Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/3621

| Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen (Epistula ad Marcellinum)

Brief an Marcellinus
11.
Denn auch das ist in den Psalmen wieder auffallend, daß bei den übrigen Büchern das, was die Heiligen reden, und wovon sie reden, die Leser auf die beziehen, von denen es geschrieben ist, und die, welche es vernehmen, sich für Andere halten, als die, von denen die Rede ist, und die gemeldeten Thaten nur Bewunderung und das Verlangen erwecken, sie nachzuahmen. Wer aber dieses Buch zur Hand nimmt, geht die Prophezeiungen vom Heilande, wie er es in den übrigen Schriften gewohnt ist, bewundernd und anbetend durch, die übrigen Psalmen aber liest er, als wenn es seine eigenen Reden wären. Und wer sie hört, wird, wie wenn er sie selbst spräche, zerknirscht und wird von den Worten der Gesänge so ergriffen, als ob es seine eigenen wären. Der Deutlichkeit wegen aber dürfen wir wieder keinen Anstand nehmen, mit dem seligen Apostel Paulus das Nämliche zu wiederholen. 1 Es gibt sehr viele Reden der Patriarchen, die ihnen eigen und von ihnen selbst gesprochen worden sind, Moses sprach, und Gott antwortete. Elias und Elisäus sassen auf dem Berge Karmel und riefen zum Herrn und sagten beständig: „Es lebt der Herr, vor dessen Angesicht ich heute stand. „2 Die Reden der übrigen heiligen Propheten beziehen sich vorzugsweise auf den Heiland; dann sind auch sehr viele an die Heiden und an Israel ergangen, und gleichwohl wird Niemand weder die Reden der Patriarchen jemals für seine eigenen erklären, noch Jemand es wagen, die dem Moses eigenen Worte nachzuahmen und vorzutragen, noch die Worte des Abraham über den im Hause gebornen Ismael und die über den großen Isaak. [S. 345] wenn Jemand auch von gleichem Bedürfniß und gleichem Zwang erfaßt würde, für die seinigen zu erklären sich getrauen. Würde er aber auch Mitleid empfinden und je Sehnsucht nach dem Höchsten bekommen, so würde er doch niemals wie Moses sagen: „Zeige Dich mir.“ 3 ferner: „Wenn Du ihnen die Sünde nachlassest, so laß sie nach! Wenn Du sie aber nicht nachlassest, so streiche auch mich aus Deinem Buche, das Du geschrieben hast!“4 Aber auch die Worte der Propheten würde Keiner als seine Worte nehmen und mit denselben Ähnliches tadeln oder loben, wie Jene es tadelten oder lobten, noch würde Jemand die Worte: „Der Herr lebt, vor dessen Angesicht ich heute gestanden bin.“ nachahmen und als eine ihm eigene Rede aussprechen. Denn der, welcher die Bücher liest, spricht offenbar die Reden nicht als seine eigenen, sondern als die der Heiligen und derer aus, die durch die Reden angedeutet werden. Bei den Psalmen aber redet in auffallender Weise, wer mit Ausnahme der Prophezeiungen über den Heiland und die Heiden das Übrige spricht, gleichsam seine eigenen Worte, und ein Jeder trägt sie vor, als wären sie über ihn geschrieben, und faßt sie nicht so auf und liest sie nicht so, als spräche ein Anderer, oder als bezögen sie sich auf einen Andern, sondern er geräth in eine Stimmung, als ob er von sich selbst spräche, und was gesagt wird, das sagt er, als ob er es selbst gethan hätte, in seinem Namen und bezieht es auf Gott. Denn er wird nicht wie vor den Worten der Patriarchen und des Moses und der übrigen Propheten auch vor diesen sich scheuen“ Denn sowohl den Bewahrer des Gebotes als auch den Übertreter desselben, die Handlungsweise Beider schließen die Psalmen in sich. Es muß aber jeder Mensch hierin begriffen sein und entweder als Bewahrer des Gebotes oder als dessen Übertreter die für den treffenden Fall geschriebenen Reden aussprechen.
1: II. Kor. 11. 6; Philipp. 4.4.
2: III. Kön. 17, 1; IV, Kön. 2, 25. In der ersten Stelle werden die Worte dem Elias allem zugeschrieben, in der zweiten wird erzählt, daß Elisäus sich auf den Berg Karmel begab.
3: Exod. 33, 13.
4: Exod. 32, 32.