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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch VII.
31.
Die Häresie des Markion in ihrer ersten und ursprünglichsten Form stammt mit ihrem aus Gut und Böse aufgebauten System offenbar von Empedokles. Ein Markionist, ein gewisser Prepon aus Assyrien, hat nunmehr etwas Neues erfunden, das er schriftlich dem Armenier Bardesianes übermittelt hat; so soll auch davon die Rede sein. Er nahm ein drittes Prinzip an, das Gerechte, das in der Mitte zwischen Gut und Böse liegt, und auch so konnte Prepon nicht an den Lehren des Empedokles vorbeikommen. Empedokles sagt, es gebe eine Welt, die vom bösen Hasse regiert werde, und eine zweite, geistig wahrnehmbare, die von der Liebe regiert werde, und es seien dies die zwei entgegengesetzten Prinzipien, Gut und Böse; in der Mitte zwischen diesen Prinzipien liege der gerechte Logos, durch den die vom Haß getrennten Dinge gesammelt und mit Hilfe der Liebe dem Einen verbunden werden. Diesen gerechten Logos, der mit der Liebe zusammenarbeitet, nennt Empedokles Muse und ruft ihn selbst für sich zum Helfer mit folgenden Worten an:
„Muse, unsterbliche, wenn es denn wirklich am Herzen dir lieget,
Daß die Erkenntnis der Dinge, der sterblichen, zu uns gelange,
Stehe denn, Kalliopeia, dem Bittenden bei, der daran geht,
Über die seligen Götter die wahre Lehre zu künden“1.
Hiernach verwarf Markion durchaus die Zeugung unseres Erlösers, er hielt es für widersinnig, daß der Logos, der der Liebe, d. i. dem Guten beistehen sollte, [S. 219] als Gebilde des ganz verderblichen Hasses gekommen sei; er sei vielmehr ohne Zeugung „im fünfzehnten Jahre der Herrschaft des Kaisers Tiberius“2 von oben herabgekommen, die Mitte haltend zwischen Gut und Böse und habe „in den Synagogen“3 gelehrt. Wenn er die Mitte hält, ist er fern von der Wesenheit des Übels; der Demiurg und seine Werke sind nämlich böse. Deswegen kam Jesus ungezeugt herab, auf daß er fern von jeglichem Bösen sei. Fern ist er aber auch von der Wesenheit des Guten, auf daß er die Mitte halte, wie Paulus sagt4, und wie er selbst bekennt: „Was nennt ihr mich gut; einer ist gut“5. Das sind die Lehren des Markion; unter Benutzung der Lehren des Empedokles täuschte er viele und begründete unter Anpassung der von jenem ersonnenen Philosophie an seine Lehre eine gottlose Ketzerei. Ich meine, sie genügend widerlegt und alles angeführt zu haben, wodurch die Markionisten unter Entwendung griechischen Gutes die Jünger Christi um ihren guten Ruf bringen, als ob sie Derartiges gelehrt hätten. Den Markionismus haben wir wohl genügend dargestellt; nun wollen wir sehen, was Karpokrates lehrt.
1: Fr. 131 D.
2: Luk. 3, 1.
3: Ebd. [Luk.] 4, 15.
4: Röm. 8, 3.
5: Mark. 10, 18; Luk. 18, 19; Matth. 19, 17.