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Wo heute an der Toggenburgerstrasse modische Frisuren geschnitten werden, schlug vor über 300 Jahren eine Kanonenkugel ein. Als Sitz des Verwaltungszentums der Fürstabtei St. Gallen im Hof genoss Wil einige Vorteile gegenüber anderen Städten, allerdings war es auch einigen Risiken ausgesetzt. Als etwa der damalige Fürstabt mit seinen Entscheiden die Toggenburger erzürnte, wurde die Äbtestadt 1712 belagert und mit Geschützen beschossen.
Nach einigen Tagen erfolgloser Gegenwehr wurde die Stadt schliesslich eingenommen. Dieses Ereignis ging als Zweiter Villmergerkrieg oder auch als Toggenburgerkrieg in die Geschichtsbücher ein. Die Stadtbewohner unterstanden danach einige Jahre Fremdherrschaft.
Der Vorgängerbau dieser Liegenschaft an der Toggenburgerstrasse wurde 1712 von einer Kanonenkugel stark beschädigt.
Gartenbeiz
Ein Geschoss der damaligen Belagerer traf die Taverne «Zum Löwen» in der Unteren Vorstadt und ruinierte die Liegenschaft. Später wurde sie durch einen Neubau ersetzt.
Das damalige Wirtshaus wurde mit der Zeit zu einem Treffpunkt einer bunten Palette initiativer Personen. In diesem Lokal liegen etwa die Ursprünge der heutigen «Wiler Zeitung». Es war auch der Gründungsort des Feuerwehrvereins. Zudem wurde dort die militärische Aushebung vorgenommen.
In der Gaststätte wurden auch die Stellungspflichtigen gemustert.
Kochschule
Das Gasthaus verfügte damals über einen Saal sowie über eine Gartenwirtschaft. 1903 wurde sie unter dem Namen «Löwengarten» zu einem eigenständigen Gastlokal. Während Jahren trafen sich dort Migranten aus Italien. Später wurden die Räumlichkeiten an der Löwenstrasse zu einer Kochschule unter dem Namen «Bissfest» umgenutzt.
Musik und Schauspiel
Das einstige Gastahaus «Zum Löwen» spielte für das Wiler Kulturleben eine wichtige Rolle. Die Zeit von ungefähr 1860 bis zum Ersten Weltkrieg war eine ausgesprochene Blütezeit der Musen in Wil. Die Aufführungen der Theatergesellschaft hatten qualitativ einen ausgezeichneten Ruf und lockten viel Publikum an. Es wurden Opern, komische Opern, Dramen und Lustspiele mit musikalischer Begleitung auf die Bühne gebracht. Heute nennt sich die damalige Theatergesellschaft Musiktheater Wil.
Die erfolgreiche Theatergesellschaft hielt im Löwen ihre Generalsversammlungen ab.
Versammlungsort der Musenfreunde
Treffpunkt der Theatergesellschaft war das Löwen-Lokal. Im Weiteren begegneten sich dort Musiker, Literaten und auch Politiker. Ein Gast war beides, Dichter und Politiker: Carl Georg Jakob Sailer. Der 1817 Geborene entstammte einer Familie von äbtischen Bediensteten. Er studierte in Freiburg im Breisgau sowie in Jena Rechtswissenschaften.
Landammann aus Wil
1849 wurde er Gemeindepräsident von Wil, dieses Amt übte er bis 1857 aus. Der engagierte Politiker hatte zahlreiche weitere politische Ämter inne: er war Mitglied des Kantonsrat, als Regierungsrat stand er später dem Justiz- und Polizeidepartement vor, er wurde zudem in den Nationalrat gewählt, und sass als Ständerat in der kleinen Kammer.
Im Weiteren war er nebenamtlich Richter am obersten Gericht der Schweiz, nachdem er bereits Erfahrung als Richter am Kantonsgericht gesammelt hatte und dieses zeitweise präsidierte. Er war auch katholischer Administrationsrat. Und er war auch als Bundesratskandidat im Gespräch.
Der einstige Garten der Wirtschaft Zum Löwen war später ein Treffpunkt der italienischen Gastarbeiter.
Staatsmann und Chronist der Stadt
Sailer war nicht nur ein umsichtiger und einflussreicher Politiker, er war auch sprachlich begabt. Aus seiner Feder stammt etwa eine «Chronik der Stadt Wil», die von einem umfassenden Wissen und grossem Fleiss zeugt. Er schrieb auch das historische Theaterstück «Die Nonne von Wyl. Ein vaterländisches Drama im 5 Akten». Aufgeführt wurde es von der Theatergesellschaft Wil.
Sailer verstarb 1870 an einer bereits länger bestehenden Krankheit. «Der Kanton St. Gallen und die Eidgenossenschaft verloren mit ihm einen der fähigsten Staatsmänner der Zeit», resümierte ein Biograf das Wirken von Carl Georg Jakob Sailer.