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M.A. in Economics der Universität Zürich, Praktikant bei iconomix.
Über viele Jahre hinweg trafen mehrere Bündner Bauunternehmen heimlich Absprachen bei der Vergabe von Aufträgen der öffentlichen Hand. Anstatt im Wettbewerb gegeneinander zu konkurrieren, machte jeweils nur ein Kartell-Mitglied ein ernsthaftes Angebot, während die anderen Kartell-Mitstreiter überteuerte Schein-Offerten abgaben. Auf diese Weise bestimmten sie, wer zu welchem Preis den Auftrag bekam (Aufgedeckt hatte den Fall das Online Magazin Republik).
Ende März 2018 wurde dieser Praktik ein Riegel vorgeschoben. Die Wettbewerbskommission (WeKo) veröffentlichte einen 300-seitigen Bericht, in dem sie die geheimen Machenschaften des Unterengadiner Baugewerbes offenlegte. Ungefähr 400 öffentliche Ausschreibungen mit einem Gesamtvolumen von über 100 Millionen Franken waren heimlich abgesprochen worden. Die WeKo stellte an sieben Unternehmen Bussen in der Höhe von insgesamt 7,5 Millionen Franken aus.
Die Umgehung des Wettbewerbs führt zu überhöhten Preisen und schadet dadurch in erster Linie dem Auftraggeber. In vielen Fällen ist es der Staat und betrifft damit auch den Steuerzahler. Des Weiteren führen Kartelle tendenziell zu Ineffizienzen und fehlenden Innovationsanreizen: Eine Firma muss nicht mehr unbedingt effizient und innovativ sein, sofern sie über die richtigen Beziehungen verfügt.
Kartelle historisch betrachtet
Früher wurden Kartelle weniger negativ wahrgenommen, weiss Walter A. Stoffel, ehemaliger Präsident der WeKo und Professor für Wirtschafts- und Privatrecht an der Universität Freiburg (Schweiz). Im Gegensatz zu heute, sah man in Kartellen durchaus auch Vorteile auf politischer Ebene, die es gegen die Nachteile auf wirtschaftlicher Ebene abzuwägen galt.
Walter A. Stoffel erklärt diesen Punkt anhand des Tabakkartells in den 1960er und 1970er Jahren. Damals beabsichtigte der Detailhändler Denner einen hohen Rabatt auf Zigaretten zu gewähren, was aber von der Kartellkommission und dem Bundesgericht mit der folgenden Begründung unterbunden wurde: Durch das Wegfallen des Kartells würden die Preise für Tabak sinken, was für die Konsumenten einen Vorteil darstellt. Kleine Verkaufsstellen wie Kioske sind aber auf hohe Preise beim Tabak angewiesen, weil sie dort vergleichsweise hohe Margen haben und damit die niedrigen Margen bei anderen Produkten, wie zum Beispiel Zeitschriften, kompensieren können. Zeitschriften sind wichtig für die politische Meinungsbildung. Deswegen ist es von Vorteil, das Tabakkartell aufrechtzuerhalten.
Diese Art der Begründung mag aus heutiger Sicht weit hergeholt und seltsam erscheinen. Es zeigt aber: Entscheidungsträger waren lange Zeit bereit, gewissen Akteuren (zum Beispiel Kiosken) auf Kosten des Wettbewerbs Vorteile einzuräumen. Über Jahre hinweg wurden viele Kartelle mit der Begründung aufrechterhalten, kleine Unternehmen zu schützen, indem man ihnen eigene Absatzgebiete und damit höhere Margen erlaubte (siehe auch Bierkartell).
Laut Stoffel brachte erst das Jahr 1995 den Paradigmenwechsel, als zum ersten Mal der Wettbewerb als Koordinationsmechanismus der Wirtschaft verankert wurde. Seither stellt eine Behinderung des Wettbewerbs eine Gesetzesverletzung dar und es findet keine Abwägung gegenüber anderen Faktoren mehr statt.
Die Natur von Netzwerken
Auch wenn sich die Einstellung zum Wettbewerb in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat und wirtschaftliche Karrieren nicht mehr mit militärischen Karrieren einhergehen müssen, haben Netzwerke auch heute noch eine starke Tendenz zu verfilzen.
Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, forscht im Bereich sozialer Netzwerke und sagt, dass die Grenzen zwischen einem «gesunden» Netzwerk und «ungesunden» Verfilzungen fliessend sind. Laut Rost gehe es in jedem Beziehungsgeflecht um eine Form der Reziprozität: Wie du mir, so ich dir. Das können kleine, harmlose Gefälligkeiten sein, wie das Blumengiessen für den Nachbarn, aber eben auch Ämter, Jobs oder Verwaltungsratsmandate.
Rost betrachtet Stabilität und Vertrauen als zwei wichtige Faktoren, die verfilzte Netzwerke attraktiv erscheinen lassen. Man könne sich in der Gemeinschaft gegenseitig helfen und vielleicht füreinander einstehen. Nach innen hin sei das Netzwerk weniger korruptionsanfällig. Es existiere eine wechselseitige Kontrolle und das Vertrauen ins Gegenüber sei sehr gross.
Die 2004 eingeführte Kronzeugenregelung ist ein erfolgreiches Mittel, um Kartelle von innen heraus zu Fall zu bringen, indem es unter anderem das Vertrauen zwischen den Kartell-Mitgliedern untergräbt. Aber wie lässt sich ein Kartell überführen, wenn sich seine Mitglieder gegenseitig decken?
Mittels Statistik gegen Kartelle
Resultate glaubwürdig zu fälschen, ist oft viel schwieriger als man denkt. Die menschliche Intuition spielt uns gerne einen Streich und Daten, die wir für «zufällig» bzw. glaubwürdig halten, enthalten oft verborgene Muster, die den Betrüger entlarven (siehe auch Benfordsches Gesetz).
Eine Analyse der WeKo über ein Tessiner Strassenbaukartell hat zum Beispiel ergeben, dass die Varianzen in der Kartellperiode 1999-2005 signifikant und systematisch tiefer waren als vor und nach der Kartellphase. Offensichtlich ist es den Kartell-Mitgliedern nicht gelungen, ihr früheres Bietverhalten (als sie noch keine Kartell-Mitglieder waren) glaubwürdig nachzuahmen.
Da mit der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft auch die zur Verfügung stehenden Datenmengen ansteigen, werden in Zukunft wohl immer mehr Algorithmen zur Betrugsbekämpfung eingesetzt. Eine frühere Erkennung von illegalen Preisabsprachen hätte im Fall der Bündner Bauunternehmen den verursachten Schaden erheblich verringert.
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