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Ist Alkohol Konsum ein Risiko für die Entwicklung vom kolorektalen Karzinom?
Analyse von 8 Kohortenstudien.

Titel
Alcohol Intake and Colorectal Cancer: A Pooled Analysis of 8 Cohort Studies.
Autoren
Cho E, Smith-Warner SA, Ritz J, et al
Quelle
Ann Intern Med 2004;140:603-613
Abstract
Fragestellung
Besteht eine Assoziation zwischen Alkoholkonsum und der Entstehung eines kolorektalen Karzinoms (KRK)? Insbesondere soll eine Evaluation der Alkoholeffekte bei verschiedenen täglichen Alkoholmengen, bei der Art des alkoholischen Getränkes und dem Geschlecht stattfinden sowie der Einfluss dieser Faktoren auf die Karzinomlokalisation.
Hintergrund
Frühere epidemiologische Studien weisen auf eine Korrelation hin zwischen Alkoholkonsum und einem KRK Risiko. Die Resultate sind allerdings nicht klar und zeigen entweder keine signifikante Assoziation oder eine bis zu fünffache Risikozunahme. Ebenfalls ungeklärt bleiben folgende Fragen: Effekt von verschiedenen Alkoholmengen und Typ von Alkohol (Bier?) auf die Entstehung des KRKs und ob gewisse Karzinomlokalisationen (Rektumkarzinom?) spezifisch mit dem Alkoholkonsum assoziiert sind.
Methoden
Studiendesign
Analyse von primären Daten aus 8 grossen Kohortenstudien.
Setting
Vier Studien wurden in den Vereinigten Staaten, eine Studie in Kanada und 3 Studien in Europa durchgeführt.
Einschlusskriterien
Prospektive Studien mit mindestens 50 Inzidenzfällen von KRK, die langfristig diätetische Einnahmen einschliesslich Alkoholkonsum evaluiert haben. Die verwendete Messmethode musste validiert sein.
Ausschlusskriterien
Patienten mit unplausiblen Angaben zu Energieeinnahme, ohne Angaben über den Alkoholkonsum oder mit einer Anamnese von Malignom (Ausnahme: Hautmalignome anders als Melanom).
Intervention
Analyse von Beobachtungsstudien, keine Intervention.
Primäre Endpunkte
Entstehung vom KRK.
Sekundäre Endpunkte
Entstehung vom Karzinom im proximalen vs. distalen Kolon vs. Rektum.
Beobachtungsdauer
Je nach eingeschlossener Studie 6 bis 16 Jahre. Der Anfang der Beobachtungszeit variiert zwischen 1980 und 1987.
Resultate
Patienten
Gesamtgrösse der Kohorte war 490’000 Personen. Der Studienpool schloss 4’687 Fälle von KRK ein, 70% davon waren Kolonkarzinome. Über alle Studien hinweg konsumierten 45-78% der Frauen und 76-89% der Männer Alkohol.
Endpunkte
Verglichen mit Patienten, die keinen Alkohol zu sich nahmen, war das KRK ab einer täglichen Dosis von 30 g mit Alkoholkonsum assoziiert. Das Ausmass der Assoziation war stärker mit steigender täglicher Alkoholdosis. Das altersbereinigte relative Risiko (RR) betrug 1.21 (95% CI 1.04-1.42) für 30-45 g/Tag und 1.51 (95% CI 1.25-1.8) für 45 und mehr g/Tag. Nach Angleichung für multiple Kovariaten in der multiplen Regressionsanalyse, resultierte nur noch eine Alkoholeinnahme von über 45 g/Tag statistisch mit der Entstehung eines KRK (RR 1.41, 95% CI 1.16-1.72). Während sich für Männer diese Korrelation bestätigte, war dies bei Frauen nicht der Fall. Das Risiko war bei einem Alkoholkonsum von mehr als 30 g/Tag bedeutend erhöht bei Personen mit einem BMI < 22 Kg/m2 und das besonders bei Männern (RR 3.51, 95% CI 1.45-8.50 vs. 1.6, 95% 1.07-2.41 bei Frauen).
Die altersbereinigten Resultate zeigten ein erhöhtes Risiko für das KRK bei einem Konsum von über 30 g/Tag sowohl für Bier wie auch für Wein und Spirituosen. In der multivariaten Analyse war noch die Assoziation mit Weinkonsum (RR 1.82, 95% CI 1.28-2.59) und Bierkonsum (nur knapp) statistisch signifikant (1.37, 95% CI 1.00-1.87). Für Alkoholmengen über 15 g/Tag galten die Resultate für die spezifischen Getränke sowohl für das Kolon- wie auch für das Rektumkarzinom. Für das Rektumkarzinom stellte schon eine Alkoholeinnahme über 30g/Tag ein Risiko dar, hingegen stieg das Risiko für das Kolonkarzinom nur ab 45 g/Tag an. Es ist zu bemerken, dass in der multivariaten Analyse keine statistisch signifikante Korrelation für das Karzinom des proximalen Kolons gefunden werden konnte.
Diskussion durch die Autoren
Potentielle Mechanismen
- 1. Acetaldehyd, ein Oxitationsprodukt von Alkohol, könnte in der kolorektalen Karzinogenese involviert sein. In Ratten wurden hohe Mengen an Acetaldehyd mit Folsäuredegradation in Zusammenhang gebracht. Folsäure könnte einen schützenden Faktor für die Entwicklung vom KRK sein.
- 2. Alkohol ist ein Antagonist des Methylgruppenmetabolismus und könnte zur abnormalen DNS-Methylation führen. Diese ist in der kolorektalen Karzinogenese involviert.
- 3. Alkohol könnte die Immunantwort modulieren, die DNS-Reparatur hemmen oder die hepatische Prokarzinogene durch Induktion des P-450 Cytochromes aktivieren.
- 4. Alkohol vermindert die Insulinresistenz, die sowohl mit dem Übergewicht wie auch möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für das KRK korreliert. Dieser Mechanismus kann das erhöhte Risiko bei mageren Patienten erklären.
Stärken
Prospektive Studien. Validierte Fragebögen. Analyse von primären Daten. Auch Studien analysiert, die bezüglich der Korrelation zwischen Alkohol und KRK nicht publiziert wurden. Deswegen Reduktion eines potentiellen Publikationsbias.
Limitationen
Erhebung ausschliesslich eines Basis-Alkoholkonsum. Keine Angaben über Länge und Muster des früheren und späteren Alkoholkonsums. Potentieller Bias bezüglich Messung des Alkoholkonsums. Keine Erhebung von anderen potentiellen Risikofaktoren für das KRK.
Zusammenfassender Kommentar
Auch wenn die Autoren in der Diskussion behaupten, dass die Assoziation zwischen Alkohol und KRK für beide Geschlechter, für alle alkoholische Getränke und für alle Kolonlokalisationen gefunden wurde, reflektiert diese Behauptung die Resultate der multivariaten Analyse nicht.
Mit der Ausnahme von mageren Männern, ist die Assoziation auch bei statistischer Signifikanz relativ klein. Zudem zeigt sich diese nur bei hohen täglichen Alkoholeinnahmen deutlich. Da bei der Erhebung von diesem Risikofaktor eher eine Unterschätzung des wahren Konsums zu erwarten ist, mag die Assoziation erst bei noch höheren Dosen an Alkoholkonsum vorhanden sein.
Wir wissen nicht wie die Alterszusammensetzung der studierten Populationen war. Bei jüngerem Alter nähert sich das erwartete Auftreten der Krankheit gegen Null. Bei diesen Personen ist aus epidemiologischer Sicht eine Risikoevaluation problematisch. Andererseits bleibt es obskur, nach welchem Kriterium die Patienten in die verschiedenen Getränketypengruppen unterteilt wurden. Die Interpretation dieser Resultate bleibt deswegen besonders schwierig.
Besprechung von PD Dr. med. Fabiola Delcò, Oberärztin, Abteilung Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsspital Basel.
Ann Intern Med 2004;140:603-613 - E Cho et al
08.12.2004 - dde