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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640—1688), der die Mark aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges neuaufgebaut und durch seine Politik den Grund zur Macht der brandenburgisch-preußischen Monarchie legte, schuf auch die Grundlagen für die neuere Entwicklung der Schlösser seines Hauses.
Der Große Kurfürst fand bereits von seinen Vorfahren her eine Reihe von Schlössern vor, unter denen das Berliner Schloß in der Ausdehnung wenigstens sogar dem heutigen gleichkam. Das unter dem zweiten brandenburgischen Kurfürsten aus dem Hohenzollernhause, Friedrich II. Eisenzahn, als Zwingburg gegen die Städte Berlin und Köln an der Spree errichtete Schloß war durch den Kurfürsten Joachim II. in der Mitte des 16. Jahrhunderts beträchtlich erweitert worden mit zwei großen rechteckigen Höfen im heutigen Umfang, nach dem Schloßplatz zu mit einem stattlichen dreistöckigen Giebelbau und mit niedrigen Altanbauten um den äußeren Hof. An der Spree fügte der Nachfolger Johann Georg das Haus der Herzogin und die Apotheke hinzu, beide heute noch erhalten und mit ihren Rollwerkgiebeln die Herkunft der Baumeister aus dem Kreise der sächsischen Renaissance bekundend, dem auch der Schöpfer des Schlosses Joachims II., Kaspar Theiß, und der noch erhaltencn spätgotischen Kapelle neben dem grünen Huf angehörten. Auf der Ecke des äußeren Schloßhofes entstand der sogenannte Münztürm, mit einem Wasserwerk zur Bewässerung des zugleich entstandenen Lustgartens zwischen dem Schloß und den beiden Spreearmen. Außerdem erbte der Große Kurfürst die Jagdschlösscr Grunewald, wieder eine Schöpfung Joachims II., heute noch erhalten und vom Tiergarten aus durch den so berühmt gewordenen „Kurfürstendamm“ erreichbar, dann Köpenick, Potsdam und Bötzow, das heutige Oranienburg, die aber in den späteren Umbauten aufgegangen sind. Die meist schmucklosen, enggebauten, durch äußere Treppentürme zugänglichen, mit steilen Dächern und Rollwerkgiebeln bekrönten Bauten der Renaissance konnten unmöglich dem lange Jahre hindurch am oranischen Hofe im Geiste der neuen Zeit, des Barock, erzogenen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seiner von dort her mitgebrachten Gemahlin Luise Henriette von Oranien Genüge tun.
Bald nach seiner Thronbesteigung und vor allem nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges berief der Kurfürst mehrere holländische Architekten, Bildhauer, Maler, Kunsthandwerker und Gärtner und begann in Berlin und Potsdam und der Umgegend eine Reihe von Schloßgebäuden, Lustschlössern und Gärten im neuesten holländischen Geschmack zu errichten. An der Spitze dieser Künstlerkolonie standen Johann Gregor Memhardt, Festungsingenieur und Architekt, der Wasserbau- und Schleusenbaumeister M. Smids, denen sich noch der Ingenieur Rykwaerts hinzugesellte. Gegen Ende der Regierung des Großen Kurfürsten wurde Nering der Oberleiter des Bauwesens, auch er ein Vertreter der holländisch-paladianischen Richtung, die durch Memhardt eingeführt worden war und als Nachfolger Memhardts dessen Fortsetzer im Ausbau der neuregulierten und um mehrere Stadtviertel links der Spree erweiterten Residenz. Er blieb auch als Oberbaudirektor unter dem Nachfolger des Großen Kurfürsten, Friedrichs IIL, bis zu seinem Tode 1695 der wichtigste Baumeister der Schlösser. Nur weniges ist aus dieser fünfzigjährigen Epoche erhalten, darunter aus der Spätzeit der Bibliotheksflügel des Berliner Schlosses, das von dem Niederländer Rütger von Langerfeld für Friedrich III. als Kurprinzen 1681 erbaute stattliche Schloß Köpenick an der Oberspree und der von Nering für Friedrich III. ausgeführte Bau des Schlosses Oranienburg in seinen Hauptteilen. Von Innenräumen dieser älteren durch den holländischen Geschmack bestimmten Barockrichtung sind die Kapelle des Großen Kurfürsten im Schloß und die Wohnung Friedrichs III. um 1690 im Berliner Schloß wie einiges in Köpenick zu nennen. Der prunkliebende und großzügige, nach sichtbarem Ausdruck königlicher Machtfülle strebende Friedrich III. als König Friedrich I. (1688— 1713) und seine Gemahlin Sophie Charlotte aus dem Hause Hannover, die Freundin ihres Landsmannes Leibniz, konnten sich auf die Dauer mit dem schlichten holländischen Barockstil nicht begnügen. Namentlich als in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts die Erhebung des Kurhauses zur Königswürde in greifbare Nähe trat, erwachte in dem Fürsten die Begierde, ein den glanzvollsten Palastbauten der europäischen Fürstenhöfe ebenbürtiges Residenzschloß zu errichten. In dem im italienischen Künstlerkreise des Polenkönigs Johann Sobieski in Warschau geschulten Hamburger Andreas Schlüter fand der Kurfürst einen Meister, der zur Gestaltung dieses großen Baugedankens wie kaum ein zweiter berufen war. Mit seinen Schöpfungen zieht der römische Barok, die Richtung Berninis und Pietro da Cortonas in die Mark ein und, befruchtet und bereichert durch Gedanken der Pariser Kunst unter Ludwig XIV., entfaltet er sich an den Ufern der Spree zu einer späten herrlichen Blüte. Nachdem der als Bildhauer und als Archiv tekt überragende Schlüter auf der Höhe seines Ruhmes durch den Einsturz des großartig geplanten Ausbaues des Münzturmes am Berliner Schloß im Jahre 1707 seine Stellung als Schloßbaudirektor eingebüßt, übernahm sein Rivale Eosander von Goethe, ein geborener Schwede, die Verdoppelung des Schlosses. Er erweiterte auch für Sophie Charlotte das von Nering begonnene Schloß in Charlottenburg und begann das kleine Lustschloß in Monbijou für den allmächtigen Minister Wartenberg und vielleicht Niederschönhausen für den König. Eosander, als Innendekorateur hinter Schlüter kaum zurückstehend, neigt in dem Äußeren seiner Bauten und dem Inneren teilweise stärker der akademischen Pariser Geschmacksrichtung zu, die in Berlin damals durch Jean de Bodt, einen Schüler des älteren Blondei, mit dem Zeughaus und dem Marktportal am Potsdamer Stadtschloß Fuß gefaßt hatte. Nach dem Tode Friedrichs I. verließen die beiden Schöpfer des Schlosses Schlüter und Eosander mit vielen anderen Künstlern und Handwerkern Berlin, Schlüter ging an den Hof Peters des Großen und Eosander an den Augusts des Starken nach Dresden, wo später auch de Bodt und sein mit ihm nach Berlin gekommener Freund Longuelune einen Wirkungskreis fanden.
Durch die einschneidenden, aber infolge die Schuldenlast seines Vaters notwendig gewordenen Sparmaßnahmen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. (1713—1740) ist der großartige Betrieb im Schloßbauwesen des preußischen Hofes stark beschränkt worden. Aber die Berliner Schloßbauschule hat doch keine eigentliche Unterbrechung erfahren. Unter dem neuen König ist durch Schlüters Schüler Böhme in
genauem Anschluß an Schlüters Formen das Berliner Schloß durch den Flügel am Schloßplatz im Jahre 1716 vollendet worden. Für den Vetter des Königs, den Markgrafen von Schwedt, einer durch die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten begründeten Nebenlinie des Königshauses, erbauten in den folgenden Jahren Böhme und Dietrichs das stattliche, wenigstens im Äußeren wohlerhaltene Schloß in Schwedt und in und bei Berlin schufen diese und andere Baumeister eine Reihe von Palästen und Schlössern für die Prinzen und aus dem Adel hervorgegangenen hohen Staatsbeamten. Neben Dietrichs, dem Schöpfer des Prinzessinnenpalais, ist der Oberbaudirektor Gerlach, unter dem die Friedrichstadt bis zur Wilhelmstraße ausgebaut wurde, der hervorragendste Vertreter der Schloßbauarchitektur unter Friedrich Wilhelm I. Die Richtung der französischen Akademie, die durch de Bodt — bis 1728 Festungskommandant von Wesel — eingeführt worden war, ist in der hufeisenförmigen Anlage der meisten Schlösser, in der symmetrischen Gruppierung der Zimmer um die Mitte und im Aufriß und in der Mansarddachbildung zur Vorherrschaft gelangt, während in den herrlichen Turmbauten der zahlreichen Kirchen des Soldatcnkönigs teilweise Gedanken der Schlüterschen Münzturmprojekte fortleben und in einigen Jagd- und Lusthäusern des Königs in Backsteinrohbau bezeichnenderweise das holländische Element wieder zutage tritt. Dagegen hatte die Königin Sophie Dorothea aus dem Hause Hannover, eine Schwester Georgs I. von England, ihr Schlößchen Monbijou, das sie 1710 von Friedrich I. zum Geschenk erhalten hatte, dem feineren Geschmack der Regence eröffnet. Sic legte die ersten Keime zu der künstlerischen Empfindung ihres Sohnes Friedrich.
Friedrich der Große (1740—1786) hatte bereits als Kronprinz seit 1735 in dem Schloßbau und Park von Rheinsberg zusammen mit seinem Freunde Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff die Bahnen einer neuen Kunstrichtung betreten, die aus dem Barock in das Rokoko hinüber führte. In den ersten Jahren nach seiner Thronbesteigung schuf der König mit Knobelsdorff den Ostflügel des Charlottenburger Schlosses, in dem sich der Rokokostil voll entfaltet zeigt, zwischen 1745 und 1750 entstehen die Schöpfungen des Potsdamer Stadtschlosses mit seiner Umgebung und die von Sanssouci. Stellt Schlüters Werk den Höhepunkt des Barock vor Augen, so erscheint hier das Rokoko in seinem höchsten Glanz. Durch Knobclsdorffs Reise nach Paris und durch den dekorativen Bildhauer Joh. Aug. Nahl, wie auch durch Friedrichs Leidenschaft für die französische Malerei und Skulptur ist das französische Moment jetzt von der gleichen richtunggebenden Bedeutung wie das römische unter Schlüter. Nur einzelne bemerkenswerte Fäden laufen in der Berliner Bautradition von Schlüter bis zu Knobelsdorff hin. Es sind namentlich die ausführenden Architekten der Knobclsdorffschcn Bauten, die die Tradition des Berliner Barock in die Zeit des Rokoko hinüberführen. Die Gartenkunst, die unter Friedrich Wilhelm I. fast ganz militärischen und landwirtschaftlichen Zwecken geopfert worden war, belebt sich von neuem: Lustgärten mit Bassins, Grotten und Lauben erstehen und bevölkern sich wie die Attiken der Gebäude mit Scharen von Göttern und Musen aus Marmor, Stein und Blei.
Nach dem Siebenjährigen Kriege hat die Bautätigkeit des großen Königs eher zu als abgenommen. Von den Schloßbauten zeugen dafür die Riesenanlage des Neuen Palais mit den „Kommuns“ und der Umgebung in dem erweiterten Park von Sanssouci. Die führenden Baumeister sind jetzt Gontard und Ungcr aus Bayreuth, die bereits den französischen Frühklassizismus vertreten. In der Innendekoration hält der alte König länger am Rokokostile fest. Erst in den letzten Dekorationen des neuen Palais im Obergeschoß und vereinzelt in den neuen Kammern bei Sanssouci gewinnt der Louisseizegeschmack Eingang. Ein eifriger Förderer des neuen war der Bruder des Königs Prinz Heinrich, der bald nach dem Siebenjährigen Kriege das Rheinsberger Schloß neu ausstattete und auch in Berlin durch den großen Saal seines dortigen Palais, der heutigen Universität, den klassizistischen Formen Vorschub leistete. Mit dem von dem Prinzen Ferdinand, dem zweiten Bruder des großen Königs, erbauten Schloß Bellevue entstand kurz vor dem Tode Friedrichs ein Bau ganz in den neuen Formen, die zuerst durch Erdmannsdorff in Dessau in Norddcutschland ihr Gepräge erhalten hatten.
Mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms II. (1786—1797) setzt die Blütezeit des Berliner Frühklassizismus ein, unmittelbar durch den von Dessau zur Einrichtung der Königskammern berufenen Erdmannnsdorff gefördert. Der führende Architekt als Schloßbaumeister ist jetzt Karl Gotthard Langhans, berühmt als Erbauer des Brandenburger Tores, der Schöpfer zahlreicher schöner Schloßt und Parkgebäude und einer der glänzendsten Innendekorateure des Frühklassizismus. Einzelne Schöpfungen David Gillys, Ludwig Catels und Heinrich Gentz’ für Friedrich Wilhelm III. bilden den Abschluß dieser Gruppe von Bauten, deren späteste bereits in die Zeit der Niederwerfung Preußens durch Napoleon fallen.
Nach den Freiheitskriegen beginnt unter Schinkels Oberleitung die letzte Epoche in der Geschichte der preußischen Königsschlösser, die mit Friedrich Wilhelm IV. ein Jahrzehnt nach der Revolution von 1848 ihr Ende erreicht.
Text aus dem Buch: Preussische Königsschlösser, Verfasser: HERMANN SCHMITZ.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Preussische Königsschlösser – Vorwort
Bedeutung und Charakter der Preusischen Königsschlösser
Geschichtlicher Überblick über die Preussischen Königsschlösser
Der Grosse Kurfürst und die Frühzeit Kurfürst Friedrichs III.
Das Berliner Schloss Friedrichs I. und Andreas Schlüter um 1700
Weitere Schlossbauten Friedrichs I.
Die Zeit Friedrichs Wilhelms I.
Die Schlossbauten Friedrichs des Grossen nach dem Siebenjährigen Krieg
Die Schlossbauten Friedrichs des Grossen nach dem Siebenjährigen Krieg II
Preussische Königsschlösser – Schluss
Preussische Königsschlösser im Bild