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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

V. Rede
17.
Gemeinsam sahen wir in Konstantius einen Vater, da er die äußere Macht des christlichen Glaubens begründet und das Erbe der Lehre übernommen hatte. Wir haben daher, wie es sich gebührte, das Zelt1 dessen geehrt, der zeit seines Lebens gerecht regiert, sein Leben heilig abgeschlossen und uns eine Macht hinterlassen hat. Soll ich erinnern an die Ankunft vor der großen [S. 171] Kaiserstadt, an das militärische Geleite der ganzen Armee, an das polizeiliche Aufgebot, das sonst zu Lebzeiten eines Kaisers erfolgte, oder an das Hinausströmen der festlich gestimmten Bevölkerung, wie es niemals war und niemals sein wird? Selbst der verwegene, hochgeborene Julian, der sich erst mit dem Purpur geschmückt hatte und daher natürlich sehr stolz war, nahm an der glänzenden Ehrung des Konstantius teil; die gleichen Ehren, welche er gerne entgegennahm, erwies er, wie man sagt, nur gezwungen. Mochte auch das ganze Heer sich vor dem anwesenden Gewalthaber beugen, so zeigte es doch größere Ehrfurcht vor dem Verstorbenen; denn wir haben mehr Gefühl für frisches Unglück, haben Mitleid mit einem treuen Freunde und schenken ihm unser Erbarmen. Da man es dringend verlangte, daß Konstantius als Kaiser geehrt werde, veranlaßte man den Apostaten, nachzugeben, und zwang ihn, der Leiche in gebührendem Verhalten entgegenzugehen, d. h. er sollte ohne den Schmuck des Diadems auf dem Haupte und unter gebührender Verbeugung vor dem Kaiser, obwohl er sich dessen Ehren angemaßt hatte, mit den anderen das Geleite geben bis zum Grabe und zum berühmten Heiligtum der Apostel2, welche das heilige Geschlecht übernommen haben und behüten. So erging es unserem Kaiser (Konstantius).
1: D. i. seinen Leichnam.
2: Die Apostelkirche in Konstantinopel war von Konstantin dem Großen erbaut worden. Er wurde seinem eigenen Wunsche gemäß in derselben auch beigesetzt. Vgl. Eusebius, „Leben Konstantins“ 4, 58–60.