Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03547.jsonl.gz/1718

Statuen und Grabsteine werden wir machen, für die Friedhöfe; um die Leute an den Tod zu erinnern, denn nur seinetwegen sind wir da, wir Menschen, um an ihn zu denken, um über ihn nachzusinnen, jeder auf seine Weise, damit wir ihn nicht fürchten.» Er hat eigene Ansichten vom Tod, der Bildhauer Baciccia, der mit dem neuen Lehrling der Stadt zustrebt. Vier Tage nur wird Marcellino bei dem Künstler bleiben, dessen neuartige Skulpturen keiner mehr kaufen will. Vier Tage, in deren Zentrum ein Fest und eine Schlägerei zwischen Baciccia und seinen Feinden stehen, vier Tage, die auf vielfache Weise den Tod evozieren, aber Marcellino die Kraft geben, mit seinem quälenden Geheimnis ins Reine zu kommen: dass er sich am Tod seines kleinen Bruders schuldig fühlt, der vor seinen Augen ertrank. Der am 20. Juni 1917 in Arbedo geborene und am 12. September 1988 in Muzzano verstorbene Felice Filippini hatte nach der Absolvierung des Lehrerseminars mit Gemälden und Holzschnitten als Künstler debütiert und war seiner Modernität wegen unter Beschuss geraten. Das katholische «Giornale del Popolo» etwa nannte seine Illustrationen zu «Ein Dorf erwacht» von Guglielmo Canevascini «vulgär, zügellos, epileptisch und zersetzend». Sodass denn die Spannung gross war, als bekannt wurde, dass eine Jury unter dem Vorsitz von Francesco Chiesa eine Erzählung des gleichen jungen Mannes mit dem «Premio Lugano di Letteratura 1942» ausgezeichnet habe. «Signore dei poveri morti» kam an Ostern 1943 in den Handel, und während die einen den endlich erreichten Anschluss der Tessiner Literatur an den sozialkritischen Neorealismo von Cesare Pavese und Elio Vittorini feierten, fanden andere, die Erzählung schwelge «im Verworfenen» und die Sprache sei «schlampig». Erst nach Jahren sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Filippini mit «Herr Gott der armen Seelen», wie der Roman 1945 in der deutschen Übersetzung Adolf Saagers hiess, eines der wichtigsten Tessiner Bücher des 20. Jahrhunderts vorgelegt hatte, eine gekonnt mit dialektalen Ausdrücken operierende erzählerische Sozialstudie, die den Abschied von der dominanten klassizistischen Erzählweise der Anhänger Chiesas einläutete. Die imponierende Authentizität und Unmittelbarkeit des Romans aber beruht darauf, dass Filippini darin erstmals das Trauma verarbeitete, das ihn lebenslang verfolgte und das sowohl in späteren literarischen Werken wie dem Roman «Ragno di sera» von 1949 als auch in den apokalyptischen Riesengemälden seiner letzten Lebensjahre nachwirkte –das Faktum nämlich, dass er als Zwölfjähriger 1929 tatsächlich in eigener Person erlebt hatte, was Marcellino im Erstling widerfährt: dass er hilflos danebenstand, als sein Bruder im Ticino ertrank. Egal, ob das Erlebnis ihm die Augen für die dunklen Seiten der Tessiner «Sonnenstube» öffnete oder ob er aus seinen Schuldgefühlen einen Pessimismus ableitete, der ihn vieles schwarz gefärbt sehen liess – Filippini wurde auf jeden Fall zum künstlerischen und literarischen Gestalter eines Tessins, in dem er sich selbst einmal wie folgt situierte: «Nicht immer ist es bequem, in dieser Welt eine glühende Seele zu haben und auf eine Erde geworfen zu sein, die nicht Erde ist, sondern eine Art Spalt zwischen den Bergen, von der Auswanderung ausgekehrt, in welchem sich aber, eben weil es sich um einen Spalt handelt, die Gifte aller stauen.
Felice Filippini
Bereits während der Herrschaft des Faschismus machte sich, gleichsam als Reaktion gegen dessen imperiale, grosssprecherische Gebärde und den verlogenen Blut-und-Boden-Kult, in der italienischen Literatur eine pessimistische, aber sozial engagierte Spielart des Neorealismus geltend. Autoren wie Elio Vittorini oder Cesare Pavese gestalteten zwar nach wie vor bäuerliche Verhältnisse, aber sie verabscheuten jegliches Pathos und alle Schönfärberei und schulten ihre Sprache an der Modernität eines Joyce oder Hemingway.
1943, im Jahre von Mussolinis Sturz, gelang es auch einem jungen Tessiner, dem damals sechsundzwanzigjährigen Felice Filippini, aus dem Schatten des allgegenwärtigen, im faschistischen Italien hochgeschätzten Francesco Chiesa herauszutreten und mit einem bemerkenswerten Erstlingsroman Anschluss an die neue Tendenz zu finden. Er hiess Signore dei poveri morti (Herr Cott der armen Seelen) und stellte unter freier Verarbeitung von Selbsterlebtem das Erwachen eines sensiblen Tessiner Arbeitersohnes zu sich selbst und seiner künstlerischen Berufung dar.
Marcellino, so heisst der Junge, fühlt sich mitschuldig am Unfalltod seines Bruders Dante und leidet entsetzlich unter der dumpfen, ungeläuterten Trauer seiner Eltern. Da nimmt ihn der feinfühlige, nach bürgerlichem Massstab gescheiterte Bildhauer Ombra, der Dantes Grabstein hauen soll, für ein paar Tage zu sich. Dort, in altklugen Gesprächen mit dem Künstler und dessen obskurem Freundeskreis, bei der Begegnung mit Ombras sinnlicher Frau Aurora und im Trubel eines ländlichen Festes, das in eine Hass-Orgie gegen den Künstler und seine Freunde umschlägt, lernt Marcellino das Leiden der Welt zu verstehen und seine eigene Verschuldung als Teil eines grösseren Ganzen zu begreifen.
Hass und Leidenschaft, Lust und Schmerz, Sehnsucht und Resignation liegen dicht beieinander in der Welt dieses Buches, das mit seinem traumhaft-visionären Stil zuweilen an den deutschen Expressionismus erinnert und stärker als Chiesas ästhetisierende Heimatdichtung auch die Abgründe ausleuchtet, die unter dem Klischee von der »Tessiner Sonnenstube« verborgen sind.
Der starke Eindruck, den das Buch sogar noch in Adolf Saagers deutscher Übertragung (Büchergilde, Zürich 1945) hinterlässt, wird nicht zuletzt auch von den Federzeichnungen mitbestimmt, die Filippini ihm beigegeben hat. Weit davon entfernt, den Text bloss zu illustrieren, liefern diese dunklen Bilder einen ebenbürtigen Beitrag an ein künstlerisch-literarisches Gesamtkunstwerk von seltener Homogenität und Eindringlichkeit.
Felice Filippini, der am 10. September 1988 in Muzzano mit 71 Jahren einem Krebsleiden erlag, hat neben seiner vielfach prämierten Arbeit als bildender Künstler seit 1943 auch ein reichhaltiges, alle Formen umfassendes literarisches uvre geschaffen, das, wie etwa das 700seitige Roman-Epos Ragno di sera (wörtlich: Abendspinne) von 1950, für die Leser der deutschen Schweiz noch immer zu entdecken bleibt.
Filippinis Roman «Signore dei poveri morti» ist in deutscher Sprache innerhalb der Edition Reprinted by Huberl, mit einem Nachwort von Giovanni Bonalumi, greifbar
(Literaturszene Schweiz)