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31. Juli 1996: Pascal Richard gilt als einer der schlausten Radprofis der Schweizer Geschichte. Bei Olympia in Atlanta krönt er seine Karriere. Danach läuft leider nicht mehr viel zusammen – auf und neben dem Velo.
Die Aufregung vor den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta ist gross. Erstmals sind die Profi-Radfahrer zugelassen: Armstrong, Indurain, Museeuw und Riis – die Stars sorgen für das bestbesetzte olympische Radrennen der 100-jährigen Geschichte. Rund 15 Favoriten auf den Sieg werden genannt. Zu ihnen zählt auch der Schweizer Pascal Richard.
Dieser hätte seinen Platz beinahe verschenkt. Vor der Selektion erklärte der Romand, dass er seinen Platz Rolf Järmann geben werde, falls dieser nicht nominiert werde. Aus Dankbarkeit für seine Dienste. So war er, Pascal Richard: Ehrlich, gutgläubig und mit grossem Gerechtigkeitssinn.
Im Laufe seiner Karriere wird er auch darum um fast eine Million Franken geprellt. 700'000 Franken erhielt er nie vom Team Festina, das ihn 1992 entliess und beim Karrierenende 2000 zahlt die Equipe Linda McCartney nicht den vollen Lohn aus. Richard verliert 300'000 Franken. Dass er schlecht mit Geld umgehen konnte, wird ihn später noch einmal einholen. Doch jetzt, 1996, ist es Zeit für den grössten Triumph.
Richard war vielseitig wie kaum ein Fahrer seiner Zeit. 1988 wird er Quer-Weltmeister vor Beat Breu. Die grösste Krise 1992 übersteht der starke Bergfahrer und er entwickelt sich zum Siegfahrer: die Tour de Suisse gewinnt er 1993 und 1994, die Lombardei-Rundfahrt und die Tour de Romandie 1993, Lüttich-Bastogne-Lüttich 1996. Dazu gesellen sich zwei Etappensiege an der Tour de France und deren vier beim Giro sowie das Bergpreistrikot 1994.
Bei Olympia gehört Richard nach 170 von 221 Kilometern einer 12-köpfigen Fluchtgruppe mit vielen Favoriten an. Es fühlt sich an wie Strassenschach. Armstrong verliert als erster die Nerven und attackiert rund 40 Kilometer vor dem Ziel. Er wird von Richard gekontert, der sich zusammen mit dem Briten Max Sciandri und dem Dänen Rolf Sörensen absetzen kann. Die drei ehemaligen Teamkollegen arbeiten gut zusammen und werden nicht mehr eingeholt. Alle wissen: Kommt es zum Spurt, ist Richard wohl der Stärkste.
Darum greift Sörensen in der letzten Runde zweimal an, Sciandri einmal. Doch Richard kann immer kontern. Auf der Zielgeraden wirkt es erst, als ob Sörensen sich doch noch absetzen könnte, bis Richard in der leichten Steigung zurückschlägt und Gold holt.
Es ist der erste Schweizer Triumph auf globaler Ebene seit 45 Jahren. Zuletzt gelang dieses Kunststück Ferdy Kübler bei der WM. Richard schwärmt vom «schönsten Tag in meinem Berufsleben», Nationaltrainer Wolfram Lindner weiss den Erfolg ebenfalls einzuschätzen: «Er hat das wichtigste Rennen seiner Karriere gewonnen.» Der einzige Wermutstropfen: Im Gegensatz zum WM-Titel wird für den Olympia-Sieg kein spezielles Trikot überreicht. Richard findet dies «nicht gerecht».
«Nicht gerecht» wird auch das Karriereende von Richard. Er leidet unter Depressionen, wird 1999 aber von Freunden zum Weitermachen überredet, damit er 2000 in Sydney als Titelverteidiger noch einmal bei Olympia starten kann. Die Form würde stimmen, doch Richard wird nicht selektioniert. Er tritt zurück.
Nach der Sportlerkarriere schlittert der gelernte Hochbauzeichner aus Aigle in die Tiefe, wie das der Titel seiner Autobiographie besser nicht beschreiben könnte: «Gigant auf der Strasse – Zwangsarbeiter im Leben, das wahre Gesicht eines Veloprofis». Seine erste Ehe – aus der er zwei Töchter hat – geht in die Brüche, seine Modeboutique in Montreux läuft nicht und muss schliessen und als er 2004 zum Tod von Marco Pantani befragt wird, packt er die eigene Leidensgeschichte aus: «Es ist das System im Radsport, das dich fertig macht. Deshalb erzähle ich, dass ich fast so weit war wie Marco.» Er sei ein Jahr zuvor kurz vor dem Selbstmord gestanden. «Ich habe lang auf meinem Balkon gestanden und mir überlegt, was mich noch an mein Leben bindet. Ich habe nur eine Antwort gefunden: meine Kinder.»
Ein fast unglaublicher Tiefpunkt des Fahrers, der die Rennen lesen konnte wie kaum ein anderer, ist die Geschichte mit dem schwarzafrikanischen Voodoo-Magier. 2002 kam er gemäss «Blick» mit diesem in Kontakt. Der Wunderheiler versprach ihm, er könne «Banknoten vermehren». Richard gab ihm 200'000 Franken. Natürlich sah er diese nie wieder. Als er die Polizei alarmierte, erwähnte er den Magier nicht, sagte jedoch, dass ihm auch noch vier Luxusuhren im Wert von 20'000 Franken abhanden kamen.
Abgehörte Telefonate und eine internationale Suchaktion brachten Licht ins Dunkle. Die Geschichte mit dem Magier flog genauso auf, wie der Versicherungsbetrug. Richard wurden vier Monate bedingt aufgebrummt. Zu seiner Verteidigung sagte er: «Ich hatte alles verloren. Und ich schämte mich, die Wahrheit zu sagen.» 2006 fasst er zusammen: «Der Radsport hat mir erst alles gegeben, dann hat er mir alles genommen.»