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Geschwister-Mythen: Teil 2
Das ewig unterlegene Nesthäkchen entwickelt laut Adler einen starken Ehrgeiz. Mittlere Kinder hingegen hätten die günstigste Position in der Familie und zeichneten sich durch emotionale Stabilität aus. Adler selbst war das zweite von sieben Geschwistern. Ähnlich sah das der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway, der Ende der 1990er-Jahre die Geschichtsbücher nach erstgeborenen Führungsfiguren und rebellischen Nachzüglern durchkämmte.
Unter den Spätgeborenen fand er Querdenker und Revolutionäre wie Charles Darwin, Karl Marx und Mahatma Gandhi; typische Erstgeborene sah er in Stalin und Mussolini. Seine Erklärung: Jedes Kind besetze eine bestimmte Nische innerhalb der Familie und nutze daraufhin eigene Strategien, um das Leben zu meistern. Erstgeborene und Einzelkinder hätten weniger Grund, mit dem Status quo zu hadern und identifizierten sich stärker mit der Weltsicht von Vater und Mutter. Jüngere Geschwister seien sich der Gunst der Eltern weniger sicher und würden daher vermehrt alternative Lebenswege einschlagen.
Fragwürdige Untersuchungen
Der Haken: Die Befragung erfolgte nur zu einem einzigen Zeitpunkt. Die älteren Geschwister waren also nicht nur zuerst geboren, sondern eben auch älter. Dass Jugendliche mit fortschreitendem Alter gewissenhafter werden, ist bekannt und könnte einen Grossteil des Effekts ausmachen.
Ein anderer methodischer Makel bestand darin, lediglich eine Person über die eigene Persönlichkeit und die ihres Bruders oder ihrer Schwester urteilen zu lassen, denn Selbst- und Fremdwahrnehmung können sich mitunter erheblich unterscheiden. Ausserdem hätten die Probanden unbewusst das Klischee vom pflichtbewussten Älteren und weltoffenen Jüngeren in ihre Bewertung einfliessen lassen und damit das erwartete Ergebnis selbst herbeiführen können.
Es gibt keine systematischen Wesensunterschiede
Sie verglichen die Persönlichkeitsprofile von Geschwistern, aber auch von Personen mit unterschiedlichem Geburtsrang, die sich nie begegnet waren. Die Leipziger Psychologen entdeckten dabei keine systematischen Wesensunterschiede. Bei solchen Untersuchungen müssen die Forscher besonders vorsichtig vorgehen, denn neben dem Alter ist noch ein anderer Faktor mit der Geschwisterposition verflochten: die Grösse der Familie.
Einfluss der Geschwisterfolge auf den Charakter wird überschätzt
«Trotzdem wiegen andere Einflüsse schwerer, wenn es um die charakterlichen Unterschiede von Geschwistern geht. Neben den Genen spielt die sogenannte nicht geteilte Umwelt eine Rolle. Dazu gehört bei Geschwistern, die in der gleichen Familie aufwachsen, etwa der jeweilige Freundeskreis.» Zudem behandeln Eltern ihre Kinder keineswegs alle gleich – und das auch unabhängig von ihrem Geburtsrang. Studien zeigen, dass Eltern sensibel auf das angeborene Temperament ihrer Sprösslinge reagieren und die Erziehung entsprechend anpassen.
IQ von Erstgeborenen etwas höher
Dass der Intelligenzunterschied nicht etwa biologisch bedingt ist – einige Forscher verdächtigen körperliche Bedingungen während der Schwangerschaft –, wiesen die Norweger Petter Kristensen und Tor Bjerkedal geschickt nach. Sie testeten Kinder, deren ältere Geschwister früh verstorben waren. Die Annahme: Diese Kinder waren zwar biologisch gesehen jüngere Geschwister, nahmen aber die Rolle des Erstgeborenen in der Familie ein. Verglichen mit anderen jüngeren Geschwistern erreichten sie bessere Ergebnisse in Intelligenztests. Ein schwacher Trost für alle Nesthäkchen: Sichere Rückschlüsse auf die Gripsverteilung in der eigenen Familie lassen solche Befunde nicht zu. Allein die Wahrscheinlichkeit, dass Ältere etwas intelligenter sind, ist höher als die, dass Jüngere ihre grossen Geschwister übertrumpfen.
Dieser Artikel erschien zuerst in «Spektrum Psychologie», 2/2019 (März/April)
Das Wichtigste in Kürze
- Annahmen über die Bedeutung der Geschwisterfolge gibt es viele. So seien Erstgeborene meist ehrgeizig, gradlinig und pflichtbewusst, während Nesthäkchen ein rebellischer, kreativer Charakter nachgesagt wird. Nach dem US-Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway besetzt jedes Kind eine bestimmte Nische innerhalb der Familie und nutzt daraufhin eigene Strategien, um das Leben zu meistern.
- Mittlerweile haben Wissenschaftler grosse, länderübergreifende Daten analysiert. Betrachtet man solche Stichproben und vergleicht unterschiedliche Familien miteinander, verschwindet der Effekt der Geschwisterfolge auf die Persönlichkeit fast vollständig.
- «Es ist durchaus möglich, dass die Position in der Geschwisterfolge die Persönlichkeit prägt. Nur eben nicht in jeder Familie auf dieselbe Weise. In anderen Worten: Es gibt möglicherweise einen Einfluss, nur eben keinen systematischen», sagt Frank Spinath, Professor an der Universität des Saarlandes, Deutschland.
- Ein Unterschied gilt als gesichert: Erstgeborene erreichen im Schnitt einen etwas höheren IQ als ihre jüngeren Geschwister. Dies hat aber eher umweltbedingte als genetische Ursachen. So genossen Erstgeborene bis zur Geburt des Geschwisters die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern und wurden mehr gefördert.
- Der US-Psychologe Frank Sulloway sah in Darwin, Marx und Gandhi typische rebellische Nachzügler und in Stalin und Mussolini typische erstgeborene Führungsfiguren.
- Ungeteilte Aufmerksamkeit in den frühen Lebensjahren fördert offenbar die kognitiven Fähigkeiten.
Die Autorin:
Die Serie «Geschwister-Mythen»in der Übersicht:
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