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Nicole Christeler, Instagram-Influencerin, hatte als Kind Leukämie
„Wenn das Kerzli auf der Kinderkrebsstation brannte, war jemand gestorben“
„2001, kurz vor meinem zwölften Geburtstag, erhielt ich die Diagnose Leukämie. Ich hatte schon länger extreme Gelenkschmerzen, manchmal taten mir tagelang Schultern, Knie oder Beine weh, manchmal so sehr, dass ich kaum mehr laufen konnte. Der Hausarzt ging von Wachstumsschmerzen aus und verschrieb mir Schmerzmittel. Als es nicht besser wurde, untersuchte man bei einem erneuten Arztbesuch mein Blut. Die Diagnose: Pfeiffersches Drüsenfieber. Ich erhielt entsprechende Medikamente, die nichts halfen. Wir gingen dann zu einem Spezialisten. Dieser schaute mich nur an und überwies mich sofort zu weiteren Abklärungen ins Inselspital. Da bestand dann ziemlich schnell Verdacht auf Leukämie.
Gemeinsam mit den Ärzten erklärten mir meine Eltern, dass ich Blutkrebs habe und was das bedeutet. In dem Moment ging mir gar nicht so viel durch den Kopf. Mich belastete mehr, dass meine Mutter weinte. Ich hatte weder damals noch im Verlauf der Krankheit je Angst. Ich akzeptierte mein Schicksal ziemlich schnell und es beschäftigte mich weit weniger als das der anderen Kinder. Wenn man dauernd stationär behandelt wird, wird man wie eine Familie. Und immer wieder starb jemand aus dieser Familie, das war extrem belastend. Es gab auf der Station ein Tablar mit einem Kerzli drauf - wenn es brannte, war jemand gestorben. Als ich zum ersten Mal auf der Station lag, kam ein Baby in mein Zimmer gekrabbelt, ganz allein - der kleine Tim. Er lachte immer. Irgendwann brannte das Kerzli für ihn, da hat es mich fast „gelüpft“. In solchen Momenten wurde mir schon bewusst, dass das auch mir passieren könnte. Aber so richtig darüber nachgedacht habe ich nie.
Ich ertrug eigentlich alles immer recht gelassen, die Ärzte empfanden mich auch immer als sehr pflegeleicht. Ganz am Anfang war ich mehrere Wochen am Stück im Spital, da hatte ich dann irgendwann auch den „Läckmer“. Danach war ich je eine Woche im Spital und eine zu Hause, etwa ein Jahr lang. Wenn es ging, ging ich zur Schule. Eine Lehrerin brachte mir jeweils die Hausaufgaben ins Spital. So verlor ich nicht den Anschluss und konnte in der gleichen Klasse bleiben. Meine Klassenkameraden schrieben mir Briefe, so hatte ich nicht das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Dass ich in Lenk eher ländlich aufgewachsen bin, war da ein Vorteil. Zum einen, weil mir das Aussehen noch nicht ganz so wichtig war, und zum anderen, weil in dem Dorf halt irgendwann alle wussten, warum ich keine Haare habe. Ich habe im Inselspital eine gleichaltrige Freundin mit Krebs kennen gelernt, die in der Stadt Bern zur Schule ging. Sie musste eine Klasse wiederholen, unter anderem, weil sie stark geplagt wurde. Gehadert habe ich nie, aber als ich dann später zu Hause war und mir gewisse Dinge verboten wurden, die meinen Freunden erlaubt waren, war ich schon wütend. Heute verstehe ich das.
Krass waren manchmal die Nebenwirkungen. Es gab zum Beispiel ein Medikament, das mich richtig depressiv machte. Da war ich dann auch echt gemein zu meinen Eltern - sie haben es immer ertragen. Der schlimmste Vorfall war, als ich plötzlich Lähmungserscheinungen hatte, zuerst in der Hand und im Arm, dann auf der ganzen rechten Seite. Wir fuhren sofort ins Spital. Ich wurde untersucht, niemand fand heraus, was ich hatte. Man instruierte meine Eltern bereits darüber, was zu tun sei, wenn ich tatsächlich gelähmt bleiben würde - als meine Mutter in einem Bundesordner voller Listen über Nebenwirkungen ein Medikament fand, das sehr, sehr, sehr selten Lähmungserscheinungen auslösen kann. Ich setzte es ab, bekam Kortison und alles war okay.
Als es hiess, ich sei krebsfrei, müsse nur noch ab und zu zur Kontrolle, war das fast ein bisschen komisch. Der Krebs, das Spital, die Therapien hatten so lang zu meinem Leben gehört, ich konnte es mir anders gar nicht mehr vorstellen. Aber natürlich habe ich mich gefreut. Ich habe diese Zeit als Kind nicht bewusst verarbeitet. Dass ich heute so offen mit der Krankheit umgehe, ist aber sicher auch Teil der Verarbeitung. Ich mache es auch immer wieder auf meinem Blog zum Thema. Ich möchte nicht damit hausieren, aber darauf aufmerksam machen, dass es auch in meinem scheinbar so glamourösen Leben eine andere Seite gibt. Ich merke aber auch, dass es da schon noch Nachwehen gibt. Mein Freund hätte zum Beispiel gern in der Stadt Bern gewohnt - das kommt für mich nicht in Frage, weil ich die Stadt mit der Zeit meiner Krankheit verbinde, obwohl ich Bern sehr liebe. Vergangene Weihnachten habe ich eine Aktion gestartet und Geschenkpäckli auf der Kinderkrebsstation des Inselspitals verteilt. Auf dem Nachhauseweg habe ich geheult wie ein Schlosshund. In solchen Momenten merke ich, dass da längst nicht alles verarbeitet ist.
Ich frage mich oft, ob ich heute anders wäre, wenn ich das als Kind nicht erlebt hätte. Vermutlich schon. Ich glaube, ich nehme gewisse Dinge nicht so wichtig, geniesse das, was ist. Und dafür bin ich dankbar.“