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Vor gut 10 Jahren infizierte mich der Reinhold Schrettl, selig, mit seinen Erzählungen vom Kobuk und dem Inconnu. Ein Bild eines springenden Shees am Kobuk von Freund Fritz aus Imst erledigte dann den Rest.
Es dürfte dem Leser meiner Berichte nicht entgangen sein, dass wir uns bereits im Herbst 2015 in den Nordwesten Alaskas aufmachten, um die Bekanntschaft mit dem Unbekannten zu machen. Doch damals paddelten Rolando und ich im Hochwasser des Wulik Rivers ums nackte Überleben (etwas Dramatik darf auch mal sein), mussten wegen Überschwemmungen und Hochwasser die Region verfrüht verlassen und wichen ungeplant an den Kanektok River im Südwesten Alaskas aus. Der Inconnu blieb uns so weiterhin unbekannt.
Glücklicherweise siegt nicht immer die Vernunft und bald stand der Plan fürs 2017:
Die Jagd nach dem Unbekannten geht weiter!
Nebst Rolando fanden sich noch zwei weitere Unerschrockene ein: Silvio und Jochen. Beide waren bereits auf vergangenen Floats mit an Bord der Rafts und sich der Risiken eines möglichen Scheiterns wohl bewusst.
Der Kobuk River liegt im Gates of the Arctic National Park and Preserve. Mit einer Fläche von 30448 km2 ist der U.S. National Park etwa gleich gross wie Belgien und liegt vollständig nördlich des Polarkreises. Flüsse wie der Alatna oder der Noatak finden nebst dem Kobuk darin ihr Quellgebiet.
Der Kobuk River entspringt dem Walker Lake und dessen Zuflüssen aus den Endicott Mountains. Bis er in der Nähe von Kiana in den Kotzebue Sound mündet, legt er eine Strecke von rund 450 Kilometern zurück. Ab Kobuk City wird der nun träge und breite Strom von den Anwohnern, hauptsächlich Natives, als Handelsstrasse und Nahrungsquelle genutzt. Bekannt ist der Kobuk River ufür die spektakuläre Überquerung der Western Arctic Caribou Herd mit 200'000 Tieren und der Great Kobuk Sand Dunes, den grössten aktiven Sanddünen der Arktis.
Der rafttechnisch interessanteste Teil liegt im obersten Drittel des Flusses, ab Walker Lake bis zur Einmündung des Pha River, rund 120 Meilen. Startet man ab Walker Lake gibt es mehrere Schlüsselstellen, darunter den Upper Canyon (Class II-IV, 0.2mi) und den Lower Canyon (Class III-V, 0.5mi). Uns wurde im Vorfeld empfohlen, den Upper Canyon zu um tragen (Portage) und beim Lower Canyon die Boote an langen Seilen zu treideln, abhängig des Wasserstandes. Will man es gemütlicher, kann man ab Lake Minakokosa, Nutuvukti oder Selby-Narvak Lake starten. So lässt man die Canyons aus und reduziert die Strecke.
Zur Fischerei: Das Objekt der Begierde war der Sheefish (Stenodus leucichthys), von den Natives "Inconnu" (der Unbekannte) genannt, uns auch als Weisslachs oder Frauenfisch (She(e)fish) bekannt. Aufgrund seines Aussehens wird er gerne "Tarpon of the North" genannt. Diese Renkenart kommt in Flüssen rund um den Polarkreis vor, kann über einen Meter lang werden und gilt als ausgesprochen starker Kämpfer. Er steigt ab August vom Meer in den Kobuk zum Laichen auf und hält sich gerne in tiefem Wasser auf. Gefangen wird er mit grossen, tiefgeführten Spinnern oder Streamern. Weiter sind Hundslachse, Äschen, Hechte, Laketrouts und Chars/Dollies im Kobuk vertreten.
Silvio, Rolando und ich trafen in Frankfurt auf Jochen, unseren Schärdinger Steelhead-Profi (Karluk-Float 2011) und erwischten alle noch knapp den Flieger nach Anchorage.
Carmen vom Alaskafisherman Club (AFC) erwartete uns in Anchorage in der Ankunftshalle und begrüsste uns mit warnendem Zeigefinger: "Jungs, falls einer von euch Spassvögel einen Bericht über den Kobuk schreiben will: Hände weg!".
Ja, dieser Float war bezüglich der Organisation nicht ganz so smooth wie andere: Wir benötigten spezielle Boote, denn Carmens rote Grabner Boote (Rosie!) sind für die Durchfahrt der beiden Canyons versicherungstechnisch nicht zugelassen. Weiter musste alles Material und Essen von Anchorage via Fairbanks bis nach Bettles im Frachtflieger ausgeflogen werden. Man könnte die Ausrüstung auch in Bettles anmieten, das Essen selbst in Fairbanks kaufen und dann auf Mann transportieren. Das schlägt aber teuer zu Buche, lässt Fragen zur Qualität des Materials des Piloten offen, gibt Übergepäcksdiskussionen bei den Fluglinien und endet in stundenlangen Shopping-Orgien.
Nach etlichen Floattrips wissen wir den Service und das Material von Carmen sehr zu schätzen und lassen alles bereits vorher von ihr zum Piloten verfrachten. Völlig stressfrei, was dann aber auch bedeutet, dass genügend Muse und Zeit für das Schreiben eines ausführlichen Berichts vorhanden ist…
Nachdem das Gepäck im Hotel deponiert war, besuchten wir die obligaten Stationen in Anchorage: Tackleshops, den Ship Creek wo die ersten Cohos gefangen wurden und die Bar im Millenum Hotel, um ein erstes Alaskan Amber zu geniessen.
Und da wir eine Nacht in Fairbanks verbringen würden, steuerten wir direkt nach der Landung zu den Mietwagen-Verleihstationen im Flughafen von Fairbanks, denn wir brauchten einen fahrbaren Untersatz zur Erledigung von Einkäufen wie Fleisch, Früchten und Hochprozentigem.
An den Desks der Verleihfirmen sorgten wir für ordentlich Stimmung:
Bei der Frage, wer denn den ausgesprochen charmanten Swiss Boys das beste Angebot machen würde, kamen die Ladies richtig in Fahrt und versuchten sich gegenseitig mit Sonderangeboten auszustechen.
Bei einem Männertraum in Chrom und unverschämt guten Mietbedingungen (off-season) schlugen wir schlussendlich bei Budget ein.
Der Tag wurde ungewöhnlich früh beendet: Die Erdbeer-Margarita beim Mexikaner, gepaart mit dem Jetlag zeigte Wirkung und schickte uns früh zu Boden, resp. in die Hotelbetten.
Letzer Morgen in der Zivilisation, letztes langes Duschen, letzte saubere Rasur, letztes schmerzfreies Zähneputzen dank lauwarmem Wasser; ja, auch unsere Zahnhälse liegen mittlerweile frei. Und was macht Zimmergenosse Rolando? Er packt ein letztes Mal nochmal alles um; man muss ihn einfach gern haben!
Vis-à-vis des Hotels bestätigte sich, was wir bereits vermutet hatten: der frühe Zapfenstreich vom Vortrag liess uns anscheinend nicht viel vom hiesigen Nachtleben verpasst haben.
Die Rückgabe des Pickups versetzte die Ladies wiederum in Aufruhr. Diesmal jedoch nicht ob der Schweizer Freundlichkeit, sondern eher wegen der knarzenden Geräusche der Watschuhe auf dem gefliesten Boden in der Flughafenhalle: "Hardbite Studs – der ultimativ sichere Halt auf jedem Untergrund!" Die Rückgabe ging ungewöhnlich schnell von Statten.
Bei Wright Air Service, einer der Airservices, welcher die arktischen Siedlungen mit Transporten versorgt, war schon ordentlich was los. Die kleine Abflughalle war voll bepackt mit Karibu-Jägern und Natives, die auf ihre Flüge warteten.
"Inconnu" und "Kobuk" waren Stichwörter, bei denen die Einheimischen umgehend den Daumen nach oben anzeigten. "Where wise man fish" wäre so ungefähr das zusammenfassende Echo gewesen. Das ging natürlich runter wie der Maplesirup des Frühstücks und die Zweifel am Erfolg unserer Unternehmung waren fürs Erste aus dem Weg geräumt.
Trotz verordneter Pinkelpause, bezahlten wir wie immer beim Wiegen einige extra Dollars für ein einige extra Kilos… Zusammen mit drei Einheimischen flogen wir dann endlich Richtung Bettles.
Das, was wir als Bettles kennenlernen durften, wäre korrekterweise als "Bettles Field" oder "Evansville" zu bezeichnen, denn das ursprüngliche Bettles liegt rund 10 Kilometer vom Flugfeld entfernt und kennt man heute als "Old Bettles".
Das heutige Bettles liegt an den Ufern des Koyukuk Rivers, diente im zweiten Weltkrieg als Versorgungsposten für die U.S. Army und ist, dank des damals errichteten Flugfelds, auch heute noch immer ein wichtiger zentraler Punkt zur Versorgung der arktischen Gebiete Alaskas. Nebst dem Flugfeld, findet man ein Visitor Center des "Gates of the Arctic" Nationalparks, ein paar Touristenabsteigen und die Bettles Lodge.
Aus der Luft sah das Kaff recht verschlafen aus, doch nach unserer Landung wuselten etliche Leute um uns herum und halfen beim Ausladen der Maschine. Wir mussten höllisch aufpassen, dass unsere Taschen und Boxen nicht plötzlich unabsichtlich auf einem der Pickups oder ATVs verschwanden.
Kevin stellte sich uns als unser Bushpilot vor und meinte, wir sollten zuerst einmal in der Lodge etwas essen. Danach würde er mit uns an den Walker Lake ausfliegen.
Das Marketingkonzept war schnell durchschaut, doch die Tomatensuppe für $15 und den Hamburger für $20 waren lecker. Bei der anschliessenden Durchsicht unserer Rafts stellte Silvio geistesgegenwärtig fest, dass das Reparatur-Kit fehlte. Wie sich später zeigen sollte, waren wir ihm noch sehr dankbar dafür.
Wir wurden auf zwei Flüge verteilt. Jochen und ich machten den Anfang, Rolando und Silvio sollten dann im zweiten Flug an den Walker Lake folgen.
Jochen und ich nahmen die Zelte und den Proviant mit uns, um im Falle eines plötzlichen Wetterwechsels oder eines anderen Problems einige Tage in der Wildnis alleine verbleiben zu können.
Der Wetterbericht für die nächsten Tage versprach zwar immer wieder etwas Regen und Temperaturen um die
4 Grad, jedoch keine übermässigen Regenfälle. Somit bestand keine Hochwassergefahr. Phu!!
Auf dem 90-minütigen Flug in der Beaver zum Walker Lake waren wir erneut fasziniert von den unberührten und endlosen Weiten Alaskas.
Beim erstmaligen Überfliegen des Kobuks kam die nächste Erleichterung: der Mythos "Kobuk, welcher sich in den letzten zwei Jahren doch immer grösser aufbaute, war mit einem Schlag aufgelöst. Da lag er unter uns; das Ziel war erreicht! Und er schaute ganz passabel aus, durchaus befisch- und befahrbar. Es hatte zwar bereits zu Anfang ordentlich Wasser und das Flussbett war toll breit, aber dafür waren ja die Zweihänder im Gepäck.
Der Pilot informierte über Funk, dass er mit uns über die beiden Canyons fliegen würde, damit wir diese beiden Schlüsselstellen ein erstes Mal in Augenschein nehmen konnten. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das wirklich eine so gute Idee war.
Der Lower Canyon, welcher die gefährlichere Stelle sein soll, schaute von oben machbar aus. Der Upper Canyon hingegen machte schon mehr Eindruck. Da standen einige fiese Steine inmitten der reissenden Strömung und es gab kaum ruhige Zonen oder Anlegestellen, was bedeuten würde, dass es nach dem Start kein Zurück mehr geben würde.
"Passt scho" – knisterte es über den Bordfunk. Unser Innviertler war bester Dinge und sein Blitzen in den Augen zeigte pure Vorfreude auf das bevorstehende Raftabenteuer. Na, das sind Männer, die man sich im Boot wünscht!
Die sanfte Landung auf dem Walker Lake war kaum zu spüren und der Flieger wurde schnell entladen. Wir fanden eine tolle Campstelle direkt beim Ausfluss und stellten umgehend die beiden Schlafzelte und die Küche auf.
Plötzlich vernahmen wir Stimmen und kurz darauf tauchten zwei Mädels auf. Nein, die waren nicht bestellt und erklären auch nicht die Zusatzkilos im Gepäck! Die beiden gehörten zum Inventar des "Gates of the Arctic National Park", und erklärten uns, dass sie den ganzen Sommer über hier am Walker Lake als Parkrangerinnen zum Rechten sehen würden. Dazu gehörte unter anderem auch, dass sie gleich in der nächsten Bucht unter ihrem Kanu ihr Camp hätten und nach unserer Abreise wieder alles in seinen Ursprungszustand zurück versetzen würden. Der Zustand und die Farbe ihrer Fingernägel liess daran keinen Zweifel aufkommen.
Sobald jemand an den Walker Lake ausgeflogen würde, würden sie über Funk informiert und zur Campstelle kommen, um die Parkregeln zu erklären. Sie machten uns keine Vorschriften, sondern baten lediglich darum, nicht unnötig Bäume zu fällen, unseren Fussabdruck in der Natur so gering wie möglich zu halten und der Natur den nötigen Respekt zu zollen. Damit hatten wir natürlich keine Probleme, einzig beim künftigen Ansitz auf dem Donnerbalken fühlten wir uns von nun an nicht mehr ganz so unbeobachtet wie auch schon.
Das erneute Brummen der Beaver kündete das Eintreffen von Rolando und Silvio an und bald darauf war alles entladen und das Team wieder vollständig. Die beiden wurden über das ungeplante Zusammentreffen mit den beiden Wühlmäusen, sprich Parkrangerinnen, informiert, was verständlicherweise zu ungläubigen Blicken führte.
Alle räumten die Zelte ein und kurz darauf wurden auch schon die Ruten zusammen gesteckt. Dabei bestaunten wir das ausgetüftelte Innenleben von Rolandos Ortlieb Tasche.
Plötzlich wurden wir jäh von Silvios Rufen unterbrochen: "FISH ON!"
Am Seeufer krümmte sich Silvios Spinnrute und die Rolle hatte ordentlich zu tun. Was für ein Wilkommensgruss!
Uiii, jetzt waren die Ruten aber schnell zusammengesteckt! Und es sollten gleich weitere Fänge folgen.
Ob mit Spinn- oder Fliegenrute, die Namaycushs des Walker Lakes waren aggressiv und wir konnten durchaus nachvollziehen, warum die Natives den See auch "Big Fish Lake" nennen.
Der Legende nach soll nämlich der See riesige Fische beherbergen und ein Einheimischer soll bei einer Expedition versucht haben, mit einem Haken aus einem Karibugeweih und einer Gans als Köder eines dieser Seemonster zu fangen, leider vergeblich (Cantwell Expedition, 1885).
Während wir Schweizer schwere Löffel statt Gänse in den See rauspfefferten, war Jochen mit der Fliegenrute im Seeauslauf einer anderen Spezies auf der Spur: Er drillte Äsche um Äsche, ob auf Streamer, Trockenfliege oder Nymphe. Egal was, es wurde umgehend von den hungrigen Äschen genommen.
Ich verteilte den Jungs Rehhaarmäuse und das Spektakel auf der Oberfläche begann. Oft schnappten zwei, drei Äschen gleichzeitig auf die furchende Maus. Um gezielt auf grössere Fische zu fischen, band ich schlussendlich einen XXL-Wiggler ans Ende der Schnur, doch auch dieser hielt die schnappende Schaar nicht ab.
Zurück im Camp wurde gefeuert, Spaghetti Carbonara kredenzt und zum Dessert wurden die Erlebnisse mit der mittlerweile legendären Orangen-Flambada (Mix aus Orangen, Unmengen an Zucker und flaschenweise Jägermeister), gefeiert. Was für ein gelungener Start am Kobuk!
Am Lagerfeuer wurde beschlossen, dass wir am nächsten Tag die erste Flussetappe in Angriff nehmen wollten. Die beiden Canyons hatten beim Überflug doch ihren Eindruck bei jedem von uns hinterlassen und so wollten wir diese beiden Schlüsselstellen so rasch wie möglich hinter uns wissen.
Der nächste Morgen begrüsste uns bei herrlichem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Rolando meinte gar: "Heute herrscht Badewetter in den Canyons!" Idiot!
Das Camp war rasch abgebaut und die Spuren sauber beseitigt; die Nägel der Wühlmäuse sollten geschont werden.
Es ist immer wieder ein unbeschreiblich schönes Gefühl, diese ersten Paddelschläge auf einem unbekannten Fluss zu machen. Einzig das Eintauchen des Paddels ist in der Stille zu vernehmen, jeder ist gespannt, was hinter der nächsten Flussbiegung auf ihn wartet, wie die Fischerei wohl wird und wo wir die Zelte für die nächste Nacht aufstellen werden.
Die Stille wurde bald durch ein unüberhörbares Rauschen unterbrochen und der anfänglich sanfte Kobuk nahm Fahrt auf. Nach einer Biegung sahen wir die grossen Blöcke mitten im Fluss stehen, garniert mit stehenden Wellen und Weisswasser. Wir paddelten ans linke Ufer, wo ein ausgetretener Pfad den Hügel hinaufführte. Der gut 300 Meter lange Pfad führte über einen Kamm dem Fluss entlang. Wir begutachteten von oben die heiklen Stellen im Fluss und jeder begann Vorschläge zu machen, wie welcher Stein umfahren werden könnte.
Der Beschluss war einstimmig und schnell gefasst: wir nehmen den Wasserweg, denn die Schlepperei über den Landweg schien uns unnötig und zu anstrengend.
Den Anfang würden Rolando und ich machen. Je nach Ausgang sollten wir dann auch noch das zweite Boot durch den Canyon führen. "Ja, wenn ihr dann schon nass seid…"
Uns beiden war bewusst, dass das Raft schwer zu manövrieren sein wird, speziell mit den losen Paddel statt einem Rudergestell. Wir sprachen den Kurs trotzdem grob ab, damit jeder wusste, auf welcher Höhe in welche Richtung gepaddelt werden muss, denn für grosse Diskussionen auf dem Wasser wird keine Zeit sein.
Wir zogen das Raft so weit wie möglich das linke Flussufer hoch, um so die Paddelstrecke bis zum ersten grossen Stein zu vergrössern und um ihn um paddeln zu können. Mit einem Sprung ins Boot begann der Höllenritt: Der Kurs stimmte, der Wasserdruck war riesig, der erste Stein kam näher und unser Boot knallte Bug voran mitten drauf. Saubere Punktlandung und das bereits beim ersten Stein… Nach dem ersten Schrecken und der Gewissheit, dass das Raft doch auch einiges wegstecken konnte, ging es weiter. Unbeeindruckt schrammte das Raft von Stein zu Stein, von einer Rausche zu nächsten und zum Schluss spuckte uns der Canyon in ein ruhiges Becken aus. Gegenseitiger Check der Insassen und der Ladung: alle unverletzt, alles noch da.
Wir feierten mit Silvio und Jochen am Ufer den Erfolg und staunten nicht schlecht, als beide meinten: "Und jetzt wir! Das lassen wir uns nicht entgehen!". Anscheinend hatten die beiden nun auch Lust bekommen. Letzter Tipp für die beiden: "Ein Paddelschlag links, ein Paddelschlag rechts und schon seid Ihr durch – #Kindergeburtstag! (mehr könnt ihr sowieso nicht machen)"
Die beiden hatten zu Anfang etwas mehr Abstimmungsprobleme, doch das verhinderte, dass sie den ersten grossen Stein rammten. Dafür durften sie dann in den nächsten Passagen etwas mehr Spritzwasser schlucken. Aber auch sie meisterten den Upper Canyon des Kobuk ohne Schäden oder Verluste und die Freude über das gelungene Raft-Abenteuer war bei allen gross.
Der Flussverlauf wurde nun sehr abwechslungsreich, mal gab es ruhige Passagen, mal wieder ein paar Rauschen. Das Wetter war eine Pracht und wir genossen die folgenden Meilen auf dem Kobuk. Ausser Äschen konnten wir in den ruhigen Passagen jedoch nichts überlisten.
Da wir gut Strecke machten und alle voller Tatendrang waren, beschlossen wir, den Lower Canyon auch noch zu durchfahren, um gleich beide Passagen hinter uns zu wissen. Die Aussicht auf eine bessere Fischerei, speziell natürlich auf den Fang eines Sheefish unterhalb des Lower Canyon, liess uns voller Motivation in die Paddel greifen.
Der Lower Canyon kündigte sich mit einem markanten Einschnitt in der Landschaft an. Zu Beginn der Schlucht machten wir die Boote fest und versuchten zu Fuss so weit wie möglich den Canyon einzusehen. Doch das war kaum möglich, denn nach der ersten Biegung gab es nur noch Felswände. So blieb der weitere Flussverlauf unbekannt und es sollte uns ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang erwarten.
Beflügelt vom Erfolg im Upper Canyon und des gewonnenen Vertrauens in die Boote, wurde wiederum nicht lange gefackelt: Alles wurde erneut fest verzurrt, die Schwimmwesten nachgezogen und mit einem Ragusa zwischen den Zähnen legten diesmal Jochen und Silvio als Vorhut ab.
Auch Rolando und ich waren kurz darauf im Boot und der wilde Ritt begann erneut. Zu Anfang meisterten wir alles noch bravourös; ob schnelles Wasser mit Riffeln oder ruhige Passagen mit grossen Felsen, das Boot war gut zu manövrieren und wir hatten einen Heidenspass. Doch im letzten Drittel wurde es tückisch: die Anzahl der Steine wurde zu gross, der Wasserdruck wiederum zu stark und die Fehlerquote deutlich zu hoch: wir schrammten über den einen oder anderen Stein zuviel. Schon bald merkten wir, dass der Boden des NRS-Bootes wohl den einen oder anderen Rempler nicht unbeschadet weggesteckt hatte, denn wir sassen bis zu den Knien im Wasser. Das schwere Boot war jetzt kaum noch zu manövrieren und es blieb uns nur noch das Abstossen mit den Paddel von herannnahenden Felsen übrig. Jochen und Silvio hiessen uns, auch patschnass aber gröhlend und johlend, am Ende des Canyons willkommen. Den beiden war es nicht besser ergangen; auch ihre wasserdichten Taschen und Kisten schwammen und schunkelten im Raft herum.
Wir entleerten die Boote, mussten aber feststellen, dass dies vergebene Liebesmühe war, denn die Boote füllten sich umgehend wieder mit Wasser. So beschlossen wir auf der nächstgrösseren Kiesbank das Camp aufzubauen und dort über Nacht die Boote zu flicken.
Das schöne Wetter vom Morgen hatte unterdessen auch umgeschlagen: Es zogen dunkle Wolken auf und die Temperatur fiel merklich. Während des Zeltaufbaus fing es gar an zu schneien. Unter einer Plane drehten wir die Boote um und trockneten, die zu klebenden Stellen möglichst gut ab. Glücklicherweise hatten wir selbst noch zusätzlichen Zwei-Komponentenkleber dabei und Jochen zauberte Industrie-Klebeband aus der Tasche. Zusammen mit ordentlich Duct-Tape und den Flicken aus dem Rep-Kit konnten wir die beiden Boote flicken. Problematisch war einzig die Kälte, welche das Austrocknen des Klebers verzögerte. Wir hofften, dass wir am nächsten Tag trotzdem weiterfahren konnten. Das Wetter wurde immer garstiger und statt zu fischen, machten wir es uns im Küchenzelt mit Tinto aus der Kartonbox, einem leckeren Nudelsüppchen und "Sunshine Reggae" aus der Musikbox gemütlich.
Das Thermometer zeigte am nächsten Morgen minus sieben Grad an und alles war mit einem Reif überzogen. Jochen, unser Frühaufsteher, stand bereits in der Küche und kredenzte Toasts mit Nutella und frisch augegossenem Instant-Kaffee. Was für ein herrlicher Start in diesen Tag!
Die geflickten Boote bestanden einen ersten Test im Wasser und wurden beladen, denn wir wollten weiter. Der Campplatz war zwar ideal, aber fischereilich sprach er uns kaum an. So waren wir bei Zeiten wieder auf dem Fluss und machten Meilen.
Die herbstliche Stimmung mit ihren Farben überwältigte uns. Und als in der nächsten Kurve eine Elchkuh im Wasser stand und auch noch weitere Bewohner auf uns warteten, da war mal wieder klar, warum wir hier draussen sind.
Während des Floatens suchten wir immer wieder mit Streamern tiefe Züge und stille Stellen ab, in der Hoffnung auf Sheefish oder Hecht. Doch leider ohne Erfolg.
Am Abend fanden wir eine Campstelle mit einem toten Seitenarm auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses und einer Verästelung des Kobuks in mehrere Arme. Bereits beim ersten Inspizieren des Platzes fielen uns die gefärbten Schatten im seichten Wasser auf. Hundslachse! Das versprach harte Action an der Einhand- und der Spinnrute. Jochen und Silvio fackelten nicht lange und schon spritzte das Wasser.
Wir stellten das Camp auf und beschlossen für mindestens zwei Nächte hier zu bleiben, denn es roch förmlich nach Fisch!
Während ich noch die Zweihand mit Klebeband sicherte, schnappte sich Rolando die Spinnrute und machte einen Wurf über den Kobuk, Richtung Seitenarm. Kaum war der Gummifisch auf Grund knallte es schon: "Fish on!... – Uiii; BIIIG FISH ON!!!" Es blitzte jedoch keine rotgefärbte Seite im Wasser auf, sondern ein silberblanker Fisch wehrte sich im Drill. "SHEEFISH!!"
Und da durften wir zum ersten Mal den Unbekannten bewundern: ein langezogener Körper in silberglänzendem Schuppenkleid mit einem sehr charakteristischen Kopf und einem Schlund ohne Zähne. Die Bekanntschaft war gemacht und die Freude darüber sehr gross. Kurzum wurde beschlossen den Fisch zu entnehmen und so standen zum Abendessen Sheefish-Knusperli auf dem Menuplan.
Die geschnittenen Streifen wurden zuerst gewürzt und im Mehl gedreht um anschliessend im schwimmenden Öl knusprig durchgebacken zu werden. Der Geschmack war leicht süsslich, die Konsistenz ähnelte dem eines Meerfisches. Der Sheefish schmeckte uns ausgezeichnet!
Nach diesem feudalen Abendessen gab es kein Halten mehr und nun kamen endlich die Zweihänder zum Einsatz:
Der Sheefish übertraf alles, was wir uns in den wildesten Träumen vorgestellt hatten. Wir staunten über die Anzahl, die Grösse und die ausgesprochene Beissfreudigkeit. Die Streamer mussten nur gross und mit viel Glitzer sein, und schon knallte es.
Die entschlossenen und harten Bisse kamen unerwartet, oft auch erst an der Oberfläche beim Einstrippen des Streamers. Es schien, als spielten die Fische komplett verrückt, kaum war einer unserer Streamer im Wasser; eine Meute blutrünstiger und ausgehungerter Pitbulls.
Bis spät in die Nacht waren wir so zu Werke und völlig ausgepowert fanden wir uns zu einem zweiten Dinner im Küchenzelt ein.
Dieser Tag, der musste gefeiert werden!
Und so war bald der Whisky auf dem Tisch, bald war er leer, bald waren alle hundemüde und bald verfehlte einer knapp den Eingang des Schlafzelts und plättete das Teil sauber mit einer Arschbombe. Was für ein Bild! So gab es noch kurz eine Zeltaufstellaktion in den frühen Morgenstunden mit schallendem Gelächter. Irgendwann waren dann aber doch alle im Schlafsack und es hallte mal wieder durch die Weiten Alaskas: "Gute Nacht, John-Boy!"
In den nächsten Tagen trafen wir immer wieder auf Sheefish, aber auch Äschen und Hundslachse waren allgegenwärtig. Das Wetter wechselte ständig, mal liess uns ein kalter Wind und die weissen Gipfel der umliegenden Berge den nahenden Winter spüren, mal verwandelte die Sonne die unberührte Landschaft in fantastische Herbstbilder. Der Kobuk wurde zwar immer breiter und träger, doch langweilig wurde weder das Floaten noch das Fischen. Immer wieder trafen wir auf Rauschen oder Flussveränderungen, die eine unglaubliche Fischerei boten.
Am achten Tag erreichten wir den Zusammenfluss mit dem Pha River. Diese Stelle gilt als "DER Hotspot" für Sheefish. Wir waren von der Stelle jedoch etwas enttäuscht. Der Kobuk war hier sehr breit und der Pha führte stark gefärbtes Wasser, was von uns als "nicht befischbar" befunden wurde.
So blieb uns nichts anderes übrig, als weiter zu floaten. Jedoch war das eine kurze Strecke, denn in der übernächsten Biegung sollte uns der Pilot in vier Tagen abholen. Dort fanden wir glücklicherweise eine kleine Insel im Fluss, welche unser Standplatz für die nächsten Tage werden sollte.
Die Stelle schien so gar nicht "fischig"; es war kaum Struktur im breiten Strom zu erkennen. Optionen gab es aber auch keine und so richteten wir das Camp halt hier auf.
Nach den ersten Würfen mit der 2Hand war schnell klar: Hier wird schweres Material von Nöten sein und so schlauften wir T17er und T20er Tips ans Ende unserer Skagit-Schussköpfe ein. Und schon ging der Tanz mit den Sheefish wieder von vorne los, und das direkt vor dem Küchenzelt!
Die Stimmung stieg umgehend und als Silvio noch die ersten Äschen mit der Trockenfliege überlistete, gab es auch Hoffnung auf Entspannung für die drillgeplagten und schmerzenden Schultern und Unterarme.
In der ersten Nacht weckten uns heftige Sturmböen mit starken Regenfällen und der Wasserlevel des Kobuks stieg an. "Unsere" kleine Insel entpuppte sich jedoch als sicherer Hafen in genügend erhöhter Lage. Für die nächsten Nächte überspannten wir zur Sicherheit die Schlafzelte mit einer grossen Plane und zogen ein paar Drainagegräben um die Zelte; das versprach sorglosen Schlaf für die kommenden Nächte.
Doch das war eigentlich vergebene Liebesmüh, denn nach dieser stürmischen Nacht kehrte das schöne Wetter zurück und der Kobuk und seine Umgebung präsentierten sich wieder in den schönsten Herbstfarben.
Die verbleibenden Tage wurden zur puren Genussfischerei und zum stressfreien Camp-Leben. Wir entspannten uns bei viel Schlaf, Essen, Trinken und genossen die unerwartet grandiose Fischerei und das tolle Wetter.
Auf Sheefish haben wir hauptsächlich mit Zweihand Ruten gefischt. Aber auch mit der Einhand- oder mit der Spinnrute fingen wir Fische. Mit Sinkschnur und schweren Streamern an der 8er Einhandrute war das Fischen aber deutlich schmerzvoller als mit der Zweihand. Brannte die Schulter nicht schon bereits vom Werfen, dann schrie sie spätestens bei den harten Drills an den Sheefish.
Nicht nur wir, sondern auch das Gerät wurde stark beansprucht: Zwei Redington Dually Doppelhänder und eine Spinnrute verabschiedeten sich in den ewigen Rutenhimmel; jeweils im Drill der Fische. Die selbstaufgebaute sechsteilige CTS Zweihand DH #9/10, 12'6", zusammen mit der Sage Evoke (Gewinn Reisebericht 2014, Fliegenfischer-Forum.de) hingegen war genau die richtige Kombi für die weiten Würfe und das rasche Handling der starken Kämpfer. Eine Traumrute und Rolle!
Leider trafen wir während des gesamten Floats weder auf Hechte noch auf Chars/Dollies. Nebst dem Sheefish fingen wir dafür mit den leichten Ruten und Trockenfliege unzählige Äschen und sogenannte "Humpback Whitefish" (herzlichen Dank an Clemens R. bei der Hilfe zur Artbestimmung). Beide Fischarten bildeten eine tolle Abwechslung auf der Speisekarte. Aber an den Geschmack des Sheefish kam keiner ran.
Bevor uns der Flieger am nächsten Tag wieder abholen kam, bot uns der Kobuk am letzten Abend ein furioses Finale mit einem grandiosen Sonnenuntergang und weiteren tollen Fängen.
Der Flieger traf wie verabredet in der Früh des zwölften Tages ein und brachte uns nach Bettles zurück. Nach dem mittlerweile obligaten Hamburger in der Bettles Lodge, flogen wir umgehend nach Fairbanks zurück, wo wir uns ein feudales Essen im Pump House Restaurant (absolut empfehlenswert!) gönnten und den gelungen Kobuk Float feierten.
Am darauffolgenden Tag ging bereits der Flieger zurück nach Frankfurt, wo wir uns von Jochen verabschiedeten und via Zürich zu unseren Liebsten zurück kehrten. Natürlich mit bereits neuen Plänen im Kopf!
Die Bekanntschaft mit dem Unbekannten war ein aussergewöhnliches Erlebnis! Der Inconnu hat uns alle tief beeindruckt. In unzähligen Schulen von rund 20-50 Tieren, in durchschnittlicher Grösse um einen Meter (max 120 cm) zogen die Fische den Kobuk hoch. Die Bisse an der Zweihandrute waren sehr aggressiv und oft wurden die Streamer an der Oberfläche verfolgt und genommen. Einige Kämpfer sprangen gar aus dem Wasser und versuchten, Tarpon-like, sich zu befreien, doch das waren Ausnahmen. Die meisten Fische nutzten ihr Eigengewicht und die Strömung im Kampf, vergleichbar mit Huchen. Der Sheefish ist ein ausgezeichneter Speisefisch und hat unsere Campküche immens aufgewertet.
Die Struktur des Kobuk Rivers gehört nicht unbedingt zu unserem Lieblingswasser, doch bietet der Fluss auch Abwechslung (Canyons). Das meist ruhige Wasser hat auch seine Vorteile; wir hatten ausgiebig Zeit die Gegend zu studieren und ab und an ein Bier zu den Sprüchen von Mario Barth und Peach Weber aus der Musikbox zu geniessen. Ein gelegentlicher Paddelschlag oder ein flotter Song von CCR half in den ganz ruhigen Passagen gegen das drohende Einnicken.
Empfohlene Reisezeit:
Ende August dürfte ideal sein, um die Bekanntschaft mit dem Inconnu machen zu können. Früher birgt die Gefahr, dass die Fische erst im untersten Abschnitt anzutreffen sind, wenn überhaupt. Später besteht die Gefahr, dass einem ein möglicher Wintereinbruch die Stimmung vermiesen könnte. Die Temperaturen durch die Nacht waren während unseres Floats zwischen -7 und 5 Grad, tagsüber zwischen -2 und 14 Grad Celsius.
Outfitter:
Die gesamte Organisation vor Ort erledigte Carmen vom Alaska Fisherman Club (AFC), übrigens die Tochter des erwähnten Reinhold Schrettl. Zelte, Campmaterial, Küche und unverderblicher Proviant wurden bereits im Vorfeld als Cargo von Anchorage nach Bettles überstellt. Die Boote mieteten wir bei der Bettles Lodge an. Wiederum war der Service vom AFC tadellos und ist absolut zu empfehlen!
Team:
Silvio, Jochen und Rolando waren mit ihrem Optimismus, Abenteuergeist und dem unbezahlbare Humor wiederum entscheidend am Erfolg dieses Floats beteiligt! Danke Jungs!
Und natürlich braucht auch jeder von uns eine Familie, die so einer Unternehmung zustimmt. Dafür danken wir an dieser Stelle unseren Liebsten zu Hause herzlichst!
Gerne stehe ich für weitere Auskünfte zur Verfügung und freue mich schon, vom nächsten Float berichten zu können!
Urs Wehrli