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Ein Franzose im New York der 90er: Grégoire Alessandrini ging eigentlich über den grossen Teich, um in den USA ein Jahr lang Film zu studieren. Nach acht Jahren lebt er heute wieder in seiner Heimat und arbeitet für Louis Vuitton. Seine Fotos von damals erinnern uns an eine Zeit, in der der Big Apple noch nicht so gesund und poliert war. watson sprach mit dem 46-Jährigen über seine Erlebnisse.
Herr Alessandrini, erzählen Sie doch ein wenig von sich selbst.
Ich wurde in Paris geboren und bin dort aufgewachsen. Ich zog in den späten 90ern um, um am City College New York Film zu studieren und habe mich sofort in die Stadt verliebt. Es war alles, was ich mir vorgestellt und in Filmen gesehen hatte, aber noch besser, grossartiger, grösser. Schnell traf ich auf Leute, die alle Downtown im East Village wohnten und arbeiteten.
Ein besonderer Ort?
Ich begriff, dass Downtown der Platz war, an dem alles passierte. Oder zumindest der Ort, an dem ein französischer Typ in seinen Mittzwanzigern sein wollte, um New York zu erfahren. Die Menschen, die ich kennenlernte, verdienten ihr Geld in Cafés, Restaurants oder kleinen coolen Geschäften. Es war wirklich eine tolle Umgebung mit tollen Leuten.
Woran lag das?
Ich glaube, der Bohemian-Lifestyle hat damals wirklich noch existiert. Heute gibt Downtown nur noch vor, sowas zu haben. Als ich nach ein paar Monaten in die Avenue A zog, stellte ich fest, dass [der Dichter] Allen Ginsberg und [Schriftsteller und Musiker] Richard Hell im selben Gebäude lebten. Und sowas schien «normal».
Wann begann die Gentrifizierung?
Das Viertel wurde damals bereits verändert, der Tompkins Square Park und die Obdachlosenheime wurden gesäubert, aber es gab noch viel Charakter und Authentizität. Du konntest dort für wenig Geld wohnen und hattest viel Spass. Die Lower East Side war immer noch ein Gebiet, in dem du vorsichtig sein musstest, aber es war auch so faszinierend mit seiner Mischung aus jungen Künstlern, Studenten und Alteingesessenen aus Osteuropa. Der Meat Packing District, der damals noch nicht MePa hiess, war ebenfalls ein verrückter Ort und extrem fotogen, wenn sich die Schlachter und die Transsexuellen in den frühen Morgenstunden über den Weg liefen.
Haben Sie nur dort gelebt?
Ich habe auch Harlem geliebt, wo meine Uni war. Einmal bin ich für zwei Jahre dorthin gezügelt. Das Gebiet war sehr, sehr rau, aber es hatte etwas Magisches. Es war ein grossartiges Viertel mit grossartigen Leuten und enorm viel Geschichtlichem an jeder Ecke. Auf der Veranda herumzuhängen war eine unvergessliche Erfahrung und der beste Weg, um das Quartier und seine Bewohner kennenzulernen.
Wie haben Sie Ihren Lebensunterhalt verdient?
In New York begann ich während des Studiums, als Korrespondent französischen Magazinen Texte und Bilder zu schicken. Heute arbeite ich als Produzent und Regisseur für Louis Vuitton in Paris, mache aber immer noch viele Bilder, wenn ich reise. Nebenbei an meinen persönlichen Fotoprojekten zu werkeln ist für mich lebenswichtig. Leider finde ich keine Zeit mehr für das Schreiben, aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder damit anfangen werde.
Sie wollten ein Jahr bleiben. Es wurden acht.
Es gab dieses erstaunliche Gefühl von Freiheit, und es lag eine unglaubliche Energie in der Luft. Alles schien neu und gleichzeitig altbekannt. Ich kam mir vor, als würde ich über ein riesiges Filmset laufen und wäre Teil des Drehbuchs! Alle sagten, wie gefährlich es sei, aber das war offen gestanden egal. Du wolltest einfach immer mehr entdecken. Das Nachtleben war ein grosser Spass mit tollen Clubs, in die du auch ohne Geld gehen konntest, wie das «Nell», das «SOB» oder «Jackie 60». Und weil alle von irgendwo anders herkamen, fühlte ich mich gleich wie ein New Yorker.
Sie mussten also quasi bleiben.
Nach dem umwerfenden ersten Jahr wusste ich, dass ich noch nicht nach Paris zurückgehen kann. Es gab noch so viel zu entdecken und zu ergründen. Ich hatte neue Freunde gewonnen und war, glaube ich, bereits süchtig nach der Stadt. Das hielt auch an, als mein Studium vorbei war: Immer wenn ich mal nach Paris reiste, fühlte ich mich fehl am Platz und konnte es gar nicht erwarten, an den Ort zurückzufahren, der mein neues Zuhause war. Ich lernte ausserdem meine Frau in New York kennen, und unsere Tochter wurde dort geboren.
Wie haben Sie die folgenden politischen Veränderungen wahrgenommen?
Es war bereits Mitte der 90er offensichtlich, dass sich die Stadt veränderte. Es fiel mit der Wahl von Rudy Giuliani als neuem Bürgermeister zusammen. Ich will nicht sagen, dass alles auf seinem Mist gewachsen ist, aber es war klar, dass es einen Richtungswechsel gab. Das erste sichtbare Zeichen war die Transformation des Times Square und ganz besonders der 42nd Street mit ihren neu ausgewiesenen Zonen. Der berüchtigte Minnesota Strip und ähnliche Gebiete wurden familienfreundliche Nachbarschaften. Die Mieten stiegen, die Leute aus dem East Village zogen nach Williamsburg und ein neuer Typus zog ein. Drogen und Drogendealer, die zu jeder Zeit überall waren, wurden vertrieben.
Vermissen Sie den Big Apple?
Ich vermisse New York sehr, aber ich weiss, dass ich das New York von damals vermisse. Ich liebe die Stadt noch immer und bekomme Glücksgefühle, wenn ich von [dem Flughafen] JFK durch Manhattan fahre, aber es ist ein völlig anderer Ort. Ein Ort, bei dem ich manchmal Mühe habe, ihn zu erkennen. Ich bin in den letzten Jahren ein paar Mal nach China gereist, insbesondere nach Shanghai. Dort gibt es eine Energie, der der in New York in den 90ern ähnelt. Wenn ich 20 wäre, würde ich heute dorthin ziehen.
Last but not least: Was würden Sie gerne einmal fotografieren?
Eine sehr schwere Frage ... Es gibt viele Dinge, von denen ich bereue, sie nicht in den 90ern in New York fotografiert zu haben. Die Clubszene, den Meat Market und Harlem bei Nacht, das Sexgeschäft am Times Square und die alten verfallenen Theater an der 42nd Street – alle diese Dinge, die wir ausradiert haben und die nie wieder kommen. Hätte ich das damals bloss gewusst, aber wie sagte noch einst ein grosser Fotograf? «Meine besten Fotos sind die, die ich nicht gemacht habe.»
Grégoire Alessandrinis Bilder können über seinen Blog bestellt werden. Der Franzose ist ausserdem auf der Suche nach Galerien, die seine Werke ausstellen wollen.