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China erlebte im August die schlimmste Hitzewelle seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1961, dazu kam eine aussergewöhnliche Trockenheit. Immer wieder stiegen die Temperaturen auf über 40 Grad. Selbst der mächtige Fluss Jangtse war deutlich geschrumpft. Die Hitzewelle war so ausgeprägt, dass sie sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat.
Der Autor Matthew Bossons, der in Shanghai lebt, erzählt in der «New York Times» von einem Campingausflug in die Provinz Szechuan im südwestlichen China. Am Rand der Provinz, die an Tibet grenzt, gibt es klare Flüsse, die vom Hochgebirge ins fruchtbare Tiefland der Provinz fliessen. Normalerweise.
Ein Rinnsal statt rauschender Flüsse
In diesem Jahr seien die Flüsse nicht mehr als ein Rinnsal gewesen, berichtet er. Bossons und seine Familie, die sich auf einen kühlen Schwumm in den Badegruben freuten, wurden enttäuscht. Das Wasser reichte ihm gerade bis zu den Knien. Auch das romantische Campingfeuer fiel wegen der knochentrockenen Landschaft aus.
Menschen suchten Schutz in Weltkriegs-Bunkern, weil es so heiss war, berichtete die «Frankfurter Rundschau», U-Bahn-Stationen wurden zu Schutzräumen umfunktioniert, es gab Waldbrände. China überlegte sogar, Wolken durch Chemikalieneinsatz künstlich zum Abregnen zu bringen. Sehr bekannt wurde ein Bild, in dem ein Panda im Zoo von Guangzhou sich an einem Eisblock abkühlt.
Auf dem Weg in die tiefergelegene Provinzhauptstadt Chengdu traf Bossons auf geschlossene Geschäfte, vertrocknete Felder, gelöschte Lichter und Stromabschaltungen.
Eine 20-Millionen-Stadt sei praktisch unbewohnbar geworden, beschreibt er. Das Einkaufszentrum, in dem die Familie Schutz vor der Hitze suchte, erwies sich als heiss und stickig, weil die Klimaanlage abgestellt worden war. Die U-Bahn-Stationen fielen ins Dunkle. Nachts wurden Beleuchtungen abgestellt und Strassenlampen gedimmt. Wer konnte, floh in die nahen Berge – Bossons berichtet von Fahrzeugschlangen, die ihm entgegenkamen.
Im Rest des Landes sah es im August nicht viel besser aus. Die ungewöhnlich frühe, ausgeprägte Hitzewelle verwandelte Teile Chinas in einen Ofen. Insgesamt 14 Provinzen und Regionen erlebten ungewöhnliche starke Hitze und Trockenheit. Betroffen waren etwa Henan in Zentralchina und Guangzhou im Süden.
Die Chinesen haben eine Redewendung von den «Drei Öfen Chinas». Sie bezieht sich auf die drei Städte Chongqing, Nanjing und Wuhan, die man in den schwülen Sommern am besten meide. Doch im heissen Sommer 2022 habe sich halb China derart erhitzt.
In Teilen des Landes hätten Hühner weniger Eier gelegt oder seien gestorben. Schweine habe man mit Feuerwehrschläuchen bespritzt, um sie zu abkühlen. Die Menschen hätten mit Eimern und Seilen Lebensmittel in ihre Wohnungen gehievt, weil die Lifte wegen des Stromausfalls nicht funktionierten.
Trockenheit verursachte Strommangel im ganzen Land
Vor allem fielen die für China wichtigen Stauseen trocken. In normalen Zeiten produziert die Provinz 80 Prozent ihres Stroms mit Wasserkraft und exportiert so auch Strom. Die Produktion aus Wasserkraft in Szechuan hat sich laut der «Frankfurter Rundschau» im Juli und August halbiert. China musste wieder auf Kohle umsteigen, um die wichtigsten Bereiche mit Energie zu versorgen.
Selbst im 1700 Kilometer entfernten Shanghai gingen deshalb zeitweise die Lichter aus. Der Kohleverbrauch im Land erreichte Anfang August ein Rekordhoch von 8,5 Millionen Tonnen pro Tag, berichtet die «Wirtschaftswoche».
Grosser Schaden für die Wirtschaft befürchtet
Das hatte auch Einfluss auf den Westen: In Szechuan stehen Werke des Apple-Zulieferers Foxconn, der deutschen Unternehmen Bosch und Volkswagen und des Autoherstellers Toyota. In der Provinz werden dazu E-Autos und Solaranlagen gefertigt. Das chinesische Unternehmen CATL, das ein Drittel aller Batterien für Elektrofahrzeuge weltweit herstellt, musste den Betrieb einstellen.
Der Mangel wird nach Einschätzung mehrerer Medien sehr wahrscheinlich einen Domino-Effekt nach sich ziehen, der auch andere Bereiche betrifft, wie die Bauwirtschaft oder die Düngemittelproduktion für die ohnehin mitgenommene Landwirtschaft.
China produziert 30 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses – pro Kopf etwa halb so viel wie die USA und etwa gleich viel wie Deutschland. Das Land hat in der Einsparung von Treibhausgasen trotz Wachstum Fortschritte gemacht, wenn auch einige auf die harten Lockdowns zurückgehen könnten, die das Land in den letzten Jahren verhängt hat.
Die Klimakrise wird teurer werden als jeder Lockdown
Diese Lockdowns haben China bereits viel gekostet. Doch der Klimawandel wird deutlich teurer werden. Chinas Wirtschaft wird 2022 um etwa drei Prozent wachsen, 2,5 Prozentpunkte weniger als angestrebt, analysiert Rico Grimm in «Krautreporter». Die Hitzewelle fresse einen Anteil von mindestens 1,5 Prozentpunkten, zitiert das Redaktionsnetzwerk RND die Hang Seng Bank mit Sitz in Hongkong. 2021 gingen noch 0,5 Prozentpunkte auf Kosten von Hitze und des dadurch verursachten Strommangels.
Dazu gibt es Anzeichen, dass die Klimakrise China überproportional heftig trifft. Die Hitzewellen sind in den vergangenen Jahren sowohl länger wie auch heftiger geworden und betreffen einen immer grösseren Teil Chinas. 2021 litt China ausser unter Hitze auch unter Starkregen, der im Süden des Landes Überschwemmungen und Erdrutsche verursachte. Extreme Klimaereignisse bedrohen die Ernten, schädigen die Infrastruktur, verringern die in China ohnehin vergleichsweise niedrige Produktivität und sind eine Gesundheitsgefahr für viele Millionen Menschen.
Klima vs. Wirtschaft – und jetzt?
China erwägt laut Bossons, den Umbau auf klimafreundlichere Energiequellen zu bremsen, damit die Wirtschaft weiterläuft. Zurück in Shanghai stellte er fest, dass es auch im moderaten Klima der normalerweise kühleren Hafenstadt nicht angenehmer war als im Südwesten. Ihm und seiner Familie blieb wenig anderes übrig, als den Tag zuhause zu verbringen – bei voll aufgedrehter Klimaanlage.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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