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| Chrysostomus († 407) - Reden

Erste Homilie auf das Pfingstfest
Text
1.
Erste Homilie auf das Pfingstfest. Warum jetzt keine Wunder mehr geschehen, und daß Alles, was wir reden oder thun, aufgezeichnet werde.
Schon wieder ein Fest, schon wieder eine Festversammlung; schon wieder schmückt sich die Kirche mit der Menge ihrer Kinder, diese fruchtbare und zärtliche Mutter! Doch was nützt ihr die Liebe zu ihren Kindern, wenn sie nur an Festtagen und nicht immer das Angesicht derselben zu sehen bekömmt? Ist es nicht, als ob Jemand ein schönes Kleid hätte und es nicht immer anziehen
Die Menge der Zuhörer ist der Schmuck der Kirche, wie ja auch der Prophet sagt, der vor Zeiten die Kirche anredete: „Alle diese sollst du wie den Schmuck eines Bräutigams und die Zierde einer Braut um dich legen.“1 Wie also eine sittsame, angesehene Frau, deren schmuckes Gewand ihr bis an die Knöchel hinabreicht, viel ansehnlicher und schöner erscheint: so wird auch die Kirche heute noch einmal so herrlich, da sie von eurer Menge bedeckt ist und so das langwallende Kleid trägt. Denn kein Theil erscheint heute an ihr so entblößt, wie in den vergangenen Tagen. An der damaligen Blöße sind aber Diejenigen Schuld, die nur heute anwesend sind, aber nicht fortwährend ihre Mutter bekleiden. Daß es aber nicht wenig gefährlich sei, seine Mutter schmählich in ihrer Blöße zu lassen, daran erinnert uns eine alte Geschichte. Wir erinnern uns, daß ein Sohn seinen Vater nackt sah und ob dieses Anblickes der Strafe verfiel.2 Und dennoch hatte Dieser seinen Vater nicht selber entblößt, sondern nur gesehen, daß der Vater nackt sei, und entging — nachdem er [S. 207] ihn einfach gesehen — doch nicht der Strafe; allein Diejenigen, welche heute erscheinen, früher aber nicht anwesend waren, sehen ihre Mutter nicht entblößt, sondern entblößen sie selber. Wenn nun Derjenige, der die Blöße auch nur gesehen, gestraft worden ist, welche Entschuldigung haben wohl Die, welche die Blöße verursachen? Das sage ich nicht, um euch zu erschrecken, sondern damit wir der Strafe entgehen, damit wir dem Fluche Cham’s entrinnen und die kindliche Gesinnung Sem’s und Japhet’s nachahmen und stets unsre Mutter bekleiden. Es zeigt von jüdischer Gesinnung, nur dreimal vor Gott zu erscheinen; zu ihnen ist nämlich gesagt worden: „Dreimal im Jahre sollst du erscheinen vor Gott, deinem Herrn!“3 Von uns aber will Gott, daß wir vor ihm beständig erscheinen. Bei den Juden bewirkte die Entfernung der Wohnorte, daß sie sich so selten versammeln konnten; sie wurden nämlich damals nur an einen einzigen Ort hin zum Gottesdienst befohlen; deßwegen konnten sie sich so selten versammeln und so selten anwesend sein; denn sie mußten in Jerusalem anbeten, sonst aber nirgends. Darum ward ihnen befohlen, dreimal vor Gott zu erscheinen, und der weite Weg entschuldigte sie; bei uns aber greift keinerlei Entschuldigung Platz. Sie waren überall auf der Erde zerstreut: „denn es waren,“ heißt es, „gottesfürchtige Juden zu Jerusalem, aus allen Völkern, die unter dem Himmel sind.“4 Wir hingegen wohnen in einer Stadt, sind von Mauern umgeben, sind oft nicht einmal durch eine enge Gasse von der Kirche getrennt und besuchen doch so selten, als wären wir durch große Meere ferne gehalten, diese hehre Versammlung. Ihnen hat Gott geboten, nur dreimal ein Fest zu begehen; uns aber hat er den Auftrag gegeben, Dieses beständig zu thun. Und damit ihr erkennet, daß wir beständig Festtage haben, so führe ich die Gründe [S. 208] dieser Festtage an, und ihr werdet einsehen, daß es jeden Tag eine Festlichkeit gibt. Das erste Fest ist bei uns das Fest der Erscheinung. Welches ist der Grund dieses Festes? „Weil Gott auf Erden erschienen und unter den Menschen gewandelt;“5 weil der eingeborne Sohn Gottes unter uns gelebt hat. Er ist aber beständig bei uns: „denn siehe,“ sagt er, „ich bin bei euch alle Tage, bis an’s Ende der Welt.“6 Deßwegen können wir alle Tage das Fest der Erscheinung begehen. Was bedeutet denn das Osterfest? Welches ist die Veranlassung dazu? Wir verkünden an demselben den Tod des Herrn, und Das ist das Passah. Aber auch Dieß thun wir nicht zu einer bestimmten Zeit; denn da Paulus uns von der Nothwendigkeit bestimmter Feste befreien und zeigen wollte, daß wir das Passah beständig feiern könnten, so sagt er: „So oft ihr dieses Brod essen und diesen Kelch trinken werdet, werdet ihr den Tod des Herrn verkünden.“7 Da wir nun den Tod des Herrn beständig verkünden können, so können wir auch das Osterfest fortwährend feiern. Wollt ihr auch wissen, daß wir das gegenwärtige Fest stets feiern können, ja daß es täglich da ist? Lasset uns sehen, warum es eingesetzt worden, und warum wir dasselbe begehen. Weil der heilige Geist zu uns kam; wie nämlich der eingeborne Sohn Gottes stets unter seinen Gläubigen ist, so ist es auch der Geist Gottes. Woher ist Dieß offenbar? „Wer mich liebt,“ heißt es, „wird meine Gebote halten, und ich will meinen Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster senden, damit er bei euch bleibe in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit.“8 Wie also Christus von sich selbst sagte: „Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage, bis an’s Ende der Welt“ und wir deßwegen be- [S. 209] ständig das Fest der Erscheinung zu feiern vermögen, so können wir auch, weil er vom heiligen Geiste gesagt hat, er werde ewig bei uns bleiben, das Pfingstfest fortwährend begehen.
1: Is. 49, 18.
2: Gen. 9, 21 ff.
3: Exod. 23, 17.
4: Apostelg. 2, 5.
5: Baruch 3, 38.
6: Matth. 28, 20.
7: I. Kor. 11, 25.
8: Joh. 14, 15—17.