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Schneebrettlawinen
Von Emil Hess.
Mit dem Motto: « Der Wind ist der Baumeister der meisten Lawinen » hat Zdarsky seine Lawinenkunde eingeleitet 1 ).
Tatsächlich ist der Wind derjenige Faktor der Witterung, der auf die Ablagerung und auf die nachträgliche Umwandlung des Schnees den grössten Einfluss hat. Diese unheimliche Naturgewalt kann Schneegebilde erzeugen, die zu den gefährlichsten Lawinen Anlass geben. Ja, man darf ohne Übertreibung annehmen, dass mehr als zwei Drittel der Lawinenunfälle auf Losbrechen einer durch Wind beeinflussten Schneedecke zurückzuführen sind. Es mag daher angezeigt erscheinen, bei der heutigen ungeheuren Entwicklung des Skisportes möglichst weite Kreise über die Windwirkung aufzuklären und anhand einiger Beispiele besonders auf die grosse Gefahr der Schneebrettlawinen hinzuweisen. Wertvoller als lange Abhandlungen sind gute Schilderungen von Lawinenunglücken, die für jeden Skifahrer reiche Belehrung bieten.
Nach den allgemeinen Erörterungen über die Windwirkung folgen daher einige besonders interessante und lehrreiche Beispiele von Lawinenunfällen der letzten Winter.
Der Wind kann eine Schneedecke schon bei ihrer Bildung, das heisst während des Schneefalls, oder erst nachträglich beeinflussen. Bewegte Luft wirkt auf die Lagerung des Schnees ungünstig, indem sich in einer frischgefallenen Schneeschicht durch unregelmässige Lagerung Hohlräume von bedeutenden Dimensionen ausbilden, welche die Festigkeit derselben beträchtlich vermindern. Eine solche Schneedecke setzt sich ungleichmässig und gerät dadurch in labiles Gleichgewicht. Eine bei Wind gefallene Neuschneeschicht ist daher für den Skifahrer immer gefährlich.
Die gewaltigen, durch Wind erzeugten Schneetransporte führen zur Entstehung der Schneeschilde, Gwächten und Schneebretter.
Nicht nur der Wind, der während des Schneefalles weht, kann die besprochenen Schneebildungen erzeugen, sondern auch Sturm bei schönem Wetter. Der Schnee wird von Gräten und Gipfeln weggetragen und im Windschatten abgelagert oder an Wind ausgesetzten Hängen angepresst. Der Höhenwind, der oft im Tal gar nicht wahrgenommen wird und nur durch das Aufwirbeln von Windfahnen an den Bergen bemerkbar werden kann, ist für die Umgestaltung der Schneedecke von grösster Bedeutung. Im Gebirge dauert daher die Bildung von Anhäufungen und von Schneebrettern oft lange nach Aufhören des Schneefalles noch an. Die vermehrte Lawinengefahr in höhern Regionen ist somit nicht nur auf die stärkern Schneefälle, sondern in hohem Masse auf die gesteigerte Einwirkung des Windes zurückzuführen.
Der Wind zerstört die Schneeflocken und zermalmt bei grosser Stärke sogar die einzelnen Schneesternchen. Werden solche vom Wind getriebene Schneeteilchen im Windschatten, hinter Rücken und Gräten, unterhalb von Gefällsbrüchen oder in Mulden abgelagert, so bildet sich der Schneeschild. Er besteht aus mehligem, leichtem Schnee von geringer innerer Festigkeit und einem spezifischen Gewicht von 0,1 bis 0,2 1 ). Diese Lockerschneeanhäufungen haben gewöhnlich wenig Ausdehnung, dagegen nicht selten grosse Mächtigkeit. Jeder Alpinist hat schon solche Anhäufungen in Mulden oder unterhalb Gräten mühsam durchwatet und kennt das tiefe Einsinken der Ski, die in den mehligen, nachgiebigen Schneemassen keinen Widerstand finden. Die Schneeschilde bilden steile Böschungen aus, befinden sich daher in labilem Gleichgewicht und können infolge Belastung durch Menschen und Tiere leicht in Bewegung geraten. Wenn die Unterlage, auf welcher sie ruhen, durch Hartschnee ( Firn oder Eis ) gebildet wird, ist die Abrutschungsgefahr besonders gross. Verschiedene Unfälle der letzten Winter sind auf das Betreten solcher durch Wind entstandenen Schneeanhäufungen zurückzuführen. ( Aletsch, Januar 1931; Parpan, Februar 1933; Hundsrück, Januar 1934. ) Die Gefährlichkeit dieser Schneeschilde wird von den Skifahrern meistens stark unterschätzt. Vor dem Betreten sollten alle Vorsichtsmassregeln getroffen werden, wie grosse Abstände einhalten, Hände aus den Stockschlaufen nehmen und Zehenriemen der Skibindung öffnen.
Hat ein Hang im Windschatten grosses Gefälle, so bildet der Wind an der Kante Wirbel, und es entwickelt sich eine Gwächte. Sie besteht aus einer mehr oder weniger grossen Zahl fächerförmig übereinander gelagerter windgepresster Schneeschichten, welche über die Gratkante hinausragen und sich durch die Last allmählich senken oder sogar einrollen. Unter der Gwächte, also in ihrem Windschatten, bilden sich immer Lockerschneeanhäufungen, welche durch ständige Zunahme übermaximale Böschungen ausbilden und abrutschen. Es sind also weniger die Gwächten selbst, die durch Verfirnung grosse Festigkeit annehmen, als die darunterliegenden gewaltigen Schneeanhäufungen, welche dem Skifahrer verhängnisvoll werden können. Im Winter kommen Gwächten gelegentlich durch Wind zum Abbruch, bei Tauwetter, namentlich im Frühling, brechen sie stückweise ab und setzen darunterliegende Schneeschichten in Bewegung. Wir unterscheiden Winter-gwächten, also solche, die nur im Winter bestehen, und Dauergwächten, die in grossen Meereshöhen ( über 3000 m ) ständig vorhanden sind. Doch soll hier nicht näher auf die Gwächten eingetreten werden, für deren Bildung nicht nur der Wind, sondern auch die Bergform von wesentlichem Einfluss ist, es sei vielmehr auf die Arbeiten von Paulcke und Weizenbach verwiesen 2 ).
Als weitere und für den Skifahrer gefährlichste durch Wind verursachte Schneebildung sind die Schneebretter zu nennen. Sie entstehen auf folgende Weise: Prallt der schneeführende Wind in schrägem oder rechtem Winkel an einen Hang, so bildet er eine Schicht aus gepresstem Schnee, welche nach und nach immer mächtiger wird. Die vom Sturm abgerundeten mehlstaub-artigen Schneeteilchen werden gegeneinander festgehämmert, dicht und ohne Hohlräume gelagert. Diese Schneebretter sind mit der Unterlage nicht 1 ) Unter innerer Festigkeit versteht man den innern Verband der Schneeteilchen unter sich. Vgl. Hess: Schneeprofile, Jahrbuch S.S.V.., 1933.
2 ) Paulcke und Weizenbach: Schnee, Wächten, Lawinen ( Zeitschrift für Gletscherkunde, 1928 ).
Weizenbach: Untersuchung über die Stratigraphie der Schneeablagerung und die Mechanik der Schneebewegungen. ( Veröffentlichungen des Deutschen und österreichischen Alpenvereins, Nr. 9, 1930. ) verbunden, so dass sie nur durch ihre eigene innere Festigkeit und durch einige Auflagestellen am Hang zurückgehalten werden. Die geringste Erschütterung genügt, um das Brett zum Reissen und Abrutschen zu bringen.
Während also der Schneeschild eine Anhäufung von Lockerschnee im Windschatten ist, entsteht das Schneebrett an windexponierten Hängen durch windgepressten Schnee.
Die Dicke des Brettes wechselt von 2 cm bis 100 cm. Es kann gleichmässige Ausbildung zeigen oder aus mehreren Schichten von verschiedener Härte bestehen, je nachdem der Wind beständig mit gleicher oder mit wechselnder Stärke blies. Der windgepresste Schnee hat zuckerig bis kreidig weisses Aussehen und ist an der Oberfläche matt, im Gegensatz zu Sonnen- oder Regenharsch, der glasig und glänzend aussieht. Die Unterlage kann Pulverschnee, fester Hartschnee oder der gewachsene Boden sein. Je nach dem Gelände treffen wir Schneebretter als kleine Ablagerungen von einigen hundert Quadratmeter, sie können jedoch, besonders an einheitlichen Hängen, Flächen von vielen Hektaren bedecken. Es gibt in der Ausbildung der Schneebretter alle Übergänge von der festen, durch Skikanten kaum ritzbaren Oberfläche, die sogar Fussgänger trägt, zum nur leicht gepressten Schnee, in welchem die Ski eine Spur einschneiden. Das Schneebrett bildet bei Betreten zuerst Spalten, dann zerteilt es sich mit scharfem Knall in Stücke und rutscht ab, wobei die Schollen oft lange erhalten bleiben und noch nach Zurücklegen von tausend und mehr Meter Höhenunterschied erkennbar sind. Fast regelmässig wird bei dieser Bewegung Schnee in die Luft gewirbelt und die rutschenden Schollen von einer Schneewolke begleitet. Die Schneebretter sind sehr schwer festzustellen und lassen sich nur durch Graben von Schneeprofilen erkennen. Es zeigt sich dabei, dass eine windgepresste Schneeschicht von gewöhnlichem Schnee leicht durch die Verschiedenheit der Farbe und der innern Festigkeit unterschieden werden kann.
Die drei genannten Gebilde, Schneeanhäufung ( Schild ), Gwächte und Schneebrett, lassen sich theoretisch ohne Schwierigkeit scharf auseinanderhalten, in der Natur dagegen finden sich die verschiedenartigsten Übergänge.
Haben sich im Windschatten Schneeanhäufungen ausgebildet, so kann auf dieselben bei Windwechsel ein Brett aufgepresst werden, so dass eine mächtige Schicht Lockerschnee an der Oberfläche durch windgepressten Schnee zusammengehalten wird. Setzt sich der Lockerschnee nachträglich, so entstehen unter dem Brett Hohlräume, die oft lange Zeit bestehen bleiben, bis das Schneebrett zerreisst oder sich setzt. Auch Gwächten können sich nachträglich auf Schneeschilden ausbilden. Umgekehrt kann auf ein Schneebrett Lockerschnee zur Ablagerung kommen, so dass das Vorhandensein des Brettes ausserordentlich schwierig festzustellen ist.
Es ist nicht leicht, die Windverhältnisse eines bestimmten Skigebietes einwandfrei anzugeben, da in der Schweiz nur wenig meteorologische Stationen mit selbstregistrierenden Windmessern versehen sind. Die Schweiz gehört zu der Zone der vorherrschenden West- und Südwestwinde. Es wäre aber verfehlt, ohne weiteres alle süd- und westexponierten Hänge als schnee-brettverdächtig anzusehen. Berge und Täler lenken die Winde von ihrer Hauptrichtung ab, und es entstehen Lokalwinde, die eine grössere Rolle spielen als die allgemeinen Hauptströmungen.
Wenn auch in einzelnen Gegenden gewisse den Einheimischen bekannte Windrichtungen vorherrschen, darf man nicht nur mit diesen rechnen. Es können Windverhältnisse eintreten, die Schneeablagerungen und Bretter an Stellen verursachen, wo sie nie zuvor beobachtet wurden. Auch im Windschatten gibt es übrigens bei unsern unregelmässig ausgebildeten Gebirgsketten Kuppen, die aus dem Hang hervortreten und lokale Windexpositionen zeigen, an welchen Schneebretter entstehen können. Wir konnten beispielsweise folgenden Fall wiederholt beobachten. Die Gebirgskette Lauberhorn-Tschuggen-Männlichen verläuft von Südost nach Nordwest, so dass die Talseite von Itramen-Grindelwald bei Südwestwind im Windschatten liegt. Es können aber regelmässig nach Weststürmen an den lokalen Westexpositionen von Sattelegg, Seelihübel, Höhhubel ( 1:50,000 ) gutausgebildete Schneebretter beobachtet werden. Auch da, wie überhaupt in allen Lawinenfragen, gibt nur die Beobachtung der Schneedecke an Ort und Stelle sichere Anhaltspunkte.
Über die Windstärken, die zur Brettbildung nötig sind, ist noch wenig bekannt. Es wäre erwünscht, dass Beobachtungsgebiete mit Windmessern ausgerüstet würden, um den Einfluss der Windstärken auf die Schneedecke systematisch zu erforschen.
Der Vollständigkeit halber erwähnen wir noch den Einfluss des Windes auf eine gesetzte Schneedecke. Durch Festblasen des Schnees an der Oberfläche entsteht der Windharsch. Er unterscheidet sich von Sonnen-oder Regenharsch durch dichteres Gefüge und weniger glasiges Aussehen ( Abb. ). Er kann hart oder nur leicht gepresst sein. Der Wind kann Bänderungen, Schuppen und Kanten erzeugen. Durch lange andauernden Winddruck wird die Oberfläche des Schnees derart beeinflusst, dass weichere Stellen fortgeblasen werden, härtere dagegen als Rippen stehen bleiben. In diesem Fall entsteht eine für den Skifahrer sehr unangenehme holperige Oberfläche ( Abb. ). Für die Erzeugung von Lawinen haben diese Wmderosionen keine Bedeutung.
Die normale Schichtung des Schnees wird oft mit den Schneebrettern verwechselt. Die Schneedecke besteht aus einer Aufeinanderfolge von Schichten, wobei im allgemeinen jede einem Schneefall entspricht. Das spezifische Gewicht und die innere Festigkeit des Schnees können in den einzelnen Schichten grosse Differenzen aufweisen. Die Trennungsflächen werden durch harte Krusten oder Eislagen gebildet, welche durch Witterungseinflüsse während der Zeit, die zwischen zwei Schneefällen liegt, entstehen. Je nach den stattfindenden Einwirkungen der Witterung auf die einzelnen Schneeschichten ist die Verbindung derselben untereinander eine mehr oder weniger enge. Wenn Sonne und Regen beispielsweise während einiger Tage auf eine Schneedecke einwirken, so verfirnt dieselbe und kann ausserordentlich fest werden. Fällt nun auf eine solche verfirnte Schneeschicht Pulverschnee, der eine von dem Firnschnee ganz erheblich abweichende Beschaffenheit aufweist, so verbindet er sich nicht mit der Unterlage, sondern sintert unabhängig von der untern Firnschicht in sich zusammen, so dass die obere Schicht sich sogar von der untern abheben kann. Es entstehen zwischen den Schichten Hohlräume, welche die Bodenwiderstände vermindern. Solche schlecht verbundene Schneeschichten bilden während des ganzen Winters grosse Abrutschungsgefahr. Gerät die obere Schicht, die durch das Setzen ein dichtes Gefüge erhalten hat, auf der glatten Unterlage in Bewegung, so zerteilt sie sich in Blöcke ähnlich wie ein Schneebrett. Der Laie, der die Schneebeschaffenheit nicht näher untersucht, wird solche Lawinen mit einer gewissen Berechtigung als Schneebrettlawinen bezeichnen. An den Schollen kann allerdings festgestellt werden, ob es sich um normal gefallenen und gesetzten oder um windgepressten Schnee handelt.
Die Leser werden mit mir einig gehen, dass die Benennungen Schneeschild und Schneebrett nicht sehr geeignet sind für die Charakterisierung von Schneeanhäufungen und von Pressschnee. Auf diese unzweckmässigen Namen ist die grosse Verwirrung, die gegenwärtig in Skifahrerkreisen herrscht, zurückzuführen. Anhäufungen von Lockerschnee sollten nicht mit Schneeschild benannt werden, treffender wäre die Bezeichnung Schneewulst, Schneesack oder ganz einfach Schneeanhäufung. Dagegen wäre Schneeschild eine ausgezeichnete Charakteristik für den windgepressten Schnee, da er tatsächlich wie ein leichtgewölbter Schild ausgebildet wird. Mit Schneebrett könnten dann die normal übereinander ausgebildeten Schichten der Schneedecke bezeichnet werden.
Es ist aber nicht die Aufgabe der vorliegenden Studie, Vorschläge für eine neue Nomenklatur zu machen. Dadurch würde die schon bestehende Verwirrung nur noch erhöht. Wir behalten daher vorläufig die alten Bezeichnungen bei.
1. Die Schneebrettlawine vom Obergestelergalen ( Wallis ).
Das Goms ist das niederschlagsreichste Gebiet des Wallis, und da ein grosser Teil der Niederschläge im Winter fällt, häufen sich ungeheure Schneemassen auf den Höhen an und rutschen bei gewisser Schneebeschaffenheit über die lichtbestockten Hänge ab. Dem Reisenden muss auffallen, dass in dieser Talschaft alle Dörfer an gut geschützten Lagen, am Fusse von Rippen oder in Nischen gebaut wurden ( Abb. ). Das Goms kennt grosse Lawinenunglücke, und besonders Obergestelen wurde mehrere Male schwer heimgesucht. Am 18. Februar 1720 verschüttete eine Lawine vom Galen den grössten Teil des Dorfes, wobei 88 Personen den Tod fanden. Im Jahre 1852 ist eine Lawine neuerdings bis zu den Häusern vorgedrungen, wobei diese in Brand gerieten. Am 14. Januar 1915 zerstörte und beschädigte eine Lawine acht Wohnhäuser, vier Ställe, eine Schmiede, ein Waschhaus und ein Bienenhaus. Dieses Unglück gab den Anstoss zu grosszügigen Lawinenverbauungen zum Schutze von Obergestelen. Seit bald 20 Jahren wird an diesen Werken gearbeitet, und sie haben bis heute noch keinen Abschluss gefunden. Besonders rege war die Bautätigkeit in den Jahren 1927 bis 1932. Um die Wirkung der aufgestellten Mauern und Terrassen zu prüfen und um Anhaltspunkte für die weitere Durchführung der Verbauung zu erhalten, wurde das Gebiet regelmässig im Winter begangen und die nötigen Messungen ausgeführt.
Am 1. Februar 1929 begaben sich Forstingenieur E., der Gemeindepräsident J. und Johann J. von Obergestelen bei wolkenlosem, windstillem Wetter mit Ski auf den Obergestelergalen, um Schneestudien in den Verbauungen vorzunehmen. Die drei querten um 1130 Uhr den Hang zwischen dem obern und dem untern « Bord » bei 2050 m Meereshöhe, als sich plötzlich ein Schnee- brett mit scharfem Knall unter ihren Füssen in Bewegung setzte und talwärts rutschte. Die drei Skifahrer wollten sich durch Schussfahrt aus den sich in Bewegung befindenden Schneemassen retten. Der Präsident fuhr zufällig gegen den Rand der Lawine und entkam ihr, während die beiden andern unglücklicherweise in den Hauptstrom gerieten. Dem Forstingenieur lösten sich durch Rütteln und durch die aufschlagenden Schneeblöcke die Ski von den Füssen, so dass er sich an der Oberfläche halten konnte. Nach ca. 100 m Fahrt kam er zwischen Schneeschollen auf einer flachen Stelle am untern Bord zum Stillstand und konnte sich ohne grosse Mühe aus dem Schnee herausarbeiten. Johann J. wurde mit rasender Geschwindigkeit über die Lawinenmauern am untern Bord hinausgeworfen und in der Lawine über Felsen und Jungwüchse den Hang hinuntergerissen, bis er bei ungefähr 1600 m Meereshöhe abgelagert und zugedeckt wurde ( Kartenskizze ). Durch den Knall der abbrechenden Schneeschicht, der im Dorf Obergestelen gehört wurde, stürzten die Leute aus den Häusern, und als sie auf dem Galen nur zwei Mann erblickten, ahnten sie ein Unglück. Sofort begaben sie sich mit Schaufeln und Stangen ausgerüstet auf den Lawinenkegel, um nach J. zu suchen. Gegen 1230 Uhr fand man einen zerbrochenen Ski, und rund 100 m weiter unten lag der Verschüttete 1 m tief unter SchneegeröUen. Der Aus-gegrabene war bewusstlos, bei genauer ärztlicher Untersuchung zeigten sich aber nur geringfügige Wunden und Quetschungen. Er erholte sich über Erwarten rasch und hat keine Nachteile davongetragen.
Über die Grösse des Schneebrettes konnte folgendes festgestellt werden. Die Breite des Anbruches betrug 200 m, die Distanz zwischen Oberbord und Unterbord ist 250 m, das Brett und die mit ihm in labilem Zustand befindliche Hangzone erstreckte sich somit auf eine Fläche von 50,000 m2 ( 5 ha ). Die Dicke der durch Wind angepressten Schicht wechselte von 30 bis 80 cm, an den Rändern 30 cm, in der Mitte 80 cm. Bei Annahme einer mittleren Mächtigkeit von 50 cm ergibt sich für das Brett eine Schneemasse von 25,000 ms. Durch die Wucht der Bewegung wurden in den untern Gebieten weitere Schneemassen mitgerissen, und zwar bis 1800 m Meereshöhe nur die oberste Schicht, mit ungefähr 30,000 m3. Von da an abwärts geriet durch die gewaltige Kraft die gesamte hier feuchte Schneedecke bis auf den Grund in Bewegung, so dass schliesslich eine Lawine von mindestens 100,000 m3 entstand. Sie erreichte den Talgrund, gelangte aber nicht bis zu den Häusern von Obergestelen. Das Brett war so hart, dass es von den Ski nicht zerdrückt werden konnte, einzelne Schollen sind daher bis auf den Talgrund erhalten geblieben ( Abb. ).
Trotz den besten Lawinenkenntnissen, welche der betreffende Forstingenieur besass, und trotz guter Beobachtung und Vorsicht konnte das Schneebrett nicht erkannt werden. Es wurden denn auch beim Betreten des gefährlichen Hanges die möglichen Vorsichtsmassregeln getroffen, wie Einhalten von Abständen und Lösen der Zehenriemen. Im weitern grub der Forstingenieur an drei Stellen Schneeprofile und stellte 3 cm dicke Schneebretter fest, die aber durch Auftauen und Gefrieren stark verharscht waren und keine Hohlräume gegen die Unterlage aufwiesen. Er witterte gleichwohl Gefahr und stieg vorerst allein bis zu den zwei einzelstehenden Mauern im Hang empor, um dort von neuem die Schneedecke zu untersuchen. Die geringe Belastung genügte, um das Gleichgewicht zu stören und das Brett zum Brechen und Abrutschen zu bringen. Als erschwerend für das Erkennen kam im vorliegenden Fall der Umstand dazu, dass die Oberfläche der Schneedecke durch öfteres Auftauen über Tag und Gefrieren bei Nacht in glasigen Sonnenharsch umgewandelt war. Es ist oft ausserordentlich schwierig, diese windgepressten Schichten festzustellen, da die angegebenen Erkennungszeichen des Schneebrettes, wie kreidigweisse Farbe, mattes Aussehen, dichtes Gefüge eben nicht immer vorhanden sind. Hier hat das sonst sichere Mittel zum Erkennen von Brettern, das Graben von Schneeprofilen mit der Schaufel, nicht genügend Aufklärung gegeben.
Hätte E. an seinem Standort bei den Mauern ein weiteres Profil aufnehmen können, wäre vielleicht die verhängnisvolle Schicht erkannt worden. Die Witterungsverhältnisse des Winters 1928/29 waren folgende: Er war schneearm, dafür entstanden während und nach den Schneefällen starke Verwehungen.
Ende November bis 4. Dezember: Schneefälle mit Nord- und Nordostwind. 5.25. Dezember: Schön, Setzen des Schnees. 26.28. Dezember: Tauwetter, Weststürme mit Begen bis über 2000 m.
Verhärtung der Unterlage.
28. Dezember—2. Januar: Geringe Schneefälle, bei Kälte ( —10° ) und Nordwind. 4.14. Januar: Schön, kalt.
15.17. Januar: Schneefall bei Nordostwind. Starke Verwehungen. Ende Januar bis Anfang Februar: Schön, kalt.
Durch den Schneefall von Mitte Januar wurde durch Ostwind am süd-ostexponierten Obergestelergalen zwischen Ober- und Unterbord das verhängnisvolle Schneebrett ausgebildet. Die Unterlage war durch das Tauwetter von Ende Dezember verhärtet, und die Schneefälle von anfangs Januar brachten nur einige Zentimeter leichten Pulverschnees. Das Profil der Schneedecke war folgendes:
Ein Hinausfahren aus der Lawine ist im vorliegenden Fall nicht geglückt. Viel wichtiger scheint uns, dass man sich bei einem Lawinenunfall sofort der Ski und Stöcke zu entledigen sucht, damit mit Beinen und Armen gearbeitet werden kann, um sich an der Oberfläche zu erhalten. Alle Skifahrer, die von Lawinen erfasst wurden, sagen übereinstimmend, dass sie Mühe hatten, die Beine nachzuziehen. Da die Schneemassen an der Oberfläche der Lawine rascher fliessen als die untern, ist die Tendenz des Zurückbleibens der Beine erklärlich. Sind sie zudem noch mit Ski belastet, so wird die zurückhaltende Wirkung verstärkt und damit eine Bewegung der Beine überhaupt verunmöglicht.
2. Die Schneebrettlawine am Illhorn ( Wallis ).
Ende Januar 1931 fand in der neuen Skihütte von Chandolin ein Skikurs statt. Am 31. Januar unternahm eine 13köpfige Gesellschaft die bekannte Skitur auf das Illhorn. In ca. 2300 m Höhe ( Situationsplan bei 3 ) blieben drei Mann zurück, um ihre Bindungen in Ordnung zu bringen, und folgten der Kolonne auf eine Distanz von ungefähr 200 m. Auf einer flachen Terrasse, gebildet von einem Felsen, warteten die 10 Mann auf die Nachzügler ( im Situationsplan mit 10 bezeichnet ). Es war 1030 Uhr, als plötzlich ein kanonenartiger Knall die Skifahrer erschreckte. Sie sahen, wie sich unterhalb des Illhorn-gipfels in ungefähr 2600 m Meereshöhe ein erster Riss bildete, gleich darauf weitere unterhalb und die Schneedecke sich in Blöcke spaltete; den abrutschenden Massen voraus eilte eine Schneewolke, in welcher die drei Zurückgebliebenen den Augen ihrer Begleiter entschwanden. Nach einigen hundert Meter Fahrt kam die Lawine zum Stillstand, und zwei der Mitgerissenen, die verschüttet waren, konnten sich ohne fremde Hilfe aus den Schneemassen befreien, der dritte, ein guter Skifahrer, rettete sich durch Schussfahrt an den linken Rand der Lawine unter einen Felsen. Die beiden Verschütteten hatten ziemlich viel Schneestaub geschluckt, trugen aber keine nachteiligen Folgen davon.
Erwähnenswert ist, dass B. beim Aufstieg seinen beiden Begleitern, die mit ihm zurückgeblieben waren, Belehrungen über das Verhalten beim Los- gehen einer Lawine erteilte. Das erste sei, die Stöcke wegwerfen und Skibindungen lösen, dann Schwimmbewegungen ausführen, um sich an der Oberfläche zu halten. Kaum hatte er seine Aufklärungen beendigt, erfolgte der Knall, und der Hang setzte sich unter ihren Füssen in Bewegung. Wie auf Befehl warfen zwei von ihnen die Stöcke weg und lösten die Strammer der Skibindung. Diesem Umstand haben sie ihre Rettung zu verdanken. Auch B. bezeichnet als Schwierigstes, beim Mitfahren in der Lawine die Beine nachzubringen, um sich in sitzender Stellung zu erhalten. Durch das Zurückbleiben der Beine entsteht die Gefahr, vorübergeworfen und zugedeckt zu werden. Er wurde auf der Fahrt durch die Schneemassen mehrere Male um seine Vertikalachse gedreht, so dass er beim Stillstand die Orientierung vollständig verlor und nicht wusste, welche Fahrtrichtung er innehatte.
Das Schneebrett hatte eine Breite von 200 m, die Längenausdehnung am Hang betrug 400 m, und die Dicke variierte von 60 bis 80 cm. Das Schneebrett umfasste eine Fläche von 80,000 m2, also 8 ha, und erreichte demnach eine Masse von rund 60,000 m3. Dazu kamen noch die Schneemassen, die unterhalb mitgerissen wurden und deren Masse noch auf mindestens 40,000 m3 anzusetzen ist. Somit gerieten rund 100,000 m3 in Bewegung.
Diese Lawine lehrt uns vor allem, dass man sich nie damit abfinden darf, es bestehe, weil eine Kolonne den Hang bereits gequert habe, für die Nachfolgenden somit keine Gefahr mehr. Im geschilderten Fall sind die Nachzügler mit einigen Minuten Verspätung in der gleichen Spur gefolgt. Die Kolonne hat die nur lose aufliegende durch Wind gepresste Schicht wahrscheinlich derart gestört, dass es nur noch eines geringen Anstosses bedurfte — erzeugt durch die drei Nachzügler —, um das Brett zum Bersten zu bringen. Durch den Knall wurde ein zweites Schneebrett unterhalb P. 2591 in Bewegung gesetzt, ohne allerdings die Skifahrer weiter zu gefährden. Dieses Losreissen eines Brettes, ausgelöst durch einen Knall, zeigt, in welch labilem Gleichgewicht sich solche Schneeschichten befinden können.
Auch dieser Fall beweist die Notwendigkeit, beim Traversieren von Hängen immer grosse Abstände innezuhalten. Die meisten Teilnehmer waren früher schon öfters an der gleichen Stelle durchgegangen und dachten bei den herrschenden Schneeverhältnissen an keine Gefahr.
Die Schnee- und Witterungsverhältnisse waren die folgenden:
Bis Mitte Januar fielen im Winter 1930/31 nur geringe Schneemassen. Die wenig mächtige Schneedecke wurde durch die warme Witterung von anfangs Januar stark verfirnt. Auf eine harte Unterlage fiel in der Woche vom 19. bis 25. Januar ca. 60—80 cm Neuschnee, der an der südwestexponierten Seite des Illhorns durch den Wind brettartig angepresst wurde. Auf diesen allerdings nur leicht windgepressten Schnee kamen vom 25./26. Januar noch 10—15 cm ruhig gefallener Pulverschnee. Dann trat gutes Wetter ein mit Kälte, und auch der Tag des Lawinenniederganges war ein glanzklarer Wintertag mit ca.20° am Morgen bei der Skihütte. Die Ski sanken im Pulverschnee normal ein, und die härtere untere Schicht täuschte gesetzten Schnee vor. Wir hatten eine ausserordentlich gefährliche Schichtenfolge im Schneeprofil.
Die Brettnatur der Schneeschicht konnte im vorliegenden Fall gar nicht beobachtet werden, und zudem war der Schnee nur wenig gepresst, so dass nach 400 m Fahrt und 250 m Höhendifferenz die Schollen vollständig zerrieben waren. Die Lawine konnte mit Ski befahren werden, wobei die wenigen noch erhaltenen Blöcke bei Stoss mit Ski oder Stock zerfielen.
Der Westhang des Illhorns scheint für die Ausbildung von Schneebrettern durch Westwind besonders günstig zu sein, denn auch im Februar 1933 bildete sich wieder ein solches, das ohne menschliche Beeinflussung in Bewegung geriet. Die Verhältnisse waren damals kurz folgende:
Der Januar 1933 zeichnete sich in der Gegend von Siders durch grosse Schneearmut aus. Ende Januar war der Hang des Illhorns teilweise schneefrei. Unterhalb des Gipfels lag eine stark verfirnte Altschneeschicht, weiter unten vereinzelte mehr oder weniger grosse Schneeflecken. Am 2. Februar setzte bei Westwind Schneefall ein und presste ein Brett von 50—70 cm Mächtigkeit auf den zum Teil schneefreien Hang. Am 3. Februar kam es ins Rutschen, aber schon nach 200 m Fahrt stauten sich die Schneemassen, und die Lawine kam nicht zu voller Entwicklung.
3. Schneebreitlawine von Lueglen-Meienbergalp ( Berner Oberland ).
Über Sonntag, 22. Januar 1933, befanden sich Thuner Skifahrer in der von der Sektion Thun des S.A.C. für den Winter eingerichteten Sennhütte in Obergestelen über Zweisimmen. Am Sonntag abend kehrten die meisten nach Hause zurück, und nur Fräulein F. mit einer Freundin blieb in der Hütte.
Am Montag, 23. Januar, gegen 14 Uhr verliessen die beiden Skifahrerinnen die Alp, um nach Zweisimmen abzufahren. Es blies ein heftiger Nordwind, so dass sie auf die Tur über das Niederhorn nach Oberwil verzichteten. Etwas nach 14 Uhr querte Fräulein F. den nordostexponierten Hang des Meien-berges, P. 1933,9 ( Kartenskizze ), hat dort ein Schneebrett zum Abrutschen gebracht, von welchem sie mitgerissen und zugedeckt wurde. Die Begleiterin, eine weniger gewandte Skiläuferin, folgte den Spuren ihrer Kameradin, ist aber auf dem Grat, der von P. 1933,9 zur Lueglenhütte führt, gestürzt, bevor sie in den verhängnisvollen Hang eingebogen war. Sie hörte einen scharfen Knall und beobachtete eineStaubwolke, in welcher ihre Freundin verschwand. Durch den Sturz ist ein Abstand zwischen den beiden von ca. 150 m entstanden, so dass sich die zweite Skifahrerin ausserhalb der Gefahrzone befand. Da sie keine Spuren auf der Lawine feststellen konnte, brachte sie die Unglücksbotschaft ins Tal. Eine Rettungsmannschaft von Mannried traf ca. 17 Uhr auf der Unglückstelle ein und konnte noch vor Einbruch der Dunkelheit die Lawine absuchen, aber ohne Erfolg. Um 19 Uhr traf dann auch die Kolonne von Zweisimmen ein, vermochte aber wegen Dunkelheit und grimmiger Kälte die Sondierungsarbeiten nicht mehr aufzunehmen. Sie nächtigten in Stand und Obergestelen und begannen am Morgen bei Tagesanbruch das Sondieren des Lawinendeltas. Da die Begleiterin aussagte, sie seien tief in den Hang hineingefahren, musste angenommen werden, dass die Verunglückte am untern Rand der Lawine begraben lag. Es wurde am südlichen Ende mit fünf Stangen gearbeitet, und schon nach kurzer Zeit stiess man auf den Körper. Er lag ca. 1 m unter der Oberfläche, Kopf nach unten gerichtet, Ski an den Füssen und Stöcke an den Handgelenken, beide nach hinten gedrückt. Aus der Lage der Verunglückten zeigte sich, dass Ski und Stöcke wie Anker gewirkt haben und die Verteidigung der Bedauernswerten gegen die Verschüttung verunmöglichten. Sie lag, als wären Hände und Füsse nach rückwärts gefesselt.
Die Unglückstelle befindet sich 1,5 km südlich des Niederhornsignales am P. 1933,9 ( 1:50,000 ). Zwischen Niederhorn und Bunschtlergrat tritt der Nordwind aus dem engen Pass wie aus einem Gebläse direkt auf diese nordwestexponierte Kuppe.Vom 19. Januar an wehte ein heftiger Nordwind, der am 22. in der Höhe fast orkanartige Stärke annahm und grosse Massen Schnee trieb. Es fielen nur einzelne leichte Schneeflocken, oft bei ganz klarem Himmel, die Hauptmasse des getriebenen Schnees wurde von Gräten und Gipfeln hertransportiert. Durch diesen schneeführenden Sturmwind wurde am Hang P. 1933,9 ein Schneebrett ausgebildet. Das Gebiet von Lueglen-Meienbergalp wird von Skifahrern viel begangen, und es hat sich bis jetzt nie ein Lawinenunglück ereignet. Nach Nordwind scheinen aber diese Hänge der Bildung von Brettern und von Schneeanhäufungen sehr ausgesetzt zu sein. Am 29. Januar beim Betreten dieses Gebietes trafen wir reine Bretter, dann Brett mit Anhäufung kombiniert und reine Anhäufungen sowie alle Übergänge zwischen diesen Windgebilden.
Bei der Unfallstelle haben wir durch Graben von Profilen die Ausdehnung des Brettes feststellen können. Im untern Teil des Hanges befindet sich ein Gefällsbruch, der im Längenprofil nur undeutlich zum Ausdruck kommt. Auf dieser wenig geneigten Fläche muss das Brett aufgeruht haben. Es zeigte eine Mächtigkeit von 15—20 cm, eine Höhenausdehnung von 80 m bei einer mittleren Breite von 100 m ( Situationsskizze ) und war nicht besonders hartgepresst, konnten doch die Schollen mit Ski zerdrückt werden.
Die Schneedecke zeigte nebenstehende Zusammensetzung.
Beim Abrutschen des Schneebrettes wurde in der Mitte des Hanges durch die Wucht des Rutsches die ganze Schneedecke bis auf die unterste Schicht in Bewegung gesetzt. Der Horizont auf der Schicht vom 25.30. Oktober war sehr ausgeprägt, so dass die obern Schichten ohne enge Verbindung nur leicht auflagen. Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie sich solche Trennungsflächen noch nach Monaten auswirken können. In der Lawinenablagerung fanden wir Schollen von 10 bis 20 cm weichem Pressschnee und Blöcke von 30—50 cm von der losgedrückten Schneedecke herrührend, welche die Schichtung des Schneeprofils aufwiesen. Die unterste Schicht, aus losem Firn bestehend, wurde natürlich durch die Bewegung der darüberliegenden Schneedecke herausgedrückt, so dass am Hang schneefreie Stellen sichtbar wurden ( gestrichelte Fläche ).
Das Brett hatte einen Kubikinhalt von 1500 m3, die mitgerissene Schneedecke 2500 m3, zusammen 4000 m3.
Die verunglückte Skifahrerin war etwas über dem Lueglensattel auf dem harten Schnee vorsichtig dem Hang P. 1933,9 entlang, statt in der Mulde gefahren und geriet auf diese Weise in den Bereich des verhängnisvollen Brettes.
Der bedauerliche Unfall beweist, wie harmlose Hänge bei Wind gefährlich werden können. Im weitern zeigt das Unglück deutlich, wie Ski und Stöcke den Fahrer am Kampf mit den Schneemassen verhindern. Fräulein F. hat höchstens 70 m in der Lawine zurückgelegt und wurde verschüttet, weil sie durch Stöcke und Ski gleichsam gefesselt war und sich dadurch nicht an der Oberfläche erhalten konnte.
4. Lawine vom Schwellisee, Arosa.
In den Tageszeitungen vom 11. März 1933 war folgende Agenturmeldung zu lesen:
Fünf Stunden in einer Lawine.
Arosa, 10. März. Auf der Abfahrt vom Aroser Hörnli nach Schwellisee-Arosa geriet eine fünfköpfige Gruppe auf ein sich lösendes Schneebrett, das die Gruppe vor sich herstiess und zuletzt verschüttete, aber so, dass keine Person von der Luft abgeschnitten wurde. Trotz etwa fünfstündigem Verweilen in der Lawine konnten alle Verschütteten lebend geborgen werden. Wegen des langen Ausbleibens in Arosa ging eine Rettungskolonne auf die Suche nach den Vermissten, die denn auch noch rechtzeitig entdeckt wurden.
Die Aufnahmen an Ort und Stelle ergaben folgenden Hergang des Unglückes:
Bei der Abfahrt vom Hörnli gegen den Schwellisee erlitt eine Fahrerin, die mit einem Skilehrer die Tur unternommen hatte, eine Fussverletzung, welche ein Weiterfahren verunmöglichte. Der Begleiter eilte nach Arosa, um Hilfe zu holen, und kam mit drei Gästen wieder hinauf. Zwei der Herbei-geeilten trugen die verletzte Skifahrerin und gingen dabei zu Fuss, während die beiden andern auf Ski nachfolgten. Zwischen Älplisee und Schwellisee, bei ca. 2000 m Meereshöhe, marschierten die fünf dicht aufgeschlossen einer steilen Grabenböschung entlang und haben durch das Zufussgehen und tiefes Einsinken den Hang derart angeschnitten, dass die Schneedecke, ihrer Stütze beraubt, ins Gleiten kam, wobei die fünf Personen in den Graben geworfen und zugedeckt wurden. Zwei konnten sich, weil nicht vollständig verschüttet, mit eigenen Kräften herausarbeiten. Da ihnen keine Schaufel zur Verfügung stand, vermochten sie die Kameraden nicht auszugraben, und erst eine gut ausgerüstete Rettungskolonne konnte die Verschütteten, nachdem sie 4—5 Stunden in der Lawine verbracht hatten, retten. Die Ausdehnung der Lawine betrug 20 m, ihre Breite 35 m und die Mächtigkeit der in Bewegung geratenen Schneedecke war 50 cm ( Längenprofil ). Die Schneerutschung erstreckte sich also auf eine Fläche von nur 700 m2 mit rund 350 m3 Masse. Diese genügte aber dennoch, um alle fünf Skifahrer zuzudecken. Dem Umstand, dass die Lawine keinen langen Weg zurückgelegt hat und daher die Schneeblöcke nicht zerrieben wurden, ist es zuzuschreiben, dass die Verschütteten nicht vollständig von der Luft abgeschlossen wurden und lebend gerettet werden konnten.
Der Unfall ereignete sich an einer Stelle, wo niemand an die Möglichkeit einer Entstehung von Lawinen gedacht hätte.
Vorerst muss bemerkt werden, dass es sich im vorliegenden Fall nicht um ein durch Wind erzeugtes Brett handelt, wie in den bereits beschriebenen drei Fällen, sondern dass die ganze Schneedecke bis auf den alten Firnschnee, der den Schneefällen vom 25.30. Oktober 1932 entspricht, abgerutscht ist und dabei in Blöcke zerfiel.
Das Schneeprofil setzte sich wie folgt zusammen:
Auf dem gewachsenen Boden auflagernd fand sich eine 50 cm mächtige vereiste Firnschneeschicht, herrührend von den Schneefällen vom 25.30. Oktober 1932, welche durch Regen von Ende November und anfangs Dezember und durch Wärme während des Monats November stark verfirnte. Darauf lagerten sich die Dezemberschneefälle, welche sich mit der vereisten Unterlage nicht verbinden konnten. Durch Tauwetter vom 24. Dezember bis 1. Januar sinterte diese Schicht ursprünglichen Pulverschnees stark zusammen, wobei die Trennungsfläche mit der Unterlage eher noch ausgesprochener wurde. Nach und nach bildete sich sogar ein Hohlraum zwischen den beiden Schichten, in welchem sich nachträglich durch Kondensation leicht beweglicher Kristallschnee ausbildete. Die Schneefälle vom Januar ergaben zwei deutlich erkennbare Schichten von 9 cm und 13 cm Mächtigkeit. Gegen die Firnschicht vom Dezember bildete sich wieder eine gute Trennungsfläche II aus, die aber immerhin eine festere Verbindung darstellte als I. Die Schneeschicht vom Februar wurde durch Regen vom 2.5. März auch in Firn umgewandelt, so dass zwischen dieser Schicht und den Märzschneefällen wieder eine gute Trennung III entstand. Die gefährlichste Trennungsfläche blieb aber ständig I.
Die Fussgänger sind nun beim Transport der verunglückten Skifahrerin durch sämtliche Schichten bis auf Trennungsfläche I hindurchgebrochen und haben die Schneedecke regelrecht zerschnitten. Die lockern Eiskristalle, die sich in dem Hohlraum von I ausgebildet hatten, boten eine gute Gleitfläche, auf welcher die aufliegende Schneedecke, bestehend aus fünf Schichten, abrutschte.
Auch hier, wie beim Unglück von Lueglen, zeigt sich, wie Trennungsflächen zwischen Schneeschichten den ganzen Winter über ihre Gefährlichkeit beibehalten können.