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Am Ende des 18. Jahrhunderts war Thun eine der grösseren Landstädte im bernischen Territorium. Auf zeitgenössischen bildlichen Darstellungen dominierte das Schloss die noch vollständig in mittelalterliche Mauern gefasste Stadt. Das Umland wurde grösstenteils als Allmend genutzt; dort liessen die Thuner Burger, sofern sie noch Vieh hielten, ihre Kühe und andere Tiere weiden. Ein Teil der Allmend wurde den Armen als Pflanzland zur Verfügung gestellt. Innerhalb der Stadtmauern gab es zahlreiche Handwerker und Kleingewerbe, etwa mit Wasserkraft betriebene Mühlen und Stampfen am heutigen Mühleplatz und unterhalb der Sinnebrücke bei der Alten Oele, zudem einige Textilindustriebetriebe sowie 30 Kaufläden, zu denen einige grössere Handelsgeschäfte für Käse, Tuch und Spezereiwaren gehörten. Zwei der zahlreichen Wirtschaften waren grössere Gasthöfe. Thun war mit seinen drei Jahrmärkten, an denen namentlich auch Vieh gehandelt wurde, ein wichtiger Marktplatz. Öffentliche Bauten wie das Rathaus, die Stadtkirche, das Spital am Rathausplatz oder das Kornhaus im Bälliz prägten das Stadtbild.1
1384 war Thun durch Kauf unter bernische Herrschaft gelangt. Seither übte Bern seine Macht über den Thuner Schultheissen aus, der aber Berner Patrizier war und aus der Mitte des bernischen Grossen Rats gewählt wurde. Er war Thuner Schultheiss und Landvogt des Oberamtes Thun in Personalunion und bekleidete dieses Amt in der Regel sechs Jahre lang. In der Stadt Thun fungierte der Schultheiss als Stadtoberhaupt, die Stadt regierte sich und das die Stadt umgebende Burgernziel aber weitgehend autonom. Einen vergleichbaren Status hatten etwa die bernischen Untertanenstädte Aarberg, Burgdorf oder Nidau.
Die städtischen Behörden wurden von Thuner Burgern gestellt. Der Thuner Grosse Rat zählte zunächst 60 Mitglieder, ab 1764 waren es noch 40, dem Kleinen Rat gehörten 12 Mitglieder an. Der Kleine Rat wurde von Bern auf einen Dreiervorschlag Thuns hin gewählt. Der Venner, der Säckelmeister und der Spitalvogt waren Kleinräte. Der Venner konnte den Schultheissen vertreten und war damit der ranghöchste Thuner. Da noch keine Gewaltentrennung existierte, war der Thuner Kleine Rat unter dem Vorsitz des Thuner Schultheissen zugleich das Stadtgericht und übte somit sowohl die niedere wie auch die hohe Gerichtsbarkeit aus, wobei letztere seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eingeschränkt war. Bern hatte nämlich im Falle eines Todesurteils das Begnadigungsrecht und musste alle Einsätze des Scharfrichters genehmigen.2
Die Karte zeigt die bernische Landesverwaltung in der Landvogtei (Amt) Thun bis 1798. Im Thuner Stadtbezirk und in ihrem Burgernziel sowie im Stadtgericht wurde die Gerichtsbarkeit vom Thuner Schultheissen und der Stadt Thun gemeinsam ausgeübt. Die hohen Gerichte hatte Bern inne. Der Thuner Galgen stand am Weg nach Bern, gut sichtbar von Land und Wasser.
Die niedere Gerichtsbarkeit, die vor allem Zivilrechtliches umfasste, übte die Stadt Thun auch in ihrer Spitalherrschaft Uetendorf und nach 1783 in Gurzelen aus. Zur Verwaltungs- und Gerichtskompetenz des Schultheissen gehörte das Amt Thun rechts und links der Aare.
Die übrigen Verwaltungsbeamten, wie beispielsweise der Waisenvogt oder der Verwalter der städtischen Stiftungen, der Spendvogt, waren Mitglieder des Thuner Grossen Rats. In den bernischen Grossen Rat und damit in die Regierung der Stadt und Republik Bern konnten Thuner Burger aber nicht gewählt werden, weil dies den Berner Burgern vorbehalten war.3 Seit der Reformation gab es in der Stadt auch ein Sittengericht (Chorgericht), das ebenfalls unter dem Vorsitz des Thuner Schultheissen stand. Es setzte sich zusammen aus dem Venner und 12 Beisitzern, nämlich den beiden Stadtpfarrern, Thuner Magistraten und je einem Chorrichter aus dem Gericht Steffisburg und dem Amt Oberhofen sowie dem Stadtschreiber.4
Die Republik Bern unterhielt kein stehendes Heer, alle Männer zwischen 16 und 60 waren jedoch wehrpflichtig. Organisiert war die bernische Miliz in 21 Regimentern, darunter das 13. Regiment aus Thun. Die Ausbildung der Schützen oblag den Schützengesellschaften. Die Inspektionen der Milizarmee, die sogenannten Musterungen, fanden bereits in der frühen Neuzeit auf der Allmend statt. Waffen und Uniform mussten die Wehrmänner seit jeher selbst kaufen. Zudem diente das Rathaus als Zeughaus mit Reserve- und Korpsmaterial und im Schloss gab es ein Depot des bernischen Zeughauses, in dem weitere Gewehre bereitgehalten wurden. Zur Ausbildung der Artillerie wurden in Bern im Winter Kurse für Offiziere und im Sommer Übungslager durchgeführt. Thuner dienten auch in fremden Diensten, die Bedeutung des Solddienstes nahm jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts kontinuierlich ab.5
1798 zählte Thun 1566 Einwohnerinnen und Einwohner, die in 281 Wohnhäusern und 341 Haushalten lebten.6 In manchen Wohnhäusern gab es mehrere Haushalte. Während 15 Prozent der Haushalte zu den «Reichsten» und «Nachreichsten» zählten, könnten nach heutigen Begriffen 58 Prozent als Mittelschichthaushalte bezeichnet werden. 27 Prozent der Haushalte besassen kaum oder keinerlei Vermögen oder waren gar auf Unterstützung angewiesen.
Die Thuner Bevölkerung wurde 1798 in sechs Vermögensklassen eingeteilt, um die Einquartierungen gerecht vornehmen zu können. Die vier obersten Klassen mussten jeweils eine bestimmte Anzahl Soldaten und Offiziere beherbergen.
In den Rödeln nicht enthalten sind die Klassen 5 und 6, die «ziemlich Unbemittelte und Arme», da diese von Einquartierungen verschont waren.
Nur die in Thun heimatberechtigten Einwohner, die Burger, hatten ein politisches Mitspracherecht und besassen Nutzungsrechte an den Allmenden. Allerdings war die Allmend, wie auch die Alp Kiley im Diemtigtal, die ebenfalls den Thuner Burgern gehörte, 1797 in einem schlechten Zustand und die Nutzungsrechte gaben Anlass zu Differenzen.7 Daneben gab es eine weitere grosse Gruppe von Einwohnern, die etwa ein Viertel der Haushalte ausmachten, nicht burgerlich waren und deshalb weder politische Mitsprache- noch Nutzungsrechte hatten. In der frühen Neuzeit nannte man sie Hintersässen oder Beisässen. Diese Personen waren zur Bezahlung eines Hintersassengeldes verpflichtet.
Ausschnitt aus einer Federzeichnung von David Alois Schmid (1791–1861), 1835. Rechts neben der Sinnebrücke befindet sich das Zunfthaus zu Oberherren. Bereits im 15. Jahrhundert existierten die fünf Thuner Gesellschaften oder Zünfte zu Oberherren (nicht handwerkliche Berufe), Niederherren (Schmieden), Bällizer (Schuhmachern), Metzgern und Pfistern.
Im Revolutionsjahr 1798 wurde im Stubenbuch der Gesellschaft zu Oberherren vermerkt, dass diese den Namen wechsle und sich gemäss der revolutionären Ordnung nun «Gesellschaft zu Bürgeren» nenne. Ab 1803 trug sie wieder ihren alten Namen.
Die Burger waren in fünf Gesellschaften oder Zünften organisiert. Die Obmänner der Metzgern und Pfistern leiteten abwechslungsweise jeweils als Venner in Vertretung des Schultheissen den Kleinen Rat. Die Gesellschaften waren für die Bereitstellung des Reisgeldes (Sold), für die Überwachung des Marktes und für die Feuerwehr zuständig. Die einheitlichen Handwerksordnungen wurden jedoch von der Stadt erlassen.8
Um 1798 waren folgende Thuner Familien im Kleinen Stadtrat vertreten: Anneler, Berner, Deci, Hürner, Knechtenhofer, Koch, Moser, Müller, Scheidegg, Schneider, Stähli, Studer und Tschaggeni. Angehörige dieser Familien, der damaligen Thuner Elite, besetzten die prestigeträchtigen Ämter wie Venner, Säckelmeister und Spitalvogt und stellten die Offiziere der Milizarmee.9 Neben den Thuner Burgern und Hintersässen lebten Angehörige des Berner Patriziats zeitweise in und um Thun, ausserdem selbstverständlich der jeweilige Thuner Schultheiss mit seiner Familie. Carl Ferdinand von Sinner (1748–1826) war 1793–1798 der letzte Berner Schultheiss in Thun.
Das Mathias Gabriel Lory (1784–1846) zugeschriebene Aquarell zeigt die Schadau um 1835. Mehrere Berner Patrizier besassen Landsitze in Thun und Umgebung: Die Schadau war seit 1760 im Besitz der Familie May, das Bellerive im Gwatt gehörte den von Fischer und 1799 kaufte Niklaus Friedrich von Mülinen ein Gut in Hofstetten sowie 1806 das Bächigut (später Chartreuse). Das neue Schloss Schadau wurde 1847–1852 gebaut.
Die Kinder der Burger wurden in den städtischen Knaben- und Mädchenschulen auf dem Schlossberg unterrichtet. Hintersässenkinder besuchten die Schule in Hofstetten. Zudem nahm die Schule des Waisenhauses an der Bernstrasse Burgerkinder und Auswärtige gegen Kostgeld auf. 1791 waren etwa die Hälfte der im Waisenhaus unterrichteten Knaben sogenannte Kostgänger. Die Lateinschule bot den Anschluss an die höheren Schulen in Bern, dies in erster Linie im Hinblick auf eine geistliche Laufbahn.10
Obschon die politische Partizipation für Thuner nur lokal möglich war, stand ihnen bereits im Ancien Régime eine intellektuelle Karriere offen – unter anderem als Geistliche oder Lehrer. So wurde der Pietist Johann Jakob Dachs (1667–1744) aus Thun Pfarrer am Berner Münster. Der Thuner Samuel Hopf (1726–1787) war Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern. Er und seine Familie blieben der Stadt Thun aber sehr verbunden, was Schenkungen an das Waisenhaus und an die Predigerwitwenkiste, eine Vorsorgeeinrichtung für verwitwete Pfarrfrauen, belegen. Hopf war ein verdienter Naturwissenschaftler. Auch als Lehrer an der bernischen Hohen Schule gab es gebürtige Thuner: Johann David Kocher (1764–1843) zum Beispiel war 1797–1805 Professor für Philosophie. Rudolf Abraham Schiferli (1775–1837) gehörte 1799 zu den Gründern des medizinischen Instituts in Bern und lehrte dort Chirurgie. Eine akademische Laufbahn verfolgte auch Johann Heinrich Beckh (1773–1811), der von 1805 bis zu seinem Tod im Jahr 1811 als Professor für Physik und Chemie an der Akademie in Bern amtierte.11
Titelseite der Publikation von Johann Heinrich Koch, 1764. Der Apotheker, Botaniker und Zeichner war ein wichtiger Mitarbeiter Albrecht von Hallers (1708–1777).
Er gehörte der Naturforschenden Gesellschaft Zürichs an und war Ehrenmitglied der bernischen Oekonomischen Gesellschaft, die diese bedeutende botanische Abhandlung publizierte.
Mehrere Thuner pflegten Kontakte zur europaweit bekannten Oekonomischen Gesellschaft Bern; zu nennen ist insbesondere der Apotheker Johann Heinrich Koch (1706–1787). Der Arzt Jacob Rubin (1720–1785) war Mitglied der schweizerischen Kosmographischen Gesellschaft in Zürich. Diese strebte unter dem Schutz des renommierten Professors und Gründers der Physikalischen Gesellschaft Zürich Johannes Gessner (1709–1790) «eine genauere Kenntnis der Schweiz» an. Rubin sammelte auch Material zur Thuner Geschichte. Zudem verkehrten einige Thuner mit der Helvetischen Gesellschaft. Die in Thun ansässigen Berner Patrizier dürften das geistige Leben ebenfalls beeinflusst haben. Emanuel Friedrich Fischer (1732–1811) beispielsweise, der Erbauer der Campagne Bellerive im Gwatt, war Subscribent der Oekonomischen Gesellschaft.12
Lokale Organisationen wie Lesegesellschaften sind hingegen keine bekannt. Immerhin gründeten angesehene Bürger, unter ihnen Johann Heinrich Koch und Jacob Rubin, 1785 die Bibliothek im Rathaus. Das Manual der Bibliothekskommission enthält eine Liste von Büchern. Diese sollten zusätzlich zum Grundbestand, der aus einer Schenkung stammte, angeschafft werden. Auf der Liste finden sich historische und medizinische Werke, aktuelle Wochenschriften, Hallers Staatsromane, aktuelle Reiseliteratur über die Schweiz, zeitgenössische Poesie und Prosa sowie religiöse Schriften. Heinrich Stähli (1734–1803), Dekan des Oberländer Kapitels, bat zudem die Oekonomische Gesellschaft Bern um eine vollständige Ausgabe ihrer Abhandlungen für die Thuner Bibliothek.13
Die Gründung der Bibliothek sowie die oben erwähnten Karrieren und Kontakte verweisen auf die Teilnahme der geistigen Elite Thuns am intellektuellen Leben ihrer Zeit, auch wenn in Thun selbst im Ancien Régime noch keine Aktivitäten in Form von gesellschaftlichen Lesezirkeln oder Aufklärungsgesellschaften nachweisbar sind. In vielen bernischen Regionen, beispielsweise im Emmental oder in Nidau und in der damals noch bernischen Stadt Aarau, existierten im 18. Jahrhundert Zweiggesellschaften der bereits erwähnten Oekonomischen Gesellschaft Bern. In Thun wurde eine solche jedoch erst in den 1820er-Jahren gegründet.