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Heute beginnt das 71. Festival von Cannes. Ich bin zum 18. Mal bei den wichtigsten Filmfestspielen der Welt dabei und berichte in meinem Tagebuch vom Geschehen.
Das Festival von Cannes ist für mich das, was für einen Basler die Fasnacht ist: «die schönsten Tage des Jahres». Denn an der Croisette werden jeweils nur rund 60 Filme gezeigt, darunter oft ein Dutzend Meisterwerke. Wenn ich im Dezember jeweils meine Top Ten der besten Filme des Jahres erstelle, figurieren darunter meist fünf bis sechs Titel, die in Cannes Weltpremiere feierten. Auf diese Werke freue ich mich dieses Jahr besonders.
Der Afroamerikaner aus Brooklyn hat sich eine Karriere lang am Rassismus in den USA abgearbeitet, mit teilweise militanten Filmen wie «Malcolm X» (1992) und «Do the Right Thing» (1989). Doch plötzlich kam er ausser Mode, seine Filme schafften es bei uns nicht einmal mehr ins Kino. Nun erzählt er in «BlackKkKlansman» die wahre Geschichte des afroamerikanischen Polizisten Ron Stallworth aus Colorado, dem es mithilfe eines weissen Kollegen (Adam Driver) gelang, den Klu Klux Klan zu infiltrieren und Chef eines Chapters zu werden. Die Hauptrolle spielt John David Washington, der Sohn von Lees langjährigem Fetischschauspieler Denzel Washington. Der Film trifft den Zeitgeist und ist laut Lee explizit gegen «Agent Orange» gerichtet, wie er den ihm verhassten US-Präsidenten Trump nennt. Müsste ich heute tippen, wer die Goldene Palme gewinnt, Lee wäre mein Favorit.
Pierre Rissient ist am Sonntag gestorben - für mich war die Nachricht ein Schock, obwohl ich wusste, dass er gesundheitlich angeschlagen war. Rissient hat fast 40 Jahre lang Filme für das Festival von Cannes gesucht und dafür gesorgt, dass New Hollywood an der Croisette strandete. Die Palmen-Gewinner Martin Scorsese («Taxi Driver») und Jerry Schatzberg («The Scarecrow») waren seine Entdeckungen. Rissient hat Clint Eastwood (mein Lieblingsregisseur), der Anfang der siebziger Jahre noch von vielen Kritikern als reaktionärer Cowboy verkannt war, geholfen, als Autorenfilmer wahrgenommen zu werden. Als wir 2015 ein «Frame»-Cover mit Eastwood machten, hat Rissient seinem Freund Clint eine Ausgabe überreicht. Rissient hat mir sogar einmal einen Interviewtermin mit Eastwood auf dem Gelände von Warner Bros. organisiert. Leider musste dann Eastwood kurzfristig absagen und den neuen Termin konnte ich nicht wahrnehmen, weil ich dann nicht mehr in L.A. war. Rissient war auch Regisseur, das Festival ehrt ihn mit der Aufführung des Dramas «Cinq et la peau», das ich noch nicht kenne.
Das Festival bemüht sich, weniger Autoren mit Abonnement für den Wettbewerb einzuladen, um Platz für neue Talente zu schaffen. So steigt zum ersten Mal David Robert Mitchell (*1974) ins Rennen um die Goldene Palme, von dem ich praktisch nichts weiss, ausser: Er hat vor drei Jahren «It Follows» gedreht, den besten Horrorfilm seit Jahren. Wer so viel Talent für raffinierte Spannungsmache aufweist, muss ein Meister sein. Darum freue ich mich auf «Under the Silver Lake» über die Paranoia von Andrew Garfield, der auf der Suche nach einer jungen Frau (Riley Keough) ist, mit der er ein amouröses Abenteuer hatte.
Er ist der einzige Schweizer im Wettbewerb: Jean-Luc Godard aus Rolle (VD). «Le livre d'image» ist allerdings eine französische Produktion. Wie immer bei Godard weiss man vorab kaum etwas über den Inhalt. Die Synopsis im Katalog verspricht: «Nichts ausser der Ruhe, nichts ausser einem Revolutionslied, eine Geschichte in fünf Kapiteln.» Der Film soll vom Buch «Happy Arabia» inspiriert sein und eine Bestandesaufnahme der arabischen Welt liefern. Es wird wohl wieder Split-Screens, Texteinschübe und enigmatische Off-Kommentare des Meisters geben, über deren Sinn man sich dann wieder den Kopf zerbrechen kann.
Schon vor 20 Jahren hat Terry Gilliam mit Jean Rochefort, Johnny Depp und Vanessa Paradis versucht, Don Quichotte zu verfilmen. Unwetter, welche die Kulissenbauten zerstörten sowie Produzenten, die kalte Füsse bekamen, haben das Vorhaben verhindert. Nun liegt der Film vor und soll das Festival am 19. Mai beschliessen. Allerdings möchte Paulo Branco das verhindern. Der Produzent hat sich mit Gilliam überworfen. Ob «The Man Who Killed Don Quixote» gezeigt werden darf, entscheidet in den nächsten Tagen ein Gericht. Branco ist einer der verdienstvollsten Produzenten, er hat Filme von André Téchiné, David Lynch und Wim Wenders ermöglicht. Er ist aber auch ein egomanisches Enfant terrible, so hat er 2013 den Dokumentarfilm «Vol spécial» des Romands Fernand Melgar über Asylbewerber in der Schweiz als «faschistisch» bezeichnet. Ein Festival lebt auch von Kontroversen wie jener zwischen den Charakterköpfen Branco und Gilliam.
Ich war nie ein «Star Wars»-Fan. Mir war dieses barocke Universum schon immer zu überladen. Schon als Kind hatte ich lieber Filme wie «Rocky», in denen zwei Kerle gegeneinander kämpfen - und einer gewinnt. Trotzdem haben mir die beiden neuen «Star Wars»-Trilogien der letzten Jahre Spass gemacht. Dass Disney nun aber auch noch weitere Spin-offs macht wie diesen Film über die Vergangenheit von Han Solo, nur um die Zitrone auszupressen, und dass nun wieder alle Medien per Knopfdruck bei der Erneuerung des Hypes mitmachen sollen, geht mir auf den Wecker.