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Cécile de France trägt eine Sonnenbrille. Nicht weil sie Cécile de France ist, die Schauspielerin, sondern weil sie in Locarno an der Sonne sitzt. Als sich eine Wolke davorschiebt, rückt sie ihre Brille in die Stirn und blinzelt skeptisch zum Himmel.
Es stimmt, dass die Vierzigjährige in Frankreich ein Star ist – aber die meisten Menschen ausserhalb Frankreichs müssen erst ihren Namen googeln, bevor sie sich das Gesicht dazu vorstellen können: als kurzhaarige Kecke, dauergewellte Brünette, streng Frisierte oder nachlässig Toupierte. Wenn sie nicht dreht, lebt Cécile de France mit ihrem Mann und ihrem Sohn zurückgezogen auf dem Land; alle paar Jahre huscht ihr Lächeln auch bei uns über die Leinwand. Im Gesicht einer Turmspringerin, Mörderin, Lesbe, Nonne.
Siebzehnjährig zog sie Anfang der Neunzigerjahre aus einer belgischen Kleinstadt nach Paris, um Schauspielerin zu werden. Eigentlich wollte sie zum Theater, doch die Angebote kamen aus der Kinowelt. Von Regisseuren, bei denen ihre cinephilen Freunde begeisterte Luftsprünge machten: Clint Eastwood, Richard Berry oder die Dardenne-Brüder. Bis heute hat Cécile de France über fünfzig Spielfilme gedreht. In bester Erinnerung: «L’auberge espagnole», «Chanson d’amour», «Un secret». Oder jetzt im Kino: «La belle saison».
In Letzterem spielt sie Carole, eine Frauenrechtsaktivistin im Paris der Siebzigerjahre, die sich in eine junge Bauerntochter verliebt und mit ihr aufs Land zieht. Anders als in Abdellatif Kechiches gefeiertem Lesben-Epos «La vie d’Adèle» ist die Kamera in «La belle saison» weniger an den Körpern ihrer Protagonistinnen interessiert als am menschlichen Drama einer unmöglichen Liebe.
annabelle: Cécile de France, Sie zogen als junge Frau nach Paris, um Schauspielerin zu werden. Waren Sie politisch auch so engagiert wie die Feministin Carole, die Sie in «La belle saison» spielen?
CÉCILE DE FRANCE: Nein. Obwohl ich nicht glaube, dass man als Künstlerin unpolitisch sein kann. «La belle saison» ist bereits mein sechster Film, in dem ich eine Lesbe spiele. Und ich hoffe, dass ich damit zumindest dazu beitrage, Toleranz in den Köpfen der Zuschauer zu schaffen. Das ist politisch.
Der Film erzählt die persönliche Geschichte seiner Regisseurin, Catherine Corsini.
Ja. Darum hatte mich das Drehbuch von Anfang an berührt. Und natürlich setzt Catherine auch ein Zeichen: In Europa und den USA konnten sich Schwule und Lesben ihre Rechte erkämpfen. Aber es gibt noch immer Länder, in denen sich gleichgeschlechtliche Paare nur unter Lebensgefahr lieben können.
Das Filmteam auf dem Set zu «La belle saison» war fast ausschliesslich weiblich: Regisseurin, Produzentin, Kamerafrauen, Technikerinnen … Hat so viel Fraulichkeit einen Einfluss auf die Arbeit?
Nein. Für mich spielt es auch keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau Regie führt. Jeder Filmemacher, jede Filmemacherin hat einen eigenen Stil. Entscheidend ist der Charakter. Aber es gibt Momente, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt, etwa, wenn Nacktszenen gedreht werden. Davon gibt es in «La belle saison» ja nicht wenige … (lacht)
Frauen drehen Nacktszenen anders als Männer?
Ja. Es fehlt die voyeuristische Komponente. Die Szenen sind erotisch, aber behutsam und zärtlich beobachtet. Für mich sind sie wie Stillleben.
Fällt es Ihnen schwer, sich vor der Kamera auszuziehen?
Nein. Als Studentin war ich Aktmodell an der Kunstakademie in Paris. Ich empfand schon damals keine Hemmungen, meinen Körper zu zeigen. Das hatte nichts Sexuelles, weil es der Kunst diente. Vor der Kamera ist das ähnlich. Es ist ein künstlerischer Akt. Mein Körper wird nicht ausgebeutet.
Ist es nicht ein schmaler Grat zwischen Kunst und Voyeurismus?
Man muss dem Regisseur vertrauen können. Catherine Corsini hatte uns gut auf die Szenen vorbereitet. Sie wusste, was sie wollte, und hat uns immer wieder die Gelegenheit gegeben, uns anzusehen, was sie gerade drehte. Wir waren begeistert von ihren Bildern.
Die sexuelle Befreiung hat in den Siebzigern viele Weichen zugunsten der Frau gestellt, gleichzeitig waren Brüste plötzlich ein Verkaufsargument: Sex sells!
Ja, die Frauen durften sich jetzt zwar ausziehen, aber die Männer hatten noch immer das Sagen. Unsere Generation ist privilegiert. Das haben wir den Feministinnen von damals zu verdanken.
Warum sind fast alle Filmregisseure Männer?
Die Arbeit eines Regisseurs gleicht der eines Kapitäns auf einem Hochseefrachter. Es ist ein sehr, sehr harter Job. Der Kapitän ist der Boss und befehligt die Mannschaft. Natürlich sind Frauen dazu nicht weniger in der Lage als Männer, doch das Jobprofil schreckt Frauen eher ab, während es Männer anzieht. Sie fühlen sich offensichtlich wohl in der Rolle des Oberbefehlshabers.
Ab dem 12. Mai im Kino: «La belle saison» von Catherine Corsini. Mit Cécile de France und Izïa Higelin