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Johannes Gessner (1709-1790) war Arzt, Naturforscher und Mathematiker in Zürich und ist vor allem bekannt für seine umfangreichen Sammlungen und seine Faszination für die Vielfalt der Naturobjekte, seine Lehrtätigkeit am Collegium Carolinum im Grossmünster und sein weit gespanntes Korrespondentennetzwerk. Er war über 40 Jahre lang bis zu seinem Tod Präsident der von ihm im August 1746 gegründeten Physicalischen Societät (ab 1808: Naturforschende Gesellschaft in Zürich, NGZH).
Ein Glücksfall für die Forschung
Gessners naturkundliche Sammlungen waren im 18. Jahrhundert in Europa weit herum bekannt und wurden von Reisenden nach Zürich – so etwa 1775 auch von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) – konsultiert und bestaunt. Glücklicherweise sind die Herbarien von Johannes Gessner bis heute fast vollständig im Originalzustand erhalten geblieben. Dieser Beitrag beleuchtet die botanische Sammeltätigkeit von Johannes Gessner und stellt sein 1751 für die Naturforschende Gesellschaft Zürich erstelltes, aus 36 Folio-Bänden bestehendes Herbarium vor. Dieses Werk wird von den Vereinigten Herbarien der Universität und ETH Zürich gepflegt und ist Gegenstand einer aktuellen Forschungsarbeit über das botanische Wissensnetzwerk zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert.
Detail des Ährigen Erdbeerspinats aus dem ersten Band des Herbariums NGZH, Classis I, Monandria.
Studien in Zürich und Leiden
Johannes Gessners Interesse an den Naturwissenschaften und der Medizin erwachte schon sehr früh; bereits mit elf Jahren nahm er an botanischen Exkursionen in der Umgebung von Zürich, auf den Uetliberg, die Lägern und den Katzensee teil. Von 1723 bis 1726 besuchte er die Schulen am Grossmünster und erhielt Unterricht von Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) in Mathematik und Johannes von Muralt (1645-1733) in Physik und Naturkunde. Schliesslich reiste er mit seinem älteren Bruder an die Universität Leiden, Niederlande, um weiter Medizin und Naturwissenschaften zu studieren. Dort lernte er Albrecht von Haller (1708-1777) kennen, mit dem ihn eine lebenslange, enge Freundschaft verband – Ausdruck davon sind die 664 erhaltenen Briefe von Gessner an Haller und die 585 Briefe von Haller an Gessner.
Mit Albrecht von Haller auf Alpenreise
Zurück in Basel unternahmen die beiden Freunde im Sommer 1728 gemeinsam eine Alpenreise und sammelten in den folgenden Jahren unabhängig voneinander auf Wanderungen durch die Alpen eine Vielzahl von Pflanzen, worüber sie sich regelmässig brieflich austauschten und einander Pflanzenduplikate zusandten. So schrieb Johannes Gessner am 1. August 1733 an Albrecht von Haller:
«… Letzte Woche habe ich die Moose, Flechten, Gräser und meine einfacheren Pflanzen geordnet und sie, damit sie der Ordnung nach betrachtet und in einem Band vereinigt sind, auf Regalpapier teils mit Nadeln, teils mit Leim befestigt, jede auf einem eigenen Bogen. …»
Und 20 Tage später im gleichen Jahr vermeldete Gessner an Haller:
«… Deine Reise ist Dir viel besser und nützlicher geraten als mir die meine. Mir erlaubte das regnerische Wetter kaum, die Berggipfel zu besteigen. Wir durchforschten nämlich den Pilatus und die Rigi. Am ersteren habe ich sehr seltene, bisher nie gesehene Pflanzen gefunden. …»
Herbarblatt mit einem Blütenstand des Haar-Strausgrases, ursprünglich aus dem Herbarium von Johann Jakob Scheuchzer, aus dem Band 3, Classis III, Triandria, des Herbariums NGZH.
Linnés Ordnungssystem als Vorbild
Im Gegensatz zu Haller war Johannes Gessner ein überzeugter Vertreter der von Carl von Linné (1707-1778) geschaffenen Sexualklassifikation der Pflanzen und ordnete entsprechend auch das 36 Folio-Bände umfassende und schätzungsweise etwa 3’000 Arten enthaltende Herbarium der Naturforschenden Gesellschaft mit dem Titel Hortus siccus Societatis Physicae Tigurinae, collectus et Linnaeana methodo dispositus a Joanne Gessnero, Anno 1751. Die Linné’schen Klassen sind in Goldschrift auf den Rücken der in Leder gebundenen Folianten angegeben und auf den einzelnen Seiten sind – streng nach der Gattungsliste der 1742 publizierten 2. Auflage von Linné’s Genera Plantarum – die einzelnen Pflanzen montiert, oft mit mehreren Einträgen zu den Pflanzennamen nach Caspar Bauhin (1560-1624), Albrecht von Haller und Carl von Linné. Zusätzlich zu den 31 Bänden mit Blütenpflanzen gibt es auch einen Band für die Farne (Filices), Moose (Moose), Algen (Algae), Pilze (Fungi) – und zum Schluss noch die Plantae Vagae – die unbekannten Pflanzen. In diesem Herbarium integrierte Johannes Gessner nicht nur eigene Pflanzen, sondern nutze auch seine Sammlung von Pflanzenmaterial von Johann Jakob Scheuchzer und anderen Zeitgenossen. Dieses Herbarium gelangte 1841 durch Schenkung an den Botanischen Garten, und dann an das Institut für Systematische Botanik der Universität Zürich.
Buchrücken der ersten drei Bände des Herbariums NGZH, von 1751.
Dieser Beitrag fusst auf Informationen der folgenden Publikationen:
Boschung, U. 1996. Johannes Gessner (1709-1790). Der Gründer der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich. Zürich, Jahrbuch der Naturforschenden Gesellschaft NGZ.
Jäggi, J. 1885. Das botanische Museum des schweizerischen Polytechnikums in Zürich. Centralblatt 24: 379-384.
Wyder, M. 2013. Gotthard, Gletscher und Gelehrte: schweizer Anregungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Studien. Pp. 23-109 in Ruf, O., Goethe und die Schweiz. Hannover, Wehrhahn.
Wolf, R. 1846. Johannes Gessner, Freund und Zeitgenosse von Haller und Linné. Zürich, Verlag von Meyer und Zeller.