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Buebi lebte im hintersten Zipfel des Kantons Aargau in einem kleinen Dörfchen mit gerade zehn Häusern. Hier gab es zahlreiche Pferde, aber fast keine Menschen. Nur ausgewählte Personen durften hier leben, ausschliesslich Pferdeliebhaber. Hinter den wenigen Häusern und den Pferdekoppeln erstreckte sich ein grosser Wald. Wenn man auf dem Balkon des Bauernhauses stand, sah man am Horizont die Bergspitzen. Nirgendwo war es so ruhig wie hier. Es war Natur pur, eine Idylle.
Er war wild geboren und mit den Gefahren der Natur bestens vertraut. Er war ein wunderschöner Tigerkater und lebte mit seinen Geschwistern in genau diesem Waldstück. Vom Waldrand aus betrachtete er jeden Tag die Reiter, wie sie hoch oben auf ihren Pferden sassen und übers Feld galoppierten. Er liebte den Geruch der Pferde und wünschte sich, ihnen nahe zu sein. Von seinem Versteck aus schaute auf die wenigen Häuser und wusste, dass dort Tierfreunde wohnten. Es gab ein paar Hauskatzen, die man ab und zu im Garten liegen sah. Im angebauten Stall wohnten zudem ein paar Hasen. Wie sehr wünschte er sich doch, Hauskater zu sein. Er wollte näher bei den Pferden sein und wie die Hauskatzen gefüttert und gestreichelt werden. Doch seine Mutter hatte ihn gelehrt, den Menschen zu meiden. Nicht jeder Mensch war gut zu den Tieren.
Er beobachtete das Haus nun schon seit Wochen und sah die Frau regelmässig, wie sie ihre Katze fütterte und streichelte. Eines Tages nahm er den ganzen Mut zusammen und schlich sich näher ans Haus ran. Der Pferdegeruch wurde stärker und Buebi entdeckte einen Stall, in dem eine Stute stand. Schön war es hier, hier wollte er leben. Er schlich um das Gebäude herum und fand auf dem Sitzplatz eine gefüllte Futterschale. "Aha, ein Willkommensgeschenk", dachte er und machte sich gleich über das Futter her. Nun entdeckte er auch die Katzendame, die hinter dem Fenster sass und ihn anfauchte. Ihr war unheimlich, dass ein wilder Kater ihr Futter frass. Das war ja eine Frechheit, das musste sie verhindern. Sie sprang durch das Katzentürchen und machte einen Katzenbuckel. Sie plusterte sich auf, als ob sie gleich platzen wollte. Buebi schaute sie nur lächelnd an. Was wollte sie denn von ihm? Er fand diese aufgeblasene Tussi lächerlich. Sie hätte eh keine Chance gegen ihn, denn er war ein wilder Kater, der sich mit vielen Kämpfen durchs Leben geschlagen hatte. Die Katzendame musste einsehen, dass er sich durch ihr Getue nicht beeindrucken liess. Sie verschwand wortlos im Haus und betrachtete ihn voller Argwohn durch die Katzentüre.
Als er sein Mahl beendet hatte, kehrte er in den Wald zurück. Das Ritual wiederholte sich von da an Tag für Tag. Allmählich verlor Buebi die Angst. Der Hunger war stärker. Er kam jeden Tag vor Sonnenuntergang und holte sich seine Futterration. Die Frau hatte ihn schon vor Tagen entdeckt. Sie liebte alle Samtpfoten und stellte dem wilden Kater einen grossen Teller Futter hin. Auch öffnete sie ihm den Hasenstall, damit er bei Regen oder in kalten Nächten ein warmes Bett hatte. Buebi nahm das Angebot dankend an. Er lebte fortan als halbwilder Kater zwischen den Pferden und der fauchenden "Katzen-Tussi". Diese konnte sich noch immer nicht mit dem Neuzugang abfinden. Wie konnte ihr Frauchen auch nur einen Halbwilden füttern? Sie war zutiefst beleidigt. Allerdings hatte sie den Vorteil, dass sie ihrem Frauchen immer sehr nahe sein durfte, denn sie wohnte im Haus und der Halbwilde nur im Hasenstall. So vergingen die Monate und Buebi kam regelmässig bei Maja und ihrer Katze auf Besuch. Als es kälter wurde, fröstelte es Buebi auch im Hasenstall. Er hatte den Dreh mit der Katzentüre schon lange raus und schlüpfte eines Tages ins Haus hinein. Dies war das Ende der Katzendamen-Dynastie. Nun war Buebi ein Mitglied der Familie geworden und hatte sich alle Rechte genommen, die sonst nur Hauskatzen vorbehalten waren.
Maja war glücklich, dass Buebi seine Scheu überwunden hatte. Sie nahm ihn gerne bei sich auf. Sie brachte ihn zum Tierarzt zur Kastration, damit er seine Duftmarke nicht an sämtliche Türpfosten und Stühle setzte. Es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen Maja und Buebi. Nur die Tigerlady blieb abweisend. Sie konnte sich mit Buebis Eindringen nicht abfinden. Sie verkroch sich unters Bett und hinter den Schrank. Der grosse Kater machte ihr auch noch nach Monaten Angst. Zudem musste sie nun ihr Frauchen mit ihm teilen, das passte ihr überhaupt nicht. Sie trotzte, fauchte Maja an. Manchmal verteilte sie Hiebe, doch erreichte sie damit überhaupt nichts. Sie war stinksauer und schmollte.
Sie steigerte sich in ihrem Trotz immer mehr. Eines Tages verweigerte sie das Futter. Auch am nächsten und übernächsten Tag blieb der Futternapf unberührt. Maja machte sich allmählich Sorgen. Die Katzendame wurde immer dünner und schwächer. Ihr Pelz war matt geworden, und sie lag nur noch im Hause herum. Nur noch selten ging sie hinaus in den Garten. Sie befand sich in einer tiefen Trauer. Weder Zureden noch Streicheln halfen etwas. Die Katze bestand auf dem Hungerstreik. Es war ihre Art, ihren Unmut anzuzeigen.
Was die Katze nicht frass, verschlang dafür Buebi. So gut war es ihm noch nie gegangen. Sein Bäuchlein wuchs und er wurde richtig mollig. Er lachte nur über das dumme Verhalten der Katze und genoss es, das doppelte Futter fressen zu dürfen.
Maja konnte eines Tages nicht mehr tatenlos zuschauen. Es musste eine Lösung geben. Obwohl sie ihre Tigerdame auf der einen Seite verstand, wollte sie Buebi nicht wegschicken. Er war ihr ans Herz gewachsen, war ein wichtiges Mitglied der Familie geworden. Wenn er vor ihr sass und sie mit seinen grossen Kulleraugen fixierte, schmolz ihr Herz vor Liebe.
Sie befand sich in einer verflixten Situation. Sie konnte doch nicht tatenlos zuschauen, wie ihre Katze verhungerte. Schweren Herzens entschied sie eines Tages, für Buebi ein neues Zuhause zu suchen. Sie erfuhr von einer Katzen-Auffangstation in der Nordwestschweiz und brachte ihren Buebi dorthin. Obwohl Buebi noch keinen Kontakt mit anderen Menschen hatte und zu Besuchern stets sehr abweisend war, liess er sich ohne Murren dorthin bringen. Der Herr des Hauses durfte ihn sogar streicheln. Noch immer lag Buebi in Majas Armen und schnurrte vor sich hin. Ihr Entschluss fiel ihr unsagbar schwer. Sie hätte jede andere Lösung vorgezogen und ihr Herz blutete. Sie weinte sich fast die Augen aus, als sie sich von ihrem Buebi verabschieden musste. Dass immerhin für ihn gesorgt werden würde, war ihr ein kleiner Trost.
Sie blieb in Kontakt mit Marianne, die diese Auffangstation leitete. Diese berichtete ihr jeden Tag über die Fortschritte, die Buebi machte. Er hatte sich mit einer anderen Katze angefreundet und fühlte sich dort wohl. Dies war für Maja immerhin ein beruhigendes Gefühl. Sie dachte unentwegt darüber nach, ob dies der einzige und beste Weg gewesen war. Sie konnte die Trennung von Buebi kaum verkraften. Seit dem Weggang von Buebi, frass ihre Katze plötzlich wieder. Sie holte alles auf, was sie in den letzten Wochen verweigert hatte. Endlich kehrte wieder Ruhe ein und Maja musste einsehen, dass es der einzige und richtige Weg gewesen war. Die Vernunft hatte über das Herz gesiegt.
Eines Tages rief Marianne an. Sie hatte für Buebi ein neues Zuhause gefunden. Er würde ins Nachbardorf umziehen und in eine nette, katzenerfahrene Familie kommen. Dort könne er nach einer
kurzen Eingewöhnungszeit sogar Freigang geniessen, denn es handelte sich um eine Wohnung im Erdgeschoss mit Garten. Alle waren glücklich und Buebi zog kurz vor Weihnachten in sein neues Zuhause um. Man brachte ihn zu seiner neuen Familie. Da plötzlich überfiel ihn panische Angst. Dies war der zweite Umzug in kurzer Zeit. Er spürte fremde Hände auf seinem Fell und Stimmen, die ihm Angst bereiteten. Was gut gemeint war, nahm ein tragisches Ende. Buebi, den man mittlerweile Roy nannte, ergriff die Flucht. Er zwängte sich mit aller Kraft durch die Lamellen der Sonnenstoren hindurch und rannte davon. Bevor die Leute wussten, was geschehen war, war Roy verschwunden. Er wollte nur weg, weg von den Leuten, die ihm nicht sympathisch waren. Sein Weg führte ihn direkt zum leerstehenden Bauernhaus, vor dem sich nun Simba und seine Freunde befanden. Es war ein kalter Wintertag und Neuschnee überdeckte das ganze Areal. Noch immer schneite es und Roy war froh, dass seine Spuren schon bald nicht mehr sichtbar waren. Da entdeckte er ein offenes Fenster und huschte hinein. Er befand sich nun im Keller des Bauernhofes. Hier war es warm und trocken. Er legte sich in einen der leeren Körbe, die dort seit Jahren unbenutzt herumlagen und schlief ein. Er bemerkte nicht, dass jemand das Fenster schloss und Roy eingesperrt war. Diese
schreckliche Tatsache wurde ihm erst am nächsten Tag bewusst, als er frische Luft schnuppern wollte. Er rief um Hilfe, doch niemand hörte ihn. Er konnte nicht wissen, dass es im Treibhaus vor diesem Haus noch andere Katzen gab.
Maja erfuhr innert kurzer Zeit von Roys Flucht. Sie war entsetzt und todunglücklich. Marianne und die neue Familie suchten tagelang nach Roy, doch niemand hatte ihn gesehen. Nach zwei Wochen entschied man sich, in der Lokalzeitung eine Anzeige mit Bild aufzugeben. Auch Tina, die im gleichen Dorf mit ihrer Katzenfamilie wohnte, las das Inserat. Sie rief Maja an und erfuhr Roys Geschichte.
Zusammen wollten sie den Kater suchen gehen. Da Tina seit 20 Jahren in diesem Dorf wohnte, konnte sie Maja allfällige Unterschlupfmöglichkeiten zeigen. Sie verbrachten den ganzen Sonntag damit, Suchmeldungen aufzuhängen und alle Leute, denen sie begegneten, zu fragen. Sie kamen auch zum leerstehenden Bauernhaus und riefen nach dem vermissten Kater. Doch ihr Rufen blieb unbeantwortet. Roy blieb spurlos verschwunden. Maja war unglücklicher denn je. Sie trafen auch die beiden Hauskatzen, die im Treibhaus lebten und waren voller Hoffnung, dass Roy sich vielleicht dorthin geflüchtet hatte. Hier gab es Futter und ein warmes Plätzchen. Doch auch hier entdeckte man den verschwundenen Kater nicht. Trotzdem wollte man die Hoffnung nicht aufgeben. Die Chance, dass man ihn finden würde, war sehr klein, aber immerhin noch da.
Simba hörte den beiden Katzen zu, wie sie ihre Geschichte erzählten. Sie deuteten mit ihren Pfoten zum Fenster, das nun verschlossen war. Er ging zum Kellerfenster und schaute hinein. Es war dunkel und nichts bewegte sich. Von tief unten hörte er ein leises Wimmern. Noch immer war Roy da unten eingesperrt, vermutlich nur noch halb lebendig. Seit zwei Wochen hatte er keine Nahrung mehr zu sich genommen. Was sollten sie nur tun? Simba wusste sich auch keinen Rat. Er hätte gerne geholfen als Dank für das Futter, das man ihm überlassen hatte. Doch das Fenster war verschlossen und einen anderen Zugang zum Keller gab es nicht. Er lief um das Haus herum, fand aber keine Durchschlupfmöglichkeit. Der Keller war richtiggehend abgeschottet. Das Haus stand seit Jahren leer und nur selten ging jemand hinein, um zu lüften. Alle drei waren sehr traurig. Sie wollten dem eingesperrten Roy helfen, doch ihnen waren die Pfoten gebunden. Simba machte sich unverrichteter Dinge wieder auf den Weg zurück in seine Hütte. Er war in Gedanken bei Roy. "Halte durch, kleiner Roy, gib nicht auf." Er fragte sich, wie so was passieren konnte.
Frau Stohler war die Frau, die sich um die beiden Katzen beim leerstehenden Bauernhaus kümmerte. Sie hatte einen Schlüssel zum Haus und ging ab und zu hinein, um einen Rundgang zu machen. Da es in den letzten Wochen sehr kalt geworden war, hatte sie das Fenster zum Keller geschlossen. Sie konnte nicht wissen, dass sich in diesem Keller der gute Roy versteckt hielt.
Bei ihrem nächsten Rundgang zehn Tage später, hatte sie im Keller eine Katze entdeckt, die vermutlich unfreiwillig eingesperrt war. Anfassen liess sie sich das verängstigte Tier nicht, denn die Katze hockte mit weitaufgerissenen Augen auf dem leerstehenden Regal und fauchte sie energisch an. Also liess sie das Fellbündel in Ruhe, denn sie erkannte die Panik in den Augen des gefangenen Tieres. Sie stellte einen Napf voller Futter und frisches Wasser hin. Die würde den Weg nach draussen schon alleine finden, dachte sie, als sie das Fenster wieder weit öffnete, damit die Katze nach draussen flüchten konnte.
Drei Tage später, als sie die Futternäpfe für ihre zwei Samtpfoten wieder füllte, schloss sie das Fenster erneut. Jetzt hatte die Katze genug Zeit gehabt, um nach draussen zu gelangen. Allerdings kontrollierte sie nicht, ob das Tier tatsächlich den Weg nach draussen gefunden hatte. Wie sollte sie auch wissen, dass Roy noch immer da unten steckte.
Mitte Januar entdeckte Frau Stohler Majas Plakat am Treibhaus. Abgebildet war der vermisste Roy und sie erkannte ihn sofort. Er war der Kater, der sich Zugang in ihren Keller verschafft hatte. Sofort ging sie in den Keller, doch konnte sie keine Katze entdecken. Allerdings machte sie etwas stutzig - es roch nach Urin. Ob der Kater wohl noch immer da unten war? Die Futterschalen standen noch immer da, doch sie waren mittlerweile leer. Sie füllte wieder etwas Futter auf und kontrollierte am nächsten Tag, ob es weg war. Tatsächlich waren die Fleischstückchen verschwunden, also musste das Tier noch immer hier drin sein. Sie konnte es sich kaum vorstellen, denn in der Zwischenzeit waren fünf Wochen seit dem Verschwinden Roys vergangen. Wie konnte ein Kater so lange ohne Wasser und Futter überleben? Sie wollte sofort anrufen und der Besitzerin mitteilen, dass sie Roy entdeckt hatte. Doch Maja kam ihr zuvor. Sie hatte von Tina die Adresse der Frau erhalten, die sich um die verwaisten Hofkatzen kümmerte.
Frau Stohler und Maja telefonierten lange. Sicher war, dass der Kater nicht mehr raus konnte, wenn er noch im Keller war. Frau Stohler hatte das Fenster nämlich wieder geschlossen aus Angst, Roy würde ihr noch im letzten Moment entwischen.
Maja traute ihren Ohren nicht, als ihr Frau Stohler berichtete, was im leerstehenden Keller vor sich ging. Noch war sie sich ja nicht ganz sicher, ob es sich beim aufgefundenen Tier wirklich um ihren Kater handelte. Dennoch fuhr sie den weiten Weg Richtung Basel. Sie traf sich mit Tina, die ihr schon vor zwei Wochen bei der Suche nach Roy geholfen hatte. Zusammen wollten sie in den Keller gehen, um Roy zu suchen. Nur Maja konnte das verängstigte Tier einfangen, das war allen Beteiligten klar. So standen sie eine Stunde später im Keller und hielten nach Roy Ausschau. Nichts bewegte sich und auch Majas Rufen nützte nichts. Es sah nicht aus, als ob sich hier ein Tier aufhielte. Wahrscheinlich war er rausgeschlüpft, bevor Frau Stohler das Fenster wieder geschlossen hatte. Sie suchten alle Räume ab, sogar den dunklen Nebenraum, in dem ein alter Oeltank stand. Es war schon erstaunlich, wie trocken es hier unten war. Eigentlich erwartet man, dass ein Bauernhof einen feuchten Keller mit tausend Ein- und Ausgängen hat, durch die Mäuse und Katzen ohne Probleme eindringen könnten. Hier war es aber gar nicht so. Der Keller war dicht und trocken.
In der einen Ecke entdeckte Tina ein kleines Häufchen mit Sand. Mitten drin lagen sorgfältig verscharrt kleine Kotbällchen. Eines davon schien ganz frisch zu sein. Nun stand es eindeutig fest - in diesem Raum lebte eine Katze, man musste sie nur finden.
In der Zwischenzeit war auch Marianne eingetroffen. Sie besorgte sich eine grosse Leiter und eine Taschenlampe. Die drei Frauen durchstöberten jeden Winkel des dunklen Kellers. Unglaublich, dass hier ein Tier so lange überleben konnte, denn der Keller war dicht. Hierher konnte sich nun wirklich keine Maus verirren.
Endlich, nach langem Rufen und Suchen, sahen sie den total verängstigten Kater. Er sass unbeweglich ganz hinten in einer Ecke, im entlegendsten Winkel auf dem Hochregal. Er hatte sich hinter einem Korb versteckt. Nur seine weit aufgerissenen, glänzenden Augen hatten ihn verraten. Als Marianne ihn hervorlocken wollte, geriet er in Panik. Nun war allen klar, sein wilder Charakter war wieder durchgedrungen. Roy liess sich nur mit List einfangen. Jetzt sass er im Transportkorb und knurrte wild. Er wusste nicht, dass dies Hilfe in letzter Minute war, denn lange hätte er so nicht mehr überlebt. Bald wäre er verhungert, elendiglich krepiert.
Die drei Frauen hoben Roy ins Auto und fuhren zurück zur Auffangstation. Dort liessen sie ihn frei. Er schien unverletzt zu sein. Maja konnte sehen, dass er dünn geworden war. Sie kannte ihn als Kater mit dicken Backen und wohlgeformten Bäuchlein. Nun war er nur noch Haut und Knochen, doch immerhin lebte er noch. Er würde Tage, nein Wochen und Monate brauchen, um sein Abenteuer zu verdauen und zu vergessen. Marianne versprach Maja, dass Roy nun bei ihr bleiben dürfe, mindestens so lange, bis er sein Abenteuer verarbeitet hatte.
Als die drei Frauen sich trennten, wussten alle, dass Roy einen besonderen Schutzengel gehabt hatte. Es war reiner Zufall, dass Tina das Inserat in der Zeitung gelesen und Kontakt mit Maja aufgenommen hatte.
Auch wusste Tina vom leerstehenden Bauernhaus und den beiden Katzen, die dort lebten. Sie war damals auf der Suche nach Wulli darauf gestossen. Sie brauchte zwar etwas Zeit, um den Namen der Frau herauszufinden, die sich
heute um die verwaisten Katzen beim leerstehenden Haus kümmerte.
Mit gemischten Gefühlen gingen alle nach Hause. Sie blieben noch lange in Kontakt und berichteten sich gegenseitig, wie es Roy ging. Dieser bekam auch regelmässig Besuch von seinen Retterinnen. Sie wollten die Veränderung an Roy sehen, mitverfolgen wie er sich von den Schrecken der letzten Wochen erholte. Es dauerte nicht lange und Roy legte sich bei ihrem Besuch wieder auf den Rücken und liess sich schnurrend den Bauch kraulen. Er war kaum wiederzuerkennen. Vor kurzer Zeit hatten sie einen verängstigten, verwilderten und panischen Kater eingefangen und nach so kurzer Zeit war aus dieser unterernährten Kreatur wieder ein wunderschönes Tier geworden. Er machte seinem neuen Namen wirklich Ehre und wurde von den Kätzinnen in der Auffangstation bewundert und umworben. Er war ein King und genoss es, von allen beschnuppert zu werden.
Oft lag er mitten im Kreise der Katzendamen und erzählte ihnen von den Erlebnissen der letzten Wochen. Sie schauten an ihm hoch und schnurrten ihm Koseworte ins Ohr. Manchmal leckten sie ihm die Ohren, ein Zeichen dafür, dass sie ihn liebten und bewunderten. Die Katzenfrauen wussten, dass Roy glücklich war, denn sonst hätte er sich ihnen nicht so einfach hingegeben. Eine Katze zeigt ihren Bauch nur den besten Freunden und wenn sie sich absolut in Sicherheit wiegt. Dies war Roys Art, den Frauen zu danken. Sie hatten unermüdlichen Einsatz gezeigt und ihm dadurch das Leben gerettet. Nach wenigen Wochen war er wieder der Alte geworden und seine Bäckchen waren wieder so rund wie vor seinem Verschwinden.