Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03637.jsonl.gz/1137

“Auf ihr Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes, auf in den Kampf um euer Staatsbürgerrecht!”
Am 8. März demonstrieren Frauen weltweit anlässlich des Internationalen Frauentages für ihre Rechte. Dieser Tag hat Tradition – es gibt ihn bereits seit über 100 Jahren. Ursprünglich aus der Arbeiterbewegung entstanden, ist die Geschichte des Frauentages als internationales Phänomen eng verknüpft mit der Geschichte des Sozialismus. Innerhalb Deutschlands und in der Schweiz ist sie daneben aber auch Protokoll der Stärken und Schwächen der Frauenbewegung, sowie ihrer Spaltung in politischen Fragen.
Bezeichnend hierfür ist, dass der Frauentag innerhalb der in den 70ern entstandenen Emanzipationsbewegung lange nur sekundäre Bedeutung hatte. Der 8. März war der sich als autonom begreifenden Bewegung zu stark parteipolitisch links geprägt. Das ist kaum verwunderlich, wenn man die Wurzeln des Frauentags betrachtet.
Initiatorinnen des ersten Frauentages waren sozialistische Arbeiterinnen aus den USA. Wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken hatten sie 1908 einen Frauenkampftag ausgerufen. Diese Idee wurde 1910 auf der zweiten sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen aufgegriffen. Nach dem Beispiel der amerikanischen Arbeiterinnen, beschlossen 98 Frauen aus 17 Nationen, künftig jährlich einen Frauentag mit internationalem Charakter abzuhalten. Der Tag sollte die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf die Forderungen der Sozialistinnen lenken und Orientierung bieten für den Kampf um die politischen Rechte der Frauen. Dementsprechend war auch der Text eines Flugblatts zum ersten Internationalen Frauentag am 19. März 1911 formuliert:
“Die Frau des 20. Jahrhunderts ist politisch mündig geworden, und trutziglich fordert sie ihre Staatsbürgerrechte …. Darum, auf ihr Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes, auf in den Kampf um euer Staatsbürgerrecht! Der 19. März ist euer Tag, an dem ihr zum Ausdruck bringen sollt, dass ihr es satt habt, als Gleichverpflichtete, aber Minderberechtigte euch zu mühen.“
An diesem ersten Internationalen Frauentag demonstrierten Frauen in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz. Allein in Berlin riefen rund 45‘000 Teilnehmerinnen eine von Frauen getragene Massenbewegung hervor, wie sie die Öffentlichkeit noch nicht erlebt hatte. Insgesamt gingen alleine in Deutschland mehr als eine Million Frauen auf die Strasse, um ihr Recht auf volle politische Mündigkeit einzufordern. Dementsprechend lautete das Motto des ersten Frauentages: “Her mit dem Frauenwahlrecht!“ Verlangt wurde ein Wahlrecht, das es 1911 – mit Ausnahme von Finnland – in keinem europäischen Land gab – übrigens auch nicht in den USA.
Clara Zetkin – die Ahnin des Internationalen Frauentages
Massgebliche feministische Theoretikerin dieser Jahre war die Sozialistin Clara Zetkin. Durch ihre einflussreiche Position als leitende Redakteurin der sozialistischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit (1882 – 1910) wurde sie zur Leitfigur der Frauenbewegung – oder zumindest der proletarischen Frauenbewegung. Denn Zetkin stellte in ihrer sozialistischen Emanzipationstheorie den Klassenkampf klar vor die Frauenfrage. Dass mit Parolen wie “Die Befreiung der Frau ist nur durch den Sozialismus möglich“ unter den bürgerlichen Frauen des Kaiserreiches nicht gerade viele Anhängerinnen zu gewinnen waren, liegt auf der Hand. Diese hatten sich 1894 als Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) ohnehin selbst organisiert und kämpften für das Recht auf Bildung, für freie Berufswahl und die Zulassung zum Universitätsstudium. Die Forderung nach politischer Gleichberechtigung aber blieb innerhalb des BDF umstritten.
Bild Clara Zetkin (links) war eine der Hauptfiguren, bezüglich des Internationalen Frauentages