Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/1290

Eric Bergkraut zeichnet in seinem neusten Film den Leidensweg und die Politisierung von Michail Chodorkowski nach. Der russische Wirtschaftsmagnat und Gründer des Erdölkonzerns Yukos wurde 2003 wegen Steuerhinterziehung und Wirtschaftsbetrug zu zehn Jahren Haft verurteilt. Bergkraut nimmt mit Chodorkowski während dessen Inhaftierung brieflichen Kontakt auf. Der Inhaftierte schildert dem Filmemacher seinen Alltag im Gefängnis und seine jeweilige Befindlichkeit. So entsteht eine Brieffreundschaft, der zusätzlich zum Fokus auf Chodorkowskis Person ebenfalls eine zentrale Bedeutung im Film zukommt. Bergkraut gestaltet auch die erklärenden Off-Kommentare als einen kontinuierlichen Dialog mit seinem Protagonisten. Er begleitet dessen Eltern und die Anwältin des Inhaftierten während der langen Zugreisen nach Segescha, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Dabei ist der gesellschaftliche Zustand Russlands unter der Ägide Putins das dominierende Gesprächsthema, das von Bergkraut anhand des Schicksals von Chodorkowski eingehend analysiert wird. Die düstere Stimmung, die sich dabei herauszukristallisieren beginnt, präsentiert der Film mittels karger, trister Stimmungsbilder von Segescha. Zusätzliche Blickwinkel auf Chodorkowskis Person vermitteln die Ausführungen seines ehemaligen Geschäftspartners Leonid Newslin und ein detailliertes Interview, das Bergkraut beim ersten realen Zusammentreffen der Brieffreunde nach der Haftentlassung realisierte. Während Newslin Chodorkowskis Verwandlung vom erfolgshungrigen Unternehmer zum zivilgesellschaftlichen Agitator rekapituliert, der von der Haft gezeichnet, aber auch gestärkt hervortritt, präsentiert sich Chodorkowski im Interview als ganz der Gegenwart und der Zukunft verpflichtet. Er versucht, die ihm weggenommene Lebenszeit durch ein gesteigertes Tempo wieder aufzuholen.
Der zweite Teil des Films untersucht Chodorkowskis Leben nach der Haftentlassung: Die triste Szenerie von Segescha ist einer Villa am Zürichsee, dem Leben mit der Familie und dem Auftreten an zahlreichen Podien gewichen, auch in der revolutionsgezeichneten Ukraine. Chodorkowski scheint die kleinen Freuden des Lebens zu schätzen, wenn man ihn mit seiner Frau über die Beobachtung eines Fuchses herzhaft lachen sieht. Bergkraut, der sich auch schon in Letter to Anna und Coca – The Dove from Chechnya eingehend mit der ambivalenten Politik Russlands auseinandergesetzt hat, präsentiert mit Citizen Khodorkovsky ein einnehmendes und sehr persönliches Porträt von Michail Chodorkowski, der sich durch seine Gefängnisstrafe erst recht vom apolitischen Unternehmer zu einem politischen Agitator gewandelt hat.