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(NZZ – ZUSCHRIFTEN – Dienstag, 20. März 2018, Seite 11)
Aristoteles ist einer der Begründer der politischen Philosophie. Als Vorkämpfer für die Demokratie kann man ihn aber, wie Thomas Ribi am Ende seines Beitrags zu Recht anmerkt, nicht bezeichnen ( NZZ 7. 3. 18). Demokratie beruht auf der Kombination der beiden Prinzipien «eine Person, eine Stimme» und «Die Mehrheit entscheidet, die Minderheit fügt sich». Für Aristoteles war die Demokratie eine Zerfallsform jener «Herrschaft der vielen», die er Politeia nannte. Die ideengeschichtliche Karriere des heute weitgehend positiv aufgeladenen Begriffs «Demokratie» begann also mit einer radikalen und immer noch ernstzunehmenden Kritik. Selbstbestimmung ist wichtiger als Mitbestimmung. Das Mehrheitsprinzip kann auch zur Abschaffung der individuellen Freiheit führen, wenn es nicht durch zusätzliche Institutionen und Prinzipien daran gehindert wird, die das Private vor dem Öffentlichen schützen.
Mit seiner Definition des Menschen als «zoon politikon» hat Aristoteles zwar Bahnbrechendes geleistet, aber auch Fehlentwicklungen eingeleitet, unter denen wir, vor allem in Kontinentaleuropa, bis heute leiden. Die Definition des Menschen als «homo politicus» hat zu einer bis heute andauernden Überbewertung des Staatlichen und des Staates beigetragen. In der griechischen Polis gab es tatsächlich eine grössere Gruppe von Menschen (die aber zahlenmässig stets eine Minorität bildete), die sich auf Kosten der politisch Rechtlosen (der Frauen, der Sklaven und der Kolonien) ein Leben in Musse leisten konnten. Mit Politik, Philosophie, Sport und Kultur vertrieb man sich die Zeit, während die Sorge um den Lebensunterhalt, das Anliegen des «homo oeconomicus», auf einer – aus dieser Sicht – untergeordneten Stufe des Menschseins angesiedelt wurde. Nicht politisierende, wirtschaftlich aktive Privatleute wurden «idiotes» genannt, was zwar mit dem heutigen Schimpfwort nichts zu tun hat, aber dennoch abwertend gemeint war. Auf dieser arroganten Überbewertung des Politischen basiert die heutige Vorstellung von einem «Primat der Politik», der von Etatisten aller Parteien und von Berufspolitikern und Staatsabhängigen in allen Berufssparten als höchstes Ziel des Menschseins definiert wird. Eine gewisse Verachtung der Ökonomie, d. h. der entgeltlichen Aktivität im Bereich der Güterproduktion und der Dienstleistung und vor allem des Handels, hat über Jahrhunderte, mindestens in Kontinentaleuropa, das Menschenbild geprägt, und daran sind griechische Philosophen wie Platon und Aristoteles nicht unschuldig.
Robert Nef, St. Gallen