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Lectio XV
Die Tragödie Antigone ist eines der bekanntesten Dramen der Antike. Noch heute wird das Stück des Dichters Sophokles oft aufgeführt.
Im Gegensatz zu heute traten aber nur Männer als Schauspieler auf. Sie trugen Masken, die dem Publikum verrieten, welche Rolle sie spielten. Das bedeutete aber, dass man die Mimik der Schauspieler nicht sah; man hörte nur, was sie sprachen. Deshalb beschreiben die Personen in antiken Theaterstücken oft, wie sie sich fühlen.
Meistens waren die Geschichten, die aufgeführt wurden, für das Publikum nicht neu. Es wusste im Grossen und Ganzen, was geschehen würde und wie das Stück ausging. Interessant war aber, wie ein Dichter einen bekannten Mythos umsetzte. Auch die Tragödie Antigone beruht auf schon vor Sophokles existierenden Geschichten.
Der Mythos um das Herrschergeschlecht von Theben und den Fluch, der auf ihm lastet, beginnt mit König Laios, dem Vater von Ödipus, der ein Unrecht begangen hat. Ödipus, erst ausgesetzt und von Adoptiveltern aufgezogen, kommt auf Umwegen nach Theben zurück und wird König, wodurch sich das Orakel, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten, erfüllt. In Sophokles’ Drama König Ödipus entdeckt Ödipus, dass er Laios’ Mörder ist und seine eigene Mutter geheiratet hat. Daraufhin sticht er sich die Augen aus und geht ins Exil, während seine Frau und Mutter sich das Leben nimmt. Die beiden Töchter, Ismene und Antigone, kümmern sich um den Vater, wohingegen die beiden Söhne, Eteokles und Polyneikes, die Herrschaft übernehmen, in der Absicht, einander jährlich abzuwechseln. Nach Ablauf des ersten Jahres weigert sich dann allerdings Eteokles, den Thron zu verlassen, woraufhin Polyneikes mit einem Heer gegen die Stadt zieht. Im Zweikampf sterben beide Brüder, aber nur Eteokles wird in der Stadt bestattet und betrauert, Polyneikes wird auf Befehl des neuen Königs Kreon, des Schwagers von Ödipus, als Staatsfeind unbestattet vor den Toren liegengelassen. Wer ihn begräbt, soll mit dem Tod bestraft werden.
Dieses Verbot stürzt Antigone, die Schwester von Polyneikes, in ein grausames Dilemma…