Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03571.jsonl.gz/1797

Warum Vietnam und warum jetzt ?
Aufgrund von 35 Jahren Krieg gefolgt von 19 Jahren wirtschaftlicher Isolation (das Wirtschaftsembargo der USA wurde 1994 aufgehoben, doch erst 2001 wurden normale Wirtschafts- und Handelsbeziehungen vereinbart) steht Vietnam
heute etwa dort wo Südkorea vor 35 Jahren und China vor 15 Jahren standen.
Dass Vietnam eine grosse und sehr junge Bevölkerung sowie reichlich günstige Arbeitskräfte hat (Arbeitskosten etwa ein Drittel von China), ist bekannt, doch haben dies auch andere Staaten (z.B. Bangladesh, Indien und
Nigeria). Dass Vietnam bezüglich ausländische Direktinvestitionen (FDI) am besten abschneidet, ist auf die Leistungsbereitschaft und bessere Schulbildung zurückzuführen. So liegt die Quote der Analphabeten in Vietnam
bei 5 % gegenüber etwa 28 % in Indien. Der neueste PISA-Bericht (PISA = Programme for International Student Assessment) zeigt, dass Vietnam nicht nur eine geringe Zahl Analphabeten
hat, sondern in Sachen Schulbildung 15-Jähriger mit viel reicheren Ländern wie der Schweiz mithalten kann und sogar besser als die USA abschneidet.
Die führende Wirtschaftsprüfungs- und -beratungsgesellschaft PWC kam bereits in ihrer Untersuchung von 2015 über die bis 2050 zu erwartende Weltwirtschaftsentwicklung für Vietnam zu sehr schmeichelhaften Prognosen.
Im kürzlich publizierten Update wurden die Prognosen für Vietnam massiv nach oben korrigiert. Dank einem erwarteten durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 5.1 %
über die nächsten 34 Jahre wird die Wirtschaftsleistung um 442 % steigen (in den letzten 16 Jahren betrug das Wachstum im Schnitt sogar 7 % und für die nächsten 10 Jahre werden etwa 6.5 % erwartet). Dadurch wird
Vietnam zur 20-grössten Volkswirtschaft der Welt. Mit solchen langfristigen Prognosen muss man grundsätzlich vorsichtig sein. Der wichtigste Faktor ist aber die demografische Struktur und Entwicklung und diese lässt
sich recht zuverlässig für die nächsten 30+ Jahre voraussagen.
Wie erwähnt, nimmt Vietnam auch hinsichtlich ausländischer Direktinvestitionen FDI (in % des BIP) einen Spitzenplatz ein. 2016 wurden FDI von USD 24.4 Mrd. (+7.1 %) angemeldet und bewilligt, darunter verschiedene
Grossprojekte, deren Realisierung Jahre in Anspruch nehmen wird. Ausgeführt wurden letztes Jahr USD 15.8 Mrd. (+9.0 %), weshalb die Pipeline um weitere USD 8.6 Mrd. gewachsen ist und mittlerweile über USD 150 Mrd.
beträgt. Dies bedeutet einerseits Schaffung von Arbeitsplätzen und damit Einkommen sowie Kaufkraft, was wiederum inländische Investitionen auslöst u.s.w. u.s.f. - d.h. der bekannte Akzelerator- und Multiplikator-Effekt
wirkt. Und anderseits würde das weit überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum noch rund 10 Jahr anhalten, selbst wenn neue FDI plötzlich ausbleiben würden. Deshalb ist die wirtschaftliche Entwicklung in Vietnam über die
nächsten 10 Jahre absehbar wie in keinem anderen Land.
Wie im Wahlkampf angekündigt, hat Donald Trump die USA von der Trans-Pacific Partnership TPP losgesagt. Falls Donald Trump nicht doch noch zur Einsicht kommt, dass sein Rückzug ein riesiger strategischer Fehler war, dürfte
TPP wohl gestorben sein und die Chinesen können sich ins Fäustchen lachen, ist dies doch Wasser auf ihre Mühlen und verschafft RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership) Auftrieb. Von den TPP-Staaten sind nebst den
USA, Kanada, Mexiko, Chile und Peru nicht vertreten, dafür aber die beiden bevölkerungsreichsten Länder (China und Indien) sowie alle ASEAN-Länder (darunter Indonesien, Korea, Philippinen und Thailand, welche bei TPP nicht
dabei waren). Somit repräsentiert RCEP rund 46 % der Weltbevölkerung, 40 % des Welthandels und ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung. Vietnam hätte TPP angehört, ist aber auch bei RCEP dabei und hat überdies 14 weitere
Freihandelsabkommen (FTA) ausgehandelt, wovon 12 bereits in Kraft sind und diejenigen mit den EU- sowie den EFTA-Staaten nächstes Jahr in Kraft treten sollen.
Das Wirtschaftswachstum wird aber auch von einer schnell wachsenden Mittelklasse unterstützt. Laut der Boston Consulting Group wird diese von 12 Mio. in 2012 auf 33 Mio. in 2020, d.h. um 175 % wachsen. Dies in Verbindung
mit dem weltweit fünfhöchsten Wert (112 Punkte) hinsichtlich Konsumentenvertrauen laut Berechnung von Nielsen gibt der Binnenwirtschaft eine sehr solide Basis.
Um ein so hohes Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten, muss Vietnam die Infrastruktur ausbauen. Das Strassennetz wird zwar rasant erweitert und in den beiden Großstädten Hanoi und Saigon werden Metrolinien erstellt. Laut
Weltbank hat sich Vietnam dadurch von 2012 bis 2014 vom 72. auf den 44. Platz unter 155 bezüglich Infrastruktur ausgewerteten Ländern verbessert. Das Schienennetz - insbesondere die 1'726 km lange Nord-Süd-Verbindung
- muss aber dringend ersetzt und die Häfen ausgebaut werden. Der Flughafen von Saigon ist trotz laufenden Erweiterungen dauernd an der Kapazitätsgrenze. Die Kosten werden auf insgesamt USD 300 Mrd. geschätzt, was Vietnam
unmöglich aus dem laufenden Staatshaushalt finanzieren kann und die in der Verfassung verankerte Schuldengrenze von 65 % des BIP ist praktisch erreicht.
Es drängt sich deshalb ein “Asset Swap“ auf, d.h. Verkauf von Staatsunternehmen zur Finanzierung des dringend notwendigen Ausbaus der Infrastruktur. Die Regierung hat dies schon vor Jahren erkannt und begonnen, Staatsunternehmen
(SOE) ganz oder teilweise zu verkaufen. Dies funktionierte in der Vietnam-Euphorie 2005-2007 ganz gut. Seit der Globalen Finanzkrise ist das Interesse ausländischer Investoren aber zu gering und die erzielten Verkaufserlöse
entsprechend tief. So haben Portfolio-Investoren in den letzten 10 Jahren lediglich USD 3.4 Mrd. in Vietnam investiert, das sind knapp 3 % der USD 115.7 Mrd. realisierten FDI in derselben Zeit!
Um dies zu ändern, muss Vietnam für Ausländer attraktiv, ja ein “Muss“ werden. Dies kann nur durch eine Aufnahme von Vietnam in den MSCI Emerging Market Index erreicht werden. Deshalb wurde Mitte 2015 eine Gesetzesänderung
vorgenommen, welche es vietnamesischen Unternehmen erlaubt, die FOL (Foreign Ownership Limit) auf bis zu 100 % zu erhöhen ausser in Bereichen von “nationalen Interesse“ wie Banken, Telekommunikation, etc. Zudem übt die
Regierung Druck auf die SOEs aus, die Umwandlung in “Joint Stock Companies“ zügig voranzutreiben. Damit werden die wichtigsten Voraussetzungen von MSCI zur Aufnahme in den Emerging Market Benchmark-Index erfüllt. Die
Regierung hat zudem eine Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern der involvierten Ministerien, der Zentralbank, der beiden Börsen sowie der Börsenaufsicht gebildet, um in Zusammenarbeit mit Morgan Stanley die Aufnahme
voranzutreiben.
Weshalb ist dies für Vietnam so wichtig? – Vietnam ist zur Finanzierung des Infrastrukturausbaus auf ein grosses Interesse ausländischer Investoren an seinen SOEs angewiesen. Dies wird durch die Aufnahme in den Emerging Market
Benchmark-Index erreicht. Viele institutionelle Anleger (Fonds, Pensionskassen, Versicherungen etc.) investieren passiv, d.h. sie kaufen statt einzelne Aktien ETFs auf verschiedene Anlageklassen, Länder und Sektoren. Wird nun
Vietnam in den Benchmark-Index aufgenommen, müssen diese Investoren ebenfalls in Vietnam investieren, was einen Kauf-Tsunami und eine Neu- / Höherbewertung auslöst. Wie frühere Fälle zeigen, führt dies in den zwei Jahren vor
der Aufnahme in den Benchmark-Index typischerweise zu einem Kursanstieg von über 100 %.
Betrachtet man den Chart des Vietnam-Index, so sieht man, dass die Börse seit 2016 in einem Aufwärtstrend ist. Möglicherweise hat die Neubewertung mit Blick auf MSCI damit bereits
begonnen. Da Vietnam die mit Abstand am günstigsten bewertete Tiger-Börse ist, (vgl. nachstehende Tabelle), besteht noch viel Aufholpotenzial. Aufgrund der wesentlich besseren Aussichten wäre sogar eine Bewertungsprämie
gerechtfertigt.