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Sarah Rossiter kam im Sommer 2003 für einige Tage aus Kalifornien nach Amden. Im Zentrum ihres fotografischen Werkes stand damals das Selbstbildnis. 1998 hatte ich in der Kunsthalle Bern eine Serie von Fotografien ausgestellt, in der sie sich abgebildet hat, während Dias von Gemälden ihrer Mutter Ann Kinner auf ihren eigenen Körper projiziert werden. In den frühen 1970er-Jahren setzte sich Kinner, damals noch Studentin an der Cornell University, vor allem mit der amerikanischen Farbfeldmalerei auseinander.
1973 entstand eine Reihe von Arbeiten auf Papier, auf die sich Rossiter in ihren eigenen Werken bezieht. In den späten 1970er-Jahren, nach der Geburt ihrer Tochter Sarah, gab Kinner die Malerei auf und verbrannte bis auf eine kleine Gruppe auch die Gemälde aus dem Jahr 1973. Rossiter kam mit den wenigen erhaltenen Werken ihrer Mutter erst in Berührung, nachdem sie selbst schon begonnen hatte, als Künstlerin tätig zu sein. Während sie das schmale Werk ihrer Mutter dokumentierte, begann auch ein Prozess der Annäherung an diese Malerei und eine Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Mutter als Künstlerin, die in die erwähnten Selbstbildnisse münden sollten. Sie untersuchte ihr Verhältnis zu dieser Geschichte, die diejenige ihrer Mutter und zugleich ihre eigene ist: Auch Rossiter war damals eine junge Frau am Anfang einer künstlerischen Karriere von unbestimmtem Verlauf. Sie thematisierte ihre Rolle und Funktion im Leben der Mutter, aber auch deren Einfluss auf ihr eigenes Selbstverständnis als Frau und Künstlerin. Rossiter beabsichtigte, in den Selbstporträts die historische Ungleichzeitigkeit als Gleichzeitigkeit erscheinen zu lassen. Nicht zuletzt fragen die Werke nach Kontinuität und Bruch in weiblicher Produktion.
Auch in Amden begab Rossiter sich auf die Suche nach dem eigenen Selbst. Sie arbeitete frühmorgens am Ufer des Walensees, machte Aufnahmen beim Wasserfall in Betlis, durchstreifte die Wälder. Sie fotografierte sich verschiedentlich auf den Felsen am Seeufer oder auf dem Waldboden entlang des steilen Weges, der von Betlis hochführt auf die Flur »Zand«. Das Alleinsein und das Entkleiden für die Kamera gehörten zu den festen Aufnahmebedingungen. Sie hatte auch bunte Tücher und Kinderkleider mit nach Amden gebracht, Röcke, die sie als Mädchen getragen hatte. Und sie bemalte ihren Körper.
In den Performances für die Kamera behandelt Rossiter ihren Körper als künstlerisches Medium: Sie begibt sich in bestimmte Rollen, mit denen spezifische Körpergefühle verbunden sind, und versucht, diese im Bild zum Ausdruck zu bringen. Es ist charakteristisch für ihre Arbeit, dass dabei ein Spiel mit Bildreferenzen in Gang gebracht werden soll, das ausdrücklich die von Künstlerinnen geprägte Bildgeschichte einbezieht. Ihre Fotografien waren in jenen Jahren immer auch Dialoge mit teils wesentlich älteren Fotoarbeiten anderer Künstlerinnen wie Francesca Woodman, Cindy Sherman, Ana Mendieta, Maya Deren oder Claude Cahun. – Alle erwähnten Künstlerinnen haben auf unterschiedliche Art weibliche Realität dokumentiert und künstlerisch am Bild eines selbstbewussten weiblichen Körpers gearbeitet.
– Roman Kurzmeyer