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… Freud hat in seinem Leben wenigstens einige Male zugehört. (nach Elias Canetti)
Oder: Für Menschen, die als einziges Werkzeug einen Hammer besitzen, wird jedes Problem zum Nagel. (Chinesisches Sprichwort)
Vor Jahren wurde ich durch den Philosophen Gianfranco Schultz (siehe dessen Einführung zu Alvin Plantinga) auf die Philosophische Praxis (Angebot im Raum Zürich) aufmerksam gemacht. Der philosophische Praktiker Gerd Achterbach(* 1947) definiert sie folgendermassen (Hervorhebungen von mir):
Philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zur Psychotherapie. Sie ist eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben „nicht zurechtkommen” oder meinen, sie seien irgendwie „steckengeblieben”; die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber „unterfordert” fühlen – weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht.
In der Philosophischen Praxis melden sich Menschen, denen es nicht genügt, nur zu leben oder bloß so durchzukommen, die sich vielmehr Rechenschaft zu geben suchen über ihr Leben und sich Klarheit zu verschaffen hoffen über dessen Kontur, sein Woher, Worin, Wohin. Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken.
Dabei ist es nahezu nie die Kantische Frage „Was soll ich tun?”, die sie bewegt, häufig hingegen die Frage Montaignes – und die lautet: „Was tue ich eigentlich?”
Dabei mag im Hintergrund die älteste philosophische Weisheit als Einsicht vorhanden sein, die Maxime des Sokrates nämlich, wonach nur ein geprüftes Leben lebenswert sei.
Womöglich meldet sie sich als schemenhafte Befürchtung, ein bloß so hingelebtes Leben sei im emphatischen Sinne ein „nicht wirklich gelebtes” Leben, ein „vertanes”, irgendwie „verpasstes”, zerstreutes, um sich selbst gebrachtes Leben.
Ich sehe mein eigenes berufliches Wirken auf dieser Linie. In einem Vortrag (2005) stellt Achterbach die philosophische Praxis der Psychoanalyse Freuds gegenüber.
(Minute 23-24) Nach dem Philosophen Hegel geht es darum, sich aus der Sicht eines anderen zu sehen, gewissermassen sich als gesehen zu sehen, sich als gedacht zu denken, sich als gemeint zu meinen. Die Psychotherapie hingegen «zoomt» auf die einzelne Person und deren Innenleben mittels einer mehr oder minder festgelegten Theorie. Der philosophische Praktiker stellt die übergeordnete Frage: Worauf kommt es an? Am Beispiel der Paartherapie: Gelebt laufen viele Therapien auf die Trennung heraus. Weshalb ist dies so? Inwiefern spielt der Therapeut da mit hinein? Weshalb scheinen therapeutische Settings darauf angelegt zu sein? Nach dem Philosophen Hegel geht es darum, sich aus der Sicht eines anderen zu sehen, gewissermassen sich als gesehen zu sehen, sich als gedacht zu denken, sich als gemeint zu meinen.
(dazu passend, Minute 48) Die Psychoanalyse arbeitet retrospektiv das durch, was in früheren Phasen nicht bewältigt werden konnte. Eines kann sie jedoch nicht: Sie kann nicht entscheiden, ob jemand gut daran tut, einem Patienten eine solche Leistung abzuverlangen. Am Beispiel einer aktuellen Untersuchung der FAZ zu den inhaltlichen Schwerpunkten von Erziehungszeitschriften: Es ging darum, wie man beim Brüten des Nests es schafft, möglichst viele Pausen vom Brüten zu bekommen – konkret: Wie kann ich mein Kind parkieren, wenn ich in London shoppen gehe?
(Minuten 30-35) Wer mit vorgefertigten Theorien eine Person «analysiert», verlässt den Rahmen der Begegnung und wird vorfinden, wonach er gesucht hat. Am Beispiel von Freuds Analyse seines 18-monatigen Enkels Ernest (in Jenseits des Lustprinzips): Er interpretierte die Reaktion auf die Trennung von der Mutter – mit Geräuschen Klötzchen zu werfen – als lustvollen Racheakt. Frage: Bestätigt der Einzelfall die Theorie oder muss sie gar eine geltungssüchtige Theorie (und deren Begründer) bestätigen? Umgekehrt: Die Angemessenheit eines Einzelfalls kann eine Theorie erschüttern bzw. ihn zensieren. Freud war als Forscher hingegen auf wissenschaftsförmige Theoriebildung aus. Diese sollten spätere Analytiker mit deren Patienten anleiten. Resultate, die aus der Praxis einiger gewonnen wurden, sollten für die Praxis anderer verwendet werden. Die Erwartungsgewissheit selektiert Erfahrung.