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Erschöpft, Schlaflosigkeit über Monate und dann noch die Depression! Gereizt, unerträglich und aggressiv gegenüber meiner Frau! Alles war mir zu viel!
Das Burnout begann mit einer Erkältung. Ich nahm sie als normal hin, obwohl die Symptome ungewöhnlich waren. In einer E-Mail vom 15. Juli 2003 an einen Freund steht: "Ich habe täglich Mühe, arbeiten zu gehen. Es kotzt mich an, ich empfinde null Motivation. Berufsmässig erlebe ich eine echte Krise und fühle mich massiv ausgebrannt, so dass ich meine Zeit im Büro oft ungenutzt verstreichen lasse."
In einer anderen E-Mail des gleichen Tages steht: "Habe schon den sechsten Tag Durchfall, Konzentrationsschwäche, latentes Kopfweh und Sehschwierigkeiten."
Offenbar hatte ich die Zeichen erkannt, die auf eine völlige Erschöpfung hinwiesen. Doch Konsequenzen daraus zog ich nicht. So steht in der gleichen Mitteilung: "Fühle mich überhaupt nicht fit, aber um im Bett liegen zu bleiben, genügt es nicht. So stehe ich auf und arbeite. Dafür strenge ich mich nicht mehr so an. Habe etwas losgelassen, auch wenn dies meine Auftraggeber ärgern wird."
Der letzte Satz, so zeigt später die Fachliteratur, ist typisch für ausgebrannte Kandidaten: Der Zürcher Burnout-Spezialist Hans Kernen nennt es "Depersonalisierung in Form einer von Zynismus geprägten Einstellung gegenüber Personen, mit denen man beruflich zu tun hat".
Eigentlich hätte ich die Notbremse noch ziehen können. Doch nichts dergleichen. Im Gegenteil. Vier Tage später fuhr ich meine Familie nach Italien ans Meer: Statt wie geplant zwei Wochen Ferien zu nehmen, kehrte ich jedoch bereits am Sonntag zurück, um den Arbeitsrückstand aufzuholen.
Dieser Effort wurde schlecht belohnt. Am 31. Juli, während meine Familie noch am Meer weilte, schrieb mir die Projektverantwortliche einer Studie, an der ich seit zwei Monaten arbeitete: "Nehme mit Bedauern zur Kenntnis, dass Du mir das Manuskript trotz unserer Abmachung noch nicht zugestellt hast."
Meine Lokomotive war entgleist
Ich konnte ihr, obwohl es ohne Belang war, bloss antworten: "Bin seit zwei Wochen krank und werde die nächsten vier Wochen kaum arbeiten können. Der guten Ordnung halber werde ich ein ärztliches Attest nachreichen."
Zwei Wochen später holte ich meine Familie in Italien ab. Sie war voller Erlebnisse, ich hingegen voller Frustration über die dreifache "Strafe": nichts erlebt, nicht erholt und vom Auftraggeber unter Druck gesetzt.
Am Montag darauf kehrte ich an den Arbeitsplatz zurück. Ich konnte keine Stunde lang am Bildschirm sitzen. Schwindel, Gedächtnisstörungen, Kopfweh, Augenschmerzen, ein allgemeiner Schwächezustand und grosse Aggressivität alarmierten mich sehr. Meine Lokomotive war entgleist.
Mein Hausarzt erkannte den Ernst der Lage. Seine Diagnose lautete "psychophysische Überlastung". Er schrieb mich 30 Tage lang krank. Auf meine Bitte hin reduzierte er die Arbeitsunfähigkeit von 100 auf 75 Prozent. "25 Prozent arbeitsfähig pro Tag. Dies nehme ich mir als Minimum pro Tag vor", schrieb ich voller Reue an den Auftraggeber. Als Therapie nahm ich mehrmals täglich eine chinesische Medizin, die mich beruhigen und aufbauen sollte.
Die drastische Reduktion der Arbeitszeit führte zu Konflikten bei der Arbeit. Einem Kollegen gestand ich: "Das Schlimmste sind für mich momentan die Abgaben. Der Zeitdruck, der Stress. Termine machen mich wahnsinnig. Ich ertrage sie nicht (mehr)."
Als Konsequenz musste meine Arbeit neu geordnet werden. Alle nicht begonnenen Aufträge absagen und keine neuen annehmen. Den laufenden Studienauftrag einer renommierten Schweizer Wirtschaftsstiftung wollte ich aber zu Ende führen. Die Rechnung war schnell gemacht: In acht Wochen wollte ich die Arbeit leisten, die ich normalerweise in zehn Tagen bewältigt hätte.
Am 5. August gab ich schweren Herzens einen Auftrag des K-Tipp an einen Kollegen ab, am 17. August einen weiteren des TCS-Magazins. Langsam dämmerte es mir, dass ich lange Zeit zu nichts mehr fähig sein würde. Davon zeugte eine E-Mail zwei Wochen später an eine Redaktion: "Voraussichtlich stehe ich ab 1. November wieder voll im Einsatz."
Beschwerden - und keine Hoffnung auf Änderung
Es häuften sich Reklamationen. So beschwerte sich am 11. August ein Kollege darüber, dass ich auf der Homepage des Journalistenverbandes keine Abstimmungsfrage online geschaltet hätte. Ein Bundesamt vermisste den Schlussbericht einer Studie. Dem Magazin K-Geld schrieb ich Ende August: "Seit einem Monat kann ich als Folge von Überarbeitung nicht mehr als drei bis vier Stunden pro Tag arbeiten. Noch kann ich keine Prognose stellen."
Jetzt lahme ich wie ein Alkoholiker
Auch privat begann sich die Spirale nach unten zu drehen. In einer E-Mail vom 7. August an meine Bürokollegen schrieb ich verzweifelt: "Meine Frau will sich scheiden lassen. Ich werde eine Weile wegbleiben. Ich muss mich erholen. Sorry."
Drei Tage lang erschien ich nicht am Arbeitsplatz. Einen Monat später schrieb ich einen Brief an eine Bekannte, der ich meinen Gemütszustand beschrieb: "Was mich wirklich auf die Palme bringt, ist, dass ich (gegenüber meiner Frau) nicht schwach sein darf, dass ich ihr einen starken Mann versprochen habe, der eine Familie zu tragen bereit ist. Jetzt aber lahme ich wie ein Alkoholiker!"
In einer E-Mail vom selben Tag unter dem Betreff "Männliches Verhalten" an eine Bekannte steht: "Dass der Mann von Termin zu Termin hetzt, dass er unter Druck gesetzt wird, sei es von Vorgesetzten (Angestellte), sei es von Klienten (Selbständige), spielt seiner Frau keine Rolle."
Und weiter: "Diese massive Abnützung in einer heute stark arbeitsteiligen und immer effizienteren Wirtschaft hinterlässt massiv Spuren. Und am Ende wird dieses Engagement, das der Mann aus Liebe zu seiner Familie leistet, von dieser nicht gedankt."
Das fehlende Verständnis für die Arbeitsleistung eines Familienvaters beschäftigte mich sehr, wie die E-Mail weiter belegt: "Im Geld, das ich nach Hause bringe, steckt meine Liebe zur Familie. Auch wenn man das den Banknoten oder dem Kontoauszug nicht ansieht. Sofern nun dieses Abrackern zum gesundheitlichen Zusammenbruch geführt hat, muss sich eine Frau nicht a priori schuldig fühlen. Aber sie muss zu ihrem Mann stehen, genau so wie wenn ihm ein Bein abgefallen wäre."
Rückblickend nehme ich erstaunt zur Kenntnis, wie lange die Symptome dauerten. Sieben Wochen nach Beginn des Burnouts hatte sich offenbar nichts verändert: "Wenn ich länger im Büro bin, bekomme ich Kopfweh, Schwindel und verliere die Konzentration und das Kurzzeitgedächtnis", steht in einer E-Mail vom 7. September.
Doch wie erklärt man sich das Burnout-Syndrom? Mein Hausarzt sagt, es sei ein "nicht mehr runterkommen". Man sei gestresst, man gönne sich keine Ruhepausen mehr - und man komme da meist nicht mehr von allein raus.
Als Bild verwendet er die elektrische Schwingungskurve: Aktion, Ruhe, Aktion, Ruhe. Ein normaler Mensch hat ein gedehntes Auf und Ab. Beide Pole sind gleich lang, gleich gekrümmt.
Die Kurve eines Burnout-Gefährdeten schwingt viel schneller. Seine Ruhezeit ist sehr kurz, seine Aktionszeit aber lang. Die Ruhezeit ist nur noch eine kleine grafische Spitze. Und er kann die Beschleunigung seiner Schwingung nicht mehr bremsen. Er rast in die Katastrophe.
Meine Genesung geht in die letzte Phase
Die Beschleunigungsphase bis zum Burnout kann Jahre dauern. Unterwegs macht sie sich bemerkbar mit Krankheiten wie Erkältungen und Entzündungen, wie ich sie auch hatte. In einer Buchhandlung fand ich zum Thema Burnout viel Literatur, doch das meiste war theoretisch. Mich interessierten stattdessen Bücher über das, was mich im Leben noch erwarten könnte, darunter eines von Roger Schawinsky. In einer E-Mail schrieb ich: "Ich habe tatsächlich ein Schawi-Buch gekauft, und zwar das für Leute ab 40. Darin sagt er eine Banalität, die aber offenbar jemand aussprechen muss, damit sie gehört wird: Unsere Generation hat eine Lebenserwartung von bis 90 Jahre. Sprich, mit 40 hast du nicht einmal die Hälfte des Lebens hinter dir. Mit anderen Worten: Dir stehen noch fast 50 Jahre unternehmerischer Zeit bevor!"
"Wie dumm, dass ich bereits mit 36 Jahren meinen Körper derart runterwirtschafte", so meine Folgerung. Aber das berufliche Ziel konnte nicht sein, eine ruhige Kugel zu schieben. Ich wollte eine ausfüllende Aktivität.
Wochenlang arbeitete ich nur zwei bis vier Stunden pro Tag. Das Ende des Buch- und Studienauftrags schob sich weiter hinaus - von Mitte auf Ende September.
Mein Zustand veränderte sich kaum, solange ich jeden Tag arbeitete. So konzentrierte sich meine Hoffnung auf Genesung auf die Ferien. Eigentlich hätte mich der Arzt zu 100 Prozent arbeitsunfähig schreiben können. Doch ich zog Ferien vor, um niemandem etwas schuldig zu bleiben.
Der Redaktion schrieb ich Mitte Oktober: "Meine Genesung geht in die letzte Phase. Ich werde vier Wochen Ferien nehmen, beginnend am 20. Oktober und endend am 17. November." Der Eintrag dann: "Endlich habe ich vier Wochen arbeitsfrei!"
Der Beginn des positiven Abschnitts des Burnouts
Doch diese Rettung kam Monate zu spät. Ich hätte bereits Ende August mit meiner Familie in die Ferien verreisen sollen, statt zwölf Wochen zu 25 Prozent weiterzuarbeiten - aus Pflichtgefühl.
Doch jetzt, mit den anstehenden Ferien, jetzt begann der positive Abschnitt des Burnouts: Meine Frau war für einen Monat verreist, ich war mit den Kindern allein zu Hause. In der dritten Ferienwoche protokollierte eine E-Mail: "Dem Hausmann gehts perfekt."
Am 17. November war ich zurück im Büro. Vier Monate hatte es gedauert, bis ich wieder symptomfrei an einem Bildschirm sitzen konnte. Der Ausfall kostete die Firma 12 000 Franken.
Die Versicherungen zahlten während acht Wochen die vollen Lohnausfallkosten. Sie schrieben: "Sowohl Diagnose - insbesondere die Erkältung als Auslöser - als auch die Dauer der Arbeitsunfähigkeit sind charakteristisch für das erstmalige Auftreten eines Burnout-Syndroms."
Seitdem will aber keine Versicherung mehr für mich eine Taggeldversicherung abschliessen. Grund: "Oft erleiden dieselben Personen nach zwei bis fünf Jahren einen Rückfall", weiss man im Schadenzentrum der Winterthur.
Burnout - eine anerkannte Krankheit
Unter Burnout versteht man einen über längere Zeit anhaltenden seelischen, körperlichen und geistigen Erschöpfungszustand. Er äussert sich durch Unlust, erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten, Antriebslosigkeit und eine tiefe Müdigkeit. Burnout tritt vor allem bei Personen auf, die sich intensiv engagieren und Verantwortung übernehmen.
Das Burnout-Syndrom ist eine anerkannte Krankheit. Ein Arbeitsausfall wird von der Krankentaggeldversicherung gedeckt.
So lässt sich ein Burnout-Syndrom verhindern
- Waren Sie in letzter Zeit öfters erschöpft oder krank? Achten Sie auf körperliche Symptome. Die meisten Betroffenen nehmen die Symptome nicht ernst, bevor sie nicht körperlich erkranken.
- Wie gut entspannen Sie sich? Fragen Sie sich, was für Ihr inneres Gleichgewicht wichtig ist, und entscheiden Sie, welche Ressourcen geschaffen und erhöht werden sollen.
- Wo können Sie auftanken? Pflegen Sie vorhandene Ressourcen. Das ist wichtiger als das Aufbauen neuer Ressourcen.
- Sind Sie über- oder unterfordert? Schauen Sie, dass Sie sich im Berufsleben entfalten können und dass Sie eine echte, aber tragbare Herausforderung erleben.
- Welchen Sinn empfinden Sie bei Ihrer Arbeit? Das Erleben von Sinn ist der beste Schutz gegen ein Burnout.