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Lesebuch für die unteren Klassen 1874
Inhaltsverzeichnis
Ein altes solothurnisches Lesesachbuch – nicht immer bei der Sache[Bearbeiten]
Von Katzen und Kühen ist die Rede im „Lesebuch für die unteren Klassen der Primarschule des Kantons Solothurn“ und von Bauern und Handwerkern. Die Industrialisierung des Kantons fand im Schulbuch des Jahres 1874 noch nicht statt, und auch die berufstätige Frau ist (noch) kein Thema.
„Die Hausthiere sind zahm. Die anderen Thiere sind wild.“ – „Die Kuh ist das nützlichste Hausthier.“ – „Die Buche ist der schönste Baum in unseren Wäldern.“ So weit vorerst einige charakteristische Sätze aus dem Lehrmittel des Kantons Solothurn, das zum „Preis gegen Baar – 45 Rp.“ in Rück- und Eckleder gebunden erworben werden konnte und das im Verlag von J. Gassmann zu Solothurn im Jahre 1874 erschien. Das Buch ist in mehrere Abschnitte und zahlreiche Untergruppen gegliedert. In den einzelnen Übungen wird inhaltlich die damals vorherrschende und gesellschaftlich verankerte Weltanschauung geschildert und pädagogisch zementiert („bei uns haben die meisten Menschen den schönen und gesunden Beruf des Landmannes“). Während die Mutter beispielsweise Suppe kocht, spinnt die Grossmutter den Hanf und die Tochter wascht die schmutzigen Kleider. In dieser Idylle hat auch der Vater seinen Platz, und auf diesem trinkt er Wein. – In einem anderen Abschnitt wird ein Bild besprochen, das die Wand des Schulzimmers „schmückt“. Auf diesem Bild wird die glückliche Familie geschildert: „ Der Vater kehrt als Soldat vom Militärdienst heim. Er ist ein stattlicher Wehrmann mit gebräuntem Gesicht. Seinen Arm ziert das eidgenössische Kreuz. Das Gewehr und die Feldflasche hat er über die Schuler gehängt.“ Und so wirkt der wehrdienstleistende Vater, der gebräunte, auf seine Familie: „ Er ist für seine Familie ein unerwarteter, aber lieber Gast.“ Dabei schaut sich der Grossvater erstaunt um und das „Grossmütterchen faltet verwundert die Hände.“ Es scheint, dass weitere Abschnitte des Büchleins mit Schulwandbildern untermalt wurden, denn immer wieder wird im Text des Lehrmittels auf grosse Bilder an der Schulzimmerwand hingewiesen.
Die Männer dominieren[Bearbeiten]
Die Männer kommen nicht nur von der Militärübung heim, sondern die meisten Berufe aus: Sie sind Pfarrer, Lehrer, Ärzte, Beamte, Bauern, Krämer, Handwerker oder aber Landwirte. Da lernt das Kind beispielsweise: „Der Arzt ist ein Mann. Der Krämer ist ein Mann. Die Handwerker sind Männer.“ Die Frauen haben offensichtlich keine Berufe und werden deshalb auch nicht erwähnt. In einem weiteren Kapitel erfährt das Kind, dass sich der Himmel über der Erde wölbt, der Mond nachts leuchtet („Er ist eine leuchtende Scheibe“). „Gott hat die Welt erschaffen. Himmel und Erde sind sein Werk.“ In einem zweiten Abschnitt werden die etwas anspruchsvolleren Sprachübungen in den Kontext zu den vier Jahreszeiten gebracht. „Der Herbst. Die Tage sind kürzer geworden, die Nächte aber länger. Abends und morgens lagern sich dichte Nebel auf Dorf und Flur.“
Viel Gemüthaftes vorhanden[Bearbeiten]
Bemerkenswert an diesem Solothurnischen Schulbuch ist, dass zahlreiche Gedichte und kleine Geschichten eingestreut wurden. Die Kinder wurden nicht bloss rudimentär naturgeschichtlich gefördert, sondern erhielten gleichzeitig auch kulturelle Förderung. Hoffmann v. Fallersleben, Güll und Hagenbach werden neben anderen Dichtergrössen als Autoren erwähnt. Die Gedichte tragen Titel wie „Thu nichts Böses!“ oder „Die kleinen Kostgänger im Winter“. Die Geschichten sind von erzieherischem Eifer geprägt und nennen im Titel „Der Schwätzer“, „Der Zeisig und die Nachtigall“ und „Rührende Treue eines Hundes“ als erzieherisches Programm. Der letzte Abschnitt des Lesebuches war den „Sprüchen“ vorbehalten, den Lebensregeln mit welchen sich auf die unterschiedlichsten Erscheinungen reagieren liess. „Ein gutes Kind gehorcht geschwind“ – „Versprechen muss man halten, das thaten schon die Alten.“
Vieles bleibt ausgeblendet[Bearbeiten]
Frauenberufe existieren im Solothurnischen Lehrmittel von 1874 nicht. Selbst Nonnen, Spitalschwestern, Hebammen existierten nicht, obwohl gerade diese Frauenberufe damals sehr gut bekannt und anerkannt waren. Interessanterweise ist in keiner Geschichte und in keiner Übung je die Rede von Eisenbahnen, von Fabriken und von Fabrikarbeitern. Dies, obwohl im Kanton Solothurn die von Roll'schen Eisenwerke, die Papierfabrik Biberist und in Grenchen die Uhrenindustrie blühten. Die Inhalte des Lehrmittels blieben ausgerichtet auf die Idylle einer überlieferten, stabilen und allseits anerkannten Landwirtschaft. Dadurch verliert das Lehrmittel an Aktualität und blendet wesentliche Teile des Lebens kurzerhand aus.
Geschichtliche Gleichzeitigkeiten mit dem Lesebuch[Bearbeiten]
- Beim Erscheinen des Lesebuchs gab es seit etwa 20 Jahren Uhrenfabriken in Grenchen, so beispielsweise 1856 Girard & Schild (später ETA/Eterna), 1860 die Ebauchesfabrik von Euseb Girard am Postplatz, 1871 Société d'horlogerie de Granges.
- 1869 erster Streik in Grenchen. Die Arbeiter waren noch nicht gewerkschaftlich organisiert. In diesen Jahren formierten sich im Kanton Solothurn die ersten Arbeiterorganisationen. Die Grütlisektion Grenchen wurde z.B. erst im Jahre 1872 gegründet. Nach einer zehntägigen Arbeitseinstellung erhielten die Streikenden eine Lohnerhöhung zugebilligt.
- 1872: In Grenchen richtete man das erste Telegraphenbüro ein.
- 1873 erhielt Grenchen das erste Baureglement
- 1874 Seit der Einführung der Uhrenindustrie 1851 hatte sich die Einwohnerzahl Grenchens nahezu verdoppelt und belief sich im Jahre 1874 auf fast 3000 Einwohner.
- 1874: Erste grosse Krise in der Uhrenindustrie. Preiszerfall verursacht durch die ausländische Konkurrenz einerseits und anderseits wegen qualitativer Verschlechterung der einheimischen Uhrenprodukte. Arbeitslosigkeit und Darniederliegen des Gemeindewesens waren die Folge.
- 1874 nahmen die Schweizer Stimmbürger die Totalrevision der Bundesverfassung mit 63% Ja-Stimmen deutlich an. In der Totalrevidierten Verfassung schrieb man als Folge des Kulturkampfes die Konfessionellen Ausnahmeartikel (Art. 50-54) fest.
- Von 1874 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts verband die alte Archbrücke (Eiffelbrücke) Grenchen und Arch.
- 1877 Gründung der christkatholischen Kirchgemeinde Grenchen.
Quellen[Bearbeiten]
- Text von Rainer W. Walter