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Die erodierende Anhängerbasis der Zürcher Parteien
März 2003
Gemäss einer neuen empirischen Untersuchung haben die Zürcher Parteien seit Ende der 80er-Jahre einen deutlichen Rückgang ihrer aktiven Anhängerschaft (vor allem männlichen Geschlechts) erfahren. Angesichts der damit einhergehenden Überalterung stellt sich die Frage, ob die Parteien den Anschluss an die politische Aktivität der Jungwähler zu verlieren drohen, und ob in Zukunft noch ausreichende Rekrutierungsfelder für Parteiämter und politische Mandate zur Verfügung stehen werden.
Auch wenn heutige politische Parteien kaum mehr die „Avantgarde" unserer Gesellschaft repräsentieren, scheinen sie doch immerhin in demographischer Hinsicht gewisse Zukunftsentwicklungen vorwegzunehmen: indem ihre Anhängerschaften teilweise bereits jetzt ein Ausmass an Schrumpfung und Überalterung zeigen, das in der Gesamtbevölkerung erst in den kommenden Jahrzehnten eintreten dürfte. Dieser bedenkliche Befund ergibt sich aus dem Vergleich zweier flächendeckender empirischer Untersuchungen, die - in fast identischer Form - im Herbst 1989 und im vergangenen Winter 2002/03 durchgeführt worden sind. Dabei handelte sich um schriftliche Befragungen, in die alle Präsidenten und Präsidentinnen der (rund 5000) Ortsparteien in der Schweiz einbezogen worden sind. Aus dem Kanton Zürich haben sich in beiden Fällen rund ca. 360 Lokalsektionen aus über 130 Gemeinden mitbeteiligt.
Betrachtet man die Entwicklung der gesamten Anhängerschaft, so hat der grösste Aderlass erwartungsgemäss bei der CVP stattgefunden, wo 51% der Ortssektionen einen Rückgang (und nur 14% einen Zuwachs) vermelden. Nicht weit davon entfernt befinden die FDP, die SP, die Grünen, wo 35-40% der Sektionen eine Schrumpfung und nur 15-20% eine Expansion erfahren haben. In der EVP halten sich positive und negative Entwicklungen (je ca. 40%) die Waage, und nur die SVP hat eine Periode der Netto-Expansion verzeichnet, in der sich 48% wachsende und 9% kontrahierende Lokalgruppen gegenüberstehen. Besonders beeindruckend sind die Rückgänge in mittelgrossen Gemeinden zwischen 5 und 10 000 Einwohnern, wo FDP-Sektionen durchschnittlich von ca. 240 auf 115 Anhänger abgemagert sind und SP-Gruppierungen von ursprünglich ca. 120 nur noch 65 Anhänger (weniger als die EVP und die Grünen) (!) beibehalten haben. Selbst die SVP hat ihre absoluten Mitgliederbestände nicht wesentlich erweitern können, übertrifft aber mit ca. 170 weitaus alle anderen politischen Parteien.
Es ist evident, dass sich hinter den stagnierenden und sinkenden Mitgliederbeständen ein erhebliches Defizit an Neueintritten aus jüngeren und jüngsten Wählergruppen verbirgt. Dementsprechend können heute – selbst wenn man die Messlatte grosszügigst bei vierzig anlegt – heute nur noch etwa 20% aller Parteianhänger zur „jüngeren Generation" gerechnet werden (Tab. 1). Dramatisch ist die Situation vor allem bei den linkeren Parteien (insbesondere bei den Grünen), wo die Bewegungsaktivisten der späten 60er und 70er-Jahre heute in die Jahre gekommen sind, ohne frischen Zuzug aus jüngeren Kohorten zu erhalten. Eine erstaunliche Ausnahme bildet nur die FDP, die in den späten 80er-Jahren sehr stark überaltert war, der es mit ihren Jungfreisinnigen-Gruppierungen zumindest in den städtischen Gemeinden praktisch ebenso gut wie der SVP gelungen ist, in der nachwachsenden Generation etwas Fuss zu fassen.
Tabelle 1: Prozent der Parteianhängerschaft unter 40: 1989 und 2002
Aus Tab. 1 wird auch ersichtlich, wie sehr vor allem die CVP, SP und EVP (im Gegensatz zu den Grünen) im Kanton Zürich eine ältere Mitgliederstruktur als in der übrigen Schweiz aufweisen – und auch die SVP nicht die Jugendlichkeit aufweist, die ihr angesichts der wachsenden Wähleranteile oft nachgesagt wird. Innerhalb der Kerngruppe der eigentlichen Parteiaktivisten halten sich die Zuwächse noch in viel engeren Grenzen. Neben der CVP haben vor allem die linken Parteien in ca. 50% ihrer Sektionen Rückgänge erfahren, und selbst in der SVP haben nur 30% etwas expandiert. Eine getrennte Analyse nach Geschlechtern zeigt, dass vorwiegend die Männer für diese quantitativen Rückgänge verantwortlich sind vor allem in den mittelgrossen städtischen Gemeinden sind sie scharenweise aus den Reihen der Aktivisten desertiert, während die Frauen ungefähr in gleicher Anzahl wie vor 10 Jahren tätige Unterstützung leisten. Als Folge davon hat sich innerhalb der aktiveren und einflussreicheren Parteischichten quer durch das gesamte politische Parteienspektrum hindurch eine fortgesetzte Feminisierung vollzogen, die in der Zunahme der Frauenanteile seit 1989 einen deutlichen Ausdruck findet (Tab. 2). Dennoch scheinen die drei bürgerlichen Parteien (vor allem die VP) hinsichtlich Gleichstellung mit ihren Schwesterorganisationen anderer Kantone noch nicht Schritt halten zu können (oder vielleicht leiden sie darunter, dass Zürcher Frauen bevorzugt linkere Gruppierungen wählen!?).
Tabelle 2: Frauenanteil an den Aktiven: 1989 und 2002
Trotz des generellen Vordringens der Frauen – selbst in der SVP – hat sich der Abstand zwischen bürgerlichen und linken Parteien keineswegs verringert, weil die letzteren den Anteil weiblicher Aktivisten teilweise bis über die 50%-Marke hinaus gesteigert haben. Interessant ist die Beobachtung, dass dieser Feminisierung der aktiveren Kerngruppen nur in den linken Parteien auch ein gleichläufiger weiblicher Zuwachs in der gesamten Anhängerschaft entspricht, während diese umfassenderen Frauenanteile in der FDP gleichgeblieben sind und in der CVP und SVP gar deutlich abgenommen haben. Dies impliziert, dass sich in bürgerlichen Parteien ein immer höherer Prozentsatz weiblicher Mitglieder aktiv an Parteiangelegenheiten beteiligt.
Eine Analyse nach Altersgruppen führt zum Ergebnis, dass vor allem die jüngsten Wähler (unter 30) durchwegs nur noch mit einem verschwindenden Anteil von 4 bis 7% an den aktiven Parteischichten beteiligt sind, und auch die Kohorte zwischen 30 und 45 in allen Parteien an Boden verloren hat. Besonders dramatisch sind die Veränderungen wiederum in der SP, wo der Anteil der über 45-Jährigen seit 1989 von 44 auf 66% angewachsen ist, und bei den Grünen, wo heute fast 50% (früher 24%) dieser fortgeschrittenen Alterskategorie angehören. Auch auf der Ebene ihrer Aktiven sehen sich die Parteien im Kanton Zürich mit einem überdurchschnittlich akuten Nachwuchsproblem konfrontiert, denn der Prozentanteil der unter 30-Jährigen liegt in den anderen Kantonen bei den meisten Parteien bei ca. 10%: (mit Ausnahme der landesweit überalterten SP, die in den meisten Regionen nur auf rund 7% jugendliche Aktivisten zählen kann). Angesichts des seit 1989 erheblich gestiegenen Frauenanteils unter den Aktiven liegt die Vermutung nahe, dass in Zukunft mit einer noch weitergehenden Feminisierung der Parteien gerechnet werden darf. Diese Erwartung erschiene vor allem dann berechtigt, wenn innerhalb des jüngsten Alterssegments besonders zahlreiche Frauen vorzufinden wären. Tatsächlich aber hat sich der junge weibliche Parteinachwuchs zumindest in der FDP und der SP in den 90er Jahren eher verringert, in der SVP ist er stabil geblieben, und nur in den beiden christlichen Parteien sowie den "Grünen" hat er sich massgeblich erhöht (Tab. 3). Vor allem die EVP, die 1989 noch über 80% Männer aufgewiesen hat, hat eine dramatische und für ihre Zukunft wohl folgenreiche Verschiebung der Geschlechterproportionen erlebt. Demgegenüber hat sich die Zürcher FDP nicht nur im Vergleich zu allen übrigen Kantonalparteien, sondern auch zu ihren Schwesterparteien anderer Kantone am wenigsten für jüngere Frauen geöffnet. Wesentlich mitverantwortlich dafür sind die Jungfreisinnigen, in deren Anhängerschaft in der Stadt Zürich die Männer zu 80% (in Winterthur gar zu 83% und in Illnau-Effretikon zu 88%) dominieren. Nicht auszuschliessen ist allerdings, dass sich der weibliche Anteil in Zukunft trotzdem erhöhen kann, weil sich die Frauen durchschnittlich zu einem späteren biographischen Zeitpunkt für einen Parteieintritt (bzw. für ein aktives Parteiengagement) entschliessen. Damit wäre erklärbar, warum die Frauen heute in der Altersgruppe 31-45 meist erheblich stärke repräsentiert sind als sie 1989 innerhalb der jüngsten Kohorte (unter 30) vertreten waren.
Tabelle 3: Anteil der Frauen an den beiden jüngsten Altersgruppen der Parteiaktiven: 1989 und 2002
Wie aus den aktuellen empirischen Befunden ersichtlich wird, haben die Zürcher Parteien seit den 90er Jahren durchwegs mit verschärften - und im Vergleich mit den meisten andern Kantonen dramatischeren - Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Ein überdurchschnittlicher Prozentanteil aller Ortssektionen hat einen Nettoverlust an Anhängern und Parteiaktiven - vor allem männlichen Geschlechts hinnehmen müssen und sowohl den linken Parteien wie den bürgerlichen Parteien (die SVP eingeschlossen) scheint es immer schwerer zu fallen, das Reservoir der Jungewähler zu erschliessen. Überhaupt verliert die SVP allen Glanz, wenn man anstelle ihrer Wählerzuwächse ihre viel weniger spektakulärere Entwicklung der Anhängerschaft betrachtet oder auf ihre noch viel unbeeindruckenderen Veränderungen der Parteiaktiven fokussiert.
Mit nur rund 25% Anhängern unter 40 wird Zürich nur noch von Uri, Basel-Land und Schaffhausen unterboten und sticht insbesondere gegenüber Basel-Stadt und Appenzell-Innerrhoden (!) ab, wo zwei Fünftel der Mitglieder dieser untersten Alterskohorte angehören, sowie auch gegenüber allen Westschweizer Kantonen (mit einem Anteil von mindestens 30%). Zwar ist es der FDP mit ihren Jugendorganisationen besser als den Konkurrenzparteien gelungen, zumindest in den Städten eine gewisse Nachwuchsbasis zu gewinnen - aber diese Integrationsleistung bleibt offenbar weitgehend auf Männer beschränkt. Wie überall in der Schweiz ist auch im Kanton Zürich der Eintritt in eine Ortssektion meist eine notwendige Bedingung, um einer politischen Partei formell anzugehören, und das aktive Engagement auf kommunaler Ebene bildet die übliche Voraussetzung, um innerhalb der Partei oder Politik höhere Ämter zu erringen. Deshalb ist eine Erosion dieser lokalen Mitglieder- und Aktivistenbasis untrennbar mit einer Schwächung der Gesamtpartei verbunden.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung dürften in naher Zukunft auf verschiedenen Ebenen spürbar werden.
Erstens wird es selbst den dominierenden Parteien immer schwerer fallen, das - bis in die 80er-Jahre hinein ständig ausgebaute - dichte Netzwerk von eigenaktiven Ortssektionen aufrechtzuerhalten. Vor allem in kleineren Gemeinden dürften die bestände an Mitgliedern und aktiven häufiger unter die kritische Grenze sinken, die für einen regulären internen Parteibetrieb und eine umfassende kommunalpolitische Präsenz (in personal- und sachpolitischer Hinsicht) notwendig ist. Dadurch verringert sich auch die Kapazität der Kantonalparteien, ihre Ideen und Programme innerhalb der Gemeinden zur Geltung zu bringen und für ihre Anliegen (z. B. bei kantonalen Wahlgängen) Unterstützung zu finden.
Zweitens muss auch mit einem schrumpfenden Rekrutierungsfeld für parteiinterne Ämter sowie für politische Mandate auf Kantons- und Bundesebene) gerechnet werden: wobei es wohl unerlässlich sein wird, das Reservoir der Frauen vermehrt auszuschöpfen. Nicht zufällig vermelden über 50% aller Zürcher Ortssektionen (gegenüber 43% im Landesdurchschnitt), dass nicht genügend Kandidaten für die Besetzung der verschiedenen lokalen Kommissionen zur Verfügung stehen, während in der Romandie nur bei rund 20% solch personelle Engpässe bestehen. Vor allem die am stärksten überalterten Parteien (CVP und EVP), in denen ca. 30% der Aktiven über 60 Jahre alt sind und der Nachwuchs sich an der unteren Grenze bewegt, dürften bereits in wenigen Jahren erhebliche personelle Engpässe erfahren,
Drittens impliziert die Überalterung, dass die Parteien Kontakt zu den politischen Ideen und Aktivitäten der jüngeren Generation verlieren und damit auch mehr Mühe haben dürften, jungen Wählergruppen attraktiv zu erscheinen. Die kürzliche Ereignisse rund um das WEF haben beispielsweise illustriert, wie wenig sich die real existierende SP in die Mentalität der neuen sozialen Bewegungen der Globalisierungsgegner einfühlen kann (die momentan allerdings Wert auf einen überaus informell-spontanen politischen Verhaltensstil legen, der sich nicht an formale Parteistrukturen und –Prozeduren bindet).
Vielleicht wird die einzige Lösung darin bestehen, dass die Parteien ihre bisherige, durch hohe vertikale Differenzierung und starke Mitgliederorientierung geprägte Organisationsform aufgeben und sich zu mehr horizontalen und wählerbezogenen „Catch-mall Parties" (im Sinne von Kirchheimer 1965 und Katz/Maier 1993) verwandeln: in professionalisiertere Parteien, in denen die Führung mittels moderner Kommunikationsmedien direkt mit der Wählerbasis interagiert und in denen alle, die wollen, unabhängig von lokalen Einbindungen aktiv werden können.