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VON STEFAN BRÄNDLE AUS PARIS
Diesmal hat Bernard Comment nur fünf Minuten Verspätung. In dem Bistro des Pariser Literatenviertels Saint-Germain des Prés kommt der 50-jährige Schweizer sofort zur Sache. Begonnen habe alles mit Lou Reed. Als er den Rockstar vor zwei Jahren wegen eines Buchprojektes in Paris besucht habe, kamen sie an einem Diner neben die Kunstmäzenin Maja Hoffmann – von der Familie Hoffmann-La Roche – und deren Gatten Stanley Buchthal zu sitzen.
Letzterer erzählte Comment von Anna Strasberg, die den Nachlass von Marilyn Monroe verwalte und von der Schauspielerin noch «einige Papiere» habe. Sie suche einen «guten» Verlag, meinte Buchthal – aber einen, dem es nicht ums Geld gehe. Ein US-Verleger habe Strasberg einen offenen Check für die MM-Daten geboten – den habe sie kurzerhand auf die Strasse gesetzt. Comment, beim Pariser Verlag Le Seuil für die Literatursparte zuständig, erwiderte, er habe ohnehin kein Grossbudget, aber umso mehr Interesse. «Das ist genau, was wir suchen», meinte Buchthal und lud ihn nach New York ein.
Drei Monate später läutete Comment an einer Wohnungstür neben dem Central Park. Er war zwanzig Minuten zu spät dran und sorgte sich um den Eindruck, den dies auf Nachlassverwalterin Strasberg machen würde. Die 71-jährige Witwe des Schauspiellehrers Lee Strasberg schmunzelte aber nur: Marilyn sei im Actor’s Studio auch immer verspätet eingetroffen und habe sich mit den Worten entschuldigt, sie habe immer zwanzig Minuten Verspätung und es sei ihr schlicht unmöglich, pünktlich zu sein. Da habe Lee geantwortet: «Dann kommen Sie in Zukunft zwanzig Minuten zu früh.»
Comment erhielt Einblick in einen Ordner voller Papiere, die mit Monroes Namen oder Kürzel gezeichnet waren. Anna Strasberg liess den Schweizer kurz Einblick nehmen und erklärte, sie suche in erster Linie einen «motivierten» Verleger. Von einem zweiten Treffen in New York kehrte Comment bereits mit einem externen Laufwerk zurück, das er während des ganzen Flugs in seiner Westentasche trug: Monroes sämtliche Privatnotizen waren darauf gescannt. Ein Jahr lang arbeitete sich Comment durch Hotelbriefpapier und Einzelzettel, durch Spiralhefte, maschinen- und handgeschriebene Briefe. Wort um Wort entzifferte er Hingekritzeltes, unsicher, ob es nun «stairs» oder «stares» heissen musste.
Nichts davon war für die Nachwelt bestimmt. «Darin liegt die Stärke dieser Dokumente», meint der Seuil-Verleger. «Die Marilyn-Biografien stecken voller Fehler, und ihre eigenen Erinnerungen waren auch beschönigt. Unsere Sammlung zeigt die wahre Marilyn. Die Leser sehen nicht von aussen die neben der Mona Lisa am meisten angeschaute Frau der Welt, sie sehen die Welt erstmals wirklich mit Marilyns Augen.»
Das Buch, 48 Jahre nach ihrem Selbstmord erschienen, enthält keinerlei Klatsch, nichts Belangloses, keine intimen oder schamlosen Details. Es enthüllt vielmehr die seelische Tiefe einer Frau, der man das Klischee einer blonden Sexbombe oder eines strahlenden Dummchens andichtete. «Ich war fasziniert, berührt, ergriffen», erzählt Comment, «wenn man Marilyns Gedanken und Gedichte liest, hat man fast den Wunsch, sie in die Arme zu nehmen und ihr Mut zuzusprechen.» Aus allem spreche eine gewaltige Einsamkeit, die Panik vor dem nächsten Drehtermin, der Kampf um ihre «emotionelle Stabilität», wie sie es luzid genannt habe, und eine grosse Neugier nach Büchern und Kunst.
Dies alles werde ungefiltert wiedergegeben – zuerst mit dem Faksimile, daneben auf der Transkription. Ein detailliertes Kochrezept werde da fast so aufschlussreich wie ein aufnotierter Traum, in dem Marilyn von ihrem Mentor Lee Strasberg operiert wurde, bis Sägemehl aus ihrem Bauch quellte.
Für die französische Ausgabe wählte Comment den Buchtitel «Fragmente» – was etwas nüchterner klingt als der deutsche Titel «Tapfer lieben». Die Fertigstellung der französischen Ausgabe kündigten sie über ein dürres Pressecommuniqué an. «Eine halbe Stunde später rannten uns die Verlage aus der ganzen Welt die Tür ein», erinnert sich Comment. «Da wurde mir erst bewusst, welch ungeheure Wirkung der Name Marilyn Monroe immer noch auslöst.»
Marilyn Monroe. Tapfer lieben, S.-Fischer- Verlag, 272 Seiten.
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Handschriftliche Notizen, Briefe und Gedichte von Marilyn Monroe zeigen das grosse Sexsymbol von einer ganz anderen, neuen Seite. «Der Sonntag» hat den Schweizer Verleger Bernard Comment in Paris getroffen.
VON STEFAN BRÄNDLE AUS PARIS