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Das Obligationenrecht erlaubt im Vergleich zu sämtlichen internationalen Standards die Bildung stiller Reserven. Rechnet ein Unternehmen nach OR ab, kann es also willkürliche Reserven anhäufen, um die Gewinne künstlich zu verkleinern. Die aus der Bilanz genommenen Gewinne werden in einem schlechteren Geschäftsjahr wieder aufgelöst, um die entstandenen Löcher zu stopfen.
Stellen Sie sich vor, eine Firma hat ein erfolgreiches Jahr hinter sich. Der Gewinn konnte um 15% gesteigert werden. Das Unternehmen blickt einer überaus rosigen Zukunft entgegen. Doch der Geschäftsleiter ist nicht vollends glücklich. Er hat seinen Mitarbeitern versprochen, dass er sämtliche Gewinne, welche 10% Zuwachs gegenüber Vorjahr überschreiten, an die Mitarbeiter ausschüttet. Nun passt es ihm gar nicht, dass aufgrund seines grossherzigen Versprechens so viel Geld aus der Firma abfliesst. Als bekennender Utilitarist beschliesst der Geschäftsführer, die Mitarbeiter um die Hälfte seines Versprechens zu betrügen. Da er als Einziger den Überblick über die Buchhaltung hat, weiss der Geschäftsführer bereits, wie er dies ohne Kenntnis der Mitarbeiter bewerkstelligen wird.
Die Lösung für sein Problem liegt in der Bildung stiller Reserven. Das heisst, er lässt die Gewinne in der Erfolgsrechnung tiefer aussehen als sie tatsächlich sind, indem er Anlagevermögen unter- und Schulden überbewertet. Der in höchstem Masse unmoralische und unehrliche Vorgang des Geschäftsführers ist rein buchhalterisch und unabhängig vom Vertragsbruch mit den Mitarbeitern erlaubt.
– Das Obligationenrecht erlaubt beispielsweise, das Warenlager zu zwei Drittel des tatsächlichen Lagerwertes in die Bücher zu nehmen. Falls ein Warenlager CHF 15’000 an Wert hat, kann er also das Warendrittel abziehen, indem er Abschreibungen im Wert von CHF 5’000 vornimmt. Durch diesen Vorgang schmälert sich in der Erfolgsrechnung der Gewinn um den besagten Betrag.
– Eine weitere Möglichkeit zum Dämpfen des Gewinns stellen die Debitoren dar. Ein Unternehmen kann die Debitorenverluste über das Delkredere-Konto höher aussehen lassen, als es diese tatsächlich einschätzt. Die Differenz zwischen den tatsächlich eintreffenden und den extern ausgewiesenen Wertberichtigungen ist also ebenfalls als stille Reserve anzusehen.
– Eine dritte Möglichkeit ist die Bildung von Rückstellungen. Müssen wir für Garantieleistungen mit künftigen Geldabflüssen rechnen, können diese über dem tatsächlich zu erwartetenden Geldabfluss bewertet gebildet werden. Auch wenn die Garantiefristen abgelaufen sind besteht für das Unternehmen keine Pflicht, die Rückstellungen wieder aufzulösen.
Neben den stillen Willkürreserven gibt es auch gesetzliche Zwangsreserven. Ein Beispiel hierfür stellt die Bewertung von Liegenschaften dar, welche nach OR immer höchstens zum Anschaffungswert bewertet werden dürfen.
Zurück zum Beispiel unseres Patriarchen: Der Geschäftsführer hat es also tatsächlich ohne aufzufliegen geschafft, seine Mitarbeiter um einen Teil ihres zugesprochenen Gewinnes zu bringen. Nun ist auch er zufrieden mit dem abgelaufenen Geschäftsjahr und blickt in voller Vorfreude dem neuen Geschäftsjahr entgegen.
Im neuen Jahr macht er jedoch einen verheerenden Denkfehler. Er ist überzeugt, dass seine Firma mit den Erfolgen der Vergangenheit den Börsengang wagen kann. Er ist fest entschlossen, sein Unternehmen am Nebensegment der Schweizer Börse kotieren zu lassen. Leider hat er die buchhalterischen Konsequenzen vernachlässigt. Börsenkotierte Firmen müssen nach einem internationalen Standard abrechnen, welche stille Reserven im Abschluss im Gegensatz zur Gesetzgebung im OR verbieten. Für den Unternehmer hat die ganze Geschichte also kein gutes Ende. Die Mitarbeiter krigen nach dem Börsengang und der Auflösung der künstlich gebildeten Willkürreserven Luft vom Betrug und fordern die nicht gewährten Gewinne beim Geschäftsführer ein.
Sollten Sie jemals in der gleichen Situation sein wie unser fiktiver Unternehmer, dann wagen Sie besser keinen Börsengang oder noch besser: Lassen Sie diese Art von kreativer Buchführung gleich ganz bleiben.
Hier erfahren Sie, wann für Sie welche Buchführungsvorschriften gelten.