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Die Linke in der Schweiz: Wie die Grünen immer wichtiger wurden
29.09.2023 | Als die Grünen in den frühen Achtzigerjahren in der Schweizer Politik Fuss fassten, war ihr Hauptthema – die bedrohte Umwelt – ganz oben auf der politischen Agenda. Zuerst gab ihnen das Waldsterben Rückenwind, bevor 1986 die beiden Umweltkatastrophen, der Reaktorbrand in Tschernobyl und der Grossbrand des Chemieunternehmens Sandoz in Schweizerhalle, für einen Zulauf zu den Grünen sorgten. Für viele Beobachtende erschienen daher die eidgenössischen Wahlen 1987 als «Hoffnungswahl», wie auch der Titel einer entsprechenden Publikation von Wissenschaftler:innen und Medienschaffenden lautete (Blum & Ziegler 1987). 1987 traten die Grünen noch mit zwei Formationen zu den Wahlen an (als so genannt gemässigte und als alternative Grüne) und legten stark zu: Sie steigerten ihre Parteistärke um 4,4 Punkte auf 7,3 Prozent. Diese Gewinne gingen jedoch per Saldo zu Lasten der ebenfalls zunehmend ökologisch ausgerichteten SP (-4,4 Prozentpunkte auf 18,4 Prozent). Ansonsten fanden bei den Nationalratswahlen 1987 keine nennenswerten parteipolitischen Veränderungen statt.
Grüne und SP als kommunizierende Röhren
Dieses Muster zieht sich grosso modo bis in die Gegenwart durch: Wenn die Grünen gewinnen, verliert die SP und wenn die SP gewinnt, verlieren die Grünen. In den Neunzigerjahren, als die Sozial- und Europapolitik die politische Agenda bestimmten, verloren die Grünen, die SP legte zu. Bei den Nationalratswahlen von 2007 gewannen die Grünen – vor dem Hintergrund der dominierenden Klimafrage – erneut stark und die SP verlor. Es gab aber auch Abweichungen von diesem Muster: So gewannen 2003 die Grünen wie die SP (letztere allerdings nur leicht) und 2011 standen Grüne wie SP auf der Verliererseite (Gewinnerin war die GLP). 2015 schliesslich verloren – im Zuge eines Rechtsrutsches – Grüne und GLP, während die SP ihre Parteistärke halten konnte. 2019 legten sowohl die Grünen wie die Grünliberale beide für Schweizerische Verhältnisse aussergewöhnlich stark zu (+ 6,1 Punkte auf 13,2 Prozent bzw. 3,2 Punkte auf 7,8 Prozent), während die SP auf der anderen Seite zwei Prozentpunkte einbüsste.
Bei diesen Stimmenflüssen zwischen SP und Grünen ist interessant festzustellen, dass der gemeinsame Stimmenanteil von SP und Grünen in den letzten vier Jahrzehnten relativ stabil war; er bewegte sich bei den Nationalratswahlen zwischen 26 und 31 Prozent. In der allgemeinen Tendenz wurden die Grünen insgesamt stärker und die SP schwächer. Bei den letzten Nationalratswahlen von 2019 kamen die Grünen auf 13,2 Prozent Stimmenanteil und die SP auf 16,8 Prozent. Für die Grünen war es das beste und für die SP das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Insgesamt erreichten SP und Grüne mit einem gemeinsamen Stimmenanteil von 30,4 Prozent das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte (2003: 31,3%).
«Ausdifferenzierung des linken Lagers»
Die Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann verortet den Grund für das Phänomen des Stimmentausches zwischen Grünen und SP in einem Ausdifferenzierungsprozess des linken Lagers, welcher eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung und der massiven Bildungsexpansion war. Diese brachte eine gut ausgebildete neue Mittelschicht hervor, welche unter anderem auch die Basis der Grünen und der SP – und später auch der GLP – ist.
Nach dem schrittweisen Beitritt der alternativen Grünen zur Grünen Partei Schweiz in den Neunzigerjahren wurde das Profil der Partei geschärft: Sie setzten sich für soziale Gerechtigkeit ein und, vertraten gesellschaftspolitisch progressive Werte wie kulturelle Offenheit, gesellschaftliche Liberalisierung, Lebensqualität, Gleichstellung oder nachhaltige Lebensweise.
Anders verlief der Weg der SP. Ihr kam infolge des gesellschaftlichen Strukturwandels zunehmend die traditionelle Basis, die industrielle Arbeiterschaft, abhanden. In der Folge wandte sie sich ebenfalls den gut ausgebildeten neuen Mittelschichten zu. Damit begann die SP, im selben Teich wie die Grünen zu fischen, denen sie sich programmatisch anglich, namentlich in den Politikfeldern Gleichstellung, Ökologie oder Migration und Integration. So standen sich SP und Grüne zwar von Anfang an nahe, aber auch in Konkurrenz zueinander.
Ab der zweiten Hälfte der Nullerjahre bekamen die Grünen und die SP Konkurrenz durch die Grünliberalen (GLP). Diese waren in Lücke gesprungen, welche durch den Rechtsrutsch des bürgerlichen Lagers – und den Linksrutsch von SP und Grünen – entstanden war. Die GLP verstand sich als ökologisch und wirtschaftsliberal. In jüngerer Zeit, in der Nach-Bäumle-Aera, erhielt jedoch das gesellschaftspolitisch progressive Element mehr Gewicht.
Weiblich, jung und gut ausgebildet
Mit Blick auf die vergangenen gut 25 Jahre – seit wissenschaftlich solide Befragungsdaten vorliegen – sind die wichtigsten soziodemografischen Merkmale der Wählenden der Grünen das Geschlecht, das Alter, die Bildung und der Beruf. In den Neunzigerjahren war die Verteilung der Geschlechter in etwa gleich, seither wählen mehr Frauen als Männer die Grünen. Von Anfang an waren die Grünen eine Partei der Jungen. Diese Eigenschaft konnten sie bis heute beibehalten: Sie werden weiterhin stark von den jüngeren Wählenden unterstützt – sie haben aber ihre mittlerweile etwas älter gewordene Wählenden aus den Anfängen nicht verloren. Charakteristisch für die Wählenden der Grünen ist ihr überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau und ihre Beschäftigung in den Bereichen Bildung, Gesundheit- und Soziales sowie Medien- oder Kultur («soziokulturelle Spezialist:innen»). Weiter leben die Wähler:innen der Grünen vor allem im städtischen Umfeld und sind besonders stark in der Romandie, wo sie kräftemässig zur SP ausgeschlossen haben.
Diese typischen Eigenschaften der Wähler:innen der Grünen sind jenen der SP ziemlich ähnlich – ausser dass die SP mehr bei den Älteren und weniger bei den Jüngeren punktet. Die Wähler:innen der GLP sind jenen von SP und Grünen sehr ähnlich. Sie unterscheiden sich von diesen jedoch inhaltlich dadurch, dass sie hinsichtlich der Betonung der sozialen Gerechtigkeit und der Rolle des Staates deutlich mehr rechts stehen.
Verhältnisse zwischen Grünen und SP
Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es einige Unterschiede zwischen Grünen und SP. Diese wurzeln in der unterschiedlichen Geschichte, die die beiden Parteien bis heute prägt, sowie den damit verbundenen unterschiedlichen Kulturen und Denktraditionen. Technologie und Wachstum spielen für die SP eine wichtige Rolle hinsichtlich der Verbesserung der Lebensverhältnisse, während die Grünen zweckrationalem Vorgehen immer wieder skeptisch gegenüber stehen. Ebenso ist für die SP die Machtbeteiligung, beispielsweise im Bundesrat, ein zentrales Element, während die Grünen gegenüber der politischen Macht und den bürgerlichen Staatsapparaten lange eine gewisse Reserve hatten. Ausgeprägte programmatische Differenzen zwischen SP und Grünen wiederum finden sich in der Agrar- oder der Aussenpolitik.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Grünen und der SP besteht zudem in der Kompetenzzuschreibung durch die Wähler:innen: Die Grünen werden in Fragen der Umweltpolitik als für bedeutend kompetenter gehalten als die SP. Diese wiederum gilt bei den Wähler:innen vor allem in Fragen der Sozialpolitik als kompetent sowie, etwas weniger ausgeprägt, in der Europa- und Migrationspolitik.
Die Wähler:innenströme
Diese unterschiedliche Kompetenzzuschreibung spiegelt sich bei Wahlen sehr deutlich. Je nach Thema, das eine Wahl bestimmt, verhalten sich ein Teil der Wählenden von SP und Grünen unterschiedlich. Die Wahrscheinlichkeit, SP zu wählen, korreliert im Allgemeinen aber sehr stark mit der Wahrscheinlichkeit, Grüne zu wählen und umgekehrt.
Die Untersuchung der Stimmenverschiebungen bei den Nationalratswahlen 2019 zeigt, dass 33 Prozent der Grün-Wählenden von 2019 bereits vier Jahre zuvor, im Jahr 2015, die Grünen gewählt hatten. Im Jahr 2019 wählten aber dann vor allem viele frühere SP-Wähler:innen die Grünen: 37 Prozent der Grünen-Stimmen von 2019 waren nämlich 2015 noch SP-Stimmen und vier Prozent der Stimmen der Grünen kamen 2019 von ehemaligen GLP-Wähler:innen. Aus Sicht der SP heisst dies, dass sich 22 Prozent ihrer Wählenden von 2015 bei den Wahlen im Jahr 2019 den Grünen zugewandt haben (von der GLP waren es 13%).
Im europäischen Vergleich stark und links
Werden die Grünen in der Schweiz (GPS) mit den Grünen in anderen Ländern Europas verglichen, so teilen sie mit diesen das Profil der Grün-Wählenden: Es sind vor allem Frauen, Junge und Hochgebildete, welche die Grünen wählen.
Mit Blick auf die Wahlergebnisse aber zählen die Schweizer Grünen zu den erfolgreichsten Vertreterinnen der Grünen in Europa. Sie erhalten bei Wahlen relativ grosse Stimmenanteile und sind europaweit auch am längsten im nationalen Parlament vertreten. Regierungsverantwortung auf nationaler Ebene ist ihnen dagegen bislang verwehrt geblieben.
Ein Vergleich der Programmatik und der Einstellungen der Wählenden der Grünen zeigt insgesamt eine grosse Ähnlichkeiten mit europäischen Grünen. Bei sozioökonomischen Themen aber positionieren sich die Grünen sind in der Schweiz deutlich stärker links. Bei kulturellen Fragen ist dies dagegen weniger der Fall.
Ausblick
Länger als bei früheren kantonalen Parlamentswahlen hallte in der Periode 2020 bis 2023 das parteipolitische Muster der Nationalratswahlen nach. Drei Jahre lang legten Grüne und Grünliberale in fast allen Kantonen stark zu während die Bundesratsparteien mehrheitlich auf der Verliererseite standen. Am deutlichsten verlor die SP. Bei den kantonalen Parlamentswahlen, die 2023 stattfanden, änderten sich die Tendenzen etwas. Die SVP legte bei fast allen Wahlen markant zu und die Grünen verloren erstmals seit Längerem wieder Wähler:innenanteile. Die SP und die «Mitte» vermochten sich zu stabilisieren. Weiterhin auf der Siegerstrasse blieb dagegen die GLP, während die FDP weiter Mandate verlor. Ob sich diese Tendenzen auch bei die Nationalratswahlen wiederholen, wird sich in Bälde zeigen.
Autor:innen | Sarah Bütikofer ist Politikwissenschaftlerin und Herausgeberin von DeFacto. Werner Seitz studierte Philosophie, Schweizer Geschichte und Staatsrecht und promovierte zum Thema der politischen Kultur. Über zwanzig Jahre lang leitete er im Bundesamt für Statistik die Sektion «Politik, Kultur, Medien». Die beiden haben dieses Jahr das Buch „Die Grünen in der Schweiz“ herausgegeben.
Literatur
Blum, Roger & Peter Ziegler (Hrsg.). 1987. Hoffnungswahl. 12 Stimmen zum eidgenössischen Wahlherbst 1987. Zürich: Pendo.
Bütikofer, Sarah & Werner Seitz (Hrsg., 2023). Die Grünen in der Schweiz. Entwicklung – Wirken – Perspektiven. Zürich: Seismo Verlag.
Häusermann, Silja & Tarik Abou-Chadi, Reto Bürgisser, Matthias Enggist, Reto Mitteregger, Nadja Mosimann, Delia Zollinger (2022). Wählerschaft und Perspektiven der Sozialdemokratie in der Schweiz. Basel: NZZ Libro.
Weitere Beiträge in dieser Reihe:
Kategorie | Kommentar