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Thuns Wirtschaft war in der Zeit der beiden Weltkriege und in der Zwischenkriegszeit stark von den Ereignissen im Ausland geprägt. Während des Ersten Weltkriegs profitierten die Rüstungsbetriebe und ihre Zulieferer von der Nachfrage nach Kriegsgerät. In den Thuner Zeitungen war die Arbeitslosigkeit damals kein Thema, da sogar neue Stellen geschaffen wurden. Einzig im Baugewerbe herrschte Stillstand. Allerdings litt ein grosser Teil der Bevölkerung unter der Teuerung und dem Kaufkraftverlust. Das Kriegsende war schliesslich ein grosser Schock für den lokalen Arbeitsmarkt. Mit dem Stellenabbau in den Militärbetrieben ab 1919 wurden mehrere 100 Personen arbeitslos. Davon waren vor allem die Metallbranche und die weiterhin darbende Baubranche betroffen. Die Behörden versuchten, die Lage mit Notstandsarbeiten etwas zu entschärfen. Im Januar 1922 erreichte die Krise in Thun mit 328 Arbeitslosen ihren Höhepunkt, ab 1924 normalisierte sich die Situation und die Konjunktur nahm einen neuen Aufschwung. Doch schon 1931 wurde die Stadt von der Weltwirtschaftskrise erfasst, die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Wiederum waren die Metallindustrie und vor allem der Bausektor betroffen. Im Vergleich zu anderen Städten der Schweiz hielt sich der Einbruch jedoch in Grenzen. Industriestädte wie Biel, Grenchen, Baden oder Le Locle, deren grosse Arbeitgeber stärker exportorientiert waren, traf es noch härter. 1936 war der Wendepunkt, als der Bundesrat mit der Abwertung des Schweizer Frankens der Exportwirtschaft bessere Rahmenbedingungen setzte. Zudem machte sich die Aufrüstung in Europa bemerkbar. Ab 1937 stellten die Rüstungsbetriebe in Thun zusätzliches Personal ein. Deshalb gab es bis zum Ende des Weltkriegs 1945 in Thun keine Arbeitslosen; in der Metallindustrie, im Bau und in der Landwirtschaft herrschte vielmehr Personalmangel.28
Trotz zeitweise schwieriger Rahmenbedingungen entstanden immer wieder neue Firmen, die sich dank guter Ideen und innovativer Produkte zu Grossbetrieben entwickelten und für den Arbeitsort Thun von grosser Bedeutung waren. Die meisten dieser Unternehmen waren in der Metall- und Maschinenindustrie tätig. Eine Ausnahme bildete die Firma Gerberkäse AG: Das Unternehmen wurde 1836 von zwei Brüdern in Langnau gegründet; der eine zog um 1850 nach Thun und errichtete 1856 ein Verwaltungsgebäude an der Allmendstrasse. Ab 1860 war die Firma im Käsehandel tätig und produzierte auch Kondensmilch und Milchpulver für Kinder. Ein Nachkomme der Gründer, Walter Gerber (1879–1942), absolvierte in der Firma eine kaufmännische Ausbildung und sammelte daraufhin im Ausland Berufserfahrung. Um 1908 übernahm er zusammen mit Fritz Stettler (1865–1937) die Geschäftsleitung. Um Käse länger haltbar zu machen, erfanden die beiden 1911 ein Herstellungsverfahren für Schmelzkäse, der in Blechdosen und Kartonschachteln verpackt wurde. Dieses Produkt war bald ein grosser Erfolg und entwickelte sich zu einem Exportschlager. 1915 beschäftigte die Firma 23 Personen, acht Jahre später waren es bereits 125. Entlang der Allmendstrasse entstand zwischen 1911 und 1952 ein eigentlicher Industriekomplex. 1927 zog sich Walter Gerber aus der Geschäftsleitung zurück. Die Firma florierte auch ohne ihn: Sie lancierte 1936 den Gala-Käse und später das Fertigfondue. Gerberkäse entwickelte sich zur Schweizer Traditionsmarke, die überall bekannt und beliebt war. 2002 übernahm die Firma Emmi die Gerberkäse und fusionierte sie darauf mit zwei anderen Firmen. 2006–2010 verlegte Emmi die Produktion von Thun nach Langnau. Damit gingen in Thun 160 Arbeitsplätze verloren. Mit dem Abbruch des Fabrikgebäudes verschwand 2012 zudem ein wichtiger Zeuge dieser Firmengeschichte.29
Werbeplakat des Grafikers Peter Birkhäuser (1911–1976) für die Firma Gerber- käse, 1945. Die Thuner Firma hatte in den 1910er-Jahren ein Herstellungsverfahren für
Schmelzkäse entwickelt, der in Blechdosen und Kartonschachteln lange haltbar ist. Knapp 100 Jahre lang produzierte die Gerberkäse in Thun.
Willy Habegger (1918–2002) gehörte zur nächsten Generation von Thuner Unternehmern. Er absolvierte eine Hufschmied- und eine Schlosserlehre in Thun und Steffisburg. 1943 eröffnete er seine eigene Metallbauwerkstatt. Gemeinsam mit Albert Schönholzer (1912–1999) entwickelte er ab 1945 Seilbahnen, die sich dank dem Ausbau des Bergtourismus und dem Kraftwerksbau in der Schweiz und im Ausland gut verkauften. Mit seinen Skiliften, Sessel- und Kabinenbahnen sowie weiteren Produkten wuchs Habegger zu einem führenden Unternehmen in diesem Bereich, das mehrere 100 Personen beschäftigte. 1980 geriet der Betrieb in eine Liquiditätskrise und wurde deshalb 1982 an die Firma von Roll verkauft. Von Roll fusionierte die Seilbahnsparte mit ihrer eigenen Produktion in Bern und verkaufte diese 1996 an die österreichische Firma Doppelmayr, die sich 2002 mit Garaventa zusammenschloss. Willy Habegger löste die Sparte Hebetechnik 1980 aus der Firma heraus und gründete die Habegger Maschinenfabrik AG, die 1993 von seinem Sohn Peter übernommen wurde. Dieser stellte mit rund zwei Dutzend Mitarbeitenden weiterhin erfolgreich Seilzuggeräte her. 2016 verkaufte er die Firma an den Drahtseilhersteller Jakob AG in Trubschachen.30
Der Unternehmer Willy Habegger verfolgt in der Schlosserei seiner Maschinenfabrik an der Industriestrasse, wie ein Arbeiter die Träger eines Seilbahnmastes zusammenschweisst. Foto, um 1970.
Thun war auch ein bedeutender Fabrikationsstandort von Uhrensteinen: Dabei werden kleine Edelsteine geschliffen und durchbohrt, um sie dann als Lager in Uhrwerke oder Präzisionsinstrumente einzusetzen. 1925 gründete Fritz Räz (1892–1957) die Uhrensteinfabrik Watch Stones, die nach einem Jahr an der Bernstrasse 100 und in der Folge bis zu 400 Personen beschäftigte. 1971 übernahm die Pierres Holding die Firma und stellte ein Jahr später die Produktion in Thun ein.31
1953 entstand das Unternehmen Meyer Burger in Steffisburg, das Maschinen zur Uhrensteinbearbeitung und später Spezialsägemaschinen herstellte. Es nutzte den Boom der Fotovoltaik im 21. Jahrhundert und brachte 1999 die erste Bandsäge für die Solarindustrie auf den Markt. Meyer Burger zog 2006 mit 100 Mitarbeitenden in eine Liegenschaft der Ruag in Thun; 2012 errichtete die Firma auf einer Parzelle der Stadt im Schoren einen Neubau, wohin sie den Geschäftssitz und den grössten Teil der Produktion und Entwicklung mit rund 500 Angestellten verlegte. 2018 verlagerte sie über 200 Produktionsarbeitsplätze von Thun ins Ausland.32
In Thun fabrizieren zwei weitere Firmen spezielle Uhren, die sie in die ganze Welt verkaufen. Aus der 1924 gegründeten Turmuhrenfabrik Bär-Wittwer entstand 2012 die Firma Inducta AG. Und der Uhrmacher Beat Haldimann (geboren 1964) stellt mit einem kleinen Team in Handarbeit Luxusuhren her, die auf selbst entwickelten Konstruktionen basieren.33
Ein weiterer wichtiger Arbeitgeber in der Thuner Maschinenbauindustrie ist die Schleuniger Gruppe. Sie wurde 1975 als Sutter Electronic AG in Thun ins Leben gerufen. Diese übernahm 1993 die Firma Schleuniger Productronic in Solothurn und änderte ihren Namen. Sie stellt Maschinen für die Kabelbearbei- tung her und beschäftigte 2015 rund um den Globus rund 700 Personen, davon 180 in Thun.34 Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Maschinenindustrie ein wichtiger Pfeiler der Thuner Wirtschaft. Er wird verstärkt durch zwei weitere Firmen, die sich in Steffisburg befinden: die 1912 gegründete Fritz Studer AG und die seit 1918 existierende Firma Rychiger.
Die erfolgreichen Unternehmen schafften es, sich im internationalen Wettbewerb mit neuen Produkten zu behaupten. Auf lokaler Ebene unterstützten die Behörden diese Betriebe durch eine aktive Raumplanung und die Schaffung neuer Industriezonen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben mehrere Industriebetriebe ihre Produktionsstandorte an den Stadtrand im Gwatt oder in die Vororte Uetendorf, Steffisburg und Heimberg.35
Flugzeugbau in der Eidgenössischen Konstruktionswerkstätte an der Allmendstrasse, um 1918. Dieser Bundesbetrieb stellte eine breite Palette von Armeematerial her. Ab 1916 produzierte er auch Flugzeuge. Die Arbeiter bringen an ihren Werkbänken die Holzpropeller für eine grössere Flugzeugserie in die richtige Form.
Ab 1878 besuchten Fabrikinspektoren die Thuner Industriebetriebe. Auf der Grundlage des eidgenössischen Fabrikgesetzes von 1877 kontrollierten sie in der Regel einmal jährlich alle Betriebe, die mehr als sechs Personen beschäftigten und mit Maschinen oder gefährlichen Stoffen arbeiteten. Sie definierten dabei Massnahmen, um die Beschäftigten in Gewerbe und Industrie vor Gefahren und Berufskrankheiten zu schützen. Bis zum Zweiten Weltkrieg hielten die Inspektoren ihre Beobachtungen stichwortartig in handschriftlichen Protokollen fest. Um 1900 waren in Thun rund 20 Firmen dem Fabrikgesetz unterstellt, darunter auch die drei Bundesbetriebe Konstruktionswerkstätte, Munitionsfabrik und Zeughaus. 1950 standen 56 Fabrikbetriebe, 2000 noch 36 unter der Kontrolle des Bundes.36
Die Inspektoren beanstandeten Maschinen mit ungenügenden Schutzvorrichtungen und Räume mit stickiger Luft oder fehlender Belüftung. So hielt der Inspektor 1899 in der Munitionsfabrik fest: «In der Messinggiesserei muss ein Abzug über den Ziegeln angebracht werden. Es wird eben Antimon geschmolzen und das ganze Lokal ist voll Dampf.» Oder 1931: «In Schellackierung ist Ventilation verbessert worden. Der ständig dort beschäftigte Arbeiter sagt aus, dass er sich gewöhnt sei, dass aber nur gelegentlich im Raum anwesende Leute öfters denselben verlassen müssen we- gen Uebelkeit (hauptsächlich Frauen). Offenbar Spritrausch.»37
Die Inspektoren hielten auch die Zahl der beschäftigten Arbeiter fest und kontrollierten, dass keine Kinder beschäftigt wurden und dass Jugendliche keine gefährlichen Arbeiten ausführen mussten. In der Konstruktions- werkstätte und im Zeughaus waren bis Mitte der 1930er-Jahre ausschliesslich Männer beschäftigt. In der Munitionsfabrik waren bereits ab den 1890er-Jahren Frauen im Einsatz. Wenn die Produktion wie zum Beispiel während des Ersten Weltkriegs auf Hochtouren lief, stieg ihre Zahl an und betrug bis zu einem Viertel der Belegschaft.
Die Munitionsfabrik stellte aus Kupferblech Hülsen her, die mit Zündstiften, Pulver und Bleikugeln gefüllt wurden. An den Patronenhülsenmaschinen bestand Verletzungsgefahr. In anderen Abteilungen stand der Schutz vor Quecksilberdämpfen oder Blei im Zentrum. Die Zähne der Ar- beiter wurden von den Inspektoren besonders genau angeschaut. Verfärbten sich die Zahnränder schwarz, deutete dies auf eine Bleivergiftung hin. Bis in die 1930er-Jahre trieb eine Transmissionsanlage die Maschinen an. Die Arbeitsplätze mussten in einer gewissen Distanz zu dieser mechanischen Kraftübertragung platziert sein. 1933–1935 kontrollierte der Inspektor deshalb, ob an den Maschinen Frauen arbeiteten, deren «Hängezöpfe» in die drehende Transmission gewickelt werden konnten. Bei Arbeiten mit gefährlichen Stoffen gab es immer wieder Unfälle, zum Teil auch mit Todesfolgen. So starben im August 1943 bei einem Brand in einem Laborgebäude fünf Arbeiter.38
Die Arbeitswoche dauerte bei der Konstruktionswerkstätte und der Munitionsfabrik 1878/79 von Montag bis Samstag, pro Tag wurden jeweils zehn Stunden gearbeitet. Eine deutliche Reduktion gab es erst 1918, als der Bund der im Landesstreik erhobenen Forderung nach einer 48-Stunden-Woche zustimmte. Ab den 1920er-Jahren war der Samstagnachmittag arbeitsfrei. 1878 gab es ein Esslokal, wo sich die Hälfte der Arbeiter am Mittag ver- pflegte. Eineinhalb Liter Suppe mit Spatz kosteten 25 Rappen, ein Liter Kaffee mit Milch 15 Rappen. Dies bei einem Tageslohn von 1 Franken für Anfänger, 1.50 für Arbeiter sowie bis 5.50 Franken für die Meister. 1907–1909 errichteten die Bundesbetriebe an der Uttigenstrasse die Aarestube, eine Speiseanstalt, in der sich in vier Speisesälen bis zu 800 Mitarbeiter verpflegten.
1894 richtete die Munitionsfabrik 25 «Brausebäder» ein, wo die Arbeiter einmal pro Woche duschen konnten. Dies kostete inklusive Seife und Badetuchbenutzung zehn Rappen. Die meisten Wohnungen der Arbeiterfamilien hatten bis ins 20. Jahrhundert hinein kein Badezimmer, weshalb Badeanlagen und Duschen am Arbeitsort für die Körperhygiene wichtig waren.
Die Munitionsfabrik und die Konstruktionswerkstätte verfügten bereits seit 1865 über eine Betriebskrankenkasse, was vergleichsweise fortschrittlich war; die Selve richtete erst 1918 eine Kasse ein.39
Vor dem Eisenbahnzeitalter war die Baubranche in Thun relativ unbedeutend: 1846 beschäftigte dieser Wirtschaftszweig nur drei Prozent der Erwerbstätigen. Mit den Industriegründungen, dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und dem Bevölkerungswachstum der Stadt ab 1860 nahm die Nachfrage im Baugewerbe deutlich zu. So waren 1905 bereits zwölf Prozent der Arbeitskräfte in Thun im Bau tätig. Während des ganzen 20. Jahrhunderts blieb die Branche etwa auf diesem Niveau. Zeitweise stützten Hotelbetriebe und das Militär die Baukonjunktur. So vergaben der Waffenplatz und die Rüstungsbetriebe ihre Aufträge für den Bau von Gebäuden und Strassen an private Unternehmen. Die Umsätze und die Zahl der Beschäftigten unterlagen jedoch grossen Schwankungen, die der allgemeinen Wirtschaftskonjunktur folgten. Während der beiden Weltkriege sowie in den Krisen der 1930er-, 1970er- und 1990er-Jahre ging die Nachfrage im Bausektor und damit die Zahl der Beschäftigten deutlich zurück. 2008 waren in Thun noch neun Prozent der Beschäftigten in dieser Branche tätig, vorwiegend Männer.40
Baustelle der Firma Selve an der Scheibenstrasse 8, Sommer 1917. Vier Handlanger tragen den Beton in Holzwannen zu ihren Kollegen, die den Boden der ersten Etage des Transformatorengebäudes erstellen. Die Armierungseisen sind bereits ausgelegt. Zwei Arbeiter verteilen und verdichten den Beton mit Metallstangen. Die Selve liess damals ihren Betrieb von Architekt Alfred Lanzrein (1879–1933) um mehrere Gebäude erweitern.
Die bedeutendste Baufirma in der Region Thun ist seit Ende des 19. Jahrhunderts die Frutiger AG. Johann Frutiger (1848–1913) absolvierte in Bern eine Steinhauerlehre und gründete 1869 in seinem Geburtsort Oberhofen ein Baugeschäft, das er 1877 um eine Zimmerei und eine Schreinerei erweiterte. Frutiger errichtete in Thun und im ganzen Berner Oberland zahlreiche Gebäude und Tourismusbauten und war zudem im Strassen- und Gleisbau tätig. Nach seinem Tod übernahmen seine beiden Söhne das Geschäft und expandierten weiter. 1946–1954 trat die dritte Generation in die Firmenleitung ein und verlegte den Sitz in die Stadt Thun. Nach 1945 vermochte sich die Frutiger AG schweizweit als erfolgreiche Bauunternehmung zu behaupten. Sie eröffnete Filialen in Bern, im Berner Oberland und später in der Westschweiz. In den 1970er-Jahren realisierte sie ausserdem Projekte im Ausland. Seit 2001 steht die vierte Generation an der Spitze. Die Frutiger AG übernahm nun mehrere kleinere Firmen und beschäftigte 2018 in 25 Unternehmungen rund 2800 Per- sonen, 600 davon in Thun. Gemäss ihrem Umsatz war sie 2015 die zweitgrösste Baufirma der Schweiz. Sie errichtete unzählige bekannte Bauten wie den Berner Teil der Grimselstrasse (1891–1894), das Bahnhofgebäude in Thun (1920– 1923), die Grimselstaumauern (1926–1932), das Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch (1937), das Kernkraftwerk Mühleberg (1960–1971) oder das Fussballstadion Stockhorn Arena in Thun (2011).41
Weitere Thuner Bauunternehmen, die seit Langem bestehen, sind die Helmle AG (gegründet 1908), die Läderach Weibel AG (1919 und 1924 entstanden, 1979 fusioniert) sowie die 1913 entstandene Kanderkies AG. Diese baute am rechten Ufer des Kanderdeltas in Einigen Kies und Sand ab und produzierte daraus Zementröhren und Betonprodukte. Ein Teil des Materials wurde per Schiff nach Thun transportiert und in Scherzligen auf Bahnwagen für den Weitertransport verladen. Die Firma beschäftigte 1954 rund 180 Arbeiter, 2012 noch 80. Im Jahr 2000 fusionierte sie mit drei anderen Firmen zur Creabeton Matériaux SA mit Sitz in Lyss.42
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Nachfrage nach Druckerzeugnissen zu. Den Hintergrund dazu bildeten die politischen Umwälzungen, technische Innovationen, höhere Einkommen und die obligatorische Schulbildung. So entstanden vor allem in den grösseren Städten Druckereien und Verlage. Der Aarauer Johann Jakob Christen (1773–1852) gründete 1836 die erste Buchdruckerei in Thun. Sie stellte verschiedene Produkte her wie Formulare, Werbeanzeigen, Broschüren oder Bücher. Das Geschäft umfasste später auch eine Buch- und Schreibmaterialienhandlung sowie eine Leihbibliothek. Ab 1838 gab Christen auch eine Zeitung heraus, das «Thuner Blatt». 1849 übernahm sein Schwiegersohn Theodor Rippstein (1821–1901) die Firma, 1902–1907 ging sie an Oscar Hopf (1876–1945) über. Ab 1907 leitete der aus Basel zugezogene Carl Muntwyler (1870–1937) die Buchdruckerei und den Verlag. Nach dessen Tod übernahm Adolf Schär (1889–1958) die Firma und führte sie unter seinem Namen erfolgreich weiter. Sein Nachfolger war ab 1958 Alfred Blaser-Schär (1913– 2005). Er modernisierte den Betrieb und wandelte ihn 1974 in eine Aktiengesellschaft um. 1989–1991 errichtete die Schaer AG in Uetendorf ein neues Druckzentrum für den Zeitungsdruck, wo sie bis im Jahr 2000 das «Thuner Tagblatt» herstellte. Diesen Standort verkaufte sie 2009 an die Firma Schläfli und Maurer in Interlaken. 1998 übernahm die Berner Tagblatt Medien AG die Aktienmehrheit der Schaer AG, seit 2007 gehört die Firma zum Tamedia-Konzern.43
Der zweite wichtige Betrieb des grafischen Gewerbes in Thun geht auf Eugen Stämpfli (1839–1911) zurück, der 1861 nach Thun kam und zwei Jahre später eine bestehende Buchhandlung an der Hauptgasse übernahm. 1866 kaufte er zudem eine Thuner Buchbinderei und 1874 die Druckerei, die das «Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern» produzierte und in den 1910er-Jahren knapp 20 Arbeiter beschäftigte. 1904 trat Sohn Willy Stämpfli (1873–1950) in die Fussstapfen des Firmengründers und betätigte sich als Verleger und Drucker. 1932 verkaufte er die Firma an den aus Altstätten stammenden Buchdrucker Jakob Vetter (1901–1953). Dieser gründete die Geschäftsblatt AG und verlegte den Sitz vom Rathausplatz an die Seestrasse, wo sich die Firma Vetter Druck AG bis heute befindet. Sie gab 1957–1967 allein und ab 1981 gemeinsam mit der Schaer AG den «Thuner Amtsanzeiger» heraus.44
Inserat des Warenhauses Balthasar- Bischoff im «Täglichen Anzeiger», Dezember 1903. Die Druckerei und der Verlag von Oscar Hopf gab diese Zeitung damals heraus, in der auch das lokale Gewerbe seine Werbung platzierte.
Vor Weihnachten erschienen besonders viele Inserate.
Louis Krebser (1858–1940) übernahm 1887 die Buchhandlung von Eugen Stämpfli und führte sie weiter. 1932 bezog die Firma ein Ladenlokal im Neubau der Spar- und Leihkasse Thun im Bälliz, wo sie bis heute unter der Leitung der vierten Generation Krebser existiert. Der Enkel des Gründers, Markus Krebser (geboren 1936), betätigte sich als Autor, Verleger und Galerist und kümmert sich um die Dokumentation der Thuner Geschichte; 2004 erhielt er dafür den Thunpreis.45
In der Region Thun war der Markt für Druckereien und andere grafische Unternehmen nicht unendlich gross. Deshalb vereinten die beiden wichtigsten Thuner Firmen bis ins 20. Jahrhundert verschiedene Produkte und Dienstleistungen unter einem Dach: Sie stellten nicht nur Drucksachen her, sondern führten auch eine Buchhandlung und betätigten sich als Verleger und Redaktoren. Als das Auftragsvolumen der Branche mit dem Aufkommen der Digitaltechnik in den 1980er-Jahren sank, suchten sie Kooperationen, um das Überleben ihrer Firmen zu sichern.
Alle Thuner Unternehmen dieser Branche waren nicht sehr gross, sie gehörten auch nie zu den grössten Betrieben der grafischen Industrie im Kanton Bern. Ausserdem war das grafische Gewerbe Thuns volkswirtschaftlich eher unbe- deutend, da nie mehr als drei Prozent der Beschäftigten in diesem Bereich tätig waren. In den 1970er-Jahren erreichte die Zahl der Beschäftigten mit rund 400 das Maximum. Die Branche war für Thun insofern wichtig, weil die Drucksachen als Werbeträger für die Stadt über die Region hinaus wirksam waren.46
Bild links:
Die Unternehmerin Else von Selve, Aufnahme aus den 1940er-Jahren. Von Selve war Chefin der grössten privaten Firma in Thun und nach dem Zweiten Weltkrieg die reichste Person in Thun.
Bild rechts:
Mathilde Hirsbrunner posiert als Inhaberin eines Modeateliers in einem selbst entworfenen Kleid, 1904. Sie beschäftigte an der Hofstettenstrasse bis zu 45 Frauen, die Damenkleider herstellten.
Es gab in Thun immer Frauen, die ein eigenes Geschäft führten. Im Adressbuch des Kantons Bern von 1836 sind die Namen aller Handwerker, Gewerbler, Händler und der Personen mit freien Berufen aufgelistet. Von den 144 Personen in Thun waren rund zehn Prozent Frauen. Viele von ihnen waren Witwen, die entweder das Geschäft ihres Mannes weiterführten oder sich eine eigene Existenz aufgebaut hatten. Im Thuner Adressbuch von 1908/09 stehen die Namen von über 950 Berufstätigen, 15 Prozent waren Frauen, die vor allem im Detailhandel, in der Textil- und Bekleidungsproduktion oder im Gastgewerbe arbeiteten. In einigen Fällen sprangen Frauen in der Firmenleitung ein, wenn ihre Männer früh und unverhofft verstarben. Dies war beispielsweise bei der Handelsfirma Schweizer 1856 der Fall, als die Witwe Magdalena Schweizer-Hofer nach dem Tod des Patrons den Betrieb übernahm und diesen führte, bis ihr Sohn 1864 die Nachfolge antreten konnte. Bei der Firma Christen im grafischen Gewerbe gab es ebenfalls solche Lösungen.47
Bei den grössten Unternehmen waren Frauen nur sehr selten an den Schalthebeln der Macht. Die einflussreichste und bekannteste Unternehmerin Thuns war Else von Selve-Wieland (1888–1971). Sie wuchs in Deutschland und Winterthur in der Industriellenfamilie ihres Vaters und ihrer Mutter auf. 1910 heiratete sie Walther Selve und hatte mit ihm sechs Kinder. Sie zog 1924 nach Thun und war Mitbesitzerin der Metallwerke Selve. 1933 übernahm sie die Firma allein, 1940 liess sie sich von ihrem Mann scheiden. Selve-Wieland wohnte in ihrer Villa am See und arbeitete in einem Büro im Verwaltungsbau an der Scheibenstrasse. Ein Direktor führte die Geschäfte; sie war aber als Besitzerin oberste Chefin und liess es sich dabei nicht nehmen, an einem jährlichen Festakt allen Mitarbeitenden, die ein Dienstjubiläum feierten, Geschenke zu verteilen.48
Auch Mathilde Hirsbrunner-de Bruin (1859–1944), die ihr ganzes Leben in Thun verbrachte, war eine Unternehmerin mit einem interessanten Werdegang. Ihr Vater war ein holländischer Schiffsbauer, der nach Thun gezogen war, um eine Stelle bei der Dampfschiffgesellschaft anzutreten. Mathilde de Bruin heiratete 1888 Ernst Hirsbrunner, mit dem sie zwei Töchter hatte. Sie arbeitete als Schneiderin und Modistin und entwarf eigene Bekleidungskollektionen. Diese fanden bei reichen Touristinnen und Einheimischen guten Absatz, weshalb sie in den 1890er-Jahren ein Modeatelier gründete. In einem Anbau ihres Wohnhauses an der Hofstettenstrasse beschäftigte sie vor dem Ersten Weltkrieg bis zu 45 Frauen als Näherinnen und Glätterinnen. Die Hälfte der Arbeiterinnen wohnte gegen Kost und Logis bei Hirsbrunnerde Bruin im Dachgeschoss und verbrachte die Freizeit an den Abenden meist in den Arbeitsräumen. Die Chefin reiste immer wieder nach Paris, um dort die neusten Modetrends aufzuspüren. In den besten Zeiten verkaufte sie ihre Kleider nicht nur in Thun, sondern auch in Filialen in Bern, Interlaken, Montreux, Zürich und Sankt Moritz. Erst mit über 70 Jahren gab sie ihr Geschäft auf.49