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Brotbaum in neuer Blüte: Rückkehr der Kastanie
Kastanienbäume wurden früher in Hainen, in sogenannten Selven, kultiviert. Viele verschwanden im 20. Jahrhundert – bis in den 1990er-Jahren Projekte für ihre Wiederbelebung lanciert wurden. 30 Jahre später ist nun eine Dokumentation erschienen.
Quelle: Claudia Fäh
Kastanie im Hochsommer. Geerntet werden die Früchte von Mitte September bis Mitte November.
Stachelige Früchte und gezackte Blätter prägen das Bild. Am Rande des Dorfes Lodano im Maggiatal stehen stattliche Bäume in einem schön gepflegten Hain, in denen sie viel Platz und Licht haben und nicht von anderen Gewächsen bedrängt werden. Der Blick vom Kastanienhain auf die andere Talseite offenbart dicht begrünte Hügel.
Das war nicht immer so, denn im 19. Jahrhundert wurden viele Hänge im Maggiatal und im ganzen Tessin kahl geschlagen von Holzbaronen. Das goldene Zeitalter des Raubbaus dauerte von zirka 1830 bis 1860. Die Kehrseite der Medaille von Profitgier und Abholzungswut zeigten sich bald mit katastrophalen Folgen: 55 Menschen im Tessin starben allein im Jahr 1868, als gewaltige Unwetter, Überflutungen, Erdrutsche und flächenhafte Erosionen niedergingen.
Die drastischen Auswirkungen der Abholzung, die neben vielen Menschenleben auch hohe Kosten verursachten, bewirkten allmählich ein Umdenken, und es wurden Vorschriften von der öffentlichen Hand erlassen, die erosionsanfälligen Hügel wieder zu bewalden.
Heute gehört das Tessin mit einer Waldfläche von rund150’000 Hektaren, was rund 52 Prozent der gesamten Kantonsfläche entspricht, zu den waldreichsten Kantonen der Schweiz. Und der Wald, in dem auch wilde Kastanien stehen, wächst weiter.
Quelle: Marco Moretti
Verwilderte Kastanie im gemischten Wald.
Belüsciòra, Lüina, Torción
Zur selben Zeit, also im 19. Jahrhundert, verschwanden auch immer mehr Kastanienhaine, da der Anbau von Mais und Kartoffeln die traditionelle Baumfrucht als Grundnahrungsmittel verdrängte. Unzählige Bäume wurden in dieser Zeit geschlagen und dienten als Brennholz oder wurden in Holzkohle verwandelt. Um das Jahr 1750 gab es rund 10’000 Hektar Kastanienselven in der Südschweiz, heute sind es gerade mal 450 Hektar – und dies nach 30 Jahren aktiver Anstrengung zur Wiederbelebung von Kastanienhainen.
Die bewirtschafteten Kastanienselven sind nicht nur eine touristische Attraktion, sondern auch Habitate für verschiedene Tiere - und natürlich ein fast verloren gegangenes Kulturgut der südlichen Alpenregion.
Wie wichtig die Bäume einst waren, belegt die Tatsache, dass Kastanienbäume früher sogar als Mitgift mitgegeben wurden, wenn eine Frau heiratete. Weil jede Familie ihre eigenen Haine pflegte und die Bäume oftmals auch nach eigenen Methoden veredelte, gibt es eine enorme Vielfalt von Baumsorten. Über 100 davon sind im Buch aufgeführt und heissen unter anderen Boniröö, Belüsciòra, Tiradéla, Torción bianc oder Lüina.
Quelle: zvg
Der Kastanienhain in Arosio war das erste Projekt der Wiederherstellung 1991.
Lebensretter in der Not
Die Nutzpflanze wurde sehr vielseitig genutzt und war für die arme Bevölkerung der Südalpen oftmals ein Lebensretter in kargen Zeiten. Das Holz wurde zum Heizen genutzt, die Früchte meistens zu Mehl verarbeitet, indem man die Kastanien röstete, trocknete und anschliessend mahlte. Die Basis verwendete man dann zum Backen von Brot oder zur Herstellung anderer Nahrungsmittel.
Getrocknet wurden die Kastanien nach der Ernte im Herbst in Dörrhäusern, sogenannten Grà. Im Erdgeschoss wurde drei bis vier Wochen lang ein Feuer gemacht, das die Früchte im oberen Stock auf einem Rost trocknete. Dieses Verfahren wandten Generationen über Jahrhunderte an, die ihr Wissen weitergaben.
Heute werden Kastanien nur noch zu informativen und touristischen Zwecken in den drei grösseren Anlagen in Vezio, in Moghegno und in Cabbio auf traditionelle Art gedörrt.
Quelle: zvg
Verwahrloste Selve vor der Wiederherstellung.
Neue Produkte
Die Edelkastanie, die vor 2000 Jahren mit den Römern in unsere Gefilde gelangte, erlebt derzeit eine regelrechte Renaissance als Nutzpflanze. Einerseits dank ihrer wertvollen Nährstoffe und andererseits wegen eines neu erwachten Interesses für alte regionale Kulturpflanzen und Lebensmittel. Die Vielfalt von Kastanienprodukten ist gross und in den letzten Jahren noch gewachsen, weil findige regionale Hersteller Neues ausprobieren.
So sind neben Marronikuchen oder Kastanienhonig mittlerweile auch Kastanienbier, Kastaniensuppe oder Kastanienparfait erhältlich. Es sind Spezialitäten, die man immer mehr auf den Speisekarten in Tessiner Grotti findet. Zum Beispiel im Hotel Il Castagno im Malcantone, das ganz im Zeichen der Kastanie steht. Und das ganz in der Nähe der ersten Kastanienselve liegt, die verwildert war und ab 1991 wiederbelebt wurde.
Hier in Arosio wurde der Baumbestand zunächst von der Überwucherung befreit, einzelne Bäume zum Teil radikal zurückgeschnitten und schliesslich von Bauern gepflegt, was im Buch detailliert beschrieben und bebildert wird. So entstanden in verschiedenen Regionen über die Jahrzehnte wieder 450 Hektar Kastanienhaine, 100 davon in Graubünden, der Rest im Tessin. Fachleute schätzen die Fläche für potenziell wiederherstellbare Kastanienselven auf rund 2500 Hektar.
Die 30-jährige Aufbauarbeit in den Kantonen Graubünden und Tessin war also erst der Anfang, denn der Feldzug der legendären Kultbaums aus den südlichen Alpen ist noch lange nicht abgeschlossen.
Kastanienselven: die Dokumentation
Die Dokumentation «Le Selve castanili della Svizzera italiana» umfasst 249 Seiten und wurde im Oktober 2021 herausgegeben. Sie kann bei der Società ticinese di scienze naturali (STSN) bestellt werden (in italienischer Sprache). Hinter der Dokumentation stecken drei Herausgeber: Die naturwissenschaftliche Gesellschaft des Kantons Tessin (STSN), das Museo cantonale di storia naturale (MCSN) sowie die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).
Letztere überwacht und erforscht Wald, Landschaft, Biodiversität, Naturgefahren sowie Schnee und Eis. Sie trug die Daten für diese Publikation zusammen. Weiter hat sie eine koordinierende Funktion mit der Informationsplattform waldwissen.net. Im Rahmen der Initiative «Netzwerk Wissenstransfer Wald Schweiz» fördert das Bundesamt für Umwelt (BAFU) mit waldwissen.net den Austausch von Fach- und Erfahrungswissen. Die Plattform wurde in den Jahren 2002 bis 2004 im Rahmen des WSL-Forschungsprogramms «Zukunftsfähige Waldnutzung» entwickelt.
Hauptakteure der Wiederbelegungsaktion sind aber die beiden Kantone Tessin und Graubünden, die in den 1990er-Jahren die ersten Projekte zur Wiederherstellung von Kastanienselven begannen. Neben kantonalen und kommunalen Forstämtern, Ämtern für Natur und Landschaft, dem Fonds Landschaft Schweiz FSL, einer vom Bund gegründete Institution, sind aber auch Verbände oder andere private Initiativen aktiv im Bereich Erhaltung der Kastanienkultur, hauptsächlich im Tessin. So widmet sich die Associazione dei Castanicoltori della Svizzera italiana (castanicoltori.ch) seit 1999 diesem Thema und richtet sich vor allem an Produzenten von Kastanienprodukten und Betreiber von Kastanienselven.
Letztere spricht auch der Verband der Waldeigentümer, WaldSchweiz, mit relevanten Informationen zum Thema Kastanien an. Daneben gibt es zahlreiche touristische Projekte wie Kastenienlehrpfade oder Themenwege. Im unteren Bergell zwischen Soglio, Bondo und Castasegna, wo einer der grössten bewirtschafteten Kastanienwälder Europas liegt, findet zwischen dem 1. und 23. Oktober das Festival della Castagna statt mit einem Markt mit Kastanienprodukten sowie Führungen, Degustationen, Vorträge sowie Lesungen. (ka)
Nachgefragt… bei Marco Moretti
Quelle: Pino Covino
Marco Moretti ist Biologe und forscht seit Jahrzehnten im Bereich Biodiversität und Naturschutzbiologie. Für dieses Gebiet ist er heute als Senior Scientist tätig für die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL.
Marco Moretti, Sie sind Hauptautor der Dokumentation «Le selve castanili della Svizzera italiana» und ein Kenner der Kastanie. Wie kam das?
Auf der einen Seite habe ich während 10 Jahren für das WSL im Tessin gearbeitet und mich bereits für meine Doktorarbeit intensiv mit Kastanienwäldern, nicht nur explizit mit Selven, auseinandergesetzt. Darin ging es um Waldbrände und deren Einflüsse auf die Kastanienbäume. Auf der anderen Seite führten die Kantone Tessin und Graubünden in den 1990er-Jahren Studien zu Kastanienhainen durch mit dem Ziel, diese wiederherzustellen. In diesem Zusammenhang habe ich die Bedeutung der Renaturierung hinsichtlich biologischer Vielfalt von Vögeln, Fledermäusen und Insekten bewertet. Diese Studien bildeten die Basis für diese Dokumentation. Sie ist das Resultat von 30 Jahren Forschung.
Die Idee mit einer umfassenden Dokumentation stammt von Ihnen?
Genau, ich konnte zusammen mit meinen Kollegen und Mitautor Marco Conedera und Giorgio Moretti beide Kantone für die Idee einer Publikation gewinnen.
Ich war erstaunt, wie viele Kastanienbaumsorten es gibt. Ging es Ihnen auch so?
Einerseits ja, es sind immerhin etwa 100 verschiedene Sorten bekannt. Andererseits ist das gar nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die südalpine Bevölkerung während Jahrhunderten fast ausschliesslich von der Kastanie gelebt hat. In Familienbetrieben bauten die Menschen Sorten an, die es ihnen ermöglichten, ihren Nahrungsmittelbedarf fast das ganze Jahr über zu decken. Früher hatte im Tessin praktisch jede Familie ihre eigenen Bäume und diese gepflegt und veredelt.
Zu welcher Sorte gehört die Marroni, die Edelkastanie, die wir im Winter über dem Feuer geröstet essen?
Die Sorte ist eigentlich die Marroni selber. Es hat verschiedene Untersorten von Marroni, jede mit ihren eigenen Merkmalen und Ernährungseigenschaften, die in verschiedenen Regionen vom Piemont gepflegt werden. Sie wurde vor hunderten von Jahren von Mönchen gezüchtet und gepflegt – aber nicht wie in den Südalpen als Grundnahrungsmittel, sondern als Delikatesse für Privilegierte.
Welche Arten der Kultivierung gibt es?
Es gibt Kastanienhaine zur Vermehrung von Früchten, die mit den gewünschten Sorten veredelt und regelmässig bewirtschaftet werden. Und es gibt die sogenannten Niederwälder für die Holznutzung für Pfähle und Brennholz.
Kann die Kastanie nicht einfach wild wachsen?
Kastanienbäume brauchen Pflege, sonst sterben sie. Sie müssen geschnitten, von Farnen befreit und dürfen nicht von Pionierbäumen wie Birken oder Pappeln verdrängt werden. Zur Kultivierung werden gerne Ziegen oder Hochlandrinder gehalten, die die Haine abgrasen und so von beispielsweise Unkraut befreien.
Fanden sich genügend Bauern, die die restaurierten Selven bewirtschaften wollten?
Ja, denn für die Bauern ist dies interessant, weil Kastanienhaine nicht als Wald gelten und die Bewirtschaftung vom Bund subventioniert wird.
Es wurden Dutzende von verwilderten Selven restauriert. Wie wurde das konkret gemacht?
Wenn eine Kastanienselve wiederbelebt werden soll, braucht es am Anfang radikale Eingriffe: Das Zurückschneiden der Bäume und Lichten der Haine. Danach ist eine kontinuierliche Pflege notwendig. Die meisten Haine haben sich nach rund drei bis fünf Jahren erholt.
Die sogenannten Veteranenbäume sind Jahrhunderte alt. Welches sind die ältesten, die Sie bei Ihren Studien gefunden haben?
Generell ist es schwierig, das Alter von Kastanienbäumen zu bestimmen, denn der Zustand der Bäume hängt sehr stark von den Lebensbedingungen ab, also wie stark sie von anderen Bäumen um Licht und Nahrungsstoffe im Boden konkurrieren. Aber wir konnten beispielsweise bei den Jahresringen eines alten Exemplars feststellen, dass der Baum zu der Zeit entstand, als Christoph Kolumbus zum zweiten Mal nach Amerika segelte, vor zirka 600 Jahren. Stellen Sie sich mal vor, welches Weltgeschehen dieser Baum überdauert hat!
Sie waren für die Studien im Bereich Biodiversität und Naturschutzbiologie zuständig. Welche Auswirkungen haben die Kastanienselven auf die gesamte Biodiversität?
In einem verwilderten Wald hat die Kastanie keine besondere naturschutzrelevante Funktion. Aber wenn man um die Bäume Licht und Platz schafft, sie sich also entfalten können, sind sie für die Insektenvielfalt sehr wichtig und kreieren ein richtiges Mosaik an Lebensraum mit alten Bäumen, umgeben von blumenreichen Wiesen und Weiden. Auch tote, grosse Baumstrünke bieten ein vielseitiges Habitat für Insekten, Vögel und Fledermäuse.
Welche Funktion haben Kastanienbäume in den Wäldern, die nicht von Bauern, sondern von Förstern gepflegt werden?
Oftmals sind es Wälder im Privatbesitz, die meisten sind als Kooperativen organisiert. Viele gelten als Schutzwälder gegen Erdrutsche. Wilde Kastanienbäume in Mischwäldern haben wegen des Lichtmangels keine lange Lebensdauer. Damit ändert sich die Zusammensetzung der Baumarten, die die Förster berücksichtigen und pflegen müssen, um die Schutzfunktion zu garantieren.
Gab es während Ihrer jahrzehntelangen Forschungsarbeit nie Kritik betreffend Kosten?
Nein, denn generell sind alle Menschen sehr dafür, die Kultur der Kastanie aufleben zu lassen und damit die Kastanienhaine zu renaturieren. Mit der Kastanie sind viele Emotionen verknüpft: Nostalgie für eine vergangene Zeit, die Schönheit der Bäume, die Förderung der Biodiversität, aber, dank ihrer Bewirtschaftung, auch die wichtige vorbeugende Funktion gegen Feuer. Denn Bäume in gepflegten Hainen wirken als Brandschutzbarrieren.
Welche Chancen haben Kastanienbäume im Klimawandel?
Kastanien leiden an trockenen Standorten, wie Felsen und Kuppen, und werden dort immer mehr von Eichen, die besser mit diesen Bedingungen zurecht kommen, verdrängt. Aber in Mulden, an anderen feuchteren Standorten oder in gepflegten Hainen, gedeihen sie gut.
Welche Bedrohungen gab und gibt es für die Bäume?
Der Kastanienbaum hatte oft mit Krankheiten und Schädlingen zu kämpfen, wie zum Beispiel dem Kastanienkrebs, der Tintenkrankheit und in jüngster Zeit der Gallwespe. Als die Gallwespe vor einigen Jahren von jungen Bäumen aus China importiert wurde und hierzulande viele Bäume angriff, dachten viele, dass die Kastanienbäume dies nicht überleben würden. Doch dann wurde in Italien ein Parasit gezüchtet und eingesetzt, ein Nützling, der die Gallwespe parasitiert und vernichtet hat. Ein solcher gezielter Einsatz war in der Schweiz zwar verboten, aber der Parasit fand den Weg trotzdem zu uns und zerstörte auch hier den Schädling effizient. Heute kann man sagen: Das Problem ist inzwischen gelöst und der Kastanie geht es besser den je! (ka)