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von Andres Furger
Ur- und frühgeschichtliche Archäologie wurde in der Schweiz der Zwischenkriegszeit allmählich zu einer Wissenschaft, vor allem die provinzialrömische Archäologie. Die Römer wurden damals als „unsere kulturellen Vorgänger“ gesehen. Ein Exponent der ersten Stunde war in Basel Rudolf Laur (1898 bis 1972), der in den dreissiger Jahren sein Brot auch noch als Lehrer verdiente. Mein 1917 geborener Vater, Hans-Peter Furger, war am Naturwissenschaftlich-Mathematischen Gymnasium Schüler eben dieses frühen Forschers. Derselbe nahm in den Ferien interessierte Schulbuben mit nach Vindonissa auf seine Ausgrabungen. Übernachtet wurde im Bauernhaus dessen Vaters in Bözen, Ernst Laur, dem bekannten Direktor des Bauernverbands („Schweizerart ist Bauernart“). Von diesem Volkstribun hatte Rudolf Laur offenbar sein Kommunikationstalent geerbt, das auch meinen Vater in Bann zog; er wollte Archäologe werden, musste aber dann einen weniger brotlosen Beruf ergreifen und wurde Chemiker. Aber er begeisterte in der Folge später mich, den jüngeren Sohn (und mit ihm auch meinen Cousin Alex Furger, später Leiter der Ausgrabungen und des Museums in Augst) für die Archäologie. Als junger Schüler schon war mir dann klar: Ich werde Archäologe. Es war die Zeit, als Bücher wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ von 1949 sowie „Und die Bibel hat doch recht“ von 1955 Bestseller waren und auch von mir verschlungen wurden. Mein Vater legte für den jungen Gymnasiasten ein Wort bei Rudolf Laur ein, mittlerweile Chef in Augst, und ich konnte bereits als 15jähriger an Grabungen in Augst teilnehmen.
Die
Entdeckung des Murus Gallicus
Hohlräume der Balkengitter des Murus Gallicus an der Rittergasse mit grossen Nägeln (helle Punkte) an den Kreuzungspunkten.
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Eckpartie der Steinfront des Murus Gallicus im Torbereich unmittelbar neben dem Fundament der neuzeitlichen Turnhallenmauer an der Rittergasse 5 1971.
Die weitere Untersuchung der Wallanlage ergab aufgrund der Balkenhohlräume einen Gitterrost mit deutlichen Brandspuren im Frontbereich und die Ecke einer Toranlage in Form von Trockenmauern zur Rittergasse hin, knapp vor dem Fundament der Turnhalle erhalten. (Die Rittergasse war schon in keltischer Zeit die Hauptachse der Siedlung gewesen.) - Wie stolz waren wir, bei dieser Entdeckung dabei sein zu dürfen, Feuer und Flamme. Bei Abwesenheit des Chefs durfte ich das Grabungs-Tagebuch schreiben. Schliesslich übergab mir der Kantonsarchäologe grosszügig die wissenschaftliche Auswertung der Grabung. 1972 sollte ich dann bereits die daneben liegende Grabung des Bischofshofs leiten. Ein Jahr später wurde ich erstmals Vater und wollte mein Studium rasch mit dem Lizentiat abschliessen. Das Thema der Prüfungsarbeit war die eben sicher nachgewiesene keltische Siedlung auf dem Münsterhügel.
Der lange Schatten der RömerDass der Nachweis eines keltischen Oppidums (stadtähnliche Anlage der Kelten) so lange gedauert hatte, ist auch mit der schon genannten Römerbegeisterung bis ins mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts zu erklären. Die von Rudolf Laur angeschobene baslerische 2000-Jahrfeier von 1957, die sich auf Augst bezog, wurde zum Grossereignis. Obwohl der nüchterne Felix Staehelin schon im Jahre 1922 ein Basler Oppidum postuliert hatte, dauerte es fast 50 Jahre bis zum Nachweis des keltischen Ursprungs der Siedlungen auf dem Münsterhügel. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden Zeit der schnellen Fortschritts lagen die Römer besser im Zeitgeist (zu Laur und den Römern siehe „Die Schweiz zur Zeit der Römer“ bes. S. 306ff.).
Pause während der Grabung beim Bischofshof an der Rittergasse im Jahre 1972.
Derkeltische Münsterhügel und die altbekannte Flachsiedlung unter dem Novartis-Campus1973stand im Rahmen meiner Lizentiatsarbeit die Auswertung der Murus- Gallicus-Ausgrabung an. Die Kultur der Kelten hatte durch die 68er-Bewegung Auftrieb erhalten, die imperialen Römer sah man auch von einer anderen Seite. Eine entscheidende Frage an die beginnende Fundauswertung war das zeitliche Verhältnis der grossen Flachsiedlung direkt am Rhein zur neu entdeckten Anlage auf dem Münsterhügel. Rudolf Mossbrugger dachte zunächst an eine zeitgleiche Fluchtburg. Alles war offen: zeitgleich, älter oder jünger?
Weitere Grabungen 1976 im Hof des Rittergasse-Schulhauses
1971 musste bei der Ausgrabung des Murus Gallicus alles sehr schnell gehen, vieleFragen blieben offen. Denen konnte im Jahre 1976 durch Nachgrabungen imgegenüber liegenden Hof des Rittergasse-Schulhauses nachgegangen werden. Damals war ich Assistent an dem von Ludwig Berger geleiteten Seminar für Ur-
und Frühgeschichte. An dessen Domizil am Rheinsprung 20 („Zur Augenweide“) lag im Keller noch Grabungsmaterial aus der Zeit Rudolf Laurs, der dort das Institut für Urgeschichte gegründet hatte und in dessen verwaistem Büro ich arbeiten konnte. Das Grabungsmaterial wurde reaktiviert, nachdem in Werkzeugkisten entdeckte Schnapsflaschen dem noch im obersten Geschoss wohnenden, pensionierten Grabungszeichner aus alten Zeiten ausgehändigt waren.
Nachgrabung im Bereich des Murus Gallicus 1976 im Hof des Rittergasse-Schulhause in der Tagespresse.
Flächengrabung im Basler Münster 1974Und die Geschichte der Aufhellung der Frühgeschichte Basel ging zügig weiter. 1974 musste wegen des Einbaus einer Bodenheizung im Basler Münster das Innere abgetieft werden. Beauftragter Ausgrabungsleiter war der renommierte Mittelalterarchäologe Hans-Rudolf Sennhauser aus Zurzach, der allerdings schon damals in einem Konflikt mit Exponenten der Basler Bodenforschung stand. Ich wurde gewissermassen der Kompromisskandidat für die Leitung der Untersuchung der vormittelalterlichen Schichten und Befunde. Das war für mich wieder ein Glücksfall, denn unter dem mittelalterlichen Kirchenboden und den römischen Fundamenten kamen unerwartet gut erhaltene Schichtpakete der frührömischen und spätkeltischen Zeit zum Vorschein, wie man sie vorher in Basel noch nie (und bis heute) gesehen hatte. Sie bestanden von oben nach unten aus einer
Blick ins Basler Münster mit dem freigelegten ottonischen Boden; direkt darunter begannen die römischen und noch älteren Schichten; rechts die freigelegte keltische Strasse (helle Fläche) mit Pfostenspuren des vermuteten Sakralbaues.
Das Fundmaterial aus diesen Schichten konnte ich zusammen mit den Befunden im Rahmen einer Dissertation bearbeiten, bereits mit Hilfe von EDV übrigens. Damit wurden diese Horizonte bis heute zu Leitschichten der Münsterhügel- Forschung und Basel wurde zu einem Referenzort der europäischen Forschung zur spätkeltisch-frührömischen Übergangszeit. In der 1979 publizierten Dissertation wurde die Basler Siedlung auf dem Münsterhügel in den grösseren Zusammenhang gestellt. Der Schlussatz der entsprechenden Passage S. 136 hat bis heute gewisse Gültigkeit behalten: „Wahrscheinlich ist die Befestigung des Oppidums nicht gegen einen bestimmten Gegner angelegt worden, sondern wegen der allgemeinen unsicheren politischen Situation im mittleren Jahrhundertdrittel, in dem – wie wir von Caesar erfahren – die Kriegsparteien zum Teil jährlich wechseln konnten.“
Mediterraner Schub – langsam, aber sicherDie archäologische Forschung lebt ja weitgehend von Abfall, vor allem von Tonscherben. Eine Konstante im keltischen Fundgut Basels ist die allmähliche Zunahme römisch beeinflusster oder aus dem Süden importierter Keramik. Heute weiss man, dass dahinter ein langer, graduell zunehmender Akkulturationsprozes steht. Dazu gehörte die Übernahme von römischen Trink- und Esssitten vor allem durch den keltischen Adel. (Diese Veränderung im keramischen Gut war wohl nur der Spiegel eines allgemeinen Phänomens, der sich dank der Keramikfunde besonders gut nachvollziehen lässt.)
Rückseite einer Potinmünze der keltisch-frührömischen Übergangsphase mit der Legende CANTORIX.
Der Übergang zu den RömernDie Forschung ist sich bis heute einig, dass auf dem Basler Münsterhügel während etwa 50 Jahren eine blühende keltische Siedlung bestand. Deren Hauptachse war eine gut 10 Meter breite, quer durchs Münster verlaufende Strasse. In deren Mitte konnte mittels Pfostenspuren und einer Grube ein öffentliches Gebäude nachgewiesen werden, das wohl als Kultanlage diente, in der Opferhandlungen stattfanden. Dieser mehrperiodige Bau aus mächtigen Holzsäulen überlebte den Übergang von der spätkeltischen in die römische Zeit nicht. Die Strasse selbst wurde grossflächige mit einer grauen schlammigen Lehmschicht überdeckt, über die eine Holzkonstruktion zu liegen kam. Diese unterste römische Schicht enthielt neues Sachgut, ganz wenige römische Münzen, aber mehrere gegossene Münzen keltischer Art mit der Aufschrift CANTORIX. Diese Münzen mit einem keltischen Namen in lateinischer Schrift begann ich auszuwerten und kam zum Schluss, dass dahinter keltische Hilfskontingente im Dienste Roms zu sehen sind, die vor dem bisher gültigen Schlüsseldatum 15 v. Chr. am Rhein in Erscheinung traten.
Stufenartig freigelegte Stratigraphie im Basler Münster von oben nach unten:
Es bleibt spannendFür den Basler Münsterhügel ist die interessanteste Frage von kulturgeschichtlicher Bedeutung die – vereinfachend gesagt – nach dem Übergang von den Kelten zu den Römern. Kontinuität oder Diskontinuität? Während ich die Befunde und Funde unter dem Münster eher mit einem schroffen Wechsel von einer einheimischen urbanen Siedlung zu einer frührömischen Militärstation interpretierte, nimmt man zur Zeit eher einen weicheren Übergang an. Man geht von einem Nebeneinander römischer Militärpräsenz mit ziviler keltischer Bevölkerung hinter der Befestigung in der Zeit nach 52 v. Chr. (römischer Sieg bei Alesia) bis um die Zeitenwende aus. Ob diese Interpretation den Befunden und Funden auf längere Zeit standhält? Die mit grossem Aufwand erstellte Hauptstrasse der keltischen Siedlung wurde um 30 v. Chr immerhin zeitweise aufgehoben und überwucherte. Das spricht eher für eine temporäre Verödung derselben, also für Diskontinuität.
Grosses Modell des Murus Gallicus von oben. Hergestellt von Marius Rappo für das Historische Museum Basel (heute im Depot).
StrategieentwicklungAnfang 1987 übernahm ich die Direktion des Landesmuseums in Zürich mit vier angeschlossenen Bundesmuseen. Attraktive Sonderausstellungen und die Einrichtung weiterer Museen standen zunächst im Vordergrund. Die Sanierung von Schloss Prangings als Nationalmuseum in der Westschweiz und dessen Inhaltskonzeption waren im ersten Anlauf gescheitert (siehe dazu das ePaper „Nationalmuseum Schloss Prangings - in Etappen zum Erfolg“ unter www.academia.edu. Die Aufgleisung des Rettungsprojektes kostete viel Energie und Zeit, daneben aber wurden auch die Grundzüge einer Gesamtstrategie für die Museumsgruppe gelegt. Nach Eröffnung der neuen Häuser in Prangins und Schwyz und dem 100Jahr-Jubiläum in Zürich im Jahre 1998 war auch der politische Weg frei für die Realisierung einer nachhaltigen Strategie der ganzen Institution Landesmuseum. Mit dem Rückhalt der Landesmuseumskommission (Präsident Hans Wehrli) wurde die Gesamtstrategie mit den Bereichen
Sammlungszentrum
Die Initialzündung und das Vorbild zu einem zentralen Sammlungszentrum für die Schweizer Museumsgruppe stammen aus den USA. Im Jahre 1993 besichtigte ich im Rahmen einer Studienreise das Zentrallager der Smithonian Institution ausserhalb Washington D.C. Nach amerikanischem Vorbild wurde anschliessend in der Schweiz unter Leitung eines Naturwissenschaftlers (Nik Oswald) die bisher den verschiedenen Fachsektionen unterstellten Restauratorinnen und Restauratoren in eine eigene Abteilung zusammengeschlossen. Deren Arbeitsräume waren neben denen am Hauptsitz weit über die Stadt Zürich verstreut und die Objekträume in teilweise desolatem Zustand. Hier brauchte es einen kräftigen Befreiungsschlag, auch um das Stammhaus am Platzspitz frei für mehr Ausstellungsraum zu machen. Es folgte die Planung eines grossen zentralen Depots zusammen mit allen Werkstätten an einem neuen Ort ausserhalb der Stadt. Nach eingehender Evaluation konnte 1997 zunächst das alte Zeughaus in Affoltern am Albis übernommen und hergerichtet werden, schon mit Seitenblick auf das grosse neue Zeughaus in der Nachbarschaft. Parallel dazu wurde der Grundsatz der präventiven Konservierung anstelle der bisher üblichen Eingriffe (Restaurierung) eingeführt, nicht zuletzt nach der Ausbildung jüngerer Mitarbeiter im Ausland und nach dem Zuzug modern ausgebildeter Fachkräfte.
Neue Rechtsform
Um 1990 gab der Internationale Museumsrat (ICOM) die Initialzündung zu neuen Rechtsformen grosser Museen. Weg von den öffentlichen Verwaltungen, hin zu Modellen, die mehr Handlungsspielraum gaben, hiess die Devise. Damals hatte der neue Museumsboom die Leistungsbereitschaft der Museen herausgefordert und den Konkurrenzdruck unter den Museen verschärft. Holland ging voran, Deutschland, Österreich und andere Länder folgten. Diese Gelegenheit wurde auch in Zürich beim Schopf gepackt; solchen Trends konnten sich niemand offen entziehen, zumal die Landesmuseumskommission unter Hans Wehrli sich selbst engagierte. Auch die neu gegründete Stiftung für das Landesmuseum und bedeutende Zuwendungen (Stiftung Hirzel) machten einen Anfang im brach liegenden Potential der Beschaffung von Drittmitteln.
AltBundesrat Hans Hürlimann und Andres Furger bei der Vorstellung der neu gegründeten Stiftung für das Schweizerische Landesmuseum im Jahre 1988.
Die zur neuen Rechtsform formulierte „Botschaft“, wie die Parlamentsvorlage in der Schweiz genannt wird, wurde in jahrelanger Arbeit entwickelt, tausende von Seiten wurden produziert. Der Bundesrat legte den Antrag 2002 dem Parlament vor, er kreuzte sich indessen mit anderen Kulturvorlagen, wurde auf Eis gelegt, nach einigen Jahren schliesslich in leicht umgegossener Form genehmigt. Seit 1. 1. 2010 arbeiten die Landesmuseen unter der neuen Rechtsform und heissen seither Nationalmuseen. Damit ist die Grundlage geschaffen, langfristiger zu planen und zu handeln, mit Dritten verbindliche Partnerschaften einzugehen und Mäzene und Sponsoren vermehrt an die Institution zu binden.
Sonderausstellungen als Lern- und Entwicklungsprojekte
Im Jahre 1987 waren im Hauptgebäude von 1898 erstmals Räume für grössere
Sonderausstellungen von überregionaler Geltung frei gespielt worden.
Bald machten Wechselausstellungen, wie über das „Gold der Helvetier“,
von sich reden und konnten - dank dem grosszügigen Sponsoring der
damaligen Bankgesellschaft - in Lugano, Genf, Bern und Frankfurt am Main
gezeigt werden. Das hatte es vorher und nachher nicht gegeben. Es
folgten Sonderausstellungen mit engagierten Stellungnahmen und
Hintergrundberichten zum Zeitgeschehen, wie 1992 zum Thema „Sonderfall? –
Die Schweiz zwischen Réduit und Europa“. Furore machte 1994 die
Präsentation „Himmel – Hölle – Fegefeuer“ in Zürich und Köln.
Sonderausstellung „Himmel – Hölle- Fegefeuer“ von 1994 mit hochkarätigen internationalen Leihgaben.
Diese Aktionen, auch mit zugezogenen Gastkuratoren, verfolgten mehrere Absichten. Im Hinblick auf die neue Strategie sollte das Publikum spüren, dass mehr in der Institution Landesmuseum steckte, als es bislang in den alten Mauern zeigen konnte. Dann dienten Wechselausstellungen zu neuen Themen als Vorreiter, an neue Sammlungsobjekte heranzukommen, in Kombination mit der dritten Stossrichtung, das Museumsteam mit neuen Themen und Darstellungsformen vertraut zu machen sowie kreativen Externe für eine Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum zu gewinnen.
Blick in die Ruhmeshalle mit der Inszenierung „Waffen werfen Schatten“ von 2003.
Das Rezept ging auf. Das Landesmuseum konnte sich qualitativ steigern, auch in den Bereichen Publikationen und Inszenierungen. Teams, die danach im Landesmuseum ganze Dauerausstellungen einrichten konnten, wurden damals für Probeläufe, wie 2003 für „Waffen werfen Schatten“, eingeladen. Eine gekonnte Inszenierung gehört heute zur erfolgreichen Wechselausstellung, bei Dauerausstellungen allerdings empfiehlt sich eher Zurückhaltung. Erstens ist die starke Inszenierung teuer und zweitens „massgeschneidert“; damit verhindert sie meist die – heute unentbehrliche – laufende Anpassung der Dauerpräsentationen. Zweitens überstrahlen übermässige Inszenierungen auf Dauer oft die Objekte. Das Museum ist keine Theaterbühne, sondern lebt von den Originalobjekten. Sie sollen im Zentrum stehen und zwar so, dass man wiederkommt. Optische Reize hingegen hat man meist einmal für immer gesehen.
20. Jahrhundert und Zeitgeschichte
Sonderausstellungen brachten dem Landesmuseum nicht nur bedeutende
Objekte und Objektgruppen zur Landesgeschichte, sondern auch neue
kreative Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Konsequenterweise wurde eine
neue Sammlungsabteilung für das 20. Jahrhundert gegründet. Damit einher
ging die gezielte Akquisition von ganzen Sammlungen. Öffentliche Häuser
sind beim Sammeln oft etwas träger als private Sammler aus Leidenschaft
mit ihrer guten Nase für neueste Entwicklungen. 1994 wurde etwa die
bedeutende, einige Tausend Fotos des 19. und 20. Jahrhunderts umfassende
Sammlung des Basler Ehepaars Herzog erworben, inventarisiert,
bearbeitet, ausgestellt sowie publiziert. Was hier in einem Satz
ausgedrückt wird, umfasste jahrelange gezielte Arbeit.
Pfahlbaudorf aus ungebranntem Lehm aus der Serie von David Fischli und Peter Weiss „Plötzlich diese Übersicht von 1982“; Geschenk der Künstler nach Abschluss der Sonderausstellung „Sonderfall Schweiz?“ von 1993.
Das zeigt etwa das Beispiel der Zürcher Textilsammlung Abraham. Nach der Sonderausstellung „Modedesign Schweiz“ von 1997 machten Modedesigner den Vorschlag, das Thema der kreativen Schweizer Szene im Bereich Textilproduktion aufzugreifen. Es folgte bald eine kleinere Show zum Schaffen der Zürcher Marke „Fabric Frontline“ im Museum Bärengasse. In privatem Rahmen wurden internationale Textilmessen in Paris und Como besucht. Da wurde deutlich, wie herausragend ostschweizerische Firmen wie Forster und Schläpfer arbeiteten. Mit dem kreativen Leiter der letzteren Firma, Martin Leuthold, und anderen Spezialisten konnte schliesslich in der Ruhmeshalle die grosse Präsentation „Bling Bling“ 2004/05 gezeigt werden. Im Umfeld dieser Ausstellung wurde eine Kollektion von Roben angekauft, die aus Schweizer Stoffen gefertigt waren, darunter natürlich der bekannten Zürcher Firma Abraham.
Aus der Sonderausstllung „BlingBling“ von 2003/2004.
Während „BlingBling“ wurde Gustav Zumsteg, der Besitzer des Abraham- Archivs, wegen einer Übernahme seiner wohl geordneten Sammlung behutsam kontaktiert. Die Reaktion war verhalten positiv, der Eigentümer indessen nicht mehr entschlussfreudig. So blieb es bis zu seinem unerwarteten Tod im Jahre 2005. Es folgte dann sofort der Gang zum persönlich bekannten Nachlassverwalter, die Kontaktnahme mit den involvierten Kennern und der Zürcher Seidengesellschaft als Partner, zumal die Gefahr bestand, dass ausländische Firmen den Bestand übernehmen und „ausschlachten“ wollten. Bald lagen von allen Seiten die Zusagen vor, zumal der Verstorbene sich nach dem ihm entgegengebrachten Interesse, wie sich nachträglich herausstellte, immer wieder positiv gegenüber einer Übernahme seines sorgsam gehüteten Lebenswerkes geäussert hatte. Die materielle Entgegennahme des umfangreichen Materials samt Mobiliar mit anschliessender Bearbeitung in die Obhut des Landesmuseums wurde auf den Zeitpunkt der Fertigstellung geeigneter Räumlichkeiten in Affoltern vereinbart. Damit waren wieder ein qualitätvoller Fundus auf lange Zeit gesichert.
Sanierung des historischen Baus in Zürich und ErweiterungsplanungDas markante Landesmuseum-Schloss in Zürich von 1898 war schnell und mit neuen Materialien hochgezogen werden. Die statischen Probleme waren seit jeher bekannt, Rissbildungen unübersehbar. Als die Stadt Zürich in der Nachkriegszeit dem Bund unter dem schlauen „Stapi“ Emil Landolt, damals auch Präsident der Landesmuseumskommission, das schadhafte Gebäude dem Bund übergeben konnte, musste die bisherige Eigentümerin nicht mehr als 6 Millionen Franken als Pauschalentschädigung zahlen und wurde damit aus der Unterhaltspflicht entlassen. Diese wurden dann im Wesentlichen für Pinselrenovierungen verbraucht, um die eigentliche Sanierung drückten sich die neuen Verantwortlichen. 1994 kam es schliesslich zum Eklat, nämlich zu einer Notschliessung einiger Flügel. Jetzt handelte das Baufachorgan. Parallel dazu hatte die Museumsdirektion schon seit 1987 an Plänen für eine Erweiterung arbeiten lassen, die die Machbarkeit einer Erweiterung auswiesen. Aus politischen Gründen mussten aber erst die neuen Museen in Prangins und in Schwyz realisiert werden. Das war, wie erwähnt, 1998 der Fall, jetzt konnte im Rahmen der Gesamtstrategie offen gehandelt werden. Ziel war die Totalsanierung des Altbaus als reines Ausstellungshaus sowie ein grosszügiger Erweiterungsbau auf der Grundlage eines internationalen Architekturwettbewerbs.
Der Phaeton von Alexander Clavel vor dem Pächterhaus in Brüglingen.
Die Eröffnung des Kutschemuseums in Brüglingen
Im Frühjahr 1981 wurden also die Kutschen aus dem Depot nach Brüglingen transportiert und dort im Erdgeschoss aufgestellt. Weitere schöne Wagen kamen aus dem ehemaligen Besitz Alexander Clavels vom Wenkenhof dazu, darunter sein rotbrauner Phaëton mit Halbverdeck. Hintergrundwissen zum neuen Thema bezog ich bei älteren Basler Carrossiers wie Alfred Heimburger, Alfred Kölz oder Alfred Köng, die in der Jugendzeit selber noch die Zeit des Kutschenbaus miterlebt hatten. Sie gaben bereitwillig Auskunft. Dazu kam die Hilfe vom damals besten Sammler und Kenner alter Kutschen der Schweiz, Robert Sallmann in Amriswil.
Gespräch mit Alfred Heimburger1984; Filmstill au einer Videoaufzeichnung.Pünktlich konnte die Eröffnung stattfinden; vor der Museumsscheune standen vier angespannte historische Wagen. Dafür hatte ich Kontakt mit der lokalen Fahrsportgruppe aufgenommen. Damals wurde Kutschenfahren eben eine aufstrebende Disziplin der FEI, die Schweizer waren mit der Berner Militärpferde-Anstalt (EMPFA) führend mit dabei. Am Eröffnungstag des neuen Museums fuhren also die Gespanne zweier Landwirte, des Fahrsport-Präsidenten und eines jungen Fahrer namens Daniel Würgler vor. Jetzt sah ich erstmals diese funktionalen Objekte in Gebrauch. Und ich war begeistert!
Praktisches FahrenSofort nach der Museumseröffnung begann ich mit praktischem Fahrunterricht bei Daniel Würgler, der soeben zwei Militärpferde in einem gemieteten Stall eingestellt hatte. (Nachher wurde er zu einem der weltweit besten Viererzugfahrer.) Damals begann er sein Geld als Hochzeitskutscher zu verdienen. Bald einmal durfte ich mit geliehenen Pferden ebenfalls mit; in der harten Praxis lernt man am besten. Dann ging es bald mit Frau und den kleinen Buben, Basil und Thierry, vom Leimental aus auf Ferienfahrt einspännig ins Elsass. Schliesslich nahte die Fasnacht. Wer im Birsigtal Pferd und Wagen besass, liess sich als Chaisenkutscher verpflichten. Das mutete ich mir ebenfalls zu, obwohl es nicht ungefährlich war – und anstrengend. Morgens wurden Pferd und Wagen geputzt, dann von Biel-Benken in die Stadt getrabt, im Cortège durch ein Meer von Menschen gefahren und schliesslich abends wieder zurückgetrabt, nicht selten in klirrender Kälte und bei Schneefall.
Angespannte Museumsschlitten auf dem Münsterplatz 1985.
Dazu kamen in der Folge im Sommer so genannte Cortège d’équipages. Fahrerinnen und Fahrer aus der ganzen Schweiz kamen mit ihren ganzen Gespannen nach Brüglingen und lösten bei den Zuschauern Staunen aus. Es waren noch die Zeiten, als die Museumsdirektion die Benützung historischer Wagen erlaubte, selbst im Jagdwagen der Familie Paravicini Platz nahm und sich wie in alten Zeiten in die Langen Erlen zum Picknick ausfahren liess.
Mündliche Überlieferungen
Das Echo auf diese Aktionen war in Basel ansehnlich, auch in der Presse – jetzt wusste fast jeder in der Stadt, dass es ein neues Museum für Kutschen und Schlitten gab. Und wir bekamen immer mehr Objekte geschenkt, neben Fahrzeugen auch Dokumente und Photographien. Eine davon zeigt eine Werkstatt mit dem Wagner Alfred Köng (mit Planrolle), dem gleichnamigen Vater des schon genannten Carrossier Köng, der mit die schönsten Autokarosserien der Schweiz gebaut hatte (darunter den heute in Mülhausen stehenden Bentley von Alexander Clavel). Alfred Köng hatte seine Karriere, die ihn bis nach Detroit in Amerika führte, in der Werkstatt des Vaters begonnen. Darüber berichtete er: „Ich habe mein Formempfinden in der Ausbildung bei meinem Vater herausgebildet. Am Anfang durften wir Lehrlinge nur Räder machen. Bei der Anfertigung der Speichen mittels des Ziehmessers bläute mir mein Vater präzis ein, wie die vordere gerade Fläche, Spiegel genannt, mit einer Kante von den sanften Rundungen abgesetzt werden musste. Das schulte mein Auge fürs Leben, jede Speiche ist eine kleine Skulptur!“
Rechts der Wagnermeister Alfred Köng in der Wagenschmiede Letzkus in Basel um 1900.Das Kutschenmuseum im Botanischen Garten zog nach und nach viele Interessierte an. Dazu gehörte eines Tages Rudolf Meier-Börlin, der sich mir als „letzten Basler Wagenmaler“ vorstellte. Er war bereits über 70 Jahre alt und gesundheitlich etwas angeschlagen, seine Augen begannen vor den alten Wagen aber zu leuchten. Ich fragte ihn über seine frühere Arbeit aus und er begann flüssig zu berichten. Schliesslich anerbot er sich, wieder tätig zu werden. Wir fackelten nicht lange, räumten eine Ecke des Museums frei und richteten ihm eine Werkstatt ein. Eine soeben angekaufte Kalesche der Zeit um 1820 war in einem so schlechten Zustand, dass die alte Bemalung nicht zu retten war. Diese Kutsche nahm er sich vor, begann zu schleifen und zu spachteln. Jetzt ging es ihm immer besser. Schliesslich folgte die Neubemalung nach den vorgefunden Farbresten. Voll ins Element kam er bei der Linierung als letztem Akt. Er brachte seine langhaarigen Schlepperpinsel von zu Hause mit, tauchte sie mit zittriger Hand in die rote Farbe auf der Palette und zog schliesslich mit routiniertem Zug die feinsten Linien auf die lackierten Flächen. Kaum angesetzt, wurde die Hand ruhig, wie in alten Zeiten. Er gehöre schliesslich noch zum alten Schlag der Handwerker, die früher „mit den Augen stehlen mussten“, wie er meinte. Schliesslich konnte ich ihn überreden, einige Geheimnisse seines Handwerks preiszugeben; er verfasste 1982 eine Broschüre mit dem Titel „Die Handlackierung alter Kutschen, Schlitten und Autos“, die wir im Museum erfolgreich verkauften.
Das Experiment mit dem keltischen StreitwagenAm Basler Museum wurde ich mit den Jahren zu einem Mann mit den zwei Forschungsgebieten Archäologie und historische Wagen. Mit einem Experiment verband ich die Arbeit über die Welt der Kelten mit der der Fahrzeuggeschichte: In keltischen Gräbern wurden wiederholt eiserne Teile von Streitwagen gefunden, die man nicht recht zuordnen konnte. Ein funktionsfähiger keltischer Zweiradwagen war noch nie 1:1 rekonstruiert und einem Fahrtest unterzogen worden. Also wurde mit dem Nachbau eines „essedum“ begonnen, wie dieses Modell in den alten Quellen genannt und auch auf Münzen abgebildet wurde (dazu das ePaper „Der gefederte keltische Wagen und seine kulturgeschichtliche Bedeutung“ unter www.academia.edu). Von meinen Irland-Reisen hatte ich zudem Kenntnis von alten irischen Sagen, in denen der Streitwagen eine wichtige Rolle spielte. In den entsprechenden Texten fielen Passagen auf, die auf eine frühe Federung hindeuteten und ungeklärte Grabfunde zu erklären halfen.
Experiment mit dem nachgebauten keltischen Streitwagen 1986: Daniel Würgler an den Leinen, Andres Furger beim Speerwerfen.
Der Wagen mit der schwimmenden Plattform war fertig, jetzt wollte ich ihn im Experiment testen. Zwei Freibergerpferde von Daniel Würgler wurden nach alter Art unter das Joch gespannt. Zuerst gab es noch Bedenken, weil heute Pferde Fahrzeuge über Zugstränge ziehen, in der Antike aber der Zug vom Joch auf die Deichsel übertragen wurde. Die Pferde liessen sich das aber gefallen. Mein Freund spielte den sitzenden Wagenlenker, ich den stehenden Krieger. So ratterten wir ohne Probleme durch Wald und Feld. Die schwimmend aufgehängte Plattform erlaubte dem „Krieger“ die Mitfahrt in stehender Haltung. Jetzt wollte ich das Experiment nachvollziehen, wie es Caesar für britannische Streitwagenkrieger überlieferte: Der Krieger klettert in voller Fahrt auf der Deichsel nach vorne, steht aufs Joch und schleudert die Wurflanze ab. Wir begannen mit dem ersten Test langsam mit stehendem Gespann: Behutsam balancierte ich über die Deichsel nach vorne, setze einen Fuss aufs Joch, liess mir von hinten die Lanze reichen und setze zum Wurf an. Wie die Pferde aber die Waffe von hinten kommen sahen, setzen sie zum Sprung an. Mich katapultierte es im Rückwärtssalto nach hinten und ich landete zwischen Hinterhufen und Rädern, eine intuitiv vollzogene Seitenrolle rettete mich vor dem überrollt werden. Dabei liessen wir es dann. Mittlerweile hatte ich meine neue Stelle am Landesmuseum angetreten und konnte mir keinen gröberen Unfall erlauben. Dort sollte die Rekonstruktion ausgestellt werden; da wollte ich das Objekt – und mich – nicht zu lädiert präsentieren. Der Nachweis war ja erbracht, dass es schon in keltischer Zeit Wagen mit schwimmend aufgehängter Plattform gab. Bisher kannte man das erst aus römischer und mittelalterlicher Zeit, vor allem bei Reisewagen, wie etwa eine Abbildung aus der Chronik Diepold Schillings von 1474 zeigt (dazu das ePaper „Der gefederte keltische Streitwagen und seine kulturgeschichtliche Einordnung“ unter www.academia.edu.
Nationale und internationale Ausrichtung
Nationale und internationale Ausrichtung
Im Landesmuseums Zürich, wohin ich 1987 gewechselt hatte, steht seit der Eröffnung als Schlüsselobjekt der letzte erhaltene Gotthard-Kurswagen im Eingangsbereich. Diesen nahm ich genauer unter die Lupe und wollte mehr über den Einsatz am Gotthard in Erfahrung bringen. Mit Daniel Würgler, der im Sommer jeweils kommerzielle Fahrten über den Gotthard durchführt, konnte ich zweimal in einer nachgebauten Kutsche von Andermatt nach Airolo über den Pass fahren, über längere Strecken selber die Leinen zum Fünfergespann führend. Dieser Erfahrungen schlugen sich dann auch in einem kleinen Werk über den Gotthard-Wagen nieder.
Später wurde auch die originale Postkutsche des Landesmuseums originalgetreu angespannt. So fuhr ich zur Eröffnung des neuen Museums in Prangins mit treuen Begleitern und gefolgt von Gespannen von Fahrfreunde aus der Westschweiz 1998 an den Genfersee.
Fahrt nach Prangins im Jahre 1998 mit dem originalen Gotthard-Postwagen.Im Laufe der Zeit begann ich die erhaltenen Kutschen schweizerischer Provenienz systematisch zu sammeln. Das war der Start zum Buch „Kutschen und Schlitten in der Schweiz“ von 1993. Dieses wurde ermöglicht durch die grosszügige Unterstützung von Heiner Sarasin, der als passionierter Basler Reiter alter Schule eine grosse hippologische Bibliothek angelegt hatte. Damals gab es noch keine übergreifenden Publikationen zu diesem Thema. Mir kam dabei die Ausbildung als Archäologe zupass; bei den Kutschen musste man - wie bei archäologischen Funden - die Objekte gewissermassen „aussaugen“, ihnen ein Maximum an Aussagen abgewinnen.
Epilog
Gerissener Faden zur Kutschenzeit? Im Herbst 2016 wurde das Kutschenmuseum in Brüglingen sang- und klanglos geschlossen. Die historischen Fahrzeuge verschwanden im Museumsdepot.