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Noch einmal zieht Gary Hamilton kräftig an seiner E-Zigarette. Dann beginnt er mit dem Warmlaufen. 20 Minuten bleiben noch zu spielen und sein Team braucht ein Tor, um wenigstens einen Punkt zu retten.
Hamilton war einst ein gefürchteter Torjäger und erzielte für den FC Portadown vor 13 Jahren einmal sechs Tore in einem Spiel. 2011 ist Hamilton dann Spielertrainer beim FC Glenavon geworden und mit seinen 37 Jahren noch immer für Teileinsätze bereit. Was ihn aber nicht davon abhält, auch vor dem Spiel beim «Fünf gegen zwei» zwischendurch die E-Zigarette aus der Hosentasche seines Trainingsanzugs zu fischen und zu paffen.
«Ham» ist eine Kapazität in Lurgan. Einer Stadt mit 23'000 Einwohnern, eine halbe Autostunde von Belfast entfernt und Heimat des FC Glenavon. Von hier aus ist Hamilton einst als 17-Jähriger zu den Blackburn Rovers aufgebrochen, schaffte den Durchbruch in England aber nicht und kehrte nach Nordirland zurück, wo seine Spielerkarriere nun definitiv in jene des Trainers übergeht.
Gegen Coleraine kann er an diesem saukalten Nachmittag dann aber doch auf einen Einsatz verzichten. Sammy Clingan trifft für Glenavon zwölf Minuten vor Schluss mit einem Foulpenalty zum 2:2 und verwandelt den kleinen Mourneview Park in einen Hexenkessel. «Heute hat jeder von uns die Bestnote verdient», sagt ein stolzer Hamilton nach dem Spiel. Dieses ist wegen des grossen Zuschauerandrangs mit einer Viertelstunde Verspätung angepfiffen worden.
Wie in der Super League mit Basel gegen YB spielt an diesem Wochenende auch in Nordirlands Danske Bank Premiership der Erste gegen den Zweiten. Mit dem FC Coleraine aus dem Norden reist der ungeschlagene Tabellenführer an, um seinen Achtpunktevorsprung auf Glenavon auszubauen.
Zwei Stunden vor dem Anpfiff deutet nichts auf ein solches Ereignis hin. Das Kleinstadion mit einem liebevoll gepflegten Rasenteppich, drei gedeckten Tribünen und einer Kapazität von 5000 Plätzen, aber ohne Anzeigetafel liegt mitten in einem Wohnquartier und wirkt in diesem Moment gottverlassen.
Dann endlich rollt der Bus des FC Coleraine an. Die lokalen Spieler kommen in ihren Privatautos. Die Fans wissen, wie rar Parkplätze sind, und jene, die ihr Auto beim Stadion haben wollen, sind nun auch da, bleiben aber noch eine Weile in ihrem warmen Gefährt hocken.
Allmählich belebt sich das Ganze. Im winzigen Fanshop stehen sich die Supporter auf die Füsse und im Stadionpub fliesst das Bier nun in Strömen. Auffallend viele Anhänger des FC Glenavon tragen eine blaue Daunenjacke mit Klublogo. Ihr Verein, der den letzten seiner drei Meistertitel vor 57 Jahren gefeiert hat, spielt bisher eine überraschend gute Saison.
Als das Spiel beginnt, ist die Haupttribüne bis auf den letzten Platz besetzt und auf der Gegenseite haben sich 500 Fans des FC Coleraine eingefunden. Normalerweise erscheinen hier nur gut 1000 Zuschauer zu den Spielen, jetzt sind es mehr als doppelt so viele. Sie kommen in den Genuss einer mitreissenden Partie. Geboten von Amateuren, die allesamt einem normalen Job nachgehen, für die der Fussball ein Hobby und ein Zusatzverdienst ist.
So steht denn auch kein einziger Akteur auf dem Platz, der in Trainer Michael O’Neills Nordirland-Aufgebot gegen die Schweiz figuriert. In diesem befindet sich mit dem 40-jährigen Goalie Roy Carroll von Meister und Rekordchampion FC Linfield lediglich einer, der in Nordirlands Liga engagiert ist.
Diese wird von zwölf Mannschaften bestritten, die zuerst eine Dreifachrunde austragen. Danach spielen die ersten sechs mit vollem Punktekonto um den Titel, die letzten sechs gegen den Abstieg. Es ist ein Format, das zuletzt im Rahmen der Modusdiskussionen auch in der Swiss Football League überprüft, aber abgelehnt worden ist.
Das Spielniveau in Lurgan ist auch technisch ganz ansprechend. Es gibt nicht nur Kick and Rush. Bloss die Torhüter scheinen nicht zu wissen, dass sie den Ball auch auswerfen dürfen. Sie hauen die Kugel immer möglichst weit weg.
Früh gehen die Gäste aus Coleraine in Führung, und weil Glenavon nach einem Platzverweis wegen einer Notbremse schon nach einer Viertelstunde in Unterzahl spielt, scheint das Heimteam früh auf der Verliererstrasse zu sein. Doch die Platzherren halten dagegen, wollen etwas zeigen, wenn schon mal so viele Leute da sind. Sie gleichen aus, geraten kurz nach der Pause jedoch erneut in Rückstand.
Hamiltons Mannschaft wirft alles nach vorne, und weil der Goalie der Gäste einen seiner Stürmer über den Haufen rennt, kann Glenavon ausgleichen. Die Spieler beider Teams rennen sich die Lunge aus dem Leib, doch es bleibt beim 2:2, und am Ende eines Nachmittags, als der Mourneview Park längst im Dunkeln liegt, sagt Hamilton: «Es ist ungewöhnlich, was meine Boys heute geleistet haben.»