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Taiwan liegt gerade mal 130 Kilometer von Chinas Küste entfernt. Millionen Chinesen besuchen die Insel jedes Jahr. Ideale Bedingungen für das Coronavirus, um sich in der «abtrünnigen Provinz», als die Peking die Insel sieht, auszubreiten. Doch Taiwan hat mit 24 Millionen Einwohnern gerade mal 306 nachgewiesene Corona-Fälle und fünf Tote. Das ist die niedrigste Infiziertenrate aller betroffenen Länder der Welt.
Wie penibel Taiwan gegen das Virus vorgeht, zeigt das Beispiel eines Rohstoffexperten, der aus den USA nach Taiwan eingereist ist. Nach seiner Ankunft wurde ihm sofort die Temperatur gemessen. Ein Spezialgefährt brachte ihn in seine Quarantäne-Wohnung, wo er zwei Wochen bleiben musste. Die Gesundheitsbehörde überwachte sein mit GPS ausgestattetes Telefon. Hätte er kein entsprechendes Gerät gehabt, hätte ihm Taiwan eines ausgeliehen. Das Telefon musste er immer bei sich tragen, die Behörde rief mehrmals täglich an. Hätte das Telefon die Wohnung verlassen, wäre das von den Behörden automatisch registriert worden. Dann hätte dem Amerikaner eine Busse von 10000 Dollar gedroht.
Das Beispiel zeigt nur einen Bruchteil der 124 Massnahmen, die die Regierung getroffen hat. Massgeblich beteiligt war Taiwans Vize-Präsident Chen Chien-jen, ein Epidemiologe. 2004 hat Taiwan ein Nationales Gesundheits-Kommandozentrum geschaffen, das in Krisensituationen sämtliche Massnahmen koordiniert. 30000 Personen wurden auf das Virus getestet. Die Armee produziert massenweise Schutzmasken, Quartierverantwortliche versorgen jene in Quarantäne mit Lebensmitteln und durch die Verknüpfung von Gesundheits- und Bewegungsdaten jedes Bürgers wird genauestens kontrolliert, wo sich Risikopersonen aufhalten. Das Verbreiten von Falschmeldungen steht unter Strafe.
Taiwans Experten dürfen nicht einmal mitdiskutieren
Das Tragische am Fall Taiwan: Der Inselstaat kann seine Erfahrung im Umgang mit der Pandemie nur begrenzt mit der Welt teilen. Auf Druck von Peking ist Taiwan nach wie vor nicht der Weltgesundheitsbehörde WHO angeschlossen. Taiwanische Experten dürfen nicht an WHO-Veranstaltungen teilnehmen. Als Bruce Aylward, einer der stellvertretenden Generaldirektoren der WHO, am Wochenende von einer Reporterin gefragt wurde, ob er etwas zu Taiwan sagen könne, tat Aylward so, als habe er die Frage nicht verstanden und beendete das Interview.
China will verhindern, dass die Regierung der Insel internationale Legitimität erhält. Die WHO spielt das Spiel mit. Die Organisation ist angewiesen auf die Daten aus China – und der WHO-Chef Tedros Ghebreyesus war früher mal Aussenminister von Äthiopien, das vom Riesenreich grosszügige Finanzhilfe erhält, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg festhält.
Beobachter fordern angesichts von Taiwans Expertise im Umgang mit dem Virus jetzt aber ein sofortiges Umdenken der WHO. Das Aussperren von Taiwan koste Menschenleben, schrieb jüngst Dänemarks Ex-Regierungschef Anders Fogh Rasmussen in einem Beitrag für das «Time Magazine». «Wir brauchen Taiwan am Tisch. Wir müssen China sagen: Es gibt Raum, um über geopolitische Probleme zu diskutieren, aber nicht in der WHO.» Die Reaktion der WHO blieb bislang aus.