Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03256.jsonl.gz/533

Am 16. November 2005 ersteigerte ein Käufer im Auktionshaus Christie’s in Genf die Naturperle La Régente für 2,5 Millionen Dollar. Es ist die teuerste Perle aller Zeiten. Entsprechend majestätisch ist ihre Geschichte: Napoleon Bonaparte hatte das ausserordentlich grosse Exemplar seiner zweiten Gattin geschenkt. Napoleon III. liess sie dann im Jahr 1853 seiner Frau zum Hochzeitstag galant in eine Korsage einarbeiten. Später wurde die Perle an einer Auktion an einen Prinzen aus St. Petersburg verkauft.
Um Perlen ranken sich Legenden. Die Perser verstanden die Perle als Träne der Götter, die Chinesen glaubten, dass der Mond Perlen wachsen lasse. Die Griechen betrachteten Perlen als Tau vom Mond, der sich ansammelt, während die Austern nachts mit offenen Schalen auf dem Meer schwimmen. Lange Zeit glaubte man, nur göttliche Kräfte könnten eine Perle entstehen lassen, nicht aber der Mensch.
So war es auch – bis zum 11. Juli 1893. Damals entdeckte Kikichi Mikimoto, wie man Perlen künstlich herstellt. Mikimoto schnitt einen Teil der Haut einer Muschel heraus und integrierte ihn in den Mantel einer anderen. Er nutzte das offene Blutsystem, über das die zehn Muschelarten, die Perlen produzieren, verfügen: Wenn man ein Stück vom Gewebe an einer anderen Stelle einsetzt, wird es von Perlmutt überwachsen.
«Das Mantelgewebe ist darauf programmiert, Kalziumkarbonat zu produzieren», sagt Professor Henry Hänni, Direktor des Schweizerischen Gemmologischen Instituts (SSEF) in Basel. Der Mineraloge hat die nach wie vor weit verbreitete «Sandkorn-Theorie» als Legende entlarvt. Sie besagt, dass ein Sandkorn in die Muschel gerät, dort mit Perlmutt umhüllt und so zur Perle wird. «Ein Märchen», sagt Hänni. Wenn ein Fremdkörper in die Muschel gerate, dann werde er wieder hinausbefördert. «Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, weshalb die Muschel einen Fremdkörper ins eigene Gewebe einbinden soll.»
Hänni ist einer von vielen Schweizern, die im internationalen Perlenbusiness eine gewichtige Rolle spielen. Beim Tauchen im Indischen Ozean entdeckt er immer wieder offene Muschelschalen, die von Krebsen geknackt worden sind. «Wenn ein Krebs am Muschelrand nagt und diesen verletzt, wandern einzelne Zellen ins Innere der Haut und bilden dort eine Zyste. So entsteht eine Naturperle.» Bei der Herstellung von Zuchtperlen übernimmt der Mensch gewissermassen die Funktion des Krebses: Ein kleines Stück Mantelgewebe einer Spendermuschel wird in eine andere Muschel eingesetzt. In diesem Transplantat steckt der genetische Code für die Bildung von Perlmutt. Oft werden als Nukleus geschliffene Kügelchen speziell dicker Mississippi-Muschelschalen verwendet.
Hänni ist eine internationale Koryphäe, wenn es um die Verifizierung von Perlen geht. 90 Prozent, die er untersucht, sind Naturperlen, denn bei diesen Raritäten geht es um viel Geld. Ein Laie kann eine Naturperle nicht von einer chinesischen Süsswasserzuchtperle unterscheiden. Süsswasserperlen enthalten Mangan, Naturperlen aus dem Salzwasser nicht. Hänni unterscheidet gezüchtete Süsswasser- von Naturperlen mittels chemischer Tests und Röntgenaufnahmen. Wie viel eine Perle wert ist, bestimmt allerdings nicht der Wissenschaftler, sondern der Markt.
Der Markt – das sind bei Naturperlen Menschen wie Thomas Färber in Genf. Zu den Kunden des Naturperlenhändlers gehören Sammler aus aller Welt. Als klassische Märkte für Naturperlen bezeichnet Färber Indien und den Mittleren Osten. Fast alle seine Stücke stammen aus dem Arabischen Golf. Die grösste Sammlung der Welt besitzt Scheich Hussain Alfardan aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der für Zuchtperlen nur ein müdes Lächeln übrig hat. «Natur- und Zuchtperlen sind zwei völlig verschiedene Märkte», sagt Färber.
Ein bedeutender Händler im Bereich der Zuchtperlen ist Thomas Frieden. Er führt sein Geschäft in Thun in dritter Generation und macht 90 Prozent seiner Umsätze im Grosshandel, davon 30 Prozent mit Zuchtperlen. Er beliefert um die 300 Juweliere und somit gut 15 Prozent des Schweizer Marktes. Frieden sitzt mit seiner Frau Charlotte im ersten Stock seines Betriebs in der Thuner Altstadt. Worauf muss man beim Kauf einer Zuchtperle achten? Wichtigste Regel sei, eine Perle immer bei Tageslicht zu begutachten, so Thomas Frieden. Die entscheidenden Kriterien sind Farbe, Glanz – Perlenprofis sprechen von «Lüster» –, Schicht, Form und Oberfläche.
Frieden hält eine Perle in der Hand und beginnt mit der Analyse: Die Farbe kann ein rosa oder ein gelbliches Weiss sein, Schwarz wie bei Tahiti-Perlen, ein grünliches Weiss wie im Falle von Akoya-Perlen oder ein Silberweiss wie bei Südseeperlen. Je mehr Lüster erkennbar und je dicker die Perlmuttschicht ist, desto wertvoller ist das Stück. Den Durchmesser des Perlmutts sieht man allerdings erst beim Bohren oder beim Röntgen. Je runder die Perle, desto besser. Bei Flecken, Einbuchtungen und Orangenhaut auf der Oberfläche nimmt der Wert ab. Das Preisgefälle ist enorm: Eine Kette aus Zuchtperlen kann zwischen 50 und mehreren 100 000 Franken kosten.
Entscheidend in diesem Geschäft, sagt Thomas Frieden, sei eine fundierte Warenkenntnis. Man muss die Farmen in Asien und die Auktionen im japanischen Kobe und in Hongkong kennen. Die Distribution ist kompliziert – auch weil der Perlenhandel nicht monopolisiert ist wie der Diamantenhandel. «Als Händler muss ich wissen, wie die Verkaufswege verlaufen, sodass ich die Perle nicht aus dritter oder vierter Hand erwerbe.»
Die wichtigsten Perlenfarmen befinden sich in Japan, China, in der Südsee und dort vor allem auf Tahiti. Wichtig in der Zuchtphase sind gute Operateure, die den Muschelkern mit einem Stück Gewebe an der richtigen Stelle der Muschel einsetzen. Das sind gesuchte Fachleute: Japanische Operateure verdienen über 10 000 Dollar im Monat, chinesische 1500. Das Know-how der Japaner wird oft innerhalb von Familienbetrieben weitergegeben.
Als nächste Instanz innerhalb der Wertschöpfungskette kauft ein sogenannter Processor die Perlen. Er reinigt, veredelt oder bleicht sie. Der Processor verkauft an die Importeure in der ganzen Welt. Erst dann gelangen die Perlen zu den Juwelieren. Auf dem Weg von der Farm zum Juwelier nimmt der Wert der Perlen etwa um den Faktor 2,5 zu. Weltweit werden pro Jahr für rund 600 Millionen Dollar Perlen ab Farmen verkauft. Der Gesamtumsatz aller Zuchtperlen beträgt demnach rund 1,5 Milliarden Dollar.
Die Schweiz ist im internationalen Vergleich in Sachen Perlen ein Premium-Markt. Pro Momme, also 3,75 Gramm, wird in der Schweiz im Vergleich mit den USA im Schnitt der 50fache Preis bezahlt, weil hierzulande hauptsächlich erstklassige Stücke gekauft werden. «Mengenmässig sind wir klein, wertmässig hoch», sagt Experte Thomas Frieden.
Bis in die achtziger Jahre beherrschte Japan den Perlenmarkt mit einer Monopolstellung. Seit die Chinesen im grossen Stil eingestiegen sind, verliert Japan aber Marktanteile. Chinesische Reisbauern nutzen einen oder mehrere ihrer zahlreichen Teiche für die Perlenzucht. Die Rentabilität ist deutlich höher als beim Reis. Thomas Frieden kennt in Hongkong einen Chinesen, der vor zehn Jahren noch auf der Post Pakete gestempelt hat. Jetzt macht er 15 Millionen Dollar Umsatz im Jahr mit Süsswasserzuchtperlen. China produziert pro Jahr rund 1000 Tonnen Perlen mit einem Verkaufswert ab Farm von 80 Millionen Dollar. Japan hingegen macht mit 25 Tonnen Perlen 135 Millionen Dollar Umsatz.
Meistens werden die Perlen von rein national tätigen Familienunternehmen gehandelt. In Lausanne indes hat eines von nur wenigen global tätigen Unternehmen seinen Sitz: Golay verfügt über das grösste Distributionsnetz weltweit, und von den Volumen her gibt es einzig in Japan und den USA einzelne Vertreiber, die mit einer noch grösseren Quantität handeln. Golay hat die 50 eigenen Detailhandelsgeschäfte in der Schweiz verkauft. Das Unternehmen konzentriert sich nun auf den Verkauf an den Einzelhandel, der seit über 100 Jahren beliefert wird. Durch die tieferen Preise werden auch neue Märkte erschlossen. Zudem ändere sich das Konsumverhalten, sagt Yves Thomann von Golay. Früher habe man sich eine Uhr fürs Leben gekauft, heute tue man dies jedes Jahr aufs Neue. «Dieses Verhalten beobachten wir beim Erwerb von Perlen. Sie entwickeln sich vom Investitions- zum Konsumgut.»
Entsprechend schnelllebiger wird der Markt. Die Perle hat ein jüngeres Image. Es ist nicht mehr der wertkonservative Markt, in dem während Jahrzehnten die gleichen Stücke verkauft werden. Design und Innovationen gewinnen an Bedeutung: Damit die Trägerinnen von Perlenketten nicht in chronischer Angst leben müssen, dass der Seidenfaden reisst, hat man bei Golay eine Stahlkette mit einem Schloss entwickelt, das sich ganz einfach öffnen lässt. Oder man hat eine Perlschmucklinie mit Schweizerkreuz lanciert. Mit Innovationen wie diesen werden von Lausanne aus auch Trends gesetzt.
Perlen waren bis vor rund 100 Jahren naturgemäss knapp und den gehobenen sozialen Schichten vorbehalten. Japan exportierte damals kaum, sondern versorgte in erster Linie die eigene gesellschaftliche Elite mit Perlen. Erst mit der Zucht ist die Perle breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich geworden, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. In den fünfziger Jahren kam die weisse Südseeperle auf den Markt. Die jetzige globale Entwicklung hat inflationäre Ausmasse: Neue Mitbewerber steigen ein. Das Know-how verbessert sich. Und China ist daran, die Perlenwelt dramatisch zu revolutionieren.
Bleiben als Luxus die Naturperlen. Der Nischenmarkt ist von Demokratisierungstendenzen unberührt, und er wächst auch nicht. Da heute kaum noch nach Naturperlen getaucht wird, werden die vorhandenen Bestände umso wertvoller. Naturperlen werden rarer, und die vorhandenen kommen oftmals aus historischen Beständen auf den Markt. Ketten aus identischen Perlen erleben dabei besonders hohe Wertzuwächse: Da es schwierig ist, eine einheitliche Kette zusammenzustellen, ist bei Einheitlichkeit die Gesamtheit deutlich mehr wert als die Summe ihrer Teile. Naturperlen werden in einer Nische gehandelt – verschont von der Entfesselung der chinesischen Massenproduktion.
Rationalisierung, Produktionssteigerung, Demokratisierung: Wird die Perle vom Mythos zum Massenprodukt? Wird sie entzaubert? Und wo bleibt der Mythos? Henry Hänni ahnt es: Er weiss von Meerschnecken in der Karibik, die Perlen produzieren. Bald wird er dort nach diesen Tieren tauchen. Er will erfahren, an welchem Ort im Körper die Schneckenart Strombus Gigas die Perle bildet. Die Perle selber hat er schon gesehen. Rosarot sei sie – und einfach wunderschön.
Kategorien: Drei Perlentypen
Naturperlen
Sie sind naturgemäss selten, was sie wertvoll macht. Man schätzte Naturperlen in fast allen Kulturen hoch ein. Im letzten Jahrhundert wurde vor allem im Arabischen Golf nach Naturperlen getaucht. Klassische Märkte sind der Mittlere Osten und Indien. Da die Ressourcen erschöpft sind und kaum noch getaucht wird, wird primär mit alten, oft historischen Beständen gehandelt.
Zuchtperlen
Vor über 100 Jahren sind in Japan die ersten Zuchtperlen entwickelt worden. Dabei wurde eine Kugel aus einer anderen Muschelschale in eine Auster eingesetzt, die dann mit Perlmutt überzogen wurde. Bei Süsswassermuscheln in China werden nur Zellstücke (Epithel) anderer Muscheln eingesetzt.
Imitationen
Imitationen sind künstlich hergestellte Perlen, die nie den Kontakt mit Wasser und einer organischen Muschel hatten.
Perlenkauf: Darauf kommt es an
Perlentyp: Naturperlen und Zuchtperlen lassen sich nur vom Experten voneinander unterscheiden. Imitationen, also Kunststoff- oder Glasperlen, erkennt man am Gewicht und an der plastifizierten Oberfläche. Die Perle sollte immer bei Tageslicht begutachtet werden. Folgende Kriterien sind entscheidend:
1. Die Farbe:
– Weiss, Silber, Crème bis Gold (Südsee oder Australien),
– Schwarz und alle Graustufen (Tahiti),
– Weiss, Crème (japanische Akoya-Zuchtperle, chinesische Zuchtperle).
2. Der Glanz: Je höher der Glanz (Lüster), desto wertvoller ist die Perle.
3. Die Schicht: Je dicker die Perlmuttschicht, desto besser. Dies lässt sich von blossem Auge nur dann erkennen, wenn die Perle durchbohrt ist. Ansonsten muss man sie im Labor röntgen lassen.
4. Die Form: Je runder, desto wertvoller.
5. Die Oberfläche: Bei Flecken, Einbuchtungen und Orangenhaut nimmt der Wert einer Perle stark ab.
6. Die Grösse: Je grösser die Perle, desto wertvoller.
7. Die Menge: Die Gesamtheit ist mehr wert als die Summe ihrer Teile. Um ein homogenes Collier zusammenzustellen, braucht es enorm viele Perlen.