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«Ameisenhaufen» heisst die Wohnüberbauung im Volksmund. Sie liegt im Zentrum von Krivi Rih, einer Grossstadt 400 Kilometer von Kiew. Abgelebte Wohnblocks reihen sich aneinander und bilden einen riesigen Innenhof. Ein Spielplatz mit Rutschbahn, von der die Farbe abblättert; ein matschiger Parkplatz, auf dem zwischen braunen Pfützen ein paar Autos stehen. Hier ist Wolodymyr Selenski aufgewachsen. Hier, im Haus Nummer 13 wohnen bis heute seine Eltern. Und hier kennt man den Präsidentschaftskandidaten.
«Ein ganz feiner Junge»
«Selenski ist ein ganz feiner Junge, er ist ja mitten unter uns aufgewachsen», sagt Natalia Nikolaevna, die mit Taschen bepackt durch den Hof geht. Klar, gesteht Nikolaevna ein, Selenski habe keine politische Erfahrung. Aber vielleicht schaffe er es ja, etwas zu ändern. «Wir hoffen sehr drauf.»
Wolodymyr Selenski ist 1978 in Krivi Rih auf die Welt gekommen. Es ist eine Stadt der Metallarbeiter. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist Krivi Rih in eine schwere Krise geraten: Fabriken schlossen, viele verloren ihre Arbeit. Am schlimmsten waren die 1990er-Jahre, wo Jugendbanden ganze Viertel terrorisierten.
Selenski spricht die einfache Alltagssprache
Es ist die Zeit, in der Wolodymyr Selenski das 95. Gymnasium besuchte, einen Plattenbau, der heute noch eine Schule ist. Der Professoren-Sohn fiel bald auf – nicht, weil er ein besonders guter Schüler gewesen wäre, sondern mit seinem schauspielerischen Talent. Sein ehemaliger Lehrer Wolodymyr Tignjan erinnert sich: «Er und ein paar Freunde haben damals in Comedy-Shows mitgemacht. Er war wie selbstverständlich der Chef, denn er hatte stets viele Ideen, und die anderen vertrauten ihm.» Nach Auftritten im Schultheater folgten Auftritte im Fernsehen. Selenski zog nach Kiew und wurde berühmt.
In seiner Heimat Krivi Rih hätte der Komiker schon im ersten Wahlgang fast gewonnen. Was vielen an ihm gefällt: Er wirkt wie ein Jedermann. Er spricht eine einfache Alltagssprache, er tritt auch mal im Trainingsanzug auf – seine Eltern wohnen immer noch im alten, sowjetischen Plattenbau. Das macht Eindruck in Krivi Rih.
«Selenski ist nur das Scheinbild eines Politikers»
Doch manche finden auch, dass sich die Wählerinnen und Wähler blenden lassen. Auf einem Fussballplatz in einem Arbeiterviertel steht Julii Morosow, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Es regnet. Er vertritt eine kleine Oppositionspartei im Stadtparlament und leitet einen Fussballverein.
«Ich werde sicher nicht für Selenski stimmen. Er ist kein echter Politiker, er ist nur das Scheinbild eines Politikers, eine künstliche Figur. Auf keine einzige der Fragen, vor denen die Ukraine steht, gibt er eine Antwort.»
Wahlprogramm unklar
Tatsächlich bleiben Selenskis Pläne vage. Er verspricht einen modernen Staat, höhere Gehälter, einen harten Kampf gegen Korruption. Unklar bleibt, wie er das alles bewerkstelligen will. Lokalpolitiker Morosow: «Auf Selenskis Plakatwänden steht: ‹Am 21. April endet die Epoche der Armut.› Und die Leute glauben das, sie glauben, dass der gute Wolodymyr alle Probleme mit einem Schlag löst.»
Es ist nicht das erste Mal, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer grosse Hoffnungen in einen Neuanfang setzen. Bisher sind die Erwartungen meist nicht erfüllt worden. Julii Morosow glaubt, dass auch Selenski seine Wähler enttäuschen wird.
Erstmal aber ist der Komiker im Hoch. Die letzte Umfrage vor der Wahl sagt ihm landesweit über 70 Prozent der Stimmen voraus. Es wäre ein gewaltiger Sieg, der in Krivi Rih noch höher ausfallen dürfte.
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