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Fortsetzung von Buchtipp: Globales Rapa Nui? – Teil 1.
Klimawandel und Gewaltkonflikten
Im Kapitel “Klimabedingte Migration” des ersten Teils der Rezension wurde eine mögliche – wenn auch umstrittene – Korrelation zwischen (klimabedingter) Migration und Gewaltkonflikten anhand von zwei Fallbeispielen aufgezeigt. Martin Voigt berücksichtigt in seinem Artikel “Klimawandel und gewaltsame Konflikte – ein Komplexes Verhältnis” eine breite Palette von Faktoren in Zusammenhang mit dem globalen Klimawandel und untersucht, ob zwischen Klimawandel und Gewaltkonflikten tatsächlich ein kausaler Zusammenhang aufgezeigt werden kann. In seiner umfangreichen Diskussion kritisiert er aktuelle Studien, die sich anstatt auf Fakten methodisch auf fragwürdige Zukunftsszenarien oder wage geschichtliche Vergleiche abstützen. In diesen Studien seien die Abhängigkeit einzelner Faktoren oftmals höchst spekulativ. Ein Beispiel dafür ist die Voraussage des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), sollte der Anstieg von Treibhausgasen nicht gestoppt werden, würde sich die durchschnittlichen globalen Temperatur bis zum Jahre 2099 zwischen 2,4°C und 6,4°C erhöhen. Diese Aussage ist wenig hilfreich: der Ausstoss der Treibhausgase in der Zukunft ist nicht bekannt – momentan ist alles möglich, ausserdem ist die Unsicherheit des Bereichs “2,4°C bis 6,4°C” auf einen so langen Zeitraum (87 Jahre!!) zu gross. Die Abschätzung der Effekte einer solchen Temperaturerhöhung sind mit einer hohen Unsicherheit verbunden und unterscheiden sich möglicherweise bei einer Temperaturerhöhung von 2,4°C deutlich von denjenigen bei einer Temperaturerhöhung von 6,4°C. Dies verunmöglicht faktisch eine annähernd zuverlässige Abschätzung, ob diese Effekte zu Gewaltkonflikten führen könnten.
- Verknappung von wichtigen natürlichen Ressourcen, wie beispielsweise Süsswasser, landwirtschaftliche Nutzfläche und Lebensmittelproduktion;
- Anstieg des Meeresspiegels;
- Zunahme der Intensität und Häufigkeit von Naturkatastrophen wie Fluten, Stürme und Dürreperioden.
Ob der Klimawandel tatsächlich zu einer Verknappung von wichtigen natürlichen Ressourcen führen wird, hängt von der geografischen Lage ab und kann regional unterschiedlich ausfallen. Momentan kann zwischen der Verknappung der Ressourcen und Gewaltkonflikten keine Korrelation aufgezeigt werden, denn “Flüchten oder Kämpfen” stellt in einer Gesellschaft nur dann eine Option dar, wenn sie sich den neuen Bedingungen nicht anpassen kann. Es gibt jedoch eine weites Spektrum von Anpassungsmethoden auf allen Ebenen (individuell bis international), welche sich von der Änderung des Anbausortiments über Vorratsbildung, Erhöhung des Handels bis zur Änderung des Lebensstils ganzer Gesellschaften erstreckt. Sogar im Falle von Wasserknappheit regelten benachbarte Staaten mit einem durchfliessenden Fluss die Wassernutzung mittels Abkommen und diese Situation führte nicht zu gewalttätigen zwischenstaatlichen Konflikten. Das Beispiel des Flusses Senegal zeigt jedoch auch, dass Ausschreitungen nicht ausgeschlossen werden können: 1989 führten gewaltsame Auseinandersetzungen über die Wassernutzung des Flusses Senegals zwischen der Bevölkerung an der Grenze zwischen Mauretanien und Senegal zu 400 Toten. An den ansteigenden Meeresspiegel kann sich nur beschränkt angepasst werden (beispielsweise durch Schutzbauten) was eher zu Migrationsbewegungen führen könnte. Doch auch in diesem Fall: der Meeresspiegel erhöht sich schon seit Jahrzehnten, ohne dass solche Migrationsbewegungen beobachtbar gewesen wären (vgl.: Richard Black, “Environmental refugees: myth or reality?“, University of Sussex, Working Paper No. 34, März 2001, p. 7f).
Gemäss Voigt sind Idealtypen von starken Demokratien bzw. Autokratien eher in der Lage, sich an den Folgen der globalen Erwärmung anzupassen. Bei Demokratien würden die Offenheit des politischen Systems und die unmittelbare Verantwortlichkeit der Regierenden einen Ausbruch innerstaatlicher Konflikte unwahrscheinlich machen. Im Gegenzug würden aufkommende gewaltsame Auseinandersetzungen in Autokratien unterdrückt werden (nach dem Arabischen Frühling muss diese These von Voigt wahrscheinlich noch einmal überdenkt werden). Ausserdem werden die oben geschilderten Effekte des Klimawandels – sollten sie auch tatsächlich eintreffen – auch ein demokratisches bzw. autokratisches System erschüttern oder gar schwächen. Die Anpassungsfähigkeit von Staaten wird womöglich eher von sozialökonomischen Faktoren entschieden werden: Staaten die, auf eine qualitativ solide Ökonomie beruhen, sind wahrscheinlich eher anpassungsfähig, als ökonomische Entwicklungsländer, die sich auf die Agrarwirtschaft oder auf den Ressourcenabbau konzentrieren. Doch auch diese Thesen basieren auf Gedankenspiele und basieren (noch) kaum auf harte Fakten. Voigt kommt zum Schluss, dass momentan mit der derzeitigen Datenlage keine Korrelation zwischen dem globalen Klimawandel und einer möglichen Zunahme von Gewaltkonflikten aufgezeigt werden kann. Zwar sei unbestritten, dass die globale Erwärmung und die mit ihr verbundenen naturräumlichen Konsequenzen Konflikte hervorrufen und bestehende Spannungen bestärken könnte, doch inwieweit diese Konfliktkonstellationen tatsächlich gewaltsam ausgetragen werden, sei von einer Vielzahl von Variablen abhängig.
Die zukünftigen gesellschaftlichen Wirkungen eines ungebremsten Klimawandels werden wahrscheinlich weniger zu klassischen zwischenstaatlichen Kriegen führen, sondern vielmehr zu einer Zunahme von Zerfalls- und Destabilisierungsprozessen mit diffusen Konfliktstrukturen und Sicherheitsbedrohungen in politisch und ökonomisch überforderten Staaten und Gesellschaften. […] die wenig erfolgreichen Einsätze technologisch hochgerüsteter Militärverbände zur Stabilisierung und Befriedung schwacher und fragiler Staaten seit den 1990er Jahren [zeigen], dass die Handlungskapazitäten der klassischen Sicherheitspolitik begrenzt sind. Eine klimainduzierte Zunahme der Anzahl schwacher und fragiler Staaten oder gar eine Destabilisierung ganzer Subregionen würde deshalb die konventionelle Sicherheitspolitik überfordern. — “Welt im Wandel – Sicherheitsrisiko Klimawandel“, WBGU, 21.05.2007, p.6.
Geografische Auswirkung
Bei der Diskussion um die Auswirkungen des Klimawandels fokussiert der Sammelband auf einige exemplarische Regionen. Kristof Duwaerts untersuchte den Effekt des Klimawandels auf China, Indonesien und Malaysia. Ausserdem untersucht er die Strategie dieser Staaten das “Zieldreieck der Energiesicherheitspolitik” bezüglich Klimaschutz, Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit bei der Energieversorgung zu optimieren. Eines kann schon vorweg genommen werden: trotz anderen Absichtserklärungen legen alle drei Staaten ihren Schwerpunkt auf die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit.
China verdankt seinen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten 20 Jahre nicht zuletzt der Verfügbarkeit eigener Kohlevorkommen. 70% der Primärenergie wird aus heimischer Kohle gewonnen, die jedoch oftmals von minderer Qualität ist. Weitere 23% der Primärenergie wird durch andere fossile Energieträger abgedeckt (dieser Anteil wird wegen der individualisierten Motorisierung in den nächsten Jahren noch stark zunehmen). Wasser- und Atomkraft umfassen momentan insgesamt bloss 6% der Primärenergie. Auf der Rangliste der Kohlendioxid-Emittenten rangiert China mit über 6’800 Millionen Tonnen ausgestossenem Kohlendioxid vor den USA (vgl.: Christian Geinitz, Patrick Welter und Carsten Germis, “Klimagipfel in Durban – Keine Lösung – nirgendwo“, Frankfurter Allgemeine, 01.12.2011). Alleine rund 30 Millionen Tonnen Kohlendioxid (mehr als alle deutschen und französischen Kraftfahrzeuge zusammen) stammen aus den unkontrollierten Kohleflözbrände an der nördlichen Grenze zur Mongolei, die sich mittlerweile auf über 5’000 km erstrecken (vgl.: John Kantara, “Höllenfeuer“, ARTE, 12.03.2010). Die Probleme des Klimawandels sind noch nicht einmal berücksichtigt, stellt die Luftverschmutzung in China bereits jetzt ein Problem dar. Die chinesische Regierung hat dies erkannt und strebt mittelfristig den schrittweisen Abbau des Kohle- und Erdölanteils am Energieträgermix an: mittlerweile befindet sich China hinsichtlich der Ausgaben und Kapazität für erneuerbare Energien auf dem ersten Platz (Quelle: “Who’s Winning the Clean Energy Race?“, The Pew Charitable Trusts, 2010 Edition, März 2011). Parallel dazu will China den Anteil der Wasserkraft ausbauen (beispielsweise mit dem Bau des Drei-Schluchten-Talsperre, der Xiluodu-Talsperre, der Baihetan-Talsperre und anderen Grossprojekten) und zusätzliche 28 Kernkraftwerke bis 2015 in Betrieb nehmen (darunter auch der erste Westinghouse AP1000 weltweit).
In Indonesien setzt sich der derzeitige Mix primärer Energieträger aus 51% Erdöl, 29% Erdgas und 15% Kohle zusammen. Deshalb rangiert Indonesien bei den Kohlendioxid-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Energieträger weltweit auf dem 16. Rang. Die Steigerung der industriellen Tätigkeiten lassen mittelfristig eine weitere Zunahme der Emissionen erahnen (Quelle: “Statistical Review of World Energy 2011“, BP, Juni 2011). Dieser Mix primärer Energieträger soll bis 2025 zu Gunsten der Kohle verändert werden, was zwar der Energiesicherheit, jedoch nicht dem Klimaschutz zugute kommen wird. Zusätzlich gehört Indonesien zu den weltweit führenden Palmölproduzenten, was zu einer weitreichenden Brandrodung bestehender Urwälder und zur Austrocknung der Torfböden führte. Torfböden gelten als natürliche Kohlendioxid-Speicher, dessen Austrocknung gewaltige Mengen Kohlendioxid freisetzt. Werden diese geschätzten Emissionen mitberechnet, so ist Indonesien der drittgrösste Kohlendioxid-Emittent weltweit (vgl.: Torsten Schäfer, “Wenn der Torfwald brennt“, Deutsche Welle, 06.02.2012). Da 60% der indonesischen Bevölkerung in der Nähe der ca. 80’000 km langen Küstenlinie lebt, ist diese durch die Erhöhung des Meeresspiegels unmittelbar betroffen. Katrin von der Dellen zitiert in ihrem Beitrag aus einem Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), dass Fischer auf den Molukken bereits heute Probleme hätten, den richtigen Zeitpunkt und die richtigen Fanggebiete zu bestimmen, was durch veränderte Klimabedingungen (z.B. gestiegene Meerestemperatur) und des damit verbundene Rückgangs von Plankton und der Fischpopulation in Zusammenhang stehen würde. Sie konnte diese Einschätzung in den Gesprächen mit den betroffenen Fischern vor Ort jedoch nicht bestätigen. Erneuerbare Energien spielen in Indonesien keine Rolle. Die Regierung plant die Inbetriebnahme von vier Kernkraftwerke – nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima scheinen diese Projekte jedoch bis auf weiteres gestoppt zu sein.
Malaysia rangiert weltweit auf dem 33. Rang der Kohlendioxid-Emittenten (Quelle: “Statistical Review of World Energy 2011“, BP, Juni 2011). Bezüglich den Auswirkungen der Klimaerwärmung gestaltet sich die Lage ähnlich wie in Indonesien: bei einer Küstenlänge von 4’900 km wären momentan rund 50% der Bevölkerung durch einen ansteigenden Meeresspiegel betroffen. Die effiziente Nutzung von Energie wird durch entsprechende Gesetze unterstützt, welche seit 2001 auch Energie aus erneuerbaren Rohstoffen berücksichtigen. Trotzdem führt die Subventionierung von Treibstoff zu einer Energieverschwendung im Individualverkehr. Versuche die Subventionierung aufzuheben endeten in Unruhen, weshalb diese Praxis bis jetzt nicht aufgegeben wurde. Wie in Indonesien werden Wälder zu Gunsten einer höheren Palmölproduktion gerodet, was zusätzlich Kohlendioxid freisetzt. Ausserdem steht die Palmölproduktion in Malaysia in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, was zukünftig zu bedeutenden Probleme führen könnte.
Axel Kreienbrink und Susanne Schmid widmen sich der klimabedingten Migration in Afrika. Der Effekt des Klimawandels auf die Migration in Afrika spielt bei der zukünftigen Entwicklung der europäischen Migrationspolitik eine wichtige Rolle. Wenn auch regional unterschiedlich, wird Afrika vom Klimawandel stark betroffen sein. In den Sommermonaten wird es in Nordafrika weniger Niederschläge geben (zwischen Juni und August 10-25% weniger), was ausgeprägtere Dürreperioden zur Folge haben wird. Im Gegensatz dazu soll es in West- und Ostafrika zwischen Dezember und Februar um 10-35% mehr Niederschläge geben, was die Gefahr von Überschwemmungen erhöhen wird. Schliesslich soll es auch im südlichen Afrika zwischen Juni und August weniger regnen – Schätzungen zwischen 15-62% sind jedoch kaum hilfreich. Der Klimawandel in Afrika wird insbesondere die landwirtschaftliche Produktion Afrikas treffen, weil Wasserverknappung, trockene Böden und Wüstenbildung sowie Bodenversalzungen die landwirtschaftlich nutzbare Fläche reduzieren und die vielfach angespannte Wirtschaftslage im ländlichen Raum verschärfen wird. Bleibt eine Reaktion auf diese Herausforderung aus – und die Anpassungsfähigkeit der afrikanischen Staaten ist zumeist wegen politischen und wirtschaftlichen Problemen stark eingeschränkt – werden Mangelernährung, steigende Morbidität und erhöhte Kindersterblichkeit die Folgen sein. Bei einem solchen Szenario könnte Migration tatsächlich eine Überlebensstrategie darstellen, wobei die Betroffenen sich auf möglichst nahe, fruchtbare Nutzflächen konzentrieren würden und dies in den Zielregionen wegen der Konkurrenzsituation zwischen Ansässigen und Neuankommenden zu Konflikten kommen könnte. Da Migration immer die Ursache verschiedenster Faktoren gewesen war, ist es nicht möglich anhand bestehender Studien einen direkten Zusammenhang zwischen Umweltveränderung und Migration herzustellen. Die Autoren sind überzeugt, dass wegen der Konzentration auf möglichst nahe gelegene fruchtbare Flächen und dem Verlangen bei einer Verbesserung der Situation wieder an den Ursprungsort zurückzukehren, Europa kaum eine primäre Zieldestination dieser Migration sein wird.
Elmar Janssen untersucht in seinem Beitrag, ob der Klimawandel im Nahen Osten eher konfliktverstärkend oder wegen der gemeinsamen Herausforderung sogar kooperationsinduzierend sein könnten. Umweltressourcen waren schon immer ein politik- und militärstrategischer Faktor im Nahen Osten: 1964/65 als Syrien den Jordan-Zufluss Banias umleiten wollte, bombardierte die israelische Luftwaffe die syrischen Bauarbeiten; im Sechstagekrieg von 1967 war die Banias-Quelle ein strategisches Angriffsobjekt der israelischen Armee und ein syrisch-israelischer Friedensvertrag scheiterte im Jahr 2000 weil beide Staaten sich nicht über die Grenzziehung am Nordost-Ufer des See Genezareth einigen konnten. Auch im israelisch-jordanischen Friedensvertrag war die Wasserfrage ein zentraler Bestandteil. In diesem Fall einigten sich beide Staaten offiziell über die Wasserverteilung, welche inoffiziell bereits seit Jahrzehnten bestand. Für die Nahostregion ist es zweitrangig, ob menschliche Aktivitäten den Klimawandel verstärken, da seit sechs Jahrzehnten neben dem militärischen ebenfalls ökonomische, kulturelle und ökologische Sicherheitsdilemmata bestehen. Ob der Klimawandel den Nahostkonflikt weiter vertiefen könnte und die Region wahrscheinlich schwerer treffen wird als andere Regionen, hat aus Sicht von Janssen keinen besonderen Erkenntniswert, denn auch ohne Klimawandel wird es im Nahen Osten mittelfristig zu Umwelt- bzw. Wasserkonflikten kommen. Das höchste Eskalationspotenzial befindet sich dabei im Nilbecken, Euphrat-Tigris-Becken und im Jordan-Becken. Der Nahe Osten und Nordafrika (MENA-Region) ist zum einen durch Aridität gekennzeichnet und verbraucht zudem prozentual mehr ihrer jeweiligen Wasservorkommen als alle anderen Regionen der Welt. Konfliktverschärfend kommt die asymmetrische Machtverteilung zwischen Ober- und Unteranlieger bei Fliessgewässer hinzu, wobei der Oberanrainer eine Position der Stärke inne hat. Bereits heute sind nicht nur der Jordan, sondern auch die Grundwasservorkommen zwischen Jordantal und Mittelmeerküste (in erster Linie in den von Israel besetzten Palästinensergebieten) für einen möglichen Staat Palästina als auch für Israel von entscheidender Bedeutung. Die Ablehnung des Johnston-Plans zeigt, dass im arabisch-israelischen Nahostkonflikt der Handlungsdruck durch ökologische Faktoren kaum zu Kooperationen führen wird. Israel ist an offiziellen Kooperationen auf Grund seiner existenziellen Anerkennung durch die arabischen Nachbarn interessiert, doch diese verweigern sich einer offiziellen Kooperation, um Israel nicht vor einer Lösung der Palästinafrage aufzuwerten. Mittels einer tabellarischen Auflistung zeigt Janssen auf, dass mit der Stagnation im palästinisch-israelischen Verhandlungsprozess, ökologische Projekte keine rechtlich bindende Wirkung entfalten können und bedeutungslos werden. Dies gilt übrigens nicht nur im ökologischen Bereich: auch bei der Energie- und Energieversorgungssicherheit, beim Handel, der Industrie, den Infrastukturprojekten sowie beim Tourismus findet zwischen Israel und den arabischen Staaten keine Kooperationen statt. Die innenpolitischen, sozioökonomischen und wirtschaftspolitischen Herausforderungen überwiegen diejenigen des Klimawandels. Umweltschutz- bzw. Klimapolitik ist weder Katalysator für eine Konflikttransformation und Friedensbildung noch ein Transmissionsriemen für eine ordnungspolitische Neuausrichtung – dazu sind die nationalstaatlichen Interessendivergenzen und Problemlagen zu gross. Werden die Erkenntnisse von Janssen auf eine globale Stufe transferiert, so sind effektive grossangelegte Klimaabkommen unwahrscheinlich – dazu sind die Interessen der einzelnen Staaten zu unterschiedlich und von anderen subjektiv als wichtiger bewerteten Problemen überlagert.
Wenn der Verhandlungsgegenstand sich aus vielen Einzelaspekten zusammensetzt, die so miteinander verbunden sind, dass ein für die Beteiligten nicht mehr überschaubares Geflecht von Konzessionen und reziproken Vorteilen entsteht, steigt die Wahrscheinlichkeit von Koordinationsstörungen und die Transaktionskosten wachsen drastisch an. Darüber hinaus sind einfache Verhandlungsprozesse nur unzureichend darauf eingerichtet, Unsicherheiten über die gemeinsamen Handlungsgrundlagen, die im Umweltbereich vielfach auftreten, durch gemeinsam anerkanntes und deshalb zuverlässigeres Wissen zu reduzieren. — Thomas Gehring und Sebastian Oberthür, “Was bringt eine Weltumweltorganisation?“, Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 7:1, 2000, p.189.
Wenn auch wenig spektakulär, so sind sektorielle Übereinkommen einfacher zu erzielen und können einen wesentlichen Beitrag für eine schrittweise – wenn auch langsame – Eindämmung der Kohlendioxidemissionen liefern. Dies zeigt Manuel Felipe Ramirez Basualto in seinem Beitrag über die Rolle von Energieeffizienzmassnahmen bei der Lösung der Energie- und Umweltproblematik mit Ausblick auf den südamerikanischen Beleuchtungsmarkt. Ineffiziente Beleuchtung ist ein Hindernis für die Senkung des globalen Energieverbrauchs. Die Abschaffung der ineffizienten Glühlampen ist einer der wichtigsten Schritte im Kampf gegen den Klimawandel (vgl.: “Lighting-Up the Climate Change Challenge“, Global Environment Facility, Press Release, 25.09.2009). Zwar stecken die Regelungen der einzelnen südamerikanischen Staaten (mit Ausnahme Argentiniens) noch in den Kinderschuhen, doch folgen sie nach und nach den Regulierungen der OECD-Staaten, was mittelfristig schliesslich in einem Verschwinden ineffizienter Glühbirnen münden wird.
Geoengineering
Am Ende des Sammelbands wird von Thilo Wirtz die Option des Geoengineering aufgegriffen. Diese Idee ist nicht neu: bereits 1960 mutmassten die sowjetischen Autoren Nikolai Petrovich Rusin und Liya Abramovna Flit, dass ein Ring aus Metallteilchen um die Erde die Temperaturen in den nördlichen Breiten erhöhen könnte. 1965 diskutierte ein US-amerikanischer Bericht das Einbringen reflektierender Partikel in die Ozeane um den anthropogenen Klimawandel mit einer Erhöhung des Albedo der Erdoberfläche zu bekämpfen. Bis heute bezieht sich eine Variante des Geoengineering auf die Veränderung des Albedo der Erde (Solar Radiation Management, SRM). Die Ideen spannen sich von der Produktion von weissen Wolken auf den Weltmeeren durch autonome Segelschiffe über Schwefelpartikel oberhalb einer Höhe von 15 km, die dort ein reflektierendes Aerosol bilden sollen, bis zu Spiegeln im Weltraum. Einen anderen Ansatz verfolgt die zweite Variante: die Abscheidung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR). Diese Methode schlug der italienische Physiker Cesare Marchetti 1976 vor, wobei – genauer betrachtet – er die Abscheidung des Kohlendioxids nicht aus der Atmosphäre, sondern an der Entstehungsquelle vorsah, was heute nicht mehr als Geoengineering bezeichnet aber als Schlüsseltechnologie im Klimaschutz betrachtet wird (wobei die Speicherung geologisch erfolgen soll). Die Vorschläge im Bereich des CDR reichen von der Biomassenproduktion (Schutz und Ausweitung von Waldflächen) über “Ozeandüngung“, bei der Kohlendioxid bindendes Phytoplankton gezielt gezüchtet wird, bis zum direkten Entzug des Kohlendioxids aus der Umgebungsluft.
Fazit
“Globales Rapa Nui?” diskutiert die sicherheitspolitischen Auswirkungen des Klimawandels so detailliert, wie dies mit dem aktuellen Forschungsstand möglich ist. Verschiedenste Autoren zeigen auf, dass die wissenschaftliche Abhandlung der globalen Klimaveränderung und deren Konsequenzen für Frieden und Sicherheit erst am Anfang stehen. Sogar grundlegende Studien erfassen die Konsequenzen der Klimaerwärmung bloss wage und besitzen oftmals apokalyptische Tendenzen, die kaum hilfreich sind. Den Herausgebern ist es gelungen die Thematik zu versachlichen, gut zusammenzufassen und zu gliedern. Einige Autoren, wie beispielsweise Voigt, Kreienbrink, Schmid, Barthel und Janssen halten einen interessanten Diskurs über Quellen, welche drastisch verschlechternde Sicherheitslage durch den Klimawandel voraussagen (darunter auch auch die Grundlagendokumente der IPCC und der WBGU) und solchen Untersuchungen, welche relativieren. Sie kritisieren dabei die teilweise äusserst fragwürdige Datenbasis einiger Quellen und die Methoden einiger Forscher. Manchmal führen bereits “kleinere” Schlampereien zu unfreiwilliger Panikmache, wenn beispielsweise im IPCC-Bericht das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher für 2035 in Aussicht gestellt wird, es sich jedoch offensichtlich um einen Zahlendreher handelte und mit diesem Szenario nicht vor 2305 zu rechnen ist (Quelle: Pallava Bagla, “Himalayan glaciers melting deadline a mistake“, BBC News, 05.12.2009). Die Autoren stimmen grundsätzlich der Auffassung überein, dass Regionen mit bereits bestehender Versorgungsunsicherheit, Umweltproblemen, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit am stärksten unter dem Klimawandel leiden werden. Die Vorstellung, dass grenzübergreifende Kooperationen in Umweltprojekten (beispielsweise im Bereich der Wasserversorgung) zu einer zunehmenden stabilisierenden Interdependenz benachbarten Staaten führen könnte, gibt Janssen eine nüchterne aber realistische Absage. Deutlich lehnt die überwiegenden Anzahl der Autoren die Vorstellung ab, dass der Klimawandel zu weitgefassten Massenmigrationsströmen führen wird und verweisen auf den mangelhaften bzw. unzureichenden Forschungsstand. Wie Komplex der Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und der damit womöglich einhergehenden Verringerung der menschlichen Sicherheit ist, zeigt Katrin von der Dellen in einer sehr fokussierten Feldstudie aus Zentral-Molukken in Indonesien dar. Zusammengefasst wird festgehalten, dass Migration erst dann in Frage kommt, wenn alle anderen Handlungsoptionen ausgeschöpft wurden und die Verringerung an menschlicher Sicherheit einen bedrohlichen Grad erhalten hat. Doch sogar dann bleibt die betroffene Gesellschaft wenn möglich in der Nähe und kehrt bei verbesserten Bedingungen zu ihrem ursprünglichen Lebensraum zurück.
Einzig das Kapitel “Massnahmen und Reaktionen” hat mich etwas enttäuscht: Es lässt eine Übersicht über die konkret eingeleiteten Massnahmen als Konsequenz der Klimagipfel und wie an diesen Konferenzen Blockaden überwunden werden könnten missen. Die Ausführungen von Maria Purzner, wie Ägypten wieder fruchtbaren Boden gewinnen will, ist zwar äusserst interessant, steht inhaltlich aber etwas ausserhalb der Thematik des Sammelbandes. Der Schritt über die Reformierung des südamerikanischen Beleuchtungsmarktes zum Geoengineering ist zu abrupt und es ist zu hoffen, dass sich dazwischen noch weitere Massnahmen und Reaktionen finden werden. Trotz diesen kleinen Kritikpunkten kann ich dem Kauf des Sammelbands für jeden uneingeschränkt empfehlen, der sich ein grundlegendes Bild über die möglichen sicherheitspolitischen Implikationen des Klimawandels machen will.
Steffen W. Allhof, Sebastian K. Buciak und Achim Maas, “Globales Rapa Nui? Frieden und Sicherheit im Zeichen des Klimawandels”, Optimus Verlag, 2011, 288 Seiten.
Weitere Informationen
Einen guten Überblick über die gängigsten Geoengineering-Ideen gibt: Dagmar Dehmer, “Mit einer Algenplage die Welt retten?“, Tagesspiegel, 19.03.2012.