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Mitten in der lärmigen Stadt Tel Aviv lebt der Dokumentarfilmer Ohad Milstein. Seine Strasse ist vergleichbar ruhig und grün. Vor knapp 20 Jahren hat er seine Wohnung an der Shalom Aleichem Street Nr. 47 gekauft. Es ist ein älteres Haus im Internationalen Stil.
«Das Haus ist wie eine vornehme alte Dame: Wenn du sie respektierst und gut zu ihr schaust, gibt sie dir alle Liebe zurück.» Der 45-jährige Filmemacher wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in einer Zweizimmerwohnung. Der gesamte Boden ist mit hellgrünen Fliesen ausgelegt.
Schön und schützenswert
Dieses Haus ist eines von gut 4000 Gebäuden im Internationalen Stil. Seit 2003 zählen sie zum UNESCO Weltkulturerbe. Wegen ihrer hellen Fassaden spricht man von der «Weissen Stadt».
Die Israelis bezeichnen sie etwas irreführend als Häuser im Bauhaus-Stil, obwohl sie auch von anderen Architekturströmungen beeinflusst sind.
Etwa die Hälfte dieser Häuser sind als schützenswert eingestuft, rund 190 davon streng. Eines davon ist das Max Liebling-Haus in der Nähe des Bialik-Platzes. Hier entsteht momentan das White City Center, das sich der Dokumentation und Vermittlung der «Weissen Stadt» verschrieben hat.
Stadtgründung in Tel Aviv: Gartenstädte als Vorbild
Die britische Mandatsregierung Palästinas erteilte dem Schotten Patrick Geddes 1925 den Auftrag zur Stadtentwicklung. Dieser liess sich von der Idee der Gartenstädte leiten und richtete zudem die Hauptverkehrsachsen nach Norden und Süden aus. In den Nebenstrassen entstanden die Wohnviertel, hier konnte der Westwind die Gebäude kühlen.
Als die Nationalsozialisten 1933 die Bauhaus-Schulen schlossen, emigrierten viele Architekten in alle Welt, auch nach Palästina. Sie bauten innert Kürze neuen Wohnraum für die vielen Flüchtlinge aus Europa: schlichte asymmetrische Häuser mit Balkonen und auf Stelzen, damit die Luft zirkulieren konnte. Die Vorgärten waren begrünt, die Dächer flach.
Alte neue Farbe
Bei den Renovierungsarbeiten hat man festgestellt, dass die Wände im Innern farbig waren. «Jetzt versuchen wir, die Originalfarben wieder zu finden», sagt Sharon Golan Yaron. Die Architektin und Denkmalpflegerin ist die Leiterin des White City Centers.
Die Stadtverwaltung vermag nicht alle geschützten Häuser selbst zu renovieren. Deswegen hat sie in Absprache mit der UNESCO erlaubt, dass sie bis zu drei Etagen aufgestockt werden dürfen.
«Das Geld, das so reinkommt, soll die Besitzer und Besitzerinnen zum Sanieren animieren», sagt Yaron. «Diese Häuser sind kein Museum, sondern bewohnt: Sie passen sich den Bedürfnissen der Bewohner an».
Liebe zum Gebäude
Der US-Amerikaner Ron Katz hat eine Wohnung an der Bialik Street 18 gekauft und es so gut wie möglich in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt.
Als er das erste Mal auf dem geschwungenen Balkon stand, habe er die Fassade umarmt. «Das war der Beginn einer Liebesgeschichte», sagt der 65-Jährige. Er schätzt an der Wohnung, dass sich jedes Zimmer in zwei Richtungen öffne: «Es gibt so viel Licht – das bringt dich fast um.»
Grösser und dennoch leicht
Anbauten und Aufstockungen sind das Geschäft des Architekten Daniel Mester und seines Teams. Der Architekt zeigt Fotos eines Eckhauses im Internationalen Stil.
«Die Herausforderung war, die Masse zu vergrössern, ohne dass das Gebäude seinen Charakter verliert», erklärt Mester. Die verschiedenen Stockwerke hat er optisch variiert und zum Teil rückversetzt. Es wirkt tatsächlich leicht – trotz der doppelten Grösse.
Manches bleibt, wie es ist
Doch es gibt auch Häuser, die nie renoviert wurden. Seit Generationen ist die Vierzimmerwohnung an der Sderot Chen Nr. 6 in Familienbesitz. Jetzt lebt der 44-jährige Kameramann Eliran Knoller drin.
Ursprünglich gehörte sie seinen Grosseltern. «Ich wurde in einer Bauhaus-Wohnung geboren und habe seither immer in Bauhaus-Wohnungen gelebt.»
An der Wohnung belässt er alles wie es ist: die Einbauschränke sind aus Holz, die Fliesen in einem Gelbton, das Keramikwaschbecken kantig, die Wände tapeziert. Eine Wohnung mitten in der Levante. Und man wähnt sich in Europa. Genau das ist Bauhaus in Tel Aviv.