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Einzelteile
von Cedric Weidmann
Patricia war 22 Jahre alt, hatte eine Grossmutter aus Argentinien, die ihr monatlich Briefe über Themen schrieb, die Personen ihrer Altersklasse im Weitesten nichts anging, und würde heute Nachmittag in ihre Einzelteile zerlegt werden.
Aber alles hat seine Ordnung.
Ich beginne im Folgenden damit, dass ich zuerst darlege, weshalb uns diese Geschichte speziell etwas angeht, werde damit fortfahren, die Person genauer abzulichten und versuche, im weiteren Verlauf der Ausführungen, die Einzelheiten des Ereignissen so zu schildern, wie es zum tragenden Verständnis nötig ist.
Hintergrund.
Patricia war jene Frau, die immer aus den Lautsprechern der SBB erschall, wenn eine Station im Zug angekündigt wurde. Sie war damit neben Johannes, jenem Typen, der die Verspätungen an den Bahnhöfen ausrief, die wichtigste Stimme der Schweizer Öffentlichkeit.
Zur Person.
Patricias Aussehen war weder erwähnenswert noch unerheblich.
Patricias Hobbies beschränkten sich auf die Dinge, die alle anderen Menschen auch taten. Vereinfacht kann man es sich so vorstellen, dass sie das am Liebsten tat, was am Liebsten zu tun am Naheliegensten wäre, plus einem Hobby, das man von einer Person wie ihr nicht erwarten würde.
Patricias Beziehungsstatus hatte sie bei Facebook seit viereinhalb Jahren unterdrückt und das würde sie nicht ändern.
Patricia war ein entscheidungsträger Mensch, der viel Schokolade ass und ein wohlklingendes Gähnen hatte.
Das Ereignis.
I) Die Vorgeschichte.
Ihre Grossmutter hatte in ihren ausufernden Briefen wieder von Dingen geschrieben, die sowohl inhaltlich wie auch orthografisch gleichermassen spektakulär waren. Das lag daran, dass die Grossmutter auch schon etwas älter geworden war, und sich ihre Handschrift, die es dem Verstand gleich tat, dem Sterben hingegeben hatte.
In ihren letzten Briefen hatte sich die Schreibe ihrer Grossmutter allerdings mit beträchlicher Geschwindigkeit verändert und aus den langen Ausschweifungen waren knappe Botschaften geworden, die Patricia nicht mehr richtig zu verstehen vermochte.
Vor zwei Wochen hatte sie einen Brief erhalten, in der die Grossmutter schrieb, sie solle doch unbedingt ein Loch in ihren hübschen Garten graben, sie täte das auch und zwar erfolgreich. Für welchen Zweck erfolgreich wollte sie nicht erläutern und mit Ausnahme der normalen Höflichkeiten waren keine weiteren Hinweise angefügt.
Fünf Tage darauf folgte ein Schreiben, das in energischer Schrift und mit farbenfrohen Adjektiven vom Verbrennen erzählte, obwohl es eher ein Philosophieren war, dem Patricia nicht wirklich folgen konnte. Aber natürlich antwortete sie brav auf die Briefe, denn sie hatte einmal als Kind damit angefangen und war seither von ihrem Gewissen an Ketten gelegt worden. Sie schrieb, bemüht den Ton ihrer Grossmutter zu kopieren, dass im physikalischen Prozess des Brennens das Verbrennen als ein Pseudoziel fungierte. Genauer hatte sie ihre eigenen Thesen auch nicht verstanden.
Vor einer Woche kam ein Brief, der in kaltem Ton zeigen liess, dass ihre Antwort der Grossmutter nicht zum Gefallen gewesen sein konnte, und beschwor, dass Patricia sich wieder ihren Wurzeln zuwenden soll. Der exakte Wortlaut war: „Vielleicht wäre es besser, du würdest wieder dahin zurückkehren, wo du hergekommen bist.“ Damit endete die Nachricht.
Natürlich nahm das Patricia mit Bestürzung auf, aber beruhigte sich mit dem, wenn wir ehrlich sein wollen, kaum beunruhigenden Gedanken, dass ihre Grossmutter den Verstand verloren haben musste.
II) Die essenziellen Ereignisse.
Seither war kein Schreiben mehr eingetroffen.
Patricia tat an diesem Vormittag einige Dinge, die nicht nennenswert waren, und noch einige andere, von denen ich jetzt nicht erzählen will.
Hätte sie zum diesem Zeitpunkt bereits gewusst, dass sie an diesem Nachmittag in ihre Einzelteile zerlegt würde, hätte sie womöglich genauer ihren Körper betrachtet und gesehen, dass diesen Morgen ihr Körper mit gestrichelten Linien überzogen war. Eine umfasste die ungefähren Konturen der Milz, eine andere den Schienbeinmuskel, sogar um die Augen und die Nasen hatte sie diese feinen Striche, doch sie war heute nicht bei der Sache und es war ihr nicht aufgefallen.
Nach dem Mittagessen begab sie sich nach draussen, um etwas zu lesen.
Dies tat sie ungestört zwei Stunden lang, bis ihr ein Keuchen auffiel, das hinter ihr erklang. Sie sah nach hinten und sah ihre Grossmutter. Sie schaufelte ein Loch.
III) Das Zerlegen.
Emotionale Regungen und detailreiche Einzelheiten sind unwichtig, deshalb kann ich zusammenfassend sagen, dass die Grossmutter Patricia ihren Linien entlang ausschnitt und die einzelnen Körperteile in das gegrabene Loch legte, das sie mit Benzin übergoss und anzündete.
IV) Die nachfolgenden Ereignisse.
Die Leiche Patricias konnte wegen der Verstümmelungen nicht identifziert werden, aber es war aufgrund sehr eindeutiger Hinweise davon auszugehen, dass sie es war.
Das Loch war extrem fruchtbar und bald wuchsen Blumen darauf, die allerdings von den nächsten Bewohnern des Hauses mit grosser Vehemenz jede Woche geschnitten wurden.
Es konnte festgestellt werden, dass die Grossmutter mit einem ungültigen Visum eingereist war. Dies entdeckte ein Zugschaffner im Zug nach St. Gallen, von wo aus die Grossmutter eine Velotour machen wollte, allerdings erst sieben Minuten nachdem das Herz der alten Frau ausgesetzt hatte. Der arme Mann rief ganz verstört die Polizei, war bleich und hörte sein eigenes Pochen durch den ganzen Kopf hallen, so dass er der Stimme kaum Beachtung schenkte, die von der Decke kam und sprach: „St. Gallen. Endbahnhof. Wir bitten Sie alle auszusteigen und verabschieden uns von Ihnen.“