Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/740

Dramatische Kantate
Mario Venzago und das Musikkollegium Winterthur haben sich Othmar Schoecks Vertonung des Grimm-Märchens «Vom Fischer un syner Frau» angenommen.
Mario Venzago kennt Othmar Schoecks Musik wie kein Zweiter. Dessen Chorwerke hat er mit dem MDR-Chor und -Sinfonieorchester integral eingespielt, und die CDs mit den Opern Venus und Penthesilea wurden mit höchsten Auszeichnungen bedacht. Im Mai letzten Jahres dann die konzertante Aufführung der Oper Schloss Dürande mit neuem Libretto in Bern, eine aufwendige Grosstat. Die Live-Aufnahme ist ebenfalls kürzlich erschienen (Claves CD 1902-04).
Das Musikkollegium Winterthur erinnerte letzte Saison in seinen Konzertprogrammen an die mäzenatischen Taten von Werner Reinhart (1884-1951), der auch Othmar Schoeck stark gefördert hat. Die Dramatische Kantate Vom Fischer un syner Fru hat Schoeck in enger Verbindung mit Reinhart geschrieben, ja er komponierte sie sogar teilweise in dessen Feriendomizil auf der «Fluh» in Maur am Greifensee. Uraufgeführt wurde das Werk am 3. Oktober 1930 an der Sächsischen Staatsoper Dresden.
Venzago legt die erste digitale Einspielung dieses Werkes vor, in dem der Komponist das Märchen von der machthungrigen Fischersfrau aus der Sammlung der Brüder Grimm vertont. Dabei hält sich Venzago an die plattdeutsche Version von Philipp Otto Runge, die Schoeck ursprünglich gewählt hatte. Die eigentümliche Schreibweise des Titels verweist darauf. Und tatsächlich verleiht das Plattdeutsche dem Stück eine volkstümlichere, ja archaische Note.
Schoeck selbst meinte, dass seine Dramatische Kantate auch konzertant gut aufführbar sei, denn ihm war es wichtig, die dramatische Steigerung der immer gieriger werdenden Frau in der Musik anzulegen, als «Variationen & Fuge über ein ‹uraltes› Thema». Venzago und dem Musikkollegium Winterthur gelingt es, die lyrischen Orchesterpartien immer wieder mit dramatischer Verve zu brechen und die Reize der Instrumentierung verführerisch auszuspielen.
In den zunehmend komplexer werdenden Variationen illustriert das Orchester die immer dreisteren Wünsche, welche der Fischer dem Butt im Meer vorbringt und die auch erfüllt werden. Daraus entsteht eine farblich schillernde, verinnerlichte Intensität, die die Sänger atmosphärisch trägt. So vermag Rachel Harnisch als Fru das Changieren zwischen lyrischem Gesang und virtuos exaltierten Intervallsprüngen ausdrucksstark zu gestalten.
Sehr einfühlsam zeigt sich auch Jörg Dürmüller als immer verzweifelter werdender Fischer, er singt seine Tenorpartie mit vielen Schattierungen und Farben. Dagegen setzt Jordan Shanahan die kurzen mächtigen Bassrufe des Butts aus der Tiefe des Meeres mit majestätischer Grösse. Insgesamt ein musikalisch reizvoller, engagiert interpretierter Schoeck, à la Venzago eben.
-
- Jörg Dürmüller, Fischer; Jordan Shanahan, Butt
-
- Jörg Dürmüller, Fischer; Rachel Harnisch, Fru
-
- Jörg Dürmüller, Fischer
Othmar Schoeck: Vom Fischer un syner Fru. Rachel Harnisch, Sopran; Jörg Dürmüller, Tenor; Jordan Shanahan, Bass; Musikkollegium Winterthur, Leitung Mario Venzago. Claves Rarities CD 50-1815
Die «Fluh» am Greifensee, Zeichnung von Berta Tappolet im Gästebuch von Hans Reinhart, 1920