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„If it sounds too new, then tomorrow, it will sound like yesterday“ – Rick Rubin, from this Pitchfork interview[via Kit Mackintosh]Hmmm, But then, if it doesn’t sound new enough, „it will sound like yesterday“ today, already, from the git-go….
Saturday, November 7, 2015
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But I did have to chuckle, and not in sympathy, at this riff from the Esquire interview, in which he talks about knowing all along that Oasis would be The Last of a Dying Breed, and rants at the pusillanimous professionalism of modern rock :
„They don’t want someone like Ian Brown in their offices, or Liam, or Bobby Gillespie, or Richard Ashcroft, or me. They want professionals. That’s what it’s become now.
As if Oasis et al weren’t following a bleeding script written for them a couple of decades before (and in some cases following it consciously, and wanting you to know that: hence that old ad „Primal Scream – know what I mean“ featuring Keith Moon)
Noel gets near to grasping this a few paras later in in the interview when he says that rock’n’roll is about freedom and honesty – saying „you have a duty“ to be those things. Exactly: that’s the job description of ye olde rocke & rolle. That’s the designated role: being irresponsible, random, impulsive. That’s what you’re enlisting in, when you signed up for rock’n’roll. It was well established modus misbehaviourus by the early-mid Seventies; a hoary, encrusted tradition by the time of Sunset Strip metal and G’n’R; and God knows what it was by the time Oasis lurched into view. (By the time of Kasabian and the Libertines it was what Phil Knight, via Spengler, calls pattern-work – ritual reiteration of something whose original point is lost to immemorial antiquity). Whatever edge that sort of not caring about anything / living in the moment / unbridled rapacity / wrecked recklessness / radical selfishness had at a certain historical juncture has long, long gone. Probably it ceased to mean anything by 1974. (That was why Eno, for instance, regarded The Rolling Stones as the absolute opposite of what he was about).
Rather than being proud about being the Last of a Dying Breed, wouldn’t you rather be the first of a new breed?
Die grossen britischen Indie-Bands der 80er-Jahre standen in der Tradition der Beatles und der Velvet Underground: Sie waren Kunst von begabten Jungs (und manchmal Mädels) aus den Artschools, in die man Tunichtgute aus der Unterklasse steckte. Niemand brachte ihnen bei, wie sie eine Karriere als Künstler/-innen aufbauen können. Ihre Kunst war roh, ungeschliffen, selbst entdeckt. Heute ist das (hörbar) anders: Heutige Bands sind geschliffene Künstler, ihre Kunst ist vermittelt, raffiniert, akademisch. Ihr Portfolio ist vermutlich noch sorgfältiger gemacht als die Musik.
Es ist ein Kennzeichen der Gegenwartsmusik, dass sie jede Nische der bisherigen Musikgeschichte ausleuchtet. Platten, Cassetten sowie Vintage-Instrumente werden begehrte Sammlersobjekte. Mit den Instrumenten wird dann wieder Musik gemacht und von den Tonträgern werden Klänge gesampelt oder Inspiration herausgezogen. Was dabei herauskommt zeigt die Musik von den Emeralds, von Oneohtrix Point Never oder das neue Album des Emeralds-Alumnis Mark McGuire:
Along The Way.
- Mike Rubin (2014): For New Age, The Next Generation. http://www.nytimes.com/2014/02/16/arts/music/for-new-age-the-next-generation.html?_r=0 (Publikationsdatum: 2014 02 13) ↩
Folgende Präsentation zu Retrophänomenen in der Populären Musik ist in der Auseinandersetzung mit Simon Reynolds‘ Buch
Retromania entstanden. Es enthält viele Songbeispiele.
Wer hat damit angefangen?
HAIM, der Sister-Act aus Los Angeles, der diesen Sommer verdientermassen in aller Munde ist, wird immer wieder mit Bands verglichen, die am Ende der 70er Jahre sehr erfolgreich waren, mit den Eagles oder Fleetwood Mac. Wer hat damit angefangen?
Diese Woche wurde der neue Track
The Wire bei Stereogum wie folgt beschrieben:
Cali sisters HAIM have yet to release an LP, but when they do, the thing is gonna be an absolute destroyer. The band’s singles just get better and bigger with each subsequent release, and “The Wire” — which premiered today on Zane Lowe’s BBC show — is their most robust and confident track to date: It has the lushness of Fleetwood Mac and the swagger of the Pretenders over a drum track borrowed from Gary Glitter or T. Rex, with a studio-enhanced density of sound that stands up next to Ke$ha’s most frenetic and ambitious material. It’s a fucking great, great song. Listen. – Quelle: Stereogum (29. Juli 2013)
Dann kam der Track bei Stereogum in die fünf besten Songs der Woche und wurde wie folgt beschrieben:
It’s hard to talk about “The Wire” without throwing out a bunch of comparisons that make HAIM sound fussily retro-minded: Fleetwood Mac, the Pretenders, and (as was pointed out to me) the Eagles. And yeah, all those comparisons are earned and accurate. But “The Wire” never feels old or overly reverent; instead, it’s one of the freshest, funnest things to be released this summer: all head-bobbing handclaps, lite bass drops, funk guitar wah, string stabs, and vocal mini-runs over an infectious melody. Sisters Danielle, Alaina, and Este Haim trade vox on the verses like tag-team wrestlers, and come together in a rush of harmony on the bridge. It’s pure energy, really, pure joy. – Quelle: Stereogum (Autor: Michael, 2. August 2013)
Nun aber zu meinem Problem: Ich höre weder Fleetwood Mac noch die Egales (höchstens das Schlagzeug aus Heartache Tonight, aber das ist weit her gezogen). Es regt sich mir der Verdacht, dass hier bei einem Act, dem der Erfolg des ersten Albums jetzt schon sicher ist, der Megaerfolg herbeigeredet wird. Fleetwood Mac und die Eagles meinen hier nur «höchste Verkaufszahlen in der Rock-Geschichte» – oder hören Sie den Zusammenhang vom HAIM-Sound und Fleetwood Mac?
Die Eagles-Connection wurde dem Autor offenbar zugeflüstert «(as was pointed out to me)». Der Text vermerkt es: Es handelt sich um
Rumours. Bei Fleetwood Mac soll der Zusammenhang in der Üppigkeit des Sounds bestehen («the lushness of Fleetwood Mac»). Sorry, das spricht immer noch nicht zu mir und irritiert weiter. Was wird da herbeigeredet? 40 Millionen verkaufte Tonträger? Was sollen die drei Schwestern da für Wunder bewirken?
Lese ich doch diese Woche auch, dass die Schallplattenverkäufe in den USA ein Rekordtief erreichten: Zum ersten Mal seit 1991 (das ist seit Nielson SoundScan die verkäufe sondiert), d.h. wahrscheinlich seit viel, viel früher, fielen die Verkäufe in fünf aufeinander folgenden Wochen auf unter 5 Millionen Stück (siehe: U.S. Album Sales Hit Record Lows, Hypebot, 2. August 2013).
Konklusion: Den Zusammenhang zwischen der immer noch krankenden Musikindustrie und den Pressetexten über HAIM (falls das die Quelle ist) halte ich für grösser als der Zusammenhang zwischen HAIM- und Fleetwood-Mac-Sound.
Nachbemerkung: Wenn ich eine der HAIM-Schwestern wäre, dann wäre ich beleidigt, dass meine frische Musik so tief in der Musikgeschichte verwurzelt wird. Ich würde drauf bestehen wollen, dass das neu ist, was ich mache. Aber die Zeiten wollen von einem Act, der ein Megaseller wird, dass er Retro oder Revival ist, wie zum Beispiel Adele. Auch wenn die Sache neu klingt, muss sie an der Geschichte angeknüpft und in einem möglichst goldenen Zeitalter verortet werden. Auf Teufel komm raus.
Das Metropolitan Museum of Art veranstaltet gegenwärtig eine Ausstellung zu Punk:
Chaos to Couture. Für die Ausstellung wurden die Sex Boutique von Vivienne Westwood und Malcolm McLarren sowie das Klo des CBGB’s nachgebaut. Die Hakenkreuze fehlen offenbar und wurden durch Totenköpfe ersetzt.
Der Unterschied von Retro und Revival in analytischer Hinsicht ist folgender: Revival revitalisiert, macht (wieder) lebendig, was nicht mehr lebendig ist, Retro hingegen geht zurück nimmt alte Formen und Ideen wieder auf, weil die frühere Zeit, die diese Ideen hervorgebracht hat, eine bessere Zeit war.
Wenn nun also die Ausstellung im MET Räume der Punk-Zeit ins Museum stellen bzw. nachbauen, dann ist das ein Beispiel für Retro statt Revival. Ihr fehlt wie Andrea Köhler in der NZZ feststellt, die Imaginationskraft. Ein Revival wäre hingegen eine Angelegenheit der Fantasie und der Einbildungskraft.
Jetzt kann man sagen, ein Museum sei nicht da, um neue Kunst zu schaffen, sondern um die Kunst, die früher entstanden ist, wahrheitsgetreu zu dokumentieren. Dann müssten aber auch die Hakenkreuze gezeigt werden, statt sie zu tabuisieren.
Beide, Retro und Revival, greifen dort an, wo die Bedeutung kultureller Zeichen allmählich verblasst, wie das immer dar Fall ist. Wenn die Löcher in der Kleidung oder die Sicherheitsnadeln als eine unter vielen Jeansvarianten angeboten werden, wissen die Käuferinnen und Käufer schon heute, fast 40 Jahre nach Punk nicht mehr, woher das kommt und was es bedeutete. Dieser natürliche Prozess kann als Sinnverfall beklagt werden (und wird es auch oft). Retro und Revival können diesem Verfall entgegen arbeiten, wobei Retro wieder in analytischer Hinsicht konservativ bewahrend und Revival kreativ erneuernd wirken.
zum Weiterlesen: Artikel in der NZZ von Andrea Köhler (3. Juni 2013)
Wie es ist
Die Gegenwart ist geprägt von der Verfügbarkeit der Musik der Vergangenheit. In der Vergangenheit wurden alle Extreme, wie es uns scheint, ausgelotet:
There are very few barriers […] left to be broken, and very few hybrids to be created between different forms of music. And that was one of the things that kept music going for awhile: we had hybrids of metal and hip-hop, country and pop, all those other sorts of things. Most hybrids now have been tried by somebody—successfully or otherwise—and most extremes have been visited.
Die früheren Innovationen entstanden durch Mischung, Hybridisierung der Stile. Diese Strategie hat sich aber weitestgehend erschöpft.
Was es heisst
Als junger Musiker ist man auf der Suche nach Inspirationsquellen. Früher war es schwierig, an Musik heran zu kommen, die nicht dem Mainstream zuzurechnen war. Heute ist die ganze Geschichte, Mainstream und Untergrund, auf Youtube und ähnlichen Quellen verfügbar, abgerufen mit einem Mausklick. Was heute unter dieser technokulturellen Bedingung wichtig wird, sei Persönlichkeit, sagt Wilson:
What are we left with now? We’re left with personality; we’re left with musicians that are somehow able to make the existing forms seem fresh by virtue of being strung through their musical personality. So now in a sense we’re in a kind of YouTube generation where the past is all available to us with a click of a few buttons, and that becomes very powerful: futurism becomes retro-futurism. People looking for inspiration are no longer looking to the now, they’re looking to the past. And I guess I’m one of those people. I find so much inspiration from that era of music, but I believe and hope that my musical palette and personality are strong enough that the records will sound uniquely like my own.
MusikerInnen werden wie Filter des Archivs. Ihre Individualität, ihr Charakter oder ihre Persönlichkeit ist eine Funktion dessen, was sie selektieren und verarbeiten.
zum Interview: Futurism Becomes Retro-Futurism: An Interview with Steven Wilson (Brice Ezell, PopMatters, 23. Mai 2013)
Oder sollten wir das Genre vielleicht Nu-Postrock-Revival nennen?
Vor Jahren noch wurde die Geschichte von Pop- und Rockmusik modern konstruiert, nämlich als zeitliche Abfolge von Genren und Stilen. Ein Stil setzt sich durch und erschöpft sich. Dann war Zeit, dass er von einem jüngeren abgelöst wurde. So entwickelte sich aus Garagerock, Glam und aus Glam, Punk etcetera etcetera. Die Abfolge konnte eine sanfte Weiterentwicklung sein oder wie im Fall von Punk ein Spektakel, eine Revolution. Ein Genre oder Stil hatte so gesehen eine Verfallszeit, wurde irgendwann überwunden, war vorbei. Wer geschmacklich an einem veralteten Genre hing, war genauso vorbei wie die Musik. Gute alte Welt!
Seit die Postmoderne in der Popmusik angekommen ist und sich breit gemacht hat, existieren alle Genres gleichzeitig. Alles ist möglich: Swing, Easylistening, Rockabilly.
Manchmal kommen die Genres auch in Wellen: Postrock-, Garagerock, Disco-Revival. Und wenn man diese Wellen benennen möchte, dann greift man zu Vor- oder Nachsilben: Retro-dies, Retro-das, XY-Revival, Neo-dies, Neo-das, New-dies, New-das.
Für Musikdatenbanken, die Genrebezeichnungen zur Beschreibung der Musik enthalten, stellt sich schon bei der zweiten Revivalwelle das Problem ein, wie man das Revival vom Revival bezeichnen soll. «Postpunk-Revival-Revival» oder «Neo-Postpunk-Revival»? Vielleicht werden wir dann zur Versionsnummer greifen müssen: «Psychedelicrock 3.0». Ich bin echt ratlos und die Not wird grösser, je länger die Postmoderne dauert.
Take Me To The River, Take Me To The Water, To Be Baptized ist ein Gemeinplatz (Topos) der Modernen Musik. Er kommt in vielen bekannten Songs zum Beispiel von
Nina Simone,
Al Green oder den
Talking Heads vor – also nicht nur im Gospel oder Soul.
Dust-To-Digital ist ein Label aus Atlanta, das darauf spezialisiert ist, Aufnahmen aus der frühen Zeit der Schallplatten neu aufzulegen. Solche für die Populäre Musik verhältnismässig alte Musik kam zwischen den Nuller- und den Vierziger-Jahren des 20. Jahrhunderts auf Edison-Zylindern und alten Schellack-Platten heraus; manchmal ist sie auf Tonband aufgenommen worden und blieb so erhalten. Bei der Musik dieser CD handelt es sich um afroamerikanische Musik und Americana. Musik aus diesen Sparten wurde erst ab den Zwanziger-Jahren aufgenommen, die Stücke auf der CD zwischen 1924 und 1940.
Take Me To The Water: Immersion Baptism In Vintage Music And Photography 1890-1950 kommt als Buch in etwa doppelter Postkartengrösse daher und enthält eine CD, die im hinteren Buchdeckel eingepackt ist. Das Buch ist ein Fotoband, mit Fotos von Taufszenen aus der Sammlung von
Jim Linderman.
Immersion Babtism, Wassertaufe, ist die von verschiedenen christlichen Gemeinschaften bis heute praktizierte Taufe im Fluss, bei der die getaufte Person ins Wasser getaucht wird. Die an der schriftlichen Überlieferung hängenden Theologen unserer Zeit streiten natürlich über die Rechtmässigkeit dieses Rituals (siehe zum beispiel Wikipedia (en)), da die Bibel sich über den genauen Ablauf des Rituals nicht äussert, nicht darüber, ob der Priester dem Täufling das Wasser ins Gesicht spritzt, es ihm über den Kopf leert oder ob er ihm im Wasser stehend wie zum Tanz den Arm um die Lenden legt, worauf sich die zu taufende Person nach hinten ins Wasser fallen lässt bis der letzte Teil des Körpers, das Gesicht, unter der Oberfläche verschwindet.
Nachgestellt wurde eine solche Taufe wie viele für die frühe afroamerikanische Musik wesentlichen Gemeinplätze im Cohen Brothers Film
O Brother, Where Art Thou?.
Das betörende Stück Musik kommt von
Alison Krauss. Zur Wassertaufe wurde, besonders in den afroamerikanischen Communities wunderschön gesungen. Aus diesen Gesängen entstand Jahre später die Soulmusik, die bis heute ein wesentliches Segment der modernen Musik bildet.
Die Stücke auf
Take Me To The Water: Immersion Baptism In Vintage Music And Photography 1890-1950 sind stilistisch bemerkenswert vielfältig: frühe Countrymusik, die ja damals noch viele Elemente aus dem Blues und dem Gospel enthielt (beispielsweise Tracks 11, 17 oder 24), sind genauso enthalten, wie Westernswing-Nummern (15, 20), Folk-Balladen (4, 9) oder Countryblues (22). Der Rest besteht aus Predigten und Gospelgesängen, wobei die Predigten natürlich interaktiv mit der Gemeinde praktiziert sind und jederzeit in Musik übergehen als wäre die Musik ihr eigentliches Element.
Mir kommt zum Thema «Wassertaufe» die Erzählung in den Sinn, die am Anfang des Films
Hélas, pour moi von
Jean-Luc Godard aus dem Off erzählt wird. Sie geht so:
Als der Vater meines Vaters eine schwierige Aufgabe zu erfüllen hatte, ging er an einen bestimmten Ort im Wald, entzündete ein Feuer, und versank in ein inniges Gebet. Was er zu erfüllen hatte, wurde erfüllt. Als dann der Vater meines Vaters vor der selben Aufgabe stand, ging er zur selben Stelle im Wald und sprach: «Wir wissen zwar nicht mehr, wie man ein Feuer entzündet, aber wir kennen das Gebet noch genau» und was er zu erfüllen hatte, wurde erfüllt. Mein Vater ging seinerseits in den Wald und sprach: «Wir wissen nicht mehr, wie man ein Feuer entzündet, wir kennen auch das Geheimnis des Gebets nicht mehr, aber wir kennen noch genau den Ort im Wald, wo es geschah, und das muss genügen». Und es genügte. Als ich schliesslich vor dieser Aufgabe stand, blieb ich zu Hause und sprach: «Wir wissen kein Feuer mehr zu entzünden, wir kennen die Gebete nicht mehr, nicht mal mehr die Stelle im Wald. Aber wir können die Geschichte noch erzählen.»
Take Me To The Water: Immersion Baptism In Vintage Music And Photography 1890-1950 trägt Zeugnisse zu einer Taufpraxis zusammen, Tondokumente der sie begleitenden Musik und Musikstücke, in denen die Wassertaufe thematisch im Zentrum steht. (
O Brother, Where Art Thou? dagegen ist eine stark ironische Version der selben Geschichte).
Wir leben dank unseren Aufzeichnungs- und Speichermedien in einer fundamental anderen Zeit als die Autoren der Bibel: Mit CDs und Büchern wie diesen können wir den auf uns folgenden Generationen ein vollständigeres Bild der Taufe in afroamerikanischen Kreisen im Anfang des 20. Jahrhunderts geben: Wir haben Filmmaterial, Ton- und Bilddokumente. So bleiben der Nachwelt die gelehrten Dispute über die genaue Art des Rituals vielleicht erspart. (Allerdings bin ich überzeugt, sie werden vortrefflich über andere Dinge streiten können.)
CD und Buch sind ein grosses sinnliches Vergnügen. Diejenigen unter Ihnen, die aufgrund des Alters der Musik am Hörvergnügen zweifeln, seien mit dem
Denomination Blues, Pt. 1 von
Washington Phillips verlockt:
Das Instrument, das
Phillips spielt ist eine Zither. Wunderschön, nicht wahr? Oder um mit den Cohen Brothers zu sprechen: «Come on in Boys, the water is fine!»
In der (Alternative-)Rock-Musik gibt es in den Noughties, den Nullerjahren, zwei Retro- oder Revival-Megatrends: Garagerock-Revival und Postpunk-Revival. Beide trugen zum Beispiel dazu bei, dass Alternativerock wieder von grossstädtischen Hipsters gehört wurde, wo diese ein paar Jahre zuvor noch in der elektronischen Tanz- und Listening-Musik «immerdiert» waren (es gibt dieses Wort natürlich nicht, es müsste es geben, weil ich «völlig in etwas eingetaucht-sein» sagen will). Man lebte in einer Clubkultur und in den Clubs lief in den 90er Jahren ausschliesslich elektronische Musik.
Vielfach werden die beiden Revival-Megatrends als Retro-Phänomen wahrgenommen, als konservativer Backlash einer neuen Generation, die nur noch mit den Ideen hausierten, die Ihre Eltern haben mochten als sie noch jung waren, anstatt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.
Doch vielleicht kann man das anders denken: Es gab eine Sehnsucht nach Leuten, die ein Instrument spielen, statt wie die DJs nur an ein paar Knöpfen drehen (und dazu manchmal mit ihren Gesten Zauberlehrling-gleich vorgaben, sie kontrollieren Musik und tanzende Masse zugleich). Vielleicht waren die beiden Revivalgenres mehr ein Neuanfang als eine Wiedergeburt.
Vielleicht ist die Namensgebung für diese Genres missglückt. Vielleicht ist die Namensgebung mehr an den radikal neuen medialen Bedingungen orientiert als and er Beschreibung der Musik! Ich meine, dass «Revival» ja die Tatsache bezeichnen könnte, dass jetzt Archive da waren (damals noch private Archive, die im Rahmen von Mailinglisten und Filesharing gewachsen sind), in deren Kraftfeld die neue Musik entstanden ist. Wenn das nämlich so wäre, dann wären die neuen Genres keine Rückwärts-Wendungen, wie es Rückwärtswendungen früher gab, von Leuten in Szene gesetzt, die der Überzeugung waren, dass die früheren Zeiten und ihre Musik besser waren als die Gegenwart und die Gegenwartsmusik. Aus solcher Nostalgie kamen Rockabilly-, Ska-, Mod- und frühere Garagerock-Revivals zustande.
Man müsste diese Hypothese untersuchen, man müsste in Bandinterviews, bei Auftritten schauen, ob da Nostalgie als Motiv genannt wird, ob Inszenierungen vorliegen, die als nostalgisch bezeichnet werden müssen usw.