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Der Marktstand ist einfach zu finden. Es ist der einzige, hinter dem eine Frau steht. Ich treffe Alpona Dash inmitten ihrer üppigen Auslage an Bananen, Auberginen, Tomaten, getrocknetem Chili, Ingwer und Betelnüssen.
Ich muss nicht viele Fragen stellen, um das Vertrauen von Alpona zu gewinnen. Sofort beginnt sie, mir ihre Geschickte zu erzählen: Ihr Mann hat sie kurz nach der Geburt der zweiten Tochter verlassen. Alpona fand in der Trockenzeit Arbeit als Steinsammlerin, eine körperlich extrem belastende Tätigkeit, der sie acht lange Jahre nachging. Der Steinbruch lag weit weg von ihrem Heimatdorf. Die jüngere Tochter hat sie jeweils mitgenommen, während die ältere bei Alponas Vater und den Verwandten zurückblieb. In der Monsunzeit konnte Alpona jeweils nach Hause kommen. Sie führte dann eine kleine Teeküche bei der Anlegestelle der Fähre.
Alpona gehört zu den Ärmsten in der bengalischen Gesellschaft, zu jenen, die weniger als 2000 bengalische Taka (ca. 20 Franken) an produktiven Werten besitzen – an Vermögen, Tieren oder Land. Deshalb hat Helvetas die 32-Jährige, wie 7500 weitere Frauen und Männer, dabei unterstützt, einen individuellen Plan zu entwickeln, mit dem sie sich ein kleines Einkommen erwirtschaften kann. Die Starthilfe für die Miete des Markstandes, für die Waage, die Gewichtssteine und die Beutel und Körbe der Warenauslage wurden Alpona finanziert. Hinzu kommen Schulungen und Beratung, damit sie ihren Plan erfolgreich in die Tat umsetzen kann.
Ein Kunde tritt an Alponas Stand. Er will Auberginen und Chilis kaufen. Ich frage mich, weshalb sich Alpona Dash für den Beruf der Gemüsehändlerin entschieden hat. Wenn ich doch hinter den vielen Marktständen hier auf dem Milon Bazar im Nordosten Bangladeschs überall nur Männer sehe. Rund 90 % der bengalischen Bevölkerung sind Muslime, und in ihrer Kultur ist es unüblich, dass Frauen ausser Haus und auf dem Markt arbeiten. Da entdecke ich an der Wand Bilder von Durga, Ganesha und Shiva. Alpona ist Hinduistin. Wie erlebt sie ihren Alltag allein unter Männern? Ich komme gar nicht dazu, meine Frage zu stellen. Alpona erzählt schon weiter.
Die Kinder konnten nicht mehr in die Schule
Vor zwei Jahren hat sich ihre Lage zugespitzt: Sie konnte das Schulgeld für ihre beiden Töchter nicht mehr aufbringen. Die Mädchen mussten zu Hause bleiben. Dabei ist es Alponas grösster Wunsch, dass die Kinder etwas lernen, um es beruflich einmal einfacher zu haben als sie selbst. Alponas Stimme stockt, wird leise. Es belastet sie sichtlich, darüber zu sprechen.
Doch sie ist willensstark. Zwar führt sie ihren Stand erst seit einigen Monaten, es ist aber nicht zu übersehen, dass ihr das Geschäft gefällt. Ihre Hände sind ständig in Bewegung. Während sie spricht, rüstet sie Betelnüsse oder bereitet die Blätter des Betelpfeffers vor. Darin werden die Nüsse eingewickelt, bevor die Käufer sie sich in den Mund stecken. Auf die Idee mit dem Marktstand kam Alpona, weil ihr die Arbeit in der Teeküche schon immer Spass machte und sie die Freude am Handeln entdeckte, als sie einen kleinen Überschuss aus der Ernte von ihrem Feld verkaufen konnte.
Ein voller Erfolg
„Zu Beginn war ich unsicher, ob es klappen würde. Es hat sich aber gezeigt, dass meine Geschäftsidee funktioniert. Ich führe exakt Buch über meine Ausgaben und Einnahmen, und jeden Tag bleibt ein kleiner Gewinn übrig.“ Und sie fügt mit einem Lächeln an: „Meine Kinder gehen nun wieder zur Schule, das macht mich am glücklichsten“
Wie aber kommt Alpona denn nun mit der Situation als einzige Händlerin auf dem Markt zurecht? Die Männer der umliegenden Stände, die unser Gespräch verfolgt haben, lachen. Alpona lacht mit und sagt dann: „Die Leute aus dem Dorf kennen meine Geschichte. Sie wissen, dass ich dank meinem Stand nicht mehr Steine sammeln muss. Die Leute kaufen bei mir ein. Jeder mag mich und ich nehme niemandem etwas weg. Die Gemeinschaft akzeptiert mich.“
Mit diesen Worten wendet sich Alpona wieder ihren Kunden und dem Geschäft zu. Ich will sie nicht davon abhalten, ihren Tagesumsatz zu erreichen.