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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

5. Buch
8. Wie nun, wenn man unter Fatum nicht die Konstellation der Gestirne, sondern einen von dem Willen Gottes abhängigen Kausalzusammenhang versteht?
Dagegen werden wir uns mit denen, die unter Fatum nicht die Konstellation der Gestirne zur Zeit der Empfängnis, der Geburt oder des Anfangs eines Wesens verstehen, sondern die allem Geschehenden zugrunde liegende Verknüpfung und Reihung von Ursachen, nicht viel abzumühen und herumzustreifen haben; es wäre nur ein Wortstreit, da sie die Ordnung der Ursachen und ihre Verknüpfung auf den Willen und die Macht des höchsten Gottes zurückführen; und von ihm nimmt man ja mit Recht und durchaus der Wahrheit entsprechend an, daß er einerseits alles wisse, ehe es geschieht, und andrerseits nichts ungeordnet lasse; von ihm rührt alle Macht her, obwohl von ihm nicht das Wollen aller herrührt. Daß sie nun wirklich unter Fatum in erster Linie den Willen des höchsten Gottes verstehen, dessen Macht sich unüberwindlich über alles erstreckt, dafür hier der Beweis. Von Annäus Seneca1 , wenn ich nicht irre, rühren die Verse her:
„Führe mich, höchster Vater, des hohen Himmels Beherrscher,
Wohin immer du willst; ich folge dir, ohne zu zögern.
Schnell bin ich da; und wollte ich nicht, so folgte ich seufzend,
Litte als Böser, was ich als Guter zu tun versäumte.
Denn den Willigen führt, den Trotzigen zieht das Verhängnis“.
Er bezeichnet also offenbar im letzten Verse das als Verhängnis, was er vorher den Willen des höchsten Vaters genannt hat, und versichert, er sei bereit, ihm zu gehorchen, um als Williger geführt und nicht wider seinen Willen geschleppt zu werden, wie es heißt:
„Denn den Willigen führt, den Trotzigen zieht das Verhängnis“.
Diese Anschauung vertreten auch die Verse Homers2 , die nach Ciceros Übersetzung lauten:
„So ist der Menschen Sinn, je nach dem Lichte, womit denn
Jupiter selbst erleuchtet die Früchte tragende Erde“.
Es hätte zwar in dieser Frage der Ausspruch eines Dichters kein Gewicht; weil jedoch Cicero sagt, daß sich die Stoiker auf diese Verse Homers beziehen, wenn sie die Macht des Fatums dartun wollen, so handelt es sich bei unserem Zitat nicht um die Meinung des Dichters, sondern um die Meinung dieser Philosophen; aus diesen Versen, die sie bei ihren Erörterungen über das Fatum heranziehen, geht nämlich ganz klar hervor, was sie als Fatum betrachten und daß sie darunter Jupiter verstehen, den sie für den höchsten Gott halten; von ihm also, sagen sie, hängt die Verknüpfung der Schicksale ab.
1: Ep. 107, 11 [aus Kleanthes].
2: Od. 18, 136 f.