Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03457.jsonl.gz/899

Eingesperrt in eine Nussschale. So fühlt sich ein Fötus im Mutterleib, wenn sich seine Mutter im finalen Stadium ihrer Schwangerschaft befindet. Das Bild vom Fötus, der sich im Mutterleib eingesperrt fühlt wie in einer zu engen Nussschale, stammt ursprünglich von Shakespeare. Dem Fötus als Hauptfigur, die erzählt, was sie von dieser Welt hält, begegnen wir seit Shakespeare immer wieder in der Literatur. Im aktuellen Roman „Nussschale“ erzählt Ian McEwen aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes.
Wie ein Fötus die Welt sieht. „O Gott“, sagt Prinz Hamlet in der zweiten Szene des zweiten Aktes, „ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten.“ Der kleine König in McEwens Roman „Nussschale“ ist ein Fötus. Der pränatale Protagonist hat zwar im Mutterleib etwas mehr Raum zur Verfügung als in einer Nussschale, aber das ist nicht entscheidend, weil er immerzu an Umfang zulegt und an die Wände seines Gefängnisses im Mutterleib stösst. Der Einfall, einen Fötus zum Protagonisten einer Geschichte zu erheben, ist nicht neu. Bereits in Laurence Sternes „Tristram Shandy“ erzählt ein Jemand lange vor seiner Geburt, also aus dem Bauch der Mutter heraus. Auch der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes lässt einen Fötus im Bauch der Mutter erzählen über seine Familiengeschichte und über die katastrophale Situation in Mexiko. Bekannt ist auch der Kinofilm „Kuck mal, wer da spricht“ mit Bruce Willis in der Hauptrolle des Ungeborenen.
Was hat uns ein Fötus zu sagen? Vor allem sind es keineswegs kindgerechte Anliegen, die der Fötus aus dem Bauch der Mutter heraus in die Welt posaunt. Bei McEwen ist der Fötus ein Literaturkenner genauso wie ein Weinkenner. Der Fötus ist aber vor allem hilflos im Bauch der Mutter eingeschlossen, so wie in einer zu engen Nussschale. Erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter eine Mörderin ist. Der Fötus ist einziger Zeuge des Komplotts einer verhängnisvollen Dreierbeziehung. Der Fötus erweist sich beim Erzählen dieser ungeheuerlichen Geschichte als äusserst eloquent, er ist so redselig und gesprächig wie ein Hochschul-Absolvent. Die Geschichte ist in diesem Sinne auch ein ironisch-humorvolles Experiment.
Der Fötus kommentiert den Zustand dieser Welt bitter-ironisch. Er hat sich eine grosse Menge an Wissen angeeignet. Das Wissen hat er aus dem Radio, dem Fernsehen und aus den Podcasts, also aus all den medialen Quellen, mit denen sich seine Mutter des Nachts hat in den Schlaf wiegen lassen. Der Fötus versteht viel von Shakespeare, vom Psychiater Freud und vom Staatstheoretiker Hobbes. Und so schwafelt der Fötus mehr oder weniger intelligent über die gegenwärtige Klimakatastrophe genauso wie über die Flüchtlingswellen.
Der Fötus analysiert, kommentiert und denkt nach. Er erzählt vom modernen Menschen, der einem riesigen Informations-Fluss ausgesetzt ist. Der Fötus ist ein Held, der zwar den desolaten Zustand unserer Welt präzise erkennt, der aber rein gar nichts dagegen unternehmen kann. Im Bauch der Mutter eingeschlossen, ist er unfähig, für eine bessere Welt zu kämpfen. So schlittert der Fötus schliesslich in eine Katastrophe hinein. Er, der Fötus, der sein Leben noch nicht einmal begonnen hat, er muss sich schon im Mutterleib die bekannte Frage stellen, die wir aus Shakespeares „Hamlet“ bestens kennen: Sein oder Nichtsein?
Text und Foto (Symbolbild): Kurt Schnidrig