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VadSlg Ms 43, fol 396v
Mitte November 1531 wird Joachim von Watt (1483/4-1551), Vadian genannt, mehr tot als lebendig von den Friedensverhandlungen in Bremgarten zurück nach St. Gallen gebracht. Der psychische und physische Zusammenbruch des gelehrten St. Galler Bürgermeisters war eine Reaktion auf die letzten zwei turbulenten Jahre zwischen der Übernahme des Klosters durch die Stadt und der Niederlage der Reformierten in der zweiten Schlacht bei Kappel. Was als hoffnungsvoller Aufbruch begann, endete im militärischen und politischen Desaster. Das Abenteuer der städtischen Emanzipation vom Kloster hatte „fünfzechentusend Guldin“ gekostet, wie Vadian in seinem Notizbuch minutiös zusammenrechnet. Seine Verbitterung über die erlittene Enttäuschung und die fehlgeschlagene Hoffnung war verständlich, schliesslich war er mit seiner Politik vorläufig gescheitert. Gleichzeitig verschwand damit aber auch ein „Chronikbůch ettlicher Äbten zů S. Gallen“ (fol 505v), erst später als „Grössere Chronik der Äbte“ betitelt, in der Schreibtischschublade. Denn an die Veröffentlichung dieser Geschichte des Klosters und der Stadt St. Gallen zwischen 1191 bis 1491 war aus politischen Überlegungen nicht mehr zu denken. Zu sehr hatte sich die Situation verändert.
Begonnen hatte Vadian diese auf Deutsch verfasste Chronik nach dem sogenannten Klostersturm 1529, als er Zugriff auf das fürstäbtische Archiv und die Bibliothek erlangte. Sein leitendes Erkenntnisinteresse galt dabei nicht ausschliesslich den historischen Tatsachen, sondern der Rechtfertigung. Er wollte mit der Chronik die Entwicklung St. Gallens von der abhängigen Klosterstadt in eine unabhängige und selbstbewusste, durch den Leinwandhandel zu Reichtum gekommenen, Reichsstadt aufzeigen. Die Beschreibung der spannungsgeladenen Beziehung zwischen Stadt und Kloster wuchs sich beim Reformator Vadian unweigerlich zu einer Infragestellung des Mönchtums und letztlich der katholischen Kirche aus. Der Text ist häufig polemisch, manchmal bissig oder spöttisch. Insbesondere wird detailliert beschrieben, wie das anfänglich gute Mönchtum, welches sich dem Gottesdienst, der Handarbeit und der Erziehung gewidmet hatte, durch Macht und Reichtum korrumpiert wurde. Geordnet nach der Abfolge der Äbte, wird die Geschichte als Aneinanderreihung von Auswüchsen und Entartungen der kirchlichen Würdenträger und Institutionen geschildert. Insbesondere der letzte, in der Chronik behandelte Fürstabt Ulrich Rösch (1426-1491), wird als eigentliche Wolfsnatur dargestellt, der „wie ainer der die Wassersucht hat, ie mer er trinkt ie durstiger er wirdt, also war der Abt ie lenger(?) ie begirlicher“ (fol 500r). Zu dieser Beschreibung passt auch das oben abgebildete, nachträgliche gezeichnete Brustbild des Abts mit Bischofsstab, Mitra und Schwert. Die Federzeichnung zeigt, wie sich kirchlicher und weltlicher Herrschaftsanspruch in der Person Ulrich Röschs in unziemlicher Weise vereinen.
Letztlich blieb die Chronik Stückwerk, wenn auch ein äusserst spannendes, griffig formuliertes. Der Wechsel von Tinte und Schreibstil, häufige Streichungen und Seitenkommentare zeugen von einer eiligen Niederschrift. Ausserdem wird im Text immer wieder Bezug genommen auf ein viel grösser angelegtes Werk, das von den Anfängen des Klosters bis in die Gegenwart reichen sollte. Hinzu kommen seitenlange Exkurse zur Geschichte, Politik, Recht, Wirtschaft, Theologie, Geographie und Medizin, die dem Leser einiges abfordern. Was als literarisches Denkmal und Krönung der städtischen Befreiung aus der Klosterherrschaft begonnen worden war, blieb ein unfertiges Konvolut loser Blätter, welches Vadian 1546 seinem Freund Johannes Kessler „zů brauchen nach seinem Gefallen, doch zů frommen Nutz und Eere der frommen Statt zů S. Gallen“ (fol 550v) übergab.
Weiterführende Literatur und Links: