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«Glück heisst für mich, im November am Strand zu sitzen und ein Törtchen aus der Chocolaterie Lac zu essen», lacht Esther. Drei Minuten vorher, die Törtchen tragen wir sorgsam Richtung Meer, die Promenade des Anglais haben wir noch nicht gequert, beobachten wir einen Obdachlosen, der das, was sein materielles Leben ausmacht, am Strassenrand deponiert hat, um mit beiden Händen in der Mülltonne wühlen zu können. Er fischt ein Säckchen mit zerbrochenen Biskuits heraus und legt es behutsam zu seinen Habseligkeiten. Wir blicken auf unsere «Tarte chocolat Vietnam» und die «Tarte Perle», schauen uns an und sind peinlich berührt.
Trotzdem: Wir suchen uns in den Kieseln einen Platz mit freier Sicht aufs Meer, stellen die Törtchen auf zwei Steine, klauben das Plastikbesteck hervor – und löffeln unser Glück. Die Sonnenstrahlen glitzern auf dem Wasser; ein paar Meter, ein Jahr, vier Monate und zwei Tage trennen uns von den wenigen Minuten, in denen ein Attentäter das Glück von 86 Menschen, ihren Familien und Freunden zerstört hat.
Und doch: Nichts kann das Glück auf ewig vertreiben; auf der Promenade des Anglais in Nizza flanieren die Menschen; in Amerika haben sich die Menschen dem Glück schon 1776 in ihrer Unabhängigkeitserklärung verschrieben: «dass alle Menschen von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück (pursuit of happiness) gehören».
Die Wissenschaft sucht nach dem Ursprung des Glücks. Philosophen zerbrechen sich den Kopf darüber, stossen beim Denken an Grenzen und sich damit in ihr Unglück: Was sind sie ohne Erkenntnis? Ganze Industrien verdienen daran, ihr Glück als das unsere zu verkaufen. Sie machen uns dadurch meist ärmer. Nicht nur im Portemonnaie.
Abraham Skopichi starb 1966. 60 Jahre alt war er geworden. Von seinem Grab aus schweift unser Blick über die Dächer von Nizza und bleibt am Grauen auf dem marmornen Grabstein hängen: «Survivant d’Auschwitz et de Dachau». Bezeichnete Abraham Skopichi es als Glück, dass er am Leben blieb? Konnte er nach dem erlittenen Leiden in zwei Konzentrationslagern im Leben danach das kleine, alltägliche Glück noch ergreifen?
Ist es für die Überlebenden des Attentats Glück, nicht zu den Opfern zu gehören noch hier zu sein ohne ihr umgebrachtes Kind, ihre Mutter, ihren Liebsten?
Von der südlichen Sonne gewärmt zu werden, auf den fein geschliffenen Kieseln am Strand ein Törtchen zu essen, im November die Füsse im Meer zu baden, einen Sprachkurs besuchen zu dürfen – ist all dies noch Glück für Leidgeprüfte? Und: Darf man sich über sein eigenes kleines Glück freuen, wenn andere in Mülltonnen wühlen?
Am folgenden Tag sagte meine Freundin Esther: «Falls wir den Obdachlosen nochmals sehen, lass uns ein Törtchen kaufen – für ihn.» Wir fanden ihn nicht mehr. Sein kurzes Törtchen-Glück, wäre es denn eines gewesen, wäre vor allem zu unserem eigenen geworden.
Im Dossier: Alle Kolumnen von Susanne Hochuli