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Chinas Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist atemberaubend. Und dennoch finden sich nicht nur in der Regierungsform Parallelen zur alten Sowjetunion.
Mit diesem Beitrag spinne ich den Faden weiter, den Mark Dittli in seinem Beitrag zu den Überlegungen von Michael Pettis und Tobias Straumann zum Wachstum in China aufgenommen hat.
Die Parallele von China zur Sowjetunion zeigt sich in der Wahrnehmung der Wachstumsraten und Wachstumsaussichten der beiden Länder. Da wir den Ausgang der Geschichte kennen, können wir uns heute kaum mehr vorstellen, dass das ökonomische Potenzial der Sowjetunion einst massiv überschätzt wurde. Heute wissen wir viel über die wirtschaftliche Ineffizienz des Sowjetsystems. Aber in den 50-er und 60-er Jahren war die Auffassung weit verbreitet, das kommunistische Reich sei drauf und dran, die USA an Reichtum zu überholen – selbst Präsident Kennedy soll das geglaubt haben.
Zwischen den konkreten wirtschaftlichen Strategien der beiden kommunistischen Reiche gibt es natürlich viele Unterschiede. Doch die Gemeinsamkeit ist entscheidend für das Verständnis der weiteren Entwicklung Chinas und der Risiken dieser Entwicklung. Im von Mark Dittli zu Recht hoch gelobten Buch «The Great Rebalancing» geht Autor Michael Pettis auf die Fallstricke der chinesischen Entwicklung ein. Einen Überblick zum Thema liefert ausserdem ein Interview, das meine Kollegin Elisabeth Tester mit Pettis geführt hat. Eine von ihm im Buch zitierte Rede von Premierminister Wen Jiabao vom März 2007 bringt das Problem auf den Punkt:
Unsteady development means overheated investment as well as excessive credit supply and liquidity and surplus in foreign trade and international payments. Unbalanced development means uneven development between urban and rural areas, between different regions and between economic and social development. Uncoordinated development means that there is lack of proper balance between the primary, secondary and tertiary sectors and between investment and consumption. Economic growth is mainly driven by investment and export. Unsustainable development means that we have not done well in saving energy and resources and protecting the environment. All there are pressing problems facing us, which require long-term efforts to resolve.
Die chinesische Wirtschaft ist auf hohe Investitionen und einen ausserordentlich geringen Anteil des Konsums am Gesamtprodukt der Wirtschaft ausgerichtet. Daran hat sich seit der oben zitierten Rede von Wen Jiabao nichts geändert. Im Gegenteil: Wie Pettis schreibt, lag der Anteil des Konsums noch in den 80-er Jahren bei rund 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Bis 2010 ist er auf 34 Prozent geschrumpft. Ich habe die Entwicklung unten mit Hilfe der Fred-Datenbank des Federal Reserve von St. Louis dargestellt (rote Linie) und zum Vergleich auch die Konsumquote der USA und deren Entwicklung eingefügt (blaue Linie) :
Einem geringen Konsumanteil stehen bei gleichem BIP zwingend hohe Investitionen und/oder Nettoexporte gegenüber. Die Erklärung hat Mark Dittli bereits geliefert. Der geringe Konsumanteil in China war alles andere als eine zufällige Entwicklung. Die kommunistische Partei tat alles, um Investitionen zu fördern. Michael Pettis betont vor allem drei Mechanismen, mit denen Investitionen durch die Haushalte massiv subventioniert wurden:
- Lohndruck: Die Löhne in China hielten nicht mit der Entwicklung der Produktivität mit. Durch sinkt der Anteil der Einkommen am Gesamtprodukt. Ein wichtiger Faktor für diesen Lohndruck war der stetige Zustrom neuer Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft und die Nichtgewährung elementarer Rechte für Beschäftigten.
- Eine gezielte Unterbewertung der Währung Yuan: Die Haushalte wurden durch teurere Importe bzw. Importanteile belastet, während die Margen (in der Heimwährung) und die Verkaufsmengen der Exporteure dadurch zulegten.
- Die finanzielle Repression: Die Zinsen für Depositen wurden durch staatliche Regulierung äusserst tief gehalten, während kaum alternative Sparmöglichkeiten bestehen. Damit konnten auch die Zinsen für Ausleihungen auf Kosten der Depositen tief gehalten werden.
Wie Pettis deutlich macht, hat überdies auch die Vernachlässigung der Umwelt und der Abbau bestehender sozialer Netze diesen Umverteilungseffekt zu Lasten der Haushalte.
Mit der Subventionierung der Investitionen durch die Haushalte zeigt sich die Parallele zur einstigen Sowjetunion. Aber nicht nur zu ihr: Diese Konsum-«Besteuerung» kennzeichnet generell eine Aufholstrategie aufstrebender Volkswirtschaften. Schon die (neo-)klassische Wachstumstheorie von Robert Solow beschreibt den Mechanismus, aber auch die Grenzen dieses Vorgehens: Mit den Investitionen steigt das eingesetzte Kapital pro Beschäftigtem, was anfänglich – bei wenig Kapital – hohe Wachstumsraten zur Folge hat. Etwas plastischer drückt das Michael Pettis so aus:
After all, when capital stock per person ist almost nonexistent, almost any increase in capital stock is likely to drive worker productivity higher. When you have no roads, even a simple dirt road will sharply increase the value of local labour.
Doch die Produktivitäts- bzw. Wachstumszunahme wird allein mit einer wachsenden Kapitalmenge pro Beschäftigten immer geringer: Langfristig kann Wachstum schiesslich mit einer steigenden Kapitalmenge nicht generiert werden, nur mit technischem Fortschritt, das heisst mit Innovationen. Und dafür sind andere Voraussetzungen notwendig als die Subventionierung von Investitionen, das heisst Kapitalbildung.
Dass diese Investitionsstrategie letztlich das Wachstum einbrechen lässt, ist aber noch nicht einmal das einzige Problem:
- Je länger der Investitionsboom anhält, desto stärker steigt die Wahrscheinlichkeit, dass unproduktive bzw. Fehlinvestitionen getätigt werden und dadurch die Verschuldung steigt.
- Weil die Obrigkeiten in den Investitionsprozess eingreifen (dessen Subventionierung sie erst ermöglichen), drohen Projekte verwirklicht zu werden, hinter denen einflussreiche Interessen stehen und nicht unbedingt eine gesellschaftliche oder ökonomische Logik.
- Fehlinvestitionen und die Zuteilung von Krediten durch politische Instanzen haben zur Folge, dass die Banken auf immer mehr faulen Krediten sitzen.
Der erzwungenermassen sehr tief gehaltene Konsumanteil von Chinas Haushalten am Gesamtprodukt hat schliesslich nicht nur einen starken Investitionsboom am Leben erhalten. Die Ersparnisse (definiert als BIP abzüglich den Konsum) waren so gross, dass die Investitionen nicht ausreichten, um sie zu absorbieren.
Ohne hohe und steigende Exportüberschüsse wäre daher das Wachstum trotz der gewaltigen Investitionen dennoch eingebrochen, mit allen negativen Konsequenzen für die Beschäftigung. Kein Wunder hat China durch massive Käufe von US-Staatsanleihen einem Anstieg der eigenen Währung gegenüber dem Dollar entgegen gewirkt – wie meine Kollegin Tina Haldner zeigt, sind als Folge davon die Chinesen heute die grössten Gläubiger der US-Regierung.
Die Bedeutung der Exporte für die chinesische Wirtschaft hat aber auch zur Konsequenz, dass das chinesische Wachstumsmodell von der Bereitschaft der übrigen Welt abhängt, Aussenhandelsdefizite mit China zu akzeptieren. Das geht auf Kosten des Wachstums in diesen Ländern. Die anhaltenden Spannungen mit den USA machen klar, dass die bisherige Strategie auch in Bezug auf den Aussenhandel nicht nachhaltig ist und sogar Konflikte provoziert.
Wie das Zitat von Premier Wen Jiabao zu Beginn dieses Beitrags zeigt, liegt die Schwierigkeit für eine Neuorientierung der chinesischen Wirtschaft nicht darin, dass die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen den Chinesen und ihrer Führung unbekannt wären. Das grösste Problem ist, dass die vorherrschenden Strukturen der Wirtschaft einen Umbau aus folgenden Gründen erschweren:
- Ein Ende der Investitions-Subventionierung würde die Banken zwingen, ihre faulen Kredite (vergeben für Fehlinvestitionen) abzuschreiben, was ihre Existenz und damit auch die der Einlagen gefährden würde. Mit der anhaltenden Subventionierung über zu tiefe Depositenzinsen und eine hohe Zinsmarge können sie hoffen, sich über Gewinne genügend zu rekapitalisieren, um solche Verluste tragen zu können.
- Eine auf Investitionen und Exporte ausgerichtete Wirtschaft kann nicht im Handumdrehen in eine verwandelt werden, die sich vor allem auf den inländischen Konsum ausrichtet. Entwicklungen dahin finden zwar tatsächlich statt, wie etwa der von Tobias Straumann bereits erwähnte Lohnanstieg. Aber ein solcher Strukturwandel braucht Zeit und verläuft nicht reibungslos, vor allem aus dem folgenden Grund.
- Die bisherige Wirtschaftsentwicklung hat nicht zufällig Gewinner in den obersten Führungsgremien. Allein im chinesischen Volkskongress sitzen laut der ebenfalls chinesischen «Hurun Global Rich List» 31 Delegierte mit einem Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar. In der so genannten «Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes» sitzen danach noch einmal 52 Dollar-Milliardäre. Diese Delegierten werden von der kommunistischen Partei bestimmt. In den kapitalistischen USA sitzt nicht ein Milliardär im Parlament des Landes. Die Gewinner der bisherigen Entwicklung werden nicht ohne weiteres bereit sein, auf ihre Pründen zu verzichten. Das gemahnt an die berühmte Fabel «Animal Farm» von George Orwell: Nach der Revolution der Tiere wurde dort der Leitsatz «alle Tiere sind gleich» von den neu herrschenden Schweinen abgeändert in «einige Tiere sind gleicher». Und sie haben ihre Macht weidlich zum eigenen Vorteil genutzt.
Die Strategie, auf Kosten der gewöhnlichen Haushalte die Investitionen zu befördern, hat China für längere Zeit historisch einmalige Wachstumsraten beschert. So stiegen absolut gesehen selbst die Konsumausgaben trotz dem Rückgang des Konsumanteils am noch stärker wachsenden Gesamtprodukt. Doch dieses Wachstum kann nicht nachhaltig sein, so wenig, wie das in der Sowjetunion einst möglich war. Wie der Wandel vonstatten geht und welche wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen er hat, ist noch völlig offen. Dass er stattfinden muss und wird, ist unausweichlich.