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Mittheilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins 1886
Mittheilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins. Neue Folge. Band II.
Red. Joh. Eramer. München 1886.
Seitdem die Mittheilungen des D. und Oe. A. V. in ihrer neuen Gestalt erscheinen, verschiebt sich der Schwerpunkt der Zeitschrift mehr und mehr auf die naturhistorische, topographische und ethnographische Erforschung der Alpen, ohne daß indessen, wie dies z.B. beim Bolletino des italienischen Alpenclub der Fall ist, über der wissenschaftlichen Alpenkuude die praktische ganz vernachlässigt würde. Wir finden vielmehr Unter den 21 Arbeiten, welche der ebenso reichhaltige, wie reich ausgestattete 17. Band der Zeitschrift bringt, mehrere werthvolle Berichte über Bergfahrten: Frau Hermine Tauscher, das berg- und federgewandte Ehrenmitglied unserer Section Rhätia, schildert in der ihr eigenen liebenswürdigen und launigen Weise die improvisirte Traversirung des Fluchthorn^ von Val Tasna zur Jamthalhütte. Herr L. Purtscheller erstattet Bericht über Bergfahrten in den Berchtesgadener Alpen ( 13. und 14. Juni 1885 mit dem Führer Preiß aus Ramsau ): die Ersteigung des Großen Watzmanns von St. Bartolomäus, eine Kletterpartie ersten Ranges, und diejenige des Hochkalter vom Wimbachthal aus, mit welcher die erste Bezwingung der Blaueisspitze verbunden wurde. Herr A. Spiehler setzt seine Schilderungen aus den Leoh-thaleralpen fort und schließt an die orographische Uebersicht der Gruppe der Wetterspitze die Schilderung seiner Besteigungen in derselben: Wetterspitze, Roth-schrofenspitze und Greutjochspitze. Herr P. Grohmann führt uns in die Dolomite und gibt uns ein Itiucrar der Gipfel und Pässe der Dolomite zwischen Ampezzo und dem Lago d' Alleghe. Prof. Schulz in Leipzig schließt an seine interessante Studie über die Erschliessung des Dauphiné in wissenschaftlicher und touristischer Beziehung den Bericht über die Besteigung der Barre des Ecrins, die er am 13. August 1885 mit Herrn L. Purtscheller und einigen französischen Officieren ausgeführt hat, und als Nachzügler ganz am Schlüsse des Bandes erscheint Dr. G. Lammer mit seiner führerlosen Traversirung des Schreckhorns von Südost nach Nordwest, die ihm und Hrn. A. Lorria am 10. August 1885 nach mehreren abgeschlagenen Versuchen gelungen ist. Von den wissenschaftlichen Arbeiten erwähnen wir Dr. K. Haushofers klare, einfach gehaltene Abhandlung über die Entstehung der Alpen durch Faltung in Folge Contraction des Erdkörpers, Dr. Julius Hann's meteorologische Arbeit über die Vertheilung der Wärme in den Ostalpen, Franz Suda's Untersuchungen über die Lavini di Marco im südlichen Etschthal, deren Trümmergewirr er als Moränenbildung des alten Lenogletsehers erklärt, F. Seeland's Studien am Pasterzengletscher 1885 ( VII. Fortsetzung ), Carl Gsaller's Studie zur Orometrie und Nomenclatur der Stubaier Alpen und Ed. Bruckner's orometrische Arbeit über die Hohen Tauern und ihre Eisbedeckung, welch'letztere seit Sonklars Aufnahmen 1860—63 bis zu den Messungen für die österreichische Specialkarte ( 1: 75,000 ) 1871—72 um volle 14 °,o abgenommen hat. Im Uebrigen finden wir vier Berichte aus dem Volksleben der Alpen von den Herren F. L. Hoffmann, Hans Grasberger, R. Waizer und Dr. A. Lieber, eine Studie über das Alpenmurmelthier von A. Zimmeter und eine historische Arbeit Dr. Oster's über eine Bergfahrt Philipps III. von Macédonien, der im Jahre 181 a. C. einen Gipfel des Hämus, nach des Autors Untersuchungen wahrscheinlich den 2800™ hohen Rilo Dagli im Rhodopegebirge, bestiegen hat. Die größte und zugleich die werthvollste Arbeit des ganzen Bandes aber ist die Monographie des Wendelsteins ( Obcrbayern, zwischen Inn und Leitzach ) von Prof. Dr. F. Ratzel, welche Nomenclatur und Geschichte, Geographie und Volkswirthschaft, Land und Leute dieses Bergstockes behandelt und durch die meteorologischen Beobachtungen auf dem Wendelstein von Dr. F. Erk und die Arbeit Dr. Dingler's über die Pflanzendecke des Wendelsteins ergänzt wird.
Unter den 20 Beilagen sind hervorzuheben die Specialkarte ( 1: 50,000 ) der Berchtesgadener Alpen in Curven und Schraffen mit senkrechter Beleuchtung, die Tafeln zu F. Suda's Studie über die Lavini di Marco, die prächtigen Obernetter'schen Lichtkupferdrucke der Civetta und des Wendelsteins nach E W. Comptons Zeichnungen und des Col du Géant nach V. Sella's Photographie, die Panoramen des Speikbodens bei Taufers von Prof. O. v. Siegl und des Wendelsteins von II. Baumgavtner und mehrere zum Theil sehr gute Holzschnitte und Heliographien. Außerdem finden sich 20 Figuren und Abbildungen im Text. Eine werthvolle Beigabe jedoch, welche die früheren Bände aufzuweisen hatten, vermissen wir leider bei dem 17. Bande, es ist dies die von dem Redactor Herrn A. Trautwein zusammengestellte alpine Bibliographie, die hoffentlich im nächsten Bande der Zeitschrift wieder ihren altgewohnten Platz einnehmen wird. Die Mittheilungen sind, wie schon früher gesagt wurde, zunächst dazu bestimmt, den Verkehr zwischen dem Centralausschuß und dem Alpenverein, sowie zwischen den Sectionen unter sich zu vermitteln, alpine Zeit- und Streitfragen zu besprechen und Neuigkeiten aller Art, welche für alpine Kreise Interesse bieten, rasch zu verbreiten. Sie bilden deshalb eine willkommene Ergänzung zur Zeitschrift, die bei ihrer Erscheinungsweise als Jahrbuch unmöglich mit den Tagesereignissen Schritt halten kann. Der Inhalt gliedert sich, ähnlich wie bei der Rivista mensile, in kurze wissenschaftliche und touristische Mittheilungen, Notizen über Weg- und Hüttenangelegenhciten, Führer-, Verkehrs- und Unterkunftswesen, alpine Ausrüstung, Unglücksfälle u. s. w.; ferner finden wir Personalnachrichten, Miscelici ), Literatur- und Kunstnotizen und in der Rubrik Vereinsangelegenheiten die Circulare des Centralausschusses, Sectionsnach-richton, Berichte über Sectionsausflüge und Vorträge, sowie Mittheilungen aus anderen alpinen Vereinen. Außerdem enthält jede der 24 Nummern gleichsam als Leitartikel einen kleineren Aufsatz, bald touristi- scher, bald mehr wissenschaftlicher Natur, auf welche näher einzutreten uns Zeit und Raum nicht gestatten, so werthvoll die meisten derselben, namentlich die Beiträge der Herren v. Gumppenberg, Kugy, Purtscheller, Merzbacher, Penck, Dalla Torre, v. Stengel u.a. sind, und so sehr andrerseits Dr. G. Lammer's „ Im Schneesturm auf die Dent Blanche " die Kritik herausfordert, eine Forderung, der übrigens Professor K. Schulz in Leipzig durch die Parodie: Auf das Steinbockhorn in Sturm und Graus ( Leipzig 1886 ), schon in gelungenster Weise gerecht geworden ist. Dem geschäftlichen Theile der Mittheilungen entnehmen wir, daß der Verein am Schlüsse des Berichtsjahres 139 Sectionen mit 18,400 Mitgliedern zählte, und daß er nach dem Cassenbericht in Nr. 2 des Jahrgangs 1887 ein Einkommen von 108,270 M. besaß, von dem nicht weniger als 76,479 M. für die Vereinspublicationen, Zeitschrift und Mittheilungen, verwendet werden konnten! Die Leitung des gewaltigen Vereins ist am 1. Januar des Berichtsjahres von der Section Salzburg an die Section München übergegangen, und an der Spitze des Centralausschusses stehen als erster und zweiter Präsident die Herren Dr. K. A. von Zittel und Freiherr von Räsfeldt, denen sowie den übrigen Mitgliedern des Ausschusses und namentlich den beiden Redactoren Th. Trautwein und Dr Joli. Emmer herzlich zu der gesunden kräftigen Entwicklung des unter ihrer Leitung stehenden Vereins und dem Gedeihen seiner Publicationen zu gratuliren ist.
Red.