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Seit 200 Jahren gibt es zwei Denkrichtungen darüber, was die Einkommensverteilung bestimmt – und wie eine Volkswirtschaft funktioniert. Die eine, die auf Adam Smith und die liberalen Ökonomen des 19. Jahrhunderts zurückgeht, konzentriert sich auf durch Konkurrenz geprägte Märkte. Die andere, die erkannte, dass Smiths Form des Liberalismus zu einer raschen Konzentration von Vermögen und Einkommen führt, setzt als Ausgangspunkt bei der Tendenz unregulierter Märkte zur Monopolbildung an.
Es ist wichtig, beide diese Denkschulen zu verstehen, denn unsere Ansichten über die Politik der Regierungen und die bestehenden Ungleichheiten werden dadurch geprägt, welche der beiden Denkschulen nach unserer jeweiligen Sicht die Realität besser beschreibt.
Sparen wird belohnt
Für die Liberalen des 19. Jahrhunderts und ihre ihnen nachfolgenden Anhänger stehen, da die Märkte durch Wettbewerb bestimmt sind, die Erträge der einzelnen Wirtschaftsteilnehmer mit ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Beitrag in Verbindung – ihrem «Grenzprodukt», wie es die Ökonomen nennen. Kapitalisten würden dafür belohnt, dass sie sparen statt zu konsumieren – für ihre Abstinenz, wie es Nassau Senior, einer meiner Vorgänger auf dem Drummond-Lehrstuhl für politische Ökonomie in Oxford, genannt hat.
Einkommensdifferenzen seien daher durch ihr Eigentum an «Vermögenswerten» – Human- und Finanzkapital – bedingt. Wer die Ungleichheit erforschte, konzentrierte sich daher auf die Determinanten der Vermögensverteilung, einschliesslich der Frage, wie Vermögen von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Liberale Denkschule im Westen
Die zweite Denkschule nimmt als ihren Ausgangspunkt die «Macht», einschliesslich der Fähigkeit, Monopolmacht oder, auf den Arbeitsmärkten, Autorität gegenüber den Arbeitnehmern auszuüben. Wissenschaftler in diesem Bereich haben sich darauf konzentriert, was Macht hervorbringt, wie sie aufrechterhalten und verstärkt wird, sowie auf andere Faktoren, die die Konkurrenz am Markt unterbinden. Arbeiten über Ausbeutung, die sich auf eine asymmetrische Informationsverteilung stützt, sind ein wichtiges Beispiel hierfür.
Im Westen hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die liberale Denkschule dominiert. Doch mit zunehmender Ungleichheit und angesichts der wachsenden Sorge darüber ist die beim Wettbewerb ansetzende Schule, die den Einzelnen unter dem Gesichtspunkt seines Grenzproduktes betrachtet, immer weniger in der Lage, die Funktionsweise der Wirtschaft zu erklären. Daher ist heute die zweite Denkschule im Aufstieg begriffen.
Hohe Boni sind störend
Schliesslich sind die hohen Boni, die den Geschäftsleitungsmitgliedern der Banken gezahlt wurden, während diese ihre Unternehmen in den Ruin und die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs führten, schwer mit der Überzeugung zu vereinbaren, dass die Bezahlung einer Person irgendetwas mit ihren gesellschaftlichen Beiträgen zu tun hat.
Und natürlich zeigt die Unterdrückung grosser Gruppen – von Sklaven, Frauen und Minderheiten unterschiedlichster Art – offensichtliche Beispiele auf, bei denen Ungleichheiten das Ergebnis von Machtbeziehungen und nicht von Grenzerträgen sind.
Wettbewerb spielt nicht
In der heutigen Wirtschaft lassen sich viele Sektoren – Telekommunikation, Kabelfernsehen, digitale Branchen von den sozialen Medien bis hin zu Internetsuche, Krankenversicherungen, Pharmaunternehmen, die Agrarindustrie und so weiter – nicht durch die Linse des Wettbewerbs begreifen. In diesen Sektoren ist der Wettbewerb, soweit er denn besteht, oligopolistischer Art; er ist nicht jener «reine» Wettbewerb, wie er in den Lehrbüchern beschrieben wird.
Ein paar Sektoren lassen sich als «preisnehmend» definieren; die Unternehmen sind hier so klein, dass sie keine Auswirkungen auf den Marktpreis haben. Die Landwirtschaft ist das eindeutigste Beispiel, doch werden die Preise dort aufgrund massiver staatlicher Interventionen innerhalb des Sektors nicht primär durch die Marktkräfte bestimmt.
In den meisten Branchen zeigen die Standardmessgrössen laut CEA grosse – und in einigen Fällen dramatische – Anstiege der Marktkonzentration auf. Der Anteil der zehn grössten Banken am Depositenmarkt etwa hat sich in nur 30 Jahren, von 1980 bis 2010 von rund 20% auf 50% erhöht.
Microsoft als Beispiel
Ein Teil dieser Zunahme der Marktmacht ist das Ergebnis von Änderungen im Bereich der Technologie und der Wirtschaftsstruktur: Man betrachte etwa Netzwerkeffekte und das Wachstum von Branchen, die lokal Dienstleistungen erbringen.
Ein Teil beruht darauf, dass Unternehmen – Microsoft und die Arzneimittelhersteller sind gute Beispiele hierfür – gelernt haben, wie man besser Markteintrittsbarrieren errichtet und aufrechterhält; sie werden dabei häufig von konservativen politischen Kräften unterstützt, die eine lasche Durchsetzung des Kartellrechts und Versäumnisse bei der Beschränkung der Marktmacht damit rechtfertigen, dass Märkte «von Natur aus» durch Konkurrenz bestimmt seien.
Unverhüllter Missbrauch der Marktmacht
Und ein Teil spiegelt den unverhüllten Missbrauch und die Ausnutzung von Marktmacht über den politischen Prozess wieder: Die Grossbanken etwa haben den US-Kongress dazu gebracht, Gesetze, die das Depositengeschäft von anderen Teilen des Finanzsektors trennten, zu ändern oder aufzuheben.
Die Folgen sind aus den Daten abzulesen; die Ungleichheit steigt auf allen Ebenen, nicht nur zwischen natürlichen Personen, sondern auch zwischen Firmen. Der CEA-Bericht stellt fest, dass die «Kapitalrenditen von Unternehmen des 90. Perzentils mehr als fünfmal so hoch sind wie der Medianwert. Noch vor einem Vierteljahrhundert lag dieses Verhältnis näher an zwei.»
Schumpeters Fehler
Joseph Schumpeter, einer der grossen Ökonomen des 20. Jahrhunderts, argumentierte, dass man keine Angst vor der Macht der Monopole haben sollte: Monopole wären nur eine temporäre Erscheinung. Es würde einen erbitterten Wettbewerb um den Markt geben, und dieser würde den Wettbewerb innerhalb des Marktes ersetzen und gewährleisten, dass die Preise niedrig blieben.
Meine eigenen theoretischen Arbeiten haben bereits vor langer Zeit die Fehler in Schumpeters Analyse aufgezeigt und werden nun durch die empirischen Resultate in umfassender Weise bestätigt. Die heutigen Märkte sind durch anhaltend hohe Monopolgewinne gekennzeichnet.
Profunde Implikationen
Dies hat profunde Implikationen. Viele der Annahmen über Marktökonomien beruhen auf der Akzeptanz des Wettbewerbsmodells, bei dem die Grenzerträge den gesellschaftlichen Beiträgen entsprechen. Diese Sichtweise hat zu Zögerlichkeit in Bezug auf offizielle Interventionen an den Märkten geführt: Wenn Märkte im Grunde effizient und fair sind, gibt es kaum etwas, das selbst die besten Regierungen tun könnten, um die Lage zu verbessern.
Doch wenn die Märkte auf Ausbeutung beruhen, verschwindet die Rechtfertigung für eine Politik des Laissez-faire. Tatsächlich ist der Kampf gegen etablierte Macht in diesem Fall nicht nur ein Kampf für die Demokratie, sondern auch ein Kampf um mehr Effizienz und gemeinsamen Wohlstand.
Aus dem Englischen von Jan Doolan
*Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie. Er ist Professor an der Columbia University und Chefökonom des Roosevelt Institute.