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Einzelausstellung mit Irene Weingartner
Sam Scherrer Contemporary
Kuratiert: Susanne Sauter
Ausstellung vom 18.1.–9.1.2019
Irene Weingartner betreibt eine langjährige Recherche im Bereich der Zeichnung. Mittels einer von der Künstlerin erarbeiteten Methode hält sie relevante annahmen und Fragestellungen in form von Aufzeichnungen fest. Vergleichbar zu bildgebenden verfahren, wie sie in der Wissenschaft angewendet werden, sucht Irene Weingartner nach einer objektiven Darstellungsweise, die sich auf annahmen oder Fragestellungen konzentriert. Es entstehen flächige Strukturen und Muster, die sich je nach Gegenstand stark unterscheiden.
Irene Weingartner testet verschiedene Darstellungsweisen, welche das Zweimensionale überschreiten und in den Raum hinaus treten. So lässt sie sich nicht abhalten, ihre Recherchen auf einen Computertomographen auszuweiten und mit virtuellen Darstellungsmöglichkeiten zu experimentieren.
Katalogtext:
Aufzeichnungen in den Raum hinaus
Irene Weingartner betreibt eine langjährige vertiefte Recherche im Bereich der Zeichnung und hat im Feld ihrer Studien eine breite Sammlung angelegt. Mittels einer von der Künstlerin erarbeiteten Methode hält sie zu Themen, welche sie bewegen, Annahmen und Fragestellungen in Form von Aufzeichnungen fest. Im Vergleich zu Bildgebenden Verfahren wie sie in der Wissenschaft angewendet werden, sucht Irene Weingartner nach einer objektiven, entpersonalisierten Darstellungsweise, die sich auf gestellte Annahmen oder Fragestellungen konzentrieren. Subjektive Einflüsse durch eine vorgefasste Meinung oder durch Tagesstimmungen und Umwelteinflüsse versucht sie auszuschliessen, indem sie sich in ihrem Atelier einen Ort schafft, wo sie die nötige Ruhe und Abgeschiedenheit findet, um sich in eine fokussierte Konzentration zu versetzten. Sie setzt sich ausschliesslich mit dem zu untersuchenden Gegenstand auseinander und nutzt ihren Körper als Resonanzraum um Impulse zum Untersuchungsgegenstand zu erfassen und aufzuzeichnen. Es entsteht eine Spannung zwischen dem Gegenstand der Untersuchung und ihrer Person als denkendes und fühlendes Wesen. Diese Spannung versucht sie in der Aufzeichnung in Form von Anordnungen von Punkten und Strichen in variierender Dichte und Intensität darzustellen. Ihre Konzentration widerspiegelt sich in klaren und sicheren Strichen. Es entstehen flächige Strukturen und Muster, die sich je nach Gegenstand stark unterscheiden. Diese flächigen Aufzeichnungen erinnern an kartographische Aufzeichnungen oder an Texturen von wissenschaftlich aufgezeichneten Materialien oder Geweben. Sie zeigen Landschaften und Strukturen, sind aber für den Betrachter nicht deutbar.
Irene Weingartner testet verschiedene Darstellungsweisen, welche die zweidimensionale Darstellung überschreiten und in den Raum hinaus treten. So überlagert sie ihre Zeichnungen mit Transparentpapier, zeichnet Akzente nach, schneidet Leerräume aus und bildet eine dritte Dimension in der Aufzeichnung. Sie baut Modelle von den Aufzeichnungen ausgehend die den Raum oder Landschaften analysieren. Um diese Modelle über eine digitale Schnittstelle zu erfassen und weiter zu bearbeiten, arbeitet sie im Spital an einem Computertomographen und testet die Möglichkeiten der Datenaufzeichnung dieses Gerätes, die viel weiterreichen als die üblichen Darstellungsweisen, die zur Zeit in der Medizin angewendet werden.
Sie entwickelt ihre Arbeitsweise in einer kontinuierlichen Analogie zu Bildgebenden Verfahren, wie sie in der Wissenschaft angewendet werden und untersucht die Möglichkeiten dieser Verfahren und verweist spielerisch auf ihre Grenzen, indem sie sich als Künstlerin über die streng vorgeschriebenen Konventionen der empirischen Forschung hinwegsetzt. So interessiert sie sich für Hypothesen, die in ihrer vielschichtigen Komplexität in einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht analysiert und abgebildet werden könnten.
Die Betrachterin, der Betrachter ist konfrontiert mit einer nicht aufschlüsselbaren Studie, kann aber die Komplexität und Intensität der Auseinandersetzung nachvollziehen, beinahe nachempfinden.
Diese dezidierte (gewollte) Unlesbarkeit wirft erneut die Frage nach der Objektivität auf. In wie fern sind wir Menschen, auch als Wissenschaftler, in der Lage die Welt darzustellen, so wie sie ist? Welche Elemente werden dabei sichtbar und wie werden sie dargestellt? Alle Versuche, die getätigt werden, beinhalten willkürliche Entscheidungen, die von der zeichnenden Person als wichtig erachtet werden. Sie sind daher nicht mehr neutral, sondern sie verweisen auf eine empfundene Dringlichkeit. In der Betrachtung von Irene Weingartners Zeichnungen fehlt die Legende mit den Erklärungen der Zeichen. Wir können Prozesse, Verschiebungen, Rhythmisierungen und Intensität versuchen nachzuvollziehen und zu lokalisieren. Es gibt jedoch eine Unsicherheit die bleibt. Klar erscheint, dass eine Interpretierbarkeit nicht beabsichtigt wird, insofern eine gesamtheitliche Erfassung von Situationen individuell und nicht übertragbar ist. Sichtbar sind jedoch Prozesse und Strukturen der Wahrnehmung.
In der Ausstellung werden verschiedene Darstellungsweisen von Irene Weingartners Aufzeichnungen gezeigt. Die Übergänge und Bezüge von der Zeichnung über Ausschnittzeichnungen bis zu den virtuellen Abbildungen von Modellen aus dem Computertomographen werden aufschlussreich präsentiert.
Susanne Sauter
Der Galeriekatalog kann bei der Sam Scherrer Contemporary Galerie bezogen werden.