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Wegen Blödheit pensioniert
Im Historischen Museum im Schloss Frauenfeld konnte man kürzlich auf etwas andere Weise in die Reformationsgeschichte eintauchen. Historiker Heinrich Speich verband Ausstellungsgegenstände mit bekannten Persönlichkeiten der Reformation.
Eine der spannendsten Figuren ist der Reformator und Orientalist Theodor Buchmann (1505–1564), besser bekannt als Bibliander. Er war der Erste, der 1543 in Basel eine lateinische Übersetzung des Korans herausgab. Dass man sich in dieser Zeit so intensiv mit dem Koran beschäftigte, lag an der Bedrohung durch die Türken, die vor den Toren Wiens standen.
Unversöhnlich im Willen
Als Sohn des Ratsherrn Hans Buchmann kam Bibliander 1505 in Bischofszell zur Welt. Theodor besucht in Zürich die Lateinschule, lernte Griechisch und Hebräisch. 1526 ging der junge Gelehrte nach Basel, um bei Konrad Pellikan und Johannes Oekolampad seine Studien der Theologie und orientalischen Sprachen zu vervollkommnen. 1531 übernahm er an der Zürcher Theologenschule von Huldrych Zwingli die Professur für das Alte Testament. Der Erasmusschüler übersetzte die Bibel aus dem Hebräischen und entwickelte eine hebräische Grammatik. Der Bischofszeller Kunsthistoriker Albert Knoepfli charakterisierte Bibliander als «unversöhnlich im Willen zur Versöhnung, streitbar in allen Sachen des Friedens».
Der Zeit voraus
Der Thurgauer Reformator sei der Zeit voraus gewesen, sagte Heinrich Speich. Damit schaffte er sich Feinde. Seine Sicht, Religion aus der Kenntnis des Anderen heraus zu widerlegen, habe nicht in das konfessionelle Zeitalter gepasst, so der Historiker. Im Vorwort zur lateinischen Koranausgabe verweise Bibliander auf das jüdisch-christliche Gedankengut, das der Koran verarbeite. Alle Menschen seien von Gott geschaffen, und es gebe vernünftige Grundeinsichten, die alle Menschen teilten. Da Bibliander der calvinistischen Lehre der Prädestination widersprach, wurde er frühzeitig pensioniert. Der Grund: «Blödheit des Kopfes».
Martin Luther allerdings unterstützte Biblianders Koranprojekt. Er glaubte, dass Aufklärung wichtiger sei, als die Menschen vor dem fremden Gedankengut zu schützen. Wer den Koran lese, merke selber, was für ein «schändlich, verzweifelt Buch es sei», meinte Luther.
Versöhnlich als Christ
Die Historikerin Christine Christ-von Wedel sieht Bibliander, über den sie ein Buch veröffentlichte, gar als Vorreiter des interreligiösen Dialogs. Er sei einer der Ersten gewesen, die sich als überzeugte Christen für andere Religionen interessiert hätten. Bibliander habe mit seiner Koranübersetzung versöhnlich wirken wollen, «als Christ und als Wissenschaftler», urteilte auch der kürzlich verstorbene Pfarrer und Journalist Christoph Möhl.
Die Richentalchronik
Als weiteren Gegenstand präsentierte Heinrich Speich die Chronik des Ulrich von Richental. Der Sohn eines Konstanzer Stadtschreibers verfasste nach 1420 in deutscher Sprache ein ausführliches Werk über das Konstanzer Konzil (1414–1418). Die Chronik bezeugt unter anderem die Hinrichtung von Jan Hus, bei der von Richental im Juli 1415 zugegen war. Hus hatte heftige Kritik am Besitz der Kirche, an Korruption und Ablasshandel geübt. Weil der Theologe während des Konzils seine Lehre nicht widerrufen wollte, verbrannte man ihn mitsamt seinen Schriften auf dem Scheiterhaufen. Die Richentalchronik hält einen seiner letzten Sätze fest: «Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.»
Joël Vorburger, Karin Müller, 8. November 2017
Buchtipp: Christine Christ-von Wedel (Hrsg.), Theodor Bibliander (1505-1564). Ein Thurgauer im gelehrten Zürich der Reformationszeit. NZZ Buchverlag, Zürich 2005, ISBN 3-03823-174-6.