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In Frankreich gibt es den Chansonnier, in England und den USA den Singer-Songwriter, in Italien den cantautore und in Russland den Barden. Aber im deutschen Sprachraum gab es für jene Musikerinnen und Musiker, die Lieder singen und sich dabei selbst begleiten bis Anfang der 1960er-Jahre gar kein Wort. «Das Kind brauchte einen Namen», sagte Wolf Biermann: «Also, der Liedermacher.»
Ein Wort wie Schuhmacher
Für seine Wortschöpfung hatte er ein Vorbild: «Stückeschreiber» von Bertolt Brecht. Eine Bezeichnung, in der die Nähe zur Arbeiterklasse mitschwingt, die das Alltägliche und Niederschwellige betont. Diese Assoziation hatte er beabsichtigt: «Es sollte ein Wort sein wie Schuhmacher oder Perückenmacher. Es sollte den lähmenden Aspekt mindern, es sollte ermuntern, selbst Lieder zu schreiben, indem es die handwerkliche Seite, die erlernbare, deutlicher zur Erscheinung bringt.»
Doch genau diese Aura des Handwerklichen stört einige Liedermacher. Für sie klingt das Wort nach Dilettantismus. Der Berliner Hans-Eckardt Wenzel, der sich lieber als Weltmusiker oder als singender Poet bezeichnet, empfindet den Begriff sogar als Schimpfwort: «Erstens ‹macht› man das nicht, mir missfällt das Verb, ich arbeite mit Sprache. Und: das Wort Liedermacher impliziert für mich immer so etwas Gewerkeltes, so was Folkloristisches.»
Handwerk oder Kunst?
Doch woraus besteht dieses Kunsthandwerk des Liedermachens? Erstens aus einer Personalunion: Dass der Sänger oder die Sängerin gleichzeitig Texter, Komponist und Begleiter ist – «Allesauseinemgussverfahren» nennt das der Liedermacher Kurt Demmler.
Zweitens, dass die Liedtexte eine Message haben: die kann politisch und gesellschaftskritisch oder einfach eine persönliche Geschichte sein. Und drittens soll die Musik den Text nicht nur servieren, sagt Biermann: «Auf jeden Fall soll sie etwas leisten, was der Text selber nicht hat. Ein guter Liedtext muss in einer bestimmten Weise unvollkommen sein.»
Vor dem Wort Liedermacher steht heute ein «Neo»: seit einigen Jahren befreien deutsche Musiker wie Tim Bendzko, Dota Kehr oder die Schweizer Nils Althaus oder Vera Kaa das Genre vom 68er-Staub. Aber Moment, wie heisst das Genre nun genau? Götz Widmann hat da einen Vorschlag: «Liedermaching».