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Comics mit Bildungsanspruch
Comics mit Bildungsanspruch
Comics dienen nicht nur der Unterhaltung. Gerne wird dieses Medium genutzt, um Inhalte an ein breites Zielpublikum weiterzugeben. Bildungs- oder Sachcomics wollen zum Lernen anregen. Sachcomics sind zum Beispiel Lehrcomics, die über einen Inhalt belehren möchten oder sogenannte Awareness-Comics, die ein Bewusstsein für ein bestimmtes Thema schaffen wollen. Ein historischer Comic vermittelt Wissen über historische Themen. Es handelt sich also um einen Lehrcomic mit einem spezifischen Inhalt. Eine weitere Form sind Anleitungscomics (z. B. Will Eisners P*S Magazine), die ganz konkrete Anleitungen, zum Beispiel zum Reparieren eines Motors, vermitteln.
Lehrcomics und Aufklärungscomics
Lehr- und Aufklärungscomics hatten in Afrika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Aufschwung. Sachcomics oder Bildungscomics sind für die Forschung und die Comic-Kultur auf dem afrikanischen Kontinent aus verschiedenen Gründen zentral. Das Medium Comic hat den Vorteil, Menschen mit niedrigem Bildungsniveau zu erreichen und diese auf einfache Art und Weise über komplexe Sachverhalte aufzuklären.
Durch das Vorhaben, auch Menschen mit niedrigem Bildungsniveau zu erreichen, bildeten sich Publikationsgruppen für Comics mit dem Ziel der Aufklärung.[10] Eine dieser Gruppen ist beispielsweise der SACHED Trust in Südafrika oder das Legal Assistance Centre in Namibia. Aber auch etliche NGOs sowie UNICEF publizieren Aufklärungscomics für ein afrikanisches Publikum. Ein nennenswertes Künstlerkollektiv ist die südafrikanische Storyteller Group, die insbesondere zwischen 1991 und 1996 sehr aktiv war.[11]
Die Storyteller Group
Die Storyteller Group hat Comics mit Bildungsanspruch zu verschiedenen Themen herausgegeben.[12] Sie setzt dabei auf das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten. Anstatt eine explizite politische Agenda zu verfolgen, wird Kooperation als Mittel zur Verbesserung der eigenen Situation aufgezeigt.
Thematisch unterschieden sich die Comics durch die Ausrichtungen der jeweiligen Auftraggeber: ein Comic, der Township-Bewohner über Miete und Dienstleistungen aufklären wollte, wurde beispielsweise von der Soweto Civic Association bei der Storyteller Group in Auftrag gegeben. Das Internationale Rote Kreuz wiederum finanzierte einen Comic, in welchem die Neutralität der Organisation hervorgehoben wird, um Mitarbeitende in Unruhegebieten zu schützen.[13] Bei diesem Geschäftsmodell war die Storyteller Group, da sie ihre Comics kostenlos einer grossen und teilweise nicht alphabetisierten Leserschaft zur Verfügung stellen wollte, finanziell abhängig von NGOs und Regierungsstellen. Diese wiederum generierten die thematischen Vorgaben der einzelnen Comics. Zusätzlich war es auf diese Art schwierig, genaue Zahlen zu Distribution und Leserschaft zu ermitteln.[14]
Das Legal Assistance Centre (LAC)
Das LAC ist eine einzigartige Organisation in Namibia, welche 1988 gegründet wurde und den Schutz der Rechte aller NamibierInnen zum Ziel hat. In den Bereichen Ausbildung und Aufklärung sind einige Comics zu nennen, welche spezifisch für diese Zwecke vom LAC publiziert worden sind.[15] Der Stil der Comics ist sehr einfach gehalten. Es kann deshalb darüber diskutiert werden, ob diese Comics künstlerischen Wert haben, oder ob sie nur das zu Vermittelnde in einfachen Illustrationen wiedergeben. Die Form von Panels und der Gebrauch von Sprechblasen sprechen aber eindeutig dafür, diese Publikationen zumindest formell als Comics einzuordnen.
Erwähnenswert bei diesen Produktionen ist die Vielzahl von Sprachen (Englisch, Otjiherero, Khoekhoegowab, Afrikaans, Rukwangali, Oshiwambo, Oshindonga), in welchen die Comics herausgegeben wurden, um die multilinguale Bevölkerung Namibias besser zu erreichen.
Vemittlung historischer Inhalte in Comics
Mit Bezug auf Afrika werden komplexe Themen wie Sklaverei und Sklavenhandel beispielsweise in Werken wie Mémoire de l’esclavage vermittelt. In Comics kann Geschichte visualisiert werden, ohne dass dabei auf die textliche Ebene verzichtet werden muss. Sie können den Geschichtsunterricht als zusätzliches Medium ergänzen und auch zur Auseinandersetzung mit Geschichte in der Freizeit anregen. Gerade einem jungen oder wenig belesenen Publikum können so Inhalte leichter zugänglich gemacht werden.
Um historische Authentizität zu erzeugen, kann mit Nachbildungen von Zeitungsausschnitten gearbeitet werden. Zudem führt die Integration von Zahlen und Fakten dazu, die dargestellten historischen Ereignisse zu untermauern (siehe dazu Joe Saccos Palästina).[16]
Mémoire de l’esclavage
Bis heute sind fünf der geplanten sieben Bände der Serie Mémoire de l’esclavage von Serge Diantantu erschienen. Im Comic wird die Geschichte der Sklaverei und des Sklavenhandels erzählt. Sie erstreckt sich von den ersten Kontakten portugiesischer Militärschiffe im Kongo im 15. Jahrhundert und durchleuchtet die Geschehnisse während des transatlantischen Sklavenhandels bis ins 17. Jahrhundert. Neben historischen Persönlichkeiten wie dem König von Kongo, Mvemba Nzinga (Afonso I), Christoph Kolumbus oder Bartolomé de las Casas, werden auch erfundene Personen mit jeweils eigenen Persönlichkeiten gezeigt. Verschleppte Sklaven und Indigene sowohl in Afrika also auch in Amerika erhalten ein Gesicht und einen Namen und ergänzen als fiktive Figuren das Narrativ. Jahreszahlen sowie Erklärungen „aus dem Off“ machen die Geschehnisse verständlicher. Ein Grossteil der Informationen wird in Boxen und nicht in Sprechblasen vermittelt.
Mit verschiedenen Mitteln wird Authentizität hergestellt. Auf bildlicher Ebene geschieht dies durch Darstellung von zeittypischen Kleidern und Gebäuden, auf textueller Ebene durch historisch überprüfbare Fakten. In den Einbandinnenseiten sind jeweils thematische Karten zu finden, die durch Chronologien und Grafiken ergänzt sind. Der farbenreich gestaltete Comic steht also nicht für sich, sondern wird von anderen Formen der Informationsvermittlung begleitet. Erschienen ist die Reihe im kleinen Verlag Caraïbéditions.
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