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Der nachfolgende Text basiert auf einem Vortrag, welcher als Teil der philo-vignes am 1.4. in den Pasquart Reben gehalten wurde.
I.
Das bekannte Zitatfragment im Titel meines Vortrags[1] stammt von Diderot. «Hâtons-nous de rendre la philosophie populaire», schreibt der französische Aufklärer in seinen 1753 anonym erschienenen Pensées sur l’interprétation de la nature. «Si nous voulons que les philosophes marchent en avant, approchons le peuple du point où en sont les philosophes.» «Beeilen wir uns, die Philosophie populär zu machen. Wenn wir wollen, dass die Philosophen voranschreiten, dann lasst uns das Volk an den Punkt heranführen, an dem die Philosophen stehen.»[2]
Diese Aufforderung Diderots, die Philosophie populär zu machen, hat über Johann August Ernesti, der sich in seiner ein Jahr später an der Leipziger Thomasschule gehaltenen Rede De Philosophia Populari explizit auf dieses Diderot-Zitat bezieht,[3] im 18. Jahrhundert in Deutschland jene Bewegung angestossen hat, die sich als «Philosophie für die Welt» verstand[4] und in der Philosophiegeschichtsschreibung als Popularphilosophie bezeichnet wird.[5] In Diderots Aufforderung ist der popularisierende Impetus der Volksaufklärung angelegt,[6] die den Versuch darstellte, «die Grundgedanken der Aufklärung in das praktische Leben einzuführen»,[7] womit sie den Gedanken der elften Feuerbachthese antizipierte, die Welt nicht nur richtig zu interpretieren, sondern zu verändern.[8] Diese wichtigen philosophie- und geistesgeschichtlichen Linien sollen hier allerdings nicht weiterverfolgt werden. In meinen Überlegungen steht also weder eine Würdigung Diderots und seiner Nachwirkung noch die historische Bedeutung der deutschen Popularphilosophie oder der Bewegung der deutschen Volksaufklärung im Vordergrund, sondern die Beantwortung der im zweiten Teil des Titels gestellte Frage, warum philosophie.ch wichtig ist.
Relevant erscheint mir in diesem Kontext, dass auch Ernesti – entgegen dem suggestiven Titel seiner Rede, De Philosophia Populari – nicht einer spezifischen, von der wahren oder akademischen Philosophie unterschiedenen Popularphilosophie das Wort redet. Vielmehr ist es aus seiner Sicht die Philosophie selbst, die danach strebt, populär zu werden: «Quodsi Philosophia loqui posset, haud dubie ipsa, se popularem esse cupere, profiteretur.» «Wenn die Philosophie sprechen könnte, würde sie zweifellos bekennen, dass sie populär sein will, dass sie – so wörtlich – begehrt, populär zu sein.»[9] Das heisst, dass die Philosophie selbst danach strebt, die Studierstuben und die Hörsäle zu verlassen, um an die Öffentlichkeit treten und öffentlichkeitswirksam zu werden. Paradigmatisch ist in dieser Beziehung der Name der philosophischen Zeitschrift, die 1764–1766 von den Protagonisten der Mailänder Aufklärung herausgegeben wurde: Il Caffè.[10] Das Kaffeehaus ist eine Metapher für die Erweiterung des Kreises der Philosophierenden, im Kaffeehaus wird die Philosophie populär im Sinne Diderots und Ernestis.
Die Philosophie, die populär werden will, korrespondiert jenem Streben aller Menschen nach Wissen, das Aristoteles im ersten Satz der Metaphysik geltend macht – sie streben, so Aristotles, «von Natur aus» nach Wissen.[11] So wie die Philosophie zu den Menschen kommen will, so wollen die Menschen aus eigenem Antrieb zur Philosophie kommen. Sie müssen nicht, wie es Platons Höhlengleichnis nahelegt und wie man Diderots Aufforderung, «das Volk an den Punkt heranzuführen, an dem die Philosophen stehen», «approchons le peuple du point où en sont les philosophes», missverstehen könnte, gegen ihren Willen und mit Gewalt aus der Höhle befreit werden,[12] sondern sie haben, wie Aristoteles geltend macht, von Natur aus einen Willen zum Wissen und zur Erkenntnis, sind von Natur aus für die Philosophie empfänglich. Statt also einen Gegensatz zwischen wahrer und populärer Philosophie zu konstruieren, zwischen Esoterik[13] und Exoterik der Philosophie, liegt Ernestis Perspektive eine Dynamik von der Esoterik hin zur Exoterik zugrunde, eine Dynamik, die Diderots Aufruf aufgreift, die Philosophie populär zu machen.
Mit Blick auf diesen Aufruf Diderots erscheinen mir zwei Bemerkungen oder Präzisierungen angezeigt. Erstens, Diderots «rendre la philosophie populaire» zielt keinesfalls auf eine ‘populistische’ Philosophie, das heisst, eine Philosophie, deren Hauptinteresse darin besteht, Anklang beim ‘Volk’ oder die Zustimmung des ‘Volkes’ zu finden, und die dafür ihren kritischen und auf Wahrheit zielenden Anspruch aufgibt. «Rendre la philosophie populaire» ist also so etwas wie Übersetzungsarbeit, für die Luthers Maxime gilt, dem Volk «auf das Maul (zu) sehen», um verstanden zu werden,[14] und nicht wie die Populisten dem Volk nach dem Mund zu reden, um sich bei ihm einzuschmeicheln.
Zweitens impliziert Diderots «rendre la philosophie populaire» ebenso wenig den in den Diskussionen des 18. Jahrhunderts und mehr noch in der Philosophiegeschichtsschreibung geltend gemachten Unterschied zwischen Popularphilosophie und wahrer, das heisst kritischer, akademischer Philosophie, zwischen exoterischer und esoterischer Philosophie, sondern es geht Diderot darum, diese eine wahre, kritische, akademische Philosophie populär zu machen, ohne dabei irgendwelche Abstriche an der Wahrheit, an der kritischen Potenz und an der Wissenschaftlichkeit der Philosophie zuzulassen. Georg Kohler hat diesen Spagat treffend in einem barock wirkenden, die Sache aber konzis auf den Punkt bringenden Untertitel seines Aufsatzes «Esoterik und Wahrheitsinteresse» formuliert: «Die Verpflichtung der Philosophie, exoterisch zu werden und esoterisch zu sein».[15] Das heisst, dass die Philosophie in ihrem von Ernesti diagnostizierten Begehren, exoterisch zu werden, ihren wahren Kern behält und esoterisch bleibt. Das Wissen, nach dem die Menschen von Natur aus streben, ist esoterisch.
Diderot bringt noch einen weiteren Gedanken ins Spiel, auf den ich bereits im Kontext der unterschiedlichen Konzeptionen in Platons Höhlengleichnis und im ersten Satz der Metaphysik des Aristoteles hingewiesen habe. Aus Diderots – und auch aus Platons – Sicht bilden die Philosophen gewissermassen die Vorhut, die Avantgarde – «nous voulons que les philosophes marchent en avant» –, die Avantgarde eines universalen Bildungs- und Emanzipationsprozesses, der sich seit dem 18. Jahrhundert als Aufklärung versteht, nicht nur im Sinne einer Epochenbezeichnung, sondern auch und vor allem als ebendieser Bildungs- und Emanzipationsprozesses selbst, der erst abgeschlossen sein wird, wenn sich die Menschen aus der von Kant namhaft gemachten selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit haben werden.[16]
«Si nous voulons que les philosophes marchent en avant, approchons le peuple du point où en sont les philosophes.» Der Fortschritt der Philosophie und des Denkens ist nicht dadurch gewährleistet, dass die Avantgarde voranschreitet, sondern dadurch, dass das ‘Volk’, das heisst alle Menschen dazu ermächtigt werden, selbst zu denken, selbst zu philosophieren. Philosophie ist nicht ein Geschäft, das einer exklusiven Avantgarde vorbehalten ist, sondern das Geschäft aller Menschen.
In Bezug auf die Frage, warum eine digitale Plattform wie philosophie.ch wichtig ist, bedeutet dies, dass es, salopp gesagt, nicht um die Verbreitung einer Philosophie light geht, sondern es geht um den grösseren bildungspolitischen Auftrag, dem in den Menschen von Natur aus angelegten Streben nach Wissen, Erkenntnis und Philosophie zu entsprechen und ihnen zu ermöglichen, sich zu kritischen, das heisst zu philosophisch denkenden Menschen zu entwickeln und sie in den philosophischen Diskurs einzubeziehen. Es liegt auf der Hand, dass die Einrichtungen der akademischen Philosophie, namentlich die philosophischen Institute und Seminare dies nicht zu leisten vermögen. Eine digitale Plattform wie philosophie.ch verfügt hingegen über Mittel und Wege, allen die Teilnahme am philosophischen Gespräch zu ermöglichen – sie ist das Kaffeehaus des philosophischen Diskurses. Der Einschluss aller sozialen Gruppierungen, nicht die Verbreitung einer Philosophie light, ist die Kernaufgabe von philosophie.ch. Da die Philosophie verpflichtet ist, esoterisch zu sein und zu bleiben, kann es, um in der saloppen Sprache zu bleiben, bei philosophie.ch nur um Hardcore-Philosophie gehen. Insofern ist es zu begrüssen, dass die Dialectica, die zu den wichtigen internationalen philosophischen Zeitschriften gehört, auf philosophie.ch erscheint.
Dass Diderot sich dem erwähnten bildungspolitischen Auftrag verpflichtet wusste, zeigt sich in jenem von ihm initiierten, organisierten und zusammen mit d’Alembert herausgegeben publizistischen Grossprojekt der europäischen Aufklärung: der Encyclopédie, die zwischen 1751 und 1780 in 33 Bänden mit mehr als 70.000 Artikeln erschien und zu deren Erfolg massgeblich die kostengünstigeren Neudrucke in Genf sowie in Lausanne und Bern beitrugen.[17] Die Encyclopédie ist eine gelungene publizistische Umsetzung des «rendre la philosophie populaire» und – so denke ich – sollte philosophie.ch als Vorbild dienen für die Entwicklung eines Konzeptes, wie ein enzyklopädisches Philosophieprojekt im 21. Jahrhundert unter den Bedingungen und mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung zu realisieren und zu optimieren ist.
II.
Philosophie.ch als Online-Plattform für Philosophie steht in der Tradition akademischer Publizistik. Seit je werden die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zwecks Speicherung, Verbreitung und Vermehrung publiziert: Die Publikation ist insofern ein wichtiges Moment im Prozess der Exoterik. Paradigmatisch für die verschiedenen Epochen der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte sind in der Antike die gigantische Sammlung von Schriftrollen in der Bibliothek von Alexandria, im Mittelalter die manuelle Buchproduktion in den klösterlichen Skriptorien, in der Neuzeit die massenhafte maschinelle Produktion und der weltweite Vertrieb von Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften nach der Erfindung des Buchdrucks und in der Postmoderne die im späten 20. Jahrhundert einsetzende Digitalisierung des akademischen Publikationswesens.
Seit der Erfindung des Buchdrucks, seit der frühen Neuzeit besteht ein gespanntes Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Forschung, die an optimaler Verbreitung ihrer Resultate interessiert ist, und den kommerziellen Druckern und Verlegern, die an maximaler Verwertung ihrer Produkte interessiert sind. Raubdrucke und Buchschwarzmarkt waren frühe subversive Strategien, um die ökonomische Macht der Verlage zu brechen. In dieser Tradition steht die Open-Access-Bewegung, die im digitalen Zeitalter die freie und ungehinderte Wissenszirkulation ermöglichen und sicherstellen will, die von den Kapitalisierungsinteressen der Verlage und von ihren Paywalls eingeschränkt wird. Aber das Geschäftsmodell der traditionellen akademischen Verlage hat ausgedient. Die Interessen der Forschenden und Publizierenden sind letztlich nicht kompatibel mit den Interessen traditioneller Buch- und Zeitschriftenverlage. Kleinstauflagen, die in der Regel subventioniert, aber gleichwohl hochpreisig sind, fristen ein trauriges Dasein in dunklen und verstaubten Buchlagern, um im besten Fall an moderne Antiquariate verscherbelt, oft aber auch einfach als Altpapier vernichtet zu werden.
Inzwischen setzt sich bei allen am Publikationsprozess Beteiligten die Einsicht durch, dass akademische Verlage nur dann eine Zukunft haben, wenn sie auf Open Access setzen und wenn sie sich – wie philosophie.ch – als Publikationsplattformen organisieren. Ein Markstein der Open-Access-Bewegung war die Berliner Erklärung von 2003, in deren Folge akademische Bibliotheken, die der Preispolitik der Verlage ausgeliefert waren, Open-Access-Repositorien einrichteten und sich die nationale und internationale Forschungsförderungspolitik auf eine Open-Access-Strategie verpflichtete. In der Schweiz hat der Nationalfonds 2013 seine Richtlinien entsprechend angepasst; swissuniversities hat 2017 die nationale Open-Access-Strategie gutgeheissen, der zufolge ab 2024 alle in der Schweiz mit öffentlichen Geldern geförderten Publikationen kostenfrei zugänglich sein müssen.[18]
In diesem Kontext zeigt sich, warum philosophie.ch wichtig ist, in diesem Kontext ist ein grosses Potential des Schweizer Portals für Philosophie auszumachen. Will philosophie.ch dieses Potential ausschöpfen, wird das Portal sich als Verlag, als Open-Access-Verlag für Philosophie weiterentwickeln müssen. Die Überführung der Dialectica in eine Open-Access-Zeitschrift ist ein erster, wichtiger Schritt in diese Richtung, deren – durchaus hochgestecktes – Ziel es ist, der wichtigste Schweizer Verlag für philosophische Zeitschriften, Monografien und Qualifikationsarbeiten zu werden. Philosophie.ch sollte sich als Plattform für eine rasche und professionelle Publikation der Resultate aus Forschungsprojekten im Bereich der Philosophie profilieren und daher eine dauerhafte Partnerschaft mit den philosophischen Instituten und Seminaren in der Schweiz sowie dem Schweizerischen Nationalfonds und der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften anstreben.
Philosophie.ch als Schweizer Verlag für Philosophie – diese Entwicklungsperspektive liesse sich unten den Titel «rendre la philosophie publique» fassen. Für Diderots weitergehenden Anspruch, «rendre la philosophie populaire», der oben als bildungspolitischer Auftrag bestimmt wurde, die Menschen zur Philosophie zu führen, ihnen die Möglichkeit zu geben, am philosophischen Diskurs zu partizipieren, bietet philosophie.ch als Online-Plattform die besten Voraussetzungen.
Es gibt einen weiteren Aspekt, der relevant ist für die Beantwortung der Frage, warum philosophie.ch wichtig ist und der sich dank digitaler Technologie weiterentwickeln lässt. Seit der Antike ist Mündlichkeit, ist der Dialog, das Gespräch die ursprüngliche Art und Weise, wie Menschen philosophieren. Sokrates, der Prototyp des Philosophen, hat bekanntlich keine philosophischen Abhandlungen geschrieben, sondern auf öffentlichen Plätzen in Athen alle möglichen Leute in philosophische Gespräche verwickelt, von denen wir nur Kenntnis haben, weil sein Schüler Platon Dialoge verfasst hat, wie sie Sokrates möglicherweise geführt hat. Doch das Gespräch selbst, das sich durch Unmittelbarkeit auszeichnet, ist sogleich verhallt. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem die mündlichen Disputationen, die an den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Universitäten und Kollegien geführt wurden. Während wir einiges dank der gedruckten Thesen einiges über die Inhalte dieser Disputationen wissen, bleibt von den Diskussionen in den heutigen philosophischen Seminaren oder an philosophischen Tagungen bleibt praktisch gar nichts erhalten.
Das ist zu bedauern, aber Digitalisierung und Plattformen für Philosophie wie philosophie.ch können diesen Mangel teilweise beheben. Philosophische Diskussion können auf einer Online-Plattform, obwohl schriftlich, mehr oder weniger in Echtzeit geführt werden. Sie behalten auf diese Weise jene Unmittelbarkeit und Spontaneität, die den traditionell publizierten philosophischen Texten, den Zeitschriftenartikeln, Abhandlungen und Monografien fehlen. Die Schaffung von Räumen für philosophische Diskussionen stellt ein beträchtliches Entwicklungspotential für philosophie.ch dar. Eine Online-Plattform sollte nicht nur philosophische Blogs und Themendossiers publizieren, wie dies philosophie.ch bereits jetzt tut, sondern Diskussionsforen zu relevanten philosophischen Fragen einrichten, um die Menschen zu philosophischer Reflexion zu ermutigen und zu ermächtigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich an aktuellen philosophischen Diskussionen zu beteiligen.
III.
Warum – ich komme zum Schluss – ist philosophie.ch wichtig? Und wo liegt Entwicklungspotential von philosophie.ch? Aus meinen Überlegungen im Anschluss an Diderots «rendre la philosophie populaire» lassen sich fünf Punkte benennen:
1. Mit philosophie.ch erhält die Philosophie, namentlich die Philosophie in der Schweiz, eine öffentliche und öffentlichkeitswirksame Plattform, ein geeignetes Medium, dank dessen sie dem ihr inhärenten exoterischen Anspruch genügen kann. Philosophie.ch erreicht eine breite Öffentlichkeit und hat so das Potential, alle Menschen in den philosophischen Diskurs einzubeziehen: «approchons le peuple du point où en sont les philosophes».
2. Im Zuge des «Strukturwandels der Öffentlichkeit» – um einen Ausdruck von Habermas zu verwenden –, eines Strukturwandels, der heute durch weltweite Vernetzung und Digitalisierung gekennzeichnet ist, übernimmt philosophie.ch wichtige Aufgaben philosophischer Publizistik. Dies schliesst nicht nur traditionelle Fachzeitschriften ein, Themendossiers und Artikelserien zu philosophischen Diskussionen oder philosophische Beiträge zu aktuellen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen, sondern auch Formate, die erst durch die Digitalisierung ermöglicht wurden: Blogbeiträge, Kommentare, Diskussionsforen. Diese Formate sind professionell zu kuratieren und zu moderieren.
3. Wenn philosophie.ch die Verpflichtung auf Esoterik ernstnimmt – wozu ihr dringend geraten sei, damit sie nicht zur Bedeutungslosigkeit einer seichten philosophischen Boulevardpublizistik herabsinkt –, wird die Plattform selbst sich zu einer Forschungsinstitution weiterentwickeln müssen, das heisst, selbst Forschungsprojekte im Rahmen von philosophie.ch realisieren. Auch wenn dies derzeit bereits geschieht, wird dieser Bereich erweitert werden müssen und es werden auch Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um Forschungsmittel einzuwerben – ich denke dabei konkret an die Berechtigung, Forschungsgesuche beim Schweizerischen Nationalfonds zu stellen.
4. Philosophie.ch sollte aus meiner Sicht zu den Hauptakteuren des Open Access in der Schweiz werden und sich zur wichtigsten Open-Access-Plattform für philosophische Publikationen entwickeln. Das setzt eine Professionalisierung der für das akademische Publikationswesen zentralen Arbeiten wie Peer Review, Redaktion, Lektorat und Typografie voraus – Arbeiten, die von den kapitalisierungsfokussierten Verlagen leider viel zu oft vernachlässigt wurden und werden.
5. Wenn es philosophie.ch gelingt, die genannten Elemente – Schaffung einer philosophischen Öffentlichkeit, Erweiterung des philosophischen Diskussionsraums, Entwicklung zu einer selbständigen philosophischen Forschungsinstitution und zu der wichtigsten nationalen philosophischen Publikationsplattform – wenn es philosophie.ch gelingt, die genannten Elemente zu verbinden, hat das Schweizer Portal für Philosophie aufgrund seiner Attraktivität für die philosophisch Forschenden und aufgrund seiner Bedeutung für die Philosophie in der Schweiz gute Chancen, die wohl grösste Herausforderung zu bewältigen: die Einwerbung der Mittel für die Finanzierung. Damit steht und fällt die wichtige Arbeit von philosophie.ch. Diesem Thema sollte daher die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Literaturverzeichnis:
[1] Vortrag gehalten am 1. April 2023 in den Vignes du Pasquart, Biel.
[2] Pensées sur l’interprétation de la nature, ohne Ort 1754, 105 (§ 40). Von der ersten Auflage (1753) existiert ein einziges Exemplar (vgl. Gerhard Stenger: Denis Diderot, in: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, II: Frankreich, hg. von Helmut Holzhey und Johannes Rohbeck, Basel 2008, 519).
[3] Johann August Ernesti: De Philosophia Populari Prolusio Actui Oratorio In Schola Thomana A. D. VI. Non. Maias A. MDCCLIV Praemissa, Lipsiae 1754, III.
[4] Einschlägig für diese Bezeichnung ist die von Johann Jakob Engel herausgegebene dreibändige Textsammlung Der Philosoph für die Welt, die zwischen 1775 und 1800 in Leipzig und Berlin erschien.
[5] Vgl. Helmut Holzhey: Der Philosoph für die Welt – eine Chimäre der deutschen Aufklärung?, in: H. Holzhey, Walter Ch. Zimmerli (Hg.): Esoterik und Exoterik der Philosophie. Beiträge zu Geschichte und Sinn philosophischer Selbstbestimmung, Basel, Stuttgart 1977, 117–138; H. Holzhey: Popularphilosophie, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, VII, Basel 1989, 1093–1100. Norbert Waszek: Die Popularphilosophie, in: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts, V: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation – Schweiz – Nord und Osteuropa, hg. von Helmut Holzhey und Vilem Mudroch, Basel 2014, 403–414, Lit.: 443–445; Christoph Binkelmann, Nele Schneidereit (Hg.): Denken fürs Volk. Popularphilosophie vor und nach Kant, Würzburg 2015.
[6] Vgl. Reinhart Siegert: Die Volksaufklärung, in: Grundriss der Geschichte der Philosophie. 18. Jahrhundert, V (s. Anm. 4), 415–424, Lit.: 445–447.
[7] Ebd., 415.
[8] Karl Marx: Thesen über Feuerbach (1845), in: K. Marx, Friedrich Engels: Werke, III, Berlin 1969, 7.
[9] J. A. Ernesti: De Philosophia Populari (s. Anm. 2), IV.
[10] Vgl. Wolfgang Rother: Publizistik im Dienste der Aufklärung. Zum philosophischen Selbstverständnis der Zeitschrift Il Caffè, in: Ulrich Johannes Schneider (Hg.): Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert, Berlin 2008, 243–250.
[11] Πάντες ἄνθρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει. Aristot. Met. 980a21.
[12] Plat. rep. 515c–e.
[13] Der Ausdruck Esoterik ist mehrdeutig. Nicht im Blick steht hier die spezifische Verwendung von Esoterik im Sinne einer neureligiösen Weltanschauung, die ein Konglomerat fernöstlicher, okkultistischer, anthroposophischer und anderer spiritueller Lehren, Praktiken und Therapien ist. Im Folgenden werden die Ausdrücke Esoterik, esoterisch und Exoterik, exoterisch in der ursprünglichen, die Schriften des Aristoteles mit Blick auf ihren Adressatenkreis kennzeichnenden Bedeutung benutzt. Esoterisch ist das, was für den kleinen Kreis des Auditoriums bestimmt ist, für diejenigen, die am philosophischen Unterricht teilnehmen und die bereits in die Philosophie eingeweiht sind und daher über gute Vorkenntnisse verfügen. Exoterische Texte sind hingegen für ein breiteres Publikum, für alle, für die Öffentlichkeit bestimmt und daher allgemein verständlich.
[14] Martin Luther: Ein Sendbrief vom Dolmetschen (1530), in: Die Werke Luthers in Auswahl, hg. von Kurt Aland, V, Göttingen 41990, 85 (= WA XXX/2 637).
[15] In: H. Holzhey, W. Ch. Zimmerli: Esoterik und Exoterik der Philosophie (s. Anm. 4), 315–340.
[16] Vgl. Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), in: Akademie-Ausgabe, VIII, 35.
[17] Vgl. Rolf Geißler: Der historische Hintergrund und die wichtigsten Inhalte der ‹Encyclopédie›, in: Grundriss der Geschichte der Philosophie. 18. Jahrhundert, II (s. Anm. 1), 265–282, Lit.: 296–300.
[18] Vgl. dazu den Aktionsplan von swissuniversities (2018) (abgerufen am 23.03.2023).