Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03375.jsonl.gz/2361

Sylvie Courvoisier ist eine kühne Künstlerin, die in mehrfacher Hinsicht Grenzen überwindet. Seit zehn Jahren lebt die 1968 in Lausanne geborene Pianistin und Komponistin in New York. Am 18. März 2008 präsentierte sie im Rahmen der Konzertserie «Step Across the Border» im Kleintheater Luzern die Resultate eines Workshops mit Studierenden der Hochschule Luzern - Musk. Vor dem Konzert stand sie für eine Gespräch coram publico zur Verfügung.

Jazz Talks

Als improvisierende Pianistin mit einem Faible für spezielle Klänge, die sie durch Präparationen im Innern des Flügels erzeugt, hat sich Sylvie Courvoisier ebenso einen Namen gemacht wie als einfallsreiche Komponistin anspruchsvoller Werke, in denen sie mehr oder wenige fixe Strukturen (konventionell notierte Passagen bzw. grafische Vorgaben) mit Freiräumen (“Instant Composing”) kombiniert. Ihre zwischen überschwänglicher Expressivität und verwinkelter Abstraktion oszilliernde Klangsprache ist sehr weit von dem entfernt, was man gemeinhin unter Jazz versteht. Nichtsdestotrotz bildet der Jazz den Ursprung ihres Schaffens - ihr Vater war nämlich Dixieland- und Swing-Pianist. «Er war der erste, den ich kopierte. Ich spielte viel Stride und Boogie Woogie. Das kann man zum Teil noch heute hören, etwa wenn ich mit der linken Hand Ostinati spiele», sagt Courvoisier.
In ihrer Musik strebe sie danach, viele verschiedene Einflüsse zu einer eigenen Sprache zusammenzuführen, hält Courvoisier fest; ob ihr dies gelinge, könne sie selbst nicht sagen. Sie vertraut auf das Urteil der Musiker, mit denen sie kooperiert, Kritiken liest sie ganz bewusst keine (diese Lektüre würde ihr allerdings kaum Kopfweh bereiten, wird ihre Musik doch vornehmlich positiv rezensiert). Wichtig war für Courvoisier die Auseinandersetzung mit den Stücken von Thelonious Monk: «Er komponierte viel mit Intervallen. Gewisse Stücke entwickelte er aus einer einzigen Idee heraus.» Des Weiteren nennt sie die Free-Ikonen Cecil Taylor und Irène Schweizer als Inspirationsquellen. Nachhaltig geprägt wurde sie aber auch von charismatischen Tonsetzer-Persönlichkeiten wie Sofia Gubaidulina, Alfred Schnittke oder György Ligeti. Für Courvoisier sind dies keine gegensätzlichen Welten, sondern sozusagen zwei Seiten derselben Medaille. Darum sträubt sich ihre Musik, die manchmal auch intensiv groovt, hartnäckig gegen voreilige stilistische Festlegungen.
Courvoisier denkt nicht in Schablonen. Beim Komponieren greift sie nur dann zu vorgängig festgelegten Methoden, wenn sie feststeckt. Intuition und Disziplin halten sich bei ihr die Waage. «Ich versuche, jeden Tag Musik zu schreiben. Ich sammle alle Ideen in einem Buch. Bevor ich eine Komposition in Angriff nehme, stelle ich mir deren Ablauf grob vor. Dazu gehören auch die Fenster für Improvisation», sagt Courvoisier, die bei den improvisierten Teilen voll auf die Imaginationskraft und das Formbewusstsein ihrer Mitmusiker setzt. «Das sind ja in der Regel meine Freunde, denen brauche ich nichts zu sagen. Alles ist offen, ich gebe nie Akkorde vor.» Die Improvisationen sind eine Art Scharnier zwischen den ausgeschriebenen Passagen und nehmen daher also auch in der einen oder anderen Form Bezug auf diese. Courvoisier geht es also nicht um einen Zusammenprall zwischen zwei total verschiedenen Ausdrucksformen, sondern darum, die improvisatorischen Prozesse auf unkonventionelle Art in einen übergeordneten Kontext einzubinden.
Courvoisiers Originalität lässt sich auch an der Besetzung/Instrumentierung ihres neuen Quintetts ablesen, das auf der CD «Lonelyville» (Intakt) zu hören ist. Mit Geige und Cello gehören zwei klassische Streichinstrumente zu dieser Formation - diese werden allerdings von Mark Feldman und Vincent Courtois zuweilen heftig gegen den Strich gebürstet. Dazu kommen die exzentrische Elektronikerin Ikue Mori und der feinfühlige Jazzschlagzeuger Gerald Cleaver. Für den Workshop in Luzern hat Courvoisier drei Stücke von dieser CD für drei unterschiedlich instrumentierte Ensembles umarrangiert. Für sie sei diese Form von kreativem Recycling eine Herausforderung und auf die meisten ihrer Stücke anwendbar, hält Courvoisier fest; es bestünden allerdings auch Ausnahmen, zum Beispiel das Abaton-Trio, das sie mit Feldman und Erik Friedlander (Cello) für das Label ECM eingespielt hat und das nun in Luzern von drei Studierenden aufgeführt wurde.
Vor zehn Jahren (1998) zog Sylvie Courvoisier aus amourösen Gründen nach New York, sie ist mit dem Geiger Mark Feldman, mit dem sie auch im Duo auftritt, verheiratet. Ein grosser Teil des Repertoires dieses Duos besteht aus Stücken des Downtown-Maniacs John Zorn, für dessen Label Tzadik Courvoisier mit «Signs and Epigrams» auch eine interessante Solo-CD aufgenommen hat. Als ihr im Alter von 19 Jahren ein Stipendium für ein Studium an der New School in New York angeboten wurde, hatte sie noch dankend abgelehnt. Sie habe den grossen Teich im richtigen Zeitpunkt überquert, sagt Courvoisier und fügt begeistert hinzu: «I love New York!» In das Lamento, die Szene in New York habe ihren Zenit definitv überschritten, mag sie nicht miteinstimmen; sie weist vielmehr auf die vielen kleinen Clubs hin, in denen man Dinge ohne Erfolgsdruck ausprobieren könne und auf die grosse Gemeinschaft neugieriger Musikerinnen und Musiker, von der sie sich getragen und gefördert fühle. Was fehle, sei nicht das Publikum, sondern das Geld - ohne zu unterrichten oder ohne Auslandtourneen zu unternehmen, komme man kaum über die Runden.
Tom Gsteiger