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Biophysische Proxydaten
Unter Proxydaten versteht man Verweise auf biophysische Temperaturzeiger in der naturnahen Umwelt, z.B. die Entwicklungsstadien von Pflanzen (biologische Temperaturanzeiger) oder die Dauer der Schneebedeckung sowie die Vereisung von Flüssen und Seen (physikalische Temperaturanzeiger).
In seinem „Verzeichniss über das [jeweilige] Jahr“ protokollierte der Bäcker Hans Rudolf Rieter (1665-1748) von 1721 bis 1738 den Verlauf der Witterung in Winterthur (ZH) sozusagen rund um die Uhr, oft selbst in den Nachtstunden (Serie 2). Nach heutigem Wissen war er in diesem Zusammenhang der Erste, der den Zeitpunkt einer grösseren Zahl von phänologischen Phasen systematisch festhielt, so den Zeitpunkt der ersten Kirschblüten, der „ersten Trauben“ (Austrieb oder Sichtbarwerden der Blütenstände), der beginnenden Begrünung der Buchen, der Vollblüte der Kirschbäume, der Vollblüte der Birnbäume, der ersten Gerstenähren, der ersten Roggenähren, der ersten Dinkelähren, der Vollblüte des Roggens, der Vollblüte des „Korns“ (Dinkels), des Beginns der Rebenblüte, der ersten reifen Erdbeeren, der ersten reifen Kirschen, des Beginns der Gerstenernte, des Beginns der Roggenernte, des Beginns der „Korn-“ (Dinkel-)Ernte, des Endes der Kornernte, der beginnenden Rotfärbung der Trauben und des Beginns der Weinlese. Rieter bewirtschaftete einen eigenen Rebberg und war als „Rechenherr“ für die Finanzverwaltung und für den Überschwemmungsschutz in der zürcherischen Kleinstadt Winterthur zuständig (Pfister 1984: 38). Nur ein Teil seiner phänologischen Beobachtungen wurde bisher in Euro-Climhist aufgenommen.
Der Berner Pfarrer Johann Jakob Sprüngli (1717-1803) zählt zu den bedeutendsten Schweizer Wetterbeobachtern seiner Zeit. 1757 erhielt er die Pfarrei Zweisimmen im Berner Oberland. 1766 wurde er nach Gurzelen bei Thun an den Fuss der Stockhornkette versetzt, 1784 schliesslich nach Sutz an den Bielersee. Sprünglis Beobachtungen verraten eine Manie, die Witterung möglichst umfassend zu beschreiben und mit instrumentellen Messungen zu dokumentieren. Ausführlich zeichnete er im Winter den Auf- und Abbau der Schneedecke in seiner Umgebung auf und verfolgte im Sommerhalbjahr das Einschneien und den Ausaperungsprozess an den nahen Bergketten. Er nennt uns den Blütezeitpunkt von rund 100 verschiedenen Blumen in Garten und Feld und von neun verschiedenen Obstbaumsorten sowie die wichtigsten Phänophasen der verschiedenen Getreidesorten und Reben. Ferner beobachtete er jeden Frühling das erste Erscheinen von 39 verschiedenen Tierarten (Pfister 1984; Burri, Zenhäusern 2009). In Gurzelen verzeichnete Sprüngli u.a. die folgenden Garten- und Feldarbeiten: „das erste Heuw eingethan – Erbs gesteckt – Erdäpfel gesteckt frühe – erste Korngarbe eingethan – das erste mal eingegraset [erster Grasschnitt im Frühjahr]".
Johann Ignaz Inderschmitten (1743-1816), ein Bergbauer in dem auf 1400 m gelegenen Dorf Binn (VS), amtete in der gleichnamigen Oberwalliser Talschaft als Gerichtsdiener. Er schildert die Witterung und ihren Einfluss auf die Land- und Alpwirtschaft von 1770 bis 1812 in allen Einzelheiten, beispielsweise den Zeitpunkt des Weidebeginns für Ziegen und der Alpfahrt, den Zeitpunkt der Roggenernte, die Wirkung von Starkfrösten und die Dauer der Alpnutzung (Zenhäusern 2008).
Christian Röthlisberger (geb. 1944) begeistert sich seit seiner Gymnasialzeit für Witterungs- und Pflanzenbeobachtungen. Während seines Wirkens als Allgemeinpraktiker im bernischen Grossaffoltern von 1977 bis 2010 und seit seiner Pensionierung hat er in diesem Raum ausserhalb der offiziellen Messnetze systematisch meteorologische Messungen und ganzheitliche Witterungsbeobachtungen durchgeführt, wie wir sie aus der historischen Vergangenheit kennen. Namentlich verfolgt er akribisch die Entwicklung einer stetig wachsenden Zahl von Kultur- und Nutzpflanzen und zeichnet sie auf, darunter auch solche, die im phänologischen Netz der MeteoSchweiz fehlen, aber früher sehr wohl beobachtet wurden. Dadurch schafft er eine phänologische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in der sich die zunehmende Erwärmung dokumentiert. In Euro-Climhist (Modul Schweiz) sind vorerst zwei seiner Reihen aufgenommen.
Der Beginn der (Winter-)Getreideernte im Schweizer Mittelland 1454-1970
Das Getreide wurde vor dem frühen 19. Jahrhundert in der Gelbreife mit der Sichel geschnitten, dann mit Sensen und schliesslich mit Mähmaschinen. Der Zeitpunkt der Gelbreife hängt von der Temperatur in der Periode von März bis Juli ab (Wetter, Pfister 2011). Seit der Einführung von Mähdreschern um 1970 ist die später eintretende Totreife (wenn die Körner leicht aus den Ähren fallen) für den Erntezeitpunkt massgebend.
Im Wochenausgabebuch des Hospitals Basel wurden die Lohnzahlungen an Tagelöhner für landwirtschaftliche Arbeiten von 1454 bis 1705 täglich festgehalten. Dadurch kann auf die Temperaturverhältnisse von März bis Juli geschlossen werden.
Der Eintrag zum Jahr 1522 lautet: „Item Freitag nach Margarete [28. Juli nach dem Gregorianischen Kalender] in der erny verlont". Nach heutiger Zeitrechnung begann die Roggenernte in Basel in diesem Jahre am 28. Juli, zehn Tage nach dem langjährigen durchschnittlichen Erntedatum 1454-1970, was auf kühle Temperaturverhältnisse im Zeitraum März bis Juli 1522 hindeutet. Daten in erzählenden Quellen bestätigen diesen Befund.
Für die Zeit von 1706 bis ins frühe 19. Jahrhundert kann der Zeitpunkt des Erntebeginns aus dem Datum hergeleitet werden, an dem die Getreidezehnten versteigert wurden. Alle Bauern in einer Gemeinde mussten mit der Ernte ihres Getreides am selben Tag beginnen, dies unter anderem, um Betrügereien bei der Abgabe des Zehnts nach Möglichkeit zu verhindern. Der Zehntbezug wurde unter den wohlhabenden Bauern des Dorfes versteigert. Der Ersteigerer sammelte die vereinbarte Menge Getreide ein und lieferte die Körner an die obrigkeitliche Zehntscheune. Als Entgelt erhielt er das anfallende Stroh. Das Datum der Versteigerung ist vom späten 16. Jahrhundert an in den so genannten Zehntrödeln (Verzeichnisse zu Zehntverleihungen und Zehnteinnahmen) festgehalten. Im frühen 19. Jahrhundert wurde der Zehntbezug aufgehoben. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kann das Erntedatum auch aus Aufzeichnungen von Bauern und Wetterbeobachtern erschlossen werden, anschliessend aus Beobachtungen im Rahmen des phänologischen Netzwerks von MeteoSchweiz (Serie 15).
Das Datum der Weinlese ist hauptsächlich von der Durchschnittstemperatur von April bis Juli abhängig. Im Schweizer Mittelland ist es seit 1501 durchgehend bekannt (Wetter et al. 2013). Aufzeichnungen über den Beginn der Weinlese stehen im Zusammenhang mit der Aufhebung des so genannten Weinlesebanns, der schon zur Römerzeit praktiziert wurde. Wenn die Trauben herangereift waren, wurden die Weinberge gebannt, d.h. Tag und Nacht bewacht, um Diebstähle von Trauben und das vorzeitige Lesen zu Lasten der Besitzer der Weinberge zu vermeiden. Der Beschluss wurde den Nutzungsberechtigten rechtzeitig mitgeteilt, damit diese die Lese überwachen konnten. Der Lesebann wurde durch die Gemeindebehörden aufgehoben. Die entsprechenden Aktennotizen dienen dem Historiker als Quelle. In Burgund sind Weinlesedaten seit dem 13. Jahrhundert erhalten. Eine lange Reihe von 1444 bis 2012 ist auch für die Schweiz publiziert (Wetter, Pfister 2013).
Eisbedeckung des Zürichsees im Winter 1880
Nach dem extrem kalten November 1879 und dem bitterkalten Dezember 1879, dem kältesten seit 1755, wurde das Eis auf dem Zürichsee am 23. Januar 1880 tragfähig. Eine „Seegfrörni“ lud stets zu einem Volksfest ein. Jung und Alt tummelte sich mit Schlittschuhen oder in Schlitten auf dem Eis. Ganz zugefroren waren auch der Neuenburgersee, der Bodensee sowie grosse Teile des Vierwaldstädtersees und des Genfersees beim Ausfluss der Rhone. Der Winter 1880 ist nach jenem von 1830 der kälteste seit 1755 (Pfister 1999: 103).
In Strengwintern frieren die Seen im schweizerischen Alpenvorland entsprechend ihrer Fläche, Tiefe und individuellen Besonderheiten in einer bestimmten Reihenfolge zu, wobei seichte Seen (Untersee, Murtensee, Bielersee) stets vor den tieferen (Zugersee, Zürichsee, Bodensee (Obersee), Neuenburgersee, Thunersee) überfrieren. Eine vollständige Eisbedeckung des Vierwaldstättersees, des Brienzersees, des Walensees und des Genfersees ist seit 1501 nicht belegt (Pfister 1984). Kleinere Seen froren auch im warmen 20. Jahrhundert noch häufiger zu (Hendricks-Franssen, Scherrer 2008).