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Leukerbadner Rosinen – Begegnungen im Alltag
Warum Leukerbadner und nicht Leukerbader? Leukerbad hiess einmal Baden, die Einwohner*innen wurden als «Badner*innen» bezeichnet. Noch heute eröffnet der Gemeindepräsident die Gemeindeversammlung mit «Liebe Badner und Badnerinnen!» Seit Oktober 2020 gehöre ich dazu.
Am 11. Januar 2022 besuchte ich einen Vortrag über die Chronik der alteingesessenen Familien von Leukerbad und Albinen unter dem Titel: «Die alten Häuser noch, die alten Freunde aber nicht mehr».
Der Vortragende, der 80jährige Lehrer im Ruhestand, Bruno Zumofen, zitiert das Bundesamt für Statistik. Dieses stellt für das Jahr 2022 für Leukerbad 1320 Einwohnende fest. Davon tragen 94 den Namen Grichting, ebenfalls 94 den Namen Loretan, 30 heissen Roten und je 14 Da Silva und Pereira. Die zwei letzten Namen lassen darauf schliessen, dass es hier eine portugiesische Gemeinschaft gibt. Die alten Familien Grichting und Loretan waren meistens in Verwaltung und politischen Ämtern tätig. An den alten Häusern kann man heute auf den Balken der Hauptfassade die Initialen der Bauherren entdecken. Die Initialen zeugen von Familien mit Namen Oggier, Schulier oder Julier, Matter, Hofer, Tschopp oder Zumofen, deren Nachfahren inzwischen ausgewandert ins Rhonetal oder weiter weg bis in die USA ausgewandert sind. Einige begaben sich in den Dienst des Vatikans. Auch von Todesursachen wird berichtet: Steinschlag, Lawinen, bei der Schlacht in Pfyn oder im Dienst als Rekruten des Königreichs Sardinien. In Leukerbad waren ganze Familien über Generationen hinweg tätig als Bäcker, Hoteliers oder Ärzte. Der Gemeindeschreiber hielt in kunstvoller Handschrift insgesamt 5 Klassen Einwohnende fest: Die 1. Klasse waren die Burger, die 2. Klasse die Zugewanderten, die 5. Klasse Handwerker wie Schmiede oder Schreiner ohne festen Wohnsitz. Im Jahre 1829 zählte Leukerbad 419 Einwohnende, davon waren 213 Männer und 206 Frauen. Die Männer hiessen mit Vornamen meistens Joseph, Johann oder Alois, die Frauen Katharina oder Marie. Um sie im Alltag besser unterscheiden zu können, erhielten sie einen Über- oder Spitznamen. Ein Pfarrer wurde «Pfund» genannt, weil er über einen gewissen Bauchumfang verfügte. Der Vortragende erwähnt, dass einer seiner Urahnen einen Seitensprung gemacht hätte. Dank dem stünde er, Bruno Zumofen, heute hier und könnte diesen Vortrag halten. – Im Jahre 1501 wurde Leukerbad eine selbständige Pfarrei, damit sich die Gläubigen während der langen strengen Winter nicht mehr ins Tal nach Leuk zur Messe begeben mussten. Die Kirche war zunächst der heiligen Barbara geweiht. Sie gilt für die Bergbevölkerung als Patronin, die vor schweren Unwettern, Lawinen und weiteren Gefahren schützt. Im Jahre 1864 bis 1866 wurde die Kirche erweitert: Das ursprüngliche Hauptschiff mit der traditionellen Ost-West-Achse wurde zur Seitenkapelle, das daran angebaute neu entstandene Hauptschiff mit einer Nord-Süd-Achse wurde der heiligen Maria geweiht.
Anfang den 50er Jahre wanderten immer mehr Portugies*innen nach Leukerbad. Sie sind auch heute noch vorwiegend in der Gastronomie und in den Bädern tätig. Einmal im Monat findet in der Pfarreikirche Maria, Hilfe der Christen, eine Messe auf Portugiesisch statt. In einer Nische der Seitenkapelle steht eine Marienstatue aus dem portugiesischen Dorf namens Fatima. Diese hat ein Künstler aus Zedernholz nach der Erzählung der drei Hirtenkinder, denen die heilige Maria erschienen war, erschaffen. Im Marienjahr 1954 «wanderte» diese Statue im Rahmen der Feierlichkeiten mit Prozessionen ins Wallis. Der damalige Leukerbadner Pfarrer erwarb sie für seine portugiesischen Gemeindemitglieder. Jeden Tag spenden Einheimische und Tourist*innen der «Königin des Himmels» Kerzen als Zeichen des Danks oder der Fürbitte.
Seit September 2022 darf ich jeweils zur Mittagszeit unter dem barmherzigen Blick der Maria von Fatima mit meinen Instrumenten aus Bergkristall und meine liturgischen Gesänge in Latein üben. Währenddessen schauen Wandernde und Einheimische in die Kirche herein, lauschen für kürzere oder längere Zeit meinen Klängen, manche beten still für sich, bedanken sich mit einer Geste bei mir, fragen nach der Herkunft meiner Instrumente oder dem Komponisten meiner Liturgie. Im letzten September kam eine Frau aus dem Zürcher Oberland vorbei und hörte mir längere Zeit zu. Sie meinte, dass die Klänge sehr heilend wirkten, auch wenn sie nicht katholisch sei. Wann würde ich denn mal ein offizielles Konzert geben und wie könnte sie das Datum erfahren. In diesem Jahr 2023 werde ich jeden 2. Freitag im Monat eine Klangmeditation anbieten.
Am 3. Januar kam eine Mutter mit ihrem etwa 4-jährigen Buben in die Kirche, als ich gerade beim Üben war. Der Kleine schaute mich gross an und zeigte mir den «Daumen hoch». Auf dem Schoss seiner Mutter hörte er mir eine gute Viertelstunde lang zu und begann dann mit den Buntstiften, die auf einem Tisch für Kinder bereitstehen, ein Bild für mich zu malen: Eine Blume mit einem schwarzen Kreis als Mitte und sechs gelben Blütenblättern. Ein violettes Rechteck – ähnlich meiner grössten violetten Klangschale – , welches mit der Quelle der Schöpfung, dem schwarzen Loch in der Mitte verbunden ist, schickt violette Linien auf die Erde. Nachdem der Bub mit seiner Mutter wieder gegangen war, fotografierte ich das Gemälde. Man könnte es so verstehen: Aus einem schwarzen Loch entstehen lichtvolle Blätter, es entsteht eine neue Erde und meine Klänge begleiten diesen Schöpfungsprozess.
Foto: Kinderzeichnung zu meinen Klängen
und Text: Petra Dobrovolny