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Wer sich schon lange mit Fotografie befasst, erinnert sich wahrscheinlich noch an die Zeitschrift «camera», die von 1922 bis 1981 die wohl prägendste Schweizer Fotozeitschrift war. Jetzt scheint der Titel wieder aufzuleben, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich sowie in Österreich, wo er schon immer bestand..
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Die «camera» im Wandel der Zeit und ihre Namensverwandten …
Die Zeitschrift «camera» war von 1922 bis 1981 die wohl beste Fotozeitschrift Europas. Sie hat während fast sechs Jahrzehnten Fotokultur dokumentiert – sowohl historische als auch zeitgenössische. Und sie hat vor allem in den 1960er und -70er Jahre junge Fotografen begeistert – und geprägt. Von Anfang an stand nicht die Technik im Vordergrund, sondern das Bildschaffen.
Gegründet wurde «camera» im Jahre 1922 vom österreichischen Ingenieur Adolf Herz (1862 – 1947), der als erster Chefredakteur für die Bildauswahl, den Text und das Layout der neuen Zeitschrift alleine zuständig war, sowie dem Verleger Carl Josef Bucher (1873 – 1950), der seinen ganzen Berufsstolz in eine vorzügliche Druckqualität und eine gute Vermarktung legte.
Adolf Herz leitete «camera» seit der Gründung bis 1947 und richtete die Zeitschrift stark auf den damals stilprägenden Piktorialismus aus. 1941 erlitt C. J. Bucher einen Schlaganfall, so dass seine Frau Alice die Geschäfte übernahm. Im Januar 1948 wechselte die Chefredaktion zu Walter Läubli, der mit der Übersetzung der deutschen Fachartikel auf Französisch und Englisch die Zeitschrift international auszurichtete. Hans Neuberger war ab Dezember 1954 für kurze Zeit der neue Chefredakteur und Imre Reiner gestaltete in dieser Zeit die Zeitschrift neu, mitsamt dem «camera»-Schriftzug, der bis zur letzten Nummer praktisch unverändert blieb. Im Juli 1956 wurde Romeo Martinez Chefredaktor der «camera». Er setzt durch, dass die Zeitschrift in drei verschiedensprachigen Ausgaben erschien, was zu einer deutlich stärkeren internationalen Verbreitung führte; unter anderem wurde die «camera» offizielles Organ der weltweiten Amateurklub Organisation FIAP und des Berufsfotografenverbandes Europhot. Durch diese Kooperationen war Martinez in seinen Entscheidungen stark eingeschränkt, so dass er die Redaktion im Mai 1964 ohne Ersatz verliess. Alice Bucher musste daraufhin die Leitung der Zeitschrift selbst an die Hand nehmen.
Dann begann die Ära von Allan Porter. Alice Bucher war auf den jungen Amerikaner, der Grafik und Malerei studiert hatte, aufmerksam geworden als er als Grafiker bei einer Agentur in Basel arbeitete. Sie bat ihn, ein Konzept für die Neuausrichtung von «camera» zu verfassen. Porter versprach Alice Bucher eine massive Auflagesteigerung innert kürzester Zeit und erhielt nach einigen Monaten redaktioneller Mitarbeit ab Januar 1966 die Anstellung als Chefredakteur. Alice Bucher erkennt sehr rasch, dass die von Allan Porter durchgesetzten neuen Ideen bei der Leserschaft gut ankommen und lässt ihm in der Themenwahl und der Präsentation der Portfolios völlig freie Hand. Für die technische Entwicklung interessiert sich Allan Porter zwar, doch überlässt er diesen redaktionellen Teil dem erfahrenen Technikjournalisten L.A. Mannheim in London. Das Konzept von Allan Porter beginnt zu greifen, und die Themen- und Monografieausgaben, die sowohl zeitgenössische als auch historisch wichtige Fotografen dokumentieren, werden über die Fotografie hinaus sehr stark beachtet; «camera» wird zur Kulturzeitschrift, ähnlich der Zeitschrift «Du» von Conzett + Huber. Mit ihren drei Ausgaben findet «camera» international zunehmend rasch Verbreitung, und sie wird insbesondere auch bei jungen Fotografen stark beachtet, welche die von Allan Porter präsentierten Stilrichtungen aufmerksam verfolgen. Mit seinem breiten Beziehungsnetz hat er – damals gab es noch kein Internet – auch für einen wichtigen Kulturaustausch gesorgt, indem Fotografen aller Kulturkreise in der «camera» präsentiert wurden.
Für den Verlag C.J. Bucher, der sich inzwischen stark auf Bildbände konzentriert hatte, war «camera» ein Prestigeobjekt, das neben den thematisch interessanten Heften auch durch ein vorzügliche Druckqualität und eine fantasievolle grafische Gestaltung auffiel. Während sich die Druckauflage zusehends positiv entwickelte, wurde das Inserategeschäft für diesen international erscheinenden Titel immer schwieriger. Die Zahl der möglichen Inserenten beschränkte sich auf wenige international tätige Marken, so dass viele Ausgaben nur mit wenigen oder gar keinen Anzeigen erschienen. Trotz roter Zahlen hielt Alice Bucher an ihrem Titel fest und deckte die Verluste aus dem florierenden Büchergeschäft.
Die 1970er Jahre sagten grosse Veränderungen voraus: C.J. Bucher hatte in ein neues Druckzentrum in Adligenswil investiert, das sich schon bald als überdimensioniert erwies, so dass Alice Bucher 1973 den Verlag an die Ringier AG verkaufte. Zwar blieb zunächst das Verlagsprogramm von den neuen Eignern weitgehend unangetastet, doch als nach den schlechten Erträgen aus dem Inserategeschäft auch die Auflage sukzessive von in besten Zeiten 50‘000 Exemplaren auf nur noch rund 12‘000 einbrach, zeichnete sich das Ende der einst «besten Fotozeitschrift der Welt» mit aller Deutlichkeit ab. Im Oktober 1981 erfährt Allen Porter telefonisch, dass das Dezember-Heft die letzte Ausgabe sein werde.
Für Allan Porter war die Nachricht ein Schock, und sofort nimmt er die Arbeit der letzten Ausgabe von «camera» in Angriff. Es soll eine Besondere werden, mit einem mutigen Titelbild von Eugène Atget, das der Welt symbolisch den Hinterteil zeigt. Im Inhalt beschreibt Allan Porter mit «Photomania» in Anlehnung an eine Novelle von Gustave Flaubert die Anfänge der Fotografie und widmet auch den Bildteil der frühen Fotografie. Der Abschluss des Heftes macht ein Artikel über die «camera obscura», in welchem Allan Porter seine Zeitschrift sinnbildlich in die Dunkelheit zurück stellt.
Das neue Konzept von Ringier, die Zeitschrift «camera» in das deutsche «Fotomagazin» zu integrieren, musste wahrscheinlich von jemandem stammen, der von Fotografie wenig Ahnung hatte und glaubte damit die Absatzzahlen des damals stark auf Technik ausgerichteten deutschen Titel steigern zu können.
Ein Zeitzeuge der letzten Monate von «camera» und dem Übergangs zu Ringier, ist Hans-Eberhard Hess, der heute Chefredakteur der Zeitschrift «Photo International» in München ist. Er wurde im Herbst 1981 von der Ringier Geschäftsleitung eingesetzt, um den «camera»-Splitt im Fotomagazin redaktionell zu leiten. Hess erinnert sich: «Ich hatte 1981 einen Vertrag mit Ringier als geschäftsführender Redakteur der ‚camera‘ in der Tasche, weil das operative Geschäft von München aus geschehen sollte, nachdem Ringier den Heering Verlag gekauft hatte. Allan Porter wollte nicht aus Luzern weg. Ich weiss noch, dass ich mit Porter ein gemeinsam entworfenes neues Konzept der ’neuen camera‘ beim Ringier-Geschäftsleiter Adolf Theobald in Zürich vorgestellt hatte. Wenige Tage bevor ich meine Stelle antrat, teilte mir Theobald mit, dass man beschlossen habe ‚camer’a einzustellen, ohne Allan Porter um seine Meinung zu fragen. Ich war dann Ende 1981 länger in Luzern, um dort die Redaktion mit aufzulösen. Reste des Redaktionsarchivs gingen nach München, für überzählige Hefte interessierte sich Dr. Steinorth bei Kodak in Stuttgart, um diese innerhalb der DGPh zu nutzen. Einen Teil davon wurde auch dem Münchner Fotomuseum geschenkt. Danach wurde der ‚camera‘-Teil im Fotomagazin realisiert, den ich ein bis zwei Jahre redaktionell leitete, bis dieser letztlich eingestellt wurde und ich die Bildredaktion von Fotomagazin übernahm.»
Durch die Weiterverwendung des Namens war zwar der Titelschutz gewährleistet, doch lebte «camera» nur noch in der Erinnerung jener Leute weiter, welche die aussergewöhnlichste Fotozeitschrift über Jahren erlebt und geschätzt hatten. Und diese werden die heute noch existierenden Exemplare sorgsam in ihren Sammlungen aufbewahren.
Zur Geschichte von Allan Porter gibt es ein hervorragendes Buch: «Ein Amerikaner in Luzern» wurde 2007 von Nadine Olonetzky verfasst. Die Biographie beruht auf vielen persönlichen Kontakten mit Allan Porter sowie auf umfassenden Recherchen mit Persönlichkeiten und Kennern der damaligen Fotografieszene. Das Buch ist im Verlag «Pro Libro» in Luzern erschienen, kostet als Restauflage CHF 10.— (zzgl. Versandspesen) und kann über das Internet oder im Buchhandel bestellt werden.
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Hatte «Camera Austria» etwas mit «camera» zu tun?
Nach der Schilderung der Geschichte der Schweizer Zeitschrift «camera», liegt die Frage nahe, oder die österreichische «Camera Austria» einen Bezug zum gleichnamigen Schweizer Titel hatte. Schliesslich wurde die Camera Austria just in jenem Jahr gegründet, als die Ringier-Direktoren entschieden, den Luzerner Titel einzustellen.
Der Name «Camera Austria» geht ursprünglich auf eine Ausstellungstätigkeit seit 1975 zurück, aus der 1980 die Zeitschrift von Christine Frisinghelli, Seiichi Furuya und Manfred Willmann gegründet wurde. Seither erscheint sie zweimonatlich auf Deutsch und Englisch und befasst sich schwerpunktmässig mit der internationalen Stilentwicklung der Fotografie.
Ob damals zur Gründungszeit Verbindungen zu C.J. Bucher und zu Allan Porter bestanden? Mitbegründerin und Redaktionsleiterin Christine Frisinghelli schreibt uns dazu: «Nein, mit dem C.J.Bucher-Verlag hat es keinerlei Absprache bzw. Lizenzabkommen bezüglich des Begriffs ‚Camera‘ im Titel von ‚Camera Austria‘ gegeben. Wir hatten sehr grosse Wertschätzung für die Zeitschrift ‚Camera‘, die für unsere Generation auch prägend war. Ab Mitte der 1970er Jahre waren wir mit Allan Porter in Kontakt, der unsere Arbeit auch unterstützt hat (z.B. für die Ausstellung ‚American Photographers‘, 1977). Porter war u.a. bei unserem ‚Symposion über Fotografie‘ 1980 zu Gast in Graz. Die Namensgebung ‚Camera Austria‘ entstand eigentlich in Anlehnung an japanische Zeitschriften dieser Zeit (wie ‚Nippon Camera‘, ‚Camera Mainichi‘ etc), da wir damals in intensivem Kontakt mit Japan waren, und japanische Fotografen zur Zeit der Gründung unserer Zeitschrift in Graz waren. ‚Camera‘ ist ja auch ein allgemeiner Begriff und für Zeitschriften-Titel (siehe ‚Camera Work‘ und andere) ja nicht gerade neu gewesen.»
Neben der Zeitschrift wird seit 1989 alle zwei Jahre der «Camera-Austria-Preis» der Stadt Graz für zeitgenössische Fotografie auf Vorschlag einer internationalen Jury vergeben.
Weitere Informationen zu «Camera Austria».
Die neue «camera»
Nach der wenig erfolgreichen Idee, «camera» in das «Fotomagazin» zu integrieren, war es von 1981 bis 2012 um den legendären Titel ruhig geworden.
In jüngster Zeit feiert der Name «camera» bei einem deutschen Verlag in Hamburg seine Auferstehung. Die neue «camera» erschien seit Mitte 2012 alle zwei Monate beim Fachverlag Schiele & Schön GmbH in Berlin, der vor kurzem die Titellizenz an den Verlag befife GmbH, Berlin, mit Redaktion in Hamburg abgetreten hat.
Chefredakteur ist Jürgen Lossau (* 1960), der als Fernsehproduzent, Redakteur, Autor und Journalist bekannt. Seit 2004 ist Lossau Chefredakteur der Zeitschrift «Schmalfilm» und gründete 2012 das Magazin «camera», das in einer Auflage von 50‘000 Exemplaren erscheint.
Das Magazin «camera» macht einen frischen und spannenden Eindruck, kommt mit vielseitigem Inhalt daher, ebenso gut ausgewählte Portfolios wie auch mit Technikbeiträgen, Trendberichten sowie knall harten Test und Praxisreports. Laut Webseite ist es «ein Fotomagazin für 16- bis 50-jährige Leser, für neugierige ‚early adopters‘, die Technik ausprobieren und als Meinungsbildner in der Szene fungieren» wie einer der fünf Merksätze der Zeitschrift lautet.
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Gewinnen Sie in dieser Diaschau einen Eindruck der grafischen Gestaltung des Magazins «camera»
Die wichtigsten Themen der aktuellen Ausgabe März/April 2014 sind:
- Praxistext von HD-Kamerabüchern
- Cameracheck der Fujifilm X-T1 als Erfahrungsbericht, ergänzt durch einen mehrseitigen Artikel über die Kamerachronologie von Fujifilm
- «Schön war’s bunt», eine Reminiszenz an die Farbfotografie in der DDR
- «Der kleine, grosse Unterschied» über die Fotografie mit Vollformatsensoren am Beispiel von Nikon FX
- «Extern oder intern?» über integrierte oder externe Belichtungsmesser im Studioeinsatz
- Drei Portfolios: «Die Flitzer-Faker» mit Modelautofotografie, «Putzige Paar», eine ulkige Bildserie von Hanna Pesut über Kleidertausch – was nicht wirklich passt sowie «Tierchen statt Herrchen» mit grossartigen Tierporträts – geblitzt
- «Close friends» über Porträtfotografie und Bildbearbeitung von Henrik Ellerhorst
- Software-Workshop: Wie man Fotos mit Akvis Sketch in Zeichnungen umsetzt
- Analog-Fotografie: Wie man ein superlichtstarkes Objektiv 1:0,75 bastelt
Weitere Informationen zum zweimonatlich erscheinenden Magazin «camera» finden Sie unter www.camera-magazin.de/
Französische «camera»
Ringier hat offensichtlich noch weitere Titellizenzen verkauft. Jedenfalls erscheint seit Januar 2013 eine Vierteljahresschrift mit dem gleichen «camera»-Schriftzug beim Verlag «Publications Camera» im nordfranzösischen Roubais. Bisher sind fünf Ausgaben der französischen «camera» erschienen, und der Zufall will es, dass in der aktuellen Ausgabe ein Interview mit Allan Porter publiziert wurde, welches auf Englisch auch auf Vimeo zu sehen ist.
Weitere Informationen zur französischen «camera» finden Sie hier.
Bei allen Versuchen einer Renaissance – das Mythos der «camera» von damals wird immer unerreicht bleiben. Insbesondere die «camera»-Ausgaben der Ära von Allan Porter dürften qualitativ kaum zu überbieten sein. Sie waren prägend für eine junge Generation von Fotografen, sie waren weltweit kulturverbindend und sie waren – sowohl in der Bildauswahl als auch in der Grafik – Vorbild für andere Kulturzeitschriften. Dass der Name «camera» heute seine Wiederverwendung findet, ist der Beweis dafür, dass das Original von damals auch nach zwei Jahrzehnten noch nicht in Vergessenheit geraten ist.
Urs Tillmanns