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1984
Situation Ende 1984
... aus Sicht der Homosexuellen
Nicolas Broccards Artikel "Aufgebauscht oder bagatellisiert? AIDS in der Schweiz" im Tages-Anzeiger Magazin vom 1. Dezember 19841 befasste sich mit den Überlegungen und Vorkehrungen kantonaler Gesundheitsämter und jenen des Bundes (BAG) wie auch mit Reaktionen von Betroffenen. Damit sollte eine grundsätzliche Versachlichung des ganzen Problemkreises bei Lesern und in der allgemeinen Berichterstattung und Diskussion angestrebt werden. Broccard begann mit der ersten offiziellen Verlautbarung des BAG zu Aids vom 14. April 1983 im "Bulletin des Bundesamtes für Gesundheitswesen". Er fasste die wichtigsten Passagen daraus zusammen und endete mit dem Satz:
"Das BAG folgert, dass es sinnvoll und nötig scheint, die Risikogruppen der Homosexuellen und der Drogensüchtigen über diese Krankheit und die nötigen hygienischen Verhaltensweisen zu informieren."
Im Abschnitt "Verteufelung eines freien Sexuallebens?" liess Broccard einen Exponenten der HAB (Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern) zu Wort kommen und zitierte aus der Homosexuellen-Zeitschrift Anderschume aktuell:
"Hans-Rudolf Huwiler, Mitglied der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern (HAB) wirft den Medien vor, die sechs Risikogruppen, die das BAG unterscheidet2, allzu oft auf eine einzige zurückzuführen und ganz allgemein von der Krankheit der Homosexuellen zu sprechen. Dabei fällt das entscheidende Merkmal weg, dass es sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle um männliche Homo- oder Bisexuelle mit häufigem Partnerwechsel handelt. Dies treffe keineswegs auf alle Schwulen zu, [...].
Auch Anderschume aktuell, die Zeitschrift der Homosexuellen Arbeitsgruppen der Schweiz (HACH), sieht das Medienereignis AIDS in der Sondernummer vom Oktober 1983 im selben Licht. 'Noch nie haben die Medien so viel über Schwule und Schwulsein berichtet. Jedoch nicht, wie man annehmen könnte, über die Schwulendemo3 in Luzern, über unsere wichtigen Forderungen nach Beratungseinrichtungen für homosexuelle Jugendliche und Kinder und schon gar nicht über die ständige Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Schwulen. Nein, das Interesse der Zeitungen galt ausschliesslich dem Thema 'Schwule und Krankheit', konkret: AIDS. Dieses Thema füllte ganze Seiten vieler Zeitungen im In- und Ausland. Nachdem nicht mehr behauptet werden kann, dass Schwulsein eine Krankheit ist, muss der Welt mitgeteilt werden, dass Schwulsein krank mache.'
Ausser in den Medien haben die Homosexuellen, wie Hans-Rudolf Huwiler erklärt, als Folge von AIDS keine Zunahme der Schwulenfeindlichkeit bemerkt; einzelne ausfällige Äusserungen bleiben Ausnahmen. [...] Die Anprangerung häufigen Partnerwechsels durch Heterosexuelle wirke sich besonders gegen jugendliche Schwule aus, die jedoch auch feste Beziehungen kaum in ihre soziale Umgebung einzugliedern vermöchten, weil diese von Eltern und Erziehern oft zerstört würden. Solchen Verunsicherungen gelte es mittels sachlicher Erklärungen entgegenzuwirken. [...]"
Die Nachfrage Broccards beim Bund, also beim BAG, ergab, dass in erster Linie die Kantone für das Gesundheitswesen zuständig seien.
"Einen anderen Weg beschreitet das BAG, um die Gruppe mit dem höchsten AIDS-Risiko, die Homosexuellen, zu unterrichten. Über die Kontaktadresse der Homosexuellen Arbeitsgruppen (HACH) hat sich Bertino Somaini, Arzt und Chef der Sektion übertragbare Krankheiten des BAG, mehrmals mit Vertretern der Homosexuellen getroffen, um die Lage zu besprechen. Ausserdem war den Homosexuellen Arbeitsgruppen der Medienrummel um AIDS Grund genug, einen Aufruf an alle schwulen Ärzte und Mediziner zur Gründung einer eigenen Ärztegruppe zu erlassen."
Ernst Ostertag, August 2007
Weiterführende Links intern
Quellenverweise
- 1
Magazin, Nr. 48 des Tages-Anzeigers, 1. Dezember 1984, Seite 38 ff
Anmerkungen
- 2
im oben erwähnten Bulletin
- 3
den CSD