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Arbeit
Langfristige ökonomische Entwicklung in der Schweiz und im Kanton St.Gallen
Vertiefung: Die Situation in der Heimarbeit
Im 19. und 20. Jahrhundert erlebte die Schweiz grundsätzlich ein starkes Wirtschaftswachstum. Nur gelegentlich wurde dieses durch Wirtschaftskrisen unterbrochen. Dieser Wachstumsprozess war von einer starken sektoriellen Verschiebung von der Landwirtschaft zur Industrie und ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Dienstleistung begleitet. Diese sogenannte Tertiarisierung wurde nicht zuletzt durch die Wirtschaftskrise in Folge des Zusammenbruchs des internationalen Währungssystems und des Erdölpreisschocks von 1973 beschleunigt. Die schweizerische Wirtschaft zeigte sich in diesen zwei Jahrhunderten international stark vernetzt und vom Export abhängig.
Der Schwerpunkt in der Industrie verschob sich im 19. und 20. Jahrhundert von der Textilindustrie auf die aus ihr resultierende Maschinenindustrie. Die Form und Ausrichtung der Industrialisierung variierte regional stark. Für die Ostschweiz beispielsweise war bis zum Ersten Weltkrieg die Stickereiindustrie von fundamentaler Bedeutung. In der stark auf den Export ausgerichteten Stickereibranche kam zudem der Heimarbeit im gesamten 19. Jahrhundert eine grosse Bedeutung zu. Die unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg einsetzende Stickereikrise brachte den einst blühenden Wirtschaftszweig fast zum Verschwinden.
Konjunkturschwankungen der Schweiz im 20. Jahrhundert
Die Grafik zeichnet die konjunkturelle Entwicklung in der Schweiz seit den 1920er Jahren nach, indem sie das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP), das über die Wirtschaftsleistung und Wertschöpfung der Schweiz Auskunft gibt, und dessen Wachstumsrate, aufzeigt. In der Schlussphase des Ersten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit kam es zu ökonomischen Problemen in der Schweiz. Die Chemieindustrie und die Metallindustrie setzten jedoch ihren Aufstieg fort, zumal in den „goldenen Zwanzigerjahren“ die Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad einschwenkte. Der sogenannte Nachkriegsboom setzte ein. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf die Schweiz im Verlauf der 1930er Jahre weniger heftig und zeitlich verzögert, aber dafür länger als in den umliegenden Ländern. In der Grafik wird dies als grosse Depression bezeichnet. Ein Grund dafür war, dass die Landesregierung keine Abwertung des Schweizer Frankens wollte. Als sie diese 1936 doch noch vornahm, gewann die Eidgenossenschaft international wieder deutlich an Konkurrenzfähigkeit, wovon die exportabhängigen Branchen profitierten. Der Zweite Weltkrieg wirkte sich wachstumshemmend aus. In einzelnen Branchen wie der Holz-, der Eisen- und Stahlindustrie führte er jedoch zu einer Kriegskonjunktur. Ab den 1950er Jahren erlebte auch die Schweiz eine Phase enormen Wirtschaftswachstums, die erst gegen Mitte der 1970er durch eine scharfe Rezession aufgrund des Zusammenbruchs des internationalen Währungssystems sowie des Erdölpreisschock 1973 beendet wurde.
Von Bauern zu Verkäufern – Die Sektorenverschiebung in der Schweiz
Seit 1800 verschoben sich die sektoriellen Schwerpunkte der Schweizer Wirtschaft grundlegend. Die damit einhergehenden Sektorenverschiebungen prägten alle Regionen der Schweiz, aber nicht jede Region war in gleichem Ausmasse davon betroffen.
Die dem Industriesektor zugerechneten Branchen erlebten durch die Industrialisierung, die in der Schweiz gegen Ende 18. Jahrhunderts einsetzte, ein massives Wachstum. Um 1880 überstieg die Anzahl der in der Industrie Beschäftigten erstmals jene im landwirtschaftlichen Sektor. Die Industrialisierung in der Schweiz war nach 1800 von einer starken Mechanisierung geprägt, die vor allem aufgrund der Leitindustrie, der Textilindustrie, immer weiter fortschritt. Die Mechanisierung der Textilindustrie führte dabei zu höherer Qualität und Produktivität. Was in niedrigeren Herstellungspreisen und in einem phasenweisen Aufblühen des Exports und starken konjunkturellen Wachstum resultierte. Zu erwähnen ist, dass eine klare Trennung von Personen, die in der Landwirtschaft und der Industrie tätig waren, nur begrenzt möglich ist, da viele Arbeitenden noch weit bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts neben ihrer Tätigkeit in der Landwirtschaft auch noch einem Verdienst in der Industrie nachgingen.
Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise führten nach 1929 zum langsamen Niedergang verschiedener bis dato wichtiger Industriezweige in der Schweiz, darunter die Uhren- und die für die Ostschweiz besonders wichtige Textilindustrie. Allgemein zwangen die im 20. Jahrhundert immer teurer werdenden Produktions- und Lohnkosten in der Schweiz viele im Inland produzierende Firmen in den Konkurs oder zur Verlegung der Produktion ins billigere Ausland, wobei die Leitungsgremien und die Verwaltung im Inland blieben. Überdies führten auch die fortschreitende Automatisierung der Güterherstellung, die steigende Lebenserwartung, die immer komplexer werdenden sozialen und ökonomischen Systeme und die grössere Nachfrage nach Freizeitangeboten aufgrund der tieferen Arbeitszeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und noch beschleunigt ab den 1970er Jahren zu einer erneuten Verlagerung des Wirtschaftsschwerpunktes. Der Dienstleistungssektor wurde nun zum klar wichtigsten Wirtschaftssektor in der Schweiz. Diese sogenannte Tertiarisierung setzt sich bis in die Gegenwart fort.
Aufschwung der Maschinenindustrie
Die zwei Abbildungen zeigen die Maschinenfabrik Benninger in Uzwil mit einem Abstand von dreissig Jahren. Die deutliche Vergrösserung der Firma, die bis heute Maschinen für die Textilindustrie herstellt, macht deutlich, welch enormen Einfluss die florierende Textilindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf andere Industriezweige hatte und dass sie das Zugpferd der bis heute für die Schweiz wichtigen Maschinenindustrie war.
Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Ostschweiz durch den Boom der Stickerei ab den 1870er Jahren erlebte, hatte einen positiven Effekt auf andere Industriezweige. Von der Papier- und Kartonindustrie, welche das Verpackungs- und Entwurfsmaterial für die Stickereien herstellte, bis hin zum Baugewerbe profitierten alle vom Aufschwung dieses Sektors, jedoch kein Zweig in demselben Masse und mit solch langfristigen Folgen wie die Maschinenindustrie. Viele Maschinenfabriken entstanden als Zulieferer für die Stickerei. Die Firma Benninger war beispielsweise auf Breitfärbe- und Waschmaschinen sowie Zettel- und Schärmaschinen spezialisiert.
Im Gegensatz zur Textilindustrie litt die Maschinenindustrie der Schweiz dank innovativer Ideen und der Orientierung auf andere Branchen (u.a. auf die Kriegsmaterialproduktion) nicht stark unter der Stickereikrise ab 1914 und auch die Weltwirtschaftskrise nach 1929 traf die Maschinenindustrie im Vergleich zu anderen Industriesparten wenig. Nebst der ebenfalls durch die Textilindustrie beflügelten Chemieindustrie entwickelte sich die Maschinenindustrie zur wichtigsten Exportbranche der Schweiz im 20. Jahrhundert. 1913 stand die Schweiz sogar für ein Jahr global an der Spitze der maschinenexportierenden Länder. Die vorhandene Infrastruktur, das Knowhow und die qualifizierten Arbeitskräfte sind weitere Gründe, weshalb die Schweiz sich bis heute als Standort für Maschinenfabriken behauptet und sich die Verlagerung der Produktionsstätten ins Ausland in diesem Industriezweig in Grenzen hält.
Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise
Die Weltwirtschaftskrise ab 1929, die im Oktober des Jahres nach dem Börsencrash an der New Yorker Börse ausbrach, traf die Schweiz im Verlauf der 1930er Jahre weniger heftig und zeitlich verzögert, aber dafür länger als die umliegenden europäischen Länder. Besonders heftig trafen die Auswirkungen die Exportbranche der Schweiz. In der Schweiz führte die im Ende des Jahres 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise zu einem Exporteinbruch von etwa 65 Prozent. Die Exportbranche erholte sich bis 1936 nicht mehr. Der Exportwert nahm von 2098 Millionen Franken im Jahr 1929 auf nur noch 715 Millionen Franken im Jahr 1935 ab. Ein Grund dafür war, dass die Landesregierung vorerst keine Abwertung des Schweizer Frankens durchführen wollte. 1936 änderte sie, innenpolitisch unter Druck gekommen, ihre Meinung und nahm eine Abwertung des Schweizer Frankens vor. Dies liess die Eidgenossenschaft international wieder deutlich an Konkurrenzfähigkeit gewinnen, wovon wiederum die exportabhängigen Branchen profitierten, obschon die Wirtschaftsleistung erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder massgeblich anstieg.
Weiter sank das nominale Volkseinkommen während 10 Jahren von 100 auf 87 Indexpunkten und die Arbeitslosenquote stieg stark an. 1936 wurden durchschnittlich 93’000 Arbeitslose gezählt, was einer Arbeitslosenquote von 5 Prozent entsprach. Eine obligatorische Arbeitslosenversicherung bestand nur in der Hälfte der Kantone. Diese Versicherung entrichtete zunächst 90 Tage, später 120 Tage Unterstützungsgelder, danach musste die arbeitslose Person von der Fürsorge unterstützt werden. Die Anzahl der beschäftigten Industriearbeiter sank in der Zeitspanne von 1929 bis 1939 von 409‘083 auf 367‘924 Personen. Auch im Primärsektor veränderten sich die Zahlen. Ab 1933/34 brach die Binnenkonjunktur ein, was ein Sinken der Löhne und Preise mit sich brachte und viele landwirtschaftliche Betriebe in den Niedergang zwang.
Von der Leinwand zum Baumwollband
Das Gemälde zeigt die Stadt St. Gallen, erkennbar durch die beiden Klostertürme. Es sind grosse, weisse Bleichefelder ausserhalb der Stadtmauer abgebildet, die während der Zeit der Blüte der Leinenindustrie, das heisst vor allem im 16. und 17. Jahrhundert, von grosser Bedeutung für die Stadt gewesen waren, da sie für das Bleichen der Leinen verwendet wurden. Wie die Abbildung zeigt, waren diese Bleichfelder auch noch Anfang 19. Jahrhundert vorhanden und prägten das Stadtbild.
Obschon im Jahre 1815 immer noch Bleichefelder existierten, waren sie zu diesem Zeitpunkt schon deutlich kleiner geworden, da die Baumwolle im 18. Jahrhundert, nachdem sie Jahrhunderte lang in der von Leinen und Wolle dominierten Textilindustrie Europas nur eine Nebenrolle gespielt hatte, zum zentralen Rohstoff der Textilindustrie Europas und auch der Ostschweiz wurde. Diese Verlagerung führte zu grundlegenden Veränderungen in der Ostschweizer Textilwirtschaft, welche jedoch nicht ohne das durch die Leinwandproduktion und den Leinwandhandel angesammelte Kapital und Expertenwissen möglich gewesen wären. Mit dem Aufkommen der Baumwolle wurden auch neue Produkte entwickelt. Zu diesen gehörten die feinen Ostschweizer Musseline, welche sich aufgrund ihrer hohen Qualität gut verkauften. Auch entstanden neue Verarbeitungsbereiche wie das Spinnen und die Stickerei, die die Ostschweizer Wirtschaft lange prägten. Die Ende des 18. Jahrhunderts von England aus einsetzende Mechanisierung der Baumwollindustrie stellte die Textilproduktion in der Ostschweiz anfänglich vor Probleme, wirkte letztlich aber befördernd und führte in Form der Musseline und dann der Stickereiherstellung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Blüte der Textilindustrie in der Ostschweiz.
Von Pferd und Wagen zur Eisenbahn
Der Stahlstich von Johann Baptist Isenring aus dem Jahre 1855 zeigt die Eisenbahnbrücke über die Thur bei Schwarzenbach mit der Stadt Wil im Hintergrund. Die einfahrende Eisenbahn symbolisiert den aufkommenden technischen Fortschritt, der durch das traditionelle Fuhrwerk im Vordergrund kontrastiert wird. Die rauchenden Schornsteine vor der Stadt Wil weisen auf die Präsenz von Industrie hin.
Das Verkehrswesen veränderte sich in der Schweiz parallel zur Industrialisierung. Die maschinelle Massenproduktion verlangte nach einer weiträumigen und günstigen Distribution. Dazu war eine neue Infrastruktur nötig, wobei der Bau von Eisenbahnlinien zentral war. Um den Verkehr entscheidend zu erleichtern, waren schon davor neue Strassen gebaut worden. Vorindustrielle Strassentransporte waren jedoch kostspielig und beschwerlich. So konnte beispielsweise Getreide maximal 200 Kilometer weit mit Pferd und Wagen transportiert werden. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in der Schweiz ein Schienennetz. In einem ersten Wachstumsschub in den 1850er Jahren und in einem zweiten in den 1870er Jahren wurden alle wichtigen Industrielandschaften miteinander verknüpft und an die ausländischen Märkte angeschlossen. Der Bau der Eisenbahn beeinflusste die strukturelle Entwicklung und das Kostengefüge der Wirtschaft nachhaltig.
St. Gallen arbeitete seit den 1830er Jahren am Auf- und Ausbau eines leistungsfähigen Netzwerkes mit grossräumigen und regionalen Verkehrsinfrastrukturen. Um den Standortnachteil im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf durch eine fortschrittliche Verkehrspolitik wettzumachen, verfolgte der Kanton stets das Ziel, sich möglichst gut in das nationale sowie internationale Verkehrsnetz einzubinden.
Von Hand – nur billiger
Die im Textilmuseum St. Gallen ausgestellte Handstickmaschine ist ein Original aus dem 19. Jahrhundert und funktioniert bis heute einwandfrei. Beim Sticken wird durch den auf der Stickvorlage platzierten Pantographen der Stich auf den Stickboden übertragen. Dabei verschieben sich nicht etwa die Nadeln, sondern der ganze Stickboden. Die Maschine wird durch die Tritte des Maschinenführers betrieben. Bei der ausgestellten Maschine handelt es sich um eine Schulmaschine, was daran zu erkennen ist, dass sie mit 2.25 Metern Länge und 156 Nadeln deutlich kleiner ist als die in der Industrie verwendeten 4.50 Meter langen Maschinen mit 312 Nadeln.
Die Blütezeit der Handstickmaschine begann im Jahre 1865. Auf ihrem Höhepunkt wurden zwischen 1870 und 1876 in der Ostschweiz jährlich rund 1000 Maschinen neu aufgestellt, wobei sich die Produktion in den 1880ern deutlich auf die Heimindustrie verlagerte. Hierbei ist zu erwähnen, dass eine Handstickmaschine die Arbeit von rund 40 Stickerinnen ersetzte, was die Produktion und somit die Stickerei selbst massiv verbilligte. Diese Art von mechanischen Stickmaschinen, die von Menschenkraft betrieben wurden, verlor ihre Vorherrschaft erst um die Jahrhundertwende, als sich die Schifflistickmaschine durchzusetzen begann. Die von Elektrizität, Dampf oder Wasser betriebene und mit höherer Nadelzahl versehene Maschine erbrachte im Vergleich zur herkömmlichen Handstickmaschine eine acht- bis zehnfache Leistungssteigerung, was die so hergestellten Stickereien erneut verbilligte. Die Schifflistickmaschinen wurden vorwiegend in Fabriken aufgestellt und waren aufgrund ihres Antriebes und des höheren Anschaffungspreises für die Heimarbeit im Vergleich zur Handstickmaschine nur wenig geeignet. Das Aufkommen der Schifflistickmaschinen beschleunigte den Bedeutungsverlust der Heimarbeit. Dennoch blieben Handstickmaschinen vor allem im Appenzellerland – nicht zuletzt aufgrund ihres besseren Stickbilds – bis zu der 1914 einsetzenden Stickereikrise in regem Gebrauch.
Auf dem im Textilmuseum St. Gallen hängenden Gemälde, das im Auftrag des Kaufmännischen Direktoriums St. Gallen-Appenzell 1881 entstanden ist, ist die Entwicklung der Textilindustrie der Ostschweiz in zeitstrahlähnlicher Form dargestellt. Das Bild zeigt deutlich, mit welchem Selbstbewusstsein und Fortschrittsoptimismus sich die Textilindustrie und die Wirtschaftselite St. Gallens wahrnahmen und darstellen liessen. Aufgrund der Länge des Gemäldes ist es hier in seine Abschnitte unterteilt worden.
Die erste Hälfte des Gemäldes zeigt einfache, aus der Region und Mitteleuropa stammende Menschen, die Leinwände herstellen und Handel betreiben. Die Figur mit Bart, welche hinter dem Podest mit den drei Wappen steht, stellt einen Vertreter der Kantone dar, der die Leinwände auf ihre Qualität prüft. Die Leinwand war im 16. und 17. Jahrhundert eines der wichtigsten Exportgüter der Eidgenossenschaft, wobei sie vorwiegend in der Bodenseeregion produziert wurde und ihren Erfolg sicher zum Teil den strengen Qualitätsrichtlinien der Region verdankte.
Die zweite Hälfte des Gemäldes zeigt Entwicklungen, die ihren Anfang zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch die Einführung der Baumwolle nahmen, wobei der grün gekleidete Herr Peter Bion darstellt, welcher als Erster die Baumwolle in St. Gallen einführte. Zunächst wird die Weiterverarbeitung – explizit das Besticken von Baumwolle – gezeigt, anschliessend der dadurch herbeigeführte Reichtum und die neuentdeckten Handelsregionen (Globus). Im letzten Drittel des Gemäldes wird die alles verändernde Industrialisierung durch rauchende Kamine symbolisiert und abschliessend der Verkauf der bestickten Stoffe an Menschen aus aller Welt, was durch deren Hautfarbe und Gesichtszüge deutlich wird. Dieser so dargestellte Handel war bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges Quelle des immensen Reichtums vieler St. Galler Industrieller.
Die Stickereikrise, welche 1914 mit dem Ersten Weltkrieg und einem Wandel der Mode weg von der eleganten Spitze begann, führte zum massiven Abbau an Stellen im ehemals so florierenden Wirtschaftszweig in der Ostschweiz. Dieser Stellenabbau war jedoch nicht allein der Branchenkrise, sondern auch der fortschreitenden Automatisierung der Produktion durch die steigende Anzahl an Stickautomaten geschuldet. Allerdings begann auch deren Zahl in den 1920er Jahren zu schwinden. In nur zehn Jahren verlor die Ostschweiz so ihr wichtigstes Beschäftigungsfeld, was ihre Wirtschaft am Lebensnerv traf, umso mehr, da der Industrie- und Dienstleistungssektor im Gegensatz zu anderen Regionen der Schweiz keine weiteren Fortschritte machten. Erst in den 1950er Jahren gelang allmählich die Überwindung der schweren Krise in der Region und auch die Stickerei gewann wieder an Bedeutung. Gesamtschweizerisch ist diese positive Entwicklung lediglich an der Zunahme an Stickautomaten im Zeitraum von 1940 bis 1960 ersichtlich (Tabelle 2), da die anderen Maschinentypen durch die weiterlaufenden technischen Verbesserungen der Automaten und der damit einhergehenden Produktivitätssteigerung fast völlig an Bedeutung verloren. Diese Entwicklung hin zum Stickautomaten führte nicht – wie man annehmen könnte – zu einem weiteren Stellenabbau in der Stickereiindustrie der Ostschweiz. Die Zahl der Beschäftigten nahm sogar zwischen 1950 und 1960 wieder zu (siehe Tabelle 1). Doch diese Zunahme war nur von kurzer Dauer, da die steigenden Produktions- und Lohnkosten für viele Firmen untragbar wurden und sie in den Konkurs oder zur Verlagerung der Produktion ins Ausland zwangen. Diese Entwicklung wird wiederrum durch den schweizweiten Rückgang der Anzahl Stickautomaten zwischen 1960 und 1977 deutlich.
Fäden über Fäden
Auch in anderen Regionen der Schweiz spielte die Textilindustrie eine bedeutende Rolle. Grosse wirtschaftliche Relevanz besass etwa die Seidenbandweberei in Basel. Städtische Unternehmen in Basel gingen in den 1830er Jahren dazu über, die Seidenbänder anstatt in Heimarbeit in Fabriken zu fabrizieren. Ausschlaggebend war der Betrieb der Webstühle durch Wasser- und später Dampfkraft. Zudem war maschinell die Herstellung von Bändern mit komplizierten Webmustern möglich. Dadurch wurde die Produktion von hochwertigen Bändern relativ günstig. Das Weben auf handbetriebenen Webstühlen in den Wohnungen der Posamenterfamilien (Posament ist eine Sammelbezeichnung für schmückende Geflechte, wie beispielsweise Volants, Zierbänder, Spitzen, Seidenbänder und so weiter), hatte sich jedoch, trotz aufkommenden Fabriken, noch nicht völlig verdrängen lassen.
Im Baselbiet war die Heimposamenterei seit dem 18. Jahrhundert verbreitet. Anfangs gedieh Neues neben Altem, die Heimarbeit nahm jedoch ab den 1870er Jahren stetig ab und die Anzahl an Fabrikwebstühlen zu. Im 20. Jahrhundert liess sich das Webstuhlsterben nicht aufhalten. Die letzte Heimposamenterin stellte im Jahr 1988 ihre Tätigkeit ein.
Die Fotografie aus den 1970er Jahren zeigt Emmy und Emma Buser, zwei Cousinen aus Rünenberg im Kanton Basel-Landschaft, beim Andrehen. Sie verknüpfen mit den vorhandenen Reststücken des letzten Auftrages den Zettel (auch Webkette genannt, Gesamtheit aller Kettfäden eines Webstuhles) des neuen. Tausende von Fäden stehen ihnen zur Bearbeitung bevor. Der Webstuhl nimmt den ganzen Raum in Anspruch. Viel Fingerfertigkeit und eine grosse Konzentration brachte das Vorbereiten des Webstuhles als Arbeit mit sich. Einfacher von der Hand ging sie zu zweit, weshalb die Cousinen im Duo arbeiteten. Diese Arbeit wurde meist nicht, oder wenn, dann nur sehr schlecht entlohnt.
Auch in anderen Regionen der Schweiz spielte die Textilindustrie eine bedeutende Rolle. Grosse wirtschaftliche Relevanz besass etwa die Seidenbandweberei in Basel. Städtische Unternehmen in Basel gingen in den 1830er Jahren dazu über, die Seidenbänder anstatt in Heimarbeit in Fabriken zu fabrizieren. Ausschlaggebend war der Betrieb der Webstühle durch Wasser- und später Dampfkraft. Zudem war maschinell die Herstellung von Bändern mit komplizierten Webmustern möglich. Dadurch wurde die Produktion von hochwertigen Bändern relativ günstig. Das Weben auf handbetriebenen Webstühlen in den Wohnungen der Posamenterfamilien (Posament ist eine Sammelbezeichnung für schmückende Geflechte, wie beispielsweise Volants, Zierbänder, Spitzen, Seidenbänder und so weiter), hatte sich jedoch, trotz aufkommenden Fabriken, noch nicht völlig verdrängen lassen.
Im Baselbiet war die Heimposamenterei seit dem 18. Jahrhundert verbreitet. Anfangs gedieh Neues neben Altem, die Heimarbeit nahm jedoch ab den 1870er Jahren stetig ab und die Anzahl an Fabrikwebstühlen zu. Im 20. Jahrhundert liess sich das Webstuhlsterben nicht aufhalten. Die letzte Heimposamenterin stellte im Jahr 1988 ihre Tätigkeit ein.
Die Fotografie aus den 1970er Jahren zeigt Emmy und Emma Buser, zwei Cousinen aus Rünenberg im Kanton Basel-Landschaft, beim Andrehen. Sie verknüpfen mit den vorhandenen Reststücken des letzten Auftrages den Zettel (auch Webkette genannt, Gesamtheit aller Kettfäden eines Webstuhles) des neuen. Tausende von Fäden stehen ihnen zur Bearbeitung bevor. Der Webstuhl nimmt den ganzen Raum in Anspruch. Viel Fingerfertigkeit und eine grosse Konzentration brachte das Vorbereiten des Webstuhles als Arbeit mit sich. Einfacher von der Hand ging sie zu zweit, weshalb die Cousinen im Duo arbeiteten. Diese Arbeit wurde meist nicht, oder wenn, dann nur sehr schlecht entlohnt.
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Quellenverzeichnis
Konjunkturschwankungen der Schweiz im 20. Jahrhundert
Reales BIP und jährliche Wachstumsraten der Schweiz, 1920–2008 (2010). In: Die Volkswirtschaft, 83,1-2, S. 16. Online unter https://dievolkswirtschaft.ch/content/uploads/2016/06/2010_01-02-D.pdf#page=10 (1.9.2018).
Von Bauern zu Verkäufern – Die Sektorenverschiebung in der Schweiz
Selbsterstellte Graphik basierend auf den Daten von: Bergier, J. (1983). Die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Zürich: Benzinger, S. 226.
Aufschwung der Maschinenindustrie
Maschinenfabrik Benninger. In Tanner, A. (1985). Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht. Zürich: Unionsverlag, S.127.
Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise
Selbsterstellte Graphik basierend auf den Daten von: Gross, C. et al. (2011). Schweizer Geschichtsbuch 3/4. Kompaktausgabe. Vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart. Berlin: Cornelsen, S.137.
Von der Leinwand zum Baumwollband
König, N. (um 1820). Dora, C. (2004). Textiles St. Gallen. Tausend Jahre Tradition, Technologie und Trends. St. Gallen: Amt für Kultur, S.47.
Von Pferd und Wagen zur Eisenbahn
Isenring, J. B. (1855). Eisenbahnbrücke Schwarzenbach bei Wil. In Galliker, H. (2003). Eisenbahn und Autobahn – Transportrevolutionen verändern St. Gallen. In Sankt-Galler Geschichte 2003. Bd. 5: Die Zeit des Kantons 1798-1861. St. Gallen: Niedermann, S. 121.
Von Hand – nur billiger
Handstickmaschine, Baujahr ca. 1890, Textilmuseum St. Gallen.
St. Gallens textiler Werdegang in einem Bild
Rittmeyer, E. (1881).„Von der mittelalterlichen Leinwandindustrie zum Stickerei-Welthandel“, Textilmuseum St.Gallen.
Der Niedergang in Zahlen
Selbsterstellte Graphik basierend auf den Daten von: Tanner, A. (1985). Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht. Zürich: Unionsverlag, S. 187–191; S. 203–204.
Fäden über Fäden
Winiger, E. (1972/73). In Museum Baselland, D2.9873.
Sammelbibliographie
Das Wachstum der Schweizer Volkswirtschaft seit 1920. In Die Volkswirtschaft Das Magazin für Wirtschaftspolitik 1/2-2010. Online unter: www.dievolkswirtschaft.ch/content/uploads/2010/01/05D_Zuercher.pdf (20.03.2018).
Dora, C. (2004). Textiles St. Gallen. Tausend Jahre Tradition, Technologie und Trends. St. Gallen: Amt für Kultur. (S.20 f., S.24, S.36 – S.40, S.47)
Edouard Winniger. Online unter: http://www.geschichte.bl.ch/wirtschaft/zeitalter-der-seidenbandweberei/zeitalter-der-seidenbandweberei-galerie/nebentext/172//media/weben-zuhause.html?tx_hfgblcircuit_pi1%5Bmedia%5D=1&cHash=bf106fb6b7cd465fc8ea802361d2d898 (09.01.18).
Ellrich, M. (2004). Infoblatt Tertiarisierung. Leipzig: Klett. Online unter: https://www.klett.de/sixcms/detail.php?template=terrasse_artikel__layout__pdf&art_id=1011236 (1.4.2018).
Epple, R. (2010). Zeitalter der Seidenbandweberei. Online unter: http://www.geschichte.bl.ch/wirtschaft/zeitalter-der-seidenbandweberei.html (09.01.18).
Galliker, H. (2003). Eisenbahn und Autobahn – Transportrevolutionen verändern St. Gallen. In Sankt-Galler Geschichte 2003. Bd. 5: Die Zeit des Kantons 1798-1861. St. Gallen: Niedermann. (S. 121 f.)
Gross, C., Holstein, K., Jäger, W., Notz, T., Rentsch, J. Stalder, B., Meyer, H. & Schwarzrock, G. (2011). Schweizer Geschichtsbuch 3/4. Kompaktausgabe. Vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart. Berlin: Cornelsen. (S.137)
Krauer, R. (2019). Am Rand der Erwerbstätigkeit. Industrielle Heimarbeit im Kanton St. Gallen. In Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons St. Gallen (Hrsg.). Eine Geschichte der St. Galler Gegenwart – Sozialhistorische Einblicke ins 19. und 20. Jahrhundert (S. 163–184). St. Gallen: VGS Verlagsgenossenschaft St. Gallen.
Lemmenmeier, M. (2003). Wirtschaft und Gesellschaft in der Zeit früher Industrialisierung. In Sankt-Galler Geschichte 2003. Bd. 5: Die Zeit des Kantons 1798-1861. St. Gallen: Niedermann. (S. 33 f.)
Siegenthaler, H. (1985). Die Schweiz 1850-1915. In Handbuch der Europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte 5. (S. 443-473)
Tanner, A. (1985). Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht. Zürich: Unionsverlag. (S.99 – S.106, S.112 f., S.127 – S.131, S.187 – S.191, S.203f.))
Wecker, R. (2014). Die wirtschaftliche Entwicklung des neuen Staates. In Kreis, G. (Hrsg.). Die Geschichte der Schweiz. Basel: Schwabe. (S.434 – S.437, S.450)
Die Autorinnen
Lydia Widler
Mirjam Frei
Valeria Signer
Lea Gehrig