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«Schau genau - Wie Luft behandelt»
Veröffentlicht am 20.02.2023
Die Situation
Mila kommt aus Warri/Nigeria, wo sie aufwuchs, zur Schule ging und Recht studierte. Seit einigen Jahren lebt sie in der Schweiz und fühlt sich hier wohl. Mila spricht fliessend Deutsch und Englisch. Sie arbeitet in einem international tätigen Unternehmen im kaufmännischen Bereich.
Jede Woche führt ihr Chef eine «Shopfloor Management»-Sitzung durch, an dem alle seine Mitarbeitenden aus unterschiedlichsten Kulturen teilnehmen. Mila ist die einzige Afrikanerin. An dieser Sitzung werden aktuelle Themen behandelt und Informationen ausgetauscht. Gerade wendet sich der Chef mit einer Frage an die Mitarbeitenden. Er schaut erwartungsvoll in die Runde, blickt einen nach dem anderen an. Mila weiss genau, um was es geht. Sie setzt an, eine Antwort zu geben. Als der Blick ihres Chefs auf sie fällt, sagt er: «Ah, Mila weiss kaum Bescheid.» und übergeht sie.
Mila ist perplex. Es ist nicht das erste Mal, dass ihr Chef über sie hinwegschaut. Sie fühlt sich unterschätzt und diskriminiert, denn sie weiss, sie hat mehr zu bieten.
Dieser Vorfall verunsichert sie stark. Mila beschliesst, keine Ideen und Meinungen mehr einzubringen, selbst wenn sie dazu aufgefordert wird. Ab sofort existiert sie am Arbeitsplatz weiter und kommt ihren Verpflichtungen ohne grosses Engagement nach.
Was ist geschehen?
Sind wir mit einer Person im Austausch, die anders ist, sich anders verhält, anders denkt etc. reagieren wir. Diese Person begegnet uns ausserhalb des für uns Gewohnten. Dieses Gewohnte ergibt sich unter anderem aufgrund unserer Sozialisierung. Seit wir auf der Welt sind, lernen wir, uns in unserem Umfeld zurechtzufinden. Entsprechend unserer Erfahrungen und den damit verknüpften Assoziationen und Emotionen werden unsere unbewussten Denkmuster geprägt und unser Verhalten beeinflusst. Menschen aus unserem eigenen Kulturkreis sind uns näher, weil wir mit ihnen mehr Erfahrungen machten. Das führt zu kognitiven Verzerrungen. Um Ressourcen zu speichern, nutzt unser Gehirn gewisse Muster. Es filtert wesentliche Merkmale aus einer Wahrnehmung und vergleicht es mit bereits Gespeichertem und Erlernten. Der Rest wird nicht bearbeitet. Wir denken in Assoziationen, die wir gespeichert haben; stecken die wahrgenommene Welt in Schubladen, um schneller auf neue Informationen reagieren zu könnten.
Unconscious Bias umschreiben kognitive Verzerrungen wie bspw. automatisierte Stereotype. Diese basieren auf unvollständigem Wissen über bestimmte soziale Gruppen wie Generationen, Gender oder Länderzugehörigkeiten. Sie geben Orientierung; sind Erwartungen und Vorstellungen wie sich Mitglieder dieser Gruppen verhalten, wie sie aussehen oder welche Fähigkeiten sie haben. Bspw. «Amerikaner sind oberflächlich», «Berner sind langsam» oder «Schwarze wissen nichts».
Die Aktivierung dieser Stereotype kann zu Unconscious Bias führen. Sobald wir einen Unconscious Bias verankert haben, fallen wir immer wieder in dieses Muster zurück. Daher wird es uns kaum möglich sein, vollkommen vorurteilsfrei und rational zu entscheiden. Das kann unbewusste Diskriminierungen auslösen.
Wir alle haben unsere Biases, so auch der Chef von Mila. Irgendwo in seinem Inneren hat er eine Vorstellung zu Leuten aus Afrika. Wenn er mit Mila interagiert, wird diese aktiviert und es kommt zu einem Unconscious Bias. Das ist der Moment, in dem er sie in der Sitzung übergeht und wahrscheinlich unbewusst annimmt, dass sie nichts beitragen kann.
Die Wirkung von Unconscious Bias im Arbeitsalltag wird noch immer unterschätzt. Auswirkungen in der Zusammenarbeit können sein:
Was kann getan werden?
- Menschen aus dem eigenen Kulturkreis werden bevorzugt. Das führt zu Ungleichheiten.
- Wertvolles Wissen und Fähigkeiten von anderen Menschen wird übersehen und nicht genutzt. Das limitiert die Innovationsfähigkeit.
- Mitarbeitende, die nicht respektiert werden, wie sie sind, fühlen sich unwohl, gar frustriert. Das hindert ihre Leistungsfähigkeit, wie das Beispiel von Mila zeigt.
- Akzeptieren Sie, dass Sie Unconscious Bias haben – alle haben sie. Das ist menschlich.
- Über Selbstreflexion können wir unsere Wahrnehmungsmuster erkennen und hinterfragen. Entdecken Sie diese Bilder und fragen Sie sich: Ist das wirklich wahr? Kann ich absolut sicher sein, dass meine Vorstellung wahr ist?
- Informieren Sie sich zum Thema Ihres Unconscious Bias. Je mehr Sie wissen, desto besser.
- Beginnen Sie zu entdecken, welche Situationen in Ihrem Berufsalltag Unconscious Bias auslösen können.
- Fragen Sie sich, woher diese ihre Wurzel haben können. Was für Erfahrungen machten Sie, die zu solchen Vorstellungen führen?
- Wenn Sie Verhaltensweisen aufgrund Unconscious Bias beobachten, sprechen Sie die betreffende Person respektvoll darauf an.
Hätten Sie gerne eine Erklärung und Tipps zu einer Ihrer Arbeitssituationen? Melden Sie sich über <email-pii>
. Wir analysieren Ihre Situation (selbstverständlich anonymisiert) in einem nächsten «Schau genau».
Dr. Christa Uehlinger ist Interkulturelle Expertin, Inhaberin von christa uehlinger linking people® und Gastautorin von NZZ Jobs.www.linkingpeople.how
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