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DMZ – KULTUR ¦ Tony Lax ¦
Der Ich-Erzähler, schwerstkrank, sitzt auf einem Sofa in einem Zimmer, umringt von Stapeln mit Büchern, Zeitungsausschnitten und Notizen. Er will sein Werk zu Ende bringen, sein letztes Buch, in dem es um "den unaufhaltsamen Zerfall der Welt, den Kollaps von Sprache und Bedeutung, den Niedergang der Werte [und] das Verschwinden der Kunst" (6) gehen soll.
Wie die Welt um ihn, zerfällt auch der Körper des Erzählers.
Er weiss, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.
Gegen die naturgesetzliche Macht der Entropie in der Welt draussen versucht er wenigstens in seinem papierenen Wissensuniversum Ordnung zu machen - oder darin zu finden. Doch er verliert dabei laufend den Faden und sucht immer wieder verzweifelt seinen Bleistift, um einen Gedanken oder eine gefundene Information festzuhalten. Er gerät zunehmend und unaufhaltsam in einen assoziativ-polyphonen Stimmenstrom, teils im Zwiegespräch mit den Autoren der um ihn herumliegenden Büchern, teils (vielleicht) im Gespräch mit einem imaginären Leser und teils im Selbstgespräch - ist der Erzähler doch selbst auch Autor eines Werks, dem allerdings nie die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteilgeworden war.
Das ist durchaus auch die reale Situation des Autors William Gaddis, dessen monumentaler Roman "Die Fälschung der Welt" (1955) erst spät in seiner Bedeutung als Vorläufer der "postmodernen" Autoren der amerikanischen Literatur (z. B. DeLillo, Pynchon) erkannt wurde. Gaddis war zudem, als er "Das mechanische Klavier" schrieb, selber todkrank und starb kurz nach der Beendung des Romans im Jahre 1998. Dessen Publikation erlebte er nicht mehr.
Ursprünglich wollte Gaddis zum besagten Thema eigentlich ein Sachbuch schreiben, eine Geschichte der Mechanisierung nicht nur im technischen Sinne, sondern auch hinsichtlich des Menschlichen. Doch stattdessen schrieb er letztendlich ein Buch über die Unmöglichkeit, das geplante Buch zu schreiben. Und zwar in Form eines intellektuell sprühenden und doch immer wieder in Verzweiflung stürzenden Wutausbruchs über die Entfremdung des Menschen in der technisierten Welt und über die "verblödete, hirnlose Masse" (6), die nur noch unterhalten werden will.
"[D]er harte Kern, dort, wo das Werk vollbracht wird,", lässt Gaddis seinen Erzähler sinnieren, "ist Zorn, ist reine Energie, schiere Spannung, knapp an der Grenze zum Wahnsinn ..." (112).
Das "Schreiben", darüber hegt er keinen Zweifel, entspringt "nicht anders als Selbstmord ... entweder der Wut oder der Rache" (84).
Im für die deutsche Ausgabe titelgebenden mechanischen Klavier, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam und das mittels Lochstreifen die Kunst der grossen Pianisten, nun aber eben ohne echten Künstler, reproduziert, sieht Gaddis das Sinnbild einer Mechanisierung alles Lebendigen und "die Verdrängung des Künstlers durch den Darsteller" (65). Die Nachahmung verdrängt die Authentizität, die Kopie das Original - selbstredend, dass Gaddis hier oft von Walter Benjamin redet. Die Reproduzierbarkeit - und das ist ja Benjamins These - formte die Kunst und schnitt sie "direkt für den Massenmarkt" (49) zu, um das Publikum - oder wie Gaddis' Erzähler dieses bezeichnet: "Sigis [=Freud] hirnloses, vergnügungssüchtige Gesindel" (10) - zu unterhalten.
Das "Land versinkt in der Verblödung" (75), tobt der Sterbenskranke, der sich von seinen Büchern, Notizen und Zeitungsartikeln umgeben zu Hause auf einem weissen Sofa sitzend glaubt, doch in Tat und Wahrheit noch benommen von der Narkose der letzten Operation in einem Spitalzimmer liegt, wie ihm an einer Stelle (S. 29) des Romans kurz bewusst wird.
Am Ende dieses kaskadenhaften "stream of consciousness", dieses exaltierenden Abgesangs mit so vielen Dissonanzen und Synkopen, schwenkt der Erzähler dann aber geradezu harmonisch ein in den Gedanken an die den Menschen verwandelnde Kraft der Musik und trauert der eigenen verpassten Verwandlung in "einen, der mehr vollbringen kann!" (124) nach. Er blickt dabei zurück auf die vergangene Jugend "mit ihrem furchtlosen Überschwang" und auf sein eigenes Werk, das ihm zum Feind geworden ist, weil es das Einzige ist", so schliesst er, "was ich dir erzählen kann ... über den jungen Mann, dem alles möglich war."
Ich habe für die Lektüre dieses dünnen Büchleins länger gebraucht als sonst für 124 Seiten. Doch ich habe es durchgängig mit viel Lust und einigem, die Lektüre nicht selten unterbrechenden Synapsenfunkeln gelesen.
Es ist ein Buch fast ohne Handlung, das dennoch eine Geschichte erzählt.
Oder generiert.
Eine Ordnung zu schaffen, also das, wozu sich der Erzähler noch einmal mit aller Kraft aufzuraffen versucht, misslingt jedoch gründlich.
Und das ist hier ganz in Ordnung.
William Gaddis, Das mechanische Klavier. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Agape, Agape" bei Viking Penguin, NY 2002, die dt. Erstausgabe 2003 im Goldmann Verlag München; hier: Taschenbuchausgabe 2005, ebenfalls Goldmann)
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