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Edgard Victor Achille Charles Varèse wird am 22. Dezember 1883 in Paris geboren, verbringt jedoch den größten Teil seiner Kindheit in Burgund bei seinen Großeltern Cortot. Zwei Jahre, nachdem er zurück zu seinen Eltern gekommen ist, zieht die Familie 1892 nach Turin, wo Varèse mit elf Jahren seinen ersten Kompositionsversuch in Form einer Oper für Knabenstimme und Mandoline unternimmt. Gegen den Willen des Vaters, Ingenieur wie dieser zu werden, verfolgt er weiterhin seine musikalischen Interessen und beginnt 1900, Musiktheorieunterricht bei Bolzoni, dem Direktor des Turiner Konservatoriums, zu nehmen und als Schlagzeuger im Opernorchester mitzuwirken. Durch Zufall kann er dort sogar erste Dirigiererfahrungen sammeln. Im gleichen Jahr stirbt Varèses Mutter, und sein Vater heiratet ein zweites Mal. Zunehmende Differenzen mit dem Vater führen 1903 dazu, daß Varèse mit zwanzig Jahren nach Paris umzieht. Der Bruch mit dem Vater mündet offenbar in einen lebenslangen Haß auf diesen.
Bereits kurz nach seiner Ankunft in Paris beginnt Varèse, an Charles Bordes' Schola Cantorum, die sich der Pflege alter Musik widmete, bei Albert Roussel Tonsatz und Vincent d'Indy Komposition zu studieren, wechselt jedoch schon ein Jahr später an das Conservatoire zu Charles Widor. Die erste von mehreren Chorgründungen, die er im Laufe seines Lebens noch initiieren wird, findet statt. Er lebt anfangs bei dem Dichter Léon Deubel und hat möglicherweise 1905 kurz als Sekretär für Auguste Rodin gearbeitet. Über Deubel trifft er die Künstlergruppe La Mansarde, die sich für die Wagnersche Idee des Gesamtkunstwerks begeistert, sowie die Gründergruppe der Abbaye de Créteil. In dieser Zeit entstehen mehrere Orchesterkompositionen, die jedoch bis auf das Lied Un grand sommeil noir für Sopran und Klavier sämtlich verschollen sind. Varèse ist fasziniert von Helmholtz' Sirenenversuchen.
1907 zieht Varèse mit 24 Jahren, frisch verheiratet mit der Schauspielerin Suzanne Bing, nach Berlin um. Zwei Dinge, die sich noch lange wie ein roter Faden durch sein Leben ziehen werden, treten auch hier hervor: Seine Organisationsfähigkeit und sein Talent, vor Ort schnell Kontakt zu auch im Nachhinein als bedeutend angesehenen Musikern, Künstlern und Künstlergruppen anzuknüpfen. Hat er noch in Paris Claude Debussy kennengelernt, so ist es in Berlin zuerst Ferrucio Busoni, in dessen Haus er häufig zu Gast ist und dessen Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst er auf diese Weise wahrscheinlich schon in der Ausgabe von 1906 liest, lange bevor die zweite Ausgabe von 1916 größeren Bekanntheitsgrad erlangt. Besonders angesprochen haben dürfte ihn die Idee von Dritteltönen und die Erwähnung von Cahills Telharmonium, einem elektrischen Klangerzeuger ohne Lautsprecher, die noch nicht erfunden waren.
|Vollendete Werke||Zeitpunkt||Alter||Ereignisse|
|1883||geboren 22.12., Paris;

Kindheit in Le Villars, Burgund.
|1890||7||Rückkehr nach Paris.|
|1892||9||Umzug nach Turin;

erste Beschäftigung mit Musik.
|Martin Pas (Oper nach Verne)||1894||11||erster Kompositionsversuch|
|1900||17||Musiktheorie bei Bolzoni, Turin;

Schlagzeuger im Opernorchester;
Mutter stirbt; Weltausstellung Paris.
|1903||20||Bruch mit Vater; Paris.|
|1904||21||Studium an der Schola Cantorum bei d'Indy, Roussel, Bordes.|
|div. Orchesterkompositionen:

Trois pièces, Prélude à la fin d'un jour, Rhapsodie romane u. a.
|1905||22||Studium am Conservatoire bei Widor;

La Mansarde ( Gesamtkunstwerk);
Sirenenversuche v. Helmholtz;
Gründet Arbeiterchor, Konzerte.
|Un grand sommeil noir u. a.||1906||23||Kreis der Abbaye de Créteil|
|Le délire de Clytemnestre||1907||24||5.11.: Heirat mit Suzanne Bing; Debussy; Berlin.|
|Bourgogne||1908||25||v. Hofmannsthal; Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst; Ravel|
|1909||26||R. Rolland, R. Strauss, G. Mahler;

Gründet Symphonischen Chor.
|UA Bourgogne||1910||27||Oktober: Tochter Claude; Großvater stirbt; Schüler: Ernst Schoen.|
|1911||28||Beendet Arbeit mit Symph. Chor.|
|Fast alle Manuskripte durch Großfeuer in Berlin vernichtet.||1913||30||Scheidung von Suzanne Bing; Paris.

Erlebt Schönbergs "Pierrot lunaire" und UA von Stravinskys "Sacre du printemps"
|1914||31||Tod des Vaters. Erster Weltkrieg|
|1916||33||New York; Marcel Duchamp, Man Ray.|
|1917||34||Aufführung von Berlioz' Requiem;

Publiziert in Picabias Zeitschrift 391;
Heirat mit Louise Norton.
|Beginnt mit Amériques||1918||35||Harfenist Carlos Salzedo.|
|1919||36||Gründet New Symphony Orchestra;

Walter Arensberg, Alfred Stieglitz.
|Offrandes||1921||38||Gründet International Composers Guild|
|UA Offrandes;

Amériques; Hyperprism;
|1922||39||Gründet Internationale Komponisten-Gilde mit Busoni, Tiessen.|
|UA Hyperprism; Octandre||1923||40|
|UA Octandre; Intégrales||1924||41||Aufenthalt in Paris (März - Dezember)|
|UA Intégrales||1925||42|
|UA Amériques||1926||43||Aufenthalt in Paris (August - Dezember)|
|Arcana; Amériques (rev.)||1927||44||Auflösung der I.C.G.;

Amerikanische Staatsbürgerschaft.
|1928||45||Gründet Pan-American Association of Composers (PAAC); Paris.|
|UA Amériques (rev.)||1929||46||Vorstellung des Russolophons.|
|Beginnt mit Ionisation||1930||47||Schüler: André Jolivet|
|Schließt Ionisation ab||1931||48||Kontakt mit Heitor Villa-Lobos|
|UA Ionisation (New York)||1932||49||Spanien und Portugal; New York.|
|Ecuatorial||1934||51||Schallplattenaufnahme von Ionisation|
|Density 21.5||1936||53||Engagiert sich für die span. Republik; Vorlesungen über neue Instrumente|
|1938||55||Los Angeles; Experimente mit der Drehgeschwindigkeit von Plattentellern|
|1940||57||Henry Miller; Anaïs Nin; New York|
|1941/42||58||gründet (Greater) New York Chorus|
|Etude pour Espace||1947||64|
|Dance for Burgess||1949||66||Schüler: Chou Wen-chung|
|Beginnt mit Déserts||1950||67||Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik|
|1951||68||Erste Langspielplatte von Varèse|
|Nimmt Interpolationen auf||1952||69||Pierre Boulez; P. Schaeffer; P. Henry|
|UA Déserts||1954||71||UA von Déserts stereophon im Radio übertragen, Iannis Xenakis schneidet mit.|
|La Procession de Vergés||1955||72||Vorlesung "Art and Science of Music"|
|Poème électronique||1957||74||Le Corbusier, I. Xenakis; Eindhoven|
|UA Poème électronique||1958||75||Weltausstellung Brüssel; New York|
|Beginnt mit Nocturnal||1959||76||Vorlesungen "Electronic / Spatial Music"|
|UA Nocturnal (vorl. Fassung)||1961||78|
|1965||82||† 6.11. New York an Thrombose|
Varèse steht in brieflichem Kontakt mit Hugo von Hofmannsthal, den er inständig darum bittet, Richard Strauss vorgestellt zu werden - doch der Kontakt ergibt sich bereits 1909 zufällig, und schon 1910 überredet Strauss den Dirigenten Joseph Stransky, Varèses Tondichtung für großes Orchester Bourgogne uraufzuführen. Die Kritik vom 17. Dezember 1910 in der Vossischen Zeitung ist zwar vernichtend, enthält jedoch "hellsichtige Bemerkungen": "Herr Varèse hält sich offenbar für ein Genie; er hat sich an Claude Debussy und Richard Strauss berauscht [.]" In Wien trifft Varèse bei v. Hofmannsthal mit Gustav Mahler zusammen. In Berlin gründet er 1909 den Symphonischen Chor, der alte Musik, aber auch Liszt und Bruckner aufführt, verläßt diesen Chor jedoch schon 1911 wieder.
1910 wird die Tochter Claude geboren, der geliebte Großvater Cortot stirbt. Eine psychiatrische Behandlung bei dem Freud-Freund Wilhelm Fließ beginnt, deren Krankengeschichte jedoch verschollen ist. Trotz finanzieller Schwierigkeiten in Berlin ist Varèse nur widerwillig bereit, Unterstützung z. B. durch Vermittlung von v. Hofmannsthal anzunehmen. Die begonnenen Orchesterkompositionen Gargantua und Mehr Licht werden nicht abgeschlossen.
1913 läßt sich Varèse von seiner Frau Suzanne scheiden und geht vorübergehend wieder nach Paris. Kurz darauf werden bei einem Großfeuer in Berlin seine bisherigen Kompositionen vernichtet, so daß nur wenige Kritiken über sein Werk bis zu diesem Zeitpunkt verfügbar sind. Nachdem Varèse noch bei Busoni in Berlin Schönbergs Pierrot lunaire gehört hatte, wird er nun in Paris Zeuge der in Tumulten endenden Uraufführung von Stravinskys Le Sacre du Printemps. Im selben Jahr beginnt seine Freundschaft mit René Bertrand, einem Konstrukteur des Telharmoniums, über das Busoni geschrieben hatte. Im Folgejahr 1914 stirbt sein Vater.
Am 29. Dezember 1915 kommt Varèse 32jährig nahezu mittellos in New York an. Hier hat er bereits mit Karl Muck einen wichtigen Kontakt, der ihm schon 1909 in Berlin zu einem Stipendium verholfen hatte. Bald lernt er Marcel Duchamp kennen, der bereits Mitte 1915 ausgewandert war, und über diesen mit Man Ray, Francis Picabia, Albert Gleizes, bei dem er vorübergehend wohnte, und anderen die bedeutendsten Vertreter der New Yorker Avantgarde um Walter Arensberg und Alfred Stieglitz. Auch seine spätere zweite Frau Louise Norton verkehrte in diesem Kreis von Anbeginn.
Varèse schlägt sich anfänglich mit Kopier- und Orchestrierarbeiten durch, kann aber mit der Einstudierung und Aufführung von Berlioz' Requiem am 1. April 1917 seinen ersten überragenden Erfolg als Dirigent feiern. Dieser Umstand verschafft ihm weitere Engagements mit überwiegend populären Programmen, jedoch wird sein erstes eigenes Orchesterprojekt mit einem anspruchsvollen Programm von Bach bis Bartók, das New Symphony Orchestra, 1919 von der Kritik geschmäht. Aufgrund seiner trotz finanzieller Not kompromißlosen Haltung gibt er das Projekt ab, statt sich auf lukrativere Programme einzulassen.
Nachdem dieses Orchester sowohl alte als auch gänzlich neue Musik zur Aufführung bringen sollte, geht es ihm bei der 1921 mit 38 Jahren zusammen mit Carlos Salzedo gegründeten International Composers' Guild I.C.G. ausschließlich um neue Musik, wie dem Gründungsmanifest zu entnehmen ist. Ist dieser Umstand schlicht zeitgemäß, da es für zeitgenössische Komponisten immer schwieriger geworden war, ihre Werke zur Aufführung zu bringen, so ist es jedoch bemerkenswert, daß keine Richtung oder Schule einseitig bevorzugt wurde, wie das in vergleichbaren anderen Projekten geschah, sondern die gesamte Bandbreite von Hindemith über Stravinsky bis Schönberg gespielt wurde. Selbst Komponisten, die wie Milhaud oder Honegger "sein verachtungsvolles Urteil betraf", wurden aufgeführt. Möglich wurde das durch zwei reiche Mäzeninnen, jedoch mußte man sich auf kammermusikalische Besetzungen beschränken. 1922 konnte er Busoni überzeugen, zusammen mit Heinz Tiessen analog in Berlin die Internationale Komponisten Gilde zu gründen, die jedoch schnell der später von der Schönberg-Schule dominierten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik IGNM Platz machte. Demgegenüber hatte die I.C.G. noch bis 1927 Bestand.
Varèse hatte seit Bourgogne keine Komposition mehr fertiggestellt. Zehn Jahre später beginnt er nun wieder mit einer regen Kompositionstätigkeit, die 1921 als erstes Ergebnis Amériques für großes Orchester hervorbringt, das allerdings erst 1925 verlegt und 1926 uraufgeführt wird. In annähernd jährlichen Abständen folgen Offrandes für Sopran und Kammerorchester (UA 1922, verlegt 1927), Hyperprism für kleines Orchester und Schlagzeug (UA 1923, verlegt 1924), Octandre für Bläser und Kontrabaß (UA 1924, verlegt 1924), Intégrales für Bläserensemble und Schlagzeug (UA 1925, verlegt 1931) und Arcana für großes Orchester (UA 1927, verlegt ???). Diese Werke werden alle in den USA uraufgeführt und erst mit teilweise erheblicher Verspätung in Europa aufgeführt. In diesen Jahren pendelt Varèse viel zwischen der Neuen und der Alten Welt, lebt jeweils für mehrere Monate in Deutschland und Frankreich und besucht nach Möglichkeit die Erstaufführungen seiner Kompositionen in Europa. 1927 schließlich wird Varèse mit 44 Jahren amerikanischer Staatsbürger.
Im Jahr darauf, kurz nach der Auflösung der I.C.G., gründet er mit u. a. Henry Cowell als Vizepräsident die Pan American Association of Composers PAAC, die jedoch im Gegensatz zur I.C.G. nicht mehr wertfrei jegliche moderne Musik, sondern in erster Linie Musik des amerikanischen Doppelkontinents fördern soll. Grund ist seine Ablehnung des in Europa entstehenden Neoklassizismus als rückschrittlich. (Die Zwölftonmusik der Neuen Wiener Schule und ihre Weiterentwicklung zur Seriellen Musik waren ihm von Anfang an suspekt.)
Noch im selben Jahr 1928 jedoch begibt er sich mit 45 Jahren wieder für längere Zeit nach Paris. Für ihn erweist sich als durchaus problematisch, daß er einerseits in den USA als Europäer und damit in gewisser Weise von Anfang an als Fremdkörper angesehen wird, jedoch andererseits in Europa als Komponist kaum bekannt ist. Wie viele andere auch, hatte er in erster Linie mit Amerika die Hoffnung auf das Neue verbunden, die in Frankreich in den zwanziger Jahren sogar einen gewissen Amerikanismus bedingte. Das infolgedessen von ihm praktizierte (ästhetisch) Neue hatte ihn jedoch in Amerika zu einem Skandal werden lassen, was ihn zu einer herablassenden Haltung gegenüber den Amerikanern finden ließ: Der Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten war zerplatzt. Die akademisch-elitäre und stark traditionsverwurzelte europäische Musikauffassung in Europa verabscheute er jedoch ebenfalls.
Die folgenden Jahre in Paris sind kompositorisch nicht sehr ergiebig: Espace für Chor und Orchester, wahrscheinlich 1928/29 begonnen, wird nie abgeschlossen, und Ionisation für Schlagzeugensemble wird Ende 1931 abgeschlossen, jedoch erst ein Jahr später in New York uraufgeführt, wofür allerdings die hohen spieltechnischen Anforderungen mitverantwortlich sind. Dafür werden nun die Werke der zwanziger Jahre in Frankreich (Octandre 1927, Intégrales und Amériques (rev.) 1929, Offrandes 1930, Arcana 1932) und Deutschland (Octandre 1930, Arcana 1932) aufgeführt. Der Komponist André Jolivet wird 1930 vorübergehend Schüler von Varèse. Er beschäftigt sich weiterhin mit Klangerzeugern wie Bertrands Telharmonium und stellt 1929 in Paris Luigi Russolos Rumorharmonium (Russolophon) und den Enharmonischen Bogen vor. Er plant ein Laboratorium und die Zusammenarbeit mit einem Physiker, um die von ihm beabsichtigte Verbindung von Kunst und Wissenschaft zu fördern. Sein musikalisches Denken beginnt, den Begriff Musik durch den Begriff "son organisé" (organisierter Klang) zu ersetzen.
Nach einer kurzen Reise auf die iberische Halbinsel kehrt er Ende 1932 mit fast 49 Jahren nach New York zurück. 1934 wird Ecuatorial für Solobaß, Blechbläser, Klavier, Orgel, Schlagzeug und zwei Theremins bzw. Ondes Martenot uraufgeführt, und eine erste Schallplatteneinspielung von Ionisation entsteht. Zwei Jahre später entsteht mit Density 21.5 für Platinflöte solo ein Stück, das zwar bis heute zum Standardrepertoire der modernen Flötenmusik gehört, jedoch im Kontext von Varèses Gesamtwerk eher als Gelegenheitskomposition anzusehen ist. Die Komposition Espace, sieben Jahre zuvor in Paris begonnen, kommt nicht voran, und neue Kompositionen werden vorerst nicht begonnen.
In der Folgezeit reist Varèse oft nach Mexiko und Neu-Mexiko und engagiert sich vorübergehend politisch im spanischen Bürgerkrieg zugunsten der Republik. 1936 hält er mit 53 Jahren die erste Vorlesung in Santa Fé, die in den nächsten Jahren von einigen weiteren gefolgt wird. Thema sind anfangs neue Musikinstrumente und 1939 "Music as an Art-Science". 1938, Varèse ist kurz zuvor mit seiner Frau nach Los Angeles gezogen, experimentiert er mit der Variierung der Geschwindigkeit von Plattentellern, nachdem er bereits 1927 in der revidierten Fassung von Amériques und vier Jahre darauf in Ionisation in Form von zwei Sirenen Klangerzeuger mit stufenloser Tonhöhenregelung eingesetzt hatte. Er versucht vergeblich, Filmproduzenten in Hollywood von den Möglichkeiten seiner Musik für den Film zu überzeugen. Zurück in New York, konzertiert er ab 1941 mehrfach mit dem von ihm neu gegründeten und 1942 erweiterten Greater New York Chorus mit überwiegend alter Chormusik. 1947 kommt Etude pour Espace für Chor, zwei Klaviere und Schlagzeug zur Uraufführung, seine bis auf Nocturnal von 1960/61 letzte Komposition ohne elektronische Klangerzeuger oder Tonbandmaschinen.
Mit der Einladung zu den Internationalen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt 1950 und der dortigen deutschen Erstaufführung von Ionisation beginnt ein neuer Abschnitt in der europäischen Varèse-Rezeption. Inzwischen 67 Jahre alt, hält Varèse mehrere Vorträge in der jungen Bundesrepublik. Seine neue Komposition Déserts für Bläser, Klavier, Schlagzeug und erstmalig das noch neue Magnettonbandgerät - abgesehen von Etude pour Espace das erste Werk nach über fünfzehn Jahren - entsteht Anfang der fünfziger Jahre und wird 1954 unter Mithilfe von Pierre Schaeffer, dem Pionier der musique concrète, in Paris fertiggestellt. Ende des Jahres wird Déserts in Paris uraufgeführt und simultan stereophon im französischen Rundfunk übertragen. Die Aufführung wird von Iannis Xenakis auf Magnettonband mitgeschnitten. Eine Woche später wird das Stück mit Karl-Heinz Stockhausen als Klangregisseur in Hamburg aufgeführt, kurz darauf in Stockholm.
Nach der Rückkehr nach New York 1955 und zwei Aufführungen von Déserts in den USA beginnt Varèse im Jahr darauf die Komposition des Poème électronique, das der 74jährige in Zusammenarbeit mit Le Corbusier und Iannis Xenakis Ende 1957 fertigstellt. Es wird zur Weltausstellung 1958 in Brüssel im Philips-Pavillon uraufgeführt. Ein halbes Jahr später wird das Stück, konzipiert für mehrere Tonbandgeräte zur Steuerung und Klangwiedergabe und ein System aus über 300 Lautsprechern, in New York aufgeführt. Varèse hält einige Vorlesungen über elektronische Musik und Musik im Raum ("spatial music").
In der Folgezeit, Varèse ist bereits 76 Jahre alt, überarbeitet
er noch mehrfach die Interpolationen für Déserts und
beginnt ein neues Stück, Nocturnal für Sopran, Baßchor
und Orchester, das er jedoch nicht mehr abschließt. Eine vorläufige
Fassung kommt 1961 zur Aufführung, und er beginnt 1963 mit der Arbeit
an Nocturnal II bzw. Nuit für Sopran, Baßchor,
Bläser, Harfe, Schlagzeug und Kontrabaß. Am 6. November 1965
stirbt Edgard Varèse mit fast 83 Jahren in New York an einer Thrombose.