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Fidel Castro gestorben? In der «Perla Negra» kommt es niemandem in den Sinn, die Fiesta deswegen zu unterbrechen. In der Bar im Stadtteil La Vibora, eine halbe Stunde vom Zentrum der Hauptstadt entfernt, dröhnen auch in den frühen Morgenstunden des Samstags Salsamusik und Reggaeton, als sei nichts geschehen.
Auf den Strassen begegnen derweil die letzten Nachtvögel den ersten Frühaufstehern, die die streng rationierten Lebensmittel ergattern. «Ich schwöre, dass sich niemand dazu geäussert hat. Es zeigt sich nicht einmal besonders viel Polizei», sagt einer derjenigen, die vor der staatlichen Bäckerei Schlange stehen.
Ungewöhnlich ist allenfalls der Weg, auf dem sich die Kubaner über die Todesnachricht informieren: Die meisten erfahren es per SMS von Verwandten in Miami. Denn das Staatsfernsehen, das darüber zuerst berichtet hatte, schaut in Kuba fast niemand. So verbreitet sich die Neuigkeit in Havanna nur mit Verzögerung.
Einer der wenigen, die die Nachricht doch im kubanischen Fernsehen mitbekommen haben, ist José León. Er wurde prompt Zeuge einer der seltenen Pannen der kubanischen Zensur: In der ersten Ausstrahlung sieht man Staatspräsident Raúl Castro, wie er nach der Verkündung der Nachricht einen Augenblick verzweifelt im Sessel versinkt. Bei der späteren Wiederholung ist diese Szene bereits entfernt.
Für die meisten Kubaner starb Fidel Castro bereits im Juli 2006. Damals gab er nach einer schweren Erkrankung die Amtsgeschäfte an seinen Bruder ab, zuerst provisorisch, später definitiv. Die Jugend hat damit ohnehin kaum Erinnerungen an den früher allgegenwärtigen Revolutionsführer.
Sahily Téllez, eine 16-jährige Schülerin, sagt: «Für mich war das alles eine alte Geschichte von einem Mann, der eine Revolution anführte und eine Gesellschaft errichtete, die heute kaum funktioniert.» Fidel Castro repräsentiere für sie die Armut. Kubas Jugend aber sehne sich nach Kapitalismus und Konsum.
Bekümmert zeigt sich ein Taxifahrer. Daniel Pereda, der seine Gäste in einem Chevrolet Baujahr 1954 chauffiert, sorgt sich um die Zukunft nach Castros Tod. «Das Panorama ist hässlich: Die Krise in Venezuela, dazu der Sieg Donald Trumps in den USA.» Pereda erwartet, dass die zuletzt versöhnlichen Töne zwischen Washington und Havanna bald zu Ende sind. Er ist sich sicher: «Den Leuten in der Regierung müssen die Nerven flattern.»
Carlos Díaz, ein regierungsunabhängiger Soziologe, urteilt ähnlich: «Es kündigen sich harte Zeiten an. Ich möchte nicht in der Haut von Raúl Castro stecken. Er muss aufpassen, dass er nicht zum Totengräber der Revolution seines Bruders Fidel wird.»
Etwas optimistischer argumentiert der Oppositionelle Julio Aleaga: «Das Ableben von Fidel Castro kann der Katalysator von tiefgreifenden Reformen sein. Denn der konservative Flügel des Machtapparates hat ein gewichtiges Symbol verloren. Ich denke, mittelfristig wird der Wandel unaufhaltsam sein.»
Kubas Staatspresse schwört die Bürger derweil auf ein ausführliches Trauerprogramm ein. Vom 28. bis 30. November sind Ehrbezeugungen und eine Massenveranstaltung auf Havannas Revolutionsplatz angesagt. Anschliessend wird die Asche nach Santiago überführt, wo am 4. Dezember die Beisetzung stattfindet.
Übersetzung: Matthias Knecht