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Ach, Andreas, wie schnell gehen die Tage vorüber! Schon heute Sonntag überlegst du dir, wie die nächste Kolumne heissen soll. Es will dir nichts einfallen. Nur gerade der Titel vom «allmählichen Schreiben einer Kolumne». Sonst nichts. Was der Tag gerade so bringt und was gross und breit in den Zeitungen besprochen wird, regt dich nicht an, darüber abzuhandeln. Corona und nochmals Corona! Eigentlich weisst du doch jetzt, wie du dich zu verhalten hast, wenn du unter die Leute gehst. Den Bundesrat wirst du nicht kritisieren. Bei dir als altem Mann steht nichts mehr auf dem Spiel als noch ein gutes Leben für einige Jahre. Abstand halten, Hände waschen, beim Coiffeur, den du demnächst aufsuchen wirst, den Mundschutz überziehen! Du trinkst ein Glas Wein und gehst unter die Decke. Du erlebst eine seltsame Nacht. Du bist gewohnt, einige Male hinaus ins Kabinett zu gehen. Du denkst an das allmähliche Schreiben einer Kolumne. Der Titel summt dir wie eine Wespe um den Kopf.
Du versuchst einzuschlafen. Das gelingt ganz gut. Aber der Titel für die neue Kolumne geht dir einschlafend nicht aus dem Kopf. Er dreht sich im Gehirn so sehr, dass ein anderer Gedanke keinen Platz findet. Nur der Titel! Du schläfst ein, und als du wieder erwachst, denkst du an nichts anderes als an das allmähliche Schreiben einer Kolumne. Du vermutest, du hättest gar nicht geschlafen, denn sonst würdest du anderen Gedanken nachhängen. Dann schläfst du wieder ein, und als du zum zweiten Mal hinausgehst, sind zwei Stunden vergangen, aber der Titel ist geblieben. Also beginnst du die Buchstaben einer möglichen Überschrift mit etwas Leben zu füllen. Fleisch an den Knochen zu geben, pflegt der Volksmund in solchen Momenten zu sagen. Aber noch immer umkreist das Denken denselben nackten Titel. Als du ein weiteres Mal hinausgehst und wieder unter die Decke kriechst, fabulierst du weiter, ohne neuen Einfall.
Du schläfst wieder ein und beim Erwachen das gleiche Gedankenspiel. Viermal in dieser Nacht. Was soll das?, fragst du, so entsteht kein Text, den irgendjemand lesen wird. Vielleicht die ersten Sätze, dann Corona, und sie sind weg, die Leser. «Das interessiert doch niemand!», beginnst du dich zu ärgern. Leserinnen und Leser wollen ein leichtes Menü, und nach den schweren Tagen der Quarantäne vielleicht noch ein sprachliches Dessert. Fünf-Uhr Glockenschlag, noch surrt der irrwitzige Titel. Du stehst auf, seufzest: «Das war wieder eine Nacht!» Dann fällt dir ein, dass sich Besuch angemeldet hat. Eine liebe Bekannte, mit der du über Jahre gute Gespräche geführt hast, hat dir versprochen, heute Fisch zu kochen. Hättest du nicht das Denken schon lange auf sie konzentrieren können? Das wäre erheiternd und lustvoll gewesen.
Du hattest dich die halbe Woche ziemlich frugal ernährt, mit den Beständen deines Kühlschranks, fast schon asketisch gelebt. Statt dich eine Nacht von einem unmöglichen Titel quälen zu lassen, hättest du doch von einem feinen Mahl träumen und die Kochkünste deiner Bekannten in der Phantasie vorwegnehmen können. Hast du nicht ein halbes Leben lang gesagt: «Allein essen ist ernähren, mit einer Frau am Tisch sitzen ist ein Gastmahl?» Du hättest in der Nacht imaginieren können, wie die Forelle im Sud blau geworden wäre, wie deine Riedel-Gläser mit der bauchigen Rundung beim Anstossen klingen und der dunkle, fast geheimnisvolle Klang sich deinem Ohr genähert hätte. Es wäre schöner gewesen, wenn du in den nächtlichen Intervallen die Gläser hättest singen hören und du beim Anstossen ihrem warmen Blick hättest begegnen können. Du hättest, was bei dir unvermeidlich gewesen wäre, den Spruch über den Tisch geschickt: «Guten Wein trinkt man nicht, man kostet ihn.» Stelle dir vor, dieser Spruch hätte in dir statt des Titels «Vom allmählichen Schreiben einer Kolumne» den nächtlichen Tanz aufgeführt.
Nachzutragen ist noch: Als du dann am Abend die Köchin in deiner Küche, offen zur Wohnung, wirken sahst, erfasste dich ein mächtiges Gefühl der Dankbarkeit. Das Du wurde endlich wieder zum Ich und das Ich sagte: «Du hast mir eine grosse Freude bereitet!»