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Wo die höchsten Bäume Europas stehen
Rudolf Schiffer, Freiburg i. Br.
Ein Besuch im Emmental In einer « betagten » Wanderkarte las ich eines Tages: Auf dem Kohlplatz, oberhalb des Städtchens Staufen im Breisgau, Riesentanne, Höhe 32 Meter, Brusthöhendurchmesser 1,50 Meter, Kubikinhalt 25 Festmeter, Alter etwa 250 Jahre.
Als ich nach genussreicher Wanderung mein Ziel erreichte, fand ich in dem hohen Bergwald am Kohlplatz wohl eine grosse Zahl mächtiger Weisstannen; doch keine, so schien mir, konnte die beschriebene Riesentanne sein, sosehr ich auch nach allen Seiten Umschau hielt.
Bei einer Nachfrage im städtischen Forstamt Staufen wurde mein Verdacht bestätigt. Leider, so erklärte man mir dort, habe die Tanne vor zwei Jahren wegen Fäulnis gefällt werden müssen.
Ein 250 Jahre altes Naturdenkmal verschwand für immer.
Mit dieser Suche nach einer der höchsten Tannen des Schwarzwaldes wuchs mein Interesse für hohe, mächtige Bäume, und ich stellte mir die Frage, wo man wohl die höchsten Bäume Europas finden könnte.
Der höchste Baum der Erde ist der australische Rieseneukalyptus, von dem man ein Exemplar von 155 Metern Höhe fand, das einen Stammdurchmesser von 8 Metern hatte und dessen viel-tausendjähriges Alter kaum zu schätzen war. Ihm folgt der kalifornische Mammutbaum, die Sequoia gigantea, mit einer Höhe bis zu 142 Metern und einem Alter von mehr als 4000 Jahren. In einem Waldstück Kaliforniens hat man durch den Stamm eines solchen Giganten einen Tunnel geschlagen, durch den die Strasse hindurchführt.
Bäume, so hoch und mächtig wie die grössten Kirchtürme der Welt, wenn man zum Vergleich die Domtürme zu Köln am Rhein heranzieht, die eine Höhe von 156 Metern haben, oder den Münsterturm zu Freiburg im Breisgau, den man als den schönsten gotischen Kirchturm der Welt bezeichnet, mit einer Höhe von 116 Metern.
In Australien und auch in Nordamerika fielen die meisten der Baumgiganten der Gewinnsucht und Willkür des Menschen zum Opfer. Die wenigen, die bis zum heutigen Tage übriggeblieben sind, stehen in ihrer Heimat meist unter Naturschutz.
Mit dem Beginn der Neuzeit veränderte der Mensch das botanische Gesicht der Erde, indem er Pflanzen aus ihrer natürlichen Heimat entführte und in andere Erteile, die ähnliche klimatische Verhältnisse aufwiesen, versetzte. So findet man den Eukalyptus heute in vielen Mit-telmeerlandschaften und den Mammutbaum fast überall in Mittel- und Nordeuropa. Viele von ihnen, vor einem oder zwei Jahrhunderten gepflanzt, überragen längst die einheimischen Baumarten. Doch müssen Jahrtausende vergehen, um diese Baumbabys zu jenen gewaltigen Exemplaren wachsen zu lassen, die einst die Riesentanne auf Dürsrüti ob Langnau i,E. Verlag Bosshart & Co., AG, Langnau i. E.
Entdecker Nordamerikas und Australiens mit ungläubigem Staunen fanden. Sie werden Zeitalter überdauern, von denen wir Menschen uns in unseren kühnsten Träumen kaum eine Vorstellung machen können.
Bis nach Australien oder Kalifornien ist es auch heute noch für uns europäische Bewunderer der Natur ein weiter Weg.
Wo also stehen die höchsten Bäume Europas, Vertreter der Gattung Abies alba, der einheimischen Weisstanne, die immerhin auch die stattliche Höhe von 60 bis 70 Metern erreichen kann?
Nach langer Suche in Reiseführern und Lexika gab mir ein einfaches Kalenderblatt, das mir eines Tages zufällig in die Hand kam, die Antwort: Als höchste Bäume Europas gelten die bis zu 60 Meter hohen Tannen von Dürsrüti bei Langnau in der Schweiz. Hinweise hierüber fand ich in keinem Reiseführer. Auf der Landkarte entdeckte ich den Ortsnamen Langnau gleich zweimal, nämlich in der Nähe des Zürichsees und im Emmental bei Bern. Instinktiv schien mir das Emmental im waldreichen Vorland der Berner Alpen der richtige Ort für die höchsten Bäume Europas, zumal die Weisstanne die Regionen zwischen 600 und 1200 Metern über dem Meeresspiegel bevorzugt und daher ihren besten Standort im Alpenvorland hat.
Auf meine Anfrage beim Verkehrsamt Emmental erhielt ich endlich eine genaue und positive Antwort und entsprechendes Informationsmaterial.
In der gesegneten Landschaft des Emmentales also, gar nicht weit vom heimatlichen Breisgau entfernt, lag das so lange gesuchte Ziel. Was Wunder, dass die höchsten Bäume Europas dort den Dornröschenschlaf träumen, während der berühmte Käse, der Emmentaler, allein den Namen dieses Tales in alle Welt posaunt. Schon einmal, zur Zeit Goethes, war das Emmental berühmt, noch ehe der Ruf seiner Käsereien durch die Lande ging. In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts lebte und wirkte dort der Wunderdoktor Michel Schüpbach, bei dem Landvolk weit und breit unter dem Namen Schärer Micheli bekannt; von den « Besseren und Hochwohlgeborenen » aber ehrfürchtig « le médecin de la montagne », der Bergdoktor, genannt. Dank seinem fast wundertätigen Wirken wurde Langnau damals zu einem wahren Wallfahrtsort, zu dem die Armen und Reichen aus ganz Europa hinströmten und von dem klugen Doktor ohne Ansehen der Person alle gleich behandelt wurden. Mit seinem Tode im Jahre 1781 erlosch auch der Name des Emmentales wieder im Gedächtnis der Menschheit, während in der Stille des Waldes von Dürsrüti im Laufe der Jahrhunderte eine neue Attraktion des Tales heranwuchs: die mächtigsten Weisstannen Europas.
Alle Reiselustigen und Naturfreunde, alle, die nicht nur an den Käse denken, mögen uns nun über einen der noch ruhigsten Autobahn-abschnitte Deutschlands von Freiburg nach Basel folgen, von dort über das freundliche Städtchen Liestal durch den malerischen Jura nach Olten, der zu beiden Seiten der tiefgrünen Aare gelegenen Stadt. Weiter geht es über Aarburg in Richtung Bern. Erst hinter Kirchberg zweigen wir links von der Berner Strasse ab und biegen nun in die ruhige Strasse ein, die ins Emmental führt. Über Burgdorf erreichen wir das Städtchen Langnau, das in der Mitte des Tales liegt. Bei zügiger Fahrt, doch ohne Hast benötigten wir für die ganze Strecke ab Freiburg - etwa 185 Kilometer - knapp drei Stunden.
Zum Wald von Dürsrüti zweigt vor Langnau ein schmales Strässchen links ab, das in vielen Windungen durch Wiesenmatten bis auf goo Meter hinaufführt. Zum Parken einiger Wagen ist dort oben ausreichend Platz. Ruhebänke laden denjenigen zum Verschnaufen und Verweilen ein, der den Weg vom Städtchen aus in etwa einer Stunde zu Fuss gemacht hat.
Weit öffnet sich der Blick von diesem Aussichtspunkt ins Land: zu Füssen das weit auseinandergezogene Langnau, das sich zwischen Wäldern und Wiesenmatten harmonisch in die offene Landschaft schmiegt. Darüber Bergkuppe an Bergkuppe bis zu den schneebedeckten Graten der Schrattenflue mit ihrem höchsten Gipfel, dem 2037 Meter hohen Schibengütsch, hinter dem die Eisriesen des Berner Oberlandes gleich einer Fata Morgana in den Himmel ragen. Hier oben wird dem Besucher zum erstenmal bewusst, welches liebliche Fleckchen Erde er vor der gewaltigen Barriere der Alpen entdeckte. Es stellt eines der schönsten und geruhsamsten Wandergebiete seiner Art dar.
Ein Land, zwar ohne die erregenden Höhepunkte des Alpenmassivs, doch voller Überraschungen im wundervollen Reich der Natur, deren Zauber hier nicht auf dem Präsentierteller liegt, sondern ein wenig versteckt am Wege.
Überall sind die Wanderwege vorbildlich markiert, obwohl diese Gegend noch am Rande des Touristenstromes liegt.
Für länger Verweilende sorgt eine Reihe guter Gasthöfe in Langnau und Umgebung für das leibliche Wohl. Im Ort selbst stehen den Gästen der idyllische Park, eine Badeanstalt und ein Tennisplatz zur Verfügung. An regnerischen Tagen bietet der Besuch des kulturhistorischen Museums wertvolle Abwechslung. Besonders beachtenswert ist dabei Keramik aus Alt-Langnau, das in der Töpferei einmal eine führende Stellung in Europa einnahm. Und natürlich gehört zum abgerundeten Besuch oder Urlaub im Emmental auch die Besichtigung einer der vielen Käsereien.
Doch vergessen wir unser Hauptziel, den Wald von Dürsrüti, nicht, der einen neuen Besucherstrom, nämlich den der Naturfreunde, ins Emmental locken könnte.
Von dem bereits erwähnten, etwa goo Meter hoch gelegenen Parkplatz oberhalb des Städtchens Langnau sind es nur zehn Minuten zu Fuss bis zu den höchsten Bäumen Europas.
Wenn sich der Besucher von dem aussichtsreichen Blick ins weite Alpenvorland losgerissen hat und die Richtung des Hinweisschildes einschlägt, dann empfängt ihn unmittelbar der würzige, harzreiche Duft des reinen Tannenwaldes. Der Weg führt zunächst durch jüngere Baumbestände, die sich von keinem anderen Tannenwald unterscheiden.
Schon bald aber tauchen die ersten mächtigen Weisstannen auf. Ihre riesigen Stämme heben sich kerzengerade und gewaltig aus dem niedrigen Gehölz empor, moosumsäumt und mit weissgrauen Flechten, wie mit Barthaaren bewachsen.
Weil es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, das urwaldähnlichen Charakter aufweist, sieht man an den dicken Stämmen keine Zeichen menschlichen Strebertums: abgeschnittene Äste, die das Höhenwachstum noch fördern sollen. Da, wo man die Natur in Ruhe lässt, bildet sie ohne die Hilfe des Menschen, die sich gar zu oft als fragwürdig erwies, das Gewaltige, Aussergewöhnliche selbst in einer Ursprünglichkeit und Grosse, vor der unsere Sprache versagt.
Bei manchen Tannen reichen die langen Äste weit herab, bei anderen beginnen sie erst in halber Höhe, da, wo die Kronen der gewöhnlich hohen Nadelbäume bereits enden. Im Gegensatz zu den Fichten haben Tannen eine Pfahlwurzel, die sich tief im Boden verankert und deshalb eine höhere Standfestigkeit erzeugt. Die Dürsrüti-tannen stehen auf schmalem Sockel und wirken bei ihrer enormen Höhe noch durchaus schlank.
In diesem Wald der Riesen eilen wir Menschlein, Zwergen gleich, von einem Stamm zum anderen, um endlich den dicksten und grössten zu finden. Es sind ihrer viele. Immer wieder messen wir liebevoll den Umfang mit ausgebreiteten Armen.
Als nicht gerade klein geratenes Exemplar der Spezies Mensch kann ich mit meinen Fangarmen den dicksten Tannenstamm auf Brusthöhe nur zu einem Drittel umspannen.
Das aber sagen die nüchternen Masse über die Giganten von Dürsrüti: Der Schweizerische Bund für Naturschutz hat hier ein Reservat geschaffen, in dem über 30 Tannen mit mehr als einem Meter Durchmesser stehen und die Höhen bis zu 60 Metern erreichen.
Die grösste Tanne hat auf Brusthöhe einen Durchmesser von 1,62 Metern, eine Gesamthöhe von etwa 63 Metern, einen Kubikinhalt von etwa 38 Festmetern und ist mehr als 345 Jahre alt.
Am 19. Dezember 1947 wurde im Beisein des damaligen schweizerischen Bundespräsidenten Ph. Etter die zweitgrösste Tanne des Waldes gefällt. Sie war 53 Meter lang und hatte einen grössten Brusthöhendurchmesser von 2,15 Metern.
Wir fühlten uns in der Gesellschaft der alten Riesen glücklicher, als jene es gewesen sein können, die einen von ihnen, aus welchen Gründen auch immer, fällen mussten.
Wir waren nur gekommen, um sie zu bewundern.