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Eine schlimmere Arbeit
Aus dem Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt.
Die letzten Feriengäste waren gegangen, unser Rückzugsort in der Surselva gehörte für die nächste Zeit wieder uns, und Dumeng, ein Arbeiter aus dem Dorf, fuhr mit seinem Pickup vors Haus. Er kam, um den prall gefüllten Kompostbehälter zu leeren. Gerade, als ich hinaustrat, begann er mit seiner Arbeit, wuchtete die Schaufel in den Kompost und schüttete Brocken für Brocken auf seinen Pickup. Ich begrüsste ihn und stand dann etwas unschlüssig da, etwas verlegen auch, weil Dumeng eine Arbeit machte, die nicht sehr angenehm war. «Ich weiss», sagte ich, fast entschuldigend zu ihm, «nicht gerade die schönste Arbeit.»
«Es gibt Schlimmeres», fand Dumeng und lachte, und an der Art, wie er das sagte, erriet ich, dass ich ihn fragen sollte, welche Arbeit denn noch schlimmer sei. «Vor kurzem», erzählte er, «mussten wir im Nachbardorf ein grösseres Erdstück in einem Friedhof ausheben. Aber die Erde war so beschaffen, dass die darin begrabenen Leichen noch nicht verwest waren.» Ich schaute ihn leicht entsetzt an, und vor meinem Auge begann ein Bild zu entstehen. Ein ziemlich schaudervolles Bild. «Das heisst, ihr habt … », fragte ich zögernd, und Dumeng beendete meinen Satz: «Das heisst, dass die Toten noch keine Skelette waren. Da war noch mehr dran.»
«Und dann habt ihr weitergegraben?» Ich war bereits etwas neugierig. «Was blieb uns anderes übrig», meinte er achselzuckend, «wo wir doch schon begonnen hatten. Aber der Kollege musste nachher nach Hause und kam am nächsten Tag nicht zur Arbeit. Der hat es nicht verkraftet. Oder man könnte auch sagen, sein Magen streikte.»
«Und du?», wollte ich von Dumeng wissen. «Viel geschlafen habe ich nicht in der folgenden Nacht. Die Bilder kamen und gingen.» Jetzt wusste ich, dass es schlimmere Arbeiten gibt als einen Kompostbehälter zu leeren. «Aber eigentlich ist es ja komisch», sinnierte der Bündner. «Die gleichen Leute, die so etwas nicht aushalten würden, kaufen im Laden ein Poulet und essen es sogar noch. Ich meine, was ist ein totes Huhn anderes? Ist auch ein Leichnam, mit Haut über den Knochen. Aber das stört die Leute dann nicht.»
Nach diesen Worten stiess er die Schaufel wieder kräftig in den Kompost. Ich schaute ihm zu und dachte: Dumeng ist vermutlich kein Vegetarier. Aber einer, der sich Gedanken macht.
Dieser Text erschien im Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt - Gedanken, Beobachtungen, Geschichten - täglich von Montag bis Freitag auf Spotify, iTunes oder auf der Website des Autors www.dieluftpost.ch
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