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Pop ist der Soundtrack der Zeitgeschichte. Die sozialen Bewegungen der vergangenen 60 Jahre sind ohne die Prägungen durch Pop- und Rockmusik nicht erklärbar: von der Koppelung zwischen Massenkonsum und rebellischer Jugendmusik der 1950er-Jahre über «1968» bis ins Zeitalter der «Retromania» (Simon Reynolds) gehörten Protest und Musik so sehr zusammen, dass das eine nicht ohne das andere vorstellbar war. Vor allem aber stellte Popmusik selbst ein Medium der Vergesellschaftung dar, bestimmte Zugehörigkeiten und Ausgrenzungen, definierte Szenen und Generationen und übersetzte gesellschaftliche Konflikte in Habitus und Sound. Popmusik und ihre Kulturen setzten globale Warenströme in Gang, liessen gemeinsam geteilte Vorstellungen von der Beschaffenheit der Welt entstehen. Kurz: Popmusik ist als soziale, kulturelle und politische Praxis von unüberhörbarer Bedeutung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Obwohl die internationale geschichtswissenschaftliche Forschung der Popmusik inzwischen boomt, liegen für die Schweiz bis heute kaum eigenständige historiografische Arbeiten vor, die über einzelne Anläufe zur Dokumentation des Phänomens Pop, szenespezifische identity politics oder (auto)biografische Mythologisierungen hinausgehen. Hier möchte die traverse. Zeitschrift für Geschichte Pionierarbeit leisten. Erbeten sind Beiträge zu pophistorischen Fragestellungen, welche Pop als Wissens-, Kultur- und Gesellschaftsphänomen in der Schweiz ernst nehmen. Wir möchten unter dem Begriff «Popmusik» keinen bestimmten Musikstil verstehen, sondern ein denkbar breites Feld, in dem das Spiel von kultureller Aneignung, aber auch Abgrenzung und Differenzierung immer schon praktiziert wurde. Popmusik ist also zunächst ein historisches Phänomen. Wie wurde ab Mitte der 1950er-Jahre diese Popmusik (zunächst vor allem als Rock'n'Roll) in der Schweiz rezipiert? Welche Rolle spielte Musik überhaupt konkret in sozialen, politischen Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Wie sahen die Objektkulturen der Popmusik aus, was waren ihre Medien? Oder weiter ausgreifend: Wie und wann verknüpften sich bestimmte Diskurse (zum Beispiel über Sex, Körper, Gender, Drogen) in und mit Pop- und Rockmusik, wie verändern sich Diskurse über Emotionalität in dieser seit jeher stark emotiven Musik? Gab es, wie etwa in der 2014er-Ausstellung Oh yeah! im Museum für Kommunikation in Bern behauptet, eine genuin schweizerische Version von Pop? Dagegen wären Perspektiven ins Spiel zu bringen, die Pop als genuin transnationales Phänomen in den Blick nehmen und nach nationalen, regionalen und lokalen Aneignungen fragen. Zudem kann die Geschichte des Pop in der Schweiz und darüber hinaus Anlass zur Reflexion über historische Narrativität bieten: Kann etwa der Spezifik des Sounds im Pop historiografisch Rechnung getragen werden, ohne unangemessene musikanalytische Kriterien in Anschlag zu bringen oder in ahistorische Kennerposen zu verfallen? Die traverse freut sich über Vorschläge für innovative pophistorische Beiträge in deutscher, französischer und italienischer Sprache.