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Die Zeit vor der Reformation
In Erlinsbach existierte an der Stelle, wo sich heute in Niedererlinsbach die römisch-katholische Pfarrkirche St. Nikolaus befindet, seit mindestens einem halben Jahrtausend vor dem Bau der reformierten Kirche (1565) ein Gotteshaus. Bis 1349 besass das Kloster Einsiedeln den Kirchensatz, also das Recht, den Priester für die Pfarrei zu bestimmen. Aus finanzieller Not verkaufte der Abt von Einsiedeln 1349 den Kirchensatz und die niedere Gerichtsbarkeit an das Frauenkloster Königsfelden, das nach der Reformation und der damit erfolgten Klosteraufhebung in ein bernisch verwaltetes Amt umgewandelt wurde.
Wappentafel von 1580 (bis 1959 am Pfarrhaus, seither an der Pfarrscheune angebracht) mit den hier geltenden Herrschaftsverhältnissen (römisch-deutsches Reich, Bern und Königsfelden).
Ganz Erlinsbach sowie Küttigen waren im 13. und 14. Jahrhundert
Bestandteil der Herrschaft Königstein. In ihr übten die Herren von Kienberg
weit gehende Rechte aus. Bis 1408 waren die Habsburger hier Oberlehensherren,
danach die Stadt Aarau und schliesslich 1454 die Johanniterkommende in
Biberstein. Damals kam ein Teil der Herrschaft (rechts des Erzbachs) über die
Freien von Falkenstein an den eidgenössischen Ort Solothurn. Aus den Gebieten
links des Erzbachs bildete Bern in der Reformationszeit die Landvogtei
Biberstein (Erlinsbach, Biberstein, Küttigen). Die rechtliche Situation im
Bereich von Erlinsbach blieb verworren. Sowohl Bern als auch Solothurn besassen
Rechte, Einkünfte und Güter im Gebiet des jeweils anderen eidgenössischen
Ortes. Dies sollte vor allem im Umfeld der Reformation zu grossen Problemen und
heftigen Auseinandersetzungen führen.
Die Reformation in Erlinsbach
In den 1520er-Jahren begannen sich auch in den Eidgenössischen Orten reformatorische Gedanken auszubreiten.Während Bern 1528 nach der Grossen Berner Disputation (Gelehrtendiskussion) im gesamten Herrschaftsgebiet die Abkehr vom katholischen Glauben anordnete, blieb die Lage im solothurnischen Gebiet unklar. Sowohl in der Stadt wie auch in den Dörfern der Landschaft hielten sich Alt- und Neugläubige etwa die Waage. Bei einer Volksbefragung 1529 wollte Erlinsbach noch ausdrücklich katholisch bleiben. Vier Wochen später jedoch hatte sich die Meinung der Bevölkerung gewandelt. Da Bern das Pfarrbesetzungsrecht der Erlinsbacher Kirche besass, obwohl diese in solothurnischem Hoheitsgebiet lag, wurde nun ein reformierter Prädikant eingesetzt. Zuerst war dies Daniel Räber, der bereits 1529 vom ehemaligen Leutpriester von Lostorf, Heinrich Brügger, abgelöst wurde. Dessen lange Amtszeit von 1529–1563 erwies sich als konfliktträchtig. So kam es zu Beginn seiner Tätigkeit in der St. Nikolaus-Kirche zum «Bildersturm», bei dem alle Altäre, Bilder und Kultgegenstände entfernt wurden – gegen den ausdrücklichen Willen der Stadt Solothurn.
Mit dem Tod Heinrich Brüggers schien der Weg frei geworden zu sein,
die religiösen Auseinandersetzungen um die Erlinsbacher Kirche zwischen Bern
und Solothurn zu bereinigen.
Zur stetigen Erinnerung an die
Reformation musste in jedem Pfarrhaus des bernischen Herrschaftsgebiets die
gedruckte Version der «Berner Disputation» von 1528 vorhanden sein. Hier das
Erlinsbacher Exemplar mit der handschriftlichen Notiz: «Diser Disputation
gehört in dem Pfrundhaus zuo verbleiben ze Erlisbach».
Die eigene Kirche
Im Januar 1563 erteilte der Rat der Stadt dem Landvogt von Biberstein und dem Hofmeister von Königsfelden den Auftrag, einen geeigneten Bauplatz für die Errichtung einer neuen Kirche zu suchen und das Projekt umzusetzen, worauf innerhalb von nur zwei Jahren der neue Kirchenbau als einfacher, chorloser Predigtsaal (der erste dieser Art im Aargau) umgesetzt werden konnte.
Doch wegen eines erneut aufflackernden Streits mit Solothurn blieb die neue Kirche nach ihrer Fertigstellung von 1565 bis 1579 unbesetzt. Das heisst, es war kein Pfarrer vor Ort, und die Kirche wurde offensichtlich kaum genutzt. Als Seelsorger amteten während dieser Vakanz die Pfarrherren und Helfer von Aarau und Suhr.
Es macht den Anschein, dass die reformierte Kirchgemeinde Erlinsbach erst 1580 mit dem Prädikanten Tobias Blauner ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Darauf weist der am 17. Januar 1580 mit der Taufe von Heinrich Käser einsetzende Taufrodel hin.
Über das weitere Schicksal der Erlinsbacher Kirche gibt es zunächst nur lückenhafte Informationen. Besonders die Kirchenrechnungen sind erst ab 1654 erhalten und weisen teilweise grosse Lücken auf. Immerhin lässt sich der Einbau einer Kirchenuhr 1636 belegen. 1651 soll dann eine grössere Renovation und die Ummauerung der Kirche ausgeführt und 1659 der Kirchenboden mit «Bsetziplatten» belegt worden sein. Insbesondere fehlen genauere Informationen über den alten Glockenbestand und den Einbau einer Orgel (wohl im Verlauf des 19. Jahrhunderts). Ob wirklich erst 1674 eine erste Glocke in den Turm gelangt ist, darf bezweifelt werden.
Der alte Abendmahlstisch mit Taufschale dürfte aus dem Jahr 1675 stammen, die Kanzel aus dem 18. Jahrhundert.
Der Grundriss der reformierten Kirche Erlinsbach vor dem Ausbau von 1965. Zu den wichtige Ausstattungselemente zählen (1) der Abendmahlstisch mit Taufbecken, (2) die Kanzel, hier noch links des Ostfensters, (3) der Haupteingang auf der Westseite, (4) der Treppenaufgang zu alten Empore, (5) der Turm, (6) der Seiteneingang auf der Südseite, (7) das heute nicht mehr vorhandene «Chorgestühl» im Kanzelbereich, (8) die Baulinie der alten Empore, (9) Ostfenster mit den beiden Wappenrondelen, die sich heute in einem der Südfenster befinden.
Neuere Entwicklungen
Der einfache, aber architektonisch harmonisch gestaltete Predigtsaal der reformierten Kirche Erlinsbach genügte bis in die 1950er-Jahre den Erfordernissen der Kirchgemeinde. Doch die Zahl der reformierten Dorfbewohner war 1900 – 1950 um fast 30% gestiegen. Zudem beschlossen in den 1940er-Jahren die Reformierten der «Erlinsbacher aus dem Solothurnischen», sich der Aargauer Kirchgemeinde anzuschliessen, was weiteren Platzbedarf erwarten liess (Pastorationsvertrag 1949). Das ungebremste Wachstum führte 1960 zum Entscheid, die Kirche auszubauen. Ein Neubau kam wegen der kantonalen Unterschutzstellung (1946) nicht in Frage.
So wurde 1963–1965 der Grundriss der Kirche ostwärts um 5 Meter
verlängert und auf der Nordseite ein Annexbau angesetzt. Gleichzeitig erfolgte
der Einbau einer neuen Empore. Die letzte grössere Renovation wurde 1998/1999,
eine sanfte Renovation 2015 ausgeführt.
Der Grundriss der reformierten Kirche Erlinsbach nach dem Ausbau von 1965, also in ihrem heutigen Zustand. Hier gilt es folgende Veränderungen gegenüber der «alten» Kirche nachzutragen: (1) der neue Taufstein, (2) die neu rechts des Ostfensters angebrachte Kanzel, (3) der neue Abendmahlstisch, (4) das neu gestaltete Ostfenster mit dem Auferstehungs-Glasgemälde von Werner Sommer, (5) das mittlere Südfenster mit den hierher verlegten Wappenrondelen des Ostfensters, (6) Baulinie des erweiterten Kirchensaals, die den alten Grundriss andeutet und den neuen Annexbau und die Verlängerung noch Osten abgrenzt.
Zur reformierten Erlinsbacher Kirche gehören heute zwei Kirchgemeinden, eine im aargauischen und eine im solothurnischen Erlinsbach, die beide eng zusammenarbeiten.
Das Kircheninnere vor dem Umbau (1965). Die Kanzel befindet sich hier noch links des Ostfensters mit seinen beiden runden Wappenscheiben (heute im mittleren Südfenster).