tätigkeit der „Person“ ist die Erkenntnis. Während der Mensch in seinem blossen „Zustand“ also die Welt nur empfindet, ja eigentlich selbst Welt ist, ist seine blosse „Person“ ein reine Form, genauer das Vermögen, etwas zu formen – jedoch ohne formbaren Gegenstand. Somit erklärt sich von selbst, dass der „Zustand“ und die „Person“ in einer steten Wechselwirkung stehen müssen, nie alleine vorkommen und sich ohne den jeweils anderen Teil auflösen (dasselbe Verhältnis findet sich auch bei Fichte). Was hat der Mensch also am besten zu tun? Kurz: er soll alles zur Welt machen, was bloss Form ist, und zugleich alles in sich vertilgen, was bloss Welt ist. Dies geschieht entsprechend durch den „sinnlichen Trieb“ und den „Formtrieb“. Und wo bleibt jetzt die Schönheit? Das Spiel?
Gleichgewicht
Das kommt noch. Erst einmal ist es die Aufgabe des Menschen, die beiden Triebe ins Gleichgewicht zu bringen. „Den Stofftrieb muss die Persönlichkeit, und den Formtrieb die Empfänglichkeit, oder die Natur, in seinen gehörigen Schranken halten.“ Zwar wird der Mensch das beste Verhältnis nie erreichen, aber es ist die „Idee seiner Menschheit“, nach der perfekten Balance zu suchen. Zum Glück sind wir nicht aufgeschmissen. Denn nach Schiller gibt es einen dritten Trieb, der danach strebt, Formtrieb und sinnlichen Trieb zu verbinden. Das ist – und jetzt kommt’s – der Spieltrieb. Wenn der Gegenstand des Formtriebs die Gestalt, der Gegenstand des sinnlichen Triebs das Leben ist, so ist der Gegenstand des Spieltriebs – jetzt kommt’s wieder – die „lebende Gestalt“, sprich die Schönheit. Nun, das klingt ja alles ganz logisch, und da haben wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Aber irgendwie sollte doch Super Mario, und Donkey Kong … nein. Leider versteht Schiller das Spiel in einem sehr allgemeinen, weiten Sinn. „Spiel“ herrscht überall dort, wo kein Zwang vorkommt, wo sich also die beiden Triebe gerade so gegenseitig in Schwebe halten, dass sie sich auflösen. Dies geschieht bei der Anschauung des Schönen: „Indem es mit Ideen in Gemeinschaft kommt, verliert alles Wirkliche einen Ernst, weil es klein wird, und indem es mit der Empfindung zusammen trifft, legt das Nothwendige den seinigen ab, weil es leicht wird.“ Freilich hat man eine solche Wirkung nur vom Idealschönen (als Vernunftbegriff) zu erwarten, und solcherlei „Spiel“ will Schiller typischerweise auch von den gewöhnlichen Spielen des wirklichen Lebens unterschieden wissen, welche sich „nur auf sehr materielle Gegenstände richten.“ Nein, Schiller schwebt nichts weniger als das Beispiel des müssigen Götterlebens im Olymp vor, oder die frei in sich selbst ruhende Göttin Juno, bei deren Konterfei man „höchste Bewegung und höchste Ruhe“ in einem verspürt: im Spiel mit der Schönheit. Jedenfalls dürfte der Ausspruch des spielenden, ganzen Menschen nun etwas klarer geworden sein.
Energische und schmelzende Schönheit
Da Schillers Schönheit wie erwähnt ein theoretisches Ideal ist (ja, ja, diese runzlige Nase), kommt er nacheilend auf die Schönheit in der Erfahrung zu sprechen. Hier unterscheidet er zwei Arten: die energische (anspannende) Schönheit und die erschlaffende (schmelzende) Schönheit, welche die jeweils entgegengesetzten Triebe begünstigen. Je nachdem, in welchem Zustand sich der Mensch befindet, hat er ein verstärktes Bedürfnis nach dieser oder jener. Eine Gesellschaft mit überfeinerten Sitten hat Energie nötig, rohe Barbaren hingegen Erschlaffung. Im siebzehnten Brief nimmt er die schmelzende Schönheit in Angriff, für die energische hat es dann anscheinend nicht mehr gereicht. Da sehen wir drüber hinweg, zumal er im achtzehnten und neunzehnten Brief wieder auf neue Begrifflichkeiten zu Sprechen kommt. Der sogenannte „ästhetische Zustand“ ist ein Vorgang, der sich beim Übergang zwischen Empfinden und Denken abspielt. Ein Zustand also, wo sich der Mensch einerseits noch nicht ganz aus der Empfindung gelöst hat, aber andererseits auch nicht zu einem Gedanken gekommen ist. Allein in diesem Zwischenraum von Empfinden und Denken erlebt der Mensch wirkliche Freiheit, da er rein „bestimmbar“ ist und noch keinen Weg eingeschlagen hat. Er ist in der Schwebe zwischen (Er)leiden und Selbsttätigkeit, ist sozusagen „Null“ und erlebt die „erfüllte Unendlichkeit“. Denn die “unendliche Kluft“, die zwischen Gedanke (Tätigkeit) und Empfindung (Leiden) ist mit etwas aufgefüllt – einer erleidenden Tätigkeit. Ob Esoterik oder Philosophie, klar ist, dass Schiller hier den psychischen Vorgang zu bestimmen versucht, der sich beim Betrachten der Schönheit abspielt. Das „ächte Kunstwerk“ soll sich entsprechend darum bemühen, keine besondere Stimmung im Menschen zu begünstigen, sondern ihn im Spiel, in der Freiheit zu halten.
Ugah Bugah
Schon haben wir gehofft, mal ohne die Urmenschen auszukommen. Aber da sind sie wieder. Gegen Ende des Buches hin – und in der Korrespondenz mit dem Prinzen Schleswig-Holstein – entwirft Schiller analog zum Psychischen eine (geistes)geschichtliche Entwicklung der menschlichen Gattung. Im Groben unterscheidet er drei Zustände. Erstens den physischen, zweitens den ästhetischen und drittens den moralischen Zustand. Im physischen Zustand war der Mensch noch Sklave seiner Empfindungen. Seine Gedanken erstreckten sich nicht über sein Selbst und seine Erhaltung hinaus, alles war ihm entweder Feind oder Begehren. Im ästhetischen Zustand begann er die ersten Schritte zur Kultur. Er fand Gefallen an der Form: schmückte sich mit Federn, stattete seine Höhle aus, das Begehren wurde zur Liebe. Das Vermögen zur Kunst wurde in ihm geweckt, die Lust am „schönen Schein“, die Freude an der Erscheinung. Er berührte also das „Geisterreich der Formen und Gesetze“, ging aber noch nicht in ihm auf. Den „moralischen Zustand“ führt Schiller nicht explizit aus – wenn man sich aber die Korrespondenz mit dem Prinzen von 1793 anschaut, so wird klar, was „Moral“ für Schiller ist. Ganz im Sinne kantischer Grundsätze betont er, dass nur derjenige wirklich tugendhaft ist, der nicht bloss aus einem Naturreiz handelt, also eigentlich erleidend ist, sondern der sich rational für eine Tat entscheidet, aufgrund seiner Vernunft. Diese Rationalität, die sich in Kants Imperativ widerspiegelt, unterscheidet den Menschen letztlich vom Tier. Umgekehrt hat die Moralität in der Welt des „schönen Scheins“ nichts verloren – Kunst soll also keine politischen Ziele verfolgen. Das wiederum heisst nicht, dass das Schöne keinen Anteil an der Verbesserung der Gesellschaft hätte. Darauf läuft ja Schillers Absicht hinaus: „Geschmack hilft aus sich selbst die Sittlichkeit des Handelns fördern, indem er die moralischen Vorschriften der Vernunft mit dem Interesse der Sinnlichkeit in Übereinstimmung bringt.“ Der Geschmack dient als Übergang ins Reich der Moralität, und hilft immer da als Stütze aus (zusammen mit der Religion), wo sich die rein ratsionale Tugend erst noch auszubilden hat. Spielen wir mit der Schönheit, fällt uns das Zusammenleben leichter.