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Das Studium derGeisteswissenschaften ist spätestens seit der „Bologna-Reform“ bestimmt von der Jagd nach „Scheinen“; nach Leistungsnachweisen und Klausurnoten. Oft fehlt die Systematik, es gibt nur ein unsystematisches Hin- und Herlaufen durch und zwischen die Theorien der verschiedenen Denker. Studieren bedeutet oft ein verschultes, versnobtes und obendrein nutzloses Auswendiglernen dessen, was der jeweilige Dozent hören will.
Stimmt das Vorurteil der Nichtakademiker, an den Universitäten würde nur Unsinn geschwafelt?
Alan Sokal hat sich in seinem Buch „Eleganter Unsinn“ ausführlich mit Theorien diverser hoch angesehener Geisteswissenschaftler beschäftigt. Sokal kommt aus der Naturwissenschaft. Er legte einer amerikanischen Zeitschrift für Geisteswissenschaften einen parodistischen Artikel vor, in welchem er, angereichert durch viele Zitate von Geisteswissenschaftlern, die Existenz der Welt schlicht wegleugnete. Diese Kernthese seines Artikels, neben vielen noch unsinnigeren Stellen, verschaffte ihm nicht den gebührenden Spott und Hohn, im Gegenteil, man druckte den Artikel und spendete ihm großen Beifall!
Sokal, der den geisteswissenschaftlichen Missbrauch der Naturwissenschaften anprangert, wurde nach dem Geständnis, dass sein hoch gelobter Artikel nur eine Parodie war, von Geisteswissenschaftlern als konservativer Frauenfeind denunziert. Warum? Weil er die Auffassung vertritt, dass Wissenschaft auf Logik und Erfahrung fußen muss. Weil er das System der Wissenschaft als ausgezeichnet gegenüber religiösen Vorstellungen und Aberglauben, als Versuch die wahre Welt zu erfassen, ansieht. Weil er meint, dass Hydromechanik kein reines Frauenthema ist. Weil er glaubt, Wissenschaft dürfe nicht bedeuten, unverständliches und wirres Zeug zu schreiben und es dann als Stein der Weisen auszugeben.
Und die Studenten sind durch eine mindestens dreizehnjährige Schulausbildung gegangen und haben gelernt, dass Lernen bedeutet, all das nachzuplappern, was der Lehrer in der letzten Stunde von sich gegeben hat. Warum also sollte akademische Bildung anders sein?
Der Geisteswissenschaft in der BRD gehen drei Dinge ab:
- Ein logisches und verbindliches System, das sie eigentlich erst zur Wissenschaft machen würde.
- Der Anspruch an die Geisteswissenschaftler, selbstständig, selbst denkend und kritisch zu sein.
- Die gesellschaftliche Relevanz
Zu 1: Wissenschaft ist die Erfassung der Wirklichkeit mit logischen und empirischen Mitteln. Die philosophische Wissenschaftstheorie hat für die Naturwissenschaften ein einigermaßen funktionierendes Grundsatzmodell gebastelt, wenn auch die Details heiß diskutiert werden und es seit den 60ern viele Versuche gab, auch die Naturwissenschaften zu ent-rationalisieren. Eine naturwissenschaftliche Theorie sollte einfach und logisch konsistent sein und auf der Erfahrung fußen.
Auch wenn viel gestritten wird, was denn Einfachheit usf. sei, kann man doch in den Naturwissenschaften beobachten, wie mehr oder auch weniger geniale Einfälle und Theorien entworfen, durch Versuchsreihen überprüft und schließlich entweder verworfen oder in den Kanon der gültigen Theorien aufgenommen werden.
Insbesondere in der modernen Physik ist dieser Grundsatz in den letzten Jahrzehnten oft missachtet worden. Theorien wie die Urknalltheorie benötigen diverse „ad hoc“ Annahmen, um Widersprüche oder Lücken in den empirischen Daten zu kompensieren. Im Allgemeinen ist den Physikern das aber bewusst, sie arbeiten mit dem „Ist-Zustand“ unvollständiger und widersprüchlicher Theorien (die beiden wichtigsten physikalischen Theorien, Quantentheorie und Relativitätstheorie sind nicht nur beide 100 Jahre alt, sondern widersprechen sich auch. Die beide Theorien verbindende „einheitliche Feldtheorie“ ist bisher noch nicht entwickelt worden).
Wie sieht es mit der Geisteswissenschaft aus? Die Theorien sind oft übermäßig kompliziert bis unverständlich, als Stütze dienen endlose Zitat- und Fußnotendschungel und eine Überprüfung findet nur insofern statt, dass andere Geisteswissenschaftler sich, wenn die Theorie publik wird, mit ihr auseinandersetzen und ihren Senf dazugeben.
Nun kann man zu Recht einwerfen, wie es auch schon oft geschehen ist, man könne ja schlecht die gleichen Regeln für die Geisteswissenschaft fordern, wie für die Naturwissenschaft. Zum Beispiel kann man eine ethische Theorie nicht mit Erfahrung belegen, denn wenn auch Menschen allerorts zu allen Zeiten immer egoistisch und böse waren, kann der Ethiker ja doch verlangen, sie sollten aber gut sein. Das ist im Kern ganz richtig und es mag so sein, dass die Geisteswissenschaften nicht genau die gleichen Regeln benötigt wie die Naturwissenschaften.
Sie sollten nur zumindest irgendwelche Regeln haben.
Die jüngeren Stoßrichtungen und Theorien in nahezu allen Geisteswissenschaften zeigen, dass von „Wissenschaft“ im ursprünglichen Sinne eigentlich nicht mehr geredet werden kann. Jeder forscht irgendwie auf seinem Gebiet herum, kommt zu irgendwelchen Ergebnissen – oder auch nicht – und wenn er, zum Beispiel durch Promotion oder eine Stellung an der Universität, ein bisschen Einfluss und Popularität hat, wird man sein Werk vielleicht drucken. Wenn nicht, dann gibt er seine Ideen einfach direkt an die Studenten weiter.
Studenten wie Nichtakademiker glauben anscheinend in vielen Fällen, dass diejenigen Theorien, die sie nicht verstehen, die besten sein müssen. Der oben erwähnte Sokal hörte einmal von einem Mathematikstudenten im fünften Semester, dass eine Abhandlung von Deleuze, einem geisteswissenschaftlichen Autor, über mathematische Analysis, sehr gut sein müsse, da der Student sie nicht verstand. Diese Autoren gelten also über die Disziplinen hinaus als so intellektuell und grundlegend, dass Studenten eher an sich selbst zweifeln, denn an den vermeintlichen wissenschaftlichen Autoritäten.
Auch ein Philosophiestudent muss ja nicht mit „schweren Autoren“ wie Kant, Sartre und Heidegger beginnen, aber wenn er nach einigen Jahren Studium immer noch nichts mit der einen oder anderen Theorie anfangen kann, dann liegt es doch nicht an ihm, sondern an der Theorie, zumindest sofern er „Studium“ noch als das begreift, was es ursprünglich bedeutet (lat. studere – sich eifrig bemühen).
Zu 2: Niemand möchte von einem Geisteswissenschaftler etwas Neues hören, er soll nur das alte aufwärmen, umdrehen oder „dekonstruieren.“ Der Student der Geisteswissenschaft hat die Ansichten seiner Dozenten zu vertreten, die meist von den Theorien beladen sind, welche gerade „chic“ sind. Andersdenken führt zu Ausgrenzung, Beibehaltung dieses Denkens zu ökonomischer Entmachtung durch Ignoranz.
Akademische Bildung, ein Begriff, den man im Sinne Schillers, als Selbstbildung zum Zwecke der persönlichen Entfaltung, als Anleitung zum logischen und kritischen Denken ansehen kann, ist gegenwärtig in Deutschland nichts weiter als eine Ausbildung zur Unbildung.
Zu 3: In mehreren Bereichen ist die Geisteswissenschaft ohne jede Relevanz: Zum einen interessiert sich niemand mehr (außer die Geisteswissenschaftler selbst) für ihre Theorien, was vielleicht daran liegen könnte, dass ein unglaublicher Obskurantismus und Wille zur Unverständlichkeit die Ideale der philosophischen Aufklärung verdrängt hat.
Zum anderen kann die Geisteswissenschaft nicht, wie die Naturwissenschaften, Ergebnisse in Form technischer Errungenschaften präsentieren. Hier argumentiert der Geisteswissenschaftler gerne, Kultur sei ja Selbstzweck und an sich wichtig und die Technik habe der Menschheit ja auch nicht nur Segen beschert. Ganz richtig: Kultur ist ein Selbstwert, aber die Geisteswissenschaft, das Mittel zum Zweck Kultur, hat nur einen Sinn, wenn sie die Kultur befördert, statt ihr zu schaden oder sich in abgeschiedenen Fachkreisen mit ihr zu befassen.
Und zu guter Letzt gibt es auch keine Relevanz mehr für den Arbeitsmarkt. Als Geisteswissenschaftler wird man Dozent. Man bleibt an der Uni, oder man muss weitere Qualifikationen erwerben. So wird das wieder entdeckte Berufsfeld der Ethiker nicht mit Philosophen, sondern mit Wirtschaftswissenschaftlern, die sich auf Wirtschaftsethik spezialisiert haben, belegt, usw.
Gerade aus letzterem Grund forderten einige Konservative schon mehrmals die Eindämmung oder Abschaffung gewisser Bereiche der Geisteswissenschaften. In Hamburg zum Beispiel kann man Philosophie nur noch auf Lehramt studieren. Eine Abschaffung der Geisteswissenschaften würde wahrscheinlich zu (noch mehr) Konformität, kultureller Ignoranz und Verfall des Denkens führen und fast könnte man vermuten, genau das ist das Ziel gewisser Kreise, wenn sie die Forderung nach Abschaffung der Geisteswissenschaft stellen.
Aber: So lange die Geisteswissenschaft nicht aus sich heraus beweisen kann, dass sie diese Werte wieder befördern kann, statt ihnen zu schaden, dass sie Kultur fördernd, kritisch und logisch sein kann, so lange kann es nur eine Forderung geben, um den vielen jungen Menschen, die demnächst studieren wollen, eine echte Perspektive zu geben:
Die Geisteswissenschaft in ihrer heutigen Form muss abgeschafft werden.
Wenn junge Menschen, die ein akademisches Studium anstreben, nach Abschluss desselben zumindest gute Berufschancen haben, indem sie Naturwissenschaft, Wirtschaft, Recht oder Medizin studieren, statt nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte, wenn sie keinen der hart umkämpften Dozentenstellen finden, Taxi fahren oder Hartz IV empfangen müssen, dann scheint das ein erster Schritt in die richtige Richtung zu sein.
Die Geisteswissenschaft von heute ist ein trojanisches Pferd, das unter dem Deckmantel von Nonkonformismus, philosophischer Aufklärung und kritischem Denken ihre Absolventen zu ungeistigen Pedanten erzieht, die unter Kritik verstehen, sinnlose Neologismen aneinanderzureihen, unter Aufklärung, noch komplizierter als Kant selbst zu schreiben, unter Nonkonformismus, relativistischen, logikfeindlichen und unsinnigen Theorien blind anzuhängen.