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Wettersäule Details
Die Lambrecht‘sche Wettersäule in Gletsch in altem Glanz
Wetterprognosen ohne Computermodell und Satellitenbild
Die Wetterprognosen von heute basieren auf einem weltweiten Netz von Messstationen, äusserst komplexen Berechnungsmodellen, der Auswertung von Satellitenbildern, von Wetterradar etc. Trotz dieser hoch entwickelten Technologien bergen sie immer noch eine gewisse Unsicherheit, insbesondere bei instabilen Wetterlagen. Um wieviel schwieriger waren Wettervorhersagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als all diese Hilfsmittel nicht zur Verfügung standen und elektronische Kommunikationsmittel rar, zum Teil noch nicht existent waren bzw. in den Kinderschuhen steckten.
Bereits im 19. Jahrhundert wurden Messgeräte entwickelt, die Wetterprognosen erleichterten. So genannte Wettersäulen kamen auf den Markt, die in Städten, Kurorten und anderen touristischen Stationen die Wettervorhersage unterstützten. Damals wie heute war die Wettervorhersage ein wichtiges Bedürfnis für den Tourismus, die Landwirtschaft etc.
Die Firma Wilhelm Lambrecht in Göttingen, 1859 gegründet und heute noch auf ihrem Sektor kompetent, war führend für die Entwicklung von Messinstrumenten für die Wettervorhersage und bot ein Sortiment von komplett ausgerüsteten Wettersäulen mit verschiedenen Instrumenten an. Die Wettersäule in Gletsch wurde 1903 geliefert und entsprach dem Modell III, „Tourist“. Sie enthielt
- ein Lambrechts Polymeter,
- einen Lambrechts Wettertelegraphen,
- ein normales Thermometer und
- ein Minimum-Maximum Thermometer.
Die Basisdaten für die Wettervorhersage
Als Basis für die Wettervorhersage dienten die Werte von Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchte (Taupunkt), Wind und Windrichtung. Im Besonderen wurde auch die Entwicklung (Veränderung der Daten im zeitlichen Ablauf) beobachtet und interpretiert. Erkenntnisse, die auch heute noch gelten sind u.a.:
- Hoher und steigender Luftdruck weist auf günstige Wetterbedingungen hin, tiefer und fallender auf schlechte
- Ostwind (Bise) bringt anderes Wetter als Westwind
- Hohe Luftfeuchte - insbesondere in Verbindung mit hoher Temperatur - weist auf Regen oder Gewitter hin.
Um die Änderungen der wetterbestimmenden Parameter zu erkennen, verfügte der Lambrecht’sche Wettertelegraph - bestehend aus einem Thermohygroskop und einem Barometer - über Merkzeiger, die die Stellung der Instrumente um acht Uhr morgens festhielten (sie mussten manuell eingestellt werden) und so im Tagesablauf die Veränderungen erkennen liessen. Auf einer emaillierten Tafel unter den Instrumenten wurde die vermutliche Wetterentwicklung gemäss der Stellung der Instrumentenzeiger am Abend angegeben. Man mutete sich Voraussagen für einen Zeitraum von 36 Stunden zu, wobei die Tafel in der Wettersäule ausdrücklich sagt: Die Prognosen „sollten billigerweise auch nicht vor Ablauf dieser Zeit kritisiert oder nach dem äusseren Augenschein korrigiert werden.“
Der Taupunkt der Luft bei der aktuellen Luftfeuchtigkeit und Temperatur ist von Bedeutung in Zusammenhang mit der Änderung der Lufttemperatur. Lambrecht versah das Thermometer zu diesem Zweck mit einer zweiten Skala, die den grössten möglichen Wassergehalt der Luft (relative Feuchte = 100%) bei der jeweiligen Temperatur angab.
Das obenstehende Diagramm zeigt diese Werte in Form einer Kurve und die Art der Interpretation. Beispiel: Bei einer Lufttemperatur von 30 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von rF = 50% entspricht der Wassergehalt der Luft einem Taupunkt von etwa 18,5 °C. Sinkt die Lufttemperatur unter diesen Wert ist mit dem Ausfall von Feuchtigkeit zu rechnen (Tau, Regen, Gewitter).
Die renovierte Wettersäule von Gletsch verfügt – ausgenommen das Thermometer – über alle Instrumente der ursprünglichen Ausrüstung und lässt somit auch heute Wetterprognosen à la 1900 zu. Die Lufttemperatur ist auch am Minimum-Maximum-Thermometer ablesbar.
Die speziellen Lambrecht'schen Instrumente
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Das Hygrometer (Lambrecht’s Polymeter)
Das Hygrometer basiert auf der Dehnung blonder entfetteter Damenhaare in Abhängigkeit von der relativen Luftfeuchtigkeit.
Dieses Hygrometer verfügt neben der Skala für die Anzeige der relativen Luftfeuchtigkeit eine zweite „Skala der Gradzahlen“. Diese Skala zeigt an, um wieviel °C der Taupunkt unter der aktuellen Temperatur liegt. Damit ist eine rasche Ermittlung des für die Vorhersage wichtigen Taupunkts mit guter Genauigkeit möglich. Der Zeiger des Polymeters hat drei Spitzen für eine genauere Ablesung bei verschiedenen Temperaturen (0 °C rechte Spitze, 10 °C mittlere Spitze, 20 °C linke Spitze).
Das Thermo-Hygroskop (Wärme-Feuchtigkeitsmesser)
Dieses Instrument beinhaltet ein Haar-Hygrometer und ein Thermometer, die auf den gleichen Zeiger wirken. Steigende Temperatur bewirkt ein Sinken des Zeigers, zunehmende relative Feuchtigkeit ebenfalls.
Bei diesem Instrument wird um acht Uhr morgens die Zeigerstellung manuell auf „0“ eingestellt. Bleibt der Zeiger – z.B. am Mittag bei höherer Temperatur – bei „0“, so bedeutet dies, dass die absolute Luftfeuchtigkeit (Wassergehalt pro Volumeneinheit) konstant und damit auch der Taupunkt konstant geblieben ist. Die höhere Temperatur am Mittag
bewirkt ein Fallen des Zeigers. Die konstante absolute Feuchtigkeit bedeutet bei der höheren Mittagstemperatur aber eine geringere relative Luftfeuchtigkeit und bewirkt damit ein Steigen der Anzeige und somit ein Verharren der Anzeige auf „0“.
Dementsprechend zeigt ein Steigen des Zeigers eine Abnahme des Taupunktes an (günstige Wetterbedingungen) und ein Sinken eine Zunahme (ungünstige Wetterbedingungen). Dieses Instrument ist Teil des Wettertelegraphen für die Wettervorhersage.
Der Lambrecht'sche Wettertelegraph
Der Wettertelegraph ist das Kernstück der Wettersäule für die Wettervorhersage. Er besteht aus dem Thermo-Hygrometer, dem Barometer, zwei Merkskalen für das Festhalten der Zeigerstände vor acht Uhr morgens und einer Tabelle, die Anleitung zur Interpretation der Anzeigen der Instrumente am Abend und damit zur Wettervorhersage gibt.
Zusätzlich gibt es in der Lambrecht’schen Literatur „Wetter-Regeln von Dr. A. Troska für die Prognosen bei Benutzung des Lambrecht’schen Polymeters und Taupunktzeigers“. Diese basieren auf der Taupunkt-Temperatur im Vergleich zur „Mitteltemperatur um acht Uhr morgens“ (Die Temperatur um acht Uhr morgens entspricht gemäss diesen Regeln ungefähr der mittleren Tagestemperatur). Eine dieser Regeln besagt z.B., dass (bei westlichen Winden) mit vorwiegend heiterem Wetter und Gewittern zu rechnen ist, „wenn der Taupunkt die Mitteltemperatur von acht Uhr morgens erreicht oder übersteigt oder wenn er überhaupt den Stand von +18° überschreitet“.
Diese Wetterregeln und die Angaben auf dem Wettertelegraphen lassen erkennen, dass für eine korrekte Interpretation der Anzeigen der meteorologischen Instrumente doch Einiges an Fachwissen erforderlich war und ist.
Die Restauration der Wettersäule von Gletsch
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Um Gletsch ein weiteres Kleinod aus der Belle Époque zu erhalten, beschloss die Immobilien Gletsch AG 2011, die Wettersäule renovieren zu lassen. Die Säule wurde im Mai 2011 abgebaut und in die Wagenwerkstatt Aarau der Sektion Aargau des Vereins Furka Bergstrecke VFB gebracht. Jakob Schrämmli (Wagenwerkstatt) restaurierte das arg mitgenommene Gehäuse der Wettersäule, während Peter Wüthrich von der Panatec AG in Stäfa (heutige Vertretung der Lambrecht GmbH in der Schweiz) die Instrumente in Kur nahm. Sowohl Jakob Schrämmli wie auch die Panatec AG erbrachten ihre Leistungen ohne Verrechnung.
Das Gehäuse der Wettersäule musste bis auf das letzte lösbare Teil zerlegt, vom Rost befreit und sandgestrahlt werden. Beim Wieder-Zusammenbau legte Jakob Schrämmli grössten Wert auf den Schutz vor dem Eindringen von Feuchtigkeit und Verrosten. Viel Aufwand erforderte das Einbringen von Gewinden für eine sichere - und wieder lösbare - Verschraubung der Teile. Original waren der Grossteil nicht lösbare Nietverbindungen. Da die Säule über keine Windfahne mehr verfügte, baute Jakob Schrämmli eine neue nach dem Vorbild der Wettersäule in Bremgarten.
Die Renovation der meteorologischen Instrumente bedeutete primär eine sorgfältige Reinigung und Überarbeitung aller Teile. Das Werk des Barometers war leider vollkommen korrodiert und musste durch ein neues ersetzt werden. Peter Wüthrich gelang es, das neue Werk mit einer Adapterplatte in das Original-Gehäuse einzubauen und einen neuen Zeiger nach dem Vorbild des alten von Hand zu fertigen. Äusserlich sieht das Barometer wie ursprünglich aus. Es ist wieder voll funktionsfähig.
Montage in Gletsch zur Saisoneröffnung 2012
Am 20. Juni 2012 montierte das Team bestehend aus Jakob Schrämmli, Peter Wüthrich und Ueli Michel (Wagenwerkstatt Aarau) die Wettersäule mit den Instrumenten wieder in Gletsch am alten Standort im Park vor dem Hotel Glacier du Rhône. Dort bildet sie mit den übrigen Sehenswürdigkeiten von Gletsch einen Anziehungspunkt für technisch und historisch Interessierte.
Autor:
Heinz Unterweger
Bilder:
Peter Wüthrich, Heinz Unterweger, Jakob Schrämmli
Quellen:
- Einführung in die Wetterkunde von Prof H. Hartl, Verlag von Wilh. Lambrecht Göttingen, 1912; Reprint von Wilh. Lambrecht GmbH zum Anlass des 150-jährigen Firmenjubiläums
- Katalog der Wilh. Lambrecht GmbH von 1895; www.wettersaeulen-in-europa.de; Stadtarchiv Krefeld
- Renovationsbericht von P. Wüthrich, Panatec AG, Stäfa
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