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Während das Hauptziel aller therapeutischen Behandlungen der Depression noch vor Kurzem die Linderung der Symptome der akuten Krankheitsphase war, widmen Fachärzte heute der Qualität der Heilung ihrer Patienten erhöhte Aufmerksamkeit. Es gilt, jedem Rückfall vorzubeugen, der durch «Restsymptome» ausgelöst werden könnte.
Die Heilung einer Depression ist oft ein langer Weg, der von Remissionsphasen, d. h. einem vorübergehenden Abklingen der Krankheitssymptome, und von Rückfällen geprägt ist. In den letzten Jahren haben sich die Fachleute vermehrt auf die Qualität der Heilung ihrer Patienten nach einer Episode schwerer Depression konzentriert. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Personen mit sogenannten «Residualsymptomen» (30 bis 50% der Fälle) – wie z. B. Verlust der Freude oder fehlendes Interesse, Angstzustände oder somatische Besorgnisse (Schmerzen usw.) – seien mittelfristig anfälliger als Personen, bei denen ein völliges Abklingen der Symptome beobachtet wird. Das Risiko eines Rückfalls sei sogar dreimal höher als bei asymptomatischen, d. h. symptomfreien Patienten.
Hartnäckige Zeichen der Depression
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Tatsache, dass diese «Residualsymptome», wie sie von der Fachwelt bezeichnet werden, schwer auf dem psychosozialen Wohlbefinden der Betroffenen lasten, und oft sogar die Lebensqualität erheblich einschränken. Andere Probleme in Zusammenhang mit der Einnahme oder Nichteinnahme von Antidepressiva können sich ebenfalls negativ auf den Heilungsprozess auswirken: Man denke dabei nur an die Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten oder an sexuelle Schwierigkeiten. Was den Verlust des Interesses oder mangelnde Freude anbelangt, scheinen diese Faktoren für die Rückfallwahrscheinlichkeit ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen.
Betreuung bis zur Heilung
Deshalb wird der Arzt bei einem Patienten, der sich in der Remissionsphase befindet, darum bemüht sein, alle Ursachen zu ermitteln und zu behandeln, die eine komplette Remission gefährden könnten. Dabei werden sämtliche Lebensbereiche des Patienten berücksichtigt, ob es sich um sein soziales Umfeld, seine berufliche Integration oder um sein Wohlbefinden handelt. Um den Patienten auf die bestmögliche Weise auf seinem Weg zur Genesung zu begleiten, wird der Arzt eine Neubewertung seiner Diagnose vornehmen und andere eventuell vorhandene psychiatrische Krankheiten beachten, wie z. B. eine Angststörung, Sucht oder somatische Erkrankung, die mit der Depression einhergehen könnte. Die medikamentöse Behandlung kann dann unter Beachtung der individuellen Toleranz der Patienten entsprechend angepasst werden (Erhöhung der Dosis, Einsatz anderer Wirkstoffe, Ergänzung durch ein zweites Antidepressivum). Darüber hinaus kann bei Symptomen, die auf eine Depression jüngeren Datums hinweisen, psychologische Unterstützung angeboten werden. Psychotherapeutische Ansätze wie die kognitive Verhaltenstherapie oder die Interpersonelle Therapie haben sich unter diesen Umständen besonders bewährt.
Wenn der Krankheitsverlauf nicht auf traditionelle Behandlungsmethoden reagiert und keine Remission vorhersehbar ist, werden andere Behandlungsoptionen in Betracht gezogen. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass mit Schlafentzug spektakuläre, allerdings nur vorübergehende Erfolge bei depressiven Patienten erzielt werden können. Ganz gleich ob der Schlafentzug partiell oder total ist, er führt rasch zu einer Verbesserung der Stimmungslage. Dank der wissenschaftlichen Fortschritte in der Chronotherapie weiss man heute, dass der Schlafentzug zusammen mit anderen Behandlungsformen eingesetzt werden muss (Lichttherapie, Antidepressiva oder stimmungsstabilisierende Medikamente, Phasenvoreilung), damit die antidepressive Wirkung anhält.
Des Weiteren gibt es therapeutische Ansätze der Hirnstimulierung, die in bestimmten Ländern angewendet werden, jedoch keine Therapieoptionen der ersten Wahl sind: transkranielle Magnetstimulation (TMS), Tiefenhirnstimulation (THS) und Vagusnerv-Stimulation (VNS). Sie gelten als vielversprechend in der Behandlung von therapieresistenten Depressionen, müssen sich jedoch erst noch bewähren, um von der Schweizer Krankenversicherung übernommen zu werden.
Die transkranielle Magnetstimulation ist in den Vereinigten Staaten zur Behandlung von Erwachsen zugelassen, die an einer schweren Depressionen leiden, welche nicht auf klassische Medikamente anspricht. Die TMS ist jedoch für diese Indikation weder in Europa noch in der Schweiz zugelassen. Ihre antidepressive Wirkung wurde zwar nachgewiesen, ihr klinischer Nutzen wird jedoch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft debattiert.
Dagegen hat die Stimulation des Vagusnervs die Zulassung für die Indikation der chronischen Depression in der Europäischen Union erhalten. Sie kommt allerdings in der Schweiz sehr selten zur Anwendung. Die Tiefenhirnstimulation, bei der ein erhöhtes Risiko unerwünschter Ereignisse besteht, ist vor allem in ganz spezifischen Fällen als Ergänzung zur medikamentösen Therapie zur Behandlung der Zwangsstörung anerkannt. In Studien konnten mit der Tiefenhirnstimulation (THS) überzeugende Ergebnisse für die Behandlung von Depressionen erzielt werden. Die THS ist jedoch noch nicht als therapeutischer Ansatz für diese Indikation zugelassen.
Smartphone: Ist die übermässige Nutzung Zeichen einer Depression?
Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass die intensive Nutzung dieses Kommunikationsmittels das Depressive Syndrom seines Benutzers widerspiegeln kann.
Das Smartphone dringt allmählich in den Gesundheitsbereich vor. Unlängst wurde ein weiterer Meilenstein gesetzt: Amerikanische Forscher klären uns über die «psychologischen» Interpretationsmöglichkeiten der Nutzungsmuster dieser Kommunikationsmittel auf. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden kürzlich veröffentlicht.
«Purple Robot»
Die Art der Verwendung eines Mobiltelefons liefert eine Vielzahl von Daten über unsere Verhaltensweisen und die ihnen zugrunde liegenden Motivationen. Kann man jedoch aus der Art der Verwendung eines Smartphones wirklich auf eine Depression bei seinem Benutzer schliessen? Davon sind jedenfalls die amerikanischen Forscher der «Northwestern University» überzeugt. Im Rahmen ihrer Recherchen werteten sie die mit der Anwendung «Purple Robot» ausgestatteten Speicher der Mobiltelefone aus, um mehr über die Nutzungshäufigkeit oder den Standort des Nutzers (via GPS) zu erfahren.
Diese Vorarbeiten wurden mit 28 erwachsenen Teilnehmern über einen Zeitraum von zwei Wochen durchgeführt. Anhand eines vorab ausgefüllten Fragebogens wurde festgestellt, dass die Hälfte unter ihnen an einem depressiven Syndrom litt. Am Ende der Untersuchung stellte sich heraus, dass diese Personen ihr Telefon durchschnittlich etwa 68 Minuten pro Tag benutzten, während die nicht von einem solchen Leiden betroffenen Personen ihr Smartphone lediglich 17 Minuten täglich verwendeten.
Verhaltensbezogene Massnahmen
Depressive Syndrome werden ausserdem mit einem bewegungsärmeren Lebensstil in Verbindung gebracht (weniger bzw. kürzere Wege und mehr Zeit zu Hause). Dies ist a priori ein Zeichen von mangelnder Motivation und ein Hinweis auf ein Energiedefizit, welches für das Vermeidungsverhalten charakteristisch ist, das sich bei einer Depression entwickelt. Darüber hinaus wurde in Zusammenhang mit dem depressiven Syndrom (ebenfalls mithilfe des Smartphones) festgestellt, dass die betroffenen Personen einen sehr unregelmässigen Tagesablauf haben.
Die Forscher meinen, allein anhand dieser Ergebnisse in der Lage zu sein, die Symptome der Depression mit 86,5-prozentiger Genauigkeit identifizieren zu können. Erwartungsgemäss steigt die Genauigkeit noch weiter, wenn man die an der Studie beteiligten Personen bittet, Aussagen über ihren Gemütszustand zu machen.
Facebook-Depression
Ein Depressives Syndrom in Verbindung mit der Nutzung von Facebook wurde bereits von amerikanischen Kinderärzten vermutet, die 2011 auf diese Gefahr aufmerksam gemacht hatten. Die Spezialisten hielten es damals für unerlässlich, Präventionsmassnahmen gegen eine Form der Depression einzuleiten, die sich bei Jugendlichen entwickelt, wenn diese zu viel Zeit auf den Websites sozialer Netzwerke wie Facebook o. Ä. verbringen. Dabei wurde auch die Frage nach Ursache und Wirkung gestellt: Macht Facebook das Kind depressiv oder ist es das deprimierte Kind, das nur auf Facebook Zuflucht findet?
Die Problematik tauchte 2013 mit einer amerikanisch-belgischen Studie erneut auf. Forscher der Universitäten Michigan und Louvain waren zur Ansicht gelangt, dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Facebook und dem Depressiven Syndrom besteht. Ein übereinstimmendes Ergebnis wurde von australischen Forschern erzielt: Jugendliche, bei denen eine «pathologische» Verwendung des Internets festgestellt wurde, sind dem Depressionsrisiko erheblich stärker ausgesetzt als die anderen Gleichaltrigen.
Man kann die Schlussfolgerungen dieser Forschungsarbeiten sowohl begrüssen als auch fürchten. Manche werden darin die Gefahr einer neuen Verletzung unserer Privatsphäre sehen, andere wiederum werden darin neue Diagnosemöglichkeiten und eine Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten entdecken.