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Bezeichnung der Bilderschrift, deren sich die alten
Ägypter fast 4000 Jahre hindurch zur Aufzeichnung namentlich religiöser Texte bedienten. Die Anfänge dieser Schrift fallen
mit den Anfängen der ägyptischen Geschichte zusammen, und erst in der zweiten Hälfte des 3. Jahrh.
n. Chr. machte die merkwürdigste und älteste aller Schriften in Ägypten
[* 3] der koptischen Platz, welche als die christliche
Schrift das griechische Alphabet gebraucht. KaiserDecius (gest. 251) ist der letzte römisch-ägyptische König, dessen Namen
wir in den Hiëroglyphen finden. Das Material an hieroglyphischen Schriften ist ein so unendlich reiches, daß das
Studium derselben mit den darauf gegründeten historischen, chronologischen und geographischen Forschungen eine eigne,
umfangreiche Wissenschaft ausmacht: die Ägyptologie.
Die Hiëroglyphen sind entweder eingeschnitten, sei es einfach oder als sehr flaches Relief ausgearbeitet, bald mit
größerer, bald mit geringer Sorgfalt in der Ausführung, oder sie sind gemalt und dann mitunter in verschiedenen Farben,
von welcher Art künstlerischer Arbeit das Grab Setis I. in Bibán el Meluk ein wahrhaft bewunderungswürdiges Beispiel ist.
Figuren, die nur in Umrissen gezeichnet sind, heißen lineare; dieser Art pflegen die zu sein, welche in
Publikationen von Texten und ägyptologischen Schriften gebraucht werden.
Neben der Hieroglyphenschrift bestand bei den alten Ägyptern eine Kurrentschrift, die sich zu jener verhält wie unser Geschriebenes
zum Gedruckten; man nennt sie nach den alten Schriftstellern die hieratische Schrift, d. h. Priesterschrift
(welcher Name aber nicht genau zu nehmen ist, da das Hieratische die eigentliche im alten Ägypten übliche und in den Papyrus
vorwaltend angewandte Schrift ist), von welcher fast die ganze zivilisierte Welt ihre Schrift ableitet. Denn nach der
ägyptischen Schrift, wie de Rouge ziemlich überzeugend nachwies, bildeten die Phöniker ihr Alphabet; von den Phönikern nahmen
es die Griechen, von den Griechen die Römer,
[* 42] von den Römern fast ganz Europa
[* 43] an. Unser a z. B. ist schließlich nur die zusammengeschrumpfte
Gestalt eines Adlers, d. h.
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eines ägyptischen a, entstanden aus dem griechischen α, phönikisch ^[img], hieratisch ^[img], hieroglyphisch ^[img]; ähnlich
ist es mit den übrigen Buchstaben. Eine weitere Verkürzung der hieroglyphischen Schrift bildet die etwa im 8. Jahrh. v. Chr.
aufgekommene enchorische (wie sie Herodot nennt) oder demotischeSchrift (wie sie Clemens von Alexandria nennt). Zunächst
für den alltäglichen Verkehr bestimmt, daher auch wohl epistolographische Schrift genannt, ist diese Schreibart noch verkürzter,
flüchtiger und schwieriger als die hieratische; aber auch die Sprache,
[* 45] welche mit ihr geschrieben wurde, ist nicht mehr das
Altägyptische, sondern ein Volksdialekt, der zwischen jenem und dem Koptischen in der Mitte steht.
Wenigstens wird in altägyptischen Schriften der Handwerker und Bauern kaum gedacht. Wir lesen wohl die
hochtönenden Titel der Könige, die tapfern Thaten der Kriegsmänner, die vielen Würden und Verdienste der Priester; aber von der
niedern Volksklasse ist weder in den Gräbern noch in den Tempeln die Rede. Als daher die phantastische Götterlehre der alten
Ägypter, an welcher griechische Philosophie noch in letzter Stunde auszubessern versuchte, vor dem Anprall
des Christentums ohnmächtig zusammenbrach, da war es auch mit den Hierogrammaten zu Ende; die mystische Wissenschaft, mit welcher
sie umgingen, wurde verachtet, ihre lange gepflegte Kunst war nutzlos geworden und wurde rasch vergessen.
Die alten Schriftsteller, welche über Ägypten geschrieben haben, konnten sich nur unvollkommene Auskunft
verschaffen, haben auch ihre ägyptischen Quellen mitunter durch Gräzisierung getrübt. Bei Herodot, Diodoros von Sizilien
[* 46] und Plutarch in dem wertvollen Traktat »De Iside et Osiride« sowie in den »Stromata« des Clemens von Alexandria finden sich
manche Winke über das hieroglyphische Schriftsystem, aber keiner ist auf dasselbe näher eingegangen.
Nach ihnen unternahm es ein gewisser Horapollon (Horos
[* 47] Apollon),
[* 48] ein eignes Werk über die Hiëroglyphen in ägyptischer Sprache abzufassen,
das uns in einer griechischen Übersetzung erhalten ist.
Gerade diese Schrift hat aber die Veranlassung zu einer unrichtigen Deutung der Hiëroglyphen gegeben, weil sie dieselben als
reine Bilderschrift, in der jedes einzelne Zeichen einen selbständigen Begriff darstelle, betrachtet
wissen wollte und daher die wunderlichsten Erklärungen einzelner Schriftbilder gab. Die Angaben des Horapollon beruhen auf
einem Schriftsystem, das in später Ptolemäischer
[* 49] Zeit vielfache Anwendung fand, und das man um seiner Gesuchtheit und Kompliziertheit
willen das änigmatische genannt hat.
Ein tiefer Kenner der spätern Hieroglyphenschrift findet viele von Horapollons Deutungen bestätigt;
für die Entzifferung und Erklärung sind sie aber fast ganz unfruchtbar. Der letzte klassische Schriftsteller, welcher über
die Hieroglyphenschrift Auskunft gibt, ist Ammianus Marcellinus (4. Jahrh. n. Chr.), welcher in seinem Geschichtswerk (XVII,
4) die von einem ägyptischen Priester herrührende Übersetzung der Inschrift des Obelisken gibt, welchen
Konstantin nach Rom hat bringen lassen. Infolge des Eindringens des Christentums verlor sich das Verständnis der Hieroglyphenschrift
immer mehr, und mit dem letzten ägyptischen Götzenpriester ward der lange bewahrte Schlüssel dieser Schrift zu Grabe getragen.
Was nun die Entzifferung der Hieroglyphenschrift betrifft, welche nach Verlauf eines Jahrtausends von
neuern Kulturvölkern wieder aufgenommen ward, so ging die Meinung der meisten frühern Gelehrten dahin, daß jene Schrift
für Bilderschrift und symbolische Schrift zu halten sei. Da es aber an jeder festen Grundlage für die Erklärung der einzelnen
Zeichen fehlte, so überließ sich jeder seiner mehr oder minder besonnenen Phantasie, und je mehr Erklärer
endlich seit der ersten Hälfte des 17. Jahrh. aufstanden, um so viel größer wurde die Zahl
der willkürlichen Annahmen und Hypothesen. Zu den ersten Erklärern dieser Art gehören Pierius Valerius (»Hieroglyphica«,
Leid. 1629) und Michel Mercati (»Degli obelischi di Roma«,
[* 50] Rom 1589). AthanasiusKircher (»Obeliscus pamphilius«,
Rom 1650, und »Oedipus aegyptiacus«, das.
1652-54, 3 Bde.) hinterließ Foliobände von Übersetzungen ägyptischer
Inschriften; da er aber in engem Anschluß an Horapollon jedem hieroglyphischen Zeichen einen abgeschlossenen Begriff, entweder
mittels natürlicher oder mittels symbolischer Erklärung, unterlegte, so ist es ihm nicht gelungen, auch
nur eine einzige Hieroglyphengruppe richtig zu deuten. Am besonnensten gingen zu Werke Will. Warburton (»On the divine legation
of Moyses«, Bd. 2) und Zoëga, indem sie sich damit begnügten, die Nachrichten über die Hiëroglyphen bei den alten Schriftstellern
zu sammeln und zu kommentieren.
Letzterer brachte in seiner Schrift »De obeliscis« (Rom 1797) die auf den Denkmälern aufgezeichneten 958 Charaktere
in sieben Ordnungen und stellte auch verschiedene Epochen der Ausbildung, Veränderung und Anwendung der Hiëroglyphen auf; Erklärungsversuche
machte er jedoch nicht. Eine neue Epoche für diese Forschungen brach infolge der Expedition NapoleonBonapartes an, indem man
einerseits durch das große von den Mitgliedern der französischen Expedition herausgegebene Werk »Description
de l'Égypte« mit den altägyptischen Denkmälern vertrauter wurde, anderseits ein unschätzbarer Fund, ein in drei Sprachen
abgefaßtes Dekret, die richtige Entzifferung der Hiëroglyphen ermöglichen zu wollen schien.
Dieses wichtige Denkmal, die »Inschrift von Rosette«, befindet sich auf einer Granittafel, welche, 1799 durch einen
französischen Ingenieur, Namens Bouchard, bei Rosette aufgefunden, beim Transport nach Frankreich den Engländern in die Hände
fiel und jetzt im BritischenMuseum aufbewahrt wird. Sie besteht aus drei Abteilungen, von denen die obere, nur halb erhaltene,
hieroglyphische, die mittlere demotische und die untere griechische Schrift enthält. Die griechische Inschrift
meldet, daß dem König PtolemäosEpiphanes im 9. Jahr seiner Regierung (ca. 197 v. Chr.) von der ägyptischen Priesterschaft
gewisse Ehrenbezeigungen bewilligt worden seien, und daß diese Bewilligung mit heiliger, demotischer und griechischer Schrift
auf diesen Stein geschrieben worden sei. Hieraus ergab sich, daß die beiden obern Abteilungen in ägyptischer Schrift
denselben Sinn ausdrückten wie die griechische, und man hatte nun einen festen Punkt, von welchem man bei Entzifferung der
obern
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Abteilungen ausgehen konnte. Man unternahm zuerst die Erklärung der mittlern Abteilung, welche die demotischeSchrift enthält.
Silvestre de Sacy, welcher in der »Lettre au citoyen Chaptal« (Chaptal war damals Minister des Innern) die Resultate seiner Vergleichung
des griechischen und demotischenTextes mitteilte, hielt die hieroglyphische Schrift für durchgängig ideographische oder
Wortschrift, die hieratische, die er in Papyrusrollen richtig erkannt hatte, für syllabisch oder alphabetisch, die demotische
aber für eine Buchstabenschrift; doch konnte er noch nicht die einzelnen Lautzeichen entziffern und unterschied nur eine
Anzahl Gruppen, welche die NamenPtolemäos, Arsinoe, Alexander enthielten. Der schwedische Diplomat Akerblad (»Lettre au citoyen
Silvestre de Sacy sur l'inscription de Rosette«, Par. 1802) bestimmte daraus die phonetische Bedeutung
der einzelnen Schriftzeichen in den NamenPtolemäos, Alexander, Arsinoe, Berenike und noch sechs andern.
Einen weitern Schritt zum Verständnis der Hieroglyphenkunde that 1814 der englische Arzt Thom. Young, der 1815 in dem Cambridger
»Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung des ganzen demotischen Teils der Inschrift von Rosette,
die Entzifferung sämtlicher darin vorkommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern Wörtern und ein aus
diesen Erklärungen sich ergebendes demotischesAlphabet veröffentlichte. Da aber noch immer der größere Teil der demotischen
Schriftzeichen unlesbar blieb, so kam Young zu der Ansicht, daß viele Wörter nicht alphabetisch geschrieben
seien, sondern symbolisch, durch Abkürzung oder flüchtige Zeichnung der gleichbedeutenden hieratischen und hieroglyphischen
Schriftgruppen.
Aber alle diese Versuche zur Entzifferung der geheimnisvollen Schrift waren immer noch sehr unvollkommen und wenig förderlich;
die Hiëroglyphen waren und blieben ein ungelöstes Rätsel, und kein Mensch hätte auch nur annähernd zu sagen vermocht,
was die zahllosen ägyptischen Schriften enthielten. Da bemächtigte sich im Anfang der 20er Jahre dieser Frage J. FrançoisChampollion der jüngere (s. d.), der durchdringenden Scharfsinn mit rastlosem Fleiß verband. Er wurde der Entzifferer der
Hieroglyphenschrift, indem er erkannte, daß dieselbe aus alphabetischen oder phonetischen und ideographischen
Zeichen gemischt ist; er fand das Alphabet und den Schlüssel für die Mehrzahl der Zeichen und erlangte so den Zutritt zum letzten
und ältesten Gemach im Tempel der Geschichte.
Epochemachend war seine berühmte »Lettre à M. Dacier relative à l'alphabet des hiéroglyphes phonétiques« (Par. 1822),
worin er auf Grund der Analyse einer Reihe von Königsnamen ein hieroglyphisches Alphabet aufstellte, welches,
wenn es auch noch unvollständig war, sich doch bei der Erklärung von Inschriften, auf denen dieselben Zeichen vorkamen, als
richtig bewährte. Sehr förderlich war für Champollions Untersuchungen die von Bankes 1821 nach England gebrachte hieroglyphische
und griechische Inschrift des 1815 aufgefundenen Obelisken von Philä.
Die hieroglyphische Inschrift enthält hier zwei von Ringen (cartouches) eingeschlossene Schriftgruppen, deren eine schon aus
der Rosetteschen Inschrift als der NamePtolemäos bekannt war; die andre erkannte Champollion, von der griechischen Inschrift
am Fußgestell des Obelisken geleitet, für den NamenKleopatra. Von seiner irrigen, noch in der »Lettre à M.
Dacier« festgehaltenen Meinung, daß die phonetische Bedeutung der einzelnen Hiëroglyphen sich nur auf
die Eigennamen beschränke, der übrige Text aber aus rein ideographischen Zeichen bestehe,
kam Champollion erst in seinem »Précis
du système hiéroglyphique« (Par. 1824) zurück, indem er darin nachwies, daß das in
den Eigennamen aufgefundene Alphabet auch auf andre Hieroglyphengruppen anwendbar sei, in denen dieselben Zeichen wiederkehren.
Die vollständigen Resultate seiner Untersuchungen enthält die erst nach seinem Tod erschienene »Grammaire égyptienne« (Par.
1836-41),
eine Darlegung des Systems der hieroglyphischen Schrift und der Grundzüge der darin erhaltenen Sprache. In diesem
und den gleichfalls posthumen Werken Champollions: »Dictionnaire égyptien en écriture hiéroglyphique«
(Par. 1841-44),
Nachdem das wahre System der Hieroglyphenschrift entdeckt war, wurde es später leichter, auch die aus
ihr abgeleitete hieratische und demotischeSchrift zu lesen. Es versteht sich von selbst, daß es andre Wege der Entzifferung
als den von Champollion betretenen nicht gibt. So sind die von Röth gemachten Übersetzungen ganz unbegründet und phantastisch,
und ebenso findet sich in den frühern Schriften von Gulianow, Spohn, Seyffarth, Uhlemann keine richtige
Deutung der Hieroglyphenschrift. Die Richtigkeit der Methode, welche die Champollionsche Schule befolgte, wurde 1866 auf das
glänzendste durch den ganz unerwarteten Fund eines neuen umfangreichen Dekrets in
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