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Letzte Aktualisierung 3. März 2022.
Kommentar
Niklas Luhmann postuliert in seinen Schriften einen Zusammenhang zwischen sozialen Strukturen und semantischen Strukturen. Während Erstere gegenseitige Erwartungen stabilisieren, bewahren Letztere Sinn auf oder überlassen ihn dem Vergessen. Zwar stehen semantische Strukturen und soziale Strukturen in einem co-evolutiven Verhältnis zueinander, doch festigen sich erstere erst nach einer zeitlichen Verzögerung zu letzteren: «Die Strukturbrüche», so Luhmann in «Gesellschaft der Gesellschaft», «die die Evolution neuer Formen von Systemdifferenzierung erzeugt, werden im Umbruch selbst nicht beobachtet und beschrieben, weil nicht miterfasst werden kann, wie sich das Neue unterscheidet» (2015: 539). Es ist die Aufgabe der zeitlich verzögerten Evolution einer neuen Semantik, soziale Systeme im Besonderen und Gesellschaft im Allgemeinen mit neuen Unterscheidungen zu versorgen. Gleichzeitig ermöglicht die Semantik aber auch, vorzeitig neue Unterscheidungen in Form von Ideen zu fixieren, die erst später den sich verändernden Strukturen zugeordnet werden können. Dabei spielen die durch Verbreitungsmedien bereitgestellten Gedächtniskapazitäten (Erinnern und Vergessen) eine zentrale Rolle.
Den Begriff der Semantik grenzt Luhmann – mehr oder weniger trennscharf – vom Begriff der Kultur ab. In seiner Beschreibung des Kommunikationsprozesses in «Soziale Systeme» unterscheidet er zwischen Themen und Beiträgen. Gemäss dieser Unterscheidung ordnen Themen Kommunikationszusammenhänge und Beiträge ordnen sich den jeweiligen Themen zu. Themen überdauern folglich Beiträge, weil sie verschiedene Beiträge zu einem länger dauernden, kurzfristigen oder auch langfristigen Sinnzusammenhang zusammenfassen (vgl. 2018a: 213). Etwas später im Text unterscheidet Luhmann dann zwischen Kultur und Semantik: «Wir nennen diesen Themenvorrat Kultur und, wenn er eigens für Kommunikationszwecke aufbewahrt wird, Semantik. Ernsthafte, bewahrenswerte Semantik ist mithin ein Teil der Kultur, nämlich das, was uns die Begriffs- und Ideengeschichte überliefert» (2018a: 224). Als Teilmenge der Kultur und an die Evolution sozialer Strukturen gekoppelt, orientiert sich demnach der Begriff der Semantik näher an den Veränderungen in der Begriffs- und Ideenwelt der Gesellschaft (Ideenevolution) als an ihrer allgemeinen kulturellen Entwicklung.