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Wegen seiner fruchtbaren Böden und seiner üppigen Pflanzenvielfalt war Karabach, wie vom Historiker und Ethnographen Kh. Khälilli hervorgehoben, eines der Zentren, in denen sich die Zivilisation entfaltete. Das bezeugen die archäologischen Funde auf den weltweit bekannten prähistorischen Stätten wie Azych und Taglar.
Schon in der Altsteinzeit gab es hier eine dauerhafte Besiedlung. Es entstand eine reiche materielle und geistige Kultur, zu der auch Kleidung und schmuck gehörten.
Die Kleidungskultur entwickelt sich unter dem Einfluss mehrerer Faktoren, wie den natürlichen und geographischen Bedingungen, der wirtschaftlichen Aktivität der Bevölkerung, dem Niveau der sozioökonomischen Entwicklung sowie der sozioökonomischen Vielfalt. Kreativität, Empirischeswissen, Lebenserfahrung sowie handwerkliches Geschick, das von generation zu generation weitergereicht wurde, spielen ebenfalls eine tragende rolle. Das Studium der traditionellen Kleidung und des schmucks liefert umfangreiches Material über die Ethnogenese, die Geschichte des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens innerhalb des Volkes und über die Kontakte zu anderen Völkern.
Die Anfänge einer Kleidungskultur reichen zurück in eine Zeit, die vierzig- bis fünfundzwanzigtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung liegt. In Karabach entwickelte sie sich seit der Zeit der archäologischen Guruchaykultur bis zum erreichen ihres höchsten Niveaus im 19./20. jh.
Die traditionelle Kleidung der Karabach-Bewohner mit ihrer Zuschnitt- und Nähtechnik kann nur im rahmen der allgemein aserbaidschanischen und allgemein kaukasischen Kultur beschrieben werden. Laut Schriftquellen erhob schon im 9. jh. vor unserer Zeitrechnung der assyrische König Aschurnasirpal Tribut von den Bewohnern der Provinz Zamu von Manna (Manna – ein Frühstaat im iranischen aserbaidschan, der vom 9. – 7. jh. bis zur Eroberung durch das Mederreich existierte – anm. d. Übers.) in Form von Kleidungsstücken aus wolle und gefärbter wolle. In dieser Zeit waren die Textilien aus leinen und wolle, oder auch aus seide. „Der Vater der Geschichte“ Herodot, der im 5. jh. vor unserer Zeitrechnung lebte, schrieb über die hochwertigen Stoffe, die in aserbaidschan hergestellt wurden. Er bemerkte, dass die Stoffe mit Farben aus den Blättern von Bäumen gefärbt würden, und die Muster der Stoffe sich durch Langlebigkeit auszeichneten. Der Historiker Elian schrieb, dass die reichen Leute in der albanischen Provinz Kaspiana, Kleider aus Kamelhaar trugen. In Karabach war zu jener Zeit die Kleidungsherstellung ausserordentlich fortschrittlich.
Im Mittelalter entstanden spezialisierte Handwerkszentren und Unterschiedlichste Stoffarten wurden mit gemalten Motiven künstlerisch gestaltet.
Diese Stoffe können heute in den grossen Museen der welt bestaunt werden. Die Herstellung der Stoffe und deren Verarbeitung zu Kleidungsstücken konzentrierte sich auf die Städte, deren Anzahl und Grösse im mittelalterlichen aserbaidschan stetig zunahm.vom 7. bis 9. jh., wie arabische Autoren bezeugen, wurden in Barda seidene vorhänge und gemusterte Kleider aus verschiedenen Stoffen hergestellt und in benachbarte und entfernte Länder exportiert. In dieser Periode erlebte Barda eine Blütezeit, sie war die grösste Stadt Karabachs und ein wichtiges Handelszentrum des nahen Ostens. Eine Zeitlang wurde Barda auch die Hauptstadt des Kaukasischen Albania und später das Zentrum der nördlichen Provinzen des arabischen Kalifats.
All dies hat die Kleidungskultur Karabachs beeinflusst, die sich kontinuierlich weiter entwickelte. In der Zeit der Khanate und als verschiedene Regionen Aserbaidschans dazu tendierten, sich abzusondern, auch Karabach, kam es zum teil zu einer Wiederbelebung der Landwirtschaft und des Handwerks. Es entstanden Handwerksbetriebeund Handwerkszentren wie Schuscha. Die Handelsbeziehungen mit anderen Ländern des Ostens und des Westens entwickelten sich immer weiter. All dies führte zu einer zusätzlichen Bereicherung der aserbaidschanischen traditionellen Kleidung, zur Verbesserung der Qualität, zur expansion und zur Massenproduktion der Kleidung infolge der Zunahme der Werkstätten, in denen Bekleidung hergestellt wurde.
Die Hauptstädte der aserbaidschanischen Khanate wie Nachitschewan, Eriwan, Schuscha, Schäki und Schamachy wurden zu wichtigen handels- und Handwerkszentren, die sich vor allem auf die Herstellung der Stoffe und der Bekleidung konzentrierten.
Im 18. jh. wurden elemente der europäischen trachten in die einzelnen Formen der aserbaidschanischen Volkskostüme aufgenommen. So verdrängten die europäischen geometrischen, floralen und linearen Muster allmählich die mittelalterlichen, gemalten Linien auf den einheimischen Kostümen. In der Folge Entwickelte sich Karabach weitaus schneller als die meisten anderen Regionen Aserbaidschans. So war es eines der ersten gebiete in aserbaidschan, in dem fremdartige Einfluss ein der Bekleidung Ausdruck fanden.
Zur gleichen Zeit schufen die Textilhändler, die Meister der Mustergestaltung, die Posamenten-Meister und andere Handwerker, die mit der Herstellung der Stoffe betraut waren, sowie professionelle Schneider, die auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen konnten, immer wieder neue arten von Kleidungsstücken und Stoffen. Diese zeichneten sich durch ihre Buntheit und Formvollendung aus. Der ethnographischen Forschung zufolge spielte Karabach im laufe der Geschichte eine führende rolle bei der Entstehung der aserbaidschanischen Kleidungskultur. In dieser region wurden die meisten Formen traditioneller Volkskleidung gefertigt. Der herausragende aserbaidschanische dichter des 18. jh. Molla Pänah Vagif, der dem Khan Karabachs als Wesir diente, beschrieb in seinen gedichten voller Bewunderung die Volkskostüme und den schmuck jener Zeit.
Obwohl die traditionellen Volkskostüme Karabachs im laufe des ganzen Mittelalters durch die neuen elemente bereichert wurden, verlor man nicht die historische Verbindung: ihre namen, ihren stil, das Farbenspektrum, die Zuschnitt- und Nähtechnik haben sieim 19. und bis zu Beginn des 20. jh. ohne grosse Veränderungen beibehalten. Nach der Entwicklung der industriellen Produktion (der Herstellung, Be- und Verarbeitung der Baumwollstoffe) war schuscha, die Hauptstadt Karabachs, ein ebenso anerkanntes Zentrum wie Gändschä, Schamakhy, Ordubad und Nachitschewan. Im Jahr 1829 waren in der Stadt 28 Werkstätten für die Ausarbeitung von Nesselstoffen in Betrieb, in denen auf 80 Werkbänken pro Jahr 8.000 Nesselstoff-Ballen in jeweils Zehn-Arschyn-Rollen (Arschyn, eine Masseinheit, entsprechend 0, 71 m – Anmerk. d. Übers.) gewebt wurden. In dieser Zeit entwickelte sich in Schuscha zusätzlich die Produktion von Wollstoffen in einem bemerkenswerten umfang. In Schuscha sowie in den Bezirken Dschäbrajyl und Dschawanschir konzentrierte sich die Produktion von seide, die gegen ende des 19. jh. noch eine technologische Erneuerung erlebt hatte. Im Jahr 1889 wurde auf der landwirtschaftlichen Ausstellung in Tiflis der Manufaktur-Seidenstoff aus Karabach mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Im oben genannten Zeitraum stellte man hier auch die Stoffarten Mow, Darai, Ganaus, Tschargat, Äloyschä und andere Seidenstoffe her, die äusserst beliebt waren.
Auch in der Herstellung von Mützen, Schuhen und Mänteln war Karabach im 19 jh. von Bedeutung. Im Jahr 1860 waren in Schusha 84 Mützenmacher tätig. In dieser Stadt gab es 1848 insgesamt 84 Schuhmacher, 1860 waren es noch 75, 1879 nur noch 54 Schuhmacher. Von 57 Schuhgeschäften gehörten 31 den aserbaidschanern.
Im 19. jh. wuchs die Stadt Schuscha, die handels- und Handwerkszentrum Karabachs war ausserordentlich schnell. durch das rasche Bevölkerungswachstum stieg die Zahl der Handwerker in der Stadt von 451 im Jahr 1848 auf 1.604 im Jahr 1901 an.
Das Volkskostüm Karabachs wurde noch in den 30er Jahren bis in die 50er Jahre des 20. jh. hineingetragen; danach konnte man es in den Museen bewundern. Im 19. und Anfang des 20. jh. erlebte die traditionelle Kleidung Karabachs die letzte stufe ihrer Vervollkommnung. wie es bei allen traditionellen Kostümen der Brauch ist ,gab es auch in Karabach für Männer, Frauen und Kinder jeweils eine eigene Tracht. Darüber hinaus trug man unterschiedliche Nationalkostüme zu unterschiedlichen Anlässen: es gab zu Hochzeiten, Beerdigungen, Gästeempfängen und zu den Feiertagen kleidete man sich in die entsprechende Tracht; zudem gab es alltägliche, professionelle, saisonale, oder konfessionelle Bekleidung.
Dr. Habil. F.I. VALIYEV, Historiker
Dr. G. S. ABDULOVA, Historikerin
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