Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03519.jsonl.gz/1380

Generelle Lohnerhöhungen sind nicht auf dem Rückzug
Was sind die Fakten zu generellen und individuellen Lohnerhöhungen? Es ist wichtig, die Zahlen zu kennen, damit man erkennt: Generelle Lohnerhöhungen sind nicht auf dem Rückzug.
Ohne Zweifel hat die Teuerung in der Vergangenheit die Lohnerhöhungen beeinflusst. Blickt man ins ausgehende 19. Jahrhundert, stellt man fest: Lohnerhöhungen sind «erfunden» worden, um die Teuerung auszugleichen. Stimmt das wirklich? Denn bereits in römischen Aufzeichnungen sind Lohnerhöhungen erwähnt. Der Zweck war, die besten Sklaven abzuwerben oder sie nicht abwerben zu lassen.
Technisch handelt es sich hierbei um zwei Komponenten von Lohnerhöhungen: Generelle Lohnerhöhungen einerseits und individuelle Lohnerhöhungen andererseits. Die Teuerung wird seit Ende des 19. Jahrhunderts mit generellen Lohnerhöhungen ausgeglichen. Jedenfalls so lange, als die Teuerung einen massgeblichen Einfluss auf die Lebensumstände hatte. Waren individuelle Lohnerhöhungen seit Menschengedenken das «natürliche Prinzip», sind generelle Lohnerhöhungen ein Konzept, das auf die Ursprünge des Sozialstaats zurückzuführen ist.
Seit der Finanzkrise in 2009 ist die Teuerung im Vergleich zu den Jahren ab etwa 1850 auf einem sehr niedrigen Niveau, teilweise sogar negativ. Das hat klar Spuren in der Statistik der Lohnerhöhungen hinterlassen. Von 2006-2009 lagen die generellen Erhöhungen im Mittel um etwa 1,1 Prozent, seither betragen sie noch etwa 0,3 Prozent. Der Rückgang der Teuerung ist deutlich erkennbar. Interessanterweise ist die gleiche Entwicklung bei den individuellen Lohnerhöhungen sichtbar: Von 2006-2009 betragen individuelle Erhöhungen im Mittel etwa 1,5 Prozent und sinken in den darauffolgenden zwei Jahren auf ein Mehrjahresmittel von etwa 0,8 Prozent.
Betrachtet man die Anzahl der Unternehmen, die überhaupt generelle Erhöhungen vornehmen, zeigen die Zahlen seit über einem Jahrzehnt einen Anteil, der um 30% schwankt, möglichweise einen Rückgang des Trends um 1-2 Prozent. Im Gegensatz dazu ist der Anteil der Unternehmen, die individuelle Erhöhungen gewähren, im Zeitraum ab 2007 von knapp 70% auf über 90% gestiegen.
Die generellen Lohnerhöhungen sind also keinesfalls im Rückzug, sondern die individuellen sind auf dem Vormarsch. Der Rückgang der Lohnerhöhungen ist sowohl bei den generellen als auch den individuellen Lohnerhöhungen erfolgt. Die Teuerung hat sicherlich zu diesem Rückgang beigetragen. Doch ist die Teuerung nicht ursächlich: Entwicklungen in Politik wie Wirtschaft haben die Teuerung «gemacht» und es sind diese Entwicklungen, die die Entscheide zu Lohnerhöhungen massgeblich beeinflussen. Die Teuerung spielt dabei lediglich eine untergeordnete Rolle als summarische und im Grunde ungenaue Kennzahl.
Links
- NZZ vom 2.11.2018: «Der Teuerungsausgleich verschwindet immer mehr»