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VON CLAUDIA MARINKA UND SANDRO BROTZ
Es ist das Manuskript eines Behörden-versagens auf ganzer Linie: Dem «Sonntag» liegt ein vertraulicher Bericht der Vormundschaftsbehörde im zürcherischen Bonstetten vor. Es ist ein Auszug von Protokoll Nr. 064/06-10 vom 27. Januar 2009. Darin enthalten sind die geprüften Massnahmen, Abklärungen und Berichte von den Behörden zu den vormundschaftlichen Massnahmen für Florian G. Darin wird ersichtlich, dass sich die Behörden auf das Gutachten einer Zürcher Psychologin gestützt hatten, die in ihrem Gutachten Gustav G. entlastete. Sie stufte sein Gefährdungsrisiko als gering ein: «Der Kindsvater hat von sich aus eine Psychologin konsultiert, welche in einem Kurzgutachten keine konkrete Rückfallgefahr mehr attestierte.»
Das Sorgerecht teilten sich die Eltern. Florian wohnte beim Vater. Für die Psychologin reicht es offenbar aus, dass sich der 60-jährige Buchhalter in eine Gesprächstherapie begeben hatte: «Die Gesprächstherapie mit (. . .), wird aus eigenem Antrieb weitergeführt. Somit ist das Risiko einer nochmaligen Kurzschlusshandlung sehr minimiert.»
Ein Jahr später, am 26. Februar 2010, tötet er den vierjährigen Sohn Florian in einem Hotel in Winterthur ZH.
bereits Lange vor der Tat äusserte die Mutter immer wieder Bedenken, in welcher Gefahr sich Florian befinden könnte. Wie gross ihre Angst war, ist im vorliegenden Protokoll auch deutlich festgehalten: «Frau G. befürchtet, dass bei auftretenden Verlustängsten der Kindsvater gleich reagieren könnte, wie er dies bei seinem Sohn aus erster Ehe getan hat.»
Der heute 33-jährige Reto G. überlebte vor 20 Jahren den brutalen Angriff seines Vaters schwer verletzt. Gustav G. würgte ihn bei einem gemeinsamen Spaziergang bis zur Bewusstlosigkeit und warf ihn anschliessend in eine 30 Meter tiefe Schlucht. Reto G. ist heute zu 100 Prozent invalid. Gemäss Artikel 307 des Zivilgesetzbuches trifft die Vormundschaftsbehörde «die geeigneten Massnahmen zum Schutz des Kindes, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist und die Eltern nicht von sich aus für Abhilfe sorgen oder sie dazu ausserstande sind».
Zu diesem Schritt kam es am 12. Februar 2008: Den Eltern wurde die Obhut entzogen. Florian lebte neun Monate lang bei einer Nachbarsfamilie von Gustav G. Doch danach wird der Bub wieder aus seiner Umgebung gerissen, wie das Protokoll der Vormundschaftsbehörde Bonstetten zeigt: «Mit Schreiben vom 15. November 2008 hat die Pflegefamilie das Pflegeverhältnis aufgelöst, ohne einen definitiven Zeitpunkt der Auflösung festzulegen. Sie hat allerdings den Wunsch geäussert, das Pflegeverhältnis innerhalb eines Monats abschliessen zu können.»
Florian wurde wieder in die Obhut des Vaters gegeben. Zwischen Gustav G. und Marcia G. entbrannte ein heftiger Streit, wie auch von der Bonstetter Vormundschaftsbehörde dokumentiert ist: «Der Vater wirft der Mutter das mangelnde Interesse und die nicht vorhandene Bereitschaft zur Kindesbetreuung vor (. . .) Die Mutter hingegen zweifelt am Willen des Vaters zur Betreuung des Sohnes und wirft ihm egoistische Motive vor (. . .).»
Florian geriet zwischen die Fronten. Die Eltern stritten sich vehement um das gemeinsame Sorgerecht. Doch eine zweite Fremdplatzierung stand bevor, wie das Dokument belegt: «Angesichts der Tatsache, dass die Pflegefamilie den Pflegevertrag gekündigt hat und aufgrund der anhaltenden Schwierigkeiten im Umgang mit den Eltern nicht bereit ist, das Pflegeverhältnis bis zur Abklärung der vormundschaftlichen Massnahmen aufrechtzuerhalten, ist eine sofortige Umplatzierung von Florian unumgänglich.»
Die Akten zeichnen die Chronologie einer Familie, die es nicht geschafft hat, ihrem Kind ein wohlbehütetes und liebevolles Daheim zu bieten. Kinderschutzexperte Heinrich Nufer – er leitete 30 Jahre lang das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind – zeigt sich geschockt: «Ohne die Akten zu kennen, frage ich mich schon, weshalb das Kind wieder aus der Pflegefamilie herausgenommen und in die Obhut des Vaters gegeben wurde. Das Risiko war gross.» Ein zu grosses Risiko, wie sich jetzt herausstellte.
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Das Gutachten attestierte dem Vater «keine konkrete Rückfallgefahr mehr» und kam zum Schluss, dass «das Risiko einer nochmaligen Kurzschlusshandlung sehr minimiert» sei.
VON CLAUDIA MARINKA UND SANDRO BROTZ