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Annette Hug folgt Tim und Struppi nach Schanghai
Am 14. Januar ist ein Bild des Zeichners Hergé in Paris für 3,2 Millionen Euro verkauft worden. Ein Rekordpreis für ein Werk der Comickunst. Die Illustration von 1936 zeigt einen roten chinesischen Drachen und einen verschreckten Reporter Tim, der sich mit seinem Hund Struppi in einer Vase versteckt. Drei chinesische Schriftzeichen dienen als Dekoration im Hintergrund. Auf dem Titelbild des Bandes «Der blaue Lotus», das dann wirklich gedruckt wurde, fehlen diese Zeichen. Damit die Produktion nicht zu teuer wurde, musste Hergé eine einfachere Version des Bildes erstellen. Chinesisch konnte er nicht, aber er hatte einen chinesischen Freund, der mit ihm in Brüssel Kunst studierte. Zhang hiess er, und unter demselben Namen taucht in «Der blaue Lotus» ein Junge auf, der Tim in Schanghai zur Seite steht.
Der Künstler Zhang Chongren hatte Hergé mit Vorlagen für Schriftzüge, Dekors und Kleider versorgt. Er ist wohl auch nicht unschuldig daran, wie Hergé die Situation im Schanghai der dreissiger Jahre darstellt. In der Hafenstadt, die schon einige Jahrzehnte von Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan als Konzession verwaltet worden ist, treffen Tim und Struppi auf europäische Mandatsträger, die sich mit kriminellen Banden und japanischen Besatzungstruppen bestens verstehen. Aus dem Drogengeschäft ziehen sie Profite. Tim kämpft also an der Seite eines Geheimbunds aufrechter Chinesen, er wird von heimlich vernetzten Rikschafahrern unterstützt, als Retter taucht am Schluss ein Psychiater auf, der nach einer erfolgreichen Universitätskarriere in den USA triumphal nach China zurückkehrt.
Auch der Künstler Zhang Chongren kehrte nach seinem Studium in Brüssel nach Schanghai zurück. Richtig triumphal wurden seine Werke nach der kommunistischen Revolution von 1949. Sein Werdegang ist in einem kleinen Museum zu bewundern, das im Moment gerade unerreichbar weit weg liegt. Im Zentrum Schanghais müsste man die U-Bahn Nummer 1 besteigen und bis zur Endstation Xinzhuang fahren. Nach einer halben Stunde im Bus käme man zur alten Weber- und Färberinnenstadt Qibao. Das ist eine kleine touristische Oase inmitten von Hochhausvierteln. Den Notizen einer vergangenen Reise entnehme ich, dass das Zhang-Chongren-Museum Fotos zeigt, auf denen der Künstler beim Signieren von Tim-und-Struppi-Heften zu sehen ist, aber auch Replika von Statuen im Stil des sozialistischen Realismus. Zhang gestaltete nicht nur Bronzebüsten für die Partei- und Staatslenker Mao Zedong und Deng Xiaoping, auch der französische Präsident François Mitterrand wollte 1988 von ihm verewigt werden.
Wie Zhang Chongren den Übergang aus der intellektuell offenen Republikzeit in die Kulturrevolution und dann in die marktwirtschaftliche Ära geschafft hat, bleibt im Museum undeutlich. Die politischen Verwicklungen seiner künstlerischen Biografie, die lange vor dem Zweiten Weltkrieg in einem jesuitischen Waisenhaus in Schanghai begann, sind so verwickelt wie die Geschichte vom blauen Lotus. Dazu passt, wie die Faust aufs Auge, ein minimalistisches kleines Panel. Tim muss in Schanghai gerade fliehen. Vor einem pechschwarzen Hintergrund heben sich nur zwei Sprechblasen ab: «Folgen Sie mir?», fragt jemand, und jemand antwortet: «Ja, ich folge Ihnen, Herr Wang.»
Annette Hug ist Autorin in Zürich und geht gerade nirgendwo hin.