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O wisst ihr was ich denke?
O nein, ihr wisst es nicht!
Wenn ich mich ganz versenke,
Dann denk’ ich ein Gedicht!
Friederike Kempner wurde 1928 in der Provinz Posen in Schlesien in eine wohlhabende jüdische Familie geboren. Sie verfasste Streitschriften, Novellen und Dramen. Berühmtheit erlangte sie allerdings v. a. wegen der unfreiwiligen Komik ihrer Gedichte. Ihr Gedichtband, erstmals 1873 erschienen, lag 1903 bereits in der achten Auflage vor (und wird heute noch gedruckt). Zu diesem Zeitpunkt war sie längst auf die Spottnamen «schlesische Nachtigall» und «schlesischer Schwan» getauft worden. Der Schriftsteller Alfred Kerr änderte sogar seinen Geburtsnamen Kempner, «[w]egen der Dichterin Friederike Kempner, welche die schlechtesten je auf diesem Planeten bekanntgewordenen Verse schrieb […]. Ich teilte der preussischen Regierung mit: Der Name Kempner habe genug für die deutsche Literatur getan. Herr v. Moltke, Minister des Innern stimmte zu. […] Des anderen Namens erinnern sich dann und wann meine, also: Gegner. Sie stören grausam das Grab der Dichterin – ohne Dank, dass ihr Tod sie an weiteren Arbeiten hindert.»[1]
Begonnen hatte dieser zweifelhafte Ruhm 1880 mit einer ätzenden Rezension ihrer Gedichte in einer Berliner Literaturzeitschrift. 1952 wurde die Dichterin wiederentdeckt und die komische Wirkung ihrer Gedichte analysiert: «Dies haarscharfe Danebenhauen, dies Beinahe-richtig-Liegen, dies Beinahe-gut-Sein, dies Zerschmettern aber dann der eigenen Wirkung im aller-allerletzten Augenblick, in der aller-allerunerwartetsten Weise – das ist es, das ist sie, Friederike.»[2]
Neben und in ihren schriftstellerischen Arbeiten befasste sich Kempner intensiv mit dem Thema Scheintod. Aus der damals weitverbreiteten Angst, lebendig begraben zu werden, setzte sie sich mit Erfolg für die Errichtung von Leichenhäusern und die Verlängerung der Karenzzeit zwischen Tod und Bestattung ein. Dazu verfasste sie nicht nur die «Denkschrift über die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern», sondern auch zahlreiche Gedichte:
Logik
Es hört ein wack’rer Kriegersmann
Sich dies Geschichtchen einmal an,
Dem Tod konnt’ er ins Antlitz sehen,
Doch jetz im Aug’ ihm Tränen steh’n.
Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus,
Ruft er aus vollem Halse aus,
Wir wollen nicht auf blossen Schein
Beseitigt und begraben sein!
Wir wollen alle Wetter auch,
Nicht halten an dem dummen Brauch,
Dass man mit uns zu Grabe rennt,
Als wenn man’s nicht erwarten könnt’!
Für Tänzer giebt es Raum und Zeit –
O, tiefbetörte Menschlichkeit!
So lang’ nicht Leichenhäuser sind,
Seid Alle Ihr so schlecht als blind! –
Fast vollständig erblindet, stirbt die zuletzt zurückgezogen lebende Schriftstellerin am 23. Februar 1904.
Unnützes lyrisches Gesinge,
Unnützes lyrisches Geklinge
Gehst Du mir nicht aus dem Sinn,
Schreib’ ich auf’s Papier Dich hin.
Kempner, Friederike: Gedichte, Berlin: Verlag der Hofbuchhandlung Karl Siegismund, 1903. Achte Auflage. Signatur G 967.
[1] Kerr, Alfred: Erlebtes: Reisen in die Welt, hrsg. von Hermann Haarmann, Berlin: Argon, 1989, S. 146.
[2] Mostar, Gerhart Herrmann: Friederike Kempner, der schlesische Schwan, das Genie der unfreiwilligen Komik. München: DTV, 1980.