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(Sozialerziehung 2)
Sozialverhalten wird ab den ersten Tagen gelernt. Kultur und Gesellschaft erwachsen ebenso aus der Erziehung – schon der ersten Monate und Jahre – wie sie wiederum die Erziehungshaltung prägen. In der sozialen Erziehung, der Sozialisation, bilden wir Verhaltensmuster und Charakterzüge, die später auch gesellschaftlich wirksam werden.
In den fünfziger Jahren legte E.H.Erikson in seinem berühmten Buch „Kindheit und Gesellschaft“ ethnologische Studien vor, die den Zusammenhang zwischen verbreiteten Charakterzügen bestimmter Völker und deren Säuglingspflege zum Ziel hatte. So konnte er zeigen, dass die Säuglingspflege eines friedvollen Indianerstammes grössten Wert legt auf sehr viel Zuwendung und körperlichen Kontakt zwischen Säuglingen und Mitmenschen (Eltern, aber auch Geschwister und Verwandten). Ein kriegerischer Stamm, der auch intern von Konkurrenz, Rivalität und Missgunst geprägt ist, fordert bereits von Säuglingen sehr viel Verzicht an körperliche Nähe und Wärme. Die Kinder werden sich selber überlassen, was als korrekt und wünschenswert gilt.
Charakter und Sozialverhalten
Was wir als Charakter bezeichnen, beobachten wir weitgehend im sozialen Verhalten eines Menschen: Wie benimmt er sich anderen und sich selber gegenüber? Wie hilfreich, raffiniert, offenherzig oder selbstbezogen verhält er sich? Diese Beobachtungen werden meist zugleich mit Bewertungen überzogen: „Selbstbezogen“ heisst negativ gewertet: Egoistisch, misanthropisch, herrschsüchtig, verschlossen. Positiv gewertet heissen dieselben Verhaltensweisen: Selbstbestimmt, selbstbewusst, unbeirrbar, durchsetzungsfähig usw.
Je nach Gesellschaft (sozial und wirtschaftlich) werden die Charaktertypen einmal gefordert, ein andermal ausgegrenzt. Der Anpassungsfähige und –bereite ist am einen Ort ideal für Teamarbeit und Kooperation; am andern Ort aber schwach, zu wenig kämpferisch usw. Da wir nicht wissen, in welchen Lebensumständen unsere Kinder einmal gefordert sein werden, ihr Leben zu gestalten, wäre es Ideal dem Kind alle Verhaltensfähigkeiten mitzugeben: Ein unrealistisches Ideal. Dennoch gibt es ein Arsenal an grundlegenden sozialen Verhaltensmustern, die möglichst alle dem Prinzip nach beherrscht werden sollten. Es sind dies „Aufnehmen“, „Nehmen“, „Zurückhalten“, „Geben“, „Eindringen“ und „Halten“ können. Ich werde diese Grundmuster der entwicklungspsychologischen Reihe nach vorstellen. Sie sind im Säugling bereits angelegt. Ihre Entfaltung oder Verkümmerung erfahren sie aber vornehmlich in bestimmten Lebensabschnitten aufgrund der Erfahrungen, die mit diesem Verhalten in der kindlichen Welt gemacht werden.
Aufnehmen
Aufnehmen ist eine Tätigkeit. Der Säugling verdankt diesem Sozialverhalten seinen Namen. Die lebensnotwendige Grundbereitschaft und –fähigkeit ist aufzunehmen, was die Welt anbietet (Die Welt besteht in diesem Alter noch fast allein aus der Mutterbrust). Dies ist nur oberflächlich betrachtet eine Selbstverständlichkeit. Es gibt Säuglinge, die das Trinken verweigern. Es gibt schlechte Erfahrungen mit dem Saugen, z.B. bei Milchunverträglichkeit oder Ekzemen im Mund. Vielleicht hat auch die Mutter Schwierigkeiten Milch zu geben. Oder Mutter und Kind finden aus körperlichen oder seelischen Gründen beim Stillen nicht zusammen; es entstehen Spannungen, die den Akt der „Fütterung“ zu allem andern werden lässt denn einer Stillung.
In den frühen Akten der Fütterung werden tausendfache Erfahrungen über die soziale Welt gemacht: Bekomme ich genug? Bekomme ich es rechtzeitig? Ist das, was mir angeboten wird, gut oder schlecht? Ist es eine ruhige oder eine hektische, eine schöne oder zerstrittene Situation, wenn ich aufnehmen will, was ich brauche? Bekomme ich dann, wenn ich es brauche soviel wie ich brauche? Oder wird mir irgendwann zuviel oder zuwenig aufgedrängt, wenn ich gerade müde oder gar nicht hungrig bin? Sind meine Bedürfnisse vertrauenswürdig oder sind sie „immer falsch“ – zur falschen Zeit, an den falschen Adressaten etc.?
Auch wenn das Baby die Situation nicht so überblickt, wie ich sie beschreibe, macht es emotional diese Erlebnisse und behält sie als Grundstock der Erfahrung in sich, wie es und die Welt miteinander zurecht kommen.
Spätere Folgen
Wären die Erfahrungen auf diese Szene und nur auf den Augenblick beschränkt, müssten wir ihnen nicht soviel Aufmerksamkeit schenken. Nun steht aber Aufnehmen am Anfang jedes sozialen Austausches. Der ganze Wahrnehmungsapparat, Aufmerksamkeit, Interesse (aufnehmen wollen) und damit Lernen an Gegenüber und Welt basiert auf einer möglichst störungsfreien Aufnahmebereitschaft. Im Stillen oder Füttern wird viel mehr gelernt als nur den Hunger zu besiegen und physisch zu überleben. Es werden Bereitschaften auf- oder abgebaut; Erwartungshaltungen entwickeln sich und werden auf ihre Berechtigung hin überprüft.
Menschen, die überwiegend gute Erfahrungen mit Aufnehmen machen durften und diesen Charakterzug störungsfrei eingeübt haben, können zum Beispiel besonders gut zuhören, können u.a. besser aushalten, wenn andere sprechen. Da in diesen Erfahrungen auch viel Urvertrauen (grundsätzlicher Glaube an Wohlwollen der Welt und eigenem Willkommen sein) aufgebaut wird, sind in späteren Charakterzügen Gelassenheit und geringere Neigung zu Panik zu finden.
Soziales Lernen
Je harmonischer das Aufnehmen erlebt werden kann, desto unbelasteter ist auch das Verdauen, das einen weiteren Akt der Aufnahme/Aneignung ist. Auch diese Erfahrung beschränkt sich nicht auf das körperliche Geschehen, sondern wird auf die geistig seelischen Akte der Aufnahmebereitschaft übertragen. Als soziales Verhalten im engeren Sinne wird hier die Bereitschaft gelernt, das Gegenüber anzunehmen, d.h. neue Beziehungen einzugehen und Offenheit für Kontakte, die sich anbieten. Oder diese Fähigkeit wird eben durch schlechte Erfahrungen verlernt. (aktive Kontaktsuche und Zugehen auf Unbekannte lernt das Kind oft erst später).
Beobachten wir genau, was im Still- oder Fütterungsakt geschieht, sehen wir wie innig das Verhalten des Erwachsenen mit jenem des Säuglings verknüpft ist. Bereitschaft, Fähigkeit und Aufmerksamkeit der gebenden Mutter spiegelt sich im Ausdruck des aufnehmenden Kindes. Faszinierend sehen wir, wie alles Sozialverhalten auf Wechselwirkungen aufbaut. Wenn die gebebereite Mutter auf das aufnahmebereite Kind trifft, entsteht ein Bild tiefer Harmonie. Ist nur schon eine Seite unwillig oder unfähig, gerät die Szene rasch in tiefe Frustration, oft gar Streit und Wut. Nicht geben zu können ist offensichtlich ebenso frustrierend wie nichts zu bekommen!
Gestörte Stillzeit
Stillzeiten sind störungsanfällig. Die gebende Hingabe der Mutter erweckt die Eifersucht des älteren Geschwisters – manchmal sogar des sich ausgeschlossen fühlenden Vaters! Auch wenn es eher komisch tönt, diese Spannungen sollten nicht unterschätzt werden, bieten sie doch der Mutter ein schwerwiegendes Dilemma. Manchmal scheitern sogar Ehen an diesem – dann meist unverstandenen – Konflikt. Ohne dem Säugling einen Erwachsenenverstand zu unterstellen: Ein Kind bekommt die Spannungen mit, spürt sich vielleicht gar als Ursache der ungemütlichen Stimmung oder als unerwünschte Person.
Es lässt sich nicht vermeiden, dass die Szenen des Aufnehmens gestört werden. Manchmal ist auch das Kind zum Aufnehmen indisponiert. Da der Säugling keine Auskunft geben kann, was ihn stört, was er will oder wo genau etwas weh tut, sind auch Unverständnis und Missverständnisse an der Tagesordnung.
Ausgesprochen schlechte Ratgeber sind da Leute, die behaupten Säuglinge seien tyrannisch, heimtückisch oder gar von Natur aus böse. Wer solchem Rat folgt, kann sein Kind allerdings zu dem machen, vor dem gewarnt wird. Meist stammt der Rat auch von Menschen, die selber keine ganz kleinen Kinder pflegten – vielleicht auch von Vätern, die die Hingabe der Mütter nicht ertragen können.
Schauen Sie sich auf jeden Fall an, von wem die Empfehlungen stammen und in welcher Kultur sie entwickelt wurden!
Aggressives Aufnehmen
Drei Fehlhaltungen lassen das Kind später gierig (gegebenenfalls süchtig) und aufsässig (verschlingend) werden: Machen wir das Kind andauernd zum Sündenbock, wenn es bei der Fütterung zu Schwierigkeiten kommt, fühlt es sich unverstanden und entwickelt die Angst, nie genug oder nie das richtige zu erhalten. Die Umwelt erscheint ihm nicht wohlgesonnen oder nicht fähig ist, auf es einzugehen.
Der zweite Weg Störungen vorzubereiten bietet sich nach dem 6 – 8. Lebensmonat. Auch dem Kleinkind – so wie es für den Säugling richtig ist - keine Wartezeit zuzumuten oder besser gesagt zuzutrauen, beraubt ihn der Erfahrung, dass Hunger zu überleben ist. Was zu früh schädlich ist, darf nicht später ausbleiben. (Vgl. Artikel „Sozialverhalten“ im letzten Heft der Hausapotheke)
Ein dritte Weg, eine Verhaltens- und Essstörung im Kinde vorzubereiten, ist dem Säugling zu frühe und zu grosse Frustrationen abzuverlangen: Z.B. lange Wartezeiten beim Stillen, die der Säugling noch nicht ertragen kann. Beim ersten und dritten Fehler wird Essen resp. Hunger zu einer vorhersehbaren Qual. Entweder man schlingt und schluckt hinunter, was immer kommt oder der Akt des Aufnehmens wird gemieden wo es geht. Vielleicht lässt sich auch das Hungergefühl so unterdrücken, dass es nicht mehr gespürt wird?
Die Methode der strikten Stillzeiten gehört der Kultur an, die ich oben bei Erikson zitiert habe: Eine Kultur, die sich eher auf rücksichtslose Kämpfernaturen einrichten will. Auch frustrierte Säuglinge können gross werden und überleben. Wenn wir mit einer Gesellschaft mit Raubtiermentalität rechnen, ist so ein Kind vielleicht besser gerüstet – sofern es nicht in die Fänge irgend einer Sucht gerät.
Es ist also eine folgenschwere Wahl, die den Eltern hier abverlangt wird.
Kompensieren
Nun ist Aufnehmen zwar wie gesagt ein sehr wichtiges soziales Verhaltensmuster, aber wir kommen auch durchs Leben, wenn hier die Erfahrungen nicht optimal sind. Schon bald ist der Säuglingskörper soweit, dass er greifen und zupacken kann. Damit gewinnt er eine neue Verhaltensweise und ein neues Betätigungsfeld. Es kann den Ball an der Schnur selber packen, ihn in der Hand behalten und loslassen. Im Nehmen kehrt sich die Aktivität nach aussen.
Damit ist auch ein Ausweg gefunden, sollte man nicht genug bekommen: Man kann es sich holen. Das Grundmuster „Nehmen“ kann so kompensieren, was im Grundmuster „Aufnehmen“ verschüttet wurde. Eine krankhafte Variante der Aufnehmensstörung, die mit Nehmen kompensiert werden will, ist die Boulemie. Der aneroktische Teil, d.h. die Nahrungsverweigerung, wird von der Kompensation „nehmen“ abgelöst. Es wird grob gesagt gefressen. Dann aber wird die Kompensation verworfen, weil sie mit der Verweigerungshaltung unvereinbar ist und das „Genommene“ wieder ausgestossen.
Kompensatorisches Nehmen sehen wir auch bei verschiedenen Formen des Stehlens und des Kaufrausches.
Nehmen
Natürlich geht das neue Grundmuster weit über eine Kompensation hinaus. Nehmen können ist das zweite grundlegende soziale Muster, das im ersten Lebensjahr aufgebaut wird. Auch hier entscheiden die Erlebnisse, die mit diesem Verhalten gemacht werden dürfen, über Charakteristik und Ausgestaltung der Fähigkeiten.
Nehmen, Zugreifen und Anpacken können – und dürfen! – sind jedenfalls wichtige soziale Fähigkeiten. Hierher gehört, dass sich ein Kind getraut, bekanntes und unbekanntes zu erkunden. Es kriecht, es ergreift, beisst hinein und prüft. So lernt es die Welt kennen. Auch im sozialen packt es gerne zu. Wieviel Berührung gestatten Sie? Wieviel Entdeckungseifer unterstützen Sie? Wo sind die Grenzen? Gibt es überall Verbote? Die Erfahrungen mit dem Nehmen sind für alle Beteiligten nie konfliktfrei! Die Steckdose, der Bauklotzturm des älteren Bruders, die Erbvase und der neue Laptop. Es gibt Grenzen. Hier steckt sehr viel soziales Lernen drin! Wie kommt ihr Kind zu Interesse, Entdeckerenergie und zupackender Freude, ohne dass die ganze Wohnung hinter Glas gesetzt oder von unkindlichen Gegenständen ausgeräumt wird?
Wie verhindern sie, dass unausgesetztes „Nein!“, „lass das liegen“, „dort nicht!“ zu sozialen Spannungen und negativer Neugier führt? „All die schönen und interessanten Dinge, die nicht berührt werden dürfen! Wenn da mal niemand hinguckt, werde ich alles so schnell als möglich holen!“
Hier liegen auch viele Fussangeln für Missverständnis und Unverständnis zwischen allen Familienmitgliedern.
Unterstützen
Der einzige Rat, der mir für dieses erzieherisch schwierige Alter einfällt, ist Raum und Zeit gut einzuteilen. Das Kleinkind braucht Zeiten, in denen sie mit ihm auf Entdeckungsreise in die „verbotenen Zonen“ gehen und ihm die Dinge, die sonst gefährdet sind, in die Hand geben – zur Sorgfalt mahnend. Sie unterstützen sein Zugreifen und Untersuchen, aber weisen es auch auf Gefahren oder Rücksichten hin, die von ihm verlangt werden. Diese Reisen sollten sowohl mit den Geschwistern als auch im „Zweierteam“ erfolgen.
Daneben sollten sich auch Räume und Zeiten finden, in denen das Kind allein auf Entdeckungsfahrt geht. Dort sollten jedoch die Gefahren für Kinder und Gegenstände minimal sein.
Es fehlt im Artikel der Platz, um auf Details der Probleme mit dem Nehmen einzugehen. Nur eines sei betont: Wird das Nehmen zu sehr vermiest, ziehen sich Kinder kompensatorisch möglicherweise auf das Aufnehmen zurück: Sie konsumieren. Das gefährlichste Angebot ist in diesem Alter das Fernsehen. Man kann Kinder vor dem TV parkieren und Ruhigstellen. Sie nehmen solange nichts! Aber sie lernen auch, dass Konsumieren besser – sprich: erwünschter – ist als zugreifen. Wollen Sie das?
© Dr. Rudolf Buchmann