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Aro jault. Der Motor dröhnt. Riesige Räder wirbeln Staub auf. Ich schreie auf, strauchle weg, knie neben Aro im Feld. Eine hässliche Wunde. Er blutet. Ein Bein ist verdreht. Es zieht in meiner Brust. Ein Schwindel erfasst mich. Alles verwischt.
Ich sehe Mutters Kopftuch vor mir. Rot war es. Rot wie der Plastikeimer draussen vor der Stalltür. Voller Schweineblut und Vaters Arm darin, der kräftig rührte. «Bring einen Lappen, Max», rief er mir zu und ich rannte in die Küche, froh wegzukommen. Meine Mutter zerriss ein altes Tischtuch. Ich ging zurück und hielt meinem Vater die Stofffetzen mit ausgestreckter Hand entgegen. Er wischte sich den blutigen Arm trocken, rieb sich beide Hände ab. Sauber wurde nichts. Die Blutspuren blieben, reichten bis hinauf zum Ellbogen und sein Hemd war rot verschmiert. Das Blut im Plastikeimer schäumte. Ich verschwand hinter der Hauswand, würgte, doch nichts kam hoch. Ich ging in den Hühnerstall und zählte die Eier. Danach zählte ich die Hühner.
Ich bette Aros Kopf in meinen Schoss. Er winselt leise. Vielleicht friert er? Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie über seinen verletzten Körper, über das verdrehte Bein.
«Frühestens in einer dreiviertel Stunde», sagt der Tankwart. Der Tankwart ist der einzige Mensch, den ich hier in der Gegend kenne. Die Tankstelle ist neben dem Motel. Der Tankwart ist nett. Wir plaudern manchmal. Er verkauft Zigaretten und Kekse. In einer dreiviertel Stunde könne er fahren, dann komme seine Frau. Ich stecke das Telefon weg und schaue auf die Uhr.
Im Eimer war Lillys Blut. Lilly war unser Hausschwein. Sie brach sich ein Bein, mit achtzehn Jahren. «Notschlachten», sagte meine Mutter und mein Vater bestellte den Metzger. Viel war nicht zu holen. Das meiste war Abfall und musste entsorgt werden. Wir stellten einen Grill auf und legten die besten Stücke darauf. Dazu gab es Kartoffeln und Krautstiele. Freunde kamen zu Besuch. Zusammen trugen wir den Küchentisch vors Haus, vor die Stalltür, denn nur dort ist der Boden eben genug. Meine Mutter holte ein weisses Tuch. «Für Lilly», sagte sie und breitete es auf der Tischplatte aus. Ich sammelte Feldblumen und legte sie zwischen die Gedecke. Wir sprachen ausschliesslich über Lilly, wo wir ihre Knochen begraben wollten und auch das meiste Fleisch. Es war wie Kaugummi. Nach einer Weile spuckten wir es wieder aus.
Unser Hof lag am Nordhang und war günstig zu kaufen gewesen. Das Tal war eng an dieser Stelle, doch meine Eltern kamen aus Indien zurück, mit roten Gewändern und erweitertem Horizont. «Es ist eine Sache der inneren Sichtweise», antwortete mein Vater, wenn die Leute ihn fragten, wie man so leben könne, eingeklemmt, und mit nur einem dünnen Streifen Himmel über sich.
Hier ist der Himmel weit und die Strasse ein Strich durch die Landschaft. Es geschah nach dem Aussteigen, als der Lastwagen wieder anfuhr. Der Anhänger erwischte Aro und schleuderte ihn fast zwei Meter ins Feld. Ich schrie und winkte wild mit den Armen. Der Fahrer bemerkte nichts.
Ich habe schon viele tote Tiere gesehen. Nicht nur Lilly. Tote Käfer, Mäuse, kleine Katzen. Und eines Morgens alle Hühner. Überall Blut und Federn. Meine Mutter tobte, ich weinte. Ich werde mich nie daran gewöhnen.
Es sind fünf Kilometer bis zum Motel. Die wollte ich gehen, mit Aro, zu Fuss im Dämmerlicht. Ich schaue die Strasse entlang. Vielleicht kommt ein Auto und nimmt uns mit, bringt uns direkt zum Tierarzt. Nicht das Auto des Tankwarts, sondern ein anderes. Dann müsste ich nicht länger hier sitzen. Es wäre wie damals, als mein Vater sich mit der Axt ins Knie schlug. Er musste nicht auf den Krankenwagen warten. Ein neuer Postbote war im Amt. Einer, der nicht wusste, dass er unsere Post in der Molkerei abgeben konnte. Er fuhr mit seinem Auto bis ganz nach hinten ins Tal, bis hin zu uns. Wegen einer Postkarte und der Zeitung. Er nahm meinen Vater mit.
Mein Vater blieb zwei Wochen im Spital. Wir besuchten ihn einmal, brachten ihm frische Kleider und nahmen die blutverschmierten mit. Mutter und ich waren allein auf dem Hof. In dieser Zeit erzählte sie mir, warum ich ohne Geschwister aufgewachsen war. Vier Fehlgeburten erlitt sie vor mir und nach mir noch zwei. «Danach hatte ich genug», sagte sie, während sie versuchte, die Blutflecken mit kaltem Wasser aus Vaters Hose zu waschen. «Dein Vater half mit, ging ins Spital, damals freiwillig, und liess sich den Samenleiter durchtrennen. Das tut nicht jeder für seine Frau. Max, hast du mich gehört.»
Ich würde alles tun für Aro. Auf meiner Jacke bildet sich ein dunkler Fleck. Die Sonne geht unter, verfärbt den Horizont.
Einmal zog mein Vater eine Flagge am Haus empor. Nur rot, ohne weisses Kreuz. «Das genügt», meinte er und weiter sagte er etwas von Kommunisten und Buddhisten und dass man Stellung beziehen müsse, immer und überall, deshalb auch hier und jetzt.
Tage zuvor hatte meine Mutter einen Waschzuber bereitgestellt. Mit langen Holzstöcken mischten wir die Farbe an und drückten den Stoff nach unten.
Die Flagge blieb oben, bis der Wind sie herunterriss. Dann diente sie eine Zeit lang als Dach für mein Baumhaus. Zum Schluss hing sie vor einer kaputten Fensterscheibe im Kuhstall. Da war ich schon älter, kein Kind mehr. Es war an einem Sonntag im Sommer. Ich lag im Heu. Ein Mädchen war bei mir. Eine aus meiner Klasse. Sie setzte sich nach dem Fest hinter mich aufs Moped. Mitten in der Nacht kam sie mit mir das Tal hinauf und in den Stall. Es geschah gegen Morgen. Die Sonne schien durch das Tuch am Fenster und tauchte alles in rotes Licht. Nur kurze Zeit, doch es genügte. Es wurde mein Glück, lange Zeit.
Ich sehe die Scheinwerfer sofort. Noch sind sie weit entfernt. Ich springe auf, winke, renne zum Strassenrand und blinzle ins Licht. Der Tankwart hält an und steigt aus. Ich nicke ihm zu. Er hilft mir, Aro auf den Rücksitz zu legen. Eine Wolldecke liegt bereit. Es ist Nacht geworden. Ich klettere zu Aro ins Auto und berühre ihn sachte an der Schnauze. Sein Atem streift meine Hand.