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Was machst du überhaupt noch hier in Senegal?», fragten sie mich immer wieder. «Schämst du dich nicht, dass du dein Glück nicht in Europa versuchst?» Und dann sagten sie: «Deine Familie ist dir wohl nichts wert.» Sie kamen fast jeden Tag zu mir. Und obwohl ich eigentlich nicht nach Europa wollte, zahlte ich den Schleppern am Ende den Betrag für die Überfahrt – die mich an den Ort der Träume bringen sollte, wie sie sagten.
Senegal war mein Zuhause. Das Leben war nicht einfach, aber ich war glücklich. Ich hatte ein kleines Geschäft, wo ich Segeltuch anbot. Kunden hatte ich genug. Ich verdiente so viel, dass es zum Leben reichte. Meine Frau liebte und meine Familie schätzte mich. Eigentlich gab es für mich keinen Grund, nach Europa zu reisen. Doch da waren diese ewigen Fragen, dieses Drängen. Bis ich nachgab und ging. Ich glaubte, meine Familie besser unterstützen zu können. Das gab mir Halt, als ich in Libyen ins Boot stieg. Ich hatte keine Ahnung, dass ich zwei Jahre lang unter einer Brücke, zwischen Cracksüchtigen und Ratten in einem dünnen Zelt leben würde. Über die Überfahrt kann ich nicht sprechen. Die Worte fehlen mir, wenn ich es versuche. Mein Gehirn verdrängt, was ich nicht mehr wissen will. Die Reise nach Paris war eine Irrfahrt. Doch ich schaffte es dorthin, wo schon viele Bekannte hingegangen waren und von einer hoffnungsvollen Zukunft berichteten. Doch meine Hoffnung zerschlug sich schnell. Da ich in Senegal nicht an Leib und Leben bedroht war, gab es für mich keine Aussichten auf einen Asylstatus. So rutschte ich in die Illegalität.
Die Strassen von Paris wurden mein Zuhause. Brücken, Hauseingänge und Telefonkabinen zwischen dem nördlichen Arrondissement Saint-Denis und den Champs-Élysées boten mir Schutz. Bei minus vier Grad, in einem kleinen Plastikzelt im Schutz einer Autobahnbrücke ass, schlief und lebte ich. Die Kälte liess uns nah zusammenrücken. Wir rissen makabre Witze und entfachten schwarz qualmende Feuer. Viele, die ich kannte, begannen Drogen zu nehmen. Andere verschwanden einfach. Ratten nagten an unseren Zelten, der Schlamm rundum schluckte unsere Füsse bis zu den Knöcheln. Es stank nach Urin und Abfall. Frankreich schaute nur zu. Die Zahl der Geflüchteten überforderte den Staat, die Asylzentren waren voll, und die Strassen füllten sich stetig mit weiteren Zelten. Manchmal veranstalteten Polizisten Razzien. Sie nässten die Zelte mit Wasserwerfern und weckten mit Gummischrot schlafende Männer. Die meisten waren noch nicht einmal volljährig.
Europa ist kein Glitzerparadies. Europa ist kalt, hart, und hier wartet kein Glück. Was die Schlepper mir unter der heissen Sonne Senegals erzählten, war ein Märchen. Eine Lüge, die mir das Geld aus der Tasche zog und meine Familie entzweite. Ein Stück Heimat ist die französische Sprache, immerhin. Während Freunde aus Afghanistan Mühe hatten, sich zu verständigen, konnte ich mit den Leuten reden. Die Sprache ist das Einzige, was mir von zuhause geblieben ist.
Seit zwei Jahren bin ich nun weg von der Strasse. Ich habe ein eigenes kleines Heim, das ein Freund für mich mietet. Im Winter vor zwei Jahren lernte ich Heather und Calvin aus England kennen. Die beiden verteilten Nacht für Nacht freiwillig Hilfsgüter. Manchmal sprachen wir kurz miteinander. Irgendwann fragte mich Heather nach meiner Geschichte. Ich spreche bis heute nicht gern darüber, aber ich erzählte sie ihr. Dass ich nähen kann, gefiel ihr. Eine französische Airline schenkte Heather und Calvin Decken. Sie wärmen kaum, sind dünn und haben ein winziges Format. Seit Monaten nähe ich nun bei Heather und Calvin Dutzende Decken zusammen.
Ich helfe den beiden jeden Tag ein paar Stunden. Etwas tun zu können für all jene, die noch immer auf den Strassen leben, tut mir gut. Obwohl ich weiss, dass ich in Frankreich immer ein Illegaler bleiben werde und mein Weg zurück nach Senegal versperrt ist. Meine Ehre ist in den Augen meiner Verwandten dahin, denn ich bin in Europa gescheitert.
Täglich verfluche ich jenen Tag, an dem ich den Schleppern nachgab und ihnen mein Leben schenkte.