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Polit. Gem. ZG, im Westteil des voralpinen Ägeritals am Ägerisee gelegen, bestehend aus dem gleichnamigen Dorf, der Mitte des 19. Jh. entstandenen Strassensiedlung Neuägeri (teils auch zu Baar und Menzingen gehörig) sowie zahlreichen Einzelhöfen. Um 1293 Villa in Agire, 1425 Wil Egre, 1667 Under Egeri. 1660 625 Einw.; 1798 906; 1836 1'459; 1850 2'243; 1900 2'593; 1950 3'340; 2000 7'179. Einzelfunde aus der Jungsteinzeit geben Hinweise auf menschl. Präsenz; eine vorma. Besiedlung ist unsicher. Bis 1798 bildete U. mit Oberägeri die Gem. Ägeri, war aber schon im SpätMA eine eigenständige, im habsburg. Hofrecht aus dem frühen 15. Jh. erwähnte Genossenschaft. Deren weitläufige Allmenden bildeten die Grundlage für eine bedeutende Vieh- und Waldwirtschaft. Die ab dem frühen 19. Jh. immer wieder aufbrechenden Nutzungskonflikte, zuerst v.a. zwischen Viehbauern und Güterlosen, danach um die Verteilung der Allmend, löste die Korporation erst 1886 durch einen Kompromiss. Das offene Land wurde zu dauerhaftem Besitz verteilt, blieb aber im Eigentum der Korporation. Diese prägt durch die Abgabe von Allmendland zu Bauzwecken seit den 1830er Jahren die Siedlungsentwicklung.
Die Gem. U. entstand in mehreren Schritten aus der Allmendkorporation. 1714 trennte sich U. auf Betreiben des Geistlichen Bernhard Fliegauf von der alten Talpfarrei Ägeri. 1717-25 liess U. anstelle der Kapelle die barocke Pfarrkirche St. Maria bauen. 1798 machte sich der untere Gemeindeteil von Ägeri auch politisch selbstständig. 1848 wurde die Korporation aus der polit. Gemeinde ausgegliedert.
Im 19. Jh. entwickelten sich die vormals gleichförmigen Talgemeinden U. und Oberägeri unterschiedlich. Bei der schon im Hofrecht erw. Mühle am Talausgang ging 1836 eine Spinnerei in Betrieb, welche die Wasserkraft der Lorze nutzte. Deren Hauptinitiator war Wolfgang Henggeler. 1846 folgte flussabwärts eine zweite, von Meinrad Henggeler gegr. Spinnerei. In ihrem Umkreis entstand innert weniger Jahre die Fabriksiedlung Neuägeri, die ihren frühindustriellen Charakter bewahrte und deshalb 2000 ins Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz aufgenommen wurde.
Die Fabriken veränderten die Sozial-, Wirtschafts- und Siedlungsstruktur nachhaltig. Die Einwohnerzahl nahm zwischen 1836 und 1850 besonders durch Zuwanderung aus anderen Kantonen um mehr als die Hälfte zu. 1850 arbeitete fast ein Drittel der Erwerbstätigen in den Fabriken. 1857-60 wurde die monumentale zweite Pfarrkirche Hl. Familie von Ferdinand Stadler errichtet. Im späten 19. Jh. stagnierte die Bevölkerungszahl, da keine weiteren Fabriken gebaut wurden und U. abseits der modernen Verkehrsinfrastruktur lag.
Die vorwiegend von Zürcher Verlegern kontrollierte Heimindustrie war bis ins 20. Jh. bedeutend. Sie begann im späten 17. Jh. als Wollspinnerei und beschäftigte 1850, nun als Seidenweberei, ein Fünftel der Erwerbstätigen, zur Hauptsache Frauen. Der Niedergang der Heimindustrie wurde durch die in den 1880er Jahren beginnende und v.a. vom Dorfarzt Josef Hürlimann forcierte Entwicklung zum Kurort kompensiert. U. machte sich zwar durch seine Kinderheime und das Lungensanatorium Adelheid (heute Rehabilitationsklinik) einen Namen, etablierte sich aber nicht als bedeutender Fremdenort. In der Zeit um 1900 begann der Ausbau wesentl. Infrastrukturen, so 1889 und 1897 der Elektrizitäts- und Wasserversorgung, 1898 des Telefons, 1904 der Autobusverbindung und 1913 der Strassenbahn nach Zug. Nach dem 2. Weltkrieg setzte wegen der verbesserten Verkehrserschliessung und der attraktiven Wohnlage eine starke Zuwanderung ein. Der Anteil der erwerbstätigen Wegpendler stieg 1960-2000 von 24 auf 61%. Verbunden mit diesem Wachstum war eine beträchtl. Ausdehnung des Siedlungsgebiets, die erst seit 1975 auf einer Ortsplanung basiert, nachdem eine erste Vorlage 1959 knapp gescheitert war. Die Wirtschaft ist vorwiegend lokal und regional ausgerichtet, da sich in U. anders als in den Talgemeinden des Kantons keine grossen internat. Firmen niederliessen. Die Schliessung der Spinnerei 1979 akzentuierte den relativen Rückgang des gewerbl.-industriellen Sektors, der 1955 über die Hälfte, 2008 nur noch ein Viertel der Arbeitsplätze in der Gem. stellte.
Literatur
– Ägerital - seine Gesch., 2 Bde., 2003
Autorin/Autor: Renato Morosoli