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30 Minuten und ein Zuhause ist zerstört
Ich bin in Al Khadr, einer Kleinstadt 10 Autominuten westlich von Bethlehem und sehe dabei zu, wie das israelische Militär das Haus einer palästinensischen Familie zerstört. Susan steht sprachlos neben mir. Sie ist wie ich mit EAPPI (Ecumenical Accompaniement Programm in Palastine and Israel) während drei Monaten als Menschenrechtsbeobachterin im Westjordanland. Auch Mohammed, unserem Fahrer, fehlen die Worte. Zu dritt stehen wir in Ahmads Olivenplantage und starren schweigend auf die andere Seite des kleinen Tales. Dorthin wo kein Haus mehr steht. Die IDF, Israeli Defense Forces, haben die Zufahrtsstrasse zum Haus abgeriegelt. Wir mussten uns einen Beobachtungsposten weiter entfernt suchen und sind dabei in Ahmads Garten gelandet. Dessen Ruf «Qahwa! - Kaffee!» reisst uns aus der Stummheit.
Wir hatten noch keine Zeit uns richtig mit ihm zu Unterhalten und uns für die Einladung sein Grundstück als Aussichtspunkt zu nutzen, zu bedanken. Das holen wir nun nach. Wir setzen uns zu ihm unter die schattige Pergola vor dem Haus und trinken frisch gebrühten arabischen Kaffee, der seine Frau uns serviert. Es ist das Haus seines Cousins, das gerade abgerissen wurde. Er erzählt uns, dass in dieser Region regelmässig Häuser zerstört werden. In den letzten zwei Jahren wurden schon drei Häuser von Ahmads Familienmitgliedern demoliert. Tatsächlich fallen mir bei genauerem Hinsehen Schutthaufen zwischen den Olivenbäumen auf. Die Familie lebt hier eng beieinander. Sämtliche angrenzende Häuser sind von Brüdern oder Söhnen von Ahmad bewohnt.
Die Nähe zur israelischen Siedlung Givat Hadagan generiere viele Probleme, sagt er weiter und deutet dabei auf den Hügel auf der anderen Talseite. Stattliche Häuser, eines das Spiegelbild des anderen, thronen umringt von Stacheldraht auf dem Kamm. 132[1] offizielle israelische Siedlungen gibt es im Westjordanland. Allesamt sind sie nach humanitärem Völkerrecht illegal. [2]
Nur wenige Meter unterhalb der Siedlung lässt sich zwischen den Olivenbäumen die leere Stelle erahnen, auf der noch vor kurzem das Haus von Ahmads Cousin stand. Es gebe viel Streit um Boden und Land und auf der gemeinsam benutzten Hauptstrasse komme es zu gewaltvollen Zusammenstössen zwischen Siedler*innen und Palästinenser*innen, berichtet Ahmad. Nachdenklich schweift sein Blick in die Ferne.
Allein im Jahr 2023 sind in der Westbank 291 Gebäude vom israelischen Militär abgerissen worden. [3] Um jegliche Art von Gebäude zu errichten, brauchen Palästinenser*innen, die in der Zone C der Westbank leben eine Bewilligung der israelischen Behörden. So auch die Bewohner*innen von Al Khadr, das in Zone C liegt. Zone C macht ca. 60% der Westbank aus und steht unter der Verwaltungs- und Sicherheitskontrolle von Israel.[4]. Nach dem Zonenplan der israelischen Behörden ist nur 1% davon für die Bebauung vorgesehen. Diese Fläche ist entsprechend schon sehr stark beansprucht. [5] Es ist fast unmöglich eine Baubewilligung zu bekommen. In den letzten Jahren wurden jeweils gut 94% der Gesuche abgelehnt. [6] Wenn eine Familie ein Haus bauen will, ein Hirte ein Unterstand für seine Ziegen errichten möchte, eine Gemeinde ihre Infrastruktur um eine Schule, Verwaltungsräume oder Gesundheitseinrichtungen zu erweitern gedenkt, bleibt oft nur die Wahl zwischen ohne israelische Bewilligung zu bauen oder gar nicht zu bauen. Dies führt dazu, dass viele Bauten nach israelischem Recht illegal sind und somit abgerissen werden können. Das, obwohl der Boden, auf dem die Häuser gebaut werden, oft seit Generationen im Besitz der palästinensischen Familie ist, die dort lebt. Schon Ahmads Grossvater hat hier auf diesem Fleckchen Erde, auf dem wir gerade Kaffee trinken, gelebt.
Wir fahren rüber zur Familie des Cousins. Ahmad begleitet uns. Wir möchten nach dem Rechten sehen, der Familie unsere Solidarität ausdrücken und den Vorfall dokumentieren, damit wir später einen Bericht darüber schreiben können.
Mehrere Menschen sitzen auf dem Boden oder laufen zwischen den Trümmern herum als wir ankommen. Daneben türmen sich Stühle, ein Sessel, Topfpflanzen, ein Stromgenerator und weitere Habseligkeiten, die die Familien aus dem Haus schaffen durfte, bevor der Bagger sein zerstörerisches Werk begann. Eine Frau mit einem Säugling im Arm zeigt verzweifelt darauf: «Das ist alles, was wir noch haben.» Sieben Erwachsene und acht Kinder lebten im Haus. Die Familie hat vor ein paar Monaten eine «Demolition order» bekommen. Eine Ankündigung der israelischen Behörden, dass das Haus abgerissen werden soll. [7] Wie viele andere Palästinenser*innen lebte die Familie seither in ständiger Ungewissheit. Es kann Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre dauern, bis die Abrissankündigung ausgeführt wird.
Der Lärm eines heranrasenden Motorrads schreckt uns auf. Drei wild gestikulierende Männer sitzen darauf. Sie werfen Ahmad einen aufgeregten Wortschwall in Arabisch entgegen. Etwas ist passiert, soviel ist klar. Ich blicke zu Mohammed. «Sie sind bei Ahmads Haus», beantwortet er meine stumme Frage. Wer «sie» ist, braucht Mohammed nicht zu erläutern. Die IDF. Wir rennen zum Wagen und fahren zurück. Wir kommen nicht sehr weit, zwei Militärfahrzeuge versperren den Weg. Nur Ahmad darf zu Fuss weiter bis zu seinem Grundstück. Wir warten. 30 Minuten.
Es hat das Haus von Ahmads Sohn Sami getroffen. 30 Minuten und zwei Erwachsene und sechs Kinder haben kein Zuhause mehr. 30 Minuten und es liegt ein weiterer Schutthaufen in Ahmads Olivenplantage. Nur Sami ist da. Die Kinder sind in der Schule, seine Frau unterwegs. Sami sagt, er habe keine Abrissankündigung der israelischen Behörden bekommen. Auch blieb ihm keine Zeit das Haus auszuräumen.
Der Abriss wirkt spontan und willkürlich auf mich. War es, weil wir hier sind? Eine Frage, die sowohl Ahmad wie Mohammed vehement verneinen. Mein Blick fällt auf die Pergola, unter der wir gerade noch beisammensassen. Die Idylle des Gartens hat einen bitteren Beigeschmack bekommen.
[2] Artikel 49 der 4. Genfer Konvention: https://ihl-databases.icrc.org/en/ihl-treaties/gciv-1949/article-49