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Wahrnehmungsdispositive
Ein Wahrnehmungsdispositiv besteht aus einem Setting heterogener Medien und der genauen Spezifizierung ihrer Nutzung, welches das Ziel verfolgt, den Zugang zur ästhetischen Wahrnehmung eines Gegenstands zu ermöglichen – in diesem Projekt die Stadt Schlieren in ihrer Transformation zwischen 2005 und 2012. Mit „ästhetischer Wahrnehmung“ ist eine Modalität des Wahrnehmens gemeint, welche durch die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die sinnlich-motorische und emotionale Tätigkeit des Wahrnehmens selbst charakterisiert ist. Die Ausübung dieser Wahrnehmungsmodalität ermöglicht die Zugänglichkeit zur Emergenz des Wahrgenommenen, das als ein kohärentes Gefüge von Qualitäten erscheint.
Durch eine detaillierte Formatierung sowie topologische und chronologische Anordnung medialer Materialien und ihre durch präzise sprachliche Anweisungen (siehe Sprachliches Framing) geleitete Nutzung leiten die Wahrnehmungsdispositive die ästhetische Disposition des Wahrnehmens ein. Sie ermöglichen eine Umdisposition – eine Umstellung – der Wahrnehmungstätigkeit und somit die Erschließung der daraus emergierenden ästhetischen Realität eines Gegenstandes. (Für eine ausführliche Klärung dieser Konzepte sowie eine Analyse der Wahnehmungsdispositive als ästhetische Praxis siehe Ästhetik.)
In diesem Projekt wurden zwei modale Typen von Aufnahmen für die Erstellung der Dispositive eingesetzt: Fotografien und Schallaufnahmen. Die Aufnahmen wurden im Voraus jeweils im Rahmen der Projekte „Fotografische Langzeitbeobachtung Schlieren“ und „Auditive Langzeitbeobachtung Schlieren“ hergestellt. Sie wurden in verschiedenen Formaten präsentiert. Fotografien und Schallaufnahmen wurden aus zwei miteinander verbundenen Gründen in der Regel nicht simultan präsentiert, obwohl beide Medien in mehreren Dispositiven sequentiell kombiniert wurden. Erstens, weil die Fusion visueller und auditiver Medien, die selbstverständlich durch die alltägliche Nutzung audiovisueller Medien geworden ist, zur Wahrnehmung beider Typen von Aufnahmen als Repräsentation einer an sich existierenden Realität verleiten. Im Gegenteil zu dieser realistisch-repräsentationalisitschen Auffassung von Aufnahmen wird in diesem Projekt eine Position vertreten, in der sie als Medien für die Erschließung emergenter, ästhetischer Realitäten zu verstehen sind. (Zu den in diesem Projekt operativen Begriffen „Realität“, „Repräsentation“ und „Emergenz“ siehe Ästhetik.) Und zweitens, weil die Fusion beider Medien auf Grund der Unbeweglichkeit der Bilder in den Fotografien nicht reibungslos geschieht. Die sich daraus ergebende Irritation verschiebt den Aufmerksamkeitsfokus auf diese mediale Problematik und behindert somit die anvisierte Nutzung der Dispositive.
Die Wahrnehmungsdispositive wurden raum- und zeitspezifisch konzipiert. Die genaue Position und Anordnung in den verschiedenen Räumlichkeiten, in den sie realisiert wurden, die wiederum spezifisch für jedes Dispositiv ausgewählt wurden, wurde detailliert festgelegt. Diese Raumspezifizität entspricht dem detaillierten Zeitplan für die Abfolge der Wahrnehmungsdispositive in den Workshops. In diesem streng festgelegten Rahmen wurde jedes Wahrnehmungsdispositiv durch spezifische sprachliche Anweisungen – sprachliche Framing – angeleitet und durchgeführt, die ebenso als konstitutive Bestandteile der Dispositive konzipiert wurden.
Das Verhältnis zwischen der genauen Festlegung aller Aspekte der Wahrnehmungsdispositive sowie ihrer Nutzung und der Auswirkung auf die Tätigkeit der Tagungsteilnehmer verweist auf eines der Merkmale der Foucaultschen Bestimmung von Dispositiv: die produktive Spannung zwischen Kontrolle und Freiheit. Die stringente Organisation der einzelnen Dispositive und ihrer Nutzung sowie ihrer zeitlichen, räumlichen sowie logischen Zusammensetzung, d.h. die Ausübung einer starken Kontrolle, bildeten die Bedingungen für die freie Entwicklung der Tätigkeit der Workshopteilnehmer. Das eindeutig konturierte „Spiel“, ermöglichte das freie und kreative „Spielen“. Kontrolle und freies Agieren haben sich als komplementäre und daher konstruktive Kräfte erwiesen.
Im Gegensatz dazu setzen zwei grundsätzliche Merkmale eine klare Differenzierung zwischen dem in diesem Projekt operativen Konzept von Dispositiv zu dem Foucaultschen Dispositivbegriff. Einerseits sind die Dispositive in diesem Kontext von einem kleinen Team mit einer eindeutigen, im Voraus formulierten Zielsetzung konzipiert, realisiert und verwendet worden. D.h. sie sind nicht aus dem sich historisch entwickelnden Zusammenwirken gesellschaftlicher Kräfte entstanden. Andererseits – und dies differenziert ebenso die Wahrnehmungsdispositive von den von u.a. Elke Bippus, Roberto Nigro und Jorg Huber konturierten „Ästhetischen Dispositiven“ – sind Kontrolle und freie Ausübung ästhetischer Wahrnehmung in diesem Projekt konvergierende Kräfte. Die zweite wird weder ausgeübt, um die Struktur der Dispositive ins Licht zu bringen, noch um sie zu modifizieren bzw. außer Kraft zu setzen.
A.A.
Bibliographie:
Agamben, Giorgio: Was ist ein Dispositiv? Zürich-Berlin 2008
Baudry, Jean-Louis: "Das Dispositiv: Metapsychologische Betrachtungen des Realitätseindrucks". In: C. Pias, J. Vogl, L. Engell and et.al.: Kursbuch Medienkultur: die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart 1999,
Bippus, Elke, Huber, Jörg und Nigro, Roberto (Hg.): Ästhetik x Dispositiv. Die Erprobung von Erfahrungsfeldern. Zürich, Wien, New York 2012
Deleuze, Gilles "Was ist ein Dispositiv?" In: F. Ewald and B. Waldenfels: Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken. Frankfurt a.M. 1991, 153–162
Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978