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Ausserrhoden, Innerrhoden
Kantone namens Appenzell gibt es zwei: Ausserrhoden und Innerrhoden. Dass die Rhoden eine Art Gemeinden waren, weiss der eine oder die andere auch ausserhalb der Ostschweiz – aber woher kommt das Wort?
Mit Griechisch hat es nichts zu tun, trotz dem «rh» – das ist nur barocker Schnickschnack, der nicht vor dem 18. Jahrhundert anzutreffen ist. Mit dem amerikanischen Rhode Island hat es natürlich auch nichts zu tun (das stammt womöglich von niederländisch het rode Eiland «die rote Insel»). Manche meinen, die Ostschweizer Rhoden hätten mit «(Wald) roden», also Land urbar machen, zu tun, aber das ist nicht möglich: Das Verb «roden» ist erst durch die Schriftsprache aus Deutschland in die Schweiz gelangt; unser eigenes, oberdeutsches Wort hierfür ist rüüte oder «reuten», wie wir auch an den vielen Rüti- und Grüt-Ortsnamen erkennen – hier wurde einst überall Wald gerodet oder eben gereutet. Auch mit der «Rotte», der Schar hat das Wort nichts zu tun, auch wenn in älteren Quellen nicht zu verkennen ist, dass sich «Rott» und «Rod» manchmal vermischt haben.
Der Artikel Rood im Schweizerischen Idiotikon, der das Wort in all seinen Bedeutungsfacetten und vom Mittelalter bis in die Gegenwart beschreibt (der Artikel wurde 1906 veröffentlicht), bringt Licht ins Dunkel: Das Wort geht auf rätoromanisch roda zurück, das seinerseits von lateinisch rota «Rad» stammt. Im Rätoromanischen bedeutet das Wort neben «Rad» auch «Reihenfolge, Runde, Turnus», und in letzteren Bedeutungen ist das Wort schon vor Jahrhunderten auch in die deutschen Mundarten Graubündens, St. Gallens, Appenzells und des Glarnerlandes sowie in vorarlbergische und bairische Dialekte übergegangen. Es gòòt der Rood nòò oder es gòòd uf der Rood bedeutet «es geht der Reihe nach». Besonders betrifft das Arbeiten, die man abwechslungsweise erledigt: Mer machend um d Rood «wir wechseln ab», d Rood chunt a dich «du bist dran», um d Rood etsches tue «etwas im Turnus tun». Davon abgeleitet ist abroode «sich abwechseln», etwa bei der Krankenpflege, beim Tanz und beim Jodeln, aber auch von der Witterung.
Das Wort Rood wurde auch gerne im Zusammenhang mit dem früheren Transportwesen gebraucht. Der Transport über die Alpen wurde von den verschiedenen Gemeindebürgern besorgt, und damit jeder seinen Anteil an dieser Verdienstquelle hatte, wurde eine Reihenfolge festgesetzt, wer wann drankam. Diese Kehrordnung hiess im Rheintal und in Graubünden ebenfalls Rood. Von hier aus konnte das Wort einerseits auf das transportierte Warenquantum, anderseits auf den Verband der Säumer (Transporteure) übergehen, die beide ebenfalls Rood genannt werden konnten.
Die Bürger wurden aber auch für das Gemeinwerk beigezogen, also den Unterhalt öffentlicher Einrichtungen wie Wege, Wuhren (Dämme), Zäune usw. Auch hier wurde eine Kehrordnung festgelegt, eine Rood, wer wann an der Reihe war. Besonders gut bezeugt sind solche Roden für die Dörfer am Rhein, wo Schutzmassnahmen gegen die Wasserfluten eine stete Aufgabe bildeten. Darüber hinaus ging es auch um die abwechselnde Zuteilung von Weiderechten und der Holznutzung. Organisiert wurden diese Kehrordnungen sinnvollerweise durch die lokale Bevölkerung, und in der Folge wurde der Begriff Rood allmählich auch zur Bezeichnung der örtlichen Personalverbände oder Ortskorporationen – Kriessern beispielsweise war in sechs Roden gegliedert, Thal in acht.
Auch im Appenzellerland und im Toggenburg sind ab dem Spätmittelalter solche örtlich definierte Roden überliefert, in den frühen Zeugnissen jeweils im Zusammenhang mit dem Abliefern von Steuern zuhanden des Klosters St. Gallen. Nach und nach entwickelten sich aus diesen Roden die Vorläufer der modernen Gemeinden.
Im heutigen Kanton Appenzell Innerrhoden existieren auch im 21. Jahrhundert noch Rhoden, neben den Gemeinden, die hier «Bezirke» heissen. Ihre heutigen Aufgaben liegen im sozialen und zeremoniellen Bereich. Auch im St. Galler Rheintal gibt es heute noch Rhoden: Die Gemeinde Altstätten ist in sieben, die Gemeinde Oberriet in fünf Rhoden unterteilt. Von ihrer Funktion her handelt es sich dabei um ortsbürgerliche Korporationen.