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Demokratie und Massenmedien
1997
Die Arbeit ist in zwei Teilbereiche gefasst. Im ersten Teil erfolgt eine Zusammenfassung des Grundlagentextes von F. Plasser, 1985: `Zur politischen Kultur der Informationsgesellschaft`, der Ausgangslage dieser Arbeit ist. Diese Zusammenfassung, die als Referatsteil im Seminar diente, ist für den schriftlichen Teil massgebend, da darin die Wirkungsgefüge, die Politik und Medien zueinander halten, eingehend dargestellt sind.
In einem zweiten Teil setze ich mich mit eben diesen Grundlageninformationen und den darin enthaltenen Aussagen auseinander. Zentraler Ansatzpunkt dabei ist Plasser`s Behauptung der `Amerikanisierung des politischen Prozesses in westeuropäischen Fernsehdemokratien`: "New Hampshire (F. Plasser, 1984) gilt als Beispiel, in dem ein tendenzieller Autonomieverlust des politischen Systems demonstriert wurde. Als politischer Aussenseiter warf der US-Präsidentschaftskandidat Gary Hart, der `Kandidat des Mediensystems`, favorisiertere Gegenkandidaten aus dem Rennen. Hart`s Präferenzwerte stiegen mittels elektronischer Wahlkampfkampagnenumsetzung innerhalb einer Woche von 10% auf 32% an und erreichten am Ende ein Vorwahlresultat von 40%. "Wer nach New Hampshire noch an eine autonome `Arbeitsteilung` zwischen Parteiensystem und Mediensystem glaubt und den "death of politics in New Hampshire" für einen irrtümlichen Nekrolog bzw. für eine typische amerikanische Übertreibung ansieht, erliegt einer europäischen Selbsttäuschung und unterschätzt dabei auch das wahre Ausmass der `Amerikanisierung` des politischen Prozesses in westeuropäischen `Fernsehdemokratien` ". (Plasser, 1985) Die `Amerikanisierung` des politischen Prozesses in den westeuropäischen Fernsehdemokratien, die Arbeitsteilung zwischen Parteien- und Mediensystem, betrachte ich als diskussionslos zutreffend, jedoch den Schluss, dass das Ausmass der Medienwirkung auf die politische Meinungsbildung im Publikum dasselbe sein soll und ist, wurde in Plassers Arbeit nur am Rande behandelt und nicht belegend aufgeführt.
Dem Ausmass, das diese `Amerikanisierung` auf den Meinungsfindungs- und Entscheidungsprozess von Menschen in Kulturen europäischer Informationsgesellschaften hat, kann ich in meiner Arbeit ebenso wenig nachgehen, wie demjenigen des Wirklichkeitsgehalts nach Plassers Beschreibungen in den USA. Meine Arbeit ist also folglich ein blosses Konstrukt meiner eigenen Interpretation betreffend Medien, Politik, Publikum und politische Meinungsbildung in der (schweizerischen) Fernsehdemokratie. Bestehende Theorien, Inhalte von Schriften neuerer Bestimmungsversuche der Auswirkungen von Öffentlichkeitsakteuren untereinander und deren Zusammenhänge versuche ich zusammenfassend darzustellen.
Zweifelsfrei hat die elektronische Technostruktur in sämtlichen westlichen Industriegesellschaften einen tiefe Veränderung in allen drei Systemen politischer Öffentlichkeit, dem der politischen Parteien, dem medialen und in dem des informellen Verhaltens der Bevölkerung, bewirkt. Plasser führt seine Erkenntnisse dazu nach folgenden drei Punkten auf:
1. "Dass an jenem Beispiel von New Hampshire der Verlust der politischen Autonomie demonstriert wird. Denn im elektronischen Wahlkampf gelangen Partei- und Medieninteressen kaum zur gegenseitigen Deckung. Dadurch, dass sich das Mediensystem seine eigene Rolle im politischen Prozess geschaffen hat, "die mit der eher spannungslosen Realität des traditionellen politischen Prozesses nur mehr wenig gemein hat -das Bedürfnis des Publikums nach Emotion, `exitement and arousal` aber anscheinend besser zu befriedigen weiss, als es die alte Politik jemals in der Lage war". (als Parteiinteressen werden aufgeführt: Bestrebungen nach einer konfliktminimierenden, kompromiss- und integrationsfähigen Kandidatur; als Interessen des Mediensystems: Wunsch nach dramatischen Ereignissen, sportivem Kopf-an-Kopf-Rennen, unverbrauchten, telegen-charismatischen Star-Persönlichkeiten.) Durch Wahlstudio- und Diskussionsarenen, in denen Polit-Stars geboren werden, sowie durch, von den Medienanstalten lancierte, Meinungsumfragen wurde der herkömmliche politische Prozess den dramaturgischen und wirtschaftlichen Gesetzen der Medienanstalten unterworfen. Der Medifizierung der Politik ging automatisch eine Unterwerfung des politischen Prozesses unter die Eigengesetzlichkeiten der Medien (Fernsehen) einher.
2. Das Geschehen von New Hampshire zeigt im weiteren nicht nur das Ende konventioneller Wahlkampftechniken, sondern gleichzeitig eine Umstrukturierung der innerparteilichen Wahlkampfaktivitäten, deren organisatorischen Ressourcen nur noch als administrative Funktionen hinter der Öffentlichkeitstribüne gefragt sind. In den elektronischen Wahlkampfkampagnen ist die Parteiorganisation als wahlkampfrelevanter Faktor kaum mehr präsent.
3. New Hampshire erweist sich nicht nur als Sinnbild des Beginns eines seither zunehmenden Autonomieverlustes des politischen Systems zugunsten des Mediensystems, sondern auch als die Zentrierung des politischen Handelns und Geschehens auf die Ebene der Medienberichterstattung. Die Veränderung traditioneller Strukturen und Modalitäten politischer Kommunikation hatte in der Bevölkerung ein völlig neues Informationsverhalten zur Folge, in dem die direkte Interaktion zwischen Politik und Bevölkerung zum Erliegen kam und durch die Medien und deren Kommunikationsstrategien ersetzt wurde. Auf dieser Ebene haben Parteien und politische Akteure zu einseitig kommunikativen Charakter erhalten und sahen sich gezwungen mit dem Gegenschlag, via inszenierten Pseudoereignissen wieder Boden gut zu machen. "Die Schaffung von Pseudoereignissen -also Ereignisse, die ohne Fernsehen nicht stattfinden würden bzw. ausschliesslich inszeniert werden, um `television coverage` zu erhalten- entspricht dabei der Logik von Angebot und Nachfrage: Im Wissen um das Bedürfnis der elektronischen Medien nach kameragerechten Ereignissen, versuchen die politischen Institutionen eine kameragerechte Politik anzubieten." (Plasser, 1985) Die politischen Akteure gewannen mittels professioneller Beteiligung, durch inszenierte und kameragerecht zugeschnittenen Auftritten, an den massenmedial vermittelten Kommunikationsprozessen wieder Kontrolle zurück und bewirkten ihrerseits einen Autonomie- und Authenzitätsverlust beim politischen Kontrolleur, dem Mediensystem."
Zusammenfassend formuliert Plasser das Fallbeispiel New Hampshire als "...strukturelles Malaise` der elektronischen Politik, die aus dem Autonomieverlust des politischen Systems, Bedeutungsverlust des traditionellen politischen Prozesses und (synchron) den Autonomieverlust des Mediensystems skizziert und zu einer politischen `Technostruktur` führt...". (Plasser, 1985)
"Politik in demokratischen Fernsehgesellschaften", so Plasser weiter, "wird tendenziell Produkt einer Reziproken Arbeitsteilung zwischen den politischen Institutionen und der Institution Fernsehen." (Plasser, 1985) Als Supersystem bezeichnet Plasser die Aufhebung der Gewaltenteilung der beiden Systeme, die Verschmelzung der medialen und politischen Institutionen und deren tendenziell zur Gegenseitigkeit neigende Beziehungsbalance. Wie erwähnt, hat sich durch die Medienpolitik nicht nur das informelle Verhalten der Bürger verändert, sondern auch der gesamte politische Kommunikationsprozess. Mit einem einzigen Fernsehauftritt fliessen Botschaften umgehend in Millionen von Wohnzimmer und dem gegenüber erweisen sich die traditionellen Kanäle der Informationsverteilung als ineffizient und wurden folglich vernachlässigt. Daraus entstand ein weiterer Faktor der zunehmenden Abhängigkeit von politischen Akteuren zu den Massenmedien. Verstärkt aber wurde das Rennen nach massenmedialer Publizität hauptsächlich durch zwischenparteiliche Konkurrenz an den massenmedialen Marktanteilen. Diese Abhängigkeit bewirkte bei den politischen Parteien gegenüber den Printmedien nur geringe Verhaltensänderungen, während sie beim Medium Fernsehen `Teil der Technostruktur fortgeschrittener Industriegesellschaften` wurde, in der Politiker zu Stars und Politik sich zum Sportereignis ohne teilnehmendes Publikum verwandelte. Weiterhin begünstigte die zunehmende Breite der politischen Agendaebene und die damit einhergehende abnehmende Problemlösungskapazität des politischen Systems den Bedarf, den Trend zu einer `symbolischen Politik` via Massenmedien zu verstärken. Durch sie beabsichtigt das politisch-administrative System:
- "bestehende Leistungsdefizite bzw. einen sektoralen Leistungsabfall überspielen zu können,
- die temporäre Unfähigkeit, neue Probleme auch nur näherungsweise einer Lösung zuführen zu können, durch eine symbolische Ankündigungs- und Pseudo-Politik überdecken zu können, und
- angesichts abnehmender Loyalitäten und einer signifikanten Schwächung tradierter Bindungen an zentrale politische Institutionen, ein funktionales Minimum an politischer Legitimität bzw. Massenloyalität symbolisch bewahren zu können."
Plasser zeichnet aus dem Kommunikationsprozess auf politischer und massenmedialer Ebene des Fernsehen folgende Konstruktionspunkte des `Supersystems` elektronischer Politik auf:
1. "Medifizierung` des politischen Prozesses bzw. der `strukturelle Bias` des Fernsehens bewirkt einen
2. tendenziellen Autonomieverlust des politischen Systems; es reagiert mit der
3. `Kommunifizierung` seiner Präsentations- und Angebotsformen und versucht das Mediensystem zu instrumentalisieren; dies bewirkt seinerseits
4. tendenziellen Autonomieverlust des Mediensystems, das trotz restriktiver Selektionstechniken immer stärker zum Transportmittel des politischen Marketings einer fernsehgerechten Politik wird;
5. die tendenzielle `Verschmelzung` beider Systeme vor dem Hintergrund wechselseitiger Abhängigkeiten, das `fused linkage` zwischen beiden Systemen, und führt zu einer
6. subtilen Arbeitsteilung bei der Produktion symbolischer Politik.
7. Strukturelle Krisen, Leistungs- und Problemlösungsdefizite des politisch-administrativen Systems verstärken den Bedarf nach symbolischen Legitimationstechniken und werten die politische Bedeutung des Mediensystems spürbar auf.
8. Das politische System agiert immer `medialer` und das Mediensystem immer `politischer`. Der fortschreitende Distanzabbau führt zu gradueller Verschmelzung in ein komplexes `Supersystem`.
9. Eine technokratische Macht- und Medienelite inszeniert das elektronische `Demokratieritual. Das `Supersystem` tendiert immer stärker zur Abkoppelung von den traditionellen Kontrollinstanzen. Die politische Technostruktur beginnt sich zu verselbstständigen. Das demokratische `Supersystem` wird immer introvertierter".
Mit der Inszenierung der politischen Berichterstattung geht aber auch eine Entwicklung im politischen Alltag der Bürger einher, in der durch `Agenda-Setting-Effekte` eine Überschätzung politisch-relevanter Ereignisse, auf der Ebene der Öffentlichkeit aller drei Akteure (Politiker, Medien, Publikum), stattfindet. Die Theorie des Agenda-Setting besagt, dass bevor Meinungen bzw. Einstellungen durch Medien beeinflusst bzw. geändert werden können, muss der Meinungs- bzw. Einstellungsgrad erst vermittelt werden. Die Medien bestimmen also nicht nur darüber, wie über ein Problem oder Thema gedacht wird, sondern sie nehmen vorgängig Einfluß darauf, worüber nachgedacht wird.
Verstärkend bestechende Persuasionsfunktion der politischen Technostruktur hat im weiteren die politische Meinungsforschung, die Versorgung des politischen Supersystems mit demoskopischen Informationen, "Prozentnachrichten aus jenem `exotischem` Land mit dem es nur noch intermediär in Verbindung steht." (Plasser, 1985) Das von den Medien vermehrt genutzte `Information-business` perfektioniert die Techniken des Supersystems auf der Ebene der Medien selbst und bewirkt nicht selten einen Machtwechsel von den Parteien zu ihnen durch den Zyklus: die Stimmenzahl stützt sich auf die Medien - die Medien stützen sich auf die Stimmenzahl. (Die Medienöffentlichkeiten hierarchisieren und entschränken den Horizont möglicher Kommunikationen zugleich. (Habermas, 1988))
Die Personalisierung und Visualisierung der Parteipolitik via Print- und Rundfunkmedien reduzierte das politische Geschehen auf nur wenige Politpersönlichkeiten und bewirkte Umstrukturierungen der innerparteilichen Macht. Die Dominanz des elektronischen Kommunikationsprozesses hat in den `elektronischen Parteien` folgende strukturelle Machtransformation bewirkt:
- "Verschiebung der innerparteilichen Machtstrukturen.
- Wachsende Distanz zwischen Zentrum und Peripherie der Parteien.
- Ergänzung der traditionellen Machtelite der Parteien durch eine technokratische Funktionselite." (Plasser, 1985)
Traditionell positionelle innerparteiliche Machtträger haben ihre Position an die Partei-Stars der Medien verloren. Die politische Linie der jeweiligen Parteien wird zunehmend von den TV-Politikern vor laufender Kamera akzentuiert, wobei die Rolle der traditionellen Parteiführungen sich um die nachträgliche Legitimation bereits abgegebener politischer Aussagen zu bemühen hat.
Einher mit der telegenen Fokussierung der Politstars geht eine zunehmende Distanz zwischen Zentrum und Peripherie der Angehörigen innerhalb der Parteien. Wobei sich die Angehörigen der Parteiperipherie zunehmend aus Belangen nationaler in Richtung regionaler Politik zurückziehen, das Parteizentrum seinerseits sich einseitig auf die Agenda der nationalen Ebene konzentriert und für eine Funktionselite ein elektronisches Dienstleistungszentrum und professionelles Wahlkampfmanagement unterhält.
Am Beispiel des Perfektionstrends moderner Wahlkämpfe der politischen Technostruktur zeichnet Plasser folgende Punkte auf:
- "Repräsentative Wählerumfragen ermöglichten eine differenzierte Wahlkampfplanung, die immer stärker auf die Bedürfnisse strategisch `sensibler` Zielgruppen abgestellt werden konnte.
- Die `televisation of politics` führte zu einer neuen Dramaturgie der Wahlkämpfe. Visualisierung und Personalisierung des politischen Prozesses und die steigende Bedeutung des Kandidaten-Image revolutionierten die traditionellen Wahlkampfstrategien.
- Die politische Fernsehwerbung drängte die konventionellen Medien politischer Werbung in den Hintergrund. (Wurden im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1960 rund 10% des gesamten Wahlkampfbudgets für die Fernsehwerbung ausgegeben, so waren es 1980 bereits rund 80%. Im operativen Einsatz via Fernsehkanal erhielten zielgerichtete Wahlwerbespots im Verhältnis zu durch Moderiertheit indirekten Wahlinformationen mehr Erfolg als direkte Wahlbeeinflussung)
- Seit der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1960 zählen `TV-Duelle` zwischen den Spitzenkankidaten zum atmosphärischen Höhepunkt des elektronischen Wahlkampfrituals.
- Techniken des politischen Marketings und die Computerisierung des politischen Prozesses bestimmen die Entwicklung des elektronischen Wahlkampfes in den 80er Jahren. ...Elektronische Datenbanken, ...neue Distributionskanäle für politische Werbebotschaften, ...verfeinerte Forschungstechniken weisen in Richtung eines `technotronen` Wahlkampfes, in dem eine Elite von politischen Starpersönlichkeiten, professionellen Mediatoren, Medien-, Marketing- und Computerexperten periodisch zur Inszenierung des elektronischen `Wahlspiels` beitragen".
Plasser bemerkt im folgenden, dass der Diffusionsgeschwindigkeit der politischen Technostruktur amerikanischer Herkunft in europäischen Industriegesellschaften nicht Unterschätzung beigemessen werden darf. Er geht davon aus, dass sich dieselbe `Amerikanisierung` im Informationsverhalten im Verlaufe der siebziger Jahre in nahezu allen westeuropäischen Industriegesellschaften, mit eben denselben Auswirkungen im politischen Verhalten des Publikums, nachweisen lässt. Er veranschaulicht dies an Prozessen des politischen Informationsverhaltens, die sich durch Studienergebnisse in Österreich nachweisen lassen. Auf Grund verschiedener Wähleranalysen zwischen 1960 bis 1990 lassen sich beispielsweise in Österreich dieselben steigenden Zahlen des politischen Informationsbeschaffungsträgers Fernsehen nachweisen. Auch hier verlagerte sich die primäre politische Informationsbeschaffungsquelle bei Wahlkämpfen von den Printmedien weg zum Fernsehen hin, das die Wahrnehmung des allgemeinen politischen Prozesses mit Showarenen, Wahlwerbespots und Spitzenkandidatenduellen bestimmt und den Ausgang der Wahlergebnisse massgeblich beeinflussen können.
Letzten Endes stellt sich dann die Frage, wie die Bürger, die demokratisch-politische Kultur, auf die Wirkung der elektronischen Politik reagieren. Dies stellt im weiteren dieser Arbeit auch den zentralen Diskussionspunkt im zweiten Teil meiner Arbeit. Plasser bezeichnet die abnehmende Massenloyalität der Bürger und das Ausbleiben breiter Unterstützung für das Parteiensystem, bewirkt durch die Vertrauenskrise abnehmender politischer Lösungskapazität, als Ursache der zunehmenden elektoralen Instabilität. "Zum Versagen bei der affektiven Einbindung der Bürger kommt das Versagen bei der Bereitstellung zentraler Werte, Güter bzw. Problemlösungen. Das Parteiensystem wird zunehmend disfunktional. Geschwächt durch den Entzug der Loyalität seiner Bürger, verunsichert durch eine politische Mobilität, die sich dem taktischen Kalkül entzieht, strategielos weil perspektivlos und vom externen Problemdruck überfordert, verharrt das Parteiensystem in Scheinaktivitäten und Leerlaufverhalten."
In der Vertrauenskrise zum Parteiensystem sieht Plasser auch einen der vielen Faktoren, der ein abnehmendes Systemvertrauen anzeigt und umgekehrt. Dazu führt er folgende Punkte auf, die von wachsenden Orientierungs- und Funktionsproblemen zur politischen `Malaise` führen.
- "ein beschleunigter Fragmentierungs- und Dekonzentrationsprozess,
- konstante elektorale Erfolge neuer Gruppierungen, die sich als bewusste Alternative zu den traditionellen Parteien verstehen,
- zunehmende Volatilität und Fluktuation innerhalb des Elektorates,
- ein signifikanter Rückgang traditioneller Parteiloyalitäten, des Niveaus der Parteiidentifikation bzw. der affektiven Parteiorientierung,
- wachsende Indifferenz gegenüber der Funktion und Relevanz politischer Parteien im demokratischen Willensbildungsprozess,
- eine signifikante Zunahme kandidatenorientierter Wähler bzw. des Typus `Persönlichkeitswähler`, der der Zugehörigkeit des Spitzenkandidaten zu einer bestimmten politischen Partei nur mehr sekundäre Bedeutung zumisst,
- ein Ansteigen instrumentell-pragmatischer Wahlmotive und die Reduktion des Wahlaktes auf ein egoistisches Nutzenkalkül,
- eine signifikante Zunahme des thematisch-interessengebundenen Wählens
- ein Ansteigen der `entfremdeten Wähler` bzw. der `demokratischen Ritualisten".
Die oben aufgeführten Punkte weisen auf eine Zerstreuung der herkömmlichen politischen Strukturen hin. Zum Einen sind es nun sozioökonomische Wandlungsprozesse, neu entstandene gesellschaftliche Konfliktlinien, oder die Ursachen eines dauernden Wertewandels, oder gar die Theorie der `Videomalaise`, die an dieser Diffusion Anteil tragen. Die Theorie der Videomalaise besagt, dass ein kausaler Zusammenhang besteht zwischen:
- "zunehmender Mobilität und Instabilität des Wählerverhaltens zu der zentralen Bedeutung des Mediums Fernsehen im politischen Informations- und Kommunikationsprozess;
- führt die zu beobachtende Vertrauenskrise des politischen Systems bzw. seiner zentralen Repräsentanten und Institutionen auf die rituell -symbolische Selbstdarstellung von Politik und Politikern im Medium Fernsehen zurück bzw. macht die elektronische `Vermittlungsstrategie` des politischen Geschehens für Phänomene wie Politik-, Politiker- bzw. Parteienverdrossenheit verantwortlich." (Plasser, 1985)
Doch konnte im Gegenteil bis heute der kausale Zusammenhang erhöhter Unruhe der Wähler und der politischen TV-Berichterstattung nicht nachgewiesen werden, sonder jener Berichterstattung eher eine Stabilisierende Rolle, durch die moderate Darstellung der politischen Realität, zugeschrieben werden. So erklärt sich dann Plasser auch in Richtung einer Kontraproduktivität, die im Integrationsprozess der Bevölkerung in die Politik auf dem Wege elektronischer Medien ausschlaggebend sein muss. "Das Interaktionsproblem demokratischer Fernsehgesellschaften wird überdeutlich, wenn etwa 72 Prozent die Ansicht vertreten, dass man sich `über Politik am besten im Fernsehen informieren kann`, aber gleichzeitig auch 78 Prozent die `Konfusion` des politischen Prozesses beklagen". (Plasser, 1985)
Letzten Endes hat Plasser in seiner Arbeit, in seiner Annahme des gleichzeitigen Zutreffens der Begebenheiten politischer Kommunikation in den USA, mithin dass diese auch für europäische Verhältnisse zutreffen, wohl die "Medifizierung der Politik, das heisst die Unterwerfung des politischen Prozesses unter die Eigengesetzlichkeiten des Mediums Fernsehen" überzeugend dargestellt, doch dass das Ergebnis der politischen Meinungsbildung im Publikum europäischer Gesellschaften in seinen Auswirkungen dieselben Resultate aufzeigt wie in den USA, das er mit dem Beispiel der Wahlergebnisse von New Hampshire und seiner Behauptung "Wer nach New Hampshire noch an eine autonome `Arbeitsteilung` zwischen Parteiensystem und Mediensystem glaubt und den `death of politics in New Hampshire` für einen irrtümlichen Nekrolog bzw. für eine typische amerikanische Übertreibung ansieht, erliegt einer europäischen Selbsttäuschung und unterschätzt dabei auch das wahre Ausmass der `Amerikanisierung` des politischen Prozesses in westeuropäischen `Fernsehdemokratien` " in Verbindung setzt, lässt sich, meiner Ansicht nach, nicht folglich daraus ableiten. Die Umstände mögen dieselben sein, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Kulturkreisen, aber sie haben nicht folglich dieselben Wirkungen zu zeigen.
Zum ersten Teil ist kurz zusammendfassend zu sagen, dass Plasser in seinem Beitrag versucht hat, im Bezug auf die Konzepte `Öffentlichkeit`, `Politikvermittlung` und `Ereignisinszenierung` ein Prozessmodell aller drei beteiligten Akteure der politischen Öffentlichkeit im einzelnen zu durchleuchten. Grundsätzlich ist es der Versuch politischer Akteure, durch Kommunikationsstrategien die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Bürger moderner Gesellschaften auch immer weniger in der Lage sind, die Entscheidungsabläufe im politischen System und ihre Folgen zu durchschauen; dass die von den Informationsvermittlungsinstanzen bereitgestellte Kommunikationsebene sich den politischen Akteuren zu diesem Zweck geradezu anbietet und ihnen die Chance zur Beeinflussung auf dem Wege einseitiger Kommunikation auch gibt. Diese Chancen, das darin liegende Kommunikationsinteresse politischer Akteure, sind aber davon abhängig, ob und wie gut die Selektionsmechanismen der Massenmedien diesen angepasst sind und wie das Publikum darauf reagiert.
Es ist zu bemerken, dass die Art und Weise der massenmedialen Berichterstattung je nach Ort jeweiligen spezifischen Prägungen unterliegt. Zudem, ich bin nun zuwenig in Kenntnis amerikanischer Verhältnisse, glaube ich mit Sicherheit über europäische, und im Speziellen über die schweizerischen, Verhältnisse behaupten zu können, dass Menschen in entwickelten Industriestaaten im allgemeinen mehrere Informationsquellen gleichzeitig benutzen, dass unterschiedliche Medien unterschiedliche Meinungen verbreiten, so dass kein Medium im einzelnen in der Lage ist, entscheidenden Einfluss auf das Abstimmungsverhalten auszuüben. Im weiteren ist auch die zwischenparteiliche Konkurrenz als Korrektiv wirksam auf der Öffentlichkeitsebene zu betrachten; denn ob es sich um ein Ein-, Zwei- oder Mehrparteiensystem handelt, ist für die gesamte politische Technostruktur von zentraler Bedeutung.
Insgesamt kann gesagt werden, dass ein `reines` Inszenierungsmodell politischer Kommunikation zwischen Medien und Politakteuren keine vorbehaltslose Bestätigung findet, ebenso, dass sich die Massenmedien nicht vorbehaltslos als rein informationsvermittelnde `Gewalt` erweisen. Die Gefahr, für die Medienrezipienten (Publikum), dass sich die Massenmedien in ihren Thematisierungen oft weniger an der Aufklärung politischer Problemlagen, als an der Show-Arena der politischen Elitemeinungskämpfen orientieren oder gar beteiligen, besteht. "Wenn man Öffentlichkeit als Zielfindungssystem für die Problemlagen einer Gesellschaft interpretiert (Luhmann, 1970), dann ist die Gefahr zu diagnostizieren, dass sie diese Funktion immer weniger erfüllen kann, wenn ihr Themenhorizont weniger durch die Sachverhalte festgelegt wird, die nach Kriterien der Systemerhaltung der politischen Bearbeitung bedürfen, als durch die Themen, deren Publizität den Eliten im Lichte ihrer Machterhaltungsinteressen wünschenswert erscheinen."(Schmitt-Beck, Pfetsch, 1991)
Die Frage nach den Massenmedien kann in der heutigen `Epoche der Informationsgesellschaft` als eine der grössten Fragen betrachtet werden. Vorab, da Menschen in den Industriegesellschaften einen Grossteil ihrer Zeit mit den Angeboten der Massenkommunikation verbringen. Die Massenmedien sind in Politik und Wirtschaft, Kunst und Bildung, Arbeit und Freizeit, in der Öffentlichkeit genauso wie in der Privatsphäre allgegenwärtig geworden.
Die Kanäle der Massenmedien werden laufend durch technische Neuerungen verstärkt. Zeitungen, Radio und Fernsehen werden durch die `neuen Medien` Video, Kabel- und Satellitenrundfunk laufend ergänzt; der Ausweitung der Programmangebote sind mit der Einführung privater Radio- und Fernsehstationen kaum noch Grenzen gesetzt. Und gegenwärtig steht im Zuge der Digitalisierung, Datenkompression und Vernetzung ein weiterer Umbruch in der Entwicklung der Medienlandschaft bevor.
Das wachsende Informationsangebot würde eigentlich auch den Schluss nahe legen, dass Menschen, die dieses Angebot nutzen, folglich auch über einen erhöhten Informationsstand verfügen müssten. Die wachsende Perfektion, mit der Medienanbieter versuchen, dem Publikum Information schmackhaft zu machen, führt zur weiteren Annahme, dass Medienrezipienten folglich diesen auch unterliegen müssten. Doch zeigen Meinungsumfragen auch immer wieder Resultate, die auf Gegenteiliges hinweisen. Trotz, oder eben durch, ein hohes und `rezipientemgerechtes Informationsangebot` geht scheinbar viel Information verloren. Allem voran scheint dies in Bereichen der Politik ein fortlaufend wachsendes Problem zu sein
Wo liegt die `Schuld` am ganzen Malheur? Bei der Überforderung der Politiker oder des politischen Systems überhaupt..., bei der Aktualitätengeilheit des Publikums..., oder bei der alleinigen Existenzschuld der Medien?
Wissenschaften der Wirkungsforschung und/oder der Public-Relation-Forschung erleben in der Auseinandersetzung um das kommunikationswissenschaftliche Interesse eine Hochkonjunktur, die sich mehr und mehr auf die Gesamtproblematik der publizistischen Prozesse richtet. Es rauchen die Köpfe über der Frage, wie die Vielfalt des Sammelsuriums an Ideen und Vorstellungen, aus Deskriptionen und Präskriptionen, aus Annahmen und empirischen Einzelergebnissen durch eine Einheit des Allgemeinbegriffes darzustellen wäre. Das Problem dies zu erreichen, liegt in den sachlichen, zeitlichen und sozialen Lagen [1], worin sich ein zusammenfassendes Ganzes einfach nicht ergibt. In diesem Umstand hat Plasser das Problem nicht erkannt, wenn er behauptet: "wer nach New Hampshire noch an eine autonome `Arbeitsteilung` zwischen Parteiensystem und Mediensystem glaubt und den "death of politics in New Hampshire" für einen irrtümlichen Nekrolog bzw. für eine typische amerikanische Übertreibung ansieht, erliegt einer europäischen Selbsttäuschung und unterschätzt dabei auch das wahre Ausmass der `Amerikanisierung` des politischen Prozesses in westeuropäischen `Fernsehdemokratien` " (Plasser, 1985). Mich dünkt, alles ist irgendwie gleichzeitig zusammen erwachsen. Aber als ein jeweilig eigenes historisch erwachsenes System in jeweilig verschiedenen und eigenen kulturellen Räumen, deren Begebenheiten bis zu ihrem endgültigen Zustandekommen noch schwerer nachzuzeichnen sind als deren gegenwärtigen Auswirkungen.
Als den zusammenfassenden Begriff, der dem Thema des Textes von Plasser innewohnt, und dem er den Titel `Zur politischen Kultur der Informationsgesellschaft` gegeben hat, betrachte ich erweiternd als den der `Öffentlichkeit`.
Da der Begriff der Öffentlichkeit, der der öffentlichen Meinung und derjenige der öffentlichen Kommunikation in diesem zweiten Teil eine zentrale Rolle spielen, sollen sie hier zu Anfang ihre Definition finden:
- "Der Begriff der Öffentlichkeit bezeichnet diejenigen gesellschaftlichen Bereiche, die allen Bürgern (`offen`) zugänglich sind. Dieser Raum ist sowohl von dem Bereich der Privatheit abgetrennt wie auch von den geheimen Vorgängen (in die Teile des Staatsapparates, der Wirtschaft und der Gesellschaft verstrickt sein können)."[2] (Nohlen, 1989)
- "Die öffentliche Kommunikation findet in Massenmedien statt und zielt auf die Gestaltung und Veränderung von Ansichten und Einstellungen, will also die Öffentliche Meinung informieren und beeinflussen. In einer bewusst hergestellten Öffentlichkeit spielt sich auch ein Teil politischer Kommunikation in Parlamenten, Parteien oder politischen Versammlungen ab. Die Grenzen der öffentlichen Kommunikation ergeben sich aus der jeweiligen Gesellschaftsformation, die auch immer Nicht-Öffentlichkeit (z.B. in Parlamentsausschüssen) zulässt. Dabei tendieren Machtträger eher zur Abschirmung gegen öffentliche Einflussnahme, die Interessen der Aussenstehenden, der Bürger, zielen dagegen auf Offenlegung als Voraussetzung für aktive Teilnahme." (Nohlen, 1989)
- "Der Begriff der öffentlichen Meinung schliesst den der Öffentlichkeit ein, der einen allen Bürgern zugänglichen Raum meint, ... . Er verbindet sich mit der Meinung, einer objektiven bzw. subjektiven Fürwahrhaltung, der die Sicherheit des Wissens fehlt. ...der Begriff steht mitunter in der Nähe der `veröffentlichten` Meinung, die Einschätzungen derer wiedergibt, die Zugang zu und Einfluss in den Medien haben. Die mögliche Manipulierbarkeit der Meinungsbildung wird so nicht thematisiert, sie verbirgt sich hinter einem Bild von urwüchsig und autonom operierender Öffentlichkeit. ....Der Begriff der öffentlichen Meinung steht in seiner ganzen Interpretationsbreite zwischen Zeitgeist und Volkswillen, zwischen Gemeinschaftszwang und Elitenwillen. In der gesamten Sozialwissenschaft gibt es kaum einen Begriff, der in verschiedenen Epochen, Kulturkreisen und Disziplinen so unterschiedliche Verwendung fand. Da er heute grosse Verschleisserscheinungen zeigt, sei anempfohlen, ihn aus der vorderen Schusslinie der wiss. Diskussion zu ziehen. Die Gefahr verstärkt sich sonst, dass die wiss. Öffentlichkeit in ihrer Meinungsbildung über immer neue Interpretationen nicht hinauskommt."(Nohlen, 1989)
Die politische Öffentlichkeit besteht aus der Triade der Ebenen: Politik (Sprecher), Medien (Akteure öffentlicher Kommunikation) und Publikum. Sämtliche Thematik, die auf allen drei Ebenen gleichzeitig Bewegung findet, ist als politische Öffentlichkeit zu bezeichnen.
Plasser hat in seiner Arbeit die Teilkörperschaften der beiden Ebenen Politik und Medien eingehend und ausführlich behandelt. Dem dritten Akteur, den Plasser in seiner Arbeit, obwohl er zentraler Gegenstand seiner Aussagen zu sein scheint, zu wenig berücksichtigt hat, das Publikum, habe ich in einer Graphik nun ins Bild gesetzt.
Was will ich nun mit dieser Graphik zeigen? Der Grund, dass ich diese Form des Dreiecks gewählt habe, liegt darin, dass ich davon ausgehe, dass sich mit dem Aufkommen der grossen Öffentlichkeit [3] durch die Massenmedien wohl eine Veränderung für alle Beteiligten politischer Öffentlichkeit ergeben hat, doch dass diese verstärkt auf den beiden Körperschaften Politik und Medien Auswirkungen erfahren haben. Denn wie Plasser dargestellt hat, besteht ein Tauziehen eigener Interessen und Anerkennung zwischen Medien und Politik, aus dem das Publikum aber Informationsmässig profitiert und via Medien selbst auch Druck auf das Parkett Öffentlichkeit ausüben kann. In diesem Dreieck der Politik, der Massenmedien und dem Publikum liegt die Möglichkeit einer Allianz manipulativer Interessen verstärkt bei Politik und Medien. Beispiele finden sich in der Geschichte, aber auch in der Gegenwart, zu Hauf.
Wohl unterliegt das Publikum der Gefahr der einseitigen, der überhaupt thematisierten oder gar zensurierten Information, doch diese Gefahr verflüchtigt sich durch Faktoren wie Medienvielfalt, politisches System, Bildung des Publikums etc. sofort und trifft für westliche Demokratien, in unterschiedlichem Masse, nur wenig zu.
Festzuhalten ist, dass der Bereich der Öffentlichkeit mit den in Öffentlichkeit wirksamen Interessenkonstellationen zusammenhängt und den darauf gründenden Austauschbeziehungen zwischen den Akteuren: Medien, Sprecher und Publikum. In der der Politik und den Medien gegenüberliegenden Ecke der Öffentlichkeitsebene steht das Publikum. Es erfüllt für die anderen beiden Öffentlichkeitsakteure aber nie die Bedingungen eines kollektiven Akteurs, da es sich je nach Thematik, die Öffentlichkeit erlangt, immer neu zusammensetzt. Dies bedeutet letztendlich für die Politiker (Sprecher) sowie für die Medien
(Akteure), dass sie sich mit ihren Anliegen und Informationen nie an eine im vornherein zu definierende Bezugsgruppe halten können. Die Politik in ihrer Ecke versucht, via Medien, mit Thematisierungs- und Überzeugungsstrategien politische Agenda mit öffentlicher Agenda in Übereinstimmung zu bringen. Jeweilige Starpolitiker bestimmen aber innerhalb ihrer Organisation (sowie auch unter den Organisationen), durch ihre öffentliche Prominenz, völlig neue Machtstrukturen, in denen sich auch die innerparteilichen Entscheidungen und das ausserparteiliche Image auf nur wenige Funktionsträger konzentriert. Die Folgen sind Verschiebungen der Innerparteilichen Machtstrukturen. Im weiteren steht und fällt mit diesen `öffentlichen Funktionsträgern` das Image der Partei in der Öffentlichkeit. Das restliche Parteiorgan spielt für die `grosse Öffentlichkeit` lediglich ein Schattendasein. Für die Medien ihrerseits, in ihrer Ecke, sind Marktorientierungen erstes Gebot. Sie haben zwar eine `Chronistenpflicht` im öffentlichen Geschehen zu erfüllen, der sie aber aus Gründen der Marktorientierung, die sich sowohl auf ihr Publikum wie Inseratenkunden erstreckt, sowie aus Gründen der jeweilig aktuellen und zwingenden Geschehnisse, die sich auf Publikumswirksamkeit und Informantenanliegen beziehen, nicht immer nachkommen können.
Sämtliche Akteure dieser Ebenen [4] verbleiben in `Friedenszeiten` von einander unbehelligt. Sobald aber irgendeine Thematik in den Bereich der Bühne der Öffentlichkeit gelangt (dies wird in den allermeisten Fällen durch die Medien bewirkt), entstehen, im voraus, jeweils ungewisse (jederzeit in sich veränderliche) Konstellationen aller Teilebenen zueinander als Zentrum dieser Öffentlichkeit.
Trifft dieser Moment der Öffentlichkeit ein, ist der Anspruch der Politik und der Medien, auf breitere Bevölkerungsschichten bezüglich dieser Thematik einzuwirken sehr hoch (eigentliche Annahme für die Form des Dreiecks `Öffentlichkeit`). Das Publikum steht dann diesen beiden anderen Akteuren gesondert gegenüber. Die Bevölkerung ihrerseits ist dann allein an einer hoher Transparenz der Thematik interessiert und steht darin in Abhängigkeit der anderen beiden Akteuren.
Der Einfluss der Massenmedien auf die politische Meinungsbildung wird in den modernen Gesellschaften zunehmend als hoch eingestuft, denn sie stellen in vielen Lebensbereichen für den Menschen den Kontakt mit der Umwelt überhaupt erst her. Politische Information, jegwelcher Art, werden fast ausschliesslich via Massenmedien in die Öffentlichkeit gebracht. Allen voran als Akteure das TV, die Rundfunk- und Printmedien. So wird folglich auch vermutet, dass diese Medien in zunehmendem Masse die Einstellungen der Bevölkerungen zu politischen Ereignissen und Themen prägen, die Massenmedien also einen Einfluss auf die öffentliche Stellungnahme der politischen Geschehnisse haben.
Geht es um die Frage der Massenmedienwirkung in der Öffentlichkeit, bewegen sich die Meinungen dazu zwischen `Allmacht` und `Ohnmacht`. Kassensturz `Ravioli`-Sendung, Berichterstattungen über Rinderwahnsinn führen zu Konsumverzicht; Watergate-Skandal stürzt US-Präsident Nixon; westliche TV-Berichte beschleunigen den Umsturz der kommunistischen Regimes in Osteuropa; Katastrophenberichte wie Tschernobyl oder Bilder von Gewaltauseinandersetzungen wie in Ruanda (1995) erregen Öffentlichkeit.
Die These der Medienmacht scheint in den oben erwähnten Beispielen eindeutig, doch gibt es auch immer wieder Ereignisse, die zwar konzentriert medial thematisiert werden und trotzdem kaum oder gar keine Ergebnisse auf dem Parkett der Öffentlichkeit erfahren. Allem voran bei Berichterstattung zu Wahlen und Abstimmungen (trotz sehr intensiver Berichterstattung) zeigen Umfragen immer wieder, dass die Informiertheit im Publikum eher gering ist. Nachrichten und Diskussionsarenen lassen nur wenig Informationen im Gedächtnis der Zuschauer zurück und selbst direkte Informationskampagnen zeigen nur bescheidene Erfolge. Bei der Werbung erweist sich das Publikum als erstaunlich resistent und in den meisten Fällen wird sie kaum wahrgenommen. "Vielleicht oder gerade weil Medienwirkungen `flüchtig` und im Gegensatz zu Medieninhalten `wenig fassbar` sind, führen sie immer wieder als `Spekulationen über Wirkungen` zu Kontroversen. Meist ist es dabei so, dass das `Nichtwissen` der Laien, zusammen mit zu `einfachen` Vorstellungen über direkte Manipulationsmöglichkeiten der Medien, zu `Vorwürfen` und `Schuldzuweisungen` führen. Hinzu kommt, dass selbst Spekulationen über vermeintliche Effekte verhaltenswirksam werden können, z.B. wenn Politiker nach Zensur rufen, weil sie dem TV vorab negative Folgen zuschreiben." (Bonfadelli, 1993/94)
Was sind nun die Wirkungen des Fernsehens und oder der Medien? Grundlegend für eine Antwort auf diese Frage ist das Bekenntnis, dass sich Medienwirkung sehr schwer nachweisen lässt. Die meisten Menschen benutzen gleichzeitig mehrere oder regelmässig verschiedene Medien und sie werden zudem durch den Informationsaustausch und in Diskussionen mit anderen Menschen weiter beeinflusst. Vergleiche zwischen Sehern und Nicht-Sehern, Hörer und Seher, danebst noch mit Lesern sind kaum möglich. Wirkungen langfristig emotionaler Effekte (Verstärkung/Abschwächung) sind noch weniger messbar. Medieneffekte entstehen durch ein Zusammentreffen vieler direkter und indirekter Faktoren. Und so ist es kaum möglich, sie durch Rückführung auf nur eine Ursache zu erklären.
Die folgende Definition weist auch darauf hin, dass es die Medienwirkung gar nicht gibt `sondern ein breites Spektrum unterschiedlicher Wirkungsphänomene auf verschiedenen Ebenen, die je anders interpretiert und erklärt werden müssen`:
"Der Begriff Medienwirkung umfasst in einem weiten Sinn alle Veränderungen, die wenn auch nur partiell oder in Interaktion mit anderen Faktoren- auf Medien, bzw. deren Mitteilungen zurückgeführt werden können. Diese Veränderungen können sowohl direkt die Eigenschaften von Individuen, Aggregaten, Systemen, Institutionen betreffen, wie auch den auf andere Weise induzierten Wandel dieser Eigenschaften." (Winfried Schulz, 1982. in: Bonfadelli; 1993/94)
Zweifelsfrei und unbestritten dürfte der Umstand sein, dass sich die Massenmedien als eine zentrale Instanz in einer einseitigen Kommunikation der alltäglichen Informationsvermittlung bewegen, doch die Auswirkungen sind schwer zu bestimmen. Etwas einfacher lassen sich die Faktoren der Wirkungsphänomene massenmedialer Kommunikation vielleicht folgend zusammenfassend darstellen: Wer sagt was, wann, zu wem. -mit welcher Wirkung bleibt aber immer neu und ungewiss... .
Im vorhergehenden Teil wurde die Vermutung geäussert, dass es die Medienwirkung an sich nicht gibt, da deren einzelne Ursachen als Gesamtes nicht eindeutig nachweisbar sind. Es finden sich auch weitere Bereiche, deren Auswirkungen in der Entwicklung des politischen Alltags, die zum Teil durch das politische Kommunikations- und Informationsverhältnis `Medien - Publikum` enstanden sind, der Erwähnung bedürfen. Das wären: das zunehmende politische Desinteresse und das abnehmende politische Mitsprachevermögen des Publikums.
Diese zwei Punkte finden thematisch zur Arbeit darin Interesse, da sie für die Entscheide an der Urne zum Inhalt des politischen Kalküls im Vorfeld der Wahl- und Abstimmungsergebnisse geworden sind und das wachsende Feld der `last-minute-deciders` (`Vertrauenskrise zum Parteiensystem`, S.6) mitbewirken, das als relevanter Faktor für Ergebnisse von Abstimmungsenscheiden an der Urne an Bedeutung gewinnt.
Graphik NZZ
Nur Männer:
Frauen und Männer:
Die obenstehende Graphik zeichnet die konstant abnehmende Wahlbeteiligung in der Schweiz zwischen 1919-1995 am Beispiel der Nationalrats- und Ständeratswahlen auf. Für die Erklärung der abnehmenden Wahlbeteiligung können Antworten in verschiedenen Richtungen gesucht und mit etwas `Technophantasie` auch statistisch-empirisch nachgewiesen werden. Interessant ist, dass die Ursachen nur bei den Wählern selbst und nicht an der Quelle der neuen politischen Kultur, der der veränderten Kommunikationsstruktur, gesucht werden. Denn wäre es nicht möglich, dass genau in diesem neuen Kommunikationsverhätnis das Übel liegt? Spielen nicht unter anderen Hauptgründen jene (konfuserweise) eine wichtige Rolle, welche während den Wahlkämpfen zur informationspolitischen Nicht-Transparenz durch Themen- und Informationsüberlastung der Medien führen? Das abnehmende Abstimmumgs- und Wahlinteresse, das Verhalten der `Last-minute-deciders` und `Wechselwähler`, das zunehmend affektiv bestimmt ist, findet, meiner Ansicht nach, in den Folgen der medialen Informationsüberlastung überzeugendere Erklärung als in der Annahme eines zunehmenden `politischen Desinteressens`. Das Informationsangebot steigt durch das Hinzukommen neuer Anbieter auf dem Informationsmarkt. Gleichzeitig nimmt aber der Konsum von Information nur geringfügig zu, weil der Informationsaufnahme von Seiten der Empfänger natürliche Grenzen gesetzt sind. So kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass immer mehr der angebotenen Informationen die vorgesehenen Empfänger nicht erreichen (rein Informationsmässig oder Verständnismässig; High-Low-Involvement) und deshalb kaum wirksam sind.
So stellte Kröber-Riel (1988) bereits für die 80er-Jahre fest: "Nach amerikanischen Studien hat das Informationsangebot in den letzten zwei Jahrzehnten im Durchschnitt jährlich um 260% gegenüber der Zunahme des Informationskonsums zugelegt." Dies trifft mittlerweile in ähnlichen Verhältnissen sicher auch auf dem europäischen Medienmarkt zu. Durch die Informationsüberlastung wird dem Selektionsverfahren der vermittelten Themen auch weiterer Raum gegeben und trägt weiter dazu bei, dass sowohl der aktuell-thematische Bereich von Öffentlichkeit, als auch die Art und Weise sowie die Intensität der Auseinandersetzung im Publikum sich ungewiss ausbreitet und gestaltet. Jede Information die sich in Öffentlichkeit intendieren will, sieht sich mit diesen Gegebenheiten konfrontiert, wenn sie sich etablierter Medienträger bedient; von welcher Seite der drei Ebenen der Öffentlichkeitstriade sie auch kommen mag. Statt von einem politischen Desinteresse zu sprechen, wäre es vielleicht richtiger, von einer politischen Informationsüberlastung zu sprechen, die ihre Wirkung zeigt. Wenn es dann im weiteren heisst: "Die Wahlforschung (in der Schweiz) geht davon aus, dass bloss ein Fünftel der schweizerischen Stimmbürger über einen Wissensstand verfügt, der ein einigermassen sinnvolles Abstimungsverhalten erlaubt", (Bonfadelli, 1993/94) gehe ich dabei auch davon aus, dass für diese anderen Vierfünftel ein `Zuviel` an Information möglicherweise auch ein Dissonanzverhalten [5] auslöst, das darin besteht, dass ein Meinungs(-bildungs-)verhalten nur durch Ablehnung zusätzlicher Information (siehe Wissenskluft Perspektive S.20) möglich bleibt.
Die Gründe für Protest- und Wechselwahlbewegungen könnten sich, als folgende Glieder in die Reaktionskette der politischen Desintegrationsproblematik des Publikums, durch die wachsende Breite und Komplexität der politischen Themen, reihen. Gerade die Protest- und Wechselwahlanteilzunahme zeugen ja nicht einfach von einer bürgerlichen Nichtanteilnahme am politischen Geschehen. Es kann dabei nicht nur von einem Versagen der Politik gesprochen werden, sondern auch von einer Expansion in der Wahrnehmung der politischen Wahrnehmungsfähigkeit der Bürger. Die immer breiter werdende Kluft zwischen den Ansprüchen der Bevölkerung und ihrer Repräsentanz im Spektrum des politischen Geschehens und der politischen Parteien, treibt immer mehr Menschen zur Meinungsäusserung durch Unterstützung von Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen.
Die Wechselwähler sind dabei nur Form im Ausdruck der Infragestellung des politischen Systems. Die Parteien, aber auch die Regierungen, können sich immer weniger auf Stammwähler verlassen [6]. "In allen westlichen Massendemokratien wird in den Parteizentralen über die wachsenden Anteile von Wechselwählern gerätselt, die das politische Geschäft unkalkulierbar werden lassen. Rechnete man in der Bundesrepublik beispielsweise in den sechziger Jahren noch mit rund 10% Wechselwählern, so wird in unterschiedlichen Studien ihr Anteil heute auf zwischen 20 und 40% geschätzt. Einig sind sich Wahlforscher und Politiker in der Diagnose: "Die Wechselwähler mit ihrer `quecksilberhaften Flexibilität` werden angesichts knapper Mehrheitsverhältnisse in Zukunft die Wahlen entscheiden." (Beck, 1986.)
Die abnehmende Wahlbeteiligung spricht also nicht unbedingt für ein zunehmendes Desinteresse des Publikums an der Politik, sondern könnte zum Beispiel ebenso für einen Vertrauens- und Interessensverlust an der jeweiligen politischen Regierungsform und deren Repräsentanten Ausdruck bezeigen.
Das Informationsbeschaffungsverhalten der Gesellschaften in den Industrieländern hat sich in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten, nach den Medientheorien, in ihrem Schwergewicht drastisch, von der interaktiven (kleine Öffentlichkeit) zur interpassiven (grosse Öffentlichkeit) Kommunikation hin bewegt. Öffentlichkeit entstand nun plötzlich dort, wo ein Sprecher vor einem Publikum kommuniziert, dessen Grenzen er nicht bestimmen kann. Heute darf man wohl mit Recht behaupten, dass die Medien weltweit auch zu einem der wichtigen Kulturfaktoren geworden sind; und im weiteren, dass ein Grossteil des Informationsverhaltens die Menschen in unfassbarer Weise davon besetzt und beeinflusst. Der Erfolg der mediealen Kommunikationsleistung setzt sich erstaunlich direkt ins Leben, ins Konsumverhalten, in den Diskussionsprozess der jeweiligen Rezipienten um, und so erstaunt es nicht, dass auch die Informationsbeschaffung des politischen Geschehens vermehrt Einzug in eine Art `Konsumregal` des Feierabendprogramms gefunden hat.
...keine neue Welt
ohne neue Sprache...
Darin liegt aber nicht gleichzeitig der Schluss, dass sich der Meinungsbildungsprozess im Publikum parallel dazu entwickelt hat.
"Öffentliche Kommunikation, die von den Öffentlichkeitsakteuren diskursiv betrieben wird, erzeugt `öffentliche Meinungen`, die das Publikum als überzeugend wahrnimmt und akzeptieren kann. In dem Masse, in dem `öffentliche Meinungen` diese Autorität besitzen, leisten sie in Demokratien politisch wirksame Orientierungsfunktionen". (Nohlen, 1989)
Die Ansprüche des Publikums auf Funktionen politischer Öffentlichkeit liegen in der Transparenz und Validität. Transparenz darin, dass Öffentlichkeit für alle gesellschaftlichen Gruppen gleich zugänglich, und für alle Themen und Meinung von kollektiver Bedeutung ist. Eine Validierungsfunktion darin, dass die jeweiligen Öffentlichkeitsakteure mit den Themen und Meinungen anderer diskursiv umgehen, das heisst, unter dem Druck der Argumente die eigene Meinung zu revidieren haben.
Die Massenmedien als Informationsüberträger dürfen eben nicht dahingehend falsch verstanden werden, dass sie auf dem Parkett Öffentlichkeit eine Kristalisierung von öffentlicher Meinungen leisten oder leisten können. Sie können höchstens eine Fokussierung der Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen erwirken (Agenda-Setting-Theorie, S.20). Die medial veröffentlichte Information und die Einstellung des Publikums bleiben jedoch unterschiedliche Grössen.
Im Zutreffen dieses Ausgangspunktes der `unterschiedlichen Grössen` (im vorhergehenden Prolog) fühle ich mich auch in dem Inhalt der Teilergebnisse einer Studie von Kriesi bestätigt (1981/1991), die, wie mir scheint, eine differenzierte Untersuchung nach den Kommunikationsträgern als weniger zentral in der Frage des Meinungsbildungsprozesses darstellt. Diese Ergebnisse, ohne weitere Erklärungen, in Verbindung gebracht mit der Aussage, "Die Wahlforschung geht davon aus, dass bloss ein Fünftel der schweizerischen Stimmbürger über einen Wissensstand verfügt, der ein einigermassen sinnvolles Abstimmungsverhalten erlaubt" (Saxer/Bonfadelli, 1992), bringen mich zu der folgenden Überlegung, dass wenn selbst bei Parteiangehörigen (starkes Involvement) sich die Information der Parteiparole in derart wenigen Fällen als entscheidungsbestimmend erweist, sich die Informationen bei Rezipienten der Massenmedien wahrscheinlich noch weniger auswirken. Grundlegend zeigen mir die Resultate aber, dass der Meinungsbildungsprozess anderswo, also nicht bei den Informationsträgern Politik oder Medien, zu suchen ist.
Graphik Kriesi:
Quelle: Vox-Datenbank für die Periode 1981/1991
Die Auswertung der Vox-Datenbank (Kriesi, 1981/91) über den Einfluss der Parteiparolen auf das Stimm- und Wahlverhalten in der Schweiz (Periode 1981/1991) ergibt interessante Ergebnisse. Denn nämlich nur gerade 9% der Befragten, von 51% mit Parteienpräferenz, geben an, dass für sie der Standpunkt der Parteiparole an der Urne ausschlaggebend ist; weitere 3% derjenigen ohne Parteienpräferenz. Mag sein, dass wir sogar in diesem Fall davon ausgehen können, dass in den meisten Fällen der kleinen Öffentlichkeit [7] Menschen mit bestimmten Parteipräferenzen den Grossteil des Publikums verkörpern.
Die Frage ist nun nicht, ob der Sprung der Begebnisse des Publikums der kleinen Öffentlichkeit, als Vermutung, auf die der grossen Öffentlichkeit [8] zulässig ist. Doch legen sie den Schluss nahe, dass 81% der Befragten mit Parteipräferenz ihre Information zur Meinungsbildung anderswoher beziehen, so dass die Annahme, dass es sich beim Publikum der grossen Öffentlichkeit, das sich via Massenmedien informiert, sich ebenso verhält, zulässig ist.
Für die Meinungsbildung auf der Ebene der massenmedial vermittelten Informationen und Botschaften scheinen vorerst 4 Ansatzpunkte von zentraler Bedeutung zu sein: Die Theorie des Agenda-Setting (inkl. Dissonanz-Theorie), die Wissenskluftperspektive, die Theorie des High/Low Involvement und jene des Two-step-flow of Communication.
-Agenda-Setting Theorie: Bevor man Meinungen/Einstellungen durch die Medien beeinflussen bzw. ändern kann, muss der Meinungs-/Einstellungsgegenstand vermittelt werden. Die Medien bestimmen also nicht nur darüber, wie wir über ein Problem oder Thema denken, sondern sie nehmen vorgängig Einfluss darauf, worüber die Menschen nachdenken. Die Agenda-Setting Theorie behauptet nun, dass die Rezipienten diese Medien-Agenda übernehmen: Themen, über die viel berichtet wird, werden vom Publikum als dringliche Themen wahrgenommen. (Bonfadelli, 1993/94)
Durch sogenannte Gatekeepers findet innerhalb der Medien eine Selektion aus der Menge aller möglichen Themen statt. Die Medien konstruieren somit eine öffentliche Agenda, die als Realität vermittelt wird. Medien beeinflussen dadurch die Intensität und Dringlichkeit einzelner öffentlicher Themen.
Es ist den Massenmedien wohl möglich bis zu einem bestimmten Grad, dem Publikum ein Thema aufzuschwatzen. Ein bestimmender Kulminationspunkt ist: je stärker dem Publikum Erfahrungen mit einem Thema inne sind, desto geringer fallen auch themenbezogene Interessen- und Beeinflussungseffekte aus (vergl. High/Low Involvement, S.21), da unabhängig von der Berichterstattung bereits Einstellungen zum Thema vorhanden sind. Agenda-Setting-Effekte sind also auch auf Themen angewiesen, denen geringe Aufdringlichkeit zusteht.
(Die Theorie der kognitiven Dissonanz ist eine Theorie der kognitiven Konsistenz, die annimmt, Dissonanz sei ein aversives Gefühl, das Menschen dazu motiviert, sie zu reduzieren. Die Strategien der Dissonanzreduktion beinhalten die Veränderung von Einstellung, Meinung und Verhalten ebenso wie die Suche nach konsonanter beziehungsweise die Vermeidung dissonanter Information. Diese Theorie steht in Erweiterung zur Theorie des Agenda-Setting für die Infromationsaufnahme oder -kenntnisnahme in wichtiger Verbindung.)
-Wissenskluft Perspektive (Knowledge-Gap Hypothese): Zur Ergänzung dieser Perspektive soll einleitend an Hand des `Uses and Gratification-Approach` noch geklärt sein, wie das Publikum mit den Medien überhaupt umgeht. Bei der Untersuchung des Medienpublikums geht der Uses and Gratification-Approach davon aus, dass der Konsum von Medienbotschaften von der Befriedigung spezifischer individueller Bedürfnisse der Rezipienten bestimmt ist. Die Medienzuwendung findet infolge von kognitiven, affektiven, interaktiven und integrativen Bedürfnissen (Noelle Neumann) statt. Die spezifische Konstellation der Bedürfnisse führt zu unterschiedlichen Involviertheiten bei bestimmten Themen (siehe High/Low-Involvement, S.21).
Die Wissenskluft Perspektive geht nun davon aus, dass trotz intensiver Mediennutzung der Wissensstand bei den meisten Leuten recht tief ist. Zusätzliche Information verkleinert die Kluft zwischen Schlecht- und Gut-Informierten nicht, sondern verstärkt diese noch weiter. Dies rührt daher, dass die informationsreicheren Printmedien [9] vermehrt von besser Gebildeten genutzt werden, während das informationsärmere Fernsehen stärker von weniger
Gebildeten benutzt wird, deren Vorwissen und Interesse kleiner sind. Diese Faktoren führen dazu, dass sich z.Bsp. in Kampagnen die Information ungleichmässig ausbreitet oder oft nur jene erreicht, die eigentlich schon informiert sind.
-High/Low Involvement:Je tiefer die Involviertheit der Rezipienten in eine Thematik ist, desto schwieriger ist der Versuch, diesbetreffend Information zu vermitteln.
Die Wirkung der Informationen wird mehr durch die Eigenschaften des Publikums, als durch den Inhalt der Information geprägt. Massenmedien können lediglich bestehende Einstellungen verstärken.
Die Involviertheit der Rezipienten in die Thematik der Botschaft eines Senders ist entscheidend und ergebt deren Wirkung.
-Two-step-flow of Comunication: Nicht die Massenmedien sind Zensusinstanz, sondern die Geselschaft. Soziale Wahrnehmung, zweistufige Komunikation, Rezeption von Meinungsführern zum weniger aktiven Teil der Bevölkerung.
Informationen sind "soziale Informationen", die das seiner traditionellen Verortungen entwachsene Individuum in der Moderne zur Ausbildung von Orientierungssicherheit und zur sinnhaften Strukturierung in einem komplex gewordenen System zwingend benötigt: "Information` wird hier in einem speziellen Sinne verwendet und bedeutet soziale Information -all das, was Menschen über ihr eigenes Verhalten und das der anderen wissen können. Der Begriff bezieht sich auf jenen nebulösen `Stoff`, den wir lernen, wenn wir miteinander kommunizieren. Aus diesem Stoff sind die Nachrichten, Klatschgeschichten, politischen Kampagnen, Flirtversuche und alle persönlichen wie beruflichen Beziehungen gemacht. Er ist auch der heimliche Lehrplan der frühkindlichen Erziehung. Er nimmt viele Gestalten an: Worte, Gesten, Ausdrucksweisen, Haltungen, Kleidung und ,Action`. Im Grunde handelt es sich im wesentlichen um soziales Verhalten bzw. den Zugang zum Sozialverhalten des oder anderer Menschen." (Meyrowitz 1987 in : Joussen 1990: S.154)
Die konstatierten Einflüsse der interpersonalen Beziehungen auf das Wirkungspotential der modernen Massenmedien relativiert die für die frühe Medienforschung charakteristische direkte Wirkungshypothese und ersetzt sie durch das Konzept einer mittels intermediärer Institutionen und `opinion leaders` [10] kanalisierten und gefilterten Wirkung.
Im Wesentlichen würde ich die aufgeführten Medientheorien zusammenfassend ganz einfach folgend aufführen: In Zuge der redaktionellen Auswahl und Aufbereitung stellen die Massenmedien die wesentlichen politischen Informationen über Themen zur Verfügung. Die Empfänger entnehmen daraus, welche Bedeutung und Relevanz einem Thema, zu einem bestimmten Zeitpunkt zukommt. Die Massenmedien lenken somit die Aufmerksamkeit auf Themen und evozieren im Publikum eine mehr oder minder stereotype Vorstellung, von dem was wichtig ist. Als vom Publikum für wichtig empfundene Themen werden im Rahmen interpersonaler Kommunikation ausgetauscht und abgesichert.
Die Vorstellung eines anonymen Massenpublikums, das der Informationswillkür der Massenmedien ausgesetzt ist, trifft aber nicht zu, denn für die meisten Menschen bewegt sich der Prozess der informationsverarbeitung über ein Meinungs- und Informationsaustausch im persönlichen Umfeld, über den Einstellungen und Meinungen letzten Endes dann entscheidende Korrekturen und Modifikationen (zum Teil durch Beeinflussung, Konsens etc. oder Informationserweiterung) finden.
Es gibt viele Wirkungstheorien [11] auf dem Mediensektor mehr, doch mir scheinen diese vier, in ihrem allgemeinen Gehalt, als aussagekräftig genug und den Sektor der vorliegenden Thematik abzudecken.
Begreift man politische Identität unter der Perspektive einer Konstruktion des Kollektiven im Spannungsfeld zwischen Kultur und Politik, dann ist der Aufstieg der (grossen) politischen Öffentlichkeit als kollektive Identität in modernen Gesellschaften untrennbar mit der Verbreitung des gedruckten Textes und der Alphabetisierung des Volkes, und neu mit dem Konsum der Rundfunkmedien verbunden. Diese Konstruktion politischer Identität über öffentliche Kommunikation kann wiederum in enger Verbindung mit einer jeweils zentralen Achse eines jeweiligen Weltbildes haben. Am Beispiel historischer Epochen lässt sich diese Konstruktion nationaler Identität über öffentliche Kommunikation folgendermassen darstellen, dass im Mittelalter der Herrscher kulturelle Identität zeichnete, im konfessionellen Zeitalter die verschiedenen religiösen Bekenntnisse, in der Aufklärung alle vernünftigen Subjekte, in der Romantik die besonderen (überweltlichen) Traditionen, etc. Politische Identität ist in diesem Sinne also immer auf kulturelle Identität angewiesen. Sie antwortet immer auf historisch wandelbare Kulturelemente im Hintergrund der jeweiligen Epoche.
In der gegenwärtigen Epoche, deren Bezeichnung bis heute kaum festlegbar geworden ist (sei es nun irgendein `Post...` oder ...zeitalter), spielt das Phänomen der Massenmedien in der Kultur und Politik moderner Gesellschaften sicher wesentlich eine Rolle. Probleme stellen sich mit der festlegbaren Interpretation der massenmedialen Wirkungsgefügen. Das vorgestellte Beispiel öffentlicher Meinung von Noelle-Neumann zeigt zum Beispiel, dass die Möglichkeiten reflexionsfähiger Prämissen für eine Theorie der massenmedialen Praxisebene existieren, doch die Erfahrungen integrationsfähiger Prämissen rotieren um Steuerungs- und Kontrollstrukturen der Akteure von Öffentlichkeit.
Vielleicht ist es aber einfach, wie in vielen Vorkommnissen der Gegenwart, auch nur so, dass wir mit einer Errungenschaft leben, die heute Phänomene aufweist und deren Auswirkungen wir heute zu erklären suchen, ohne uns über deren Zustandekommen im klaren zu sein. "Stabilisierung, Identifikation, Integration, Personalisierung und andere sind die gesellschaftlichen Resonanzbereiche, auf die hin Public Relation gerichtet ist, und an deren Verwirklichung PR als Kommunikation und Interaktion beteiligt sein kann -freilich auch an deren Verhinderung. Eine persuasive Festlegung von vornherein, sei es ins Positive, sei es ins Negative, wäre schierer Idealismus. Andererseits: von Public Relation keine Beliebigkeiten zu erwarten, führt auf die grundsätzliche Frage zurück: Wie ist Public Relation möglich?" (Ronneberger/Rühl, 1992)
Auf der Suche massenmediale Auswirkungen mit allgemeiner Gültigkeit greifbar zu machen, unterliegen wir vielleicht auch dem Irrtum, dass es sie als allgemeiner Befund gar nicht gibt. Dann nämlich nicht, wenn wir die durch sie vermittelten Informationen in ihrer Vielfalt, in ihrer Art und Weise der Darstellung und Konsumation und nicht zu vergessen im jeweiligen Bild ihrer `Rezipientenlaunen` lediglich als Faktor der Unruhe im Bild der politischen Kommunikationskultur betrachten.
In vielen Bereichen moderner Gesellschaften stellen die Massenmedien den Kontakt mit der Aussenwelt überhaupt erst her. Neben der massenmedialen Information spielt aber das Netzwerk interpersonaler Kommunikation für das Entscheidungsverhalten der Bevölkerung zu politischen Anliegen scheinbar eine wesentliche Rolle. In der aktuellen Wirkungsforschung ist heute dann auch der bestimmendste Einflussfaktor auf die politische Meinungsbildung das Netzwerk der interpersonalen Kommunikation, die Theorie des Two-step-flow of Comunication, die besagt: dass während das System der Massenkommunikation durch die ihm eigenen Auswahlmechanismen vor allem spezifische Wissensstrukturen erzeugt, erhöht interpersonale Kommunikation die Selektivität dadurch weiter, dass in ihr die massenmedial vermittelten Themen weiterverarbeitet werden, indem als Interpretationshilfen akzeptable Selektionsentwürfe in Form von Meinungen (Bewertungen) beigesteuert werden. (Schenk /Rössler, 1987) Die Fachliteratur spricht bei diesem Faktor von Relevanz zum politischem Verhalten, von einem möglichen `Schutzschild` der Sprache, die gegenüber dem einseitigen Transfer medial vermittelter Informationen steht. Der interpersonellen Kommunikation sind die Vorteile von Direktheit und Wechselseitigkeit zu zusprechen, in denen die medial vermittelten Themen die kritisch und selektiv bewertet und verarbeitet werden, aber es darf im gleichen Zuge auch die Direktheit von Meinungsführern und Nicht-Meinungsführern nicht unerwähnt bleiben, für die persönliche Informationsverarbeitung von Bedeutung und im hohen Grade allein ausschlaggebend für den Meinungsbildungsprozess sein können. In der Verbindung zwischen Menschen ist der Gegenstand politischer Themen nicht unwesentlich, auch setzt sich die interpersonale Kommunikation für sie ergänzend gegen den einseitigen Transfer der Medieninformationen und die Themen erhalten aktive Auseinandersetzung. In dieser aktiven Auseinandersetzung können sich "persönliche Kontakte als `druckvoller` und `nachhaltiger` als die anonymen Massenmedien erweisen". (Schenk, Rössler, 1987) Die Beziehungen und Bindungen im interpersonalen Netz können als derart homogenisierend wirken, dass sie den Informationsfluss via Medien sogar beschränken. Die Vorstellung, dass sich das Massenmedienpublikum als bindungslos und anonym den Informationsanbietern willkürlich ausgesetzt ist, trifft nicht zu. Für die meisten Menschen ist der politische Entscheidungsfindungsprozess eine Gruppenerfahrung [12]. "Personen, die zusammen arbeiten oder leben oder spielen, wählen in hohem Masse dieselben Kandidaten. Das homogene Stimmverhalten zeigt sich nicht nur in der Primärgruppe der Familie, sondern auch in anderen sozialen Bezugssystemen, wie z.B. unter Freunden, Bekannten oder Kollegen". (Schenk, Rössler, 1987)
Die in den meisten Fällen letztendlich dominante Informationsquelle bilden aber vorwiegend die Massenmedien. Die massenmediale Thematisierung bestimmt überwiegend was, wann, wo und wie in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Die Massenmedien lenken die Aufmerksamkeit auf Themen, und je nach Dringlichkeit und Wichtigkeit auch die Transparenz der Thematik. Die Themeninhalte setzen sich im Publikum nieder, doch mehr oder minder Anfangs als stereotype Vorstellungen, von dem was zu gegebenem Zeitpunkt, als wichtig oder als Thema Vorrang hat. Denn der Grad der öffentlichen Thematisierung richtet sich wiederum nach dem Faktor der Themenaufdringlichkeit. Die mediale Berichterstattung heitzt, durch den Agenda-Setting-Effekt, die Meinungsthematisierungsebene an, doch welche Richtung sie im Publikum (Meinungsbildunsprozesse) dadurch auslöst, ist bei den von den Massenmedien selbst erlesenen Themen ungewiss.
"Der in letzter Zeit bei vielen politischen Themen und gesellschaftlichen Problemen gewonnene Eindruck, wonach sowohl Politiker als auch Journalisten zu wenig die Meinungen und Ansichten der Bürger `treffen`, ja geradezu `an den tatsächlichen Problemen vorbeireden`, mag verursacht sein durch eine mangelhafte Berücksichtigung der interpersonalen Meinungsbildung, wie sie sich in den Netzwerken des Alltags vollzieht. Der Blick auf die `Medienbühne`, auf der Politiker, Eliten und Journalisten gesellschaftliche Probleme medienwirksam behandeln, ja instrumentalisieren, verdeckt, dass Menschen in ihrer persönlichen Umgebung durchaus ihre eigenen Ansichten und Meinungen zu den relevanten Dingen besitzen und äussern, sich nicht von der Mediendarstellung `blenden` lassen." (Schenk, Rössler, 1987)
Die Ergebnisse interpersonaler Kommunikation erweisen sich aber auch auf die medienrelevante Themengewichtung als bedeutender Einfluss aus. Das Publikum hat auch eigene Ansichten, dem die Massenmedien darin entgegenzukommen versuchen, indem sie ihre Berichterstattung auch verstärkt nach den Interessen und den aktuellen Themen im Publikum ausrichten [13]. Der Austausch von Informationen und Ansichten zwischen Rezipienten führt letztendlich oft zur entscheidenden Übereinstimmung der Themengewichtung von Medien und Rezipienten. Das Resultat ist dann nicht selten eine gegenseitig hochgeschaukelte `Agenda-Setting-Realtität` einer bestimmten Thematik, die in der Folge an inhaltlicher Qualität zur Thematik verliert und zur blosen Aktualität verkommt (z.Bsp. Skandale). Das Schutzschild interpersonaler Kommunikation erweist sich somit nicht nur als intakter Faktor gegenüber der `inszenierten Politik` im Kommunikationsfeld der politischen Öffentlichkeit, sondern birgt gleichzeitig auch wieder die Gefahr, dass sich Themen bei gewissen Begebenheiten als sich im Kreise drehende Selbstthematisierungen darstellen und unbemerkt Dringlichkeit und Inhalt verlieren.
In der griechischen und römischen Antike war die auf öffentliche Meinung gestützte soziale Kontrolle, die alle betraf und Konsens voraussetzte, wie etwas ganz Selbstverständliches bekannt. Sokrates nannte sie `ungeschriebene Gesetze`. Gesetze also, die ohne staatliche Machtanwendung, nur aufgrund ihrer psychologischen Wirkung befolgt wurden.
(Platon, Der Staat, 4.Buch,) ...`Also kurz gesagt, die Verwalter des Staates müssen daran festhalten, dass sie sich keine Verderbnis entgehen lassen dürfen, vor allem müssen sie das Eindringen ungeregelter Neuerungen in die Erziehung verhüten und müssen sie möglichst unverändert bewahren. Es besteht nämlich die Gefahr, dass jener Ausspruch des Dichters, dass bei den Leuten in Ruf und Begehr am meisten das Lied steht, welches dem Hörer erzählt, was aus neuster Zeit ihm vertraut ist, von manchen Leuten nicht auf neue Gesänge, sondern auf eine neue Gesangsweise bezogen wird, und dass sie solche Neuerungen infolgedessen loben. Sie sind aber nicht zu loben, und die Verse sind auch nicht so zu verstehen. Vor Neuerungen in der Musik muss man sich in acht nehmen; denn dadurch kommt alles in Gefahr. Damon behauptet, -und ich glaube es ihm: nirgends wird an den Gesetzen der Musik gerüttelt, ohne dass auch die höchsten Gesetze des Staates ins Wanken geraten.`
`Auch ich gehöre zu denen, die dies glauben`, sagte Adeimantos.
`Dort müssen also die Wächter ihr Wachhaus bauen: in der Nähe der Musik!`
`Ja, Gesetzlosigkeit dringt leicht in die Musik ein, ohne dass man es gewahr wird.`
`Freilich, sie scheint dort bloss Spiel zu sein und ohne üble Wirkung zu bleiben.`
`Sie hat ja auch keine andere Wirkung`, erwiderte er, `als dass sie sich allmählich festsetzt und heimlich auf den Charakter und die Fähigkeit überträgt, dann weiter und offener um sich greift und das bürgerliche Leben vergiftet, dann mit grosser Frechheit die Gesetze und die Verfassung angreift, bis sie schliesslich alles zerstört, das ganze Leben des einzelnen sowohl wie der Gesamtheit.`
Die massenmediale Kommunikation, davon konnte Sokrates wohl kaum etwas geahnt haben. Doch lassen wir es offen, ob er mit jener `Musik`, hätte er die massenmediale Kommunikation via Fernsehen, Radio und Printmedien gekannt, vielleicht genau dies damit gemeint hätte... . Denn eines bewirken die Massenmedien für die zwei ehemaligen Teilnehmer der politischen Öffentlichkeit gewiss: Unruhe.
Betrachten wir die Existenz des heutigen, der in ihrer Entwicklung keineswegs abgeschlossenen, `totalen` Medienrealität, ist sicher festzustellen, dass der Begriff der `Öffentlichen Meinung` in seiner Wirklichkeit, nach den oben aufgerührten Definitionen, einige Fragen offen lässt. Nohlens ironische Bemerkung der `Schusslinie` (siehe Begriffsdefinition: öffentliche Meinung, S.11) ist wohl als zutreffend zu betrachten. Nicht zuletzt auch deshalb, da das Verhältnis Politik und Öffentliche Meinung seit der Erschliessung der massenmedialen (öffentlichen) Kommunikation einer grundlegend neuen Definition bedarf. Allein, der Inhalt der Position, der den Massenmedien in diesem Triptychon der Öffentlichkeit (siehe Graphik S.12) heute zugrunde liegt, die sich wie ein Keil in jenes einstmalige Verhältnis, der kleinen und der grossen Öffentlichkeit, gedrängt hat, liegt in einer Grauzone. Grauzone deshalb, weil diese Massenmedien unzweifelbar eine `gewisse Unordnung` in die beiden Ebenen des `Alten Verhältnisses` gebracht haben. Dies ist ganz klar im ersten Satz der Definition der öffentlichen Kommunikation (Begriffsdefinition: öffentliche Kommunikation, S.11) festgehalten. Die Massenmedien bewegen sich nicht auf einer rein informellen Ebene, sie sind nicht nur das alleinige Bindeglied zwischen Politik und öffentlicher Meinung, denn sie versuchen auch immer wieder thematisierend in die öffentliche Meinung einzugreifen. Die Massenmedien haben nicht einfach informellen Charakter, sondern erfordern für Politiker und Publikum auch Anstrengungen zu neuen Orientierungen auf der Ebene der Öffentlichkeit. Die Massenmedien haben neue Begebenheiten politischer Öffentlichkeit geschaffen, die Vor- wie Nachteile aufweisen; eine `Kontraproduktivität` (Plasser, S.7) für Politiker und Publikum, die zwischen erhöhter und differenzierter Information zum einen, sowie in der unsicheren Transparenz und Validität der Informationen und der Informationsüberlastung zum anderen liegt.
Weder die Akteure der Politik noch der politische Souverän moderner Demokratien, das Volk, können unter den `neuen` Begebenheiten unbehelligt bleiben. Die Massenmedien, für beide eine neue Waffe, für beide eine neue Gefahr, neue Möglichkeit. Wem die neue Ebene, die der massenmedialen Macht, mehr Vorteile bringt, bleibt unklar. Dies nicht zuletzt, da die Macht der massenmedialen Thematisierung selbst nicht recht fassbar, unklar, in einer Grauzone verbleibt.
Öffentliche Meinung ist vielleicht heute, um es anders zu beschreiben, ein Orientierungsversuch, gegründet auf einem Bestreben von in einem Verband lebenden Öffentlichkeitsakteuren, mit einer neuen Musik zu einer Übereinstimmung zu gelangen, wie sie erforderlich ist, um handeln und sinnvoll entscheiden zu können.
Mir scheint, dass in den Ausführungen des ersten Teils dieser Arbeit, in der Zusammenfassung des Grundlagetextes von Fritz Plasser, das Phänomen publizistischer Wirkungen als eigengewichtiger Teil des publizistischen Prozesses auf Seiten der Massenmedienrezipienten und des daraus entstehenden Meinungsbildungsprozesses als Einheitsbrei behandelt wurde. Der Modellvorschlag an sich (New Hampshire und seine Folgen) verdeutlicht die Vorstellung eines Theorienansatzes für den Vorgang der Wirkung, doch, und dies habe ich versucht im zweiten Teil der Arbeit darzustellen, wird dieses Unterfangen sehr schwer zu realisieren sein. Und selbst wenn es eine nachweisbare Wirkung gibt, ist diese Wirkung nicht einfach das Ende des Kommunikationsprozesses. Bereits jede Position dieses Prozesses steuert eigene wirkungsrelevante Faktoren bei, und so muss auch jede einzelne Position in einer jeweiligen materiellen und theoretischen Analyse berücksichtigt werden. Die heutige Wirkungsforschung erfasst wohl den ganzen publizistischen Prozess als Erkenntnisgegenstand, aber nur auf seinen Effektivitätsgegenstand hin beobachtet. Anders gesagt: Wirkungsforschung erfasst hauptsächlich praxisrelevante Zweck-Mittel-Relationen, in der sie beheimatet ist. Inwieweit es ein Erkenntnistheoretisches Problem ist, dass die Rolle des sozialwissenschaftlichen Erkennens, wo dieses anzusetzen ist, in der Wirkungsforschung eher eine Randexistenz inne hat, steht, so denke ich, auf einem anderen Blatt.
Der Fortgang der Erkenntnis in dieser Thematik liegt nicht einfach unmittelbar und ausschliesslich im Erkenntnisstand des Wirkungsprozesses selbst, sondern ist letztendlich fremdbestimmt durch das jeweilige gesellschaftliche System und deren Rezipienten. Denn das Netzwerk interpersonaler Kommunikation erweist sich letzten Endes immer als wichtiger Faktor im Entscheidungsfindungsprozess der Rezipienten politischer Informationen, die durch die Massenmedienkanäle vermittelt werden. Der Blick auf die Medienbühne, auf der von allen Akteuren der Öffentlichkeit öffentliche Anliegen und Probleme immer wieder medienwirksam behandelt und instrumentalisiert werden, verdeckt, dass Menschen in ihrer unmittelbaren und persönlichen Umgebung absolut in der Lage sind, den jeweils politisch relevanten Themen und Dringlichkeiten eigene Standpunkte und Meinungen abzugewinnen und sich von der politischen Technostruktur nicht blenden zu lassen.
In seiner (Plasser`s) Aussage: "Wer nach New Hampshire ..." (siehe S.2), ist Plasser, etwas salopp, von einem `politkulturellen Einheitsbrei` ausgegangen. Ich kann mir in meinen Kenntnissen darin empirischem nicht behelfen, doch behaupte ich den Zweifel, dass er sich in den Studien zu seiner Aussage weder den Begebnissen eines Vergleiches von Mehrparteiensystemen, noch den verschiedenen Mehrmediensystemen, noch politkulturhistorischen Unterschieden hingegeben hat. Die Unhaltbarkeit seiner Aussage habe ich in den angeschnittenen Themenbereichen der Wirkungsforschung, der Medientheorien etc. versucht darzulegen. Letzten Endes ist es sicher eine interessante Frage, wie es möglich ist, dass, wie zum Beispiel in der Schweiz, 5% der Anteilmässigen Stimmbevölkerung es fertig bringt, die politische Agenda zu bestimmen. Doch ebenso letztendlich kann diese Frage wahrscheinlich ebensowenig mit der Institution der Massenmedien beantwortet werden, da sie nur Instrument ist, sondern schlicht nur damit, dass diese 5% gegenüber den restlichen 95% eben organisiert (institutionalisiert und institutionalisierend) sind.
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1Dabei geht es nicht nur um Medienrezipienten, sondern auch um bewusste Nicht-Medienrezipienten. "Die Aufmerksamkeit. Auch sie ist ein knappes Gut, um dessen Verteilung sämtliche Medien erbittert kämpfen. Im Gerangel von Geld und Politik, Sport und Kunst, Technik und Werbung bleibt wenig von ihr übrig. Nur wer sich diesen Zumutungen entzieht und das Rauschen der Kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht. Unter dem Trommelfeuer arbiträrer Informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten ab; sie wachsen mit der Reduktion auf das und nur auf das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. Auch darin kann man ein Moment von Luxus sehen." (Enzensberger, 1995) [zurück]
2Ausser Acht lassen dürfen wir hier nicht, diskussionsmässig, die Unterscheidung, der Ebene derkleinen Öffentlichkeit (öffentliche Veranstaltungen) neben der der grossen Öffentlichkeit (Medien) gesondert zu erwähnen. Bemerken wir weiter auch, dass an öffentlichen Veranstaltungen irgendwelcher Kundgebungen zum grossen Teil ein Publikum strömt, das in der eweilig vorgebrachten Thematik Involvement aufweist, also in den meisten Fällen sogar bereits eine vorgefasste Meinung zur kundgebenden Thematik besitzt. Die öffentliche Veranstaltung besitzt folglich für die meisten Teilnehmer (ob Meinungs-Befürworter oder Gegner spielt kaum eine Rolle) zum vornherein lediglich die Funktion einer Verstärkung bereits vorgefasster Meinungen. Dasselbe trifft in der grossen Öffentlichkeit, der Informationsverteilung via Massenmedien, durch die Selektion der angebotenen Informationen auch zu, jedoch in weit geringerem Masse.
(Habermas (1962) erarbeitete im weiteren ein Konzept einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die eine Organisation politisch-literarischer Kommunikation der klassisch-bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet; "...eine Öffentlichkeit, die in Klubs und Salons, aber auch in der Presse hergestellt wird und den politischen Willen eines gebildeten, räsonierenden Publikums gegen die Herrschaft ausdrückt. Da nun diese bürgerliche Öffentlichkeit zur Herrschenden geworden ist, gelte es nun, eine Gegenöffentlichkeit, eine massenhafte und proletarische Öffentlichkeit aufzubauen." [zurück]
4In jeder dieser Ebenen wirken aber im weiteren jeweils spezielle eigene interne Strukturen und Wirkungsebenen zueinander sowie auch jeweils spezifische externe Einflüsse die indirekt Auswirkungen auf dem `Parkett der Öffentlichkeit` zeigen (z.Bsp. Parteiprogramme etc.). [zurück]
6Die Politiker und Parteien versuchen die Bürger und Bürgerinnen mit allen Mitteln zu umwerben, um den Zuwachs in der neuen Subpolitik (Wechselwähler/Last-minute-deciders) aufzuhalten. Und sollte dies nur -wenn die Medientheorie des Agenda-Settings zutrifft, die besagt: dass medial vermittelt Information Meinungen nicht ändert, sondern bestehende lediglich verstärkt- darin bestehen, einem weiteren Stammwählerverlust entgegen zu wirken.[zurück]
9Gefallen geht über Verstehen, medial vermittelte Informationen sind funktionsorientiert. Medien sind Trendverstärker, d.h. die besser Gebildeten nutzen vermehrt die informationsreichen Print-Medien, lernen schneller, verfügen über mehr Vorwissen und sind auch stärker an politischer Information interessiert. Darüberhinaus erhalten sie mehr relevante Informationen über soziale Netzwerke. Im Gegensatz dazu nutzen die weniger Gebildeten vorab das informationsärmere TV, haben weniger Vorwissen und ihr Interesse ist auch geringer. Diese Faktoren führen dazu, dass sich Informationen ungleichmässig ausbreiten oder oft nur jene erreichen, die eigentlich schon informiert sind. [zurück]
10"Verschiedene Studien im Werbe- wie auch im Informationsbereich bestätigen den deutlichen Einfluß von `opinion leaders` auf die Entscheidungsweise derjenigen Wirkungsbereiche, in denen nachgezeichnet werden konnte, dass das Verhalten auf den Kontakt zu bestimmten Personen des alltäglichen Interaktionsraumes gestützt wird. Die `opinion leaders` selbst wiederum besitzen eine ausgeprägte Beziehung zu den modernen Medien." (Bonfadelli, 1993) [zurück]
11Die Definition von Winfried Schulz (1982), in der darauf hingewiesen wird, dass es die Medienwirkung gar nicht gibt `sondern lediglich ein breites Spektrum unterschiedlicher Wirkungsphänomene auf verschiedenen Ebenen, die je anders interpretiert und erklärt werden müssen`, habe ich bereits auf S.14 aufgeführt. Ronneberger und Rühl gehen in ihrem Buch `Theorie der Public Relation. -Ein Entwurf` noch weiter, indem sie aus Sicht der funktionalen Systemtheorie aussagen: "inhaltlich ist die funktionale Systemtheorie eine Theorie `ohne Eigenschaften`, erkenntnis-und wissenschaftstheoretisch ist sie eine Theorie mit Konstitutionsvorgaben. Will sagen: die auf den Vergleich hin angelegte äquivalenzfunktionale Systemtheorie verfügt semantisch über keine sachlich, sozial und zeitlich festgelegten Strukturen, nach denen Public Relation so und nicht anders `ist`. [zurück]
12Die sozialen Bezugssysteme sind also ebenso Bezugspunkt im individuellen Einstellungs- und Meinungsprozess wie die massenmedialen Informationssysteme. Die Informationsanbieter können daher Informationen nicht einfach von sich aus gegen die interpersonalen Netzwerkeinflüsse entfalten, sondern müssen auch den Weg mit ihnen finden. [zurück]
Last update: 03 Feb 15

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