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Wenn ich an das Haus in Catania denke, denke ich an die Zimmer. Das Quartier. Alles war so vertraut. Jede*r kennt jede*n.
Ich kannte jede Ecke und alle Leute des Quartiers. Zum Beispiel die «panificio» (Bäckerei) im Supermarkt. Sie verkauften stets frisches Brot. Wenn wir morgens zur Schule gingen, kauften wir immer italienisches Milchbrot. Dort sahen sie uns mindestens drei Mal am Tag. Auch alle Angestellten im Supermarkt unter unserem Apartment kannten uns. Wir lebten in einer Art Gemeinschaft, die offiziell keine war. Ich glaube das ist eine Art Kultur, die wir in Italien pflegen. Dieses gemeinschaftliche, öffentliche Leben.
Hier in der Schweiz fühle ich diese Vertrautheit nicht. Ich vermisse diese Art von Gemeinschaft. In Sizilien ist die Gemeinschaft «echter» irgendwie. In der Schweiz könnte sie «echt» sein, aber ich kann mich mit den Menschen hier irgendwie nicht auf dieselbe Art und Weise verbinden. Es ist anders. Ich glaube es ist die Kultur. Ich glaube bei euch würden viele Alltagsszenarien in Catania ein unwohles Gefühl auslösen. Wenn ich an das Gesicht des Bäckers denke, zum Beispiel – er sah aus wie ein Mafioso. Dicke Backen und dunkle Augen. Wie Menschen, die durch die Nacht hindurcharbeiten. Erschöpft.
Zudem habe ich im selben Jahr mit dem Tanzen begonnen. Weshalb mir die Erinnerungen an dieses Jahr umso stärker geblieben sind. Es ist komisch, dass ich das Kleid dieses Geburtstags so sehr mit dem Tanzen verbinde. Wahrscheinlich, weil mein erstes Ballerina Kostüm dasselbe Gelb trug.
Das ist eine sehr schöne Frage!
Ich erinnere mich, wie ich unter der grossen Musikbox schlief, während meine Mama Aerobic-Übungen zu «Crying at the discotheque» machte. Deswegen kenne ich alle die 80er Jahre Songs. Wenn ich diesen Song hörte, begann ich auf der Stelle herumzuhüpfen.
Oh, und da ist noch ein weiteres Geräusch. Mein Zimmer war direkt über der Klimaanlage des Supermarkts. Immer wenn ich schlief, hörte ich dieses summende Geräusch. Oh mein Gott, die vielen Albträume, die ich davon bekam!
Das Meer - Wir lebten ein wenig erhöht über dem Meerlevel. Wenn man an sonnigen, klaren Tagen mit dem Auto die Hügel entlangfuhr, sah man bis zum Wasser. Ich erinnere mich an die Autofahrten, die wir regelmässig machten. Der blaue Himmel und das Meer in weiter Ferne, im Wissen, dass wir in diese Richtung fuhren.
Die Menschen und meine Familie - Die Art und Weise wie Menschen mit dir interagieren, manchmal auch nur die Art und Weise, wie sie dich ansehen. Wir haben diese Redewendung, dass wir keinen Alarm brauchen, weil wir immer die alten Frauen haben, die aus dem Balkon schauen. Wenn irgendjemand in dein Haus einbricht, weiss es sofort die ganze Nachbarschaft innert Sekunden. Die Menschen schauen immer aufeinander - zueinander. Aber das geht auch in beide Richtungen. Niemand kümmert sich nur um seine eigenen Angelegenheiten. Alle stecken ihre Nase in alles, beobachten was rundherum passiert. Jede*r ist neugierig – im positiven und auch im negativen Sinne (Klatsch und Tratsch). Ich vermisse das. Auch wenn du keinen direkten Kontakt hast, reden die Leute mit dir. Vor allem die alten Frauen haha. Diese Art von Alltag, habe ich bisher nur noch im Süden von Frankreich erlebt.
Ich sehne mich nach dem Klima - Hell und warm.
Es war immer sonnig. Sogar wenn es regnete. Ich kann mich kaum an regnerische Tage erinnern. Nur an den
blauen Himmel und die erschlagende Sonne.
Mir fehlt das Laute - Die Leute machen viel Lärm. In den Gassen und vor allem auf den Strassen, wenn sie Auto fahren.
Ich vermisse das Dreckige – Die Häuser sehen alt aus von aussen. Ich würde sagen auf eine gute Art und Weise. Alt und dreckig, aber mit Geschichte. Manchmal angsteinflössend, wenn du in manche Strassen liefst, kamen sie dir fremd und ausladend vor. Unperfekt ist das vielleicht bessere Wort. Ich fühlte mich nie unwohl mit diesem Unperfekt-Sein. Ich vermisse es sehr.
Als ich zum ersten Mal für länger fortging, war ich erst zwölf Jahre alt.
Ich war mir dieser Entscheidung nicht so bewusst. Es war mehr meine Mama, die mich pushte. Sie verstand, dass mein Talent, das Tanzen, keine Relevanz in Catania hatte. Es gab keine wirklichen Zukunftsaussichten oder Möglichkeiten für eine Karriere hier.
Beim ersten Mal, nicht wirklich. An den genauen Tag kann ich mich nicht erinnern.
Aber ich erinnere mich an die Reise – in kleinen Teilen.
Am meisten geblieben ist mir das Brot, in das ich am Tag der Audition in Milano biss. Meine Mama begleitete mich und wir hatten dieses Sandwich mit Prosciutto Crudo und Mozzarella. Es war so lecker, dass ich es nicht vergessen konnte.
Der Abschied fiel mir nicht leicht. Ich erinnere mich an meinen ersten Freund, den ich damals hatte. Einen Monat bevor ich Sizilien verliess, gaben wir uns unseren ersten Kuss Unterwasser. Ich liebte diesen Jungen sehr. Und da waren auch noch meine Freund*innen. Ich wollte sie nicht verlassen. In Bezug auf meine Familie hatte ich keine Angst zu gehen, sie würden immer da sein, das wusste ich. Aber meine Freund*innen? Sie würden ihr Leben auch ohne mich weiterleben. Meine Sorge darüber sie zu verlieren war gross.
- Roberta
Ein Neuanfang. Da sind immer gute Aspekte und schlechte. Für mich ist es dieser innere Drang der Neugierde. Eine Art Durst danach neue Orte und Menschen zu sehen und kennenzulernen. Da ist auch immer dieses Gefühl, dass ich nirgendwo richtig hingehöre, nach so vielen Jahren des Herumziehens.
Es kommt immer darauf an, wieso du gehst. Gehst du, weil du dich dazu entschieden hast oder weil du musst? Es verändert das Szenario, wenn das Gehen einen Sinn hat.
Oftmals musste ich. Ich wollte nicht. Vor allem wenn ich nach den Ferien zurück bei meiner Familie in Sizilien war und dann wieder gehen musste, war es sehr hart für mich. In den letzten drei bis vier Jahren wurde es immer schlimmer. Vielleicht weil ich mein Land besser kennengelernt hatte und dort neue Menschen kennengelernt habe. Die Verbundenheit mit meiner Familie und den Leuten dort war viel tiefer. Zuvor hatte ich nie wirklich die Möglichkeit gehabt, meinen Ursprung so tief kennenzulernen. Zudem wahrscheinlich auch weil ich wusste, dass der Ort an dem ich lebe, die Schweiz, nicht der Ort ist, an dem ich glücklich bin. Es war immer ein Schock für mich, wieder in den Alltag zurückzukehren.
Für mich ist es wie ein neuer Aufkleber auf meinem Koffer. Eine weitere Erfahrung, die ich mitnehme zur nächsten. Ich lasse also nicht wirklich etwas zurück. Es ist einfach eine Erfahrung, die am Ort kleben bleibt, an dem ich sie gemacht habe. Die ich nirgendwo an einem anderen Ort hätte machen können. Es ist mehr ein Loslassen mit einer kleinen Träne als ein Zurücklassen. Die Erinnerungen und Erfahrungen nehme ich mit. Ich sehe sie als eine Art Lektion und die einschneidesten und härtesten, waren die Wichtigsten.
Sieben Mal. Zuerst ging ich mit dreizehn nach Rom an die Tanzschule für ein Jahr. Dann mit vierzehn für zwei Jahre nach Frankreich an die Ballett-Akademie. Mit sechzehn nach Deutschland auf eine weitere Ballettschule und dann kam ich zurück nach Sizilien mit siebzehn. Als ich achtzehn wurde, ging ich erneut nach Frankreich und blieb für vier Jahre an derselben Ballett-Akademie, bis ich zweiundzwanzig war.
In die Schweiz zog ich für die Tanzkompanie der Bühnen Bern. Dort tanzte ich ein Jahr lang bis sie meinen Vertrag beendeten. Seitdem lebe ich in Bern seit vier Jahren und lebe vom Unterrichten. Immer wieder reise ich, um an Auditions für die Kompanien weltweit teilzunehmen. Dieses Leben erlebe ich als sehr anstrengend. Deswegen werde ich jetzt noch einmal fortgehen. Zuerst kehre ich nach Italien zurück zu meiner Familie und dann stürze ich mich ins nächste Abenteuer. Momentan ist der Favorit Madrid.
Vielleicht ist anzukommen, fast dasselbe Gefühl wie Zuhause zu sein. Nur mit dem Unterschied, dass man dazwischen weggegangen ist.
Ich glaube eigentlich nie.
Doch, Einmal vielleicht. Meine Zeit in Frankreich kommt nahe daran. Der Moment und der Ort waren einfach der Richtige. Es fühlte sich oftmals an, wie Zuhause. Es war sehr ähnlich, wie mein Zuhause in Sizilien. Ich hatte meine Freund*innen und alle diese vertrauten Gesichter auf dem Tanzcampus. Ich hatte meinen ersten richtigen Freund. Die Atmosphäre war geprägt von der harten Schulzeit gemischt aus Tanzen und Studieren, aber es gab auch die Ferien.
Es war eine wunderschöne Stadt am Meer. Da waren Menschen, die sich und mir gegenseitig Liebe gaben. Es waren vor allem die Menschen, die mich geliebt fühlen liessen. Es war auch die Zeit meiner Teenager Jahre. Ich denke die tiefsten und prägendsten Verbindungen zu Menschen, habe ich dort gemacht.
Während meiner ersten Monate in der Schweiz, fühlte es sich so an. Vom August 2018 bis ungefähr im Januar 2019 war ich eigentlich sehr glücklich. Damals war es eine neue Welt. Ich traf neue spannende Menschen und hatte einen fantastischen Arbeitsalltag.
Als sie mir erklärten, dass sie meinen Vertrag für die nächste Saison nicht verlängern würden, begann der Stress. Ich musste an Auditions, ständig herumreisen. Es war ein komplett anderes Leben. Ich konnte meine Zeit hier nicht mehr so geniessen, wie in den ersten Monaten. Als ich die Tanzkompanie verlassen musste, wurde ich sehr einsam. Ohne die Interaktionen am Arbeitsplatz war es sehr schwierig herumzukommen und Leute kennenzulernen. Eine Freundin half mir sehr dabei, aber trotzdem kannte ich die Stadt nicht gut genug.
Auch finanziell war unklar, ob ich die nächsten Monate hier überleben würde. Mir fehlten die Referenzen, um eine neue Stelle zu finden. Also begann ich mit dem Unterrichten und musste praktisch von Null anfangen. Es gab nichts, dass mir eine Garantie gab, hier leben zu können. Um ein wenig mehr Geld dazuzuverdienen, putzte ich das Studio einer Bekannten. Zuvor in der Kompanie genoss ich alle diese Privilegien, wie gratis Physiotherapie. Plötzlich war all das weg. Ich fühlte mich nicht arm, aber ich musste viele Arbeiten erledigen, die mir keine Freude bereiteten, um zu überleben. Um die Chance zu erhalten, neue Welten und andere Menschen kennenzulernen. Ich musste mir meinen Weg hocharbeiten in die Tanzszene von Bern.
Auch ausserhalb der Tanzszene habe ich versucht, Menschen kennenzulernen. Ich ging oft allein aus. Aber es war sehr schwierig fremde Menschen kennenzulernen. Der erste Schritt musste immer von mir ausgehen. Ich habe mir manchmal gewünscht, dass auch andere auf mich zukommen. Aber es passierte praktisch nie. Niemand wartet auf dich. Auch Covid kam schnell - sechs Monate nachdem ich die Kompanie verlassen hatte. Also war ich noch mehr in meiner Einsamkeit gefangen. Irgendwann habe ich dann nicht mehr viel versucht auf Menschen zuzugehen.
Dafür habe ich gelernt allein zu sein. Das war eine sehr wichtige Erfahrung. So habe ich mich hier wahrgenommen, allein.
Das hört sich vielleicht ein wenig klischeehaft an, aber es sind die Berge, die Seen– die Natur. Das ist es, was die Schweiz in meinen Augen so einzigartig macht. Immer wenn ich in die Natur gehen konnte, war es ein Ort des Friedens für mich.
Aber auch dieser Frieden ist ebenfalls teuer in der Schweiz. Um in den Bergen wandern zu gehen musst du fast die Hälfte deines Lohns für Zugtickets oder Gondeln draufgeben (schmunzelt).
Am allerliebsten höre ich die Vögel hier. Vor allem wenn es Frühling wird und man sie morgens wieder singen hört. Das signalisiert für mich immer den Beginn der sonnigeren Tage.
Es fällt mir schwer diese Frage zu beantworten.
Ich glaube nein. Denn wenn du weggehen willst, weisst du bereits, dass du schon irgendwo angekommen bist. Du kannst nicht fortgehen, wenn du zuvor noch nirgends angekommen bist.
In diesem Moment realisiere ich, dass ich Fortgehen nur mit Sizilien verbinde. Von anderen Orten bin ich nie fortgegangen. Nur von Sizilien. Vielleicht bin nirgendwo sonst angekommen?
Ja auf jeden Fall. Ich werde von hier fortgehen.
Aber zuerst muss ich zurückkehren, nach Sizilien.