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Florenz d 27 März 1870.
An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich
Hochgeachteter Herr.
An meinen Bericht vom 19t dMts anknüpfend habe ich nachzutragen, daß ich am 21. dMts unserm Gesandten Pioda in Florenz, die Lage der Dinge vorgestellt, und ihn ersucht habe in die Minister Correnti u Gadda zu dringen auf daß sie nach Mailand reisen dort die Schwankenden, für den Gotthard zu gewinnen.
Pioda antwortete mir daß beide Minister unwohl seien, daß er aber meinen Brief Correnti mitgetheilt. Der in Folge deßen versprochen abzureisen; die Abreise selbst werde er mir telegraphisch mittheilen. –
Da ich weder am 23t noch am 24t die Nachricht von der erfolgten Abreise erhielt, so entschloß ich mich am 24t Nachts selbst nach Florenz zu gehen, um Correnti, deßen persönliche Einwirkung in Mailand durchaus nöthig ist wenn ein günstiges Votum im ProvinzialRath erzielt werden soll, zur Abreise zu bestimmen. |
Am 25t früh in Florenz angelangt gieng ich sogleich zu unserm Gesandten, und ersuchte ihn mich bei den Ministern Correnti, Gadda und Castagnola zu präsentiren. Ich kann die bereitwillige und einsichtige Unterstüzung die ich bei Herrn Pioda gefunden nicht enug loben. Der Minister Gadda konte uns nicht empfangen da er bettlägerig ist. Sein GeneralSecretär La Rocca Mitglied der Gotthard Comission, blieb sehr uneinläßlich. Die Hauptsache war nun die: Correnti zur Abreise zu bestimmen; auch ihn fand ich unpäßlich. Dennoch versprach er nach einer langen einläßlichen Unterredung am Samstag Abend abzureisen, und der hat sein Wort gehalten, obschon seine Tochter im Laufe des Tages schwer erkrankt war. Da der Minister Gadda ihn nicht begleiten konte und Castagnola nicht ein zweites Mal nach Mailand gehen wollte, so wurde der Baron Podesta von Genua aufgefordert am Sontag Morgen mit dem Herrn Minister in Mailand zusammen zu treffen. –
Dieß Resultat ist eine Reise nach Florenz wohl werth, und ich bereue nicht hierhergekommen zu sein, denn wenn ich es unterlaßen hätte so wäre Correnti, deßen Budget am Montag oder Dienstag in der Kammer berathen werden soll vor | der Behandlung der Gotthard Subvention im ProvinzialRath in Mailand nicht mehr abgereist. –
Von dem Einfluß Correntis, auf Gorla [Binotti ?] und einige andere ProvinzialRäthe hängt wohl der Entscheid dieser Behörde ab. Die Sache wird am 30t oder 31 März spätestens dem ProvinzialRath vorgelegt werden, daher ich am 29t nach Mailand zurükkehre um gegenwärtig zu sein und erst nachher wieder meine Thatigkeit hier fortzusetzen. –
Wollen Sie mir daher allfällige Directiven nach Mailand zukommen laßen, wo ich bis zum 3 Apprill zu verweilen gedenke. Ueber die Stimmung hier in der Kammer wollte ich Ihnen nicht berichten bis ich mit den einflußreichsten Männern gesprochen und mir daher ein eigenes Urtheil über die Sachlage gebildet hatte. –
Heute kann ich Ihnen hochgeachteter Herr mit aller Zuversicht sagen: daß die Sache gut steht. Der MinisterPräsident Lanza, mit dem ich eine lange Unterredung hatte, ist entschloßen den Vertrag v 15 Oct vJ vor die Kammer zu bringen, sobald die deutsche Subvention gesichert ist.
Auf meine Bemerkung, daß man in Berlin mit Grund wünschen müße, daß Italien u die Schweiz | als die meistbetheiligten Staaten vorangehen, versprach mir Lanza die Sache vorzubringen sobald die ProvinzialRäthe ihren Entscheid gefaßt haben werden. Der Minister Lanza ist ein charakterfester entschloßener Mann; er sieht den Gotthard als die allein mögliche Linie an, und sagte mir das Ministerium sei einmüthig den Vertrag, der die Unterschrift des italienischen Abgeordneten trage zur Ratification zu empfehlen.
Der Minister Castagnola ist entschieden für den Gotthard. Als schwankend, ja als abgeneigt gilt einzig der Minister Visconti Venosta; ich hatte heute eine 2 Stunden dauernde Unterredung mit ihm die mir eine große Befriedigung gab. –
Zwei zufällige Umstände kommen mir zu Hülfe den Minister, wenn er je wirklich Opposition gegen seine Collegen hätte machen wollen, woran ich indeßen zweifle, zu erschüttern.
Einmal kam der preußische Gesandte Brastien de St Simon mit einer Note Bissmarks in welcher dieser Aufschlüße darüber verlangt: «wie mit Rüksicht auf die in Bern gepflogenen Unterhandlungen es möglich sei, daß der Minister des Auswärtigen, in einem Program das seine Unterschrift trage den Splügen empfehle»? Der Minister klärte nun zwar den Irrthum auf, da sein Bruder jenes Programm unterschrieben, ward aber doch durch die Anfrage aus Berlin unangenehm berührt |
Der zweite günstige Umstand war folgender: Die Majorität des Ministeriums in der Kammer hängt von der Stimmgebung der Neapolitaner ab, daher diesen viele avancen gemacht werden. Dieß wißend hatte ich mit dem Director der römischen Eisenbahnen de Martino, der die Neapolitanner der rechten Seite leitet, mehrere einläßliche Besprechungen, die von seiner Seite zu dem Versprechen führten, die Seinen zu vereinigen und zu bestimmen für den Gotthard zu stimmen.
Diesen gleichen Herrn De Martino hatte der Minister Visconti-Venosta zu sich gebeten um sich bei ihm über die Haltung der Neapolitaner in ein paar andere Fragen zu beschweren. Herr de Martino ergriff den Anlaß um dem Herrn Minister vorzustellen, daß herumgeboten werde: er allein sei für den Splügen, dieß schade ihm sehr, da ein Minister Italiens die allgemeinen Intereßen im Auge behalten müße, gegenüber von Local oder gar von bloßen Wahlkreis Intereßen. Dieß und eine andere sehr persönliche Betrachtung die ich Ihnen s. Z. mündlich mittheilen werde machten auf den Minister Visconti einen entscheidenden Eindruk, so daß er mir die bestimmteste Versicherung gab: das Ministerium werde einstimmig den Vertrag v 15. Oct vJ der Kammer zur Annahme empfehlen. | Ja Herr Visconti-Venosta gieng so weit, seine Ansicht dahin auszusprechen: daß selbst wenn die Provinz Mailand die 3 Millionen nicht bewilligen sollte, das Ministerium die Sache der Kammer doch empfehlen sollte, da Italien troz seiner gespannten Finanzlage, denoch für die Wahrung so wichtiger Intereßen selbst 28 Millionen in 10 Jahren aufbringen werde! –
Im Ministerium liegt die Sache demnach jetzt ganz befriedigend, dasselbe ist nicht nur einmüthig entschloßen den Vertrag v 15 Oct der Kammer zur Ratification zu empfehlen, sondern dieß bald zu thun, nämlich sobald entweder die deutschen Subventionen durch die Kammer bewilligt worden sind oder der ProvinzialRath von Mailand einen Entscheid gefaßt haben wird, ja selbst im Fall dieser Entscheid nicht der gewünschte wäre, würde das Ministerium wahrscheinlich, dennoch den Vertrag zur Ratification empfehlen; allerdings alsdann mit weniger günstigen Chancen, was die Minister veranlaßte mich zu ersuchen nach Mailand zurükzukehren, um dort auch auf einen günstigen Entscheid hinzuwirken. –
Wie die Sache in der Kammer steht kann ich begreiflich nicht mit der gleichen Bestimmtheit beurtheilen. Zweifel über die Mehrheit hörte ich von keiner Seite. Alle sagen: wenn die Neapolitaner gewonnen sind, so ist eine große Mehrheit gesichert.
Auf diese aber hoffe ich durch Martino einerseits | und durch Mancini andererseits einigen Einfluß üben zu können. – Selbst Maraini der Ihnen Morgen die in einer Brochure zusammengefaßten Artikel des Diritto senden wird, glaubt jetzt an einen gesicherten günstigen Erfolg, nachdem ich ihm das Resultat meiner Besprechungen mit den Ministern mitgetheilt habe. –
Den Minister Sella konte ich leider noch nicht sprechen, obschon ich wiederholt auf seinem Ministerium war, er ist begreiflich während der Budget-Berathung sehr beschäftigt; ich werde ihn erst Morgen sehen, weiß aber jetzt schon, daß er mit Correnti, Gadda und Castagnola am entschiedensten für die Ratification des Vertrags v 15 Oct vJ einstehen wird. –
Feindlich ist namentlich der Präfect Torelli von Venedig und durch ihn bestimmt, einige Vinetianer Deputirte und Senatoren sodann einige Lombarden, auch die Deputirten von Livorno. Alle Piemontesen aber mit der Hälfte der Lombarden, der Mehrheit der Toscanen, Modenesen und Neapolitaner werden dem Vertrag vom 15 Oct vJ die Ratification ertheilen. Freilich ist sehr zu wünschen daß die Sache nicht allzulange verschoben werde, und darauf hinzuwirken wird meine Hauptaufgabe sein, wenn ich von Mailand wieder hierher zurükkehre. – |
Die Verschiebung wäre nicht nur deßhalb gefährlich weil die Splügisten dadurch Zeit zu neuen Schritten beim Ministerium und den Kammer Mitgliedern gewinnen, sondern namentlich auch deßhalb, weil die Lebensfähigkeit des gegenwärtigen Ministeriums nicht über alle Zweifel erhaben ist; ein Ministerwechsel müßte aber sehr ungünstig wirken. –
Auch Jacini, der am 24t den Eid als Senator geleistet hat nun wieder viel mehr Zuversicht. –
Ich glaube daher die Hoffnung festhalten zu dürfen, einmal daß im Laufe der nächsten Woche der ProvinzialRath von Mailand eine Subvention von 2–3 Millionen aussprechen werde, und /oder daß wenn dieß geschieht das Parlament im Laufe Apprills dem Vertrag vom 15 Oct vJ die Ratification ertheilen werde. –
Mit vollkommenster Hochachtung
Ihr ergebener
Dr Gonzenbach.