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Das Industrieensemble Sagenrain in Wald ZH
Das Industrieensemble der Bioengineering AG in Wald ZH stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und liegt im nördlichen Teil von Wald ZH. Es diente ursprünglich der Baumwollweberei und war eine der ersten Webereien, gegründet durch Jakob Oberholzer (1814-1881) während des Webereibooms der 1850er Jahre. Die Firma Bioengineering AG kaufte 1978 Teile des Fabrikareals und begann mit der Produktion von Anlagen für die Pharmaindustrie. Die Firma wuchs kontinuierlich und brauchte immer mehr Platz. Da es vor Ort keine Erweiterungsmöglichkeiten in bestehenden Gebäuden mehr gibt, mietete das Unternehmen in Jona eine Industriehalle mit 1000m2. Zur Optimierung der Betriebsabläufe benötigt das Unternehmen am Standort in Wald ZH eine zweite Montagehalle, die zur Anbringung des Montagekrans, der auf zwei parallelen Schienen läuft, über Mindestgrundmasse verfügen muss. Diese Montagehalle ist direkt am Schmittenbach geplant, an jenem Ort, wo heute das sogenannte Bethaus steht.
Der Erhalt der historischen Bausubstanz ist dem Unternehmen ein Anliegen. Das zum Industrieensemble gehörende Bethaus ist aber für die Produktion ungeeignet, sowohl von der Dimension wie auch den konkreten architektonischen Gegebenheiten her. Der Boden des Produktionsraums liegt mehr als einen Meter über dem gewachsenen Boden. Er ist zudem nicht für Lasten ausgelegt, welche eine Produktion der Anlagen erfordert. Der Bach darf nicht eingedolt werden, was eine Drehung der geplanten Halle und mithin eine Schonung des Bethauses verunmöglicht. Hinzu kommen Auflagen betreffend Hochwasserschutz. Diese verlangen eine Absenkung (um 4 Meter) der Bachsohle des Wasserkanals, der durch das Fabrikareal geführt wird. Die Kosten dieser Absenkung müssen die anstossenden Grundeigentümer übernehmen. Mit dem Neubau würden gleichzeitig die Massnahmen für den Hochwasserschutz ausgeführt.
Die Bioengineering möchte die bisherige Nutzung des Fabrikareals erhalten und somit die Kontinuität der historischen industriellen Nutzung gewährleisten. Bei einem Wegzug aus Wald ZH würde aus den Gebäuden wohlmöglich Lofts gemacht. Das Bewusstsein der Firma für historische Bauten wiederspiegelt sich auch in der Tatsache, dass die geplante Fabrikhalle nicht wie heute üblich mit einem Flachdach ausgestattet werden soll, sondern, in Anlehnung an historische Fabrikarchitektur, ein Sheddach erhalten wird.
Die Bioengineering stellte vor diesem komplexen Hintergrund ein Provokationsbegehren, um die Schutzwürdigkeit der einzelnen Kulturzeugen abzuklären, da mehrere Gebäude auf dem Areal im kommunalen Inventar aufgeführt sind und das Gebiet im Perimeter des überkommunalen Ortsbildschutzes liegt. Die Kantonale Denkmalpflege-Kommission (KDK) führte im Herbst 2011 einen Augenschein durch, um das Industrieensemble zu begutachten. Das KDK-Gutachten stellte unter anderem die Schutzwürdigkeit des Magazins fest, da es zusammen mit dem Fabrikhauptbau direkt neben dem Schmittenbach als Wasserkraftachse den inneren Teil des Fabrikensembles bildet. Anders entschied die KDK über die Zukunft des Bethauses. Der Zusammenhang des Bethauses zum restlichen Industrieensemble sei durch bauliche Veränderungen auf der östlichen Seite des Baches nahezu völlig verloren gegangen. Der schlechte Zustand des Gebäudes und das Fehlen religiöser Symbolik, die das Gebäude als Bethaus erkennen liessen, führen dazu, dass das Bethaus gemäss KDK nicht den Anforderungen eines Schutzobjektes entsprechen.
Der ZVH hat im August 2014 an einer Begehung des Industrieensembles und an einer Präsentation des Neubauprojekts teilgenommen, die aufgrund einer Einladung der Bioengineering stattgefunden haben. Die Beurteilung der Situation durch die KDK ist nachvollziehbar, denn das Bethaus ist in einem schlechten Zustand. Der Bach unterspült die Mauer des Kanals unter dem Bethaus. Der Boden des Bethauses musste bereits gestützt werden.
Trotz des vorliegenden KDK-Gutachtens, das die Inventarentlassung des Bethauses begründet, und trotz der grossen Sensibilität des Unternehmens gegenüber den vorhandenen Zeitzeugen fiel dem ZVH die Entscheidung nicht leicht, auf eine Intervention zugunsten des Bethauses zu verzichten. Nicht zuletzt, weil Recherchen des ZVH auch sozial-historische Argumente hervorbrachten, die für den Erhalt des Bethauses sprechen. Das Bethaus steht direkt neben dem Geburtshaus des Arbeiterführers Robert Grimm. Während das von Jakob Oberholzer gebaute Bethaus für die Arbeitgeberschaft steht, ist das Grimm-Haus Symbol für die Arbeitnehmerschaft und deren Emanzipation. Dass diese sozialgeschichtliche Symbolik ihren Niederschlag in einem baulichen Nebeneinander findet, lässt dem Bethaus ganz klar einen gewissen Zeugenwert zukommen. Auf der anderen Seite musste sich der ZVH eingestehen, dass der Bau der Montagehalle wiederum das kontinuierliche Bestehen der historischen Nutzung des Industrieensembles sichert. Mit dem geplanten Sheddach bezieht sich die Montagehalle architektonisch auf die historische industrielle Umgebung. Der Zwiespalt bewegt sich zwischen Erhalt der historischen Nutzung mit einem neuen Gebäude, das der aktuellen sinnvollen Tätigkeit dient, und dem Erhalt eines schönen Zeitzeugen, der aber weder als Bethaus (spätere Nutzung des Baus) noch als Fabrikgebäude (ursprüngliche Nutzung) genutzt werden kann.
Autorinnen: Barbara Truog und Stefanie Magel
Fotos: Tobias Sigrist