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Kultur
Antisemitismus in Martin Walsers Werk?
Mit seiner Paulskirchenrede 1998 sowie dem Buch "Tod eines Kritikers" handelte sich Martin Walser von beinahe allen Seiten den Vorwurf des Antisemitismus ein. Als ehemals politisch links stehender, schien Walser von generellen Antisemitismusvorwürfen in seinen früheren Werken immun zu sein. Matthias N. Lorenz literaturwissenschaftlich Arbeit räumt mit allerlei falschen und wirren Behauptungen über Judendarstellung und Auschwitzdiskurs in Walsers Werken auf. Nicht weniger als das Gesamtwerk Walsers machte Lorenz zur Quellengrundlage seiner Untersuchung. Das ist für sich genommen schon eine stupende Leistung.
Zwei Grundfragen bilden den Leitfaden von Lorenz" Arbeit: Lässt sich ein genereller Antisemitismusvorwurf gegen Martin Walser nicht nur behaupten, sondern auch nachweisen? Kann Walser durch seine lebenslange Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus vor dem Antisemitismusvorwurf gefeit sein? Nachdem Lorenz in der Einleitung die in der Forschung und Publizistik vielfach geäußerte Hypothese vom Gesinnungswandel Walsers in den 1970er Jahren zurückweist und stattdessen von einer Werkskontinuität ausgeht, spezifiziert er im zweiten Kapitel literarischen Antisemitismus und spricht von "sekundärem Antisemitismus", dessen Inhalt Verdrängung und Überschreibung historischer Wahrheiten ist.
Der eigentliche Untersuchungsgegenstand, die Textanalyse des Walserschen Gesamtwerks, folgt in den Kapiteln drei und vier. Zunächst zeichnet Lorenz die Debatte um "Tod eines Kritikers" nach und es gelingt ihm, diesen Roman als Beispiel für literarischen Antisemitismus auszuweisen. Neben vielen direkten Bezügen zur Biographie Marcel Reich-Ranickis wird in "Tod eines Kritikers" die Hauptfigur, der Kritiker Ehrl-König, mit allen nur erdenklichen Antisemitimusklischees ausgestattet: Von sexuell pervers bin hin zum alten und von den Nationalsozialisten immer wieder angebrachten Vorwurf der Machtgelüste jüdischer Bürger.
Im vierten Kapitel werden die Essay von Walser eingehender beleuchtet. Besonders die Betrachtungen der jüdischen Kollegen, wie zum Beispiel Jurek Becker und Victor Klemperer, zeigen auch hier, dass Walsers Arbeiten antisemitisch durchsetzt sind: Die Eigenständigkeit als jüdische Deutsche erkennt er diesen nicht an. Hier bewegt sich Walser schon beinahe am "Bürger zweiter Klasse" der Nationalsozialisten. Lorenz zeigt, dass, lange bevor es die Paulskirchenrede und "Tod eines Kritikers" gab, Walser antisemitische Vorurteile in seinen Werken bediente. Bereits in den 1960er Jahren, besonders in seinem Essay "Unser Auschwitz", hat Walser Ansätze einer Befreiung vom kollektiven Schuldbewusstsein propagiert, indem er jüdische und nicht jüdische Leidenserfahrungen parallel nebeneinander stellte.
Die sehr eindrucksvolle Arbeit von Matthias Lorenz hat nach langer Zeit nun endlich Licht ins Dunkle des Walser-Werks gebracht. Analytisch stringent, den gesamten Quellenkorpus erfassend und dennoch gut lesbar, räumt Lorenz mit so manchen in der Forschung und Publizistik bisher herumgeisternden Irrungen und Wirrungen über Martin Walser auf. Martin Walser wird sich dem Vorwurf nicht erwehren können, dass sich der literarische Antisemitismus durch sein gesamtes Werk wie ein roter Faden zieht. Die künftige Walser-Philologie hat sich mit dieser Studie auseinander zu setzen, will sie nicht auch in Zukunft falsche Bilder eines eben nicht missverstandenen Autors zeichnen.