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Ich muss meine Niederlage eingestehen. Ich habe normalerweise kein Problem damit, englische Literatur des 18. Jahrhunderts im Original zu lesen. Ich habe auch kein Problem damit, (nach einer gewissen Eingewöhnungszeit) das schottische Englisch zumindest der Gegend um Edinburgh zu verstehen. Ich habe normalerweise auch kein Problem damit, englische Lyrik zu verstehen, selbst wenn sie vor 250 Jahren geschrieben worden ist. Bei Robert Burns aber muss ich kapitulieren.
Das liegt vor allem daran, dass Burns seine Gedichte mit mehr oder weniger starken Anleihen beim ‘Scots’ geschrieben hat – ‘Scots’ jene linguistische Ausdrucksform, bei der sich die Fachleute bis heute streiten, ob sie einfach ein Dialekt der englischen Sprache sei oder gar eine eigene Sprache. Selbst wenn ich bei einem 250 Jahre alten Gedicht mal ein Wort nicht verstehe, kann ich doch Rhythmus, Reim und Klang der Sprache nachvollziehen. Burns’ ‘Scots’ entzieht sich mir auch diesbezüglich.
Dabei gilt Burns als der Dichter, der – nach Shakespeare – im englischen Sprachraum am meisten zitiert wird. (Nur die Bibel wird wohl noch öfter zitiert als Shakespeare und Burns zusammen.) Burns wurde 1759 in Schottland geboren, lebte dort und starb 1796 auch dort. Seine Gedichte behandeln seinen Alltag – und Burns bewirtschaftete eine Zeitlang einen Bauernhof. Er war kein erfolgreicher Bauer. Er war ein äusserst erfolgreicher und berühmter Dichter. Seine Liebe zur Französischen Revolution kostete ihn die Liebe seiner Zeitgenossen, vor allem seiner reichen Gönner, und er starb getreu dem romantischen Dichter-Klischée verarmt und versoffen. Erst nach seinem Tod hat ihn der schottische Nationalismus entdeckt und zum schottischen Nationaldichter gemacht. Erst nach seinem Tod wurde auch sein stilbildender Einfluss auf die Romantik (Wordsworth, Coleridge, Shelley) entdeckt.
Dem breiten Publikum im englischen Sprachraum ist wohl Auld Lang Syne am besten bekannt – auch wenn nicht alle wissen, dass der Text dieses traditionell zum Jahreswechsel gesungenen Lieds von Burns verfasst wurde. (Auld Lang Syne wäre wohl mit ‘Lang, lang ist’s her’ zu übersetzen?)
Die deutsche Literatur hat durch die Übersetzung Freiligraths Is There for Honest Poverty, oder verbreiteter A Man’s a Man for A’ That, aufgenommen – ein Gedicht, in dem Burns, inspiriert durch Thomas Paines The Rights of Man von 1791/92, den Wunsch nach Gleichheit und Gerechtigkeit ausdrückt, und das so dem Sozialismus ebenso wie dem schottischen Nationalismus dienen konnte und kann. Ja, die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, die etwa zu Burns’ Zeit in Grossbritannien entstand, bediente sich ebenfalls seiner. Freiligraths Übersetzung, Trotz Alledem, wiederum entstand 1844, kurz vor der Märzrevolution von 1848/49. Sie wurde in der zweiten Fassung 1848 in der von Karl Marx herausgegebenen Neuen Rheinischen Zeitung veröffentlicht.
Wer aber kennt schon Burns’ Gedicht Address to a Haggis – seine Ode an das für jeden Nicht-Schotten absolut ungeniessbare schottische Nationalgericht? (Nicht, dass ich davon sehr viel verstanden hätte, denn gerade hier verfällt Burns sehr stark in sein ‘Scots’.)
Wie gesagt: Ich kapituliere. Ich verstehe gerade genug, um zu sehen, dass hier ein ausgezeichneter Lyriker unterwegs ist, aber nicht genug, um diese Lyrik goûtieren zu können…