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Schleswig-Holsteinische Frage infolge des Todes Friedrichs Ⅶ. (s. d.) von Dänemark [* 2] wieder eine lebhafte Bewegung an, welche die beiden Großmächte von den innern Streitigkeiten ablenkte. Als Friedrichs Nachfolger, Christian Ⅸ. (s. d.), die Gesamtstaatsverfassung für Dänemark-Schleswig unterzeichnete, rückten hannov. und sächs. Truppen in Holstein ein, um die Exekution zu vollstrecken. Darauf bewog Bismarck Österreich, [* 3] in Gemeinschaft mit Preußen [* 4] gegen Dänemark kriegerisch vorzugehen, falls Dänemark der Aufforderung, die Gesamtstaatsverfassung wieder aufzuheben, nicht entspreche, und als dies eintrat, überschritten preuß. und österr. Streitkräfte die Eider. (S. Deutsch-Dänischer Krieg von 1864.) Durch formelles Festhalten an dem Londoner Protokoll gelang es Bismarck, sowohl den europ. Mächten jeden Anlaß zur Einmischung zu nehmen, als auch jedes Übergreifen des Bundes, der seine Mitwirkung zum Kriege verweigert hatte, fern zu halten, um so die Früchte des gemeinschaftlichen Vorgehens nur den beiden Großmächten und in letzter Reihe Preußen und Deutschland [* 5] zufallen zu lassen.
Der preuß. Verfassungskonflikt hatte inzwischen einen heftigern Charakter angenommen (s. Preußen). Nachdem die Forderungen der Regierung vom Abgeordnetenhause abgelehnt, aber das Budget durch das Herrenhaus abermals gutgeheißen worden war, wurde der Landtag geschlossen. Ohne Unterstützung seitens der Volksvertretung begann nun Bismarck im Verein mit Österreich seine Aktion gegen Dänemark.
Was für Bismarck seit seinem Wirken als Bundestagsgesandter das Ziel seiner Politik bildete: die Lösung der Deutschen Frage durch eine Einigung der deutschen Staaten unter Preußens [* 6] Führerschaft und unter Ausschluß Österreichs, das trat durch die sofort nach Beendigung des Krieges und nach Abschluß des Wiener Friedens sich ergebenden Zerwürfnisse zwischen den beiden deutschen Vormächten seiner Verwirklichung näher. Die Begünstigung, deren sich das mittelstaatliche Projekt einer Einsetzung des Erbprinzen Friedrich von Augustenburg in die Regierung von Schleswig-Holstein [* 7] seitens des Wiener Kabinetts zu erfreuen hatte, und das ungeschickte Verhalten des Prinzen in einer Unterredung mit Bismarck bestimmte diesen, den Prätendenten gänzlich fallen zu lassen, und befestigte in ihm den Plan, die Herzogtümer als preuß. Landesteile zu erwerben.
Bereits im Dez. 1864 war es ihm gelungen, durch einen Beschluß der Bundesversammlung die Entfernung der sächs. und hannov. Exekutionstruppen aus Holstein zu erwirken. Österreichs fortgesetzte Duldung des vom augustenburgischen Hofe in Kiel [* 8] geleiteten preußenfeindlichen Treibens in den Herzogtümern (s. Schleswig-Holstein) steigerte die Mißhelligkeiten zwischen den beiden deutschen Großmächten fast bis zum offenen Bruche. Doch wurde der Bruch durch die Gasteiner Konvention (s. Gastein) noch vermieden. Die großen Erfolge der Politik B.s in der Herzogtümerfrage wie in der Zollvereinsfrage fanden seitens des Königs Wilhelm die vollste Anerkennung. Nachdem der Ministerpräsident schon früher den Schwarzen Adlerorden erhalten, wurde er für sich und seine Nachkommen in den Grafenstand erhoben. Einen Badeaufenthalt in Biarritz im Oktober benutzte Bismarck dazu, Napoleons Absichten betreffs Deutschlands [* 9] zu erforschen.
Auch in der neuen Landtagssession (vom 15. Jan. bis kam kein Budget zu stande; die Forderungen für Reorganisation des Heers und für Erweiterung der Flotte sowie die nachträgliche Genehmigung der Kriegskosten wurden verweigert; die Zollvereinspolitik B.s dagegen fand bereitwillige Zustimmung. Trotz der Gasteiner Konvention begannen die Zerwürfnisse zwischen beiden deutschen Vormächten bald von neuem. Als der österr. Statthalter eine Massenversammlung zu Altona [* 10] zu Gunsten des Augustenburgers duldete, sprach in einer Depesche nach Wien [* 11] vom es offen aus, daß diese Politik zur Lösung der österr.-preuß. Allianz führe.
Die österr. Antwort vom 7. Febr. lautete abweisend. Für aber war jetzt die Zeit gekommen, auch sein deutsches Programm wieder aufzunehmen, zumal als Österreich 16. März die Absicht kundgab, die Entscheidung der Herzogtümerfrage dem Bunde anheimzugeben. Am gelangte während der beiderseitigen Kriegsrüstungen der preuß. Antrag an den Bund, ein aus allgemeinen Wahlen hervorgehendes Parlament zu berufen zu Vereinbarungen über die Reform der Bundesverfassung.
Das von Napoleon im Mai angetragene Bündnis wurde von Bismarck, wie alle frühern seit 1862 gemachten Anträge, abgelehnt. Die antipreuß. Majorität am Bunde beschloß 14. Juni auf Antrag Österreichs eine kriegerische Aufstellung gegen Preußen, dessen Gesandter auf B.s Unterweisung diesen Beschluß für einen das Bundesverhältnis auflösenden Rechtsbruch erklärte. Gleichzeitig überreichte er die unter dem Namen «Grundzüge vom 10. Juni 1866» bekannten preuß. Reformvorschläge, die später bei der Begründung des Norddeutschen Bundes maßgebend waren.
Trotzdem die Dinge immer offener zum Bruche drängten, war am Berliner [* 12] Hofe eine entschiedene Friedensstimmung vorhanden, welche die Aktionen B.s zu lähmen drohte. Dennoch gelang es ihm schließlich, den König Wilhelm (s. d.) zur Entscheidung durch das Schwert zu bestimmen. Jetzt endlich bahnte sich auch in der öffentlichen Meinung der Umschwung an. Denn wenn es auch nur teilweise gelungen war, das preuß. Volk in betreff der Schleswig-Holsteinischen Frage von der Notwendigkeit seiner Maßregeln zu überzeugen, so hob doch die geschickte Verknüpfung jener Frage mit der der Bundesreform und das rückhaltlose Vorgehen gegen den Bundestag über die noch bestehenden Bedenken hinweg. Ebenso hatte Bismarck, der selbst an eine friedliche Lösung der verwickelten Bundesverhältnisse wohl nie geglaubt, jetzt auch dem preuß. Volke bewiesen, daß nach Erschöpfung aller Künste der Verhandlungen eine friedliche Durchführung selbst der bescheidensten, von ganz Deutschland längst als notwendig erkannten Forderungen in der That unmöglich war. (S. Deutscher Krieg von 1866.)
Am 30. Juni reiste in der Begleitung des Königs zur Armee ab. Nach dem entscheidenden Siege Preußens bei Königgrätz [* 13] rief Österreich die Vermittelung Frankreichs an, mit dem es schon 12. Juni einen geheimen Vertrag wegen Venetiens abgeschlossen hatte. Bismarck verstand es jedoch, die fremde Einmischung abzuwehren, bis die kriegerische Entscheidung erfolgt war, und sie auch bei den Nikolsburger Friedenspräliminarien auf einen äußerst bescheidenen Einfluß zu beschränken. Ein nicht geringeres Verdienst als diese Durchkreuzung der franz. Interventionsgelüste war B.s entschiedenes Beharren auf der Beschränkung des preuß. Siegeszugs nur bis vor die Thore Wiens ¶
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und die Aufrechterhaltung der Integrität Österreichs, dem keine Gebietsabtretung zugemutet wurde, eine Mäßigung, die eine baldige Annäherung beider Großmächte möglich machte. Auf Grund des Prager Friedens (23. Aug.) schied Österreich aus dem Bunde und trat seine Rechte auf die Elbherzogtümer an Preußen ab, welches die Herstellung eines norddeutschen Staatenbundes und die Einverleibung mehrerer Staaten sich vorbehielt und den süddeutschen Regierungen die Konstituierung eines besondern Bundes anheimgab. Die franz. Einmischung und das Verlangen Frankreichs nach dem linken Rheinufer kam Bismarck bei den Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten zu statten. Noch vor Unterzeichnung des Prager Friedens wurde durch geheime Schutz- und Trutzbündnisse mit Württemberg [* 15] (13. Aug.), Baden [* 16] (17. Aug.) und Bayern [* 17] (22. Aug.) die Einigung der nationalen Wehrhaftigkeit gesichert.
In Preußen hatte vor Ausbruch des Krieges der Verfassungsstreit an Ausdehnung
[* 18] und Schärfe noch zugenommen. Der am eröffnete
Landtag wurde 23. Febr. schon wieder geschlossen, und Bismarck regierte aufs neue
ohne Budget. In den liberalen Schichten
der Bevölkerung
[* 19] aber hatte sich allmählich eine wesentliche Stimmungsänderung vollzogen. Das Attentat des Fanatikers Cohen-Blind
vom auf Bismarck verschaffte ihm persönliche Sympathien. Angesichts der Wandlung der Verhältnisse und ihrer Rückwirkung
auf die Volksstimmung erfolgte die Auflösung des Abgeordnetenhauses, und am Tage von Königgrätz wurden
die Neuwahlen vollzogen.
Abweichend von den in den Hofkreisen bestehenden Anschauungen wünschte Bismarck nach Erreichung seiner nächsten Ziele der Volksvertretung
versöhnlich entgegenzukommen und beantragte daher bei derselben in der am 5. Aug. eröffneten Session Indemnität für die
ohne
Staatshaushaltsgesetz geführte Verwaltung. Infolgedessen trennte sich ein großer Teil der bisherigen
Opposition behufs Unterstützung der deutschen Politik B.s als «nationalliberale»
Partei von der Fortschrittspartei und genehmigte die Indemnität, bewilligte außerordentliche Kredite für Heer und Marine
und Dotationen für und die preuß. Heerführer und wirkte bei der Einverleibung der annektierten Länder mit.
Die Bevollmächtigten von 22 Staaten versammelten sich 15. Dez. zu den Berliner Konferenzen und unterzeichneten die vereinbarte Bundesverfassung. Der 12. Febr. durch allgemeine direkte Wahlen mit geheimer Abstimmung gewählte konstituierende Reichstag beriet vom 24. Febr. bis 16. April den Verfassungsentwurf, in welchem Bismarck die Diätenlosigkeit als Gegengewicht gegen das allgemeine Stimmrecht und die Fixierung der Friedenspräsenzstärke auf eine Reihe von Jahren durchsetzte. Der Norddeutsche Bund unter dem Präsidium und der Kriegsoberhoheit des Königs von Preußen mit Bundesrat und Reichstag war nun organisiert. Bismarck wurde Bundeskanzler und übernahm den Vorsitz des Bundesrats und die Verwaltung der Bundesangelegenheiten. Der legislatorischen Thätigkeit bot sich bald ein weiter Spielraum, besonders auf dem Zoll- und Handelsgebiete. (S. Norddeutscher Bund und Deutschland und Deutsches Reich.)
Bald genug war Bismarck wieder in der Lage, mit seiner Politik des Hinhaltens den franz. Interventions- und Kompensationsabsichten zu begegnen. Nachdem Napoleon Ⅲ. Bismarck einen neuen Vertragsentwurf durch Benedetti hatte vorlegen lassen ^[] und abgewiesen worden war, unterhandelte er mit dem Könige der Niederlande [* 20] über käufliche Erwerbung des Großherzogtums Luxemburg [* 21] (s. d.) für Frankreich. Bismarck bekämpfte dieses die deutsche Grenze bedrohende Projekt mit Entschiedenheit, ließ die Verteidigungsbündnisse mit den süddeutschen Staaten veröffentlichen, und am kam, nachdem Frankreich schon zu rüsten begonnen hatte, zu London [* 22] ein Vertrag zu stande, der die Neutralität Luxemburgs und die Schleifung der Festung [* 23] Luxemburg bestimmte.
Nach dem Mißlingen dieser Versuche wurde am franz. Hofe ein förmliches System von Einmischungs- und Bevormundungsversuchen Preußen gegenüber eingeführt, denen Bismarck mit ebenso großer Festigkeit [* 24] als diplomat. Feinheit entgegentrat, um seinerseits den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. In die Verhandlungen des Norddeutschen Reichstags und des Abgeordnetenhauses von 1868‒70 griff Bismarck mit besonderm Nachdruck bei der Frage der welfischen Agitation und der Abschaffung der Todesstrafe ein. Als im Sommer 1870 bei dem Bekanntwerden der span. Thronkandidatur des Erbprinzen von Hohenzollern das franz. Kabinett und der franz. Gesandte Benedetti (s. d.) dem König Wilhelm nur die Wahl zwischen Demütigung und Krieg ließen, brachte Bismarck durch Veröffentlichung der franz. Allianzanträge der Napoleonischen Politik einen vernichtenden Schlag bei. (S. Deutsch-Französischer Krieg von 1870 und 1871.)
Der an Preußen erklärte Krieg war für die deutschen Waffen [* 25] siegreich. Vorzugsweise die geschickte und entschlossene Politik B.s, der in der Begleitung des Königs dem ganzen Feldzuge beiwohnte, hielt alle fremde Einmischung fern. Mäßigend wehrte er auch das allzu stürmische Drängen nach voller polit. Einigung, das auch Gewalt gegenüber den etwa widerstrebenden Bundesgenossen nicht verschmähen wollte, ab. Wichtiger als die Herstellung einer äußern Straffheit und Gleichförmigkeit durch die Verträge mit den süddeutschen Staaten erschien ihm die Erreichung der für eine kraftvolle Reichsgewalt in polit. und militär. Hinsicht notwendigsten Zugeständnisse. So erreichte er schließlich als Frucht des gemeinsamen Waffensiegs den Abschluß der Versailler Verträge (s. Versailles). [* 26] Am wurde König Wilhelm im Hauptquartier zu Versailles als Deutscher Kaiser proklamiert.
Nicht minder war B.s Werk der 26. Febr. mit Thiers abgeschlossene Präliminarfrieden von Versailles. Bismarck selbst wurde am Tage der Eröffnung des ersten Deutschen Reichstags, vom Kaiser Wilhelm in den erblichen Fürstenstand erhoben, ihm als Dotation eine Domäne im Amte Schwarzenbeck im Herzogtum Lauenburg [* 27] verliehen und sein Titel «Bundeskanzler» in «Reichskanzler» verwandelt. Am 10. Mai ward zu Frankfurt [* 28] a. M. nach viertägigen Verhandlungen zwischen und den franz. Bevollmächtigten der definitive Friede zwischen Deutschland und Frankreich abgeschlossen.
Im Innern des Reichs wurde Bismarck nun ein Kampf aufgedrängt, der, den alten Machtstreit zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt wieder aufnehmend, von den tiefsten Wirkungen auf die innere Entwicklung des neuen Reichs werden sollte. Das Vatikanische Konzil (s. d.) hatte das Unfehlbarkeitsdogma trotz der Opposition der deutschen Bischöfe angenommen und damit der röm.-kath. Kirche einen neuen Charakter gegeben, welcher die staatliche Unabhängigkeit schwer bedrohte. ¶