Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03540.jsonl.gz/1315

Ich wurde in eine Familie von Aussenseitern geboren.
Als ich drei Jahre alt war, zogen meine Eltern in einen kleinen Ort, der sich etwa 12 km südwestlich von Bonn, der damaligen Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland befindet.
Das beschauliche Voreifel-Dörfchen ist auf der einen Seite begrenzt durch einen Forst, auf der anderen durch einen plätschernden Bach, hat in der Mitte eine alte Kirche und, wie viele Dörfer in dieser Gegend, eine eigene Burg mit einem Baron und einer Baroness.
Kurz gesagt, ein perfekter Ort für Bauern, Pferde, Kühe, Dackel, Katzen und für Regierungsbeamte und Universitätsprofessoren, die nichts anderes wünschten, als einen friedlichen und übersehbaren Lebensstil für ihre Familien mit Kindern. Und dann tauchten meine Eltern auf und sie waren wahrscheinlich die ersten, die diese harmonische Idylle ein wenig durcheinanderbrachten.
In den Augen vieler Alteingesessener, war bei unserer Familie nichts wie es sein sollte.
Die Tatsache dass mein Vater katholisch und meine Mutter protestantisch, beide aus der Kirche ausgetreten waren, dass der Vorgarten nicht durch einen sauber geschnittener Rasen geziert war, sondern, eher einem Dschungel ähnlich, sämtlichen Kreaturen der Strasse Unterschlupf bot, dass unser Auto, ein Dritthand-VW-Käfer voller Dellen und Kratzer war und dass meine Eltern eine Improvisations-Theaterschule für Kinder gründeten, wohlmöglich, um die Dorfjugend zu politisieren, all dies nährte die Klatschküche, brachte aber auch Anerkennung. Sie wurden nur selten offen konfrontiert und genossen darum ihre Aussenseiterposition.
Ich bin in den 70er Jahren aufgewachsen. Meine Eltern waren durch die 68iger Bewegung beeinflusst. Neben alternativer Bildung und Umweltschutz war die Gleichberechtigung von Frauen eines der Ziele, für die meine Eltern und ihre Freunde eintraten. Für mich war meine Mutter ein interessantes Vorbild.
Ohne zielgerichtetes, politisches Kalkül, war sie Stolperstein für all diejenigen, die sich zu häuslich in ihren Konventionen eingerichtet hatten.
Sie meldete sich zu Wort, wann immer ihr etwas einfiel, sie verwirrte die feine Gesellschaft mit kritischen Fragen und manchmal sehr ausgefallenen Ideen, sie traf ihre eigenen Entscheidungen und nahm die daraus entstandenen Konsequenzen mit positiver Neugierde hin.
So entschied sie sich im Alter von 23 Jahren gegen die Ehe mit einem hochrangigen Offizier und damit auch gegen ein Leben mit voraussehbarer Zukunft, in der Sicherheit der Hamburger Elite. Stattdessen „flüchtete“ sie für einige Jahre in die Türkei, wo sie islamische Kunst in Ankara studierte. Für ihr Studium musste sie, als Mann verkleidet, durch Ostanatolien reisen, um Moscheen zu vermessen.
Von meiner Mutter lernte ich, wie man „Nein“ sagt und, wenn es einem wichtig wird, nicht nachgibt. Und mein Vater, ein Musiker, der sich mit Philosophie und Politik auseinandersetzte und gegen Kriegseinsätze protestierte, sowie mein älterer Bruder, der schon sehr jung Künstler war, lernte ich, dass das Leben viel lebenswerter ist, wenn man nicht versucht, allen gefallen zu müssen.
Meiner Meinung nach ist genau das die Art der Förderung, die wir brauchen, um Kinder, besonders Mädchen in einer immer noch männerdominierten Gesellschaft auf ein selbstbestimmtes Leben vorzubereiten.
Im Rückblick begreife ich, dass ich meine positive Einstellung zur „Blindheit als Vorteil“ nur entwickeln konnte, weil ich schon früh erlebt habe, wie sehr wir uns glücklich schätzen konnten, nicht unbedingt dazu gehören zu müssen.
Der Begriff „Marginalisierung“ hat in der Regel eine negative Konnotation. Aber ich erlebte Marginalisierung als „Wundertüte“.
Und ja, es gibt Zeiten in der Kindheit, in denen man sich danach sehnt, „normal“, „unsichtbar“, „einer von vielen“ zu sein. Aber im Alter von etwa neun Jahren wurde ich mit der Tatsache konfrontiert, dass nichts in meinem Leben normal sein wird. Durch mehrere Vorfälle erkannte ich, dass ich langsam, aber stetig mein Augenlicht verlieren und völlig blind werden würde.
In solchen Momenten gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann sich verstecken, in Selbstmitleid ertrinken, aufgeben und jammern. Oder man kann die neue Realität akzeptieren und nach alternativen Möglichkeiten Ausschau halten.
Als ich mein Selbstvertrauen zurückgewonnen hatte und erkannte, dass ein Leben im „Abseits“ ein riesiges Abenteuer sein könnte, nahm ich das Schicksal am Zügel und bewarb mich an einer ganz besonderen Internatsschule, eine Schule zur Förderung von „Aussenseitern“.
Nun ja, offiziell, war sie ein Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte. Aber das pädagogische Ziel dieser Schule war nicht, uns mit Hauruck in den „Mainstream“ einzupassen.
Wir hatten Lehrer, die uns unverblümt die Realität vor Augen hielten. „Ihr seid blind und damit gehört ihr nicht zur Norm. Seht es als Vorteil und macht was daraus!“
Viele dieser Lehrer waren kritische Denker, sie waren kreativ und insgesamt furchtlos, während sie uns dazu brachten, unsere eigenen Möglichkeiten auszutesten.
Neben anspruchsvollen interdisziplinären Unterrichtseinheiten in Sprachen, Kunst, Philosophie und Wissenschaft konzentrierten sie sich auf Abenteuersportarten wie Reiten, Trampolinspringen, Skifahren, Windsurfen und Wildwasserkajakfahren.
Sich vor Herausforderungen zu scheuen, war ein „No-Go“. Typische Gespräche zwischen uns und ihnen liefen ungefähr so ab:
„Das kann ich nicht.“ – „Versuchs einfach!“ – „Ach ja, Sie haben gut reden, sie wissen ja gar nicht, wie schwierig es ist, nicht sehen zu können.“
Aber immer wenn wir in den Mitleidsmodus fielen und versuchten, Blindheit als Ausrede zu benutzen, um nicht an bestimmten Aktivitäten teilnehmen zu müssen, lachten die Lehrer uns aus und meinten mit einem nicht zu überhörenden ironischen Unterton: „Klar, Ihr seid schon ganz schön arm dran. Wenn Ihr dann aber ausgejammert habt, kommt und probiert es doch einfach mal aus!“
Es ging ihnen nicht darum, dass wir etwas perfekt, oder genauso wie Sehende ausführten, wir sollten Grundtechniken beherrschen und das Lernen erlernen, dann würde uns die Welt offenstehen.
Diese Schule, in der wir ermutigt wurden, alles auszuprobieren, stand in einem scharfen Kontrast zur deutschen Gesellschaft, in der man als Blinder auch mit guter Ausbildung entmutigt wurde, um ja nicht auszubrechen und vorgezeichnete Wege zu verlassen. Damals wurden blinde und sehbehinderte Gymnasiasten auf ein Minimum von möglichen Berufszweigen und Studienfächern reduziert: Jura, Psychologie und Pädagogik.
Ich aber wollte etwas anderes versuchen. Ich wollte raus aus Deutschland und Abenteuer erleben und so beschloss ich, zur Vorbereitung auf meine spätere „Auswanderung“, zentralasiatische Wissenschaften mit Tibetologie als Hauptfach zu studieren. Um Notizen zu machen, entwickelte ich eine tibetische Brailleschrift und als mir bewusst wurde, dass eine solche Brailleschrift auf dem tibetischen Hochplateau noch nicht existierte, reiste ich 1997 selbst nach Lhasa, um die Möglichkeiten für die Einrichtung einer tibetischen Blindenschule auszukundschaften. In Lhasa lernte ich meinen heutigen Lebensgefährten, den niederländischen Ingenieur Paul Kronenberg kennen. Nur ein Jahr später kehrten wir gemeinsam nach Tibet zurück, um unser Traumprojekt zu starten.
Die Blindenschule, die wir damals starteten, war eine Kombination aus der Theaterschule meiner Kindheit – später auch Kreativitätsschule genannt – und der Marburger Internatsschule, die mich sehr geprägt hat.
Mit unserer ersten Gruppe von Schülern erlebte ich ähnliche Diskussionen wie die in meinem Gymnasium:
Gyendsen, ein hochintelligenter, aber auch traumatisierter Junge – er wurde in seinem Dorf von Kindern und Erwachsenen diskriminiert – äusserte, er wolle nie wieder irgendetwas mit Sehenden zu tun haben.
Unser Konzept war, die Schüler so zu fördern, dass sie sich nach zweijähriger Vorbereitungszeit in eine Regelschule integrieren konnten. Für das Pilotprojekt hatten wir Gyendsen und drei weitere blinde Mädchen ausgewählt. Eine geeignete Schule hatten wir bereits gefunden. Doch Gyendsens Skepsis sollte unsere Pläne fast über den Haufen werfen. Aber dann ermutigte Bungzo, ein 11-jähriges Mädchen mit frecher Schnauze, den Jungen, das Abenteuer Regelschule anzugehen: „Komm, Gyendsen! Was gibt es denn zu verlieren, wenn dich sowieso niemand mag?“
Ich wollte mich schon einmischen, denn das war mir im ersten Moment doch etwas zu rüde. Aber dann wurde mir bewusst, dass Bungzo meine Lebenserfahrungen auf den Punkt brachte: Wie viel entspannter lebt es sich, wenn man außerhalb des Zwangs steht und es nicht nötig hat, sich anpassen oder gefallen zu müssen. So können wir ausprobieren und werden zu Abenteurern. Schliesslich haben wir nichts zu verlieren.
Aussenseiter zu sein, kann auch als Privileg verstanden werden. Die Tatsache, dass wir aus konventioneller Sicht „nicht normal“ sind, bringt uns in die gute Lage, gehört zu werden. Ob man uns nun ernst nimmt oder nicht, Fakt ist, dass man uns nicht so ohne Weiteres übersehen und übergehen kann. Man wird durch uns aus der alltäglichen Routine herausgeholt.
All diese Gedanken bilden das Fundament von kanthari, einem internationalen Institut zur Veränderung gesellschaftlicher Missstände, aufgebaut für Visionäre, die genau wie unsere blinden Kinder Tibets, aus dem Abseits kommen.
Der Name kanthari stammt von einer in Kerala beheimateten Chilifrucht, die klein, aber sehr scharf ist. Sie wächst wild an Wegrändern und in Gärten, also im Abseits.
Diese Chili ist aber nicht einfach nur scharf, sie hat auch medizinische Eigenschaften. Sie senkt den Blutdruck, wirkt als Schmerzmittel und macht wach, so wach wie ein guter Kaffee.
Für uns ist die kanthari-Chili ein perfektes Symbol für jemanden, der aus dem Abseits kommt, Feuer im Bauch und den Mut und den Biss hat, den Status quo in Frage zu stellen. Jemand, der es vielleicht nicht jedem recht macht, aber dafür in der Lage ist, etwas entscheidend zu verändern. Für die meisten unserer kanthari-Veränderer ist es eine unbestreitbare Realität, dass ein Außenseiter eine ungewöhnliche Perspektive einnehmen kann und dadurch in anderer Weise versteht, was in unserer Gesellschaft schiefläuft.
Viele sehen Marginalisierung als ein Positivum. Sie birgt eine Chance für kritisches Denken und sie öffnet die Türen zu einer Zukunft mit neuen Lösungsansätzen.
In den letzten 11 Jahren wurden 226 kantharis aus 48 Ländern im Kerala Institut ausgebildet. Dies hat zu mehr als 130 Organisationen geführt, die sich positiv auf das Leben von Tausenden von Menschen auswirken.
Sie befassen sich mit vielseitigen Themen, wie Frauen Rechte und alternativer Bildung, von LGBTQ-Bewegungen bis zu Umweltfragen und nicht zuletzt Friedensinitiativen, und vielem mehr.