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In den Kreis von Lee Miller, Artemisia Gentileschi oder Lee Krasner gehört auch Ottilie W. Roederstein (1859-1937). Nie gehört? Kein Wunder: Die Malerin aus Zürich machte zwar eine beeindruckende Karriere, wurde nach ihrem Tod aber komplett vergessen.
Einen Namen machte sie sich mit ihren Porträts. Roederstein konnte fast alles: duftig leichte Damenbildnisse, dunkelmelancholische Seelenporträts oder Bildnisse, die an Altmeister wie Holbein erinnern. Roederstein beherrschte Technik, Inszenierung und den Wow-Effekt.
Ausbildung über Umwege
Die Tochter aus einer Kaufmannsfamilie begann mit 17 Jahren ihre künstlerische Ausbildung. Frauen wurden zu dieser Zeit allerdings noch nicht an Kunst-Akademien zugelassen, Roederstein blieb nur der Weg über private Lehrer und Akademien – in Zürich, Berlin und später in Paris.
Dort erregte sie Aufsehen, lancierte sich auf dem Kunstmarkt und lernte Velo fahren. In der Schweiz war das für Damen noch undenkbar. Nach Zürich zurückgekehrt, traf sie ihre langjährige Lebensgefährtin, die Gynäkologin Elisabeth Winterhalter. Die beiden Frauen zogen nach Frankfurt und machten Karriere.
Unkonventionelle Traditionalistin
Roederstein brach mit gesellschaftlichen Konventionen, aber nicht mit den Regeln der Kunst. Sie war keine Avantgardistin und setzte künstlerische Innovationen, wie die Farbräusche des Impressionismus, erst dann ein, als diese sich etabliert hatten. Roederstein bediente den Geschmack des bürgerlichen Publikums, das ihre Bilder kaufen sollte.
Avantgarde muss man sich leisten können. Das ist eine der Einsichten, die mit der Wiederentdeckung Ottilie Roedersteins verknüpft ist. Roederstein musste als Selbstständige reüssieren, denn sie blieb unverheiratet und hatte keine wohlhabende Familie im Rücken, wie etwa die Impressionistin Berthe Morisot.
Sie war also auf den Verkauf ihrer Werke angewiesen, und das sieht man ihren Bildern an. Manche Porträts sind süsslich, jedes Auge hat einen unwiderstehlichen Glanz, später findet sie zu einem kühlen sachlichen Stil, der gefällt, aber nicht überrascht.
Erfolgreich und vergessen
Als Ottilie W. Roederstein 1937 stirbt, ist sie eine der anerkanntesten Künstlerinnen im deutschsprachigen Raum. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wird sie komplett vergessen. Vermutlich wegen der Zäsur des Krieges. Und weil figürliche Malerei erst mal total passé ist. Und die Wiederentdeckung des Figurativen beginnt bei den Männern.
Ausstellungshinweis
Die Ausstellung «Ottilie W. Roederstein. Eine Schweizer Künstlerin wiederentdeckt, Link öffnet in einem neuen Fenster», momentan aufgrund von Corona geschlossen, ist vom 23. Januar bis am 5. April 2021 im Kunsthaus Zürich zu sehen.
Mit der grossen Ausstellung im Kunsthaus Zürich, die pandemiebedingt geschlossen und ab dem 23. Januar wieder geöffnet ist, kommt jetzt Roederstein dran. Ihre Karriere und die vielen überwundenen Widerstände sind ohne Zweifel kunsthistorisch bedeutsam. Aber sind es auch ihre Bilder?
Kratzen am Kanon
Nicht, wenn Kunst als Abfolge von Avantgarden verstanden wird, wobei jeweils nur die neueste Innovation in die Geschichte eingeht. «Aber ich finde, wir müssen Kunstgeschichte auch mal anders denken», so die Kuratorin der Ausstellung im Zürcher Kunsthaus, Sandra Gianfreda. Relevant werden so auch Werke bereits etablierter Kunstrichtungen.
Wiederentdeckungen fügen dem Kunst-Kanon also nicht bloss eine Reihe weiterer weiblicher Namen hinzu, sie haben Konsequenzen – auch für die Kunstgeschichtsschreibung.