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Bevor Boris Johnson als Politiker Erfolg hatte, war er Journalist. Was den Journalisten einst charakterisierte, galt später auch für den Politiker: Missachtung von Fakten und kreativer Umgang mit der Wahrheit.
Als Grossbritanniens Premier Boris Johnson vergangene Woche seinen Rücktritt bekanntgab, teilte er mit, er habe zwar versucht, in 10 Downing Street zu bleiben, sei aber vom «Herdentrieb» besiegt worden: «Wenn die Herde sich bewegt, gibt es kein Aufhalten mehr.» In erster Linie meinte er damit wohl die Angehörigen seines Kabinetts und die Abgeordneten seiner Partei im Parlament in Westminster. Die Schlagzeile des Covers: «Clownfall».
Vielleicht dachte Johnson aber auch an frühere Kolleginnen und Kollegen der Presse, die mit der Ausnahme im «Daily Mail» nur wenige schmeichelhafte Worte für ihn übrigen hatten. Das konservative Boulevardblatt schrieb von einem «narzisstischen Pöbel von Tory-Abgeordneten, die versuchen, einen Premierminister zu stürzen, der uns aus der Corona-Pandemie führt». Der «Economist» dagegen zeigte auf dem Titelblatt jene inzwischen ikonische Aufnahme, die Johnson, einen hellblauen Helm auf dem Blondschopf, an einem Seil hängend und Union Jacks winkend zeigt: «Clownfall».
Nach dem Besuch der Privatschule Eton und der Oxford University begann Boris Johnson 1987 seine journalistische Laufbahn in London als Praktikant der «Times». Das Blatt sandte den jungen Journalisten für ein paar Monate nach Wolverhampton, wo die ärmlichen Lebensbedingungen, denen er dort begegnete, ihn realisieren liessen, dass er ein überzeugter Konservativer war. Die Stadt wurde damals von der linken Labour Party regiert.
Zurück in London, war es sein Job, Meldungen der Nachrichtenagenturen umzuschreiben und einem erfahrenen «Times»-Reporter über die Schulter zu schauen. Doch das Recherchieren behagte Boris Johnson nicht. «Meine Arbeit bestand darin, Anrufe zu tätigen, informiert zu werden, dass X in einer Sitzung sei, eine halbe Stunde zu warten und es dann erneut zu versuchen», schrieb er später: «Ich konnte mir nicht vorstellen, wie lange ‘The Times’ es sich noch leisten würde, einen so heroisch unproduktiven Schreiberling (wie mich) zu beschäftigen.»
Von der «Times» entlassen
Boris Johnson wunderte sich zurecht. Nach weniger als einem Jahr entliess ihn die «Times», nachdem er in einem Artikel über eine archäologische Entdeckung einen Geschichtsprofessor zitierte, der auch sein Pate war. Das Problem: Der Historiker hatte nie gesagt, was Johnson ihm als Aussage zuschrieb. Eine rundum verunglückte Entschuldigung machte seine missliche Lage nicht besser.
Doch dank seiner privilegierten Herkunft landete Boris Johnson weich. Der «Daily Telegraph» stellte ihn nicht als Reporter, sondern als Kommentator an. Er galt als guter Schreiber und die Redaktion akzeptierte ihn als seriösen, politisch wachen Zeitgenossen: «Die Leitartikler machten sich grosse Gedanken, bevor sie ihre Erkenntnisse auf Marmorplatten einmeisselten», erinnert sich ironisch der Journalist Quentin Letts, der damals auch für den «Telegraph» tätig war.
In Brüssel für den «Daily Telegraph»
1989 schickte das konservative Blatt Boris Johnson als EU-Korrespondenten nach Brüssel, was laut Kollege Letts «eine geniale Wahl» war – zumindest aus Sicht britischer EU-Gegner. Während mehr als fünf Jahren machte sich Johnson einen Ruf als militanter EU-Opponent. Seine Spezialität war, was britische Boulevardblätter (zu denen der «Telegraph definitiv nicht gehörte) gerne tun: ein nebensächliches Fakt finden und es zu einem bombastischen Titel aufblasen, der zwar für sich allein gesehen stimmen mag, in einem grösseren Kontext aber völlig falsch ist.
Für Johnson befand sich Grossbritannien, wie die «Columbia Journalism Review» (CJR) berichtet, «ohnmächtig in den Fängen räuberischer, zu keiner Rechenschaft verpflichteten europäischen Bürokraten und ihren Plänen, sich einen Dreck um nationale Rechte und Bräuche zu kümmern». So schrieb denn der EU-Korrespondent unter anderem, Brüssel plane, die Grösse von Kondomen zu vereinheitlichen, Kartoffelchips mit Krabbengeschmack aus britischen Läden zu verbannen, Schnecken neu als Fische zu klassifizieren oder den Lärm von Rassenmähern und Bauernhofgerüche zu regulieren. Der Franzose Jacques Delors, damals EU-Ratspräsident, plane «Europa zu beherrschen».
Kein Wunder stiess Boris Johnson bei Brüsseler Bürokraten und Diplomaten auf wenig Gegenliebe. Sie sahen ihn als Bedrohung ihrer Tätigkeit und verweigerten ihm das Gespräch, weil sie ihm nicht trauten. Auch zu gesellschaftlichen Anlässen wurde er nicht mehr eingeladen, da er von Vertraulichkeit nichts hielt. Jan Purnell. eine Kollegin des «Telegraph», die später eine Biografie über ihn verfassen sollte, erlebte Johnson in Brüssel als unkooperativ, einzelgängerisch und seiner Zornesausbrüche wegen gelegentlich als Furcht einflössend. Sie kehrte bereits nach einem Jahr nach London zurück: «In Brüssel zu arbeiten, war in vielerlei Hinsicht eine tolle Sache. Boris Johnson gehörte nicht dazu.»
Biografin Purnell erinnert sich, dass Boris Johnsons Artikel über die EU häufig einen Kern Wahrheit enthielten, gedruckt aber nur noch wenig mit der Wirklichkeit gemeinsam hatten – eine Einschätzung, die etliche seiner Kollegen in Brüssel teilten. Beobachter sind sich noch heute nicht einig, wie wegweisend Boris Johnsons EU-Berichterstattung für den Entscheid Grossbritanniens war, 2016 die Europäische Union nach einer nationalen Abstimmung zu verlassen.
Überzeugung oder nur Entdeckung einer Marktlücke?
Zwar war er bei weitem nicht der einzige EU-Gegner im Lande, aber mit Sicherheit ein einflussreicher Opponent. Denn der «Telegraph» war das Leibblatt vieler Konservativer und verlieh, anders als Grossbritanniens lärmige Boulevardblätter, der Skepsis gegenüber der EU einen respektablen Anstrich. Frühere Kollegen Johnsons rätseln noch heute, ob seine Ablehnung der EU damals echter Überzeugung oder lediglich purem Karrieredenken, der Entdeckung einer Marklücke, entsprang.
Nach seiner Rückkehr nach London wäre Boris Johnson 1995 gerne Kriegsberichterstatter geworden, aber seine Vorgesetzten fanden, er sei für den Job nicht diszipliniert genug, verursache zu hohe Spesen und verpasse zu häufig den Redaktionsschluss. Stattdessen beförderte ihn der «Telegraph» zum stellvertretenden Chefredaktor und Chefkolumnisten. Auch begann er für die Wochenzeitschrift «The Spectator», Europas ältestes Magazin in englischer Sprache, Kolumnen zu schreiben und für das Magazin «Gentleman Quarterly» (GQ) Autos zu testen, ohne diese aber einem Zeitgenossen zufolge auch in jedem Fall gefahren zu haben. Er häufte aber als GQ-Autor rund 4’000 Pfund an Parkbussen an.
1999 wurde Boris Johnson Chefredaktor des «Spectator», eine Position, die er nur teilweise ausfüllte, da er nebenher noch Sachbücher und Romane schrieb und am Fernsehen in der populären BBC-Show «Have I Got News for You», einem satirischen Panelprogramm, mit Erfolg auftrat.
Kolumnen für fette Honorare
Beim «Spectator» galt Boris Johnson als umgänglicher Chefredaktor, der im Magazin auch Meinungen und Karikaturen tolerierte, die seinen konservativen Überzeugungen widersprachen. Doch die journalistische Tätigkeit kollidierte zunehmend mit seinen politischen Ambitionen, die 2001 mit der Wahl ins britische Parlament einen vorläufigen Höhepunkt erreichten. Auch als aufstrebender Politiker und Premier schrieb er weiterhin Kolumnen für den «Telegraph», wo er nach seinem Rücktritt als Aussenminister in der Regierung von Theresa May 350’000 Franken im Jahr verdiente.
Im vergangenen August etwa verglich er in einer Kolumne Muslima, die eine Burka tragen, mit «Bankräuberinnen». Im Januar behauptete er, dass seinerzeit in Grossbritannien die populärste Option jene gewesen sei, die EU ohne ein Abkommen zu verlassen – eine Unwahrheit, die der «Telegraph» auf Anordnung der britischen Presseaufsichtsbehörde hin korrigieren musste.
Derweil argumentieren Kritiker, Kolumnisten seien nur selten fähige politische Führer. «Vor Kurzem sagte jemand zu mir, dass das Schreiben von Kolumnen eine schlechte Vorbereitung für einen seriösen Politiker sei, weil es in der Natur der Kolumne liege, die Welt verbessern zu wollen, und das mit Argumenten, die grossenteils und zwangsläufig oberflächlich sind», sagt Michael Glover, selbst Kolumnist beim «Daily Mail» und Boris Johnsons Kollege beim «Spectator».
Trotz seiner Bekanntheit ist Boris Johnson Biografin Jane Purnell zufolge in vielerlei Hinsicht ein Mensch voller Geheimnisse geblieben. «Der Herr allein weiss, wofür er ausser für die Förderung des Boris Johnson steht», sagt David Sapsted, der ihn bei der «Times» als jungen Praktikanten eingeführt hatte: «Es ist wahnsinnig schade, dass er nicht beim Schreiben geblieben ist.»
Quellen: Columbia Journalism Review, The Guardian, The Economist, The Washington Post