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Thomas Imbachs Filme rufen immer wieder in Erinnerung, was manche Theorie lange nicht anerkennen mochte und was das Mainstream-Kino mit einer Rhetorik der Anbindung seiner möglichen Welten an die wirkliche zu verschleiern sucht: dass das Kino nicht der Nachbildung oder Ergänzung von Wirklichkeit dient, sondern der Herstellung von Erfahrungen eigener Ordnung. Imbachs Filme jagen den Phänomenen nicht nach: Sie treiben sie aus Versuchsanordnungen der Aufnahme und der Montage hervor. Sie sind Vorrichtungen des Sehens und Fühlens, die in der Erfahrung sonst vernachlässigte oder nicht erschlossene Strukturen zu Tage fördern: die unkontrollierten körperlich ausgedrückten Nebenbedeutungen banaler Telefongespräche in Well Done (1994), die taktilen Erfahrungen von Kleinkindern in Nano-Babies (1998).
Happiness Is a Warm Gun ist Imbachs erster Spielfilm mit Berufsschauspielern (in Ghetto, 1997, wurden die Darsteller am Ende entlöhnt, womit der Film - nach einer Definition Godards - vom Dokumentar- zum Spielfilm mutierte). Genremässig eine Mischung aus Romanze und Biografie, handelt der Film von Petra Kelly, der langjährigen Galionsfigur der deutschen Grünen, und ihrem Lebensgefährten Gert Bastian, einem konvertierten Ex-General. Im Oktober 1992 - Kelly und Bastian waren aus dem Rampenlicht verschwunden - erschoss der Friedensaktivist seine Lebensgefährtin im Schlaf und richtete dann sich selbst. Regisseur Thomas Imbach und Drehbuchautor Peter Purtschert interpretieren die Tat nun nicht als Gewaltexzess, sondern als Konsequenz einer bestimmten Beziehungsform. Kellys Sterben war demnach angelegt in der Absolutheit ihrer Wünsche, ihrer Ansprüche ans Leben, denen die Welt nie genügen konnte.
Zur «Geschichte» unterhält Happiness Is a Warm Gun indes ein ähnliches Verhältnis wie die Hauptfigur in Joyce’ Finnegan’s Wake, für die Geschichte ein Albtraum war, aus dem es zu erwachen galt. Jedenfalls setzt Imbachs Film Traum, Halbschlaf und Delirium als Waffen des Erwachens vom Wahn der Geschichte ein. Imaginiert der Thekenwirt Finnegan im Vollsuff seine eigene Totenwache, so findet sich Petra Kelly in Happiness Is a Warm Gun unversehens im Transitbereich eines internationalen Flughafens wieder - in einem Zwischenraum, der zugleich derjenige zwischen Tod und Leben ist. Die Zeit der Handlung ist der Moment von der Abgabe des Schusses bis zum Eintreten der Kugel in den Schädel des Opfers, und diese Millisekunde dehnt der Film auf nahezu neunzig Minuten aus. Er füllt sie einerseits mit Reminiszenzen, andererseits mit Spielszenen, die auf die Situation des Schwebezustands zwischen Leben und Tod Bezug nehmen, wobei die beiden Ebenen einander immer durchdringen.
Beeindruckend an dem Film sind sein visueller und szenografischer Einfallsreichtum, sein präziser Rhythmus sowie die Schauspieler Linda Olsansky (Petra Kelly) und Herbert Fritsch (Gert Bastian). Sie verleihen ihren Figuren nicht nur Präsenz, sie sehen ihren «Vorbildern», die bisweilen in Archivmaterial zu sehen sind, auch täuschend ähnlich. Aussergewöhnlich macht Happiness Isa Warm Gun aber noch etwas anderes: die Fülle von taktilen und sensorischen Empfindungen, die der Film heraufbeschwört.