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von Peter DörrieAfrika hat mehr als 26’000 Kilometer Küstenlinie und liegt in direkter Nachbarschaft zu einigen der wichtigsten Handelsrouten weltweit. Die Küstengewässer des Kontinents beherbergen bedeutende Öl- und Gasvorkommen und einige der weltweit reichsten Fischgründe. Vermutlich mehr als bei jedem anderen Kontinent ist die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas vom Meer abhängig, aktuell fällt es afrikanischen Staaten aber schwer, über ihre territorialen Gewässer Einfluss auszuüben.
Es waren somalische Piraten, die die maritime Sicherheit als erstes auf die Agenda des Kontinents gesetzt haben. Diese Gefährdung geht dank eines massiven internationalen militärischen Engagements vor den Küsten Ostafrikas zurück, doch andere Risiken gewinnen an Bedeutung. Einige davon könnten sich in Zukunft als noch weit schwerwiegender für Afrika erweisen, als es die Piraterie vor Somalia je war. Die Regierungen des Kontinents werden den Herausforderungen der maritimen Sicherheit zukünftig erheblich mehr Geld und Aufmerksamkeit widmen müssen, um ihnen erfolgreich zu begegnen.
Die Piraterie wandert von Ost nach West
Lange Zeit bestimmten somalische Piraten mit spektakulären Entführungen und millionenschweren Lösegeldsummen die internationalen Schlagzeilen. Aber “das ist ein Ding der Vergangenheit”, sagt Pottengal Mukundan, Direktor des International Maritime Bureau (IMB). Das IMB ist eine Abteilung der Internationalen Handelskammer und publiziert regelmäßig Berichte über Piraterie weltweit. “Seit Ende 2012 sind die Angriffe erheblich zurückgegangen”, sagt Mukundan. “Vorher hatten wir etwa 49 Entführungen pro Jahr, heute haben wir keine einzige” vor der Küste Somalias. Das, so Pottengal Mukundan, hängt mit einer Reihe von Entwicklungen zusammen. Wichtig sei vor allem die internationale militärische Intervention durch eine Koalition verschiedener Kriegsmarinen, die von den USA, über Russland bis zu China reicht.
Darüber hinaus haben auch die Reedereien massiv in die Sicherheit ihrer Schiffe investiert, etwa indem private Sicherheitskräfte angeheuert und Schiffe besser gegen eine Erstürmung gesichert wurden. Auch habe sich die politische Lage in Somalia gebessert, allerdings seien die Piraten “immer noch da”, weshalb Mukundan den Verbleib der Anti-Piraten Mission vor dem Horn von Afrika fordert. Afrika ist allerdings immer noch der gefährlichste Kontinent für Schiffseigentümer und Besatzungen. Das Risiko hat sich von Ost nach West verschoben, hin zum Golf von Guinea. Bis zum 12. May diesen Jahres “hatten wir im Golf von Guinea 50 Attacken, bei denen zwei Schiffe und 39 Besatzungsmitglieder entführt und ein Besatzungsmitglied getötet wurden”, zitiert Mundukan die letzten Erhebungen. Allerdings geht das IMB davon aus, dass aus Westafrika nur etwa ein Drittel aller Übergriffe auch gemeldet werden, da die Schiffseigner den Kontakt zu den lokalen Behörden scheuen.
Piraterie im Golf von Guinea unterscheidet sich in ihren Strukturen stark von Piraterie vor Somalia. “Das Risiko geht hauptsächlich von Nigeria aus”, sagt Adjoa Anyimadu, eine Expertin für maritime Sicherheit in Afrika vom Chatham House, doch die Piraten würden die Gewässer von knapp einem Dutzend Länder unsicher machen. Während im Falle Somalias Schiffe angegriffen wurden, die sich geographisch näher an Indien befanden als an Afrika, sind im Westen des Kontinents vor allem Schiffe bedroht, die vor einem der vielen Häfen vor Anker liegen. “Internationale Interventionen sind hier schwieriger zu rechtfertigen”, so Anyimadu, da sich die Kriminalität in den Hoheitsgewässern abspiele.
Piratenfischer
Auch wenn das Kapern von Schiffen international die meiste Aufmerksamkeit erfährt, gibt es für afrikanische Staaten noch eine Reihe anderer maritimer Sicherheitsrisiken. Vor allem die Sicherheit maritimer Ressourcen bereitet vielen Verantwortlichen schlaflose Nächte. Fisch ist ein essentieller Bestandteil der täglichen Ernährung der Hälfte aller Afrikaner. Bei einer wachsenden Bevölkerung gewinnen Nahrungsmittelpreise immer mehr an politischer Bedeutung, aber momentan profitieren afrikanische Staaten nur wenig von den reichen Fischgründen vor ihren Küsten. Meist sind es Fangflotten aus Europa und Asien, die lokalen Fischern den Fisch streitig machen, nur in seltenen Fällen haben es afrikanische Regierungen bisher geschafft, hierfür angemessene Kompensationen auszuhandeln.
Gegen Piratenfischer sind die Seestreitkräfte vieler Staaten wegen einem Mangel an Gerät und technischer Kompetenz oft machtlos. Der Meeresboden rund um den afrikanischen Kontinent birgt aber noch ganz andere Schätze. Sowohl Mosambik, als auch Tansania haben beispielsweise vor einigen Jahren Gasvorkommen entdeckt, die zu den weltweit größten gehören. Diese Staaten schauen mit Grauen nach Nigeria, wo die Öl- und Gasbranche das Hauptziel von Piraten ist. Entführungen von Arbeitern und der Raub von Erdölprodukten und Baumaterial für Förderanlagen kostet die Wirtschaft des Landes jährlich Milliarden. Durch die Entdeckung maritimer Ressourcen gewinnen außerdem Grenzstreitigkeiten, wie etwa zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Angola an Brisanz. Der Ausbau der Seestreitkräfte ist eine Möglichkeit, diesen Herausforderungen zu begegnen.
Internationale Konferenzen
Investitionen in Institutionen wie die eigene Marine sind damit im besten Interesse vieler afrikanischer Staaten, noch wird aber zu wenig getan, findet Analystin Adjoa Anyimadu. In Westafrika mangelt es etwa an “der richtigen Priorisierung auf nationalem Niveau”, sagt sie. Besonders in Nigeria stünden die verschiedenen Waffengattungen der Sicherheitskräfte in einer starken Konkurrenz um staatliche Ressourcen, bei der die Marine oft den Kürzeren ziehe. Diese politischen und finanziellen Prioritäten müssen von den einzelnen Staaten geklärt werden, bis es soweit ist wird aber internationale Kooperation immer wichtiger werden.
Weil Sicherheitsrisiken wie Piraterie sich selten an Linien auf Seekarten orientieren, ist zu ihrer Bekämpfung eine Zusammenarbeit der Seestreitkräfte verschiedener Länder absolut notwendig. Das betrifft vor allem den Golf von Guinea, in dem sich viele Staaten ein verhältnismäßig kleines Stück Meer teilen. Eine Regierungskonferenz, die vor Kurzem in Kamerun zu dem Thema stattfand, war laut Anyimadu ein wichtiger Schritt in diese Richtung, allerdings müssen die dort getroffenen Vereinbarungen zu einem großen Teil noch umgesetzt werden.
Besonders wenn Nigeria eine Führungsrolle in der regionalen Kooperation übernehmen würde, könnte das die Sicherheit im Golf von Guinea enorm verbessern, so Anyimadu. Dies sei aktuell aber unwahrscheinlich, da sich die nigeriansiche Regierung auf die Bewältigung der diversen Krisen an Land konzentriert. Dies könnte aber durchaus eine Chance für kleinere Staaten sein, wie das Beispiel der Seychellen zeigt. Der Inselstaat im indischen Ozean hat sich früh als Vorreiter im Kampf gegen die somalische Piraterie positioniert. Aus diesem Grund konnte sich die Regierung der Seychellen über hohe Investitionen durch westliche Staaten freuen, die auf dem Inselstaat die benötigte Infrastruktur zur Seeüberwachung und Versorgung von Schiffsverbänden stark ausgebaut haben. Zusätzlich wurde auch das Justizsystem der Seychellen großzügig mit Finanzmitteln bedacht, um hier die strafrechtliche Verfolgung von Piraten zu ermöglichen. Die Rolle der Seychellen ist in Westafrika bisher unbesetzt, der Bedarf an Staaten, die maritime Sicherheit zur Priorität erklären wächst täglich.