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Das Wichtigste in Kürze
- Ben (gespielt von Benjamin Burger) lebt in einem ausgestorbenen Theater.
Vor leeren Rängen hält er Monologe und filmt sich dabei, die Kassetten sammelt er in einem fensterlosen, chaotischen Hinterraum. Er meditiert in einem kargen Zimmer, dem vielleicht einzigen, das vom Tageslicht durchflutet wird, und isst, was der Kiosk hergibt. Schokolade, Popcorn, Chips - endliche Ressourcen.
Ben ist auf der fiebrigen Suche nach Worten, die richtig kombiniert die Welt verändern sollen. Verändern oder zerstören, denn «Zerstörung ist die höchste aller Kunstformen» und «Kunst ist eine Massenvernichtungswaffe», wie er mehrmals sagt. Der einzige Draht zum Aussen ist «Enigma», eine Stimme, der Ben regelmässig durch ein tastenloses Telefon lauscht. Sie sagt ihm, dass er nie mehr ein Publikum haben werde.
Diese Synopsis klingt rätselhaft? So soll es sein. «In unserem Film gibt es ein grosses Geheimnis», sagt Hauptdarsteller Benjamin Burger im Interview mit Keystone-SDA. «Es liegt am Zuschauenden, es zu entschlüsseln». Dabei gebe es kein Richtig und kein Falsch, ergänzt Dimitri Stapfer, der mit «Das Maddock Manifest» sein Regiedebüt feiert. «Das Publikum muss für sich selbst entscheiden, wie es den Film interpretieren will.»
Einen Bezug zur Pandemie herzustellen, liegt auf der Hand. Schliesslich ist sie der Grund, warum es überhaupt zu diesem Projekt kam. Als «gestrandete Schauspieler» trafen sich Stapfer und Burger, die sich seit vielen Jahren kennen und in diversen Projekten zusammengearbeitet haben, während des ersten Lockdowns an der Sihl.
Burger hatte seine Tour mit der Soloperformance «Das Maddock Manifest» abbrechen müssen. Es ist ein Bühnenstück, in dem er seine «persönliche Sehnsucht nach Autonomie und Wirkmacht im heutigen Hyperkapitalismus» verhandelt und «dieses Begehren gleichzeitig selbstkritisch zur Disposition» stellt, wie er auf seiner Website schreibt.
Zwei Wochen nach diesem Treffen hätte Benjamin Burger seine Performance im «Roxy» Birsfelden gezeigt. Weil er die Erlaubnis hatte, das Theater trotz Schliessung zu nutzen, und weil das Produktionsbudget für seine Performance noch nicht ausgeschöpft war, entstand die Idee, das Stück zu verfilmen.
Innerhalb von wenigen Tagen trommelte das Kreativduo ein Team zusammen und feilte an der Idee, «die Figur aus dem Solostück herauszunehmen und in dem leeren Theater frei zu lassen, um zu sehen wo es die Figur hinführt und welche Welt sich um sie herum offenbart». Man malte sich aus, was mit dem Protagonisten passiert, wenn das Publikum unverhofft fernbleibt und er alleine in der Isolation zurückbleibt. Entstanden ist eine ganz eigene Geschichte, die sich vom Theaterstück ablöst - eine bildstarke «moderne Fabel über Einsamkeit und den Wunsch nach Berührung und Veränderung», wie es Dimitri Stapfer beschreibt.
«Der Film kombiniert Autobiografisches mit Dokumentarischem und Fiktionalem», so Burger. Und wenn die Figur des Ben dereinst wieder auf die Theaterbühnen zurückkehre, so werde sie viel erlebt und sich weiterentwickelt haben. «Das wird sich auch in den kommenden Wiederaufnahmen des Stücks bemerkbar machen.»
«Das Maddock Manifest» ist zwar aus einer misslichen Lage heraus entstanden, brachte aber eine Kreativitätslawine ins Rollen, die die beiden Macher bis heute beflügelt. «Es war faszinierend zu sehen, was in diesem Stück drinsteckt, wenn man den Deckel hebt und es herauswuchern lässt», so Burger. Stapfer war vor allem fasziniert von der Figur des Ben, der sich im Laufe des Projekts stetig weiterentwickelte.
Euphorisch reden die beiden im Zoom-Interview von «Symbiose», «Vertrautheit» und beidseitiger Faszination für die Leistung des anderen. Sie sind begeistert, dass es ihnen gelungen ist, in einem dynamischen Prozess einen stimmungsvollen Film zu erschaffen, ohne sich «auf einem Drehbuch ausruhen zu können», wie Stapfer es ausdrückt. «Wir hätten uns davor niemals hingesetzt und so einen Film geplant. Aber jetzt wissen wir: Genau solche Filme wollen wir machen», fügt Benjamin Burger hinzu.
In der Leinwandversion wird Ben die Bühne und auch das Theater irgendwann verlassen. Verantwortlich für diesen Schritt ins Aussen sei Filmeditor Wolfgang Weigl («Frieden»), erzählt Dimitri Stapfer. Er habe geraten, die Figur ausserhalb des «klaustrophobischen Theaters» zu zeigen. Die beiden Filmemacher verliessen sich auf dessen Intuition.
So kam es dazu, dass das Filmteam die Geschichte während des zweiten Lockdowns weiterspann, 25 Minuten brauchbaren Filmmaterials nachdrehte und das Ende des Films im verschneiten Tessiner Onseronetal stattfinden liess. Dort trifft Ben auf eine mysteriöse Hundegestalt. Auch um diese Begegnung zu deuten, ist die Fantasie des Zuschauenden gefragt.