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Herzog & de Meuron – 5. Band der Werkmonografie
Vor 25 Jahren erschien der erste Band der von Gerhard Mack herausgegeben Monografie von Herzog & de Meuron, nach Band 6 von 2018 liegt jetzt auch Band 5 vor. Wie immer: intellektuell anregend und ästhetisch ein Vergnügen.
Text: Hubertus Adam – 18. Februar 2021
Bilder: Herzog & de Meuron
Man mag es kaum glauben: 1996, also vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert, erschien bei Birkhäuser der erste Band der schon damals als Das Gesamtwerk titulierten Monografie von Herzog & de Meuron. Enthalten waren Werke der Arbeitsjahre 1989 bis 1991, anders ausgedrückt: die Projekte 48 bis 79, wobei seit je für die interne Zählung des Büros der Planungsbeginn entscheidend ist. Begonnen wurde demnach mit Band 2, Band 1, der die Arbeiten der Jahre 1978-1988 umfasste, kam aufgrund des Rechercheaufwands im Archiv erst 1997 heraus. Ihm folgte 2000 Band 3 (1992-1996), der dann 2005 in einer erweiterten Zweitauflage erschien, weil einige wichtige Projekte – darunter das Forschungs- und Schulungsgebäude für Roche in Basel, die Fünf Höfe in München, das Stadion St. Jakob-Park in Basel und der Apartmentkomplex rue des Suisses in Paris – zum Zeitpunkt der Erstpublikation noch Baustellen gewesen waren. Band 4 (1997-2001) wurde 2009 veröffentlicht, Band 6 (2005-2007) neun Jahre später. Der damit ausgesparte Band 5 (Jahre 2002-2004, Projekte 207-266) ist nun Ende 2020 erschienen.
Design und Redesign
Wurden die ersten beiden Bände von Meissner & Mangold aus Basel gestaltet, oblag die Gestaltung von Band 3 Rémy Zaugg; mit Band 4 unternahm Ludovic Balland ein Redesign, das bis heute beibehalten und nur leicht verfeinert wurde. Die Präsentation der im Hauptteil ausgewählten und auf einen kundigen und instruktiven Essay des Herausgebers Gerhard Mack folgenden Projekte wird seither durch reflektierende Texte von Herzog & de Meuron eingeleitet und erfolgt mithilfe kleinformatiger Abbildungen mit Archivcharakter, welche die Entwurfsgenese anschaulich dokumentieren und es Leser*innen erlauben, auch Vorstudien, Varianten oder den Bauprozess nachzuvollziehen. Grossformatige Pläne und Fotos finden sich komprimiert in separaten Teilen in der zweiten Hälfte des jeweiligen Bandes. Dazu kommen eine Auswahl wichtiger, bereits veröffentlichter Texte und Gespräche der Architekten und eine knappe, aber instruktive, im Layout querformatige Dokumentation sämtlicher Projekte des Zeitraums.
Erfolge und Misserfolge
Rosa Schrift auf senfgelbem Leineneinband: Auch der jüngste Band der Reihe überzeugt durch eine ungewöhnliche und kräftige, an Rémy Zauggs Bilder angelehnte Farbkombination (auch wenn dieser offiziell nur Band 3 verantwortete). Mit der Fertigstellung der Tate Modern im Jahr 2000 waren Herzog & de Meuron endgültig zu einem der weltweit meist beachteten Architekturbüros geworden und die globale Strahlkraft spiegelt sich auch in ihren Projekten der Jahre 2002 bis 2004. Die ikonischen Bauten, die in dieser Zeit wurzeln, sind das Bird’s Nest in Beijing und die Elbphilharmonie. Während die lange Hamburger Leidensgeschichte erst 2016 abgeschlossen war, aber angesichts des unvergleichlichen Erfolgs in der Öffentlichkeit mittlerweile fast vergessen ist, konnte das Olympiastadion fristgerecht 2008 eröffnet werden. Doch bis auf einen kleinen Pavillon im Architekturpark von Jinhua scheiterten die sieben weiteren chinesischen Projekte dieser Zeit. In der chinesischen Boomphase verschwanden Projekte genauso schnell wie sie entstanden waren, und ausländische Architekten waren vielfach überfordert, die diffuse Situation in China zu durchschauen. Für die Entwicklung des eigenen Repertoires war China für H&deM jedoch wichtig: So kehrten etwa die gebrochen versetzten Ziegelsteine, welche bei der Stadterweiterung von Jinhua zum Einsatz kommen sollten, später bei der Erweiterung des Musée Unterlinden in Colmar sowie beim Vitra-Schaudepot in Weil am Rhein wieder.
Auch andere wichtige Projekte blieben unrealisiert: Die Wirtschaftskrise verhinderte in Spanien den Bau des Kulturpalastes von Vitoria ebenso wie die Ciudad del Flamenco in Jerez de la Frontera. Das Moscheeprojekt für Abu Dhabi, bei dem ein schon bestehender Rohbau einbezogen werden muss, scheitert an geschmacklichen Vorstellung des Scheichs.
Grosse Erfolge und grosse Niederlagen finden sich sozusagen Seite an Seite. Wie seit einem Vierteljahrhundert ist die Lektüre des neuen Bandes intellektuell anregend und ästhetisch ein Genuss. Die jetzt vorliegenden sechs Bände enden mit Projektnummer 326 im Jahr 2007, wie ein Besuch der Homepage von H&deM lehrt, ist die Zählung mittlerweile bei 547 angelangt. Stoff für mindestens drei weitere Bände ist also schon jetzt vorhanden. Und damit wäre die Bandzahl des zwischen 1929 und 1970 erschienen Œuvre complète von Le Corbusier, des Klassikers der Gattung, endgültig übertroffen.