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Seit einem halben Jahrhundert gibt es bei den Schweizer Eisenbahnen nur noch zwei Klassen. Im Juni 1956 verschwand die Klasse der Luxuspassagiere.
Die tiefste Klasse, die so genannte "Holzklasse", blieb bestehen, wurde aber von der 3. zur 2. Klasse "befördert".
Der Internationale Eisenbahnverband UIC hatte schon 1953 in Neapel die Vereinheitlichung der Bahnklassen auf zwei beschlossen. Dies nachdem unter anderen Deutschland, Belgien und die Niederlande vorangegangen waren.
Ausgerechnet die italienische Staatsbahn aber meldete Widerstand an und blieb noch eine Weile dreiklassig. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) sahen sich im Sandwich zwischen Frankreich, Deutschland und Österreich gezwungen, dem Trend zu folgen.
Die Schweizer Privatbahnen, die in der UIC nicht vertreten waren, meldeten jedoch Bedenken an. Vor allem im touristischen Verkehr seien erhebliche Einnahmenausfälle zu erwarten, argumentierten sie. Schliesslich folgten sie aber vollumfänglich der Umstellung.
Hoher Aufwand, verschwindender Ertrag
Für die Abschaffung der Luxusklasse sprach vor allem der hohe Aufwand, der bei bescheidenem Erfolg zu erbringen war, wie der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) in einer Mitteilung in Erinnerung ruft.
Die Erstklasspassagiere hatten bis 1955 bei den SBB lediglich 1,5% zu den Verkehrserträgen beigetragen. Bei den Privatbahnen waren es mit 0,6% gar noch weniger.
Allerdings führten nur noch Express- und Schnellzüge im Umstellungsjahr alle drei Wagenklassen. Ausserdem waren die Kunden der damaligen VIP-Klasse offensichtlich dabei, auf das Auto umzusteigen.
Generalstabsmässig vorbereitet
Die Umstellung war perfekt organisiert. Im Frühjahr 1956 wurden die Emailtäfelchen mit den 3.-Klasszeichen abgeschraubt und darunter eine Zwei hingemalt. Dann wurden die alten Schildchen wieder aufgeschraubt.
In der Nacht auf den 3. Juni mussten dann beim Gros der damals rollenden 4854 Personenwagen und 546 Triebwagen der Schweizer Bahnen nur noch die alten Emailschildchen entfernt werden.
Imagegewinn
Die Abschaffung der im Volk äusserst unpopulären VIP-Klasse brachte den Bahnen einen Imagegewinn. Nachfrage und Erträge wuchsen weiter wie vor der Umstellung. Auch bei der Verteilung der Passagiere auf die Klassen änderte sich nichts. 1955 waren 88% aller Bahnpassagiere auf den harten Holzbänken der 3. Klasse unterwegs.
1957 waren die Holzbänke mit "2. Klasse" angeschrieben, und es fuhren immer noch 88% weiter naturnah, aber hart. Für immer verschwanden jedoch die so seltenen gelben Billette der alten 1. Klasse. Ab 1956 waren die Kartonbillette nur noch in Grün für die neue 1. Klasse und in Braun für die neue 2. Klasse zu haben.
swissinfo und Agenturen
Fakten
Bis 1956 verfügten die Bahnen in der Schweiz über drei Klassen:
1. Klasse für Luxuspassagiere.
2. Klasse für Mittelstand.
3. Klasse für weniger Vermögende oder Sparsame.
Fast 90% der demokratiebewussten Schweizerinnen und Schweizer fuhren bis dahin 3. Klasse.
Seither gibt es nur noch zwei Klassen:
1. Klasse für komfortables Reisen.
2. Klasse für bequemes Reisen.
Seit Dezember 2005 sind die Züge der SBB rauchfrei.
In Kürze
Bis zur Verbreitung des Automobils war die Eisenbahn öffentliches Verkehrsmittel Nummer 1.
Die Eisenbahn war auch wichtiger Motor des Tourismus in der Schweiz.
Bahnlinien wurden teils so angelegt, damit Passagiere möglichst spektakuläre Ausblicke auf die Landschafts-Kulisse werfen konnten (z.B. Bernina-Strecke der Rhätischen Bahn).
Um den Gesellschaftsschichten ein möglichst ungestörtes Reisen zu ermöglichen, wurden die Passagiere in verschiedene Klassen eingeteilt.
Von den Passagieren in der Luxusklasse erhofften sich die Bahnunternehmen einen höheren Profit.