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Der diplomierte Sohn
In der Politik, dafür kennt die Weltgeschichte genügend Beispiele, kommt es auf das Timing an. Nun ist nicht wahrscheinlich, dass der hier zu vermeldende Akt historische Wirkung entfalten wird, aber er kam, wie man das am Río de la Plata nennt, «en hora buena».
Zur rechten Zeit, genau 20 Tage vor der argentinischen Präsidentenwahl, hat der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge von Cristina Kirchner sein Studium abgeschlossen, etwa 38 Jahre nachdem er es aufgenommen hatte. Am frühen Montagmorgen legte Daniel Scioli (57), Gouverneur der Provinz Buenos Aires und Spitzenkandidat von Kirchners Siegesfront, an der privaten Universidad Argentina de la Empresa seine letzte Prüfung ab. Nun darf er sich das Kürzel lic. auf die Visitenkarten drucken lassen, das steht für «licenciado», ein ähnliches Angeber-Akronym wie Dipl. oder Mag.
Der abgeschlossene Studiengang nennt sich «comercialización» und entspricht in etwa dem, was neudeutsch Marketing heisst. Nach dem letzten Examen griff der Gouverneur zum Filzstift und verfasste eine Grussadresse ins Jenseits: «Papa! Abschlussarbeit mit Note 7. Mission erfüllt!» 7 steht für «gut» auf der zehnstufigen Notenskala. Natürlich war eine Kamera parat, um die Botschaft an den 2002 verstorbenen Vater einzufangen. Die Argentinier sind Familienmenschen, und ein Sohn, der seine jugendlichen Dummheiten einsieht und revidiert, das ist doch eine Geschichte, die ans Herz geht, 20 Tage vor der Wahl.
Scioli senior war ein sehr wohlhabender Inhaber einer Elektrohandelskette und besass zeitweise auch einen TV-Kanal. Der Erstgeborene Daniel begann seine akademische Laufbahn wohl mit dem Plan, dereinst das Familienimperium zu übernehmen. Doch 25 Scheine später brach er ab, ihm fehlten noch neun Prüfungen. Mitte der Achtzigerjahre faszinierten den Filius eher Foto- als Denkmodelle. Anstelle des «licenciado» sicherte sich der hauptberufliche Sohn diverse Titel als Rennboot-Champion, darunter auch eine Weltmeistermedaille 1996. Mit 40 wechselte Scioli vom Power-Boat ins Parlament, in die Reihen der vermeintlich volksnahen Peronisten, die manchmal rechts sind, manchmal links, aber meistens reich. Bald war Scioli Sportminister, Vizepräsident von Néstor Kirchner und Gouverneur der Provinz Buenos Aires. Und nun ist er der Favorit auf die Nachfolge einer Präsidentin, die nie einen Nachfolger aufbauen wollte. Bei den Vorwahlen im August holte Scioli 38,5 Prozent, der zweitplatzierte Mauricio Macri, auch er Millionärssohn, aber mit Ingenieurstitel, lag acht Punkte dahinter.
Vorigen Sonntagabend, etwa zehn Stunden vor der Uniabschlussprüfung, stand die erste öffentliche Debatte aller Präsidentschaftskandidaten auf dem Programm. Hinter sechs Podien standen fünf Kandidaten, doch das zweite Pult von links blieb leer. Aber Scioli blieb nicht etwa daheim, um zu büffeln, Fotos zeigen ihn auf einem Rockkonzert. Am Ende war es der Unipräsident, der die Frage formulierte, die sich alle stellten: «Wann hat Scioli bloss die Zeit zum Lernen gefunden?»