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Die Zinsen sind im Keller, der Goldpreis dagegen im Hoch. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Zinsen und dem gelben Edelmetall?
Viele Anleger denken, dass die Zinssätze den Goldpreis erheblich beeinflussen und dass eine starke negative Korrelation zwischen Gold und den Zinssätzen besteht. Auf den ersten Blick erscheint diese Annahme sinnvoll. Wenn beispielsweise die Zinssätze steigen, dann sollte die Attraktivität von Anleihen und Sparkonten zunehmen und die Nachfrage nach Sachwerten sinken – und umgekehrt. Allerdings sind solche Betrachtungen nur teilweise richtig.
Schwache Korrelation
Langzeitvergleiche zeigen, dass die negative Korrelation zwischen dem Goldpreis und den Zinssätzen wie der Fed Funds Rate oder den Anleihenrenditen nur schwach ist. Das heisst, es ergibt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Zinsen und jener des Goldpreises. Die Goldhausse in den Siebzigerjahren beispielsweise ging einher mit stark steigenden Zinsen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren wiederum fielen die Zinsen zeitweise kräftig, während Gold bis zur Jahrtausendwende mehr oder weniger eine Durststrecke durchlief.
Kein eindeutiges Bild
Die an den Märkten notierten Zinssätze sind jedoch nominal. Für den Goldmarkt indessen sind die Realzinssätze viel wichtiger als die Nominalzinssätze. Die Nominalzinssätze entsprechen den Zinssätzen vor Berücksichtigung der Inflation, während die Realzinssätze inflationsbereinigte Nominalzinssätze sind. Die Inflation bestimmt die Differenz zwischen nominalen und realen Zinssätzen. Sind die Realzinsen hoch, können Anleger mit zinstragenden Anlagen mehr Kaufkraft gewinnen. Höher verzinsliche Anlagen gewinnen an Attraktivität. Im Umkehrschluss heisst das: Gold, das keine Zinsen trägt, ist weniger gefragt, wenn die Realzinsen steigen.
Realzinsen sind viel wichtiger
Aufgrund der unterschiedlichen Inflationsindizes gibt es mehrere Messgrössen für die Realzinssätze. Als Massstab verwenden Analysten jedoch oft die Renditen von inflationsgeschützten US-Staatsanleihen, die sogenannten Treasury Inflation Protected Securities (TIPS). Bei inflationsindexierten Anleihen ist jeweils die Rückzahlung oder der Coupon an die Entwicklung eines Inflationsindex gekoppelt. Solche Obligationen schützen den Investor vor dem Inflationsrisiko.
Ein anderes Bild ergibt sich nun, wenn im Zusammenhang mit Gold statt der Nominalzinsen die Realzinsen betrachtet werden. Im Allgemeinen sind die Realzinsen negativ mit dem Goldpreis korreliert. Steigende Realzinsen wirken sich also negativ auf das gelbe Edelmetall aus, fallende dagegen positiv. Grund dafür ist unter anderem, dass höhere Realzinssätze höhere Opportunitätskosten für das Halten von unverzinslichen Vermögenswerten wie Gold bedeuten. Oder mit anderen Worten: Bei hohen Realzinssätzen ist das Halten von Gold vergleichsweise teuer, bei niedrigen aber relativ günstig.
Sinkende Realzinsen treiben den Goldpreis
Vor allem in Zeiten negativer Realzinsen tendiert der Goldpreis üblicherweise dazu, kräftig zu steigen. Bei negativen Realzinsen ist die Inflationsrate höher als der nominale Zinssatz. Das bedeutet beispielsweise, dass Anleger Geld verlieren, wenn sie in Anleihen investieren und diese bis zur Endfälligkeit halten. In solchen Zeiten erhöht sich daher die Attraktivität von Gold, obschon es keine Zinsen abwirft. Es gewinnt sozusagen seine traditionelle Rolle als Vermögenswert zurück, der zumindest mit der Inflation Schritt halten und so die Kaufkraft erhalten kann.
So erklärt sich beispielsweise auch die eingangs erwähnte Goldhausse in den späten Siebzigerjahren, obwohl damals die Nominalzinssätze hoch waren. Die Teuerung überstieg zu jener Zeit die nominalen Renditen von Anleihen, weshalb Investoren ihr Kapital in Gold umschichteten. Als der damalige US-Notenbankchef Paul Volcker jedoch die kurzfristigen Nominalzinsen anhob und die Realzinsen wieder in den positiven Bereich kamen, endete der Goldboom.
Neben den Realzinsen sprechen derzeit auch andere Faktoren für einen anhaltend hohen Goldpreis. So begünstigen die weltweit zusehends expansivere Geldpolitik und die Unsicherheiten in der Weltwirtschaft das Preisniveau von Gold. Erhöht wird die Attraktivität des gelben Edelmetalls noch durch die Unsicherheit, ob allenfalls eine zweite Coronavirus-Welle anrollen wird. Auf Sicht von zwölf Monaten sieht die Migros Bank die Feinunze Gold in der Region um die 1800 US-Dollar.