Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03347.jsonl.gz/783

Am 25. September stimmen wir über die Massentierhaltungsinitiative ab. Die Befürworter wollen damit den Nutztieren ein würdiges Dasein ermöglichen. Die Gegner werfen ein, mit einem Ja zur Initiative würde das Tierwohl verschlechtert, weil es zu mehr Importen kommen würde. Wer hat die besseren Argumente? Wir haben je einen prominenten Befürworter und Gegner eingeladen, seine Sicht der Dinge darzulegen.
Pro
Schutz der Tierwürde in der Landwirtschaft
27’000 Masthühner in einem Betrieb. Eine A4-Seite Platz für jedes Tier. Nach 35 Tagen werden die Tiere geschlachtet, ohne jemals den freien Himmel erblickt zu haben. Die Aussage, die Schweiz habe das beste Tierschutzgesetz der Welt, vermag nicht über die Realitä̈t der industriellen Tierproduktion hinweg zu täuschen. Wir brauchen einen Systemwechsel: Zurück zu einer bodenbewirtschaftenden Landwirtschaft, weg von Profitmaximierung auf Kosten von Tier, Mensch und Umwelt.
Die industrielle Tierproduktion
Seit der Jahrtausendwende ist der Bestand landwirtschaftlich gehaltener Tiere in der Schweiz um beinahe die Hälfte gestiegen. Fast 80 Millionen Tiere wurden 2020 zur Fleischgewinnung getötet. Gleichzeitig ist die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe von rund 70’000 auf weniger als 55’000 zurückgegangen. Ergo werden heute pro Betrieb erheblich mehr Tiere gehalten. Diese Art der landwirtschaftlichen Tierhaltung wird häufig als Massentierhaltung bezeichnet.
Zwar fehlt eine allgemeingültige Definition der Massentierhaltung, doch gibt es einige Praktiken, die gemeinhin als Merkmale dieser Form der Tierhaltung anerkannt sind: In der Massentierhaltung werden Tiere so gezüchtet, dass sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Fleisch ansetzen. Regelmässiger Auslauf und eine angemessene, tiermedizinische Versorgung kann in dieser Haltungsform nicht sichergestellt werden.
Bekommen die Tiere gesundheitliche Probleme, werden ihnen Medikamente wie Antibiotika verabreicht ‒ auch präventiv, um sie leistungsfähig zu halten. Moderne Hybridhühner etwa setzen so schnell Fleisch an, dass sie sich in ihrer letzten Lebenswoche kaum noch auf den Beinen halten können. Viele entwickeln Beinschäden oder Herz-Kreislauf-Probleme, weil das Herz den überdimensionierten Körper nicht mehr richtig durchblutet. 2 bis 4 Prozent der Hühner sterben vorzeitig.
Schädlich für Tier, Mensch, Umwelt
Die Tierhaltung ist für rund 85 Prozent aller in der Schweizer Landwirtschaft verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich und belastet durch ihre immensen Stickstoffeinträge Schweizer Böden und Gewässer. Nur durch den Import von 1,4 Millionen Tonnen Futtermitteln pro Jahr kann die Tierhaltung in der Schweiz auf diesem Niveau betrieben werden.
Die industrielle Tierproduktion ist nicht vereinbar mit dem in der Schweizer Verfassung garantierten Prinzip der Würde der Kreatur und der Gleichbehandlung vergleichbarer Interessen. Das geltende Tierschutzgesetz wird diesen Erkenntnissen jedoch nicht ansatzweise gerecht.
Artgerechte Haltung sicherstellen
Repräsentative Umfragen zeigen immer wieder, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung Fleisch aus «artgerechter Tierhaltung» fordert. Dies steht im Widerspruch zur Tatsache, dass der Konsum von Tierprodukten heute grossmehrheitlich durch einen kleinen Teil hochindustrialisierter Landwirtschaftsbetriebe gedeckt wird.
Die Initiative gegen Massentierhaltung fordert das Ende der Massentierhaltung innerhalb unserer Landesgrenzen und weist den Weg hin zu einer standortangepassten Schweizer Landwirtschaft, die für eine ressourcenschonende und tierfreundliche Produktion steht. Konkret fordert die Initiative, dass der Bund den Schutz der Tierwürde in der landwirtschaftlichen Tierhaltung sicherstellt.
Um zu vermeiden, dass die höheren Produktionsstandards zu einer Zunahme von Billigimporten aus dem Ausland führen, fordert die Initiative eine Importregulierung, die den neuen Schweizer Standards Rechnung trägt. Der Bund erhält den dazu erforderlichen Spielraum. Importverbote sind dann WTO-konform, wenn die importierten Produkte der «öffentlichen Moral» eines Landes widersprechen. Eine Annahme der Volksinitiative würde klar belegen, dass diese Bedingung erfüllt ist.
Philipp Ryf,
Co-Kampagnenleiter der Initiative gegen Massentierhaltung
Contra
Nein zur Massentierhaltungsinitiative heisst ja zur Ernährungssouveränität
Als Bio-Landwirt produziere ich seit 25 Jahren Lebensmittel nach den Bio-Suisse Richtlinien für Konsumenten, welche bereit sind, für ihre Nahrungsmittel mehr Geld auszugeben als der Durchschnitt. Getrost könnte ich sagen, mich betriff die Massentierhaltungsinitiative nicht, da ich die Anforderungen, welche im Initiativtext stehen, schon erfülle. Der fundamentale Initiativ-Text fordert jedoch eine Tierhaltung, welche der heutigen Zeit nicht mehr entspricht. Eine tierische Produktion nach den Richtlinien von Bio-Suisse würde die Produktion für Nicht-Biolandwirte massiv verteuern. Dies hätte auch Auswirkungen für die Konsumenten, wären doch diese Lebensmittel nicht für alle Lohnklassen erschwinglich oder höchstens noch sehr sporadisch.
Betreuung des Tierhalters ist entscheidend
Der aktuelle Trend zeigt auf, dass die schweizerische Landwirtschaft in den letzten Jahren immer mehr Fleisch nach Label-Vorschriften produziert, die ein höheres Tierwohl verlangen. Der Konsum dieser Label-Produkte ist jedoch rückläufig. Die Annahme, dass es Tieren in grossen Ställen, welche in der Schweiz erlaubt sind, schlechter geht, ist erwiesenermassen falsch. Die Betreuung der Tiere in diesen Ställen wird in der Regel von sehr gut ausgebildeten Landwirtinnen und Landwirten professionell erledigt. Auch hinsichtlich des Tierwohls sind die modernen Ställe gut und nach den strengsten Tierschutzvorschriften gebaut und eingerichtet. Wäre dies nicht der Fall, würden die Leistungen der Tiere für eine kostendeckende Produktion nicht ausreichen. Ob ein Tier artgerecht gehalten wird, ist nicht abhängig von der Anzahl in einem Stall, sondern von der Betreuung des Tierhalters oder der verantwortlichen Person.
Import würde stark zunehmen
Bei einer Annahme der Initiative müssten rund das drei bis vierfache an Schweine- und Hühnerställe gebaut werden, um die gleiche Nahrungsmittelmenge zu produzieren. Dies wäre aus raumplanerischer Sicht, mit den heute schon geltenden Bauvorschriften in der Landwirtschaftszone, überhaupt nicht möglich.
Gleichzeitig würde der Import von Eiern, Poulet und Schweinefleisch massiv zunehmen. Gemäss einer aktuellen Untersuchung der Fachhochschule Nordwestschweiz würde der Selbstversorgungsgrad bei Poulet von heute 58 auf 5 Prozent sinken. Bei den Eiern ginge er von 56 auf 20 Prozent und beim Schweinefleisch von 92 auf 50 Prozent zurück.
Den einheimischen Tieren geht es besser
Ob die Tiere im Ausland ein gleich gutes Tierwohl haben wie unsere Nutztiere, welche nach den heute geltenden Vorschriften gehalten werden, ist mehr als nur stark zu bezweifeln. Würde die Höchstgrenze der Tiere pro Stall nach dem Initiativtext ausgelegt, wären sehr viele Familienbetrieb auf ein Nebeneinkommen ausserhalb der Landwirtschaft angewiesen. Einen dadurch entstehenden negativen Einfluss auf das Tierwohl ist deshalb nicht auszuschliessen, da die Tierbetreuung nur noch am Morgen und am Abend stattfinden würde. Die Umsetzung dieser Initiative hätte auch einen grossen Einfluss auf die Tiertransporte. Müssten doch mehrere Betriebe angefahren werden, um die Lastwagen nach den geltenden Tiervorschriften zu füllen. Dadurch würden auch die Transportzeiten vieler Tiere massiv erhöht. Das hätte bestimmt keinen positiven Einfluss auf deren Wohl, wie es wiederum von den Initianten gefordert wird.
Betrachtet man die Initianten und ihr Gedankengut etwas genauer, ist schnell festzustellen, dass es ihnen nicht um die Höchstzahl der Tierbestände in den einzelnen Ställen geht. Ihr Ziel ist es, dass der Fleischkonsum stark zurückgeht und sich die Bevölkerung in der Schweiz in absehbarer Zeit nur noch vegetarisch oder vegan ernährt.
Mit einem NEIN zur Massentierhaltungs-Initiative, sagen wir Ja zu einer tiergerechten, leistungsfähigen und umweltschonenden Tierhaltung.
Alois Huber,
Landwirt auf dem Schlossgut Wildegg und SVP-Nationalrat