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Schweine gelten den Nonnen von Maioli als ganz besonders «gesegnete» Tiere – was auf die Ordensgründerin zurückzuführen ist, der am 11. Februar 1858 die Jungfrau Maria in Begleitung von zwei Schweinen erschienen sein soll (mehr dazu). Die Schweine von Maioli leben auf dem Territorium des Klosters in Ställen, deren Architektur sich kaum von den Wohnhäusern der Schwestern unterscheidet. Sie bekommen keinerlei Futter, das ihr Wachstum beschleunigen würde, sie werden nicht kastriert und nicht mit Rüsselklammern am Herumwühlen gehindert. Täglich werden Sie von den Nonnen auf Weiden geführt und in jeden Segenswunsch eingeschlossen. Geschlachtet werden sie trotzdem – allerdings erst wenn sie ein Alter erreicht haben, in dem sie auf Maioli als «erwachsen» gelten. Die Tötung der Tiere findet im Rahmen eines speziellen Rituals statt, in dessen Verlauf man dem Schwein für sein Leben dankt.
Das Schweinefleisch aus Maioli gilt auf ganz Santa Lemusa als besonders aromatisch – ja manche meinen gar, es habe heilende Kräfte (eine Untersuchung der Universität von Santa Lemusa hat allerdings diesbezüglich keinerlei Ergebnisse erbracht). Die Schwestern selbst essen von ihren Schweinen nur die Beine (von den Haxen abwärts), den Kopf und die Innereien – alle billigeren Stücke also. Alle teureren Teile werden verkauft, um den Unterhalt des Klosters zu gewährleisten. Diese Regelung hat nach Auskunft von Schwester Angelina, die den Schweine-Zuchtbetrieb auf Maioli leitet, in erster Linie ökonomische Gründe. Es drückt sich ihrer Meinung nach darin aber auch eine «gewisse Bescheidenheit» aus. Welche Stücke vom Schwein die Schwestern genau essen dürfen, ist in den Klosterregeln festgelegt.
Am 11. Februar, dem Tag der Marienerscheinung auf Maioli, werden die Choräle in der Kirche mit Lauten gesungen, wie sie sonst nur Schwein machen – «kronjè» nennen das die Schwestern. Sie haben dafür über mehr als eineinhalb Jahrhunderte eine eigene Atemtechnik entwickelt, die es ihnen gestattet, auch kompliziertere Melodien durch ein langsames Einziehen der Luft zu modulieren. Gleichzeitig versetzen sie sich in eine Art Trance-Zustand, der es ihnen gestattet, die ganz spezifische Melodik ihres «kronjè» in ihrer ganzen Schönheit zu hören.
Wegen dieses besonderen Verhältnisses zum Schwein werden die Schwestern auf Santa Lemusa auch Soeurs Porcines genannt – das ist indes keineswegs spöttisch oder abschätzig gemeint, auf Santa Lemusa geniesst das Schwein ganz allgemein ein hohes Ansehen. Das drückt sich übrigens auch in Redewendungen aus wie «Kontan kom kochon» («Glücklich wie ein Schwein»).
Am 11. Februar, dem Tag der Marienerscheinung auf Maioli, versetzen sich dei Schwestern des Klosters in ein Art Trance-Zustand, der es ihnen gestattet, ihre Choräle (einer speziellen Atemtechnik folgend) mit schweinischen Lauten zu modulieren und auch die Schönheit dieses gemeinsamen «kronjè» zu hören. Hier intonieren sie «In dulci jubilo», ein Lied aus dem 14. Jahrhundert. Der Liedtext passt hier besonders gut weil es sich um ein sogenannt «makkaronisches» Gedicht handelt, das heisst um eine Mixtur aus zwei Sprachen (Latein und Deutsch), der sich hier quasi als Drittes das Schweinische zugesellt. Die Melodie dazu liefert Johann Sebastian Bach (BWV 368, Bach hat mehrere Versionen geschrieben). Wenn Sie mitsingen möchten, hier die erste Strophe des Texts in einer frühen Version: «In dulci iubilo | nu singet und seid fro | unsers hertzen wunne | leit in presepio |und leuchtet als die Sonne | matris in gremio | Alpha es et o | Alpha es et o».
Natürlich taucht in diesem Zusammenhang auch die Frage auf, warum Christen überhaupt Schweinefleisch essen, wo dessen Konsum doch im Alten Testament so ausdrücklich verboten wird – wie man im 3. Buch Mose 11.1-8 nachlesen kann: «Und der Herr redete mit Mose und Aaron und sprach zu ihnen: Redet mit den Kindern Israel und sprechet: Das sind die Tiere, die ihr essen sollt unter allen Tieren auf Erden. Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäuet unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäuet und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, als das Kamel, das ist euch unrein, und sollt es nicht essen. Die Kaninchen wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäuet auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäuet nicht; darum soll es euch unrein sein. Von diesem Fleisch sollt ihr nicht essen, noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.»
Warum also essen die Christen Schweinefleisch? Wer Schwester Angelina fragt, bekommt sofort eine Reihe von Bibel-Zitaten vorgesetzt. Eine besonders eindrückliche Stelle findet sich in der Apostelgeschichte (10.9.f.), wo Gott für Petrus eine Art himmlisches Picknick auf Erden herablässt, eine Decke oder ein Tuch, in dem sich jedoch für den Apostel ungewohnte Speisen finden: «Des anderen Tages, da diese auf dem Wege waren, und nahe zur Stadt kamen, stieg Petrus hinauf auf den Söller, zu beten, um die sechste Stunde. Und als er hungrig ward, wollte er essen. Da sie ihm aber zubereiteten, ward er entzückt und sah den Himmel aufgetan und herniederfahren zu ihm ein Gefäss wie ein grosses leinenes Tuch, an vier Zipfeln gebunden, und es ward niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüssige Tiere der Erde und wilde Tiere und Gewürm und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Stehe auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Gemeines oder Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum andernmal zu ihm: Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht gemein. Und das geschah zu drei Malen; und das Gefäß ward wieder aufgenommen gen Himmel.»
Natürlich hat die Klosterküche auf Maioli auch Rezepte entwickelt, in denen das Bein-Fleisch der Schweine oder ihre Innereien eine besondere Rolle spielen – einige seien hier vorgestellt:
First Publication: 20-9-2012
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