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von Josua Schmeitzky, MSc
Spätestens nach dem Zusammenbruch der Grossbank „Lehman Brothers“, wurde in der Öffentlichkeit über die Ursache der grössten Finanzkrise seit Jahrzenten diskutiert. In den hitzig geführten Debatten kam immer wieder die Gier und das unethische Verhalten der reichen Banker zur Sprache. Handelt es sich hierbei lediglich um Klischees oder ist da was Wahres dran? Wie nun Gier, Reichtum und unethisches Verhalten zusammenhängen beschäftigt die Menschheit seit geraumer Zeit. So bezeichneten schon Plato und Aristoteles Gier als Wurzel von unethischen Handlungen. Auch religiöse Lehren haben sich dieser Thematik angenommen. Im Christentum beispielsweise wird mit dem Gleichnis „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ die Armut gepriesen und der Reichtum getadelt. Was sagt aber die moderne Forschung dazu?
Um eine wissenschaftliche Aussage über das Zusammenspiel von Gier, sozialem Status und unethischem Verhalten zu ermöglichen wurden mehrere Studien und Experiment durchgeführt. Bei zweien von diesen Studien handelte es sich um Beobachtungsstudien, die das Missachten von Verkehrsregeln auf einer viel befahrenen Strasse in San Francisco untersuchten. Dabei wurde beobachtet welche Fahrer die Vortrittsrechte von anderen Verkehrsteilnehmern und Fussgängern verletzten. Da die Marke eines Autos ein relativ zuverlässiges Mass des sozialen Status ist, wurde jedes beobachtete Auto einer entsprechenden Kategorie zugeteilt. Die Beobachtungen lassen die Schlussfolgerung zu, dass Autos deren Fahrer eher einem relativ hohen sozialen Status zugeordnet werden können, stärker dazu tendieren Vortrittsrechte anderer zu missachten.
In einer weiteren Studie wurde zudem untersucht, ob die subjektive Wahrnehmung des eigenen sozialen Status einen direkten Effekt auf unethisches Verhalten hat. In einer Untersuchungsgruppe mussten sich die Probanden mit Personen vergleichen, die zu den reichsten der Gesellschaft zählen. Dies führte dazu, dass Personen in dieser Gruppe dazu tendierten, ihren sozialen Status zu unterschätzen. Im Gegensatz dazu mussten sich die Probanden der anderen Gruppe mit den Ärmsten der Gesellschaft vergleichen. Dieser soziale Vergleich brachte die Probanden dazu ihren sozialen Status zu überschätzen. Die durch den sozialen Vergleich hervorgerufene Veränderung des subjektiv wahrgenommenen sozialen Status schlug sich schlussendlich auch im Entscheidungsverhalten der Probanden nieder. So trafen Personen, die ihren sozialen Status überschätzen eher unethische Entscheidungen (z. B. das Mitnehmen von Süssigkeiten, die eigentlich für Kinder bestimmt waren) als Personen, die ihren sozialen Status als eher gering wahrnahmen. Diesen Ergebnissen zufolge tendieren Menschen also vermehrt zu unethischen Entscheidungen sobald sich ihr sozialer Status erhöht.
Darüberhinaus wurde in weiteren Studien noch untersucht inwiefern die Einstellung gegenüber Gier eine Rolle im Zusammenhang zwischen sozialem Status und unethischem Verhalten spielt. So wurde in einer Untersuchung festgestellt, dass Personen mit einem höheren sozialen Status auch eine positivere Einstellung gegenüber Gier hatten. Zudem zeigten auch Personen mit einem relativ geringen sozialen Status vermehrt unethisches Verhalten, wenn sie davon überzeugt wurden, eine positive Einstellung gegenüber Gier einzunehmen.
Gier und unethisches Verhalten kommen in jeder sozialen Schicht vor. Die Ergebnisse der hier genannten Studien deuten jedoch darauf hin, dass nicht jede Gesellschaftsschicht im gleichen Ausmass von Gier und unethischem Verhalten durchdrungen ist. Für diese Resultate gibt es mehrere Erklärungsansätze. Einerseits können Personen mit einem hohen sozialen Status aufgrund ihres finanziellen Reichtums die negativen Konsequenzen ihres unethischen Verhaltens oft ohne grosse Probleme bewältigen. So ist beispielsweise eine Geldbusse aufgrund eines Verkehrsdeliktes für Personen der Oberschicht leichter zu verkraften, als für jemanden der Unterschicht. Zudem kann die Unabhängigkeit von anderen zu Anspruchsdenken, geringerer Bedenken bezüglich der Meinungen anderer und mehr Egoismus führen. Die Autoren dieser Studien gehen davon aus, dass all diese Aspekte zu einer positiveren Einstellung gegenüber Gier und dem damit einhergehenden unethischen Verhalten führen.
Da die meisten Probanden dieser Studie eher der Mittelschicht zuzuordnen sind, kann man diese Ergebnisse jedoch nicht ohne Vorbehalt auf die Superreichen und Armen generalisieren. Dies zeigt auch die erhöhte Kriminalitätsrate bei Personen mit einem sehr geringen sozialen Status. Im Spektrum der Mittelschicht (untere bis höhere Mittelschicht) scheint es aber tatsächlich so zu sein, dass mit höherem sozialen Status die Tendenz unethisches Verhalten an den Tag zu legen zunimmt.
Quelle: Piff, P. K., Stancato, D. M., Côté, S., Mendoza-Denton, R., & Keltner, D. (2012). PNAS Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 109(11), 4086-4091.
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