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| Syrische Dichter - Ausgewählte Gedichte des Jakob v. Batnä in Sarug

9. Lobgedicht auf Simeon den Styliten.
9. Lobgedicht auf Simeon den Styliten.
Text: Assemani, Acta mart. II. S. 230 ff.; Bedjan, Acta mart. et sanctorum, tom. IV, S. 650; C. Brockelmann, Syr. Gram. 2. Aufl. Chrest. S. 102*ff.; einzelne Partien sind von H. Zingerle in lateinischen Hexametern übersetzt, ZDMG. 14 (1860) S. 682 ff. Überschrift im Manuskript: „Gedicht des Lehrers Mar Jakob auf den heiligen Mar Simeon, den Säulenheiligen.“ — Teils um die Ausführungen des Panegyrikus richtig zu würdigen, teils um sie zu ergänzen, müssen wir uns die Hauptdaten aus dem Leben dieses merkwürdigen Asketen vor Augen führen1. Simeon ist um das Jahr 390 im Dorfe Sis bei Nikopolis an der kilikisch-syrischen Grenze von christlichen Eltern geboren. In seiner Jugend hütete er die Herden seines Vaters, ohne irgendwelchen Unterricht zu genießen. Die Seligpreisung der Trauernden (Matth. 5, 5) sowie ein merkwürdiger Traum, den er im Gebete hatte, bestimmten ihn, seine Herde zu verlassen und sich dem Asketenleben zu widmen. Er begab sich zunächst zu den in der Nähe wohnenden Mönchen und verbrachte bei ihnen zwei Jahre. Während dieser Zeit scheinen seine Eltern gestorben zu sein und Simeon veräußerte nun sein ganzes väterliches Erbe und verteilte den Erlös unter die Armen und die Klöster. Sodann trat er in ein von Heliodorus geleitetes Kloster bei Teleda ein, wo er ungefähr zehn Jahre zubrachte und sich seiner Neigung zu ungewöhnlicher Askese derart hingab, daß er sich infolge des Unwillens seiner Mitbrüder gezwungen sah das Kloster zu verlassen. Er begab sich nun in das fast verödete Kloster des Maris in der Nähe von Antiochien und ließ sich hier zum ersten Male die ganze Fastenzeit einmauern. Zehn Brote und ein [S. 388] Faß mit Wasser wurden hineingestellt, um ihm zur Erhaltung des Lebens zu dienen. Als man aber nach vierzig Tagen die Türe öffnete, fand man Simeon halbtot am Boden liegen, die Brote aber und das Wasser unberührt. Die vierzigtägigen Fasten wiederholte er von da an regelmäßig jedes Jahr und verschärfte sie allmählich noch dadurch, daß er möglichst lange, schließlich die ganze Zeit hindurch aufrecht stand. Ein Jahr darauf, wahrscheinlich 413, stieg er auf den das Dorf überragenden Berg, welchen heute die Ruinen des Simeonheiligtums krönen, wo ihm ein Priester von Telneschin, namens Daniel, ein Grundstück schenkte, auf dem er sich eine Umfriedung ohne Dach erbaute, die er von nun an nicht mehr verließ. Um sich noch mehr an den Ort zu fesseln, ließ er sich durch eine zwanzig Ellen lange Kette an den Felsen anschmieden; erst die Bemerkung des antiochenischen Chorbischof es Meletius, daß für den Asketen der Wille allein als Fessel genügen müsse, veranlaßte ihn auf die Kette zu verzichten.
Aber er fand sofort ein anderes Mittel, um sich die so gewonnene Bewegungsfreiheit wieder zu nehmen: Er stellte sich nämlich auf einen zwei Ellen (zirka ein Meter) hohen Steinblock, der vier Fuß (zirka eineindrittel Meter) im Geviert Raum bot und ihm fünf Jahre lang als Standort diente. Dann wurden im Laufe der nächsten sieben Jahre immer höhere Postamente gebaut; schließlich bestieg er, nachdem er eine Weile auf einer Säule von zweiundzwanzig Ellen gewohnt hatte, eine von sechsunddreißig bis vierzig Ellen (zirka zwanzig Meter) Höhe, auf welcher er den größten Teil seines Lebens, dreißig Jahre, zubrachte.
Als Grund für diese auffallende und sofort, besonders auch von den Mönchen selber, vielfach angefeindete Lebensweise werden von den alten Biographen wie auch von den modernen Gelehrten verschiedene Motive namhaft gemacht, aber höchstwahrscheinlich leitete Simeon einzig und allein der Wunsch, seine Bewegungsfreiheit noch mehr einzuschränken. Den Anstoß, den die Neuerung in Mönchskreisen erregte, behob er dadurch, daß er sich auf die Aufforderung von seiner Säule herabzusteigen, sofort dazu bereit erklärte. Dar- [S. 389] aufhin erklärten die Mönche, daß sein Vorsatz von Gott sei und ermunterten ihn nun ihrerseits dabei zu beharren.
In seinem asketischen Eifer suchte Simeon die Unbequemlichkeit, welche der ständige Aufenthalt auf der Säule von selbst mit sich brachte, noch mannigfaltig zu verschärfen. Es war ihm noch nicht genug, auf der sehr beschränkten Plattform derselben — nach noch vorhandenen Resten hatte sie ungefähr zwei Meter im Geviert — alle Unbilden der Witterung über sich ergehen zu lassen, um das Maß der Bewegungsfreiheit noch mehr zu beschneiden, ließ er seine Füße derart fesseln, daß er sie weder nach rechts noch nach links bewegen konnte, ja in den ersten Jahren ließ er sich während der Fastenzeit aufrecht an einen Pfahl binden, um die ganzen vierzig Tage stehend zuzubringen. Zu anderen Zeiten aber blieb er durchaus nicht bewegungslos, sondern begleitete seine Gebete durch rhythmische Bewegungen des Oberkörpers derart, daß seine Stirne jedesmal die Zehenspitzen berührte. Solcher Bewegungen soll er zuweilen weit über tausend hintereinander vollführt haben. Es ist klar, daß dem Heiligen mannigfaltige körperliche Schäden aus dieser Lebensweise erwachsen mußten. So hören wir von Verletzungen der Wirbelsäule infolge der ständigen Bewegungen, und das anhaltende Stehen ließ seine Füße aufspringen und Wunden am Unterleib entstehen. Besonders aber hat ihn ein eiterndes Geschwür am linken Fuß viel gequält, welches ringsumher einen üblen Geruch verbreitete und ihm allgemeine Teilnahme zuzog; sogar Theodosius II. und seine Schwester richteten deshalb an ihn ein Schreiben. Er aber ließ kein Heilmittel anwenden und wurde nach neun Monaten plötzlich auf wunderbare Weise davon befreit.
Auf die Wunder einzugehen, die unser Heiliger von seiner Säule aus verrichtet haben soll und von welchen die Lebensbeschreibungen eine große Menge berichten, ist hier nicht der Ort. Ebenso müssen wir es uns versagen, den gewaltigen Einfluß näher zu schildern, den er nicht nur auf die nächste Umgebung, sondern, wir dürfen sagen, auf ganz Vorderasien ausgeübt hat, auf das gewöhnliche Volk wie auch auf die Bischöfe. Patri- [S. 390] archen und selbst den Kaiser. Unser Panegyriker setzt diese Dinge im allgemeinen als bekannt voraus. Man hat auf Grund zweier Briefe, welche das Chalzedonense verfluchen, die Orthodoxie Simeons bezweifelt und ihn des Monophysitismus beschuldigt. Da aber seine Rechtgläubigkeit nach Maßgabe der übrigen Quellen so ziemlich außer Zweifel steht, wird man wohl besser diese Briefe für eine monophysitische Fälschung halten.
Der Tod dieses merkwürdigen Dieners Gottes fällt auf den 1. oder 2. September des Jahres 459. Er verschied — im Gegensatz zu der Angabe unseres Panegyrikus — unbemerkt von seinen Schülern; erst als er zwei Tage regungslos, scheinbar im Gebete auf seiner Säule gelegen hatte, stieg einer seiner Schüler, Antonius, hinauf und fand nun die entseelte Hülle des Meisters. Der kostbare Leichnam wurde vom Patriarchen von Antiochien mit der Geistlichkeit, vom kommandierenden General mit militärischem Gefolge unter großem Pomp in die syrische Hauptstadt übergeführt und dort in der Hauptkirche, später in einer eigenen Kapelle beigesetzt.
Unser Panegyrikus bietet nahezu gar keine Einzelheiten aus dem Leben des Heiligen, und wo er solche erwähnt, stimmen sie genau mit der übrigen Überlieferung überein. Der Dichter hat eben seinen Stoff in poetisch freier Weise aufgefaßt und umgestaltet. Inhaltlich beschränkt er sich darauf, drei Punkte herauszugreifen und dieselben möglichst breit auszumalen: den Ansturm des Teufels gegen den Heiligen, die Amputation des Fußes und den Tod im Kreise seiner Jünger. Die Darstellung selbst ist teilweise hochpoetisch, und gehört, was dichterischen Schwung und Bilderreichtum betrifft, zu dem Schönsten, was die syrische Literatur hervorgebracht hat.
1: Vergl. Hans Lietzmann, Das Leben des hl. Simeon Stylites, Leipzig 1908, wo die Ergebnisse zusammengestellt sind. S. 238 ff. Die nachfolgende Darstellung beruht ausschließlich darauf.