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«Freihandel tötet!», so steht es auf Transparenten, die wieder vermehrt durch europäische und US-amerikanische Innenstädte getragen werden. Selten waren in den letzten Jahrzehnten die Zweifel am Freihandel so gross wie heute. Populistische Politiker und Parteien bemühen sich, zahlreiche Nebenwirkungen von Handel in ihren Kampagnen für Abschottung vom Weltmarkt zu nutzen. Das Absterben von Industriezweigen, nachdem Zollschranken gesenkt worden sind, ist ein vertrautes Leitmotiv der Freihandelskritik. Aber welche Wirkung hat Freihandel genau? Was sind die kurz- und die langfristigen Folgen?
Moderne «Data Mining»-Techniken erlauben es der wirtschaftshistorischen Forschung heutzutage erstmalig, alle Länder in den Blick zu nehmen, um diese Fragen zu klären. Es können Indikatoren gebildet werden, die beispielsweise zeigen, wie sich der Lebensstandard in Westafrika im 19. Jahrhundert entwickelte oder welch überraschende Bildungstrends es in Zentralasien gab. Zahlreiche Beispiele belegen, dass der Freihandel und die wirtschaftliche Offenheit bei guten institutionellen Rahmenbedingungen die erfolgreichere Alternative war und ist.
Gleichzeitig belegen aber Länderstudien zu kurzfristigen Entwicklungen, wie ungünstige Begleiterscheinungen den Freihandelsgegnern Munition lieferten. Es ist spannend zu beobachten, wie die Mechanismen dieser Begleiterscheinungen funktionierten – und wie sie möglicherweise gemildert werden können.
Die «erste Phase der Globalisierung» (1850–1913)
In der ersten Phase der Globalisierung gab es ein einzigartiges Wachstum in den Ländern der «atlantischen Welt» (Europa und Nordamerika), und auch weltweit übertrafen die Wachstumsraten alle vorangegangenen Epochen der Wirtschaftsgeschichte. Seitdem wurden die Wachstumsraten nur einmal erreicht – von der zweiten Phase der Globalisierung (beschleunigt seit 1980, bis heute), als die Zahl der Armen in der Welt von zwei Milliarden auf eine Milliarde sank. Allerdings ist diese zweite Phase der Globalisierung seit einem Jahrzehnt von einer Stagnation (auf allerdings hohem Niveau) gekennzeichnet. Es mehren sich die Anzeichen, dass eine Trendwende und eine erneute Deglobalisierung einsetzen könnten. Wie kam es dazu? Gibt es Ähnlichkeit zur ersten Trendwende um 1900?
Die erste Phase der Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg (1850–1913) war zum einen durch rapides Einkommenswachstum geprägt und zum zweiten durch eine Beschleunigung des Humankapitalwachstums, auch in ärmeren Ländern. Dies konnte als Basis für eine Verbesserung des Lebensstandards im 20. Jahrhundert fungieren. Zum dritten wies die erste Phase der Globalisierung aber auch schmerzhafte Nebenwirkungen auf, gerade für die ärmern Menschen in den weniger wohlhabenden Ländern. Interessanterweise empfanden auch einige soziale Gruppen auf dem anderen Ende der globalen Einkommensverteilung, wie zum Beispiel die Grossgrundbesitzer in den reicheren Ländern, diese Entwicklung als bedrohlich.
Wie entwickelte sich das Humankapital in der ersten Phase der Globalisierung, das die Basis für langfristiges Wachstum bildet? Das Osmanische Reich hatte ebenso wie afrikanische und asiatische Königreiche sehr wenig in Bildung investiert. Dies traf zwar auch teilweise auf Nordwesteuropa vor der Industriellen Revolution (also vor 1750) zu. Aber in Teilen Europas hatte sich quasi privat, in den Familien, eine Bildungskultur entwickelt. Dort führte diese Bildungsneigung zu einer veritablen Humankapitalrevolution zwischen 1500 und 1850. Dieser spielerische Wissenserwerb funktionierte in anderen Weltregionen weniger gut, die «Numeracy»-Werte (d.h. die Fähigkeiten, mit Zahlen umzugehen) blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wenig ausgeprägt. Als Indikator für diesen Bereich wird in statistisch wenig dokumentierten Ländern (und frühen Zeiten) oft die Fähigkeit herangezogen, zumindest das eigene Alter genau zu kennen. In der Globalisierungsphase zwischen 1850 und 1913 gab es eine Trendwende, die dazu führte, dass in zahlreichen Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, die anfänglich ein niedriges Numeracy-Niveau hatten, eine erhebliche Steigerung einsetzte, vom Umfang her ungefähr vergleichbar mit der Humankapitalrevolution in Europa.
Neben diesen positiven Entwicklungen der Globalisierungsphase vor 1913 gab es einige negative Trends. Eine Reihe von Nebenwirkungen machten die damaligen Globalisierungsbefürworter nachdenklich. Die betroffenen Einwohner von ärmeren Ländern litten zum Teil katastrophal unter diesen Effekten; beispielsweise verschlechterte sich die Gesundheit in den 1880er/1890er Jahren…