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Ernst Kriemler – der Lebensweg eines Bürgers von Speicher
Ab ca. 25. Januar 2023
Ernst Kriemler (1902-1975) hat sein bewegtes Leben in sieben Schulheften von Hand aufgeschrieben. Ausschnitte aus seinen Aufzeichnungen werden in der Ausstellung mit historischen Bildern der Orte illustriert, die er in seinen Texten erwähnt.
Ernst war Bürger von Speicher und kam 1902 in Herisau als erstes von elf Geschwistern zur Welt. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen und zog häufig um. In den Ferien arbeitete Ernst bis zum Ende der Schulzeit jeweils bei der Schwester seines Vaters auf dem Bauernhof. Dort lernte er das Bauern von der Pike auf. Mit 16 packte er seine Sachen, lief von zu Hause weg und heuerte bei verschiedenen Bauern in der Ostschweiz als Knecht an. Weil er als Minderjähriger bald polizeilich gesucht wurde, beschloss er – ohne Ausweispapiere – nach Deutschland «auszuwandern». Dort fanden junge Schweizer kurz nach Ende des 1. Weltkriegs (1918) sofort Arbeit, weil viele Deutsche der gleichen Generation im Krieg verschollen, gefallen oder mit dauerhaften Behinderungen zurückgekommen waren.
Als Ernst erfuhr, sein Jahrgang müsse in den Militärdienst einrücken, reiste er zurück in die Schweiz. Nun brauchte er aber endlich Ausweispapiere: Bis alle Abklärungen getroffen waren, landete er im Gefängnis seines Heimatortes Speicher. Nach der Rekrutenschule in Kloten kehrte Ernst ins Appenzellerland zurück, wo er als Maurer zu arbeiten begann. Als sich die Arbeitssituation zu Ernsts ungunsten entwickelte, fuhr er eines Tages nach Zürich, wo er beim Bauunternehmen Hatt-Haller eine Stelle fand. Dann geschah 1938 das Unglück seines Lebens: In seiner Freizeit half er einem Freund, eine Küche zu renovieren. Dieser holte im Comestibles-Laden eine Flasche Märwiler-Saft, und Ernst besorgte beim Drogisten Natronlauge, um die Küche zu weisseln. Beim Auffüllen des Trinkbechers kam es zu einer fatalen Verwechslung: Die Lauge verbrannte Ernst die ganze Speiseröhre. Er überlebte zwar, durchlitt aber Operationen um Operationen und konnte bis zu seinem Tod im Jahr 1975 nie mehr feste Nahrung zu sich nehmen.