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Viele alternativmedizinische Verfahren betonen, dass sie im Gegensatz zur konventionellen, wissenschaftlichen Medizin den ganzen Menschen betrachteten und somit die Ursachen einer Krankheit bekämpften. Statt ein Schmerzmittel gegen Schmerz zu geben, müsse die Ursache geheilt werden, müssten beispielsweise übermässige Spannungen abgebaut werden. Sei der Mensch als Ganzes in Harmonie mit sich und dem Universum, würden sich auch die Symptome legen. Problematisch an dieser Argumentationsweise ist zweierlei:
Die konventionelle Medizin bekämpft auch Ursachen
Die konventionelle Medizin versucht die Beschwerden so gut als möglich zu behandeln. Lassen sich die Symptome bekämpfen, werden diese bekämpft, lassen sich die Ursachen angehen, wird dieser Weg versucht. So wird ein konventionell arbeitender Mediziner bei starken Bauchschmerzen eben gerade nicht nur Schmerzmittel verabreichen, sondern abklären, was die Ursachen der Bauchschmerzen sein könnten.
Als gutes Beispiel für das Vorgehen der konventionellen Medizin eignen sich Depressionen. Zur Bekämpfung von Depressionen werden mehrere Wege eingeschlagen. So sollen einerseits die Symptome bekämpft werden, um das Leiden möglichst sofort zu lindern. Dazu werden beispielsweise Benzodiazepine verschrieben, die sehr schnell wirken, aber rasch abhängig machen und bei zu häufiger Einnahme immer schwächer wirken. Es werden deshalb nicht nur die Symptome bekämpft, sondern auch die Ursachen, indem Medikamente verschrieben werden, die den Serotoninpegel erhöhen und damit die Depression lindern können. Doch auch dieser Schritt ist noch nicht wirklich eine Ursachenbekämpfung, da es auch einen Grund dafür geben muss, dass der Serotoninpegel zu tief ist. Deshalb werden beispielsweise zusätzlich Psychotherapien verschrieben. All diese Massnahmen werden in Studien geprüft, um die beste Wirksamkeit gegen Ursachen und Symptome zu ermöglichen. Dieses fast idealtypische Beispiel ist natürlich hier zu einfach dargestellt und in vielen Bereichen gelingt der konventionellen Medizin ein solch stufenweises Vorgehen nicht. Dass sie aber nur Symptombekämpfung betreibe, stimmt so nicht. (externer Link dazu)
Bekämpft die Alternativmedizin wirklich die Ursachen?
Alternativmediziner wenden gegen diese Argumentationsweise gerne ein, dass auch die Erhöhung des Serotoninpegels oder die Entfernung eines Blinddarms nur Ursachenbekämpfung sei, da die Ursache des zu tiefen Serotoninpegels oder die Ursache dafür, dass der Blinddarm sich entzünde damit weder geklärt noch behoben seien.
Viele alternativmedizinische Therapieformen behaupten deshalb im Gegensatz zur konventionellen Medizin „ganzheitlich" gegen die Ursachen einer Krankheit vorzugehen. Gemäss dem Weltbild verschiedener alternativer Verfahren ist eine Krankheit nicht "materiell" zu verstehen, sondern als Fehler in der psychophysischen Einheit, die spirituell oder psychisch zu erklären seien. Ursache einer Krankheit, egal, ob es sich dabei um eine bakterielle oder virale Infektion, einen zu tiefen Serotoninspiegel oder eine körperliche Verspannung handelt, sei eine wie auch immer geartete Disharmonie. Würde diese behoben und könnten die Energien frei fliessen, sei ein Mensch so ziemlich gegen alle Krankheiten gewappnet - seien seine Abwehrkräfte stark genug, um gegen Bakterien oder vielleicht sogar Krebs vorgehen zu können.
Die Diagnostik funktioniert deshalb in alternativmedizinischen Verfahren meist ganz anders als in der konventionellen Medizin. So wird bei einem Patienten beispielsweise der Puls gefühlt, die Zunge nach bestimmten Verunreinigungen untersucht, werden Fragen zur psychischen Verfassung, zum Alkoholkonsum oder früheren Unfällen gestellt, um herauszufinden, wo Energien geblockt würden, welche körperlichen oder psychischen Spannungen zu dieser Disharmonie geführt haben könnten. Beim Bauchweh interessiert also weniger das Symptom, sondern die angebliche Ursache, weshalb auch mal ein entzündeter Blinddarm unentdeckt bleiben kann. Die unmittelbaren Ursachen von Beschwerden bleiben durch eine solche Form von Diagnostik oftmals unentdeckt (!) und ob die diagnostizierten Ursachen die wirklichen Ursachen sind, bleibt meist (wenn nicht sogar immer) eine reine Behauptung.
Auch die alternativmedizinische Behandlung unterscheidet sich stark von einer konventionellen Behandlung. So wird beispielsweise versucht mittels Handauflegens Spannungen im Körper abzubauen, die Wirbelsäule neu auszurichten, den angeblich blockierten Fluss von „Qi" und anderen „Energien" mit Hilfe von „Heilmitteln" wieder zu deblockieren oder wird geraten die Ernährung umzustellen oder das Leben anders zu gestalten.
Den Nachweis für die Wirksamkeit dieser Massnahmen bleiben Alternativmediziner in der Regel genauso schuldig wie jenen, ob die konstatierten Ursachen wirklich die wahren Ursachen der Krankheit sind. Vielmehr werden verschiedene angebliche „Belege" angeführt, die aber letztendlich gar nichts beweisen. Nimmt ein Symptom beispielsweise nach einer gewissen Behandlungsdauer ab, wird dies der eigenen Behandlung zugeschrieben, die die Ursache des Symptoms beseitigt habe. Gelingt es nicht, die Symptome zu lindern, ist der Fall besonders komplex und benötigt es einfach mehr Zeit, bis der Patient wieder mit sich im Reinen ist, bis die Behandlung anschlägt, bis... Fehlender Heilerfolg wird auch gerne damit erklärt, dass der Patient noch nicht "reif" für eine Heilung sei, sich zu wenig engagiere, die Methode zu wenig intensiv anwende, die Krankheit innerlich wolle und nicht bereit sei, sie loszulassen etc. Belege für diese Behauptungen können in der Regel nicht erbracht werden und es wird sich in vielen Fällen um reine rhetorische Floskeln handeln. »Alternativmedizin: Wie sie nicht wirkt
Alternativmedizin kennt keine unerwünschten Nebenwirkungen
- Ein grosser Vorteil von alternativmedizinischen Methoden ist ihr angebliches Fehlen von unerwünschten Nebenwirkungen. Auch dies ist wie im letzten Punkt (ganzheitliche Ursachenbekämpfung) vor allem Rhetorik. "Meine Methode funktioniert besonders gut. Also bekämpft sie die Ursachen und nicht die Symptome und kennt keine unerwünschten Nebenwirkungen". Es ist jedoch fraglich, ob ein Verfahren, das keine Nebenwirkungen kennt überhaupt wirken kann. Denn des einen unerwünschte Nebenwirkungen können des anderen erwünschte Wirkungen sein.
- Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen sind zwei Seiten einer Medaille. Da jeder Mensch unterschiedlich aufgebaut ist, kann ein Wirkstoff beim einen Menschen die erwünschte Wirkung hervorbringen, bei einem anderen aber womöglich eine allergische Reaktion hervorrufen. Dies kann sogar bei der Einnahme von Placebos (Placeboeffekt) geschehen, weshalb die Aussage, Alternativmedizin kenne keine unerwünschten Nebenwirkungen vermutlich schlicht falsch ist. Wirkt etwas, kann es auch "fehlerhaft" wirken - und wenn es sich nur um den Noceboeffekt handelt.
Alternativmedizin "wirkt übernatürlich"
- Die Trennlinie zwischen konventioneller und alternativer Medizin ist womöglich nicht immer ganz so klar, wie hier dargestellt. Es gibt Verfahren, die nicht wirklich der konventionellen Medizin entsprechen, deren Verfahren aber gleichwohl Effekte zeigen, die sich in randomisierten und kontrollierten Studien nachweisen lassen. Gleichwohl lassen sich konventionelle und Alternativmedizin klar voneinander unterscheiden, wenn man dafür das Kriterium der natürlichen Erklärbarkeit verwendet. Während die konventionelle Medizin immer davon ausgeht, dass es für eine Heilwirkung eine naturwissenschaftliche Erklärung geben muss, ist eine solche für alternativmedizinische Methoden in der Regel ausgeschlossen oder zumindest äusserst unwahrscheinlich.