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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch IV.
51.
Indes, da fast jede Irrlehre mittels der Rechenkunst die Masse der Siebenzahlen und gewisse Entwicklungen der Äonen erfand, und da die einen so, die andern so die Wissenschaft verzerrten und sich nur in der Namengebung unterschieden, da ferner Pythagoras ihr Lehrer ist, der zuerst aus Ägypten diese Zahlenlehre zu den Griechen brachte, dürfte es angezeigt sein, kurz davon zu sprechen und dann zur Lösung der gesuchten Probleme zu gehen. Es gab Rechenmeister und Meßkünstler, denen anscheinend zuerst und hauptsächlich Pythagoras die Grundlehren gegeben hat. Und diese haben aus den Zahlen, die stets ins Unendliche durch Vervielfältigung weiter gehen können, und aus den Figuren Grundlagen erhalten, die sozusagen nur durch die Vernunft erkennbar sind. Der Ausgang der Geometrie ist nämlich, wie man sehen kann, der unteilbare Punkt; von diesem Punkt an aber wird durch die Wissenschaft das Werden der unbegrenzten Figuren vom Punkt aus gefunden. Der Punkt, der Länge nach bewegt, wird durch die Bewegung eine Linie; sie hat als Grenze den Punkt; die Linie, der Breite nach bewegt, erzeugt die Fläche. Die Grenzen der Flächen sind Linien. Die Fläche, der Tiefe nach bewegt, wird ein Körper. Er wird fest, und so beruht auf dem unendlich kleinen Punkt das Wesen des großen Körpers, und das drückt Simon so aus: „Das Kleine wird groß sein, gewissermaßen als Punkt, das Große aber unendlich“, indem er dem geometrischen Punkt folgte. Bei der Rechenkunst aber, die sich mit der Philosophie verbindet, ist der Ausgangspunkt die Zahl, die etwas Unbegrenztes, Unerfaßliches ist, da sie in sich alle Zahlen, die ins Unendliche gehen können, in ihrer Fülle in sich schließt. Das Prinzip der Zahlen ist in substantieller Weise die erste Monas. Diese Einheit ist männlich und erzeugt nach Vaterart alle anderen Zahlen. Da [S. 86] zweite ist die Zweiheit, eine weibliche Zahl, die von den Zahlenkundigen auch gerade genannt wird. Das dritte ist die Dreiheit, eine männliche Zahl, die nach der Bestimmung der Zahlenkundigen auch ungerade heißt. Zu all diesen kommt die Vierzahl, eine weibliche Zahl, die gleichfalls gerade heißt, weil sie weiblich ist. Es sind also die sämtlichen Zahlen, nach ihrem Genus genommen, vier (die Zahl ist ihrem Genus nach unbestimmt), aus denen ihre vollkommene Zahl besteht, die Zehnzahl. Denn eins und zwei und drei und vier ist gleich zehn, wie vorher gezeigt wurde, wenn jeder Zahl ihr eigener Name (Wert) gelassen wird. Dies ist die nach Pythagoras heilige Vierzahl, die die Wurzeln der ewigen Natur in sich hat, d. i. alle anderen Zahlen. Denn elf und zwölf erhalten ihr Seinsprinzip von der Zehnzahl. Von dieser Zehnzahl, der vollkommenen Zahl, werden vier Bestandteile genannt: Zahl, Einheit, Quadrat, Kubus. Ihre Komplexe und Mischungen zur Erzeugung der Vermehrung bilden in der Natur die zeugungskräftige Zahl. Denn wenn das Quadrat mit sich selbst multipliziert wird, ist es Quadrat-Quadrat. Wenn es zur dritten Potenz erhoben wird, Quadrat-Kubus. Wenn der Kubus zum Kubus, Kubus-Kubus. So entstünden alle Zahlen, nämlich sieben, so daß das Werden der werdenden Dinge aus der Siebenzahl stammt, die heißt: Zahl, Einheit, Quadrat, Kubus, Quadrat-Quadrat, Quadrat-Kubus, Kubus-Kubus. Simon und Valentinus, die nur die Namen änderten, redeten Wunderdinge von dieser Siebenzahl, von der sie für sich die Grundlagen nahmen. Simon nennt sie so: Nus, Epinoia, Onoma, Phone, Logismos, Enthymesis1, der, welcher steht, gestanden hat und stehen wird, und Valentinus: Nus, Aletheia, Logos, Zoe2, Mensch, Kirche, dazu wird der Vater gerechnet. — Sie gehen ebenso vor wie die, welche die Zahlenwissenschaft betreiben, bewundern sie als etwas, das der Menge unbekannt ist, und folgen ihr, wenn sie die von ihnen ersonnenen Irrlehren aufstellen. Einige nun versuchen auch von der Arzneikunst aus die [S. 87] Siebenzahlen aufzustellen, verblüfft über die Anatomie des Gehirns, und sagen, das Wesen und die Kraft des Alls und die Vatergottheit werde aus der Gruppierung des Gehirns erwiesen. Denn das Gehirn, das der beherrschende Teil des ganzen Körpers ist, liegt fest und unbeweglich und enthält in sich den Geist. Solche Forschung ist nicht ohne Fundament, liegt aber fernab von ihrer Untersuchung. Das aufgeschnittene Gehirn hat im Innern den sogenannten Gehirnbogen, an dessen Seiten sich zarte Häutchen befinden, die man Flügel nennt; sie werden sanft vom Atem bewegt und drücken ihn dann zum Kleinhirn. Er zieht durch ein rohrähnliches Gefäß zur Zirbeldrüse; bei dieser liegt die Öffnung des Kleinhirns, das den durchströmenden Atem aufnimmt und weiter an das sogenannte Rückenmark gibt. Von hier empfängt der ganze Leib das Geistige, da alle Adern wie Zweige an dies Gefäß gefügt sind; dessen Ende läuft in die Zeugungsteile aus; der Same geht aus dem Gehirn durch die Hüfte und wird in den Zeugungsteilen ausgeschieden. Auch gleicht die Gestalt des Kleinhirns einem Drachenkopfe, worüber die Anhänger der fälschlich sogenannten Gnosis (Wissenschaft) viel Gerede machen, wie wir zeigen werden. Noch sechs andere paarweise Organe entstehen aus dem Gehirn, die sich rings um den Kopf ausdehnen und in ihm zu Ende gehen und die Körper zusammenhalten, das siebente geht vom Kleinhirn den Leib abwärts. Davon wird viel geredet; von da gingen auch Simon und Valentinus aus, wenn sie es jetzt auch nicht Wort haben wollen, da sie in erster Linie Lügner und dann Ketzer sind. Da wir dies nun wohl genugsam dargelegt haben und alle die von der irdischen Weisheit aufgestellten Lehrsätze in vier Büchern enthalten sind, so wollen wir zu ihren Schülern oder besser gesagt zu ihren Plagiatoren übergehen.
1: Verstand, Vorstellung, Name, Stimme, Urteil, Erwägung.
2: Verstand, Wahrheit, Wort, Leben.