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Linien-Seepferdchen
Hippocampus erectus
© 2011 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Weltweit gibt es zwischen 40 und 50 Seepferdchenarten. Sie gehören innerhalb der grossen Sippe der Knochenfische (Osteichthyes) zur etwas mehr als 200 Arten umfassenden Familie der Seenadeln (Syngnatidae). Ihren deutschen Namen verdanken sie der Form ihres Kopfes sowie der Tatsache, dass sie diesen häufig - wie ein edles Pferd - auf geschwungenem Hals zur Brust hin gewinkelt tragen.
Die Schnauze ist durch die Verschmelzung von Ober- und Unterkiefer zu einem Rohr mit endständiger Mundöffnung ausgebildet, durch welche die Seepferdchen kleine Beutetiere «saugschnappen». Die Augen sind gross und gut entwickelt und können, wie beispielsweise bei den Chamäleons, unabhängig voneinander bewegt werden. Als einzige Fische verfügen die Seepferdchen über einen Greifschwanz; mit diesem verankern sie sich die meiste Zeit an einem geeigneten Pflanzen- oder Korallenteil in ihren Unterwasser-Lebensräumen.
Mit einer Länge von bis zu 19 Zentimetern gehört das Linien-Seepferdchen zu den grösseren Seepferdchenarten. Seine Färbung ist sehr variabel und kann je nach Umgebung und Befinden von nahezu schwarz über braun, beige, gelb und orange bis hin zu rot schwanken. Bei vielen Individuen findet sich im oberen Körperbereich ein feines, hell-dunkles Linienmuster, daher der Artname. Männchen und Weibchen sehen ähnlich aus, jedoch haben die Männchen einen verhältnismässig längeren Schwanz und weisen im unteren Bauchbereich einen Beutel auf, welcher bei den Weibchen fehlt.
Das Linien-Seepferdchen ist im westlichen Atlantik weit verbreitet - von der Atlantikküste Kanadas bei Neuschottland südwärts entlang der Ostküste der USA und quer durch das Karibische Meer und den Golf von Mexiko bis zur Küste Venezuelas im nördlichen Südamerika. Innerhalb dieses Areals bewohnt es im Allgemeinen untiefe Küstengewässer und hält sich dort vorzugsweise im Bereich von Seegraswiesen und Seetangbeständen auf. Die meiste Zeit verbirgt es sich im Pflanzenwuchs und wartet geduldig darauf, dass ein ahnungsloses Flohkrebschen oder anderes kleines Beutetier in seine Reichweite gelangt, um dasselbe dann unvermittelt durch seinen Röhrenmund einzusaugen.
Wie alle Seepferdchen besetzen die erwachsenen Linien-Seepferdchen paarweise kleine Wohngebiete. Den Grossteil des Tages halten sich die beiden Partner darin an getrennten Stellen auf und widmen sich individuell dem Nahrungserwerb. Allmorgendlich treffen sie jedoch zusammen und zeigen ein Begrüssungsritual, bei welchem sie unter anderem einander beim Schwanz fassen und ein wenig zusammen «promenieren». Nach fünf bis zehn Minuten trennen sich die beiden Partner gewöhnlich wieder.
Wenn jedoch beide Partner fortpflanzungsbereit sind, wenn also das Weibchen reife Eier bereit hält und das Männchen eine leere Bruttasche hat, folgt auf das Begrüssungsritual unter Umständen eine Paarung. Dabei stülpt das Weibchen ein spezielles Eierlegeorgan aus, dockt es an die Bruttasche des Männchens an und presst meistens 400 bis 600 Eier hinein. Das Männchen spritzt sogleich seine Spermien ins Meerwasser, welche daraufhin den Weg in seine Tasche finden und dort die Eier befruchten.
In der Folge macht das Männchen etwas durch, das der Trächtigkeit, die wir von den Säugetieren her kennen, sehr ähnlich ist: Die Eier betten sich in der Wand seiner Bruttasche ein und werden von einer Flüssigkeit umspült, welche die Embryos mit Sauerstoff und verschiedenen Nährstoffen versorgt. Nach einer Entwicklungszeit von etwa drei Wochen schlüpfen die jungen Seepferdchen schliesslich innerhalb der väterlichen Bruttasche aus den Eiern, und wenige Tage später werden sie vom Vater ins Meer entlassen.
Bei der Geburt weisen die jungen Linien-Seepferdchen eine Länge von etwa 10 Millimetern auf. Während ihren ersten Lebenswochen treiben sie im freien Wasser nahe der Meeresoberfläche und können unter Umständen von den Strömungen weit von ihrem Geburtsort fortgetragen werden. Überleben sie diese gefährliche planktonische Phase, so lassen sie sich schliesslich an einem geeigneten Ort im Pflanzenwuchs auf dem Meeresboden nieder. Im Alter von etwa sechs Monaten, bei einer Länge von 5,5 bis 7 Zentimetern, erreichen sie die Geschlechtsreife. Die Lebenserwartung der erwachsenen Individuen liegt unter natürlichen Umständen zwischen zwei und drei Jahren.
Das Linien-Seepferdchen wird von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als in seinem Fortbestand gefährdet («verletzlich») eingestuft. Zwei hauptsächliche Faktoren tragen zu dieser unerfreulichen Situation bei: Zum einen werden seine küstennahen Lebensräume durch die Chemikalien- und Sedimentfracht der einmündenden Fliessgewässer vielerorts arg geschädigt. Zum anderen fallen Hunderttausende der kleinen Fische als Beifang jenen Garnelenfischern zum Opfer, welche mit Grundschleppnetzen in Küstenzonen operieren.
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