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Er schlug den Band mit der Lyrik auf, griff nach Papier und Schreibzeug und übersetzte eines der Gedichte. García Lorca hatte es mit einundzwanzig Jahren geschrieben, zwei Jahre bevor „Libro de Poemas“, sein Erstling, erschienen war. Zum ersten Mal wurde Serenus bewusst, wie fremd sich die beiden Sprachen waren. Für kein einziges spanisches Wort gab es ein deutsches, das ihm in Bedeutung und Färbung direkt entsprochen hätte.
„Was ist es, was ich bewahre…“
Serenus wusste intuitiv, was mit dem Verb guardar gemeint war. Es besaß eine militärische Färbung, die man auch in deutschen Wörtern finden konnte, zum Beispiel bewachen und beschützen. Die Spanier brauchten für ihr Innenleben einen Späher, der davor Wache hielt, die Deutschen einen Kämmerer, der die Schätze ihrer Seele behütete. Jene wappneten sich in Zeiten der Trauer, während diese Verzicht übten. Beim Übersetzen der Verse bekamen Sinn und Nuance der Wörter ein befremdendes Gewicht. Die deutsche Fassung ahmte das Gedicht nur nach, ohne selbst eines geworden zu sein.
Was ist es, was ich bewahre
In diesen Momenten der Trauer?
Ach, wer schlägt meine Wälder
Aus Gold und Blüten!
Was zeigt mir der Spiegel
Aus bebendem Silber
Beim Aufgang der Sonne
Im Wasser des Flusses?
Welch eine Ulme voller Ahnung
Wurde in meinem Wald gefällt?
Welch ein Regen aus Schweigen
Lässt mich erzittern?
Und blieb meine Liebe tot
Am traurigen Ufer zurück,
Warum verbergen mir Dornen,
Was soeben geboren?
Serenus Roman Teil Eins, Taschenbuch-Ausgabe 2017, S. 281-283
Nido, 1919. Federico García Lorca, Libro de poemas, 1921