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Herr Knutti, ist der Klimawandel noch aufzuhalten?
Der Klimawandel, der jetzt noch kommt, ist eigentlich vollständig von zukünftigen Emissionen, also CO2, Methan und anderen Gasen, verursacht. Das heisst, wenn wir heute mit den Emissionen aufhören würden, könnten wir den Klimawandel nicht rückgängig machen. Wir würden uns aber begrenzen auf die momentane Erwärmung von 1,2 °C.
Wenn wir bis 2050 aufhören, dann werden wird bei zwischen 1,5 und 2 °C landen. Danach steigt der Wert kontinuierlich. Wir können es also nicht rückgängig machen, aber wir haben die Wahl, wo wir aufhören möchten. Die Frage ist, wie schnell sind die Gesellschaft und die Politik bereit, die Infrastruktur umzubauen.
Sie meinen, wenn der gesellschaftliche und politische Willen vorhanden wäre, könnten wir den Klimawandel in den Griff bekommen?
Absolut. Wir können aber nicht von heute auf morgen auf fossile Brennstoffe verzichten. Wir haben nicht ein technologisches oder ein finanzielles Problem, zumindest in der Schweiz nicht. Das Problem liegt auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, weil wir uns nicht sicher sind, wie wir es umsetzen möchten.
An was müssen wir uns in der Zentralschweiz in Zukunft gewöhnen?
Wir haben in der Schweiz seit Messbeginn um etwa 1860 herum eine Erwärmung von etwas mehr als 2 °C. Das ist übrigens doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt. Wir spüren die Veränderungen ja schon jetzt, insbesondere an der Anzahl Hitzetagen und Hitzewellen. Das wird sich in Zukunft häufen, das ist auf jeden Fall klar.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Hauptauswirkungen. Das ist im Sommer einerseits die Hitze und Trockenheit. Diese führt zu Problemen in der Wasser- und Energieversorgung, Landwirtschaft, Fischerei, Rheinschifffahrt, Kühlkapazität von Kernkraftwerken und so weiter. Diese Trockenheit kommt einerseits vom fehlenden Regen, anderseits aber auch von der stärkeren Verdunstung, weil es heisser ist.
Des Weiteren gibt es aber auch vermehrte Starkniederschläge. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen und transportieren. Beispiel: Mit 2 °C wärmerer Luft haben wir etwa 15 Prozent mehr Wasser im Gewitter. Das wiederum ist eine Herausforderung für den Hochwasserschutz, da der Wasserpegel rasch ansteigt. Zusätzlich nimmt die Schneedecke ab und die Gletscher schmelzen.
Wenn wir schon beim Schnee sind – fahren wir in zehn Jahren noch Ski?
In zehn Jahren wahrscheinlich schon noch. Seit hundert Jahren haben wir einen Anstieg der Nullgradgrenze von 400 Meter. Die Skigebiete sind quasi 400 Meter nach oben gerutscht, ohne Beschneiung. Weitere 400 Meter oder mehr werden folgen. So wie es jetzt auf 1200 Meter über Meer schwierig mit Skifahren ist, wird es in Zukunft auf etwa 1600 Meter über Meer werden.
Das kann man ja zum Teil mit technischer Beschneiung abfedern, wie es heute schon üblich ist. Die Beschneiungsanlagen brauchen aber Strom, Wasser und vor allem kalte Temperaturen. Wenn es schlichtweg zu warm ist, geht auch das Beschneien nicht. Das heisst, alle Skigebiete, die Anlagen unter 1500 Meter über Meer haben, werden eine ganz schwierige Zukunft haben. Entweder geht es gar nicht mehr, oder eine zu kurze Saison und mangelnde Schneesicherheit macht es zumindest wirtschaftlich schwierig. Wenn die Leute keine Skiferien mehr buchen aus Angst, nicht Skifahren zu können, geht die Rechnung für die Gebiete nicht mehr auf.
Gibt es ein Ereignis aus den vergangenen Jahren, bei dem Sie sagen, das ist der Klimawandel, obwohl das gar nicht als eine Auswirkung des Klimawandels wahrgenommen wird?
Wenn wir an den Klimawandel an sich denken, kommen uns immer die direkten Auswirkungen in den Sinn. Es kommt aufs mal zu viel oder gar kein Wasser runter. Es dominiert häufig das Bild von Naturgefahren. Die Auswirkungen sind aber auch in der menschlichen Gesundheit vorhanden. Eine von drei Personen, die an Hitze stirbt, kann als eine direkte Auswirkung des Klimawandels gesehen werden. Das heisst, wir haben tausende Tote jeden Sommer in ganz Europa, aber niemand spricht vom Klimawandel.
Es gibt auch indirekte Auswirkungen. Zum Beispiel steigen die Lebensmittelpreise, wenn man aufgrund des Klimawandels Schwierigkeiten mit der Nahrungsmittelproduktion hat. Wir merken das dann einfach im Portemonnaie und denken, dass das jetzt auch teuer sei. Klimawandel ist nicht nur das, was von oben fällt. Klimawandel ist eine ökonomische Realität.
Gibt es Zahlen, die uns aufzeigen, wie viel der ungebremste Klimawandel kostet, im Gegensatz zu den Klimaschutzmassnahmen?
Das ist keine einfache Frage. Es gibt dazu verschiedene Studien. Der Kanton Wallis hat abgeschätzt, dass sie eine Viertelmilliarde pro Jahr zusätzlich für Klimaschutzmassnahmen brauchen. Darin reden wir von Hangverbauungen, Permafrost, Hochwasserschutz und weiteren Massnahmen. Das sind aber nur die Sachen vor Ort.
Was kostet denn ein Menschenleben? Der Klimawandel wird sich auch auf die Migration auswirken. Aber wie rechnet man das? Und wer kommt jetzt wegen des Klimawandels, wer aus anderen Gründen? Es ist ein sehr vielschichtiges Problem. Es gibt grobe Berechnungen. Eine Studie von «Swissbanking» sagt, dass der Energiesystemumbau uns im Jahr pro Person irgendwo zwischen 500 und 1000 Franken kosten wird. Dem gegenüber stehen aber ungefähr 1000 Franken, die heute ins Ausland fliessen für fossile Energie. Die fallen danach zumindest teilweise weg. Zudem gibt es mehrere Tausende Franken an vermiedenen Klimaschäden, die auch miteinbezogen werden müssen.
Wenn wir dann noch bedenken, dass der Umbau der eigenen Infrastruktur im eigenen Land Innovation und Wertschöpfung generiert, dann sehen wir sofort, dass der Nutzen eines ambitionierten Klimazieles überwiegt. Statt das Geld nach Saudi-Arabien zu schicken, investieren wir es im eigenen Land.
Wie schätzen Sie die Vorteile für die Schweiz, aber auch für das Weltklima ein, wenn die Schweiz eine Vorreiterrolle im Klimaschutz übernehmen würde?
Es kommt immer wieder das Argument, die Schweiz sei zu klein, um eine Rolle im weltweiten Klima spielen zu können. Tatsächlich ist die Schweiz sehr klein und verursacht etwa ein Promille des weltweiten Ausstosses. Aber wenn wir daher nichts machen, wäre das etwa so, wie wenn ich sagen würde, dass ich keine Steuern zahlen will, weil meine Steuern auf die totalen Steuern des Staates keinen Unterschied ausmachen. Das stimmt zwar, aber trotzdem muss ich es bezahlen.
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Wir haben ein globales Problem, das wir nur lösen können, wenn alle mitmachen. Es darf keine Trittbrettfahrer geben. Die Schweiz hat mehr Geld pro Kopf als die meisten anderen Länder. Wir haben mehr Technologie und gut ausgebildete Leute. Ein stabiles politisches System und gute Infrastrukturen. Wir sind in fast jeder Hinsicht besser aufgestellt, um dieses Problem zu lösen als andere. Wenn wir dann noch argumentieren, dass es uns nicht interessiert, ist es schwierig zu sagen, die anderen sollen es machen. Es gibt gemäss der UNO das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung. Gemeinsam, weil alle mitmachen müssen und differenziert bedeutet, dass alle nach ihren Stärken sich beteiligen. Jene, die mehr können, sollen mehr dazu beitragen.
Es sollte für die Schweiz einen inneren Antrieb geben. Wir sollten verstehen, dass wir unter dem Strich auch wirtschaftlich davon profitieren würden. Dann gibt es noch ein geopolitisches Argument: Wir werden unabhängig von diffusen und dubiosen Partnern wie Russland oder Saudi-Arabien. Leider ist die Schweiz konservativ und das politische System träge. Es ist uns noch nicht gelungen, alle relevanten Kreise davon zu überzeugen, dass es besser wäre, beim Klimaschutz mitzumachen.
Wie müssen wir denn die politischen Signale und Entscheide aus Bern interpretieren?
Die Stimmen aus dem Ständerat im September 2023 machen mich schon sehr nachdenklich. Wir haben den politischen Willen im Juni mit dem Klimaschutzgesetz klar etabliert. Die Massnahmen gehen jedoch nur sehr zögerlich oder gar nicht voran. Ob es jetzt den Autobahnausbau zwischen Bern und Zürich braucht, kann man diskutieren. Klar, es gibt mehr Verkehr und Personen im Land. Aber das kann sicher nicht die primäre Lösung fürs Mobilitätsproblem sein.
Langfristig müssen wir versuchen, weniger Autos zu haben und mehr öffentlicher Verkehr. Ich sehe die Bereitschaft noch viel zu wenig Nägel mit Köpfen zu machen. Die Solarpflicht auf Neubauten hat man sein lassen. Obwohl, wie ich finde, dass das ein zielführendes Instrument gewesen wären, diesen Ausbau zu beschleunigen.
Das heisst, der Wille, etwas daran zu ändern muss von der Gesellschaft kommen. Gibt es Gewohnheiten, die jede einzelne Person ändern kann, um etwas fürs Klima zu tun, ohne sich gross einschränken zu müssen?
Das gibt es sicher. Einer der grössten Hebel haben wir im Bereich Individualverkehr. Man kann sich fragen, ob man für die kurzen Distanzen immer das Auto nehmen muss. Es würde auch mit dem Velo oder ÖV gehen. Für die Personen, die ein Auto besitzen, gibt es elektrische Fahrzeuge. Die sind angenehmer und sogar günstiger. Wenn das nicht infrage kommt, muss man ja nicht gerade einen Panzer fahren, sondern ein etwas kleineres Fahrzeug. Das andere wären die Flugreisen. Vielleicht könnte man etwas weniger fliegen – wobei das womöglich schon in die persönlichen Freiheiten eingreift.
Etwas, was sicher nicht in die eigenen Freiheiten eingreift, ist im Gebäudebereich. Am Schluss will ich warm haben, ob jetzt das eine Wärmepumpe oder eine Ölheizung ist, ist egal. 15 Prozent der Emissionen kommen aus dem Gebäudebereich, das kann man problemlos ersetzen. Bei der Ernährung könnten wir ansetzen, weniger tierische Produkte.
Man muss aber vielleicht auch überlegen, ist es immer eine Einschränkung? Wenn ich jetzt ein oder zweimal in der Woche kein Fleisch esse, ist das jetzt eine Einschränkung? Oder kann das genau so fein sein? Oder wenn ich in die Berge gehe oder sonst etwas mache, statt auf die Malediven zu fliegen, ist das eine Einschränkung? Ich würde sagen, nicht unbedingt. Dafür habe ich keinen Stress am Flughafen.
Wir müssen unsere Prioritäten mal überdenken und etwas anders setzen. Wenn wir dieses Problem wirklich lösen wollen, braucht es Bereitschaft zur Veränderung. Einfach alles beim Alten lassen, wird leider nicht funktionieren.