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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.
8. Antwort über die verschiedene Beschaffenheit der Gebete.
Alle Arten der verschiedenen Beschaffenheit zu erfassen, kann, wie ich glaube, ohne große Zerknirschung des Herzens, Reinheit des Gemüthes und Erleuchtung des hl. Geistes nicht sein. Denn es sind so viele, als in einer Seele, ja in allen Seelen, Zustände und Eigenschaften sich erzeugen können. Obwohl wir aber wissen, daß wir bei der Schwerfälligkeit unseres Herzens nicht alle Gebetsarten durchschauen können, so wollen wir doch immerhin versuchen, sie auseinanderzusetzen, soweit das unsere mittelmäßige Erfahrung zu erreichen vermag. Nach dem Maße der Reinheit nun, in welchem irgend ein Geist vorwärts strebt, und nach der Beschaffenheit des Zustandes, in dem er entweder je nach den äussern Zugängnissen sich hin und herneigt oder durch seine eigene Thätigkeit erneuert wird, bildet er sich selbst in den einzelnen Augenblicken um, und deßhalb ist es ganz gewiß, daß Niemand immer ganz gleichförmige Gebete aussenden kann. Denn anders bittet Einer, wenn er heiter ist; anders, wenn er von der Last der Traurigkeit oder der Verzweiflung beschwert ist; anders, wenn er in geistigen Erfolgen sich kräftig fühlt; anders, wenn er von der Last der Versuchungen gedrückt wird; anders, wenn er um Verzeihung der Sünden, und wieder, wenn er um Erlangung der Gnade oder irgend einer Tugend bittet oder wenigstens um Tilgung irgend eines Lasters fleht; anders, wenn er durch die Betrachtung der Hölle und die Furcht vor dem künftigen Gerichte gequält wird; anders, wenn er [S. 552] durch die Hoffnung und das Verlangen nach den künftigen Gütern entzündet ist; anders, wenn er in Noth und Gefahr, als wenn er in Sicherheit und Ruhe schwebt; anders, wenn er durch Offenbarungen himmlischer Geheimnisse erleuchtet wird, und wieder anders, wenn er durch Unfruchtbarkeit an Tugenden und Trockenheit des Gefühles gepreßt ist.