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Schaulustige kommen in Scharen in die Alpen, um die globale Erwärmung zu beobachten. Der dramatische Rückgang des Triftgletschers ist die neueste Attraktion.
Seit Anfang Sommer ist die Gletscherlandschaft dank einer neuen Luftseilbahn und einer Hängebrücke besser zugänglich.
Als ich mit weichen Knien mitten auf der Brücke stehe, hoch über dem türkisfarbenen Gletschersee, denke ich darüber nach, wie der amerikanische Showman P. T. Barnum dieses Naturereignis vermarkten würde. Vermutlich würde er, der seinen Zirkus als "die grösste Show auf Erden" angepriesen hatte, heraustrompeten: "Kommt her und schaut euch an, wie einst riesige Gletscher vor euren Augen verschwinden."
"Der Gletscher schmilzt dermassen schnell, dass man fast zusehen kann, wie er den Halt am Felsen verliert, sagt Trifthüttenchef und Brücken-Initiant Walter Brog. Er ist weder ein moderner Branum, noch neigt er zu Übertreibungen. Er musste aber in den letzten zehn Jahren zuschauen, wie sich sein Gletscher mehrere Hundert Meter zurückzog.
Rasanter Rückgang
Vom Gletscher übriggeblieben ist eine dünne Eisschicht an einem steilen Berghang. Das Schmelzwasser bildet einen immer grösser werdenden See, dort wo einst die Gletscherzunge lag.
Bis vor rund fünf Jahren überquerten die Bergsteiger den Gletscher, um auf die andere Seite des Tals und zur Trifthütte zu gelangen.
Wegen des Dahinschmelzen des Gletschers wurde der Zugang zur Hütte immer beschwerlicher, so dass dem Hüttenchef Brog die Idee kam, über die eisigen Wasser der Schlucht eine Hängebrücke bauen zu lassen.
Länge Hängebrücke Europas
Innert weniger Monate nahm das Projekt Gestalt an, und Schweizer Ingenieure erstellten eine Hängebrücke, wie sie in Nepal Standard sind.
Sie gilt mit ihren 102 Metern als die längste dieser Art in Europa und wurde innert kurzer Zeit zur Attraktion.
Viele Wanderer kommen nur bis zur Brücke, überqueren sie und schiessen ein paar Bilder und bewundern natürlich die Auswirkungen der Klimaerwärmung.
Luftseilbahn und Wasserkraft
Zeitgleich mit der Einweihung der Hängebrücke gaben die lokalen Kraftwerke ihre Transportseilbahn für den Personenverkehr frei, was die Wanderzeit zum Gletscher beträchtlich verkürzte.
Die Luftseilbahn wurde vor rund 50 Jahren gebaut, um Baumaterial in ein Wasserreservoir zu befördern, das einige hundert Meter unterhalb des Gletschers liegt. Dieses Reservoir fängt Wasser des Gletschersees auf, bevor es über eine Strecke von sechs Kilometern in die Wasserkraftwerke geleitet wird.
Laut Ernst Baumberger, Kommunikationschef der Grimselkraftwerke, hat sein Unternehmen dank dem zunehmenden Interesse am dramatischen Rückgang des Triftgletschers die Gelegenheit erhalten, die Vorzüge der Wasserkraft aufzuzeigen.
Natürliche Regulierung
"Die Gletscher in den Alpen schmelzen", erklärt er. "Im Sommer haben wir fast zuviel Wasser, was ein Problem ist. Der Vorteil der Gletscher ist, dass sie Wasser lagern und den Kreislauf regulieren. Wenn die Gletscher verschwinden, kann das Wasser unbehindert hinunterfliessen und im Tal Überschwemmungen verursachen."
"Es ist gut für unser Image, denn wir können der Bevölkerung demonstrieren, wie Wasserkraft in den Berggebieten produziert wird", erklärt Baumberger. "Wasserkraft ist erneuerbar und sauber."
Verhängnisvolle Attraktion
Wollte man die Funktion eines Gletschers ersetzen, müsste man einen Damm bauen, welcher den Wasserfluss technisch regulieren würde, sagt Kraftwerk-Sprecher Baumberger.
Vor diesem Jahr kamen im Sommer lediglich rund 1500 Personen zu Fuss in die hochalpine Gletscherregion. Mit der Eröffnung der Seilbahn, dem unwiderstehlichen Spektakel des schwindenden Gletschers sowie der spektakulären Hängebrücke kommen jetzt jede Woche so viele.
Über globale Erwärmung informieren
Was dem Triftgletscher zu seinem Ruhm verhalf, ist die Geschwindigkeit seines Rückzugs. An seinem Beispiel, so Hüttenchef Brog, könnten die Auswirkungen der globalen Erwärmung veranschaulicht werden.
"Geplant ist auch, den Besuchern Informationen über Gletscherkunde und Geologie zur Verfügung zu stellen und sie für das Problem der Erderwärmung zu sensibilisieren."
Schmilzt der Gletscher weiter, könnte laut Experten im allerschlimmsten Fall ein Ein-Millionen-Kubikmeter-Eisbrocken in den See donnern und eine Flutwelle auslösen. Eine beängstigende Vorstellung, während wir uns mitten auf der Brücke gegen den starken Wind stemmen und sich über den Gipfeln Sturmwolken zusammenziehen.
swissinfo, Dale Bechtel, Triftgletscher
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)
Fakten
Der Besuch des Trift-Gletschers ist als Tageswanderung von Meiringen im Berner Oberland möglich.
Der öffentliche Verkehr bringt einen regelmässig zur Luftseilbahn, die einen in 10 Minuten den Berg hoch bringt.
Danach geht es 1 bis 1,5 Stunden bergaufwärts zur Hängebrücke und zum Gletschersee.
In 20 Minuten kommt man von der Brücke zur Windegg-Hütte, wo man sich verpflegen kann.
Die Trifthütte liegt über dem Gletscher und ist in 3 Stunden über einen steilen, engen Pfad zu erreichen.