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Auf Mission «Respekt vor der Natur»
Zwischen Narbonne und Perpignan, eingeklemmt zwischen dem Étang de Leucate und den ersten Hügeln der Corbières, liegt das pittoreske Dörfchen Fitou inmitten von rund 200 Hektar Reben. Etwas ausserhalb des Dorfes in Sichtweite der sechsspurigen Autoroute haben Jean-Marie und Emilie Fabre vor fünf Jahren ihr neues Kellereigebäude errichtet: ein Ausrufezeichen modernen und nachhaltigen Weinbaus.
Ein Weingut zu führen, verlangt viel Energie. Die Arbeit ist hart, Wind und Wetter nehmen keine Rücksicht auf das persönliche Wohlbefinden und die Natur sorgt sich auch nicht um die ökonomischen Aspekte des Winzerdaseins. Jean-Marie Fabre scheint damit locker klar zu kommen: Er verfügt über so viel Ressourcen, dass es neben der Domaine de la Rochelierre auch noch reicht für das Präsidium des nationalen Winzerverbandes, für regelmässige Besuche der Rugby-Partien der lokalen Arlequins Perpignan oder persönliche Weinauslieferungen zu Kunden im Elsass…
Seit 1979 ohne Einsatz von Chemie
Jean-Maries Familie arbeitet bereits seit vier Generationen im Weinberg. Sein Vater Jean-Louis, damals noch Mitglied der örtlichen Cooperative, sprach sich öffentlich für die Einrichtung von privaten Weinkellern aus. Der Genossenschaftskeller liess ihn ziehen, da man sicher war, dass er sich irrte… Vater Fabre antizipierte schon damals die Wende zum nachhaltigen Weinbau und entwickelte zusammen mit einem Agronomen eine ganze Reihe von organischen und mineralischen Produkten und Düngemitteln, die an das Terroir angepasst sind: die «Méthode Cousinié». Seit 1979 werden im Weinberg von La Rochelierre keine chemischen Hilfsmittel mehr eingesetzt.
Jean-Marie hatte jedoch nichts damit am Hut, auch Winzer zu werden: «Ich war zu sehr mit den Zwängen und Schwierigkeiten vertraut.» Er besuchte die Offiziersschule der Gendarmerie. Diese Karriere stand ihm offen: «Ich wollte meine Grenzen kennenlernen, ich habe Rugby gespielt. Als ich Zweiter in meiner Offiziersklasse wurde, sah ich mich nach drei Jahren als Leutnant. Ich hatte nicht die Absicht, je Winzer zu werden.» Sein Schlüsselerlebnis war, als er im Sommer zum Aushelfen auf das elterliche Weingut kam. Er bemerkte, dass die Leute den Wein seines Vaters mochten, dass sie die Schöpfung und die Früchte des Familienweinbergs zu schätzen wussten.
Freunde überzeugten ihn, sich für das Önologie-Studium in Toulouse einzuschreiben. Den Master in Physik hatte er bereits in der Tasche, also sagte sich Jean-Marie mit Pragmatismus: «Es sind nur noch zwei Jahre und mit diesem Abschluss werde ich nichts verlieren.» Er habe viel gelernt und vor allem eine andere Facette des Berufes entdeckt, eine andere Arbeitsweise, die mehr seinen Vorstellungen entsprach. Zu diesem Zeitpunkt schlugen seine Eltern ihm vor, das Geschäft zu übernehmen.
Altes Wissen – neue Wege
Jean-Marie übernahm 1998 das Weingut und strukturierte es innert kurzer Zeit um. Das Anwesen wurde von 30 auf 15 Hektar reduziert, denn er wollte sich auf die guten Parzellen konzentrieren. Carignan, Srah, Mourvèdre und Grenache auf Kalk- und Schieferböden wurden bevorzugt, um die Erträge zu kontrollieren und für das Terroir authentische Qualitätsweine zu erzeugen. Im Dorfkern von Fitou richtete Jean-Marie einen Fasskeller ein – fortan wurde selber vinifiziert. In zwanzig Jahren verdreifachte sich der Umsatz, wovon 20% in den Export gehen. Die Anzahl der Rebsorten hat sich mit der Integration von unter anderem Marselan, Colombard, Roussanne und Vermentino von sechs auf 13 erhöht.
Aber es geht nicht nur um Zahlen. Seine Frau Emilie, selber Winzerin aus den Côtes-du-Rhône, fügt ihre eigene Note hinzu, in der Vermarktung wie in der Komposition der Weine. 2016 wurden die Lager-, Vinifizierungs- und Reifekeller in einem einzigen Gebäude mitten in den Weinbergen zusammengeführt. Das vom Architekten Eric Martin entworfene Gebäude kombiniert Fels, Eisen, Beton und Glas. Von der grosszügigen Terrasse wie auch vom hypermodernen Degustationsraum aus lässt sich die Aussicht auf die Corbières, die Pyrenäen, das Meer, den Étang und das Dorf geniessen. Vom Degustationsraum blickt man durch einen Glasboden direkt in den klimatisierten Barrique-Keller, im Raum daneben stehen die neuen Stahltanks in Reih und Glied – alles funkelt und glänzt, selbst der Boden scheint klinisch rein.
Präsident der französischen Winzer
Vor zwei Jahren wurde Jean-Marie Fabre zum Präsidenten des Nationalen Verbandes der unabhängigen Winzer gewählt. An Herausforderungen an der Spitze dieser 6000 Mitglieder zählenden Standesorganisation mangelt es nicht, angefangen bei der Entwicklung des Exports über die Auswirkungen des Brexit auf die französische Produktion bis hin zu den Folgen der Covid-19-Pandemie. Regelmässig ist er deshalb in Paris in Ausschüssen der Ministerien, ab und zu auch bei Monsieur le Président Emmanuel Macron.
Seine Verbundenheit mit dem Rugby-Sport wird Jean-Marie bei der Bewältigung dieser Aufgaben helfen. «Ich wollte immer in einem Team arbeiten, für ein kollektives Werk. Und ich mag es, zu managen, meine Ideen zu Ende zu bringen, der Leiter zu sein. Ich sehe es gerne, wenn die Dinge in Ordnung sind», sagt er. Und er scheint auf dem richtigen Weg zu sein: Am 2. Dezember dieses Jahres verlieh im der franzöische Landwirtschaftsminister Julien Denormandie in Paris den Orden für nationale Verdienste. Vindoc arbeitet mit vielen mehrfach ausgezeichneten Winzern zusammen, aber Jean-Marie ist der erste mit Orden! «Er weiss, wie man die Dinge sanft zu Ende bringt, um die Leute ins Boot zu holen», sagt Emilie dazu.
Wenn seine Mandate in die Hauptstadt führen, weiss er, dass auf La Rochelierre, wo fünf Mitarbeiter seine Frau unterstützen, alles im Gleichgewicht ist. Auch seine jüngste Tochter Caroline, die bodenständig geerdet ist und – anders als ihr Vater – sich schon in jungen Jahren auf den Winzerberuf freut. Wie Jean-Marie stecken sie Herz, Wissen und Leidenschaft in die Herstellung ihrer Weine – und die Mission ist erfüllt.
Unsere Appellationen?
Fitou, Muscat de Rivesaltes, Rivesaltes grenat, Vin de Pays d’Oc.
Lebensmotto?
Die Komplexität und die Ausgewogenheit eines Weines entwickeln sich während elf Monaten in unserem Weinberg.
Was wir lieben?
Die Fähigkeit des Weins, das Vorwort für reiche und leidenschaftliche Diskussionen zu sein.
Unsere Top-Tipps?
Die Ferien verbinden mit einer önologischen und gastronomischen Entdeckungsreise!
Besonderes Kennzeichen?
Seit 1979 arbeiten wir nach der Méthode Cuisinier, die sich auf die ausschliessliche Verwendung von organischen und mineralischen Produkten beschränkt – aus Respekt vor der Natur.
Meistgebrauchtes Schimpfwort?
Wir benutzen nie Schimpfwörter. Ausser die «cons» verdienen es!
Lieblingsfest?
Weihnachten.
Bestes Antidepressivum?
Wein und Lachen.