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Als Kind wollte ich zuerst Pilot werden, dann Arzt. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich schliesslich für ein Pharmaunternehmen arbeiten würde. Das hätte ich jedoch tun sollen. 2017 begehen wir den 120. Jahrestag der Entdeckung, dass Malaria von Mücken übertragen wird. Seit dieser Entdeckung haben wir enorme Fortschritte erzielt. Ich bin stolz darauf, dazu beigetragen zu haben, dass die Zahl malariabedingter Todesfälle bei Kindern seit der Jahrhundertwende um mehr als zwei Drittel gesunken ist. Noch wichtiger ist jedoch, dass unsere Forschungen die beste Waffe sind, um unsere Fortschritte gegen Bedrohungen zu schützen, so dass wir auf eine Welt hoffen können, in der Malaria nicht länger ein grosses Problem für die öffentliche Gesundheit darstellt.
Ich wuchs in Nairobi auf und träumte davon, hoch über den Wolken zu fliegen, die Gipfel des Mount Kenya-Massivs zu umkreisen oder in die Wasser des Victoriasees einzutauchen. Das war, bevor ich in der Schule gute Noten bekam. Dann sagte mein Vater zu mir: „Du solltest Arzt werden. Dann kannst du Menschen helfen. Ausserdem ist der Beruf des Piloten sehr gefährlich.“ So verliess ich meine sechs Brüder und Schwestern und schrieb mich an der medizinischen Fakultät der Universität Nairobi ein.
Dr. Nathan Mulure setzt sich bei Novartis für das Wohl von Kindern in Malariagebieten ein
Als Arzt in Afrika kann man äusserst düstere Zeiten erleben. Meine erste Stelle nach dem Universitätsabschluss trat ich in der Unfallstation und Notaufnahme des Kenyatta National Hospital in Nairobi an. Nach einigen Monaten hatte ich mich an die Patienten mit Schuss- und Stichverletzungen und an den endlosen Zustrom an Verkehrsunfallopfern gewöhnt. Eines Tages jedoch – nach 31 Stunden Dienst ohne eine Minute Schlaf – wurde ein Patient eingeliefert, der von einem Flusspferd zerquetscht worden war. Er hatte schwere innere Blutungen, und ein grosses Stück seiner Leber war von den riesigen rasiermesserscharfen Zähnen des Tieres abgetrennt worden. Wir bemühten uns die ganze Nacht, ihn zu retten, und schliesslich fing ich vor lauter Müdigkeit fast an zu halluzinieren. Leider starb er. Ich erinnere mich noch genau daran, wie verzweifelt ich war, als ich mich an diesem Tag müde nach Hause schleppte.
Danach brach ich in Richtung Osten auf, um für Médecins Sans Frontières (also Ärzte ohne Grenzen) im Flüchtlingslager Dadaab an der Grenze zu Somalia zu arbeiten – zu dieser Zeit mit 350 000 Bewohnern das grösste der Welt. Auch das war schwierig – aus Sicherheitsgründen durften wir das Lager nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr betreten, und wir mussten die verzweifelten Gesundheitsassistenten, die versuchten, das Leben einer Mutter zu retten, die gerade entbunden hatte, über Funk medizinisch beraten. Tag und Nacht wurden die Bewohner des Lagers von Banditen beraubt. Manchmal wurden diese vom Sicherheitspersonal des Lagers oder von anderen Banditen angeschossen, und sie humpelten dann in den Busch, um ihre Verletzungen zu heilen. Nach einigen Wochen tauchten sie dann mit fortgeschrittenem Wundbrand in der Klinik des Lagers auf. Die einzige Lösung war in vielen Fällen eine Amputation. Es gab auch viele Vergewaltigungen. Männer griffen die Frauen an, wenn sie Feuerholz sammeln gingen. Die Arbeit in der Entbindungsstation war traumatisierend. Genitalverstümmelung ist bei den Somalierinnen häufig anzutreffen und macht Geburten zu einem Martyrium.
Glücklicherweise bringt die Arbeit als Mediziner auch erfreulichere Tage mit sich. Ich kann Leben retten und der Welt Gutes tun – so wie es sich mein Vater erhofft hatte. 2006 begann ich für das weltweit tätige Pharmaunternehmen Novartis zu arbeiten. Mein Aufgabenbereich waren klinische Studien für das neue Kombinationspräparat auf Artemisinin-Basis (ACT) für Kinder mit Malaria. Wir entwickelten die neue Formulierung zusammen mit Medicines for Malaria Venture (MMV), einer gemeinnützigen Organisation, die von Regierungen, Spendern und der Bill & Melinda Gates Stiftung finanziert wird.
Wir benötigten ganz dringend bessere Malariamedikamente für Kinder. Bis zu diesem Zeitpunkt bestand die Therapie darin, Tabletten für Erwachsene zu zerkleinern und die Kleinen dazu zu bringen, sie zu schlucken. Weil sie bitter schmeckten, spuckten die Kinder sie häufig wieder aus. Da sich die Tabletten für Erwachsene auch nicht immer richtig aufteilen liessen, um die korrekte Dosis für Kinder zu erhalten, bekamen sie häufig zu wenig vom Wirkstoff. Darum wurden sie nicht richtig gesund, was wiederum zu Therapieresistenzen beitrug. Wenn es gelänge, eine Tablette zu entwickeln, die sich in einer geringen Menge Flüssigkeit auflösen liesse und zudem noch gut schmeckt, wäre garantiert, dass Kinder die korrekte Dosis bekämen und von Malaria geheilt würden.
Es gibt ein altes Swahili-Sprichwort: „Maradhi yakija, huja kwa shoti ya farasi; yakitoka hutoka mtambao wa chungu.“ (Die Krankheit kommt mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes, aber sie geht so langsam wie eine kriechende Ameise.) Das ist häufig wahr. Wenn wir einem jungen Patienten ein Malariamedikament verabreichten, beobachteten wir allerdings oft, dass die Krankheit genauso schnell wieder verschwand, wie sie gekommen war. Häufig stand ein Kind an der Schwelle des Todes, und drei Tage später konnten wir es bei guter Gesundheit entlassen.
Wir sollten wütend darüber sein, dass noch immer alle zwei Minuten ein Kind an Malaria stirbt. Wir müssen aber auch berücksichtigen, welche Fortschritte wir erzielt haben: Als ich 1997 Arzt wurde, starb alle 30 Sekunden ein Kind an Malaria. Dank gemeinsamer weltweiter Bemühungen konnten die malariabedingten Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren seit dem Jahr 2000 um 65 % reduziert werden. Dazu trugen neue Medikamente bei. Genauso wichtig sind jedoch auch die Millionen Moskitonetze, die verteilt wurden, aber auch die Tausende von Räumen, die ausgesprüht, und die Zehntausende von Schwangeren, die behandelt wurden, damit sie nicht mehr an Malaria erkranken. Im Kampf gegen Malaria zählt der Einsatz jedes Einzelnen. Die Gemeinschaft, aber auch Ärzte, Pharmaindustrie und Spender sind alle gleichermassen wichtig.
Leider ist dieser enorme Fortschritt nun bedroht. Es liegen immer mehr Anzeichen für eine Resistenz der Malaria gegen ACTs in Südostasien vor. Sollte sich diese Resistenz bis nach Afrika ausbreiten, könnte dies die enormen Erfolge zunichtemachen, die wir im letzten Jahrzehnt erzielt haben. Die Bekämpfung dieser Resistenz erfordert koordinierte globale Anstrengungen. Wir müssen sicherstellen, dass ACTs in Malariafällen, die durch einen Schnelltest bestätigt werden, rechtzeitig und umfassend eingesetzt werden. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass Novartis bei der Entwicklung von Malariamedikamenten weiterhin an vorderster Front steht und dazu mit MMV (Medicines for Malaria Venture) zusammenarbeitet, um zwei neue Malariamedikamente zu entwickeln. Sie sollen zur Bekämpfung von Malariaerregern eingesetzt werden, die möglicherweise resistent gegenüber ACTs sind. Mit einem Medikament, KAF156, das sich noch in der Entwicklung befindet, begann eine grossmassstäbliche klinische Studie, die in sieben afrikanischen Ländern, darunter auch in Kenia, durchgeführt wird.
An der Studie werden auch Kinder teilnehmen, und zwar so schnell wie dies in Bezug auf die Sicherheit möglich ist und nachdem die besten Therapiekombinationen identifiziert wurden. Dies ist von zentraler Bedeutung, um die Entwicklung neuer Malariamedikamente für Kinder – die sie am dringendsten benötigen – zu beschleunigen und für diese schnellstmöglich verfügbar zu machen.
Wenn wir zusammenarbeiten, können wir weiterhin von den Fortschritten in der Malariaprophylaxe und -behandlung profitieren. Und möglicherweise gelingt es uns eines Tages, Malaria für immer zu eliminieren. Gantt-Diagramme und E-Mail-Korrespondenz sind im Vergleich zur Versorgung von Patienten vielleicht nicht so aufregend wie über den Wolken zu fliegen oder Banditen zu bekämpfen. Letztendlich ist jedoch eine systematische koordinierte globale Antwort erforderlich, um der Bedrohung durch Malaria ein Ende zu machen und so dazu beizutragen, das Leben von Hunderttausenden von Kindern zu retten.