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Mutter im Sari, Tochter in Weiss.
von Barbara Lussi
Marc Fitoussis neuster Film erzählt die Geschichte vom Sich-eingliedern-Wollen, vom Paradiesvogel, der zwischenzeitlich in der Gewöhnlichkeit landet – überzeugend, unterhaltsam, angenehm verschroben.
Neben dem Trott aller andern, neben dem spiessbürgerlichen Geplänkel, gesellschaftlich randständig – das ist Babous (Isabelle Huppert) Platz in der Welt. Babou steht über den Dingen: Trägt drei verschiedenfarbige Perlenringe, alle an einem Finger, und tanzt, wenn kein anderer tanzt, zu der Musik einer Jukebox. Und als die Bewerbung in einer Konditorei an der einstündigen Verspätung scheitert, verunstaltet sie kurzerhand die dortige Auslage.
Esméralda (Lolita Chammah – Hupperts echte Tochter) dagegen ist so gar nicht wie ihre Mutter; studiert und arbeitet, zugeknöpft und bedacht, und teilt ihr beim gemeinsamen Abendessen – von Babou zum indischen Themenabend umgemünzt – mit, dass sie bei ihrer geplanten Hochzeit nicht erwünscht sei, fürchtend, dass ihre Mutter sie blossstellen könnte. Babou, als Mutter getroffen, zieht Konsequenzen; stellt sich der gewöhnlichen Welt, ihrer Tochter zuliebe, und wagt den Versuch sich einzugliedern. So reist sie kurzerhand ins belgische Ostende, wird Anteilscheine an Ferienwohnungen verkaufen. Alles, um Esméralda wiederzugewinnen.
Es ist der Mutter-Tochter-Konflikt, den Fitoussi (La vie d’artiste (2007), Bonbon au poivre (2005) ) zentral in seinem Film verarbeitet. Babou – so viel mehr als ein träger Alt-Hippie – in ihrer Jugendlichkeit, die so gar nichts mit Konventionen anzufangen weiss und Esméralda umso energischer davon abrät, ihren Bürogummi so jung zu heiraten. Esméralda aber: lebt so angepasst, vernünftig schlechthin, und hat endgültig genug von der Andersartigkeit ihrer Mutter.
Copacabana spart nicht mit klaren Worten: «Du bist geschminkt wie eine Nutte», fasst es Esméralda zu Beginn des Films in Worte, als Babou, die Lippen rot, die Augen blau geschminkt, in exakt dem Café auftaucht, in welchem Esméralda arbeitet. Dass sie «zu Genüge in der Welt herumgeschleppt worden wäre» wirft sie ihr an anderer Stelle, ordentlich wütend, vor – worauf Babou damit kontert: dass sie Esméralda einzig für die Welt offen machen wollte.
Mutter und Tochter geraten fortlaufend aneinander. Später, beim einzigen Besuch in Ostende, reist Esméralda nach wenigen Stunden mit dem nächsten Zug nach Tourcoing zurück: Wo es doch ihr einziger Wunsch gewesen ist, einen Tag allein mit ihrer Mutter zu verbringen, schleppt diese die Stadtstreicher Kurt und Sophie (Guillaume Gouix und Magali Woch) zum Essen heran. Esméralda dreht sich ab, lässt Babou begraben unter ihrer Wort-Tirade zurück.
Es ist Fitoussis Verdienst, dass man der wiederkehrenden Zankerei als Zuschauer nicht überdrüssig wird – seine Protagonistinnen lässt er glaubhaft streiten, gleichzeitig pointiert und eloquent, ohne sich im Kreis zu drehen.
Aber Copacabana kennt mehr als präzise Worte. Nicht weniger deutlich: Babous Körpersprache, wenn sie beim ersten Frühstück in Ostende – von Amadine (Nelly Antignac) mit Fragen über ihre Vergangenheit bedrängt – mit einem ausgespuckten Obstkern das Gespräch beendet, oder beim Bowling mit Bart (Jurgen Delnaet) ihren vorgesehenen Trip nach Brasilien erwähnt, dabei den Stinkefinger hebt, «nichts wie weg!» rufend. Details allesamt, die die Figur abrunden.
Zwischen den Mutter-Tochter Wortgefechten und dem bisschen Brasiliensehnsucht geht Fitoussis Kritik an der Profitgier jenes Arbeitsmilieus, für das das Ambassador Beach Resort exempelhaft einsteht, unter. Der Fingerzeig auf den Handel mit vermeintlichen Luxuswohnungen, schnell fabriziert und Touristen aufgedrängt, bleibt vage. Babous Fokus – und damit der Fokus des Films – ruht auf der Beziehung zu Esméralda.
Babou fischt Touristen, tatsächlich erfolgreich, schert sich wenig um die Ausbeutung der Arbeitskräfte und andere Beziehungen. Ostende und seine Menschen: ist nicht mehr als eine Zwischenstation, und so nimmt sie es gelassen hin, wo das Zwischenmenschliche in Schieflage gerät. Sei es mit Irène (Chantal Banlier), ihrer Mitbewohnerin und Mitarbeiterin, die von Beginn an gegen Babou keift, sei es mit Bart – kennen gelernt in einem Restaurant –, der ihr einige Nächte verkürzt und plötzlich geht. Einen Schwanz auf zwei Beinen suche sie, Babou, wirft Bart ihr geradewegs vor und verlässt sie, steigt mit letzter Konsequenz aufs Motorrad, sich weigernd, weiterhin mehr Schwanz als Mensch zu sein. Babou lässt ihn gehen, geradezu ohne Widerstand.
Letztlich vereint Copacabana Kontraste. Mutter und Tochter, zwei Lebensideale; das Leben da und dort, ungezügelt in Tourcoing, blass und zivilisiert in Ostende. Und zeitgleich, selbst in Ostende: Babou, mit Händen voll schillernder Träume, inmitten eines grauen Settings, krass gegenübergestellt. Neumodisches Wohnen, Chromstahl und Marmor, die Protagonistin bunt gekleidet, mit Vorliebe für brasilianische Musik.
Schön gerade, wie die Kameraführung den Wechsel vom da zum dort untermalt. Noch in Tourcoing hat man sich bewusst für Handkamera und wackligen Aufnahme-Stil entschieden, ganz im Sinne Babous Unstetigkeit; in Ostende dann, in aller Zivilisiertheit, wird auch die Kameraführung gezügelt, hält still – einzig in den Augenblicken, in denen sie sich gehen lässt – sei es mit Bart, sei es mit einem Joint zwischen den Lippen – wird zurück zur Handkamera gegriffen.
Copacabana, das sind nahezu zwei Stunden kurzweiliges Beziehungstohuwabohu, treffende Dialoge und blass-bunte Bilder, in schnellem Wechsel aneinander gehängt. Fitoussi hat einen Film geschaffen, der – wie seine Protagonistin – das bisschen Andersartigkeit versprüht, ohne aufdringlich zu sein. Schade nur, dass er zum Schluss in Hollywood’sche Happy End-Bemühungen abrutscht.
[kkratings]
[hr]
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Copacabana (2010)
Deutsch: –
Land: Frankreich
Regie: Marc Fitoussi
Drehbuch: Marc Fitoussi
Schauspieler: Isabelle Huppert, Aure Atika, Lolita Chammah, Jurgen Delnaet, Chantal Banlier, Magali Woch, Nelly Antignac, Guillaume Gouix, Joachim Lombard, Noémie Lvovsky, Veerle Dobbelaere, u.a.
Musik: Tim Gane, Seán O’Hagan
Laufzeit: 107 Minuten
DVD-Start CH: 09.09.2010
Verleih: Pathé Films
Weitere Infos bei IMDB[/box]
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©Pathé Films
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