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Ausnahmsweise wird in dieser Rubrik ein Buch vorgestellt. Es präsentiert auf unterhaltsame Art einen Schatz von Wissenswertem über die wichtigsten Sprachen der Welt. Ihre Verbreitung, Einordnung, Eigenheiten, Entwicklung und vieles mehr wird auf populärwissenschaftlichem Level abgehandelt.
Die Wichtigkeit der Sprachen bemisst sich bei Gaston Dorren nach der Zahl der Menschen, die sie sprechen, und zwar gelten als Sprecher jeweils die Muttersprachler und die Zweitsprachler. Die Hälfte der Menschheit hat eine der zwanzig Sprachen als Muttersprache, und drei Viertel sprechen mindestens eine von ihnen. Dank des Einbezugs der Zweitsprachler liegt Englisch mit 1,5 Milliarden Sprechern vor dem zweiten Sprachriesen. Mandarin bringt es auf 1,3 Milliarden.
Könnte sich diese Rangfolge vielleicht schon bald ändern? Dorren geht dieser Frage gründlich nach. Sie ist nämlich geeignet, die Gründe für die Weltgeltung des Englischen herauszufinden. Die Sprache, die im späten 15. Jahrhundert von nur etwa drei Millionen Menschen ausschliesslich in England gesprochen wurde, breitete sich mit dem grössten Weltreich der Geschichte, dem British Empire, über den Globus aus. Doch bis nach dem Ersten Weltkrieg war es das Französische, das am ehesten den Status einer Weltsprache hatte. Mit dem «amerikanischen Jahrhundert» nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Aufstieg des Englischen, und mit dem Ende des Kalten Krieges hat es erst seine unangefochtene Vormachtstellung erreicht. Das liegt, wie linguistische Vergleiche zeigen, nicht an den sprachlichen Eigenschaften des Englischen, sondern an der wirtschaftlichen und kulturellen Vorherrschaft der USA. Sie haben Englisch zur Lingua franca gemacht.
Die Chancen des Mandarin, in absehbarer Zeit den Spitzenplatz zu erobern, hält Dorren für gering. Die Sprache und ihre Schrift sind dafür zu schwierig. Welcher Art die Hindernisse für Fremdsprachler sind, legt der Autor eindrücklich dar. Er hält es eher für wahrscheinlich, dass eine bereits sichtbare Entwicklung der englischen Sprachwelt sich noch stärker ausformen wird: Das ja auch nicht ganz einfache Englisch wird sich aufspalten in eine Hochsprache mit allen Feinheiten und in ein stark vereinfachtes globales Verkehrsidiom mit regional verschiedenen Dialekten.
Dorren folgt in der Darstellung der zwanzig Sprachen keinem einheitlichen Schema. Indem er jeweils einige prägnante Eigenarten und historisch-politische Entwicklungen herausgreift, entsteht im Ganzen ein äusserst vielfältiges Bild davon, auf welch unterschiedliche Arten Sprachen funktionieren können, unter welchen Einwirkungen sie sich verändern, was sie für das Selbstbild ihrer Sprecher bedeuten und wie sie die jeweilige Kultur prägen und spiegeln.
Anschaulich erzählt Dorren von seinem Versuch, in Hanoi Vietnamesisch zu lernen. Er muss sich sechs verschiedene Sprachmelodien einprägen und diese den Vokabeln zuordnen. Personalpronomen sind abhängig von sozialen Beziehungen. Ich und Du verändern sich je nachdem, wer zu wem spricht. Geschlecht, Alter, Art der Beziehung als Variablen ergeben eine Vielzahl unterschiedlicher Pronomina. Die nur eine Silbe langen Wörter können ganz verschiedene grammatische Funktionen haben: Verben, Substantitve, Präpositionen oder sonstige Wortarten. Die Bedeutungen können miteinander zu tun haben oder auch nicht. – Nach sechs Monaten Plackerei gibt Dorren auf.
Das moderne Türkisch ist eine künstlich per Dekret geschaffene junge Sprache. Mit der Errichtung der Republik 1923 hing die Schaffung eines türkischen National- und Kulturbewusstseins zusammen. Atatürk verfügte den Wechsel zu einer massgeschneiderten Fassung der lateinischen Schrift und leitete eine eigentliche Sprachrevolution ein, die das Türkische von persischen und arabischen Lehnwörtern befreite. Der obrigkeitlich durchgesetzte Sprachpurismus stürzte die Türkei dann allerdings in ein sprachliches Chaos, das Atatürk mit Hilfe einer pseudowissenschaftlichen Sprachtheorie wiederum zu bändigen suchte. Diese beruhte darauf, das Türkische als «Ursprache» auszugeben, von der arabische, persische, griechische oder gar französische Wörter abgeleitet seien. Atatürk persönlich kreierte neue türkische Begriffe, die so aussahen, als seien sie die Wurzeln von Fremdwörtern. Nach seinem Tod setzten staatliche Sprachverwalter die «Reinigung» des Türkischen energisch fort. Wir haben hier den einzigartigen Fall einer Sprache, die innert weniger Jahrzehnte per Erlass tiefgreifend geformt und genormt wurde.
Wie ein Gegenstück dazu präsentiert sich Indonesiens Sprachpolitik. Dorren nimmt sie zum Anlass eines Exkurses über unterschiedliche Konstellationen von Mehrsprachigkeit und deren Auswirkungen für Mehr- und Minderheiten. Entscheidend ist der Umstand, ob die Sprachensituation mit Eroberung, Unterdrückung oder Ausbeutung in Verbindung steht. Ist das nicht der Fall – wie im Beispiel der Schweiz –, so stehen die Chancen eines friedlichen Miteinanders der Sprachgruppen gut.
Indonesien geniesst seit der Unabhängigkeit sprachlichen Frieden, obschon es das Land mit den zweitmeisten Sprachminderheiten ist. Ab dem 13. Jahrhundert gewannen die malaiische Sprache und die islamische Religion Einfluss. Als im 17. Jahrhundert die niederländischen Kolonisatoren im vielsprachigen Indonesien eine Verwaltungs- und Verkehrssprache suchten, entschieden sie sich für das verbreitete Malaiisch. Ein vereinfachtes «Dienstmalaiisch» wurde neben Niederländisch zur zweiten Amtssprache der Kolonie. Im 19. Jahrhundert wurde Malaiisch zur offiziellen Sprache der Unabhängigkeitsbewegung. Eine nach der Entkolonialisierung eingesetzte Sprachakademie modernisierte sie pragmatisch zum modernen Indonesisch. Der junge Staat fördert jedoch nicht nur diese Sprache (2010 von über 90 Prozent der Bevölkerung beherrscht), sondern auch die zahlreichen anderen Idiome. So erfolgt der Unterricht in den ersten drei Grundschuljahren in den lokalen Umgangssprachen.
Malaiisch war für Indonesien ein Gottesgeschenk: Die Sprache war durch Handel verbreitet und durch den Islam mit Ansehen verbunden. Sie wurde ursprünglich von einer kleinen Minderheit gesprochen und war daher keine Bedrohung. Da mit vielen autochthonen Sprachen verwandt, war sie für die meisten leicht zu lernen. Die Führung des unabhängig gewordenen Indonesien betrieb mit ihrem Entscheid für das «Dienstmalaiisch» eine der vernünftigsten und erfolgreichsten Sprachpolitiken der Welt.
Gaston Dorren: In 20 Sprachen um die Welt, aus dem Englischen von Juliane Cromme, C.H. Beck 2021, 400 S.