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Unter dem aus der röm. Antike stammenden Begriff P. sind Fam. zu verstehen, die kraft Geburt, Satzung oder Gewohnheit in Städten Ratssitze und höchste Verwaltungsämter monopolisierten. In vielen europ. Städten des MA etablierte sich eine Herrschaft von Honoratioren bzw. Geschlechtern, die sich aus unterschiedl. Gruppen (zugezogene Landadelige, niederadelige Ministeriale, bürgerl. Kaufleute) zusammensetzten. P.e erlangten ihre grösste herrschaftl. Autonomie, wenn ihre Entfaltung nicht von Monarchien (Frankreich, Italien) oder landesherrl. Interessen (Reich) behindert wurde. Während das P. für republikan.-kommunale Gebilde bis ins 19. Jh. eine typ. Form der Elitebildung (Eliten) darstellte, ist in Monarchien auf der Ebene des Zentralstaats keine vergleichbare Erscheinung festzustellen.
Für die Partizipation bürgerl. Schichten (Bürgertum) am Regiment galt die Abkömmlichkeit von der Arbeit, die im MA durch stadtsässige Erwerbsformen (Handel, Gewerbe) gewährleistet war, als Voraussetzung. Reich gewordene Bürger tendierten zum Rentnertum und orientierten sich kulturell am Adel. Aus adligen Ehrkonzepten leitete sich eine spezifische Form der Ehre ab, die das P. vom Berufs- oder Besitzstand abhob. Adlige Wesenszüge gingen mit bürgerl. Werten wie Erwerbstätigkeit, Fachwissen und Leistung einher. Gleichzeitig nutzten auch Ministerialität und Adel die Gewinnchancen, die Handel und Finanzwesen boten.
Im SpätMA entwickelte das P. geburtsständ. Tendenz und grenzte sich ideell und rechtlich gegen Neulinge ab (Aristokratisierung). Faktisch wurden bis zur Abschliessung des Bürgerrechts im 16. Jh., selten auch später, Aufsteiger assimiliert. Da sich die Machtelite einer Patrizierstadt durch Kooptation ergänzte, liess sich Integration auch durch kaiserl. Adelsbriefe nicht erzwingen. Als Selbstbezeichnung kam P. neben Begriffen wie Häupter oder Ehrbarkeit Ende des 16. Jh. auf und setzte sich allgemein im 17. und 18. Jh. durch. Das P. fühlte sich kraft Gottesgnadentum zur Herrschaft prädestiniert. Dieser Legitimationsmodus verschleierte die fakt. Herrschaftsverhältnisse.
Autorin/Autor: Daniel Schläppi
Bis ins 14. Jh. herrschten im Gebiet der späteren Eidgenossenschaft hoch- und niederadlige Geschlechter. Dieses frühe P. stand Aufsteigern und Zugezogenen aus den vielen Fam., die in die Städte strömten, offen. Zürich nahm bei einem Bestand von 80 Geschlechtern allein von 1250 bis 1300 35 neue Fam. auf. Überhaupt strebten Bürgerschaften danach, die Adligen der Umgebung in den Bürgerverband einzubinden, indem sie diese zu Ausbürgern machten oder zum Wohnsitz in der Stadt zwangen.
Die Übergänge zwischen den Sozialgruppen waren fliessend. Die Repräsentanten adliger und bürgerl. Geschlechter verbanden sich durch Heirat miteinander. Polit. Vorherrschaft beruhte auf realer Macht, nicht auf gesetzl. Privilegien. Bürger, die sich einen adligen Lebensstil und eine Herrschaft leisteten, wurden nach 30 bis 50 Jahren als adlig angesehen. Für Bern etwa lässt sich verfassungsmässig kein Adel definieren, dem Adel wurden dort nicht einmal bestimmte Ämter vorbehalten. Eine Unterscheidung nach "alten" und "jungen" Fam. kommt der Realität näher als eine nach ständ. Qualität. Wirtschaftl. Niedergang, Kriegstod und Aussterben führten im P. zu reger Fluktuation. Nur in Ausnahmen konnten Fam. ihren Status über mehrere Generationen halten.
Obwohl grundsätzlich noch offen und im Wandel begriffen, wurde das P. vom 13. Jh. bis zur Reformation in Unruhen und Handwerkerrevolten Zielscheibe von Bürgerprotesten mit teilweise schweren Folgen (Städtische Unruhen). In Zürich etablierte die Brun'sche Zunftrevolution 1336 eine Zunftverfassung, bezog die Zünfte ins Regiment ein und schloss die Kaufmannsfamilien davon aus. In Bern scheiterten ähnl. Bestrebungen und führten Ende des 13. Jh. zu einem Zunftverbot. Der Berner Twingherrenstreit 1470-71 mit der Wahl des Metzgers Peter Kistler zum Schultheissen war durch polit. Marginalisierung der Bürgerschaft bedingt, blieb für das P. aber ohne Folgen.
Auch Seuchen und Naturkatastrophen wirkten sich auf lokale Eliten aus. Das Erdbeben von Basel (1356) zerstörte 60 Turmanlagen, deren Wiederaufbau die betroffenen Ministerialfamilien in den wirtschaftl. Ruin trieb und das Terrain für den Aufstieg kaufmänn. Schichten bereitete.
Ab der 2. Hälfte des 15. Jh. gehörten vorwiegend Fam. zum P., die polit. oder militär. Verdienste um Expansion und innere Konsolidierung der eidg. Städte hatten, und ihren Status nun häufiger über mehrere Generationen halten konnten. Noch waren die polit. Posten nicht von bestimmten Fam. vereinnahmt. Wechsel unter den in Räten und Behörden sitzenden Geschlechtern wurden aber selten.
Autorin/Autor: Daniel Schläppi
Ab der Wende vom 15. zum 16. Jh. wandelten sich die Honoratiorenschaften vom Berufs- und Besitzstand zum Geburtsstand. Mit dem Ende der eidg. Grossmachtpolitik und den Verträgen mit Frankreich von 1516 und 1521, die das Solddienst- und Pensionenproblem regelten, fielen Gründe für innere Unruhen und kriegsbedingtes Aussterben wichtiger Fam. weg. Auf dieser Grundlage festigte sich das P., das fortan Spitzenfunktionen in Politik und Verwaltung besetzte. Neue Ämter kamen durch den wachsenden Verwaltungsapparat und die Säkularisation von Kirchengut im Gefolge der Reformation hinzu. Sie stärkten den Magistratenstand ebenso wie der territoriale Zuwachs (Untertanengebiete, Gemeine Herrschaften). Das P. lebte von Landvogteien, ausländ. Pensionen, diplomat. Beziehungen sowie von Kapital- und Soldgeschäften.
Die Führungsgruppen entwickelten sich je nach lokalen polit. und ökonom. Gegebenheiten. Geschlossene Verwaltungs- und Solddienstpatriziate bildeten sich in Bern, Freiburg, Solothurn und Luzern, die in der Literatur als Patrizierstädte (Patrizische Orte) bezeichnet werden. Diesen P.en dienten Herrschaftsmonopol und Staatspfründen als Existenzgrundlage. Letzte Handwerkerfamilien verschwanden im 17. Jh. aus den Räten. Die wenigen Aufsteiger rekrutierten sich statt aus dem Gewerbe nun aus dem Finanz-, Militär- oder dem Verwaltungssektor.
In den Zunftstädten Basel, Zürich, Schaffhausen und St. Gallen, wo aufgrund von Verfassungskompromissen ein Teil der Räte von den Zünften gewählt oder aus ihnen kooptiert wurde, die Reformation den Solddienst jahrzehntelang verhinderte oder doch hemmte und Gewerbe und Handel eine grössere Rolle spielten, vermochten sich die Ratsfamilien nie völlig gegen Aufsteiger und Handwerker abzuschliessen. Wo Handel und Verlagsindustrie blühten, dominierten in der Textil-, Uhren- oder Finanzbranche tätige Unternehmerschichten. Im Fall von Genf (Hugenotten) und Zürich (Locarneser) trugen Refugianten zur wirtschaftl. Blüte bei. Während sie im 16. Jh. integriert wurden und einige den Aufstieg in Regierungskreise schafften, im Fall Zürichs teils sogar in erster oder zweiter Generation, war dies im 17. Jh. kaum mehr der Fall.
Unter den von kaufmänn. Schichten dominierten Städten verfügte nur Zürich über ein nennenswertes Umland. Wie in den Patrizierstädten war auch in Zürich die Elite an der Herrschaft über das Landvolk interessiert. Einige erfolgreiche Unternehmerfamilien distanzierten sich mit der Zeit von der Wirtschaft, widmeten sich dem Staat, lebten als Rentner auf Gütern oder ergriffen Militärlaufbahnen in Fremden Diensten. Die Rentner- und Kaufmannsfamilien verschmolzen aufgrund verwandtschaftl. Verbindungen zu einer einheitl. Oberschicht, die im 18. Jh. rund einen Viertel der Bürgerschaft umfasste. Die stärkere Mitwirkung der Zünfte hat die Aristokratisierung in den Städten Zürich, Schaffhausen und St. Gallen im 17. und 18. Jh. zwar gebremst. Dennoch formierte sich eine Elite, die, wenn nicht rechtlich, so doch faktisch als P. bezeichnet werden kann.
Die ständ. Qualität des P.s beruhte auf der Imitation adliger Lebensweise. Angehörige des P.s erwarben ausländ. Adelstitel und Wappenbriefe, legten Taten und Herkunft der Vorväter verherrlichende Geschlechterbücher an, kauften Gerichts- und Grundherrschaften, mit denen Schlossbesitz verbunden war, gründeten Stiftungen und Fideikommisse und konsumierten Luxus- und Kulturgüter. Zur Abgrenzung gegen die Bürgerschaften konzentrierten sich die Standeseliten seit dem 16. Jh. in exklusiven Gesellschafts- und Zunftstuben (Zürich: Konstaffel, Stübli; Basel: Zunft zum Schlüssel; Bern: Distelzwang, Vennergesellschaften, Mittellöwen), die sich teilweise auf Adelsgesellschaften zurückführen liessen.
Im Privaten richteten sich Patriziergeschlechter auf die intergenerationelle Aneignung von Regierungsgewalt, Reputation und Ressourcen aus. Sie heirateten standesgemäss, planten den Nachwuchs im Hinblick auf familiäre Aufgabenteilung und rentablen Erbgang. Der Verwandtschaftsverband verlangte Verzicht auf individuelle Entfaltung. Im Gegenzug sorgte die Fam. für die Versorgung und Karrieren ihrer Angehörigen. Die Klöster St. Gallen und Einsiedeln nahmen ab dem 16. Jh. zahlreiche nachgeborene Söhne auf.
Als qualifizierend für die Honoratiorenkarriere galten Weltläufigkeit, Führungsfähigkeit sowie ein gutes Beziehungsnetz. Obwohl eine Ämterlaufbahn als erstrebenswert galt, war die Aneignung des dazu nötigen jurist. Fachwissens zweitrangig. Zwar investierte das P. in die Ausbildung der Jugend an fremden Hochschulen, wichtiger waren ihm aber Aufenthalte an Fürstenhöfen und Militärdienst. Fremde Dienste, Offizierslaufbahnen und Pensionenwesen waren für viele Geschlechter nicht nur finanziell existenziell. Sie dienten dazu, Führen und Regieren zu lernen und sich einen weltmänn. Lebensstil anzueignen.
Die Stellung der P.e blieb jedoch gefährdet. Kritik der Untertanen entlud sich in Ländlichen Unruhen. Höhepunkt war der Bauernkrieg von 1653, der Schwierigkeiten und Grenzen der patriz. Herrschaft aufzeigte. In Ermangelung stehender Heere auf das Einverständnis der Beherrschten angewiesen, entwickelten die P.e aufwendige Legitimationsformen. Dazu gehörten die Verteilung lebensnotwendiger Güter, paternalist. Sorge um unterprivilegierte Regionen und Bevölkerungsgruppen sowie Verschleierung des eigenen Reichtums durch äusserlich zur Schau getragene Bescheidenheit. Kleiderordnungen sollten Exzessen von Standesangehörigen vorbeugen.
Auseinandersetzungen gab es auch mit regimentsfähigen Bürgern, denen das P. rechtlich zustehende Regierungsämter vorenthielt (Basler Staatskrise 1691, Einsetzung einer Standeskommission in Bern 1681, Genfer Revolutionen des 18. Jh.). Unwillen erregte das verbreitete Praktizieren, d.h. das Besetzen von Ämtern nach vorheriger Absprache oder durch Ämterkauf, dem selbst mit Verboten und Loswahlen nicht beizukommen war.
Im 18. Jh. begannen Angehörige des P.s in Gesellschaften und Salons eine gesellige Halböffentlichkeit zu pflegen, in Bern geprägt durch ein höf. Verständnis der Geschlechterrollen, das sich vom bürgerl.-republikan. Geschlechterdualismus unterschied. Vertreter aus Standesfamilien, die positiv zur Aufklärung standen, beteiligten sich am Modernisierungsdiskurs der ökonom. und patriot. Gesellschaften. Das Potenzial des P.s zu innerer Reform war aber zu beschränkt, um aufklärer. Postulate politisch umzusetzen.
Autorin/Autor: Daniel Schläppi
Die Besetzung der Eidgenossenschaft im Jahr 1798 führte zur Entmachtung des P.s. Mit der Mediation von 1803 kehrten die patriz. Machthaber zurück. In Basel und Zürich behaupteten die führenden Geschlechter ihre Vormachtstellung bis in die 1870er Jahre. Analog dazu verteidigte das bern. P. seinen Vorrang in der Stadt, als die Liberalen 1831 im Kanton die Regierung übernahmen.
In der 2. Hälfte des 19. Jh. ging das P. allmählich im Bürgertum auf. Diese Entwicklung verlief lokal unterschiedlich. In Bern tat sich das von Renten und Verwaltungsstellen lebende P. mit den neuen Verhältnissen schwerer als in Basel und Zürich, wo die Herren mit der Industrialisierung moderne Erwerbsformen adaptiert hatten (Textilien, Welthandel, Banken). In Bern prägten Standesdifferenzen bis zur Reorganisation der Burgergemeinde von 1888 die polit. Auseinandersetzungen. Obwohl das P. seine Heiratskreise auf das Grossbürgertum ausweitete, ist eine hohe soziale Endogamie festzustellen, was eine Fülle an Verwandtschaftsbeziehungen in der eigenen Schicht nach sich zog.
Das Herkommen behielt distinktiven Charakter. Nach Vorbild des ma. Adels spielten die alten Eliten ihre Geschichte noch im 20. Jh. zur Abgrenzung gegen Aufsteiger und Zuwanderer aus und retteten so ihre soziokulturelle Vorherrschaft bis in die Zeit des 1. Weltkriegs. Namen, Familienbande, Sprache, Gesten, materielle Kultur und Familiengeschichte standen weiterhin für Tradition. Das Interesse an der Aufnahme in hist. Traditionsverbände blieb bestehen, weil sich Teile des Bürgertums weiterhin am patriz. Lebensstil orientierten. Aktuelle Forschungen belegen Unterschiede zwischen traditionalen und modernen Eliten bis in die Gegenwart. In Bern wirken noch im 21. Jh. Netzwerke, die von Nachkommen des P.s gebildet oder finanziert werden (Bürgergemeinde).
Autorin/Autor: Daniel Schläppi
Autorin/Autor: Daniel Schläppi