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"Der Tag des Sieges über das Hitler-Deutschland". "Tag des Sieges? Wie kann man Militärsiege feiern? Das ist doch pure Kriegsverherrlichung!", solche Reaktionen hörte ich, als ich meinen deutschen Freunden und Bekannten erklärte, dass die Russen im Jahr 2010 den 65. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg feiern. Doch es geht an diesem Tag um etwas ganz anderes, als den Krieg zu verherrlichen.

in der russischen Kultur und im Volksgedächtnis. Der Preis für diesen Krieg waren 21 Millionen Menschenleben. Es gibt also keine einzige Familie in der ehemaligen Sowjetunion, die vom Krieg verschont blieb. Fünf Jahre enorme Anstrengungen, Verluste, Hunger, Nöte, Bombenangriffe.... Deswegen ist es in erster Linie ein Tag "mit Tränen in den Augen", wie es in einem alten sowjetischen Lied hieß, das jedes Jahr an diesem Tag gespielt wird.
Der 9. Mai ist der Tag der Erinnerung und der Danksagung der Menschen, die die Heimat vom Faschismus befreit haben. Es ist ein rührendes, ergreifendes und beinahe intimes Fest, obwohl es immer auch pompös gefeiert wird. Viele Familien kommen an diesem Tag zusammen, um die noch lebenden Kriegsveteranen zu ehren. Mehr als 70% der Russen sagten aus, dass dieses Fest nach dem Silvester ihr beliebtester Feiertag ist. "Der 9. Mai ist für jeden russischen Bürger heilig", so erklärt die Bedeutung dieses Festes eine russische Internetseite. Denn trotz des Generationswechsels bleibt "nichts und niemand vergessen", wie es am Denkmal für den unbekannten Soldaten an der Moskauer Kremlmauer steht. Heute schreiben die Schulkinder in ihren traditionellen Aufsätzen über ihre Urgroßväter im Großen Vaterländischen Krieg, noch von wenigen Jahren schrieben sie über ihre Großväter. Es gibt sie immer weniger, die Kriegsveteranen. Doch dadurch wird die Bedeutung dieses Festes nicht geringer. Nach all den Turbulenzen der Umbruchjahre, nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Durchbruch des Kapitalismus, ist der Tag des Sieges etwas, was die Nation einigt. Allein die Benennung des Zweiten Weltkrieges als "Großer Vaterländischer Krieg" sagt viel über dessen Bedeutung aus.
Doch die Bilder von den Militärparaden oder Kriegsveteranen mit ihren Orden auf der Brust, die stolz über den Roten Platz marschieren, werden in Deutschland stets mit dem Klischee von der Machtdemonstration Russlands in Verbindung gebracht. Dabei sollte eigentlich vor allem Deutschland dieses Thema mit mehr Sensibilität behandeln, schließlich regt sich hierzulande keiner auf, wenn z.B. französische Kriegsveteranen das Ende des zweiten Weltkrieges feiern. Man diskutiert im Westen über den Hitler-Stalin-Pakt oder darüber, ob Stalin selbst nicht vorhatte, Deutschland zu überfallen. Doch all diese Diskussionen haben nichts damit zu tun, was ein russischer Mensch empfindet, wenn in einem russischen Radiosender eine Minute lang nur ein Pulsschlag zu hören ist und eine Stimme sagt: "Der Tag des Sieges! Wir danken Euch, Veteranen!" Oder mit dem "Museum des Großen Vaterländischen Krieges" in Moskau, wo man in lebensnahen Installationen das Leiden der Leningrader Bevölkerung während der 900tägigen Blockade erleben und ein Stück Brot von 125 Gramm sehen kann – eine Tagesration für eine Person für fast drei Jahre. Zu viel Pathos? Vielleicht....Doch, wie es einem Gedicht über den Krieg heißt: "Wer immer satt war, wird nie verstehen, wie das geträumte Brot schmeckt".
Übrigens, der Siegestag wird nicht nur in der Russischen Föderation gefeiert, sondern auch in anderen ehemaligen UdSSR-Staaten.
Im Jahr 2010 kommen zum ersten Mal ehemalige Verbündete nach Russland, z.B. 70 polnische Veteranen, um an der Parade am Roten Platz teilzunehmen.
Das Fest wird in Russland am 9. und nicht am 8. Mai immer gefeiert, weil der Waffenstillstand nach Moskauer Ortszeit erst am 9. Mai in Kraft trat.