Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03317.jsonl.gz/1143

Der BBC-Generaldirektor überrascht mit einem Um- und Abbauplan. Er wolle die Programmqualität im Sinne des Service Public erhöhen – und dafür Leistungen einstellen.
Von Peter Miles
Ausgerechnet aus dem Lager der Erz-Konkurrentin, der Murdoch-Presse, erfuhren die BBC-Angestellten als erstes, dass ihr Generaldirektor Mark Thompson etwas im Schilde führt. Die BBC-Pressestelle verweigerte ein paar Tage lang jegliche Stellungnahme, bis sich der Chef genötigt sah, die Angestellten selbst zu informieren. Und der Thompson-Plan hat eingeschlagen: Er umfasst einen Abbau im Programm und eine Umlagerung von etwa einer Milliarde Franken. Und er könnte zu einem massiven Stellenabbau führen.
Den Abbauplänen zum Opfer fallen sollen der anspruchsvolle Rockmusikkanal 6Music sowie das Asian Network, dessen Hörer aus dem südost-asiatischen Raum (Pakistan, Indien, Bangladesh und Sri Lanka) stammen und in Grossbritannien eine beträchtliche ethnische Minderheit stellen. Weiter sollen bei BBC-Online die Hälfte aller Webseiten aufgehoben und damit ein Viertel der Kosten eingespart werden. Thompson will ausserdem, dass die BBC bei Sportübertragungsrechten nicht mehr bis in astronomische Höhen mitbietet, und dass sie weniger ausländische Unterhaltungssendungen einkauft. Darüber hinaus will er die Betriebskosten BBC-weit um ein Viertel senken.
Das Ganze läuft unter dem Motto „Putting Quality First” („Oberste Priorität: Qualität”). Generaldirektor Thompson will damit die BBC wieder stärker auf ihre Aufgabe als Service Public verpflichten und dafür das Leistungsangebot reduzieren. Durch das Abspecken soll rund eine Milliarde Franken freigeschaufelt und nicht etwa eingespart, sondern in verbesserte Qualität vor allem beim Fernsehen investiert werden.
Wie die Qualität angehoben werden soll, gab der Generaldirektor nicht bekannt, sondern er beschränkte sich auf das Aufzählen seiner Prioritäten: der beste Journalismus, Ansporn zu Wissen, Musik und Kultur, anspruchsvolle Film- und Comedy-Eigenproduktionen sowie hochstehende Kinderprogramme. All dies wird Arbeitsplätze kosten, gibt auch Thompson zu, und die Gewerkschaften befürchten, es könnten bis zu 600 sein.
Was soll die BBC, was nicht? Was nun aber hat Thompson zu dieser Neu-Definierung der Prioritäten bewogen, und weshalb ausgerechnet jetzt? In seiner Mitteilung an die Angestellten erinnert Thompson an das sich rapid verändernde Medienumfeld, in welchem sich die BBC auf ihren zentralen Auftrag zurückbesinnen und diesen wieder klarer wahrnehmen müsse. Die Hauptfrage für ihn ist dabei nicht mehr, wie gross die BBC sein soll, sondern wozu sie überhaupt diene.
Thompson räumte ein, es gebe berechtigte Kritik an der BBC, vor allem bezüglich der Grenzen des Service Public-Auftrages. Er gestand damit das ein, was Rupert Murdochs Medien-Imperium („The Times”, „The Sun”, Sky TV) und seine Gesinnungsfreunde, vor allem in der Konservativen Partei, der BBC schon lange vorwerfen: dass die BBC in Bereiche expandiert, die nach Meinung der Kritiker einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht zustehen, und damit den grossen privaten Medienunternehmen ins Gehege komme.
Das gilt vorrangig für den Online-Auftritt. Die BBC heimst hier zwar immer wieder internationale Preise ein, hat aber gleichzeitig eine derartige Dominanz etabliert, dass sich Murdoch und die anderen Privaten, allen voran die Zeitungen, berechtigte Sorgen um ihren Marktanteil machen. Ende März kündigte Murdoch an, er wolle für die Online-Versionen der „Times” und der „Sunday Times” in Zukunft Abonnements-Gebühren erheben, ein Vorhaben, dem ein zu dominantes BBC-Online schaden kann. Wo im Online-Angebot gekürzt werden solle und welche Sparten unter Umständen abgeschafft werden sollen, ist bei BBC-Online aber niemandem klar.
Klingende Proteste. Viel zu reden gibt auch das mögliche Aus für 6Music, dessen Hörerzahlen eher im Aufwind sind. Das ist ein innovativer Rockmusikkanal für ein reiferes Publikum, das sich weiterhin für Neuheiten interessiert. Einige Sendungen werden von bekannten Musikern moderiert, so etwa von Jarvis Cocker (Pulp), Bruce Dickinson (Iron Maiden) oder Tom Robinson. Gerade Musiker und die Musikindustrie legen sich nun mächtig ins Zeug, um den Sender am Leben zu erhalten. Thompson meint aber, die BBC decke in Sachen Rockmusik mit seinen drei anderen Spartensendern (Radio 1, Radio 1X und Radio 2) das Spektrum bereits bestens ab.
Weniger Proteste hat das mögliche Ende des Asian Network ausgelöst. Der Generaldirektor weist auf schwindende Hörerquoten hin, und ein Kommentar in der Tageszeitung „The Guardian” mutmasste, gewisse ethnische Gruppen seien mittlerweile vielleicht so gut integriert, dass sie sich gar nicht mehr als speziell anzusprechende Minderheiten sehen. Es gibt aber beliebte und erfolgreiche private Sender für diese Bevölkerungsgruppe.
Privaten überlassen. Das nahm Thompson zum Anlass, einen anderen Eckpunkt seiner Neu-Orientierung ins Spiel zu bringen. Er meinte, es gebe Bereiche, welche die Privaten bestens abdecken würden und die man ihnen deshalb auch getrost überlassen könne. Konkret: Die BBC kann nicht alles machen und soll in Zukunft auch nicht mehr meinen, sie müsse alles können.
Tatsächlich finden sogar manche BBC-Journalisten, Murdochs Sky-News biete ein besseres 24-Stunden-TV-News Programm als die BBC mit ihrem Konkurrenzsender The News Channel. Könnte man also diese Form von News-TV auch den Privaten überlassen?
Der Zeitpunkt von Thompsons Vorstoss kommt nicht von ungefähr. Die Gewerkschaften sowie eine lautstarke Lobby von Parlamentsabgeordneten werfen Thompson vor, er sei vorgeprellt, um einem möglichen Sieg der Konservativen in den bevorstehenden Parlamentswahlen zuvorzukommen. Von einer konservativen Regierung dürfte man nämlich eine Medienpolitik zugunsten von Murdoch und den anderen privaten Medienunternehmen erwarten. Die National Union of Journalists (NUJ) bezeichnete Thompsons Vorschläge gar als ein „verzweifeltes Opfer mit Blick auf die Wahlen” und droht bei möglichen Entlassungen mit Streik.
Die Diskussion ist auf jeden Fall lanciert, das letzte Wort hat der BBC-Aufsichtsrat, der BBC Trust.
Peter Miles ist Redaktor BBC World ServiceRadio in London und NUJ-Mitglied.
© EDITO 2010