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Eine Geschichte des armenisch- amerikanischen Autors William Saroyan, die mich ein Leben lang begleitet hat, sozusagen als Aufforderung zur letzten Konsequenz und gleichzeitig als Warnung davor: «Ein Mann hatte ein Cello mit nur einer Saite, und er spielte darauf, ohne die Finger zu bewegen, immer denselben Ton. Da kam seine Frau und sagte: ‹Mann, es gibt andere Cellisten, die haben ein Cello mit vier Saiten, und sie spielen darauf, indem sie die Finger bewegen, verschiedene Töne.› ‹Frau, du verstehst nichts›, sagte der Mann, ‹die anderen Cellisten, die suchen ihren Ton, ich habe den meinen gefunden.›»
Die Warnung vor dem konsequenten Suchen, das bei einem Allereinzigen enden wird und in der totalen Einsamkeit. Immerhin, der Mann beeindruckte mich, und ich hätte seinen Ton gern mal gehört. Die Geschichte, im Übrigen, ist zwar vorstellbar, aber sicher nur wunderbar erfunden.
Also eine wahre Geschichte, die genau deshalb, weil sie wahr ist, als viel unwahrscheinlicher erscheint: Der Direktor einer grossen Fabrik, der nur selten Zeit für seine Familie hat und sie ab und zu wie ein Gast besucht, macht seiner Frau mehr und mehr einen eigenartigen Eindruck, und als er dann wieder für mehrere Wochen ausbleibt, beschliesst sie, ihn in der Fabrik zu besuchen. Das hatte sie vorher noch nie getan. Sie musste dann noch lange mit dem Portier unten beim Eingang verhandeln, bis dieser bereit war, den Direktor in der obersten Etage anzurufen. Als sie dort endlich eingelassen wurde, wies ihr Mann auf einen Stuhl in der Ecke, und sie setzte sich hin und wartete geduldig. Der Direktor hatte noch zu arbeiten. Vor sich auf dem schweren Pult hatte er zwei grosse Stapel von Papier. Und er nahm Blatt für Blatt von der einen Beige, bearbeitete es und legte es dann auf die andere Beige. Und als nach langer Zeit des Schweigens und der Stille alles gleich blieb, stand die Frau auf und ging zum Pult, blieb dort hinter ihm stehen und sah die beiden Stapel, kariertes Papier, A4. Er nahm ein leeres Blatt, schrieb in jedes Häuschen akribisch eine 4, und wenn das Blatt in jedem Häuschen eine 4 hatte, legte er es auf den anderen Stapel. Das musste er offensichtlich schon wochenlang so gemacht haben.
Es ist eine wahre und traurige Geschichte, und sie endete in der Psychiatrie
Und wäre das eine literarische Geschichte, sie wäre so schön wie die von William Saroyan. Der Direktor, der sich ein Leben lang mit Zahlen rumgeschlagen hatte, Zahlen, Zahlen – hätte endlich seine Zahl gefunden, wie der Cellist seinen Ton. Aber es ist eine wahre und traurige Geschichte, und sie endete in der Psychiatrie. Und woher eigentlich kommt mein Zwang, täglich immer wieder die Blüten der Geranien im Garten vor meinem Fenster zu zählen? Nur schon in diesem Sommer muss ich es Hunderte Male getan haben. Und die Anzahl hat keine Bedeutung. Ich merke mir die Anzahl nicht. Es geht nur um das Zählen. Das habe ich einmal gelernt. Sprache kam damals von selbst nach und nach, und das Zählen war wohl das Erste, was ich bewusst lernen musste.
Oder ist es so, dass Zahlen immer einsam machen, dass ich in der Kirche die Orgelpfeifen zähle, um hier unter den Leuten einsam sein zu können?
In einer Kneipe in Frankfurt sass täglich einer, der wie alle hier viel trank, und wenn man sich über ihn erkundigte, bekam man die Auskunft: «Ein Spinner!» Ich setzte mich zu ihm, vor sich hatte er ein Blatt Papier, und darauf kritzelte er lange mathematische Formeln. Er arbeite an einem Artikel für eine sehr prominente amerikanische Fachzeitschrift, er sei Mathematiker, sagte er. Hier glaubte ihm das wohl keiner. Hier hatte er keine Chance, verstanden zu werden, hier war er so einsam wie der Cellist, wie der Direktor. Sollte er ein grosser Mathematiker gewesen sein, dann hätte in dieser Gegend nur er davon gewusst – Einsamkeit.
Ich sitze an der Bushaltestelle und warte und zähle wieder einmal mehr die vielen Fenster des Hauses auf der anderen Strassenseite. Ich zähle und zähle und zähle immer wieder die Fenster desselben Hauses.
Einmal vor vielen Jahren sass ich irgendwo in Australien in der Wüste und schaute in die Ferne, und es überkam mich ein grosses Glücksgefühl. Du bist schön, sagte ich zur Landschaft. Es gab hier nichts zu zählen.