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In Christopher Nolans Agenten-Zeitreise-Thriller Tenet, einem der wenigen größeren Kinoereignisse des vergangenen Jahres, steht in mancher Hinsicht ein Kind im Zentrum des Geschehens: Max, der etwa siebenjährige Sohn der Heldin Kat und des Bösewichts Sator. Max ist der Grund, warum Kat ihren gewalttätigen Mann nicht verlässt; ihn versucht sie zu schützen, wenn die Welt unterzugehen droht; von ihm und ihrer großen Liebe zu ihm spricht sie wieder und wieder. Dennoch lernt das Publikum Max niemals kennen. Wir sehen ihn ganze drei Mal, stets aus großer Distanz: Zweimal kommt er aus dem Gebäude seiner teuren Privatschule und verschwindet im monströsen schwarzen Geländewagen, der ihn nach Hause bringt. Ein drittes Mal, es ist die letzte Szene des Films, kommt er ebenfalls aus der Schule, wird aber diesmal von seiner Mutter abgeholt. Die Welt ist gerettet, es gibt wieder eine Zukunft, und Max nimmt seine Mutter bei der Hand und geht gemeinsam mit ihr aus dem Bild.
Das Kind als Filmtopos, ob nun als ultimatives Opfer, als Symbol für eine bessere Zukunft, als klassisches Kindchenschema in der Komödie oder als „evil child“ im Horrorfilm: Neu ist das alles nicht. Doch die Darstellung der Kindheit im Film, im Fernsehen, in der Populärkultur generell unterliegt Veränderungen, die es sich ab und zu anzuschauen lohnt. Ein Blick auf aktuelle Kindheitsbilder bestätigt dabei, was Nolans Film bereits andeutet. Kinder sind heute ein häufig behandeltes Thema und werden zugleich in vielen Produktionen weitgehend ignoriert; die alte englische Weisheit, Kinder sollten „be seen, not heard“, hat sich in der nordamerikanischen Populärkultur des frühen 21. Jahrhunderts in eine Darstellungspraxis gewandelt, in der Kinder oft weder gesehen noch gehört werden.
Kinder als Organisationsproblem und Projektionsfläche
Dies wird besonders deutlich in vielen Serien, am offensichtlichsten wohl in der erfolgreichen Komödie The Big Bang Theory: Über 12 Staffeln erlebt eine Gruppe von Freunden verschiedenste Ereignisse, zu denen auch die Geburt zweier Kinder gehört. Das erste, ein Mädchen, kommt in der Mitte der zehnten Staffel zur Welt; bald darauf bekommt die kleine Halley einen Bruder. Über zweieinhalb Staffeln aber wird keines der Kinder je gezeigt, und erst im Finale der Serie tauchen beide für etwa zwei Sekunden auf. Zuvor sprechen die Eltern (Howard und Bernadette) häufig und intensiv über Betreuungsfragen: Wer wann die Kinder übernimmt, wer stärker unter dem chronischen Schlafmangel zu leiden habe und wer Windeln wechseln muss. Es werden Geburtstagsparties organisiert, es wird über den Verlust des ersten Zahns berichtet. Aktiv und für die Zuschauer sichtbar sind dabei aber ausschließlich Erwachsene, deren Leben sich im Übrigen durch die Existenz der Kinder nicht grundsätzlich verändert hat. Auffällig ist hier vor allem der Kontrast zwischen der großen Bedeutung, die Fragen wie Kinderwunsch, Schwangerschaft und neuen mütterlichen bzw. väterlichen Gefühlen einerseits zugebilligt werden, und der fast vollständig fehlenden Präsenz der Kinder selbst.
Ganz ähnlich verhält es sich bei der mittlerweile in der 17. Staffel laufenden Krankenhausserie Grey´s Anatomy: Auch hier wird Mutterschaft diskutiert, als emotionale Herausforderung, wichtige Aufgabe und einmalige Erfahrung. Ständig bezeugen junge ebenso wie erfahrene Mütter die sie erfüllende grenzenlose Liebe zu ihrem Kind, ständig wird diesen Frauen von allen Seiten bescheinigt, sie seien „großartige“ Mütter. Diese Mutterschaft allerdings bleibt abstrakt und in gewisser Weise ziellos. Denn auch hier tauchen die Kinder selbst kaum auf. Sie werden Erzieherinnen ausgehändigt, an Babysitter übergeben oder mit dem Schulranzen auf dem Rücken aus der Tür geschoben. Niemand verbringt jemals Zeit mit ihnen, spielt oder führt gar ein Gespräch. Kinder haben in dieser Erwachsenenwelt keinen individuellen Charakter, keine Ansprüche und keine Stimme, sie sind nur zweierlei: ein Organisationsproblem und eine Projektionsfläche für die Gefühle der Erwachsenen.
Hier seien nur zwei bezeichnende Szenen bzw. Konstellationen genannt: Als eine Ärztin im Nachtdienst eine Krise erlebt, ruft sie zuhause an: Jetzt und auf der Stelle will sie ihrem kleinen Sohn ihre Liebe erklären, und auf die Einwände ihres Mannes erklärt sie wiederholt, es sei ihr egal, ob das Kind schlafe, er solle es wecken. Das Kind wird geweckt und die Mutter singt ihm (paradoxerweise) ein Schlaflied, wobei wir wie selbstverständlich nur die emotional bewegte Mutter sehen, nicht etwa das müde Kind am anderen Ende der Leitung. Ein anderes Beispiel ergibt sich aus dem langwierigen Rosenkrieg eines Paares, in dem die Scheidung, das Sorgerecht für die etwa siebenjährige Tochter und der Umzug aus Seattle an die Ostküste über mehrere Folgen hinweg diskutiert werden – die Wünsche des Mädchens werden aber an keiner Stelle erwähnt. Dieses radikale Ausklammern kindlicher Perspektiven fällt bei Grey´s Anatomy besonders auf, handelt es sich doch um eine Serie, die in ausgeprägter Weise, konsequent und in klar emanzipatorischer Absicht um Diversität bemüht ist. Gender und race sind ständig diskutierte Themen, Homosexuelle und Transpersonen gehören selbstverständlich zur festen Besetzung, und auch class und disability werden problematisiert. Kinder aber bleiben klischeehaft und stumm.
Kindheit als Konstrukt
Diese Beobachtung kann in zwei Erklärungsmuster eingeordnet werden. Einmal bestätigt sie die in der kritischen Kindheitsforschung verbreitete These vom großen Nachholbedarf dieses Feldes: Wo Kategorien wie gender und class längst selbstverständlich wissenschaftliche wie öffentliche Debatten bestimmen, wird Kindheit (bzw. die Unterscheidung von Erwachsensein / Kindsein) keineswegs eine solche Bedeutung zugebilligt. Und während die Konstruiertheit von Weiblichkeit, Weißsein und Behinderung weithin akzeptiert ist, erscheint Kindheit auch sechzig Jahre nach der bahnbrechenden Studie von Philipp Ariès zur Geschichte der Kindheit (1960) vielen noch als eine natürliche, nicht zu hinterfragende Realität und nicht als historisch und kulturell wandelbares Konstrukt.
In immerhin einer bekannten Serie ist eine andere Perspektive zu erkennen; interessanterweise handelt es sich dabei um die Geschichte eines Vaters. Die Figur Don Draper wird in der Pilotfolge von Mad Men zunächst klassisch als liebevoller Vater vorgestellt. Er kommt von der Arbeit nach Hause, geht in das dunkle Kinderzimmer und streicht seinen Kindern über die Köpfe. Die Kinder sehen wir nicht, sie bleiben rein generisch. Diese Asymmetrie der Generationen zieht sich für eine ganze Weile durch die Serie, wenn Sohn und Tochter als hübsche Accessoires der vermeintlich glücklichen Draper-Ehe fungieren und regelmäßig vor den Fernseher gesetzt werden, um in der Erwachsenenwelt nicht zu stören. Anders als in The Big Bang Theory und Grey´s Anatomy aber haben wir es bei Mad Men mit einem kritischen und ironischen Blick auf das Männer-, Frauen- und eben auch Kinderbild der 1960er Jahre zu tun.
Tatsächlich emanzipiert sich zunächst Sally Draper vom Bild des blonden, aber gesichtslosen Töchterchens und meldet eigene Gedanken und Ansprüche an. Der kleine Bobby bleibt im Hintergrund. Erst in der sechsten Staffel erleben Vater und Sohn gemeinsam einen Nachmittag, der Don Draper dazu bringt, über das Verhältnis zu seinen Kindern nachzudenken. Man glaube, so erklärt er, gleich mit der Geburt eines Kindes, das man es liebe – tatsächlich aber fühle man nichts. Erst wenn man dieses Kind als menschliches Wesen kennenlerne, erkenne man seine Liebe zu ihm und damit das ganze erschreckende Ausmaß dieses Gefühls. Der lakonische Lebemann analysiert hier auf eindrückliche Weise die Konstruktion eines Generationsverhältnisses, das sich auf große Worte beschränkt und die Menschen dahinter blass erscheinen lässt – möglicherweise ist dies jedoch nur in der historisierenden Perspektive von Mad Men denkbar.
mother´s guilt
Und tatsächlich bezieht sich das zweite Erklärungsmuster auf aktuelle Entwicklungen: Denn das Kindheitsbild in vielen neuen Filmen und Serien kann auch als Resultat der in der westlichen Welt – mit besonderem Schwerpunkt auf Nordamerika – seit einigen Dekaden geführten Debatten über Mutterschaft und Kindererziehung gesehen werden. In vielen Filmen und Serien wurde und wird Mutterschaft intensiv verhandelt. Die idealisierte Mutter im glücklichen Familienkreis der 1950er Jahre wirkte dabei noch lange nach, auch wenn über die Jahrzehnte die alleinerziehende Mutter, die berufstätige Mutter und die Patchworkfamilie dazukamen. Ergänzt werden diese Bilder durch erhitzte öffentliche Debatten und Berge von Ratgebern zum richtigen Erziehungsstil, den herauszufinden niemandem leichtfallen kann – zu erdrückend die Menge der Möglichkeiten von attachment parenting, free-range-parenting, Tiger mom, positive, child-centered oder nurturant parenting.
Als Reaktion auf dieses Überangebot entstand das nächste Schlagwort – mother´s guilt – mit zahlreichen Büchern, Artikeln, TED-Talks – und Serien: Die Mütter in The Big Bang Theory und Grey´s Anatomy oder auch der kanadischen Serie Workin‘ Moms kämpfen mit zahlreichen Zumutungen, allen voran aber mit mother´s guilt. Diese Serien wollen ihr Publikum von überzogenen Ansprüchen an Eltern und insbesondere Mütter emanzipieren. Dabei ist jedoch bemerkenswert, wie sehr sie die Interessen der Frauen gegen die Interessen der Kinder ausspielen. Denn die Ansprüche, denen die Serienmütter begegnen, sind stets von außen formuliert: So werden hausgebackene Kekse für den Schulbasar gefordert, selbstgeschneiderte Halloween-Kostüme für Säuglinge, die Teilnahme an der Krabbelgruppe oder das Einhalten von Mutterschutz und Babypause. All diese Ansprüche gelten gleichermaßen als absurd und unbegründet – mit echten Bedürfnissen der Kinder haben sie scheinbar nichts zu tun. Wenn eine Protagonistin der Workin‘ Moms gleich in der ersten Folge erklärt, Babys bräuchten kein Yoga und keine selbstgemachten Wickeltaschen, so ist dies eine fast schon trotzige Reaktion auf die panische Suche nach der richtigen Erziehungs- und vor allem Fördermethode für das eigene Kind. Und diese Reaktion geht weiter: „Baby Mabel doesn’t like anything yet, ‘cause she’s a baby“. Hier wird ausdrücklich formuliert, was die (Nicht-)Darstellung von Kindern in vielen neueren Serien bereits nahelegt: Kleinen Kindern werden Vorlieben, Bedürfnisse und jegliche Individualität rundheraus abgesprochen.
In der Darstellung erscheint dies als witziger und erfrischender Gegenpol zu übereifrigen, sich selbst aufopfernden Helikoptermüttern. Letztlich aber wird hier die alte Debatte nach dem Verhältnis von Frauenrechten und Kinderrechten auf neue und problematische Weise aufgegriffen, als handle es sich um ein Nullsummenspiel, bei dem die Interessen der einen Gruppe nur auf Kosten der anderen durchgesetzt werden können. Dass es sich dabei schlussendlich um ein gesellschaftliches Problem handelt – und dass es kein Zufall ist, dass diese Perspektive gerade heute und vor allem in den USA so stark ist – wird gern ignoriert. Frauen in Fernsehserien setzen sich gegen Erwartungen durch und machen den Kampf gegen die gesellschaftlich bedingte Unmöglichkeit des Mutterdaseins zu ihrer Privatsache. Da geht es nicht um menschliche Arbeitszeiten, eine bezahlbare Kinderbetreuung oder gesetzlich verankerten Mutterschutz. Auch soziale Unterschiede spielen hier keine Rolle; während Roseanne in den 1990ern mit Erziehungsfragen und finanziellen Problemen jonglierte, ist die nächste Mietenzahlung der heutigen Serienmütter nicht gefährdet. Es geht um Lebensentwürfe und neoliberale Leistungsoptimierung. Kinder passen hier höchstens als Idee herein, nicht als eigene Wesen mit individuellen Bedürfnissen.
Der Netflix-Werbespot für Workin‘ Moms spiegelt diese Privatisierung der Mutter-Kind-Debatte auf erschreckende Weise: Der kurze Film feiert die zähe, durchsetzungsfähige Mutter, die ihren Job hochschwanger oder mit dem Baby im Arm erledigt, auf der Toilette Muttermilch pumpt und unermüdlich arbeitet, „even if it breaks you“. Erneut sind die Kinder nicht mehr als Dekoration und potentieller Störfaktor. Hier wird nicht etwa eine Gesellschaft gefordert, die mit entsprechender Infrastruktur und Gesetzen Mütter und Kinder schützt und beiden Gruppen Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Hier wird – durch die ständige Wiederholung und Betonung des Wortes „mother“ – ein neues, hochanspruchsvolles Frauenideal konstruiert, dessen Durchsetzung die Interessen von Müttern und Kindern systematisch ignoriert.