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Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje
Worum geht’s?
Mallard ist kleine Stadt im ländlichen Louisiana. Britt Bennetts Generationenroman spielt von den 50er- bis in die 80er Jahre, die Rassentrennung ist voll im Gang. Die schwarzen Zwillingsschwestern Stella und Desiree, beide sehr hellhäutig, hadern mit ihrer Herkunft.
Mit 16 haben die beiden genug von ihrer Kleinstadt und brennen zusammen nach New Orleans durch. Ende der 50er Jahre herrscht Rassentrennung, schwarze Menschen müssen separate Schulen besuchen, werden nicht in Schwimmbäder gelassen und dürfen bei öffentlichen Gebäuden nicht den Haupteingang benutzen. Die beiden finden Arbeit, und es stellt sich heraus, dass sie wegen ihres Hauttons oft für Weisse gehalten werden. Am Anfang ist es für sie eher ein Spiel, vor allem Stella sucht den Nervenkitzel, ob sie auch durch den Haupteingang ins Museum kommt. Sie merkt schnell: «Zum Weisssein gehörte nichts als Unverschämtheit. Man konnte jeden davon überzeugen, dass man dazugehörte, egal wo, wenn man nur selbst überzeugt war.» Als sich ihr Chef für sie zu interessieren beginnt, nutzt sie die Gelegenheit, bricht alle Brücken hinter sich ab und beginnt als «Weisse» ein neues Leben. Desiree hingegen heiratet «den dunkelhäutigsten Mann, den sie finden konnte». Aus den Entscheidungen der Schwestern ergeben sich unterschiedliche Chancen im Leben für ihre jeweiligen Töchter. Stellas Tochter Kennedy – blond und blauäugig – wächst als wohlhabende Weisse in geordneten Familienverhältnissen auf, in einem Stadtteil, in dem auch noch Ende der 80er Jahre schwarze Familien aus dem Viertel gemobbt werden. Desirees Tochter Jude lebt als «rabenschwarzes» Kind einer alleinerziehenden Mutter am Rand des Existenzminimums. Niemand käme auf die Idee, dass die beiden verwandt sein könnten. Doch dann kreuzen sich ihre Wege.
Die Fragen nach Chancengleichheit, nach dem Zufall der Geburt, nach Sein und Schein im Leben, werden im Roman auf vielfältige Weise verhandelt. Wie wichtig ist es, authentisch zu sein? Kann man glücklich werden, wenn man vorgibt, jemand anders zu sein? Wieviel Selbstverleugnung ist ertragbar als Preis für ein besseres Leben?
Die Neuerfindung der Identität wird nicht nur an Stella und Desiree aufgezeigt, sondern ist zentrales Thema für viele Figuren des Romans. Neben ethnischer Zugehörigkeit wird zum Beispiel Transsexualität wohltuend unaufgeregt und berührend zärtlich thematisiert. Auch der Umgang mit Trauer, Verlust und Scham sind wichtige Themen, die von der Autorin mit einfühlsamem Blick beleuchtet werden.
Was mir am Buch besonders gefällt
Die generationenumspannende Geschichte einer Emanzipation von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht hat mich gefesselt wie schon lange kein Buch mehr, die 400 Seiten hatte ich im Nu weggelesen. Die Story ist spannend und gleichzeitig berührend, man ist sofort empathisch dabei und will mehr über das Schicksal von Stella und Desiree erfahren. Aber auch die Nebengeschichten ihrer Partner sind interessant, und man hofft gespannt, dass sich die Töchter der beiden wieder näher kommen, auch wenn Stella nicht anders kann, als ihre Familie zu verleugnen.
Einmal mehr habe ich gemerkt, wie wenig ich über die USA und vor allem das ländliche Leben dort weiss. Bennett beschreibt die verschiedenen Figuren mit grosser Detailtreue. Die eigene Ambiguität in Bezug auf Hautfarbe und Geschlecht ist ein zeitgenössisch universelles Thema, das hier literarisch sorgfältig verhandelt und sprachlich ausgefeilt erzählt wird. Dass der Roman gleichzeitig so leicht zu lesen ist, ist ein grosses Verdienst der Autorin.
Die verschwindende Hälfte gehört ins Genre der Passing Novel, also Geschichten von Schwarzen, die sich als Weisse ausgeben, um rassistischen Anfeindungen zu entkommen. Bennett kombiniert sie mit dem Zwillingsmotiv, wobei sie keine Wertung vornimmt, welche Schwester oder welche Tochter die erstrebenswertere Existenz lebt. Jede Figur steht für eine Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Werden die Töchter ihren Platz in der Gesellschaft finden?
In den USA erschien The Vanishing Half eine Woche, nachdem George Floyd von einem Polizisten getötet wurde. Anscheinend wird der Roman dort als Buch zur Black-Lives-Matter-Bewegung rezipiert, es ist aber viel mehr als das. Für mich war es vor allem ein grosser Lust- und Wissensgewinn!
Wem ich das Buch empfehlen würde
Allen, die gern ins ländliche USA der 50er bis 80er Jahre eintauchen, eine kluge Story lesen und Freude an sprachlich sorgfältig ausgearbeiteten und doch leicht zu lesenden Sätzen haben.
Originalton aus dem Buch
Ein seltsamer Ort.
Mallard, benannt nach den Enten, die in den Sümpfen und Reisfeldern lebten. Eine Stadt, die, wie alle anderen auch, mehr Gedanke und Vorstellung war als Ort. Gedanke und Vorstellung Alphonse Decuirs, wie er im Jahr 1848 auf den Zuckerrohrfeldern stand, geerbt von seinem Vater, dem auch er einst gehört hatte. Nun, da der Vater tot und er befreit war, wollte der Sohn auf diesem Land etwas bauen, das die Jahrhunderte überdauerte. Eine Stadt für Menschen wie ihn, die nie als Weisse akzeptiert werden würden und sich trotzdem nicht wie Negroes behandeln lassen wollten. Einen dritten Ort. Seiner Mutter, Friede ihrer Asche, war seine Hellhäutigkeit verhasst gewesen; als Kind hatte sie ihn in die Sonne gestossen und ihn angefleht, doch nachzudunkeln. Vielleicht hatte ihn das von der Stadt träumen lassen. Hellhäutigkeit war, wie alles zu einem hohen Preis Ererbte, ein Geschenk, das einsam machte. Er heiratete eine Mulattin, die noch hellhäutiger war als er. Sie war zum ersten Mal schwanger, und er stellte sich die Kinder seiner Kindeskinder noch lichter vor, wie eine Tasse Kaffee, die man immer weiter mit Sahne verdünnt. Immer perfektere Negroes. Eine Generation hellhäutiger als die andere.
[…]
Und dennoch, wenn Alphonse Decuir durch den Ort geschlendert wäre, der einst seine Idee gewesen war, hätte der Anblick seiner Ururururenkelinnen ihn entzückt. Zwillinge mit sahniger Haut, Haselnussaugen, lockigem Haar. Jedes Kind ein wenig vollkommener als die Eltern – was könnte herrlicher sein?