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12.11.2015 - Maja Petzold
12.11.2015
Maja Petzold
Als die Künste in Indien blühten
Die Zeit der Mogulherrscher in Indien ist eine der künstlerisch reichhaltigsten Epochen dieses Kontinents. „Akbars goldenes Erbe“ im Rietberg-Museum Zürich zeugt davon.
Als Leonardo da Vinci 1519 in Frankreich starb, betrat Fürst Babur aus dem Fergana-Tal in Usbekistan, den indischen Subkontinent. Babur stammte aus der Familie von Dschingis Khan und Timur Lenk, dessen Sternwarte heute noch in Samarkand besucht werden kann. In Indien liess sich Babur 1526 zum ersten Mogulkaiser ausrufen. Er begründete damit eine lang anhaltende Epoche, in der alle Künste gefördert wurden. Herausragende Beispiele der Architektur sind der Taj Mahal in Agra, erbaut von Shah Jahan, Baburs Ururenkel, oder das Rote Fort in Delhi.
Baburs Floss kentert auf dem Fluss Pandschschir beinahe. Folio aus dem ersten illustrierten Baburnama von Kamal Kashmiri, Gesichter von Madho. Pigmente und Gold auf Papier 25, 2 x 14,2 cm (Bild) Mittlere Akbar-Zeit, um 1590. Museum Rietberg, Geschenk Balthasar und Nanni Reinhart. Foto: Rainer Wolfsberger, Ausschnitt
Babur galt als sehr gebildet und kultiviert, hatte aber am Aufblühen der Künste wenig Anteil, denn er starb schon 1530 und wurde in seiner Lieblingsstadt, dem afghanischen Kabul, beerdigt. Zur vollen Entfaltung gelangten die Künste, besonders die Malerei, unter Akbar, Baburs Enkel. Akbar der Grosse regierte von 1556 bis 1605 und gilt bis heute neben dem altindischen König Ashoka als einer der strahlendsten Herrscher auf dem indischen Subkontinent. Akbar konnte darauf aufbauen, was sein Vater, für einige Zeit aus Indien nach Persien vertrieben, in Isfahan kennengelernt und nach Indien mitgebracht hatte: die Malerei der Safawiden-Tradition und einige persische Maler. Kaum zurückgekehrt, starb Akbars Vater.
Das Museum Rietberg, seit jeher das Museum für aussereuropäische Kunst mit internationalem Renommee, besass schon bisher eine beachtliche Sammlung indischer Malerei. Nun erhielt es als Dauerleihgabe 22 hervorragende Werke der Mogulmalerei, ein würdiger Anlass, diese Kunst in einer Sonderausstellung vorzustellen. Gezeigt werden Bilder für Alben und zur Illustration von Manuskripten, die in den kaiserlichen Ateliers entstanden sind. Sie stammen vorwiegend aus der Zeit Akbars und seiner beiden direkten Nachfolger und aus der späteren Mogulzeit. Da sind reizvolle Unterschiede in Stil und Farbgebung zu entdecken.
Am Hof von Kaiser Shah Jahan. Fragment (linke Seite) einer doppelseitigen Komposition für das Padshahnama, als Albumblatt montiert; Hunhar zugeschrieben. Pigmente und Gold auf Papier 25 x 17 cm (Bild) Shah Jahan-Zeit, um 1645. Museum Rietberg, Geschenk Volkart-Stiftung. Foto: Rainer Wolfsberger, Ausschnitt
Wenn auch die Künstler aus Persien in den grossen neu eingerichteten Malateliers zunächst federführend waren und die einheimischen Maler anleiteten, so wurde die Kunst der Malerei doch schon früher in Indien gepflegt. Diese alten Traditionen flossen in den neuen Stil ein. Es entstand eine Malerei, die von naturalistischer Darstellung und genauer Beobachtung geprägt ist. Während im ersten Jahrhundert der Mogulmalerei vorwiegend die Kaiser selbst Auftraggeber waren, bröckelte die Förderung der Künste durch den Hof langsam ab, und die Künstler mussten sich andere Auftraggeber suchen – und fanden sie auch. Dadurch verbreiteten sich Wissen und Handwerk, die Malerei entwickelte neue Facetten.
Dargestellt wurden Szenen aus der traditionellen persischen Literatur – Persien war über seine politischen Grenzen auch kulturell eine führende Nation -, daneben Szenen aus Fabeln, aus dem indischen Nationalepos Ramayana und natürlich auch Biografien und Chroniken der Herrscher selbst, kurz Manuskripte aller Art wurden illustriert. Die Moguln waren weltoffen: Auch seltene westliche Besucher konnten gemalt werden. Dass auch einzelne Bibelszenen, etwa Christus- oder Mariendarstellungen zu sehen sind, sollte uns nicht verwundern, denn in der muslimischen Tradition gehören Christentum und Judentum zu den ‚Ahnen‘ des Islam.
Der heilige Christophorus trägt das Jesuskind. Einzelbild, auf doppelseitigen Albumblatt montiert; Bild Miskin zugeschrieben, Borte: Muhammad Baqir zugeschrieben. Pigmente und Gold auf Papier 33,2 x 20,7 cm (Folio); 14,4 x 9,1 cm (Bild) Späte Akbar-Zeit, um 1600. Museum Rietberg, Geschenk Catharina Dohrn. Foto: Francesca Galloway Ltd., Ausschnitt
Die Bilder haben kleine Formate, entsprechend ihrer Bestimmung als Albumblatt oder Teil eines Buches. – Grosse Gemälde wie in Europa kennt man nicht. – Es sind feine Zeichnungen, die den Bildern zugrunde liegen, die Künstler benutzen leuchtende Pigmentfarben. Einige Materialien sind in einer Vitrine ausgestellt, z. B. kleine flache Muscheln, in denen die Farben gemischt wurden. Nicht nur höfischen Prunk erkennt die Besucherin, sondern auch dramatische Kampfszenen, poetische Szenen mit literarischem Hintergrund oder individuelle Portraits.
Wer Zeit und Interesse hat, kann sich in der Ausstellung „Andere Welten“ (Park-Villa Rieter) mit volkstümlicher Malerei aus Rajasthan und Zentralindien vertraut machen. Der Vergleich lohnt sich, denn dort zeigen sich künstlerische Traditionen jenseits der Mogul-Malerei. Einerseits treten regionale Aspekte hervor, andererseits liessen sich die Maler teilweise auch vom Mogulstil beeinflussen.
In der Hauptausstellung finden jeden Samstag Führungen statt.
„Akbars goldenes Erbe – Malerei für die Kaiser Indiens“ ist noch bis 14. Februar 2016 zu sehen.
Alle Abbildungen: © Museum Rietberg