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Neues Glück
Sie stieg langsam die Treppe hinauf. Der Schreck von heute morgen sass ihr immer noch in den Gliedern. Eine Weile blieb sie stehen, hielt sich am Geländer fest, die Knie zitterten. Sie schaute sich um. Wie verwahrlost das Haus doch war. Das Treppengeländer wackelte, der Teppichbelag war abgetreten. Fäden hingen aus ihm heraus. Die Gefahr bestand, dass man sich in ihnen verfing und rücklings die Treppe hinunterstürzte. Die Wände waren seit Jahren nicht mehr tapeziert worden. Die Tapete war mit nichtsagenden Kritzeleien beschmiert. Man konnte meinen, dass jeder, der irgendwann einmal hier vorbeigestiegen war, sich auf ihnen verewigt hatte.
Als sie vor dreissig Jahren zu Egon in dieses Haus gezogen war, hatte es noch gepflegt ausgesehen. Ein Hausmeister kümmerte sich um alles. Trotzdem mochte Irma anfangs das Haus und die Wohnung nicht. Egon jedoch hing an diesem Gebäude. Bereits als Kind hatte er hier gelebt und spielte bei regnerischem Wetter im Hausgang mit den Nachbarskindern. Wie oft hatte er Irma beschrieben, wie er hinter der Kellertür seine erste grosse Liebe mit einem zarten Kuss verzaubert hatte. Immer wieder erzählte er die Geschichte, bis Irma sie nicht mehr hören konnte und einen tiefen Seufzer ausstiess, wenn er zu erzählen begann. Wann immer sie in den Keller ging rechnete sie damit, dass ihr diese sagenumwobene Person hinter der Türe auflauerte und sie hämisch angrinste. Deshalb schickte sie Egon hinunter, wenn etwas aus dem Vorratskeller benötigt wurde.
Diese Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, während sie angestrengt die Treppe hochstieg. Vor der Wohnungstür angekommen, kramte sie den Schlüssel aus ihrer abgewetzten braunen Handtasche und öffnete umständlich die Tür. In der Regel kam Egon vor ihr nach Hause, sass dann bereits in seinem bequemen Sessel, hatte die Beine weit von sich gestreckt und las konzentriert in der Zeitung. Dann war er nicht ansprechbar und wenn Irma es doch einmal wagte, fuhr er sie an.
In früheren Zeiten hatte er sie jeden Abend liebevoll begrüsst, aber das tat er schon lange nicht mehr. Sie konnte sich nicht erinnern, wann die Zärtlichkeit zwischen ihnen aufgehört und die Gleichgültigkeit Einzug gehalten hatte. Als sie die Wohnung betrat, rief sie kurz einen guten Abend in den Raum. Üblicherweise kam ein knorriges Hallo zurück, aber jetzt blieb es still. Egon war also noch nicht nach Hause gekommen.
Ihren Mantel, der von der Witterung schon sehr abgenützt war, hängte sie an den Haken, gleich neben dem Spiegel. Ihr Blick blieb an ihrem eigenen Spiegelbild hängen. Sie erschrak. Kaum zu glauben, wie sie sich in den vergangenen Jahren verändert hatte. Zum ersten Mal nahm sie wahr, wie rund ihre Hüften geworden waren. Die blassgelbe Gesichtsfarbe unterstrich ungünstig ihr schlaffes Doppelkinn, die tiefen Runzeln auf der Stirn und die faltigen Augenlider. Das Haar schaute strähnig unter dem altmodischen Hut hervor. Schnell nahm sie ihn ab und fuhr mit einer fahrigen Geste durch ihre Frisur, so als wollte sie die vergangenen Jahre ungeschehen machen, nahm dann die Einkauftasche auf, die sie beim Eintreten in die Wohnung neben sich gestellt hatte, drehte sich um und lief in die Küche.
Egon musste gleich kommen und das Abendessen sollte dann bereit sein. Es war mitten in der Woche, trotzdem wollte sie ihm sein Lieblingsessen kochen und den Tisch nett decken. Sie würde die Plastiktischdecke durch eine aus Stoff tauschen, das Sonntagsgeschirr wieder einmal aus dem Schrank holen und Kerzen aufstellen und sie würde sogar eine Flasche Wein öffnen, die sie in der Weinhandlung, gleich gegenüber der Wohnung, für teures Geld erstanden hatte. Es war französischer Wein, einer von der Sorte, die Egon besonders gern trank.
Einmal hatte er ihr gesagt, wenn er Wein aus Frankreich trinke, dann komme er sich wie im Schlaraffenland vor. Heute Abend wollte sie ihren Egon dorthin entführen. Sie malte sich aus, wie er sie in den Arm nehmen würde, um ihr für den guten Einfall zu danken.
Sie sah auf die Uhr. Es war schon weit nach sechs. Egon war noch nicht zu Hause. Das wunderte sie, denn er war ein pünktlicher Mensch. Man konnte die Uhr nach ihm stellen und es kam ganz selten vor, dass sie vor ihm das Haus betrat. Vielleicht steckt er in einem Stau, ist unschuldig an seiner Verspätung. Ja, so musste es sein.
Flink erledigte sie ihre Arbeit und trällerte dabei ihr Lieblingslied. Egon mochte ihren Gesang nicht. Sobald er ihn hörte, wies er sie mit heftigen Worten an, sofort mit der fürchterlichen Singerei aufzuhören, was sie dann jeweils auch gleich tat. Aber im Augenblick konnte sie sich alles erlauben. Egon war ja nicht zu Hause.
Sobald sie seinen Schlüssel im Türschloss hörte, wollte sie ihm entgegengehen und ihn noch an der Haustüre mit einem Gläschen Sekt begrüssen. Irma mochte keinen Sekt, doch ihm zuliebe würde sie ein Gläschen trinken.
Für das festliche Abendmahl hatte sie sich in Unkosten gestürzt und hoffte, dass Egon ihr des-halb nicht böse sein würde. Zwar hatte sie alles von ihrem selbst verdienten Geld bezahlt, aber Egon war bei ihnen der Kassenverwalter – so hatte er es vor Jahren bestimmt und so war es bis zum heutigen Tag geblieben. Er teilte ein und zu, er hatte die Finanzen im Griff. Irma musste ihn um Erlaubnis fragen, wenn sie nicht geplante Ausgaben machen wollte. Heute war sie jedoch mutig gewesen und hatte den kostbaren Wein und den teuren Sekt ohne Egons Einverständnis gekauft.
Es kam jemand die Treppe hinauf. Sie erschrak, ihr Herz fing wild an zu klopfen. Das muss Egon sein, dachte Irma. Schnell lief sie an die Tür und lugte durch den Spion. Man konnte durch dieses Guckloch fast ein ganzes Stockwerk übersehen. Wenn es Egon war, der die Trep-pen heraufkam, hatte sie immer noch genügend Zeit, die schon mit Sekt gefüllten Gläser in der Küche zu holen. Aufmerksam beobachtete sie das Geschehen im Hausflur, aber sie sah nur die Nachbarin, die schnaubend die Treppe emporklomm und ab und zu stehen blieb, um zu verschnaufen.
Sofort lief sie zurück in die Küche, der Braten musste bald fertig sein. Die ganze Wohnung roch festlich nach gekochtem Essen. Irma überlegte, ob sie die Kerzen entzünden sollte. Nein, die würden nur unnötig abbrennen und wer weiss, wie lange Egon in diesem Stau stecken blieb.
Erst vor ein paar Monaten war er eineinhalb Stunden später als gewohnt nach Hause gekommen. Ein Unfall hatte die Hauptverkehrsader der Stadt blockiert. Durch den Zusammenstoss zweier Fahrzeuge entstand eine riesige Autoschlange und Egon kam nicht vorwärts. Er hasste Staus und fluchte jedes Mal ganz entsetzlich, wenn er in einen geriet.
In solchen Augenblicken kam ihr Egon ganz fremd vor. Als sie vor fast dreissig Jahren geheiratet hatten, zeigte er sich in einem ganz anderen Licht. Nie wäre ihm ein Fluch über die Lippen gekommen. Er war ein zurückhaltender, vornehmer Mann, war freundlich und zuvorkommend zu allen Menschen. Auch Irma gegenüber zeigte er sich sehr galant. Sie erinnerte sich an ihre erste Zeit mit ihm. Er hatte damals mit einer Zärtlichkeit um sie geworben, die ihm in den letzten Jahren völlig abhanden gekommen war. Nun hatte er an ihr ständig etwas auszusetzen und plagte sie mit verbalen Angriffen. Sie hatte sich inzwischen an seine Meckereien gewöhnt und wenn er nörgelte, führte sie dies auf seine anstrengende Arbeit im Büro zurück.
Wieder schaute sie auf die Uhr. Sie zeigte die siebte Abendstunde und Egon war immer noch nicht zu Hause. Langsam machte sie sich Sorgen. Vielleicht war er verunfallt und lag jetzt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Nein, das konnte nicht sein. Wenn sie von einem Unfall in den Nachrichten hörten, dann versicherte er ihr immer wieder, dass ihm Derartiges nicht passieren könne. Er war ein exzellenter Autofahrer, das wusste sie von ihm selber. Aber hatte sie ihn auch richtig verstanden? Seit zwei Jahren nahm ihre Hörfähigkeit ab, dass stellte auch Egon fest. Du hörst schlecht, hatte er einmal gesagt, als er ihr auftrug ihm etwas zu be-sorgen und sie das Falsche mit nach Hause brachte.
Der Braten im Ofenrohr wurde langsam dunkel, es war Zeit, ihn auf den Tisch zu bringen. Wo Egon nur blieb?
Irma sass am stimmungsvoll gedeckten Tisch und auf einmal überfiel sie eine unergründliche Wut. Immer richtete sie sich nach Egon, durchfuhr es sie, immer waren es seine Wünsche, die berücksichtigt wurden und alles lief fortwährend so, wie er es sich vorstellte. Sie hatte Hunger und war durstig und wollte jetzt nicht mehr auf ihn warten. Sie entkorkte die Weinflasche, füllte ihr Glas, prostete sie sich laut zu und trank zögernd einen Schluck. Ja, das war ein edler Trop-fen. Aber wer weiss, ob Egon auch mit ihm zufrieden gewesen wäre. Er besorgte für sie beide den Wein. Wenn Irma einmal selber eine Flasche kaufte, schimpfte er mit ihr. Er sagte, sie hätte zu wenig Ahnung von einem guten Tropfen und solle den Einkauf lieber ihm überlassen. Das tat sie auch meistens, aber den Wein, den sie heute gekauft hatte, war gut. Sie trank gleich nochmals einen Schluck und noch einen und hatte plötzlich ein leichtes Gefühl.
Sie nahm den Braten aus der Röhre, schnitt ihn umständlich auf. Wenn Egon gesehen hätte, wie dumm sie sich wieder anstellte, er hätte den Kopf geschüttelt, ihr das Messer aus der Hand genommen und dann den Braten mit Bravour in feine Scheiben geschnitten.
Die tollpatschig geschnittene Bratenscheibe legte sie auf ihren Teller, ein paar Kartoffeln und etwas Gemüse daneben, stellte alles feierlich vor sich hin, schenkte ein wenig vom Rotwein nach und fing bedächtig an zu essen.
Sie hatte bereits das zweite Glas Rotwein getrunken und merkte, wie ihr der Alkohol langsam zu Kopfe stieg. Aber sie fühlte sich gut und fing an, zwischen zwei Bissen Braten, ihre Lieblingsmelodie zu summen.
Wenn Egon jetzt zur Türe hereinkäme und sähe, wie sie ohne ihn schlemmte und französischen Rotwein trank, würde er vor Entsetzen in Ohnmacht fallen, dachte sie, und diese Vorstellung, verdarb ihr den Appetit. Vor Schreck verschluckte sie sich, hustete und prustete den Wein über den ganzen Tisch. Nun war alles aus. Das weisse Tischtuch war mit roten Weinflecken übersät. Schnell lief Irma in die Küche, holte sich eine Schüssel mit Wasser und einen Lappen, vielleicht könnte sie das Malheur ungeschehen machen. Aber alle Bemühungen waren umsonst. Je mehr sie versuchte, die Weinflecken zu entfernen, desto grösser wurden sie.
Im Treppenhaus hörte sie Schritte. Ihr wurde schwindlig. Wahrscheinlich war das Egon. Sie rannte zum zweiten Male heute Abend an den Spion, blinzelte durch das kleine Loch und war erleichtert. Es war nur der alleinlebende ältere Herr aus dem vierten Stock, der sein krankes Bein immer ein wenig hinter sich herzog. Wenn sie ihm zufällig im Hausgang begegnete, sprach er sie immer an. Er redete sehr vornehm und klug. Irma tat es gut, sich mit ihm zu unterhalten.
Sie lief eilig zurück in das Esszimmer. Der Tisch sah schrecklich aus. Erneut blickte sie auf die Uhr. Inzwischen war es Neun. Für Irma war es nun Gewissheit geworden. Egon wird nicht mehr nach Hause kommen.
Sie ging langsam in den Flur, kramte in ihrem Mantel nach dem Brief, den sie beim Verlassen der Wohnung am Morgen auf der Kommode gefunden und während des Tages mehrmals ungläubig gelesen hatte, ging zurück in das Wohnzimmer, setzte sich in den Sessel, der sonst für Egon reserviert war und betrachtete das Couvert. „Für Irma», stand in Egons Handschrift darauf. Sie nahm den Bogen Papier aus dem Umschlag und las nochmals Egons Zeilen. Sie las und weinte, dann legte sie das Papier entschlossen zur Seite und fing an, die Wohnungseinrichtung umzustellen.
Egons Sessel schob sie in den Hausflur, morgen wollte sie ihn endgültig entsorgen. Egons alte Zeitungen versorgte sie in die Papiersammlung, wenn er das wüsste, würde er einen Schrei-krampf bekommen, es war ihr egal. Seine Hausschuhe, die feinsäuberlich neben dem Sessel bereit zu neuen Schritten standen, warf sie kurzerhand in den Mülleimer.
Sie arbeitete bis tief in die Nacht. Der Mieter unter ihr würde sich morgen über den Lärm beschweren, der aus ihrer Wohnung drang. Das wollte sie auf sich nehmen. Der Schweiss lief ihr über das Gesicht, dennoch fühlte sie sich gut. Endlich waren alle Zimmer so eingerichtet, wie sie es sich wünschte.
Anschliessend ging sie in die Küche, warf den Braten, die Kartoffeln und das Gemüse in den Abfall. Den inzwischen abgestandenen Sekt goss sie in das Spülbecken. Sie fing an zu singen, erst etwas verhalten, dann wurde ihre Stimme immer lauter, bis sie zum Schluss so laut sang, dass die Nachbarn es hören mussten. Mit der halbvollen Flasche Rotwein setzte sie sich in das Wohnzimmer, das jetzt ihres war.
Alles war ungewohnt, doch sie fühlte sich leicht wie eine Feder. Die Tränen waren versiegt. Sie schenkte sich ihr Glas nochmals ein, nahm Egons Zeilen, las zum letzten Mal seine Worte. Dann setzte sie an und trank in kleinen Schlucken genüsslich ihren Wein.