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Wie erlernen Kinder die Schriftsprache? Die Phasen, die sie durchlaufen, helfen, die Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) besser zu verstehen. Dank dem technologischen Fortschritt und dem Nachteilsausgleich haben Betroffene gute Mittel an der Hand, um die Störung aufzufangen.
Lesen- und Schreibenlernen brauchen Zeit. Diesen Prozess unterteilen Fachleute in drei Phasen, die sich teilweise überschneiden. Es ist individuell, wie lange Kinder brauchen, um eine Phase zu durchlaufen.
Die logografische Phase
Kinder im Vorschulalter befinden sich in der logografischen Phase. Sie erkennen Wörter aufgrund auffälliger grafischer Merkmale – also Logos wie Migros, Coop oder Coca-Cola. Wichtig ist dabei der Kontext, die lautlichen Informationen hingegen nicht.
Die alphabetische Phase
Vom Kindergartenalter bis zur 2. Klasse findet die alphabetische Phase statt. Kinder lernen die sogenannte Graphem-Phonem-Korrespondenz und übertragen Gehörtes in Buchstaben. Die Wörter schreiben sie lautgetreu. Also so, wie sie sprechen. Orthografische Regeln kennen sie noch nicht.
Beim Lesen fangen sie an, einzelne Buchstaben zu einem Wort zusammenzusetzen. Dabei wird ihnen viel abverlangt, denn sie müssen diese Zeichen im Kopf zuerst entschlüsseln. Was genau sie lesen, verstehen sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Die orthografische Phase
Im Verlauf der 2. Klasse gehen die Kinder in die orthografische Phase über. Ihnen wird zunehmend bewusst, dass nicht alles so geschrieben wie es gesprochen wird. Beim Lesen entwickeln sie einen Sichtwortschatz, erkennen grössere Einheiten wie Silben und lesen flüssiger. Jetzt erwerben sie Kompetenzen, die für ihre Schulzeit bedeutend sind.
Was den Schriftsprachprozess beeinflusst
Beim Erlernen der Schriftsprache sind verschiedene Faktoren massgeblich. Die Fachwelt unterteilt sie in Individual- und Gruppenfaktoren:
- Individualfaktoren beinhalten etwa genetische Belastungen für eine Lese- Rechtschreib-Störung (LRS), Sprach- und Sprechstörungen, Lernbehinderungen, Sinnesbeeinträchtigungen, phonologische Defizite oder neurologische Beeinträchtigungen.
- Gruppenfaktoren sind zum Beispiel Schulen mit einem tiefen Leistungs- und Anspruchsniveau oder mangelhafter Schriftsprachunterricht. Aber auch Armut, mangelnde familiäre Anregung oder unzureichende Kenntnis und Verwendung der Zielsprache im Umfeld.
Fazit: Je mehr dieser Faktoren zusammenkommen, desto wahrscheinlicher bildet sich eine LRS aus.
Verlauf und Prognose einer Lese-Rechtschreib-Störung
Lehrpersonen stellen oft schon in den ersten Wochen und Monaten nach Schulbeginn einen Rückstand der Lese- und Schreibfähigkeiten fest. Trotz Förderung und Strategien können Betroffene nicht mit Gleichaltrigen mithalten. Eine spontane Verbesserung ist nicht zu erwarten. Das wirkt sich auf den schulischen Erfolg und die spätere Berufswahl aus.
Mit LRS Prüfungen dank Nachteilsausgleich meistern
Obwohl Verlauf und Prognose nicht rosig sind, sind Betroffene einer LRS nicht hilflos ausgeliefert. Wichtig sind ein frühzeitiges Erkennen und Fördern, etwa durch Lehrpersonen für integrative Förderung, Logopädie oder ein engagiertes Elternhaus. Auch können Betroffene oder ihre Eltern einen Nachteilsausgleich beantragen. Dieser bezieht sich auf die Art der Prüfungen: Die Inhalte und die Anzahl der Prüfungen bleiben gleich. Doch Betroffene erhalten mehr Zeit für schriftliche Prüfungen oder dürfen diese mündlich statt schriftlich absolvieren oder ihren Computer benutzen.
Computer, Laptops, iPads: Nachfrage nach Hilfsmitteln steigt
In den letzten zehn Jahren hat sich bei technischen Hilfsmitteln wie Computern, Laptops oder iPads viel getan. Auch, was Hilfsmittel in der Schule betrifft. Es gibt Programme und Apps, die über Vorlesefunktionen in verschiedenen Sprachen verfügen. Ein Kind kann sich so auditiv auf den Inhalt des Textes und somit auf das Verstehen fokussieren. Nebst Unterstützungsprogrammen zum Schreiben gibt es Texteingabe-Softwares, die das Gesprochene in einen geschriebenen Text umwandeln.
Anträge an die IV und Finanzierung – die SAHB berät
Solche Hilfsmittel entlasten Menschen mit einer LRS und ermöglichen ihnen, schulische Erfolge zu haben und in der Berufswelt Fuss zu fassen. Beim Pädagogischen Portal Kanton Freiburg finden Interessierte eine Auswahl von Programmen und Apps. Bei der SAHB steigen die Anfragen in diesem Bereich. Die Fachleute beraten die Klient/innen betreffend die Anträge an die IV und die Finanzierung.
Quelle: Exma INFO 3/2021