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Hatte die Stadt ursprünglich gerne Land verkauft, für den Bau der Kaserne sogar welches verschenkt und für die Errichtung des Infanterie-Schiessplatzes eine Schenkung angeboten, damit das Militär in Thun blieb, so änderte sich dies im Lauf des 20. Jahrhunderts. Die Landabgaben an die Eidgenossenschaft schränkten Thuns Entwicklungsmöglichkeiten Richtung Westen stark ein. Deshalb wehrten sich die Stadt und die Burgergemeinde immer stärker gegen weitere Landabtretungen, wie sie etwa im Zusammenhang mit dem Ausbau des Militärflugplatzes nötig geworden wären. Weitere Landankäufe durch die Armee in den 1960er-Jahren bewegten Thun dazu, beim Bund vorstellig zu werden. In den Verhandlungen erreichte die Stadt, dass die Eidgenossenschaft ihre Bodenpolitik fortan mit ihr koordinierte.33
Plan der Militäranstalten in Thun. Gelb markiert ist das Land, das sich 1950 im Besitz der Eidgenossenschaft befand.
Der Plan macht deutlich, weshalb Thun in seinen Entwicklungsmöglichkeiten Richtung Westen stark eingeschränkt war.
Das von den Rüstungsbetrieben beanspruchte Land fehlte für die Ansiedlung privater Betriebe. Deshalb war es konsequent, dass Thun den Bund nach dem Abbau von Arbeitsplätzen in Zusammenhang mit der Armeereform 1995 bat, für die Förderung der Industrie Land zur Verfügung zu stellen. Dies geschah im Schorenquartier; ihre neue Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) konnte die Stadt jedoch auf der Kleinen Allmend realisieren.
Obwohl immer weitere Teile der Allmend und des angrenzenden Landes an den Bund verkauft wurden, hörte deren zivile Nutzung keineswegs auf, auch wenn sich das Militär dies so gewünscht hätte. Schon im 19. Jahrhundert war es verboten gewesen, die Zielgebiete auf dem Waffenplatz zu betreten; während der Schiessübungen galt ein generelles Verbot für die ganze Allmend. Im 20. Jahrhundert wurde dieses bekräftigt und erweitert.34 Doch es nützte alles nichts: Die Armee musste sich damit abfinden, dass Zivilisten das Verbot missachteten. Vor allem aus Haftungsgründen hielt sie das Verbot aber aufrecht. Offenbar hatte sich auf der Allmend ein buntes Treiben entfaltet. Noch immer nutzten Private als Pächter das Land als Viehweide. So kam es vor, dass sogar während Schiessübungen Vieh über die Allmend getrieben wurde.35
Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Thun. Fotografie, Andreoli + Teml, 2007. Nach mehreren Reformschritten war die Armee bereit, der Stadt Land für den Bau einer KVA zu überlassen.
Nach langen politischen Auseinandersetzungen konnte die Anlage im November 2003 in Betrieb genommen und im August 2004 eingeweiht werden.
1867 beklagte sich der eidgenössische Kriegsmaterialverwalter, «dass nach jeder Schiessübung auf der Allmend zu Thun ganze Scharen von Menschen herbeiströmen, um die Geschosse aufzusammeln und sie nach Belieben ganz oder auch nach vorangegangenem Zertrümmern dahin zu verkaufen, wo sie den grössten Gewinn ziehen können.»36 Die «Sünder» waren sich meist keiner Schuld bewusst; eine ganze Gruppe von Personen, die Geschosse gesammelt hatte und vom Gericht verurteilt worden war, wandte sich 1916 mit der Bitte um Begnadigung an den Bundesrat: «Wir folgten dem Drange der Not, Blei zu hacken, um nach unserer Ansicht ehrlich und redlich durch die auf den Knieen vollführte, aufreibende Händearbeit unser täglich Brot für uns und unsere Kinder zu suchen (...). Wir bitten Sie deshalb, geehrter Herr Bundesrath, dringend, durch Ihre geschätzten Bemühungen die Aufhebung des Verbotes zu erzwecken & uns künftig fragliches Brotfeld zu sichern.»37 Das Gewerbe des Geschoss-Sammelns war allerdings nicht ganz ungefährlich. Immer wieder kam es zu Unfällen mit Toten und Verletzten.38
Die Thuner Allmend. Undatierte Ansichtskarte, spätestens 1933. Die Allmend diente nicht nur dem Militär; vielmehr blieben zivile Nutzungen verschiedenster Art bis in die Gegenwart üblich.
Die Allmend gab aber noch anderes her; so wurden hier beispielsweise Lindenblüten gesammelt. Dafür konnte man bei der Kasernenverwaltung einen Ausweis beziehen. Und 1910 liessen sich zwei Jünglinge dabei erwischen, wie sie geschützte Singvögel fingen.39 Die Allmend diente aber nicht nur als Ressource, sondern auch zur illegalen Ablagerung von Kehricht, worüber sich das Militär beklagte.40 Nicht nur die erwähnten Tätigkeiten, sondern schon das blosse Betreten und Befahren des Gebiets führten immer wieder zu Unfällen, beispielsweise 1925, als eine Frau die Flugpiste überquerte und von einem landenden Flugzeug so schwer verletzt wurde, dass sie wenig später starb.41 Ferner kam es zu Kollisionen zwischen zivilen und militärischen Fahrzeugen, und die Panzerpiste entwickelte sich zu einer Rennstrecke für private Fahrzeuge, was weitere Unfälle und erneute Verbote nach sich zog.42
Dem Bund muss jedoch zugutegehalten werden, dass er die zivile Nutzung der Allmend und sogar der militärischen Anlagen so weit wie möglich gestattete. 1978 wurde das Verbot schliesslich so weit gelockert, dass die Allmend abends und am Wochenende als Naherholungsgebiet zur Verfügung stand.43 Zu den Begünstigten gehörten der Aero-Club, verschiedene Fussball-, Hornusser- und Hundebesitzervereine sowie die Nutzer der militärischen Sportanlagen und -hallen. Zudem stellte die Armee das Land für alle möglichen Anlässe wie Reitsportveranstaltungen, Hornusser-, Schützen- und Turnfeste, Kadettentage, Zirkusaufführungen oder Viehmärkte zur Verfügung.
Zehntes Eidgenössisches Hornusserfest auf der Allmend in Thun.
Fotografie von Carl Jost (1899–1967), Juli 1933.