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«Rationalität» und «Effizienz». Das sind die ethischen Pfeiler der vorherrschenden ökonomischen Theorie: Nutzenmaximierung gilt als Ausdruck von Rationalität, und die Interaktionsverhältnisse sollen effizient gestaltet sein. Beide Begriffe – Rationalität und Effizienz – sind normativer Natur.[1] Rationalität betrifft die Handlungsethik, Effizienz die politische Ethik. Wer von Effizienz spricht, meint zumeist, dass diese möglichst zu steigern sei. Und wer die instrumentelle Vernunft des Homo oeconomicus zum Inbegriff von Rationalität erklärt, der spricht entgegenstehenden Auffassungen vom richtigen Handeln die Verbindlichkeit ab.
Kein Sensorium für moralische Einwände erlaubt
Gegen den Vorwurf, Egoismus zu predigen, wenden viele Ökonomen ein, der Homo oeconomicus könne doch auch moralische Präferenzen hegen. Manch einer fühle sich besser und steigere also seinen Nutzen, wenn er moralische Zielsetzungen verwirklicht sehe. Deren kosteneffiziente Durchsetzung gegen Widerstände («constraints») ist dann wieder Sache der Rationalität. Beim Homo oeconomicus handle es sich daher um ein ethisch neutrales Konzept, welches über jeden ethischen Zweifel erhaben sei und überdies mehr Rationalität in die Welt bringe.
Doch bleibt das Handeln auch des «moralischen» Homo oeconomicus anderen gegenüber eigeninteressiert. Er nimmt die anderen Menschen allein in ihrer Widerständigkeit wahr und versucht sie durch Anreize oder Entlassungen zum gewünschten Verhalten zu bewegen. Dass sie vielleicht berechtigte Einwände gegenüber den angeblich moralischen Zielsetzungen haben, wird ausgeschlossen. Denn: Diese Einwände ernst zu nehmen, widerspräche dem Rationalitätsverständnis des Homo oeconomicus.
Im Ergebnis redet die vorherrschende ökonomische Theorie einem Gesellschaftsmodell das Wort, in dem sich alle Akteure wechselseitig an- oder abreizen und jeder auf nichts als auf die Steigerung seines privat definierten Erfolgs ausgerichtet ist. Sie interessieren sich nur mehr in ihren nützlichen oder schädlichen Wirkungseigenschaften. Mit Kant gesprochen: «bloss als Mittel», nicht «als Zweck», nicht als Wesen gleicher Würde. Rechtfertigungsfähig ist dieses Konzept praktischer Vernunft schlechterdings nicht. Die Rechtfertigung würde ja die Anerkennung unserer Interaktionspartner als Individuen, die uns gegenüber möglicherweise berechtigte Einwände vorbringen könnten, voraussetzen.
Auch Verhaltensökonomik überwindet den Homo oeconomicus nicht
Dies könnte einer der Gründe für den Siegeszug der Verhaltensökonomik (behavioral economics) sein. Diese soll das Kunststück vollbringen, die Kritik am ökonomistischen Kernparadigma zu entkräften, ohne es zu überwinden. Indem die verhaltensökonomisch ergänzte Ökonomik sich nämlich dem Empirismus zuwendet, kann sie sich als eine «positive», Wertfreiheit reklamierende Theorie präsentieren. Dies erlaubt den Eindruck zu zerstreuen, beim paradigmatischen Kern der Disziplin handele es sich um eine fragwürdige Ethik, ja um eine Ideologie, nämlich um die Marktideologie. Auch kann sich die Ökonomik durch ihre verhaltensökonomisch-empiristische Neuausrichtung vom Ruch, einem allgemeinen Egoismus das Wort zu reden, befreien. Denn in ihren Experimenten findet sie ja zumeist heraus, dass die Leute in der Regel gar nicht so «rational» handeln, wie man sich bislang anzunehmen genötigt sah, um die Legitimität des Homo oeconomicus zu erweisen, wobei man nach dem Motto verfuhr: Wenn alle so handeln, dann muss es damit ja doch seine Richtigkeit haben.
Dass die Verhaltensökonomik das ökonomistische Kernparadigma nicht aufgibt, zeigt sich bereits daran, dass ihr Nutzenmaximierung nach wie vor als Inbegriff rationalen, also richtigen Handelns gilt. Dass etwa Eltern das Kindergeld in der Regel seiner Intention gemäss tatsächlich zum Wohle der Kinder ausgeben, statt damit ihre eigenen Konsumbedürfnisse zu befriedigen, gilt ihr als Ausdruck «verzerrter» Entscheidungen.
Wenn aber der Homo oeconomicus nicht, jedenfalls nicht zwingend, aufseiten der Empirie zu verorten ist, wo dann? Nun, er wandert vom Gegenstand, von «den Menschen», zu den Adressaten der Theorie – die sie nun als ihre Kunden begreift. Der Einblick in empirisch vorfindliche «Entscheidungsschwächen» ist nämlich der Ausgangspunkt für die effiziente Steuerung des Verhaltens «der Menschen» und die Ausnutzung ihrer Schwächen. Theorie wird selbst zum Geschäft. Dies ist der Grund, warum sich diese empiristische Forschungsrichtung als Verhaltensökonomik bezeichnet.
Gerechtigkeit statt Effizienz
Die klassische materiale Rechtfertigung der Vorteilsmaximierung ist bekanntermassen die, dass seine Verfolgung dem Gemeinwohl bzw. «der Effizienz» dient, womit konkret Wachstum gemeint ist. Dabei muss eine überpersönliche Macht vorausgesetzt werden: die berühmte «unsichtbare Hand» des Marktes. Dass dieser metaphysische Glaube nach wie vor vorherrscht, zeigt nicht nur ein Blick in so ziemlich jedes ökonomische Lehrbuch, sondern auch der Umstand, dass verbreiteter Vorstellung zufolge die Finanzkrise auf die Unfähigkeit der Finanzmarktakteure zur Vorteilsmaximierung zurückzuführen ist. Demnach waren diese von «animal spirits» beseelt, was sie davon abhielt, ihr wahres, langfristiges Gewinnmaximierungsinteresse zu verfolgen – wie plausibel dies auch immer angesichts der Bail-outs der Rentiers und des Blicks in die Reichenstatistiken sein mag.
Dass Interaktionsverhältnisse letztlich nicht etwa effizient, sondern vorrangig gerecht zu sein haben, kümmert die Effizienzapostel wenig. Ausweichen können sie der Gerechtigkeitsfrage allerdings nicht, denn es lässt sich ja stets die Frage stellen: Effizient für wen, und für wen nicht? Es ist nicht übertrieben zu behaupten: Der ideologische Sinn des Effizienzkriteriums besteht darin, die Wettbewerbsverlierer aus den Modellen herauszurechnen.
In der utilitaristischen Variante wird der geringere Verlust der einen durch den grösseren Gewinn der anderen gerechtfertigt. So haben sich die Verlierer der Steigerung eines vermeintlichen Gesamtnutzens zu opfern. Die paretianische Variante – bei der niemand verlieren soll – ist entweder auf den Wettbewerb nicht anwendbar, oder Verluste werden als Investitionen uminterpretiert, die sich morgen wieder auszahlen. So gilt Arbeitslosigkeit als vorübergehendes Problem, welches die Betroffenen «eigenverantwortlich» durch entsprechende Investitionen in ihr Humankapital zu bewältigen haben. Die Folge ist eine allgemeine Ökonomisierung der Lebensverhältnisse, da denjenigen, welche ihr Leben nicht vollständig auf die Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit ausrichten, der Absturz droht.
Paradigmatische Pluralität tut not
Der vorherrschenden Ökonomik fehlen konzeptionell Mass und Mitte. Allein darin besteht das Problem. Sie votiert stets für Ökonomisierung, niemals dagegen oder für deren Relativierung. Dies findet seinen theoretischen Niederschlag in ökonomischen Theorien für praktisch jeden Lebensbereich: die Bildung, die Politik, das Recht, die Familie, die Umwelt, die Moral. Die ökonomische Theorie ist eine «imperialistische» Wissenschaft, wie sie selbst bekennt.[2] Darin besteht ihr Argumentieren «aus ökonomischer Sicht».
Dies allerdings ist eine verfehlte, jedenfalls hinterfragungswürdige wirtschaftsethische Position. Daher bedarf es dringend einer pluralistischen Öffnung der Wirtschaftswissenschaften, sodass der argumentative Streit über die ethisch richtige Auslegung der marktwettbewerblichen Interaktionsverhältnisse und den Status der Marktlogik wieder zu einem normalen Bestandteil des wirtschaftswissenschaftlichen Diskurses wird.[3]
- Vgl. Ulrich, P. (2008). Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, 4. Aufl., Bern/Stuttgart/Wien; Thielemann, U. (2010). Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept. Kritik des Neoliberalismus, Marburg.
- Lazear, E.P. (2000). Economic Imperialism, in: The Quarterly Journal of Economics, 1/2000, S. 99-146.
- Vgl. www.plurale-oekonomik.de/home/ sowie www.mem-wirtschaftsethik.de/memorandum-2012/.