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Bevor ich Erfahrungen als Single reflektiere, ein Wort zum Erzählen und zum Erinnern. Joan Didion, die Journalistin und Autorin, die moderne amerikanische Literatur massgeblich mitprägte, schrieb selbstkritisch über ihre eigene schreiberische Tätigkeit: «Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Die Prinzessin ist im Turm eingesperrt. Der Mann mit den Bonbons wird die Kinder ins Meer locken. Die nackte Frau auf dem Fenstersims im sechzehnten Stock ist ein Opfer der Trägheit, oder die nackte Frau ist eine Exhibitionistin, und es wäre ‹interessant› zu wissen, was von beidem stimmt … Wir suchen nach der im Selbstmord enthaltenen Predigt, nach der sozialen oder moralischen Lehre im fünffachen Mord. Wir interpretieren, was wir sehen, wir wählen unter den vielfältigen Möglichkeiten die brauchbarste aus» (Joan Didion, Das weisse Album, S. 11-12).
Geschichte ist Sinnproduktion
Mit anderen Worten: Wir schneidern uns unsere Geschichten so zurecht, dass Sie für uns Sinn ergeben. Wir wollen, dass das, was wir erleben, Wert hat. Dass, wenn wir Schmerzhaftes erleben, wenigstens anderen mit unserer Geschichte helfen können. Wir verzwecken und verallgemeinern unsere Biografien. Doch das ist mit Vorsicht zu geniessen.
Subjektive Lebenserfahrungen, so sehr sie selbstkritisch reflektiert werden, können nicht in universelle Lebensweisheiten übersetzt werden.
Auch wenn wir uns so etwas wünschen und bunte Zitatkacheln oder stimmungsvolle Reels in den sozialen Medien suggerieren, dass wir alles in ästhetische Metaerkenntnisse umwandeln können.
Eine Frage der Perspektive
Wenn ich schreibe, dass mir «sofort» nach der Trennung klar war, dass ich Single bleiben wollte, stimmt das. Allerdings kann ich das erst rückblickend so formulieren, weil ich jetzt meine zu erkennen, dass ich mich, bewusst oder unbewusst, für diese Variante entschied. Ich schreibe diese Zeilen nicht unmittelbar nach der Trennung, sondern mit Abstand.
Am Anfang hätte ich gar nicht die Fähigkeit gehabt, überhaupt irgendetwas in Worte zu fassen, oder etwas zu erzählen, dass einen klaren Strang ergibt.
Damals war ich mittendrin und es fühlte sich nicht wie eine Erzählung mit klarer Richtung an, sondern wie ein Waten im Sumpf. Es war orientierungslos, verwirrend und verunsichernd.
Ein Wort zu «Erinnerungsschlaufen»
Was hier folgt, sind Stationen, die ich aus Erinnerungen angeordnet habe. Ich habe sie zu einem Zeitpunkt geschrieben, an dem ich nicht mehr im Sumpf der eigenen Gefühle stecke. Heute interpretiere ich einen Faden hinein. Obwohl das Erlebte chronologisch klingt, habe ich nicht alles in derjenigen Reihenfolge erlebt, in der ich es schildere. Vieles bleibt ungesagt. Denn es ist nicht nur meine Geschichte. Es kommen Menschen darin vor, die ein eigenes Leben und eine eigene Perspektive darauf haben. Diese Erzählung ist keine Komposition mit Klimax und Katharsis.
Es handelt sich um Erinnerungsschlaufen, die wir Menschen immer wieder aufs Neue durchlaufen.
Mein erster Halt in dieser Schlaufe: Der Prozess des Alleinwerdens, wie ich es nennen würde.
Was nach dem Ende kam
Nach der Trennung war mir sofort klar, dass ich alleine bleiben wollte. Ich war, ohne dass ich es gemerkt hatte, erwachsen geworden in dieser Beziehung. Irgendwo zwischen Verliebtheit und Beziehungsende hatte ich mich selbst verloren.
Erschrocken stand ich vor den Scherben einer Beziehung, aber noch viel mehr vor einer unbekannten Frau.
Mein Selbstwert hatte sich davon genährt, dass ich es «geschafft» hatte. Dass ich in einer Beziehung, die Freundin von jemandem gewesen war. Schon seltsam: In Filmen hatte ich diejenigen Frauen immer am meisten bewundert, die sich gegen soziale Konventionen und weibliche Abhängigkeiten aufgelehnt hatten. Elizabeth Bennet aus «Stolz und Vorurteil» oder Jo March aus «Little Women» waren meine Heldinnen. Auch nach aussen setzte ich mich seit einigen Jahren lautstark als Feministin ein. Doch in meinem Privatleben hatte ich offensichtlich ganz andere Dinge geglaubt und gelebt. Ein ernüchternder Hammerschlag.
Das Ding mit der halbierten Kugel
Trotzdem war die Entscheidung, allein zu bleiben, einfacher formuliert als gelebt. Selbst wenn man freiwillig allein bleibt, heisst es nicht, dass es einem leicht fällt oder die Gefühle automatisch derselben Meinung sind. Wer kennt ihn nicht, den griechischen Mythos der Kugelmenschen: Aus göttlicher Strafe wurden Menschen, einst kugelförmige Wesen mit zwei Köpfen und je vier Armen und Beinen, halbiert. So schildert es Platon im «Symposion». Darin wird ein fiktives, philosophisches Tischgespräch zu Liebe reflektiert. Gemäss diesem Mythos, der die Kraft der Liebe oder des Begehrens erklären soll, ist nach dieser Teilung jede Person dazu verurteilt, ihre Vervollständigung zu suchen: die andere Hälfte ihrer Kugel, die wahre Seelenverwandtschaft, die alles gut macht.
Am Anfang einer Trennung fühlt man sich wirklich wie eine halbierte Kugel.
Wo vorher eine Person gewesen war, ein lebendes, denkendes, sprechendes, warmes Wesen, das Raum und Herz gefüllt hatte, trat Leere ein.
Die Hälfte des Betts und der Stuhl gegenüber beim Essen blieben leer, aber auch die Abende in gemeinsamen Freund:innenkreisen fielen weg. Es war wie Marie Kondo, nur mit Menschen. Ausser, dass man Menschen eigentlich nicht gerne ausmistet. Die Paartherapeutin Alexandra Solomon schreibt: «Das Ende einer Beziehung ist das Ende einer eingebildeten Zukunft.» Man verabschiedet sich von den Plänen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Ideen, die man an die Gegenwart einer bestimmten Person geknüpft hat. Die Seiten eines Buchs, die man mit dem gemeinsamen Leben füllen wollte, werden herausgerissen. Ende der Geschichte.
Am liebsten würde man gleich das nächste Buch, die nächste grosse Erzählung öffnen und die Gewissheit haben, dass alles letzten Endes gut wird. Dass alles, was kommen wird, Sinn ergibt. Dass es in jedem Fall ein persönliches Happy End gibt.
Keine Garantie auf ein Happy End
Doch so läuft das Leben nicht. Happy Ends gibt es in Hollywood, für den Rest ist die Realität zuständig, das schrieb auch Leela («Dating»-Serie). Der Witz ist ja gerade, dass man nicht weiss, wie die Geschichte ausgeht und trotzdem das Vertrauen und die Hoffnung entwickelt, dass es gut geht. Nicht, weil es so kommt, wie man es sich vorgestellt hat, oder weil man rückblickend überall Sinnhaftigkeit erkennt, sondern weil man lernt, mit solchen Situationen zu leben. Weil man ein «Trotzdem» entwickelt und merkt, dass man glücklicherweise kein Kugelmensch ist. In diesem ersten Moment der Trennung blieben jedenfalls alle Fragen und Ängste unbeantwortet. Zum ersten Mal in meinem Leben, mit knapp 28, lebte ich auf unbestimmte Zeit allein.
Graphik: Rodja Galli