Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03136.jsonl.gz/2181

Das Staatsarchiv an der Martinsgasse

Herr G. / 29. Januar 2013:
Heute war zu lesen dass das Staatsarchiv in den nächsten zehn Jahren ins St.Johann verlegt werden soll. Das alte Staatsarchiv an der Martinsgasse ist zu alt und zu eng geworden. Ich war einigemal dort, und habe mich immer gefragt wie alt das Gebäude eigentlich ist, das ein bißchen wie ein Kloster aussieht. Was das früher einmal etwas anderes oder immer ein Archiv.
Antwort von altbasel.ch:
Das Staatsarchiv hinter dem Rathaus wurde 1898/99 eigens als Archivgebäude errichtet. Sein historisches anmutendes Äusseres ist Absicht. Der Archivbau ist ein Vermächnis des Staatsarchivars Rudolf Wackernagel (1855-1925), der die Herkulesarbeit vollbrachte, historische Basler Archivbestände neu zu erfassen, zu ordnen und unter einem Dach zu vereinigen. Zuvor waren Dokumente und Akten an verschiedenen Orten gelagert worden.
Der Magazinbau von 1898/99 beim Sevogelbrunnen am Martinskirchplatz, an den hinten der Gebäudeteil anschliesst der die Verwaltung und den Bereich für die Benutzer aufnimmt.
Verhältnisse vor dem Bau des Staatsarchivs
Von städtischen Archivbeständen ist bereits im 14. Jahrhundert die Rede; ironischerweise im Zusammenhang mit deren Verlust beim Erdbeben 1356. Viel später schuf mit der Geheimen Registratur aus dem Jahr 1487 der spätere Stadtschreiber Hans Gerster (gestorben 1531) ein Archivverzeichnis das bis 1897 Anwendung fand. Das Archiv seiner Tage befand sich in drei 1482/83 erbauten Gewölbekammern im Rathaus.
Zu diesen gesellte sich 1535/38 das Obere Gewölbe. Bis der nachmalige Bürgermeister Johann Werner Ringler (1570-1630) die neu hinzugekommenen Unterlagen des 15. Jahrhunderts ordnete, stand es mit dem Archivwesen oft übel. Es blieb auch bis ins 19. Jahrhundert ein Stiefkind der Verwaltung. Noch Johannes Krug (1795-1866, ab 1818 städtischer Registrator, ab 1834 Archivar) kämpfte mit der Verzettlung der Bestände.
Wackernagel fand bei Amtsantritt viele Unterlagen in Räumen des Rathauses untergebracht vor, während andere im Kreuzgang zu St.Leonhard und im Bischofshof an der Rittergasse lagerten. Die Lagerräume waren zuweilen feucht und für Gelehrte die historische Dokumente studieren wollten weder einladend noch geeignet. Das Archivgut verstaubte vielfach in uralten Räumlichkeiten, in ungeeignete Behältnisse verstaut.
Im Estrich des Kreuzgangs zu St.Leonhard lagen etwa Dokumente, die früher in Gewölben des Münsters aufbewahrt wurden. Von dort aus gelangten sie im 19. Jahrhundert in den Saal über dem Münsterkreuzgang und den Bischofshof. Als dort die Räume anderweitig gebraucht wurde, beschloss man 1868 die Bestände des Münsterarchivs nach St.Leonhard zu verlegen. All diese Orte waren nie zu Lagerung von Archivalien gedacht.
Das mehrfache Umziehen und die dezentrale Lagerung dieser historischen Unterlagen waren der Übersichtlichtkeit nicht zuträglich. Von der Benutzerfreundlichkeit ganz zu schweigen. Vermutlich nahmen die zu St.Leonhard untergebrachten Bestände durch Feuchtigkeit jene Schäden, die bis heute deutliche Narben hinterlassen haben. Dem 1877 zum Archivar berufenen Wackernagel war daher ein Staatsarchiv ein Anliegen.
Vom Gedanken zum Bauprojekt
Schon 1882 unterstrich Wackernagel, dass die herrschenden Raumverhältnisse denen eines Archivs nicht gerecht würden, und brachte den Gedanken eines Neubaus im Rathausgarten an der Martinsgasse ins Spiel. Ein solches Gebäude tat bitter Not, denn fortwährend kamen zu den alten Dokumenten neue hinzu, wie etwa jene der 1875 aufgelösten Stadtgemeinde oder 1893 das Archiv der Einwohnergemeinde von Kleinhüningen.
Das Bewusstsein dass es wie bisher nicht weitergehen konnte reifte in der städtischen Verwaltung allmählich heran, bis der Entschluss fiel einen Neubau zu errichten, in dem alle Archivalien aus Basels Vergangenheit zentral gelagert werden konnten. Das hinter dem Rathaus erstellte Gebäude des Staatsarchivs mit seinen mittelalterlich-sakralen Zügen, ist auch ein steingewordener Zeuge der Ideale Wackernagels und seiner Zeit.
Das 1898/99 erbaute Archiv an der Martinsgasse
Im Rahmen des bis 1904 erfolgten Umbaus des Rathauses, entstand als Teil davon als erstes das Staatsarchiv nach Plänen von Eduard Vischer (1843-1929) und Eduard Fueter (1845-1901). Erbaut in einer Mischung aus Neogotik und Neorenaissance, gliederte sich das Staatsachiv in drei Teile. An den zentralen Bau für Verwaltung und Nutzung mit dem Lesesaal schloss das Magazingebäude zum Martinskirchplatz hin an.
Die Grünfläche vor dem Eingang war umrahmt von einer kreuzgangartigen Wandelhalle mit romanischen Elementen, die an die Wurzeln der Archive in den Klöstern erinnerte. Die Wirkung dieses Ganges wird durch die 1942/46 entstandenen Fresken von Heinrich Altherr (1878-1947) verstärkt. Es sind düstere und kraftvolle Werke, die den Geist der Tage atmen in denen der Zweite Weltkrieg die Menschheit peinigte.
Ein Wandbild beschwört die Apokalypse über Basel. Dann sieht man fliehende Massen, dunkle Himmel und ein Münster in Flammen. Als Verneigung vor dem Staatsarchiv und seiner Funktion, erscheint in Altherrs Strom aus schweren Farben ein Geschichtsschreiber, eine rote Chronik haltend, als wollte er dem Betrachter mahnend die immer wieder ignorierten Lehren der Geschichte vor Augen führen - ohne Vergangenheit keine Zukunft.
Der Hof mit dem an ein Kloster mahnenden Kreuzgang des Staatsarchivs an der Martinsgasse. Das schmiedeeiserne Hofgitter stammt vom Reinacherhof in der St.Johanns-Vorstadt 3.
Zu den ersten Dokumenten die im neuen Archiv Einzug hielten, gehörten im Oktober 1899 die städtischen Urkunden, die Urkunden des Klosterarchivs so wie die Haus- und Personalurkunden. Sie bekamen im Urkundensaal ein neues Domizil. Am 16. Oktober begann man mit dem viertägigen Umzug weiterer Archivalien aus dem Bischofshof und dem Rathaus. 1054 Rückenlasten und 317 Kistenladungen waren zum Transport notwendig.
Die Arbeitsräume des Staatsarchives waren am 2. November 1899 bezugsbereit. Der Regierungsrat besichtigte die Liegenschaft am 25. November, während der Grosse Rat Mitte Dezember einen Augenschein nahm. Ein bis heute in Gebrauch stehendes Souvenir aus alten Zeiten bilden die Schubladenkästen des Historischen Grundbuchs. Sie wurden 1536 vom Kunsttischler Jakob Steiner (gestorben um 1553) für das Obere Gewölbe gefertigt.
Die Renaissancekästen waren nicht die einzigen historischen Relikte die im neuen Archiv einen Platz bekamen. So stammte zum Beispiel das Hofgitter vom barocken Reinacherhof in der St.Johann-Vorstadts, während der Lesesaal eine Eichentür bekam die einst zur Leonhardskirche gehörte. Aus dem ehemaligen Gasthaus zum Engel in der Spalenvorstadt gelangten zwei spätgotische Fenstersäulen in die Fensterreihe des Lesesaals.
Ausblick
Nach dem aktuell kommunizierten Stand könnte das projektierte neue Gebäude für das Naturhistorische Museum und das Staatsarchiv beim Bahnhof St.Johann frühestens 2020/21 bezogen werden. Die Räumlichkeiten des Staatsarchivs von 1899 sollen nach dem Wegzug vom Präsidialdepartement belegt werden. Ob die mit dem Archiv verbundenen öffentlichen Räume im Rathauskomplex danach weiterhin öffentlich zugänglich bleiben ist nicht absehbar.
Zusammenfassung
Das Staatsarchiv an der Martinsgasse wurde auf Betreiben von Archivar Rudolf Wackernagel hin 1898/99 von den Architekten Eduard Vischer und Eduard Fueter erbaut. Erste städtische Archive gab es nachweislich bereits im 14. Jahrhundert. Archivräume wurden 1482/83 im Rathaus eingerichtet. Das unterschiedlich sorgfältig betreute Archivwesen erfuhr erst im 19. und 20. Jahrhundert eine umfassende Strukturierung.
Mit dem Bau des Staatsarchivs konnten die alten Archivräume zu St.Leonhard, im Bischofshof und im Rathaus aufgehoben worden. Einige dieser Lokale waren wenig geeignet zum Lagerung von Archivalien und zur Nutzung durch Forscher. Der dreiteilige Neubau wurde primär mit Elementen im Stile der Neogotik und der Neorenaissance erstellt. Der romanisch inspirierte Kreuzgang soll an die Klöster als Wiege des Archivwesens erinnern.
Beitrag erstellt 31.12.12
Quellen:
Rolf Brönnimann, Basler Bauten 1860-1910, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1973, ISBN 3-7190-0624-7, Seite 123
Daniel Hagmann, Beitrag "Taxidienste für Basels Geschichte", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 112, herausgeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Schwabe Verlag AG, Basel, 2012, ISBN 978-3-7965-2910-8, ISSN 0067-4540, Seiten 34 und 35 (Wackernagel und Archivgebäude)
August Huber, Beitrag "Das Staatsarchiv und seine Kunstdenkmäler", publiziert in Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 1, herausgegeben von der Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenkmäler, Birkhäuser Verlag, Basel, 1932/71, Seiten 650 bis 652 (historische Baulelemente im Staatsarchiv)
Dorothee Huber, Architekturführer Basel, herausgegeben vom Architekturmuseum in Basel, 2. Auflage 1996, ISBN 3-905065-22-3, Seite 190
Paul Roth, Beitrag "Fünfzig Jahre Staatsarchiv an der Martinsgasse", publiziert in Festschrift des Staatsarchivs Basel Stadt 1899-1949, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1949, Seiten 9 (Bau und Bezug des Staatsarchivs), 12 bis 13 (Ausführungen zum Gebäude), 17 (Geschichte des Basler Archivwesens)
Andreas Staehelin, Die Geschichte des Staatsarchivs Basel, Quellen und Forschungen zur Basler Geschichte, herausgegeben vom Staatsarchiv Basel-Stadt, Kommissionsverlag Friedrich Reinhardt AG, Basel, 2007, ISBN 978-3-7245-1488-6, Seiten 14 bis 17 (Anfänge des Archivs bis ins 18. Jahrhundert), 47, 50, 62 bis 63, 81 bis 82 (Zeit von Archivar Krug und Verhältnisse vor Wackernagel), 102, 115, 116 (Wackernagel und neues Archiv)