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Zusammenfassung
Bei steigenden Durchimpfungsraten gegen SARS-CoV-2 müssen Regierungen Entscheidungen über Zeitpunkt und Ausmass effektiver, aber zeitlich begrenzter, Eindämmungsmassnahmen treffen. Gleichzeitig breiten sich Varianten von SARS-CoV-2 mit einer höheren Ansteckungsrate und potentiell schwereren Krankheitsverläufen aus. Dieses Dokument ordnet die heutige Lage unter Einbezug möglicher Auswirkungen verschiedener Impf- und Lockerungsstrategien ein. Um ein Gesamtbild zu vermitteln, sprechen wir neben den epidemiologischen Modellen auch die Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft an.
Seit Mitte Februar zeigt die SARS-CoV-2 Epidemie in der Schweiz wieder ein exponentielles Wachstum, nachdem sie Anfang Jahr noch zurückging. Die Reproduktionszahl wird für den Zeitraum 06.03.-12.03.2021 auf 1.18 (95% Unsicherheitsintervall 1.04 – 1.31) geschätzt, basierend auf Fallzahlen. Die sieben Grossregionen der Schweiz weisen alle einen ähnlichen Trend auf. Dies illustriert, dass die momentane Immunität in der Bevölkerung in Kombination mit den Massnahmen und deren Umsetzung nicht ausreicht, die aktuell dominierende Variante B.1.1.7 von SARS-CoV-2 einzudämmen.
Es ist zu erwarten, dass dieser Anstieg der Infektionen zu einer Zunahme der Erkrankungen und der Todesfälle führen wird. Während ein zunehmender Anteil der Menschen über 75 Jahren in der Schweiz geimpft und dadurch grösstenteils vor schweren Krankheitsverläufen geschützt ist, sind die meisten Menschen unter 75 Jahren, die bislang 70% der wegen COVID-19 in Intensivbehandlung hospitalisierten Patienten stellten, noch nicht immun.
Ein epidemiologisches Modell zeigt, dass in den nächsten Wochen und Monaten ein Anstieg der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Belegung der Intensivstationen in der Schweiz zu erwarten ist. Dieses Modell gibt auch Hinweise, wie dieser Anstieg reduziert werden kann. Eine Verzögerung der Lockerung von nicht pharmazeutischen Eindämmungsmassnahmen um ein paar Wochen kann den Anstieg der Ansteckungen stark reduzieren. Änderungen von Eindämmungsmassnahmen zeigen sich erst mit mehrwöchiger Verzögerung in Änderungen in Ansteckungen und Hospitalisierungen, weshalb vorausschauendes und datenbasiertes Vorgehen wichtig ist. Eine möglichst schnelle Erhöhung der Immunität in der Bevölkerung durch Impfung bleibt der wichtigste Faktor, um die Krankheitslast zu reduzieren und die Eindämmungsmassnahmen lockern zu können.
Eine umsichtige und datenbasierte Vorgehensweise in Bezug auf Anpassungen der Eindämmungsmassnahmen ist aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive und auch aus Sicht der psychischen Gesundheit wichtig. Wenn sich wegen einer schnellen Lockerung die epidemiologische Situation so verschlechtert, dass erneute Schliessungen notwendig werden, dann kann das mit grossen wirtschaftlichen Kosten und Einschränkungen für die Gesellschaft verbunden sein. Da die psychische Belastung in Kantonen mit einer hohen Inzidenz im Herbst 2020 besonders gross war, ist die Verhinderung eines erneuten starken Anstiegs der Ansteckungen auch in Bezug auf die psychische Gesundheit erstrebenswert.
1. Epidemiologische Lage
In der Schweiz zirkulieren verschiedene Stämme von SARS-CoV-2, unter welchen B.1.1.7 dominiert. Die allgemeinen epidemiologischen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen, Intensivstation-Belegung, Todesfälle – geben eine Gesamtsicht, unterscheiden allerdings nicht zwischen einzelnen Stämmen. Nach dem Rückgang im Januar und Februar Insgesamt deuten all diese Indikatoren auf eine Trendwende hin: die Epidemie breitet sich erneut aus. Eine ähnliche Dynamik wird bei teils strengeren Massnahmen im benachbarten Ausland beobachtet.
1.1. Dynamik
Basierend auf den aktuellen Daten schätzen wir ein exponentielles Wachstum der SARS-CoV-2 Epidemie. Der 7-Tage-Durchschnitt der schweizweiten Reproduktionszahl ist bei 1.18 (1.04 – 1.31); dies reflektiert das Infektionsgeschehen vom 06.03.-12.03.2021. Ein Trend zu dieser Dynamik kann in allen Grossregionen der Schweiz beobachtet werden1.
Tagesbasierte Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re für die Schweiz betragen2:
- 1,18 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 1,05-1,31) aufgrund der bestätigten Fälle, per 12.03.2021.
- 0,97 (95% UI: 0,81-1,15) aufgrund der Hospitalisationen, per 08.03.2021. Zum Vergleich aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 1,17 (95% UI: 1,03-1,31) geschätzt.
- 1,12 (95% UI: 0,74-1,57) aufgrund der Todesfälle, per 01.03.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für den selben Tag auf 1,03 (95% UI: 0,86-1,21) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 1,08 (95% UI: 0,96-1,2) geschätzt.
Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Wir weisen darauf hin, dass die Re Werte das Infektionsgeschehen vor mind. 10 Tagen (für Fallzahlen) bis 23 Tage (für Todesfälle) widerspiegeln aufgrund der Verzögerung von Infektion und Eintreten eines Ereignisses. Durch fortschreitende Impfungen der Risikogruppen erwarten wir, dass in den nächsten Wochen die Reproduktionszahl basierend auf Hospitalisierungen und Todesfällen die Transmissionsdynamik nicht mehr zuverlässig wiedergeben wird.
Parallel bestimmen wir die Verdopplungs- bzw. Halbwertszeiten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage3. Die bestätigten Fälle änderten sich um 21% (UI: 35% bis 7%) pro Woche, die Hospitalisationen um -4% (UI: 11% bis -16%) und die Todesfälle um 10% (UI: 52% bis -19%). Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wieder.
1.2. Absolute Zahlen
Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 222 pro 100’000 Einwohner. Die Positivitätsrate der durchgeführten COVID-Tests liegt aktuell bei etwa 5.8% (am 20.03.2021, das ist der letzte Tag, für welchen nur noch wenige Nachmeldungen erwartet werden).
Die Anzahl der COVID-19-Patienten auf Intensivstationen lag über die letzten 14 Tage im Bereich von 161-1784 Personen (die Änderung war -1% (UI: 6% bis -7%) pro Woche).
Die Zahl der täglichen laborbestätigten Todesfälle über die letzten 14 Tage war zwischen 7 und 135. Seit dem 1. Oktober 2020 weist das Bundesamt für Gesundheit 7’707 laborbestätigte Todesfälle aus6. Die Kantone meldeten in dieser Zeit 8’311 Todesfälle7. Die Sterblichkeitsstatistik vom Bundesamt für Statistik zeigt zwischen Kalenderwoche 43 im Jahr 2020 und Kalenderwoche 3 im Jahr 2021 eine Übersterblichkeit in der Altersgruppe 65 Jahre und älter8. Insgesamt sind rund 8’400 zusätzliche Todesfälle in diesem Zeitraum im Vergleich zu Vorjahren verzeichnet.
1.3. Neue Varianten
In der Schweiz sind die ursprünglich in Grossbritannien und Südafrika beschriebenen Varianten B.1.1.7 und B.1.351 erstmals in Kalenderwoche 51 des Jahres 2020 identifiziert worden. Die ursprünglich in Brasilien beschriebene P.1 Variante wurde erstmals in Kalenderwoche 6 des Jahres 2021 in der Schweiz identifiziert. B.1.1.7 ist in der Schweiz weit verbreitet (>80%,9). B.1.351 liegt in KW 8 bei 3% mit steigendem Trend, während P.1 nur vereinzelt auftritt10.
B.1.1.7 hat eine erhöhte Übertragungsrate. Untersuchungen in Grossbritannien wiesen Ende 2020 darauf hin, dass B.1.1.7 eine deutlich höhere Übertragungsrate hat als die bislang bekannten Stämme von SARS-CoV-211. Die genetische Charakterisierung von Zufallsstichproben aus positiv getesteten Menschen von Testlabors der Schweiz, sowie die systematische genetische Charakterisierung von Proben im Referenzlabor in Genf, erlaubt diese erhöhte Übertragungsrate auch basierend auf Schweizer Daten zu bestätigen12, (+49-65% basierend auf 13 und +42-60% basierend auf 14).
Das Risiko eines schweren Verlaufs aufgrund von Infektion mit B.1.1.7 ist erhöht. Eine neue Studie15 aus Grossbritannien deutet darauf hin, dass die Sterblichkeit bei einer Infektion mit B.1.1.7 um rund 50% erhöht ist, über alle Altersklassen hinweg. Dieses Ergebnis wird gestützt durch weitere Studien aus Grossbritannien 16. Ergebnisse einer Studie17 aus Dänemark deuten darauf hin, dass auch das Risiko einer Hospitalisierung bei Infektion mit B.1.1.7 erhöht ist.
B.1.1.7 ist die dominante Variante in der Schweiz. Der Anteil von B.1.1.7 an allen Infektionen nahm seit dem ersten Nachweis kontinuierlich zu. Wir erwarten, dass rund 95 von 100 Infektionen, welche heute erfolgen, durch B117 verursacht sind 18; auf diesen Websites wird die Dynamik der bestätigten Fälle abgebildet; neue Infektionen vom 24.3. werden Anfang April bestätigt, zu welchem Zeitpunkt die Kurven bei rund 95% liegen dürften). Basierend auf den Daten aus der genetischen Charakterisierung können wir weiter die Veränderung der absoluten Fallzahlen, welche von B.1.1.7 verursacht werden, abschätzen. Seit Anfang Januar ist diese absolute Zahl kontinuierlich gestiegen, während die anderen Varianten abgenommen haben19. Die Gesamtzahlen haben bis Mitte Februar abgenommen. Inzwischen ist B.1.1.7 dominant, und die Gesamtzahlen steigen wider.
2. Epidemiologische Modellierung
Die ncs-tf verwendet ein mathematisches Modell, um die Auswirkungen verschiedener Impf- und Eindämmungsstrategien auf die SARS-CoV-2-Epidemie in der Schweiz zu vergleichen (Modellierungspapier der Disease Modelling Unit of the Swiss Tropical and Public Health 20). Dieses individuenbasierte Modell der SARS-CoV-2-Dynamik, genannt OpenCOVID, kann mit wichtigen biologischen und epidemiologischen Dynamiken, demografischen Populations- und Netzwerkstrukturen, den Auswirkungen von Impfstoffen und Eindämmungsmassnahmen, neuen viralen Varianten, saisonalen Übertragungsmustern, sowie alters- und risikogruppenabhängigen Krankheitsverläufen und -schweregraden umgehen. Das Modell beschreibt die Epidemie auf nationaler Ebene und berücksichtigt die Unterschiede innerhalb und zwischen Kantonen nicht. Ähnliche Modelle wurden auch von anderen Forschungsgruppen entwickelt, um die Situation in verschiedenen Ländern zu modellieren21.
Das Modell wurde auf die Situation in der Schweiz von Februar 2020 bis Anfang März 2021 kalibriert, basierend auf öffentlichen Daten des BAG 22. Diese Kalibrierung basiert auf einem Bayes’schen Optimierungsansatz mit Modell-Emulatoren. Das Modell erlaubt, verschiedene Szenarien, wie die unterschiedlichen Impf-Rollouts und Lockerungspfade zu erfassen, und dabei Unsicherheiten in Bezug auf die Übertragbarkeit und Virulenz der neuen Varianten, die Eigenschaften des Impfstoffs und die Impfbereitschaft in der Bevölkerung zu berücksichtigten. Im Nachfolgenden werden einige Resultate besprochen in denen die Auswirkungen der Impf- und Lockerungsstrategien auf bestätigte Fälle, Krankenhausaufenthalte, Aufnahmen auf Intensivstationen und Todesfälle zwischen März und September 2021 analysiert werden.
Trotz eines zu erwartenden Anstieges in der Impfgeschwindigkeit, möglich gemacht durch die Lieferung höherer Mengen an Impfdosen, weist das Modell in den nächsten Wochen und Monaten auf einen wahrscheinlichen Anstieg der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Belegung der Intensivstationen hin. Das Ausmass dieses Anstiegs wird entscheidend von der Übertragungsrate und der Mortalität von B.1.1.7 abhängen, von der Impfgeschwindigkeit, und von den staatlichen Eindämmungsmassnahmen und ihrer Umsetzung durch die Bevölkerung. Allerdings sind diese Modellsimulationen nicht als Prognosen über die detaillierten Entwicklungen diese Zahlen zu betrachten. Stattdessen liefern sie Szenarien, anhand derer man die relativen Auswirkungen von SARS-CoV-2-Bekämpfungsstrategien in den kommenden Monaten vergleichen kann. Im Folgenden werden wir ein paar dieser allgemeinen Ergebnisse diskutieren.
Eine Verzögerung von Öffnungsschritten um ein paar Wochen führt zu einem geringeren Anstieg der Ansteckungen, Hospitalisierungen und Todesfälle (Abbildung 1 23 ). Die Immunität in der Bevölkerung nimmt kontinuierlich zu, vor allem als Folge der Impfkampagne. Das Modell berücksichtigt auch saisonale Effekte infolge steigender Temperaturen. Der Spielraum für eine Lockerung der Eindämmungsmassnahmen wird dadurch fortwährend grösser.
Abbildung 1: Vergleich der Auswirkungen von Impf- und NPI-Relaxationsszenarien auf die SARS-CoV-2-Dynamik in der Schweiz im Zeitverlauf für verzögerte einstufige Relaxation. Sind diese Modellsimulationen nicht als Prognosen über die detaillierten Entwicklungen diese Zahlen zu betrachten Panels von oben links nach unten rechts: Oxford Containment and Health Index: Ein Mass für die Schwere der NPI-Massnahmen vom 24. Februar 2020 bis zum 21. März 2021 und für vier exemplarische Lockerungsszenarien mit einstufiger Lockerung. NPI-Szenarien: Gelb steht für ein NPI-Relaxationsszenario mit nur einer Lockerung am 22. März ohne weitere Eröffnungen; Lila dieselbe Lockerung, aber drei Wochen später am 12. April; Orange dieselbe Lockerung am 3. Mai und Rosa dieselbe Lockerung am 24. Mai. Gesamtzahl der vollständig Geimpften: Kumulative Anzahl der vollständig geimpften Personen (unter der Annahme von zwei Dosen). Anzahl der Dosen pro Tag: Anzahl der verabreichten Impfstoffdosen pro Tag. Täglich bestätigte Fälle: Modellschätzungen für die Anzahl der bestätigten COVID-19-Fälle pro Tag (ohne Berücksichtigung zukünftiger Teständerungen einschliesslich Massentests). COVID-19-Fälle auf der Intensivstation: Modellschätzungen der COVID-19-Patienten auf der Intensivstation. Tägliche COVID-19-Todesfälle: Modellschätzungen der täglichen COVID-19-bedingten Todesfälle. In allen Panels zeigen schwarze Punkte die bisherigen Daten. Die farbigen Linien zeigen Simulationsergebnisse für die verschiedenen Entspannungsszenarien und die beiden Szenarien zur Einführung des Impfstoffs. Impfszenarien: Die durchgezogenen Linien entsprechen einem Impfszenario, bei dem 50’000 Impfstoffe pro Tag verabreicht werden, während die gestrichelten Linien einem schnelleren Impfszenario mit bis zu 100’000 Impfstoffen pro Tag entsprechen. Die Simulationen für bestätigte Fälle, Intensivstation und Sterblichkeit sind mittlere Schätzungen und 95 %-Konfidenzintervalle.
Schnelle Lockerungen können zu einem ausgeprägteren Anstieg von Infektionen, hoher Belegung der Intensivstationen und Todesfällen im Frühjahr bis in den Sommer 2021 führen (Abbildung 2). Eine schnellere Durchimpfung kann diese Entwicklung zu einem gewissen Grad abmildern, sie aber nicht verhindern. In der aktuellen Situation mit Unsicherheit in Bezug auf die Übertragbarkeit und Virulenz neuer Varianten ist selbst bei einer möglichst schnellen Impfung der Bevölkerung eine langsamere und schrittweise Lockerung mit weniger Risiken verbunden, wenn es darum geht, einen Anstieg der Fallzahlen, Belegung der Intensivstationen und Todesfällen abzumildern und erneute Schliessungen in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen zu verhindern.
Abbildung 2: Vergleich der Auswirkungen verschiedener Impf- und NPI-Lockerungs-Szenarien auf die SARS-CoV-2-Dynamik in der Schweiz im Zeitverlauf. Sind diese Modellsimulationen nicht als Prognosen über die detaillierten Entwicklungen diese Zahlen zu betrachten. Panels von oben links nach unten rechts: Oxford Containment und Health Index: Ein Mass für die Schwere der NPI-Massnahmen vom 24. Februar 2020 bis 21. März 2021 und für vier exemplarische Lockerungsszenarien ab 22. März 2021. Gesamtzahl der vollständig Geimpften: Kumulative Anzahl der vollständig geimpften Personen (unter der Annahme von zwei Dosen). Anzahl der Dosen pro Tag: Anzahl der verabreichten Impfstoffdosen pro Tag. Täglich bestätigte Fälle: Modellschätzungen für die Anzahl der bestätigten COVID-19-Fälle pro Tag (ohne Berücksichtigung zukünftiger Teständerungen einschliesslich Massentests). COVID-19-Fälle auf der Intensivstation: Modellschätzungen der COVID-19-Patienten auf der Intensivstation. Tägliche COVID-19-Todesfälle: Modellschätzungen der täglichen COVID-19-bedingten Todesfälle. In allen Panels zeigen die schwarze Punkte die bisherigen Daten. Farbige Linien zeigen Simulationsergebnisse verschiedener Entspannungsszenarien und zwei Szenarien der Impfstoffeinführung. Impfszenarien: Die durchgezogenen Linien entsprechen einem Impfszenario, das von einer Verabreichung von 50’000 Impfstoffen pro Tag ausgeht, während die gestrichelten Linien einem schnelleren Impfszenario mit 100’000 Impfstoffen pro Tag entsprechen. NPI-Szenarien: Rot repräsentiert ein NPI-Relaxationsszenario mit Eröffnungsschritten am 22. März, am 12. April und am 3. Mai. Blau stellt ein langsameres NPI-Relaxationsszenario im Vergleich zum roten Szenario dar, mit kleineren Lockerungen, dreiwöchigen Schritten vom 22. März bis zum 5. Juli. Gelb repräsentiert ein NPI-Relaxationsszenario mit einer Relaxation nur am 22. März und keinen weiteren Öffnungen. Grün steht für eine Strategie mit keiner weiteren NPI-Lockerung nach dem 1. März (ein unrealistisches Szenario ohne Lockerungen bis Ende September 2021, das nur als Referenz dient). Die Simulationen für bestätigte Fälle, Intensivstation und Sterblichkeit sind mittlere Schätzungen und 95 %-Konfidenzintervalle.
Zwischen einer Änderung der Eindämmungsmassnahmen und einem messbaren Effekt auf Fälle, Krankenhausaufenthalte und Intensivstation-Aufnahmen gibt es mehrwöchige Verzögerungen. Insbesondere wird die Auswirkung einer Lockerung auf die Aufnahmen auf Intensivstationen erst zirka 4 bis 7 Wochen später sichtbar (Abbildungen 1 und 2). Angesichts dieser Verzögerungen besteht bei Entscheidungen über eventuelle Lockerungsschritte, die häufiger als alle vier bis sechs Wochen getroffen werden, die Gefahr von voreiligen Entscheiden in Unkenntnis der Auswirkungen der vorhergehenden Massnahmen-Änderungen. Wenn darüber hinaus eine zu häufige oder zu starke Lockerung von Eindämmungsmassnahmen in der Zeit vor dem Erreichen einer maximalen Intensivstation-Kapazitätsauslastung erfolgt, droht eine grössere Spitze in dieser Belegung aufzutreten was eine stärkere reaktive Verstärkung der Eindämmungsmassnahmen erforderlich machen kann (“Jo-Jo-Politik”). Es ist deshalb entscheidend, die Auswirkungen jedes Lockerungsschrittes über eine ausreichende Zeitdauer zu bewerten, bevor zusätzliche Schritte beschlossen werden.
Dieses Modell beruht auf den aktuell vorliegenden Daten und kann aktualisiert werden, sobald neue Informationen verfügbar werden.
- Über die simulierte Zeitspanne bis Ende September wird angenommen, dass kein Verlust der natürlichen oder durch den Impfstoff induzierten Immunität eintritt. Es wird von entscheidender Bedeutung sein, die tatsächliche Impfstoffabdeckung und die Aufnahmerate sowie die Wirksamkeit des Impfstoffs bei neuen Varianten und die abnehmende Immunität in den kommenden Monaten zu beobachten.
- In diesem Modell haben wir nur die aktuellen Varianten berücksichtigt (d.h. B.1.1.7, die in der Schweiz am häufigsten vorkommende VOC), für die die aktuellen Impfstoffe wirksam zu sein scheinen 24. Wir haben B.1.351 und P.1, für die Impfstoffe möglicherweise weniger wirksam sind, nicht berücksichtigt. Weitere Analysen sind erforderlich, um Szenarien einschliesslich der Auswirkungen neuer Varianten zu modellieren und zu vergleichen, sobald mehr Informationen über diese Varianten verfügbar sind.
- Neue Informationen über die erhöhte Sterblichkeit nach Infektionen mit B.1.1.7 25 sind in den in Abbildung 1 und 2 gezeigten Resultaten noch nicht berücksichtigt; die Auswirkungen einer Erhöhung der Sterblichkeit sind im Modellierungspapier der Disease Modelling Unit of the Swiss Tropical and Public Health 26
- Wir haben mögliche Verhaltensänderungen bei geimpften Personen nach der Impfung nicht berücksichtigt. Wir haben auch keine Änderungen der Impfstrategien berücksichtigt, wie z. B. das Aufschieben der zweiten Dosis angesichts der eingeschränkten Verfügbarkeit von Dosen.
- Eine Intensivierung der Testkampagne wird erwartungsgemäss einen reduzierenden Effekt auf die Ansteckungsraten haben. Daten aus den ersten Kantonen mit repetitiven Testkampagnen werden bald vorliegen und werden eine Quantifizierung dieses Effekts erlauben.
Wir haben bislang auch keine Langzeitfolgen in Verbindung mit schweren wie auch nicht-schweren Fällen von COVID-19 quantifiziert. Während COVID-19 im Durchschnitt etwa 2 Wochen andauert, leidet schätzungsweise eine von zehn Personen länger als 12 Wochen an den Symptomen, was oft als „long-Covid“ bezeichnet wird. Derzeit werden long-Covid und Behinderungen, die mit schweren Fällen einhergehen, im Modell nicht berücksichtigt; ihre zukünftigen Auswirkungen könnten jedoch erheblich sein, da die Symptome, einschliesslich Müdigkeit, Angstzustände, Gelenk- oder Muskelschmerzen und mehr, einen deutlichen Einfluss auf die körperliche und geistige Gesundheit der betroffenen Person sowie auf ihre Fähigkeit zur Teilnahme am Arbeitsleben haben könnten.
3. Impfkampagne
3.1. Wichtigkeit einer schnellen Impfkampagne
Eine möglichst schnelle Impfung ist der wichtigste Faktor, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Einschränkungen reduzieren zu können unter Wahrung des Schutzes der Gesundheit. Die Schweiz hat im März bisher eine weitgehend konstante Impfrate. Wie Abbildung 3 zeigt, liegt der gleitende 7-Tage-Durchschnitt der nationalen täglichen Impfrate bislang stabil bei etwa 0.23 % der Bevölkerung und liegt damit unter dem Durchschnitt der Europäischen Union (0.27 %), den USA (0.74 %) und Grossbritannien (0.68 %). Die erwartete Lieferung von grösseren Impfstoffmengen in die Schweiz wird eine Erhöhung der Impfgeschwindigkeit ermöglichen.
Abbildung 3: Geschwindigkeit der Impfkampagnen (dargestellt als täglich verabreichte Impfdosen pro 100 Menschen) in verschiedenen Regionen27.
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das Erreichen der maximal möglichen Impfrate von grösster Wichtigkeit. Das Tempo der Durchimpfungen ist entscheidend für die Frage, wann wir staatliche Eindämmungsmassnahmen zurückfahren können, ohne eine erneute Krankheitswelle zu riskieren, um eine Normalisierung der Wirtschaftslage in der Schweiz zu ermöglichen. Die öffentlichen Finanzen würden ebenfalls profitieren, wenn man Kurzarbeit, Härtefallzahlungen etc. früher zurückfahren könnte. Beschleunigungen beim Impfen haben daher sehr positive gesamtwirtschaftliche, fiskalpolitische und gesellschaftliche Auswirkungen. Jeder Tag, um den die Periode bis zur Durchimpfung verkürzt werden kann, bringt der Schweiz in einer konservativen Schätzung einen Wertschöpfungsgewinn von 25 Millionen Franken 28. Auch scheinbar kostspielige Massnahmen zur Beschleunigung der Impfkampagne werden deshalb ein gutes Nutzen-Kosten-Verhältnis haben – und dies erst recht, wenn man alle nicht-ökonomischen Vorteile einer raschen Rückkehr zu einer gewissen Normalität einbeziehen würde. Hierzu könnten Investitionen zur Beschleunigung der Logistik der Impfaktionen in den Kantonen helfen.
3.2. Auswirkungen der aktuellen Impfabdeckung in der Schweiz
Die aktuelle Impfabdeckung in der Schweiz führt zwar zu einer Reduktion der Todesfälle, aber verhindert nicht eine mögliche Überlastung der Spitäler. Aktuell sind noch nicht alle Menschen aus der Zielgruppe 1 geimpft. Seit einigen Tagen geht der relative Anteil und die absolute Zahl der Hospitalisierungen sowie die Todesfälle bei der Altersgruppe über 75 zurück. Das ist klare Evidenz dafür, dass die Impfungen wirken. Allerdings waren etwa 70 % aller Patienten, die bisher wegen COVID-19 auf die Intensivstation verlegt wurden, unter 70 Jahre alt (Abbildung 4). Der grösste Teil dieser Bevölkerungsgruppe ist bislang noch nicht geimpft oder immun nach Infektion. Die aktuelle Impfabdeckung, insbesondere in den Altersgruppen zwischen 50 und 75 Jahren, welche einen Grossteil der Hospitalisations- und Intensivpflege-bedürftigen Patientengruppen ausmacht, ist also noch klar zu tief, um einen Anstieg der Infektionen und eine mögliche Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern; dies geht auch aus der mathematischen Modellierung der Epidemie in der Schweiz hervor, die wir oben besprechen.
Abbildung 4: Altersverteilung der COVID-19-Patienten, die in der Schweiz in Intensivpflege verlegt wurden, für die Periode vom 1.3.-31.6 2020 und 1.7.2020-17.3.2021 29 .
Die aktuelle Impfabdeckung (KW 14, 2021) führt bereits zu einer Reduktion der Ansteckungen, Hospitalisationen und Todesfällen bei den Menschen ab 70 Jahren. Wenn man sich die Infektionszahlen nach Altersgruppen anschaut, dann geht der relative Anteil der Gesamtinfektionen in der Altersgruppe 70+ seit Wochen zurück. Seit einigen Tagen geht auch der relative Anteil und die absolute Zahl der Hospitalisierungen sowie die Todesfälle in der Gruppe 70+ zurück. Das ist klare Evidenz dafür, dass die Impfungen wirken 30.
Andere Länder bieten eine Perspektive auf die positive Wirkung der Impfkampagne auf den epidemiologischen Verlauf. Israel musste in der frühen Impfphase mit einem strikten Lockdown reagieren um die Fallzahlen unter Kontrolle zu bekommen (Abbildung 2 in 31). Ab dem Zeitpunkt, an dem eine Altersgruppe zu 50% zweimal geimpft war, zeichnete sich in Israel ein Rückgang der Zahlen (bestätigte Fälle, Hospitalisierungen) in dieser Alterskategorie ab. Dieser Wert von 50% muss aber nicht für die Schweiz gelten, da der exakte Wert von den aktuell eingesetzten Eindämmungsmassnahmen und der Impfgeschwindigkeit abhängt. Auch in Grossbritannien, wo ebenfalls B.1.1.7 dominiert, sind die Fallzahlen seit Wochen tief (Abbildung 5). Das kann sowohl mit den strengeren Massnahmen erklärt werden (in Grossbritannien waren zum Beispiel auch die Schulen geschlossen), als auch mit der viel grösseren Durchimpfungsrate als aktuell in der Schweiz.
Abbildung 5: Inzidenz von SARS-CoV-2 Infektionen in verschiedenen Regionen, dargestellt als 7-Tages-Mittel der täglich bestätigten SARS-CoV-2 Fälle pro Million Einwohner, für die Zeit vom 1.3.-20.3.2021 32.
4. Lockerungsmassnahmen und die Wirtschaft
Schnelle Lockerungsschritte bergen die Gefahr einer erneuten Überlastung des Gesundheitssystems einer Notwendigkeit der Wiedereinführung von strengen Maßnahmen. Wie oben dargestellt, werden wir in den nächsten Wochen und Monaten wahrscheinlich einen Anstieg der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Belegung der Intensivstationen erleben. Frühzeitige Lockerungsschritte in einem solchen Umfeld könnten dazu führen, dass die das Risiko einer Überlastung des Gesundheitssystems die Wiedereinführung von strengen Maßnahmen notwendig macht. Eine derartige Entwicklung könnte gesellschaftlich als auch wirtschaftlich ungünstiger sein als eine etwas länger Aufrechterhaltung von aktuellen Eindämmungsmassnahmen. Schneller impfen würde es allerdings ermöglichen schneller zu öffnen, ohne das Risiko eines starken Anstieges der Infektionen.
Dass auf den 22. März keine starke Lockerung der Eindämmungsmassnahmen vorgenommen wurde, erweist sich in einer wirtschaftlichen Nutzen-Kosten-Rechnung als sinnvoll. Gemäss dem in Abschnitt 2 beschriebenen epidemiologischen Modell hätte eine wie ursprünglich diskutierte Lockerung zu diesem Zeitpunkt (Öffnung Restaurant-Aussenbereiche, gewisse Kultur- und Sportanlässe, etc.; gelbes Szenario in Abb. 1) gegenüber einem Szenario mit solchen Lockerungen drei Wochen später (lila Szenario in Abb. 1) zu geschätzten 400 bis 600 zusätzlichen Todesfällen geführt. Wenn wir von einer konservativen Bewertung eines verlorenen Lebensjahres von 100’000 Franken ausgehen 33, entspricht dies gesundheitlichen Kosten von 0.3 bis 0.45 Milliarden Franken. Gemäss Schätzungen der KOF beläuft sich der Wertschöpfungsverlust einer um drei Wochen später erfolgten Lockerung dieser Art auf ca. 0.25 Milliarden Franken. Ein Zuwarten mit Lockerungsschritten in der kritischen Anfangsphase einer neuerlichen Welle scheint aus Sicht dieser gesamtheitlichen (wenn auch notgedrungen sehr approximativen) Abwägung gerechtfertigt. Andere Faktoren wie zum Beispiel langfristige Sequela nach einer Infektion (“LongCOVID”) sind bei dieser Abwägung noch nicht berücksichtigt.
Modellsimulationen der KOF deuten darauf hin, dass die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile einer starken Lockerung eindeutig schief verteilt sind. Im Vergleich zu einem Basisszenario, in dem die Gesundheitsmassnahmen ab Mitte April bis Mitte Juni schrittweise auf das Niveau des Sommers 2020 reduziert würden, kann das Bruttoinlandprodukt (BIP) um zirka 0.9 Mrd. erhöht werden, wenn stattdessen diese Massnahmen bereits Mitte April sofort auf das Niveau des Sommers 2020 gesenkt werden würden. Dieser Vorteil fällt allerdings nur an, wenn die schnellere Lockerung mit einer Infektionsentwicklung einhergeht, die keine strengeren Massnahmen erforderlich macht. Sollte sich aufgrund dieser schnelleren Lockerung eine Verschlechterung der epidemiologischen Situation ergeben, was im Juni eine Rücknahme der eingeleiteten Schritte erfordert und eine erneute Lockerung erst ab Mitte Juli möglich macht, würde dies stattdessen zu einem Wertschöpfungsverlust von rund 2,2 Mrd. CHF führen.
Die drohende Überlastung der Krankenhauskapazitäten durch die ansteckendere B.1.1.7-Variante lässt also auch aus rein ökonomischer Sicht ein vorsichtiges Tempo bei der Rücknahme von Gesundheitsmassnahmen sinnvoll erscheinen. Die Abwärtsrisiken, die Lockerung zu beschleunigen und vielleicht wegen einer dritten Welle wieder schliessen zu müssen, überwiegen die Aufwärtsvorteile für den Fall, dass sich die Pandemie, aus welchen Gründen auch immer, günstiger entwickelt als derzeit erwartet.
Die privatwirtschaftlichen Kosten von gesundheitspolitischen Massnahmen sind geringer je stärker die Einkommensausfälle kompensiert werden. Der Zustand der Schweizer Staatsfinanzen und das niedrige Zinsniveau erlauben eine weitgehende Kompensation, zumal die Überbrückungszeit bis zur weitgehenden Durchimpfung absehbar ist 34.
5. Gesellschaftliche und psychische Aspekte
Die Pandemie und die Massnahmen haben sozial geschichtete Auswirkungen. Auch in der Schweiz ist dies bekannt. Auch ohne Unterschiede in der Einhaltung der Schutzmassnahmen, sind manche Menschen stärker gefährdet als andere, sich mit SARS-COV-2 anzustecken 35. Dies zeigt sich z. B. im Umstand, dass Cluster von SARS-CoV-2-Infektionen häufiger in sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen sind 36. Zudem hat Forschung der KOF gezeigt, dass Personen mit kleinerem Einkommen während der Pandemie mehr wirtschaftliche Einbussen erlitten haben 37. Die Auswirkungen der Pandemie und der Massnahmen sind auch für verschiedene Altersgruppen nicht gleich, wobei junge und alte Menschen anderen und spezifischen Arten von Schwierigkeiten ausgesetzt sind, und auch die Personen mittleren Alters die Pandemie auf sehr unterschiedliche Weise erleben. Die Verlängerung dieser Situation könnte zu Schwierigkeiten in den Beziehungen zwischen den Generationen führen, und die Gerechtigkeit zwischen den Generationen gefährden, wie die Nationale Ethikkommission hervorhebt 38.
Diese Aspekte bleiben ohne Echtzeitdaten über verschiedene soziale Gruppen schwer zu überwachen. Ohne eine gute Möglichkeit zu wissen, wo bestimmte soziale Vulnerabilitäten liegen, kann unser Land nicht auf die beste Weise auf diese Auswirkungen reagieren. Dies wird auch in Zukunft wichtig bleiben, denn viele der sozialen Auswirkungen werden sich über die Pandemie hinaus auswirken. Internationale Vergleiche legen nahe, dass es nicht besser gewesen wäre, wenn unser Land keine strengen Massnahmen gegen die Pandemie ergriffen hätte. Geeignetere Unterstützungsmassnahmen werden aber möglich, wenn wir wissen, wie sich die Auswirkungen der Pandemie und der Massnahmen auf verschiedene Bevölkerungsgruppen auswirken 39.
Die Verhinderung großer Infektionswellen ist auch in Bezug auf die psychische Gesundheit wichtig. Sowohl die Bedrohung der physischen Gesundheit durch COVID-19 als auch die Eindämmungsmassnahmen, die im Kampf gegen die Pandemie getroffen werden, sind Stressfaktoren für die Psyche. Je grösser eine Pandemie-Welle, desto größer ist diese Bedrohung und desto mehr Eindämmungsmassnahmen werden nötig sein, um die Pandemie wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Swiss Corona Stress Study hat gezeigt, dass die Romandie, die am stärksten von der 2. Pandemie-Welle betroffen war, auch die höchste Prävalenz schwerer depressiver Symptome aufwies. Eine Verhinderung eines erneuten starken Anstiegs der Ansteckungen ist deshalb auch in Bezug auf die psychische Gesundheit erstrebenswert 40.
Auch aus Sicht der Gesellschaft und der Individuen ist die Geschwindigkeit der Impfung deshalb von zentraler Bedeutung. Solange der Anteil der geimpften Personen niedrig bleibt, und solange nicht alle die Gelegenheit hatten, sich impfen zu lassen, müssen wir uns entscheiden, ob wir ein eingeschränktes Leben führen oder anderen ein ungewolltes Krankheitsrisiko -einschließlich des Risikos von Long COVID- aufbürden. Wichtig ist auch zu beachten, dass sich nicht alle Menschen gleich gut vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 schützen können. So ist zum Beispiel im Umgang mit kleinen Kindern (z. B. in Kindertagesstätten) die Einhaltung der Hygienemassnahmen und der Abstandsregeln schwieriger. Solange die Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems besteht, bleibt das Recht auf Zugang zur Gesundheitsversorgung in Gefahr, sowohl für diejenigen, die an COVID19 erkranken werden, als auch für diejenigen, die an anderen Krankheiten leiden und leiden werden. Eine klare Perspektive hinsichtlich des Zeitplans der Impfkampagne ist auch wichtig, um Motivation und Durchhaltevermögen in dieser schwierigen Phase zu unterstützen.
Referenzen
[1] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[2] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[3] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/trends: Aufgrund von Melderverzögerungen werden die letzten 3 respektive 5 Tage für bestätigte Fälle und Hospitalisationen/Todesfälle nicht berücksichtigt.
[21] https://www.gov.uk/government/publications/imperial-college-london-unlocking-roadmap-scenarios-for-england-18-february-2021 und https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(21)00143-2/fulltext und https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwjd8_L7v8TvAhUCx4UKHc5RAAcQFjAAegQIBRAD&url=https%3A%2F%2Fhal-pasteur.archives-ouvertes.fr%2Fpasteur-03149525%2Fdocument&usg=AOvVaw1L8qmI7eUh-_kJa2o7REfd und https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(21)00079-7/fulltext