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Wann haben Sie mit Schreiben begonnen?
Bei meinem ersten Aufenthalt im Nordosten Grönlands. Damals war ich neunzehn Jahre alt. Ich war dort, um meteorologische Untersuchungen durchzuführen. Einen ganzen Winter lang hatte ich nur einen jungen Eskimo als Begleiter. Um die Zeit zu vertreiben, kam mir die Idee, literarische Abende zu veranstalten, doch wir hatten nur Technikbücher bei uns. Nachdem wir also 1500 Seiten über die Radioübertragung abgehakt hatten, habe ich mich an den Tisch gesetzt und angefangen zu schreiben, nur um der Erzähllust willen. Was ich geschrieben hatte, las ich dann nach und nach meinem Eskimofreund vor. Seither habe ich nicht mehr aufgehört mit Schreiben. Mir jagt ein leeres Blatt Papier keinen Schrecken ein, mir fällt das Schreiben leicht, es fließt in einem einzigen Strahl aus mir heraus. Danach ändere ich eigentlich nur noch wenig.
Ihre Erzählungen und Romane haben mit der afrikanischen Literatur eine Gemeinsamkeit, sie beziehen sich beide auf die mündliche Überlieferung. Aber glauben Sie, dass die eisige Einöde die Menschen dort dazu animiert hat, so etwas wie eine mündliche Literatur zu schaffen?
Diese Erzählungen und Geschichten sind in der Tat von einer sehr alten Erzähltradition inspiriert, Spuren davon findet man sogar in den großen skandinavischen Sagen. Eine Tradition, die bis heute lebendig geblieben ist und vom Vater an den Sohn weitergegeben wird, indem man an langen Winterabenden sich diese Geschichten erzählt.
Eigentlich existieren zwei unterschiedliche Traditionen: bei der einen erzählt man die Geschichte stets mit denselben Worten; bei der anderen hingegen ist der Erzähler gefordert, er muss die Geschichten ausschmücken, sie verschönern, sie – wenn nötig – verändern … Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass ich mich dieser zweiten Tradition verschrieben habe.
Meinen Erzählungen liegen Geschichten zugrunde, die sich die skandinavischen Jäger im Nordosten Grönlands erzählen. Diese Region gehört zu den unzugänglichsten Gebieten dieses Landes. Hier liegt ein Gebirgszug, neben dem die Alpen wie niedliche Hügel aussehen. Als ich Anfang der 50er Jahre hierhergekam, schlossen die Jäger gerade ihre Stützpunkte. Heute findet man keinen einzigen mehr. Die Jäger sind alle verschwunden, wurden Opfer der Nationalparks. Diese Jäger glichen die Entbehrungen ihres rauhen Lebens mit ihrer Fantasie aus.
Verwenden Sie Ihre ethnologischen Erfahrungen beim Schreiben?
Das passiert immer wieder. Ich lebte bei den Eskimos und in Papua-Neuguinea, habe über viele Völker und Länder geschrieben. In der Trilogie Der Gesang für das Leben wird die Geschichte der Inuit erzählt, und zwar während drei verschiedener Epochen: einmal vor tausend Jahren, dann vor fünfzig Jahren und heute. Die Eskimos wussten zwar, dass außerhalb ihres Universums eine andere Welt exisitiert, doch sie konnten sich das nicht wirklich vorstellen und auch nicht daran glauben. Ein Inuit, der nach Dänemark gereist war, versuchte nach seiner Rückkehr zu erklären, was ein Zug sei. Dabei erhielt er dann einen Spitznamen, der ihm sein Leben lang anhaften sollte: »Großer Lügner«.
Fühlen Sie eine gewisse Nähe zu Reiseschriftstellern?
Ich lese eigentlich keine Reiseberichte. Da reise ich schon lieber selbst. Hingegen lese ich gerne die Werke von Autoren, die viel gereist sind. Ich sehe beispielsweise eine gewisse Verwandtschaft mit Conrad. Wir haben dieselbe Erziehung genossen und sind vom selben Punkt aufgebrochen. Genau wie er habe ich eine Ausbildung als Seemann, und wir beide sind viel gereist und haben viel geschrieben. Auch Dickens bedeutet mir viel. Er war der Lieblingsautor meines Vaters, und seine Welt hat meine Kindheit nicht unwesentlich beeinflusst. Genau wie Conrad ist auch er ein Geschichtenerzähler, ich halte mich auch für einen – wenn ich das in aller Bescheidenheit hinzufügen darf.
Ist das Schreiben eine andere Art des Reisens? Eine Rückkehr zur Insel, die sie verlassen haben?
Genau so ist es. Schreiben ist eine Art Rückblick, der mir ermöglicht, das, was ich gesehen, was ich gelebt habe, lebendig zu halten. Schreiben und Reisen hängen für mich ganz eng zusammen, wie zwei Pferde, die gemeinsam eine Kutsche ziehen. Sollte ich eines Tages die Lust am Schreiben verlieren, dann ginge damit sicherlich auch die Freude am Reisen verloren. Und umgekehrt.
Jean-Luc Bertini und Sébastian Omont, Magazine de Littérature Européenne, April 1995