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Zum zweiten Mal innert zehn Jahren hat das Revolverblatt «The Sun» ein Nazi-Skandälchen im britischen Königshaus aufgedeckt: Die heutige Monarchin Queen Elizabeth II. reckte als 7-Jährige die Hand zum Hitlergruss. Ihr Enkel Prinz Harry tauchte 2005 an einer Kostümparty in einer Nazi-Uniform inklusive Hakenkreuz-Armbinde auf.
Eine gewisse Brisanz erhält das Kindheitsvideo der späteren Königin, weil darin auch ihr Onkel Edward auftaucht, der 1936 für ein paar Monate auf dem Thron sass und Nazi-Sympathien hegte.
Die britische Bevölkerung reagiert auf solche Geschichten mit einer Mischung aus Aufregung und Gelassenheit: Es ist einfach ein weiteres Kapitel in der nationalen Besessenheit namens Drittes Reich. Diese Epoche der deutschen Geschichte ist auf der Insel allgegenwärtig. Hier prangen etwa riesige Hakenkreuze aus den Schaufenstern von Buchhandlungen, worüber Kontinentaleuropäer gehörig erschrecken.
Täglich strahlt das Fernsehen irgendeine Dokumentation aus, die auch die entferntesten Nebenkriegsschauplätze des Nazi-Terrors beleuchten. Wussten Sie schon, dass Hitler plante, prähistorische Wildtiere genetisch zu rekonstruieren, um und sie anschliessend in gigantischen Naturparks («Jurassic Park») anzusiedeln?
Wenig verwunderlich schlachtet auch die heimische Populärkultur den Nazi-Fetisch erbarmungslos aus. Jeder Brite kennt die Szene aus der TV-Serie «Fawlty Towers», wo Hotelier Basil Fawlty (gespielt von John Cleese) nicht anders kann, als deutschen Gästen gegenüber immer wieder Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg zu machen.
Ebenfalls Kultstatus geniesst die Sitcom «Allo, Allo» über ein französisches Dorf während der deutschen Besatzung des Zweiten Weltkriegs. Neben den Deutschen werden hier allerdings auch die Franzosen und die Briten selbst verballhornt.
Und dann sind da noch die britischen Boulevardmedien, die sich in ihrer Deutschland-Berichterstattung gerne aus dem Nazi-Vokabular bedienen. Vor allem, wenn es um Fussball geht: Die erste Hälfte des legendären Halbfinals Deutschland-Brasilien an der WM 2014 bezeichnete der Mirror als «Blitzkrieg».
Woher kommt diese anhaltende Faszination, die bisweilen fetischhafte Züge annimmt?
Fakt ist: Der Zweite Weltkrieg war eine der folgenschwersten Zäsuren in der Geschichte Grossbritanniens, das als einziges Land Westeuropas der Nazi-Invasion widerstand. «Our finest hour» nannte dies Kriegspremier Winston Churchill, und Recht hatte er. Die Siegermacht zahlte allerdings einen hohen Preis. Am Ende des Krieges war Grossbritannien bankrott. Zu den vielen Dingen, die es sich nicht mehr leisten konnte, gehörte das Empire, das nach und nach verschwand.
Der britische Historiker Richard Evans geht noch einen Schritt weiter. Er glaubt, die fast morbide Faszination rührt vom Umstand, dass die Nazis in einem so kultivierten Land an die Macht kamen. Einem, das Grossbritannien nicht unähnlich ist. «Das macht es leicht, uns selbst in ihre Lage zu versetzen und uns zu fragen, was wir wohl im Dritten Reich getan hätten.»