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Edaha no koto - Sweating the Small Stuff
[…] So weckt der Film starke Assoziationen an die literarische Gattung des Shishōsetsu („Ich-Roman“), die anfangs des 20. Jahrhunderts in Japan entstanden ist und die der „schonungslosen und wahrheitsgetreuen Darstellung des Erlebten [ihres Autors] ohne Ausschmückung“ verpflichtet ist.
[…] mir im Kino schon seit langem keine so faszinierende, unergründliche und gleichzeitig realistische Figur mehr begegnet ist, bei der man sich schon alleine an deren reinen Körperlichkeit kaum sattsehen kann.
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«An was er gerade denke?», wird Ryutaro von Chihiro gefragt, einer Kellnerin, mit der er gerade nicht zum ersten Mal die Nacht verbracht hat. «An nichts», behauptet er. Wie auch der Zuschauer, der dem kleinen muskulösen Automechaniker seit einer Stunde dabei zuschaut, wie es in ihm zu gedanklich zu brodeln scheint, ohne dass je etwas hinausbricht, glaubt sie ihm nicht und fragt noch einmal nach. «An nichts», insistiert er, um dann zu einer beleidigenden Tirade anzusetzen, in der er sie als langweilig und oberflächlich dahinstellt, und ob sie eigentlich nicht nur ein einziges mal etwas Intelligentes sagen möchte. Es ist einer der wenigen Momente von Edeka no koto, in dem sich Ryutaro nach aussen öffnet, verbringt er den Rest des Films doch hauptsächlich damit, still Bier zu trinken, Bücher zu lesen und den zugegebenermassen langweiligen Gespräche seiner wenigen Freunde zuzuhören, mit denen er sich regelmässig in Bars trifft. Chihiro, verständlicherweise vollkommen entgeistert, hat in diesem Fall die Beschimpfung kaum verdient, ist sie eigentlich sogar eine der sympathischeren Figuren, die Ryutaros Weg kreuzen. Dessen Wortlaut, wenn auch auf ein Stellvertreter-Ziel gerichtet, lässt im Ansatz vielleicht erahnen, worin sein Leiden an der Welt genau besteht.
Edaha no koto erzählt in langen, relativ ruhigen Einstellungen von vier Tagen aus dem Leben Ryutaros, nachdem dieser mit einem Freund dessen Mutter besucht, die im Begriff ist, an Hepatitis zu sterben. Er hatte, wie bemerkt wird, stets einen guten Draht zu ihr – vielleicht weil diese, dem Talent wie dem Fluch unterliegt, sich nicht von Nebensächlichem ablenken zu lassen, vielleicht weil sie ihn an seine eigene Mutter erinnert, die vor Jahren unter ähnlichen Umständen gestorben ist. Nicht dass dies ein Film wäre, in dem psychologische Traumata auf irgendwelche Weise besprochen oder gar gelöst würden. Immer wieder hält sich Ryutaro während den langen, ungeschnittenen Dialogsequenzen am Rand des Bildes auf, sein kompakter Körper in einer Art gleichgültigen Angespanntheit, während die anderen Anwesenden – seine betrunkenen Freunde zum Beispiel – sich entweder über Banalitäten unterhalten oder auf banale Weise über Wichtiges. Vielleicht schweigt er einfach auch, weil seine ehrliche Meinung, wenn er sie dann mal äussert, in der Regel auf Ablehnung, Enttäuschung oder gar aggressive Reaktionen trifft, die er dann jeweils regungslos über sich ergehen lässt. Ist er alleine, wirkt Ryutaro zwar nicht glücklicher, kann aber zumindest ungestört seinen Interessen nachgehen, die hauptsächlich aus Büchern und Alkohol zu bestehen scheinen, und die er mit derselben ernsthaften Zielstrebigkeit verfolgt, wie wenn er mit seinem festen Schritt und seinen uhrpendelgleich präzis schwenkenden Armen von einem Ort zum anderen läuft.
Ryutaro Ninomiya zeigt sich bei Edaha no koto nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich, sondern spielt auch dessen Hauptfigur, die seinen eigenen Namen trägt. So weckt der Film starke Assoziationen an die literarische Gattung des Shishōsetsu („Ich-Roman“), die anfangs des 20. Jahrhunderts in Japan entstanden ist und die der „schonungslosen und wahrheitsgetreuen Darstellung des Erlebten [ihres Autors] ohne Ausschmückung“ verpflichtet ist. Mit der europäischen Tradition der confessiones verwandt, zeichnet sich der Ich-Roman besonders durch akribische Schilderungen der sozialen Realität des Protagonisten sowie dessen Innenleben aus, was zumindest bei letzterem auf den ersten Blick in diesem Film nicht zutrifft. Statt auf formale Behilfsmittel wie Voice-over zurückzugreifen, gelingt es Ninomiya, um dessen zweite Regiearbeit es sich hier handelt, jedoch vortrefflich, das Innenleben seines Protagonisten einzig anhand dessen stillen Körperlichkeit zu vermitteln, der Art, wie er sich bewegt, sich zu seinen Mitmenschen verhält. In welchem Moment er jemandem, der ihn langweilt, einfach davonläuft zum Beispiel, oder im Gegenteil, wann jemand in einem der wenigen Fälle endlich zu ihm durchdringt. Dass das Drehbuch zudem auf einer „wahren Geschichte“ beruht und sämtliche Rollen von Familienmitgliedern und Freunden des Regisseurs gespielt werden, sollte jene Leseweise von Edaha no koto als filmischer Vertreter des Shishōsetsu unterstützen, für die ich keine weitere Beweise aufführen kann, als dass dieser tatsächlich eine der gelungensten Varianten des Genres darstellen würde, und dass mir im Kino schon seit langem keine so faszinierende, unergründliche und gleichzeitig realistische Figur mehr begegnet ist, bei der man sich schon alleine an deren reinen Körperlichkeit kaum sattsehen kann. Manchen Leuten könnte man mit Genuss dabei zuhören, wie sie das Telefonbuch vorlesen, sagt man. Bei Ryutaro Ninomiya wäre alleine schon das Zuschauen interessant.