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Brücken zwischen zwei Welten
Ein völkerverbindender Gute-Laune-Roman ist Karin Kalisa mit "Sungs Laden" gelungen. Genau das Richtige, wenn ihr den schlechten Nachrichten für eine Weile entfliehen wollt.
Sozialistische Völkerverbindung
Sung führt einen vietnamesischen Laden in Berlin, übernommen von seinen Eltern nach dem plötzlichen Tod von Vater Gam. Dieser war wie Sungs Mutter Hien als Vertragsarbeiter vor dem Vietnamkrieg in die damalige DDR geflüchtet. Die sozialistische Bruderhilfe verhalf den beiden zwar zu einer Stelle, aber als Hien zum ersten mal schwanger wurde, mussten sie dies verheimlichen und Hien reiste für die Geburt zurück nach Vietnam. Liess die neugeborene Tochter bei ihrer Schwester. Erst Sung kam ein paar Jahre später mit Hilfe der patenten Hebamme Dete in Berlin zur Welt. Und dieser Dete hatten Hien und Gam es auch zu verdanken, dass sie den Laden mitten in Prenzlauer Berg übernehmen konnten.
Völkerverständigung reloaded
Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als Sungs Sohn Minh für ein Schulprojekt ein Kulturgut aus seiner Heimat vorstellen soll. Fernab der Heimat seiner vietnamesischen Grosseltern aufgewachsen, hat er vorerst keine Ahnung, was dieses Kulturgut sein soll.
"Ein Kulturgut aus Vietnam. Minh hatte diese Hausaufgabe wie einen Fremdkörper aus seinem Mund befördert. Als hätte Vietnam so wenig mit seinem Leben zu tun wie das Wort Kulturgut mit seiner Alltagssprache." (S. 14)
Und auch sein Vater Sung ist ziemlich ratlos, ist doch auch er in Berlin aufgewachsen und spricht solange er denken kann nur deutsch. Also schickt er seinen Sohn zu Oma Hien. Diese holt ihre über 80 Jahre alte Holzpuppe Thuy aus dem Versteck, tritt mit ihrem Enkel auf die Schulbühne und erzählt eine bewegende Geschichte.
Thuy tritt eine eigentliche Vietnam-Begeisterungswelle los: Es werden fleissig Holzpuppen gebaut, die Berliner*innen sprechen plötzlich mit den vietnamesischen Ladenbesitzer*innen, kaufen Non Las (die spitzen vietnamesischen Kegelhüte) und vietnamesische Seidenstoffe en masse. In schwindelerregenden Höhen entstehen Affenbrücken aus Bambus und Seilen. Vietnames*innen lernen Deutsch und Deutsche lernen Vietnamesisch (Abendkursleiterin ist Hien) und schliesslich bildet sich sogar ein Verein, um eine vietnamesische Puppenspielertruppe für ein legendäres Gastspiel nach Berlin zu holen.
Herkunft und Integration
All das ist natürlich eine Utopie, aber eine sehr schöne. Und Karin Kalisa flicht in ihrer beschwingten Erzählweise mit viel Witz auch ernste Themen ein. So verleitet das Buch dazu, über Herkunft und Heimat nachzudenken, gerade von Menschen, die bereits in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland - oder wahlweise der Schweiz oder Österreich - leben und die, abgesehen vom Aussehen, kaum mehr etwas mit ihrem "Heimatland" verbindet. Es bietet Anlass, sich Gedanken zu machen über den (mangelnden) Austausch mit unseren Nachbar*innen, Mitschüler*innen, Arbeitskolleg*innen unterschiedlicher kultureller Herkunft. Und es wirft die Frage nach unserer Lebensplanung auf: Wo wollen wir hin? Was möchten wir wirklich machen im Leben? Wie sind wir dort gelandet, wo wir gerade sind?
Fazit
Karin Kalisa entführt uns mit "Sungs Laden" in den Melting Pot Berlin. Die Autorin lässt vor unseren Augen eine Utopie der Völkerverständigung, des Gemeinsinns und der positiven Energie der kulturellen Vielfalt entstehen. 250 Seiten Menschenliebe, Optimismus und Humor zum Eintauchen, Geniessen, Träumen.
Die Fakten
Karin Kalisa
Droemer
Taschenbuch
256 Seiten
Erschienen am 10.01.2017
ISBN: 978-3-426-30566-9
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