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Die Schreibhölle
Schreiben ist die Hölle. Den besten Beweis dazu liefern die Abenteuer vom bekannten Journalisten Christoph F. Zweiter Teil: In der Meinungshölle.
Christoph Fellmann — 05/25/22, 03:44 PM
Eine Meinung zu haben, ist ganz schön anstrengend. (Foto: Unsplash)
Als der bekannte Politjournalist Christoph F. den Auftrag erhielt, ein Meinungsstück über die berüchtigte Steuerhölle Krsnkfswil zu schreiben, hatte er dazu nicht sofort eine Meinung. Er war zunächst überrascht, als er in sein Inneres horchte, um dort seiner Meinung zu diesem Thema nachzuspüren, aber da war nichts. Da hatte sich nichts formiert, nicht die Spur eines Gedankens, der als Meinung akzeptabel oder als Tendenz und auf Basis seiner Grundeinstellungen mit wenig Aufwand in eine starke Meinung zu überführen gewesen wäre. Irgendwie war da nie etwas in ihn hineingeraten, was mit der Steuerhölle Krsnkfswil zu tun hatte, und das sich in ihm hätte anreichern können zu formulierbaren Sätzen.
Nun gut, die Wahrheit war, dass der bekannte Politjournalist Christoph F. keine Ahnung hatte von der Steuerhölle Krsnkfswil. Er beschloss, sich in die Kantine zu setzen, einen Kaffee zu trinken und über sein Thema nachzudenken. In der Kantine lag auf dem Tisch, an den er sich bei solchen Gelegenheiten setzte, ein Exemplar der FAZ, aufgeschlagen ausgerechnet auf der Meinungsseite. Oben an der Seite gab es einen Gastbeitrag der offenbar renommierten isländischen Geologin Yrla Infinisdottir.
Und der bekannte Politjournalist begann zu lesen:
Im Sommer 2006 fuhren wir nach Sylt in den Urlaub. Die erste Woche verlief schön und ruhig. Doch dann, am ersten oder zweiten Tag der zweiten Woche unseres Urlaubs, geschah etwas Seltsames. Das heisst, es geschah eigentlich nichts, aber dieses Nichts liess mich umso kontemplativer zugucken, wie das Wasser an den Strand platschte, und an die Felsenküste, die den Strand abschloss. Ich hatte gelesen, dass allein die Westküste von Sylt etwa vierzig Kilometer messe. Aber wie ich nun auf diesen Strand blickte, sah ich, dass das komplett falsch war. Denn wenn man die Länge einer Küste misst, stellt sich doch die Frage, was man misst. Und wie genaue Messgeräte man zur Verfügung hat. Und dann stellt man fest: Je genauer man die Küste vermisst, umso länger wird sie.
Denn jede Bucht, jede Bucht in der Bucht, jeder Stein, der auch noch ins Wasser ragt, und jede Auszackung dieses Steins: All das macht die Küste länger. Vierzig Kilometer, das ist doch eine hoffnungslose Untertreibung. Die Westküste von Sylt ist mindestens hundert Kilometer lang, wenn man sie genau vermisst. Aber das stimmt auch nicht, denn jede Auszackung jedes Steins hat ja auch wieder eine Auszackung, und auch diese Auszackung hat wiederum einen Knubbel oder so, und den müsste, wer die Küste ausmisst, ja auch ausmessen. Und der Knubbel hat ja auch wieder eine Unebenheit, einen kleineren Knubbel und so weiter. Und darum ist nicht nur die Westküste von Sylt, darum ist jede Küste unendlich lang. An diesem Tag an diesem Strand ist mir das klar geworden.
Der bekannte Politjournalist Christoph F. legte die FAZ weg. Der Kaffee war kalt, und der Politjournalist in seinen Grundfesten erschüttert. War denn die Politik nicht genauso? Er dachte nach. Doch, dachte er, die Politik ist genauso: Sie ist komplex, und je genauer ich sie mir anschaue, umso komplexer wird sie. Sie hat keinen Rand, an dem sie aufhört. Sie hat immer noch mehr Details, die ich kennen und in Betracht ziehen sollte. Oder könnte, wenn ich denn könnte.
Der bekannte Politjournalist Christoph F. wusste: Um 20 Uhr würde er sein Meinungsstück abgeben müssen. 5000 Zeichen (inkl. Leerschläge) waren bestellt, die 150 Zeilen dreispaltig auf Seite 11 bereits aufgerissen. Wie sollte er in den verbleibenden Stunden das ausufernde Steuerhöllenthema a) inhaltlich in den Griff bekommen und sich b) auch noch eine fundierte Meinung dazu bilden? Eine Meinung, die nicht einfach irgendeine Luftlinie war, sondern die auf der genauen Vermessung und Einberechnung aller, wirklich aller Aspekte beruhte, noch der kleinsten, unscheinbarsten Knubbel, die das Thema bildete.
Zum Beispiel in Form der Sozialhilfeleistung an die 87-jährige Anna Siegwart im Zweizimmerappartement im zweiten Stock am Imhasliring 5 (eine Person, von der er noch nicht einmal wusste, ob sie überhaupt existierte)? Oder mit dem Kioskverkäufer Bruno Krütli-Modric, der, sollten seine Steuerausgaben weiter so hoch bleiben, nicht mehr lange in der Lage sein würde, sein legendär grosses Glacéstengel-Angebot weiter aufrecht zu erhalten (und der vielleicht ebenfalls nicht existierte)? Müsste der bekannte Politjournalist Christoph F. diese - und zahllose, wirklich zahllose andere - Realitäten und Eventualitäten nicht mitbedenken und mitberücksichtigen, bevor er sich nun zurück in sein Büro setzen und auf 150 Zeilen eine Meinung zum Thema Steuerhölle bilden, geschweige denn formulieren könnte?
Jedoch als der bekannte Politjournalist Christoph F. nun die Treppenstufen empor sprang, um sich oben baldmöglichst in die Recherche zur Steuerhölle zu vertiefen, blieb er auf einmal stehen. Schlagartig war ihm bewusst geworden, dass er all diese Fragen, die sich ihm in der Kantine gestellt hatten, dass er die noch gar nicht schlüssig (notfalls druckfähig) beantwortet hatte. Für sich, aber auch ganz grundsätzlich. Ihm war jetzt klar, dass er sich zum entscheidenden Punkt ja noch gar keine Meinung gebildet hatte: Ob er denn - in Unkenntnis aller oben erwähnten Realitäten und Eventualitäten - berechtigt war oder in irgendeiner Form sein könnte, so ein Meinungsstück überhaupt zu schreiben?
Und das hiess doch nichts anderes, als dass er sich hier und jetzt, auf der 45. Stufe dieser Treppe, diese Meinung zuerst noch bilden musste. Aber wie sollte er das machen; ohne zu wissen, wie einer wie er überhaupt in die Lage gekommen war, seine Meinung immer einfach so hinauszurufen? So blieb er stehen, auf der 45. Treppenstufe zwischen Kantine und Büro. Vollkommen leer und ratlos blieb er einfach stehen.
Weil Lesen viel einfacher als Schreiben ist.