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Über den konsequenten Einbezug einer Genderperspektive
Hundert Prozent Beteiligung
Die Beteiligung aller Frauen und Männer aller Schichten ist eine Grundvoraussetzung für die Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Mit dem Konzept der hundertprozentigen Beteiligung ist Gram Vikas in Orissa, Indien, in der Förderung einer gleichberechtigten Entwicklung neue Wege gegangen.
Es ist dunkel geworden, wir sind mit dem Auto unterwegs auf dem Weg zu Gram Vikas, einer indischen Entwicklungsorganisation im ländlichen Orissa. Wie wir um eine Kurve kommen, sehen wir plötzlich im Scheinwerferlicht, am Strassenrand aufgereiht, die nackten Hintern von Frauen, die hier ihre Notdurft verrichten. Mit dem Sari versuchen sie beschämt ihr Gesicht zu verdecken. Eine alltägliche Szene…
In 70 Prozent der Dörfer Indiens und in über 95 Prozent der Dörfer Orissas gibt es keine Toiletten, und Millionen von Mädchen und Frauen müssen bis zum Einbruch der Dunkelheit warten, ehe sie sich erleichtern können Für Männer gilt diese Regel nicht. Trotz des Ausmasses des Problems und damit einhergehender Krankheiten wird das Bedürfnis nach einem «privaten örtchen» in der Entwicklungszusammenarbeit kaum als Problem erkannt.
Eine 1991 von Gram Vikas durchgeführte Studie zu den Ursachen der Armut im ländlichen Orissa identifizierte als wichtigste verursachende Faktoren sehr hohe Morbidität und Mortalität und in der Folge geringe Produktivität und zunehmende Verschuldung. über 80 Prozent der Krankheits- und Todesfälle können auf Krankheiten zurückgeführt werden, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden: Durchfall, Ruhr, Krätze, Magen-Darm-Katarrh, Gelbsucht, Typhus und zunehmend Malaria.
Gram Vikas sah im Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen unmittelbaren Handlungsbedarf und entwickelte das Rural Health and Environment Program (RHEP). Auf Dorfebene wird ein Wasserversorgungssystem mit sanitärer Infrastruktur entwickelt, wobei jedes einzelne Haus aus dem zentralen Wassertank mit fliessendem Wasser und einer Toilette versorgt wird. Ein solches System kann jedoch nur nachhaltig funktionieren, wenn alle Familien im Dorfe mitmachen. Das zentrale Prinzip ist daher die hundertprozentige Beteiligung: Alle erwachsenen Frauen und Männer aus allen Kasten und sozialen Gruppen nehmen teil, jede Familie baut eine Toilette mit Bad und erhält eine individuelle Wasserleitung. Zu den weiteren Prinzipien gehören die finanzielle Beteiligung aller am Stammkapital (Corpus Fund), die Teilung der Kosten (Beitrag der DorfbewohnerInnen: 30 bis 40 Prozent der Gesamtkosten), Stärkung der dörflichen Institutionen zur Umsetzung des Projekts und zum Management der Dienstleistungen und die Partizipation der Frauen.
Das überraschende Engagement der Frauen
Der erste Schritt – das gesamte Dorf zu motivieren, einzubeziehen und Konsens zu schaffen – ist auch der schwierigste. Gross sind die Unterschiede in indischen Dörfern zwischen Klassen und Kasten und die traditionellen Grenzen sehr rigide. Für die ersten fünf Dörfer der Pilotphase dauerte der Prozess der Mobilisierung der ganzen Dorfgemeinschaft fünf Jahre. Die meisten Mitarbeiter von Gram Vikas sind Männer, und so war es selbstverständlich, dass diese die Männer des Dorfes kontaktierten und mit ihnen verhandelten. Dieses Vorgehen wurde nicht hinterfragt. Frauen galten als «nicht ansprechbar» wegen gesellschaftlicher Tabus oder wurden nicht beigezogen, da «sie dazu nichts zu sagen hätten». Sie nahmen auch kaum an den Versammlungen teil.
Doch zur grossen überraschung der meist männlichen MitarbeiterInnen von Gram Vikas zeigte sich, dass jene Dörfer am ehesten und erfolgreichsten mitmachten, wo die Frauen aktiv wurden. Denn die Frauen sind sehr am erleichterten Zugang zu sauberem Wasser und an Toiletten interessiert. Frauen sind fürs Wassertragen verantwortlich, was oftmals lange Distanzen mit schwerer Last bedeutet. Wie bereits erwähnt ist die Vorschrift für Frauen und Mädchen, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten und den Stuhl zurückzuhalten, für sie eine physische und psychische Pein. Hinzu kommen Probleme der Hygiene, insbesondere bei der Menstruation oder nach der Geburt, für viele Frauen mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.
Die frauenspezifischen Bedürfnisse, insbesondere betreffend intimer Fragen im Zusammenhang mit dem weiblichen Körper und Sexualität, wurden nicht wahrgenommen oder in den privaten Bereich abgedrängt. Erst viel später wurde Gram Vikas darauf aufmerksam, wie viele Frauen an «Frauenkrankheiten» leiden und wie gross die Scham ist, darüber zu reden. Das Bedürfnis von Frauen nach der Abgeschlossenheit einer Toilette oder eines Badezimmers wurde kaum je verbalisiert und von Gram Vikas vorerst unbeabsichtigt aufgegriffen. Die Anknüpfung an praktischen Gender-Bedürfnissen erwies sich als wichtiger Motor für die aktive Teilnahme von Frauen an den Entwicklungsprozessen und letztlich auch für das Gelingen des Programms.
Empowerment der Frauen
Um Frauen vermehrt anzusprechen und in den gemeinsamen Prozess einzubeziehen bildete GV separate Frauen-Spar- und Kreditgruppen mit 10 bis 15 Frauen, die monatlich einen bestimmten Betrag sparten. Im Rahmen dieser Gruppen lernten Frauen neue Fähigkeiten und überschritten traditionelle Grenzen, wenn sie etwa selbst auf die Bank oder Regierungsämter gingen. In diesen separaten Gruppen waren Frauen unter sich. Die Gruppen boten ihnen einen Ort, wo sie auch sehr private Dinge diskutierten, einschliesslich ihrer Gesundheit, gynäkologischen Problemen, Kinderpflege und Hygiene etc. Diese separaten Frauengruppen waren wichtig, um Frauen individuell und sozial zu stärken (ökonomisches und soziales Empowerment). Erst dadurch fanden sie auch einen Platz und eine Stimme in den gemischten Versammlungen und Entscheidungsprozessen.
Gleichzeitig musste der Dialog mit den Männern zum Thema Einbezug der Frauen kontinuierlich fortgesetzt werden. Der Einbezug der Frauen war wichtig aus Effektivitätsgründen, der Erfolg war letztlich davon abhängig, dass Männer und Frauen sich beteiligten. Die Vorgabe der hundertprozentigen Beteiligung wurde von der Dorfgemeinschaft nur zögerlich und z.T. auch widerwillig befolgt, stiess jedoch kaum auf offenen Widerstand. Man war sich eher unbehaglich und fügte sich letztlich darin. Das Ziel des Projekts war die Schaffung gemeinschaftlich verwalteter Wasserversorgungsysteme und sanitärer Anlagen mit individuellem Anschluss, wovon alle profitieren würden (win-win). In der Schaffung von «uncontested domains» – Bereichen, wo Männer keine direkten Interessenskonflikte mit Frauen haben, sieht Jayapadma, Programmkoordinatorin bei Gram Vikas, einen Grund für den relativ reibungslosen Einbezug der Frauen auf Dorfebene.
Veränderungen
RHEP ist heute sehr erfolgreich und wurde 2001 mit dem «Most Innovative Projekt Award» des Global Development Networks der Weltbank geehrt. Das Modell funktioniert in über hundert Dörfern, wobei etwa 8000 Familien (etwa 40 000 Menschen) involviert sind, und es weitet sich stetig aus. Frauen spielen eine wichtige Rolle bei der «Werbung» für RHEP: So versuchen Frauen, die den Segen von fliessendem Wasser und Toiletten im Nachbardorf gesehen haben, ihre Männer zu überzeugen, oder junge Mädchen möchten nur in ein RHEP-Dorf heiraten.
RHEP hat wirkungsvolle Veränderungsprozesse und Energien in Richtung gleichberechtigter Entwicklung von Frauen und Männern ausgelöst. Strukturen und Bereiche wurden auf Programmebene geschaffen, die die gleichberechtigte Partizipation der Frauen und Männern begünstigten und die neue Bereiche für Frauen eröffneten, jedoch ohne den Einflussbereich der Männer zu schmälern. Heute wird die wesentliche Rolle der Frauen für das Gelingen des Programms von allen anerkannt und die Frauen haben im Prozess an Selbstvertrauen, Können und Respekt gewonnen.
Doch ganz gleichberechtigt ist die Beteiligung der Frauen noch nicht. Nach wie vor «übersehen» Projektmitarbeiter immer wieder die Frauen und ihre Bedürfnisse und reden allein mit den Männern. Frauen übernehmen eher dienende Funktionen und Routineaufgaben wie Putzen, Unterhalt der Einrichtungen oder Einsammeln der Beiträge, während Aufgaben, die mit Verfügungsmacht verbunden sind wie die Verwaltung des Corpus Fund, fest in den Händen der Männer bleibt – in Anlehnung an die der traditionellen Rollenmuster. Der Einbezug der Frauen in Entscheidungsprozesse ist meist auf RHEP beschränkt: «Gram Vikas sagt dass wir Frauen einbeziehen müssen, um Entscheide zu machen, doch dies gilt nur für RHEP», erklärte ein Vertreter des Dorfkomitees. Soziale Probleme werden nicht oder nur zögerlich angegangen: zum Beispiel frühe Heirat, Gewalt in der Ehe, ungleicher Lohn, Eigentumsrechte für Frauen, etc. Obgleich Frauen zum Familieneinkommen beitragen, bleibt die Kontrolle beim männlichen Familienoberhaupt.
Für den konsequenten Einbezug einer Genderperspektive braucht es mehr als quantitative Vorgaben. Es braucht vor allem Sensitivität, Offenheit und das Bewusstsein, dass Frauen und Männer gleichwertig sind und gleiches leisten können. Eine der Schwächen des Programms ist mangelndes Genderbewusstsein bei den ProjektmitarbeiterInnen. In vielen Fällen wird die Beteiligung von Männern und Frauen und Frauengruppen im Dorfkomitee oder an den Versammlungen pro forma durchgeführt. Wie in den Dörfern beschränken die Mitarbeiter das Empowerment der Frauen auf das Projekt, ohne die eigenen Rollenbilder zu hinterfragen.
Der Genderprozess
Um wirksam und nachhaltig zu sein, muss eine Gender- und Frauenperspektive und die zugrunde liegenden Werte tief ins Wertesystem, ins Denken, in die Praktiken und Strukturen einer Organisation verankert werden. Gender muss in den Hauptelementen einer Organisation institutionalisiert werden, in Politik, Strategie, Strukturen, Prozesse, Kultur, Personalentwicklung, in Programmen und Projekten.
Gram Vikas hat im Herbst 2000 einem Genderprozess initiiert und hat sich weiterentwickelt. Eine zentrale Grundlage für einen konsequenteren Einbezug einer Genderperspektive bildeten die «Gender Learning Events», an denen die MitarbeiterInnen die eigenen Rollenbilder reflektierten und deren Auswirkungen auf die Projektaktivitäten diskutierten. Gerade die Mitarbeiter, die engen Kontakt zur Dorfbevölkerung haben, kommen aus der indischen Mittelschicht mit sehr traditionellen Hindu-Werten und Normen der strikten Unterordnung der Frauen. In den «Learning Events» begannen sie sich, Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter zu öffnen, einem Grundsatz, der in der indischen Verfassung seit 1947 verankert ist.
Wichtige Meilensteile im Prozess bildeten die Entwicklung und Verabschiedung einer Genderpolitik, der bewusste Einbezug von Frauen und Männern in die Planungs- und Evaluationsprozesse auf verschiedenen Ebenen und wiederholte Gender Learning Events auch zu methodischen Ansätzen und zur Entwicklung von Posters und Liedern zum Thema. Mit diesen Anlässen kann der Genderdialog lebendig erhalten werden. «Jetzt werfen an den Sitzungen auch die männlichen Mitarbeiter Fragen zu Gender auf», beobachtete Jayapadma, der früher als einziger Frau im oberen Kader diese Aufgabe zugeschrieben worden war. «Vorher hatten wir Programme, welche Frauen einbezogen, aber es gab keinen Fokus auf Gender und keine Gendersensibilisierung. Wir hatten einen eher zufälligen Ansatz. Heute ist das anders, schau nur meine neuen Posters an», und stolz zeigte mir Subrath eines seiner selbst gezeichneten Posters, auf denen Frauen und Männer gleichberechtigt teilnehmen und mit denen er Diskussionen in den Dörfern initiiert.
*Helena Zweifel, Ethnologin, Co-Geschäftsführerin von Medicus Mundi Schweiz (<email-pii>). Von Oktober 2000 bis Juni 2001 begleitete sie im Auftrag der DEZA den Genderprozess bei Gram Vikas, einer indischen Basisorganisation, die primär mit der Urbevölkerung und anderen benachteiligten Gruppen im ländlichen Orissa arbeitet (www.gramvikas.org).