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Eine koreanische Einwandererfamilie versucht in den frühen 80er Jahren ihr Glück als Gemüsebauern im ländlichen Arkansas. Lee Isaac Chungs feinfühlig erzählter Spielfilm «Minari» ist eine dezente Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Traum. – Ab 8. Juli im Kino.
Mit «Minari» legt der Drehbuchautor und Regisseur Lee Isaac Chung seinen vierten Spielfilm vor, in dem er eigene Erfahrungen verarbeitet. Wie der kleine David im Film zog der Regisseur Chung mit seinen aus Korea immigrierten Eltern in den 1980er Jahren in die Ozark Mountains von Arkansas.
Im Film zeigt er, wie der junge Vater Jacob den Versprechungen des «American Dream» folgt und fest daran glaubt, dass Fleiss und harte Arbeit Wohlstand bringen. Als Einstieg verdienen er und seine Frau Monica ihren Lebensunterhalt in der kalifornischen Agrarindustrie, indem sie frisch geschlüpfte männliche Küken in den Ofen eliminieren. Dann ziehen sie nach Arkansas weiter, um ein Stück Land zu kaufen und zu beackern. – Der «amerikanische Traum», der nach meiner Wahrnehmung die Filmhandlung begründet, ist ein allzu häufig zitiertes Sprachbild, dass man sich kaum mehr etwas darunter vorstellen kann. Chung hingegen braucht im semi-autobiografischen Spielfilm «Minari» keine fünf Minuten, um diesen aufleben zu lassen.
Der amerikanische Traum
Das neue Zuhause, das er seiner Frau und den beiden Kindern David und Anna präsentiert, enthält allerhand Tücken: Anstelle des versprochenen Hauses erhalten sie einen alten Wohnwagen, und seine landwirtschaftlichen Pläne gestalten sich schwieriger als erwartet. Der Film schildert Jacobs und Monicas Probleme, die sich ihnen durch die Herausforderungen der neuen Umgebung stellen. Doch Jakob sieht für sich weiterhin selbstbestimmte und verheissungsvolle Entfaltungsmöglichkeiten. Auf dem zwanzig Hektaren grossen Landstück im flachen Arkansas, umgeben von Hecken, einigermassen grün, nicht besonders schön. Monicas Angst, es hier ein Leben lang aushalten zu müssen, ist leicht nachzuempfinden. Da sie leicht trotzig der Begeisterung ihres Mannes einen Dämpfer versetzt, beginnen allmählich Konflikte auch in ihrer Ehe.
Einem Nachbarn gegenüber führt er als Begründung an, dass jährlich 30 000 bis 50 000 koreanische Immigranten in die USA auswandern, und viele davon würden wohl gerne weiterhin koreanisches Gemüse kaufen. Diesen Markt möchte er bedienen. Doch Monica kann den Traum nicht mitträumen, sie macht sich Sorgen, dass ein Krankenhaus, auf das ihr Sohn mit seiner Herzkrankheit angewiesen sein könnte, zu weit weg wäre. Aber auch Jacob bekommt mehr und mehr Schwierigkeiten, sein Business in Schwung zu bringen, stolpert über unbekannte gesellschaftliche und wirtschaftliche Regeln. Dass er die mühselig erworbenen Familienersparnisse in den Sand setzen könnte, bedrückt langsam auch ihn. Ist ein Geschäftserfolg wichtiger als ihr Familienleben? Besänftigen lässt Monica sich erst damit, dass sie ihre Mutter aus Korea zu sich holt. Mit ihrer Ankunft erhält die Familiendynamik eine neue, anfänglich kaum wahrnehmbare Richtung.
Jacob (r) mit seinem Nachbarn Paul
«Es wird alles gut.»
Dieser kurze Satz im Film, den wir auch im realen Leben kennen, passt zutiefst zur Haltung, die hinter dem «amerikanischen Traum» steckt, verwandt dem Slogan des «positiven Denkens» oder der verbreiteten Optimismusgläubigkeit, mit der häufig viele Probleme unter den Tisch gekehrt werden. Dieses Denken und der erhoffte Erfolg haben Jacob in die wilden Ozark Berge, sein «gelobtes Land», gebracht. Dort nimmt er, dem Frieden zuliebe, fremde, etwas sonderbare Verhaltensweisen in der landwirtschaftlichen, industriellen und kirchlichen Nachbarschaft in Kauf. Monica und die Kinder fühlen sich dabei übergangen. Ihr Widerstand erweist sich als echtes Zeichen ursprünglicher Gemeinschaft. Wirklich ändern wird sich das Spannungsverhältnis erst mit der Ankunft der Grossmutter.
Die schönsten Momente im Film sind wohl die Szenen mit den komplizierten Beziehungen zwischen dem kleinen, vorwitzigen David und seiner etwas andersartigen Grossmutter Soonja, die so gar nicht den westlichen Vorstellungen einer Grossmutter entspricht. Sie kann weder kochen noch backen und hat einen speziellen Humor. Sowohl die Rebellion des Jungen gegen die Schrulligkeit der Alten als auch die langsame Annäherung der beiden ist witzig und warmherzig, nicht zuletzt dank des bemerkenswerten Newcomers Alan Kim und der grossen Altersdarstellerin Yuh-Jung Youn, die 2021 den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle erhalten hat. Dass im ganzen Film ein gewisses Fluidum von Absicht und von einer Ausrichtung auf ein amerikanisches Publikum erkennbar ist, muss man sagen, stand doch Brad Pitt als Produzent hinter dem Projekt.
Der junge David und die alte Soonja
«Wo wir Wurzeln schlagen»
Der deutsche Untertitel des Films, «Wo wir Wurzeln schlagen», enthüllt das Geheimnis des fremdsprachigen Originaltitels offensichtlich. Minari wird als koreanische Petersilie oder Wiesenwasserfenchel bezeichnet, eine Pflanze, deren Besonderheit es ist, dass sie so ziemlich überall Wurzeln schlagen und sich unkrautartig ausbreiten kann. Dem Regisseur und Drehbuchautor geht es darum, dies in einer warmherzigen Geschichte zu erzählen, die durch die Bilder von Lachlan Milne und die Musik von Emile Mosseri zu einem runden Filmerlebnis wird. Und so plätschert der Film dahin wie alle Prozesse eines Einlebens, Anfangens, eines Wachsens. Und da mit dieser Pflanze eigentlich die Aussage schon gemacht ist, bräuchte es keine weiteren Erklärungen, die dann doch folgen, wohl für ein amerikanisches Publikum, das weniger gewohnt ist, Filmbilder wirklich zu lesen.
Jacob mit Blick aus seinem Wohnwagen
«Das ist die falsche Richtung.»
Mit der Zeit findet die angereiste Grossmutter in ihrem neugierigen und aufmüpfigen Enkelsohn einen Verbündeten. Zusammen gelingt es ihnen, das Band zwischen den Familienmitgliedern trotz aller Rückschläge und Schwierigkeiten immer wieder zu knüpfen und ihnen dadurch den Weg in eine hoffnungsvolle gemeinsame Zukunft zu ebnen. «Das ist die falsche Richtung», meint die Grossmutter mit Blick auf den bisher gegangenen Weg und bringt es auf den Punkt. «Minari» ist ein leiser Film mit wenig Action, aber voll Poesie, so leise, dass man die Botschaft, die die Grossmutter in die Familie einbringt, leicht überhört.
Auch David ist skeptisch, weil Oma für ihn «wie Korea riecht». Doch Soonja ist vielschichtiger, als sie am Anfang zu erkennen gibt. Sie lehrt David Karten spielen, sie flucht wie ein Fuhrmann und trinkt literweise Mountain Dew, eine ekelhafte Limonade. Sie stärkt Davids Selbstbewusstsein und wird zu seiner Verbündeten. Und sie meint, als sie am Bach die Minari-Sträucher sieht, wie sie wachsen und sich ausbreiten: «Das ist die falsche Richtung», ohne sich weiter zu erklären, so dezent gesagt, dass wir am Ende gar nicht genau sagen können, ob hier wirklich und untergründig der «amerikanische Traum» auf eine sympathische und konstruktive Weise kritisiert wird.
Titelbild: Jacob mit Sohn David, Grossmutter Soonja, Monica mit Tochter Anna