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Politpop
Die 80er waren das letzte politische Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Sie waren die "oder"-Jahre. Mann und Frau mussten sich zu Prince oder Michael Jackson bekennen. Man konnte nicht beide gut finden. Und wer im sozialkritischen Milieu aufgewachsen ist, fand eh alles schlecht, was in Richtung Mainstream ging. Man hörte Einstürzende Neubauten, David Bowie, Kate Bush, Nick Cave, The Smiths oder aber Sound aus den 70ern, denn das neue war eh alles peinlich. Und wenn man als 14 jähriges Pickelgesicht einen Song entdeckt hatte und diesen dann zwei Wochen später auf Platz 27 der Hitparade wiederfand, wars aus mit dem Gutfinden.
Der kalte Krieg wurde bis in die Hitparaden geführt. Sting positionierte sich mit "Russians" (basierend auf einem Thema von Prokofieff übrigens) als Verfechter des liberalen Welthandels, und Frankie goes to Hollywood liessen mit "Two Tribes" gleich den dritten Weltkrieg vom Stapel. Und damit lagen sie voll im Trend, denn der Kalte Krieg und seine Ungerechtigkeiten waren Dauergäste in den Hiparaden.
Ein beliebtes Thema war auch die Apartheid in Südafrika. Manfred Mann's Earth Band waren die ersten, die sich mit dem Thema auseinandersetzten und lange vor Paul Simons "Graceland" haben sie 1982 Zulu- und Xhosa-Gesänge in ihren Sound integriert. Südafrika war ein Dauerthema. So engagierten sich unter anderem Peter Gabriel mit "Biko"und Artist United against Apartheid mit "Sun City" gegen die Apartheid.
U2 schrieben "MLK" für Martin Luther King (auf "The Unforegettable Fire"), die Simple Minds "Belfast Child" und Bob Geldof "Do they know it's Christmas". Damit legte der ehemalige Dressman und Hauptdartsteller in Pink Floyds "The Wall" den Grundstein für unzählige Benefizproduktionen. (USA for Africa "We are the world", Band Aid "Do they know it's Christmas?", Band für Afrika "Nackt im Wind" undsoweiter)
Und die 80er waren das Benefiz-Jahrzehnt. Wenn heute Annie Lennox auf der Bühne zu Solidarität mit Greenpeace aufruft, wirkt das zum hintersten Platz lächerlich. Ab 1985 aber gehörten Benefizveranstaltungen zum guten Ton. Auch wenn die Effizienz zweifelhaft war - 1,50 pro Single gingen für den guten Zweck nach Aethiopien, Bangladesch oder nach Afghanistan - das Gewissen war beruhigt und niemand dachte daran, dass bereits mit einer kleinen Spende an eine Hilfsorganisation (von, sagen wir mal, 2 Franken) viel mehr gegen den Hunger in der Welt hätte getan werden können. Und dabei auch die Plattenfirmen nicht mitverdient hätten. Gratis war nämlich nur das Engagement der SängerInnen, nicht das der Firmen.
Bruce Springsteens Song "Born in the U.S.A" wurde übrigens nicht nur hierzulande als Legitimation benutzt, die amerikanische Flagge und die Truck-in-der-Abenddämmerung-Poster des grossen Bruders ungehindert an die eigenen Wände zu pinnen, auch der damalige Präsident Ronald Reagan dachte, Springsteen hätte eine patriotische Hymne geschrieben.
Christian Walther