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Franz Ludwig Pfyffer (1716-1802) und sein Relief der Innerschweiz
Zur Zeit des Königs Ludwig XIV. von Frankreich amtete als sein Festungsbaumeister der berühmte Marschall Sébastian Vauban ( 1633-1707 ). Dieser liess seine Bauwerke mitsamt dem umliegenden Gelände in hervorragend genauen Modellen nachbilden. Einige davon sind heute noch erhalten und, zusammen mit neueren Schaustücken, ausgestellt im « Musée des Plans-Reliefs » im Hotel National des Invalides zu Paris. Sie zählen wohl zu den frühesten Arbeiten solcher Art.
Im Jahre 1716 wurde zu Luzern Franz Ludwig Pfyffer von Wyer geboren, Sohn eines in französischen Diensten stehenden Offiziers. Als zehnjähriger Junge wurde er in die Kadettenschule der Garde von Paris aufgenommen. Später, im Polnischen Thronfolgekrieg wie auch im Österreichischen Erbfolgekrieg, zeichnete er sich mit seinen Truppen immer wieder durch grosse Tapferkeit aus. So stieg er in der Offizierslaufbahn rasch von Stufe zu Stufe, bis ihn der König 1763 zum Inhaber des Schweizer Regimentes und fünf Jahre später zum Generalleutnant ernannte. Während seiner Soldatenzeit begab er sich fast jedes Jahr für einige Wochen in den Urlaub nach Luzern, zum Teil, um dort für seine Truppe neue Rekruten anzuwerben. Dabei suchte er aber auch seiner Heimat zu dienen. Er amtete in Luzern zeitweise als Mitglied des Grossen Rates, als Stadtammann, Stadtrichter, leitete Strassenbauten, Bachverbauungen und anderes mehr.
Im Jahre 1769, im Alter von 53 Jahren, trat er in die « Pension » und kehrte endgültig nach Luzern zurück. Er gedachte nun, sich für den Rest seines Lebens in den Dienst seines Vaterlandes zu stellen, bekleidete wiederum öffentliche Ämter, wurde Mitglied des Kleinen Rates ( Regierung ), gründete zusammen mit Gesinnungsgenossen die Helvetische militärische Gesellschaft, war deren erster Präsident usw.
Als leidenschaftlicher Bewunderer der Alpen- welt hatte er schon zu seiner Pariser Zeit eine Studie über den Pilatus geschrieben, betitelt: « Promenade au Mont Pilate ou description curieuse de cette fameuse montagne ». Einige Abschnitte daraus seien unseren Lesern nicht vorenthalten. Da lesen wir: « Die Bewohner des Pilatus zeichnen sich meist durch Witz aus. Man schreibt das der Luft zu, die sie atmen. Sie verachten die Leute der Ebene, übervorteilen sie beständig und sind ehrlich nur unter sich. Obschon sie einer Regierung unterstehen, dispensieren sie sich von der Befolgung der Gesetze; denn sie wissen, dass sie in ihrer Festung nichts zu fürchten haben. Der Kampf um 's tägliche Brot lässt ihnen keine Musse für fromme Erwägungen. Kommen sie vom Berg herunter, gehen sie wohl mechanisch hinter den andern in die Messe, aber man hört sie weder für, noch gegen Gott reden. Ihr Studium ist die Natur, darüber wissen sie Bescheid. Frauen dulden sie in ihren Alphütten nicht, aus Angst vor Unordnung in der Wirtschaft. Da sie mit Rücksicht auf den Schnee nur vier Monate auf den Bergen leben können, liegen ihre Häuser auf halber Höhe. Da verbringen sie den Winter bei ihren ständig dort wohnenden Familien. Sie leben nur von Milch und Milchprodukten. Den Knechten aber gibt man nur halb Milch, halb Wasser. Darum meinte ein solcher Knecht, wäre er König von Frankreich, so wollte er dreissig Kühe haben und nur reine Milch trinken. » Zu Paris hatte sich Pfyffer in den Modellier-werkstätten umgeschaut und sich zu ähnlichem Tun anregen lassen. Lange schon hatte er von ei-nemgrossen Zukunftswerk geträumt, einem« Plan-relief d' une partie des Alpes, construit d' après ses mesures, ses levés et ses dessins ». Schon im Jahre 1750 versuchte er sich an einem solchen Werk. Er bastelte ein Relief seines geliebten Heimatber-ges, des Pilatus. Dieses wohl früheste schweizerische Bergmodell war aufgebaut auf einer Grundfläche von etwa 3,5 auf 1,8 Metern. Was später damit geschah, werden wir unten hören.
Nach Luzern zurückgekehrt, setzte er seine ganze Kraft und Teile seines Vermögens ein, um seinen alten Wunschtraum zu realisieren und ein grosses Landschaftsrelief der Innerschweiz zu schaffen.
Was nun aber nicht genug betont werden kann: Pfyffer plante hier, zusammen mit seinem « Pilatus », erstmals die Herstellung von Gelände-modellen aus topographischem Interesse heraus, im Bestreben, Übersicht zu schaffen über Täler und Berge. Die Zeit dazu war reif. Es waren die Jahre, da ausländische Gelehrte, Dichter und andere Neugierige unser Land zu durchwandern begannen. Die damaligen Karten waren herzlich schlecht, und in allen Geometerköpfen regte sich das Bedürfnis nach besserer Geländeveranschau-lichung. Pfyffer integrierte nun seinen Pilatusberg in das Gesamtunternehmen. Stück für Stück setzte er dann seine Aufnahme- und Modellicrar-beiten über den weiteren Umkreis von Luzern fort. Während wohl zwei Jahrzehnten durchstreifte er die Innerschweiz, erstieg viele Gipfel, auch solche, die damals als unersteigbar galten. Viermal stand er auf dem Titlis. Bei all diesen Arbeiten war er begleitet von einem Gehilfen, einem Bauern aus dem Entlebuch. Er skizzierte Berge und Täler, zielte mit einfachem Gerät nach den verschiedensten Punkten und hielt seine Beobachtungen zeichnerisch fest. Sein kleines Messtisch-chen ist noch heute im Luzerner Gletschergarten-Museum zu sehen. Ausgehend von der Spiegelhöhe des Vierwaldstättersecs, suchte er barometrisch und trigonometrisch ( d.h. durch Vertikal-winkelmessungen und konstruierte Horizontaldistanzen ) die Höhen zahlreicher Berge zu ermitteln. Dies führte zwar damals noch zu recht ungenauen, meist zu grossen Punkthöhen. Es gelang ihm aber, die Karten jener Regionen wesentlich zu verbessern.
Auf Grund seiner Messungen, Beobachtungen und Skizzen, wohl auch unter Mitbenutzung bisheriger Karten, bastelte er dann, aufgeteilt auf mü 136 Blöcke, sein erstaunliches Werk. Dieses besitzt in der Horizontalen den Massstab von etwa 1: 12500, in der Vertikalen ungefähr denjenigen von 1: 10000. Es ist somit leicht überhöht, was aber dem Gesamteindruck keinen Abbruch tut. Es ist aufgebaut auf eine Grundfläche von 6,5 auf 4 Meter und umfasst die Gebiete der Kantone Luzern, Unterwaiden und Zug sowie kleine angrenzende Teile der Kantone Bern, Aargau, Zürich, Schwyz, Uri und Glarus ( Abb. 72 und 73 ).
Als Modelliermasse verwendete er Kitt, gemischt mit pulverisierter Holzkohle, Ton, Pech, zerriebene Ziegel, an der Oberfläche auch Wachs, für den Untergrund Pappe. So beschreibt es Berthaud 1902. Berggipfel soll er gar durch zu-rechtgehauene Gesteinsbrocken der betreffenden Örtlichkeit bezeichnet haben. Als Stoff der Wälder diente das Innere einer zottigen Tiroler-mütze, mit Wachs übergössen. Es ist überliefert, dass Pfyffer Teile seines Modelles lokalen Orts-kennern zur Prüfung vorlegte und nach deren Urteil zu verbessern suchte. Dass schliesslich mit den damaligen Möglichkeiten topographische Finessen nicht zu erreichen waren, dass das Relief besonders in den alpinen Gebieten recht grobe Verfälschungen aufweist und auch in den flachen Regionen unruhig, höckerig, holperig erscheint, ist dem Hersteller nicht zu verargen. Recht gut in Lage und Form sind im allgemeinen die Seen. Der Vierwaldstättersee erscheint in Pfyffers Modell erstmals annähernd formgetreu. Beachtenswert ist überall der Reichtum und die lokale Ähnlichkeit von Fluss- und Strassenlinien, von Brücken und von Dorfgliederungen. Es überstieg aber die Kraft selbst des edelsten Mannes, im Alleingang, in so kurzer Zeit und mit seinen einfachen Hilfsmitteln ein solch ausgedehntes Gebiet im Grossmassstab von nahezu 1: 10000 genauer zu topo- 1 Du- Bezeichnungen « grosser Massstab » und « kleiner Massstab » werden oft missverstanden. Grosser Massstab, z.B. einer Karte oder eines topographischen Modelles, bedeutet: Das Objekt, der Berg, die Stadt usw., werden gross dargestellt. Kleiner Massstab jedoch: die Darstellung erfolgt klein. Beispiele:: 10000 ist ein grosser, i: ioooooo ist ein kleiner Massstab.
graphieren. Pfyffer war ein beharrlicher, opferfreudiger Kämpfer, aber, wie seine Bergskizzen und Kartenentwürfe zeigen, nicht ein besonders begnadeter topographischer Künstler. Er hatte das Unmögliche versucht, er war ein Adler mit beschnittenen Flügeln.
Eines Tages, als bereits einige Teile des grossen Werkes vorlagen, besuchte der berühmte italienische Physiker Alessandro Volta den Kitt kneten-den General. Er schrieb darüber einen begeisterten Bericht. Daraus sei hier der folgende, heute barbarisch anmutende Abschnitt wiedergegeben « Pfyffer erzählte uns, wie er sich zuerst auf den Schultern der Einheimischen tragen lassen musste; dann das Leben der Gemsjäger zu teilen anfing, es alsbald mit ihnen aufnahm und sie gar hinter sich liess, wenn er ganz alleine die gewagtesten Stellen erklomm, oder wie er, ausser den eisenbeschlagenen Schuhen, deren sich die Einheimischen auf der Jagd oder auf der Suche nach Bergkristallen zu bedienen pflegen, eigene Geräte ersinnen musste, um mit Ketten und Seilen die steilsten Hänge, die tiefsten Schluchten zu bezwingen. Er erzählte uns ferner verschiedene Abenteuer, in deren Verlauf er sich verbergen oder als Jäger ausgeben oder die Flucht ergreifen musste, um nicht als Fremder von den auf ihre Freiheit argwöhnischen Hirten misshandelt oder gar getötet zu werden; denn sein merkwürdiges Instrumentarium, seine seltsamen Verrichtungen erweckten die Vorstellung eines Kundschafters, der sich die wichtigsten Orte merkt, um dann einem Usurpator das Land auszuliefern, das sie nur für sich behalten können, solange es unzugänglich oder mindestens unbekannt ist. » ( Nach Ottinger I973- ) Aber auch andere Erzählungen aus Pfyffers To-pographentätigkeit muten uns heute recht amüsant an. So wenn behauptet wird, Pfyffer habe aus Furcht vor solch bedrohlichen Prügeleien in Vollmondnächten topographiert. Mag sein, dass er manchmal erst spät in der Nacht in sein Quartier zurückkehrte, aber Mitternachtstopographie wäre auch damals ein Blindekuhspiel gewesen.
Und die Geschichte vom General als Hirt der Ziegen! Er habe in abgelegenen Höhen manchmal solch einen gehörnten Vierbeiner als Milchlieferant mit sich geführt. Welcher heutige Bergsteiger aber, falls er bäuerliches Handwerk versteht, hat sich nicht gelegentlich melkend an einer Alpgeiss vergriffen!
Kehren wir wieder in die Wirklichkeit zurück. Pfyffers Relief der Innerschweiz war nun schliesslich fertiggestellt und stand in Luzern bereit zu öffentlicher Bewunderung. Als frühestes und um-fangreichstes Stück solcher Art bedeutete es eine aussergewöhnliche Pionierleistung. Es wurde von gelehrten und ungelehrten Reisenden bewundert und gepriesen. Hans Conrad Escher von der Linth besuchte wiederholt den Luzerner General. Er liess sich von dessen Werk anregen, ebenfalls ein Bergmodell zu basteln.
( Siehe Schluss des folgenden Kapitels. ) Der greise General trug sich nun mit dem Gedanken, ein Relief der ganzen Schweiz zu bauen. Die Bedenken von Zürich und Bern gegen die vorzunehmenden Vermessungen ihrer Territorien verhinderten jedoch, dass er an ein solches Mam-mut-Unternehmen herantreten konnte. Das war für den alten Soldaten aber wohl eher eine Rettung; denn das Rad der Zeit, die am Horizont heraufdämmernden neuen technischen Entwicklungen hätten ihn überrollt. Dass er es aber hatte wagen wollen, zeigt, welch ein Mut, welche Selbstaufopferung in dieses Mannes Seele brannte.
Jahre vergingen. Unter den Schlägen französischer Truppen und infolge eigener Uneinigkeit brach die alte Eidgenossenschaft zusammen. Unser Land wurde zum Kriegsschauplatz. Franzosen einerseits und die verbündeten Österreicher und Russen andererseits standen sich im Jahre i ygg feindlich gegenüber. Der französische General Lecourbe hatte den russischen Heerführer Suworow daran zu hindern, vom Gotthard her, aus den Alpen heraus, gegen Zürich vorzustossen. Lecourbe kannte Pfyffers Relief. Er hatte es in Luzern intensiv studiert. Es kam ihm wie gerufen, um sich über das Kampfgelände zu orientieren. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Russen mussten sich, geschwächt durch vernichtende Verluste, nach Osten zurückziehen.
Das Relief der Innerschweiz war nun aber der Heeresleitung in Paris bekannt. Man begann sich um dessen Besitz zu bemühen. Pfyffer war indessen ein alter, vom Schicksal schwer geplagter Mann. Er selber hatte wohl kaum Verkaufsab-sichten. Er starb im Jahre 1802. Die Franzosen traten mit Pfyffers Erben in Kaufverhandlungen. Zunächst ohne Erfolg. Man feilschte hin und feilschte her. Kein Geld, keine Schweizer. Weitere Jahre vergingen. Schliesslich, um 1805, interessierte sich Napoleon persönlich für dieses Geschäft. Das Kartenwesen war ihm stets ein äusserst gewichtiges Anliegen. Er hatte im « Moniteur » von einem Relief der Schweiz gelesen, und nun befahl er dem Marschall Berthier: « Lassen Sie diesen Plan ( gemeint war Pfyffers Relief der Innerschweiz ) untersuchen, und wenn er besser sein sollte, als der kürzlich von mir beschaffte, so kaufen und bringen Sie ihn nach Paris. Da es nicht ausgeschlossen ist, dass wir noch Krieg bekommen, kann man gar nichts besseres als solche Reliefs haben. » ( Nach Giehrl 191 i. ) Berthier berichtete hierauf, dass das andere, bereits beschaffte, in Paris stehende Relief wesentlich besser sei. So unterblieb der Kauf. Napoleons Kriegsminister, der berühmte Marschall Ney, hatte sich schon im Jahre 1803 ebenfalls genauestens über Pfyffers Relief berichten lassen. Nun aber verbot er den Schweizern, dieses Landschaftsmodell einer anderen Grossmacht zu verkaufen. So blieb es glücklicherweise unserem Lande erhalten.
Welches aber war jenes bessere « Andere »? Wer hatte denn damals Pfyffers Glanzwerk bereits überrundet?
Hierüber wird im folgenden Kapitel berichtet. Das Relief der Innerschweiz blieb im Besitze von Pfyffers Erben. Ein Nachkomme, Dr. Pfyffer-Se-gesser, schenkte es im Jahre 1865 der Korporation Luzern zuhanden der Bürgerbibliothek. Von dort gelangte es 1873 als Leihgabe in den Luzerner 1 10 Gletschergarten, wo es nun bis ans Ende der Welt die Besucher erfreuen möge.
Nun noch ein kleiner Nachtrag:
Bisheriges Wissen über Pfyffers topographische Aufnahmen in der Innerschweiz basiert teilweise auf legendär verbrämten Berichten und Abbildungen. Um der Wirklichkeit und der Bedeutung Pfyffers näherzukommen, wäre wohl folgendes zu beachten: Im 18.Jahrhundert war in Frankreich die Landesvermessungstechnik bereits hoch entwickelt. Hier wurde schon mit Hilfe leistungsfähiger Messgeräte trianguliert und topographiert. Jeder höhere Offizier, zweifellos auch Pfyffer, wurde in den militärischen Kursen auch über diese Dinge eingehend unterrichtet. Bei seinen Aufnahmen in der Innerschweiz kam ihm dann solches Wissen zustatten. Wahrscheinlich benützte er dort mit seinem kleinen Messtisch auch ein Zielgerät ( « Diopter », oder aber eine früheste Form einer sog. « Kippregel » ) ähnlich demjenigen, welches wir im nächsten Kapitel beschreiben. Auf Grund seiner Richtungsbestimmungen baute er sich offenbar als Grundlage seiner Kartierungen ein wohl noch recht lückenhaftes graphisches Hilfsnetz, eine sogenannte « graphische Triangulation ».
Eine genaue Ausmessung des Reliefs im Luzerner Gletschergarten liesse vielleicht erkennen, dass manche der von ihm anvisierten Punkte ( Berggipfel und Kirchtürme ) grundrisslich genauer festgelegt sind als das Zwischengelände. Dieses recht holperig gestaltete Detail ist es ja wohl, das dem Ganzen den Stempel einer gewissen altertümlichen Primitivität aufdrückt.