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Er war oft da anzutreffen. Beim Abfallcontainer in der Unterführung des Bahnhofs Bern, da, wo die Rolltreppe zum Loeb-Egge hinaufführt. Dies war sein angestammter Platz. Er stand da und hielt einem diskret seinen leeren Kaffeebecher entgegen. Manchmal warf jemand ein paar Münzen hinein. Und manchmal ruhte sich der Sammelbecher auf der Aluminiumfläche des Containers aus, während der Besitzer eine Bierdose öffnete oder ein Sandwich ass.
Es kam vor, dass der junge Mann so schief stand, dass man seinen Sturz befürchten musste. Aber er stürzte nicht, auch wenn er die Augen geschlossen hielt und mit dem Schlaf kämpfte – oder der Schlaf mit ihm, je nachdem. Und manchmal war er wochenlang nicht zu sehen, wenn man am Morgen an seinem Stammplatz vorbei zur Arbeit hastete.
Wie alt er wohl war? Vielleicht 30 oder doch schon 35? Oder jünger? Schwer zu sagen. Er war nicht in guter Verfassung, eventuell drogenabhängig, eventuell Alkoholiker, ein sogenannter Randständiger, womöglich obdachlos, sicher aber nicht gut ernährt und chronisch geschwächt, und viele Zähne fehlten.
Er war ein freundlicher, sanfter Mensch. Die Passanten spendeten gerne, und wenn die Zeit reichte, kam es auch mal zu einer kleinen Plauderei. Vor vielleicht vier, fünf Wochen hatte ich ihn seit Längerem wieder einmal gesehen. Wo er so lange gewesen sei, wollte ich wissen. Er habe Pech gehabt, sagte er. Sei im Bahnhof gestürzt und habe sich dabei einen komplizierten Oberarmbruch zugezogen.
Der Arzt sprach von der Möglichkeit, den Arm zu retten, mit Platten, Schienen und Schrauben und einem längeren Spitalaufenthalt. Als Alternative nannte er die Amputation. «Ich habe mich für die Amputation entschieden, das war für mich einfacher», erzählte mir der Mann. Zum Beweis schob er die lose über seine rechte Schulter hängende Jacke beiseite und zog am T-Shirt. Ich sah, dass an der Schulter nur noch ein kurzer Stumpf hing.
«Vielleicht kriege ich ja mal eine Prothese», sagte er und lächelte. In den ersten zwei Wochen nach dem Spitalaufenthalt habe er jeweils auf einer öffentlichen Toilette beim Guisanplatz übernachtet, das sei gar nicht so übel. «Es hat fliessendes Wasser und ist einigermassen warm, was will man mehr.» Und jetzt sei er also wieder hier, an seinem Platz am Bahnhof.
Ich wünschte ihm alles Gute und ging. Es war das letzte Mal, dass ich ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte. Heute sah ich am Fuss des Containers einige Blumensträusse und Kerzen, auch einen schriftlichen Gruss, worauf sein Name stand: Luca. Dazu eine Bierdose und eine Weinflasche – offensichtlich eine Gedenkstätte für einen Verstorbenen. Manche Leute blieben stehen und verharrten einen Augenblick. Eine Frau sagte: «Ist das der, den ich meine? O nein, wie traurig. Er war ein so lieber Kerl.»
Über die Umstände seines Ablebens ist wenig zu erfahren. Verstorben sei er mit 38, wird in den Sozialen Medien berichtet. In seinen letzten Tagen und Wochen habe er starke Schmerzen gelitten, aber auch am Gewicht seines entbehrungsreichen Lebens als Heroinkranker.
Er wird fehlen. Der Mann, dessen Namen ich erst seit heute kenne, war ärmer als arm. Er war ein Besitzloser, ein Bettler. Jetzt zu schreiben, dass er dafür grossen inneren Reichtum besass, wäre kitschig. Denn ich weiss nicht, wie es in seinem Inneren aussah. Ich weiss nur, dass seine Buddha-Ruhe, seine unerschütterliche Gelassenheit, die er ausstrahlte, auf mich und andere eine gute Wirkung ausübte. Danke dafür, leb wohl – und wer weiss: Vielleicht sieht man sich mal wieder …