Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/2485

Heute möchte ich mich dem Thema 'über den Rücken laufen' widmen.
Wenn ich die Aussage 'über den Rücken gehen' genauer betrachte, finde ich die Worte sehr treffend gewählt. Leider ist ein über den Rücken gehen oftmals damit verbunden, dass das Pferd den Kopf in der Senkrechten haben muss, doch das reicht bei weitem nicht aus. Das Pferd kann den Kopf problemlos in der senkrechten tragen und dabei kein bisschen über den Rücken gehen. Das Thema ist gar nicht so einfach zu verstehen!
Bedeutung
Geht ein Pferd über den Rücken bedeutet das, dass die Wirbelsäule eine Aufspannung hat, die dazu dient, dass die gesamte Wirbelsäule frei schwingen und rotieren kann. Somit kann die Bewegung der Hinterbeine über den Rücken bis nach vorne fliessen. Der Brustkorb kann links und rechts schwingen und die Atmung ist frei. Das Pferd ist in Balance und hat das Gewicht auf alle vier Beine verteilt. Der Körper bewegt sich in einer natürlichen Losgelassenheit.
Voraussetzungen
Die Beine müssen die Wirbelsäule tragen. Das heisst, die Hinterhand muss im Verhältnis zur Vorwärtsbewegung gleichviel tragen und schieben. Damit das Pferd genügend in der Tragkraft sein kann, muss es dazu das Becken abkippen. Sobald es etwas zu viel schiebt, bekommt der Rücken ein Problem, er muss beginnen sich festzuhalten, damit die Wirbelsäule keinen Schaden nimmt, das verunmöglicht das über den Rücken gehen. Ist das Becken abgekippt und die Nachhand trägt und schiebt dem Tempo angemessen entsteht ein Zug nach hinten, der die Aufspannung der Wirbelsäule erst möglich macht.
Doch das alleine reicht nicht. Auch die Vorhand muss die Wirbelsäule tragen, damit sie losgelassen sein kann. Als besonders wichtig empfinde ich hier den Serratus. Dieser Muskel setzt auf der Innenseite oben am Schulterblatt an und geht zu den Rippen und zu den unteren Halswirbeln. Er ist ein sehr wichtiger Rumpfträger. Dieser Muskel ist oftmals fest, er sollte sich jedoch aufspannen und den Brustkorb wie an Federn aufgehängt zwischen den Vorderbeinen schwingen lassen. Dieser Muskel ist verantwortlich dafür, dass der Halsansatz und der Widerrist angehoben werden können, die Dornfortsätze bekommen mehr Platz und der Bereich wird beweglich. Damit dieser Muskel korrekt arbeiten kann braucht es eine Balance in der Vorhand und gewisse Länge im Hals. Wird der Hals zusammengezogen weil das Pferd 'am Zügel laufen' soll, setzt man den Serratus ausser Kraft und blockiert den Bereich Widerrist und Halsansatz, die Wirbelsäule kann nicht mehr frei schwingen. Damit wird ein über den Rücken laufen verunmöglicht, der Schwung der Nachhand, kommt nicht über den Widerrist, weil hier die Aufspannung fehlt.
Der dritte wichtige Bereich ist der Übergang Kopf-Hals. Schlussendlich entscheidet die Kopf-Hals-Position ob die gesamte Aufspannung der Wirbelsäule zustanden kommt. Die Balance in der Vor-
und der Nachhand sind nötig, damit das Kopf-Hals-Gelenk überhaupt die Möglichkeit hat frei zu sein. Der Körper ist immer bestrebt den Kopf und die Wirbelsäule zu schützen und nur in Balance kann
der Körper loslassen. Die tiefe Rückenmuskulatur kann man sich wie eine Kette der Wirbelsäule entlang vorstellen, diese beginnt nur zu arbeiten, wenn der Kopf frei fallen gelassen werden kann.
Dadurch kommt Zug auf diese Muskelkette, die Wirbelsäule bekommt eine Aufspannung und kann zu schwingen beginnen! Auch die grossen Bewegungsmuskeln wie der Longissimus (der lange Rückenmuskel)
und der Trapezius können erst jetzt frei arbeiten.
Doch das ist noch nicht alles. Geht ein Pferd auf einer gebogenen Linie kommt noch die Rotation der Wirbelsäule dazu. Es braucht als eine Aufspannung nach hinten, ein Tragen des Brustkorbes, die Aufspannung nach vorne und die Rotation. Das ist ein sehr komplexes System, dass nur in Losgelassenheit arbeiten kann. Das bedeutet, dass es auch vom Reiter ein Loslassen voraussetzt, mental und körperlich. Seinen eigenen Körper betreffend und den des Pferdes.
Gesundheitliche Aspekte
Kommt die Wirbelsäule zum Schwingen hat das sehr viele positive Auswirkungen auf den Pferdekörper. Der Rücken wird tragfähig, die Wirbel haben genügend Platz, das Pferd kann den Reiter tragen ohne Schaden zu nehmen! Die Muskulatur arbeitet losgelassen, so kann sie wachsen und sich der Belastung anpassen. Die Belastung wird auf den ganzen Pferdekörper verteilt, die gesamte Muskulatur arbeitet mit, die Gelenke federn, das schont die Muskulatur, die Sehnen, Bänder und die Gelenke.
Das Schwingen der Wirbelsäule sollte unabhängig von der äusseren Form sein, also in allen Lektionen angestrebt werden, ob vorwärts-abwärts, Seitengänge, Piaffe oder Galopp. Das Schwingen macht den Unterschied ob eine Lektion gesundheitsförderlich ist oder nicht. Ein Pferd hat im vorwärts-abwärts zwar tendenziell mehr Gewicht auf der Vorhand, passiert das aber mit angehobenem Brustkasten ist es für das Pferd nicht schädlich.
Der nach unten schwingende Rücken
Oftmals wird das nach unten Schwingen des Rückens mit dem korrekten Schwingen der Wirbelsäule verwechselt. Hier Klarheit zu schaffen ist jedoch gar nicht so einfach. Es gibt jedoch einige Indikatoren, die darauf hinweisen, dass das Pferd nicht korrekt über den Rücken geht
-
wiederkehrende Blockaden
-
Verspannungen
-
Rückenschmerzen
-
Das Pferd ist hart in der Hand
-
schlecht ausgeprägte Muskulatur, vor allem fehlende Muskulatur der
Oberlinie
-
Karpfenrücken
-
Knieprobleme
- falscher Knick
- hinter dem Zügel gehen
- im Genick verwerfen
-
'Heiss werden'
-
Klemmen, nicht vorwärts gehen
- Stress, Angst
- Das Pferd wehrt sich gegen den Reiter
-
uvm.