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Das Zebra und die Eigernordwand
Der Bauplan zu Grimsels Zeit von Dieter Bachmann findet sich in seinem Archiv unter der Rubrik «Humus». Der Prolog erinnert den historischen Flugzeugabsturz der amerikanischen DC-3 am Gauligletscher (s. Kästchen 1) im Berner Oberland. Nach diesem Rückblick ändert die Erzählperspektive total. Protagonist Grimsel samt Familie betreten die Bühne. Und mit ihnen Gisela, ein kleines Mädchen aus Berlin, «abgemagert wie ein Knochenskelett», das aus «dem verwüsteten Land jenseits des Flusses» kam, «dorther, wohin man Kaffee und Wollsocken schickte». Ein Einzelschicksal, das für eine ganze Kriegszeit steht. Mit Gisela teilt Grimsel für eine befristete Zeit sein Basler Mansardenzimmer. Basel war dem Dritten Reich bedrohlich nah. Grimsel hautnah. Der Roman schildert in der Folge nicht nur die Entwicklung Grimsels zum Gymnasiasten, der als Ausläufer mit Fahrrad in einer Drogerie ein Taschengeld dazuverdient, wichtige Schauplätze sind auch die Stadt und ihr Zoo. Grimsels Zeit ist Entwicklungsroman, Stadt-, Reise- und Zeit-Roman in einem, der die Nachkriegsgeschichte der Schweiz ebenso verhandelt wie jene Europas.
Das Erzählgerüst «Das Zebra und die Eigernordwand» weist eine Matrixstruktur auf. Die horizontalen gestrichelten Linien markieren die drei Teile des Buches, Datierungen den Schreib-Fahrplan, neben den (Themen-)Kästchen stehen stichwortartige Inhaltsangaben. «Liebe 1 (Anhimmeln)» neben dem roten Kästchen Ausläufer 1952 bedingt Kästchen «Ausläufer II 1957», in dem es nebst der «Liebe 2» um «mehr Geld» im Haushalt der jungen Familie geht. Zebra wie Eigernordwand sind Zeichen für Frieden und Krieg. Zebra steht für den von Grimsel so oft besuchten Basler «Zolli», Fluchtort und Gegenwelt; die Tierwelt kennt keine Kriege.
Die Buvette (Kästchen orange «Buvette I») war bei der Niederschrift des Romans ums Jahr 2000 noch eine Stehkneipe im Basler Bahnhof SBB vor Geleise 1, in den Arkaden zur Gare SNCF. Von dieser Warte aus beobachtet der Erzähler das Treiben, Kommen und Gehen, das Um-, Ein- und Aussteigen der Menschen. Doch von dieser Passerelle geht auch ein literarischer Gruss nach Paris aus, an Walter Benjamins Passagen-Werk, das Bachmann u.a. in seiner Dissertation Essay und Essayismus behandelt hat. Die Passage ist auch Kompositionsprinzip des Romans. «Merke: Die einzelnen Kapitel müssen gegeneinander durchlässig sein. Zweiter Durchgang!», mahnt der Autor sich selbst am Blattende. Die einst inspirierende Bahnhofpassage aber lädt heute nicht einmal mehr Tauben zum Zwischenhalt ein und niemanden mehr zum Nachsinnen. Ein Bahnhof-Trauerspiel, würde Benjamin vielleicht sagen.
Die Lektüre des Buches ist ein Trunk zur Wanderung durch die Zeit, in die wir alle und «Ihr eingereiht» sind, wie der Kehrreim im balladesken Gedicht «Selbstanzeige» von Walter Mehring besagt. Der darin besungene Mann könnte auch Bachmann heissen.
Lukas Dettwiler