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Donnerstag, 12. Dezember
Der Countdown läuft. Tag zwölf. Halbzeit. Freude herrscht! Der FC Basel ist aus der Champions League gekippt. Schalke jubelt. Die Zürcher Grashoppers trennen sich vom Präsidenten André Dosé. Zwei Chefs des Basler Drämmli werden gegangen. Die Aktienkurse fallen. 20'000 Deutsche haben sich selber der Steuerhinterziehung beschuldigt. Im Bundeshaus wird ein Brandanschlag auf die Zeitungsauslage verübt. Roger Schawinsky schreibt seine Biographie. Miss Schweiz verlässt die Schweiz. Alles im Butter. Wir freuen uns auf morgen.
Der Countdown läuft.
Freitag, 13. Dezember
Morgenpost. — Die Huamai company, based in Shanghai, beharrt darauf, ihre Domain mit "gottfriedkeller" zu benennen. Das gleichnamige Keyword ist, wie die Firma versichert, "very important for our business". Keller hat seinen eigenen ironischen Kommentar dazu schon vor über 150 Jahren abgegeben:
Hundert Geschäftshungrige lauern nur auf das Erlöschen des Privilegiums, um die edle Lebensarbeit Schiller's so massenhaft
und wohlfeil zu verbreiten, wie die Bibel, und der umfangreiche leibliche Erwerb, der während der ersten Hälfte eines Jahrhunderts stattgefunden, wird während der zweiten Hälfte desselben um das Doppelte wachsen und vielleicht im kommenden Jahrhundert noch einmal um das Doppelte. Welch' eine Menge von Papiermachern, Papierhändlern, Buchdruckersleuten, Verkäufern, Laufburschen, Commentatoren der Werke, Lederhändlern, Buchbindern verdienten und werden ihr Brot noch verdienen, welch' eine fortwährende That, welch' nachhaltiger Erwerb im materiellsten Sinne waren also die kurzen Schiller'schen Arbeits- und Lebensjahre.
(Der grüne Heinrich 1854/55, HKKA 12, S. 273)
Nur dass im Fall von Huamai nicht Keller-Bücher vertrieben werden, sondern – was?
Samstag, 14. Dezember
Second Hand. — In Kinderjahren wurde ich von einer wohlhabenden Nachbarsfamilie mit Kleidungsstücken ihres Sohnes beschenkt. Kniebundhosen (Knickerbocker), Jacke, Mantel, alles in tadellosem Zustand. Nicht ausgetragen, sondern abgesetzt, weil Hansli die Abwechslung liebte. Aber ich mochte weder englische Knickerbocker noch die blaue Manchesterjacke mit den weißen Einsätzen. Am schlimmsten war es mit dem Mantel, ein Qualitätswollmantel, der zur kalten Jahreszeit schön warm gab. Ein wunderbarer Mantel, wie meine Eltern versicherten; aber ich mochte ihn nicht. Wenn ich mit ihm daherkam, nannten mich die Mitschüler einen Herrn Professor, was ich keinesfalls sein wollte. Dennoch – ich trug den Mantel, um damit die Dankbarkeit meiner Eltern zu auszudrücken.
Jüngst bin ich, fast aus Jux, von einem Schriftsteller mit ein paar seiner Hemden beschenkt worden. Sie passten ihm nicht mehr, weil er – sein eigenes Wort! – mit zunehmendem Ruhm einen dicken Hals bekommen hat. Immer zu besonderen Veranstaltungen ziehe ich eines dieser Hemden an. Freiwillig. Ich scheue mich auch nicht, jedesmal die wahre Anekdote über das Hemd zum besten zu geben. Mein Hals passt herrlich in den Kragen, und ich denke, dass ich ihn nie auswachsen werde.
Sonntag, 15. Dezember
Lektüre: Uwe Johnsons Jahrestage. Suhrkamp Taschenbuch, 1700 Dünndruckseiten. Biegsam, angenehm zum Anfassen und Blätterumschlagen (welch letzteres mit einem leichten Schwung geschehen muss). Aber leider nur geleimt, mit vielen Bruchstellen, so dass das Buch mehr und mehr auseinanderfällt, was eigentlich mit keiner Bibel, die es ja ist, geschehen darf, vielleicht aber doch so sein soll.
Seit Wochen ein Sich-durch-Ringen, ein Versinken im uferlosen Namenarsenal. Ohne Namen-Lexikon (http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=196) und andere Hilfen gibt's kein Durchkommen. Ellenlange Gespräche mit Dutzenden von Andeutungen, die ich nur zum Teil verstehe. Abertausende von Details. Geteiltes Deutschland immer wieder Parallel dazu die aktuelle amerikanische Gegenwart von 1967/68 mit dem Mord an Robert Kennedy, Vietnam usw. Politdialoge zwischen der Mutter und ihrer zehnjährigen Tochter in nervender Unnatürlichkeit. Wie viele haben dieses Buch wirklich gelesen?
Was hält mich weiterhin dabei, nachdem ich es schon vor Jahren weggelegt, mehrmals, und jetzt erst wieder darauf gestoßen bin? Die schiere Fülle, das Chaos, die Vergeblichkeit, es in den Griff zu bekommen? Oder einfach das beharrlich Sperrige in einer kommunikationssüchtigen Zeit?
Montag, 16. September
Ich bin kein Blog.
Ich tausche keine Meinungen aus.
Ich brauche keine Kommentare.
Ich zwinge mich niemandem auf.
Ich zwittere nicht.
Ich facespucke nicht.
Ich essemessle nicht.
Ich skeipe nicht.
Ich will mir nur einmal täglich die Ruhe erlauben, einen Gedanken fassen und festhalten zu dürfen.
Ich kann einen Gedanken besser festhalten, wenn ich mir vorstelle, dass ihn jemand – notfalls ich selbst – liest. Oder auch nur lesen könnte.
Ich schreibe den Gedanken hier nieder, damit ihn tatsächlich jemand, wenn er möchte, lesen kann.
Ich glaube, dass dies meinen obigen Statements nicht widerspricht.
So einer bin ich. Vielleicht.
Dienstag, 17. Dezember 2013
Literatur-Club. — Meistens überleg ich mir lange, ob ich mir diese Sendung zumuten will. Letztes Mal hab ich sie übersprungen. Aus einer Art Trotz beinahe. Diese Inhaltsangaben, Nacherzählungen und biographischen Aufklärungen brauch ich mir wirklich nicht anzuhören. Nichts, was mich überzeugt, kein Buch, das ich danach lesen würde, wenn ich's nicht auch sonst gelesen hätte. Was mich erschreckt, fast empört, ist die Ignoranz gegenüber fast allem, was die Problematik des Textes als solchen anbelangt. Übersetzungen werden als Originale behandelt, zurechtredigierte oder postum erstellte Texte für bare Münze genommen. Aber ist's denn wenigstens Unterhaltung? Der Hauptagent Zweifel, der eigentlich zweifeln oder wenigstens moderieren müsste, wartet nur darauf, selber zu Wort zu kommen und es möglichst lange zu behalten, legt sich im Stuhl zurück und schwärmt von Proust und Joyce oder von seiner einstigen Jugendlektüre, die Heidenreich, literarisch unbekümmert, beteuert, dass sie mit Handke ein für allemal fertig sei, Hildegard E. Keller lächelt sich vielsagend durch die Runde und der letzte Goethe-Biograph, Rüdiger Safranski, der für die Heidenreich ins 19. Jahrhundert gehört, erzählt und erzählt – tatsächlich wie im 19. Jahrhundert.
Also, ich hab mir die heutige Sendung trotz allem angesehen. Und, zu meinem totalen Erstaunen, zwei Schuh voll rausgezogen: das postum publizierte Ungetüm von David Foster Wallace (Der bleiche König) und Handkes Elegie auf einen Pilznarren. Letzteres, weil die Heidenreich kein gutes Haar daran lassen wollte, ersteres, weil alle darüber entsetzt waren, es auch gar nicht empfehlen wollten und trotzdem nicht anders konnten.