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Der Neuregelung ist vorgeworfen worden, in einigen Bereichen zu viel, in anderen hingegen zu wenig Varianz vorzusehen. […] Es gibt unterschiedliche Arten orthografischer Varianz. […] Varianz, die ihre Grundlage im Sprachsystem oder in der Sprachentwicklung hat, lässt sich nicht vermeiden und kann meist auch nicht durch Konventionen zum Verschwinden gebracht werden. Unvermeidbar in einem Regelwerk, das sich primär an die Schule und an die Verwaltung richtet, sind ferner Varianzen, die mit der Komplexität mancher Sachbereiche zusammenhängen. Eine eindeutige, sachgemässe Regelung wäre in solchen Bereichen zwar möglich, ihre Beherrschung wäre aber mit einem unvertretbar hohen Lernaufwand verbunden. In solchen Bereichen sind Konventionen meist zu willkürlich, so dass der Ausweg nur in der Zulassung mehrerer Schreibungen liegen kann. Anders liegt der Fall bei Varianzen, denen Konzessionen an die Tradition oder an uneinheitliche Auffassungen in der Wissenschaft zugrunde liegen. Hier kann die Varianz mittelfristig zugunsten der jeweils systematischeren Schreibungen abgebaut werden.
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Gallmann, Peter
[…] Leserbriefschreiber Theodor Ickler […] ist Sprachwissenschaftler an der Universität Erlangen und kämpft seit fünf Jahren gegen die Rechtschreibreform. Das bedeutet für ihn nicht etwa die Rückkehr zur früheren Schreibung, sondern die Entscheidung für die selbstentwickelte «Ickler-Orthographie».
Ich bin sicher, in zehn Jahren werden viele Formen der alten Rechtschreibung den meisten Lesern schon so merkwürdig vorkommen wie heute Thüre, That und Rath (so die vor 1901 gebräuchlichen Schreibweisen).
Keiner, der das neue Regelwerk ernsthaft prüft, wird mit dem erreichten Ergebnis bis in alle Einzelheiten einverstanden sein. Das gilt auch für uns. Insgesamt haben wir mehr gewollt, einiges wollten wir anders, manches wollten wir nicht. Dies ändert aber nichts an unserer Überzeugung, dass die neue Regelung als Ganzes der bisherigen klar überlegen ist: Sie ist einfacher handhabbar — dies gilt für Kinder wie für Erwachsene —, und sie ist besser lehrbar und lernbar.
Eisenberg geht davon aus, dass die Verdoppelung von Konsonantenbuchstaben nicht primär mit der Vokalkürze, sondern mit der Syllabierung in gesprochener Sprache zusammenhängt: Ein Konsonant, der an einer Silbengrenze steht, gehört unter bestimmten Bedingungen beiden Silben an, er bildet ein Silbengelenk. Ein Vergleich mit der Schreibung schweizerdeutscher Dialekte kann diesen Ansatz bestätigen. […] Die andersartige Phonologie der schweizerdeutschen Dialekte schlägt auch auf die schweizerische Variante der Standardsprache durch; sie ist unter anderem auch der versteckte Grund, dass die Schweiz weiterhin auf das Eszett verzichtet.
Unklar ist, wie denn die Entscheidungsprozesse in der Bundesrepublik verlaufen.
Diese verlegerischen Freiheiten werden wenn es denn zu einer neuen amtlichen Regelung kommen soll auch in Zukunft erhalten bleiben. Man wird bei Rechtschreibfragen also weiterhin im Duden, in einem anderen Wörterbuch oder auch in einer geeigneten Grammatik nachschlagen und nicht im Amtsblatt.
Abstract: Die Vf. erläutern Vorschläge zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die von Expertengruppen aus den deutschsprachigen Ländern an die Regierungen übergeben wurden. Veränderungen soll es in folgenden Bereichen geben: Laut-Buchstaben-Zuordnungen, Getrennt- und Zusammenschreibung, Schreibung mit Bindestrich, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende.
Weitgehend unbeachtet von der öffentlichen Diskussion ist in den letzten Jahren die wissenschaftliche Arbeit an einer Reform der deutschen Rechtschreibung vorangetrieben worden. […] Aus lebhaften Reformdiskussionen (in der Schweiz hat sich hierbei besonders der Bund für vereinfachte rechtschreibung hervorgetan) entstanden zahlreiche Reformvorschläge. […] Die Fortschritte in den gemeinsamen wissenschaftlichen Bemühungen legten den Grund für die Möglichkeit politischer Vorentscheidungen, wie sie in Wien getroffen worden sind; und diese wiederum geben den Wissenschaftern die Möglichkeit zu sinnvoller Weiterarbeit. […] Der erste Block der Reformvorschläge soll von den Fachleuten bis Ende 1988 verabschiedet sein. Dann werden die politischen Instanzen entscheiden, ob es eine Reform geben soll – eine zweite Wiener Konferenz ist für Dezember 1988 geplant. Auch wenn dieser Zeitplan vielleicht nicht ganz eingehalten werden kann: Die Chancen für eine positive Entscheidung – wir haben es am Anfang ausgesprochen – sind nicht schlecht.
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