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Ein Kollege schrieb mir kürzlich, dass es ihm nicht so gut gehe, da seine Schwester gestorben sei. Allerdings sei er froh, dass sie wenigstens in Würde hätte sterben können. Doch was hatte er dabei im Blick? Mein Kollege meinte den Umstand, dass seine Schwester nicht künstlich am Leben erhalten wurde, sondern dem natürlichen Verlauf entsprechend sterben konnte. Häufig haben diejenigen, die von einem Sterben in Würde sprechen, auch noch etwas anderes im Blick: Sie vertreten, dass man auch ein Recht auf ein Sterben in Würde hat. Aber was meinen wir eigentlich mit Sterben in Würde und was folgt daraus für die Rechte, welche die Gesellschaft und der Staat ihren Mitgliedern gewähren sollten? Wieso wäre es für die Schwester meines Kollegen würdelos gewesen, wäre sie künstlich am Leben erhalten worden, und wieso sollte die Freiheit, das eigene Leben zu beenden, ein Sterben in Würde gewährleisten?
Ganz allgemein stellt sich also die Frage, was wir denn meinen, wenn wir von einem Sterben in Würde reden. Zunächst ist es eigenartig, dass von einem Sterben in Würde gesprochen wird, denn eigentlich ist nicht eine Weise des Sterbens gemeint, sondern vielmehr eine Weise des Lebens: Wir möchten es vermeiden, ein Leben zu führen, das keine Würde besitzt. Viele denken, dass sie dann auch nicht mehr weiterleben wollen. Das geben jedenfalls viele Menschen als Grund an, ihr Leben beenden zu wollen. Die amerikanische Bürgerrechtsaktivistin Janet Good, die sich für ein Recht zu sterben stark machte, schreibt etwa in einem vor einigen Jahren in der Washington Post erschienenen Artikel: “Schmerzen sind nicht der Hauptgrund, wieso Menschen ihr Leben beenden wollen; es ist vielmehr der Verlust der Würde, der sie dazu bewegt”. Und ihre Würde verlieren sie, so meint Good, wenn sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren – wenn sie beispielsweise nicht mehr in der Lage sind, ohne Hilfe aufzustehen, selber zur Toilette zu gehen, selber einzukaufen oder Auto zu fahren; und dies nicht bloss für eine bestimmte Zeit, sondern voraussehbar für den Rest ihres Lebens. Viele stimmen Good zu und meinen, dass ein solches Leben keine Würde besitzt. Und ein solches Leben möchten sie auch nicht mehr leben. Deshalb fordern sie, ihr Leben unter sochen Umständen beenden und damit in Würde sterben zu können.
Doch diese Idee eines Sterbens in Würde halten andere für problematisch. Sie glauben, dass diese Rede vom Sterben in Würde gefährlich sei. Man würde damit nämlich denjenigen, die die Kontrolle über ihr Leben verlieren, sagen, dass sie Grund haben, nicht mehr weiterleben zu wollen. So würde Druck auf diese Menschen ausgeübt, ihrem Leben frühzeitig ein Ende zu setzen. Genau dafür liefert ihrer Ansicht nach der Begriff des Sterbens in Würde eine Rechtfertigung. Wer sein Leben nicht mehr kontrollieren kann, soll gehen, scheint man damit sagen zu wollen. Dieses Bedenken ist meiner Ansicht nach berechtigt. Allerdings sollte man es nicht zum Anlass nehmen, den Begriff des Sterbens in Würde gleich ganz aufzugeben, sondern vielmehr dazu, diesen anders zu verstehen. Ein Leben ohne Würde ist nicht mit einem Leben gleichzusetzen, in dem wir keine Kontrolle mehr über uns haben. Natürlich kann fehlende Kontrolle über das eigene Leben für Menschen ein Problem darstellen. Fast alle möchten die Kontrolle über sich nicht verlieren. Und für viele ist damit auch ein Verlust der Würde verknüpft. Ich glaube aber, dass der Verlust der Würde vom Verlust der Kontrolle über sich unterschieden werden sollte. Mit einem Leben in Würde ist etwas anderes gemeint: Wenn von einem Leben in Würde die Rede ist, geht es um ein Leben, in dem Menschen in der Lage sind, das zu tun und zu pflegen, was ihnen wichtig ist. Die Kontrolle über eigene Lebensbereiche kann zu den Dingen gehören, die Menschen wichtig sind. Aber Menschen sind unterschiedliche Dinge wichtig. Deshalb ist nicht klar, ob z.B. der Verlust der Fähigkeit, selber aufzustehen und einzukaufen und die Abhängigkeiten von anderen Menschen, die damit einhergehen, als Verlust der Würde empfunden werden. Das hängt stark davon ab, was man selbst für wichtig hält. Dass ein Leben in Würde ein Leben ist, in dem wir in der Lage sind, Dinge zu tun, die uns wichtig sind, hat mit folgendem Umstand zu tun: Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, das zu verfolgen, was uns wichtig ist, wird uns unser eigenes Leben fremd. Es ist dann nicht mehr unser Leben, das wir leben. Es ist vielmehr ein Leben, das uns widerfährt. Natürlich kann niemand von uns alles, was ihr oder ihm wichtig ist, erfolgreich realisieren. Und das heisst nicht, dass unser Leben keine Würde besitzt. Unsere Würde ist erst dann bedroht, wenn nichts mehr von dem, was uns wichtig ist, von uns erreicht werden kann. Dann ist es nicht mehr das eigene Leben, das gelebt wird. Die Natur oder andere Menschen haben dann das Zepter in unserem Leben übernommen. Das ist es, was wir meinen, wenn wir von einem Leben ohne Würde reden. Wann das der Fall ist, hängt davon ab, was uns jeweils wichtig ist. Menschen sind unterschiedliche Dinge in ihrem Leben wichtig. Deshalb kann man nicht sagen: Wer nicht mehr selber aufstehen und zur Toilette gehen kann, wer nicht mehr selber einkaufen und Auto fahren kann, hat seine Würde verloren. Das mag für den einen richtig, für den anderen falsch sein, je nachdem, was der jeweiligen Person wichtig ist.
Die Rede von einem Sterben in Würde weist darauf hin, dass wir unser eigenes Leben führen möchten. Wir wollen kein Leben führen müssen, das uns fremd ist. Und ich denke, dass wir auch ein Recht haben, ein Leben in Würde zu führen, und es die Pflicht von Staat und Gesellschaft ist, das sicherzustellen. Niemand soll dabei unter Druck gesetzt werden, das eigene Leben zu beenden. Die Idee ist vielmehr, dass sichergestellt werden soll, dass Menschen nicht gezwungen werden, ein Leben zu leben, das sie nicht mehr als ihr eigenes Leben sehen können. Einem solchen Leben sollen sie sich entziehen können. Ob sie das tun, ist ihre höchstpersönliche Entscheidung, genauso höchstpersönlich, wie das, was ihnen wichtig ist. Das Recht auf ein Sterben in Würde benennt Grenzen dessen, was Menschen zugemutet werden darf. Menschen dürfen bestimmte Dinge zurückweisen, unter anderem ein Leben ohne Würde.
Über den Autor
Beitrag von Prof. Dr. Peter Schaber, Lehrstuhl für Angewandte Ethik, Universität Zürich