Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/480

Das Kunsthaus Baselland zeigt erstmals in der Schweiz in zwei monografischen Ausstellungen die jüngsten Werke der beiden Künstler Pietro Sanguineti (*1965 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Berlin) und Franck Scurti (*1965 in Lyon, lebt und arbeitet in Paris), die sich bisher weder persönlich, noch über ihre Arbeiten kannten.
Während in anderen Ausstellungen der Dialog zweier Positionen im Vordergrund stand, handelt es sich bei dieser um die gewollte Gegenüberstellung zweier getrennter Positionen, die trotz ihrer Unterschiede zumindest zwei gemeinsame Ebenen aufweisen: a) den Bezug zum realen Raum des Alltages und b) konzeptuelle Referenzen an die Errungenschaften des Künstlers Marcel Broodthaers.
Die komplexen Wechselbeziehungen der Kommunikationssysteme verbaler Sprache, semantische Zeichen und mimetische Bild-Referenzen sind Ausgangsbasis für die Werke des Künstlers Pietro Sanguineti.
Digitale Filme bilden seit 1995 einen zentralen Kern seiner Arbeiten, den er in verschiedensten Medien, wie Videos, Leuchtkästen, Skulpturen oder Installationen weiterentwickelt. Potenzielle bildhafte Qualitäten des Linguistischen verortet der Künstler beispielsweise in skulpturalen Leuchtbildern: EGO, (now), LOST oder Off/Soon können sowohl als minimale Sinneinheiten wie auch als Fragmente grösserer Sinnzusammenhänge gelesen werden. In Schriftskulpturen überprüft er das Zusammenwirken von Begriffen und die formale und materielle Umsetzung ihrer skulpturalen Versinnbildlichung: In den Arbeiten help! oder double werden beispielsweise zusätzliche Konnotationen durch die Form der Buchstaben, ihre Farbe, ihre Typographie und ihre plastische Umsetzung generiert.
Weitere komplexe Reflexionen bringt Sanguineti in Werken wie Private Property zum Ausdruck, in welchem sich nicht nur die Bedeutungsebenen von Sprache, Bild und Objekthaftem, sondern auch jene des realen Raumes mischen. Basierend auf Broodthaers Beitrag zur documenta V, bei dem Schrifttafeln mit der Bezeichnung «Privateigentum», «Private Property» und «Propriété Privée» in den Boden eingelassen und mittels Kordel vom Umraum getrennt wurden, verknüpft Sanguinetis Pflanzen/Film-Installation zweierlei: Erstens den virtuellen Raum, der in einer telemediatisierten Gesellschaft zum Privatbesitz wird und zweitens das Scheitern der institutionskritischen Avantgarde. Der von der Semantik des Pflanzenarrangements herbeizitierte Kontext von Büroräumen korreliert mit fiktiven filmischen Ausschnitten über die visuell-sprachliche Selbstinszenierung von Grosskonzernen. Die Pflanzengrenze hält ebenso wie die Kordel bei Broodthaers Installation den Betrachter auf einer kalkulierbaren Distanz und thematisiert, wie dies Renate Wiehager hervorhebt, das Scheitern so mancher institutionskritischen Positionen, welche letztlich eine mühelose In-Besitznahme der eben durch sie kritisierten Institutionen zulassen. Der Künstler wird in der Ausstellung neun Arbeiten der letzten beiden Jahre zeigen, zwei davon in Koproduktion mit Markus Schneider. Während Sanguineti auf die sprachliche Ebene von Bildern, auf semantische Eigenschaften von Sprache und die Überführung virtueller «Sprachbilder» in die Realität zurückgreift, thematisiert Scurti die bildhaften Qualitäten des Alltagslebens, die er wie ein Flaneur in ihren visuellen Mehrdeutigkeiten erfasst.
Text von Sabine Schaschl