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11. Juli 2013
Auch nach dem Studium aller SOK-Listen und allgemeiner Regelungen bin ich zu keinem Schluss gekommen, ob im folgenden Fall Groß- oder Kleinschreibung anzuwenden ist:
Mehrere Reglungen des Münsterschen [oder: münsterschen] Stadtrechts wurden erstmals im frühen 13. Jahrhundert aufgeschrieben.
Das Anhängen von -isch macht selbst aus einem Städtenamen ein Adjektiv – aber über das Anhängen von -sch schweigt sich mein alter Duden aus.
Können Sie mir weiterhelfen?
C. J.
Sehr geehrte Frau J.,
Ableitungen von geographischen Namen auf -isch sind, wie Sie richtig bemerken, Adjektive und deshalb klein zu schreiben. Das gilt auch für Ableitungen auf -sch.
§ 62 des amtlichen Regelwerks sagt dazu:
Kleingeschrieben werden adjektivische Ableitungen von Eigennamen auf -(i)sch, außer wenn die Grundform eines Personennamens durch einen Apostroph verdeutlicht wird, ferner alle adjektivischen Ableitungen mit anderen Suffixen.
Beispiele:
die darwinsche/die Darwin’sche Evolutionstheorie, das wackernagelsche/Wackernagel’sche Gesetz, die goethischen/goetheschen/Goethe’schen Dramen, die bernoullischen/Bernoulli’schen Gleichungen
die homerischen Epen, das kopernikanische Weltsystem, die darwinistische Evolutionstheorie, tschechisches Bier, indischer Tee, englischer Stoff
Auffällig ist, dass die entsprechende Duden-Regel für Ableitungen von geographischen Namen, K 142, nicht wie das amtliche Regelwerk von Ableitungen auf -(i)sch schreibt, sondern von solchen auf -isch. Das ist vermutlich nur eine Ungenauigkeit Dudens, könnte aber bedeuten, dass Ableitungen auf -sch nicht mitgemeint sind. So oder so hat aber das amtliche Regelwerk Vorrang. (Duden-Regel für Ableitungen von Personennamen: K 135.)
Falls der Begriff ein Eigenname ist, ist er natürlich groß zu schreiben:
Münstersche Zeitung, die Münsterschen Sicherheitsgespräche, der Münstersche Wingolf (Studentenverbindung), der Münstersche Bildungskongress, die Münstersche Straße (Berlin), die Münstersche Aa usw. Mit Münsterisch: die Münsterische Stiftsfehde, der Münsterische Bierkrieg, Münsterische Sozialrechtsvereinigung e. V. usw.
Duden führt das Beispiel münstersch zwar nicht auf, man kann es aber als Analogie zu hannoversch bestimmen (münsterisch zu hannoverisch). Häufig sind im Duden Schreibweisen in Analogie zu gleichartigen zu bestimmen (zum Beispiel alle Zahlenverbindungen unter acht).
Fundstellen für die Kleinschreibung von münstersch sind schwierig zu finden. Der Wortschatz der Uni Leipzig enthält keine, der DWDS-Kernkorpus nur wenige und sehr alte: 12, allerdings fast alle aus der gleichen Quelle: 11mal in den Jahresberichten für deutsche Geschichte, 9./10./12./13. Jahrgang, Leipzig 1936/1937/1939 (32mal münsterisch in den gleichen Quellen), einmal in der Vossischen Zeitung (Morgen-Ausgabe) vom 2. März 1909: Von der münsterschen zur westfälischen Universität. Noch älter ist das Buch Die münstersche eheliche Gütergemeinschaft (1829). Eine junge Fundstelle ist das Portal der Deutschen Volleyball-Liga; es titelt am 12. April 2013: Emotionaler Saisonabschluss im münsterschen Volleydome. Da Google nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung unterscheidet, sind Fundstellen über Google schwierig zu finden.
Ich vermute, dass es eine Hemmung gibt, münstersch klein zu schreiben (was für mich nachvollziehbar ist) und dass deshalb häufig auch unfeste Begriffe groß geschrieben werden oder die Einwohnerbezeichnung Münsteraner als Ersatz für das Adjektiv verwendet wird (wie Schweizer für schweizerisch, z. B. in Schweizer Orthographische Konferenz).
Es stellt sich noch die Frage, ob man den Begriff als Quasi-Eigennamen (fester Begriff, Nominationsstereotype, amtliches Regelwerk: „Verbindungen mit terminologischem Charakter”, Duden: „Adjektive, die mit dem folgenden Substantiv einen idiomatisierten Gesamtbegriff bilden”) definieren könnte, dann wäre sowohl Klein- wie Großschreibung möglich. Mit einigem Wohlwollen ist das wohl möglich.
Dazu § 64 des amtlichen Regelwerks:
In bestimmten substantivischen Wortgruppen werden Adjektive großgeschrieben, obwohl keine Eigennamen vorliegen.
Dies betrifft
(1) Titel, Ehrenbezeichnungen, bestimmte Amts- und Funktionsbezeichnungen, zum Beispiel:
der Heilige Vater, der Regierende Bürgermeister, die Königliche Hoheit, der Technische Direktor
(2) besondere Kalendertage, zum Beispiel:
der Heilige Abend, der Internationale Frauentag, der Erste Mai
(3) fachsprachliche Bezeichnungen bestimmter Klassifizierungseinheiten, so von Arten, Unterarten oder Rassen in der Botanik und Zoologie, zum Beispiel:
Fleißiges Lieschen, Grüner Veltliner, Roter Milan, Schwarze Witwe
E: Die Großschreibung von Adjektiven, die mit dem Substantiv zusammen für eine begriffliche Einheit stehen, ist auch in Fachsprachen außerhalb der Biologie und bei Verbindungen mit terminologischem Charakter belegt, zum Beispiel: Gelbe Karte, Goldener Schnitt, Kleine Anfrage; Erste Hilfe
In manchen Fachsprachen wird demgegenüber die Kleinschreibung bevorzugt, zum Beispiel: eiserne Lunge, grauer Star, seltene Erden
Entsprechend Duden K 89.
Duden hat die Schreibweise von Dutzenden von Nominationsstereotypen festgelegt und dabei häufig die Schreibweise gegenüber der herkömmlichen geändert, sowohl von Klein- auf Großschreibung (Blauer Planet, Deutsche Dogge) als auch umgekehrt (das goldene Zeitalter, das große Los) oder die Schreibweise freigestellt (die neuen/Neuen Medien, herkömmlich Kleinschreibung, der Letzte/letzte Wille, herkömmlich Großschreibung).
Zusammenfassend: In Ihrem Beispiel ist entscheidend, ob es sich beim Begriff um einen Eigennamen handelt, dann ist dieser zu übernehmen, im vorliegenden Falle wohl Münstersche Stadtrechte. Ist der Begriff kein Eigenname, ist er klein zu schreiben: münstersche oder münsterische Stadtrechte oder ist die Einwohnerbezeichnung als Ersatz für das Adjektiv zu verwenden: Münsteraner Stadtrechte. Versteht man man den Begriff als Quasi-Eigennamen (fester Begriff, Nominationsstereotype), kommt neben der Klein- auch die Großschreibung in Frage: Münstersche oder Münsterische Stadtrechte.
Sie haben mit Ihrer Frage auf eine Lücke in unseren Empfehlungen hingewiesen, wofür wir sehr dankbar sind. Wir werden die Empfehlungen und Wörterlisten ergänzen.
Peter Müller, SOK