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3 Fragen an den Journalisten Carlos Gabetta
Mit politischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen aus Lateinamerika und Europa beschäftigt er sich bereits das ganze Leben. Während der argentinischen Diktatur als Journalist bedroht, musste er 1976 Lateinamerika verlassen und ging nach Frankeich ins Exil. Dort arbeitete er unter anderem für die Agentur France Presse. Nach rund zehn Jahren kehrte Carlos Gabetta nach Argentinien zurück und wurde Chefredakteur von Le Monde Diplomatique in Buenos Aires, wo er heute noch lebt. Der 77-Jährige macht sich über die jetzige Lage in Lateinamerika Sorgen.
Corona hat die Welt verändert. Wie hat das letzte Jahr Lateinamerika getroffen?
Covid betrifft jedes Land der Welt. Doch je weiter sich der Virus ausbreitet, je mehr neue Varianten auftauchen, desto dramatischer wird die Situation in den Ländern der sogenannten «Dritten Welt», zumal diese Länder von Anfang an schlechter dran waren. Die wirtschaftliche und soziale Situation, die schon vor der Krise nicht gut war, hat sich nun noch mehr verschlechtert. In Argentinien, einem der reichsten Länder, ist die Armut seit März 2020 von 35 auf 49 Prozent gestiegen. Während die extreme Armut, das heisst der absolute Mangel an Ressourcen, mittlerweile acht Prozent der Bevölkerung erreicht hat. Diese Entwicklung ist in allen lateinamerikanischen Ländern zu beobachten, klar, mit zum Teil erheblichen Abweichungen.
Wie konnte bislang Lateinamerika im Vergleich zu Europa gegen die Krise angehen?
Auf eine sehr nachteilige Weise, wegen der Ungleichheiten und wegen der fast nicht vorhandenen oder begrenzten Gesundheitssysteme und der oft fehlenden staatlichen Hilfen. Um noch einmal das argentinische Beispiel aufzugreifen: Das öffentliche Gesundheitssystem, das das ganze Land abdeckt und den Ruf hat, effizient zu sein, obwohl es seit Jahren nicht mehr gut funktioniert, ist in mehreren Provinzen bereits am Limit, einschliesslich in der Hauptstadt Buenos Aires. Die lateinamerikanische Ausnahme ist Kuba. Das Land leidet zwar unter der Pandemie, aber es hat sogar einen eigenen Impfstoff entwickelt. Kurzum: Fehlendes Planen und Vorausdenken sowie allgemein die Ineffizienz der meisten Regierungen in Lateinamerika hat zu Schwierigkeiten geführt, auch wenn es um die Beschaffung von Impfstoffen geht. Diesbezüglich können wir uns also auf weitere Probleme gefasst machen.
Dies die Frage denn auch: Was muss Lateinamerika in den nächsten Monaten erwarten? Eine Prognose, bitte.
Es ist vernünftig, erst mal das Schlimmste zu erwarten: eine schwere wirtschaftliche und soziale Krise sowie politische Instabilität. Doch an dieser Stelle kann der Blick nicht nur auf die lateinamerikanische Region gerichtet werden. Diese Pandemie ist die schwerste globale Gesundheitskrise des letzten Jahrhunderts. Wenn die Dritte Welt ohne Impfstoffe bleibt, was wird dann aus den westlichen Ländern, die massiv impfen und hoffen, die Pandemie bald unter Kontrolle zu haben? Wenn die Dritte Welt infiziert bleibt, wird auch die Erste Welt die Folgen zu spüren bekommen. Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass die UNO, die UNESCO und andere internationale Organisationen globale Massnahmen zur Verteilung von Impfstoffen ergreifen, zudem auch wirtschaftliche Hilfen für alle Länder garantieren. Zum Beispiel gibt es genug Geld in den «Steuerparadiesen». Indem man multinationale Konzerne und Milliardäre besteuert, könnte man eine globale Lösung für diese Krise anstreben.
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