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In dieser Gegend, die ich liebe, und in die ich mich gedanklich so gerne versetze, regnete es selten. Und doch war die Vegetation schöner und üppiger als anderswo. Wenn es mal regnete, sickerte das Wasser durch die Ritzen des Kalkgesteins in die unteren Schichten und bildete zwischen Lehm und Morast unterirdische Quellen. Viele Quellen blieben unentdeckt, doch wer eine Quelle kannte, hob Anspruch darauf. Sein Raps, seine Erbsen und seine Tomaten wuchsen dann schneller und höher, als das Gemüse derjenigen, die ihre siedend heisse Erde mit dem Wasser des Dorfbrunnens ernährten.
Jean, ein Visionär, der von der Stadt kam, verwarf die Arme vor Begeisterung, als er das üppige Land seiner verstorbenen
Mutter erblickte: Olivenbäume, Korkeichen, alte Aprikosenbäume umsäumten das alte zweistöckige Haus aus Stein. Es gab fette Erde zur Bepflanzung in Hülle und Fülle. Die Sache hatte nur einen Haken: Wasser fand Jean keines!
Da war eine Quelle, das schon, etwa fünfhundert Meter entfernt in einem vom Ginster überwachsenen Hain unter einer sumpfigen, moosigen Stelle lag sie. Ugolin und Papet, die beiden Bauern, wussten es, ebenso die Leute aus dem Dorf. Doch verheimlichten sie dies dem Fremden aus simpler irrationaler Missgunst.
Eines Tages schlichen sich Ugolin und Papet an die Stelle heran, unter der die Quelle lag. Sie hoben die oberen Erdschichten aus und stopften den silbernen Sprudel mit Mörtel zu, wobei sie die Arme vor Freude verwarfen und jauchzten. Jean, der Fremde, musste nun zurück in die Stadt, während sie beide das Gelände mit dem baufälligen Haus, die teure Erde erwarben.
Jean, der Visionär, blieb noch eine Weile hartnäckig da. Für ihn war dies: „Das Paradis de Zola, la Provence de l’Ancien!“ Er war gutgläubig und kam nicht auf die Idee, dass ihm die Dorfbewohner einen prächtigen Gemüsegarten nicht gönnten, weil hier oben die beste Erde der ganzen Gegend lag. Er spürte wohl ihren Argwohn, aber glaubte nicht, dass sie Schlechtes im Sinn hatten. Während er seinen Brunnen baute, betrank Jean seinen Kummer mehr und mehr mit Wein, denn Wasser trinken durfte er nicht. Bäche von Schweiss rannen ihm über das Gesicht; zum Trinken war das wenige Wasser zu schad! Als er, endlich ungeduldig geworden, versuchte, seinen Brunnen zu sprengen, rannte Jean in die Explosion hinein, wurde von einem Stein am Hals getroffen und starb.
Nun konnte der reiche Papet seinem Neffen Ugolin den Landsitz kaufen. Ugolin züchtete nicht etwa Erbsen daraf, sondern legte grosse Blumenbeete an! Es waren rote Nelken, die auf dem Markt als eine exotische Rarität galten, weil sie viel, viel Wasser brauchten und in dieser Gegend im Grunde nicht überleben konnten. Ugolin, der die Quelle wieder entstopft hatte, wurde durch seine Nelkenzucht reich wie ein König, blieb dabei aber ängstlich und missgünstig. Weil er überall Feinde witterte, versteckte er das Geld unter der Kohle des Feuertrogs und lief weiter in seiner abgenutztem Hose umher. Er hatte nun alles, was er zum Leben brauchte, nur eine Frau fehlte dem schielenden Sonderling noch. Ugolin verliebte sich in die Schönste der ganzen Gegend: die Hirtin und Tochter von Jean: Manon. Aus Zufall oder war sein Gewissen im Spiel, vielleicht?
Manon war ein ruppiges Kind, das die Ziegen mehr liebte, als die Menschen. Sie war blond mit blauen Augen und konnte es an Schönheit sowohl mit der Sonne als auch mit dem Meer aufnehmen, doch lachte sie nie. Ein tiefer Kummer: der Verlust des Vaters, der Verrat der Menschen, drückte sie nieder. Und nun was tat Manon mit dem armen Ugolin? Sie zog in den Hängen umher, folgte einer Ziege in eine Grotte und fand dort die Quelle. Die grösste Quelle zwar, die das Wasser des Dorfbrunnens belieferte. Seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten bahnte es sich seinen Weg, so langsam und hartnäckig wie eine blinde Tänzerin Richtung Tal, um aus dem Mund des Brunnens zu kullern und die Kannen der Dorfbewohner zu füllen.
Diese Quelle verstopfte nun Manon ihrerseits mit Mörtel. Ihre Rache machte sie nicht glücklich, so, wie Ugolin sein Streich glücklich gemacht hatte. Immerhin, als sie das Lamento der Dorfbewohner erblickte, die jetzt zum Pfarrer liefen oder
die Arme zum Himmel verwarfen, blitzte in ihren Augen eine Funke jener Lebendigkeit auf, die sie mit dem Tod ihres wissbegierigen Vaters verloren hatte.
Der Brunnen von les Bastien blieb lang versiegt. Die Männer, die alle Bauern waren, verloren ihr Einkommen und machten sich mehr und mehr Vorwürfe. Sie sahen die Schuld nicht wirklich bei sich, aber ahnten, dass ihr Verderben irgendwie um verworrene Ecken herum mit dem Tod von Jean zusammenhing. Sie waren Ugolins und Papets Mitwisser und hatten geschwiegen. Nur, um ihre Ruhe zu haben.
Da kam ein schöner junger Lehrer ins Dorf, übernahm die Schule und verliebte sich in die wilde Hirtin Manon. An seinem Geburtstag lud er die Dorfbewohner auf einen Pastis neben dem Brunnen im Dorf, weil er glaubte, das Geheimnis auf eigene Faust zu lüften. Es waren viele Leute hergekommen, auch Ugolin, Papet, Manon, der Pfarrer und viele andere. Ihre Augen hingen an den samtigen braunen Augen des Lehrers, der meinte:
Mais a mon avis cet fontaine n’est pas bloqué par elle-meme!“ Er blickte in die Runde. Ein Schweigen machte sich breit, während langsam mehr und mehr Augenpaare zu Papet und seinem schielenden Neffen wanderten. Ugolin zitterte vor Erregung und Angst. Vergeblich versuchte ihn sein Onkel zurückzuhalten, als er vortrat und vor Manon auf die Knie fiel:
„Et si ca etait vrai …. je vous dis ce n’est pas vrai … eh … vous le savez! …. Mais si c’etait vrai … eh …. et nous
aurions bloqué la source de pauvre Monsieur Jean, je peux réparer tout ca! Je lui donne tout…. ma ferme…
mes fleurs …. l’héritage … parce que je l’aime! Manon, tu le sais! Parce que je l’aime! Je t’aime de telle facon que je
ne peux pas le dire! Ce que je mange n’a plus de gout! Je meure si je ne peux pas d’avoir! Mon amour!“
Die Dorfbewohner lachten über den Verrückten und Manon versteckte sich hinter dem Lehrer. Da kam der Pfarrer und zog
sie hinter seinem Rücken am Arm hervor und meinte traurig: „Tu peux nous donner l’eau mais tu dois venir a la procession, tu viens?“ Manon schüttelte den Kopf.
Nun wurde ein Ingenieur geholt von dem sich die Leute jene Hilfe erhofften, die sie der Religion heimlich absprachen. Der Ingenieur sprach von den Verschiebungen der Platten, wusste jedoch keinen Rat und emfpahl den Leuten, das Dorf zu verlassen und ihr Land anderswo zu kultivieren. Einen Camions mit 100 Liter Wasser könne er ihnen wöchentlich bringen. Die Leute pfiffen vor Zorn durch die Zähne. Wie sollten sie mit einem hergereisten Camion weiter ihre Äcker bewässern?! Wie konnte ein Hergelaufener sagen, so leichthin: geht, und kultiviert euer Land anderswo?!
Eines Tages stieg der Lehrer die Hänge hoch auf der Suche nach Manon, dem Stern, und er fand sie zwischen ihren Ziegen
am Fuss eines Baums sitzen. Manon wusste bereits, dass Ugolin sich erhängt hatte und der alte Papet versucht, den Selbstmord zu verschleiern, weil er für seinen Neffen unbedingt eine Ruhestätte auf dem Friedhof wünschte. Manon nickte, aber sagte weiter nichts. In diesem Moment, in dem der Lehrer mit ihr sprach, in diesem siedend heissen Flackern des Lichts, wurde ihre Gesicht auf einmal von einem irisierenden Glanz überzogen. Manon blickte dem Lehrer in die Augen, sie hatte sich in ihn verliebt:
„Et si votre père etait encore vivant, que-ce que il faisait?“, fragte der Lehrer mit einem leisen Lächeln. „Mon père ….“, sie schluckte,
als sie den Namen ihres Vater in den Mund nahm, „… il aurait toujours voulu etre leurs ami!“ – „Alors il faut le faire comme lui ….“
Als es eindunkelte führte Manon den Lehrer und zwei schwer bepackte Esel zur Grotte. Gemeinsam stiegen sie zur Quelle
hinab und hämmerten solange auf den steinernen Mörtel ein, bis das Wasser darunter aufspritzte.
Schnell und langsam zugleich, bahnte es sich seinen Weg durch das jahrhundertealte Beet, schlich wie eine blinde Tänzerin dem Freien zu, wo die Gläubigen und wieder Gläubiggewordenen den Brunnen eben mit Kruzifixen und Liedern beschwörten.
Da! Es ertönte ein leises Plopp! Der Pfarrer bekreuzigte sich! Die Menge jubelte!
Niemand glaubte an ein Wunder. Aber sie alle wussten, dass das Wasser Gold wert war.
——
So, und wir wissen wieder, woher das Wasser kommt!
(„Manon les Sources“, „Das Wasser der Hügel“, 1963, Marcel Pagnol, verfilmt mit Emanuelle Béart in der Rolle der Manon,1986)