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Diese Überlegungen haben wir als mündlichen Beitrag am Politwochenende zum 100-Jährigen Jubliäum der Zimmerwalder Konferenz in Zürich vorgestellt. Unsere Veranstaltung trug dabei den Titel “Gegen das Modelldenken – Zimmerwald, China, Heute: Die Notwendigkeit strategischer Neubestimmung nach der Niederlage.”
1. Von der Niederlage ausgehen
Wenn wir dieses Wochenende von Zimmerwald ausgehen, dann bedeutet das auch von einer Niederlage auszugehen. Vor Zimmerwald stand der Verrat der Sozialdemokratie an der revolutionären Sache und die überwiegende Zustimmung ebendieser Sozialdemokratie zu dem Schlachten des Ersten Weltkriegs. Es war nur ein kleines Häufchen, das sich in Zimmerwald dieser Niederlage entgegenzustemmen versuchte und von diesem kleinen Häufchen war es wiederum ein noch kleinerer Teil, der den Versuch unternehmen wollte, die Niederlage und die Defensive des Krieges in eine neue, revolutionäre Offensive umzuwandeln. Es war Lenin, der, wie wir dem Beitrag von T. Derbent entnehmen konnten, den Vorschlag machte den imperialistischen Krieg in den revolutionären Bürgerkrieg umzuwandeln. Lenin forderte nach der Niederlage des Ersten Weltkrieges zu einem strategischen Umdenken auf und die Geschichte gab im Recht. Denn es gelang in Russland tatsächlich, den Krieg in einen revolutionären Bürgerkrieg umzuwandeln aus dem die Oktoberrevolution geboren wurde. Wir wollen Zimmerwald und damit die Notwendigkeit des strategischen Umdenkens nach einer Niederlage von grosser Tragweite zum Ausgangspunkt für unsere Ausführungen nehmen. Dabei wollen wir jedoch die räumliche und die zeitliche Dimension ausweiten um über Zimmerwald hinausdenken zu können – Man mag uns daher gewisse unvermeindliche Sprünge zwischen Zeiten und Orten vergeben. Dabei werden wir zwei weitere Niederlagen der revolutionären Bewegung in den Blick nehmen, die sich nicht nur örtlich und zeitlich, sondern auch in ihrer spezifischen Qualität von Zimmerwald unterscheiden. Einerseits die Niederlage, die sich in China 1927 ereignete und andererseits die Niederlage, welche der revolutionären Bewegung in den letzten Jahrzehnten zu schaffen machte – Wobei hier später auch eine Präzisierung des Begriffes der Niederlage von Nöten sein wird. Auch diese Niederlagen erforderten und erfordern ein strategisches Umdenken, dass wir im folgenden präzisieren wollen.
An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, warum wir den Umweg über China machen und nicht direkt von der Gegenwart zu sprechen beginnen. Der Grund liegt darin, dass mit China eine andere Denktradition ins Spiel kommt, die es uns erlaubt über unseren europäisch zentrierten Blickwinkel hinauszusehen. Wie aus dem Beitrag von T. Derbent zu erfahren war, stützte sich Lenin in seinen strategischen Überlegungen insbesondere auf Clausewitz, sicher den bedeutensten Vertreter der westlichen Tradition des strategischen Denkens. Auch die chinesischen Kommunisten entnahmen diesem Fundus einiges an strategischen Konzepten, befasste sich doch Mao intensiv mit Clausewitz. Bestimmender und aus unserer Sicht auch interessanter war jedoch die eigene reiche Tradition strategischen Denkens, auf die sich die chinesischen Kommunisten stützen konnten und die ihresgleichen sucht. Denn während auf europäischer Seite Clausewitz tatsächlich der erste Denker war, der den Krieg allgemein theoretisch zu fassen sucht, existiert eine solche Tradition in China bereits seit über 2000 Jahren, seit Sunzi „Die Kunst des Krieges“ schrieb. Die chinesischen Kommunisten konnten also aus einem ungleich tieferen und breiteren Fundus schöpfen, als sie ihre strategischen Überlegungen anstellten und es wäre eine sträfliche Überheblichkeit, wenn nicht auch wir diesen Fundus nützen würden.
2. Das Denken im Modell
Die kommunistische Bewegung in China entstand 1919 aus der zu Beginn antiimperialistisch geprägten 4. Mai-Revolte, die sich immer stärker in Richtung einer umfassenden sozialen Bewegung entwickelte. Der Marxismus nahm dabei zu Beginn die Form eines Importes aus dem Westen an. So wurde er wortwörtlich von Agenten der Komintern nach China gebracht und fiel dort auf den fruchtbaren Boden der 4. Mai Bewegung. Die Kommunistische Partei Chinas wurde unter Anleitung der Komintern-Agenten gegründet und mauserte sich schnell zur stärksten Kraft innerhalb der Bewegung. Sie versuchte dabei, das Modell des westlichen Marxismus eins zu eins auf die Verhältnisse in China anzuwenden und fokussierte ihre Politik auf das neu entstandene Industrieproletariat in den südchinesischen Städten. Es gelang der Kommunistische Partei Chinas in dem zahlenmässig noch schwachen chinesischen Proletariat eine ansehnliche Arbeiterbewegung nach westlichem Vorbild aufzubauen, die aber kurz darauf durch die Privatarmeen der Warlords militärisch zerschlagen wurde. Die KP China flüchtete sich darauf immer stärker in das Bündnis mit der Guomindang, die als bürgerlich-nationalistische Kraft auch über einen linken Flügel verfügte. Als sich der rechte Flügel innerhalb der Guomindang 1927 endgültig durchsetzen konnte, wurden die übrig gebliebenen Strukturen der Kommunisten in den Städten endgültig zerschlagen und die Bewegung war an ihrem absoluten Nullpunkt angelangt.
Der Versuch, den Marxismus als Modell aus dem Westen zu übernehmen war endgültig gescheitert. Dieses Denken in Modellen bestimmt der Sinologe François Jullien jedoch als charakteristisch für das westliche strategische Denken. Das Modelldenken zeichnet sich dadurch aus, dass in der Theorie ein Ziel gesetzt wird, welches dann durch die Praxis zur Realität gebracht werden soll. Das Kriterium für den Erfolg der Praxis ist dann, wie nahe sie dem zuvor festgelegten Modell folgt. In der Theorie wird ein Modell geschaffen, dass es danach der Realität überzustülpen gilt. Wenn also das Ziel auf der theoretischen Ebene gesetzt wurde, muss sich die Praxis dieser unterwerfen. Dem Marxismus ist dieses Denken alles andere als fremd. So wird der Kommunismus nicht selten als das zu erreichende Ziel definiert, wobei es dann in der Praxis darum geht, den Weg zu diesem Ziel zu finden. Ein Modelldenken, dass übrigens schon Engels kritisiert hatte, indem er postulierte: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“
Auch der schon erwähnte Clausewitz bleibt diesem Denken verhaftet. Es äussert sich bei ihm in dem Verhältnis von Zweck und Mittel. Der Zweck wird in der Theorie gesetzt, die praktischen Mittel haben sich ihm unterzuordnen. Der theoretisch gesetzte Zweck ist es siegreich aus dem Krieg hervorzugehen. Die praktischen Mittel, die sich diesem Zweck unterzuordnen haben, sind die einzelnen Schlachten, welche die strategische Ebene darstellen. Diese sind wiederum nur theoretischer Zweck, dem sich die praktischen Mittel der Truppen, welche die taktische Eben bilden, unterzuordnen haben. Clausewitz stellte jedoch bei dem Versuch ein Modell des Krieges aufzustellen fest, dass dieses immer wieder durch die Realität der Praxis über den Haufen geworfen wurde. Seine theoretischen Arbeiten sind daher stark geprägt durch den Widerspruch zwischen abstraktem Modell und konkreter Realität, eine Spaltung, die für das westlich Denken charakteristisch ist. Clausewitz erkennt die Problematik des Modelldenkens dabei durchaus, kann sie jedoch nicht überwinden. Er versucht die Problematik zu berücksichtigen indem er den Begriff der Friktion einführt. Friktionen bedeuten dabei unvorhersehbare Ereignisse, wie sich plötzlich verändernde Wetterbedingungen, welche vom Aussen der Realität Druck auf den Plan ausüben und ihn so gefährden.
3. Wie Wasser: Sich auf die Neigung stützen
Die Frage die sich nun offensichtlich aufdrängt, ist diejenige nach der Alternative zu diesem Denken, in dem auch die besten Vertreter der westlichen Strategietradition offensichtlich gefangen sind. Eine mögliche Alternative ist die bereits erwähnte Tradition des chinesischen Denkens. Das chinesische Denken kennt tatsächlich keine abstrakten Modelle, ideale Formen oder reine Wesenheiten, welche von der Realität getrennt sind. Tatsächlich findet eine Konzentration auf das Reale und seinen Verlauf statt. Der chinesischen Philosophie ging es dabei aber nie darum, dieses Reale bloss zu erkennen. Tatsächlich findet sich der für die westliche Philosophie so prägende Gegensatz zwischen Theorie und Praxis in der chinesischen Philosophie kaum. Die Philosophie wurde von Beginn weg hinsichtlich ihrer Fähigkeit, sich mit dem Realen zu Verbinden und in ihm Wirksam zu werden beurteilt. So waren denn auch die grundlegenden Denkschulen der chinesischen Philosophie, von denen der Konfuzianismus und der Daoismus die prägensten darstellen, aus politisch beratenden Funktionen während der „Zeit der Streitenden Reiche“ entstanden.
Doch wie soll nun die Wirkung innerhalb des Realen erreicht werden? Bei Sunzi, dem Klassiker der chinesischen Strategie, beginnt die Wirksamkeit immer mit der Einschätzung der Situation oder der Umstände, der er denn auch das erste Kapitel seiner Kunst des Krieges widmet. Die Situation wird dabei so gedacht, wie das Reale im chinesischen Denken schon immer verstanden wurde: Als ein dynamischer Prozess, der bestimmt wird durch die in ihm wirksamen und sich widersprechenden Faktoren oder Kräfte. Der prägenste Ausdruck dieses Denkens sind yin und yang, die einander zugleich widersprechen und ergänzen und dadurch den Weg, das tao, bestimmen. Wenn Clausewitz an der westlichen Kriegstheorie kritisierte, dass sie bloss von unveränderlichen und nur materiellen Grössen ausgegangen sei und die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen wirksamen Faktoren vernachlässigt hätte, dann lässt sich feststellen, dass das chinesische strategische Denken von Beginn weg das reine Gegenteil zum Ausgangspunkt genommen hat.
Entscheidend ist aber nicht die vorausgesetzte Einschätzung der Situation, sondern die Ableitung des Potentials (she) aus dieser Einschätzung. Die Einschätzung der Situation wird durchgeführt, um darin das Situationspotential erkennen zu können, auf das sich der Handelnde stützen muss, um erfolgreich zu sein. Zentral ist, dass hier die Trennung zwischen der festgelegten Strategie und den äusseren Umständen, welche die Strategie bedrohen, wegfällt. Vielmehr entsteht das Situationspotential und daraus die zu verfolgende Strategie eben genau aus der Analyse der Umstände, die nicht länger ein feindliches Aussen darstellen. Wie der chinesische General Li Quan vor rund 3000 Jahren sagte: Die Strategie ist nicht von vornerein festgelegt, sondern sie nimmt nur aufgrund des Situationspotentials Gestalt an. Du Mu, ein Kommentar zur Kunst des Krieges ergänzt dazu, dass das Situationspotential allerdings nie vor Beginn der eigentlichen Operationen aufgespürt werden kann, da es sich ständig wandle. Es kann also nur innerhalb der Praxis zu einem Erkennen des Potentials kommen: „Willst du Kenntnisse erwerben, mußt du an der die Wirklichkeit verändernden Praxis teilnehmen. Willst du den Geschmack einer Birne kennenlernen, mußt du sie verändern, das heißt sie in deinem Mund zerkauen.“
Wie man sich den Begriff des Situationspotentials vorstellen muss, erläutert Sunzi durch verschiedene Metaphern. Sie alle haben den physikalischen Begriff der potentiellen Energie gemeinsam: Die gespannte Armbrust, der Raubvogel, der hoch in die Lüfte steigt, um der Beute mit einem Schlag das Genick zu brechen oder das Wasser, dass seine Bewegungsenergie aus dem Höhenunterschied gewinnt. Befindet das Wasser sich in einer gewissen Höhe, braucht es nichts zu tun, um nach unten zu fliessen, es lässt sich vom Situationspotential ins Tal tragen. An diesem Bild des Wasser orientiert sich denn auch das Handeln, dass die chinesischen Strategen vorschlagen. Um in der Realität wirksam zu sein, soll man sich vom Situationspotential tragen lassen. In den Umständen werden die günstigen Faktoren, Tendenzen oder Neigungen gesucht, auf die sich der Stratege nur noch zu stützen braucht, um erfolgreich zu sein. So gilt den chinesischen Strategen nicht derjenige als bester Kriegsherr, der den besten Plan aufstellt oder den grössten Mut besitzt, sondern derjenige, der es versteht, sich mit den Umständen zu verbünden und sich von ihnen tragen zu lassen. Für westliche Denkgewohnheiten kann das geradezu Paradox wirken. Sind wir es uns doch gewohnt, diejenigen als grosse Feldherren der Geschichte anzuschauen, welche Schlachten in den schwierigsten oder gar aussichtlosesten Situationen durch ihr grosses taktisches Geschick, ihren überragenden Mut oder ihren eisernen Willen gewinnen konnten. Sunzi postuliert dagegen dass diejenigen die viel vom Krieg verstehen, immer nur leichte Siege erringen und für nichts gelobt zu werden brauchen. Dies rührt schlicht daher, dass Sunzis gute Strategen die Schlacht nur dann suchen, wenn sie sich des Sieges sicher sind. Denn sie haben es schon viel früher verstanden, die günstigen Faktoren auszumachen, sich auf die Neigung zu stützen und die Situation sich zu ihren Gunsten entwickeln zu lassen. Diese Transformation der Dinge beginnt weit vor der eigentlichen Schlacht, die bloss noch die letzte Konsequenz der Entwicklung ist, die an diesem Punkt ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist. Der Raubvogel schlägt seine Beute nicht mit der Kraft seiner Krallen, sondern mittels der Geschwindigkeit und der Kraft, die sich aus dem Potential der Höhe ergeben, dass er sich zuvor aufgebaut hat. Der Sieg ist letztendlich vorherbestimmt, weil er im Kräfteverhältnis schon enthalten ist, bevor die Kampfhandlungen beginnen. Es erstaunt somit wenig, dass Mao, aus dieser Tradition kommend, zum führenden Theoretiker des Guerilla-Krieges avancierte.
Wir wollen nun zurückkommen auf die chinesischen Kommunisten und auf die Niederlage, die sie 1927 erlitten haben. Wie es bei Lenin mit dem Moment von Zimmerwald geschah, setzte auch bei ihnen nach der Niederlage ein Umdenken in der Strategie ein. Und während in einem anderen Beitrag an diesem Wochenende versucht wurde, Lenins strategische Neuorientierung mit Clausewitz zu denken, sind wir der Meinung, dass die neue Methodik der chinesischen Kommunisten in dem strategischen und philosphischen Denken zu suchen ist, welches in ihrem Land schon seit langer Zeit präsent war. Tatsächlich hatte das Umdenken der chinesischen Kommunisten ihren Ursprung zuerst in der Einschätzung der Situation, wie die Einschätzung auch zu Beginn von Sunzis Kriegskunst steht. Und wie in der Ergänzung von Du Mu erfolgte diese Einschätzung auch hier nicht aus der Theorie, sondern unter dem sinnlichen Eindruck der Praxis. Dass in der Theorie die Bauern den überwiegensten Teil der chinesischen Gesellschaft ausmachten, war den Kommunisten nur allzu klar. Die Erkenntnis, dass in diesem Teil der Gesellschaft aber das grösste Potential liegt, brauchte zuerst die Praxis als Anstoss. Es war Mao der sich, bereits einige Jahre vor 1927, frustriert von der in Trümmer geschlagenen Aufbauarbeit in den Städten zurückzog in die ländliche Provinz in der er aufgewachsen war. In politischer Resignation und vermeindlicher familiärer Idylle wurde er jedoch Zeuge der gewaltigen Aufstände, welche die armen Bauern auf dem Lande entfesselten, beteiligte sich an ihrer Praxis und erkannte daraus das Situationspotential, das dieser Bewegung innewohnte. Es bedurfte jedoch der Niederlage von 1927 bis sich diese Erkenntnis durchsetzen und in einer neuen Strategie niederschlagen konnte. Von da an verbündeten sich die chinesichen Kommunisten mit der Situation, das heisst mit der subjektiven Bewegung der chinesischen Bauern die durch die objektiven Umstände Chinas hervorgebracht wurde. Sie stützten sich auf die Neigung die sich aus dem Situationspotential ergab, liessen sich von dieser Neigung tragen und schwammen darin „wie der Fisch im Wasser“. Dabei mussten sich nicht zuletzt auch das westliche Modell der urban-geprägten Aufstandsstrategie zugunsten der neuen Strategie des langandauernden Volkskrieges aufgeben. Auf diese Weise gelang ihnen letztendlich die Befreiung Chinas. Aber das sich stützen auf die Neigung, das Verbinden mit der Massenbewegung – und nicht wie fälschlicherweise gedacht, das Auslösen derselben – sollte auch nach der Befreigung der wichtigste Pfeiler der maoistischen Linie bleiben, deren höchster Ausdruck die Kulturrevolution war.
4. Und heute?
Zum Schluss soll es uns darum gehen, all die historischen, strategischen und philosophischen Ansätze, die hier entwickelt wurden, auf ihre Anwendbarkeit in unserer Situation abzuklopfen. Wir wollen dafür noch einmal auf den Begriff der Niederlage zurückkommen, die nun schon zwei mal ein strategisches Umdenken eingeleitet hat. Diese Niederlage kann einem in unterschiedlichen Formen begegnen. Vor Zimmerwald nahm sie die Form des Verrats eines Teils der Arbeiterbewegung an, in China ereilte sie die Kommunisten in Form von direkter konterrevolutionärer Gewalt, welche die Bewegung physisch zerschlug. Wenn wir auch heute von einer Niederlage sprechen wollen, müssen wir die zeitliche Dimension des Begriffes anpassen. Während die beiden anderen Formen der Niederlage einfacher auf einen zeitlichen Punkt gebracht werden können, ist das im heutigen Falle schwieriger. Die Niederlage setzt vielmehr aus verschiedenen Entwicklungen zusammen, die sich jeweils über mehrere Jahrzehnte erstrecken. Wir denken dabei an den Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten, sowie den Niedergang einereseits der Befreiungsbewegungen im Trikonts und andererseits der historischen Arbeiterbewegung in Europa. Diese Entwicklungen stürzten die kommunistischen Kräfte, vornehm in Europa, in eine Krise der Orientierungslosigkeit, die bis heute anhält. Wir denken dass auch hier von einer Niederlage gesprochen werden kann, die ein strategisches Umdenken erfordert.
Wenn wir in diesem Beitrag auf die Kritik des Modelldenkens Bezug zu nehmen, dann desshalb, weil wir davon ausgehen, dass die kommunistische Bewegung heute von ebendiesem Denken beeinflusst ist. Und, dass im Sinne der strategischen Neuorientierung dieses Denken überwunden werden muss. Nur allzu oft gehen wir vom theoretischen Modell aus und hindern uns so selbst dabei, uns in unserer Praxis mit dem Realen zu verbinden. So steht die historische Arbeiterbewegung steht für die Kommunisten als das Modell von Bewegung schlechthin. Andere Bewegungen werden danach beurteilt, wie stark sie von diesem Modell abweichen und je grösser die Abweichung ist, umso grösser das Misstrauen gegen die jeweilige Bewegung. Das Modelldenken führt dazu, dass die Praxis daran ausgerichtet wird, diese Modellbewegung erneut zu erschaffen oder die bestehenden Bewegungen ihr gemäss umzupolen – Ein Unterfangen das an der Realität unweigerlich scheitern muss. Ähnlich verhält es sich mit den Kampfformen der Bewegung. Aus der Erkenntnis der ökonomischen Basis der Gesellschaft wird hier ein theoretisches Modell abgeleitet, nachdem die wirklich gewichtigen Kämpfe ebenfalls ökonomischer Natur sein müssten. Während krampfhaft und ohne grösseren Erfolg versucht wird Arbeitskämpfe nach diesem Modell zu entfachen, bleibt man gegenüber den spontanen Aufständen von Jugendlichen in den Vororten der Metropolen orienterungslos. Und schliesslich existieren ganze Revolutionsmodelle, wie dasjenige der Revolution mittels Generalstreik, welche ihr Dasein einzig und allein in theoretischen Abhandlungen fristen.
Während wir nun verschiedene Beispiele für die Präsenz des Modelldenkens in der kommunistischen Bewegung angeführt haben, muss es nun darum gehen, eine Methode, die dieses Denken hinter sich lässt, zu konkretisieren. Wir wollen hier versuchen, anhand der Bewegungsthematik einen Ansatz zu bieten. Wollen wir in dieser Hinsicht das Modelldenken ablegen, dann müssen wir wie General Du Mu mit der Praxis beginnen. Denn nur in der Praxis kommen wir zu einer Einschätzung der Situation, die am Anfang von allem steht. Sprechen wir hier von Situation, so meinen wir einerseits die objektive Situation, die eher ökonomisch bestimmt wird, aber umso mehr die subjektive Situation der Massen, der Bewegung, der Kämpfe. Alle in diesen zwei Seiten vorhanden Kräfte und Faktoren, die gegeneinander wirken, ergeben in ihrem Zusammenspiel, die Situation. Innerhalb dieser Situation gilt es nun, das Situationspotential aufzuspüren. Das Situationspotential kann man sich in diesem Falle als eine spezifische Bewegung denken, die als Neigung aus der Situation hervorgeht. Für die Revolutionäre geht es nun darum, sich auf diese Neigung zu stützen und sich von ihr tragen zu lassen. Das bedeutet jedoch, dass sich die Revolutionäre der Bewegung anpassen. Die chinesischen Strategen beschwören auch deshalb so oft das Bild des Wassers, da dieses in der Lage ist, seine Form immer an die jeweilige Umgebung anzupassen. Gegenwärtig orientieren sich die kommunistischen Kräfte in ihren Organisationsmodellen nach den Modellen der grossen kommunistischen Parteien von Anfangs des letzten Jahrhunderts. Obwohl es grundsätzlich möglich ist, durch Voluntarismus eine Organisation nach der Modellform zu schaffen, wird diese kaum dazu in der Lage sein, sich mit dem Realen zu Verbinden. Um das verwirklichen zu können, muss sich vielmehr auch die Organisation dem Realen anpassen und sich organisch aus der Situtation entwickeln. Den Organisationsvorschlag des Revolutionären Aufbaus, der sich der Differenzierung der Klasse und den daraus hervorgehenden Differnzierungen in den Kämpfen anpasst, verstehen wir so als eine praktische Umsetzung dieses Vorgehens.
Auch im Sinne des Situationspotentials werden die Impulse der Bewegung jedoch nicht nur passiv aufgenommen, sondern weiterentwickelt und in die Bewegung zurückgetragen. In Maos Denken konkretisierte sich diese Vorgehensweise in Form der Massenlinie. Denn wenn die chinesischen Strategen davon sprechen, sich von einem Potential tragen zu lassen, verstehen sie dies keinesfalls als rein passiv. Sie lehnen es nur ab, das Potential nach einem in der Theorie vorhandenen Modell zu Formen. Genauso wie man nicht erwarten darf, dass eine Bewegung einem theoretischen Modell von Bewegung entspricht, dass man sich zuvor gemacht hat. Die chinesischen Strategen haben jedoch durchaus den Anspruch, das Situationspotential zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Aber nicht indem sie ihm ein theoretisches Modell überstülpen wollen, sondern vielmehr, indem sie es zu ihren Gunsten entwickeln lassen. Damit käme es für eine revolutionäre Organisation darauf an dazu beizutragen, dass das Situationspotential einer Bewegung sich in eine revolutionäre Richtung entwickelt.
Die obigen Beispiele bedürften zugegebenermassen einer näheren Konkretisierung. Allerdings geht es uns hier weniger um diese Konkretisierung, als um die Illustration einer Methode. Begriffe wie Modelldenken, Situation und Situationspotential stehen dabei für Variabeln, die mit konkretem Inhalt gefüllt werden können. Es handelt sich dabei also sowohl um eine Kritik der Methodik des Modelldenkens, wie auch um eine methodische Anregung um über dieses Denken hinausgelangen zu können. Nicht im Sinne des Verwerfens aller westlichen strategischen Ansätze, sondern im hegelschen Sinne einer Aufhebung des Modelldenkens, welches die Erkenntnise der westlichen Strategiediskussionen in sich bewahren soll, um darüberhinaus zu gelangen. Damit hoffen wir, Ansätze zur Diskussion geboten zu haben.