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Das musst du wissen
- Weltweit gibt es rund 30 000 wissenschaftliche Fachzeitschriften, die «peer-reviewed» sind.
- Weniger als die Hälfte der eingereichten Studien werden in einem Fachmagazin veröffentlicht.
- Solche Journals tendieren dazu, spektakuläre Forschungsergebnisse zu bevorzugen.
Wenn es nicht publiziert wurde, ist es nicht passiert: Nicht selten funktioniert Forschung nach diesem Motto. Zehntausende von Fachzeitschriften weltweit publizieren täglich neue Studien. Je renommierter die Fachzeitschrift, desto mehr Lorbeeren bekommen die Forschenden in der Fachwelt. Die bekanntesten Zeitschriften sind Science und Nature. Die meisten Journals sind sogenannt «peer-reviewed».
Jede Studie wird überprüft
Rund 30 000 Journals gibt es weltweit, die «peer-reviewed» sind.
Der Begriff bedeutet, dass eine Studie von Fachkollegen der Studienautoren begutachtet worden ist. Bei den meisten renommierten Fachzeitschriften lesen zwei bis drei solcher Experten die Studie. Die Fachleute werden dafür nicht bezahlt und sind nicht bei den Verlagen angestellt. Sie machen Verbesserungsvorschläge, legen den Finger auf methodische oder konzeptuelle Schwachstellen und geben der Zeitschrift eine Empfehlung darüber ab, ob die Studie abgelehnt, angenommen oder nur unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel nach zusätzlichen Experimenten, angenommen werden sollte.
Auf Anhieb angenommen werden nur wenige Studien. Abgelehnt werden nicht nur Arbeiten mit handwerklichen Fehlern, Ungenauigkeiten oder ethischen Verstössen wie Plagiaten. Auch solche, deren Schlussfolgerungen nicht wirklich neu, nicht ausreichend durch Experimente belegt oder für die Leserschaft des Magazins irrelevant sind, finden ihren Weg nicht in diese Journals. Diese Kriterien führen zu einem «publication bias»: Es werden eher Studien veröffentlicht, die spektakuläre Erkenntnisse liefern. Kommt eine Studie aber zum Beispiel zu negativen Ergebnissen oder bestätigt die Befunde einer Vorgängerstudie, hat sie schlechte Chancen, in einem renommierten Magazin veröffentlich zu werden. Dadurch verzerren die Zeitschriften die Wahrnehmung der Forschung.
Ein Beispiel, das die Grössenverhältnisse aufzeigt: Von den rund 30 000 peer-reviewed Journals gehören 12 000 zu den englischsprachigen STM-Journals, berichten also über Wissenschaft, Technik und Medizin.
Pro Jahr bekommen die STM-Journals durchschnittlich rund 280 Eingaben pro Fachzeitschrift. Ungefähr 40 Prozent aller eingereichten Studien werden angenommen, wie Thomson Reuters 2012 ermittelte. Viele Studien schaffen es aber nicht einmal bis in den Peer-Review-Prozess: 20 Prozent werden ohne Review abgelehnt.
Fehleinschätzungen gibt es auch hier
Der Peer-Review ist aber nicht über Fehleinschätzungen erhaben. Die Reviewer können ihren Vorurteilen erliegen, wenn sie zum Beispiel das Paper einer renommierten Institution vor sich sehen. Zudem gibt es zu viele Papers für zu wenige Wissenschaftler, welche kompetent sind, diese zu begutachten. Auch können in den Studien wichtige Informationen fehlen, welche zur Einschätzung benötigt werden.
Dies kann Folgen haben: Ein Journalist von Science reichte 2013 eine Fake-Studie ein – der Beitrag wurde von 157 Journals akzeptiert. Umgekehrt gibt es auch abgelehnte Studien, die sich im Nachhinein als bahnbrechend herausstellen: Zum Beispiel ein erstes Paper von Peter Higgs zu seinem Higgs-Modell. Das Paper wurde 1966 von Physics Letters abgelehnt. 2013 bekam er den Nobelpreis für Physik. Manche Journals haben deshalb die blind review (verblindete Begutachtung) eingeführt, wo der Autor und die Institution nicht genannt werden, damit die Reviewer neutraler urteilen. Dies kann heute aber über Vorabdrucke und das Internet leichter umgangen werden.
Nicht jede Fachzeitschrift aber ist seriös. Fachzeitschriften, die eine fragwürdige oder unethische Veröffentlichungspraxis haben, nennt man predatory journals. Im Gegensatz zu den peer-reviewed Journals können sich Forschende in den predatory journals eine Veröffentlichung kaufen. Den Autoren ist oft nicht bewusst, dass sie für ihr Geld nicht die üblichen Dienstleistungen einer Fachzeitschrift erhalten. Daher hat sich der Begriff predatory – zu deutsch räuberisch – etabliert.
Wer zitiert wird, trumpft
Der gute Ruf einer Fachzeitschrift hängt auch von ihrem Impact Factor ab. Der Impact Factor einer Fachzeitschrift soll eine Aussage darüber treffen, wie sehr ihre Veröffentlichungen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wahrgenommen werden und wie hoch demnach deren Einfluss ist. Er gibt an, wie häufig ein Artikel in einer Fachzeitschrift von anderen wissenschaftlichen Artikeln durchschnittlich pro Jahr zitiert wurde. Berechnet wird er auf Grundlage von Zahlen der vorausgegangenen zwei Jahre. Die bekannte Zeitschrift Nature beispielsweise hat 2019 einen Impact Factor von 41,577. Das heisst, ein Artikel wird in einem Jahr fast 42-mal von anderen Wissenschaftlern zitiert. Der Impact Faktor wird jährlich in den Journal Citation Reports veröffentlicht. 2018 erfasste der Report 11 877 Zeitschriften. Rund zwei Drittel der Zeitschriften haben einen Impact Factor von ungefähr 1. Nur rund zwei Prozent der Journals haben einen Impact Factor von 10 oder höher.
Allerdings sagt der Impact Factor nichts über die wissenschaftliche Qualität einzelner Studien aus und kann kontraproduktiv sein: Die publizierten Studien müssen spektakulär sein, damit sie viel zitiert werden. Neutrale oder negative Resultate haben es schwieriger, beinhalten aber trotzdem häufig wichtige Informationen für zukünftige ähnliche Studien. Gegen diese Praxis richtet sich die sogenannte DORA-Deklaration, die auch der Schweizer Nationalfonds sowie viele Schweizer Hochschulen und Universitäten unterschrieben haben: Stattdessen soll Forschung nach ihrer Stichhaltigkeit und Qualität beurteilt werden – nicht danach, wie oft sie zitiert wird.