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ordnung und chaos
Horyuji, Nara, Japan
2012
Fotos
Lisa Ehrensperger, Roland Frei
Link
Das älteste Holzgebäude der Welt.
18.11.2012
Aus dem Reisetagebuch
Mit Kintetsuline nach Nara. Private Bahn, Japan Rail Pass gilt nicht. Taxi nach Horyuji, durch die weite Ebene von Yamato, dem 'Berg' (Yama) To(Tori), der heimlichen Wiege Japans, wo das legendäre Götterpaar Izanami und Izanagi, eigentlich Geschwister, die Wiege des heutigen Japans geschaffen haben sollen, wie das 712 aufgeschriebene 'Kojiki' uns erzählt. Eine von Hügeln gesäumte Ebene, ehemals Sitz der Götter, dann Sitz der aus Kyushu eingewanderten Clans, Sitz der ersten Hauptstädte, zuerst Fujiwara, dann Hejo (Nara), später nördlich am Biwasee Nagaoka und Heian, das heutige Kyoto. Eine geschichtsreiche Kulturlandschaft also, in welcher heute viele Fabriken und Fischteiche liegen und vom ehemaligen kaiserlichen Glanz nur nicht die alten buddhistischen Tempel Zeuge ablegen. Yamato (Yama Berg, to Tor) war der alte Name Japans, bevor Nihon, 'das Land der aufgehenden Sonne' gebräuchlicher wurde. Dieser Name wurde wahrscheinlich von den Koreanern geprägt, von denen aus die Sonne tatsächlich über den japanischen Inseln aufging.
Horyuji zählt als eines der ältesten Holzbauwerke unserer Welt, soll um 620 von Prinz Shotoku, dem grossen Revolutionär, erbaut worden sein, dann aber um 670 bereits einem Brand zum Opfer gefallen sein. Man ist sich nicht sicher, aber es sollen noch Teile der alten Holzstruktur aus dieser Asuka Periode erhalten sein. Die Anlage ist das erste Weltkulturerbe Japans. Zurecht. Die Anlage ist einmalig. Sie ist Zeuge des ehemaligen Kampfes zwischen den Anhängern des Shinto und den Anhängern des über Korea von China eingeführten Buddhismus. Die buddhistische Fraktion inthronisierte eine zentrale Macht nach chinesischem Vorbild mit dem Kaiser im Zentrum, mit Mönchen als dessen geistige Führer. Die Anhänger des Shinto neigten zu einer Dezentralisierung, zwar blieb der Kaiser im Zentrum, doch hatten zahlreiche Clans beträchtlichen politischen Einfluss. Chaos versus Ordnung! Erst durch die Taira Revolution, der Enteignung des Landes, welches nun vollständig in den Besitz des Kaisers ging, vermählte sich der Shinto und der Buddhismus zu einer synkretischen Sichtweise. Man konnte gleichzeitig Shinto, aber auch Buddhist sein. Sowohl als auch. Damit war die Grundlage für die Gründung der ersten Hauptstadt Fujiwara, dann Nara (Hejo) gelegt. Bisher wechselte der Sitz des Kaiser nach dessen Tod jeweils seinen Ort. Dieser Kaisersitz war jedoch noch keine Stadtanlage, sondern eher eine Art grosser Palast. Mit der Verlegung der Hauptstadt nach Norden, an den Fuss des Hie Gebirges, wollte man dem Einfluss der zu mächtigen Mönche von Nara entfliehen und begab sich unwissentlich in die Hände der immer mächtiger werdenden Mönche des Hie, des Tendai Buddhismus. Der weiche, geschmeidige Lotus des Shakyamuni wird zum harten, hierarchisierenden Machtvehikel aus Holz.
Der Horyuji stammt also aus den Anfängen des Buddhismus, als erste Vorlagen von Koreanern aus China importiert wurden und die Gebäude sich noch stark an deren chinesische Vorbilder orientierten. Die ursprünglich stark symmetrischen Anlagen wurden nach und nach 'japanisiert', verloren ihre symmetrische Strenge. Symmetrie meint in Japan Harmonie, eine Balance, keine geometrische Ordnung. Was für ein Gegensatz zur europäischen Auffassung Albertis! Der Besucher muss etwas Eigenes hinzufügen können, darf deshalb nichts Fertiges, Perfektes antreffen. Was für eine menschliche Haltung im Gegensatz zu den diktatorischen und auch irgendwie hilflosen Ansätzen von Renaissance Baumeistern! Durch das Nandaimon, das Südtor, welches von den Nio, den zwei grimmigen Tempelwächtern beschützt wird. Sie versinnbildlichen Ying und Yang, die alles regierenden Gegensätze, einer hat den Mund geöffnet, die Hand geschlossen, der andere den Mund geschlossen, aber die Hand geöffnet. Wahrscheinlich sind diese sehr dynamisch modellierten Holzskulpturen indischen Vorbildern abgeschaut und erst später eingefügt worden. Wie auch beim Todai-ji. Japanische Tempel sind immer auch als Prozess zu verstehen, sind immer erneuert, verbrannt, neu aufgebaut worden. In den westlichen Bereich, den Haupttempel, durch das Chumon, den Kairo Galerien entlang um den Haupthof. In der Mitte steht die fünfgeschossige Pagode und der Kondo, die Haupthalle. Die Pagode ist eine filigrane Schönheit, ihre ausladenden Verandadächer hängen als leichtes Textil an der zentralen Holzstütze. Ein Kunstwerk nicht nur der Architektur, sondern auch der Ingenieurbaukunst. Damals vereint in der Person des Chefzimmermanns, der erst nach jahrelanger Erfahrung in das Amt des Baumeisters wachsen konnte. Den Beruf des Architekten gab es nicht. Die Pagode kann nicht begangen werden und beherbergt bedeutende kunsthistorische Schätze. Ein Teil davon ist in Tokyo im 'Gallery of Treasure of Horyuji' ausgestellt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die in die Galerie eingebundene grosse Daikodo (Kodo, Gebetshalle) kokettiert mit ihren im Wind wallenden Noren, riesigen Vorhängen, welche den direkten Blick versperren, gleichzeitig aber einladend zu winken scheinen. Man wird still und andächtig und lauscht der Menschheitsgeschichte. Eine Yakushi Statue und die vier Buddhas stehen geduldig für nicht erlaubte Photosujets parat, photografieren verboten, was von bärbeissigen Mönchen lautstark kontrolliert, von den vier Wächtern des buddhistischen Himmels, den Shitenno, von denen jeder über eine Himmelsrichtung wacht, grosszügig überblickt wird. Der Raum ist düster, viele Figuren sind abgedeckt, werden nur zu speziellen Anlässen präsentiert. Der Blick fällt durch die Halle in einen dahinter liegenden Garten, einmalig, befreiend.