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Pioniertat in der Schweiz – Neubau Grimselstaumauer
(Bild: KWO/David Birri)
Seit dem Sommer 2019 entsteht Grosses im Grimselgebiet: Die Spitallamm-Mauer wird bis 2025 durch eine neue Talsperre ersetzt. Ein einmaliges Projekt, das sowohl für erneuerbare Energie wie auch für Recycling steht.
Unverrückbar, unerschütterlich und der rauen Witterung die Stirn bietend steht sie da – die Spitallamm-Mauer auf 1900 Metern über Meer, direkt unterhalb des Grimselpasses. Gemeinsam mit der etwas östlicher gelegenen Seeuferegg-Mauer hält sie die Wassermassen des Grimselsees in Schach.
Gebaut wurden die beiden Mauern zwischen 1928 und 1932. Die Spitallamm-Mauer galt mit ihrer Höhe von 114 Metern und der Kronenlänge von 258 Metern zur Bauzeit als eine der grössten ihrer Art. Das Staubecken des Grimselsees fasst gesamthaft ein Volumen von 94 Millionen Kubikmetern und ist damit das Herzstück der Energieproduktion der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO). Bald aber wird die Spitallamm-Mauer an Wichtigkeit verlieren.
Im Sommer 2019 begannen nämlich die Arbeiten für eine neue Staumauer am Grimsel. Die Ursache für den Bedarf einer neuen Staumauer liegt in der Art und Weise, wie die bestehende Mauer in den 1920er Jahren gebaut wurde. Damals wurde der Vorsatzbeton auf der Wasserseite separat hochgezogen, was dazu führte, dass der Vorsatzbeton von einer vertikal und horizontal laufenden Bresche vom Massenbeton getrennt wurde. Die beiden Betons konnten sich so nicht zu einem einheitlichen Betonkörper verbinden. Schon bald manifestierte sich eine Bauwerkstrennung. Die Lösung dieses Problems sah man in den 1940er-Jahren in einer Dichtungsinjektion aus Zementmilch. Durch diese Injektion löste sich jedoch die gesamte Schale des Vorsatzbetons vom Rest der Mauer und es entstand ein horizontaler Riss unter der Krone. Im Laufe der Jahre tat sich diese Fuge immer stärker auf. Auch heute nimmt sie noch immer kontinuierlich zu und ist irreversibel. Längerfristig könnte das zu einem Problem werden, das sich nicht mehr im Toleranzbereich befindet.
Warum aber ein Neubau und keine Sanierung der Mauer? Der See müsste bei einer Sanierung der Mauer während der gesamten Bauzeit abgesenkt werden. Da der Grimselsee für die KWO aber das Herzstück der Energieversorgung ist, wäre es aus wirtschaftlichen Gründen nicht angemessen gewesen, so lange auf den See zu verzichten.
Stattdessen wurde ein Neubau der Spitallamm-Mauer geplant. Beim Neubau handelt es sich um eine Doppelbogenmauer, die im Sockelbereich 20 Meter und bei der Krone 8 Meter breit ist. Die Form und der Standort sind so gewählt, dass eine Erhöhung der Mauer zu einem späteren Zeitpunkt ohne spezielle Massnahmen möglich wäre, wenn das Projekt dereinst grünes Licht erhält. Die Mauererhöhung des Grimselsee beschäftigt momentan das Bundesgericht.
Die Aufstockung der Staumauern um 23 Meter würde eine zusätzliche Erhöhung der Seekapazität um 75 Millionen Kubikmeter bedeuten – der See hätte dann also ein Gesamtvolumen von rund 170 Millionen Kubikmetern. Damit könnte man 240 Gigawattstunden Strom vom Sommer in den Winter umlagern. Das entspricht dem Verbrauch von rund 100’000 Haushalten.
Neben der Nutzung von erneuerbarer Energie beinhaltet das Projekt aber noch einen weiteren nachhaltigen Aspekt. Das Ausbruchmaterial – rund 70’000 Kubikmeter Fels – das für die Fundation entfernt werden muss, wird unmittelbar bei der Baustelle zu Beton verarbeitet und so umgehend wiederverwertet. Dazu wird auf der Baustelle ein temporäres Kieswerk eingerichtet.
Die bestehende Spitallamm-Mauer wird aber nach der Fertigstellung der neuen Mauer nicht etwa abgebrochen – die Mauer geniesst nämlich einen gewissen Denkmalschutz. Die Mauer wird stehen bleiben und eingestaut, d.h. dass auch der Zwischenraum zwischen bestehender und neuer Mauer mit Wasser gefüllt wird.
Ein wahrhaftig einzigartiges Projekt, das dazu führt, dass der Grimselsee sich ab 2025 ab zwei Mauerkronen mit ca. 50 Metern Abstand erfreuen darf.