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Wir wissen spätestens seit zwei Wochen, dass es nicht ganz einfach ist, eine Serie für alle zufriedenstellend zu beenden. Wobei die finale Episode von «Game of Thrones» schon vor der Ausstrahlung eigentlich keine Chance hatte – die ganze Staffel wurde bereits verabscheut. Im Zuge dieser Debatte wollen wir zurückschauen auf vergangene Serien und uns überlegen, welche Enden uns vollends überzeugt haben.
In der internen Debatte zeigte sich, dass es nicht viele dieser ‹perfekten Finale› gibt. Im Allgemeinen gelten die HBO-Flaggschiffe «Six Feet Under» (2001–2005) und «The Sopranos» (1999–2007) sowie die jüngeren Drama-Serien «The Leftovers» (HBO, 2014–2017) und «The Americans» (FX, 2013–2018) als besonders überzeugende Beispiele, ebenso die älteren Comedy-Formate «M*A*S*H» (CBS, 1972–1983), «The Mary Tyler Moore Show» (CBS, 1970–1977) und «Newhart» (CBS, 1982–1990). Als besonders negativ – oder zumindest polarisierend – gelten Klassiker wie «Lost» (ABC, 2004–2010), «Seinfeld» (NBC, 1989–1998), «How I Met Your Mother» (CBS, 2005–2014) oder «Dexter» (Showtime, 2006–2013).
Dass es keine Formel gibt, wie eine Serie optimal beendet werden kann, zeigt sich schon daran, dass gerade «Six Feet Under» und «The Sopranos» eine komplett gegensätzliche Strategie gewählt haben: der perfekte Epilog mit melancholischer Musik und einem Flash-Forward auf der einen Seite und der abrupte, mehr Fragen stellende als aufklärende Schnitt auf der anderen Seite – beides funktioniert. Hier folgen nun die Lieblingsserienenden der Maximum-Cinema-Redaktion.
«Six Feet Under» (HBO, 2001–2005)
«Six Feet Under» war Anfang des 21. Jahrhunderts eines der grossen TV-Phänomene im amerikanischen Fernsehen. Die hochaktuelle, emotionale, überspitzte, aufgedrehte und melodramatische Familiensaga beginnt mit dem Ableben des Bestattungsunternehmers Nathaniel Fisher (Richard Jenkins). Er hinterlässt eine depressive Ehefrau (Frances Conroy), zwei Söhne (Peter Krause, Michael C. Hall), die unterschiedlicher nicht sein könnten, und eine rebellische Teenie-Tochter (Lauren Ambrose).
Jede Episode beginnt – ähnlich wie bei Crime-Procedurals wie «Monk» – mit einem Todesfall, wobei hier aber nicht ein Verbrechen aufgeklärt wird, sondern die Person bestattet wird. Der Tod ist allgegenwärtig, nicht nur zu Beginn jeder Episode, sondern auch in den Themen, die über fünf Staffeln behandelt werden. Es ist deshalb mehr als passend, dass die Serie auch mit dem Tod endet.
«Die finalen Minuten von ‹Six Feet Under› sind der perfekte Mix aus Wehmut, Melancholie, Freude und Trauer.»
Als Tochter Claire in den letzten Minuten der Serie das Elternhaus verlässt, fährt sie zu den melancholischen Klängen von Sias «Breathe Me» in eine ungewisse Zukunft. Dabei wird immer weiter in die Zukunft geschaut – und man springt dabei zu den Zeitpunkten, an denen die Hauptfiguren sterben. Die Serie endet damit, dass Claire selber, im Jahr 2085, im Alter von 101 Jahren ihre gesamte Familie überlebt haben wird. Die finalen Minuten sind der perfekte Mix aus Wehmut, Melancholie, Freude und Trauer. Ein regelrechtes Feuerwerk der Gefühle, das befriedigender nicht hätte sein können. (Beitrag von Aurel Graf)
«The Sopranos» (HBO, 1999–2007)
Am 10. Januar 1999 debütierte auf HBO eine TV-Serie um eine italoamerikanische Mafiafamilie in New Jersey und läutete das goldene Serienzeitalter ein: «The Sopranos» war der Beweis, dass Serien komplexe Erzählungen und vielschichtige Figuren bieten konnten. Nach acht Jahren, 21 Emmys und fünf Golden Globes lief am 10. Juni 2007 die letzte Folge, «Made in America». Das Ende löste bei den Fans einen regelrechten Shitstorm aus: Während der ganzen letzten Staffel hatte man sich gefragt, was mit der Hauptfigur Tony Soprano (James Gandolfini) geschehen würde. Landet er im Knast? Gewinnt er den Krieg gegen die New Yorker Mafia-Familie? Wird er, wie viele andere Figuren auch, abgemurkst?
In den letzten Minuten der Episode wartet Tony mit Ehefrau und Sohn in einem Diner auf die Tochter, die draussen einzuparken versucht. Zeitgleich betritt ein Fremder das Restaurant und verschwindet in der Toilette. Als die Klingel an der Eingangstür läutet, sehen wir Tony in Grossaufnahme, wie er den Kopf hebt, und – es folgt ein harter Schnitt auf einen schwarzen Bildschirm. Zehn Sekunden später laufen die Credits über den Bildschirm. WTF?! Viele Zuschauer glaubten, ihr Fernseher oder die TV-Box habe den Geist aufgegeben. Dann folgte der grosse Frust und das Rätselraten: Wurde Tony im Diner erschossen? Lebt er noch? Hat Showrunner David Chase die Fans um ein Ende beschissen?
«20 Jahre nach Erstausstrahlung ist ‹The Sopranos› immer noch ein Musterbeispiel für hochwertige Unterhaltung.»
Chase hat sich bis heute nicht eindeutig zum Ende geäussert und im Internet kursieren viele Interpretationen. Fakt ist: 20 Jahre nach Erstausstrahlung ist «The Sopranos» immer noch ein Musterbeispiel für hochwertige Unterhaltung. (Mehr zum nachhaltigen Einfluss der Serie in diesem Video.) (Beitrag von Dario Pollice)
«Futurama» (Fox/Comedy Central, 1999–2003/2008–2013)
Eine Serie stimmig zu beenden, ist schwer. Eine Serie viermal stimmig zu beenden, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Aber genau dieses Kunststück ist «Futurama», der animierten Science-Fiction-Sitcom der «Simpsons»-Veteranen Matt Groening und David X. Cohen, gelungen.
Anders als die «Simpsons», deren Platz im Fox-Jahresprogramm seit 1989 unangefochten ist, hatte «Futurama» immer wieder erbitterte Sendezeit-Konflikte auszutragen, was 2003, nach vier Staffeln, dann auch zur ersten Absetzung führte. Doch Comedy Central erkannte, dass die Geschichte des ewigen Verlierers Philip J. Fry, den es in der Silvesternacht 1999 ins 31. Jahrhundert verschlägt und der sich dort mit der Zyklopin Leela und dem kleptomanischen Sauf-Roboter Bender anfreundet, noch nicht zu Ende erzählt war: 2008 wurden vier abendfüllende Direct-to-DVD-Filme abgesegnet; danach folgten zwei letzte Staffeln. Und jedes Mal hatten Groening, Cohen und Co. das passende Ende bereit.
Als bei Fox Schluss war, legte man mit dem Staffelfinale «The Devil’s Hands Are Idle Playthings» eine der besten Episoden überhaupt vor: ein Musical, in dem Fry einen faustischen Pakt mit dem Roboterteufel (gesprochen von Dan «Homer Simpson» Castellaneta) eingeht und die Liebe zwischen ihm und Leela einen zarten (vorläufigen) Höhepunkt findet.
Als der letzte der Comedy-Central-Filme («Into the Wild Green Yonder») Premiere feierte, war noch nicht klar, ob es weitergehen würde. Also musste auch hier ein Finale her: Fry, Leela, Bender und ihre Freunde vom intergalaktischen Lieferdienst Planet Express sind nach unzähligen Irrungen und Wirrungen endlich wieder vereint und brechen auf zu einem Flug ins Ungewisse – eine melancholische Liebeserklärung sowohl an die Figuren als auch ans Science-Fiction-Genre.
Doch auch am Ende der ersten neuen Staffel war das Fortbestehen von «Futurama» noch keine ausgemachte Sache, weshalb auch «Overclockwise» als Serienfinale hätte dienen können/müssen: Hier upgradet sich Bender zu einem gottgleichen Supercomputer, der Fry und Leela ihre Zukunft als Paar zeigt. Das Brillante daran: Die Inhalte dieser Prophezeiung bleiben dem Publikum vorenthalten; die einzigen Anhaltspunkte sind die Gesichtsausdrücke der beiden.
Unter diesen Umständen hätte ein enttäuschendes endgültiges (?) Ende der Serie nicht überrascht. Doch «Meanwhile», das Finale der siebten und letzten Staffel, steht seinen Vorgängern in nichts nach. Ein absurder Anti-Zeitreise-Plot führt dazu, dass Leela und Fry allein auf der Erde zurückbleiben, ein gemeinsames Leben leben, die Chance erhalten, alles auf Anfang zu schalten, und sich – und irgendwie auch dem Publikum – somit schliesslich die Frage stellen müssen: «Wanna go around again?» Und darauf gibt es nur eine Antwort. (Beitrag von Alan Mattli)
«Gravity Falls» (Disney Channel/Disney XD, 2012–2014)
«Gravity Falls» ist mit nur zwei Staffeln die mit Abstand kürzeste Serie in dieser Auflistung – und hat wohl gerade deswegen ein so beeindruckend starkes Ende. Denn die Geschichte der Zwillinge Mabel und Dipper, die für einen Sommer zu ihrem mürrischen Onkel Stan in die mysteriösen Wälder Oregons ziehen, hätte zwar durchaus für viele Staffeln weitergezogen werden können – verzichtet allerdings ganz auf unnötiges Füllmaterial und abdriftende Subplots und findet so in ihren letzten Minuten einen runden, berührenden Abschluss.
Die vierteilige Abschiedsepisode mit dem Titel «Weirdmageddon Parts 1–4» ist zuallererst ein surrealistisches Meisterwerk, welches das Animationsmedium in alle Richtungen auslotet und Dalí stolz gemacht hätte: Bill Cipher, das einäugige Dreieckswesen mit Stock und Zylinder, inderdimensionale Monster in allen Formen und Grössen und ein Himmel in schmelzenden Neonfarben – die Apokalypse war selten so visuell überwältigend und einfallsreich absurd erzählt. Allein schon für dieses experimentierfreudige Spektakel, das die Konflikte der vorherigen Episoden atemberaubend ausarten und schliesslich entwirren lässt, verdient die Serie einen Platz auf dieser Liste.
Besonders hervorzuheben sind allerdings auch die letzten Minuten, die in ihrer stillen Einfachheit und Feinfühligkeit einen direkten Kontrast zum vorher Geschehenen bilden: Alle Sommerferien müssen einmal enden, auch jene, in denen man konstant übernatürlichen Kreaturen und dem drohenden Weltuntergang gegenüberstand. Konfrontiert ist man nach einem solchen Sommer mit ganz anderen Problemen, sei es dem Abschiednehmen, dem Aufwachsen oder komplizierten Familienbeziehungen. Und so verabschieden sich die Figuren in einem melancholisch-hoffnungsvollen Ende voneinander und entschwinden in einen ungewissen Alltag jenseits der aufregenden Abenteuer der Serie – genau wie es in einem guten Finale eben sein sollte. (Beitrag von Sara Bucher)
«Crazy Ex-Girlfriend» (The CW, 2015–2019)
«This is a song I wrote» – diesen Satz haben Showrunners Aline Brosh McKenna und Rachel Bloom dem CW Network als letzte Dialogzeile für ein Musical-Comedy-Drama gepitcht, das auf meisterhafte Art und Weise Klamauk mit (selbst)kritischem, feministischem und kreativem Tiefgang verkuppelt. Der Sender hat angebissen, und vier Staffeln später hat die Hauptfigur Rebecca Bunch (Bloom) eine für dieses Genre wirklich beeindruckende Entwicklung durchgemacht – eine Entwicklung, die gerade deswegen so aussergewöhnlich ist, weil der Figur viele Fehler und Rückschläge gegönnt wurden.
«Ein Musical-Comedy-Drama gepitcht, das auf meisterhafte Art und Weise Klamauk mit (selbst)kritischem, feministischem und kreativem Tiefgang verkuppelt.»
Über vier Jahre hinweg hat sich Rebecca selber kennen und schätzen gelernt, hat sich emanzipiert und eingesehen, dass sie die Autorin ihres eigenen (Kopf-)Musicals ist und ihr Schicksal somit in keinerlei Abhängigkeit von ihrem Status als (crazy) «Ex-Girlfriend» oder aktuellem «Girlfriend» – oder irgendeinem Beziehungsstatus überhaupt – steht.
Dass Rachel Bloom als Showrunnerin, Hauptdarstellerin und Komponistin in Personalunion ihre Vision über vier Staffeln konsequent verfolgen und bis zum Schluss durchziehen konnte, ist mindestens genauso beeindruckend wie das Serienfinale an sich. (Beitrag von Laura Walde)