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Als R. wird die Zeit von den kant. Verfassungsrevisionen von 1830-31, die zugleich das Ende der Restauration bedeutete, bis zur Gründung des Bundesstaats 1848 bezeichnet. Ignaz Paul Vital Troxler verwendete den Begriff R. für die Kraft des Volks, ein nationales Ganzes zu werden und eine freiheitl., egalitäre Staatsordnung zu schaffen, wie sie bereits früher bestanden haben soll. Die Epoche war geprägt von umfassenden liberalen Reformen und wirtschaftl. Modernisierung mit einer zunehmend von konfessionellen Gegensätzen überlagerten Polarisierung zwischen Liberalen (Liberalismus) und Radikalen (Radikalismus) auf der einen sowie Konservativen (Konservatismus) auf der anderen Seite, die das polit. Leben der Schweiz bis ins 20. Jh. prägte (Parteien).
Unter dem Eindruck der franz. Julirevolution und auf Druck des ländl. Besitz- und Bildungsbürgertums wurden in den Kt. Tessin, Thurgau, Aargau, Luzern, Zürich, St. Gallen, Freiburg, Waadt, Solothurn, Bern und Schaffhausen 1830-31 nach Massenpetitionen und Volkstagen die alten Eliten entmachtet und liberale Kantonsverfassungen eingeführt. Diese setzten u.a. direkte Wahlen und die Gewaltenteilung durch und dehnten das Stimm- und Wahlrecht auf breitere Schichten der männl. Bürgerschaft aus, z.T. mit einem gemässigten Zensus. In Neuenburg scheiterten 1831 zwei republikan. Putschversuche und in Basel führten die Bemühungen um eine Verfassungsreform, welche die polit. Benachteiligung der Landschaft beseitigen sollte, 1833 zur Trennung in zwei Halbkantone. Die vorübergehende Abspaltung des Halbkantons Ausserschwyz bewirkte 1833 eine Revision der Schwyzer Verfassung, welche die Rechtsungleichheit zwischen den Gem. beseitigte.
Gleichzeitig setzten Bestrebungen zu einer Revision des Bundesvertrags ein. 1832 bildeten die Kt. Zürich, Bern, Luzern, Solothurn, St. Gallen, Aargau und Thurgau u.a. zu diesem Zweck das liberale Siebnerkonkordat, worauf sich die Kt. Uri, Schwyz, Nidwalden, Obwalden, Neuenburg und Basel im konservativen Sarnerbund zusammenschlossen, um die Revision zu verhindern. 1833 wurde der Tagsatzungsentwurf für eine Bundesverfassung von der Mehrheit der Kantone abgelehnt (Rossi-Plan).
Auch auf gesellschaftspolit. Ebene traten deutl. Unterschiede zwischen Liberalen und Konservativen hervor. Es entstanden weitere eidg. Vereine, die zusammen mit der Presse für die polit. Öffentlichkeit eine zunehmend wichtige Rolle spielten. Mehrere liberale Kantone führten die Pressefreiheit (Zensur) und die Handels- und Gewerbefreiheit ein. Sie bemühten sich zudem um ein staatl. Bildungssystem und richteten zu diesem Zweck obligator. und unentgeltl. Volksschulen ein und gründeten Lehrerbildungsanstalten, Kantonsschulen sowie in Zürich und Bern Universitäten. 1834 beschlossen Luzern, St. Gallen, Thurgau, Aargau, Basel-Landschaft und Zürich die Badener Artikel, welche das Verhältnis zwischen Kirche und Staat regeln sollten, was in kath.-konservativen Gebieten heftige Kritik auslöste und die Konfessionalisierung der Auseinandersetzungen einläutete. Die liberale Asylpolitik wiederum führte zu Konflikten mit den Grossmächten. Nach dem erfolglosen Savoyerzug von poln., dt. und ital. Revolutionären aus Genf 1834 wurde das Asylrecht aufgrund scharfer Proteste der Grossmächte eingeschränkt. Als die Schweiz sich weigerte, Charles Louis Napoléon (der spätere Napoleon III.) nach seinem gescheiterten Umsturzversuch 1836 an Frankreich auszuliefern, drohte 1838 ein Krieg, der erst im September mit Napoléons Ausreise nach England abgewendet wurde.
Die liberale Bildungsreform, die in einen traditionell kirchl. Bereich eingriff, und die Badener Artikel bewirkten eine weitere Polarisierung der polit. Landschaft (Kulturkampf). 1839 wurde die liberale Zürcher Regierung nach der Berufung des aufgeklärten Theologen David Friedrich Strauss an die Universität von den Konservativen verdrängt (Straussenhandel). Im Tessin putschten die Liberalen gegen die in den Wahlen siegreichen Konservativen. Ab 1841 wurden die Konflikte mehr und mehr von konfessionellen Gegensätzen überlagert, da sich der Antiklerikalismus der Radikalen v.a. gegen die kath. Kirche richtete. 1841 wurde im aarg. Gr. Rat die konfessionelle Parität beseitigt, was zu einer radikal-liberalen Mehrheit führte. Die darauf folgende Aufhebung der acht aarg. Klöster zog den langwierigen Aargauer Klosterstreit nach sich. Die Luzerner Verfassungsrevision von 1841 führte dort zum Sieg der Konservativen. Im selben Jahr wurde als Gegenpol zum radikalen Schweiz. Zofingerverein der kath.-konservative Schweiz. Studentenverein gegründet. Der konservative Umschwung im Wallis zog dort 1843 bürgerkriegsähnl. Unruhen nach sich.
Der Berufung der Jesuiten an die luzern. Höhere Lehranstalt 1844 folgten die radikalen Freischarenzüge von 1844-45 nach Luzern. In der Folge schlossen sich die katholisch-konservativ regierten Kt. Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis zum Sonderbund zusammen. Nachdem zwischen 1845 und 1847 auch in Zürich, Bern, Genf, St. Gallen und in der Waadt radikale Regierungen an die Macht gekommen waren, bestand 1847 eine radikal-liberale Tagsatzungsmehrheit, welche mit militär. Mitteln die Aufhebung des Sonderbunds und die Entfernung der Jesuiten aus der Schweiz beschloss. Im Sonderbundskrieg wurden die kath.-konservativen Kantone 1847 besiegt. Die anschliessenden Verhandlungen für eine neue Bundesverfassung mündeten in die Gründung des Bundesstaates und markierten so das Ende der R.
Autorin/Autor: Christian Koller
Der polit. Erfolg der Liberalen stand in einer dynam. Wechselwirkung mit der wirtschaftl. Modernisierung. Die fortschreitende Industrialisierung, die weitere Sektoren erfasste, stärkte die gesellschaftl. Schichten, die offen für liberale Ideen waren. Umgekehrt trieben die liberalen Reformen den Modernisierungsprozess weiter an, wobei sich zunehmend die Grenzen eines politisch und wirtschaftlich wenig integrierten Bundes offenbarten. 1827-43 wuchs die jährl. Spinnwarenproduktion von 2'800 t auf 8'333 t und in den 1830er Jahren nahmen verschiedene mechan. Webereien den Betrieb auf. Der Aufschwung der Textilindustrie förderte ab 1820 die Entstehung der Maschinenindustrie und damit den Ausbau der Metallindustrie. 1838 führten die meisten Kantone das metr. System ein, was den Handel erleichterte, während die kant. Währungen bis 1848 bestehen blieben. Die Zahl der Banken wuchs 1830-50 von 74 auf 171. 1844 wurde die erste Eisenbahnverbindung mit dem Ausland (Strassburg-Basel) und 1847 die erste Schweizer Strecke (Zürich-Baden) in Betrieb genommen. Der Anteil der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung sank 1820-50 von 60 auf 54%, während der Anteil der im 2. bzw. im 3. Sektor Beschäftigten von 30 auf 33% bzw. von 10 auf 13% anstieg.
Durch die Transformation in eine industrielle Klassengesellschaft stellte sich neu die Soziale Frage. War der Usterbrand 1832 noch ein Verzweiflungsakt deprivierter Handwerker, so fand etwa 1837 in Glarus bereits ein moderner Streik statt. Der 1838 gegr. Grütliverein, die erste schweiz. Arbeiterorganisation, wurde zunächst v.a. von Handwerkern getragen. In den 1840er Jahren entstanden frühsozialist. Organisationen, die von konservativen und liberalen Behörden gleichermassen bekämpft wurden. Daneben nahm aufgrund der demograf. Expansion (1837-50 9,3% Bevölkerungswachstum), die weder von der Industrie noch durch die Emigration vollständig aufgefangen werden konnte, auch die ländl. Armut zu. Der Pauperismus erreichte zwischen 1840 und 1860 seinen Höhepunkt und betraf nach einer zeitgenöss. Schätzung um 1850 etwa 5% der Bevölkerung.
Autorin/Autor: Christian Koller
Autorin/Autor: Christian Koller