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Sybille Rosenbaum-Droeber, Journalistin
1915-1977, geboren und gestorben in Berlin
1915-1977, geboren und gestorben in Berlin
Im „Ferien-Journal“, Ausgabe August-September 1997, schrieb Tina Stolz zum „Abschied von Sybille Rosenbaum“: Sybille Rosenbaum starb am 30. Juni in Berlin. Sie lebte über dreissig Jahre in Ascona, nachdem sie 1957 den Antiquar Wladimir Rosenbaum geheiratet hatte. In den letzten sieben Jahren, die sie in Berlin verbrachte, kehrte sie im Winter jeweils für einige Monate nach Ascona, zu ihren Freunden, zu ihren Erinnerungen zurück. Ihre Freunde in Deutschland haben bereits in Berlin von ihr Abschied genommen. Am Samstag, 30. August 10.30 Uhr, wird ihre Asche im Grab von Wladimir Rosenbaum in Ascona beigesetzt. Auf dem Grabstein ist ihr Name mit Geburtsdatum seit Ro’s Tod eingemeisselt. Sybille hat sich ihr Leben lang mit dem Tod auseinandergesetzt oder auseinandersetzen müssen. Sie wuchs in der Kleinstadt Halberstadt im Harz auf, zusammen mit zwei viel älteren Brüdern und einer älteren Schwester. Mit zwölf Jahren verlor sie ihren geliebten Vater, mit siebzehn ihre Mutter. Ein Jahr später musste ihr vertrauter väterlicher Freund, der jüdische Arzt Fritz Schönefeld, vor den Nazis flüchten. Nach dem Abitur wurde sie Bibliothekarin und begann eine Schauspielausbildung, die durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde. Mit ihrem Einzug zum Front-Theater und zur kulturellen Betreuung der Truppe, wurde sie direkt mit dem Krieg konfrontiert. Trotz der schwierigen Zeit, hatte sie den Mut, ein Kind zur Welt zu bringen, Bernd, geboren 1942. Seinen Vater, den Schriftsteller Günther Birkenfeld, heiratete sie nicht. Sie tat alles für diesen Sohn, für den sie die Verantwortung allein und ganz übernommen hatte. Das war während des Krieges und in den Nachkriegsjahren besonders schwierig. Es ist bezeichnend für sie, dass aus dieser Mutter-Sohn-Beziehung eine wichtige und tiefe Freundschaft entstehen konnte. 1946 wurde Sybille freie Journalistin am Nord-West Funk in Berlin. In ihre Reportagen über Geburtenkontrolle, Erziehung, Gleichberechtigung und über deutsch-jüdische Fragen, packte sie Themen an, für die es in der damaligen Zeit aussergewöhnlichen Mut brauchte. Sie sind heute noch aktuell. Dass sie mutig war, bestätigte sie ein Leben lang, als Mutter, als Journalistin, als Mensch, der 50Jahre lang mit Krankheiten kämpfte. Während des Krieges bekam sie Lungentuberkulose und ihre Lunge wurde auf die Hälfte reduziert. Seit 1978 litt sie, als Spätfolge davon, unter chronischem Asthma, überstand eine Tetanusinfektion, mehrere Autounfälle, einen Raubüberfall und um die 80 Spitalaufenthalte. Das deutsch-jüdische Drama beschäftigte Sybille ihr Leben lang. Ihre Ehe mit dem viel älteren jüdischen Antiquar Wladimir Rosenbaum, war mehr als nur ein privates Schicksal. Es war ein persönlicher Versuch, wenigstens an einem Menschen etwas wieder gut zu machen. 1956 kam sie zum ersten Mal nach Ascona und durch die Heirat mit Ro 1957 wurde die Schweiz für sie und ihren Sohn Bernd zur zweiten Heimat. Trotzdem brachen ihre Beziehungen zu Berlin nie ab, und das Ehepaar Rosenbaum verbrachte jedes Jahr einige Zeit dort. Mit der Schweiz kam Sybille aber schon vor Ascona in Berührung. Gleich nach dem Krieg erwirkte eine Schweizer Journalistin lebenswichtige Nahrungsmittel für sie und ihren Sohn durch eine Schweizer Organisation. 1950 reiste sie zum ersten Mal in die Schweiz und konnte für ihren Sohn an der Ecole d'Humanité am Hasliberg einen Platz belegen. Die Bekanntschaft mit den Leitern Paul und Edith Geheb wurde für sie zur lebenslangen Inspiration in pädagogischen und menschlichen Fragen, ebenso die Freundschaft mit dem Berner Kindertherapeuten Hans Zulliger. Durch ihn lernte sie auch Trudi März kennen, die damals für die Schweiz caritative Projekte im Ausland betreute. Am Berliner Radio stellte sie mehrere Schweizer in Interviews vor, darunter Gottlieb Duttweiler. Ich lernte die Rosenbaums etwa ein Jahr vor Ro’s Tod näher kennen. Damals hatte ich gerade die Redaktion des Ferien-Journals übernommen, und Sybille bat mich, an die Beerdigung einer Freundin in Ronco s/A zu kommen und darüber zu schreiben. Diese erste persönliche Begegnung ist mir unvergesslich. Auf dem Friedhof war dichtes Schneegestöber und Sybille konnte ihren Nachruf erst anschliessend im Restaurant halten. Ich bewunderte ihre Fähigkeit, das Trauern mit dem Trost eines vergangenen reichen Lebens aufzuheitern, warme Freundschaft zu zeigen, ohne sentimental zu werden. Nach diesem ersten Kontakt "hütete" ich ab und zu Ro, damit Sybille mit ihrem Joggelhund spazieren gehen konnte. Dabei lernte ich auch Ro’s ironischen Witz kennen, den er bis zuletzt beibehielt. Nach seinem Tod entwickelte sich eine wichtige Freundschaft zwischen Sybille und mir. Obwohl sie einer anderen Generation angehörte, konnte ich mit ihr alles bereden. Ihr literarisches, psychologisches und politisches Wissen beeindruckte mich ebenso, wie ihre Offenheit, ihr Humor und immer wieder ihre Tapferkeit. Ein bisschen benied ich sie um ihre scharfe Intelligenz und ihre Sprachgewandtheit, die sie auch fürs Ferien-Journal zur Verfügung stellte. Sie besass, trotz ihrer fast spröden Zurückhaltung, eine aussergewöhnliche Fähigkeit tiefer, empfindsamer Anteilnahme am persönlichen Schicksal eines Menschen. Und obwohl durch ihre Krankheit eingeschränkt, konnte sie spielerisch, ja fast verwegen ausgelassen sein. Ihre Direktheit verübelte ihr nur, wer sich selbst nicht in Frage stellen konnte. Sie selbst tat dies ihr Leben lang, und deshalb beschäftigte sie auch die Tragödie des Zweiten Weltkrieges bis zuletzt. Die Wiedervereinigung Deutschlands bewegte sie tief. Sie - und natürlich besonders Ro - würden sich vehement an den aktuellen Diskussionen über die Schweizerische Bankenverstrickung im Bezug auf die Judenkonten beteiligen. In den letzten Jahren musste Sybille ihre Kräfte immer mehr einteilen. Die Begegnungen mit ihr wurden seltener, aber nicht weniger intensiv. Sie wusste, dass sie dieses Jahr kaum überleben würde und sprach offen darüber. Ohne Sentimentalität, wie es ihre Art war und fast im Geheimen, nahm sie Abschied von ihrem Freundeskreis in Ascona. Eines ihrer Lebensthemen war die „Seele“, ausgehend von einem Traum, den sie 1941 hatte, der sie begleitete und von dem sie einer Freundin schrieb: „Dieser Traum ist mein Faustpfand und meine Lebenserwartung. Wie sollte ich einen Tod fürchten mit diesem Traum im Gepäck? An ihm gemessen ist alles, was mir irdisch-menschlich geschieht, nur ein noch zu erledigendes Pensum.“ Die Zwiegespräche mit ihr gehen über den Tod hinaus. Sie werden uns begleiten, wenn ihre Asche in Ro's Grab ihren endgültigen Ort findet und wir anschliessend zusammensitzen, an sie denken und von ihr reden. Zu Sybille Rosenbaums Asconeser Freundinnen zählte unter anderen auch Jo Mihaly.