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Der erste Teil dokumentiert die letzte Lebenszeit von Lu Xiaobo, der im Jahr 2010 den Friedensnobelpreis für seinen Kampf um Menschenrechte in China bekommen hatte. Im Anschluss wurde immer wieder versucht, die Ausreise von Lu Xiaobo zu erwirken (wobei er lange nicht wirklich ausreisen wollte, erst als er von der Krankheit seiner Frau Liu Xia erfuhr, stimmte er dem Antrag zu). Liao Yiwu (der zu dieser Zeit bereits in Deutschland lebte) berichtet von diesen Bemühungen, vom Engagement verschiedener Nobelpreisträger, seinem Brief an Wolf Biermann (der einen guten Draht zu Angela Merkel hat und diese zu einer Intervention bewegte) und der schließlichen Erkrankung Xiaobos an Leberkrebs. Auch zu diesem Zeitpunkt wollte man eine Ausreise noch erreichen (um ihn im Westen medizinisch zu behandeln), allerdings machte der Tod des Friedensnobelpreisträger all diese Interventionen obsolet.
Der zweite Teil umfasst kurze Porträts einiger Mitgefangener von Liao Yiwu, der vor seiner Flucht wegen eines Gedichtes über das Massaker von 1989 zu einigen Jahren Kerker verurteilt worden war. Diese Skizzen sind trotz der geschilderten Qualen, der Hoffnungslosigkeit von einer anrührenden und sarkastisch-humorigen Traurigkeit, weil sie im Grunde fortgesetzt den verzweifelten Kampf eines Don Quijote schildern, der den Windmühlen des brutalen Systems ausgeliefert ist, aber dennoch durch Unverfrorenheit und scheinbare Dummheit der Obrigkeit ihre Lächerlichkeit aufzeigen (wenn auch dies das einzige von diesen Bemühungen bleibt). Das ist der beste Teil des Buches, die Schilderung dieses Aufstandes der Ohnmächtigen, die ab und zu Sand in das Getriebe eines allmächtigen Staates streuen.
Ähnlich lesen sich die Briefe des Autors aus dem Gefängnis (die dieser heimlich mit einer medizinischen Tinktur im Buchrücken eines Romans versteckt und aus dem Gefängnis geschmuggelt hat). Es ist eine Mischung aus völliger Verzweiflung und Galgenhumor in einer Situation, in der er noch nicht ansatzweise über sein Schicksal Bescheid wusste. Yiwu verstand sich sehr viel stärker als Dichter denn als Revolutionär und baute seine Verteidigung auch auf dieser Strategie auf (ob die erhaltenen vier Jahre Haft in diesem Zusammenhang viel oder wenig sind für chinesische Verhältnsse, vermag ich nicht zu beurteilen). Jedenfalls geben sie ein Bild von einem Willkürstaat, in dem es Rechte nur gegen Wohlverhalten und Unterstützung der allmächtigen kommunistischen Partei gibt (was an dieser Partei kommunistisch ist, bleibt ohnehin rätselhaft: Das System ist mit dem russischen vergleichbar, eine Oligarchie talentierter, amoralischer und korrupter Menschen). Danach ist noch ein Vorwort zu einem Gedichtband von Liu Xiaobo und Liu Xia zu lesen, im Anschluss daran Gedichte des ersteren an den Autor.
Das alles ist ganz lesbar (wobei ich mit den Gedichten nichts anfangen konnte: Die Bilder, die da aus dem Chinesischen übertragen werden, wirken auf mich seltsam abgehoben und gekünstelt). Es beschreibt einen Teil dieser chinesischen Wirklichkeit, liefert aber keine Hintergrundinformationen, zeigt auch nicht das Leben abseits der Regimegegner und Künstler und lässt vieles für den Außenstehenden unerklärt. Aber es wird klar, dass hinter der Fassade einer politischen Großmacht, die sich nach außen hin als rein wirtschaftlich orientiert darstellt, ein grausames, willkürliches Regime an der Macht ist, für das der einzelne völlig unbedeutend ist und ein Leben gar nichts zählt. In seinen Briefen träumte Yiwu manchmal von einem demokratischen China, inwieweit ein solcher Traum in den nächsten Jahrzehnten auch nur ansatzweise erfüllbar ist, steht in den Sternen. Eine Unmöglichkeit ist auch das nicht, schien doch auch das sowjetische Imperium in Stein gemeißelt und zerbrach innerhalb kurzer Zeit. Fassbare Gründe für solch einen Umsturz sind jedoch nicht zu sehen.
Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit. Frankfurt a. M.: Fischer 2019.

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