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Von Marrakech nach Nouakchott
Von Schlangenbeschwörern, Schwerenötern, dem "marokkanischen Mann" und einem einsamen Minarett
Ich habe das Gefühl, ich sollte von Marrakech schwärmen. Es ist doch ein Name, der nach Orient klingt, nach Gewürzen und Teppichen, Schlangenbeschwörern und engen Gassen, in denen man zu einem andern Menschen wird. Ich sollte schwärmen, doch für mich ist Marrakech vor allem eine Gelegenheit, wieder einmal Tagebuch zu schreiben, mit Europa zu kommunizieren und meine weitere Reise vorzubereiten. Ich sitze viel in meinem Zimmer oder draussen vor dem Hotel Ali undversuche mir ein Bild über die Situation davon zu machen, wie der Grenzübertritt nach Mauretanien vor sich geht, und wie man von dort weiter nach Senegal oder Mali kommt. Auf der Couchsurfing Seite platziere ich im Forum der Marrakech-Gruppe eine Nachricht, dass ich mich gerne mit jemandem treffen würde, um zu reden oder die Medina zu besuchen oder mich in die Geheimnisse des Hamam einführen zu lassen. Am Samstag früh meldet sich Aziz. Er will mich um vier beim Hotel treffen.
Am Mittag raffe ich mich auf und gehe auf gut Glück hinaus in den hiesigen Suk. Anders als sonst geniesse ich den Ausflug diesmal ziemlich, obwohl oder gerade weil ich manchmal überhaupt nicht verstehe, was eigentlich los ist. Ich lasse mich treiben, schnuppere, rede, fasse an und werde angefasst, werde hierhin und dorthin geschoben, frage und komme mir vor, wwie wenn ich in einer surealen Komödie namens "lost in space" oder "go baby, go" mitwirke.
Um vier kommt Aziz mit zwei weiteren Couchsurfern. Sie sind beide aus Genf und kommen vor allem im Winter öfter für ein paar Tage nach Marrakech. Aziz fragt, ob ich immer noch Lust habe, ins Hamam zu gehen. Ich packe eine saubere Unterhose und mein Handtuch ein und los geht's. Zuerst in Aziz' auto zu ihm nach Hause und dann ins Hamam.
Ich war erst einmal in einem Hamam. Das war vor sechs Jahren in Dogubäjazit, einem kleinen Kaff im wilden Osten der Türkei. ich bin von der ganzen Prozedur auch diesmal nicht besonders angetan. Das Hamam besteht aus drei oder vier relativ kleinen und kahlen Räumen mit gekachelten Wänden. Der Boden ist nicht besonders sauber. Wir haben uns am Eingang mit "schwarzer Seife", einem Eimerchen, einem Rubbelhandschuh und Gel eingedeckt. Im Vorraum habe ich mich ausgezogen und jetzt stehen Robert und ich in unseren saubern Unterhosen in einem der Baderäume, während Aziz in einem grossen Eimer Wasser herbeibringt. In dem kahlen Raum ist alles sehr laut. Uns gegenüber hocken zwei Männer und schwatzen. Aziz übergiesst uns mit heissem Wasser und beginnt uns einzuseifen. Bald übernehmen wir und tun, was er sagt: Mit der "schwarzen Seife+", einer art Schmierseife in einem Beutel, einseifen, danach rubbeln und dann abspülen. Ich erinnere mich nicht, ob wir die Prozedur wiederholt haben, und ob Aziz uns bei diesem oder einem späteren Durchgang ein wenig massiert hat. Während sich andere zu diesem Zweck hinlegen, meint Aziz, es sei besser, stehen zu bleiben. Der Boden ist zu hart und zu schmutzig. Am Ende kam die Waschung mit dem Gel, den wir danach nicht abgespült haben. Das ganze dauerte vielleicht 30 Minuten, dann noch ein wenig Geplauder mit den Freunden im Vorraum während wir uns anziehen und zurück geht's in Aziz' Wohnung.
Manche, so erklärt Aziz uns, verbringen den ganzen Samstag nachmittag im Hamam. Dabei sitzen sie und reden, massieren sich gegenseitig und schruppen sich die Rücken. Viele, wie er, kämen jedoch nur, um sich zu waschen und kurz Hallo zu sagen. Oft sehe man auch Väter mit ihren Jungen. Solang diese klein sind, gehen sie mit den Müttern ins Frauen-Hamam gleich nebenan, doch wenn sie zum Mann werden, gehen sie mit ihren Vätern zu den Männern. Das Hamam hier sei einfach, es gäbe in Marrakech natürlich auch viel luxuriösere Hamams, doch die seien teurer, und in seinem Quartier wohnten einfache Leute. Viele hätten zuhause kein Bad, da müsse ihr Hamam einfach und dafür rpeiswert sein. Ich denke an die städtischen Badehäuser und Brausebäder in der Schweiz oder in Deutschland, und ich frage mich, bis wann die in unseren Städten noch in Betrieb waren, und wie man sich dort wohl gewaschen hat.
Während Aziz für anderthalb Stunden weg muss erzählt mir Barbara von ihren Erfahrungen in Marokko und von Aziz. Aziz ist Couchsurfing-Host und Mitglied im "Hospitality Club", über den er auch Barbara kennengelernt hat. Er nimmt seine Rolle als Gastgeber sehr ernst, ja er hat es sich beinahe zur Lebensaufgabe gemacht, den Touristen und Touristinnen, denen er begegnet, ein gutes Bild von Marokko und den Marokkanern zu vermitteln. Er versucht deshalb allen Anfragen und wünschen der durch Marrakech ziehenden CouchsurferInnen und Hospitality ClublerInnen gerecht zu werden. Dabei tue er oft mehr, als er eigentlich tun könne. Barbara kennt Aziz schon länger. Wenn sie in Marrakech ist, wohnt sie immer bei ihm.. Aziz hält viel von Barbara. Er verehrt und bewundert sie, doch bleibt alles auf Distanz. Er sei als Mann sehr integer und lasse sie wirklich in Ruhe, was in Marokko alles andere alsselbstverständlich sei, denn die Männer seien hier unglaublich hinter Frauen her, und für marokkanische Männer sei jeder offene Blick und jedes freundliche Wort ein Zeichen dafür, dass diese Frau zu haben sei. Anfänglich habe sie grosse Mühe mit dieser Situation gehabt, doch inzwischen habe sie sich daran gewöhnt und verhalte sich so, dass sie nicht mehr belästigt werde. Sie reagiere beispielsweise nicht mehr, wenn sie auf der Strasse von einem Mannn angesprochen wird, und wenn sie etwas in einem der vielen kleinen Läden in der Medina kaufen wolle, so gehe sie nie hinein, sondern verhandle draussen. In ein solchh kleines Geshäft hineinzugehen sei für einen marokkanischen Mann im Grunde die Aufforderung, sich über sie herzumachen ... Ich staune etwas, doch einige Tage später stosse ich im Internet zufälligg auf einen Bericht, indem eine Frau genau dasselbe sagt.
Als ich Barbara nach den polizeilichen Bestimmungen im Umgang mit Touristen frage, bestätigt sie, was Kivenbela mir und Onur in Fes erzählt hat: Aziz darf im Grunde niemanden bei sich zuhause schlafen lassen. Er tut es dennoch und kann es sich, trotz Gerede im haus, leisten, weil man ihn bei der Polizei und auch sonst als integren und zuverlässigen Menschen kennt. In die Medina geht er dennoch nur sehr selten mit seinen Gästen, denn dort könnte auch er Schwierigkeiten bekommen.
Barbara hilft Aziz, indem sie hie und da etwas aus der Schweiz mitbringt oder etwas für seinen Haushalt kauft. Darüber hinaus ist sie seine mütterliche Beraterin. Er fragt andauernd um ihre Meinung. ob er sich am Ende wirklich an ihre Ratschläge hält, weiss ich nicht. Wenn er mit ihr spricht, so tut er es in seltsam unterwürfiger Weise, als ob er nichts und sie alles sei, gleichzeitig fordert er sie jedoch auch immer wieder heraus. Das Verhältnis der beiden erinnert mich an E. M. Forsters "Passage to India" und die darin beschriebene Beziehung zwischen dem Engländer Fielding und einem Inder, der merkwürdigerweise ebenfalls Aziz heisst.
Später am Abend fahren wir noch in die Stadt und trinken etwas, und am Sonntag treffen wir uns noch einmal für anderthalb Stunden. Wir spazieren vom Hotel Ali hinüber zur berühmten $$Moschee. Als Aziz mir sagt, dass ihr Turm über hundert Meter hoch sei, ist es, wie wenn ich für einen kurzen Moment aufwache und merke, dass ich ja mitten im berühmten und viel besungenen Marrakech bin! Plötzlich steht da, wo eben noch nichts war ausser Verkehrslärm und ein Netz abstruser Geschichten und Gedanken ein schlankes Minarett ... Ja, Marrakech! Ich werde von dir schwärmen, vielleicht das nächste mal, denn diesmal bin ich eigentlich nur körperlich anwesend. Meine Gedanken und Gefühle sind bereits auf dem Weg in den Süden oder sie sind bei irgendwelchen Freunden in der Schweiz oder sonst wo in der Welt.
Am letzten Abend in Marrakech treffe ich noch einen anderen Couchsurfer. Es ist wieder ein merkwürdiger Kerl! Während wir in einer Bude auf dem grossen Platz einen Teller voll schafskopf, eine hiesige Spezialität, essen, erzählt er mir von der jüdischen Weltverschwörung und seiner Liebe zu einer jungen, manisch depressiven Engländerin, die durch ihn und seine Liebe gesund geworden, jetzt aber wieder bei ihren Eltern in London und in der krankmachenden psychiatrischen Maschinerie des Westens sei. Um uns herum tummeln sich die Menschen, es wird gerufen und geschrieen, doch er scheint nichts davon wahrzunehmen. Er erzähltt mir von den Versuchen des Vaters seiner Freundin, siee auseiinaderzubringen. Dabei hätten sie geheiratet, hier in Marrakech. Er fragt mich, ob ich an die westliche Psychiatrie glaube, und ob er weiter um seine Liebe kämpfen oder aufgeben solle. Ich höre zu, sage nur hie und da "ja, ja" oder "hmm, hmm". Nach zwei Stunden trennen wir uns. Ich gehe mit seiner Geschichte ins Hotel Ali zurück und packe meine Sachen.
Französische Provinz und Blindenfürsorge à la marocaine, sanfte Muslime, chinesische Uhren und ein Nachmittag in Rabat
Am Dienstag früh geht's weiter nach Rabat, wo Jules mich abholen will. Ich bin froh, denn Rabat oder besser der rund 15 km davon entfernte Ort Skhirat ist die letzte Etappe auf meiner Marokkoreise; von dort geht's endlich tiefer hinein in das "wirkliche Afrika".
Auf Jules' Rat hin nehme ich diesmal den Zug. Das Gefühl ist merkwürdig, denn der Bahnhof von Marrakech ist so anders als die Busbahnhöfe, die ich in diesem Land bisher kennengelernt habe: Gross und ruhig! Beinahe unbelebt, ein Ort der Stille! Im Zug nach Rabat komme ich mir vor wie in Frankreich. Dieselben Wagen, die noch vor kurzem in fünf Stunden von Basel nach Paris geschauckelt sind. Dieselben Sitze, dieselben dicken Stoffvorhänge. Sogar Kaffee gibt's im Zug. Nur der Empfang am Fahrkartenschalter erinnert mich daran, dass ich nicht in Europa bin. Der Schalterbeamte, bei dem ich mein Ticket kaufen will, erklärt mir nämlich in stoischer Ruhe, dass die marokkanischen Eisenbahnen blinden Menschen nicht erlaub, alleine zu reisen, und er mir deshalb keine Fahrkarte verkaufen könne. Tja. So ist es. Es sei zu gefährlich, da könne er nichts machen. Der Bahnhof um mich her ist gross und ruhig! Dass ich allein von der Schweiz bis hierher vor seinen Schalter gekommen bin, ist dem Beamten egal, denn die Regeln würden es nun mal nicht erlauben. Ich könne nicht alleine auf den Zug, das sei zu gefährlich, denn ich könnte in die Geleise fallen, und sie hätten kein Personal, mich zu begleiten. - Zum Glück habe ich mir in den vergangenen Wochen schon eine gewisse Gelassenheit angewöhnt. So stehe ich einfach da undd warte, was wohl als nächstes geschieht. Dabei denke ich daran, dass der marokkanische Blindenverband offiziell Verband zum Schutze der Blinden heisst. Es ist doch eigentlich ein schöner Gedanke, dass man mich vor mir selber schützen will, nur - nach Rabat möchte ich trotzdem.
Inzwischen hat sich ein weiterer Beamte zu uns gesellt. Er beruhigt mich: Ich solle warten. Wenn sie jemanden gefunden hätten, der mit mir nach Rabat fahre, dann könne ich meine Fahrkarte kaufen. So steh ich denn zehn Minuten lang da und warte. Dann hat sich eine Dame gefunden, die ebenfalls nach Rabat will und bereit ist, mich mitzunehmen. Das Problem ist also gelöst. Was allerdings gewesen wäre, wenn ich erst fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges aufgetaucht wäre, oder wenn Marrakechh ein kleiner Nebenbahnhof wäre, ann dem nur vier Menschen am Tag überhaupt irgendwo hinfahren wollen ... Tja, was wäre, wenn meine Grossmutter Räder hätte!
Der Bahnhof in Rabat ist ähnlich friedlich und harmlos wie derjenige in Marrakech: Französische Provinz pur! Jules wartet auf mich, und wir fahren viel und heftig diskutierend nach Skhirat. Jules ist der Mann von Corinne, die ich von Basel her kenne. Er kommt ursprünglich aus dem Kongo, hat aber lange in der schweiz gelebt und dort auch geheiratet. Vor fünf Jahren sind er und Corinne mit ihren beiden Kindern von Basel nach Skhirat gezogen, wo sie zur Zeit u.a. ein Brockenhaus mit Schweizer Secondhandwaren betreiben. Corinne fährt regelmässig mit einem dicken Lieferwagen zwischen Basel und Skirat hin und her und bringt neue Sachen. Eigentlich müsste auch einiges von mir in ihrem Laden stehen, denn im August und September hat sie auch einige Dinge aus meinem sich auflösenden Haushalt abgeholt. Als ich am Nachmittag den Laden besuche finde ich allerdings nichts. Es scheint, das sowohl Tante Rosi's Goldrändchengeschirr als auch das näfsche Familiensofa von anno dazumal inzwischen neue Besitzer gefunden haben. Dafür lerne ich den alten Uhrmacher von nebenan kennen, der mir in wortreichem arabisch von der entwicklung seines Gewerbes und seiner Not mit den heutigen chinesischen Uhren berichtet. Zwischendurch unterhalte ich mich mit einem seiner Kunden, einem 16jährigen Jungen, der sehr betrübt darüber ist, dass ich nach meinem Tod in die Hölle kommen werde, denn solange ich nicht Muslim werde, sei dieses Schicksal unvermeidlich. Er ist echt bekümmert, will mich jedoch nicht unter Druck setzen. Der Islam sei eine friedliche Religion, und er wolle niemanden bekehren. Die Einsicht müsse in jedem selbst reifen ... Sein Eifer und seine Begeisterung erinnern mich an ähnliche Gespräche mit jungen Menschen in den USA und Europa, die mir von ihrem christlichen Glück erzählen. Diese naive Gläubigkeit wirken rührend und beängstigend zugleich, denn Zweifel gibt es weder bei den einen noch bei den andern, und wenn die Regie es will und die Prediger die entsprechenden Direktiven weitergeben, so verwandeln sich viele dieser so weichherzigen und naiven jungen Menschen zu gefährlichen Kämpfern Gottes, die bereit sind im "Kampf der Kulturen" ihre Wahrheit notfalls mit allen Mitteln zu verteidigen.
Nachdem die Uhr des Jungen repariert und er alte Araber seinen Laden für den Tag zugemacht hat, gehe ich wieder hinüber und geniesse das geschäftige Treiben in Jules' Laden. Corinne ist noch unterwegs und wird am Freitag Abend ankommen - Insha'Allah. Ich habe also noch einmal ein paar Tage Ferien von der Reiserei, denn ich möchte nicht weiterfahren, ohne sie zu sehen. Beim Aufräumen meines Netbooks versinke ich unversehens in der Welt Vickys, denn ich im Januar 2005 in Bodh Gaya kennengelernt habe. . Ich redigiere das, was er mir nach meiner ersten Indienreise in langen Telefonaten über die Ereignisse in seinem Dorf erzählt, und was ich von November 2005 bis März 2006 über meine zweite Indienreise und meine sich daran anschliessenden Tage in Japan und den USA geschrieben habe. Ich überlege, ob ich nichtt auch diese Notizen auf meiner Webseite platzieren soll, denn sie bilden eigentlich die Fortsetzung der Rundbriefe, die ich im Herbst und Winter 2004/2005 über meine Reise nach Iran, Pakistan und Indien geschrieben habe, und die seither im Netz verfügbar sind. Wie so oft kann ich mich nicht entscheiden, doch die Arbeit an diesen Texten und das mich erinnern tun gut.
Am Donnerstag fahre ich nach Rabat, umm mir ein Visum für Mauretanien ausstellen zu lassen. Vor der Botschaft ist grosser Andrang: Einige Polen und Spanier, sowie ein alter Franzose, der einen Hilfstransport nach Mali anführt, warten auf ihr Visum. Wir reden, tauschen Infos über die Details unserer Reisen aus und füllen unsere Wissenslücken. Nachdem ich mein Visum bekommen habe, treffe ich einen jungen Mann aus Guinea. Er hilft mir, ein Kaffee zu finden, und wir verbringen einige Stunden zusammen. Am Schluss begleitet er mich im Taxi zum grossen Busbahnhof, wo ich mich nach Verbindungen in den Süden erkundige. Er lädt mich zu sich nach Guinea ein, schwärmt von seinem Land und der Gastfreundschaft seiner Menschen. Wenn ich komme, so könne sein jüngerer Bruder mir alles zeigen - aus Freundschaft, nicht wegen des Geschäftes. Natürlich sei es schön, wenn ich ihm etwas geben wolle, doch das sei nicht so wichtig! Ich staune, glaube ihm und zweifle. Am Schluss drücke ich ihm ein paar Dinhar in die Hand, denn er ist mit mir immerhin quer durch die ganze Stadt gefahren und muss ja auch wieder irgendwie zurück in sein Quartier.
Zwei Tage später ist es so weit: Ich fahre ab in Richtung Süden. Corinne und ihre Mutter Waltraud sind in der Nacht vorher angekommen, und wir hatten am Samstag noch ein paar sehr gemütliche Stunden mit Kaffee und echten, selbst gemachten, absolut leckeren Weihnachtsguzzli und -stollen von Waltraud!
Agadir und Takhla, mauretanische Grenzerfahrungen und die nächtliche Fahrt nach Nouakchott
Von Samstag auf Sonntag bin ich im Nachtbus von Rabat nach Agadir. Am Sonntag früh um zehn geht's von dort nach vierstündigem Aufenthalt weiter nach Takhla. Man sagte mir, wir würden um fünf, vielleicht um acht Uhr dortsein. In meiner Unkenntnis und Naivität nahm ich an, dass damit der Abend desselben Tages gemeint war. Ich war deshalb etwas verwirrt als es acht und neun und zehn Uhr wurde und wir noch immer nicht in Takhla waren. Wir hatten am Nachmittag zwar eine Reifenpanne, deren Behebung anderthalb Stunden gedauert hat, doch daran konnte es auch nicht liegen. Nun. Irgendwann bbegriff ich, dass wir erst am morgen in Takhla sein würden. Also noch einmal eine Nacht im Bus, dann ein angenehmer Ausruhtag in Takhla, der letzten grösseren Stadt vor der mauretanischen Grenze. Danach kommen nur noch Wüste und Halbwüste. Viel Sand, hie und da eine kleine Kamel- oder Schafherde und immer wieder der Blick auf den Atlantik.
Die Frage meiner Weiterreise war schnell, vielleicht zu schnell gelöst. Würde ich die Reise noch einmal machen, würde ich mich in Takhla nach einem durchgehenden Transport erkundigen, und mich nicht vor der Grenze absetzen lassen. Solche Transporte gibt es offenbar, und ich hätte eigentlich Zeit gehabt, ein wenig herumzufragen und zu handeln. Stattdessen verliess ich mich ohne weiteres Nachfragen auf die Empfehlung eines Kellners, bei dem ich anderthalb Stunden in der Sonne gesessen und mich von der nächtlichen Busfahrerei erholt habe. Well. Ich hab den Trip überlebt, und im Nachhinein ist man ja immer gescheiter als vorher ...
Ein paar Tage später habe ich Onur ausführlich über meine Aventüren auf dem Weg nach Nouakchott geschrieben. Um Endlich hier anzukommen, kopiere ich im Sinne eines Provisoriums vorerst einmal diesen Brief in meinen Reisebericht. Er ist englisch, doch never mind. You can do it, if you really want! YES, YOU CAN!
"Hi Onur. Well, I survived the trip to Nouakchott. But I can tell you, it was a long and teadious thing! First I took that overnight bus from Rabat to Agadir, then - after four hours for breakfast and some relaxing - an other day plus a night to get to Takhla in the territory of western Sahara. There I spent a pleasant day doing not much but drink coffy, write some mails and drink more coffy. The following day relaxing was over: I had a ticket all the way down to the border of Mauretania. Well. I thought, I got a seat in some sort of collective taxi, but I found out, that it was another bus and that it didn't leave at 8:30 but only at 9:30. That was still okay, but instead of getting to the border around 2 pm, we finally got there around 4 pm. That was already a bit bad, because I read in my smart guide books, that the mauretanien border closes at 6 pm and that one should be at the border as early as possible to find a free ride or some paid transport into Mauretania. The later you get there, the smaller your chances are, to find a decent deal. There are fewer cars and the guys know that you're in a squeeze, so prises go up.
Moroccon exit border control was quick and a moroccan guy about my age by the name of Rali, who wanted to go to Nouakchott as well, offered to help me get into Mauretania and to Nouakchott safely. "To your door" he said and took my hand. We got a taxi for the 3 km of the neutral zone between Morocco and Mauretania. Bumpy and dusty desert track, the last unpaved strech of the road between Takhla and Nouakchott.
At the Mauretanian border things got more complicated. The border boss didn't want to give me my passport back. First I have to find transportation, then they would make sure, the person, I was going to travel with, was okay, and then they'd give me my passport back.... I said, that I was with my moroccan friend. Well, that was okay, but the rules are the rules and since I only met the guy half an hour ago, they wouldn't call him a friend. So Rali tried to get a ride, urging me at the same time, to ask for my passport. Both seemed difficult, and for some reason neither of us was successful.
For some time I just sat outside the office on one of these infamous plastic chairs they always bring when they see me. I had no clue what was going on. About 20 people coming and going, a few simple buildings, cars stopping, cars going ... I didn't even try to get more active. Just sat there in front of the boss's office and waited. Some drivers would take us, but they wanted to leave right away, because it started to get dark and trips at night tend to be more risky, so people try to avoid them as much as possible. Finally Rali seems to have left without me.
Border control people - or people I thought they were border control - said, "yes, he has left ...", and border control boss had a car for me. The guy would take me for free, because according to the Coran you get quite a few points in your heavenly account, when you help the blind and disabled. Well, I am joking, but it really seems that simple for many people around here. One guy told me explicitly,that all these good deeds are registered in a big book somewhere up there, and at the end of time, all will be added up in one final bill. After that you either go to heaven or to hell. Well. I shouldn't complain, because I profit really a lot that way. I am only a bit concerned, what will happen, if some Guru finds out, that you get even more points, if you kill the blind instead of helping them. Thank God, that doesn't seem to be the opinion these days, but who knows, when it changes ...
But back to my story. I didn't know, whether I should belief the border people or whether I should insist, that Rali was still somewhere. Rali had told me that he was going to the bathroom, but that was 20 minutes ago, so maybe he was thinking of a bathroom in Nouakchott ... I finally decided against Rali and his promisses and put my trust and my poor life in border control boss's hands, because he had said such nice and perceptive things about Switzerland an hour ago, that he couldn't be bad after all. He said, I should wait, the driver was going to make some space for me in his car, and then we could go.
Alright then, more waiting on my plastic chair outside of the boss's office. There was sand and a few birds, less cars then before and the sun going down. After 15 minutes I went back to the boss. Hmm. Obviously the driver had left as wel. The boss had sort of forced him to take me on board of his car. Boss just said: "Can you take this blind man to Nouakchott." Well, what could he say but "yes sir" and then disappear with a quick excuse hoping thatAllah was not paying attention and we wouldn't notice before he was gone.
I told the boss again what I had told him before: I could just sleep here around the station anywhere - in the sand, on the floor of an office or a nice bed. Tomorrow morning I would certainly find a car Insha'Allah. He said yes yes yes, no problem, but I should wait a bit longer. Well to make a long story short: After another 15 minutes a guy from Mali who was on his way from Tangier to Mali said, he would take me to Nouakchott no problem. He had to pass through the capital anyways, because there are not so many paved roads in Mauretaania. This time the deal worked. When I got into the car of the Mali man the border control people told me, they had written down the guys name and number plate and every thing to make sure, I'd get to Nouakchott safely.
Mohamed, that's the name of the guy, was really nice. We talked a lot on the way to Nouakchott. He gave me some additional information about the strange happenings at the border, saying, that most likely the Mauretanean border control intended to seperate me from my moroccan friend, because in general they don't like Moroccans and they don't trust them. but they also don't trust their own people, so they inhibited Rali and me to get a ride with a Mauretanian driver. Since Mohamed is travelling back and forth between Mali and Spane on a almost regular basis, they know him at the border and they trusted him with me. Although the boss of the border control told me, that withholding someones passport was standard procedure for all foreigners without a car of their own, I am not sure about that. I think, he was really concerned about my special vulnerability but maybe didn't want to say that and have me go off on some stupid human rights and equal access argument with me. And looking back, I think, he did the right thing, because I would probably not have been so patient, had I known about the special care I got from all these border people.
Well. As you can easily imagine, Mohamed and I talked about many things on our long ride to Nouakchott. Mohamed is about 30 and had a very eventful life so far. But these stories are for some other time. Right now he is buying used things in Barcelona and brings them to Mali. Sometimes he drives heavy trucks, sometimes smaller vehicles. We travelled in a 2.5 ton uvico thing, which felt and sounded rather old and tired, but was obviously quite robost. It even survived some heavy bumping and jumping when we got off the road in order to avoyd a big unlighted truck, which stood in the middle of the road and which Mohamed hadn't seen until the last moment. Well, that was a bit scary and Mohamed said, that it doesn't happen often. But it was better than crashing into the truck, that's for sure.
Along the 500 km road from the border to Nouakchott we passed about 10 check points. Every time this means a little flirt with the gendarmes, because they always want a Cadeau. They tell you, your lights are not working or your papers are not okay. Mohamed handled them with grace and after 8 hours of roring engine and non stop talk about politics, islam, emigration, life as undocumented immigrant in spane etc. etc. we arrived in Nouakchott. It was past four in the morning and Mohamed dropped me at the Auberge Sahara, whichh had been recommended to me by some other travellers. he himself wanted to go on! He had had only four hours of sleep since he left Tangier three days ago (!), but this didn't seem to bother him ... He hoped to be in Mali the same day - in sha allah!
Well now. that's the story of my passage into the capital of desertland Mauretania. (...).Do enjoy the coffy and the bordom in Rome! It's fantastic to be bord in Rome with all its history and so on. It's so different from being bord in Zürich or Rotterdam, so enjoy it!! and take care!"
Frohes erwachen in Nouakchott, europäisch senegalesische Gastfreundschaft und ein enttäuschter Sohn
Das war also am Dienstag, dem 14. Dezember. Als ich am folgenden Vormittag nach ein paar Stunden Schlaf aus meinem Zimmer kam und noch ziemlich k.o. und lebensunfreudig nach dem Monsieur fandete, der mich um vier Uhr in der früh im seiner Auberge empfangen hatte, wurde ich statt von ihm von zwei der Polen begrüsst, denen ich eine Woche zuvor vor der mauretanischen Botschaft in Rabat begegnet war. Sie waren eben dabei, ihr Zelt zu flicken, um für Mali, wohin sie am nächsten Tag aufbrechen wollten, gerüstet zu sein. Es war ein frohes Wiedersehen mit zwei sehr sympathischen Menschen. Bald tauchten noch vier Spanier und Felix, ein Medizinstudent aus Witten-Herdecke, auf, und es gab sogar Kaffee. Das unstete Reiseleben mit seinem dauernden Auf und Ab, schien es wieder gut mit mir zu meinen. Se perdre et se trouver-, ein ewig stirb und werde!
Nachdem ich meinen Kaffee getrunken und mein Zeug geppackt hatte, gingen wir zusammen in die Stadt, um Geld zu wechsseln und uns Nouakchott anzusehen. Ich wollte mich bei der Gelegenheit auch nach einem andern Hotel umschauen, denn die auberge Sahara liegt nicht nur an einer öden Ausfallstrasse, sondern sie ist auch ziemlich teuer.
© Martin Näf 2010