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| Cölestinus I., Papa 422-432 - Briefe

Briefe
9. Brief des Bischof Cyrillus für Posfibonius über Nestorius an den Papst v. J. 430
IX. Brief oder Commonitorium des heiligsten Bischofs Cyrillus für Possidonius, als dieser von ihm nach Rom wegen der Angelegenheit des Nestorius gesandt wurde.1
1. Der Glaube oder vielmehr die Ketzerei des Nestorius hat folgenden Inhalt: Er sagt, daß Gott, der Logos, weil er voraus wußte, daß der aus der heiligen Jungfrau Geborene heilig und groß sein wird, ihn deßhalb erwählte und machte, daß er ohne einen Mann aus der Jungfrau geboren wurde; er begnadigte ihn aber so, daß er ihm seine eigenen Namen mittheilte, und erweckte ihn (von den Todten). Wenn man daher auch sagt, der eingeborene (Sohn) Gottes, derLogos, ist Mensch geworden, so sagt man deßhalb, er sei Mensch geworden, weil er immer mit dem heiligen aus der Jungfrau geborenen Menschen war. Sowie er aber mit den Propheten war, so, sagt er, war er auch mit diesem, nur [S. 415] einer größeren Verbindung.2 Deßhalb meidet er es auch überall, den Ausdruck Vereinigung 3 zu gebrauchen, sondern er sagt: Verbindung, ähnlich der Gemeinschaft mit Einem, der ausser uns ist, 4 wie Gott zu Josua sagte: 5 „Wie ich mit Moses war, so werde ich auch mit dir sein."
2. Deßhalb sagt er auch nicht, daß er wahrer Gott ist, sondern daß er aus Gottes Wohlgefallen so genannt worden sei; und wenn er auch Herr genannt worden, so will er auch ebenfalls, daß er insoferne Herr sei, als ihm Gott, der Logos, die Auszeichnung dieser Benennung mitgetheilt hat.
3. Auch sagt er nicht, wie wir, daß der Sohn Gottes für uns gestorben und auferstanden ist, sondern der Mensch ist gestorben, und der Mensch ist auferstanden, und Nichts von diesem betrifft den Logos Gottes.
4. Denn auch wir bekennen allerdings, daß der Logos Gottes unsterblich und das Leben ist, aber wir glauben (auch), daß er Mensch wurde, d. h. daß er das Fleisch mit einer vernünftigen Seele mit sich vereinigt habe und am Fleische litt nach der (hl.) Schrift; und da nun sein Leib gelitten, so sagt man, daß e r gelitten habe, wenngleich er seiner Natur nach leidensunfähig war; und nachdem sein Leib auserstanden ist, denn „sein Fleisch sah nicht die Verwesung",6 sagt man, daß er selbst für die Todten auferstanden ist. Jener aber glaubt Dieß nicht, sondern sagt, daß das Leiden den Menschen angieng und auch die Auferstehung den Menschen, [S. 416] und daß, was in den Geheimnissen7 dargestellt wird, Leib eines Menschen sei. Wir hingegen glauben, daß das Fleisch des Logos deßhalb die Kraft habe, lebendig zu machen, weil es das Fleisch und Blut des Alles lebendig machenden Logos wurde.
5. Da Jener diese Lehre nicht ertrug, stiftete er den Cälestius an, eine Klageschrift gegen den Priester Philippus8 einzugeben, welcher ihn zurechtwies und mit ihm wegen der Häresie keine Gemeinschaft mehr haben wollte; in dieser Klageschrift aber lautete eine Beschuldigung dahin, daß er ein Manichäer 9 sei. Er10 citirte hernach den Menschen vor die Versammlung. Jener erschien auch den Canones gemäß und war bereit sich zu vertheidigen. Cälestius aber, da er Nichts beweisen konnte, machte sich unsichtbar und kam nicht zur Versammlung.
6. Da er diese Gelegenheit nicht erfassen konnte, suchte er eine andere. Er sagte nemlich: Warum veranstaltetest du eine Nebenversammlung 11 und bereitetest auch zu Hause das Opfer? Und obgleich fast der ganze Klerus sagte: Das thut ein Jeder von uns, wenn Zeit und Noth es erfordert, so sprach er dennoch das Urtheil der Absetzung gegen den Mann aus.
Sieh, du erhältst (auch) die Aufsätze,12 welche die Artikel der Gotteslästerungen des Nestorius enthalten. [S. 417]
1: Coustant p. 1093, Mansi IV. p. 547, deutsch bei Fuchs a. a. O. S. 516.
2: Κατὰ μείζονα συνάφειαν
3: Das orthodoxe ἕνωσις, unitio, entgegengesetzt dem nestorianischen συνάφεια, conjunctio, welch‘ letzterem von ihnen noch abschwächende Zusätze (quasi, quaedam conjunctio) beigegeben wurden.
4: Συνάφειαν, ὥσπερ ἐστὶν ὃς ἔξωθεν
5: Jos. 1, 5.
6: Ps. 15, 10.
7: Im hl. Meßopfer und Abendmahle.
8: Dieser Philippus war nach Socrates VII. 26.27.29. ein Lebensgefährte des hl. Chrysostomus, wurde hernach in der Vorstadt Aelia von Constantinopel Priester und war schon zweimal, bei Sisinnius und Nestorius, nahe daran, Bischof von Constantinopel zu werden.
9: Die Pelagianer pflegten insgesammt die Katholiken Manichaer zu schelten, als ob sie wie diese den freien Willen des Menschen in Abrede stellten.
10: Nestorius.
11: Παρασύναζειν; vgl. das in n. 3 des vorhergehenden Briefes Gesagte.
12: Die τόμους, von denen er am Schlüsse seines Schreiben redete.