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Leben wir in einer Gesellschaft, in der wirklich alles konsumiert wird? Konsumieren wir auch Religion wie eine Ware? Sind unsere Kirchen eine Ware, die an den Zeitgeschmack angepasst werden muss? Entsprechen die Kirchen heute noch den Erwartungen der Christen? Das Thema bietet viele Ansätze für Überlegungen, sei es über Konsumtion, sei es über die Stellung und die Rolle der Kirchen, über die Säkularisierung unserer Gesellschaften oder den für sie kennzeichnenden Individualismus. Grundsätzlich jedoch beschäftigt mich die Frage nach den Bindungen zwischen Kirche und Gläubigen.
Im Vorfeld sollten bestimmte Denkansätze und Konzepte ausgeklammert werden, so etwa das von der französischen marxistischen Schule (Henri Lefebvre, André Gorz, Roland Barthes und Jean Baudrillard) entwickelte Konzept der «Entfremdung durch Konsum», das völlig zu Recht insbesondere durch die Frankfurter Schule (vor allem Jürgen Habermas) kritisiert worden ist. Diesem Ansatz zufolge wird das Individuum durch das Imaginäre und die euphorischen Bilder einer Werbung, die zu unablässigem Konsumieren verleitet, sich selbst entfremdet. Ich konsumiere und meine Identität konstruiert sich rund um mein Kaufverhalten.
Identität und Zugehörigkeit
Natürlich erhält der Mensch durch die Waren oder Institutionen, zu denen er Zugang hat, ein Profil. Gleichwohl ist die Zweideutigkeit einer solchen Identifizierung hervorzuheben, denn sie kann sowohl Differenzierung als auch Ähnlichkeit bedeuten. Der Mensch hat das Bedürfnis, sich zu unterscheiden, eine eigene Identität zu bekunden, die abgrenzt und annähert, an eine Gruppe anknüpft und gleichzeitig von der Masse abhebt. Die Bejahung eines Produkts, eines Images trägt zu dieser Vorgehensweise bei. Sie ist aber nicht ausreichend. Das Paradox der Identität bestimmt die Nähe zur Umwelt und die Abgrenzung von ihr. Infolgedessen muss der Mensch taktische und strategische Entscheidungen fällen. Aber hat er in diesem Zusammenhang überhaupt einen Handlungsspielraum, und wenn ja, wie sieht dieser aus?*
Nehmen wir das religiöse Phänomen als Beispiel, stellt sich die Frage, ob der Mensch eine derartige Rationalität an den Tag legt, dass sie für den Beobachtenden von aussen sichtbar und verständlich wäre. Der Rückgriff auf den Rationalitätsbegriff in der Soziologie ist insofern problematisch, als die Annahme vollkommener Ratio- nalität seitens des Individuums einer Negierung der kontextbezogenen Einflussfaktoren gleichkäme, also insbesondere durch seine Sozialisation. Die Bindungen des Individuums an die Kirche sind schwer zu messen. Sie anhand der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst sowie bei Taufen und Hochzeiten zu beurteilen, ist zwar gängige Praxis, greift aber zu kurz. Es ist bestenfalls ein Versuch, die Wirklichkeit durch Metonymie zu vereinfachen**. Was sagt die Teilnahme an Kirchenritualen oder das Mitgliederverzeichnis über die Kirche aus? Was sagen diese Kriterien über die Situation der Kirche aus? Begriffe wie Gruppenzugehörigkeit und deren Ermittlung haben durchaus ihren Nutzen. Allerdings sollte ihre Aussagekraft nicht unhinterfragt bleiben oder zumindest differenziert werden. Was bedeutet «Zugehörigkeit»? Was wird zu messen versucht? Die Versammlung der Gläubigen? Auch die Teilnahme kann vielfältige Formen annehmen, die sich in unterschiedlich starkem Masse verbinden. Was heisst «praktizierender Christ»? Ist aktive Betätigung notwendig, um von Zugehörigkeit sprechen zu können?
Distanzierung von Institutionen
Früher war die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und zu einer Kultur von zentraler Bedeutung. Der Einzelne hatte keine eigene Existenz. Er war an ein Territorium gebunden und musste sich den dort herrschenden Regeln beugen. Religiöse Identität war eine kollektive Angelegenheit und wurde von oben vorgegeben, nach dem Prinzip «Cuius regio, eius religio», wonach der Landesfürst die Konfession der Untertanen bestimmte. Die Religionszugehörigkeit war fester Bestandteil einer umfassenden Identität. Dieses Modell galt in unseren Gesellschaften bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein. Die Existenz innerhalb der Gesellschaft war noch territorialgebunden und kulturell bestimmt.
Mit zunehmender Säkularisierung liessen die Kultur-, familiären Sozialisations-, Gruppen- und andere Zwänge für das Individuum nach. Es war von einem Grossteil der herkömmlichen Zwänge befreit, was in erster Linie dazu führte, dass es sich von den Institutionen lossagte: durch Kirchenaustritt, Abkehr von regelmässiger Religionspraxis, Distanzierung von Ritualen bis hin zu Konfessionswechseln. Das Nachlassen der sozialen Zwänge machte dies möglich. Die Beanspruchung durch Rituale lässt mit der Abnahme der sozialen Kontrolle und der Kontrolle der eigenen Gemeinschaft nach.
Wie viele andere Institutionen sehen sich die herkömmlichen Kirchen durch die Abkehr von den Institutionen in ihrer identitätsstiftenden Funktion infrage gestellt. Es besteht heute keine zwingende Notwendigkeit mehr, einer Kirche anzugehören. Die sozialen Sanktionen gegen abweichendes Verhalten, die früher abschreckend wirkten, haben sich heute durch die Multikulturalität und vor allem die Glaubensfreiheit relativiert. Die alltägliche Existenz ist davon nicht mehr bedroht. Das Individuum kann leben, ohne seine Konfession mitzuteilen, einer Religion angehören, ohne sie zu praktizieren. Die Distanzierung von den Institutionen sagt allerdings weder etwas über die sozialen Bindungen noch etwas über deren grundlegende Rolle in unseren Gesellschaften aus. Kein Mensch kann ohne soziale Bindungen leben. Insofern ist der Individualismus kein glaubwürdiger Begriff in der Soziologie.
Welche Kirche wähle ich?
In diesem Kontext ergibt die freie Kirchenwahl einen Sinn. Die Zugehörigkeit zu einer Kirche ist immer weniger eine kulturelle Gegebenheit, ein traditionell verankertes Phänomen. Wer heute die Bindung zu einer Kirche sucht, tut dies in erster Linie, um einem Bedürfnis nachzukommen, wobei dieses seinem Wesen nach unterschiedlich sein kann, aber immer seltener mit dem Kultur- und/oder Heimaterbe verbunden ist. Es entspricht anderen Erwartungen des Individuums, das sich zu persönlichem Engagement berufen fühlt. Die Bedürfnisse lassen sich unterschiedlichsten Kategorien zuordnen, etwa Spiritualität, Mitgefühl, Solidarität, Gruppengefühl, gemeinschaftliche Religionspraxis, gemeinsame Antworten auf existenzielle Fragen usw.
An diesem Punkt sollte die Kirche, der ich mich zuwende, eine Kirche sein, die bereit ist, mich aufzunehmen, mich anzuerkennen, die mir ermöglicht, das Menschsein in mir zur Entfaltung zu bringen. Von dieser Kirche erwarte ich, dass sie anders ist als andere gesellschaftliche Institutionen, die zumindest teilweise auf Autorität aufbauen. Ich erwarte von ihr, dass sie unbequem ist, ansprechend, appellierend, und dass sie dem Einzelnen die Möglichkeit gibt, über sich selbst hinauszuwachsen. Diese Kirche ist weniger eine Institution als eine Gemeinschaft.
Paradoxerweise sind die einst als Symbole der Gemeinschaft im Zentrum unserer Ortschaften erbauten Kirchen nicht mehr präsent. Ihre Mauern erscheinen wie kaum zugängliche Festungen. Entsprechen diese Mauern wirklich der Botschaft, die die Kirchen weitergeben wollen? Für wen wurden diese Mauern errichtet? Wen schützen sie? Für den heutigen Menschen muss Kirche (wieder) zum Wegbegleiter werden, zu einer Gemeinschaft, die ihm nahesteht, Kraft gibt, mit Rat zur Seite steht, die ihm hilft, zu unterscheiden, Werte zu setzen, dem Leben einen Sinn zu geben, und die vor allem seinen geistigen Bedürfnissen gerecht wird. Dafür müssen die Kirchen, wie mir scheint, auf den Schutz und den Komfort ihrer Mauern verzichten; erst dann können sie dem Menschen das Wichtigste geben: Anerkennung und Sicherheit. Die Kirche muss unbequem sein, überraschen, auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren. Sie muss wieder einen festen Platz im Alltag der Bürger einnehmen, um neu zum sozialen Kitt zu werden und der heutigen Sinnleere entgegenzuwirken. In diesem Sinne können Mauern ein Hindernis für Gemeinschaft sein, um die zu sorgen wieder die oberste kirchliche Priorität sein sollte.
Zum Wohle der Gemeinschaft
Deutet der Rückgang der praktischen Religionsausübung auf eine Krise hin? Wie bei allem, was in Frage gestellt wird, stellt diese Krise allemal eine wunderbare Gelegenheit dar, auf einer neuen Grundlage zu bauen. Die Kirchen müssen am sozialen Bindungsgefüge arbeiten, das den Einzelnen zu einem Menschen macht, dem Respekt gebührt, das ihm jene Anerkennung verschafft, die unabdingbar ist, um in Würde zu leben. Die Kirche muss dem Menschen auch jene Selbst- sicherheit spenden, die ihm keine andere menschliche Institution geben kann: Vertrauen in sich selbst, in den Anderen, in sein Streben nach Selbstüberwindung zum Geistigen.
«Kloster zu verschenken» (Theaterproduktion von Annette Windlin) – warum nicht, wenn dies zum Wohle der Gemeinschaft der Christen geschieht, die aufgerufen ist, sich zu mobilisieren und ihr Engagement authentisch zu leben. Vielleicht hat die Kirche ihren Platz paradoxerweise nicht in den von Menschenhand erbauten Gotteshäusern, sondern auf der Strasse …
René Knüsel
(Übersetzung: Caroline Gutberlet)