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Das grönländische Eisschild schmilzt in diesem Jahr wieder rasant — allein am Mittwoch und Donnerstag der letzten Woche gingen insgesamt knapp 17 Milliarden Tonnen Eis an der Oberfläche verloren. Das berichten Wissenschaftler auf der dänischen Informationswebseite Polar Portal. Die Menge würde ausreichen, um ganz Florida fünf Zentimeter tief im Wasser stehen zu lassen. Für den massiven Eisverlust sind die extrem hohen Temperaturen verantwortlich, die letzte Woche in Teilen Grönlands herrschten. Der dänische Wetterdienst vermeldete für den Flughafen Nerlerit Inaat im ostgrönländischen Scoresby Sund eine Temperatur von 23,4°C am Donnerstag, den 29. Juli — die höchste jemals gemessene seit Beginn der Aufzeichnungen.
Ein Hochdruckgebiet saugt wärmere Luft aus dem Süden wie ein Staubsauger an und hält sie über Ostgrönland fest. So erklärte Marco Tedesco von der Columbia University gegenüber The Guardian die Ursache für die hohen Temperaturen. Sobald die isolierende saisonale Schneedecke schmilzt, liegt das dunklere Kerneis ungeschützt frei und beginnt zu schmelzen. Laut Daten der dänischen Wissenschaftler sind seit Anfang Juni diesen Jahres über 100 Milliarden Tonnen Eis geschmolzen. Das Schmelzwasser fließt in den Ozean und trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Mit der derzeitigen Schmelzrate würde dieser bis zum Jahr 2100 zwischen 10 und 18 Zentimeter ansteigen — um 60 Prozent schneller als bisher angenommen, so berichtete eine Studie europäischer Wissenschaftler im Dezember 2020.
«Es handelt sich um ein sehr hohes Schmelzniveau, das wahrscheinlich das Gesicht Grönlands verändern wird, weil es eine starke Triebkraft für eine Beschleunigung des zukünftigen Schmelzens und damit des Anstiegs des Meeresspiegels sein wird.»Marco Tedesco, Gletscherexperte an der Columbia University und außerordentlicher Wissenschaftler bei der Nasa
Noch hat die diesjährige Eisschmelze nicht den Rekordwert aus dem Jahr 2019 geknackt, als an einem einzigen Tag 11 Milliarden Tonnen Eis verloren gingen. Doch die betroffene Fläche ist in diesem Jahr viel größer als in 2019. «Es ist schwer zu sagen, ob es ein Rekordjahr für die Schmelze in diesem Jahr wird, aber es gibt eine Menge warmer und feuchter Luft über dem Eisschild, die eine erstaunlich starkes Schmelzen verursacht», sagt Brad Lipovsky, Glaziologe an der University of Washington, gegenüber The Guardian.
«Das Beunruhigende für mich ist die politische Reaktion, oder das Fehlen einer solchen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist wie ein langsam fahrender Zug, aber wenn er einmal ins Rollen kommt, kann man ihn nicht mehr aufhalten. Das sind keine guten Nachrichten.»Brad Lipovsky, Glaziologe an der University of Washington
Sollte das zweitgrößte Eisschild der Erde, nach der Antarktis, abschmelzen, würde der Meeresspiegel weltweit um sechs Meter steigen. Wissenschaftler befürchten, dass Grönland auf einen Kipppunkt zusteuert und das Schmelzen bald unumkehrbar ist. Schon heute verändern sich Meeresströmungen aufgrund des starken Süßwassereinstroms und auch die Ökosysteme in den Ozeanen reagieren darauf. Zudem sind rund um den Globus bereits jetzt die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs in zahllosen Küstenstädten zu spüren, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch viel stärker von Überflutungen bedroht sein werden.
Nachdem die Schmelzsaison, die in Grönland von Juni bis Anfang September dauert, in diesem Jahr kühl und mit viel Niederschlägen startete und zu einem Massenzuwachs des Eisschildes führte, bleibt nun zu hoffen, dass sich die Temperaturen wieder auf einem niedrigeren Niveau einpendeln und das Schmelzen verlangsamen.
Julia Hager, PolarJournal