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Die Steinböcke im Berner Diemtigtal werden selten Opfer von Lawinen, da sie Neuschneezonen meiden.
Wissenschafter des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos untersuchen die Strategie der Steinböcke.
"Wir haben festgestellt, dass sich die Steinböcke nach einem ausgiebigen Schneefall zunächst in Felskluften zusammendrängen", erklärt Projektleiter Tobias Jonas. In den folgenden Tagen oder gar Wochen beschränke sich die Mobilität der Tiere auf einen Umkreis von 20 bis 50 Metern. Erst wenn sich die Schneedecke stabilisiert habe, verliessen die Tiere diese Schutzzone.
"Es ist allerdings schwierig zu sagen, ob es sich hier um eine wirkliche Lawinen-Vermeidungsstragie handelt oder ob die Tiere schlicht Mühe haben, sich im Neuschnee zu bewegen", relativiert Jonas diese Beobachtung. Die Tiere wiegen immerhin zwischen 40 und 80 Kilogramm und versinken leicht im Schnee.
Natürliche Selektion
Dank der natürlichen Selektion haben die Huftiere - die seit Jahrtausenden in den Alpen leben - gelernt, ihr Verhalten den Gefahren der Umwelt anzupassen. So haben die Forscher herausgefunden, dass die Steinböcke im Winter nur bei Tageslicht unterwegs sind.
"Es ist möglich, dass sie Schneeflächen bei schlechter Sicht meiden", sagt Jonas. Im Sommer können die männlichen Steinböcke in der Dämmerung oder in der Nacht Dutzende von Kilometern zurücklegen.
Im untersuchten Gebiet im Diemtigtal in der Nähe von Zweisimmen beschränkt sich der Aktionsradius der Steinböcke im Winter auf eine Fläche von 0,3 km2, die meist oberhalb der Lawinencouloirs liegt. Im Sommer erstreckt sich das Territorium der Tiere laut Jonas auf eine Fläche von 3 bis 4 km2 bei den Weibchen und auf 15 bis 20 km2 bei den Männchen.
Platz an der Sonne
Die Tiere suchten sich jeweils einen 'Platz an der Sonne', erklärt Jonas weiter. Im Winter hielten sie sich immer an den Südhängen auf, wo der Schnee weniger lange liegen bleibe.
Die Steinböcke können offenbar nicht nur die Lawinengefahr gut einschätzen, auch Steinschlaggefahr scheinen sie zu erkennen. Bei Gefahr geraten sie überdies seltener in Panik als etwa Gemsen.
Sie scheinen zuerst die Situation zu analysieren und sich nur wenn nötig zu bewegen. "Ich beobachtete einmal einen Steinbock, der ruhig das Ende eines Steinschlags abwartete, der wenige Meter neben ihm niederging", erinnert sich Jonas.
Es ist eher selten, dass Steinböcke von einer Lawine erfasst werden - abgesehen von besonderen Ereignissen, bei denen etwa eine ganze Herde mitgerissen wird: Während des Winters 1969/70 kamen 90 der damals 218 im Nationalpark lebenden Steinböcke in einer Lawine ums Leben, erinnert sich Flurin Filli, Chef der Forschungsabteilung des Parks.
Andere Lebensbedingungen im Nationalpark
Die Situation im Nationalpark ist anders als im Diemtigtal. Hier leben viel mehr Steinböcke - derzeit etwa deren 300 - auf engerem Raum zusammen. Auf der Suche nach Futter sind die Tiere laut Jonas oft gezwungen, die Schneedecke zu betreten. Im Winter ernähren sie sich vor allem von trockenen Kräutern.
Im Diemtigtal können die Steinböcke laut Jonas in einer optimalen Umgebung beobachtet werden: Hier haben sie genügend Platz und kommen sich gegenseitig nicht in die Quere.
Zehn Steinböcke waren zwischen 2001 und 2003 im bisher steinwildlosen Tal freigesetzt worden. "Wir haben von dieser Gelegenheit profitiert und drei weibliche und drei männliche Tiere mit Sendern ausgerüstet", sagt Jonas. So kann die Position der Tiere per Satellit überwacht werden. Die Beobachtung der Tiere wird diesen Winter abgeschlossen.
swissinfo und Katja Remane (sda)
In Kürze
In den Schweizer Alpen leben derzeit etwa 15'000 Steinböcke. 1809 waren sie ausgerottet gewesen; ihre Wiederansiedlung begann ein Jahrhundert später durch erste Freisetzungen.
1911 wurden im Kanton St. Gallen die ersten fünf Steinböcke - zwei Männchen und drei Weibchen - freigesetzt.
1920 wurden im Nationalpark sieben Tiere in die freie Wildbahn entlassen. Sie schwärmten bis in den Kanton Wallis aus. Heute leben die 15 000 Steinböcke oberhalb der Baumgrenze auf Höhen zwischen 1600 und 3200 Metern über Meer.
Die Tiere waren bis Mitte des 15. Jahrhunderts im ganzen Alpenraum verbreitet, und das schon seit langem, wurden doch bis zu 18'000 Jahre alte Knochenreste gefunden. Mit dem Auftauchen der ersten Feuerwaffen begann ihre Ausrottung. Der damals letzte Steinbock wurde 1809 im Wallis geschossen.
Die Wiederansiedlung der Steinböcke war schliesslich so erfolgreich, dass der kontrollierte Abschuss im Kanton Graubünden seit 1977 wieder zugelassen ist.