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Stolpersteine
«Reue»
Das Korrekturprogramm von Word kennt zwar das Wort «Reue», aber nicht die Aussage «es reut mich».
Konsequent bleibt «reut» unterschlängelt. Irgendetwas gefällt dem Programm nicht. «Es reut mich» zu sagen, gehört anscheinend nicht zum heute üblichen Sprachgebrauch. Ist aber nur die Redewendung altertümlich oder ist gar das damit Gemeinte fremd und passé? Ist «Reue» etwas, was in die Mottenkiste gehört?
Gehen wir ein paar Jahrhunderte zurück. Bernhard von Clairvaux, der bedeutende Mystiker des Zisterzienserordens im 12. Jahrhundert, schreibt an Papst Eugen III., seinen ehemaligen Schüler. Der Brief trägt den Titel: «Gefahren der Überbeschäftigung». Heute könnte man diese Überschrift auch wiedergeben mit: «Der Stress und seine Folgen».
Bernhard schreibt an seinen Mitbruder, der angesichts der vielen Geschäfte, die es zu erledigen gilt, und der vielen, die an ihm zerren und ihn bedrängen, unterzugehen droht. Mit liebevollen Worten ermahnt Bernhard ihn, gerade in einer solchen Situation nicht abzustumpfen und das Herz hart werden zu lassen. Er sagt ihm nicht: «Jetzt sage doch einmal nein!» oder «Unterscheide doch endlich einmal, was wichtig ist und was nicht!» Er rät ihm in der Situation der Überforderung, sein Herz nicht zu verhärten.
Das ist auf den ersten Blick ein ungewöhnlicher Rat. Ein verhärtetes Herz ist eines, so führt Bernhard aus, das weder durch Reue noch durch Zuneigung erreichbar ist. Auch durch Bitten lässt sich ein verhärtetes Herz nicht bewegen. Denn das Gespür für Gott und den Menschen ist verloren gegangen, wenn das Herz sich verhärtet. Das Gegenprogramm, das Bernhard aufzeigt, ist wieder überraschend. Er empfiehlt: «Gönne dich dir selbst.» Dies ist keine Einladung, nur um sich zu kreisen. Doch wer nicht über sich selbst nachdenkt und sich selbst nicht kennt, der kann nichts bewegen. Ein Weiser muss zunächst – so Bernhard – aus dem eigenen Brunnen trinken, um weise zu werden. «Wie kannst du voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast?» Was hat das mit «Reue» zu tun?
Wer über sich nachdenkt, der wird bald feststellen, dass sein Denken und Handeln nicht immer in Ordnung ist, ja, dass er sich oft selbst davon abhält, ganz Mensch zu sein. Das Rezept ist nun nicht, in Sack und Asche zu gehen, sondern ganz einfach: «Gönne dich dir selbst.» Nimm dir Zeit und denke nach. Über dich, dein Leben, dein Handeln, und auch über deine Beziehung zu Gott. Das eine oder andere wird dich reuen und das ist gut so. Denn so wird dein Herz ein liebendes Herz.
Text: Birgit Jeggle-Merz, Professorin für Liturgiewissenschaft THC