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Gut fünf Wochen nach dem Zieleinlauf beim Marathon der Olympischen Sommerspiele in Rio habe ich die vielen Eindrücke verdaut. Jetzt verstehe ich, warum die Olympischen Spiele (zurecht) der Traum jedes Sportlers sind.
Akkreditierung
Einer der vielen schönen Momente ist, wenn man neben den Olympia-Kleidern auch die Akkreditierungs-Karte erhält. Es ist quasi das erste offizielle Zeichen seitens Rio. Diese Karte ist eines der mächtigsten Papiere der Welt. Es erlaubte uns eine beschleunigte Einreise am Flughafen, wird dort noch kurz mit dem Reisepass validiert und danach öffnet es den Athleten (fast) jede Tür. Im Olympischen Dorf kann man damit: zum Coiffeur, zur Maniküre, zum Arzt, zum Zahnarzt, zum McDonalds, Wäsche waschen lassen, essen und trinken so viel man will. Alles kostenlos natürlich.
Überdurchschnittliche sportliche Leistungen setzen nicht-durchschnittliche Körper voraus.
Freak-Show
Das Olympische Dorf ist überwältigend. Es ist ein schöner, kleiner, künstlicher Mikrokosmos der aktuell besten Sportler der ganzen Welt. Wenige Leute im Dorf sind durchschnittlich. Die Marathonis sind drahtig und dürr, die Schwimmer haben Schultern so breit wie ein Türrahmen, die Gewichtheber sind klein und von oben bis unten mit Muskeln bepackt. Man merkt schnell: überdurchschnittliche sportliche Leistungen setzen nicht-durchschnittliche Körper voraus. Eine gute Nachricht für alle unzufriedenen, hadernden Teenager, welche nicht der Norm entsprechen (also alle Teenager): Der muskellose, flache Oberkörper oder die dicken Stummel-Beine führen Dich zwar nicht auf den Model-Laufsteg nach Paris, dafür vielleicht auf die Olympia-Radstrecke 2024.
Infrastruktur
Neben den Athleten, den Coaches, den Betreuern, den Funktionären und den Volontären findet man im Olympischen Dorf:
- einen Coiffeur- und Maniküre-Salon
- (Zahn-) Ärzte und Physiotherapeuten
- eine Wäscherei
- einen McDonalds (den ich nicht ein einziges Mal besuchte, weil mir die Warteschlange davor jederzeit zu lange war)
- eine Post
- einen Olympia-Souvenir-Shop
- verschiedene Selfie-Wände
- überdimensionale Olympia-Ringe für Erinnerungsfotos
- eine Konzert-Bühne
- mehrere Swimming Pools
- einen kleiner Fussball-Platz
- Tennis Plätze (inkl. Novak Djokovic beim Training!)
- Teiche (inkl. Wasserspiel)
- Spielplätze für Kinder
- ein Freizeit-Center (Playstations, Tischtennis, etc.)
- ein Fitness-Center (so gross wie ein halbes Fussball-Feld)
- eine Essens-Halle (so gross wie ein ganzes Fussball-Feld)
Häuser
Es stehen 31 Hochhäuser im „Dorf“, in welchen die Wohnungen der Betreuer und Athleten untergebracht sind. Jedes Haus hat 17 Etagen. Insgesamt gibt es ca. 17‘000 Betten. Das britische Team besetzt ein Hochhaus alleine. Die Schweizer Delegation ist etwas kleiner und teilt das Hochhaus mit Lichtenstein, Mauritius und anderen Kleinstaaten. An den Balkonen der Häuser hängen die Landesflaggen der entsprechenden Bewohner. Dabei haben die Russen die mit Abstand grösste Flagge aufgehängt. In der Lobby des Schweizer zu Hauses steht ein Alphorn, bei den Kanadiern nebenan steht ein Plastik-Elch in Lebensgrösse im Garten. Ausserdem gibt es bei uns Rivella, Kägi Fret, sowie Schweizer Ärzte und Physios – von allem so viel man will.
Häuser
Etagen
Betten
Wohnungen
Dank der brasilianischen Planung musste man einfach daran denken, dass die Wohnung mit der Nummer 17-04 mit dem Lift über den Knopf Nr. 18 zu erreichen ist. Nicht immer ganz einfach sein Zimmer – also seine Etage – zu finden, vor allem nach einem Marathon (oder Ausgang). Irgendwie schienen der Liftbauer und der Zimmernummer-Beschrifter nie miteinander gesprochen zu haben.
Ansonsten gab es nichts zu meckern. Die Wohnungen für uns Athleten waren einfach und zweckmässig. Bei mir hat alles funktioniert. Ausstattung: 6 Betten pro Wohnung (2 Doppelzimmer und 2 Einzelzimmer), genügend Bäder/WC, mehrere Balkone, eine Lounge, ein TV und eine Bettdecke, die man am Schluss als Souvenir behalten durfte.
Celebrities
Logischerweise trifft man im Olympischen Dorf viele „berühmte“ Athleten. Aber wenn man dann zum ersten Mal beim Schweizer Haus ankommt und Fabian Cancellara gemütlich in der Lounge sitzt oder mit Giulia Steingruber im Lift fährt und einige Worte mit ihr wechseln kann, dann ist das schon sehr cool. Irgendwann merkt man, dass auch die anderen Schweizer Sportler einem durchaus (er)kennen und es ähnlich cool finden.
Am ersten Tag meiner Ankunft spielte auf dem Tennis-Platz vor dem Schweizer-Haus Novak Djokovic eine Trainingspartie. Später sah ich Andy Murray auf einem Mini-Klappvelo durch das Village düsen. Einmal wollte Tyson Gay mit mir Pins tauschen. Eine grosse Inspiration war das zufällige Morgen-Footing mit der 10’000m-Läuferin und Schauspielerin Alexi Pappas. Und am Tag der Schlussfeier waltete Usain Bolt oben ohne auf seinem Balkon als „Club Med“ Animateur.
Spirit
Und es stimmt wirklich, im Schweizer Team herrscht eine einmalige Stimmung. Dies, weil ein gegenseitiger Respekt besteht. Respekt davor, dass man es an die Olympischen Sommerspiele geschafft hat. In einen Wettkampf wo sich nur die Besten der Besten messen dürfen. Unter den verschiedenen Sportarten fühlte ich keinerlei Konkurrenz – auch dies trägt zur Lockerheit bei. Es ist auch klar, dass ich als Marathonläufer beispielsweise keinerlei Ahnung von BMX, Golfen oder Segeln habe und man darum alle Athleten alles fragen kann. Es gibt wirklich keine „blöden Fragen“, was den Unterhaltungen sehr gut tut.
Essenshalle
Die Essenshalle ist gigantisch. Etwa so gross wie ein Fussballfeld. Sie ist 24 Stunden am Tag offen. Beim ersten Mal ist man vom Angebot komplett überfordert. Auf Grund des schieren Ausmasses des Angebots ist es unmöglich sich zuerst einmal einen Überblick zu verschaffen – so wie man es normalerweise bei Buffets tut. Man ist einfach froh, wenn man mal etwas im Teller hat, was einem bekannt vorkommt. Oder eigentlich ist man schon mal glücklich überhaupt einen Teller gefunden zu haben.
Das Angebot in der Essenshalle ist wirklich gross. Dort steht auch die Kondom-Maschine.
Das Angebot in der Essenshalle ist wirklich gross.
Dort steht auch die Kondom-Maschine.
Länder und Kleider
Tuvalu, Grenada, Aruba, Guam, Guyana, Nauru, Palau. Das sind keine brasilianischen Volkstänze. Nein, das sind Länder, die unter anderem bei den Olympischen Sommerspielen teilnehmen. Mindestens so exotisch sind die jeweiligen „Uniformen“. Die Schweiz hingegen kommt sportlich schlicht daher (weiss, rot, schwarz). Bei Schweden ist der Ausrüster H&M, bei Deutschland adidas. Frankreich hat Lacoste. USA: Ralph Lauren. Brasilien: C&A. Und bei den Italienern sind die Klamotten natürlich von Armani.