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Wenn der Komponist Anton Bruckner am Gebäude des Wiener Musikvereins vorbeiging, musste er zwanghaft dessen Fenster zählen. Wenn er glaubte, sich verzählt zu haben, begann er nochmals von vorn – ein vergleichsweise harmloser Tick. Andere Verhaltensweisen des Komponisten zeigten klar neurotische Züge. Diese wurden so gravierend, dass sich Bruckner 1867 in eine Kur begeben musste.
Der Prüfling war talentierter als die Prüfer
Ein weiterer harmloser Tick Bruckners: Als ausgebildeter Volksschullehrer konnte er von Prüfungen nie genug kriegen. Legendär war die Prüfung, mit der er den Titel eines Professors für Musiktheorie in Wien erwerben wollte. Schon die schriftlichen Arbeiten fielen so gut aus, dass die Kommission auf eine mündliche Prüfung verzichtete.
Doch es stand noch ein Probespiel auf der Orgel an. Da Bruckner als virtuoser Organist bekannt war, gab man ihm ein besonders komplexes Thema, worüber er ohne Vorbereitung eine Doppelfuge improvisieren sollte. Der Prüfling liess auf sich warten, und schon mutmassten manche Mitglieder, er habe aufgegeben. Doch der fromme Katholik Bruckner hatte zuerst noch gebetet, nun legte er eine Improvisation mit Kontrapunktkünsten derart hin, dass der Prüfungskommission Hören und Sehen verging. Ein Mitglied sagte danach: «Er hätte uns prüfen sollen.»
Er akzeptierte verstümmelnde Eingriffe
Leider wurde in Wien nur der Organist und Kirchenmusikkomponist Bruckner geschätzt, seine Sinfonien hingegen fanden lange keinen Anklang. Bezeichnenderweise suchte Bruckner den Fehler dafür bei sich selbst. Ein kapitaler Minderwertigkeitskomplex liess ihn auf die Meinungen seiner Freunde und Schüler hören; diese hatten wenig Verständnis für die Modernität seiner Musik und schlugen allerlei mässigende «Korrekturen» vor. Das führte dazu, dass Bruckner manche Sinfonien bis zu drei Mal umschrieb und gar verstümmelnde Eingriffe von Dirigenten akzeptierte.
Brahmsianer gegen Brucknerianer
Hinter der Ablehnung von Bruckners Sinfonien stand allerdings ein grundsätzlicher Richtungsstreit: Das Wiener Publikum und der Wiener «Chefkritiker» Eduard Hanslick favorisierten die konservativere Musik von Johannes Brahms. Bruckners Musiksprache hingegen stand in der Nähe des modernen Richard Wagner. So war man entweder Brahmsianer (die grosse Mehrheit) oder Brucknerianer (eine kleine Minderheit) – keinesfalls beides!
Wagner goss noch Öl ins Feuer, indem er von Bruckner sagte, dieser sei «der bedeutendste Sinfoniker nach Beethoven» – obwohl er Bruckners Musik gar nicht besonders schätzte. Der Satz war mehr als Spitze gegen Brahms und Hanslick gemeint. Wagner akzeptierte, dass Bruckner ihm seine Dritte Sinfonie widmete, und empfahl sie danach den Wiener Philharmonikern zur Aufführung. Das wussten die Brahmsianer jedoch zu verhindern. Erst 1877 wurde das Werk in Wien aufgeführt, unter der Leitung des Komponisten selbst. Das Orchester leistete dabei konsequent passiven Widerstand, das Publikum reagierte mit Unruhe und Zischen, der Komponist brach in Tränen aus.
Bruckners Beziehung zu Wagner ist für einen weiteren Charakterzug des Komponisten bezeichnend: Er verehrte Autoritäten, die er anerkannte, in der infantilen Art eines Pubertierenden.
Kein knochentrockener Asket
Ein besonders trauriges Kapitel ist Bruckners Beziehung zu Frauen. Sein Leben lang bemühte er sich vergeblich um eine Heirat. Das erstaunt kaum angesichts der umständlich-verkorksten Art, mit welcher der Komponist sich um dieses oder jenes «Fräulein» bemühte. Man muss annehmen, dass Bruckner sein Leben lang ohne Sex gelebt hatte, denn eine Affäre oder ein Bordellbesuch lagen für den gläubigen Katholiken nicht drin.
Dabei macht Bruckners Musik nur allzu deutlich, dass er kein knochentrockener Asket war. Die Steigerungen, die sich in seiner Musik immer wieder finden, haben eindeutig etwas von sexueller Erregung, die Durchbrüche in erlösend-befreite Schlusspassagen gleichen einem Orgasmus. In Bruckners grandiosen sinfonischen Architekturen nur die sakrale Aura von katholischen Kathedralen zu hören, ist viel zu einseitig.
Unsicher und autoritätsgläubig
Womit wir bei der Musik selbst wären. Natürlich wären Bruckners Ticks und Neurosen uninteressant, wenn er sie nicht inspiriert-produktiv in Kunstwerke umgewandelt hätte. Um es etwas hemdsärmlig-pauschal zu sagen: Prüfungssucht und -stolz etwa zeigen sich – zum Beispiel in der Fünften Sinfonie – in der extrem kunstreichen kontrapunktischen Stimmführung.
Bruckner hat die Fünfte Sinfonie nie überarbeitet; seine Unsicherheit führte aber dazu, dass er dem Dirigenten der Uraufführung massive, entstellende Kürzungen und neue Instrumentierungen erlaubte. Seine Autoritätsgläubigkeit bewegte ihn dazu, seine Sinfonien immer höheren Autoritäten zu widmen, was ihn zu immer höheren künstlerischen Anstrengungen herausforderte: Die Fünfte war dem damaligen Wiener Kultus- und Unterrichtsminister gewidmet, die Achte dem Kaiser und die Neunten gar dem lieben Gott. Diese jedoch blieb unvollendet – wobei Bruckner die ganze Partitur schon vom ersten bis letzten Takt fein säuberlich durchnummeriert hatte.
Zur Person
Anton Bruckner, 1824 in Österreich geboren, wurde als Volksschullehrer und Organist ausgebildet. Er war Organist im Stift St. Florian und an der Kathedrale von Linz. Ab 1865 lebte er in Wien, zuerst als unbezahlter Professor an der Universität. Ab 1863 entstehen die neun Sinfonien, dazu kommen eine «Nullte» und eine «Doppelnullte».
Fünfte Sinfonie: Top-Aufnahmen
Nikolaus Harnoncourt, Wiener Philharmoniker – mit Probeausschnitten.
RCA 82876 607492
Philippe Herrweghe, Orchestre des Champs-Elysées (alte Instrumente).
HMC 902 011
Riccardo Chailly, Concertgebouw Orchester.
Decca 433 819