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Strecke, endlich gegen die Passhöhe hin wieder eine solche mit engern Windungen. Etwas unterhalb der Passhöhe bieten ein Berghaus (2035 m) und eine längere Gallerie Unterkunft und Schutz. Etwa halbwegs zwischen Splügen Dorf und Passhöhe wird etwas ö. über der Strasse in der Räzünseralp ein schöner weisser Marmor gebrochen, dessen Abfälle man als Strassenmaterial benutzt. Die Passhöhe, ein kahler Sattel zwischen Tambo- und Surettahorn, bildet die Wasserscheide zwischen Hinterrhein- und Addagebiet und die Grenze zwischen der Schweiz und Italien.
Ausgegrabene Stöcke und Wurzeln beweisen, dass einst der Wald bis auf diese Höhe reichte. Jenseits wenig unterhalb der Passhöhe findet sich die dritte italienische Cantoniera (2067 m) und 2 km unter der Passhöhe (12 km von Splügen Dorf) das italienische Zollamt, la Dogana del Monte Spluga, und mehrere andere Wirtschafts- und Unterkunftsgebäude im sog. Piano della Casa (etwa 1900 m). Von da kann man westwärts durch das Val Loga und über den Curciusagletscher ins Areuethal und weiter nach Nufenen im Rheinwald oder direkt nach San Bernardino (über die Bocca di Curciusa) steigen oder auch östlich am Lago Nero und Lago d'Emet vorbei zum Passo di Emet und nach Inner Ferrera-Avers gelangen.
Die Splügenstrasse selbst führt südostwärts über den Liro und zur 2. Cantoniera (1870 m), einem stattlichen Gebäude mit Glockentürmchen am W.-Abhang des Rückens von Madesimo, welches Dorf man von hier aus auf gutem Weg in 2 Stunden erreicht. Die Cantoniera, auch la Stuetta genannt, bietet gute und billige Unterkunft und einen letzten umfassenden Ueberblick über die Bergwelt am Splügenpass. Dann geht es weiter, immer hoch über dem Liro und durch mehrere Gallerien an der 1. Cantoniera (Wirtschaft) vorbei nach Pianazzo (1400 m), dem ersten Dorf der S.-Seite.
Zweigstrassen führen von da einerseits hinunter nach Isola, andrerseits hinein nach Madesimo (1660 m) im gleichnamigen Seitenthal, einem von Italien aus stark besuchten Kurort mit gross angelegten Hotel- und Badeinrichtungen. Der Passo di Madesimo (2280 m) verbindet den Ort mit dem schweizerischen Ferrera- und Averserthal. Gleich unterhalb Pianazzo bildet der Bach des Val Madesimo einen prachtvollen, 260 m hohen Wasserfall. Dann folgt das kühnste Stück der Splügenstrasse, eine Strecke mit Gallerien, mächtigen Stützmauern, in Fels gehauenen Partien und mit Windungen, die wie die Gallerien eines Theaters fast senkrecht übereinander liegen.
Rasch geht es nun in die Tiefe, und bald ist der Wiesengrund von Campodolcino (1050 m) mit seinen schönen Ahorn-, Buchen- und Eschengruppen und den zerstreuten Weilern erreicht (15 km von der Passhöhe). Die erste Anlage der Strasse ging von Campodolcino nach Isola hinein und von da in Windungen hinauf nach Pianazzo. Verheerende Ueberschwemmungen des Jahres 1834 veranlassten die Verlegung der Strasse an die jetzige Stelle am ö. Gehänge des Thals mit Beiseitelassung von Isola.
Fussgänger aber können immer noch von der Dogana im Piano della Casa durch die Schlucht des Kardinell nach Isola und Campodolcino gelangen. Von da führt die Strasse immer am ö. Thalgehänge und in einiger Höhe über dem Thalgrund durch den untern Teil des Liro- oder Giacomothals. Der Thalgrund ist öftern Ueberschwemmungen ausgesetzt und darum meist baumlos und mit gewaltigen Trümmermassen bedeckt, während die Gehänge zu beiden Seiten im Schmuck der Kastanienwälder prangen.
Man passiert zahlreiche Weiler und kleinere, mehr malerische als schöne Häusergruppen und der Reihe nach die zerstreuten Dörfer Prestone, Gallivaggio und San Giacomo. Andere Dörfer, Weiler, Kirchen und Kapellen grüssen von den Höhen herab, und brausende Wasserfälle stürzen aus zahlreichen Seitenschluchten hervor. Die warme insubrische Region mit italienischem Landschafts- und Vegetationscharakter ist erreicht. Bald unterhalb San Giacomo öffnet sich das enge Thal in die weite Ebene von Chiavenna (30 km von der Passhöhe, 300 m über Meer), wo die herrliche Bergstrasse des Splügen zu Ende geht.
Von der Römerzeit bis zum Bau der neuen Strassen, also bis etwa 1820, standen Splügen- und Bernhardinstrasse an Verkehrsbedeutung hinter dem Septimer und ¶
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dem Julier zurück, da diese fahrbar, jene aber nur für Saumtiere gangbar waren. Immerhin bekamen jene Fahrstrassen die Konkurrenz dieser Saumstrassen deutlich zu spüren, was unter anderm in Herabsetzung der Transport- und Lagergebühren, in vermehrter Sorge für die Sicherheit der Leute und Güter etc., sowie auch in Streitigkeiten zwischen den beteiligten Thalschaften und sog. Portgemeinden sich äusserte. So klagten 1467 die Gemeinden an der Septimerstrasse beim Bischof von Chur gegen diese Stadt und verlangten, sie sollte gehalten sein, fremde Kaufmannsgüter nur über den Septimer zu leiten.
Und der Bischof gewährte die Bitte. Allein bald darauf (1473) bauten die Gemeinden Thusis, Cazis und Masein im Einverständnis des Grafen von Werdenberg-Sargans und der Gemeinden des Domleschg linker Rheinseite einen wagenbreiten, in Fels gesprengten Weg durch den innern Teil der Viamalaschlucht vom Hof Rongellen nach Zillis, wobei sie von den Clevnern und Misoxern unterstützt wurden. Dann bildeten sie eine Portgenossenschaft, wie solche gleich auch in Räzüns, Schams, Rheinwald, Misox und im San Giacomothal entstanden.
Die neue Strasse kam so immer mehr in Aufnahme. Einen vollständigen Sieg errang sie aber erst durch den Neubau (1818-1823). Seitdem kam der Septimer in Vergessenheit und Verfall. Der ganze transalpine Verkehr, so weit er überhaupt durch Graubünden ging, bewegte sich nun über Splügen und St. Bernhardin. Aber auch diese Strassen wurden durch die 1820-1830 gebaute St. Gotthardstrasse und dann durch die Gotthardbahn immer mehr in Schatten gestellt. 1880 gingen 18798 Reisende über den Splügen und 8023 über den St. Bernhardin, 1890 nur noch 10090 über den erstern und 3703 über den letztern.
Vor Eröffnung der Gotthardbahn betrug die Zahl der Reisenden über Splügen und Bernhardin jährlich 25000-30000 und darüber, nachher nur noch um 15000. Ein vollständiger Umschwung ist im Güterverkehr eingetreten. Nur wenige Posten, wie Kastanien und Mehl, sind sich vor und nach Eröffnung der Gotthardbahn annähernd gleich geblieben. Der Weintransport aus Italien aber fiel von etwa 14000 auf 7000 Zentner, die Seide gar sank von rund 10000 Zentnern auf O. Aehnlich hat die Ausfuhr schweizerischer Baumwollfabrikate über die zwei genannten Pässe, die früher 2000-4000 Zentner per Jahr betrug, gänzlich aufgehört. Diese und noch viele andere Dinge gehen nun alle durch den Gotthard. Eine Splügenbahn aber, so sehr ersehnt und umstritten, will noch immer nicht kommen.
Längs dem Splügenweg hat man verschiedene lateinische Inschriften entdeckt, so z. B. in Vô zwischen Cimaganda und Campodolcino. Die Strassenbrücke über den Pigneuerbach auf Schweizerseite trägt die Inschrift: Jam via patet hostibus et amicis. Cavete Räti! Simplicitas morum et unio servabunt avitam libertatem. Eine andere, aus 1838 stammende Inschrift unterhalb Pianazzo (auf der italienischen Seite) ist von der Kaufmannschaft von Chiavenna zu Ehren des Kaisers Ferdinand I. angebracht worden, der die Strasse nach den Hochwassern von 1834 zum Teil neu anlegen liess.
Bibliographie:
Bavier, S. Die Strassen der Schweiz. Zürich 1878. - Schulte, Aloys. Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien. Leipzig 1900. - Reinhard, R. Topographisch-histor. Studien über die Pässe und Strassen in den Walliser-, Tessiner- und Bündneralpen. Luzern 1901. - Gilli, G. Das Strassennetz des Kantons Graubünden (im Jahresbericht der naturforschenden Gesellschaft Graubündens). Chur 1898. - Die schweizerischen Alpenpässe; offizielles Posthandbuch. 2. Aufl. Bern 1893.
[Dr. Ed. Imhof].