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Die ersten drei Worte der Titelüberschrift finden sich auf einem Prospekt, der dem Brief für die Geldsammlung der Pro Senectute im Herbst beigelegt ist. Sie sind in weissen Grossbuchstaben auf einen dunkeln Hintergrund gedruckt.
Beim nochmaligen Hinschauen entdecke ich, dass im Wort «entsorgt» die Silbe «ent» mit einer leichten grünen Linie durchgestrichen ist. Nicht sehr energisch durchgestrichen, aber immerhin. Darunter findet sich, ebenfalls in grüner Farbe, die Korrektursilbe: «um». Der in einprägsamen Grossbuchstaben geschriebene Hauptsatz wird so in handschriftlicher Art in leichtem Grünton korrigiert: SENIOREN GEHÖREN UMSORGT.
Im dunklen Hintergrund des Bildes sehe ich eine ältere Frau, die in einem Abstellkämmerchen auf einem vermutlich ausgemusterten Stuhl sitzt. Es können noch weitere Gegenstände erkannt werden wie abgelegte Teddybären, Kleiderpakete, aussortierte Werkzeuge. Es ist eine Frau, die hier sitzt. Natürlich, es gibt ja mehr ältere Frauen als ältere Männer!
Das erste Exemplar dieses Briefes bekam ich per Post. Beim Anblick des Prospektes war ich so schockiert, dass ich ihn zerriss und wegwarf. Der Ausdruck «SENIOREN GEHÖREN ENTSORGT» versetzte mich schlagartig um Jahrzehnte zurück. Bereits als Schulkind und dann als junge Frau hatte ich von den Aktionen des dritten Reiches, der Nazizeit, gehört. Da waren auch Menschen, vor allem Behinderte, «entsorgt» worden. Das damalige Entsetzen stieg wieder auf.
Als ich ein zweites Exemplar des Briefes in Händen hielt, studierte ich ihn genauer. Man soll ja über nichts urteilen, über das man sich nicht gründlich informiert hat. Natürlich, es war ein Spendenaufruf. Pro Senectute preist sich darin an, dass sie sich mit ihren Angeboten für ein Altern in Würde einsetze, dafür aber finanzielle Mittel benötige.
Selbstverständlich machte ich mich auch im Internet kundig, was über diese Kampagne zu lesen war. Sie wurde «aufrüttelnd», «provokativ» genannt. Hier wiederum wurde im Gegensatz zur bildlichen Darstellung immer nur von «Senioren» nie von «Seniorinnen» geschrieben. Vielleicht gibt es ja in diesem Bereich eine Sprachregelung, die ich nicht mitbekommen habe: die Seniorinnen sind immer mitgemeint!
Was mir im Internet auffiel: die Botschaft wird nicht so hart wiederholt, wie sie im Ursprungsprospekt des Hilfswerkes formuliert ist. Es hiess etwa, das Sujet der Herbstsammlung laute: »Senioren gehören umsorgt, nicht entsorgt». Oder in einer etwas anderen Version: «Senioren umsorgen und nicht entsorgen».
Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin. Aber für mein Gefühl wird die Aussage durch die Umstellung der Worte nicht besser. Die Vorstellung erschreckt mich immer noch, dass das Wort «entsorgen» so leicht in Zusammenhang mit «Senioren» gebracht werden kann. Wenn ich es etwas dramatisch ausdrücken will: das Wort «entsorgen», im Alltag häufig benützt für Glas, Papier, Metall, Grünzeug, hat in der vorliegenden Verwendung seine Unschuld verloren.
Die Kampagne soll offenbar aufrütteln, provozieren, zum Nachdenken anregen. Diese Wirkung hat sie wohl. Ob sie auch anregt, dem bekannten Hilfswerk Pro Senectute vermehrt Geld zu spenden, bleibt abzuwarten.
Grüezi Frau Stamm
genau das Gleiche habe ich mir auch gedacht! Ich habe mich deswegen bei Pro Senectute per Mail gemeldet und mich über diesen Slogan beschwert! Ich fand es unerhört, dass eine von mir sehr geschätzte Organisation sich so einen Fauxpas leistet. Wer hat sich das nur einfallen lassen? Leider habe ich keine Antwort auf mein Mail erhalten….
Gisela Bigler
… ich habe übrigens Pro Senectute «gedroht», meine Spenden für die Zukunft zu überdenken!
Den Spendenaufruf für Pro Senectute 2019: SACKSTARK!!!
Wie ENTsorgt = ausgedeutscht: nicht ernstgenommen = unglaubwürdig, unsichtbar gemacht werden, mundtot gemacht werden wollen, komme ich mich immer wieder vor, im Umgang mit Gemeindebehörden; nach Apotherinnenwechsel in der Apotheke meines Vertrauens – ich war jahrelange zufriedene Kundin….. Seit ich in einem städtischen Alterszentrum lebe, erlebe ich immer wieder solche Entwertungen, Diskriminierung.
Pro Senectute, individuelle Finanzhilfe, = vertrauenswürdige Anlaufstelle half mir einerseits finanziell weiter und andrerseits fühlte ich mich ernstgenommen.
Die Sachbearbeiterin verstand es fachlich die richtigen Fragen zu stellen = Ueberprüfen ob ich den Kriterien entspreche, welche punktueller, finanzieller Hilfe zukommen darf.
Ihre Sozialkompetenz hervorragend, sie behandelte mich mit Würde – mit einem Wort: KOMPETENT und auf Augenhöhe.
Gedanken zur Kolumne von Judith Stamm vom 15. Oktober 2019 auf seniorweb
Liebe Frau Stamm
Wir wissen Ihr Feedback zu unserer aktuellen Sensibilisierungskampagne in Form einer Kolumne zu schätzen. Denn wir finden es wichtig, dass Kritik laut geäussert wird und eine Diskussion entsteht. Gerne erläutern wir die Überlegungen hinter der Kampagne.
Am 1. Oktober, dem internationalen Tag des Alters, tritt Pro Senectute jeweils an die Öffentlichkeit. Zum einen sensibilisieren wir zu relevanten Themen der Altersarbeit. In vergangenen Jahren legten wir den Fokus auf Altersarmut, Finanzmissbrauch im Alter oder generell zur Selbstbestimmung im Alter, dieses Jahr geht es um die Thematik der Diskriminierung im Alter. Zum anderen bitten wir um finanzielle Unterstützung. Denn unsere Dienstleistungen sind gefragt und wir sind angesichts der steigenden Nachfrage aufgrund des demografischen Wandels und angesichts von plafonierten öffentlichen Beiträgen an Pro Senectute schlicht und ergreifend auf Spenden angewiesen, und dies je länger mehr.
Der Slogan und das Motiv der diesjährigen Kampagne «Senioren gehören umsorgt, nicht entsorgt» löst verschiedenste Reaktionen aus. Die einen denken an Einsamkeit, die anderen an Diskriminierung. Das Bild der Dame, die auf einem dunklen Estrich verloren zwischen Schachteln und ausgemusterten Spielsachen sitzt, lässt nur wenige unberührt. Unsere Botschaft wird verstanden und löst Reaktionen aus. Und genau darum machen wir diese Kampagne. Wer, wenn nicht Pro Senectute, soll eine solche Diskussion anstossen?
Wir wollen damit zum Nachdenken anregen und stellen die Frage, wie unsere Gesellschaft ältere Menschen behandelt. «Entsorgen» wir sie, sprich, stellen wir Seniorinnen und Senioren aufs Abstellgleis, grenzen wir sie aus und vergessen sie? Oder begegnen wir Ihnen mit Wertschätzung? Mit anderen Worten, «umsorgen» wir sie so, wie es sich für Menschen, die in ihrem langen Leben viel geleistet haben, gehört? Das Wortspiel und auch seine Auflösung pendeln zwischen diesen beiden Polen. Das Motiv wurde unter anderem auch gewählt, weil das Thema «Alter» in den Medien häufig mit gesellschaftlicher Belastung – Stichwort hohe Kosten – assoziiert ist. Pro Senectute sieht das anders. Ältere Menschen sind eine zentrale und wichtige Säule der Gesellschaft. Da gibt es unzählige Beispiele – zum einen die Freiwilligenarbeit, die wichtige Rolle als Grosseltern innerhalb der Familie, das bei älteren Menschen vorhandene Wissen und die gelebte Erfahrung ganzer Generationen innerhalb einer einzigen Biografie usw.
Pro Senectute hat die Sujets der Kampagne in einer Umfrage im Sommer mit über 1’000 Senioren und Seniorinnen in der Deutschschweiz getestet (70% im Alter 70+, 30% im Alter 50-70). Dabei zeigte sich, dass der Slogan und das Kampagnenbild in erster Linie mit Einsamkeit assoziiert wurde, Diskriminierung folgte an zweiter Stelle. 58% der Befragten gaben an, das Sujet berühre sie, 25% sagten, das Sujet berühre sie sehr. 4% störten sich an der Umsetzung. Der Slogan wurde zwar als provokativ, jedoch überwiegend im Sinne eines positiven Denkanstosses wahrgenommen und verstanden.
Freundliche Grüsse, Peter Burri Follath Leiter Marketing & Kommunikation und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung von Pro Senectute Schweiz
PS Zur gendergerechten Sprache: Die Kommunikation von Pro Senectute muss sich immer auch dem Kanal anpassen, damit sie wirkungsvoll bleibt und schnell verstanden wird. Ein Plakat zum Beispiel, lebt von kurzen prägnanten Worten. Wir haben bewusst mit der Formulierung Senioren gearbeitet, welche auch umfassend und nicht nur als männliche Ansprache verstanden werden kann. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass wir eine Frau abgebildet haben? Das ist nicht zufällig. Sie sehen, die Wahl der Worte, aber auch der Protagonistin ist wohl überlegt und keinesfalls wertend.
Lieber Herr Burri
besten Dank für die ausführliche Antwort auf meine Kolumne. Ich denke, es wird für viele Leserinnen und Leser aufschlussreich sein, einiges über die Hintergründe der Kampagne zu erfahren.
Freundliche Grüsse
Judith Stamm