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Gendern – ein Drama in vielen Akten
In neuen Kreisen stelle ich mich als “Vivi” vor. Viviane wird oft zu Vivienne, was mich persönlich nicht mega stört – aber halt genug, dass ich es in der Regel anspreche. “Hey, ich hans lieber wennd mir Vivi seisch, eifachheitshalber.” Kein Problem, die Menschen entschuldigen sich und passen sich meinen Wünschen an. Noch nie hat sich jemand beschwert.
Ein Problem werden die Korrekturen für viele dann, wenn sie mich als Lehrer bezeichnen – ich weise sie dann kurz darauf hin, dass ich eine Lehrerin bin. Und dann beginnt das Drama.
Erster Akt: Frauen auf’s Tapet
Szene 1
Vivi: Stellt euch einen Fussballer vor. Zeichnet diesen Sportler als Skizze in euer
Heft.
[Schüler:innen zeichnen ausschliesslich männliche Fussballer]
Szene 2
Vivi: Stellt euch einen Pilot oder eine Pilotin vor. Zeichnet diese Person als Skizze
in euer Heft.
[Schüler:innen zeichnen zwar immernoch hauptsächlich männliche Piloten, jedoch auch drei Pilotinnen]
Wird gegendert – egal in welcher Form – werden Frauen gedanklich mehr einbezogen. Dies zeigen verschiedene Studien.1,2 Die Ergebnisse der Studien implizieren eher eine männlich voreingenommene als eine geschlechtsneutrale Interpretation des Männlichen – trotz weit verbreiteter Verwendung des Männlichen als geschlechtsneutrale Form – was darauf hindeutet, dass männliche Formen nicht ausreichen, um die Geschlechter gleichberechtigt darzustellen.3
Zweiter Akt: Die Spenglerin engagieren, den Pflegefachmann anrufen
Szene 1
Maler:in X: Hey Vivi, hast du noch einen Jungen in deiner Klasse, der auf die
Baustelle will? Wir haben noch offene Lehrstellen.
Vivi: [seufzt] Wir haben bereits für alle Jugendlichen eine Anschlusslösung
gefunden. Aber versucht’s doch mal damit, Frauen für den Beruf zu
begeistern?
Szene 2
Vivi: Und, weisst du schon, wo du den Zukunftstag verbringst?
Schülerin: Keine Ahnung, in der Kinderkrippe oder KV irgendwo.
Vivi: Wie wär’s mit Schreinerin? Du hast tolle Noten im Werken und machst es
glaube ich auch gerne, oder?
Schülerin: [empört] Nein, SIIIIIIIEEEEEE !! Ich bin doch kein Mann!!
Gottfredson (1981) postulierte, dass sich Personen bei der Berufswahl einfacher mit einem Kompromiss bzgl. Interesse und Prestige als bzgl. Geschlechtstypik arrangieren. Sie wählen also lieber einen Beruf, der sie nicht interessiert oder wenig Prestige hat, als einen geschlechtsuntypischen Beruf zu wählen. Männlich formulierte Stellenanzeigen dagegen führen dazu, dass Frauen den Job bei gleicher Qualifizierung seltener bekommen. Werden beide Geschlechter genannt, ändert sich das.4 Die Darstellung von Berufsbezeichnungen in Paarformen und nicht in generischen männlichen Formen stärkte die Selbstwirksamkeit der Kinder in Bezug auf traditionell männliche Berufe und kann so den Fachkräftemängeln in vielen Berufen entgegenwirken.5
Dritter Akt: Sprache ändern, Gedanken steuern
Person X: Cooler Typ vorhin, woher kennst du ihn?
Vivi: Wir kennen uns noch von der Schule. Aber sie möchte lieber als Frau
angesprochen werden.
Person X: (Version 1) Ah sorry! Was studiert sie eigentlich?
Person X: (Version 2) Hää, aber er sieht aus wie ein Mann. Äh sie.
Menschen, die das Pronomen “hen” zur Beschreibung von Leuten nutzen sollten, waren in einer Folgebefragung positiver gegenüber Frauen in der Politik und der LGBT-Community eingestellt.6 Sprache wandelt sich und passt sich der Gesellschaft an. Oder die Sprache wandelt sich aufgrund äusserer Einflüsse und in der Gesellschaft beginnt ein Umdenken. Zuletzt sind bespielsweise 3000 neue Wörter in den Duden aufgenommen worden (darunter „oldschool” oder „Uploadfilter“), 300 Begriffe sind rausgeflogen (zum Beispiel „Kebsehe“, die Hochzeit mit einer Leibeigenen). Das wird auch dieses Jahr so sein.
Ich persönlich setze mich dafür ein, dass alle öffentlichen Texte gegendert sind. Die JGLP hat sich beispielsweise aktuell auf den Doppelpunkt oder Doppelbezeichnungen geeinigt, grundsätzlich spielt die Art des Genderns aber keine Rolle aus meiner Sicht. Am besten, wir geben uns alle Mühe, Menschen auch in unserer Sprache zu inkludieren und zu respektieren – es tut nicht weh, glaubt mir 😉
1. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0261927X01020004004
2. https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1026//0033-3<ip-pii>
3. https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/0163853X.2018.1541382
4. https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/1368430218771742?casa_token=Iersm6RXRn4AAAAA:-BEF8LZL7UxmYgsXoLkg8KdVhXNLBzvGKSP0-Y87oEDIdRGJbpNn012XHf4K9jBLYh6Og7pRl_w
5. https://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1027/1864-9335/a000229?journalCode=zsp
6. https://www.pnas.org/doi/pdf/10.1073/pnas.1908156116
Viviane Kägi