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Die Agonie des Schmetterlings
Als die 55-jährige Helen Meier mit «Trockenwiese» debütierte, wusste niemand, dass sie schon zwischen 1955 und 1980 Texte geschrieben hatte, die in ihrer Direktheit, ihrem rebellischen Impetus und ihrer unzimperlichen weiblichen Radikalität dem ab 1984 Publizierten ebenbürtig waren.
Der vorliegende Band vermittelt erstmals Zugang zur frühen Helen Meier, und die 25 kürzeren oder längeren Texte bestechen nicht nur durch die Konsequenz, mit der bereits ihr ureigenstes Thema – die Unmöglichkeit der Liebe und das unablässige Suchen danach – variiert ist, sondern auch durch die schier unerschöpfliche Vielfalt an Situationen, Schauplätzen und Konstellationen. Da ist die todessüchtige Frau, die über eine Brücke geht und sich den Absturz wie einen Orgasmus ausmalt; da ist das Paar, das in ein enges Tal hinein wandert und immer mehr in eine tödliche Sackgasse gerät; da ist die Frau, der in ihrer Vereinsamung eine luxuriöse Villa zur Hölle wird; der Maler, der seine Partnerin mit erotischen Fantasien verrückt macht; die Bäuerin, die im Spital ihr armseliges Leben Revue passieren lässt; der Arzt, der sich nach Jahrzehnten für die Treulosigkeit seiner Frau rächt; die Behinderte, die sich auf animalische Weise einem Bergbauern hingibt, oder die Schriftstellerin, die nichts so sehr hasst wie die Geschichte, die sie vorlesen soll.
Was die frühen Texte den späteren gleichstellt, sind aber nicht nur Themen und Figuren, das ist vor allem Helen Meiers unverwechselbar eigene Sprache, die dem Erzählten Authentizität, Kraft und Eindringlichkeit schenkt.
Buch Details
- Erscheinungsdatum:
- Genre:
- Medium:
- Edition:
- Form/Einband:
- Seitenanzahl: 200 Seiten
- ISBN: 978-3-905795-46-2
- Auflage: 1. Auflage
- Auflage vorhanden: nicht vergriffen
Pressetexte
Helen Meiers Menschen gleichen dem Schmetterling, der in der Titelerzählung eines Tages mit angefressenen Flügeln auf der Türmatte liegt. Sie tragen stumme Sehnsüchte im Herzen und möchten weithin fliegen, aber im Laufe ihres Lebens erleiden sie Beschädigungen und werden flügellahm. So wandeln sich die Geschichten zu dichten Parabeln gescheiterter Hoffnung.
NZZ
Vor drei Jahren haben wir angefangen, in unserem Garten eine Trockenwiese anzulegen. Und nun begreife ich ganz plötzlich: schon dreissig Jahre muss sie darauf gewartet haben, seit Helen Meiers erstem Prosaband nämlich, der 1984 im noch jungen Ammann-Verlag erschien und «Trockenwiese» hiess. Nicht «die» oder «eine» Trockenwiese, sondern ganz trocken: «Trockenwiese».
Ich bin gerührt, heute abend mit Helen Meier hier zu sein. Vor dreissig Jahren haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Dreissig Jahre haben wir uns seither nicht wiedergesehen. Es war 1985 in Rauris, in den frühlingshaften, noch verschneiten Salzburger Alpen, anlässlich der Rauriser Literaturtage, wo die Lesungen auf Berggipfeln, in Bauernstuben oder in Lokalen stattfinden, die «Platzhirsch» heissen. Wo Autorinnen und Autoren mit dem Publikum Schlittschuh laufen und mit den Kritikern Eisstock schiessen. Helen Meier erhielt für «Trockenwiese» den Rauriser Literaturpreis, ein Preis für ein erstes Buch in Prosa. Ich war damals in der Jury und habe sie als Schweizer Kandidatin vorgeschlagen. Es war keine Selbstverständlichkeit, einen Debütanten-Preis an eine 55-jährige zu vergeben. Helen Meier erhielt ihn übrigens zusammen mit Herta Müller. Ich war in der Abstimmung nicht gegen sie, aber für Helen Meier. An Herta Müllers Auftritt in Rauris habe ich kaum mehr Erinnerungen. Von Helen Meier ist mir ein Aufschrei mitten in einer Lesung einer jungen Autorin geblieben: «Was hat denn dieser Grünschnabel schon erfahren im Leben, dass sie solches zu schreiben wagt». Helen Meier hat zwar 1984 ihr erstes Buch veröffentlicht, aber eine Unerfahrene war sie als gestandene Lehrerin und Erzieherin keinesfalls.
Nun habe ich «Trockenwiese» wieder gelesen, auch viele Bücher, die nachher kamen: Geschichtenbände, Romane wie «Die Novizin» und die lange Erzählung «Schlafwandel». Einiges habe ich kritischer als früher gelesen, anderes mit anderen Augen. Was «Trockenwiese» betrifft, brauche mein damaliges Urteil um kein Jota zu ändern.
Keine der dreiundzwanzig Geschichten darin heisst übrigens «Trockenwiese». Der Titel bezeichnet ein Wesensmerkmal von Helen Meiers Art zu schreiben. «Trockenwiese» ist denn auch ein gutes Bild für ihr gesamtes Werk: es ist nicht saftig, aber kräftig. Kein sattmachendes Voralpengrün, sondern durchlässig für Überraschungen. Auch für das Aufblühen von schon für verschwunden Gehaltenem. Und für rebellische, scharfe, giftige Pflänzchen. Die aber auch heilen können, je nach Dosis.
Ein künstlerisches Werk ist eine Reise. Auch wenns gewiss nicht so geplant war, führt diese bei Helen Meier, die immer eher ausbrechen als zurückkehren wollte, nun also wieder zurück zum Anfang. Oder zum Anfangen eher. Dahin, wo man wieder nicht bleiben kann, sondern nur erneut aufbrechen. «Die Agonie des Schmetterlings» (das Buch, das wir Ihnen heute vorstellen möchten) ist es ein neues Buch. Es enthält nicht alte, sondern frühe Texte, die die Anziehungskraft von noch nie gelesenen haben. Ihre Wege führen immer noch ins Offene. Das spätere Werk Helen Meiers hat sie weiter entwickelt, Antworten gegeben auf ihre Fragen –mögliche Antworten, aber nicht die einzig möglichen. Das erhebt diese frühen Texte über ein Vorstufendasein hinaus, und es ist deshalb nicht nur mutig, sondern auch wichtig und richtig sie zu publizieren.
In gewisser Weise ist Helen Meier auch in ihrem vorletzten Buch mit, wenn man so will, «späten» Texten, zurückgekehrt. Jedenfalls ist bemerkenswert, dass «Kleine Beweise der Freundschaft» (2014) ähnlich beginnt wie «Trockenwiese» vor dreissig Jahren: mit einem Alten, der eine Grube gräbt. Mit der Erdarbeit eines alten Mannes. Im Text «Die Alte» in «Trockenwiese» war es das geheimnisvolle, einem nur der Figur selbst bekannten Zweck dienende Graben einer alten Frau. Diese war aber noch etwas anderes als bloss ein alter Mensch. Sie war mit dem Leben beschäftigt, einem uns fast tierisch anmutenden Leben am Rand unserer Gesellschaft. «Die Alte» ist die Geschichte einer erschütternden Mutter-Sohn-Beziehung, das Pietà-Motiv klingt an. So dass auch wir als Leser schliesslich etwas, das wir nicht akzeptieren können, liebzuhaben und zu verteidigen beginnen.
Dreissig Jahre später ist das Graben schon das Grab. Es gräbt einer, der nicht aufhören, nicht enden kann. Ein alternder Schriftsteller. Einer, der wohl also auch endlos das Altern zu beschreiben hat. Ein ewiges Leben wie im griechischen Mythos von Tithonos, für den die ihn liebende Eos, Göttin der Morgenröte, von Zeus ewiges Leben erbat aber vergass, ihm auch ewige Jugend zu wünschen. Damit ist auch der Themenkomplex Helen Meiers umschrieben: Liebe, Alter, Sterben, Jugend. Und die göttlichen Gerechtigkeit. Und das aus weiblicher Perspektive und in der Art einer Naturforscherin, die das Verhalten wilder Tiere mit einem Teleskop beobachtet: aus der Ferne, von ganz nah. Man kann darin die «Bosheit» ihrer Texte erkennen. «Die Agonie des Schmetterlings» heisst ja im Untertitel, der einer Gattungsbezeichnung gleichkommt: «Böse Geschichten». Mir scheint jedoch, dass das «Böse» in Helen Meiers Texten vieldeutig ist. Und oft genug sogar eine Form der Empathie.
«Frühe» Texte interessieren natürlich immer auch, weil sie ein Geheimnis zu offenbaren versprechen: das Geheimnis der Kreativität. Wir hoffen, dass sie uns gerade noch einen schwindelerregenden Blick ermöglichen in das Nichts, ins finstere Chaos der Sprachlosigkeit, aus dem sie doch kommen müssten. Dass sie uns das Naive, Unerzogene, Hilflose eines Neugeborenen miterleben lassen, das seine ersten taumelnden Schritte unternimmt. Aber spannend an Helen Meiers frühen Texten ist oft gerade, wie sie das Ungesicherte – auch die Sprachlosigkeit – selber erst behaupten oder herstellen müssen in einer rundum sich als gesichert gebenden Welt. Denn diese Situation steht am Anfang künstlerischer Kreativität, nicht das Nichts. So findet sich in Helen Meiers frühen Texten beides auf engstem Raum: Destruktivität und Konstruktivität.
Sie unterscheiden sich auch von vielen gerade heutigen Debuts, weil sie kein dominierendes Thema und kein zwingendes Schicksal vorweisen können. Es sind Texte, die noch nicht so recht wissen, wohin sie gehen sollen. Nur der Wille zum Sprechen und Schreiben ist ihnen gewiss. «Sprache», heisst es im Text «Fresken», «ist der alleinige Beweis des Daseins».
Dabei zeigt Helen Meier immer unmissverständlich: Dasein heisst noch nicht Leben. Zum Leben braucht es das andere grosse «L», die Liebe. Liebe ist die Gegengabe zum Sterben, das uns in Helen Meiers Geschichten an allen Ecken und Enden sein «böses» Gesicht zeigt.
Gegengabe heisst aber eben auch Gegengift. Vorsicht ist also geboten. Oder wenn Sie lieber wollen: für Spannung ist gesorgt.
Helen Meier, Literaturhaus Zürich, 2. Februar 2016
Einführung von Samuel Moser