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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Endlich hat die englische Regierung im Streit um die Bagdadbahn ihre Karten aufgedeckt. Das Verdienst, Klarheit in die verworrene Situation gebracht zu haben, gebührt dem englischen Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Edward Grey, der in der Unterhaussitzung vom S. d. M. klipp und klar zum Ausdruck gebracht hat, wie die englische Regierung über die Bagdadbahn denkt.
Sir Grey gestand offen ein, daß rechtlich gegen den Weiterbau der Bagdadbahn, auch bis an den Persischen Golf heran, nichts einzuwenden sei; die Konzession sei der Bagdadbahngesellschaft seitens der türkischen Regierung erteilt worden und könne von keinem Dritten, auch von England nicht, angefochten werden. Aber Tatsache bleibe es, daß die Bagdadbahn strategische und handelspolitische Bedeutung besitze und daher geeignet sei, die Lage Englands am Persischen Golf politisch und kommerziell zu gefährden. Ganz offen erklärte Sir Grey, an welcher Stelle England einzugreifen gedenke, um der Vollendung der Bagdadbahn Hindernisse in den Weg zu legen, falls sich die Türkei weigern sollte, der englischen Regierung eine genügende Sicherheit zum Schutze der gefährdeten englischen Interessen zu bieten.
Ohne weitere Umschweife stellt Sir Grey in Aussicht, daß im Weigerungsfälle England die Bewilligung der von der türkischen Regierung schon seit längerer Zeit beantragten Zollerhöhung ablehnen würde; denn England könne es nicht billigen, daß die Mehreinnahmen aus den Zöllen zu Bahnbauten verwendet würden, die den englischen Interessen zuwiderliefen, es sei denn, daß England die bewußte „Sicherheit“ zum Schutze seiner Interessen geboten würde.
Worin nun diese „Sicherheit“ bestehen soll, hat Sir Grey nicht verraten, aber wer die Verhandlungen und Presseäußerungen über die Bagdadbahn während der letzten Wochen verfolgt hat, wird unschwer herausfinden, worauf Sir Grey mit diesen Worten anspielte. Eine „Sicherheit“ vor unliebsamen Ueberraschungen würde die englische Regierung darin erblicken, wenn ihr eine Beteiligung- am Ausbau der Südstrecke der Bagdadbahn zwischen Bagdad und Bassra zugestanden würde, denn dort im Süden Mesopotamiens, in den an den Persischen Golf angrenzenden Gebieten des Zweistromlandes wünscht England Einfluß zu gewinnen, um gegen eine vom Norden drohende Ueberrumpelung in seiner Stellung am Persischen Golf gesichert zu sein.
Es wird der ganzen Kunst der beteiligten Diplomaten bedürfen, um hier einen Ausgleich zwischen den Wünschen Englands, den berechtigten Interessen der Bagdadbahngesellschaft und den Hoheitsrechten des Sultans herbeizuführen. London hat gesprochen; nun haben die Herren in Berlin und Konstantinopel das Wort.
In der Türkei ist man selbstverständlich wenig angenehm davon berührt, daß England es versuchen will, Einfluß auf Entschließungen der türkischen Regierung zu gewinnen, die mit der militärischen Stärkung und Sicherung des Landes in Zusammenhang stehen. Ueber die Anlegung von Befestigungen und die Unterbringung von Truppen am südlichen Endpunkt der Bahn, er mag nun in Kuweit oder sonstwo liegen, wünscht man in jung-türkischen Kreisen uneingeschränkt bestimmen zu können; hier aber möchte England mit Rücksicht auf seine politischen Interessen am Persischen Golf auch ein Wort mitreden, soweit Gebiete in Frage kommen, die wie Kuweit in seine „Interessensphäre“ fallen. Demgegenüber hat der „Tanin“, das leitende jungtürkische Blatt in Konstantinopel, England zu verstehen gegeben, daß man bei Fortführung der Bagdadbahn bis an den Persischen Golf gar nicht auf Kuweit angewiesen sei, sondern auch an anderer Stelle den Persischen Golf erreichen könne. Diese interessante Andeutung erinnerte mich an einen Gedanken, dem ich schon vor drei Jahren einmal in einem Artikel: „Aus dem Wetterwinkel am Persischen Golf“ (erschienen in der Zeitschrift „Der Deutsche“) Ausdruck verliehen habe. Die Türkei könnte ihre Position England gegenüber in den Verhandlungen über die Bagdadbahn viel mehr stärken, wenn es gelänge, für den Endpunkt der Bahn einen andern Ort als Kuweit am Persischen Golf ausfindig zu machen. Dieser Platz liegt am Chor Abdallah bei der Insel Bubijan; näheres hierüber enthält der folgende Artikel:
D, O. K. 1911,17. März.
Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn