Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/1054

Jene alte römische Zeitrechnung
Zwischen dem 13. und dem 18., Jahrhundert hatte die Stadt Basel ihre eigene Zeitrechnung. Der Grund dafür war, dass man am Rheinknie bei der alten römischen Zeitrechnung blieb, als diese an den meisten anderen Orten geändert wurde. Im römischen Reich war es nämlich so, dass die Mitternacht nicht als die letzte Stunde des vergangenen Tages gerechnet wurde, sondern als erste Stunde des nächsten Tages.
Basel eilte der Zeit voraus
Im Spätmittealter änderten die meisten Orte diese Zeitauffassung und fielen damit um eine Stunde zurück, während die Stadt Basel weiterhin vorauseilte. Dieses Phänomen kann man noch heute an der Sonnenuhr des Münsters beobachten. Um 12 Uhr mittags zeigt diese nämlich bereits 13 Uhr. Wir Basler waren der allgemeinen Zeit also fast ein halbes Jahrtausend lang eine ganze Stunde voraus.
Der Herr der Zeit am Rheinknie
1798 wurde diese Basler Eigenheit beendet. Grund dafür war die Ausrufung der Helvetischen Republik, welche in diesem Jahr erfolgte. Die Zeit wurde nun in der ganzen Schweiz auf den gleichen Stand gebracht, ohne Wenn und Aber. Damit brach auch die Zeit eines neuen Amtes an, jenes des Stadtuhrmachers nämlich. Der Mann, der diesen Beruf ausübte war der Herr der Zeit am Rheinknie.
Das Sekunden-Skandal
Doch im Jahr 1866 stellte sich heraus, dass Basel doch etwas anders tickte als der Rest des Landes. Ein Umstand, der dazu führte, dass der damalige Stadtuhrmacher mit Schimpf und Schande entlassen wurde. Denn unter seiner Zeitwacht lief Basel der Umgebung immer noch voraus – um ganze 37 Sekunden.
Kleine Kapelle der Zeit
Gegen solche Peinlichkeiten wollte man sich für alle Zukunft wappnen. Also wurde eine Mutteruhr gebaut und zunächst im Stadthaus installiert, das war im Jahr 1870. Kurz darauf erhielt das Gerät, ein Meisterwerk der Uhrmacherpräzision, dann ihr eigenes Häuschen, das heute noch seht – und zwar am Nadelberg 11a. In diesem Häuschen, das gleichzeitig die Werkstatt des Stadtuhrmachers beherbergte, tickte diese Mutter aller Basler Tochteruhren nun fröhlich vor sich hin. Die Bevölkerung nannte das Häuschen, s Zythüsli, es war gleichsam eine kleine Kapelle der Zeit.
Minütliches Stellsignal
Über einen Leitungsmast, der heute noch auf dem Dach des Häuschens zu sehen ist, schickte die Mutter ihren Töchtern jede Minute ein präzises Stellsignal, über Drähte. So synchronisierte sie alleine die Uhren unserer Stadt, zunächst zehn, nach einiger Zeit 24 an der Zahl. Später wurde dann noch eine weitere Mutteruhr installiert, im Basler Kinderspital – sowie eine Reservemutter für Notfälle. Alles Präzisionswerkzeuge der Mechanik. Ab 1931 übernahm das Basler Elektrizitätswerk den Job des Stadtuhrmachers.
1987 ging Mama in Pension
Es war die Einführung der Funkuhrwerke, welche die Mutteruhr am Ende überfüssig machten. Zuletzt steuerte sie lediglich noch die Uhr am Spiegelhof. 1987 wurde die Mutteruhr an Nadelberg zur Ruhe gelegt, 1995 wurde ihre Kollegin im Kinderspital ausgemustert. Heute ist das Häuschen mit der Hausnummer 11a Standort des Archivs für die Geschichte der Pharmazie. Seither tickt nichts mehr, in jenem kleinen Häuschen beim Engelhof. Denn ein Archiv bewahrt Informationen vor dem Zahn der Zeit, doch dafür braucht es kein Tick-Tack-Tick-Tack-Tick...
Weitere Titelgeschichten unter News Basel.
Möchten Sie sich zum Thema äussern? Diskutieren Sie mit uns auf Facebook.