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Der alte Münchhausen hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass sein Name eines Tages zum Begriff einer philosophischen Problemstellung werden sollte. Tatsächlich hat Hans Albert in seinem Traktat über kritische Vernunft im Zusammenhang mit der sog. Letztbegründung von Sätzen folgende Problemstellung das Münchhausen-Trilemma genannt:
Angenommen, ich habe einen Satz p, den ich begründen will, so ergibt sich folgendes Phänomen: Jeder Satz, den ich als Begründung von p angebe, verlangt seinerseits nach einer Begründung – q. Aber auch für die Gültigkeit von q müssen wir einen Grund angeben – und so kommen wir über r, s, t, u usw. in eine seltsame Geschichte offenbar ohne wirklichen Ausweg. Es scheinen mir nur folgende 3 Möglichkeiten offen zu stehen:
- Ich gerate früher oder später in einen Zirkelschluss – d.h., in der Konklusion, die meine Prämisse beweisen soll, finde ich bei näherem Hinschauen bereits die Prämisse integriert.
- Ich ende in einem unendlichen Regress – d.h., jede meiner Begründungen verlangt nach einer weiteren Begründung, ohne dass ich je ein Ende dieses Fasses ohne Boden erblicken werde.
- Ich breche einfach irgendwo ab und erkläre die gerade stattgehabte Begründung für die endgültige.
Letzeres Verfahren war dasjenige von René Descartes, der auf der Suche nach einem sicheren Grund für seine Erkenntnisse beim Cogito – ergo sum abbrach, weil er der Meinung war, Gott (dessen Existenz er unhinterfragt voraussetzte) könne kein Gott sein, der den Menschen betrüge, indem er sein Denken konstant irreleitete. Dieses Verfahren führt also zu einer pseudo-rationalen Begründung von eigentlich Unbegründbarem; Zeit und Ort des Abbruchs sind willkürlich. So etwas führt im weiteren Verlauf oft und gern zur sog. Dogmatisierung: Die unhinterfragte Letztbegründung hat meist metaphysisch-religiösen Charakter. Albert widmet einen schönen Teil seines Traktats dem Problem von Glaube und Wissen. Er zerpflückt dabei alle Versuche, vor allem der protestantischen Theologen, eine religiöse Überzeugung kritisch hinterfragen zu wollen, indem er den Theologen nachweist, dass sie alle – mehr oder weniger subtil – die Kritik der Vernunft irgendwo abbrechen und gewisse Phänomene als vorausgesetzt und unhinterfragbar postulieren, ja, dass sie ihren Glauben auto-immunisieren, indem, wer ihren Schritten nicht folgen kann, als unzulänglich und somit in dieser Frage inkompetent bezeichnet wird – eine Taktik, die schon Fichte angewendet hat. Um es klar zu stellen: Fichte, den gesamten deutschen Idealismus, lässt Albert beiseite – was ihm denn auch vorgeworfen wurde (v.a. die Vernachlässigung Kants, aus der man eine Unkenntnis des Königsbergers konstruierte).
Das Münchhausen-Trilemma stellt sich natürlich nicht nur in der Theologie, obwohl sich dort Lösungsversuch N° 3 am besten darstellen lässt. Auch die Letztbegründung ethischen Handelns untersteht dem selben Trilemma, oder die Begründung einer wissenschaftlichen Theorie. Welche Lösung schlägt Albert vor? In gewisser Weise ist Albert ein Kind seiner Zeit (Traktat über kritische Vernunft erschien zum ersten Mal 1968). Er bedauert zwar in seinem Buch die Tatsache, dass die Philosophie in (West-)Deutschland einen Sonderweg gegangen ist, die angelsächsische Entwicklung hin zur Logik und Sprachphilosophie (Russell, Whitehead, Wittgenstein!) nicht mitgemacht hat, sondern über Husserls Phänomenologie zur Existenzphilosophie eines Heidegger fand und von dort zur Hermeutik eines Gadamer, aber von seiner Haltung her könnte man Albert schon fast existentialistisch nennen: Er verlangt nichts Geringeres als das Aushalten der Spannung, den Verzicht auf eine Letztbegründung. Das bedeutet nicht den Verzicht auf eine Begründung. Ob Physik oder Metaphysik: Jeder Satz soll hinterfragt, jedes Forschungsresultat überprüft werden – im Bewusstsein, dass jedes Forschungsresultat nie verifiziert, aber jederzeit falsifiziert werden kann. Popper steht da Pate, und auch die Freundschaft mit Feyerabend. Man (Habermas, wenn ich mich recht erinnere) hat Albert vorgeworfen, dass das nur eine weitere Variante des Abbruchs sei. Doch dieser Vorwurf übersieht die gänzlich andere Qualität der Vorgehensweise des kritischen Rationalismus.
Im Übrigen lässt sich auch ein wenig Philosophiegeschichte treiben mit diesem Text. Ich habe vor mir Band 1609 der Reihe UTB, von 2010 – ein sog. stiller Nachdruck der 5. verbesserten und erweiterten Auflage von 1991. Zum ersten Mal, wie gesagt, ist Alberts Traktat über die kritische Vernunft 1968 erschienen. Damals war es gerade noch so, dass die philophische Welt in jenen angelsächsischen logisch-sprachphilosophischen Teil eingeteilt werden konnte, einen (west-)deutschen hermeneutisch-kritischen und einen (ost-)deutschen marxistisch-leninistischen. Allerdings waren Logik und Sprachphilosophie mittlerweile auch im westdeutschen Raum im Vormarsch. Alberts Buch hat dazu nicht wenig beigetragen. Der klassische Positivismus, den man in Deutschland zu Unrecht immer mit Popper identifiziert hat, war bereits auf dem Rückzug. (Die Entwicklung in Frankreich oder im übrigen Europa hat Albert offenbar ignoriert.) Wenn sich Albert 1968 noch vorwiegend mit Heidegger’schen Thesen herumgeschlagen hat, so sind in den Anhängen von 1991 andere präsent: Apel, Kuhlmann und eben Habermas.
Das Büchlein ist hochaktuell, und Alberts Thesen m.M.n. immer noch gültig.