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Die organisatorische Binnenstruktur von religiösen Sekten
Inhalt:
1. Einleitung
Sekten sind soziologisch bedeutsame Erscheinungen eigener Art. Die Anzahl Sekten weltweit ist unbekannt, ebenso ihre Mitgliederzahl. Sekten haben mehrfach eine ausserordentliche Bedeutung für den Verlauf der Geschichte gehabt, so war das Christentum am Anfang eine jüdische Sekte.
Sekten wirken manchmal als Katalysatoren in der Geschichte, indem sie Unzufriedenheit und das Streben nach Veränderung in der Gesellschaft zum Ausdruck bringen, den Zeitpunkt des Zusammenbruchs ganzer Sozialstrukturen fixieren, mitunter auch Vorboten sozialer Neuordnungen sind oder diese sogar herbeiführen.
Im folgenden soll es darum gehen, die organisatorische Binnenstruktur von religiösen Sekten zu erforschen, sowie um die Merkmale und den Aufbau von religiösen Sekten. Auf die Entwicklung von Sekten, die Problematik Kirche Sekten Typ und die Entwicklung von Sekten zu Denominationen wird nur so weit eingegangen werden, als dies zum Verständnis der Arbeit notwendig sein wird. Untersuchungsgegenstand bilden christliche religiöse Sekten und neue religiöse Bewegungen. Auf das Verhältnis von Sekten zum Staat und der Gesellschaft wird in dieser Arbeit nicht eingegangen.
Die Betrachtung der organisatorischen Binnenstruktur von religiösen Sekten bedingt die Verbindung von Religions- und Organisationssoziologie. In der Literatur wurden bisher kaum Schritte in diese Richtung unternommen, weshalb es mir auch Mühe bereitete, Material für dieses Thema zusammenstellen zu können. Es wurden wohl zahlreiche Untersuchungen zur Entwicklung und zum Bestehen von religiösen Sekten erstellt, dennoch befasste sich keine der von mir konsultierten Untersuchungen mit der organisatorischen Binnenstruktur von religiösen Sekten. Bisher wurden vor allem einzelne Aspekte des Sektenwesens erforscht, so die Lehre oder der Ursprung der betreffenden Sekte, der Beginn der Bewegung als eigene Gruppierung, die Richtung der Entwicklung, der Charakter und die "Übermittlung" der Führerschaft, aber keine Untersuchung befasst sich eingehend mit der Organisationsstruktur von religiösen Sekten.
Es existiert eine reiche, ständig wachsende Literatur von Darstellungen christlicher Sekten. Dazu kommt, dass die Sekten selber jedes Jahr eine überwältigende Fülle von Traktaten, Büchern, Zeitschriften und Medien aller Art produzieren.
Die Arbeit ist so aufgebaut, dass im 2. Teil allgemeine Beschreibungen von religiösen Sekten folgen, die zum Verständnis der Binnenstruktur beitragen sollen, bevor dann im dritten Teil explizit auf die Binnenstruktur eingegangen wird.
2. Definition, Entwicklung und Ziele von religiösen Sekten
2.1 Definition von Sekten
Sekten im weitesten Sinne des Wortes, als Sondergruppen betrachtet, gibt es innerhalb und am Rand aller grösseren Religionen. Der Begriff "Sekte" kann je nach organisatorischer Struktur der verschiedenen Mutterreligionen eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben.1
Eine erste Definition gibt Bainbridge:
In der neueren Forschung der Soziologie, die das Sektenwesen als weiteres Arbeitsfeld ihrer Disziplin betrachten, wird der Begriff "Sekte" neutral verwendet, ohne abschätzende oder emotionale Konnotation. Sekten werden als soziale Phänomene betrachtet, wie andere Bereiche auch, z. B. wie soziale Klassen oder Familien. Bei theologischen Schriften hat der Begriff oft eine negative Konnotation, Sekten gelten als die Zerstörer der "wahren Religion" und werden somit verbannt (Wilson 1990:2; vgl. auch Troeltsch 1964:459. Zur christlichen Auffassung von Sekten vgl. Wilson, 1970: 15-18). Im folgenden wird der Begriff "Sekte" neutral verwendet, ohne negative Konnotation.
Der Begriff "Sekte" kann als engerer Begriff verstanden werden, wie ihn Bainbridge definiert, er kann aber auch als Oberbegriff dienen für religiöse Bewegungen, die neben den traditionellen Religionen bestehen. So fallen z. B. gemäss dem Lexikon für Soziologie auch "neue religiöse Bewegungen" darunter.
Anstelle des Begriffs "neue religiöse Bewegungen" werden auch "Kulte" oder "neue religiöse Gruppierungen" verwendet. "Neue religiöse Bewegungen" sind im Gegensatz zum engeren Sinn von "Sekte", religiöse Bewegungen, die nicht durch Schisma aus einer traditionellen Religion oder aus einer Sekte entstanden, sondern sie bilden neuartige Religionen, die sich am Christum orientieren können, aber auch andere Elemente, z.B. solche aus der buddhistischen Religion, enthalten (vgl. Stark & Bainbridge 1978:125-128. Im folgenden soll von "Sekten" im engeren Sinn, also als Abspaltungen von etwas bereits Bestehendem und von "neuen religiösen Bewegungen", als neuartige Bewegungen, gesprochen werden. Für beide Begriffe steht die Umschreibung "religiöse Bewegung".
Zur Diskussion der Kirche Sekte Typologie wird hier nur auf die zahlreiche Literatur verwiesen (Für diese Problematik siehe z. B. Troeltsch 1964; Stark & Bainbridge 1978 oder Brewer, E. D. C. (1964): "Sect and church in methodism", in: L. Schneider (Hrsg.). Religion, Culture and Society. New York: Wiley & Sons:471-482.
2.2 Merkmale von Sekten und neuen religiösen Bewegungen
Im Allgemeinen werden Sekten als schismatische Bewegungen angesehen, sie entstehen durch Abspaltung von einer bestehenden traditionellen Kirche oder Denomination. Sie entstehen aus etwas Altem und sind bereits religiös motiviert (vgl. Stark & Bainbridge 1978:125)2. Sekten sind somit religiöse Protestbewegungen.
Es gibt keine allgemeinen Merkmale für die Entwicklung von Sekten oder Denominationen. Es gibt einige Parallelen, gewisse ähnliche Orientierungen, spezifische Dispositionen und Konditionen, die den religiösen Kern beeinflussen können und in spezifischen Perioden der Geschichte sind gemeinsame kulturelle Kontexte vorhanden, die die Religion, die Organisation und die soziale Entwicklung beeinflussen (Wilson 1990:105). Auch wenn jede Sekte einzigartig ist, können in verschiedenen Sekten manchmal ähnliche Entwicklungen beobachtet werden.
Sekten und neue religiöse Bewegungen sind Vereinigungen von kleinen, freiwilligen, erwählten und exklusiven Gruppen (Zum Motiv der Freiwilligkeit und der exklusiven Bindung vgl. Wilson 1970:30f). Sie etablieren eine alternative Lebenswelt für ihre Anhängerschaft, sowohl in ihrem intellektuellen Begreifen der Realität als auch in ihren sozialen Bindungen. Religiöse Bewegungen sind exklusiv, sie dulden keine doppelte Bindung, keinen Kompromiss mit ihren Prinzipien, keine Lossagung vom Führungsstandard, den sie billigen und sie dulden auch keine Verletzung der Tabus, die sie aufstellen. Sie sind weiter gebundene Gemeinschaften, die idealistisch bedingt keine Ambiguität zulassen, aufgrund der Respektierung des Status der AnhängerInnen, ihres Anspruches auf das Monopol der Wahrheit und der exklusiven Rechtfertigung ihrer Handlungsweise. Ein weiteres Merkmal ist, dass religiöse Bewegungen die Anerkennung der Amtsgewalt von allgemein anerkannten religiösen Würdenträgern und oft sogar die Anerkennung der Staatsgewalt verweigern (Wilson 1990:179 und ders. 1970:8 und 28-38).
Zahlreiche neue religiösen Bewegungen beginnen als Sekten, als eine Gruppe von Gläubigen, die aus Protest gegen die bestehende klerikale und vielleicht auch gegen die säkulare Autorität entstanden ist. Die Sekte betont ihr eignes Monopol zumindest im Bereich der Wahrheit. Sie ist eine freiwillige Organisation in dem Sinn, dass auch Kinder von Sekteneltern sich anstrengen und eine persönliche Bindung zur Bewegung herstellen müssen, bevor sie als Mitglieder akzeptiert werden. Die Mitgliedschaft in einer Sekte ist inkompatibel mit einer Verbindung zu einer anderen Religion. Daraus wird gefolgert, dass für diese separierten Sektenmitglieder die Religion als ernst angesehen wird und sie keine Formalität bildet. Es bestehen gleichzeitig Verpflichtungen in bezug auf die Respektierung von Verhalten und Lebensstil, die die Sekte vorschreibt. Der Eintritt erfolgt durch testen des persönlichen Verhaltens, ob das potentielle Mitglied vertraut ist mit den Doktrinen, mit der moralischen Rechtschaffenheit oder mit einer Kombination von solchen Unterscheidungsmerkmalen. Die Disziplin ist rigoros und es bestehen Prozeduren für die Suspendierung oder für das Ausstossen der moralisch Eigensinnigen oder für solche, die die Sektenlehre anzweifeln. Grösstenteils sind die Sektenmitglieder von der übrigen Gesellschaft getrennt und entwickeln eine eigene Kultur (Wilson 1990:106).
Ein signifikantes Merkmal in der Entwicklung von religiösen Bewegungen ist die Transformation der oben genannten Charakteren von Sekten. Vor allem das Wachstum beeinflusst die Sekten, obwohl nicht alle Sekten sich vergrössern oder zumindest nicht in allen Phasen ihres Bestehens wachsen. Gewisse Sekten gehen auch mit der Zeit unter.
2.3 Ziele und Zweck von Sekten und neuen religiösen Bewegungen
Sekten streben nach einer persönlichen inneren Perfektion und sie zielen auf eine direkte persönliche Gemeinschaft zwischen den Mitgliedern einer Gruppe. Sie besitzen unterschiedliche Einstellungen gegenüber ihrer Umwelt, dem Staat wie auch der übrigen Gesellschaft, sie sind ihnen entweder tolerant oder feindlich eingestellt. Ein Ziel von Sekten ist gewöhnlicherweise, entweder die vorherrschende Lebensform neben ihrer Lebensform zu tolerieren oder sogar diese sozialen Institutionen durch ihre eigene Gesellschaftsform zu ersetzen. Sie organisieren sich daher von Anfang an in kleinen Gruppen und entsagen der Idee der Weltdominanz. Die Sekte verweist ihre Mitglieder direkt auf das übernatürliche Ziel des Lebens und damit ist auch der individualistische, direkte religiöse Charakter der Askese als Mittel zur Vereinigung mit Gott stärker und ausführlicher entwickelt als in traditionellen Kirchen (Troeltsch 1964:457).
Der Zweck von religiösen Sekten und neuen religiösen Bewegungen liegt in der Suche nach der wahren Religion, nach der wahren Heilsfindung. Das Interesse der Religion gilt immer der Erlösung, sowohl bei Kirchen als auch bei religiösen Bewegungen. Das Erreichen der Erlösung rechtfertigt die jeweilige religiöse Praxis. Sekten lehnen oft die von orthodoxen Religionen propagierten Vorstellungen von Erlösung oder der Art ihrer Erlangung ab. Sie bekämpfen insbesondere den institutionellen Charakter des Heilswegs und meist auch, sofern es sich um Laienbewegungen handelt, das Priestertum und das Sakramentswesen, da dies die Grundlage der monopolistischen Macht sind, die von den religiösen Vertretern der Orthodoxie ausgeübt wird (Wilson 1970:21). Neue religiöse Bewegungen offerieren etwas, das in alten Religion unerreichbar war und bieten einen sicheren, kürzeren, schnelleren oder klareren Weg zum Heil. Der Reiz von neuen religiösen Bewegungen liegt darin, dass sie eine überzeugendere Bestätigung in bezug auf das Heil anbieten, als bisher erhältlich war. Neue religiöse Bewegungen fördern den Optimismus, zumindest unter denen, die sich ihnen anschliessen, in bezug auf die Aussicht, das Böse oder das Unerwartete überwältigen zu können (vgl. das Beispiel vom Calvinismus in Wilson1990:206).
Häufig glauben Sektenanhänger, Erlösung sei selten und werde nur wenigen zuteil, oft glauben sie aber auch, dass der Weg zum Heil im wesentlichen einfach und direkt ist.
Das Leben in einer religiösen Bewegung wird von den religiösen Bewegungen selber als Alternative des "way of life" gesehen oder zumindest als eine Befreiung von den normalen Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft. Die angebotenen Möglichkeiten variieren von Bewegung zu Bewegung, häufig aber gab es das Leben in der Gemeinschaft. Vereinigungen, die das Leben in Kommunen praktizieren bzw. praktizierten, sind z.B. der Bruderhof in Deutschland, die Hare Krishna Bewegung, die Unification Church, die Divine Light Mission etc. (Wilson 1990:48).
Nicht jede Sekte sieht sich als Alternative zur bestehenden Gesellschaft. Einige sehen ihr Leben auf der Erde als Übergangsphase bis zur Apokalypse und dem Millenium , so z. B. die Siebents-Tags-Adventisten. Andere sehen ihre Rolle in der "Bildung des Königreichs auf Erden", indem sie neue ethische Gebote für ihre Nachfolger aufstellen. Andere wiederum streben nach einer geringeren Heilsform.
2.4 Religiöse Bewegungen als soziale Bewegungen und als freiwillige Organisationen
2.4.1 Soziale Bewegung und freiwillige Organisation
Soziale Bewegungen sind nach Curtis und Zurcher vor allem durch zwei Hauptmerkmale gekennzeichnet: 1. durch Zweck und Ziel der sozialen Bewegung, die instrumental-spezifisch oder expressiv-diffus sein können; und 2. durch die Bedingungen der Mitgliedschaft. Hinzu kommen weitere Komponenten wie die Art der Anreizmittel in bezug auf die Mitglieder (zweckgebunden, solidarisch oder materiell), die Zustimmung der Mitglieder zur Stossrichtung der Vereinigung, der Führungsstil sowie die Zusammensetzung der Mitglieder (Curtis & Zurcher 1974:356).
Die Ziele von sozialen Bewegungen sind ihre raison d'être . Die Ziele können klassifiziert werden nach ihrer Orientierung: nach innen orientiert verfolgen sie Ziele zum Wohlergehen der Mitglieder oder zur Kultivierung der Zufriedenheit derselben (instrumentale Zielsetzung); nach aussen orientiert verfolgen sie hingegen Ziele, die abhängig sind von unmittelbaren organisatorischen Operationen (expressive Zielsetzung). Instrumentale Organisationen sind dadurch gekennzeichnet, dass ihre Zielsetzung sich auf die Zufriedenstellung der sozialen und psychologischen Bedürfnissen ihrer Mitglieder richtet, mittels aktiver Teilnahme der Mitglieder. Expressive Organisationen haben eine Zielsetzung in bezug auf die Erfüllung von bestimmten Aufgaben, die sich ausserhalb der Organisation befinden (Curtis & Zurcher 1974:357).
Die Bedingungen für die Mitgliedschaft beziehen sich auf die Zugänglichkeit der Organisation zur potentiellen Rekrutierung und auf die darauffolgende Nachfrage nach ihnen als Mitglieder. Zald und Ash haben dafür zwei Typen herausgearbeitet: 1. die inklusiven Organisationen und 2. die exklusiven Organisationen.
Der "inklusive" Organisationstyp besitzt keine rigorosen Schutzmechanismen für die Selektion der Mitglieder. Die Aufnahme ist grösstenteils durch den Willen der potentiellen Mitglieder bestimmt und für die neuen Mitglieder bestehen nur geringe Aufnahmebedingungen bzw. -verpflichtungen, wie z.B. ein Gelöbnis für die generelle Unterstützung der Organisation ohne bestimmte Aufgaben zu übernehmen, eine kurze Bewährungszeit oder auch gar nichts.
Exklusive Organisationen haben hingegen eine rigorose Aufnahmenkontrolle, die Aufnahme wird als vorherrschendes Privileg der Organisation und nicht des potentiellen Mitgliedes angesehen. Solche sozialen Bewegungen tendieren dazu, das Neumitglied einer langen Bewährungsprobe zu unterstellen, um zu erreichen, dass das Neumitglied sich der Disziplin und der Ordnung der Organisation unterwirft und ausserdem, um es an die Organisation zu binden, indem es die härtesten Aufnahmebedingungen erlebt (Curtis & Zurcher 1974:357).
Es gibt Organisationen, die sowohl expressiv als auch instrumental sind und exklusiv als auch inklusiv. Das Vorhandensein von mehreren Komponenten muss nicht unbedingt zu internen Konflikten oder zur Spaltung der Organisation führen, auch wenn diese das Potential dazu besitzt. Die Mischformen ermöglichen eine Teilung der verschiedenen Zielsetzungen oder die Zufriedenstellung der einzelnen Mitgliedern bzw. sie können auch als Indikator für die differenzierte Orientierung zwischen Führung und Mitgliedern gesehen werden (vgl. Zald & Ash 1966:332
Die Funktion der Exekutive einer Organisation liegt darin, die Organisation zusammenzuhalten und zu erhalten. Dies wird dadurch erreicht, dass versucht wird, einen Überschuss von Anreizmitteln zu erhalten durch die Verteilung von Anreizen, um Aktivitätsbeiträge hervorzurufen. Dies kann geschehen durch die Abgrenzung der "leadership"-Funktion, deren Funktion im Erschaffen, Klären und Verbreiten von substantiellen Zielen liegt. Auch wenn die beiden Funktionen bei einer einzigen Person liegen, kann dies zu Konflikten zwischen diesen Funktionsanforderungen kommen. Die Exekutive hat ein starkes persönliches Interesse, die Organisation zusammenzuhalten. Im allgemeinen besteht die minimale Erwartung von Gruppenmitgliedern darin, dass die Exekutive es nicht zulassen wird, dass die Gruppe kleiner wird oder sogar zusammenbricht (Clark & Wilson 1961:133f.).
Alle überlebensfähigen Organisationen müssen den Mitgliedern Anreizmittel anbieten, als Gegenleistung für den individuellen Beitrag an die Organisation (Clark & Wilson 1961:132). Anreizmittel für den Beitritt in eine soziale Bewegung können materiell, solidarisch oder zweckmässig sein (Clark & Wilson 1961).
Der materielle Anreiz ist greifbar, er hat einen monetären Wert bzw. er kann leicht in einen solchen überführt werden.
Die solidarischen Anreizmittel sind immateriell und leiten sich zum grössten Teil aus dem Akt der Vereinigung ab wie auch aus der Entgeltung von Sozialisierung, Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl und Gruppenidentifikation, vom Status, der für den Einzelnen aus der Mitgliedschaft erwächst, Spass und Geselligkeit etc. Charakteristisch für diese Art von Anreizmittel ist, dass sie relativ unabhängig vom präzisen Zweck der Verbindung sind (Curtis & Zurcher 1974:359).
Die zweckmässigen Anreizmittel sind ebenfalls immaterieller Art, sie lassen sich aber eher vom festgesetzten Endzweck der Vereinigung ableiten als von der simplen Tat des Mitmachens. Die Mitglieder sind zusammen, um eine Veränderung des status quo zu erstreben und nicht, um sich an der Präsenz eines anderen zu erfreuen. Diese Beweggründe lassen sich in den suprapersonellen Zielen der Organisation wiederfinden (vgl. Clark & Wilson 1961:135f. und 142-146).
Exklusive Organisationen versuchen eine Homogenität ihrer Mitglieder zu erreichen, indem sie einen relativ strengen Selektionsprozess und strenge Mitgliedschaftsbedingungen haben. Die organisatorische Bedingung von exklusiver und homogener Mitgliedschaft kann mit einem "leadership"-Stil verbunden sein. Die exklusiv-expressive Vereinigung verlangt ein intensives Engagement von seinen Mitgliedern und pflegt Ziele und Absichten, mit denen sich die Mitglieder als Nutzniesser der organisatorischen Aktivität identifizieren. Kompetative Optionen werden eher in den Anliegen der Gemeinschaft als in anderen Organisationen mit parallelen Absichten als existent angesehen. Dies wird dadurch erreicht, dass die exklusiv-expressive Organisation die Konkurrenz für Belohnungsalternativen durch Abschirmen der Mitglieder von der Umgebung ausschliesst. Toch beobachtete, dass Organisationen, die das Individuum mit einem persönlichen Status oder mit einer einzigartigen ideologischen Perspektive versehen, notwendigerweise für das Mitglied die Gelegenheit zur Erreichung dieser Vorteile von anderen Quellen, sprich anderen Organisationen, verhindern müssen. Soziale Isolation oder andere abschirmende Mechanismen wurden bei kleinen Sekten im Südosten der USA beobachtet, ebenfalls bei kleinen kalifornischen Sekten, wie bei den Zeugen Jehovas, bei den Amish etc. (vgl. Toch, H. (1965): The Social Psychology of Movement. Indianapolis: Bobbs-Merill:206; vgl. Literaturangaben bei Curtis & Zurcher 1974:362). Solche Mechanismen verhindern im allgemeinen, dass die Mitglieder von anderen Arten der Bewältigung in anderen sozialen Bewegungen erfahren. Die Ablehnung der konventionellen Gesellschaft oder zumindest die systematische Ablehnung von Teilen dieser Gesellschaft wird zur rentabelsten Quelle der Belohnung für die Mitglieder.
Kritische Probleme von exklusiv-expressiven Organisationen bilden die Aufrechterhaltung der doktrinalen Reinheit und der Mechanismus des Mitgliedereinverständnisses. Im Allgemeinen werden diese Probleme durch Isolation der Mitglieder von der weiteren Gesellschaft gelöst. Es wird vermutet, dass eher die Integrität von organisatorischen Bindungen als der innere Wechsel per se die kritischen Elemente für das Überleben der Organisation darstellen. Gewisse exklusiv-expressive Organisationen konnten die Integrität ihrer Bindung für eine lange Zeit halten, so zum Beispiel die Zeugen Jehovas.
Soziale Bewegungen variieren im Grad ihrer Interaktion mit anderen Komponenten ihres sozialen Umfeldes. Eine feindlich bzw. negativ eingestellte Umgebung kann bei einer exklusiv-expressiven Organisation dazu führen, dass die Organisation ihre existierenden isolierenden und solidarischen Mechanismen steigert. Andererseits kann eine zur Organisation positiv eingestellte Umgebung eine positive Wirkung auf die Organisation haben, indem sie zum Beispiel ihre isolierenden Mechanismen abschwächt (Curtis & Zurcher 1974:362-365).
2.4.2 Motive für den Eintritt bzw. Anreizmittel von seiten der religiösen Bewegungen
Sekten und religiöse Bewegungen sind freiwillige Vereinigungen, deren Mitglieder aus freiem Willen in diese Organisation eintreten. Das Dasein der religiösen Bewegung hängt demnach vom aktuellen persönlichen Eifer und von der Kooperation des Mitglieds ab. Als unabhängiges Mitglied hat jedes Individuum seinen Platz in der Gruppe.
Ein Individuum wird nicht in eine religiöse Bewegung hineingeboren, sondern es tritt ein auf der Basis der bewussten Konversion, das bedeutet, die Kindstaufe wird abgelehnt.
Bei der Motivation zum Eintritt in eine Sekte oder neue religiöse Bewegung ergeben sich Forschungsschwierigkeiten, da die geschriebenen Bekenntnisse zum Eintritt in eine religiöse Bewegung oft tendenziös und oder überarbeitet sind und damit oft nicht den wirklichen Motiven mehr entsprechen.
Der hohe Grad an Totalitarismus von religiösen Bewegungen bewirkt einen hohen Grad von Konformität, in der die individuelle Motivation oft zusammengefasst ist in den kooperativen Zielen. Die Schwierigkeit bei Mitgliedern besteht darin, dass sie bei den Motivationen, das angeben, das einem idealen Mitglied entspricht (Wilson 1990: 179-181). Die zehn Fallstudien der Zeugen Jehovas in Wilsons Untersuchung zeigen folgende Motive für den Eintritt in eine religiöse Bewegung: Sinn für intellektuelle Gewissheit; Realisierung des eignen Bewusstseins; Erlangen des Selbstbewusstseins; Entdecken von gewissen, bis anhin verborgenen Talenten; Erkennen, dass das eigene Leben einen Sinn hat; Aussicht auf eine bessere Zukunft; Leben mit aufrichtigen Moralstandards. Hinzukommen, von aussen betrachtet, noch folgende Motive: Erlangung von Status; Kompensation für Unglück; soziale Unterstützung für sozial inadäquate Personen (Wilson 1990:192).
Durch zwei Bedingungen, durch die relative Deprivation und die Anomie, erlangen religiöse Bewegungen Neumitglieder (vgl. These von Glock, C. Y. (1964): "The role of deprivation in the origin and evolution of religious groups", in: R. Lee und M. E. Marty (Hrsg.). Religion and Social Conflict. New York: Oxford University Press:27; vgl. Wilson 1990:194 und 232-234; vgl. auch Bainbridge 1997:50-53).
Der Wechsel bzw. das Erkennen der neuen "richtigen Lebensweise" und der Eintritt erfolgen oft langsam und in Etappen. Der Eintritt in eine religiöse Bewegung ist abhängig von verschiedenen Umständen und von verschiedenen Prozeduren.
Vergleicht man die Zeugen Jehovas, die Christian Scientists und die Pfingstgemeinde, so ist erkennbar, dass keine Aufforderung zur Konversion besteht und niemandem religiöse Motivation vorgeschrieben wird. Der Prozess der Eingliederung erfolgt langsam, für die Zeugen Jehovas wäre eine plötzliche Konversion auch suspekt. Für sie besteht eine rationale Rechnung von kumulativen Prozessen, die ein besseres Leben und bessere soziale Beziehungen enthüllen, die selber ein Beweis sind für die besseren Dinge der kommenden neuen Weltordnung. Die Christian Scientists betonen hingegen das jetzige Leben weniger. Das Erreichen von abstrakten metaphysischen Prozessen hat eine mehr egozentrische, therapeutische und manipulative Bedeutung. Das Heil ist ein individuelles Phänomen. Es gibt keine Betonung von Glauben oder Schuld, sondern nur Verständnis. Bei den Pfingstgemeinden ist die Konversion plötzlich und radikal, sie ist "a heart experience", in der das Individuum wiedergeboren wird. Diese drei Beispiele zeigen, dass jede religiöse Bewegung ihre eigene Konzeption der Konversion und der religiösen Motivation besitzt. Die Mitglieder bringen ihre Gründe für die Konversion zur Übereinstimmung mit den Erwartungen der Gruppe, mit gradueller Elimination von charakteristischen (auch eigentümlichen) Elementen und mit einer ständigen Wiederholung der "in-group-Rechtfertigung" (Wilson 1990:198-200).
Alle religiösen Bewegungen basieren auf der persönlichen Entscheidung und auf dem freien Willen des Individuums, in eine Bewegung einzutreten. Sie bestehen zudem auf das Einhalten von rigorosen Standards. Es wird jedoch unterschieden zwischen Mitgliedern, die als Kinder mit Eltern, die bereits Mitglieder waren, in die Bewegung eintraten und zwischen denen, die Konvertierte erster Generation sind. Die Neumitglieder treten alle unter den gleichen Bedingungen ein, unterstehen den gleichen Eignungstest und den selben Sanktionen für Fehlverhalten.
3. Innere Organisation von religiösen Bewegungen
Religiöse Bewegungen lassen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Art, Entstehung und Entwicklungsgeschichte nicht eindeutig einordnen. Es lassen sich nur Ähnlichkeiten feststellen, die für die eine religiöse Bewegung in einem Bereich mehr zutrifft als für eine andere und umgekehrt.
Wenn eine religiöse Bewegung wächst, ändert sich oft auch ihre organisatorische Struktur, und zwar in der Weise, wie sich die Bewegungen der theologischen und kirchlichen Lehre anpassen. Im folgenden wird es darum gehen, verschiedene Binnenstrukturen darzustellen, die in verschiedenen Stadien von religiösen Sekten vorkommen.
3.1 Die Mitgliederstruktur
3.1.1 Merkmale von Mitgliedern
Bainbridge sieht die These durch eine Untersuchung bestätigt, dass Leute, die radikalen religiösen Bewegungen beitreten, oft aus unteren sozialen Klassen stammen (Bainbridge 1997:47-50). Ihr sozialer Status entspricht dem von Arbeitern oder von Personen der Unterschicht. Religiöse Bewegungen haben oft nur wenige HochschulabgängerInnen. Die soziale Zusammensetzung hängt von der Zielsetzung und von den Anreizmitteln der religiösen Bewegung ab. Mehrheitlich werden jedoch Personen aus den unteren sozialen Klassen rekrutiert, was jedoch nicht heisst, dass religiöse Bewegungen, die sozial schlechter gestellte Personen anziehen, nicht auch sozial höher gestellte Mitglieder haben und umgekehrt (vgl. Hupfer & Obrist-Müller 1995:6). In der Untersuchung von Hupfer & Obrist-Müller wird den Mitgliedern von neuen religiösen Bewegungen eine hohe bis mittlere Bildung zugesprochen, während Bainbridge ihnen eher wenig Ausbildung zuschreibt, ebenfalls auf eine Untersuchung gestützt. Diese Divergenz hängt von den untersuchten religiösen Bewegungen ab, womit wiederum bestätigt wird, dass die verschiedenen religiösen Bewegungen schlecht in ein einheitliches Schema passen.
Die Untersuchung von Wilson über die Eintrittsmotive von Mitgliedern der Zeugen Jehovas zeigt, dass keine genaue Altersstruktur beim Eintritt festgestellt werden kann (vgl. Wilson 1990:181-192). Bei neuen religiösen Bewegungen werden hingegen mehrheitlich jüngere Personen rekrutiert im deutschsprachigen Raum sind diese Sekten auch als Jugendsekten bekannt , das Rekrutierungsalter liegt zwischen 17- und 30 Jahren. Die Autoren sind sich diesbezüglich nicht einig, die Angaben schwanken. Angaben, die von den Bewegungen selber gemacht werden, liegen jedoch generell höher als in den von den Autoren untersuchten Fällen. Dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Bewegungen mit dem Hinweis auf ältere Mitglieder Kritik abblocken möchten (Hupfer & Obrist-Müller 1995:5). Das Eintrittsalter hängt aber auch von der Art der Sekte ab. Bei den Scientologen und der Transzendentalen Meditation liegt es höher als bei den Vereinigungen von Children of God und der Unification Church.
Das Geschlechterverhältnis ist in den Sekten ebenfalls unterschiedlich, wie auch der Zivilstand der Mitglieder. Bei der Unification Church gaben bei einer Untersuchung 91% der Befragten an, dass sie unverheiratet seien, zahlreiche verheiratete Mitglieder wurden bei den Scientologen festgestellt. Bei der Vereinigungskirche überwiegen die männlichen Mitglieder (möchten (Hupfer & Obrist-Müller 1995:6).
Diese unterschiedliche Mitgliederstruktur spiegelt die inhaltlichen Unterschiede der Bewegungen wider.
3.1.2 Verhältnis der Mitglieder zur Organisation
Mitgliedschaft bedeutet für den einzelnen gleichzeitig auch soziale Identität. Das Individuum ist in erster Linie ein Mitglied der Sekte oder der Bewegung, erst an zweiter Stelle Person.
Die Bindung zur Organisation ist nicht indirekt durch den gemeinen Besitz der göttlichen Gnade gegeben, sondern wird direkt in der persönlichen Beziehung des Lebens realisiert Troeltsch 1964:463).
Von den Mitgliedern wird oft totales Engagement für die Ziele der Vereinigung verlangt. Kritik wird bei den neuen religiösen Bewegungen als Egoismus und Widerstand gegenüber der charismatischen Führung ausgelegt und unterdrückt. Es wird absoluter Gehorsam und strenge Disziplin gefordert (Hupfer & Obrist-Müller 1995:4; vgl. Wilson 1990:211-217).
Die Mitglieder können in Kommunen organisiert sein, sie können "full-time"-Mitglieder sein oder Mitglieder, die die Infrastruktur der Bewegung benützen, aber nicht aktiv sind. Je nach Bewegung haben die Mitglieder eine andere Aufgabe und Funktion und sind daher auch unterschiedlich organisiert.
3.2 Hierarchie innerhalb von religiösen Bewegungen
In älteren religiösen Bewegungen behindern Tradition und als Begleiterscheinung davon Hierarchie, Statusunterschied, Vorgehen und Protokoll die Prozesse der Reorganisation beim Wachstum. Neue Sekten, zumindest seit dem 17. Jahrhundert begannen mit einem grossen Misstrauen gegenüber dem klerikalen Machtmonopol und auch in jenen Vereinigungen, wo die ordentlichen Kirchenträger als Mitglieder verblieben, bildete die ganze Gemeinde die Priesterschaft, und erachtete dies als eine normale Angelegenheit, indem die Teilung zwischen Laien und Priestern verworfen wurde. In vielen Sekten herrscht das demokratische Prinzip vor (Wilson 1990:115).
3.2.1 "Leadership" und die Bedeutung von charismatischen Führern
Da die Situation von sozialen Bewegungen hier religiösen Bewegungen unstet ist, weil die Organisation die Anreizmittel unter wenig Kontrolle bringen kann und aufgrund ihrer nicht routinierten Arbeitsweise kann der Erfolg oder das Versagen der Organisation in hohem Masse abhängig sein von den Qualitäten und dem Engagement ihres Führungskaders und deren Taktiken (Zald & Ash 1966:338. Zur Rolle von charismatischen Führern vgl. Wilson 1990:110-115).
Charismatische Führer binden ihre Anhänger durch ihren einzigartigen persönlichen Stil und durch ihre Lehre. Charismatische Führer bieten eigene Lösungen von Problemen an, mit denen sich die Anhänger identifizieren. Ein Führer kann nicht als charismatisch bezeichnet werden, wenn er keine Anerkennung von anderen erhält, die er beherrscht. Ausserdem muss er sich als Führer bewähren (vgl. Weber 1921:140). Führer müssen auch Belohnungen für ihre Anhänger aufbringen, ansonsten verlieren sie ihre Anhängerschaft und damit ihre Anerkennung als Führer. Macht spielt eine bedeutende Rolle, sowohl als Macht über die Anhänger (mit deren Einwilligung) als auch als Macht, etwas erreichen zu können (Bryman 1992:52f.).
Eine Religion, die auf charismatischer Führung beruht, ist unstabil, da sie an die Personen gebunden ist. Mit dem Tod des charismatischen Führers erlischt auch die Dynamik ihrer Persönlichkeit und die Zeit der Bewährung folgt. Der Tod eines charismatischen Führers kann verschiedene Auswirkungen auf religiöse Bewegungen haben. Zald und Ash gehen davon aus, dass je bürokratischer eine Organisation ist, desto weniger führt der Ersatz eines charismatischen Führers zur Transformation der Organisation (Zald & Ash 1966:338). Bei einer bürokratisierten Organisation kann der Wechsel gut aufgefangen werden, es bestehen Normen und Richtlinien, an die sich auch die neue Führungsspitze halten muss. In weniger bürokratisierten Bewegungen sind drei Entwicklungen möglich: 1. Rückgang der Mitgliederzahlen und Verlust von Sympathisanten, wenn diese eher dem charismatischen Leader verpflichtet waren als der Bewegung; 2. Zersplitterung in Untergruppen, wenn Meinungsverschiedenheiten über die Interpretation der Lehre des verstorbenen charismatischen Führers entstehen oder wenn die durch die Autorität des Führers unterdrückten Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern zu Tage kommen und 3. Professionalisierung der Exekutive, was einen Versuch darstellt, die administrative Struktur der Organisation zu rationalisieren, das ein Erbe des Führers darstellt (Zald & Ash 1966:338). Kann das Charisma des verstorbenen Führers nicht institutionalisiert werden, kann es zu den oben genannten drei möglichen Entwicklungen kommen bis hin zur Auflösung der Organisation, wenn sich keine entsprechende Nachfolge ergibt. Nach Barnes sind zwei Variablen für die Institutionalisierung einer Religion entscheidend: 1. die Qualität der Lehre, die der charismatische Führer hinerlässt und 2. die Organisation der Anhänger (vgl. Zald und Ash). Die Institutionalisierung kann zu Lebenszeiten durch den Gründer selbst geschehen oder durch einen Anhänger des Gründers oder eines designierten Nachfolgers oder, als dritte Möglichkeit durch einen religiösen Rat (Barnes 1978:5).
Nicht alle religiösen Bewegungen beginnen jedoch unter einer charismatischen Führung. Bei Sekten, die keine charismatische Führung kennen, wird die Stellenbesetzung durch Rotation der Mitglieder erfüllt, durch Los, durch Senioritätsprinzip und später kann die Institution des Laienführers eingeführt werden. Der Laienführer wird normalerweise aufgrund seiner Fähigkeiten gewählt (Wilson 1967:34).
3.2.2 Die Stellung der Geistlichen, der Elite und die Bedeutung der Bürokratisie rung
Religiöse Bewegungen, die vor allem aus evangelischen Bewegungen und insbesonders in den USA entstanden sind, haben sich in Richtung Denomination entwickelt und besitzen als charakteristisches Element bezahlte Geistliche, eine professionelle religiöse Elite. Erklärt wird die Bildung einer solchen Gruppe mit dem Bedarf nach Aufmerksamkeit gegenüber Neumitgliedern, vor allem gegenüber solchen Neumitgliedern, die von einer anderen Religion oder von einer anderen Bewegung konvertiert sind. Bewegungen, die als Erweckungsbewegungsagenturen oder für eine vitale Evangelisation eintreten, benötigen einen bezahlten Geistlichen.
Die Geistlichen nehmen eine zentrale Rolle in der Organisation ein, auch wenn die Arbeit nicht pastoral ist. Die Ordination wird zu einem Zertifikat für alle anderen Machtpositionen. Die Geistlichen können sich dann als "die Kirche" und die Laien als die weniger informierten ansehen, womit sie die Laien von den Angelegenheiten der Bewegung, von ihrer Organisation und ihrer Politik ausschliessen. Umgekehrt werden die Geistlichen von den Laien für das Evangelium und die Administration verantwortlich gemacht, da die Geistlichen dafür bezahlt werden und dies somit ihre Aufgabe ist. In extremen Fällen kann dies dazu führen, dass sich die Laien von den Geistlichen distanzieren. So etwa bei den Pfingstgemeinden, wo es möglich ist, dass Laienmitglieder einzelne Teile der Doktrine nicht anerkennen, die auf Untersuchungen von Geistlichen beruhen (Wilson 1990:116).
In gewissen Sekten wird eine separate, geweihte ministeriale Elite ideologisch ausgeschlossen. Aber auch dort, wo dies der Fall ist und wo die Organisation minimal ist, wie in der Gemeindeordnung oder in Gruppen, wo alle Gemeindeidentität explizit verworfen wird, entsteht eine Körperschaft von Administranten. Die Kosten einer Nichtanerkennung der Zentralisation liegen im Verlust der Effektivität, vor allem bei solchen Arbeiten, die eine langzeitige und ausgedehnte organisatorische Administration verlangen. Solche Sekten tendieren am geringsten dazu, sich zu Denominationen zu entwickeln.
Religiöse Vereinigungen tendieren dazu, eine Art von zentralisierter Organisation zu entwickeln, auch wenn sie minim ist. Diese Entwicklung kann durch die Notwendigkeit nach Kommunikation zwischen den verstreuten Kommunen, durch die ansteigende Mobilität und durch den wachsenden Druck der Gesetzgebung, v.a. in Kriegen, veranlasst werden. Die Einführung der zentralen Organisation ist an und für sich nicht gleichzusetzen mit der Tendenz zur denominationalen Entwicklung, so setzen die Zeugen Jehovas die zentrale Organisation ein, um die denominationale Tendenz abzuwenden (vgl. Wilson 1967:33).
Eliten entstehen sowohl auf lokaler Ebene als auch im Zentrum, wenn zentralisierte Geschäftsstellen vorhanden sind. Sie können durch die Gesamtheit gewählt werden, sie werden öfters von der Elite selbst rekrutiert, sowohl lokal als auch im Zentrum. Die Kontrolle von lokalen Führern durch das Zentrum kann vorkommen und wenn dies der Fall ist, wird die lokale Elite die Aktivitäten der zentralen Gruppe interpretieren, erklären und rationalisieren. In solchen Bewegungen herrscht eine klare zentripetale Tendenz der Verantwortung: Treue gegenüber dem "headquarter", dem zentralen Ausschuss, der Exekutive. Als Beispiele dafür können die Christian Science und die Zeugen Jehovas genannt werden. Die Existenz von solchen Eliten hat keine spezifische Implikationen für die Entwicklung der Sekten zu Denominationen, es kommt hier nicht darauf an, ob die Elite speziell ausgebildet ist oder nicht und ob ihre Funktion der einer professionellen Geistlichkeit entspricht. Zentralisierte Bewegungen scheinen Schismentendenzen besser bewältigen zu können als solche Organisationen, die eine weniger gut etablierte zentrale Geschäftsstelle haben und bei denen keine zentrale Verantwortung entwickelt wurde (Wilson 1967:35)
Die Zielverlagerung ist ein häufiges Phänomen der ganzen Bürokratie. Geistliche, ministeriale oder bürokratische, können Interessen und Anliegen entwickeln, die sich von denen der Bewegung unterscheiden. Verantwortung für die Organisation wird bald zur Verantwortung gegenüber der Organisation und organisatorische Forderungen können mit der Zeit die ursprünglichen ideologischen Ziele der Bewegung in den Schatten stellen (Wilson 1967:116f.).
Die Professionalisierung der Geistlichen, der Elite bringt eher einen Anschluss an professionelle als an denominationale Werte. Der Stand der Geistlichen wird zu einer alternativen Referenzgruppe. Die Rolle der Geistlichen kann derjenigen in traditionellen Kirchen ähnlich sein, mit ähnlichen Aufgaben wie in anderen Bewegungen oder Kirchen. Die Geistlichen können auch die gleichen Arbeitsweisen, Techniken und Argumentationen aufweisen wie die entsprechenden weltlichen Professionellen. Sie unterscheiden sich in diesen Bereichen nicht von anderen Geschäften oder Denominationen. Mit dem Aufnehmen von weltlichen Dingen, so nötig dies auch sein mag, entfernt sich der Kern der religiösen Bewegung vom Ursprünglichen weg und beginnt, viel einfacher nun, mit differenzierten Prinzipien (vgl. Wilson 1990:118, Anm. 12). Die Auswirkungen der rationalen Technisierung sind die Einführung einer neuen Organisation mit einer Hierarchiebildung und Trennung von Geistlichen und Laien, sowie die Notwendigkeit einer geführten, standardisierten Glaubenslehre, wie die Sonntagsschule, so zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas, den Christian Scientists als auch bei den Siebents-Tags-Adventisten (Wilson 1990:118f.).
Die Professionalisierung bedeutet eine Lücke zwischen Mitgliedern und Elite, sie gefährdet die radikale Demokratie der religiösen Bewegungen und das Ideal der Priesterschaft für alle. Eine solche radikale Abweichung vom Sektenwesen erfolgt normalerweise nicht abrupt. Die verschiedenen religiösen Bewegungen reagieren unterschiedlich auf eine solche Entwicklung, die zur Denomination führen kann.
Die Church of God besitzt "full-time"-Prediger, die in Treffpunkten der lokalen Laienführer auftreten. Diese Bewegung ist eher introversionistisch4, die einsetzende Entwicklung einer professionellen Gruppe wurde durch die strenge anti-klerikale Ideologie der Sekte unterbunden.
Die Entwicklung einer professionellen Elite ist bei konversionistischen Bewegungen am meisten akzeptiert. Die orthodoxen, fundamentalistischen Bewegungen stehen dem traditionellen Christentum am nächsten und ihr Ursprung mag eher in Doktrindifferenzen gelegen haben als in der Ablehnung der priesterlichen Ämter.
Die Adventisten hingegen widerstehen dieser Entwicklung und sind gegenüber jeder Institution, die an die etablierte Ordnung erinnert, feindlich eingestellt. Ebenso verhält es sich mit pietistischen Sekten.
4. Schlussbemerkungen
Die Untersuchung der organisatorischen Binnenstruktur von religiösen Bewegungen hat gezeigt, dass keine einheitliche Struktur für die verschiedenen Bewegungen vorhanden ist und dass sich auch im Laufe der Entwicklung einer religiösen Bewegung ihre Struktur verändern kann. Die Binnenstruktur ist bei charismatischer Führung sehr stark an die Person gebunden, bei hoher Bürokratisierung kann diese Abhängigkeit von der personellen Besetzung der Elite schwinden. Im weiteren ist die innere Organisation abhängig vom Entwicklungsstand der Bewegung, von ihrer Tendenz, sich zu einer Denomination zu entwickeln, von ihren Zielsetzungen und von ihrem Verhältnis zur Aussenwelt. Es lassen sich keine eindeutigen, verallgemeinernden Aussagen zur Binnenstruktur von religiösen Bewegungen machen, da diese genauso wie die Bewegungen selber sehr verschieden sind. In Fallbeispielen müssten die Strukturen einzelner Bewegungen untersucht und miteinander verglichen werden, dennoch dürfte es schwierig sein, daraus Rückschlüsse für andere Bewegungen ableiten zu können. Zumindest dürfte die Verbindung von Religions- und Organisationssoziologie dazu eine Voraussetzung darstellen.
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Fussnoten
1 Vgl. Hinduismus und katholische Kirche: Durch den religiösen Zusammenhalt Zentralisation und Hierarchie, die zu einer strafferen Organisation der katholischen Kirche führten als z. B. im Hinduismus liessen sich Sektenmitglieder, die vorsätzlich von den allgemein akzeptierten Glaubenslehren und religiösen Riten abwichen, im Christentum viel deutlicher erkennen als z.B. im Hinduismus, der mit seiner dezentralen Organisation nur einen beschränkten Sinn des Sektenwesens kennt, Wilson, 1970, S. 14f.
2 Stark & Bainbridge stellen den Sekten die Kulte gegenüber, die neuartig sind und sich als Religion erst etablieren müssen; sie sprechen dort von Kulten, wo bei anderen Soziologen von neuen religiösen Bewegungen die Rede ist.
3 Vgl. weiter auch die Charakterisierung von den Christian Scientists und den Pfingstgemeinden sowie ihre Einstellung gegenüber der Rekrutierung und Aufnahme von neuen Mitglieder, Wilson 1990:198.
4 Für die Einteilung der Sekten in introversionistisch, konversionistisch, revolutionär etc., vgl. Wilson 1970.
Last update: 31 Jan 15

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