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Sie sind ein ungleiches Paar: der Autist und die Tänzerin. Sie, geschientes Bein, Karriereknick, lauter Lebenslügen; er, Wissenschaftler mit Asperger-Syndrom, einer speziellen Form des Autismus, bei der eine extreme Angst vor Körperkontakt und sozialer Kommunikation herrscht. Er kann nicht tanzen, weil er nur denken kann.
„Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain ist noch relativ neu, am Broadway herausgekommen und erfolgreich, eine Komödie mit ganz starkem Inhalt, die an verschiedenen deutschen Theatern wie der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin aufgeführt wurde. Das Förnbacher Theater Basel kann das bittersüße Stück als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne der Theaterhalle im Badischen Bahnhof bringen.
Im deutschen Theaterraum hat es auch eine Tourneeproduktion gegeben, die eine Klamotte daraus gemacht hat – und da haben einige Theatermacher wohl kalte Füße bekommen. Aber Helmut Förnbacher hat zugeschlagen und hervorragende Darsteller für dieses Zwei-Personen-Stück gefunden, das mehr französischen Komödien als einer Broadway-Show ähnelt.
Diese Aufforderung zum Tanz handelt von der Geschichte einer Tänzerin, die von einem Taxi angefahren wurde und sich Hoffnung macht, wieder tanzen zu können, und dem introvertierten Professor für Geowissenschaften, der eine Berührungsphobie hat, jede soziale Interaktion scheut. Er will aber bei ihr Tanzunterricht nehmen, weil er einen Preis bekommt und auf dem Parkett tanzen muss.
Rückschläge überwinden
Wie nun dieser Neurotiker – Sigmund Freud ordnete diese krankhafte Angst den Neurosen zu – und die leidenschaftliche, aber gehandicapte Tänzerin sich stetig näherkommen, welche zwischenmenschlichen Hürden und Rückschläge es zu überwinden gilt, das führen Nic Aklin und Daniela Bolliger wunderbar vor. Er: ein steifer Stoffel, als der er sich fühlt; sie, die den Rhythmus, den Beat noch im Blut hat.
Wie sich diese beiden irgendwann annähern, sogar lieben lernen, obwohl es ihm schwer fällt, eine Beziehung aufzubauen – das wird in der Regie von Helmut Förnbacher ebenso gefühlvoll wie unterhaltsam erzählt.
Förnbacher bietet nicht nur eine sehenswerte Kulisse der Skyline von New York auf, sondern auch filmische Elemente mit Videoeinspielungen der telefonierenden Tante (Kristina Nel) und des Festredners (Dieter Mainka).
Das Stück und die Inszenierung leben aber vor allem von dem komödiantischen „Clash zwischen Emotion und Ratio“ und den zwei grundverschiedenen Typen, diesem verklemmten hypernervösen Ever, der panisch vor jeder kleinsten Berührung zurückweicht und auch eine Kuss-Phobie hat, sowie der innerlich und äußerlich verletzten Tänzerin Senga, die durch die Wohnung humpelt und sich isoliert zurückgezogen hat. Aklin und Bolliger spielen diese Charaktere und die behutsame gegenseitige Annäherung der beiden Außenseiter überzeugend aus.
Man ist ganz berührt, wenn sie sich ihm mit „Luftküssen“ nähert und er dann bei ihr sogar ein verstecktes Tattoo findet. Am offenen Schluss tanzen sie Walzer im Smoking und Abendkleid als Imagination. Ums Tanzenlernen geht es eigentlich gar nicht, das ist nur die Folie und das Symbol für eine psychologische Tanzstunde als Lebenshilfe, die einen zwei sehenswerte Theaterstunden in Bann hält.
von Jürgen Scharf (Die Oberbadische)