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Berge in West-Grönland
VON ROBERT GRÉLOZ, GENÈVE
Mit 8 Bildern ( 52-59 ) und I Karte Ein bedeutendes Bergmassiv erstreckt sich nordöstlich der grönländischen Siedlung Sukkertoppen. Es breitet sich auf den beiden Ufern des Evighedsfjords ( Fjord de l' Eternité ) und des Fjords von Ikamiut aus und bedeckt ein Gebiet, welches ausgedehnter ist als das Mont Blanc-Massiv. Es wird Sukkertoppen-Gebirge genannt.
Dieses Massiv war 1958 fast nicht erforscht. Es ist mit einer grossen Zahl schneebedeckter Bergspitzen und Grattürmen besetzt, deren Höhe oft kaum 2000 Meter übersteigt. Nur der Mont Atter ( 2190 m ), welcher nördlich des Evighedsfjords liegt, ist 1956 von einer englischen Expedition unter Leitung von M. W.F. Holland erstiegen worden.
Das Sukkertoppen-Gebirge bot daher der französisch-schweizerischen Expedition 1958 ein prächtiges Forschungsfeld. Diese Expedition, bestehend aus Roger Bretton, René Dittert, Robert Gréloz, Victor Lasserre und Rodolphe Tissières, war erfolgreich und durch einen ausnahmsweise schönen August begünstigt.
Von einem ersten Basislager aus, auf dem linken Ufer des Ikamiutfjords, auf der Höhe des Taserssuaq, nahmen die Alpinisten zuerst die Aiguille du Lac, dann die Aiguille du Fou ( 1580 m ), den Quingataqaqaï ( 1190 m ) und die Aiguille d' Ikamiut ( 1299 m ) in Angriff.
Von einem zweiten Basislager aus, auf dem linken Ufer des Evighedsfjords, in der Bucht von Kangiussaq, konnten die Expeditionsteilnehmer den Mont Kangiussaq ( 2140 m ), die Aiguille Rose ( 1780 m ), die Aiguille Blanche ( 1908 m ), die Cime du Sangmissoq ( 2060 m ), die Pointe de l' Eternité ( 1980 m ) und die Pointe du Torrent ( 1240 m ) beteigen.
Aiguille du Lac ( 1730 in ) 5. August 1958 Sehr früh schon, kurz nach 5 Uhr, brechen wir zum P. 1730 auf, welchen wir später Aiguille du Lac nennen, weil sein Nordhang in den Taserssuaq ( See auf + 30 m Höhe ) abfällt.
Um die Westwand des Berges anzugreifen, müssen wir eine breite, sumpfige Vegetationszone überschreiten.
Vom Fusse der Wand an finden wir Bedingungen wie bei uns, das heisst: Grasbänder, Felsaufschwünge, dann nur noch Felsen. Diese ersten Schritte im Gebirge sind angenehm: wegen der frühen Morgenstunde sind die Mücken noch nicht zu lästig. Wir gewinnen rasch an Höhe.
Nach einem kurzen Aufstieg in steilen Grashängen folgen wir dem äussersten Rand der Wand auf einer Art Felsrippe. Diese besteht aus grossen Blöcken und ist leicht zu erklettern. Wir halten uns noch mehr nach rechts, überwinden eine Zone grosser, stark gerippter Platten, wo unsere Gummisohlen ausgezeichnet haften. Wir erreichen dann eine Schulter, welche unsere Besteigung in Frage zu stellen droht. Ein eindrückliches Felscouloir, welches auf den Gletscher ausmündet, der die Aiguille du Lac von der Pointe Centrale ( P. 1755 m ) trennt, überragt uns.
Der Höhenmesser zeigt 1050 Meter an, und wir benötigten etwas weniger als drei Stunden bis hieher.
Im ersten Augenblick haben wir den Eindruck, in eine Sackgasse geraten zu sein, und schon macht mir Dittert Vorwürfe, den Aufstieg nicht weiter links verfolgt zu haben. Bei genauerer Prüfung der vorliegenden Möglichkeiten bemerken wir jedoch ein Felsband, welches die senkrechte Stelle, die das Couloir überragt, umgeht. Wenn dieses Band begehbar wäre, so könnte es uns auf die obere Partie des Westhanges über dem Couloir führen. Eine rasche Erkundung zeigt uns, dass das Felsband die folgerichtige Fortsetzung unserer Route ist; es erweist sich ausserdem als sehr interessant. Man gelangt nach einem Abstieg von etwa zehn Metern in ein senkrechtes Kamin, und dieses bietet uns, ungefähr auf einer Länge von sechzig Metern, heikle und interessante Stellen über dem bodenlosen Abgrund des Couloirs.
Wieder in die obere Partie der Wand gekommen, turnen wir von neuem über grosse Blöcke; dann wird die Felswand weniger ausgeprägt und läuft in einen Grat aus, welcher auf einem Gletschersattel endet. Um auf diesen zu gelangen, sind zwei Seillängen heikler Kletterei nötig.
Wir sind nun im hellen Sonnenschein; es ist warm, und wir sind glücklich, dass wir uns an einem grossen Wasserbecken erfrischen können, auf dem Eisschollen schwimmen Dank mitgenommenen Limonadepäckchen können wir uns ein angenehmes Getränk bereiten.
Die letzte Partie der Besteigung besteht aus einer Eiswand, welche in der Vertikalen durch einen Felsgrat unterteilt ist. Wir wenden uns diesem zu und steigen bis zum Firstgrat. Die Kletterei ist hier verhältnismässig leicht; nur ein paar Stellen mit Platten, welche mit feinem Geröll bedeckt sind, verlangen einige Vorsicht.
Der schnee- und eisbedeckte Gipfelgrat ist von feiner Schönheit; wir besteigen ihn mit wahrer Freude, denn die Aussicht auf beide Seiten ist interessant. Anderseits sehen wir endlich das Ziel unserer Anstrengungen, nachdem wir schon seit acht Stunden unterwegs sind.
Mit richtigem Behagen geniessen wir die verhältnismässig angenehmen, verschneiten Gipfelfelsen. Wenn auch jeder scherzend seine Bemerkungen über unsere erste grönländische Eroberung macht, so hat es uns doch beeindruckt zu sehen, dass nun ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen ist.
Glück strahlt aus unsern Gesichtern, denn alles trägt dazu bei, uns diesen köstlichen Augenblick der Entspannung von den Anstrengungen in vollen Zügen geniessen zu lassen: die klare Luft, die strahlende Sonne und die Aussicht, welche uns eine erstaunliche Landschaft mit den langen, blauen Einschnitten der Fjorde zeigt, in denen sich Berge und Gletscher spiegeln. Wir sind fast ein wenig erstaunt, eine so reiche Fülle von Felsspitzen und Eis zu entdecken. Welche Entschädigung für die Beharrlichkeit, mit welcher wir unsere Expedition zur Ausführung brachten! Wir bleiben etwa eine Stunde auf dem Gipfel der Aiguille du Lac - eine der kürzesten Stunden unseres Daseins, so stark sind unsere Gedanken von dem Neuen und der überraschenden Grösse dieses Massivs in Anspruch genommen.
Die Rückkehr bringt nichts Besonderes. Der Abstieg über die Platten in der oberen Partie verlangt einige Vorsicht, denn unter der Wärme des Nachmittags rieselt Wasser darüber.
Auf dem Schneesattel zeigt uns Tissières seine « grosse Nummer »: er entledigt sich seiner Kleider und taucht in das Wasserbecken, in welchem die Temperatur annähernd derjenigen des Eises gleichkommt.
Die Querung des Felsbandes bewältigen wir gut; allerdings verdoppeln wir noch die Vorsicht, denn die Müdigkeit macht sich bei mehreren unter uns bemerkbar.
Von der Schulter an steigt jeder nach seinem Tempo und seinem Temperament ab. Wir geraten in die Mückenschwärme, die uns mit hartnäckiger Giftigkeit plagen.
Wie wir nach unserer Rückkehr im Lager unsere Toilette machen, bemerken wir, dass das Wasser des Fjords nicht so kalt ist, wie wir annahmen: das Thermometer zeigt tatsächlich +11° an. Also tauchen wir alle und machen vergnügt einige Schwimmzüge.
Aiguille du Fou ( 1580 m ) 7. August 1958 Tagwache um 4.15 Uhr. Wir steigen um 5.30 Uhr in unser Aussenbordmotorboot, um in einer andern Bucht des Fjordes, am Fuss der Westwand des P. 1580, welchen wir künftig Le Fou nennen, an Land zu gehen. Bretton und Lasserre, welche vorziehen, an diesem Tag auszuruhen, lassen wir zurück.
Nach kurzer Kletterei in der Vegetationszone ziehen wir uns mit gutem Erfolg auf die Felsplatten der Wand hinauf. Gute Bänder zwischen einigen aufeinanderfolgenden Grataufschwüngen drängen uns über einem engen eingekesselten Couloir, welches in Richtung des Firstgrates ansteigt, nach links ab.
Eine interessante Kletterei im Abstieg der abschüssigen Wand entlang, welche das Couloir beherrscht, öffnet uns den Zugang zu letzterem. Der Hintergrund des Couloirs ist mit weichem Schnee gefüllt; wir gewinnen rasch wieder an Höhe, die wir beim Abstieg an der linksufrigen Küste verloren haben.
Wir könnten vielleicht vollständig im Couloir aufsteigen, aber seine Enge zwischen zwei Felswänden könnte gefährlich werden; auch ziehen wir es vor, dem möglichen Steinschlag zu entgehen, und weichen nach links aus. Bis jetzt hat sich unsere Tätigkeit unter einem beharrlichen Nebel abgespielt; aber nach der Uberquerung eines bedeutenden Schneefeldes, in welchem wir eine gute Spur treten und das zu einer bequemen Zuflucht in der Felswand führt, löst er sich auf.
Diese geräumige Plattform ladet zu einer Pause ein, wenn diese auch nur dazu dient, die Steigeisen abzunehmen. Wir benützen dabei selbstverständlich die Gelegenheit, uns zu stärken und zu erfrischen, denn ein dünner Wasserstrahl ist in greifbarer Nähe und muss zum Füllen unserer Feldflaschen verwendet werden. Es ist sehr interessant, von unserem Aussichtspunkt aus die Bewegungen des Nebels zu beobachten, welcher sich allmählich über dem Fjord auflöst. Obwohl noch im Schatten der Wand, ahnen wir die Sonne, welche uns auf dem Grat erwarten wird, denn die Berge des rechten Fjordufers glänzen schon zwischen den Fetzen des Morgennebels. Wir geniessen es, hier zu sein, um diese neue Gegend, welche sich langsam aus dem Nebel schält, zu bewundern. Wir geniessen das grandiose Schauspiel in der Gewissheit eines langen und schönen Tages.
Die Kletterei, die auf diese Pause folgt, ist bequem: bis zum Grat gibt es nur Platten, grosse Blöcke und leichte Risse. Der Gang über den Grat ist anziehender: die Kletterei spielt sich zuerst auf dem ziemlich breiten Rücken, dann auf seinem ganz von der Sonne beschienenen Osthang ab. Der Fels ist solid, immer der gleiche rauhe Granit, welcher uns die Haut an den Händen abreibt.
Dem Grat folgend, kommen wir zum ersten Gipfel, auf welchem wir keinen Halt machen; denn seine Höhe ist deutlich geringer als die der zwei andern, welche sich in einiger Entfernung erheben.
Von diesem ersten Gipfel setzen wir den Gang über den Firstgrat fort, aber auf seinem westlichen Hang, welcher vollständig vereist ist. Es ist, kurz gesagt, das Ende des Hängegletschers der Westwand des Berges. Dieser kurze und angenehme Gang führt uns an den Fuss der Felsen des zweiten Gipfels. Wir klettern durch ein ausgesprochen steiles Kamin dort hinauf. Es ist nach Mittag, als wir alle drei auf diesem zentralen Gipfel eintreffen. Obwohl der Höhenmesser 1605 Meter anzeigt, müssen wir feststellen, dass der folgende Gipfel, in mindestens achtzig Metern Entfernung, noch höher ist. Seine schlanke Gestalt gibt ihm das Aussehen einer richtigen Felsnadel und kennzeichnet ihn auch als den Gipfel dieses Massivs. Die Kühnheit seiner Silhouette und die Steilheit seiner Südwand, in welcher wir eine Route finden müssen, lassen uns einen Augenblick am Enderfolg zweifeln.
Wir können jedoch nicht darauf verzichten, einen Versuch zu machen. Am Fuss des Endauf-baues des zweiten Gipfels umgehen wir diesen nach Norden, und unter dem Schutz einer soliden Sicherung schlage ich Stufen in die sehr steile Eiswand, welche zum kleinen Schneesattel führt, der die beiden Spitzen trennt. Ein unabsehbares Felscouloir zieht sich von diesem Sattel auf dem Südhang ( fast 1000 Meter Höhenunterschied !) hinab. Wir weichen nach links aus bis zu einem Felsband am Fuss einer grossen Platte. Dort entledigen wir uns unserer überflüssigen Ausrüstung; denn wenn wir schon an unserem Erfolg zweifeln, so wollen wir doch alle Vorteile auf unserer Seite haben.
Nach Überwindung der grossen Platte sind wir am Fuss einer Reihe aufgerichteter Spalten, welche uns ganz besonders an diejenige nder Aiguille du Fou von Chamonix erinnern. Diese Spalten, welche sehr schwer zu überwinden sind, verlangen von uns grosse Anstrengung. Das Ende der letzten ist so zähe, dass sie selbst unseren Leader René Dittert zurückweist. Er sieht sich veranlasst, etwas abzusteigen, um in einer sehr heiklen Stellung eine Platte auf der linken Seite zu traversieren.
Diese Aufeinanderfolge von Spalten endet an einem beträchtlich aufwärtsgehenden Band, welches von grossen Blöcken gebildet wird, die den Gipfelaufbau umgeben. Das Band führt uns dann auf dem Nordhang an den Fuss einer letzten Platte ohne die geringsten Rillen und Vorsprünge. Auch hier die gleiche Ähnlichkeit mit der Schlusskletterei an der Aiguille du Fou von Chamonix.
Wir zögern nicht: ich drücke mich an die Platte, Dittert steigt auf meine Schultern, und nach einigem Zögern, welches meinerseits ein leises Murren über den Zustand meiner Schultern zur Folge hat, gelingt es ihm, mit seiner gewohnten Gewandtheit die Rauheit des Granites auszunützen und sich auf den Gipfel hinaufzuziehen. Er hilft uns dann, ihn mit Hilfe eines sogleich plazierten fixen Seiles zu erreichen. Es ist ein wirklicher Erfolg, und wir verbergen unsere Freude nicht. Wir wägen ab, vergleichen die Übergänge, welche wir erstiegen haben, und stellen fest, dass uns eine sehr schöne Besteigung geglückt ist, eine, welche für immer in der Erinnerung der « Grönländer », die wir seit einigen Tagen sind, bleiben wird.
Obwohl die kotierte Höhe 1580 Meter beträgt, schlägt der Höhenmesser auf 1630 Meter aus. Es ist 13.30 Uhr.
Wir befestigen einen Haken und einen Seilring, und mit Hilfe einer Abseilung gewinnen wir das schraubenförmige Felsband. Die Spalten werden immer mit Hilfe des doppelten Seiles übergangen. Dann sind wir wieder am Fuss der grossen Platte und entschliessen uns, den Südhang hinabzusteigen, wobei wir das grosse Felscouloir benützen.
Dieser Abstieg wird ein richtiger Leidensweg, denn der Hang ist sehr steil, und die meisten Blöcke sind unstabil. Wir werden jeden Augenblick in neue, oft kritische Situationen versetzt und stürzen mehrere Male mit Felstrümmern, welche unter unsern Füssen nachgeben. Es ist ausserdem sehr heiss in diesem schlecht durchlüfteten Couloir, und wir haben den Eindruck, uns in einem Brutofen abzuquälen: - « Es ist höllisch! » schreit Dittert.
Dieses lange und unangenehme Couloir, welches wir nach meiner Ansicht zu rasch absteigen, endet in einem engen, wilden Tal, dessen Sohle mit grossen Blöcken und Schneeresten übersät ist und zum Fjord führt.
Weil nicht davon die Rede war, dass uns unsere zwei Kameraden an der Landungsstelle vom Morgen erwarten sollten, müssen wir zu Fuss dem sumpfigen Ufer des Fjords entlang gehen, wo wir manchmal bis über die Knöchel im Schlamm einsinken.
Zeiten: Lager am Ikamiutfjord 5.50 Uhr Aiguille du Fou13.30 Uhr Rückkehr ins Lager 18.50 Uhr Quingataqaqai ( P. 1190 m ) 10. August 1958 Als ich um 3.30 Uhr die Nase aus meinem Zelt strecke, stelle ich noch Nebel fest und lege mich schimpfend wieder nieder.
Um 8 Uhr sind die Aussichten besser. Der Nebel, welcher unterhalb des Fjords zerreisst, ist ein günstiges Zeichen für einen schönen Tag. Sogleich beschliessen wir, einen der Gipfel des Quingataqaqai am andern Ufer des Fjords zu besteigen.
Bretton und Lasserre kehren in die am Vortag erforschte Vallée des Fleurs zurück, um bei besserer Beleuchtung zu filmen und zu photographieren. Dittert, Tissières und ich steigen am Ufer eines Wildbaches empor, welcher auf der Nordflanke des Tälchens herunterkommt.
Auf einem oberen Plateau angelangt, gehen wir einem ersten See entlang. Sein Ufer ist noch stark eingeschneit. Weiter drüben entzückt ins ein anderer kleiner See, welcher zwischen einem Gletscher und einer Moräne zwischen grossen Blöcken eingebettet liegt. Er ist kaum aufgetaut, und die dicken Eisflächen werden unregelmässig durch schöne blaue Flecken unterbrochen: ein prächtiges Bild arktischer Landschaft.
Wie wir den Gletscher hinaufsteigen, erscheint bald P. 1290 des Quingataqaqai vor uns. Seine stolze Form und seine beiden gezackten Grate, welche sich am Himmel abzeichnen, müssen nicht lange geprüft werden. Es ist viel zu spät, um seine Besteigung für heute ernstlich in Betracht zu ziehen. Wir verzichten denn auch schnell darauf und begnügen uns mit dem P. 1190, einem leichteren, aber dafür entfernteren Gipfel.
Wir brechen zu einer langen Gletscherbegehung auf; zuerst geht es über einen aperen, sehr spaltenreichen Gletscher, welcher uns oft zwingt, lange Umgehungen vorzunehmen, dann über einen schneebedeckten Gletscher, wo die unsichtbaren heimtückischen Spalten Seilsicherung verlangen. Es ist schön und warm. Wie immer in einem solchen Fall verspüren wir grosse Lust, unseren Durst an den zahlreichen Rinnsalen zu stillen, welche auf der Oberfläche fliessen.
Ein letzter Hang in weichem Schnee führt uns zu den Felsen, welche die Gipfelkuppe des P. 1190 bilden. In leichtem Gelände nähern wir uns dem Gipfel. Der Höhenmesser zeigt eine Höhe von 1270 Metern an. Es ist 14.30 Uhr.
Vom Quingataqaqaï aus ist die Aussicht sehr schön, weitreichend und erlaubt uns zum erstenmal einen Blick in das Tal des Evighedsfjords, welcher in den nächsten Tagen das Zentrum unserer Aktivität sein wird. Die Berge, welche den Taserssuaq-See ( auf +30 Meter ) umgeben, lassen ihre Form vorteilhaft zur Geltung kommen. Wir sind sehr zufrieden, diesen umfassenden Aussichtspunkt gewählt zu haben, wo unser Freund Tissières eine reiche « Dia-Ernte » sammelt.
Bei der Rückkehr bricht eine Schneebrücke über einem Wildbach unter meinen Füssen ein, und ich entkomme mit schmerzhaften Quetschungen an einem Knie.
Wie am Vortag, haben unsere Kameraden den Fjord schon wieder überquert, als wir am Strand anlangen; aber auf unser Signal hin holen sie uns sofort ab.
Zeiten: Rechtes Ufer des Ikamiutfjords10.00 Uhr Quingataqaqaü-Gipfel ( 1190 m ) 14.30-15.15 Uhr Rechtes Ufer des Ikamiutfjords18.30 Uhr Aiguille d' Ikamiut ( 1299 m ) 11. August 1958 Die prächtige Felsnadel, welche sich auf dem rechten Ufer des Ikamiutfjords unterhalb des Puiartoq in der Gegend des Suilaersafik erhebt, sollte die letzte unserer Besteigungen in diesem Gebiet sein. Sie ist von den Steilhängen des Sukkertoppen aus auf der ganzen Länge des Fjords und von allen Bergen der Gegend aus sichtbar. Wir können sie nicht unbestiegen lassen. Sie bildet von allen Seiten aus einen ausgezeichneten Orientierungspunkt dank der Kühnheit ihrer Form, welche sie höher erscheinen lässt als 1299 Meter, wie auf der Karte angegeben.
Eine lange Meerfahrt von 5 Uhr bis 6.30 Uhr führt uns in der feuchten Morgenfrische an den Fuss der schroffen Abhänge, welche nördlich der Aiguille eine kleine Gletschermulde aufweisen.
Auf der Höhe dieser Abhänge werden wir von sehr dichtem Nebel eingehüllt, welcher die Sicht auf weniger als zwanzig Meter beschränkt. Einsetzender Regen veranlasst uns, die Regenmäntel hervorzuziehen und Zuflucht unter einem überhängenden Felsen zu suchen. Während beinahe dreiviertel Stunden bleiben wir dort und diskutieren hin und her über die Zweckmässigkeit eines eventuellen Verzichtes. Unsere Geduld wird schliesslich belohnt, denn der Nebel zerreisst plötzlich, und das Ziel unseres Strebens, die Aiguille d' Ikamiut, wie wir sie zukünftig nennen, hebt sich vom klarblauen Himmel ab.
Mit neuerwachter Energie steigen wir in raschem Tempo über die von grossen unstabilen Blöcken übersäte Moräne, welche auf den kleinen Gletscher führt.
Weil wir uns für diese Besteigung, welche wir hauptsächlich felsig wähnten, mit keinen Pickeln versehen haben, wenden wir uns einem Schneefeld zu, dem Rutschkegel eines Couloirs, welches vom Westgrat der Aiguille herunterkommt. Welch abscheulicher Aufstieg in diesem Couloir! Nichts hält, weder in den Händen noch unter den Füssen. Wir drücken unsere Unzufriedenheit in Verwünschungen aus, und jeder leistet Wunder an Gewandtheit, um keinen Stein auf den Nachfolgenden fallen zu lassen. Anderseits verlangen einige abgedachte Grataufschwünge unendliche Vorsicht, denn die Griffe sind hier ebenso unsicher wie im Couloir.
Über ein breites Band, von ebenso schlechter Qualität wie im Couloir, wenden wir uns nach rechts. Wir erreichen den Westgrat, welcher sich im untern Teil als solider, breiter Felsrücken präsentiert.
Die entmutigende Stimmung, welche im Couloir herrschte, schwindet mit den besseren Kletterbedingungen. Unser Tempo beschleunigt sich. Dittert ist körperlich und seelisch ganz besonders in Form; er zieht los, zuerst noch mit unausgeglichenem Schwung, und sorgt in der Seilschaft für eine « Bombenstimmung » und Kameradschaft. Wenn einer unter uns ein Zeichen von Ermattung zeigt, greift unser Kamerad mit einem neckischen Wort ein, und nach einem passenden Witz kann der so Aufgemunterte nur lächeln. So geht diese bemerkenswerte Besteigung weiter, welche, wenn auch unter Anstrengung, durch das immerwährende Zureden unseres Kameraden belebt wird. Seine fidelen Sprüche und Geistesblitze sind unübertrefflich.
Der Grat bietet mehrere grosse Schwierigkeiten, welche wir jedesmal umgehen, indem wir weniger schwierige Rippen benützen und sehr steile Couloirs überwinden, welche die Verzweigungen des Hauptgrates dazwischen bilden. In einem dieser Couloirs ist ein dünner Wasserstrahl willkommen, um unsern brennenden Durst zu löschen.
Auf dem Grat zwingen uns zwei grosse aufeinanderfolgende Grataufschwünge, die wir weit ausholend umgehen müssen, die Südflanke zu benützen, selbst wenn wir dadurch an Höhe verlieren. Am Fuss des letzten Aufschwunges, welcher nach unserer Vermutung zum Gipfel der Aiguille führt, entledigen sich Bretton und ich der Säcke.
Die eher « freie » Kletterei in diesem letzten Teil ist von höchster Klasse. Einige abweisende Mauern veranlassen uns, eine leichtere Route auf der rechten Seite zu suchen, und auch dort müssen wir noch Umwege machen, die uns vom Grat entfernen und zwingen, Hilfsmittel und Tatkraft anzuwenden. Bei einigen Stellen gibt es sogar kleine Schwierigkeiten: so verlangt eine schräge Verschneidung am Anfang einen geschickten Schulterstand, eine für die beiden Beteiligten sehr delikate Angelegenheit. Der letzte kommt nur mit Hilfe eines Seiles mit fixen Knoten und Aufzug durch seine Kameraden hinauf. Andere Stellen, sowohl in Spalten als auch auf Platten, geben der Kletterei besonderen Reiz.
Wir glauben immer das Ende unserer Anstrengungen vor uns zu sehen, aber es sind nur « falsche » Gipfel, welche aufeinanderfolgen. Auf dem letzten dieser Vorgipfel betrachten Bretton und Lasserre ihre Rekordleistung als erfüllt; aber sie haben nicht mit Dittert gerechnet. Dieser treibt sie mit seinem Schwung, mit Gebärden und Worten, mit soviel Überredungskunst an, dass wir endlich auf dem richtigen Gipfel dieser schönen Aiguille stehen. Es ist 14.30 Uhr, und der Höhenmesser zeigt eine Höhe von 1380 Metern an, währenddem die Karte sie mit 1299 Meter verzeichnet.
Der Abstieg erfolgt genau auf der Aufstiegsroute: wir verdoppeln die Vorsicht bei den schwierigen Übergängen. Eine erneute « Trinkpause » beim Wasserstrahl wird ebenfalls sehr begrüsst.
Der Abstieg im Couloir ist höllisch: bei unserem Durchstieg lösen sich trotz Vorsicht Steine und reissen Mengen anderer mit sich, so dass der Fall und das Zersplittern in den unteren Regionen die Luft mit dem charakteristischen Pulver- und Staubgeruch erfüllen.
Am Fuss des Couloirs angelangt, gehen Dittert und Tissières voraus, in der Absicht, das Boot so nahe als möglich in unsere Abstiegsrichtung zu bringen, um uns den unangenehmen Marsch den Fjordstrand entlang zu verkürzen.
Nach einer klassischen Rutschpartie auf dem Schneefeld, das sich ans Couloir anschliesst, steigen wir auf der Moräne des kleinen Gletschers hinab. Wir springen von einem Block zum andern. Einer kippt unter meinem Gewicht; ich versuche auf einem dritten aufzusetzen, welcher seinerseits gleitet, und so mache ich eine meisterhafte Pirouette, bevor ich mit der Brust kräftig auf einem vorspringenden Fels aufschlage. Dieser heftige Anprall lässt mich aufschreien; Lasserre und Bretton eilen sogleich herbei. Ich bin ernsthaft geschüttelt worden, habe kalt und verspüre Brechreiz, ohne mich übergeben zu müssen. Bretton untersucht durch Abhorchen meine verletzte Brust und glaubt, dass eine Rippe gebrochen sei. Er verbindet mir den Brustkasten mit zwei elastischen Binden. Ich bin meinen zwei Kameraden grossen Dank schuldig, dass sie alles tun, um mich mit möglichst wenig Erschütterungen der Moräne entlang zu führen, deren Ende ich nicht sehe. Dann, in dem abscheulichen Auf und Ab des Strandes, lädt sich Bretton trotz seiner grossen Müdigkeit meinen Sack auf, und Lasserre fordert mich auf, mich auf ihn zu stützen, um die ein wenig gewagten Sprünge auszuführen.
Es ist 22 Uhr, als wir beim Ufer ankommen. Einmal im Boot, beginnt die lange Rückfahrt auf dem ruhigen Wasser des Fjords. Die Rückkehr erlaubt uns, innerhalb einer einzigen Stunde dem Sonnenuntergang und dem Sonnenaufgang beizuwohnen.
Im Lager müht sich Bretton weiter um mich. Nachdem wir uns mit heissen Getränken erwärmt haben, schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke.
Zeiten: Ufer des Fjords 6.30 Uhr Gipfe114.30 Uhr Ufer des Fjords 22.00 Uhr Mont Kangiussaq ( 2140 m ) 17.August 1958 Das Wetter ist unsicher, als wir morgens um 4 Uhr aufstehen. Das Barometer hat sich jedoch sehr wenig geändert, und die Temperatur beträgt +4°. Wir beschliessen, einen Versuch in Richtung P.2140 zu unternehmen.
Die morgendliche Abfahrt im Boot bei Ebbe ist immer eine unterhaltsame Angelegenheit: Das Einladen der Säcke, der Seile und Pickel auf den Boden des Kahnes und das Einsteigen des letzten von uns, welcher das Boot vom Lande abstossen muss, ohne selbst allzu nass zu werden, verursacht schwankende Bewegungen und komische « Gleichgewichtsstörungen ».
Nach zwanzig Minuten Fahrt legen wir direkt an der Moräne des Gletschers an, welcher im Hintergrund der Bucht des Kangiussaq endet.
Nach einem kurzen Anmarsch durch den Moränenschutt erreichen wir den Gletscher, welcher blankes und hartes Eis aufweist. Mit angeschnallten Steigeisen ziehen wir dem rechten Ufer entlang. Diese leichte, wenn auch für die Knöchel mühsame Strecke setzt sich bis zum Fuss eines Eissturzes fort, welcher über der Verbindung eines Nebengletschers liegt. Dieser letztere mündet in das rechte Ufer des Hauptgletschers ein.
An dieser Stelle verlassen wir den Gletscherrand, und dank einer harten Schneezunge fassen wir auf einer Felsrippe Fuss. Wir lassen die Steigeisen hier zurück; nur Lasserre und Tissières ziehen es vor, diese in ihren Säcken zu behalten, um jeder Eventualität in den oberen Regionen gewachsen zu sein.
Die Ersteigung der Felsrippe beginnt mit einem Couloir von wellig glatten, aber leichten Felsen, welche als Zugang nach rechts zu einer Schulter dienen. Von dieser leitet eine interessante Kletterei in einer aufgerichteten Wand die Aufstiegsrichtung noch mehr nach rechts, gegen den Fuss eines Couloir-Kamins.
In diesem Kamin befinden sich zahlreiche Blöcke in labilem Gleichgewicht. Um es zu überwinden, müssen wir grosse Vorsicht walten lassen; aber trotz unserer Vorsicht rollen mehrere Steine bis zum Fuss des Couloirs hinunter.
Mit einer weiteren Schulter endet das Kamin. Eine Strecke von etwa vierzig Metern in der Wand führt uns auf Grashänge und darauf mitten in grosse Blöcke. Die Verwendung des Seiles ist nicht unbedingt notwendig.
Wir steigen weiter schräg nach rechts an und überqueren einen Bach mit klarem Wasser, was uns veranlasst, die ersten Limonaden des Tages zu brauen. Der Höhenmesser zeigt 930 Meter an, und wir befinden uns in der sehr verwitterten, grossen Südwand des P.2140.
Unsere Besteigung geht weiter, wobei wir einige Zeit dem rechten Ufer des Baches entlanggehen; dann halten wir nach Westen und erreichen ein beträchtliches Schneecouloir. Es führt uns in sehr kurzer Zeit um fünfhundert Meter höher, weil der auf der Oberfläche weiche Schnee ein rasches Tempo ermöglicht.
Von der Höhe des Couloirs aus schlagen wir wieder die Richtung zum Gipfel ein, nachdem wir uns gestärkt haben. Wir wählen die in dieser breiten Felswand bestmögliche Route, wobei wir einige weniger verwitterte Rippen benützen, müssen jedoch die Felspartie unserer Route beenden und folgen dem Rand eines Couloirs mit grossen, glatten Platten. Diese sind vom Wasser abgeschliffen, welches von der beträchtlichen Gletscherhaube herunterrieselt, die den ganzen Berg krönt.
Von der Höhe der letzten Felsen aus ist es bis zum Gipfel ein Kinderspiel: es handelt sich nur noch darum, die etwa hundert Meter der Gipfelhaube im von der Sonne unangenehm aufgeweichten Schnee zurückzulegen.Es ist 13.45 Uhr, als wir auf dem höchsten Punkt ( 2140 m ), den wir in Zukunft den « Mont Kangiussaq » nennen werden, beisammen sind. Der Höhenmesser zeigt 2210 Meter an. Wir sind sehr glücklich und stolz, dass die Expedition vollzählig auf diesem Gipfel angekommen ist, auf der höchsten Erhebung, die wir in Grönland erreicht haben.
Wir gehen auf den Firstgrat hinaus und entdecken das Inlandeis, den riesenhaften Gletscher von Grönland. Er bedeckt etwa 2 Millionen Quadratkilometer mit einer mittleren Dicke von 1500 Metern Eis. Das entspricht einem Volumen von 3 Millionen Kubikkilometern. Diese enorme Eisfläche, welche sich unendlich weit fortsetzt, entspricht genau der Vorstellung, die wir uns von der grossen, weissen Wüste machten.
Wenn auch das Inlandeis eine bezaubernde Entdeckung für uns ist, so vernachlässigen wir die benachbarten Berge nicht. Im Norden grenzt eine Gruppe von Gipfeln an den Mont Atter, und gegen Süden liegt der zukünftige Schauplatz unserer Unternehmungen. In der Gruppe dieser letzteren Gipfel hat der P.2060 während des ganzen Morgens unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen: ein prächtiger, freistehender Berg mit wunderbar umrissener Silhouette. Er zeigt uns seinen vollständig vergletscherten Nordhang, welcher sich tausend Meter über einer ununterbrochenen Folge von Gletschern erhebt. Während des ganzen Aufstiegs waren wir geblendet von dieser ungeheuren und eindrücklichen Eismauer. Wir sind einstimmig der Ansicht, dass es der schönste Berg des Gebietes im Evighedsfjord ist. Seine Besteigung von Norden, ohne Zweifel sehr lang und beschwerlich, dürfte etwa dem Schwierigkeitsgrad der Nordwand der Aiguille d' Argentière entsprechen; vielleicht ist er sogar steiler.
Wir bleiben beinahe eine Stunde auf dem Gipfel. Dann steigen wir über einen sehr eindrucksvollen kurzen Schneegrat bis zu den nächsten Felsen ab. Dort bezeichnen wir unsern Durchgang mit der Errichtung eines Steinmannes.
Der Abstieg über die obere Felspartie ist unangenehm. Bretton stösst heftig an eine Felsnase und verletzt ein Knie, welches schon vorher in schlechtem Zustand war. Das ist ein grosser Nachteil für ihn; aber er setzt den Weg unentwegt fort.
Das Schneecouloir mässigt diesen unangenehmen Übergang ein wenig, und wir beenden es sogar mit einer schönen Rutschpartie.
Auf der felsigen Seite, welche dem Gletscher vorangeht, wenden wir grosse Umsicht an und gehen wegen der Steinschlaggefahr mit unendlicher Vorsicht.
Mit den Steigeisen an den Füssen ist es auf dem blanken Eis des Gletschers eine harte Prüfung für Knöchel und Knie. Aber Bretton hält sich prächtig, trotz seinem verletzten Knie, und er ist es, welcher auf der Moräne ein forsches Tempo zum Boot einschlägt. Es ist 22 Uhr, aber diese späte Stunde ist in Grönland, wo es so lange taghell ist, nicht beunruhigend.
Im Lager, bei Halbschatten, verlängern wir diesen Abend mit einer späten Mahlzeit und rufen uns nochmals die prächtigen Eindrücke dieses Tages in Erinnerung. Wir sind erstaunt, dass wir nach einer Tour von achtzehn Stunden nur geringe Müdigkeit verspüren: wir sind gut akklimatisiert und trainiert.
Erst um Mitternacht ziehen wir uns in unsere Zelte zurück, nachdem wir auf ärztlichen Rat Tabletten geschluckt haben. Die Temperatur beträgt +4°.
Zeiten: Strand6.00 Uhr Gipfe113.45 Uhr Zurück am Strand 22.00 Uhr Aiguille Rose ( 1780 m ) und Aiguille Blanche ( 1908 m ) 21. August 1958 Heute morgen um 4 Uhr, als ich einen Blick aus meinem Zelt werfe, um mich zu orientieren, wie das Wetter ist, entdecke ich zwei Füchse, welche unter dem Zeltdach der Küche streunen. Nachdem ich mich einige Augenblicke still verhalten habe und ihnen dann einen « Willkomm-gruss » zugerufen habe, fliehen sie blitzschnell.
Es regnet nicht, doch scheint das Wetter gar nicht schön zu werden, nach dem sehr grauen Himmel zu schliessen, vielmehr ein regnerischer Tag in Aussicht zu stehen.
Die Füchse haben sich nicht weit entfernt: sie kommen furchtlos bis auf einige Meter an mein Zelt heran, aber meine Stimme verscheucht sie aufs neue.
Trotz dem unfreundlichen Himmel bereiten wir uns zur Abreise vor, und um 5.30 Uhr steigen wir in unser Boot. Wir traversieren den Fjord, legen in der Gegend des linken Gletscherufers an und gehen links der schönen Aiguille Blanche entlang. Diese steht unserem Lager gegenüber und ist auf der Karte mit P. 1908 angegeben.
Um den Gletscher zu erreichen, müssen wir mit dem Pickel eine Reihe Tritte in das Eis schlagen; nach Umgehung einiger Spalten kommen wir mit Leichtigkeit vorwärts.
Der Himmel hinter uns ist immer noch sehr düster, das heisst über dem Fjord. Als Trost zerreissen die Wolken vor uns, und die Sonne scheint schon auf die oberen Schneefelder, auf welche wir zusteuern.
8 Die Alpen - 1967 - Les Alpes113 Ungefähr auf der Höhe von 1000 Metern, wo wir eine Art Zusammenfluss von Eisströmen erreichen, beschliessen wir, uns in zwei Seilschaften aufzuteilen, welche verschiedene Ziele verfolgen sollen. Lasserre und Tissières werden zur Bezwingung der Aiguille P. 1908 aufbrechen, während Bretton, Dittert und ich gegen eine etwas weiter entfernte, mit 1780 Metern kotierte Aiguille weiterziehen.
Weil das Wetter immer besser wird, vollziehen sich diese zwei Besteigungen unter prächtigen Bedingungen und hinterlassen bei jedem Teilnehmer eine glänzende Erinnerung. Es war auch ein guter Tag für das Endergebnis der Expedition; er brachte auf einen Schlag zwei Gipfel als aktiven Posten ein.
Ich beschreibe lediglich die Besteigung des P. 1780, an welcher ich teilnahm:
Vom oberen Gletscherplateau, wo sich die beiden Seilschaften getrennt haben, folgen wir den schmelzenden Schneefeldern bis zu den rosaroten Felsplatten. Diese markieren die obere Partie einer bedeutenden Felsküste. Wir gehen dann dem oberen Rand dieser Küste entlang, bis wir sie im Abstieg auf sehr guten Bändern und grossen Platten, welche vom Wasser der oberen Schneefelder berieselt werden, überwinden können.
Nach einem Höhenverlust von etwa hundert Metern fassen wir auf dem unteren, gefährlich verschrundeten Gletscher Fuss. Wir traversieren ihn, um an den Fuss der Ostwand der als Ziel gesetzten begehrten Aiguille zu kommen. Diese Ostwand des P. 1780 ist ein grosser Eishang mit einer Felspartie auf seiner Nordflanke.
Wir greifen den Eishang an und queren zur Felszone hinüber, wo uns eine breite, schwarze Doleritader1 rasch bis auf die Höhe von 1400 Metern zu steigen erlaubt. Von dort müssen wir in den Eishang zurückkommen, wo der Neuschnee unser Vorrücken beträchtlich hemmt, denn wir sinken unangenehm tief ein.
Ein kurzer Aufstieg von etwa fünfzig Metern, auf sehr gutem Fels, krönt diese Besteigung und führt uns auf den weiten und bequemen Gipfel.
Wir erkennen sogleich unsere beiden Kameraden, welche ebenfalls ihren Gipfel erreicht haben. Wir tauschen mit ihnen lautstarke Freundschaftsrufe aus.
Das prächtige Wetter, das grandiose Panorama und die Freude über den Erfolg der Besteigung veranlassen uns, dieses Ereignis lange zu geniessen.
Wir haben mit unsern Augen den Südhang des gewaltigen P. 2060 eingehend abgetastet, um eine mögliche Route zu finden, und nehmen uns vor, ihn in das Programm der nächsten Tour aufzunehmen.
Die « Gipfelfreude » auf der Aiguille Rose - wir taufen sie so ihrer Gipfelfelsen wegen, welche im Sonnenschein eine rosa Farbe annehmen - lässt uns über eine Stunde verweilen.
Beim Abstieg wollen wir eine Abkürzung vornehmen, wobei wir etwa hundert Meter an Höhe verlieren; in einem mühsamen Aufstieg auf einer Moräne mit grossen Blöcken müssen wir diese wieder einholen.
Nachdem wir wieder in unsern Spuren vom Morgen angelangt sind, ist unser heutiges Unternehmen eigentlich abgeschlossen. Da erreicht das Missgeschick noch unsern Freund Bretton. Er stolpert, landet auf dem Gletscher unten und verletzt sich dabei schmerzhaft an der Nase und im Gesicht.
Unsere beiden Kameraden sind anderthalb Stunden vor uns am Ufer des Fjords angelangt. Wir erfahren, dass sich Lasserre einen Knöchel verstaucht hat, als er in der Nähe des Gletschers im 1 Dolerit ist ein schwarzes Eruptivgestein, welches in bezug auf seine Struktur und die Art des Vorkommens zwischen dem Gabbro und dem Basalt liegt ( Larousse ).
Gras stürzte. Er gesteht uns, dass er trotz allem nicht bereue, die Tour unternommen zu haben, denn der Tag war ja so schön für ihn und uns alle.
Was die Besteigung von P. 1980 betrifft, welchen wir unter allgemeiner Zustimmung Aiguille Blanche tauften, so hatten unsere zwei Freunde vom oberen Plateau aus den breiten Nordgrat erreicht und diesen bis zum Gipfel verfolgt. Der Abstieg erfolgte ebenfalls über den Nordgrat bis zu seiner untern Partie.
Trotz unseren beiden Verletzten, deren Stimmung gar nicht gelitten hat, erfolgt eine fröhliche Rückfahrt im Boot.
Zeiten:Aiguille RoseAiguille Blanche Strand6.00 Uhr6.00 Uhr Gipfe114.00 Uhr14.00 Uhr Zurück am Strand 20.00 Uhr18.30 Uhr Cime du Sangmissoq ( 2060 m ) 23. August 1958 Wir gehen um 4 Uhr an Bord und fahren in Richtung Sangmissoq. Aber welche Überraschung! Das Wasser in der Bucht des Fjords fangt an der Oberfläche zu gefrieren an, und eine dünne Eisschicht bricht sich am Kiel unseres Bootes.
Es ist 5 Uhr, als wir unser Boot in Anbetracht des breiten Sandufers, welches dem Gletscher im Hintergrund des Sangmissoq vorgelagert ist, bei anscheinend niederem Wasserstand festmachen.
In weniger als einer Stunde Marsch erreichen wir den Gletscher, wo wir unsere Steigeisen anschnallen.
Der Gletscher ist schwach geneigt und angenehm zu begehen. Wir erreichen rasch den Fuss der Séracs, und mit Freude entdecken wir den ersten Jalon, den die « Pfadfinder » am Vortag gesetzt haben. Während des Aufstieges verbessern wir noch die Markierung, indem wir andere rote Fanions setzen, die unsern Rückweg erleichtern sollen. Dieser bedeutende Gletscherabbruch ist ein wahres Labyrinth eindrücklicher Eisbastionen, erbaut auf zerbrechlichen Fundamenten.
Nachdem die heikle Stelle der Séracs überwunden ist, nehmen wir den leichten Marsch auf dem harten, aber wenig gespaltenen Eis wieder auf.
Während unsere Route bis dahin in südwestlicher Richtung mit dem P. 2060 als Zielpunkt verlief, zweigt sie jetzt ab. Wir machen halt und stärken uns auf einer einladenden Platte des rechten Ufers, wo wir uns bequem an der Sonne einrichten.
Dann verfolgen wir unsere Route auf einem neuen Gletscherarm, welcher sich am Fuss der Süd-und Südosthänge des P. 2060 hinzieht. Der an den vorangegangenen Tagen gefallene Neuschnee hat sich noch nicht verändert: er bricht oft unter unsern Fussen ein und macht unsern Vormarsch ziemlich mühsam. Tissières jedoch, welcher die Seilschaft führt, sorgt für ein Tempo, welches kein Nachlassen erlaubt. Es herrscht eine Tropenhitze, und weil den ganzen Tag keine Wolke zu sehen ist, leiden wir bis zur Rückkehr ordentlich darunter.
Kurz entschlossen überqueren wir den Gletscher der Südostflanke des Berges. Am Ende eines Eishanges, welcher unter Tissières'Pickelschlägen rasch « instand gestellt » wird, halten wir uns in der Wand auf einem breiten Band auf, das in seinem oberen Teil stark verwittert ist. Wir kommen bald auf einen Sattel des langen Südostgrates des P. 2060. Er trennt den P. 2060 vom P. 1170, dessen Silhouette, abgesehen von den Grössenunterschieden, an diejenige des Mont Collon erinnert.
Es folgt eine weitere Verschnaufpause auf dem Sattel, von wo sich der Blick nach Osten auf das unübersehbare Gletscherplateau öffnet, das zum Inlandeis hinführt. Wir deponieren hier Proviant und Material sowie Steigeisen und Kleider.
Es handelt sich nun darum, über den langen Grat, welcher auf den Gipfel führt, aufzusteigen. Diese Besteigung stellt keine besonderen Aufgaben: Sie ist allgemein leicht, weil man alle Grataufschwünge auf guten Bändern in der Westflanke ohne Schwierigkeit umgehen kann. Die letzte Partie ist von « sehr grosser Klasse ». Kurze Übergänge in Schnee und Eis wechseln ab mit soliden Felsen über einem auf beide Seiten gähnenden, eindrücklichen Abgrund.
Es ist etwas später als 13 Uhr, als wir den aus einem geneigten Block bestehenden P. 2060 betreten, der scheinbar im Gleichgewicht auf dem Grat ruht. Wir haben etwas Mühe, uns alle vier dort zu halten.
Wir beglückwünschen einander begeistert, denn wir wissen, dass wir auf dem schönsten Gipfel der Region stehen, und sind stolz darauf.
Das ebenfalls grandiose Panorama beeindruckt uns eher weniger als an den Vortagen. Die Luft aber ist heute so klar, dass sich die Aussicht bis zum Meer erstreckt, wo wir die an der Mündung des Fjords gelegenen Inseln genau erkennen.
Der Rückweg bis auf die Gletscherebene ist verhältnismässig angenehm; aber die folgende Strecke erweist sich wegen des schmelzenden Schnees, in den wir tief einsinken, als mühsam. Weil der Neuschnee eine grosse Anzahl von Spalten verdeckt, leitet uns Tissières unter vorsichtiger Sicherung durch diese gefährliche Gletschermulde. Wir bringen auch mehrere Schneebrücken zum Einsturz, kommen aber dank unserer Vorsicht jedesmal heil davon.
Von der grossen Platte an, wo wir am Morgen eine Pause eingeschaltet haben, geht alles besser. Einmal beim ersten roten Fanion der Markierung angelangt, überwinden wir die Séracs mühelos; es fragt sich nur, ob wir beim Abstieg unsere gewagte Spur in diesem Labyrinth von zerbrechlichen Nadeln und Eisbastionen wieder leicht finden würden.
Wir verwirklichen einen unserer besten Zeitpläne und freuen uns, noch bei Tag im Lager anzukommen, wo Lasserre sicher keine Mühe gescheut haben würde, uns eine ausgezeichnete Mahlzeit zuzubereiten. Aber welches Pech erwartet uns beim Boot! Das am Morgen - bei Flutfest-gemachte Boot hat sich anderthalb Meter hoch auf grossen Blöcken festgesetzt. Wir versuchen, es wieder flottzumachen, aber das Spiel ist gefährlich, denn wir riskieren, den Rumpf oder den Motor zu beschädigen, und so bleiben wir in diesem Teil des Fjords gefangen. Die Vernunft rät uns, die nächste Flut abzuwarten.
Wir essen, was an Proviant übrig ist, und stellen nach einer Stunde fest, dass der Meeresspiegel noch weiter sinkt; erst um 21 Uhr sehen wir ihn wieder ansteigen. Oh, wie langsam doch das Wasser steigt!
Es gelingt Tissières, ein Biwakfeuer anzuzünden. Er speist es mit den raren trockenen Holzstücken, welche das Meer an den Strand spülte. Ein Seehund, welcher in der Nähe kreuzt, benimmt sich nach unserer Ansicht etwas neugierig. Er nähert sich dem Strand bis auf etwa zwanzig Meter, streckt in regelmässigen Zeitabständen seinen Kopf aus dem Wasser, und dies immer in unserer Richtung. Sicher ist es wegen Dodo, der sein tägliches Bad im eiskalten Wasser des Fjords nimmt.
Meine Kameraden strecken sich um die Feuerglut herum aus und schlummern ein, denn das Wasser steigt nur langsam, und es nachtet ein.
Um 23 Uhr, während wir einmal mehr das langsame Steigen des Wassers beobachten und uns dem Lager der Schläfer zuwenden, erscheint am Himmel ein prächtiges Nordlicht. Wir wecken sogleich Dittert und Tissières, damit sie die aussergewöhnliche Erscheinung dieses gigantischen Feuerwerks nicht verpassen. Wir staunen über den Reichtum und die Pracht der Zeichnungen und der vollkommenen, koordinierten Lichtstrahlen, welche Berge und Gletscher überfluten oder in funkelnden Bändern gleichzeitig von allen Seiten vom Himmel fallen. Diese Erscheinung, welche sich ununterbrochen ändert, lässt uns nicht los. Während unser Blick auf einer bezaubernden Partie des Firmamentes ruht, heisst uns der begeisterte Ausruf eines Kameraden, welcher einen andern Teil dieser feenhaften Beleuchtung beobachtet, sogleich seinen Blicken folgen. Wir sind glücklich über dieses improvisierte Biwak, das uns erlaubt, einer dieser wunderbaren Erscheinungen des arktischen Himmels beizuwohnen, die über eine Stunde dauert.
Von 24 Uhr an herrscht bei uns Aufbruchstimmung: Das Wasser steigt rascher, und die Fluten belecken schon den Kiel des Bootes. Wir müssen jedoch bis um 1 Uhr früh warten, um unsern Kahn flottzumachen. In aller Eile steigen wir dann ein und fahren bei tiefer Nacht zu unserem Lager am Kangiussaq.
In der Mitte des Fjords stellen wir, wie am Morgen, auf der Wasseroberfläche die Bildung einer dünnen Eisschicht fest, welche bei unserer Durchfahrt rauschend zerbricht.
In der Nähe des Lagers schiessen wir eine Rakete ab, um Lasserre zu alarmieren; aber dieser, zu müde, um uns zu erwarten, hat sich in sein Zelt zurückgezogen und schläft den Schlaf des Gerechten. Alle zusammen rufen wir nun laut, um ihn zu wecken; aber erst nach unserer Landung können wir ihn wachbekommen.
Es ist 2 Uhr, als wir uns unter dem Küchenzeltdach zusammenfinden, zufrieden mit unserer Besteigung und glücklich, der erstaunlichen Erscheinung des Nordlichts beigewohnt zu haben.
Zeiten: Strand des Sangmissoq 5.00 Uhr Gipfe113.10 Uhr Zurück am Strand19.00 Uhr Pointe de l' Eternité ( 1980 m ) 25. August 1958 Diese Spitze überragt das rechte Ufer des Evigshedsfjords.
Vom Lager aus steigen wir wieder über die Moräne des Gletschers, welcher der ganzen Südflanke dieses Berges entlangführt.
Wir besteigen den Gletscher - sicher den längsten, den wir in Grönland begangen haben. Während fünf Stunden wandern wir auf dem blanken Eis - ohne viel an Höhe zu gewinnen -, um auf das obere Gletscherplateau zu gelangen, welches die Wasserscheide bildet. Dieser breite Sattel hat nur eine Höhe von 1060 Metern ( nach unserem Höhenmesser ). Wir haben fünf Stunden benötigt, um hieher zu kommen, während die Luftlinie bis zum Lager zwölf Kilometer beträgt. Hingegen haben wir uns dem Evighedsfjord genähert, von dem wir durch einen muldenförmigen kurzen Gletscher getrennt sind; dieser endet dort in einem einzigen Gletscherabbruch. Seine mittlere Neigung scheint sehr stark zu sein.
Um den grossen Gletscherhang zu erreichen, an dessen Ende sich unser Ziel erhebt, müssen wir schräg nach links ( West ) auf einem Abhang grosser Blöcke ansteigen. Hier sind einige Stellen von feinem Schutt, welcher unter unsern Fussen nachgibt, sehr unangenehm.
Das Gelände wird besser, das heisst, die Blöcke werden am oberen Eisabhang sicherer. Lasserre, welcher seinen Knöchel gut eingebunden hat, hält sich bewunderungswürdig; er ist so nett und liebenswürdig, dass wir uns nicht vorstellen können, wie er leidet; jedenfalls lässt er sich nichts anmerken.
Dort, wo wir unsere Steigeisen anschnallen müssen, sprudelt eine prachtvolle Quelle. Ihr frisches Wasser rauscht in Fällen über die von der Sonne schon erwärmten Felsen. Wir benützen die Gelegenheit, um auszuruhen und uns zu stärken.
Nach dieser wohltuenden Pause wechseln wir auf das Eis, welches mit einigen Zentimetern schmelzenden Schnees bedeckt ist. Nun marschieren wir im langsamen, eintönigen Schritt der Gletscherwanderer und kommen dennoch rasch höher, was uns ermutigt.
Das Wetter ist beständig, der blaue Himmel mit schönen weissen Wolken geziert, so dass die Photographen zu eifriger Tätigkeit angeregt werden.
Bei unserer Ankunft auf dem Abhang, welcher den Hauptarm des Evighedsfjords beherrscht, erwartet uns eine überwältigende Aussicht: Das blaue und grüne Wasser des Fjords zwischen den eindrücklichen und schroffen Bergwänden, die « kalbernden » Gletscher und die Eisberge, die in der Abtrift gleiten, bilden eine Landschaft von sagenhafter Schönheit. Und noch weiter in der Ferne das ausgetrocknete Tal des Fjords, welches beidseitig von Gletschern überquert wird, die sich in Form von riesenhaften « Elefantentatzen » ausbreiten, ist eine neue Offenbarung dieses Landes, das uns schon so oft überrascht hat. Und wir bewundern immer wieder aufs neue die uns bereits vertraut gewordenen Berge, die geschlossen den Evighedsfjord umrahmen und beherrschen. Wir sind dankbar, dass uns das Wetter erlaubt hat, uns an einem so aussergewöhnlichen Bild zu erfreuen.
Im ersten Teil der Besteigung macht das Eis dem Schnee Platz, welcher während der drei Regentage, die uns im Lager zurückgehalten haben, ununterbrochen gefallen ist. Dieser Schnee ist pulverig, ja sogar kristallisiert, und wird vermutlich diesen Sommer nicht mehr verschwinden, denn die Luft ist auf dieser Höhe frisch, und die Temperatur fällt regelmässig Tag für Tag.
Wir sinken bis über die Knöchel ein und hinterlassen tiefe Spuren ( fast einen Graben ). Dabei schauen wir immer wieder zurück, um den prächtigen Anblick zu geniessen, den hauptsächlich der Evighedsfjord bietet. Alle sind zufrieden, und niemand widersetzt sich dem Tempo, das oft gegen Ende eines solchen Marsches in tiefem Schnee zu Protesten führt. Jeder ist davon erfüllt, diejenigen Gipfel in der Runde aufzuspüren, welche wir schon bestiegen haben und die sich heute in anderer Sicht zeigen.
Auf dem Gipfel sind wir, wie vermutet, stark vom bodenlosen Abgrund beeindruckt, der sich vor uns auftut. Ein furchterregender Anblick! Vorsichtig wagen wir es, über die Gipfelfelsen zu kriechen, um die phantastische, vollständig felsige Nordwand zu bestaunen. Sie fällt in einem Schwung 1980 Meter hinunter in die Fluten des Fjords. Ich glaube kaum, dass sich eine derartige Bergwand in den Alpen finden lässt. Die Eigerwand mit 1450 Metern wird weit überflügelt, ebenso die Nordwand der Grandes Jorasses. Es gibt also an der Pointe de l' Eternité, wie wir sie in Zukunft nennen, noch eine bedeutende Aufgabe zu lösen.
Trotz der frischen Luft verweilen wir lange auf unserem « neuen » Gipfel, wobei wir mit viel Interesse das Wolkenspiel an den benachbarten Bergen beobachten.
Allerdings beunruhigt uns etwas die Rückkehr zum Lager; denn die lange Aufstiegsroute muss « zurückgespult » werden. Anderseits äussert Lasserre Bedenken wegen dieses Abstiegs: er fürchtet, eine ungeschickte Bewegung zu machen, welche seinen Knöchel aufs neue beeinträchtigen könnte. Glücklicherweise geschieht nichts Derartiges, und alles geht gut bis zum Sattel. Von dort weg gehen Tissières und ich voraus, um die Abendmahlzeit vorzubereiten.
Die flache Partie des Weges, das heisst diejenige, wo sich der Wildbach in Windungen entfaltet, wird zum Schluss für jeden von uns zum Leidensweg. Wir sind erschöpft vom langen Marsch über die unstabilen Blöcke.
Wir halten fest: Alle Touren in diesem Massiv wiesen Höhenunterschiede von ungefähr 2000 Metern auf und wurden in vierzehn bis sechzehn anstrengenden Stunden ausgeführt. Jede Besteigung verlangte also einen grossen Energieeinsatz. Zeiten: Lager5.30 Uhr Fuss des Berges 10.30 Uhr Gipfe114.30 Uhr Zurück im Lager 20.00 Uhr Pointe du Torrent ( 1240 m ) 28. August 1958 Es ist der kleine Gipfel, welcher unser Lager über dem ungestümen Bergstrom überragt.
Diese Besteigung bietet ausser dem Übergang über den Wildbach, welcher zuerst einige Vorsicht erfordert, keine besonderen Schwierigkeiten. Wir ziehen die Schuhe aus, und in den Stiefeln, die wir zur Vorsorge auf unsern Säcken mitgetragen haben, bezwingen wir die stürmischen Fluten, die bald unsere Schäfte füllen.
Die Besteigung wickelt sich auf der Südseite, zuerst in der mit Steinen durchsetzten Vegetationszone, dann über grosse Blöcke ab. Oben, auf der Höhe von 1000 Metern, wenden wir uns nach rechts ( Osten ), wobei wir von einem Band zum andern steigen.
Um 6 Uhr haben wir das Lager verlassen und erreichen den Gipfel um 9.45 Uhr. Unser Tempo war eher schnell. Der Höhenmesser zeigt 1270 Meter an.
Zeiten: Lager6.00 Uhr Gipfel9.00 bis 10.45 Uhr Zurück im Lager 13.00 Uhr Zusammenfassend füge ich bei, dass wir als Erstbesteiger dieser Berge uns darauf beschränkten, unsere Ziele auf den uns am einfachsten erschienenen Routen zu erreichen. Es ist sicher, dass die meisten von uns über die Nordseite bestiegenen Gipfel in Zukunftein bedeutendes Betätigungsfeld offenlassen, wobei die moderne Klettertechnik zur Geltung kommen kann. Es bleibt aber nebenbei noch viel Gelegenheit für Erschliessungen, wie wir sie ausführten.
Es ist ein prächtiges Erforschungsgebiet für zukünftige Expeditionen. Ich möchte hier nicht alle Berggruppen nennen, welche sich zwischen dem Taserssuaqsee und dem Evighedsfjord befinden.
Die Zeit fehlte uns, um eine Besteigung am rechten Ufer des Evighedsfjords auszuführen, aber auch dort, im Abschnitt der Sentinelle, das heisst des P. 1720, an der Abbiegung des Fjords, gibt es eine Möglichkeit, zwei oder drei Besteigungen zu verwirklichen.
Anderseits erfordert eine am Südrand des Sermilinguaqs gelegene Kette von Felsspitzen etwa zehn Tage zur Besteigung.
Ich schliesse mit der Feststellung, dass diese Expedition von Genfund zurück in der kurzen Zeit von vierzig Tagen keine Verzögerungen erlauben konnte. Das exakt vorbereitete Programm musste auf zwei Tage genau eingehalten werden - und das war auch der Fall.
( Aus dem Französischen übersetzt von Jakob Meier )