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Die Digitale Tobler-Edition ist eine kritische Lieder-Ausgabe, die in erster Linie der gegenwärtigen Aufführungspraxis dienen möchte. Sie umfasst den gesamten Bestand der Liedkompositionen von Johann Heinrich Tobler (1777–1838), unter Berücksichtigung aller erreichbaren Quellen. Als Leitquellen gelten die Einzeldrucke und gedruckten Lieder-Sammlungen in ihrer ermittelten Erstausgabe. Generell wird die älteste erreichbare Quelle, unter möglichst diplomatischer Beibehaltung der originalen Ausgangslage, ediert. Bei Sammlungen mit mehreren Auflagen kann sich die Lesart durchaus auch auf die Fassung letzter Hand erweitern. Die chronologische Dokumentation alternativer Fassungen und Ausgaben wird im Liederverzeichnis berücksichtigt. Die musikalische Ausgabe versteht sich als digitale Edition, indem die Grundkonzeption stets im digitalen Kontext gedacht wurde und sich durch die mediengerechte Umsetzung auszeichnet. Die digitale Konzeption erlaubt den Herausgebenden, die editorische Zielsetzung nicht einer Extremposition verschreiben zu müssen. Mittels der Verwendung der Lizenz CC BY-SA 4.0, die das freie Teilen und Aufführen der Werke unter der Bedingung der Urheberrechtsnennung erlaubt, wird das Ziel verfolgt, einen substanziellen Beitrag für die Schweizer Volksmusik- und Chorszene zu leisten.
Die Quellen liegen in Typendrucken oder Kupferstichen vor. Viele stammen von Tobler als ausgebildeten Modellstecher selbst. Die Lieder sind entweder in Stimmbüchern oder bereits in Chorpartitur vorhanden. Skizzen, Entwürfe oder Varianten in Manuskripten von Tobler sind bis heute nicht nachgewiesen, ebenso wie genaue Informationen zur Chronologie der Entstehung. Die Datierung der Lieder ist beinahe ausschliesslich aufgrund des Druckjahrs der Sammlungen festgelegt worden. Weitere Datierungshinweise liefern Angaben zu historischen Ereignissen, Zeitungsartikel oder Anknüpfungspunkte aus Toblers Biografie. Die Autorenangabe der Liedtexte wird bei den einzelnen Liedern der Edition in eckigen Klammern vermerkt, wenn sie auf der Basis heutiger Recherchemöglichkeiten, die Albrecht Tunger noch nicht vorlagen, ermittelt werden konnte. Weitere Hinweise auf bisher nicht identifizierte Textquellen werden auch künftig dankbar entgegengenommen und nach sorgfältiger Prüfung eingearbeitet.
Die Gliederung der Edition ist systematisch nach thematischen und praktischen Haupt- und Unterkategorien. Die Hauptkategorien lauten: Gesellschaftslieder; Geistliche Lieder; Heimatlieder; Naturlieder; Zeitlieder. Die Lieder sind auf der Website in einer netzartigen Struktur erschlossen und mit den dazugehörigen Unterlagen auf Zenodo verfügbar. Innerhalb der Kategorien sind die Lieder chronologisch in ihrem Sammlungskontext aufgelistet. Im Liederverzeichnis können die erhaltenen Exemplare über die RISM-Signatur ermittelt werden. Dem Werktitel ist jeweils – mit dem Sigel TLV – die Nummer des chronologischen Liederverzeichnisses beigegeben.
Eine differenzierte Quellenbeschreibung sowie ermittelte Textvorlagen und ergänzende Verzeichnisse der editorischen Eingriffe beinhaltet der Kritische Bericht. Dieser wird in einem separaten Beiheft herausgegeben und jedem Lied beigefügt.
Die Anpassung des Noten- und Strophentextes an die ästhetische Gegenwart wird durch die Herausgebenden nur dann vorgenommen, wenn die Änderungen an der Werksubstanz der besseren Lesbarkeit dienen und heute zu Fehlinterpretationen führen würden. Die Herausgebenden verpflichten sich auch zur Beibehaltung von Satzdetails und der Übertragung von Parallelen und Stimmkreuzungen. Die praktische Ausgabe verzichtet weitgehend auf diakritische Zeichen und gibt den kritisch erschlossenen Notentext in moderner Notation wieder. Die Partituranordnung ist die heute übliche. So wird auf die Markierung von Asterisken bei kommentarbedürftigen Textteilen verzichtet. Die Edition verzichtet ebenfalls auf Ausführungshilfen. Wiederholungen von Melodie-Passagen werden zur besseren Erkennung mit einer Nummerierung versehen. Offensichtliche, von Tobler aber nicht ausgeschriebene Textwiederholungen in den Versen, die sich aus der Vertonung ergeben, wurden nicht ausgeschrieben. Die Liedtitel werden stets vereinheitlicht, ebenso die Stimmbezeichnungen. Bei jedem Lied ist, soweit bekannt, die Angabe des Erstdruckes und die Autorenangabe verzeichnet. Auf den Druckort wird verzichtet. Singstimmen erscheinen nur im Violin-, im oktavierten Violin- und im Bassschlüssel. Dynamik- und Tempoangaben werden in heutiger Schreibweise normalisiert. Bei allen Umschreibungen ist ein Vermerk in den Quellen und Lesarten zu finden.
Grundsätzlich werden Orthographie und Interpunktion nach den Editionsrichtlinien der Digitalen Tobler-Ausgabe der heutigen Rechtschreibung nicht angepasst. Die Liedtexte sind jedoch von Druck- und offensichtlichen Rechtschreibefehlern stillschweigend bereinigt. Die Behandlung der Umlaute ist modernisiert. Der Wortlaut folgt dem Original. Gross- Kleinschreibung wird innerhalb der Stimmen standardisiert, bei den Versen normalisiert. Die Zeileneinzüge der Strophenverse werden übernommen. Grundsätzlich gilt die Setzung der ersten Strophe unter den Notenzeilen und die darauffolgenden Strophen am Ende des jeweiligen Liedes. Eine Ausnahme besteht bei variierenden Versen derselben Melodiepassagen in den Stimmen. Bleistiftkorrekturen in den Originalquellen werden ignoriert, weil diese höchstwahrscheinlich nicht von Tobler selbst stammen.
Ohne Kennzeichnung werden ergänzt:
Fehlende Titel; fehlende Wiederholungszeichen; fehlende Strophennummerierung; Silbentrennung unter dem Notentext; fehlende Akzidenzien, sofern sie bei Tonwiederholungen über mehrere Takte nötig werden oder von Tobler zweifelsfrei aus Versehen gesetzt wurden; fehlende Pausen, sofern sie aus einer Stimme für den ganzen Satz zu übernehmen sind; Interpunktion, sofern sie aus den Strophen für den ganzen Text zu übernehmen sind. Auf Kennzeichnung von Ergänzungen ist ausserdem dort verzichtet worden, wo die ergänzten Zeichen oder Angaben sich aufgrund der Eigentümlichkeiten von Toblers Notierungsweise als selbstverständlich ergeben oder wo der musikalische Sachverhalt sie zwingend notwendig macht. So deutet Tobler beispielsweise eine Strophenwiederholung bei den einzelnen Stimmen nur mit Anführungs- und Schlusszeichen an und erwartet, dass diese entsprechend fortgeführt werden. Von einer für alle Stimmen verbindliche «Rahmendynamik» bei inkonsequenter Notierung wird nicht ausgegangen und deshalb wurde diese weder fortgeführt, noch standardisiert, auch nicht bei streng geführten Parallelstellen.
Tobler schreibt den Akzent sehr verschieden und oft so lang, dass er von einer Decrescendo-Gabel kaum zu unterscheiden ist; beide Zeichen haben für ihn offenbar ähnliche Bedeutung: die eines Akzentes mit nachfolgendem plötzlichen oder allmählichen Decrescendo. Das Akzentzeichen bezieht sich dabei vielfach auf eine einzelne Note. Anderenfalls kann die unklare Zeichensetzung auch einfach aus alten Druckkonventionen resultieren. Ein weiteres editionstechnisches Problem stellt die Darstellung der Liedtexte dar. Tobler setzte teils unterschiedliche Strophentexte unter die einzelnen Stimmen (C I = B I und C II = B II). Bei unbekannter Textvorlage ist eine Beurteilung schwer vorzunehmen; offenbar geschah dies jedoch mit Absicht. Bei den nachfolgenden Strophen wird die unterschiedliche Ausgangslage deshalb in zwei gegenüberstellenden Sparten, repräsentativ für die Stimmen, dargestellt. Aufgrund der Drucküberlieferung entfällt die prinzipielle Schwierigkeit der Übertragung, obschon die Individualität und Ausdruckskraft von handschriftlichen Zeichen der generalisierenden Type weichen musste. Durch das stillschweigende Spartieren geht wird die ursprüngliche Überlieferungsform in Stimmbüchern notwendigerweise verloren. Die den Liedern beigegebenen Scans der Originalquellen sind deshalb eine notwendige Ergänzung der Edition.
Die Herausgebenden danken folgenden Institutionen und Personen, die bei der Quellenbeschaffung und -auswertung und bei der Erstellung dieser Edition behilflich gewesen sind, für ihre Unterstützung insbesondere Sabeth Oertle (Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden), Ursula Butz und Myrta Gegenschatz (Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden), Andreas Berz (Schweizerische Nationalbibliothek) und Christina Besmer (Bibliothek der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde). Für den gewinnbringenden Austausch mit der gegenwärtigen Chorpraxis ist besonders Jürg Surber zu danken. Ebenso sei Samuel Weibel für seine entgegenkommende Unterstützung bei der Quellenrecherche gedankt. Für die Erstellung der Website und somit erst der Sichtbarmachung und dem professionellen Auftritt der Edition gebührt Mario Baronchelli ein grosser Dank.
Unverzichtbar während des ganzen Transkriptions- und Editionsprojektes war die wissenschaftliche Beratung und mentale Unterstützung von Cristina Urchueguía. Ebenso sei Christian von Zimmermann für seine entgegenkommende und verlässliche Beratung hinsichtlich des textkritischen Fachwissens gedankt. Einen grossen Dank geht auch an Helen Gebhart von der SMG-SSM, die im Juni 2021 einen Artikel über das ganze Tobler-Projekt publizierte. Ein weiterer Dank geht an alle Korrekturleserinnen und -leser, die mit kompetenten Adleraugen und grosser Bereitschaft die Lesefassungen der Lieder mit den Originalquellen verglichen. Besonders genannt werden sollen Peter Abegglen (Sonnengesellschaft Speicher), Ruth Meisser, Ursula Langenauer, Hermann & Elsi Hohl, Yves Chapuis, Jonathan Irniger, Arthur Oehler, Erwin Sager, Caiti Hauck, Nicole Nyffenegger und Charis Ruprecht. Zu guter Letzt ist den beiden Hauptinitianten dieser Edition, dem Musiker Rudolf Lutz und Heidi Eisenhut (Kantonsbibliothek Appenzell Auserrhoden) zu danken, die mit ihrer Vision diese Edition ins Leben gerufen haben.
Speicher, im Juli 2021 Die Editionsleitung