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Hohe Schulden
Die Studiengebühren in England haben sich 2011 verdreifacht. Seit ein Bachelor 40’000 Franken kostet, hat sich das Gesicht der Liverpooler Universität verändert.
Curtis Reid hat 9000 Pfund Schulden. «Nur 9000 Pfund», betont er. Der 23-Jährige ist Präsident der Studierendengewerkschaft in Liverpool und hat soeben den Master in Business and Finance erworben. Bei gleich bleibendem Lohn wird er dem Staat in 18 Jahren und neun Monaten sein Darlehen zurückbezahlt haben.
Sein Büro auf dem Campus der Liverpooler Universität muss er mit niemandem teilen, schliesslich arbeitet der Gewerkschaftspräsident Vollzeit. «Die hohen Gebühren vergraulen viele junge Menschen. Sie sind nicht bereit, sich für ein Studium zu verschulden.» Er selbst hat sich noch vor der Studiengebührenerhöhung eingeschrieben. 2011 strich die britische Regierung den Universitäten einen Grossteil der staatlichen Subventionen. Deshalb haben diese ihre Gebühren von 3000 auf 9000 Pfund verdreifacht, um Forschung und Lehre weiterhin finanzieren zu können. England ist seither zugepflastert mit Werbung für Universitäten. «Sogar wenn ich in London mit der U-Bahn fahre, informiert mich ein Plakat über das Angebot der Liverpool University – und die ist 300 Kilometer weit weg», spottet Reid. Die Reklamen sind zwar für alle sichtbar, doch die Akademie gehört der Elite.
Die Mehrheit der Studierenden kommt aus privaten Institutionen. Lediglich jeder vierte englische Student hat eine staatliche Schule besucht. Ein drei Jahre dauerndes Studium kostet umgerechnet 40’000 Franken – Wohn- und Lebenskosten nicht mitgerechnet. Die psychologische Barriere einer fünfstelligen Summe sei nicht zu unterschätzen, meint Reid. «Besonders für junge Erwachsene aus der unteren Mittelschicht.»
Das Studium verkommt zur Ware
Vor Reids Fenster verlässt eine Gruppe junger Frauen mit nassen Haaren den Campus-Spa. Ein Schild informiert über das Angebot: Massagen, Pilates, Dampfbad. Im Abercrombie-Park nebenan spielen junge Männer Cricket, die Öffentlichkeit darf den Rasen nicht betreten. Noch im März 2011 marschierten 100’000 Studierende durch die Innenstadt Londons und forderten: «Stop the cuts! Join the resistance!» Weitere Massendemonstrationen folgten. Heute ist die Bewegung erlahmt, die Wut verflogen; die Studierenden berufen sich auf die hohen Gebühren und erstarren in ihrer Erwartungshaltung.
«In England wird studiert, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen», sagt Gewerkschaftspräsident Reid. Dass die Studierenden seit der Erhöhung zahlreicher an freiwilligen Veranstaltungen teilnehmen, freut ihn. «Sie wollen jetzt das Beste aus ihrer teuren Studienzeit machen.» Doch er bedauert, dass die Kreativität stirbt. «Den Kunsthochschulen laufen die Studierenden davon, während Fachrichtungen wie Wirtschaft und Technologie florieren.» An der University for the Creative Arts in Kent im Südosten Englands haben sich 2012 ein Drittel weniger Studierende angemeldet. Im selben Jahr studierten laut dem Amt für Hochschulbildung HESA insgesamt 2,49 Millionen Personen an englischen Universitäten, nur rund Hunderttausend weniger als 2011.
Die Ökonomisierung des Studiums spüren besonders die Dozierenden. Kostet eine Vorlesung 30 Franken, begnügen sich die Studierenden nicht mit mittelmässigem Unterricht. Über ein Dutzend angefragte Professorinnen und Professoren in Liverpool schweigen oder verweisen höflich an das Pressebüro der Universität. Auf dem Campus eilen sie von einem roten Backsteingebäude zum anderen und schütteln den Kopf oder brummen «not now», wenn man wissen will, ob sie die zusätzliche Belastung wahrnehmen. Nur Fred Jones bleibt stehen, schaut skeptisch unter seinem Hutrand hervor, und nach einem prüfenden Blick auf seine Uhr bestätigt er: «Ja, der Druck auf uns Dozierende hat zugenommen. Und ich glaube, dass er in Zukunft noch grösser wird.» Der Privatdozent für Latein und Griechisch steht an der Ampel, drückt mehrmals auf den Knopf und entschuldigt sich, als das Signal umschlägt: «Ich habe keine Zeit mehr. Ich darf nicht zu spät zum Unterricht kommen.»
Gebrochenes Verspechen
In Liverpools Einkaufsstrasse ist selbst an einem Dienstagnachmittag kaum ein Durchkommen. Studierende geben hier jährlich 5000 Pfund pro Kopf für Kleidung, Essen und Unterhaltung aus. Geld, von dem die Stadt profitiert. «Ohne die 50’000 Studierenden wäre Liverpool ärmer. In jedem Sinne des Wortes», gibt Paul Brant zu bedenken. Er ist stellvertretender Bürgermeister und entscheidet, wohin die Steuergelder fliessen. Der Labour-Politiker sitzt in seinem Büro unter einem Bild des Liverpooler Hafens. Lieber schwärmt er von der Universität, als über mögliche Langzeitfolgen der Erhöhung zu sprechen. Werden die Universitäten bald Angestellte entlassen müssen, da nur noch wenige Studierende zu zahlen bereit sind? Brant winkt ab. Etablierte Universitäten wie Liverpool würden kaum etwas spüren, «aber weniger bekannte Institutionen wird es härter treffen, da sich die Bewerber und Bewerberinnen für das viele Geld lieber in berühmte Schulen einschreiben.»
Und politisch? Das gewinnende Lächeln verschwindet aus dem Gesicht des Finanzvorstehers. «Die Konservativen haben die Wahlen 2010 letztlich durch die Stimmen der Studierenden gewonnen.» Die bürgerlichen Politiker hatten im Wahlkampf schriftlich versprochen, die Studiengebühren nicht zu erhöhen. «Sie haben ihr Wort gebrochen.» Die Blair-Regierung habe sich für eine allen zugängliche Bildung eingesetzt. «Die neue Regierung strebt ein Universitäts-System für die Elite an.» Die Verteuerung erschwere ärmeren Familien den Zugang zu höherer Bildung, warnt Brant.
Seine These bestätigen Jugendliche wie Shelby Walsh. Sie arbeitet im Supermarkt home&bargains gegenüber dem Rathaus, auf der anderen Strassenseite. Studieren zu gehen, war niemals ihr Plan. «Als meine Eltern von der Erhöhung hörten, haben sie mich gebeten, arbeiten zu gehen.» Die 20-Jährige zuckt mit den Schultern. «Ich habe einen Job – wozu brauche ich einen Abschluss?»