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Am Freitag ist Alessandro Zanardi in der Toskana in einen schweren Verkehrsunfall geraten. Seither liegt er im künstlichen Koma und schwebt weiterhin in Lebensgefahr. Ganz Italien leidet mit Zanardi mit – aus dem einstigen Autorennsport-Talent ist in den letzten Jahren ein Symbol der Hoffnung geworden.
Am 23. Oktober 1966 kommt in der norditalienischen Stadt Bologna Alessandro Zanardi zur Welt. Er ist das zweite Kind von Anna und Dino Zanardi, einer Schneiderin und eines Klempners. Die Familie ist nicht wohlhabend, trotzdem durchlebt der kleine Alex sorgenfreie erste Lebensjahre.
Als Alessandro vier Jahre alt ist, zieht er mit seiner Familie ins nahe gelegene Castel Maggiore um. Dort entdeckt der Bub schon früh seine Leidenschaft für Autos. Das Tempo fasziniert ihn, mit seinem Vater schaut er jedes Rennen in der Formel 1, zudem verbringt er viel Zeit bei Alberto Bonini, dem Mechaniker des Dorfes. Und bereits als Kind beginnt er, auf den Strassen rumzufahren – in einem Holzwagen, der von Mita, dem Schäferhund der Familie, gezogen wird. Alessandro hält ihm mit einer Fischerrute ein Stück Fleisch vor die Nase, damit dieser auch wirklich rennt.
Als junger Teenager beginnt Alessandro immer mehr, seine Leidenschaft für die Geschwindigkeit auszuleben. Er fährt mit einem Motorrad in der Gegend herum und ist bekannt für seine wilde Art. Einmal braucht er Boninis Hilfe, um sein Motorrad aus einem Baum zu befreien. Er hat einen Sandhügel unterschätzt und die Kontrolle über das Motorrad verloren. Dennoch ist er mit viel Glück unverletzt geblieben.
Seine Töff-Abenteuer mit dem Motorrad enden im Jahr 1979 abrupt. Ein Schicksalsschlag trifft die Familie Zanardi. Cristina, die ältere Schwester von Alessandro, will mit ihrem Freund Maurizio einen Ausflug machen. Die beiden nehmen das Auto und geraten kurz nach Castel Maggiore in einen Verkehrsunfall. Maurizio überlebt, Cristina aber erliegt ihren Verletzungen. Von da an verzichtet der 13-jährige Alessandro auf seine waghalsigen Fahrten mit dem Motorrad. Er entscheidet sich dazu, seine Liebe fürs Tempo stattdessen auf der Rennstrecke mit dem Go-Kart auszuleben.
In den kommenden Jahren versucht sich Zanardi immer wieder an Rennen. Sein Talent ist schon früh erkennbar: 1982 wird er als 16-Jähriger bei den italienischen Meisterschaften mit 100ccm-Motoren Dritter, obwohl sein Kart zu den schlechteren gehört und nur sein Vater, der Klempner, als Mechaniker dabei ist. So wird ein lokaler Pneu-Hersteller auf Zanardi aufmerksam und unterstützt ihn finanziell, damit er bei internationalen Rennen teilnehmen kann.
Und so wird der junge Alessandro immer erfolgreicher: 1985 wird er erstmals italienischer Meister, 1987 wird er Europameister in der Kategorie 135ccm. Und 1991 geht der Traum von Alessandro Zanardi in Erfüllung: Der Rennstall Jordan bietet ihm einen Platz für drei Rennen in der Formel 1 an. Er soll einen gewissen Michael Schumacher ersetzen, der das Team verlassen wird.
Doch Zanardis Zeit in der Königsklasse ist nicht von Erfolg gekrönt. Weder bei Jordan noch in den folgenden Jahren bei Minardi und Lotus kann er sich durchsetzen. So ist 1994 Zanardis Zeit in der Formel 1 bereits vorbei, nur einen einzigen Punkt hat der Italiener dabei gewinnen können.
Nach einem Jahr Unterbruch bekommt Zanardi schliesslich einen Platz in der US-Amerikanischen CART-Serie. Dort wird er endlich zum Star: In seinen drei Saisons wird er zweimal Weltmeister, 15 Siege und zwölf weitere Podestplätze holt der Italiener in dieser Zeit. Das amerikanische Publikum liebt ihn: Zanardi ist ein Showman, er ist immer für einen Scherz zu haben und feiert seine Siege mit seinem «Donut-Jubel».
Zanardi fährt so gut, dass sogar wieder verschiedene Formel-1-Teams über einen Vertrag nachdenken. In Italien ranken sich Gerüchte um ein Interesse von Ferrari, schliesslich ist es aber Williams, das Zanardi einen Dreijahresvertrag auf den Tisch legt. Ein Angebot, das der ewige Formel-1-Fan Zanardi nicht ablehnen kann – die Rückkehr in die Königsklasse ist perfekt. Doch erneut gelingt ihm der Durchbruch nicht. Nach einem weiteren Jahr ohne Punkte wird der Vertrag vorzeitig aufgelöst.
2001 wechselt Zanardi zum zweiten Mal in die CART-Serie. Er gehört erneut zu den Podestanwärtern – auch am 15. September, als er zum Rennen in Deutschland auf dem Lausitzring antritt. Doch statt mit einem Podest endet das Rennen für Zanardi in einem Drama: 13 Runden vor Schluss verliert er die Kontrolle über sein Auto und schlittert über die Strecke. Von hinten kommen Patrick Carpenter und Alex Tagliani mit über 300 km/h angerauscht. Der erste kann gerade noch ausweichen, Tagliani nicht. Der Kanadier crasht Zanardis Honda, der in zwei Teile geteilt wird. Zanardi wird dabei lebensbedrohlich verletzt.
Er wird ins Spital geflogen, wo ihm beide Beine amputiert werden müssen. Vier Tage lang liegt er im Spital von Berlin im künstlichen Koma. Erst nach sechs Wochen und über 15 Operationen kann Zanardi das Spital verlassen. Wie nahe er am Tod war, sollte er erst später erfahren. Wären die Ärzte erst etwas später auf die Strecke gekommen, wäre es zu spät gewesen. Und hätte Tagliani nicht kurz vor dem Crash ganz leicht nach links gesteuert, wären wohl beide Piloten auf der Stelle gestorben.
Für den Italiener beginnt im Anschluss ein neues Leben. Die Reha dauert lange, zu Beginn sitzt er immer nur im Rollstuhl. Ein Zustand, vor dem er sich zuvor immer gefürchtet hat. «Als ich den Film ‹Born on the Fourth of July› mit Tom Cruise in einem Rollstuhl gesehen habe, dachte ich mir: ‹Wenn mir das passiert, bringe ich mich um›», wird Zanardi später erzählen. Doch er akzeptiert sein Schicksal. Er beginnt, Prothesen zu tragen. Und steht wieder auf, auch im wörtlichen Sinne.
Bei der TV-Sendung «Caschi d'Oro» in seiner Heimatstadt Bologna hat Zanardi nur zwei Monate nach seinem Horror-Crash seinen ersten öffentlichen Auftritt. Er fährt mit dem Rollstuhl ins Studio und erhebt sich. Das Publikum ist begeistert, steht ebenfalls und bejubelt Zanardi. «Ich bin so berührt, dass mir die Beine zittern», sagt Zanardi während seiner folgenden Rede mit einem Lächeln und fügt an: «Ich kann noch nicht gehen, aber es ist ein erster Schritt in meinem wichtigsten Rennen.»
Auch nach seinem Unfall verliert Zanardi nie seine Leidenschaft für den Auto-Rennsport. So arbeitet er während seinen Therapien auf ein grosses Ziel hin: Zanardi will zurück auf den Lausitzring, den Ort seines Unfalls, und dort die verbliebenen 13 Runden zu Ende fahren. Und der Wunsch sollte tatsächlich in Erfüllung gehen. Verschiedene Spezialisten bauen ein Auto so um, dass es Zanardi mit seinen Prothesen bedienen kann. So kehrt er 2003 nach Deutschland zurück und fährt das Rennen knapp zwei Jahre nach seinem Unfall noch zu Ende. «Es ist unglaublich, mit diesem Auto zu fahren ist, als ob ich den Fernseher angeschalten hätte. Alles kam plötzlich zurück. Ich habe Gänsehaut», so Zanardi nach seiner Ankunft im Ziel.
Auch weitere Betroffene können am Streckenrand die Emotionen bei Zanardis Rückkehr nicht zurückhalten. «Ich könnte nicht stolzer sein, das ist unglaublich. Das zeigt, wie stark Alex ist, er ist eine wundervolle Person», sagt Steve Olvey, der Arzt, welcher Zanardi das Leben gerettet hat, bevor er in Tränen ausbricht. Und Alex Tagliano, der in Zanardi hineinkrachte, freut sich: «Was er getan hat, ist unglaublich. Er ist ein Vorbild für alle Leute, die in seiner Situation sind. Ich bin erleichtert, es ist fantastisch für ihn.»
Eines ist bei Zanardis Rückkehr auf die Rennstrecke klar: Das Können am Steuer hat er auch nach seinem schweren Unfall nicht verloren. Seine beste Rundenzeit hätte in der Qualifikation der Profis bereits wieder zum fünften Platz gereicht. Auch deswegen wird Zanardi klar: Es soll nicht bei diesem einen Einsatz bleiben. Er will wieder Rennen fahren. Angst verspürt er keine, auch nach seinem traumatischen Erlebnis. «Es ist möglich, dass, wenn ich schon mal von einem Blitz getroffen worden bin, ich nochmals getroffen werde. Aber zuhause zu bleiben, um das zu verhindern, würde bedeuten, nicht mehr zu leben. Nein, da möchte ich lieber das Leben geniessen», so Zanardi bei seinem Besuch an einer Schule in Rom.
Im gleichen Jahr gibt der damals 37-Jährige schliesslich sein Comeback. Zanardi geht in Monza im Rahmen der European Touring Car Championship zweimal an den Start, im zweiten Rennen fährt er auf den siebten Platz. 2004 bekommt er einen Fixplatz beim BMW-Team, 2005 feiert er im deutschen Oschersleben den umjubelten ersten Sieg seit seinem Unfall. Auch in den folgenden Jahren bleibt Zanardi aktiv im Automobilsport, bis 2019 nimmt er immer wieder an Rennen teil.
Neben den Autorennen findet Zanardi nach seinem Unfall noch eine zweite Leidenschaft, in der er seine Liebe zur Geschwindigkeit ausleben kann: Paracycling, Fahrten mit dem Handbike. Immer wieder ist er mit seinem Bike in seiner Heimat Castel Maggiore anzutreffen, wo er sich fit hält, wenn er gerade keine Rennen fährt. Und so beginnt der ambitionierte Zanardi, sich auch in dieser Sportart auf Wettkämpfe vorzubereiten. In seinem allerersten Rennen, dem New York Marathon 2007, wird er überraschender Vierter, 2010 holt er den italienischen Meistertitel und 2011 wird er im Zeitfahren Vize-Weltmeister.
Seine grössten Erfolge feiert Zanardi aber ein Jahr später bei den Paralympischen Spielen in London. Sowohl im Strassenrennen als auch im Zeitfahren holt er die Goldmedaille, mit der Staffel Silber. Sein Bild, wie er nach dem Sieg im Zeitfahren sein Handbike in die Luft stemmt, geht um die Welt. Von da an ist er in seiner Kategorie fast unschlagbar. Bis 2019 holt er zwölf WM-Titel, 2016 in Rio kommen zwei paralympische Goldmedaillen hinzu.
Auch dank seinen Erfolgen in London und Rio ist Zanardi in Italien zu einer Identifikationsfigur geworden. Nicht nur Sportlern imponieren sein Wille und sein Ehrgeiz, trotz seines Horror-Unfalls wieder zu einem Weltklasse-Sportler zu werden.
Dementsprechend gross ist die Anteilnahme, als berichtet wird, dass Zanardi erneut schwer verunfallt ist und wie schon 17 Jahre zuvor im künstlichen Koma liegt. Etliche italienische Prominente drücken auf den sozialen Medien ihre Sorgen aus, sogar der Papst meldet sich über die «Gazzetta dello Sport» mit einem offenen Brief bei Zanardi, in dem er für ihn betet.
Ob Zanardi ein zweites Mal dem Tod entkommt, ist nach wie vor unsicher. Sein Gesundheitszustand sei stabil, aber nach wie vor kritisch, geben die Ärzte am Mittwoch bekannt. Auch wenn er wieder aufwachen sollte, wird der zweite Unfall ebenfalls gravierende Folgen haben, es droht der Verlust beider Augen. Doch Zanardi hat in seinem Leben gelernt, das Positive in den Vordergrund zu rücken, auch in den schwierigsten Momenten. Oder, wie er selbst einst sagte:
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