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Erasmus lebte von 1514 bis 1529 in Basel, wo er dank der neuen Buchdrucktechnik als «Vermittler von Bildung» wirkte. In Basel druckte Johann Froben seine Schriften, darunter 1516 sein bedeutendstes Werk «Novum Instrumentum omne», eine lateinische Übersetzung des Neuen Testaments mit dem griechischen Originaltext.
Erziehungslehre
Vor allem zwei Bücher führen in seine Erziehungslehre ein: «Über die Notwendigkeit einer frühzeitigen wissenschaftlichen Unterweisung der Knaben» von 1529, das von der Kindheit und dem Knabenalter handelt und «Über die Methode des Studiums» von 1511, das die Reifezeit umfasst.
„Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen!“
Aus den Überlieferungen eines Platos, Aristoteles’, Plutarchs und Quintilians schöpfend, verkündete Erasmus den modernen Erziehungsgedanken, der die humanistischen Lehrpläne bis ins 18. Jahrhundert beeinflusste. Bei seinen Ausführungen über die Kindererziehung wendet er sich an den Vater eines Neugeborenen, der erst zum Vater werde, indem er auch das geistige Wesen seines Kindes prägt.
«Der Mensch, der fast aller natürlichen Waffen und Vorteile des Tierreichs entbehrt, wird durch die Vernunft über alle übrigen Lebewesen erhoben.»
Erziehung bedeutete für Erasmus und die Humanisten, dass Wissen und Tugend eins sind und dass demzufolge die sittliche Tüchtigkeit des Menschen direkt von der ihm zuteil gewordenen Schulung abhängt. Der Mensch, der fast aller natürlichen Waffen und Vorteile des Tierreichs entbehre, werde durch die Vernunft über alle übrigen Lebewesen erhoben. Sie statte ihn mit einer grenzenlosen Lernfähigkeit und einzigartigen Bildsamkeit aus, der den ursprünglichen Mangel bei weitem ausgleiche.
Die Erziehbarkeit des Kindes sei in den ersten Lebensjahren am grössten, in dieser Periode müssten Erziehung und Unterricht ihre Hauptarbeit leisten. Leider seien sich nicht alle Eltern ihrer hohen und verantwortungsvollen Aufgabe bewusst. Der Vater tue gut daran, den Übungen seiner Söhne so oft als möglich beizuwohnen; der bezahlte Lehrer enthebe ihn nicht der Pflicht, die Entwicklung seines Kindes zu überwachen. Die Fehler des Kindes seien im Grunde diejenigen seiner Erzieher. Man möge sich auch hüten, die Kinder zu verwöhnen und zu verzärteln. Die sittliche Erziehung gehe vom persönlichen Vorbild, von Rat und Ermahnung aus. Man müsse den Kindern die Tugend nicht nur predigen, sondern sie auch daran gewöhnen.
Die bewegende Kraft in der Erziehung ist die Liebe
Zwar sei der Mensch bei guter Unterweisung und Übung fähig, alles zu lernen, aber am weitesten werde er dort vorankommen, wohin ihn Gefühl und innerer Drang weisen. Da aber das Kind noch nicht den Wert der Wissenschaften erkennen könne, werde es um des Lehrers willen lernen, darum gelte: «Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer». Die bewegende Kraft in der Kindererziehung sei einzig und allein die Liebe, niemals aber die Furcht. Jede Gewalttätigkeit hinterlasse bleibenden Schaden in der kindlichen Seele. Für Kinder sei nichts schädlicher, als wenn sie an Schläge gewöhnt werden, wie es bei den mittelalterlichen Schulmethoden üblich war.
«Der erste Schritt beim Lernen ist die Liebe zum Lehrer, und im Verlauf der Zeit wird es gewiss geschehen, dass der Knabe, welcher die Wissenschaften um des Meisters willen zu lieben begonnen hatte, später an dem Meister um der Wissenschaft willen hängt.»
Das Vorbild des Lehrers und das gemeinsame Lernen
Mit Wort und Tat lehre man die Kinder erkennen, was gross und edel sei; das Vorbild des Lehrers werde nicht unwirksam bleiben. Einfühlendes Verstehen werde den Lehrer davor behüten, das Kind zu überfordern und von ihm Leistungen zu verlangen, die seine Kräfte übersteigen. Er solle die milde Mahnung des Plinius beherzigen: «Bedenke, dass jener ein Jüngling ist, und dass auch du es einmal warst.» Immer möge man sich dem kindlichen Denkvermögen anpassen, das nur durch anschauliche und lebendige Darstellung angesprochen werde. Das Lernen soll ein Spiel sein, dann werde das Kind nicht müde werden, sich unterweisen zu lassen. Fern halte man von den Kindern die «lächerlichen Märchen alter, simpler Weiber» und die «Lügengewebe aus Volkssagen». Anhand einfacher Erzählungen, die sowohl lehrreich als auch gefällig sind, könne man Kindern die wichtigsten Regeln der Grammatik beigebringen.
Für seine Privatschüler schrieb Erasmus die «Colloquien». Sie begannen als informelle Lateinübungen und sind eine Sammlung von rund fünfzig Dialogen über Krieg, Reisen, Religion, Schlaf, Bettler, Beerdigungen und Literatur geworden. Alle waren in dem gleichen anmutigen, einfachen Stil und sanften Humor gehalten, als Übungen und leichte Lektüre in Latein für Generationen von Schülern.
Der höhere Unterricht und der Lehrerberuf
Nach Erasmus sollten für die Ausbildung der Lehrer die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten sorgen, die hierfür besondere Anstalten zu errichten hätten. Bis das geschehe, müssten private Lehrer gesucht werden, obwohl das gemeinsame Lernen der Schüler in öffentlichen Schulen den Vorteil habe, gegenseitiges Wetteifern zu ermöglichen. Man schützt die Schwäche und Ungelehrigkeit der Jugend vor, während es doch nur die dürftigen Methoden des Lehrens und Lernens seien, die für die erfolglose Erziehung verantwortlich gemacht werden müssten.
Erasmus fordert einen «gründlich gebildeten und durch langjährige Praxis erprobten Lehrer».
Im Buch «Über die Methode des Studiums» beschreibt Erasmus die Gestaltung des höheren Unterrichts, der von der lateinischen und griechischen Grammatik zur Lesung klassischer Autoren führt. Philosophie, Theologie, Mythologie und Geographie könnten am besten aus den Werken des Altertums gelernt werden, aus denen die Humanisten während zweier Jahrhunderte ein Juwel nach dem anderen zutage förderten. Wer sich dem Lehrerberuf widmen wolle, müsse auch Geschichte, Astronomie und Naturwissenschaften studieren, denn der Unterricht werde ihn auf alle Gegenstände des Wissens führen. Erasmus fordert einen «gründlich gebildeten und durch langjährige Praxis erprobten Lehrer»: «Ich will, dass einer alles durchstudiert, damit nicht jeder einzelne alles durchzustudieren braucht». Er weiss, dass seine Unterrichtsmethode grosse Anstrengungen verlangt, aber er ist nicht geneigt, sie deswegen aufzugeben.
Das Lehrprogramm von Erasmus ist charakteristisch für das Denken im «goldenen Zeitalter» des Humanismus: Hochschätzung der Erziehung, übernationale Geisteshaltung, Bewunderung des geistig schaffenden und schöpferischen Individuums, Liebe zum Kinde und unbegrenztes erzieherisches Ethos.
Lebenslauf
Erasmus wurde um 1467 in Rotterdam unehelich als Sohn eines Priesters und dessen Haushälterin geboren. 1485 besuchte er mit seinem Bruder die Lateinschule der «Brüder vom gemeinsamen Leben» in Deventer, wo der Humanist Rudolf Agricola sein lebenslanges Vorbild wurde und sein Interesse an der Literatur der klassischen Antike weckte. Nach dem Tode seiner Eltern während einer Pandemie wurde er Regularkanoniker im Augustinerkloster in Gouda und empfing 1492 die Priesterweihe. Von 1495 bis 1499 studierte er an der Sorbonne in Paris Theologie und unterrichtete Privatschüler. Mit einem Schüler ging er nach England, wo er den Humanisten Thomas Morus und den Gräzisten John Colet sowie den späteren König Heinrich VIII. kennen lernte. Später war er am Hofe von Burgund in Löwen Erzieher (Rat) des späteren Kaisers Karl V. In vielen seiner Werke übte der ehemalige Mönch scharfe Kritik an der katholischen Kirche, der er jedoch zeitlebens verbunden blieb. Seine weit verbreiteten und vielgelesenen Bücher waren Wegbereiter der Reformation. Als Erasmus 1536 in Basel starb, wurde der Katholik im Kreuzgang des reformierten Basler Münsters beigesetzt.
Quellen:
https://en.wikisource.org/wiki/Familiar_Colloquies/Table_of_Contents
Will Durant und Ariel Durant: Kulturgeschichte der Menschheit: Das Zeitalter der Reformation