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Wenige Bücher in diesem Jahrtausend haben ein so breites und lang anhaltendes Echo ausgelöst wie der Bestseller «The Rise of the Creative Class» des kanadischen Stadtökonomen Richard Florida. Er veröffentlichte das Buch vor etwas mehr als 20 Jahren. War es geschicktes Marketing, als er sagte, die Rate von homosexuell orientierten Personen in amerikanischen Städten würde mit der Wachstumsrate der Stadtregionen eng korrelieren? Jedenfalls hat das Diskussionen ausgelöst und eine Klärung erfordert. Florida wollte nie behaupten, dass Heterosexuelle schlechtere Unternehmer seien. Vielmehr hat er einen neuen Standortfaktor eingeführt: den Standortfaktor Toleranz. Wo ein tolerantes Milieu herrsche, dort würden kreative Talente sich niederlassen, wohlfühlen und entfalten. Und der Beitrag dieser kreativen Talente sei entscheidend für das Wirtschaftswachstum.
Kreierendes Arbeiten
Zentral für diese Argumentation ist das Postulat Floridas, dass in modernen Volkswirtschaften immer mehr Arbeit darauf abzielt, irgendetwas Neues zu erschaffen, zu kombinieren oder umzusetzen. Die herausragende Rolle der Innovation war unter Ökonominnen und Ökonomen eigentlich schon längst entdeckt und intensiv diskutiert, aber Florida hat das kreierende Arbeiten konsequent in die Perspektive der arbeitenden Menschen gesetzt. Unterstrichen hat er dies mit dem Begriff der Klasse, einem epochalen Begriff, den Karl Marx und Max Weber schon benutzt hatten. Dieser «Kreativen Klasse» gehören nach Florida Berufsleute an, deren Kernaufgabe im Erschaffen von tauglichen Ideen und Lösungen liegt. Eine Produktdesignerin zum Beispiel mag den ganzen Tag scheinbar nichts produzieren, aber wenn sie dann nachmittags um vier Uhr einen genialen Einfall hat, dann war das ein guter, produktiver Tag. Die Kreative Klasse wird für ihre Ideen bezahlt, nicht für ihre Zeit. In entwickelten Volkswirtschaften dürfte das gut einen Drittel aller Jobs ausmachen, und die Bildungsvoraussetzungen und Saläre für diese sind überdurchschnittlich. Das sind Architekten, Forscherinnen, Entwickler, Programmiererinnen, Ingenieure und natürlich auch kreative Künste wie Schauspieler oder Schriftstellerinnen. In einem etwas erweiterten Sinn zählt Florida auch all jene Fachleute zur Kreativen Klasse, welche im Management, in den Finanzen, im Rechts- oder Gesundheitswesen komplexe Probleme zu lösen haben. Generell gehören all jene der Kreativen Klasse an, deren Aufgabe darin liegt, schöpferisch zu denken und zu handeln.
Weil in der Wissensökonomie diese Kreative Klasse für steigende Produktivität sorge, sei eine überdurchschnittliche Präsenz der Kreativen Klasse an einem bestimmten Ort einhergehend mit einem stärkeren Wirtschaftswachstum, argumentiert Richard Florida. Zudem suchen sich die Talente der Kreativen Klasse ihren Wohnort nach persönlichen Vorlieben sehr selektiv aus. Die Talente folgen daher nicht den offenen Stellen, sondern die offenen Stellen müssen dorthin gehen, wo Talente sind. Diese Umkehrung, dass Arbeitskräfte ihren Ort ungeachtet des Arbeitsmarkts aussuchen können, offenbart sich in Zeiten des Fachkräftemangels immer deutlicher. Wachstumswillige Städte oder Regionen müssen daher nicht primär Unternehmen anlocken, sondern Arbeiterinnen und Arbeiter der Kreativen Klasse. Die Unternehmen ziehen dann von selbst nach.
Daraus leitet Richard Florida die drei «Ts» ab, mit denen eine Stadt oder eine Region für Menschen der Kreativen Klasse attraktiv wird: Technologie, Talent und Toleranz. Technologie bedeutet das Vorhandensein von Forschungs- und Bildungsinstitutionen oder von technologisch interessanten Unternehmen. Das zweite «T», Talent, bezieht sich auf die Beobachtung, dass sich die Mitglieder der Kreativen Klasse gegenseitig anziehen und inspirieren. So seien etwa eine pulsierende Kunstszene für kreativ Arbeitende aus völlig anderen Branchen interessant und inspirierend und üben eine grosse Anziehungskraft aus. Damit hängt das dritte «T», Toleranz, zusammen. Floridas Statistiken ermittelten verschiedenste Indikatoren, welche auf eine tolerante Haltung in einer Region hinweisen. Gesamthaft korreliert der resultierende Toleranz-Index mit der Anwesenheit der Kreativen Klasse, und diese wiederum hängt statistisch signifikant mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Stadtregionen zusammen. Wenn also die Rate der Homosexuellen und des regionalen Wirtschaftswachstums korrelieren, dann darum, weil diese beiden Dinge eine gemeinsame Ursache haben, nämlich eben ein tolerantes gesellschaftliches Milieu.
Einflussreich, aber nicht unumstritten
Der kürzlich veröffentlichte Herausgeberband, «The Creative Class Revisited», konstatiert, nur wenige wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre hätten die Diskussionen um Stadt- und Regionalentwicklung so nachhaltig und interdisziplinär beeinflusst wie die Thesen von Richard Florida. Mit seinem Blick auf die geografisch mobile Kreative Klasse, auf deren entscheidenden Beitrag für die regionale Wertschöpfung sowie auf deren spezielle Bedürfnisse wurden weiche Standortfaktoren vermehrt salonfähig. Strassencafés wurden wichtiger als Autobahnanschlüsse, Theater wichtiger als tiefe Steuern, Technologieparks wichtiger als niedrige Grundstückspreise. Diese Akzente waren und sind natürlich in der Politik nicht unumstritten. Am sichtbarsten eckte Florida in konservativen Kreisen der USA an, wo er offen angefeindet wurde und wird.
In den gesellschaftsliberaleren europäischen Ländern ist die Kritik an Florida sachlicher und vor allem auf seinen starken Fokus auf die Grossstädte als alleinige Motoren des innovativen Wachstums gerichtet. Tatsächlich ist Vorsicht geboten, wenn man die auf dem amerikanischen Kontinent gewonnenen Erkenntnisse nach Europa überträgt. Während in Nordamerika die Bedeutung von urbanen Zentren für die Wirtschaft und insbesondere für die Innovation auch historisch gesehen elementar war, befinden sich hierzulande auch in ländlichen Gebieten genauso innovative Firmen und Strukturen. In der Schweiz gibt es gerade unter den KMU und auf dem Land zahlreiche «Hidden Champions», welche in ihrer Nische hoch innovativ und wettbewerbsfähig sind und nicht eindeutig zu einer Grossstadt gehören.
Was KMU daraus lernen können
Bei aller berechtigten Kritik bleibt es ein Verdienst von Richard Florida, die Bedeutung von kreativen Menschen für Innovation und Wirtschaftswachstum ins Zentrum der wachstumspolitischen Diskussion gebracht zu haben. Dass Einfallsreichtum wichtiger als Fleiss sein mag, hat nicht allen gefallen, und es bleibt von der gestellten Aufgabe abhängig, was nun wichtiger ist. Die parallele Existenz beider Arten von Arbeit dürfte auch innerhalb von KMU der Regelfall sein: Die einen machen ihren Job gut, wenn sie ihn beständig und zuverlässig erledigen. Der Lastwagenfahrer soll pünktlich und sicher sein Ziel erreichen, die Verkäuferin soll die Kundschaft während der Öffnungszeiten stets freundlich begrüssen und kompetent bedienen. Auch das sind wichtige Ansprüche, aber die neuen Ideen sind hier nicht im Zentrum. Und es scheint hier auch angemessen, die Arbeit nach geleisteter Zeit zu entlöhnen. Bei den Mitgliedern der Kreativen Klasse aber wird der Massstab der Leistung schwieriger. Die Produktdesignerin müsste man eigentlich nach der Genialität ihrer Ideen bezahlen. Der Programmierer hat eigentlich dann sein Geld verdient, wenn sein Algorithmus fehlerfrei funktioniert und nicht einfach nach 42 Stunden im Bürostuhl. Der Zeitaufwand für kreierendes Arbeiten kann sehr unterschiedlich sein, vieles spielt sich im Hinterkopf und in der Freizeit ab. So läge es eigentlich auf der Hand, Mitarbeitende bezüglich Homeoffice, Salär und anderen Benefits anders zu behandeln, je nachdem ob sie eine Aufgabe vom kreativen Typ zu erfüllen haben oder nicht. Aber gerade in kleineren und mittleren Unternehmen vergleichen sich die Mitarbeitenden; und schnell kommt ein Gefühl von unfairer Ungleichbehandlung auf.
Die Erkenntnis, dass kreatives Denken und Handeln nicht einfach vom Himmel fällt, sondern massgeblich vom näheren und weiteren Umfeld der kreativen Köpfe abhängig ist, ist in der Management-Forschung und Weiterbildung längst unter Stichworten wie Wissensmanagement oder Creative Leadership angekommen. Und dafür spielt die Grösse des Unternehmens immer weniger eine Rolle.