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Der Nachhaltigkeitsforscher Mohan Munasinghe über die Macht der Konsumenten, wenn es darum geht, Wirtschaft und Politik auf einen grünen Zweig zu bringen.
annabelle: Mohan Munasinghe, Sie arbeiten mit Firmen wie BASF, Unilever und dem Schweizer Reiseveranstalter Kuoni zusammen. Wollen Sie diese Unternehmen auf einen grünen Kurs bringen?
Mohan Munasinghe: Das ist meine Absicht, ja. Ich bin fest davon überzeugt, dass verantwortungsbewusste Unternehmen in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit viel mehr bewirken können als Regierungen. Den regierenden Eliten fehlt es schlicht an Mut dazu. Sie lassen sich bloss von kurzfristigen Zielen leiten und denken nicht weiter als bis zu den nächsten Wahlen.
Immerhin eilen sie von Klimagipfel zu Klimagipfel.
Und was ist bis jetzt dabei herausgekommen? Nicht viel! Noch immer drehen sich die politischen Programme um die maximale Ausreizung der Ressourcen, um Profit, Produktion und noch mehr Konsum. Die ökonomischen, sozialen und ökologischen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, sind das Resultat dieser Gier-ist-gut-Philosophie.
Sie scheinen frustriert.
Sehen Sie, wir wissen längst, was gegen Hunger, Armut und Klimawandel zu tun ist. Einer der wichtigsten Schritte wäre, das Einkommen der Menschen in Armutsstaaten zu erhöhen. Nur wer satt ist und weiss, dass seine Kinder den Tag überleben werden, kann sich um ökologische Probleme kümmern. Aber die Regierungen drücken sich davor, genügend Mittel bereitzustellen. Für die Rettung der Banken konnten innerhalb weniger Monate fünf Milliarden Dollar lockergemacht werden. Wenns hingegen um die Bekämpfung der Armut geht, fliesst bloss ein Fünfzigstel dieser Summe. Jährlich werden 1.35 Billionen Dollar ins Militär investiert. Würde diese Summe auf die bedürftigsten Menschen in Armutsstaaten verteilt, gäbe das einige Dollar pro Person pro Jahr. Für Menschen, die mit nur einem Dollar pro Tag auskommen müssen, könnte eine Verdoppelung ihres Einkommens über Sein und Nichtsein entscheiden.
Warum sind Firmen besser als Regierungen?
Sie sind entschlussfreudiger, effizienter und innovativer und arbeiten oft mit langfristigen Visionen. Zudem haben viele multinationale Konzerne die grösseren finanziellen Ressourcen als kleine oder mittelgrosse Nationen. Diese Vorteile müssen für die Lösung komplexer globaler Problem genutzt werden. Das setzt aber voraus, dass Unternehmen von Regierungen reguliert und von NGOs und Zivilgesellschaften zur Rechenschaft gezogen werden können. Verantwortlichen Unternehmern ist das bewusst. Und auf die müssen wir setzen.
Das hört sich schön an. Aber Firmen leben doch von Produktivität und Gewinn.
Ja, natürlich. Aber Unternehmen müssen endlich begreifen, dass sich Nachhaltigkeit und Gewinn nicht ausschliessen. Ich benutze hierfür den Begriff «aufgeklärtes Eigeninteresse».
Das heisst?
Das heisst, wenn ich etwas tue, das gut ist für andere Menschen und die Umwelt, helfe ich längerfristig auch mir selbst. Nehmen wir die Reisebranche: Ein Reiseveranstalter kann kurzfristig viel Gewinn machen, wenn er Strände oder Naturschutzgebiete zerstört oder die Entwicklung von energiesparenden Wasser- und Wärmeanlagen vernachlässigt. In zehn Jahren werden wir jedoch in einer Welt leben, in der es schlicht weniger Wasser und Energie gibt. Dann haben jene Firmen einen Wettbewerbsvorteil, die schon früh auf einen nachhaltigen Kurs gesetzt haben. Kuoni, zum Beispiel, hat dies verstanden und engagiert sich entsprechend für die Nachhaltigkeit.
Und hierbei unterstützen Sie die Branche.
Genau. Zurzeit arbeite ich mit zwei grossen Hotelketten zusammen. Wir untersuchen, wie viel Wasser, Energie und Arbeitskraft pro Tag in einen Kunden investiert wird. Dabei analysieren wir, was ein Kunde auf seiner Reise von seinem Wohnort zum Hotel und während seines Aufenthalts am Ferienort verbraucht. Wir verfolgen die ganze Versorgungskette.
Haben Sie dabei eher Luxushotels oder kleinere Betriebe im Visier?
Beides. Es ist jedoch viel wirkungsvoller, die vielen Tausend kleineren Betriebe in Form zu bringen als die grossen Luxushotels.
Zu den schlimmsten Umweltsünden gehört das Fliegen. Sie raten Ihren Kunden aber wohl kaum dazu, auf Flüge zu verzichten, oder?
Nein. Ich rate vielmehr dazu, den CO2-Ausstoss kompensieren zu lassen. Selbst kompensiere ich meine Flüge, indem ich auf dem Land eines mir bekannten Bauern in Sri Lanka Bäume anpflanze. Die absorbieren nicht nur CO2, sondern schützen Wasserläufe, erleichtern dem Bauern die Ernte und geben ihm dadurch ein Einkommen, was auch seiner Familie zugute kommt. Ich versuche aber, unnötige Geschäftsreisen zu vermeiden und stattdessen auf Videokonferenzen zu setzen. Das funktioniert sehr gut, selbst mit dem Premierminister von Kuwait.
Ist es eigentlich fair, auch von Unternehmen und Zivilgesellschaften in sogenannten Entwicklungsländern nachhaltiges Handeln einzufordern?
Überflüssiges Licht ausmachen und den Abfall aufheben kann man überall. Denn weggeworfene Plastiksäcke, zum Beispiel, blockieren die Abläufe und verringern das Grundwasser, was zu schweren Umweltschäden führen kann. Dass sich ärmere Länder nicht um Nachhaltigkeit kümmern können, gilt also nicht. Trotzdem: Entwicklungsländer haben ein Recht auf Wachstum. Die Reichen können sie aber dazu ermutigen, nicht dieselben Fehler zu machen, und zeigen, dass man mit einem nachhaltigen Lebensstil ein gutes Leben führen kann.
Das hört sich jetzt fast zynisch an.
Ist es aber nicht. Denn die reichsten 20 Prozent der Menschheit (in reichen und armen Ländern) konsumieren 85 Prozent aller Güter und Dienstleistungen und verursachen 75 Prozent des gesamten CO2-Ausstosses. Genau diese Konsumenten sollen sich jetzt als Teil der Lösung sehen. Das heisst den Konsum drosseln, nur ein Auto haben statt zwei, nur dreimal pro Woche Fleisch essen statt täglich oder die Wäsche mit niedrigeren Temperaturen waschen. Diese nachhaltig agierenden Konsumenten, allen voran die Millionen von Frauen, die weltweit für ihre Familien sorgen, können Unternehmen beeinflussen, indem sie sie dazu bringen, umweltfreundlichere Produkte zu produzieren und innovativen Technologien anzuwenden. Damit bringen sie auch die Politik in Zugzwang. Ich nenne das «die grüne Revolution des Konsums». Und darauf hoffe ich.
Mohan Munasinghe ist Wirtschaftswissenschafter, Physiker und Ingenieur aus Sri Lanka. 2007 erhielt er als Vizevorsitzender der Uno-Klimaorganisation IPCC den Friedensnobelpreis, gemeinsam mit dem Ex-US-Vizepräsidenten Al Gore. Munasinghe leitet in Colombo sein eigenes Forschungsinstitut, das Munasinghe Institute for Development.
www.mindlanka.org
www.mohanmunasinghe.com
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