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Nowgorod als zweitgrösste Stadt des alten Russland vermochte sich seit dem 12. Jahrhundert aufgrund seiner Randlage und seines aus dem Handel gewonnenen Reichtums von der Herrschaft der Kiewer Grossfürsten weitgehend zu lösen und einen Stadtstaat zu begründen, der den ganzen Norden Russlands einschloss. Gross-Nowgorod, wie sich dieser Stadtstaat selbstbewusst nannte, wurde zum wichtigsten osteuropäischen Handelspartner der Hanse.
Es entwickelte ein politisches System, das auf der Grundlage einer Volksversammlung (Wetsche) sämtliche Staatsämter vom Fürsten über den Bürgermeister bis hin zum Erzbischof durch Wahlen besetzte. Die daraus hervorgegangene Mischung aus demokratischen, monarchischen, oligarchischen und theokratischen Elementen hat im mittelalterlichen Europa keine Entsprechung und präsentiert sich als eine klare politische Alternative zur späteren Autokratie Moskauer Typs. Weil es Moskau gelang, den Stadtstaat Gross-Nowgorod 1478 zu liquidieren, endete diese partizipative politische Alternative, und die Zukunft Russlands gehörte seitdem autoritären Staatssystemen.
Erstaunlicherweise gibt es bis heute weder auf Russisch noch in westlichen Sprachen eine befriedigende Gesamtdarstellung der Geschichte des mittelalterlichen Stadtstaates Gross-Nowgorod. Der Autor, der sich während seiner fünfzigjährigen Arbeit als Osteuropahistoriker immer wieder Themen der Nowgoroder Geschichte zugewandt hat, füllt mit seinem Buch diese Lücke.
Aus einem Schreiben der deutschen Kaufleute in Nowgorod an den Rat der Stadt Riga wegen eines schweren Konfliktes mit den Nowgorodern (1331):
«Die Deutschen, die im Gotenhof waren, mussten eines Abends ihre Knechte in den St. Peterhof schicken, um Bier zu brauen, während sie den Russen zur Kenntnis brachten, dass sie Nachtwächter in den Hof schickten, wie dies unserem guten alten Recht entspricht. Als sie wieder zum Gotenhof gehen mussten und zwischen der Holzkirche und der Trinkhalle angelangt waren, da wurden die Russen der Deutschen gewahr, die bei der Trinkhalle warteten, und liefen herbei und prügelten auf die Deutschen ein; dagegen wehrten sich die Deutschen. Dann zogen die Deutschen sich zurück und riefen: ‹Zu Hilfe!› Das vernahmen die Deutschen, die sich im Gotenhof befanden und in anderen Höfen und liefen herzu mit Knüppeln und mit Schwertern; da wurden Deutsche und Russen verletzt und ein Russe blieb tot liegen. Danach flohen die Deutschen, die aus anderen Höfen waren, zum Teil in den Gotenhof und blieben die Nacht über darin. Des Morgens ging jeder wieder in den Hof, worin er lebte. Darauf wurden die Deutschen von Russen, die ihre Freunde waren, gewarnt, dass sie ihr Hab und Gut in der Kirche in Sicherheit bringen und rechtzeitig in den St. Peterhof gehen sollten, weil es ihnen sonst übel ergehen würde, die Russen bewaffneten sich allzumal. Darauf taten die Deutschen nach dem Rat der Russen, die sie gewarnt hatten.
Darauf luden die Russen zu einer Volksversammlung (dinc) und brachten den toten Russen in diese Volksversammlung. Dorthin waren alle Nowgoroder allzumal bewaffnet gekommen und mit aufgerichteten Bannern in diese Volksversammlung auf des Königs Hof. Dann sandten sie Boten aus dieser Volksversammlung zu den Deutschen, einen, der Philipp hieß, und einen, der Zyder (Sidor) hieß, einen Ältesten (olderman) und weitere Russen, die sprachen also: dass man auf der Stelle die Schuldigen ausliefere oder ihr sollt alle zusammen sofort sterben.»
(Quelle: Liv-, Est- und Curländisches Urkundenbuch, Bd. 6, 1873)