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Herbert Büttiker, Der Landbote (17.06.2008)
In seiner Händel-Reihe präsentiert das Opernhaus einen seiner grössten Hits. «Rinaldo» schwor einst die Londoner auf italienische Oper ein. Der Zauber der Armida ist ungebrochen.
«Lascia ch’io pianga la cruda sorte» – Entführt und gefangen in Armidas Zaubergarten, beklagt Almirena, die Tochter des Generals an der Spitze des Kreuzritter, ihr schreckliches Schicksal. Ihr Gesang, die Melodie, fast so bekannt wie das berühmte «Largo», geht zu Herzen. Argante, der König von Jerusalem, Feind Nummer eins der Kreuzritter, Verbündeter und Geliebter Armidas, hört die Klage und verfällt rettungslos dem Liebreiz der fremden Frau. Die Verwicklungen im zweiten Akt erreichen damit dramatische und komische Höhepunkte. Denn Armidas Eifersucht is so gefährlich wie ihre Leidenschaft. Das bekommt der Kreuzritterd Rinaldo zu spüren, Almirenas Verlobter, den sie bezirzt, als er in den Zaubergarten eindringt, um Almirena zu retten.
«Lascia ch’io pianga», das Largo im 3/2-Takt, das mit Pausen so ausdrucksvoll durchsetzt ist, war sozusagen eine von Händels Wunderwaffen. Er komponierte die Arie 1705 in Hamburg für «Almira», verwendete sie 1707 wieder in Rom und für «Il trionfo del tempo e del disinganno» und platzierte sie jetzt in seine erste italienische Oper, die er für London schrieb und die ihn als «Orpheus unserer Zeit» sogleich populär machte – nicht nur wegen dieser einen Arie: Zahlreiche «Schlager» aus der Oper fanden den Weg aus dem Queen’s Theatre Haymarket in die Stadt. Für Aufsehen sorgte Händel in den Aufführungen des «Rinaldo» übrigens auch als Cembalospieler. In der furiosen Arie der Armida am Schluss des zweiten Aktes war er ausgedehnt und rasant als Solist zu hören: «Vo far guerra e vincer voglio» – Armidas Devise war auch die seine.
Die Eroberung Londons
Was damals die Eroberung Londons war, ist jetzt ein Premierenerfolg. Geblieben sind die Waffen: William Christie und das Orchester «La scintilla» der Oper Zürich boten ein rauschendes Klangfest, fast stillstehende intime Feinmalerei und Tempoexzesse eingeschlossen, und (fast) alles gelang den wirbelnden Oboen und Fagotten in diversen instrumentalen Stücken und in den Arien, in denen Händels Orchester mehr Partner als blosser Begleiter der Sänger ist. Das Vogelgezwitscher der Flöten in der Arie der Almirena, die Streicher-Pizzicati zum Gesang der Sirenen, die Trompeten zu den kriegerischen Auftritten – alles war von exquisiter Farbigkeit, und das Cembalo liess an Händels persönliche Anwesenheit glauben. Auf der Bühnen standen zwar nicht die Stars, die zu seiner Eroberungsstrategie gehörten, aber ein hervorragendes Ensemble beweglicher und klarer Stimmen. Malin Hartelius besitzt alle dramatische Verve für die von den Furien begleitete Armida, Ann Helen Moen für Almirena den lyrisch ausdrucksstarken Sopran, Liliana Nikiteanu für den melancholischen Feldherrn Goffredo die verschattete, aber gefasste Tiefe und Juliette Galstian für Rinaldo den opaken Glanz des virtuosen Helden und Liebenden. Auch mit Katharina Peetz, Irène Friedli und den Nebenpartien sind fast ausnahmslos Frauenstimmen zu hören. Umso gewichtiger bestimmt die sonore, kernige und agile Stimme von Ruben Drole das Klangbild an diesem Abend als ebenso tyrannischer wie patziger König Argante im gestreiften Zweireiher.
Die Inszenierung lässt überhaupt kaum an Mittelalter, Kreuzzüge und exotische Märchenwelten denken. Vielmehr scheint es im Flughafengebäude mit Rolltreppenhalle und Warteraum und in sterilen Sitzungszimmern um wirtschaftliche Dominanz im Nahen Osten oder um den Bau einer Pipeline zu gehen. Den pfiffigen Marmorbau auf der Drehbühne, der den öden Chic moderner Zweckbauten aspektreich einsetzt und das Pittoreske der Vorlage nur ironisch beiläufig zitiert (Gummibaum, Transportkisten mit Vögeln, Meer und Sonnenuntergang auf dem Plakat), hat Christian Schmidt für Claus Guths Regiekonzept entworfen. Dieses hat Jans-Daniel Herzog vom erkrankten Kollegen übernommen und mit einem darstellerisch versierten Ensemble ideenreich und spielfreudig umgesetzt.
Turbulenz in Zeitlupe
Es geht um alle Ecken des rotierenden Gebäudes, über alle Etagen, und auch in Liftschächten und hinter Aluminiumtüren braut sich einiges zusammen. Der Choreograf Ramses Sigl sorgt mit einer Entourage der Bosse für zusätzliche Turbulenz (auch in Zeitlupe) mit Aktenkoffern, Füllfedern und Pistolen – eher zu viel in Momenten, wo die Virtuosität des Gesangs für sich sprechen müsste. Aber die Inszenierung unterläuft die Dramaturgie der Barockoper ohnehin und auch ihre Ästhetik. Der Kreuzzugshintergrund dient hier nicht wie bei Händel dazu, die realen Fragen um Tugenden und Leidenschaften in die Sphäre hoher Poesie zu kleiden, sondern führt direkt in die Gegenwart mit all ihren Klischees von westöstlicher Begegnung und Konfrontation.
Ganz auf Theaterdampf und Magie verzichtet die Inszenierung zwar nicht, aber ein wenig blasser als in der barocken Fantasywelt bleiben die grauen Geschäftsherren natürlich zwangsläufig. Reizvoller ist die orientalische Zauberwelt, die im Spiegel des Agententhrillers erscheint, und so prägen sich vor allem Malin Hartelius’ Armida, die attraktive und trickreiche Blondine, und Ruben Drole, der verund geschlagene Argante, als filmreifes Paar ein – die eigentlichen Sieger, auch wenn sie sich am Ende unterwerfen müssen.
Rinaldo anstatt Ronaldo
Mancher Platz im Opernhaus blieb am Sonntagabend leer. Der Grund war zu vermuten: die Euro. Dabei blieb dem Abonnenten, der die Premiere schwänzte, auf dem Rasen ja der grosse Star Christiano Ronaldo vorenthalten, während er auf der Opernbühne immerhin mit Rinaldo hätte Bekanntschaft schliessen können. Überhaupt wäre er auf seine Kosten gekommen. Zwei Spitzenteams boten spektakuläre musikalische Dribblings und schossen treffsicher ein musikalisches Tor nach dem anderen. Als die beiden Mittelstürmerinnen zeigten zumal Rinaldo (Juliette Galstian) und Armida (Malin Hartelius) ein faires und absolut spannendes Duell. Punkto Bravour hatte die Zauberin die Nase vorn, aber weiter kommt Rinaldos Mannschaft. Sie erobert am Ende Jerusalem, und Armida steht schon jetzt entzaubert da.