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Josefines Blog
Der Bluffer
von Silvia Gillardon (Kommentare: 0)
Ein Restaurant an der Piazza hinter dem Hotel. Die Gäste, die trotz Gänsehaut draussen sitzen, müssen alles Touristen sein. Kein Einheimischer würde sich freiwillig solchem Wind und solchen Temperaturen aussetzen.
Der Kellner heisst Massimo. Behauptet er jedenfalls. Und der Name passt ganz gut. Denn er redet maximal viel, verkauft seine teuersten Gerichte maximal häufig und gibt sich maximal folkloristisch.
Der Amerikaner am Nebentisch ist begeistert. Und natürlich erkundigt sich Massimo nach seiner Herkunft, im klassischen „where do you come from“. Der Herr, der sich als Jeff vorstellt, kommt aus Texas. Natürlich will Massimo die Stadt wissen, und als Jeff „El Paso“ antwortet, nickt Massimo wissend.
„Sie kennen El Paso?“ fragt Jeff erstaunt. „Certo! Una bellissima città. Ein Freund von mir lebt ganz in der Nähe. In Four Points.“
Man sieht dem Amerikaner an, dass er mit Four Points nichts anfangen kann. Aber er gibt sich begeistert. „Four Points? Auch ein interessanter Platz. Und was macht ihr Freund dort?“
„Er ist Countrysänger. Ein sehr bekannter.“
Der Amerikaner ist entzückt. „Und wie heisst er?“
„All Hall“. Er stammt ursprünglich aus Venezia und hiess Alfredo Sala. Er besucht mich jedes Jahr mit seiner Band. Dann geht die Post ab … dann steht ganz Venezia Kopf.“ Massimo schlägt Jeff auf die Schulter und der verzieht schmerzerfüllt, aber strahlend das Gesicht. Dann bestellt er das teuerste Gericht, einen ganzen Fisch unbekannter Dimension, im Rohgewicht hundertgrammweise berechnet. Der grösste Vertrauensbeweis, den man als Tourist einem Wirt erbringen kann. Denn der Fisch, der vor den Augen des Gastes präsentiert wird, kann sehr, sehr schwer sein. Und verwandelt sich danach in den ominösen Pfannen zu einem Winzling.
Nach einer Stunde bezahlt Jeff die „Dolorosa“, die „Schmerzhafte“, und wankt beduselt über die Piazza. Massimo offeriert mir einen Grappa und lässt sich erschöpft auf den Stuhl neben mir sinken.
„Ist dieses El Paso wirklich so eine schöne Stadt?“
Verwundert starrt er mich an. „El Paso was? Ich verstehe nur Bahnhof.“
„Du kennst Texas überhaupt nicht? War das ein Bluff? Dann existiert also auch kein four points?“
Er grinst.
„Und All Hall? Auch Phantasie? Warum erzählst du denn nur so einen Mist?“
„Tesoro, sei doch nicht so pignola. Four Points, Five Points… das ist doch egal. Die Gäste wollen solche Geschichten doch einfach hören. Die wollen von daheim erzählen. Und mit jemandem reden, der sie versteht. Einem Bruder im Herzen. Danach sind sie zufrieden. Und ich bin es auch.“
Nein, ich werde Massimo nichts von Laufenburg erzählen. Sonst hat er bestimmt einen Schwager einer Schwester, der im Nachbardorf wohnt. Einen weltberühmten Dichter vermutlich.