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Gefangenentheater
G. wird von Strafgefangenen gespielt. Die Aufführungen können innerhalb der Gefängnismauern vor Mitgefangenen stattfinden oder eine Öffentlichkeit ausserhalb erreichen. G. wird in der therapeutischen Form meist von Sozial- oder Theaterpädagogen geleitet, die nicht für eine Öffentlichkeit ausserhalb der Strafanstalt produzieren, oder aber von professionellen Regisseuren realisiert, die den therapeutischen Effekt zwar kaum verneinen können, aber einen Kunstanspruch formulieren.
Berücksichtigt werden staatliche Strafanstalten in einigen europäischen Ländern, vor allem in der Schweiz, ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auf die Theateraufführungen in Internierungs- und Arbeitslagern während, zwischen und nach den beiden Weltkriegen wird hier nicht eingegangen.
G. in europäischen Ländern
In der aktiven G.-Szene der benachbarten europäischen Länder sind einige sehr konstant und professionell arbeitende Gruppen tätig, die für ein externes Publikum produzieren und mit den Stücken unter anderem ihre (Haft-)Situation und ihre Geschichte(n) sowie Themen wie Kriminalität, Verbrechen, Schuld und Sühne thematisieren. Als Initialzündung für ihre Aktivitäten wird von europäischen G.-Schaffenden häufig der 1957 veranstaltete "San Quentin Drama Workshop" genannt. Ein im kalifornischen Staatsgefängnis San Quentin Inhaftierter gründete damals eine eigene Theatergruppe, nachdem er ein Gastspiel von Herbert Blaus Actor’s Workshop mit Becketts "Warten auf Godot" gesehen hatte. 1994 fand das erste internationale Treffen für G. in Mailand statt. Anlässlich des Festivals entstand dort das European Centre of Theatre in Prison. Theatergruppen und -schaffende aus Gefängnissen in ganz Europa kommen zusammen, Schweizer Gruppen beteiligten sich bisher nicht. Zu den wichtigsten, am kontinuierlichsten arbeitenden europäischen Theatergruppen gehören die Compagnia della Fortezza aus Volterra, die unter der Leitung von Armando Punzo 1991 den italienischen Theaterpreis "Premio Ubu" erhielt und die Gruppe "AufBruch", die unter der Leitung von Roland Brus seit 1997 im Berliner Gefängnis Tegel Theaterprojekte durchführt, die meist auf ein grosses (Medien-)Echo stossen.
G. in der Schweiz
Die erste derartige Theatervorstellung, die dokumentiert ist, fand in einem Schweizer Gefängnis im Dezember 1955 statt. Die Gefangenen der Strafanstalt Thorberg im Kanton Bern führten zum 60. Geburtstag ihres Direktors Jakob Werren ein selbst verfasstes Theaterstück auf. Dieses Gefängnis kann als einziges auf eine längere Theatertradition von 1965 bis 1988 zurückblicken. Lediglich in der Strafanstalt Regensdorf (heute: Pöschwies) im Kanton Zürich kann 1972–79 ebenfalls regelmässig G. nachgewiesen werden.
Theater in der Strafanstalt Thorberg
Die konstanteste Theaterarbeit in einer Schweizer Strafanstalt ist unter einzigartigen und ungewöhnlichen Vorzeichen entstanden: Unter dem Direktor Jakob Werren fand seit 1965 jedes Jahr eine Theaterproduktion statt. Regelmässig im Publikum anwesend war der Berner Staatsanwalt Harald Feller (1913–2003), der den Inhaftierten als kritischer Zuschauer auffiel. 1969 baten sie ihn, für sie als Regisseur tätig zu werden. Feller liess sich auf das Experiment ein und inszenierte 1970–88 siebzehn Stücke mit den Thorberger Gefangenen. Die Gruppe probte am Wochenende und an einem zusätzlichen Abend während der Woche. Das →Stadttheater Bern unterstützte alle Produktionen materiell und personell, ermöglichte den Spielenden jährlich einen Theaterbesuch in Bern und stellte auf Initiative Fellers mehrmals Haftentlassene als Theatertechniker ein. Für jede Produktion gestaltete der ehrenamtlich arbeitende Feller ein Programmheft. Auf Wunsch der Beteiligten spielten sie meist ernste Stücke. Fast vierzig Personen waren an Peter Shaffers "Jagd nach der Sonne", →Carl Zuckmayers "Schinderhannes" und Goethes "Urgötz" beteiligt. An den anderen Inszenierungen nahmen rund zehn bis fünfzehn Personen teil. Die Stücke wurden in hochdeutscher Sprache aufgeführt; →Marie-Luise Willi unterrichtete die Strafgefangenen in Sprechtechnik. Die Theatergruppe Lichthof (so nannte sie sich seit 1976) konnte dank Fellers Initiative die Frauenrollen mit externen Amateurdarstellerinnen besetzen. Lichthof zeigte 1974 Emmanuel Roblès’ "Montserrat" im →Atelier-Theater Bern und 1977 Romain Rollands "Ein Spiel von Tod und Liebe", wiederum im Atelier-Theater, im →Casino-Theater Burgdorf und im →Stadttheater Biel. Die restlichen Inszenierungen zeigten die Inhaftierten nur innerhalb der Mauern: eine Vorstellung für die Mitgefangenen und zwei bis drei für geladene Gäste.
1984 wurde in der Strafanstalt Thorberg nicht gespielt, da die Leitung drei Wochen vor der Premiere von Schillers "Die Räuber" verkündete, dass die Strafgefangenen nicht wie in den Vorjahren nach den Aufführungen ihre Angehörigen in den Zellen empfangen dürften. Die Theatergruppe beschloss daraufhin, nicht weiterzuproben. Bis 1988 inszenierte Feller trotz dieser Krise nochmals drei Stücke. Nach seiner Tätigkeit folgte nur noch eine Inszenierung: 1992 Goldonis "Mirandolina".
Theater in der Strafanstalt Regensdorf/Pöschwies
Die zweite Strafanstalt, die neben Thorberg auf eine längere Theatertradition zurückblicken kann, ist Regensdorf/Pöschwies. Regensdorf arbeitete in den siebziger Jahren mit professionellen Regisseuren und Autoren zusammen, beispielsweise inszenierte Mani Wintsch Ben Jonsons "Volpone" und →Heinz Stalders Komödie "D’Jasskasse" nach Labiches "La Cagnotte", Regieassistent war →Hanspeter Müller, Dramaturg →Louis Naef.
Theater in anderen Schweizer Strafanstalten
In vier weiteren Schweizer Gefängnissen gab es vereinzelt Theaterprojekte. In der aargauischen Strafanstalt Lenzburg wurde 1967 das von einem Häftling geschriebene Stück "Hoffnigslos?"uraufgeführt und in sieben öffentlichen Veranstaltungen gezeigt. 1996 gründete ein Insasse der Strafanstalt Saxerriet im Kanton St. Gallen eine Theatergruppe, die unter seiner Leitung bis 1999 pro Jahr mit einem Stück in den umliegenden Kirchgemeinden auftrat. Ende der neunziger Jahre fanden in der Strafanstalt Gmünden (Kanton Appenzell-Ausserrhoden) auf Initiative der damaligen Seelsorgerin einige Theaterprojekte statt, teilweise in Zusammenarbeit mit externen Jugendlichen. Im Waadtländer Gefängnis EPO (Etablissements de la Plaine de l’Orbe) inszenierte 1989 der Pariser Regisseur Serge Sandor, der bereits in mexikanischen Strafanstalten gearbeitet hatte, das von den Häftlingen selbst verfasste Stück "Pour quelques taulards de plus". Weil diese Produktion durch Staatsgelder nicht vollständig finanziert werden konnte, gründete der damalige Beauftrage für soziokulturelle Animation und spätere Vizedirektor der Anstalt, Jean-Luc Pochon, die private Association vaudoise pour le développement de la culture et des arts en prison (ADCAP). Sie stellte die Finanzierung sicher. ADCAP hat heute rund hundert Mitglieder und finanziert weiterhin kulturelle Aktivitäten in Gefängnissen, darunter jedoch kein Theater, da das Interesse der Insassen sich mehr auf Musik und Sport verlagerte. Seit 2001 steht ADCAP daher für Association vaudoise pour le développement de la culture et des activités sportives en prison.
Situation heute
In Deutschland und Italien waren 2001 je rund dreissig G.-Gruppen aktiv. In der Schweiz inszenierte 2004 die junge Pädagogin Sarah Fellmann mit Gefangenen der offenen Anstalt Ringwil ein Stück in einem Reisecar. Andere Strafanstalten führen sporadisch nichtöffentliche Theaterworkshops durch. In zwölf der zwanzig grössten Schweizer Gefängnissen kommen die Häftlinge immerhin passiv durch Gastspiele professioneller Gruppen innerhalb der Mauern mit Theater in Kontakt, oder die Leitung gestattet es, externe Theateraufführungen zu besuchen.
Literatur
- Anderhub, Barbara: Theater im Gefängnis. Theater zwischen Politik, Therapie, Kunst und Freizeitbeschäftigung. Lizentiatsarbeit an der Universität Bern, 2002.
Autorin: Barbara Anderhub
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Anderhub, Barbara: Gefangenentheater, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 688–689.