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Ethik: Konsequentialismus
Aktualisiert: 19. Apr. 2021
Für den Konsequentialismus wird vorab dessen Kernidee aufgezeigt. Nach einer Besprechung seiner werttheoretischen Grundlagen wird das Augenmerk auf die normative Theorie gerichtet, bevor die mit dieser Theorie verbunden Schwierigkeiten beleuchtet werden.
Bild: Pixabay.com (Peggy_Marco)
Kernidee
In konsequentialistischen Moraltheorien wird der deontische Status - erlaubt, geboten, verboten, supererogatorisch - einer Handlung monistisch durch die Folgen dieser Handlung bestimmt. Jede konsequentialistische Ethik umfasst zwei Komponenten:
Axiologie (Werttheorie): Bewertungssystem für die Folgen von Handlungen.
Normative Theorie: Regelsystem zur Festlegung des deontischen Status dieser Handlungen auf Basis ihrer bewerteten Folgen.
Werttheoretische Grundlagen (Axiologie)
Das axiologische Problem besteht darin, wie die Folgen einer Handlung bewertet werden können. Im Utilitarismus als bedeutender Spielart des Konsequentialismus wird diese Bewertung alleine aufgrund des Nutzens vorgenommen, den eine Handlung erzeugt. Der Nutzen wiederum besteht im Ausmass an Lust bzw. Präferenzerfüllung, das eine Handlung bewirkt. Die Werttheorie des Utilitarismus ist:
Subjektivistisch: Nur subjektive Zustände sind intrinsisch wertvoll.
Individualistisch: Kollektive Werte sind die Summe individueller Werte.
Universalistisch: Jeder individuelle Wert resp. jede Person zählt gleich.
Den Begriff des Nutzens wird u.a. wie folgt spezifiziert: Die Nutzenmaximierung und mithin das Ziel der Moral bestehen in...
Lust (Hedonismus): Beförderung der grösstmöglichen Menge an Lust und der geringstmöglichen Menge an Schmerz. Begründung: Alles, was es wert ist angestrebt zu werden, wird letztlich zwecks Lustförderung resp. Schmerzreduktion angestrebt. Bemessungskriterien sind Intensität und Dauer von Lust/Schmerz.
Präferenzerfüllung: Beförderung von Weltzuständen, worin die Präferenzen aller Beteiligten bestmöglich erfüllt sind. Die Präferenzen können auf sich selbst ("ich habe Freude") oder auf andere gerichtet sein ("ich habe Freude, wenn sie Freude hat"), oder aber einen objektiven Inhalt haben ("ich habe Freude, wenn China demokratisch wird"). Bemessungskriterien sind Intensität der Präferenz und Rolle der Präferenz im eigenen Lebensplan (z.B. Beruf, Familie).
Der Hedonismus wird unterschiedlich interpretiert:
Quantitativer Hedonismus (Jeremy Bentham et al.): Lusterfahrungen bemessen sich lediglich nach ihrer individuell wahrgenommenen Intensität und Dauer.
Qualitativer Hedonismus (John Stuart Mill et al.): Lusterfahrungen bemessen sich zusätzlich nach ihrer Qualität. So ist demgemäss z.B. die Entdeckung der Weltformel ein qualitativ höherwertiges Glück als ein Spaziergang im Wald. Über die Qualität der Erfahrung sollen jene urteilen, die je beide Erfahrungen gemacht haben, oder bei Uneinigkeit soll die Mehrheitsmeinung gelten.
Mit dem Gegenstück der Lust, dem Schmerz, ist ein Symmetrieproblem verknüpft: Die Aufrechnung von 5,1 Lusteinheiten gegen 5,0 Schmerzeinheiten würde im Utilitarismus zur kontraintuitiven Entscheidung "pro Lust" führen. Um diesem Problem zu begegnen, kann Schmerzvermeidung für die Bewertung der Nutzenmaximierung höher gewichtet werden als Lustförderung.
Eine grundsätzliche axiologische Herausforderung des Konsequentialismus resp. des Utilitarismus besteht darin, schlüssig zu begründen, ob und weshalb nur der Nutzen relevant sein soll. Gegen diese monistische (auf nur einem Prinzip beruhende) Auffassung des Utilitarismus wandte sich u.a. der US-amerikanische Philosoph Robert Nozick mit seinem Gedankenexperiment "Erlebnismaschine".
Die Erlebnismaschine ist, ähnlich der Matrix im gleichnamigen Film, in der Lage, dem Menschen sein Leben lang jede beliebige Erfahrung zu suggerieren, ohne dass es dem Menschen noch bewusst wäre, an eine Maschine angeschlossen zu sein. Anders ausgedrückt wäre Nozicks Erlebnismaschine in der Lage, den subjektiv erfahrenen Nutzen zu maximieren. Würden sich Menschen nun für oder gegen ihren Anschluss an die Erlebnismaschine entscheiden, die lebenslanges Glück verheisst? Aus utilitaristischer Sicht müsste man sich vernünftigerweise für den Anschluss entscheiden.
Nozick verneint diese Frage jedoch aus drei Gründen und erklärt damit, dass Nutzenmaximierung nicht das alleinseligmachende Prinzip sein könne. Seine drei Gründe sind:
Menschen wollen nicht nur die Erfahrung machen, Dinge zu tun, sondern sie wollen sie auch tatsächlich in der realen Welt tun.
Menschen wollen eine bestimmte Person mit bestimmten Charaktereigenschaften sein, und sich nicht bloss einbilden, diese Person zu sein.
Menschen wollen, dass ihr Erleben in der potentiell widerständigen Welt gründet, wie sie wirklich ist, sie wollen also den Kontakt zur Wirklichkeit.
Mit diesem Gedankenexperiment wird das subjektivistische Element der utilitaristischen Werttheorie in Zweifel gezogen, weil die Intuition mehrheitlich gegen einen Anschluss an die Erlebnismaschine spricht. Konsequentialisten wehren sich gegen diese Interpretation mit dem Argument, die Intuition sei fehlbar und würde dazu tendieren, am Status quo festzuhalten.
Mit einer auf der Überlegung von Nozick gründenden Verbreiterung der axiologischen Basis werden pluralistische Theorien des Wohlergehens geschaffen. Diese können z.B. durch die Objektivierung der als lustvoll empfundenen Zustände herbeigeführt werden, worin unterstellt wird, dass sich das Wohlergehen zumindest teilweise aus für alle Wesen gleich erfahrenen Erlebnissen konstituiert, u.a.:
Leistung / erreichte Ziele
Komponenten menschlicher Existenz (Autonomie, Freiheit, Selbstvervollkommnung)
Verständnis
Vergnügen / Lust
Tiefe persönliche Beziehungen
Die Vorstellung hinter einer solchen objektivistischen Betrachtung der Axiologie besagt also, dass es nicht nur auf subjektive Erfahrungen ankommt, sondern dass auch vom Subjekt unabhängige Zustände intrinsisch wertvoll sein können und also einen Nutzen stiften. Eine solche Vorstellung bringt jedoch zusätzliche Komplexität in die normative Theorie.
Konsequentialismus als normative Theorie
Ob eine Handlung moralisch erlaubt, geboten oder verboten ist, bestimmt sich im Konsequentialismus nach den Folgen dieser Handlung. Dabei stellt sich zunächst die Frage, welche Folgen gemeint sind. Die mit jeder Betrachtungsweise verknüpften Schwierigkeiten werden am Beispiel einer Ärztin aufgezeigt, die ihrer Patientin ein Medikament verschreibt, das in seltenen Fällen den Tod als Nebenwirkung hat.
Faktische (tatsächliche) Folgen: Tritt die Nebenwirkung als faktische Folge ein, hätte die Ärztin unbeabsichtigt unmoralisch gehandelt, weil diese faktische Folge die Handlung verbieten würde.
Beabsichtigte Folgen: Wenn auf beabsichtigte Folgen abgestellt wird (Heilung der Patientin), stellt sich die Frage nach der Beurteilung der Vorhersehbarkeit aller Folgen (Heilung / Tod).
Vorhergesehene Folgen (subjektiv): Vorhersehbare Folgen sind v.a. die Heilung (hohe Chance) und der Tod (geringes Risiko) der Patientin. Was aber, wenn Folgen fahrlässig ignoriert werden?
Vorhergesehene Folgen (objektiv): Moralisch relevant sind die "nach gutem Treu und Glauben" vorhersehbaren Folgen. Aber: Woran lässt sich ein solcher Massstab objektiv festmachen?
Zu ergänzen ist, dass ein moralischer Unterschied zwischen beabsichtigten und nur vorhergesehenen Folgen fragwürdig ist und, falls ein solcher Unterschied überhaupt besteht, ob er sich im Rahmen einer konsequentialistischen Ethik fassen lässt. Im Weiteren weist die Idee der Vorhersehbarkeit ein generelles Problem auf: Weder können in vielen Fällen alle Handlungsfolgen umfassend vorhergesehenen werden (Schmetterlingseffekt), noch sind die Eintretenswahrscheinlichkeiten aller Folgen mit hinreichender Genauigkeit bestimmbar.
Sobald nun geklärt ist, welcher Folgentyp beigezogen wird, stellt sich als nächste Frage, nach welchem Prinzip der normative Status (erlaubt, geboten, verboten) einer Handlung festgelegt wird:
Maximalprinzip (Maximizing): Nur jene Handlungsalternative mit den besten Folgen ist richtig. Dadurch ist nur diese eine Handlung geboten, sämtliche Alternativen sind verboten, d.h. in diesem Prinzip sind erlaubte oder supererogatorische Handlungen ausgeschlossen.
Zufriedenstellungsprinzip (Satisficing): Richtig sind jene Handlungsalternativen, die hinreichend gute Folgen haben. Diese Alternativen sind erlaubt, aber eine davon zu wählen ist geboten. Dieses Prinzip verstösst gegen die Kernidee des Konsequentialismus, denn weshalb sollte ein geringeres Gut gewählt werden? Überdies ist das Prinzip einem Willkürverdacht ausgeliefert.
Als Anschlussproblem stellt sich noch die Frage, welcher sich aus den Handlungsfolgen ergebende Nutzen zu maximieren ist:
Gesamtnutzen (Nutzenbilanz der Gemeinschaft): Diese Betrachtungsweise sieht sich mit widerwärtigen Schlussfolgerungen konfrontiert, denn ihr gemäss wäre beispielsweise ein Vermehrungsgebot zulässig, um die Population zwecks Steigerung des Gesamtnutzens (mehr Menschen = mehr Lust) selbst bei abnehmendem Durchschnittsnutzen zu maximieren.
Durchschnittsnutzen (auf Gemeinschaftsmitglied entfallender Nutzen): Auch diese Sicht kann zu intuitiv falschen Schlüssen führen, z.B. indem bei SARS-CoV-2 ein Durchseuchungsgebot als moralisch richtig gesehen wird, um den älteren, die Sozialwerke belastenden Bevölkerungsteil zu Gunsten eines höheren Durchschnittsnutzens beim weniger alten Bevölkerungsteil vom Virus abschöpfen zu lassen.
Schwierigkeiten und Herausforderungen
Konsequentialistische Moraltheorien sehen sich mit mehreren Schwierigkeiten und Herausforderungen konfrontiert. Ein erstes Problem besteht in der Überforderung der handelnden Subjekte:
Epistemische (erkenntnistheoretische) Überforderung: Ein umfassender Überblick über sämtliche Handlungsfolgen ist aufgrund potentiell unendlicher Kausalketten oft kaum möglich.
Motivationale Überforderung: Im Konsequentialismus kann die Opferung des eigenen Lebens zum Zwecke der gemeinschaftlichen Nutzenmaximierung geboten sein.
Aus obigen Problemen erwachsen Unsicherheiten bezüglich Verhaltens der Interaktionspartner ("wie bewerten andere die Handlungen?"), woraus dann wiederum verhaltenskoordinatorische Probleme entstehen können ("wie verhält sich A, wenn B sich so oder so verhält?").
Ein zweites Problem besteht in der Selbstaufhebung der konsequentialistischen Theorie an sich. Sollte sich nämlich zeigen, dass eine andere Moraltheorie besser geeignet ist, den grössten Gesamtnutzen zu verwirklichen, so wäre ein Utilitarist genötigt, seine Theorie geheim zu halten oder zu verleugnen.
Als dritte Schwierigkeit werden persönliche Projekte und individuelle Autonomie angeführt. Menschen fordern Freiräume für ihre Entfaltung und die Verfolgung eigener Projekte, die womöglich von einer neutralen Warte betrachtet nicht zur Maximierung des Gesamtnutzens beitragen, sondern bloss zur Maximierung des je eigenen Nutzens. Der Konsequentialist kann hier zwar einwenden, dass auch mit solcher Verfolgung von Eigeninteressen ein Lust- und mithin Nutzengewinn erzielt wird, aber damit ist nicht gesagt und gesichert, dass dieser individuelle Nutzen im Lichte alternativer Handlungsoptionen zwingend auch den Gesamtnutzen befördert.
Als viertes Problem gelten intrinsisch unmoralische Präferenzen resp. Lusterfahrungen. Wiewohl nahezu alle Menschen Tierquälerei oder Pädophilie intuitiv ablehnen, verfügt der Konsequentialismus über kein Instrumentarium, um diesbezügliche Handlungen aus dem Nutzenmaximierungskalkül auszuschliessen bzw. nur dann, wenn die Folgen dieser Handlungen nicht zum grössten Glück der grössten Zahl führen. Solche Handlungen scheinen aber ihrem Wesen nach grundsätzlich unmoralisch zu sein, und dieser Problematik könnte im Konsequentialismus wohl höchstens mit einer auf qualitativem Hedonismus fussenden Werttheorie begegnet werden, der solche Handlungen als von niederer Qualität einstuft (Anm. des Verfassers: Meine persönliche moralische Intuition wird nur schon dadurch hin zum Brechreiz getriggert, im Kontext solcher Beispiele den Begriff "Qualität" zu verwenden).
Die fünfte und letzte Herausforderung besteht im Mangel konsequentialistischer Theorien, strukturelle Werte wie den des Verdienstes (Leistungsprinzip) oder den der Verteilungsgerechtigkeit bzw. der ihr zugrunde liegenden Gleichheit intuitiv angemessen zu berücksichtigen. So wäre beispielsweise im Utilitarismus denkbar, dass ein geschenkter Franken einem Multimilliardär zugeordnet wird, sofern dieser dadurch subjektiv mehr Lust erfahren würde als ein mittelloser Bauer.
Die weiteren Zusammenfassungen zur Ethik und andere diesbezügliche Beiträge finden sich hier.