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Sagrada Familia, Teil 2: Geometrie, Musik und Glaubensbekenntnis in einem
Der Vater und Hauptautor der Sagrada Familia Antoni Gaudí war nicht nur ein genialer Architekt, sondern auch ein tiefgläubiger Katholik. In seinem Werk wollte er sowohl seiner innovativen Vision der Architektur als auch seinen Glaubensüberzeugungen Ausdruck verleihen. Er widmete dieser enorm komplexen Aufgabe den grössten Teil seines Lebens, obwohl er wusste, dass er sein Werk nie mit eigenen Augen vollendet sehen würde.
In der Sagrada Familia entwickelt und vervollkommnete Gaudí vor allem seinen einzigartigen Architekturstil – er suchte unermüdlich nach einer naturalistischen, organischen und naturverbundenen Ausdrucksweise. Gaudí verwandelte die Sagrada Familia in ein Labor, in dem er nach mathematischen und geometrischen Lösungen für seine Ideen suchte.
Dies ist ein Bericht über die Sühnekirche der Heiligen Familie in Barcelona in mehreren Teilen. Hier das Inhaltsverzeichnis:
Gaudí war zutiefst überzeugt, dass die Gotik als Baustil imperfekt war, weil ihre senkrechten Tragwände, die absolut vertikalen Säulen und die stützenden Strebebogen den Naturgesetzen nicht entsprechen. So begibt sich Gaudí auf eine hoch spanende Reise, deren Entdeckungen die Mathematiker bis heute faszinieren. Er verdreht, verkrümmt und biegt die Ebenen, um anhand der dadurch entstehenden Regelflächen wie Paraboloide und Hyperboloide nach einer neuen, die Naturgesetze wiederspiegelnden Statik zu suchen. Der Architekt experimentiert jahrelang, entwirft Gipsmodelle im Massstab 1:10 oder 1:25, verändert die Proportionen, macht meterlange Papierschablonen, bis seine strenge Geometrie ihm eine fast absolute gestalterische Freiheit erlaubt.
Gaudí wusste, dass die Vollendung der Sagrada Familia in der fernen Zukunft liegt. Deswegen wollte er in den zu seinen Lebzeiten fertiggestellten Baueinheiten ein, was die Proportionen betrifft, schlüssiges Systemhinterlassen, damit seine Nachfolger über mathematische Instrumente verfügen, um weiterbauen zu können. Oder wie Merk Burry, einer der heutigen Architekten der Sagrada Familia zum Audruck bringt: „Gaudí hat uns seinen Kodex hinterlassen. Wir betreiben heute eine Art reverse engineering. Wir versuchen zu verstehen, was schon gebaut ist.“ Keine leichte Aufgabe angesichts dessen, dass fast alle von Gaudís Modellen und Aufzeichnungen im spanischen Bürgerkrieg vernichtet wurden. Eine echte Detektivarbeit.
Der Innenraum ist vor allem durch das Zusammenspiel von Säulen und Gewölben charakterisiert. Gaudí wollte im Inneren des Tempels die Struktur eines Waldes schaffen: Die Säulen sind wie die Baustämme die, etwas geneigt und schraubenförmig, sich oben verzweigen und nach verschiedensten Richtungen hin ausbreiten. Diese für ein ungeübtes Auge chaotisch wirkende Struktur ist Geometrie pur, durchdacht bis in das kleinste Detail: Die schräggestellten Säulen, die sich in kleinere und grössere Zweige teilen und dann wieder miteinander verschmelzen, bilden ein ausbalanciertes Tragwerk, um das Gesamtgewicht der Konstruktion zu stützen und das Einfallen von Licht durch die Kuppeln zu ermöglichen.
Von aussen gesehen überwältigt die Basilika sowohl durch ihre Architektur als auch durch die religiöse Symbolik, von der jedes Detail spricht. So ist die Geburtsfassade der Geburt Jesu Christi gewidmet. Jubel und Jauchzen sind hier in Stein gehauen, wie ein Lobgesang an das Leben selbst. Die Geburtsfassade will die menschliche und nahe Seite des Sohnes Gottes zeigen und integriert dafür jede Menge alltäglicher Details wie Arbeitsgeräte und Haustiere. Die drei Pforten der Fassade sind den drei wichtigsten christlichen Tugenden gewidmet: der Portikus des Glaubens rechts, der Portikus der Hoffnung links und der Portikus der Gnade im Zentrum mit der Jesus-Tür in der Mitte, verziert mit dem Baum des Lebens.
Mit dem Bau der zweiten Fassade – der Passionsfassade – hat man schon nach Gaudís Tod angefangen und sie bis heute noch nicht vollendet. Die Passionsfassade verhält sich wie Schwarz und Weiss zu der gegenüber liegenden Geburtsfassade. Nach der Idee von Gaudí sollte sie schlicht und trostlos sein, als ein Blick in den Abgrund, von den Leiden Christi am Kreuz erzählend: Die Passionsfassade ist wie ein bis ins Mark durchdringender Schrei über den stellvertretenden Tod des Messias, der selbst ohne Sünde ist und für die Sünden der Welt stirbt, von Menschen verhöhnt und von Gott verlassen. Die Fassade hat kaum Verzierungen, ist simplifiziert, will nackte Steine zeigen und ähnelt einem Skelett mit den leidvollen Linien seiner Knochen.
Die noch nicht gebaute Hauptfassade der Sagrada Familia heisst die Fassade der Herrlichkeit und wird dem Triumph und der himmlischen Gloria Jesu geweiht. Von 18 Türmen der Basilika (viele von ihnen noch im Projekt) sind zwölf den Aposteln, vier den Evangelisten, einer der Maria und der letzte und der wichtigste Turm Jesu Christus gewidmet. Dabei wird der Hauptturm der Sagrada Familia zum höchsten Kirchenturm der Welt, und doch niedriger als die Barcelona umgebenden Berge, damit das Werk der Menschen das Werk Gottes nicht überragt.
Ausserdem war die Sagrada Familia für Gaudí, der selbst in einem Kirchenchor sang, eine Hymne zum Lob Gottes. „Das liturgische Jahr“ Prosper Guéranger, die musikalische Aufzeichnung aller im Laufe eines ganzen Jahres laufenden Messen und Feierlichkeiten, von sowohl das Missale Romanum beeinflussten stark seine Ideen. Wie erstaunt waren die Forscher, als sie entdeckten, das in der Sagrada Familia Rhythmus steckt. Sie ist der Länge und der Höhe nach in exakte Zwölftel geteilt, was wir aus der Musik kennen: Die chromatische Tonleiter besteht aus zwölf Halbtönen, die den weissen und schwarzen Klaviertasten entsprechen.
Oberstes Bild: Die Türme von Sagrada Familia (Bernard Gagnon, Wikimedia, GNU)