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«Wir wissen nicht, weshalb eine Person eine homosexuelle Struktur entwickelt»
November 30, 2019
Bei der Tagung der Methodist/innen in Bern zeigte der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Roland Stettler, welche Einsichten in der aktuellen psychologischen Forschung zu Fragen der Homosexualität zu finden sind.
Dr. Roland Stettler zeigte in seinem Vortrag beim Studientag «Bibel, Kirche – Homosexualität» der Methodist/innen in Bern, nach welchen beiden Grundansätze in der psychologischen Forschung versucht wurde, die sexuelle Entwicklung von Menschen zu verstehen: Essentialistische Theorien verstünden die Entwicklung von hormonellen, genetischen Vorgaben her, während sozial-konstruktivistische Theorien die sexuelle Orientierung hauptsächlich als Produkte der Sozialisation und Erziehung verstünden. Stettler selbst stellte das Bio-psychosoziale Modell vor, das versucht, die biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren in ihrem komplexen Zusammenwirken zu verstehen.
Unbeantwortete Fragen
Weil der Begriff der «sexuellen Orientierung» nicht eindeutig definiert ist, seien Zahlen darüber, wieviele Personen eine homosexuelle Orientierung haben, unterschiedlich. Stettler zeigte Zahlen einer amerikanischen Studie, derzufolge etwa 1.3% der Frauen und 1.9% der Männer sich als homosexuell bezeichnen. Zahlen, die über die zurückliegenden Jahre konstant geblieben sind. Die Ursachen für eine homosexuelle Orientierung seien trotz zahlreicher wissenschaftlicher Studien ungeklärt. «Bis heute wissen wir nicht, weshalb eine Person eine homosexuelle, bisexuelle oder heterosexuelle Struktur entwickelt», sagte Stettler. Die Entwicklung sei das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von biologischen Faktoren und Umwelteinflüssen. Klar aber sei: «Homosexualität ist keine Krankheit. Das ist heute die klare Haltung aller relevanten aller psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaft», betonte Stettler.
Irrwege der Therapie
Aber ist sexuelle Orientierung veränderbar? – Die verschiedenen Formen der «Konversions-» bzw. «reparativen Therapien», denen sich homosexuelle Personen während langer Zeit haben unterziehen müssen, würden heute als sehr problematisch angesehen. Erfolge stellten sich nicht ein, die psychische Situation der Betroffenen habe sich im Gegenteil verschlechtert. Manches Mal seien graduelle Veränderungen möglich gewesen, so dass Personen anders mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen konnten. Nicht möglich wurde jedoch eine kategoriale Veränderung, so dass sich die sexuelle Orientierung der Personen geändert hätte. Entsprechende manches Mal dennoch vorgebrachte «Studien» würden wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen, sagte Stettler.
Atmosphäre der Gnade
Die grosse Herausforderung für christlichen Kirchen bestehe darin, wie sie mit Menschen umgehe, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in einen inneren Konflikt mit ihren religiösen Überzeugungen kommen. «Wo finden junge Menschen in unseren Gemeinden eine Ansprechperson, die mit den in ihre aufbrechenden Fragen kompetent umgehen kann?», fragte Stettler. Hier brauche es eine «Atmosphäre der Gnade», die nicht durch theologische Grundsatzentscheide entstehe, «sondern durch die Art und Weise, wie wir diese Fragen diskutieren und in dieser und anderen Fragen miteinander umgehen.»
S.F.
Beitragsbild: EMK Schweiz / sf
Vortrag von Dr. Roland Stettler
(Es gilt das gesprochene Wort)