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Rückkehr zu den Wurzeln
Die Gedanken der Reformation aus dem Umfeld von Luther und Zwingli stiessen bei der ländlichen Bevölkerung und dem Berner Patriziat vorerst auf Skepsis bis Ablehnung. Nach einem dreiwöchigen Religionsgespräch wurde der neue Glauben 1528 dann aber durchgesetzt. Zu den letzten, die im Berner Münster die Familienkapelle räumten, gehörte das Haus v. Diesbach. Sebastian v. Diesbach siedelte in der Folge nach Freiburg über, während die Vertreter der Familie v. Wattenwyl die Reformation kräftig beförderten. 1527 wirkte als letzter Pfarrer unter der alten Ordnung Johann Schlegel. Auch er musste das Reformationsmandat von 1528 unterschreiben und umdenken. Die Reformation führte zu einer Bildungsoﬀensive, zu mehr Demokratie und zu einer grösseren Oﬀenheit für wissenschaftliches Denken. Der alte Glauben war ablesbar an vielen Kapellen in der Höhe, Kreuzen und Wegstöcken mit Marien-und Heiligenbildern und häufigen
Prozessionen. Vermutlich stand auf dem Kirchbühl tatsächlich ein Kirchlein. Und der Name «Ölbergli» für den Hügel östlich der Kirche deutet auf einen Stationenweg hin, der wohl u.a. in der Passionszeit begangen wurde. Zudem herrschte strenge Kirchenzucht. Jedes Mitglied der Kirchgemeinde musste das «Vaterunser» beten können – auf Lateinisch und Deutsch – und regelmässig die Frühmesse, die Predigt oder die Vesper (Nachmittags-Predigt) besuchen. An Festtagen war bis 12 Uhr Fasten angesagt – mit dem Verzicht auf Fleisch, Milch, Butter, Käse und Eier. Die Kirche war ausgestattet mit kunstvollen Altären sowie gestifteten Scheiben und Bildern als Dank für erfahrene Hilfe. Aberglaube und Reliquienkult (Verehrung der Gebeine von Heiligen) waren weit verbreitet. Die Bildung der Land-Priester war in der Regel eher dürftig. Sie reichte aber, um in der Kirche die «Tageszeiten» (festgelegte Gebete im Verlaufe des Tages) zu beten. Die Priester mussten alle 150 Psalmen, die Taufgebete und andere Gebete bei heiligen Handlungen auswendig beten können.
Diese intensive Religiosität bekam vor der Reformation zunehmend Risse. Im Dominikanerkloster der Stadt Bern wurden Erscheinungen der Jungfrau Maria und anderer Heiliger und blutige Tränen der Maria behauptet – und dann im «Jetzer-Handel» vom Bischof von Lausanne als Schwindel aufgedeckt (1507). Der Berner Künstler und Politiker Niklaus Manuel malte an die Umfassungsmauer des Dominikanerklosters einen «Totentanz» (1519) mit Begleitversen, die auf Missstände der Geistlichkeit hinwiesen. Auch in Bern wurden Ablasszettel zum Erlass aktueller und zukünftiger Sünden verkauft.
Nach langem Zögern brachte die Berner Regierung 1528 den neuen Glauben zur Debatte. Sie rief alle Pfarrer und Bischöfe, die eidgenössischen Stände und die wichtigsten Reformatoren (darunter Zwingli) zu einem Religionsgespräch zusammen. Die Bischöfe boykottierten die Veranstaltung. Nach drei Wochen Diskussion setzten sich die reformatorischen Ideen durch. Im darauf folgenden Reformationsmandat vom 7. Februar 1528 wurden die Messe, Altäre und Heiligenbilder verboten. Priester durften heiraten. Der Priester, Berner Diakon und Probst zu Lausanne, Niklaus v. Wattenwyl (1492-1551) schloss 1526 die Ehe mit der Klosterfrau Clara von May und kaufte die Herrschaft Wyl (heute: Schlosswil). Aus dieser Verbindung entstammen 95% der heutigen Familie v. Wattenwyl – darunter auch der aktuelle Schlossherr. Sie sind sozusagen Kinder der Reformation! Den Klöstern wurden ihre Güter entzogen, auch in unserer Gegend. Der bernische Stadtstaat vergrösserte so sein Gebiet über Nacht um über einen Sechstel. Er übernahm nun die Oberaufsicht über kirchliche Angelegenheiten. Die Gottesdienste waren nun der Ort, an dem auch politische Mitteilungen der Regierung weitergegeben wurden. Deshalb musste von jeder Familie mindestens ein Mitglied im Gottesdienst sitzen. Diese Präsenz wurde durch das Chorgericht (ab 1529) unter der Leitung des Schlossherrn kontrolliert. Gleichzeitig sorgte das Chorgericht dafür, dass dem neuen Glauben im Alltag Folge geleistet wurde.
Die Kirchen wurden nun ausgeräumt oder neu (um-)gebaut, Kapellen niedergerissen und Kreuze entfernt. In unserer Kirche findet sich das Kreuz nur versteckt – oben in der Kuppel des Chors. Von nun an sollten Predigt (Bild) und Bibel im Zentrum stehen. Der Bevölkerung wurde die neue Lehre mit bis zu vier Predigten pro Woche nahegebracht. Eine Bildungsoffensive machte die nun auf Deutsch übersetzte Bibel auch Kindern zugänglich. Grund-und weiterführende Schulen wurden gezielt gefördert. Die Reformation förderte das selbständige Denken. Mündigere Christen verlangten mehr Rechte – darunter auch die Bauern. Und die Lust, die Schöpfung zu Ehren des Schöpfers und ohne Scheuklappen zu erforschen, war endgültig erwacht. Allerdings spaltete sich die Eidgenossenschaft konfessionell auf, verbunden mit vier Religionskriegen und dem Sonderbundskrieg, bevor im Bundesstaat von 1848 allmählich tolerantere Verhältnisse einkehrten.
Als Folge der Reformation entstanden die (heutigen) Freikirchen. Vorerst die Täufer, die als erste den Glauben frei vom Staat ausüben wollten. Später kamen pietistische Kirchen dazu (17. Jh.), gefolgt von weiteren Erneuerungs-Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Heute ist das ökumenische Gespräch in der Schweiz im Zeichen der versöhnten Verschiedenheit weit fortgeschritten. Die Berner Reformierte Kirche ist kleiner geworden, schweizweit aber die grösste geblieben. Trotzdem versucht sie, das Postulat der «ständigen Reformation» in die Tat umzusetzen.