Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/762

Hemsö – die Geschichte
Hemsö ist der Name einer fiktiven Insel in den Schären, jenem Gemengelage von Mini- und Mikro-Inseln vor der Küste Südschwedens. Die grösseren davon sind sogar bewohnt, so auch Hemsö. Allerdings gibt es nicht viele Bewohner: Da ist Frau Flod, die alte Besitzerin des Bauernhofs, ihr Sohn, zwei Knechte und zwei Mägde. Gleich zu Beginn der Geschichte kommt Carlsson hinzu, ein junger Mann aus Mittelschweden, den die Bäuerin angeheuert hat, damit er den verkommenden Bauernhof wieder auf Vordermann bringt. Denn seit dem Tod ihres Manns kümmert sich ihr Sohn kaum um die Landwirtschaft, lieber geht er fischen und jagen, und nimmt auch gleich noch einen der Knechte dafür mit. Die Hemsöer erzählt, wie Carlsson nach und nach seine Position auf dem Hof erobert, den landwirtschaftlichen Betrieb wieder ankurbelt und durch Vermietung einer bereits existierenden Dépendance an Sommerfrischler neue Einnahmequellen anzapft. Es ist die Geschichte, wie Carlsson langsam aufsteigt. Da er selber von Haus aus nichts hat, hat er schon bald beschlossen, sich definitiv auf Hemsö einzunisten. Dafür sieht er nur eine Möglichkeit: Er muss die alte Bäuerin heiraten, um als ihr Mann und „der Bauer“ nicht mehr zu vertreiben zu sein. Denn der Sohn ist ihm, seit er erschienen ist und bis zum Ende, spinnefeind. Nach einem kurzen Intermezzo mit Ida, dem Dienstmädchen des deutschen Professors, der mit Anhang seine Sommerferien auf der Insel verbracht hat, konzentriert sich Carlsson auf dieses Ziel, und – erreicht es auch. Doch selbst nach der Heirat lässt ihn der Gedanke nicht los, was seine Situation nach dem Tod der Alten sein würde: aufs Altenteil verbannt und auf Gedeih und Verderb dem guten Willen des Sohnes ausgesetzt. Noch einmal nimmt er allen Witz und alle Überredungskunst zur Hand, und es gelingt ihm, die Alte zu beschwatzen, ihn in ihrem Testament zum Alleinerben einzusetzen. Nun allerdings wird er zusehends übermütig. Die schwere Arbeit auf dem Hof vernachlässigt er. Lieber als zu arbeiten, beaufsichtigt er die Arbeit der Knechte. Und lieber als die Arbeit vor Ort zu beaufsichtigen, tut er dies vom Schreibtisch aus. Es kommt, wie es kommen muss: Einmal mehr geht es mit dem Bauernhof bergab. Carlsson, der von diesem Fehler bis anhin einigermassen ausgenommen war, beginnt den eigenen Mägden nachzusteigen. Das führt auch indirekt zum Tod der alten Frau Flod. Sie vermutet etwas und in einer kalten Winternacht folgt sie Carlsson und der Magd. Die Tatsache, dass sie sich nicht warm genug angezogen hat und der Kummer über Carlssons Verhalten sind ihr Tod. Sie hat gerade noch Zeit, ihren Sohn zu instruieren, das Testament aus dem Sekretär zu nehmen und zu verbrennen.
Jeremias Gotthelf
Wen diese kurze Zusammenfassung nun an Jeremias Gotthelfs Romane erinnert, hat so Unrecht nicht. Im Nachwort meiner Ausgabe wird darauf hingewiesen, dass Strindberg zu Zeit der Abfassung der Hemsöer sich tatsächlich mit Gotthelf auseinandergesetzt hat. Allerdings sollte man Strindbergs kleine Geschichte nicht mit Gotthelfs Uli der Knecht vergleichen, wie es offenbar auch schon geschehen ist. Ausser der Tatsache, dass sich auch Uli im Laufe des Geschehens einmal fragt, ob er nicht um die Tochter seines Dienstherren freien sollte, um als Tochtermann den Hof übernehmen zu können, gibt es wenig Ähnlichkeiten. Da ist vor allem die Tatsache, dass Gotthelfs Figuren praktisch immer mythisch-religiös unterfüttert sind. Man mag das mögen oder nicht, aber diese Einbettung in einen grösseren Heilsplan gibt ihnen eine Tiefe, die Strindbergs Figuren völlig abgeht. Dasselbe gilt für die Sprache Gotthelfs, deren an der Bibel und am Dialekt geschulten Wucht Strindberg nichts entgegenzusetzen hat (und ich glaube nicht, dass das die Schuld der Übersetzerin ist). Strindbergs Figuren und der Plot sind der Realität entnommen – aber genau das war vielleicht ein Fehler.
Das Ende
Zudem ist das Ende der Geschichte eine Fehlkonstruktion. Da hat sich Carlsson über Seiten hinweg Mühe gegeben, den Hof in seine Finger zu bekommen, die Alte zu einem Testament überredet, in dem dies auch gesichert wäre. Da haben die alte Frau Flod und ihr Sohn dieses Testament nachträglich vernichtet. Nun müssen die Hemsöer wegen des schlechten Winterwetters fünf Tage warten, bis sie mit dem Sarg zur Kirche auf einer Nachbarinsel rudern können. Und dann macht Strindberg seinen Plot kaputt: Noch bevor Carlsson realisiert, dass da kein Testament mehr ist, und entgegen dem Titel des letzten Kapitels (Carlssons Träume werden wahr; der Sekretär wird bewacht, doch der Nachlassverwalter kommt und macht einen Strich durch das Ganze., versinkt auf der Fahrt in die Kirche nicht nur der Sarg mit der Toten darin im Wasser, auch Carlsson geht im dichten Nebel verloren – bevor er das Scheitern seiner Pläne wirklich mitbekommen hat (auch wenn er es offenbar schon ahnte). Ein ganzer dramatischer Strang für die Katz – und das bei nicht einmal 190 Seiten Text.
Die Frauen
Ein weiterer Schwachpunkt dieser Erzählung sind die Frauengestalten. Während wir bei den Männern (vor allem bei Carlsson, aber auch beim Sohn, beim Pfarrer und sogar bei den Knechten) vom Erzähler ziemlich genau über die Motive von deren Handeln informiert werden, herrscht auf Seite der Frauenfiguren Funkstille. Was hat die junge Magd bewogen, mit dem ehemaligen Kollegen und nunmehrigen Dienstherren ein Verhältnis anzufangen? Wir wissen es nicht. (Und das Vorbild der Magd hat Strindberg zeit ihres Lebens für diese Darstellung gezürnt – zu Recht, wie ich finde.) Was hat das Dienstmädchen des deutschen Professors veranlasst, mit allen in einem einigermassen günstigen Alter stehenden männlichen Hemsöern zu flirten, vielleicht auch mehr als nur zu flirten? Wir wissen es nicht, wissen nur, dass sie, zurück in Stockholm, Carlssons Liebesbrief zusammen mit ihrem Verlobten liest und sich die beiden herzlich über das naive Landei amüsieren. So wird sie dem Leser als leichtfertiges, verdorbenes Wesen aus einer ebenso leichtfertigen und verdorbenen Stadt präsentiert. Last but not least: die alte Frau Flod. Während es bei Carlsson völlig klar und auch nachvollziehbar ist, warum er die ungefähr 15 Jahre ältere Frau heiratet, wird das bei ihr nicht klar. Sie hatte eigentlich keinen Grund dafür, denn wenn es ihr nur um Sex gegangen wäre, hätte sie das auch so haben können, das macht Strindberg rasch klar. Und anderes konnte der mittellose Carlsson ihr nicht geben. Er hatte nichts.
Warum man Die Hemsöer dennoch lesen sollte
Wenig spricht also dafür, dass man Die Hemsöer lesen sollte. Allerdings gibt es eine Szene, die vieles gut macht: Wir haben den Pfarrer oben schon erwähnt, und er ist vielleicht die wichtigste Nebenfigur, jedenfalls der wichtigste Nicht-Hemsöer in der Geschichte. Schon lange ist er Pfarrer eines kleinen Sprengels aus verschiedenen Inseln in den Schären. Schon lange hat er sein Latein, sein Griechisch und seine Theologie vergessen. Die Not zwang ihn, ganz wie seine Schäfchen, sich neben und dann mit der Zeit vor seinen seelsorgerischen Pflichten auf bäuerliche Arbeiten, Jagd und Fischfang zu verlegen. Als er in der Geschichte auftaucht, ist er so weit verbauert, dass er flucht wie ein Bauer. Und sein Konsum alkoholischer Getränke übertrifft jeden Bauern. Auch er mag Carlsson nicht leiden. Deshalb schmiedet er mit dem jungen Flod ein Komplott. Die Ehe kann nicht verhindert werden, aber man könnte Carlsson vor seiner Frau und allen andern Leuten der Umgebung blamieren, indem man ihn am Hochzeitsabend unter den Tisch trinkt. Noch so gern übernimmt der Pfarrer diese Aufgabe. Allerdings ist Carlsson schlauer und ahnt, was geplant ist. Er organisiert die beiden Knechte des Hofs, die dem Pfarrer ebenfalls fleissig zutrinken sollen. So kommt es, dass der Pfarrer, von dreien bedrängt, seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Stockbesoffen geht er zu Bett. Oder will es wenigstens tun. Unterwegs in die oberste Etage des Bauernhauses verliert er seine Kerze und die Orientierung. Einzig ein brennendes Licht sieht er und mit der Beharrlichkeit eines Betrunkenen will er nun dorthin, weil er dort sein Zimmer und sein Bett vermutet. Er findet auch ein Zimmer und ein Bett, in seinem Rausch realisiert er nicht, dass es sich hier um Brautzimmer und Brautbett handelt. In seinem Rausch hat er nicht nur die Orientierung verloren, sondern auch die Kontrolle über sämtliche Schliessmuskeln seiner Verdauung. Derart beschmutzt und stinkend legt er sich ins schön hergerichtete Brautbett. Diese Szene ist die wohl beste des Romans – und die Erstausgabe von 1887 hat sie aus Gründen der Moral und der Sittlichkeit weggelassen!
Fazit
Ich glaubte, mit dem Romancier Strindberg (den Dramatiker kannte ich schon) eine grössere Lücke in meinem Lese-Curriculum zu haben. Es hat sich gezeigt, dass sie so gross nicht gewesen ist.
Meine Ausgabe
Ich habe Die Hemsöer in der 2013 beim mareverlag erschienenen Neuübersetzung von Angelika Gundlach gelesen, die auch als Herausgeberin fungiert. Die Hemsöer sind darin Teil einer vierbändigen Sammlung unter dem Titel Bis ans offene Meer. Übersetzung, Nachwort und Anmerkungen sind soweit in Ordung, aber leider haben wir wieder einmal ein Ausgabe vor uns, die sich bemüssigt fühlt, den herausgeberischen Teil in einem separaten Band zu führen, was einen zwingt, bei der Lektüre zwei Bücher zur Hand zu haben. Wann hört diese Unsitte endlich auf?