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Spiel mir das Lied vom Tod: Tessiner Holzschnitte von Aldo Patocchi
Als Künstler ist der Tessiner Aldo Patocchi (1907–1986) dem Holzschnitt stets treu geblieben. Nachdem ihm sein Gymnasiallehrer Giuseppe Zoppi in seiner Jugend einen Holzschnitt des italienischen Künstlers Lorenzo Viani zeigte, entfachte dieser in Patocchi eine lebenslange Leidenschaft für die Technik, die ihn zu einer der führenden Persönlichkeiten der Tessiner Kunstszene machen würde. Wie ein roter Faden zieht sich dabei eine motivische Konstante durch Patocchis künstlerisches Gesamtwerk: die Darstellung des Tessins. Bei der Verbildlichung seiner Tessiner Heimat wählt der Künstler in der Folge «La morte nel Ticino» (zu Deutsch: Der Tod im Tessin) den personifizierten Tod in Form eines Skeletts zum Akteur seiner Bilder.
«La morte nel Ticino» besteht aus zehn Holzschnitten, die Patocchi zwischen 1946 und 1949 geschaffen hat. Für die Holzstöcke benutzte er hartes Birnenholz, mit dem sich besonders feine und detaillierte Entwürfe anfertigen lassen. In der Folge thematisiert er das Tessiner Leben zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Ein Blatt trägt etwa den Titel Fuochi di Primavera (zu Deutsch: Frühlingsfeuer) (Abbildung 1). Titel und Inhalt des Bildes beziehen sich vermutlich auf einen alten Brauch, bei dem zu Frühlingsbeginn sogenannte falò (Freudenfeuer) angezündet werden. Im Bild dargestellt ist eine Landschaft mit Häusern, einer Wiese und Bäumen, an denen bereits die ersten Blüten zu spriessen begonnen haben. Dazwischen stehen drei Bäuerinnen mit Werkzeugen. Während eine von ihnen ein Feuer entfacht hat, dessen Rauch in die Höhe emporsteigt, blicken die anderen in die dem Feuer entgegengesetzte Richtung. In den Vordergrund der Komposition stellt Patocchi den personifizierten Tod. Den Stock, Hut und Mantel abgelegt, scheint sein Blick jedoch nicht dem vor ihm brennenden Feuer zu gelten, sondern schweift – ähnlich wie die Blicke der beiden Bäuerinnen im Hintergrund – in die Ferne ausserhalb des Bildraumes. Dadurch wird der Tod zum Spiegel des menschlichen Handelns im Bild.
Besonders eindrucksvoll ist Patocchis virtuoser Umgang mit der Technik des Holzschnitts. Der Künstler schafft sein Motiv nicht aus dem Rechteck des Blocks, wie es oft gemacht wird. Vielmehr kreiert er unregelmässige Ränder und orientiert sich bei der Gestaltung seiner Gesamtkompositionen etwa an den Formen der Bildelemente selbst, weshalb seine Holzschnitte nicht nur an Tiefe gewinnen, sondern auch verschiedene perspektivische Effekte erzeugen. Wirkt der Bildraum in Fuochi di Primavera weit und ausgedehnt, verdichten sich Komposition und Geschehen in Autunno (zu Deutsch: Herbst) (Abbildung 2). Wieder spielt sich die Szene vor einem ländlichen Hintergrund ab. Vor den der Jahreszeit entsprechend kahlen Bäumen sind drei Bäuerinnen bei der Arbeit dargestellt. Anstelle einer üppigen Ernte ist es jedoch ein karges und lebloses Feld, an dem zwei Frauen in gebückter Haltung und stoischer Miene zu Gange sind. Hinter ihnen steht der Tod, der mit seiner Geige die Szene musikalisch unterlegt. Doch tanzen die Arbeiterinnen bei Patocchi nicht fröhlich nach des Todes Geige wie etwa in einer Totentanzdarstellung, sondern verrichten eine strenge und trostlose Arbeit. Hier kann der Tod als Spiegel des absterbenden Feldes gelesen werden – oder als Vorbote des winterlichen Hungerleidens und seiner tödlichen Folgen.
Die Stimmung der Werke bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Ernst und Verspieltheit, was sich auch auf das Gesamtoeuvre der Tessiner Motive Patocchis übertragen lässt. So beschäftigte ihn die wirtschaftliche Not seiner Heimat zwar immer wieder, er stellte in seinen Darstellungen die Armut und die Neuerungen der Industrialisierung aber nicht nur von ihrer negativen Seite dar. Vielmehr verband er die Schwere des Tessiner Lebens mit der Lebensfreude seiner Bewohner:innen oder der Schönheit der Landschaft. In Sera di Maggio (Maiabend) (Abbildung 3) wird die düstere Stimmung der Herbstdarstellung durch sinnliche und spielerische Facetten abgelöst. Zwischen den verliebten Paaren, die im Licht des Vollmonds einen Moment der Zweisamkeit geniessen, lauert der Tod im Schatten der Häuser und beobachtet das Geschehen. Auch hier zeigt sich Patocchis gekonnter Umgang mit den schwarz-weissen Kontrasten des Holzschnittes: Der weisse Gehstock des Todes hebt sich deutlich vom schwarzen Stamm ab und macht ihn für die Betrachter:innen besonders sichtbar.