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Diese ist die Geschichte von James und Rose. Und von ihrer Heimat Südsudan, dem jüngsten Land der Welt. Stellt Euch vor, Ihr lebt in einem Land, das jünger ist als Ihr selbst. Über acht Millionen Menschen im Südsudan geht es so. Ihre Heimat wurde erst im Jahr 2011 unabhängig und ist damit der jüngste Staat der Welt. Jung, aber bei Weitem nicht klein: Das Land erstreckt sich über 640.000 Quadratkilometer im Osten Afrikas und ist damit fast doppelt so groß wie die Bundesrepublik Deutschland.
Seine Nachbarn sind die Zentralafrikanische Republik, die Demokratische Republik Kongo, Kenia, Uganda, Äthiopien und im Norden der Sudan. Das Verhältnis zum Namensvetter im Norden ist nicht einfach, denn die Unabhängigkeit war eine lange und schwere Geburt: Nach dem Ende der kolonialen Besatzung durch Großbritannien und Ägypten wurde der Staat Sudan im Jahr 1956 unabhängig. Aber die Grenzziehung war ein politisches Konstrukt, das nicht lange hielt. Unter-schiedliche Volksgruppen, Sprachen und Religionen wurden zusammengebracht, es kam zu Konflikten besonders zwischen dem Norden und Süden. 17 Jahre lang litt das Land unter einem blutigen Bürgerkrieg. Die Ursachen sind vielfältig, auch der Kampf um Rohstoffe wie Öl und wertvollen Weidegrund und Ackerland spielten eine Rolle. 1983 flammte die Gewalt erneut auf, der Bürgerkrieg dauerte bis 2005 an. Dann endlich, nach langen und zähen Verhand-lungen, wurde ein Friedensschluss zwischen dem Norden und Süden unterzeichnet mit der Verpflichtung, ein Referen- dum über die Unabhängigkeit abzuhalten. Die Menschen im Südsudan sprachen sich dann Anfang 2011 mit überwältig- ender Mehrheit für diese Unabhängigkeit aus, und am 9. Juli 2011 konnte endlich Geburtstag gefeiert werden:
Der Südsudan wurde ein eigenständiger Staat, die Nummer 194 in der Gemeinschaft der Vereinten Nationen. Neuge-borene brauchen Hilfe, und ähnlich ist das bei neuen Staaten. Von den politischen Institutionen über die Straßen, Krankenhäuser und Schulen bis zu Gesetzestexten, diplomatischen Vertretungen im Ausland und der Verwaltung – all das muss im Südsudan aufgebaut werden. Eine Mammutaufgabe, bei der viele andere Länder und internationale Organisationen wie CARE helfen. Rose Ejulu und James Buom nennen den Südsudan ihre Heimat. Die beiden CARE-Mitarbeiter erzählen von ihrer Kindheit, Jugend und ihrer Hoffnung für ihr junges Land.
***************** ROSE ******************
Die Trennung ihrer Eltern war ein Glücksfall für die kleine Rose. Was normalerweise mit viel Schmerz und Streit verbunden ist, brachte Rose und ihren Geschwistern eine nie erhoffte Chance. Roses Vater hatte sieben Frauen, das ist nicht ungewöhnlich in der sudanesischen Gesellschaft. Aber er konnte der großen Familie kaum etwas bieten, es fehlte an allem, auch an Schulgeld. Außerdem herrschte Bürgerkrieg und damit ständige Gewalt und Unsicherheit. So verließ Roses Mutter ihren Mann im Jahr 1988 mit fünf Kindern. Die kleine Rose war da kaum ein Jahr alt.
Ihr Ziel: Das Nachbarland Uganda und damit endlich eine offene Tür hinein in einen Klassenraum. „Ich bin in Uganda bis zur weiterführenden Schule gegangen, aber Geld für die Universität hatte meine Mutter nicht“, erzählt Rose. Deshalb machte sie eine Ausbildung zur Hebamme und konnte damit Geld verdienen. Als Erwachsene kehrte Rose in ihre Heimat zurück, die damals noch der vereinte Staat Sudan war. In der Hauptstadt Khartum im Norden machte sie einen Computerkurs und arbeitete anschließend als Hebamme für Hilfsorganisationen. Seit 2011 arbeitet Rose im Gesundheitsteam von CARE und koordiniert die Hilfsprojekte für Schwangere und junge Mütter. Dringend nötige Hilfe, denn die Müttersterblichkeit im Südsudan ist die höchste weltweit – ein trauriger Rekord. Nur 10 Prozent der Geburten werden von einem Arzt oder einer Hebamme begleitet.
Und eines von neun Kindern wird seinen fünften Geburtstag nicht erleben. Rose hat eine bemerkenswerte Karriere gemacht, dabei ist die junge Frau gerade mal 25 Jahre alt. Und seit zwei Monaten selbst Mutter: Baby Desire Letasi wächst im jüngsten Staat der Welt auf, der Vater beendet sein Studium in Uganda, er ist Frauenarzt und möchte danach in den Südsudan zurückkehren. Arbeit, Fernbeziehung, Alltagssorgen – all das erinnert an die Herausforderungen junger Frauen in Deutschland.
Und doch sind all diese Dinge für Rose mit so viel mehr Mühen verbunden, als wir sie kennen:
„Wir haben kein fließendes Wasser, ich kaufe also Kanister auf der Straße. Statt Strom benutze ich eine Taschenlampe mit Batterien.“ Aber die Sicherheit hat sich sehr verbessert, erzählt Rose. Heute kann sie alleine durch die Straßen gehen, vor der Unabhängigkeit fürchtete sie ständig Übergriffe und Gewalt. Den Vater ihres Kindes sieht sie nur selten, teuer und lang ist die Fahrt nach Kampala. Und was macht eine junge Südsudanesin in ihrer Freizeit? „Wenn ich Zeit habe, besuche ich meine Freundinnen. Wir essen und trinken zusammen, und diskutieren viel. Über unsere Lebensstile, über die Eltern, die Männer …” Das Übliche, wie überall auf der Welt. Welche Zukunft wünscht sie sich für ihre kleine Tochter? Rose antwortet nicht philosophisch, sondern ganz konkret: „Ich möchte, dass Desire in einem friedlichen Land groß wird. Dass sie eine gute Bildung erhält und gesund bleiben kann.“ Die Freude über die Unabhängigkeit hört man aus jedem ihrer Sätze heraus: „Wir sind alle begeistert. So viele Menschen konnten endlich in ihre Heimat zurückkehren. Es gibt so viel mehr Freiheiten hier, und all diese neuen Ideen.“ Zum Beispiel über die Rolle von Frauen in der Gesellschaft. Da hat Rose ganz klare Vorstellungen: „Ich möchte den Mädchen im Land sagen, dass der Platz einer Frau nicht mehr länger in der Küche ist! Dass sie zur Schule gehen kann, dass sie alles kann! Ich möchte das Leben der Mädchen verändern. Denn nur so kann sich dieses Land entwickeln.“ Rose erklärt, dass man in den Gemeinden mit Frauen und Mädchen arbeiten muss, wenn man Dinge voranbringen will. Sie sind der Schlüssel zum Wandel. „Viele Frauen in meinem Alter führen ein sehr schweres Leben in den Dörfern“, erzählt Rose. „Sie tragen Babys auf dem Rücken, suchen nach Essen, haben keine Arbeit. Wenn ich mich selbst betrachte … ich habe einen Beruf und ein besseres Leben. Diese Chance sollten alle Frauen haben!” Ihre eigene Mutter verlor ihre Eltern früh und wurde als junge Waise mit 14 Jahren verheiratet. Sie hat zwölf Kinder zur Welt gebracht. „Meine Mutter ist so unglaublich stolz auf mich. Nun unterstütze ich mit meinem Gehalt sogar meinen Vater. Dabei hat er mir nie unter die Arme greifen können.“
Bis heute nutzt Rose jede Chance, um sich weiterzubilden. Ihre Arbeitgeber erkannten ihr Talent, und Rose durfte sogar Fortbildungen im Nachbarland Kenia und im weit entfernten Südafrika besuchen. „Ich liebe Fortbildungen und Seminare. Ich lerne dabei so viel. Die Welt verändert sich ständig, gerade im medizinischen Bereich. Wenn ich ein Training besuche, dann bekomme ich jede Menge neues Wissen und frische Ideen. Unser Heimatland ist noch so jung. Wir brauchen diese Ideen! Ich möchte noch mehr lernen, noch weitere Fortbildungen machen können. Das ist mein Traum. Ich möchte eine kompetente Beraterin sein, und nicht nur an einem Ort bleiben.“ Kanada und Deutschland stehen hoch auf Roses Reisewunschliste. Aber dort bleiben möchte sie nicht: „Ich möchte fremde Länder bereisen und mit neuen Ideen nach Hause kommen.“
Nach Hause, in ihr junges Land.
von Sabine Wilke
Lesen Sie nächste Woche hier: „Die Geschichte von James und Rose – Teil 2“
Aus: care_affair / care.de
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