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Die von Taja Gut begründete Kulturzeitschrift erschien 1982 bis 1990 in 28 Nummern, die ersten acht Ausgaben als Halbjahresschrift unter dem Namen Kaspar Hauser (1982–1985), die restlichen zwanzig Hefte als Vierteljahresschrift Individualität (1986–1990).
Redaktion und Herausgeber: Taja Gut, die Hefte Nr. 2 bis 20 in Zusammenarbeit mit Jonathan Stauffer.
Zunächst als Halbjahreszeitschrift unter dem Namen Kaspar Hauser, ab 1986 vierteljährlich unter dem neuen Namen erschienen, war Individualität als eine Publikation gedacht, die zu aktuellen Fragen der Kultur und Gesellschaft so Stellung nahm, dass sie die Leserin und den Leser in einen Erkenntnisprozess einbezog. Die Hefte waren von Anfang an thematisch konzipiert, das Ganze als eine ins Offene wachsende Basis-Bibliothek im Sinne einer «Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten» (Hölderlin) gesehen, die weit über das Erscheinungsdatum hinaus Bestand haben sollte. Daher wurde der sprachlich-literarischen Form hohen Wert beigemessen.
Die Idee dazu fasste Taja Gut 1981, während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Norwegen, durch die Bekanntschaft und Freundschaft mit den Herausgebern einer norwegischen Kulturzeitschrift, Arken («Die Arche»), Kaj Skagen und Peter Normann Waage, die zum Vorbild wurde und mit der in der Folge eine rege Zusammenarbeit stattfand. Das erste Heft redigierte, übersetzte, schrieb er im Verlauf des Jahres 1981, setzte und layoutetet es anschließend selbst. Es erschien im Januar 1982 im Selbstverlag in einer Auflage von 1000 Exemplaren.
Nach der ersten Nummer stieß Jonathan Stauffer dazu, der als gelernter Verlagsbuchhändler das notwendige Fachwissen und herstellerische Können mitbrachte. Nach Heft 20 war es ihm aus beruflichen Gründen nicht mehr möglich mitzuwirken. Den Vertrieb besorgte zunächst Ursula Gut-Aebi, bis Ende 1985 Johannes M. Mayer vom Verlag Urachhaus anerbot, die Zeitschrift in sein Programm aufzunehmen, bei voller Wahrung der herausgeberischen und redaktionellen Freiheit.
Die Herausgeber benutzten den Wechsel zur Namensänderung: Der Name Individualität, schrieben sie damals, «deutet auf das Unverwechselbare, ewige Wesen des einzelnen Menschen, aus dem heraus allein Zukünftiges geschaffen werden kann. Individualität mag vordergründig den Egoismus hervorheben: Ohne den notwendigen Durchgang durch das Nadelöhr des eigenen Ich erscheint uns aber eine Gemeinschaft freier Menschen, um die es letztlich geht, unmöglich. Individualität wirft uns auf uns selbst zurück, damit wir von dort ausgehen.»
So war das Bestreben stets, Einzelgängerinnen und Einzelgänger, die etwas Wesentliches zu sagen hatten, zu suchen und in den Heften zusammenzuführen, «all jene Vereinzelten aller Zeiten, die, voneinander getrennt und ohne voneinander zu wissen, dasselbe tun», wie Marina Zwetajewa schreibt. Denn «Schöpfung ist eine gemeinsame Tat, geleistet von Vereinzelten.» Wie Sie alle hießen und womit sie beigetragen haben, erfahren Sie hier.
- Weshalb Kaspar Hauser?
- Darauf müsste eigentlich die Zeitschrift als ganze Antwort sein. Entstanden ist sie aus der Empfindung eines Mangels, eines Notzustandes heraus. Das Unheile droht uns alle zu lähmen, weil es so gewaltig auftritt. Um überhaupt zu leben, verdrängen wir es fortwährend. Andere können das nicht und gehen daran zugrund.
- Es gibt bereits mehr als genug Zeitschriften, die sich damit befassen.
- Das ist wichtig. Aber immer genauere Analysen der Katastrophe, die wir Menschen täglich zunehmend bewirken, reichen allein nicht. So notwendig sie sind: sie verstärken das Ohnmachtsgefühl, die Angst –
- Kaspar Hauser aber weiß den Weg –!
- Selbst, wenn dies möglich wäre: Was hilft Wissen, das nicht Erkennen, Wollen, Tun wird? Kaspar Hauser ist ein persönlicher Weg ins Unabsehbare, ein Unterwegssein, ungesichert, versucht es wenigstens – eine Lösung will und kann er nicht sein.
- Was will die Zeitschrift denn?
- Gelesen werden, bedacht. Das Heft ist als eine in sich beziehungsreiche, offene, fragmentarische, vielleicht und hoffentlich widersprüchliche Einheit komponiert. Alles hat miteinander zu tun. Es will aufbrechen, immerzu aufbrechen, aber nicht blindlings
- Klingt reichlich idealistisch! Was hat das alles mit Kaspar Hauser zu tun? Wird das Wissen um diesen Menschen einfach vorausgesetzt?
- Kenntnis allein besagt ja nicht viel. Im Zusammenhang der nächsten Nummer soll aber eine Annäherung versucht werden. Denn auf die Zusammenhänge kommt es an. Im übrigen existiert eine Menge Literatur, erwähnt seien bloß Jakob Wassermanns Roman und Hermann Pies’ Dokumentation.
- «Keiner Ideologie verpflichtet», hieß es stolz im ankündigenden Prospekt. Die Zeitschrift scheint aber deutlich von der Anthroposophie herzukommen –
- Eher ließe sich sagen, sie bewege sich darauf zu – wobei die Bewegung, nicht das Ankommen, wesentlich ist – aber nicht auf «Anthroposophie» als Lehre, Dogma, Ideologie, wozu sie, wie alles, natürlich auch missbraucht wird, sondern auf eine neue, die hergebrachte ergänzende nüchterne Wissenschaft des Geistigen –
- Sind das nicht Wortklaubereien?
- Es ist wesentlich zu sehen, dass diese Geisteswissenschaft nicht eine Lehre, sondern ein Weg sein möchte – ungeachtet dessen, was vielfach daraus gemacht wird – so vielleicht, wie Steiner es gegen Ende seines Lebens in einen Leitsatz zusammenfasst: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte.»
- Weshalb überhaupt Steiner?
- Die von ihm begründeten Richtungen der Pädagogik, Heilpädagogik, Landwirtschaft, Medizin usw. werden zunehmend als fruchtbar, heilsam, notwendig anerkannt. Gleichzeitig besteht mancherorts eine Scheu, sich mit Steiners Schriften zu beschäftigen. Überheblichkeit auf der einen, Vorurteile auf der anderen Seite wiegen da schwer. Dennoch führte es am Wesen der Sache vorbei, seine Kinder in eine Steiner-Schule zu schicken, biologisch dynamische Produkte zu konsumieren oder sich vom Hausarzt Mistelpräparate gegen Krebs spritzen zu lassen, ohne sich mit demjenigen Menschen auseinanderzusetzen, dem dies alles zu verdanken ist. So unbequem es erscheinen mag: Das Phänomen Steiner gehört unabdingbar zu seinen Auswirkungen.
- Genährt werden mögen die Vorurteile auch durch einen sektiererischen Zug, der sich der Anthroposophie, so wie sie Außenstehenden erscheint, manchmal kaum absprechen lässt.
- Umso wichtiger ist es, selbst zu den Quellen vorzustoßen. Alle Schriften Steiners sind zugänglich, niemand besitzt ein Monopol auf das in ihnen Dargestellte. Um es überspitzt zu sagen: Die Anthroposophie ist viel zu wichtig, als dass man sie einzig den «Anthroposophen» überlassen dürfte.
- Vieles klingt aber phantastisch, was Steiner geschrieben hat.
- Es handelt sich um einen Weg. Irgend etwas zufällig aus dem riesigen Werk Herausgegriffenes mag so phantastisch erscheinen wie etwa die Relativitätstheorie einem mit der Physik kaum Vertrauten. Aber wo in den in diesem Heft abgedruckten Zitaten ist Phantasterei, wo sind Inhalte, mit denen man sich in genügsamem Glauben zur Ruhe setzen könnte?
- Also doch eine Anthroposophen-Zeitschrift, bloß etwas verkleidet?
- Die Zeitschrift ist, was sie ist, nichts verbirgt sich dahinter. Es geht hier nicht um ein Für oder Wider Steiner, bloß darum, seine Äußerungen zur sozialen Frage einmal ebenso ernst zu nehmen, wie die eines Marx z. B. Wir können uns Einseitigkeit einfach nicht mehr leisten, wollen wir die totale seelisch-soziale-ökologische Katastrophe wirklich verhindern.
- Gerade der Dreigliederungs-Gedanke aber, der hier ausführlich zur Darstellung gelangt, ist doch reine Utopie!
- Es mag sich dieser Eindruck einstellen. Doch – das muss in seiner ganzen Spannung bedacht und ausgehalten werden – ist die «Dreigliederung des sozialen Organismus» nicht etwas, das sich irgendwie einführen ließe – sowenig wie die Dreigliederung des menschlichen Organismus.
- Wozu dann das Ganze?
- Möglich ist, dass Individuen sich aus freier Einsicht zusammenschließen, im kleinsten vielleicht, und ihr Leben und Tun in der angedeuteten Richtung zu gestalten beginnen – ein Prozess, der sowohl die Innen- als auch die Außenwelt umfasst. Vor allem die Gedanken einmal zu denken, ist wesentlich. Mehr als die Zukunft keimhaft vorbereiten können wir wohl kaum. Das wäre aber schon viel in einer Gegenwart, welche Zukunft überhaupt in Frage stellt.
- Was soll also Kaspar Hauser?
- Jedenfalls keinerlei Mission betreiben. Versuchen anstößig zu sein, wachzurütteln, Möglichkeiten aufzuzeigen, Gegenbilder der Zeit zu schaffen, Neubesinnung auf unsere geistige Wesenheit zu ermöglichen, auf unsere Aufgabe, Zusammenhänge einsichtig zu machen, ins Gespräch zu treten mit allen, die dazu offen sind, kurz: unterwegs zu sein, hier und jetzt, zwischen den Standpunkten, machtlos –