Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03197.jsonl.gz/723

Artikelinhalte
Im Osten viel Neues
Urs Hafner
Osteuropa ist in den Augen des Westens eine Zone der Rückständigkeit, wo Nationalismus, Korruption und Chauvinismus ins Kraut schiessen. Dabei böte die jüngste Geschichte des Ostens zukunftsweisende Modelle des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen.
Der Leitbegriff lautet «Imperium». Wenn Thomas Grob und Anna Hodel von ihrer Forschung erzählen, fällt immer wieder der Begriff Imperium, den sie im Gegensatz zu dem der Nation verwenden. Die Imperien, das sind die Sowjetunion und Jugoslawien, das Russland des 19. Jahrhunderts, das Habsburgerreich und das Osmanische Reich. Sie alle sind zerfallen, sie lagen im Osten Europas oder erstreckten sich bis dorthin, und an ihre Stelle sind Nationalstaaten getreten. Doch kulturell wirken sie noch immer weiter.
«Das Imperiale», sagt Anna Hodel, Slawistin an der Universität Basel, bezeichne ein räumliches Gebilde, das «positiv mit Ambivalenzen umgehen könne», mit Mehrsprachigkeit, mit dem Neben einander unterschiedlicher kultureller und religiöser Identitäten. Diesen Vorzug verbindet man üblicherweise kaum mit Imperien; vielmehr fallen einem dazu Stichworte wie Diktatur und Rechtlosigkeit ein. Doch dies ist nur eine ihrer Eigenschaften und nicht einmal eine zwingende. In Jugoslawien und in der österreichisch-ungarischen Monarchie lebten, wenn auch keineswegs spannungsfrei und reibungslos, verschiedene Ethnien und Religionen zusammen. Das «Andere» wurde nicht per se abgewehrt oder einverleibt.
Genau dazu neigt der moderne Nationalstaat, der mit der Französischen Revolution das Licht der Welt erblickte. Die Nation ist einerseits ein Projekt der Emanzipation: Alle in ihr lebenden Bürger und Bürgerinnen sollen frei sein, von ihrer eigenen Hände Arbeit leben, die gleichen Rechte haben, die gleiche Bildung geniessen und die gleiche Sprache sprechen, damit sie sich miteinander verständigen und sich selbst ein Urteil über die Welt bilden können.
Um dieses Ziel zu erreichen, homogenisiert und nivelliert die Nation jedoch ihren Raum: Sie ebnet kulturelle und soziale Differenzen ein. Die Nation emanzipiert und diszipliniert zugleich, und sie schliesst sich ab und die anderen aus. Im Zeitalter des siegreichen Nationalen wird das überwundene Imperiale geringgeschätzt.
Thomas Grob, Professor für Slawistik an der Universität Basel, und seine Forschungsgruppe möchten das ändern. Unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds untersuchen sie, wie das russische Reich sich seinen «inneren Orient», also Zentralasien und den Kaukasus, vorstellte, wie in Österreich-Ungarn der Bruch von 1917 und 1918 erinnert wurde, als nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die k.u.k. – die kaiserliche und königliche – Monarchie und das Osmanische Reich zusammenbrachen, und wie sich auf dem heutigen Balkan die Literaten im 19. Jahrhundert, zur Gründerzeit des Nationalstaats, die politische Zukunft vorstellten.
Die Literaturwissenschaftler deuten vor allem literarische Texte, die sie im Original lesen: auf Russisch, Polnisch, Serbisch, Slowakisch, Ukrainisch, Kroatisch. Für nicht-slawische Sprachen, die im osteuropäischen Raum ebenfalls anzutreffen sind – etwa das Ungarische, Türkische, Georgische oder die kaukasischen Sprachen –, behelfen sie sich mit Übersetzungen. Die Literatur, davon sind sie überzeugt, bietet ihnen den Königsweg zu den kulturellen Identitäten der jeweiligen Imperien. Die Literatur, betont Anna Hodel, sei nicht nur eine Form der Realitätswahrnehmung, sondern auch der Realitätserzeugung.
Die Literatur habe im slawischen Raum eine Bedeutung besessen und besitze sie teilweise noch immer, die wir uns hier kaum vorstellen könnten, sagt Thomas Grob. Einige Literaten seien führende Politiker gewesen, viele Texte seien breit und immer auch politisch diskutiert worden. Wenn man sich heute beispielsweise mit einem Polen über sein Land unterhalte, falle früher oder später der Name Adam Mickiewicz, der einer der grossen Dichter der polnischen Romantik gewesen sei. Die Literatur gehöre zum nationalen Selbstverständnis Polens.
Differenziertes nationales Denken
In den Texten der Literaten stossen die Literaturwissenschaftler auf differenzierte Auseinandersetzungen mit dem Imperialen und Nationalen. Im 19. Jahrhundert sei das Nationale nicht so ausschliessend gewesen wie heute, sagt Anna Hodel. So habe die kroatische Nationalbewegung aus Rücksicht auf den serbischen Bevölkerungsteil, den sie «in einen transnationalen Kulturraum» integrieren wollte, nicht den damaligen kroatischen Dialekt als Grundlage für die neue Standardsprache gewählt, sondern einen, der auch als serbischer habe gelten können. Das nationale Denken jener Zeit werde heute nationalistisch verzerrt wahrgenommen.
Als Beispiel erwähnt Hodel den 1890 in Zagreb verstorbenen Autor und Politiker Ivan Mažuranic, der als kroatischer Nationaldichter gilt. Sein Antlitz ziert gar den 100-Kuna-Schein. Die Lesart seines Werks, die in den Literaturgeschichten vorherrsche, sei einseitig. In ihrer Neuinterpretation unter anderem von Mažuranics Hauptwerk «Der Tod des Smail-Aga Cengic» weist die Geisteswissenschaftlerin nach, dass der Autor den Rahmen des Nationalen wie des Kroatischen sprengt. Nur auf den ersten Blick erzählt er die antiimperiale Geschichte, wie sich die heldenhaften Südslawen gegen das böse Osmanische Reich vereinen, das damals auch den Balkan umfasste.
Wenn man hingegen Mažuranics Buch genauer anschaut, sieht man, dass es nicht von Kroaten, sondern von Montenegrinern handelt, und dass dem Autor nicht die Schaffung einer homogenen kroatischen Nation, sondern eines «illyrischen» Raums vorschwebt – womit er die Römer und Napoleon ins Spiel bringt, welche die Gegend so nannten. In diesem Raum hätte es nach Mažuranic Platz gehabt für Slowenen, Serben, Kroaten, Bosnier – die man damals Türken nannte –, Bulgaren und Mazedonier.
Mažuranic habe den Raum weniger vom Osmanischen Reich als von Österreich-Ungarn abgegrenzt – die Türken können in seinem Buch als Chiffre für die Habsburger gelesen werden –, und dennoch habe er ihn in einen übernationalen christlichen Kontext eingefügt, in dem die Südslawen die Christenheit als Märtyrer vor dem Islam schützten, sagt Hodel. Sein Werk sei eine «komplexe Schichtung verschiedener Identitäts- und Kulturräume».
Anna Hodel legt also im Werk des Klassikers Bedeutungsschichten frei, die dessen Zeitgenossen bekannt waren, die aber im letzten Jahrhundert nationalistisch zugeschüttet worden sind. Im Vergleich mit dem frühen slawischen nationalen Denken nehme sich der moderne territoriale Nationalismus armselig aus, sagt Thomas Grob. Er beharre defensiv auf der Abschliessung seiner Grenzen und der Reinhaltung seines Gebiets. Es sei wohl kein Zufall, dass in der heutigen Schweiz die beste Literatur oft von Migranten geschrieben werde, welche die Erfahrung der nationalen und kulturellen Grenzüberschreitung gemacht hätten.
Als weiteres Beispiel für eine «plurinationale Identität» nennen die Geisteswissenschaftler den jugoslawischen Literaturnobelpreisträger und Politiker Ivo Andric. Der 1975 in Belgrad verstorbene Autor wird heute von Serbien und Kroatien je mit viel Aufwand nationalistisch vereinnahmt. Dabei hat Andric sein Werk auf Serbokroatisch geschrieben. Geboren wurde der Katholik in Bosnien, wo er aufwuchs, seine Mutter war eine Kroatin. Er studierte unter anderem in Wien und Krakau. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er an der Entstehung des Königreichs Jugoslawien mit, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Mitglied der kommunistischen Partei. Ivo Andrics Leben lässt sich so wenig wie seine Literatur auf eine Nation im heutigen Sinn eingrenzen.
Imperien sind nicht nur transnational und multikulturell. Eine weitere, verblüff ende Gemeinsamkeit der in sich je verschiedenen Imperien sieht Thomas Grob darin, dass die Reiche nach ihrem Untergang oft eine Woge der Nostalgie auslösten. Es gebe noch immer die Jugo-Nostalgie, es gebe wieder die – von Putin instrumentalisierte – Sowjet-Nostalgie, es habe nach dem Ersten Weltkrieg die k.u.k. Nostalgie gegeben. Vielleicht, meint Grob, lebe in dieser Nostalgie auch die reichhaltige Erfahrung des imperialen Raums weiter.
Anna Hodel ist Doktorandin am Fachbereich Slavistik. Sie beschäftigt sich mit Raumpoetiken jenseits des Nationalen und übersetzt südslawische Gegenwartsprosa ins Deutsche.
Thomas Grob ist Professor für Slavische und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. 2015 veröffentlichte er gemeinsam mit Sabina Horber den Band «Moskau: Metropole zwischen Kultur und Macht».