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Ich bin wieder für einige Tage in Beirut, um die Arbeiten zu verschiedenen Themen voranzubringen, es geht unter anderem auch um das Engagement des HEKS im Libanon und in Syrien.
Nach dem straffen Terminplan der letzten Zeit im Büro muss ich mich nun wieder an eine andere Welt gewöhnen: am Flughafen fehlt das bestellte (und bestätigte) Taxi; die anderen Fahrer vor Ort versuchen abwechselnd, potenzielle Kunden für sich zu gewinnen, manchmal auf etwas plumpe Art, sie sind immer freundlich und lächelnd, haben aber auch ihren Stolz; das Hotel behauptet am Telefon, mich gestern abgeholt zu haben, es verspricht mir, innerhalb von zehn Minuten ein neues Taxi zu senden; der Fahrer bittet mich dann eine halbe Stunde später am Telefon, ihm mein Foto zu schicken und an einer bestimmten Stelle in der Ankunftshalle auf ihn zu warten, dabei ist diese leer ist und ich bin nicht wirklich schwer auszumachen; derselbe Fahrer macht dann noch einen kleinen Umweg macht, um sich am Strassenrand einen Kaffee zu bestellen (es ist 4 Uhr morgens). «Coffee sir?»
Der Rezeptionist spricht zwar gut Englisch, kann es aber kaum von einem Plan ablesen; er gibt mir meinen Pass auf japanische Art zurück samt Verbeugung. Das Wasser schmeckt nach Chlor. Das sudanesische Zimmermädchen huscht lautlos und mit gesenktem Kopf durch den Flur. Der Strom fällt aus, während ich diesen Blog schreibe. Ich höre das Brummen der Generatoren im Hof, die geräuschvoll anlaufen…
Gegenüber meinem Hotel steht ein Gebäude, dessen Fassade bei der Explosion des Hafens vor fast zwei Jahren weggesprengt worden sein muss oder es wurde nie fertiggestellt. Nur die Betonstruktur steht noch. In den obersten Stockwerken wurde jedoch bereits eine Reihe von Satellitenantennen installiert. Auf der Suche nach einer Öffnung, einem Signal der Hoffnung, einer guten Nachricht. Weiter oben scheint jemand einen kleinen Garten angelegt zu haben. Kinderkleidung trocknet auf Drahtseilen. Man gewöhnt sich an alles.
Das Land kollabiert. Der Dollar-Wechselkurs wird jeden Tag neu festgelegt. Er ist etwa 20 Mal niedriger als der offizielle Kurs von vor drei Jahren. Das Monatsgehalt einer Lehrperson ist von 1000 auf 40 Dollars gesunken. Der Brotpreis hat sich verzehnfacht. Jene NGO, der ich einen Besuch abstatte, hat die Gehälter aller ihrer Mitarbeitenden inzwischen verdoppelt, aber selbst das hilft nichts. Viele Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Kein Wunder also, dass HEKS beschlossen hat, den Libanon als ein Land, das auf humanitäre Nothilfe angewiesen ist, einzustufen. Doch in der Einkaufsstrasse gehen die Menschen scheinbar wie gewohnt ihren Geschäften nach; sie sind freundlich, lachen und rufen sich zu wie früher. Ich habe jedoch das Gefühl, dass ich mehr Traurigkeit und Verbitterung in ihren Blicken sehe. So als hätten die letzten zwei Jahre die Menschen dazu gebracht zu denken, dass es keinen Sinn mehr macht, noch weiter zu hoffen. Dennoch bleiben junge Paare vor dem Schaufenster eines Juweliers stehen und die Fastfood-Buden vor der Universität sind brechend voll. In dem Restaurant, in das ich eingeladen werde, sehe ich nur junge Leute, die scheinbar zur guten Gesellschaft gehören, elegant und trendy.
Auch fast zwei Jahre nach der Explosion im Hafen sind die Narben in der unmittelbaren Umgebung weiterhin deutlich zu sehen. Die modernen Gebäude werden wieder aufgebaut, die anderen aber nicht. Die Regierung würde gerne den Rest des Silos abreissen, mit der Begründung, dass dieses einsturzgefährdet sei. Aber das gesamte Gebiet um das Silo herum ist eigentlich ein einziger Trümmerhaufen. Einige Gegner wollen es wiederum als Andenken erhalten.
In einer Woche finden die Parlamentswahlen statt. Wird es Veränderungen geben? «Ja, unweigerlich, nach dem, was vor zwei Jahren passiert ist», sagt mein Gesprächspartner. Aber eigentlich … nein, nicht wirklich. «Sie» werden «sich wieder arrangieren», fügt er hinzu und versucht ein Lächeln. Auf den Wahllisten gibt es elf Kandidaten, die sich als «protestantisch» bezeichnen, sie sind über das gesamte politische Spektrum verteilt. Nur knapp die Hälfte von ihnen ist den Kirchen bekannt. Diese hüten sich aber in jedem Fall davor, sich mit einem von ihnen zu zeigen. Andere sind noch pessimistischer und sagen eine weitere Verschlechterung voraus. Die Zeder des Libanon scheint vom Boden her auszutrocknen.