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[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]
Noë tritt an die frische Luft. Sie weiss, dass die Luft nicht wirklich richtig frisch ist. Sie weiss, dass viele giftige Partikel in der Luft schwirren, die der Komet 2015PDC in die Erdatmosphäre gebracht hat, als er vor ein paar Jahren mit der Erde kollidiert ist. Und trotzdem: Es ist reale Luft.
Sie atmet tief ein. Sie kann sich nicht vorstellen, dass diese Luft schlimmer ist, als jene, die sie während der letzten zwanzig Jahre im Bunker eingeatmet hat. Sie spürt, wie die Luft in ihre Nase fliesst, die Luftröhre hinunter in ihre Lungenflügel. Sie spürt, wie sich ihr Brustkorb weitet, sie meint sogar, sie spürt die einzelnen Lungenbläschen, die sich mit Sauerstoff füllen. Sie spürt. Noë spürt. Sie spürt die Welt, sich selber, alles. Sie sieht Farben, echte Farben. Und sie schmeckt. Sie schmeckt Karotten und Kartoffeln. Und Brot.
Noë spürt auch die Zuneigung von Tam und von der Grossmutter. Und sie spürt in sich ihre Zuneigung zu den beiden. Sie fühlt sich glücklich und traurig. Traurig vor allem, weil sie Luis nicht retten konnte. Traurig auch, weil sie ihre Eltern verloren hat, an die sie sich gar nicht erinnern kann. Am traurigsten ist sie aber, dass sie nie wird den Regen spüren können, wie er vom Himmel fällt. Weil der Regen giftig ist von den Weltallpartikeln.
Noë weiss, dass die Welt nicht perfekt ist. Dass es viele schlimme Dinge gibt. Der Zustand der Umwelt. Die Flüchtlinge, die den Hauptteil der Weltbevölkerung ausmachen und immer dorthin reisen müssen, wo es gerade Essen gibt. Nomaden. Die Gesellschaft, die hochstilisierte Gesellschaft der Zeit ihrer Eltern — es gibt sie nicht mehr. Sie hat sich selbst erledigt. Der Komet war nur der Auslöser. Ein weiterer Auslöser. Der Auslöser, der es schliesslich geschafft hat.
Noë weiss, dass das alles hier um sie herum ein Bruchteil dessen ist, was mal war auf der Welt. Was es mal gegeben hat zum Geniessen. Und trotzdem ist es so viel mehr als das Nichts, das sie fast ihr ganzes Leben lang umgeben hat. Sie geht durch den Garten. Sie atmet tief ein. Sie geht zum Baum und riecht an seiner Rinde. Sie riecht baumig, rindig. Sie berührt sie mit der Hand. Rau fühlt sich das an. Sie hat eine klare Struktur, die sich in völliger Rauheit verliert. Noë geht zur Hauswand. Diese ist kalt und porös. Sie riecht staubig. Der Fensterrahmen ist aus Holz. Spürbar wärmer. Das Glas des Fensters: Glatt. Ganz glatt. Und kalt. Aber wenn man die Hand dagegen presst, spürt man die Wärme im Haus drinnen.
echt. authentisch. so wie es sein soll. in sync mit der welt, mit mir. mit den elementen. ich gehöre hierher. ich fühle mich willkommen. ich passe dazu. ich bin angekommen.
war so lange auf der suche, ohne es gemerkt zu haben. hätte auch nicht gewusst, wonach ich suche, wonach mir ist, was ich brauche. doch jetzt, wo ich es habe, wo ich hier bin, jetzt spüre ich, dass es genau das ist. genau das hier und jetzt. es passt.
Noë schlendert durch den Garten. Sie mag sich gar nicht vorstellen, wie dieser früher mal ausgesehen hat. Denn für sie ist er überwältigend. Noch einmal atmet sie tief ein.
„Noë, was machst du? Geht es dir gut?“ Tam kommt aus dem Haus auf sie zu. Noë ist überwältigt. Dass sie hier sein darf. Stumm nickt sie ihrem Bruder zu. „Grossmutter macht sich Sorgen. Sie hat Angst, dass du enttäuscht bist.“ Tam steht jetzt vor ihr. „Enttäuscht? Wieso denn enttäuscht?“, fragt Noë ihn verwundert. „Naja, weil es hier nicht so schön ist. Weil vieles kaputt ist. Eigentlich alles…“ Noë lächelt ihm zu: „Ich bin nicht enttäuscht. Ich fühle mich zum ersten Mal richtig lebendig. Ich bin nicht nur froh, hier zu sein. Ich gehöre wirklich hierher!“ Die beiden spazieren zum Baum und zurück.
„Noë, Kind! Es ist nicht gesund, sich einfach so draussen aufzuhalten. Die Luft… Der Regen…“. Noë geht zum Haus und blickt zum Fenster, aus dem die Grossmutter ihr zuwinkt. „Ach, Grossmutter, ich fühle mich schon viel gesunder als in der virtuellen Realität.“ Sie lacht und winkt zurück. Sie möchte die Grossmutter beruhigen. Ihr geht es gut. Auch dass sie ein paar Dinge traurig machen, gehört für sie dazu.
Später sitzen sie gemeinsam am Esstisch und trinken Kaffee. Wie das riecht, so frisch und warm. Würzig. Nach Sommersonne. „Das ist nicht der Geschmack, den wir uns von früher gewohnt sind.“, sagt die Grossmutter entschuldigend. Noë schüttelt den Kopf: Für sie verursacht der Kaffe eine Art Geschmacksexplosion. Sie kann erst einmal gar nichts mehr sagen. Aber sie lächelt selig vor sich hin.
„Noë, es tut mir leid, dass wir deinem Freund nicht mehr helfen konnten.“ Tam blickt sie unsicher an. „Mach dir keine Gedanken. Es war nicht unser Fehler. Es war einfach zu spät für ihn.“ Die drei schweigen nachdenklich. „Es gibt andere Dinge, die mich mehr traurig machen. Und dafür schäme ich mich fast ein bisschen…“ Die Grossmutter schaut sie nachdenklich an. Sie glaubt, dass es etwas mit ihren Entscheidungen zu tun hat. Entscheidungen, die sie gefällt hatte. Aber auch nicht. Und sie ist bereit, die Konsequenzen zu tragen. Gerade, als sie das erklären möchte, spricht Noë aber weiter: „Das Gedicht vom Regen, weisst du noch, Grossmutter?“ Sie nickt. „Ich hätte mir so gewünscht, einmal selber im Regen zu stehen, den Regen zu erleben, zu hören, zu spüren…“ Tam sieht sie entsetzt an: „Das wäre purer Selbstmord. Noë, versprich mir, dass du das nie tun wirst!“
Aber die Grossmutter lächelt. Dann verlässt sie die Küche, kramt im Keller herum und ruft dann Tam zu Hilfe. Noë bleibt in der Küche und denkt über den Regen nach und über die Sonne und den Wind. Schliesslich hört sie die Grossmutter rufen und folgt der Stimme ins Bad. Tam steht mit einer Giesskanne auf einer Trittleiter, die Grossmutter hält ein Blech in der Hand. Sie sagt Noë sie solle ihre Schuhe ausziehen und sich in die Wanne stellen. „Und dann, schliess die Augen. Wir werden es sommerregnen lassen!“
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