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Von Michael Sennhauser | 9. August 2016 - 21:30
Die allererste Einstellung dieses Films könnte auch die letzte sein. Ein Meer von Blumen, arrangiert in einem einzigen riesigen Gesteck. Die Kamera fährt leicht zurück, das Gesteck erweist sich als Gedeck. Es ist die riesige Festtafel im Speisesaal des Jockey-Clubs in Rio de Janeiro.
Hier trifft sich im August 1936 die intellektuelle und die politische Elite Brasiliens zu Ehren des österreichischen Autors Stefan Zweig, der sich das Land als nächste Station seines Exils ausgesucht hat.
Die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader hat einen riesigen Rechercheaufwand betrieben, um ein paar wenige, ungemein eindrückliche Szenen aus Zweigs Exiljahren so auf die Leinwand zu bringen, dass man nicht nur einen Eindruck von dieser Zeit der grossen Flüchtlingsbewegung vor dem Naziterror in Deutschland bekommt, sondern auch gar nicht anders kann, als sich darauf einzulassen.
Mit dem österreichischen Kabarettisten und Schauspieler Josef Hader (u.a. der Brenner in den Wolf-Haas-Krimiverfilmungen von Wolfgang Murnberger) hat Maria Schrader nicht nur einen überraschenden Hauptdarsteller gefunden, sondern auch einen überragenden.
Haders Stefan Zweig, mit leicht gebückter Haltung und überzeugendem Akzent in jeder Sprache, wirkt in allen seinen Szenen dermassen glaubwürdig, dass man es dem echten Stefan Zweig übel nimmt, wenn er in den wenigen verfügbaren Fotografien anders aussieht.
Die nächste Station von Zweig und dem Film ist der Schriftsteller-Kongress des PEN-Clubs in Buenos Aires im gleichen Jahr 1936. Eine lange Liste aus Deutschland vertriebener Autorinnen und Autoren wird verlesen, Emil Ludwig (Charly Hübner) prangert in einer feurigen Rede Nazideutschland an, und Stefan Zweig, der Pazifist, der sich weigert, aus dem sicheren Exil wohlfeil gegen das Land zu reden, wird von einzelnen Kollegen heimlich der Feigheit bezichtigt.
Es folgt eine Sequenz in Bahia im Jahr 1941. Zweig ist mit seiner zweiten Frau Lotte unterwegs auf einer Vortragsreise und schreibt dabei unermüdlich Briefe und Telegramme, um anderen Menschen auf der Flucht zu Aufenthaltsgenehmigungen und Visa zu verhelfen.
Im Winter des gleichen Jahres treffen Lotte und Zweig in New York seine erste Frau Friderike (Barbara Sukowa) und ihre Töchter und Zweigs New Yorker Verleger. Zweig klagt Friderike, dass er kaum mehr Kraft habe, weil er seine ganze Zeit und Energie darauf verwendet, seinen Einfluss und seine Verbindungen für andere Geflüchtete geltend zu machen. Dabei möchte er doch endlich wieder einmal in Ruhe schreiben.
Der vierte Teil des Films zeigt Zweig am Tag seines 60. Geburtstages im brasilianischen Petrópolis im November 1941. Es ist die letzte Station in seinem Exil, hier wird er noch die Schachnovelle schreiben, sein bis heute bekanntestes Werk.
Maria Schraders Film entwickelt über seine einzelnen, wie eigenständige, aufwändige Kurzfilme gebauten Kapitel eine enorme Kraft. Das ist kein Biopic, keine Künstlerbiografie, sondern eine minutiös rechercherierte und dann trotzdem sehr freie Rekonstruktion einer Zeit, die Menschen, auch privilegierte, anerkannte und einigermassen wohlhabende wie den neben Thomas Mann bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit, in die Verzweiflung trieb.
Dabei kann sich Maria Schrader nicht nur auf ihr extrem präzises Drehbuch verlassen und auf ihre sich wunderbar ergänzenden Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern auch auf die Kraft ihrer zugleich theatralisch und intim inszenierten Gruppenszenen. Die Menge an Haupt- und Nebendarstellern in den ersten beiden Sequenzen ist atemberaubend, die Leichtigkeit ihrer Inszenierung phänomenal.
Schrader kombiniert ihre Theatererfahrung mit einer zuweilen dynamischen Bildgestaltung zu maximaler Wirkung. Wenn das Ehrenessen im Jockey-Club mit den in Zeitlupe galoppierenden Pferden schliesst, ist der Film unumstösslich kraftvoll gestartet.
Und im Epilog wird die Türe eines Spiegelschranks dermassen raffiniert und zugleich einfach zum Aufblättern der Raumgeometrie eingesetzt, dass man die Szene anschliessend am liebsten auf einem Blatt Papier rekonstruieren möchte.
Vor der Morgenröte ist ein Film, der einem historische Menschen und Schicksale unmittelbar ins eigene Leben trägt. Das sind keine mahnenden Geister aus der Vergangenheit, das sind wir, unter nur geringfügig anderen Umständen.
Kinostart Deutschschweiz: 18. August 2016
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