Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03410.jsonl.gz/772

Annette Hug verirrt sich beim Einkaufen an die Olympischen Spiele
Die alphabetische Reihenfolge ist nicht immer die beste. In einem Lebensmittelgeschäft sind die Waren anders angeordnet, sonst lägen Äpfel und Zitronen weit auseinander. Jede Ordnung wirft aber auch Fragen auf. Wo sind die Kondome zu finden? Unter «Körperhygiene», «Körperpflege», «Heimtextilien» oder «Gesundheit»?
In China hat der internationale Handel in den 1920er Jahren genaue Register von Gütern nötig gemacht, auch Telefonbücher und chinesische Schreibmaschinen basierten auf neuen, pragmatischen Anordnungen von 2500 bis 5000 Schriftzeichen. Die 2000 Jahre alte Methode, Zeichen nach der Anzahl und der Wertigkeit von Pinselstrichen aufzureihen, genügte den Anforderungen nicht mehr. So entstanden das «Mutter-der-Pinselstriche-Arrangement» oder der «neue, auf Reimen gegründete Zeichenindex», und sie verschwanden beide wieder. Heute haben sich einige effiziente Methoden durchgesetzt, um auf Computern mit einer westlichen Tastatur eine Schrift zu schreiben, die kein Alphabet kennt. Chinesische Zeichen stehen nicht für Buchstaben, jedes Zeichen bedeutet ein ganzes Wort.
Wie also sollten die OrganisatorInnen der Olympischen Spiele von Beijing im August 2008 die Direktive des Olympischen Komitees umsetzen, dass die Länder bei der Eröffnungszeremonie hinter Griechenland in «alphabetischer Ordnung, wie sie im Gastland Anwendung findet», einlaufen sollen? Sie hätten sich an der Pinyin-Umschrift orientieren können, die in China entwickelt wurde, um Mandarin in lateinischen Buchstaben zu schreiben. Aber nein, sie erlaubten sich den Spass, die Länder nach der alten Regel des Pinselstrich-Zählens zu ordnen. So lief Guinea viel früher ein als Brasilien, Madagaskar weit vor Albanien, und Mexiko folgte direkt auf Zypern.
Für ein alphabetisch geprägtes Hirn schien auch die weitere Reihenfolge völlig willkürlich. Versuche, das Chaos zu ordnen, blieben nicht aus. In seinem atemberaubenden Buch «The Chinese Typewriter. A History» berichtet Thomas S. Mullaney von einer Social-Media-Diskussion, deren Beteiligte sich schnell darauf einigten, der Fernsehsender NBC habe die Liveaufzeichnung «gefälscht», also neu geschnitten, um die USA sehr weit nach hinten zu rücken. Wäre Amerika früher eingelaufen, hätten ZuschauerInnen in den USA schneller den Sender gewechselt, und die Einschaltquote wäre tiefer ausgefallen. Das schien ein Beweis dafür zu sein, dass Liveaufzeichnungen in Wahrheit immer zeitverschoben und verändert ausgestrahlt werden. Nach zwei Tagen gelang es, sinologisches Fachwissen in die Diskussion einzubringen und den Verdacht einer Verschwörung zu zerstreuen.
Nicht zur Aufklärung, aber zur Poesie der Länderordnung hätte eine berühmte Stelle aus Jorge Luis Borges’ Essay «Die analytische Sprache von John Wilkins» beigetragen. Da zitiert Borges eine «gewisse chinesische Enzyklopädie», in der die Einteilung von Tieren so beginnt: «a) dem Kaiser gehörige, b) einbalsamierte, c) Milchschweine, d) Sirenen, e) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in diese Einteilung aufgenommene, i) die sich wie toll gebärden, j) unzählbare, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete (…).»
Auch «und so weiter» ist eine Kategorie. Und bevor ichs vergesse: In meiner Coop-Filiale finden sich Kondome unter «Wellness».
Annette Hug ist Autorin in Zürich, abseitige Buchtipps findet sie in der «London Review of Books».