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Sitzkissen, Grosskonzerne und Matratzenkomfort
Lina Schmid
Das ehemalige Schriftdesign der Firma Robusta. (Foto: Daniel Spehr, 2020)
Vom Rosshaar über das Schaumstoffkissen zur Schaumstoffmatratze
Bis in die 1950er-Jahre war die Matratzenherstellung Teil des Tapezierhandwerks. In einem aufwendigen Verfahren wurden Naturfasern wie Rosshaar in Polsterbezüge eingearbeitet, kapitoniert – das Polstermaterial wird dabei mittels Knöpfen stabilisiert – und bei Bedarf aufgefrischt. Die Tapezierer bezogen ihre Ware bei Handelsunternehmen, die das Rosshaar zuvor selbst bearbeitet oder bei Spinnereien zugekauft hatten. 1927 gründete Jules Westheimer ein derart ausgerichtetes Handelsunternehmen. Anfangs als Jules Westheimer AG, später unter dem Namen Robusta AG belieferte die Firma die Tapezierer der Region. 1935 stieg Hans Koller in die Firma mit ein, wurde kurz darauf Direktor und Mehrheitsaktionär und leitete den Betrieb in der Folge über ein halbes Jahrhundert lang.
Für die Rosshaarmatratzen verwendeten Tapezierer entweder das reine Mähnenhaar bzw. Schweifhaar von Pferden oder sogenanntes Halbhaar – ein Gemisch von Tierhaaren. (Bilder: Josef Roos, Leitfaden für das Tapezierhandwerk. Rottach-Egern 1960)
Als die Matratzenherstellung ab den 1950er-Jahren industrialisiert wurde, kam es bei Robusta zu einer Umstrukturierung: weg vom reinen Handel und hin zur eigenständigen Matratzenherstellung. Zu diesem Zweck liess Koller 1955 an der Frankfurt-Strasse 90 auf einem 30 m breiten und 130 m langen Geländestreifen eine Produktionshalle erbauen. Die industriell angefertigten Federkern- und Schaumstoffmatratzen galten bald als komfortabler und formbeständiger als die Rosshaarmatratzen, und sie waren in der Herstellung weniger aufwendig und deshalb kostengünstiger. Das Aufkommen des Schaumstoffs prägte die Schweizer Matratzenbranche nachhaltig.
Die Produktionshalle wurde durch die Architekten Martin H. Burckhardt und Karl August Burckhardt erbaut. Um 1955/56. (Fotografie © Burckhardt+Partner AG)
An die Halle schliesst ein kleines Bürogebäude mit Personalkantine und Garage an. (Fotografie © Burckhardt+Partner AG)
Welche neuen Möglichkeiten die Verarbeitung von Schaumstoff bot, hatte Jean-Paul Wicky, heutiger CEO der Robusta AG, bereits als Kind erfahren. Seine Mutter begann zuerst im Wohnzimmer, mit zunehmendem Erfolg in der Scheune mit der Herstellung von Schaumstoffkissen. Als das kleine Geschäft rasch Fahrt aufnahm, wurde das Angebot um Strandmatten erweitert und schliesslich die eigene Matratzenfirma Wifor gegründet. Kaum hatte der jugendliche Wicky den Führerschein erworben, verbrachte er seine Sommerferien damit, Matratzen von Hésingue aus im ganzen Elsass zu vertreiben. Insbesondere Ferienheime waren an den günstigen Wifor-Matratzen interessiert.
Seit den 80er-Jahren gelten Schaumstoffkerne in der Schweiz als die qualitativ hochwertigsten Matratzenkerne. Die Robusta verkauft heute sowohl Schaumstoffmatratzen als auch Federkern- und andere Matratzen. (Foto: Daniel Spehr 2020)
Mit dem Aufkommen grosser Möbelgeschäfte in den 1980er-Jahren kam es zu einer Zusammenarbeit von Wifor mit IKEA, aus der Wohnzimmermanufaktur wurde ein Unternehmen mit 240 Angestellten. Nach seiner Ausbildung zum Buchhalter stieg Wicky in den Familienbetrieb ein. Er führte die Firma erfolgreich, bis sie 1992 an den Grossinvestor Merkur Holding AG, die spätere Valora Holding AG, verkauft wurde. Wicky wechselte zusammen mit der Wifor zu einem Zeitpunkt zur Merkur AG, als diese ihre Geschäftsaktivitäten erweiterte und diversifizierte: Zu den Kaffeeröstereien, Confiserien und Selecta-Verkaufsautomaten kam neu das Matratzengeschäft. Bereits 1988 hatte sich die Merkur AG mit dem Erwerb der erfolgreichen Matratzenfirma Bico als wichtiger Player in der Branche positioniert.
Neue Eigentümer für die Robusta
Beim Besitzerwechsel der Bico wirkte der damalige Mergers & Acquisitions-Berater Beat Haemmerli mit. Haemmerli war nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre 1988 bei der heutigen Credit Suisse in das M&A-Geschäft eingetreten. Im Rahmen seines ersten Mandats beriet er die Eigentümer der Bico beim Verkauf der Firma, was zu seiner Expertise im Matratzengeschäft führte. Felix Schiess, zuvor Verkaufsleiter Kaffee bei Merkur, übernahm die Geschäftsführung der neuen Merkur-Tochter. Hier trafen sich die beiden Männer zum ersten Mal; zusammen mit Wicky würden sie zwölf Jahre später die Robusta AG übernehmen. Anders als Wicky, der, wie er selbst sagt, Tag und Nacht Matratzen geatmet, gesehen und von Matratzen geträumt hatte, waren weder Haemmerli noch Schiess zuvor mit der Produktionsseite der Matratzenwelt in Berührung gekommen. Neben Bico und Wifor kaufte Merkur in den 1990er-Jahren zahlreiche andere Matratzenfirmen auf. Zwar wuchsen die Umsätze des Handels- und Dienstleistungskonzerns mit jeder Akquisition, doch fehlte es an einer nachhaltigen Strategie. Schiess und sein damaliger Mitarbeiter Wicky erkannten diesen Missstand und waren deshalb auf der Suche nach einem neuen Tätigkeitsfeld.
Ein Werbeplakat der Matratzenfirma Robusta AG aus dem Jahr 1947. Gestaltet hat den schlafenden Mann, der später zu einem Zwerg wird, der Plakatkünstler und Grafiker Donald Brun. (Plakatsammlung SfG Basel)
Das Plakat wurde sowohl für den französischen als auch den Deutschschweizer Sprachraum gestaltet. Während der Himmel auf der deutschsprachigen Reklame grün ist, wird er für die Romandie blau. (Plakatsammlung SfG Basel)
Zurück zur Robusta AG: Schiess kannte Anton Fritschy, den Direktor der Robusta, aus seiner Merkur- und Valora-Zeit. Dessen für 2000 anstehende Pensionierung war Anlass zu einer Strategiebestimmung der Aktionäre der Firma. Man entschied sich für den Verkauf der Robusta AG und nahm den bestehenden Kontakt zu Schiess wieder auf. Für Schiess und Wicky kam der Vorschlag, die Robusta zu übernehmen, zum richtigen Zeitpunkt. Dann hätte es «nur noch einen dummen Dritten gebraucht», der Erfahrung darin hatte, wie man eine solche Firma kauft, erklären Wicky und Haemmerli im Gespräch lachend.
Aussenansicht der Robusta AG von Münchenstein aus aufgenommen. Um 1955/56. (Fotografie © Burckhardt+Partner AG).
Umstrukturierungen
Nach der Übernahme der Firma im Jahr 2000 bauten die drei neuen Eigentümer die Produktion von Ober- und Untermatratzen aus. Untermatratzen bezeichnen in der Fachsprache sämtliche Formen von Bettböden, die der Unterstützung der Obermatratze dienen – sprich Lattenroste, Boxspring, Motorrahmen, Modulrahmen. Die Robusta konnte in Frankreich mit ihren Lattenrosten grosse Erfolge erzielen. Mit dem Eurozerfall und dem Beginn des Preiskampfs in der französischen Matratzenbranche brach das Geschäft jedoch ein. Da die Herstellung dieser Untermatratzen für den Schweizer Markt der Firma längerfristig Verluste einbrachte, fasste die Geschäftsleitung den Entscheid, die Produktion einzustellen.
Dies geschah jedoch nicht von heute auf morgen, wie uns Haemmerli erklärte, sondern über eine Zeitspanne von rund zwanzig Jahren. Im Zuge eines langjährigen internen Optimierungsprozesses reduzierte die Robusta den Personalbestand von 109 auf 38 Mitarbeitende. Die Unterbetten kauft die Geschäftsleitung seither in Frankreich ein. Ursprünglich gestaltete sich die Suche nach einem passenden Lieferanten angesichts der hohen Schweizer Standards schwierig. Schliesslich gelang es der Robusta, ihre Produktion so umzugestalten, dass sie fortbestehen und heute Grosskunden wie Micasa (Migros), Livique (Coop) und viele andere Möbelhäuser beliefern kann.
Einblick in die Produktion
Bei einer Besichtigung der langen Shedhalle an der Südspitze des Dreispitz werden wir durch die einzelnen Herstellungsschritte geführt: von der Materialannahme am nördlichsten Punkt bis zur Spedition am südlichsten Punkt des Gebäudes. Die Produktion erstreckt sich über zwei Stockwerke. In der unteren Etage lagern beim Eingang die Wollauflagen und Stoffrollen. Diese werden von einer grossen Maschine abgerollt, aufeinandergelegt und gesteppt. Ein Mitarbeiter überwacht den Ablauf und stellt sicher, dass die Matratzenauflage anschliessend korrekt aufgerollt wird.
Die Wollauflagen befinden sich zwischen dem Matratzenkern und der Hülle. Diese für zusätzlichen Komfort sorgende Zwischenschicht gilt als Markenzeichen der Schweizer Matratzen. (Foto: Daniel Spehr 2020)
Direkt hinter der Steppmaschine schneiden zwei Angestellte die Auflagen exakt zu und hängen sie beim entsprechenden Bestellschein auf. Anschliessend verarbeiten die meist im Betrieb angelernten Näherinnen die Hüllen weiter.
Die Seitenbänder der Matratzen werden einzeln angefertigt und zu einem späteren Zeitpunkt mit den Auflagen vernäht. (Foto: Daniel Spehr 2020)
Sind die gesteppten Seitenteile angebracht und vernäht, kommt die Wollauflage in das Obergeschoss. Dort arbeiten in einem hellen, mit langen Fensterbändern versehenen Raum die Lagerlogistiker, weitere Näherinnen und die sogenannten Tape-Edger. Zuerst wird die im Parterre angefertigte Wollauflage dem entsprechenden Matratzenkern zugeordnet. Die Matratzenkerne kauft die Firma zu. Momentan halten sich, so Haemmerli, Federkern- und Schaumstoffmatratzen etwa die Waage, obschon die Schaumstoffmatratze in der Schweiz lange Zeit beliebter war. Seit einigen Jahren sind neben verschiedenen Hybridvarianten neu Latexkerne sowie der viscoelastische Memoryfoam zum Sortiment hinzugekommen. Hinter dem Matratzenkernlager stossen wir auf weitere Näherinnen, die Reissverschlüsse an den versteppten Wollauflagen anbringen. So entstehen die sogenannten Soft-Look-Hüllen. Der Matratzenkern muss nur noch in die Hülle geschoben und der Reissverschluss verschlossen werden.
Zwei Mitarbeiter bei der Fertigstellung einer Soft-Look-Matratze. Im Hintergrund sind die Tape-Edge-Maschinen erkenntlich. (Foto: Daniel Spehr 2020)
Bei den Tape-Edge-Hüllen wiederum werden die versteppten Wollauflagen auf die Matratzenkerne gelegt und die Seitenbänder provisorisch befestigt. Darauf folgt der schwierigste Teil, das Tape-Edgen: Ober- und Unter- sowie Seitenteile der Matratzenauflage müssen mit einem Band an der Kante zusammengenäht werden. Dafür wird eine spezielle Nähmaschine verwendet, die ausschliesslich angelernte Tape-Edger bedienen können. Hat die Matratze diesen Schritt durchlaufen, kann sie verpackt werden. Vom hintersten Raum aus verlassen die fertigen Swissmade-Matratzen das Gebäude – früher per Bahn, heute im Lastwagen.
Beat Haemmerli (Foto: Daniel Spehr, 2020)
Jean-Paul Wicky (Foto: Daniel Spehr, 2020)
Beat Haemmerli, *1953, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich, arbeitete als M&A-Berater bei der Kreditanstalt, später Credit Suisse und übernahm im Jahr 2000 gemeinsam mit Felix Schiess und Jean-Paul Wicky die Firma Robusta AG. Er präsidiert heute den Verwaltungsrat und ist für die Finanzen und die Administration zuständig.
Jean-Paul Wicky absolvierte in Strassburg das «diplôme d'études comptables supérieures» und stieg in das von seiner Familie betriebene Matratzenunternehmen Wifor ein. Er übernahm das Familienunternehmen 1988 und verkaufte es 1992 an den Konzern Merkur Holding AG. Bis ins Jahr 2000 arbeitete er bei der späteren Valora Holding AG unter dem damaligen Spartenleiter Felix Schiess. Heute führt Wicky die Robusta AG als CEO und ist für den Verkauf zuständig.
Das Gespräch fand am 4. Februar 2021 im Hauptsitz der Firma Robusta AG an der Frankfurt-Strasse 90 auf dem Dreispitz statt.