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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

5. Buch
10. Steht der menschliche Wille unter der Herrschaft der Notwendigkeit?
Deshalb ist auch gegenstandslos jene Furcht vor Notwendigkeit, welche die Stoiker veranlaßte, einen Unterschied zwischen den Wirkursachen zu machen, wonach sie bestimmte Ursachen der Notwendigkeit entzogen, andere ihr unterstellten; zu den Ursachen, die sie
außerhalb des Bereiches der Notwendigkeit dachten, rechneten sie auch unsern Willen, damit er nicht der Freiheit verlustig gehe, wenn er der Notwendigkeit unterstellt würde. Wenn wir nämlich als Notwendigkeit das bezeichnen müssen, was nicht in unserer Gewalt steht, sondern das, was es vermag bewirkt, wenn wir auch nicht wollen, wie zum Beispiel die Notwendigkeit zu sterben, so liegt auf der Hand, daß unser Wille, sofern er einen guten oder verkehrten Lebenswandel bewirkt, einer solchen Notwendigkeit nicht untersteht. Wir tun ja vieles, was wir eben nicht tun würden, wenn wir nicht wollten. Und zu den freien Betätigungen gehört in erster Linie das Wollen selbst; es stellt sich ein, wenn wir wollen; und es stellt sich nicht ein, wenn wir nicht wollen; denn wir würden nicht wollen, wenn wir eben nicht wollten. Wenn man aber den Begriff Notwendigkeit in dem Sinne auffaßt, wie wir sagen: es ist notwendig, daß etwas so sei oder so geschehe, so sehe ich nicht
ein, warum wir von einer solchen Notwendigkeit die Aufhebung unserer Willensfreiheit befürchten sollten. Wir stellen ja auch das Leben und das Vorherwissen Gottes nicht unter den Zwang einer Notwendigkeit, wenn wir sagen, es ist notwendig, daß Gott immer lebe und alles vorherwisse; wie auch seiner Macht kein Eintrag geschieht, wenn man sagt, er könne nicht sterben und sich irren. Dieses Nichtkönnen ist derart, daß im Gegenteil, wenn er dies könnte, seine Macht selbstverständlich geringer wäre. Mit Recht heißt er der Allmächtige, obgleich er nicht die Macht hat, zu sterben und sich zu irren. Denn allmächtig heißt er, weil er tut, was er will, nicht aber deshalb, weil er erleidet, was er nicht will; er wäre gar nicht allmächtig, wenn ihm dies widerführe. Demnach vermag er gerade deshalb manches nicht, weil er allmächtig ist. So sprechen wir auch, wenn wir sagen, es sei notwendig, daß wir, wenn wir einen Willensakt setzen, dies mit freiem Willen tun, ohne Zweifel eine Wahrheit aus und unterwerfen deshalb gleichwohl die freie Willensentscheidung nicht einer Notwendigkeit, die die Freiheit aufhebt. Unser freier Wille ist also vorhanden und er vollbringt, was immer wir mit Willen vollbringen, was nicht geschähe, wenn wir nicht wollten. Bei all dem aber, was einer wider seinen Willen durch den Willen anderer Menschen erduldet, ist ebenfalls ein Wille die wirkende Kraft, nicht der Wille des Duldenden, aber doch der Wille eines Menschen; die Macht jedoch [dazu hat er] von Gott. Denn wenn lediglich ein Wille vorhanden wäre und dieser Wille nicht das vermöchte, was er will, so würde er daran von einem mächtigeren gehindert; gleichwohl wäre auch dann der Wille eben Wille, und zwar nicht der eines anderen, sondern der dessen, welcher will, wenn er schon nicht durchführen könnte, was er will. Demnach soll der Mensch all das, was er wider seinen Willen erduldet, nicht dem Willen von Menschen oder Engeln oder anderen geschaffenen Geistern zuschreiben, sondern dem Willen dessen, der den Wollenden die Macht gewährt.
Man darf also nicht sagen, es sei deshalb nichts in unserem Willen, weil Gott vorher gewußt hat, was in unserem Willen sein werde. Denn nicht hat der, der dies vorausgewußt hat, nichts vorausgewußt. Wenn aber der, der vorausgewußt hat, was in unserm Willen sein werde, nicht eben nichts, sondern etwas vorausgewußt hat, so ist in der Tat auch unter Vorherwissen Gottes etwas in unserm Willen. Demnach sind wir keineswegs genötigt, um das Vorherwissen Gottes aufrecht zu erhalten, die Wahlfreiheit des Willens preiszugeben, noch auch um die Freiheit des Willens aufrecht zu erhalten, das Vorherwissen Gottes in Abrede zu stellen [was ein Frevel wäre]; vielmehr nehmen wir beides an und bekennen uns zuversichtlich und wahrhaft zu dem einen wie zu dem andern; zu dem einen, um recht zu glauben, zu dem andern, um recht zu leben. Man lebt zudem schlecht, wenn man von Gott nicht die richtige Vorstellung im Glauben hat. Darum sei es fern von uns, sein Vorherwissen zu leugnen in der Absicht, frei wollen zu können, da wir doch nur mit seiner Hilfe frei sind oder sein werden. Deshalb sind Gesetze, Zurechtweisung, Ermahnung, Lob und Tadel nicht umsonst; denn Gott hat auch sie vorausgewußt, und sie wirken sehr viel, soviel als Gott vorhergewußt hat, daß sie wirken würden: auch Gebete sind wirksam, um das zu erlangen, was Gott, wie er vorherwußte, eben [nur] den Betenden gewähren würde; und gerecht ist es, daß für gute Handlungen Lohn, für Sünden Strafe festgesetzt ist. Denn deshalb, weil Gott von einem Menschen vorhergewußt hat, daß er sündigen werde, hört dieser nicht auf, das Subjekt der Sünde zu sein; im Gegenteil, gerade deshalb ist es unzweifelhaft er selbst, der sündigt, wenn er sündigt, weil Gott, dessen Vorherwissen keinem Irrtum unterliegen kann, vorhergewußt hat, daß nicht das Fatum, nicht der Zufall noch sonst etwas, sondern daß er selbst sündigen werde. Will er nicht, so sündigt er natürlich nicht; aber wenn er nicht sündigen will, so hat auch dies Gott vorhergewußt.