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Wie Dorothy Thompson Adolf Hitler traf und den Populismus verstand
Die US-amerikanische Reporterin Dorothy Thompson traf im Dezember 1931 Adolf Hitler zum Interview. Diese ebenso verstörende wie aufschlussreiche Begegnung beschreibt sie in ihrem Buch «Ich traf Hitler!» («I Saw Hitler!»), das 1932 auf Englisch erschien. Den illustrierten Reportage-Essay, in dem Thompson nach dem Geheimnis des Populismus fragt, hat Oliver Lubrich von der Universität Bern als erstes ihrer Werke nun vollständig in deutscher Übersetzung herausgegeben.
Ende 1931 führte Dorothy Thompson (1893-1961) im Hotel Kaiserhof in Berlin ein Interview mit Adolf Hitler. Ihr Buch «I Saw Hitler!» erschien 1932 wenige Monate vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und führte dazu, dass die US-amerikanische Journalistin, als sie im August 1934 zurückkehrte, spektakulär aus Deutschland ausgewiesen wurde. «Ich traf Hitler!» ist Reportage und Essay, Porträt und Psychogramm. Die Autorin analysiert Hitlers Rhetorik und die Psychologie seiner Anhänger und Anhängerinnen. «Dorothy Thompson entwirft eine Theorie des Populismus, die heute von grosser Aktualität ist», sagt Herausgeber Oliver Lubrich vom Institut für Germanistik der Universität Bern. «Sie schildert eine Situation, in der Demokratien scheitern und Wahlen eine Diktatur herbeiführen können. Und sie beschreibt, unter welchen Voraussetzungen das, was sie in Deutschland beobachtete, auch in den USA möglich wäre.»
Pionierin der Auslandsreportage
Dorothy Thompson war eine Pionierin des modernen Journalismus. Mit 26 Jahren ging sie nach Europa, als erste Frau war sie Korrespondentin für grosse US-amerikanische Zeitungen in Wien und anschliessend in Berlin. Nach ihrer Ausweisung aus Deutschland wurde Thompson in den USA zur Star-Kolumnistin, die in ihren Texten und Reden vor der Gefahr des Faschismus warnte. Während des Krieges wandte sie sich im Radio auf Deutsch an ihre Hörerinnen und Hörer in Europa. Das Time Magazine brachte Dorothy Thompson aufs Cover und erklärte sie zur einflussreichsten Frau der USA neben Eleanor Roosevelt. Im Spielfilm «Woman of the Year» (1942) verkörpert Katharine Hepburn eine Journalistin nach ihrem Vorbild. Verheiratet war Dorothy Thompson mit Sinclair Lewis (1885-1951), dem ersten Literatur-Nobelpreisträger aus den USA, der sich aufgrund ihrer Bekanntheit scherzhaft als «Mister Dorothy Thompson» bezeichnete.
Den eigenen Irrtum produktiv gemacht
«Als ich Adolf Hitlers Zimmer betrat, war ich der festen Überzeugung, dem künftigen Diktator von Deutschland zu begegnen.» Mit dieser Erwartung beginnt Dorothy Thompson ihre Reportage «Ich traf Hitler!», aber es folgt sogleich die Enttäuschung: «Keine fünfzig Sekunden später war ich mir ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall war. So lange dauerte es in etwa, um die verblüffende Bedeutungslosigkeit dieses Mannes zu ermessen, der die Welt in Atem hielt....»
«Was im Rückblick wie eine kolossale Fehleinschätzung wirken kann, hat die Autorin raffiniert an den Anfang gestellt, um ihre eigene Reaktion auf Hitler zu analysieren», sagt Herausgeber Oliver Lubrich. So unterscheidet sie die linkische Person von dem wirksamen Massenredner und stellt fest: Gerade dass sie den Demagogen in seiner Aufgeblasenheit lächerlich findet, darf sie nicht davon abhalten, ihn als Phänomen ernstzunehmen. «Ich sah in ihm den Kleinen Mann. Aber vielleicht liegt darin, und gerade darin, das Geheimnis seines enormen Erfolges.» Die Beobachterin, erklärt Lubrich, habe ihren spontanen Eindruck produktiv gemacht: «Zahlreiche Intellektuelle und Akademikerinnen haben Hitler unterschätzt, so wie sie später die Populisten unserer Zeit unterschätzten. Aber Thompson gelang es, aus ihrem anfänglichen Irrtum Erkenntnisse zu gewinnen, indem sie fragte, was seine Wählerinnen und Wähler in Hitler sahen und aufgrund welcher Affekte sie sich in ihm wiedererkannten.»
Der Reportage-Essay «Ich traf Hitler!» von Dorothy Thompson erscheint am 7. Juni im Wiener Verlag Das vergessene Buch.

Über das Buch
Dorothy Thompson, Ich traf Hitler!, erstmals vollständig auf Deutsch zusammen mit sämtlichen Original-Abbildungen herausgegeben und mit einem umfangreichen Nachwort versehen von Oliver Lubrich, übersetzt von Johanna von Koppenfels, Wien: Verlag Das vergessene Buch 2023, 272 Seiten, 46 Abbildungen.
ISBN: 978-3-903244-23-8. Erscheinungstermin: 7. Juni 2023.

Über den Herausgeber
Oliver Lubrich ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Komparatistik an der Universität Bern. In seinem Forschungsprojekt untersucht er die Zeugnisse internationaler Reisender aus dem nationalsozialistischen Deutschland, zu denen zum Beispiel Max Frisch, Virginia Woolf und Samuel Beckett zählen. Zuletzt hat er in diesem Zusammenhang herausgegeben: W. E. B. Du Bois, «Along the color line». Eine Reise durch Deutschland 1936, übersetzt von Johanna von Koppenfels, München: C. H. Beck 2022, 168 Seiten. Seine neueste Veröffentlichung ist: Humboldt oder Wie das Reisen das Denken verändert, Berlin: Matthes & Seitz 2022, 530 Seiten.

Über den Verleger und Berner Germanistik-Doktoranden
Albert C. Eibl ist Gründer und Geschäftsführer des Wiener Verlags Das vergessene Buch (DVB), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Unrecht vergessene Werke der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Öffentlichkeit zu bringen. Neben den österreichisch-jüdischen Autorinnen Maria Lazar, Marta Karlweis und Else Jerusalem gab er den fiktionalisierten Auschwitz-Überlebensbericht Ferien am Waldsee des ungarisch-jüdischen Wahlbaslers Carl Laszlo heraus. In Zusammenarbeit mit Oliver Lubrich erschienen John F. Kennedys Geheimes Tagebuch von 1937 und Marcel Jouhandeaus Geheime Reise von 1941/1949. An der Universität Bern verfasst Eibl eine Dissertation zur «Poetik des ‹verdeckten Schreibens›», das heisst: über Autorinnen und Autoren, die in Epochen der Zensur Strategien der literarischen Camouflage entwickeln.
30.05.2023