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Die Streitfrage, ob die schweizerische Neutralität «intakt» sei, wie in Bern behauptet wird, oder ob sie durch die Teilnahme an den EU-Sanktionen verlorenging, hat nun Russland beantwortet: Die Grossmacht setzte den Kleinstaat auf eine Liste feindlicher Staaten.
Dies ist ein selbstverschuldeter Tiefpunkt, denn Ähnliches gab es in der Geschichte noch kaum. Vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis 1917 wanderten Zehntausende Schweizer ins Zarenreich aus – meist gut qualifizierte Spezialisten. Es entstanden zahlreiche Schweizer Siedlungen. Die Auswanderer schilderten die Russen als gastfreundlich und warmherzig, bemängelten aber Fleiss und Sauberkeit. Der Waadtländer Frédéric-César de La Harpe wirkte als Erzieher von Zar Alexander I. und vermochte ihn für schweizerische Belange zu sensibilisieren. Die Schweiz verdankt es vor allem russischen Anstrengungen, dass ihr 1815 am Wiener Kongress die immerwährende Neutralität gewährt wurde.
Nach Gründung des Bundesstaates von 1848 trübte sich das Verhältnis, denn Russland beurteilte die freiheitlich-demokratische Schweiz als Brutstätte von Anarchisten. Vor dem Ersten Weltkrieg stammte ein Viertel der Studierenden in der Schweiz aus Russland. Nach der Oktoberrevolution wies der Bundesrat die russische Gesandtschaft aus, 1934 stimmte die Schweiz gegen die Aufnahme der Sowjetunion in den Völkerbund, 1940 wurden alle kommunistischen Parteien und Organe verboten.
Auch wenn die diplomatischen Beziehungen 1946 wiederaufgenommen wurden, blieb das gegenseitige Misstrauen im Kalten Krieg bestehen. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion näherten sich die beiden Staaten rasch wieder an und pflegten vielfältige Beziehungen. Der berühmteste der vielen russischen Exilanten war und blieb ein gewisser Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin. Seine Zürcher Zimmerwirtin soll geklagt haben, er sei 1917 plötzlich verschwunden – und seither habe man nichts mehr von ihm gehört.
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