Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/354

Seit dem Mittelalter zeigt sich die Funktion Thuns als Regionalzentrum in der Vielfalt seiner Märkte. Die Bauern aus dem Umland und Händler bringen bis heute zweimal pro Woche Gemüse, Früchte und weitere Lebensmittel in die Stadt. Ein halbes Dutzend Waren- und Jahrmärkte ergänzten dieses Angebot im 19. Jahrhundert. Bis zum Eisenbahnanschluss um 1860 war der Platz vor dem Freienhof an Markttagen die Drehscheibe des Verkehrs und des Warenum- schlags. Beim Plätzli am Lauitor befanden sich die Obst- und Gemüsestände, der Korn- und der Fleischmarkt wurde auf dem Rathausplatz abgehalten. Die Standorte dieser Angebote wurden von den Behörden festgelegt.64 Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kamen als Verkaufsorte zahlreiche Läden, später auch Warenhäuser und Filialen der Grossverteiler hinzu. Der Markt als Verkaufskanal zahlreicher Produkte überlebte trotz dieser neuen Konkurrenz. In Krisenzeiten nahmen auch die Angebote von Marktfahrerinnen und -fahrern zu, da Arbeitslose versuchten, sich mit Kleinhandel über Wasser zu halten. Die Stadt konnte dabei nicht allen Interessenten einen Standplatz vermitteln, da zu wenig Flächen vorhanden waren. Im 20. Jahrhundert entstanden sogar zusätzliche Märkte: Seit 1934 gibt es den jährlichen Pelz- und Fellmarkt, 1981 führte die Stadt einen Floh- und Hobbymarkt (später Handwerkermarkt) ein, 1988 den Weihnachtsmarkt auf dem Rathaus- und später auf dem Waisenhausplatz.65
Viehmarkt in der Marktgasse, um 1900. Bis Anfang der 1990er-Jahre und damit länger als in anderen Städten gab es in der Thuner Innenstadt einen Viehmarkt.
Mit der Industrialisierung nahm die Kaufkraft der Menschen im Verlauf des 19. Jahrhunderts langsam zu. Damit veränderte sich auch das Warenangebot. 1836 gab es in Thun gemäss dem Adressbuch von Christian Sommerlatt knapp 30 Spezereihändlerinnen und -händler sowie 30 Personen, die Textilien, Bettfedern, Brennholz, Eisenwaren, Käse und weitere Produkte feilboten. 1846 waren gegen zehn Prozent der Erwerbstätigen im Handel tätig. Sie verschoben ihre Auslagen in den Altstadtgassen zunehmend ins Innere der Gebäude und begannen, die Waren in Läden zu inszenieren. Dieser Trend lässt sich aus Thuner Zeitungsinseraten herauslesen und gilt auch für andere Städte.
Aus einem 1840 eröffneten Krämerladen in der Thuner Altstadt entwickelte sich die Firma Schweizer, welche sich bereits im 19. Jahrhundert auf den Grosshandel mit Samen spezialisierte. Die international tätige Firma hat ihren Sitz seit 1938 beim Bahnhof Schwäbis in Steffisburg.66 Weitere Handelsleute kamen während der Weihnachts- und Jahrmärkte nach Thun. So mieteten die Gebrüder Loeb aus Freiburg im Breisgau im Dezember 1872 den Saal des Hotels Falken, um dort ihr «grosses Lager in Strumpf- und Terneau-Wolle und Kurzwaaren» zu billigen Preisen zu verkaufen.67
Gottfried Streit (1878–1963) mit seinen Angestellten vor seinem Lebensmittelladen im Bälliz 16, Fotografie 1925. Streits Vater hatte 1880 ein Geschäft gegründet, das sich seit 1893 hier befand. Die Mitarbeiter tragen eine Schürze als Arbeitskleidung, die Frauen Alltags- röcke. Im Schaufenster hängen Werbeplakate, die Waren sind kunstvoll aufgetürmt.
1840 befand er sich bei der Gerbernlaube und in der Marktgasse, ab 1905 ausserhalb der Stadtmauer auf dem Graben. Seit 1921 findet im Spätsommer der Zuchtstiermarkt auf dem Kasernenareal statt.
Textilhändler wie die Gebrüder Loeb wurden Ende des 19.Jahrhunderts zunehmend sesshaft und eröffneten grosse Läden, die sie als Bazar, Magazin oder Warenhaus bezeichneten. Die Gebrüder Loeb liessen sich 1881 in Bern nieder und eröffneten 1912 eine Filiale in Thun. Der Geschäftsmann Albert Balthasar- Bischoff (1863–1936) übernahm 1895 ein Geschäft, das er schrittweise zu einem grossen Laden für Mercerie, Quincaillerie (Gemischtwaren) und Kinderspielzeug ausbaute. Die Gebrüder Geismar eröffneten 1908 an der Unteren Hauptgasse das Bekleidungsgeschäft und Warenhaus «Zur Stadt Paris», das bis 1963 bestand.68
Das traditionsreichste Warenhaus in Thun ist die heutige Schaufelberger AG. Anfang der 1880er-Jahre kam Albert Schaufelberger (1852–1916) nach Thun und gründete einen Bazar am Rathausplatz. Um 1910 erweiterte sein Sohn Albert (1885–1955) das Geschäft im Bälliz zu einem Warenhaus. Bei einem grösseren Umbau installierte die Firma 1963 die erste Rolltreppe in Thun und im Berner Oberland, 1972 erhielt das Gebäude die bis heute bestehende Metallfassade.69
Die Warenhäuser kauften in grossen Mengen ein und lockten die Kundschaft mit günstigen Preisen an. Dadurch gerieten die Inhaber kleinerer Läden unter Druck. In Thun bildeten sie deshalb 1903 einen «Schutzverband», um sich gegen «das Hausierwesen, die Wanderlager, das Rabattsystem, die Scheinausverkäufe und (...) die Warenhäuser, die dem ehrlichen Detailhandel nach und nach den Boden entzogen» zu wehren.70 Eine weitere Konkurrenz für die kleinen Detailhändler waren auch die Konsumvereine, welche ab 1850 in Arbeiterkreisen gegründet wurden. Wie in anderen Teilen des Kantons Bern waren in Thun mehrere Anläufe nötig, bis sich diese Organisation etablieren konnte: 1872 wurde hier erstmals ein solcher Verein ins Leben gerufen, der jedoch nicht überlebte. Die zweite Gründung von 1894 war auch nur bis 1899 erfolgreich, da der Konsumverein zu rasch in umliegenden Gemeinden Filialen eröffnet hatte. 1900 konstituierten einige Männer eine Genossenschaft, die sich nun etablieren konnte. 1909 erwarb diese eine eigene Liegenschaft an der Allmendstrasse und eröffnete weitere Läden; 1965 existierten 15 Filialen. Danach setzte ein Trend zu grösseren Ladenflächen ein, wie das Beispiel des 1968–1971 errichteten Kyburg-Zentrums am Nordrand der Altstadt zeigt. Ausserdem baute Coop, wie sich die Konsumgenossenschaften seit 1970 nennen, 1985 in der Gewerbezone Schoren ein neues Verteilzentrum für das Berner Oberland.71
Eröffnung des Migros-Supermarktes im Unterbälliz, Anfang Dezember 1956. Der Andrang war so gross, dass die Polizei den Verkehr umleiten musste. Das Geschäft war ganz auf die Selbstbedienung eingerichtet und beherbergte im ersten Stock auch einen Imbissraum und eine Patisserie-Abteilung.
1932 eröffnete die Migros ihre erste Filiale in Thun. 1956 lancierte sie mit dem Neubau im Unterbälliz ihren ersten Thuner Supermarkt, der sich zum grossen Kundenmagnet entwickelte. Das ganze Angebot war damals in Selbst- bedienung zugänglich. Diese Verkaufsform war – neben den tiefen Preisen – nach dem Zweiten Weltkrieg das Erfolgsrezept von Migros und Coop. In Thun führte jedoch 1949 ein kleiner Detaillist, die 1880 gegründete Firma Streit & Co., als erste Firma einen Laden mit Selbstbedienung: Das Geschäft im Bälliz war ein Novum im Oberland und auch schweizweit der erste solche Laden einer Einzelfirma. Die Konkurrenz der Grossen war allerdings so stark, dass Streit das Geschäft 1955 an ein Reformhaus verkaufte, das die Selbstbedienung einstellte.72
Die Migros errichtete 1964 zwei Filialen im Dürrenast und im Neufeld und erreichte damit ihre Kundschaft in den Aussenquartieren. Sie initiierte den Bau des Zentrums Oberland, das 1977 eröffnet wurde. Weitere Einkaufszentren, die sich am Stadtrand an eine motorisierte Kundschaft richten, entstanden 1971 mit dem Perry-Markt in Heimberg und 2011 mit dem Panorama-Center beim neuen Fussballstadion.73
Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts erhielten die alteingesessenen Detailhändler und Warenhäuser nicht nur Konkurrenz von den Einkaufszentren an den Stadträndern, sondern auch von Filialen nationaler und internationaler Ladenketten, die sich in der Innenstadt ausbreiteten. Im Bälliz nahm die Zahl der Bekleidungs- und Schuhgeschäfte stark zu. 2016 waren rund 70 Prozent der Geschäfte im Erdgeschoss Ableger grosser Ketten, während in der Hauptgasse nach wie vor kleine Geschäfte lokaler Händler die Strassenfront prägten.74
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Thun zur Messestadt: 1960 fand im Gebäude der Kunsteisbahn erstmals die Oberländische Herbstausstellung (OHA) statt. Sie etablierte sich und ist seither ein fixer Termin im Veranstaltungskalender der Stadt. Einige hundert Aussteller ziehen jährlich mehrere zehntausend Besucherinnen und Besucher an. 1993 übernahm die OHA von der Stadt das Munimäritareal im Baurecht und richtete dort ihr Ausstellungs- und Messezentrum ein.75