Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03366.jsonl.gz/2712

Als ich zum ersten Mal an einer Poetry-Night war, hatte ich Gänsehaut. Eine Situation wie diese hatte ich noch nie erlebt. Es war Samstagabend, wir sassen im Wohnzimmer der Gastgeberinnen in Brooklyn, das etwas geräumiger als üblich war und das sich direkt mit der eher kleinen Küche verband. Auf der Anrichte und dem wackligen Campingtisch standen unzähligen Rotweinflaschen. Das Motto des Abends lautete «Wine & Poetry» und jeder musste eine Flasche mitbringen. Alle möglichen Sitzgelegenheiten im Raum waren in Beschlag genommen worden; wir sassen auf dem Sofa, seinen Armlehnen, den Sesseln, den Stühlen und den Klappstühlen, wir lehnten halb stehend an der Fensterbank und hatten uns auf dem Boden ausgebreitet, sodass man aufpassen musste, wohin man seinen Fuss setzte, wenn man nach vorne kam, um in den kleinen Kreis vor dem leeren Kamin zu treten, um vorzulesen.
Das Lesen des jeweiligen Poets lief jedes Mal ähnlich ab. Er oder sie stieg vorsichtig in den Kreis, schaute sich kurz um und schickte ein paar einleitende Worte voraus. Die meisten brachten einen Scherz, um die Anspannung ein wenig zu lösen, wir – das Publikum – lachten ein wenig freigiebiger als nötig, den meisten stand diesen Abend die Prozedur schliesslich auch noch bevor. Dann hoben sie ihr Telefon, an dem sie sich bisher festgehalten hatten und verfielen in einen kurzen Moment der Stille, der sich über den ganzen Raum und alle zusammengepferchten Zuhörer darin ausbreitete. Unsere Blicke lagen auf ihnen, oder auf dem Dielenboden, oder auf unseren Händen, oder auf dem Glas Rotwein darin, aber eigentlich starrten wir alle ins Leere und warteten. Dann nahm er oder sie einen tiefen Atemzug und begann zu lesen.
Ich hatte fast jedes Mal Gänsehaut. Im Nachhinein betrachtet hatte das sicher auch mit dem vielen Rotwein zu tun…ich meine, eine Flasche pro Person? In der Situation selbst kam mir alles sehr feierlich vor. Die schummrige Beleuchtung, die vielen Gesichter, die sich alle auf diese eine Person im Raum konzentrierten, die im Widerschein ihres Telefons fast unmerklich von einem Bein auf das andere trat, während sie die Zeilen vorlas, die sie zu Poesie erkoren hatte. Die Selbstverständlichkeit des ganzen Abends war faszinierend. Vor allem, wenn man aus einer Welt kommt, in der sich selbst ausgebildete Schreiber mit der Aussage schwertun, dass sie schreiben. An diesem Abend waren alle Writer und nicht verlegen, ihre Ergüsse zu teilen.
Letzten Samstag fand ich mich erneut auf einem Poetry-Event wieder, das so ziemlich das Gegenteil von all dem war. Im Rahmen der artsnext Veranstaltungen, die es sich zum Ziel gemacht hatte, einen Abend lang die verschiedensten Disziplinen aufeinanderprallen zu lassen, gab es auch einen Poetry-Slam Teil. «Kann man so oder so sehen» hiess das Programm von Lisa Christ und Gästen, die zur ausgestellten Kunst texteten.
Wir standen in der ausufernden Weite der Zürcher Kunsthalle, in der die aktuelle Ausstellung von Ida Ekblad gezeigt wird. Obwohl eine ansehnliche Zahl Zuhörer zusammengekommen war, verlor sich das Grüppchen im hell erleuchteten White Cube. Die Poetry-Slammer traten zwischen einem grossformatigen Gemälde und zwei Oktopus-Bänken auf, um die herum sich das Publikum gehortet hatte, und wenn sie sprachen, hallte es wie in einer Kirche. Keine Extra-Sternchen für Atmosphäre also und ich hatte bei diesem Mal auch keine Gänsehaut. Doch der entscheidendste Unterschied lag in dem, was wir zu hören bekamen: gute Texte. Die drei Poetry Slammer an diesem Abend waren stilistisch sehr unterschiedlich und bewegten sich teils im Bereich Kabarett oder Stand-Up Comedy, teils in eher klassisch lyrischen Gefilden, doch ihre Arbeiten waren von durchdachter Struktur, wohlgewählten Worten und einer konkreten Geschichte bestimmt, die sie erzählten.
Damals in Brooklyn erkannte ich es am Abend selbst nicht, aber eigentlich waren alle vorgetragenen Texte Feststellungen von völlig banalen Ereignissen. Solche Dinge, denen man ironisch applaudieren möchte und die Person auf-die-Schulter-klopfend beglückwünschen, dass sie Gefühle hat. Oder Augen im Kopf. Und es sogar geschafft hat, einen ganzen Satz mit den Eindrücken zu bilden. Du bist traurig, dass du sitzengelassen worden bist? Du bist verwirrt, weil du auch nach 5 Jahren in der grossartigen neuen Stadt noch nicht zum grossartigen neuen Menschen geworden bist, den du in dir siehst? Dich macht irgendein kleiner Scheiss glücklich und du bist dankbar dafür, dass es kleinen Scheiss auf dieser Welt gibt? Ganz toll, aber warum genau erzählst du das?
Sharing is caring – really?
Die Sharing-Kultur der digitalen Welt hat die Pforten zu undenkbar sinnfreiem Content geöffnet, der non-stop von privaten und öffentlichen Profilen, Blogs und Websites auf die Server dieser Welt flutet. Die Mediensysteme haben sich inzwischen angeglichen, die Mechanismen der Like-Share-Logik adaptiert und die Grenzen zwischen den verschiedenen Content-Quellen verwischen lassen. Es ist schon Jahre her, als in der deutschen Tagesschau ein Twitter-Beitrag zitiert wurde – und ich erinnere mich noch heute daran, wie irritierend mir dieser Moment vorkam. Kann es sein, dass wir Millennials und Digital Natives uns in so kurzer Zeit der Aufmerksamkeitskonjunktur durch stetiges Sharing von was-auch-immer angepasst haben?
Nun will ich sicher nicht behaupten, dass die Erfahrungen und Traumata, die an diesem Abend ihren Weg in unsere rotweintrunkene Halböffentlichkeit gefunden haben, sinnfreier Content sind. Ganz im Gegenteil, die Fähigkeit zu fühlen, sich selbst genug zu spüren, um die feinen Nuancen der eigenen Reaktionen wahrzunehmen und einzuordnen, ist eine grundlegende Voraussetzung für inneren Wachstum. Schön, dass die Zeiten einer verqueren Betäubungsästhetik und des zerstörte Drogenchic einer troubled youth weitestgehend vorbei sind!
Doch was mich so an der Wine & Poetry Night gestört hat, ist das bedingungslose Entblössen, das im reinen Akt der Präsentation schon abgeschlossen ist. Das Sharing ohne Caring. Es fand keinerlei Reflexion oder Weiterverwertung der geteilten Gedanken statt, denn es war ja nicht so, dass man weiter über die Beiträge der Einzelnen geredet hätte. Niemand kam in einen wirklichen Austausch, denn alle warteten nur auf seinen Moment des Soul-Strips und machte den Abend zu einem rotweintrunkenen Soul-Exhibitionismus. Wann ist aus der Sharing-Kultur ein blosses Oversharing geworden?
Emotionale Entblössungen wären auch nicht weiter tragisch (ausser man hat eine leichte Emotio-Unverträglichkeit – feel ya!), würden aber in diesem Fall besser in eine Selbsthilfesitzung oder Gruppengesprächstherapie passen, als auf eine Poetry Night. Denn das Setting bedingt die literarische Form – es steht sogar im Namen, meine Güte – wie frei man seine Art von Dichtkunst auch immer auslegen möchte. Wie viele andere Kunstgattungen hat sich auch die Lyrik von ihren strengen formalen Korsetts der Vergangenheit gelöst und ein Gedicht kann auch dann eines sein, dass sich nicht wie ein Kinderlied reimt. Doch letztendlich liegt der Zweck von Lyrik auch ein bisschen in sich selbst – im kunstvollen Verpacken von Gefühlen und Erfahrungen, das dann hoffentlich bei Lesern und Zuhörern wiederum etwas auslöst. Von der Intensität der Erzählungen anderer mitgerissen zu werden mag sich zwar ähnlich anfühlen, ist aber schlichtweg ein anderes Kaliber – und ich bin froh, dass die Poetry Slammer in der schrecklichen Akustik letzten Samstag mich daran erinnert haben.
Am 4. Juli findet die nächste Ausgabe des Poetry Slams im Zürcher Zoo statt. Dort messen sich vier Slampoeten mit Texten zu einem selbst ausgewählten Tier, vor dessen Gehege sie dann performen. Begleitet wird die Truppe durch eine Zooführerin, die während des Rundgangs biologische Fakten zu den Tieren vermittelt. Am Ende der Führung bestimmt das Publikum den Sieger des Abends.
Coverfoto: amuze.ch