Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03453.jsonl.gz/2305

mehr
wahrscheinlich den heutigen an jener Stelle entsprechen. So besaß J. eine dreifache Umwallung: die erste Mauer (Davids und Salomos) um Zion und Moria; die zweite Mauer (erbaut von Hiskias etc., wiederhergestellt von Nehemia), welche das jene Hügel trennende »Käsemacherthal«, den Hügel Ophel (im S. des Tempels) und die untere Stadt (nördlich vom Millo) einfaßte, und die dritte Mauer (Agrippas), welche die Neustadt oder Bezetha umgab und im NO. und NW. je einen mächtigen Eckturm und außerdem noch 88 kleinere besaß.
Für immer verlor J. seine politische Bedeutung 70 n. Chr., als infolge des allgemeinen Aufstandes der Juden gegen die Römer Titus vom April bis September die Stadt belagerte und schrittweise eroberte. Erst Kaiser Hadrian erbaute, nachdem infolge eines neuen Aufstandes der Juden auch noch die letzten Reste niedergerissen worden waren, seit 130 an der Stelle Jerusalems eine ganz neue Stadt als römische (Militär-) Kolonie und nannte sie Älia Capitolina. Diese hatte aber nicht den Umfang des alten J., indem der südliche Teil des Westhügels und der Berg Ophel davon ausgeschlossen blieben. Die neue Stadt ward bloß mit Römern bevölkert, den Juden der Aufenthalt daselbst untersagt und an der Stelle des alten Jehovahtempels ein Tempel des Jupiter Capitolinus erbaut. Von nun an erfuhr die Stadt, einige Neubauten von Kirchen, Klöstern und Hospizen unter Konstantin d. Gr. und Justinian abgerechnet, im Altertum keine weitern Veränderungen; wohl aber führte die Besitznahme Jerusalems durch die Araber unter Omar 637, wonach die Stadt den Namen El Kuds (»das Heiligtum«) erhielt, dann wieder die Eroberung durch die Kreuzfahrer 1099 und endlich die durch Saladin herbeigeführte Rückkehr der Stadt unter mohammedanische Herrschaft 1187 vielfache Umgestaltungen herbei, wodurch J. nach und nach seine heutige Gestaltung erhalten hat. In
^[Abb.: Plan des alten Jerusalem]
mehr
neuester Zeit ist die Topographie der alten Stadt durch die Nachgrabungen von de Saulcy, von Voguë, dem Palestine Exploration Fund und dem Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas mehr und mehr klargelegt worden, nachdem man den stellenweise 25 m, an einem Ort sogar 40 m hoch aufliegenden Schutt hinweggeräumt hatte. Namentlich sind die großartigen Aquädukte und das mit denselben in Verbindung stehende, sehr umsichtig angelegte System von Zisternen und Kanälen deutlich erkennbar verfolgt worden. Eine dieser Wasserleitungen leitete Wasser bis zum Tempelplatz, eine andre in die obere Stadt. Unter den archäologischen Funden ist am interessantesten eine der von Josephus erwähnten Stellen, auf welcher Nichtjuden in zweisprachiger Schrift vor dem Betreten des innern Vorhofs gewarnt wurden.
Das jetzige Jerusalem.
(Hierzu der Stadtplan, Beilage.)
J. ist gegenwärtig (seit 1872) Sitz eines Mutessarifs, der das bis dahin zur türkischen Provinz Syrien gehörige Paschalik J. (mit 292 Ortschaften, 24-30,000 Häusern und über 110,000 Einw.) unter sich hat, und gilt noch jetzt nicht nur den Christen und Juden, sondern auch den Bekennern des Islam als eine heilige Stadt. Es liegt 725-784 m ü. M. auf und an dem Abhang eines Kalkfelsens, der nur auf der Nordseite sanft ansteigt, sonst nach allen Seiten steil abfällt. Von den die Stadt umgebenden Bergen ist der Ölberg, an der Ostseite, der höchste (828 m ü. M., 148 m über dem Kidron); an ihn schließt sich südlich der Berg des Ärgernisses (Dschebel Batn el Hawa), wo Salomo dem Moloch geopfert haben soll. Im S. liegt der Berg des bösen Rates, wo nach fränkischer Sage in einem Landhaus des Kaiphas die Kreuzigung Christi beschlossen worden sein soll. Auf drei Seiten, gegen O., S. und W., ist J. von tiefen Thälern umgeben: im O. vom Thal Josaphat, das sich zwischen dem Ölberg und dem Berg Moria hinzieht, im W. und S. vom Thal Ben Hinnom, das sich mit jenem vereinigt. Ein drittes, weniger tiefes, von N. nach S. gerichtetes Thal, das Tyropöon oder Käsemacherthal, teilt die Stadt in eine westliche Hälfte (97 m über dem Kidron) und eine östliche mit den Höhen Moria und Bezetha. Die aus großen Werkstücken erbauten Mauern, welche von 34 viereckigen Türmen überragt werden, stammen aus der Zeit Sultan Solimans, messen etwa 4 km im Umfang und sind 12 m hoch. Von sieben Thoren sind nur fünf im Gebrauch, nämlich das Damaskusthor im N., das Stephansthor im O., das Moghrebiner oder Mistthor und das Zionsthor im S. und das am meisten benutzte Jafathor im W. Die belebtesten Gassen sind die Suks oder Bazare, welche meist überwölbt sind, dann die zum Damaskusthor führende und die die Stadt etwa in der Mitte von W. nach O. durchschneidende Straße. Dadurch zerfällt J. in vier Quartiere (Haret), die nach den vorherrschenden Konfessionen benannt werden: im O. das mohammedanische mit dem Tempelplatz (Haram esch Scherif), der sogen. Via dolorosa (s. unten), der Kaserne und der Amtswohnung des Paschas; im NW. das christliche mit der Kirche des Heiligen Grabes, dem Hiskiasteich, den Wohnungen des lateinischen und griechischen Patriarchen, des evangelischen Bischofs, vielen Klöstern etc.; im SW. das Quartier der Armenier, mit der Citadelle, einer zweiten Kaserne, der protestantischen Kirche und dem Jakobskloster, der Residenz des armenischen Bischofs; endlich das Judenquartier, im Thal zwischen Zion und Moria, mit mehreren Synagogen. Die Straßen sind eng, abschüssig und vielfach gebrochen, schlecht oder gar nicht gepflastert und voll Unrat. Häufig geht man durch dunkle, dumpfige Kellergewölbe und an Trümmern einstiger Prachtbauten vorüber. Die Häuser sind durchweg von Stein, aber klein und niedrig, meist mit Kuppeln gekrönt oder mit flachen Dächern versehen. Schmale, niedrige Thüren und Fensteröffnungen, die nur zum Teil mit Glastafeln, meist mit eisernen oder hölzernen Gittern geschlossen sind, geben den Häusern ein gedrücktes, gefängnisartiges Aussehen. Verräucherte Kaffeeschenken, düstere Bazare und Sackgassen, stallartige Erdgeschosse, der Mangel an geräumigern Plätzen, die Stille der meisten Straßen vollenden das trübselige Bild der Stadt, die, vom Ölberg oder von N. gesehen, sich sonst stattlich genug ausnimmt. Erwähnenswerte öffentliche Gebäude weltlicher Bestimmung hat J., mit Ausnahme des neuen österreichischen Pilgerhauses und der Citadelle, nicht aufzuweisen. Letztere zeigt, namentlich an dem viereckigen Hauptturm, in gewaltigen Quadern Spuren hohen Altertums und ist sehr wahrscheinlich der Turm Phasael des Josephus, während die Tradition in ihr den »Turm Davids« sieht. Das reichste und größte Kloster Jerusalems ist das armenische Jakobskloster auf dem (traditionellen) Berg Zion, das in seinen umfangreichen Gebäuden zur Osterzeit außer dem Patriarchen und den 180 Mönchen mehrere Tausend Pilger beherbergen soll und außer Druckerei, Seminar etc. auch die verschwenderisch ausgestattete Kirche des heil. Jacobus enthält.
[Heiligtümer.]
Die vornehmsten Heiligtümer Jerusalems sind in der sogen. Via dolorosa (»Schmerzensweg«) vereinigt, einer 1 km langen, vom Stephansthor zur Kirche des Heiligen Grabes hinführenden Straße, welche nach der aus dem 16. Jahrh. stammenden Sage Jesus auf seinem Gang zum Tode durchwandelt haben soll. Zuerst liegt rechts eine moderne Kapelle der Lateiner, die an der Stelle erbaut sein soll, wo die Kriegsknechte Jesus geißelten; links eine Kaserne, wo angeblich einst das Prätorium, des Pilatus Wohnung, stand; weiter folgt der Platz, wo man Jesus das Kreuz auflegte. Unweit davon ist die Straße von einem Bogen überwölbt, worauf ein kleines Häuschen steht, nach der Legende die Stelle, wo Pilatus sein »Ecce homo« ausrief. Dann folgen die Stelle, wo Jesus, unter der Last des Kreuzes zusammenbrechend, sich an ein Haus gelehnt und da den Eindruck seiner Schulter zurückgelassen haben soll; die Stelle, wo er seine Mutter traf, wo ihm die heil. Veronika ihr Schweißtuch (s. d.) reichte, etc. Die letzten drei der 14 Stationen befinden sich in der Heiligen Grabeskirche selbst. Vor dem Thor derselben ist ein mit Steinplatten gepflasterter Platz, wo Händler mit Wachslichten, Jerichorosen, Rosenkränzen etc. ihre Waren anpreisen. Die Fassade der Kirche hat zwei Portale, von denen das eine jetzt zugemauert ist, und darüber zwei jetzt ebenfalls fast ganz vermauerte Fenster mit flachen Spitzbogen. Das flache Dach wird von einer großen und weiter zurück von einer kleinern Kuppel überragt, während sich zur Linken ein halb eingefallener Glockenturm erhebt. Jeder der verschiedenen Sekten gehören einzelne Teile des verzwickten Kirchen- und Kapellenkomplexes. Die erste Reliquie dieses »größten Reliquienschreins der christlichen Welt« ist eine rötliche Marmorplatte, auf welcher die Salbung des Gekreuzigten durch Joseph von Arimathia stattgefunden haben soll (der jetzige Stein datiert von 1808). Eine Treppe zur Rechten führt von da nach Golgatha,
mehr
welches 4½ m über dem Boden der Grabeskirche liegt, den Griechen gehört und in eine Kapelle verwandelt ist, die durch weiße Marmorsäulen in zwei Hälften geschieden wird. Die nördliche Hälfte enthält die Stelle, wo man Jesus ans Kreuz schlug, die südliche diejenige, wo die drei Kreuze aufgerichtet wurden. Die Vertiefung, in welcher das Kreuz Christi stand, ist in Silber gefaßt. Zu beiden Seiten sieht man die Locher, wo die Kreuze der Schächer standen, und dicht dabei im Felsen den beim Verscheiden Jesu entstandenen Riß, welcher der Legende nach bis in den Mittelpunkt der Erde hinabreicht. Eine Marmorplatte verdeckt die (in Wahrheit etwa 20 cm tiefe) Spalte. Steigt man wieder hinab, so führen etwas weiter zur rechten Hand 29 Stufen aus dem Rundgang in den östlichsten, den Abessiniern gehörigen Teil des Gebäudes, eine ziemlich geräumige Kapelle, hinunter. Noch 13 Stufen tiefer steht in einer Felsenhöhle ein Altar über der Stelle, wo das Kreuz mit der Dornenkrone, den Nägeln etc. gefunden worden sein soll. In besagtem Rundgang finden sich die kleinern Kapellen der Verspottung, der Kleiderteilung und des Kriegsknechts Longinus, der Christi Seite mit dem Spieß durchstach und, später bekehrt, hier jahrelang als Büßender gelebt haben soll. Alle diese Kapellen sind je nach ihrer Bedeutung in der Legende mit einer größern oder geringern Anzahl Lampen, meist auch mit Bildern, welche aber alles Kunstwertes entbehren, ausgestattet. Dieser Rundgang mit seinen Kapellen gehört zu der von der eigentlichen Grabeskirche ursprünglich getrennten, um die Mitte des 12. Jahrh. erbauten Kreuzfahrerkirche, deren Hauptteil das sogen. Katholikon oder Griechenchor, der imposanteste Raum des ganzes Baues, ist, in dessen Mitte eine Kugel den »Mittelpunkt der Welt« bezeichnet. Gold und Silber, Bronze und Marmor sind hier bis zur Überladung verwendet. Westlich von dieser Kirche liegt die große Rotunde der Grabeskirche; 16 Pfeiler bilden die Rippen des Rundbaues und haben Arkaden zwischen sich, welche sich in einer Galerie darüber wiederholen und sich oberhalb der Hohlkehle als Nischen fortsetzen. Die oben offene Kuppel drohte lange den Einsturz, bis Napoleon III. ihre Ausbesserung durchsetzte; dieselbe wurde 1868 vollendet. Unmittelbar darunter befindet sich die das Heilige Grab umschließende Kapelle, ein längliches Viereck, das mit rötlichem Marmor überkleidet, ringsum mit Pilastern und andern Zieraten im Rokokostil geschmückt und oben mit einer durchbrochenen Brüstung versehen ist, hinter welcher eine kleine Kuppel hervorragt. Die ganze Kapelle ist 8 m lang und 5½ m breit. Vor der Thür derselben, die gegen O. liegt, befindet sich ein von zwei Steinbänken und großen Leuchtern umgebener Vorplatz. Das Innere der Grabkapelle ist in zwei Abteilungen geschieden, von denen die vordere, die sogen. Engelskapelle, den Stein umfaßt, auf welchem sitzend der Engel den Jesu Leichnam suchenden Frauen die Worte zurief: »Warum suchet ihr den Lebendigen bei den Toten?«; die zweite Abteilung, ein niedriger Raum von 2 m Länge und 1,8 m Breite, enthält das heilige, ganz mit neuen Marmorplatten bedeckte Felsengrab selbst, an welchem täglich Messe gelesen wird. Von der Decke des Gemachs hängen 43 Ampeln von edlem Metall herab, welche durch die Wappen Österreichs, Spaniens und andrer katholischer Mächte als Geschenke des Abendlandes bezeichnet und stets brennend erhalten werden. Je 13 davon gehören den Griechen, Lateinern und Armeniern, 4 den Kopten. Durch die Arkaden des nördlichen Teils der Rotunde gelangt man in eine den Lateinern gehörige dunkle Kapelle, auf deren Fußboden ein Marmorring die Stelle bezeichnet, wo der Auferstandene der Maria Magdalena als Gärtner erschien, und gleich nördlich daneben befindet sich die Kapelle, wo er sich seiner trauernden Mutter zeigte. Außerdem wird hier hinter einem Gitter die eine Hälfte der Säule verwahrt, an der Christus gegeißelt ward. Eine beträchtliche Anzahl von Heiligtümern zweiten und dritten Ranges wird außen an der Mauer gezeigt, darunter eine Kapelle, wo Maria und Johannes der Kreuzigung zusahen, eine Jakobskapelle, eine Kapelle der 40 Märtyrer und sogar eine Kapelle über der Stelle, wo Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Der Haupteinwand, welcher dagegen erhoben wird, daß die Kirche des Heiligen Grabes wirklich da stehe, wo die ganze Szene spielte, nämlich der, daß sie wahrscheinlich innerhalb der zweiten Mauer des Josephus steht, Kreuzigungsstätte und Grab Christi aber außerhalb der Stadt gelegen waren, ist neuerdings durch Funde des Baurats Schick entkräftet worden (»Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins« 1885). Was die Geschichte der Kirche anlangt, so sind die Hauptdaten folgende. Zuerst ließ Konstantin d. Gr. nach der angeblichen Auffindung des Heiligen Grabes hier eine 336 eingeweihte Basilika errichten, die aber 614 von den Persern zerstört ward. Nachdem um 620 ein Abt Modestus den Bau wiederhergestellt hatte, wurde derselbe im 10. Jahrh. zweimal durch Feuer und 1010 von den Türken völlig zerstört. Bis 1055 war sie indessen schon wieder neu aufgebaut, und nun geschah durch die Kreuzfahrer viel zu ihrer Erweiterung und Verschönerung. Diese letztern Bauten haben sich, nur durch spätere Zuthaten entstellt und teilweise verdeckt, bis heute erhalten. Von neuem wurde die Kirche zerstört, als 1244 die Charesmier die Stadt eroberten; gleichwohl besaß sie um 1310 wieder viele reich geschmückte Altäre. 1664 ließ sie der griechische Patriarch gründlich reparieren. Die Grabkuppel ward besonders durch Beiträge aus Frankreich hergestellt und zwar durch Franziskanermönche, doch ganz in der alten Weise; auch durften die Griechen und Armenier in ihrem Mitbesitz der Grabkapelle nicht beeinträchtigt werden. Dieser Neubau ward 1719 beendet. Am 12. Okt. 1808 entstand durch eine Kerze ein Brand, welcher die Kirche so sehr beschädigte, daß man sie ganz neu aufzubauen beschloß. Die Kosten wurden vornehmlich von den Griechen und Armeniern bestritten, und 1810 war derselbe vollendet. Von alters her hat der konfessionelle Hader sich in der Kirche des Heiligen Grabes in den widerwärtigsten Händeln Luft gemacht, und oft wurde der weiße Marmor, der das Grab des Friedensfürsten deckt, mit dem Blut seiner Bekenner befleckt. Die höchste Feierlichkeit findet von alters her am Osterheiligabend statt, wo das angeblich Wunder wirkende heilige Feuer vom Himmel herabgebetet wird und unter den Gläubigen, welche, jeder womöglich zuerst, ihre Kerzen daran anzünden wollen, nicht bloß das schrecklichste Gedränge, sondern auch oft wilde Prügelei veranlaßt.
Die Stätte des alten jüdischen Tempels bezeichnet auf dem heiligen Tempelplatz im SO. der Stadt, dem Haram esch Scherif, eine 3 m hohe Plattform von 160 m Länge und 125-155 m Breite, die mit bläulichweißem Marmor getäfelt ist, und zu welcher marmorne Stufen führen. In der Mitte derselben steht der achteckige, noch bis vor 30 Jahren für jeden Christen verschlossene Felsendom (auch Omar-Moschee genannt), ein leichter, schöner Bau aus dem 7. Jahrh. mit 30 m hoher und 20 m im Durchmesser haltender
mehr
Kuppel, nächst der Moschee zu Mekka die heiligste der ganzen mohammedanischen Welt, an welche wie an den darin befindlichen heiligen Felsen sich eine Menge jüdischer und arabischer Sagen knüpft. Eine andre Moschee, El Aksa, ehemals die schöne, der Jungfrau Maria geweihte Basilika Justinians, liegt im südlichen Teil des Tempelplatzes.
[Bevölkerung.]
Die mächtigste christliche Gemeinde in J. ist die griechische, 4600 Seelen stark; sie besitzt einen Patriarchen, 17 Klöster, welche Raum für 2500 Pilger bieten, ein Seminar für griechische Priester (im Kreuzkloster), eine Mädchen- und eine Knabenschule, ein Hospital etc. Die Katholiken (2100 Seelen) besitzen das Salvatorkloster im W. der Stadt mit Pilgerherberge, schöner Druckerei, Schule und Spital, mehrere Mädchenerziehungsinstitute und das österreichische Hospiz. Die armenische Kirche zählt etwa 450 Bekenner unter einem Patriarchen und hat 2 Mönchsklöster (darunter das erwähnte Jakobskloster) und ein Nonnenkloster; die 85 koptischen (ägyptischen) Christen unter einem Patriarchen haben 2 Klöster, die Jakobiten ein kleines Kloster mit einem Bischof; desgleichen haben die wenigen (56) Abessinier einen Bischof. Eine protestantische Gemeinde (1886: 850 Seelen) besteht in J. seit den 40er Jahren. Ihr gehören die anglikanische Christuskirche auf dem Berg Zion (1842-48 erbaut), die deutsche Kapelle auf dem Johanniterplatz (seit 1871) und die St. Paulskirche für die arabischen Protestanten vor der Stadt, nahe dem Damaskusthor (seit 1874). Auf Anregung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen wurde 1841 ein evangelisches Bistum von England und Preußen gemeinsam errichtet und der erste Bischof von Preußen, der zweite 1879 von England ernannt; als aber 1883 der letztere starb, blieb die Stelle unbesetzt, und 1886 wurde der Vertrag seitens Preußens gekündigt. Die Gemeinde besitzt eine anglikanische und eine deutsch-evangelische Schule, einige Knabeninstitute, eine englische Industrieschule für Proselyten, ein Hospital mit Diakonissinnen aus Kaiserswerth, ein Mädchen- und ein Knabenwaisenhaus, ein Kinderspital, das Johanniterhospiz und das Aussätzigenhaus. Die Sekte der »Templer« hat ein Lyceum mit 9 Lehrern. J. ist Sitz eines deutschen Berufskonsuls.
Die Gesamtzahl der Einwohner wird 1886 zu 33,850 angegeben, worunter 8250 Christen, 20,000 Juden und 5600 Mohammedaner, deren Zahl beständig abnimmt. Die Hauptsprache ist die arabische; außerdem hört man italienisch, griechisch, französisch, englisch, deutsch und russisch sowie türkisch sprechen. Im allgemeinen stehen die Bewohner Jerusalems nicht im besten Ruf, indem sie für träg, ränkesüchtig, lügenhaft und feig gelten. Doch halten sie streng auf Beobachtung ihrer verschiedenen kirchlichen Gebräuche. Von Industrie ist kaum die Rede, man treibt nur etwas Weberei und Pantoffelmacherei. Ausgeführt werden Pilgermuscheln, Rosenkränze, Amulette, Kruzifixe, Reliquien, doch nicht mehr in solcher Menge wie früher. Der neuerlich im Wachsen begriffene Handel ist unbedeutend, wiewohl es in J. manche reiche Kaufleute, namentlich unter den Armeniern, gibt.
[Umgebung.]
Was die Umgebung Jerusalems anbelangt, so fehlt, wie bemerkt, der Stadt an der Nordseite der natürliche Schutz durch ein tiefes Thal, da sich hier eine Hochebene anschließt. Hier sind die sogen. Königsgräber, die aus Christi Zeit herrühren mögen, und die »Gräber der Richter«; näher der Stadt zeigt man eine geräumige Höhle, worin Jeremias seine Klagelieder gedichtet haben soll. Im NW. liegen die ausgedehnten Gebäude des russischen Konsulats und Hospizes, die des österreichischen Konsulats, das evangelische Mädchenwaisenhaus Talitha Kumi etc. Hier hat sich in den letzten Jahren eine große, zumeist von Juden bewohnte Vorstadt gebildet. Im W. sind die beiden in den Felsen gehauenen viereckigen Teiche Mamilla und Birket es Sultan im Felsenthal Er Rababi (Ben Hinnom), wo zahlreiche Felsengräber sich erhalten haben; Zion gegenüber liegt der Töpferacker (nachher Blutacker oder Hakeldama genannt). Auf der Ostseite der Stadt fließt der Bach Kidron durch das Thal Josaphat. Ganz im S. liegt der Teich Siloah, welcher von der intermittierenden Quelle Siloah gespeist wurde. Das Thal Kidron wird im O. vom Ölberg (s. d.) begrenzt, an dessen südwestlichem Fuß das Dorf Kefr Silwan mit meist in den Felsen gehauenen Wohnungen liegt. Nördlich davon das sogen. Grab Absaloms, Zacharias' und viele andre alte Gräber. Weiter thalaufwärts kommt man zunächst nach Gethsemane, einem etwa 70 Schritt im Quadrat großen, mit einer Mauer umgebenen Garten mit einigen sehr alten Ölbäumen, wo verschiedene durch die Leidensgeschichte Jesu geheiligte Lokalitäten gezeigt werden. Weiter nördlich, ebenfalls am Fuß des Ölbergs, zeigt man das angeblich von der heil. Helena errichtete Grabmal der Jungfrau Maria, daneben die Gräber ihrer Eltern und ihres Gatten Joseph.
[Spätere Geschichte.]
J. blieb unter der Herrschaft der oströmischen Kaiser, bis es von Chosroes II., König der Perser, 614 erobert ward. Zwar gewann der Kaiser Heraklios die Stadt im Frieden 628 wieder; doch
^[Abb.: Karte der Umgebung von Jerusalem.]
mehr
fiel sie schon 637 nach zweimonatlicher Belagerung in die Hände der Araber, deren Kalif Omar selbst in die heilige Stadt einzog. Die Araber gestatteten jedoch den Christen, die heiligen Orte zu besuchen. Später, besonders seit sich 1076 die Seldschukken Jerusalems bemächtigt hatten, sahen sich jedoch die Christen vielfachen Bedrückungen ausgesetzt. Nachdem im ersten Kreuzzug Gottfried von Bouillon 15. Juli 1099 J. erobert hatte, wurde ein eignes christliches Königreich J. gestiftet. Auf dem Thron desselben saßen nacheinander Gottfried von Bouillon, Balduin I. (seit 1100), Balduin II. (seit 1118), unter welchem die Johanniter und Tempelherren emporblühten, Fulko von Anjou (seit 1131), Balduin III. (seit 1143), Amalrich I. (seit 1162), mit dem der Verfall des Reichs beginnt, Balduin IV. (seit 1173), Balduin V. (seit 1184) und endlich 1186 Guido von Lusignan. Nachdem 3. Okt. 1187 die Sarazenen unter Saladin J. erobert hatten (s. Kreuzzüge), trat Guido die Krone 1193 für Cypern an Heinrich von Champagne ab; doch vermochte dieser sowenig wie seine Nachfolger Amalrich II. von Cypern und Johann von Brienne seinen Ansprüchen Geltung zu verschaffen. Kaiser Friedrich II. setzte sich zwar 1229 die Krone von J., auf die er durch Heirat ein Recht erworben hatte, aufs Haupt; doch fiel die Stadt schon 1244 wieder in die Hände der Mohammedaner. 1382 bemächtigten sich die tscherkessischen Mamelucken Jerusalems; 1517 eroberte es der türkische Sultan Selim I., dessen Sohn und Nachfolger die Stadt 1534 mit der jetzigen Ringmauer umgab. Seitdem blieb J. der Pforte unterworfen, bis diese sich 1833 genötigt sah, Syrien und mit diesem auch J. an Mehemed Ali, Vizekönig von Ägypten, abzutreten; 1840 kehrte es unter die Herrschaft der Pforte zurück. 1841 wurde von England und Preußen ein evangelisches Bistum zu J. gegründet (s. oben). Streitigkeiten über die heiligen Orte wurden 1853 Mitveranlassung zu dem orientalischen Krieg. Die deutschen Kaiser führten seit Friedrich II. den Titel »König von J.«
Zur Erforschung Palästinas und namentlich Jerusalems bildete sich 1865 eine englische Gesellschaft, der Palestine Exploration Fund, und 1877 der Deutsche Verein zur Erforschung Palästinas; beide veröffentlichen regelmäßige Berichte über ihre Arbeiten. Die Forschungen der englischen und amerikanischen Gelehrten sind zusammengestellt in den Werken: Wilson und Warren, The recovery of J. (Lond. 1870), »Our Work in Palestine« (das. 1872), und Besant und Palmer, J., the city of Herod and Saladin (das. 1872). Von sonstigen Schriften über J. aus neuester Zeit nennen wir als die vorzüglichsten: Sepp, J. und das Heilige Land (2. Aufl., Regensb. 1876, 2 Bde.); Derselbe, Neue architektonische Studien etc. (Würzb. 1867); T. Tobler, Denkblätter aus J. (St. Gallen 1853); Derselbe, Topographie von J. (Berl. 1853-54, 2 Bde.); ferner Wolff, J. (3. Aufl., Leipz. 1872); Bartlett, Walks about the city and environs of J. (neue Ausg., Lond. 1872); Tyrwhitt-Drake, Modern J. (das. 1875); Warren, Underground J. (das. 1876); de Saulcy, J. (Par. 1881); Bädeker, Palästina und Syrien (bearbeitet von Socin, 2. Aufl., Leipz. 1880); »Meyers Reisebücher«: Orient, Bd. 2 (2. Aufl., das. 1887); Zimmermann, Karten und Pläne zur Topographie des alten J. (Basel 1876); Derselbe, Plan des heutigen J. mit Umgebung (Leipz. 1881); Guthe, Ausgrabungen bei J. (das. 1883).