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Rue des Alpes Kaptein
Michael Guggenheimer
Wie er da inmitten seiner Bücher sitzt. Dunkelblaues Béret, runde Brillengläser, braune Kordhose, zwei Fliesjacken übereinander, hellblaues Hemd und ein Schal. Es ist kühl an diesem Februarnachmittag in seinem Bücherreich. Auffallender als Kopfbedeckung und warme Bekleidung ist der grosse, weisse Schnurrbart. Der Mann strahlt eine Gemütlichkeit aus. Er könnte aus einem Band von Tim und Struppi ausgestiegen sein. Oder vielmehr noch aus einem Band von Rin Tin Tin. Denn der Kellerladen, in dem er wie ein Kapitän hinter seinem breiten Schreibtisch mit Ausblick auf die vielen bis zur Decke beladenen Bücherregale thront, liegt in der Rue des Alpes in der Altstadt von Fribourg. Und so wie diese Stadt an der Sprachgrenze zweisprachig ist, so ist dieser auffallende Herr ein mehrsprachiges Wesen. Deutsch und Französisch spricht er mit einem leicht holländischen Akzent. Er wechselt von einer Sprache in die andere ohne Mühe und inmitten eines Satzes. Und wenn Bedarf ist, kommen noch englische Sätze in seine Erzählungen hinein.
Überhaupt ist dieser Mann ein wunderbarer Erzähler. Ob es daran liegt, dass er inmitten Tausender Bücher und Geschichten lebt? Ob es damit zu tun hat, dass er so mit seinem Beruf als Buchantiquar verbunden ist, dass er an sieben Tagen in der Woche arbeitet, nicht weil er müsste, eher weil er seine Bücher liebt? Die Gemütlichkeit täuscht also. Der Mann ist gemütlich und dennoch enorm arbeitsam. Sein Antiquariat weist eine Dreifaltigkeit auf, auch wenn er alles andere als streng gläubig ist inmitten dieser katholischen Stadt. Ein grosses Antiquariat für Jedermann im Keller auf der einen Seite der Altstadtgasse, ein zweites Antiquariat schräg gegenüber auf der anderen Gassenseite im Parterre und in zwei weiteren Stockwerken, wo hochpreisigere Bücher auf Kunden warten, die am besten nach Voranmeldung bedient werden. Und dann noch eine Bücherhalle mit ungeahnten Dimensionen in einer ehemaligen Sägerei in der Gemeinde Corcelles. Dort weilt er an Sonntagen, um aus einer Riesenmenge jene antiquarischen Bücher auszuwählen, die er am Montag in die Stadt nimmt und auf einem Novitätentisch ausbreitet oder nach Sachgebiet und Genre alphabetisch geordnet einreiht.
Der Mann ist ein Holländer. Und ein Freiburger. Seit 1968 lebt er – mit einer Unterbrechung – in der Schweiz und stillt sein leises Heimweh mit einem Besuch pro Jahr in den Niederlanden. In der alten Universitätsstadt Leiden ist er aufgewachsen. Hier hat er sein Metier als Buchhändler erlernt. Beim Office du Livre, der Auslieferungsstelle französischer und Westschweizer Verlage für die Schweiz in Fribourg, war er zuerst als Stagiaire und dann als Mitarbeiter angestellt. Als das Office die Lagerverwaltung auf Computer umgestellt hat, zog er nach Indien und Nepal, kam dann zurück in die Niederlande, war dort Vertreter für englische Verlagshäuser, um 1974 wieder nach Fribourg zurückzukehren. Wenn Bücher einem im Blut liegen könnten, dann liegen sie ihm im Blut: Der Grossvater Bibliothekar, der Vater Buchhändler, er selber mittlerweile Antiquar. Seine Frau Claire, eine Freiburgerin, Richterin, Lehrerin und seine Mitarbeiterin, die ihm dank ihrer Arbeit im Bürobereich die Sicht auf neue Bücherfunde freihält.
Verlässt Ben Harteveld sein Kellerreich, um im vornehmeren, oberirdischen Bücherreich zu arbeiten, dann zieht er einen anderen Sakko an, denn Stil muss sein, wenn man sich dort bewegt, wo beim Blättern teurer Folianten weisse Handschuhe getragen werden. Der Herr im Bücherreich ist ein gewiefter Player, der sich längst das nötige Wissen im digitalen Bereich erworben hat. Mehrere Computer stehen in seinen Arbeitsräumen. Mails, die keine Bestellungen beinhalten, klickt er einfach weg. Könnten andere Antiquare und Buchhändler in seine Kundenkartei hineinschauen, sie müssten ihn beneiden. Abertausende Namen aus der Schweiz und aus dem Ausland weist die Kartei auf. Und immer wieder sind da Anmerkungen zu lesen wie „Erkundigt sich nach Titeln, kauft aber nichts“ oder „Interessiert sich besonders für Robinsonaden“. Seine Kataloge, die Jahr für Jahr gedruckt werden, schreibt er selber, ein befreundeter Lehrer korrigiert sie, ein Informatiker setzt sie, ein Drucker bringt sie vorbei. Dicke Kataloge, die auch im netz einsehbar sind.
Vor kurzem hat eine Filmequipe vorübergehend von seinem Antiquariat Besitz genommen. An seiner Stelle sass ein Schauspieler am Arbeitstisch. Den Schriftsteller Jacques Chessex imitierte der Schauspieler. Ben Harteveld hätte ihn ebenso spielen können. „Ich bin, wie jemand von mir gesagt hat, ein Papierwolf“, erzählt er, der gerade Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ und die „Schachnovelle“ mit Hingabe liest. Seine Buchhandlung oder eine Bibliothek musste der Herr über geschätzte 180 000 Bücher nicht aufsuchen um Zweigs Bücher zu finden. Ein Gang zwischen den hohen Büchergestellen genügt, Ben Harteveld muss nur den Arm ausstrecken, um sich mit Lesestoff zu versorgen. Zur besten wirtschaftlichen Zeit hatte er zwölf Angestellte. Doch das goldene Zeitalter der Buchantiquare scheint dank Internet und ZVAB, dem Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher, vorbei zu sein. Heute liessen sich Preise und Qualitäten im Netz vergleichen, der Markt sei durchsichtig geworden, die Preise seien getaucht. Zudem konkurriere die elektronische Industrie mit all ihren Gadgets von Mobiltelephon über Tablet zu TV-Bildschirm und elektronischen Spielen den Buchmarkt . Die Bücher aber werden bleiben, davon ist er überzeugt. Sobald der Frühling sich meldet, öffnet Ben Harteveld die 9 Bücherkisten an der Rue des Alpes, dann beginnt die Zeit der stöbernden Passanten, die den Kellerladen betreten, um sich hier zwischen Belletristik und Fachliteratur aus 101 Bereichen umzuschauen und sich mit Lesestoff einzudecken. Ben Harteveld kann’s recht sein, wenn sie mit vielen Büchern sein Bücherreich verlassen. In Corcelles warten Tausende Bücher auf die Fahrt nach Fribourg.
BOOK’IN und Harteveld Rare Books Ltd.
Rue des Alpes 5 und 6
1700 Fribourg
T: 026 322 38 08
www.harteveld.ch
Nicht nur Schleuderpreise
Heinz Egger
Wie ein Wal abtauchen, auftauchen und mit den Reusen den Krill einsammeln – das ist das Bild, das Philippe im Kopf hat, wenn er den eisernen Handlauf haltend die steile Treppe hinabsteigt und in das Universum von Book’in eintaucht. Schon der handgeschriebene Anschlag an der weissen Türe lässt aufhorchen: Entrée libre – 100’000 livres. Der riesige Kellerraum ist bis auf den letzten Zentimeter mit Büchern gefüllt. Die Gestelle reichen vom Boden bis zur Decke, die Gestellfluchten sind schmal. Nur einer der Gänge ist breiter. Dort stehen Tische, dort zeigen die Bücher ihre Buchdeckel. Und dieser Teil wird sorgfältig gepflegt. Am Montag und Dienstag wird die Auslage erneuert. Es lohnt sich also zur Öffnung von Book’in am Mittwoch vorbeizuschauen. Und das tut Philippe regelmässig, seit Jahren.
Nicht dass er Sammler wäre. Aber er liest gern, und sein schmales Portemonnaie erlaubt ihm nicht, in Buchhandlungen einzukaufen. Hier sind die Preise tief, zwischen zwei und fünfzehn Franken. Und er liebt es zu stöbern, den Buchrücken entlangzustreichen.
Alles im Raum ist wohl geordnet. Zwischen den Büchern schauen handgeschriebene Kartons heraus. Wie in einer Buchhandlung zeigen sie Themenbereiche an und unterteilen die Autoren der Bücher nach dem Alphabet.
Ganz zuhinterst füllen christliche Werke eine ganze Wand. Hier verbringt Philippe seine meiste Zeit. Ohne Buch geht er von diesen Gestellen nie weg.
Nein, dieser Raum enthält nicht alles, was Herr Harteveld anzubieten hat. Philippe weiss, dass in zwei weiteren Gebäuden die immensen Schätze lagern. In einer ehemaligen Sägerei in Corcelles bei Payerne und gleich gegenüber dem Book’in an der Rue des Alpes 5. Corcelles ist nicht öffentlich. Dort sind die Bücher nach Nummern wie in einem Buchverteilzentrum geordnet. Alle Bücher sind in einer Datenbank erfasst und mit Schlagworten versehen. Mehr als 112’000 Datensätze enthält die Datenbank, was etwa 180’000 Büchern entspricht, da einige mehrbändige Werke dabei sind.
In die Rue des Alpes 5 hat Herr Harteveld Philippe erst einmal mitgenommen. Dort empfängt er Leute nur auf Anmeldung. In diesem uralten Haus, das eigentlich gar kein Haus, sondern ein Stall zwischen der bischöflichen Residenz und dem ersten Haus der Stadt war, sind einige teure Bücher und grafische Werke verwahrt.
Das teuerste Werk ist wohl das zweibändige „Théâtre des Etats de Son Altesse Royale le Duc de Sovoye, Prince de Piémont, Roy de Cypre“. Der erste Band enthält 65 Karten und Ansichten des Piemont, der Stadt Turin und ihrer Umgebung. Der zweite Band zeigt auf 69 Karten und Ansichten die Savoye. Die Bücher sind fast 60 Zentimeter hoch, aber nur 30 breit. Kostenpunkt: 120’000 Franken.
Diese Angaben fand Philippe im Katalog Nummer 236. Dieser widmet sich allerdings nicht den Büchern, sondern der grafischen Sammlung. Es ist unglaublich, was alles darin enthalten ist. Stiche, Lithographien, Holzdrucke, Photographien, schwarzweiss, koloriert. Der 144 Seiten starke Katalog ist schön gestaltet, vierfarbig auf ein glänzendes Papier gedruckt, was die Farben besonders leuchten lässt. Das ist nicht billig. Eigentlich wünscht sich Herr Harteveld einen Unkostenbeitrag von 20 Franken. Philippe hat ihn geschenkt bekommen. Besonders angetan ist er von den alten Plakaten aus den 1940er und 50er Jahren, die beispielsweise Reklame für Fribourg, Montreux und Lausanne machen.
Gerade kommt der 238. Katalog für antiquarische Bücher heraus. Rechtzeitig zur Antiquariatsmesse Zürich vom 27. Februar bis zum 1. März 2015. Die gedruckte Version ist schwarz-weiss. Aber unter www.harteveld.ch gibt es als PDF die farbige Variante.
Philippe hat drei Bücher unter dem Arm. Sie kosten ihn 12 Franken. Herr Harteveld legt ihm den neuesten Katalog obendrauf. Warum Philippe diese Kataloge liebt, obwohl er sich nie ein solches Buch leisten kann? Er liebt die kleinen Geschichten, die zu den Büchern geliefert werden. Beispielsweise jene zum Comic „Tintin à Fribourg“, gezeichnet von Alain-Jacques Tornare und Jean Rime. Das Album gefiel den Verantwortlichen bei Moulinsart nicht, welche die Rechte der Erben von Hergé verteidigen. 2000 Stück wurden gedruckt. 1800 davon wurden zurückgezogen und vernichtet. So entstand eine aussergewöhnliche Rarität.