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(Philippi, 1830)
- DE: Kiesbank-Grashüpfer
- EN: Gravel Grasshopper
- FR: Le Criquet des iscles
- Syn.: Oedipoda geniculata Fischer von Waldheim, 1846 | Gomphocerus abruptipennis Borck, 1848
Morphologie
Die Grundfarbe von Chorthippus pullus variiert von grau bis graubraun. An Kopf und Halsschild befinden sich dunklere Bereiche. Auffallend ist die bunte Zeichnung der Männchen an Hinterleib und -beinen. Die Weibchen sind meist einheitlich gräulich gefärbt. Die Halsschild-Seitenkiele sind deutlich einwärts gebogen und in der Regel dunkel gesäumt. Die kurzen, graubraunen Flügel erreichen beim Männchen das hintere Drittel der Hinterschenkel und bedecken meist knapp den Hinterleib. Beim Weibchen sind die Flügel kürzer, reichen bis ca. zur Hälfte der Hinterschenkel und sind am Ende spitz verrundet. Aus Deutschland sind langflügelige Formen bekannt. Das Stigma ist farblich nicht vom bräunlichen Flügel abgesetzt und deshalb kaum sichtbar. Die Gehöröffnung ist 2,5-3,5x so lang wie breit und oval. Die Hinterschienen sind leuchtend orange bis rot und durch einen hellen Ring vom dunklen Knie abgesetzt. Auf der Oberseite der Hinterschenkel befinden sich zwei dunkle Flecken, die sich auf der Innenseite fortsetzen.
Gesang
Der Spontangesang von Chorthippus pullus ist leise und in alpinen Lebensräumen entlang rauschender Flüsse leicht zu überhören. Er besteht aus Versen von 2-4 s Dauer, die in unregelmässigen Abständen vorgetragen werden. Manchmal erzeugen die Männchen nach dem eigentlichen Vers einen Nachgesang, ähnlich wie Chorthippus mollis ignifer. In den Schweizer Populationen konnten wir diesen Nachgesang allerdings nur sehr selten hören. Der Rivalengesang gleicht dem Spontangesang, die Verse sind jedoch kürzer. Beim Aufeinandertreffen von Artgenossen und beim Umhergehen werden eine Menge verschiedener kratzender „sui“-Laute erzeugt.
Spontangesang von Chorthippus pullus. Am Schluss der Aufnahme verfolgt das ♂ ein ♀ und äußert die typischen «sui sui sui»-Laute - CH, VS, Salgesch, 25 °C, sonnig.
Einzelner Vers aus dem Spontangesang Chorthippus pullus - CH, VS, Salgesch, 25 °C, sonnig.
Selten geäusserter Vers mit Nachgesang von Chorthippus pullus - CH, VS, Orsières, 18 °C, sonnig (Aufnahme Bruno Keist).
Verbreitung
Chorthippus pullus hat in Europa kein zusammenhängendes Verbreitungsgebiet. Er kommt in den französischen Alpen (Hautes-Alpes, Alpes-de-Haute-Provence) und im angrenzenden Gebiet in Italien vor. Einige wenige Vorkommen sind aus dem Nordosten Italiens (Venetien, Friaul-Julisch Venetien) bekannt. Ebenso sind Vorkommen aus Österreich, Rumänien, Tschechien, der Slowakei, Polen und aus dem Baltikum bekannt, wo die Art ihre nördlichsten Vorkommen hat. In Deutschland kommt Chorthippus pullus im Süden entlang der bayrischen Voralpen vor. Ein zweiter Verbreitungsschwerpunkt liegt im mittleren Osten Deutschlands (Sachsen, Brandenburg, Berlin). In der Schweiz gibt es Vorkommen im Unterengadin, im Bündner Rheintal, an der Rhone im Wallis und an der Sense zwischen Bern und Freiburg.
This map is based on occurrence records available through the GBIF network and may not represent the entire distribution.
Phänologie & Lebensweise
Ausgewachsene Individuen von Chorthippus pullus findet man von Mitte Mai bis in den September. Er ist in der Schweiz eine der frühesten Heuschreckenarten. Die Eier werden in den Boden abgelegt. Dabei werden kiesig-sandige Böden solchen mit Moosbedeckung vorgezogen. Die Larven schlüpfen im Folgejahr und durchlaufen 4-5 Stadien. Die Männchen suchen oft erhöhte Singwarten am Boden auf. Im Verlauf des Jahres verschiebt sich die Präferenz der Männchen mehr in Bodennähe. Bei den Weibchen konnten keine Verhaltensänderungen bei den Sitzwarten festgestellt werden, sie halten sich gut getarnt und unauffällig am Boden auf. Die warmen Mittagsstunden werden oft im Schatten von kleinen Sträuchern überdauert. Chorthippus pullus schläft wie andere Heuschreckenarten, die in Auengebieten leben, erhöht, in 10-30 cm Höhe. Dies ist als Anpassung an periodische Hochwasser oder auch als Feindvermeidung zu werten. Im Wallis konnten die Überreste markierter Tiere oft im Kot von Mäusen wiedergefunden werden.
Lebensraum
In Mitteleuropa besiedelt Chorthippus pullus Kies- und Schotterbänke dynamischer Flussabschnitte und angrenzende Flussauen. Die bevorzugten Geschiebefelder werden periodisch überschwemmt und sind nur spärlich bewachsen. Der Untergrund besteht aus Kies unterschiedlicher Grösse und Sand und erwärmt sich bei Sonneneinstrahlung schnell. Die idealen Lebensräume sind mittlere Sukzessionsstadien mit einem Bewuchs von Weiden und Pappeln. Oft ist der Boden mit viel Totholz und einer lückigen Moosschicht übersät. Im Engadin lebt eine grosse Population in einem offenen Weidenwald entlang des Inns. Im nördlichen Verbreitungsgebiet besiedelt Chorthippus pullus Heiden und Trockenrasen mit sandigem Untergrund.
Gefährdung & Schutz
Chorthippus pullus zählt zu den am stärksten bedrohten Arten und eine Verbesserung der Situation ist kurzfristig nicht in Sicht, bzw. die Art ist weiterhin in Rückgang begriffen. Die Ursachen sind in der Zerstörung der Alpenflüsse zu suchen (Kraftwerke, Kanalisierung, Uferverbau, Kiesentnahme), wodurch die natürlich Dynamik der Flüsse verloren geht.
Förderprojekte sind dringend nötig, aber von erheblicher Komplexität, da sie grossräumig erfolgen müssen und finanziell und planerisch aufwändig sind. Wichtig ist ein natürliches System, so dass periodische Hochwasser ständig neue Lebensräume und Sukzessionsstadien schaffen können.
- CH: CR (Vom Aussterben bedroht)
- DE: 1 (Vom Aussterben bedroht)
- AT: EN (Stark gefährdet)
- Europa: LC (Nicht gefährdet)
Ähnliche Arten
Aufgrund der kürzeren Flügel und der auffälligen Färbung ist Chorthippus pullus gut von den anderen Chorthippus-Arten zu unterscheiden. Verwechslungen können z.B. mit Chorthippus vagans auftreten, der ebenfalls einen intensiv gefärbten Hinterleib haben kann. Im Gegensatz zu Chorthippus pullus hat dieser wesentlich längere Flügel, die Halsschild-Seitenlappen sind einheitlich gefärbt und der Körperbau ist zierlicher. Der Spontangesang von Chorthippus pullus kann mit dem Gesang von Stenobothrus nigromaculatus verwechselt werden. Letzterer erzeugt aber 3-6 laute Verse in Serie, die stark anschwellen. Die Rivalenlaute erinnern an den Spontan- und Wechselgesang von Chorthippus brunneus.