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Im Leben von Ursula Schmid* gibt es ein Vorher und ein Nachher. Im Vorher war ihre Haut schön. Weich, glatt und rein. Auch als Teenager blieb sie von Aknepickeln verschont. Die Zäsur kam, als sie 35 Jahre alt war. Innert weniger Tage breitete sich rot-violett ein Ausschlag in ihrem Gesicht aus, die Farben so kräftig, dass Ursula Schmid das Gefühl hatte, ihre Wangen leuchteten. Nun begann das Nachher.
Sie ahnte bereits, was es war: Rosazea. Eine chronische Hautkrankheit, die sich auf das Gesicht beschränkt, sich dort aber austobt. Mit fleckförmigen, manchmal schuppenden Rötungen. Eitrigen Pusteln, die es an die Oberfläche treibt. Und wenn die Krankheit besonders fies ist, lässt sie die Haut dicker werden und die Nase rot und knollenartig anwachsen. Wie bei ihrem Vater. Er hatte die Krankheit bereits seit Jahren und schluckte phasenweise so viel Antibiotika dagegen, als wären die Tabletten Bonbons.
«Die Scham war riesig»
Ursula Schmid erwischte eine schwere Form von Rosazea. Der Ausschlag breitete sich über ihr ganzes Gesicht aus, griff ihre Augenlider und Augen an und schwächte vorübergehend ihre Sehleistung. Schmerzen hatte sie keine, aber sie litt stark unter der rot-violetten, eitrigen, geschwollenen Haut. Sie spürte die entsetzten Blicke der Leute, hörte das Flüstern eines Kindes im Bus: «Mami, was hat die Frau im Gesicht?»
In der Garderobe des Schwimmbads kamen Frauen auf sie zu und gaben ihr ungefragt Tipps, was sie gegen den Ausschlag tun könnte. «Die Scham war riesig», sagt Schmid. Sie begann, sich zu verändern. Zog sich von der Aussenwelt zurück und versuchte, sich möglichst klein zu machen. Ging sie durchs Dorf, lief sie schnell, den Kopf geduckt. Sie hoffte, niemandem zu begegnen. Manchmal sah sie ungewollt ihr Spiegelbild in einem Schaufenster und konnte kaum glauben, dass das wirklich sie war. Zu ihrer schlimmsten Zeit stand sie vor der Haustür, lehnte die Stirn dagegen und weinte, weil sie einkaufen gehen musste.
Eine schwere Hautkrankheit zu haben, sagt Dermatologe Christoph Schlapbach, könne extrem erniedrigend sein. Eine von zehn Personen, die seine Sprechstunde am Inselspital Bern wegen einer schweren Schuppenflechte aufsuchen, leidet gemäss Statistik an einer Depression mit suizidalen Vorstellungen. Mehrmals täglich sitzt ihm eine Person gegenüber, die wegen Hautproblemen nicht mehr leben will. «Die Zahlen für eine schwere Rosazea werden ähnlich sein», sagt der Oberarzt.
Rosazea
Der Ekel in den Blicken
Das Hauptproblem für seine Patienten sei der Ekel der Mitmenschen. Und damit verbunden ihre Angst, sich anzustecken. «Ekel ist ein sehr dominantes Grundgefühl im Menschen», so Schlapbach. Das sei evolutionär gewachsen. Vor dem Aufkommen von Zivilisation und Hygiene sei Ekel überlebenswichtig gewesen. «Wenn mir damals eine Person mit einer wüsten Haut gegenüberstand, war die Chance tatsächlich gross, dass sie mich anstecken könnte», erklärt er. Heute ist das nicht mehr der Fall. «Aber dieser Abwehrreflex ist immer noch tief in uns verankert.»
Nach dem ersten Schock startete Ursula Schmid ihren Kampf gegen die Rosazea. Der Arzt beschied ihr, keine wirksame Therapie zu haben. Die Globuli des Homöopathen brachten nichts, die Ratschläge des Naturheiltherapeuten auch nicht.
Sie probierte chinesische Medizin; dreimal am Tag schluckte sie eine übel riechende Kräuterbrühe, die nichts veränderte. Akupunktur und Akupressur. Linderung verschafften ihr Aloe-Vera-Blätter, deren Gel sie mehrmals pro Tag direkt auf ihr Gesicht auftrug. Später half ihr auch ein ayurvedischer Arzt, der ihr Ernährungstipps gab.
Rosazea als Stimmungsbarometer
Mit der Zeit lernte sie die Rosazea immer besser kennen. Sie merkte, dass die Heftigkeit der Krankheit direkt mit ihrer Psyche zusammenhing. Während der Scheidung von ihrem Ehemann färbten sich die Wangen fast dunkelviolett, eitrige Pusteln verbreiteten sich über ihre Stirn und ihr Kinn. In den Spiegel blickte sie in dieser Zeit nicht mehr, Fotos verweigerte sie vehement.
«In meinen Fotoalben gibt es mehrere Jahre, in denen ich keine Bilder von mir habe», sagt Schmid. Später, in glücklicheren Zeiten, verblasste der Ausschlag. Als sie sich neu verliebte, dämpfte er sich so weit, dass er sich lediglich wie ein leichter Sonnenbrand über ihre Wangen zog. Die Rosazea wurde zu ihrem Stimmungsbarometer.
Psyche und Haut beeinflussen sich gegenseitig
«Hautkrankheiten verursachen nicht nur psychische Probleme, sondern werden auch von der Psyche beeinflusst», bestätigt Christoph Schlapbach. Dass Stress eine Hautkrankheit verschlimmere, sei schon lange die Erfahrung von Patienten und Ärzten. «Das gilt für Rosazea, Akne, Schuppenflechte und andere Hautkrankheiten.»
Den Mechanismus dahinter versteht man bis heute nicht genau, obwohl in den letzten Jahren Durchbrüche in der Forschung gelungen sind. Viele Hautkrankheiten entstehen nach neusten Erkenntnissen unter anderem aus einer übertriebenen Entzündungsreaktion in der Haut. «Man hat etwa herausgefunden, dass die Nervenenden direkt mit den Immunzellen kommunizieren können, was wiederum eine Entzündung zur Folge haben kann.»
«Ich kann zwei Patienten mit der gleichen Hautkrankheit haben. Der eine ist suizidgefährdet, den andern stört es kaum.»Christoph Schlapbach, Dermatologe
Wie sehr die Krankheiten seine Patienten psychisch strapazieren, sei sehr unterschiedlich, sagt Christoph Schlapbach. «Ich kann zwei Patienten betreuen, die eine schwere Schuppenflechte von Kopf bis Fuss haben – der eine ist akut suizidgefährdet, den anderen stört es kaum.» Er richtet seine Therapie deswegen ganz nach dem Patienten aus. Sein Ziel ist, dass sich dieser in seiner Haut wohl fühlt.
Mit einer erfolgreichen Therapie verschwindet das psychische Leiden aber nicht automatisch. Oft leiden Patienten seit Jahrzehnten unter ihrer Krankheit und wissen gar nicht, wie es ist, eine normale Haut zu haben. Dann probierten sie ein neues hochwirksames Medikament aus, was zu einer dramatischen Verbesserung führe. «Und plötzlich stören sie sich an zwei kleinen Flecken am Unterschenkel. Weil sie merken, wie schön es sein kann, wenn einen die Leute nicht mehr komisch anschauen. Wenn sie in die Badi gehen können, ohne dass andere Badegäste das Wasser verlassen, wenn sie eintauchen.»
Selbstvertrauen trotz Krankheit
Auch Ursula Schmids Verhältnis zur Rosazea ist ambivalent. Litt sie jahrelang Qualen, bezeichnet sie die Krankheit inzwischen als Freundin, die ihr viel über sich beigebracht hat. «Ich bin stärker geworden. Ich habe gelernt, echtes Selbstvertrauen zu haben – unabhängig davon, wie ich aussehe.» Mittlerweile ist sie immun gegen die Blicke anderer. Seit sie den Kopf nicht mehr duckt und normal mit ihren Mitmenschen spricht, reagieren diese anders. «Mit meinem Verhalten hatte ich ihre Aufmerksamkeit auch darauf gelenkt.»
Heute ist ihre Haut nur noch leicht gerötet. Und für ihr Alter erstaunlich glatt. «Dank all den Jahren der Hautpflege und des Sonnenvermeidens habe ich zumindest fast keine Falten», sagt die jetzt 65-Jährige mit einem Lächeln.
Bis heute schaut Ursula Schmid aber nicht in den Spiegel, wenn sie die Zähne putzt, die Hände wäscht oder im Bad ist. Zu sehr hat es sich eingeschliffen, diesen Anblick zu vermeiden.
*Name geändert