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Missglückte Aufklärung
Mit einem Comic gegen den Antisemitismus
Zweifelsohne kann Will Eisner als eine der Schlüsselfiguren des Comics in den letzten Jahrzehnten betrachtet werden. Wie kaum ein anderer trug er dazu bei, das Prestige der mit vielen Vorurteilen bedachten Bildergeschichten aufzuwerten. Bekannt geworden durch die Serie «The Spirit», prägte und definierte der Sohn amerikanisch-jüdischer Einwanderer über die Jahre den Begriff der «Graphic Novel». Zum einen geschah dies durch seine Comic-Romane wie etwa «A Contract With God», zum anderen durch seine Sekundärwerke über grafisches Erzahlen. Eisner, der zu Beginn dieses Jahres als 87-Jähriger gestorben ist, hinterlässt ein grosses Lebenswerk, das erst jetzt nach und nach ins Deutsche übertragen wird. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass seine letzte grosse Arbeit «The Plot» («Das Komplott») bereits jetzt übersetzt vorliegt. Es dürfte wohl im Sinne Eisners gewesen sein, dass diese nicht bei einem der einschlägigen Comic-Verlage, sondern bei einem renommierten Buchverlag erscheint.
Hetzschrift
In seiner langen Schaffensphase hatte sich der Altmeister vermehrt dem Phänomen des Antisemitismus zugewandt, wie etwa sein 2003 erschienenes Buch «Fagin the Jew» zeigt. Dieses couragierte Interesse mündet nun im «Das Komplott», mit dem Eisner «Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion» - so der Untertitel - aufdecken möchte. Dabei handelt es sich um ein antisemitisches Pamphlet, welches das Gerücht einer jüdischen Verschwörung, um die Weltherrschaft zu erlangen, in die Welt setzte. Obwohl längst erwiesen ist, dass die 1905 zum ersten Mal in Russland publizierten «Protokolle» eine Fälschung darstellen, geistern diese nach wie vor in den verschiedensten Varianten in der Weltgeschichte herum - Eisner selbst war bei Recherchen auf den von Radio Islam ins Internet gestellten E-Text der «Protokolle» gestossen. Um diese auch für den Leser nachvollziehbar als Fälschung zu entlarven, stellt Eisner die «Protokolle» im Volltext einer viel früher entstanden «Ur-Fassung» gegenüber. Die Frage bleibt, ob er damit nicht selber einer erneuten Reproduktion Vorschub leistet.
Berner Prozess
Knapp einen Zehntel seines Comics hat Eisner dem so genannten «Berner Prozess» gewidmet, der in den 30er-Jahren stattfand. Damals verklagte der Israelitische Gemeindebund die Nationale Front, weil diese in der Schweiz die «Protokolle» in Umlauf brachte. Mit jenem Prozess hat sich der Berner Historiker und Publizist Urs Lüthi (Bild) in seinem 1992 erschienenen Buch «Der Mythos von der Weltverschwörung» eingehend beschäftigt: «Der Berner Prozess war in der Geschichte der ‚Protokolle‘ wohl der wichtigste Versuch, diese endgültig als Fälschung zu entlarven. Er wurde auch deshalb weit über die Landesgrenzen hinaus beobachtet, weil er in der Hochblüte des Nationalsozialismus stattfand, in der die Protokolle ein Bestseller waren.» Gemäss Lüthi hat Eisner «aufs Ganze gesehen gut recherchiert», das Urteil vor dem Appellationsgericht sei jedoch «falsch dargestellt»: So sprach das Obergericht 1937 - anders als im Comic, wo die Berufung abgelehnt wurde - das Obergericht auf Grund ungenügender Rechtsgrundlage die beiden in erster Instanz verurteilten Schweizer Frontisten Theodor Fischer und Silvio Schnell frei. Lüthi erläutert die Folgen: «Dieser Freispruch wurde dann auch in Deutschland als ‚Sieg über das Weltjudentum‘ entsprechend ausgeschlachtet.»
Ziel erreicht?
Eisner hat «Das Komplott» explizit als Waffe gegen die «Protokolle» gesehen: «Dass grafisches Erzählen immer mehr als populäre Literatur akzeptiert wird, gibt uns die Gelegenheit, dieser Propaganda auf leicht zugängliche Weise offensiv zu begegnen.» Er hoffte so, «einen weiteren Nagel in den Sarg dieses schrecklichen, vampirähnlichen Betrugs» schlagen zu können. Dieses didaktische Vorhaben schlägt aus zwei Gründen fehl: Erstens ist die Lektüre von Will Eisners äusserst textlastig und in nüchterner S/W-Grafik gehaltener Erzählung Knochenarbeit und keineswegs «leicht zugänglich». Und das ist sicher auch gut so. Nur wird auf diese Weise garantiert nicht das erhoffte Massenpublikum erreicht. Zweitens vermag Eisners im klassischen Sinne praktizierte Aufklärung nichts gegen den Antisemitismus - der sich ja eben gerade durch seine vollkommene Irrationalität definiert - auszurichten und wird nur eine bereits aufgeklärte Klientel ansprechen. Denn was kümmert es den Fanatiker, ob die «Protokolle» nun gefälscht sind oder nicht? Hauptsache, sie taugen als Mittel zum Zweck. Als Eisners grosses Verdienst kann jedoch gelten, in Zeiten fortdauernder Barbarei nicht resigniert zu haben und mit all seinem Talent und Vermögen als Künstler (und Historiker) produktiv zur Sichtbarmachung - im wahrsten Sinne des Wortes - der Geschichte der «Protokolle» beigetragen zu haben. Und das ist wahrlich nicht wenig.
Dave Schläpfer, im November 2005