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Geschichte & Geschichten
Die Hochwacht auf der Bernegg
Heute erinnern nur noch der Name Hochwachtstrasse und die gleichnamige Bushaltestelle daran, dass in unserem Quartier einst eine der wichtigsten Hochwachten der Stadt St. Gallen stand. Ernst Ziegler ist der Geschichte der Hochwacht auf der Bernegg nachgegangen und berichtet über die Bedeutung dieser Alarmierungs- und Nachrichtenübermittlungsmethode im Zeitalter vor der Erfindung des Telefons und der modernen elektronischen Medien.
Von Ernst Ziegler
Als «Hochwachten» bezeichnete man erhöhte, aussichtsreiche Punkte, auf denen in früheren Zeiten sich «Merk- und Loszeichen zur Alarmierung des Landes» befanden. Sie gehörten zu den Massnahmen der eidgenössischen Stände und Orte zur Sicherung ihres Gebietes in gefahrvollen Zeiten und waren über die ganze Eidgenossenschaft verteilt.
Feuer, Rauch, Lärm
Auf den Hochwachten lag in der Regel grünes und dürres Holz; weiter gehörten zu einer Hochwacht Pechpfannen für Feuer- und Rauchzeichen, Mörser für Lärmzeichen und eine Scheibe, «die Kerben in der Richtung nach den korrespondierenden Hochwachten enthielt». Meistens stand auf der Hochwacht auch noch eine Hütte für die Wachtmannschaft und die erwähnte Scheibe.
Bei gespannten Verhältnissen, einer Kriegserklärung oder einem feindlichen Einfall wurden die Hochwachten besetzt und dann erging der Landsturm, d.h. das Land wurde alarmiert. Zur Alarmierung wurde bei Tag rauchendes grünes, in der Nacht hell brennendes Holz angezündet; bei Nebel schoss man mit den Mörsern.
Die letzten grossen Alarmierungen: 1743 und 1798
Die Hochwachten spielten, wie gesagt, bei Kriegsgefahr eine wichtige Rolle, beispielsweise 1743 während des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740-1748), als Frankreich mit dem deutschen Reiche abermal in einen Krieg gerathen war und um Basel herum sich viel fremdes Volk versammelt hatte». Damals sandte auch die Stadt St. Gallen wieder ihr Kontingent zur eidgenössischen Grenzbewachung an den Rhein, und die allfällige Aufstellung der Hochwachten wurde dem Kriegsrat überlassen. Anfang Oktober 1743 wurde zudem im Kloster nachgeforscht, ob man die vom eidgenössischen Defensionale «wegen Feuerzeichen» vorgeschriebenen Anstalten gemacht hätte. Vor dem Kriegs- und Grossen Rat sollte sodann alles notwendige veranstaltet und schliesslich nach Zürich gemeldet werden.
Langwierige und umständliche Veranstaltungen wurden 1798 bei der Organisierung des Landsturms notwendig. Am 6. März wurde z.B. beschlossen, die städtischen Hochwachten, durch die eigentlich die Signale zum Volks-Aufbruch zu geben seien, wären dann aufzustellen, wenn die in der Nachbarschaft angeordnet seien. Man hielt es aber für zwecklos, die Bestellung dieser Hochwacht, wie es vor Zeiten geschehen war, durch die ganze Bürgerschaft gehen zu lassen. Besser und angemessener schien es, nur drei Männer nebst einem Korporal beständig dahin abzuordnen, die dann aber sehr gut in der Sache unterrichtet sein müssten.
Das Wachthäuslein auf der Bernegg
Die Hochwacht auf der Bernegg mit der dazu gehörigen Hütte ist eingezeichnet auf dem Grenzatlas der Alten Landschaft der Fürstabtei St. Gallen, der um etwa 1730 entstanden ist und im Stiftsarchiv aufbewahrt wird. Das «Wachthäuslein» auf der Bernegg wurde 1633 neu «gemacht und aufgesetzt», worüber sogar Josua Kessler in seiner «Chronologie Sanktgallischer Begebenheiten» (1540-1645) berichtet.
Vor dem ersten Villmergerkrieg beschloss der Rat 1655, das Wachthäuslein auf St. Wendelinsbild in Stand zu stellen, die zur Hochwacht notwendigen Einrichtungen zu veranlassen und dort oben einen Holzvorrat anzulegen. Dieses Wachthaus, das sogenannte «Scheibenerhüttlein » auf «Wendelinsbild», auf der Bernegg hoch über St. Gallen, stand noch um 1700 dort oben. Daneben erhob sich ein etwa zehn Meter hoher Baumstamm, «der mit Leitersprossen versehen war und an seiner Spitze einen Arm trug mit einer Pfanne für das Pech, das zu den Feuer- und Rauchsignalen gebraucht wurde». Von dieser Hochwacht aus konnten mit anderen Hochwachten Zeichen gewechselt werden.
War es Brandstiftung?
Als im Mai 1703 das Wachthäuslein abbrannte, schliefen die beiden Nachtwächter auf dem St. Laurenzen- und dem St. Mangen-Kirchturm offenbar den Schlaf der Gerechten, denn sie hatten «die Abbrennung» nicht beobachtet. Die beiden Turmwächter, der Schneider Christof Reutin und der Schuster Martin Werder, wurden zur Rede gestellt, auf ihre «schlechte Verantwortung» in Gefangenschaft gelegt und zugleich aus dem Dienst entlassen. Die Obrigkeit liess sie am 24. Mai wieder frei und wählte an ihrer Stelle die Weber Othmar Hausknecht und Daniel Haltmeyer für St. Laurenzen sowie Conrad Locher, Uhrmacher, für St. Mangen. Um den Urheber des Wachthaus-Brandes zu fassen, verfügte der Rat, dass am Sonntag «durch öffentlichen Ruf in den Kirchen das obrigkeitliche höchste Missfallen bezeuget und demjenigen, der den Täter entdecken könnte, neben Versicherung der Verschwiegenheit 12 Reichstaler Recompens (Entschädigung) angeboten werden solle».
Ob der Täter ermittelt werden konnte, wissen wir nicht. Sicher ist hingegen, dass 1704 anstelle der abgebrannten Holzhütte ein neues Wachthaus in Stein aufgeführt wurde. Im Ratsprotokoll vom 16. Juni steht unter dem Traktandum «Bauamts-Sachen» betreffend «Wachthütte auf Schüberhüttli», man habe «die auf obrigkeitliche Verordnung gemachte Visierung in Augenschein genommen», worauf der Rat beschloss, dass eine Wachthütte aus Stein erbaut werden solle. Diese Hütte scheint bis 1844 auf der Bernegg gestanden zu sein und wurde damals «auf Abbruch» verkauft.
Die Hochwacht auf der Bernegg, Riethüsli-Magazin Dezember 2010
„Der Scheffelstein brennt!“
Eine meiner frühesten Jugenderinnerungen – meine ich – ist der Brand des «Scheffelstein» am Donnerstag, dem 19. August 1943. Ich war damals fünf Jahre alt und wohnte in der «Unteren Steig» in St. Josefen. Mein Vater, der vermutlich Ferien hatte, trug mich auf den Armen gegen die «Obere Steig», von wo aus wir die Rauchsäule des brennenden Gebäudes sehen konnten.
Von Ernst Ziegler
Der Dichter Joseph Victor von Scheffel
Der 1826 in Karlsruhe geborene Joseph Victor von Scheffel war einer jener ganz seltenen Archivare, denen es gelang, einen Bestseller zu schreiben: Sein 1854/55 im Berggasthaus «Äscher» beim Wildkirchli entstandener Roman «Ekkehard» erlebte bis 1915 nicht weniger als 239 Auflagen.
Bekannt wurde zudem sein Versepos «Der Trompeter von Säckingen» (140 Auflagen). Scheffel starb 1886 in Karlsruhe. «Sanktgallische Verehrer des Dichters» errichteten ihm zu Ehren 1887 am Westhang der Bernegg einen Stein.
Im Jahr 1904 wurde dann das am Nordhang der Bernegg gelegene Haus «Scheffelstein» projektiert und von Otto Konrad gebaut. Das grosse, auffallende Gebäude hatte den Charakter eines Wahrzeichens, und das Restaurant «Scheffelstein» gehörte zum Naherholungsgebiet. «Hierhin führten die Sonntagsspaziergänge; hier, über den Arbeitersiedlungen des Nordhangs, verbrachten die Städter ihre Musse.» Zum Restaurant gehörte ein gediegener, mit Szenen aus Scheffels «Ekkehard» geschmückter Speisesaal, wo es sich trefflich tafeln liess.
Das in herrlicher Aussichtslage stehende Restaurant brannte am 19. August 1943 nieder, was damals viel zu reden gab. Der Arzt Hans Richard von Fels notierte unter diesem Datum in sein Tagebuch: «Heut abend 18 Uhr brach ein Grossfeuer im ‹Scheffelstein› aus und zerstörte den Dachstock. Bei dem selten trocknen und heissen Wetter brannte es lichterloh und war schwer zu löschen.»
Das «St. Galler Tagblatt» meldete am 20. August 1943: «Um 7 Uhr stand der weitläufige, holzreiche, doppelte Dachboden in hellen Flammen, die auch den Turmaufbau ergriffen, der wie eine mächtige Fackel loderte und kurz nach 8.30 Uhr in sich zusammenstürzte, nachdem das ihm vorgebaute Türmchen eingebrochen war. Der kompliziert konstruierte Dachstuhl, in den eine Anzahl Mansardenzimmer eingebaut waren und der einer der grössten unter den Dachstöcken hiesiger Privatbauten war, erschwerte die Arbeit der Feuerwehr ausserordentlich. Es brannte an allen Ecken und in allen Winkeln zugleich. Dass das Feuer nicht auf die Wohnungen unter dem Dachboden übergreifen konnte, ist der hervorragenden Leistung der mutigen und aufs Letzte angestrengten Arbeit der Feuerwehr zu verdanken.»
Vom Restaurant konnte der Berichterstatter tröstlich vermelden: «Was den Restaurationsbetrieb anbelangt, kann mitgeteilt werden, dass er keinen Unterbruch erleiden wird, da die Wirtschaftsräume (Stube, Saal und Küche) intakt geblieben sind. Die Terrasse wird sofort freigeräumt werden und steht wohl in kurzer Zeit dem Publikum wieder zur Verfügung.»
Der Wiederaufbau
Beim Wiederaufbau stellte sich die Frage, ob der «Scheffelstein» tatsächlich ein Wahrzeichen der Stadt sei und ob er wieder genau so aufgebaut werden sollte, «wie er vor dem Brande war».
Beides wurde 1944 leider verneint, und man hielt es damals für richtig, «die ‹Monumentalität› des Scheffelsteins auf das ihm zukommende Mass zurückzuschrauben ». Dem ehemals pittoresken, stattlichen Bauwerk wurde gleichsam der Kopf abgeschlagen, und es erhielt den noch bestehenden langweiligen Dachaufbau.
Obwohl der damalige Architekt 1944 auf einer ganzen Zeitungsseite die ästhetischen und baulichen Vorzüge des neuen «Scheffelsteins» wortreich besang, scheint uns heute das Gebäude nur noch ein Schatten dessen zu sein, was es einmal war. Dass man unter einem solchen Dach keine Wirtschaft mehr führen wollte, ist verständlich. Bezeichnend ist zudem, dass dieses «Zurückschrauben» des «Scheffelsteins» zeitlich mit der Demontage des Romans «Ekkehard» zusammenfiel, über den Wilhelm Ehrenzeller 1942 schrieb: «Scheffels Ekkehard fälscht uns die St.Galler Geschichte.»
Dass solche «denkmalpflegerischen» Überlegungen die heutigen Bewohner des «Scheffelstein» vermutlich wenig kümmern, beweist der Schluss in einem Beitrag in der «Quartier-Zitig» des Quartiervereins Riethüsli vom September 1994 mit dem schönen Titel: «Scheffelstein – die Festung im Quartier»: «Bewohner und Bewohnerinnen schätzen die ruhige Wohnlage und die Fernsicht. Eine junge Frau sagt: ‹Wenn mich jemand besuchen will, muss ich nie erklären wo ich wohne. Wenn ich Scheffelstein sage, wissen alle wo das ist.›»
Der Scheffelstein brennt! Ernst Ziegler über den Brand 1943 und das Ende einer glanzvollen Ära (August 2010)
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Geschichte zum Miterleben
Reportage vom nostalgischen Schanzentreff 23.1.2010 Magazin fürs Nest
Diaschau 1: Die Geschichte der Schanze Riethüsli 1929-1962
Diaschau 2: Die Springerfamilie – Mario, Marco, Toni Cecchinato
Zahlreiche Fans am nostalgischen Schanzentreff
Diesen Winter hätte die Riethüsli-Schanze ihren 80. Geburtstag gefeiert – wenn es sie denn noch gäbe.
Was es aber noch gibt, sind die „tollkühnen Männer auf fliegenden Skis“, welche die Schanze bezwangen – und ein paar (vorwiegend weibliche) Fans dieser wilden Burschen.
Auf Initiative des Quartiermagazins trafen sie sich am 23. Januar, insgesamt gegen 50 Personen, um in der Vergangenheit zu schwelgen. Die meisten unter ihnen hatten die Riethüsli-Schanze und die spektakulären Skispringen noch selber erlebt oder deren Geschichte gar geprägt: Wie das legendäre Skispringer-Gebrüdertrio Mario, Marco und Toni Cecchinato, alle in Begleitung ihrer Gattinnen, die von den ersten heimlichen Sprüngen erzählten. Besonders interessierter Zuhörer war der ehemalige Stadtarchivar Ernst Ziegler. Mit einem Artikel in der Quartierzitig im November 2008 über die Geschichte der beinahe in Vergessenheit geratenen Schanze hatte er die Nostalgiewelle ausgelöst. Und Tagblatt-Stadtredaktor Josef Osterwalder, der unter dem Titel „Sprung in die Vergangenheit“ über den Anlass berichtete. Unter ortskundiger Führung von Noldi Duttweiler (der sich selber nie auf die Holzkonstruktion getraut hatte) machten die rüstigen Helden und ihre Bewunderer einen Lokaltermin am Standort der ehemaligen Schanze. Danach ergötzten sie sich an der von ihm und Erich Gmünder zusammengestellten historischen Bilderschau und wurden von Madeleine Duttweiler und ihren Helferinnen mit Kaffee, Kuchen, Snacks und einem Gläschen Wein verwöhnt. Die Ehrengäste sowie die Hauptbeteiligten durften zur Erinnerung ein originalgetreues Faksimile des Nachtspringen-Plakats von anno 1954 nach Hause nehmen. Der Besitzer des Originals, Erich Vonlanthen, selber ein ehemaliger Springer, berichtete über dessen verschlungene Wege zurück ins Quartier. Unter den Besuchern gab´s auch einige, die den Kitzel des Skispringens anderswo ausgelebt hatten, wie der Rotmöntler Alfred Sager (als Jugendlicher in Davos), oder die Riethüsler Hans Inhelder, Turi Albert, oder Lui Fiabane, der sich als Göttibueb des legendären Wildhauser Skispringers Niklaus Stump outete. Ein bisschen Rennatmosphäre brachten die Original-Sprunglatten von anno dazumal (Stifter: Toni Cecchinato) und heute (Lucas Vonlanthen, Sohn von Erich Vonlanthen) in den vollen Riethüsli-Treff.