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Das Wetter hier in der Arktis ist unberechenbar – das musste ich gestern am eigenen Leib erfahren. Als die MV San Gottardo am späteren Nachmittag zur russischen Siedlung «Pyramiden» aufbrach, nahmen der Wind und die Wellenhöhe entgegen der aktuellen Wettervorhersage schon kurz nach unserer Abfahrt sehr stark zu.
Immer wieder trafen hohe Wellen auf den Bug des Schiffes und das Wasser spritzte mehrere Meter in die Höhe. Die Vorhänge im Schiff bewegten sich vor und zurück, das Geschirr begann zu klappern und immer wieder spürte ich starke Stösse, weil das Wasser gegen den Bug prallte. Mich machte das Schaukeln des Schiffes sehr müde und wenn ich aufrecht stand, hatte ich das Gefühl, als würde mir jemand auf den Magen drücken. Am frühen Abend erhielt Charles, unser Kapitän, eine Nachricht per Funk, dass der Sturm in Longyearbyen noch heftiger ist als bei uns und mit 11 Bft. (102-117 km/h) fast das Maximum dieser Windskala erreicht hat. Wegen diesem stürmischen Wetter und weil sich das Schiff wegen den starken Gegenwinden teilweise kaum vorwärts bewegte, übernachteten wir in einer Bucht etwa eineinhalb Stunden von unserem eigentlichen Ziel entfernt. Am nächsten Morgen haben wir unsere Fahrt fortgesetzt und vor einem Gletscher nahe der Siedlung «Pyramiden» einen Halt gemacht. Diesmal war das Meer fast spiegelglatt. Charles zeigt uns auf seiner Navigationskarte, dass unser Schiff gemäss dieser Karte mitten auf dem Gletscher «Nordensköldbreen» steht. Er erzählte uns, dass diese Karten gerade einmal 3 Jahre als ist und sich der Gletscher in dieser Zeit so stark zurückgezogen hat, dass wir mit dem Schiff nun scheinbar auf dem Gletscher stehen. Mein Team und ich haben schliesslich noch die Papierkarten herausgesucht und gesehen, dass sich der Gletscher zwischen 1990 und 2002 um einen Kilometer zurückgezogen hat. Das hat mich sehr überrascht! Auf den Karten war ein grosser Felsvorsprung, der heute eisfrei ist, noch vom Gletscher überdeckt.
Diesen riesigen Gletscher zu sehen, die Grösse der Wellen und die Macht des Wassers zu spüren, brachte mich zum Nachdenken und ich realisierte, wie klein wir wirklich sind. Und trotzdem besitzen wir die Macht, die Atmosphäre zu erwärmen und riesige Gletscher zum Schmelzen zu bringen. Ist das nicht beängstigend?