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Der Vorwurf ist massiv. In mehreren gemeinsamen Publikationen für die Fachzeitschrift «Journal of Chemical Physics» sollen zwei Professoren des Chemie-Departements der ETH Zürich Plagiate veröffentlicht haben. Es geht um insgesamt 15 Darstellungen von Messungen, die nicht referenziert wurden.
Nicht korrekt zitiert
James Lisy war Chemie-Professor an der Universität Illinois in den USA und verfasste zusammen mit weiteren Professoren einen Artikel zum Fall. Lisy war während zehn Jahren Redaktionsleiter des «Journal of Physical Chemistry» und publizierte über 100 Fachartikel.
Er erklärt gegenüber SRF: «In den publizierten Artikeln der zwei ETH-Professoren wurden Daten übernommen, die eine andere Person erhoben und publiziert hat. Diese Person wurde jedoch mehrfach nicht korrekt zitiert. Deshalb ist es per Definition ein Plagiat, denn die publizierten Daten wurden somit als Eigenleistung publiziert, obwohl dem nicht so ist.»
ETH-Untersuchung: «Kein Plagiat»
Die ETH liess den Fall 2019 durch eine ETH-Vertrauensperson untersuchen. Ergebnis: kein Plagiat. Der Vizepräsident für Forschung der ETH Zürich schrieb im Frühling 2020 in einem internen ETH-Schreiben, das SRF vorliegt, dass die Untersuchung zum Schluss kam, dass es sich bei den fehlenden Referenzierungen auch nicht um wissenschaftliches Fehlverhalten handle. Wie die zwei betroffenen Professoren arbeitet auch er als Professor im Chemie-Departement.
Diese Stellungnahme führte in Wissenschaftskreisen zu kritischen Reaktionen, worauf die Schulleitung der ETH, das oberste Gremium der ETH, im Dezember 2020 festhielt, dass es sich doch um wissenschaftliches Fehlverhalten handle, nicht aber um Plagiate.
Kurz darauf verfasste ETH-Präsident Joël Mesot jedoch eine weitere interne «Klarstellung»: Es handle sich doch nicht um wissenschaftliches Fehlverhalten, diese Formulierung sei «missverständlich» gewesen.
Unabhängige Untersuchung gefordert
Margrit Hugentobler ist Vizepräsidentin des Vereins «speak up in academia» und setzt sich gegen Machtmissbrauch und Fehlverhalten an akademischen Institutionen ein. Sie arbeitete selber an der ETH und kennt den Fall.
«Das Vorgehen und die Kommunikation der ETH lassen den Eindruck entstehen, dass der Fall bagatellisiert wird. Es bräuchte eine Untersuchung durch eine unabhängige Kommission, wie das die ETH-Richtlinien vorsehen», so Hugentobler.
Es trifft zu, dass in diesen Artikeln Primärdaten nicht referenziert wurden. Es ist aber so, dass in Kreisen der Forschenden nicht Einigkeit darüber herrscht, wie Primärdaten referenziert werden.
Die ETH widerspricht. «Wir nahmen den Fall ernst und liessen ihn durch eine Vertrauensperson untersuchen, wie das die ETH-Richtlinien vorsehen.» Es treffe zwar zu, dass in diesen Artikeln Primärdaten nicht referenziert wurden. «Es ist aber so, dass in Kreisen der Forschenden nicht Einigkeit darüber herrscht, wie Primärdaten referenziert werden.»
In diesem Fall wurden Daten nicht referenziert, das sei ein Fehler, der inzwischen mit Korrigenda in den Artikeln behoben werden konnte. «Damit ist der Fall abgeschlossen, es braucht keine Untersuchungskommission.»
Es stelle sich die Frage, ob dieser Fall gleich behandelt worden wäre, wenn es sich um Professorinnen gehandelt hätte.
Ungleichbehandlung der Geschlechter?
Ein weiterer Vorwurf von Margrit Hugentobler: Wenn es um mutmassliches Fehlverhalten geht, findet an der ETH eine Ungleichbehandlung statt: «In naturwissenschaftlichen Fächern sind die Männer in grosser Überzahl vertreten. Diese sind gut vernetzt und schützen sich möglicherweise gegenseitig.» Es stelle sich die Frage, ob dieser Fall gleich behandelt worden wäre, wenn es sich um Professorinnen gehandelt hätte. Dass dem nicht so sei, müsse die ETH mit Zahlen und Fakten belegen können.
Die ETH widerspricht dieser Vermutung, nimmt sie aber ernst: «Die ETH hat den Anspruch, dass alle gleich behandelt werden. So ist die ETH überzeugt, dass das Vorgehen auch in diesem Fall korrekt war. Doch es gibt diese kritischen Stimmen, deshalb hat der ETH-Rat einen Auftrag zur Überprüfung der Vorgehensweise bei wissenschaftlichem Fehlverhalten an eine externe Fachgruppe gegeben», erklärt Mediensprecherin Franziska Schmid.