Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03186.jsonl.gz/1607

Die voranschreitende Industrialisierung und das rasante Bevölkerungswachstum führten im 19. Jahrhundert zu einer stetigen Ausdehnung der urbanen Ballungsgebiete. Fehlender oder überteuerter Wohnraum wie auch die schlechten hygienischen Verhältnisse stellten die Städte vor enorme organisatorische Herausforderungen. Mit dem Ausbau der Kanalisationen und der Frischwasserversorgung wurden zwar die drängendsten Probleme angegangen. Aber vor allem für die Arbeiter und Arbeiterinnen blieb die Situation in den berüchtigten Mietskasernen weiterhin unbefriedigend. Um 1900 wurde deshalb in vielen Industrienationen nach innovativen stadtplanerischen Modellen gesucht, um die Wohnqualität zu verbessern.
Viel Aufsehen erregte die sogenannte Gartenstadtidee: Neue Quartiere mit voll ausgestatteten Arbeits-, Wohn-, Geschäfts- und Erholungsflächen sollten vor den Stadtgrenzen auf die grüne Wiese gebaut werden. Anstelle der dichten Bebauung der bisherigen, oft aus mittelalterlichen Siedlungen hervorgegangenen Industriestädte, verzichteten die Gartenstädte auf eine scharfe Trennung zwischen urbanem und ruralem Raum. Die Nahrungsmittelherstellung in Gärten oder sogar landwirtschaftlichen Flächen sollte auch im städtischen Raum möglich sein. So könnten die Stadtbewohner nicht nur ihre eigenen, gesunden Produkte ernten, sondern sich auch bei der Gartenarbeit in der frischen Luft von der ungesunden Fabrik- oder stressigen Büroarbeit erholen. Eine Idee, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts vor allem mit den Schrebergärten ausbreitete und sich heute im urban gardening und urban farming widerspiegelt. Die Gartenstadtidee bezweckte aber mehr als eine Verbesserung der individuellen Lebensbedingungen, mit genossenschaftlichen und bodenreformerischen Forderungen zielte sie auch auf eine grundlegende Umgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens ab. Um die Bodenspekulation einzudämmen, sollte nur der Besitz des Wohneigentums, aber nicht des Bodens möglich sein.
Im Unterschied zu Hellerau, Eden oder Schatzacker gab es viele Projekte, die sich an der Gartenstadtidee orientierten, jedoch andere Ziele und Nutzungsformen anstrebten. Ein passendes Beispiel ist die Margarethenhöhe südlich von Essen. 1906 von der Witwe des Grossindustriellen Alfred Krupp gestiftet, sollte die Siedlung den Arbeitern der Kruppwerke bezahlbaren Wohnraum ausserhalb der stark umweltbelasteten Zentren des Ruhrgebiets zur Verfügung stellen. Die Margarethenhöhe übernahm zwar die geschlossene Siedlungsform der Gartenstadtidee und stellte grosszügige Grünflächen zur Verfügung, die gesellschaftsreformerischen Ziele wurden jedoch weitgehend ausgeklammert. Nur Angestellte der Kruppwerke durften eine Wohnung in der Siedlung mieten. Das hatte eine homogenisierende und exkludierende Wirkung auf die Bewohner, die sich noch heute im Stadtbild niederschlägt. So ist es nicht überraschend, dass die Siedlung im Unterschied zu ähnlichen Projekten nie eine vergleichbare Anziehungskraft auf Kunstschaffende, Kreative und Intellektuelle ausüben konnte und auch in der Geschichte der Lebensreform keine Rolle spielte. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass Konzepte aus dem Umfeld der Lebensreformbewegung schon im frühen 20. Jahrhundert in andere Bereiche der Gesellschaft diffundierten. Viele Aspekte der Gartenstadtidee fanden im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts Einzug in den Städtebau. Urbane Grossprojekte im Grünen wie die geplante Siedlung Oberbillwerder in Hamburg verweisen auf die anhaltende Aktualität der Gartenstadtidee. Schliesslich gilt es auch heute wieder Probleme wie die zunehmende Wohnungsnot zu bekämpfen.