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Heute kann man sich den Schock und die Ehrfurcht, welche der Hurricane Anfang März 1969 auf der Melbourne Motor Show auslöste, kaum noch vorstellen: Niemand hatte zuvor etwas derart Radikales gesehen. Und obwohl es die Automarke Holden erst seit 20 Jahren gab, war sie dem ähnlich gestalteten Mercedes C-111 um sechs Monate und dem von Bertone entworfenen Lancia Stratos Zero sogar um ein Jahr voraus.
Der Hurricane war so extrem, dass niemand in- oder ausserhalb von Holden auch nur daran zu denken wagte, dieses Raumschiff je in Serie gehen zu sehen, obwohl es auf den Titelseiten fast aller australischen Zeitungen abgedruckt wurde. Schon auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass es keine derartigen Absichten gegeben hatte, doch das einzigartige Konzept verkörperte ein sehr konkretes Fenster in die Zukunft. Am offensichtlichsten war das beim Antrieb – einem 4,2-L-V8, der nur wenige Monate später in den Baureihen HT Kingswood und Premier auf den Markt kam und es bis 1984 blieb (die Fünfliter-Variante überlebte gar bis 2000). Alles andere schien reine Science-Fiction zu sein – das Bildschirm-Navigationssystem, die Heckkamera anstelle der Rückscheibe, Digitalinstrumente, Klimaautomatik, ölgekühlte Scheibenbremsen vorne, eine schwenkbare Lenksäule, justierbare Pedale und – höchst dramatisch – fehlende Türen. An ihrer statt hatten die Designer ein hydraulisch aufgehängtes, einteiliges und muschelförmiges Dach vorgesehen, um das Ein- und Aussteigen bei dem nur knapp einen Meter hohen Fahrzeug zu erleichtern. Es war sicherlich auch kein Zufall, dass die GM-Tochter damit den Le-Mans-Sieger GT40 des Erzrivalen Ford unterbot…
Der Hurricane war der erste öffentliche Beleg für die Fähigkeiten der noch jungen Holden-Entwicklungsabteilung (folglich trug er den Codenamen RD-001). Dort wollte man der Erholung von Ford Australien unbedingt etwas entgegensetzen. Parallel plante das Marketing eine Image-Aufwertung und hatte vor, den kommenden Achtzylinder publikumswirksam zu bewerben. Beeindruckt vom Medieninteresse, welches ein importiertes Camaro-Messeauto 1968 ausgelöst hatte, erkannten beide Ressorts die Vorteile eines Holden Concept Car. Daneben ging es den Verantwortlichen auch darum, ihre Ingenieure über das fade Familienauto-Image der Marke hinaus zu motivieren.
Die Frage, wer den Hurricane eigentlich gezeichnet hat, wurde noch bis vor Kurzem kontrovers diskutiert. Das mag merkwürdig klingen bei einem Auto, das vor bereits 45 Jahren entworfen wurde. Und doch konnte bis vor einiger Zeit keiner mit Bestimmtheit sagen, ob das Auto lokal oder im amerikanischen GM-Design-Center Warren entstanden war.
Mit der Unterstützung des legendären US-Designers Leo Pruneau, der Mitte 1969 als Styling-Assistent zu Holden gekommen war und von 1974 bis ´83 dessen Design-Direktor wurde, gelang es mir 2012, in den GM-Archiven eine Reihe von Modellfotos zu finden, die im Juli 1968 gemacht worden waren und ein Holden-Logo aufwiesen. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Entwurf als Hurricane-Inspiration gedient haben muss. Bei näherer Untersuchung einiger ebenfalls vorhandenen technischen Zeichnungen fand sich die Signatur «Genest 5-14-86». Von dieser Entdeckung alarmiert, gelang des GMs leitendem Archivisten Christo Datini, den früheren General-Motors-Designer Ken Genest ausfindig zu machen, der inzwischen 80-jährig am St-Clair-See in Michigan wohnte. Erstaunlicherweise war sich Genest weder bewusst, dass es je ein Massstab-Modell seiner Zeichnungen gegeben, noch dass Holden daraus ein Concept Car gemacht hatte. «Ja, ich habe diese 1:1-Skizzen angefertigt», bestätigte er, «und übergab sie dem Advanced Studio 2 unter Dick Finegan. Es war damals üblich, dass man meine Entwürfe über Nacht in die Produktionsstudios brachte, ohne mich darüber zu informieren. Ich bin damals eine Art Kreativ-Generator gewesen, und man schätzte meine Arbeit in den Chevrolet- und Buick-Abteilungen. So ähnlich muss es auch mit dem Hurricane gelaufen sein und mir gefällt das Ergebnis: Es sieht besser aus als auf meinen Plänen.»
Vergrösserungen der Heckansicht zeigen auf dem Nummernschild den Namen «Taipan», der offenbar zuerst gewählt und dann verworfen worden war. Don DaHarsh, ein anderer US-Designer, der seinerzeit bei Holden arbeitete, übernahm dann die stilistische Verantwortung für das Auto. Er empfand den Entwurf jedoch als «zu grob» und nahm wesentliche Änderungen vor. Während die generellen Proportionen des Mittelmotor-Boliden unangetastet blieben, modifizierte DaHarsh die Seitenfenster, entfernte die Heckscheibe und fügte vertikale B-Säulen hinzu. Er war es auch, der die Flanken retuschierte und das superdünne, horizontale Heckleuchtenband sowie das Kanzel-artige Klappdach integrierte – der Original-Entwurf sah noch konventionelle Türen vor.
In jener Ära der Can-Am-Rennwagen, der Ford GT40, Lamborghini Miura oder Dino 206/246 garantierte das Mittelmotor-Konzept höchstmögliche Glaubwürdigkeit. Dazu kam die atemberaubende Formgebung mit nahezu keinem hinteren Überhang und knappen Proportionen – der Hurricane war nur 4,09 m lang, 1,80 m breit und wies dabei einen Radstand von 2,44 m auf. Über dem tragenden Kastenrahmen aus Stahl sass eine Epoxy-Karosserie. Der Motor war in Längsrichtung vor der Hinterachse verbaut; die Leistung betrug 260 PS bei 6000 und 352 Nm bei 3800 Touren und damit mehr als die 185 PS des folgenden Serienaggregats. Die Vorderachse war handgefertigt, während man hinten auf Komponenten der damals aktuellen Corvette C2 zurückgegriffen hatte. Das US-Teileregal wurde auch bei dem Viergang-Transaxle-Getriebe aus dem 1961er Pontiac Tempest bemüht, das nur geringfügig modifiziert werden musste. Und die erwähnt nass gekühlten Frontbremsen stammten aus einem Detroiter Omnibus.
Wenn das Hurricane-Dach inklusive der riesigen Frontscheibe, den Scheibenwischern und Fensterrahmen geöffnet wird, werden gleichzeitig die Sitze elektrisch angehoben. Niemand weiss mehr so recht, wer diese Idee dazu gehabt hat, doch Pruneau glaubt sich an ein ähnliches System zu erinnern, das etwa zeitgleich bei einem dreirädrigen GM-Konzept verwendet worden war. Auch die Dachlösung kam bereits 1968 und in fast identischer Form beim XP800 zum Einsatz, der 1969 als Chevrolet Astro 111 Concept der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Nach so langer Zeit ist nicht mehr klar, ob die Konstruktion zuerst für Holden oder Chevrolet erfunden wurde, doch wahrscheinlich wurde sie simultan für beide entwickelt.
Nach mehreren Auftritten an verschiedenen Salons 1969 und Windtunnel-Tests verlieh man den Hurricane an einige Holden-Händler, bis irgendwann die Windschutzscheibe brach. Das Unikat wurde daraufhin in eine Holzkiste gepackt, die in irgendeiner Holden-Garage verschwand. 1985 gab es dann erstmals ein paar kleinere Reparaturen, bevor Holden-Auszubildende das Einzelstück 1991 «restaurierten». Anschliessend stand der Hurricane im Holden National Motor Museum in Echuca und dem Powerhouse Museum in Sydney, bevor 2005 beschlossen wurde, ihn fachmännisch wieder aufzubauen. Die Wiedergeburt wurde von mehreren GM-Vorständen begleitet; besonders GMs weltweiter Design-Direktor Ed Welburn unterstützte das Projekt begeistert: «Als ich 18-jährig studierte, sah ich erstmals ein Foto dieses Autos. Es ist mit verantwortlich dafür, dass ich ins Automobil-Design gegangen bin.»
Die Restaurierung war alles andere als einfach: Viele Teile waren mit den Jahren verschwunden und mussten – mithilfe damals zuständiger Ingenieure – rekonstruiert werden. Umso stolzer sind alle Beteiligten heute auf den wieder fahrbereiten Hurricane. Und obwohl seine Ursprünge in den USA liegen, ist er das sensationellste Automobil, das Australien je hervorgebracht hat. 1969 schrieb ich: «Es ist zu bezweifeln, dass jemals jemand ausserhalb von GMH dieses Auto fahren darf.» Über vier Jahrzehnte später war es dann doch so weit, ging mein Jugendtraum in Erfüllung – wenn auch nur für ein paar Minuten. Sie zählen zu den unvergesslichsten meiner Journalistenkarriere.