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Semesterpost Nr. 8, Herbstsemester 2008
"Kosmosfieber“ in Basel
Im Januar 2009 veranstalten PD Monica Rüthers, Dr. des. Julia Richers, Dr. des. Eva Maurer und Dr. Carmen Scheide am Historischen Seminar der Universität Basel eine internationale Konferenz mit dem Titel „Cosmic enthusiasm: The cultural impact of space exploration on the Soviet Union and Eastern Europe since the 1950’s.” (www.spacecultures.net). Zeitlich ist diese Veranstaltung zwischen zwei wichtigen Jubiläen angesiedelt: den jeweils 50. Jahrestagen des ersten Sputnik-Fluges im Oktober 1957 und dem ersten bemannten Weltraumflug von Jurij Gagarin im April 1961. Beide Ereignisse lösten ein wahres Kosmosfieber in Ost und West aus, das nicht nur Technik und Wissenschaft beeinflusste, sondern auch Alltagsleben und populäre Kultur. Diesen bislang wenig erforschten Themenfeldern widmen sich die Beiträge der Konferenz und eröffnen somit ein neues Forschungsfeld.
Die sowjetische Regierung war nach der erfolgreichen Mission des ersten Erdumlaufsatelliten Sputnik über das weltweite Medieninteresse erstaunt, nutzte es dann aber für politische Zwecke. Eine Masseneuphorie entbrannte mit dem Flug von Jurij Gagarin, der zu einem neuen Helden stilisiert wurde. Fortan war das Thema Kosmos ein integraler Bestandteil des sowjetischen Alltagslebens: Jedes Kind kannte die Namen der ersten Kosmonauten, ihre Lebensgeschichten und ihre Heldentaten. Sputnik und Gagarin symbolisierten den Aufbruch der Sowjetunion in eine moderne Konsumgesellschaft zu Beginn der 1960er Jahre und demonstrierten die führende Machtposition im Vergleich mit den USA. Doch dem Stolz auf die Errungenschaften des Sozialismus folgten keine deutlichen Verbesserungen der konkreten Lebenssituationen. Seit dem plötzlichen Tod Gagarins im Jahr 1968 und dem ersten Flug auf den Mond durch den Amerikaner Neil Armstrong 1969 ebbte das Weltraumfieber ab.
50 Jahre später sind die sowjetischen Spitzenleistungen in der Weltraumforschung neben der Erinnerung an den Sieg im Zweiten Weltkrieg zwei wichtige Traditionen, die bis heute trotz des Zusammenbruchs der Sowjetunion 1991 lebendig und stark sind. Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist für 2010 geplant.
Neuerscheinungen am Lehrstuhl:
Chasia Bornstein-Bielicka: Mein Weg als Widerstandskämpferin. Aus dem Hebräischen von Orna Keren-Carmel. Hg. von Heiko Haumann. München: dtv 2008.
Chasia Bornstein-Bielicka wuchs in Grodno (damals Polen, heute Weissrussland) auf. Sie erzählt von ihrer glücklichen Kindheit und Jugend im Schtetl und von ihrem Engagement in der links-zionistischen Jugendorganisation „Haschomer Hazair“. Im September 1939 kam Grodno unter sowjetische Herrschaft, nachdem die Stadt kurz von den Deutschen besetzt gewesen war. Im Juni 1941 eroberte die deutsche Wehrmacht Grodno erneut. Die Juden, so auch Chasia mit ihren Eltern und Geschwistern, wurden ins Ghetto gesperrt. Chasia schloss sich dem Widerstand an und wurde nach Białystok entsandt. Sie tarnte sich als polnische Haushaltshilfe und übernahm Kurierdienste zwischen den Widerstandskämpfern in Białystok und den Partisanen in den Wäldern der Umgebung. Sie überlebte den Krieg als einzige aus ihrer Familie, nicht zuletzt mit Hilfe eines Deutschen, der zahlreichen Verfolgten beistand und den Widerstand aktiv unterstützte. Nach der Befreiung kümmerte sich Chasia um jüdische Waisenkinder und brachte sie nach Israel. Die Autorin schildert ihre Erlebnisse sehr anschaulich und setzt gefühlvoll und poetisch ihrer Familie und ihren Gefährten ein Denkmal.
Chasia Bornstein-Bielicka, geboren 1921, war als Erzieherin und Lehrerin tätig und lebt mit ihrer Familie in einem Kibbuz in Israel. Ihr Mann, Heini Bornstein, ist in Basel aufgewachsen.
Heiko Haumann, Erik Petry, Julia Richers (Hg.): Orte der Erinnerung. Menschen und Schauplätze in der Grenzregion Basel 1933–1945, Basel: Christoph-Merian-Verlag 2008.
Die Vernissage des Anfang 2008 erschienenen Buches „Orte der Erinnerung“ war am 29. April ein grandioser Erfolg: Mit so vielen interessierten Besuchern – Baslerinnen und Basler, Studierende, Assistierende, Professorinnen und Professoren, Alt-Regierungsräte, der Dekan und der Rektor der Universität – hatten weder die Herausgeber des Buches noch die Organisatoren des Vorstadttheaters gerechnet. Nach Lesungen einzelner Passagen wurde noch lange intensiv über Basel und die Basler in den Jahren 1933 bis 1945 diskutiert. Monatelang standen die „Orte der Erinnerung“ auf der Bestsellerliste der Basler Zeitung. Da sich das Buch einer so grossen Resonanz erfreut, ist eine zweite Auflage in Vorbereitung.
Personelles
Im Herbstsemester 2008 nehmen Andrea Zink und Thomas Grob die Lehrstuhlvertretung am Slavischen Seminar wahr. Ab dem Frühjahrssemester wird Thomas Grob die Nachfolge von Andreas Guski als Ordinarius für Slavische und Allgemeine Literaturwissenschaft antreten. Damit wird Heiko Haumann seine interimistische Leitung des Slavischen Seminars wieder abgeben. Thomas Grob wurde 1961 in Olten geboren. Er studierte von 1981 bis 1989 Germanistik, Russistik und Philosophie in Zürich, Paris und Leningrad. 1993 promovierte Grob an der Universität Zürich und im Jahre 2003 erfolgte seine Habilitation an der Universität Konstanz.
Mit dem Herbstsemester endet Roland Martis Lehrtätigkeit in der Sprachwissenschaft. Zum Frühjahrssemester 2009 wird Markus Giger als Förderungsprofessor an das Slavische Seminar kommen.
Zum 1. August 2008 hat Frau Dr. des. Anina Gidkov-Schafroth den Lehrstuhl für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte verlassen, um eine Stelle in der Privatwirtschaft anzutreten. Ihre Nachfolgerin als Forschungsassistentin, die von der Stiftung für Sozialgeschichte Osteuropas finanziert wird, ist ab 1. Oktober 2008 Laura Polexe M. A. Sie wird die Forschungen zu den Lebenswelten und Netzwerken osteuropäischer RevolutionärInnen in der Schweiz weiterführen und auch sofort ein Proseminar zum „Prager Frühling 1968“ übernehmen.
Im Herbstsemester vertritt Thomas Bürgisser Dr. des. Julia Richers am Lehrstuhl von Heiko Haumann als Assistent. Er hat in Basel Osteuropäische Geschichte, Slavistik und Neuere allgemeine Geschichte studiert und als Hilfsassistent bei Heiko Haumann gearbeitet. Wir wünschen ihm eine schöne und erfolgreiche Zeit für diese Vertretung.
Slavisches Seminar
Wie bereits in den vergangenen Semestern hat die Fachgruppe Osteuropa auch im Frühjahrssemester 2008 Filmabende im Slavischen Seminar organisiert. Gezeigt wurden sechs Filme, je zwei in Kroatisch/Serbisch, Russisch und Tschechisch.
Filme stehen seit langem im Veranstaltungsprogramm der Studierenden und Dozierenden des Slavischen Seminars. In Zusammenarbeit mit dem Stadtkino Basel und mit Unterstützung des Freundes- und Förderkreises Osteuropa wurde eine Filmreihe zum Gedenken an den Prager Frühling vor 40 Jahren durchgeführt: Vom 1. bis zum 31. Mai zeigte das Stadtkino Filme der so genannten tschechoslovakischen „Neuen Welle“, die in den Sechzigerjahren entstanden. Die Filme von Miloš Forman, Jiří Menzel, Karel Kachyňa, Věra Chytilová u. a. erläuterten Studentinnen und Studenten der Osteuropa-Studien. Auch wurde die Veranstaltungsreihe von einem Gesprächs- und Dokumentarfilmabend begleitet.
Als besonderer Höhepunkt kann die Schweizer Première von „Kinoautomat“ angesehen werden. Am 10. Mai wurde der erste interaktive Film der Welt, den der tschechische Regisseur Radúz Činčera 1967 auf der Weltausstellung in Montreal präsentiert hatte, im Basler Stadtkino gezeigt. Hierzu kam auch der Botschafter Tschechiens nach Basel.
Die Arbeitsgruppe Film des Freundes- und Förderkreises Osteuropa veranstaltet anlässlich des 100. Jubiläums des russischen und sowjetischen Spielfilms eine Filmreihe. An vier Abenden (1. / 15. / 29. Oktober, 12. / 26. November – jeweils mittwochs ab 19 Uhr) werden Spielfilme verschiedener Epochen gezeigt, die durch Einführungsreferate von Studentinnen und Studenten des Slavischen Seminars begleitet werden. Ausserdem ist ein Gastvortrag von Otto Alder geplant, der über die lange Tradition der russischen Animationskunst referieren wird. Die Filmreihe wird mit einem feierlichen Programm (Kurzfilmcocktail, Barbetrieb & Musik) abschliessen. Begleitend zu dieser Spielfilmreihe wird die Fachgruppe Osteuropa in den Räumlichkeiten des Slavischen Seminars eine Reihe mit Dokumentarfilmen zeigen.
Arbeitsgemeinschaft zur jüdischen und osteuropäischen Geschichte und Kultur
Im Herbstsemester 2008 werden Texte von Sigmund Freud und Erich Fromm gelesen. Ferner laden wir zu fünf öffentlichen Vorträgen in das Kolloquium mittwochs von 14 bis 16 Uhr in das Historische Seminar ein. Die Sitzungsinhalte, die Angaben zu den Textauszügen und die Vortragsthemen entnehmen Sie bitte dem beigefügten Programm oder dem Internet http://histsem.unibas.ch/forschung/forschungskolloquien/osteuropa/
Freundes- und Förderkreis
Der Vorstand ist zusammen mit den Arbeitsgruppen bemüht, ein vielseitiges und attraktives Programm zur Geschichte, Kultur und Politik Osteuropas zu bieten. Derzeit wird an einer Verbesserung der Organisationsstrukturen sowie an einem neuen Logo und Flyer gearbeitet. Zudem werden Kooperationspartner für zukünftige Veranstaltungen gesucht, um dadurch anfallende Kosten zu teilen und ein möglichst grosses Publikum zu erreichen. Vorschläge, Anregungen und Kritik sind jederzeit willkommen und helfen den Organisatorinnen und Organisatoren, auf Erwartungen und Bedürfnisse konkret eingehen zu können. Aktuelle Angaben finden sie auf unserer Internetseite http://osteuropa.unibas.ch/freundeskreis/
Die Arbeitsgruppe „Ukraine“ sucht noch Mitglieder für neue Ideen und laufende Projekte. Interessierte wenden sich bitte an Judith Schifferle (<email-pii>).
Veranstaltungen
· 25. bis 27. September 2008: „Osteuropa kartiert“: Der Titel ist Programm: Im Mittelpunkt der internationalen Tagung in Bern stehen Karten aus und über Osteuropa von der Frühen Neuzeit bis in die Zeitgeschichte. Die Tagung findet in der Schweizerischen Osteuropabibliothek in Bern (Hallerstrasse 6, Raum 205) statt und wird vom Basler Lehrstuhl für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte mitorganisiert: http://histsem.unibas.ch/bereiche/osteuropaeische-geschichte/aktuell/
· 26. bis 27. September 2008, Institut für Soziologie, Petersgraben 27: workshop „New Stability, Democracy and Nationalism in Contemporary Russia“:
http://soziologie.unibas.ch/index.php?id=5&tx_ttnews[tt_news]=59&tx_ttnews[backPid]=6&cHash=ba28a4ba8a
· 30. Oktober 2008, Historisches Seminar, 16.15-17.45 Uhr: Vortrag „1968 in der Slowakei“ von Dušan Šimko im Proseminar von Laura Polexe „Der Prager Frühling“.
· 26. November 2008, Kollegiengebäude der Universität, 18.15-19.45 Uhr: Vortrag „ Nationsbildungsprozess und Minderheiten im Balkan“ von Professor Milorad Pupovac aus Zagreb. Kennern der kroatischen Politik ist der Referent als engagierter, gemässigter Vertreter der serbischen Minderheit Kroatiens ein Begriff. Dass er zugleich Linguistikprofessor an der Universität Zagreb ist, dürfte den wenigsten bekannt sein. Der Freundeskreis Osteuropa konnte Herrn Pupovac für eine Vortragstour durch die Schweiz gewinnen: Am Montag, 24.11. um 10 Uhr wird er im Rahmen der Vorlesung von Professorin Marina Cattaruzza an der Universität Bern sprechen und anschliessend am späteren Nachmittag in Basel im Slavischen Seminar einen Workshop zum Thema „Sprachpolitik in Kroatien“ halten (in serbokroatischer Sprache).
Professor Dr. Milorad Pupovac wurde 1955 in der Nähe von Benkovac (Dalmatien) geboren und promovierte an der Universität Zagreb in Philologie. Politisiert wurde er durch den Zerfall Jugoslawiens Ende der 1980er Jahre. Als der Führer der Krajina-Serben, Milan Babić, 1991 seine Abstimmung über die Unabhängigkeit der serbisch besiedelten Gebiete Kroatiens verkündete, schrieb Pupovac in der „Slobodna Dalmacija“, dieses Referendum sei für die kroatischen Serben selbstmörderisch. Er sollte recht behalten, wie die grossangelegte Vertreibungsaktion „Oluja“ der kroatischen Armee bewies. Mit seiner öffentlich bekundeten Meinung befand er sich im Kriegsklima der 1990er Jahre zwischen allen Fronten. Heute ist Pupovac Vizepräsident der „Unabhängigen demokratischen serbischen Partei“ (SDSS). Er vertritt die serbische Minderheit im kroatischen Parlament sowie Kroatien im Europarat.
· 14. bis 28. März 2009, Maison 44, Ausstellung „Zugänge, Durchgänge, Übergänge“ (Judith Schifferle). Die Vernissage findet am 14. März um 17 Uhr statt.
Kontakt
Lehrstuhl für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte
Professor Dr. Heiko Haumann
Historisches Seminar
Hirschgässlein 21
4051 Basel
Tel.: +41 (0)61 295 96 66
Fax: +41 (0)61 295 96 40
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