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21. Dezember

Zwei Patienten
Zwei Herren, beide ernsthaft erkrankt, belegten dasselbe Krankenzimmer. Einer der Herren hatte die Erlaubnis, sich jeden Nachmittag für eine Stunde aufzusetzen, damit die Flüssigkeit aus seiner Lunge abfliessen konnte. Sein Bett stand am einzigen Fenster des Raumes.
Der andere Herr musste die ganze Zeit flach auf dem Rücken liegen. Nichts desto trotz unterhielten sich die beiden Männer blendend und stundenlang. Sie sprachen von ihren Frauen und Familien, ihrer Heimat, ihren Jobs, ihrem Militärdienst und wo sie in Urlaub waren.
Jeden Nachmittag, wenn der Herr im Bett am Fenster sich aufrecht hinsetzte, liess er die Zeit vergehen indem er seinem Zimmernachbar all die Dinge beschrieb, die er draussen am Fenster sah.
Der Herr im anderen Bett begann aufzuleben in jeder dieser Stunden, wo seine Welt erweitert und belebt wurde durch all die Geschehnisse und Farben der Welt dort draussen. Das Fenster überblickte einen Park mit einem tiefblauen See. Enten und Schwäne spielten am Wasser, während Kinder ihre Modellboote segeln liessen. Junge Verliebte bummelten Arm in Arm dem Ufer entlang oder auf Wegen durch Beete unzählig bunter Blumen. Eine schöne Aussicht auf die Silhouette der Stadt und Berge hinter ihr lag am Horizont.
Wenn der Herr am Fenster all dies in kleinsten Details beschrieb, schloss der Herr auf der anderen Seite im Raum die Augen und stellte sich die bildhaften Szenen lebhaft vor. An einem warmen Nachmittag ahmte der Mann am Fenster den Takt einer vorüberziehenden Parade nach. Obwohl sein Nachbar die Kapelle nicht zu hören vermochte, konnte er sie vor seinem geistigen Auge sehen, während der Herr am Fenster sie mit anschaulichen Worten beschrieb und sogar Klang und Melodie der Bläser mitsummte.
Tage, Wochen und Monate vergingen.
Eines Morgens – die Tagschwester kam mit Wasser für das Bad – fand sie den leblosen Körper des Herrn am Fenster, der friedvoll in seinem Schlaf verstorben war. Traurig bewegt rief sie die Bediensteten, um den noch warmen Leichnam anderswo umzukleiden und aufbahren zu lassen.
Nach einer angemessenen Weile fragte der andere Herr, ob man ihn ans Fenster verlegen könne. Die Schwester war erfreut über den Tausch und – nachdem sie sich vergewisserte, dass er sich wohl fühlt – liess sie ihn allein.
Langsam, beschwerlich und schmerzvoll stützte er sich erst auf seinen linken Ellbogen, dann auf die Hand, um seinen ersten eigenen Blick auf die echte Welt da draussen zu richten. Er strengte sich an, sich langsam zu drehen, um aus dem Fenster am Bett zu gucken. Es zeigte auf eine leere Wand.
Bei ihrem nächsten Besuch fragte der Mann die Schwester, was seinen verstorbenen Zimmernachbar wohl veranlasst habe, ihm so wundervolle Dinge von draussen vor dem Fenster zu erzählen? Die Schwester erwiderte, dass der Herr blind war und nicht einmal die Wand hätte sehen können. Sie sagte: „Vielleicht wollte er Sie einfach bloss aufmuntern.“
René Prêtre, Kinderherzchirurg am Kinderspital Zürich
Epilog:
Es ist eine Freude, andere glücklich zu machen, mit unserer eigenen Situation – und über sie hinaus – geteiltes Leid ist ein halbes Leid. Doch Freude, wenn geteilt, ist mehr als doppelt so gross.