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«Die Felderregulierung ordnete neu den Grundbesitz von 230 Landeigentümern und Landeigentümerinnen mit einer Fläche von 480 Hektaren Feld und 224 Hektaren Wald. Es entstanden grössere Parzellen, welche durch Erneuerung und Ergänzung des Wegnetzes gut bewirtschaftbar sind.Sechs Landwirte erstellten neue Höfe. Der arrondierte Grundbesitz erlaubt allen Bauern, ihre Betriebe zukunftsorientiert, tierschutz- und umweltgerecht zu bewirtschaften. Gewässer, Ufer und andere Naturschutzobjekte sind ins Eigentum der Gemeinde und des Kantons übertragen worden. Die Plangrundlage aus dem Jahre 1847 wurden durch neue Grundbuchpläne ersetzt.» Erinnerungs- bzw. Informationstafel im Rebberg Widholen, Wintersingen, März 1998.
Bis ins 19. Jh. verstand man unter Melioration den Hochwasserschutz, die Bewässerung, Trockenlegungen, Wildbachverbauungen und Gewässerkorrektionen zur Sicherung von Siedlungen sowie zur Gewinnung und Verbesserung von Kulturland. In unserer Region wurden alle grossen Flüsse wie Rhein, Birs, Wiese, Ergolz und Frenke im 19. Jh. begradigt. Im 20. Jh. erfuhr der Begriff eine Ausweitung: Er umfasste nun auch Massnahmen wie die Güterzusammenlegung und den Erosionsschutz und wurde schliesslich gleichbedeutend mit der umfassenden Restrukturierung des ländlichen Raumes, die sogenannte Gesamtmelioration.
Güterzusammenlegungen, welche auf dem kantonalen Felderregulierungsgesetz von 1895 basierten, fanden teilweise über Jahrzehnte statt, z.B. in Muttenz von 1904 bis 1939. Hintergrund und Ursache dieser Güterzusammenlegungen war die Bevölkerungszunahme. Man wollte mit diesen Massnahmen die Versorgungssicherheit der Bevölkerung sicherstellen. In erster Linie sollte die im Rahmen der Dreifelderwirtschaft entstandene Güterzersplitterung rückgängig gemacht werden. Diese Zersplitterung entstand durch Erbteilung, die sog. Realteilung, bei der das Land auf alle Kinder verteilt wurde. Mit diesem Erbverfahren verkleinerten sich die Parzellen immer mehr. Eine rationellere Nutzung der Felder war also zwingend.
Da das Wegnetz aus der Zeit der Dreifelderwirtschaft rudimentär war, wurde es zu Beginn des 20. Jh. neu angelegt. Die im Hinblick auf eine bessere landwirtschaftliche Nutzung durchgeführten Güterzusammenlegungen waren mehr oder weniger Rahmenbedingungen für das in den Agglomerationsgemeinden von Basel damals gleichzeitig entstandene Strassen- und Wegnetz. Solche Verkehrswege, wie sie zum Beispiel in Muttenz durch die Güterzusammenlegung entstanden sind, änderten durch die Entwicklung ihre Funktion und dienten dann oft als Erschliessungsstrassen für Bauland. Die dadurch entstandenen Auswirkungen auf das Landschaftsbild waren gross.
Zur Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion wurde in den Kriegsjahren 1939-1945 die Meliorationstätigkeit intensiviert (Anbauschlacht). Nach dem Krieg leitete man die sog. Innenkolonisation ein mit dem Ziel, bessere Lebens- und Produktionsbedingungen im ländlichen Raum zu schaffen.
Ende der 1950er-Jahre wurde erneut dazu aufgerufen, Güterzusammenlegungen, Strassen- und Wegbauten, Drainagen, Spezialisierungen von Kleinbetrieben sowie Rationalisierungen des Betriebsablaufs vorzunehmen. Die Güterzusammenlegungen bekamen mit dem Einsatz von Bulldozern eine neue Dimension. Mit ihrer Hilfe war es möglich geworden, die Bodennutzung ohne Rücksicht auf geomorphologische, historische und natürliche Gegebenheiten das Gelände völlig umzugestalten. Für den Bau der Autobahnen Mitte des 20. Jh. musste viel Land erworben werden, was eine rege Zusammenlegungstätigkeit auslöste, z.B. in Arisdorf (1957-1982).
Das Fallbeispiel Wintersingen zeigt die Auswirkungen einer Gesamtmelioration auf Natur und Landschaft. Zahlreiche Klein- und Kleinststrukturen in der Landschaft sind durch die Melioration verschwunden (siehe Statistik). Dazu gehören Gräben und Tälchen ebenso wie Geländestufen oder Krautsäume. Die Kleinstrukturen nehmen in der Regel nicht viel Raum ein, sind aber für viele Tier- und Pflanzenarten wichtige Refugien. So sind etwa Lesesteinhaufen bedeutende Reptilienstandorte.
Insgesamt wurden 21 km Drainagen und Wegentwässerungen errichtet. 9,3 km neue Wege wurden gebaut. Das Rebareal nahm um 38% zu. Gleichzeitig wurden die Bruchsteinmauern zwischen den Rebflächen um 50% dezimiert, Sträucher wurden entfernt. Die Niederstamm-Obstanlagen nahmen um 39% zu. Hochstammbäume in der offenen Landschaft wurden als Produktionshindernisse zusammen mit vielen weiteren Strukturelementen aus der Landschaft entfernt.
Mit der Änderung des Bundesgesetzes über die Landwirtschaft im Jahr 1998 wurde auch in Baselland die kantonale Regelung auf das neue Meliorationsleitbild ausgerichtet. Bei neuen Meliorationen werden die einzelbetrieblichen Massnahmen meist einvernehmlich vereinbart (Bauern, Naturschützer, Einwohner, Gemeinde etc.). In jüngster Zeit wurden Gesamtmeliorationen in Roggenburg, Wahlen, Blauen und Brislach durchgeführt oder begonnen.
Gemäss dem 1993 erarbeiteten Meliorationsleitbild sollen moderne Meliorationen als Instrument der Raumplanung, des Natur- und Landschaftsschutzes sowie der Strukturverbesserung in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Theoretisch lassen sich damit auch umweltschützerische Massnahmen wie die Schaffung von ökologischen Ausgleichsflächen und Vernetzungen sowie Revitalisierungen von Gewässern verwirklichen. Zurzeit (2013) ist eine Gesamtmelioration in Rothenfluh im Gang.
HPM
Die Auswirkungen der Gesamtmelioration in der Gemeinde Wintersingen auf wichtige Landschaftsstrukturen
Veränderung landschaftliche Strukturelemente 1983-1994, Abnahme in % (Basis 100% 1983)
Visualisierung Melioration Blauen
Diese Szenarien wurden zur Anregung der Diskussion zwischen der betroffenen Bevölkerung und den Planern bezüglich eines möglichen Aussehens der Landschaft in der Gemeinde Blauen verwendet. Es handelt sich nicht um realistische Planungsvarianten der Melioration! Man versuchte mit diesen Visualisierungen die Bevölkerung mehr in den Planungsprozess einzubinden.
Quelle Bilder und Text:
Glaus Martin : Landschaftsvisualisierungen im Rahmen der Melioration Blauen (BL) – Der Einsatz von 3D-Bildern im partizipativen Planungskontext. Masterarbeit im Rahmen eines Projekts in Zusammenarbeit der Gemeinde Blauen (BL), der Fachstelle Melioration des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain (www.lze.bl.ch) und des Fachbereichs Planung von Landschaft und Urbanen Systemen (PLUS, www.plus.ethz.ch), Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung (IRL) der ETH Zürich, 2011.