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Ausformulierte These:
Binarität, Kausalität, Absolutsetzung und Wertung sind vier funktionale – je nach Entwicklungsstufe sogar unumgängliche – Hilfsmittel menschlicher Wahrnehmungsverarbeitung. Sie werden dann zu Fallen, wenn ihr instrumentaler, funktionaler und reduktionistischer Charakter, ihre Relativität, Kontextabhängigkeit und Modellhaftigkeit ausgeblendet werden.
Ich versuche diese These mit Hauptfokus auf die Binarität zu plausibilisieren. Die drei andern Wahrnehmungsverarbeitungshilfsmittel sind aber stark mit der Binarität verknüpft. Um die Falle der Binarität etwas tiefer ausloten zu können, muss ich die drei andern Fallen zumindest skizzieren.
Wer etwas nicht will, findet Gründe.
Wer etwas will, findet Wege.
Aus China
Inhaltsverzeichnis
Untersuchungsgegenstand
I. Problematik menschlicher Wahrnehmungsverarbeitung
1.Wahrnehmungsverarbeitung?
2. Menschlich?
3. Einteilung – Zweiteilung?
3.1. Rationale und suprarationale mWV
3.2. Konnex zwischen rationaler und suprarationaler menschlicher Wahrnehmungsverarbeitung
3.3. Relativität dieser Zweiteilung
4. Die Falle der Kausalität
5. Die Falle der Bewertung
6. Die Falle der Absolutsetzung
II. Zweimachung
1. Fokussierung auf eins
2. Aus eins mach zwei?
3. Bildhaftigkeit und Suggestionskraft der Reduktion
4. Verschiedene Arten von Zweimachung
4.1. Komplementarität und Kontradiktion
4.2. Polysemie und Kontrarität
4.3. Binarität
4.4. Die Negation
4.5. Der Satz vom Widerspruch
4.6. Satz der Identität: Polysemie aller Wahrnehmungen
4.7. Bivalenzprinzip: Zeit- und Raumgebundenheit
4.8. Zusammenfassung
III Konnex zwischen Wahrnehmungsverarbeitung und Sprache
1. Die Sackgasse des 'Linguistic Turn'
2. Verlangt das Verarbeiten von Wahrnehmungen zwingend die Phase der Zweimachung?
3. Die Verarbeitung der Wahrnehmung von Musik
4. Die Verarbeitung der Wahrnehmung anderer Sinneswahrnehmungen
5. Die Verarbeitung der Wahrnehmung von Intra-Psychischem
6. Die Verarbeitung der Wahrnehmung von Verbalsprache
7. Ist Zweimachung eine der Verbalsprache oder dem Denken immanente Struktur?
IV. Folgerungen
1. Wahrnehmungsverarbeitung
2. Kausalität und Wahrheit
3. Wirklichkeit
V. Zweimachung, Dilemmakompetenz und Fundamentalismus
1. Dilemmakompetenz
2. Fundamentalismus als Archetypus
3. Wege aus dem Fundamentalismus?
Ausblick
Literaturverzeichnis
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist im ersten Teil die Problematik menschlicher Wahrnehmungsverarbeitung generell, im zweiten Teil das Wahrnehmungsver-arbeitungsinstrument der Teilung von etwas Wahrgenommenem in zwei Teile, die ich im Folgenden 'Zweimachung' nenne. Im dritten Teil untersuche ich den Konnex zwischen Zweimachung und Verbalsprache und fasse im vierten die Resultate aus den ersten drei Teilen zusammen. Im abschliessenden fünften Teil wende ich mich den möglichen Auswirkungen des Steckenbleibens in der Zweimachung zu und schlage funktionale Wege vor, die aus diesen Fallen herausführen könnten.
Ich wähle bewusst nicht den Begriff 'Denken', auch nicht 'Erkenntnisgewinnung', sondern einen Oberbegriff, in dem sämtliche Arten des Umgangs mit Phänomenen Platz haben. Dies bedeutet nicht, dass ich damit die Philosophie als 'Wissenschaft vom Denken' zu verlassen und in Schwesterdisziplinen wie Neurowissenschaften und Psychologie abzudriften gedenke. Ich möchte aber von Anfang an den Horizont öffnen und mit dem Begriff 'Wahrnehmungsverarbeitung' suggerieren, dass im hier vorgestellten Modell neben dem Denken andere, ebenfalls funktionale Wahrnehmungsverarbeitungsinstrumente und -methoden in Betracht gezogen werden. Den Begriff 'Erkenntnisgewinnung' vermeide ich, weil er für mich bereits einen Ruch von Absolutheitsanspruch hat: die gewonnene Erkenntnis will (absolut) gültig, (objektiv) wahr sein, wogegen der Begriff 'Wahrnehmungsverarbeitung' meines Erachtens durchschimmern lässt, dass es sich um individuellen, subjektiven und damit relativen, kontextabhängigen Umgang mit Phänomenen handelt.
Teil der These ist, zu zeigen, dass sowohl Wahrnehmung wie auch ihre Verarbeitung relativ, kontextabhängig, gattungsspezifisch, aber auch hochgradig individuell sind. Menschliche Wahrnehmungsverarbeitung unterscheidet sich in vielen Hinsichten von Wahrnehmungsverarbeitungsstrategien anderer Entitäten. Diesen Wahrnehmung anders verarbeitenden Entitäten 'Geist', Vernunft, Denkfähigkeit abzusprechen oder ihnen von hoher Warte herab nur einen sehr eingeschränkten 'Geist' zuzubilligen – wie es verschiedene analytische Philosophen tun – zeugt von einer anthropozentrischen statt funktionalen Betrachtungsweise. Wenn ein Hund aus unzähligen Duftmolekülen den für sein Ziel relevanten direkt herausfiltert und ihm folgt. ohne dass er bei seiner Analyse den für Menschen typischen Umweg über die simplifizierenden und zeitraubenden rationalen Zweimachungs-Schritte macht, so ist dies in höchstem Grade funktional, da er sich diesen Zeitaufwand in der Regel für die Erreichung seiner Ziele nicht leisten kann. Anstatt seine diesbezügliche Behinderung anzuerkennen und die eigene komplexe Duftwahrnehmungsfähigkeit zu schulen, klebt der Mensch der suprarationalen, komplexen Duftwahrnehmungs-verarbeitungsmethode des Hundes das pejorative Etikett 'Instinkt' an, definiert Instinkt als Gegensatz zu einer 'geistigen' Methode – und schon ist die auf immer wackligeren Füssen stehende Hierarchie mit dem Menschen als 'Krone der Schöpfung' wieder hergestellt.
Um gleich ein Beispiel für den simplifizierenden, instrumentalen Charakter der drei Wahrnehmungsverarbeitungs-Hilfsmittel Binarität, Kausalität und Absolutsetzung zu demonstrieren, können wir die menschliche Wahrnehmungsverarbeitung zuerst einmal in zwei Unterbereiche teilen, um uns in dem gewaltigen Komplex besser orientieren zu können. Diese Zweiteilung der menschlichen Wahrnehmungsverarbeitungsmittel ist eine willkürliche, subjektive, modellhafte, die sich aber an funktionalen, instrumentalen Kriterien orientiert. Ich wähle die Einteilung in rationale und suprarationale menschliche Wahrnehmungsverarbeitung aus dem funktionalen Grund, weil ich mit dem unterschiedlichen Tempo dieser beiden Arten der Verarbeitung von Wahrgenommenem ein recht brauchbares und messbares Kriterium zu haben glaube. Die Causa für meinen Entscheid liegt also in der Zukunft – ich entscheide jetzt, um in Zukunft für die praktische Anwendung ein gutes Kriterium zu haben –, es handelt sich um eine Causa finalis im Sinne der aristotelischen Vierteilung der Causae , eine Spielart der Kausalität, die arg in Vergessenheit geraten ist im materialistischen Weltbild, wo nur noch die aristotelische Causa efficiens Platz hat, wo die Ursache immer VOR der Wirkung gedacht wird.
Würde ich meine Einteilung in rationale und suprarationale mWV nun noch absolut setzen, d.h. sie als zwingend, als ausschliesslich gültig hinstellen, sähen wir den Abgrund der Falle bereits weit offen stehen. Würde ich schliesslich noch eine absolute Wertung vornehmen und z.B. behaupten, rationale mWV sei gut und nur gut, suprarationale mWV dagegen schlecht und nur schlecht, so entspräche dies in meinem Bild von der Falle dem Sturz in sie hinein. Das Bild stimmt aber nur insofern, als derjenige, der seine Zweimachung kausal herleitet, absolut setzt und absolut bewertet, sich in einem (geistigen) Gefängnis befindet, aus dem er ohne Hilfe schwerlich wieder herausfindet. Was in dem Bild nicht enthalten ist, sind die Gefahren, die für die andern entstehen, die sich mit diesem geistig Gefangenen konfrontiert sehen. Denn je nach Bereich, in dem er seine (für ihn zwingende) Zweiteilung, seine (für ihn stringente und alternativlose) kausale Herleitung, seine (für ihn kontextunabhängige) Absolutsetzung und seine (für ihn schwarz-weisse) Wertung vornimmt, können sich für die andern Einschränkungen ihrer geistigen, seelischen und/oder körperlichen Freiheit ergeben. Wenn der Gegenstand nicht wie hier bei uns die mWV, sondern z.B. die Einteilung der Wahrnehmungen in 'wertes' und 'unwertes Leben' betrifft und man das Pech hat, sauber kausal hergeleitet und absolut bewertet zum Haufen der 'Unwerten' geschlagen zu werden – wie dies u.a. den Juden, den Geisteskranken, den Behinderten erging in unserem Nachbarland zu Adolfs Zeiten – so ist die Freiheitseinschränkung eine massive, in der Regel tödliche. Genau diese potenziellen Resultate der mWV nenne ich in dieser Arbeit 'fundamentalistisch'.
Unter rationaler mWV verstehe ich bewusste, analytische und damit Zeit brauchende Denk- und Handlungsprozesse, die synchron, ex ante oder ex post in nachvollziehbare, oft auch messbare bzw. quantifizierbare Einzelschritte zerlegt werden können. Damit sind die Vorteile dieser mWV bereits angetönt: Sie eignet sich für den Nachvollzug, ist vermittelbar, geeignet für das schrittweise Lehren und Lernen und damit auch für den Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten. Wie anhand der Wissenschaftsgeschichte leicht gezeigt werden kann, reicht die rein rationale mWV aber für die grossen Würfe nicht aus, genau so wenig wie das reine Handwerk in der Kunst. In Analogie könnte die rationale mWV auch als die handwerkliche, mit Fleiss und Einsatz lernbare mWV bezeichnet werden und – zweimachend! – der künstlerischen, Talent, Genie, Hingabe erfordernden Komponente der Kunst gegenübergestellt werden, die dann wiederum analog der suprarationalen mWV entspräche.
Unter suprarationaler mWV verstehe ich also die zeitlose, komplexe, ganzheitliche, nicht oder nur schwer und mithilfe rationaler Instrumente ex post erklärbare, kaum in Einzelschritte zerlegbare mWV. Klassisches Beispiel ist der automatische Kippvorgang auf diese Art der mWV in akuten Gefahrensituationen. Aber auch das aktive und passive Erleben von Musik, alle Formen des Erfahrens von Liebe sind Beispiele für suprarationale mWV. Die Vorteile dieser mWV springen in die Augen: Sie erfordert keine Zeit, ist damit hocheffizient, lässt den bewussten Denk-Apparat frei für allfällige andere wichtige Aktivitäten. Als Nachteile erleben wir immer wieder die schlechtere Vermittelbarkeit, Lehr- und Lernbarkeit. Vor allem der verbalsprachlichen Kommunikation entzieht sich die suprarationale mWV weitgehend. Die Übersetzung suprarationaler Wahrnehmungen in rationale, verbalsprachlich vermittelbare Verarbeitungsresultate ist immer etwas unbefriedigend.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Grenzen zwischen den beiden Methoden künstlich gezogen sind, dass sie sich vielfach überlappen, gleichzeitig stattfinden, ineinander übergehen, in Wechselwirkung und Analogie zueinander stehen:
Beispiel: Weil ich bei der ersten Begegnung ahnte, dass sich mit dieser Person kaum eine harmonische Beziehung ergäbe (suprarational), wich ich ihr bewusst aus und lenkte das unvermeidbare Gespräch auf harmlose Themen (rational). Allein schon die Stimme dieses Menschen sträubte mir die Nackenhaare (suprarational). Da er unbedingt mit uns ins Geschäft kommen wollte, empfahl ich für die Zukunft schriftliche Kommunikation (rational). Hier orten wir zweimal die Causa im suprarationalen, die Wirkung im rationalen Bereich. Mit diesem banalen Beispiel möchte ich zeigen, wie selbstverständlich wir mit diesen beiden Wahrnehmungsverarbeitungsmethoden im Alltag umspringen. Im Folgenden ist es – auf den ersten Blick – umgekehrt: Weil ich aufgrund des Aktenstudiums weiss, dass ich einen Schwerverbrecher vor mir habe (rational), spüre ich die kriminelle Energie, die von ihm ausgeht (suprarational). Die Kausalität dieser zweiten Verknüpfung ist allerdings wenig stringent. Wir können unzählige Beispiele zu erfinden suchen für eine kausale Wirkung einer rationalen auf eine suprarationale mWV und werden immer wieder feststellen, dass der Konnex in diese Richtung eher ein analoger, synchroner ist: das Aktenstudium liegt zwar zeitlich vor der Begegnung, das Spüren der kriminellen Energie ist aber nicht eine direkte Wirkung, eine zeitlich danach liegende bewirkte Folge dieser Informationsaufnahme. Wer die suprarationalen Antennen ausgefahren hat, spürt die kriminelle Energie auch ohne vorgängiges Aktenstudium; wer sie eingezogen hat, merkt trotz allem Wissen nichts. Die beiden Phänomene entsprechen sich, stehen in Analogie zueinander, sind aber nicht klar kausal verknüpft. Damit haben wir schon ein Beispiel für die relative Brauchbarkeit der Kausalität als Wahrnehmungsverarbeitungsinstrument. Sie taugt vor allem im materiellen, rational erschlossenen Bereich oft recht gut, aber auch da nicht immer (à ).
Wer sich nicht wertend gegen eines der beiden Instrumente sträubt (3.4.), erlebt eine funktionale gegenseitige Befruchtung und Kontrolle. Beiden stehen ja als Wahrnehmungsverarbeitungshilfsmittel im Dienst der Sinnfindung und Bedürfnisbefriedigung der wahrnehmenden Entität und eignen sich je nach Kontext besser oder schlechter dafür.
Wie eingangs 3. bereits angetönt, ist die oben durchgespielte Ein- bzw. Zweiteilung der mWV in einen rationalen und einen suprarationalen Bereich willkürlich, relativ, funktional. Primäres Kriterium ist die Zeit. Wir könnten mit Fug auch eine völlig andere Einteilung vornehmen, z.B. anhand des Kriteriums der wahrgenommenen Entitäten. Um uns in dem gigantischen Komplex zu orientieren, könnten wir eine erste Zweiteilung vornehmen und die wahrgenommenen Entitäten in äussere, materielle – also Entitäten mit einer Ausdehnung (entspricht in etwa der res extensa Descartes') – und in geistige, innere gedachte Entitäten (bei Descartes res cogitans, wörtlich 'denkende Entität' – in unserem Fall müsste es res cogitata heissen, da wir uns ja auf die 'gedachten Entitäten', die Gedanken, Ideen beziehen). Im Lichte moderner Neurowissenschaften verblasst aber die Schärfe auch dieser Trennung – und schon ganz die Vorstellung einer völligen Bezugslosigkeit und Getrenntheit von Leib und Seele, von Körpermaschine und immateriellem Geist. Für jeden Gedanken, jede Emotion findet sich zumindest ein erkennbarer Impuls im neuronalen Bereich und man müsste sich mit der Frage herumschlagen, ob ein elektrischer Impuls Ausdehnung habe und damit etwas 'Materielles' sei oder nicht. Hier lauert aber auch bereits wieder die Falle der Kausalität, indem viele Neurowissenschafter unhinterfragt davon ausgehen, das Geschehen auf der physischen Ebene sei Causa, das Denken, Fühlen Wirkung. Für diese Annahme gibt es nicht den geringsten Beweis, nicht einmal das Indiz der zeitlichen Versetztheit, die ja zumindest für eine Causa efficiens zwingend wäre. (à ) Mit weit grösserer Plausibilität können wir eine analoge Verknüpfung behaupten: dem Geschehen auf der geistigen Ebene entspricht ein Geschehen auf der Körperebene. Ich gehe einen Schritt weiter und statuiere eine dialoge d.h. eine kommunikative, wechselseitige, aber nicht kausale Verknüpfung zwischen Körper und Geist.
Die vor allem zur Beschreibung von materiellen Prozessen durchaus funktionale und brauchbare Causa efficiens wird dann zur Falle, wenn sie linear betrieben (monokausal) und als einzig gültige Verknüpfung zwischen Entitäten behauptet wird. Ihre Schwächen liegen in der Nicht-Umkehrbarkeit, der Fixierung auf die Zeitachse und damit der Rückwärtsgewandtheit ad infinitum. Sie ist – wie alle Hilfsmittel der menschlichen Wahrnehmungsverarbeitung – isoliert und undifferenziert angewendet im besten Fall ein Einstieg in den Prozess der Orientierung in komplexen Bereichen. Beispiel für einen Differenzierungsprozess ist das Modell des Schweizerischen Haftpflichtrechts, wo grundsätzlich von einer Mehrheit von Causae ausgegangen wird, wo nicht nur die Causae efficientes, sondern auch die Causae finales in die Entscheidungsabwägung intergriert werden und das Vorliegen eines Kausalzusammenhangs allein nicht ausreicht, sondern Adäquanz verlangt wird, um eine Haftung des Verursachers zu statuieren. Nur wenn ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen der (zurechenbaren) Aktivität einer (der Rechtsordnung unterworfenen) Entität vorliegt, können die haftpflichtrechtlichen Konsequenzen greifen.
Die subjektive Bewertung ist ein unerlässliches Hilfsmittel für die Orientierung im Dschungel komplexer Wahrnehmungen. Wahrnehmung ist zwingend mit Wertung verbunden, auch wenn dem Wahrnehmenden dies oft nicht bewusst ist. Aber im Vorgang der Fokussierung, der Auswahl aus der jederzeit unbegrenzten Menge potenzieller Wahrnehmungen liegt bereits eine Wertung: "Du, Gedanke, Empfindung, Objekt bist mir wichtig, ich richte die Kamera, die Antennen meiner Aufmerksamkeit auf dich." – Dieser zugegebenermassen etwas pathetisch formulierte Akt der Zuwendung liegt jedem Wahrnehmungsakt zugrunde. Wie wir aus alltäglicher Erfahrung wissen, ist es ja nicht so, dass ein bestimmtes Phänomen von allen, die es wahrnehmen könnten, auch wahrgenommen wird. Wir haben jederzeit die Freiheit, Wahrnehmungen, die für andere von höchster Wichtigkeit zu sein scheinen, auszublenden, Gedanken nicht zu denken und Empfindungen nicht zu haben. Umgekehrt ist es uns unbenommen, in unserer Phantasie jederzeit und überall Wahrnehmungen zu fokussieren, zu denen andere zumindest keinen direkten Zugang haben, z.B. weil wir sie spontan erfinden, kreieren, fingieren. In diesem Zuwendungsakt liegt m.E. ein Geheimnis der Konfliktkultur: Wenn wir uns bewusst werden, dass all das, was wir ablehnen, ja vielleicht sogar hassen, was wir grauenvoll und änderungsbedürftig finden, all die Entitäten, denen wir vielleicht in der Aufwallung der Gefühle sogar die Existenzberechtigung absprechen (wie z.B. die sich oft so stark für uns interessierenden Stechmücken), dass wir uns all diesen Entitäten bzw. Phänomenen zuallererst einmal in einem Fokussierungsakt zugewendet haben und ihnen damit minimal die Wertschätzung 'Du bist wert, wahrgenommen zu werden' entgegengebracht haben, kann sich vielleicht auch leichter wieder ein selbstironisches Lächeln in die negativ geladene Befindlichkeit einschleichen und wir kommen vielleicht auch leichter auf den nächstliegenden Lösungsansatz: bewussten Zuwendungsentzug, Änderung des Fokus auf Wahrnehmungen, die uns wichtiger sind. Wenn wir bei der Suche nach solchen allerdings Mühe bekunden, könnte die Einsicht lauten, dass uns das Abgelehnte tatsächlich sehr wichtig ist und wir offenbar das Bedürfnis haben nach Konflikt, Kampf und Krieg – beste Voraussetzung um die Schuldprojektion nach aussen zurückzunehmen und in eine vielleicht etwas ungewohnte Form von Dankbarkeit zu verwandeln, die wir am ehesten aus dem Sport kennen oder aus dem etwas martialisch-altertümlich klingenden Sprichwort "Viel Feind, viel Ehr".
Bewertung im engeren Sinne als Ausdruck der Wertschätzung ist Grundlage der Selektion dessen, was einer Entität für Sinnfindung, Bedürfnisbefriedigung, Anpassung ans Umfeld in einem bestimmten Entscheidungsmoment gerade geeigneter scheint. Die ganze Darwinsche Evolutionslehre basiert auf diesen Bewertungsprozessen, auch wenn von vielen Naturwissenschaftern nur den Menschen die Fähigkeit zu bewusster Bewertung zugesprochen wird. Man kann aber auch durch konkludentes Verhalten eine Wertung vornehmen. Ob man den Auslöser eines funktionalen Entscheides, einer sich als funktional erweisenden Selektion ex post als 'Instinkt', als 'genetisch bedingt', als 'präfiguriertes Muster' oder als 'bewusste rationale Reflektion' etikettiert, gehört in die Debatte um den freien Willen und um die Frage, ob Denken nur dem Menschen vorbehalten sei – die Frage nach der Bewertung tangiert es m.E. nicht. Die Sonnenblume, die sich zum Licht dreht – sie tut es auch als Individuum, nicht nur im Kollektiv des Feldes – wertet offensichtlich das direkte Bestrahltwerden ihres Samenbettes von der Sonne höher als das indirekte. Diese Wertung und die darauf basierende Aktion ist zentral für ihre Bedürfnisbefriedigung, für ihre Funktionalität als Sonnenblume.
Ob wir nun die menschliche Wahrnehmungsverarbeitung absolut setzen, sie als die einzige, die gültige, die 'wahre' behaupten, ob wir die Zweiteilung dieser mWV für absolut erklären – also bereits hier 'tertium non datur' behaupten – ob wir spezifisch die von uns gewählte Zweiteilung – hier diejenige in rationale und suprarationale oder diejenige in res cogitata und res extensa – absolut setzen und als einzig wahre anpreisen, ob wir den Kausalzusammenhang absolut setzen und mit Platon behaupten, dass immer die Idee verursachend wirke und die Materie immer Folge der kausal wirkenden Idee sei – oder mit vielen Neurowissenschaftern das gegenteilige Postulat absolut setzen und verkünden, dass das korporale Geschehen zwingend und immer Causa efficiens sei für das Geistige, ob wir schliesslich auch noch die Bewertung absolut setzen und – wie viele sich aufgeklärt Gebende – das Rationale grundsätzlich, immer und absolut positiv, das Suprarationale ebenso grundsätzlich negativ bewerten – wir treten barfuss und mit Schwung ins Fettnäpfchen. Die Falle hat – Aufklärung hin oder her – theologisch-fundamentalistische Wände. Wer den pädagogisch und/oder machttheoretisch motivierten Kniff der Absolutsetzung ausblendet und die mit Absolutheitsanspruch verkündete Behauptung des Reitlehrers in der ersten Stunde, das A und O der Reiterei sei das aktive Reiterbein, nicht als vorläufig, relativ, aber funktional und hilfreich durchschaut, wird zum Fundi, zum Sektierer. Auch die Absolutsetzung des jüdischen Gottes oder Allahs als einzigen Gott kann man doch locker als pädagogisch-machttheoretischen Trick lesen. Es ging durchaus nachvollziehbar und m.E. sogar legitimerweise darum, das Kollektiv zu einen, zu konzentrieren, ihnen eine Orientierung zu geben. Wer Macht ausüben will – und das allein ist m.E. keineswegs verwerflich, ja nicht vermeidbar, wenn wir alles 'Machen' als 'Machtausübung' bezeichnen – muss vereinfachen, reduzieren, simplifizieren. Dazu gehört das Mittel der 'provisorischen' Absolutsetzung. 'Provisorisch' insofern, als es von den Machtausübern in aller Regel selbst gar nicht geglaubt wird, gar nicht bierernst gemeint ist, sondern funktional mit pädagogischem Furor eingesetzt wird, um diejenigen zu schrecken und zum Gehorsam zu motivieren, die man seiner Macht unterwerfen will.
Das erste der 10 Gebote heisst ja "DU sollst keine anderen Götter haben neben mir" (2. Moses, 20/2) – und nicht etwa: "Andere dürfen nicht ihre eigenen Götter haben." Das erste Gebot des Alten Testaments muss sowenig als Absolutsetzung gelesen werden wie das Konkurrenzverbot in einem Arbeitsvertrag: Es handelt sich um relative Setzungen, die in einem klar umrissenen Kontext Gültigkeit beanspruchen wie Spielregeln in einem Spiel. So gesehen ist die Selbstbezeichnung des alttestamentlichen Gottes als 'eifriger' bzw. eifersüchtiger Gott (2. Moses 20/5) – was ja als erstaunlich anthropomorphes Bild in eklatantem Widerspruch steht zum Befehl, sich kein Bildnis von ihm zu machen (2. Moses 20/4) – schon fast rührend einfach durchschaubares Machtmittel: Der Chef macht klar, dass er dem von ihm statuierten Konkurrenzverbot notfalls mit allen Mitteln Nachachtung verschaffen wird ("bis ins dritte und vierte Glied"; 2. Moses 20/5)
Mit diesem Impetus wendete sich auch die Bundesverfassung von 1848 in Art 4 an ihre Bürger: "Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich" DU Schweizer hast – solange du dich in dieser schweizerischen Rechtsordnung bewegst – den Grundsatz zu beachten, dass alle Schweizer vor dem Gesetze gleich sind. In der neuen Verfassung wurde 'Schweizer' zwar verständlicherweise durch 'Menschen' ersetzt, trotzdem impliziert diese Aussage in keiner Weise, dass es nicht andere Rechtsordnungen geben dürfe, in denen dieser Grundsatz nicht in gleicher Weise zu gelten habe. Wir werden in Teil II auf das Thema der Absolutsetzung von Zweiteilungen zurückkommen.
Der erste Schritt im Prozess der Wahrnehmungsverarbeitung ist die Fokussierung, die Konzentration auf einen Untersuchungsgegenstand. Wie bei jedem Schritt liegt aber auch hier bereits die Gefahr der Übertreibung der Scharfeinstellung, des völligen Ausblendens des Umfelds rund um das fokussierte Phänomen. Hier orte ich die Urproblematik der von vielen Entitäten – insbesondere auch vom so genannt 'modernen' westlichen Menschen – als negativ erfahrenen Abtrennung, Absonderung, der nur noch als bedrohlich erlebten Subjekt-Objekt-Spaltung. Die in östlichen Philosophien immer promovierte ausbalancierende Zusammenschau wird in neuster Zeit in unserem Kulturraum originellerweise auch von einem grossen französischen Springreiter mit ganz funktionalen Gründen angepriesen. Michel Robert erklärt seinen jahrzehntelangen Erfolg nicht zuletzt mit der Zusammenschau, mit der Nicht-Fokussierung oder zumindest Nicht-Nur-Fokussierung des Blicks auf den nächsten Sprung und redet dem Panoramablick das Wort. Man müsse in jedem Augenblick das gesamte Panorama, alles, was irgendwo ins Gesichtsfeld gelange, überblicken, um erfolgreich nicht nur den nächsten Sprung, sondern den ganzen Parcours überwinden zu können. Diese Sporttheorie kann m.E. durchaus als Metapher auf die grundlegende 'condition humaine' übertragen werden: Nur wer beim Fokussieren des Einzelnen das Ganze nicht aus den Augen verliert, wird mit Gewinn den Weg über und durch die einzelnen Anforderungen des Lebens hindurch schaffen. Unter diesem Aspekt ist auch die nun folgende Zweimachung zu sehen. Sie ist genau so wie die Fokussierung des Einen nur ein Zwischenschritt, bei dem die Gesamtschau, das Zusammendenken, Zusammenwissen des künstlich Getrennten nicht abhanden kommen sollte, will man sich nicht verirren und den Faden verlieren. Dass aber bereits der Schritt von eins zu zwei für viele Zeitgenossen eine Überforderung darstellt, zeigt sich u.a. in der Floskel, die man häufig in Geschäftskorrespondenz antrifft (vornehmlich in derjenigen mit behördlichen Stellen – honny soit qui mal y pense): "Ne traiter qu'un sujet par lettre." Dieses 'Nur', die Fokussierung auf einen einzigen Gegenstand unter Ausschliessung alles anderen verdient eine nähere Betrachtung.
Das Wesen des 'Nur'
Ich will das 'Nur' nur so weit untersuchen, als es relevant ist um die Psychologie der Zweimachung besser zu verstehen. Sowohl das eher nach Angst und Verzweiflung riechende 'Nur' wie sein naher Verwandter, das mehr verbissen-grimmige 'Immer', das etwas kluger klingende 'Notwendigerweise' wie das machtvolle 'Zwingend' sind mehr oder weniger effiziente sprachliche Instrumente des Ausschliessens. Man kann in der Sprachbetrachtung eine sukzessive Verengung des Blickwinkels und eine direkt proportionale Zunahme von geistig-seelischer Enge und Machtbedürfnis aufgrund von Angst und Unsicherheit beobachten auf dem Weg vom gelassenen 'Sowohl-als-Auch' über das immerhin noch ein Minimum an intellektueller Flexibilität erfordernden 'Entweder-Oder' bis zum stumpfen 'Nur'. Relevant für unser Thema ist diese letzte Stufe des Ausschliessens im 'Nur' insofern, als es sich bei genauerem Hinsehen auch bei den 'Nur'-Aussagen um Zweimachungen handelt, wenn auch um einfachere als beim bewussten Gegenüberstellen von zwei Möglichkeiten wie beim 'Entweder-Oder'. Denn wer 'nur' sagt, richtet den Fokus stringent auf etwas und trennt es damit aus dem 'Rest der Welt', dem übrigen potenziell Wahrnehmbaren heraus. Die Existenz dieses 'Rests der Welt' wird aber in der 'Nur'-Aussage nicht negiert, im Gegenteil, sehr oft ist die 'Nur'-Aussage eine Kampfansage an diesen 'Rest der Welt' – oder zumindest an Teile davon. Damit ist die Zweiheit doch wieder gegeben. Oft fällt durch die Art der 'Nur'-Aussage sogar ein leichter Lichtschimmer auf ein involviertes Zweites, z.B. das Ich des Sprechenden. Wenn die 'Nur'-Aussage nicht gerade mit "Nur ich…" beginnt, tritt meist ein zweites Phänomen in den Dunstkreis des Lichts. Mit der Aussage: "Nur analytische Philosophen werden in Zürich angestellt" holt ein Streiflicht die verfemten 'nicht-analytischen Philosophen' ganz kurz aus dem Schattenreich und macht sie zu Gegenüberliegenden, zu Gegnern, die aber immerhin (noch) existieren. Aber auch Aussagen vom Typ: "Nur ich war in Oxford…" präsumieren, dass es daneben die (minderwertige) Spezies der Nicht-in-Oxford-Gewesenen gibt. Fazit: secundum datur – auch bei 'Nur'-Aussagen. Analoges kann bei 'immer', 'notwendigerweise' und 'zwingend' hergeleitet werden.
Dass man aus eins zuerst einmal zwei macht, wenn man etwas genauer untersucht, eine Wahrnehmung verarbeiten, sich orientieren, andern etwas vermitteln will, ist im Modus der Subjekt-Objekt-Spaltung, wo sich eine Entität als erstes einmal als im Raum Abgetrennte vom Rest der Welt und an eine linear scheinende Zeitachse Gebundene wahrnimmt, durchaus plausibel. Zweimachung ist der erste und einfachste Schritt der Differenzierung des Wahrgenommenen. Allerdings nur auf der relativ abstrakten rationalen Wahrnehmungsverarbeitungsschiene. So funktioniert z.B. unsere gesamte sinnliche Wahrnehmung nicht in Zweierschritten. Augen, Ohren, Riech-, Geschmacksorgane und Tastsinn funktionieren komplex und liefern je nach angeborenen Fähigkeiten, nach Ausbildung und Erfahrung unterschiedlich differenziert, aber grundsätzlich in der Auffächerung und Selektion von Wichtigem aus Vielem. Binarität schleicht sich hier nur über die Ratio ein als bewusster, simplifizierender und reduzierender – und vor allem verlangsamender Schritt. Und auch wenn der Zweimachungs-Schritt aus legitimem Ordnungsbedürfnis heraus getätigt wird, funktioniert er als Zwischenschritt. So käme im praktischen Alltag kaum niemand – abgesehen vielleicht von Demagogen politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Provenienz – auf die Idee, es bei diesem Einstiegs- oder Zwischenschritt der Wahrnehmungsverarbeitung bewenden zu lassen. Von vielen Entitäten – vor allem nichtmenschlichen – wird der Schritt der Zweimachung sogar regelmässig übersprungen. Natürlich kann man ein Tier zur Zweiteilung provozieren, wenn man ihm einen Topf mit klar Essbarem und ebenso klar Unessbarem vorsetzt: es wird mit grosser Wahrscheinlichkeit den Schritt der Zweimachung vornehmen. Dies ist aber eine extrem künstlich konstruierte Situation. In der Natur findet das Tier in aller Regel eine ganze Palette unterschiedlich attraktiver Nahrungsmittel vor und wird laufend eine Selektion aus der Vielheit vornehmen und den simplifizierenden Schritt der Zweimachung auslassen. Aber für den mit der langsamen rationalen Prozessmühle sich vorwärts arbeitenden Menschen ist die Zweimachung ein wichtiger und hilfreicher Schritt mit unleugbaren pädagogischen Vorteilen. Problematisch wird der Modus des 'Sich-in-der-Zweiheit-Wähnens' dann, wenn die Finalität, der Zweck des Schritts ausgeblendet wird, wenn die ihre Wahrnehmung verarbeitende Entität stehen bleibt, den Prozesscharakter der Zweimachung vergisst und die Momentaufnahme 'zwei' zum Zustand gerinnen lässt. Die Zweiheit verliert unmerklich die Funktion als positive Orientierungshilfe und wird zur Bedrohung, zu etwas Negativem. Das, was als Nicht-Ich wahrgenommen wird, der 'Rest der Welt', wird in dieser Reduktion auf Zweiheit in allen Repräsentanten zum Gegenüberliegenden, zum Gegner, zum Unkontrollierten, Unsicherheit auslösenden, zum Feind. Auf der psychologischen Ebene schleichen sich Empfindungen wie Angst ein. Angst kommt etymologisch von 'eng', sie 'schnürt die Kehle zu', engt das Blickfeld ein, reduziert die Wahrnehmung. Sprachlich drückt sich diese Befindlichkeit in Wörtern wie 'nur', 'immer', 'nie', 'entweder-oder' aus, wobei dieses 'Entweder-Oder' regelmässig mit extrem einseitiger Wertung (à ) verbunden wird. Es gilt zu zeigen, dass dieser Prozess bzw. besser diese Stagnation des Differenzierungsprozesses nicht zwingend ist, nicht der Zweimachung als solcher angelastet werden kann. Die Zweimachung führt nicht systemimmanent zu Verbohrung, Angst und Fundamentalismus und es ist jederzeit möglich, aus solchen Fixierungen auszusteigen, wieder in Bewegung zu kommen. Ein hilfreiches Bild scheint mir das Aufpfropfen von Bäumen zu sein, das in der Gärtnersprache der Schweiz mit dem einfachen Verb 'zweien' umschrieben wird: aus einem Baum werden zwei gemacht beim 'zweien', ein Ast wird abgesägt, ein Ast eines anderen Baumes – z.B. eine andere Apfelsorte – wird aufgepfropft und übers Jahr wachsen am selben Baum zwei verschiedene Apfelsorten. Hier wird der prozessuale, erweiternde, funktionale Charakter der Zweimachung deutlich.
Gelingensbedingungen der Zweimachung
Natürlich stösst diese Art der Verbindung – wie das Einpflanzen körperfremder Organe beim Menschen – auch auf Schwierigkeiten und an Grenzen. Die Verbindung kann misslingen indem z.B. das Fremde nicht integriert, nicht akzeptiert wird. Will Zweimachung gelingen, bedarf es der Offenheit, man muss zuerst einmal aus dem Bauch, aus dem Paradies der Einheit, aus der schützenden Höhle der Wahrnehmungslosigkeit heraustreten und sich dem 'Rest der Welt' mit einer minimalen Offenheit und Neugier stellen, ja überhaupt die Subjekt-Objekt-Spaltung initiieren und aushalten wollen. Wenn hier auf der Körperebene etwas geschieht – z.B. die Geburt und das Erwachen eines Ich-Bewusstseins – wozu der Geist nicht bereit, nicht willens ist, sich nicht fähig fühlt, dann kann es gut sein, dass eine solche im ursprünglichsten Sinne schizophrene Persönlichkeit in der Zweiteilung stecken bleibt, sich als Opfer vorkommt, als unfreiwillig in die Zweiheit Geworfene. Hier ist m.E. die Basis des existenzialistischen Lebensgefühls zu verorten, das auch in der Philosophie zu dieser bemitleidenswerten Orientierungslosigkeit geführt hat, zum Verharren in einer als bedrohlich und sinnlos empfundenen Zweiteilung: Hier ein sinnloses Ich – dort, auf der Gegenseite, eine ebenso sinnlose, unkontrollierbare Welt. Diese Art des Steckenbleibens auf der ersten Stufe des Wahrnehmungsverarbeitungsprozesses ist es, was ich mit der Metapher der 'Falle der Binarität' meine.
Steckenbleiben in der Zweiheit
Nun ist dieses Steckenbleiben in vielen Fällen vergleichsweise harmlos. Was braucht es den Rest der Welt zu kümmern, wenn einzelne Entitäten in ihrem Privatleben in Zweiheiten, in Entweder-Oder-Schemata stecken bleiben. Onkel Fridolin wird von seinem Umfeld übelstenfalls als verschroben wahrgenommen, wenn es für ihn nur entweder perfekte Ordnung oder totales Chaos gibt. Etwas gefährlicher ist die Absolutsetzung von Binarität vielleicht bei Tante Olga, wenn sie sich für ihre Behauptung, es gebe nur entweder kalte oder heisse, aber kein 'Tertium' wie 'lauwarme' religiöse Nachfolge, auf die Bibel beruft , denn hier schrammen wir schon haarscharf am religiösen Fundamentalismus vorbei, der uns in der islamistischen Ausprägung zurzeit so reichhaltig präsentiert wird auf der Weltbühne. Nachhaltig und beschränkt glückbringend auch das Hängenbleiben an der reichlich willkürlichen und weder modernen physikalischen und neurowissenschaftlichen noch uralten östlichen Weisheitslehren standhaltenden Entzweischneidung der als 'lebendig' wahrgenommenen Entitäten in einen materiellen Leib oder Körper und eine immaterielle Seele bzw. einen Geist. Obwohl die Kategorie des Materiellen durch die Physik längst relativiert und die Vernetzung des so genannt 'Geistig-Immateriellen' mit neuronalem Geschehen experimentell tausendfach nachgewiesen, hängt zumindest der geistig etwas weniger regsame wissenschaftliche Mittelbau noch immer an der alten Hilfskonstruktion, der Vorstellung einer absoluten Trennbarkeit von Materiellem und Immateriellem, die es erlaubte, die beiden Bereiche nicht nur einzeln zu erforschen, sondern auch separaten Regeln zu unterwerfen . Die künstliche Trennung der Ganzheit in die kontradiktorische Zweiheit 'Materie/Körper – Seele/Geist' öffnete allerdings schon viel früher der Spielerei mit inkompatiblen kausalen Bezügen die Tür. Es braucht das Axiom der sauberen Trennung in zwei Teil-Entitäten, um mit Fug darüber streiten zu können, welche von beiden nun Causa und welche 'nur' abhängige Folge, von der Causa erzwungene Wirkung sei. Im Streit um einseitig kausal behauptete Beziehungen ist regelmässig die Wertung enthalten, dass die Causa das wichtigere, das machtvollere und damit reizvollere Element sei. War für Platon die immaterielle 'Idee' Wirkursache für die Inkorporation, die materielle Erscheinung – eine Vorstellung, die u.a. der Biologe Rupert Sheldrake in abgewandelter Form wieder aufnahm mit seinen morphogenetischen Feldern , die seines Erachtens Voraussetzung für jede Materialisierung darstellen – so ist es für viele moderne Neurowissenschafter genau umgekehrt und sie erklären – aus der Begeisterung, dass sie überhaupt einen Bezug zwischen vermeintlich immateriellem 'Denken' oder 'Fühlen' und vermeintlich materiellen neuronalen Impulsen gefunden haben – ohne weiteres Hinterfragen das sichtbar Machbare 'materielle' Geschehen zur Causa für alles so genannt 'Geistige' oder 'Immaterielle'. Wenn man noch in der Zweiteilung stecken bleiben will, könnte man sich zumindest von der einseitigen Kausalität befreien und gelangte zur Wechselwirkung, zur Interdependenz. Leib und Seele würden gegenseitig aufeinander einwirken, wären vernetzt, voneinander abhängig. Damit wäre die erste Entweder-Oder-Hürde – dass etwas nur entweder Causa oder Wirkung sein könne – genommen. Wagt man jedoch den Ausstieg sowohl aus der Enge der Kausalität (entweder ist eine Verknüpfung kausal oder es ist gar keine Verknüpfung) wie auch aus der Öde der Zweiheit, eröffnet sich ein gewaltiger Raum, der simplifizierende Kategorien wie Leib/Seele, Leben/Tod, Organische/Anorganische Entitäten übersteigt, umfasst, sprengt und der unendlichen Vielfalt von Wahrgenommenem noch das potenziell Wahrnehmbare und das vorläufig noch unvorstellbar Wahrnehmbare hinzufügt. Ein Raum, in dem neben kausalen andere Verknüpfungen zwischen Entitäten möglich sind wie analoge, dialoge, polyloge . Damit will ich nur antönen, dass das Steckenbleiben in der Zweiheit in keiner Weise von aussen erzwungen, sondern immer ein mehr oder weniger bewusster freiwilliger Akt ist, der bislang nur beim Menschen beobachtet werden konnte, und dass ein Heraustreten daraus gerade bei besonders brisanten Gegensatz-Konstrukten (wie - neben den bereits erwähnten – v.a. wahr/falsch , auch Physik/Metaphysik; Theologie/Rationalismus; kirchliche Macht/säkulare Macht, Zufall/Notwendigkeit ) einen wesentlichen Beitrag zur Konfliktkultur leisten kann.
Die Einteilung des Wahrgenommenen in Zweierpaare entspringt nicht nur einem durchaus legitimen reduktionistischen Ordnungsbedürfnis , sondern hat oft auch starke bildhafte Kraft, wie nicht zuletzt berühmt gewordene Titel literarischer und/oder philosophischer Werke zeigen . Am besten eignen sich Zweierpaare, die wir in Opposition stellen zueinander, Gegensätze, bei denen wir die Unterschiedlichkeit betonen. Dies ist immer bereits ein suggestiver und konstruktiver Akt. Wir können beim Gegensatzpaar Mann/Frau genau so gut das Verbindende fokussieren: den Oberbegriff 'Mensch'. Es steht uns als Rezipienten der Botschaft anderer auch völlig frei, das Trennende oder das Gemeinsame hervorzuheben, herauszuspüren, wenn wir mit einem vielleicht suggestiv das Trennende betonenden Sender eines Gegensatzpaares konfrontiert sind. Ich will damit die Komponente der Selbstverantwortung betonen, die jeder Wahrnehmende bei jedem Wahrnehmungsakt hat, insbesondere auch bei der Interpretation von Botschaften anderer Menschen. Es liegt an uns als Rezipienten, nicht am Sender, ob wir in der Kommunikation des andern primär das Trennende oder primär das Verbindende entdecken. Unsere Reaktion auf ein Begriffspaar kann viel über uns verraten, insbesondere über die Intensität und Art des Bezugs zu den beiden Begriffen. Der stärker suprarational-intuitiv decodierende Typ wird eher die Gemeinsamkeiten, der rational-analytische Typ eher die Unterschiede in den Vordergrund rücken, aber beide werden dort, wo sie 'vom Fach' sind, nicht in der Zweiheit stecken bleiben und das Fokussierte komplexer auffächern in Vielheit. Wer z.B. psychologisch gebildet oder ein intuitiver Menschenkenner ist, der bleibt auch nicht bei der im letzten Satz erwähnten Zweiteilung in suprarational-intuitive und rational-analytische Typen stecken, sondern wird einerseits die beiden Unterbegriffe weiter differenzieren, andererseits die Überlappungen bzw. das Wechseln zwischen der einen und der andern Dominanz im selben Individuum hervorheben. Aber für den Neuling und als pädagogisch sicherer Einstieg in viele Themen eignet sich die vereinfachende Zweimachung ausgezeichnet. Jeder gute Pädagoge weiss um die Reduktion, um die Skizzenhaftigkeit, um das Plakative jeder Zweimachung, da er selbst ja im entsprechenden Bereich 'vom Fach' sein und damit differenziert wahrnehmen und interpretieren sollte.
Bislang untersuchte ich das Phänomen der Zweimachung aufgrund seiner Genese und Wirkung. In den folgenden Abschnitten geht es mir darum, die verschiedenen Arten von Zweimachung zu beleuchten. Ich tue dies absichtlich anhand der m.E. brisantesten Polarität der Geistesgeschichte: 'wahr' und 'falsch', da die Unterscheidung der Unterarten sonst leicht als praktisch und ethisch irrelevantes theoretisches Geplänkel empfunden werden könnte. Die Brisanz von 'wahr/falsch' liegt nicht zuletzt darin, dass dieses Gegensatzpaar in aller Regel nicht wertfrei verwendet wird, sondern in den häufigsten Fällen nicht nur mit hoch einseitiger Positivwertung des Pols 'wahr', sondern auch gleich noch mit der Absolutsetzung dessen einhergeht, was als 'wahr' bezeichnet wird. Mit diesen Voraussetzungen kommt das Paar m.E. zum fraglichen Ruhm des grössten Vernichtungspotenzials, aber auch der bereits realisierten höchsten Vernichtungsquote aller menschlichen Denk-Konstrukte. Was eingebettet in bewusst relative Modelle in der etwas entspannteren Version von 'richtig/falsch' ein nicht nur rein lernpädagogisch, sondern auch entwicklungstheoretisch und ethisch unverzichtbares Hilfsinstrument darstellt, wird in der Absolutsetzung und einseitigen Wertung zu dem Phänomen, das den Menschen nicht nur seiner selbst gebastelten Ausrottung entgegen zu führen droht, sondern ihm auch jeglichen Anspruch nimmt, 'Krone der Schöpfung' zu sein.
Aristoteles statuiert zwischen den Begriffen 'wahr' und 'falsch' die Bedeutungsrelation der Komplementarität. Die moderne Logik machte aus dieser Bedeutungsrelation zweier verschiedener Begriffe eine reine Negation eines einzigen Begriffs, nämlich A ≠ ┐A für den Satz des Widerspruchs, und daraus A = A für die Identität. Komplementarität macht aus einer bestehenden Grundmenge, einem Ganzen – hier der Menge prädikativer Aussagen – zwei Teilmengen, die komplementär sind, sich zum Ganzen ergänzen, bei der also nichts dazwischen liegt, nichts übrig bleibt, insbesondere kein Drittes: Tertium non datur. Der Begriff der Komplementarität betont die Zusammengehörigkeit, das Verbindende der beiden Teile desselben Ganzen. Unter dem Gesichtspunkt, dass ein Element der Gesamtmenge nur und ausschliesslich zur einen oder zur anderen Teilmenge gehören kann, dass die beiden Teilmengen als je ganze, aber auch jedes seiner Elemente jedem Element der anderen Teilmenge als Gegensatz gegenübersteht, nennt man diese Art der Begriffsrelation kontradiktorische, das Gegenteil sagende. Mit dem Begriff der Kontradiktion richten wir also den Fokus auf das Trennende der beiden Teilbereiche.
Die Funktion der kontradiktorischen Relation ist eine simplifizierende, einfache Ordnung und Struktur schaffende. Sie dämmt die Kontextabhängigkeit von Aussagen stark ein, kann sie im Verbund mit der Eindeutigkeit der Zuordnung von Zeichenbedeutung zu Repräsentanten sogar fast völlig ausschalten. Überall dort, wo wir Regeln erlassen wollen, die möglichst kontextunabhängig gültig sind, bietet sich also die Behauptung bzw. Festsetzung eindeutiger Begriffe und kontradiktorischer Relationen an. Solange wir dies innerhalb klar umgrenzter Modelle tun, ist dagegen auch nicht das Geringste einzuwenden. Wir müssen aber anderen Entitäten zugestehen, eigene Modelle zu entwickeln, die gleiche oder andere Bereiche auf andere Weise funktionell abdecken wollen. Insbesondere bei der zentralen Frage nach dem 'ob' und dem 'wie' einer mehrere, viele oder gar alle Modelle übergreifenden 'absoluten' Wahrheit und generell bei der Frage nach der sinnvollen Verwendung des Prädikates 'wahr' muss die Freiheit bestehen, alternative Modelle zu entwerfen, die z.B. auch diese Grundannahmen hinterfragen und sowohl Mehrdeutigkeit der Begriffe wie andere als kontradiktorische Relationen zwischen den polysem angenommenen Begriffen statuieren.
Wir können mit verschiedenen anderen Kriterien andere Bedeutungsrelationen postulieren, um unsere Wahrnehmungen zu strukturieren und zu interpretieren. Statt der kontradiktorischen können wie die verwandte Relation der Kontrarität oder Antonymie verwenden, deren Hauptunterschied zur Komplementarität/Kontradiktion darin besteht, dass sie ein Ganzes, eine Menge nicht in zwei, sondern in eine Mehrzahl von Teilen oder Abstufungen unterteilt, die sich graduell unterscheiden und deren Endpunkte als Grenzwerte einer Skala verstanden werden können. Ohne die beiden Bedeutungsrelationen zu bewerten, können wir feststellen, dass die Kontradiktion mit ihrer Zweiteilung die einfachere, die Kontrarität mit ihrer Vielteilung die komplexere, differenziertere ist. Das Urbedürfnis des Menschen nach Ordnung, nach einfacher, überblickbarer, praktikabler Einteilung seiner Welt in eine Struktur, die ihm Sicherheit, Orientierung und Kontrolle gewährt, gehört zu den archetypischen Mustern und zeigt sich in allen Lebens- und Wissensbereichen. Aristoteles statuiert nun eine kontradiktorische Relation zwischen den Prädikaten 'wahr' und 'falsch'. Das darf er selbstverständlich, solange er sich innerhalb klar umgrenzter Modelle bewegt damit. In Spielen und Rechtsordnungen wird über die möglichst scharfe Definition von Begriffen und Regeln aus funktionalen Gründen in vielen Bereichen eine ähnliche Art der kontradiktorischen Relation statuiert, nämlich 'richtig-falsch' oder 'gültig-ungültig'. Diese beiden Begriffspaare sind aber weitgehend frei vom Pathos des Absolutheitsanspruchs von 'wahr-falsch'. Ich behaupte nun, dass es kontradiktorische Relationen zwischen positiven Ausdrücken nur auf den ersten Blick gebe und der Bereich, für den etwas ausgesagt wird, bei kontradiktorischen Relationen immer die Gesamtheit des Seienden sei, was bei expliziter Negation deutlich wird. Nicht-A meint den Rest der Welt ausser A. Bei implizierter Negation ist dies bereits verschwommener und die Kontextabhängigkeit kehrt zurück: Welchen Bereich unterteilt 'schuldig – unschuldig'? Nur den Bereich von Handlungen oder Gefühlen, für die dieses Prädikat sinnvoll ausgesagt werden kann? Oder ist der kontradiktorische Gegensatz zu dem spezifischen Ausschnitt der Welt, der als 'unschuldig' bezeichnet wird, der ganze Rest der Welt? Zumindest leuchtet es ein, dass die moderne Logik aus dem Gegensatz wahr-falsch nicht etwa 'wahr' – 'nicht-wahr' oder 'unwahr', sondern gleich mithilfe der expliziten und formalisierten Negation A ≠ ┐A machte. Diese Setzung hat innerhalb bestimmter Modelle durchaus ihren Platz. Delikat wird es, wenn man sie absolut setzt, wenn man den Modell-Kontext ausblendet.
Der Begriff der Binarität, des binären Rechnens basiert auf der Zahlentheorie von Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz . Er erfand 1679 eine mathematische Sprache, die auch Maschinen verstehen. Das binäre bzw. duale oder dyadische System besteht nur aus den Ziffern 1 und 0. Leibniz konnte mit diesen beiden Zahlen das gesamte Zahlenuniversum auf der Basis Zwei ausdrücken. Die Zwei wird darin dargestellt als 10, die Vier als 100, die Acht als 1000 und so weiter. Leibniz entwarf auch eine binäre Rechenmaschine, eine Art mechanischen Computer, der jedoch nie gebaut wurde. Erst als die Elektrizität in unserem Jahrhundert hinzukam, entfaltete das binäre System seine ganze Funktionalität: Statt der Symbole eins und null verarbeiten Computer eigentlich nur die Schaltzustände 'Strom an' und 'Strom aus'. Bereits bei Leibniz zeigte sich aber die Falle der Binarität mit der einseitigen Bewertung und Absolutsetzung. Für ihn war das Binärsystem eine göttliche Offenbarung, "weil die leere Tiefe und Finsternis zu Null und Nichts, aber der Geist Gottes mit seinem Lichte zum Allmächtigen Eins gehört." Gott hatte die Welt in sieben Tagen geschaffen, in der binären Schreibweise als 111 dargestellt: drei göttliche Einsen ohne eine teuflische Null. Diese Beobachtung schien Leibniz so überzeugend, daß er vorschlug, das Binärsystem einzusetzen, um Heiden zum Christentum zu bekehren.
Binarität ist heute eine in anderen Wissenschaftszweigen als der Philosophie gängige Bezeichnung für Systeme, die auf zwei sich ergänzenden Grundelementen bestehen. Ich verwende den Begriff der Binarität in dieser Arbeit als Synonym zum deutschen Wortkonstrukt 'Zweimachung' und damit als Oberbegriff für Polarität, Kontradiktion, Komplementarität, Kontrarität, Dualismus, Dialektik, Dihairese etc. Der Begriff Binarität oder 'binäres System' ist vor allem üblich bei praktischen Anwendungen von Zweimachung. Hier fehlt regelmässig das Pathos des 'Tertium non datur'. Ein drittes oder gar weitere Grundelemente sind nicht 'ausgeschlossen', 'logisch undenkbar' oder 'verboten', sondern schlicht für das jeweilige binäre System nicht nötig. Das binäre System funktioniert bereits mit zwei Elementen – und das reicht den Anwendern zuerst einmal. Über die Frage, ob es auch mit mehr als zwei Elementen funktioniere, wird in der Regel nur nachgedacht, wenn es von praktischer Relevanz ist. Als Beispiel mögen Spiele bzw. Sportarten dienen, bei denen sich in der Regel zwei Spieler gegenüberstehen wie Schach oder Tennis. Beim Tennis kann zumindest bei vier Spielern ein Doppel gespielt werden, die Zweiheit ist also zwar Regel, aber nicht absolut. Beim Schach gibt es die Möglichkeit, dass ein starker Spieler gleichzeitig gegen zwei oder mehr schwächere Gegner spielt. Auch dies Ausnahmefälle, die aber den entspannten Umgang mit der grundsätzlichen Binarität zeigen.
Im Kontext der Wahrnehmungsverarbeitung ist Binarität als die entspannte Variante der Zweimachung ebenfalls ein archetypisches und hochfunktionales Muster, um als erkennendes Subjekt eine erste Ordnung in einem Bereich zu schaffen oder um innerhalb eines Modells vereinfachende Strukturen zu implementieren. Nach der Wahrnehmung einer Entität bzw. eines Bereichs als Totum, als Ganzem ist die Unterteilung in zwei Hälften ein erster, je nach Kontext durchaus sinnvoller Schritt. Wir tun dies regelmässig, wenn wir etwas völlig Neues kennen lernen oder wenn wir andere mit Unbekanntem konfrontieren. Genauso regelmässig differenzieren wir aber weiter, wenn wir uns tiefer auf eine Materie, ein Ding, einen Bereich einlassen und ersetzen die erste binäre Grobeinteilung. Ich behaupte sogar, dass keine einzige binäre Einteilung zwischen zwei Positiv-Termen einer genaueren Betrachtung standhält, mithin also immer nur vorläufigen Charakter hat. Als kontradiktorisch behauptete Gegensätze wie tot-lebendig oder Schweizer-Ausländer werden vom Fachmann – und witzigerweise auch von der Alltagssprache – in konträre Gegensätze umformuliert. Bereits mit der Unterscheidung von Herz- und Hirntod haben wir Abstufungen von 'tot' und die alltägliche Komparation von 'lebendig' (nicht nur, aber auch in der Sprache des Feuilletons) zeigt die Abstufung auf der Gegenseite. Dass man mehr oder weniger Ausländer sein kann, davon wissen alle Secondos ein Liedchen zu singen. Echte kontradiktorische Gegensätze sind m.E. nur Negationen (siehe II.4.4.). Eine Stützung dieser These könnte man darin sehen, dass die moderne Logik den aristotelischen Satz vom Widerspruch umformulierte und aus der Gegenüberstellung von 'wahr' und 'falsch' eine Negation machte (siehe II.4.1.). Innerhalb funktionaler Modelle macht aber Binarität durchaus Sinn. Wo wir aus funktionalen Gründen Eindeutigkeit statuieren, hat auch Binarität ihren Platz, so z.B. in mathematischen Modellen, die sich aber immer als Modelle verstehen und nie mit dem Anspruch absoluter Wahrheit auftreten. Dies zeigt sich bereits in der Formulierung mathematischer Aufgaben, die regelmässig im Konjunktiv gehalten sind: "Gegeben sei…"
Besonders deutlich wird die Funktionalität der Binarität in der Informatik, die ja auf dem binären System 'Strom – Nicht-Strom' aufbaut. Die Informatik behauptet nun nie und nimmer, es gebe kein Tertium, also keine Skala von mehr oder weniger Strom. Aber sie kann diese Zwischenstufen aus funktionalen Gründen in ihrem Modell nicht gebrauchen. Als Beispiel kann auch der Umgang mit Begriffen dienen, z.B. in der Rechtssprache. Hier wird so gut wie möglich Eindeutigkeit statuiert durch möglichst stringente Begriffs-Definitionen. Und mit dem Mass der Eindeutigkeit der Begriffe wächst auch die Stringenz der Binarität 'wahr – nicht-wahr'. Je klarer ein Begriff definiert ist, desto leichter wird es, einen Tatbestand darunter zu subsumieren und diese Zuordnung richterlich als 'wahr' oder 'nicht-wahr' zu beurteilen . Grund für diesen Umgang mit Eindeutigkeit und Wahrheits-Binarität ist die Funktionalität des Modells Rechtsordnung. Aber auch eine Rechtsordnung kommt – wenn sie nicht fundamentalistisch ist (in diesem Fall fiele sie bei mir allerdings aus dem Rechtsordnungsbegriff) – nicht mit einem Absolutheitsanspruch daher, sondern zeigt, dass sie sich ihres Modellcharakters, ihrer Vorläufigkeit und Wandelbarkeit bewusst ist durch die Regeln, die sie selbst für ihre Abänderung statuiert. Auch die Problematik der Rechtsprechung und Rechtsetzung zeigt, dass trotz Bemühungen um Eindeutigkeit der Begriffe und Binaritätsbemühungen ('wahr-nicht-wahr', 'schuldig - nicht schuldig') richterliche Rechtsfindung immer wieder hochdifferenziert und komplex ist, weil Eindeutigkeit auch innerhalb eines Modells nie zu erreichendes Ideal bleibt. Wäre dem nicht so, bräuchten wir nur juristische Administratoren und keine Richter.
Aus dem praktischen Alltag kennen wir alle die Vorteile der Postulierung binärer – und am einfachsten kontradiktorischer – Simplizität bei der Entscheidfindung unter Zeitdruck. Immer dann, wenn es darum geht, nicht bei beliebigem Zeitbudget den besten, sondern innert nützlicher Frist einen brauchbaren Entscheid zu fällten, greifen wir zu simplifizierenden Strukturierungen des Gegenstandes. Als erstes wird das Ziel festgelegt, allenfalls werden mehrere Ziele zeitlich gestaffelt bzw. von der Wichtigkeit her hierarchisiert. Dann wird aufgrund der Ziele der Entscheidungsgegenstand eingegrenzt und alles nicht zwingend zu Beachtende ausgeklammert. Bereits beim Zielbestimmungs- und beim Selektionsprozess können binäre Strukturen helfen, rasch vorwärts zu kommen. In aller Regel spitzt sich aber der letzte Schritt der Entscheidung zu einer binär-kontradiktorischen Struktur zu. Die letzte Frage heisst meist nur noch 'Entweder-Oder' ohne Drittmöglichkeit. Potenzielle 'Tertia' werden vorher ausgefiltert oder ausgeklammert, konträre Gegensätze zu kontradiktorischen umformuliert. Gegen diesen ganzen Prozess ist nichts einzuwenden, solange wir uns bewusst sind, dass wir aus funktionalen Gründen simplifizieren. Ob dieses Bewusstsein vorhanden ist, zeigt sich auch an unserem Verhalten, wenn sich der getroffene Entscheid als nicht optimal erweist oder wenn das Zeitbudget zu irgendeinem Zeitpunkt des Entscheidprozesses plötzlich grösser wird. Wer sofort wieder differenzierter vorgeht, aus kontradiktorischen wieder konträre Strukturen macht, Drittmöglichkeiten evaluiert, auch Vorentscheidungen nochmals aufrollt und differenziert, zeigt, dass er sich der Modellhaftigkeit, der – funktional durch den Zeitdruck begründeten – Relativität des simplifizierenden Schnellentscheidverfahrens bewusst ist. Wer hingegen auch bei beliebigem Zeitbudget an den simplen Grobstrukturen der Binarität, ja der Kontradiktion festklebt, zeigt umgekehrt, dass er sein Modell – oder Teile daraus – nicht mehr als Modell erkennt, sondern absolut setzt. Der schlachterprobte Feldherr oder Unternehmensleiter, der auch Entscheide über sein Weltbild, seine Freundschaften, seine Ethik im Stile eines kontradiktorischen Entweder-Oders in Windeseile trifft, hat wohl kaum mehr das Bewusstsein, dass zeitliche Effizienz nicht das einzige mögliche Ziel eines Entscheidfindungsprozesses zu sein braucht. M.E ist nun aber gerade das Wahrheitsmodell, das untrennbar verbunden ist mit dem ganzen Welterklärungsmodell eines Menschen – jedenfalls wenn er einen gewissen Anspruch an die Kohärenz seiner Modelle stellt – nicht eines, das unter Zeitdruck auf die Schnelle entschieden werden sollte. Wir können und sollten es uns leisten, daraus einen lebenslangen Differenzierungsprozess zu machen. Dass wir uns dabei von der oberflächlich-praktischen Simplifizierung der kontradiktorischen Strukturierung der Welt allgemein und der absoluten Wahrheit speziell entfernen, scheint mir nahe liegend zu sein.
Die Negation (im Sinne der Logik, z.B. im Satz vom Widerspruch: "A ungleich Nicht-A; formalisiert "A ≠ ┐A") einer beliebigen materiellen oder immateriellen Entität ist eine weitere Spezialform der Zweimachung und kommt nur in konstruierten Modellen vor. In der materiellen Natur finden wir die Negation nicht, im immateriell-geistigen Agieren der Natur – auf das wir allerdings aus dem erkennbaren Verhalten schliessen – ebenfalls nicht. Negation ist eine abstrakte Konstruktion der Sprache und spezifisch der formalen Logik.
Was wir in allen Bereichen und bei allen Entitäten vorfinden, sind Phänomene wie passiver und/oder aktiver Widerstand, Reibung, Blockade, Sperrung. Aber dabei handelt es sich um positiv beschreibbare Zustände oder Aktivitäten, nicht um abstrakte Negationen von etwas Positivem.
Die Negation als logisches Konstrukt ist Voraussetzung für die Kontradiktion, die Einteilung einer wie auch immer definierten Ganzheit in zwei sich ausschliessende Gegensätze, aber auch für die Komplementarität, also die Einteilung einer Ganzheit in zwei sich ergänzende Gegensätze. Innerhalb von Modellen, z.B. technischen Systemen, kann diese simplifizierende Konstruktion durchaus hochfunktional sein. Bestes Beispiel dafür ist die Informatik, die auf der Binarität 'Strom / Nicht-Strom' basiert. Hier ist die Setzung 'Tertium non datur' systemrelevant und sinnvoll. Ein dritter Zustand neben Strom und Nicht-Strom würde das System stören und ist auch gar nicht nötig, da aus der simplen Binarität durch gigantisch schnelle Reihung hochkomplexe funktionale Systeme hergestellt werden können. Es geht also in keiner Weise darum zu behaupten, es gebe keine Negation, es gebe den Satz vom Widerspruch nicht oder binäre Systeme seien nicht funktional. Aber es geht sehr wohl darum zu zeigen, dass es all diese rationalen Konstrukte nur innerhalb von Modellen gibt, dass es sich also nicht um absolute Grössen handelt. Im Weiteren möchte ich zeigen, dass es Bereiche gibt, die sich wenig eignen für diese Art der Reduktion der Vielfalt, dass die Absolutsetzung der Existenz der Negation, des 'Tertium non datur' und der Binarität und deren Überstülpung auf nicht mehr bewusst als Modelle erkannte Wahrnehmungen in gerader Linie zu dem Mangel an Konfliktkultur führt, den wir als Folge des 'Fundamentalismus' erleben. Ganz delikat wird es bei der Kumulation von nicht mehr als Konstruktionen und Setzungen erkannten Modellen. Das für unsere Fragestellung nach der Negation vielleicht interessanteste Modell ist wiederum das der 'Wahrheit', das seine Brisanz mit der Negation 'nicht-wahr' bzw. dem kontradiktorischen Gegensatz 'falsch' erhält.
Die Konstruktion eines Modells wie z.B. desjenigen der Logik, das auf der Setzung beruht, 'Wahrheit' sei etwas Absolutes und stehe in einem kontradiktorischen Gegensatz zu 'Unwahrheit' bzw. 'Falschheit' machte weniger aus rationalen, denn aus machtpolitischen Gründen Sinn. Wer Macht ausüben will, muss das Wahrheitsmonopol für sich reklamieren, und zwar so absolut wie irgend möglich. Dies taten und tun alle Machthaber weltweit und bei weitem nicht nur die Katholische Kirche – letztere allerdings mit Abstand am erfolgreichsten. Im Bereich jenseitiger und damit schwerlich nachprüfbarer und v.a. nicht einklagbarer Behauptungen ist es auch nicht so schwierig, absolute Wahrheiten zu reklamieren. Mängelrügen aus dem Jenseits – so sie denn bei uns eintreffen sollten – sind in der Regel juristisch nicht relevant. Heikel wird es aber, wenn ein Machtträger wie die Kirche zur Stützung ihrer allumfassenden Macht eben auch in Gebieten einen absoluten Wahrheitsanspruch geltend macht, die der Wissenschaft zugänglich sind und wo somit Nachprüfbarkeit möglich ist wie z.B. beim ptolemäischen Weltbild oder bei der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte. Wer sich dann nicht rechtzeitig zum durchaus aussagekräftigen Mythos bekennt und absolute wissenschaftliche 'Wahrheit' behauptet, kommt in Schwierigkeiten. Hier konnte denn auch die Aufklärung am leichtesten ansetzen und erste Erfolge verbuchen – um dann, Ironie des Schicksals, - gleich selbst in die Falle der Absolutsetzung zu treten mit der Anbetung der Ratio und dem absoluten Wahrheitsanspruch für wissenschaftliche Erkenntnis, der in der voin Hybris triefenden Gegenüberstellung von 'Glauben' im Sinne von 'Meinen', von 'ungesicherter Wahrnehmungsverarbeitung' und Wissen im Sinne von 'wahrem Wissen', von gesicherter Wahrnehmungsverarbeitung kulminierte. Erst Karl Popper fand zur wissenschaftlichen Bescheidenheit zurück und erklärte gerade umgekehrt diejenigen Modelle, Systeme und Theorien zu wissenschaftlichen, die überhaupt der Falsifikation zugänglich sind. Damit fand er ein viel praxisnäheres Kriterium für die Unterscheidung von Mythos und Logos. Mythos entzieht sich der Falsifizierung weil er gar nicht den Anspruch erhebt, Faktenwahrheit, Tatsachenberichte über gewesene Ereignisse zu transportieren. Mythos kann schlimmstenfalls nicht (mehr) verstanden werden, weil der kulturelle Kontext (synchron) ein anderer ist oder sich (diachron) gewandelt hat.
Dass die Absolutsetzung der Vokabel 'wahr' und die Verengung auf den kontradiktorischen Gegensatz 'wahr-falsch' keineswegs zwingend ist, zeigt schon die Tatsache, dass es zumindest in den mir bekannten Sprachen [Griechisch: , Latein (verus, verissime), Deutsch (wahrer, am wahrsten), Französisch (le plus vrai), Italienisch (il piu vero), Englisch (the most true)] die Möglichkeit gibt, vom Adjektiv 'wahr' den Komparativ und sogar den Superlativ zu bilden, ohne dass man damit eine absurde oder vom Dialogpartner bzw. Leser nicht decodierbare Aussage machen würde. Gerade im Kirchenlatein z.B. bei Thomas von Aquin ist 'verissime' eine durchaus häufige Vokabel. Dies entspricht dem völlig alltäglichen Bedürfnis nach Differenzierung: Überall, wo wir genauer hinschauen, unter die Oberfläche tauchen, löst sich die künstlich gesetzte Zweiheit in Vielfalt, in komplexere Vielheit auf. Im besten Fall eignen sich die beiden als kontradiktorisch gesetzten Begriffe als äusserste Pole einer Skala. Meine These geht nun dahin, dass die Sprache keineswegs das Denken in Polaritäten erzwingt, sondern dem Bewussten, der sie beherrscht, immer Instrument bleibt und er dementsprechend fähig ist, je nach Kontext sowohl reduzierte Zweiheit wie komplexe Vielheit auszudrücken. Ich versuche, die Plausibilität dieser These im Kapitel III zu prüfen.
Der Satz, kontradiktorische Aussagen könnten nicht beide zugleich wahr sein, ist laut Aristoteles der sicherste unter allen. Da muss man ihm wohl Recht geben, da er damit nur die Definition der Negation wiederholt und Negation m. E., wie oben ausgeführt, der kontradiktorischen Relation entspricht. Aber man kann sehr wohl behaupten, bei 'wahr-falsch' handle es sich gar nicht um eine kontradiktorische, sondern um eine konträre Relation und damit wäre die Kontextabhängigkeit wieder gegeben. Aristoteles ist aber sehr genau in der Formulierung des Widerspruchs und präzisiert die Behauptung, etwas könne nicht zugleich sein und nicht sein "[…] in demselben Sinne in derselben Beziehung, derselben Weise und derselben Zeit […]" – Dagegen würde ihm Heraklit wohl antworten, dass dies zwar eine gute Absicherung sei, aber leider in der physischen Welt nie der Fall, denn "In die gleichen Ströme steigen wir und steigen wir nicht; wir sind es und wir sind es nicht." – Und ich wage anzufügen, dass Aristoteles damit ein so genanntes Jetzt-Erlebnis und damit durchaus ein Wahrheitserlebnis beschreibt, denn 'dieselbe Zeit' ist nur in der völligen Gegenwart, im Jetzt gegeben, und derselbe Sinn, z.B. der Gesichtssinn oder Tastsinn, kann nur unter Austricksung des quantitativen Zeitaspekts 'Chronos', also im Jetzt, 'in derselben Beziehung' und 'in derselben Weise' wahrnehmen. Parmenides würde mir vielleicht zustimmen. Diese so genannten 'Jetzt-Erlebnisse' haben den angenehmen Nebeneffekt, dass sie Momente der Vereinigung sind, im intensiven Fall sogar Momente der Vereinigung mit allem, was ist. Nur fällt dabei die andere Seite der kontradiktorischen Relation, das Nichtwahre, Nichtseiende unter den Tisch, aus dem Wahrnehmungsbereich, ja sogar das Ego des Wahrnehmenden löst sich für diesen Augenblick auf. Tut es das nicht, war es kein Jetzt-Erlebnis, wie ich den Begriff hier verwende, der sich gerade durch die flashartige Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung, durch die Abwesenheit von Zeit, Raum und Ego definiert. Dieses von Aristoteles umschriebene Jetzt-Erlebnis, bei dem alle Abtrennung aufgehoben ist, dient wohl kaum dem Satz vom Widerspruch, der ja gerade schärfstens trennt, die harte Demarkationslinie zwischen 'wahr' und 'falsch' plausibel machen will.
Wenn wir die Gültigkeit des Identitäts-Prinzips auf Aussagen polarer Entitäten mit polarem Bewusstsein in polarer Sprache reduzieren, die auf Wahrnehmungen beruhen; und wenn wir weiter davon ausgehen, dass sich der Wahrheitsgehalt einer Aussage auf den Inhalt, den immateriellen Sinngehalt und nicht auf die äußerliche Identität aufgrund der gleichen formalen Hüllen, also der Wörter und Sätze bezieht, so beweisen die Geistes- und Naturwissenschaften täglich, dass jedes beliebige 'A' für jeden beliebigen Rezipienten, d.h. 'A' Wahrnehmenden, verschieden ist. Keine zwei Wahrnehmungen von keinen zwei Wahrnehmenden haben sich je vollständig gedeckt. Überall dort, wo diese Illusion besteht, sind die Wahrnehmungen nicht genau genug differenziert worden. Damit sind auch die vermeintlich zu den gleichen Wahrnehmungen mit denselben Begriffen und Sätzen gemachten Aussagen nur formal-äußerlich, aber nie inhaltlich-innerlich identisch. Dazu kommt, dass – unabhängig von der Fiktion der Zeitachse, auch jedes wahrnehmende Individuum in permanentem Wandel im Jetzt begriffen ist. Wie unsere Haut sich auf der physischen Ebene ständig erneuert, so wandelt sich auch unser Ego, unsere psychischgeistige innere 'Haut' unablässig. Unser Bewusstseinsausschnitt verändert sich mit jeder Wahrnehmung, jeder Erfahrung, jedem Gedanken. Somit ist auch das einzelne wahrnehmende Subjekt nie mit sich selbst identisch und widerspricht bereits unabhängig von der Wahrnehmung eines Objekts oder dem Wahrgenommenwerden durch andere Subjekte bereits dem Satz der Identität. Weiter ist es eine Illusion, irgendein Objekt 'A' außerhalb des wahrnehmenden Subjekts bleibe mit sich selbst identisch. Hier hilft m.E. auch Kants Betonung der Gleichzeitigkeit und die Umformulierung als analytisches Urteil nichts, da der Veränderungsprozess in der Gegenwart stattfindet. In modernen quantenphysikalischen Welterklärungsmodellen ist alles in permanentem Wandel begriffen, auch was wir als unbewegt oder fest wahrnehmen. Die Aussage, dass alles Energie und in Bewegung ist, gilt demnach genauso für vermeintlich Ruhendes wie für anorganische Materie. Wir haben also sowohl auf der Subjekt-Seite wie auf der Objekt-Seite permanenten Wandel und bestenfalls oberflächliche Kontinuität, aber keine Identität. Auch die so genannten 'allgemeingültigen Gesetze' der Physik, die unabhängig davon gelten sollen, ob sie von jemandem wahrgenommen werden, sind in ihren praktischen Anwendungen nie mit sich selbst identisch. Je nach Raum, Zeit, physikalischem, chemischem, energetischem Umfeld differieren die Anwendungen auch völlig unabhängig von subjektiven Filtern, die dann noch dazu kommen, wenn Wissenschafter die Resultate dieser immer wieder anderen Experimente kommentieren. Die Gesetze selbst gehören als theoretische Inhalte zum nichtstofflichen, metaphysischen Bereich und können auf diesem immateriellen Level der Ideen, der Programme und der morphogenetischen Felder einen Wahrheitsgehalt haben, der unabhängig ist von der Erkenntnis durch einzelne Entitäten. Aber meta physei ist das Bivalenzprinzip bezüglich der 'allgemeingültigen Gesetze' irrelevant, da diese sich ja gerade auf die Bezüge zwischen materiellen Manifestationen beziehen, als physikalische Gesetze auf die Physis beschränkt sind. So hat das Fallgesetz als immaterieller Inhalt einen Wahrheitsgehalt wie die Idee der Sitzgelegenheit. Nur ist die Aussage: "Das Fallgesetz ist als immaterieller Inhalt mit sich selbst identisch" von gleich banaler Relevanz wie die Aussage: "Die Idee der Sitzgelegenheit ist mit der Idee der Sitzgelegenheit identisch". Natürlich darf man darüber streiten , ob die Ideen a priori ewig und immer gleich seien oder ob jede wahrnehmende Entität ein eigenes Ideen-Arsenal habe, das erst a posteriori, nach der Kontaktnahme mit den Dingen, den Manifestationen, den Inkorporationen der Ideen für diese Entität in die Existenz trete. Wichtig ist, dass sowohl das Fallgesetz wie die Idee der Sitzgelegenheit erst beim Kontakt mit dem Subjekt und der Physis, mit dem Anwendungsfall Relevanz, Bedeutung erhält. Sobald aber ein lebendes physisches Subjekt eine Idee der Sitzgelegenheit hat, ist sie wieder mit keiner einzigen anderen Idee der Sitzgelegenheit eines andern Subjekts identisch, da sich Vorstellungen verschiedener Subjekte nie hundertprozentig decken, unabhängig davon, ob hinter diesen subjektiven Ideen noch die Existenz der 'A-priori-Ideen' postuliert wird. Genau so ist es mit dem Fallgesetz: Sobald wir es konkret anwenden, sind die theoretisch geforderten Bedingungen nicht mehr gleich und damit sind auch keine zwei Anwendungen identisch. Die Forderung nach identischen Bedingungen bei allen naturwissenschaftlichen Experimenten ist zwar verständliches Wunschdenken, geht aber an der Grundeigenschaft der Physis vorbei, die uns eben gerade nie und nirgends zweimal genau die gleichen Bedingungen beschert. Wir müssen uns mit der Forderung ähnlicher bzw. vergleichbarer Bedingungen zufrieden geben. Und die empirische Wissenschaft tut dies auch. Sie hat aber – i.U. zu auf Aristoteles basierenden philosophischen Richtungen – keine Mühe mit der Relativität des Wahrheitsbegriff, mit der Kontrarität, also Abstufbarkeit der Gegensätze 'wahr – falsch', mit dem Einschluss nicht nur eines Tertium, sondern einer ganzen Palette von Zwischentönen auf der Skala zwischen wahr und falsch. Die Quantenphysik und andere Disziplinen - auch der Geisteswissenschaften – haben gezeigt, dass die determinierte Sicherheit auch in den vermeintlich exakten Bereichen der Quantifizierbarkeit mehr Illusion als Realität ist. Man könnte die Physis also auch definieren als Ort der Nicht-Identität, als das Raum-Zeit-Kontinuum, in dem es keine Identität gibt. Damit ist der für die Physis ausgesprochene Satz der Identität eine Contradicito in adiecto, ein Widerspruch in sich selbst. Identität ist nur ein anderes Wort für 'Einheit' und Einheit ist eine Metapher, ein Paradoxon, um den Gegensatz zur Vielheit, zur Polarität, zur Welt der Subjekt-Objekt-Spaltung oder eben zur Physis zu bezeichnen. Identität oder Einheit könnte man auch als einen Pol bezeichnen, der seinen Gegenpol umschliesst und damit seiner Polarität verlustig geht, also genau das tut, was die Idee der Kontradiktion als unmöglich statuiert: Sich vereinigen mit dem Gegenpol.
Alle drei 'ehernen Gesetze der Logik', also neben dem Satz vom Widerspruch auch der Satz der Identität und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten stehen und fallen mit dem Bivalenzprinzip, mit der Absolutsetzung der Zweiwertigkeit.
Das Bivalenzprinzip gilt in der physischen Welt, bestenfalls – und auch das nicht immer – für eine einzige wahrnehmende Entität unter der Hypothese der Zeitlosigkeit, im Jetzt, also bei t=0. Es gilt nicht für mehr als eine wahrnehmende Entität, da es in Zeit und Raum keine Standpunktfreiheit gibt, jede andere Entität also bereits einen anderen Standpunkt innehat und aus diesem anderen Standpunkt 'A' anders wahrnimmt. Es gilt nur für t = 0, da die wahrnehmende Entität bei t > 0 aktiven und passiven Standpunktveränderungen unterworfen ist. Es gilt nicht immer, da auch für eine einzige wahrnehmende Entität in einem einzigen Augenblick die Qualität der Wahrnehmung gleichzeitig mehrstufig und damit bereits verschieden sein kann. Die wahrnehmende Entität kann – in platonischer Diktion – gleichzeitig das Ding und die Idee dahinter erkennen, den Stuhl und die Idee des Stuhls, die konkrete Manifestation und das abstrakte Wesen, das materiell Greifbare und das immateriell Begreifbare. Damit ist die Aussage, der Stuhl A könne nicht gleichzeitig Stuhl A und Nicht-Stuhl A sein, sogar für eine einzige wahrnehmbare Entität nicht richtig mangels Konsistenz von A. Zu behaupten, Stuhl A sei sowohl der konkrete Stuhl wie die Idee dahinter, erst das gesamte Verständnis sei die Identität von A und seine Konsistenz bestehe gerade im ganzen Feld des 'Types' und aller 'Tokens', der Idee und aller Repäsentanten, hilft auch nicht weiter, da über diese vielen Ausdeutungen durchaus auch einzeln kommuniziert werden kann – und in aller Regel auch wird. Wenn nun zwei Kommunikationspartner nur über die konkrete Bedeutung des vor ihnen stehenden Dings 'Stuhl A' kommunizieren, würden sie ja nicht über das ganze A, sondern nur über einen nicht spezifisch genannten Teilbereich von A kommunizieren. Damit wäre die Identität von A wiederum nicht gewährleistet. Identität bzw. absolute Konsistenz, Eindeutigkeit der Zeichen sind wie inhaltliche Objektivität Ideale, die auf der Fiktion von Standpunktungebundenheit, Freiheit von jeglichem Beobachtungspunkt und Blickwinkel ausgehen. Dieses Ideal ist aber in der Physis – im Modus der Subjekt-Objekt-Spaltung – nicht realisierbar, ausser man gebe wenigstens partiell bzw. kurzfristig die Spaltung auf in den so genannten Jetzt-Erlebnissen. Das kostet aber den Preis der eigenen Position. Sobald wir die Wahrnehmung von etwas verarbeiten wollen, das wir als ausserhalb von uns situieren, ohne uns damit zu vereinigen und ohne unsere Position preiszugeben, gibt es keine absolute Konsistenz, da sowohl jede naturwissenschaftliche Analyse wie auch jede Begriffsbestimmung nie von außerhalb der Standpunktgebundenheit erfolgen kann.
Zweimachung zeigt sich in all ihren Formen als funktionales Konstrukt, das sich bei oberflächlicher Betrachtung zwar durchaus auf innere und äussere Wahrnehmungen applizieren lässt, das sich bei geschickter Kombination auch für die Produktion komplexer Systeme eignet, aber nur sehr beschränkt für differenzierte Wahrnehmungsverarbeitung. Zur Falle wird sie generell bei Absolutsetzung und speziell bei absoluter Bewertung des einen Elements oder Pols als nur 'gut' bzw. 'wahr' und des andern als nur 'schlecht' bzw. 'falsch'.
Wie funktionieren die Relationen zwischen 'Wahrnehmungsverarbeitung' und 'Sprache' bezüglich der Zweimachung? Sind Zweierschritte in der Wahrnehmungsverarbeitung irgendeiner Form von Sprache zwingend?
Mit dem so genannten 'Linguistic Turn' fand anfangs des 20. Jahrhunderts zuerst in der Philosophie und anschliessend in den meisten anderen Geisteswissenschaften eine Verengung des Blickwinkels statt, der relevante Wahrnehmungsverarbeitung auf rationales Denken und Sprache auf Verbalsprache reduzierte. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn diese Verengung bewusst und sozusagen 'branchenintern' erfolgt wäre wie dies bei anderen Gruppierungen immer wieder der Fall war und ist. So gibt es viele Berufsmusiker, für die die einzige relevante Wahrnehmungsverarbeitung diejenige von Klängen und deren einzig bedeutsame Art von Kommunikation die Musik ist. Problematisch ist einmal mehr die Absolutsetzung dieser Fokussierung auf die Sprache, die – auch das ein archetypisches Phänomen – mit einer Kausalisierung einherging: Das, was subjektiv für so ungemein bedeutsam gehalten wird, wird geadelt mit dem Etikett der Wirkursache, soll Causa für alles andere zu sein. So wurde die Verbalsprache – eines von vielen kommunikativen Hilfsmitteln zwischen den gerade der gleichen engeren Kultursphäre angehörenden Vertretern der Gattung Mensch – plötzlich von einem Instrument (von vielen) zur grossartigen mystifizierten 'Over-all-Causa'. Menschliche Verbalsprache war plötzlich der Urknall aller Erkenntnis, die präfigurierte Struktur, von irgendwelchen Bösewichten, die Macht über die armen Menschlein ausüben wollten und wollen, mit intransparenter, nicht oder nur schwer decodierbarer Bedeutung vollgepfropft. Dies eröffnete zwar ein Tummelfeld für Schuldprojektionen, politischen Aktionismus und Selbstdarstellungen selbst ernannter Durchschauer und damit Retter der Sprach- oder modischer 'Diskurs'-Opfer, aber für alle die, für die Verbalsprache nur eines und nicht einmal das wichtigste Kommunikationsmittel ist – und das war und ist m.E. die Mehrheit der an Kommunikationsprozessen Beteiligten – schoss und schiesst dieses Verschwörungsszenario völlig am eigenen Erleben vorbei.
Eine vertiefte Untersuchung der Gewichtung der verschiedenen Kommunikationsschienen wie poetische Sprache, Mimik, Gestik, Körpersprache, Prosodie, Gesang, Instrumentalmusik, bildende Kunst, Tanz, Charisma, Ausstrahlung, energetische Fernwirkung sprengte den Rahmen dieser Arbeit. Es ging mir nur darum, hier einleitend eine Relativierung der Verbalsprach-Fokussiertheit zu signalisieren und den nächsten 'Turn' – diesmal nicht einen linguistischen, sondern einen aus der Sackgasse herausführenden, die Palette der Wahrnehmungsverarbeitungs- und Kommunikationsmittel weitenden 'Turn', den ich selbstverständlich gern promovieren würde, zumindest als herbeiwünschenswert zu skizzieren.
Es geht hier darum, uns an die Frage heranzutasten, wie zwingend der Schritt in die Zweiheit ist. Dazu müssen wir von der Wahrnehmungsverarbeitung ausgehen, nicht von einer der Kommunikationsschienen, mit denen Wahrnehmung transportfähig gemacht wird, wie z.B. der Verbalsprache. Wenn Letztere stark polar, binär, auf Gegensätzen aufgebaut sein sollte – was noch zu untersuchen ist – so können wir nicht stringent zurückschliessen, dass in dem Fall Wahrnehmungsverarbeitung Zweimachung erfordere. Wir können nur feststellen, dass das Instrument der Verbalsprache ein Transportsystem für verarbeitete Wahrnehmungen ist, das gern mir Zweimachung operiert. Wenn überhaupt, dann liegt die Binarität im Instrument Verbalsprache, und nicht in der Wahrnehmungsverarbeitung. Hinweis auf die Stimmigkeit dieser Behauptung ist, dass wir in unzähligen Situationen, bei einer Vielzahl von Aufgaben den Schritt in die Zweimachung nicht vollziehen, sondern eine Wahrnehmung entweder direkt in eine Anzahl Elemente > 2 (in Folge: 'suprabinär') unterteilen, sie ganzheitlich aufnehmen oder zwischen der ganzheitlichen Wahrnehmung und verschiedensten Unterteilungen hin und her wechseln.
Ein gutes Beispiel für dieses Spiel zwischen binärer, suprabinärer und ganzheitlicher Wahrnehmungsverarbeitung ist die Rezeption, Integration und partielle Analyse eines Chor- und/oder Orchesterklangs durch eine musikalisch kultivierte Person. Die Kennerin nimmt intuitiv einen ganzheitlichen Klang auf – Vorteil dieser Wahrnehmungsverarbeitungsmethode ist die Synchronizität, das Nichtbrauchen von Zeit bzw. der Wechsel von 'Chronos' zu 'Kairos', von der quantitativen in die qualitative Zeit – je nach ihrem Entwicklungsstand als Musikkennerin unterscheidet sie auch mit wenig oder gar keiner analytischen Reflexionsanstrengung den Klang der Streicher, Holzbläser, Blechbläser bzw. die vier – oder mehr – Stimmen eines Chorklangs. Tritt eine Gruppe musikalisch in den Vordergrund, differenziert sie mit Leichtigkeit und ohne den Schritt über die Zweimachung z.B. die Klangfarben, die Stimmführung der ersten im Unterschied zur zweiten Geige, zu den Bratschen, den Celli und den Kontrabässen. Gerade Musik zeigt, wie sich horizontale und vertikale Wahrnehmungsverarbeitung in fortschreitender Gleichzeitigkeit in diachroner Synchronizität überlagern. Der Kenner hört permant sowohl die Polyphonie wie die Melodik – und das ist erst der Anfang, denn er nimmt gleichzeitig die Lücken in den Klängen, das bewusste Weglassen von Akkordtönen bzw. Klangfarben wahr sowie das ganze rhythmische Geschehen, auch da mit allen Weglassungen, Pausen, Synkopen, die wesentlich zur Spannung beitragen.
Nun ist es denkbar, dass ein musikalisch völlig Unbedarfter seine allerersten Schritte in der Verarbeitung der Wahrnehmung 'Musik' mit Hilfe von Zweiteilungen macht. Aber auch dies kaum in der inneren, intrapersonalen Verarbeitung seiner direkten Wahrnehmung, sondern höchstens bei der externen, interpersonale Kommunikation erfordernden Vermittlung und dem Austausch von Wahrnehmungsverarbeitungsresultaten. Vielleicht versucht der Pädagoge ihm zuerst die beiden Schienen 'Text' und 'Melodie' eines einfachen Liedes zu erläutern oder die zwei Elemente 'Rhythmus' und 'Melodie' eines simplen Instrumentalstücks. Aber sogar hier setze ich ein Fragezeichen, denn gerade der Unbedarfte nimmt Musik in allererster Linie nicht rational, sondern emotional-intuitiv, als Stimmung, als ganzheitliches Geschehen wahr und die rational-pädagogische Aufschlüsselung ist ein meist wenig erfolgreicher Versuch, ihm einen Zugang zu verschaffen. Die Reduktion auf Zweiheiten ist dabei höchstens in ganz tragischen Fällen von musikalischer und generell suprarationaler Unbedarftheit angezeigt. Es gibt Menschen, deren suprarationale Fähigkeiten derart verschüttet sind, dass sie völlig auf die rationale, langsame Wahrnehmungsverarbeitung angewiesen sind. Sind nun auch diese im engeren Sinne 'denkerischen' Fähigkeiten des schrittchenweise Analysierens und Decodierens und mit einfachen logischen Schlüssen Verknüpfens der Wahrnehmungen (noch) unterdurchschnittlich ausgebildet, so mag es einen Versuch wert sein, einem solcherart Benachteiligten einen gewaltigen Wahrnehmungskomplex wie Musik in rationalen, verbalsprachlich transportierten Zweierhäppchen zu servieren. Gelingt es, ihn auf diese Weise zu motivieren, seine Angst vor der suprarationalen Wahrnehmungsverarbeitung etwas hintanzustellen und sich der Musik auf anderen Kanälen als den vertrauten analytischen zu öffnen, so hat sich der Umweg über die Zweimachung gelohnt. Bleibt er aber im rational-analytischen Modus stecken, bleibt Musik für ihn bestenfalls 'organisierter Lärm'.
Besteht ein Unterschied in der Verarbeitung der Wahrnehmung von Auditivem und sonstigen Sinneswahrnehmungen, also optischen, olfaktorischen, taktilen und geschmacklichen? Ich meine nein. Der wesentliche Unterschied in der Wahrnehmungsverarbeitung besteht m. E. weder in der Art des Wahrzunehmenden noch im Sinnesorgan, das uns die Wahrnehmung zuträgt – ja, es ist m. E. sogar unerheblich, ob die Wahrnehmung eine äussere, vermeintlich 'reale' oder eine innere, vermeintlich 'fiktive' ist – sondern in der Wahl der Verarbeitungsmodi, genauer: der Wahl der Qualität innerhalb der Verarbeitungsmodi. Wenn ich hier als Einstieg binär unterteile und vom rationalen sowie vom suprarationalen Wahrnehmungsverarbeitungsmodus spreche, so dient dies gleich als Beispiel für den beschränkten Nutzen, den 'en passant'-Charakter der Zweimachung. Bei genauerem Hinsehen überlagern sich die beiden Modi, ist eine Vielzahl von Abstufungen unterscheidbar und taugen die Etiketten bestenfalls zur Markierung des komplementären Gegensatzkonstrukts, der beiden nur theoretisch existierenden Endpunkte einer differenzierten Skala. Rein rationale Wahrnehmung gibt es sowenig wie rein suprarationale. Auch in höchster Not, wenn das Gehirn automatisch auf ganzheitliche Wahrnehmung umschaltet, kann das rationale Denkvermögen weiter arbeiten und allenfalls zur Problemlösung beitragen. Umgekehrt ist auch das Denken und Handeln des sich rein rational operierend Wähnenden in jedem Augenblick von Emotionen, intuitiven Eingebungen, undurchschauten alten oder aktuellen Beeinflussungen geprägt.
Wenn wir die Wahrnehmung eigener oder fremder Emotionen, Intuitionen, Befindlichkeiten, Stimmungen, Motivationen, Ideen, Geistesblitzen, Energien verarbeiten, sei es dass wir sie verbal oder non-verbal empfangen oder in Mischformen, die wiederum gleichzeitig oder hintereinander erfolgen können, so stellt sich die Frage, ob wir dies in Zweimachungs-Schritten tun und – wenn ja – ob dies zwingend in Zweierschritten erfolge. Hier müsste natürlich gründliche Feldforschung betrieben werden, um statistisch fundierte Aussagen machen zu können. Aber wir können immerhin Selbsttests durchführen und unser direktes Umfeld in die Experimente einbeziehen um wenigstens Anhaltspunkte zu erhalten. Es ist m.E. durchaus denkbar, dass wir in der Fremdwahrnehmung bei einer Begegnung uns kurz mehr oder weniger bewusst die binäre Frage stellen, ob unser Gegenüber in guter oder schlechter Verfassung sei. Wenig intuitive und stark rationale Naturen gehen dann vielleicht in Zweierschritten weiter. Wenn sie also z.B. festgestellt haben, dass das Gegenüber schlecht drauf ist, versuchen sie herauszukriegen, ob das körperlich oder psychisch begründet sei, wenn körperlich, könnten sie weiterfragen, ob aufgrund äusserlich Defizite oder solcher, die die 'innere Medizin' angehen usw. Ich wage aber auch ohne Feldforschung zu behaupten, dass dies die Ausnahme sei, dass der Grossteil der Wahrnehmungsverarbeitenden Intra-Psychisches vermehrt suprarational, also z.B. intuitiv verarbeiten und den Umweg über die langsamen Zweierschritte weglassen. Es zeigt sich auch in diesem Kontext, dass die Zweimachung ein typisches Instrument der rationalen Wahrnehmungsverarbeitungsmethode ist.
Hier geht es nun nicht um die mehrfach angesprochene Umsetzung und Transportierung irgendeines Wahrnehmungsverarbeitungsresultates über die Verbalsprache, sondern um Verbalsprache als Wahrnehmungsobjekt, das auf verschiedenste Weise verarbeitet werden kann. So können wir auf Verbalsprache mit einer Emotion, einer bild- oder klanghaften Assoziation oder irgendeiner Aktion reagieren, selbstverständlich können wir aber auch auf der Ebene der Verbalsprache bleiben und die wahrgenommene Verbalsprache ebenfalls verbalsprachlich verarbeiten. Aber auch dann bleiben uns mehrere Möglichkeiten. Wir können z.B. eine eher rational intendierte verbalsprachliche Wahrnehmung suprarational verarbeiten – indem wir beispielsweise auf eine Gebrauchsanleitung zu einer lyrischen Verballhornung verarbeiten, sie in Musik setzen – oder wir können eine eher suprarational intendierte verbalsprachliche Wahrnehmung wie ein (vom Autor als solches bezeichnetes) Gedicht schwergewichtig rational zu analysieren versuchen etc.
Auch hier ist die Reduktion auf binäre Schritte nicht zwingend und höchstens bei Unbedarften im Falle rationaler Analyse vielleicht angezeigt. So kann die analytische Interpretation eines Gedichts damit beginnen, dass z.B. Inhalt und Form in einer ersten Phase versuchsweise getrennt analysiert werden. Bleibt der Interpret aber nur schon in dieser Zweiteilung stecken, wird er das Gedicht wohl kaum in seiner Tiefe ausloten können, da die beiden künstlich getrennten Elemente Inhalt und Form zutiefst verknüpft, vernetzt sind und – wie alle Gegensätze – erst bei ihrer Vereinigung ihr Geheimnis enthüllen. Es wurde mehrfach und vor allem in neuerer Zeit versucht, die Verbalsprachwelt auf Binaritäten – Zweierpärchen und Zweierschrittchen zu reduzieren. Dies vor allem als Folge der späten und überbegeisterten Entdeckung der rational-analytischen Differenzierung in der damit erst so richtig aus der Taufe gehobenen Wissenschaftsdisziplin der Linguistik, die bis heute im Bann einiger der simplifizierenden, nur von seinen Studenten kolportierten Aussagen von Ferdinand de Saussure steht.
In diesem Abschnitt möchte ich den Fokus auf die Genese der Figur der Zweimachung richten. Wir haben gesehen, dass die Zweimachung weder genuin in allen Arten von Sprachen (im weiten Sinne als Kommunikationsschiene zwischen Entitäten) notwendig vorkommt noch in jeder Art von Wahrnehmungsverarbeitung, sondern nach heutigem Wissensstand nur mit markanter Häufigkeit in der menschlichen Verbalsprache, aber auch hier nur in der rational verwendeten bzw. decodierten. Lyrische, poetische Sprache, aber auch intuitive, emotionale, generell suprarationale Anwendungen von Verbalsprache bedienen sich selten der Figur der Zweimachung. Wenn wir die rationale menschliche Verbalsprache untersuchen, stossen wir allerdings häufig auf die Figur, sodass man in Analogie zur generativen Grammatik Chomskys behaupten könnte, es handle sich dabei um ein der Sprache immanentes Phänomen. Da ich auch die Grundhypothese der generativen Grammatik nicht teile und die Verbalsprache als eines von vielen Kommunikationswerkzeugen betrachte, das allerdings evolutionär passend die Behinderungen der Spezies Homo sapiens (im Vergleich zu den vielen Entitäten aus Fauna und Flora) in der sinnlichen und suprarationalen Wahrnehmungsverarbeitung teilweise auffängt, neige ich zu der Annahme, dass es sich bei der Figur der Zweimachung um einen Archetyp rationalen Denkens handelt, der sich im Instrument der Verbalsprache niederschlägt, der aber auch ohne sie vorhanden ist. Auch und gerade der Verbalsprache nicht (oder nicht mehr) Mächtige wie Taubstumme, Sprachbehinderte, Teil-Demente etc. brauchen die Denkfigur der Zweimachung, wie sich aus ihrem konkludentem Handeln schliessen lässt. Auch in Tierversuchen können – wie erwähnt I.?? – Entweder-Oder-Situationen konstruiert werden, die das Tier zur Anwendung der Figur der Zweimachung bringen, ohne dass Verbalsprache im Spiel wäre. Dies zeigt, dass der Schluss von der Verbalsprache zurück auf die Denkfähigkeit ein Irrtum ist, den der Mensch aber ungern aufgibt, da er sich mit fast herziger Verzweiflung an seine Verbalsprachfähigkeit klammert, um seine auf reiner Gewalt beruhende Vormachtstellung unter den Bewohnern unseres Planeten zu legitimieren. Der Schluss 'weil Sprache, darum Denkvermögen' illustriert auch die Willkür, die der kausalen Verknüpfung innewohnt. Hier wird – wie so oft – nicht hinterfragt, ob es nicht auch umgekehrt sein könnte, nämlich 'Weil Denkvermögen, darum Sprache', oder ob es sich um die für mich funktionalste Verknüpfung der Polylogie, der Interdependenz und Vernetzung handeln könnte, dass nämlich Denken und Sprache miteinander vielfach vernetzt sind, sich beeinflussen, sich in einem Dialog befinden, sich in vielen Bereichen aber auch akausal entsprechen, also in Analogie zueinander stehen. Zweimachung ist m.E. also eine archetypische dem rationalen Denken immanente Struktur mit dem Vorteil, in einfachen, nachvollziehbaren Schritten komplexe Wahrnehmungen zu ordnen und mit dem Nachteil, dass ein Steckenbleiben in ihr, ein nicht mehr Durchschauen ihres relativen, modellhaften, instrumentalen Charakters direkt in die Falle des Fundamentalismus führt.
Im Folgenden geht es darum, die innere Stimmigkeit, die widerspruchsfreie Vernetzung der einzelnen Aussagen des skizzierten Modells und Lösungsansätze für die herausgearbeiteten Probleme aufzuzeigen. Dazu rekapituliere ich kurz die in den Teilen I und II gewonnenen Resultate:
Der Schritt der Zweimachung ist für die Wahrnehmungsverarbeitung in keiner Weise zwingend, auch nicht für den Menschen, auch nicht im Bereich rationaler Decodierung und auch nicht bei der Verwendung von Verbalsprache als Kommunikationsmittel. Komplexitätsreduktion mithilfe von Zweimachung ist ein Hilfsmittel, das sich in gewissen Einstiegssituationen Unbedarfter in neue Bereiche eignet – und auch dies nur bei Wahrnehmungen, bei denen rein rationale Decodierung ausreicht und für deren Verarbeitung auch genügend Zeit zur Verfügung steht. Funktional im Sinne der Effizienz und der instrumentellen Tauglichkeit zur Erreichung hier nicht zu bewertender Ziele kann die Zweimachung als Wahrnehmungsverarbeitungs-Werkzeug im Bereich der Technik (Informatik), der simplifizierenden Entscheidfindung unter Zeitdruck und als Instrument zur Gewinnung, Ausübung und Erhaltung von Macht .
Das Konzept eines kausal geschlossenen Universums habe ich zusammen mit dem Modell einer dem subjektiven standpunktgebundenen Wahrnehmenden zugänglichen absoluten Wahrheit aufgegeben (I.4. und II.4.). Alternative Verknüpfungen zur Kausalität wurden vorgestellt. Damit stellt sich aber die grundsätzliche Frage, was ich denn anstrebe mit einer Arbeit wie der vorliegenden, wenn ich weder mit einem absoluten Wahrheitsanspruch noch ausschliesslich kausal argumentiere, also mit der einzigen wissenschaftlich geadelten, von der Logik mit dem Prädikat 'gültig' etikettierten Verknüpfungsmethode. – Ich möchte – in Analogie zur Quantenphysik – den Fokus auf die Funktionalität richten. Funktional ist ein Welterklärungsmodell generell und die hier zur Diskussion stehende Beurteilung der Denkfigur der Zweimachung dann, wenn sie dem Wahrnehmenden hilft, sich zu entwickeln, seine Lebensziele zu erreichen, die z.B. eine Erhöhung oder zumindest Erhaltung dessen, was er/sie als Lebensqualität bezeichnet, umfassen. Man kann diese hier als Ziel postulierte Funktionalität im Humanbereich auch zu erfassen versuchen mit dem Begriff des 'Sinns' in der (von Puristen zwar verfemten, weil aus dem Englischen abgeleiteten) Wendung 'Sinn machen'. Ein Modell, eine Theorie, ein System, ein Spiel, eine Denkfigur wird dann nicht mehr nach dem Kriterium der absoluten Wahrheit gemessen, die sich als unzugänglich erwies, sondern nach dem Kriterium, ob sie subjektiv adäquat sei im jetzigen Zeitpunkt, bei den anstehenden Entwicklungsschritten und Zielen, ob sie ganz aktuell Sinn mache. Genau so gehen wir in der Regel mit Sport und Spiel um, oft auch mit unseren aktuellen Arbeiten, unseren Anstellungen, sogar mit unserem Beruf, wenn wir ihn nicht gerade pathetisch als 'Berufung' verstehen. Diese spielerische Grundhaltung verhindert nicht, dass wir während des Spiels mit vollem Einsatz, mit Konzentration und Leidenschaft innerhalb der Regeln des Modells bewegen. Aber sie entspannt den Wechsel, den Wandel aufgrund von geänderten Bedürfnissen, von gemachten Entwicklungsschritten. Wenn wir die Denkfigur der Zweimachung aus dieser gelassenen Haltung betrachten, wird sie zu einem benutzbaren, in seiner intellektuellen Bescheidenheit aber auch leicht durchschaubaren Instrument. Ihre Funktionalität muss weder kausal hergeleitet und als absolut 'wahr' bewiesen noch bestritten und verbissen bekämpft werden, sondern kann je nach eigenem Entwicklungsstand, je nach eigenen Bedürfnissen ins eigene Denken und Handeln integriert oder eher marginalisiert werden. Man kann sie (bzw. das Mass ihrer Verwendung) auch – wie ich dies tue – als Kriterium für Dilemmakompetenz und Kultur (sowohl von Individuen wie von Kollektiven) verwenden (siehe IV).
Zusammen mit Einstein, mit der Quantentheorie, dem Denksystem des Konstruktivismus und alten östlichen Weisheitslehren verabschiede ich mich auch von der Absolutsetzung der Vorstellung einer unabhängig von einem wahrnehmenden Bewusstsein existierenden 'Realität' oder 'Wirklichkeit'. Meines Erachtens ist es nichts als eine grundwissenschaftliche Haltung, wenn wir Annahmen, Axiome, Setzungen immer auch als solche kennzeichnen und in unserem Welterklärungsmodell entsprechend markieren. Und vorläufig stützen wir alle Erkenntnisse betreffend die so genannte 'Wirklichkeit' auf Aussagen von standpunktgebundenen, subjektiven, mit höchst unterschiedlich funktionierenden Sinnensystemen ausgerüsteten, mit einem Bewusstsein ausgestatteten Entitäten. Der auf den ersten Blick frappierende Konsens vieler Menschen betreffend die allgemeine Existenz einer 'Realität' relativiert sich bereits bei genauerem Nachhaken, vor allem aber beim Vergleich mit stark divergierenden Realitäts-Wahrnehmungen im Tierreich . Selbstverständlich können wir auch den Wirklichkeitsbegriff funktional, 'Sinn-machend' in unser Welterklärungsmodell einbauen. Er verliert dann aber den absoluten Gültigkeitsanspruch und damit auch die Spitze seines Konfliktpotenzials.
Zweimachung wird – wie Kausalität und Wertung – in der Kombination mit Absolutsetzung (die ich mit dem Bild des Steckenbleibens einzufangen versuchte) zur Falle. Doch auch hier herrscht kein simples Schwarz-Weiss, auch die Absolutsetzung ist – so paradox dies klingt – in aller Regel in der praktischen Anwendung eine relative. Sogar die finstersten Fundamentalisten kennen Dilemmata und damit die Kontextabhängigkeit und Relativität ihrer vermeintlich absoluten Setzungen. Denn kein Modell, kein System, keine Theorie ist so perfekt, so fugenlos hierarchisch und widerspruchsfrei, dass dilemmatöse Situationen völlig ausgeschlossen wären. So kann sogar bei einem rudimentären Modell wie dem der islamistischen Terroristen bereits ein Dilemma entstehen, wenn der Ausführende einen kontextabhängigen Widerspruch erkennt oder zu erkennen glaubt zwischen dem 'höheren' Ziel seines Auftraggebers und der konkreten Situation, in die er befohlen wurde. Der vermeintlich kontradiktorische Gegensatz entpuppt sich also – wie immer bei näherer Betrachtung als nur konträrer.
Dilemmakompetenz ist eine Skala wie 'klug-dumm', deren Extrempunkte von menschlichen Entitäten zu Lebzeiten nie ganz erreicht werden. Als relative Grösse eignet sie sich mithin als Kriterium für diverse Aspekte in der Beurteilung des eigenen oder des Profils Anderer. In der Psychologie – insbesondere der Psychiatrie –, der Soziologie und der Jurisprudenz könnte die Dilemmakompetenz das schwammige und extrem kultur- mode- und zeitgeistabhängige Kriterium der 'Normalität' ablösen. Wer dilemmakompetent ist, muss nicht mehr auf Konformität, Mehrheitsadäquanz seiner Wahrnehmungsverarbeitung getestet werden. Das auf einer absoluten Wirklichkeit und absoluter Wahrheit beruhende Stigma der 'Abnormalität' weicht der Feststellung funktionaler Defizite im Bereich der Dilemmakompetenz. Für unsere philosophische Fragestellung hingegen kann die Dilemmakompetenz direkt mit der Denkfigur der Zweimachung verknüpft werden; und zwar indirekt proportional: Je tiefer eine Entität die Dilemma-Natur der wahrgenommenen Welt erkennt und je kompetenter sie mit den von ihr erkannten Dilemmata umgeht, desto höher ist ihr Entwicklungsstand z.B. im Bereich der Konfliktkultur. Damit ist klar gestellt, dass derjenige, der den Archetypus des Seins in der Subjekt-Objekt-Spaltung, also die Dilemma-Natur des Seins, ausblendet bzw. sich ein absolutistisches Weltbild zimmert, in dem es keine Dilemmata gibt, weil z.B. alle Fragen von absoluten Autoritäten beantwortet sind oder werden, sich nach unserem Kriterium der Dilemmakompetenz in einer 'Vor-Entwicklungsstufe' befindet. Die Entwicklung zur Dilemmakompetenz hat noch gar nicht begonnen. Wobei – wie oben erläutert – dieser Extremfall in der Praxis kaum vorkommt.
Das Mass der Verhaftung oder eben Befreiung vom Denken und Handeln in kontradiktorischen Zweiheiten bzw. im mit einseitiger Wertung verknüpften Entweder-oder-Schema geht nun – dies meine These – einher mit dem Mass der Dilemmakompetenz. Je grösser die Verhaftung im Entweder-Oder, je kleiner die Dilemmakompetenz und je stärker das fundamentalistische Potenzial einer Entität. Die Verknüpfung der Zweimachung mit der rein rationalen Denkmethode erklärt auch, warum Fundamentalismus im Tierreich nicht vorkommt – zumindest bis heute nicht belegt werden konnte. Dies wirft ein neues Licht auf die seit Jahrhunderten wiederholte Behauptung, Fundamentalismus habe seine Genese im Mythos, im Bereich des irrationalen Glaubens. Oberflächlich betrachtet mag diese These Nahrung finden, wenn man nur die Ausführenden in der Endphase, z.B. bei der Ausübung eines Attentats betrachtet. Dahinter steckt aber immer die auf dem Weg des rationalen Denkens erfolgte Absolutsetzung einer These, einer Wertung, eines Kausalzusammenhangs. Die Emotionalität – Wut, Hass, Gewaltbereitschaft etc. – ist aufgepfropft auf diese Basis. Emotionalität kommt im Tierreich durchaus vor, auch Gewaltbereitschaft, aber Fundamentalismus gründet sich auf ein Fundamentum, eine regelmässig in rationaler Verbalsprache kommunizierbare in Aussageform daherkommende Setzung, eine Wahrheitsbehauptung. Emotionen tendieren in keiner Weise dazu, sich selbst für absolut zu halten. Kein Wütender meint, seine Wut sei 'absolut wahr'. Es ist die Ratio, die irgendetwas für 'absolut wahr' erklärt und mit dieser Setzung der Emotion eine Legitimation verschafft. Hinter all den gerne als mittelalterlich und unaufgeklärt verschrieenen Fundamentalismen von Religionen und Kirchen – allen voran denjenigen der Katholischen Kirche – steckte immer ein rationaler macchiavellistischer Machtapparat, der sich gezielt der Figur der Zweimachung, der Behauptung der Kontradiktion und der Suggestion des Entweder-Oder bediente (wie heute hinter der SVP und ähnlichen einfach strukturierten, aber was den Machtgewinn betrifft erfolgreichen politischen Kräften).
Fundamentalismus ist also ein zutiefst menschlicher Archetypus, da es sich nach heutigem Forschungsstand auch beim rein rationalen Denken, das sich so gern der Figur der Zweimachung bedient, um ein typisch menschliches Phänomen handelt. So gesehen sind aber auch individuelle und kollektive Szenarien skizzierbar, die zu einem kompetenten Umgang mit dem Archetyp des Fundamentalismus führen könnten.
Wir könnten der crux der Entscheidung, ob die Neigung des Menschen zum Steckenbleiben in der Denkfigur insbesondere der kontradiktorischen Zweimachung und damit sein Hang zu fundamentalistischem Denken und Handeln nun in den Bereich der Rationalität oder der Suprarationalität gehöre, mit zwei Ansätzen ausweichen:
Erstens indem wir die Gemachtheit, die Künstlichkeit des Gegensatzes 'rational-suprarational' durchschauen und die vermeintlich scharfen Grenzen zwischen den beiden Bereichen aufweichen (I. 3.); und zweitens, indem wir ein Tertium kreieren, das wir in beiden Bereichen verorten oder auch jenseits von beiden Bereichen ansiedeln können. Dieses 'Tertium' könnten wir in Analogie zur Trieblehre Sigmund Freuds als einen Trieb bezeichnen, der genauso zur Erhaltung der Art gehört wie die Libido. Wenn der Hang zur absolut gesetzten, als kontradiktorisch konzipierten Zweimachung und damit zum Fundamentalismus die aus kultureller Sicht unterste, triebhafte Stufe der Differenzierung, der Trennung darstellt, so findet sie ihr Äquivalent in der Libido, der aus kultureller Sicht untersten Stufe der Neigung zur Vereinigung. So reduktionistisch wie die Libido vereinigt, so simpel trennen Zweimachung und Fundamentalismus. Das Gemeinsame wäre die Simplizität oder Primitivität, die differentia specifica wäre die Stossrichtung, der Vektor, der bei der Zweimachung ein trennender, bei der Libido ein verbindender ist.
Wenn wir die Analogie weiter skizzieren, könnten auch die Wege aus diesen unerquicklichen zivilisatorischen Untiefen Ähnlichkeiten aufweisen. Wieder sind es zwei Stichworte: coniunctio oppositorum und Kultivierung – wobei das eine das andere impliziert, denn jede Art der Gegensatzvereinigung stellt einen kulturellen Akt dar . Immer wenn es gelingt, die beiden Elemente eines Gegensatzpaares als nur relativ gegensätzlich, als standpunktabhängig, als verschieden wertbar, als weder absolut noch in ihrem Bezug kontradiktorisch zu erkennen, wenn wir die Ersetzbarkeit des einen, des andern oder beider Poler entdecken und schliesslich die Nähe der beiden Pole, ihren vereinigenden Oberbegriff, der sie nicht nur umfasst, sondern durchdringt, sie ausmacht, sowohl rational wie suprarational begreifen, dann haben reduktionistische Zweimachung und fundamentalistisches Denken und Handeln keine Chance mehr. Ähnlich ist es mit der Kultur: je weiter und offener unser kultureller Horizont in wachsend mehr Bereichen, desto eher kommt uns die Möglichkeit abhanden, uns in fundamentalistischen Thesen festzufahren. Aber es reicht nicht aus, eine Kultur des Geistes zu entwickeln, es braucht genau so eine Kultur der Seele, des suprarationalen Bereichs, sowie eine Kultur des Körpers. Denn ein geistig noch so kultiviertes Wesen kann in einem nicht-geistigen Bereich, den es nicht kultiviert hat, zu primitivstem Fundamentalismus fähig sein. Umgekehrt reicht eine relativ bescheidene, aber ausbalancierte Kultivierung von Geist, Seele und Körper, um der Fundamentalismusfalle zu entgehen. Zentral ist nicht das quantitativ erfassbare Mass an Kultur, sondern die Qualität der Balance.
Ich hoffe, es ist mir gelungen, für den vielleicht ungewohnten Gedanken zu werben, dass Wissenschaft und insbesondere Philosophie nicht am Ende sind, wenn man das Konzept der absoluten Wahrheit aufgibt, sondern dass sie im Gegenteil unter diesen Voraussetzungen erst wieder richtig frei werden für das Erarbeiten funktionaler, Sinn machender Modelle, die Individuen und Kollektiven bei der Bewältigung ihrer jeweils aktuellen Probleme dienen können. Das hier skizzierte Modell will einen lebbaren Umgang mit Zweimachung und vor allem mit der damit in Zusammenhang gestellten Falle des Fundamentalismus aufzeigen, indem es die beiden Haltungen zuerst einmal vom Aussen ins Innen und damit in den Bereich der Gestaltbarkeit holt. Wenn ich behaupte, dass es sich dabei um triebähnliche Archetypen handelt wie bei der Libido, so geht es darum, die gängige Schuldprojektion nach aussen nicht nur ins einzelne Subjekt zu holen, sondern gleichzeitig einen schuldfreien Raum zu schaffen, in dem der Einzelne seinen eigenen Hang zu Zweimachung und Fundamentalismus anschauen und gelassen vorwärts blickend mit ihm umgehen kann. Auch mit den vorgeschlagenen Lösungsansätzen der Gegensatzvereinigung und der Kultivierung seiner selbst verfolge ich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, sondern postuliere Funktionalität im Sinne von mehr Lebensqualität, sowohl für den, der sich bemüht, diese Wege zu gehen, wie für alle, die seinen Weg kreuzen. Das 'Resultat', der Mensch, der seinen Geist, seine Seele und seinen Körper lebenslänglich kultivierte und sich auf allen Ebenen um Gegensatzvereinigung bemühte, deckt sich mit dem Idealbild vieler grosser Weisheitslehren und ethischer Modelle, auch wenn jene vielleicht für sich einen alleinigen Gültigkeitsanspruch anmelden und damit immer noch mit einem Fuss im fundamentalistischen Denken stecken bleiben. Ungefragtes Missionieren und Verurteilung der Andersdenkenden ist – auch und gerade beim hier vorgestellten Ansatz – die klassischste aller Fallen. So gesehen ist es mir ein Anliegen, abschliessend festzustellen, dass es sich beim hier vorgestellten Modell wie bei jedem andern um das Angebot eines Produktes auf dem Meinungsmarkt handelt, das sich in meiner Welt bislang als funktional erwies und erweist, das aber der Popper'schen Falsifikationsthese untersteht, da es als wissenschaftliches Modell rezipiert werden will.
Aristoteles. Metaphysik. Griechisch-Deutsch. Hermann Bonitz (Übers.); Horst Seidl (Hrsg.). Meiner, Hamburg, 1989
Hans-Johann Glock. Begriffliche Probleme und das Problem des Begrifflichen. In: Dominik Perler / Markus Wild (Hrsg.). Geist der Tiere. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2005.
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Christoph Meier.
Platon. Phaidon. In: Gunther Eigler (Hsg.). Werke in acht Bänden Griechisch und Deutsch. Band 3. Piper, München, 1990.
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Ich bin mir bewusst, dass 'Zweimachung' eine hässliche Wort-Konstruktion ist, aber erstens ist der Begriff ideengeschichtlich meines Wissens unbelastet – im Unterschied zu Dualität, Binarität, Bivalenz, Dichotomie, Dialektik, Kontradiktion, Komplementarität, Kontrarität etc. – und zweitens vermittelt das Wort die mir wichtige Botschaft des Machens, der (menschlichen) Gemachtheit.
Bekanntlich unterscheiden sich die verschiedenen bislang als wahrnehmungsfähig erkannten Entitäten bereits aufgrund ihrer Organfähigkeiten in quantitativer und qualitativer Hinsicht in ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten. So basieren das IR-Sehen z.B. der Bienen und der Klapperschlangen, die Riechfähigkeit des Hundes, die Blutwahrnehmung der Haie, die Bildauflösungsfähigkeit der Schnecke, die Ultraschall-Orientierung der Fledermäuse, die Nachtsichttauglichkeit der Eulen, die Kommunikationsfähigkeit der Giraffe, das Orientierungsvermögen der Katzen, Hunde, Pferde und in grossem Massstab v.a. der Zugvögel und vieles mehr sowohl auf unterschiedlichen organischen Möglichkeiten der Wahrnehmung wie auch auf differierenden Methoden und Strategien der Verarbeitung des Wahrgenommenen. Diese Phänomene sind bislang nur teilweise geklärt und entziehen sich der simplen Einteilung in 'geistige' bzw. 'rationale' und 'instinktive' bzw. 'programmierte' Wahrnehmungsverarbeitung.
Die wesentlichen Stationen der Philosophiegeschichte zur Beurteilung des Tieres durch den Menschen finden sich geistreich zusammengefasst bei Ursula Pia Jauch: "Les animaux plus que machines?" und "Buridans Esel und Montaignes Katze"
Interessanterweise ist auch nach mehreren Jahrhunderten grosssprecherischer 'Aufklärung' diese biblische Vorstellung einer gottgewollten Schöpfungs-Hierarchie auch bei sonst hartgesottenen Atheisten immer noch en vogue, wenn es darum geht, den Machtmissbrauch des Menschen gegenüber dem 'Rest der Welt' zu legitimieren.
Meier. Glück. S.151
Meier. Glück. S.570f. Ders. Denk-Aufgabe 406, e-published: http://www.marpa.ch/marpa/inhalt/spruch/406_WEIL.htm und http://www.marpa.ch/marpa/inhalt/spruch/407_kausalitaet_wirklichkeit.htm (beide Files Stand 27.7.07)
Siehe Teil V. Aber auch: Meier. Denk-Aufgabe 503, e-published http://www.marpa.ch/marpa/inhalt/spruch/503_Umstuerzchen.htm (Stand 27.7.07)
Bereits 1905 durch Einstein in der Allgemeinen Relativitätstheorie, vertieft aber durch die moderne Quantenphysik, die als Grundbaustein der 'materiellen' Welt heute die bislang als immateriell geltende Grösse der 'Information' annimmt.
Was immerhin dazu führte, dass aufgrund dieser Behauptung Descartes die katholische Kirche den ja 'nur' materiellen Körper aus dem Eigentum Gottes zu entlassen und so die Sektion des menschlichen Körpers in grösserem Umfang zuzulassen.
Zum kruden Schluss Descartes aus dieser 'Tertium non datur'-Position, alles was nicht Mensch sei, sei demzufolge geist- und seelenlose Materie, also 'Maschine', wenn auch 'von Gott geschaffene' vgl. Ursula Pia Jauch: Les animaux plus que machines? S. 4ff.
Das Anstreben von Ordnung, Struktur definiert sich geradezu durch die Selektion von Kriterien, um Orientierungshilfen im Komplexen zu schaffen. Dazu muss zwingend reduziert und simplifiziert werden. Gefährlich wird das Schaffen von Ordnung und Struktur erst dort, wo das Bewusstsein um die Relativität, um den Modellcharakter der gewählten Ordnungsprinzipien abhanden kommt.
So entlockt mir die 'Work-Life-Balance' bestenfalls ein Lächeln, dieses in der Trendsprache Englisch auch im deutschen Sprachraum von vielen Medien und Umfragen suggestiv als kontradiktorisches Gegensatzpaar vorgestellte Begriffs-Duo, dessen m. E. weit hergeholte Gegensätzlichkeit erstaunlicherweise kaum hinterfragt wird: was ist denn so leblos an der Arbeit? Und wie toll ist die Lebensqualität des Arbeitslosen? Ernsthafter wird es bei der suggerierten Unvereinbarkeit bzw. der Sicherheit der Zuordnung von 'Täter-Opfer', 'Kraut-Unkraut', 'wertes-unwertes Leben', 'Christ-Heide', 'Grieche-Barbar'. Da ist es nur noch ein winziger Schritt über die absolute Wertung und die Freigabe der Mittel zum 'gelebten Fundamentalismus' (III.)
Die Null – ein funktionales Konstrukt vergleichbar der Negation (2.2.4.) – galt im Mittelalter als teuflisch. Dieser Glaube an die schwarzmagische Kraft der neuen Zahlenschreibung (nach der unbeholfenen römischen) verhinderte für Jahrhunderte die flächendeckende Einführung der Null, die in Indien beispielsweise schon lange vor Christi Geburt verbreitet war und erst mit Umweg über Arabien und Spanien nach Europa kam. http://www.schaepp.de/machtderzahlen/in.html (30.7.07)
Wobei auch die Jurisprudenz mit dem Begriff 'wahr' sparsam umgeht, und für die Stimmigkeit einer Zuordnung eher den Begriff der 'Richtigkeit' und der 'Gültigkeit' verwendet, wie dies generell in den Diskursen üblich ist, wo die Kommunikationsbeteiligten sich bewusst sind, dass sie innerhalb von Modellen kommunizieren und keine Absolutheitsansprüche stellen.
Ob andere Entitäten ausser dem Menschen Modelle konstruieren, wissen wir vorläufig noch nicht. Wir beschränken uns im Folgenden auf von Menschen konstruierte Modelle ohne diese Frage zu präjudizieren.
Eine von vielen möglichen Bezeichnungen für das Phänomen der Absolutsetzung der eigenen Wahrnehmungsverarbeitungsresultate, v.a. für kollektives Auftreten dieses Phänomens gebräuchlich, von mir aber auch für die individuelle Haltung der Absolutsetzung eigener Überzeugungen verwendet.
Meier. Alternativen zum Satz vom Widerspruch. E-published in: http://www.marpa.ch/marpa/inhalt/spruch/412_Wahrheit.htm (Status 29.7.07)
Wer Macht ausüben will – sogar über sich selbst - arbeitet generell mit Simplifizierung und Reduktion von Komplexem und mit Nichthinterfragen(lassen) von Setzungen. Die Zweimachung ist das ideale Instument, um die Reduktion suggestiv wirken zu lassen, indem irgendwelche willkürlich gewählten Elemente als sich kontradiktorisch gegenüberliegend behauptet und einseitig bewertet werden. Diese Art der Reduzierung auf Schwarz-Weiss-Gegensätze erleben wir täglich in der nationalen und internationalen Politik. Die Beobachtung der Polit-Szene plausibilisiert meine Behauptung, dass eine direkte Proportionalität zwischen Dummheit, Kulturlosigkeit und dem Mass des Steckenbleibens bzw. Hereinfallens auf Zweiteilung besteht.
Oder zur Akupunktur, generell zur altchinesischen Medizin, die sich sowohl rein materialistischem wie rein kausalem Denken (zumindest in der westlichen Reduktionsvariante der Beschränkung auf die causa efficiens) entzieht. Seit Tausenden von Jahren arbeitet die Akupunktur hoch erfolgreich mit einem Meridiansystem, das materiell von westlichen Schulmedizinern bislang nicht gefunden wurde. Akausale und die gängigen materialistischen Vorstellungen sprengende Züge hat auch die Homöopathie.
Die Quantentheorie kann nicht sagen, wann ein isoliertes Neutron zerfällt, aber sie kann sich genau diese Unsicherheit, dieses undeterminierte Verhalten zunutze machen, z.B. in der technischen Anwendung des Krypto-Computers (zurzeit sicherste Botschafts-Verschlüsselungsmethode)
Wobei nicht einmal der Begriff des Bewusstseins unbestritten ist. Materialistische Neurophysiologen haben den Begriff zumindest aus ihrem Vokabular gestrichen, weil sie bei aller Forscherei im Hirn noch nicht auf etwas Handfestes gestossen sind, das man als Bewusstsein bezeichnen könnte.
Erläuterung dieses Neologismus unter: http://www.marpa.ch/marpa/inhalt/spruch/spruch.html (21.8.07)
Letztes Dilemma eines Selbstmordattentäters: "Soll ich mich wie befohlen im Café Haifa in die Luft sprengen, das heute leider geschlossen hat und mich drum um den Genuss und die Ehre bringt, viele Gäste mit mir hinüber zu nehmen – oder soll ich in Eigenregie, aber im Sinne des höheren Auftrags doch die Bushaltestelle mit den vielen Hooligans auswählen?"
Ich gehe hier von der Setzung aus, dass die Entwicklung vom abhängigen Säugling über die autonome und freiwillige Vernetztheit des Erwachsenen, der über Toleranz und Konfliktkultur verfügt bis zum einverständlichen Loslassen des Sterbenden eine anstrebenswerte sei, bin mir aber der Relativität und Hinterfragbarkeit dieser – wie jeder – Setzung bewusst.
Wobei man mit Fug behaupten kann, rationales Denken und Absolutsetzung widerspreche sich zutiefst, eine Absolutsetzung sie also ein untrügliches Zeichen für die Irrationalität einer Aussage. Da die Absolutsetzung aber unter sich 'rational' Wähnenden gang und gäbe ist, verstossen wir damit wohl gegen den allgemeinen Sprachgebrauch. Zumindest kann man den noch unbelasteten Terminus der Dilemmakompetenz so fassen, dass Absolutsetzung ein Zeichen ihrer Abwesenheit ist.
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