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Das Museum für Musikautomaten in Seewen (SO) besitzt mehrere der spektakulären Welte-Mignon-Reproduktionsklaviere.
Andreas Schwander
Ein grosser Flügel in einem Salon, Klaviermusik, aber niemand sitzt am Instrument. Wie von Geisterhand bewegen sich die Tasten, und es ist nicht Geklimper, sondern perfekte Klaviermusik, oftmals gespielt von den besten Musikern der Zeit, wie Max Reger, Sergei Rachmaninow, Camille Saint-Saëns oder Claude Debussy.
Musikkonserven gab es schon sehr früh, beginnend mit den kleinen Spieldosen und den langsam komplexer werdenden Drehorgeln. Doch so ausgefeilt die Geräte waren, sie reihten weitgehend Töne aneinander. 1904 gelang der Firma Welte in Freiburg i. Br., die schon seit Jahrzehnten Orgeln und Reproduktionsklaviere gebaut hatte, ein grosser Wurf.
Töne und Dynamik Sie erfand ein Aufzeichnungsgerät, das nicht nur die Töne aufzeichnete, sondern auch die Dynamik auf eine Papierrolle übertrug. Damit wurden die einzelnen Töne erst zu richtiger Musik. Welte hat zahlreiche Patente angemeldet. Aber ausgerechnet diese Dynamikaufzeichnung, die eine Ansammlung von Tönen zur eigentlichen Musik macht, hat die Firma nie patentieren lassen. Man weiss deshalb, dass das Aufnahmegerät das Klavierspiel Ton für Ton als unterschiedlich langen Strich auf eine Mutterrolle übertrug. In der Reproduktion wurde dann der Strich als Loch ausgestanzt. Die originale Rolle wurde dann noch auskorrigiert, bis sie den Anforderungen des Pianisten oder der sehr oft auf dem Welte Mignon spielenden Pianistinnen entsprachen. Allerdings wurden oft innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viele Stücke eingespielt, und man konnte nicht so detailliert schneiden, wie das heute möglich ist. Aber es kam sogar vor, dass etwa Sergei Rachmaninow nach einer Aufnahme auf eine Rolle schrieb: «Korrigieren Sie das!», und selbst die falschen Töne den Welte-Technikern zur Korrektur überliess, die sie dann abklebten und anders stanzten.
Die Papierrollen des Welte Mignon können Klaviermusik mit all ihren Nuancen digital speichern.
Doch wie genau nun die Löcher auch die Dynamik in die Musik brachten, weiss man nicht. Das originale Aufnahmegerät in Freiburg wurde bei einem Bombenangriff im Jahr 1944 zerstört, und die Methode lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Allerdings konnte das Museum für Musikautomaten in Seewen einen unvollständigen, nicht mehr einsatzfähigen Aufnahmeapparat für Orgelmusik in den USA aufstöbern, der ähnlich funktionierte. Er stand einst in der Welte-Filiale in New York, ging durch verschiedene Sammlerhände, wobei mehrere entscheidende Komponenten verloren gingen. Deshalb ist das Aufnahmeverfahren wahrscheinlich nie mehr rekonstruierbar, auch wenn es immer wieder versucht wird. Und in Seewen ist man sehr nahe dran.
Gestochen scharfe Sicht in eine verschwundene Welt Dafür ist das Abspielverfahren noch immer da. Bei einigen Klavieren ist das Abspielgerät nicht sichtbar, bei andern spektakulär beleuchtet. Es gibt aber auch möbelartige Vorsatzgeräte, die an einen normalen Flügel gestellt werden und die dann wie ein Pianist spielen. Ein Elektromotor treibt eine Vakuumpumpe an, die den Papierstreifen auf eine gelochte Schiene zieht. Bei jedem Loch fällt das Vakuum im System zusammen, und ein Ton erklingt.
Das funktioniert so perfekt, dass selbst Berufsmusiker oft nicht in der Lage sind, eine Einspielung auf dem Welte Mignon von einer modernen digitalen Aufnahme zu unterscheiden. Die Welte-Mignon-Reproduktionsklaviere transportieren so das Klavierspiel einer Zeit, die wir nur aus Schwarzweissbildern und rauschenden Schelllackplatten kennen, gestochen scharf in die heutige Zeit. Von 1904 bis 1932 entstanden etwa 2500 Klavieraufnahmen auf dem Welte Mignon. Danach wurden andere Aufnahmetechniken immer besser. Aber auch der Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise hatten die wohlhabende Käuferschaft verarmen und schwinden lassen. Und so ist das Welte Mignon heute ein faszinierendes akustisches Fensterchen in eine verschwundene Zeit.
Welte betrieb in Europa und den USA ein ausgefeiltes Marketing für ihre Rollen. Unter anderem bot die Firma gleiche Stücke von verschiedenen Pianisten eingespielt an und forderte ihre Kundinnen und Kunden auf, die beiden Varianten miteinander zu vergleichen.
Vier Stunden Welte Mignon auf SRF 2
Auf der Website von Radio SRF 2 gibt es in der Rubrik «Diskothek im Zwei» zwei Sondersendungen zum Welte-Mignon-Reproduktionsklavier. Die Sendung gibt faszinierende akustische Einsichten in die Technologie und die Musik, die auf diesem System aufgenommen wurde. Sie zeigt aber auch, wie deutlich anders die Pianisten der Jahrhundertwende spielten. Redaktorin Eva Oertle vergleicht mit dem Musikkritiker Peter Hagmann, dem Pianisten Tomas Dratva und dem Pianisten und Klavierrollenspezialisten Manuel Bärtsch Welte-Mignon-Aufnahmen mit modernen Aufnahmen.