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Von Dr. Erich K. Ritter

Der Bullenhai (Carcharhinus leucas).
© Hai-Stiftung
Bullenhaie (Carcharhinus leucas) sind nahezu weltweit in
tropischen und subtropischen Gewässern zu finden, wobei sie sich bevorzugt in Flussnähe
oder sogar in den Flüssen selbst aufhalten. Sie gehören zu den wenigen Arten, die auch im
geschlechtsreifen Zustand im Süsswasser leben können. So findet man sie in verschiedenen
Flüssen wie zum Beispiel dem Mississippi, dem Amazonas oder dem Sambesi. Im Mississippi trifft
man Bullenhaie bis hinauf nach Illinois, und im Amazonas bis zu 3 500 km landeinwärts an. Aber
auch in Süsswasserseen wie dem Nicaragua- oder auch dem Izabelsee (Guatemala) gibt es Bullenhaie.
Dabei handelt es sich nicht um Einzeltiere, sondern meistens um ganze Populationen. Ihre Fähigkeit
unterschiedliche Salzgehalte zu ertragen, macht sie aber auch in Brackwassersystemen zu einer der
häufigsten Haiarten, wie zum Beispiel im Indian River System bei Cape Canaveral (Florida).
Bullenhaie leben oft so lange im Süsswasser, dass sich ihr Stoffwechsel dem fehlenden Salz
anpasst.
Bullenhaie können bis zu 350 cm lang und 230 kg schwer
werden. Gerade ihre massige Gestalt ist dabei sehr auffallend. Weiter fällt auch ihre kurze
und runde Schnauze auf. Entgegen anderen Grauhaiarten der Familie Carcharhinidae haben Bullenhaie
auffallend kleine Augen. Das auffälligste Merkmal ist jedoch die erste Rückenflosse, die
wie ein gleichseitiges Dreieck geformt ist. Der Körper ist blass gefärbt, mit dunkelgrauem
Rücken und weissem Bauch. Die Flossenenden sind bei Jungtieren schwarz, diese Färbung
verschwindet allerdings mit zunehmendem Alter.
Bullenhaie haben ein sehr breites Nahrungspektrum, das von
Knochenfischen, Weichtieren und Krebsen, bis hin zu anderen Haiarten und Rochen reicht. Bullenhaie
gehören zu den wenigen Arten, die auch kannibalistisch sind und Artgenossen fressen.
Wie alle anderen Vertreter der Familie der Carcharhinidae sind
auch die Bullenhaie lebendgebärend und bekommen 1-13 Junge pro Wurf. Die Schwangerschaft
dauert 10 -11 Monate. Männchen erreichen die Geschlechtsreife mit einem Alter von zirka
14 - 15 Jahren, Weibchen erst mit zirka 18 Jahren. Obwohl Bullenhaie keine eigentliche Aufzucht
betreiben, bringen sie, ebenso wie die meisten anderen Haiarten, ihre Jungen in geschützten
Küstenregionen zur Welt. Entsprechend findet man junge Bullenhaie in den flachen Regionen
vieler Uferzonen rund um die Welt. Diese Kinderstuben erhöhen die Wahrscheinlichkeit des
Überlebens der Jungtiere. Bullenhaijunge wachsen sehr langsam und sind entsprechend lange der
Gefahr von Räubern ausgesetzt, wobei grössere Haie die Hauptgefahr darstellen.
Grössere Räuber vermeiden jedoch die flachen Regionen.
Da diese Haiart sich bevorzugt in ufer- und
küstennahen Regionen aufhält, wird sie oft Opfer der Küstenfischerei.
Meistens werden sie mit Langleinen befischt, tauchen jedoch auch häufig als Beifang auf.
Obwohl Bullenhaie auf der Liste der gefährdeten Arten momentan nur den Status geringes Risiko
(IUCN-Status: lower risk) haben (siehe auch Artikel «Haischutz ohne Biss» in dieser Ausgabe),
muss angenommen werden, dass sie in absehbarer Zeit den bedrohten (IUCN-Status: endangered) Zustand
erhalten werden. Nicht zuletzt auch weil die Kinderstuben dieser Art mehr und mehr durch Menschenhand
zerstört werden.
Da Bullenhaie sich oft in Flüssen oder Mündungsgebieten
aufhalten, kann es zu Unfällen mit Menschen kommen. Entsprechend haben Bullenhaie in
verschiedenen Regionen dieser Erde einen eher schlechten Ruf. In Südafrika sind sie
beinahe ebenso gefürchtet wie die Weissen Haie (Carcharodon carcharias) Dabei ist es
nicht immer leicht festzustellen, welche der beiden Arten in einen Unfall verwickelt war. Die
Unfallopfer können sich selten genau an den Hergang erinnern und ihre Beschreibungen des
Hais sind oft ungenau. Entsprechend kann nach einem Unfall die Haiart oft nur noch anhand der
Bissspuren festgestellt werden. Bullenhaie und Weisse Haie haben aber sehr ähnliche,
dreieckige Zähne.

A: Kiefer eines Bullenhais (Carcharhinus leucas).
B: Kiefer eines Weissen Hais (Carcharodon carcharias).
© Hai-Stiftung
Literatur:
Branstetter, S. und R. Stiles (1987). Age and growth estimates of the bull shark,
Carcharhinus leucas, from the northern Gulf of Mexico. Env. Biol. Fish. 20 (3): 169 - 181.
Compagno. L. V. (1984). FAO Species Catalogue. Sharks of
the World: Vol 4, Part 2: 478 - 481.
Cliff, G. und S. Dudley (1991). Sharks caught in the
protective gill nets off Natal, South Africa. 4. The bull shark Carcharhinus leucas Valenciennes.
S. Afr. J. Mar. Sci. 10: 253 - 270.
Ritter, E. K. (1996). Evolution of sharks: hints
for successful management strategies. Shark News: 6.
Thorson, T .B. (1971). Movement of the bull shark,
Carcharhinus leucas, between the Caribbean sea and Lake Nicaragua demonstrated by
tagging. Copeia 2: 336-338.
* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe
und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. Erich K. Ritter