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Der Anblick, der sich ausländischen Gesandten am assyrischen Königshof bot, muss ein überwältigender, wenn auch ein höchst zwiespältiger gewesen sein. Die schiere Pracht der farbig gefassten Relieftafeln an sämtlichen Wänden versetzte die Besucher in ehrfürchtiges Staunen. Zugleich erstarrten sie vor Schauder: Kolossale Steinlöwen mit Schwingen und Menschenköpfen bewachten den Korridor in den Thronsaal. Die Rekonstruktion aus der Feder des grossen britischen Entdeckers Henry Layard über dem Eingang der Archäologischen Sammlung macht klar: Die assyrischen Herrscher inszenierten ihre Macht auf eine gloriose, abschreckende Weise, die ihre Untertanen beeindrucken und allfällige Widersacher entmutigen sollte.
Im Namen ihres Gottes Assur dehnten die assyrischen Könige ihr Reich vor 2800 Jahren mit grosser Grausamkeit über Vorderasiens bis nach Ägypten aus. Sie vollbrachten aber auch hohe kulturelle Leistungen, wie die Ausstellung der Universität Zürich mit eindrücklichen Exponaten vor Augen führt. Hier ritzten Buchhalter die ersten Schriftzeichen in feuchten Ton. Und hier, im heutigen Nimrud nahe Bagdad, entstanden die über zwei Meter hohen Bildtafeln, welche die Paläste der zwei mächtigsten Potentaten des neuassyrischen Reichs schmückten: jenen Assurnasirpals II. (883-859 v. Chr.) und jenen Tiglatpilesers III. (745-727 v. Chr.).
Wiedervereinigung
Die Schau versammelt 16 dieser Prunktafeln. Elf stammen aus Zürich, wohin sie bereits 1864 durch Vermittlung von Julius Weber gelangten. Der Zürcher Kaufmann schenkte sie der Antiquarischen Gesellschaft Zürich, welche sie 1897 der Universität Zürich übergab. Vier weitere Tafeln stammen aus Dresden, darunter das Motiv eines Lebensbaums, der ursprünglich direkt an eine der Zürcher Tafeln anschloss – eine sensationelle Wiedervereinigung, knapp 160 Jahre nach ihrer Bergung. Das grösste Stück der Ausstellung stammt aus dem Vorderasiatischen Museum Berlin: Es zeigt als einziges den König selbst: Assurnasirpal II. beim Vollzug einer rituellen Handlung, in Begleitung von einer geflügelten Schutzgottheit.
Krieg und Jagd
Die Bildprogramme sämtlicher Palastreliefs teilen sich in zwei Kategorien: Sie erzählen in dynamischen Kompositionen von den Kriegskampagnen des Herrschers und seinen Jagdausflügen. Die Mehrheit der Relieftafeln jedoch zeigt übernatürliche Wesen: geflügelte Schutzgottheiten in Menschengestalt, manche mit Vogelköpfen, in streng hieratischer, Ehrfurcht gebietender Haltung. Ihre Aufgabe war es, schädliche Dämonen vom Hof fern zu halten. Zugleich demonstrieren sie, woher der Herrscher seine Macht ableitete: direkt vom Himmel, dem Reichsgott Assur, dessen Stellvertreter auf Erden der König war.
Angesichtes der desaströsen Lage im Irak erhält die Schau eine traurige Aktualität: Zehntausende von Antiken sind während der Kriegsjahre als Folge von Plünderungen aus Museen und Ausgrabungsstätten verschwunden. Auch darauf wirft das Kuratorenteam – Elena Mango, Konservatorin der Archäologischen Sammlung, und Christoph Uehlinger, Professor für Allgemeine Religionsgeschichte und Religionswissenschaft an der UZH – ein Schlaglicht. Die grossartigen Kunstwerke rufen so nicht zuletzt in Erinnerung, welche grandiosen Schätze auch künftig Gefahr laufen, ein für allemal verloren zu gehen.
Hinweis Im Rahmen der Ausstellung findet am Donnerstag, 24. April eine Podiumsdiskussion zum Thema: «Darstellung der Macht in der Antike und im heutigen Kommunikations- und Medienumfeld» statt. Donnerstag, 24. April 2008, 17.30 Uhr, Universität Zürich, AulaUniversität Zürich, AulaAnmeldung unter: www.ubs.com/tigris «Könige am Tigris . Medien assyrischer Herrschaft» 18.4.-31. 8.Öffnungszeiten: Mo-Fr 13-18, Sa, So 11-17 Uhr
Korrektur Die ursprünglich publizierte Version enthielt einen inhaltlichen Fehler, der nun korrigiert ist: Die elf Tafeln wurden der Universität nicht 1914, sondern bereits 1897 übergeben.
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