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Kaum sind die Champagnerkorken nach der Wahl von Lausanne als Austragungsort der Olympischen Jugend-Winterspiele 2020 am Boden gelandet, bereiten sich Exponenten des Schweizer Sports bereits auf eine mögliche Kandidatur der Schweiz für die – viel grösseren – Olympischen Winterspiele 2026 vor.
Am 31. Juli 2015 wurde Lausanne in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur von den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komiteesexterner Link (IOC) zum Austragungsort der Olympischen Jugend-Winterspiele 2020externer Link gewählt. In der Waadtländer Stadt Lausanne am Genfersee sind das IOC und zahlreiche weitere internationale Sportverbände angesiedelt.
Auch wenn diese Spiele mit einem Budget von 37 Millionen Franken viel kleiner sind als die eigentlichen Olympischen Winterspiele, ist die Möglichkeit, die dritten Olympischen Jugend-Winterspiele auszurichten, für die Schweiz sehr bedeutend. Nicht weniger als 1200 Athletinnen und Athleten zwischen 15 und 18 Jahren werden zu diesem internationalen Multisport-Ereignis und Kulturfestival erwartet.
Es werden die ersten Olympischen Winterspiele in der Schweiz seit 1948 in St. Moritz sein. Frühere Versuche, die Spiele wieder einmal in die Schweiz zu holen, scheiterten alle an finanziellen und ökologischen Bedenken. Die letzte offizielle Kandidatur, Sitten (Sion) 2006, wurde von Turin geschlagen. Doch mit Lausanne 2020 als Trampolin für die Schweiz haben Sportfunktionäre nun erneut ein grösseres Ziel anvisiert: die Olympischen Winterspiele 2026.
Erster Schritt bereits getan
Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympicexterner Link, dem Dachverband des Schweizer Sports, ist überzeugt, dass der Sieg von Lausanne als Austragungsort eine neue Begeisterung für eine künftige Schweizer Kandidatur auslösen kann: "Ich betrachte die Olympischen Jugend-Winterspiele 2020 als einen ersten Schritt", sagte er in Kuala Lumpur.
Swiss Olympic, von wo aus künftige Kandidaturen eingeleitet werden müssen, untersucht diese Möglichkeit bereits. Schild hat kürzlich eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Ihr gehören Politiker und Funktionäre von Swiss Olympic, dem IOC, dem Bundesamt für Sportexterner Link, dem Kanton Wallis (Hauptstadt: Sion) und Vertreter der Tourismusbranche an. Vor Ende November sind drei Sitzungen geplant.
Unterdessen hat Christian Constantinexterner Link, Bauunternehmer und Präsident des Walliser Fussball-Clubs Sion, bereits einen Vorsprung auf die Gruppe herausgeholt. Er steht an der Spitze einer möglichen Kandidatur 2026, die durch den Kanton Wallis eingeleitet wurde. Im Dezember 2014 hat er ein Unternehmen gegründet, das die Frage klären und Swiss Olympic diesen Herbst einen Bericht präsentieren soll.
Beobachter sind der Meinung, das Timing für eine Schweizer Kandidatur sei nicht schlecht. In Asien werden Sommer- und Winterspiele in Pyeongchang, Südkorea (2018), Tokio (2020) und Peking (2022) durchgeführt, weshalb es möglich ist, dass die Winterspiele 2026 nach Europa vergeben werden.
Zudem sollte die Schweiz weniger Konkurrenz haben. Frankreich (Paris), Italien (Rom) und Deutschland (Hamburg) haben offiziell erklärt, für die Sommerspiele 2024 zu kandidieren. Es ist daher unwahrscheinlich, dass sie sich auch für die Winterspiele interessieren. Doch die Zeit ist knapp: Eine Schweizer Kandidatur für die Wahl im Jahr 2019 müsste 2017 abgeschlossen sein.
Einfacher und preiswerter
Als Teil des Vorschlags für die Jugend-Winterspiele plant Lausanne, einige Skiwettkämpfe in der französischen Nachbarschaft durchzuführen. Damit nimmt die Veranstalterin die neue Agenda 2020 des IOC auf, die Kandidaten dazu ermutigt, flexiblere und preiswertere Strategien vorzuschlagen. Dazu gehören etwa tiefere Organisationskosten oder die Nutzung bereits bestehender Anlagen.
Momentan sagen Funktionäre, die eine Schweizer Kandidatur 2026 unterstützen, es sei noch zu früh zu sagen, ob sie mit Nachbarländern zusammenspannen wollen oder eine reine Schweizer Kandidatur verfolgen. Gregory Saudan, Projektmanager bei Constantins Initiative, erklärte, ihr Projekt werde zwar vom Kanton Wallis angeführt, aber auch bereits existierende Infrastruktur in anderen Teilen der Schweiz werde mit einbezogen – in den Kantonen Waadt, Bern und Graubünden.
Olympische Jugendspiele
Die Spiele finden alle vier Jahre statt. Austragungen der Jugend-Winterspiele wurden an Innsbruck (2012) und Lillehammer (2016) vergeben, die Jugend-Sommerspiele an Singapur (2010), Nanjing (2014) und Buenos Aires (2018).
Die Olympischen Jugendspieleexterner Link wurden 1998 ins Leben gerufen. Hauptgründe waren die wachsende weltweite Besorgnis über Fettleibigkeit bei Kindern und abnehmende Zahlen von Jugendlichen bei Sportaktivitäten, besonders in Industrieländern.
Die Olympischen Jugend-Winterspiele sind eine internationale Grossveranstaltung und ein Kulturfest für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Die Austragung in Lausanne verfügt über ein Budget von 37 Mio. Fr., wovon zwei Drittel von der Eidgenossenschaft übernommen werden. Erwartet werden 1200 junge Athletinnen und Athleten mit ihren Familien.
Die Wettbewerbe, sieben Sportarten der regulären Winterspiele, werden aufgeteilt zwischen Lausanne (Eislauf und Eishockey), den Waadtländer Alpen (Ski Alpin und Snowboard) und dem Vallée de Joux im Jura (Ski Nordisch). Die Skiakrobaten werden sich auf der anderen Seite der Landesgrenze im französischen Les Tuffes messen.Infobox Ende
"Wir arbeiten mit dem Kanton Wallis und setzen Anlagen ausserhalb des Kantons ein, um die Agenda 2020 einzuhalten. Wir werden keine Bobbahn oder Sprungschanze im Kanton bauen, weil anderswo bereits solche existieren. Und wir werden nicht mehr Eissporthallen aufstellen, als nötig sind. Wir könnten die neue Halle in Lausanne benützen. Sie ist nur eine Stunde von Sitten entfernt und wird 10'000 Zuschauer fassen", so Saudan.
Jean-Loup Chappeletexterner Link, Professor am Hochschulinstitut für öffentliche Verwaltung (IDHEAP) in Lausanne und ehemaliger Exekutivdirektor der gescheiterten Kandidatur Sion 2006, betont, gegenwärtig gebe es viele Ideen: "Doch es ist nicht nur eine Frage eines guten Projekts und guter Anlagen. Die Bevölkerung muss hinter einer Kandidatur stehen, und das ist der schwierige Teil."
Basis-Opposition
Damit steht eine nächste Schweizer Kandidatur vor einer grossen Herausforderung: So war die jüngste Kandidatur von St. Moritz-Davos für die Winterspiele 2022 an der lokalen Opposition gescheitert, hauptsächlich wegen finanzieller Bedenken.
Am 31. Juli wurde nicht nur Lausanne 2020 gekürt, auch die regulären Winterspiele 2022 wurden vergeben, wobei Peking seinen einzigen Konkurrenten Almaty, Kasachstan, schlug. Die beiden Städte waren die letzten Bewerber in einem Wettbewerb, der von Rückzügen geprägt war.
Öffentliche Opposition gegenüber olympischem Gigantismus und finanzielle Bedenken hatten die europäischen Kandidaten einen nach dem anderen aus dem Rennen geworfen. Nachdem St. Moritz-Davos und München nach Abstimmungsniederlagen ihre Kandidaturen zurückgezogen hatten, scheiterten Stockholm, Krakau, Lemberg und Oslo wegen fehlender lokaler Unterstützung.
Martin Müllerexterner Link, Professor an der Universität Zürich und Spezialist für Grossveranstaltungen, glaubt, die Hürden in der Schweiz für Grossanlässe seien recht hoch. "Die Bündner Bevölkerung sagte Nein zur Kandidatur St. Moritz-Davos 2022, und ich denke, eine Kandidatur 2026 in der Schweiz hat schlechte Karten – ausser die IOC-Agenda-2020 schafft es, die Bedingungen für Austragungsorte in kritischen Gebieten zu senken, und das IOC gibt klare Signale, dass ein Gebot mit mehreren Austragungsorten willkommen ist", sagt er. "Ich denke, der Kanton Wallis ist der wahrscheinlichste Kandidat, doch sogar dort würde eine Abstimmung knapp ausgehen."
Auch Chappelet ist skeptisch, ob die Schweizer Öffentlichkeit bereit ist, Olympische Winterspiele zu veranstalten. "2006 waren 80 Prozent der Bevölkerung für die Spiele in Sitten. Doch momentan schätze ich die Unterstützung für eine Olympiakandidatur auf unter 50 Prozent", sagt er. "Heute hinterfragt man solche Mega-Veranstaltungen. Enthusiasmus kann aufgebaut werden. Es ist eine Frage von Kommunikation, Information und Transparenz. Doch es wird noch eine Generation dauern, um die Winterspiele zurückzubringen."
Die Schweiz und die Winterspiele
Die Olympischen Winterspiele fanden zwei Mal in St. Moritz statt: 1928 und 1948.
In den letzten Jahren scheiterten mehrere Schweizer Kandidaturen. Die grösste Niederlage betraf die Kampagne für Sitten (Sion), die Walliser Kantonshauptstadt, die den Kampf um die Winterspiele 2006 gegen Turin verlor.
Andere Projekte in Graubünden, Bern, Zürich, Lausanne und Genf scheiterten an lokaler Opposition oder weil ihnen das Schweizer Olympische Komitee die Unterstützung verweigerte.Infobox Ende
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)