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1969. Richard Nixon wird amerikanischer Präsident, Truppen des Warschauer Pakts zerschlagen den Prager Frühling, Armstrong landet auf dem Mond, der Vietnamkrieg fordert weiterhin Millionen Tote, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung kämpft ein Jahr nach der Ermordung Martin Luther Kings weiter ihren zähen Kampf, die Hippiebewegung überschwemmt mit Flower Power das Land. In Los Angeles wird in diesem Jahr ein Knabe namens Jonathan geboren.
In behütetem Elternhaus wächst er auf, die Eltern sind beide Musiker: die Mutter Lehrerin und freie Flötistin, der Vater Geiger im Los Angeles Philharmonic Orchestra. Jonathans Kindheit ist geprägt von Musik, aber auch vom Interesse der Eltern an asiatischer Kultur und von wachem politischen Bewusstsein.
Politik und Sinologie statt Musik
Nach der Schule entscheidet sich der Jüngling erst einmal nicht für ein Studium der Musik, sondern der Politikwissenschaft und der Sinologie. Allerdings nur kurz: 1989 beendet die chinesische Regierung die keimenden Demokratiewünsche mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz. Jonathan beendet das Studium und fokussiert sich jetzt auf etwas, das ihn schon sein ganzes Leben begleitet hat.
Er geht in ein Konzert nach dem anderen – und hat in New York sein Erweckungserlebnis: Dort erlebt er Leonard Bernstein mit seiner Interpretation einer Sinfonie von Gustav Mahler und ist fortan gefangen. Diese musikalischen Wälder der Orchesterfarben und feinsten Verästelungen will er fortan durchstreifen. Die Hartnäckigkeit und einen starken Willen hat er von daheim mitbekommen. Jetzt entscheidet er sich mit Haut und Haaren für die Musik.
Neue Musik aus dem vermeintlichen Getto befreien
Er beginnt, Komposition und Dirigieren zu studieren, springt noch während seines Studiums für eine Reihe von Konzerten beim Los Angeles Philharmonic Orchestra ein und macht das so gut, dass man ihn weiter einlädt. Und Jonathan Stockhammer («Ich weiss nicht, ob ich naiv war, aber hartnäckig, das schon») will alles: die romantische Oper, das grosse klassisch-romantische Orchesterrepertoire und mehr aber auch die Musik, die jetzt entsteht. Er wird Assistent des Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen und entwickelt sich zu einem charismatischen Orchesterleiter, der auch die vertracktesten Partituren mit einer derartigen Leichtigkeit umsetzt, dass ihm seine Musikerinnen und Musiker «aus der Hand fressen».
Heute zahlt Jonathan Stockhammer den Preis dafür: Er lebt quasi aus dem Koffer, reist von einem Engagement zum nächsten, von einem Orchester zum anderen und wird weltweit gehandelt als einer der besten, bohrendsten und auch charmantesten Anwälte für zeitgenössische Musik. Die er aus ihrem vermeintlichen Getto, in dem sie ohnehin schon lange nicht mehr ist, weiter zu befreien hilft. Perfekt muss sie gemacht sein, die Musik, die uns heute etwas angeht, und in neuen, offenen Konzertformen muss sie daherkommen. Stockhammer arbeitet daran.