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Montag, 14. Juni 2021
Richard Seewald
Der Künder des Abendlandes
Beitrag von Br. Gerold Zenoni OSB
in
SALVE, Zeitschrift der benediktinischen Gemeinschaften Einsiedeln und Fahr
Nr 3/ 2021, Seiten 56-63 (bebildert)
Dieser Tage ist die neueste Nummer von SALVE erschienen und überrascht mit einem hervorragenden Beitrag über Richard Seewald, der offenbar einen guten Draht zum Collegio Papio in Ascona und damit auch zum Kloster Einsiedeln gehabt hat. Ich habe mich in meinen Tessiner Ferien auf den Spuren Seewalds bewegt und damals die folgende Kolumne im September 2000 im "Fridolin" veröffentlicht:
Was hat Karl Borromäus mit Marie Menzi zu tun ?
oder
Der Kardinal und Richard Seewald
Ferien können recht spannend sein, vor allem, wenn man in südlicher Sonne unvermutet über Spuren der Vergangenheit stolpert und diese ins Glarnerland zurückreichen.
Magadino. Kirche San Carlo. Ich bleibe vor einem Wandbild stehen: Hat da nicht neulich ein Historiker die Gemälde in der Näfelser Kirche erklärt? Ja doch, er hat auf das Oberbild des Johannesaltares gezeigt, das sei das Porträt von Karl Borromäus. Es gleicht dem Bild, das ich gerade betrachte, aufs Haar.
Über 70 Treppenstufen erreicht man keuchend die schneeweisse, weit herum sichtbare Tessiner Kirche. Vom Vorplatz bietet sich eine herrliche Rundsicht auf den Lage Maggiore und die Bolle di Magadino, die in ihrer Fortsetzung bis gegen Bellinzona reicht und auch schon „Central Park“ des Tessins geheissen wurde.
Die weisse Kirche wurde erst um die Mitte des letzten Jahrhunderts nach Plänen des Mailänder Architekten Giacomo Moraglia im spätklassischem Stil erbaut. Später kam der eigenwillige Torre von Alessandro Ghezzi dazu.
Grossgemalte Hirsche und Engel dominieren Kuppel und Wände. Am erwähnten Bild, eben „San Carlo a Magadino“ bleibt man stehen. Der Dargestellte gebietet einem lodernden Brand Einhalt. Doch, wie kamen die Magadinesen dazu, ihr Gotteshaus um 1848 einer Persönlichkeit zu widmen, die im 16. Jahrhundert gelebt hatte und nur 46 Jahre alt geworden war?
Man muss wissen, dass sich der aufstrebende Handelsort Magadino politisch um 1843 von Vira getrennt und damit eine eigene Geschichtsschreibung begonnen hat... und zu einem richtigen Dorf gehört eine eigene Kirche. Sie hatten es sehr wohl im Kopf, aber trotz zunehmendem Wohlstand zu wenig im Beutel. So ist denn die geplante, gewaltige Steintreppe von der Strasse bis zur Kirche hinauf eine Skizze geblieben. Sie wäre dreimal so lang geworden wie die jetzige. Diesen Wunschtraum hat wohl auch der Bau der Eisenbahn durchkreuzt. Item – wie kam also Magadino zu seinem Karl und wie dieser zu seiner Kirche?
Die Antwort findet man eingangs des Dorfes. An der Fassade einer ehemaligen Osteria heisst es: „Qui fece un incendo rifulgera la carità ardente lo zelo invitto onde fu taumaturgo San Carlo. Primo Agosto 1581.” Einheimische haben folgende Übersetzung akzeptiert: “Hier liess eine Feuersbrunst brennende Nächstenliebe mit grossem unbesiegbarem Eifer aufleuchten, weil der Wundertäter San Carlo gewirkt hat. Erster August 1581.“
Der 1538 im Piemont vornehm geborene Carlo wird schon als Zwölfjähriger als „Kommendatar-Abt“. Er studiert weltliches und kirchliches Recht in Pavia, doktoriert dort mit 21 Jahren. Im selben Jahr besteigt sein Onkel als Pius IV. den Papstthron. Carlo wird nach Rom berufen und dort als Kardinalsadministrator und Staatssekretär dessen engster Mitarbeiter. 1560 erhält er das Erzbistum Mailand auf Lebenszeit. Nach der Bischofsweihe anno 1563 wird er Kardinal und kehrt 1566 nach Mailand zurück. Von dort aus setzt er die Beschlüsse des Konzils von Trient (1545-63) um. Besondere Aufmerksamkeit widmet er den eidgenössischen Katholischen Orten und deren Vogteien im Tessin, die seiner geistlichen Gerichtsbarkeit unterstehen. Die Katholischen Orte schlagen ihn erfolgreich als „Protector Helvetiae“ vor. Auf seine Initiative wird 1586 eine ständige Nuntiatur in der Schweiz errichtet. 1579 gründet er in Mailand das Collegium Helveticum, wo sich angehende Geistliche, auch aus dem Kanton Glarus, mit Stipendien weiterbilden können. 1584 ist Karl Borromäus massgeblich an der Gründung des Collegio Papio in Ascona beteiligt, bringt die Kapuziner in die Schweiz und vieles mehr. Er stirbt am 3. November 1584 in Mailand, wird am 1. November 1610 heilig gesprochen. Soviel zur schillernden Persönlichkeit, die wegen ihres Renommées und der wundersamen Brandlöschung als Kirchenpatron für die Magadinesen geeignet schien.
Weshalb aber beauftragte man, ziemlich genau hundert Jahre nach dem Bau der Kirche Richard Seewald, die Kirche so modern zu bebildern? Da waren doch schon eine ergreifende „Pietà“ von Antonio Ciseri (1851) und eine ungewöhnliche „Natività“ von Mauro Conconi (1848).
Ein Abstecher nach Ascona klärt auf. Beim Gang zum Buchantiquariat (Libreria della rondine), man mag es mir kaum glauben, sticht mir in der Auslage vor der Tür der Ausstellungskatalog zum 100. Geburtstag Richard Seewalds in die Augen. Man weist mich auf eine Sonderausstellung im gleichen Hause hin. In einem winzigen Raum hängen einige Werke. Auf einem Video läuft das Lebensbild des Künstlers. Der 1976 verstorbene Seewald zeigt sein Atelier in Ronco sopra Ascona. Er versteht sich als „Grieche“, frönt mediterranem Denken und folgt zweimal dem Ruf als Dozent nach Deutschland. Er hat auch eine ausge-prägte Phase kirchenmalerischen Schaffens. Anfangs der dreissiger Jahre lässt er sich in der Schweiz nieder; 1939 wird er mit seiner Frau Uli eingebürgert.
Beispiele kirchlicher Kunst hinterlässt er in der Marie-Lourdes- und Theresienkirche in Zürich, in derFriedhofskapelle Döttingen, in der Gut Hirt-Kirche in Aarburg, im Wallis... und eben in Magadino. Der äusserst vielseitige Künstler illustriert ungezählte Bücher, malt Theaterkulissen, hinterlässt viele Holzschnitte, reist viel, vor allem in den Mittelmeerraum; sein Werk sind die bekannten Hofgarten-Arkaden in München. Er schreibt selber Bücher, Theaterstücke und ist mit Asconas Künstlergruppe „Der grosse Bär“ verbunden. Im Museo comunale e arte moderna in Ascona ist ihm eine eigene Sala gewidmet.
Natürlich verfolge ich die Spuren Seewalds auch in Ronco sopra Ascona. In der dortigen St. Martinskirche, deren Hauptaltarbild vom schon erwähnten Antonio Ciseri stammt, kann man einen etwas mickerigen, aber in sich geschlossenen Kreuzweg von Seewald finden wie auch die vom ihm ausgemalte Taufnische. Schräg vis-à-vis erheische ich Einlass in die Casa Ciseri, der Familie des erwähnten Malers Antonio Ciseri. Eine äusserst liebenwürdige Dame zeigt mir zwei entzückende, ausgemalte Räume. Vor allem der eine, mit zwei Apsiden, strahlt ein mediterranes Lebensgefühl aus. Die Nachkommen Ciseris wohnten in Florenz und sie hüten dieses Kleinod. Seewalds Haus aber sei heute ein Hort für junge Künstler, jedoch nicht öffentlich zugänglich.
Hingegen befindet sich unweit der Scuola eine kleine Kapelle. Dort stosse ich auf eine Madonna von Seewald. Etwas oberhalb des Dorfes, mit paradiesischer Aussicht auf den Lago Maggiore und die Borromäischen Inseln entdecke ich das Grab des Künstlers. Ein schlichter, rötlicher Stein mit eingehauener Kreuzigungsszene, umrahmt von üppig blühenden Begonien, erinnert an Richard Seewald und seine Frau Uli. Grabbesucher haben kleine Steine auf den Grabstein gelegt. Ich suche mir einen schneeweissen Kiesel und lege ihn dazu, so wie ich das in Jerusalem auf jüdischen Gräbern gesehen habe.
Gleichzeitig entdecke ich, dass seine Lebensgefährtin Uli am Himmelfahrtstag und just an seinem 78. Geburtstag verstorben ist. Ein seltsames Zusammentreffen zweier Daten. Da Seewald stets das Ritual liebte, hole ich in der Ecke am Brunnen ein Kanne und tränke die Blumen auf seinem Grab. Mir dünkt, so banal der Umgang mit einer Giesskanne sein mag, er habe etwas Rituelles. Das Gefühl mit einem besonderen Menschen verbunden zu sein, ist stark und kaum beschreibbar. Ein weisser Schmetterling umtanzt mich dabei.
Später erfahre ich, Seewald habe im Schmerz über den Verlust seiner Uli, 150 seiner Werke zerstört! Er hat dabei mit der gleichen Radikalität geantwortet, die er bei wichtigen Lebensentscheidungen, ungeachtet aller Reaktionen, durchzieht. Seewald selber stirbt neun Jahre später am 29. Oktober 1976 in München an einem Herzinfarkt.
Den Bildernachlass hat er als Stiftung „Richard und Uli Seewald“ der Schweiz vermacht, sie untersteht der Verwaltung der PRO HELVETIA. Juristische Aufsichtsperson ist ein Glarner, Dr. Vital Hauser, Meilen!!! Ja – und Sie fragen noch, was Karl Borromäus mit Marie Menzi zu tun hat?
Die Antwort führt zurück ins Glarnerland. Dass ich in San Carlo di Magadino, dem „Bekannten“ der Näfelser Kirche wiederbegegnen kann, ist der Malkunst von Richard Seewald zu verdanken. Dessen Mutter aber – hört, hört – ist eine gewisse Marie Menzi, die aus dem Glarnerland stammt. Ist das nicht wunderbar? Und wann machen wir eine Seewald-Ausstellung im Kunsthaus?
Bis bald! Ihr Pankraz F.
Als "Souvenir" habe ich mir den 230-seitigen Prachtsband erstanden:
Seewald, 1889-1976, Eine Werkauswahl mit zeitgenössischen Würdigungen und Zitaten aus Büchern von Richard Seewald, mit einer einleitenden Monographie von Anton Sailer, Verlag Karl Thiemig, München, 1977. (ISBN 3-521-04082-8)
(1) Überarbeitete Fassung meiner Kolumne in "Fridolin" 7. September 2000.
Siehe auch:
https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Seewald
www.richard-seewald.de
http://www.kulturfoerderung.ch/de/address/227/ (Richard Seewald-Stiftung Ascona)
http://www.ticinarte.ch/index.php/seewald-richard.html
www.emsiana.at Bild Karl Boromäus oben
Grabtein in Ronco sopra Ascona.
RICHARD SEEWALD *4. V. 1889 +29. X. 1976
ULI MARIA MARGARETE SEEWALD *. 1884 +4. V. 1967
BIld:
Dienstag, 1. Juni 2021
(siehe auch 15. Mai 2021)
Näfelser Sebastiansprozession
(Kurzbeschrieb)
Ein kurzes Porträt des uralten kirchlichen Näfelser Brauches ist im "Näfelser Brauchtum im Jahresablauf" (1997) beschrieben und hier in Erinnerung gerufen:
aus: Näfelser Brauchtum im Jahresablauf, Schriften der Kommission Gemeindegeschichte Näfels, hgg. von der Gemeinde Näfels, Näfels 8. Dezember 1997 Seiten 53-61
Sonntag, 30. Mai 2021
Vor 75 Jahren
Der tragische Tod des Rösli Fischli anno 1946
und
der Gadenbrand im Sand anno 1944
Zwei tragische Ereignisse waren jähe und schicksalshafte Einschnitte im Leben der Familie Julius und Rosa Fischli-Landolt, Sand, Näfels, Landwirt im Sand und Älpler auf der Alp Auen-Lachenallp. Vor 75 Jahren verloren sie ihr Töch-terchen Rösli, das auf dem Schulweg im Unterdorf, wo Bildhauer Näf vor seinem Atelier Grabseine aufgestellt hatte. Es kletterte auf einen Grabstein, der offenbar zu wenig verankert war. Der Grabstein fiel traf Rösli so unglücklich, dass es auf der Stelle verstarb. Ebenfalls anwesend war auch ihr kleinerer Bru-der Jules, der hilflos zusehen musste, wie sein Schwesterchen zu Tode kam. Folgendes Bild und abgebildete Akten stellte Jules Müller-Hauser freundlicher-weise zur Verfügung.
Der kleine Jules musste zusehen, wie sein sechsjähriges Schwesterchen Rösli (*1940) auf einem Grabstein des Bildhauergeschäftes von Emil Näf herumkraxelte und von einem umfallenden Grabstein erschlagen wurde.
In den "Glarner Nachrichten", Nr. 199, vom 28. August 1944 stand:
"...Gestern Nachmittag ereignete sich hier ein eigenartiger Unglücksfall, dem ein Kind von Julius Fischli-Landolt, Landwirt, Autschachen, zum Opferf fiel.
Nach dem Mittagessen schickten die Eltern ihre beiden Kinder, das sechsjährige Rösli und den vierjährigen Julius, welche sonst den Kleinkinderschule besuchten, hinauf ins "Ennetgiessen", wo die Kinder den Nachmittag bei den Eltern, welche dort dem Heuen oblagen, verbringen konnten.
Die Kinder gingen dann allein die Landstrasse hinauf. Im Unterdorf, bei der Werk-
stätte von Bildhauer Näf, wurden die Kinder auf die vor der Werkstatt auf freiem Platz stehenden Grabsteine aufmerksam. Wie sich nachher aus dem Untersuch
ergab, muss das sechsjährige Rösli auf einen der Grabsteine (ein auf einem Grabsockel stehendes Marmorkreuz) hinaufgestiegen sein, sich am Kreuzesbal-
ken angehängt und dann plötzlich, bedingt durch das Eigengewicht, mit demsel-ben rücklings umgekippt sein, um unter dem Stein begraben zu werden. Auf das Geschrei des Knaben, der sein Schwesterchen unter dem Grabstein befreien wollte, wurde ein vorbeifahrender Velofahrer aufmerksam, stieg ab, in der Mei-nung, das Büblein habe seine Fingerchen unter dem Grabstein eingeklemmt, ge-wahrte erst, als er herzueilte, dass ein Kind unter dem Grabstein lag.
Im selben Moment, als er das Kind unter dem Grabstein befreite, kam gerade die
Mutter des Kindes hinzu und konnte nur noch mit Entsetzen ihr totes Kind in die Arme nehmen..."
Die Trauerfamilie Julius und Rosa Fischli-Landolt hatte schon ihr erstes Kind, ein Knäblein, namens Julius, am Tag der Geburt verloren (20. März 1937). Zum Zeitpunkt des tödlichen Unfalles hatten sie drei Kinder, zwei Knaben, Albin (*1938) und Julius (Jules) (*1942), und Rösli (*1940). Später erhielt die Familie nochmals Nachwuchs mit Fridolin (*1950) und Rosmarie (*1952).
Familie Fischli-Landolt
Julius Fischli von Näfels, im Sand, Landwirt,
des Albin Anton und der Magdalena Landolt No.199
* 1907 Apr.18. + 1993 Jan.15. wohnhaft gewesen in Näfels
Heirat: 1935 Nov.15.
Rosa Landolt von Näfels,
des Fridolin Melchior No.460 und der Elisabeth Fischli No.173
* 1915 Juni 28. + 2001 Nov. 10. wohnhaft gewesen in Näfels
Kinder:
1937 März 20. Julius + 1937 März 20.
1938 Okt.25. ALBIN ANTON VIDE No.385
1940 Aug.14. Rosa Magdalena + 1946 Aug.27.
1942 Apr.25. JULIUS MELCHIOR VIDE No.399
1950 Aug.25. FRIDOLIN JOSEPH VIDE No.433
1952 Juni 7. ROSA MARIA THERESIA cop. 25.5.1973 in Schänis mit Alfred Josef Ziegler von Galgenen SZ, in Schänis-Rufi, * 1950 Juli 16. in Rufi.
Nur 22 Monate vorher verlor die Bauernfamilie ihren erst 5 Jahre alten Stall durch einen Brand, der einen geschätzten Schaden von rund 30'000 Franken verur-sachte.
Das "Glarner Nachrichten" Nr. 257 berichteten am 2. November 1944 Seite 4 davon: