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Vor einem Jahr ist meine Mutter gestorben, mein Vater (78) lebt nun allein in der Eigentumswohnung. Seit ihrem Tod versuche ich ihn zu unterstützen, wo es nur geht; ich koche für ihn, gehe einkaufen, erledige die Rechnungen, unterstütze ihn bei der Wäsche und rufe ihn täglich an, damit er sich nicht allein fühlt. Leider genügt ihm das irgendwie nicht, immer wieder betont er, wie einsam er ist. Er wird zunehmend trauriger und zieht sich auch von seinem gewohnten Umfeld zurück. Ist er inzwischen depressiv, oder sind diese Gefühle im Rahmen seiner Trauer normal? Schliesslich waren sie 50 Jahre verheiratet und haben ihre Goldene Hochzeit gefeiert.
Könnte ihm eine Psychotherapie helfen? Oder sollte er eher seine Wohnform komplett ändern und in eine Alterssiedlung ziehen? Ich bin mit meinen Ressourcen am Ende und möchte nicht, dass mein Vater sich allein fühlt. Wie kann ich ihm am besten helfen?
Sie haben Ihren Vater grossartig unterstützt, aber als Tochter können Sie seine Einsamkeit nicht auflösen. Ich denke, sein Elend nach einer langen Ehe ist nachvollziehbar. In diesem Sinne können Sie zwar mit ihm trauern, aber es nicht ändern, auch wenn Sie noch so aktiv und bemüht sind. Ihre Versuche, den Vater zufriedenzustellen oder für ihn zu denken und zu handeln, können nicht fruchten, denn zuerst müssen Sie schauen, wer er ist und was ihn beschäftigt.
Nach einem Jahr immer tieferer Verzweiflung ist es vermutlich nicht mehr nur eine Trauerreaktion, sondern eher eine depressive Entwicklung. Und wie Sie wissen, helfen da kein Ermuntern, kein Mahnen und kein Drohen. Eine Entlastung für Sie könnte es sein, eine Fachperson beizuziehen, sei es ein lang bekannter Hausarzt oder eine Alterspsychiaterin, die mit solchen Entwicklungen vertraut sind und mit Ihrem Vater auch eine leichte Medikation ansprechen können.
Wichtig ist dabei, dass Sie sich etwas zurücknehmen: Sie haben Ihren Vater von allem entlastet – welche Verpflichtungen binden ihn noch? Nicht einmal für sich selbst muss er sorgen – was soll er dann noch im Leben? Warum rufen SIE täglich an und nicht er? Warum nicht nur alle zwei Tage und mit der Zeit in noch grösserem Abstand? Wenn Sie für ihn kochen, muss er nicht an einen bestimmten Ort gehen, sei es zum Einkaufen oder zum Essen; das löst ihn aus den Alltagsbezügen und verlockt ihn zum Rückzug aus seinem Umfeld.
Jetzt ist eine gute Gelegenheit, über Ihre Beziehung zum Vater nachzudenken. Ihre heutige enge Beziehung mit ihm ist offenbar zu Mutters Lebzeiten nicht möglich gewesen. Haben Sie das früher vermisst und wollen etwas nachholen? Haben Sie auch schon gedacht, dass ihre verstorbene Mutter ein schweres Schicksal trug mit dem Vater? Wollen Sie in ihre Fussstapfen treten? Oder sie gar konkurrieren? Oder: Plagt es Sie, nicht zu genügen, nicht genug von ihm geliebt zu werden, zu wenig Bedeutung zu bekommen? Vielleicht schon immer? Und wie verarbeiten Sie Ihre Wut darüber, nichts bewirken zu können? Mit immer mehr Anstrengung?
Wenn Sie einige Überlegungen zu Ihrer Gefühlslage gemacht haben, ist es auch sinnvoll, mit dem Vater das Gespräch darüber aufzunehmen. So ist er gefordert, Sie nicht nur als Dienstleisterin wahrzunehmen, sondern auch als Mensch mit eigenem Innenleben. Ja, ich kann gut nachvollziehen, dass Sie am Ende Ihrer Ressourcen sind. Das Schwierige ist, damit leben zu lernen, dass Ihr Vater wirklich allein ist, solange er sich nicht bewegt. Und da braucht er sicher Hilfe, aber nicht nur Ihre.