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Auf den ersten Blick sind sie oft charmant, doch um ihre Ziele zu erreichen, handeln sie skrupellos. Manchmal gehen sie sogar buchstäblich über Leichen: Psychopathen. Menschen, die an dieser schweren Persönlichkeitsstörung leiden, kennen kein Gefühl von Schuld oder Reue und es fehlt ihnen an Empathie – was sich etwa daran zeigt, dass sie seltener vom Gähnen anderer angesteckt werden.
Sie sind das ideale Personal für die Rolle des Bösewichts in einem Thriller. Gern stellt man sich einen Psychopathen wie die Hollywood-Figur Hannibal Lecter aus dem Film «The Silence of the Lambs» vor – eiskalt, hochintelligent, manipulativ und völlig skrupellos. Doch Psychopathen sind weder notgedrungen kriminell noch stets besonders intelligent. Es kann sein, dass sie eher Karriere als Bankdirektor machen statt als Bankräuber.
Nicht alle Psychopathen sind also Gewalttäter, und umgekehrt sind auch nicht alle Gewalttäter Psychopathen. Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare, bekannt durch seine wegweisende Checkliste zur Psychopathie, schätzt den Anteil der Psychopathen an der erwachsenen männlichen Bevölkerung auf 1 Prozent, unter Top-Managern sogar auf fast 5 Prozent. Von den wegen schwerer Gewalttaten im Gefängnis sitzenden Kriminellen weisen rund 20 bis 30 Prozent psychopathische Tendenzen auf.
Allerdings ist der Begriff «Psychopathie» vorbelastet, da er früher als Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Verhaltensstörungen verwendet wurde. Heute versteht man darunter eine schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung, die mit dem Fehlen von Empathie und sozialer Verantwortung einhergeht.
Neurologen versuchen schon seit Jahrzehnten, der Psychopathie im Gehirn auf die Spur zu kommen. Wenn Wissenschaftler versuchen, komplexe menschliche Verhaltensformen auf eine physische Grundlage zurückzuführen und im Gehirn zu verorten, ist freilich Vorsicht angebracht. So kam im 19. Jahrhundert beispielsweise die Phrenologie in Mode, die davon ausging, dass bestimmte geistige Eigenschaften in bestimmten Hirnarealen angesiedelt seien und deshalb ein Zusammenhang zwischen Schädelform und Charakter bestehe.
Der italienische Arzt Cesare Lombroso (1835 – 1909), der die forensische Phrenologie begründete, glaubte anhand dieser Pseudowissenschaft, man könne den «geborenen Verbrecher» erkennen. Sein Werk steht daher in einer fragwürdigen kriminologischen Tradition, in der Verdächtigungen und Vorverurteilungen aufgrund von biologischen Merkmalen vorgenommen wurden. Sie gipfelte schliesslich in eugenischen Massnahmen wie Zwangssterilisierungen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem – aber nicht nur – von den Nazis vorgenommen wurden. Und die aus der Phrenologie hervorgegangene Kraniometrie (Schädelvermessung) avancierte geradezu zur Paradedisziplin von Rassisten.
Heutige Wissenschaftler verfügen indes über feinere Instrumente – etwa Positronen-Emissionstomographen – und sind zudem methodologisch besser aufgestellt, da sie die Notwendigkeit kennen, bei ihren Experimenten auch Kontrollgruppen zu untersuchen. So weiss man heute bedeutend besser als zu Lombrosos Zeiten, welche Vorgänge im Gehirn mit aggressivem Verhalten zu tun haben.
Beim Menschen wie bei allen Säugetieren liegen die neuronalen Netze, die mit Emotionen zu tun haben und aggressives Verhalten auslösen können, im limbischen System, das jedoch stets mit anderen Hirnarealen zusammenarbeitet. Besonders drei Strukturen in dieser Region sind entscheidend beteiligt, wenn es zu aggressivem Verhalten kommt:
Diese Strukturen sind direkt mit dem präfrontalen Cortex (PFC) verbunden, mit dem sie sich in einem steten Austausch befinden. Diese hochentwickelte Instanz im vorderen Bereich der Grosshirnrinde, die Selbstbeherrschung, Selbstreflexion, moralische Bewertungen und Taktgefühl ermöglicht, kann als Gegenspieler des limbischen Systems Emotionen dämpfen und die Folgen von Handlungen voraussehen und bewerten. Sie sorgt damit für eine situationsangemessene Handlungssteuerung.
Neurologische Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass hier – im Zusammenspiel von präfrontalem Cortex und limbischem System – der Schlüssel für abnormes gewalttätiges Verhalten liegt. Bereits 1995 durchleuchtete Adrian Raine, Neuropsychiater an der University of Southern California, die Hirne von Gewaltverbrechern mithilfe von Positronen-Emissionstomographien. Bei der Mehrzahl der 41 verurteilten Mörder, deren Hirn er scannte, zeigte der PFC auffallend wenig Aktivität – bedeutend weniger als bei Kontrollpersonen.
In einer weiteren Studie untersuchte Raine 21 Testpersonen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, die ebenfalls schwere Gewalttaten verübt hatten. Bei diesen Probanden stellte Raine ein reduziertes Volumen des PFC fest. Dieser Befund deckte sich mit Ergebnissen anderer Studien – so hatten Forscher beispielsweise feststellen können, dass Vietnamkriegsveteranen mit Schädigungen im PFC zu erhöhter Aggressivität neigten.
Allerdings zeigte sich auch, dass eine Schädigung oder unterdurchschnittliche Aktivität des PFC nur bei einem Typ von Gewalttätern vorlag – jenen, die zu explosiven, unkontrollierbaren Gewaltausbrüchen neigten. Bei jenen, die wie etwa Serienmörder ihre Taten kalt und über längere Zeit hinweg planten, schien der PFC weitgehend normal zu funktionieren. Bei ihnen, vermuten manche Wissenschaftler, funktionieren bestimmte Areale im limbischen System anders, beispielsweise die Amygdala. Empathie und Empfindungen wie Angst oder Schuld können bei ihnen daher vermindert auftreten.
Äusserlich emotionslos wirkende Psychopathen werden in ihrem Handeln aber durchaus von Gefühlen beeinflusst; sie können sie jedoch mithilfe ihres PFC unter Kontrolle halten. So gelingt es zum Beispiel Serienmördern, ihre Gelüste zurückzuhalten, bis die Gelegenheit günstig erscheint. Psychologen bezeichnen diesen Täter-Typ als «proaktiv-aggressiv» – im Gegensatz zum impulsiv-reaktiven Typ, der seine Verbrechen nicht plant, sondern in blinder Wut handelt.
Bei einigen Psychopathen, die kühl und planvoll vorgehen, ist zudem der Hippocampus in den beiden Gehirnhälften nicht gleich gross. Die Folge dieser Asymmetrie könnte sein, dass diese Personen emotionale Informationen nicht mehr korrekt verarbeiten können und grundsätzlich weniger Angst verspüren. Sie haben ausserdem Schwierigkeiten, aus negativen Erfahrungen zu lernen. Und es fällt ihnen vermutlich schwer, die Auswirkungen ihres Handelns auf andere abzuschätzen.
Ihr Verstand ist hingegen völlig in Ordnung. Und sie wissen in der Regel, was gesellschaftlich als richtig und falsch gilt. Wie es Robert Hare formuliert: «Aus der Sicht eines Psychopathen sind wir es, die eine Fehlfunktion haben. »
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