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Am Anfang steht die Dunkelheit der Nacht, durchbrochen von den Autoscheinwerfern einer Gruppe von Jägern. Die ziehen an einem bäuerlichen Anwesen vorbei und sprechen von dem «verrückten Deutschen» und seiner Familie, die dort wohne. Diese Fremdwahrnehmung unterscheidet sich diametral von der Selbstwahrnehmung dieser Familie. Der deutschstämmige Vater Wolfgang, seine italienische Ehefrau Angelica, Coco, eine Freundin, und die vier Töchter betreiben eine Schafzucht, einen Gemüsegarten, leben aber vor allem vom Ertrag der Bienenstöcke.
Die zwölfjährige Gelsomina (eindringlich in ihrem Debüt: Maria Alexandra Lungu) ist die älteste der vier Schwestern, sie ist die Bienenkönigin, vom Vater mangels eines männlichen Nachkommen dazu ausersehen, sein Werk fortzuführen. Schon jetzt hat sie die Arbeit besser im Griff als er, der immer wieder cholerische Anfälle hat, gegen die Welt da draussen wütet und die Mitglieder seiner Familie mit seiner schlechten Laune traktiert.
Die alltägliche Routine der Bienenzucht wird von der französischen Kamerafrau Hélène Louvart (die schon Rohrwachers Erstling Corpo celeste, aber auch Wim Wenders’ Pina fotografierte) in nüchternen Bildern mit dokumentarischer Präzision gefilmt. So nimmt der Film sich Zeit zu zeigen, wie es Gelsomina gelingt, einen Bienenschwarm zurück in den Stock zu schaffen. Doch Le meraviglie ist kein schlichter Nachfolger des Neorealismus, hier hat alles zwei Seiten – was der Zuschauer erst im Verlauf der Geschichte begreift, denn Erklärungen sind nicht die Sache dieses Films, vielmehr setzt er auf die Evozierung einer Atmosphäre. Jeder Augenblick der Freiheit, den das autonome Landleben verheisst, wird konterkariert durch die Sichtbarmachung, was für einen täglichen Kampf ums Überleben dies bedeutet.
Das verdichtet der Film besonders in einer Sequenz: Als die Kinder in Abwesenheit der Erwachsenen einmal vergessen, den Eimer zu wechseln, in den der Honig tropft, breitet sich die goldgelbe Kostbarkeit über den ganzen Fliesenboden aus, mit blossen Händen versuchen die Kinder, zumindest Teile davon in den Eimer zurückzuschaufeln. Auf diese Weise allerdings werden sie mit der neuen EU-Verordnung, die Hygiene betreffend, nicht klarkommen – und womit sollen sie die geforderten gravierenden Investitionen, die ihnen diese auferlegt, aufbringen?
Es ist ein zufällig entstandener Kontakt mit der vom Vater verhassten Aussenwelt, der eine mögliche Problemlösung anbietet. Auf dem Weg zum Baden am Strand begegnet die Familie einem Fernsehteam, das hier den Auftritt einer Göttin filmt: Ähnlich irreal wirkt das wie die Filmbilder mit den antiken Helden, die Fritz Lang in Godards Le mépris inszeniert, allerdings eine Nummer kleiner, Fernsehen statt Kino.
Die “Göttin”, eine ganz in Weiss gewandete Frau mit auffälligem, überdimensioniertem Kopfschmuck und einer Perücke aus langen weissen Haaren, dürfte für Wolfgang, ähnlich wie für uns Zuschauer, als Sinnbild des hässlichen italienischen (Privat-)Fernsehens der Ära Berlusconi erscheinen; ebenso verständlich ist, dass sie ihre Wirkung auf die Kinder nicht verfehlt, auch wenn hier nur ein Werbespot für eine TV-Show gedreht wird: «Land der Wunder» feierte das vermeintlich Bodenständige in Gestalt von Familien, die in der Region verwurzelt sind, auch durch ihre Arbeit. Dafür winkt, modern muss es sein, ein Geldpreis samt einer Kreuzfahrt.
Es ist eine groteske Inszenierung, die da in einer illuminierten künstlichen Höhle stattfindet, dem Veranstaltungsort der Show. Gelsomina hat die Chance begriffen und heimlich eine Bewerbung geschrieben, Wolfgang steht der Widerwille ins Gesicht geschrieben, diesem Spektakel überhaupt beizuwohnen. Doch wenn Gelsomina die Bühne betritt, dann wirkt es für einen Augenblick, als könne es eine Versöhnung von Kunst und Kommerz geben. Ihren Auftritt hat sie sorgfältig choreografiert: Mit ihren Händen bedeckt sie ihr Gesicht, betont die verlangsamten Bewegungen, wenn sie den Blick darauf freigibt, wie ihr Mund sich öffnet und Bienen daraus hervorkriechen, die sich dann friedlich auf ihrer Wange niederlassen. Das hat in der Versöhnung von Mensch und Natur durchaus etwas Magisches. Das muss sogar Milly Catena, die Göttin in Weiss, zugeben. In ihrer Stimme klingt eine kleine Solidaritätsbekundung mit (was der von Monica Bellucci als Grande Diva verkörperten Figur letztlich eine etwas andere, menschlichere Dimension gibt).
Aber ins Schema der Show passen nun einmal besser die Nachbarn, eine alteingesessene Bauernfamilie, bei der mehrere Generationen unter einem Dach leben, zumal sich der Vater für diesen Anlass bereitwillig in eine pseudoetruskische Uniform zwängt und zu jeder Anpassung bereit ist – mit dem Preisgeld würde er sein Land dem Tourismus öffnen, erklärt er stolz. Heute versprüht er darauf bereits die modernen Pestizide, auch wenn die Bienen des Nachbarn daran sterben; immerhin: Seine alte Mutter weigert sich, vor den Fernsehkameras ein Lied zu singen.
Hoffnung und Verzweiflung liegen ganz nah beieinander in diesem Film. Die Freiheit, das Nachtlager draussen aufzuschlagen, wirkt wie von Wolfgang verordnet; die Aufnahme eines delinquenten Jungen bedeutet für den Vater nicht nur den Zugewinn einer billigen Arbeitskraft, sondern lässt Gelsomina auch spüren, dass dies ein Sohnersatz ist. Dass die Kinder eines Tages ein Kamel auf ihrem Grundstück entdecken, das der Vater für sie erworben hat, wirkt unter diesen Umständen nur einen flüchtigen Moment lang als fellineskes Mirakel, lässt dann aber die Unberechenbarkeit des Paterfamilias nur noch deutlicher hervortreten – eine Geste, die als grösste Liebesbezeugung gemeint ist und doch nur verzweifelt wirkt. Die zwiespältigen Gefühle, die die Familienmitglieder, aber auch die Zuschauer bei diesem Akt empfinden müssen, sind durchgängig in diesem Film, der vieles bewusst offenlässt
Le meraviglie ist ein Familienfilm, im doppelten Sinne, denn er erzählt nicht nur von einer Familie – die 33-jährige Regisseurin Alice Rohrwacher hat die Rolle der Mutter mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester, der bekannten Schauspielerin Alba Rohrwacher, besetzt und konnte sowohl bei der Wahl der Landschaft als auch der Bienenzucht aus ihrer eigenen Familiengeschichte schöpfen.