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Münsterlingen
Projektwettbewerb, 2017
Städtebau, Baukörper und Architektur
Das Projekt für den Neubau Oberhaus mit 30 Wohneinheiten für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sieht einen einfachen, kompakten Baukörper vor. Das Volumen gliedert sich in einen Wohnhausteil mit etwas schmalerem Kopfbau sowie ein gegenüber der Topografie leicht erhöhtes Gartenparterre. Der Garten ist seitlich zum Landwirtschaftsland offen und wird südlich durch eine Pergola abgeschlossen. Der Solitär ist dreiseitig von Landwirtschaftsland umgeben. Über den nördlichen Kopfbau wird das Haus im Siedlungsgefüge verankert und erschlossen. Hier weist das Gebäude vier Geschosse auf, hangaufwärts im Bereich des Wohnens sind es drei. Wohnhaus und Kopfbau verfügen über eine, durchgehende Traufe: Alle Funktionen finden unter einem Dach Platz.
Der Zugang für Bewohner, Besucher und Fahrzeuge erfolgt über das westliche Ringstück des Waldhausweges. Eine spätere Anbindung an den östlichen, geraden Abschnitt des Waldhausweges ist wünschenswert und im Projekt vorgesehen. Der Haupteingang befindet sich an der Nordfassade des Kopfbaus und ist von beiden Zugängen her direkt und einfach auffindbar. Die Zufahrt zur Tiefgarage biegt direkt ab der Zufahrt des Waldhausweges auf der Westseite des Gebäudes ab. Die Anlieferung mit Wendemöglichkeit befindet sich abgewandt auf der Ostseite. Daran angelagert finden sich auch die Besucherparkplätze.
Der Neubau mit einer Holzverkleidung besitzt eine zurückhaltende Farbigkeit. Sie referenziert einerseits auf die periphere Lage im Landwirtschaftsland und ländliche Bauten im weiteren Kontext, andererseits wird darüber ein Ausdruck gesucht, der dem Wohnen verpflichtet ist und nicht an ein «Spital» oder Heim erinnert. Prägende Elemente der Fassadenarchitektur sind die erkerartigen Fenster der Zimmer sowie durch Lisenen gehaltene Lauben.
Innere Organisation, Betrieb und Beschäftigung
Die plastische Gliederung und Geschossigkeit widerspiegelt die innere Organisation. Im viergeschossigen Kopfbau befinden sich Mehrzweckraum, Verwaltung und Therapie sowie die integrierte Beschäftigung und die Freizeiträume. Im dreigeschossigen Teil sind die drei Wohngruppen auf je einem Geschoss untergebracht. Die unterste Wohngruppe verfügt auf der Ost- und Westseite über ein Hochparterre. Die drei Wohngruppen haben auf der Südseite über eine Laube direkten Zugang zum Garten.
Der Haupteingang befindet sich gut auffindbar auf der Nordseite des viergeschossigen Kopfbaus. Daran angeschlossen erstreckt sich eine Eingangshalle in die Tiefe. Seitlich des Eingangs ist ein Empfang vorgesehen. Gegenüber öffnet sich über eine innere Verglasung der Mehrzweckraum. Am Ende der Halle liegen der Lift sowie der Eintritt ins Treppenhaus.
Das räumlich grosszügige Treppenhaus liegt zwischen dem Wohnteil und den Beschäftigungs-, Verwaltungs- und Therapieräumen im Kopfbau und trennt so die beiden Sphären. Es spannt sich in Verbindung mit den einsehbaren Freizeiträumen auf allen Geschossen zwischen der Ost- und Westfassade auf, wo jeweils Lauben vorgelagert sind. Die räumliche Grosszügigkeit in Verbindung mit den Freizeit- und Aussenräumen macht das Treppenhaus zu mehr als einem Erschliessungsraum: Es dient der Begegnung und dem Aufenthalt.
In den Obergeschossen sind die beiden Eingänge zu den Kleinwohngruppen über ein offenes Auge getrennt, was die Adressierung, Auffindbarkeit und Orientierung erleichtert. Gegenüber befindet sich der Zugang zu den Beschäftigungs-, Verwaltungs- und Therapieräumen im Kopfbau. Über den zweiseitig öffnenden Lift ist ein direkter Zugang möglich.
Im ersten Obergeschoss des Kopfbaus sind der Therapieraum und die Physiotherapie untergebracht. Im Weiteren befinden sich davon getrennt die Verwaltung sowie die Räume der Nachtbetreuung mit direktem Zugang zum Treppenhaus. Im zweiten Obergeschoss liegen zwei der sechs Beschäftigungsräume sowie die Einzelförderung. Im dritten Geschoss besetzen die vier weiteren Beschäftigungsräume die Nordfassade. Über das Nordlicht sind sie über den Tag gleichmässig natürlich belichtet. Der Pausenraum lässt sich mit dem Freizeitraum verbinden. Die Garderoben und Toiletten sind auf das zweite und dritte Geschoss aufgeteilt.
Wohnen und Kontemplation
Im dreigeschossigen Wohnteil liegt auf jedem Geschoss eine Wohngruppe. Sie verfügen über jeweils zwei Eingänge vom Treppenhaus aus. Ein Auge trennt die beiden Eingänge zu den Kleinwohngruppen und schafft vertikale, räumliche Verbindungen und Übersicht.
Die beiden Kleinwohngruppen sind identisch aufgebaut und liegen «Rücken an Rücken», das heisst die eine ist primär ost-, die andere primär westorientiert. Sie bieten damit Blicke in die Weite des seitlich anschliessenden Landwirtschaftslandes. Im Süden erfolgt der Zusammenschluss mit dem Time-out-Zimmer und dem Multifunktions-Stübli. Eine davor gesetzte, gemeinsame Laube mit Treppe gibt allen Bewohnern direkten Zugang zum Garten. Für Bewohner im Rollstuhl besteht in den untersten Wohngruppen ein ebenerdiger, hindernisfreier Gartenzugang.
Im Innern, zwischen den Kleinwohngruppen liegen die gemeinsamen dienenden Räume: die Bäder, die Stauräume und das Dienstzimmer. Das Dienstzimmer befindet sich in Nähe zu Eingang, Küche und Wohnraum, sodass dem Personal jederzeit gute Übersicht gewährt bleibt.
Die fünf Zimmer jeder Kleinwohngruppe werden in zwei Bereiche geteilt: einen «vorderen» Bereich mit zwei Zimmern und einen «hinteren» mit drei Zimmern. Jedem dieser Bereiche ist ein breiter Erschliessungsraum vorgelagert, der sich zum Wohnraum, der dazwischen liegt, abschliessen lässt. Der Erschliessungsraum vor der südlichen Zimmergruppe weitet sich und ist nach Süden hin geöffnet. Er erweitert das Wohnraumangebot, schafft einen Bezug vom Wohnraum zum Garten und dient dem Aufenthalt und Rückzug. Die klar strukturierte Organisation der Wohngruppen sucht eine bewusste Annäherung an «konventionelles» Wohnen, um Alltäglichkeit und Normalität zu evozieren.
Der mittige Wohnraum weist eine einfache, klare Gliederung in einen Ess- und Kochbereich in Eingangsnähe sowie einen grosszügigen Aufenthaltsbereich auf. Dem Wohnraum ist jeweils über die gesamte Länge eine Laube vorgelagert, die eine ausgeglichene, ruhige Lichtsituation schafft.
Die Zimmer weisen eine Breite von 3.2 Metern auf. Über das Bad neben dem Eingang wird ein schützender Vorbereich geschaffen. Prägendes Element der Zimmer ist das Fenster, das als eigener «Raum» ausgebildet ist. Im Grundriss zeichnen sich diese Fenster durch einer Erkerbildung aus, welche die Zimmer nach Süden hin orientiert und dem Aussenbezug im Zusammenwirken mit dem fassadenseitigen Einbauschrank Tiefe gibt. Die Ausdrehung zusammen mit der Schrägstellung der zimmerseitigen Badwand macht den Raum zudem «weich». Im Schnitt betrachtet wird die Fassadenöffnung abgestuft, welche die Fensternische zur Sitzbank macht und im Sturzbereich den Raum nach oben weitet. Das «Fenster als Raum» inszeniert einerseits den Aussenbezug, andererseits schafft es Geborgenheit für die Bewohner.
Garten und Wohnen im Aussenraum
Dem Aufenthalt im Freien kommt im Alltag der Bewohner hohe Bedeutung zu. Das wiederspiegelt sich in den fünf Lauben des Hauses wie auch in der Bedeutung des Gartens, der Teil der Architektur ist. Als Leervolumen zwischen Wohnhaus und Pergola ist er gleichwertiges Gegenstück zum Gebäude.
Der Garten ist als Parterre vom weiträumigen Landwirtschaftsland ausgeschieden. Die östliche und westliche Kante wird durch Stauden- und Strauchpflanzungen gefasst. Sie gewährleisten die Weglaufsicherheit. Obstbäume auf dem Landwirtschaftsland geben eine zweite räumliche Fassung. Mittig des Parterres, umgeben von Wegen, liegt ein Rasenspiegel mit einer farbigen Blumenbepflanzung. Die niedrige Bepflanzung verhindert das Gefühl von Enge und die klare Zonierung des Gartens dient der Orientierung.
Den südlichen Abschluss macht eine Wandschale mit aufgesetzter Pergola. Die Pergola spendet Schatten und hat mit einem Aussenkamin, einer Gartenküche und Spielangeboten die Funktion eines Aussenwohnraums.
Die Anordnung des Gartens im Süden, umgeben von Landwirtschafts- und Freihaltezone, gewährleistet einen stillen und ruhigen Rückzugsort für die Bewohner und ist von der Zufahrt und dem restlichen Spitalbetrieb abgeschieden.
Konstruktion und Materialisierung
Das Gebäude ist in einer konventionellen Massivbauweise mit tragendem Mauerwerk vorgesehen. Die Fassaden werden in vorfabrizierter Holzelementbauweise konstruiert und weisen so grosse Dämmstärken auf. Die äussere Bekleidung besteht aus einer hinterlüfteten, druckimprägnierten Vertikalschalung in Holz, die über Massivholzlisenen gegliedert wird. Die Holz-Metallfenster wie auch die Blecharbeiten am Dachrand werden farbig einbrennlackiert. Im Innern sollen wenige, robuste und wohnliche Materialien zum Einsatz kommen.
Mitarbeiter Wettbewerb
Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Simon Cheung, Rabea Kalbermatten, Peter Schend
Bauherrschaft
Stiftung Mansio, Münsterlingen
Landschaftsarchitekt: Ganz Landschaftsarchitekten BSLA, Zürich