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Es ist früh am Montagmorgen. Vor dem ehemaligen McDonald’s in Marseilles Norden bildet sich eine lange Schlange. Alte Frauen in Kopftüchern, junge Männer in Jogginghosen und Mütter mit ihren Kinderwägen: Sie alle warten, um ein Paket mit Essensspenden entgegenzunehmen.
Von Freiwilligen kriegen sie einen Plastiksack, gefüllt mit Gemüse, einigen Früchten und etwas Aufschnitt. Wer hierher kommt, ist froh, um die abgelaufene oder überschüssige Ware. Viele von ihnen kommen aus den grauen Wohntürmen in der Nachbarschaft.
Auch Chadra wohnt im Quartier. Ihre kleine Rente reiche nicht aus, sagt die alte Frau. «Das Leben ist zu teuer geworden. Eine Flasche Öl kostet mittlerweile fünf Euro. Dazu kommen noch Miete und Strom». Nur dank der Spenden komme sie durch die Woche.
Ein Farbtupfer in einer tristen Umgebung
Das L'Après M liegt im Quartier Ste-Marthe, mitten in den berüchtigten «Quartiers Nords». Es ist eine arme Gegend, geprägt von grossen Wohnblöcken. In der leerstehenden Ladenreihe gegenüber werden Drogen verkauft.
«Quartier Nords»
Als «Quartiers Nords» werden die nördlichen Vorstädte Marseilles bezeichnet. Diese Hochhaussiedlungen gelten seit Jahrzehnten als soziale Brennpunkte. Viele der Bewohner sind arm. Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate sind in diesen Gebieten besonders hoch.
Drogenclans nutzen diese Zustände, um sich auszubreiten. Einige Siedlungen werden gar von ihnen kontrolliert. Immer wieder werden auch unschuldige Menschen in ihre gewalttätigen Abrechnungen hineingezogen. Der Staat hat sich aus diesen Gebieten zurückgezogen. Wenn die Polizei doch einmal kommt, dann nur in Mannschaftsstärke.
Die Bewohner fühlen sich von der Politik im Stich gelassen: Viele Probleme existieren seit Jahrzehnten und trotzdem ändert sich wenig. Die Politik investiert lieber im Stadtzentrum statt an der Peripherie. Das zeigt sich exemplarisch am öffentlichen Verkehr: Während es im Zentrum Metro- und Tramlinien gibt, beschränkt sich das Angebot in den «Quartier Nords» auf einzelne Buslinien. Ab einer gewissen Uhrzeit sind einige Viertel mit dem öffentlichen Verkehr gar nicht mehr zu erreichen.
Das bunt angemalte Gebäude vom alten McDonald’s Restaurant ist der einzige Farbtupfer in einer Gegend, wo es sonst wenig Begegnungsorte gibt. Am Gebäude prangt gross der Schriftzug «L’Apres M» – also das nach dem M.
Vom McDonald’s zum L’Après M
Keiner verkörpert den Wandel vom Fast-Food-Restaurant hin zum sozialen Zentrum so sehr wie Kamel Guemari. Er ist das Gesicht des Projekts. Selbst in den Blöcken der Nachbarschaft gross geworden, hat er 1998 im Alter von 16 Jahren bei McDonald’s angefangen zu arbeiten. Am Ende war er Restaurantmanager und Gewerkschafter – bis zur erzwungenen Schliessung des Restaurants im Dezember 2019 durch McDonald’s.
Doch statt aufzugeben, besetzten die ehemaligen Angestellten die Filiale. Das «L’Après M» war geboren. Mittlerweile hat die Stadt das Grundstück übernommen und das Projekt damit eine langfristige Perspektive.
Eine Antwort auf eine jahrzehntelange Vernachlässigung
«L’Après M» sei eine Antwort auf die jahrzehntelange Vernachlässigung der Gegend durch die Politik, sagt Karim: «Wir sind es leid, dass andere an unserer Stelle sprechen und handeln.»
Die jungen Menschen hätten wenig Perspektiven, wenn sie hier aufwachsen. Die Kriminalität ist hoch, ebenso die Arbeitslosenzahlen. Zudem ist die Herkunft aus den «Quartiers Nords» oftmals mit einer Stigmatisierung verbunden. Kein Wunder, rutschen viele in die Kriminalität ab, findet Kamel.
Mit Arbeitsplätzen Perspektiven schaffen
Genau da wollen er und seine Mitstreiterinnen ansetzen. Sie wollen das Restaurant neu eröffnen. Die alten Angestellten sollen neue ausbilden und die Jugendlichen im Quartier so den Berufseinstieg schaffen.
Andere Möglichkeiten gibt es kaum: Seit dem Ende von McDonald’s gibt es mit einer Supermarktkette nur noch einen grösseren Arbeitgeber im Quartier.
«Eine Arbeit zu finden, darf kein Traum sein. Es muss Normalität sein», sagt Kamel. Mit dem neuen Restaurant wollen sie genau das ermöglichen.