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Seine Schritte sind kürzer geworden, aber sein Blick fixiert einen so forschend und direkt wie immer. Und so lebendig wie eh und je beginnt er zu erzählen. Nein, er habe kein Problem damit, sagt Sergius Golowin, als «Esoteriker» zu gelten: «Die alten Griechen bezeichneten das Geschichtenerzählen als ‘Exoterik’ und jene Leute, die in diesen Geschichten einen tieferen Sinn sahen, als ‘Esoteriker’.» Er habe sich immer für das «innere, symbolische Wissen» von Geschichten interessiert: «So lernte ich, dass es schon vor Jahrtausenden sehr gescheite Leute gegeben hat.»
Fürsprecher der Leute am Rand
Sergius Golowin wirkt seit mehr als einem halben Jahrhundert als Kulturaktivist und als Publizist. Er hat immer zwischen Interlaken und Bern gelebt, erlangte aber spätestens in den Sechzigerjahren gesamtschweizerische und bald darauf internationale Bekanntheit, und als enzyklopädisch belesener Mythograf ist er im Geist in allen grossen Kulturen der Welt zuhause.
Geboren ist er in Prag. 1933 kam er mit seiner Mutter, einer geborenen von Steiger, in deren Heimatstadt Bern. Väterlicherseits stammt er aus einer Familie am Schwarzen Meer, die im Laufe der Zeit als griechisch, tatarisch, zigeunerisch, krimgotisch, chazarisch oder als kaukasisch galt. Sein Vater war Bildhauer, der von der Familie getrennt in Paris lebte.
Nach der Handelsschule in Neuenburg und Wanderjahren, die ihn zum Beispiel 1947 zusammen mit dem Kunstmaler Franz Gertsch in die zerbombten Städte Frankreichs führten, begann er mit 19 Jahren in der Berner Stadtbibliothek die Ausbildung zum Bibliothekar.
Hier forscht Golowin über die Menschen an den Rändern der Gesellschaft, die ihn faszinieren, weil sie zu allen Zeiten den unerschöpflichen Schatz des mündlich tradierten, uralten Wissens in Form von Geschichten gehütet und in Erzählungen weitergegeben haben. Gleichzeitig sucht er von nun an die erzählenden Menschen auf, hört ihnen zu und sammelt ihre Geschichten. So wird er immer mehr auch zum Fürsprecher der Fahrenden, Hippies und Aussteiger aller Couleur.
Seit 1951 verkehrt Golowin im Kreis des Wiener Schriftsteller A. C. Artmann, der damals in Bern lebt, seit 1955 in jenem des Reformpädagogen Fritz Jean Begert. In verschiedenen Kulturkellern der Altstadt entwickelt er eine rege Vortragstätigkeit. Zwischen 1957 und 1968 ist er als Archivar und Stadtbibliothekar in Burgdorf tätig und lädt dort zusätzlich zu wöchentlichen Vorträgen und Diskussionen.
1968 macht er den Schritt zum freien Schriftsteller. Damals gilt er dem Staatsschutz laut einem Ficheneintrag als «prominentester Nonkonformist von Bern». Zwischen 1971 und 1981 wird er für den Landesring der Unabhängigen dreimal in den Grossen Rat gewählt, wo er sich – bevor es diesen Begriff gibt – als Grüner «für die Jugendkultur, für die Pflege der Überlieferungen und für den Heimat- und den Tierschutz» eingesetzt habe, wie er sich erinnert.
Seit Mitte der fünfziger Jahre war Golowin zusätzlich als unermüdlicher Publizist tätig. Heute führt der Katalog der Landesbibliothek unter dem Autorennamen Sergius Golowin 124 Titel. Er hat über Paracelsus, die Zigeunermagie und die Welt des Tarot geschrieben; über Adrian von Bubenberg und die «Lustigen Eid-Genossen»; über dioe «weisen Frauen», Traumdeutung, die «Göttin Katze» oder über Berns Stadtgespenster. Er hat Sagen und Märchen aus der ganzen Welt herausgegeben, und er war Mitautor des «Lexikons der Symbole», das seit 1980 immer wieder aufgelegt wird.
Dass das menschenverachtende Pro Juventute-«Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» zum öffentlichen Thema wurde und 1973 geschlossen werden musste, ist nicht zuletzt Golowins Verdienst. Und dass er bei der Wiederbelebung der Berner Fasnacht Anfang der Achtzigerjahre der Spiritus Rector gewesen ist, sollte hier eigentlich jedes Kind wissen.
Dichten heisst erzählen
Grosse Dichtung habe immer mit Finden mehr als mit Erfinden zu tun gehabt, sagt Golowin und erzählt eine Geschichte aus der Ukraine, die er von seiner Grossmutter gehört hat und in der er die Wurzel aller Ketzereien gefunden habe: «Eine Mutter zeigt ihrem kleinen Kind in einer alten Holzkirche im Wald die abgebildeten Figuren und lässt das Kind alle gleichermassen küssen, auch den Teufel. Da sagt eine alte Frau, die das sieht: ‘Ihr bringt eurem Kind bei, die bösen Geister zu verehren.’ Darauf sagt die junge: ‘Wer weiss, wo Ihr gelernt habt zu unterscheiden, welches die guten und welches die bösen Geister sind. Für andere sind die guten bös und die bösen gut. Ich bin eine einfache Frau, und ich lehre mein Kind, alle Kräfte, die über uns sind, gleichermassen zu ehren.»
Schreiben sei, sagt Golowin, «nur ein Notbehelf»: «Man fixiert die Geschichten, damit man die schönen Wörter nicht vergisst, die sie bilden. Aber die überragende Art zu dichten, ist das Erzählen.»