Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03426.jsonl.gz/1305

Karl Kamenisch: Goethe, Scheffel und C. F. Meyer im Banne der Alpen
Da ich die 1910 erschienene erste Auflage dieses Büchleins nicht zu Gesicht bekommen habe, so mache ich mir eine Pflicht daraus, die zweite illustrierte Ausgabe kurz zu besprechen.
Der Abschnitt über Goethe hat mich am wenigsten befriedigt. Herr Camenisch hat sich wie andere der Versuchung nicht entziehen können, Goethe als Prophet oder Vorläufer des Wintersports zu feiern, weil er eine „ Harzreise im Winter " unternommen und im November eine abenteuerliche Fahrt über die Furka und auf den Gotthard gewagt und beide glänzend geschildert hat. Aber zur Winterreise in den Harz trieben ihn edlere Motive als die sportlichen, und man muß die „ winterlichen " Momente in Goethes Reise von 1779 stark übertreiben, um in ihr etwas selbst in jener Zeit Unerhörtes oder Vorbildliches zu sehen. Auch die Art, wie Gœthesche Gedichte und Aussprüche zu den drei Schweizerreisen 1775, 1779 und 1797 in Beziehung gesetzt werden, ist nicht immer einwandfrei; so wenn das 1796 entstandene Lied Mignons „ Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg " als dem Gott-hardbesuch von 1775 entsprossen dargestellt und gar das lederne „ Die erste Schweizerreise eröffnete mir mannigfaltigen Blick in die Welt " der 1819 redigierten „ Tagesund Jahreshefte " als „ im Lapidarstil zu Hause redigiertes Fazit " derselben gelten soll. Wie der Verlauf, so sind auch die Motive der zweiten Schweizerreise ungenügend dargestellt, und doch hätte Herr Camenisch hier für eine zweite Auflage das, was ich über diese in meinem Neujahrsblatt: J. S. Wyttenbach und seine Freunde im Dezember 1910 veröffentlicht habe, Belehrung geboten. Für eine dritte Auflage empfehle ich Herrn Camenisch außerdem die Berichtigung einiger Druckfehler wie Mont Ventouxe, Gottlieb Sigismund Gruner, und Musenhof an der Ill. Sehr zu begrüßen und dankenswert ist dagegen, was Herr Camenisch über die Bündner Reise Goethes von 1788 vorzubringen hat. Schade, daß es nicht mehr ist.
Ebenso nützlich ist sein kleiner Essay über Joseph Victor Scheffel und das Engadin, der frei ist von den Fehlern, welche wir seinerzeit an einer Behandlung des gleichen Themas zu tadeln hatten ( siehe Jahrbuch XLV, pag. 415/416 ). Immer mit Beziehung auf die dadurch angeregten Gedichte und unter ausgiebiger Benutzung der vorhandenen Literatur werden uns die Reisen Scheffels von 1849 ( ins Rheinquellgebiet und über den Splügen nach Corno ), 1850 ( Scesaplana, Gotthard, Rigi ), 1851 ( Oberalp, Vorderrheintal, Churwalden, Parpan, Lenzerheide, Albulapaß, Oberengadin, Roseggletscher, Berninapaß ) vorgeführt. Herr Camenisch nimmt an, daß das flotte Gedicht: „ Heia, das Schneegebirg han wir erklommen " aus der Erinnerung an diese Gletscherfahrt hervorgegangen sei. Ich habe geglaubt, und glaube es noch, daß es eine Frucht der Scesaplanabesteigung sei. Als weitere Reisen werden beschrieben 1862: Tarasp-Vulpera und Bernina, 1864 „ vom Bodensee dem Rhein entlang nach Thusis, über den Splügen ins Rheinwald und über den Bernhardin nach Misox und an den Langensee ".
In gleicher Weise gehalten ist auch die Studie über Conrad Ferdinand Meyer in den Bündner Bergen. Noch weniger als Scheffel war Meyer ein „ Gipfelstürmer oder ein Modetourist ", aber die Bündnerberge spielen in seinen Novellen und lyrischen Gedichten eine große Rolle, und für den Jürg Jenatsch hat er eigentliche Studienreisen in Bünden gemacht. Folgendes sind die Wanderungen und Aufenthalte in Bünden: 1838 mit seinem Vater: Ragaz-Chur-Thusis-Via Mala-Splügen; 1866 mit seiner Schwester Betsy: Chur-Lenzerheide-Julier-Engadin-Fextal-Surley-Maloja-Bergell-Murettopaß-Val Fraële-Colico-Lugano-Misox-San Bernardino-Via Mala-Thusis; 1867: Engadin - Morteratschgletscher - Domleschg; 18 7 0: Pontresina - Unterengadin - Fittela -Davos; 1871: Davos-Wolfgang; 1872: Pontresina-Davos; 1873: Flims-Tavetsch-St. Gotthard; 1878 mit seiner Frau: Silvaplana-Pontresina-Alp Grüm; 1879 mit seiner Frau: Engadin; später mit der nämlichen: Splügen-San Bernardino-Parpan; 1885: Hinterrhein; 1886: Parpan; später auch Klosters und Brigels. Meinen vollen Beifall haben die 28 Illustrationen, in welchen darauf Bedacht genommen wird, die Vergangenheit der Orte, wie sie der betreffende Dichter sah, tunlichst wieder her-zustellen.Redaktion.