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| Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)

Siebentes Buch: Von dem Geiste der Habsucht.
17. Die Entsagung der Apostel und der ersten Kirche.
Hätte nicht auch der heilige Apostel, wenn er es als einen leichteren Weg zur Vollkommenheit erkannt hätte, von seinem früheren Vermögen leben können? er, der nach seinem eigenen Zeugnisse auch in der Rangordnung dieser Welt keine geringe Stufe einnahm; versichert er ja doch, er sei [S. 164] von Geburt mit der Würde eines römischen Bürgers ausgezeichnet.1 Oder hätten Jene, die zu Jerusalem Aecker und Häuser besaßen, aber Alles verkauften und, ohne Etwas für sich zu behalten, den Erlös dafür brachten und zu den Füßen der Apostel legten, nicht ihre leiblichen Bedürfnisse aus ihren eigenen Mitteln bestreiten können, wenn Dieß nach dem Urtheil der Apostel vollkommener und nach ihrem eigenen Ermessen nützlicher gewesen wäre? Aber allen Dingen entsagend wollten sie lieber von ihrer Arbeit oder von dem Almosen der Gemeinde leben. Im Briefe an die Römer,2 wo der heilige Apostel von ihren Gaben schreibt und von der Verpflichtung spricht, die er ihnen gegenüber auf sich geladen, und wo er die römischen Christen auf eine geschickte Weise zu dieser Sammlung auffordert, sagt er: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn für gut haben erachtet Macedonien und Achaia eine Sammlung zu veranstalten für die Armen der Heiligen, die in Jerusalem sind. Sie erachteten es für gut und sind ihre Schuldner. Denn wenn ihres Geistes theilhaftig geworden sind die Heiden (indem sie Christen wurden gleich den Judenchristen in Jerusalem), schulden sie (die bekehrten Heiden) auch, in dem Leiblichen ihnen zu dienen.“ Auch bei den Korinthiern für sie Sorge tragend ermahnt er dieselben (die Korinthier), vor seiner Ankunft mit aller Sorgfalt eine Beisteuer aufzubringen, die er zu ihrem Besten ihnen schicken ließ. „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft,“ schreibt er, „wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr! Je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend, was ihm leicht ankommt, damit nicht, wenn ich komme, erst dann Sammlungen veranstaltet werden. Wenn ich aber anwesend bin, will ich Die, so ihr durch Briefe begutachten werdet, abschicken, um eure Liebesgaben zu überbringen nach Jerusalem.“ Um sie zu noch reicherer Sammlung [S. 165] aufzumuntern, fügt er bei: „Wenn es werth ist, daß ich selber gehe, werden sie mit mir gehen,“3 d. h. wenn euere Sammlung so ausfällt, daß sie es verdient, unter meinem Geleite überbracht zu werden. Im Briefe an die Galater4 sagt er, obwohl er das Predigtamt mit den Aposteln theilte, so sei er doch mit Petrus, Jakobus und Johannes übereingekommen, zwar die Predigt unter den Heiden zu übernehmen, jedoch die Bekümmerniß und Sorge um die Armen zu Jerusalem keineswegs aufzugeben, die, um Christi Willen Allem entsagend, freiwillige Armuth auf sich genommen hätten. „Als Jakobus, Kephas und Johannes die Gnade Gottes sahen,“ sagt er, „die mir gegeben ist, reichten sie mir und dem Barnabas aus der Versammlung die Hand (mit dem Wunsche), wir sollten unter den Heiden predigen, sie aber bei der Beschneidung; nur sollten wir der Armen eingedenk sein.“ Daß er diesen Auftrag mit der größten Gewissenhaftigkeit ausgeführt hat, bezeugt er selbst mit den Worten: „Und ich war auch besorgt, gerade Dieses zu thun.“ Welche sind nun glückseliger, Jene, die vor Kurzem aus der Zahl der Heiden sich sammelten und, nicht im Stande, sich zur evangelischen Vollkommenheit zu erheben, noch an ihrem Eigenthume hängen, bei denen der Apostel eine große Frucht zu ernten glaubte, wenn sie wenigstens von dem Götzendienste, der Unzucht und dem Genusse des Blutes und Erstickten sich enthielten und den Glauben Christi mit ihren Reichthümern annähmen, oder Jene, welche, dem Gebote im Evangelium folgend das Kreuz des Herrn täglich tragen und Nichts von ihrem Eigenthum für sich behalten wollen? Und als der selige Apostel, in Kerker und Banden schmachtend und durch die Bedrängniß auf der Reise gehindert, keine Gelegenheit fand, seinen täglichen Lebensunterhalt, wie er es gewohnt war, mit seinen Händen zu erwerben, da hat er nach seiner Aussage von den aus Macedonien gekommenen Brüdern eine Unterstützung erhalten; denn er schreibt:5 „Denn was mir mangelte, [S. 166] reichten mir die Brüder, die aus Macedonien gekommen waren.“ Und an die Philipper6 berichtet er: „Ihr wisset denn auch, Philipper, daß im Anfange der Verkündigung des Evangeliums, als ich von Macedonien wegreiste, keine Kirche mir eine Gabe mitgetheilt hat als ihr allein; denn auch nach Thessalonich sandtet ihr mir ein und das andere Mal zu meinem Bedarf.“ — Werden nach ihrer Meinung, die sie in ihrem lauen Herzen gebildet haben, auch Jene glückseliger sein als der Apostel, die ihm von ihrem Vermögen mitgetheilt haben? Niemand wird so wahnsinnig sein, Dieß behaupten zu wollen.
1: Apostelg. 22, 29.
2: Röm. 15, 25―27.
3: I. Kor. 16, 1 ff.
4: Gal. 2, 9.
5: II. Kor. 11, 9.
6: Phil. 4, 15.