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Die Serra do Japi, eines der letzten Fragmente kontinuierlichen Atlantischen Regenwaldes im Interior des Bundesstaates São Paulo, ist seit dreissig Jahren der Mittelpunkt ambientalen Widerstandes.
Im März 1820 erreichte José Bonifácio de Andrada e Silva die “Cordilheira do Japi” und verliess die Gebirgskette in der Überzeugung, dass ihre Wälder und Savannen von jagdbarem Wild wimmelten, besonders Hirsche, Pacas, Gürteltiere, Tapire, Fasanen, Wildtauben. Im Verlauf der Geschichte, nicht viel später als besagte Expedition, Grossgrundbesitzer verleibten sich die Gegend ein und pflanzten 5.000 Kaffeesträucher. Noch etwas später besetzten Weinbauern die Täler und unteren Bereiche der Serra do Japi. Aber das Schlimmste kam danach. Im Zweiten Weltkrieg verwandelte man den nativen Wald in Holzkohle und Brennholz, um damit die Eisenbahnen Brasiliens zu füttern. In den 60er und 70er Jahren fiel die Verbreitung eingeführter Eukalyptuswälder zusammen mit einer enormen Immobilienspekulation, die rücksichtslos Edelhölzer wie “Jacarandás, Perobas“ und “Aroeiras“ von den Terrains ihrer Interessen entfernten. Trotz alledem ist die Serra do Japi eine der letzten kontinuierlichen Abschnitte mit Atlantischem Regenwald im Staat São Paulo geblieben.
Dreissig Jahre später wird dieses Gebiet vom “Conselho de Defesa do Patrimônio Histórico, Arqueológico, Artístico e Turístico (Condephaat)” unter Naturschutz gestellt – genau 193 Jahre nach der Expedition von Andrada e Silva. Das Buch “Novos Olhares, Novos Saberes Sobre a Serra do Japi: Ecos de sua Biodiversidade” (Neue Ansichten, Neue Erkenntnisse über die Serra do Japi: Echos ihrer Biovielfalt) enthält einige Übereinstimmungen mit den Aufzeichnungen des Naturalisten, der von der Geschichte als Vormund des Kaisers Pedro II. verehrt wird. Auf jeden Fall berichtete dieser Monarchist zu jener Zeit vom Abholzungsaktionen und bestätigte, zum Beispiel, dass dort “die Rinderzucht im grösseren Rahmen praktiziert wird als in der Umgebung der Stadt São Paulo“.
Einer der Organisatoren des Buches, ein Professor an der “Universidade Estadual de Campinas“, führt seit 1986 Feldforschungen in der Serra do Japi durch. Für den Biologen ist das Buch mit 628 Seiten, ein Ergebnis der Zusammenarbeit von 46 brasilianischen Forschern, “ein bedeutender Schritt zur Zusammenfassung von Erkenntnissen über ein Gebiet mit einer hohen Biovielfalt“.
Der “Japi” ist ein seltener tropischer Wald auf einer geologischen Quarzit-Formation. Von den 354 Quadratkilometern dieses Naturrelikts, das sich entlang der urbanen Achse São Paulo – Jundiaí – Campinas erstreckt, sind etwas weniger als 21 Quadratkilometer als “Städtisches Biologisches Reservat“ geschützt. “Das ist zwar ein wichtiges Stück, aber es ist weit entfernt davon, die Serra do Japi in all ihrer Vielfalt tatsächlich schützen zu können“, bemerkt der Biologe.
Die Naturschutzgebiete (APAs) von Cabreúva, Cajamar und Jundiaí, eingerichtet im Jahr 1984, verinnerlichen jenen Bogen, den die UNESCO acht Jahre später zum “Biosphäre-Reservat des Grünen Gürtels der Stadt São Paulo“ erklärt hat.
In Brasilien gibt es 26 Arten von Fleisch fressenden Säugetieren, von denen 15 im Atlantischen Regenwald beheimatet sind und davon 11 in der Serra do Japi.
Aus der reichhaltigen Fauna dieser Gegend, die der Naturalist des 19. Jahrhunderts mit “Jagdbeute“ bezeichnet, haben Forscher mittels Fussspuren sogar die Anwesenheit des gefleckten Jaguars festgestellt. Ausser dieser grössten Raubkatze Amerikas gibt es Indizien vieler weiterer bedeutender Bewohner des Waldes: “Gato-mourisco“ (Jaguarundi), “Jaguatirica“ (Ozelot), “Gato-maracajá“ (Langschwanzkatze), “Quati“ (Nasenbär), “Mão-pelada“ (Waschbär), “Cachorro-do-mato“ (Wildhund), “Irara“ (Marderart) und “Furão“ (Frettchen). Verschiedene dieser Tiere, und viele andere Arten, hat man mittels so genannter “Fotofallen“ zum ersten Mal entdeckt, da sie grösstenteils nachtaktiv sind.
Obwohl diese Tiere bisher in einem weitgehend respektierten Ambiente leben, ist die Ausarbeitung eines Plans, der besonders das Überleben der Fleischfresser berücksichtigt, von besonderer Dringlichkeit. 2009 musste der Verkehr auf der Überlandstrasse Anhanguera angehalten werden, um einen Puma zu retten, der den schützenden Wald verlassen hatte. Das männliche Exemplar – etwa 1 Jahr und sechs Monate alt – wurde auf dem Mittelstreifen entdeckt, wie es sich ängstlich an eine Trennmauer drückte. Die “NGO Mata Ciliar“ fing das Tier ein und versorgte es, bevor es wieder in den Wald entlassen wurde. Im vergangenen Jahr wurde “Anhanguera“, wie die Veterinäre das Tier nach seinem Fundort benannt hatten, auf einer anderen Überlandstrasse, der “Via dos Bandeirantes“, die ebenfalls die Serra do Japi durchquert, überfahren und starb vor Ort.
Im März 2013 erwanderten die Mitglieder eines wissenschaftlichen Teams den Paraíso-Trail, dessen Anfang sich 3,5 km von der Überlandstrasse Anhanguera befindet. Die Wanderung im Regen, unter Begleitung zweier Biologen von der “Bioventura Trilhas e Educação“, zeitigte gleich zu Anfang Ergebnisse durch die Begegnung mit einem Hornfrosch. Etwas weiter zogen zwei Maskenspringaffen (Callicebus personatus), halb verborgen im Geäst, die Aufmerksamkeit aller auf sich – als ein winziges, goldfarbenes Fröschlein den Affen die Show stahl: Der nur 11 Millimeter grosse “Sapinho-pingo-de-ouro“ (Brachycephalus ephippium) marschierte vor den Wanderern her ohne zu hüpfen. Er ist eins der Symbole der Serra do Japi und von grosser Bedeutung für die Wissenschaft. “Diese Spezies war bisher nur im Nationalpark von Itatiaia bekannt. Wenn man ihn nun aber auch in der Region von Atibaia gefunden hat, so beweist das die Verbindung der beiden Bergketten “Matiqueira“ und “Japi“, erklärt einer der Biologen.
Permanent oder zeitweise bietet der Wald eine Zuflucht sowohl für Vögel, die sich nicht so leicht zeigen, als auch für andere, die man nach ihrem Gesang und ihren Bewegungen in der Vegetation entdecken kann. Hier gibt es “Corujas“ (Eulen), “Bem-te-vis“ (Pitangus sulphuratus), “Arapongas“ (Procnias nudicollis), “Corruíras“ (Troglodytes aedon), “João-de-barro” (Furnarius rufus) – Rosttöpfer, auch Töpfervogel, “Sabiás” (Singdrosseln), “Jacupembas” (Penelope superciliaris). Vor der Gruppe beeilt sich eine “Saracura” (Aramides saracura) ihr Versteck aufzusuchen, weil sie beim Durstlöschen gestört wurde.
Jeder Kilometer auf diesem Pfad gibt den Teilnehmern Gelegenheit, theoretische Informationen in praktische Erkenntnis zu verwandeln. Man versteht nun, warum Auguste de Saint-Hilaire, ein französischer Botaniker, der Brasilien auf einem Muli durchquerte, sich auf die Serra do Japi als “Wasserschloss“ bezog: Der Wasserreichtum ist überall zu sehen, zu hören und unter den Füssen zu spüren, die zahlreiche kleine Wasserläufe überqueren, bis sie den Wasserfall “Cachoeira Paraíso“ erreichen. Das Wasser ist auch einer der bedeutendsten Aspekte beim Naturschutz-Projekt der Condephaat von 1983, die die Serra do Japi bewertete als “ein Mosaik von repräsentativen Ökosystemen der Fauna und Flora, in der Lage, als ein Gebirgszug, der regulierend auf die Erhaltung der Lebensqualität wirken kann“.
Im schwachen Boden, der nicht viele Möglichkeiten für eine Rekompensierung des nativen Waldes bietet, präsentieren sich unendlich viele Pflanzenspezies, darunter “Jacarandás“ (Jacaranda Juss.), “Angicos“ (Anadenthera colubrina), “Manacá-da-serra“ (Tibouchina mutabilis), “Goiabeiras“ (Psidium guajava L.), “Pitangueiras“ (Eugenia uniflora L.), “Jerivás“ (Syagrus romanzoffiana), “Cedros“ (Cedrela odorata) und enorme “Candeias“ (Gochnatia polymorpha). Einige sind selten oder vom Aussterben bedroht in Brasilien und im Bundesstaat São Paulo, wie zum Beispiel der “Carvalho-brasileiro“ (Roupala brasiliensis), der “Erva-de-anta“ (Citronela megaphyla) und der “Cabreúva“ (Myrocarpus frondosus), die man im Biologischen Reservat der Biologin Eliana Cardoso Leite findet, Professorin an der Universität von São Carlos.
Viele der Farne, die man während der Wanderung antrifft, sind Teile einer Gesamtpopulation von 97 Arten, so der Biologe. Auch von den Lycophyten (Gefässpflanzen), einer Gattung, die innerhalb der brasilianischen Flora praktisch ausgerottet ist, haben sich vier Arten in der Serra do Japi erhalten. Und die Orchideen bieten hier eine wahre Show, mit 125 Arten!
Die grosse Entdeckung in dem Gebiet, welches man als “Floresta Estacional Semidecidual“ auf der Karte der Vegetation Brasiliens des IBGE bezeichnet, ist für den Biologen die Pellaea flavescens Fée. “Diese Spezies wurde in einem Winkel der Serra entdeckt. Es handelt sich um eine Reliquie der Caatinga, die man bisher nur in der Serra dos Orgões, im Bundesstaat Rio de Janeiro gefunden hatte“. Mehr als das, bestätigt der Forscher, die Pflanze ist Zeuge einer kalten und trockenen Periode, von der unser Planet heimgesucht wurde. Die Serra do Japi war Inspiration für eine der grössten Publikationen über die Flora des Bundesstaates São Paulo, herausgegeben von dem Agraringenieur Hermógenes de Freitas Leitão Filho.
Zurück auf dem Paraíso-Trail erlebt die wandernde Equipe eine besondere Demonstration seltener Schönheit. Nach Stunden des Nieselregens kommt die Sonne hervor und sofort führen Glasschmetterlinge (Pseudoscada erruca) einen Freudentanz über dem feuchten Boden auf – ihre transparenten Flügel blitzen im grellen Licht. Neben diesen gibt es zirka 900 Arten von Schmetterlingen in diesem Gebiet. “Die Nachtfalter erreichen sogar an die 5.000 Arten“, ergänzt der Biologe.
Ein anderes “Universum“ in verkleinerten Dimensionen, welches Forscher aus den verschiedensten teilen unseres Planeten in die Serra do Japi lockt, sind die Spinnen. “Dies ist der einzige Ort der Erde, an dem man die komplette Gesellschaftsordnung der Spinnen studiert“, versichert der Biologe und fügt hinzu: “Das sind sechs Arten mit unterschiedlichen Organisations-Levels“.
Während eines Jahrzehnts haben die Wege der Serra do Japi zirka 50.000 Besucher gesehen. Heutzutage ist ihre Benutzung vor allem den Forschern vorbehalten – mit vorher einzuholender Genehmigung. 1986, dem Jahr in dem der Biologe João Vasconcellos-Neto seine Arbeit in der Serra do Japi aufnahm, erlebte er eine wahre Invasion von Jeep- und Motorradfahrern, Radfahrer und Studenten, die die Gegend durchkämmten. “An einem einzigen Tag zählte ich 240 Personen auf einem der Pfade“, erinnert er sich. Die Wiedereröffnung der Wege, so meint der Wissenschaftler, muss koordiniert mit Erziehungs- und Ökotourismus-Programmen erfolgen.
Zur Zukunft, die der Biologe für dieses Erbe der Natur voraussieht, gehören notwendigerweise Aktionen, welche die Grünflächen erweitern und die Cerrado-Flecken der Serra do Japi zusammenschliessen. Die Einrichtung von ökologischen Korridoren, so hebt er hervor, ist ebenfalls grundlegend für die Erhaltung der Spezies, so wie auch die Schaffung von besonderen Reservaten auf abgegrenzten Terrains im Gebiet der Serra, deren Bedeutung nicht allein auf eine Region im Bundesstaat São Paulo begrenzt ist, sondern sich auf den gesamten Restbestand des Atlantischen Regenwaldes im nationalen Territorium auswirkt.