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Ein königliches Hochzeitsgeschenk aus dem 16. Jahrhundert begeisterte die Welt vor und nach der Industrialisierung.
Christian Hörack
Dr. Christian Hörack ist Kurator Edelmetall und Keramik Neuzeit im Schweizerischen Nationalmuseum.
Heinrich VIII., König von England, heiratete am 30. Mai 1536 seine dritte Frau Jane Seymour. Er schenkte ihr wohl als Hochzeitsgeschenk einen äusserst prachtvollen Deckelpokal aus Gold, mit Edelsteinen und Perlen geschmückt. Jane Seymour konnte sich jedoch nicht lange daran erfreuen, sie verstarb bereits am 24. Oktober 1537, wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes, dem späteren König Eduard VI. Knapp 100 Jahre später liess schliesslich König Karl I. den inzwischen veralteten, jedoch materiell äusserst wertvollen Pokal einschmelzen. Glücklicherweise sind zwei Darstellungen dieses Pokals, der von Hans Holbein d.J. (um 1497-1543) entworfen worden ist, erhalten geblieben.
Eingeschmolzen und wiederentdeckt
Die erste grosse Weltausstellung «The Great Exhibition» in London 1851 war eine beeindruckende Leistungsschau für zunehmend maschinell hergestellte Güter jeglicher Art. Gleichzeitig wurden Stimmen lauter, die kritisierten, dass vor lauter Begeisterung für den industriellen Fortschritt die Gestaltung all der neuen Dinge stark vernachlässigt würde. Auch ein gewisses Unbehagen am Neuen und die Sehnsucht nach sicheren ästhetischen Werten führte zum verstärkten Studium vergangener Epochen, insbesondere der Gotik und der Renaissance.
So wurden auch Holbeins Gemälde und sein grafisches Werk, darunter seine Entwürfe für Goldschmiede, von einer grösseren Öffentlichkeit wiederentdeckt. Zwei Jahrhunderte nach seiner definitiven Zerstörung wurde der von Holbein entworfene und nur durch die beiden Zeichnungen überlieferte Pokal der Jane Seymour zu einem ganz wichtigen und mehrfach kopierten Vorbild, das nun wieder dem Zeitgeschmack entsprach. Die Londoner Hofgoldschmiede Garrard & Co zeigten an der zweiten Londoner Weltausstellung 1862 einen solchen nach Holbeins Zeichnungen hergestellten Pokal. Durch zeitgenössische Publikationen erlangten Holbeins Entwürfe zusätzliche Bekanntheit und wurden in den grössten Tönen gelobt.
Auch in Luzern war Holbein Vorbild
Er erstaunt nicht, dass sich auch in Luzern ein hochmotivierter und talentierter junger Goldschmied intensiv mit Holbeins Entwürfen auseinandersetzte: Karl Silvan Bossard. Seine Wanderjahre hatten ihn über Freiburg, Genf, Paris und London bis nach New York und Cincinnati (Ohio) geführt. Zurück in Luzern blühte unter ihm die von seinem Vater 1868 übernommene Werkstatt auf. Das war keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der das klassische Handwerk angesichts der neuen industriell arbeitenden Konkurrenz obsolet erschien. Nur durch höchste Qualität in Entwurf und Ausführung liessen sich zahlungskräftige Kunden für die Erzeugnisse eines traditionell arbeitenden Goldschmiedeateliers gewinnen. Begünstigt wurde dieser Erfolg auch durch die gleichzeitige Entwicklung des Tourismus in Luzern mit entsprechend kaufkräftiger nationaler und internationaler Kundschaft.Der Jane-Seymour-Pokal wurde von Bossard mehrfach rezipiert, sowohl in sehr genauen Kopien, aber auch in sehr freien Zitaten. So ist der 1878 angefertigte Deckelpokal mehr als eine reine Kopie des Originals. Der Luzerner wandelte Holbeins ursprünglichen Entwurf ab und ergänzte ihn durch Inschriften und Dekor, die sich auf den Auftraggeber, die Zürcher Zunft zur Waag, beziehen.
Die hohe handwerkliche Qualität der Kopien nach historischen Vorbildern und origineller Eigenkreationen in historischem Stil liessen das Luzerner Goldschmiedeatelier Bossard florieren. Spätestens mit der Auszeichnung durch eine Goldmedaille an der Pariser Weltausstellung 1889 wurde Karl Silvan Bossard weltberühmt.
Vor 14’000 Jahren lag die ganze Schweiz unter einer dicken Eisschicht. Die ganze? Fast. In einigen Höhlen trotzten tapfere Männer und Frauen der eisigen Kälte und legten damit den Grundstein für spätere Entwicklungen.
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