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Zwei starke sportgeschichtliche Werke, die leider nur in schwachen Auflagen erschienen sind. Zwei starke Aufführungen, die nichts für schwache Nerven sind.
Lieber Heini,
es wird Zeit, dass wir an die Ausführung unserer Sache denken. Was meinst Du dazu!!! Wie ich weiß, war Martin Meier mit einem Nürnberger bereits in Grindelwald. Mussten aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Schreibe mir nach Kitzbühel, Villa Schneeeule. Hier bin ich nur auf der Durchreise.
Herzl. Grüße,
Anderl
Kurzer Brief von Anderl Heckmair, dem Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand im Juli 1938, an Heini Sedlmayr, den Bruder des in dieser Wand im August 1935 verunglückten Max. Heckmair schrieb den ungeduldigen Brief zur geplanten Erstdurchsteigung und zur Bergung der Leiche von Max in Stuttgart, wohl im Februar 1936; in Kitzbühel arbeitete Heckmair als Skilehrer, wie zuvor in St. Moritz. Eine Seilschaft Heckmair/Sedlmayr wurde nie Wirklichkeit. Heini Sedlmayr entdeckte seinen Bruder anlässlich der Bergung der Leichen von Toni Kurz und seinen drei Gefährten, die im Juli 1936 bei einem Durchsteigungsversuch ums Leben gekommen waren. Heckmair, der unbedingt eine der drei grossen Nordwände Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses als Erster durchsteigen wollte, „fürchtete“ sich zu Recht vor Martin Meier; dieser hatte ihm 1935 die Jorasses-Nordwand weggeschnappt.
Mit den Briefen von Anderl Heckmair – die Antworten von Heini Sedlmayr sind nicht mehr vorhanden – beginnt das jüngste Eigerbuch von Rainer Rettner. Er ist DER Kenner der Geschichte der Eiger-Nordwand, seine Eiger-Bibliothek füllt Wände. Durch die Nordwand kletterte er nie, stand 2006 aber schon mal bei der Station Eigerwand gut gesichert darin. Sein fünftes Buch zum Eiger verfasste er während des Corona-Lockdowns; vielleicht auch deshalb, weil er dann nicht mehr von Rimpar bei Würzburg nach Grindelwald fahren konnte. So widmete er sich seinem Eiger-Archiv und realisierte, „dass es da noch einige Ereignisse am Eiger gab, die bisher entweder gar nicht in der Literatur behandelt oder nur stark verkürzt wiedergegeben worden waren“, wie er im Vorwort von „Eiger – Quergänge und Abgründe. Hintergrundgeschichten 1936 bis heute“ schreibt. 15 meist dramatische Geschichten sind es, genau recherchiert, gekonnt geschrieben und souverän illustriert. Zum Beispiel diejenige von Paul Bruppacher aus Küsnacht ZH und Leo Meyenberg aus Schwyz, beide Jahrgang 1916, Angestellte der Eidgenössischen Kriegsmaterialverwaltung und Teilnehmer an einem Geräte-Mechanikerkurs in Thun. Während des Wochenendurlaubes gehen sie ganz spontan zum Eiger, steigen am 16. August 1942 von der Station Eigergletscher auf dem Normalweg durch die Westflanke auf den Gipfel, schreiben sich ins Gipfelbuch ein und stürzen auf 3800 Meter beim Queren eines Firnfeldes ab – Steigeisen hatten die ersten Todesopfer der Westflanke nicht dabei. Im Anhang des neuen Eigerbuches findet sich die Liste der 172 am Eiger Verunglückten, inklusive Basejumper und Selbstmörder; 72 Tote forderte die Nordwand, 61 die Westflanke. „Du, ich möchte heuer die Eiger-Nordwand machen… Ich hab‘ aber ka guates G’fühl“, sagte der Österreicher Egon Moderegger im Frühjahr 1962; am 30. August des gleichen Jahres stürzte er in der Nordwand ab. Leider erscheint der neue Rettner nur in einer Auflage von 30 Exemplaren; kaufen kann man „Eiger – Quergänge und Abgründe“ also nicht, aber ausleihen in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern und in der Zentralbibliothek des Schweizer Alpen-Clubs in Zürich.
Das gilt auch für ein weiteres sporthistorisches Buch, das vor kurzem herausgekommen ist. Am 24. August 2022 erhielt ich ein Mail von Michael Fässler, einem ehemaligen Projektmitarbeiter des Alpinen Museums der Schweiz: „Lieber Dänu. Long time not seen – ich hoffe, es geht dir gut. Ich weiss nicht, ob du es schon vom alps erfahren hast, aber ich habe mich privat in den letzten 2 Jahren an der Snowboard-Geschichte meiner Familie abgearbeitet, entstanden ist ein Buch mit 240 Seiten. Es ist eine reine private Sicht der Dinge aus der Perspektive meines Vaters, das Buch erscheint ohne Verlag in einer Miniauflage von 40 Ex. und wird nirgends zu kaufen sein. Interessiert dich das? Falls ja, dann bringe ich dir gerne mal ein Exemplar vorbei. Herzlich, mike.“ Meine Antwort erhielt er tags darauf: „guten morgen mike. unbedingt. ich freue mich auf ein exklusives exemplar. es wird einen besonderen platz in meiner schneesport bibliothek erhalten. besten dank im voraus. schöne grüsse von der schillerhöhe in marbach am neckar (nächste woche wieder in bern). dänu.“ Nun liegt Peter Fässlers „Snowboarding Emmental 1982–90“ auf meinem Schreibtisch. Ein ganz tolles Buch, fätzig verfasst, abgehoben illustriert, perfekt passend zum Titel, den der Sohn Mike über das Vorwort gesetzt hat: „Bretter, die die Welt bedeuten.“ Wie wahr! Und mit diesem Buch, das hoffentlich auch in den beiden erwähnten Bibliotheken auszuleihen sein wird, tauchen wir ein in eine farbige Sportart, die heute überall auf der Welt ausgeübt wird, wenn es Schnee hat, und die auf schattseitigen weissen Hängen im Emmental ihre Fahrt aufnahm.
Nun habe ich zwei Publikationen zum Schnee- und Bergsport vorgestellt, die nicht leicht zugänglich sind. Umso mehr möchte ich auf zwei Publikumsveranstaltungen vom Freitag, 11. November, hinweisen.
„Gertrud’s Peak“. Ein Film von Daniel H. Anker. 2022, 64 Min.
Zwei Frauen aus verschiedenen Zeiten und Welten, die gleichen Felsspitzen, dieselbe Passion: Wege zu finden, die noch niemand vor ihnen gegangen ist. Der Film des Bergführers Daniel H. Anker (nicht zu verwechseln mit dem Bergpublizisten Daniel Anker) begleitet die Engländerin Gertrude Bell und ihre zwei Bergführer aus dem Haslital bei einer spektakulären Erstbesteigung in den Engelhörnern im Jahr 1901. Parallel dazu nimmt die Berner Oberländerin Monika Romang die ZuschauerInnen mit in die Sportkletterroute «Queen of Desert» durch die Gertrudspitze-Westwand, die sie im Jahr 2015 zusammen mit ihrem Partner Daniel H. Anker erstbegangen hat. Den Namen der neuen Linie wählten die beiden zu Ehren der faszinierenden Gertrude Bell, Wüstenpionierin, Bergsteigerin, Archäologin und Beraterin bei der Grenzziehung und Gestaltung des Königreichs Irak im Jahr 1920. Und auf ihrer Klettertour begegnen die beiden Frauen ihrer persönlichen Vergangenheit, den unterschiedlichsten Gefühlen, Grenzen und Möglichkeiten … ungeschminkt!
Freitag, 11.11.22 , Kino ABC in Bern um 18 Uhr. Trailer: https://vimeo.com/744296260
White Out. La conquête de l’inutile. Tanz und zeitgenössischer Zirkus von Piergiorgio Milano. 2022, 55 Min.
Drei Bergsteiger erobern einen als unerreichbar geltenden Gipfel und trotzen den Elementen. Ein intensives, originelles, unterhaltsames und spannendes Spektakel an der Schnittstelle zwischen Zirkus, Tanz und Theater. Ein Gipfelspektakel, frei inspiriert von den Schriften von Walter Bonatti, Giampiero Motti, Enrico Camanni, Jon Krakauer, Joe Simpson, Mark Twight, Reinhold Messner und Lionel Terray, der 1961 mit dem Buch „Les Conquérants de l’inutile“ einen sinngebenden Alpinismusbegriff erfand.
Freitag 11.11.22, Nebia in Biel/Bienne um 19 Uhr. www.nebia.ch/spectacles/white-out/?lang=de