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|Mary&Max, oder – Schrumpfen Schafe, wenn es regnet

Land: Australien
Regie: Adam Elliot
Drehbuch:Adam Elliot
Stimmen: Toni Collette, Philip Seymour Hoffman, Barry Humphries, Eric Bana, Bethany Whitmore, u.a.
Kamera: Gerald Thompson
Schnitt: Bill Murphy
Musik: Dale Cornelius
Laufzeit: 92 Minuten
Kinostart: 05.11.2009
Verleih: Pathé Films
Weitere Infos bei IMDB
Brieffreundschaft im Club der Aussenseiter
von Sarah Stutte
Kommen Babys nun aus Eiern, die wahlweise von Prostituierten oder Nonnen gelegt werden, sprudeln sie aus Coladosen oder findet man sie auf dem Grund von Biergläsern? Diese und weitere grundlegende Fragen des Lebens, behandeln eine kleine Australierin und ihr 44-jähriger amerikanischer Brieffreund.
Mary Daisy Dinkle ist ein achtjähriges Mädchen aus Melbourne, aufgeweckt, liebenswert – und trotzdem einsam. Sommersprossen, eine übergrosse Brille und vor allem ein fleckiges Muttermal auf der Stirn, machen der Kleinen in der Schule zu schaffen. Zuhause sieht es auch nicht besser aus. Papa Noel arbeitet tagsüber in einer Fabrik und befestigt Schnüre an Earl-Grey Teebeuteln, in seiner Freizeit sitzt er in der Scheune und stopft tote Vögel aus, die er auf der Autobahn gefunden hat. Mama Vera ist ständig betrunken, raucht wie ein Schlot und klaut wie ein Rabe. Weil diese meint, Mary sei schon ein Unfall gewesen, gibt’s auch keine Geschwister. Ihre einzigen Freunde sind nur ihr etwas wirrer Hahn Ethel und die Noblets, Zeichentrickfiguren aus einer Serie, die sie selbst gebastelt hat. Bei so viel Elend flüchtet sich Mary verständlicherweise in Tagträume und stellt sich vor, wie sie als Erwachsene einen Schotten namens Earl Grey heiratet, weil ihr der Name so gut gefällt. Mit Kind, Kegel und Hund Kevin lebt sie dann auf einem Schloss. Bis dahin isst sie Schokolade, schlürft süsse Kondensmilch oder schaut nach, was ihr Stimmungsring ihr heute so zu sagen hat. Weil sie das alles auf die Dauer nicht glücklich macht, reisst sie auf der Post, während ihre Mutter sich mal wieder etwas „borgt“, eine zufällig gewählte Adresse aus dem New Yorker Telefonbuch und schreibt, zuhause angekommen, an diese einen Brief.
Der Empfänger ist Max Horovitz (Stimme: Philip Seymour Hoffman), ein kauziger 44-jähriger Autist, der sich als Seelenverwandter entpuppt, da er selbst ein grosser Fan von Schokolade und den Noblets ist. Wegen seiner Sucht nach Süssem besucht er Anonyme-Vielesser-Treffen, die er aber nicht nur deshalb nicht mag, weil sie ihm die Schokoladen-Hotdogs verbieten, sondern weil er Menschen an sich meidet. Zuhause lebt er nur mit einem Fisch namens Henry, der in der ungefähr achten Ausgabe vorkommt, denn die Henrys davor schmiss Max versehentlich aus dem Fenster oder grillte sie auf dem Toaster. Als Max Marys Brief erhält, stiert er erst mal für Stunden vor sich hin, denn neue Situationen bedeuten enormen Stress für ihn. Dann aber entscheidet er sich, ihr zurück zu schreiben. Über 20 Jahre hält diese wundervoll skurrile, immer herzerfrischende Brieffreundschaft an und vermittelt in ihren schönsten und ihren traurigsten Momenten eine wohlige Wärme. Wir erfahren, dass Max im Lotto gewinnt und sich davon einen Riesenvorrat an Schokoladen-Hotdogs kauft. Wir erleben mit, wie Mary (Stimme als Erwachsene: Toni Collette) einen Griechen heiratet, der aber leider schwul ist und letztendlich zu einem Schafhirten zieht. Und wir sehen, wie Vera Dinkle die Schnapspulle mit der Giftflasche verwechselt und daraufhin das Zeitliche segnet. Das alles wird mit solch einem lakonischen Witz erzählt, der sich in knappen Pointen äussert und die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte tatsächlich so nahe an die Realität bringt, dass es manchmal weh tut.
Denn die Figuren in Adam Elliots erster abendfüllenden Plastilinanimation (2004 erhielt er den Oscar für seinen Animationskurzfilm Harvey Krumpet) sind keine Zeichentrickhelden aus einem heilen Disneyfilm, sondern Geschöpfe, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Trotz ihrer Schwächen, oder gerade deswegen, wachsen sie uns ans Herz. Vielleicht, weil wir uns selbst ein bisschen in ihnen wiedererkennen, denn irgendein Päckchen trägt schliesslich jeder von uns. Doch auch wenn der Film eigentlich eine todtraurige Geschichte erzählt und diese in grauen und schwarzen Farben wiedergegeben wird, ist man in keinem Augenblick deprimiert. Denn neben dem tragik-komischen Humor, der vor allem durch die kindliche Naivität von Mary getragen wird (und Elliot ist es hoch anzurechnen, dass er diesen speziellen Blick auf die Welt so glaubwürdig umsetzen konnte), bezieht der Film seinen Charme auch aus der Tatsache, dass die Figuren niemals den Widerständen nachgeben, sondern immer versuchen, das Beste aus ihren jeweiligen Lebensumständen herauszuholen. Da haben wir zum Beispiel Marys Nachbarn, der im Rollstuhl sitzt und sich seit Jahren nicht mehr aus dem Haus traut. Nachdem es Mary jedoch schlecht geht, weil sie sich mit Max gestritten hat, überwindet er seine Furcht und klopft an ihre Tür. Als Stilmittel, das diese ureigene Hoffnung auf bestimmte Glücksmomente wiederspiegelt, bedient sich Elliot immer einem roten Element, das aus der Tristesse hervorsticht. Mal ist es Marys Haarspange, dann sind es die Blumen ihres schwulen Ehemanns, der Lippenstift von Vera oder der Puschel an Max’ Hut. Überhaupt ist alles liebevoll bis ins kleinste Detail animiert. Die Häuser in der Strasse, in der Mary wohnt. Die Wäsche auf der Leine. Max Schreibmaschine. An und in diesem Film gibt es wirklich überhaupt nichts Schlechtes zu finden. Ein warmherziges, ehrliches Kinojuwel. Und ein riesengrosser Konkurrent von Up im Rennen um den nächsten Animationsoscar.