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Der Unterschied zwischen Präsident und Präsidentschaft
Dieser Tage bin ich auf Netflix auf einen Dokumentarfilm über Pete Souza gestossen, den ehemaligen Cheffotografen des Weissen Hauses. Souza arbeitete zunächst von 1983 bis 1989 unter Ronald Reagan als Fotograf im Weissen Haus und dokumentierte dann die achtjährige Präsidentschaft von Barack Obama mit zum Teil atemberaubenden Bildern. Souza bezeichnet sich selbst als unpolitisch. Doch während der Präsidentschaft von Donald Trump begann er, oft ohne viele Worte, Bilder von Obama, die zum aktuellen Geschehen passten, auf Instagram zu posten. Er sah die Präsidentschaft als Institution durch Trump beschädigt. Seine Sichtweise hat mir zu denken gegeben, gerade vor dem Hintergrund, dass die Schweizer Bundesverfassung diese Woche ihr 175-jähriges Jubiläum feiert. Ich glaube, auch bei uns ist das Bewusstsein verloren gegangen, dass der Regierungsrat und der Bundesrat Institutionen sind, die immer grösser sind als die Personen, die sie ausfüllen. Mein Wochenkommentar über den Unterschied zwischen Präsident und Präsidentschaft.
Diese Woche feierte die Schweiz den 175. Geburtstag ihrer Verfassung: Am 12. September 1848 wurde aus der alten Eidgenossenschaft ein Bundesstaat und die erste Demokratie Europas. Die Bundesverfassung setzte die institutionellen Pfeiler der Schweiz: Sie definierte den Bundesrat als Exekutive, die Bundesversammlung mit ihren beiden Kammern als Legislative, das Prinzip der Gewaltentrennung, die föderalistische Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen, freie Wahlen und die wesentlichen Grundrechte für die Bürger. Die Bürgerinnen kamen bekanntlich erst viel später zu ihren Rechten. Aber das ist ein anderes Thema. In der (heutigen) Bundesverfassung steht im Artikel 174: «Der Bundesrat ist die oberste leitende und vollziehende Behörde des Bundes.» Das ist der ganze Artikel. Er bildet den konstitutionellen Rahmen für den Bundesrat als Institution.
Ganz ähnlich regelt die amerikanische Verfassung die Präsidentschaft. Im zweiten Artikel der Verfassung heisst es im Abschnitt 1:1: «The executive Power shall be vested in a President of the United States of America. He shall hold his Office during the Term of four Years…», dann folgen die Bestimmungen für die Wahl des Präsidenten. Die amerikanische Präsidentschaft ist eine verfassungsmässig definierte Institution. Sie umfasst nicht nur das Amt des Präsidenten selbst, sondern das gesamte System und die Strukturen, die die Rolle und Funktion des Präsidenten im amerikanischen Regierungssystem definieren.
Die Verfassung verleiht dem Präsidenten Macht in Form von Befugnissen, wie zum Beispiel das Vetorecht gegen Gesetze und die Rolle des Oberbefehlshabers der Streitkräfte. Gleichzeitig bettet sie die Präsidentschaft ein in ein System von «checks and balances»: Die exekutive Gewalt des Präsidenten wird durch die legislative Gewalt des Kongresses und die judikative Gewalt des Obersten Gerichtshofs ausbalanciert. In der Schweiz ist das sehr ähnlich, nur dass die Institution Bundesrat nicht nur aus einem, sondern aus sieben Menschen besteht.
«President» und «Presidency»
Mir scheint, in den letzten Jahren ist in Vergessenheit geraten, dass der Bundesrat eine Institution ist. Das hat auch mit der Sprache zu tun. In den USA unterscheidet die englische Sprache zwischen «President» und «Presidency». Der «President», das ist die Person, die das Amt des Präsidenten gerade innehat. Die «Presidency» bezeichnet die Institution, das gesamte Amt der Präsidentschaft, einschliesslich seiner Geschichte, Macht und Rolle im US-Regierungssystem.
Ein vergleichbares Wort gibt es in der Schweiz nicht: Auf Bundesebene gibt es keine «Bundesratschaft» und auf kantonaler Ebene keine «Regierunsratschaft». Vielleicht ist deshalb das Bewusstsein dafür weniger ausgeprägt, dass ein Bundesrat oder Regierungsrat nicht Bundesrat oder Regierungsrat IST, sondern lediglich für beschränkte Zeit ein Amt im Rahmen einer Institution bekleidet. Die «Bundesratschaft» ist immer grösser als der einzelne Bundesrat.
Im Englischen sagen Politiker gerne: «I’m humbled to serve». Ins Deutsche übersetzt heisst das etwa: «Ich fühle mich geehrt, dienen zu dürfen». Doch im Wort «humbled» steckt mehr als nur Ehre. «I’m humbled» drückt eine respektvolle und demütige Haltung gegenüber dem Amt aus, Dankbarkeit und Bescheidenheit und die Anerkennung dafür, dass der Dienst oder die Rolle, die jemand übernimmt, grösser ist als die Einzelperson selbst. Und genau das ist der springende Punkt: Das institutionelle Amt ist immer grösser als die Person. Das gilt im Oval Office genauso wie im Bundeshaus und in den Regierungsgebäuden von Basel, Zürich, Genf oder Chur. Und dieses Bewusstsein scheint mir verloren gegangen zu sein. In Basel, Zürich und Genf und auch in Bern.
Haare wie meine
Der Unterschied zwischen Person und Amt wird gut an den Bildern von Pete Souza sichtbar. Souza ist Fotojournalist und hat zweimal als Cheffotograf im Weissen Haus gearbeitet: Von 1983 bis 1989 begleitete er Ronald Reagan, von 2009 bis 2017 Barack Obama. Er hat also für die beiden prägendsten Präsidenten unserer Zeit aus beiden Parteien gearbeitet. Allein das ist schon äusserst bemerkenswert. Obama begleitete er acht Jahre lang auf Schritt und Tritt und schoss dabei ikonische Bilder des Präsidenten. Eines der bekanntesten Fotos ist das aus dem Situation Room, das den Präsidenten zusammen mit Mitgliedern seines Sicherheitsteams während der Tötung von Osama bin Laden zeigt.
Mein Lieblingsbild ist aber das Foto «Hair Like Mine» (2009), auf dem sich Präsident Obama vor dem fünfjährigen Jacob Philadelphia zu verbeugen scheint. Der Junge hebt seinen Arm, um das Haar des Präsidenten zu berühren, weil er prüfen möchte, ob es sich tatsächlich wie sein eigenes Haar anfühlt. Alle Bilder von Obama, auch die lustigen, strahlen die Würde des Amtes aus: Obama ist sich bewusst, dass nicht er als Person wichtig ist, sondern dass er dem Amt dient.
Im Dienst der Geschichtsschreibung
Souza hat im Weissen Haus nicht als PR-Fotograf gearbeitet, sondern im Dienst der amerikanischen Bevölkerung die Präsidentschaften von Reagan und Obama dokumentiert. Die Aufgabe des Fotografen im Weissen Haus sei es, die Präsidentschaft für die Geschichte festzuhalten, sagt er. Allein während Barack Obamas Amtszeit hat er fast zwei Millionen Fotos geschossen. Jedes einzelne dieser Bilder landet im Nationalarchiv und wird, nach Ablauf allfälliger Geheimhaltungsfristen, der Öffentlichkeit zugänglich sein. «Am Tag der Razzia gegen Bin-Laden habe ich wohl mehr als tausend Bilder gemacht, und eines Tages werden die Leute jedes einzelne davon sehen können, wenn sie wollen», sagt Souza.
Während der Präsidentschaft von Donald Trump begann Pete Souza damit, auf Instagram die Auftritte von Trump mit Bildern ähnlicher Ereignisse aus der Zeit von Barack Obama zu kommentieren. Begonnen hat es mit einem Bild der Vorhänge im Oval Office. Als Trump die bescheidenen rötlichen Vorhänge seines Vorgängers entfernen und durch protzige goldene Vorhänge ersetzen liess, postete Souza ein Foto des Oval Office mit den rötlichen Vorhängen auf Instagram und schrieb dazu: «Ich mag diese Vorhänge lieber als die neuen.» Er sei kein politischer Mensch, sagt er im Film «The Way I See It». Es gehe ihm nicht um Politik, sondern um die Institution. Er habe die Politik von Reagan nicht immer gemocht, aber Reagan habe verstanden, was es meine, Präsident zu sein. Auf den Fotos, die Souza von Reagan und von Obama geschossen hat, ist das sichtbar: Reagan und Obama dienen der Präsidentschaft. Bei Trump war das anders.
Narzissmus oder Geschichtsvergessenheit
Donald Trump war sicherlich ein Extremfall: Es war deutlich zu sehen, dass er seine Person sehr, sehr wichtig nimmt. Da war nicht viel Bewusstsein für «humble service», und zwar weder für «humble» noch für «service». Das hat nichts mit der Politik von Trump zu tun, es betrifft die Art und Weise, wie er sein Amt ausgeübt hat. Es begann damit, wie er ohne viel Vorbereitung und ohne Absprache mit der Administration seines Vorgängers ins Weisse Haus einzog, und es reicht bis zu den Geheimdokumenten, die im Badezimmer seiner Residenz in Florida gefunden wurden.
In abgeschwächter Form scheint mir das aber für viele Politikerinnen und Politiker zu gelten. Das Bewusstsein, dass die Institution immer grösser ist als das Amt, ist geschwunden. Ich glaube, so mancher Bundesrat oder Regierungsrat glaubt tatsächlich, dass es um seine Person geht. Dass er Bundesrat IST. Vielleicht ist das ein Ausdruck davon, dass wir durch die sozialen Medien im narzisstischen Zeitalter leben, vielleicht ist es die Folge einer gewissen Geschichtsvergessenheit. Ich weiss es nicht.
Es ist im Deutschen weniger üblich, davon zu sprechen, dass eine Person als Bundesrat «dient» oder «Dienst tut», aber genau das ist gemeint. Ämter wie Bundesrat und Nationalrat, Regierungsrat, Landrat oder Grossrat sind Institutionen. Die gewählten Personen dienen den Institutionen jeweils für einige Jahre. Die Institutionen sind grösser, älter und wichtiger als die Menschen, die die Ämter bekleiden. Auch daran erinnert uns das 175-Jahr-Jubiläum der Schweizer Bundesverfassung.
Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn die Staatsarchive oder das Bundesarchiv einen offiziellen Fotografen beauftragen würden, den Alltag der Institutionen für die Geschichte festzuhalten. Ich denke dabei keinesfalls an einen Hoffotografen, sondern an einen Geschichtsschreiber mit Kamera. Er (oder sie) müsste wie Pete Souza die höchstmögliche Sicherheitsfreigabe haben und überall dabei sein können. Mit dem Ziel, nicht die Personen ins rechte Licht zu rücken, sondern die Institution Bundesrat oder Regierungsrat abzubilden und zu dokumentieren. So wie Pete Souza.
Basel, 15. September 2023, Matthias Zehnder <email-pii>
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Quellen
Bild: KEYSTONE/EPA/Pete Souza
Am 8. Mai 2009 bückt sich Präsident Barack Obama im Oval Office, damit der fünfjährigen Jacob Philadelphia sein Haar berühren kann.
Baume-Schneider, Elisabeth (2023): Die Verfassung von 1848: Ein Meilenstein der Schweizer Geschichte. In: EJPD. [https://www.ejpd.admin.ch/ejpd/de/home/themen/175-jahre-bundesverfassung.html; 15.9.2023].
Britton, Barney (2020): Pete Souza Interview: ‘I Have The Right To Speak Out When I See Wrong. And I See Wrong’. In: DPReview. [https://www.dpreview.com/interviews/6568691420/pete-souza-interview-i-have-the-right-to-speak-out-when-i-see-wrong-and-i-see-wrong; 15.9.2023].
Calmes, Jackie (2012): When A Boy Found A Familiar Feel In A Pat Of The Head Of State (Published 2012). In: The New York Times. [https://www.nytimes.com/2012/05/24/us/politics/indelible-image-of-a-boys-pat-on-obamas-head-hangs-in-white-house.html; 15.9.2023].
Kreis, Georg (2023): 175 Jahre Schweizer Bundesverfassung: Wie Gelang Das Projekt? In: Neue Zürcher Zeitung. [https://www.nzz.ch/schweiz/die-schweiz-auf-zwang-und-konsens-gebaut-ld.1725833?trco=19001541-05-18-0001-0005-009741-00000000; 15.9.2023].
Parlamentsdienste (2023): 175 Jahre Bundesverfassung – Eine Unglaubliche Geschichte. In: Parl.ch. [https://www.1848-parl.ch/de/; 15.9.2023].
Porter, Dawn (2020): The Way I See It. Dokumentarfilm. Universal Pictures: USA 2020
Souza, Pete (2017): Obama: An Intimate Portrait. Little, Brown and Company: Boston, 2017
Souza, Pete (2018): Shade. A Tale of Two Presidents. Little, Brown and Company: Boston, 2018
Souza, Pete (2022): The West Wing and Beyond. What I Saw Inside the Presidency. Little, Brown and Company: Boston, 2022.
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