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Grossmutter Marie, Grosstante Paula und Urgrossvater Johannes: Sie sind nur drei mutige Kämpferinnen und Kämpfer, von denen Beatrice Schmids Basler Familiengeschichte berichtet.
An Weihnachten 2015 findet Autorin Beatrice Schmid auf dem Dachboden ihres Elternhauses in Basel Schachteln mit einem wilden Durcheinander von Fotos, Briefen und allen möglichen weiteren Dokumenten. Ein Fund mit weitreichenden Folgen. Die Basler Autorin, die in Lausanne lebt und dort am Gymi Deutsch und Geschichte unterrichtet, will wissen: «Was war meine Grossmutter für eine Frau?» Sie recherchiert und recherchiert und schreibt schliesslich ihre Familiengeschichte: «Du weisst mich jetzt in Raum und Zeit zu finden». Diese umspannt das ganze 20. Jahrhundert, mit zwei Weltkriegen und dem Kalten Krieg. Und berührt, weil sie starke Frauen und Männer würdigt, die es nicht in die Geschichtsbücher geschafft haben, weil sie nicht zu den Mächtigen und Wohlhabenden gehörten.
Das Buch berührt, weil es starke Frauen und Männer würdigt …
ES GIBT KEIN BESINNEN
Im Zentrum des Buchs steht nicht nur Grossmutter Marie (1906–1985), welche die Autorin als Mädchen noch gekannt hatte. Sondern auch die mit Marie verschwägerte Grosstante Paula (1902–1973). Sie starb eine Woche nach der Geburt von Beatrice Schmid in Moskau. Autorin Schmid schreibt: «Rund ein halbes Jahrhundert gab es in meiner Familie einen Austausch zwischen Basel und Moskau.»
Grossmutter Marie, die ihre Mutter früh verlor, chrampfte in jungen Jahren als Magd und fand dann einen Job als Hilfsarbeiterin in der Bäckerei des Konsumvereins. Mit 34 Jahren heiratete sie Hans, einen Strassenarbeiter. Marie schrieb in den 1950er Jahren engagierte, gescheite und wohlformulierte Leserbriefe und Artikel im «Vorwärts», der Zeitung der Partei der Arbeit (PdA). So zum Beispiel zum fehlenden Frauenstimmrecht: «Es gibt kein Besinnen: Unsere Gleichstellung wird nur durch unser Ja beginnen.»
Nicht weniger ausserordentlich war der Weg von Grosstante Paula. Sie, die in Basel als «Kanzleibeamtin» bei der Fleischfirma Bell gearbeitet hatte, ging 1921 mit 19 Jahren nach Moskau, um «aktiv am Aufbau einer gerechten und fortschrittlichen Gesellschaft mitzuarbeiten» – und kehrte nie mehr zurück. Später landete Paula im Gulag, sprach jedoch nie über die Jahre im stalinistischen Arbeitslager. Trotzdem blieb sie zeitlebens «der Partei» treu. In einem undatierten Brief schrieb sie über die Sowjetunion: «Hier ist jedes Talent, jede Fähigkeit vom Kindergarten an entdeckt und gepflegt und mit den Jahren geschult. Es ist eben kein Zufall, dass unsere Erfolge in Kunst, Sport und Wissenschaften überall hervorragend sind.»
Autorin Beatrice Schmid sagt über ihre beiden politisch engagierten Vorfahrinnen: «Sie waren gewöhnliche Frauen, die weder ein besonderes Amt bekleideten noch eine herausragende Rolle spielten. Aber es wurde mir klar, dass sie die Geschichte mitgestalteten.» Genauso wie Schmids Urgrossvater Johannes Schmid (1869 bis 1942), der Gewerkschafter war.
… die es nicht in die Geschichtsbücher geschafft haben.
MIT JEDEM KIND MEHR SORGEN
Wir lernen Johannes im ersten Buchkapitel kennen, und zwar vor allem anhand des Lebenslaufs, der an seiner Abdankungsfeier gelesen wurde.
Johannes ist eines von 13 Kindern, von denen die Hälfte kurze Zeit nach der Geburt sterben. Er wird Arbeiter. 1894 heiratet er die 19jährige Anne Marie, drei Jahre später kommt eine Tochter zur Welt, die nach neun Monaten stirbt. Nach einer Pause ist Schmids Grosstante Paula das erste Kind ihrer Grosseltern, das überlebt. Doch der Tod bleibt im Haus: Mutter Anne Marie überlebt eine Gallensteinoperation nur knapp, weil sie sie hinausgezögert hat, denn das Geld fehlt, und die Kinder müssen ja versorgt sein. «Mit jedem Kind stiegen die materiellen Sorgen», steht in Urgrossvater Johannes’ Lebenslauf. «Die schwere Lage der Arbeiterschaft brachte ihn und viele andere zur Erkenntnis, dass der Zusammenschluss notwendig sei, um bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Mit gleichdenkenden Arbeitskollegen schloss er sich zusammen.»
Johannes war einer der Gründer des «Staatsarbeiter-Vereins», aus dem später die Gewerkschaft VPOD wurde. Auch er kämpfte wie Marie und Paula für Gerechtigkeit und Gleichheit. Das macht sie zu Heldinnen und Helden unserer Zeit.
Beatrice Schmid: Du weisst mich jetzt in Raum und Zeit zu finden. Zwei Frauen zwischen Basel und Moskau. Rotpunktverlag, 376 Seiten, CHF 38.–.