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Die Menschlichkeit im Mittelpunkt
Unternehmen, Staaten und Geheimdienste wollen die Offenheit des Netzes immer stärker einschränken. Der Erfinder des Webs, Tim Berners-Lee, ruft zum Schutz des Internets auf. Hier seine Rede anlässlich der Verleihung des Gottlieb Duttweiler Preises 2015.
Ich werde heute über vier Themen reden: über die Erfindung des Webs und über seine Erforschung, über den Schutz des Webs und über seine Nutzung.
Die Erfindung des Webs Das Web, man kann es nicht oft genug sagen, ist etwas anderes als das Internet. Vint Cerf und seine Leute haben schon vor mehr als vierzig Jahren daran gearbeitet, aus vielen individuellen Netzen das eine Netz zusammenzubauen – das Internet. Sie entwarfen ein Protokoll, das es ermöglichte, dass die Computer miteinander kommunizieren; heute ist es als TCP/IP bekannt. Die Kommunikation damals war eine ganz schön haarige Angelegenheit, manchmal mussten sich die Computer sogar anrufen, um ihre Netze zu verbinden, erst später wurden permanente Leitungen daraus.
Mein eigener Beitrag kam zwei Jahrzehnte nach der Erfindung des Internets. Ich konnte also auf ein schon bestehendes Fundament eine neue Schicht bauen. Zu diesem Fundament gehörte unter anderem, dass es schon Vernetzung gab und dass sie sowohl international war als auch dezentral organisiert.
Ich war bei Weitem nicht der Erste, der auf diesem Fundament ein Programm aufbaute. Jeder konnte das, und man musste weder Vint Cerf noch sonst jemanden dafür um Erlaubnis fragen. Ich konnte also einfach meinen Web-Browser und meinen Web-Server auf das Internet aufsetzen. Zwei Programme, auf zwei verschiedenen Computern, ans Internet angeschlossen – und los gings. Auch die Entwicklung, die das Web nahm, nachdem es erst einmal in der Welt war, beruht zu einem grossen, grossen Teil darauf, dass es sich um einen erlaubnisfreien Raum handelt: Niemand muss mich oder sonst jemanden um Erlaubnis fragen, um eine Seite ins Web zu stellen.
Natürlich hätte mein Arbeitgeber etwas dagegen haben können. Das Labor am Cern, in dem ich arbeitete, bekam sein Budget ja nicht dafür, dass es Hypertext entwickelte, sondern für irgendetwas mit Physik. Aber das Cern, Danke schön übrigens, war ein ziemlich grossartiger Platz. Es war ein Mikrokosmos der gesamten Welt, voller wirklich kluger Leute, und zwar von der Sorte, die, wenn man ihnen eine neue Software gibt, mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit das Programm umschreiben, als die Software einfach zu nutzen. Sehr kreativ eben.
Einer meiner Bosse dort war Mike Sendall. Als er meinen Vorschlag für das World Wide Web auf den Tisch bekam, hätte er ihn mit sehr guten Gründen einfach ablehnen oder ignorieren können. Am Cern war man es schliesslich gewohnt, dass Mitarbeiter vorschlagen, mal ein kleines Programm zu schreiben, das wir alle dann nutzen können. Und genau so etwas hatte ich ja auch vorgeschlagen. Aber er liess mich machen. Es hatte wohl etwas mit der Hardware zu tun. Damals gab es gerade die coolen neuen NeXT-Computer – die Geräte, die Steve Jobs baute, nachdem er sich von Apple getrennt hatte. Die wollten wir in unserer Abteilung unbedingt haben, und als wir sie hatten, mussten wir uns auch irgendetwas einfallen lassen, wofür man sie verwenden könnte. Eine Verwendungsmöglichkeit war es, Hypertext zu entwickeln. Aber es musste auch etwas mit dem Vorschlag selbst zu tun gehabt haben, denn Sendall schrieb «Vague but exciting» auf mein Papier. Das haben wir allerdings erst zehn Jahre später erfahren – als seine Witwe das Originaldokument in seinem Nachlass fand.
Schon bald nachdem das Web gestartet war, kamen Konzernvertreter in mein Büro in Genf. Wirtschaftsleute, die Physiker besuchen – das war damals überhaupt nicht üblich. Sie kamen ja auch nicht wegen der Physik, sondern wegen des Webs: Sie wollten ihre neuen Produkte irgendwie mit diesem neuen Web verbinden, und ob sie denn nicht mit mir zusammenarbeiten könnten? Am Cern gab es nicht rasend viel Erfahrung damit, wie man in Arbeitsgruppen oder Konsortien mit Firmenvertretern und anderen Interessengruppen zusammenarbeitet – deswegen haben wir uns damals an das MIT gewandt. Die hatten wesentlich mehr Erfahrung mit solchen Projekten. Etwas überspitzt formuliert lagen da schon die Konsortiumsmitgliedsformulare bereit – man musste nur noch den Namen des Konsortiums einsetzen und unterschreiben.
Unser Konsortium hiess und heisst W3C. In den zwei Jahrzehnten seiner Existenz gab es harte Gefechte, wie in der Zeit des Browserkriegs zwischen Netscape und Microsoft; es gab immer wieder Versuche, eigene HTMLs zu entwickeln, und wir mussten heftig dafür kämpfen, dass alle gemeinsam bei einem gemeinsamen Standard blieben. Heute, inzwischen haben wir HTML5, verlaufen die Fraktionsbildungen, die Kämpfe zwischen Unternehmen und Stakeholdern, zwischen kommerziellen und individuellen Interessen immer noch so wie in der Anfangszeit – es gibt nur wesentlich mehr Arbeitsgruppen und Diskussionsthemen.
Doch einen wichtigen Unterschied gibt es: Das, was ich gemacht hatte – auf einer Plattform etwas Neues aufbauen –, das kann heute jeder mit seinem eigenen Computer, mit seiner eigenen Website machen. Ja, jede Website kann in der gleichen Weise eine Plattform sein, wie es für mich Vint Cerfs Internet war: Wenn ein und dieselbe Website von hundert Menschen aufgerufen wird, kann es passieren, dass jeder von ihnen eine völlig andere Website zu sehen bekommt.
Die Erforschung des Webs Die Zahl der Websites derzeit wird auf etwa 1011 geschätzt. Das ist eine Eins mit elf Nullen. Das ist viel. Das ist sehr viel. Diese Zahl ist etwa so gross wie die Anzahl der Neuronen in einem Gehirn. Wobei deren Zahl mit jedem Glas Wein, das wir trinken, abnimmt – die Anzahl der Websites hingegen nimmt mit rasender Geschwindigkeit zu.
Um herauszufinden, wie die 1011 Neuronen für sich und zusammen so arbeiten, dass daraus das wird, was wir Gehirn nennen, forschen Biologen und Psychologen und Physiker und Chemiker und noch ein paar Disziplinen mehr. Und sie haben auch schon eine Menge herausgefunden – das sind faszinierende Beobachtungen.
Und welche Disziplinen forschen, um herauszufinden, wie die 1011 Websites für sich und zusammen arbeiten? Tja. Sicherlich, wir beobachten einiges, aber es gibt ja noch nicht einmal ein ordentliches Web-Observatorium. Klar, die Suchmaschinenanbieter tun etwas, um herauszufinden, wie das Web arbeitet, aber wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie dieses System im Grossen arbeitet.
Kann es überhaupt sein, dass wir darüber so wenig wissen? Wir haben doch das ganze Web selbst geschaffen, und das erst vor kurzer Zeit! Ja, aber wir haben es auf einer mikroskopischen Ebene geschaffen, auf der Ebene der einzelnen Website, des einzelnen Links. Über diese mikroskopische Ebene wissen wir denn auch entsprechend viel; aber wir haben noch kein Instrumentarium entwickelt, um zu analysieren, wie die makroskopische Ebene funktioniert.
Wenn wir das Mikroskopische betrachten, können wir fasziniert feststellen, dass es dabei nicht so sehr um Technologie als vielmehr um Gesellschaft geht – um Menschen und die Beziehungen zwischen ihnen. Ein Link funktioniert technisch, indem man schlicht die eigene Seite mit einer anderen Seite verbindet. Aber wie funktioniert das sozial? Warum setzen Menschen Links auf ihre Seite? Weil sie glauben, dass das ihre eigene Seite besser macht. Sie wollen mehr Qualität auf ihrer eigenen Seite haben, weil dadurch wiederum mehr Links auf ihre Seite gesetzt werden. Und weil die Suchmaschinen sie dann höher einstufen, und weil dann mehr Leute ihre Webpage sehen und lesen. Und wenn das passiert, dann ist das – grossartig. Es ist einfach grossartig, gelesen zu werden. Und noch viel grossartiger, von vielen gelesen zu werden.
Natürlich kann man sich darüber beschweren, dass grosse Teile des Webs eher von Werbung gesteuert werden und es den Machern der Websites nicht so sehr um das grossartige Gefühl geht, gelesen zu werden, sondern um die Werbeeinnahmen, die ihnen das bringt. Aber das ändert nichts an der sozialen Funktion. Ob mit oder ohne Copyright, mit oder ohne Werbung, ob legal oder nicht, es geht darum, sich mit anderen zu verbinden. Die soziale Funktion und die technische Funktion verschmelzen miteinander, immer wieder.
Jeder einzelne Link, jeder einzelne Klick ist natürlich langweilig: Was passiert da schon? Man geht von einer zur anderen Seite, mehr nicht. Aber das Faszinierende daran ist, dass dieses mikroskopische System des einen Klicks zum makroskopischen System des ganzen Webs auf planetarer Ebene führt. Von diesem Prozess, der vom Klick zum Web führt, wissen wir, dass es ihn gibt. Aber wir verstehen ihn noch ganz und gar nicht.
Nehmen wir nur ein Beispiel: Twitter. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass Twitter-User mit zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit etwas tweeten, das Ärger ausdrückt, als etwas, das Freude ausdrückt. Das mikroskopische System, das zu den einzelnen Tweets führt, ist also auf eine Weise organisiert, dass es makroskopisch die Welt nicht netter, sondern unangenehmer macht. Wenn sich so etwas zeigt, kann man daran arbeiten, die Spielregeln so zu ändern, dass das Ergebnis freundlicher wird. Was auch geschieht. Denn am Ende ist immer, Sie wissen schon, der Mensch im Mittelpunkt.
Der Schutz des Webs Wir verwenden das Web, um mit unserer Familie zu reden. Über alles. Wir verwenden es, um mit einem Freund zu reden, der schwer erkrankt ist. Und wir möchten mit ihm über alles reden, die Diagnose, die Therapie, die Ärzte – deswegen ist es wichtig, dass wir tatsächlich über alles reden können, ohne uns über die Privatsphäre Gedanken machen zu müssen.
So wie wir das Netz inzwischen nutzen, kann man aus unseren Kommunikationsdaten mehr über uns erfahren, als wenn man sich eine ganze Woche in unser Wohnzimmer setzen würde. Das alles kontrollieren zu können, bedeutet Macht. Macht bedeutet auch, den Zugang kontrollieren zu können. Wenn man kontrollieren kann, wer welche Seiten betritt, was er wo einkauft, dann ist das Macht. Geradezu zwangsläufig stellt dieses Netz also eine immense Versuchung dar – für Regierungen und für Unternehmen. Spionieren können! Blockieren können!
Wir blicken zurück auf ein Vierteljahrhundert offenes Internet. Aber gerade weil der Druck von vielen Seiten so gross geworden ist, müssen wir jetzt anfangen, die Offenheit zu verteidigen und festzuschreiben. Als Gesetze, als Regulierungen. Und es passiert auch eine ganze Menge in dieser Richtung.
Wir können das Web meistens verwenden, ohne darüber nachzudenken – und das sollten wir auch. Wir sollten nicht darüber nachdenken müssen, was da alles passieren könnte. Es ist ein Luxus, dass wir einfach klicken können, ohne dass uns jemand dabei über die Schulter schaut, und wir sollten uns diesen Luxus leisten können. Und noch ein paar andere Dinge sollten wir uns leisten können: ein offenes Internet, ein dezentrales Web, Netzneutralität – dafür müssen wir kämpfen.
Und wir sollten auch unseren Kindern beibringen, wie sie gegen die Regierung vorgehen können, wenn sie diesen Kampf nicht führt. Warum sie das tun sollten? Weil das offene Web etwas Wunderbares ist, das auch ihnen erhalten bleiben sollte.
Die Nutzung des Webs Warum brauchen wir überhaupt so ein leistungsfähiges, starkes Web? Weil wir vor grossen Herausforderungen stehen. Wir wissen um die Herausforderung des Klimawandels, und wir wissen, wie komplex und zeitraubend es ist, Menschen in aller Welt zu gemeinsamem Handeln zu bewegen. Wir haben von den grossen Fortschritten gelesen, die bei der Krebsforschung und der Entwicklung von Medikamenten gemacht wurden; dabei sind auch Beziehungen und Korrelationen zwischen Erkrankungen gefunden worden, von denen man noch gar nicht wusste, dass sie in Beziehung zueinander stehen. Vielleicht stehen wir ja kurz vor der Formulierung der allgemeinen Krebstheorie – aber noch immer verlieren wir alle paar Jahre Freunde,
Familienmitglieder oder Kollegen an den Krebs. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Dafür brauchen wir Kooperation in grossem Stil und mit dem entsprechenden technischen Background. Man kann Krebsforschung nicht nur per Twitter betreiben.
Eine der grossen Herausforderungen, die sich uns heute stellen, ist es, das Web auf Weisen zu nutzen, auf die wir es noch nie genutzt haben. Obwohl das Netz so weltumspannend gross ist und wir uns dort mit jedem Menschen weltweit treffen und verbinden können, machen wir das doch in der Regel nur mit Menschen aus der gleichen Kultur – und dann handelt es sich oft auch noch um jemanden, der nur ein paar Häuser weiter wohnt. Das ist wichtig, und es ist auch grossartig. Aber es geht darum, auch Freunde zu finden, die nicht ganz so sind wie man selbst. Beispielsweise genau wie wir – aber aus Syrien. Oder eine Frau, oder Arabisch sprechend. Ich nenne das entfernte Freunde. Und es wird uns allen guttun, entfernte Freunde zu haben. Denn wir haben gerade erst die Oberfläche dessen angekratzt, was an Kooperation und Kollaboration sinnvoll möglich wäre.»
Für diese Veröffentlichung wurde die Rede von Tim Berners-Lee leicht gekürzt.
Übersetzung: Detlef Gürtler