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Text und Referent: Olivier Braun
Beginn des Lebens auf der Erde
Ein wichtiges Merkmal von Lebewesen ist, dass sie sich fortpflanzen können. Die ersten Lebewesen (u.a. einzellige Bakterien), die vor etwa 3.8 Milliarden Jahren gelebt haben, spalteten einen Teil von sich ab und es entstanden Nachkommen mit dem identischen genetischen Erbgut. Sie klonten sich.
Beginn der geschlechtlichen Fortpflanzung
Doch dann – vor etwa 600 Millionen Jahren – bekam diese effiziente ungeschlechtliche Vermehrung Konkurrenz. Einfache Organismen begannen, sich geschlechtlich fortzupflanzen. Fortan mussten viele Mehrzeller einen anderen Mehrzeller finden, mit dem sie genetisches Material austauschen konnten. Damit das funktioniert, spezialisierten sich einige Zellen zu Geschlechtszellen, die entweder das mütterliche oder väterliche Erbgut enthalten.
Doch warum erfand die Natur diese viel aufwändigere geschlechtliche Fortpflanzungsvariante? Diese Frage versuchte Olivier Braun, Referent an diesem Themenabend, als erstes zu beantworten. Er zeigte auf, dass die geschlechtliche Fortpflanzung die beste Voraussetzung schuf, damit sich die Lebewesen an die erdgeschichtlich dramatischen Umweltveränderungen in Bezug auf die Atmosphäre und die Temperatur anpassen konnten. Die Grundlage der geschlechtlichen Fortpflanzung ist die Meiose, eine Form der Zellteilung, bei welcher der doppelte Chromosomensatz, den die meisten Körperzellen besitzen, halbiert wird, wenn die Geschlechtszellen entstehen. Trifft eine Samenzelle mit diesem halbierten Chromosomensatz auf eine Eizelle, die ebenfalls einen halbierten Chromosomensatz hat, wird bei ihrer Verschmelzung der ursprüngliche doppelte Chromosomensatz wieder hergestellt – und das Erbgut der Eltern ist bei jedem Abkömmling neu kombiniert. Anders ausgedrückt unterscheidet sich jeder Abkömmling von seinen Eltern und von allen seinen Geschwistern. Dadurch war es möglich, dass im Verlauf der Evolution so viele verschiedene Pflanzen- und Tierarten entstehen konnten, die alle ihre eigenen Stärken zum Überleben entwickelten. Es ist auch eine Voraussetzung für die Optimierung des Immunsystems eines Lebewesens bzw. bei dessen Umgang mit Wirten und Parasiten.
Vielfältige Fortpflanzungsstrategien und Sexpraktiken
Der Referent gab einen Einblick in die unglaubliche Vielfalt an Fortpflanzungsstrategien der einzelnen Tierarten. So werden bei Fischen, Insekten und Reptilien sehr viele Eier im Wasser oder anderswo abgelegt, die nach der Befruchtung sich selbst überlassen sind in der Hoffnung, dass eine gewisse Anzahl davon überlebt. Bei den Säugetieren hingegen werden wenige Nachkommen produziert und es wird mehr Zeit in die Aufzucht der Jungen investiert. Meistens ist das Weibchen dafür zuständig, manchmal zusammen mit dem Männchen. Oft investieren die Männchen viel Energie in den Konkurrenzkampf, wenn der Lohn, nämlich die Aussicht auf die Befruchtung mehrerer Weibchen, gross genug ist. Interessant ist auch die Tatsache, dass viele Tierarten sich fakultativ ungeschlechtlich und geschlechtlich fortpflanzen können. Der Wasserfloh beispielsweise erzeugt seine Abkömmlinge asexuell eher im Frühling/Sommer und sexuell eher im Winter, wenn die Bedingungen härter sind und widerstandsfähigere junge nötig sind. Zu erwähnen sind auch die Zwitter, welche weibliche und männliche Geschlechtszellen besitzen. Bei den langsam sich fortbewegenden Weinbergschnecken ist dies von Vorteil, weil sie sich mit jeder anderen Schnecke, der sie begegnen, paaren können.
Auch in Bezug auf Sexualpraktiken findet man im Tierreich alles, was wir beim Menschen auch kennen, und noch viel mehr. Dazu gehören beispielsweise Selbstbefriedigung, Homosexualität, Sex mit Tieren anderer Gattungen, Sadomasochismus bei Weinbergschnecken, wo der eine Partner dem anderen einen sog. «Liebespfeil» in den Körper bohrt, um ihn sexuell auf Touren zu bringen, oder der Kannibalismus unter Partnern, bei welchem das Weibchen das Männchen nach der Begattung auffrisst (u.a. die Gottesanbeterin).
Bonobos, Schimpansen, Gibbons und Gorillas
Anschliessend konzentrierte sich der Referent auf Menschenaffen, die nächsten Verwandten der Menschen. Die Bonobos beispielsweise bilden friedliebende Gemeinschaften dank starker Bindungen unter den Weibchen. Sie besitzen einen enormen Sexualtrieb. Oft geht die Initiative für Sex vom Weibchen aus, das sich 7 – 8 Mal hintereinander mit verschiedenen Männchen paaren kann. Bei den Bonobos ist Sex wichtig für den Gruppenzusammenhang.
Auch bei den Schimpansen ist Sex wichtig, und die Männchen und Weibchen treiben es ebenfalls bunt durcheinander. Allerdings sind sie machtbesessen, eifersüchtig, hinterlistig, aggressiv und gewalttätig. Bei ihnen sind die Bindungen unter den Männchen stark, und es bilden sich immer wieder neue Allianzen. Es gibt Morde, organisierte Kriegszüge, Vergewaltigungen und Kindstötungen.
In den Regenwälder Südostasiens leben die Gibbons. Jedes Paar bildet eine Kernfamilie, welche ein begrenztes Territorium durch lautstarkes Gebrüll verteidigt. Sie haben wenige Interaktionen mit anderen Kernfamilien und sollen eine beschränkte Intelligenz (Lernfähigkeit) haben. Gibbons leben monogam, wobei es gelegentlich auch zu Seitensprünge kommen kann.
Bei den Gorillas leben die dominanten Männchen mit mehreren Weibchen und den Jungen zusammen. Das Gorillamännchen investiert seine ganze Energie in den Konkurrenzkampf. Es ist doppelt so gross wie das Weibchen und mit mächtigen Muskeln ausgestattet. Die unterlegenen Männchen gehen bezüglich der Fortpflanzung leer aus.
Der Mensch und sein Sexualverhalten in der Gesellschaft
Die Evolution hat dem Menschen ein grosses Gehirn gegeben, das ihm das Sprechen und eine gute Interaktion mit den Mitmenschen ermöglichte. Er ist aber auch mit einem sehr starken Sexualtrieb ausgestattet, der neben der Fortpflanzung zum grossen Teil der Lust dient. Die durchschnittliche Kopulationsdauer ist wesentlich länger als bei den Bonobos. Für die Lust spricht auch, dass die Frau im Gegensatz zu den Bonoboweibchen nicht nur in der Phase des Eisprungs eine starke Sexbereitschaft zeigt, und dass die Frau einen lustvollen Orgasmus erleben kann, obwohl dieser für die Fortpflanzung nicht wirklich nötig ist.
Ab Beginn der Altsteinzeit vor 3.4 Millionen Jahren waren die Menschen Jäger und Sammler bzw. eine sog. Wildbeutergesellschaft. Damals paarten sich die Frauen mit verschiedenen Männern und die Männer mit verschiedenen Frauen (multimale – multifemale Paarung). Das Teilen von Nahrung und Sex war damals, wie bei vielen Tierarten, die beste Überlebensstrategie.
Ab Beginn der Jungsteinzeit (9’500 v. Chr.) begannen die Menschen mit dem Ackerbau und der Viehwirtschaft. Damit änderte sich das Prinzip der «Sex-Teilete». Für den Mann begann das Wissen, ob ein Kind von ihm stammt, wegen des Vererbens von Land wichtig zu werden. Damit änderte sich auch das «Sex-Teilete» unter Männern und Frauen. Die Monogamie oder die Polygynie verbreiteten sich in der Gesellschaft.
Noch etwas anderes änderte sich mit dem Aufkommen der Viehwirtschaft. Während der Wildbeuterzeit waren Männer und Frauen gleichberechtigt. Während dieser Zeit wurde die Vulva der Frau als Tor zum Leben religiös verehrt. Als die Viehwirtschaft aufkam und die Rinderzüchter den Zusammenhang zwischen Sex und Zeugung verstanden hatten, vergöttlichten sie ihr Ejakulat, die Hoden und den Phallus und bekämpften die Verehrung des Lebenstores, die Vulva. Sie verbreiteten die patriarchale Ideologie bei ihren Eroberungszügen bis nach Ägypten. Die Untersuchung weiblicher königlicher Mumien ergab, dass diese Frauen der höchsten Kaste Ägyptens beschnitten waren. Vermutlich geschah dies, nachdem sie ihre Kinder geboren hatten, um zu verhindern, dass sie sich mit anderen Männern einlassen konnten. Von Ägypten verbreitete sich dieses Ritual der Beschneidung u.a. über weite Teile Afrikas und in allen Bevölkerungsschichten.
Unter Berücksichtigung des starken und lustbetonten Sexualtriebes beim Menschen und der zwischenmenschlichen Bindungen, welche (wie bei den Bonobos) durch eine multimale-mutlifemale Paarung gefördert werden, müsste in menschlichen Gesellschaften eine liberale Sexualmoral vorherrschen. Dies ist nicht der Fall. Der Grund dafür ist u.a. das römische Erbrecht mit dem Idealbild der Monogamie, welches über Jahrhunderte die europäische Kulturgeschichte prägte. Für die Monogamie sprechen auch medizinische Gründe. So haben Chris Bauch, Mathematiker, und Richard McElreath, Anthropologe durch Simulationsmodelle am Computer nachweisen können, dass Geschlechtskrankheiten in Kleingruppen mit wenigen Dutzend Individuen von alleine wieder verschwinden, dass Geschlechtskrankheiten ab einer Gruppengrösse von 300 Menschen zu einem Dauerproblem werden.
Dass eine rigide praktizierte Monogamie beim starken Sexualtrieb der Menschen auch ihre Grenzen hat, zeigen die vielen, zum grossen Teil verborgenen Seitensprünge in unseren Gesellschaften. Die umfangreichste und im Jahr 2008 veröffentlichte Untersuchung stammt von der Georg-August-Universität in Göttingen, bei der 2387 Männer und 2601 Frauen in Deutschland befragt wurden, die alle in einer Partnerschaft lebten. Die Resultate lassen sich grob wie folgt zusammenfassen:
- 49% der Männer und 43% der Frauen waren mindestens 1 x untreu
Unter den Fremdgängern dauerten die Affären
- bei 41% der Männer und 46% der Frauen mindestens 1 Monat
- bei 25% der Männer und 25% der Frauen mindestens 6 Monate
Im Vortrag von Olivier Braun wurde der starke Einfluss der Religionen auf das Sexualverhalten der Menschen ausgeklammert, weil dieser Aspekt am nächsten Themenabend am 8. Mai 2018 von Beata Sievi behandelt wird.
Literaturverzeichnis
- Beer, Ragnar: Theratalk-Studie über offene Beziehungen und Seitensprünge, Georg-August-Universität Göttingen, 2008
- Fiedler, Peter: Sexualität. Reclam Sachbuch, 2017
- Hirschmann, Franziska: Eheformen in der Antike. Masterarbeit an Ludwig-Maximilian-Universität München, 2007
- Hoffmeister, Holger: Freies Lehrbuch der Biologie. Private Homepage, 2015
- Jimenez, Fanny: Die Erfindung des Sex. Wissen Online, 2012
- Konrad, Sandra: Das beherrschte Geschlecht. Piper Verlag, 2017
- Kokko, Hanna: Wozu braucht es Männer. Über die Vielfalt geschlechtlicher Fortpflanzungsstrategien in der Natur. Artikel in Schweizer Familie 46/2017.
- Ryan, Christopher & Jetha, Cacilda: Sex – Die wahre Geschichte. Klett Cotta Verlag, 2016
- Von Sengbusch, Peter: Fortpflanzungsarten. Botanik Online
- Wolf, Doris: Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens. Dewe Verlag, 2009