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Die Turicum Thunderbirds sind das beste Quidditch-Team der Schweiz. Angefangen hat alles aus Plausch.
Auf der Sportanlage Allmend Brunau in Zürich herrscht reger Betrieb. Es ist Abend. Im grellen Licht der Scheinwerfer wird Rugby gespielt, geskatet und Crossfit praktiziert. Nebenan rennen knapp zwanzig Menschen mit Plastikstäben zwischen den Beinen über eine unbeleuchtete Wiese und werfen sich Bälle zu. Es ist das Training der Turicum Thunderbirds, dem besten Quidditch-Team der Schweiz.
Quidditch stammt aus der Buchserie «Harry Potter». Darin fliegen die Zauberschüler*innen mit Besen über ein Spielfeld. In der Sportart Quidditch gibt es hingegen keine richtigen Besen. Stattdessen klemmen sich die Spieler*innen einen Plastikstab zwischen den Beinen ein. Sie spielen in vier verschiedenen Funktionen mit fünf Bällen: Einer dieser Bälle wird verwendet, um Punkte zu erzielen, indem er durch die Ringe des gegnerischen Teams geworfen wird. Andere Bälle dienen dazu, das gegnerische Team abzuschiessen. Der Schweizerische Quidditchverband beschreibt die Sportart als eine Mischung aus Handball, Völkerball und Rugby.
Sportart will sich von Harry Potter distanzieren
«Wir sind keine Nerds, die mit Besen über ein Feld rennen», sagt Linnéa Grimm. Die Maturandin ist im Vorstand der Turicum Thunderbirds. «Wir versuchen vom Harry-Potter-Image wegzukommen.» Nicht alle Mitglieder seien Fans der Buchserie. Schon gar nicht sei es eine Voraussetzung, die Bücher gelesen zu haben. Die Sportart habe mit derjenigen aus Harry Potter nicht mehr viel zu tun, ausser dass die Bezeichnungen gleich seien. «Harry Potter dient uns als Aufhänger, um Leute anzusprechen. Es ist aber nicht der Hauptinhalt», sagt sie.
Obwohl sie sich von Harry Potter distanzieren wollen, halten sie an den Besen fest: «Die Besen sind unser Handicap», so Linnéa. Ohne diese wäre es witzlos. Das Fangen sei am Anfang schwierig. Intuitiv halte man den Besen mit einer Hand fest und versuche mit der anderen Hand den Ball zu fangen. Das funktioniere nicht. Man müsse sich Techniken angewöhnen, um mit einem Besen zwischen den Beinen einen Ball fangen und gleichzeitig anderen Bällen ausweichen zu können. Denn wer den Besen verliert, muss zu seinen eigenen Torringen zurück rennen. «Zu Beginn fühlt man sich, als ob man auf die Toilette müsste», so die Spielerin. »Das geht allen so. Das Gefühl legt sich spätestens nach drei Trainings. Dann merkt man den Besen kaum noch.»
Die Regeln aus Youtube-Videos abgeschaut
Die Turicum Thunderbirds üben sich an jenem Abend im Passen und trainieren gängige Spielsituationen. Die Trainingsbedingungen sind nicht optimal. Es wird schnell dunkel und der Rasen ist feucht. Einige Teammitglieder tragen Stollenschuhe, Knieschoner oder gar einen Mundschutz. Denn Quidditch ist ein Kontaktsport. An Turnieren müssen alle Spieler*innen einen Mundschutz tragen – das ist Vorschrift. Die Besen, Ringe und das restliche Material lagern sie bei sich zu Hause. Es muss für jedes Training zur Sportanlage transportiert werden. Räumlichkeiten hat der Verein nicht.
Die Turicum Thunderbirds gibt es seit drei Jahren. «Anfangs bestand die Gruppe aus Cosplayer*innen», sagt Coachin Flavia Luz. Sie studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH. Die Gruppe habe sich die Regeln damals aus Youtube-Videos abgeschaut. «Es ging ihnen nur um den Spass. Vorwärts kamen sie nicht, aber das war auch nicht ihr Ziel.» Seither ist die Sportart populärer geworden. In der Schweiz gibt es heute sieben Teams. Auch die Turicum Thunderbirds haben sich professionalisiert. Sie trainieren zweimal pro Woche.Ende September haben sie bereits zum zweiten Mal die Schweizermeisterschaft gewonnen, und sie nehmen auch an internationalen Wettkämpfen teil.
Alle dürfen im Nationalteam mitspielen
«Quidditch hat eine einzigartige Community», sagt Linnéa. «Auf dem Spielfeld gibt man alles. Zürich und Basel sind auch im Quidditch Zürich und Basel.» Nach einem Spiel juble man sich aber gegenseitig zu. Das sei etwas, was es in anderen Sportarten nicht gebe. Flavia pflichtet ihr bei: «An internationalen Turnieren herrscht eine tolle Stimmung. Man wird von anderen Spieler*innen angesprochen und redet mit allen.» Es sei auch möglich, andere Teams im Ausland zu besuchen. Man werde ins Team integriert und umsorgt – und das einzig deshalb, weil man denselben Sport spiele. «Ich habe auch schon zwei Aus-tralier spontan bei mir aufgenommen, die mich angeschrieben haben», sagt sie. «Als ich keine Zeit mehr hatte, übergab ich sie an ein anderes Teammitglied.» Am Training in der Allmend Brunau ist auch eine Spielerin aus Holland dabei. Sie fährt durch Europa und besucht jedes Quidditch-Team auf ihrer Reise.
Weil es eine junge, unbekannte Sportart ist, basiert alles auf Freiwilligenarbeit. «Würde Quidditch zu einem Breitensport werden, würde sich die Community verändern», ist sich Flavia sicher. Zugleich stellt die kleine Grösse der Sportart eine Herausforderung dar. Teams aus der Türkei oder aus Uganda hatten in der Vergangenheit Mühe, an internationalen Turnieren teilzunehmen. Der Grund: Die Austragungsländer verweigerten ihnen die Einreise. Ausserdem können nicht alle Länderteams die Reisekosten bezahlen. Die Weltmeisterschaft wird nächstes Jahr in Richmond, USA stattfinden. «Für das ugandische Team wird es beispielsweise fast unmöglich sein, nach Richmond zu reisen», sagt Linnéa. «Darum wird es wieder Crowdfunding-Kampagnen geben, um diesen Teams die Teilnahme zu finanzieren.»
Kein Geld für eine Platzmiete
Zu den besten Quidditch-Nationen gehören unter anderem die USA, Belgien und Deutschland. Die Sportart ist in jenen Ländern populärer als in der Schweiz. Das Coaching-Niveau befinde sich auf einem höheren Level als hierzulande, so Flavia. Ihre Nationalmannschaften würden sie aus den besten Spieler*innen bilden. «In der Schweiz dürfen alle in der Nationalmannschaft mitspielen, die das wollen. Das entspricht dem ursprünglichen Quidditch-Spirit.» Dadurch seien sie zwar weniger leistungsfähig, dafür kämen alle auf ihre Kosten. Die Schweiz landet an internationalen Turnieren stets in der hinteren Hälfte der Rangliste. «Ich finde unser System trotzdem gut», sagt Flavia.
Das Training der Turicum Thunderbirds muss frühzeitig beendet werden. Es ist zu dunkel. Fliegende Bälle sind nur noch schwer zu erkennen. «Wir haben nicht genug Geld, um uns eine Platzmiete in Zürich zu leisten», sagt Linnéa. Das Team ist darauf angewiesen, dass ihm die Stadt oder Vereine einen günstigen Platz zur Verfügung stellen. «Wir haben auch schon versucht, mit dem ASVZ ein Angebot aufzubauen», so Flavia. Das sei bis jetzt aber noch nicht geglückt. Der ASVZ überlässt ihnen immerhin im Winter kostenlos einen Tennisplatz am Irchel. Dort werden sie auch ab kommender Woche wieder trainieren – im Winter dann selbst bei Schnee und Eis. ◊