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Osmose
von Lorenz Just
Endlich legte ich mich aufs Sofa, las eine Seite, schon in Erwartung, darüber einzuschlafen. Ich war zu Besuch in dieser Stadt, in dieser Strasse, in dieser Wohnung, in diesem Zimmer. Es war völlig egal, was ich las, gerade war es ein komplizierter Text über Kunst und Depression; ich las die Zeilen, ohne zuzuhören. Ich wartete darauf, dass er anfing, mein Vater, nebenan. Er hatte üben wollen. Am Vormittag, wenn die Wohnung leer war, übte er. Dort drüben würde er sitzen und spielen. Er spielte für sich allein, ob ich nun da war und ihn hörte oder nicht. Ich kannte die Stücke, die er übte, weil er sie immer wieder übte, schwere Stücke, die er nie so spielte, wie es in seinen Ohren exakt gewesen wäre. Es störte ihn nicht, im Gegenteil. Er war ein Lehrer gewesen und war es geblieben, und genau dort, mitten im Zustand des Lernens, wo alles unfertig, fehlerhaft, aber ideell schon als Vision vorhanden war, fühlte er sich wohl. Und er hörte es ja doch, so allein mit sich, wie die Musik eigentlich zu klingen hätte, hörte es als leuchtenden Schatten des Mangels. Als er endlich anfing, hatte ich das Buch bereits weggelegt und die Augen geschlossen. Was interessierten mich noch Kunst und Depression.
Ich hätte nicht sagen können, was es war, das er spielte. Es musste etwas Bekanntes sein, das zumindest ahnte ich. Ich wusste ja nicht viel über Musik, kannte mich überhaupt nicht aus. Alle Versuche, ein Instrument zu lernen, hatte ich schon als Kind abgebrochen, lange bevor ich vielleicht verstanden hätte, wie Musik gemacht wird. So hörte ich, was ich hörte, immer allein, auf unmittelbar assoziative Weise. Zum Beispiel hörte ich Musik immer auch als Text, und Text als Musik, und habe beides immer auch als Plastik vor meinen inneren Augen gesehen, eine Plastik, die ich gern auf dreidimensionale Weise schreiben würde. Mein Vater übte Stücke, die stoisch dahinflossen, die ein Thema hin und her wendeten, befragten, erforschten. Was er nun übte, hatte ich allerdings noch nie von ihm gehört. Harmonien zerfielen zusehends, um dann geradeso, kurz bevor es hässlich werden könnte, wieder ineinanderzufinden. Ich hatte in dieser Wohnung schon Stunden erlebt, in denen Harmonien zerrissen waren, in denen ich hinausgemusst hatte, hin zu irgendwem, egal wem, Hauptsache weg von mir allein in der leeren Wohnung. Und dann, als niemand Zeit hatte und es mir nicht gelang, mich irgendeiner wirkungsvollen Ablenkung hinzugeben, geschah es, dass ich plötzlich auf diese andere Weise allein war, ich, ohne dass es Gründe dafür gäbe, plötzlich friedlich wurde, still und friedlich.
Er spielte für sich allein, ob ich nun da war und ihn hörte oder nicht.
Später würde ich hinübergehen und ihn fragen, was er da übte. (Da war ja bereits die Angst, dass ich eines Tages, wenn er nicht mehr sein würde, diese Musik, die er gespielt hatte, nicht würde wiederfinden können. Dass mir etwas amputiert sein würde, oder besser: Ich aus einem Raum, der mir natürlich anverwandt war, ausgeschlossen sein würde. Ich hätte sein Üben aufnehmen müssen, damit ich dann, wenn ich in dieser unsäglichen Weise allein sein würde, die Aufnahme anschalten könnte. Aber dieses Provisorium, das mein Vater da Tag für Tag zum Leben erweckte, eignete sich nicht für eine Aufnahme, es war auch nicht dafür gedacht, er spielte allein, für niemanden, nicht einmal für mich, erst recht nicht für die digitale Ewigkeit. Vielleicht würde ich stattdesssen beginnen, Konzerte zu besuchen und unter distinguierten Kulturmenschen in komplexen Klavierabenden sitzen, rechts und links von mir die Connaisseure, die die Partituren kennen, ich aber würde nach wie vor nichts verstehen von der Musik, sondern meinen Vater besuchen, ihn hören, was hiesse, hier im Nachbarzimmer zu liegen und auf sein von den Wänden gedämpftes Spiel zu lauschen.)
Gerade spielte er so etwas äusserst Sportives, spielte so jemanden, der eine enge Treppe hinaufrennt, Absatz für Absatz, oder spielte eine Spinne, die ihre Beute sehr schnell mit ihren langen Beinen in einer einzigen, fliessenden Bewegung verpuppt, oder spielte jemanden, der in rasender Geschwindigkeit wie besessen in die Tastatur schlägt, weil er plötzlich verstanden zu haben meint, was dieser Text sein soll, den er so lange schon zu schreiben versucht. Ich sah seine sich zielsicher über die Tasten bewegenden Finger vor mir, seine zarten, athletischen Finger, die trotzdem etwas Uraltes an sich hatten, es waren antike Finger, die auf eine Weise mit der Musik verbunden waren, die mir immer unbekannt bleiben würde, meinen eigenen Fingern jedoch sehr ähnlich waren. Immerzu sponnen seine Finger etwas, und meine Finger, auf einem ganz anderen Gerät, taten es ja auch. Doch davon war dort drüben bei ihm natürlich nichts zu hören.
Unten auf der Strasse schrie jemand; sicherlich ein Name, so ein Name, der wie ein Schrei klingt, den jemand mehrere Male lauthals ausrief. Niemand antwortete. Oder jemand antwortete, doch zu leise, als dass ich es hier oben hinter dem verschlossenen Fenster hätte hören können. Mein Vater hatte aufgehört zu spielen, er blätterte um oder hielt inne, um gleich darauf wieder von vorne zu beginnen. Oder er hatte wie ich den Schrei gehört und stand nun am offenen Fenster, um zu erfahren, was da unten passierte.
Da erinnerte ich mich an Kunst und Depression, das Buch, das ich hatte lesen wollen, da fiel mir ein, was ich noch alles zu erledigen hatte, ich erinnerte mich daran, dass … und da, in dieser sofort angespannten Stille, hörte ich einen Wecker, der zwischen den Büchern im Bücherregal stand und tickte und tickte und die ganze Zeit über schon getickt haben musste. Nie hatte ich schlafen können unter einer laut tickenden Uhr; diese Uhren, die die Menschen benutzten, um sich ihr Miteinander zu organisieren, ihr Sekundenticken, das uns alle miteinander verband, dabei schlug es doch so völlig unabhängig von allen menschlichen Belangen, schlug, komme was da wolle, wie die manifeste blinde Zeit, die alles auseinanderreissen würde – was sie jedoch, auf den zweiten Blick, auch lediglich als Metapher taten; nichts Belangloseres als diese kleinen Geräte. Ich stand auf und entfernte aus dem Batteriefach des Weckers die Batterie.
Mein Vater hatte aufgehört zu spielen, er blätterte um oder hielt inne, um gleich darauf wieder von vorne zu beginnen.
Schon setzte mein Vater wieder ein, arbeitete sich in verspielten Serpentinen einen Abhang hinauf. Er stolperte und spielte dieselben schwierigen Meter noch einmal, wieder und wieder. Ich erinnerte mich, dass ich das Schlagen des Metronoms, das auf einem Notenstapel auf dem Flügel thronte, immer beruhigend gefunden hatte, ob es schnell oder langsam schlug, es tickte immer besser als die Uhren. Als Kinder hatten wir so oft die Geschwindigkeit geändert, bis das Pendel verbogen war, die Mechanik hin, da hatte mein Vater es längst nicht mehr gebraucht.
Schliesslich stand ich auf, lief über den Flur zur Tür des Nachbarzimmers, klopfte an, da rief es gleich laut und einladend: «Ja!»
Er liess die Hände fallen und klappte die Musik zu wie ein Buch. Er lächelte mir entgegen. Alles, was ich jetzt sagte, interessierte ihn mehr als seine Stücke, die er tagtäglich übte. Ich hatte ihm nichts zu sagen, ich hatte ihn nur kurz besuchen wollen, kurz die Wand durchqueren.
«Was spielst du denn?», fragte ich.
«Was meinst du? Das hier?» – und er eilte los, spielte seine Vision dieser atemraubenden Musik, sass da kosmisch fern einen Meter weit vor mir, und ich verstand wie immer alles und nichts. Seine Finger flossen über das Instrument wie Regentropfen, die sich sammelten, die Neigung hinunterrollten, zu Wassern wurden, immer auf das grosse Ziel des stillen Ozeans zu.
«Und so weiter und so fort», sagte er und legte abrupt die lockeren Hände auf die Knie. Er sah mich an, mit neugierig offenen Augen. Er hatte alles gesagt, nun war es an mir.
Lorenz Just, geboren 1983 in Halle an der Saale, zog 1988 mit seiner Familie nach Berlin und wuchs dort auf. Nach seinem Studium der Islamwissenschaften in Halle und verschiedenen Auslandsaufenthalten studierte er von 2011 bis 2015 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2015 erschien sein Jugendbuch Mohammed. Das unbekannte Leben des Propheten, 2017 sein hochgelobter Erzählband Der böse Mensch und 2020 der Roman Am Rand der Dächer. Er lebt in Berlin.
Dieser Text ist im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/23 erschienen.