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Seit dem Umbau unserer Zunfträume im Jahre 2006 befindet sich in der Garderobe eine Luntenschlossmuskete der Ehrenformation der Burgergemeinde Bern. Manche mögen sich nun gefragt haben, was diese Waffe aus dem 17. Jahrhundert in unserer Zunft zu suchen hat. Dazu muss man die Geschichte der burgerlichen Ehrenformation kennen, welche eine relativ junge Institution ist, die dennoch historische Hintergründe aufweist.
Wie der ehemalige Burgerratspräsident Rudolf von Fischer in seiner Amtszeit einmal treffend formulierte besteht das heutige Bern aus «la Berne cantonale, la Berne municipale et la Berne bourgeoisiale», die alle ihre Weibel (Standesweibel, Stadtweibel, Offizial) haben. Der Kanton bildete, mit Beratung von Dr. Karl Wälchli, 1983 als erster eine Ehrenformation, nämlich die «Berner Grenadiere 1983», hauptsächlich gestellt von der Kantonspolizei, nebst den «Berner Dragonern 1779», einem Korps der bernischen Kavallerie-Offiziers-Gesellschaft. Die Stadt setzte darauf für diese Aufgabe die Stadtpolizei, ergänzt mit schmucken Hostessen, ein. Bald wurde erkannt, dass der Burgergemeinde eine entsprechende Einrichtung fehlte. Deshalb wurde 1984 ein Organisationskomitee gebildet, welches sich mit der Aufstellung einer burgerlichen Ehrengarde beschäftigte.
Ein Angehöriger der Ehrenformation vor der Schussabgabe ...
Prof. Dr. Hans Michel und Prof. Dr. Georges Grosjean erarbeiteten aus den historischen Grundlagen detailgetreu jede Charge und natürlich auch das Gesamtbild der Ehrenfor mation. Die Mitglieder wurden aus den Reihen der burgerlichen Reismusketen-Schützengesellschaft rekrutiert, welche aus geübten Schützen aller Gesellschaften und Zünfte der Stadt Bern besteht. Anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Reismusketen-Schützengesellschaft wurde die Ehrenformation der Burgergemeinde Bern schliesslich am 8. Juni 1986 im Hof des Burgerspitals erstmals dem Burgerratspräsidenten präsentiert und der Burgergemeinde übergeben.
Sie besteht aus dem Hauptmann, dem Fähnrich, sowie bis zu acht Schützen. Im Weiteren wurden ein Trommler und zwei Pfeifer vorgesehen, welche jedoch bis anhin nur teil- oder versuchsweise eingesetzt werden konnten und leider noch nicht zu einem festen Bestandteil der Ausmärsche geworden sind.
Die Ehrenformation hat die Aufgabe, bei burgerlichen sowie bei öffentlichen Anlässen als Ehrengarde der burgerlichen Behörden in Erscheinung zu treten und ein bleiben- des, äusseres Zeichen zu setzen. Jeder Einsatz wird mit dem Burgergemeindepräsidenten abgesprochen und hat mit Zurückhaltung zu erfolgen. Bei öffentlichen Anlässen muss ein klarer Bezug zu Bern gegeben sein und bei jedem Einsatz wird vorgängig abgeklärt, ob aus den Musketen gefeuert wird. Es gibt deshalb auch regelmässig Einsätze ohne Schussabgabe, aber niemals wird ohne Muskete ausgerückt.
EntgegendenmeistenanderenEhrengardeninderSchweiz, welche Uniformen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert tragen, ist die Bekleidung unserer Ehrenformation im Stil des späten 17. Jahrhunderts gehalten, nämlich aus der Zeit der Gründung der Reismusketen-Schützengesellschaft (1686). Damals erst fand der eigentliche Beginn der Uniformierung statt; denn vorher trat jeder bernische Wehrpflichtige in seiner eigenen Bekleidung den Auszug an. Die charakteristischen breitkrempigen Hüte, die Schutz für Mann und Pulver vor dem Regen boten, waren seinerzeit eine Neuheit. Damit trägt unsere Ehrenformation also die früheste Uniform des bernischen Heeres.
Da das Feuer der Infanterie im 17. Jahrhundert noch eine ungenügende Sperrwirkung hatte, gehört zur Ausrüstung für den Nahkampf auch ein langer Degen, der aber leider beim Laden und Hantieren mit der Muskete eine zusätzliche Behinderung darstellt – auch heute noch! Im Verlaufe der Zeit wurde dieser Degen immer kürzer und wandelte sich bis zum heute noch verwendeten Bajonett. An den ledernen Bandelieren hängen die hölzernen Pulvermasse mit den abgemessenen Pulverladungen sowie eine kleine Kugeltasche. Die Gabel (Fourkett), auf welche die Muskete zur Schussabgabe gelegt werden muss, wird beim Marschieren wie ein Spazierstock gebraucht.
An Stelle der damals schweren und unhandlichen Hakenbüchsen und anderen althergebrachten Schusswaffen wur den gegen Ende des 17. Jahrhunderts auch in Bern vermehrt moderne Luntenschlossmusketen verwendet. Die Reismusketen-Schützengesellschaft, welche sich 1686 definitiv formierte, verwendete im Gegensatz zu der Zielmusketen- Schützengesellschaft, die nur «nach den Scheiben » schoss, neue Musketen und legte grossen Wert auf den erforderlichen, kriegsmässigen Drill. Der Begriff «Reismuskete » bedeutet kriegstaugliche Waffe (Reisen = in den Krieg ziehen).
.. und einer während der Schussabgabe
Unsere Luntenschlossmuskete ist ein exakter Nachbau einer entsprechenden Originalwaffe von Thomas Claude, Epinal (um 1830), welche sich im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich befindet. Angefertigt wurde sie von Büchsenmacher Friedrich Hebsacker aus überlingen (HEGE Waffenschmiede im Zeughaus GmbH).
Gesamtlänge:1480 mm
Lauflänge: 1110 mm
Kaliber: 16 mm
Gewicht: 7.5 kg
Schaft: Nussbaum glatt, ölschliff
Es war bei der Gründung der Ehrenformation die einzige schiesstaugliche Luntenschlossmuskete auf dem Markt und so wurde die Ehrenformation damit ausgerüstet. Nach der Berstung eines Laufes im Jahre 2000 machten sich dann allerdings Zweifel bezüglich Materialqualität breit, und man hielt nach einer Neubewaffnung Ausschau. Der Büchsenmacher Wüthrich aus Lützelflüh war schlussendlich bereit, uns eine Serie von acht Stück, aber diesmal mit vergütetem Stahl zu bauen. Seit 2001 sind nun die neuen, qualitativ besseren Musketen im Einsatz und die alten wurden nach 15 Jahren ausgemustert.
Die Handhabung dieses Vorderladers mit verschieden feinem Schwarzpulver, an Umzügen sogar mit der brennenden Lunte in der Hand, ist reichlich kompliziert und erfordert einige Erfahrung. Dies gilt auch für das damals übliche niederländische Exerzitium, welches eine halbwegs brauchbare Kadenz ermöglichte und von den Mitgliedern der Ehrenformation von Grund auf erlernt werden muss. Diese Ehrengardisten müssen deshalb eine regelrechte Rekrutenschule durchlaufen.
Ausnahmsweise ist in diesem Zusammenhang einmal kein finanzieller Beitrag von uns gefragt sondern vielmehr die Einbringung von viel Zeit und Willen, einmal für die Ausbildung, aber auch wiederkehrend von ehrenamtlichen Dienststunden für die Einsätze der Ehrenformation zu Gunsten unserer Burgergemeinde. Wie erwähnt besteht die Ehrenformation aus Mitgliedern beinahe aller Zünfte und Gesellschaften. Die Zimmerleute stellen mit vier Ehrengardisten ein relativ grosses Kontingent. Das Vorgesetztenbott erachtet es deshalb als erwähnenswert, dies in unseren Zunfträumen auch zu dokumentieren. Es ist uns gelungen, eine der alten Originalmusketen zu erwerben, welche jeder unserer Schützen mindestens einmal bedient hat. Nach dem Umbau haben wir nun in der Garderobe auch einen würdigen Platz dafür gefunden.
Daniel Brändle, Mitglied des Vorgesetztenbottes der Gesellschaft zu Zimmerleuten und Mitglied der Ehrenformation der Burgergemeinde Bern
Literatur: Reglement der Ehrenformation der Burgergemeinde Bern 1997