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«Es ist Winter.
Alles ist voll Schnee.
Ich kann schon ein Wort in der fremden Sprache.
Salü.»
(Aus: «Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat», 3. Auflage, Bern 1998)
Kurz aufeinander musste ich mir zwei fremde Sprachen aneignen
Als ich 6jährig in meinem Heimatdorf S. Sofia d’Epiro in die Schule kam, war es das Italienische. S. Sofia gehört zu jenen wenigen Dörfern in Kalabrien, in denen noch altes Albanisch gesprochen wird.
Arbreshë. Eine Sprache, die meine Vorfahren, um 1450 n. Chr. auf der Flucht vor den Osmanen, aus Epiros mitgenommen haben.
Für mich war damals das Italienische eine aufgezwungene Sprache, eine Sprache, die in Verbindung stand zu strengen und schlagenden Lehrern. Eine Sprache der Befehle.
Die Liebe zum Italienischen kam erst viel später. Eine Aneignung, die Mühe und Helfer brauchte. Paperino, Topolino, Tex, Dante, Montale, Gazetta dello Sport, Unità, Svevo, Primo Levi, Pier Paolo Pasolini, um einige wenige zu nennen.
Zu jener Zeit stand in S. Sofia sehr wenig in Verbindung mit dem Italienischen. Es gab noch kaum Fernseher, kaum Radios. Nur ein paar Zeitungen in der Bar Beppe, politische Affichen, und Gesetze. Die Wörter, die mit den Sachen gekommen waren, empfanden wir nicht als fremdsprachlich: Makkin (Maschine, Auto), Frigorifer (Kühlschrank), Past (Pasta), Mortadelja (Mortadella), Television (Fernseher), usw.
Ich lernte Italienisch wie man eine Fremdsprache lernt, obwohl in der Schule nur diese Sprache gesprochen wurde und gesprochen werden durfte.
«Albanisch ist keine Sprache, sagt der Lehrer,
er spricht nur Italienisch.
Niemand verstehe uns.
Jetzt weiss ich, warum meine Eltern nicht verstanden werden
im Ausland.»
(Aus: «Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat», 3. Auflage, Bern 1998)
Kaum hatte ich mich in dieser Welt mit zwei Sprachkreisen eingerichtet, musste ich sie verlassen. Meine Eltern, die nach langem, demütigendem Suchen eine Wohnung gefunden hatten, holten mich in die Schweiz. Ich verliess das Dorf, einen zögerlich winkenden Grossvater und eine weinende Grossmutter an einem regnerisch-warmen Wintertag kurz vor Weihnachten.
Ich kam in eine weisse Gegend voller Schnee. Das Weiss machte mich orientierungslos. Ich fühlte mich in eine Welt ohne Koordinaten versetzt, mit einem Horizont, der nur bis zu meiner Hand reichte. Ich besass zwei Sprachen und konnte keine davon ausserhalb der Familie in Rede umsetzen.
Ich wurde nicht sprachlos, sondern stumm. Ich fühlte mich zum Kleinkind degradiert.
Nach dem ersten Salü begann ich langsam das Schweigen zu brechen. Es kam die Zeit des «Ja, ja» und des «Nein, nein».
Eine Woche Ja und eine Woche Nein, das war meine Methode. Mein Spiel.
Man ertappte mich dabei. Ich wurde zum Lügner. Zum Lügner in einer Sprache, die ich nicht verstand.
Du sagst immer ja.
Ja.
Du sagst immer nein.
Nein.
Damals hatte ich mich noch nicht mit dem Phänomen der sprachlichen Verneinung beschäftigt. Die sprachliche Verneinung kann nicht annullieren. Ein Urteil der Nichtexistenz besitzt auch den formalen Status eines Existenzurteils. «Die Verneinung ist eine Art, sich dessen bewusst zu werden, was verdrängt wird und ist eigentlich selbst eine Aufhebung der Verdrängung, die jedoch nicht eine Bejahung dessen ist, was verdrängt wurde», sagt Freud.
In der Nein-Woche war ich ein unmöglicher Mensch.
Damals dachte ich, dass man wegen mir in Lützelflüh behauptete, dass die Italiener lügen.
Erwischte man mich in einer Ja-Woche, dann konnte ich sogar zu den schlimmsten Anschuldigungen ja sagen.
Ihr fresst doch Katzen? Gib es zu!
Ja.
Katzenfresser, Maiser, Messerwerfer, Mafiosi, Gotthardchinesen.
Das alles wegen meines Spiels.
In der Schule gaben mir die Zahlen den nötigen Halt. Geschriebene Zahlen waren meine Freiheit, meine Rettung. Ich konnte sie riechen, sie zärtlich streicheln, konnte mich mit ihnen mitteilen. In der Welt der Zahlen war ich meinen Mitschülern gleichgestellt. Die Zahlen gaben mir Resultate und Erfolge. Ich stürzte mich in ihre Welt. Sie gaben mir das Sein und die Berechtigung dazu in einer Umgebung, in der ich die Rede verloren hatte.
Mit der Zeit – wie lange das dauerte, weiss ich nicht mehr – begann ich mit der Welt, die mich umgab, eine Art Freundschaft zu schliessen. Mit den Dingen kamen auch die Namen zu mir und vor allem ihr Ton: Schue-Schueu, Buuch-Buech, Haus-Aus (Alles), Haut (Halt) – Aut (Alt) – Haut (ist halt so), das obligate Miuchmäuchterli und Chuchichäschtli.
Ich lernte die neue Sprache so wie man die Muttersprache lernt. Ich lernte nicht nur den Gebrauch von Bedeutungen, sondern den Umgang mit ihnen, den gesellschaftlich geregelten Gebrauch von Sprachmaterial.
Das Berndeutsche «es geit» (es geht), zum Beispiel, war für mich ein Gemütszustand, den es nur in Lützelflüh gab und sicher nicht eine Entsprechung des «si do Krishti» in der Muttersprache.
Es erinnert mich an die Geschichte eines deutschen Juden in New York, der gefragt wurde, ob er nicht «happy» sei, in dieser Stadt leben zu können. Happy sei er schon, soll er geantwortet haben, aber nicht glücklich.
Fehler und deswegen kleine Lügen blieben noch eine Weile. Hausweh (Halsweh) war bei mir immer in der Nähe von «Ausweh» (Allesweh), einem Zustand, den ich sehr genoss. Wenn schon weh, lieber alles weh. Der Schmerz erinnerte mich an richtiges, wahres Dasein.
Weinerlicher Italiener, sagte Frau R. zu mir, wenn ich Ausweh hatte. Häufig ging ich wegen Buechweh nicht zur Schule …
Ich sprach Berndeutsch wie ein Kind, das mit zehn Jahren auf die Welt kommt.
«Das Kind lernt nicht, dass es Bücher gibt, dass es Sessel gibt, etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel setzen, etc.» (Ludwig Wittgenstein.)
«Mein Sohn spricht besser als ich. Mein Sohn
weiss mehr als ich.
Was für eine Mutter bin ich?
Als er klein war, hatte er Hunger, schrie nach Brot
und ich hatte kein Brot.
Was für eine Mutter war ich?
Ich kam in die Schweiz und liess ihn im Dorf zurück.
Er sollte dort zur Schule. Er sollte haben
was ich nicht hatte.
Aber ich hielt es nicht aus. Ich fürchtete, er könnte mir
wie die anderen wegsterben.»
(Aus: «Das Lachen der Schafe», 2. Auflage, Bern 1998)