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Als Schweizerin oder Schweizer können Sie über alle möglichen Sachgeschäfte an der Urne entscheiden. Woran orientieren Sie sich dabei? Bei einem neuen Steuergesetz fragen Sie vielleicht, ob Sie sich damit mehr oder weniger Steuern einhandeln. Beim Ökobonus, ob er Ihnen Mehrausgaben oder eine Rückvergütung beschert.
Kann das der Sinn demokratischer Entscheide sein: dass jeder so entscheidet, wie es ihm am meisten nützt? Der britische Moralphilosoph John Stuart Mill (1806-73) schlägt ein anderes Kriterium vor: das utilitaristische Prinzip. Von lateinisch „utilis“: nützlich. Es „besagt, dass Handlungen insoweit und in dem Masse moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken.“ Dieser Grundsatz enthält vier Gedanken.
Erstens stimmen die Utilitaristen den egoistischen Wählerinnen zu: Ja, auf die Nützlichkeit kommt es an. Nicht auf abstrakte Ideen, sondern auf die konkreten praktischen Folgen der Entscheidung. Nur, zweitens, worin besteht denn diese Nützlichkeit? Mill antwortet: Letzten Endes im Wohlergehen der Menschen, ihrem Glück, oder in der Vermeidung von Leid und Unglück.
Drittens, um wessen Glück und Unglück geht es dabei? Natürlich die aller Wesen, die von meiner Entscheidung betroffen sind, direkt oder indirekt. Was aber, viertens, wenn die Folgen bei den Betroffenen ganz unterschiedlich ausfallen? Bei den einen positiv und bei den andern negativ. Dann gilt es, meint Mill, sie alle gegeneinander abzuwägen und die Lösung zu finden, die insgesamt am meisten Glück bei allen Betroffenen schafft und am wenigsten Leid. Das grösste Glück der grössten Zahl.
Die Interessen der Gemeinschaft
über partikuläre stellen.
Der utilitaristische Grundsatz verbindet also vier Prinzipien, das Folgen-, das Glücks-, das Universalitäts- und das Maximierungsprinzip. Ein Algorithmus, der für die insgesamt menschendienlichste und damit ethisch beste Lösung sorgt. Ein Grundsatz von derart weitreichender Bedeutung, dass er die Welt vollkommen auf den Kopf stellen würde, hielten sich alle daran.
Das komplexe Prinzip nimmt Ihnen freilich das Abwägen nicht ab: Sie müssen genau überlegen: Wer alles ist betroffen von meiner Entscheidung? Wie stark sind seine Glücksansprüche zu gewichten? Da fällt es schwer, die wirklich beste Lösung zu ermitteln. Dafür entlarvt der utilitaristische Grundsatz schlagartig die falsche: diejenige, welche Partikularinteressen über die der Allgemeinheit stellt. Die landwirtschaftliche Effizienz, zu der giftige Düngemittel verhelfen, ist wichtiger als eine intakte Natur für alle. Der Export von Kanonen zählt mehr als das Interesse an einer friedlichen Welt. Die Steuerersparnisse für eine kleine Minderheit mehr, als was der Staat für seine Kernaufgaben braucht.
Selbstverständlich hilft Ihnen der utilitaristische Grundsatz nicht nur in politischen Fragen, sondern auch bei allen beruflichen Entscheiden und beim ganz persönlichen Verhalten im Alltag. Überall erinnert er daran, die Interessen der Gemeinschaft über partikuläre zu stellen. „Das grösste Glück der grössten Zahl“ macht Ihnen das Leben nicht leichter. Aber das Prinzip kann Ihnen helfen, den Egoismus in die Schranken zu weisen und in Ihrem persönlichen Handlungsfeld für mehr Gemeinsinn zu sorgen.