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Der Originalbeitrag ist als „Schlumpfs Grafik 61“ im Online-Nebelspalter vom 12. Dezember 2022 zu lesen.
Beginnen wir mit einem Quiz. Der 2017 verstorbene schwedische Arzt Hans Rosling war ein unermüdlicher Kämpfer für eine faktenbasierte Weltsicht. In seinem posthum veröffentlichten Buch «Factfulness» 2018 (siehe hier) berichtete er über die Resultate eines Quiz, das er in vielen Ländern durchgeführt hatte. Es ging in diesem Quiz um dreizehn Fragen zum Zustand der Welt. Die dritte Frage lautete: «Der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, ist in den letzten zwanzig Jahren…A: beinahe doppelt so gross geworden, B: mehr oder weniger gleich geblieben, oder C: beinahe auf die Hälfte gesunken.»
Falsche Vorstellungen von Armut
Was ist Ihre Antwort? Wenn Sie A oder B gewählt haben, gehören Sie zur grossen Mehrheit des Publikums in den vierzehn Industriestaaten, in denen Rosling diese Fragen gestellt hat. Richtig ist aber Antwort C: Der Pro-Kopf-Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, ist zwischen 1997 und 2017 von 30 auf 9 Prozent gesunken – was sogar deutlich mehr als die Hälfte ist. Am nächsten kamen dieser Wahrheit die Schweden und Norweger, wo 25 Prozent der Befragten diese Antwort wählten, während nur 10 Prozent der Japaner und nur 3 Prozent der Spanier die richtige Antwort wussten.
Was wichtig ist:
– In den letzten vierzig Jahren ist der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, von knapp 50 auf unter 10 Prozent gesunken.
– Ostasien mit China hat in dieser Zeit einen besonders fulminanten Rückgang der Armut erlebt: von 80 auf 1 Prozent.
– Seit 1990 sinkt die Zahl der ärmsten Menschen sogar absolut, trotz ständig wachsender Bevölkerung.
Ich gehe hier nicht weiter der Frage nach, warum so viele gebildete Menschen bei einer so wichtigen Frage falsch informiert sind. Ich will vielmehr zeigen, wie sich die Armut genau entwickelt hat. Denn was ist mit «extremer Armut» gemeint? Wie wird sie definiert? Die Antworten findet man in den Berichten einer spezialisierten Arbeitsgruppe der Weltbank, die ihren Sitz in Washington hat.
Mit weniger als 1,90 US-Dollar lebt man in extremer Armut
Diese Arbeitsgruppe sammelt aus allen Ländern die Resultate von Haushaltsbefragungen zum Einkommen der Bewohner. Nachdem die verschiedenen Methodiken solcher Befragungen auf eine vergleichbare Basis gebracht worden sind, müssen die unterschiedlichen Kaufkraftniveaus berücksichtigt werden. Dabei wird der sogenannte internationale US-Dollar verwendet. Mit dieser künstlichen Währung, die auch US-Dollar PPP (purchasing power parity, also Kaufkraftparität) genannt wird, werden die Preisniveau-Unterschiede in den verschiedenen Ländern ausgeglichen.
Sodann muss die unterste Armutsgrenze (International poverty line) festgelegt werden, unter der die Menschen gemäss Definition in extremer Armut leben. Bis zum September dieses Jahres lag diese Grenze bei US-Dollar PPP 1,90 pro Tag. Dabei galt die Kaufkraft in den USA des Jahres 2011 als Referenzgrösse.
Im September 2020 hat die Weltbank auf der sogenannten «Poverty and Inequality Platform» in einem Update-Bericht zum ersten Mal die bisher erstellten jährlichen Zusammenfassungen in einem längerfristigen Kontext präsentiert (siehe hier). Bis heute ist das die Untersuchung, die sich über den bisher grössten Zeitraum erstreckt. Die folgende Grafik aus diesem Bericht zeigt die Entwicklung der globalen extremen Armut von 1981 bis 2017:
Im Bericht werden zwei Messreihen (März und September 2020) miteinander verglichen. Für uns sind aber nur die damals aktuellsten Zahlen aus dem «September 2020 Update» relevant, die in der Grafik mit hellblauen Kreisen dargestellt sind. Diese zeigen ein deutliches Absinken des Pro-Kopf-Anteils der Weltbevölkerung in extremer Armut von 43 Prozent im Jahr 1981 auf 9 Prozent im Jahr 2017. In diesen fast 40 Jahren ist es der Menschheit also gelungen, die vielleicht grösste Geissel unseres Daseins um 34 Prozentpunkte zu senken.
Beispielloser Rückgang der Armut in China
Denn Menschen, die in extremer Armut leben, sind meist unterernährt und haben weder Zugang zu Elektrizität noch zu sauberem Wasser. Zudem fehlt es ihnen oft an Bildungsmöglichkeiten und guter Gesundheitspflege. Der Kampf gegen dieses Grundübel ist aber nicht in allen Weltgegenden gleich erfolgreich gewesen. Die nächste Grafik aus dem erwähnten Bericht zeigt die Entwicklungen in den wichtigsten Regionen der Erde für den Zeitraum 1981 bis 2017.
Schier unglaublich ist die Entwicklung in Ostasien und im Pazifik (links oben): Hier lag die Armutsrate in den frühen 1980er-Jahren noch bei 80 Prozent: Weltrekord. Bis 2017 konnte sie aber auf 1 Prozent reduziert werden. Diese Erfolgsgeschichte wurde vor allem durch den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas möglich, das diese Region dominiert. Aber auch in den übrigen Teilen dieses Gebiets, das süd-östlich von China von Myanmar über Indonesien und die Philippinen bis in den Pazifik reicht, ist die extreme Armut praktisch verschwunden.
Am schlimmsten ist die Situation noch in Afrika südlich der Sahara
Ebenfalls erfolgreich entwickelt hat sich Südasien inklusive Indien, wo ein Rückgang der Armut von 57 auf 15 Prozent gelungen ist. Diese 15 Prozent liegen aber noch immer klar über dem Durchschnitt der Welt.
Die ärmste Gegend ist heute mit grossem Abstand die Region Sub-Sahara-Afrika, die den weitaus grössten Teil des afrikanischen Kontinents südlich von Algerien und Ägypten umfasst. Hier leben noch immer horrende 40 Prozent der Bevölkerung unter dem Existenzminimum. Aber es gibt eine gute Nachricht: Seit Mitte der 1990er-Jahre nimmt die Armut auch hier stetig ab.
Alle bisher angeführten Zahlen drücken den relativen Anteil der Menschen in extremer Armut an der Gesamtbevölkerung aus. Wie aber hat sich die absolute Zahl der Ärmsten auf dieser Welt in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Hat diese Zahl parallel zum allgemeinen Bevölkerungswachstum auch zugenommen?
Seit 1990 sinkt auch die absolute Zahl der ärmsten Menschen
Die nächste Grafik gibt dazu Auskunft. Sie stammt von der Webseite «Our World in Data» (siehe hier) und zeigt die absolute Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, zwischen 1820 und 2015.
Mit dieser Grafik wird der Zeithorizont stark erweitert: Statt auf die letzten vierzig Jahre schauen wir jetzt auf die Entwicklung der Armut in den letzten knapp 200 Jahren. Zu Beginn, im Jahr 1820 gab es 965 Millionen Menschen in tiefster Armut (braune Fläche unten). Das sind 90 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung: Die Lebensbedingungen waren im frühen 19. Jahrhundert weltweit also noch schlimmer als diejenigen in Ostasien in den frühen 1980er-Jahren.
Bis 1980 stieg die Zahl der Ärmsten stetig an, bis auf das Maximum von 1,92 Milliarden. Das entsprach damals 43 Prozent der Bevölkerung entspricht – also der Zahl, die wir von der ersten Grafik her kennen. Nach einem kurzen Rückschlag sinkt die absolute Zahl der ärmsten Menschen aber seit 1990 kontinuierlich und markant: 2015 waren es noch 733 Millionen. Das ist weniger als je zuvor in diesen letzten 200 Jahren. Der Rückgang seit 1990 beträgt 62 Prozent.
Diese Entwicklung ist eine der grössten Erfolgsgeschichten der Menschheit. Das heisst selbstverständlich nicht, dass wir nun die Hände in den Schoss legen und nichts mehr unternehmen sollten, um die nicht akzeptablen Lebensbedingungen vieler Millionen extrem armer Menschen zu verbessern. Handlungsbedarf besteht vor allem in Afrika.
Wegen Corona hat die extreme Armut wieder zugenommen
Und der Weg, wie dies gelingen könnte, lässt sich aus den bisherigen Erfahrungen ableiten: Armut kann am besten durch wirtschaftliche Entwicklung bekämpft werden – so wie in China seit den späten 1980er-Jahren. Nur mit einem namhaften Wirtschaftswachstum ergeben sich Chancen für bessere Arbeitsbedingungen, genügend Nahrung und verbesserte Gesundheit bei den Ärmsten.
Vor Rückschlägen sind wir nie gefeit. Das hat die Corona-Pandemie in aller Härte gezeigt. Die mit Covid-19 begründeten Wirtschaftseinschränkungen haben zu einem globalen Anstieg der absoluten Zahl der Menschen in extremer Armut geführt – zum ersten Mal seit den 1980er-Jahren.
Das ist katastrophal. Und es ist äusserst befremdlich, dass es politische Gruppierungen wie die extremen Klimaaktivisten gibt, die die Marktwirtschaft abschaffen wollen. Denn die Marktwirtschaft ist der Grund für den beispiellosen Rückgang der Armut in den Jahrzehnten.
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