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Dolutegravir ist ein Integraseinhibitor, der in der HIV-Therapie häufig eingesetzt wird – als Einzelsubstanz Tivicay sowie im Kombinationsprodukt Triumeq. In einer noch laufenden Studie in Botswana wurde bei vier Säuglingen HIV-infizierter Mütter unter Dolutegravir ein Geburtsdefekt festgestellt. Das Signal wurde bisher nicht beobachtet. Im Moment laufen weitere Abklärungen. Bis diese abgeschlossen sind, mahnen die WHO und die europäische Medikamentenbehörde Frauen im gebährfähigen Alter, welche keine Verhütungsmittel verwenden, und speziell Frauen mit Kinderwunsch zur Vorsicht bei der Einnahme von Dolutegravir. Betroffene Frauen sollten die Therapie nicht abbrechen, sondern ihren Arzt konsultieren.
Was ist passiert?
11'560 HIV-positive Frauen die unter einer HIV-Therapie schwanger wurden, sind in einer laufenden Studie in Botswana eingeschlossen. 426 dieser Frauen waren unter Dolutegravir. Bei vier Babies wurde der Geburtsdefekt Spina bifida festgestellt, das entspricht einer Häufigkeit von 0.9%. 11'173 Frauen bekamen ebenfalls ein Kind, hatten aber eine andere Therapie. Bei diesen Frauen wurde derselbe Geburtsdefekt 14 Mal beobachtet, das entspricht 0.1%. Soweit die Informationen der Behörden.
Aus den Studiendaten hören wir, dass die Mütter der betroffenen Kinder bei der Empfängnis Dolutegravir nahmen. Bei Müttern, welche während der Schwangerschaft eine Therapie mit Dolutegravir begannen wurde das Signal nicht beobachtet.
Was ist Spina bifida?
Spina Bifida ist ein Neuralrohrdefekt, auch «offener Rücken» genannt, zu dem es typischerweise in der dritten bis vierten Schwangerschaftswoche kommt. Das Neuralrohr ist ein Frühstadium in der Entwicklung des Zentralnervensystems, also von Gehirn und Rückenmark und der sie umgebenden Gewebe wie Knochen, Muskeln oder Bindegewebe. Es bildet sich ab dem 18. Embryonaltag heraus. Als bekannter, wichtiger Risikofaktor für die Entstehung einer Spina bifida gilt Folsäuremangel oder ein gestörter Folsäurestoffwechsel während der Schwangerschaft. Die Folsäure ist ein B-Vitamin.
Was empfehlen die Behörden genau?
- Frauen unter Dolutegravir im gebährfähigen Alter sollten eine Schwangerschaft mit einer wirksamen Methode verhüten.
- Frauen unter Dolutegravir mit Kinderwunsch sollten ihre Therapie mit ihrem Arzt besprechen.
- Schwangere Frauen unter Dolutegravir sollten ihren Arzt konsultieren. Auf keinen Fall sollte die Therapie mit Dolutegravir auf eigene Faust abgebrochen werden. Das wäre für Mutter und Kind gefährlich.
- Frauen die schwanger werden, den Eindruck haben schwanger zu sein oder eine Schwangerschaft planen, sollten in jedem Fall ihren Arzt konsultieren und die HIV-Therapie besprechen.
- Frauen welche Fragen zur HIV-Therapie oder zu Verhütungsmethoden haben, sollten ihren Arzt oder ihren Apotheker konsultieren.
Die Schweizerische HIV Kohortenstudie empfiehlt zusätzlich, vor dem Einleiten einer Post-Expositionsprophylaxe PEP mit Dolutegravir bei Frauen eine Schwangerschaft auszuschliessen. Teilnehmer der Simpl’HIV Studie werden separat informiert.
Was geschieht jetzt?
Weltweit untersuchen die Medikamentenbehörden1 den Vorfall aufs Genauste. Swissmedic hat bisher noch nicht informiert, wird dies aber tun, sobald die notwendigen Informationen vorliegen. Die Herstellerfirma ist mit den Behörden im Kontakt. Die Abklärungen der Behörden benötigen Zeit – es kann gut ein Jahr dauern, bis genauere Informationen vorliegen. So lange gelten die empfohlenen Vorsichtsmassnahmen. Die Ärzte der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie und andere HIV-Spezialisten sind informiert.
Zur Prozedur
Die Behörden bewerten den Vorfall als sogenanntes Sicherheitssignal. Ein Sicherheitssignal ist eine Information über eine neue oder nicht vollständig dokumentierte Nebenwirkung, die möglicherweise durch ein Medikament hervorgerufen wurde und welche abgeklärt werden muss. Swissmedic ist zuständig für die Abklärungen in der Schweiz. Die Behörden stehen in Kontakt untereinander.
Was tun bei Nebenwirkungen?
Patienten, welche mögliche Nebenwirkungen bei sich beobachten, sollten diese in jedem Fall mit dem Arzt besprechen. Wenn sich der Verdacht bestätigt, und die Nebenwirkung störend ist, sollte eine Therapie umgestellt werden. Patienten können Nebenwirkungen auch selber melden, in der Apotheke oder direkt bei Swissmedic2. Wenn Patienten die Meldung selber machen: der Arzt muss trotzdem wissen, was Sie plagt.
Kommunikation EMA und WHO
- http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/news_and_events/news/2018/05/news_detail_002956.jsp&mid=WC0b01ac058004d5c1
- http://www.who.int/medicines/publications/drugalerts/Statement_on_DTG_18May_2018final.pdf?ua=1
David Haerry / 24. Mai 2018
1Die Schweizerische Swissmedic, die europäische EMA und die amerikanische Behörde FDA