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Der koptische Kalender
Die alten Ägypter haben den Kalendermonaten ihrer Zeitrechnung Namen ihrer Götter gegeben. Die Namen der Götter bzw. der Monate haben einen wichtigen Bezug zu den klimatisch bedingten Ereignissen des Landes Ägypten, so z.B. die Überflutung des Nils, Sä- und Erntezeiten und Zeiten der Stürme. Die alten Ägypter hatten für diese Gottheiten Statuen und Tempel zur Verehrung errichtet. In jedem Monat, der einer bestimmten Gottheit zugeordnet war, fanden zur Verehrung dieser Gottheit grosse Feierlichkeiten statt. Die Kopten haben diesen Kalender der alten Ägypter übernommen.
Tut (11. oder 12. September bis 11. oder 12. Oktober)
Tut ist der erste Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache θωογτ (Unterägypten) und in Oberägypten θοογτ genannt. Thot war für die alten Ägypter der Gott der Weisheit und des Wissens, der Gott der Schreiber, der Erschaffer der Schriften und Einteilung der Zeit. Thot wurde landesweit von allen Ägyptern verehrt und sein Namenstag wurde offiziell eine Woche, von der Bevölkerung jedoch mehrere Wochen gefeiert und zelebriert. Diese Tradition galt auch während der Islamisierung bzw. Arabisierung bis zur Mameluckenzeit. Thaher Barkuk hat jedoch diese Festlichkeiten im Jahr 1100 n.Chr. verboten mit der Begründung, diese Feierlichkeiten brächten Unruhe ins Land. Dieses Verbot hat so lange gedauert, bis der Kopte Tadros Schenute El Mangabady sie wieder eingeführt hat. Die Kopten zelebrieren diesen Jahrestag nach wie vor. Sie nennen ihn Neiruz-Fest. Dies ist ein persisches Wort und bedeutet „Neuer Tag“.
Babah (11. oder 12. Oktober bis 11. oder 12. November)
Babah ist der zweite Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Πααπε (Unterägypten) und Ποοπε (Oberägypten) genannt. Der Name kommt von der Gottheit der Pflanzen Be-Net-Ret. In diesem Monat erhält die Landschaft Ägyptens ein grünes Gesicht in allen Nuancen. Die Gottheit Be-Net-Ret hatte zwei berühmte Tempel, einen in der ehemaligen Stadt Besandid-het, dem heutigen Dorf Besnid im Landkreis Gus in der Provinz Kena. Der zweite Tempel war in Unterägypten, wo das heutige Dorf Temi Ala Madid in der Westprovinz liegt. Der Monat Babah war auch der Gottheit Ptah geweiht, der das Universum erschuf. Sein Zentrum war im Menef, nahe der heutigen Provinz Al Badrashin-Gizah.
Hator (11. oder 12. November bis 11. oder 12. Dezember)
Hator ist der dritte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Ηατωρ (Unterägypten) und Αθωρ (Oberägypten) genannt. Hathor ist die Göttin der Liebe, Ekstase und Schönheit, die Königin des Himmels und der Erde ( vgl. Aphrodite in Hellas). In diesem Monat ist das Land wunderschön, übersät von Blumen und Pflanzen. Hathor hat eine menschliche, weibliche Gestalt mit Kuhohren und einer besonderen Frisur. Manchmal ist sie nur als Kuh dargestellt. Sie hatte einen sehr berühmten Tempel in der Stadt Taftira, wo heute das Dorf Dandere liegt, westlich von Kina. Am 16. dieses Monats beginnt die vorweihnachtliche Fastenzeit. Früher dauerte sie 40 Tage, später kamen noch drei Tage hinzu. Diese drei zusätzlichen Tage sollen an das Wunder am Mokattam-Berg erinnern. Die Menschen sagen heute noch: „Hatur wie das Gold pur“. Gemeint ist die goldene Farbe des gereiften Korns.
Kiyahk (11. oder 12. Dezember bis 11. oder 12. Januar)
Kiyahk st der vierte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Χοιακ (Unterägypten) und Кιαςκ (Oberägypten) genannt. Dieser Name stammt von dem Namen der Gottheit Kahaka ab: Gottheit der Güte (das Kalb Ibis). Diese Gottheit hatte zwei Tempel: einen in der Altstadt Abidos beim Dorf Araba, die heute von Sand bedeckt ist, nicht weit von dem heutigen Dorf Girga. Der zweite Tempel liegt in der alten Stadt Sans, deren Ruinen sich in der Nähe des heutigen Dorfes Sa-Alhagar befinden. Der Weihnachtstag ist am 29. Kiyahk (bzw. am 28. Kiyahk im Schaljahr). Diese Zeitrechung ist wichtig, damit die Schwangerschaftszeit der Mutter Gottes unverändert bleibt (275 Tage). Die koptische Kirche hat den Monat Kiyahk als besonderen Monat der Mutter Gottes geweiht. Damit soll die Gnade, die sie erfahren hat, ausgedrückt werden.
Tubah (11. oder 12. Januar bis 11. oder 12. Februar)
Tubah ist der fünfte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Πωβι (Unterägypten) und Πωβε (Oberägypten) genannt. Dieses Wort bedeutet „waschen“ bzw. „reinigen“, aber auch „das Höchste“ bzw. „das Reinste“. Die alte ägyptische Hauptstadt Theben (heute Luxor) verdankt ihren Namen dieser Gottheit. Im Monat Tubah feiert die koptische Kirche drei wichtige Feste: am 6. das Beschneidungsfest, am 11. das Tauffest und am 13. das Hochzeitsfest zu Kana in Galiläa. In diesem Monat ist das Klima kühl und feucht. Daher sagt man auch: „Tubah macht die Alten trübe“.
Amschir (11. oder 12. Februar bis 11. oder 12. März)
Amschir ist der sechste Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Мψιρ (Unterägypten) und Мεχιρ (Oberägypten) genannt. Dieser Monat ist nach der Gottheit der Stürme benannt, da sich in diesem Monat die Stürme im ganzen Land vermehren. Im Amschir feiert die koptische Kirche den Tag, als Jesus 40 Tage alt wurde und - wie in der Bibel beschrieben - von seiner Mutter Maria und von Josef in den Tempel gebracht worden ist.
Bramhat (11. oder 12. März bis 11. oder 12. April)
Bramhat ist der siebte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Пαρμζατπ (Unterägypten) und Фαμεηωθ (Oberägypten) genannt. Er ist der Gottheit Bamont, dem Stier - einer Gottheit der Hitze - gewidmet. In diesem Monat ist das Klima in Ägypten relativ warm und begünstigt die Erntearbeit. Die alten Ägypter nannten den Monat auch Monat der Sonne. In diesem Monat wurde auch der Entstehung des Universums gedacht. An diesem Tag (29. März) kündigte der Erzengel Michael Maria ihre Schwangerschaft an (Fest der Fröhlichkeit). In diesen Monat fällt auch der Auferstehungstag Jesu und es wird behauptet, dass auch der Jüngste Tag in diesem Monat sein wird. Schon seit langem ist es Tradition, das Fest der Auferstehung an diesem Tag zu feiern. Die koptischen Kirchenväter haben ihm den Namen Scham-el-Nassim gegeben. Dieser Tag ist nach wie vor einer der wichtigsten Nationalfeiertage in Ägypten.
Barmoda (11. oder 12. April bis 11. oder 12. Mai)
Barmoda ist der achte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Пαρμοοθι (Unterägypten) und Фαρμοοτε (Oberägypten) genannt. Er ist nach der Gottheit Rene`no, Gott der kalten Winde (wie der Tod) benannt. Er wird oft in der Gestalt der Schlange Remoth - die heilige Schlange der Ernte - dargestellt. In diesem Monat ist die Erntezeit abgeschlossen und das Land sieht karg und öde aus. Am Ende dieses Monats wird an das Martyrium des Evangelisten St. Markus, des Verkünders des Christentums in Ägypten, gedacht.
Baschans (11. oder 12. Mai bis 11. oder 12. Juni)
Baschans ist der neunte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Παψοηc (Unterägypten) und Пαχωηc (Oberägypten) genannt. Er ist nach der Gottheit Chunsu benannt, der in Theben als Gott des Mondes verehrt wurde. In diesem Monat, in dem die Nächte länger werden als die Tage, kam die heilige Familie nach Ägypten.
Ba'una (11. oder 12. Juni bis 11. oder 12. Juli)
Ba'una ist der zehnte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Пαωηι (Unterägypten) und Пαωηε (Oberägypten) genannt. Er ist nach der Gottheit Chenti benannt, ein Name von Ho-Au-Aton, Gott der Metallelemente und der Edelsteine. Viele Leute nennen diesen Monat heute noch Bouna-Alhager (steinharter heisser Monat), da das Klima in Ägypten in dieser Zeit sehr heiss ist. Dieser Monat ist dem Andenken Konstantins gewidmet, der angeordnet hat, statt heidnischer Tempel christliche Kirchen zu bauen.
Abib (11. oder 12. Juli bis 11. oder 12. August)
Abib ist der elfte Monat im Jahr und wird in der koptischen Sprache Єπиπ (Unterägypten) und Єπεπ (Oberägypten) nach der Gottheit Abiphi bzw. Abieb genannt. Sein Symbol ist eine grosse Schlange. In der ägyptischen Mythologie hat Horus (der Falke und Sohn des Osiris) über die Schlange gesiegt und somit die Rache für seinen Vater vollzogen. Dies wird auch in einem Gleichnis erzählt: Osiris (der Nil) siegt über seinen Feind Typhun (Dürrezeit). Dieser Monat wird auch der Gottheit Happi - Gottheit des Glückes und der Fröhlichkeit - zugeschrieben. Am 5.Abieb zelebriert die koptische Kirche das Fest der beiden Märtyrer St. Petrus und Paulus.
Misra (11. oder 12. August bis 11. oder 12. September)
Misra ist der zwölfte Monat im Jahr, wird in der koptischen Sprache Μεcωρи (Unterägypten) und Мεcωρиι (Oberägypten) genannt und bedeutet Sohn der Sonne. Anfang dieses Monats beginnt die Fastenzeit vor dem Fest der Heiligen Maria.
Das Kirchenjahr
Die koptische Kirche feiert vierzehn Herrenfeste: die sieben grossen und die sieben kleinen Christusfeste.
- Die grossen Herrenfeste sind:
- Verkündigung
- Geburt (Weihnachten) am 29. Kiyahk (7. Januar)
- Epiphanias (Taufe Jesu und Erscheinung der Dreifaltigkeit) am 11. Tuba (19. Januar)
- Palmsonntag (Hosianna)
- Auferstehung
- Himmelfahrt
- Pfingsten
- Die kleinen Herrenfeste sind:
- Beschneidung am 6. Tuba (14. Januar)
- Eintritt in den Tempel am 8. Amschier (15. Februar
- Ankunft in Ägypten am 24. Beschens (1. Juni)
- Das Fest zu Kana am 13. Tuba (21. Januar)
- Verklärung Christi am 13. Missri (19. August)
- Donnerstag des Bundes (Gründonnerstag)
- Thomassonntag am 1. Sonntag nach Ostern.
Neben den Christusfesten gibt es andere wichtige Kirchenfeste. Dazu zählen: 5 Marienfeste, das Petrus- und Paulusfest, Michaeltag, Kreuzfest, Neuruz (koptisches Neujahr am 1. Tout bzw. 11. oder 12. September). Gleichzeitig mit dem koptischen Jahr beginnt das Kirchenjahr am 1. Tut. Bis zum 17. Tout, dem Kreuzfest, werden im Gottesdienst Festmelodien gesungen.
Der Monat Kiyahk, der am 10. Dezember beginnt und in dem mit Hinblick auf das Fest der Geburt Christi am 7. Januar nach dem koptischen Kalender der Jungfrau Maria in besonderer Weise gedacht wird, stellt einen Höhepunkt des Kirchenjahres dar. Allabendlich finden in den Kirchen gottesdienstliche und gesellige Zusammenkünfte statt. Der Nachtgottesdienst dauert vom Samstagabend bis zum Sonntagmorgen an. Die Abendweihrauchvesper geht in Lobgesänge und Theotokien (Marienlobgesänge) über, die die ganze Nacht andauern. Sie wird dann mit der Emporhebung des Weihrauchs der Morgendämmerung und der eucharistischen Feier weitergeführt.
Das Fest der Geburt Christi (Weihnachten) findet am 7. Januar bzw. 29. Kiyahk statt. Entsprechend verschieben sich im Verhältnis zum gregorianischen Kalender alle mit dem Weihnachtsfest zusammenhängenden Feste um 13 Tage.
Die grosse Fastenzeit beginnt 55 Tage vor Ostern. Diese Zeitspanne setzt sich wie folgt zusammen:
- 7 Tage Vorbereitung
- 40 Tage in der Nachfolge Jesu, der 40 Tage in der Wüste gefastet hat
- 7 Tage Heilige - oder Karwoche
Die auf den Ostersonntag folgenden 50 Tage bis Pfingsten sind Festtage, an denen nicht gefastet wird. Am 40. Tag nach Ostern, einem Donnerstag, wird Christi Himmelfahrt gefeiert.