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Eines Nachts erscheint der Königin Maya, der künftigen Mutter Buddhas, im Traum ein weisser Elefant. Er kommt vom Himmel herab und tritt in sie ein. Maya träumt, sie werde ein Kind gebären. Rein und mächtig werde es sein.
Das Kind kommt zur Welt. Der König nennt den neugeborenen Prinzen Siddhartha – es ist der spätere Buddha. So wurde der weisse Elefant zum heiligen Tier. Alle Könige und Mächtigen in buddhistischen Ländern verehren ihn bis heute.
Weisse Elefanten bedeuten in den buddhistisch geprägten Ländern Asiens Glück, Reichtum, Macht, Schutz und ein langes Leben.
Leben in Fesseln
Es läge nahe, dass die Tiere deshalb besonders verwöhnt werden. Doch ein Besuch bei Burmas weissen Elefanten entlarvt das Gegenteil.
Die Szene ist herzzerreissend: Eine 55 Jahre alte, weisse Elefantenkuh packt mit ihrem Rüssel immer wieder die Kette, die sie fesselt, und schlägt sie auf den Holzboden.
Die Kette am Fuss des rechten Vorderbeins ist derart kurz, dass das Tier gerade einmal zwei Schritte in jede Richtung machen kann. Hin und zurück. Pausenlos. Hin und zurück.
Die Weissen vegetieren vor sich hin
Sechs der insgesamt neun weissen Elefanten, die in Burma in Gefangenschaft sind, vegetieren hier im Elefantenhaus in der Hauptstadt Nay Pyi Taw vor sich hin. Sie fristen ihr Leben auf ein paar Quadratmetern.
Die restlichen weissen Elefanten sind auf dem Betonboden eines Pavillons in Yangon, der grössten Stadt Burmas, angekettet.
In Gefangenschaft verrückt geworden
Im Elefantenhaus in Nay Pyi Taw stehen die Tiere hinter mächtigen Stahlabsperrungen. Die meisten von ihnen wiegen Kopf und Körper unablässig hin und her. Sie weben, wie es in der Fachsprache heisst.
Fachleute sagen, webende Elefanten seien psychisch krank. In Kettenhaft verrückt geworden, wie der Elefantenforscher Fred Kurt einmal sagte. Für die veterinärmedizinische Betreuung aller weissen Elefanten in Burma ist der pensionierte Veterinär Wan Htun verantwortlich.
Ob es kein Problem für die Tiere sei, wenn sie den ganzen Tag auf dem gleichen, kleinen Platz stehen müssen? «Nein», sagt er. Er weist darauf hin, dass die Tiere jeweils am Morgen und am Abend je eine Stunde Ausgang hätten. Sie dürften dann in Begleitung der Mahuts, der Elefantenführer, hinter dem Pavillon spazierengehen.
Ein beliebtes Foto-Sujet
Viele Touristen fotografieren wild drauflos. Sie machen Selfies mit den Elefanten – auch wenn die Tiere auf dem Bild nur als weit entferntes Pünktchen erscheinen. Ein Fremdenführer erklärt einem Besucher, das Hin- und Herwiegen des Kopfes sei ein Ausdruck der Freude.
Viele Besucher glauben, es bringe Glück, einen weissen Elefanten zu berühren. Doch Berühren ist tabu – zumindest für gewöhnliche Leute. Diese dürfen die «Heiligen» nur von ferne durch eine hohe Absperrung sehen.
In einer Gruppe von Touristen ist die Italien-Schweizerin Enza Bettinelli. Angesichts der webenden Tiere sagt sie: «Das tut richtig weh. Man sieht, dass es keine glücklichen Tiere sind. Es ist nicht schön, so etwas zu sehen.»
Ein Symbol für die Macht des Militärs
Ein Taxifahrer erklärt, die gefesselten Tiere seien ein Symbol für die Macht der Militärs. Es sei also alles unter Kontrolle.
Tatsächlich bestätigt ein prominenter burmesischer Elefantenexperte, der Angst hat, namentlich genannt zu werden: Höchste Armeegeneräle und ihre Entourage besuchten die weissen Elefanten in der Hauptstadt Nay Pyi Taw regelmässig.
Auch einer der beiden Vizepräsidenten des Landes gehöre zu den wöchentlichen Besuchern. Sie alle glaubten, die Tiere würden Glück bringen und die Macht erhalten.
Nationale Schande
Einer der schärfsten Kritiker dieser Elefantenhaltung heisst Thant Myint-U. Er ist Gründer und Direktor des Yangon Heritage Trust, der für die Erhaltung des kulturellen Erbes von Burmas grösster Stadt kämpft.
Thant Myint-U ist überzeugt: «Elefanten anzuketten ist abscheulich und zu verurteilen. Das sollte sofort beendet werden. Elefanten gehören in die Wildnis. In Gefangenschaft sollten sie zumindest als intelligente, soziale und sensible Wesen behandelt werden. Die gefangenen Elefanten in Burma sind eine nationale Schande.»
Viel grössere Gehege, weg mit den Ketten, mehr Zeit in der Natur, am besten im Wald, Aufbrechen der monotonen Routine: Das schlagen Fachleute unter anderem vor, um die Lage der gequälten Tiere zu verbessern. Doch eine Verbesserung ist nicht in Sicht.
Beim Nachbarn lebt es sich besser
Die weissen Elefanten in Thailand leben unter etwas besseren Bedingungen. Einst wurden sie im königlichen Palast in Bangkok ähnlich tierquälerisch gehalten wie heute die Weissen in Burma.
Dann entschied König Bhumibol Adulyadej, ihnen ein besseres Leben zu bieten. Seither leben die Tiere in naturnahen Gehegen.
Elf Weisse für Thailands König
Für die Beisetzung des thailändischen Königs im vergangenen Jahr wurden alle weissen Elefanten zum Palast nach Bangkok transportiert. Sie und ihre Mahuts, ihre Führer, knieten vor dem Palast nieder. Dazu erklang das Trompetensolo der königlichen Hymne.
Weil das Beisetzungs-Ritual elf weisse Elefanten vorschreibt, es jedoch in Thailand nur neun gibt, hatte man zwei normale Tiere weiss angemalt.