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Das allerletzte Mal
»Neirim, du Taugenichts!«
Neirim zog den Kopf ein, doch der Schlag seines Lehrmeisters erwischte ihn trotzdem.
»Es tut mir leid, Dorach«, wimmerte er. »Es kommt nicht wieder vor.«
»Das ist deine allerletzte Warnung, Junge. Dein nächstes Mal ist dein letztes Mal, verstanden?«
Neirim nickte und rieb sich den Schädel.
»Jetzt geh und entschuldige dich.«
Neirim betrat das Geschäft ihres Kunden.
Der Schneider kniete am Boden und hob die Stoffe auf, die dort samt Aufhänger verteilt lagen. Über ihm hing die Schiene, die sein Meister heute montiert hatte. Die Haltesteine darin sahen genau so aus, wie sie sollten. Aber Neirim wusste, dass sie falsch herum eingesetzt waren. Ansonsten hätten die Aufhänger gehalten.
»Es tut mir leid.«
Der Schneider seufzte nur und entließ ihn mit einer Handbewegung.
Dorach hatte die Werkzeuge bereits zusammengepackt und auf den Karren geladen.
»Bring das Zeug zurück zur Werkstatt«, sagte er und ließ ihn stehen.
Neirim seufzte und packte den Handwagen. Das würde alleine eine ganze Weile dauern. Der Karren war schwer beladen, der Weg war weit und die Straße matschig. Mehr als einmal sanken die Räder unter dem Gewicht ein.
Als Neirim endlich ins Bett fiel, war es längst dunkel.
Am nächsten Tag schickte ihn Dorach zum Steine polieren, während er Neirims Fehler mit der Aufhängung korrigierte.
Es brodelte in Neirim, während er die Steine auf Hochglanz brachte. Wenn die Klunker nicht von allen Seiten genau gleich aussehen würden, würde er sie auch nicht regelmäßig falsch herum einsetzen. Ein bisschen bereute er, diese Stelle angetreten zu haben. In einer normalen Werkstatt ohne Haltesteine würden ihm diese Fehler nicht passieren.
Er nahm zwei Steine in die Hände und ließ sie in der Luft zusammenschnappen.
»Konzentrier dich«, maulte er und zog die Steine mit einiger Kraft wieder von einander.
»Neirim!«, bellte Dorach. »Lade den Karren und geh voraus. Mach vorwärts.«
***
Als Neirim mit dem Karren die Taverne erreichte, hatte ihn Dorach bereits eingeholt.
»Dorach, alter Freund!«, begrüßte sie die Wirtin. »Lange nicht gesehen.«
»Ich weiß.« Dorach erwiderte den Handschlag. »Arbeit, arbeit.«
»Hier.« Die Wirtin deutete auf ein leeres Regal hinter dem Tresen.
»Gläserne Humpen, ich muss schon sagen«, sagte Dorach. »Sind dir Holz und Ton nicht mehr gut genug?«
Die Wirtin winkte ab. »Mir und dir schon. Aber seit neuem habe ich auch ein paar betuchtere Gäste. Und die wollen beeindruckt werden.«
Neirim stellte die gepolsterte Kiste vorsichtig ab und holte einen der Humpen hinaus. Fein säuberlich in dessen gläsernen Boden eingelassen war einer ihrer Haltesteine. Beeindruckend. Dorach hatte kein einziges der Gläser während seiner Arbeit zerbrochen.
»Aber ab und zu geht auch etwas rauer zu und her«, sagte die Wirtin. »Ich will nicht riskieren, dass die Gläser bei dem Radau vom Regal fliegen.«
Neirim wurde etwas eng in der Brust. Er hoffte innig, dass ihm beim Herstellen der Leisten kein Fehler unterlaufen war.
»Ich will dir was zeigen«, sagte die Wirtin und knuffte Dorach in die Seite. »Dein Lehrling schafft das schon alleine, oder?«
Die beiden sahen erwartungsvoll auf Neirim hinunter.
»Natürlich«, sagte dieser rasch und holte die restlichen Dinge hinein, während die beiden verschwanden.
Neirim packte die Holzleisten aus, in denen er die Steine eingearbeitet hatte und fixierte sie mit Nägeln auf dem Regal.
Als er alle angebracht hatte, stellte er die Gläser darauf. Nach und nach rutsche jedes an seinen Platz und auch wenn Neirim ihnen einen kleinen Schubser verpasste, blieben sie fest an Ort und Stelle. Zufrieden nahm er das fünfte und letzte Glas und kaum näherte er es seinem Abstellplatz, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Es war, als würde ihn eine Kraft davon abhalten, das Glas abzustellen.
»Nein, nein, nein.«
Dorach durfte das ja nicht sehen.
Ohne zu überlegen, ließ er das Glas los und griff nach dem Werkzeug. Doch als er sich wieder umwandte, blieb ihm die Spucke weg.
Das Glas schwebte zwei Fingerbreit über dem Regal.
Ungläubig starrte er auf das Phänomen.
Eine Tür ging hinter ihm. Ohne zu überlegen, fasste Neirim nach dem Glas und machte sich mit dem Werkzeug daran, die falsche Holzleiste zu entfernen. Glücklicherweise hatte er eine auf Reserve gemacht und diese schien richtig herum gebaut zu sein.
»Dein Junge sieht etwas blass aus, Dorach«, sagte die Wirtin, als sie die beiden verabschiedete. »Ein Gläschen Wein tät ihm sicherlich auch gut.«
Die Wirtin zwinkerte ihm zu und Neirim lachte verlegen.
»Gute Arbeit heute«, lobte ihn Dorach.
Doch trotzdem lag es wieder an Neirim, den Wagen nach Hause zu ziehen.
Im Bett ließ ihn das schwebende Glas nicht in Ruhe. Als es längst nach Mitternacht war, konnte er nicht anders und er schlich zurück in die Werkstatt.
***
»Was soll das?«, weckte ihn Dorachs wütende Stimme. »Hast du den Verstand verloren?«
Neirim blinzelte den Schlaf aus den Augen.
Dann erinnerte er sich, dass er in der Werkstatt eingeschlafen war. Er hatte den Handwagen als Bett benutzt. Oder eher, was davon übrig war.
»Warte, warte«, sagte er hastig, als Dorach bereits die Hand zum Schlag ausholte.
»Das wirst du mir abarbeiten«, knurrte Dorach, doch er ließ die Hand sinken.
»Warte«, wiederholte Neirim und kam auf die Beine.
Er zog den Unterbau des Wagens zur Seite, so dass er frei in der Werkstatt stand. Die gesicherte Ladefläche hatte er durch eine einzelne Holzplatte ersetzt, die die Räder verband. Mit dem restlichen Holz hatte er eine Kiste gebaut.
»Hast du da etwa Haltesteine verbaut?«, fragte Dorach entgeistert, als er die Holzplanke inspizierte.
»Hilf mir kurz.«
Neirim war so im Eifer, dass er die Neugier seines Meisters weckte, also half Dorach tatsächlich die beladene Kiste auf die Ladefläche zu hieven.
Als sie die Kiste losließen, krachte sie jedoch nicht einfach auf die Ladefläche, sondern blieb zwei Fingerbreit darüber in der Luft hängen.
»Donnerwetter!«, stieß Dorach aus.
»Es funktioniert!«, jauchzte Neirim.
Er packte den Wagen und zog ihn vorsichtig nach draußen. Die schwebende Kiste folgte im gleichen Tempo.
»Die Haltesteine stoßen einander ab, wenn man sie falsch herum einsetzt.«
»Es schwebt«, stotterte Dorach.
»Ohne das Gewicht sinken die Räder nicht mehr ein. Das macht alles viel einfacher!«, erklärte Neirim. »Ich präsentiere: Ein Schwebewagen.«
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.