Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/415

Derzeit bestehen verschiedenste Vorstellungen darüber, wie man den Menschen selbst verbessern könnte, um seine begrenzten Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Bei diesen Bemühungen geht es darum, die Funktionstüchtigkeit des Menschen zu erhöhen oder gar neue Wesen zu schaffen. Dazu gehören Versuche zur Steigerung der Hirnleistung, also Hirndoping, mittels Eingriffen ins menschliche Genom neue Wesen zu erzeugen, die auf anderen Planeten leben könnten, Menschenmaschinen und künstliche Intelligenz zu schaffen oder gar den Menschen unsterblich zu machen. Das «Human Enhancement», medizinische Interventionen, welche die Leistungsfähigkeit und Funktionstüchtigkeit der menschlichen Gattung verbessern und nicht nur heilen oder Leiden lindern sollen, spielt dabei eine wichtige Rolle. Der Mensch soll auf diese Weise auch Herr über seine eigene Evolution werden. Solche angestrebten Veränderungen basieren auf einem materialistischen und mechanistischen Menschenbild. Den Menschen z. B. dahingehend zu verbessern, dass er kooperativer und friedfertiger wird, kommt nicht in den Blick.
Die hinter solchen Bestrebungen stehende Idee der Schaffung eines Übermenschen durchzieht die Menschheitsgeschichte wie ein roter Faden. Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900) hat die Vorstellung des Übermenschen und deren Folgen für Ethik und Moral in seinem Werk «Also sprach Zarathustra» (1883–1885) so prägnant wie nie zuvor und auch nie mehr nach ihm zu Papier gebracht. Interessanterweise postulierte er den Übermenschen nicht nur für die Zukunft, sondern sah diesen bereits in der Vergangenheit immer wieder verwirklicht, u. a. bei Cäsar.
Erscheint der Mensch als verbesserungsbedürftig, wird der normale Mensch zum Mängelwesen. Dieses brauche, wie der Soziologe und Philosoph Arnold Gehlen (1904–1976) schreibt, Institutionen und Technik, um seine Mängel zu kompensieren. Institutionen sind aber auch Systeme, und in solchen fungiert der Mensch nur noch als Funktionsträger und ist ersetzbar, worauf Niklas Luhmann (1927–1998) hingewiesen hat. Für ihn besteht die Gesellschaft aus zahlreichen Kommunikationssystemen, die allein dem Zweck dienen und den Sinn haben, weiterzubestehen, indem sie ihre Funktionalität aufrechterhalten.
Luhmann hat damit die Situation des Menschen in der heutigen Welt der Netzwerke vorweggenommen, in der der Mensch als Person keine Rolle mehr spielt, sondern nur noch Funktion in einem gesellschaftlichen, durchökonomisierten Getriebe ist. Luhmann hat aber die Frage der Macht nicht thematisiert: Gesellschaftssysteme bleiben letztlich an Menschen gebunden, die im Hintergrund die Fäden ziehen, egal, ob sie nun Mark Zuckerberg, Donald Trump, Wladimir Putin oder wie auch immer heissen. Die Funktionsträger der Systeme sind stets Menschen aus Fleisch und Blut. Und weil der Mensch eben nicht nur Funktion, sondern weiterhin auch Person ist, befindet er sich in der Lage einer Fliege, die in einem Spinnennetz gefangen ist. Wie bei diesem hat es in den Netzen der Gesellschaft auch dicke, fette Spinnen, denen es nur noch um den eigenen Gewinn und die eigene Macht geht. In ihren Analysen am Beispiel von Führern im Zweiten Weltkrieg, so u. a. an Adolf Eichmann, hat die Philosophin Hanna Arendt (1906–1975) brillant aufgezeigt, wie der Mensch, der nur noch eine Funktion wahrnimmt, dadurch das Böse ermöglicht.
Die heutigen Bemühungen der Medizin zur Verbesserung der menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten, das «Human Enhancement», absorbieren Mittel, welche für die Entwicklung von neuen Therapien für kranke und leidende Menschen gebraucht würden. Wenn auch die Grenze zwischen Therapie und Verbesserung der Leistungsfähigkeit sich nicht immer einfach ziehen lässt, so werden die Forschungsprioritäten anders gesetzt, wenn man vor allem kranken, leidenden und sterbenden Menschen helfen will. Der Philosoph Hans Jonas (1903– 1990), der das Prinzip der Verantwortung für die Entwicklungen in der Medizin formuliert hat, befand, dass wir den Menschen im Hier und Heute gegenüber verantwortlich seien und nicht in einer Fortschrittsschuld zukünftigen Generationen gegenüber stünden.
Den Allmachtsphantasien, die den Vorstellungen aller Art zur Verbesserung des «Mängelwesens» Mensch zugrunde liegen, entgegenhalten kann man nur das ethische Axiom der Menschenwürde und die sich daraus ergebenden Menschenrechte. Es dürfte kein Zufall sein, dass die MenschenrechtsCharta nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, der im Namen der Existenz von höher- und minderwertigen Menschen losgetreten worden war. Der Anspruch auf Menschenwürde bringt es mit sich, dass jeder und jede für die Menschen im Hier und Heute auch gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Ein menschenwürdiges Dasein erscheint ohne die Übernahme von Verantwortung durch das Individuum nicht möglich. Wir können nicht nur Fliegen im Netz von Spinnen sein, sondern sind gemeinsam verantwortlich für die Art und Weise, wie das Zusammenleben einer Gesellschaft gestaltet wird.
Damit einher geht die Forderung, die sozialen Gegebenheiten zu verbessern, sodass alle Menschen zu ihrem Recht kommen und sich in der jeweiligen Gesellschaft wohlfühlen können. Dazu braucht es Ressourcen, Raum und Zeit. Wir täten wohl gut daran, mehr Ressourcen darin zu investieren, den gegenwärtigen Herausforderungen in Medizin und Pflege, wie z. B. der Übertherapie und dem Pflegenotstand, zu begegnen oder das Problem des Klimawandels anzugehen, statt unsere Energie auf die Schaffung von Menschen mit übermenschlichen Fähigkeiten zu verschwenden. Auf diese Weise lassen sich unsere Probleme nicht lösen.
Das derzeit vorherrschende funktionale Menschenbild erscheint einseitig. Der Mensch ist auch ein bedürftiges, vulnerables und sinnsuchendes Beziehungswesen. Sinn erschliesst sich dem Menschen nicht in der Funktionalität allein, sondern erst darüber hinaus im respektvollen und fürsorglichen Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit seiner Mitwelt.
Dr. theol. Ruth Baumann-Hölzle ist Institutsleiterin von Dialog Ethik