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Bürgerschaften
Auf die verächtliche Frage nach seinem Bürgerort soll Diogenes, dieser berüchtigt «hündische» Alternative und heimatlose Rucksackphilosoph, einmal nur das eine frischgeprägte Wort «Kosmopolítes – Weltbürger!» zurückgeknurrt haben.
Die erst spät bezeugte Anekdote ist wohl «ben trovato – gut erfunden ». Aber sie markiert die Epoche jenes späten 4. Jahrhunderts v. Chr., in der die herkömmlichen griechischen Städtebürgerschaften ihre politische Bedeutung verloren hatten und der Siegeszug Alexanders des Grossen durch das Perserreich bis nach Indien hin neue Horizonte auftat. Aristoteles notierte damals in seiner späten «Ethik»: «Gerade wenn es einen in die Irre, in die Fremde verschlagen hat, kann er leicht erkennen, wie nah vertraut jeder Mensch jedem Menschen ist und wie sehr ein Freund.» Ein halbes Jahrhundert nach Diogenes, Alexander und Aristoteles hat die stoische Philosophie jedem Menschen über alle einzelnen Staatsbürgerschaften hinaus eine verpflichtende Weltbürgerschaft von Geburt zugeschrieben, und ein halbes Jahrtausend nach diesen drei damals schon «alten» Griechen hat Kaiser Marc Aurel den Zwiespalt zwischen der römischen Staatsbürgerschaft, in die hinein er geboren war, und dem griechischen Weltbürgertum, in das hinein er erzogen war, für sich selbst so gelöst: «Staatsgemeinschaft und Vaterland ist für mich als Marcus Aurelius die Stadt Rom, für mich als Menschen die Welt – der ‹kósmos›. Was nun diesen beiden Staatsgemeinschaften zugleich förderlich ist, das allein gilt mir als gut.»
Text: Thomas Binotto