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Ein Volkssessel von Max Werner Moser aus dem Jahr 1931 … ein kleines Schwarzes von Prada mit offenem Schlitz zwischen den Brüsten … ein stahlblaues knöchellanges Kostüm von Issey Miyake … ein himbeerfarbenes von DKNY mit kurzem Rock … ein schwarzweiss quergestreiftes Deux-Pièces mit riesiger schwarzer Masche von Sonia Rykiel … ein kurzes hochgeschlossenes Lagerfeld mit breiten, eckigen Schultern … ein hippiehaftes Modell von Christian Lacroix … eine Bluse mit übergrosser gestärkter Rüsche von Emanuel Ungaro … eine Neuenburger Pendule … ein bequemer ledergepolsteter Sessel mit verchromtem,
federnden Stahlrohrgestell aus dem Jahr 1957 von Robert Haussmann … Lederstühle von Fritz Lobeck aus dem Jahr 1936 und ein ganzes Von-der-Mühll-Zimmer von 1924 mit geometrischen Ölbildern von Paul Zoelli an den Wänden … Silberbesteck mit Perlmutterschäufelchen für Kaviar … exquisite Hors d’œuvre, von der Haushälterin selbst zubereitet … zwei Kobe-Steaks und Louis Roederer Cristal (ein Champagner – für alle, die das Gesöff nicht kennen und niemals kosten werden) … ein Aquarell (Landschaft mit Strassenmasten) für 150’000 bis 200’000 Franken von Ferdinand Hodler … Blumenstilleben von Augusto
Giacometti … ein Hirtenmädchen von Segantini für nur etwa 60’000 bis 80’000 Franken … und natürlich ein Gemälde von Félix Vallotton (weiblicher Rückenakt in anatomisch unmöglicher Haltung vor einem Kamin), Schätzwert rund 1’200’000 bis 1’500’000 Franken – das sind die wichtigsten Inhaltsstoffe von Martin Suters neuem Roman. Ach ja, noch ein kleiner Abstecher ins Engadin. Bei insgesamt deutlich zu warmen Temperaturen mit tragischem Wintereinbruch (Klimawandel!). Mehr nicht.
Oder doch, sorry, ich vergass: ein Junggeselle grossbürgerlicher Herkunft, der all das besitzt oder verkauft oder einkauft oder verschenkt oder vielleicht fälscht … eine sommersprossige Rothaarige, die ihn ausnehmen will, sich schliesslich aber in den Siegelringträger verliebt, irgendwie jedenfalls … einige Kunstsammler und Gauner und Künstler und Taxifahrer … ein melancholischer Schneider, der für viele tausend Franken massgefertigte Anzüge herstellt … und, last but not least, ein grosser nackter Frauenhintern … Mehr aber nun wirklich nicht.
Das alles finden wir in Zürich. Wo sonst. Hier, wo der graue Sandstein der Banken und repräsentativen Bürgerhäuser im Zentrum der Stadt so dezent, diskret und höflich wirkt wie einige der wohlhabenden Figuren aus Suters Geschichte. Ihnen geht es nicht um ein Zurschaustellen von Reichtum, nein, beileibe nicht, sondern um das Erzeugen von Wohlbefinden und bürgerlicher Behaglichkeit. Natürlich mit sozialem Verantwortungsgefühl. Dabei vertragen sich auch Kunst und Kapital vorzüglich. Das Geld liebt die Kunst. Wir alle wissen das. Und umgekehrt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Hier ist die Welt noch fast in Ordnung. Wenn auch ein bisschen zermürbend durch den beständigen Zwang zum Genuss.
Suter liebt diese Metropole des gehobenen Lebensstandards. Hier kennt er sich aus. Hier findet er alles, was er an Zutaten zum Schreiben benötigt. Ob die allerdings trotz aller Exklusivität hinreichend sind, um daraus mehr als einen literarischen Sektempfang mit Häppchen zu zaubern, wage ich zu bezweifeln. Ordentlich zubereitet ist das Ganze immerhin, und es schmeckt offensichtlich den meisten Lesern und sättigt die Hungerleider des Feuilletons.
Aber vielleicht wechselt der Autor ja einmal sein Terrain und erzählt uns einen echten Reisser aus dem Milieu der Transferleistungsempfänger. Sie verstehen: Holsten Sixpack von Aldi für 2,49 … ein Luxus-Couchtisch Leksvik aus massiver Kiefer, antik gebeizt, von Ikea für 99,90 … Pommes rot-weiss fast geschenkt … String-Tanga von C&A für 3,79 … Das wär ein Renner!
vorgestellt von Gerald Funk, Marburg
Martin Suter: «Der letzte Weynfeldt». Zürich: Diogenes, 2007.