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Wie bei der Goldmarie
«Ich habe immer gemacht, was mir wichtig war und was ich richtig fand.» Das sagt Doris Stauffer, einstige Studentin und Dozentin an der Kunstgewerbeschule. Ihre Ideen sorgten für Aufruhr und erfahren derzeit späte Anerkennung. Einer der vielen Schlüssel zu ihrem Werk sind Märchen. Mit der Künstlerin und Feministin hat PETER VETTER gesprochen, der zu ihrer Zeit ebenfalls an der Kunstgewerbeschule war.
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Über Doris Stauffer ist in letzter Zeit viel berichtet worden. Sie hat den Preis für allgemeine kulturelle Verdienste der Stadt Zürich erhalten, und Simone Koller und Mara Züst haben ein schönes Buch über ihr Leben und Werk herausgegeben.
Doris Stauffers Schilderungen beginnen in Chur, wo sie aufgewachsen ist. Später brach sie das Gymnasium ab, weil sie Mühe mit der Mathematik hatte. Sie war immer kreativ, spielte ausgezeichnet Cello und zeichnete viel. Mit 17 Jahren kam sie an die Kunstgewerbeschule Zürich (heute Teil der ZHdK). Im Vorkurs konnte sie ihr Talent ausleben und kreativ arbeiten. Ihr Hauptlehrer war der «Mähne-Binder» (Walter Binder), den sie sehr schätzte, und sie war, wie sie sich erinnert, begeistert von einer Schule, «in der man nicht rechnen musste».
Die Fotoklasse
Als die Entscheidung anstand, welche Ausbildung sie wählen sollte, informierte sie sich genau und prüfte von Bühnenbild über Landschaftsarchitektur bis Textilklasse alles eingehend. An der Ausstellung der Abschlussarbeiten der Schule stand sie dann plötzlich vor einer Wand mit schwarz-weissen Fotografien aus einem Theater in Baden. Angesichts dieser Aufnahmen wurde ihr augenblicklich klar, dass sie die Fotoklasse besuchen wollte.
Sie trat 1952 in die Fotoklasse ein und war eine von sechs Studierenden, die aufgenommen wurden. Ihre Mitschüler waren unter anderen Willy Eberle, René Burri und Serge Stauffer. Hans Finsler, der grosse Pionier der Fotografie, leitete zusammen mit Alfred Willimann die Fotoklasse. Finsler förderte Doris Stauffer, und sie realisierte Arbeiten wie «Nadelbild» (1952), «Gemüse» (ohne Jahresangabe) und «Schulreise Bologna» (1953). Als sie später schwanger wurde, trugen dies Finsler und die Schule mit und unterstützten sie aktiv. So konnte sie hochschwanger ihre Arbeiten vor der Prüfungskommission vertreten und bestand die Prüfung auch mit Bravour.
Familienzeit mit «Assemblagen»
Die Zeit nach der Ausbildung war der Familie gewidmet. Mit ihrem Mann Serge Stauffer (1929–1989) und drei Kindern lebte sie in einer Zweizimmerwohnung an der Münstergasse in Zürich. In dieser Zeit begann sie, an eigenen Projekten zu arbeiten, aber nicht in der Fotografie. «Fotografieren war zu teuer», wie sie kommentiert. Sie schuf in dieser Zeit die sogenannten «Assemblagen», interessante Arbeiten mit Objets trouvés, die aber auch der aufkommenden Pop-Art verpflichtet waren. Sie fühlte sich einer Künstlerin wie Yoko Ono nahe und stand in Kontakt mit Verena Loewensberg, Niki de Saint Phalle und Meret Oppenheim. Nach dem Umzug nach Seebach in ein Haus mit grossem Garten und einem eigenen Arbeitsraum entstanden die ersten Essbilder, aber auch politische Sujets wie zum Beispiel «schneewittchen und die acht geisslein» (1966) oder «hommage/schweizerreise» (1968).
Mit Humor gegen Konventionen
Ab 1957 lehrte Serge Stauffer an der Kunstgewerbeschule Zürich. So kam Doris Stauffer wieder in Kontakt mit der Schule und führte ab 1969 in der experimentellen Klasse Form und Farbe (F+F) den Kurs «Teamwork» durch. Sie vertrat die Idee, Medien einzubeziehen und kollektive Projekte unter anderem auch im öffentlichen Raum zu realisieren. Spielerisch wurde Kreativität erprobt, und alles war möglich, auch Musik, und überhaupt sollten alle Sinne in die Arbeit einbezogen werden.
Dieses Experiment fand 1970 ein jähes Ende, als der Konflikt mit dem Establishment der Kunstgewerbeschule eskalierte. In der Folge streikten die Schüler und pflasterten die ganze Stadt mit politischen Botschaften zu. Überall wurden grüne Zettel angebracht mit Sprüchen wie «Pappelmann [Anmerkung der Redaktion: Rektor Mark Buchmann] geht alle an» oder «Bei Pappelmann kommt jeder dran». Die Initianten der F+F kämpften mit Humor und Ironie, was das «Spiessertum» nicht verstand. Der Konflikt wurde zum Medienereignis, Presse und Fernsehen interessierten sich plötzlich für die Vorkommnisse an der Kunstgewerbeschule. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung, so erinnert sich Doris Stauffer, sagte Hansjörg Mattmüller: «Ich glaube wir gehen jetzt», und das war der erste Schritt zur Gründung der F+F als autonome Schule.
Im Rahmen der neuen F+F schuf Doris Stauffer ihre «Hexenklasse», die Frauen vorbehalten war. Damit eckte sie mit der Zeit auch an der progressiven F+F an, und ihre feministischen und unkonventionellen Ideen überforderten die Leitung. Doris Stauffer kommentiert aus heutiger Sicht: «Mattmüller hat das ganz einfach nicht begriffen.» Damit endete 1980 auch die didaktische Tätigkeit an der F+F.
Ihre politische und künstlerische Tätigkeit führte sie weiter und so entstanden die «Strauhof-Guckkästen» (1975), später die «Lebkuchen», und dann kamen ihre Geschichten dazu. Immer wieder Neues. Immer wieder etwas, was es noch nicht gab, und immer wieder exponierte sich Doris Stauffer mit Intelligenz, Humor, Ironie und starken Botschaften.
Märchenhafte Wendung
Und wie sieht sie das heute? Gibt es so etwas wie ein Résumé? Dazu sagt Doris Stauffer: «Ich habe immer gemacht, was mir wichtig war und was ich richtig fand – ich habe getan, was ich tun musste.» Nach kurzem Nachdenken ergänzt sie ihre Aussage: «Irgendwie – wie bei der Goldmarie – wurden meine Anstrengungen dann plötzlich belohnt.»
Dass das Schaffen von Doris Stauffer nun eine breite Würdigung erfährt, ist auf ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF finanziertes Forschungsprojekt am Institute for Contemporary Art Research der ZHdK zu Doris Stauffers Ehemann Serge Stauffer zurückzuführen. Dabei stiess Projektleiter Michael Hiltbrunner nicht nur auf ein spannendes Stück Geschichte der eigenen Institution, sondern auch auf das revolutionäre Schaffen von Doris Stauffer. In enger Zusammenarbeit mit der Familie Stauffer konnte in der Folge 2015 das Werk von Doris Stauffer gesichert werden. Das Aargauer Kunsthaus übernahm einen wichtigen Werkbestand als Schenkung und kaufte weitere Arbeiten an. Auch die Stadt Zürich kaufte eine Installation für ihre Kunstsammlung. Das Archiv von Doris Stauffer wurde von der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek zusammen mit demjenigen von Serge Stauffer übernommen. Dazu kamen eine Monografie (siehe unten) und der Preis für allgemeine kulturelle Verdienste der Stadt Zürich.