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Die Zeit vor der eigenen Kirchgemeinde
Im alten bernischen Amt Aarburg (dem späteren Bezirk Zofingen)
verfügten die einzelnen Dörfer mehrheitlich über keine eigene Kirche. Neben
Zofingen und Brittnau existierte lediglich in Aarburg (seit 1484) ein
Gotteshaus. Alle anderen Dorfgemeinden, unter ihnen auch Murgenthal, gehörten
dagegen zu verschiedenen Kirchgemeinden bzw. deren Pfarrkirchen. Wie bereits
erwähnt, waren dies vor 1528 die Kirchen im bernischen Wynau (für Riken,
Glashütten und Murgenthal) sowie im luzernischen Pfaffnau (für Balzenwil). Nach
der Reformation betreute Wynau bis 1664 alle Murgenthaler Ortsteile. Nach der
Gründung der reformierten Kirchgemeinde in Roggwil wurden die Balzenwiler ins
dortige Gotteshaus kirchgenössig.
In der Pfarrkirche der benachbarten bernischen Gemeinde Wynau besuchten die Murgenthaler Kirchgenossen bis 1817 die Gottesdienste, wurden hier getauft, getraut und beerdigt.
Die Gründung der Kirchgemeinde
Nach der Kantonsgründung 1803 blieben die Murgenthaler Gläubigen bewusst und mit Überzeugung Teil der bernischen Kirchgemeinde Wynau. Versuche der Kantonsregierung 1809 mit sanftem Druck die Gründung einer eigenen Kirchgemeinde in die Wege zu leiten, scheiterten am Widerstand der Dorfbevölkerung. Sie fürchtete sich vor allem vor den übermässigen Belastungen eines Kirchenbaus.
Nach der Niederlage des französischen Machthabers Napoléon Bonaparte im Herbst 1813 und der nun folgenden Versuche, die vorrevolutionären Zustände wieder herzustellen (Restauration), kam es zu heftigen Streitigkeiten zwischen den Kantonen Bern und Aargau um die Zugehörigkeit des ehemaligen Untertanengebietes. Die veränderte Lage, unter anderem einmarschierte ausländische Truppenverbände, die versorgt werden mussten, führten zu Unmut und Verärgerung in der Aargauer Bevölkerung, ihre Bernfreundlichkeit liess deutlich nach. Zudem agitierte der damalige Wynauer Pfarrer Daniel Wyss offen für eine Wiedervereinigung der 1798 verlorenen Gebiete.
Es regte sich in der Gemeinde kaum noch Widerstand, als am 29.
September 1817 vor versammelter Gemeinde die Regierungsverordnung über die
Errichtung der neuen Kirchgemeinde Riken-Balzenwil verlesen wurde. Im gleichen
Jahr nahm die Gemeinde ihren eigenen Friedhof in Betrieb.
Das unmittelbar nach der Gründung der Kirchgemeinde (1817) im Jahr 1922 errichtete Pfarrhaus (hier am Tag der Einweihung neben der modernen Kirche 1964).
Die Kirchgemeinde ohne Kirche
Obwohl die neue Kirchgemeinde über keine eigenes Gotteshaus verfügte,
liess die Kirchgemeinde 1820–1822 ein Pfarrhaus errichten. Vorerst diente das
alte, bereits im 18. Jahrhundert im Ortsteil Glashütten erbaute Kinderlehrhaus
als Notbehelf. Der Aufbau eines kleinen Türmchens für das von Privatpersonen
gespendete «Glöggli» wurde aus Kostengründen verworfen. Ein zeitgenössisches
Liegenschaftsverzeichnis bezeichnete das Gebäude 1823 als «ein hölzernes Haus,
halb mit Stroh, halb mit Ziegeln gedekt». Seit die Murgenthaler Ortschaften
eine eigene Kirchgemeinde bildeten, wurde das Kinderlehrhaus als Kirche
bezeichnet und ist als solche auch auf der Michaeliskarte von 1844
eingezeichnet.
Das «Kinderlehrhaus» erscheint noch 1844 in Glashütten als Kirche auf der Michaeliskarte.
Seit der Gründung der Kirchgemeinde Riken war stets von einem «abgeredten (=beschlossenen) Kirchenbau in der Glashütten» die Rede. Doch die Realisierung sollte Jahrzehnte in Anspruch nehmen!
Der lange Weg zur eigenen Kirche
Immer wieder mahnte die Kantonsregierung, den 1817 beschlossenen Kirchenbau endlich an die Hand zu nehmen. Doch die ganze Angelegenheit wurde bewusst verschleppt, wie die Gemeindeversammlungsprotokolle eindeutig belegen. Hauptgründe waren die unverschuldet angespannte Finanzlage der Gemeinde (Armenwesen, Schulhausbauten, Auswanderungen etc.) und die Tatsache, dass – im Gegensatz zum Pfarrhaus – der Kanton die Baukosten nicht übernehmen wollte.
Als Argument wurde 1844 angeführt, «die Gemeinde Ryken habe niemals
begehrt oder gewünscht hat, sich von dem Kirchenbann Wynau zu trennen, sondern
sei zu dieser Trennung durch Machtspruch des (...) Aargauischen Grossen Raths
gezwungen worden». Die Kantonsregierung zeigte sich 1850 gesprächsbereit und so
stand einem Kirchenbau nichts mehr im Wege. Die Pläne des bekannten Badener
Architekten Kaspar Josef Jeuch (1811–1895), der unter anderem die neugotischen
Kirchen von Leuggern und Bünzen erbaut hatte, wurden 1852–1854 umgesetzt.
Die alte Kirche von Murgenthal, wie sie sich den Dorfbewohnern ein Jahrhundert lang präsentiert hat.
Die alte Kirche (1854–1964)
Noch im rund ein Jahrhundert später erschienen, einschlägigen Band der
Kunstdenkmäler des Kantons Aargau fand der Kunsthistoriker Michael Stettler nur
wenig Lobenswertes an der Murgenthaler Kirche von 1854. Er sah in ihr «eine in
den Proportionen übersetzte, neuromanisch gehaltene Saalkirche (…), der jede
Beziehung zu umgebenden Landschaft fehle».
Der Innenraum der alten Kirche von Murgenthal unmittelbar vor dem Abriss 1964.
Der Bau war mit Familien- und Gemeindewappen des Zürcher Glasmalers Johann Jakob Röttinger (1817–1877) geschmückt und verfügte über ein dreiteiliges, in Aarau bei der Glockengiesserei Rüetschi neu gegossenes Geläut, eine Turmuhr des Unterkulmer Uhrmachers Rudolf Berner sowie eine Orgel des Orgelbauers Kyburz aus Solothurn.
Zu den wichtigen Ergänzungen zählt der Umbau der Kirchenorgel 1912 durch die noch heute existierende Luzerner Orgelbaufirma Goll. 1934 wurden zudem Turmuhr, Zeiger und Zifferblätter renoviert, damit die Zeit wieder abgelesen werden könne, was – wie eine zeitgenössische Quelle berichtete – schon lange nicht mehr möglich gewesen sei.
In den folgenden Jahrzehnten wurde der alte Kirchenbau immer baufälliger. Ein Neubau lag aus Kostengründen auf der Hand.
Die Zeit der neuen Kirche
Der Zustand der alten Kirche von 1854 war ein Jahrhundert nach ihrer Einweihung bedenklich. Der damalige Pfarrer Konrad Maurer (im Amt 1954–1964) wies auf die Mängel hin und meinte: «Seit Jahren hatten die Leute von einer Renovation der Kirche gesprochen. Auch jene, die mit ihrer Kirche älter geworden waren, wussten um die Schönheitsfehler, die sich nicht länger verheimlichen liessen: das verrostete Blechdach über dem Chor, die Mauerritzen, die ständig etwas breiter wurden, der Kalk der Fassade, der stetig abbröckelte, Treppenstufen, die langsam ins Schaukeln kamen».
1955 begannen die Diskussionen innerhalb der Kirchenpflege über die längst überfällige Kirchenrenovation. Der Bau eines geplanten Kirchgemeindehauses wurde deshalb zurückgestellt. Der Kostenvoranschlag war derart hoch, dass die Kirchgemeindeversammlung 1958 entschied, auf die Renovation zu verzichten und gleich einen Neubau anzustreben.
Die Standortfrage war schnell geklärt. Da sich die bisherige
Kirche geografisch im Mittelpunkt des Gemeindegebiets befand, sollte auch der
Neubau in Glashütten errichtet werden.
Ein seltenes Bild: Die alte Murgenthaler Kirche wird 1964 abgerissen.
Den Projektwettbewerb gewann der renommierte Zürcher Architekt Benedikt Huber (*1928), der von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre eine grosse Zahl von Kirchen gebaut hat und 1973–1993 an der ETH Zürich als ordentlicher Professor für Städtebau und Raumplanung wirkte.
Die Finanzierung der neuen Kirche war eine grosse Herausforderung für die Kirchgemeinde. Mit einem Anfangskapital von nur 23'000 Franken konnte innerhalb von vier Jahren mit verschiedenen Sammel- und Spendenaktionen in und ausserhalb von Murgenthal ein Baufonds von 400'000 Franken geäufnet werden.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 28. Oktober 1962, die Aufrichte am 9. September 1963, der Aufzug der fünf neuen Glocken am 29. November 1963 und schliesslich die Einweihung am 12. Juli 1964.
Im Jahr 2014 wurde nach 50 Jahren eine erneute umfassende Renovation durchgeführt.