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Flughafen – verliebt unterwegs
Wie man sein Flugzeug verpasst und dabei die Liebe des Lebens findet
Dies ist eine wahre Geschichte. Im Winter 2015 fuhr ich mit der Linie 10 der Glattalbahn an einem Sonntag zum Flughafen, weil mir langweilig war. Ich hatte damals noch kein Netflix-Abo, deshalb musste ich mir meine Unterhaltung noch selbst suchen, und am Sonntag ist im Flughafen mehr los als irgendwo sonst in Zürich, außer in der Notfallaufnahme des Universitätsspitals, aber dort hatte ich inzwischen Hausverbot, weil ich immer mit einer Tüte Popcorn rumsaß und mir die Notfälle anschaute.
Jedenfalls stieg an der Haltestelle Glattbrugg Bahnhof eine Frau in den Zehner, und sie setzte sich auf den Sitz neben meinem, obwohl das halbe Abteil leer war. Sie fragte mich, ob ich auch zum Flughafen fahre. Ich sagte, das sei ja wohl klar. Sie fragte mich, wohin ich fliege. Ich sagte, dass ich mich einfach in eins der Cafés setzen und mir Leute anschauen will, die mit ihren Rollköfferchen die Rolltreppe hochrennen, weil sie auf der Anzeigetafel gesehen haben, dass das Boarding für ihren Flug schon bald abgeschlossen ist. Und jetzt müssen sie zuerst noch durch die Sicherheitskontrolle, das kostet eine Menge Zeit. Also geraten sie in die typische kontrollierte Panik von Reisenden, die befürchten, den Anschlussflug zu verpassen, und es ist einfach irgendwie entspannend, sich das bei einem Espresso vom Café aus anzuschauen.
Die Frau sagte, sie fliege nach Paris zu ihrer ältesten Tochter, die einen Architekten kennengelernt habe, den wolle sie ihr jetzt vorstellen, weil die beiden möglicherweise heiraten. Ich fragte sie, wann ihre Maschine starte, und sie lachte und sagte: „Mich werden Sie nicht in Panik die Rolltreppe raufrennen sehen! Ich fahre immer zwei Stunden zu früh zum Flughafen.“
Ich sagte, man wisse nie. „Es könnte sein“, sagte ich, „dass das Tram, in dem wir sitzen, in der nächsten Sekunde mit Motorschaden stehenbleibt.“ „Dann könnte ich von hier aus zu Fuß zum Flughafen gehen, wir sind ja schon fast da“, sagte die Frau. „Ja“, sagte ich, „aber es könnte sein, dass Sie unterwegs aufgehalten werden.“ „Von wem?“, fragte die Frau. Na gut, sie hatte recht, es war ziemlich unwahrscheinlich, dass jetzt noch irgendetwas dazwischen kam. Es war sogar fast unmöglich. Das störte mich irgendwie.
Ich fand es zwar toll, dass der öffentliche Verkehr so zuverlässig funktionierte, aber andererseits vermisste ich irgendwie die theoretische Möglichkeit, dass aus heiterem Himmel plötzlich etwas völlig Unvorhersehbares geschah. Es war alles so festgelegt! Der Zug würde unvermeidlich exakt um 13.43 Uhr im Flughafen Kloten ankommen. Die Frau würde aussteigen und gemächlich zum Gate spazieren, mit zwei Stunden Zeitvorrat, und auf ihre Frage, von wem sie denn aufgehalten werden könnte, war mir ja auch keine Antwort eingefallen. Nichts und niemand konnte sie aufhalten, und dass ein Flugzeug zwei Stunden zu früh abfliegt, ist in der Geschichte der Aviatik noch nie vorgekommen, Flugzeuge sind nur zur Verspätung fähig.
Pünktlich um 13.43 Uhr kam der Zehner also am Flughafen an, und wir stiegen aus, dazu gab es keine Alternative. Aber dann fragte mich die Frau, ob sie mir beim Espresso Gesellschaft leisten dürfe, sie habe ja viel Zeit bis zu ihrem Flug. Habe ich schon erwähnt, dass sie sehr hübsch war? Vielleicht wirkte sie nicht auf jeden hübsch, aber mir gefiel sie. Also setzten wir uns in ein Café, von dem aus man guten Blick auf die Rolltreppen hat. Sie hieß Ruth. Sie erzählte mir, ihre Tochter sei unglaublich verliebt in den Architekten, aber er stamme aus China, und die Tochter leide an einer Glutamat-Unverträglichkeit. Ich sagte, Chinesen seien leidenschaftliche Esser, das könne also nicht gut gehen. Ruth wurde traurig, und ich tröstete sie, indem ich ihr einen Martini bestellte, denn sie hatte erwähnt, dass sie Martinis mag. Ich erzählte ihr den Witz von Julius Cäsar, der in eine Bar kommt und einen Martinus bestellt. Der Barkeeper sagt: „Sie meinen wohl Martini?“ Julius Cäsar sagt: „Wenn ich einen Doppelten gewollt hätte, hätte ich’s gesagt!“ Ruth lachte, das gefiel mir, denn Frauen, die Lateinunterricht gehabt haben, sind fast immer gute Liebhaberinnen.
Sie erzählte mir von ihrer Ehe, die glücklich gewesen war, bis ihr Mann Tauben zu züchten begann, und ich erzählte von meiner Ehe mit einer Prinzessin, die eine 6 in Latein gehabt hatte, mir aber vorschrieb, wie herum ich die Gabeln in den Geschirrspüler zu stecken hatte. Die Zeit verging bei unserem Gespräch wie im Flug, aber wir achteten nicht darauf. Ich trank inzwischen auch Martini. Wir schauten uns in die Augen. Ruth sagte, es komme ihr vor, als kenne sie mich schon seit Jahren. Ich bestellte zwei Gläser Champagner. Plötzlich lag meine Hand auf der ihren. Wir küssten uns. Und dann sprang Ruth auf und sagte: „Jesses! Es ist halb fünf!“ Wir rannten in kontrollierter Panik zur Anzeigetafel und sahen, dass ihre Maschine nach Paris bereits abgeflogen war.
Es gibt also doch etwas, das einen trotz der unbarmherzigen Zuverlässigkeit des öffentlichen Verkehrs aufhalten kann: Die Liebe. Ein Jahr später heirateten wir, und vor einer Woche hat sie mir zum ersten Mal geraten, die Gabeln mit den Zinken nach oben in den Geschirrspüler zu stecken, aber tant pis!
Dies ist eine von 25 «Gute-Fahrt-Geschichten» rund um die Gemeinden des VBG-Marktgebiets. Die Texte wurden von verschiedenen Schweizer Autorinnen und Autoren zum 25 jährigen Bestehen der VBG verfasst und sind unter dem Titel «Unterwegs» auch in Buchform erschienen.
(Die in den Texten geäusserten Meinungen spiegeln nicht notwendigerweise die Haltung der VBG. Teilweise sind die Geschichten auch frei erfunden.)