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Nein, ich bin keine Feministin. Zumindest keine, die meinem Bild einer Feministin entspricht. Das Seminar habe ich gewählt, weil die Credits im Minor Ethik angerechnet werden. So bin ich völlig leidenschaftslos in das Seminar hineingestolpert.
Und dann habe ich gestaunt. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hat die Londoner Schriftstellerin Mary Wollstonecraft die Rechte der Frauen verteidigt. 1869 haben sich Harriet Taylor Mill und John Stuart Mill mit der Hörigkeit der Frau beschäftigt und ihr Buch wurde zur «Bibel der Feministen des 19. Jahrhunderts». Unglaublich, wenn ich daran denke, dass ich als Kind die Diskussion über die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz miterlebt habe. Hat es wirklich so lange gedauert bis zur Anerkennung der Frau als vollwertiger Mensch und Mitglied der Gesellschaft?
Das Seminar zeigt Wirkung: Ich frage mich, was ich mich bisher nie gefragt hätte: Gibt es auch einen adäquaten weiblichen Ausdruck für den Begriff «der Mensch»? Thesaurus schlägt an erster Stelle «der Erdenbewohner» oder «Erdenbürger» vor, gefolgt von «das Individuum» und erst an vierter Stelle «die Person» und später noch «die Figur». Als Studentin der praktischen Philosophie gehe ich sofort an die Umsetzung bzw. Übersetzung der Frage. Sie lautet jetzt neu: «Hat es wirklich so lange gedauert bis zur Anerkennung der Frau als vollwertige Person und Figur der Gesellschaft?» Naja, ich bin mir nicht sicher, ob das besser ist. Gendergerechte Sprache treibt manchmal seltsame Blüten.
Wir lernen Virgina Woolf und Simone de Beauvoir als Vertreterinnen der Transitionsphase, des Übergangs kennen. Fragen zum Bedürfnis nach Individualität versus Zugehörigkeit zu einer Gruppe tauchen auf. Brauchen wir die Gruppe, brauchen wir Genderness, die Zweigeschlechtlichkeit? Was ist wichtiger: das Trennende oder das Verbindende? Manchmal nehmen wir mehr Fragen mit nach Hause, als wir mitgebracht haben. Aber genau das ist Philosophie. Es gibt so viele Möglichkeiten. Ich fühle mich gerade Sokrates sehr nahe: Er konnte unterscheiden, was er weiss und was er nicht weiss. Ich weiss jetzt, dass ich vieles nicht weiss.
Ab den 1960-er Jahren kamen die Phasen der Differenz und Undifferenz. Unglaublich – diese Philosophinnen sind bereits Zeitgenossinnen von mir! Donna Haraways «Cyborg» fordert mich mental heraus. Ist «es» Mensch oder Maschine, weiblich oder männlich? Oder alles zugleich? Wo stehen wir in dieser Entwicklung? Gemäss Haraway können wir die bisherigen Grenzen nicht mehr aufrechterhalten und sollen neue Verwandtschaften suchen, auch mit nicht-menschlichen Lebewesen. Eine weitere These ist, dass die Frau von der Mutterschaft befreit werden soll. «Nicht möglich», ist meine erste Reaktion. Oder ist dies ein futuristischer Fehlschluss? Bereits heute werden Kinder im Reagenzglas, ausserhalb des Mutterleibes, gezeugt. Ab der 22. Schwangerschaftswoche haben Frühchen bereits eine, wenn auch kleine, Überlebenschance. Somit wäre rein rechnerisch bereits der halbe Weg zu dieser Utopie zurückgelegt. Gut möglich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieser Befreiungsschlag der Frau möglich ist. Aber wo führt das hin? Braucht es dann den Menschen noch? Und was ist mit Gott?
Wir haben in diesem Seminar viel diskutiert und uns mit Fragen zu den Geschlechterrollen, zu Differenzen und Undifferenziertem auseinandergesetzt. Wo stehe ich am Ende dieses Seminars? Bin ich zu einer Feministin geworden?
Mir geht es ähnlich wie Simone de Beauvoir. Als Mädchen und junge Frau standen mir alle Möglichkeiten offen und ich habe sie als Selbstverständlichkeit angesehen und genutzt. Als Wirtschaftsinformatikerin habe ich mich in einer männderdominierten Welt bewegt und mich sehr wohl gefühlt. Der Umbruch kam mit den Kindern. Es waren nicht nur äussere Umstände, die zum grossen Wandel geführt haben. Es waren schlicht und einfach auch die Hormone. Ach, welch ein Durcheinander hat die Geburt meiner Kinder in meinem Körper und in meinem Geist ausgelöst!
Und heute bin ich Philosophiestudentin, beschäftige mich mit Fragen nach der Rolle der Geschlechter, nach Gleichheit und Differenzen zwischen den Geschlechtern. Donna Haraway fordert uns auf, das Wesen von Männern und Frauen neu zu denken. Meine Antwort ist: Machen wir es doch wie im Tango Argentino. Bereits die Aufforderung zum Tanz geschieht gleichberechtigt über Augenkontakt. Eine gegenseitige Einladung und Aufforderung zum Tanzen, elegant und rücksichtsvoll. Beim Tanzen gibt es eine klare Rollenverteilung: Der Mann führt, die Frau folgt. Das ist kein Macho-Getue, sondern ein gegenseitiges Aufeinandereingehen. Nur dann funktioniert der Tango. Und mit zunehmender Erfahrung wird alles möglich. Während des Tanzens übernimmt zwischendurch die Frau die Führung, sie bestimmt das Tempo und die Zeit die sie braucht für ihre Verzierungen. Der einfühlsame Mann wartet auf den Moment, wo er wieder übernehmen und neue Impulse setzen kann. So entsteht auf dem Boden der Gleichberechtigung eine wunderbare Harmonie. Genauso sollte es doch auch im wirklichen Leben sein. Die Anerkennung und Würdigung der gegenseitigen Unterschiede, ein gleichberechtigter Tanz, ein Spiel von Führen und Folgen.
Bernadette Eva Gisler