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Auf den Namen Emanuele Conegliano werden sich nur wenige einen Reim machen können und wenn man sein Pseudonym — genauer: seinen Namen als Erwachsener — erfährt, werden sich die meisten sagen: «Ach so! Ja, natürlich kenne ich den!» — Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass die schier unglaubliche Vielfalt der Leistungen, die dieser außerordentliche Mensch in seinem langen Leben vollbracht hat, besonders jene erstaunen wird, die ihn zu kennen glauben.
Emanuele Conegliano wurde am 10. März 1749 in der Nähe von Treviso, Venetien, in einer jüdischen Familie geboren. Nach dem Tod seiner Mutter wollte der Vater eine katholische Frau heiraten. Der Bischof von Venedig hatte nichts dagegen, die betuchte Familie im Schoße der Kirche aufzunehmen. So wurden alle Familienmitglieder im Schnellverfahren getauft, gefirmt, der Vater vermählt, und bei der Gelegenheit bekam die ganze Familie einen neuen Namen und die einzelnen Mitglieder neue Vornamen.
Emanuele Conegliano hieß fortan Lorenzo Da Ponte. Daher handelt es sich bei diesem Pseudonym nicht um einen Künstlernamen. 1763 trat Lorenzo ins Priesterseminar ein, um ein ordentliches Studium zu absolvieren. 1773 wurde er zum Priester geweiht und feierte seine erste Messe, als er seine ersten Sonette veröffentlichte.
Nach seiner Übersiedlung in das vergnügungsfreudige Venedig am Ende der Republik, widmete er sich eher Profanem als den heiligen Ämtern. Als attraktiver, gebildeter, beredter, humorvoller, in allen Künsten mit außerordentlichem Talent gesegneter Mann gewann er schnell die Zuneigung — und einiges mehr — der schönsten Frauen der Serenissima und die Freundschaft von Geistesverwandten wie Giacomo Casanova. Verfolgt von wütenden Ehemännern und entehrten Vätern musste er jedoch bald zurück nach Treviso flüchten, wo er am dortigen Priesterseminar Philosophie, Latein und Italienisch unterrichtete. Dass er seine Studenten Jean-Jacques Rousseaus aufklärerische Schriften lesen ließ, erzürnte den Rektor des Priesterseminars und die Stadtregierung jedoch weit mehr als seine Frauengeschichten. So wurde er von der Schule verwiesen und musste nun auch Treviso fluchtartig verlassen.
Einige Monate verbrachte er in verschiedenen Städten Norditaliens, bis ein reicher Patrizier aus Venedig, der mit den Ideen der Aufklärung sympathisierte, ihn als Hauslehrer für seine Kinder haben wollte, ihn aufnahm und sehr gut bezahlte. Doch auch diese Anstellung konnte er nicht lange halten, weil der Mäzen bald feststellte, dass Da Ponte zwar nicht seine Frau — das hätte er ihm vielleicht verziehen —, aber seine heimliche Geliebte verführt hatte. Das machte es etwas schwieriger, den Schwerenöter zu entlassen, denn den wahren Grund konnte der Gönner und Arbeitgeber nicht nennen, ohne seine eigene Reputation und seine eigene Ehe zu gefährden. Also fuhr dieser ein schwereres Geschütz auf: Er klagte Da Ponte beim Kirchentribunal an und beschuldigte ihn der Blasphemie und seine Kinder mit unchristlichen Lehren konfrontiert zu haben.
Das funktionierte: Das Gericht verurteilte Da Ponte zu fünfzehn Jahren Haft in den ‹Piombi› (ein schreckliches Gefängnis in Venedig). Allerdings wurde das Urteil durch Intervention einer reichen Frau, die nie namentlich genannt wird, gleich in fünfzehn Jahre Verbannung aus dem venezianischen Staat umgewandelt.
1780 zog Da Ponte nach Wien an den Hof des toleranten Joseph II., wo er sich in seine Lieblingsbeschäftigung stürzte: in die Arbeit als Librettist für die berühmtesten Opernkomponisten seiner Zeit, darunter Antonio Salieri, Vicente Martin y Soler und vor allem der junge Mozart, für den er zunächst ‹Le Nozze di Figaro› und dann den ‹Don Giovanni› schrieb. Das Libretto des ‹Don Giovanni› schrieb er in nur zwei Monaten, zur gleichen Zeit wie zwei andere Libretti: ‹L’arbore di Diana› für Martin y Soler und ‹L’Axur› für Salieri.
Die Thronbesteigung des launischen, mürrischen, im Vergleich zu seinem Vorgänger weniger kulturfreundlichen Leopold II. im Jahr 1790 und dessen drastische Sparpolitik sowie die Verbreitung bissiger Pamphlete gegen ihn veranlassten Da Ponte, nach London zu ziehen, in Begleitung seiner jungen Frau Anna Celestina Grabhl, für die er seine Priesterkutte an den Nagel gehängt hatte, um sie zu heiraten.
Der Impresario Phineas Taylor Barnum gewann Da Ponte sofort als Librettisten für Komponisten wie Domenico Cimarosa, Giovanni Paisello, Francesco Bianchi, Giuseppe Sarti und Peter Winter, bestellte bei ihm aber auch Gedichte und Bücher verschiedener Art. Da Ponte führte in dieser Zeit in London auch eine Buchhandlung, einen Verlag und ein kleines Theater.
Im Alter von nunmehr 56 Jahren beschloss Da Ponte erneut, ein neues Leben zu beginnen: Mit seiner Frau und mit seinen Kindern zog er 1805 in die Vereinigten Staaten von Amerika, zuerst nach Philadelphia, später nach New York. Da gründete er eine Sprachschule, in der er selbst Italienisch und Anna Deutsch unterrichtete. Seine Frau gründete und führte ein Studentenheim, das unter dem Namen ‹Ann Da Ponte’s Boarding House› noch Jahrzehnte nach ihrem Tod vom Staat weitergeführt wurde. Da Ponte eröffnete erneut eine Buchhandlung, die sich auf den Verkauf von italienischen Texten, insbesondere von Libretti und musikalischen Publikationen spezialisierte.
Mit der Bekanntheit kamen auch wirtschaftlicher Wohlstand und verdiente Anerkennung, etwa seine Ernennung im Alter von 76 Jahren zum ersten ordentlichen Professor für Italienisch an der renommierten Columbia University in New York sowie die Erfüllung seines Traums, in derselben Stadt im Alter von 84 Jahren das erste ‹italienische Opernhaus› in den Vereinigten Staaten erbauen zu lassen und zu eröffnen. Dieses wurde 1833 mit Rossinis ‹La Gazza ladra› (Die diebische Elster) triumphal eingeweiht.
Erst im Alter von 85 Jahren, nach dem Tod seiner geliebten Frau, verspürte er Heimweh und begann einen regen Briefwechsel mit Intellektuellen, die in Italien geblieben waren, und setze diesen fort bis zu seinem Tode 1838. Allein diesen Briefen verdanken wir den größten Teil an Informationen über sein außergewöhnliches Leben, denn sonst wären Lorenzo und Anna Da Ponte uns so wenig bekannt, leider, wie der Ort, wo sie begraben sind.