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«Wer aus Bern kommt, hat die Chance, Karriere zu machen»von Beat Glur Nach zehn Jahren als Opern- und Konzertdirektor von Konzert Theater Bern (KTB) bricht Xavier Zuber Ende dieser Spielzeit zu neuen Ufern auf. In seiner letzten Saison bringt er mehrere Opern-Zyklen zum Abschluss.
Xavier Zuber, Sie haben die Saison nicht wie geplant mit der Neuinszenierung von Karl Maria von Webers grosser Chor-Oper «Der Freischütz» eröffnet, sondern mit der Wiederaufnahme von Bedrich Smetanas komischer Oper «Die verkaufte Braut», die im März Premiere hatte. Was ist schief gelaufen?
Corona kam dazwischen. Das Theater Freiburg, unser Kooperationspartner, konnte wegen der Pandemie das Stück weder proben noch aufführen. Damit fiel auch die Berner Premiere aus. Es war naheliegend, «Die verkaufte Braut», die kurz vor dem Corona-Ausbruch zur Premiere kam und beim Publikum grossen Anklang fand, wieder ins Programm aufzunehmen.
Kommt «Der Freischütz» wie angekündigt noch in dieser Spielzeit?
Er wurde verschoben. Intendant Florian Scholz wird entscheiden, wann genau das Stück zur Premiere kommt.
Sie haben sich – und wurden oft genug dafür kritisiert – einen Ruf als innovativer Operndirektor erarbeitet, der dem Publikum auch Entdeckungen und selten gespielte Stücke anbot. Ihr diesjähriger Opernspielplan liest sich wie ein Best-of-Programm: Bis auf Benjamin Brittens «The Rape of Lucretia» spielen Sie bekannte Repertoirestücke. Schielen Sie jetzt nur noch aufs Publikum?
In meiner letzten Spielzeit schliessen wir Zyklen ab, die wir über die Jahre erarbeitet haben. Wir zeigten den romantischen Richard Wagner mit «Lohengrin» oder «Tannhäuser» und beschliessen nun die Spielzeit mit «Parsifal», seinem letzten Werk. Von Leos Janacek spielten wir «Katja, Kabanowa» und «Das schlaue Füchslein», nun folgt noch sein Meisterwerk «Jenufa». Auch von Benjamin Britten haben wir mit sozialpolitisch relevanten Inszenierungen einen Zyklus erarbeitet, den wir nun nach «Peter Grimes» und «The Turn of the Screw» mit «The Rape of Lucretia» beschliessen.
Das Werk ist laut Programmheft erstmals in Bern zu sehen?
Wir haben es selbst kaum geglaubt. Es wurde 1946 immerhin vom grossen Schweizer Dirigenten Ernest Ansermet uraufgeführt. Es ist ein sehr wichtiges Stück, eine Gesellschaftsanklage gegen die Schrecken des Krieges. Regisseurin Andrea Moses wird das thematisieren. Es sind natürlich immer auch inhaltliche Gründe, weshalb wir uns für eine bestimmte Oper entscheiden. Unser Programm will gesellschaftlich relevante Themen neu befragen.
Das KTB verfügt über ein eher kleines Solisten-Ensemble. Wie weit wird bei der Planung auf die fest angestellten Sängerinnen und Sänger Rücksicht genommen?
Ich sehe eine kohärente Ensemblepolitik als essenzielle Aufgabe unseres Hauses. Gerade weil wir uns nur ein kleines Ensemble leisten können, sind wir ihm umso mehr verpflichtet. Als ich hier angefangen habe, sang etwa Claude Eichenberger im lyrischen Mozart-Fach; nun interpretiert sie im «Parsifal» die hochdramatische Kundry. Unser Ensemble hat sich in den letzten zehn Jahren enorm entwickelt.
Aber ohne Gäste, die meist aus dem Ausland kommen, liesse sich keine Oper produzieren?
Gerade bei den Gästen ist es wichtig, dass man auf Kontinuität setzt. Da wir keinen Heldentenor im Ensemble haben, kommt nun schon zum vierten Mal der Schwede Daniel Frank zu Konzert Theater Bern, diesmal als Parsifal. Das Publikum kann sich so stärker mit der Figur identifizieren.
So kann Bern als Karriere-Sprungbrett dienen?
Absolut! Natürlich bedauern wir, dass die Künstlerinnen und Künstler dann wieder gehen. Bern ist ein Haus, in dem man sein Potenzial entwickeln kann. Dies gilt für Sängerinnen genauso wie für Regisseure. In Bern können sich die Leute ausprobieren, dann gehen sie weiter an grössere Häuser und kommen dann und wann als Gäste wieder zu uns zurück. Bern ermöglicht jungen Solistinnen Rollendebuts, die ihnen grosse Häuser nicht anbieten können. Das KTB ist ein Referenzhaus; wer von hier kommt, hat die Chance, Karriere zu machen. In «The Rape of Lucretia» etwa singt die junge Berner Sopranistin Chelsea Zurflüh, eine Masterstudentin am Opernstudio der Hochschule der Künste Bern (HKB), in ihrer ersten grossen Rolle.
Vier Ihrer sechs Neuproduktionen werden von Frauen inszeniert. Folgen Sie hier einem Trend? Oder sind Regisseurinnen besser als ihre männlichen Kollegen?
Es gibt keine sogenannte Frauenregie; es gibt nur eine gute oder eine weniger gute Regie. Adriana Altaras etwa inszenierte schon mehrmals bei uns, zuletzt «Die verkaufte Braut». Jetzt wirft sie einen zeitgemässen Blick auf die Frauenoper «Norma», die in Bern seit 40 Jahren nicht mehr gespielt wurde. Übrigens mit Lana Kos, auch sie eine Rückkehrerin, in der Titelrolle. Andrea Moses, welche «The Rape of Lucretia» inszenierte, ist jetzt Operndirektorin in Weimar. Und Anja Nicklich eröffnet den Premierenreigen mit Verdis Spätwerk «Otello». Bei uns haben schon immer Frauen inszeniert. Was für Frauen und Männer zählt, ist, dass sie inhaltlich etwas zu bieten haben.
Aber es macht sich heutzutage schon gut, wenn viele Frauen inszenieren?
Es ist ein Glück, diese Saison so viele gute Regisseurinnen hier zu haben. Aber generell: Ob Mann oder Frau ist egal. Man kommt ins Gespräch, tauscht Ideen aus. Wenn die Sicht auf das Stück passt, kommt es zu einem Engagement. Natürlich muss man das Handwerk beherrschen, man muss musikalisch sein und im Team arbeiten können.
Bis auf Brittens «The Rape of Lucretia» sind alle Opern-Neuinszenierungen – wie auch das Mozart-Requiem zu Ostern – Chorstücke. Nicht gerade ideal in Zeiten von Corona, oder?
Das Mozart-Requiem steht für Leben! Aber es waren tatsächlich schwierige Überlegungen. Der Chor kam etwas früher aus der Kurzarbeit zurück, da wir ausprobieren wollten, ob man mit Masken singen kann. Und wir haben gemerkt: Es ist vielleicht nicht ideal, aber es geht. Nun singen alle mit Masken, das Orchester trägt Masken und im Publikum gilt Maskenpflicht. Es entsteht eine Art umfassende Solidarität, womit wir wieder bei Mozart wären.
Denken Sie, dass das dazu führt, dass die Leute nun wieder ins Theater gehen? Oder bleibt das Publikum aus, weil Maskentragen eben doch eher unangenehm ist?
Wir haben noch kaum Erfahrung mit der neuen Situation. Aber wir spüren die Solidarität des Publikums; es gab bisher wenig Kündigungen von Abonnementen.
Mit Ihnen verlässt auf Ende der Spielzeit auch der langjährige Chefdirigent Mario Venzago das KTB. Zum Saisonschluss kommt ein Violinkonzert, komponiert von Mario Venzago, zur Uraufführung. Was können Sie uns dazu verraten?
Ist das nicht toll? Diese Uraufführung steht in der Tradition komponierender Chefdirigenten, die in Bern gewirkt haben, wie etwa Luc Balmer oder Paul Kletzki. Wir freuen uns auf diesen Abschied und dass die Tradition mit diesem Vermächtnis lebendig bleibt.
Zum Schluss: Wollten Sie eigentlich weg von Bern? Oder mussten Sie gehen, weil man Ihren Vertrag nicht erneuert hat?
Nach zehn Jahren ist es der richtige Zeitpunkt. Aber wenn man mich gefragt hätte, wäre ich vielleicht geblieben … Aber was auch immer kommt, Bern bleibt in meinem Herzen.