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Nächster Halt – Kalifornien, Zürichsee, Genfersee
Die Geschichte der Country-Szene Schweiz wurde, wie wir wissen, immer wieder auch von hochkarätigen Country-Musiker*innen geprägt, die im Ausland geboren und aufgewachsen sind, schliesslich über tausend Umwege im kleinen Paradies Switzerland landeten und hier ein neues Leben begannen. Der Idealfall einer fruchtbaren Imigration, eine Win-win-Situation! Einer dieser Glücksfälle ist US-Amerikaner, lebt seit 30 Jahren in der Schweiz – zuerst am Zürichsee, nun aber schon lange in Montreux am Lac Leman – und er heisst Tony Lewis.
Heute kennen wir ihn als ausgezeichneten Country-Sänger und Songwriter. Begonnen hatte Tonys Reise jedoch als genereller Musikfan und als Multiinstrumentalist in Kalifornien, wo er seine Kindheit verbrachte. Blues, Country, Folk, Soul und natürlich Rock ’n’ Roll inspirierten ihn, und mit sieben Jahren bereits setzte er sich ans elterliche Klavier, um seine eigenen Melodien zu klimpern. Die Sommerferien verbrachte er in Nordkalifornien bei seinen Grosseltern, die dann allerdings ziemlich ausschliesslich Country und Folk hörten – und ihm zu Weihnachten auch prompt eine Platte der Righteous Brothers schenkten: „You’ve Lost That Lovin’ Feelin’“. Mit elf Jahren entdeckte er die Gitarre und brachte sich autodidaktisch verschiedene Instrumente bei; den Bass zum Beispiel, den er 1970 zusammen mit ein paar Kumpels in einer allerersten Garagenrockband zupfte, die sich Primo nannte.
1975, als junger Mann, ging’s auf Reisen nach Europa – wo das Schicksal Tony Lewis in die richtige Bahn warf, auf dass aus ihm ein Musiker wurde: Auf einer Rucksackreise wurde er in Italien beraubt; im wahrsten Sinne des Wortes blieb Tony nur mit dem sprichwörtlichen Hemd auf dem Leibe im Strassengraben, schlug sich bis zur Schweizer Grenze durch, borgte sich eine Gitarre und erhielt in Zermatt prompt sein allererstes professionelles Engagement. Der bescheidene Anfang eines Lebens „on the road“ also, welches ihm später Auftritte in 30 verschiedenen Ländern auf vier verschiedenen Kontinenten bescherte und ihn dazu brachte, fünf Sprachen fliessend zu lernen. Auf seinen Reisen durch die USA, Europa, Lateinamerika, den Südpazifik und die Karibik sammelte Lewis genau jene Erfahrungen, die gute Musiker*innen auszeichnen: Von edlen Nightclubs in Hawaii bis zu den Konzerthallen der Kolonialzeit in staubigen Provinzen Argentiniens, von abgelegenen Skigebieten in Neuseeland bis zu den besten Aufnahmestudios in Paris, überall verdiente Tony seine Sporen und merkte, dass allein die Liebe zur Musik und die Magie des Augenblicks zählen.
1991 kam Tony Lewis erneut in die Schweiz – und blieb für immer. Es war die Zeit des grossen europäischen Country-Aufbruchs mit unzähligen Festivals auch in der Schweiz. Tonys authentisches Auftreten, gepaart mit seinem grossen Talent, machte ihn hierzulande schnell zum Geheimtipp. 1993 gründete er seine eigene Liveband The Shooters und ging ins ARTAG Studio in Zürich, um das Debütalbum „Wanted Man“ aufzunehmen. Die Platte ging unter dem Künstlernamen „Tequila Tony“ an den Start, und sie zeigte auf wunderbare Weise, was ein zusammengewürfelter Haufen der besten Schweizer-Musiker damals bereits fertigbrachte: Weltklasse-Country-Musik! Waren ja auch nicht irgendwelche Musiker, sondern keine Geringeren als Jens Krüger (Akustik- und E-Gitarre, Banjo, Mandoline, Fiddle), Helmut Schöni selig (Pedal-Steel, Dobro), Peter Keiser (Bass), Walter Keiser (Schlagzeug, Perkussion), Gino Todesco (Keyboards), Sabine Van Baaren (Backgroundgesang), Joel Landsberg (Bass), Egon Eggemann (Fiddle), Robert Weber (Keyboards), Pitsch & Rohri (Backgroundgesang). Eine Truppe, die auch in jedem Tonstudio in Nashville eine gute Figur gemacht hätte.
Das Debütalbum war ein vielversprechender Startschuss; zwei Jahre später, 1995, wollte Tony dann doch mit eigenen Ohren prüfen, ob die in Nashville nicht noch mehr draufhatten. Er reiste in die Country-Welthauptstadt und spielte dort sein zweites Album „Another Country“ ein; mit von der Partie einige der besten Cracks aus dem Nashville-Studiokuchen , als Produzent der legendäre Mike Chapman (der Mann hinter Garth Brooks) und als Special Guests zwei Stars für je ein Duett: Stella Parton und Carol Chase. Hoppla! Und …? Ein fantastisches Album, keine Frage. Anders als der helvetische Erstling, aber für meine Ohren deshalb nicht automatisch besser. Doch das hört jeder anders; Tony Lewis auf jeden Fall hatte Lust, drei Jahre später gleich nochmals ein Album in Nashville einzuspielen mit derselben Crew, „Dancin’ On The Edge“, wiederum eine hervorragende Platte. Lewis war inzwischen auch zu einem regelrechten Hardworking Man auf der Bühne geworden, reiste pausenlos und spielte auf europäischen Country-Festivalbühnen – in der Schweiz natürlich, aber ebenso in Italien, Österreich, Spanien, Norwegen, Schweden und Frankreich, wo ihn 1998 als Haupt-Act beim gigantischen Open-Air-Festival in Mirande 30.000 Fans bejubelten. Ein Jahr später erschien „Portrait“, ein Anthologie-Album mit unveröffentlichtem Material, und 2001 schliesslich das in der Schweiz produzierte Album „Naked“, ein intimes und akustisches Solowerk mit einem weiten Blick über den Tellerrand hinaus und in die aufkommende „Americana“-Szene hinein. Dann, kurz nach der Veröffentlichung, dunkle Wolken: Der tragische Verlust von drei Bandmitgliedern und der Tod seines Vaters raubten ihm jede Kraft, weiter aufzutreten; Tony unterbrach seine Karriere und versuchte, auf einem kleinen Weingut in New Mexico die traurigen Ereignisse zu verarbeiten.
Zum Glück kam die Lebenskraft zurück. Tony Lewis reiste wieder in die Schweiz und gründete eine neue Band: Tuff Love mit Barbara Wildberger (Fiddle), Giampiero Colombo (Gitarre), Doug Campbell (Bass), Lorenzo Trottmann (Pedal-Steel, Klavier) und Christof Hochuli (Drums). Nach einem Besuch des Montreux Jazz Festivals verliebte er sich in den märchenhaften Ort am Genfersee; seither lebt er dort in einer Wohnung am Hang mit traumhafter Aussicht. Ein Klavier sowie ein gutes Dutzend Gitarren im Wohnzimmer, und die Songideen kommen von allein. Darüber hinaus noch die Nähe zu Frankreich, wo sein nächstes und diesmal wiederum in Nashville produziertes Album 2010 auch tatsächlich ein Hit wurde: „HeartLine“, ein speziell für Linedance-Fans und zusammen mit der kanadischen Choreografin Guylaine Bourdages realisiertes Projekt mit CD und DVD. Trotz hervorragender internationaler Kritik schlug dieses Album in der Schweiz nicht so recht ein – rätselhaft, wo hier doch immer Linedance-Musik gewünscht wird.
Heute ist es um ihn etwas stiller geworden; Tony hat einen traumhaften Job im legendären Château de Chillon gefunden, einer Touristenattraktion wenige Kilometer von Montreux entfernt, wie gemacht für das multitalentierte Sprachentalent. Dennoch bleibt er der Musik treu, spielt in Clubs und auf renommierten Festivalbühnen. Seine Auftritte sind rarer geworden, doch sie sind gefüllt mit Humor und Herz; auf grosse Shownummern folgen magische Momente, Tony allein mit seiner Gitarre auf der Bühne, so, wie Country-Musik ursprünglich war. Natürlich schreibt der sympathische Künstler auch weiterhin Songs mit Einflüssen verschiedenster uramerikanischer Stilrichtungen wie Americana, Blues, Rock, R&B, sogar Jazz. Vielleicht, wenn die Sterne gut stehen, schenkt er uns sogar mal wieder eine neue Platte, auch wenn, ich weiss, physische Tonträger natürlich am Aussterben sind. Auf jeden Fall danken wir Tony ganz herzlich für seinen unschätzbaren Beitrag zur Schweizer Country-Musik und wünschen ihm für die Zukunft all the best.