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Das «Relling'sche Schlössli» und die Firma Goldinger
Hans Heeb berichtet über ein Stück Ermatinger Wirtschaftsgeschichte
In diesem "Relling'schen Schlössli" (Bild aus dem Jahr 2010) richtete Goldinger seine erste Schreinerwerkstatt ein.
|Hans Conrad Goldinger kam 1848 nach Ermatingen|
Schreinerwerkstatt
Im Jahre 1848 kam Hans Conrad Goldinger - er war damals 25 Jahre alt - nach Ermatingen. Woher er kam, wissen wir nicht. In Ermatingen betätigte er sich als Schreiner und erwarb dann auch - um darin eine Schreinerwerkstatt einrichten zu können - das Relling'sche Schlössli. Im Jahre 1880 wurde Hans Conrad Goldinger ins Ermatinger Bürgerrecht aufgenommen. Das Relling'sche Schlössli sollte in der Folgezeit drei Generationen Goldinger beherbergen - auf Hans Conrad folgte sein Sohn Conrad Goldinger, auf diesen dessen Sohn Jaques Goldinger; ihn haben viele von uns noch in Erinnerung.
Ein Pionier der Möbelfabrikation
Jaques Goldinger (1888 bis 1971) spezialisierte sich dann - nachdem er nach Wanderjahren, die ihn durch die Schweiz sowie nach Frankreich und Deutschland geführt hatten, wieder nach Ermatingen zurückgekehrt war - auf die serienmässige Anfertigung vor allem von Schlafzimmermöbcln und Büffets. Jaques Goldinger gehörte zu den Pionieren der schweizerischen Möbelfabrikation. Erste Maschinen wurden angeschafft. Mitarbeiter wurden eingestellt. Auf allen Stockwerken des Relling'schen Schlössli wurde jetzt gearbeitet. Bald aber wurde es einfach notwendig, neue Räumlichkeiten zu suchen. Nachdem eine Studienreise Jaques Goldinger noch durch die Vereinigten Staaten geführt hatte, erfolgte im Jahre 1922 der Bau eines Fabrikgebäudes in der Nähe des Bahnhofes. In der Folgezeit musst der Bau dann immer wieder erweitert werden. Die Goldinger-Möbel hatten bald einen sehr guten Ruf und wurden dann auch in der ganzen Schweiz verkauft.
Tischler- und Spanplatten
In den 30er Jahren wurden in Deutschland die Tischlerplatten auf den Markt gebracht. JaquesColdinger erkannte sofort deren Bedeutung. Er fing selber an. Tischlerplatten herzustellen. Später wurden dann auch Spanplatten industriell hergestellt. Unser Unternehmer erreichte damit auch ein Ziel, das er schon lange im Auge hatte - jetzt konnte er den enormen Anfall von Abfallholz, der sich in einem holzverarbeitenden Betrieb zwangsläufig ergibt. weiter verwerten. Die Tischler- und Spanplatten wurden bald in eigens dafür erbauten Anlagen - zum Teil auch nach einem eigenen System und Verfahren - produziert. In der Schweiz wurde eine Zeitlang jährlich etwa 15000 Kubikmeter Tischlerplatten auf den Markt gebracht. 5 bis 6000 Kubikmeter trugen den Stempel «Jago» (Jaques Goldinger). Gleichzeitig verliessen im Jahr etwa 30000 Kubikmeter Spanplatten die Fabrik. Und hier noch zum Begriff der Tischler- und Spanplatten - die Tischlerplatten bestehen aus einer Holzmittellage, die beidseitig mit Foumier belegt ist - die Spanplatten bestehen, so wie das Wort schon sagt, aus Spänen. In der Fabrik, die während Jahren 300 Arbeiter und Angestellte beschäftigte, wurde zeitweise im Dreischichtbetrieb gearbeitet.
Die Firma baute betriebseigene Wohnungen, um diese dann zu günstigen Mietzinsen an Arbeiter und Angestellte abzugeben. Im weiteren schuf die Firma eine grosszügig ausgebaute Personalversicherung sowie einen Fürsorgefonds. Auch wurden freiwillige Pensionsbeiträge an ehemalige Mitarbeiter oder deren Witwen entrichtet.
Glänzender Organisator
Jaques Goldinger war der geborene Unternehmer. Er erfasste die Probleme. Er war in der Lage, Situationen zu beurteilen. Er erkannte Entwicklungen und er hatte einen grossen Weitblick. Er war ein glänzender Organisator und er konnte führen. In seiner Gattin Elsa Goldinger-Rietmann hatte er die Lebensgefährtin gefunden, die ihm jederzeit hilfreich und beratend zur Seite stand.
Im Jahre 1940 trat ein Neffe, Dr. oec. publ. Heinz Goldinger, in das Unternehmen ein. Im Jahre 1948 wurde er Geschäftsführer, im Jahre 1968 Präsident des Verwaltungsrates. Trotz der Modernisierung der technischen Einrichtungen und trotz eines tüchtigen Mitarbeiterstabes war das Unternehmen dann doch nicht in der Lage, mit den Schwierigkeiten, die in der Folgezeit auf die holzverarbeitende Industrie zukamen, fertig zu werden. Das einst so viel versprechende und blühende Unternehmen existiert heute nicht mehr. Im ehemaligen Hauptgebäude befinden sich heute Eigentumswohnungen.
(Dieser Artikel ist dem Boten vom Untersee vom 11.3.2011 entnommen, mit der freundlichen Genehmigung des Verlags.)