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Bild
Titel:
Milchler Emil Räss in Berlin
Thema: Wirtschaft
Datum: --.--.1912
Masse: 12 x17 cm
Standort: Maria Vattioni-Räss, Grueb 2, Herisau
Urheber/-in:
Beschreibung:
Milchwagen einer Schweizer Milchkuranstalt vor einem Berliner Wohnhaus, um 1912. Auf dem Bock der "Milchler" (Josef) Emil Räss (1893-1964) vom Brunloch am Hirschberg. Noch nicht volljährig verliess der junge Räss wie viele seiner Altersgenossen für einige Jahre die Innerrhoder Heimat und begab sich in die deutschen Grossstädte Berlin und Braunschweig. Dort lieferte er im Auftrag seiner Appenzeller Arbeitgeber frische Milch und Milchprodukte von Haus zu Haus. Für die meist dem gehobenen Bürgertum zugehörige Kundschaft bildeten die jungen Appenzeller Burschen den Inbegriff unverfälschter Leute vom Lande. In manchen Gegenden Deutschlands war der Ausdruck "Schweizer" sogar ein synonym für Knecht oder Melker.
In Berlin lernte Räss seine spätere Ehefrau Franziska Josefa Hautle (1893-1984) kennen. Sie arbeitete 1916 für eine Saison im Auftrag der Appenzeller Firma Edmund Broger als Handstickerin in der Hauptstadt des Deutschen Reiches. Zurück in Appenzell heirateten die beiden und betrieben bis Anfang der 1960er-Jahre den Hof im Brunloch, den Räss 1918 von seiner verwitweten Mutter übernommen hatte.
Geschichte:
Seit dem 18. Jahrhundert galt Schotte, das Abfallprodukt der Käseherstellung, wegen seiner leicht abführenden, Magen stärkenden Wirkung als medizinisches Heilmittel. Gais entwickelte sich ab 1750 zum weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Molkenkurort. Das Innerrhoder Kurhaus Weissbad folgte diesem Beispiel ab 1790 mit grossem Erfolg. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begaben sich viele Innerrhoder als sogenannte "Schöttler" in die vornehmen deutschen und österreichischen Kurorte Karlsbad, Marienbad, Bad Gastein, Bad Ems u.a., um vor Ort Schotte herzustellen. Teils betrieben sie dieses Geschäft saisonal während der Sommermonate, teils blieben sie während Jahren im Ausland. Neben der Schotte erfreuten sich auch frische Milch und Milchprodukte wie Kefir und Joghurt grosser Beliebtheit. Viele Appenzeller betrieben mit Erfolg so genannte "Milchkuranstalten". Ebenfalls im Ausland fand der Handel mit Handstickereien statt. So genannte Broderieshändler, unter denen sich auch einige Frauen befanden, begaben sich in Begleitung von Handstickerinnen in die Kurorte und Grossstädte des Deutschen Reiches und der Österreich-Ungarischen Monarchie und liessen vor Ort ihre Produkte herstellen. Die zahlungskräftige, adlige und grossbürgerliche Kundschaft war gerne bereit, für diese kunsthandwerklichen Textilien Preise zu zahlen, die weit über denjenigen der maschinell hergestellten Konkurrenz lagen. So zählten Schöttler, Milchler und Broderiesfabrikanten bald zur gesellschaftlichen Oberschicht in Appenzell Innerrhoden. Berühmt-berüchtigt waren die Schöttlerbälle, welche jeweils im Herbst nach der Rückkehr in die Heimat in Appenzell stattfanden. Der Wein floss in Strömen und in den Hinterzimmern fanden illegale Glückspiele statt, bei denen manches Vermögen verspielt wurde. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges fand diese goldene Zeit ein Ende. Der wirtschaftliche Niedergang des Reiches und die Hyperinflation von 1923 liessen viele vornehme Familien verarmen. Mangels Kundschaft reisten die meisten Appenzeller Geschäftsleute nach dem Krieg nicht mehr nach Deutschland.
Autor: Stephan Heuscher, Appenzell
Literatur:
Neff, Karl. Dörig, Josef: Innerrhoder Schöttler, Milchkuranstalten und Broderieshändler im Ausland. In: Innerrhoder Geschichtsfreund Heft 8 (1961), S. 3-30
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