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Schüler*innen der Missionsschule Vunapope 1927 (National Archives of Australia, Serie A6510 157)
Die Wurzeln von Unserdeutsch reichen bis in die deutsche Kolonialzeit in der Südsee (1884-1914) zurück. Kurz vor der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben deutsche Missionare an der katholischen Missionsstation Vunapope auf der Insel Neubritannien (damals: Neupommern) im damaligen Deutsch-Neuguinea eine Internatsschule für die zahlreichen Kinder gegründet, die im weiteren Umfeld der Mission aus Beziehungen zwischen europäischen oder asiatischen Männern und indigenen Frauen geboren wurden. Diese Kinder wurden an der Mission in sozialer Isolation in den Katholizismus und die deutsche Sprache und Kultur hineinerzogen. Anschliessend wurden sie untereinander verheiratet und oft auch weiterhin an der Mission beschäftigt. Auf diese Weise entstand in Vunapope in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aus einer ethnisch und sprachlich heterogenen Schar von heranwachsenden Missionskindern eine neue, geschlossene Gemeinschaft: die Vunapope mixed-race community, die sich bis heute so bezeichnet und auch von der Kontaktgesellschaft in Papua-Neuguinea so bezeichnet wird. Ihre Mitglieder hatten zweierlei gemeinsam, was sie miteinander verband und zugleich auch von der Aussenwelt unterschied. Sie waren alle mixed-race und sie sprachen unter sich alle Unserdeutsch: die Kreolsprache, die im Laufe der Jahre aus dem intensiven Kontakt zwischen ihren Erstsprachen, hauptsächlich Tok Pisin, und dem Deutsch der Missionare heraus unter ihnen an der Mission entstand.
Die neuen Generationen der Vunapope mixed-race Gemeinschaft sind von den 1920er Jahren und bis in die 1960er hinein mit Unserdeutsch als Erstsprache aufgewachsen. Zu ihren Glanzzeiten wird die Sprachgemeinschaft höchstwahrscheinlich 400 bis 500 Mitglieder gezählt haben – eine Sprecherzahl, die in einem Land wie Papua-Neuguinea mit über 830 indigenen Sprachen überhaupt nicht aussergewöhnlich klein ist. Nach Ende der deutschen Kolonialzeit und ganz besonders nach dem Zweiten Weltkrieg nahm allerdings die australisch-englische Sprachdominanz an der Mission und in ganz Neuguinea immer mehr zu. Und als im Zuge der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas (1975) beinahe die ganze Sprachgemeinschaft nach Australien auswanderte und sich dort verstreute, hat Unserdeutsch seine einstigen Funktionen und damit seinen "linguistischen Marktwert" so gut wie vollständig verloren. Aus diesen Entwicklungen erklärt sich der fortgeschrittene Sprachwechsel zum Englischen, der das gegenwärtige Bild der Sprachgemeinschaft weitgehend prägt.
Unserdeutsch war in den mixed-race Familien von Vunapope bis in die 1960er und 70er Jahre hinein die gesprochene Sprache des informellen Alltags. In der schriftlichen Kommunikation wurde die Sprache aber nie verwendet. Diese Funktion hatte innerhalb der Sprachgemeinschaft zunächst das Deutsche, und später, von der Zwischenkriegszeit an, zunehmend das Englische. Die schriftliche Kommunikation mit Aussenseitern fand vor dem Exodus aus Neuguinea hauptsächlich in Englisch und zu einem geringeren Teil in Tok Pisin statt. Seit der Auswanderung nach Australien hat diese Rolle von Anfang an und ausschliesslich das Englische.
Unserdeutsch zeigt die für Kreolsprachen typischen grundlegenden Strukturmerkmale. Zunächst unterscheidet sich seine Gesamtstruktur trotz aller Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten deutlich von denen der am Sprachkontakt beteiligten Ausgangssprachen, namentlich (vor allem) Deutsch und Tok Pisin. Ebenso kreoltypisch ist auch die Verteilung der Spenderrollen unter den einzelnen Kontaktsprachen. Während die Form der Wörter in Unserdeutsch (deutlich mehr als deren Bedeutung) hauptsächlich auf Deutsch, der dominanten europäischen Sprache, basiert, so ist seine lautliche und grammatische Struktur deutlich mehr in den untergeordneten örtlichen Sprachen, hauptsächlich in Tok Pisin, verwurzelt. (Für weitere Einzelheiten zur Kreoltypikalität von Unserdeutsch s. Lindenfelser & Maitz 2018).
Kreolsprachen wie Unserdeutsch repräsentieren eine sprachtypologische Klasse, die sich von den sog. "Sprachinseln" bzw. "Sprachinselvarietäten" wie Texasdeutsch oder Russlanddeutsch nicht nur durch die genannten strukturellen Merkmale, sondern auch noch aus soziolinguistischer Sicht grundsätzlich unterscheidet. Während für Sprachinselvarietäten der intensive Sprachkontakt zur Aussenwelt die grösste Gefahr, in der Regel sogar das Ende, bedeutet, so ist der intensive Sprachkontakt im Gegenteil eine unerlässliche Voraussetzung für die Entstehung von Kreols. Und während Sprachinselvarietäten über Generationen hinweg ohne Unterbrechung der Sprachübertragung als Erstsprache tradiert werden, so entstehen Kreolsprachen umgekehrt gerade durch eine solche Übertragungsunterbrechung. Dies trifft auch auf Unserdeutsch zu. Zahlreiche Mitglieder der Sprachgemeinschaft haben keine einzigen deutschsprachigen Vorfahren. Die Erstsprache der allermeisten mixed-race Kinder, die um 1900 an die Mission kamen, war nicht Deutsch. Stattdessen sprachen sie das örtliche Tok Pisin, das Melanesische Pidgin Englisch also, das mittlerweile eine der vier offiziellen Sprachen Papua-Neuguineas ist.
Unserdeutsch stellt aus mehrfacher Hinsicht einen besonders interessanten Fall selbst unter den Kreolsprachen der Welt dar. Es ist, wie gesagt, das einzige bekannte Kreol, dessen Wortschatz auf dem Deutschen basiert. Es ist auch eines der ganz wenigen Kreols, die im Kontext von Schulen oder Internaten entstanden sind. Einzigartig ist es auch, dass die wichtigste Elternsprache von Unserdeutsch (neben dem Deutschen) auch selbst ein Kreol ist: das Tok Pisin, das die ersten mixed-race Kinder um 1900 bereits als Erst- und Alltagssprache von zu Hause an die Mission mitgenommen haben. Und nicht zuletzt ist es ebenfalls ungewöhnlich, dass sich das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Sprache im Zuge des Exodus der Sprachgemeinschaft in den 1970er Jahren fast vollständig in ein anderes Land verlagert hat.
Die allermeisten der etwa 100 letzten Mitglieder der Sprachgemeinschaft leben im Jahr 2020 verstreut in den urbanen Ballungszentren entlang der australischen Ostküste. Die meisten in und um Brisbane und Gold Coast, der Rest vor allem in Cairns und Sydney. Nur eine Handvoll der Sprecher*innen ist bis heute in Papua-Neuguinea verblieben und lebt heute auf verschiedenen Inseln des Bismarck-Archipels.
Ein Artikel im Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft enthält weitere Einzelheiten zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Sprache. Ein kurzer, informativer Fernsehbericht des BR ist hier zu erreichen.
Verfasst von Péter Maitz