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Chinesisch hat Perspektive Englisch kann jeder
Ein Kommentar aus Taiwan zur Chinesisch-Diskussion im VDS-Forum
Es ist erfrischend zu erfahren, dass es doch immer wieder Leute gibt, denen Chinesisch einfach leichtfällt. Mit Bedauern habe ich in meinen nunmehr fast zwei Jahren Aufenthalt in Taiwan feststellen müssen, dass ich nicht zu dieser erlesenen Gruppe gehöre. Zwar habe ich in Englisch und Französisch publiziert und Vorträge gehalten und kann mich auch auf japanisch unterhalten. Chinesisch hat sich für mich allerdings als eine vielfach härter zu knackende Nuss erwiesen. Trösten kann ich mich nur damit, dass rund die Hälfte meiner ausländischen Bekannten hier das Chinesischlernen schon nach kurzer Zeit frustriert aufgegeben haben, oder erst gar nicht wagten, damit anzufangen. Heinz H. hat recht, dass die vier Töne bzw. fünf (der fünfte Ton ist „kein“ Ton) ein großes Problem für einen eine atonale Sprache sprechenden Menschen darstellen. Aus meiner Erfahrung steht dieses Problem jedoch gleichberechtigt neben zwei anderen, die der chinesischen Sprache durchaus eine Sonderstellung in bezug auf Schwierigkeitsgrad im Vergleich zu anderen Sprachen geben. Das zweite „Problem“ ist die Vielfalt des Vokabulars. Einem Buch, das dieses Thema behandelt, habe ich entnommen, dass der chinesische Wortschatz ungefähr zwei bis drei Mal so umfangreich wie der europäischer Sprachen ist. Damit meine ich nicht die Anzahl der Zeichen, denn diese ist begrenzt, und es werden, soweit ich weiß, keine neuen dazu erfunden. Aber die Anzahl der in Benutzung befindlichen Kombinationen ist immens, wobei sich viele der Bedeutungen überlappen oder einfach doppelt sind. Zum Sprechen brauchte man also theoretisch nur halb soviel Vokabular wie zum Verstehen. Eine damit zusammenhängende zusätzliche Schwierigkeit ist das Fehlen der Wortkongruenz in vielen Fällen. D.h. ein bekanntes europäisches Wort lässt sich oft nicht eindeutig einem chinesischen Wort zuordnen, sondern nur einer Vielzahl von Wörtern, deren Verwendung vom Kontext abhängt. Diese Schwierigkeit der Nichtkongruenz des Wortschatzes muss mit der Überfülle des Vokabulars in Zusammenhang stehen und tritt deshalb sogar beim Japanischen meiner Erfahrung nach nur in sehr viel geringerem Maß auf. Dabei fällt mir noch eine weitere Schwierigkeit ein, die sich für die Lernenden beim Lesen eines Textes ergibt. Sie können nämlich nicht erkennen, wo ein Wort aufhört oder das nächste anfängt. Das Nachschlagen im Wörterbuch -ohnehin schon durch das Fehlen alphabetischer Ordnung höchst zeitraubend- wird also zum Ratespiel, was beliebig lange dauern kann. Die andere der drei Hauptschwierigkeiten besteht darin, dass zwischen der Schreibung und der Aussprache der Zeichen nur ein sehr vager Zusammenhang besteht. Das heißt, dass man von einem unbekannten Zeichen nur ganz ungefähr, wenn überhaupt, die Aussprache erraten kann, und man umgekehrt keinerlei Chance hat von einem gesprochenen Zeichen zu erraten, wie es geschrieben wird. So ist zum Beispiel das Mitteilen eines Namens übers Telephon immer etwas kompliziert, auch für Chinesen oder Taiwaner. Diese Schwierigkeit des Chinesischen, die Aphonetizität sozusagen, ist aber auch gleichzeitig eine Faszination, denn von allen mir bekannten Sprachen ist Chinesisch die einzige, die die Bedeutungen ihres Zeichensatzes erhalten hat. D.h. in den meisten Sprachen sind die Zeichen zur Unkenntlichkeit vereinfacht und zu reinen Tonträgern degradiert worden. Vom lateinischen auf 26 Zeichen reduzierten Satz weiß ich nur, dass das U ursprünglich einmal „Kuh“ bedeutet hat (man denke sich zwei Hörner an das U, und so hat das ursprüngliche Zeichen vielleicht einmal ausgesehen). Somit muss ich abschließend noch einmal meine Hochachtung denjenigen aussprechen, denen diese faszinierende Sprache, die anerkanntermaßen und begründeterweise zu einer der am schwersten zu erlernenden gehört, einfach leichtfällt.
Dr. Carsten Junker, kommissarischer VDS-Regionalbeauftragter Taiwan.
(skd-Bearbeitung)
„Das ist unsere Geheimsprache“
Alle reden von China – keiner spricht Chinesisch, stimmt das? Falsch.
Immer mehr Schulen entschließen sich, die exotische Sprache
anzubieten. […] Nach drei Jahren sollten die
Abiturienten vierhundert chinesische Zeichen schreiben, zweihundert
weitere erkennen können. Damit kann man zwar keine chinesische
Zeitung lesen, aber für kurze Briefe und Notizen reicht es. Mündlich
sind die Schüler noch weiter, und zwar in Putonghua, dem häufig auch
als Mandarin bezeichneten Hochchinesisch. Eine Hilfe ist dabei die
Lautumschrift Hanyu Pinyin, mit der chinesische Schriftzeichen in
lateinischen Buchstaben geschrieben werden.
Im Mittelpunkt des Unterrichts steht Alltagskommunikation. Sich und
seine Familie vorstellen, einen Schultag beschreiben, erzählen, was
man am Wochenende gemacht hat. Die Grammatik ist dabei eher einfach.
Vergangenheit und Zukunft werden durch Worte wie „gestern“ und
„morgen“ angedeutet, Frageworte einfach an den bestehenden Satz
angehängt. Auch die Zeichen sehen die Schüler nicht als Problem: „Die
muss man halt lernen, wie in jeder anderen Sprache die Vokabeln
auch“, sagt die neunzehnjährige Jennifer V., die sich als
einzige der Klasse dafür entschieden hat, die mündliche Abiturprüfung
abzulegen. Schwieriger sei die Aussprache, „dieser Singsang“. Die
Tonlage kann die Bedeutung eines Wortes verändern. Da wird aus
„Mutter“ schnell „Pferd“ oder „Hanf“.
Die Sechstklässler lernen darüber hinaus etwas über das chinesische
Frühlingsfest, das an der Schule groß gefeiert wird, die Abiturienten
schauen sich chinesische Soaps an. Und schon die Begrüßung deutet
unterschiedliche Gewohnheiten an. „Neder laoshi nín hao!“, klingt es
im Chor. Guten Tag, Lehrerin Neder! Denn in China ist der Beruf
wichtiger als der Vorname oder eine Anredeformel wie „Frau“.
Noch mehr Einblicke in den chinesischen Alltag bekommen die Schüler
durch Xìaoleì Zhang. Die Vierundzwanzigjährige hat in Peking
Germanistik studiert und unterrichtet seit Oktober als
Assistenzlehrerin zwölf Stunden pro Woche in Dortmund. Dabei ist sie
für die Kinder und Jugendlichen Aussprachehilfe und Alltags-Expertin.
„Die Kleinen wollen schon mal wissen, ob es in China auch McDonald“s
gibt“, sagt Zhang. Nur eine Frage kann sie nicht mehr hören. „Essen
Sie denn auch Hund, Frau Zhang?“
[…] Die Sechstklässler sind erst einmal stolz – Chinesisch ist für sie eine Art
Geheimsprache. „Wir sind einige der ganz wenigen, die das können“,
sagt der zwölfjährige Jay B. selbstbewusst. Französisch mochte
er gar nicht. Und seine Mitschülerin Sophia R. erzählt vom großen
Cousin, der in seinem Beruf mit China zu tun hat und ihr deshalb
geraten habe, das Fach zu wählen. „Das ist spannend und macht Spaß“,
sagtsie. „Und ich habe bessere Noten als in Englisch.“ Die Abiturienten
denken da schon etwas weiter. Meghann J. ist sich sicher, dass
der Hinweis auf Chinesisch später bei Bewerbungen nützlich ist. „Ja,
das hat Perspektive“, bestätigt Corinna W., die im Herbst Sinologie studieren will. Englisch könne schließlich jeder.
Kathrin Fromm, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. April 2008, Nr.14/
Seite 66 (gekürzt skd)
Immer mehr Sprachen, immer früher
Spätestens ab dem Schuljahr 2012/13, so der Beschluss der Erziehungsdirektorenkonferenz, sollen in der Schweiz alle Primarschüler zwei Fremdsprachen lernen – die erste ab der 3. Klasse (in einigen Kantonen bereits ab der 2. Klasse) und die zweite ab der 5. Klasse. Welche Sprache zuerst unterrichtet wird, Englisch oder die zweite Landessprache, ist je nach Region unterschiedlich. Auch in anderen europäischen Ländern geht der Trend in Richtung mehrere Fremdsprachen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. In den Niederlanden beginnen Kinder im Alter von fünf Jahren mit dem Fremdsprachenunterricht, in Österreich und in Norwegen sind sie sechs, in Italien und in Schweden sieben, und in Spanien wird er derzeit für dreijährige Kinder eingeführt. Zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe sind heute erst in Estland, Luxemburg, Schweden und Island Pflicht. Mehr Informationen findet man unter www.sprachenunterricht.ch. (tlu.)
NZZaS, 13. April 2008