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Aktualisiert: 5. Aug.
(Artikel aus der "Luzerner Zeitung" vom 21. Juli 2023 von Andreas Faessler)
Praxedis gehört zu den seltenen weiblichen Vornamen im deutschsprachigen Raum. Am häufigsten ist er noch bei Klos- terfrauen anzutreffen, welche sich beim Eintritt in die Gemeinschaft ihren Ordensnamen aussuchen können. Hinter diesem sehr alten Vornamen steht – wie so oft – eine Figur aus dem Kreise christlicher Heiliger. Der Name ist abgeleitet vom altgriechischen «praxis» und kann mit Tun oder Handeln übersetzt werden. Praxedis war der Name einer legendären römischen Senatorentochter im ersten Jahrhundert nach Christus. Der Vater, Senator Pudens, soll den Apostel Petrus in seinem Haus empfangen haben, wo dieser von Praxedis und ihren Geschwistern – die Schwester Pudentiana sowie die Halbbrüder Novatus und Timo- theus – umsorgt worden ist.
Praxedis und Pudentiana haben sich der Überlieferung zufolge für Arme und Kranke sowie verfolgte Christen in Rom eingesetzt. Insbesondere haben sie sich um eine würdige Beisetzung hingerichteter Märtyrer gekümmert. Mit Schwämmen sollen sie das vergossene Blut der Getöteten eingesammelt und ihre sterblichen Überreste bestattet haben. Die Heilige soll Stifterin einer Kirche in Rom gewesen sein, welche in etwa da erbaut worden war, wo seit dem Frühmittelalter die ihr geweihte und für ihre Mosaike bekannte Titelkirche Santa Prassede steht. Die Praxedis-Verehrung war im 17. Jahrhundert vor allem bei den Jesuiten populär, ist heute ausserhalb Roms jedoch kaum mehr existent. Kirchlicher, nicht-gebotener Gedenktag ist der 21. Juli.
Eine gewisse Bekanntheit jedoch fällt der legendären römischen Jungfrau dank eines Ge- mäldes zu, das Jan Vermeer van Delft (1632–1675), dem «Star» unter den holländischen Barockmalern, zugeschrieben wird. Von ihm gelten weniger als 40 Werke gesichert. Zu den bekanntesten gehören «Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge», die «Dienstmagd mit Milchkrug», «Der Astronom» oder «Die Malkunst». Das Interessante am Praxedis-Gemälde: Die mutmassliche Vermeer-Version ist die Kopie einer Praxedis-Darstellung des toskanischen Malers Felice Ficherelli (1605–1660). Als im Jahre 1969 eine vermeintlich weitere Version dieses Ficherelli-Gemäldes als Leihgabe ins Metropolitan Museum of Art in New York gelangte, als Teil einer thematischen Ausstellung über die Florentiner Ba- rockmalerei, wurde darauf von Restauratoren eher zufällig eine Signatur entdeckt, die Ver- meer zugeschrieben werden konnte. Eine kleine Sensation.
Fachleute – wenn auch nicht alle – waren sich weitgehend einig, dass es sich um die authentische Signatur des Holländers handelt. Vermeer muss von der Bildkomposition der Ficherelli-Praxedis ergriffen gewesen sein, zumal die mutmassliche Vermeer-Version von 1655 just in der Zeit entstanden ist, als der protestantisch erzogene Holländer zum Katholizismus konvertiert war. Vermeer fühlte sich mit dem Jesuitenorden fest verbunden – seinen jüngsten Sohn taufte er Ignatius. Möglicherweise trug die jesuitische Praxedis-Verehrung dazumal zur Faszination Vermeers für die Ficherelli-Darstellung bei.
Das Jan Vermeer zugeschriebe- ne Gemälde der heiligen Praxedis ist 2014 bei Christie’s in London für knapp 8 Millionen Euro versteigert worden. Es befindet sich heute in Privatbesitz, ist jedoch als Dauerleihgabe im Tokioter Nationalmuseum für westliche Kunst der Öffentlichkeit zugänglich. Die Bedeutung der heiligen Praxedis ist für die Vermeer-Forschung insofern gross, als es sich um eines der frühesten datierten Werke des Meisters handeln würde und somit auf die persönliche Glaubenssuche des noch jungen, frisch konvertierten und sich für die italienische Kunst interessierenden Vermeer hinweisen kann.
Die knapp 102 mal 83 Zentimeter grosse Darstellung zeigt die Heilige in einem roten Gewand, kniend mit innig-frommer Haltung. Ein Kruzifix zwischen den Händen fixierend (welches bei Ficherelli fehlt), wringt sie einen blutgetränkten Schwamm über einer Schale aus. Links hinter Praxedis liegt der Leichnam des soeben enthaupteten Christen, aus dessen Hals noch immer frisches Blut strömt.
Bildnisse und Figuren der heiligen Praxedis sind selten. Erwähnung verdient eine figurale Darstellung von Praxedis und ihrer Schwester Pudentiana über einem der Bögen im Hauptschiff der Basilika Santa Maria del Popolo in Rom. Das Statuenduo ist ein Gemein- schaftswerk der italienischen Bildhauer Lazzaro Morelli und Paolo Naldini. Als Kirchenpat- ronin trifft man Praxedis bei der erwähnten Basilika in Rom an und ferner bei der ehemali- gen Augustinerkirche im Umbrischen Todi.