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Freiburghaus, Jakob (1854-1927)--DB1108
Person
Lebensdaten
11.04.1854-17.08.1927
Mädchenname, Herkunftsort bzw. Heimatort
Zivilstand, Konfession, Nachkommen
Verheiratet mit Anna Herren; Vater von Anna Herren-Freiburghaus und Freiburghaus, Samuel (1894-1993)--DB1109
Soziale Herkunft, verwandtschaftliche Beziehungen
Bauernsohn
Ausbildung, berufliche Tätigkeit und Funktionen in der Öffentlichkeit
Ausbildung
Welschlandaufenthalt 1870-1871; Sekundarschule in Laupen 1867-1870
Berufsausübung
Bauer in Spengelried bei Laupen
Funktionen in landwirtschaftlichen Institutionen
Ökonomische und gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern (OGG): Präsident 1894-1899 (als Nachfolger von Jenny, Johann (1857-1937)--DB1786 und Vorgänger von Hofer, Christian--DB1615 und 1902-1926 (als Nachfolger von Hofer, Christian--DB1615 und Vorgänger von Schneider-Schnyder, Walter (1878-1942)--DB3204); Schweizerischer Saatzuchtverband (SZV): Vorstandsmitglied 1921-1927; Bernische Saatzuchtgenossenschaft (BSG): erster Präsident 1916-1927 (als Vorgänger von Bracher-Dür, Hans (1889-)--DB473), Mitbegründer 1916; Schweizer Landwirtschaftlicher Verein (SLV): Vizepräsident 1901-1927 (Nachfolger von Marti, Alois (1837-1901)--DB2264 und Vorgänger von Baumgartner, Gottlieb (1873-1948)--DB247), Vorstandsmitglied 1896-1927, Präsident Pflanzenbaukommission, 1908-1927 (mit Volkart, Albert (1873-1951)--DB3669, Glättli, Gottlieb (1864-1923)--DB1283, Näf, Albert (1871-1950)--DB2524, Martinet, Gustave (1861-1928)--DB2277, 1915- auch mit Rieser, Josef (-1936)--DB2871 und 1920- mit Grisch, Andreas (1879-1952)--DB1342); Kommission zur Durchführung von Motorpflugproben: Präsident (der Kommidsion gehörten zudem u.a. an: Fluck, Hans (1891-1947)--DB1062, Moos, Hans (1862-1929)--DB2417, Jordi, Ernst (1877-1933)--DB1794, Fehr, Viktor (1846-1938)--DB1008) und Mariani, Giuseppe (1850-1933)--DB2252; Schweizerischer Bauernverband (SBV): Mitglied 1897-;
Funktionen in anderen Institutionen
Oberstleutnant
Funktionen in der Politik
Nationalrat (freisinnig, ab 1919 BGB) (Mitglied der eidgenössischen Militärkommission 1916-, Leiter des landwirtschaftlichen Klubs der Bundesversammlung 1908-1920); Grossrat BE 1886-1926
Biographische Skizze
Als Jakob Freiburghaus 1894 im Alter von 40 Jahren das Präsidium der Ökonomischen und gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Bern (OGG) übernahm, hatte die Gesellschaft rund 10'000 Mitglieder. Gute 30 Jahre später, am Ende seiner Präsidialzeit 1927, waren es mehr als siebenmal so viele. Unter der Ägide von Freiburghaus, der das Amt länger als alle seine Vorgänger und Nachfolger ausübte, fand die OGG auch zu ihrer neuen Funktion als Bildungsorganisation für die bäuerliche Bevölkerung.
Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts öffnete sich die bis dahin von städtischen Patriziern dominierte Oekonomische Gesellschaft gegenüber Mitgliedern der ländlichen Oberschicht. Die Mitarbeit von Exponenten wie Käser, Jakob (1806-1878)--DB1845 oder Affolter, Ferdinand (1839-1903)--DB49 veränderte nicht nur die soziale Zusammensetzung der OGG, sondern verhalf diesen Landwirten auch zu den für die Gründung und Führung von überlokalen landwirtschaftlichen Organisationen notwendigen Kenntnissen und Erfahrungen. Kantonale Verbände versuchten zusammen mit den auf der lokalen Ebene bereits bestehenden beziehungsweise neu entstehenden landwirtschaftlichen Vereinen und Genossenschaften die wirtschaftliche Lage und den Bildungsstand der bäuerlichen Bevölkerung zu verbessern. Daneben boten diese Organisationen immer mehr auch Individuen ausserhalb der schmalen bäuerlichen Oberschicht ein Terrain, um ihre organisatorischen Fähigkeiten und fachlichen Talente zu entfalten – was nicht selten mit einem steilen sozialen Aufstieg einherging.
Ein typischer Vertreter dieser zupackenden jungen Männer war der 1854 geborene Jakob Freiburghaus aus Spengelried in der Gemeinde Mühleberg. Von seiner Herkunft her keineswegs privilegiert, ging er von jung an zielstrebig zur Sache. Nach einem Welschlandaufenthalt 1870/71 in Yverdon (wo er die französische Sprache lernte, im Hotel Cheval Blanc den Beruf des Kellners ausübte und den Bourbaki-Übertritt erlebte), kehrte er auf den elterlichen Hof zurück. Hier galt sein Interesse vor allem dem Getreidebau. In seinen 'Gewächsbüchern' machte der 17-Jährige systematisch Aufzeichnungen über den Anbau, den Arbeitsaufwand und die Erträge auf dem damals rund 14 Hektar grossen Betrieb. Nachdem er geheiratet und mit 23 Jahren den Hauptmannsgrad erlangt hatte, übernahm Freiburghaus den elterlichen Betrieb und wurde sogleich in die Schulkommission gewählt. Kurze Zeit später war er Gemeindepräsident und als 32-Jähriger auch Grossrat.
Freiburghaus war nicht der einzige junge Mann vom Land, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf der Karriereleiter rasch vorankam und sowohl im Kanton als auch auf Bundesebene mehr und mehr Einfluss gewann. Zusammen mit Jenny, Johann (1857-1937)--DB1786, dem Pionier der landwirtschaftlichen Genossenschaftsbewegung in Bern, und dem Agronomen Moser, Carl (1867-1959)--DB2434 gehörte Freiburghuas zu jener Politikergeneration, die dafür sorgte, dass der grosse parteipolitische Umbruch im Kanton am Ende des Ersten Weltkrieges – von der freisinnigen Hegemonie zur Dominanz der von einer jüngeren Generation um Minger, Rudolf (1881-1955)--DB2399 initiierten und geprägten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) – ohne grössere Turbulenzen vonstattenging. Ohne die 'neue', nun erstmals auch von praktischen Bauern mitgeprägte (Wirtschafts)politik zu forcieren, stellten sie sicher, dass ein umfassender, aber geordneter Übertritt der bäuerlichen Politiker auf dem Land in die neue Partei stattfand und die OGG nicht in die tagespolitischen Auseinandersetzungen hineingezogen wurde.
Es ist kein Zufall, dass sich Freiburghaus, Jenny, Johann (1857-1937)--DB1786 und Moser, Carl (1867-1959)--DB2434 alle schon in relativ jungen Jahren in der OGG engagiert hatten. Für alle drei war die Gesellschaft auch ein Mittel zum Zweck, bäuerlich-landwirtschaftliche Organisationen zu initiieren. Die OGG hatte zu Beginn der 1890er Jahre die bernischen Bestrebungen zur Gründung eines Bauernbundes nach dem Beispiel Zürichs taktisch geschickt aufgefangen und mit der Reorganisation der Gesellschaft 1892 die oppositionellen Kräfte auf dem Land erfolgreich integriert. Anstatt eines allgemeinen, die liberalen Bundesbehörden aus einer 'linken' (wie in Baselland) oder 'rechten' (wie in Zürich) Grundhaltung heraus kritisierenden Bauernbundes entstanden im Kanton Bern am Ende des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der OGG zahlreiche landwirtschaftliche Fachorganisationen, die zumindest einem Teil der bäuerlichen Bevölkerung ermöglichten, Wahrnehmungen und Entwicklungsvorstellungen eigenständig zu formulieren und in der Öffentlichkeit selbst zu vertreten. Insbesondere unter dem Präsidium von Freiburghaus war dies ein Markenzeichen der OGG: Hinter den meisten landwirtschaftlichen Fachvereinen, die in dieser Zeit unter dem Motto 'Wehr dich, oder ich fress dich' gegründet wurden, standen führende OGG-Repräsentanten.
Prominente OGG-Vertreter übten zudem immer mehr staatliche Ämter aus. In Jakob Freiburghaus' Amtszeit wurde das Verhältnis zwischen den für die Landwirtschaft zuständigen Teilen der kantonalen Verwaltung und den landwirtschaftlichen Organisationen auch deshalb geradezu symbiotisch, weil der Staat zunehmend direkter in die Nahrungsmittelproduktion eingriff, ohne dazu einen eigenen Apparat aufzubauen. Zur Umsetzung der von den Kantonen zu vollziehenden eidgenössischen Ernährungs- und Agrarpolitik wurden in zunehmendem Masse landwirtschaftliche Vereinigungen herangezogen oder ad hoc sogar neue gegründet. Der Prozess der Vergesellschaftung der Landwirtschaft, der schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts punktuell eingesetzt hatte, wurde jetzt weitgehend vollzogen.
Konsequenterweise befasste sich auch die OGG immer intensiver mit wirtschaftspolitischen Fragen und beteiligte sich an agrar- und ernährungspolitischen Kampagnen. Denn die Frage der Nahrungsmittelversorgung hatte in der Industriegesellschaft inzwischen einen ganz anderen Stellenwert erlangt. Einen ersten Höhepunkt dieses neuen ernährungspolitischen Engagements bildete die Kampagne um den Zolltarif von 1902, wo sich die OGG offen auf die Seite der Vertragsbefürworter und gegen die linken und wirtschaftsliberalen Opponenten stellte, obwohl der Getreidebau durch die Vorlage nicht geschützt wurde. Im Ersten Weltkrieg rückte die Sicherstellung der Ernährung noch stärker ins Zentrum der staatlichen Politik – mit den von OGG-Vertretern mitgegründeten Verbänden als Hauptakteuren. Als die neue Ordnung in der Zwischenkriegszeit ins ordentliche Recht überführt wurde, stand Freiburghaus erneut im Brennpunkt des Geschehens. Wie umfassend sich das politische Umfeld in der Zwischenzeit geändert hatte, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass er in den 1920er Jahren bei seinem ernährungspolitisch motivierten Einsatz für ein staatliches Getreidemonopol nun Seite an Seite mit der politischen Linken kämpfte. Auf gesamtschweizerischer Ebene war diese Neuausrichtung zwar bei der politischen Elite, (noch) nicht aber bei den stimmberechtigten Männern mehrheitsfähig. Im Kanton Bern hingegen wurde die Vorlage 1926 auch dank dem Engagement zahlreicher OGG-Exponenten deutlich angenommen.
Jakob Freiburghaus bereitete die OGG auch auf ihre künftige Funktion als bäuerliche Bildungsbewegung vor. Sein Nachfolger, Walter Schneider-Schnyder, war Direktor einer Landwirtschaftlichen Schule. Diese theoretisch ausgerichteten Winterschulen wurden unter der Führung von Regierungsrat Moser, Carl (1867-1959)--DB2434 (von 1900–1947 Vizepräsident der OGG) ab den 1890er-Jahren ebenso umfassend ausgebaut wie später die für das Lehrlingswesen wichtigen Fortbildungsschulen. Zudem gründete die OGG 1929 mit der Kommission für Volkswirtschaft und Bildung jenes Organ, das ihre Tätigkeit im 20. Jahrhundert am massgeblichsten prägen sollte. Und, vielleicht noch wichtiger: Die zahlreichen von der OGG mitbegründeten landwirtschaftlich-bäuerlichen Organisationen übernahmen neben dem Vollzug staatlicher Aufgaben im wirtschaftlichen Bereich jetzt immer mehr auch Funktionen in der bäuerlichen Bildung und Ausbildung. Dazu gehörten auch die Saatzuchtgenossenschaften, die während und kurz nach dem Krieg von den Bundesbehörden in Zusammenarbeit mit Wissenschaftern und bäuerlichen Saatzüchtern ins Leben gerufen worden waren. Die 1916 entstandene, bis 1927 von Jakob Freiburghaus präsidierte Bernische Saatzuchtgenossenschaft (BSG) engagierte Freiburghaus' Sohn Freiburghaus, Samuel (1894-1993)--DB1109, der als Lehrer an der Landwirtschaftlichen Schule Waldhof unterrichtete, 1922 als Geschäftsführer. Und auch der Junior hatte einen langen Atem: Er übte dieses Amt bis 1960 aus.
Autor: Peter Moser
Quellen und Literatur
Eigene Publikationen
- Technischer Bericht über die internationale Probe für Ackergerätschaften. Bern, 1894
Quellen
- AfA Personendossier Nr. 421
- Beglinger, Hermann (1894-1974)--DB269: Entwicklung und Stand des Motorpflugwesens in der Schweiz, in: Landwirtschaftliches Jahrbuch der Schweiz, 1920, S. 210-243
- Schweizerische Landwirtschaftliche Zeitschrift, 1927, S. 893-895