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Die im 18. Jahrhundert vor allem in Franken tätige Familie von Stuckateuren stammt aus Porto Ceresio. Das kleine Fischerdorf am südwestlichen Ende des Luganersees wird damals Porto Morcote genannt, liegt im Herzogtum Mailand, nur wenige Fussminuten von der Grenze zur eidgenössischen Vogtei Lugano entfernt. In Porto Ceresio ist auch die ebenso berühmte Stuckateur- und Malerfamilie der Appiani beheimatet, mit der die Familie Bossi verschwägert ist.[1]
Giuseppe Antonio[2] wird am 16. Februar 1699 als Sohn des Aluigi Bossi und der Ehefrau Clara Luigia Croci in Porto Ceresio geboren. Als junger Geselle geht er wahrscheinlich zu seinem Verwandten, dem Nürnberger Stuckateur Donato Polli.[3] Ein Romaufenthalt beim Bildhauer Giovanni Battista Maini[4] ist vorläufig Spekulation. Erstmals ist er 1727 in Ottobeuren aktenkundig. Hier arbeitet er teils selbstständig an grossen Stuckfiguren, teils im Unterakkord von Carlo Andrea Maini[5] für figuralplastische Arbeiten an den Stuckaturen im neuen Konventgebäude. Er wird von Abt Rupert Ness als «statuarius oder figurist Bossi» für die Nischenstatuen gelobt. Hier ist er auch im Winter beschäftigt, während der Trupp Maini in die Heimat zurückkehrt.[6] Zwischen 1729–1732 fehlen Nachrichten. 1733 bewirbt er mit einem Empfehlungsschreiben des Reichsprälaten Rupert Ness für Stuckaturarbeiten in Gössweinstein. Balthasar Neumann[7] leitet das Empfehlungsschreiben an den Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn[8] weiter, der Bossi probehalber einstellt. Der künstlerische Leiter der Innenausstattung der Residenz, Hofmaler Johann Rudolf Byss,[9] entdeckt aufgrund eines vorgängig nach Würzburg gelieferten Entwurfs für Schönbornkapelle die Qualitäten Bossis und nimmt den Stuckateur in seine Werkstatt auf, auch um ihm auch die Freskomalerei beizubringen. 1734 schliesst Balthasar Neumann einen Vertrag mit Bossi, der für ein Jahresgehalt von 450 Gulden, bei freier Wohnung im oberen Mezzaningeschoss im Südblock der Residenz, vorläufig als Hofstuckateur mit gleichzeitiger Ausbildung bei Byss in die Dienste von Friedrich Carl von Schönborn eintritt. Schon 1735 werden die Stuckaturarbeiten für die Paradezimmer der Residenz so umfangreich, dass Bossi seine früheren Mitarbeiter aus Ottobeuren, Pedrozzi und Quadri und auch seinen Bruder Felice nach Würzburg holt.[10] Er wird jetzt alleiniger Leiter und Entwerfer der Stuckaturarbeiten in der Residenz und in anderen Bauten der beiden Hochstifte.[11] 1738, nach dem Tod von Johann Rudolf Byss, ist er bis 1746 und wieder von 1750 bis 1753 die künstlerische Seele der Rokokoausstattung in der Residenz, kongenial mit dem Kunstschreiner Ferdinand Hundt und dem Bildhauer Johann Wolfgang von der Auvera zusammenarbeitend. Tiepolo malt 1753 im Treppenhaus der Residenz den verdienten Stuckateur in Lebensgrösse, in weitem Umhang und auf eine Zeichnung deutend, gleich über dem ebenso um die Residenz verdienten Balthasar Neumann. Um diese Zeit ist der als Junggeselle lebende Bossi gesundheitlich schon angeschlagen. Er leidet unter einer schubweise auftretenden psychischen Krankheit, die 1757 eine Einlieferung ins Bürgerspital notwendig machen. Hier verstirbt er vor dem 22. Februar 1764 im Alter von 65 Jahren.
Pius Bieri
Literatur:
Sedlmaier, Richard und Pfister, Rudolf: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg. München 1923.
Röhlig, Ursula: Bossi, Giuseppe Antonio, in: Neue Deutsche Biographie 2, Seite 485 f. München 1955.
Jahn, Wolfgang: Stukkaturen des Rokoko. Sigmaringen 1990.
Friedrich, Verena: Die Stukkatorenfamilie Bossi in Franken, in: Frankenland, Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kultur, Heft 12. Würzburg 1999.
[1] Joseph Ignaz Appiani (1706–1785), kurmainzischer Hofmaler, heiratet 1732 Antonia Bossi, die allerdings schon 1737 stirbt. In den 1770er-Jahren arbeitet Appiani vorwiegend für Freskenaufträge, die er auf Vermittlung von Materno Bossi erhält (St. Michael in Würzburg, Heidenfeld, Triefenstein). Eine gemeinsame Tätigkeit der Stuckateure Appiani und Bossi ist nicht bekannt.
[3] Nach Wolfgang Jahn ist Bossi 1715–1719 bei Polli. Dieser vermacht 1738 in seinem Testament seinem «Vettern Joseph Antonio Bossi» 1500 Gulden. Die höchste Summe von 3000 Gulden vermacht er Pietro Ludovico Bossi.
[4] Giovanni Battista Maini (1690–1752) aus Cassano Magnago, südlich von Varese.
[5] Carlo Andrea Maini, geboren 1683 in Arogno, Tessin, vermutlich nicht mit dem römischen Bildhauer Giovanni Battista Maini verwandt.
[6] In Ottobeuren stuckieren um diese Zeit auch der junge Jeronimo Francesco Andreoli aus Muzzano, ebenfalls ein Schüler des Nürnberger Stuckateurs Polli (siehe Pietro Ludovico Bossi), Antonio Quadri aus Agno, der ebenfalls mit Polli verwandt ist und später mit Giuseppe Antoni Bossi in der Residenz Würzburg arbeitet und Giovanni Battista Pedrozzi (1711–1778) aus Pregassona bei Lugano.
[7] Balthasar Neumann (1687–1753), Oberstleutnant und würzburgisch-bambergischer Hofbaumeister, Leiter des Residenzneubaus in Würzburg.
[8] Friedrich Carl von Schönborn (1674–1746), vorheriger Reichsvizekanzler, seit 1729 Fürstbischof von Würzburg und Bamberg.
[9] Johann Rudolf Byss (1660–1738).
[10] Auch ein Stuckateur Carl Maria Bossi und ein Ignatius Bossi werden 1736 genannt. Über diese Familienmitglieder ist nichts bekannt.
[11] Die wichtigsten Werke ausserhalb der Residenz Würzburg sind: Schönbornkapelle am Dom von Würzburg 1733–1734. Hofkapelle der Bamberger Residenz, 1737. Sommerschloss Werneck 1741 und 1745. Schloss Veitshöchheim 1752–1753.
|Giuseppe Antonio Bossi (1699–1764)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|16. Februar 1699||Porto Ceresio||Varese I|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Herzogtum Mailand||Como|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|22. Februar 1764||Würzburg||Bayern D|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Hochstift Würzburg||Würzburg|
|Kurzbiografie|
|Giuseppe Antonio Bossi, heute vereinfacht Antonio Bossi genannt, wird in allen zeitgenössischen Dokumenten immer auch mit dem ersten Vornamen aufgeführt. Er ist der Stuckateur des Würzburgischen Rokoko. «Die gesamten 1735–1753 geschaffenen Stuckaturen im Inneren der Residenz sind sein Werk, entstanden in einer einheitlichen, im Ausmass nicht geringen künstlerischen Entwicklung, die selbst nach seinem Tode in der geraden Linie persönlich-künstlerischen Zusammenhänge sich bis zum Klassizismus fortsetzt (Materno Bossi)», schreibt Richard Sedlmaier 1923. Die Genialität des oberitalienischen Künstlers ist in der Residenz überall zu spüren, sein schönstes Werk ist aber sicher die Gestaltung des «Weissen Saals».|