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Literatur
Der bildreiche und stumme Kampf um Geborgenheit
In der hochsommerlichen Hitze kehrt Lucie in das Dorf zurück, wo ihre Mutter Aline erst zusammen mit dem Vater und später alleine ein Café mit Gästezimmer geführt hat, ins Dorf, in dem Lucie erst bei ihren Eltern und später bei ihrer Grossmutter Éstelle aufgewachsen ist. Die 1980 geborene Karin Richner erzählt in ihrem zweiten Roman "Sieben Jahre Schlaf" die Geschichte dreier Frauen und dreier Generationen, die sich auf der Suche nach Nähe immer weiter voneinander entfernen und denen der Schritt zurück und aufeinander zu nicht gelingen will.
Telefonisch wird Aline mitgeteilt, dass ihre Mutter einen Gehirnschlag erlitten habe. Erstmals nach zwanzig Jahren macht sich Lucie auf die Reise ins südfranzösische Dorf, hinein in die Tragik ihrer Kindheit. Kurz vor dem Ziel sitzt sie in einem Café und schaut aufs Meer: "Ich überlege, wo ich stranden würde, wenn ich ins Wasser waten und einfach immer weiterschwimmen würde. Vielleicht auf Festland, vielleicht auch nur auf einer kleinen Insel, von der ich lange nicht mehr weggehen würde, möglicherweise nie mehr."
Die kleine Insel, die ihre Familie hätte sein können, und kurze Zeit auch war, damals, als der Vater Pflanzen presste und die Mutter im Café servierte, steht unter Wasser, die Fluten kamen, als Lucie sah, wie die Mutter und ein anderer Mann "in der schattigen Einfahrt standen, halb hinter einem Auto versteckt, wie sie lachten und sich über die Haare strichen und zärtlich die Hände ineinanderlegten." Die Eltern sprechen in der Folge immer weniger und schliesslich nicht mehr miteinander, der Vater beginnt mit einem Architekturstudium in der Stadt und die Mutter bricht zu immer längeren Reisen auf. Lucie wird bei der Grossmutter Éstelle untergebracht, welche zwar im gleichen Dorf lebt, aber dennoch nicht ganz zur Familie gehört. Grund für die schwierige und stark abgekühlte Beziehung zwischen Éstelle und Aline, ist die Tatsache, dass Aline als Baby direkt nach der Geburt zu Pflegeeltern gegeben worden war und erst an ihrem sechsten Geburtstag von ihrer leiblichen Mutter erfahren hatte. Éstelle versucht gut zu machen, was sie bei Aline versäumt hat, sie überschüttet Lucie mit der Aufmerksamkeit und Liebe, macht die Enkelin zur Tochter, nennt sie nach einiger Zeit sogar Aline.
Selten kommt zur Sprache, worum es wirklich geht. Ausbrüche wie "Mein Gott Lucie, es ist bloβ eine Reise! Ich habe dich nicht weggegeben, als du noch ein Baby gewesen bist" gibt es ganz wenige, dabei wünschte man sie den drei Frauen so sehr. Die Sprachlosigkeit der Protagonistinnen gibt der Geschichte eine stellenweise kaum zu ertragende Schwere. Melancholie und Traurigkeit klammern sich fest an jedem einzelnen Wort, an jedem einzelnen Moment. Gerne würde man ins Geschehen eingreifen und die drei Frauen zum Dialog und zu Handlungen nötigen - in dieser zwanghaften Passivität liegt vermutlich der Abgrund, mit dem sich auch Lucie, Aline und Éstelle konfrontiert sehen.
Karin Richner ist - im Gegensatz zu ihren drei Hauptfiguren - alles andere als sprachlos. In ihrer Fähigkeit, Stimmungen und Bilder zu beschreiben und dabei ganz genau hinzusehen, liegt eindeutig die Stärke von "Sieben Jahre Schlaf". So akribisch genau, wie Lucies Vater Pflanzen abzeichnet, arbeitet Karin Richner mit der Sprache, feine Striche ergeben ein Ganzes, welches der Realität manchmal erschreckend nahe kommt. Diese Bilder und Stimmungen sind es schliesslich auch, die beim Leser zurück bleiben und beeindrucken, denn der Plot selber schwächelt und erschöpft stellenweise etwas, er ist zu stark auf diese einzelne Sequenzen fixiert, die Übergänge und der Handlungsfluss sind oft stockend. Auch wirken einige Erklärungsversuche zu simpel und schlicht überflüssig, beispielsweise wenn Mutters Reisedrang mit dem Umstand begründet werden will, dass Aline, dazumal, als sie mit Lucie schwanger wurde, eine Reise hatte absagen müssen: "Als Mama bestätigt wurde, dass sie schwanger war, gingen Papa und sie von der Arztpraxis direkt ins Reisebüro, um die dreimonatige Tour durch Südamerika zu annullieren, die sie geplant hatten."
Schön wäre gewesen, wenn das Buch mit Lucies Wunschvorstellung, gemeinsam mit Vater, der aus Bolivien angereist käme, die Mutter im Krankenhaus zu besuchen, aufgehört hätte: "Ich denke daran […], wie Papa und ich an Mamas Bett stehen, wie wir drei uns ansehen und uns unterhalten, so lange bis es Nacht geworden ist und Papa und ich gehen müssen."