Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/2496

Halbwertszeit
Aufgelöst werden die Ungleichgewichte und Fehlanpassungen einer kulturellen Phasenverschiebung vielfach erst durch äussere, die eigene Existenz fundamental gefährdende Erschütterungen. Dies zeigt beispielhaft das Ende des Automobilverbots in Graubünden. Erst als der Fremdenverkehr als Folge der gesellschaftlichen und politischen Katastrophen des ersten Weltkrieges in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, passten sich die Positionen der Hoteliers und die politischen Mehrheitsverhältnisse den neuen technologischen Errungenschaften an. Diesem bescheidenen Beispiel eines letztlich positiv verlaufenen Anpassungsprozesses an neue Zeiten stehen zahllose historische Begebenheiten gegenüber, bei denen die Ungleichgewichte mit Gewalt aufgelöst wurden. Im Jahre 1798 brachte der Einmarsch der Franzosen das Ende der Alten Eidgenossenschaft. In den Städten verloren die Zünfte und die Patrizierfamilien, in den Landsgemeindeorten die Alteingesessenen ihre Vorrechte. Sie alle hatten es verpasst, die Herrschaftsmentalität der Alten Eidgenossenschaft dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen. Die ständische Elite war in einem Interessen- und Identitätskonflikt gefangen. Man identifizierte sich mit der bestehenden Ordnung, fand sein Selbstverständnis in der Vergangenheit, den goldenen Zeiten des Ancien Régime. In erster Linie aber befürchtete man den Verlust der mit den Vorrechten der Oberschicht verbundenen wirtschaftlichen Privilegien. Trotz der totalen Niederlage der alten Ordnung dauerte es noch Jahrzehnte bis zur Gründung der modernen Schweiz. Immer wieder wollte man das Rad der Zeit zurückdrehen. Dies zeigt mit bemerkenswerten Parallelen zu den aktuellen Ereignissen die Restauration von 1815. Der Versuch, politisch auf die Zeiten vor der französischen Revolution zurückzugehen und das Ancien Régime wiederherzustellen, scheiterte jedoch an den Realitäten des durch die Industrialisierung getriebenen gesellschaftlichen Wandels. Ab 1830 setzten sich zunehmend liberale Kräfte durch. Nach der Niederlage der Konservativen im Sonderbundskrieg stimmte das Schweizervolk 1848 der vom Gedankengut der französischen Revolution geprägten neuen Bundesverfassung zu. Mit einer vergleichbaren Halbwertszeit wie die Restauration von 1815 wird sich auch die Re-Nationalisierung von heute mit ihrer Devise «Take back control» von der Weltbühne verabschieden. Es gibt keinen Reset-Knopf, der die Nachkriegsordnung zurückbringt. Keine Regierung ist in der Lage, die Regeln und Muster einer digitalisierten und globalisierten Gesellschaft zu erfassen und der zunehmenden Komplexität gerecht zu werden. Die traditionelle staatliche Macht verlagert sich zu informellen Netzwerken, losen Bündnissen und zum Individuum selbst. Es gilt die normative Kraft des Faktischen.