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Gedanken zu Konrad Zuse
Da wollte der Chaos Computer Club Konrad Zuse zum Ehrenmitglied ernennen und der stirbt kurz vor dem Chaos Communication Congress 1995. Viel habe ich von ihm gehört und ihn ein paarmal persönlich erlebt. Im Sommer diesen Jahres hielt er einen Vortrag auf der Internationalen Studentenwoche Ilmenau. Erfrischend jugendlich war sein Vortrag für die Studenten. Gelegentlich half er seinem Simultanübersetzer mit spitzbübischern Lächeln und dem richtigen englischen Begriff aus, wenn dieser stockte. Als Konrad einmal auf englisch weitersprach und er es irgendwann merkte, wartete sein Publikum schon eine Weile darauf, daß er es selber merkt und lachte. Er lachte mit dem Publikum.
Aufgewachsen in Berlin am Gleisdreieck mit Dauerblick auf die moderne, an ihm vorbeirasende Technik baute er unter anderem einen Warenautomaten, der verschiedene Münzsorten erkannte. Das war eine Art Addiermaschine mit Spezial-IO.
Als er damals über die Entwicklung eines Rechenautomaten mit Freunden und Fachleuten sprach, rieten ihm fast alle davon ab und meinten, die Technologie der vorhandenen Rechenmaschinen sei aus Entwicklersicht am Endpunkt angelangt.
Er baute Speicher aus verschiebbaren Metallstreifen, die prinzipiell funktionierten, aber störanfällig waren. Dann folgte sein Relaisrechner mit Keilriemenantrieb. Diese mechanische Trennung von der wenig stabilen damaligen Stromversorgung schützte die Relais vor fehlerhaftem Abfallen bei Brown-Out, einem kurzzeitigem Stromausfall. Außerdem konnte durch ein anderes Keilriemenübersetzungsverhältnis der CPU-Takt verändert werden. Denn je besser die Relais zeitlich harmonierten, desto schneller lief seine Relais-CPU fehlerfrei.
Ein Informatiker von heute muß sich vor Augen halten, daß dieser Mann Hardware, Maschinenbefehle und Hochsprache selbst erdacht und gebaut hatte. Trotzdem war er sich der Grenzen seiner eigenen Denkleistung bewußt. Vor einigen Jahren erlebte ich, daß ein Mann, der sich um Konrads Hardware kümmert, freudig mitteilte, er habe eine Kontaktwaage für Relais, die für Reparaturen an der Z3 im Museum hilfreich sein könne. Konrad winkte ab und meinte, einen Relaisfehler anhand des Schaltplanes oder des Logikplanes zu finden, sei ihm zu mühsam gewesen. Er habe im Fehlerfall alle Relais der Reihe nach mit dem Daumen geprüft, das ginge schneller. Nach seinem Vortrag diesen Sommer in Ilmenau kamen ein paar Studenten zu ihm und baten ihn um Signaturen auf Laptop und Maus. Die Maus in der Hand betrachtete er eine Weile, bis er wußte, was das war und dann signierte er.
Schon vor der Wende war Konrad Zuse in Ilmenau. Bei diesem Vortrag berichtete er auch von der Zeit nach 1945 und vorn Verstecken seines Rechners in einer Scheune. Er wurde gefragt ob er keine Angst gehabt hätte, daß die Russen das Ding mitnehmen. Er meinte "Nein". Denn die Russen hätten das eh' nicht verstanden und deshalb stehen gelassen.
Konrad Zuse hat wohl nicht erfahren, welchen SED-Ärger diese bruderunfreundliche Äußerung anschließend denen machte, die ihn eingeladen hatten.
Zur Anerkennung im Osten gehörte Ignoranz im Westen.
Es hat bis 1962 gedauert bis zu seiner Anerkennung von jenseits des großen Teiches. Seine offene und nicht eitle Art, die Freude an Erkenntnis und der Spaß daran, Wissen weiterzugeben, bleiben denen, die unmittelbar interaktiv erlebten, im Gedächtnis erhalten. Nutzen wir wenigstens die Chance, die die Speichertechnik und die Kopiertechnik bieten, um die Erinnerung an solche Menschen abrufbar zu machen für die Generationen nach uns, die keine Chance mehr haben, mit Konrad Zuse leibhaftig zu kommunizieren.
Wau Holland auf dem Chaos Communication Congress 95