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Der Basler Sohn aus vermögendem Hause schuf den Weltkonzern von heute. Zum Durchbruch verhalf ihm ein Hustensirup. Er schmeckte gut und obwohl er weit gehend wirkungslos war, wurde er sozusagen zum
Einen nicht zu unterschätzenden Startvorteil hatte Fritz Hoffmann: Er stammte aus vermögendem Haus. Doch ohne den Fleiss und die Beharrlichkeit des jungen Hoffmann wäre Roche heute nicht einer der weltweit führenden Pharmakonzerne. Reich geworden war Hoffmanns Familie schon 200 Jahre zuvor, als der Basler Wollweber Emanuel Hoffmann-Müller aus Holland eine jener neuartigen, mit Wasserkraft betriebenen Webmühlen nach Hause brachte und damit die erfolgreiche Bandweberei am Rheinknie begründete.
Auch Fritz Hoffmanns Mutter gehörte zum «Basler Daig». Als gebürtige Merian entstammte sie einem wohlhabenden Handelsgeschlecht. Hoffmann junior schlug ebenfalls die kaufmännische Laufbahn ein. Er machte eine Lehre bei einem Bankhaus und absolvierte eine zweite Ausbildung beim pharmazeutischen Basler Handelsgeschäft Bohny, Holliger & Cie, bevor er in London und Hamburg arbeitete. Von Norddeutschland kehrte er nach einer Cholera-Epidemie nach Hause zurück und stieg bei seinem einstigen Lehrbetrieb ein. Um seinem Sohn den Einstieg zu erleichtern, beteiligte sich der Vater kurzerhand mit 200000 Fr. am Unternehmen. Das war 1893, zwei Jahre bevor Hoffmann Adèle La Roche, die Tochter eines Rohseidenhändlers, heiratete.
Selbstständiger Start im Labor
Zu Bohny, Holliger & Cie gehörte ein kleines chemisches Labor, in dem Extrakte aus Wurzeln und Rinden, Tinkturen, Salben und Pillen hergestellt wurden. Dort, an der Grenzacherstrasse, dem heutigen Hauptsitz von Roche, begann der Pionier zu wirken und erwarb das Labor schon ein Jahr später gemeinsam mit dem bisherigen Leiter Max Carl Traub, einem Münchner Apotheker. Ein erstes erfolgreiches Produkt lancierten zwei Mitarbeiter mit einem aus Wismuth und Jod kombinierten Wundpulver, das der junge Fabrikant unter dem Namen «Airol» patentieren liess. Sofort bemühte sich Hoffmann darum, ein Netz von Agenturen aufzubauen, um mit «Airol» auch im Ausland Fuss zu fassen. Innert Kürze fand er Partner in Wien, Paris, Mailand, London und Boston und entschied sich im Sommer 1896, im deutschen Grenzach eine eigene kleine Fabrik zu bauen.
Doch mehrere neue Produkte liefen nicht nach Wunsch. Sein überforderter Partner Traub drängte nun, aus dem Geschäft auszusteigen. Hoffmann-La Roche liess das zu und gründete am 1. Oktober 1896 die Kommanditgesellschaft Fritz Hoffmann-La Roche & Co. Der Jungunternehmer glaubte zwar felsenfest an die Zukunft der pharmazeutischen Industrie, doch der Start verlief mehr als harzig.
Den eigentlichen Durchbruch schaffte Hoffmann mit dem Hustensirup «Sirolin». Gerade in jenen Wochen, als er das nur Geld verschlingende Labor schliessen wollte, machten seine Chemiker eine Entdeckung. Es gelang ihnen, ein geläufiges, aber weit gehend wirkungsloses Tuberkulosemedikament so zu verändern, dass es nicht mehr die Magenschleimhäute angriff, sondern sogar den Appetit anregte. Nur war es noch zu bitter. Hoffmann erinnerte sich an die Cholera-Epidemie in Hamburg, als er mit Kollegen zum Schutz grosse Mengen Cognac mit Orangensaft getrunken hatte. So machte er die bittere Medizin zum bekömmlichen Orangensirup. Der Sirup wirkte zwar kaum gegen Tuberkulose, schmeckte aber so gut, dass er das Potenzial zum weltweiten Blockbuster hatte. Jetzt rührte der Heilmittelfabrikant die Werbetrommeln wie keiner vor ihm in der Branche. Er schaltete Inserate auf der ganzen Welt, druckte tausende von Postkartenserien mit tanzenden Kindern und schreckte auch nicht davor zurück, Heiligenbilder mit Reklametexten zu streuen. Überhaupt setzte er neue Massstäbe in Sachen Werbung. Er gründete in allen Ländern Propagandabüros und gab eigene Fachzeitschriften heraus.
Dank «Sirolin» wurde Roche weltberühmt und erhielt von Universitäten auch deren Entdeckungen zur kommerziellen Verwertung angeboten. Das Herzmittel «Digalen» und das Schmerzmittel «Pantopon» (bis heute in einzelnen Ländern im Verkauf) waren erste solche Medikamente. «Sirolin» wurde mehr als 60 Jahre lang produziert. Kontinuierlich baute Hoffmann das weltweite Agenturnetz weiter aus und war jetzt auch in Russland und in Japan tätig.
Alle gegen Roche im Krieg
Harte Zeiten erlebte Roche wieder während des Ersten Weltkrieges. Im Juli 1915 wurde der Betrieb im deutschen Grenzach, inzwischen die wichtigste Produktionsstätte, von den deutschen Behörden besetzt und deren Leiter vorübergehend verhaftet. Es wurde behauptet, Roche habe gegen das neue Verbot verstossen und chemische Produkte aus Deutschland ausgeführt und nach Frankreich verkauft. In Frankreich galt die Firma wiederum als «deutsches Unternehmen» und wurde boykottiert, und in England ging das Gerücht um, Roche produziere Giftgas für die Deutschen. Die Oktoberrevolution in Russland und die Inflation in Deutschland bescherten dem Unternehmen gewaltige Verluste. Der einzige Ausweg aus der Krise blieb 1919 die Gründung einer AG, was der Entmachtung des Firmengründers gleichkam. Hoffmann-La Roche war zwar fortan noch Vizepräsident des VR und Delegierter, hatte aber nicht mehr jenen Einfluss.
Zudem war er inzwischen ein kranker Mann und mit seinen Kräften am Ende. Kurz darauf musste er die operative Leitung abgeben. Auch privat war er in ungemütlicher Situation: Seit Jahren hatte er eine heimliche Geliebte. Im Sommer 1919 liess er sich von Adèle scheiden und heiratete im Herbst die ebenfalls geschiedene Elisabeth, geborene von der Mühll. Jenen Winter verbrachte das frisch verheiratete Paar in Locarno. Nach der Rückkehr nach Basel starb Hoffmann am 18. April 1920, noch nicht 52-jährig.
Zu Fritz Hoffmann-La Roche hat der Verein für wirtschaftshistorische Studien Zürich in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» im Jahr 1971 Band 24 herausgebracht.Weitere Informationen: www.pioniere.chBereits erschienen: Rudolf Sprüngli (Nr. 28), Brown Boveri (Nr. 29), Jakob Schmidheiny (Nr. 30), Henri Nestlé (Nr. 31), Sulzer (Nr. 32), Gottlieb Duttweiler (Nr. 33). Nächste Woche: Alfred Escher.
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Die Firma heute
Roche ist in den Sparten Pharma und Diagnostik tätig und verbuchte 2005 einen Umsatz von 35,5 Mrd Fr. sowie einen Konzerngewinn von 6,7 Mrd Fr. Das Unternehmen hat weltweit fast 70 000 Mitarbeiter.
Franz Humer führt Roche erfolgreich als CEO und VR-Präsident. Dass die Aktienmehrheit heute wieder im Besitz der Gründerfamilie ist, hat diese Paul Sacher zu verdanken. Von der Basler Handelsbank konnte er 1945 die Mehrheit zurückerwerben, als diese in Deutschland hohe Verluste tätigte. Heute ist auch die Basler Konkurrentin Novartis an Roche beteiligt.
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Nachgefragt: «Er erfand den Markenartikel in der Branche»
Roche-CEO und VR-Präsident Franz Humer über Fritz Hoffmann-La Roche.
Was ist von Fritz Hoffmann-La Roche geblieben?
Franz Humer: Der Name aber nicht nur. Roche steht seit über 100 Jahren für pharmazeutische Spezialitäten für deren professionelle Produktion und Vermarktung auf der ganzen Welt. Ohne den Unternehmergeist von Fritz Hoffmann und seinen Nachfolgern, zusammen mit den hervorragenden Forschern und Entwicklern, gäbe es Roche heute nicht. Er und die Generationen nach ihm sorgten für die stabilen Besitzverhältnisse, die es Roche ermöglichten, sich langfristig auszurichten und eigenständige Strategien zu verfolgen.
Was bedeutet er heute noch für Sie?
Humer: Er war einer der grossen Pioniere der Gründerzeit und gilt unter anderem als Erfinder des Markenartikels in der Pharmabranche. Bereits in den Anfangsjahren hat er Tochtergesellschaften auf allen Kontinenten ins Leben gerufen und somit Roche als internationales Unternehmen ausgerichtet. Er steht nicht nur für Schweizer Unternehmertum, sondern auch für die Anfangszeiten der Pharmaindustrie, die seither medizinisch und volkswirtschaftlich enormen gesellschaftlichen Nutzen hervorgebracht hat.
Sehen Sie Parallelen zwischen dem Pionier und Ihnen?
Humer: Roche ist heute eine komplett andere Firma als 1896. Doch Unternehmergeist und Erfindungsreichtum von damals prägen auch die Roche-Mitarbeitenden von heute und bilden die Basis für die grossen medizinischen Fortschritte, die wir in den letzten Jahren erzielen konnten und an denen wir weiter arbeiten.