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Hände weg vom Urwald, der Lunge unseres Planeten
Studien zeigen, dass Wälder überall dort besonders gut geschützt werden, wo die Verwaltung in indigenen Händen liegt. Doch leider werden immer mehr Konzessionen an Unternehmen vergeben, die die letzten Urwälder abholzen, um Plantagen oder Weideflächen anzulegen. Aus der Serie «News aus Lateinamerika».
Im Amazonasgebiet – egal ob in Peru, Bolivien, Kolumbien oder anderen Ländern der Region – führen Streitigkeiten um den Zugang zu Land oft zu heftigen Konflikten, mitunter sogar zu Morden. Dabei stehen in vielen Fällen die territorialen Ansprüche indigener Gemeinden den Konzessionsanträgen von internationalen Konzernen gegenüber. Wo in den letzten Jahrhunderten der Urwald in seinem natürlichen Zustand belassen wurde, weil er «den Supermarkt und die Apotheke» der Gemeinden darstellt, die dort jagen, fischen und wilde Früchte und Heilpflanzen sammeln, sollen jetzt Ölpalmenplantagen oder Weideland für Rinder angelegt werden.
Die Unternehmen argumentieren oft, dass es sich bei den fraglichen Gebieten längst nicht mehr um unberührten Urwald handelt, da die indigenen Gemeinden ebenfalls Landwirtschaft betreiben. Doch die Art und Weise, wie die lokalen Kleinbauern das Land nutzen, unterscheidet sich drastisch vom Vorgehen grosser Unternehmen. In indigenen und ländlichen Gemeinden – egal ob im Amazonasgebiet oder in den Anden – wird traditionellerweise ein sogenannter Rotationsanbau betrieben. Dabei wird ein Stück Land oder ein Acker ein bis zwei Jahre lang bewirtschaftet und danach eine bestimmte Zeit brach liegen gelassen, während der Anbau auf eine andere Parzelle verlegt wird. Auf diese Weise verhindert man das Auslaugen und die Überstrapazierung der Böden und erhält die Fruchtbarkeit.
Da der Rotationsanbau im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft, zum Plantagen-Anbau und zu Monokulturen die Biodiversität fördert, ist sie auch langfristig sehr nachhaltig. Er sichert nicht nur den Lebensunterhalt von Millionen von Kleinbauern, sondern hat auch ökologische Vorteile. Zum Beispiel eine erhebliche CO2 -Bindung sowie die Verhinderung der Bodenerosion und des Abfließens von Wasser. Ganz abgesehen von den Grössenverhältnissen: Die Flächen, die die Gemeinden entwalden, um dort ein paar Parzellen zu bewirtschaften, sind in der Regel tausend Mal kleiner als die Plantagen, auf denen industrielle und in grossen Mengen produziert werden muss, damit das Ganze rentiert.
In Peru stehen 15 der fast 70 Millionen Hektar Tropenwald unter indigener Bewirtschaftung oder Verwaltung. Und dies ist für den Erhaltung des Regenwaldes zentral. Wie ein umfassender Report der UN-Welternährungsorganisation (FAO) zeigt, weisen indigene Gebiete in fast allen Ländern Lateinamerikas geringere Entwaldungsraten auf als andere Waldgebiete. Der Report, der mehr als 300 Studien aus den letzten 20 Jahren mit einbezog, kam unter anderem zu folgenden Ergebnissen:
Mehr als 80 Prozent der Flächen in Lateinamerika, die von Indigenen bewohnt werden, sind mit Wald bedeckt. In indigenen Territorien im bolivianischen, brasilianischen und kolumbianischen Amazonasgebiet wurde zwischen 2000 und 2012 nur ein Drittel bis halb so viel Wald abgeholzt wie in anderen Gebieten, die ähnliche ökologische Merkmale und Marktzugänge aufwiesen. Infolgedessen konnten in diesem Gebiet jedes Jahr CO2-Emissionen im Umfang von bis zu sechzig Millionen Tonnen vermieden werden – so viel, als ob man mehr als 12 Millionen Autos aus dem Verkehr gezogen hätte.
Insgesamt wird in den indigenen Territorien zwölf Mal mehr CO2 gebunden als in nicht anderen Gebieten. Zwischen 2003 und 2016 hat die Vegetation in den indigenen Gebieten des Amazonasbeckens fast so viel CO2 gebunden, wie aus diesen Gebieten durch Entwaldung oder Walddegradation ausgestoßen wurde. Mit anderen Worten: Diese Gebiete produzieren unter dem Strich praktisch keine CO2 -Emissionen. Außerdem sind indigene Territorien auch Garanten für die Erhaltung der Artenvielfalt. Allein in Brasilien gibt es in den indigenen Gebieten mehr Säugetier-, Vogel-, Reptilien- und Amphibienarten als in allen anderen Schutzgebieten des Landes, zum Beispiel in staatlich verwalteten Nationalparks.
«Der Schutz der Wälder kann ohne indigene Verwaltung nicht mehr gewährleistet werden», schlussfolgert die Welternährungsorganisation. «Fast die Hälfte der verbleibenden intakten Wälder im Amazonasbecken befinden sich in indigenen Gebieten. Sollten deren Verwaltung an den Staat übergehen oder für ausländischen Unternehmen konzessiert werden, könnte dies zu einer Kettenreaktion führen, die Niederschläge verringert und die lokalen Temperaturen erhöht, was wiederum zu einem größeren Waldverlust durch Dürren und Waldbrände führt.»
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