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"Ich hätte es gewusst! Warum habe ich nicht gesehen, dass es Minus statt Plus war?" Solche Fehler nerven Kinder und Eltern gewaltig. Was lässt sich dagegen tun? Vielleicht helfen Ihnen die folgenden Tipps etwas weiter:
Akzeptieren, dass Flüchtigkeitsfehler ein eigener Fehlertyp sind
Ein gewisses Ausmass an Flüchtigkeitsfehlern ist normal. In einer Prüfung wird einerseits überprüft, ob Kinder eine Strategie oder eine Methode anwenden können, andererseits aber auch, ob sie erkennen können, welche Strategie bei der jeweiligen Aufgabe zum Einsatz kommt. Die Lehrerin möchte beispielsweise wissen, ob die Kinder Plus- und Minusrechnungen lösen können und ob sie in der Lage sind, schnell und sicher zu beurteilen, um welche Rechenart es sich handelt. Möchte sie lediglich wissen, ob die Kinder Rechnungen des jeweiligen Typs lösen können, könnte sie die Prüfung so gestalten, dass sie auf einem Blatt nur Plus-Rechnungen vorgibt und gross auf das zweite Blatt schreibt "Achtung! Ab jetzt sind es Minus-Rechnungen!". Die Kinder würden so kaum "Flüchtigkeitsfehler" machen.
Anhand des Beispiels merkt man, dass "Flüchtigkeitsfehler" vielleicht das falsche Wort ist, da es in vielen Fällen genauso schwierig ist, im richtigen Moment an eine Regel zu denken oder die richtige Strategie auszuwählen, wie die Methode richtig anzuwenden. Vielleicht sollten wir deshalb von "Flexibilitäts-Fehlern" sprechen. Das Wort Flüchtigkeitsfehler verbirgt den Umstand, dass wichtige Kompetenzen nötig sind, um diese zu verhindern: Der Schüler muss in der Lage sein, zu erkennen, dass eine Regel oder Methode zur Anwendung kommen muss und welche unter den gegebenen Umständen die richtige ist.
Wie sollte nun geübt werden, um weniger Fehler dieses Typs zu machen?
Prüfstrategien entwickeln
Eltern und Lehrkräfte geben Kindern, die viele Flüchtigkeitsfehler machen, oft Anweisung wie: "Lies genauer", "du musst dir die Aufgaben genauer ansehen" oder "schau am Ende nochmal, ob du nichts verwechselt hast".
Solche Anweisungen sind für Kinder (und bei komplexeren Aufgaben auch für Erwachsene) zu abstrakt. Die Kinder lesen die Aufgaben dann nochmals durch, überlesen die Fehler jedoch. Wie wir im letzten Abschnitt gesehen haben, müssen die Kinder lernen, wann welche Strategie zum Einsatz kommt. Die Fragen lauten in allgemeiner Form:
- Auf welche Strategien/Regeln muss ich besonders achten (weil ich sie immer wieder verwechsle oder vergesse)?
- Wie erkenne ich, wann welche Strategie/Regel gültig ist?
- Wie kann ich schnell und sicher überprüfen, ob ich die richtige Strategie angewendet habe?
Sobald man sich diese Fragen stellt, merkt man auch als Erwachsener, dass es alles andere als leicht ist, sie zu beantworten. So meinte ein Vater zu mir: "Dann rechnet doch der 23 + 14 = 21, das sieht man doch von blossem Auge, dass das nicht sein kann!" Ich habe ihn gefragt, woran man das sehen würde und er meinte nach einer Minute des angestrengten Nachdenkens: "Bei einer Addition muss die Summe grösser sein als die einzelnen Summanden" Nach diesem Satz haben wir uns beide fast totgelacht. Das Beispiel zeigt, dass das, was für uns Erwachsene auf einen Blick erkennbar ist auf jahrelanger Übung und Erfahrung in der Anwendung abstrakter Regeln beruht. Durch die vielen Beispiele haben wir ein Gespür entwickelt, das uns sagt: "Das kann nicht stimmen - schau noch mal hin."
Wie könnte nun konkret geübt werden, um beispielsweise typische Verwechslungsfehler zu reduzieren? Schauen wir uns einige Beispiele an.
Beispiel 1
Regina verwechselt immer wieder Plus und Minus. Ihre Mutter hat mit ihr deshalb die folgenden Fragen erarbeitet:
- Worauf muss ich achten? Ich muss bei jeder Aufgabe schauen, ob es Plus oder Minus ist...
- Wenn es ein Plus-Zeichen hat, muss ich zusammenrechnen, wenn es ein Minuszeichen ist, muss ich abziehen
- Wie kann ich am Ende schnell schauen, ob es stimmt? Wenn es Plus ist, muss die Zahl hinter dem = grösser sein als die erste Zahl der Rechnung, bei Minus ist sie kleiner
Bei den Hausaufgaben hat sie darauf geachtet, dass Regina die Strategie anwendet:
Mutter: Auf was muss du achten?
Regina: Auf Plus und Minus!
Mutter: Sehr gut - und woran erkennst du, was du nehmen musst?
Regina: Wenn es ein + Zeichen hat, muss ich zusammenzählen, wenn es ein - hat, muss ich abziehen.
Mutter: Genau - mach mal die erste...
Regina: 9 + 4 = ... es hat ein + und ich muss zusammenzählen ... 13
Mutter: Ja. Bei der nächsten?
Regina: 18 - 7= ... es hat ein Minus, also muss ich abziehen...11
Mutter: Gut. Kannst du das so alleine weitermachen?
Regina macht die Hausaufgaben alleine zu Ende...
Mutter: Das hat du aber schnell gemacht. Willst du noch korrigieren, ob du immer gesehen hast, ob es Plus oder Minus ist?
Regina: Ja?
Mutter: Schau, es ist einfach und geht ganz schnell. Wenn du + rechnest, dann zählst du ja die beiden Zahlen zusammen, ja?
Regina: Ja
Mutter: Wenn du hier die Rechnung 9 + 4 = 13 anschaust, ist dann die Zahl hinter dem = grösser oder kleiner als die 9?
Regina: Grösser natürlich!
Mutter: Ja...und hier bei 18 - 7 = 11 - wie es da?
Regina: Wenn ich etwas abziehe ist es kleiner.
Mutter: Genau. Wenn es Plus ist, dann ist die Zahl hinter dem Gleich-Zeichen grösser als die erste Zahl, wenn es Minus ist, dann ist die Zahl hinter dem Gleich - hier ist es 11 - kleiner als die erste Zahl, die 18 hier...So kannst du schauen, ob du Plus und Minus nicht verwechselt hast. willst du mal die nächste überprüfen?
Regina: 13 + 27 = 40 ... ich muss Plus rechnen und die Zahl hinter dem Gleich ist grösser - stimmt....
Mit der Zeit wird Regina ein Gefühl dafür entwickeln und muss nicht mehr jedesmal bewusst überprüfen, ob die Ergebnisse stimmen können.
Beispiel 2
Sebastian, schon etwas älter, ärgert sich sehr über sein Französisch-Diktat: Schon wieder hat er fünf Mal den gleichen dummen Fehler gemacht und beispielsweise "il a manger" statt "il a mangé" geschrieben. Sein Lehrer hat ihn dieses mal zum Glück nach dem Unterricht kurz zurückgehalten und ihn gefragt, ob er diese Fehler loswerden möchte...
Lehrer: Sebastian, es ist immer der gleiche Fehler. Lass uns mal schauen, wie du den loswerden könntest.
Sebastian: O.k....
Lehrer: Hast du etwas zu schreiben?
Sebastian: Ja
Lehrer: Also...was ist genau die Regel, die du immer verwechselst?
Sebastian: Hm, ja ... ich schreibe manger statt mangé oder allé statt aller
Lehrer: Genau, weil es ja gleich klingt. Wie findest du heraus, was es ist?
Sebastian: Wenn es Grundform ist, also "essen" wie zum Beispiel in "ich möchte essen", dann ist es "manger"...wenn es Vergangenheit ist, also "ich habe gegessen", dann ist es "mangé"
Lehrer: Sehr gut. Wann musst du aufpassen, also wann ist die Regel wichtig?
Sebastian: Wenn es ein Verb auf er ist wie manger, aller, ranger etc.
Lehrer: Ja genau, also ... bei der nächsten Prüfung und am besten auch bei den nächsten Hausaufgaben, kannst du dir die folgenden Fragen stellen:
- Ist es ein Verb auf er?
- Ist es Grundform oder Vergangenheit? Wenn es Vergangenheit ist, dann ist es é, wenn es Grundform ist, ist es er...
- Und am Ende einer Prüfung kannst du dich fragen: Habe ich bei allen Verben geschaut, ob ich die Regel richtig angewendet habe?
Wie Sie beim Lesen vielleicht bemerkt haben, benötigt eine bewusste Regelanwendung viel geistige Kapazität: Wir können gut eine Regel, vielleicht auch zwei auf diese Weise überprüfen - aber nicht vier oder acht. Hier hilft uns nur die Automatisierung:
Regeln automatisieren
Unser Ziel muss es sein, die meisten Regeln aus dem Bauch heraus anwenden zu können - sonst sind wir zu langsam und machen zu viele Fehler. Wenn wir uns jedesmal bewusst daran erinnern müssten, dass wir nach dem Punkt gross schreiben müssen, uns bei jedem Wort fragen müssen, ob wir der, die, das vorne dran setzen könnten etc., dann bräuchten wir Ewigkeiten für einen kurzen Text und unser Arbeitsgedächtnis wäre völlig überlastet.
Wie trainieren wir nun eine Regel soweit ein, dass wir sie ohne Nachzudenken beachten?
Ganz einfach, indem wir uns eine einzige Regel vornehmen und diese über eine bestimmte Zeit hinweg regelmässig üben. Dabei ist es sinnvoll, die Schwierigkeit und das Tempo nach und nach zu steigern.
Reginas Mutter hat beispielsweise festgestellt, dass Regina nur wenige Fehler beim Plus- und Minus-Rechnen macht, aber die Aufgabentypen oft verwechselt. In einem ersten Schritt hat Sie deshalb mit Regina die Fragen geübt. Am Abend vor dem Einschlafen macht sie mit Regina 3 Minuten eine Zusatzaufgabe, bei der es nur darum geht, die Regel schnell anzuwenden:
Mutter: Du hast heute super gerechnet und fast nie Plus und Minus verwechselt. Was meinst du, magst du noch drei Minuten rechnen und ich lese dir danach die Geschichte weiter vor?
Regina: Ja...
Mutter: Also...es sind ganz einfache Rechnungen, aber ich frage Plus und Minus wild durcheinander ab und du versuchst möglichst schnell zu überlegen, ob du dazurechnen oder abziehen musst und sagst mir was es gibt, ja?
Regina: Ja...keine schweren Aufgaben
Mutter: Nein, sie sind nicht schwierig...also 2 + 3
Regina: 5
Mutter: Super 7 - 1...
auf ähnliche Weise liessen sich auch Sebastians Fehler durch 5 bis 10 Minuten Übung pro Tag zu dieser Regel während zwei bis drei Wochen gut reduzieren. Mehr darüber, wie sich Rechtschreibregeln trainieren lassen, finden Sie im Artikel Rechtschreibregeln üben.
Was bei Flüchtigkeitsfehlern wenig hilft
Während Sie mit dem bewussten Trainieren und dem Automatisieren von Regeln schnell Verbesserungen erzielen können, hilft es ihrem Kind wenig, wenn:
- Sie abstrakte Anweisungen geben ("Lies es noch einmal durch" anstatt "Lies es noch einmal durch und achte dabei auf...")
- Sie die Regel lediglich einmal in Erinnerung rufen, anstatt sie zu trainieren ("Ich habe dir doch schon zig mal gesagt, dass man Wörter nach "beim" gross schreibt" anstatt "Du schreibst nach "beim" meistens klein...es wäre aber gross, weil es eigentlich "bei dem" heisst...was meinst du, wie könnten wir das üben, damit du das im Kopf behalten kannst? Wollen wir ein Poster dazu machen und ein paar Beispielsätze aufschreiben?)
- Sie und ihr Kind sich ärgern anstatt nach Möglichkeiten zu suchen, die Fehler zu reduzieren
- Sie viele Regeln, die das Kind nicht beherrscht, gleichzeitig üben anstatt eine nach der anderen (erst wenn sie relativ gut sitzen ist es sinnvoll, alle durcheinander zu üben, um das flexible Anwenden zu fördern)
Seminare zum Thema Lernstrategien
Möchten Sie mehr zum Thema Lernstrategien erfahren? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, nur wenige Lernstrategien zu vermitteln und diese dafür so sorgfältig einzuüben und solange zu trainieren, dass die Schüler/innen tatsächlich Erfolge damit erzielen. Wir geben Ihnen unsere gesammeltes Wissen zu diesem Thema an einem prall gefüllten Weiterbildungstag weiter:
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Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler leiten die Akademie für Lerncoaching und sind Autoren der folgenden Bücher: