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von Hamit Duran, Turgi, im Mai 2022
Seit Anfang der 60er Jahre die ersten «Gastarbeiter», vornehmlich aus der Türkei, nach Europa, d.h. vor allem nach Deutschland, kamen, bestand ein Bedürfnis, sich in geeigneten Räumlichkeiten zu treffen, um sich mit Landsleuten auszutauschen, Religiosität zu pflegen und gemeinsam zu leben.
Zu diesem Zwecke wurden oftmals zweimal im Jahr Gemeindesäle oder Konferenzräume angemietet, um wenigstens die Festgebete gemeinsam durchführen zu können. Später wurden dann mehr oder weniger geeignete Wohnungen oder Gewerberäumlichkeiten angemietet oder gekauft, um die regelmässigen Gebete verrichten und religiöse Bildung und Veranstaltungen organisieren zu können. Oft wurde dabei von sogenannten «Hinterhofmoscheen» gesprochen, da diese meist nicht als solche erkennbar waren. Dazu kam, dass – insbesondere in der Zeit vor 9/11 – sich die Öffentlichkeit auch kaum dafür interessierte.
In der Zwischenzeit hat sich dies aber deutlich geändert. In vielen europäischen Städten wurden «richtige» Moscheen «auf der grünen Wiese» errichtet, die mit ihren Kuppeln und mit ihren Minaretten eindeutig als solche erkennbar sind. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Schweiz diesbezüglich, aufgrund des 2009 nach einer Volksabstimmung angenommenen Minarettverbots, eine unrühmliche Ausnahme bildet.
Die Frage ist nun, ob neben den äusserlichen, architektonischen Veränderungen auch eine Entwicklung der «inneren Werte» wie Selbstverständnis, Selbstbild und den damit einhergehenden Angeboten in den Moscheen stattgefunden hat. Genau darauf versucht das
vorliegende Sammelwerk Antworten zu finden.
Die Autorinnen und Autoren der verschiedenen Beiträge stammen aus unterschiedlichen Ländern und Fachrichtungen. Daher wenden sie ihre Blicke auf verschiedene thematische Aspekte. Einige der Beiträge, die zum Teil in Deutsch und zum Teil in Englisch verfasst sind, entspringen wissenschaftlicher Expertise, andere basieren auf der sogenannten «Feldforschung», d.h. auf dem Besuch von Moscheen und den dabei gemachten Beobachtungen und geführten Gesprächen mit Moscheeverantwortlichen und -besuchern. Demensprechend sind manche Artikel sehr einfach zu lesen und gut verständlich, während andere eine grössere Herausforderung für die Leserin oder den Leser darstellen.
Das Sammelwerk ist in drei Teile unterteilt. Der erste Teil widmet sich dabei dem Thema von Jugend und Bildung.
In ihrem Beitrag «Verstehen und Reflektieren versus Memorieren und Rezitieren» untersucht Ayse Almila Akça unterschiedliche Praxen der Religiosität in Moscheen in Deutschland. Sie stellt dabei fest, dass sowohl in öffentlichen Debatten als auch in einschlägigen wissenschaftlichen Abhandlungen die Anschauung vermittelt wird, dass in Moscheen eine veraltetete, blinde Nachahmung vorherrsche und dass eine moderne verstehensorientierte, reflektierte Religiosität keinen Platz habe.
In ihrer Feldforschung kommt die Autorin aber zu einem anderen Ergebnis. Zwar habe die Praxis des Memorierens und Rezitierens durchaus ihren religiösen Sinn, insbesondere für die Durchführung der rituellen Gebete. Auf der anderen Seite sind aber immer mehr religiös begründete Konzepte zur Notwendigkeit des Verstehens des Qur’ans zu beobachten. Manche ihrer Interviewpartner waren gar der Meinung, dass der Inhalt der Qur’an-Verse wichtiger sei, als deren perfekte Rezitation.
Die Autorin kommt zum Schluss, dass die Implementierung von mehr verstehesorientierter Religiosität in Moscheen nur dann erfolgreich sein kann, wenn eine Verbindung von beiden Formen der Religiosität erfolgreich umgesetzt wird.
In einem eher theoretischen, in englischer Sprache verfassten Artikel gehen die Autorinnen Remziye Ege und Havva Sinem Ugurlu auf die Situation von religiös Beauftragten, z.B. Imame in Moscheen, die neben religiösen auch soziale Dienste anbieten, ein. Da diese sich oft in einem multikulturellen Umfeld bewegen, gibt es verschiedene Anforderungen, die sie erfüllen sollten, damit sie ihrer Aufgabe gerecht werden können. Die Autorinnen betonen in diesem Zusammenhang, dass jedes muslimische Individuum selbst für seine Taten verantwortlich ist und Gott ohne Vermittler dienen soll. Religiös Beauftragte sollten daher eher eine Brückenfunktion zwischen der Lebensrealität und den Moschee-Besucherinnen und -Besuchern einnehmen, um sie dabei zu unterstützen.
Ein weiterer sehr interessanter Beitrag in diesem ersten Teil befasst sich mit dem Spagat von jungen Musliminnen und Muslimen zwischen Erwachsenenvorstand, Jugendorganisation und Selbstentfaltung. Akin Simsek nimmt dabei eine «Binnenperspektive» ein und veranschaulicht sehr eindrücklich, wie enorm das Spannungsfeld, dem muslimische Jugendliche in Moscheen ausgesetzt sind, ist.
Der Autor geht dazu zunächst auf die geschichtlichen, rechtlichen und strukturellen Hintergründe der deutschen Jugendverbandsarbeit, die Ende des 19. Jahrhunderts aus verschiedenen Jugendverbänden entstanden war, ein. Basis ist dabei die freiwillige Teilnahme und die Ergebnis- und Prozessoffenheit. Die Schwerpunkte der Jugendarbeit sind dabei im Achten Buch des deutschen Sozialgesetzbuches (SGB VIII) festgelegt. Dazu gehören unter anderem: Ausserschulische Bildung in Politik, Sozialem, Kultur, Naturkunde und Technik, Sport, Spiel und Geselligkeit, Kinder- und Jugenderholung, Jugendberatung etc.
Im zweiten Teil seines Beitrags befasst sich der Autor dann mit der muslimischen Jugendarbeit in Deutschland, welche rechtlich ebenfalls der Jugendarbeit, wie sie im Achten Buch des deutschen Sozialgesetzbuches beschrieben ist, zuzuordnen ist. Er legt dabei sein Augenmerk vor allem auf die bekannte Muslimische Jugend Deutschland (MJD), die es schon seit 27 Jahren gibt. Diese, und andere, später gegründete Jugendgruppen, sind in der Regel nach Vereinsrecht organisiert und gehören meistens einem übergeordneten Erwachsenenverband wie z.B. DITIB, IGMG oder VIKZ an. Und diese Konstellation wird ihnen oft von anderen, nicht-muslimischen Jugendverbänden zur Last gelegt. Sie seien zu wenig unabhängig von ihren Dachverbänden und sollten eine grössere kritische Distanz einnehmen. Und tatsächlich ist es so, dass den muslimischen Jugendverbänden oft keine Entscheidungsbefugnis zugesprochen wird. Davon kann der Autor dieser Zeilen selbst ein Lied davon singen.
Hinzu kommen die oftmals sprachlich und kulturell bedingten Verständnisprobleme zwischen Jugend- und Erwachsenenverbänden und die fehlenden Möglichkeiten der Entfaltung, weil z.B. passende Räumlichkeiten in den Moscheen fehlen. Aus all diesen Gründen ist der Autor der Ansicht, dass anerkannt werden muss, dass die Lebensrealität junger Musliminnen und Muslime im Vergleich zu anderen Jugendgruppen eine andere ist.
Auf der anderen Seite müssen auch die Erwachsenenverbände anerkennen, dass die muslimische Gemeinschaft in Deutschland eine andere als jene vor 30 Jahren ist, und dass den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet werden muss. Auch sollte eine Professionalisierung stattfinden, d.h. dass ehrenamtliche Strukturen durch Nutzung finanzieller und ideeller Fördertöpfe deutscher Städte allmählich professionalisiert werden.
Den Abschluss des ersten Teils des vorliegenden Sammelwerks bildet der Beitrag von Harry Harun Behr mit dem schönen Titel «Moscheen sind wie Schiffe». Er sieht diesen als ein «Kursbuch» für die islamische Gemeindearbeit.
Sei sehr lesenswerten Artikel beginnt er mit einem biografischen Ausflug in die 1960er Jahre. Es soll hier nicht zu viel verraten werden, aber seine erste Begegnung mit dem Islam war ein Buch seines Vaters, das sich mit der Kunst und Architektur der islamischen Welt befasste und das ihn mit seinen eindrücklichen Bildern faszinierte. Einmal sagte sein Vater, der Agnostiker war, zu ihm: «Was du da in der Hand hältst, mein Lieber, ist die Wiege unserer Zivilisation. Ohne das wären wir heute nichts.»
In den frühen 1970er Jahren kam der Autor dann wieder mit Moscheen in Berührung, und zwar während eines Studienaufenthaltes in Jakarta, der Hauptstadt des grössten muslimischen Landes Indonesien. Er lernte diese als offene, wohlriechende und lichtdurchflutete Orte kennen; Orte, in denen es um Menschen in konkreten Lebenslagen geht, die sich in Räumen treffen, welche in ihren Erinnerungen tiefe Spuren hinterlassen und die dadurch zu Orten der Ausbildung von Charakter und Persönlichkeit werden können.
Als er dann Ende der 1980er Jahre nach Münster in Deutschland zurückkehrte, machte er sich gleich auf die Suche nach einer Moschee und landete, welch’ Überraschung(!), in einem Keller… Grösser hätte der Kontrast wohl nicht sein können.
Zum Glück hielt ihn das nicht davon ab, sich weiter mit dem Islam zu befassen. Unter anderem erklärt er, warum er Moscheen als Schiffe bezeichnet. Dazu muss man wissen, dass der Islam auf eine höhere Ordnung und damit auf eine dahinter liegende Matrix verweist. Diese Matrix einer sinnstiftenden höheren Ordnung erinnert an die Feldlinien des Erdmagnetfeldes. Dieses ermöglicht uns Orientierung, beispielsweise auf dem Meer, aber dazu brauchen wir einen Kompass. Und dieser Kompass ist die Religion (arab. Din). Sie stellt sozusagen die Verbindung zwischen den Menschen und der höheren Ordnung her. In diesem Sinne sind Moscheen wie Schiffe. Man besteigt sie und verlässt sie, man reist eine Weile mit und erreicht mit ihnen neue Horizonte; aber nur, wenn fähige Kapitäne oder Kapitäninnen auf der Brücke stehen…
Insbesondere jugendliche Moscheepassagiere und -passagierinnen haben ganz konkrete Erwartungen an ihre Kapitäne und Kapitäninnen: Sie sollen unter anderem selbstkritisch, reflektiert, gebildet, belesen, selbstbewusst, empathisch, nahbar, bescheiden, locker etc. sein.
Behr geht dann noch weiter auf diese gesuchten Eigenschaften ein und stellt fest, dass wir fähige Imame und Imaminnen brauchen, die das Schiff in die richtige Richtung steuern können und wollen.
Die Beiträge im zweiten Teil des Sammelwerkes widmen sich der Gemeindeentwicklung und -etablierung. Im ersten Artikel in englischer Sprache beschreibt Gerd Marie Adna die muslimische Gemeindeentwicklung im Südwesten Schwedens. Obwohl die Gastarbeiterwellen in den 1960er und 70er Jahren vor allem aus Pakistan kamen, konzentriert sich die Autorin auf die türkischen Gemeinden. Es ist nicht erstaunlich, dass sich dabei Ähnlichkeiten zu den Entwicklungen in Deutschland und in der Schweiz erkennen lassen.
Der äusserst interessante zweite Beitrag von Egdunas Racius beschreibt den langen und beschwerlichen Weg des Wiederaufbaus der Moschee in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, welche 1968 durch die damaligen kommunistischen Behörden demoliert wurde. Die Moschee wurde vor allem durch Musliminnen und Muslime tatarischer Abstammung besucht.
Das litauische Parlament erklärte das Jahr 2021 zum Jahr der litauisch-tatarischen Geschichte und Kultur. Das zeigt, wie stark die litauischen Behörden die tatarisch-muslimische Minderheit zu unterstützen versuchen.
In den letzten 30 Jahren wurden der muslimisch-tatarischen Gemeinschaft rund ein Duzend Bauparzellen an verschiedenen Orten in Vilnius angeboten, um die historische Moschee wieder aufzubauen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, wo Behörden und Öffentlichkeit den Bau von Moscheen zu verhindern versuchen, sind es in Litauen die muslimischen Gemeindeverantwortlichen, die sich selbst Steine in den Weg legen. Dazu gibt es teilweise auch gute Gründe, und so wie es aussieht, wird leider in absehbarer Zeit nicht mit dem Bau begonnen werden können.
Die restlichen beiden, meiner Ansicht nach weniger interessanten Beiträge in diesem Teil widmen sich dem interreligiösen Dialog und dem Spannungsfeld, dem Akteurinnen und Akteure in Moscheen ausgesetzt sind sowie deren Zukunftsvisionen.
Im dritten und letzten Teil des vorliegenden Sammelwerks wird die Thematik der (Selbst-)Darstellung von Moscheegemeinden und dem Umgang zwischen Geschlechtern beleuchtet.
Gerade der erste Beitrag von Kathrin Munz und Chantal Munsch mit dem Titel «Dimensionen von Vielheit» analysiert die Gemeindezentren türkischstämmiger Musliminnen und Muslimen als «relationale Räume».
Als Folge des Anwerbeabkommens mit der Türkei aus dem Jahre 1961 entwickelte sich die türkischstämmige Bevölkerung bis heute mit 63% zur Gruppe mit dem grössten Anteil an der muslimischen Bevölkerung Deutschlands. Deutschland gilt auch als das Land Europas mit den meisten Moscheen (mindestens 2600).
Zunächst analysiert der Autor den Stand der Forschung bezüglich Moscheen in Deutschland. Er stellt dabei fest, dass Moscheen mit Kuppel und Minarett als «sichtbare Symbole der Desintegration» betrachtet werden, während Moscheen mit gläsernen Fassaden als Integrationserfolg gelten. Daneben stellt er auch eine Forschungslücke fest, wenn es um Moscheen geht, die aus umgenutzten Gebäuden hervorgegangen sind (sog. «Hinterhofmoscheen»). Es lässt sich dazu praktisch keine Fachliteratur finden. Er hat sich daher zum Ziel gesetzt, den gelebten Alltag in Moscheen, die in umgenutzten Räumlichkeiten untergebracht sind, differenzierter zu erforschen.
Zunächst hält er fest, dass im historischen Kontext die Mulifunktionalität von Moscheen immer wieder erwähnt wird. Moscheen dienten früher oft als multifunktionale Orte (im türkischen «Külliye» genannt), wo sich Musliminnen und Muslime trafen, um sich zu begegnen, zu lernen, zu lehren, Handel zu treiben, Ratschläge zu erhalten oder zu erteilen, zu essen oder auf der Reise Unterschlupf zu finden. Die 1757 errichtete Nuruosmaniye Külliye in Istanbul ist ein schönes Beispiel dafür. Geschäfte gehörten von Anfang an zum Baukomplex, um die Finanzierung der Moschee über den Tod des Stifters hinaus zu sichern.
Viele europäische Moscheen werden als «Külliye im Miniaturformat» bezeichnet, denn neben dem Gebetsraum sind oftmals Geschäfte wie Reisebüros, Friseure, Restaurants etc. untergebracht.
In seiner weiteren Analyse beschreibt der Autor dann, welche Methodik er bei seiner Forschungsarbeit angewendet hat: die sogenannte «Grounded-Theory-Methodology», bei der es nicht darum geht, im Vorfeld festgelegte Fragen zu beantworten, sondern die Ergebnisse in der Auseinandersetzung mit dem erhobenen Material zu erarbeiten.
In der anschiessenden Präsentation seiner Ergebnisse kommt der Autor zum Schluss, dass es sich bei den meisten türkischstämmigen Moscheen um komplexe multifunktionale Cluster handelt, die zwar eine räumliche Einheit bilden, jedoch unterschiedliche Funktionsräume miteinander verbinden und dadurch dem Konzept der oben beschriebenen «Külliye» sehr nahekommen. Auch konnte er feststellen, dass diese Multifunktionscluster nicht statisch sind, sondern sich im Laufe der Zeit veränderten, um den geänderten Bedürfnissen der Gemeinschaft gerecht zu werden. Auch auf die dynamische Mehrfachnutzung bestehender Räume, die in vielen Moscheen gang und gäbe ist, geht er ein. Es gelingt ihm somit, die komplexe Vielheit türkischstämmiger Moscheen in Deutschland herauszuarbeiten.
Ein weiterer, in englischer Sprache verfasster Beitrag von Ömer Alkin befasst sich mit einem ganz anderen Thema: der Darstellung von Moscheen in Filmen. Der Autor analysierte dabei Filme, die sich mit muslimischen Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum seit den 2000er Jahren befassen. Dazu gehören «Oray» (2019), «Zelle» (2007), «Fremder Freund» (2003), «Der verlorene Sohn» (2009), «Hamburger Lektionen» (2006) und andere.
Gemäss seinen Beobachtungen werden in fast all diesen Filmen die Moscheen in einem schummrigen Licht mit dunklen Schatten gezeigt. Dies soll sie wohl in Verbindung mit Dunkelheit, Engstirnigkeit und Abgeschiedenheit bringen und sie als Nährboden für Radikalisierung positionieren.
Glücklicherweise gibt es in der Zwischenzeit aber auch positive Beispiele, wie die zweiteiligen Serie «Kommissar Pascha», in der der Protagonist in einer weiträumigen und hellen Moschee (die Pasinger Moschee in München) betet. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieses Bild in zukünftigen Filmen und Serien vermehrt durchsetzen wird.
Die letzten beiden Beiträge in dem vorliegenden Sammelwerk befassen sich schliesslich mit der Genderfrage, d.h. der Rolle der Frauen im Moscheeleben.
Nur Kipçak beleuchtet in ihrem in englischer Sprache verfassten Artikel die Geschlechterpolitik der Diyanet-Organisation, also des Amtes für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei, dem alle offiziellen Moscheen und Imame im Land unterstellt sind. Sie untersuchte dabei die verschiedenen Publikationsorgane zu denen neben den Freitagspredigten, welche den Imamen vorgegeben werden, auch Edikte, Artikel, Zirkulare, TV-Sendungen, Konferenzen, Seminare etc. gehören. Dabei stellte sie fest, dass Diyanet mittlerweile zwar durchaus den Zugang von Frauen zu Moscheen für die Teilnahme an Gottesdiensten unterstützt, nicht aber deren Partizipation bei der Führung und Organisation der Moscheegemeinde.
Dies war nicht immer so. Noch in den 1990er Jahren war es für die Diyanet-Organisation kein Thema, den Frauen die Teilnahme an den Freitagsgebeten, die für Männer verpflichtend ist, zu unterstützen oder gar zu ermöglichen. Ende der 1990er Jahre hiess es dann, dass Frauen durchaus teilnehmen dürfen, sofern ein geeigneter, für sie reservierter Platz vorhanden sei.
Erst ab 2013 wurde die Teilnahme der Frauen aktiv unterstützt. Dieser Wandel kam mit Mehmet Görmez, dem damaligen Direktor der Diyanet. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass es zur Zeit des Propheten und unmittelbar danach Gang und Gäbe war, dass Frauen die Moscheen besuchten und dort viel Zeit verbrachten. Vorhänge oder Absperrmauern waren nicht vorhanden. In der Folge wurden die Moscheeverantwortlichen angewiesen, jederzeit und wo immer möglich geeignete Räumlichkeiten für Frauen einzurichten und ständig zur Verfügung zu halten.
Gemäss der Autorin verfolgt Diyanet damit noch ein anderes Ziel. Musliminnen und Muslime sollten von «inoffiziellen» muslimischen Gruppen wie die Naksibendi-, Gülen- und Ismailaga-Bewegungen ferngehalten werden.
Natürlich ist diese «forcierte Öffnung» der Moscheen für Frauen nicht ohne Probleme, insbesondere was die Durchmischung der Geschlechter betrifft. Vor allem die ältere Generation ist immer noch der Ansicht, dass Frauen ihre Gebete zu Hause verrichten sollen. Entweder, weil sie nicht weiss, dass der Prophet die Frauen ermunterte, eine aktive Rolle in der Gemeinschaft zu übernehmen, oder weil sie sozio-kulturelle Aspekte höher gewichtet als religiöse.
Die Autorin kommt zum Schluss, dass Frauen in vielen Moscheen in der Türkei zwar als «Gäste» willkommen sind, sie aber immer noch weitgehend daran gehindert werden, Verantwortung für die Moschee und die Gemeinde zu übernehmen. Es bleibt also ein langer Weg, der noch zu begehen ist.
Der letzte Beitrag von Zeynep Dogusan und Sena Arslan unter dem Titel «Wie der Stimme der Frauen Gehör verschafft werden kann» schliesst perfekt an den vorangehenden Artikel an. Die beiden Autorinnen sind Mitinitiantinnen der im November 2017 in Istanbul ins Leben gerufenen «Frauen in den Moscheen»-Kampagne (türk. «Kadinlar Camilderde»).
Die Initiantinnen waren eine Gruppe junger Frauen unterschiedlicher sozialer und politischer Zugehörigkeit, die ihren Glauben praktizieren und immer wieder mit Hindernissen konfrontiert waren, wenn sie ihre Gebete in Moscheen verrichten wollten. Sie legten dabei grossen Wert auf Inklusion, um so viele betroffene Frauen wie möglich zu erreichen. Soziale Medien wurden dabei von Anfang an als zentrales Kommunikationsinstrument genutzt.
Die Gruppe begann rasch damit, Informationen zu Moscheen bezüglich der Zugänglichkeit und Nutzbarkeit durch Frauen zu sammeln, zu dokumentieren und öffentlich zugänglich zu machen. Sie organisierten auch gemeinsame Besuche von Freitagsgebeten und luden andere Frauen dazu ein, um sich mit ihnen über ihre Erfahrungen,, Ideen und Wünsche auszutauschen.
Sie unternahmen aber auch konkrete Feldforschung und fanden beispielsweise heraus, dass in der berühmten Süleymaniye-Moschee das Flächenverhältnis von Frauen- zu Männerbereich 1 zu 20 beträgt. Aber auch konkrete Diskriminierungen, wie z.B. die Wegweisung einer Frau aus der Haupthalle der Fatih-Moschee wurden publik gemacht, was zu vielen Diskussionen in der Öffentlichkeit führte.
Während der COVID-19-Pandemie veröffentlichte die Gruppe ein Pamphlet mit ganz konkreten Forderungen gegenüber den verantwortlichen Behörden. Darin wurden u.a. grössere Räumlichkeiten gefordert, um die erforderlichen Abstände («Social Distancing») einhalten zu können. Aber auch eine bessere Durchlüftung und regelmässige Reinigung wurden moniert.
Nach einem etwas unglücklichen Interview mit BBC Turkish im April 2018 gab es auch einige negative Reaktionen in den Sozialen Medien und eine hitzige Debatte in den öffentlichen Medien, in denen der Gruppe fast schon subversive Absichten unterstellt wurden. Sie verzichtete aber bewusst auf eine Richtigstellung, da sie sich ausserstande sah, gegen die Macht der Massenmedien etwas ausrichten zu können.
Es gab aber auch ein paar Lichtblicke. So meldete sich Anfang 2020 eine Firma, die den «Frauen-freundlichen» Umbau einer bestehenden Moschee planen und finanzieren wollte. Die Gruppe schlug aufgrund ihrer Erfahrungen die «Mihrimah Sultan-Moschee» im Istanbuler Stadtteil Üsküdar vor. Obwohl keine der Aktivistinnen an den Verhandlungen mit den Behörden und den Verantwortlichen (allesamt Männer) teilnahm, spürten sie doch eine grosse Unterstützung ihrer Anliegen. Leider scheiterte das Projekt am Schluss aber am Widerstand des verantwortlichen Muftis, der die Interessen der Männer höher gewichtete als jene der Frauen.
Trotzdem ziehen die beiden Autorinnen eine positive Bilanz ihrer bisherigen Arbeit. Es ist ihnen gelungen, das Thema der ungleichen Behandlung von Frauen in Moscheen an die Öffentlichkeit zu tragen und mit ihrer Feldforschung eine reichhaltige Dokumentation für zukünftige Generation bereitzustellen.
Dem geneigten Leser, der geneigten Leserin wird beim Lesen dieser Rezension nicht entgangen sein, dass es sich bei dem hier besprochenen Sammelwerk um eine ausgesprochen interessante und aufgrund der behandelten Themengebiete um eine sehr umfangreiche Publikation handelt, deren Studium der Autor dieser Zeilen jedem Interessierten und jeder Interessierten wärmstens ans Herz legen möchte.
Bibliografie
Betül Karakoç, Harry Harun Behr (Hrsg.), Moschee 2.0 – Internationale und transdisziplinäre Perspektiven, 2022, Waxmann Verlag, 254 Seiten, broschiert, 32,90 €, ISBN 978-3-8309-4460-7