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Das FMD lanciert eine neue Schriftenreihe
Im Fokus des ersten Bands der Reihe Zwischentöne steht Francesca Caccinis Ballettoper «La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina». Das FMD, dessen Themenschwerpunkte in der Reihe aufgegriffen werden, spannt dafür mit dem Zürcher Chronos-Verlag zusammen.
Im Jahre 1587 wurde sie in eine Musikerfamilie hineingeboren. Der Unterricht beim Vater, dem Florentinischen Hofkomponisten Giulio Caccini, sowie ihrer Mutter und Stiefmutter, die beide Musikerinnen waren, ebnete den Weg in eine der frühesten Karrieren als professionelle Komponistin: Francesca Caccini veröffentlichte 1618 eine Monodien-Sammlung und schrieb in den Jahren 1607 bis 1625 die Musik für zahlreiche Musiktheater-Stücke am Hof der Medici in Florenz. Zudem konzertierte sie als Sängerin sowie Instrumentalistin und gab ihr Können im Unterricht weiter.
Von Francesca Caccinis Kompositionstätigkeit ist nur ein Bruchteil bis heute überliefert, darunter die 1625 uraufgeführte Ballettoper La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina. Dass das Stück mit einiger Wahrscheinlichkeit 1628 in Warschau nochmals aufgeführt wurde und dass noch im Uraufführungsjahr ein Partiturdruck veröffentlicht wurde, steht für die Aussergewöhnlichkeit dieser Ballettoper. Sie kam in der Zeit einer weiblichen Interimsregierung von Magdalena von Österreich und Christine de Lorraine zur Aufführung, in der die Autorschaft einer Frau von der fürstlichen Auftraggeberin bewusst ins Zentrum gerückt wurde, um Geschlechterrollen und -politik zu verhandeln.
Doch die «Befreiung» des liebestrunkenen Ritters Ruggiero aus den Fängen der verführerischen Zauberin Alcina, stellt Aufführende vor einige zentrale Herausforderungen: Die Ballettoper verknüpft zwei scheinbar disparate Teile zu einer Einheit, nämlich feinste Emotionsnuancen erspürendes Musiktheater und ein Ballett von 24 Pferden unter freiem Himmel. Wie beides zusammengeht, erschliesst sich einem heutigen Opernpublikum nicht unmittelbar. Der vorliegende Band bietet einen Einstieg in Formen und Hintergründe der damaligen Inszenierung, die die Zuhörerschaft auf eine faszinierende Reise in die emotionale «Befreiung» einlud: Denn das Publikum sollte sich, wie auch der pflichtvergessene Ruggiero, mithilfe der Aufführung auf die wahren Tugenden des florentinischen Staates rückbesinnen, auf vernunftbetontes Handeln und militärisches Heldentum.
Die verschiedenen Facetten der vergangenen Aufführungsräume von La liberazione erkunden namhafte ExpertInnen internationaler Herkunft aus Musikwissenschaft, historischer Aufführungspraxis, Kunstgeschichte und Romanistik. Sie fanden sich 2012 anlässlich einer Produktion der Ballettoper an der Schola Cantorum Basiliensis zusammen, die auf dem Gundeldinger Feld in Basel durchgeführt wurde. Das Musiktheater als erster Teil des Werks fand im Eventraum blindekuh mit SängerInnen und InstrumentalistInnen statt. Der zweite Teil, das Pferdeballett, wurde von der Komponistin Abril Padilla in eine Klanginstallation übersetzt. Das Publikum konnte diese an verschiedenen Klangposten im völligen Dunkel des Restaurants blindekuh erleben, in das sie von den blinden Kellnern gruppenweise hineingeführt wurden.
Nicht nur die von den eingeladenen WissenschaftlerInnen und dem Aufführungsteam geführte Diskussion im Anschluss an die Premiere, sondern auch die Tagungsbeiträge fanden Eingang in den vorliegenden Band. Aspekte der Geschlechterpolitik der Medici kommen dabei ebenso zur Sprache wie die kulturellen und religiösen Hintergründe der Hauptfiguren, die Anforderungen von Caccinis Rezitativstil an die Aufführenden, die Tradition der Pferdeballette in Florenz sowie der Uraufführungsraum, die Villa Poggio Imperiale bei Florenz. Ergänzend bietet der Band eine Liste der bisher bekannten Produktionen der Ballettoper, die auch im 19. Jahrhundert nicht vollkommen aus der musikalischen Szene verschwunden war, und verweist auf verfügbare Editionen, Übersetzungen und Einspielungen.
Somit wird nicht nur der wissenschaftliche Zugang zum Stück vertieft, sondern zudem zwischen vergangenen und heutigen Opernwelten vermittelt, zwischen Wissenschaft und Praxis sowie zwischen Produktion und Rezeption.