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Moderieren, vermitteln, begleiten
Schlüsselkompetenzen in der internationalen Zusammenarbeit
In einem ländlichen Entwicklungsprogramm in Indien werden Gesundheitsfragen in verschiedenen Facetten integriert. Zwei zentrale Fragestellungen: Welche Schlüsselkompetenzen benötigen die Mitarbeitenden für eine wirksame Arbeit? Und wie können diese entwickelt werden?
Jahresplanung in Dhanapaju, einen kleinen, entlegenen Adivasi-Dorf (Urbevölkerung) in den bewaldeten Hügeln von Orissa, Indien. Es ist eines von 232 Dörfern, in denen die indische Nichtregierungsorganisation Gram Vikas integrierte Programme durchführt mit dem Ziel, eine grundlegende Lebensqualität für alle zu erreichen.
Sechs von sieben Haushalten in Dhanapaju haben während drei Monaten im Jahr nicht genug zu essen. Ausser der Landwirtschaft und dem Obstbau gibt es in dem entlegenen Dorf keine Arbeitsmöglichkeiten. Niedrige Erträge in der Landwirtschaft, Trockenheit, Mangelernährung, Malaria, Infektionskrankheiten, hohe Kindersterblichkeit sind einige der Themen, mit denen die Menschen konfrontiert sind. Weder der Arzt noch eine Krankenschwester der staatlichen Gesundheitsversorgung noch ein Lehrer kommen ins Dorf, denn sie scheuen alle den langen Fussmarsch. Bei Krankheitsfällen und Verletzungen suchen sich die Leute selbst mit Hausmitteln zu helfen oder gehen zum fünfzehn Kilometer entfernten Dispensary, wo eine von Gram Vikas angestellte Krankenschwester die wichtigsten Krankheiten behandelt.
Unter dem Mangobaum
Die Männer und Frauen des Dorfes haben sich mit dem Projektkoordinator, dem Bildungsbeauftragen und der Krankenschwester des Projektes unter dem grossen Mangobaum eingefunden, um gemeinsam über das Erreichte zu reflektieren und Pläne für das nächste Jahr zu schmieden. „Was werdet ihr tun, wenn auch die jetzige Krankenschwester kündigt und kein Ersatz gefunden werden kann? Wenn Gram Vikas die kleine Apotheke schliessen muss?“ Mishra, der Projektkoordinator der NGO, wirft diese Frage in die Runde.
Lange Diskussionen folgen. Letztlich entscheiden sich die Frauen und Männer, dass sich eine der Frauen, Tula, zur Dorfgesundheitsfrau (Village Health Worker) ausbilden soll. Die Ausbildung von Frauen zu Village Health Workers und traditionellen Hebammen ist eines der Angebote der NGO, das zur Verbesserung der medizinische Grundversorgung beitragen soll. Die Dorfgesundheitsfrauen behandeln die wichtigsten Krankheiten, beraten die Mütter in Kinderpflege und Ernährung und führen zusammen mit dem Dorflehrer oder Krankenschwester regelmässige Messungen des Gewichts der Kinder durch.
Tula ist Analphabetin, wie alle Frauen des Dorfes. In der Ausbildung zur Dorfgesundheitsfrau geht es nicht nur um die Kenntnis der wichtigsten Krankheiten und Heilmethoden. Die Frauen lernen auch, andere zu motivieren, zu kommunizieren, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen. Dies sind soziale Kompetenzen. Bereits durch ihr Engagement in der Spar- und Kreditgruppe hat Tula ihre Fähigkeiten und Führungspotential gezeigt. Ihre neue Ausbildung ist somit Teil eines umfassenden Human Resource Development (HRD).
Nicht nur die Dorfgesundheitsfrauen oder die Krankenschwester setzen sich für die Gesundheit der Dorfbevölkerung ein und sind somit in der Definition der WHO „Human Resources for Health“ (HRH): Der Gaon Saathi (wörtlich „Freund des Dorfes“) etwa, der als Motivator, Sozialarbeiter und Lehrer arbeitet, kümmert sich um die Gesundheit der Kinder. Zu seinen Pflichten gehört die Pflege des Schulgartens und das Kochen eines nahrhaften und gesunden Mittagessens für die Kleinen. Und bei Gram Vikas ist der Direktor, zusammen mit den Kadermitarbeitern, zuständig für die Entwicklung einer Gesundheitspolitik und für deren Umsetzung.
Kompetenzen für wirkungsvolles Handeln
Welches sind die Kernkompetenzen, die eine Organisation oder ein Programm braucht, um zentrale Herausforderungen – Krankheiten, Unterernährung, Armut – anzugehen? Neben fachlichem Know-how und Erfahrungen (Fachkompetenz) sind für die Arbeit auch soziale und methodische Kompetenzen gefragt. Ohne ein hohes Mass an Sozialkompetenz wie Kommunikationsvermögen, Teamfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Coachingfähigkeit und Überzeugungskraft können weder der Projektverantwortliche Mishra noch die künftige Dorfgesundheitsfrau Tula ihre Aufgaben wirkungsvoll erbringen. Sensitivität für gesellschaftliche Ungleichheiten, auch Gendersensitivität, ist gerade im indischen, gesellschaftlich hierarchisierten Kontext wichtig und nicht gerade einfach umzusetzen. Methodische Kompetenzen wie zum Beispiel Moderation, Projektmanagement (PEMU), konzeptuelles und strategisches Denken sind gewissermassen das Handwerkszeug, und persönlichkeitsbezogene Kompetenzen wie Selbstreflektion, Offenheit und Lernfähigkeit bilden die Basis für wirkungsvolles Handeln.
Die Gesamtheit dieser Kompetenzen ergeben die Handlungskompetenz, das heisst die Fähigkeit eines Individuums, in entsprechenden Situationen selbständig, verantwortlich und sachgerecht Probleme und Aufgaben zu bearbeiten und wirkungsvoll zu handeln. Handlungskompetenz wird kaum im gängigen Schulsystem erworben, insbesondere nicht im äussert kompetitiven indischen System. Auch wenn heute in über 75 Prozent der Stellenausschreibungen „soziale Kompetenzen“ gefordert wird, verlaufen Auswahl und Qualifikationen mehrheitlich über die (technische) Fachkompetenz.
Lernprozesse ins Zentrum
Akteure der internationalen Zusammenarbeit werden sich vermehrt der Bedeutung sozialer und methodischer Kompetenzen bewusst. In einer im Jahre 1996 in Indien durchgeführte Studie zur Förderung der Wirksamkeit von NGOs in der Entwicklungszusammenarbeit betonen 77 Prozent der Befragten die Notwendigkeit, sich in Leadership, Human Resource Development, Organisationsentwicklung und Entscheidungsprozessen weiterzubilden. Dieses Anliegen wird auch heute vor allem von den Basisorganisationen formuliert, die die lokale Bevölkerung in Selbstorganisation, nachhaltiger Landwirtschaft und Gesundheitsförderung unterstützen. Diese NGOs haben sich aus Aktionsgruppen, Studenten- oder Bauernbewegungen zu Organisationen mit internationalen Donatoren entwickelt. Neue Fähigkeiten sind da gefordert, es geht jetzt auch um den Dialog mit Geldgebern und Regierungsvertretern oder um die Vermittlung zwischen technischen Spezialisten und der Dorfbevölkerung, da die Spezialisten die Bedürfnisse und Haltungen der Dorfgemeinschaften nicht verstanden oder nicht ernst nahmen. Die NGOs betonen, dass die Dorfgemeinschaften ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen und nachhaltige Kapazitäten aufbauen müssen, damit sich eine NGO graduell zurückziehen kann. Auf diese Aufgabe müssen sich die Dorfgemeinschaften vorbereiten.
Aufgrund der Erfahrungen mit indischen Partnern entwickelte und prägte die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA in Indien das Konzept des Human and Institutional Development (HID). Dieses stellt Lernprozesse ins Zentrum, insbesondere die Fähigkeit, zu lernen und selbständig Probleme zu lösen. HID befasst sich in Ergänzung zu technischen Kompetenzen mit den „weichen Faktoren“ der EZA, mit den sozialen und methodischen Kompetenzen, die die Handlungsfähigkeit von Individuen und Institutionen stärken. Auf der individuellen Ebene versucht HID die persönlichkeitsbezogenen, sozialen und methodischen Kompetenzen von Individuen in Organisationen und weiteren Systemen zu fördern. Eng damit verknüpft sind Entwicklungen auf organisatorischer Ebene, die Stärkung der Fähigkeiten und Leistungen und somit der Wirksamkeit von Organisationen durch Veränderungs- und Lernprozesse.
Vielfältige Formen des Lernens
Spezifische Aus- und Weiterbildungsangebote sind ein wichtiges Mittel zum Entwickeln von Handlungskompetenzen, insbesondere wenn sie über die Vermittlung fachspezifischer Kenntnisse und Fähigkeiten hinausgehen. In unserem Beispiel werden die Dorfgesundheitsarbeiterinnen, Krankenschwestern, LehrerInnen und ProjektmitarbeiterInnen nicht allein in der Handhabung der wichtigsten Medikamente oder in Didaktik geschult, sondern auch in der Motivation und Begleitung von Gruppen, Kommunikation, Gender etc. Ein zentrales Instrument sind die Plattformen für den Austausch und gegenseitiges Lernen auf den verschiedenen Ebenen. Dazu gehören die partizipative Planung auf Dorf-, Projekt- und Organisationsebene, „Gender Learning Events“ oder der Evaluationsprozess, der alle Mitarbeitenden einbezieht. Die Betonung der „weichen“ Faktoren heisst nicht etwa, dass fachliche Expertise und Weiterbildung gering geschätzt würde, denn Handlungskompetenz beruht auf allen vier Kompetenzbereichen.
Geberorganisationen können die Wirksamkeit von Partnerorganisationen unterstützen, indem sie die Entwicklung der menschlichen und institutionellen Ressourcen bzw. die Förderung von persönlichkeitsbezogener, sozialer und methodischer Kompetenzen zu einem Schlüsselelement machen. Dies mag zwar kurzfristig keine messbaren Resultate zeigen, doch längerfristig ist diese Strategie wirksamer, nachhaltiger.
*Helena Zweifel ist Mitglied der Geschäftsleitung von Medicus Mundi Schweiz. Sie hat vor zwei Jahren im Auftrag der DEZA die indische NGO Gram Vikas in HID-Fragen unterstützt und den Gender-Lernprozess begleitet. Kontakt: <email-pii>