Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03608.jsonl.gz/1528

Der Farbe Schwarz haftet der Hauch des Todes, der Trauer und des Nichts an. Aber Schwarz ist mehr als ein Synonym für düstere Zeiten. Es ist auch eine grosse Farbe der Mode.
1949 schockiert die Pariser Avantgarde-Galerie Maeght an der Rue du Bac in Paris mit dem Titel «Schwarz ist eine Farbe». Was damals pure Provokation war, ist heute selbstverständlich. Doch bis ins 20. Jahrhundert gilt Schwarz – genau wie Weiss – nicht als vollwertige Farbe. So wird es an den Kunstgewerbeschulen gelehrt.
Verschiedene Künstler und Modeschöpfer machen Schwarz zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu ihrem Stilmittel. Damit bekommt Schwarz einen neuen Stellenwert und wird Rot, Blau, Gelb oder Grün ebenbürtig. Einer der Modeschöpfer, der Schwarz für sich entdeckt, ist der spanische Couturier Cristóbal Balenciaga (1895–1972). Er findet in der Farbe Schwarz eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.
Modegeschichte schreibt 1926 das «Kleine Schwarze» von Gabrielle Coco Chanel, das erstmals 1926 auf dem Cover der amerikanischen Modezeitschrift «Vogue» erscheint. Eine grosse Bedeutung hat die Farbe Schwarz in der Bekleidung jedoch schon Jahrhunderte früher.
Ende des 13. Jahrhunderts beginnen sich in europäischen Städten Rechtsgelehrte, Juristen und Richter nach dem Vorbild der Geistlichen schwarz zu kleiden. Schwarz ist in ihren Augen tugendhaft und rein. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts erscheinen italienische Bankiers und Geschäftsleute in schwarzer Kleiderfarbe. Damit können sie die vom Adel definierten Luxusgesetze und Kleiderordnungen umgehen, die ihnen Scharlachrot oder das Florentiner «Pfauenblau» verbieten.
Mit Philipp dem Guten, Herzog von Burgund (1419–1467), etabliert sich Schwarz in der burgundischen Hofetikette und avanciert nach 1500 in Europa schliesslich zur absoluten Trendfarbe. Dies hängt mit Karl V. zusammen, der 1519 Kaiser von Spanien wird. Er erbt die Niederlande, Spanien und einen Teil von Italien. Damit wird der spanische Hof zum Zentrum der Macht und ist auch in der Mode tonangebend. Gemeinsam mit dem starren spanischen Hofzeremoniell entwickelt sich die sogenannte Spanische Hofmode und verbreitet sich in ganz Europa.
Sie zeichnet sich durch Eleganz und Formenstrenge aus. Der Körper der Dame wird durch ein Korsett und einen kegelförmigen Rock geformt. Herren tragen die Heerpauke, eine Art Pumphose mit Strümpfen. Wichtiges Element beider Geschlechter ist die weisse Halskrause. Düstere Farbnuancen und Schwarz werden für kostbare Gewebe bevorzugt. Trotzdem ist diese Mode nicht durchgehend schwarz. Helle und bunte Unterstoffe scheinen hervor und obwohl Schwarz in dieser Zeit europaweit Verbreitung findet, wird das spanische Modevorbild individuell interpretiert. Oft auch in bunten Farben.
Die Vorliebe für schwarze Kleiderfarben hält sich bis Mitte des 17. Jahrhunderts. In vielen Ländern, so auch in der Schweiz, überdauern Elemente dieser Mode länger. Ein Beispiel dafür ist das Zürcher Kirchenkleid – eines der ältesten Damenkleider in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums.
Das düster wirkende Wollkleid aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vereint das modische Schwarz mit protestantischer Strenge. Mieder und Jupe stammen aus der Familie Edlibach, einer der vermögendsten und einflussreichsten Zürcher Familien. Dieses Kleid ist in der Limmatstadt für den Kirchgang bestimmt. Das macht eine Darstellung des Schweizer Kupferstechers und Verlegers David Herrliberger (1697–1777) von 1749 deutlich.
Was zu welchem Anlass von welchem gesellschaftlichen Stand getragen werden darf, ist im ganzen Ancien Régime in den Kleidervorschriften geregelt. Damen müssen in der Kirche eine weisse Haube tragen, das «Tächli Tüchli». Sie ist, ausser bei der Hochzeit, die einzige erlaubte Kopfbedeckung im Gotteshaus und wird mit der Zeit spitzig und luftig hoch. Bei Trauer trägt die adlige Dame den weissen, links über die Schulter hängenden Trauerschwengel.
In den Augen der Reformatoren ist Kleidung Sinnbild von Scham und Sünde, denn sie steht im Zusammenhang mit dem Sündenfall. Kleidung soll Demut und Reue ausdrücken. Die Farbe Schwarz erfüllt genau das und gilt als angemessene Farbe der protestantischen Lehre.
Entgegen ihrer zurückhaltenden Ausstrahlung ist schwarze Farbe lange Zeit teuer zu färben. Zuständig dafür sind in der Schweiz selbstständige Färber, die im Auftrag von Webern und Kaufleuten einheimische oder importierte Ware färben.
Bis zur Entdeckung synthetischer Farbstoffe Mitte des 19. Jahrhunderts werden zum Färben von Stoffen pflanzliche und tierische Naturfarbstoffe benutzt. Mit Rinden, Wurzeln und Früchten werden eher Braun- und Grautöne erzielt. Tiefes Schwarz kann nur mit Galläpfeln erreicht werden. Diese runden Ausformungen an der Unterseite von Eichenblättern entstehen durch abgelegte Eier von Gallwespen. Sie müssen aus Osteuropa, dem Nahen Osten oder Nordafrika importiert werden, weil sie an abendländischen Eichen nicht häufig vorkommen oder von schlechter Qualität sind.
Im 16. Jahrhundert gelingen Fortschritte im Färberhandwerk. Schwarze Textilien werden erschwinglicher, doch sie bleiben über Jahrhunderte ein Luxusprodukt – vor allem schwarze Seide. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass das beste Kleid einer Frau bis Ende des 19. Jahrhunderts oft ein schwarzes ist. Mit ein Grund dafür, warum im Zeitalter der Industrialisierung in der Schweiz in der Regel in Schwarz geheiratet wird.
Auch im 19. Jahrhundert ist Schwarz zentral in der Mode. Damals bestimmt Schwarz die Herrengarderobe eleganter Dandys; aber auch der breiten Bevölkerung. Der Anzug, in seiner heutigen Form, wird erfunden.
Aktuell prägt Schwarz das Bild der Mächtigen in Politik und Wirtschaft. Schwarz sind aber auch die eleganten Abendgarderoben auf dem roten Teppich, die Bikerjacken oder die minimalistisch geschnittenen Kleider der Intellektuellen. Bis heute scheint Schwarz nichts von seiner Beliebtheit eingebüsst zu haben.