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Mittteilung Zürcher Filmstiftung/ kah
09. November 2020
Während der Preisverleihung per Videostream mit Kabarettistin Patti Basler; am Piano Philippe Kuhn (Bild: Zürcher Filmstiftung)
Die Preise für den besten Film gehen an den Kurzfilm «Das Spiel» von Roman Hodel (Ensemble Film), den Dokumentarfilm «Nemesis» von Thomas Imbach (Okofilm) und den Spielfilm «Schwesterlein» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond (Vega Film).
Hinzu kommen dieses Jahr erstmals Auszeichnungen. Diese gehen in der Kategorie Kurzfilm an Aline Höchli und Maja Gehrig, in der Kategorie Dokumentarfilm an Eliza Kubarska und Tania Stöcklin und in der Kategorie Spielfilm an Regula Marthaler sowie Plinio Bachmann, Barbara Sommer und Micha Lewinsky.
Zudem gibt es in der Kategorie Spielfilm eine Lobende Erwähnung an Rolando Colla und Marina Guerrini für ihre Erzählhaltung in «Quello che non sai di me».
Die Summe der Preisgelder beträgt 100'000 CHF. Der beste Film in den Kategorien Dokumentarfilm und Spielfilm ist mit jeweils 20'000 CHF dotiert, die Auszeichnungen mit 10'000 CHF. Der beste Film in der Kategorie Kurzfilm erhält 10'000 CHF, die ausgezeichneten Personen jeweils 5'000 CHF.
Die Jury 2020 des Zürcher Filmpreises besteht aus je drei Personen pro Preiskategorie. Jury in der Kategorie Kurzfilm: François Morisset (FR), Isabelle Favez (CH), Stella Händler (CH). Jury in der Kategorie Dokumentarfilm: Jacqueline Zünd (CH), Jürg Neuenschwander (CH), Katja Dringenberg (DE). Jury in der Kategorie Spielfilm: Manuel Flurin Hendry (CH), Simon Spiegel (CH), Viktoria Salcher (AT).
Hier die detaillierte Liste aller Preisträgerinnen und Preisträger:
Zürcher Filmpreis 2020 für den besten Kurzfilm
«Das Spiel» von Roman Hodel, produziert von Ensemble Film, Zürich
Begründung der Jury: Der Regisseur nutzt auf brillante Weise alle Werkzeuge des Films (Ton, Bild, Schnitt), um uns durch die intime und emotionale Erfahrung des Schiedsrichters die andere Seite eines Fußballspiels entdecken zu lassen. In nur fünfzehn Minuten zeigt uns der Film einen Menschen, der in einer komplexen, lauten und konfliktreichen Umgebung sein Bestes gibt. «Das Spiel» wird perfekt beherrscht und besticht durch seine Genauigkeit und Menschlichkeit - egal, ob man sich für Fussball interessiert oder nicht.
Auszeichnungen in der Kategorie Kurzfilm
Aline Höchli
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2020 für das Character Design im Animationsfilm «Warum Schnecken keine Beine haben»
Begründung der Jury: Wenn sich die Augenfühler der Schnecken im Wind wiegen, sich ihre Augäpfel mit einer feinen Bewegung nach unten rollen oder sich die Augenbrauen der Bürolisten-Bienen leicht verziehen, dann braucht es keine Worte mehr. Alles wird gesagt. Man spürt die Figuren, ihre Freude, ihr Entsetzen, ihren Energiepegel. Die Auszeichnung geht deshalb an Aline Höchli, die mit wenigen Zeichenstrichen umfassende Charaktere zum Leben erweckt und damit einen urkomischen Film voller subversivem Humor geschaffen hat.
Maja Gehrig
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2020 für die Regie im Animationsfilm «Average Happiness»
Begründung der Jury: In Zeiten, in welchen Diagramme die Berichterstattung der Medien prägen und sich die Politik weltweit in Schaubildgrafiken manifestiert, verwandelt die Regisseurin in ihrem Film Statistiken in bunte Welten, Körper und Gegenstände. Sie zeigt in der von ihr gewählten Ästhetik eine originelle Handschrift für den Schweizer Animationsfilm. Insbesondere für ihre innovative Idee und Herangehensweise erhält Maja Gehrig diese Auszeichnung.
Zürcher Filmpreis 2020 für den besten Dokumentarfilm
«Nemesis» von Thomas Imbach, produziert von Okofilm, Zürich
Begründung der Jury: Aus einem Fenster seines Ateliers dokumentiert der Filmemacher über mehrere Jahre den Abriss des historischen Güterbahnhofs und beobachtet, wie an dessen Stelle das Polizei- und Justizzentrums des Kantons Zürich hochgezogen wird. Bauarbeiter, Bagger, Polizeihunde, Teenager, die auf einen Kran steigen, ein küssendes Paar, Modeshootings und Kindergeburtstage - auf 35mm-Filmmaterial wird festgehalten, was vor der Linse passiert. Langsam bauen während des Essays Menschen in Orange die Zukunft; ein Gebäude, das die Normen der Hochsicherheit erfüllt. Der Regisseur verfolgt ein radikales Konzept mit präzisen Bildern, Zeitraffern, einem ruhigen Blick voller Poesie und Humor. Hervorragend ist auch das Sounddesign, das Menschen und Gegenständen Leben einhaucht und die weite Distanz zwischen Kamera und Baustelle auflöst.
Auszeichnungen in der Kategorie Dokumentarfilm
Eliza Kubarska
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2020 für die Regie in «The Wall of Shadows»
Begründung der Jury: Der Film nimmt sein Publikum mit auf ein Abenteuer in eine kleine, unbekannte und unwirtliche Welt. Der Regisseurin Eliza Kubarska gelingt es, die Welt einer Sherpafamilie feinfühlig und in bildstarken Szenen zu erzählen. Sie beweist dabei ein besonderes Gespür für ihre Protagonistinnen und Protagonisten. Ihre Erzählweise gestaltet sie mit Leerstellen, die bei den Zuschauerinnen und Zuschauern Raum für eigene Gedanken lassen und sie so nur umso mehr in die Geschichte involvieren.
Tania Stöcklin
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2020 für die Montage in «Wer sind wir?»
Begründung der Jury: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung um? Grenzen wir aus, schliessen wir ein? Von dieser Gratwanderung erzählt der Film. Er tut dies auf eine Weise, die herausfordert und zum Nachdenken anregt. Die Montage von Tania Stöcklin setzt feinfühlig erzählerische Akzente und tariert die oft sehr private Welt der Familien mit den grossen und kleinen Alltagshürden in deren Umwelt aus. Die Editorin geht sehr klug mit Distanz und Nähe um. Der Film driftet nie ins Voyeuristische ab, da Stöcklin es schafft, uns in die Welt der Kinder und deren Umfeld einzubinden. Und so beginnen wir zu verstehen «wer sie sind».
Zürcher Filmpreis 2020 für den besten Spielfilm
«Schwesterlein» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, produziert von Vega Film, Zürich
Begründung der Jury: Ein beeindruckender Film, der von Geschwisterliebe erzählt als universellem Bild für bedingungslose Liebe. Die beiden Regisseurinnen inszenieren die hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspieler präzise in der Gefühlswelt ihrer Figuren. Wir sehen ihren Schmerz und ihre Verzweiflung. Daneben blitzen aber auch immer wieder Humor und Situationskomik auf - ganz wie im Leben. Nichts wirkt gespielt, alles ist echt und authentisch und man spürt: Diese Geschichte wird nicht erzählt, sondern findet statt. Bild, Ton und Szenerie sind perfekt aufeinander abgestimmt und schaffen die Bühne für dieses Drama, das Leben heisst.
Auszeichnungen in der Kategorie Spielfilm
Plinio Bachmann, Barbara Sommer, Micha Lewinsky
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2020 für das Drehbuch von «Moskau einfach!»
Begründung der Jury: Ein Vergnügen, eine so feine Komödie als Reminiszenz an ein wenig ruhmreiches Stück Schweizer Geschichte zu sehen. Die Auszeichnung geht an das Drehbuch, ist es doch die Grundlage dieses Werkes, das ein Feel-Good-Movie im allerbesten Sinne darstellt. Es gelingt dem Film, die Fichenaffäre so zu erzählen, dass sie nicht nur für Aussenstehende verständlich ist, sondern auch einen Bezug zur Gegenwart herstellt - zu Fake News und Populismus und zum stets akuten Problem der Diskriminierung. Ein klug geschriebener Film, in dem ein wunderbares Ensemble hervorragend in Szene gesetzt worden ist.
Regula Marthaler
Auszeichnung mit dem Zürcher Filmpreis 2020 für das Kostümbild in «Moskau einfach!»
Begründung der Jury: Je näher das Historische liegt, umso schwerer ist es, das Kostümbild zu gestalten. Meisterhaft gelungen ist dies Regula Marthaler in «Moskau einfach». Sie schöpft aus dem Vollen, ohne je zu übertreiben, vermeidet jede Künstlichkeit und gibt den Figuren der späten 1980er-Jahre ein natürliches Aussehen und persönlichen Stil. Alles ist bis ins Detail durchdacht, auch für Nebenrollen setzt sie feine Akzente z.B. eine schwarz-weiss karierte Krawatte als Hinweis auf die damals viel getragenen Kufiya (Arafat-Tuch).
Lobende Erwähnung
Die Jury der Kategorie Spielfilm vergibt zudem eine Spezialerwähnung an Rolando Colla und Marina Guerrini für ihre Erzählhaltung in «Quello che non sai di me».
Begründung der Jury: Ein Paradebeispiel für Diversität im Film. Menschen auf der Flucht, Frauenrollen, Secondas und Secondos: Alle kommen vor, weil sie eben vorkommen und die Gesellschaft wiederspiegeln, in der die Geschichte angesiedelt ist. Die Figuren werden ernst genommen - ohne einseitige Verurteilungen oder wohlfeile politische Stimmungsmache. Mit einer Spezialerwähnung für die ehrliche und zugleich zutiefst menschliche erzählerische Haltung von Autorenschaft und Regie möchte die Jury diese Leistung hervorheben.
Mitteilung GIFF / kah
29 Oktober 2020