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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ZEHNTES BUCH. Das durch das Gedächtnis, die Einsicht und den Willen dargestellte Bild der Dreieinigkeit nach seinem Bestande.
5. Kapitel. Erklärung des Gebotes, daß man sich selbst erkennen soll.
7. Wozu wurde ihm dann das Gebot gegeben, daß er sich selbst erkennen soll? Ich glaube, damit er an sich selbst denke und seiner Natur gemäß lebe, das heißt, gemäß seiner Natur geordnet zu werden verlange, unter jenem nämlich, dem er sich zu unterwerfen hat, über jenem, über das er gesetzt sein soll, unter jenem, der ihm Herrscher sein muß, über jenem, dem er Herrscher sein muß. Vieles nämlich treibt er in verkehrter Gier so, als hätte er seiner selbst vergessen. [S. 79] Er sieht nämlich in seinem Innern manches Schöne in der über alles erhabenen Natur, die Gott ist. Während er aber dabei stehenbleiben sollte, um ihn zu genießen, wendet er sich, da er das Schöne sich selbst zuschreiben und nicht von Gott her Gott ähnlich sein, sondern aus sich selbst heraus sein will, was jener ist, von ihm ab, wird fortgetrieben und gleitet in das Weniger und Weniger, während er es für Mehr und Mehr hält, immer tiefer ab, während er vermeint, immer höher und höher zu steigen. Es kann ja weder er noch irgend etwas ihm genügen, wenn er sich von dem entfernt, der allein genügt. Deshalb verlegt er sich, von seiner Not und seinem Mangel getrieben, allzu sehr auf das eigene Handeln und auf die Vergnügungen mit ihrer Unruhe, die er aus dem Handeln gewinnt; und so verliert er in der Gier, Wissen zu erwerben aus den Dingen, die draußen sind, deren Art er kennt und liebt und von denen er doch fühlt, daß sie verlorengehen können, wenn man nicht alle Sorge auf sie verwendet, so verliert er das Gefühl der Geborgenheit und denkt um so weniger an sich selbst, je sicherer er ist, daß er sich nicht verlieren kann. Da es also etwas anderes ist, sich nicht zu kennen, etwas anderes, nicht an sich zu denken — so sagen wir auch von einem, der in vielen Wissenschaften bewandert ist, nicht, daß er die Sprachkunde nicht kennt, weil er nicht daran denkt, da er in diesem Augenblick gerade an die Heilkunst denkt — da es also etwas anderes ist, sich nicht zu kennen, etwas anderes, nicht an sich zu denken, ist die Kraft der Liebe so groß, daß das, was er mit Liebe lange überdachte, und dem er mit sorgender Hingabe verhaftet war, ebenfalls mit herbeizieht, wenn er irgendwie zum Denken seiner selbst zurückkehrt. Und weil es Körper sind, die er draußen durch die Leibessinne lieb gewann, und weil er in ihren lange dauernden, vertrauten Umgang verstrickt ist, in sein Inneres jedoch, also gleichsam in das Land der körperlosen Natur die Körper selbst nicht [S. 80] mitschleppen kann, hat er sich Bilder von ihnen aufgehäuft und reißt sie, die er aus sich selbst machte, in sich hinein. Er gibt ihnen nämlich, wenn er sie bildet, etwas von seiner Substanz. Er bewahrt aber auch etwas in sich, womit er über die Erscheinung solcher Bilder urteilt, und das ist in höherem Maße Geist, das heißt die des Denkens fähige Einsicht, die aufbewahrt wird, damit sie Urteile abgeben kann. Jene Seelenteile, welche durch die Bilder von Körpern geformt werden, haben wir ja auch, wie wir wissen, mit den Tieren gemeinsam.