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Jutta Rupli (71) übergibt ihre Boutique Brochet in neue Hände
Hecht in fliessendem Gewässer
Vor 46 Jahren hat sie zusammen mit ihrer Mutter an der Weiten Gasse 3 eine Boutique eröffnet, als es in der Umgebung noch viele Handwerksbetriebe gab und ein Modegeschäft etwas Neuartiges war. Nun gibt Jutta Rupli ihren Laden in neue Hände.
«Als meine Mutter und ich den Laden 1967 eröffneten, hatte es in der Nachbarschaft noch viele Handwerker», erinnert sich Jutta Rupli. Gleich nebenan war die Schlosserei Dietrich, daneben Reklame Matthis, später kam Casablanca. Zuoberst an der Gasse war Eisenwaren Bender, bis zum Abbruch des Hauses 1967, wo sodann Forma Viva einzog. Es zirkulierten der Glasmann und Scherenschleifer in den Gassen, und die Quartierbewohner trafen sich im benachbarten Restaurant «Eckstein». Die Weite Gasse hatte noch Trottoirs und der Hechtplatz war ein Parkplatz.
In dieser Umgebung war der Laden ein Unikum. «Einzig beim Bahnhof gab es eine bekannte Boutique», so Jutta Rupli weiter, «die Boutique Au Grenier.» Die ersten Jahre seien hart gewesen, sie hätten viel selber genäht, später dann in Paris eingekauft. Ihre Mutter war gelernte Haute-Couture-Schneiderin.
Sie selbst hat eine Verkaufslehre absolviert, bei der Papeterie Scholl an der Poststrasse. Sprachaufenthalte führten sie ins Welschland und nach England, eine Anstellung fand sie in der Bahnhof-Papeterie.
Bei Kaltenbach absolvierte sie einen Barmix-Kurs und arbeitete 1965 in der «Kronenhalle»-Bar bei Paul Nüesch, wo sie ein Jahr blieb.
Früher Depot für Weidlinge
Das Ladenlokal ist einiges über zehn Meter lang und schmal, knappe drei Meter. Das Haus, das sich nahtlos in die Häuserfront einfügt, ist selbst nicht viel breiter. Neben dem Laden ist nur noch der Hauseingang. «Hier war ganz früher mal die Schifflände», weiss Jutta Rupli, «und im heutigen Laden hat man Weidlinge versorgt.»
Um den Laden übernehmen zu können, mussten die zwei Frauen dem Vormieter 10 000 Franken bezahlen. Ein früher Fall des heute so grassierenden Schlüsselgeldes also. Vor 18 Jahren hat die Hauseigentümerin Frau Noldin das Haus verkauft, an Verena und Paul Brändli: «Hochanständige Leute!» Sie haben den Laden schön umgebaut, ihr eine weiterhin günstige Miete angeboten und gesagt: «Wir brauchen keinen Vertrag.»
In der «Kronenhalle»-Bar
Sie war längst in der Boutique tätig, als Paul Nüesch sie anfragte, ob sie wohl für zwei Wochen als Aushilfe einspringen könnte. Sie sagte zu, und aus den zwei Wochen sind zwei Jahre geworden.
«Es war Hochkonjunktur», erzählt Jutta Rupli, «alles kam in die ‹Kronenhalle› und in die Bar.» Und es sprudeln Namen aus ihr heraus von prominenten Gästen, die sie bedient hat: Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Hugo Loetscher, Joan Miró, Marc Chagall, die Schauspieler vom Pfauen, der Schauspieler Curt Jürgens. Weiter Yves Saint Laurent, dann der Schah von Persien und König Konstantin von Griechenland. Neben allen anderen, Normalsterblichen. «Da hat man in Schicksale hinein gesehen und gemerkt: es ist nicht alles Gold, was glänzt. Da kommt vieles aus, wänns dänn echli ggüügelet händ. Jedoch: Wir haben nur zuhören dürfen, nicht reden, Diskretion war oberstes Gebot hinter der Theke.»
Und obwohl sie das alles sehr mochte und Gustav Zumsteg als Chef sehr geschätzt hat: Mit 65 Jahren ist ihre Mutter in Pension gegangen und so hat Jutta die Boutique übernommen, 1972 war das. Den Einkauf machte sie in Mailand, war fokussiert auf italienische Mode, ist auf «Weekend by Max Mara» gestossen und dem Label treu geblieben ebenso wie den «Cambio»-Hosen, die sie führt. Damit hat sie eine beachtliche Stammkundschaft aufgebaut. Und nur wegen dieser treuen Kundschaft hat sie so lange weitergemacht.
Fliessender Übergang
Nun ist die Zeit gekommen, selbst in Pension zu gehen. Sie freut sich sehr darauf: «Keine Angst, ich muss weder in einen Mal-, noch in einen Töpferkurs. Mein Hund bestimmt den Alltag, ich bin sehr gern im Wald, habe Hundefreundschaften, liebe die Natur und das Reisen.» Das Interesse an fremden Völkern und Kulturen hat sie bereits nach Indien, in die Karibik und nach Marokko gebracht. Demnächst geht es erst mal nach Griechenland.
Mit dem Beginn des Ausverkaufs im Juni sei es im Laden zu- und hergegangen wie in einem Taubenschlag, innert Kürze habe sie die Hälfte verkauft gehabt. «Mein Plus war immer die Beratung und das Persönliche. Und das Preis-Leistungs-Verhältnis.» Fehlen werden ihr denn auch die Kundinnen und die netten Gespräche: «Zum Teil kommen sie seit dreissig Jahren, da haben sich Freundschaften entwickelt.» Zur Kundschaft ihrer Damenboutique zählt sie Frauen von 25 bis 85 Jahren.
Was sie ausserordentlich freut: Vor etwa zweieinhalb Jahren kam die langjährige Geschäftsführerin des Modegeschäfts «Fil à Fil» am Rennweg als Kundin in den Laden und erzählte, dass sie bald raus müsse, weil das Hotel Widder ein Restaurant einrichten wolle anstelle ihres Geschäfts. Sie sah sich im Raum um und sagte: «So etwas, das wäre mein Traum.»
Heute gehen Träume in Erfüllung. Jutta Rupli kann ihre geliebte Bou-
tique in die Hände von Katharina Panos übergeben, die den Laden mit dem bisherigen Sortiment, ergänzt um die «Fil à Fil»-Blusen, ab September weiterführen wird: «Es ist solch ein Glück für beide!» Sogar der Name bleibt sich gleich: Brochet, wie Hecht, direkt am Hechtplatz.
Elmar Melliger
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