Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03485.jsonl.gz/2357

von Dr. Jana Nikitin
Ob es uns gefällt oder nicht, die Zufriedenheit in der Ehe nimmt nach dem anfänglichen Höhenflug stetig ab. Zu dieser Entwicklung trägt am stärksten die sogenannte negative Reziprozität bei. Was heisst das? Kritisiert beispielsweise die Frau den Ehemann für seine Erziehungspraktiken, so reagiert er mit einer abschätzigen Bemerkung über ihre Urteilsfähigkeit. Die Eskalation kann beginnen.
Was kann man gegen negative Reziprozität tun? Sicher, man kann viel Geld und Zeit in eine Paartherapie investieren. Aber gibt es nicht eine Art „Minimaltherapie“? Eine kurze Intervention, die die Abwärtsspirale der negativen Reziprozität unterbrechen würde? Eine neue Studie von der Forschergruppe um Eli Finkel untersuchte genau so eine Minimalintervention. Mit Erfolg!
An der zweijährigen Studie nahmen 120 Paare teil, die im Durchschnitt seit elf Jahren verheiratet waren. Sie füllten alle vier Monate einen Fragebogen zu ihrer Ehezufriedenheit aus. Im ersten Jahr hat sich die stetige Abnahme der Ehezufriedenheit bestätigt. Zu Beginn des zweiten Jahres wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen unterteilt. Während die erste Gruppe weiterhin nur ihre Ehezufriedenheit berichtete, probierte die zweite Gruppe an drei aufeinanderfolgenden Befragungen zusätzlich, den letzten grossen Ehekonflikt aus der Perspektive einer dritten Person zu betrachten. Die Teilnehmer hatten sieben Minuten Zeit zu beschreiben, wie jemand den Konflikt sehen würde, der einen neutralen Standpunkt hat und für beide Parteien das Beste will. Danach wurden die Teilnehmer gebeten, diesen Perspektivenwechsel auch bei zukünftigen Konflikten anzuwenden.
Was passierte im zweiten Jahr? Im Vergleich zu der Gruppe ohne Intervention verbüsste die Interventionsgruppe keine weitere Abnahme der Ehezufriedenheit. Drei mal sieben Minuten haben gereicht, um die Abwärtsspirale der negativen Reziprozität zu stoppen! Die Paare konnten offensichtlich mit Erfolg ihre Konflikte neu bewerten und erlebten sie dadurch weniger negativ.
So verheissungsvoll die Ergebnisse klingen, so viele Fragen werfen sie auf. Fällt man nach einiger Zeit wieder in die alten Muster? Wäre die Intervention auch wirksam, wenn nur einer aus dem Paar mitmachen würde? Was ist mit Paaren, die in einer ernsthaften Krise stecken? Aber auch wenn man noch keine Antworten auf diese Fragen hat, eines steht fest: Mal die eigene Position zu verlassen und die Situation durch die wohlwollende Brille einer neutralen Person zu beurteilen relativiert die eigene Sicht der Dinge. Man sieht, dass die Frau vielleicht nur aus Besorgnis um das Wohl der Kinder die Erziehungspraktiken des Mannes in Frage stellt und der Mann nur aus der Verletzung heraus falsch reagiert. Da fällt es einem plötzlich schwer, auf den Anderen so richtig sauer zu sein.
Quelle: Finkel, E. J., Slotter, E. B., Luchies, L. B., Walton, G. M., & Gross, J. J. (2013). A brief intervention to promote conflict reappraisal preserves marital quality over time. Psychological Science, Psychological Science OnlineFirst, published on June 26, 2013 as doi:10.1177/0956797612474938
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
Verwendung und Vervielfältigung in jeder Form, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.