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„COLLECTION ON DISPLAY: RULES“ im Migros Museum für Gegenwartskunst
Das Ausstellungsformat Collection on Display präsentiert Werke aus der Sammlung des Migros Museum für Gegenwartskunst als dreiteilige Themenreihe unter dem Titel Communities, Rules and Rituals.
Die zweite Ausstellung, Rules, bringt Werke zusammen, die Regeln im Spannungsfeld von normierendem Gebrauch und individueller Gestaltungsfreiheit betrachten.
Bezugnehmend auf die vorherige Ausstellung Communities thematisiert diese Ausstellung die weitgehend unsichtbaren Regelwerke, welche die Grundlage für jede Gemeinschaft sind. Den hier ausgestellten Sammlungsarbeiten gelingt es auf sehr unterschiedliche Weise, diese Regeln sichtbar zu machen, sie produktiv zu nutzen oder sie zu unterwandern.
Ausgangspunkt ist dabei die Frage, inwiefern Regeln als ein von aussen Bestimmtes betrachtet werden können und inwiefern jeder Einzelne an der Gestaltung dieser Regeln mitwirken kann. Definiert man eine „Regel“ als aus regelmässigen Beobachtungen entstandene Richtlinie, so wird das Potenzial zur aktiven Mitgestaltung deutlich.
Die empirische Sozialforschung geht sogar davon aus, dass Werte, Normen und Institutionen nur existieren, insofern und solange es Menschen gibt, die diese anerkennen und nach ihnen leben. Oftmals handelt es sich allerdings um so tief verinnerlichte rituelle Regeln und Normvorstellungen, dass das Befolgen oder Missachten keine rationale Entscheidung mehr ist.
Die hier versammelten Arbeiten befragen Regelwerke im Hinblick auf einen möglichen individuellen Handlungs- und Gestaltungsspielraum.
Obwohl die Inhalte der nachfolgenden Arbeiten ebenso vielfältig sind wie die sozialen, ökonomischen, kulturellen, politischen und ästhetischen Normvorstellungen, können sie als Beispiel für die verschiedenen Themenstränge dieser Ausstellung dienen.
Eva Kot’átková stellt mit ihrer Installation Collection of Suppressed Voices (2014) auf poetische Art und Weise eine „Sammlung unterdrückter Stimmen“ vor, die durch unterschiedliche Keramiken repräsentiert werden.
Die Gefässe, angeordnet auf einem Podest, haben teils Löcher, sind sichtbar repariert oder durch Drahtgestelle ergänzt. Kot’átkovás Werk kann dabei als Reaktion auf repressive Gesellschaftsstrukturen gelesen werden, welche Identitäten und Ausdrucksformen neu verhandelt.
Die Arbeit ist Teil einer Reihe von Sammlungswerken, die sich mit der (Un)Möglichkeit von individueller und künstlerischer Ausdrucksfreiheit unter starkem gesellschaftlichem und politischem Regelzwang beschäftigen.
Die Erfüllung normativer Rollenvorstellungen spielt auch in der Werkgruppe rund um Markus Schinwalds Marionette Bob (2007) eine Rolle. Die hölzerne Figur im Anzug verändert durch eine mechanische Bewegung fortwährend ihr Gesicht, öffnet und schliesst ihre Augen.
In einem Akt der Wiederholung verharrt sie in einem immer gleichen neurotischen Bewegungsablauf. Die Uniformität und Entindividualisierung, die diese Figur verkörpert, fordert das Nachdenken über die Bedeutung des Subjektiven und Emotionalen heraus.
Der Konstruktion gesellschaftlicher Normen und Verhaltensweisen wird damit die Selbstbestimmung des Einzelnen entgegengesetzt.
Für die Multimedia-Installation Lost and Found(2016) bedient sich die Künstlerin Susan Hiller der wissenschaftlichen Methoden und Regeln der linguistischen Anthropologie.
Sie sammelte Tonaufnahmen von Sprechern gefährdeter oder ausgestorbener Sprachen, liess sie transkribieren und übersetzen. Das Gesprochene wird dem Besucher einerseits über diese Übersetzungen zugänglich gemacht, andererseits über den Klang der Stimmen selbst.
Dieser erzeugt eine starke affektive Verbindung zwischen dem Zuhörer und dem Sprecher – über Zeiten, Kulturen, und Länder hinweg – und betont damit die subjektive Dimension der Wissensproduktion.
Die formalen Arbeiten der Ausstellung von Carl Andre oder Niele Toroni sind Beispiele für die Entwicklung und konsequente Anwendung individueller ästhetischer Regeln. Gleichzeitig können sie auch als räumliche Eingriffe funktionieren, welche die Bewegung der Besucher im Ausstellungsraum regeln – wie im Fall von Cady Nolands Ohne Titel (1999), das an Strassenabschrankungen erinnert.
Handlungsanweisungen und Regeln als integraler Bestandteil von Werken sind typische Elemente der Konzeptkunst seit den 1960er Jahren. Sie sind in dieser Ausstellung zum Beispiel mit der Arbeit Birkenstock Care Tips (1997) von Angela Bulloch vertreten. Diese Pflegeanleitung für Birkenstock-Schuhe dient hier allerdings nicht als Instruktion, sondern als Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Bedeutung und Sinnhaftigkeit von Regeln an sich.
Carl Andre, Angela Bulloch, Douglas Gordon, Susan Hiller, Eva Kot’átková, Matt Mullican, Cady Noland, Luis Pazos, Elodie Pong, Markus Schinwald, Niele Toroni, Uri Tzaig, Carey Young
20.05.-13.08.2017
Eröffnung: Freitag, 19.05.2017, 18-20 Uhr
Quelle: Migros-Genossenschafts-Bund Direktion Kultur und Soziales
Artikelbild: obs/Migros-Genossenschafts-Bund Direktion Kultur und Soziales