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Christoph Spinas v/o Debatter, 31.10.1934 – 04.08.2022
13.08.2022 - Rico Jegher v/o Salep
Nachruf
Dr. phil.
Christoph Spinas v/o Debatter
Kyburger, Rezia, Friburgia
31.10.1934 – 04.08.2022
Ich habe anlässlich der Veteranenehrung am Zentralfest in Appenzell 2007 für Debatter die Laudatio gehalten. Und heute folgt nun die Lamentatio. Nein, es soll kein Klagelied sein! Wir wollen und dürfen nicht jammern und nicht klagen, dass Debatter mit 88 Jahren ohne grössere Drangsal uns verlassen musste, obschon es schmerzhaft ist, einen lieben Freund zu verlieren.
Christoph Spinas wurde am 31. Oktober 1934 als drittes und letztes Kind des Gion Tumasch Spinas und der Olga Cotti im kleinen, auf einer sonnigen Terrasse gelegenen Sur geboren. Seine Eltern betrieben eine bescheidene Berglandwirtschaft. Mit vier Jahren verlor er den Vater, worauf die Mutter die Landwirtschaft mit Hilfe des Grossvaters weiterbetrieb. Von Oktober bis April besuchte Debatter jeweils die Primarschule im abbruchreifen Dorfschulhaus, während er im Frühling und Sommer widerwillig als Kälber- und Kuhhirt walten musste. In einem abgewetzten Militärbrotsack führte er dabei neben der Verpflegung auch eine Ausgabe von Schillers Wilhelm Tell mit und während er sich für die freiheitlichen Ideen Schillers begeisterte, graste die gesamte Viehherde friedlich in den Wiesen statt auf der Weide. Also, Freiheit auch für das Rindvieh!
Nach der Primarschule folgte der Besuch der Sekundarschule in Mulegns.
Im Herbst 1950 zog Debatter für 5 Jahre an das Lehrerseminar nach Chur. Nach Erhalt des Lehrerpatentes stürzte er sich im Herbst 1955 mit einem Ränzlein voll Bildung und Einbildung auf seine ersten Schüler. Es war die achtklassige Gesamtschule in seiner Wohngemeinde. Zwei volle Jahre hielt er dort aus, und brachte, während der Ofen fürchterlich rauchte und Lehrer und Schüler zu ersticken drohte, den Erstklässlern das Buchstabieren bei, den Zweitklässlern das Einmaleins, den Drittklässlern die Geschichte Abrahams usw. Es soll eine herrliche Zeit gewesen sein!
Aber die Schule dauerte nur jeweils von Oktober bis April. Das genügte zwar ihm und den Schülern. Aber was macht ein intelligenter Mensch mit dem Rest des Jahres? Er bildet sich weiter - und dafür soll eine Universität gut sein. Also: Auf nach Fribourg an die Philosophische Fakultät, um das Sekundarlehrerdiplom zu erwerben. Drei Sommersemester, von Mitte Mai bis Ende Juni, und ein Wintersemester sollten hierfür genügen.
In Fribourg machte Debatter erstmals Bekanntschaft mit dem Couleurstudententum, welches ihn sogleich ansprach. In Unkenntnis der Lage vergriff er sich aber in der Wahl der Verbindung und trat der Friburgia bei. Nach der Gründung der Rezia fühlte er sich moralisch verpflichtet, die Farben zu wechseln und sich dieser Bündner Landsmannschaft anzuschliessen. Hier bekleidete er die Chargen des Fuchsmajors und des Seniors.
Im Jahre 1959 erwarb Debatter das Sekundarlehrerdiplom. Anschliessend bemühte er sich, sein erworbenes Wissen den Sekundarschülern von Churwalden zu vermitteln.
Aber schon nach zwei Jahren erwachte in ihm der «Faustische Mensch». Er wusste zwar viel, aber er wollte alles wissen, der Tor! Es zog ihn daher wieder an den Busen einer Alma Mater. Aber Fribourg, dieses «Schweizer Rom, wo Pfaff an Pfaff und Dom an Dom» schien ihm nicht mehr zu behagen. Er wählte Zürich, «diese Stadt so wunderbar, wo Bank an Bank und Bar an Bar», zu seinem zweiten Studienort.
Während bei den meisten Fribourger Farbstudenten, die den Studienort wechselten, damals die Devise lautete «Stürmer zu Stürmer und Mütze zu Mütze», d.h. die stürmertragenden Neuromanen zu den Kyburgern und die mützetragenden Alemannen zur Turicia, war dies für den siebenundzwanzigjährigen Debatter im Herbst 1961 nach seiner Ankunft in Zürich nicht von vorneherein klar. Es scheint indes eine gute Fügung gewesen zu sein, dass er die Bahnhofstrasse, das Restaurant Feldschlösschen - den Stamm der Turicer - rechts liegen lassend, bis zum Paradeplatz weiterlief und dort im St. Peter in Gassen auf eine fröhlich pokulierende Stammtischrunde Rosabemützter stiess und gleich um Aufnahme suchte.
Für Chargen hats ihm in der Verbindung nicht gereicht. Dem Historiker Debatter wurde zwar das ungeordnete Archiv anvertraut, geordnet hat er es nach eigenen Angaben aber nicht. Hingegen hat er mit seiner Leica semesterlang denkwürdige Kyburgeranlässe für die Nachwelt fotografisch festgehalten. Sein erster diesbezüglicher Auftritt anlässlich des Chlauskommerses ging aber in die Hose. Die Chargen präsentierten sich mit gezogenem Rapier, die Burschen soffen um die Wette und die Füxe mehr als ihnen guttat, ein Blitzgewitter ging über die Verbindung nieder… aber, oh Schreck, die Leica war nicht geladen!
Die Tage und Semester flossen dahin mit Frühschoppen, Kneipen und Kommersen und eines Tages wurde Debatter als promovierter Historiker von den Kyburgern in feierlichem Komitat an der Universität abgeholt und ins Philisterium begleitet.
Nein, so einfach wurde es ihm nicht gemacht. Die alte reichsdeutsche Maxime: «inscribiert und nicht krepiert gleich promoviert» hatte zur Studienzeit Debatters keine Geltung mehr. Auch er musste sein Examen hart erschwitzen. Zudem musste er noch seine Hochschulreife durch Ablegen der Lateinmatura vor einem hochkarätigen Prüfungsgremium ad oculos führen, was er im Frühjahr 1963 dann auch mit Bravour tat. Erst danach konnte er im Herbst 1965 die Lizenziatsprüfung ablegen. Anfangs 1968 holte er sich zudem an der Uni Fribourg den Doktortitel. Zu dessen Feier wurde er am Abend des 28. Februar 1968 von den Kyburgern im Bahnhof Zürich mit brennenden Fackeln empfangen und zum Komitat an den Stamm begleitet.
Debatter war mitunter gern zu Ulk und Schabernack aufgelegt, was die folgende Episode belegen mag. Im Wintersemester 1962/63 wurde gelegentlich ein Frühschoppenstamm in der Linde durchgeführt, und zwar nicht im Restaurant, sondern in einem Raum im Hochparterre. Da das Lokal über keine Fenster ins Freie verfügte, war in der Fassade gegen die Culmannstrasse ein Ventilator zur Lüftung angebracht. Dieser musste bei Anwesenheit von Personen jeweils eingeschaltet werden. Debatter störte sich jeweils an diesem ständigen Surren. Er ergriff daher einmal sein halbleeres Glas und schüttete dessen Inhalt in den Ventilator, wodurch der Gerstensaft ins Freie geschleuderte wurde und auf die Strasse hinunterfiel. Zufälligerweise lief gerade ein Mann mit einem Brief in der Hand dort vorbei. Der Briefumschlag bekam dabei einige Bierspritzer ab. Der Mann wurde deswegen beim Personal vorstellig und dieses gab die Reklamation an die Bierrunde weiter. Debatter wurde dann vom Vorsitzenden für sein kommentwidriges Verhalten mit der Höchststrafe ,die im Komment vorgesehen ist, geahndet, indem er aus der Corona weggewiesen, d. h. heimgeschickt wurde. Debatter verliess ganz niedergeschlagen mit mir die Runde und wir begaben uns in die nahe gelegene Beiz zum Bären, wo ich ihn bei einem Bier zu trösten versuchte. Er meinte jedoch, er sei nach diesem Vorfall nicht mehr würdig, bei den Kyburgern zu verkehren und er müsse den Austritt aus der Verbindung erklären, was er gleich auch tat und den Brief auf dem Heimweg in einen Briefkasten warf. In der Nacht besann er sich aber anders. Am folgenden Morgen begab er sich an den Stamm und wartete die Ankunft des Briefträgers ab, dem er dann den Brief vor dem Einwerfen in den Briefkasten abnahm und vernichtete. Und so blieb Debatter weiterhin der Verbindung bis ans Lebensende als treues Mitglied erhalten.
Im Jahr 1965 führte er seine langjährige Freundin Ursula Cotti an den Traualtar. Aus dieser Verbindung ging als einziges Kind Fina-Patricia hervor. Seine Ehefrau Ursula verstarb leider am 6. Februar 2021 an den Folgen eines schweren Sturzes.
Nach dem Studienabschluss wurde Debatter im Jahre 1968 an das Kollegium Maria Hilf in Schwyz als Lehrer für Geschichte und Deutsch gewählt, und zwar, als Kompensation für den mageren Lohn, mit dem Titel eines Professors. Die Familie nahm dann ständigen Wohnsitz in Schwyz, während sie sich in Sur eine Wohnung im Pfarrhaus als Feriendomizil einrichtete.
Dass Debatter, kaum in Schwyz sesshaft geworden, sogleich den Kontakt mit der Suitia aufnahm, ist selbstverständlich. Suitianer wurden dann in der Schule von ihm, nach eigenen Angaben, selbstredend bevorzugt behandelt, insbesondere wenn sie andeuteten, dass sie den Kyburgern oder zumindest einer Blockverbindung beitreten würden.
Die militärische Karriereleiter emporzusteigen, fiel dem Füsiliersoldaten Debatter schwer, trotz seiner beachtlichen alpinen Klettererfahrung. Immerhin hat er es trotzdem bis zum Wachtmeister gebracht. Diese Beförderung erfolgte aber erst beim Platzkommando in Schwyz.
Debatter hat aber in anderer Weise militärische Lorbeeren geerntet. Als selbsternannter Direktor des «Instituts für Gesamtverteidigung» im Rahmen des Wahlpflichtfaches Geschichte am Kollegium Schwyz hat er 20 Jahre lang einem ausgewählten Kreis seiner Schüler Sicherheitspolitik doziert, unterstützt von etlichen Offizieren, Korps-Kommandanten, Divisionären, Brigadiers und Obersten i Gst, die, zwar ohne Honorar, dafür aber in voller Uniform antreten durften. Für diesen, zur Förderung des militärischen Nachwuchses unbezahlbaren Einsatz hat ihm anlässlich seiner Pensionierung der Vorsteher des Militärdepartements, Bundesrat Ogi, persönlich den Dank der Nation abgestattet.
Zusammen mit seinem Schwyzer-Lehrerkollegen und Ex-Gardisten Jean-Pierre Kälin v/o Tartuffe fühlte sich Debatter auch mit der Päpstlichen Schweizergarde sehr verbunden. Tartuffe schreibt: «Debatter und ich erhielten einige Male Zweiertickets für die Vereidigung der neuen Schweizer Gardisten am traditionellen Sacco di Roma vom 6. Mai. Debatter sorgte für die Billette, ich für die Unterkunft. Das Ganze hatte etwas Eigenartiges an sich: Debatter war in Anführungs- und Schlusszeichen nur Wachtmeister der Schweizer Armee gewesen und stellte sich an den Vereidigungen stets als Dr. Spinas, Institut für Gesamtverteidigung, vor, mich stellte er jeweils als seinen Adjutanten und Ex-Gardisten Kälin vor, was stets für Verwirrung sorgte, vor allem unter den hoch galonierten Offizieren, die uns im Vatikan umgaben und meinten, wir zwei seien von einer Militärakademie. Jedenfalls wurden Debatter und ich im Vatikan und in Rom jeweils von Aperitif zu Aperitif sowie von Nachtessen zu Nachtessen eingeladen, wobei er mit seinem selbstbewussten Auftreten und seinen rhetorischen Künsten mehr im Rampenlicht stand als ich.»
Die Freizeit verbrachte Debatter vorwiegend in der freien Natur, im Sommer mit Wanderungen und Hochtouren, im Winter mit ausgedehnten Skitouren, vor allem im Oberhalbstein und im Engadin. Über diese Touren führte er minuziös Buch. Ein Jahr mit weniger als 100 Einträgen war für ihn ein mageres Jahr. Daraus lässt sich erahnen, wie intensiv er den Bergsport betrieben hat.
Jährliche Höhepunkte kultureller Art waren die Internationalen Musikfestspiele in Luzern, aber auch die Tonhalle und das Kunsthaus in Zürich wurden fleissig besucht.
In der letzten Zeit, vor allem seit dem Tod seiner lieben Frau Ursula, ist es mit Debatter ziemlich rapid bergab gegangen. An der letzten GV in Einsiedeln durfte ich mit ihm noch ordentlich alte Erinnerungen auffrischen. Bei meinem letzten Besuch im Alterszentrum Acherhof in Schwyz diesen Frühsommer war die Verständigung wesentlich schwieriger. Der Tod nach kurzem Spitalaufenthalt war für ihn eine Erlösung.
Mit Christoffel Spinas v/o Debatter hat ein lieber Freund und begeisterter Kyburger diese Welt verlassen.
Er ruhe in Gottes Frieden.