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In den 1980er-Jahren entwickelte Aaron Antonovsky, ein israelisch-amerikanischer Soziologe, das Modell der Salutogenese. »Salus« steht für Gesundheit oder Wohlbefinden, »Genese« für Entstehung. Salutogenese bedeutet somit »Entstehung der Gesundheit«.
Antonovsky bemängelte, dass die zum damaligen Zeitpunkt gängigen medizinischen Versorgungsmodelle einzig darum bemüht waren, Krankheiten zu heilen; gewissermassen einen gesundheitlichen »Defekt« zu beheben. Es würde allein den Symptomen Wert beigemessen, nicht aber der oder die Erkrankte in seiner / ihrer Gesamtheit in die Diagnose und den Heilungsprozess miteinbezogen.
Krankheit und Gesundheit galten damals als entgegengesetzte Begriffe: Jemand galt entweder als krank oder als gesund. Und Krankheit war, wenn Menschen Schmerzen erlitten oder organische Funktionen beeinträchtigt waren.
Ausgehend von der Tatsache, dass 30% bis 50% der Menschen krank waren oder (teilweise auch aus psychischen Gründen) Krankheitssymptome aufwiesen und Krankheit somit keinen Ausnahmefall darstellte, drängte sich für Antonovsky die Frage auf, ob Gesundheit nicht vielleicht mehr ist als nur eine Abwesenheit von Krankheit.
Antonovskys Fluss-Metapher
Antonovsky stellte sein Salutogenese-Modell gerne als Metapher dar, um die Abgrenzung zur damals vorherrschenden pathogenetischen Therapie darzulegen:
Der Mensch schwimmt in einem Fluss voller Gefahren, Strudeln, Biegungen und Stromschnellen. Ärzte versuchen mit der pathogenetischen Therapie, Ertrinkende aus dem Strom zu retten (Symptombekämpfung). In der Salutogenese geht es aber um viel mehr: Der Mensch soll zu einem guten Schwimmer gemacht werden (auch Ursachenbekämpfung und Befähigung zur Selbsthilfe).
Antonovsky stellte dabei die Frage: Was hilft dem Menschen, ohne ärztliche Hilfe Stromschnellen zu meistern?
Salutogenetischer Ansatz
Laut Antonovsky sind Menschen sowohl gesund als auch krank: Jede Person trägt stets gesunde, als auch erkrankte Anteile in sich und ist je nach Befindlichkeit
recht gesund (resp. wenig krank)
tendenziell eher gesund
wenig gesund (resp. ziemlich krank).
Der salutogenetische Ansatz besteht nun darin, sowohl kranke Anteile zu heilen, als auch gesunde Anteile zu stärken.
Kohärenzgefühl
Im Laufe seiner unzähligen Untersuchungen kam Antonovsky zum Schluss, dass Menschen mit vorwiegend gesunden Anteilen über eine geistig-seelische Verfassung verfügen, die er als »Kohärenzgefühl« bezeichnete. Menschen mit viel Kohärenzgefühl seien resilient; gute »Schwimmer«.
Tatsächlich lässt sich das Mass des Kohärenzgefühl (englisch: sense of coherence, SOC) anhand von Fragebogen messen. Antonovskys Erhebungsinstrumente haben dabei wissenschaftlichen Überprüfungen standgehalten.
Drei Haltungen kennzeichnen Menschen mit viel Kohärenzgefühl:
1) Verstehbarkeit: Die Welt wird als strukturiert und vorhersehbar erlebt. Auch die eigene Gedanken- und Gefühlswelt erscheint erklärbar. Zudem fühlen sich Personen mit ausgeprägtem Kohärenzgefühl von anderen Menschen verstanden.
2) Handhabbarkeit: Es herrscht bei den betreffenden Personen die Überzeugung vor, genügend und geeignete Ressourcen an der Hand zu haben, um sich Herausforderungen stellen zu können. Schwierigkeiten wirken bewältigbar – entweder durch eigenen Effort oder durch Unterstützung des Umfeldes oder eine höhere Macht.
3) Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit: Menschen mit ausgeprägtem Kohärenzgefühl sind überzeugt von der Bedeutsamkeit ihres Lebens und Tuns. Es erscheint ihnen sinnvoll, Effort in verschiedene Tätigkeiten zu stecken – unabhängig davon, ob diese schliesslich von Erfolg gekrönt sein werden oder nicht. Das Leben empfinden solche Personen als lebenswert und interessant.
Diesem dritten Element ordnet Antonovsky von allen drei Aspekten die grösste Bedeutung zu.
Antonovsky wollte nicht Menschen je nach Ausprägung des Kohärenzgefühls gewissen Kategorien zuordnen. Vielmehr verstand er sein Modell als »Wahrnehmungsmuster«, das sich ab der Geburt entwickelt und bis ins Erwachsenenalter reift und sich festigt.
Entwicklung des Kohärenzgefühls
Laut Antonovsky können Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dann ein hohes Mass an Kohärenz entwickeln, wenn sie die Welt als berechenbar erleben. Aufgabenstellungen sollen fordern, aber nicht überfordern. Im Kontakt mit anderen soll sich das Individuum als geliebt und erwünscht begreifen.
Ab ca. dem dreissigsten Lebensjahr sei laut Antonovsky das Kohärenzgefühl irreversibel festgelegt. Mittlerweile weiss man, dass sich auch zu späteren Zeitpunkten noch Einfluss darauf nehmen lässt. Unter anderem sind MBSR, Achtsamkeit und Yoga geeignete Methoden, das Kohärenzgefühl und damit die Resilienz zu stärken.
Generalisierte Widerstandsressourcen
Nebst dem Kohärenzgefühl fallen in Antonovskys Modell den »generalisierten Widerstandsressourcen« eine hohe Bedeutung zu. Damit gemeint sind individuelle, kulturelle und soziale Fähigkeiten und Möglichkeiten eines Individuums, Herausforderungen zu meistern. Dazu zählt Antonovsky:
finanzielle Sicherheit
Ich-Stärke resp. Selbstbewusstsein
Intelligenz
praktische Bewältigungsstrategien
genetische Faktoren
organische Faktoren
Ein Teil dieser Ressourcen werde insbesondere in der Kindheit und Jugend entwickelt – oder aber nicht entwickelt, wenn sich der junge Mensch unter- oder überfordert, ungeliebt oder bei Entscheidungen aussen vor gelassen fühlt.
Primäre und sekundäre Bewertung von Stressoren, basierend auf Ressourceneinschätzung
Antonovsky hielt fest, dass es nur dann Sinn ergebe, von einem Stressor zu sprechen, wenn man das Individuum in die Betrachtung miteinbezieht. Potenzielle Stressoren müssen also nicht per se zu realen Stressoren werden (vergleiche Blogeintrag »Umgang mit Stressoren«).
Jeder Mensch, so Antonovsky, bewerte Reize auf zweierlei Weise:
Primäre Bewertung: Einschätzung, ob der Reiz einen Stressfaktor bedeuten könnte.
Sekundäre Bewertung: Beurteilung, ob man mit all seinen Reserven, Ressourcen und Strategien dem Stressor gewachsen ist.
Stressoren sind somit keine objektiven Grössen. Einem Individuum mit stark ausgeprägtem Kohärenzgefühl wird ein Reiz nicht so schnell als Stressor erscheinen und wenn doch, so fällt die Beurteilung bezüglich Bewältigbarkeit in der Regel positiv aus. Dies hebt resilientere Personen von weniger resilienten ab.