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Der amerikanische Traum, in besseren Zeiten
Nicht einmal eine Erwähnung war sie wert! Anderthalb Stunden widmeten Drehbuchautor und Regisseur des Fernseh-Dokumentarfilms der Geschichte der Freiheitsstatue im Hafen von New York. Aber 90 Minuten haben nicht gereicht, um auch nur Emma Lazarus’ (1849-1887) Namen zu nennen. Sie ist im Meer der technischen Details im Zusammenhang mit dem grossen Monument, einem Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten von Amerika, einfach untergegangen.
Dabei hat sie mit ihrem Gedicht, das auf einer Bronze-Tafel am Fuss der Statue eingraviert ist, hundertprozentig das ausgedrückt, was die USA einst waren und sein wollten: das klassische Einwanderungsland, das den Armen, Hungernden, Verfolgten Schutz geben wollte, sie mit offenen Armen im “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” empfing und ihnen danach alle Chancen für ein Leben in Freiheit bot. Wenn Armut der Auswanderungsgrund gewesen war, durften die Neuankömmlinge auch darauf hoffen, dass ihr künftiger Lebensweg sie “vom Tellerwäscher zum Millionär” befördern würde. Was wäre wohl aus Nordamerika geworden ohne diese Einwanderer, die alles daran setzten, diese Chancen erfolgreich umzusetzen?!
Emma Lazarus war zwar nicht eine von ihnen, aber sie empfand ganz offensichtlich eine grosse Empathie, besonders für die jüdischen Immigranten aus dem Osten Europas, und als begnadete Dichterin hat sie dieses Gefühl in zeitlose Verse gegossen. In eine begüterte Familie geboren, hatte sie bereits mit 17 Jahren ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und damit Zugang zu den literarischen Kreisen New Yorks erhalten. Ihre Reisen nach Europa hatten ihr sowohl europäische Kultur als auch das Schicksal der bitterarmen und oft verfolgten Ostjuden nähergebracht. Als 1883 Geld gesammelt wird, um das Podest zu finanzieren, schreibt sie zusätzlich ein Gedicht.
Wie so oft, verliert auch dieses Gedicht einen Teil der poetischen Schönheit in der eher hölzernen Übersetzung, aber der Geist, in dem es geschrieben ist, hat die Transformation in eine andere Sprache überlebt. Die Dichterin hat die Form des Sonnetts gewählt, 2 x 4 + 2 x 3 = 14 Zeilen, die es den Übersetzern nicht leicht machen. Zudem setzt sie einiges an Wissen voraus, wenn sie sich in den ersten Zeilen auf eines der sieben Weltwunder bezieht: den Koloss von Rhodos, der breitbeinig die Meeresenge von Rhodos überbrückte. Das wusste man aber in ihrem Umfeld, und dort, wo man ihn nicht kannte, hat dieser Bezug zum klassischen Altertum offenbar niemanden gestört: Das Gedicht war populär und in breiten Kreisen bekannt. Ob das auch heute noch der Fall ist – in einer Zeit, wo man vielleicht eher mit Gedichten über Zäune und Mauern punkten könnte? Hier also die deutsche Übersetzung:
Der neue Koloss
Nicht wie der metallene Gigant von griechischem Ruhm,
Mit sieghaften Gliedern gespreizt von Land zu Land.
Hier an unserem meerumspülten hesperischen Tore soll stehen
Eine mächtige Frau mit Fackel, deren Flamme
Der eingefangene Blitzstrahl ist, und ihr Name
Mutter der Verbannten lautet. Von ihrer Leuchtfeuerhand
Glüht weltweites Willkommen, ihre milden Augen beherrschen
Den luftüberspannten Hafen, den Zwillingsstädte umrahmen.
„Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk“, ruft sie
Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt' ich mein Licht am gold’nen Tore!“
Der Welttag der Poesie, von der Unesco ausgerufen und seit 2000 jährlich gefeiert, fällt auf den 21. März. Er soll im technologischen Zeitalter “an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern” (www.kleiner-kalender.de). Dass es gerade dieses Gedicht ist, mit dem die ständig wachsende Lese-Gemeinde von Journal 21 an die Bedeutung dieses Tages erinnert werden soll, ist alles andere als unbeabsichtigt.
Zum Schluss noch der englische Originaltext – geniessen Sie das Vermächtnis einer Könnerin!
The New Colossus
Not like the brazen giant of Greek fame
With conquering limbs astride from land to land
Here at our sea-washed, sunset gates shall stand
A mighty woman with a torch, whose flame
Is the imprisoned lightning, and her name
Mother of Exiles. From her beacon-hand
Glows world-wide welcome; her mild eyes command
The air-bridged harbor that twin cities frame.
„Keep, ancient lands, your storied pomp!“ cries she
With silent lips. „Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tossed to me:
I lift my lamp beside the golden door.“