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Urs Jaeggi (1931–2021) : Einem Fluss zusehen, die Augen geschlossen
Soziale Ungleichheiten und autoritäre Machtgefüge trieben Urs Jaeggi zeitlebens um und prägten sein wissenschaftliches und politisches Schaffen. Was vom nonkonformen Soziologen, Schriftsteller und bildenden Künstler bleibt.
Urs Jaeggi kam 1931 in Solothurn zur Welt und ging schon früh eigene Wege. Als Bub spielte er gerne mit andern Fussball, sass aber auch stundenlang alleine an der Aare. «Ich sah, was ich hörte», erzählte er mir (im Juni 2017 in seiner Berliner Wohnung, vor seiner Abreise in seine zweite Heimat in Mexiko). Seine gutmütigen Eltern gewährten ihm viel Freiheit. Prügelnde Lehrer zwangen ihn hingegen, rechts- statt linkshändig zu schreiben. Zu Hause malte er weite Juralandschaften und beobachtete gebannt ein nahe gelegenes «Lager für Geisteskranke». Einem stotternden Sonderling brachte er ab und zu einen Apfel.
Nach dem frühen Tod seines Vaters trat Urs Jaeggi eine Banklehre an. Die hohen Konten von Begüterten aus Deutschland nährten seine Fantasie, Bankräuber zu werden. Die Saiten seines Cellos zupfte er nun häufiger zu Blues- und Jazzrhythmen. Von der Existenzphilosophie fasziniert, fragte er sich, was Menschen aus dem machen, was die Gesellschaft mit ihnen macht. In einem Trödlerladen kleidete er sich schwarz ein und blieb zeitlebens dabei.
Zu kritisch über Medien
Urs Jaeggi holte die Matura nach, studierte Soziologie, kehrte 1961 nach einer Assistenz an der Uni Münster ans Berner Seminar für Soziologie zurück, das er eine Zeit lang interimistisch leitete. Vor seinem 30. Lebensjahr veröffentlichte er seine Studie über «Die gesellschaftliche Elite» (1960), mit dem Fazit: Wenig Mächtige verfügen über viel Einfluss. Ihre Herkunft und ihre Beziehungen zählen mehr als eigene Verdienste. Machteliten stellen Leistungseliten in den Schatten. Sie tun dies im Rahmen unserer hierarchischen Klassengesellschaft. In einer weiteren Studie mit kreativem Zugang, «Berggemeinden im Wandel» (1965), interessierte Urs Jaeggi, wie sich soziale Veränderungen kommunal und biografisch zeigen. Das Private betrachtete er schon damals als politisch.
Er analysierte auch den «Vietnamkrieg und die Presse» (1966) und kritisierte, wie proamerikanische Stereotype dominierten. Der NZZ warf er vor, Fakten zu beschönigen, zum Beispiel das Vergiften von Reisfeldern («Die amerikanische Friedensinitiative im Vietnamkonflikt» titelte die NZZ 1966). Nach der Vietnamstudie weigerten sich die Fakultät und die Berner Regierung, Urs Jaeggi fest zu verpflichten. Dass ihn auch zwei ehemalige SP-Bundesräte verunglimpften, verletzte ihn sehr, zumal er sich der sozialdemokratischen Tradition seiner Familie verbunden fühlte.
1967 nahm Urs Jaeggi zuerst eine Professur in Bochum und später eine in New York an, bevor er von 1972 bis 1993 an der Freien Universität in Berlin lehrte. Während der letzten Jahre teilte er seine Anstellung mit Gabriele Althaus (1938–2018). Danach verfolgte er stärker sein künstlerisches Schaffen, das er längst in seinen disziplinierten Alltag (inklusive 45 Minuten Gymnastik) integriert hatte. 1968 erschienen sowohl sein Roman «Ein Mann geht vorbei» wie auch seine Vorlesung «Ordnung und Chaos», in der er den systemischen Strukturalismus gegen den Vorwurf verteidigte, die Wissenschaft zu entpolitisieren. Urs Jaeggi plädierte dafür, diese interdisziplinäre Methode mit marxistischer Dialektik und psychoanalytischer Theorie zu verknüpfen.
Zum Tanzen zwingen
Ebenfalls 1968 verfasste er in der nonkonformistischen Schweizer Zeitschrift «Neutralität» einen Beitrag über «Die wackligen Stühle». «Die revoltierenden Studierenden bürsten die Institution Universität heute gegen den Strich», schrieb er anerkennend. Sie würden mit Bezug auf Marx «die Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt». Später wirkte Urs Jaeggi in der marxistischen Zeitschrift «Das Argument» mit und betonte seine unorthodoxe Sicht. An der Uni hielt er dogmatischen Spekulationen eine politische Soziologie entgegen, die gesellschaftliche Widersprüche differenziert ergründet und so auch die Praxis ergreift. Fundiertes Denken und soziales Handeln gehörten für ihn zusammen. Sein Verständnis: Wer soziale Realitäten sinnlich wahrnimmt, (selbst)kritisch reflektiert und kreativ (um)gestaltet, kommt zu neuen Einsichten.
So vertiefte Urs Jaeggi 1969 seine Analysen in «Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik» (Auflage 400 000 Exemplare) und publizierte gleichzeitig seinen autobiografischen Roman «Brandeis», der davon handelt, wie (typisierte) «Kinder ihrer Zeit» im damaligen kulturellen Aufbruch alternative Lebensentwürfe debattieren und ausprobieren. «Er selbst kann nicht sagen», hält sein Protagonist fest, «Hoffnung sei jetzt gegeben.» Weitere Romane folgten. Urs Jaeggi erhielt unter anderem den Berner Literaturpreis (1978), den Ingeborg-Bachmann-Preis (1981) und den Solothurner Kunstpreis (1988).
Fürs Grundeinkommen
2008 diskutierten wir mit Urs Jaeggi in der Aula der Uni Basel über sein Buch «Durcheinandergesellschaft», in dem er gegen soziale Ungleichheiten protestierte und ein garantiertes Grundeinkommen forderte, das eigene Kompetenzen stärkt und auf bürokratische und entmündigende Kontrollen verzichtet. Seine Argumentation: Menschen, die materiell gesichert leben, sind kreativer und weniger anfällig für rechtspopulistisch geschürte Vorstellungen von Ruhe und Ordnung. Sie können auch eher vordergründige Klarheiten und das, was als normal gilt, hinterfragen. Wer über genügend Reserven verfügt, kann leichter mit Unsicherheiten umgehen. Deswegen brauche es ein Grundeinkommen für alle. Dies auch aus Gründen sozialer Gerechtigkeit.
Urs Jaeggi stützte seine Gesellschaftskritik auf Fakten und auf seine ethische Haltung ab. Er näherte sich sozialen Problemen auch assoziativ emotional an. Sein verstehender Zugang beinhaltete zudem schöpferische Ausdrucksformen und visionäre Vorstellungen. Utopien betrachtete er als Teil der Realität. Wie 1968. Und der Macht blieb er zeitlebens auf der Spur. Er entdeckte und erhellte sie überall. Ebenso künstlerische Symbole, die er sensibel aufnahm und weiter transformierte. Davon zeugte vor zehn Jahren auch seine Ausstellung «Kunst ist überall». Sie fand in der Berliner Malzfabrik, einem industriellen Denkmal, statt und dokumentierte sein vielseitiges Schaffen mit Installationen, Gemälden, Zeichnungen und Videos.
Im Frühjahr 2019 feierten wir an der Genfer Buchmesse mit Urs Jaeggi auch einen anderen Soziologen. Wir übergaben dem 85-jährigen Jean Ziegler die Jubiläumsschrift «Citoyen et rebelle» (Edition 8). «Von der Vergangenheit zur Vergangenheit» betitelte Urs Jaeggi seinen Beitrag. Die beiden Genossen kannten sich schon seit den sechziger Jahren am Berner Seminar für Soziologie. «Du warst für mich ein Bruder, mit dem ich vieles gemeinsam hatte», sagte Urs zu Jean. Unterwegs erlebten die beiden «modernen Nomaden» viel Vertrautes im Fremden, das sie ebenso vereinte wie ihr Entsetzen über den Welthunger und ihr Versuch, eklatante Widersprüche engagiert anzugehen. «Rücksichtslos Denkende brauchen wir. Du bist einer davon», sagte Urs weiter zu Jean. «Ein Anpasser warst du nie. Ein Kämpfer schon: Ja, und wie. Unsere Gesellschaft braucht Anstösser wie dich.» Was Urs Jaeggi so stimmig an Jean Ziegler würdigte, gilt ebenfalls für ihn selbst.
Urs Jaeggi ist am 13. Februar in seinem 90. Lebensjahr gestorben. Er kann jetzt nicht mehr mit seinem Enkel Fussball spielen, aber sein kritisches Denken und sein künstlerisches Schaffen wirken weiter; auch über all jene, die sich (wie seine Partnerin Graciela, seine ehemalige Frau Eva und die gemeinsame Tochter Rahel) gerne an seine besonnene, sensible und liebenswürdige Eigenwilligkeit erinnern.
Machtfragen reflektierte Urs Jaeggi auch anhand eigener Krisen und Konflikte. Das beeindruckte und berührt mich besonders. Wie seine Worte im Gedichtband «Ein Vogel auf der Zunge» (2019): «Auf dem Rücken liegend, manchmal genügt es, einem Fluss zuzusehen, die Augen geschlossen.» Hab Dank, lieber Urs – für alles.
Ueli Mäder ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Basel.