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Med in Switzerland #None September 2003
Solidarische Gesundheitsdienste stärken und besser einbinden
Weltgesundheitsversammlung 2003
Die Weltgesundheitsversammlung bestätigte im Mai 2003 die weltweite Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen staatlichen und privaten, nichtgewinnorientierten Anbietern von Gesundheitsleistungen. Dies ist nicht nur in Entwicklungsländern ein Thema.
In einer von ihrer diesjährigen Versammlung verabschiedeten Resolution ermutigt die WHO die Initiativen und Strukturen der Zivilgesellschaft, ihre Gesundheitsdienste der gesamten Bevölkerung anzubieten. Die Resolution schlägt vor, dass die privaten Anbieter auf Grund von Akkreditierungskriterien der Regierung mit Verträgen ins nationale Gesundheitssystem eingebunden werden sollen.
Als vor vier Jahren Medicus Mundi International, ein Netzwerk von im Gesundheitswesen tätigen Nichtregierungsorganisationen, im Rahmen der Weltgesundheitsversammlung 1999 zu einem technischen Meeting mit dem Titel „Contracting NGOs for Health“ einlud, dachte die Organisation vor allem an Situationen in Entwicklungsländern. Vor Vertretern von über vierzig Regierungen wurde dargelegt, dass mit vertraglichen Regelungen zwischen nichtstaatlichen Institutionen und staatlichen Gesundheitsstrukturen ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung geleistet werden kann und dass damit ein gesunder Wettbewerb gefördert wird, der sich sowohl auf die Qualität als auch auf die Kosten der Dienste auswirkt.
Bereits der Weltentwicklungsbericht „Investing in Health“ des Jahres 1993 würdigte den erfolgreichen Einsatz von Nichtregierungsinstitutionen in Entwicklungsländern So funktionieren etwa sogenannte Designated District Hospitals als private, staatlich unterstützte Distriktspitäler in Ländern wie Tansania, Uganda, Ghana oft unter schwierigsten Umständen in entlegenen Regionen und erfüllen dort, wo regierungseigene Institutionen fehlen, öffentliche Aufgaben. Ohne sie hätten in Afrika weite Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu Gesundheitsdiensten. In einzelnen Ländern decken sie bis zu 40 Prozent der Gesundheitsdienste ab. Vorwiegend die Kirchen haben diese Lücke gefüllt; die katholische Kirche allein betreibt südlich der Sahara über 840 solcher Spitäler. Diese Institutionen haben einen engen Kontakt mit der lokalen Bevölkerung, sie vertreten auch gegenüber der Regierung deren Interessen, sie können auf neue, unerwartete Situationen spontan reagieren, sie decken ein weites Feld von nötigen Behandlungen ab und sind Pioniere für Prävention und basisbezogene Aktionen. Sie zeichnen sich durch Verlässlichkeit aus und haben einen geringen Personalwechsel. Die Bürokratie bleibt minimal, und Korruption kommt selten vor.
So kann es nur Vorteile bringen, das Potential dieser privaten Institutionen in eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der nationalen Gesundheitspolitik einzubinden. Die vertragliche Zusammenarbeit ist dabei nicht als zeitlich begrenzter Vorgang zu verstehen: Sie leitet einen andauernden Prozess des Dialogs zwischen dem öffentlichen und privaten System ein und bedeutet für die Entwicklung von Strategien im Hinblick auf ständig sich verändernde Situationen eine Bereicherung.
Medicus Mundi International hat in den vergangenen Jahren
in Zusammenarbeit mit der WHO und afrikanischen Organisationen
einige Konsultationen organisiert und auf Grund dieses Erfahrungsaustausches
den Resolutionstext mit formuliert, der schliesslich von afrikanischen
Regierungen in der Weltgesundheitsversammlung eingebracht
wurde. Gleichzeitig entstand ein Referenztext zum Thema einer
verbesserten Partnerschaft zwischen Regierungen mit Privaten,
welcher von Medicus Mundi unter dem Titel: „Guidelines
on Contracting“ publiziert worden ist und von der WHO
verbreitet wird.
Die Diskussionen im Kreis der Weltgesundheitsorganisation haben gezeigt, dass das Thema des „Contracting“ nicht nur für arme Länder von Interesse ist, sondern globale Bedeutung hat. Die Forderung nach Gesundheit für alle, die Förderung von Basisgesundheitsdiensten, der Kampf gegen Armut und der Einsatz für Gerechtigkeit im Gesundheitswesen sind zwar im Munde aller Politiker, aber im Zuge der Globalisierung und des zunehmenden Gewinnstrebens riskiert nicht nur die Gesundheit in Entwicklungsländern auf der Strecke zu bleiben. Auch in reichen Ländern, also auch in der Schweiz, können solidarische Gesundheitsdienste in Gefahr geraten.
Im Zuge der Gesundheitsreformen weicht der Staat dort, wo er zusammen mit der Zivilgesellschaft vor allem die Gesundheitspolitik definieren sollte und die Regeln und Gesetze für die Gesundheitsarbeit, für Qualitätskontrolle und Preisgestaltung erarbeiten sollte, immer mehr der Zusammenarbeit mit den Privaten aus. Es wäre abzuklären, ob unsere nichtgewinnorientierten, nichtstaatlichen Gesundheitsinstitutionen nicht schon beinahe verschwunden sind. Ihre Stimme ist kaum mehr hörbar, ihre Antwort auf Fragen der heutigen Gesundheitspolitik fehlen zunehmend. Zurück bleibt ein Privatsektor mit einigen exklusiven Kliniken, die sich als „Leading Hospitals of the World“ bezeichnen. Sie bilden eher ein Ghetto in der Landschaft der Gesundheitsdienste und kommen für partnerschaftliche Einbindung unter dem Thema „Health for All“ kaum in Frage.
Kann die neue WHO-Resolution somit auch für unser Land
eine Bedeutung haben?
Es wäre wenigstens zu prüfen, ob der Staat mit all seinen Eigenbetrieben nicht besser täte, nur die Rahmenbedingungen fest zu setzten und mittels Verträgen Abmachungen zu treffen, die mehr Eigeninitiative, mehr Flexibilität und günstigere Kostenergebnisse ermöglichen. Ansätze für eine solche Politik gab es unter dem Stichwort „Leistungsorientierte Krankenhausführung“, bei welcher eine Spitalleitung unabhängig von zentralen Direktiven eines Kantons selbst entscheiden kann, mit welchen Strategien sie ihre Ziele verwirklichen will. Dort wo früher die Gesundheitsbehörde ein Budget mit genau umschriebenen Bedingungen vorgab (input), basiert nach dem Modell der leistungsorientierten Krankenhausführung die Finanzierung auf der Leistung (output). Dies war mindestens ein Ansatz für ein Umdenken und sollte weiter führen zur Überlegung, ob nicht auch im Gesundheitswesen die Gewaltentrennung gelten soll; weg von einer Monopolstellung des Staates hin zu einem Wettbewerb, in welchem auch nichtgewinnorientierte nichtstaatliche Institutionen eine faire Chance erhalten.
Edgar Widmer war bis zu seiner Pensionierung als Chirurg
und Spitalleiter tätig. Er ist Vizepräsident von
Medicus Mundi Schweiz und Vorstandsmitglied bei Medicus Mundi
International. .