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Die Rassismus-Debatte hat auch das Bild von Cristoforo Colombo nicht verschont. Soeben hat der Italiener Giulio Busi, Professor für Judaistik, eine Biografie über Colombo veröffentlicht. Sie offenbart neben den ruhmvollen Seiten einen Charakter mit dunklen und widersprüchlichen Aspekten.
von Anton Ladner
«Der Seefahrer mit den Geheimnissen», lautet der Untertitel der neuen Biografie des Italieners Giulio Busi. Vor einem Jahr gab er ein Buch über Marco Polo heraus, was dokumentiert, dass Busi mit den Seefahrern vertraut ist. Schliesslich glaubte Colombo (1461−1506) aufgrund einer Abschrift des Reiseberichts Marco Polos, Indien auf Westkurs erreicht zu haben. Giulio Busi ist Professor für Judaistik an der Freien Universität Berlin und regelmässiger Autor auf den Kulturseiten der italienischen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore. Für Busi steht fest: Colombo hatte einen schlechten Charakter: Er sei einsam, mürrisch und stur gewesen. Das Bild von ihm ist jedoch in der Geschichte ein ganz anderes: ein gut aussehender Mann, willensstark, charmant, von den Frauen geliebt, von den Männern bewundert. Kolumbus war sehr wortgewandt, aber unnachgiebig und oft auch gnadenlos. Laut Busi ist die Wahrheit über das Wesen von Colombo jedoch komplexer. Der einsame Held verfügte über ein dichtes Netz von Freundschaften, Beschützern und Investoren, die auf ihn setzten, um ihr Vermögen zu vermehren. Leidenschaft und Mut verbanden sich deshalb bei Colombo mit Gewalt, Unterdrückung und Verrat.
Aber wer war der wirkliche Colombo? Bereits bei der Frage nach seiner Herkunft herrscht Unklarheit. Genua als Geburtsort belegen nebst Colombos Aussagen verschiedene Akten, zum Beispiel zwei Schuldscheine seines Vater, auf denen auch sein Sohn Cristoforo als Bürge eingetragen ist. Aber Colombo schrieb meistens in Kastilisch, nur zwei Randnotizen in Italienisch sind nachgewiesen. Auch seine Heirat in Portugal nährte Hypothesen von einer portugiesischen Abstammung. Viel weist darauf hin, dass Colombo der Genueser Händlerfamilie Scotto entstammte und auf den Namen Pedro getauft war. Den neuen Nachnamen nahm Colombo vermutlich an, als er im Dienst des Piraten Vincenzo Colombo stand, um seine Familie nicht zu belasten.
Laut dem jüdischen Autor und Publizist Simon Wiesenthal war Colombo jüdischer Herkunft, was er aber verheimlicht haben soll, um am spanischen Königshof nicht in Ungnade zu fallen. Tatsächlich hatte Colombo offenbar grosse Kenntnisse von der jüdischen Gedankenwelt. Er heiratete eine Jüdin und ging später mit seiner zweiten Frau keine Ehe mehr ein. Im Laufe der Jahrhunderte wurden ihm viele Heimatländer zugeschrieben, denn alle wollten an seinem Ruhm teilhaben. Deshalb ist auch im deutschen Sprachraum ebenso von Christoph Kolumbus die Rede, während niemand auf die Idee käme, von Markus Pol statt Marco Polo zu sprechen. Busi sieht Colombo als Aufsteiger durch Genie, durch Glück, durch Abenteuer. Nachdem Colombo berühmt und mächtig geworden war, versucht er, seine bescheidenen Ursprünge zu verwässern. Oft sind es Kleinigkeiten, die dann eine konstruierte Biografie in sich zusammenfallen lassen. Busi entdeckte ein entlarvendes Dokument, das Jahrhunderte verschollen war. Ines de Malaver hatte in Genua über die Colombos Klatsch verbreitet – offenbar mit einem grossen Wahrheitsgehalt. Darunter befanden sich auch konkrete Hinweise auf seine tatsächliche Herkunft. Der Vater sei nur ein Weber gewesen und sicher kein Adliger aus Spanien. Das führte zu einer Untersuchung, aber nicht gegen Ines de Malaver, sondern gegen Colombo wegen Misshandlung.
Denn Bartolomeo Colombo, der Bruder, der für die Rechtspflege zuständig war, liess der Klatschtante auf Anweisung von Colombo die Zunge herausschneiden. Das Verbrechen und die Strafe sind aktenkundig. Die Verhörakte, die jahrhundertelang als verschollen galt, wurde vor etwa 15 Jahren in Spanien gefunden.
Auf seinen Entdeckungsreisen zwischen 1492 und 1504 steuerte Kolumbus vor allem die Grossen Antillen an, darunter bei allen vier Reisen Hispaniola (heute Haiti und Dominikanische Republik), wo er erste Kolonien gründete. Erst auf seiner vierten Reise betrat er im heutigen Honduras das amerikanische Festland. Aber Amerika wurde schon 500 Jahre früher von Leif Eriksson und andern Isländern besucht. Mit Colombo kam es indes zu einer dauerhaften Kolonisierung der neuen Destinationen. Deshalb gilt Colombo als erster echter Amerikaner, der eine Kolonisation ermöglicht hat.
Der Dominikaner Bartolomé de Las Casas dokumentierte in seiner Streitschrift «Kurzbericht über die Verwüstung Westindiens» (1542), was er in 35 Jahren in Spanisch-Amerika gesehen hatte: Massenmorde, Verbrennungen, Vergewaltigungen, Zerstückelungen von Kindern, Schwangeren oder Alten. Ob Colombo auch für diese Taten verantwortlich war, ist unklar. Gewiss ist aber, dass die von Colombo und seinen Leuten eingeschleppten Krankheiten eine demografische Katastrophe auslösten. Die Bevölkerungszahl Hispaniolas sank von geschätzten 400 000 Menschen im Jahr 1514 laut de Las Casas auf «kaum noch 200» im Jahr 1542. Aus Colombos Logbüchern geht auch hervor, dass er vorrangig auf der Suche nach Edelmetall-Vorkommen war und einen Blick auf die Verwertbarkeit von Menschen und Natur hatte. Seine enormen Reisekosten wurden ja von seinen Investoren aus diesem Grund finanziert.
In den letzten Jahren hat sich deshalb die Debatte konkretisiert, dass Colombo für einen Genozid an der indigenen Bevölkerung Mitverantwortung trage. Streitpunkt ist unter den Historikern, ob aus Fahrlässigkeit oder Absicht.