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Der Duero hat über Jahrmillionen ein Flusstal geschaffen, das die Hochebene Kastiliens, die auf ca. 900 m.ü.M. liegt, entzwei schneidet. Das Klima ist kontinental, d.h. sehr warme, trockene Sommer, kalte Winter. Aufgrund der Höhenlage zählt das Gebiet zu den kältesten ganz Spaniens. Die Vegetationsperiode ist sehr kurz. Selbst erfahrenste Winzer müssen unter diesen klimatischen Bedingungen ihr ganzes Können aufbieten, um die Trauben zur vollen Reife zu bringen.
Aus römischen Quellen geht hervor, dass in der Gemeinde von Quintanilla, wo viele Jahrhunderte später das Kloster Santa María de Retuerta gebaut wurde, Getreide angebaut und Tiere gehalten wurden, um das nahe Militärlager zu versorgen. Nach der Vertreibung der Mauren im 11. Jahrhundert wurden in der Region in kurzer Zeit mehrere Klöster gegründet, so auch 1146 das Kloster Santa María de Retuerta, das grosse Ländereien und Rebberge geschenkt erhielt. 1988 wurde das ganze Gut mit Kloster unter dem Namen Abadía Retuerta von seinem Besitzer verkauft. Zu diesem Zeitpunkt gab es auf dem Gut praktisch keine Reben mehr. Die neuen Eigentümer wollten wieder mit dem Rebbau beginnen, doch zuerst musste gepflanzt werden: ein risikoreiches und geldintensives Unterfangen!
Es wurden zwei Europäer für dieses Projekt engagiert. Einer kam aus Frankreich, der andere aus Spanien. Pascal Delbeck begann seine Arbeit mit der Klassifizierung jeder einzelnen Parzelle. «Die Bodenproben brachten einen unfassbaren Reichtum an verschiedenen Terroirs zutage», weiss er aus der Anfangszeit zu berichten. «Die ganze Welt der grossartigen Böden war hier auf einem Fleck vereint: Kiesböden, die an jene im Médoc erinnern, wechseln ab mit Kalk-, Sand- und Tonböden. Über fünfzig Pagos oder Crus, um den Ausdruck der Burgunder zu gebrauchen, konnten klassifiziert werden», berichtet Dr. Vincente Sotés, Professor für Landwirtschaft an der Landwirtschaftsschule von Madrid. «Für alle, die guten Wein lieben, steht es ausser Zweifel, dass diese Entdeckung einen unschätzbaren Wert darstellt.» Dass unter diesen ausgezeichneten Bedingungen die Vermarktung der Weine auch ohne die kontrollierte Herkunftsbezeichnung Ribera del Duero D.O. geht, war für alle von Anfang an klar. So traf man den einzig richtigen Entscheid, um die wahre Bedeutung des Terroirs in den Vordergrund zu stellen, indem man nämlich als einzige Einschränkungen jene akzeptierte, die von Klima und Terroir auferlegt sind. Folgerichtig wurden die 210 ha in 54 einzelne Rebparzellen unterteilt und mit den Rebsorten Tempranillo, Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah und mit ganz wenig Petit Verdot bestockt.
Vor der Lese wird im Rebberg der Reifegrad des Traubengutes minutiös kontrolliert. Dafür sind auf Abadía Retuerta in jeder Parzelle Rebzeilen ausgewählt und bezeichnet worden, in denen die Traubenmuster gezogen werden. Dabei läuft der Verantwortliche mit einem Plastiksack den Rebstöcken entlang und nimmt wahllos und ohne darauf zu achten, Traubenbeeren ab: einmal auf der Sonnenseite der Trauben, einmal unten, einmal oben, einmal hinten, alles rein zufällig.
Um eine möglichst schonende Weinbereitung zu gewährleisten wurde die Kellerei 1996 in einem leicht abfallenden Teil gebaut. Oberste Prämisse: Sauberkeit, Gravitation und Kontrolle. Sie wurde so angelegt, dass der Wein niemals mechanisch umgepumpt werden muss. Damit die Weine der einzelnen Parzellen auch separat gekeltert und ausgebaut werden können, wurde eine Unzahl von verschiedenen Tanks aller Grössen angeschafft. Im Ausbaukeller regiert dagegen das Eichenholz. Die Jungweine werden in französischen und in amerikanischen Eichenfässern, den so genannten Barriques, ausgebaut. Das Labor gehört zum Feinsten, was man in einer Kellerei antreffen kann. Nichts wird dem Zufall überlassen – alles wird geprüft (Korken, Hefestämme, etc.) und überwacht (Traubenreife).
«Abadía Retuerta wurde in der festen Absicht wieder aufgebaut, charaktervolle Weine mit Stil zu keltern: mit oder ohne Herkunftsbezeichnung», bekennt Álvaro Pérez. «Sicher, die Appellation verschafft Bekanntheit und hat ein gutes Image bei den KonsumentInnen. Aber andererseits schränkt sie uns mit den Vorschriften auch sehr stark ein. Wir können nun nach bestem Wissen und Gewissen Weine keltern, die überzeugen», erzählt er weiter und fügt hinzu: «Unterdessen haben auch andere, berühmte Weingüter diesen Weg eingeschlagen und keltern Weine ausserhalb einer Herkunftsbezeichnung. Sie werden mit viel Erfolg vermarktet und finden ein Publikum, das trendige Weine mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis schätzt.»
Was nach umfassenden Bodenproben und -analysen mit der Neubestockung der Rebberge 1992 begann, 1996 mit der Eröffnung eines der modernsten Weinkeller seine Fortsetzung fand und mit der Eröffnung des 5-Sterne Hotels LeDomaine seinen Abschluss fand, kann als ausserordentliches Projekt bezeichnet werden. Das innovative Weingut Abadía Retuerta wurde bereits mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Wie ein Juwel reiht es sich in die Kette wertvoller Weingüter entlang des Duero ein.