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Anfangs Juni 1908 wurden im einzigen repräsentativen Bau der legendären, doch ärmlichen Künstlersiedung Impasse Ronsin der französische Maler Adolphe Steinheil und seine Schwiegermutter erdrosselt aufgefunden. Im Nebenzimmer lag gefesselt Steinheils Gattin Marguerite, die dringend des Doppelmordes verdächtigt wurde. Dass sie nach einem spektakulären Prozess, in dem sie auf zahlreiche politische Geheimnisse anspielte, freigesprochen wurde, befeuerte Verschwörungstheorien und war umso brisanter, als sie zehn Jahre zuvor die berühmt-berüchtigte Mätresse des französischen Präsidenten Félix Faure war und vermutlich an seinem Tod schuldig war. Denn dieser starb 1899 im Impasse Ronsin in ihren Armen an einem Schlaganfall, welcher angeblich durch ein zu starkes Aphrodisiakum verursacht war. Jedenfalls sind die sich um die Sackgasse im Montparnasse-Quartier rankenden Anekdoten ebenso kunterbunt und reichhaltig wie die Arbeiten der Kunstschaffenden, zeichnet sich doch dieser Ort durch Poesie und ungewöhnliche Diversität von Kunstschaffenden und deren äusserst individuelle Lebensweise als wildes Soziotop aus. Rund einhundert Jahre war sie ein Magnet der künstlerischen Bohème. Um 1864 begannen die Holzschuppen der Künstler aus dem Boden zu schiessen; eine Entwicklung, die sich durch die drei Weltausstellungen von 1878, 1889 und 1900 beschleunigte. Dank dem Bildhauer Alfred Boucher wurde die Impasse um 1900 zu einer halboffiziellen Künstlerkolonie, welche bis zu 35 Kunstschaffenden zeitgleich Platz bot. 1971 musste sie nach vorhergehenden Enteignungen, Räumungen und Abrissen der Vergrösserung des anliegenden Hôpital Necker weichen. Als Letzter wurde der Bildhauer Andre Almo Del Debbio gezwungen, sein Atelier zu verlassen.
Nun erzählt das Basler Museum Tinguely mit der ersten umfassenden Übersichtausstellung ihre Geschichte und lädt zu einem Spaziergang durch die Ateliersiedlung ein. Sie diente etwa 250 Kunstschaffenden aus aller Welt als Atelier und Wohnort. Denn damals galt die Stadt an der Seine als DIE Kunstmetropole schlechthin und barg somit eine ungeheure Anziehungskraft. Wohl war die Siedlung ein Zentrum der Avantgarde und Aktionskunst, wofür bekannte Künstler wie Jean Tinguely, Niki de Saint-Phalle, Max Ernst, Yves Klein, Eva Aeppli, Marta Minujin, Daniel Spoerri und Jasper Johns sprechen. In dieser Oase hatte auch Jean Tinguely ab 1955 sein erstes Atelier und schuf hier in kurzer Zeit die Grundlage für sein gesamtes Œuvre: die kinetischen Reliefs, „Méta-Malevich“ und “Méta Kandinsky”, erste bewegliche, motorisierte, filigrane Drahtskulpturen wie die “Méta Hérbins”, erste kinetische Klangskulpturen wie “Mes étoiles” und die ersten drei Zeichenmaschinen von 1955. Hier hatte Constantin Brancusi von 1916 bis zu seinem Tod 1957 gelebt und gearbeitet und sein aus fünf Einheiten bestehendes Atelier ist heute beim Centre Pompidou wieder aufgebaut. Hier trennten sich die Wege von Tinguely und Eva Aeppli, die 1952 gemeinsam nach Paris gezogen waren. Hier lernte Tinguely Niki de Saint Phalle kennen, die hier ihre ersten Schiessaktionen produzierte. Mit einem Gewehr schoss sie auf Gipsreliefs, worunter alte, mit Farbbeuteln gefüllte Büchsen auf einer Holzplatte fixiert waren, bis die Farbe «blutend» aus den Einschusslöchern tropfte. Mit ihren Schiessbildern verarbeitete sie nicht nur die Wut gegen ihren Vater, sondern gewann in den frühen 1960er Jahren die Anerkennung der Kunstszene. Doch nicht nur die krachenden Gewehrschüsse von Niki de Saint Phalle und Tinguelys Höllenmaschinen waren zu hören, auch die Bombenanschläge der OAS- (Organisation armée secrète) zur Zeit des algerischen Unabhängigkeitskrieges.
Es versteht sich von selbst, dass zwischen den Bewohnern und Gästen in der Impasse Ronsin ein reger Austausch und gegenseitige Inspiration herrschte. So trafen sich renommierte Künstler wie auch Unbekannte, nicht zuletzt die nordamerikanischen Kunstschaffenden, die nach 1945 nach Paris gezogen waren, an diesem Kunstort. Oft als schäbig, schmutzig und prekär beschrieben, bot er ungeachtet dessen die Freiheit, sich einer bedingungslosen Kunstproduktion zu widmen.
Es ist der Ausstellung ein Anliegen, dieses pulsierende Leben, diese fast grenzenlose Kreativität, ganz abgesehen von der dadurch erzeugten Atmosphäre wiederzugeben. Aufgebaut auf dem Plangrundriss der einstigen Impasse Ronsin, zeigt sie auf, wie heterogen die Nutzer- und Bewohnerschaft während der über hundert Jahre war. Mit über 200 präsentierten Bildern und Skulpturen von über 50 Künstlerinnen und Künstlern wird ein breites Spektrum künstlerischen Schaffens abgebildet. Es reicht vom Bildhauer, der auf repräsentative Denkmäler spezialisiert war, über Hobbymaler bis zu den jungen Vertretern der Avantgarde und solchen, die sich der Aktionskunst verschrieben hatten. Die Ausstellung macht auch deutlich, dass dort viele Kunstschaffende wirkten, die mit der Moderne oder gar der Avantgarde nichts am Hut hatten. Vermutlich waren es stille, unauffällig Schaffende, die noch traditionellen Kriterien verhaftet waren; zu ihrer Zeit vielleicht ein gewisses Renommée errungen hatten, und dann schnell vergessen wurden; doch auch sie waren daran beteiligt, ein solch kreatives, produktives und fantasievolles Ambiente zu schaffen.
Dass dieses Ausstellungskonzept Fleisch am Knochen bekam, dass die Kuratoren der Ausstellung, Andres Pardey und Adrian Dannatt die Geschichte der Impasse Ronsin im Museum Tinguely so umfassend und detailliert vorstellen können, ist zu einem guten Teil dem Sohn des letzten Bewohners der Impasse, dem Bildhauer André Almo Del Debbio, zu verdanken. Sohn Christophe-Emmanuel Del Debbio erinnert an das Leben seines Vaters, anhand von Interviews mit ihm und ehemaligen Schülern, Archiven, Reflexionen über die Bildhauerei und Bildern von seiner Rückkehr in seine italienische Heimatstadt Carrara im Alter von 101 Jahren. Seit fast zehn Jahren beschäftigt sich Christophe-Emmanuel zudem intensiv mit der Geschichte des Ortes, an dem sein Vater Studierende aus aller Welt in der Bildhauerei unterrichtete. Aufgrund dieser Informationen und Dokumente konnte das Atelier von André Almo Del Debbio nachgebaut werden und die Besuchenden erhalten so einen flüchtigen Blick in eine poetische, beflügelnde, magische, entschwundene Welt, von einer solchen wir gegenwärtig und vielleicht für lange nur noch träumen können.
Ausstellungspublikation, Kehrer Verlag, präsentiert eine Auswahl von über 50 Künstler*innen mit über 200 Werken, die alle in der Impasse Ronsin entstanden sind. Gleichzeitig wird die Geschichte dieser aussergewöhnlichen Künstlerkolonie mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Original- Dokumenten und Fotografien sowie mit Textbeiträgen von Zeitzeugen und Experten erzählt.
Museum Tinguely, Basel, 16. Dezember 2020—9. Mai 2021
in: Kunstforum Band 273, März – April 2021, Report: Bilder aus der Wirklichkeit