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Nach dem verheerenden Brand im Londoner Grenfell Tower trat in der öffentlichen Diskussion über die Ursachen rasch die Fassadenverkleidung in den Mittelpunkt. Synthetische Dämmstoffe wie in London kommen auch hierzulande zum Einsatz. Dennoch ist das Brandrisiko laut Experten gering.
Beim Brand im 24 Stockwerke hohen Grenfell-Hochhaus, einem Bau mit Sozialwohnungen aus dem Jahr 1974, starben am 14./15. Juni 2017 mindestens 80 Menschen. Die rund 600 Bewohner des Hochhauses wurden um ein Uhr morgens im Schlaf vom Brand und Rauch überrascht. Brandursache scheint die Explosion eines defekten Kühlaggegrats in einem Kombi-Gefrier-/Eisschrank in einem unteren Stockwerk gewesen zu sein. Dessen Flammen griffen blitzschnell auf die 150 Millimeter dicken, beidseitig mit Aluminiumfolie beschichteten PIR-Hartschaumplatten der hinterlüfteten Fassade über und konnten sich rasch grossflächig ausbreiten.
Das Kunststoffprodukt PIR ist aus Polyisocyanuraten und thermisch zwar verhältnismässig stabil, die Zersetzung beginnt jedoch oberhalb von 400 Grad Celsius bei hoher Umgebungstemperatur, z. B. durch Wärmestau. Die PIR-Platten des Typs Celotex RS5000 wurden erst 2016 bei der Sanierung auf die ursprüngliche Betonfassade geklebt. Unterhalb der Fensterzeilen wurden stockwerkweise gebäudeumlaufende Brandriegel eingebaut, ebenso um die Fenster. Die Flammen konnten die Brandriegel spielend überspringen.
In den USA verboten
Sowohl Fassadendämmung wie auch Brandriegel waren mit einer vorgehängten, hinterlüfteten (25–50 Millimeter) Fassade aus 3-Millimeter-Aluminium-Verbundplatten vom Typ Reynobond von Arconic, vormals Alcoa, verkleidet. Der Hersteller beschreibt die Reynobond-Verbundplatten als «aus zwei einbrennlackierten Aluminiumblechen» bestehend, «die beidseitig im Schmelzfixierverfahren auf einen Polyethylenkern mit einem Schmelzpunkt von 130 bis 145 Grad aufgebracht werden.»
Spekuliert wird, dass es in der hinterlüfteten Vorhangfassade aus den Aluminium-Sandwichplatten zu Wärmestau, Kamineffekt und Reflexion (Aluminium-Beschichtung) von Wärmestrahlung gekommen ist. Dies hat nach der Entzündung der Dämmplatten im dritten oder vierten Stockwerk die Ausbreitung des Feuers über viele Stockwerke innerhalb weniger Minuten begünstigt.
Unter der Bevölkerung hat besonders der Umstand Empörung ausgelöst, dass die Dämmplatten zwei Pfund billiger waren als das bessere, weniger brandgefährliche Produkt. In den USA wurde die Aussenverkleidung des Typs Grenfell aus Sicherheitsgründen schon vor Jahren verboten. Nach der Brandkatastrophe zieht der Hersteller der Aussenverkleidung des Hochhauses Konsequenzen: Das am Grenfell Tower verbaute Material vom Typ Reynobond werde weltweit nicht mehr für die Verwendung bei Hochhäusern verkauft, sagte ein Sprecher des US-Herstellers Arconic. Für niedrigere Bauten bis drei Geschosse soll das Material aber weiter verkauft werden.
Beliebtes Dämmmaterial
Im Kern gehe alles auf eine Lockerung der Bauvorschriften in den 1980er-Jahren zurück, schreibt die «Zeit» (20.6.17). Bis 1984 galten in Grossbritannien recht strenge Bauvorschriften, die 1984 von der Regierung von Premierministerin Margaret Thatcher gelockert wurden, um billiger und schneller bauen zu können.
Im Grenfell Tower handelt es sich um Sozialwohnungen. Die Brandkatastrophe entwickelte sich landesweit zu einem Skandal. Anderthalb Wochen nach der Grenfell-Brandkatastrophe wurden die Bewohner von fünf anderen Hochhäusern im Norden Londons wegen Brandgefahr evakuiert und in Notunterkünften und Hotels untergebracht. Die Feuerwehr hatte dort erhebliche Sicherheitsmängel festgestellt wie brennbare Fassaden, Fehler bei der Isolierung von Gasleitungen und das Fehlen von Brandschutztüren.
Das Kabinett von Theresa May liess landesweit insgesamt 600 Hochhäuser mit ähnlichen Fassadenkonstruktionen wie beim Grenfell Tower überprüfen. Bei den ersten untersuchten 75 Häusern wurden ohne Ausnahme Brandschutzmängel festgestellt. Eine fatale Rolle spielte im Fall des Londoner Hochhausbrands auch der dicke schwarze Qualm aus den Dämmplatten, deren Dämpfe teilweise giftig sind. Fachleute vermuten, dass bei dem Brand der Dämmplatten giftige Gase wie Kohlenmonoxid und Blausäure entstanden sind.
Auch hierzulande im Einsatz
Synthetische Dämmstoffe wie die PIR-Hartschaumplatten kommen auch in der Schweiz sehr häufig bei der Fassadenisolation zum Einsatz. Das Dämmmaterial ist beliebt, weil es günstig ist; Handwerker schätzen den Baustoff, weil er leicht bearbeitbar ist. Der Marktanteil des aus Erdöl hergestellten Dämmmaterials wird in der Schweiz auf rund 80 Prozent geschätzt.
In der Schweiz gelten seit 2015 neue Brandschutzvorschriften für Wärmedämmsysteme, wobei für Hochhäuser schon viel länger strenge Vorschriften gelten. Danach müssen mehrstöckige mit EPS- oder PIR-Platten isolierte Gebäude ab dem zweiten Stock einen minimal zwanzig Zentimeter dicken Streifen (Brandriegel) aus nicht brennbarem Material aufweisen, und zwar pro Etage. Das Übergreifen der Flammen auf das nächsthöhere Geschoss soll so zumindest verzögert werden. Die synthetische Dämmung muss bei Kompaktfassaden zudem einen nicht brennbaren Verputz von mindestens fünf Zentimeter Dicke aufweisen.