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Während wir inzwischen hier in unserer Artikelserie zur Textilindustrie ein Kleidungsstück vom Rohstoff bis zur Ausrüstung fertiggestellt haben, macht es sich nun auf den Weg in den Laden. Das Kleid, der Turtleneck oder die Jeans wird in Indien, in Burma oder in China mit vielen anderen seiner Art in einen Container gepackt, auf ein Containerschiff verladen und auf See-, Land- und Luftweg nach Davos, Paris oder Springfield, Vermont verbracht. Dieses Stück seines Weges bedenken wir üblicherweise, wenn wir über die Transportaufwände unserer Kleidung nachsinnen. Doch natürlich ist das nur das kleinste Stück des Weges, das sie bis in unseren Schrank zurückgelegt hat.
Wandern in der Textilen Kette
An selten einem Produkt wird uns die "Globalisierung" im landläufigen Sinn so anschaulich vorgeführt wie an einem konventionell produzierten Kleidungsstück. An einem simplen, einfarbigen T-Shirt beispielsweise: Da wurde der Rohstoff, die Baumwolle, in Virginia angebaut - oder in Australien, China, Kasachstan. Um sie zu einem Garn zu verspinnen, fährt sie nun in die Türkei, das Garn wird dann in Strickmaschinen etwa in Taiwan zu einem Stoff gewoben. Der Stoff wird nun gefärbt - in Bulgarien, oder in Indien... -, in China oder Honduras zum T-Shirt vernäht und schliesslich aufs letzte Stück des Weges in die Läden verschifft. Etwas um die 27'000 km Weg dürften das jetzt gewesen sein.
Das T-Shirt ist dabei noch ein recht simples Kleidungsstück. Eine Spur komplexer ist da schon die Textile Kette einer Jeans. Die Baumwolle stammt jetzt beispielsweise aus Indien, versponnen in der Türkei, zum Denimstoff gewebt und gefärbt in Polen, wobei die Indigofarbe etwa aus Taiwan stammt. Der Stoff wird nach den Philippinen zum Nähen verschifft, dort trudeln dann auch Etiketten und Lederaufnäher aus Frankreich und die Nieten und Knöpfe aus Italien ein. Möglicherweise wurde der Stoff auf einer Zwischenstation in Osteuropa noch chemisch zur Weichheit und Knitterfreiheit veredelt. Der used look erfordert eine Behandlung mit Bimsstein aus Griechenland, vorgenommen dortselbst oder... irgendwo, China wahrscheinlich. Verkauft und getragen wird die Jeans in der Schweiz, doch ihr Weg ist damit noch nicht zu Ende. Sie landet in der Altkleidersammlung, sortiert wird sie in den Niederlanden und schliesslich verschifft nach Afrika. Insgesamt kommen da schon mal 50'000 km zusammen - eine Reise um die Erde. Und uns wird klar, dass es keine reine Schutzbehauptung sein muss, wenn die Konfektionsfirmen ihre Produktionswege oft selbst nicht präzise nachvollziehen können.
1 kg Langärmel-Shirt, 50 kg Treibhausgas
Angesichts solcher Kilometerlasten darf es uns erstaunen, dass es dennoch nicht diese Wegstrecken sind, die den Hauptanteil der von unserer Kleidung verursachten CO2-Belastung stellen. Tatsächlich ist es ein kleiner Teil. Die Fast Fashion mit ihren 150 Milliarden produzierten Kleidungsstücken jährlich wird für ca. 10% des menschengemachten Klimagasausstosses verantwortlich gemacht, das macht sie zur zweitschädlichsten Industrie gleich nach der Ölindustrie. Je nach Kleidungsstück werden in seinem Lebenszyklus das 30 - 50fache des Eigengewichts an Treibhausgasen freigesetzt, wobei sich dieser Wert im Falle eines Einsatzes erdölbasierter Kunstfasern noch nach oben öffnen kann. Davon entfallen zwischen 7 und 10% auf die Transporte und etwa 30% auf die Herstellung - besonders ins Gewicht fällt bei Letzterem das abschliessende Bügeln in den Nähereien. Der Rest... Doch dazu gleich.
Der Anteil der Verschiffungen, Flugkilometer und LKW-Fahrten am CO2-Fussabdruck eines Kleidungsstücks fällt relational so gering aus, da es in Massen transportiert, aber jedes einzeln gebügelt wird - und dies in Ländern mit meistenteils unsauberer Energiegewinnung. Im Gegensatz dazu finden ungefähr 34'000 T-Shirts in einem ISO-Container Platz, und über 14‘000 Container auf einem Containerschiff der neueren Generation. Diese Containerschiffe zeichnen für ihre ganz eigene Bestandsliste ökologischer Belastungen verantwortlich, aber betreffs der anfallenden Treibhausgasemission je transportiertem Produkt sind sie effizient.
Der Rest, und damit der Löwenanteil, des Treibhausgas-Fussabdrucks des "lausigen T-Shirts, das uns als Einziges aus New York mitgebracht wurde" entfällt auf seine Gebrauchszeit. Also auf uns. Selbst wenn es nur die sieben Mal getragen wird, die hier als ein Durchschnittswert gesetzt werden, addieren sich Waschen, Trocknen, Bügeln und die darauffolgende (Nicht-)Wiederverwertung zu den übrigbleibenden ca. 60 Prozentpunkten an Treibhausgasemissionen auf. Das bedeutet konkret für uns: Wäsche bei 40 Grad, Lufttrocknen, Bügeln nur wenn echt notwendig - und längere Verwendung.
Herumschippern oder nicht herumschippern...
Bei all dieser relativierenden Rechnerei sei dennoch der gestapelte Unsinn der hin- und herkreuzenden Kleiderproduktion kritisch ins Auge gefasst. Liesse sich hier nicht doch noch etwas an Umweltbelastung abbauen? Durch eine regionale Produktion, beispielsweise? Das würde dann - im Gegensatz etwa zur Lohnerhöhung der burmesischen Näherin - die Mode spürbar verteuern, aber tatsächlich gibt es Textilhersteller, die sich genau daran versuchen. Eine solche Förderung engerer Kreisläufe ist aus umwelttechnischer Sicht durchaus wünschenswert, insbesondere wenn sie dann noch mit europäischer Umweltgesetzgebung und Infrastruktur zusammenfällt; also mit Abwasserreinigungsanlagen, Luftfiltern und Kontrollorganen.
Andererseits bleibt es vorerst Tatsache, dass die Transportwege nur einen geringen Teil der Umweltbelastung der Textilindustrie ausmachen - diese aber für viele Länder ihr kleines, gleichwohl wesentliches Stück vom kapitalistischen Kuchen abzweigt. Das kann - möglicherweise, irgendwann - da dann einen Aufbau umweltschonender Infrastruktur und sozialer Institutionen erlauben...
Das globale Kreuz und Quer der Textilindustrie zeigt sich damit als eines jener "kleineren Übel", die sich als vermeintliche Sachzwänge aus einem grösseren Übel ergeben: Namentlich der systemisch unnachhaltigen Produktionsweise. Diese umzugestalten, ist möglich, wie sich verschiedentlich zeigt, aber simpel ist es nicht. Es bedarf dazu der Experimente, der Initiative und des Mutes, unkonventionelle Wege zu gehen, sowie unserer Bereitschaft, solche Initiative auch mal in Form höherer T-Shirt-Preise zu unterstützen. Und ansonsten: 40 Grad, Lufttrocknen, Second Hand...