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Erste Besteigung der Grossen Windgälle, 1848
Von Georg Hoffmann.
Als ich im Juli 1844 auf dem Gipfel der Kleinen Windgälle die majestätische Felsenkuppe der Grossen Windgälle oder des Kalkstockes vor mir sah, wurde das Verlangen in mir rege, eine nähere Bekanntschaft mit diesem Berge und womöglich einen Versuch zur Ersteigung seiner Spitze zu machen. Schon in frühern Jahren hatte ich mich bei den erprobtesten Jägern über die Ausführung eines solchen Planes erkundigt, aber kein Vertrauen für ein günstiges Ergebnis bei ihnen gefunden; denn obgleich noch nie ein ernstlicher Versuch zur Ersteigung dieses Berges gemacht worden, waren sie doch der Ansicht, die steilen, glatten Kalkplatten, welche die Oberfläche der Grossen Windgälle an vielen Stellen bedecken, dürften ein unüberwindliches Hindernis für seine Erklimmung sein; auch versicherten sie, dass sie von aller weitern Verfolgung der Gemsen abliessen, sobald sich dieselben auf ihrer Flucht vom Älpli- oder vom Stäfelgletscher auf jenen schroffen Felsabsturz, welcher den Fuss der Windgälle umgürtet, hinaufzuschwingen vermöchten. Ein einziger Jäger, nämlich der gleiche Epp, der mich auf die Kleine Windgälle begleitete, überschritt einst eine Strecke des südwestlichen Fusses — ein schauerlicher, halsbrechender Weg, den ich einst aus der Ferne beobachtete. Einige Jäger behaupteten sogar, die Spitze dürfte vielleicht selbst den Gemsen unerreichbar sein, weil noch nie ein solches Tier auf ihr gesehen worden. Es scheint mir jedoch wahrscheinlicher, die Gemsen meiden den Kalkstock aus dem Grunde, weil er ringsum so kahl ist, dass nicht einmal diese genügsamen Geschöpfe ihre bescheidene Nahrung auf ihm finden. Alle diese Berichte zusammengestellt brachten mich zu der Überzeugung, in Geduld das Eintreten von günstigem Umständen abwarten zu müssen.
Nach Verlauf von einigen Jahren fand ich endlich in der Person des jungen Maria Tresch von Silenen, der während des Sommers seine Wohnung im Etzlitale auf der Alp « im vordem Etzliboden » nimmt, einen Begleiter, der mit allen für ein solches Unternehmen wünschbaren Eigenschaften begabt war. Als leidenschaftlicher Gemsjäger und mutiger Gänger ergriff er mit Begeisterung die Gelegenheit zu einem waglichen Ausfluge in das Hochgebirge; andrerseits durfte ich mich bei seiner erprobten Biederkeit und Gewissenhaftigkeit mit vollem Vertrauen seiner Leitung überlassen. Dabei kam uns der Vorteil einer bereits angeknüpften gegenseitigen Bekanntschaft zustatten, indem wir miteinander ein Jahr zuvor den Oberalpstock zum Bemerkung: Georg Hoffmann von Basel schilderte die « Ersteigung des kleinen Windgellen und des Kalkstocks » erstmals in den « Alpenrosen auf das Jahr 1853 », herausgegeben vom Aargauer Dichter Abraham Emanuel Fröhlich. Dieser Almanach dürfte den allerwenigsten Mitgliedern des S.A.C. bekannt und zugänglich sein. Daher rechtfertigt sich ein Nachdruck sehr wohl. Aus dem Berichte geht deutlich hervor, dass die erste Ersteigung Mitte August durch die beiden Führer Hoffmanns erfolgt ist. In diesem Sinne ist der Unerführer I. Band, Seite 86, zu korrigieren.E. J.
ersten Male erstiegen hatten. Für die Besteigung des übelberüchtigten Kalkstockes war indes die Begleitung noch eines andern tüchtigen Bergsteigers rätlich. Es wurde nun Melchior Tresch aus Balmenwald bei Niederkäsern, ebenfalls Jäger und ungefähr gleichen Alters mit ihm, dazu erkoren. Da mir von mehreren Seiten geraten wurde, zur Vermeidung eines vielleicht vergeblichen Versuches erst meine Führer auf Kundschaft ausgehen zu lassen, verabredeten wir, einander in der Alp Bernetsmatt, eine Stunde vom Dörfchen Golzern und vier Stunden von Amsteg, zu treffen. Dort sollten sie mir von dem Ergebnisse ihrer Entdeckungsreise Nachricht erteilen und mich im günstigen Falle zur Ersteigung des Gipfels abholen. Die Jäger begaben sich also, von Balmenwald ausgehend, in der frühesten Morgenstunde beim Leuchten des Mondes auf den Weg, während ich einige Stunden später gemächlich nach Bernetsmatt pilgerte und um die Mittagszeit daselbst eintraf. Zu meiner Überraschung sah ich die beiden Männer schon früh am Nachmittage von weitem der Hütte zuschreiten, und aus ihrem zeitlichen Erscheinen glaubte ich, das Fehlschlagen ihrer Forschungen erraten zu sollen. Wie sehr war ich daher überrascht, als sie nach dem stattlichen Steinmannli hinwiesen, welches sie zum Beweise ihrer glücklichen Besteigung aufgerichtet hatten und das ich selbst von blossem Auge wahrnehmen konnte. Die frühzeitige Rückkunft verdankten sie grossenteils ihrem geübten Blicke, der sie schon aus der Entfernung die allein ersteigbare Seite des Berges erkennen liess und bei dessen Erklimmung es einer dem andern wetteifernd zuvortat. In ihrer Erzählung schilderten sie als die schwierigsten Orte den untersten und den obersten Teil des Berges, ermunterten mich jedoch ohne Bedenken zu dem morgenden Gange. Allein der Himmel zeigte sich meinem Plane nicht günstig: ein des Nachmittags entstandener Nebel löste sich nach Sonnenuntergang in einen heftigen Regen auf, der die ganze Nacht hindurch seine schweren Tropfen auf das Schindeldach der Hütte niederprasseln liess, und des folgenden Morgens vernichtete vollends ein in dichten Flocken fallender Schnee jegliche Hoffnung. Denn obgleich auf den folgenden Tag wieder eine günstige Änderung des Wetters erwartet werden durfte, so bot der frischgefallene Schnee auf viele Tage hinaus ein unüberwindliches Hindernis für die Ersteigung der Grossen Windgälle, indem dieselbe nur erklommen werden kann, wenn ihre Oberfläche vollkommen trocken ist. Das Herabfliessen von Feuchtigkeit über die glatten Steinplatten macht diese bald so schlüpfrig, dass ihr Betreten unmöglich wird. Ich kehrte also durch das Maderanertal nach Amsteg zurück und wandte mich von da der Heimat zu.
Als während zehn Tagen seit meiner Rückkehr von Amsteg die Augustsonne ihre sengenden Strahlen ausgesandt hatte, durfte ich annehmen, sie habe auch den Schnee von der Grossen Windgälle abgeschmolzen, ihre Kalkplatten vollkommen getrocknet und ausgeglüht. Da ergriff mich das sehnliche Verlangen, die überaus günstigen Witterungsverhältnisse, nicht allein der letzten Tage, sondern jenes Sommers im allgemeinen, zu einem wiederholten Versuche zu benützen; denn selten sind die Jahre, in welchen so wenig Winterschnee in den Gebirgen übrig bleibt wie im Jahre 1848. Ich kehrte also eilig nach Amsteg zurück, verfügte mich in Gesellschaft des Maria Tresch auf dem kürzesten Wege über Golzern nach Bernetsmatt und liess den Melchior Tresch ebendahin bescheiden. Kaum waren wir beide dort angelangt, so wälzten sich zu unsern Füssen wieder schwere Nebelwolken durch das Maderanertal, über unsern Häuptern zuckte der rötliche Schimmer fernen Wetterleuchtens durch das Gewölke, und von den hohen Wänden des Ruchi widerhallte der brummende Donner. Ich machte mich deshalb bereits mit dem Gedanken an das abermalige Fehlschlagen meiner Absichten vertraut; doch trösteten mich gegen Erwarten die Sennen der Bernetsmatt mit der zuversichtlichen Aussicht auf gut Wetter wenigstens für die erste Hälfte des folgenden Tages.
Früh nach 3 Uhr des 31. August, als sich noch die Nebelwolken und der sternenbesäte Himmel die Oberherrschaft streitig machten, verabschiedete ich mich von den freundlichen Sennen der Bernetsmatt und schritt in Begleitung der beiden Tresch erst über eine Schafweide und dann über Steintrümmer, wobei ich auch grossem Haufen Eisenerz begegnete, die hier seit bald einem Jahrhundert zum Wegführen bereit liegen. Nach anderthalb Stunden befanden wir uns am Rande des ziemlich ebenen Stäfelgletschers, der eine Strecke weit von vielen offenen Spalten durchfurcht war; da wir aber immer wieder Stellen fanden, wo wir sie entweder umgehen oder überspringen konnten, so hinderten sie unser Vordringen nicht.
Nach einer Gletscherwanderung von einer Stunde erreichten wir den Fuss der Windgälle, als eben die aufgehende Sonne die höchsten Bergspitzen glutrot bestrahlte. Hier entstand nun die Schwierigkeit, einen Übergang vom Gletscher auf die Felsen zu finden, denn so weit man sehen konnte, öffnete sich zwischen beiden eine unüberschreitbare Eiskluft. Als meinen Führern die erste Besteigung geglückt war, fand sich an einer geeigneten Stelle eine kleine Anhäufung von Schnee vor, welche ihnen noch zur Not gestattete, über die lockere Brücke auf den jenseitigen Felsen hinüberzukommen Während der letzten zehn sehr warmen Tagen hatte sich indes die Höhe jenes Schneehügels um vier Fuss vermindert, wodurch jetzt seine Benützung für uns unmöglich wurde.
Nach einigem Umherspähen entdeckten wir zwar eine ähnliche Brücke, welche sich uns jedoch als eine zehn Fuss hohe, vollkommen senkrechte Schneewand entgegenstellte und ohne Hilfsmittel nicht zu erklimmen war. Glücklicherweise führten die beiden Jäger eine in dieser Gegend sehr gebräuchliche Art Bergstock mit sich, an dessen oberm Ende eine kleine eiserne Hacke, etwa halb so gross als eine gewöhnliche Kartoffelhacke, angebracht ist. Dieses Instrumentes bedienen sich hauptsächlich die Kristallgrab er, aus welchem Grunde es a « Gräbel » genannt wird. Mit Hilfe dieses Werkzeuges, das namentlich auch beim Herabsteigen über sehr steile Schneegehänge treffliche Dienste leistet, gruben nun die Führer so viel von der Schneemauer ab, bis wir sie erklettern konnten und auf solche Weise den festen Felsboden erreichten.
Um 7 Uhr begannen wir nun die eigentliche Erklimmung der Grossen Windgälle auf der Südseite über eine stark vortretende Böschung. Wir konnten daher auch den Weg zur grossem Hälfte gehend hinansteigen und Die Alpen — 1936 — Les Alpes.24 waren nur selten zur Nachhilfe mit den Händen, das heisst zum Klettern, genötigt. Freilich überschritten wir dabei auch manches sehr schmale Felsenband, auf welchem wir zu beiden Seiten ins « Lautere » hinuntersahen. Eine kleine Viertelstunde unterhalb der höchsten Spitze fanden wir z.B. einen solchen Grat von ungefähr fünfzig Schritten Länge, aber kaum einem Fuss Breite, neben welchem sich tiefe Abgründe öffneten und wo unter jedem Tritte die kleinen, locker aufliegenden Kalkschieferplatten klappernd nachgaben; dabei drohte uns ein starker frostiger Wind aus dem Gleichgewichte zu bringen. Wieder an andern Stellen hatte der Fuss entweder auf massivem Fels eine sehr glatte oder auf lockerem, sogenanntem faulem Gesteine eine äusserst unsichere Unterlage.
Auf dem ganzen Wege begegneten wir auch nicht einem einzigen grünen Halme, und nur bei genauer Beobachtung entdeckte ich hin und wieder einige über das Gestein sich breitende Flechtenmoose, die auf den ersten Anblick wie Staub oder Rost aussahen. Die Felsart besteht aus hellgrauem Kalkschiefer, zur Seltenheit mit Quarzadern von zwei bis drei Fuss Mächtigkeit durchzogen.
Nach einer zweistündigen Wanderung über nackten Fels begrüsste ich endlich um 9 Uhr vormittags auf dem obersten Gipfel das gutgebaute, ungefähr fünf Fuss hohe Steinmannli und genoss da die Befriedigung der glücklichen Ersteigung des so lange gemiedenen Kalkstockes 3192 m. Der Gipfel teilt sich in zwei Zwillingsspitzen, eine östliche und eine westliche, welche beide anscheinend so gleichmässig hoch sind, dass ein allfälliger Unterschied höchstens zwei Fuss betragen mag. Wir standen auf dem östlichen Horne, welches von dem westlichen und wahrscheinlich unersteigbaren x ) durch eine düstere, fünfhundert Fuss tiefe und mit Schnee beladene Kluft getrennt ist. Die Entfernung beider Spitzen ist von der Tragweite einer Stutzerkugel, und beide bilden eine ungefähr fünfzehn Schritte lange und drei Schritte breite Schneide.
In Beziehung auf die Aussicht traf ich es nicht vollkommen günstig. Zwar prangten gegen Süden unzählige gletscherbeladene Gebirgshäupter im schönsten Sonnenglanze, allein gegen Norden verhüllte mir ein dichtes Nebelband die gewiss prachtvolle Aussicht auf das Hügelland und auf die Seen, Flüsse, Ortschaften und Strassen der flachem Schweiz. Diesen Teil der Aussicht hatten die beiden Tresch bei ihrer ersten Besteigung ungetrübt genossen, und sie machten viel Rühmens davon.
Vor dem Scheiden von diesem erhabenen Standpunkte, bei einem nochmaligen Überblicke über die uns umgebende Gebirgswelt, erinnerte ich mich, dass die Grosse Windgälle der vierte Gipfel in diesem Alpenreviere sei, der höchst wahrscheinlich vor mir und meinen Führern noch von keinem menschlichen Fusse betreten worden. Während des Hinabsteigens bestätigte sich mir neuerdings jene bekannte Erfahrung, dass das Bergabklettern ungleich schwieriger sei als das Hinansteigen. Zwar überschritten wir ohne Hindernis den schmalen Grat, den wir beim Aufstiege mit einiger Vorsicht betreten hatten, aber etwas weiter unten führte uns der Weg über eine Felsplatte, die ich jetzt mit andern Augen betrachtete, als es während des Empor-klimmens geschehen war, wo ich sie kaum beachtete. Diese Felsplatte von ungefähr dreifacher Mannslänge senkt sich sehr steil abwärts, bildet indes keine schiefliegende Ebene, sondern ist in der Mitte gewölbt und dabei so glatt, dass sie weder für die Hände noch für die Füsse einen Stützpunkt gewährt; sie kann deshalb nicht anders passiert werden, als indem man sitzend über sie hinabrutscht. Bei der ersten Besteigung durch meine Führer hatte Melchior Tresch zur mehrern Sicherheit seine schwergenagelten Schuhe ausgezogen. Auf dieselbe Weise glitt er nun auch heute über die Platte hinunter; nach ihm setzte auch ich mich in Position, um das gleiche zu tun. Da aber die Platte gewölbt ist und unten etwas einwärts biegt, so sah ich in dem Augenblicke nichts mehr von meinem Vormanne, als er das Ende der Platte erreicht hatte. Die gleiche Wölbung verursachte auch, dass ich durchaus nichts von dem ganzen übrigen Unterteile des Berges gewahrte, indem der Blick von meinem Sitzpunkte hinweg sogleich auf den Stäfelfirn in eine Tiefe von zweitausend Fuss fiel, so dass zwischen mir und jenem Gletscher ein leerer Raum zu sein schien. Bei diesem Anblicke zögerte ich, die seltsame Fahrt ins Werk zu setzen, was der zuletzt in der Reihe folgende Maria Tresch gleich zu bemerken schien, denn ehe ich mich dessen versah, hatte er mir das mitgenommene Seil um den Leib geschlungen und hielt es nun so lange lose in den Händen, bis ich, barfuss wie mein Vorgänger, über die Platte hinuntergerutscht war.
Auch später blieb noch manche schwierige Stelle zu überwinden übrig. Es standen mehrere dünne Felsnadeln, die wie gotische Spitztürmchen aussahen, im Wege, und wir mussten sie angesichts von Abgründen und auf einem unsichern Boden von zerbröckeltem faulem Gesteine umklettern. Doch schritten wir ungehindert vorwärts, und meine Führer fanden sich durch dieses Felsenlabyrinth so genau zurecht, dass sie mich an dieselbe Stelle des Gletschers zurückführten, von welcher wir den Übergang auf den Felsboden bewerkstelligt hatten. Ein dichter Nebel, der uns jetzt umhüllte, machte zwar das Überschreiten der Spalten misslich; doch fanden wir uns um 3 Uhr nachmittags glücklich am Ende des Gletschers. Schwieriger war auf dem völlig pfadlosen Grasboden das Auffinden der im Nebel verborgenen Hütten von Bernetsmatt; indes glückte uns auch dieses, und da sich dort der Nebel in Regen zu verwandeln begann, so verzichtete ich auf meinen frühern Plan, von der Bergreise hier auszuruhen, und eilte mit Maria Tresch dem Tale zu. Bei der Ankunft im Dorfe Bristen war es schon so dunkel, dass die Lichter in den Häusern brannten. Wir verschafften uns deshalb eine Fackel und stiegen bei ihrem Scheine den steilen Waldpfad hinunter nach Amsteg.