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© Photo: Hans Lüscher, Stephen Collection
Schweizer Pioniere in Übersee Die Geschichte einer Berner Familie in Kanada
Über das Edelweiss Village wurde in letzter Zeit viel gesprochen, jenen Weiler, der für die ersten Schweizer Bergführer in Kanada gebaut wurde. Weniger bekannt sind die Bewohnerinnen und Bewohner, die in die Rockies «importiert» wurden, um dort die Anfänge des Bergsteigens zu betreuen. Sie haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Rudolph Peak, Edward Peak, Ernest Peak, Walter Peak und Christian Peak. Wer weiss, dass die fünf Gipfel des Mount Lyell (3504 m) in den kanadischen Rocky Mountains nach fünf Berner Bergführern benannt wurden, die gekommen waren, um dort die Entwicklung des Bergsteigens voranzubringen?
Unter diesen Bergsteigern, die die Herausforderung annahmen, alles hinter sich zu lassen, war Edward Feuz junior (1884-1981) eine besonders bemerkenswerte Figur. Sein Vater, Edward Feuz senior, war Chef der Interlakener Bergführer und gehörte zusammen mit Christian Häsler senior zu den ersten beiden Schweizer Bergführern, die 1899 von der Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway (CPR) angeheuert wurden, um für die Sicherheit der Touristen in den Rocky Mountains zu sorgen.
Edward junior, das älteste von acht Geschwistern, wuchs früh in die Welt der Berge hinein. Im Alter von zwölf Jahren erklomm er den Gipfel der Jungfrau und stieg mit einer lebenslangen Leidenschaft im Gepäck wieder ab. 1903 reiste er zum ersten Mal als Träger mit seinem Vater nach Kanada und wurde später selbst Bergführer. Seine Brüder Ernst und Walter (Vorfahren des heutigen Skirennfahrers Beat Feuz), sein Freund Rudolf Aemmer sowie Christian Häsler junior schlossen sich ihm später an.
«Edward war ein aussergewöhnlicher Mensch mit einer wundervollen Leidenschaft für das Klettern», schwärmt Donna Stephen, die von ihm das Klettern erlernte, als er bereits im Rentenalter war. Die in den Rocky Mountains lebende Kalifornierin schrieb kürzlich ein Buch über das Leben dieses Mannes,1 den sie ein bisschen als ihren Grossvater betrachtete. Das Buch berichtet von der unglaublichen Herausforderung, der sich diese Männer zu einer Zeit stellten, in der es mehr als zwei Wochen dauerte, um von Interlaken in die Rockies zu reisen.
Marketingobjekte
Die CPR, die die Schweizer Bergführer einfliegen liess, versuchte die Anreise so profitabel wie möglich zu gestalten, indem sie diese mit einer regelrechten Marketingtour verband. Ilona Spaar, eine in Kanada lebende Schweizer Historikerin, die den Schweizer Bergführern ein Buch gewidmet hat,2 erklärt: «Es wurde erwartet, dass sie in voller Kletterausrüstung auf öffentlichen Plätzen in London und Montreal auftauchten.»Waren sie einmal am Ziel angekommen, eröffnete sich den Bergführern ein ebenso grosser wie unberührter
Waren sie einmal am Ziel angekommen, eröffnete sich den Bergführern ein ebenso grosser wie unberührter Spielplatz. Englisch sprachen sie kaum, und Landkarten waren zu dieser Zeit selten. Bevor sie sich auf einen unbekannten Berg wagten, «gingen die Führer mit einem Fernglas los, um einen guten Aussichtspunkt zu finden und den Weg zu bestimmen», sagt Syd Feuz, Edwards Neffe, in einem Buch über Edwards Leben.3
Im freien Gelände waren die Zustiege lang und beschwerlich und erforderten oft Kanus, Pferde und Zeltlager, mit denen die Guides nicht unbedingt vertraut waren, wie Ilona Spaar sagt. In seiner ersten Saison 1903 fand Edward einen seiner Schuhe von einem Stachelschwein irreparabel beschädigt auf. «Nehmen Sie Ihre Stiefel immer mit ins Zelt», warnte der Bergführer mit dem starken deutschschweizerischen Akzent seitdem. Eine andere unglückliche Fügung zwang ihn dazu, sich auf dem Rückweg von einer Expedition drei Tage von wilden Beeren zu ernähren.
Nicht vom Hunger verschont
Die Hungerperioden waren nicht auf Missgeschicke in der Wildnis beschränkt. 1912 liess die CPR sechs Häuser für die Schweizer Guides bauen, um ihnen die transatlantischen Reisen für jede Saison zu ersparen. Die CPR habe auch ihre Familien nachkommen lassen wollen und statt eines Saisongehalts ein Jahresgehalt von fünf Dollar pro Tag über einen Zeitraum von fünf Jahren versprochen, sagt Donna Stephen. Da das Marketing im Vordergrund stand, wurden die Häuser auf einem Hügel gebaut, damit sie von der Bahnlinie aus gut zu sehen waren, wobei der Stil an Schweizer Chalets erinnern sollte. Der Weiler wurde Edelweiss Village genannt.
Über das Ergebnis konnte man streiten. «Edwards Frau Martha soll bei der Ankunft vor Ort gesagt haben: ‹Sie sehen aus wie Affenhäuser›, bevor sie in Tränen ausbrach», erzählt Donna Stephen. Ihre Enttäuschung war verständlich. «Die Familien waren von Interlaken, einer Stadt mit vielen Annehmlichkeiten, nach Golden, einer Bergbaustadt ohne jegliche Infrastruktur, gezogen und befanden sich zudem in abgeschiedener Gegend, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt», sagt sie. Die Häuser waren «im Winter voller Zugluft» und «im Sommer sehr heiss», so Ilona Spaar. Zudem wurde der Weg vom Dorf ins Zentrum von Golden im Winter nicht geräumt, und die Bewohnerinnen und Bewohner mussten zu Fuss auf den Bahngleisen gehen. Die ersten Winter waren schwierig. Die CPR hielt ihr Versprechen mit dem Jahreslohn nicht ein, sodass die Familien Hunger litten. «Edward und Martha beschwerten sich bei der CPR und später beim Schweizer Konsulat in Montreal und sagten, dass sie nach Hause zurückkehren wollten», erzählt Donna Stephen. Daraufhin hielt die Bahngesellschaft schliesslich ihr Wort.
Eine Schweizer Hütte in Kanada
Mit der Zeit prägten die Bergführer und ihre Familien die Region. Besonders stark war dabei der Einfluss von Edward, der von den anderen Bergführern den Übernamen «der Boss» erhielt. Die Abbot Pass Hut, eine Hütte auf 2926 Metern Höhe oberhalb von Lake Louise, wurde auf seinen Anstoss hin erbaut: Damit die Besteigungen des Mount Victoria und des Mount Lefroy «sicherer und angenehmer» würden, entwarfen Edward und sein Kollege Rudolf Ämmer Pläne für eine Berghütte wie in den Schweizer Alpen. Die CPR unterstützte das Vorhaben.
Es folgte ein denkwürdiges Bauunternehmen. Pferde hätten das Material bis zu einer grossen Gletscherspalte gebracht, dort hätten die Bergführer die Arbeit mit einer Leiter und einem Schlitten übernommen, die eigens für diesen Zweck entworfen worden seien, schreibt Donna Stephen. Nicht ohne Zwischenfälle: «Ein unglückliches Pferd endete in der Spalte», berichtet sie. Die Hütte, die Edward laut Ilona Spaar als «die einzige echte alpine Berghütte in Kanada» beschrieb, wurde auf die Saison 1923 hin eröffnet. Ihren 100. Geburtstag wird sie jedoch nicht mehr feiern: Seit 2018 ist sie wegen instabilen Geländes geschlossen und soll laut der Organisation Parks Canada in diesem Frühjahr zurückgebaut werden.
Der umtriebige Berner war auch für das Plain of Six Glaciers Teahouse verantwortlich, ein Bergrestaurant, das 1927 oberhalb von Lake Louise entstand. Seine Frau Martha betrieb es bis 1938 mit ihren Töchtern Gertie und Hedye. «Mit ihren traditionellen Schweizer Kleidern machten die beiden Mädchen einen starken Eindruck auf die Gäste», berichtet Donna Stephen. Heute ist das Lokal in anderen Händen, aber immer noch sehr beliebt bei den Touristen in Lake Louise.
Über 250 Schweizer Erstbesteigungen
Abgesehen von Syd Feuz, der Heliskiingführer wurde, trat keines der Kinder und Enkelkinder der ersten nach Kanada gekommenen Bergführer in die Fussstapfen der Eltern. «Sie hatten ihnen wegen der niedrigen Löhne davon abgeraten», erklärt Donna Stephen.
Das helvetische Erbe in den Rocky Mountains ist dennoch beeindruckend: Zwischen 1899 und 1925 unternahmen etwa «35 von der CPR angestellte Schweizer Bergführer über 250 Erstbesteigungen in den Rocky Mountains und den Selkirks», so Ilona Spaar. Donna Stephen zufolge soll Edward Feuz junior allein mehr als 100 davon für sich verbucht haben.
Erst 1970, als Edward schon über 80 Jahre alt war, setzte sich ein ehemaliger Präsident des kanadischen Alpenvereins dafür ein, einen Berg nach Edward und seinen Kollegen zu benennen.
Der Mount Lyell mit seinen fünf aneinandergereihten Gipfeln gewann den Zuschlag. «Wir waren all die Jahre zusammen. Jetzt werden wir für immer zusammen sein», habe sich Edward gefreut. In 3504 Metern Höhe wachen sie weiterhin über die Rocky Mountains und deren Bergsteiger.