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Zofingen 26 Sept. 1869.
Lieber Freund!
Dein Telegramm v. gestern Abend kam mir 8½ Uhr zu. Da bereits alle meine Skripturen wegen meiner bevorstehenden Uebersiedlung n. Basel theils verlegt, theils verpakt waren, mußte ich vorab meine Tessiner Akten suchen, um mich über die Bestimmungen der Konzession Deine Frage betreffend zu orientiren. Ein Exemplar der fertigen Konzession habe ich nun zwar nicht, habe jedoch in der lezten an den Grossen Rath gelangten & dort wenig veränderten Kommission's Entwurf die auf Deine Frage bezüglichen Vorschriften gefunden. Wenn ich mich also nicht irre, so ist vorgeschrieben, daß Biasca–Airolo –Grenze Uri 6 Monate nach definitiver Konstituirung einer Baugesellschaft begonnen werden soll & daß die Konzession erlösche, wenn wenn dieser Termin nicht eingehalten werde. Dazu kommt, daß ich konform mit dem Programm des Gotthardkomité eröffnet hatte, daß Airolo–Biasca – gleich wie Flüelen–Göschenen in 4 Jahren vom Beginn der Arbeiten hinweg hergestellt sein soll. Ohne an die Behörden Tessin's zu gelangen, halte ich daher eine Aenderung dieser Bautermine für bedenklich & verwerflich. Denn auch das konzessionsmässige Beginnen der Arbeit, jedoch in der Absicht | die Ausführung bis zur Vollendung der Gallerie hinzuziehen, wird wie ein Wortbruch angesehen werden, wenn auch die Konzession selbst die Vollendung in 4 Jahren meines Wissens nirgends vorschreibt. Ob nun aber die Behörden Tessins zu einer solchen Aenderung der Konzession Hand bieten würden, ist meines Erachtens sehr zweifelhaft. Möglichst rasche Herstellung der Linie Airolo–Biasca–Bellinzona– Locarno wurde von sämmtlichen Ciscenerinern sehr gewünscht. Die Vertreter der Gegenden v. Biasca bis Locarno waren Alle – Fratecolla ausgenommen – gegen die in der Konzession enthaltenen verschiedenen Modifikationen & Beeinträchtigungen der Linie Biasca– Locarno, wie dieselbe durch die 1868er Konzession & den Abtretungsvertrag normirt war. Wird nun der Bau von Airolo–Biasca wesentlich verschoben, so schliessen sich diesen Unzufriedenen sehr wahrscheinlich auch die Vertreter der Gegenden oberhalb Biasca bis Airolo & sogar bis Olivone an & vermögen, wenn sie einig sind, eine schwache Mehrheit im Gr. Rath zu bilden. Die Transceneriner sind in dieser Frage nicht interessirt. Dürften aber von den Ciscenerinern deßhalb sich nicht trennen | wollen, um dieselben nicht neuerdings & in verstärkter Weise zu mißstimmen. In diesem Falle würde der Grosse Rath ziemlich einmüthig eine solche Aenderung abzulehnen an & für sich geneigt sein. Es müßten also, so scheint es mir, sehr starke Gründe sein, wenn man den Versuch einer solchen Aenderung in Tessin machen wollte. Dieselben würden ohne Zweifel finanzieller Natur sein. Diesen gegenüber ist aber auch zu erwägen, daß eine solche Aenderung sehr wahrscheinlich ungünstig auf die Frage einer weiteren Tessin'schen Subvention einwirken würde, während ich es keineswegs für unmöglich erachte, noch eine weitere erhebliche Summe zugesichert zu erhalten, wenn die konzessionsmässigen Erwartungen Tessin's nicht erschüttert werden.
Vom Tessin'schen Standpunkte aus – & er ist, wie Du aus langer & reiflicher Erfahrung weißt – ein äusserst wechselvoller & schwieriger – könnte ich also unmöglich rathen, eine Aenderung der Konzession in fraglicher Richtung zu versuchen & wird die Konferenz gewiß gut thun, von einem solchen Versuche abzusehen, wenn nicht eine unabweisbare Nothwendigkeit dazu drängt. Ob im lezteren Falle die Behörden Tessin's solchen Verhältnissen Rechnung | tragen würden, wage ich nicht zu bejahen, so wenig Vertrauen habe ich auf dortige ruhige vernünftige, objektive Ueberlegung. Sollte auf der Urnerseite nicht gleich verfahren werden, so wäre wohl vollends von Eintreten keine Rede.
Indem ich Dir meine Eindrüke Deiner Anregung hiemit zugehen lasse, füge ich die Uebersezung eines Briefes des Herrn Großrath Forni v. Airolo bei, welchem ich wegen seiner Bitte, mich wenn möglich für Förderung der Vertheilung der Liebesgaben zu verwenden, antwortete & gleichzeitig wie früher schon die Nothwendigkeit weiterer Subvention an's Herz legte. Dieser Brief ist nun die Erwiederung auf meine Antwort & stellt eine weitere Subvention allerdings als möglich dar.
Daß Würtemberg Theil nimmt klingt gut & wird hoffentlich allseitig kräftigend wirken.
Ich wünsche Dir & Deinen Kollegen bestes Gedeihen zum grossen, schweren Werke & Dir insbesondere ungebrochene Kraft in Deinem ausserordentlichen Streben & Wirken. Herzlich grüssend Dein
Siegfried.
Bitte mich Herrn Schmidlin zu empfehlen.