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KAPITEL 1
»Ich sehe, dass alles gut werden wird.«
Die Tarotkarten liegen fächerförmig ausgebreitet zwischen ihnen. Camilla deutet auf die Karte, die Jorun gerade ausgewählt hat. Das Schicksalsrad.
»Reicht das denn?«, fragt Jorun. »Müssen wir nicht noch mehr Karten ziehen?«
Camilla zuckt mit den Schultern und streckt sich nach den Netzhandschuhen auf dem Nachttisch, um sie Jorun in den Schoß zu werfen.
»Die sind für dich.«
»Ganz sicher?«
»Bald kann ich mir so viele neue Sachen kaufen, wie ich will.«
Jorun schiebt die Karten zu einem Stapel zusammen und auf Camilla zu.
»Hör auf, so zu reden.«
Camilla steht auf, zieht das rosa Kleid aus, das eigentlich zu dünn und kindlich ist. Sie streckt die Arme nach oben. Hinter ihr wirkt die vom Badezimmerlicht erleuchtete Türöffnung wie ein breiter Pfeiler.
»Du wirst schon sehen, ich werde berühmt, auf der ganzen Welt.«
Jorun beißt sich auf die Lippe.
»Hör auf, dir Sorgen zu machen, ja?« Camilla lacht. »Wir sind doch die Wonder Girls.«
»Dann erzähl schon … Was hast du gesehen?«
Camilla schüttelt den Kopf, beugt sich vor und gibt Jorun einen Kuss auf die Stirn. Riecht nach Rum und Zucker. Dann lächelt sie und verschwindet im Badezimmer.
Jorun streift die Stiefel ab und legt sich aufs Bett. Sie dreht sich von der Badezimmertür weg. Camilla betätigt die Spülung der rostigen Toilette, ein gurgelndes, erschöpftes Geräusch ertönt, als sich das Wasser durch die Rohre bewegt. Summend dreht sie die Dusche auf.
Das Zimmer ist dunkel, die Wände altrosa und fleckig. Vor den Fenstern hängen dicke Gardinen, nur durch einen Spalt fällt das Licht der blinkenden Neonreklame auf den schmutzigen Teppichboden. Auf Camillas Nachttisch steht eine Flasche Rum neben einer Dose Haarspray und einer Packung Jenka-Kaugummis. Der Motelaschenbecher ist voller Zigarettenstummel und Kaugummi. Über dem Stuhl in der Ecke hängt Camillas Unterwäsche.
Jorun zieht die Knie an den Bauch und schließt die Augen.
Camilla hat sie immer weggeschickt, wenn Jimmy oder andere Typen bei ihr auftauchten. In der Zeit hat Jorun etwas zu essen für sie organisiert, hat es aus Autos auf dem Motelparkplatz gestohlen oder von Paletten bei der Tankstelle in der Nähe, wenn neue Ware angeliefert wurde. Ein paarmal ist es ihr auch gelungen, Schnaps, Erdnüsse oder vergessene Zigarettenpackungen aus den Motelzimmern mitgehen zu lassen, bevor die Putzfrau kam. Neben der Tankstelle ist ein kleines Café, in dem sie sich etwas holen, wenn Camilla ein bisschen Extrageld verdient hat. Camilla liebt Süßes. Gestern haben sie sich Limonade leisten können. Camilla hat natürlich ihre geliebte Pink-Panther-Limo gekauft. Die Frau hinter der Kasse hat ihnen kopfschüttelnd noch eine Packung Milch und ein paar Äpfel aufgenötigt.
Die meisten Typen, die Jimmy zu Camilla mitbringt, sind Stammkunden. Bamse. Slinky. Der Pferdemann. Neulich wollte er auch für Jorun einen mitbringen, aber das hat Camilla verhindert, gesagt, sie sei zu jung. Jimmy sagt allerdings, dass er nicht ewig warten wird und dass Jorun allmählich ihre Schulden abzahlen muss. Immerhin wohnt sie schon seit einer Woche im Motel.
Jorun setzt sich auf die Bettkante. Sie raucht nur, wenn sie mal alleine ist, so wie jetzt, während Camilla duscht. Jedes Mal, wenn sie sich eine Zigarette anzündet, sieht sie ihre Mutter vor sich. Wie sie von Licht umgeben zu sein scheint, wenn sie am Dampfabzug steht und einen Rauchring bläst. Dann macht sie noch einen, den sie in den ersten schweben lässt. Das Licht wird immer heller, bis sie verschwindet. Wobei eigentlich Jorun verschwunden ist, dieses Zimmer hat si