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Lerntheoretische Modelle
Lerntheoretische Erklärungen abweichenden Verhaltens
Innerhalb der lerntheoretischen Modelle gibt es verschiedene Konzepte zur Erklärung abweichenden Verhaltens. Verhalten kann z. B. durch klassische oder durch operante Konditionierung erworben werden. Zur Einführung folgen zwei Beispiele zur Erklärung der beiden Möglichkeiten; eine ausführliche Darstellung der beiden Begriffe folgt im Kapitel «Klassische Lerntheorien». Comer (2008) schreibt:
Woher kommt diese Angst vor Sand? Die Antwort liegt im Prinzip der klassischen Konditionierung. Es stellt sich heraus, dass im Vorgarten des Nachbarn eine grosse Sandkiste steht, damit der fürchterliche Hund darin spielen kann. Jedesmal, wenn der Hund bellt und auf den Jungen zustürzt, ist auch die Sandkiste da. Nach mehrfachen derartigen Assoziationen fürchtet das Kind schliesslich Sand genauso sehr wie den Hund. Durch diesen einfachen Konditionierungsprozess entwickelt das Kind eine Furchtreaktion, die sein ganzes Leben lang bestehen bleiben kann. Das Kind kann Sand vielleicht so erfolgreich vermeiden, dass es nie lernt, wie harmlos er ist (Comer, 2008).
Eine andere mögliche Erklärung abweichenden Verhaltens beruht auf dem Konzept der operanten Konditionierung, auch hier die Erklärung von Comer (2008):
Auch behaupten die Lerntheoretiker, dass viele gestörte Verhaltensweisen sich infolge von Verstärkung entwickeln. Manche Menschen etwa lernen, Alkohol und Drogen zu missbrauchen, weil dieses Verhalten ihnen anfangs Gefühle wie Ruhe, Trost oder Lust gebracht hat. Andere zeigen vielleicht bizarres, psychotisches Verhalten, weil sie die Aufmerksamkeit geniessen, die sie dadurch erhalten. Wenn, wie in einer Reihe von Studien nachgewiesen, das Klinikpersonal die bizarren Äusserungen und andere ungewöhnliche Verhaltensweisen schizophrener Patienten konsequent ignoriert und angemessenes Verhalten mit Vorrechten, Geld oder Aufmerksamkeit belohnt, zeigen viele Patienten bald deutliche Anzeichen von Besserung (Comer, 2008).
Modernes Störungsverständnis: Inzidenzformel
Ein moderneres Störungsverständnis macht eine Vielzahl von Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung abweichenden Verhaltens und Erlebens verantwortlich, wie dies in der Inzidenzformel nach Becker (1997) zum Ausdruck kommt:
Erläuterung und Erklärung der Formel:
Über dem Bruchstrich haben wir die individuellen personbezogenen Voraussetzungen (Vulnerabilität), die sich mit dem Faktor (externe) Stressoren multiplizieren. Das heisst gemäss mathematischer Logik: wenn einer dieser beiden Faktoren Null ist, ist der ganze Zähler Null, somit die Inzidenz Null.
Je grösser der Wert im Nenner, ausgedrückt durch die Summe der internen und externen Ressourcen, desto geringer ist die Inzidenz (Auftretenswahrscheinlichkeit) einer psychischen Störung bei vorhandener Vulnerabilität und Stressoren. D.h. Selbstwert, soziale Kompetenzen und soziale Unterstützung vermögen bis zu einem gewissen Grad Vulnerabilität und externe Stressoren zu kompensieren.
Im folgenden Videoausschnitt demonstriert Prof. Dr. Guy Bodenmann die Inzidenzformel (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).