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Wer hat das Sprichwort „Carpe diem“ geprägt?
Im Studiensaal des Seminars standen in einem Rahmen die fetten Lettern „Nütze den Tag“, darunter kleingedruckt Horaz. Das Sprichwort hing wie ein Bild an der Wand und mahnte uns Lernende, fleissig zu arbeiten. In den katholischen Internaten hatte diese Aufforderung einen nicht ausgesprochenen moralischen Nachsatz: „Sei fleissig, lasse den Tag nicht nutzlos verstreichen! Müssiggang ist aller Laster Anfang.“ Wer dies nicht verstand, erhielt eine Mahnung durch den Präfekten. Ob dieser je die Ode von Horaz (65-8 v. Chr), in der das „carpe diem“ vorkommt, gelesen hat, weiss ich nicht. Aber nach seiner Art von Pädagogik vermute ich, dass er Horaz nur dem Namen nach kannte. Heidnische Autoren figurierten auf dem Römischen Index. Man durfte sie nicht lesen. Dies aber tat ich später:
„Sei weise und kläre den Wein, und schränke auf dies kurze Leben /
deine weitstrebenden Hoffnungen ein. Indem wir sprechen, fliehn die neidischen Jahre. /
Ergreife den Tag, und traue nicht leichtgläubig dem kommenden.“
Mit dem zitierten Schluss der Ode gab Horaz seiner Freundin Leuconoë den Rat, das Leben zu geniessen und es nicht mit falschen Wünschen zu verspielen.
Carpe diem hiess in der Übersetzung also „den Tag ergreifen“. Ich übersetzte es bei Gelegenheit mit: „Pflücke oder packe den Tag“. An „Nütze den Tag“ dachte ich kaum, denn der Tag forderte eh, was zu tun war. Aber es kamen Tage auf mich zu, an denen ich zupacken konnte, an denen eine Sache zum Pflücken reif war. Als Knabe wartete ich jeden Herbst auf die Berner Rosen Äpfel, die am Baum reiften. Riss ich einen noch grünen Apfel vom Ast, kam gleich der ganze Zweig mit. Ein Gedicht, das weiss ich heute, kann ich nicht schreiben, wenn es mir nicht zufällt. Letzthin beobachtete ich am blauen Himmel eine einzige Wolke. Der Wind trieb sie langsam weiter. Sie verwandelte sich in Figuren. Sie inspirierte mich zu einem kleinen Gedicht:
„Am lichten blauen Himmel /
eine Wolke wie ein Krokodil /
von einem wolligen Schaf dann verschluckt, /
das bald Hörner bekam wie /
ein Steinbock, sich auflöste in Dunst, /
wie die Chimäre eines /
Menschen, der sich erhofft, /
was ihm nicht vergönnt ist.“
Eine Chimäre täuscht den Menschen. Sie ist ein Trugbild, das sich nicht ergreifen lässt. Ein Wunsch erfüllt sich nicht auf Befehl, und trotzdem braucht der Mensch Wünsche. Ohne sie stellt sich nichts ein, das er packen kann. Packt er ihn nicht, ist er für immer verloren. Das Leben lässt sich nicht planen. Das weiss jede Politikerin und jeder Politiker und alle, die auf eine Karriere hoffen. Ergibt sich keine Konstellation, in dem sie oder er mit seiner Art und Charakter hineinpasst, gibt es nichts zu pflücken. Weitstrebende Hoffnungen allein lassen keine Karriere reifen. Wer sich auf seinen Lebensweg macht, muss also den Wein klären, das Glas ergreifen, wenn es halbvoll oder halbleer vor ihm steht.
Die arme Leukonoë bemühte sich bei Astrologen um ein gutes Horoskop und verschwendete bei Wahrsagern viel Zeit. Sie bekümmerte sich um ihre Zukunft und vergass die Gegenwart. Hätte sie den Wein geklärt, wäre ihr bewusst geworden, welche Möglichkeiten sie hat. Gewiss wäre für sie der Moment gekommen, wo einer ihrer Wünsche wahr geworden wäre. Mit „carpe diem“ belehrt Horaz einerseits seine Freundin, andererseits lehrt er uns noch heute, was wir zu tun haben. So ganz unrecht hatten die Klosterschulen mit dem „Nütze den Tag“ nicht, denn ohne Anstrengung gibt es keine Früchte zu pflücken.