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Da steht Alice riesengross in einem winzigen Zimmer, die nackten Beine breit gespreizt über einem Schachbrett, ihre Füsse stecken in schwarz glänzenden Plateauschuhen. Mit dick geschminkten Augen blickt sie herablassend auf den Betrachter, als würde sie sagen: «Na, Kleiner?» Klar, so kann man sich das Mädchen aus der Kindergeschichte auch vorstellen. Das Bild stammt aus dem Pirelli-Kalender von 2018, für den der britische Modefotograf Tim Walker «Alice im Wunderland» neu inszeniert hat: Die üppigen Kostüme und Kulissen verbinden die Ästhetik des 19. Jahrhunderts mit einer grellen Intensität, die definitiv aus dem 21. Jahrhundert stammt. Zudem sind alle Darsteller:innen Schwarz – vom australischen Model Duckie Thot als Alice bis zum Rapper P. Diddy als Scharfrichter im eleganten Samtanzug.
Die Pirelli-Fotoserie bildet den Abschluss der Ausstellung «Curiouser and Curiouser» im Victoria and Albert Museum in London. Es ist ein Streifzug durch 150 Jahre «Alice im Wunderland»: durch unzählige Adaptionen und Neuinterpretationen des viktorianischen Klassikers im Film und im Theater, in der Mode und der bildenden Kunst, selbst in der Teilchenphysik. Die Ausstellung erzählt vom enormen Einfluss eines kleinen Büchleins, das so unscheinbar begonnen hat, mit einer Bootsfahrt auf der Themse.
Im immersiven Universum
Lewis Carroll, mit richtigem Namen Charles Dodgson (1832–1898), war ein nüchterner, sogar als langweilig bekannter Mathematikdozent in Oxford. Als er im Sommer 1862 mit einem Bekannten und dessen drei Töchtern eine Flussfahrt unternahm, unterhielt er die Kinder mit der Geschichte von Alice, die einem Kaninchen in den Untergrund folgt und dort die bizarrsten Abenteuer erlebt. In den folgenden Monaten feilte er an der Story und schrieb sie nieder, drei Jahre später wurde sie publiziert.
Es war ein durchschlagender Erfolg. Heute kann man «Alice im Wunderland» in 170 Sprachen lesen, die Protagonistin ist längst zur Ikone geworden, und Carrolls Figuren, von der Grinsekatze bis zur Herzkönigin mit ihrer Schwäche für Enthauptungen, kennt man auf der ganzen Welt. Im 20. Jahrhundert diente die Geschichte immer wieder als Rohmaterial für die Anwendung neuer medialer Techniken: Schon 1903, nur wenige Jahre nach der Erfindung des Kinos, wurde der erste Alice-Film gedreht. Das Werk – mit einer Länge von zehn Minuten war es der damals längste Film in Grossbritannien – wandte innovative Trickeffekte an, um Alice zu schrumpfen und zu vergrössern oder um ein Baby in ein Schwein zu verwandeln. Seit diesem Stummfilm sind drei Dutzend weitere Filmadaptionen hinzugekommen; nur wenige Bücher sind öfter verfilmt worden.
Was an Alice immer wieder aufs Neue fasziniert, ist ihre Flucht vor der nüchternen Realität in eine Traumwelt, in der alles verdreht und auf den Kopf gestellt ist. Die Ausstellung im Victoria and Albert Museum versucht, diese Reise ins Unwirkliche durch immersive Installationen für das Publikum nachvollziehbar zu machen: Schimmernde, wogende Lichtspiele über der Teegesellschaft-Kulisse, eine Videoanimation, in der ein Wasserfall aus Buchstaben herunterprasselt, oder ein Spiegelkabinett, auf dessen Wände herumschwebende Satzfetzen aus dem Buch projiziert werden – die Museumsgäste fühlen sich wie im Alice-Labyrinth.
Im 20. Jahrhundert wurde «Alice im Wunderland» nicht zuletzt als Austritt aus der bürgerlichen Moral gelesen. Der Surrealismus etwa sah in Lewis Carroll einen Seelenverwandten, dessen Figuren sich der rigiden gesellschaftlichen Ordnung widersetzen. Künstler wie Max Ernst oder Salvador Dalí bezogen sich in ihrem Werk auf Alice – und sie dachten die Geschichte im Untergrund weiter, nicht zuletzt, um ihre dunkleren Aspekte zu erforschen: Ernsts Gemälde «Alice in 1941» beispielsweise, in düsterem Rot gehalten, zeigt die Protagonistin als erwachsene Frau, eingehüllt in ein dickes Federkleid – oder ist sie in einem Felsen eingeschlossen?
Alice im Cern
Hochkonjunktur hatte das Wunderland in den 1960er Jahren. Alice wurde zum Vorbild für Musikerinnen und Künstler, die damals versuchten, ihr Bewusstsein durch allerhand Pillen und Pilze zu erweitern und so die etablierte Kultur zu hinterfragen. Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama inszenierte 1968 eine Performance mit nackten Protagonist:innen bei der Alice-Statue im New Yorker Central Park: eine Verbindung von Kunst, sexueller Befreiung und Politik. «Alice war die Grossmutter der Hippies», hat Kusama einmal gesagt. «Wenn es ihr nicht gut ging, war Alice die Erste, die Pillen schluckte, um high zu werden.»
Auch die Wissenschaft findet in der 150 Jahre alten Geschichte eine Metapher, nämlich für den Versuch, tiefer in die Geheimnisse des Universums vorzudringen. Eines der faszinierendsten Stücke der Ausstellung in London ist das Video der deutschen Künstlerin Mariele Neudecker, die sich mit den Experimenten im Genfer Cern, der Europäischen Organisation für Kernforschung, auseinandersetzt. Sie hat die hochkomplexen Apparaturen des Teilchenbeschleunigers Large Hadron Collider gefilmt, den 27 Kilometer langen Tunnel, von dem sich die Wissenschaftler:innen Aufschluss über die Ursprünge des Daseins und den Zustand des Universums kurz nach dem Urknall erhoffen. Das Projekt heisst «A Large Ion Collider Experiment», abgekürzt Alice. Während die Kamera im Video über die kreisförmig angeordneten Maschinerien gleitet, beschreibt eine Stimme die Funktionsweise des menschlichen Auges – so wird der Teilchenbeschleuniger bei Neudecker zu einem Ersatzauge, das jenes Wunderland auskundschaftet, das mit unseren Sinnen nicht zu erfassen ist.
«Alice: Curiouser and Curiouser» ist noch bis 31. Dezember 2021 im Victoria and Albert Museum in London zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (ca. 60 Franken, nur Englisch).