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Die Turbulenzen im Bankensenktor werden aus Sicht von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane wahrscheinlich nur ein vorübergehendes Phänomen sein. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse die Zinsen dann im Kampf gegen die Inflation weiter anheben, sagte Lane der "Zeit" in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview.
Mit Blick auf die jüngsten Turbulenzen am Finanzmarkt erklärte Lane, diese könnten aus konjunktureller Sicht den Charakter eines "Nicht-Ereignisses" haben. "Wir sehen das nicht als ein generelles Problem im Bankensystem." Um zu gewährleisten, dass die Inflation zum EZB-Ziel von zwei Prozent zurückgehe, seien nach dem von der Zentralbank erwarteten Szenario weitere Zinserhöhungen nötig. "Wenn der finanzielle Stress, den wir sehen, zwar nicht gleich null ist, aber sich als ziemlich begrenzt erweist, müssen die Zinssätze noch weiter nach oben gehen", sagte Lane der Wochenzeitung.
"Wenn der finanzielle Stress, über den wir gesprochen haben, jedoch stärker wird, dann müssen wir sehen, was angemessen ist", fügte er hinzu. Zwischen der Inflationsbekämpfung und der Stabilisierung der Banken gibt es Lane zufolge keinen Zielkonflikt. "Wenn dieser finanzielle Stress die Wirtschaft schwächt, würde das automatisch den Inflationsdruck verringern."
Lanes EZB-Ratskollege, der slowakische Notenbank-Chef Peter Kazimir, merkte auf einer Veranstaltung in Bratislava an, nach dem Basisszenario sei die Inflation immer noch zu hoch, was weitere Straffungen nötig mache. "Ich persönlich bin der Ansicht, dass wir nicht nachlassen sollten, wenn wir nicht wesentlich vom Basisszenario abweichen," sagte er. "Das bedeutet, wir sollten die Zinsen weiter anheben, vielleicht langsamer, aber wir sollten weitermachen," fügte er hinzu.
Die Teuerung ist mit 8,5 Prozent im Februar immer noch weit vom Zwei-Prozent-Ziel der EZB entfernt. Doch laut EZB-Chefvolkswirt Lane hat bei Lebensmitteln auf früheren Stufen der Produktion, bei den Preisen der Bauern, bei den Preisen für Lebensmittelzutaten, eine Trendwende eingesetzt. "Und die Geschichte lehrt uns, dass dies am Ende zu niedrigeren Preisen im Einzelhandel führen wird", merkte er an. Zudem seien die Energiepreise rückläufig und es gebe weniger Engpässe in den Lieferketten. Lane zufolge braucht es womöglich keine Rezession, um die Inflation einzudämmen. "Wir haben durch die Pandemie so viel Wachstumsdynamik verloren, dass es möglich ist, dass sich die Erholung von der Pandemie fortsetzt und die Inflation gleichzeitig zurückgeht", erläuterte er.
Nach seiner Einschätzung wird es aber noch eine gewisse Zeit dauern, bis das auch bei den Verbrauchern ankommt. "Wir befinden uns in der Tat wahrscheinlich in der intensivsten Phase der Inflation." Der Inflationsdruck sei im Moment noch stark. "Aber wenn man weiter in die Zukunft blickt, sieht man eine Verbesserung, die im Frühjahr und Sommer allmählich eintritt, im Herbst aber ziemlich stark," sagte Lane. Für das Gesamtjahr 2023 erwarten die EZB-Volkswirte nach ihren jüngsten Prognosen eine Inflationsrate von 5,3 Prozent.
Der Kollaps der Silicon Valley Bank (SVB) in den USA vor mehr als zwei Wochen sowie der Notverkauf der Schweizer Grossbank Credit Suisse an den heimischen Rivalen UBS hatten Anleger an den Börsen aufgeschreckt. Befürchtungen wurden geweckt, eine neue Bankenkrise könnte heraufziehen. Die Aktien europäischer Finanzinstitute waren zeitweise kräftig in den Keller gerauscht. Zuletzt beruhigte sich die Situation aber wieder etwas. Die EZB hat bei ihren Zinsentscheidungen auch die Finanzmarktstabilität im Blick. Ihre nächste Zinssitzung ist am 4. Mai. Im Kampf gegen die hohe Inflation im Euroraum hat sie die Zinsen seit Juli 2022 bereits sechs Mal in Folge angehoben - zuletzt Mitte März um 0,50 Prozentpunkte. Wegen der Bankenturbulenzen hatte die Notenbank keinen konkreten Zinsausblick gegeben.
(Reuters)