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Andreas Fischer: Hochgebirgswanderungen Nachruf
Das Verdienstliche in der Publikation von Dr. Ernst Jenny, dem Wandergefährten Andreas Fischers bei dessen Todesgang am Aletschhorn, 20./21. Juli 1912, liegt unter anderem darin, daß wir nunmehr über das alpine Lebenswerk Fischers besser unterrichtet sind, als dies seinen Publikationen und schriftlichen Äußerungen zu entnehmen war.
Denn Andreas Fischer gehörte zu den wenigen Alpinisten von Bedeutung, welche ihr Licht unter den Scheffel stellen. Und da nun der Mund für immer verstummt ist, welcher uns in dem beabsichtigten „ Bergbuch " Kunde von diesem alpinen Lebenswerk hätte geben können, werden wir gerne an der Hand der Lebensskizze Dr. Jennys und der von ihm veröffentlichten Aufsätze Fischers, die mit Ausnahme der ersten Kaukasusfahrt wohl alles von Fischer über alpine Dinge fertig Hinterlassene umfassen, uns ein Bild von dem machen, was Fischer als Führer, Tourist und Schriftsteller zugleich in den 25 Jahren seiner bergsteigerischen Tätigkeit zustande gebracht hat.
Diese begann 1888 mit einer führerlosen Besteigung des Wetterhorns, wurde im Sommer 1889 fortgesetzt auf der mit C. T. Dent und D.W. Freshfield und dem Führer Kaspar Maurer unternommenen Expedition in den Kaukasus auf der Suche nach den dort verschollenen Touristen Donkin und Fox und den Führern Kaspar Streich und Johann Fischer, dem Bruder von Andreas, wobei der Kasbek erstiegen, über den Absturz des Tutuingletschers hinauf am 28. Juli der letzte Schlafplatz der Verunglückten am Fuß des Dychtaus und damit die Gewißheit über die Art und den Ort ihres Untergangs gefunden, und auf der Heimreise der böse Sa-lauinan-Chiran-Paß überschritten wurde. Diese Erfahrungen und Erlebnisse schilderte Fischer 1890 und 1891 erst in Aufsätzen im „ Bund ", dann in seinem Buche: Zwei Kaukasusexpeditionen ( Bern, bei Francke, 1891 ). Viele Gelegenheit zu Bergtouren bot ihm sein Aufenthalt in Grindelwald als Sekundarlehrer von 1890 bis zum Frühjahr 1897. In den Sommerferien 1890 reiste er als Führer mit Dent und anderen Engländern ins Wallis und ins Mont Blanc-Gebiet, wobei er Gelegenheit fand, in Courmayeur das Grab seines am 31. August 1874 mit dem Engländer J. A. G. Marshall im Brouillardgletscher verunglückten Vaters zu besuchen ( siehe das Titelbild in Dr. Jennys Buch und die Bemerkungen Fischers ebenda, pp. 33 und 112 ). Ende Mai 1892 bestieg Fischer das Schreckhorn, später den Mönch, ging mit Dent nach Zermatt, bestieg von dort mit zwei alten Engländern und den zwei Anderegg, Johann und Andreas, das Matterhorn ( siehe seinen Aufsatz: Wie man heutzutage das Matterhorn besteigt, bei Jenny, pp. 100—108 ) und überschritt den Theodulpaß. Anfangs Juli 1893 überschritt er mit Berner Freunden die Jungfrau vom Rottal zum Bergli und stieg allein den Fiescherfirn und das Kalli nach Grindelwald hinunter, um seine Schulstunde Montag morgens nicht zu versäumen. Im gleichen Sommer war er mit dem alten Christian Almer auf dem Eiger, im August als Führer mit Dent und Freshfield auf dem Campo Tencia und dem Basodino, in der Adamellogruppe und in den Brenta-Dolomiten. Im gleichen Jahre noch erstieg er im September mit seinen Freunden René König und Charles Simon die Meije und die Ecrins, wobei sie im Abstieg zu einem unfreiwilligen Biwak unter abenteuerlichen Verhältnissen genötigt wurden ( siehe „ Bergfahrten im Dauphiné ", bei Jenny, pp. 161 —165 ). Im Jahre 1894 führte er mit Hans Kaufmann zwei Engländer auf den Monte Rosa, über das Mönchsjoch und auf den Eiger, im Jahre 1895 mit Peter Brawand den Engländer Heard über das Jungfraujoch, auf das Weißhorn, über den Col de Valpelline, auf den Mont Collon, die Aiguille de la Za, den Pigno d' Arolla, über den Col de Collon, über den Col de la Tour Ronde, auf die Aiguille du Géant, über den Col du Géant, über den Mont Blanc von der Cabane du Dome zu den Grands Mulets. Um Neujahr 1896 bestieg er mit Ulrich Almer von Grindelwald aus über das Finsteraar- und das Agassizjoch das Finsteraarhorn ( siehe seinen Aufsatz: Neujahr auf dem Finsteraarhorn, bei Jenny, pp. 65 — 75 ). Im Sommer 1896 erstieg er mit Hans Kaufmann den Mönch über dessen Westgrat vom Jungfraujoch aus, das die beiden von der Guggihütte aus erreicht hatten ( siehe seinen Aufsatz: Übers Jungfraujoch nach dem Mönch, bei Jenny, pp. 38—64 ). Im folgenden Jahre ließen ihm die wissenschaftlichen Studien an der Universität Bern wenig Zeit zum Bergsteigen, aber kaum daß er im Juli 1898 zum Doctor philosophiae promoviert hatte, kehrte er zu dieser Lieblingsferienbeschäftigung zurück. Mit Flückiger und Charles Montandon und seinem jüngsten Bruder Melchior bezwang er den Dom und die Dent-Blanche und führte im Herbst seine Frau auf das Wetterhorn. 1899 überschritt er das Triftjoch und den Petersgrat und traversierte das Bietschhorn von Westen nach Osten. 1900 erstieg er mit Ulrich Almer den Mönch von Norden und traversierte das Zinalrothorn von Zinal nach Zermatt. 1901 überschritt er mit Dr. Fankhauser das Mischabeljoch. 1902 machte er mit dem nämlichen und Karl Hermann einen Ausflug ins Dauphiné, wobei die Brèche de la Meije überschritten, die Ecrins, Rouies und der Pelvoux erstiegen und die Meije traversiert wurde ( siehe seinen Aufsatz: Bergfahrten im Dauphiné, bei Jenny, pp. 145—179 ). Im Jahre 1903 begleitete er den Herrn v. Meck ins Mont Blanc-Gebiet, wo der Col de Chardonnet und der Col du Géant überschritten wurden, und auf die Jungfrau. Im Oktober war er auf dem Hühnerstock und überschritt die Strahlegg. Im Sommer 1904 bereiste er mit Herrn v. Meck, Christian Jossi jun. und einem einheimischen Führer namens Jani Besurtanoff die abchasischen Alpen des Kaukasus, wo der Semenoff-Baschi, der Dschaloff-Tschatt, der Sunachet, die Belalakaja zum erstenmal erstiegen und mehrere neue Gletscherpässe begangen wurden. Nach der Abreise von Jossi und v. Meck bestieg Fischer mit Jani noch den Elbrus ( siehe seinen Aufsatz: Neue Kaukasusfahrten, bei Jenny, pp. 180—275 ). 1905 war er wieder im Dauphiné, 1906 mit Dr. Fankhauser und Dr. Rud. Martin im westlichen Wallis und im Mont Blanc-Revier, wobei der Mont Pleureur und der Grand Combin, und, nach einem vergeblichen Versuche über die Brenvaseite, der Mont Blanc vom Col de Miage aus über die Aiguille de Bionnassay, den Dome du Goûter und die Vallothütte ( woselbst 48stündiger unfreiwilliger Aufenthalt ) erstiegen wurde. Daran schloß sich ein Übergang über den Col des Hirondelles ( siehe Fischers Aufsatz: Im Mont Blanc-Revier, bei Jenny, pp. 109—140 ).
1907 war Fischer mit Herrn Felix Schneider und einem andern Freunde im Engadin und Bergeil, wobei unter anderen die Disgrazia über den Nordgrat erstiegen wurde.
1908 war er wieder in den Bergen von Courmayeur. 1909 erzwang er mit Hans Almer und Ulrich Almer jun. den Übergang über den Ostgrat der Jungfrau ( siehe seinen Aufsatz: Das obere Jungfraujoch, bei Jenny, pp. 76—99 ). 1910 und 1911 war er wieder im Dauphiné und im Mont Blanc-Gebiet. Im Sommer 1912 endlich gelang ihm noch mit Ulrich Almer und Dr. Hugo Renz die Überschreitung des Lauitors und mit Almer und Dr. Jenny die Ersteigung des Trugbergs, bevor das Ende kam. Über dieses gibt der Aufsatz von Dr. Jenny: Die letzte Fahrt ( pp. 298—311 ), allen wünschenswerten Aufschluß; namentlich auch über die Psychologie Fischers und deren rätselhafte Seiten. Daß in materieller Beziehung über die Vorgänge des letzten Tages und namentlich über die Irrfahrten der beiden Geretteten manches unklar bleibt, mag dem oben ( pp. 228—230 ) von Dr. Widmer beschriebenen Gedächtnis-schwund bei hochgradiger Ermüdung auf Bergtouren zuzuschreiben sein. Nach der Lektüre dieses Buches, das neben Bekanntem unveröffentlichte Aufsätze oder Teile von solchen Fischers enthält, nehmen wir tieferschüttert Abschied von einem trefflichen Mann, dem Ideale eines Bergsteigers, weil er selber bis zum Ende an den Idealen der Pioniere des Alpinismus und den Traditionen der alten Führergarde festgehalten hat. Dies tritt überall in seinen Schilderungen zutage, besonders auch in der bei Jenny ( pp. 27—37 ) zum erstenmal abgedruckten Skizze: Auf den Gletschern, und in der wieder abgedruckten These ( pp. 276—297 ): Gefahren und Technik des Bergsteigens. Die vollkommene Zustimmung, welche ich zu der letzteren im Jahrbuch XLVII, pp. 341—342, ausgesprochen habe, möchte ich hier ausdrücklich wiederholen. Mit einer Ausnahme. Bei meiner Nachprüfung der Abenteuer des Führers Marie Couttet, genannt „ Moutelet ", und seiner angeblichen Alleinbesteigung des Mont Blanc über die Bosses du Dromadaire im Jahre 1840 und wiederum 1848 hat sich ergeben, daß sich Durier, und nach ihm Güßfeldt, eine echte Chamonix-„blague " haben aufbinden lassen. Wie es damit steht, kann man in meinem Buche: Paccard wider Balmat ( Bern, bei A. Francke, 1913 ), pag. 183, nachlesen. Leider habe ich meine Beweise Dr. Fischer, dessen Urteil mir sehr wertvoll gewesen wäre, nicht vorlegen können.