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Warum Dante Alighieri Das Gastmahl nach dem Vierten Buch abbricht, weiss ich nicht. Weder im Vorwort meiner Ausgabe (Philosophische Werke 4/IV, herausgegeben unter der Leitung von Ruedi Imbach, Hamburg: Felix Meiner, 2004), noch im Internet, noch im Text selber, finden sich Hinweise. Im Gegenteil: Gerade im Vierten Buch bringt Dante Alighieri den einen oder andern Hinweis darauf an, welches Thema und welche Canzone er in welchem Buch behandeln wolle. Er scheint also recht konkrete Pläne gehabt zu haben. (Ich finde übrigens im Vorwort von Ruedi Imbach auch keinen Hinweis auf die Gründe dafür, dass dieser die Philosophischen Werke Dantes abschliessender Band rund sieben Jahre nach den andern sechs erschienen ist. Oder darauf, warum in diesem Band auf den bisher üblichen Literalkommentar am Ende verzichtet wurde, dafür nochmals eine Einleitung speziell zum vierten Teil des Gastmahls verfasst wurde und ganz gewöhnliche Endnoten den Kommentar ersetzen.)
Zurück zu Dante. Vielleicht hat dieser ja gemerkt, dass er nicht weiterfahren konnte wie bis anhin. Seine Methode, philosophische Probleme auch für Laien verständlich darzustellen, indem er eigene Canzone, also Liebesgedichte, aus früheren Zeiten nahm, und sie derart uminterpretierte, dass sie exemplarisch für bestimmte philosophische Gedanken standen, kommt nämlich schon im Vierten Buch an eine Grenze. Über ganze Kapitel hinweg entwickelt Dante seine Philosophie, ohne sich mehr auf Le dolci rimi d’amor ch’i‘ solia cercar ne‘ miei pensieri – die Canzone, die eigentlich besprochen werden sollte – zu beziehen. Mehr und mehr wird das Vierte Buch so zu einer rein philosophischen Vorlesung und verliert den Charakter einer Gedichtinterpretation.
Im Vierten Buch wird Dante ethisch und politisch. Es geht um den echten Adel – die nobilitade. Schon ganz zu Beginn verwirft der bürgerliche Dante die Idee, dass Adel auf ererbtem Reichtum, auf ererbter Macht beruhe. (Noch runde 200 Jahre später wird bei Baldassare Castiglione der Gedanke immer noch vorgebracht werden, als dieser seinerseits nach den Tugenden des Edeln fragt.) Mit der Frage nach dem Adel ist die nach der Freiheit verknüpft – und die nach der Weltherrschaft. Schon im Gastmahl, wenn auch noch weniger deutlich als in der Commedia, verwirft Dante die weltlichen Machtansprüche der Kirche. Der Letzte (Kaiser), der nach ihm Anspruch auf die Weltherrschaft hatte, war der Staufer Friedrich I. gewesen. Das Heilige Römische Reich war für Dante der Rechtsnachfolger des antiken Römischen Reichs, das wiederum seine Legitimation von Gott bezogen hatte, der für die Geburt seines Sohn auf der Erde ideale Bedingungen haben wollte. Und dass die Weltherrschaft eines Volks und die Herrschaft eines Menschen über dieses Volk quasi die göttliche Herrschaft über das Universum abbildete, und von daher ein Ideal verkörperte, stand für Dante ebenso ausser Zweifel wie die Tatsache, dass der Versuch der Kirche, weltliche und geistliche Herrschaft über das Ganze auszuüben, eine Art Hybris darstellte – der Versuch des Menschen, sich göttliche Qualitäten anzumassen. Hierin wird Dante später noch weiter gehen: Die macht- und vor allem geldgierigen Kleriker und Päpste füllen das Inferno der Commedia zu Hauf.
Wie gewohnt entwickelt Dante seine Gedanken, indem er sich auf die klassische Autorität des Spätmittelalters abstützt: Aristoteles und seine Kommentatoren Thomas von Aquin und Albertus Magnus. Hinzu kommt im Vierten Buch eine verstärkte Beiziehung von Cicero, vor allem dessen Schrift De senectute. In dieser Schrift findet Dante nämlich seinen Idealtypus des edlen Menschen: Cato. Dass er dabei auch unabhängig vom Aquinaten argumentieren kann, zeigt sich daran, dass er – im Gegensatz zum Dominikaner, der Catos politisch motivierten Selbstmord doch kritisch beäugte – das edle Wesen des alten Römers auch und gerade an der Tatsache verankerte, dass er, um dem durch Julius Cäsar bedrohten Römischen Reich zu helfen, Selbstmord beging. Auch in der Tatsache, dass er den Menschen mehr Adel zusprach als den Engeln (den Intelligenzen), weicht Dante von der klassischen scholastischen Lehrmeinung ab. Dante tut das mit dem Argument, dass der Mensch immer steigerungsfähig sei, während die Intelligenzen von Anfang an mit ihrem Paket an Adel ausgerüstet wurden und sich nicht verändern können.
Im Vierten Buch streift Dante Alighieri also schon einige Male an, wenn nicht aufklärerisches, so doch schon humanistisches Gedankengut. Das Vierte Buch ist in diesem Sinn das modernste – und vielleicht war das ja wirklich ein Grund, warum Dante das Werk abbrach. Auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen, hätte für den auf Mäzene angewiesenen Poeten unter Umständen fatale Konsequenzen gehabt.