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10. Januar 2019
Von Reichenbach im Kandertal nach Ostpreussen und zurück
Der garstige Januartag mit viel Schnee passte perfekt zum Thema unseres Anlasses. Klaus Rodowski erzählte aus seiner Familiengeschichte.
Aufgrund von Missernten und Hungersnöten kam es ab 1700 in der Schweiz zu grossen Auswanderungen von Schweizer Bauern in verschiedene Länder. Die Landwirtschaft in Ostpreussen zog vor allem Käser und Melker, sogenannte «Schweizer» an. Bald hatten sie ihrer Tüchtigkeit wegen einen ausgezeichneten Ruf.
Klaus' Grossvater, Johann von Känel, wanderte 1892 aus. Vier Wochen dauerte die Reise. Schon nach wenigen Jahren wurde er «Oberschweizer» und konnte neue Landwirte anwerben. 1897 heiratete er. Zur Familie gehörten schliesslich zehn Kinder. Die jüngste Tochter, Gertrude von Känel, heiratete 1937 den Huf- und Wagenschmied Friedrich Wilhelm Rodowski. Sie wurde die Mutter von Gisela (geb. 1938) und Klaus (geb. 1941).
Der arbeitsreiche Alltag verhalf zu einem gewissen Wohlstand. Dann brach 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Im März 1944 musste der Vater in den Militärdienst einrücken. Schon im Juli fiel er an der Russischen Front. Die Lage für die Zivilbevölkerung wurde zusehends schwieriger. Grossvater, Mutter und die beiden Kinder bereiteten sich zur Flucht vor, mit Pferd und Wagen. Unterwegs starb der Grossvater, von Granatsplittern getroffen. Pferd und Wagen samt Habseligkeiten verbrannten. Mutter Rodowski und ihre zwei kleinen Kinder kehrten ins Dorf zurück.
Nach entbehrungsreichen Monaten im angestammten Gebiet wurde die Familie in einen Güterwagen verladen. Die beschwerliche Reise nahm am 24. Dezember 1945 in Berlin ein vorläufiges Ende. Die Mutter erhielt im dortigen Schweizer Auffanglager eine Stelle als Köchin. Dort blieb die Familie bis 1949. Gisela und Klaus besuchten die Schule. Nach Auflösung des Lagers Ende 1949 gelangte die Familie via Lübeck nach Basel. Nach einer Quarantäne und kurzen Aufenthalten an verschiedenen Orten wurden Rodowskis 1950 in Speicher sesshaft. Klaus und Gisela lernten zum Ostpreussischen Plattdeutsch und zum Berliner Hochdeutsch bald den Ausserrhoder Dialekt. Damalige Mitschülerinnen unter den anwesenden Zuhörerinnen hätten damals nicht gemerkt, dass er «fremdsprachig» war.
Wir alle spürten, wie nahe Klaus das Erlebte auch heute noch geht. Gertrude Rodowski (1911 – 1996) verstarb in Speicher.
Versöhnlich das Schlusswort - ein Zitat von Erich Kästner:
Das Leben ist gerettet, mehr braucht's nicht, um neu zu beginnen.
Hier findest du noch mehr Informationen: Wikispeicher: Flucht und Zuflucht
Bericht und Foto: Silvia Fritz