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Teil 1: ICH
Herr Bischof, Sie beschreiben in Ihren Büchern, was den Menschen vom Affen unterscheidet: eine «permanente Identität». Was ist das?
Eine Fähigkeit, die man Motivmanagement nennen könnte. Sie ist offenbar spezifisch menschlich und entwickelt sich beim Kind erst mit vier Jahren.
Beginnen wir am Anfang. Wie entsteht Identität?
Die einfachste Form der Identität ist das, was wir «diachrone Identität» nennen. Das bedeutet: wenn ich etwas wahrnehme, erwarte ich, dass das vorher schon war und dass das nachher immer noch da sein wird. Wenn eine Katze eine Maus verfolgt und die in einem Loch verschwindet, dann lauert sie eine Weile, ob die aus dem Loch wieder herauskommt. Ein Frosch verhält sich da noch ganz anders.
Er wartet nicht?
Ein Frosch wird auf eine Fliege fokussieren, die in sein Gesichtsfeld fliegt und sich hinsetzt. Schiebt sich nun aber ein Blatt vor diese Fliege, dann ist die Fliege für ihn einfach weg. Er ist offenbar noch nicht so gebaut, dass er zu Gegenständen, die er wahrnimmt, auch einen Gedächtnisspeicher aufruft, wo dasselbe Ding vorher schon gewesen ist.
Weil der Frosch – im Gegensatz zum Menschen – diese Fähigkeit nicht braucht?
Na ja, wahrscheinlich würde er ein besserer Frosch werden, wenn er das könnte. Aber dann wäre er eben nicht mehr länger ein Frosch, sondern dann würde die Evolution entsprechend andere Stufen erklommen haben. Aber auf der Froschstufe…
…grossartiges Wort! Pardon.
(lacht) Ja, auf der Froschstufe ist das offenbar ein lokales Optimum: Diachrone Identität nebst all den Begleitmechanismen, die in ihrem Kontext dann mitentwickelt werden müssten, wäre in Anbetracht des zu erwartenden Nutzens für ihn wohl zu teuer.
Und der Mensch?
Der entwickelt sie relativ früh. Wenn etwas hinter einem Paravent verschwindet und später wieder auftaucht, aber mit der falschen Geschwindigkeit oder aus der falschen Richtung, dann sind Kleinkinder erstaunt. Im Alter von etwa anderthalb Jahren – oder auf der evolutionären Stufe von Schimpansen – kommt nun die sogenannte «synchrone Identität» hinzu. Sie macht es mir möglich, Dinge zu identifizieren, die gleichzeitig an verschiedenen Orten wahrgenommen werden.
Wozu sollte so etwas denn gut sein?
Synchrone Identität hängt mit der Entstehung einer anderen Errungenschaft zusammen, die in der Primatenreihe bereits bei den Menschenaffen nachweisbar ist: der Phantasie. Sie ist eine Probebühne, auf der ich Handlungen ausprobiere, bevor ich sie in der Realität ausführe. Für den Schimpansen bedeutet dies: wenn da oben eine Banane hängt und da drüben eine Kiste steht, so könnte es sinnvoll sein, die Kiste unter die Banane zu schieben, um darauf zu klettern und so die Banane zu erreichen. Ein Schimpanse kann all diese Schritte denken. Dazu muss er sich natürlich vorstellen können, dass es sich bei der Kiste, die in seiner Vorstellung schon unter der Banane steht, und jener anderen, die er immer noch am alten Ort wahrnimmt, um dasselbe Objekt handelt. Er braucht eine Identitätskategorie, die synchron funktioniert.
Und ab wann kommt die permanente Identität ins Spiel?
Das ist die dritte Stufe der Identität. Sie entwickelt sich bei Kindern wie gesagt ungefähr mit vier Jahren und ist Bestandteil einer völligen motivationspsychologischen Umstrukturierung. Die Sache ist: im allgemeinen haben wir in einem bestimmten Moment nicht nur ein Ziel, das wir gerade verfolgen möchten, sondern mehrere. Im gesamten Tierreich, einschliesslich noch der Schimpansen, entscheidet dann die Stärke: was im Moment das stärkste Motiv ist, verdrängt alle übrigen.
Wenn eine Banane dort oben hängt, dann ist alles andere egal?
Genau. Menschen hingegen können selbst bei einem sehr drängenden Motiv sagen: Ist ja gut, aber das kann ich auch später noch machen. Denn da gibt es etwas anderes, das in einer halben Stunde ganz wichtig werden kann, und jetzt…