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Unter einem T. versteht man in der Regel nicht die sagenhaften Berichte über tanzende Tote, die seit dem HochMA vorkommen, sondern Darstellungen von Menschen versch. Standes und Alters, die mit der Personifikation des Todes konfrontiert werden und so erkennen, dass sie sterben müssen. Wesentl. Charakteristikum ist die Gemeinschaftserfahrung, die sich oft in der hierarch. Anordnung der einzelnen Szenen von den ranghöchsten Vertretern der Gesellschaft zu den niedrigsten ausdrückt: Alle sind betroffen, niemand kann sich dem Tod und der Verantwortung für seine Sünden entziehen.
Als älteste Darstellung im deutschsprachigen Raum gilt der ca. 60 m lange, um 1440 entstandene Zyklus auf der Friedhofsmauer des Basler Dominikanerklosters, von dem nur wenige Fragmente erhalten sind. Die Blütezeit erlebte das Motiv im Zeitalter der Reformation: Die Basler Bilder wurden umgestaltet, in Bern malte Niklaus Manuel einen monumentalen T. und Hans Holbein der Jüngere schuf Vorlagen für eine erfolgreiche Holzschnittfolge, die als Emblembuch 1538 in Lyon veröffentlicht wurde.
Totentänze kommen in der Schweiz seither als grossformatige Zyklen im öffentl. Raum, in Erbauungsbüchern und Kalendern, auf kunstgewerbl. Objekten wie Dolchscheiden und Glasbildern, als Denkmäler, in Liedern und als szen. Aufführungen vor. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über fast die ganze Schweiz. Das bedeutendste erhaltene Beispiel sind die zwischen 1626 und 1635 entstandenen Tafeln von Kaspar Meglinger auf der Spreuerbrücke in Luzern. Monumentale Totentänze wurden auch in Buchausgaben dokumentiert, wie z.B. der Basler T. ab 1621 durch Matthaeus Merian und der Luzerner ab 1650 durch Conrad Meyer in Zürich.
Die jüngeren Werke hatten sich aus dem kirchl. Kontext gelöst und waren zeit- bzw. moralkritisch motiviert: Johann Rudolf Schellenberg nutzte den T. bereits 1785, um auf die Gefahren von Modeerscheinungen und techn. Errungenschaften hinzuweisen. Seit der franz. Revolution spiegeln sich verstärkt polit. Ereignisse in Bildern und Texten wieder. Die Mehrheit der Werke ist pazifist. Natur wie z.B. Edmond Billes "Une danse macabre" von 1919. Jean Tinguely klagte 1986 mit seiner Figurengruppe "Mengele T." den Nationalsozialismus an. Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, reagierte in den 1980er Jahren mit T.-Graffitis auf Bausünden und Umweltverschmutzung.
In den 1970er Jahren wurde die Europ. Totentanz-Vereinigung gegründet. Die Forschungsgemeinschaft gibt die Monatszeitschrift "T. aktuell" sowie das Jahrbuch "L'art macabre" heraus.
Literatur
– Mensch und Tod: graph. Bl. und Zeichnungen von Dürer bis Dali, Ausstellungskat. Lausanne, 1987.
– Die Spreuerbrücke in Luzern, hg. von J. Brülisauer, C. Hermann, 1996
– U. Wunderlich, Ubique Holbein, 1998
– U. Wunderlich, Tanz in den Tod, 2001
Autorin/Autor: Christoph Mörgeli, Uli Wunderlich