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Sprenkelnekrose der Gerste
Ramularia-Blattflecken, ramulariose de l'orge (franz.), ramularia leaf spot (engl.)
Wissenschaftlicher Name: Ramularia collo-cygni B. Sutton & J.M. Waller
Synonyme: Ophiocladium hordei Cavara, Ovularia hordei (Cavara) R. Sprague, Ramularia hordeicola U. Braun
Taxonomie: Fungi, Ascomycota, Dothideomycetes, Dothideomycetidae, Capnodiales, Mycosphaerellaceae
Der Pilz Ramularia collo-cygni gewinnt im Gerstenanbau zunehmend an Bedeutung, nicht nur in Zentral- und Nordeuropa (Österreich, Deutschland, Tschechien, Dänemark, Schweiz, Irland, Schottland und Norwegen), sondern auch in Neuseeland, Kanada und Südamerika (Argentinien und Uruguay). Das Pathogen wurde 1893 von Cavara in Norditalien entdeckt und als Ophiocladium hordei Cav. beschrieben. Sutton und Waller teilten den Pilz 1988 neu ein und nannten ihn wegen der schwanenhalsförmigen Konidienträger R. collo-cygni.
Die meisten Winter- und Sommergerstensorten sind anfällig. Ein starker Befall kann den Ertrag um bis zu 25 % reduzieren.
Abb. 1. Sprenkelnekrose der Gerste verursacht durch Ramularia collo-cygni: schwarzbraune, eckige Flecken auf den Blattspreiten. Die Flecken sind von einem gelben Hof umgeben und durch Blattnerven begrenzt (unten).
Abb. 2. Sprenkelnekrose der Gerste verursacht durch Ramularia collo-cygni
Krankheitsbild
Typische Symptome dieser Krankheit sind schwarzbraune, 1-3 mm grosse, eckige Flecken auf der Blattspreite und Blattscheide (Abb. 1 und 2). Die Flecken sind in der Mitte oft dunkler, durch die Blattnerven begrenzt und von einem gelben Hof umgeben. Sie sind auf der dem Licht ausgesetzten Blattseite zudem dunkler als auf der unbelichteten Seite. Mit der Lupe sind in Längsreihen angeordnete Konidienträger als weisse Büschel zu erkennen (Abb. 4). Bei einem starken Befall fliessen die Blattflecken zusammen, die Blätter werden beinahe schwarz und sterben vorzeitig ab. Während der Abreife kann der Pilz auch auf Grannen und Spelzen vorkommen. Die Grannen werden fleckig und zeigen nach einer feuchten Wetterperiode einen leicht rötlichen Schimmer. Die befallene Gerste reift schnell ab.
Verwechslungsmöglichkeiten
- Physiologisch verursachte Blattflecken (PLS = Physiological Leaf Spot): Bei dieser Art von Flecken handelt es sich um nicht parasitäre, genetisch bedingte Blattflecken. Je nach Sorte sind die Blattflecken rund oder länglich, die Nekrosen sind nicht durch Blattadern begrenzt und nicht von einem gelben Hof umgeben. Zudem sind die Flecken auf beiden Blattseiten gleich.
- Netzfleckenkrankheit verursacht durch Drechslera teres: chlorotische bis dunkelbraune Läsionen (Spottyp) oder längs und quer verlaufende dunkelbraune Linien (Netztyp)
- Mehltauabwehrnekrosen (MLO Flecken auf Sommergerste): unterschiedlich grosse schwarze Nekrosen, ohne scharfe Abgrenzung zum gesunden Gewebe und ohne gelben Hof, mit der Lupe ist Mehltaumyzel erkennbar.
- Pollennekrosen: vorwiegend auf den oberen Blättern, wo Pollen sich anhäufen können, die Abgrenzung der Nekrosen zum umliegenden Gewebe ist diffus.
Für eine sichere Diagnose der Sprenkelnekrose legt man das fragliche Gerstenblatt während zweier Tage bei Zimmertemperatur in eine Feuchtkammer. Anschliessend wird das Blatt mikroskopisch untersucht: Sind schwanenhalsförmige Konidienträger mit kleinen Konidien sichtbar, ist die Ursache der Flecken die R. collo-cygni.
Pathogen
Die Konidienträger der R. collo-cygni haben die charakteristische Form eines Schwanenhalses (Abb. 3). Sie sind in Gruppen angeordnet und wachsen aus den Spaltöffnungen, vor allem auf der Blattunterseite (Abb. 4). Die Konidien sind im Durchschnitt 8 µm lang und 4 - 5 µm breit.
Abb. 3. Schwanenhalsförmige Konidienträger (oben) und Konidien (unten) der Ramularia collo-cygni.
Lebenszyklus
Erste Ramularia-Blattflecken können bereits im Herbst oder im zeitigen Frühjahr auf älteren Blättern der Wintergerste beobachtet werden. Dort produziert der Pilz Konidien, die mit Wind und Regenspritzern von den unteren Blättern zu den oberen Blattetagen gelangen. Zum Zeitpunkt der Blüte hat der Pilz meist das Fahnenblatt erreicht. Oft verläuft die Krankheit bis zu diesem Zeitpunkt beinahe ohne Krankheitszeichen, obwohl der Pilz bereits die Blätter besiedelt hat (endophytische Wachstumsphase). Nach der Blüte erscheinen erste schokoladen- braune Punkte (Sprenkel), die meist einen gelben Hof haben. Diese Flecken breiten sich je nach Witterung sehr schnell aus und die grüne Blattfläche kann innerhalb von zwei Wochen zerstört werden.
Verantwortlich für das schnelle Absterben der Blätter sind vom Pilz gebildete Toxine, sogenannte Rubelline (Heiser et al. 2003). Diese werden durch Sonnenlicht aktiviert. Dabei entstehen reaktive Sauerstoffspezies („Sauerstoffradikale"), Formen des Sauerstoffs, welche für die Pflanzen schädlich sind und die Blattzellen in Kürze abtöten. Der bis zu diesem Zeitpunkt endophytisch in der Pflanze wachsende Pilz ernährt sich jetzt von den abgestorbenen Zellen.
Dies kann vor allem auf Blättern beobachtet werden, die dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt sind. Folgen auf eine kühle und feuchte Wetterlage Tage mit starker Sonnen- einstrahlung ist das Absterben der Blätter besonders schnell. Die Pflanzen schliessen die Spaltöffnungen der stark bestrahlten Blattflächen und in den Zellen kommt es zur Bildung von „Sauerstoffradikalen".
Epidemiologie
Die Übertragung der Krankheit mit dem Saatgut ist ein wichtiger Risikofaktor für einen Befall. Warme Herbsttage mit Taubildung fördern die Entwicklung der Krankheit an den jungen Pflanzen. R. collo-cygni erträgt tiefe Temperaturen unbeschadet und kann deshalb auf Wintergerste gut überwintern.
Im Frühjahr ist eine feuchte Witterung mit einer langen Blattnässedauer für die Ausbreitung des Pilzes sehr förderlich. Es werden Massen von Sporen gebildet und die Sporen finden ideale Bedingungen, um die Pflanzen zu infizieren.
Abb. 4. Ramularia collo-cygni: Auf den Flecken wachsen aus den Spaltöffnungen büschelweise Konidienträger mit Konidien
Wirtsspektrum
Ramularia collo-cygni hat einen sehr grossen Wirtskreis. Sie befällt neben Gerste, Weizen, Hafer, Roggen und Triticale auch Quecke, Windhalm, Raigras und Hühnerhirse (Frei 2009). Diese Vielzahl an Wirtspflanzen erlaubt dem Pilz, von einer Gerstenkultur zur nächsten zu überdauern. Auch Ausfallgetreide erfüllt diesen Zweck.
Bekämpfung
Nach Frei (2009) sind alle Gerstensorten mehr oder weniger anfällig. Früh blühende Sorten werden früher befallen als spät blühende. Allerdings sind diese anfänglichen Sortenunter- schiede bereits nach wenigen Tagen nicht mehr feststellbar. Sommergerste ist besonders empfindlich.
Eine angemessene Stickstoffdüngung gemäss den Grundlagen für die Düngung im Acker- und Futterbau schützt die Gerste vor Stress und hilft die Krankheit einzudämmen.
Der ideale Zeitpunkt zur Behandlung gegen die Sprenkelnekrosen liegt gemäss den Angaben der Forschungsanstalt Agroscope ACW zwischen den Stadien BBCH 39 und BBCH 51 (Blatthäutchen des Fahnenblattes sichtbar bis Beginn Ährenschieben) (Frei 2009). Als Bekämpfungsschwelle gilt die Beobachtung erster Flecken auf den drei letzten Blättern. Falls zusammen mit der Sprenkelnekrose auch andere Gerstenkrankheiten wie echter Mehltau, Netzfleckenkrankheit, Rhynchosporium oder Zwergrost bekämpft werden sollen, lohnt sich der Einsatz von breit wirksamen Fungiziden wie zum Beispiel eine Tankmischung mit Strobilurinen, Azolen (Input, Gladio und Opera) oder Chlorothalonil-Produkten (Bravo 500).
Haben die anderen Gerstenkrankheiten die Schadschwellen nicht erreicht, kann eine Behandlung mit einem Chlorothalonil-Produkt die Sprenkelnekrosen gut kontrollieren.
Literatur
Cavara F, 1893. Über einige parasitische Pilze auf Getreide.- Zeitschrift für Pflanzenkrankheiten 3: 16-26.
Frei P, 2009. Neuigkeiten, aber kein Patentrezept. UFA-REVUE 5 37
Heiser I, Sachs E, Liebermann B, 2003. Photodynamic oxygen activation by rubellin D, a phytotoxin produced by Ramularia collo-cygni (Sutton et. Waller) Physiological and Molecular Plant Pathology 62: 29 - 36.
Sutton B, Waller JM (1988): Taxonomy of Ophiocladium hordei, causing leaf lesions on Triticale and other Gramineae. Transactions of the British Mycological Society 90, 55 - 61.