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«Sh’khol» bezeichnet im Hebräischen Eltern, die ihr Kind verloren haben. In kaum einer anderen Sprache gibt es dafür einen Begriff, vielleicht, weil die Erfahrung so schmerzlich ist, dass sie sich einfach nicht fassen lässt. Für die vom ehemaligen «mare»-Verleger Nikolaus Hansen herausgegebene «Edition Kattegat» bei Dörlemann hat Colum McCann eine Erzählung geschrieben, die dieses Unvorstellbare einzufangen versucht.
Sie handelt vom dreizehnjährigen gehörlosen Tomas, der unter dem Weihnachtsbaum einen Neoprenanzug findet und es kaum erwarten kann, damit in den irischen Atlantik zu steigen. Rebekka, seine Adoptivmutter, hat ihm das Schwimmen beigebracht. Als sie am folgenden Morgen erwacht, ist Tomas verschwunden. Das Warten und Suchen beginnt.
Und auch die Schuldgefühle rücken ihr auf den Leib: «Was hast du ihm geschenkt? Einen Nassanzug? Aber warum, um Gottes Willen?», nimmt sie im Kopf die Vorwürfe ihres Exmanns vorweg, der später eintrifft, mit hoch sitzender Krawatte und Bügelfalten in den Hosen, «als hätte er sich in die dritte Person gekleidet». Rebekka weiss, dass etwas vorbei, zu Ende ist, obwohl sie den Ursprung dieses Gefühls nicht zu benennen vermag.
Die Polizei registriert «eine Frau und einen Jungen, allein in einem Haus an der Westküste. Leere Weinflaschen.» Im Badezimmer Pillenschachteln. In einer glasklaren Sprache mit Bildern wie von der gälischen Sonne erleuchtet gelingt es McCann, Rebekkas Zustand einzufangen, der von Ungläubigkeit über Auflehnung bis zu Verzweiflung reicht. Sie antizipiert sich als Hinterbliebene, für die es keinen Namen gibt, weil man Mutter immer bleibt.
Schon diese nur sechzig Seiten umfassende Geschichte lohnt es, sich auf das blaue Meeresabenteuer im Hosentaschenformat einzulassen. Sie wird abgerundet mit Berichten über die «Spaziergänge mit Colum», die der Herausgeber im Lauf der Zeit mit dem Autor unternahm und die meist nicht an der See absolviert wurden, und einen Eindruck vermitteln von der Empathiefähigkeit dieses aussergewöhnlichen Autors.