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Beim Pferdekauf sowie bei der Auswahl von Zuchttieren ist Vorsicht geboten. Darum ist Vorsorgen besser als Nachsehen. Entsprechend wichtig ist die Erforschung solcher Krankheiten. In einer mehrteiligen Serie im «Bulletin» werden einige der häufigeren Krankheiten näher beschrieben, die beim Pferd eine erbliche Komponente haben. Im zweiten Teil dieser Serie geht es um das Equine Sarkoid.
Es wächst und wächst … Pferdebesitzer, die schon mit Sarkoiden zu tun hatten, wissen: Diese Geschwüre können hartnäckig sein, zum Teil sogar sehr hartnäckig. Das Equine Sarkoid ist der häufigste Tumor beim Pferd. Er beschränkt sich nur auf die Haut und breitet sich nicht in die inneren Organe aus. Betroffen sind in der Regel eher jüngere Pferde, aber auch ältere Pferde können zum Teil schwer betroffen sein. Dabei scheinen unter anderem fehlende oder mangelhafte Abwehrmechanismen des Immunsystems, welche genetisch verankert sind und dementsprechend weitervererbt werden können, eine wichtige Rolle zu spielen.
Sarkoide haben unterschiedliche Erscheinungsformen und werden in verschiedene Typen eingeteilt. Sie führen normalerweise nicht zu lebensbedrohlichen Zuständen, können aber schwerwiegende Komplikationen mit sich bringen und die Lebensqualität und Nutzung eines Pferdes stark beeinträchtigen.
Die Pferde selbst scheinen sich meist wenig bis gar nicht an ihren «Warzen» zu stören. Sehr unangenehm kann die Erkrankung allerdings für den Besitzer sein. Einerseits werden die Sarkoide als unansehnlich empfunden, andererseits kann der Gebrauch des Pferdes eingeschränkt bis sogar verunmöglicht werden, so zum Beispiel bei Tumoren in der Sattel- oder Gurtlage oder im Gesicht, wo es mit dem Zaumzeug interferiert.
Typische Erscheinungsbilder von Sarkoiden:
- Flache Zubildungen mit leicht krustiger Oberfläche – okkulte Form.
- Leicht über die Haut hervortretende, meist mit glatter, haarloser Oberfläche ausgebildete, warzenartige Zubildungen – verruköse Form.
- In der Unterhaut liegende, knotige Tumore – noduläre Form.
- Wucherungen mit meist ulzerierter/blutiger Oberfläche, die teilweise ein blumenkohlartiges Erscheinungsbild haben können.
- Am häufigsten sind Sarkoide an der Vorderbrust, im Achselbereich oder im Schenkelspalt, aber auch am Kopf und Hals anzutreffen.
- Betroffen sind eher jüngere Pferde; allerdings ist bekannt, dass es auch bei älteren Tieren plötzlich zu einer Vermehrung der Tumore kommen kann.
Ursache
- Genetisch verankerte (erbliche) Komponente, welche sich durch ein für Sarkoide «empfängliches» Immunsystem kennzeichnet.
- Die Beteiligung vom Kuh-Warzen-Virus, dem bovinen Papillomavirus, welches höchstwahrscheinlich von Insekten übertragen wird, wird immer wieder in den Zusammenhang mit Sarkoiden gebracht. Welche Rolle genau dieses Virus bei der Entstehung von Sarkoiden hat, bleibt jedoch vorläufig ungeklärt.
Behandlung
Die Behandlung von Sarkoiden erweist sich häufig als schwierig, und es ist immer mit Rückfällen (sogenannten Rezidiven) zu rechnen. Die derzeitigen Behandlungsmethoden richten sich nach Anzahl, Grösse, Wachstumsverhalten und Ausdehnung, der Form, der Lokalisation sowie der Abgrenzung des Tumors bzw. der Tumore.
Einerseits kann man die Geschwüre chirurgisch entfernen entweder durch Wegschneiden, Gefrieren oder mithilfe eines Lasers. Andererseits werden im Rahmen der konservativen Therapien heute vor allem lokale Medikamente in Form von Lösungen oder Salben verwendet. Basis der Inhaltsstoffe sind derzeit hauptsächlich Zytostatika, also Stoffe, die das Zellwachstum hemmen. Eine sehr effektive, aber für den equinen Patienten nur selten zugängliche Therapieform wäre die Strahlenbehandlung (mit radioaktiven Implantaten).
Immer häufiger wird auch eine ganzheitliche Bekämpfung der Tumorkrankheit versucht. Mit diesen Therapien wird beabsichtigt, die körpereigene Immunabwehr zu stimulieren und so auf die «entarteten» Hautbereiche aufmerksam zu werden. So zum Beispiel mittels Thuja in homöopathischer Dosierung oder mittels Mistelpräparaten. Ausser für die Therapie mit Mistelpräparaten gibt es aber keine wissenschaftlichen Daten dazu.
Prognose
Sarkoide sind für das Pferd nicht direkt lebensbedrohlich, die Prognose für eine Heilung ist jedoch je nach Lokalisation unterschiedlich, so z. B. an den Gliedmassen eher schlecht, da die Rückfallrate nach dem Herausschneiden gross ist. Sarkoide können dann rasch zu einem medizinischen Problem werden, wenn das Tumorwachstum zu mechanischen Behinderungen führt oder durch die chronisch ulzerierte Oberfläche und Insektenbefall zu dauerhaften, eitrigen Infektionen führt.
Neben einem eigentlichen hygienischen oder ästhetischen Problem kann durch solche Sarkoide rasch auch die Nutzung eingeschränkt werden, z. B. bei einem Sarkoid in Gurtlage. Zusätzlich führen Sarkoide aus diesen Gründen auch immer zu einer Wertverminderung des Pferdes und erschweren den Verkauf von betroffenen Pferden teilweise enorm.
Züchterische Bedeutung
Es scheint, dass ein beachtlicher Prozentsatz (bei den Schweizer Pferderassen 15 Prozent und mehr) der Pferde die Veranlagung aufweist, an Sarkoiden zu erkranken. Allerdings bedeutet der Befall einer Stute oder eines Hengstes nicht zwingend, dass diese «Empfänglichkeit für Sarkoide» an die Nachkommen weitervererbt wird. Ein automatischer Ausschluss von befallenen Zuchttieren erscheint somit derzeit nicht sinnvoll. Sarkoide werden bei Zuchttieren, sofern der Befall nicht hochgradig ausgeprägt ist, generell in Kauf genommen.
Nicole Basieux und Christoph Koch ISME
Das Institut suisse de médecine équine ISME
Das Institut suisse de médecine équine ISME betreut und behandelt Pferde und andere Equiden an zwei Standorten: Pferdeklinik Bern und Clinique Avenches. Neben Dienstleistungen für alle Pferdehalter hat sich das ISME auch diversen Forschungsthemen verschrieben.
Mehr Informationen finden Sie unter www.ismequine.ch.
Serie über Erbkrankheiten
Diese mehrteilige Serie über Erbkrankheiten beim Sportpferd wird in Zusammenarbeit mit dem Institut suisse de médecine équine ISME sowie mit dem Zuchtverband CH Sportpferde ZVCH publiziert.
Bereits erschienen im «Bulletin» 03/15: Teil 1: Einleitung und allergisch bedingtes Sommerekzem