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Familienstellen nach Bert Hellinger
Bert Hellinger (1925-2019) wurde als Anton Hellinger in Leimen, Baden geboren und wuchs in einer katholischen Familie auf. Ab dem Alter von 10 Jahren besuchte Hellinger ein Internat des Jesuiten-Ordens. Im Jahr 1942 wurde Hellinger zur Wehrmacht eingezogen und geriet 1945 in Belgien in Kriegsgefangenschaft, aus welcher er nach einem Jahr floh.
Zurück in Deutschland trat Hellinger dem Orden der Mariannhller Missionare bei und erhielt den Ordensnamen „Suitbert“, auf welchen Hellingers Vorname „Bert“ zurückgeht.
In Würzburg studierte Hellinger Philosophie und katholische Theologie. Im Jhr 1952 empfing er die Priesterweihe. In den darauffolgenden 16 Jahren bis 1968 lebte Hellinger in Südafrika, wo er zuerst Gemeindepriester, dann Lehrer und schliesslich Leiter einer Missionsschule wurde. Nach einem Konflikt um fortschrittliche theologische Positionen Hellingers legte dieser seine Ämter in Südafrika nieder.
In Südafrika kam Hellinger mit der Gruppendynamik in Kontakt und interessierte sich fortan für Methoden traditioneller und alternativer Psychotherapie. Zurück in Deutschland absolvierte Hellinger eine Lehranalyse und eine Ausbildung zum Psychoanalytiker.
Im Jahr 1971 legte Hellinger sein Priesteramt nieder, trat aus dem Orden aus und heiratete das erste Mal. Die Ehe blieb kinderlos und wurde geschieden.
In den folgenden Jahren besuchte Hellinger Kurse in Primärtherapie, Transaktionsanalyse, Hypnotherapie und Familientherapie. Aus diesen Ansätzen und vor allem aus der familientherapeutischen Arbeit von Virginia Satir heraus entwickelte Hellinger sein Familienstellen.
Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Maria Sophie Hellinger-Erdödy leitete Hellinger bis zu seinem Tod am 19. September 2019 die Hellinger-Schule.
Ums Jahr 2000 herum war das Familienstellen nach Hellinger auf der Esoterik-Szene und weit darüber hinaus extrem populär. Ein Grossteil der Anbietenden auf dem Feld der Esoterik liess sich entsprechend weiterbilden und nahm Familienstellen in sein Programm auf. In den vergangenen Jahren ist es um das Familienstellen wieder etwas ruhiger geworden.
Hellinger vertrat die Vorstellung, dass Familien in einer vorgegebenen Ordnung stehen sollten, in welcher die Kinder ihren Eltern gegenüber Dankbarkeit für ihre Existenz verpflichtet wären – ganz unbenommen von der Frage, wie gut oder auch missbrauchend sich die Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten haben. Weiters hätten unter Geschwistern die älteren jeweils den Vorrang vor den jüngeren.
Zum Familiensystem hinzu gehörten, so Hellinger, auch Personen, zu denen kein Kontakt mehr besteht, sowie verstorbene und sogar abgetriebene Kinder. Auch vorherige Partner der Eltern konnten als Teil des Systems angesprochen werden.
Weltanschauliche Basis des Familienstellens ist Hellingers Konzept vom „wissenden Feld“. Dieses garantiert, dass Stellvertreter, die von der zu beratenden Person bei der Aufstellung ihrer Familie ausgesucht werden, die Emotionen der Figur, die sie darstellen, korrekt wiedergeben. Dem „wissenden Feld“ verdankt sich auch die Deutung der Therapeutin oder des Therapeuten. Mit dem „wissenden Feld“ würde auch die Wirkung des Familienstellens erklärt: Die Korrektur der Aufstellung anhand der Familienordnung, wie sie Hellinger sah, wirkt ins „wissende Feld“ hinein und kann so Familien heilen.
Hellinger sah seine Therapie nicht auf Familien begrenzt, sondern arbeitete auch mit Teams. In den 2000er Jahren liess Hellinger auch Nationen aufstellen, um sie zu versöhnen. Eine nachhaltige Wirkung dieser Bemühungen wäre nicht bekannt.
Familienstellen nach Bert Hellinger ist für Settings in einer grösseren Gruppe konzipiert. Die Anwesenden stellen nacheinander ihre Familien auf, oft sowohl ihre Herkunftsfamilie, in welcher sie die Rolle des Kindes innehaben, als auch ihre heutige Familie mit ihnen selbst in der Elternrolle.
Zur Aufstellung werden andere Kursteilnehmer als Stellvertreter für Eltern, Geschwister etc. ausgesucht, in der Regel des entsprechenden Geschlechts. Das „wissende Feld“ sorgt für die richtige Wahl und dafür, dass die Stellvertreter die Emotionen der Personen, die sie darstellen, korrekt wiedergeben, wenn sie nach ihrer Empfindung befragt werden.
Die Position der Stellvertreter zueinander soll die Struktur der Familie ausdrücken.
Die Fachperson, welche die Aufstellung leitet, sucht dann in der Regel nach fehlenden Personen: Verstorbenen Kindern, verstossenen Geschwistern, vorherige Partner der Eltern etc. Diese müssen zur Heilung der Familienstruktur in die Aufstellung integriert werden.
Schliesslich wird die Aufstellung korrigiert, indem die Familie kreisförmig angeordnet wird, die Eltern den Kindern gegenüber und diese nach ihrem Alter aufgereiht. Dieses Idealbild soll auf die zu beratende Person und aufs „wissende Feld“ wirken und so die Familie heilen.
Das Familienstellen nach Hellinger erfuhr von Psychotherapie-Verbänden und psychologischen Fachpersonen immer wieder Kritik.
Die Systemische Gesellschaft publizierte im Juli 2004 in ihrer Potsdamer Erklärung eine kritische Würdigung des Familienstellens nach Hellinger, in welcher sie aus ihrer Sicht verschiedene Mängel auflistet, etwa die Verwendung weltanschaulich gebundener, religiöser Sprache, generalisierte und dogmatische Deutungen, potenziell demütigende Interventionen, die Bindung an ein bestimmtes Welt- und Familienbild.
Scharfe Kritik erntete Hellinger für sein Verhalten bei einer Veranstaltung in Leipzig im Oktober 1997 mit 500 Teilnehmenden unter dem Titel „Wie Liebe gelingt.“ Eine junge Ärztin wollte hier zusammen mit ihrem getrennt lebenden Mann klären, bei wem die Kinder besser aufgehoben sind. Hellinger ergriff Partei für den Mann und meinte über diesen: „Dort sitzt die Liebe“, über die Frau hingegen: „Und hier sitzt das kalte Herz!“. Darauf richtete sich Hellinger ans Publikum: „Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher. Sie gehören zum Mann“. Schliesslich meinte Helllinger: „Die Frau geht. Die kann keiner mehr aufhalten. Das kann auch Sterben bedeuten.“ Am folgenden Tag nahm sich die Frau das Leben, wobei ihr Abschiedsbrief auf Hellingers Ausführungen und sein Familienbild Bezug nahm.
In einem Interview Jahre danach schob Hellinger alle Schuld auf die Klientin, indem er meinte „Ein Therapeut kann niemandem schaden. Außer, der andere will das haben.“
Schätzungen rechnen mit rund 2’000 Personen, welche heute Familienstellen mehr oder weniger streng nach Hellinger anbieten.
Die Website der Hellinger-Schule weist für die Schweiz sechs Personen aus, die von der Hellinger-Schule fürs Familienstellen qualifiziert sind. Diese wirken in Au ZH, Evilard, Ilanz, Luzern und Zürich.