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Ein alter Philosophenstreit erhält durch die Ecopop-Initiative neue Aktualität. Dabei geht es um die Rolle des Individuums in der Gesellschaft und die Stellung des Menschens in seiner Umwelt.
Blogreihe zur Ecopop-Initiative
Dieser Beitrag ist Teil einer Blogreihe zur bevorstehenden Volksabstimmung über die Ecopop-Initiative. Diese Blogreihe analysiert im Hinblick auf den 30. November das Argumentarium der Initianten und reflektiert über potentielle Folgen einer Annahme der Initiative.
Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen ist das erklärte Ziel der Ecopop-Initiative. Die Ursache der Umweltzerstörung wird in der steigenden Bevölkerungsdichte der Schweiz vermutet. Die Lösung soll durch eine radikale Begrenzung zwischenstaatlicher Mobilität und Familienplanung in der Dritten Welt erreicht werden. Die Gegner des Anliegens betonen, dass die Initiative freiheitsfeindlich sei und die Falschen getroffen werden. Diese Debatte erinnert an einen alten Philosophenstreit zwischen den Anhängern eines kritischen Rationalismus und den Anhängern einer kollektiven Idealismus. Der Vergleich mit Ecopop zeigt, warum es im Kern wirklich geht: einen Wettstreit gesellschaftlicher Weltanschauungen anstatt einer Frage der Nachhaltigkeit.
Eine idealtypische Unterscheidung dieser zwei Weltanschauungen unternimmt der renommierte britische Wissenschaftsphilosoph Sir Karl Popper in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945). Darin unterscheidet er zwischen einer offenen Gesellschaft basierend auf liberal-demokratischen Werten und einer geschlossenen Gesellschaft basierend auf holistisch-kollektivistischen Werten. Popper sieht die offene Gesellschaft als Voraussetzung einer liberal-demokratischen Staatsordnung und sieht die geschlossene Gesellschaft als Vorstufe zu Totalitarismus und Faschismus. Diese unterschiedlichen ideengeschichtlichen Positionen lassen sich am besten in der Wahrnehmung des Nationalstaates festmachen.
Vom Willen zur Selbstkritik
In einer offenen Gesellschaft ist der Nationalstaat ein Mittel zum Zweck der Garantierung der Grundfreiheiten seiner Bürgerinnen und Bürger. Fortschritt soll ermöglicht werden zur laufenden Verbesserung der menschlichen Lebensumstände. Die tragenden Elemente dieser Gesellschaft sind der Wille zur Selbstkritik, das Eingestehen von Irrtümern, die Selbstverantwortung und die Fähigkeit an sich zu arbeiten. Diese Eigenschaften beschreiben das kritisch-rationale Prinzip des Popper’schen Denkens.
Ganz anders verhält es sich in einer geschlossenen Gesellschaft. Denn dort ist der Nationalstaat Selbstzweck und wird als ein in sich harmonisches System definiert, welches erst durch äussere Einflüsse in seinem Zweck bedroht ist. Damit immunisiert sich diese Gesellschaft gegen Kritik. Popper identifiziert diese Position unter anderem mit dem griechischen Denker Platon oder dem deutschen Philosophen Hegel. Deren Weltanschauung, so seine Kritik, basiere auf einer historizistischen und essentialistischen Vorstellung. Dies bedeutet, dass dem Geschichtsverlauf ein tieferer Sinn zugeordnet wird unter Verweis auf ein höheres Prinzip, einer Essenz, welche eine ideale Gesellschaft repräsentiert. Wird das Handeln in den Dienst eines solchen höheren Prinzips gestellt, wird einem nicht hinterfragten Ideal nachgelebt und die Konsequenzen im richtigen Leben werden ignoriert.
Eine offene Gesellschaft setzt sich dem Risiko des Irrtums aus, ist bereit zu Veränderungen und ermöglicht damit gesellschaftlichen Fortschritt. Eine geschlossene Gesellschaft hingegen ist starr, nicht kritikfähig und verunmöglicht dadurch den Fortschritt. Was hat dies mit der Ecopop-Bewegung zu tun? Umweltzerstörung, das Problem das Ecopop adressieren möchte, kann als Irrtum im Popper’schen Sinne verstanden werden. Vom Überlebensinstinkt getriebener Wille zur Beherrschung der Natur hat dazu geführt, dass der Mensch begann seine eigene Lebensgrundlage zu zerstören.
Die Feinde der ökologischen Gesellschaft
Eine offene Gesellschaft gesteht sich diesen Irrtum ein, überdenkt die Konsequenzen ihres Handelns und ist in der Folge darum bemüht, Wirtschaft und Gesellschaft ökologisch nachhaltig zu gestalten. Aus der Optik einer geschlossenen Gesellschaft hingegen ist der Nationalstaat in sich harmonisch und nachhaltig, er muss sich weder kritisieren lassen, noch wird seine Zweckerfüllung in Frage gestellt. Stattdessen werden die Einflüsse von ausserhalb für negative Entwicklungen verantwortlich gemacht. Im Falle der Ecopop-Initiative sind das die Zuwanderer, welche die Schweizer Umwelt belasten und die Bevölkerung in der Dritten Welt welche sich unökologisch viele Kinder leistet. Das höhere Ideal, welches über die realweltlichen Konsequenzen gestellt wird, ist in diesem Fall das Wohl der Natur. Umweltschutz soll nicht betrieben werden, weil damit die menschlichen Lebensbedingungen positiv beeinflusst werden können, sondern der Mensch soll zu Gunsten der Natur als höherem Ideal seine Rechte einschränken. Darin liegt der immanent freiheitsfeindliche Kern der Ecopop-Initiative: Umweltschutz dient nicht mehr dem Erhalt einer freiheitlichen Gesellschaft, sondern der Mensch soll auf seine Freiheit verzichten, weil die Natur Vorrang geniesst. Der Haken daran ist, dass damit nicht nur die gesellschaftliche Freiheit gefährdet wird, sondern gleichzeitig auch eine ökologische Politik torpediert wird.
Die Feinde der ökologischen Gesellschaft sind genau jene, welche es vernachlässigen das eigene Umweltverhalten zu kritisieren und stattdessen damit begnügen auf andere zu zeigen. Eine ökologische Gesellschaft kann nur gelingen, wenn wir uns damit auseinandersetzen, wie Institutionen und unser wirtschaftliches sowie gesellschaftliches Handeln die Umwelt beeinträchtigen und uns eigenverantwortlich um bessere politische Lösungen bemühen. Ohne Willen zur Veränderung geht dies nicht, genau dies aber will uns Ecopop weismachen. Wer interessiert ist an einer ökologischen Politik, darf die offene Gesellschaft und den gesellschaftlichen Fortschritt nicht ablehnen.