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|Mormonen|

Ellen Blair saß regungslos. Ihr Blick folgte ziellos dem feinen Muster, das die ersten Strahlen der Morgensonne, die durch die Glastüren des Krankenhausflurs fielen, auf die Wand zeichneten. Die Spatzen in der Zypresse vor dem Fenster begannen zu tschilpen, und sie wurde sich bewußt, daß die lange Nachtwache vorüber war.
Ein tiefer Schmerz erfüllte ihr Herz. Sie war froh, daß Michael, ihr Mann, bei ihr war. Er hatte gestern abend den Telefonanruf angenommen, mit dem sie zum Valley Hospital gerufen wurden. Die kurze Erklärung hatte gelautet, daß es nach Abschluß der Schulfeierlichkeiten an der High School einen Autounfall gegeben habe. Ihr Sohn Robert sei schwer verletzt.
Ellen zwinkerte, so als wollte sie das Bild des stillen, weißen Gesichts ihres Sohnes vertreiben, der im Unfallzimmer bewußtlos in den hochaufgerichteten Kissen gelegen hatte.
„Gehirnerschütterung, Schädelbruch”, hatte der Arzt gesagt. „Die Rückenmarkspunktion zeigt Blut, deshalb müssen wir sofort den Schädel öffnen, damit wir die Blutung lokalisieren können. Wenn wir die Blutung stillen können, besteht Hoffnung, andernfalls ...” Doch er hatte den Satz nicht beendet.
Sie hatten stundenlang im Wartezimmer gesessen und still für sich gebetet. Ellen erschauerte, als ihr erneut der ernste Zustand ihres Sohnes bewußt wurde.
Plötzlich wurde die Stille des frühen Morgens unterbrochen. Johnny Hansen, Roberts engster Freund, stürmte durch die Schwingtür. Sein wirres braunes Haar deutete darauf hin, daß er sich nur flüchtig gekämmt hatte. Das weiße Hemd, das ihm zum Teil noch aus der Hose heraushing, bewies, wie eilig er es hatte.
„Ich habe gerade von Bobs Unfall gehört! Wie schwer —”
Er sah die Sorge in ihren Gesichtern und ließ seine Frage unausgesprochen. Ellen versuchte, ihm zu erklären, wie schwer Robert verletzt war, doch ihre Stimme brach und sie weinte still vor sich hin. Michael übernahm es zu erklären, welche Verletzungen Robert erlitten hatte.
Während sie flüsternd miteinander sprachen, irrten Ellens Gedanken 18 Jahre zurück zu dem Augusttag, an dem Robert in dem gleichen Krankenhaus geboren wurde.
Er war so ein rotgesichtiger kleiner Kerl gewesen, so dünn und mager wie ein kleiner Vogel. Wie schnell die Zeit vergangen war! Es schien ihr, als ob es erst gestern war, daß er sich mit seinem neuen Dreirad abmühte, das noch mit Weihnachtsborte verschnürt war. Bevor sie Zeit zum Nachdenken hatten, war schon der erste Schultag herangekommen. Robert war wohl ein wenig ängstlich gewesen, doch er hatte in den neuen Blue Jeans und dem roten Kordhemd richtig erwachsen ausgesehen. Wie oft hatte sie sich gewünscht, diese Bilder für immer in ihr Gedächtnis einzuprägen! Doch jedesmal war ein neuer Abschnitt an die Stelle des alten getreten; und Robert hatte sich für so vieles begeistert. Der Unterricht in der Primarvereinigung hatte ihn weiter wachsen lassen, und das Wölflingsprogramm hatte ihm neue Gebiete eröffnet.
Etwa um diese Zeit waren Hansens nebenan eingezogen. In gut nachbarlicher Weise hatte sie Robert mit einem Teller Gebäck hinübergeschickt, und er hatte dafür Johnny mit nach Hause gebracht.
Erst einige Tage später hatte sie gemerkt, daß Johnnys Zuhause sich sehr stark von dem Roberts unterschied. Johnnys Familie lebte nach Grundsätzen, die ihren beinah konträr entgegenstanden. Trinken, Rauchen und üble Redensarten waren an der Tagesordnung, und die Religion spielte in ihrem Leben keinerlei Rolle. Sie hatte es nicht gern gesehen, daß Robert diese Freundschaft pflegte, doch die beiden Jungen schienen sich magnetisch anzuziehen.
Da Johnny drei Jahre älter war als Robert, wirkte er erwachsener, und ihr achtjähriger Sohn hatte zu ihm aufgeblickt. Die beiden waren immer zusammen gewesen. Dann hatte Johnny begonnen, mit Robert zur Primarvereinigung zu gehen, wie es Kinder so tun.
Eines Tages waren die beiden von der PV nach Hause gekommen, Johnny voran. Doch an der Tür war er scheu zurückgetreten, während Robert voller Eifer ihre Hand ergriffen und sie in die Diele gezerrt hatte und ihr ins Ohr geflüstert hatte:
„Mammi, kannst du Johnny zeigen, wie man betet?”
Diese unerwartete Bitte hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Sie hatte diesen scheuen, empfindsamen Jungen angeschaut, der seine Umwelt durch eine rauhe Schale täuschte. Johnny sollte am kommenden Mittwoch in der PV das Anfangsgebet sprechen.
„Natürlich werden wir Johnny dabei helfen.”
Sie war damals in das Wohnzimmer gegangen, und die beiden Jungen waren ihr gefolgt.
„Johnny, du weißt doch, was das Gebet eigentlich bedeutet?”
„Ja, ich glaube schon.”
„Jesus hat gesagt, daß uns jeder gerechte Wunsch, den wir im Gebet äußern, erfüllt wird, wenn wir daran glauben.”
„Das hat Er gesagt?”
„Ja. Das Gebet ist nicht bloß eine Folge von Worten. Im Gebet sprechen wir mit unserem himmlischen Vater. Hast du schon einmal das Lied gehört, das wir in der Kirche singen — es heißt: Der Seele Wunsch ist das Gebet?” Sie hatte einige Takte vor sich hin gesummt.
„Du weißt doch, Mammi, sie haben es in der PV-Konferenz gesungen”, hatte Robert eingeworfen, denn er wollte bei diesem wichtigen Projekt mithelfen.
„Wenn wir beten, gebrauchen wir bestimmte Worte, um unsere Ehrfurcht und Andacht auszudrücken. Zuerst danken wir für die vielen Segnungen, die wir empfangen. Ich bin sicher, daß du weißt, welche Segnungen du empfangen hast.”
„Ich glaube, daß alles Gute eine Segnung ist”, hatte Johnny geantwortet.
Gemeinsam legten sie ein sehr knappes Schema für ein Gebet fest, und Johnny versprach, daran zu arbeiten.
Als Robert am darauffolgenden Mittwoch von der Primarvereinigung nach Hause kam, war er ganz verändert. Er war allein gekommen, ohne Johnny. Sie fragte ihn: „Robert, wie hat Johnny das Anfangsgebet gesprochen?” Doch Robert wich der Frage aus; er zuckte mit den Schultern und ging auf sein Zimmer.
Sie war damals nicht weiter in ihn gedrungen, obwohl sein Verhalten sie beunruhigte. Doch sie fragte Schwester Lindley, die PV-Leiterin, danach, als sie sich am nächsten Tag auf dem Markt trafen.
„Oh, er hat es versucht, doch er war so verschüchtert, daß er nach einigen undeutlich gemurmelten Worten hinausgelaufen ist.”
Ihre Gedanken schweiften weiter zu dem Sommerabend, an dem Johnny zur Essenszeit bei ihnen war. Sie und Michael hatten die Kinder um den Tisch versammelt, weil sie das Familiengebet sprechen wollten. Da Johnny anscheinend noch bleiben wollte, hatte sie ihn gefragt: „Möchtest du mit uns beten?”
Er hatte genickt und sich gerade neben Robert hingekniet, als sie Herrn Hansens laute Stimme durch das offene Fenster hörten: „Johnny! Johnny! Wo steckt denn dieser Nichtsnutz wieder? Komm nach Hause, sonst...”
Die Röte war dem Jungen ins Gesicht geschossen, als er murmelte: „Ich muß gehen.”
Er schlüpfte durch die Hintertür, da er sich offenbar vor dem Zusammentreffen mit seinem Vater fürchtete.
In dem Sommer, wo Robert zum Priestertum ordiniert wurde, hatte Johnny um die Taufe gebeten. Das Band zwischen den beiden Jungen schien stärker zu sein als je zuvor, und bald wurde auch Johnny zum Diakon ordiniert. Sie erinnerte sich daran, daß er einmal ihren Mann gebeten hatte, ihm eine Schriftstelle zu erklären, die er in der Kollegiumsversammlung gehört hatte: niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern er wird berufen von Gott, gleichwie Aaron."
„Auch Jesus Christus mußte von Gott berufen werden, Johnny. Er hat das Priestertum auf Seine Apostel übertragen, und sie haben es ausgeübt, bis ein großer Abfall von der Kirche Christi erfolgte”, hatte Michael ihm geduldig erklärt.
„Wie kommt es dann, daß wir heute das Priestertum haben?” hatte Johnny gefragt.
„Du kennst die Geschichte von Joseph Smith?” „Natürlich.”
„Nun, im Jahre 1829 wurde das Priestertum durch einen himmlischen Boten auf Joseph Smith übertragen”, hatte Michael ihm weiter erklärt.
„Heißt das, daß es vom Propheten auf uns gekommen ist?”
„Vom Propheten Joseph Smith oder von Oliver Cowdery — beide haben zur selben Zeit das Priestertum empfangen.”
Kurz nach seiner Ordinierung zum Priester war Johnny gebeten worden, in der Sonntagsschule das Abendmahl zu segnen. Er hatte es abgelehnt, doch sein Kollegiumsberater hatte ihm gesagt, daß es sehr einfach sei: die Karte mit dem Gebetstext läge auf dem Abendmahlstisch, und er könne es ablesen. So hatte er sich schließlich zögernd dazu bereit erklärt.
Der erste junge Priester hatte das Brot gesegnet. Dann sollte Johnny das Wasser segnen. Er hatte stockend begonnen und sich dann unterbrochen. Er hatte die Worte falsch abgelesen. Er hatte erneut begonnen und sich noch einmal verlesen. Der Bischof hatte ihn gebeten, noch einmal von vorn zu beginnen. Und so hatte er ein drittes Mal begonnen; doch er war erneut ins Stocken geraten und schwieg. Die ganze Gemeinde konnte die Spannung fühlen, die in der Luft lag. Plötzlich war Johnny mit hochrotem Gesicht aufgestanden und hatte die Kapelle verlassen. Der andere Priester hatte indessen an seiner Statt das Wasser gesegnet. Erst nach vielen Wochen war Johnny wieder zur Kirche gekommen.
Sie und Michael hatten sich gefragt, was geschehen würde, wenn Johnny von der High School abging. Würde die Freundschaft zwischen den beiden Jungen verblassen? Doch das College änderte nichts an der Bewunderung, die Johnny für seinen jungen Freund fühlte. Im ersten Semester des zweiten College-Jahres hatte er Robert voller Begeisterung geschrieben, daß er das Mädchen kennengelernt habe, das er heiraten wolle. Und er hatte hinzugefügt: „Sie ist wunderbar, und sie ist ein Mitglied der Kirche. Wir würden uns freuen, wenn deine Eltern uns begleiteten, wenn wir im Tempel heiraten.”
Sie hatten Johnny und seine junge Braut zum Tempel begleitet. Und als sie die beiden am Altar hatte knien sehen, war ihr Roberts kindliche Bitte in den Sinn gekommen: „Mammi, kannst du Johnny zeigen, wie man betet?” ...
Ellen wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen, als man die weiße Bahre durch den Korridor fuhr. Wieder erfaßte sie eine furchtbare Angst, als sie auf Roberts stille Gestalt blickte; sein Kopf war bandagiert.
Die Bahre wurde in ein Zimmer geschoben, und die Tür schloß sich hinter ihr. Dann öffnete sie sich wieder und die beiden weißgekleideten Männer schoben die leere Bahre heraus; hinter ihnen erschien eine Schwester.
„Dr. Klein, der Spezialist, ist noch im Operationssaal; er wird aber bald hier sein und mit Ihnen sprechen. Dr. Snow kommt gerade”, sagte sie und nickte in die Richtung des Arztes, der den Gang herabkam.
Der Arzt und die Schwester betraten das Krankenzimmer und schlossen die Tür hinter sich. Michael, Ellen und Johnny blieben wartend zurück.
Die Zeit schien stillzustehen; dann erschien Dr. Snow und bat sie hereinzukommen. Seine tiefe Stimme erschien wie Löwengebrüll, obwohl er nur im Flüsterton sprach. Er sagte: „Ihr Sohn reagiert nicht. Ich werde Dr. Klein rufen, doch ich fürchte, es ist zu spät.”
„Warum? Warum mußte es geschehen?” schluchzte Ellen.
Sie hörte Johnnys Stimme, er fragte stockend: „Darf ich für ihn beten?”
Er wußte nicht genau, was er tun sollte, und so kniete er schwerfällig am Bett nieder. Aus der Tiefe seiner Seele brach es hervor. Er sprach offen und ehrlich; er dankte für alles, was Robert ihm bedeutet hatte, für die Lehren, die Stück für Stück einen Platz in seinem Leben gefunden hatten. Voll fester Überzeugung bat er, daß sein Freund am Leben bleiben möge. „...doch in allen Dingen, o Vater im Himmel, selbst in diesem Augenblick, soll Dein Wille geschehen, nicht unser. Wir bitten Dich aber um Weisheit, damit wir Deinen Ratschluß verstehen können ..."
Die Tür öffnete sich. Dr. Klein kam ins Zimmer, er trug noch die OP-Kleidung. „Ich habe gerade Dr. Snow gesprochen. Wir haben getan, was wir konnten. Es tut mir leid”, sagte er leise.
Aus jahrelanger Gewohnheit heraus fühlte er automatisch den Puls des Patienten. Er zögerte, dann schlug er hastig, doch behutsam die Decke zurück und setzte sein Stethoskop auf die Brust des Jungen. Er horchte den Brustkorb an verschiedenen Stellen ab. Sein Gesicht zeigte Verwirrung, und die Falten zwischen seinen buschigen Brauen vertieften sich.
Etliche Sekunden lang wurde kein Wort gesprochen. Dann befahl er der Schwester: „Setzen Sie das Sauerstoffzelt wieder auf.”
Ellen hörte in Gedanken noch einmal die Worte: „Mammi, kannst du Johnny zeigen, wie man betet?"
Dezember 1968
12:46 - 26 April 2008

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Hier veröffentliche ich besondere Erlebnisse von Mormonen aus alten Kirchenzeitschiften
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