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Das Schlechte an diesem Buch: Man muss mal wieder erkennen, dass man als Nichtbrite minderbemittelt ist, wenn es um Pop geht. Das Gute: Man kapiert England durch Pulp – und Pulp durch England.
Owen Hatherley ist in seiner Heimat bekannt geworden mit dem Buch «A Guide to the New Ruins of Great Britain». Um neue und alte Ruinen der britischen Klassengesellschaft (physische wie psychische) geht es auch in «These Glory Days». «Uncommon», der Originaltitel, wäre passender: Schliesslich geht es im Buch um «Common People» und Pulp – und nicht um «Morning Glory» und Oasis.
Hatherley, Jahrgang 1981, ist drei Jahre jünger als die Band um Jarvis Cocker, die 1978 von Teenagern in der nordenglischen (Ex-)Stahlstadt Sheffield gegründet wurde. Dazwischen, im Mai 1979, übernahm Margaret Thatcher die Macht in Britannia. Neue Klassenhierarchien, Zerstörung des Wohlfahrtssystems, Zerschlagung der Gewerkschaften, Abschaffung von Gesellschaft: Das sind denn auch Themen, die in Hatherleys Buch verhandelt werden.
Kunstschulen und Pop
«There is no such thing as society» lautete das Mantra des Thatcherismus: Sein Glück möge gefälligst jede und jeder selbst schmieden. Einen Weg ins Glück und in die Charts boten damals in England die in vielen Popsongs besungenen Art Schools. Die staatlich finanzierten Kunstschulen in Grossbritannien waren damals geradezu Brutstätten der Popkunst; Leute wie Pete Townshend (The Who), Brian Eno und Bryan Ferry (Roxy Music) konnten hier ohne grösseren ökonomischen Druck experimentieren.
«Musizierende Arbeiterkinder sind eine verschwindende Minderheit», schrieb Robert Rotifer unlängst zum 50-Jahr-Bühnenjubiläum der Rolling Stones – und bündelt ziemlich exakt Hatherleys Thesen: «In Zeiten des geschrumpften und immer brotloser werdenden Musikgeschäfts bleibt die Popstar-Perspektive finanziell vorversorgten Ex-Privatschülern wie Mumford & Sons, Lily Allen, Laura Marling, Florence Welch oder Coldplay vorbehalten. Im Oktober 2010 waren bereits 60 Prozent der britischen Charts-Positionen von musizierenden Ex-Privatschülern besetzt.»
Jetzt wissen wir, warum die englische Popmusik heute so trostlos ist. In den achtziger Jahren hingegen lebte auch Jarvis Cocker hauptsächlich noch von staatlichen Hilfen. Gerade deshalb seien Pulp so grossartig geworden, schreibt Hatherley, «weil die nach heutigen Standards grosszügigen Zuwendungen des Staates vielen Bands den Freiraum verschafften, nicht nur zu experimentieren, sondern sogar scheisse sein zu können, Fehler machen zu können und aus ihnen zu lernen».
Eine untergegangene Epoche
Das Grossartige an Pulp erschliesst sich in Hatherley Essays. Ihre Popsongs erzählen Sozialgeschichte – am überzeugendsten dort, wo sie Klassenfragen mit Sexfragen verknüpfen, gerne auch mit Architektur. Sie berichten aus einer untergegangenen Epoche, «als es noch möglich war, eine Sozialwohnung zu bekommen, obwohl man noch Arme und Beine hatte».
Schliesslich rechnet Hatherley auch mit Britpop ab, dem Propagandavehikel von Tony Blairs Cool Britannia. Da kommt Jarvis Cocker allerdings eine Spur zu gut weg. Hatherley lobt zu Recht den Pulp-Song «Cocaine Socialism» als gelungene Attacke gegen New Labour – eine Boshaftigkeit, die angetriggert wurde von den ersten Amtshandlungen der neuen Regierung und ihrem unverzüglichen Angriff auf die Schwachen: «Die allgemeine, kostenlose höhere Bildung wurde abgeschafft, Bezüge Alleinerziehender und das Invaliditätsgeld wurden gekürzt.» Dass Jarvis Cocker wie die Gallagher-Brüder von Oasis und Blurs Damon Albarn anfangs zu Blairs Unterstützern gehörte, verschweigt der Autor. Trotzdem: ein klasse Buch.
Owen Hatherley: These Glory Days. Ein Essay über Pulp und Jarvis Cocker. Edition Tiamat. Berlin 2012. 168 Seiten. Fr. 23.40
Pulp: Different Class + This is Hardcore. (1995/1998)
Pulp: Party Clowns. Live in London 1991