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Er wünschte höflich guten Morgen, blieb vor den Kameras kurz stehen und lächelte. «Nicht, dass sie dann noch zu spät zum Prozess kommen», scherzte er und betrat den Gerichtssaal, wo es für ihn ums Ganze ging. Freiheit oder Gefängnis, Schmach oder Rehabilitation. Pierin Vincenz' erster Auftritt am Dienstag setzte den Ton der Berichterstattung über den spektakulärsten Wirtschaftsprozess seit Jahren. «Vincenz zeigt sich gut gelaunt», titelte «20 Minuten». «Selbstbewusst und sich keiner Schuld bewusst», hiess es auf der Seite eins des «Blick».
Drinnen im Volkshaus erlebte man einen anderen Pierin Vincenz. Wenn der Staatsanwalt sprach und genüsslich Cabaret-Besuche und Golfreisen auf Firmenkosten aufzählte, war von Pierin Vincenz kaum etwas zu sehen. Der prominente Angeklagte sass ganz rechts vorne im Theatersaal des Volkshauses, der zum Gerichtssaal umfunktioniert worden war. Die Sicht auf den Angeklagten war versperrt durch den Körper von Lorenz Erni. Sein Verteidiger lehnte während der Verhandlung seitlich nach hinten in den Saal. Hinter ihm konnte man Vincenz Rücken sehen: nach vorne gebeugt, geduckt. Seine Ellbogen stützte er auf die Tischplatte. Den Blick hatte er meist auf seinen Computer gerichtet.
Als er vorne vor dem Richter stand, wirkte er nicht mehr wie der fröhliche Vincenz von der Titelseite. Die Fragen von Richter Sebastian Aeppli beantwortete er eher kleinlaut. Er wirkte wie ein Schulbub vor dem Lehrer. Ein Schulbub mit den besten Noten der Klasse, der aber beim Spicken erwischt worden war. Der Glanz seiner Leistung, die guten Noten, die er einst bekam, flackerten noch auf, bevor ihn die Fragen des Richters in schlechtes Licht tauchten. Die Vorwürfe lauten Veruntreuung, gewerbsmässiger Betrug, Urkundenfälschung und ungetreue Geschäftsbesorgung.
Drinnen und Draussen, Fassade und Innenleben, Wahrnehmung und Wahrheit – im Fall von Pierin Vincenz passen sie selten zusammen. Das wurde in der ersten Woche der Verhandlung vor dem Bezirksgericht deutlich. Vincenz mag ein Blender sein, noch öfter ist er eine Projektionsfläche. Meist sind es die Beobachter, die in ihm etwas sehen wollen.
Wer genau hinschaute, sah auch vor der Türe des Volkshauses nicht nur den selbstsicheren Vincenz. Einmal, nach einer Prozesspause, musste er zehn Minuten lang vor dem verschlossenen Portal des Volkshauses warten. In jedem anderen Land wäre der Angeklagte mit Mikrofonen an die Türe gedrückt worden. An der Zürcher Stauffacherstrasse bildete sich ein Halbkreis der Zurückhaltung. Zwei Schritte Abstand. In der Mitte standen Vincenz und Anwalt Erni. Und weil Vincenz schon höflich und in seinem Bündner Dialekt gesagt hatte, «wir können im Moment nichts kommentieren», blieb es stumm. Betretenes Schweigen.
Während Erni die Ruhe selbst war, konnte man bei Vincenz Nervosität erkennen. Er trat von einem Bein aufs andere, nestelte am Riemen seiner Tasche herum und schaute immer wieder zur Tür. Zehn nervöse Minuten, bis er endlich Einlass bekam. Vom selbstsicheren Vincenz, der sich eben noch für ein Bild der Journalisten Zeit genommen hatte, war nichts mehr zu sehen.
Im Prozess räumte er ein, dass er regelmässig in Cabarets und Striplokalen verkehrte und die Rechnungen mit der Firmenkreditkarte beglich. Auch dass er Wegbegleiter und Geschäftspartner in edle Hotels und auf den Golfplatz einlud und dies dem Arbeitgeber verrechnet hatte, gab er zu. Zum Teil bezeichnete er das als «geschäftlichen Aufwand», zum Teil seien die Spesenbelege «aus Versehen» an die Genossenschaftsbank gegangen.
Auch dass er Beteiligungen an Firmen verschwieg, die später von Raiffeisen oder Aduno gekauft wurden, bestritt er nicht. Er sass auf beiden Seiten des Verhandlungstischs, ohne die Sache transparent zu machen.
Erst der weitere Verlauf des Prozesses, der im Februar und März weitergeht, wird zeigen, wie Vincenz' Verhalten juristisch zu bewerten ist. Das Richtergremium wird darüber befinden. Sein Anwalt Erni spricht von medialer Vorverurteilung und zerpflückte die Anklageschrift. Vielleicht reichen die Beweise nicht, um ihm gewerbsmässigen Betrug und untreue Geschäftsführung vorzuwerfen. Vielleicht stolpert die Staatsanwaltschaft über Verfahrensfehler. Vielleicht können sich Vincenz und die anderen Angeklagten teilweise in die Verjährung retten. Doch vor Gericht wurde jetzt schon klar: Das Bild, dass die Schweiz von Vincenz lange hatte, konnte falscher nicht sein. Vielleicht wurde nicht betrogen, sich verschworen und gefälscht. Verheimlicht, vertuscht und grob gegen Regeln verstossen, wurde auf jeden Fall.
Viele wollten in Vincenz jahrelang nur den bodenständigen Bündner Banker sehen. Selbst als schon bekannt war, dass Vincenz sich mit Helikopter und Privatjet fliegen liess, den Lohn eines Grossbankers bezog und in einer edlen Villa residierte, wurde er immer noch als Mann des Volkes dargestellt. Im Dezember 2009 führte ihn die «Sonntags-Zeitung» wegen erster entzaubernder Meldungen als «Absteiger des Jahres». Zwei Wochen später durfte er in der «Schweiz Illustrierten» sein «Erfolgsrezept» darlegen. Als «Mann mit gletscherblauen Augen und festem grauen Haar, Typ Richard Gere» wurde er in dem Blatt beschrieben. Bilder zeigten ihm beim Dehnen nach dem Joggen und eng umschlungen mit seiner damaligen Frau.
Nach seinem Abschied von Raiffeisen im Jahr 2015 stellte ihn der Solothurner CVP-Ständerat Pirmin Bischof gar auf die gleiche Stufe wie die Heiligen in der Katholischen Kirche.
Warum wich das öffentliche Bild von Vincenz derart von der Realität ab? Ein Teil hat mit seiner Biografie zu tun, die so gut zu diesem Bild passte. Oder müsste man sagen zum Klischee? Pierin Vincenz stammt aus dem kleinen Ort Andiast in der Surselva im Kanton Graubünden. Sein Vater Gion Clau Vincenz (1921-2014) sass für die CVP im Ständerat und war danach Verwaltungsratspräsident der Raiffeisen Schweiz. Vincenz junior, der in St.Gallen Betriebswirtschaft studiert und Erfahrungen bei Banken und Industrie gesammelt hatte, trat also quasi in die Fussstapfen seines Vaters.
Hinzu kommt sein Erfolg: Die Raiffeisen wuchs unter seiner Führung, stiess vom Land in die Städte vor und löste sich vom einseitigen Schwerpunkt Kreditgeschäft. Der Gewinn der Raiffeisenbank vervielfachte sich. Die einst dezentrale Bauernbank wurde zur Nummer drei neben UBS und Credit Suisse. Auch wenn seine Strategie nicht bei allen Genossenschaftsbänklern immer gut ankam, machte ihn sein Erfolg scheinbar unantastbar. Es gelang ihm, in St.Gallen einen ganzen Strassenzug in die neue Farbe seiner Bank zu tauchen. Dafür wurde Vincenz gefeiert.
Und dann wäre da noch die Politik. Die Schweiz sehnte sich nach der Finanzkrise 2008 nach einem Saubermann. Das Land, das 2013 mit 67.9 Prozent eine Initiative gegen «Abzocker» zustimmte, wollte in Vincenz das Gegenstück zu den skrupellosen Bankern sehen, eine ehrliche Haut vom Lande. Und war nicht er der erste Grosse aus der Branche, der das Bankgeheimnis für Tod erklärt hatte? Den Menschen gefiel das.
Bevor der Staatsanwalt am Dienstag mit seinem Plädoyer begann, sagt er, es gehe hier nicht um die Lebensbilanz der Angeklagten, nicht darum, ob sie an anderer Stelle Gutes getan und sich bewährt hätten, sondern einzig und allein um die verhandelten Taten.
Es ist eine Selbstverständlichkeit, die der Staatsanwalt hier formulierte. Es schien, als wollte er den alten Glanz, der von Pierin Vincenz immer noch ausgeht, auf diese Weise dimmen. (aargauerzeitung.ch)
Adrian Lobsiger, der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB), hat am Freitag gegenüber watson Stellung genommen zur Befürchtung, dass der Bund eine «Chatkontrolle» durch die Hintertür einführen könnte. Und der für die Überwachung zuständige Dienst ÜPF relativiert in einer ausführlichen Stellungnahme Kritik, die unter anderem von der Piratenpartei geäussert wurde.