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Bei der Beratung von Wachstumsproblemen (zu kleine oder zu grosse Körpergrösse, zu frühe oder zu späte Pubertätsentwicklung) nimmt die Bestimmung des sogenannten Knochenalters und die Berechnung der voraussichtlichen Erwachsenengrösse eine zentrale Rolle ein.
Wenn immer möglich wird das Knochenalter nach den Methoden von Greulich-Pyle und Tanner (TW2 und TW3) bestimmt und die Wachstumsprognosen nach Bayley-Pinneau, Roche und Tanner (TW2 und TW3) berechnet. Zusätzlich wird eine Beurteilung der klinischen Situation vorgenommen, soweit dies auf Grund der zur Verfügung gestellten Daten möglich ist.
Wenn man mit einem Handröntgenbild das biologische Alter bestimmt hat, dann kann man den weiteren Verlauf von Wachstum und biologischer Entwicklung einigermassen voraussagen. Man weiss dann, wann die Pubertätsentwicklung und der Pubertätswachstumsspurt ungefähr einsetzen werden, wie lange das Wachstum andauern wird, und man kann auch Voraussagen über die zu erwartende Erwachsengrösse machen. Es gibt für solche Berechnungen verschiedene Methoden.
Ihre Genauigkeit hängt davon ab, ob das weitere Wachstum einigermassen durchschnittlich weitergeht wie in etwa 80-90 % der Fälle. Nicht-durchschnittlich verläuft das Wachstum zum Beispiel, wenn die Körperproportionen sehr auffällig sind, wie zum Beispiel bei sehr kurzen Beinen oder wenn das betreffende Kind als SGA, also als ‘small for gestational age’ oder einfach ausgedrückt deutlich zu klein oder zu leicht auf die Welt gekommen ist.
Ein grosser Prozentsatz der SGA-Kinder wächst nicht ganz so wie die meisten anderen Kinder. Oft machen diese mit 8-10 Jahren einen kleinen Wachstumsspurt. Leider bringt in solchen Fällen der Pubertätswachstumsspurt dann weniger zusätzliche Grösse als bei den meisten anderen Kindern. Dies führt dann dazu, dass die Erwachsengrösse kleiner ist als ursprünglich berechnet. Dass dies so ist, wissen wir erst seit einigen Jahren, nachdem wir die Fälle von Kindern genauer analysiert haben, welche nicht die von uns vorausberechnete Grösse erreicht haben.
Bisher haben wir hier also von biologisch speziellen Verläufen gesprochen. Es gibt noch eine andere, viel häufigere Fehlerquelle. Alle Methoden, Wachstumsprognosen zu berechnen, hängen ganz zentral von der Genauigkeit der Knochenalterbestimmung ab. Die Bestimmung des Knochenalters ist keine einfache Sache. Es geht darum, die Reife von 13 oder 20 Handknochen zu analysieren. Es geht also nicht um die messbare Grösse oder Länge der Handknochen, sondern um die Beurteilung ihrer dreidimensionalen Form, welche verschiedenen Reifestadien zugeordnet werden muss. Je erfahrener Derjenige ist, der das Handröntgenbild beurteilt, desto genauer sind die Wachstumsprognosen - und zwar unabhängig von der verwendeten Methode. Im Knochenalter-Lesen Erfahrene nutzen meist auch mehrere Methoden gleichzeitig, weil sie aus den Unterschieden der einzelnen Methoden wiederum Schlüsse auf die Zuverlässigkeit in einem konkreten Fall ziehen können. Die grösste Erfahrung im Knochenalter- Lesenfindet man in der Regel bei den Fachärzten für pädiatrische Endokrinologie, den Fachleuten für Wachstum und Hormonstörungen.
Ganz allgemein kann man auch sagen, dass je normaler ein Kind wächst, desto genauer sind die Wachstumsprognosen. Aber am häufigsten interessiert die zukünftige Erwachsenengrösse ja nicht bei durchschnittlichem Wachstum, sondern bei Kindern mit auffälligem Wachstum. Wachstumsprognosen sind eine Art ’Abfallprodukt’ der Knochenalter-Bestimmung. Wir brauchen ja das Knochenalter hauptsächlich dafür um herauszufinden, ob ein Kind eine Krankheit, eine Wachstumsstörung hat und wenn ja, um was für eine es sich handeln könnte.