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"He has a real good sense of opening the curtain – not only in a metaphorical way", meint der Schauspieler Bill Pullman, der Fred Madison in "Lost Highway" verkörpert, über seinen Regisseur David Lynch in der Featurette dieser 2018 Digital Remastered Edition des 1997 erschienen Filmes. Dass ein solcher Satz auch perfekt geeignet ist, am Beginn einer Rezension über einen der wohl wichtigsten Filme der 90er-Jahre zu stehen, versteht sich von selbst, denn schließlich hat David Lynch auch in seiner bekannten Serie "Twin Peaks" den (roten) Vorhang in den Fokus gestellt.
Identity Crisis oder was?
In "Lost Highway" sieht man deutlich auch die Einflüsse des "Malers" David Lynch, denn in der mitgelieferten Featurette auf vorliegender DVD bekennt er freimütig, dass er eigentlich gerne Maler geworden wäre: nach eigener Aussage hätten ihn am meisten Edward Hopper und Francis Bacon beeinflusst, was man "Lost Highway" auch deutlich bei der Farbgebung und -wahl ansieht. Aber nicht nur darin liegt das Erfolgsgeheimnis dieses außergewöhnlichen Filmes. In "Lost Highway" hat Lynch die "paradigmatische Opposition", die Abweichung von einer Schablone durch eine teilweise Semekonkordanz (Zeichenübereinstimmung) zur Perfektion geführt, denn der Regisseur erzeuge bei der äußeren Montage nur die Grammatik, der Zuschauer konstruiere aber den Text selbst. Nicht umsonst lautete der Untertitel des Filmes im Drehbuch: "A graphic investigation into parallel identity crisis. A world where time is dangerously out of control. A terrifying ride down the lost highway". Die Betonung liegt hier besonders auf "parallel", denn Fred ist Pete und Renée Alice. Oder doch nicht?
Erinnerung und Wissen
"Talk - Listen – Door" lauten die Druckknöpfe der Gegensprechanlage von Fred Madisons schickem L.A. Bungalow, bei dem sich ein Unbekannter (nicht) blicken lässt. Auch ein Blick nach unten lässt nichts erkennen, aber angeläutet wurde doch. Schließlich finden Fred und Renée ein Videotape, das ihr Haus zeigt. Ein zweites wenig später aufgefundenes Video zeigt sie selbst im Schlaf. Aber wer ist der unbekannte Eindringling? Der "Mystery Man"? Als die beiden das FBI einschalten meint Fred zu ihnen: "I like to remember things the way i saw it" und verbessert sich auf Nachfrage mit "The way I remember things doesn't necessarily mean, how it happened". Vielleicht sind es diese beiden Sätze, die das Rätsel von "Lost Highway" lösen können?
Lost Highway Hotel
In einer Nebenrolle dieses Mystery Thrillers der Extraklasse spielt übrigens Henry Rollins den Gefängniswärter von Fred. Der Gangsterboss, Mr. Eddy, fällt nicht nur durch seine Brutalität, sondern auch seine markigen Sprüche auf: "smooth as shit from a dog’s arse". Vor allem aber durch seine Freundin Alice. Die Begegnung zwischen Fred/Pete und Renée/Alice wird mit "This magic moment" aus dem Munde Lou Reeds inszeniert: der einfache Automechaniker verliebt sich in die Gangsterbraut und besiegelt damit sein Schicksal. Und auch Andy erleidet ein spektakuläres Ende, wenn seine Stirn auf die Tischkante eines Glastisches fällt. Die von Antonioni geliehene Strandszene wird mit "Song to The Siren" von This Mortal Coil und auch sonst ist der Soundtrack von keinen schlechten Eltern. "I want you", stöhnt Pete, "You’ll never have me" antwortet ihm Alice. Am Ende finden sich alle wieder im Lost Highway Hotel und die Rache bringt Fred wieder zurück auf den Mittelstreifen des Lost Highway oder seine Gefängniszelle.Mehr von Juergen Weber lesen über "Die ewige Nachtfahrt. Mythologische Archetypen und ihre Repräsentationen im Film »Lost Highway« von David Lynch." unter literaturkritik.de