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Peter Wilhelm ist Dozent am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Freiburg. Er untersucht das Verhalten und Erleben der Menschen während der Corona-Pandemie. In einem ersten Schritt wurde das Befinden von Studierenden vor und während der ersten Corona-Welle verglichen. Entgegen der Erwartungen konnten zwar keine negativen Veränderungen beim Schlafverhalten und beim Alkoholkonsum festgestellt werden. Allerdings haben die Studierenden angegeben, sich während des Lockdown im Frühjahr psychisch stärker belastet zu fühlen. 18 Prozent der Studierenden waren gar so stark belastet, dass eine genauere klinisch-psychologische Abklärung erfolgen sollte. Vor Corona betrug der Anteil fünf Prozent.
Peter Wilhelm, unter welchen Beschwerden litten die befragten Personen?
Der Stress des Lockdown führte je nach Veranlagung und Vorgeschichte zu unterschiedlichen Beschwerden. Einige gaben an, sich auf grossen Plätzen oder auf der Strasse zu fürchten, sie hatten Suizidgedanken, sie fühlten sich leicht reizbar, verspürten Hoffnungslosigkeit angesichts der Zukunft. Das Entscheidende ist aber nicht so sehr, welche Beschwerden auftraten, sondern dass während des Lockdown wesentlich mehr Personen als vor der Pandemie in einem Ausmass an Beschwerden litten, das klinisch auffällig war.
Worin liegt der Pandemie-bedingte Stress genau?
Corona bedroht die persönliche Gesundheit jedes Einzelnen und die Zukunft der Menschen. Zudem fallen Aktivitäten, welche ein positives Lebensgefühl wecken, weg.
Die psychische Belastung führt aber nicht bei allen Menschen zu einer Erkrankung. Welche Personen zeigen sich resilienter?
Grundsätzlich sind es Menschen, die weniger vorbelastet, weniger verletzlich sind, weil sie eine positivere Lebensgeschichte haben, weil sie mehr Freunde haben und nicht einsam sind und daher eine kollektive Stresssituation wie Corona besser bewältigen können.
Und dennoch meint man hin und wieder so etwas wie eine kollektive Corona-Depression wahrzunehmen. Können Sie das auch feststellen?
Die Corona-Pandemie ist eine Naturkatastrophe, vergleichbar mit einem Erdbeben. Obwohl ein Erdbeben von kürzerer Dauer ist, hält auch dort die Unsicherheit der Menschen an, weil sie sich nicht zurück in ihre Häuser trauen. Die Pandemie ist auch vergleichbar mit einem Kriegsereignis, verbunden mit Gefahren und Verlust für Güter und Leben. Die Pandemie verunsichert, weil sie die Zukunft weniger planbar macht. Wir erleben einen Kontrollverlust. Eine Verunsicherung, die in Richtung Depression geht, liegt auf der Hand. Denn wir verlieren die Möglichkeit, Dinge zu tun, die wir gerne machen – ausgehen, feiern, Freunde treffen, unbeschwert unterwegs sein. Eine Theorie zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen besagt, dass diese eine Folge von Verstärkerverlust von Positivem sind. Wenn ich weniger Schönes erlebe, ziehe ich mich zurück und bin weniger aktiv. Die Stimmung geht immer mehr in den Keller.
Was kann man dagegen tun?
Wer in Quarantäne ist oder zu Hause bleiben muss, dem sind feste Tagesstrukturen zu empfehlen, ein fixer Schlafrhythmus, eine gesunde Ernährung, Bewegung, und es ist darauf zu achten, dass man dennoch Dinge tut, die einem Freude bereiten. Auch sollten Kontakte aufrechterhalten werden, so gut es geht, sei es via die sozialen Medien oder per Telefon. Das klingt trivial, hilft aber, den Alltag zu strukturieren. Wichtig ist auch, das Geschehen zu relativieren, nach dem Motto: Zwar muss ich zu Hause bleiben, aber dafür bin ich noch gesund. Es geht darum, sich auf die positiven Aspekte zu konzentrieren.
Was macht Corona mit der Gesellschaft?
Ein Teil der Menschen fühlt sich beeinträchtigt und will nicht realisieren, wie gravierend Corona ist. Diese Menschen verharmlosen, was ja auch eine psychologische Strategie ist. Angemessener ist es, Corona nicht zu verharmlosen und der Wissenschaft und ihren Vorhersagen zu vertrauen. Zum Glück leben wir in einer Zeit, in der viel Wissen vorhanden ist. Als im Europa des 14. Jahrhunderts die Menschen massenweise an der Pest starben, war das nicht so. Die Ärzte der Zeit waren hilflos. Geisslerprozessionen fanden statt, weil die Krankheit als Strafe Gottes angesehen wurde. Oder es wurden Sündenböcke gesucht. Man machte die Juden für die Epidemie verantwortlich, verfolgte sie und brachte viele um. Auch heute suchen Menschen Sündenböcke für die Corona-Pandemie und glauben zum Teil an bizarre Erklärungen dafür, wie die Pandemie zustande kommt.
Sind Spätfolgen der Corona-Pandemie zu befürchten? Werden wir uns je wieder die Hand geben?
Ja, bestimmt. Im Moment lernen wir zwar, dass Nähe und Kontakt zu anderen gefährlich ist. Wenn ein wirksamer Impfstoff verfügbar ist, wird die Pandemie enden. Dann werden wir dieses Verhalten schnell wieder ablegen. Denn wir sind von der Evolution her so gebaut, dass wir in Gruppen leben. Wir brauchen Berührung, Austausch, Nähe.
Aufgrund der zweiten Corona-Welle wird die Studie zum Verhalten und Erleben der Menschen während der Corona-Pandemie verlängert. Gesucht werden dafür weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Infos unter www3.unifr.ch/psycho, Suchbegriff «Corona Pandemie Studie».
Hilfsangebot
Bei Stress melden
Wenn Sie merken, dass sich Ihre Stimmung verschlechtert, wenn Sie zu nichts mehr Lust haben oder sich Ihr Verhalten ungünstig verändert hat, können Sie sich an die Psychotherapeutische Praxisstelle des Psychologischen Departements wenden (Telefon 026 300 76 55).