Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03649.jsonl.gz/1560

So gut die finanzielle und soziale Stellung der Familie Montessori im mittelitalienischen Chiaravalle war, so schlecht stand es um die gesellschaftliche Situation der Frau. Nichts deutete in Maria Montessoris Geburtsjahr 1870 darauf hin, dass sie eine weltbekannte Ärztin und Pädagogin werden könnte. Zwar war 1870 auch der geeinte Nationalstaat Italien mit vierjähriger Schulpflicht entstanden, doch die Bevölkerung war grösstenteils bitterarm. Kinder gingen darum kaum zur Schule, sondern arbeiteten, um die Familie zu unterstützen. Gingen sie zur Schule, waren sie einem starren, repressiven System ausgesetzt, das jegliche Selbstentfaltung unterband – selbst die Bänke waren festgeschraubt. Schon als Schülerin behagte Maria Montessori diese Atmosphäre nicht. Sie rebellierte gegen die Karrierepläne ihres Vaters und weigerte sich, ein klassisches Gymnasium zu besuchen. Stattdessen ging sie auf eine technisch-naturwissenschaftliche Jungen-Schule. Das anschliessende Naturwissenschafts- und Medizinstudium mit Promotion absolvierte sie an der Universität Rom – einem reinen Männerbetrieb, der von Frauen wenig hielt.
Danach trat Montessori den Assistentinnen-Posten in der Kinderabteilung der psychiatrischen Klinik in Rom an. Die Kinder dort lebten zwar in hygienisch akzeptablen Zuständen und wurden mit Mahlzeiten versorgt, Zuwendung bekamen sie aber keine. Dass diese Kinder keinesfalls interessenlose Wesen waren, wie das Pflegepersonal meinte, erkannte Montessori in deren Spiel mit Brotkrumen.
Besonders diese Erkenntnis veranlasste Montessori dazu, Erziehungs- und Unterrichtsmethoden für intellektuell schwache Kinder zu entwickeln, um sie in die Gesellschaft eingliedern zu können. Ab 1902 studierte sie Pädagogik und Anthropologie in Rom; ebendort eröffnete sie 1907 das „Casa dei Bambini“ („Haus der Kinder“). Dort fanden auch geistig normal entwickelte, aber vernachlässigte Kinder Unterschlupf. Ausgestattet war das Kinderhaus mit selbst entworfenen didaktischen Spielsachen, die alle Sinne ansprachen. Montessori hatte sich dazu von Rousseau, Pestalozzi sowie den Ärzten Jean Itard und Édouard Séguin inspirieren lassen. Die Kinder wurden als eigenständige Persönlichkeiten respektiert, durften selbst Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Wissen entstand nach dem Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“. Die Erwachsenen hielten sich als Begleiter im Hintergrund und ermöglichten die Entfaltung. Ein Bruch mit allen Konventionen. Der Erfolg war durchschlagend. Bald war Montessori, die seit 1916 in Spanien wohnte, weltweit auf Vortragsreisen. Das Publikum gehörte sämtlichen religiösen und politischen Richtungen an; zeitweise sogar den italienischen Faschisten. Auch im Umgang mit ihren Kritikern ging Montessori stets einen eigenen Weg: sie schwieg stoisch.
Im September 1939 wurde sie in Britisch-Indien vom Kriegsausbruch überrascht und kehrte erst 1949 nach Europa zurück, wo sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, den sie jedoch nicht erhielt. Sie starb 1952 überraschend bei der Vorbereitung auf ein Gespräch in ihrer neuen Heimat, den Niederlanden.