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Ob es sinnvoll ist, vor einem Ultra einen gemütlichen Bierabend mit einem Freund zu machen?
oder
Ob 8 Stunden Schlaf vor dem Rennen besser wären als 6 Stunden?
oder
Ob es sinnvoll wäre, einen Kohlehydrate-Drink während dem Rennen zu konsumieren oder beide Flaschen mit Wasser zu füllen?
oder
Ob es sinnvolle wäre, bekannt neuralgische Punkte an den Füssen gegen Blasen abzutapen?
oder
Ob es besser ist, eine realistische Pace von Beginn zu laufen und diese dann durchzuhalten, statt am Anfang einfach mal Gas zu geben?
oder
Was bringt eine 350.- CHF-GPS-Pulsuhr, wenn man die Werte ignoriert?
Heute hatte ich eine Premiere. Der Ultra Bielersee (UBS) ist nämlich das erste Rennen, welches ich in meiner noch kurzen Laufkarriere (knapp 2 Jahre), zum zweiten Mal laufe. Das hat den Vorteil, dass man etwas weiss, was einem erwartet. Der Nachteil ist, dass man die eigenen Erwartungen natürlich auch hochschraubt und es könnte sogar sein, dass man das Rennen beim zweiten Mal etwas unterschätzt. Vor einem Jahr hatte ich vor dem UBS eine ziemlich harte Erfahrung am Zürich Marathon gesammelt, als ich zu schnell gestartet war und dann nach 25km eingebrochen bin. Das Ziel am UBS 2013 war folglich, gleichmässig zu laufen und unter 5h für die 50km ins Ziel zu kommen. Ich hab dann 5x10km jeweils leicht unter einer Stunde abgespult. Beide Ziele waren erreicht und nachher hatte ich keine Beschwerden und habe mich gut gefühlt.
Dieses Jahr war ich noch im Hoch vom "Wings for life World Run" (WFLWR). Ich hatte das Gefühl, dank guter Form Training und einem Plus an Erfahrung, könnte ich die 50km rund 15 Minuten schneller abspuhlen. - Ehrlich gesagt, hatte ich mich in den letzten Tagen ein paar Mal gefragt, ob ich das Ganze nicht etwa ein wenig unterschätzen würde. Aber nein. Letztes Mal war tiptop und dieses Jahr wird es gleich, einfach ein wenig schneller!
Das spontane Feierabend-Bier am Freitag mit Schelbi war eine super Sache. Wir haben auch absolut nicht übertrieben. Den Handy-Toast im Piwi kann man nicht gerade Carbo-loading nennen. Aber was solls, Ultra-Läufer leben eh von ihren Fettreserven. Ich kam auch vor Mitternacht ins Bett. also alles in Ordnung.
Am Samstag um 6:00 war dann Tagwache. Alles bereitmachen, damit ich mich um 700 auf den Weg machen kann. Ich ziehe wieder die Zehensocken an, welche sich beim WFLWR gut bewährt haben. Ich lache innerlich, was ich vor einem Jahr noch alles abgetapt habe an den Füssen. Das lassen wir heute mal einfach sein. Ich fülle die beiden Trinkflaschen mit Wasser und verzichte noch auf die Beigabe des Kohlehydratepulvers, da die Flaschen nicht 100% dicht sind und ich keine Sauerei in der Sporttasche will. Das Pulver kann ich dann vor dem Start noch reintun. Bei den Schuhen bin ich noch unschlüssig zwischen dem Kayano und dem GT-2000, welchen ich letztes Jahr gelaufen bin, der mir aber beim Bieler Probleme gemacht hat. Ich probier dann doch den GT-2000 und merke sofort, dass der bis zu weit hinten gebunden wird und mir deshalb eine Druckstelle am Fussgelenk macht. Also Schnürung zurückfädeln und der Schuh ist gewählt.Pünktlich um 700 fahre ich aus der Garage. - Ein Beutel Kohlehydrate-Pulver freut sich derweil still und heimlich im Küchenschrank. Er wird den heutigen Tag überleben und muss erst beim nächsten Rennen wieder Angst haben!
Vor 800 bin ich in Biel bzw. Nidau (gäll Fabienne) und hole meine Startnummer. Dann warten bis zum Start um 900. Ich laufe mich ein paar wenige Meter ein und besuche noch kurz die Toilette. Ich verdrücke noch einen Energie-Gel, welcher dem Handy-Toast in der Startphase unter die Arme greifen soll. Beide Flaschen gefüllt mit "Stillem Wasser" ohne Nährwert oder irgendwelchen Mineralien oder sonst etwas hilfreichem. - Letztes Jahr bin ich demütig zu hinterst in die Startaufstellung eingestanden. Dieses Jahr stelle ich mich selbstbwusst halb vorne hin.
Pünktlich um 900 kommt ruhig der Startaufruf. Uhr einstoppen und loslaufen. Mangels Damen in meinem Geschwindigkeitsbereich, hänge ich mich an einen älteren Läufer mit schwarzem "The Wayve"-Shirt => er ist vor anderthalb Jahren solo 111km um den Zürichsee gelaufen. Das funktioniert tiptop mit einem Kilometer-Schnitt von leicht über 5 Min/km. Mein Puls ist auch schon bald leicht über 170BPM und meine Unterbewusstsein spielt mir zwei/drei-Mal ein: "Möderisches Tempo". "Nein, nein, Unterbewusstsein, das ist doch nicht mörderisch, das können wir. Bei WFLWR hat es auch funktioniert!" (Anmerkung der Redaktion: Ja., aber nur 28km. Heute stehen aber 50km auf dem Programm)
Wettbewerb:
Kurze Erklärung verschiedener Laufarten:
1.) Lauf nach fixer Zeit
Beispiel: 6-/12-/24-/48-Stundenläufe
System: Alle Läufer laufen während einer fixierten Zeit so weit wie möglich. Rangliste gemäss zurückgelegter Strecke.
Konsequenz: Wenn man zu schnell startet und einbricht, macht man eine Pause oder bricht ab und lässt die Zeit einfach runterlaufen. Das Rennen dauert genau gleich lang.
2.) "Jagd"-Rennen
Beispiel: Wings for life World Run
System: Die Läufer starten und erhalten einen Vorsprung. Dann werden sie von einem Auto verfolgt. Wenn ein Läufer vom Auto eingeholt wird, ist das Rennen für ihn vorbei und die bis dahin gelaufene Distanz wird gewertet.
Konsequenz: Wenn man zu schnell startet und einbricht, läuft man langsamer oder hält an und wartet auf das Auto. Das Rennen wird dadurch natürlich kürzer.
3.) Klassisches Distanz-Rennen
Beispiel: 10km, Halbmarathon, Marathon, Ultramarathons
System: Die Läufer laufen eine vorgegebene Strecke möglichst schnell ab. Der Schnellste gewinnt.
Konsequenz: Wenn man zu schnell startet und einbricht, dauert das verdammte Rennen immer länger, da man nicht mehr vom Fleck kommt!
Wettbewerbsfrage:
Bei welcher Laufart ist es besonders idiotisch, wenn man zu schnell startet und dann einbricht?
1. Preis: Eine Stange Bier und ein Handy-Toast im Pickwick-Pub
2. Preis: Ein Beutel wasserlösliches Kohlehydrate-Pulver originalverpackt aus dem Küchenschrank
3. Preis: 20cm ungebrauchtes Tape-Band
Ja, schon klar. Die Frage ist nicht schwer zum beantworten. - Probiert das aber mal mit Schlafmangel, Restalkohol, Puls 174 und Rennfieber. Da sieht die Sache nicht mehr so eindeutig aus!
Auf jeden Fall habe ich es dann nach 5km bei einem kurzen bergab Stück laufen gelassen und meinen Pacemaker überholt. Dann ging eigentlich alles gut bis km10. Wetter passte, Landschaft toll.
Bei km11 habe ich dann das Gefühl, dass sich an seitlich der Ferse am rechten Fuss eine Blase bilden könnte. Die Stelle würde passen und ohne Tape wäre es auch keine grosse Überraschung. Ich rechne mir immer noch aus, welch tolle Halbmarathon- und Marathon-Zwischenzeit ich heute laufen werde. Ja, die Pulswerte finde ich schon etwas hoch, aber was solls.
2014:
2013: (die ersten 2km sind Fehlmessungen weil der Pulsgurt trocken war)
Bei km19 ist wieder eine Verpflegungsstation. Ich hab ja meine Wasser pur und laufe daran vorbei auf die St. Petersinsel. Den Halbmarathon (21km) laufe ich in 1:48h. Das hatten wir doch schon mal. Letztes Jahr am Zürich-Marathon hatte ich die selbe Zeit. Leider bin ich danach eingebrochen und ich benötigte für die zweite Hälfte 12 Minuten länger. - Aber heute wird es anders sein! Die Bise, welche in Laufrichtung Süd-West als Rückenwind unterstützt hat, kommt nun genau von vorne. Ich hänge mich erst in den Windschatten von zwei anderen Läufern, muss diese dann aber wenig weiter ziehen lassen. Ich bin nun alleine und immer noch zufrieden, obwohl es langsam anstrengend wird. Beim Kloster marschiere ich ein paar Schritte, dann geht es zurück Richtung Erlach. Hier kreuzt man die Läufer, welche noch raus laufen und ich freue mich, dass ich schon auf dem Rückweg bin. - Wie viele von denen ich nochmals begegnen werde, ahne ich noch nicht. Bevor ich wieder zum Verpflegungsposten Erlach bei km29 komme, merke ich dass meine Batterien irgendwie leer sind. Ich beschliesse, bei der Verpflegung die Flaschen zu füllen und nachher ein paar Meter zu marschieren. Dies mit dem Ziel, dass der Puls auf unter 140Schläge fällt und ich etwas regenerieren kann.
Mit Erstaunen/Schrecken stelle ich fest, dass der Puls einfach nicht mehr so weit runter will (bei 142 ist fertig). Als mich dann der erste Läufer überholt, verliere ich die Nerven und beginne auch wieder zu laufen. Es fühlt sich aber gar nicht toll an! - Bis zum Thielle-Kanal gibt es wenigstens wieder Rückenwind. Ab dann nur noch Gegenwind. Ich habe leichtes Seitenstechen und mag nicht essen und trinken. Ich fühle mich verspannt und habe das Gefühl, dass mich bald alle einholen werde und ich der schlechteste Läufer bin. Kurz: Panik!
Das ist ja das interessante an Ultras: Irgendwann kommt die Krise und dann muss man damit umgehen. Also analysiere ich die Situation. Ich habe mir ein blödsinnig hohes Ziel gesteckt, habe das falsch (zu schnell) angegangen und meine Reserven unsinnig und zu früh aufgebraucht. Nun habe ich immer noch so ein Wettkampf-Fieber drin, obwohl es nur ein Trainingslauf ist, welcher sogar noch Spass machen könnte.- Nun also einmal den Reset-Knopf drücken und neu aufstarten. - Bis auf kleine Wehwechen funktioniert alles noch, ich habe bereit über 30km und in 2 Stunden sollte es zu beenden sein. Mein letztjähriges Ziel war unter 5 Stunden zu laufen. Das kann ich ja auch jetzt wieder als Ziel nehmen. Die Rangierung spielt keine Rolle, die Rangliste schaut eh niemand an und niemand kennt mich hier.
Mit dem geänderten Mindset geht es bald besser und auch das Seitenstechen geht weg. Der Puls bleibt aber hoch und ich gebe die Hoffnung auf, dass sich das bis Rennende noch wesentlich ändern wird. Bei km35 entscheide ich mich, einen Kilometer bis zur nächsten Verpflegung zu marschieren. Dort setze ich mich kurz hin und schütte die kleinen Steinchen aus den Schuhen, welche sich angesammelt haben. Dass ich hier auch einen Becher Cola trinken könnte, checke ich nicht. Als ich wieder weiterlaufe, ist irgendwas in den Schuhen verrutscht, dadurch laufe ich nicht mehr ganz symmetrisch und nach kurzer Zeit kriege ich rechts Wadenkrämpfe. - Jetzt wird es ja wirklich heiter. Ich kämpfe mich weiter und schaffe den Marathon statt mit Fabelzeit, gerade mal in ein paar Sekunden unter 4 Stunden. Nicht glanzvoll!
Geschwindigkeits-Diagramm: (schneller Start, böser Einbruch)
Auf dem weiteren Weg beobachte ich Nordic Walker, Windsurfer, Kitesurfer, Taucher und Petanque-Spieler. Ich überlege mir, ob ich die Sportart wechseln soll. Die meisten Alternativen sind mir aber zu nass. Mit der Zeit habe ich einfach Freude, wenn ich einen kleinen Schritt am anderen laufen kann. Beide Waden stehen aber immer kurz vor dem Krampf und es ist wirklich ein Krampf. Ich kann fast niemanden überholen und werde dauernd selber überholt. Tja, da wäre es einfacher gewesen, von Anfang her etwas weiter hinten zu sein. Ich mach mir jetzt aber keinen Druck mehr und probiere noch ein paar Mal den Wechsel vom marschieren aufs laufen, da dies etwas tricky ist und Krämpfe provoziert. Als ich sehe, dass ich unter 5 Stunden bleiben werde, marschiere ich den 49. Kilometer ganz. Den Letzten will ich laufen, muss aber mehrmals wegen Krämpfen unterbrechen.
Da vorne ist das Ziel:
So wird es doch nochmals knapp. Ich schaffe es dann aber nach 4:58 ins Ziel und setze mich erst mal hin. Dann direkt ins Auto und ab nach Hause. Die Schuhe ziehe ich erst dort aus. Die 11km Blase ist mittlerweile auf Typ "2-Fränkler" angewachsen. Ich schneide sie erst nach dem Duschen auf, dann gibts weniger Schmerzen. Sonst sind Füsse und Zehen in Ordnung.
Als ich die Daten aus der Pulsuhr auf den PC lade, geht es mir schon wieder besser. So ein 50km-Track sieht einfach cool aus und ist doch eine gute Samstagsbeschäftigung! - Und der Laufbericht wird glaube ich auf unterhaltsamer, wenn man den Lauf versemmelt hat.
Auf jeden Fall habe ich wieder einiges gelernt (falls ich es das nächste Mal noch weiss):
- Ein Ultra ist kein Ponyhof und auch kein Kindergeburtstag. Auch wenn der UBS praktisch flach ist, muss er trotzdem zuerst gelaufen werden.
- Langsam starten und gleichmässig fertig laufen!
- Langsam starten und gleichmässig fertig laufen!
- Langsam starten und gleichmässig fertig laufen!
-Vorbereitung gewissenhaft machen!
Ich habe mir vorgenommen, bis zum Eiger Ultra Trail keinen Alkohol mehr zu trinken. Es geht dabei weniger um den Alkohol, als mehr darum, mich klar zu "committen", das ding erfolgreich zu beenden! - Ich kann mir zwar vorstellen, dass es zur sozialen Ausgrenzung führt, wenn man:
1.) Keinen Alkohol trinken will (=>komischer Typ)
und
2.) Dies damit begründet, dass man innerhalb von 24 Stunden, 101 km ums Grindelwaldnertal rennen will. (=> "Der hat ja echt einen weg!"¨)
Nächste Station der Défi Val-de-Travers am 14. Juni. Dann geht es endlich in die Berge! Mal sehen wie das inzwischen klappt!