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In den schwach integrierten vorindustriellen Gesellschaften Westeuropas waren die Sprachlandschaften dialektal zerklüftet und vor allem stark hierarchisiert: von den «alten» über die Landessprachen, die regionalen und lokalen Idiome bis hinunter zu den Minderheitensprachen und Gruppenjargons. Der «homo praeindustrialis» lebte jedoch selten in sprachlicher Abgeschiedenheit. Viele Menschen bewegten sich meist aus Notwendigkeit zwischen den Sprachgemeinschaften hin und her und gingen dabei oft neugierig und wissbegierig auf das Fremde zu.
Furrers zweibändige Arbeit ist den Sprachgrenzüberschreitungen auf dem Gebiet der Schweiz vom Spätmittelalter bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts gewidmet. Sie untersucht sowohl die räumliche Mobilität und Mehrsprachigkeit der Menschen als auch die verschiedenen Kontaktphänomene auf der Ebene der Rede und der Sprache. Band 1 enthält eine systematische Darstellung des Gegenstandes, ergänzt durch drei vertiefende Fallstudien zu Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit in einer Region (die Waadt im ausgehenden 18. Jahrhundert), einer sozialen Gruppe (die frühneuzeitlichen Militärauswanderer) und einem Individuum (Kaspar Stockalper vom Turm, 16091691). Band 2 bietet eine Materialsammlung zum Thema in Form von Quellentexten, Tabellen und einer Zeittafel.
«Die vierzigsprachige Schweiz» ist ein Versuch historischer Soziolinguistik: Sie verbindet den makro- mit dem mikrohistorischen Ansatz und behandelt die Sprache als eine mehrdimensionale kulturelle Praxis. Sie ist weder Eliten- oder Unterschichten- noch Staats-, Kirchen- oder Korporationsgeschichte. Sie stellt vielmehr die verschiedenen sozialen Gruppen, Schichten und Institutionen der alten Eidgenossenschaft einander gegenüber und bringt sie miteinander in Beziehung. Sie versteht sich somit als Beitrag zur Rekonstruktion des «sprachlichen Ancien Régime» und zum besseren Verständnis des gesellschaftlichen und kulturellen Alltags vor dem Industriezeitalter.