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»Tage, Tage«
Wegen, wegen, wegen. Wegen des Coronavirus mache ich meinen Waldlauf nun schon vor sieben Uhr, dann treffe ich niemanden an, und so eile ich aus dem Haus, heimlich, wegen der Katzen, sonst laufen sie mir nach. Wegen der heimlichen Eile verschiebe ich das Schuhebinden auf später. Wegen der offenen Schuhbändel stolpere und stürze ich. Wegen des Sturzes fängt mein Knie an, weh zu tun. Wegen des Knies mache ich mir Sorgen und male mir aus, wie es wäre, ins Spital zu fahren. Wegen des Coronavirus möchte ich nicht ins Spital müssen. Wegen verlangt den Genitiv, meinetwegen, kann er haben.
Heute hätte mein Vater Geburtstag, er wäre 136 Jahre alt – ich hatte einen alten Vater. Und mittlerweile hätte er eine alte Tochter. 1884, als er zur Welt kam, trafen sich drei Kaiser zu einem Gespräch: Wilhelm I, Franz Joseph und Alexander III. Wenn die gewusst hätten, was mit ihren Ländern ... In Luzern, wo mein Vater geboren wurde, beschloss der Stadtrat gleichen Jahres die Errichtung eines jüdischen Friedhofs. Wenn der gewusst hätte, was mit den Juden … Die Damen trugen lange Kleider und Korsetts für Wespentaillen, die Herren trugen steife Hüte, steife Kragen und steife Blicke. Wie die gewusst hätten, wie man heutzutage …
Corona, corona. Heute hat die Schweiz dichtgemacht, Grenzen zu, Schulen zu, Läden zu. Was voll war, ist jetzt leer, was laut war, ist jetzt still. Der Himmel ist blauer, weil ohne Jetstreifen, die Luft ist frischer, weil ohne Abgase, die Agenda ist leichter, weil ohne Einträge, das Herz ist schwerer, weil ohne Umarmung, die News sind schwärzer, weil ohne Ende, die Jungen sind trister, weil ohne Freiheit, die Alten sind älter, weil ohne Nutzen, die Vögel sind vollkommen, weil ohne Virus. Sie singen drauflos.
Heute Morgen um zehn war ich am See, kaum Leute, Sonnewolkenmärzhimmel, ein paar Vogellaute, ein paar Motoren in der Ferne. Dann schrie jemand. Eine Frau schrie in ihr Handy. Lasciami in pace! schrie sie, stupido!, idiota!, smettila!, smettila!, wieder und wieder. Ich nahm mein Handy hervor, um smettila zu googeln. Hör auf!, heißt das. Da ich das Handy schon mal in der Hand hatte, machte ich gleich noch ein Foto vom Sonnewolkenmärzhimmel und eine Tonbandaufnahme vom Platschen und Klatschen rund um die verankerten Segelboote und eine Bestandesaufnahme der Vogelwelt mithilfe der Zwitschomat-App und eine Bestimmung der Bergspitzen mithilfe der PeakFinder-App. Smettila!, dachte ich endlich, weg mit dem Handy. Die Frau war nicht mehr zu hören. Nur noch Kohlmeise, Blaumeise, Grünfink und Grünspecht.
26. Februar 2020
Heute war der Versicherungsmann da. »Haben Sie schon eine Rechtsschutzversicherung?« Ähhh? Nie gehört, nie gehabt, nie gebraucht, ein langes Leben lang. »Stellen Sie sich vor«, sagt der Versicherungsmann, »Sie sitzen im Auto, der Tag ist schön, das Leben froh, die Ampel grün, es knallt.« »Das fängt ja an wie eine Kurzgeschichte«, sag ich. »Ist aber eine Langgeschichte«, sagt der Versicherungsmann. »Denn die Ampel des anderen war auch grün.« »Geht doch gar nicht«, sag ich. »Eben«, sagt der Versicherungsmann, »darum brauchen Sie eine Rechtsschutzversicherung.« Nein, brauch ich nicht, und ich werde weder die Kurz- noch die Langgeschichte schreiben. Lieber was ohne Ampeln.
24. Februar 2020
Lilli ruft an, von weit weg, von einem Pflegesessel an der Westküste der USA. »Ich will von euch Abschied nehmen«, sagt sie. Sprachlos halten wir den Hörer fest. Und fragen dann vorsichtig »Hast du genug?« Ja, hat sie, nach 93 Jahren. So lange schon ist sie die geliebte, bewunderte Lilli. So lange war sie schön, klug, lustig. Und mutig, stark, ehrlich. Und jetzt ist sie auch noch alt. »Wirklich genug?«, fragen wir. Wo’s jetzt doch Frühling wird mit Blumen und Gezwitscher. Und Sommer wird mit Grün, wie du’s magst. Und deine große Katze wird dir weiterhin auf den Schoss springen. Und deine großen Kinder wollen weiterhin von dir Rat. »Wirklich genug?« »Ach«, sagt die schöne, kluge, lustige Lilli. Die mutige, starke, ehrliche, alte. »Jetzt habt ihr mich verführt, noch ein bisschen zu bleiben. Ich ruf euch dann wieder an.«
Seneca schrieb 62 n. C. »Non vitae, sed scolae discimus«, und er kritisierte damit die römischen Philosophieschulen. Man hat das Zitat fleißig übernommen, aber umgekehrt: »Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.« So stand es über unserem imposanten Schulhausportal. Jetzt steht auf Transparenten der Fridays-for-Future-Demonstrationen: »Wieso für eine Zukunft lernen, die es bald nicht mehr gibt.« Trauriger geht es nicht, denke ich, die Alte, die im Protestzug mitläuft. Ich hatte eine Zukunft, konnte lernen, konnte lehren. Und war dafür nicht mal sonderlich dankbar.
Man weiß, wann ungefähr der Mensch sitzen, sprechen, gehen lernt, und wann er geschlechtsreif ist. Man weiß nicht, wann seine Weltanschauung fertig ausgebildet ist. Aber eines scheint klar: Wenn er sie mal hat, dann gibt er sie nicht wieder her. Er bindet sie sich um wie einen Melkstuhl und darauf lässt er sich nieder, wo immer er an einer Diskussion teilnimmt. Diese Melkstühle bleiben am Hintern festgemacht und schrauben sich bis ins Hirn. Noch nie habe ich gesehen, dass jemand in einem Disput seinen Melkstuhl abgelegt und sich einen ganz anderen umgebunden hat. Ich habe auch einen. Ich müsste ihn wieder mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Könnte ja sein, dass er wurmstichig ist …
Sonne, Blauhimmel, Grünwiesen, alles sauber geputzt. Bäume, Büsche, Beete, alles kahl geschoren. Ich mag ihn nicht besonders, den ödschönen Wintertag. Also stelle ich mir vor, ich könne hören, was sich da im Versteckten tut. Bäume üben sich im Knospenplatzen, dass es nur so knallt. Primeln, Veilchen und die ganze Spring Society schlagen und klopfen wild von unten gegen den Boden. Winzlinge im Humus gähnen und räuspern und schütteln sich wach. Es rauscht in den Stengeln und tickt in den Sprossen. Der Frühling lärmt von weitem. Lauter, bitte, lauter.
Das Abteil ist voll besetzt, hauptsächlich von Männern, hauptsächlich von solchen mit Notebook. Der Himmel ist tiefblau, der Kranz der Berge glitzerschneeweiß, die Bahn fährt das Prättigau hoch bis Davos, dort findet das World Economic Forum statt. Auf dem kleinen Fenstertisch liegt ein Bündel Papier, dem sagt man Zeitung, voller schwarzer winziger Zeichen, dem sagt man Schrift. Ich kann damit nichts anfangen, ich kann die arabischen Texte nicht lesen, ich bin Analphabetin und komme mir vor wie die Klostermagd im Mittelalter, die nicht versteht, was die Mönche aufs Pergament kritzeln. Oder wie das Kind, das die Mutter nicht stören soll, wenn sie Papier zur Hand nimmt mit nichts als schwarzen Ameisenbeinen drauf. Die Arabische Zeitung übrigens, das ist im Kleingedruckten zu entziffern, heißt Asharq al-Awsat.
Ich rannte, um den Bus zu erwischen, kaufte Tulpen und rannte, um das Tram zu erwischen, die Tulpen tropften, die Wolken flogen, der See blitzte, die Möwen flatterten, die Bojen tanzten, alles war in Bewegung, am schnellsten war die Zeit. Und dann stand sie aufs Mal still, als ich das Heim für Demente betrat und mit den Tulpen vor meiner alten Freundin stand. Nichts tat sich in ihrem Gesicht. »Wer bist du«, sagte sie schließlich. Die Zeit ruckelte ein paarmal hin und her über die letzten Jahrzehnte und blieb wieder stehen. Nach einigen hilf- und nutzlosen Sätzen meinerseits nahm mich die Zeit bei der Hand und sagte »Komm, wir gehen.«
Langsam hügelabwärts fahrend, Richtung Stadt, sah ich, dass mir im ersten Stock eines Hauses hinter dem Fenster jemand winkte. Auf und ab und auf und ab ging der Arm mit der weiß behandschuhten Hand. Blitzschnell oder noch schneller freute ich mich und wunderte mich, wer das sein könnte, war ich doch noch nie in diesem Haus gewesen, und fast gleichzeitig erkannte ich, dass das Winken kein Winken, sondern ein Fensterputzen war und der Handschuh wohl aus Gummi. Egal. Ein winzewinziges Geschoss aus Freude hatte mich voll getroffen.