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Netzwerke als Instrument der Arbeitsmarktintegration für erwerbslose und benachteiligte Personen
- Individuelle Eigenschaften in Verbindung mit Gender, Nationalität, Alter und Bildung sollten in Betracht gezogen werden, wenn Arbeitssuchende über Netzwerke versuchen, eine Stelle zu finden.
- Netzwerkeffekte führen zu grösseren Ungleichheiten. Je mehr eine arbeitssuchende Person nachteilige Eigenschaften aufweist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass deren Netzwerk über Ressourcen zur Arbeitsmarktintegration verfügt.
- Den Ungleichheiten stärkenden Auswirkungen von Netzwerken könnte durch ein Angebot an Räumlichkeiten und Ereignissen, die soziale Vermischung fördern und soziale Isolation überwinden helfen, entgegengewirkt werden.
Im Personalwesen und unter Stellensuchenden geniessen Netzwerke derzeit einen hohen Ruf. Informationen über offene Stellen oder Empfehlungen durch eine Person aus dem Netzwerk gelten als beste Mittel für eine erfolgreiche Stellensuche. Dennoch ist Vorsicht geboten: wie unsere Forschung aufgrund Daten von über 4000 Einzelpersonen zeigt, sind Netzwerke zwar von grösster Bedeutung, wirken jedoch nicht für alle Personen gleich. Tatsächlich stärken Netzwerke bestehende Ungleichheiten. Die erfolgreiche Nutzung von Netzwerken hängt nämlich im grossen Masse von einzelnen Eigenschaften ab, die Einzelpersonen kaum beeinflussen können, so etwa das Geschlecht, die Nationalität, das Alter oder die Bildung. Je nach Eigenschaften der Person kann die Aktivierung von Beziehungen das Netzwerk stärken und die Chancen auf eine erfolgreiche Stellensuche erhöhen. Netzwerke folgen dem Prinzip der Homophilie, wonach Menschen mit ähnlichen Interessen und Sozialprofilen sich verbinden. Entsprechend verknüpfen sich Einzelpersonen mit „guten“ Eigenschaften auf dem Arbeitsmarkt eher mit Personen, die mit ähnlich „guten“ Eigenschaften über ein höheres Sozialkapital verfügen. Demgegenüber schliessen sich benachteiligte Personen eher mit ähnlich benachteiligten Personen zusammen, womit sie sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht erhöhen. Um den ungleichen Wirkungen des Netzwerks entgegenzutreten, sollte dieses Prinzip gebrochen werden, zum Beispiel mit Massnahmen, die darauf abzielen, Räume und Events zu bieten, welche die soziale Durchmischung jenseits des angestammten Sozialkreises fördern und zur Überwindung sozialer Isolation beitragen.
Ambivalente Bedeutung von Netzwerken
Oft werden Netzwerke, die im Verlauf des Lebens aufgebaut wurden, als informelle Vermittlungskanäle betrachtet. Das Gros der erfolgreichen Stellensuchen geht tatsächlich auf das Netzwerk zurück. Einzelne Studien weisen darauf hin, dass 80 Prozent der Stellen über Beziehungen besetzt werden. Arbeitsmarktexperten und –expertinnen sind sich auf jeden Fall darin einig, dass Netzwerke eine bedeutende Rolle bei der Stellensuche innehaben. Ihre Bedeutung unterscheidet sich je nach regionalem und/oder nationalem Kontext, Wirtschaftszweig und Zusammensetzung. Netzwerke sind Quellen für Informationen, Empfehlungen und Unterstützung. Ausserdem verleihen sie Stellensuchenden ein gewisses Mass an sozialer Kompetenz.
Die Fähigkeit, Netzwerke zu bilden, hängt jedoch nicht alleine vom Willen und der Tatkraft der Einzelperson ab, sondern mehrheitlich von Eigenschaften, über die man kaum selbst verfügen kann. Das Geschlecht, die Nationalität, das Alter und die Bildung sind für die Bildung von Netzwerken von grosser Bedeutung. Bei gleicher Motivation und Einstellung sind aufgrund der Bildung und Nationalität sowie des Geschlechts und Alters bestimmte Personengruppen stets im Nachteil.
Netzwerke und Ungleichheit
Dieser Nachteil beeinträchtigt insbesondere bestimmte Personenkategorien. Personen mit vorteilhaften Eigenschaften auf dem Arbeitsmarkt (männlich, Schweizer Nationalität, Hochschulabschluss usw.) bilden eher Netzwerke, die für die Arbeitsmarktintegration über grössere Ressourcen verfügen. Umgekehrt sind vulnerable Personen eher in Netzwerke eingebunden, die für die Arbeitssuche weniger Ressourcen bieten. Folglich favorisiert das Konzept der „Aktivierung des Netzwerks“ Personen, die aufgrund ihrer vom Arbeitsmarkt als „gut“ eingestuften Eigenschaften sich bereits in einer Vorzugsstellung befinden. Mit anderen Worten: Netzwerke verstärken soziale Ungleichheiten.
Darüber hinaus zeigt unsere Studie, dass fast die Hälfte der stellensuchenden Personen die erste Information über ihre frühere Anstellung durch das Netzwerk erhalten hat. Dies unterstreicht deutlich die gewichtige Rolle von Netzwerken bei der Arbeitsmarktintegration, zeigt gleichzeitig aber auch ihren ungleichen Einfluss zwischen jenen Personengruppen, die davon einen Nutzen tragen können, und jenen, deren Netzwerk kaum vorhanden ist oder wenig arbeitsmarktliche Ressourcen bieten kann.
Personen, die ihre obligatorische Schule abgeschlossen haben (oder nicht) entwickeln Netzwerke, die systematisch weniger Ressourcen aufweisen. Ausserdem sind sie weniger auf Online-Netzwerken aktiv und wenden sich seltener an ihre Kontakte, auch wenn sie sie nötig haben. Dieser Wissensmangel zur Stellensuche und zum Stellenwert von Netzwerken verstärkt umso mehr Ungleichheiten. So zeigt sich laut unserer Studie, dass Personen mit der geringsten Bildung auch systematisch über die wenigsten Beziehungen zu Personen mit Leitungsfunktionen haben. Letztere Beziehungen sind nachweislich besonders nützlich für eine erfolgreiche Stellensuche.
Unsere Forschungen zeigen ebenfalls, dass die am wenigsten ausgebildeten Personen Beziehungen zu Familienmitgliedern stärker hervorheben. Dies ist jedoch kaum von Vorteil, denn unsere Daten verdeutlichen ebenfalls den geringen Nutzen, der dieser Beziehungstypus für die Arbeitsmarktintegration mit sich bringt. Netzwerke mit mehrheitlich familiären Beziehungen bieten für die Stellensuche folglich weniger Ressourcen als Netzwerke, die primär aus Freundschaften bestehen.
Netzwerke diversifizieren
Netzwerke folgen dem Prinzip der Homophilie, das heisst der „Liebe zum Gleichartigen“. Je mehr sich zwei Personen gleichen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie eine Beziehung entwickeln. Personen mit vorteilhaften Profilen werden eher Personen begegnen, die ebenfalls über vorteilhafte Profile verfügen. Entsprechend können bei der Stellensuche derartige Beziehungen erfolgreich genutzt werden. Demgegenüber werden Personen mit für den Arbeitsmarkt wenig vorteilhaften Eigenschaften eher in Kontakt mit Personen treten, die aus Sicht des Arbeitsmarkts ebenfalls über wenig vorteilhafte Eigenschaften verfügen. Bei der Stellensuche nützen derartige Netzwerke den Betroffenen entsprechend wenig.
Dieser Dynamik lässt sich jedoch ein Riegel schieben. Indem die soziale Durchmischung (bezüglich Geschlecht, Nationalität, Generation usw.) gefördert wird und Gelegenheiten geschaffen werden, soziale Verbindungen aufzubauen (z.B.: Quartiertreffen, Strassenfeste usw.), gibt es Wege, wie unsere Forschung zeigt, um Einzelpersonen aus verschiedenen sozialen Milieus zusammenzubringen und diversifiziertere Netzwerke zu bilden. Diese grössere Durchmischung dürfte benachteiligten Personen die Gelegenheit bieten, Beziehungen zu Personen zu knüpfen, die möglicherweise über mehr Ressourcen verfügen als ihr angestammtes soziales Umfeld. Somit liesse sich zumindest ansatzweise der strukturelle Nachteil von Netzwerken benachteiligter Personen verbessern.
Schliesslich weisen die im Rahmen unserer Forschung geführten Gespräche deutlich daraufhin, dass in Verbindung mit Arbeitslosigkeit zahlreiche Personen unter Schamgefühlen leiden. Diese Schamgefühle stärken die soziale Isolation und schwächen das Netzwerk und dessen zentrale Rolle bei der Stellensuche. Ein emotionaler Support könnte dagegen Einfluss nehmen und arbeitslose Personen dabei helfen, mit ihrem Netzwerk zu kommunizieren und ihre Chancen für eine erfolgreiche Stellensuche zu erhöhen. Weitere Massnahmen könnten ganz bestimmte Personengruppen erreichen, deren Netzwerke besonders schwach ausgebildet sind und für die Stellensuche kaum nützliche Beziehungen aufweisen. So könnte für benachteiligte Personengruppen die Stärkung des Selbstvertrauens eine Möglichkeit bieten: wie eine LIVES Studie nahelegt, lässt sich das Selbstvertrauen durch das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, insbesondere mittels Gruppenaktivitäten wie Mannschaftssportarten.
Empfohlene Titel zur Vertiefung:
- Bonoli, G., & Turtschi, N. (2015). Inequality in social capital and labour market re-entry among unemployed people in Switzerland. Research in Social Stratification and Mobility, 42, 97-95.
- Turtschi, N. (2015) : Les réseaux sociaux : un outil de réinsertion pour les chômeurs désavantagés. Promotionsarbeit, Universität Lausanne.
- Turtschi, N. (2016) : Le réseau social : un outil inégalitaire ? Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 42 (3), à paraître.
Dr Nicolas Turtschi, Scientific Officer at the Haute Ecole de Santé Vaud. The content of this policy brief is based on his doctoral thesis and reflects his personal views. Nicolas Turtschi defended his doctoral thesis at the University of Lausanne as part of the NCCR LIVES doctoral programme.