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«Konservatismus»: Das kann eine politische Haltung sein oder eine Ideologie. Es gibt rechte und liberale Strömungen von Konservativen – und es gibt die Wertkonservativen, die ökologische und soziale Inhalte vertreten. Wie unterscheiden sich diese vielen Varianten?
Ein Wort, viele Deutungen
Martina Steber ist Historikerin am Institut für Zeitgeschichte in München und forscht zur Geschichte des Konservatismus. Für den Konservatismus wichtige Werte wie Heimat, Freiheit, Ordnung, Staat, Familie und Religion lassen sich grundverschieden auslegen, so Steber. «Heimat» lässt sich ausschliessend verstehen – oder als verbindendes Gefühl aller Einwohnerinnen und Einwohner.
«Deshalb kann man den Konservatismus mit Inhalten schwer fassen», so Steber. Das hat seit 1945 vor allem einen Grund: «Durch die Allianz der Konservativen mit den Nationalsozialisten ist der Begriff ‹Konservatismus› in Deutschland belastet. Er wird mit rechtem Denken assoziiert», erklärt Steber.
«Die christdemokratischen Parteien heben deswegen stets ihre liberalen, sozialen und christlichen Elemente hervor. Die rechten Parteien reklamieren den Begriff dagegen für sich.» «Konservativ» gehört laut Steber zu den umkämpftesten Begriffen der politischen Sprache.
Unterschied zu den Rechten
«Konservative und Rechte arbeiten oft mit denselben Themen», sagt die Historikerin. Als Unterscheidungskriterium könne Folgendes dienen: «Konservative zielen darauf, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein Gleichgewicht zu bringen. Im Wort ‹konservativ› steckt das Bewahren. Ein Konservativer setzt auf die Herstellung von Kontinuität. Ein Rechter dagegen zielt auf den Bruch.»
Martina Steber präzisiert: «Konservative zielen auf eine behutsame Weiterentwicklung des Bestehenden. Rechtes Denken aber schätzt die Extreme, um mit Gewalt den Diskurs in eine bestimmte Richtung zu lenken».
Liberaler Konservatismus
Der sogenannte liberale Konservatismus sei eine Antwort auf 1968er-Bewegung gewesen, sagt Martina Steber. «Sein zentraler Bezugspunkt war es, die Grundlagen der Demokratie zu bewahren, die Freiheit, den Rechtsstaat, die Grundrechte.»
Ein liberaler Konservatismus habe eine abwägende Position und knüpfe an konservative Grundsätze an: «das Bewahren von Institutionen, ein skeptisches Verständnis gegenüber einem allzu starken Wandel und die Gewährleistung von Ordnung.»
Solidarische Werte bewahren
Bewährtes bewahren: Das kann auch Wertkonservatismus bedeuten. Geprägt hat das Wort der deutsche Sozialdemokrat Erhard Eppler (1926-2019) 1975 in seinem Buch «Ende oder Wende».
Er bezeichnete damit eine Politik, die sich dafür einsetzt, die Natur, eine solidarische menschliche Gemeinschaft und die Würde des Individuums zu bewahren.
Eppler schuf gleichsam die Programmschrift der Umwelt- und Friedensbewegung jener Jahre. Er wollte Herrschaftsstrukturen verändern, um diese Werte zu erhalten. Die traditionellen Konservativen dagegen wollten, fand er, nur die Machtstrukturen konservieren.
Der heutige Wertkonservatismus findet sich in der Umweltbewegung ebenso wie beim Heimatschutz, bei Grünen, Gewerkschaften und Teilen der Sozialdemokratie.
Ist das als Gegenströmung zur «permanenten Revolution» durch Digitalisierung und Dauerreformen zu verstehen? «Ja», antwortet Historikerin Martina Steber, «als alternative Position in einer Zeit beschleunigten Wandels.»