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Wertschätzung für Traditionen entwickeln
Interview mit Geshe Thubten Ngawang von Birgit Stratmann
FRAGE: Buddha Shakyamuni hat selbst keine Tradition gegründet, wie wir sie heute kennen, sondern seine Schüler ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend unterrichtet. Warum haben sich im Laufe der Geschichte buddhistische Traditionen wie Theravada, Zen, tibetischer Buddhismus herausgebildet? Welchen Nutzen haben sie?
GESHE-LA: Vielleicht hat Buddha Shakyamuni formal keine Traditionen begründet, die bestimmte Namen tragen oder äußere Formen pflegen, aber er schuf verschiedene Lehrsysteme, weil er sich auf die unterschiedlichen Neigungen und Veranlagungen seiner Schüler einstellte. Je nach ihren Kapazitäten lehrte er sie auf anfänglichen, mittleren und fortgeschrittenen Stufen. Es war das Prinzip des Erwachten, sich beim Unterrichten an den Bedürfnissen und Möglichkeiten seiner Schüler zu orientieren. Von daher sehe ich es schon so, daß der Buddha verschiedene Systeme begründete, auch wenn sie nicht unter den heute gängigen Namen bekannt sind.
FRAGE: Wieso bildeten sich aber dann beispielsweise in Sri Lanka, Japan und Tibet verschiedene Formen des Buddhismus heraus?
GESHE-LA: Es gibt Praktizierende mit gleichartigen Begabungen und Veranlagungen, und es ist ganz natürlich, daß diese zusammenfinden, um den Buddhismus gemeinsam in der ihnen angemessenen Form und ihrem Verständnis nach zu praktizieren. Dazu gibt es im Buddhismus keine Regeln und Vorschriften. Es sind natürliche Vorgänge. Als sich der Dharma in die verschiedenen Länder überlieferte, prägte er sich entsprechend der angestammten Kultur unterschiedlich aus. Man muß bedenken, daß es in den Ländern, bevor sie mit dem Buddhismus in Kontakt kamen, alte Kulturen und Lebensweisen gab, an die sich der Dharma angepaßt hat.
Die Unterschiede, die wir feststellen, beziehen sich meines Erachtens jedoch nur auf die äußere Form. Ich bin davon überzeugt, daß sich in allen großen buddhistischen Traditionen der Kern, die Essenz der Buddha-Lehre, überliefert hat, dargelegt in den Vier Edlen Wahrheiten. Sie schildern, was anzunehmen, was aufzugeben ist, wie Leiden dauerhaft überwunden werden kann mit Hilfe des Pfades, der Drei Höheren Schulungen von Ethik, Konzentration und Weisheit. All diese Lehren sind in den großen buddhistischen Traditionen zu finden, und damit hat sich das Wesentliche überliefert.
FRAGE: Welchen Wert hat es, sich in seiner Praxis für eine Tradition zu entscheiden?
GESHE-LA: Das läßt sich nicht generell beantworten, sondern hängt vom einzelnen Schüler ab. Ganz allgemein halte ich es für wirkungsvoller, sich dann für eine Tradition zu entscheiden, wenn man die Absicht hat, tiefer in die Praxis einzudringen und die Resultate des Weges vollständig zu erlangen. Wer das Ziel verfolgt, die Erleuchtung zu erreichen, sollte sich möglichst auf eine Tradition stützen. Es kann aber auch Menschen geben, die offen für verschiedene Wege sind, die sich ein Gesamtbild vom Buddhismus verschaffen möchten und die Gewinn daraus ziehen, sich mit mehreren Traditionen zu beschäftigen. Für diese ist es richtig, ihren Neigungen entsprechend vorzugehen und das in ihre Praxis zu integrieren, was ihnen nutzt.
Ich möchte noch betonen, daß es keine mangelnde Wertschätzung anderen Traditionen gegenüber bedeutet, wenn man selbst nur eine einzige praktiziert. Es ist eine Frage der eigenen Möglichkeiten, Zeit und vielleicht auch der Effektivität. Ich als Tibeter zum Beispiel bin fest davon überzeugt, daß jede der vier großen Traditionen des tibetischen Buddhismus alle Mittel bereithält, um die vollkommene Buddhaschaft zu erreichen. Ich persönlich kann aber nicht alle Traditionen kennenlernen und praktizieren, und deshalb mache ich es pragmatischerweise so, daß ich mich auf eine Schulrichtung beschränke.
Jeder muß sich selber fragen, wo er das wieder findet, was seinem Naturell, Verständnis und seinen Möglichkeiten entspricht, und es ist sicher vorteilhaft, sich dann für einen Weg zu entscheiden und tiefere Erfahrung in dieser Tradition zu machen. Dabei sollte man nicht nach dem Namen einer Tradition gehen oder besonderen Wert darauf legen, ob sie nun aus diesem oder jenem Land kommt. Wichtig sind die Inhalte: Finde ich in einer Tradition die Lehre des Buddha wieder? Enthält sie die Anleitungen zur Meditation und Praxis, wie der Buddha sie übermittelte? Ist es alles vollständig vorhanden? Diese Fragen sind entscheidend.
FRAGE: Wie vermeidet man sektiererische Ansichten und das "Verwerfen der Lehre", wenn man sehr an seiner eigenen Tradition hängt?
GESHE-LA: Das wichtigste ist, daß wir so etwas wie reine Wahrnehmungen entwickeln, das heißt eine Wertschätzung für andere Traditionen, denen wir nicht selbst angehören. Wir sollten uns die Vorzüge dieser Traditionen vor Augen führen und darüber nachdenken, daß sie unzähligen Menschen im Laufe der Zeit geholfen haben, daß sie Heilige und große Meister hervorbrachten, die sehr viel Positives bewirkten. Dies sind Gründe, diese Traditionen zu schätzen. Auch wenn man persönlich eine bestimmte Lehre einleuchtender oder vollständiger findet, so heißt das nicht, daß man andere Lehren deshalb verwirft. Beispiele sind die indischen Meister. Nagarjuna als Begründer der Madhyamaka-Philosophie oder Asanga als Begründer der Yogacara-Schule riefen ganze Systeme ins Leben. Ich habe aber noch nie gehört, daß jemand ihnen vorgeworfen hätte, sie hätten die Handlung des Verwerfens von Dharma begangen.
Sie sagten nicht: "Alles, was bisher gesagt wurde, war falsch, und wir bieten jetzt die neuen Antworten", sondern sie erhellten bestimmte Teile der Lehre des Buddha, weil diese vielleicht nicht genügend berücksichtigt oder noch nicht in der ganzen Tiefe ausgelotet und gelehrt worden waren. Aus diesem Grund hoben sie diese Aspekte besonders hervor und fügten den bestehenden Lehren weitergehende Interpretationen hinzu. So gingen alle großen Meister vor. Vielleicht warfen sie anderen Gelehrten vor, daß sie sich irrten oder die Lehren falsch interpretierten. Es ging jedoch nie darum, alles andere zu verwerfen und seine eigene Tradition als die beste hinzustellen, sondern die bestehende Tradition weiterzuentwickeln.
FRAGE: In Tibet gab es ein sehr starkes Selbstverständnis der einzelnen Traditionen. Sie haben sich teilweise sogar bekämpft, einige Klöster sind mit Mönchsarmeen gegeneinander losgegangen. Wie erklären Sie sich das?
GESHE-LA: Das ist ein wichtiges Thema, das häufig auch im Interreligiösen Dialog zur Sprache kommt. Meiner Ansicht nach gab es in allen religiösen Traditionen im Laufe ihrer Geschichte gewaltsame Konflikte und Mißstände. Dies ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie lange diese Traditionen schon existieren und wie viele Generationen von Menschen dort mitmischten. Das Problem ist, daß die Menschen, die sich einer Tradition zuwenden, mit all ihren Fehlern und Schwächen kommen. Natürlich ist es das Ziel der Religion, diese Fehler zu überwinden, aber das Ergebnis steht nicht am Anfang, sondern am Anfang stehen viele Bemühungen und viel harte Arbeit. Das einfachste ist, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen und sich falsch zu verhalten, wie man es gewohnt ist, beispielsweise über andere Traditionen herzuziehen und an seiner eigenen sehr zu hängen. Das ist normales Fehlverhalten, das Menschen mitbringen, wenn sie sich einer neuen Tradition zuwenden. Wir sollten die Sache aber differenziert betrachten: Es handelt sich hier nicht um die Fehler einer Tradition, noch weniger entspricht es den Absichten der Stifter, wenn im Namen einer Religion gewaltsame Auseinandersetzungen stattfinden. Buddha und Jesus forderten ihre Nachfolger nicht auf, gegen andere Traditionen zu Felde zu ziehen, über diese schlecht zu reden oder untereinander Konflikte zu schüren, sondern es sind die menschlichen Fehler ihrer Nachfolger, die zu solchen negativen Handlungen führen. Das heißt aber nicht, daß die Religionen insgesamt zu verwerfen sind. Nehmen wir das Beispiel Medizin: Die Menschheit war immer davon überzeugt, daß die Medizin wichtig ist. Gleichzeitig unterlag man, solange es die Medizin gab, Irrtümern, Fehlern etc. Ärzten unterlaufen Fehler, Patienten folgen nicht den Ratschlägen ihrer Ärzte. Manchmal sterben Menschen sogar im Laufe einer medizinischen Behandlung, das heißt, es tritt genau das Gegenteil dessen ein, was eigentlich angestrebt war. Und dennoch würde man nicht sagen, daß aufgrund dieser Fehler die Medizin überflüssig und abzuschaffen wäre. Genau so ist es mit der Religion. Eine besondere Verantwortung in einer Tradition kommt den Lehrern zu, denn sie haben großen Einfluß. Das ist der Grund, warum in buddhistischen Schriften so viel Wert darauf gelegt wird, die Qualitäten der Lehrer zu beschreiben und genau festzulegen. Wie soll man Lehrer beurteilen? Nach dem Shravakayana (Hörer- Fahrzeug) gibt es im wesentlichen drei Kriterien, denen ein qualifizierter Lehrer genügen muß: Er soll edel im Verhalten sein, was eine gute ethische Lebensführung und eine mitfühlende Haltung den Schülern gegenüber einschließt, er soll gelehrt sein, also die Lehren, die er unterrichtet, gut kennen, und Stabilität ist gefordert, das heißt, daß er in seiner Praxis gefestigt ist. Verfügt er über diese Eigenschaften, so ist er als Lehrer geeignet, man kann von ihm Gelübde nehmen usw. Auf der Basis des Wissens aus den Schriften, was von einem Lehrer gefordert wird, können wir dann potentielle Kandidaten untersuchen. Im Mahayana werden noch weitere Qualitäten eines spirituellen Meisters genannt, insgesamt zehn. Die Anforderungen sind weitreichender, weil der Lehrer die Schüler nicht nur zu ihrer persönlichen Befreiung führt, sondern zur vollkommenen Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen, was ein sehr hoch gestecktes Ziel ist. Auch diese Eigenschaften lernt man im Laufe seines Studiums kennen und hat so Kriterien an der Hand, um etwaige Lehrer zu überprüfen. Im Tantra ist das Ziel die vollkommene Erleuchtung eines Buddha zum Wohle aller Wesen - und zwar möglichst schnell und mit besonderen Mitteln. Diese Praxis ist so tiefgründig und schwierig, daß der Lehrer noch mehr Eigenschaften besitzen muß. Wer diese eingehend beleuchtet, hat das Rüstzeug, um tantrische Meister zu beurteilen.
Wenn Lehrer die Eigenschaften, die von ihnen gefordert sind, nicht haben, ist klar, daß die Tradition degeneriert. Ob im Dharma oder auf weltlichem Gebiet: Ist der Lehrer nicht qualifiziert, so bildet dies einen wesentlichen Umstand dafür, daß die Tradition, die Lehre geschwächt wird. Werden Kinder im weltlichen Leben von schlechten Lehrern unterrichtet, so führt dies dazu, daß insgesamt das Bildungsniveau absackt. Dies trifft auch auf den Dharma zu.
FRAGE: Ist dann das Wesentliche bei der Überlieferung einer Tradition der Lehrer? Erkennt man eine gute Tradition an ihren Lehrern?
GESHE-LA: Das erscheint auf den ersten Blick so. Aber wenn wir es genauer betrachten, so geht es doch mehr um die Inhalte der Tradition. Wie sollten wir Lehrer beurteilen, ohne ein Verständnis davon zu haben, was die Inhalte sind, die sie unterrichten? Die wesentliche Frage ist: Was will ich mit einer religiösen Praxis erreichen? Warum möchte ich den Dharma kennen lernen und praktizieren? Wir müssen schauen, ob die Tradition, zu der wir uns hingezogen fühlen, das bietet, was wir uns wünschen, ob sie die Mittel dazu vollständig bereithält. Wenn wir die Anforderungen für einen spirituellen Weg kennen, können wir auch beurteilen, ob die Lehrer, die dort unterrichten, qualifiziert sind und echte Führer auf diesem Weg sind. So hängt alles sehr von unserem eigenen Verständnis über das Wesen der Buddha-Lehre ab. Der umgekehrte Weg, also sich erst auf den Lehrer zu konzentrieren und dann auf die Inhalte, wäre irreführend, eben weil man aufgrund mangelnden Wissens seine bzw. ihre Qualifikation gar nicht beurteilen kann.
Sprechen wir von dem Wert einer Tradition und ihrer Authentizität, ist es wichtig, sich um die Inhalte und die Praxis zu kümmern: Worin besteht buddhistische Praxis, was sollte einer Person gelehrt werden, die den Dharma üben will, welche Anforderungen muß der Lehrer erfüllen, welche Eigenschaften sollte ich als Schüler besitzen? Die Reinheit einer Tradition ist ein abhängiges Entstehen. Sie hängt von vielen Faktoren ab: von der Lehre selbst und ihrem Zweck, von den Lehrern, von den Schülern, vom Verständnis dessen, was Dharma ist, was das Ziel buddhistischer Praxis ist und von der Praxis, die entsprechend den Inhalten geübt wird. Äußere Formen, unterschiedliche Rituale und Praktiken können da wenig weiterhelfen.
Aus dem Tibetischen übersetzt von Christof Spitz