Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03414.jsonl.gz/789

Photovoltaik-Freiflächenanlagen in alpinen Wintersportorten – Präferenzen der deutschsprachigen Schweizer Bevölkerung
Die Solarenergie gilt als Kernelement der Schweizer Energieversorgung in Zukunft. Um die politisch gesetzten Klimaziele der Schweiz bis zum Jahr 2050 zu erreichen, ist die Produktion von Strom aus Photovoltaikanlagen um mindestens den Faktor 20 zu erhöhen. Der Ausbau von Anlagen zur Produktion von erneuerbarer Energie erfolgt heute jedoch zu langsam. Insbesondere im Winterhalbjahr muss die Schweiz Strom aus dem Ausland importieren. Die Rolle von Photovoltaik-Freiflächenanlagen gewinnt mit der vollständigen Dekarbonisierung unseres Energiesystems, das zugleich die Energiesicherheit zu allen Jahres- und Tageszeiten sicherstellen muss, an Bedeutung. Auf der Suche nach geeigneten Standorten zeigt sich, dass Photovoltaikanlagen in den Schweizer Alpen 1.5- bis 2-mal höhere Jahreserträge als im Mittelland sowie einen Winterstromanteil von bis zu 56% erzielen. Zum Vergleich: Photovoltaikanlagen im Mittelland haben einen Winterstromanteil von ca. 25 %.
Um im alpinen Raum von bestehenden Netzanbindungen profitieren zu können, drängt es sich auf, den Ausbau von Photovoltaikanlagen in Wintersportorten zu konzentrieren. Aufgrund dieses Potenzials können Photovoltaik-Freiflächenanlagen im Alpenraum in Zukunft einen grossen Teil des steigenden Bedarfs an erneuerbarer Energie decken, vor allem während der Wintersaison. Die Integration von Infrastrukturen zur Produktion von erneuerbarer Energie in die Landschaft bedeutet jedoch auch, dass sich die wahrgenommene Qualität der Landschaft verändert.
Die Studie hatte zum Ziel, die Präferenzen der Bevölkerung über die energetische Entwicklung von Wintersportorten mit Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu erheben. Welche Szenarien von Photovoltaik-Freiflächenanlagen in alpinen Wintersportorten werden von der deutschsprachigen Schweizer Bevölkerung präferiert?
In einer repräsentativen Umfrage mit 1’228 Teilnehmenden wurde mittels diskretem Entscheidungsexperiment die Präferenz der deutschsprachigen Schweizer Bevölkerung für Photovoltaik-Freiflächenanlagen in Wintersportorten (in der Nähe von Skipisten) untersucht. Die Methode des diskreten Entscheidungsexperiments orientiert sich an realen Entscheidungssituationen: Befragte wählen aus verschiedenen (Handlungs-)Alternativen die von ihnen am meisten präferierte aus.
Mit einer Literaturstudie wurden Attribute bestimmt, welche für das Ermitteln der Präferenzen der Bevölkerung über die energetische Entwicklung von Wintersportorten mit Photovoltaik-Freiflächenanlagen relevant sind. Pro Attribut wurden zwei bis drei Ausprägungen definiert. Die Kombination aller möglichen Ausprägungen resultierte in einer Anzahl von Szenarien, die den Studienteilnehmer:innen in der Befragung präsentiert wurden. Die Attribute sowie ihre Ausprägungen werden in der folgenden Abbildung erklärt.
Das visuelle Attribut (Menge und Anordnung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen) ist in jedem Szenario derselbe Ort, jedoch mit unterschiedlicher Menge an PV-Modulen und mit unterschiedlichen Abständen zwischen den Modulen.
Die Befragten wurden darüber informiert, dass gemäss Energiestrategie 2050 ein starker Ausbau der Produktion von erneuerbarer Energie – insbesondere Solaranlagen – erforderlich ist und die solare Energieproduktion mit Photovoltaik-Freiflächenanlagen in alpinen Wintersportorten besonders vorteilhaft ist. Die Studienteilnehmer:innen wurden danach gebeten, sich in die Situation zu versetzen, dass sie ihren nächsten Aufenthalt in einem Wintersportort planen. Dann wurde ihnen mehrmals eine Kombination der verschiedenen Ausprägungen präsentiert (siehe Bild oben) und sie mussten sich für den nächsten Winterurlaub wiederholt zwischen drei Szenarien entscheiden: Szenario A, B oder keines der beiden Szenarien.
Das Attribut «Klimaschutzmassnahmen» (das Ausmass, in dem sich der Wintersportort für den Klimaschutz einsetzt) hatte den grössten Einfluss auf die Entscheidung der Befragten für die Wahl eines Szenarios. Die Mehrheit unter den Befragten bevorzugte Szenarien mit der Ausprägung «100% regionale erneuerbare Energie sowie einem umfassenden Umweltprogramm». Die Attribute «Befürwortende Organisationen» (Organisationen, die sich für Photovoltaik-Freiflächenanlagen innerhalb des Wintersportorts einsetzen) und «Menge an Photovoltaik-Freiflächenanlagen» (im Szenario dargestellt als Visualisierung, mit Photovoltaik-Freiflächenanlagen bebaute Fläche) beeinflussten die Entscheidung, ein bestimmtes Szenario zu wählen, jeweils gleich stark. Je weniger Photovoltaik-Freiflächenanlagen ein Szenario aufwies, desto öfters wurde es von den Befragten gewählt. Vor allem Szenarien mit Befürwortenden, die eine eher externe Perspektive mitbringen (z.B. NGO’s, Verein Zweitwohnungsbesitzer), wurden von den Befragten gewählt. Beim Attribut «Anordnung» (im Szenario dargestellt als Visualisierung) wurde die Anordnung mit kleinen Panelabständen etwas besser bewertet, allerdings ist der Unterschied in dieser Hinsicht minimal. Die Umfrageteilnehmer:innen waren sich über das Attribut «Betreiber» einig (wer würde finanziell von diesen PV-Anlagen profitieren, die Risiken tragen und die erneuerbare Energie in das Stromnetz einspeisen?). Die Mehrheit bevorzugte Szenarien, bei denen ein regionaler Akteur – das örtliche Elektrizitätswerk oder die Bergbahn im Wintersportort – für den Betrieb der Photovoltaik-Freiflächenanlagen zuständig wäre.
Aufgrund ihres Antwortverhaltens wurde unter den Befragten Untergruppen identifiziert, die sich signifikant in ihren Präferenzen für die Entwicklung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen in Wintersportorten unterscheiden. Die Untergruppen sind:
- Erneuerbare Energien befürwortende Besucher:innen (51 % aller Befragten)
- Landschaftssensible Besucher:innen (17 % aller Befragten)
- Entwicklungsskeptische Besucher:innen (7 % aller Befragten)
- Nichtbesucher:innen, die sich im Winter selten in Wintersportorten aufhalten (20 % aller Befragten)
- Einheimische, die in einem Wintersportort wohnen (4 % aller Befragten)
Die nachfolgende Abbildung illustriert der Einfluss der Attribute auf die Entscheidung der Befragten. Die relative Attribute Importance auf der Y-Achse gibt an, wie wichtig ein Attribut auf der X-Achse bei der Wahl eines Szenarios war.
«Erneuerbare Energien befürwortende Besucher:innen» stützten ihre Entscheidungen auf Klimaschutzmassnahmen. Sie stellten die größte Gruppe unter den Befragten dar und bevorzugten Szenarien mit 100 % regionaler erneuerbarer Energie inkl. umfassendem Umweltprogramm. Der Anteil der Frauen war in dieser Gruppe höher als in der Gruppe der «Landschaftssensiblen Besucher:innen», welche sich bei ihrer Szenarienwahl am Erscheinungsbild der Landschaft, das so wenig Photovoltaik-Freiflächenanlagen wie möglich aufwies, orientierten. Die «Entwicklungsskeptischen Besucher:innen» tendierten dazu, die «Opt-Out»-Variante, also «keines der Szenarien» zu wählen. Obwohl diese Gruppe nur 7 % der Stichprobe ausmacht, darf ihre Einstellung nicht vernachlässigt werden – sie sind die häufigsten Besucher:innen von Wintersportorten (es wurden signifikante Unterschiede in der Besuchshäufigkeit zu den anderen Klassen festgestellt). Lehnen diese Personen Photovoltaik-Freiflächenanlagen generell ab, respektive wollen sie das Landschaftsbild um keinen Preis ändern? Für die «Einheimischen» sind vor allem die Klimaschutzmassnahmen des Wintersportorts ausschlaggebend, sie bewerten aber auch die Auswirkungen auf das Landschaftsbild kritischer als die «Erneuerbare Energien befürwortenden Besucher:innen». Ausschlaggebend für «Nichtbesucher:innen» waren vor allem die Klimaschutzmassnahmen. Die «Nichtbesucher:innen» selbst sind möglicherweise keine kritische Gruppe in Bezug auf die soziale Akzeptanz von Photovoltaik-Freiflächenanlagen in alpinen Wintersportorten, da sie unter allen Interessensgruppen am seltensten «keines der Szenarien» wählten.
Bemerkenswerterweise hatte das Attribut «Menge an Solaranlagen», welches das Landschaftsbild visuell stark beeinflusst, im vorliegenden Modell nicht den grössten Einfluss auf die Entscheidung der Befragten. Dies deckt sich mit anderen Studien, die auf die Akzeptanz von technischer Infrastruktur sowie Anlagen für die Produktion erneuerbarer Energie in Wintersportorten hinweisen.
Die Ausprägung «100 % regionale erneuerbare Energie inkl. umfassendem Umweltprogramm» des Attributs «Klimaschutzmassnahmen» war für die Befragten ausschlaggebend, ein Szenario zu wählen. Dies kann als relevantes Ergebnis für die künftige Planung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen interpretiert werden. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit anderen Studien, die eine hohe Präferenz der Schweizer Bevölkerung für erneuerbare, regional erzeugte Energie ausweisen. In den Ergebnissen ist zudem das bekannte «Dilemma» zwischen Landschaftsschutz und Klimaschutz erkennbar: Die Befragten waren sich bei den Attributen «Menge an Solaranlagen» und «Klimaschutzmassnahmen» am uneinigsten.
Interessanterweise zeigen sich die «Einheimischen» offen für Photovoltaik-Freiflächenanlagen in Wintersportorten. Ihr Antwortverhalten entspricht dem der Gesamtstichprobe mit der größten Präferenz für 100 % regionale erneuerbare Energie inkl. umfassendem Umweltprogramm. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu dem weithin diskutierten «Not-in-my-back-yard»-Phänomen, welches die Ablehnung der lokalen Bevölkerung von Infrastrukturen zur Produktion von erneuerbaren Energien erklärt, sowie zu der bekannten Kluft zwischen der Unterstützung der Bevölkerung auf nationaler Ebene und der lokalen Ablehnung von Infrastrukturen zur Produktion von erneuerbarer Energie. Die Ergebnisse zeigen auf, dass die Bewohner:innen von Wintersportorten Veränderungen in der Landschaft offen gegenüberstehen, während zwei Besucherklassen («Landschaftssensible Besucher:innen» und «Entwicklungsskeptische Besucher:innen»), das sind 24 % aller Befragten, eher skeptisch sind oder Szenarien mit Photovoltaik-Freiflächenanlagen ablehnen. Sind die Bewohner:innen von Wintersportorten historisch bedingt an infrastrukturelle Veränderungen der Landschaft gewohnt?
Die Studie zeigte auf, dass Szenarien mit wenig Photovoltaik-Freiflächenanlagen vor Szenarien mit viel Photovoltaik-Freiflächenanlagen bevorzugt werden. Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass der visuelle Aspekt – das sich verändernde Landschaftsbild – nicht der einzige wichtige Faktor in der Beurteilung einer Photovoltaik-Freiflächenanlage in Wintersportorten darstellt. Der Einsatz von 100% regionaler erneuerbarer Energie verbunden mit der Umsetzung eines umfassenden Umweltprogramms beeinflusst die Bevölkerung am stärksten in ihrer Entscheidung, ein Zukunftsszenario eines Wintersportorts zu wählen.
Bei der Planung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen in Wintersportorten empfiehlt es sich, die folgenden Faktoren zu berücksichtigen:
- Die Realisierung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen muss in einem übergeordneten Energiekonzept sowie einem Umweltprogramm des Wintersportorts eingebettet werden.
- Genaues Prüfen und Begründen der Dimension (Anzahl und Grösse) sowie Gestaltung (Abstände der Panels) von Photovoltaik-Freiflächenanlagen.
- Der Betrieb der Photovoltaik-Freiflächenanlagen soll durch einen lokalen Betreiber sichergestellt werden (verantwortet die finanziellen Erträge sowie Risiken und speist die Energie in das Netz ein).
- Projektintegration nicht nur von lokalen Unternehmen (lokales Gewerbe und Vertreter des Tourismus), sondern auch von Organisationen, die tendenziell die Aussensicht einbringen (z. B. Verein Zweitwohnungsbesitzer, NGO’s).
Wir bedanken uns bei EnergieSchweiz und dem EWD Elektrizitätswerk Davos AG für die finanzielle Unterstützung dieser Arbeit.