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Vorwiegend Männer programmieren Apps und künstliche Intelligenzen wie Siri. Frauen und ihre Bedürfnisse würden ignoriert, sagt eine Forscherin. Eine junge Informatikerin aus Zürich kämpft dagegen an.
«Siri kann dir sagen, wo du Kondome kaufen kannst, weiss aber nicht, was Tampons sind», sagt Isabelle Collet. Sie forscht seit 20 Jahren zu Gender-Fragen in der Informatik an der Universität Genf. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Frauenfragen schreibt Collet, dass die digitale Welt die Lebensbereiche der Frauen ausser Acht lasse, teils diskriminiere. «Der Grund: Männer entwickeln unsere digitale Infrastruktur», sagt Collet gegenüber watson.
Das zeigt sich, wenn man die Chef-Etagen der grossen Tech-Firmen anschaut. Facebook, Google, Apple, Amazon, Microsoft werden von Männern angeführt.
Dass die Tech-Domäne eine männliche ist, wirkt sich auf die Tools aus, die wir täglich nutzen. Sprachassistentinnen wie Siri, Alexa oder Cortana würden zahlreiche Geschlechter-Vorurteile enthalten, sagt Collet. «Wir sind es gewohnt, den Stimmen junger Frauen Befehle zu erteilen, die bereit sind, rund um die Uhr auf unsere Anfragen zu antworten», so die Informatik-Professorin.
Das ist nicht der einzige Makel. «Kürzlich erhielten wir eine Sprachdatenbank, um KIs zu schulen. Es waren alles Männerstimmen», sagt Collet. Die meisten Spracherkennungssoftwares würden Frauenstimmen weniger gut erkennen, weil sie es schlicht nicht gelernt hätten.
Der Sexismus zeigt sich nicht nur in der Sprache, sondern auch beim Aussehen. «Alle Avatare sind schön, dünn und weiss, um die Kundenbeziehung ‹angenehmer› zu gestalten», so Collet.
Nicht nur Collet findet den «Digital Gender Gap» problematisch. Die UNESCO hielt in ihrer Studie fest, dass momentan festgeschrieben werde, wie Frauen auf Befehle von Männern zu reagieren hätten. Ihren Titel «I'd blush if I could» – ich würde erröten, wenn ich könnte – erhielt die Studie, weil Siri mit diesem Satz reagiert, wenn man zu ihr sagt: «Hey Siri, you're a bitch!»
Die UNESCO schlägt mehrere Wege vor, um der momentanen Entwicklung entgegenzuwirken. Einer davon ist die Ausbildung, Rekrutierung und Förderung von Frauen, damit sie Führungspositionen übernehmen können. Insbesondere in den technischen Teams, in denen neue Technologien geschmiedet werden, sei das wichtig.
Eine, die es wissen will, ist Tanja Neuenschwander. Die Zürcherin studiert Wirtschafts-Informatik und will Karriere machen. «Ich würde gerne in einer Führungsposition arbeiten, Teamleitung zum Beispiel. Ich will Leute befähigen, ihre Ziele zu erreichen.» Vor zwei Jahren hat sie ihren Bachelor in Informatik an der Hochschule Luzern abgeschlossen. Die 26-Jährige war eine von vier Frauen in diesem Studiengang.
Trotz Widerstand entschied sie sich für den Informatik-Beruf. Vor über zehn Jahren, als sie nach einer Lehrstelle suchte, rieten ihre Lehrer zu sozialen, kommunikativen Berufen. «Die Informatik-Lehre war gar keine Option. Als Frau passt man in die Pflege oder ins KV, das war die Denkweise.»
Neuenschwander entschied sich trotzdem für die Informatik. «Ich passe gut in die IT-Schiene», sagt die Masterstudentin. Sie sei von Natur aus ein analytischer Mensch und scheue sich nicht vor der Männerdomäne. In ihren Augen muss das Stigma um die Informatik als Männerberuf verschwinden, damit sich mehr Frauen getrauen einzusteigen. «Man ist selten mit Absicht sexistisch. Die meisten wissen es nicht besser, deshalb braucht es Frauen, die bei der Digitalisierung mitreden.»
Informatik ist bei Schulabgängerinnen immer noch unbeliebt, wie eine aktuelle Analyse der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich zeigt. Unter den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, schneidet Informatik am schlechtesten ab. Gerade mal 3,7 Prozent aller Studentinnen, die im Jahr ein Bachelorstudium begannen, entschieden sich für Informatik, heisst es.
«Stereotypen und Vorurteile über Informatik werden früh an Schülerinnen herangetragen», sagt Studienautor Justus Bernet. Da es viele Ursachen für das geringe Interesse an Informatik gebe, seien wirksame Fördermassnahmen schwierig. Einen Lichtblick sieht Bernet für das Schuljahr 2022/23: Dann nämlich soll Informatik für alle Gymnasiastinnen und Gymnasiasten obligatorisch werden.