Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03453.jsonl.gz/1201

Die Arbeit am schnellsten Segelboot der Welt, der Bau eines elektrischen Rennwagens, einer Rakete oder eines Rovers zur Planetenerkundung: EPFL-Studierende sind an genauso faszinierenden wie ambitionierten Herausforderungen beteiligt. Die MAKE-Initiative der EFPL will diese interdisziplinären Projekte fördern – aber nicht nur das, wie Pascal Vuilliomenet, Projektleiter des Discovery Learning Program an der Hochschule, erklärt.
Woher kam der Anstoss für das Discovery Learning Program?
Wir sprachen viel über das Thema transversale Kompetenzen und stellten fest, dass diese sehr oft «on the job» erworben werden, insbesondere Soft Skills wie Projektmanagement, Kommunikation oder Ideenfindung. Wir haben eine schulweite Initiative ins Leben gerufen, um diese Fähigkeiten zu entwickeln und gleichzeitig das im Unterricht erworbene Wissen zu festigen, insbesondere durch interdisziplinäre, übergreifende und motivierende Projekte.
Ein ehrgeiziges Ziel. Wie wollen Sie das erreichen?
Die MAKE-Initiative bringt Projekte mit sehr hoher Sichtbarkeit hervor, aber unser Programm geht noch viel weiter. Es greift weitere wichtige Aspekte auf: die Integration von Projekten in den akademischen Lehrplan, die Einrichtung effizienter Infrastrukturen und die Frage des menschlichen Faktors, d.h. Fachleute, die die Fähigkeiten und die Zeit haben, die Studierenden zu unterstützen.
Welche Arten von Programmen unterstützen Sie?
Einige Projekte werden zentral über die MAKE-Initiative koordiniert. Die MAKE-Initiative unterstützt ihre Koordination, insbesondere durch die Identifizierung von Professorinnen und Professoren, die sie betreuen sowie ECTS-Credits für die geleistete Arbeit vergeben. Die Initiative erleichtert auch den Zugang zu nützlichen Ressourcen, wie z. B. rechtlichen und logistischen. Wir unterstützen Aktivitäten, die bereits in die Studienpläne integriert sind, etwa praktische Arbeiten, sowie koordinierte campusweite Initiativen, die nicht im akademischen Lehrplan anerkannt sind, wie z.B. Hackatons, Summer Schools oder die Klima- und Nachhaltigkeitsaktionswoche. Unser Programm begleitet zudem einige unternehmerische Projekte, die weder angerechnet noch zentral koordiniert werden, etwa das Changemakers-Programm, das Studierende und ihre Ideen für Innovation und Technologietransfer unterstützt. Kurz gesagt, wir starten Top-Down-Programme und unterstützen gleichzeitig Bottom-Up-Initiativen.
Welche Änderungen nehmen Sie an der Infrastruktur vor?
Wir schaffen spezialisierte, optimierte Arbeitsbereiche, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche für alle zugänglich sind. Dazu gehören Technologieplattformen wie Fab Labs, 3D-Druck und Prototyping sowie Biologie-, Chemie- und Elektroniklabors. Diese gemeinsamen Einrichtungen helfen, Barrieren zwischen den Disziplinen abzubauen. Es gibt verschiedene Arten von Arbeitsplätzen: Solche, in denen Studierende alleine arbeiten, einige, in denen sie beaufsichtigt werden, und andere, die professionellen Technikerinnen und Technikern für spezielle Arbeiten vorbehalten sind. Ein neues Gebäude ist derzeit im Bau und wird Ende 2021 eröffnet.
Welche Auswirkungen hat das auf die Organisation des Studiums?
Bis vor kurzem fand der Grossteil der praktischen Arbeit in den Forschungslabors statt. Doch das kann bei der wachsenden Zahl von Studierenden nicht mehr immer funktionieren: In ein hochmodernes Labor passen kaum noch 100 Leute. Die Idee ist also, einen Teil der praktischen Arbeit aus den Instituten in spezielle Einrichtungen zu verlagern.
Sie haben die Frage des Lehrpersonals angesprochen.
Die Studierenden müssen Zugang zu Fähigkeiten haben, die nicht nur technischer, sondern auch menschlicher Natur sind: Fachleute für Projektmanagement, Design, Ideenfindung und rechnerisches Denken.
Die akademische Welt ist immer noch recht traditionell und konzentriert sich oft auf Noten und wissenschaftliche Arbeiten. Wie können wir mehr Raum für Kreativität schaffen?
Vor allem müssen wir die Kultur ändern. Neue Infrastrukturen oder ein Kreditsystem sind nur ein Mittel zu diesem Zweck, insbesondere indem Hürden für Kreativität abgebaut werden. Der Kulturwandel erfolgt schrittweise, oft durch Beispiele: Man sieht, dass ein Projekt erfolgreich ist, lässt sich inspirieren und startet selbst das nächste.
Rover, Rakete, Boot: Es gibt viele spektakuläre Projekte, die von Studierenden in Lausanne durchgeführt werden. Was ist Ihr Geheimnis?
So oft wie möglich auf junge Menschen mit Ideen hören und sie ermutigen, während man ihnen so viel Autonomie wie möglich gibt. Studierende, die am Swisscube-Satelliten, einem Pionierprojekt, mitgearbeitet hatten, erzählten uns, dass sie dies «trotz des Systems» getan hätten... Wir müssen alles vermeiden, was Widerstände erzeugen könnte, die zum Abbruch führen. Es ist darauf zu achten, dass den Studierenden genügend Zeit für das Studium bleibt, insbesondere durch die Anrechnung der für die Projekte aufgewendeten Zeit. Wir versuchen, sie so weit wie möglich bei Dingen zu unterstützen, die für ihr Lernen nicht wesentlich sind. Wie das Ausfüllen eines Formulars zum Ausleihen einer Bohrmaschine.
Ist die EPFL eine Vorreiterin in Europa?
Solche Projekte gibt es an amerikanischen Universitäten, das MIT fällt mir da ein. In Europa bieten Universitäten wie die TUM in München oder die DTU in Kopenhagen Fab-Labors und grosse Projekte an. Die EPFL zeichnet sich jedoch durch ihren ganzheitlichen Ansatz für interdisziplinäres und übergreifendes Lernen aus.
Was müssen Sie noch erreichen?
In Bezug auf die Infrastruktur haben wir noch keine Einrichtungen für die Herstellung von Grossteilen. Die Projekte von MAKE sind spektakulär und aufregend, aber sie sind oft noch typische Ingenieurprojekte, bei denen es in erster Linie darum geht, ein Objekt mit extremen Eigenschaften zu bauen. Wir wollen mehr Themen behandeln, die einen direkteren Bezug zur Gesellschaft haben, und uns öffnen für Umweltfragen, industrielle Probleme und die grossen und kleinen Herausforderungen des täglichen Lebens. Die Frage, «wie» ein Problem gelöst wird, ist interessant, aber die Frage nach dem «Warum» gibt dem Ganzen einen Sinn.