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musik
Bilder: Johs Boe
«Ich könnte nicht ohne die Ruhe der Natur leben»
M&T: Truls Mørk, alle Cellisten singen das Klagelied vom fehlenden grossen romantischen Cellokonzert. Welche Strophe tragen Sie dazu bei?
Truls Mørk: Ich singe mit. Es ist wirklich eine Schande. Die meisten Komponisten waren hervorragende Pianisten. So ist es kein Wunder, dass es jede Menge hervorragende und hervorragend geschriebene Klavierkonzerte gibt. Und andere Komponisten waren einigermassen passable Geiger oder hatten mindestens tiefer gehende Kenntnisse der Violine. Aber keiner der grossen Komponisten war Cellist. Fast keiner, Schumann ist der einzige, und das ist auch der Grund, warum er sein Cellokonzert schrieb, zu einer Zeit, als niemand auch nur daran dachte für dieses Instrument ein Solokonzert zu komponieren.
M&T: Liegt es nur daran, dass die Komponisten das Instrument nicht beherrschten?
Truls Mørk: Keiner der romantischen Komponisten glaubte an das Cello als Soloinstrument. Es wurde als Bassinstrument betrachtet, als das Fundament in der Kammermusik und im Orchester. Das Cello mischt sich hervorragend mit den anderen Instrumenten, deswegen haben bis ins 20. Jahrhundert die Komponisten daran gezweifelt, dass es sich als Soloinstrument behaupten könnte. Selbst Tschaikwosky, als er für ein Konzert beauftragt wurde, hat mit den «Rokoko-Variationen» ein leichteres Stück geschrieben, weil auch er nicht daran glaubte, dass das Cello durch das Orchester hindurch kommen könnte. So klafft eine riesige Lücke zwischen Schumann und Dvorák.
M&T: Das Dvorák-Konzert immerhin rettet ein wenig die Cello-Ehre.
Truls Mørk: Das Dvorák-Konzert ist wirklich das einzige grosse Cellokonzert der Romantik, ein Stück, das einem Brahms-Violinkonzert oder einem Tschaikowsky-Klavierkonzert vergleichbar wäre. Sogar Elgar, als er 1890 sein Cellokonzert schrieb, hatte andere Ideen und schrieb ein eher rhapsodisches, kammermusikalisches Konzert. Immerhin haben wir noch das Doppelkonzert von Brahms, dafür sind ihm alle Cellisten ewig dankbar. Brahms hörte als alter Mann das Dvorák-Konzert, und er soll danach gesagt haben, wenn er gewusst hätte, dass das möglich ist, dann hätte er schon längst ein Cellokonzert versucht. Aber da war es zu spät.
M&T: Was ist mit Saint-Saëns?
Truls Mørk: Auch das ist leichtere Musik von zwanzig Minuten Dauer, ziemlich an der Oberfläche.
M&T: Also bleibt das 20. Jahrhundert: Da immerhin gibt es grandiose Stücke, die Sie auch eingespielt haben: Miaskowski, Schostakowitsch, Dutilleux, Prokofjew.
Truls Mørk: Im 20. Jahrhundert haben wir wunderbare Stücke. Das Konzert von Miaskowski etwa ist wirklich grossartig, ein enorm expressives Stück mit einer sehr russischen, melancholischen Stimmung. Wäre es dreissig Jahre früher komponiert worden, würde es wahrscheinlich öfter gespielt. Es verdiente einen prominenteren Platz im Repertoire.
M&T: Haben sich die Cellokonzerte von Schostakowitsch, Lutoslawski, Penderecki oder Prokofjew unterdessen durchgesetzt beim Publikum und bei den Konzertveranstaltern?
Truls Mørk: Ja, ich denke schon. Sie werden mehr und mehr gespielt. Es sind zentrale Pfeiler des Repertoires geworden. Und ich glaube, es ist auch für das Publikum heute sehr interessant, diese Werke zu hören. Ich denke, dass der grösste Teil nicht mehr fern bleibt, wenn solche Musik auf dem Programm steht. Wir brauchen Komponisten, die es schaffen, die grosse Distanz zwischen der sogenannten Neuen Musik und dem Publikum zu überbrücken. Musik hören ist für mich, und ich denke auch für die allermeisten Leute, das Nacherleben von Emotionen und Erinnerungen, die bereits in mir drin sind. Musik hören bringt uns in Situationen, in denen wir ähnliche Emotionen gefühlt haben, und das macht das Erlebnis aus. Wenn Musik das nicht schafft, dann sitzt man da und denkt vielleicht «Interessant» oder «nett konstruiert» oder «gut orchestriert», aber ein Erlebnis, eine Berührung, findet nicht statt. Jeder hat seinen musikalischen Katalog in sich, und die Neue Musik hat sich von diesem Katalog meilenweit entfernt. Das Publikum ist durchaus bereit, seinen Katalog zu erweitern und dafür auch viel Zeit zu investieren, aber man muss irgendwo anknüpfen können am vorhandenen Fundus.
M&T: Sie haben auch immer wieder ganz neue Musik und Uraufführungen gespielt. Wo finden Sie die Szene persönlich am interessantesten?
Truls Mørk: Ich kann alles interessant finden, von neoromantischer bis zu extrem avantgardistischer Musik. Wenn es einen inneren Grund gibt, wie ein Stück aufgebaut ist, kann ich das als Interpret auch durchschauen. Ich rede den Komponisten auch nie ins Handwerk: Sie sollen ihre Ideen frei ausführen, und ich versuche dann, den passenden Klang dazu zu erfinden.
M&T: Können Sie sich wenigstens mit der Kammermusik der Romantik über das Fehlen eines grossen Konzerts hinwegtrösten?
Truls Mørk: Ja, und es ist für jeden Cellisten natürlich essenziell, diese wunderbaren Werke zu spielen. Es ist nicht denkbar, wie es manche Pianisten oder Geiger tun, fast nur Konzerte zu spielen. Die Kammermusik gehört wesentlich zum Konzertleben eines Cellisten dazu. Und nicht nur die Sonaten, auch grösser besetzte Werke, die Trios, Quartette, Quintette. Etwas vom schönsten in der Kammermusik ist, dass man im Gegensatz zu einem Solokonzert, das in den Proben mehr oder weniger fixiert wird, noch intuitiv musizieren kann. Jeder kann auf die anderen reagieren, und so ergibt sich eine sehr schöne Atmosphäre von Konzentration und Reaktion, mit vielen Überraschungen und spontanen Ideen.
M&T: Vielseitigkeit ist eine Eigenschaft, die heute auch von den Solisten mehr und mehr verlangt wird, dass sie zum Beispiel fähig sind, Bach oder Haydn stilistisch anders zu spielen als Dvorák und Tschaikowsky.
Truls Mørk: Ich höre die Ensembles und Musiker, die sich mit den historischen Spieltechniken auseinandergesetzt haben, wirklich sehr gerne. Sie haben sehr viel für unser Musikverständnis getan. Was das Cello betrifft, so denke ich, dass die Unterschiede zwischen dem Barockcello und dem modernen Cello gar nicht so gross sind, wie viele denken. Gut, der Bassbalken ist länger und der Steg höher, das ergibt ein wenig mehr Druck mit dem man spielen kann, und natürlich hat man die Stahl- statt der Darmsaiten. Das heisst für mich, dass die Unterschiede nicht hauptsächlich durch das Instrument selber ausgemacht werden, sondern dass es der Spieler ist, der sich mit Artikulationen, Klangfarben, Bogentechniken auseinandersetzt. Und das kann ich genauso gut auf einem modernen Cello, das ironischerweise ja oft ein altes ist, im Gegensatz zu den Instrumenten aus der Originalklangszene, die oft neu gebaute Kopien sind.
M&T: Und wie weit gehen Sie als Spieler in dieser Beziehung?
Truls Mørk: Es geht mir nicht um Authentizität, dazu liebe ich die reichen Möglichkeiten des modernen Cellos zu sehr, und die will ich auch in einem Haydnkonzert ausspielen: Den vollen Sound, die grösseren Möglichkeiten der Dynamik und der Farben. Heute ist das auch viel offener geworden, jeder kann sich aussuchen, was er von den stilistischen Möglichkeiten nutzen will oder nicht. Ich mag es nicht, wenn von mir erwartet wird, dass ich Bach oder Haydn genau nach den Regeln spiele, und manchmal habe ich das Gefühl, dass es da überall von Barockpolizisten nur so wimmelt, die sagen, was man darf und was nicht. Authentizität ist für mich nur ein Aspekt unter den vielen Dingen die eine Interpretation ausmachen.
M&T: Was ist es, was eine Truls Mørk-Interpretation ausmacht?
Truls Mørk: Das wichtige ist, dass eine Interpretation etwas aussagt und erzählt, dass sie persönlich ist. Generell mag ich die Arbeit an der Klanglichkeit, das stelle ich auch deutlich über das Geläufige und Virtuose. Wenn es nur ein Museum sein soll, dann interessiert es mich nicht. Abgesehen davon ändern sich auch in dieser Szene die Auffassungen sehr rasch: Wenn sie 20 Jahre zurückgehen und hören, wie man damals «authentisch» gespielt hat, dann schütteln sie nur den Kopf. Es hat uns neue Perspektiven geöffnet, und wir können heute diese Möglichkeiten in unsere Interpretationen einbauen, oder auch nicht.
M&T: Sie haben lange gewartet damit, die Solo-Suiten von Bach einzuspielen.
Truls Mørk: Mein Vater war Cellist. Ich habe die Bachsuiten mein ganzes Leben lang gehört. Ich habe sie natürlich auch studiert, ich habe sie nicht sehr oft im Konzert gespielt, weil ich nie so richtig zufrieden war mit meinen Interpretationen. Bach auf dem Cello ist deswegen so schwierig, weil es nicht sehr leicht ist, in den kurzen Noten viel zu sagen, im Gegensatz zum Klavier, und Bach legt eben sehr viel in die kurzen Noten hinein. Ich fühlte mich nie wirklich gut darin. Und deswegen habe ich diese Aufnahme immer weder hinausgeschoben. Und als ich dann wirklich ernsthaft daran ging, mich mit diesem Werk auseinanderzusetzen, habe ich enorm viel gelernt in diesem Prozess.
M&T: Manche Cellisten sagen, jedes Mal, wenn sie die Suiten spielen, machen sie das, was sie beim letzten Mal verpasst haben und verpassen dabei wieder Dinge, die ihnen auch wichtig sind.
Truls Mørk: Im Grunde geht es mir genauso. Man muss so viele Entscheidungen treffen. Und manche Entscheidungen schliessen andere Möglichkeiten aus. Ich bin sicher, dass ich die Suiten in Zukunft auch wieder völlig anders spielen werde, und freue mich auch darauf.
M&T: Fast jeder Cellist hat die Suiten aufgenommen. Haben Sie sich von der einen oder anderen inspirieren lassen?
Truls Mørk: Ich habe sehr viele Aufnahmen gehört. Das Spannende daran ist, dass alle sie ganz verschieden spielten. Eine zentrale Frage betrifft die Gestaltung der Bogenstriche und Bindungen. Sie stammen nicht von Bach selbst, sondern von Anna Magdalena Bach und von anderen und sind teilweise konfus und widersprüchlich. Man muss als Cellist also persönliche Wege suchen. Ich fand es sehr interessant, anderen zuzuhören, und zu sehen, wie und mit welchem Resultat sie diese Dinge entschieden haben.
M&T: Gibt es für solche Fragen Hilfe von der Musikforschung?
Truls Mørk: Die Schulen der Cellotechnik gehen nicht so weit zurück. Die älteste stammt aus den Jahren 1780 oder 1790. Das Cello war ein junges Instrument, man hat noch lange die Gambe als Soloinstrument gespielt. Wenn man annimmt, dass auch einige Bogentechniken von der Gambe auf das Cello gekommen sind, steht man vor weiteren Fragen: Den Bogen der Gambe hat man so gehalten, dass zum Beispiel ein Springbogen nicht möglich wäre. Das entspricht übrigens interessanterweise überhaupt nicht dem, was sogenannt historische Cellisten heute tun.
M&T: Wie sehr haben Sie sich mit den Spielweisen der Barockcellisten beschäftigt?
Truls Mørk: Ich muss sagen, dass ich hauptsächlich von der Musik ausgegangen bin und daraus die natürlichen Bewegungen und Klangfarben gesucht habe. Ich habe ein bisschen mit dem Barock-Cello experimentiert, aber ich habe mich entschlossen, ein modernes Instrument zu verwenden. Der Unterschied ist nicht so gross, wie viele immer denken. Ich glaube, dass mein Cello viele Möglichkeiten bietet, und ich meine Absichten sehr gut darauf verwirklichen kann. Mein Cello, ein Montagnani, stammt von 1723, das ist gerade ungefähr die Zeit, als Bach diese Suiten komponierte. Der Bassbalken ist verstärkt, der Knick im Hals ist stärker, das bewirkt, dass die Töne länger klingen als auf dem barocken Instrument. Solche Dinge kann man kompensieren beim Spielen.
M&T: Hat diese Aufnahme Sie inspiriert, weitere barocke Musik zu spielen?
Truls Mørk: Ja, Carl Philipp Emanuel Bach. Er ist einer meiner Lieblingskomponisten, seine Musik ist so dramatisch und voller schneller Stimmungswechsel. Ich finde darin viele Ähnlichkeiten zu Robert Schumann. Bach sagte, ich will meine persönlichen Gefühle in der Musik ausdrücken. Das ist eine sehr romantische Aussage, und ziemlich revolutionär für diese Zeit.
M&T: Ihre Einspielung mit «Les Violons du Roi» überzeugt auch durch eine ungemein vielseitige Darstellung der melodischen Linien.
Truls Mørk: Ich finde, ein gleichmässiges Vibrato nimmt das Leben aus der Musik. Nur weil die Noten verbunden sind, heisst das noch lange nicht, dass sie auch alle gleich klingen müssen. Manche Noten sind wichtiger als andere und verdienen deshalb eine besondere Behandlung in Klangfarbe und Intensität. Ich nenne das «melodisches Vibrato».
M&T: Sie kommen aus dem Norden. Denken Sie, dass die nordischen Landschaften, das Klima, das Licht, die Mentalität, sich in Ihrem Zugang zu klassischer Musik niederschlagen?
Truls Mørk: Ich weiss es nicht wirklich. Ich kann das ja nicht von aussen betrachten. Ich sehe die klassische Musik eigentlich schon als ziemlich international an. Und die Schönheiten der Natur gibt es überall. Die Natur ist für mich sehr wichtig, ich könnte nicht ohne diese Ruhe und unbeschreibliche Energie des Friedens leben. Das gehört natürlich auch zu dem vorhin angesprochenen Fundus an Erinnerungen und Erfahrungen, die jeder mit sich herumschleppt. ■