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Einen Halbmarathon zu absolvieren, das ist auch in Schrittgeschwindigkeit eine sportliche Leistung. Und doch nichts angesichts der enormen Grösse der englischen Metropole – sie hat eine Fläche von 1572 Quadratkilometern, exklusive Grossraum. Immerhin ist es mir gelungen, ein Zwanzigstel der Stadt abzudecken.
Das London, das internationalen Besuchern bekannt ist, ist viel kleiner. Der touristische Verkehr konzentriert sich auf ein Gebiet, das durch die Hauptattraktionen definiert wird. Und wenn die Sightseer diesen inneren Kreis verlassen, fahren sie mit der U-Bahn.
Doch wer eine Grossstadt richtig kennenlernen will, muss zu Fuss aufbrechen – davon bin ich fest überzeugt. Wenn die Sonne scheint, geht das gut. Also entscheide ich mich für einen Spaziergang. Ich will mehr als nur eine von Londons 32 Boroughs, die mit Stadtbezirken vergleichbar sind, betrachten.
Gentrifizierte Kneipenszene
Ich fange in Shoreditch an – einem Ortsteil von Hackney im nordöstlichen London. Hier verwandelte sich im 20. Jahrhundert eine ärmere und verrufene Umgebung rasch in ein aufstrebendes Viertel. Verfallene Bauten wurden zu hochwertig sanierten Bürogebäuden, Geschäftshäusern und Wohnanlagen. Die einstmals zwielichtige Kneipenszene musste gepflegten In-Restaurants weichen. Damit durchlief Shoreditch eine nahezu abgeschlossene Gentrifizierung.
Der erste Halt auf meinem Spaziergang ist das Restaurant Ask for Janice. Dieser kleine Laden hat das beste Mittagessen der Gegend – und die bequemsten Sitzgelegenheiten. Ich sitze gemütlich auf einer braunen Ledercouch, lese die Lokalzeitung und bestelle ein getoastetes Roggenbrot mit Avocado, Gurkenscheiben und Feta, gefolgt von einem Cappuccino.
Die wichtigsten Destinationen befinden sich im Ortsteil Central London, dem innersten Teil der Stadt, der mehrere Boroughs umfasst. Vom Tower am früheren Stadtrand gehe ich über die Tower Bridge, vorbei am Wolkenkratzer «The Shard», der Scherbe, und über die den Fussgängern vorbehaltene Millennium Bridge, die in Harry Potter vorkommt, zurück auf die Nordseite der Themse.
Alles in Rosa
Ich spaziere an der St. Paul’s Cathedral vorbei und über die Fleet Street und den Strand, die Gegend mit den teuersten Hotelketten, der London School of Economics und diversen berühmten Theaterhäusern. Ich bummle durch Covent Garden, den ehemaligen Obst- und Gemüsemarkt, und erreiche nach etwa einer Stunde Piccadilly Circus.
Auf dem Weg zum Buckingham Palace flaniere ich an der National Gallery am Trafalgar Square, an St. James’s Park und Palace vorbei. Ich geniesse den Blick auf Big Ben durch die Strassenschluchten. Die Gebäude sind prachtvoll. Auch das British Museum, wo es vor allem historische Artefakte und Relikte zu sehen gibt.
Bei «Peggy Porschen» angekommen, gehe ich direkt rein ins Café und bestelle einen Victoria Sponge und Earl Grey. Vor dem Rosa bemalten Laden gibt es (im Sommer) einige Tische zum Sitzen. Davor stehen zahlreiche Touristen, die das Haus fotografieren.
Nachdem ich meinen Kuchen verschlungen habe, schliesse ich mich ihnen an und fotografiere das Gebäude von allen Ecken. Dann gehts weiter in Richtung Hyde Park. Ich lege mich eine Weile ins frisch geschnittene Gras, um die Sonne zu geniessen. Die Strahlen leuchten mir ins Gesicht und kitzeln meine Nase. Ich knipse ein paar von den Enten, die umherwatscheln.
Zwanzig Minuten später mache ich mich zum nächsten «instagramable» Café auf: «Saint Aymes». Hier halte ich mich zurück und bestelle nur einen Mini-Cupcake und einen Filterkaffee. Man wills ja nicht übertreiben. Oder doch?
Der Zucker rast durch meine Adern und ich entschliesse mich, hier umzudrehen und die Oxford Street hinunterzugehen. Ich vermeide die Läden, halte mich von den Touristen fern. Bis ich fast ans Ende der Strasse gelange und rechts abbiege – in Neal’s Yard. Eine kleine Gasse zwischen Shorts Gardens und Monmouth Street, die in einen buntbemalten Innenhof mündet.
Dieser Ort ist wie geschaffen für eine Amateurfotografin wie mich. Die Gebäude sind leuchtend gelb, grün, orange, rot und blau, jeweils mit Blumen oder Weinreben bedeckt. Lichterketten sind über den kleinen Platz gespannt.
Dann fängt es an zu regnen. Ich mache die letzten Fotos des Tages, krame meinen Schirm aus der Tasche, packe meine Kamera weg und bestelle ein Uber-Taxi.
30’000 Schritte reichen für heute.