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Maia und die Basler FährenVeröffentlicht am 6.10.2021, zuletzt geändert am 26.10.2023 #Moderne und Neuzeit#Zeitgeschichte
Seit wann gibt es eigentlich die Fähren, die auf dem Rhein hin und her fahren?
… … fragte Maia – mit “i” – bei unserem Besuch in der Basler Primarschule Isaak Iselin. Martina Meinicke, Präsidentin vom Fähri-Verein Basel, gibt die Antwort; und Fährifrau Rosi Tiefenthal erklärt uns, wie man eine Fähre vom einen Rheinufer zum anderen fährt, und woher eigentlich das stadtbekannte “Verzell du das am Fährimaa” kommt.
Ein Blick in die Vergangenheit
Martina Meinicke: Hoi Maia, das ist eine spannende Frage, die du uns gestellt hast, und ich bin sicher, dass die Antwort noch viele andere Basler*innen interessiert. Denn obwohl die Fähren zur Stadt Basel gehören wie das Münster und der Tinguely-Brunnen, kennen nur wenige Leute die Geschichte, die hinter den Basler Fähren steht.
Deine Frage lässt sich sehr einfach beantworten: Nämlich mit dem Jahr 1853. Aber so richtig spannend wird es erst, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Um diese zu verstehen, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. Am besten machst du das, indem du dir den Rhein vorstellst, so wie du ihn heute kennst. Dann löschst du aus dem Bild alle Fähren und dann noch alle Brücken mit Ausnahme der Mittleren Brücke. Genau so sah es früher in Basel aus.
Ein breiter Fluss und eine einzige Brücke
Die Mittlere Rheinbrücke wurde um 1225 gebaut und war lange Zeit der einzige Übergang über den Rhein. Aus diesem Grund war Basel ein beliebter Handels- und Wohnort. Denn irgendwie mussten all diese Leute, Tiere, Lebensmittel und Handelswaren über den Rhein gelangen. Die Mittlere Brücke sah damals anders aus als heute: Sie war auf der Kleinbasler Seite aus Stein und auf der Grossbasler Seite aus Holz. Der Rhein ist nämlich auf der Grossbasler Seite tiefer (und die Strömung stärker) und man konnte mit der damaligen Technik dort noch keine Steinpfeiler bauen. Weil die Brücke zur Hälfte aus Holz bestand, ging sie auch öfter kaputt, weil Treibgut gegen das Holz krachte. Um die Brücke in Stand zu halten, hat man von den Leuten, bevor sie die Brücke überqueren konnten, Geld eingezogen; den sogenannten “Brückenzoll”. Mit diesem Zoll hat man die Brücke dann wieder repariert.
Als im Laufe der Zeit immer mehr Leute nach Basel zogen, brauchte es eine zweite Brücke. Allerdings konnte man sich lange nicht einigen, wo diese Brücke stehen und wie sie aussehen soll. Vor allem aber stritt man darüber, wer die Brücke bezahlen soll. So dauerte es über 600 Jahre, bis es abgesehen von der Mittleren Brücke noch eine weitere Brücke gab: Die Wettsteinbrücke, die erst 1879 fertig gestellt wurde.
Ein Haus für Kunst
Weil die verschiedenen Brückenprojekte immer wieder verschoben und abgesagt wurden, kam die Basler Künstlergesellschaft auf die Idee, eine Fähre auf dem Rhein fahren zu lassen. Diese Fähre sollte quasi als “Brückenersatz” die Leute vom einen Ufer zum anderen bringen. Die Idee brachte man aus Koblenz und vom Birsköpfli mit, wo 1853 bereits Fähren installiert worden waren. Aber es gab noch einen anderen Grund: Die Basler Künstlergesellschaft wollte ein Haus bauen, wo sie sich treffen und ihre Kunst ausstellen konnte.
1854 gab die Basler Regierung die Erlaubnis, und die Künstlergesellschaft konnte die Fähre in Betrieb nehmen. Diese Fähre hiess “Rhymugge” (Rhein-Mücke) und stand auf der Höhe der heutigen Wettsteinbrücke. Dort fuhr sie bis 1877. Mit den Einnahmen konnte die Künstlergesellschaft tatsächlich ihr Haus bauen. Und dieses Haus, liebe Maia, kennst du vielleicht: Warst du schon einmal beim Tinguely-Brunnen und hast das benachbarte grosse Gebäude gesehen, die sogenannte “Kunsthalle”? Dieses Haus hat die Künstlergesellschaft mit den Einnahmen aus dem Fährbetrieb finanziert.
Die vier Basler Fähren
Der Fährbetrieb war ein höchst erfolgreiches Geschäft. Aus diesem Grund stellte die Basler Künstlergesellschaft noch weitere Fähren auf den Rhein: 1862 eröffnete sie die Klingental-Fähre (heute die “Vogel Gryff” bei der Kaserne), 1894 die St. Alban-Fähre (heute die “Wild Maa” im St. Alban) und 1895 die Schlachthaus-Fähre (heute die “Ueli” im St. Johann). Mit dem Bau der Wettsteinbrücke musste die erste Basler Fähre – die “Rhymugge” – an einen anderen Ort umziehen. Sie fand unterhalb vom Münster ein neues Zuhause (heute die “Leu” beim Münster).
Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag: Es wurden drei weitere Brücken gebaut und die Leute konnten an vielen Orten ohne Bezahlung den Rhein überqueren. Für die Bevölkerung war dies fantastisch, jedoch nicht für die Fähren. Die Fähren brachten der Künstlergesellschaft keinen Gewinn mehr ein. Deshalb verkaufte oder verschenkte die Gesellschaft die Fähren an die Pächter.
Auch heute werden auf den Fähren Personen und Tiere transportiert. Aber man kann sie noch für viel mehr nutzen: Man kann sie beispielsweise für ein Fondue mieten oder einen Apéro, eine Taufe, einen Heiratsantrag oder auch für eine Rhein-Bestattung.
Lautlos über den Rhein
Maia, hörst du das? Genau: Du hörst nichts. Denn die Fähre fährt ohne Motor. Wie das funktioniert, erklärt uns der Profi: die Fährifrau Rosi.
Rosi Tiefenthal: Als erstes schieben wir die Fähre in die Strömung und legen den Schwengel um. Der “Schwengel” hat seinen Namen von “schwingen”; er ist ein “Bengel” (ein Stock), den man schwingt. Am Schwengel ist das Gierseil befestigt und am Gierseil das Tragseil. Am Tragseil entlang fahren Rollen: der sogenannte “Schlitten”. Mit dem Schlitten schwimmt die Fähre von ganz allein hinaus in den Rhein. Das grosse Geheimnis aber ist das Ruder oder die “Pinne”, die durch die Fähre hindurch ins Wasser geht. Mit der Pinne reguliert die Fährifrau oder der Fährimaa die Neigung der Fähre: Je steiler die Fähre im Wasser liegt, desto mehr Druck gibt der Rhein auf die Fähre, und umso höher der Druck ist, desto schneller fährt die Fähre ans andere Ufer. So kommt die Fähre ohne Motor aus; die ganze Arbeit macht der Rhein.
Wer bezahlt die Basler Fähren?
Martina Meinicke: Bevor wir unseren Ausflug in die Geschichte beenden, kommen wir noch zu einem wichtigen Punkt. Viele Leute denken, dass die Fähren zum öffentlichen Verkehr gehören, wie die Basler Trams oder Busse, und vom Kanton mit Steuergeldern bezahlt werden. Es ist aber ganz anders. Der Unterhalt der Fähren wird über die Stiftung Basler Fähren finanziert. Hinzu kommen die Einnahmen durch den täglichen Betrieb: Fährst du mit der Fähre über den Rhein oder mietest sie für einen Anlass, dann gehört das Geld, das du dafür bezahlst, der Fährifrau oder dem Fährimaa. Die Einnahmen für Überfahrten und Anlässe sind das Gehalt, von dem der Fährimaa und die Fährifrau leben.
Verzell du das em Fährimaa
Rosi Tiefenthal: Ihr kennt sicher alle den Basler Ausdruck “Verzell du das am Fährimaa” (“Erzähle du das dem Fährmann”). Meistens hört man ihn, wenn man jemandem einen Bären aufbindet. Oder wie man auf Baseldytsch sagt: Wenn man jemandem “e Seich agit”. Der Ausdruck kommt aus der Zeit, in der es noch kein Telefon gab und schon gar keine Handys. Aber etwas war damals genau gleich wie heute: Der Fährimaa bekam alles mit!
Die Leute gingen damals also auf die Fähre und fragten: “Du, Fährimaa, sag mal: War der Heinz schon da?”. “Nein”, fragte der Fährimaa zurück, “warum?”. Die Antwort war dann: “Du, wenn der Heinz kommt, dann erzähl ihm doch das und das”. “Aha!”, sagte der Fährimaa, und kam der Heinz auf die Fähre, richtete ihm der Fährimaa aus, was man ihm vorher erzählt hatte. Weil nun aber im Laufe des Tages viele Leute auf die Fähre kamen und den Fährimaa baten: “Kannst du das dem und dem erzählen?”, brachte der Fährimaa hie und da etwas durcheinander. Und so entstand die Redewendung “Verzell du das am Fährimaa”. Man braucht sie, wenn eine Person etwas erzählt, das einfach nicht stimmen kann.
Maia, komm vorbei!
Martina Meinicke: Liebe Maia, ich hoffe, dir hat der Ausflug in die Welt der Fähren gefallen. Und wenn du magst, dann melde dich doch bei uns:
Wir stellen dir Rosi persönlich vor und laden dich, deine Eltern und Geschwister auf eine Überfahrt ein.
Alles Liebe und heb’s guet!
Stiftung Basler Fähren und Fähri-Verein Basel
Die Stiftung Basler Fähren ist Eigentümerin der Basler Fähren und gibt diese in Pacht. Das funktioniert so: Die Pächterin oder der Pächter zahlt der Stiftung eine Gebühr – ähnlich einer Miete – und bewirtschaftet die Fähre anschliessend selber. Der Pächter stellt auch sein Team – die Fährifrau und den Fährimaa – selber zusammen. Alles Geld, das auf der Fähre verdient wird, gehört der Pächterin oder dem Pächter und dem Fährimaa oder der Fährifrau, die davon leben.
Die Stiftung ist auch zuständig für den Unterhalt der Fähren, und der ist nicht günstig. Alle 4-5 Jahre muss eine Fähre in die Revision. Sie wird aus dem Wasser gehoben und saniert. Das kann bis zu 50’000 Franken kosten – pro Fähre! Allein kann die Stiftung das nicht finanzieren. Dabei hilft ihr der Fähri-Verein Basel, dessen Mitglieder die Basler Fähren mit einem Jahresbeitrag unterstützen.
Quellen
Abbildungen
Abb. Slider: Stadt.Geschichte.Basel, 2021.
Abb. 1: Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1011 1-10.
Abb. 2: Staatsarchiv Basel-Stadt, SMM Inv.2<ip-pii>.
Abb. 3: Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 1-21-1.
Autorin
Martina Meinicke ist Präsidentin vom Fähri-Verein Basel.