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Biografia
Sophie Taeuber Arp, * 19.1.1889 Davos, † 13.1.1943 Zürich. Sophie Taeuber wird als fünftes Kind des Ehepaars Carl Emil Taeuber aus Westpreussen und Sophie Krüsi aus Heiden in Davos geboren. Der Vater, dort bis 1887 als Apotheker tätig, stirbt 1891 an einer Lungenkrankheit. 1894 übersiedelt die Witwe mit den Kindern nach Trogen; sie führt ab 1900 eine Pension, die sie nach eigenen Entwürfen erbauen lässt. Sophie Taeuber wächst in einem emanzipierten, kulturell aufgeschlossenen Umfeld auf. Künstlerisch begabt und mit dem textilen Gestalten vertraut, tritt sie 1904 in die neugegründete Stauffacher-Schule St. Gallen, eine Privatschule für Zeichnen und Entwerfen, ein. 1907 bis 1910 Weiterbildung als Hospitantin an der St. Galler Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe; nach dem Tod der Mutter 1908 wohnhaft in St. Gallen. 1911 Übersiedlung nach München; Weiterbildung an der angesehenen Lehr- und Versuchsstätte Wilhelm von Debschitz. Sommer 1912 bis Herbst 1913 Ausbildung an der Hamburger Kunstgewerbeschule, Rückkehr an die Lehr- und Versuchsstätte München und 1914 Abschluss. Niederlassung in Zürich, Lebensunterhalt durch kunstgewerbliche Auftragsarbeiten. Im November 1915 lernt sie Jean Arp kennen und findet über ihn Zugang zu den avantgardistischen Literatur- und Kunstkreisen. Von 1916 bis 1920 beteiligt sie sich an der Dadaszene Zürich, unter anderem als begabte Tänzerin (Schülerin der Laban-Tanzschule). 1916–1929 als Lehrerin für textiles Entwerfen an der Kunstgewerbeschule Zürich tätig, setzt sie im Unterricht neue Massstäbe. Von 1915 bis 1932 Mitglied des Schweizerischen Werkbundes; 1918 erfolgreiche Inszenierung des Puppenspiels König Hirsch, Teilnahme an der Schweizerischen Werkbundausstellung in Zürich. 1919 Erkrankung an Lungendrüsenentzündung, längerer Kuraufenthalt in Arosa. 1922 Heirat mit Jean Arp; bis 1942 gemeinsame Projekte und Reisen. 1925 Jurymitglied und ausstellende Künstlerin der Schweizer Abteilung der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Arts Industriels, Paris. 1926 mit Arp und seiner Familie in Strassburg, um ihnen den Wechsel zur französischen Staatsangehörigkeit zu ermöglichen. Freundschaft mit dem Architekten Paul Horn und seinem Bruder André. Nach zwei erfolgreichen Umbauten 1926 erhält Taeuber von ihnen den Auftrag, das Palais Kleber zu einem modernen Unterhaltungszentrum namens Aubette (Bar, Kino, Tanzsaal, Teesalon, Billardsaal, Restaurant) umzubauen. Taeuber und Arp ziehen für das umfangreiche Unternehmen zusätzlich den Architekten Theo van Doesburg bei. 1929 Bau und Einrichtung eines eigenen Hauses in Clamart-Meudon bei Paris. Aufgabe der Lehrtätigkeit und der Zürcher Wohnung, Wohnsitz in Meudon bis 1940. Konzentration auf das künstlerische Schaffen, innenarchitektonische Aufträge, Mitwirkung in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen, enge Kontakte zur Pariser Kunstszene. 1931–34 Mitglied der Gruppe Abstraction-Création, Paris; von 1937 bis 1943 Mitglied der Schweizer Künstlergruppe Allianz. 1937 Mitgründerin und Redaktorin der Zeitschrift Plastique/Plastic, Paris/New York (bis 1939 erscheinen fünf Nummern). 1940, kurz vor der Okkupation von Paris, fliehen Sophie Taeuber und Jean Arp nach Nérac, anschliessend nach Veyrier. Sie überlegen sich, mit weiteren sogenannt entarteten Künstlern in die USA zu emigrieren. 1941–42 in Grasse wohnhaft, Ende des Jahres Flucht nach Zürich, wo sie sich um eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz bemühen. 1943, im Alter von 54 Jahren, stirbt Sophie Taeuber an einer Kohlenmonoxidvergiftung, ausgelöst durch die falsche Handhabung eines Ofens im Haus von Binia und Max Bill.
Taeuber erfährt in München und Hamburg eine aufgeschlossene praktisch und künstlerisch ausgerichtete Ausbildung. Sie verfügt über breite Kenntnisse der modernen Kunst, vertieft sich in das Studium antiker und aussereuropäischer Kulturen und der Tiefenpsychologie von C.G. Jung; dieser philosophisch-kulturgeschichtliche Hintergrund bildet eine ständige Inspirationsquelle für ihr Werk. In den ersten Jahren in Zürich arbeitet sie gleichzeitig in der Textilgestaltung (Aufträge für Stickerei- und Webarbeiten) und an freien Entwürfen. Ausgehend von der Webetechnik entwickelt sie geometrisch angelegte, rhythmisierte Flächenordnungen, oft in unterschiedlichen Rot- und Blautönen, kombiniert mit Schwarz (Vertikal-horizontale Komposition, 1916). Horizontal-vertikale Flächenordnungen wechseln mit Diagonalbetonung, zum Teil auch Kurvenlinien. Parallel dazu entstehen Kompositionen mit zeichenhaft stilisierten Motiven (Wimpeln, Augen, Masken, Schiffen, Figurinen),die ornamenthaft die Farbflächen unterteilen (Abstraktes Motiv: Masken, 1917). Taeubers selbständig entwickelte konstruktive Bildsprache fasziniert und inspiriert Arp; zwischen 1917 und 1919 arbeiten sie erstmals eng zusammen. Es entstehen feierliche, an fernöstliche Mandalas anklingende Duo-Collagen sowie afrikanisch inspirierte, zweigeteilte Duo-Plastiken aus Holz. 1918 erarbeitet Taeuber für das Puppenspiel König Hirsch Bühnenbild und Figurinen. Die unterschiedlichen Rollenträger charakterisiert sie über den Ausdrucksgehalt stereometrischer Grundformen (Kugel, Kegel, Zylinder),was zu einer gänzlich neuartigen Interpretation führt.
Im selben Zusammenhang entstehen um 1918 die Dada-Köpfe, parodistische Porträtköpfe, die Taeuber aus Hutständern umgestaltet oder aus Holz drechselt und bemalt (Tête dada. Portrait de Jean Arp, 1918). Um 1920 verändert sich die Bildsprache; die rhythmisierte Aneinanderreihung von Farbflächen (Rhythmes libres, 1919, Gouache) wird durch eine frei an- und abschwellende Schachbrettstruktur von Rechtecken und Rhomben abgelöst (Taches quadrangulaires en couleurs, Gouachen). Die Italienreisen von 1921 und 1925 erschliessen weitere Themenkreise, die Architektur (Sienne, 1921) und die Figur (Eléments de tension en composition verticale-horizontale, 1923); diese bilden die Grundlage für die zwischen 1926 und 1928 in Strassburg realisierten Innenausstattungen. Nun sieht sich Taeuber, die bisher in Gouachetechnik und kleinem Format gearbeitet hat (mit Ausnahme des grossformatigen Werkes Triptychon, 1918, Öl und Gold auf Karton, Kunsthaus Zürich),neu mit der Aufgabe der Raumgestaltung konfrontiert. Ein beispielhafter Gesamtentwurf gelingt Taeuber, Arp und Doesburg in der Umgestaltung der Aubette in Strassburg. Taeuber zeichnet alleine verantwortlich für die Raumgestaltungen des Salon de thé, der Aubette-Bar und der Fliesen der Passage sowie mit grösster Wahrscheinlichkeit zusammen mit Arp für die Foyer-Bar und eine Glasmalerei im Treppenhaus, die alle ihre typische konstruktive Handschrift tragen; zudem ist sie für den Gesamtumbau verantwortlich. Die Aubette (1928 eröffnet, 1938 zum grössten Teil zerstört) gilt bis heute als einmaliges und wegweisendes Gesamtkunstwerk der Moderne. Die Erfahrungen kommen Taeuber beim Bau des eigenen Wohnhauses in Clamart-Meudon zugute, welches das Ehepaar 1929 bezieht.
Der neue Wohnort, die Befreiung vom Unterricht, der enge Kontakt zu den Pariser Künstlerkreisen wirken sich inspirierend aus; zwischen 1930 und 1939 entstehen viele wichtige Werke, die Malerei, Relief, Gouache, Zeichnung und Grafik umfassen. Taeuber bearbeitet verschiedene Themenkreise überschneidend und rückbezüglich; das Werk entfaltet sich mehrschichtig und im Wechsel zwischen konstruktiver und biomorpher Sprache. Wesentliche Untersuchungen gelten dem Ausdrucksgehalt der Form (Kreis, Rechteck, Dreieck) und der Frage des Gleichgewichtes (Statische Kompositionen, Dynamische Kompositionen). Klare Anordnungen mit gleichformatigen, irregulär gesetzten farbigen Kreisen (Cercles mouvementés, 1934, Kunstmuseum Basel) wechseln mit Kreis-Rechteckkombinationen. In der Reihe der Espaces multiples verbinden sich Kreis, Rechteck, Dreieck, Stab und Kreuz zu dynamischen Gewichtsverlagerungen, unterstützt durch kontrastreiche Farbwechsel (Six espaces avec croix, 1932, Fondazione Marguerite Arp-Hagenbach, Locarno). 1936–38 greift Taeuber, ausgehend von den statischen Kompositionen, das Relief auf. Auf einem rechteckigen, schwarz oder weiss bemalten Grund, der meist am Rand unregelmässig eingeschnitten ist, werden Kreis- und Halbkreisformen sowie Rechtecke in asymmetrischen Ordnungen und gestufter Tiefenwirkung aufgereiht (Relief rectangulaire, cercles découpés, rondelles sur tiges, 1936, Kunstmuseum Basel). Um 1938 entstehen kreisförmige Reliefs mit organisch geschwungenen Unterteilungen in Weiss oder Farbe (Coquilles et fleurs, 1938) in derselben biomorphen Formulierung wie in den zeitgleichen Arbeiten auf Papier. In den Kriegsjahren 1940–43 fertigt sie, bei wechselnden Aufenthaltsorten, ausschliesslich kleine Werke auf Papier; das Malmaterial wird knapp. In Hunderten von Zeichnungen wird das Thema der Linie zwischen organischer und konstruktiver Ordnung und Auflösung variiert. Diese Mélange de dessin libre et de construction liest sich wie ein Sinnbild der sich im Kriegsgeschehen auflösenden Ordnung.
Sophie Taeuber hat die soziale Utopie der Moderne, die Verbindung von freier und angewandter Kunst, auf einmalige Weise in die Praxis umgesetzt: Sie war Malerin, Plastikerin, Textilgestalterin, Innenarchitektin, Pädagogin, Tänzerin, Grafikerin und Redaktorin. Gerade diese grenzüberschreitende Arbeitsweise hat die Anerkennung lange verzögert, ebenso wie die ihr auferlegte Rolle der Künstlergattin. Taeuber, von sprichwörtlicher Bescheidenheit, stand zeitlebens im Schatten ihres Mannes Jean Arp. Erst in der historischen Distanz wurde ihre persönliche Leistung gewürdigt; heute gilt sie für die Schweiz als Pionierin der konstruktiven wie auch der abstrakten Kunst, darüber hinaus war sie wegweisend in der Textilgestaltung und der Innenarchitektur. Ihre künstlerischen und gestalterischen Fähigkeiten waren gepaart mit einer undogmatischen Neugierde und Experimentierlust; sie äussern sich sowohl in den verschiedenen Arbeitsgebieten als auch dem periodischen Wechsel zwischen konstruktiver und organischer Ausdrucksweise. Konzentrat ihres Gesamtwerkes ist die Verbindung einer rationalen und poetischen Bildsprache. Taeubers Interesse richtet sich auf die Form und den Ausdrucksgehalt geometrischer oder organischer Grundfiguren, die Aussagekraft der Farbe, das Thema von Regel und Abweichung sowie die Fragen von Gleichgewicht und Ungleichgewicht.
Werke: Aargauer Kunsthaus Aarau; Öffentliche Kunstsammlung Basel, Kunstmuseum; Kunstmuseum Bern; Clamart, Fondation Arp; Locarno, Fondazione Marguerite Arp-Hagenbach; Paris, Musée nationale d’art moderne, Centre Pompidou; Remagen-Rolandswerth, Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V.; Remagen, Arp Museum Rolandseck; Kunstmuseum Solothurn; Kunstmuseum St. Gallen; Strasbourg, Musée d’Art Moderne; Kunstmuseum Winterthur; Kunsthaus Zürich; Zürich, Museum für Gestaltung.
Elisabeth Grossmann, 1998, aktualisiert 2014
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