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«Rocky» kam 1976 in die Kinos. Eine Geschichte über Mut, Willen und den Glauben, alles erreichen zu können. Die Geschichte des Underdogs, an den niemand glaubt. Doch er kämpft und siegt.
«Rocky» spiegelt das Leben Sylvester Stallones. Denn das Leben des heutigen Superstars war anno 1976 alles andere als einfach. Stallone beginnt in der Gosse, kurz vor der Selbstaufgabe und am Rande der Kriminalität, und endet an der Weltspitze.
Dies ist seine Geschichte.
Geboren wird Sylvester Gardenzio Stallone 1946 in New York als Sohn einer italoamerikanischen Familie. Bei der Geburt treten Komplikationen auf, die den Einsatz zweier Geburtszangen nötig machen. Die Zangen verursachen eine Nervenschädigung. Stallones untere, linke Gesichtshälfte bleibt gelähmt. Lehrer und Freunde raten ihm von einer Schauspielkarriere ab.
Sein Vater, Friseur, muss schon früh den ursprünglich italienischen Familiennamen «Staglione» anglisieren, um nicht mit Mitgliedern der New Yorker Unterwelt verwechselt zu werden. Die Mutter, Astrologin, steckt den plattfüssigen Stallone im Alter von vier Jahren in eine Steptanzschule. Im Jahr 1955 lassen sich seine Eltern scheiden.
Aufgewachsen ist Stallone in einem Vorort von Philadelphia. Wegen seinen miserablen Schulnoten verdonnert ihn seine Mutter im Alter von 16 Jahren zu einem Sommerjob in ihrem eigenen Schönheitssalon. Kaum volljährig, feiert Stallone erste Erfolge als Football-Spieler und wird zwei Jahre lang am American College of Switzerland in Leysin (VD) ausgebildet. Zurück in den USA schreibt er sich an der Universität von Miami ein und versucht sich als Autor.
Drehbücher schreiben kann er. Trotzdem verlässt Stallone im Alter von 24 Jahren, noch vor seinem Abschluss, die Universität. Er will Schauspieler werden. Diese Entscheidung treibt ihn beinahe in den finanziellen Ruin und in die Kriminalität.
Von purer Verzweiflung und Geldnot getrieben nimmt Stallone 1970 seine erste Hauptrolle im Soft-Porno «The Party at Kitty and Stud’s» an. Dort spielt er Stud, übersetzt «Deckhengst». Der Name seiner Partnerin Kitty kann übrigens mit «Kätzchen» übersetzt werden. In manchen Ländern wird der Film unter dem Namen «The Italian Stallion» vertrieben – ein Name, den Stallone in «Rocky» wieder aufgreift.
Der Trailer zum Soft-Porno erschiem im Jahr 1970.
Die Dreharbeiten zu «The Party at Kitty and Stud's» dauern zwei Tage. Stallones Gage: 400 Dollar. Zu wenig. Einige Wochen zuvor ist seine Wohnung geräumt worden, weil er die Miete nicht bezahlen konnte. Er hat über drei Wochen auf der Strasse gelebt, an der Bushaltestelle der Hafenbehörde New Yorks, ehe er dort eine Ausschreibung für die Rolle im Soft-Porno sieht. Jahre später wird er in der September-Ausgabe des Playboy-Magazins sagen:
Ich war am verhungern. Ich war am Ende. Menschen tun Dinge, die sie nie tun würden, wenn sie hungrig sind. Für mich hiess es: Entweder das, oder ich raube jemanden aus.Sylvester Stallone, Playboy-Magazin, September 1976
Anno 1972 hat sich seine Situation nicht gebessert. Im Gegenteil. Er ist 26 Jahre alt, pleite, besitzt zwei Hosen, die kaum passen, Schuhe mit Löchern und Träume, die «so weit weg sind wie die Sonne».
Aber ich hatte Butkus, meinen Hund, mein bester Freund und Vertrauter, der immer über meine Witze lachte und meine Stimmungen ertrug. Er war das einzige Lebewesen, das mich so liebte, wie ich war.Sylvester Stallone, Instagram, März 2017
Kurz darauf ist er gezwungen, Butkus für nur 50 Dollar zu verkaufen, weil er sich das Hundefutter nicht mehr leisten kann. Dafür steht er tagelang vor einem Alkohol-Laden, bis jemand einwilligt, ihm den Hund abzukaufen.
Stallone ist am Ende.
Szenenwechsel: Im März 1975 findet der Titelkampf zwischen Chuck Wepner und Muhammad Ali statt. Wepner ist ein Niemand, der unheimlich viel einstecken kann. Seine Kämpfe beendet er meistens mit blutigem Gesicht. Er ist nicht erfolgreich, aber dank seinem Kampfeswillen beliebt. So beliebt sogar, dass er einen Titelkampf gegen Ali zugesprochen bekommt.
Die Welt ist sich sicher, dass Wepner keine drei Runden durchhält. Wepner aber geht neun Wochen lang in Isolation und trainiert. Im Kampf gegen Ali kann er sich zur grossen Überraschung aller behaupten: In der neunten Runde landet er einen Volltreffer in die Rippen der Legende. Der Schiri muss Ali sogar anzählen. Hat der Nobody gerade den Weltmeister geschlagen?
Minute 4:50. Der Moment, in dem Ali erst zum dritten Mal in seiner Karriere einen «Knockdown» erleidet – gegen einen Nobody.
Ali rafft sich auf, als der Schiedsrichter die Zahl 7 ruft. Der Kampf geht weiter. Wepner verliert – in der fünfzehnten und letzten Runde, durch technisches K.O. Er hat zwar eine Niederlage mehr eingesteckt, aber er ist erhobenen Hauptes und aus eigener Kraft aus dem Ring gegangen. Wepner wird über Nacht zum Star, und zum Sieger der Herzen.
Stallone sitzt beim denkwürdigen Kampf im Publikum. Der Kampf inspiriert ihn so sehr, dass er drei Tage später das fertige Drehbuch zu «Rocky» abliefert. Im Wesentlichen hat er die Namen Muhammad Ali mit Apollo Creed und Chuck Wepner mit Rocky Balboa ausgetauscht.
Stallone versucht, das Drehbuch an Studios zu verkaufen, mit ihm in der Hauptrolle. Fürs Drehbuch werden ihm 125 000 Dollar von United Artists angeboten, aber mit Burt Reynolds oder Robert Redford in der Hauptrolle.
Stallone lehnt trotz Geldsorgen ab. Er will die Hauptrolle unbedingt selbst spielen. Das Studio erhöht sein Angebot auf 325 000 Dollar. Der Italoamerikaner bleibt hart und lehnt wieder ab.
Das Studio gibt klein bei. Allerdings nur unter einer Bedingung: Als Entlohnung muss Stallone eine Summe von 35 000 Dollar akzeptieren. Stallone ist einverstanden, schafft es aber noch, eine Beteiligung von zehn Prozent des Einspielergebnisses auszuhandeln.
Endlich wendet sich das Blatt. Für Stallone gibt es nur noch eine offene Wunde. Direkt nach der Vertragsunterzeichnung – und noch vor Drehbeginn – spürt er den Fremden auf, dem er einst seinen Hund verkauft hatte. Er kauft Butkus für einen Betrag von 3000 Dollar zurück. Anschliessend wird der Film mit einem Budget von nur einer Million Dollar in 28 Tagen gedreht – zusammen mit Butkus, der es in den Film schafft.
«Rocky» wird ein Meilenstein der Filmgeschichte. Er hat über 225 Millionen Dollar eingespielt. Der Film wird für zehn Oscars nominiert, darunter zweimal Stallone in den Kategorien «Bester Schauspieler» und «Bestes Drehbuch». Gewonnen hat «Rocky» in den Kategorien «Bester Film», «Beste Regie» und «Bester Schnitt». Fast vierzig Jahre später sollte Stallone wieder für den Oscar nominiert werden. Dieses Mal als «Bester Nebendarsteller» im Film «Creed». Natürlich in seiner Rolle als Rocky Balboa.
Eine Szene bleibt der ganzen westlichen Kultur im kollektiven Gedächtnis: Rocky, der im grauen Trainingsanzug die Treppen zu Philadelphias Museum of Art hochrennt. Im Hintergrund Bill Contis Titelmelodie. Oben angekommen streckt er die Fäuste in den Himmel – es ist der Höhepunkt seines Trainings. Für Teil drei der Filmreihe wird eine Rocky-Statue in Lebensgrösse gebaut. Nach den Dreharbeiten sollte sie wieder abgebaut werden. Das liessen die Bewohner der Stadt nicht zu.
Rocky gehört zu Philadelphia. Philadelphia gehört zu Rocky.
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