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Ganz unbemerkt ist er gegangen. Man fand ihn tot in seiner Wohnung, nachdem seine Nachbarn keine Lebenszeichen mehr von ihm erhalten hatten. Unser lieber AH Peter Schenker v/o Lord ist in seinem 88. Lebensjahr gestorben. Wir trauern um einen treuen, verlässlichen Freund, der von ganzem Herzen, in seinem ganzen Wesen Kyburger war.
Ich bin Lord vor über sechzig Jahren zum ersten Mal begegnet, als ich noch als Pennäler am Weihnachtskommers der Kyburger teilnehmen durfte. Lord war damals Fuxmajor, der seine elf Füxe mit unangefochtener Autorität führte. Mit seiner straffen Haltung und seinem sicheren Auftreten hat er mich damals sehr beeindruckt.
Stil, Haltung sind Stichworte, mit denen ich Lord charakterisieren möchte. Er trug sein Vulgo nicht von ungefähr. Lord wusste sich in jeder Situation zu benehmen, sei es am Stamm, bei Anlässen, auf der Strasse, gegenüber Damen, gegenüber Altherren oder jüngeren Semestern, manchmal scheinbar etwas überheblich, aber nicht herablassend. Er kannte den Kyburger-Komment, in dessen Allgemeinem Teil es heisst: „Er [der Komment] setzt die bürgerlichen Anstandsregeln bewusst voraus … Er bezweckt stramme studentische Repräsentation, indem er die Regeln, Formen und Institutionen des couleurstudentischen Auftretens umschreibt … Jeder Kyburger hat sich jederzeit kommentmässig zu verhalten, denn Fehler des Einzelnen fallen auf die Verbindung zurück.“ Auch wenn Lord einmal etwas zu viel getrunken hatte, wusste er um den § 13 des Trinkkomments: er wurde nie ausfällig oder gar vulgär. Lord legte Wert darauf, stets korrekt angezogen zu sein und erwartete es auch von anderen. Wir hätten als Aktive nicht mit schlechtem Tenue erscheinen können, ohne zurechtgewiesen zu werden. Anständige Haltung und korrekte Kleidung waren aber bei Lord nicht einfach Äusserlichkeiten, sie entsprachen seinem Wesen.
Lord war, ich habe es bereits erwähnt, ein treuer, verlässlicher und hilfsbereiter Kyburger. Die Verbindung bedeutete ihm alles. Dass er als Aktiver Chargen bekleidete, ist schon fast selbstverständlich. Im Sommersemester 1951 war er Burggraf (Carlo Odermatt v/o Struth, den wir letzte Woche zu Grabe getragen haben, übrigens sein Fuxmajor), im Wintersemester 1951/52 selber Knappenmeyster, dann Ball-X, langjährige GPK usw. Als Alter Herr gehörte er über 20 Jahre dem Vorstand an, wo er verschiedene Chargen innehatte. Zuerst war er Verbindungsdelegierter, später Verantwortlicher für das Adresswesen und Vizepräsident. 1993 trat er zusammen mit AHP Zwimpfer v/o bijou aus dem Vorstand zurück. Lord kannte alle und alles, und fast alle kannten ihn. Das befähigte ihn nicht nur zur Führung der Mitgliederkontrolle, er schrieb auch mehrmals das gesamte Mitgliederverzeichnis exakt und fehlerfrei mit der Schreibmaschine; mit dem Computer mochte er sich nicht mehr herumschlagen.
Wenn wir als Aktive unseren täglichen Stammbesuch absolvierten, sass Lord meistens dort und beobachtete uns jüngere Semester oder etwaig hereinschauende Spefüxe. Auch später, als AH, war er einer der häufigsten Stammbesucher. Nicht einfach, weil er als Junggeselle keine familiären Pflichten hatte; seine Familie waren die Kyburger. Ihnen gegenüber zeigte er sich manchmal auch recht grosszügig.
Man konnte mit Lord am Stamm über alles Mögliche reden und diskutieren. Nur über sein Privatleben erfuhr man nichts. (Ich habe, als ich Informationen für diese Ansprache sammelte, feststellen müssen, dass kaum ein Kyburger wirklich wusste, was Lord neben seinem Verbindungsleben und seiner Arbeit wirklich bewegte und interessierte.) Er teilte es offenbar nur mit sehr Wenigen. Schon bei seinem Eintrag ins Goldene Buch beschränkte er sich im wesentlich auf die Angaben, wann er geboren und wo er zur Schule gegangen sei, dass er Mitglied der Corona Sangallensis geworden sei – der er zeitlebens verbunden blieb – und schliesslich Kyburger. Ich kann hier also nicht viele Fakten aufzählen.
Peter Schenker wurde am 8. Dezember 1928 in St. Gallen geboren. Sein Vater war Architekt, Stadtbaumeister und erster OLMA-Direktor. Lord hatte eine jüngere Schwester, die aber schon vor einiger Zeit verstorben ist; sonst hatte er keine näheren Angehörigen mehr. In St. Gallen besuchte der die Primar-, Sekundar- und Kantonsschule, die er 1948 mit der Maturität abschloss. Er war, wie erwähnt, Mitglied der Corona Sangallensis und wurde 1947 an der GV Einsiedeln in den St.V. aufgenommen. Im folgenden Jahr immatrikulierte er sich an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich und trat der AKV Kyburger bei. Als Kuriosum erwähnt Lord in seinem damaligen Lebenslauf, dass in Zürich sein erster Gang vom Bahnhof nicht etwa auf seine Bude geführt habe, sondern zum Hotel St. Peter, dem damaligen Kyburgerstamm. Das Studium verlief nicht nach Plan. Nach dem Studienabbruch war Lord zuerst bei der Schweizerischen Depositen- und Kreditbank Zürich und später bis zu seiner Pensionierung bei der Bank Hofmann tätig. Er machte keine grosse berufliche Karriere. Seine Stärke lag wohl eher in der Genauigkeit im Detail als in grossen Würfen. In seinen freien Tagen unternahm er gerne Reisen, vor allem Kreuzfahrten, und hat wohl mehr Häfen angelaufen als jeder der hier Anwesenden. Davon hat er gelegentlich erzählt. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass ihn das gesellschaftliche Leben auf einem Kreuzfahrtschiff angesprochen hat, und bin mir sicher, dass er zu jedem Anlass, auch zum Kapitäns-Dinner, tadellos gekleidet erschien.
Bis vor wenigen Jahren nahm Lord regelmässig an Kyburger-Anlässen teil und war oft am Stamm zu treffen. Auch beim Mittagslunch im Zeughauskeller war er meistens dabei, das letzte Mal noch vor wenigen Monaten. Aber mit zunehmenden Altersbeschwerden zog er sich zurück. Es wurde still um ihn. Krankheit und Tod holten ihn ein. Und jetzt ist er ganz unbemerkt gegangen.
Erich Haag v/o Gral