Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03215.jsonl.gz/934

Zur Höhenmedizin haben wir Dr. med. Anna Giulia Brunello, Stv. Chefärztin Intensivmedizin am KSGR, befragt.
Wenn man über längere Zeit auf einer Höhe lebt, wo ein tieferer Luftdruck und somit ein tieferer Sauerstoff-Partialdruck herrscht, muss sich der körperliche Stoffwechsel, um funktionstüchtig zu bleiben, anpassen. Das geschieht auf verschiedene Weisen: die eine ist eine unmittelbare Anpassung, die sogenannte Akklimatisation. Diese geschieht auf zwei Wegen: eine rasche innerhalb von Stunden und eine langsamere über Tage bis Wochen.
Wenn man auf eine schnelle Art und Weise in die Höhe geht, z. B. mit einer Bergbahn, wird man feststellen, dass es zu einer gewissen Atemnot kommt. Das erste Akklimatisationszeichen ist dann, dass man schneller atmet, der Puls schneller geht und die körperliche Leistung abnimmt.
Dann gibt es noch eine langsame Anpassung, bei der verschiedene Prozesse im Körper in Gang gesetzt werden. Zur Aufrechthaltung der Organfunktionen braucht der Körper Sauerstoff. Wenn auf einmal weniger davon zur Verfügung steht, versucht der Körper das Sauerstoff-Angebot zu verbessern.
Ein Prozess davon ist beispielsweise die Anpassung des Blutes. Die roten Blutkörperchen sind dafür zuständig, Sauerstoff in die Organe zu transportieren. Sie werden im Knochenmark produziert. In der Höhe bekommt das Knochenmark die Information, dass es mehr rote Blutkörperchen produzieren soll. Bis dieser Vorgang angelaufen ist, dauert es ca. zwei Wochen.
Das Hormon, das das Knochenmark stimuliert, heisst Erythropoetin (EPO). EPO wird oft als Dopingmittel zum Zweck der Leistungssteigerung missbraucht, die Anwendung ist daher bei Spitzensportlern verboten. Darum hat man auch das Gefühl eines Doping-Effektes, wenn man nach längerer Zeit in der Höhe (mehr als zehn Tage) wieder ins Tal kommt. Der Körper arbeitet dann immer noch mit dem höheren Sauerstofftransport. Die Muskulatur bekommt für die gleiche Anstrengung auf einmal viel mehr Sauerstoff und dadurch wird die Leistung bedeutend besser. Das spürt man merkbar. Dieser Effekt dauert bis zu 120 Tage an – denn so alt werden die roten Blutkörperchen, bevor sie sich wieder erneuern.
Wenn man in dieser Zeit wieder in die Höhe geht, hat man es dort einfacher. Eine Akklimatisierung im Sinne von einer erneuten Knochenmark-Stimulation, wie beim ersten Erreichen der Höhe, ist sozusagen nicht mehr nötig, da die Anzahl der roten Blutkörperchen bereits hoch genug ist.
Grundsätzlich hat es, nach vollständiger Akklimatisation und bei gesunden Menschen, keine negativen Auswirkungen auf den Körper, wenn man sich längere Zeit auf einer Höhe bis 5‘500 m ü. M. aufhält, lebt oder arbeitet. Ein permanenter Aufenthalt oberhalb dieser Höhe führt hingegen zu einem fortschreitenden körperlichen Abbau. Es gibt keine Erholungsmöglichkeiten mehr. Eine Höhe von über 7‘000-8‘000 m ü. M. gilt als „Todeszone“ – hier sind nur sehr kurzfristige Anpassungen des Körpers möglich.
Die trockene Luft, die starke Sonneneinwirkung, das mangelnde Durstgefühl mit möglicher Dehydratation, die Schlaf- und Verdauungsstörungen sind häufige Probleme, die die Freude an einem Aufenthalt in der Höhe verderben können.
Es gibt typische Krankheiten, die in der Höhe entstehen können:
- Akute Höhenkrankheit (AMS): Leitsymptom Kopfschmerz, plus: Müdigkeit, Schwindel, allgemeine Schwäche, Übelkeit mit Appetitlosigkeit, Schlafstörungen
- Höhenhirnödem (HACE): stellt das extreme Stadium der AMS dar. Es zeigen sich hier stärkste Kopfschmerzen, die schmerzmittelresistent sind. Lähmungen, Bewegungsstörungen, Halluzinationen bis hin zum Koma.
- Höhenlungenödem (HAPE): ausgeprägter Leistungsverlust, akute Atemnot, Reizhusten, sogenannte Raschelgeräusche beim Atmen (bedingt durch Wasser auf der Lunge), Zyanose (Blaufärbung von Lippen und Schleimhaut durch verringerten Sauerstoffgehalt)
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass mindestens ein Drittel der Bergsteiger, die auf über 4‘000 m ü. M. steigen, unter Kopfschmerzen leiden. Meistens hat dies keine krankhafte Bedeutung, man redet dann von einer milden AMS. Ein Hirnödem ist in unserer Alpenregion zum Glück ein seltenes Krankheitsbild. Bereits ab einer Höhe von 1‘800 m können Bergsteiger hingegen ein Lungenödem bekommen.
Bei beiden Krankheitsbildern entsteht eine krankhafte Reaktion auf den Sauerstoffmangel in der Höhe mit vermehrter Ansammlung von Flüssigkeit zwischen oder in den Lungen oder den Hirnzellen.
Die Behandlung ist in beiden Fällen sehr ähnlich: der Patient muss so rasch wie möglich in tiefere Lagen evakuiert werden und Sauerstoff erhalten. Sobald der Patient mit Sauerstoff versorgt oder wieder in eine tiefere Höhenlage gebracht wird, werden die Symptome schwächer und verschwinden wieder. Doch können beide Krankheiten, wenn sie nicht behandelt werden, zum Tod führen – was in extremen Höhen nicht selten der Fall ist. Das Risiko, an einem erneuten Lungenödem zu erkranken, ist bei einer erneuten Höhenexposition grösser.
Auf dem Jungfraujoch sind Sauerstoffflaschen verfügbar und die Bewohner sind mit den obigen Krankheitsbildern vertraut. Viele Besucher fühlen sich dort oben einfach nicht wohl. Durch die Schnelligkeit, mit der man in die Höhe geht, z. B. durch Bergbahnen, ist das Risiko erhöht, an einer Höhenkrankheit zu erkranken. Wenn man aus eigener Kraft in die Höhe steigt und sich an die Empfehlungen hält, akklimatisiert sich der Körper allmählich und mit weniger Risiken.
Im ersten Teil des Blogbeitrags finden Sie ein Interview mit Christine und Ruedi Käser, die auf der Forschungsstation auf dem Jungfraujoch über 3'000 m ü. M. arbeiten.
www.hfsjg.ch – Hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch und Gornergrat
www.bergzeit.ch – Höhenkrankheit: Symptome erkennen und behandeln
www.beobachter.ch – Lungenödem
„Gebirgs- und Outdoomedizin – Erste Hilfe, Rettung und Gesundheut unterwegs" – AG Brunello, M. Walliser, U. Hefti, SAC Verlag-Bern, 2. Deutsche Auflage 2012