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Von Nadine Michel
Die Tür war aus feuchtem, morschem Holz, sie sah nicht sehr stabil aus. Das schwere Kettenschloss machte es mir dennoch unmöglich, die Werkstatt zu betreten. Unruhig trat ich von einem Fuss auf den anderen. Der Wind pfiff mir um die Ohren, der hohe Ton sorgte dafür, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Es musste doch irgendeine Möglichkeit geben, hineinzukommen – und sein Geheimnis zu lüften. Im ganzen Dorf machten die seltsamsten Geschichten über ihn die Runde. Wer er wirklich war, konnte man mir nicht sagen. Merkwürdig sah er aus mit dem zerzausten Haar und dem bodenlangen, braunen Mantel, in den er sich ungeachtet des Wetters hüllte. Tage und Nächte verbrachte er angeblich in dieser Werkstatt, und niemand wusste, woran er arbeitete. Die meisten hielten ihn für verrückt und mieden seine Nähe. Ich hatte ihn seit einiger Zeit beobachtet. Wenn er gerade nicht arbeitete, spazierte er durchs Dorf, betrachtete seine Umgebung, die Leute. Auch mich hatte er schon gemustert, richtiggehend fixiert, beim Bäcker, als ich meiner Mutter mit ihren Einkäufen helfen musste. Ich hatte damals nicht gewusst, wie ich reagieren sollte, und habe nur zurückgestarrt. Er hat gelächelt. Und ist wieder gegangen.
Ich schüttelte kurz den Kopf, um das Bild aus meinen Gedanken zu vertreiben und begutachtete das Schloss genauer. Das Metall rostete bereits. Ich zog eine Haarnadel aus meiner Hosentasche und begann, im Schlüsselloch herumzustochern. Es funktionierte nicht. Frustriet trat ich gegen die Tür.
«Wartest du auf jemanden?»
Ruckartig drehte ich mich um, schielte ihn mit gesenktem Kopf an. Er musterte mich eindringlich und grinste. Mit einer raschen Bewegung fuhr er sich durchs Haar.
«Du kannst da nicht rein. Geh besser nach Hause, ich muss weiterarbeiten.»
«An was – woran arbeiten Sie denn?»
Er legte die Stirn in Falten. Das Grinsen war aus seinem Gesicht gewichen.
«Wieso interessierst du dich dafür?»
Er machte einen Schritt auf mich zu. Ich wollte zurückweichen, doch die Werkstatttür in meinem Rücken verunmöglichte das. Er packte mich an den Schultern und musterte mich. Panisch blickte ich mich um, doch da war niemand, der mir hätte helfen können.
«Du bist anders geworden, Mädchen. Ich muss dich überarbeiten», murmelte er mehr zu sich selbst, während er mich weiter festhielt. «Du – du willst wirklich in die Werkstatt?»
Prüfend sah er mich an. Ich nickte unsicher. Jetzt hatte ich hatte keine Wahl mehr, er stand noch immer vor mir, und er sah nicht aus, als würde er von mir ablassen. Und wie sonst würde ich erfahren, was sich hinter dieser Tür verbarg. Mein Herz pochte schneller.
Während ich noch nickte, löste sich sein Griff. Er zögerte einen Moment, steckte die linke Hand in eine der vielen Manteltaschen. Dann hellten sich seine Gesichtszüge auf, er zog etwas Silbernes hervor und schob mich zur Seite, um an das Schloss zu kommen. Es klickte, und er stiess die Tür auf. Auffordernd nickte er mir zu, ich trat über die Schwelle.
In der Werkstatt war es dunkel, ich konnte nichts erkennen. Mit einem Surren flimmerten die kalten Neonröhren an der Decke auf. Ich befand mich in einer riesigen Lagerhalle. Um mich herum standen Menschen, Menschen aus Glas. Sie waren lebensgross und schienen in der Bewegung festgefroren. Alle starrten in dieselbe Richtung, auf einen Punkt irgendwo in der Ferne. Obwohl ihre Gesichtszüge nur schemenhaft dargestellt waren, kamen sie mir bekannt vor.
«Gefallen sie dir?»
Ohne eine Antwort abzuwarten, deutete er in eine Ecke links von mir.
«Schau dir mal die hier an.»
Stockend lief ich in die von ihm gezeigte Richtung. Ich starrte in mein eigenes Antlitz – und es starrte zurück. Kein Zweifel, ich stand mir selbst gegenüber.
«Sie – Sie haben eine Figur aus mir gemacht?»
«Nicht nur aus dir. Ich habe fast das ganze Dorf gemacht.» Unterschwelliger Stolz war aus seinem Tonfall herauszuhören. «Dort ist die kleine Emma. Kommt immer zu spät zur Schule, da sie mitten auf der Strasse stehen bleibt und den Himmel betrachtet.» Er fuchtelte mit den Armen, während er zu einer nächsten Statue hüpfte.
«Und der alte Weber. Sitzt jeden Sonntag auf der Bank vor dem Spielplatz und beobachtet, wie der Wind die leeren Schaukeln hin und herwiegt.»
Ich konnte mich nicht auf seine Ausführungen konzentrieren, zu fasziniert war ich von meiner eigenen Statue. Die Haltung der Glasfigur wirkte eingeschüchtert, fast schon verängstigt. Der Blick war starr auf ein entferntes Ziel gerichtet. Schlagartig wurde mir bewusst, was mein gläsernes Abbild fixierte.
«Aber das – ich habe Sie angestarrt.»
«Das haben sie alle.»
«Damals, beim Bäcker.»
«Wo auch immer.»
«Wie haben Sie das gemacht? Ich meine, wie haben Sie mich in Erinnerung behalten?»
Er zuckte nur die Schultern.
«Ich verstehe Menschen eben schnell», antwortete er. Dann schüttelte er heftig den Kopf, sein strohiges Haar fiel ihm in die Augen.
«Aber wie gesagt: Du stimmst nicht mehr. So kann ich dich nicht stehen lassen.»
«Wieso nicht?»
«Du bist anders – geworden. Du bist hier.»
Er setzte sich die schwarzgerahmte Brille auf und brachte seinen Kopf nahe an die Statue heran. Vorsichtig begann er, das Glas zu bearbeiten, machte sich an meinen Gesichtszügen zu schaffen. Ich stand daneben und beobachtete, wie er mich veränderte. Nach einer Weile hielt er inne, trat zufrieden einen Schritt zurück und sah mich neugierig an. Die gläsernen Menschen verschmolzen im grellen Neonlicht zu einer glitzernden Masse. Nur eine Statue stach hervor. Ich blickte direkt durch mich hindurch.