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«Kontext»: Der wiedergefundene Marcel Proust
Vor 150 Jahren, am 10. Juli 1871, kam in Paris Marcel Proust zur Welt. «Kontext» liest bisher unveröffentlichte Erzählungen, belauscht Proust im Bett und macht sich auf Entdeckungsreise in sein vielseitiges Werk. Monika Schärer moderiert die Sendung.
Vor 150 Jahren, am 10. Juli 1871, kam in Paris Marcel Proust zur Welt. Mit seinem Roman-Zyklus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» hat er eine literarische Ikone geschaffen, für viele ist es der wichtigste Roman des 20. Jahrhunderts. Soeben sind lange verschollene frühe Erzählungen Prousts auf Deutsch herausgekommen, in denen er bemerkenswert offen auch Homosexualität thematisiert. Wie klang Proust, wenn er aus seinem entstehenden Werk vorlas, wie war er im Umgang mit seinen Freunden? Und was für eine Rolle spielen die Künste, namentlich die Musik, für sein Werk? Kontext macht sich auf Entdeckungsreise.
Jean Cocteau über Proust
Von Marcel Proust selbst gibt es keine Aufnahmen. Was es aber gibt, sind Archivaufnahmen von Zeitgenossen, die ihn beschreiben. Zum Beispiel Jean Cocteau: Der berühmte Filmemacher, Schriftsteller und Maler hat Proust 1909 kennengelernt. Da war er zwanzig; Proust 38. Sie waren voneinander hingerissen – und haben sich zerworfen. Fast ein halbes Jahrhundert später, in Aufnahmen von 1950 und 1960, erinnert Cocteau sich an Proust, wie er zu Hause im Bett arbeitete wie Kapitän Nemo in der «Nautilus» und bei Lesungen in schallendes Gelächter ausbrach, und ahmt ihn nach.
Neues aus Prousts Giftschrank
Im Herbst 2019 geriet die Proust-Gemeinde in Ekstase, als neun unbekannte Erzählungen auftauchten. Der Dichter hatte die Frühwerke weder veröffentlichen noch vernichten wollen, da sie bemerkenswert offen die Homosexualität thematisieren. Also schlummerten sie in seinem Giftschrank, bis seine Erben die Texte dem Proust-Gelehrten Bernard de Fallois für Forschungen zur Verfügung stellten. Nach dessen Tod 2018 kam der Schatz zufällig zum Vorschein. Nun sind die neu entdeckten Erzählwerke unter dem Titel «Der geheimnisvolle Briefschreiber» auf Deutsch erschienen.
Proust und die Musik
Eine eminente Rolle in Prousts Roman-Zyklus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» spielt die Musik. Zum Beispiel eine Sonate des fiktiven Komponisten Vinteuil, deren «kleine Phrase» die Romanfigur Charles Swann stets aufs neue an seine grosse Liebe Odette de Crécy erinnert. Ein Leitmotiv, ein Erinnerungsmotiv – und schon sind wir mitten in musikalischen Strukturen bei Proust. Wie «musikalisch» schrieb Proust? Welche Rolle kommt seiner Beziehung zum Komponisten und Sänger Reynaldo Hahn zu? Und wie stand Proust zum Kitsch in der Musik? Ein Gespräch mit dem Proust-Kenner Albert Gier.
Ausstrahlung: Freitag, 9. Juli 2021, 09.02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur