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Die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz luden ein zur Vorstellung der Edition von 199 Briefen und Schriften ihrer Gründerpersönlichkeiten. Das Lebensprogramm des Kapuziners Theodosius Florentini (1808–1865) und der Kreuzschwester Maria Theresia Scherer (1825– 1888) wurde zum Motto des Buches "Von der Not der Zeit getrieben"1, dessen Präsentation zu eingehender Lektüre motiviert.
Die Kreuzschwestern von Ingenbohl haben sich nach 2006 (vgl. die Schrift "Aus der Quelle schöpfen") erneut daran gewagt, "das einst Gedachte und Errungene neu zu verstehen und aktuell zu interpretieren", wie Markus Ries als Mitglied der Arbeitsgruppe "Schriften unserer Gründer" erklärte. Die vorliegende Sammlung ist ein Quellenwerk erster Güte, das aus rund 1000 mit grosser Sorgfalt transkribierten Texten ausgewählt und mit Erläuterungen ergänzt wurde. Die immense Arbeit von sechs Jahren schafft neue Zugänge zur Gründungszeit sozialer Institutionen, die der Not der Zeit im 19. Jahrhundet begegneten. Wie Markus Ries weiter betonte, lassen die Briefe "die spirituelle Verankerung der Gründerpersönlichkeiten, aber auch ihre Sorgen, Anstrengungen und Hoffnungen lebendig werden. Zur Sprache kommen Etappen aus den ersten Jahrzehnten der Kongregationsgeschichte, darunter die Gründung des Spitals Planaterra in Chur, die Trennung von Ingenbohl und Menzingen im Jahr 1856, das Ringen um die Approbation der Statuten oder der Kauf von Fabriken durch P. Theodosius." Der Kolping-Biograf Hans-Joachim Kracht machte denn auch aufmerksam auf Florentinis Rede am Frankfurter Katholikentag im Herbst 1863, der sich mit der "Sozialen Frage" (verstanden als die "Arbeiterfrage") befasste. Dort fand sein "Lösungsmodell (…) ‹Klosterfabriken› – klösterliche Genossenschaftsbetriebe" grosse Beachtung. Kracht fand keinen Hinweis darauf, dass Kolping Florentini getroffen habe, "der sich mit eigenwilligen Sozialprojekten einen Namen gemacht " habe.2
Mut als treibende Kraft
Den besonderen Mut, der die Gründerpersönlichkeiten auszeichnete, hob der gegenwärtige Kapuzinerprovinzial, Agostino Del-Pietro, hervor: "Mut brauchte es, ja wirklich Mut, um daran zu glauben, dass man allein mit einigen jungen Frauen eine Institution aufbauen könne, welche sich in einer Zeit schwerer ideologischer und konfessioneller Spannungen der katholischen Jugenderziehung widmen sollte. Es brauchte Mut, mit nur fünf Franken im Sack den Hof zu erwerben, auf welchem die ganze Anlage erbaut wurde, in der wir uns heute befinden. Es brauchte Mut, zu glauben, dass aus den Fabriken eines Tages Klöster würden. Es brauchte Mut, zu erwarten, dass ein von den Jesuiten in aller Eile verlassenes Gymnasium wieder eine humane und intellektuelle Bildungsstätte werden könnte." Und wie Sr. Marija Brizar als Generaloberin erklärte, haben P. Theodosius und Mutter Maria Theresia "mit wachen Augen und Herzen die Bedürfnisse wahrgenommen, und ‹von der Not der Zeit getrieben› zusammen mit den Schwestern der ersten Generation nach Lösungen gesucht".
"… wo immer eine menschliche Not vorhanden ist"
Wie sich am Beispiel von Briefauszügen zeigt, ist die Not der Zeit das Grundmotiv bis heute. Mutter Maria Theresia Scherer am 14. Februar 1873 an den Gemeinderat Bühl/Baden über das Wirken der Schwestern im Grossherzogtum Baden: "Wir besuchen die Schlachtfelder, um die verwundeten Soldaten zu pflegen; wir schliessen Kranke und selbst mit der Pest Behaftete in unsere Arme, um unser Leben für sie zum Opfer zu bringen; wir lassen uns in die Staatsgefängnisse einschliessen, um die Unglücklichen zu trösten; wir nehmen Waisenkinder an, um sie vor der Verwahrlosung zu schützen; wir betrachten die Armen und Presshaften als unsere Lieblinge, stillen ihren Hunger und lindern ihre Schmerzen, – kurz, wir eilen auf den ersten Ruf überall hin, wo immer eine menschliche Not vorhanden ist."3 Gleichzeitig verausgabten sich die Beteiligten bis an ihre physischen und finanziellen Grenzen. Selbstredend das Zeugnis von Theodosius Florentini an Sr. Alexandrina Krotz, erste Oberin der Provinz Böhmen am 1. Mai 1864: "Ich gehe heute mit schwerem Herzen ans Schreiben, weil ich die Noth sehe und nicht weiss, was ich schreiben soll. Aus der Mittheilung geht hervor, dass ihr unermessliche Schulden habet in Prag, Wien, Calocza, Augsburg. Ich habe gethan, was ich konnte und bin selbst noch theilweise schuldig, was ich Euch an Allerheiligen und auf Januar geschickt. Hier stürmt man immer in mich wegen der Fabrik; (…) so allerorts in Anspruch genommen und gehetzt, was kann ich thun? (…) Am Schluss kenne ich die Lage nicht, denn ich weiss nur, was man schuldig ist, aber nicht, was man zu beziehen hat. Habt ihr denn nur Schulden?"