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Das Schweizer Stimmvolk war von der Idee nicht begeistert, die Uhrzeit mit 24 Stunden statt zweimal 12 Stunden zu zählen. Ein erster Versuch, dies einzuführen, wurde bei einer Volksabstimmung 1912 abgelehnt. Der Bundesrat blieb aber dran und verordnete zum 1. Juni 1920 deren Einführung, wie in der «Andelfinger Zeitung» vom 5. Juni 1920 zu lesen ist: «Aber unser hoher Bundesrat hat nicht mehr länger gezögert. Die romanischen Nachbarländer haben die 24-Stunden-Zählung – also muss die Schweiz sie auch haben.»
Wie dem Text von damals zu entnehmen ist, war der Schreiber gegen die Einführung. Er führte Beispiele an, wo das gar nicht umzusetzen sei: Beim Glockenschlag der Kirchen, der nächtlichen Heimkehr und beim z´Vieri – man sagt bis heute nicht: «zum z’Sächzähni». Er fährt fort: «Ob der Volksmund die neuen Bezeichnungen anwenden wird oder nicht, ist den Behörden Schnuppe. Die Hauptsache ist, dass sie auf dem Papier stehen: auf Fahrplänen, amtlichen Aktenstücken, im Geburtsschein, usw.»
Verwechslungen vermeiden
Genau darum ging es den Behörden bei der Einführung: um Klarheit bei der zeitlichen Bezeichnung in Schriftstücken. Dies war vor allem bei Fahrplänen der Eisenbahn und beim Militär wichtig, um Verwechslungen bei der Kommunikation von Zeiten auszuschliessen, wie einem Wikipedia-Eintrag zu entnehmen ist.
Dabei war die astronomische Stundenzählung, also die 24-Stunden-Zählung, schon vor dem Mittelalter bekannt. Die babylonischen oder griechischen Stunden begannen mit dem Sonnenaufgang, die italischen oder böhmischen Stunden mit dem Sonnenuntergang. Ab dem Mittelalter verbreitete sich die 24-Stunden-Zählung vor allem in gelehrten Kreisen mit dem Aufkommen mechanischer Räderwerke. Für sie war es aber ein technisches Problem, ungleich lange Tag- und Nachtzeiten darzustellen. Da aber nur wenige Menschen solche Uhren besassen, blieb die alte Stundenzählung bis ins 18. Jahrhundert gebräuchlich.
Bei Zifferblattuhren wurde es später normal, eine Uhr mit zweifacher 12-Stunden-Zählung zu haben – dafür wurden zum Teil unter die Ziffern der ersten Zählung die der zweiten gemalt: 1 und 13, 4 und 16. Akustisch liess sich dies aber nicht umsetzen: Bis heute schlägt jede Turmuhr maximal 12 Mal, bevor sie wieder mit einmal beginnt – egal ob 1 Uhr nachts oder 13 Uhr am Mittag.
Vor Österreich und Deutschland
Britisch-Indien war 1865 das erste Land, das die neue 24-Stunden-Zählung einführte, ein Jahr später folgte Kanada. Italien zog 1893 nach, Frankreich 1912 und die Schweiz dann 1920 – noch vor Österreich (1921) und Deutschland (1927). Oft bestanden, laut Wikipedia, beide Zählarten lange nebeneinander. Durch die Digitalisierung hat sich die neue Zählweise in den meisten Ländern der Welt durchgesetzt. Die 12-Stunden-Zählung wird aber in Teilen der englischsprachigen Welt, Lateinamerika und den Philippinen mit dem Zusatz a.m. beziehungsweise p.m. für «vormittags» und «nachmittags» noch heute eingesetzt. In der mündlichen Alltagssprache ist es auch bei uns immer noch üblich, die 12-Stunden-Zählung anzuwenden. Am Nachmittag ist es halb Vier, statt 15.30 Uhr. Auch wenn Computer, Handy und Co. die 24-Stunden-Zählung bevorzugen.
Vor 100 Jahren befürchtete der Schreiber in der «Andelfinger Zeitung» Schlimmes: «So gibt es alle Tage etwas Neues, daran man sich gewöhnen soll. Wer am Alten hängt, kommt unter die Räder der Neuzeit.» Dies stimmt anscheinend nicht so ganz – immerhin hat zumindest bei der Uhrzeit in der Alltagssprache immer noch die alte Zählung Vorrang.