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Österreichischer Schriftsteller, geb. 1873 in Groß-Pawlowitz (Mähren) – gest. 1959 in Sierre
Der Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Kulturphilosoph Rudolf Kassner entstammte der Familie eines mährischen Gutsbesitzers. Offen für alle Kulturen, unternahm er – trotz lebenslanger Gehbehinderung infolge seiner Kinderlähmung – ausgedehnte Reisen in Nordafrika, Indien und Russland. Von dort brachte der äußerst Belesene eine gedankliche und dichterische Fracht zurück, die in vielen seiner Schriften ihren Niederschlag finden sollte. Rudolf Kassner war ein großer Musik- und Literaturkenner, interessierte sich aber für alle Äußerungsformen menschlichen Denkens, darunter Mathematik, Physik und Bildende Kunst.
Im Jahr 1900 erschien beim Insel-Verlag in Leipzig Kassners erstes Werk unter dem Titel „Die Mystik, die Künstler und das Leben“. Kassner erweist sich darin als Dichter und Philosoph im Sinne Platons, geprägt von einer lebensnahen Spiritualität, die gegen den Materialismus des 19. und 20. Jahrhunderts gerichtet war. Seinen Werken eignet auch ein eminent pädagogischer Zug: Es ging ihm darum, den Kollektivmenschen der Moderne dazu zu bringen, selbständig zu entscheiden und zu handeln und dessen Persönlichkeit so zu entwickeln, dass sie sich in einem Akt freier Wahl in die menschliche Gemeinschaft eingliedern kann.
1945 verließ Kassner Wien auf Einladung von Werner Reinhart, Carl J. Burckhardt und der Universität Zürich. Im Jahr darauf ließ er sich in Sierre (Wallis) nieder, wo für ihn eine weitere fruchtbare Etappe seiner schriftstellerischen Arbeit beginnen sollte.
(Aus einem Artikel des Journal de Sierre)
Die erste Schaffensperiode Kassners umgreift die Jahre 1900 bis 1908. In diese Zeit gehören eine Übersetzung von Platons Dialogen, Schriften zur indischen Geisteswelt und zur Kunstphilosophie. 1908 erschien „Melancholia: eine Trilogie des Geistes“, ein Buch, das in einem Gespräch über die „Einbildungskraft“ eine seiner grundlegenden Ideen entwickelt und zugleich zur komplexen Thematik der „Physiognomik“ hinführt, die den großen Denker über Jahrzehnte in mehreren Werken beschäftigen sollte.
Die Physiognomik als „Lehre von der existenziellen Einbildungskraft“ bildet das Thema bedeutender Werke Kassners, darunter „Zahl und Gesicht“ (1919), „Die Grundlagen der Physiognomik“ (1922), „Das physiognomische Weltbild“ (1930).
1938 begann nach Kassners eigener Aussage seine dritte Schaffensperiode. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs dehnt er sein Themenspektrum auf theologische und moralische Fragen aus. Er erkundet Probleme von Sein und Inkarnation, Wesen und Erscheinung. Neben philosophischen Werken erscheinen Erinnerungswerke, in welchen der Raum der Inkarnation mit unerhörter Intensität und sprachlicher Meisterschaft dargestellt wird. Die Hauptwerke dieser Schaffensperiode, vielleicht seine bedeutendsten, sind: „Buch der Erinnerung“, „Die zweite Fahrt“, „Transfiguration“, „Das neunzehnte Jahrhundert“, „Umgang der Jahre“, „Das inwendige Reich“, „Der Zauberer“, „Der goldene Drachen“ und schließlich „Der blinde Schütze“, den Kassner wenige Wochen vor seinem Tod abschloss.
Laut dem Philosophen Gabriel Marcel (1889-1973) mündet „das Denken Kassners in eine Theorie der Einbildungskraft, deren Bedeutung für ihn zentral ist. Die Einbildungskraft ist ein grundlegendes Vermögen, dessen wichtigste Bestimmung darin besteht, Brücke zwischen Geist und Seele zu sein. Kassner hat ihr wieder zu jener Geltung verholfen, die sie in der Antike hatte, wo sie – vermittelt durch Mythen – Erde und Gestirne, Mensch und Schicksal miteinander verband. Die Intuition ist die höchste Stufe der Einbildungskraft, sie betrifft die Ganzheit und das Absolute, während das beobachtende Wahrnehmen nur das Relative und Partielle in den Blick nimmt.“