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… Du besuchst eine der oberitalienischen Städte und entdeckst am Abend den Broletto oder Arengo. Du bewunderst die geschlossene Schönheit des Platzes oder Hofes, der seinerzeit – im Mittelalter – der Volksversammlung diente. Und: Du bedauerst, dass die Gesellschaft anscheinend nicht weitergekommen ist, im Gegenteil, denn Volksversammlungen finden heutzutage nicht mehr statt, ausgenommen Popkonzerte oder Opernaufführungen, das heisst nur noch dem Genusse der einzelnen Besucher dienend.
Früher war es also besser; früher war der Stadtbewohner souveräner? So fragst du und fragst dich in der Geschichte herum – und beginnst zu zweifeln. War der Arengo der Ring, in dem sich die Bürger organisierten und sich ihrer kollektiven Macht bewusst wurden oder war er der Ort, zu dem die Bürger herbeigerufen wurden, um ihnen die fürstliche Macht zu demonstrieren und ihnen den Marsch zu blasen? Wie es die Faschisten zeigten, die es liebten, vom Balkon herunter das Volk zu beschwören? Deine Zweifel wühlen sich weiter durch die Seele und kommen nicht zur Ruhe.
Doch dann blickst du dich um und du freust dich, dass der Broletto von Novara so schön renoviert und sogar öffentlich begehbar wurde. Er bildet wieder das Zentrum der Stadt. Immerhin.
Aber er ist kein politischer Ort, und so meldet sich der Zweifel erneut. Und das Volk wird nicht gefragt. Seinem Verstand traut man nicht. In der mittelalterlichen Stadt nannte man das Haus der Kommune zwar «Palazzo della Ragione», also «Palast der Vernunft» oder «Palast der Rechenschaft». Der Rechenschaft, die der Bürger von der Regierung erwartete.
Nannte man. Damals. Und heute? Das Volk wird nicht gefragt. Es wird nur für Wahlen an die Urnen gerufen. Kein Wunder, dass es erst einmal «Nein!» ruft, wenn es ausnahmsweise und erst noch aus taktischem Kalkül heraus gefragt wird, wie jüngst in Grossbritannien zur Mitgliedschaft in der EU.
Das Volk wird nur im Schweizer Kleinstaat befragt, und der hat nichts zu sagen, was die Läufe der Welt betrifft. Warum traut sich der Rest des Weltverstandes weniger zu als der Schweizer dem Schweizerverstand? Die Schweizer lernen mit ihrem Verfahren immerhin, dass man ab und zu nicht nur zwischen zwei Gütern, sondern auch zwischen zwei Übeln zu wählen hat, entwickeln damit einen Sinn für die Realität und misstrauen den Versprechungen vom Balkon herunter.
Wenn man das Volk nicht befragt, wenn man dem Verstand der Menschen nicht traut, dann werden diese zur Masse, der man vom Balkon, von der Bühne, vom Podium, von den Plakatsäulen und den Bildschirmen herunter vorbeten kann, was sie zu denken und zu fühlen hat. Schwierig und mühsam, sich dagegen zu wehren.
Warum soll einer sich dagegen wehren? Weil die Gefahr besteht, dass die Vernunft zur privaten Angelegenheit deklariert wird. Zugunsten der Unvernunft von Macht.
Trotz allem. Du überquerst am nächsten Morgen den Arengo, den Broletto erneut und hörst das leise Flüstern der Wände, das Dich zur Vernunft ruft, zur Vernunft, die Teil des öffentlichen Willens und Handelns ist. Und du freust dich am neuen Tag. In dessen Licht deine Vernunft gefordert ist …