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Die Salginatobelbrücke an der Verbindungsstrasse von Schiers nach Schuders ist das einzige Weltmonument der Schweiz und in technischer Hinsicht eine der wichtigsten Stahlbetonbogenbrücken der Welt.
Die Ehrung kam aus Amerika
1991 erkürte die grösste amerikanische Ingenieurvereinigung ASCE diese aussergewöhnliche Brücke zu einem „world monument“. Insgesamt 45 Bauwerke bilden heute den kleinen Kreis der bedeutendsten Ingenieurschöpfungen, u. a. so bekannte wie der Eiffelturm in Paris, die New Yorker Freiheitsstatue, die Inkastadt Machu Picchu in Peru, die endlosen Reisterrassen auf den Nordphilippinen, die Hagia Sophia Moschee in Istanbul, der Alaska-Highway oder der Panamakanal.
Der Schönheitswettbewerb
Knapp 10 Jahre später erfolgte eine weitere Auszeichnung: Die renommierte britische Fachzeitschrift „Bridge – design & engineering“ fragte weltweit dreissig bekannte Konstrukteure und Architekten nach der schönsten Brücke des 20. Jahrhunderts. Der hohe Tobelübergang zwischen Schiers und Schuders ging klar in Führung vor der Golden Gate Bridge in San Francisco und zahlreichen weiteren berühmten Brücken.
Pionierwerk im Betonbrückenbau
Die Salginatobelbrücke ist das Meisterwerk des grossen Stahlbetonpioniers Robert Maillart (1872–1940). Der Schweizer Konstrukteur schuf neuartige und bahnbrechende Bauten, die ihn zu einem der bedeutendsten Bauingenieure seiner Zeit machten. Herausragend in der Geschichte der Baukunst sind seine von ihm entwickelten Brückenbausysteme des Dreigelenk-Hohlkastenträgers und des versteiften Stabbogens.
Billigstes Projekt – kurze Bauzeit
Die Ausschreibung erfolgte im Sommer 1928. Zwei Monate später war das Kantonale Bauamt im Besitz von 19 Projekten für einen Tobelübergang. Man bevorzugte die billigste Offerte der Firma Prader, obwohl man der ungewohnt schlanken Konstruktion nicht recht traute. Es handelte sich dabei um das Projekt von Robert Maillart, dem einmal mehr gelungen war, durch sparsamste Verwendung des damals sehr teuren Materials Stahlbeton die wirtschaftlichste Brückenlösung zu finden. Der Bau wurde zur offerierten Pauschalsumme von Fr. 135’000.– vergeben. Das vielbeachtete Lehrgerüst von Richard Coray kostete weitere Fr. 45'000.–. Im Spätsommer 1929 wurde es von nur 6 Arbeitern abgebunden und im steilen Tobel aufgestellt. Der Holzbedarf betrug rund 700 m3 bei einer Stückliste von 1285 Nummern und konnte aus gemeindeeigenen Waldungen gedeckt werden. Die Betonierungsarbeiten erfolgten 1930 in der unglaublich kurzen Zeit von nur drei Monaten. Das gesamte Betonmaterial wurde von Hand gemischt und mit Karretten zugeführt. Die heikelste Phase war der Guss der dünnen Bogenplatte, welcher ohne Unterbruch von beiden Seiten her absolut symmetrisch durchgeführt werden musste und nach 40 Stunden mühevoller Arbeit vollendet war. Mitte August 1930 konnte das Lehrgerüst abgesenkt und das Bauwerk dem Verkehr übergeben werden.
Weltweite Beachtung
Während der Bauzeit ahnte man noch nicht, welche Beachtung diesem Brückenbauwerk einmal zukommen würde. Zwar erhielt schon das kühne Lehrgerüst viel Bewunderung, und mit Interesse verfolgten Einheimische wie Fachleute aus dem In- und Ausland die Betonierungsarbeiten. Alle grossen Zeitungen des Landes brachten Berichte zur Einweihung, wobei die neuartige Konstruktion durchwegs gelobt und als beispielhaft bezeichnet wurde. Doch das Besondere dieses Brückenschlags ging ausserhalb der Fachkreise allmählich vergessen – die Abgeschiedenheit im wilden Salginatobel und der Umstand, dass jede Brücke schliesslich ein Nutzbau ist, trugen dazu bei. Dagegen fand das Bauwerk rasch Einzug in zahlreiche Fachbücher und wurde bald auch an technischen Hochschulen rund um den Globus als epochale Ingenieurleistung beachtet und studiert. Die filigrane Stahlbetonbrücke erschien wiederholt an Kunstausstellungen, und ihre unverwechselbare Silhouette wurde zu einem Symbol für moderne Architektur.
Geniale Konstruktion
In der Geschichte der Brückenbaukunst ist die Salginatobelbrücke längst ein Markstein. Ihre revolutionäre Konstruktion hat neue Akzente gesetzt und Bauingenieure in allen Erdteilen beeinflusst. Das dreigelenkige Bogentragwerk bildet ab den Viertelspunkten zum Scheitel hin einen steifen Hohlkasten: Gewölbe, Seitenwände und Fahrbahn sind zu einer schlanken Einheit zusammengeschmolzen. Umgekehrt verjüngen riesige Aussparungen der Seitenwände den Bogen zu den Auflagern hin. Die optische Wirkung ist bestechend – in einem gewaltigen Sprung setzt die Brücke an die lotrechte Felswand. Die unverzierte Klarheit der in dünne Platten und Scheiben aufgelösten Form begeistert Fachleute und Laien gleichermassen und wirkt zeitlos modern. Nie zuvor ist Stahlbeton sparsamer und eleganter angewendet worden.
Brückenerlebnis
Heute ist die Salginatobelbrücke bekannter denn je. Täglich begehen Besucher den eigens erstellten „Historischen Rundpfad Salginatobelbrücke“, der weitgehend dem alten Schuderser Saumpfad folgt, und lassen sich von der kühnen Lage des weltberühmten Bauwerks begeistern. Grosse Hinweistafeln an den Dorfeingängen sowie Panoramatafeln und Beschilderungen im Dorf zeigen den Weg zu diesem Brückenerlebnis der besonderen Art. Die Besucherplattform, auf einem exponierten Felsvorsprung gelegen, bietet einen einzigartigen Blick auf das Bauwerk, und ein speziell gekennzeichneter Fotostandort rundet die touristische Erschliessung ab.
© Andreas Kessler 2009
STB Bild 1: Die Salginatobelbrücke von der Plattform aus / Foto © Andreas Kessler
STB Bild 2: Einblick in den offenen und geschlossenen Hohlkasten / Foto © Andreas Kessler
STB Bild 3: Gewaltiger Sprung an die Schuderser Felswand / Foto © Andreas Kessler
STB Bild 4: Die Salginatobelbrücke vom Tobel aus / Foto © Andreas Kessler
STB Bild 5: Die vollendete Salginatobelbrücke kurz vor der Gerüstabsenkung / Foto D. Mischol, Archiv Andreas Kessler