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Arbeitslosigkeit galt in der Schweiz noch in den 80er Jahren als etwas Ausländiches, wie das Meer oder der Krieg. Eine obligatorische Arbeitslosenversicherung gibt es in der Schweiz erst seit 1976 und entsprechend bescheiden waren die Strukturen, die den Arbeitslosen zur Verfügung standen. Dies führte in mehreren Schweizer Städten zur Gründung von Selbsthilfeinitiativen. 1984 gründeten in Basel Arbeitslose zusammen mit VertreterInnen kirchlicher und sozialer Organisationen den Verein KONTAKTSTELLE FÜR ARBEITSLOSE. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und mit Unterstützung von Fachleuten erarbeiteten sich die InitiantInnen das nötige Wissen und boten in einer Baubaracke vor dem städtischen Arbeitsamt eine Rechtberatung für deutsch- und fremdsprachige Arbeitslose an.
In den 90er Jahren sah plötzlich alles ganz anders aus: Zehntausende von Stellen wurden abgebaut, die Arbeitslosenrate schnellte auf über 6 Prozent hoch, bis zu 251'377 Menschen waren als Stellensuchende amtlich gemeldet (Februar 1997). Von dieser Krise betroffen waren Menschen aus allen Branchen und Hierarchiestfen. Während in den Jahren zuvor Arbeitslosigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung als selbstverschuldet galt, setzte sich Mitte der 90er Jahre die Erkenntnis durch, dass zu wenig Arbeitsplätze zu Arbeitslosigkeit führen, dass Arbeitslosigkeit also ein Problem der wirtschaftlichen Struktur und nicht die Schuld der Betroffenen ist. Die Arbeitsvermittlung, die in vielen Fällen noch zum Aufgabenfeld der Gemeindeverwatungen gehörte, musste neu organisiert werden. Anfang 1996 übernahmen in der ganzen Schweiz regionale Arbeitsvermittlungszentren RAV die Betreuung und Kontrolle der Arbeitslosen. Auch für die Arbeitslosen-Selbsthilfe änderte sich die Situation. Die Rechtsberatung zur Arbeitslosenversicherung blieb zwar weiterhin ein wichtiges Tätigkeitsfeld der Kontaktstelle für Arbeitslose, doch immer häufiger wurde der Verein von Menschen kontaktiert, die aktiv ihre Lage verändern wollten. Während in den Sitzungszimmern der kantonalen Ämter über Konzepte für „aktivierende Massnamen" gebrütet wurde, realisierte eine bunte Gruppe von Arbeitslosen, unterstützt durch die KONTAKTSTELLE FÜR ARBEITSLOSE eine erstaunliche Anzahl unterschiedlichster Selbsthilfeprojekte.
In den vergangenen Jahren sind die Arbeitslosenzahlen erfreulicherweise wieder zurückgegangen. In einigen Bereichen wird heute wieder von einem Mangel an Personal gesprochen. Doch dieser Aufschwung gilt längst nicht für alle. Wer nicht die richtige Ausbildung, das richtige Alter, die optimale Gesundheit und die nötige Flexibilität aufweisen kann, hat es heute schwerer denn je, im Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen. Andererseits blenden die optimistischen Schlagzeilen einen Teil der Wirklichkeit aus: die in der Öffentlichkeit kursierenden Arbeitslosenquoten berücksichtigen nur einen Teil der versicherten Arbeitslosen. Unsichtbar bleiben in den Statistiken auch jene Menschen, die keinen Anspruch auf Arbeitslosengelder mehr haben aber immer noch arbeitslos sind, oder jene, die sich mit einem Hungerlohn, einer Arbeit auf Abruf oder einer aus anderen Gründen nicht zufriedenstellenden Lösung über Wasser halten. So stehen wir heute vor der absurden Situation, dass die Arbeitslosigkeit aus dem Blickfeld der breiten Wahrnehmung verschwindet, und gleichzeitig mindestens ebenso viele Menschen wie auf dem Höhepunkt der 90er-Jahre-Krise in einer prekären Situation leben.
Die Gesellschaft unterscheidet heute wieder klar wertend zwischen „Wir" und „die da". Die Angst vor Arbeitslosigkeit und damit sozialer Ausgrenzung ist gross. Die Kontaktstelle für Arbeitslose wird entsprechend vermehrt von Menschen aufgesucht, die bis zum gesundheitlichen Zusammenbruch in einer zermürbenden Arbeitssituation ausgeharrt haben, und sich nun mit dem Vorurteil konfrontiert sehen, an ihrer Situation „selbst Schuld" zu sein. Ebenfalls zahlreich sind die Menschen, die bereits während der Krise arbeitslos wurden und seither keine oder nur eine vorübergehende Beschäftigung gefunden haben. Die Grenzen zwischen Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitssituationen verschwimmen zunehmend.
Mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich aber auch die Bedingungen für die Selbsthilfe verändert. Obwohl es zahlreiche Beschäftigungs- und Bildungsangebote der kantonalen Arbeitsämter gibt, ist das Bedürfnis der betroffenen Menschen „ihr Heft wieder selbst in die Hand zu nehmen" nach wie vor gross. Was fehlt, ist der Auftrieb, der Mitte der 90er Jahre, als Massenarbeitslosigkeit ein beherr-schendes gesellschaftliches Thema war, die Betroffenen stärkte und ihnen Kraft und Optimismus gab, gemeinsam mit anderen neue Wege zu wagen. Geblieben ist aber das Bedürfnis, die gemeinsamen Probleme gemeinsam zu thematisieren und die persönliche Ohnmacht durch gemeinsames Handeln zu überwinden. Selbsthilfe-Initiativen haben hier eine wichtige Funktion: Sie wirken Ausgrenzung und Ohnmacht entgegen, denn sie sind Übungsfelder auf dem Weg zur Rückeroberung der Handlungsfähigkeit. Damit Selbsthilfeprojekte nicht Strohfeuer sind, die nach kurzem Aufflammen enttäuschte und entsolidarisierte Teilnehmer/innen zurücklassen, ist eine Begleitung der Projekte durch erfahrene „Mentor/innen" wichtig. Es wäre naiv zu glauben, dass inmitten einer auf Einzelleistung konditionierten Gesellschaft, ausgerechnet die an den Rand gedrängten, von alleine solidarische Handlungsmodelle entwickeln könnten.
Die Rahmenbedingungen, die Selbsthilfeprojekte von Erwerbslosen erleichtern würden, sind heute noch nicht geschaffen. Das vorliegende Handbuch möchte in diese Richtung Impulse geben. Im ersten Teil unserer Arbeit rücken wir mit einer Bestan-desaufnahme der Armut und Prekarität die „Unsichtbaren" ins Licht, bevor wir im zweiten Teil unsere Erfahrungen mit Selbsthilfeprojekten in den 90er Jahren mit den Möglichkeiten von heute vergleichen. Im Anhang schliesslich finden Sie zusammenfassende Checklisten zur Arbeitslosenversicherung, zur Sozialhilfe und zu Selbsthilfeprojekten von Erwerbslosen.
Seit 16 Jahren arbeitet die KONTAKTSTELLE FÜR ARBEITSLOSE am Puls der Zeit. Im vergangenen Jahr haben wir uns Zeit für einen Rückblick genommen. Dass dieser Rückblick dokumentiert und ausgewertet werden konnte, verdanken wir dem grosszügigen Projektbeitrag der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige GGG, Basel. Ebenfalls danken wollen wir der Stiftung Arbeitslosenfonds, welche die Druckkosten übernommen hat, sowie der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel, in deren Publikationsreihe die Dokumentation nun erscheinen kann. Nun laden wir Sie liebe Leserin, lieber Leser, herzlich ein, mit uns die Diskussion weiterzuführen, Ideen spriessen zu lassen, und sich gegenseitig Power zu geben.
Hans-Georg Heimann und Claudia Studer