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Zainabu Jallo
Viele Menschen in den Amerikas und in der Karibik verfolgen ihre Herkunft zurück nach Westafrika. Und während in Westafrika die sogenannten traditionellen Religionen, wie die Verehrung von Òrìṣàs der Yorùbá, unter dem Einfluss von Islam und Christentum stark zurückgegangen sind, sind Religionen mit Bezug zu westafrikanischen Kosmologien vorherrschend in der transatlantischen Diaspora. Hier wurden die rituellen Praktiken der Verehrung von Yorùbá-Òrìṣàs mit Einflüssen aus unterschiedlichen indigenen und christlichen Glaubenssystemen verbunden. Diese Religionen bestärken das Bewusstsein der Diaspora für ihre afrikanische Herkunft. Doch haben sie im Laufe vieler Jahre die sichtbaren Zeichen von Herkunft und Ethnizität überwunden und heissen heute jeden willkommen, der sich diesem Glauben anschliessen möchte.
Seit dem frühen 15. Jahrhundert erreichten Sklavenschiffe unter portugiesischer Flagge den Hafen von Salvador da Bahia, der ersten Hauptstadt des Landes im Nordosten von Brasilien. Im 19. Jahrhundert war Yorùbáland eine der Regionen Afrikas, aus der die meisten Menschen verschleppt und verschifft wurden. Die versklavten Menschen brachten unterschiedliche afrikanische Religionen in andere Weltgegenden: Die Òrìṣà-Verehrung der Yorùbá war eine der prominentesten unter ihnen. Nach der Abschaffung des Sklavenhandels im 19. Jahrhundert gelangten durch die Handelsbeziehungen befreiter Sklaven und anderer Reisender zwischen Bahia und der westafrikanischen Hafenstadt Lagos viele weitere Yorùbá-Sprechende nach Brasilien. Durch diese transatlantischen Beziehungen entstand eine Yorùbá-Identität in Brasilien, der sich viele Menschen anschlossen, die zwar ursprünglich keinen Yorùbá-Hintergrund hatten, die jedoch zur brasilianischen Variante der Yorùbá-Religion konvertierten.
- Weiterlesen: Die Rolle von Trommeln in der Òrìṣà Verehrung
Im Zuge der Zwangsmigration verbreiteten die versklavten Menschen religiöse Praktiken, die auf der Kosmologie der Yorùbá basierten, nicht nur in Brasilien, sondern in ganz Amerika. Die Verehrung der Òrìxàs, wie sie hier heissen, fasste in nahezu allen Regionen Fuss, in die Yorùbá-sprechende Sklaven verschleppt wurden. Regionale Beispiele sind die Candomblé- und Umbanda-Religionen in Brasilien, Santeria in Kuba oder Vodou in Haiti, der auf religiösen Vorstellungen aus Dahomey in der heutigen Republik Benin beruht.
Zwar unterscheiden sich die lokalen Varianten der Religionen mit Bezug zu westafrikanischen Kosmologien in vielen Aspekten, doch teilen viele von ihnen bestimmte Riten, Dogmen, rituelle Sprachen und zum Teil auch die Verehrung der gleichen Gottheiten. Sie tragen regional leicht unterschiedliche Namen und Schreibweisen, die dennoch einen gemeinsamen Ursprung belegen. Eine in vielen Kosmologien zentrale Figur ist der oberste Gott Olódùmarè, dem die vermittelnden Orixás zur Seite stehen. Das gilt auch für die Anhänger des Candomblé, povo dos santos (Leute der Heiligen) genannt. Die Orixás werden mit bestimmten Naturelementen assoziiert, die auf die Erde kommen und dort Menschen in Trance versetzen können. Zugleich haben sie Eigenschaften und Emotionen, die sie den Menschen recht ähnlich machen. Orixás können verärgert sein, eifersüchtig, sie lieben exzessiv und leidenschaftlich. Jede und jeder Orixá hat ihre oder seine symbolischen Klassifizierungen, bestehend aus Kombinationen von Farben, Speisen, Gesängen, Gebeten, Örtlichkeiten und Räumen und zeitlichen Abläufen. Neben der Verehrung von anthropomorphen Gottheiten spielen in vielen rituellen Zeremonien Geisterbesessenheit durch Musik und Tanz, Opfergaben und Heilungsrituale eine wichtige Rolle. Und sakrales Trommeln und Tanzen sind integraler Bestandteil jedes Candomblé-Rituals.
Im brasilianischen Candomblé sind aus der Vermengung von religiösen Praktiken der Yorùbá mit lokalen indigenen Religionen verschiedene Sekten entstanden, naçãos genannt. Die Gruppe mit dem Namen Ketu, benannt nach einer der wichtigsten antiken Städte der Yorùbá in der heutigen Republik Benin, ist die grösste unter ihnen, gefolgt von Jejé und Bantu. Infolge eines Gesetzes von 1890 wurden die Praktiken des Candomblé von der Katholischen Kirche als schwarze Magie und Hexerei dämonisiert und ihre Anhänger wurden als Bedrohung für die brasilianische Gesellschaft von der Polizei verfolgt. Doch indem die Praktiker des Candomblé dazu übergingen, ihre Òrìxàs in der Gestalt von katholischen Heiligen zu verehren, konnte die Religion trotz massiver Verfolgung überleben. So hat sich Candomblé als eine rein mündlich überlieferte Religion ohne heilige Schriften zu einer der populärsten Religionen Brasiliens entwickelt. Sie wird auch von vielen Menschen ohne afrikanische Herkunft praktiziert.
Aus einem vor den Augen der Öffentlichkeit verborgenen heiligen Kult, der Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt war, wurde Candomblé in Brasilien nach und nach zu einem festen Bestandteil eines neuen kulturellen Zeitgeists. Heute ist Candomblé eine kosmopolitische Arena, ein Resultat lebendiger und sich ständig wandelnder Repräsentationen der Orixá-Traditionen.
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Header-Foto © Toluaye / Wikimedia commons