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von Walter Tschopp
Dieses Schauspiel lassen sich die Kapitäne der anwesenden Schiffe nicht entgehen: Nur wenige Kilometer nördlich des Marinehafens im norwegischen Bergen soll das defekte amerikanische U-Boot Nautilus auf Befehl der Armee versenkt werden. Es ist nasskalt an diesem Morgen Ende November 1931. Über zehn Schiffe begleiten das filigrane Boot, das wohl 50 Meter lang, aber nur sechs Meter breit ist.
50 Meter lang, sechs Meter breit: Das U-Boot fasziniert.
Von den zwei Sulzer-Motoren brummt noch einer mit halber Kraft. Mit dabei an Bord ist als letztes Crewmitglied der norwegische Wissenschaftler Harald Sverdrup, der nach vier Meilen den Befehl gibt, die Ventile zu öffnen, und dann auf ein Begleitschiff übersetzt. Kaltes Salzwasser flutet die Maschinenräume, und das U-Boot richtet sich wie eine Zigarre auf, gleitet langsam rückwärts und sinkt. Sverdrup telegrafiert anschliessend nüchtern diesen bewegenden Moment nach New York: «Nautilus sank heute um neun, vier Meilen von Bergen entfernt, 200 Faden tief.» Das unrühmliche Ende einer Expedition, die von der «Schweizer Illustrierten Zeitung» damals als «das kühnste Abenteuer moderner Zeiten» angekündigt wurde. Bis heute ist ungeklärt, ob nicht doch Sabotage das U-Boot im arktischen Eis zur Umkehr zwang.
Der Polarforscher
Das Ende der Nautilus war für den Forscher und Abenteurer Sir Hubert Wilkins besonders schmerzhaft. Der Australier, studierter Bergbauingenieur, Fotograf, Filmer und Pilot, interessierte sich ein Leben lang für die Pole der Erde. Als er 1928 als Erster mit einem Flugzeug von Amerika über die Arktis nach Europa flog, konnte er bestätigen, dass es dort kein unbekanntes Land mehr zu entdecken gab. Zugleich war er überzeugt, dass der Nordpol für die langfristige Wettervorhersage entscheidend sein muss. Um dies zu beweisen, suchte er Sponsoren und Wissenschaftler, die eine Forschungsreise unter dem Eis zum Nordpol unterstützen würden. Die US-Armee stellte für einen Dollar das ältere U-Boot OS-12 zur Verfügung, das Anfang 1931 nordpoltauglich getunt wurde. Herzstück der damaligen Hightech-Ausrüstung war ein massiver Eisbohrer, mit dem zur Not ein Loch durch die Eisschicht gebohrt werden könnte. Gross genug für eine Fluchtmöglichkeit der Besatzung.
Vom Prättigau in die Arktis
Gestartet wurde die Expedition in New York mit einer Schiffstaufe durch den Enkel von Jules Verne. Statt Champagner musste ein Eiskübel herhalten, die Prohibition verbot den Verkauf von Alkohol. Sloan Danenhower, Kapitän mit grosser U-Boot-Erfahrung, wollte eigentlich für seine 17-köpfige Crew nur erfahrene Seeleute mitnehmen, aber der Koch beharrte darauf, seinen «Swiss pantry assistant» mitnehmen zu dürfen. Der war weder erfahren, noch hatte er als Kind aus den Bergen grössere Seen als jenen von Partnun in St. Antönien gesehen. Jacob Fleutsch reiste zwei Jahre vorher mit einem Kollegen aus der Rekrutenzeit von der Schweiz nach Amerika.
Jakob Flütsch (links) zeigt, was über ihn geschrieben steht.
Eigentlich hiess er Jakob Flütsch, kam aus einer Schierser Bähnlerfamilie und landete 1929, drei Tage nach seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag, mit dem Dampfer «Columbus» in New York. Pech für ihn war nur, dass die Goldenen Zwanziger rasch abblätterten. Kaum hatte er sich an die neue Welt gewöhnt, krachte an einem Oktoberfreitag die Börse zusammen und die Arbeitslosen streiften durch die Städte auf der Suche nach Arbeit. Jakob Flütsch hatte mit seiner kaufmännischen Ausbildung und dem bescheidenen Englisch noch schlechtere Aussichten, und so jobbte er sich in zwei Jahren durch die verschiedensten Berufe: Schlosser, Maurer, Kellner und Küchenhilfe. Ausweise verlangte niemand, aber Geld gab es nur, wenn Arbeit da war. Am besten kam er als Küchenhilfe zurecht, das kannte er von zu Hause. Jakob und seine beiden Brüder mussten mit ihrem Vater selbstständig haushalten, weil die Mutter früh gestorben war. Dankbar für den waghalsigen Job unter Wasser, unterschrieb er für 190 Dollar im Monat.
Einsatz mit dem Leben
Flütsch blieb an Bord, auch als man seinen Chefkoch später wieder nach Hause schickte. Versuche zeigten, dass dieser mit seinen 120 Kilo unmöglich durch ein Eisloch aussteigen könnte. In der 18-köpfigen Crew gab es neben den Wissenschaftlern die verschiedensten Spezialisten und Ingenieure. Der junge Prättigauer war «Messboy», also Schiffsjunge, und sprang neben seinem Küchenjob überall da ein, wo ein Praktiker gebraucht wurde. Man nannte ihn bald «handy Andy, Swiss engineer». Das war oft nötig, denn bereits auf der Fahrt von Amerika nach Norwegen geriet das Boot in einen Orkan mit Schräglagen von über 50 Grad, ein Motorenzylinder barst und der Strom fiel aus.
Der Bergler meinte dazu später in einem Interview trocken: «Wir wurden wie in einem Butterfass hin- und hergeworfen.» Der Expeditionsleiter Hubert Wilkins musste aus ähnlichem Holz geschnitzt sein, Flütsch äussert sich in derselben Zeitung: «Wilkins ist ein grosser Geistesarbeiter und Forscher, der aber überall selber anpackte wie ein Schlosser.» Improvisation wurde überlebenswichtig, als sich die Nautilus am 18. August 1931 von Spitzbergen Richtung Nordpol aufmachte. Nach den Eisschollen tauchten bald die ersten Eisberge auf, und der Polarwind pfiff den Forschern bei ihrer Arbeit um Ohren und Verstand.
Tage, wo die vier Forscher mit ihren Messungen über Eisdicke, Wasser und Luft beschäftigt waren, nützte Jakob Flütsch für Reparaturen oder Ausflüge auf dem Eis. Die über 300 Tiefenmessungen des Meeresgrundes, der bis zu 3500 Meter tief war, beanspruchten viel Zeit. Zeit, die der Bündner in Gedanken an seine Heimat auch mit Jagdausflügen verbrachte. Als dann gar, 500 Kilometer vom Nordpol entfernt, das Höhenruder ausfiel, bewahrte Wilkins die Nerven und das U-Boot tauchte trotzdem unter das Eis. Was bisher noch niemand sah, beschreibt der mitgereiste deutsche Arzt Bernhard Villinger im «Tages-Anzeiger» Ende 1931: «Die Lichtverhältnisse waren so überraschend günstig, dass wir alle Unebenheiten der Eisunterseite und die Lücken in der Eisdecke ohne künstliches Licht filmphotographisch aufnehmen konnten.»
Bescheiden geblieben
Im U-Boot war es eng und kalt, von den Wänden tropfte das Kondenswasser, und im Norden liessen bissige Winde die Mannschaft schlecht schlafen. Den Prättigauer, Verwalter der Küchenvorräte, kümmerte das weniger: Die Lebensmittel würden für ein Jahr reichen, zudem hatte man für alle Fälle Gewehre und Schlitten dabei. Vielleicht sagte er sich im Stillen «äs geit scho». Schliesslich gehörten auch Schuhe und Kamelhaarbekleidung zur Ausrüstung, das Beste, was es damals gab. Sicher besser als Hosen und Kaputt während der Militärzeit im Rätikon. Die Stimmung in der Mannschaft war auf dem Tiefpunkt, vielleicht auch, weil die erfahrenen Seeleute sich nach Fahrten in der Karibik sehnten. Als dann die Höhensteuerung endgültig ausfiel, vermutete Wilkins eine Sabotage am Höhenruder durch jemanden aus der Mannschaft und ordnete den Rückzug an.
Damit war der erste Versuch, mit einem U-Boot unter den Nordpol zu fahren, nicht ganz geglückt. Für einen zweiten Versuch waren dann die Dreissigerjahre der falsche Zeitpunkt, die Leute plagten andere Sorgen. Erst 27 Jahre später glückte einer atombetriebenen Nautilus der US-Armee die Fahrt unter dem Nordpoleis von Kanada nach Europa. Das interessierte die Welt aber nicht mehr, denn der Wettlauf im Weltraum heizte nun die Stimmung in Amerika an.
Jakob Flütsch wanderte 1949 ein zweites Mal endgültig aus, diesmal mit seiner Frau, nach Kalifornien. Sein Nordpolabenteuer blieb sein privates Geheimnis. Erst 2005 suchten Wissenschaftler das gesunkene U-Boot und machten sich an die Aufarbeitung der Pioniertat.