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Der R., längster Fluss der Schweiz und eine der verkehrsreichsten Wasserstrassen Europas, misst von der Quelle bis Basel 376 km und bis zur Mündung in die Nordsee 1'230 km. Das schweiz. Einzugsgebiet umfasst mit 27'897 km2 zwei Drittel des Landesterritoriums. Der Name R., lat. Rhenus, gehört zur ältesten Sprachschicht. Als Deutung ist ein vorgeschichtl. (indogerm.) Reinos anzunehmen, das "Fluss" oder "Strom" meint. Franz. Rhin, ital. Reno, rätorom. Rain.
Die Quellflüsse Vorder- (71 km) und Hinterrhein (62 km) entspringen in Graubünden und vereinigen sich bei Reichenau zum Alpenrhein (94 km). Dieser wendet sich bei Chur gegen Norden und nimmt von Osten Plessur, Landquart und Ill auf und ergiesst sich bei Fussach in den Bodensee. Bei Konstanz verbindet der Seerhein Ober- und Untersee (4 km). Von Stein am R. strömt der Hochrhein (145 km) westwärts bis Basel. An mehreren Orten durchbricht er Jurakalkformationen, so beim Rheinfall oder beim Laufen (Stromschnelle) in Laufenburg, beides hist. Schifffahrtshindernisse. Bei Koblenz nimmt der R. die Aare auf. Ihre Abflussmenge übertrifft mit durchschnittlich 560 m³/s im Jahr jene des R.s von 455 m³/s. Weitere wichtige Nebenflüsse aus der Schweiz sind Thur, Töss, Ergolz und Birs. Am Basler Rheinknie wendet sich der Strom als Oberrhein gegen Norden.
Schon in spätröm. Zeit war der R. Grenzfluss. Diese Funktion erhielt er teilweise erneut, als sich die Eidgenossenschaft im 15. Jh. gegen Norden und Nordosten ausdehnte (1415 Eroberung des Aargaus, 1460 des Thurgaus, 1490 Erwerb des Rheintals). Die Expansion in Richtung R. endete mit dem Schwabenkrieg 1499. Mit dem Anschluss des Fricktals an die Schweiz 1803 wurde der R. auch nördlich desselben zum Grenzfluss. Heute trennt der Alpenrhein die Schweiz vom Fürstentum Liechtenstein und Österreich; allerdings fällt die Grenze teilweise mit dem Alten R. zusammen, der bei Diepoldsau östlich und zwischen St. Margrethen und dem Bodensee westlich des modernen Flussbetts verläuft. Der westl. Abschnitt des Seerheins und der Hochrhein bilden über weite Strecken die Grenze zu Deutschland. Nördlich des Hochrheins liegen als Schweizer Gebiete der Kt. Schaffhausen, die Zürcher Gem. um das Rafzerfeld sowie Kleinbasel, Riehen und Bettingen. Umgekehrt liegt die Altstadt von Konstanz südlich des Rheins.
Autorin/Autor: Markus Kaiser
Seit prähist. Zeit dient das Tal des Alpenrheins als Transitstrecke zu den Bündner Alpenpässen - durch das Tal des Vorderrheins zu dem v.a. im MA genutzten Lukmanier, entlang des Hinterrheins zu den Pässen Splügen und San Bernardino, wobei auf letzterer Route mit der Rofla- und der Viamalaschlucht schwierige Hindernisse zu überwinden waren (Viamala). Im Churer Rheintal bestanden schon früher Holzbrücken bei Reichenau, Felsberg, Haldenstein und Untervaz. Die 1832 von Richard La Nicca begonnene Korrektion des Hinterrheins im Domleschg und die nach der Überschwemmung von 1868 ebenfalls von La Nicca realisierte Korrektion zwischen Chur und der Tardisbrücke wurden 1892 vollendet.
Im St. Galler Rheintal bot fruchtbares Schwemmland zwischen dem bis zu 700 m breiten Flussbett sowie den Auwäldern einerseits und den weiten Talmooren anderseits Raum für Siedlungen. Hier entstanden im Früh- und HochMA von Räfis bei Buchs (SG) und Ruggell bis zum Bodensee rund 40 Rheindörfer. Ihre lose Siedlungsform, eine Folge offener Hofräume, gebildet aus Bauten und Baumgärten, war im alpinen Raum einzigartig (sog. Hofraumstruktur). Im MA erstreckten sich profane und kirchl. Gemeinwesen meist über beide Ufer. Erst ab dem 16. Jh. wurde dieser Flussabschnitt schrittweise zur Grenze.
Schon 1291 galt der Alpenrhein als freie Reichsstrasse (Wasserwege, Schifffahrt). Er diente bis ins 19. Jh. der Flösserei von Reichenau nach Rheineck, dem privilegierten Umschlagsort für Transitwaren und Holz (um 1700 bis 1'250 Handelsflösse jährlich). Bis ins 15. Jh. wurden Schiffe vom Bodensee bis Feldkirch, später noch bis Bauren bei Hohenems getreidelt. Die Oberrheintaler betrieben bis 1781 die sog. Schollberger Schifffahrt zwischen Monstein bei Au (SG) und Lindau für den Eigenbedarf und denjenigen der Herrschaften Sax und Werdenberg. Weitere Nutzungen waren die Fischerei und die 20 Schiffsmühlen der Rheindörfer. Den Querverkehr gewährleisteten Fähren und die 1529 errichtete Tardisbrücke bei Mastrils. Erst 1867 ermöglichte die Rheinkorrektion am Monstein bei Au den ersten modernen Brückenschlag.
Ab dem 16. Jh. verstärkten die hohen Niederschläge der Kleinen Eiszeit die Hochwassergefahr. Überschwemmungen häuften sich 1560-80, 1762-70 und 1817-90 (grösste Einzelereignisse 1566 und 1762). Das Geschiebe erhöhte Flussbett und Grundwasserspiegel. Die Folgen, v.a. die chron. Vernässung von rheinnahem Kulturland, waren im 19. Jh. das Hauptproblem der Rheindörfer und deren Landwirtschaft. Die Hochwasserphasen gaben Anstoss zu Korrektionsplanungen. 1769 schuf der Zürcher Ingenieurhauptmann Johann Conrad Römer für die Tagsatzung Karten und Gutachten als Grundlage erster regionaler Wuhrordnungen. Die Überflutungen von 1817 und 1821 lösten sowohl 1826 das österr. Korrektionsprojekt von Joseph Duile aus, das heute Fluss- und Grenzverlauf bestimmt, als auch vertragl. Vereinbarungen über den Wuhrbau, die sog. Wuhrprovisorien (1827 zwischen St. Gallen und Österreich, 1837 zwischen St. Gallen, Graubünden und Liechtenstein). Ihnen folgte 1847 der Staatsvertrag zwischen St. Gallen und dem Fürstentum Liechtenstein. Während der Katastrophenjahre 1846-56 wurde 1853 das St. Galler Gesetz über eine durchgreifende Rheinkorrektion verabschiedet und 1862 bewilligten die eidg. Räte die Übernahme eines Drittels der Baukosten durch den Bund, was die unter Friedrich Wilhelm Hartmann und Jost Wey 1862-83 ausgeführte Rheinkorrektion von Bad Ragaz bis Au endlich ermöglichte.
Der Alpenrhein mündete bis Ende des 19. Jh. bei Altenrhein in den Bodensee. Verkürzungen des Flusslaufs waren ab 1792 diskutiert worden; 1838 hatte Hartmann einen Durchstich von Lustenau bis Fussach empfohlen. Aber erst nach neuen Überflutungen (1868 im St. Galler Rheintal, 1890 in Vorarlberg) einigten sich die Schweiz und Österreich 1892 auf die Internat. Rheinregulierung (IRR) - dies ist zugleich der Name der damals eingesetzten Behörde - sowie die Durchstiche von Fussach (erbaut 1896-1900) und Diepoldsau (1910-23). Weitere Staatsverträge regelten 1924 bzw. 1954 den Fortbau, so die Mittelgerinneverengung (1944-70) und das Vorstrecken der Mündung im Bodensee (1924-34 und seit 1972). Beidseits des Alpenrheins nahmen Kanäle die Zuflüsse auf. Unter Jost Wey entstanden 1882-86 der Werdenberger sowie 1895-1906 der Rheintaler Binnenkanal, der in den Alten R. mündet. Auf den Kanalnetzen basierten die Meliorationen, beginnend 1885-87 mit der ersten grossen Flächenmelioration der Schweiz bei Haag (Gem. Sennwald), kulminierend 1941-77. Dem ökonom. Nutzen der lückenlosen Korrektionsmassnahmen in den Talebenen des Alpenrheins stehen ein radikaler Landschaftswandel und ökolog. Verluste gegenüber, u.a. das Verschwinden der natürl. Gewässer und Auen sowie die Entwässerung der Talmoore (Bestand 1890 6'039 ha, 1999 noch 106 ha). Seit 1995 koordinieren die Internat. Regierungskommission Alpenrhein, in der die Kt. St. Gallen und Graubünden, Liechtenstein, das Land Vorarlberg sowie Bundesstellen Österreichs und der Schweiz vertreten sind, und die IRR im Rahmen der Plattform Zukunft Alpenrhein die Baumassnahmen.
Autorin/Autor: Markus Kaiser
Die Bezeichnung Hochrhein für den Flussabschnitt zwischen Stein am R. und Basel wurde erst im 19. Jh. geläufig. Auf dieser Strecke bildete der R. im 1. Jh. und dann wieder zwischen 260 und 400 die Grenze zwischen dem Röm. Reich und germ. Gebieten. Längs des Flusses standen in röm. Zeit mind. 35 Wachttürme (Limes). Seit dem MA verteilen sich hier elf Kleinstädte, dazu der Marktflecken Zurzach, dazwischen zahlreiche Dörfer.
Man überquerte den R. meist bei einem Fahr, oft mit einem Wagenschiff. Röm. Brücken sind bei Eschenz, Zurzach und Augst nachgewiesen. Im 13. Jh. bauten die meisten Städtchen Brücken mit Zollstellen, Rheinfelden schon vor 1198. Eine dritte Brückenbauphase setzte im 20. Jh. ein (z.B. Zurzach 1907, Koblenz 1932). Der Durchgangsverkehr wurde bei Pest und Viehseuchen sowie bei den Grenzbesetzungen im 1. und 2. Weltkrieg stark erschwert.
Im MA bildete der R. auf seiner ganzen Breite eine territoriale Einheit. Viele Fischereirechte erstrecken sich bis heute über den ganzen Fluss, der als freie Reichsstrasse und als exterritorial galt. Grenzlinien in der Mitte des Flussbetts kamen erst mit der Territorialisierung in der Neuzeit auf, doch noch 1897 erstritt sich Schaffhausen zwischen Büsingen und dem Rheinfall die Hoheit über den ganzen R., also bis an das zürcher. Ufer.
Die Schifffahrt war seit dem MA grundsätzlich frei. Einschränkungen gab es nur auf besonders gefährl. Strecken zugunsten von Genossenschaften ortskundiger Steuermänner wie der Stüdler beim Koblenzer Laufen, der Laufenknechte in Laufenburg oder der Rheingenossen von Säckingen bis Basel. Dagegen gelang es städt. Schifferzünften nicht, Transportmonopole durchzusetzen. Für Fahrten flussaufwärts mussten die Ufer geräumt und mit Treidelwegen (Reckwegen) versehen sein, so dass streckenweise auch Pferde vorgespannt werden konnten. Mit dem Aufschwung des Schiffbaus in Frankreich und Holland blühte die Flösserei im 18. und 19. Jh. auf. Die Eisenbahn brachte diese alten Erwerbszweige in der 2. Hälfte des 19. Jh. weitgehend zum Verschwinden.
1866 nahm das von Wirtschaftspionier Heinrich Moser errichtete Kraftwerk, von dessen Turbinen die Kraft des Flusses mit Drahtseilanlagen zu versch. Produktionsstätten übertragen wurde, in Schaffhausen den Betrieb auf. Ab 1898 entstanden neun weitere Wasserkraftwerke, alle unterhalb des Rheinfalls. Sie mussten Schleusen oder andere Schiffspassagen enthalten, ebenso Fischtreppen. Dennoch stieg der Lachs als wichtigster Speisefisch nicht mehr auf; in den Staubecken mit nur mehr schwacher Strömung veränderten sich die Lebensbedingungen auch für viele andere Fischarten.
Weiträumige Proteste des Natur- und Heimatschutzes gegen die Sprengung des Kl. Rheinfalls bei Laufenburg 1909 verhallten ungehört. Eine eidg. Initiative gegen den Bau des Elektrizitätswerks Rheinau wurde 1954 abgelehnt; einzig der Kt. Schaffhausen hatte ihr zugestimmt. Dagegen verhinderten erfolgreiche Volksbewegungen die Umschiffung des Rheinfalls und damit die Hochrheinschifffahrt bis zum Bodensee. Der R. wird nun nur noch bis Weiach für Transportschiffe freigehalten.
Der Gewässerschutz hat sich v.a. seit der Brandkatastrophe von Schweizerhalle 1986 dank internat. Vereinbarungen zum Schutz des R.s wirkungsvoll durchgesetzt. So präsentiert sich der Hochrhein heute - trotz aller wirtschaftl. Nutzung - als Erholungsraum. Insbesondere der Abschnitt zwischen Untersee und Schaffhausen ist als tourist. Schifffahrtsstrecke beliebt.
Autorin/Autor: Max Baumann
Ab Rheinfelden strömt der Hochrhein schon vor dem Bau der Kraftwerke Augst (1908-12) und Birsfelden (1950-55) ruhig westwärts, um mit dem Rheinknie als Oberrhein nach Norden abzubiegen. Im Oberrheingraben suchte er sein Bett in einem Gewirr von Armen, vom Umland durch Auen abgetrennt. Die einschneidende Korrektion (Beginn 1817, Strassburg-Basel 1841-76) setzte den Überschwemmungen ein Ende, die Regulierung (Beginn 1907) erleichterte die Schifffahrt. Das Kraftwerk Kembs (1928-32) staute den R. bis zum Birsig, und im Grand Canal d'Alsace (1928-59) erhielt er bis Breisach ein neues Bett. Ihre verkehrsgünstige Lage verdankt die Region am Rheinknie neben dem Wasserweg der für den Landverkehr idealen Rheinebene. Schon die Römer bauten in Augusta Raurica eine Brücke und Hafenanlagen und beidseits des R.s Strassen in die nördl. Provinzen. Im MA erstreckte sich das neue Zentrum Basel bereits im 14. Jh. über beide Ufer (Brücke 1225 erw.). Von der Schifflände bei der Mündung des Birsig führten die wenigen Schiffer (erw. 1209, Zunft zu Schiffleuten 1354) v.a. Talfahrten auf nur sehr einfach gefertigten Kähnen, den sog. Lauertannen oder Lordannen, aus, die sie Flössern und Schiffern aus flussaufwärts gelegenen Orten ab- und am Ziel als Nutzholz weiterverkauften. Weit häufiger als Schiffe verkehrten seit der Verlagerung des Fernhandels im 16. Jh. und dem Aufblühen des Holzhandels mit den Niederlanden im späten 17. Jh. Flösse auf dem Oberrhein; ihren Höhepunkt erreichte die Flösserei in den 1850er Jahren. 1838-43 verbanden Dampfer Basel und Strassburg; dann verdrängte die Eisenbahn bis 1904 die Grossschifffahrt. Der seit 1816 bestehenden Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (Mannheimer Akte 1868) trat die Schweiz 1921 bei.
Ab dem MA lebten auch Fischer und Fischhändler - der Basler Fischmarkt wurde oberhalb der Schifflände abgehalten - vom R. (Zunft zu Fischern 1354 erw.). Verbauung und Verschmutzung brachten sie ab dem späten 19. Jh. zunehmend um den wichtigsten Fang, den Lachs; ein einzelnes Exemplar dieser Fischart wurde erstmals 2008 wieder gefangen. Der Schifffahrt folgte seit 1906 der Bau von Hafenanlagen von Weil bis Muttenz.
Die seit der 2. Hälfte des 19. Jh. am linken Ufer von Schweizerhalle bis Hüningen bzw. Village-Neuf, am rechten von Grenzach bis Kleinhüningen expandierende chem. Industrie entsorgte giftige Abfälle lange direkt in den R. Erst 1977-82 nahmen vier Abwasserreinigungsanlagen für Industrie und Haushalte den Betrieb auf. Zu schweren ökolog. Schäden am Oberrhein führte 1986 die Brandkatastrophe bei Sandoz in Schweizerhalle. Daneben liefert der R. durch Grundwasseranreicherung (1961 Hard, 1964 Lange Erlen) Trinkwasser.
Autorin/Autor: Bernard Degen