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Im System der schweizerischen Reise- und Handelsrouten lag Thun zwar peripher, war aber innerhalb des Staates Bern verkehrsgeografisch gut aufgestellt, weil alle Verkehrswege aus dem Oberland durch die Stadt führten, die an der Schnittstelle von Land-, Fluss- und Seeweg lag. Thun war deshalb ein wichtiger Warenumschlagplatz: Hier wurden die Güter von den Seeschiffen auf die Flussschiffe und von den Fuhrwerken auf die Schiffe umgeladen. Auch die Reisenden wechselten in Thun das Verkehrsmittel, in der Regel stiegen sie von der Kutsche auf das Thunerseeschiff um – oder umgekehrt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verkehrte zwischen Thun und Bern fünfmal wöchentlich eine vierplätzige, geschlossene Postkutsche, eine sogenannte «Diligence». Ebenso häufig waren zwischen Thun und Neuhaus am oberen Seeende abwechselnd ein Post- oder ein Marktschiff unterwegs. Dies waren grössere Ruderboote, die Waren und Personen transportierten und mindestens vier Mann Besatzung an Bord hatten. Die Fahrpläne der Postkutschen und Postschiffe waren aufeinander abgestimmt, doch die Touristen mieteten für die Rei- se ins Oberland meist in Thun ein Boot mit zwei Ruderern, was mehr Komfort und Privatsphäre bot. Die Besitzer dieser Boote mussten möglichst selbst fahren oder erfahrene Knechte einsetzen. Brauchte es eine dritte Person zum Rudern, durften sie auch «eine der Schifffahrt kundige Weibsperson»19 einstellen.
Die Aquatinta von Heinrich Siegfried (1814–1889) zeigt Thun zu Beginn der 1840er-Jahre. Links im Vordergrund fährt der Raddampfer Bellevue in Richtung See, rechts beladen zwei Männer ein Lastschiff, einen sogenannten Bock. Die Böcke hatten zwei bis vier Mann Besatzung an Bord und wurden mit Rudern und Segel angetrieben. Da man nur vor dem Wind segeln konnte, wurde das Segel selten eingesetzt.
Als 1835 das erste Dampfschiff, die Bellevue, auf dem Thunersee den Betrieb aufnahm, brach der Personenverkehr mit den Ruderbooten ein, weil der Raddampfer ein Restaurant besass und schneller unterwegs war: Er legte die Strecke Thun–Neuhaus in lediglich einer Stunde zurück, die Ruderboote hingegen brauchten dafür drei bis vier Stunden. Der Raddampfer transportierte auch Waren, Tiere und ab 1837 die Postsendungen. Die Anlegestelle befand sich vorerst in Hofstetten beim Ländtehaus, das zum luxuriösen Hotelkomplex Bellevue der Gebrüder Knechtenhofer gehörte, die auch die Besitzer des Dampfschiffs waren. Da der Dampfschiffsbetrieb bis 1856 im Winter eingestellt war, kamen in dieser Jahreszeit jeweils wieder die Markt- und Postschiffe zum Einsatz.
Die Aare von Thun nach Bern war ebenfalls ein wichtiger Verkehrsweg, auf dem zwei- bis dreimal wöchentlich Waren und Leute befördert wurden, allein in der zweiten Jahreshälfte 1825 waren es 6162 Personen und 5920 Tonnen Waren. Obwohl die Strasse zwischen Bern und Thun in einem guten Zustand war, ging die Fahrt per Boot flussabwärts schneller vonstatten als die Reise mit der Kutsche: Die «Diligence» brauchte rund vier Stunden, die Flussfahrt dauerte zwei bis drei Stunden. Der Gütertransport auf der Aare war etwa dreieinhalbmal billiger, aber unfallträchtiger. Deshalb wurden teure Produkte meist auf dem Landweg verfrachtet. Flussaufwärts erfolgte der Personen- und Warentransport auf der Strasse. Ab 1832 durften auch die Schiffe mit einem Fuhrwerk «auf der Achse»20 nach Thun zurückgekarrt werden.
Nach 1803 investierte der Staat Bern überproportional viel Geld in die oberländischen Verkehrswege, um diesen Landesteil wieder stärker an sich zu binden, und als Folge der wirtschaftlichen Liberalisierung nahm der Waren- und Reiseverkehr in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark zu. Davon profitierte auch die Stadt Thun, deren Verkehrsverbindungen stetig verbessert wurden. Um 1840 verkehrte die Kutschenpost dreimal täglich durch das Aaretal nach Bern. Dreimal wöchentlich fuhr sie durch das Gürbetal in die Hauptstadt und ebenso häufig von Thun nach Frutigen und nach Zweisimmen. Auf dem Thunersee betrieb die 1842 gegründete Dampfschifffahrts-Gesellschaft für den Thuner- und Brienzersee ab 1843 zwei Dampfschiffe, sodass in der Sommersaison fünfmal täglich eine Verbindung ins Oberland bestand.21