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Jodelarten der Schweiz
Jodeln, was ist das eigentlich?
Brigitte Bachmann-Geiser, Prof. Dr. phil., Bern
Jodeln, was ist das eigentlich
Jodeln ist ein Singen im Wechsel zwischen Brust und Kopfstimme auf Silben ohne Bedeutung. Das Umschlagen vom Brust- zum Kopfregister ist durch grosse, legato (gebunden) gesungene Intervalle gekennzeichnet. Bei der Bruststimme ist - anatomisch gesehen - der Stimmlippenrand Stimmlippenrand gerundet, bei der Kopfstimme scharfkantig geformt.
Ältere Bilder stellen Jodler dar, die das eine Ohr mit dem Zeigfinger zustopfen. Diese typische Haltung, die noch heute beobachtet werden kann, erlaubt es dem Jodler, die eigene Stimme von innen zu hören. Die eigene, von innen gehörter Stimme wird als «magischer Klang» bezeichnet. Zauberhaft tönt auch die überlieferte Ursprungsgeschichte
Jodeln kommt von Johlen
Johlen bedeutet: aus Freude laut singen und ist dem Wort jubeln verwandt. Jubili pastorales (Jubelrufe der Hirten) wurden int Jahr 397 in den Nonsberger Märtyrerberichten erwähnt. Emanuel Schikaneder. Wolfgang Amadeus Mozarts Librettist, verwendete das Wort jodeln im Singspiel «Der Tiroler Wasil« von 1795. Diese älteste bekannte Verwendung des Begriffes lautet: Sie (die Tiroler) jodeln und singen und tun sich brav um. Der deutsche Dichter Clemens Brentano schrieb 1817: Der Tiroler zog hintendrein und jodelte aus der Fistel. Von herumreisenden Tirolern berichtete 1828 auch Goethe: Es sind wieder Tiroler hier. Ich will mir doch jene Liedchen vorsingen lassen, obgleich ich (...) das beliebte Jodeln nur im Freyen (...) erträglich finde.
Das Wort jodeln lässt sich erst am Ende des 18. Jahrhunderts nachweisen. Die Jodelpraxis selber ist aber älter. 1751 wurde ein Hirte aus der Schweiz in die Pariser Opéra geführt. Als er die Triller der Kastraten hörte, vergass er sich, steckte die Finger in die Ohren und stimmte den Kühreihen (Jodel?) an. Der grosse Ludwig und sein Hof erstaunten über das Wirbeln und Kräuseln Helvetischer Calender fürs Jahr 1780, Zürich 1780).
Jauchzer
Der Juchzer. Jutz (Jauchzer) ist Ausdruck der Freude. Dieser textlose und atonale Freudenruf zwischen Jodler und Schrei erreicht die höchste Lage der menschlichen Stimme, das so genannte Pfeifregister. Es ist beinahe obertonlos und klingt daher schrill und durchdringend. Der traditionelle Jutz ist kurz. Er wird meistens abwärts in einem einzigen Atemzug gesungen. Der Jauchzer wird als Signal - zum Beispiel vor dem Bättruef (gesungenes Abendgebet katholischer Älpler der deutschen Schweiz) - oder als Zeichen überschäumender Lebenslust eines Berglers ausgestossen. Freudenschreie sind schon im Alten Testament dokumentiert. Im 20. Psalm heisst es: Dann jauchzen wir ob deinem Siege und jubeln laut in unseres Gottes Namen.
Lockrufe
Auf den Alpen werden die Kühe durch den Gesang des Sennen zusammen gerufen. Sein Lockgesang für Kühe ist verschieden von dem für Schafe und Schweine, beobachtete Johann Gottfried Ebel 1798 im Appenzellerland. Der Leipziger Arzt notierte in «Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz» zudem einen Ruguser (oder Locker).
In Löcklern kommt oft das so genannte Alphorn-Fa vor. Dieser Ton zwischen Fis und F klingt zwar für unsere Ohren falsch, weist aber auf das hohe Alter einer Melodie hin. Lockrufe, die bis ins Mittelalter zurückreichen dürften, lassen sich noch heute bei Hirten und Landleuten im Greyerzerland beobachten.
Das Jodellied im 19. Jahrhundert
Von 1799-1805 notierte Gottlieb Jakob Kuhn, Pfarrvikar in Sigriswil, Volkslieder (aus dem Mund des Volkes, Er sammelte diese Strophentexte aber nicht in ethnologischer Absicht, sondern, um sich im so genannten Volkston zu schulen. 1818 erschienen einige Mundartgedichte des Dichter-Pfarrers in Vertonungen von Ferdinand Fürchtegott Huber. Dieser Komponist aus St. Gallen wirkte von 1816-1824 als Musiklehrer in Hutwil.
Auf Wanderungen im Berner Oberland schrieb er Alphornweisen, Volkslieder und Tänze als Vorbilder für seine eigenen Werke auf. Geschult an Jauchzern, Kühreihen, Volksliedern und am Tiroler-Jodel schufen Gottlieb Jakob Kuhn und Ferdinand Fürchtegott Huber 1818 das erste schweizerische Jodellied: «Der Ustig wott cho». Dieses Kunstlied im Volkston zur Klavier- oder Gitarrenbegleitung konnte erst als vereinfachte Chorfassung zum allgemein beliebten Volkslied werden.
Alter Naturjodel mit Chorbegleitung
Der Naturjodel besteht bloss aus bedeutungslosen Silben. Daher sieht man bei diesem Gesange gar keine oder nur geringe Bewegung der Kinnladen und ihrer Muskeln, stellte der Arzt Johann Gottfried Ebel 1798 fest. Der einstimmige Naturjodel, ein Arbeitslied der Alphirten, kommt noch vereinzelt im Muotatal vor. Im geselligen Kreis wird der solistische Naturjodel chorisch begleitet, wie es sich im Muotatal und im Appenzellerland noch beobachten lässt. In Innerrhoden heisst der mehrstimmige Naiurjodel Ruggusseli, ein Begriff, der seit 1798 bezeugt ist. In Ausserrhoden nennt man den etwas ruhigeren mehrstimmigen Naturjodel seit 1874 Zäuerli. Die Appenzeller bezeichnen die chorische Begleitung mit lang ausgehaltenen, gleich hohen Tönen als Gradhebe und meinen damit eine vokale Bordunpraxis. Dem mehrstimmigen Naturjodel begegnet man noch immer im Appenzellerland und im St. Gallischen Toggenburg. Am 31. Dezember oder am alten Silvester (13. Januar) ziehen im Appenzeller-Hinterland kleine Gruppen von Kläusen von Haus zu Haus, um ein gutes neues Jahr zu wünschen und ein hinter den Masken urtümlich klingendes Zäuerli zu singen.
Alter Naturjodel mit Instrumentalbegleitung
Im Säntisgebiet wird der mehrstimmige Naturjodel oft mit Schellen oder Talerschwingen begleitet. Das so genannte Schälleschötte hat sieh aus einer seit 1826 dokumentierten Schutzmassnahme bei der Alpfahrt ergeben. Bei aufsteigendem Weg werden die drei Schellen der Leitkühe abgeschnallt und von zwei Hirten getragen. Der eine Mann buckelt zwei Schellen an einem eigens mitgebrachten Jochstecken, der andere hat an seinem Stab nur eine Schelle angehängt. Aus diesem unbewussten hat sich das bewusste Schellenschütteln entwickelt. Dabei stehen sich zwei Männer gegenüber. Der eine trägt die grosse und die mittlere Schelle an den Unterarmen, der andere die Kleine an einen Arm. Durch Hin- und Herbewegungen erklingt ein
rhythmisches Geläute. Auch das Talerschwinge ist eine Bordunbegleitung, eine Begleitung, die immer gleich hoch klingt. Dabei wird ein Fünffrankenstück in ein konisches Milchbecken, das der Spieler auf der Hand hält, geworfen. Durch leichte Drehbewegungen des Unterarms kreist das Geldstück dem Rand entlang und bringt das Geschirr durch Reibung zum Klingen. Diese ausschliesslich in der Ostschweiz meistens mit drei unterschiedlich grossen und somit unterschiedlich hoch klingenden Talerbecken geübte Praxis ist erst seit dem frühen 20. Jahrhundert bekannt. Zäuerli und Ruggusseli werden auch auf die Musikinstrumente der Original Appenzeller Streichmusik (2 Violinen, Violoncello, Kontrabass, Hackbrett) übertragen.
Komponierter Naturjodel
Nach der Gründung des EJV 1910 entstanden zahlreiche Jodelkompositionen, vor allem Jodellieder, Volksliedstrophen mit Jodelrefrains, und ab 1920 auch die ersten komponierten Naturjodel. Der komponierte lässt sich vom mündlich überlieferten Naturjodel an einem äusseren Merkmal erkennen: die bedeutungslosen Silben weisen beim allen Jodel nur vereinzelte, beim neuen aber mehrere Konsonanten auf.
Jakob Ummel (1895-1992) notierte vorerst traditionelle Naturjodel, später selber komponierte Naturjodel. Als Meister des komponierten mehrstimmigen Naturjodels gilt aber Adolf Stähli (1925-1999) aus Oberhofen am Thunsersee. Im Naturjutz bin i ganz im Element. erklärte der Alphirtensohn, i gspüre dert der sicher Bode under mer, e Bode, won i mir äbe dür mi Härkunft gschaffe ha. E neue Jutz im Stägriff z harmonisiere mit myne Lüt im Klub, das isch für mi ds Schönste. Durch Adolf Stähli hat der Naturjodel einen festen Platz in den Programmen der Jodlerklubs erhalten.
Das neue Jodellied
Die Kunst-Jodellieder des 19. Jahrhunderts waren für die allgemeine Bevölkerung zu schwierig. Sie fand den Zugang zur Musik in den Gesangvereinen. Dort erklangen diese Jodelkompositionen in vereinfachten Chorsätzen. Weil die neu errichteten Talkäsereien viele Sennen um ihre Arbeit und um ihre Kultur gebracht hatten, wurden die alten Jodel, Jauchzer und Kühreihen meistens nur noch gegen Geld für Touristen gesungen. Sammler wie Heinrich Szadrowski, Alfred Tobler, Alfred-Leonz Gassmann und Wolfgang Sichardt zeichneten traditionelle Jodel auf.
Oskar Friedrich Schmalz (1881-1960) aber schuf das neue Jodellied, indem er alte Volkslieder mit Jodelrefrains und Jodelbegleitungen ergänzte. 1925 erschien das erste von sieben erfolgreichen Heften unter dem Titel «Bi üs im Bärnerland». Er bezweckte, dem in allen Tälern heimischen Tirolerlied eine Anzahl von hiesigen Jodelliedern entgegenzusetzen.
Jodel-Duett und -Terzett
1924 wurde die erste gemischte Jodlergruppe gegründet. Seit jenem Jahr dürfen auch Jodlerinnen Mitglied des EJV werden. Das erste Jodel-Duett trat 1933 an einem eidgenössischen Jodlerfest auf.
Das Jodel-Duett Vreni Kneubühl (1920- 2007) und Jakob Ummel (1895-1992) war besonders beliebt. Vreni gewann die Herzen schon 1939, als die 19-Jährige zur ersten Soldatenweihnacht am Radio sang. Am ersten von 61 Jodlerfesten, die Vreni Kneubühl aktiv mitmachte, lernte sie 1943 den Solojodler Jakob Ummel kennen. Das Duo Kneubühl-Ummel war zwar selten öffentlich, dafür von
1945 an nach und nach mit über hundert Jodel-Duetten auf Schallplatten zu hören.
1969 gab der Seeländer Ernst Sommer das erste von drei Heften mit Jodel-Duetten unter dem Titel «Jetz wei mer no chli singe» heraus. Heidi und Ernst Sommer haben das seit 1947 an Wettvorträgen erlaubte Jodel-Duett mit Schwyzerörgeli-Begleitung besonders gefördert.
1958 wurde erstmals an einem eidgenössischen Jodlerfest ein Jodel-Terzett vorgetragen.
Das geistliche Jodellied
Das Jodellied hat sich vom Solo- zum Klublied, vom ein-, zum zwei- und dreistimmigen und zum hand- harmonikabegleiteten Lied entfaltet. Sein Inhalt - Natur, Mensch, Heimat - und sein harmonisches Gefüge sind bis heute weitgehend gleichgeblieben. Seit 1971 hat das geistliche Jodellied seinen festen Platz in der Kirchenmusik. Liturgisch aufgeführte Jodelmessen entsprechen einem inneren Bedürfnis vieler Katholiken.
Jost Marty schrieb als erster zwei Jodelmessen. Ihm folgten Heinz Willisegger, Dölf Mettler, Thomas Wieland und andere Komponisten. Willi Valottis «Jodlerkantate» (1989-1991) berücksichtigt neben der Kirchenorgel Schellen und Talerbecken als traditionelle Begleitinstrumente. Ökumenisch wird auch Ruedi Rengglis Vertonung des «Vaterunser» als Jodellied eingesetzt. In der geistlichen Musik hat das Jodellied einen Sinnwandel erfahren.
Das moderne Jodellied
Seit seiner Entstehung 1818 und seiner Erneuerung 1912 hat sich das Jodellied langsam, aber stetig entwickelt. Das Jodellied war im frühen 19. Jahrhundert ein Solo-Lied. Im frühen 20. Jahrhundert entstand das Klublied. Seit 1933 sind das Jodel-Duett, seit 1947 die Handharmonika-Begleitung, seit 1958 das Jodler-Terzett an Wettvorträgen erlaubt.
Franz Stadelmann versuchte 1972 die Thematik der meisten Jodellieder, Heimat und Natur, mit dem Jodellied «Zum Umwäutschutz» zu durchbrechen. Ohne grosses Echo. Noch 1988 sagte Adolf Stähli: Der Thematik im Jodellied sind keine Grenzen gesetzt. Über einen Mondflug oder einen Schwangerschaftsabbruch sollte kein Jodellied geschrieben werden. Auch harmonisch zeitgemässe Jodellieder, wie sie Willi Valotti, Marie-Theres Marti und Ruedi Renggli 1992 vorgelegt haben, finden wenig Resonanz in Jodlerkreisen.
Schon die ersten Jodellieder, z. B. «Uf de Bärge isch guet läbe» von 1818, beschönigten das harte Älplerleben. Das Jodellied stellt eine Ersatzwelt, einen Freiraum dar. Es behält als Lebenshilfe seine Daseinsberechtigung. Die stadtbernische Schauspielerin Christine Lauterburg macht sich da nichts vor. Sie hat dem alten Kühreihen «Hie obe, ho lobe» 1991 einen zeitgemässen Text unterlegt:
Hie unde ar Aare, da tüe si geng fahre,
geng Laschtwage fahre, hie unde ar Aare.
Benutzte Quelle:
Max Peter Baumann: «Musikfolklore und Musikfolklorismus». eine ethnomusikologische Untersuchung
Betrachtung aus praktischer Sicht:
Ein kurzer Überblick
Hans Schmid, Stans
Die Geschichte unseres schweizerischen Jodelliedes geht nicht so weit zurück, wie viele glauben möchten. Das Jodellied, wie wir es heute kennen und pflegen, ist nur ein bisschen älter als der EJV und seine Geschichte ist mit diesem eng verbunden.
Vom Lockruf zum Naturjodel
Jedermann weiss, was ein Jauchzer ist. Der Älpler braucht ihn, um der Freude Ausdruck zu geben, aber auch als Mittel der Verständigung. Mit dem so genannten Lockruf werden die Kühe zum Melken herbeigelockt; mit Silben wie «Ho-jo-jo» werden Kehlkopfschläge (im schnellen Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme) ausgeführt und anschliessend dem Vieh «Chumm sä sä» zugerufen. Schon in frühen Zeiten gab es sangeslustige Sennen, die solche Lockrufe zu eigentlichen Naturjodeln ausdehnten. Die so entstandenen Naturjodel klingen von Region zu Region unterschiedlich. So tönen z.B. Jodel aus dem abgeschlossenen, engen Muotatal recht archaisch: voller schneller Kehlkopfschläge mit ungewohnten Tonsprüngen, rhythmisch frei und
oft mit absteigenden Schlussglissandi oder einem Jauchzer als Schlusspunkt. Diese archaischen Merkmale sind im Muotatal dank bewusster Pflege der alten Naturjodel noch recht gut erhalten geblieben. Im Appenzellerland tönen die Naturjodel lieblicher und harmonischer, was das mehrstimmige Jodeln (das «Gradhäbe») erleichtert.
Im Laufe der Zeit haben sich die Naturjodel unter dem Einfluss der Instrumentalmusik melodisch-harmonisch der «wohltemperierten» Stimmung angepasst. Dies gilt für Jodel, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von begabten Jodlern «erfunden» wurden wie auch für Jodel, welche Jodelliedkomponisten zu Papier gebracht hatten.
Vom Kuhreihen zum Volkslied mit Jodel
Schon in früheren Jahrhunderten entstanden Kuhreihen, mit Texten verbundene Jodelmelodien. Beispiele solcher Eintreibelieder sind der älteste Appenzeller Kuhreihen Lobe, Lobe (1545), der Ranz des vaches da Jorat (1810) oder der Fribourger Ranz des vaches.
Etwa um 1800 begann man, kurzen Scherz- und Spottliedern mit wechselnden Texten einen Singjodel als Refrain anzuhängen; einer Melodie wurden Silben wie «Holidulio» unterlegt, um einen Jodel zu imitieren. Immer häufiger wurden jedoch beliebte Volkslieder
mit einem richtigen Jodel verbunden, Volkslieder wurden mit neuen Texten versehen und Komponisten schufen neue, eigentliche Jodellieder. Diese neuen Jodellieder wurden meist ein- oder zweistimmig im geselligen Kreis von Kindern und Jugendlichen gesungen. Etwas populärer wurde das Jodellied ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als Komponisten (z.B. Johann Heinrich Tobler aus Wolfhalden) begannen, volkstümliche Lieder neu zu texten, mit einem Jodel zu versehen und sogar mehrstimmig zu setzen.
Einflüsse aus dem östlichen Alpengebiet
Während diese neuen Jodellieder besonders in ländlichen Gebieten gesungen wurden, traten in den Variétés der Städte in ganz Europa und sogar in Amerika immer häufiger Trachten tragende Jodler und Jodlergruppen aus Bayern und aus dem Tirol auf. Ihr professionelles, virtuoses Jodeln galt als Inbegriff des Jodelns, sie machten das Jodeln zur beliebten Attraktion.
Die Beliebtheit der ausländischen Jodler animierte immer mehr Schweizer, diese Tiroler Varietéjodler nachzuahmen. Sie traten in bunten Fantasiekostümen auf und sangen Jodellieder aus Bayern und dem Tirol. Später kamen Lieder dazu, die wohl schweizerdeutsche Texte hatten, musikalisch jedoch den Stil der Tirolerlieder imitierten.
Von der «Tirolerei» zum schweizerischen Jodelchorlied
Die Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress (1815) förderte in den europäischen Ländern trotz innerer Spannungen und politischer Kämpfe nationalistische Tendenzen. Nach der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates (1848) nahm der Patriotismus auch in der Schweiz spürbar zu. Äussere Zeichen dieser Entwicklung: Gründung des Eidgenössischen Schwingerverbandes (1895), Gründung des Schweizer Volksliedarchivs (1906), Veröffentlichung von Volks- 1iedsammIungen usw.
Es entspricht ganz diesem Zeitgeist, dass sich Kenner und Liebhaber des schweizerischen Volksliedes und der einheimischen Naturjodel über die Varietésingerei ausländischen Stils ärgerten. Sie fanden, man müsse dieser Tirolerei entgegentreten. Der Berner Oskar Friedrich Schmalz ergriff die Initiative, verfasste einen Aufruf und lud ihm bekannte Jodlerfreunde und Jodlergruppen zu einer Versammlung nach Bern ein.
So kam es am 8. Mai 1910 zur Gründung der Schweizerischen Jodlervereinigung (dem heutigen EJV), dessen oberstes Ziel es sein sollte, den echten, urwüchsigen Schweizer Naturjodel und die eigenen Jodellieder zu fördern.
0. F. Schmalz schritt selber zur Tat: Er versah alte Volkslieder mit eigenen Jodelteilen oder erfand selber neue Lieder, denen er einen Jodel beifügte, und sein Freund und Helfer Johann Rudolf Krenger, der weitherum als Musiker und Komponist von Chorliedern bekannt und geschätzt war, schuf dazu einfache, gut singbare Chorsätze. 1913 veröffentlichte Schmalz den ersten Band seiner Jodelchorlieder. Schmalz und Krenger schufen damit jene spezifisch schweizerische Liedgattung, die für das künftige Jodelchorlied zum Vorbild wurde. Trotz anfänglicher Widerstände, besonders bei bestehenden städtischen Jodlerklubs, fand das Bändchen guten Absatz. Schmalz veröffentlichte im Laufe der Jahre vier weitere Bändchen.
Vom schlichten, einfachen zum kunstvollen romantischen Jodelchorlied
In den Jahren nach der Gründung des Jodlerverbandes wuchs der Verband unaufhörlich: überall entstanden neue Jodlerklubs. Begünstigt wurde diese Entwicklung zweifellos von der damals herrschenden Hochblüte des Männerchorgesanges. Das Bedürfnis, sich zur Pflege des Gesangs in Vereinen zusammenzuschliessen, war wohl in allen Volksschichten vorhanden, doch viele fühlten sich vom Liedgut der Männerchöre weniger angezogen als vom schlichten, in Mundart gesungenen Jodelchorlied.
Mit dem Anwachsen der Jodlerbewegung wurde auch das Bedürfnis nach neuem Liedgut immer grösser. Dies motivierte die Komponisten und es entstanden unzählige neue Lieder, grösstenteils mit volksliedhafter Melodik und einfachen Chorsätzen. Textlich lehnten sie sich bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus an das alte Küherlied an:
Kuhreihen, Brauchtum und Leben auf der Alp und im Bauernstand, Lob der Natur und der Bergwelt, Lob der Heimat und des Elternhauses, Liebeslieder. Eine Erweiterung der Themenkreise brachten vor allem die Solo- und Duettlieder, die dank den Liedern von Emil Grolimund und Jakob Ummel um die Jahrhundertmitte eine erste Blütezeit erlebten.
Von damals bis heute entstanden zahllose Jodelchorlieder, der überwiegende Teil von ihnen in Form und Stil entsprechend den alten Vorbildern und textlich in den gleichen Themenkreisen. Es fehlt hier der Platz, alle jene Komponisten namentlich zu erwähnen, die uns gute, wertvolle Jodellieder geschenkt haben. Zwei Komponisten Jedoch müssen hier wegen ihrer ausserordentlichen Bedeutung speziell erwähnt werden; Robert Fellmann und Jost Marty.
Robert Fellmanns Jodelchorlied
Robert Fellmann (1885-1951) darf wohl als der grösste Komponist von Jodelchorliedern bezeichnet werden. Er hat das Jodelchorlied zum Kunstlied erhoben, ohne dabei die Liebhaber des einfachen Jodelchorliedes zu verlieren: seine Lieder gehören bis heute zu den meistgesungenen. Das liegt zu einem Teil an seinen schlichten, bildhaften, oft humorvollen Liedtexten, die ausnahmslos von ihm selber stammen. Das Besondere daran: Statt Gefühle zu beschreiben schildert er konkrete Situationen oder Ereignisse, die der Hörer leicht nachvollziehen kann und ihm so diese Gefühle vermitteln. Zum andern sind Fellmanns Chorsätze harmonisch und rhythmisch meisterhaft. Nicht die Melodie hat den höchsten Stellenwert, sondern der ganze Chor als Klangkörper. Die einzelnen Stimmen schreiten nicht immer gleichzeitig fort, sondern gehen quer durcheinander, setzen gestaffelt ein und verselbstständigen sich immer wieder. Das gibt den Liedern eine unerhörte Lebendigkeit, macht sie spannend und abwechslungsreich. Jedes Singregister hat eine interessante, wichtige Aufgabe zu erfüllen, nicht nur der 1. Tenor; das ist auch der Grund, warum die Sänger diese Lieder immer wieder gerne singen.
Jost Martys Jodlermessen
Jost Marty (1920-1988) hat ein ganz besonderes Verdienst; Mit seinen Liedern für den Gottesdienst brachte er eine neue Liedthematik und öffnete den Kirchenraum für den Jodelgesang.
Inzwischen folgten etliche andere Komponisten seinem Beispiel. Heute noch, 30 Jahre nach Veröffentlichung von Martys erster «Jodlermesse», vermögen Jodlermessen die Kirchen zu füllen.
Das Jodelchorlied heute
Die Jodelbewegung verdankt ihr Wachsen und Gedeihen einer grossen Zahl von begabten, tüchtigen Komponisten. Es waren und sind Persönlichkeiten, die das Kunsthandwerk des Komponierens seriös erlernten, bevor sie ihre Werke schufen und veröffentlichten. Ihre Lieder werden überdauern. Leider werden aber heute immer öfter Lieder mit fehlerhaften Chorsätzen gesungen; sie stammen wohl von musikalisch begabten Komponisten, denen jedoch das notwendige Rüstzeug zum Komponieren fehlt. Schade!
Im Allgemeinen hat sich an den Kompositionen gegenüber früher nichts Wesentliches geändert. Das Jodelchorlied-Muster ist gleichgeblieben, einzig die Themenbereiche sind etwas erweitert geworden. Ob diese Stagnation mitschuldig ist, dass viele Jodlerklubs Mühe haben, Nachwuchs zu finden, ist schwer zu beurteilen. Es gibt wohl einzelne Komponisten, die in den Harmonien neue Wege gehen, doch die Ohren des Jodlervolkes haben sich (noch) nicht daran gewöhnt. Etwas mehr Offenheit gegenüber Neuem würde bestimmt nicht schaden.
Benutzte Quellen:
Dieter Kingli: «Schweizer Volksmusik von den Anfängen bis zur Gegenwart». Mülirad-Verlag, Altdorf
Dieter Ringli: «Robert Fellmann. Ein Leben für das Jodellied». Fellmann-Verlag, Steinhuserberg
Max Peter Baumann: «Musikfolklore und Musikfolklorismus», Winterthur 1976