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Moralität ist eine Eigenschaft, die grundsätzlich unter zwei Aspekten betrachtet werden kann: als Eigenschaft von Personen oder als Eigenschaft von Dingen, die keine Personen sind. Letzteres trifft zu, wenn wir etwa von «moralischen Prinzipien» oder «moralischen Dilemmata» sprechen. In dieser zweiten Hinsicht ist Moralität bestimmt als der Raum des universal Erlaubten, Verbotenen und Obligatorischen, im Gegensatz zu den partikularen Normen, zum Beispiel der Etikette, einer Ideologie oder einer Berufsgattung.
Das Verbot, mit den Fingern zu essen, das Gebot, keusch zu bleiben, und die Erlaubnis, Gewalt an Frauen zu verüben, beruhen auf solch partikularen Normen, während das Verbot, Menschen Leid zuzufügen, und die Verpflichtung, das Wohlergehen anderer zu befördern, Normen der Moralität sind. Welches genau die obersten moralischen Prinzipien sind, wie sie begründet sind und welchen Einschränkungen sie unterliegen, ist Gegenstand der Moraltheorie.
Moralische Personen
Welche weiteren Perspektiven eröffnen sich, wenn wir Moralität primär als Eigenschaft von Personen verstehen? Wovon sprechen wir, wenn wir von «moralischen Personen» sprechen? Nun, der Ausdruck kann einerseits als Pleonasmus verstanden werden, das heisst als Ausdruck, in dem der eine Begriff lediglich ein Bedeutungselement des anderen wiederholt, wie etwa «ledig» in «lediger Junggeselle». In diesem Fall bezeichnet «moralisch» ein definitorisches Element von Personen, und der Ausdruck besagt, dass Personen sich von Nichtpersonen zumindest darin unterscheiden, dass sie moralische Wesen sind. Andererseits kann der Ausdruck aber auch attributiv verstanden werden. Moralität wäre dann vergleichbar mit Eigenschaften wie etwa Mut, die Personen manchmal an den Tag legen und manchmal nicht oder die einige Personen im Gegensatz zu anderen Personen in bedeutend höherem Ausmass haben.
Um beiden Bedeutungen des Ausdrucks «moralische Person» gerecht zu werden, bestimmen wir Moralität als ein Potenzial, das sich in verschiedener Weise und Stärke aktualisieren kann. Moralität ist das Potenzial von Personen, Haltungen zu Werten einzunehmen, die sich nicht im Vokabular von Überlebens- und Reproduktionsinteressen, von Vor- und Nachteilen, von Macht und Ohnmacht oder von Exzellenz, Eleganz und Charme ausdrücken lassen. Personen können episodisch moralisch sein, wenn sie in konkreten Situationen bestimmte Haltungen zum Wert des Guten und seinem polaren Gegensatz, dem Bösen, an den Tag legen. Sie können aber auch permanent moralisch (oder unmoralisch) sein, wenn sie ihre Lebensführung solchen Werthaltungen verpflichten.
Was sind moralische Werthaltungen? Betrachten wir das Beispiel von Frau S., die Zeugin eines Falls von «happy slapping» wird. An ihrem Fenster sitzend erblickt Frau S. eine Bande, die sich damit amüsiert, auf einen wehrlosen Passanten einzuschlagen. Frau S. ist empört über das Unrechte dieser Handlung. Ihr Empörungsgefühl hat eine erkenntnisstiftende Funktion: Es zeigt ihr eine Werteigenschaft, die sinnlicher Wahrnehmung allein nicht zugänglich ist. Obwohl Frau S. die Szene visuell und auditiv registriert, ist sie nicht bloss ein Aufnahmegerät, das sicht- und hörbare Abläufe registriert. Eine Überwachungskamera kann den Handlungsverlauf erkennen und wiedergeben, aber nicht das Unrecht der Handlung. Die Kamera ist indifferent in Bezug auf die Werte, die eine Handlung realisiert.
Moralisches Handeln
Dass Frau S. über ein affektives Potenzial verfügt, das ihr das Erkennen von Unrecht ermöglicht, unterscheidet sie von einem blossen Registrierungssystem und identifiziert sie als Person. Genügt aber der Umstand, dass dieses Potenzial sich in der Beispielsszene als Empörungsgefühl realisiert, um Frau S. als «moralische Person» im attributiven Sinn zu bestimmen? Wir sind geneigt zu denken, dass Moralität sich nicht in Haltungen reinen Erkennens des Guten oder seines Gegenwerts erschöpft, sondern auch in einer wesentlichen Beziehung zu Handlung und Verantwortlichkeit steht. Moralität fordert, dass eine Person zusätzlich zu einer erkennenden eine motivierende Werthaltung einnimmt, sie also will, dass dem erkannten Wert auch Geltung verschafft wird. Erst dieses Wollen kann moralisches Handeln bewirken.
Frau S. ist eine moralische Person in diesem Sinn. Sie will, dass das in ihrer Empörung erkannte Unrecht nicht weiter besteht, sondern sein Gegenwert realisiert wird. Dieses Wollen motiviert sie zu Handlungen, die diesem Ziel förderlich sind. Da Frau S. alt und gebrechlich ist, ist ihr Handlungsspielraum beschränkt. Doch sie tut das ihr Mögliche: Sie öffnet das Fenster und schreit «Aufhören!», ruft die Polizei an und filmt dabei die Szene. Sie tut dies weder aus Sensations- noch aus Rachelust, auch nicht aus blossem Mitgefühl für ein Opfer physischer Gewalt. Sie tut es, weil sie dem Unrecht nicht Raum geben will, weil sie den Wert des Rechten über den Unwert des Unrechten stellt und ihm Geltung verschaffen will. Selbst wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, handelt Frau S. moralisch verantwortlich und verdient Lob für ihr Tun.
Moralische Gefühle
Moralität setzt Gefühle wie Empörung, Schuld, Reue und Vergebung voraus, durch die Erkenntnis des Guten und seines Gegenwerts möglich wird. Auch Übeltäter besitzen in der Regel das Potenzial solch moralischer Gefühle und können danach handeln. Allerdings haben sie sich – zeitweilig oder konstant – einer verkehrten Werthierarchie verschrieben und ziehen die Realisierung des Bösen der des Guten vor. Deshalb bezeichnen wir sie dann als «unmoralische Personen». Fühlt ein Übeltäter Schuld, erkennt er darin das Unrecht seines Tuns und revidiert seine Werthaltung. Als moralische Person im relevanten Sinn kann er dann gelten, wenn er Handlungen der Entschuldigung und Reparation an das Opfer folgen lässt, deren Motiv die Realisierung des Guten ist.
Moralität als Wertfühlen und Wertwollen von Personen findet ihre Krönung in der Vergebung. Im Gefühl der Vergebung würdigt das Opfer eines Unrechts den Wert des Guten im Wollen des reuevollen Übeltäters. Es will diesem Wert dadurch Nachachtung verschaffen, dass es dem Übeltäter erklärt, ihn als moralische Person anzuerkennen, der das Unrecht nicht mehr anzulasten ist. Im Gegensatz zu Empörung, Schuld und Reue kann Vergebung jedoch moralisch nicht eingefordert werden. Wer nicht vergeben kann, ist nicht amoralisch. Vergebung ist eine freie Gabe von Personen an Personen.