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Auf ihrem Ruderboot schmuggeln die beiden Fischer Lebensmittel, Medikamente und Waffen nach Frankreich. Auf dem Rückweg transportieren Ami Gay und sein Sohn Paulus Flüchtlinge aus dem besetzten Frankreich in die Schweiz. Die Geschichte des Buches ist autobiographisch geprägt – die Westschweizer Autorin Janine Massard lässt sich von der Vergangenheit ihrer eigenen Familie inspirieren.
Sozialkritikerin aus der Romandie
Wie oft in ihren Romanen und Kurzgeschichten übernimmt Janine Massard die Rolle einer Sozialkritikerin. Interessiert ist sie besonders an der Schweizer Geschichte, welche sie durch starke Figuren zum Leben erweckt. Wie ihre Figuren stammt Janine Massard aus einem proletarischen, protestantischen Milieu: 1939 in Rolle am Genfersee geboren, begann sie bereits sehr jung zu arbeiten und erwarb nebenher das Abitur auf dem Abendgymnasium. Ihr Universitäts-Studium musste sie abbrechen, als sie Mutter wurde.
Ihr Werk erregte früh Aufmerksamkeit. In der Romandie ist sie sehr beliebt und hat unter anderem 1986 den Schillerpreis für den Roman «La Petite monnaie des jours» erhalten. Obwohl ihre Themen von nationaler Bedeutung sind, ist derzeit kein einziges ihrer Bücher in deutscher Übersetzung auf dem Markt.
Zwei Aufsteiger
Trotz der historischen Wichtigkeit der Geschichte, geschieht in «Gens du lac» keine Idealisierung. Die Beteiligung des Vaters und Sohns am antifaschistischen Widerstand wird in einen gesellschaftlichen und historischen Kontext gestellt. Das Buch beginnt mit dem sozialen Aufstieg des Vaters, Ami Gay, der als junger Mann als Diener bei einer reichen Familie arbeitet. Dort lernt er Berthe kennen, ebenfalls eine Dienerin, in die er sich verliebt. Mit ihr etabliert er sich bald als Fischer in Rolle am Genfersee und erreicht dadurch eine gewisse Freiheit. Paulus, der Sohn, steht im Kontrast zu seinem schweigsamen Vater. Er wirft einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und wird nach dem Krieg politisch aktiv.
Konfliktherd Familie
Im Laufe des Buches treten neue Figuren auf, die jeweils bestimmte Ideen ihrer Zeit verkörpern. Dabei wird ein umfangreiches Bild der protestantischen Gesellschaft im Waadtland aufgezeigt. Mit Berthe sowie Florence, der Ehefrau von Paulus, wird ein Akzent auf das Familienleben und die Stellung der Frauen gelegt – ein Lieblingsthema der Autorin.
Die konfliktgeladenen Beziehungen innerhalb der Familie werden hier erforscht, vor allem die Problematik der erfolglosen Kommunikation. Paulus und sein Vater werden ihren Ehefrauen nie verraten, dass sie der Widerstandsbewegung geholfen haben. Umgekehrt haben die Männer keine Ahnung, was im Haus passiert. Sie scheinen gar nicht zu bemerken, wie tyrannisch Berthe über ihre Schwiegertochter Florence herrscht. Als würden die Frauen und die Männer in zwei völlig getrennten Welten leben.
Schweizer Seeleute
Die «Gens du lac» sind wirklich «Seeleute», nämlich «Leute des Genfersees». Es gelingt Janine Massard, mit einer einfachen und poetischen Sprache eine starke Atmosphäre zu kreieren. In diesem Kontext spielt die Beschreibung des Genfersees eine wichtige Rolle: Er ist der Ort, wo die Geschichte stattfindet, und er prägt die Figuren. Als würde das Wasser die Emotionen und Gefühle der Figuren aufnehmen und ihre seelische Verfassung zum Ausdruck bringen.
Blick in die andere Schweiz
«Livres und Libri» ist das Fenster der Sendung «Reflexe» in die literarische Aktualität der französisch- und deutschsprachigen Schweiz, zu hören sechs Mal pro Jahr auf SRF 2 Kultur.
Buchhinweis:
Janine Massard: «Gens du lac», Orbe: Bernard Campiche 2013