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Wednesday Martin hat das Leben der Ehefrauen von Superreichen an der Park Avenue erforscht – und dabei die Elite von New York auf die Palme gebracht.
In der Belle Epoque hat der Soziologe Thorstein Veblen die Sitten der damaligen amerikanischen Oberschicht analysiert und die Ergebnisse in seinem berühmtesten Werk «Die Theorie der feinen Leute» festgehalten. Er liess sich dabei von folgender These leiten: Wenn das puritanische Bürgertum reich wird, dann wirft es die calvinistischen Tugenden über Bord und verhält sich wie der Adel. Es entsteht, was Veblen «zur Schau getragene Verschwendung» nennt oder einfacher ausgedrückt: Man zeigt, was man hat.
Wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich Nordamerika heute erneut zu einem Paradies für Superreiche. Die ehemaligen «Räuberbarone» – die Morgans, Rockefeller und Carnegies – sind wieder auferstanden in Form von Bankern, Hedge-Fund-Managern, Anwälten und Beratern. Ein neuer Geldadel macht sich breit, der sich immer stärker vom gemeinen Volk abgrenzt.
Zwei Frauen haben den kulturellen Prozess der amerikanischen Refeudalisierung genauer unter die Lupe genommen. Lauren A. Rivera, Professorin an der University’s Kellog School of Management, zeigt in ihrem Buch «Pedigree» auf, dass die Idee einer Leistungsgesellschaft, in der die Besten und Tüchtigsten an die Spitze gelangen, in den USA zu einer Illusion verkommen ist.
Rivera hat mit hunderten von Interviews und teilnehmender Beobachtung detailliert untersucht, wie die Unternehmen der Elite ihr Personal anheuern. Ihr Fazit ist glasklar: Wer nicht schon als Kleinkind den richtigen Kindergarten, später die richtige Schule und danach die richtige Universität besuchte, hat de facto keine Chance, in die obersten Kreise aufzusteigen, selbst wenn er einen Intelligenzquotienten wie Einstein vorweisen kann.
«Wir müssen das Spielfeld für Elitejobs als eingezäunt betrachten», stellt Rivera fest. «Alle können sich in der Reihe anstellen und darauf hoffen, auch spielen zu dürfen. Aber nur diejenigen, die von einer institutionellen und individuellen Elite gesponsort werden, können auch hoffen, den Rasen betreten zu dürfen. Das richtige Ausmass an kulturellem Kapital bestimmt die Spielregeln.»
Bis in die Sechzigerjahre bestand die amerikanische Elite mehrheitlich aus so genannten WASPs (White Anglo-Saxon Protestants). Heute ist sie äusserlich gesehen viel gemischter: Auch Nicht-Weisse und Frauen werden zugelassen. Doch die Vielfalt täuscht. Der Zugang zur Elite wird durch subtilere Methoden immer stärker eingeschränkt.
Nochmals Rivera: «Die Elite-Organisationen haben neue, subtilere und gesetzeskonforme Methoden entwickelt, um sicherzustellen, dass ihre Angestellten eine homogene und kulturell einheitliche Einheit sind. So legen sie etwa grossen Wert darauf, was Studenten in ihrer Freizeit tun und dass sie kulturell zu ihnen passen. Die Folge davon ist: Obwohl die Elite heute aus einem breiteren ethnischen und religiösen Spektrum zusammengesetzt ist, kommen die Mitglieder – was soziale Klasse und Kultur betrifft – von einem immer kleiner werdenden Kreis der amerikanischen Bevölkerung.»
Wednesday Martin stammt aus dem mittleren Westen, ist mit einem New Yorker Anwalt verheiratet und hat Ethnologie studiert. Sie geht nicht streng empirisch vor wie Rivera, sondern verwendet einen Trick, der fast immer funktioniert: Sie begibt sich als teilnehmende Beobachterin in eine moderne Gesellschaftsschicht und beschreibt diese wie eine Stammesgesellschaft.
Der Stamm, den sich Martin aussucht, lebt im teuersten Quartier von Manhattan, an der Park Avenue. An Exotik fehlt es dort nicht. «Eine Upper-East-Side-Mutter zu werden war eine Reise, die so seltsam und unerwartet war wie nichts, das ich studiert hatte – weder die blutrünstigen Riten der Masai, noch die Axtkämpfe der Yanomami im Amazonas», stellt Martin klar.
Ihr Buch «Primates of Park Avenue» war die Sensation dieses Frühsommers. Die «New York Times» hat es gleich mehrfach besprochen und zusätzlich verschiedene Artikel zum Thema publiziert. Das ist verständlich: Der «Stamm der Mütter der Upper East Side» ist keine Kuschelgesellschaft. Er ist kriegerisch und hart wie Kruppstahl.
In den Stamm aufgenommen zu werden, ist alles andere als einfach. Das beginnt schon bei der Wohnungssuche. Viel Geld allein reicht nicht. Es braucht Beziehungen. Die richtigen Häuser werden von Komitees regiert, die sehr strikt darüber wachen, wer einziehen darf und wer nicht. «Es sind die Art von Gebäude, die regelmässig Anmeldungen von Berühmtheiten ablehnen, die etwa Richard Nixon oder Madonna die kalte Schulter gezeigt haben», schreibt Martin.
Mithilfe einer professionellen Wohnungsvermittlerin schafft es Martin schliesslich nach mehreren Anläufen, eine Wohnung im begehrten Quartier zu ergattern. Doch damit ist erst ein Hindernis überwunden. Die wahre Herausforderung liegt darin, einen Platz im richtigen Kindergarten für den Sohn zu erkämpfen.
Weil die Nachfrage nach solchen Plätzen viel grösser ist als das Angebot, müssen selbst Superreiche dabei erniedrigende Rituale durchlaufen. Dabei entdeckt Martin, dass in dieser Welt die Bedeutung der Kinder auf den Kopf gestellt wurde. Einst waren Kinder dazu da, ihren Eltern zu helfen und ihnen Freude zu bereiten. Heute sind Kinder «priceless but useless» (nicht zu bezahlen und unnütz), wie sich Martin ausdrückt.
Tatsächlich grenzt der Kult um den Nachwuchs der Superreichen ans Bizarre. Die Mütter haben alle einen Abschluss an einer Top-Universität wie Harvard erworben. Doch sie sind nicht berufstätig, sondern managen stattdessen ihren Haushalt. Ein knochenharter Job:
Die Mütter werden auch nach Erfolg bezahlt. Martin verrät, dass viele von ihnen von ihren Ehemänner gegen Ende Jahr Boni erhalten. Sie werden daran gemessen, wie gut sie ihren Haushalt managen und ob sie es geschafft haben, ihre Kinder in eine «gute» Schule zu bringen. Die Boni können dabei sechsstellige Summen betragen.
Dass die «Primaten der Park Avenue» stets perfekt gekleidet, frisiert und geschminkt sein müssen, versteht sich von selbst. Doch daneben gibt es Dinge, deren Bedeutung nur Insider überhaupt wahrnehmen. Eines dieser Dinger ist die Birkin-Handtasche, ein «Objekt mit magischen oder zumindest verzaubernden Eigenschaften», wie uns Martin aufklärt.
Die Birkin-Bag hat das Haus Hermès in den 1980er Jahren für die Schauspielerin und Kult-Frau Jane Birkin entworfen, als ein etwas saloppes Gegenstück zur noblen Kelly-Bag, die der verstorbenen Fürstin von Monaco gewidmet ist. Der Clou dabei: Jede Birkin-Bag wird handgefertigt, die Produktion ist begrenzt und die Nachfrage danach gewaltig. Die Frau, die eine solche Handtasche besitzt, zeigt also, dass sie entweder selbst prominent oder die Frau eines mächtigen Mannes ist.
Handtaschen sind in diesen Kreisen nur bedingt Gebrauchsgegenstände. «Sie sind Schutz, Waffe und Markenzeichen», stellt Martin klar:
Martin gelingt beides, ihren Sohn in der richtigen Schule zu platzieren und eine Birkin-Bag zu erwerben. Nach anfänglichem Widerstand wird sie immer häufiger in den Kreis der Park-Avenue-Mütter aufgenommen und erhält dadurch intimere Einblicke in deren Alltagsleben.
Erstaunt stellt sie dabei fest: Männer und Frauen leben mehr oder weniger in getrennten Welten. «Als Ethnologin ist mir bald aufgefallen, dass sich die Frauen von den Männern absondern», schreibt Martin in einem Artikel in der «New York Times». Einen vernünftigen Grund dafür konnte sie nicht erkennen. «Es ist einfacher so und macht mehr Spass», erhielt sie als Antwort.
Überhaupt: Die Frauen, die schon von Natur aus mit Schönheit gesegnet sind, die sich täglich ins Fitness-Studio quälen und ein Vermögen für ihre Kleidung ausgeben, haben sehr wenig Sex. «In Manhattan waren die Frauen zu müde, zu gestresst und zu irritiert dazu, wie sie mir bei Diners und Drinks anvertrauen», schreibt Martin. «Und in den Ferien, wenn sie entspannt gewesen wären, waren ihre Männer nicht dabei.»
Die Frauenwelt an der Upper East Side funktioniert nach dem Prinzip, dass Ethnologen als «Ehre/Schande-Kultur» bezeichnen. «Keine einzige Cellulitis-Zelle ist erlaubt», stellt Martin klar. «Kein graues Haar. Alles hängt davon ab, dass dein Haushalt tipptopp funktioniert und deine Kinder Erfolg haben. Das Gesicht verlieren kann man leicht.»
Nach sechs Jahren hatte Martin die Schnauze voll und zog wieder downtown, dort, wo der obere Mittelstand lebt, Professoren, Künstler und Journalisten. Ihr Fazit über die Park-Avenue-Mütter fällt wenig schmeichelhaft aus:
Gestaltung: Anna Rothenfluh