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Der SC Bern ist ein Unternehmen, das im Jahr mit Bier, Wurst und Hockey 50 Millionen Franken umsetzt. Businesspläne, Kostenkontrolle oder Marketing gehören heute genauso zu einem Hockeyunternehmen wie zum Autoimport oder zur Maschinenindustrie. Und doch unterscheiden sich Hockeyunternehmen im 21. Jahrhundert fundamental von anderen Firmen. Die Nordamerikaner bringen es griffig auf den Punkt: «Die Entscheidung fällt immer in der Kabine.» Will heissen: Die schönsten Pläne des Managements werden Makulatur und Geld erzielt keine Wirkung, wenn Trainer und Spieler nicht mehr harmonieren.
Was uns sofort zur Frage führt: Warum harmonieren Trainer und Spieler nicht oder nicht mehr? Wie kann es sein, dass Antti Törmänen den SCB zur Meisterschaft führt und 220 Tage später gefeuert werden muss?
Das Beispiel des soeben gescheiterten SCB-Trainers zeigt geradezu klassisch auf, warum Trainer scheitern. Selbst dann, wenn sie vom Management durch alle Böden hindurch gestützt werden. Eishockeyspieler zu trainieren und zu coachen und bei jedem Einsatz an die Leistungsgrenzen zu bringen, ist eine der schwierigsten Führungsaufgaben überhaupt. Einerseits ist der Erfolg nur möglich, wenn Eishockey gespielt und nicht bloss gearbeitet wird. Andererseits muss der Trainer der Spielfreude enge Grenzen setzen: Defensivarbeit, taktische Disziplin und klare Hierarchien gehören dazu. Jeder Spieler muss ohne zu murren die Rolle übernehmen, die ihm der Chef zuweist. Oder wie es die Nordamerikaner sagen: «Eishockeyspieler zu führen ist so schwierig wie ein Vögelchen in der Hand zu halten: Wird zu fest zugedrückt, geht das Federvieh zugrunde, und wenn die Hand zu weit offen ist, fliegt es davon.» In Bern sind die Vögelchen zuletzt davongeflattert.
Ganz, ganz selten, so alle 30 Jahre, ist der Erfolg auch mit antiautoritärem Führungsstil möglich. Im Herbst 1984 liess Nationaltrainer Leif Boork, ein Lehrer ohne Charisma, in der Kabine Goethe lesen und die Schweden erreichten beim Kanada Cup sensationell den Final. Die Medien fabulierten im sozialistischen Musterland von einer Revolution, von der wunderbaren Kraft der Selbstverantwortung der Spieler. Im Frühjahr 1985 stürzte Schweden unter Boork bei der WM in Prag auf den 6. Platz ab – die an der langen Leine geführten Jungs rockten und rollten durch die Stadt, die Disziplin löste sich auf und der Trainer, der Goethe liebte, wurde zur Lachnummer und warf das Handtuch. Zwei Jahre später waren die Schweden unter Tommy Sandlin Weltmeister.
29 Jahre nach Boorks antiautoritären Experimenten beim Kanada Cup führt Antti Törmänen im Frühjahr 2013 den SC Bern an der langen Leine zum Titel. Goethe wird zwar in der PostFinance Arena nicht gelesen. Aber die Kabine ist eine Wohlfühloase. Die Krise im Herbst 2012 überwindet der freundliche Finne, der nicht toben kann, dank dem temporären Zuzug der NHL-Helden John Tavares, Mark Streit und Roman Josi und einem Zornesausbruch von Manager Marc Lüthi in der Kabine. Den guten Groove rettet er mit viel, viel Glück durch die Playoffs bis zum finalen Triumph. Um es ein wenig boshaft zu sagen: Es ist ein Titel, der mehr passiert ist und nicht gezielt herbeigeführt wurde. Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Ein Meistertrainer ist nie zu kritisieren. Doch SCB-Manager Marc Lüthi hätte sehen und spüren können, dass sein Meistertrainer fortan chancenlos sein würde.
Die Motorsportlegende Enzo Ferrari hat einmal gesagt, es sei wichtiger, zu wissen, warum man gewonnen habe als zu wissen, warum man gescheitert sei. Marc Lüthi wusste nicht, warum der SCB 2013 Meister geworden ist und deshalb muss er nun einen neuen Trainer suchen. Antti Törmänen war in dieser Saison nie dazu in der Lage, Disziplin durchzusetzen und Leistung einzufordern. In wenigen Wochen ist die Leistungskultur zerfallen und das «Wohlfühlexperiment» SCB genauso gescheitert wie in der Saison 1984/85 in der schwedischen Nationalmannschaft.
Antti Törmänens grösster Fehler war seine Nachsicht im Umgang mit den Stars. Fehlverhalten und miserable Leistungen hatten für die wichtigen Spieler nie Konsequenzen. Sein Landsmann, die finnische offensive Nullnummer Mikko Lehtonen (24 Spiele/3 Tore!), der teuerste SCB-Ausländer aller Zeiten (gut 400 000 Franken netto) musste nie auf die Tribune. Dafür ist in einer der lächerlichsten Strafaktionen der neueren Hockeygeschichte ausgerechnet der Hinterbänkler Andreas Hänni nach Biel abgeschoben worden. Wenn die Grossen machen dürfen, was sie wollen, und nur die Kleinen bestraft werden – dann verliert der Trainer in der Kabine jede Autorität.
Nun stellt sich die Frage: Braucht es immer den autoritären Polterer? Nein. Es geht um die richtige Mischung. Mit John van Boxmeer ist beim SCB einer der grantigsten Kanadier zweimal als Qualifikationssieger in den Viertelfinals jämmerlich gescheitert. Toben weckt auf Dauer nur dann positive Energien, wenn ein Coach beim Toben authentisch und leidenschaftlich auftritt. Das beste Beispiel dafür sind die beiden Kultcoaches Kevin Schläpfer (Biel) und Arno Del Curto (Davos). Weil sie so cool und jovial auftreten, wird oft unterschätzt, wie unerbittlich autoritär und ohne Rücksicht auf grosse Namen sie in der Kabine dann auftreten, wenn die Leistung nicht stimmt. Und wer nicht spurt, fliegt. Die Bieler haben diese Saison den Kanadier Matt Ellison nach nur sieben Spielen wegtransferiert. Weil er zu wenig gut war und auch noch gegen den Trainer Stimmung machte.
In Bern hat Marc Lüthi seinen Trainer im Herbst 2013 wider besseres Wissen durch alle Böden hindurch gestützt. Weil es einfach nicht sein konnte, dass der Meistertrainer noch im Jahr des Titelgewinnes entlassen werden muss. Aber es ist, wie es ist: Die Entscheidung fällt nicht im Büro des Managers. Sondern immer in der Kabine. Der Zerfall der Leistungskultur hat beim SCB so beängstigende Formen angenommen, dass der Trainer nicht mehr im Amt zu halten war.
Der Weg aus der Krise ist für den SCB gar nicht so schwierig: Ein autoritärer, charismatischer, leidenschaftlicher Trainer kann die verlotterte Leistungskultur wieder installieren und das Team wenigstens in die Playoffs führen. Theoretisch wäre die beste Lösung eigentlich ein Trainertausch mit dem EV Zug. Dort ziehen für einen autoritären und leidenschaftlichen Coach nach immerhin sechs Jahren und fünf Playoff-Halbfinals die Götterdämmerung und die Abstiegsrunde herauf. Die Autorität von Doug Shedden in der Kabine ist im Quadrat grösser als jene von Törmänen. Der kanadische Feuerkopf wäre von seiner Art her der perfekte Nachfolger für den antiautoritären Intellektuellen Antti Törmänen – und umgekehrt. Der Finne könnte in Zug mit ziemlicher Sicherheit die Kabine für ein paar Monate in eine Wohlfühloase verwandeln und eine temporäre Leistungssteigerung erreichen. Aber diese Lösung ist nur in der Theorie gut. In der Praxis würde dieses Experiment schon deshalb scheitern, weil beide Coaches, bevor sie ein neues Team übernehmen, zuerst eine Verschnaufpause brauchen werden.
Der SC Bern ist im Selbstverständnis das grösste Hockeyunternehmen Europas. So wie Bayern München im Fussball. Aber der SCB braucht, um wieder die Liga zu dominieren, nicht nur einen grossen Trainer. Der SCB braucht auch grosse Spieler. So wie Bayern München. Aber aus Kostengründen hat Marc Lüthi in den letzten drei Jahren auf grosse Transfers verzichtet. Nun haben zu viele Leitwölfe mit dem Titelgewinn von 2013 den Zenit ihrer Karriere überschritten. Um wieder ganz nach oben zu kommen, braucht der SCB nicht nur einen grossen Manager wie Marc Lüthi und einen grossen Trainer. Sondern auch wieder grosse Transfers, vergleichbar mit dem Engagement von Christian Dubé (2002) und Martin Plüss (2008). In ihrem zweiten Jahr in Bern feierten Dubé und Plüss bereits einen Titelgewinn.
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Der SC Bern hat nur 220 Tage nach der Meisterfeier seinen finnischen Meistertrainer Antti Törmänen am Freitag nach dem 1:4 gegen Biel entlassen. Weil SCB-Manager Marc Lüthi bis heute nicht weiss, warum der SCB 2013 Meister geworden ist.
Der SC Bern ist ein Unternehmen, das im Jahr mit Bier, Wurst und Hockey 50 Millionen Franken umsetzt. Businesspläne, Kostenkontrolle oder Marketing gehören heute genauso zu einem Hockeyunternehmen wie zum Autoimport oder zur Maschinenindustrie. Und doch unterscheiden sich Hockeyunternehmen im 21. Jahrhundert fundamental von anderen Firmen. Die Nordamerikaner bringen es griffig auf den Punkt: «Die Entscheidung fällt immer in der Kabine.» Will heissen: Die schönsten Pläne des Managements werden Makulatur und Geld erzielt keine Wirkung, wenn Trainer und Spieler nicht mehr harmonieren.