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Dank Internet und BloggerInnen werde die ganze Welt demokratischer, heisst es. Der Politologe Matthew Hindman kommt zu anderen Schlüssen.
Die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten wird auch als Sieg der Webdemokratie gefeiert. Dank der starken Vernetzung seines Wahlkampfes gelang es Obama, viele KleinspenderInnen zu motivieren und NeuwählerInnen zu gewinnen. Eine grundsätzliche Frage stellt sich aber weiterhin: Macht das Internet die Politik tatsächlich demokratischer? Ist das Web das superdemokratische, dezentralisierte Medium, das jeder und jedem mit einem Netzanschluss die Möglichkeit gibt, sich Gehör zu verschaffen? Werden die BürgerInnen dank Online-Information mehr politisiert und motiviert? Und kann der «Bürgerjournalismus» der BloggerInnen die Elite entthronen, die die alten Medien dominiert?
Diese Fragen versucht der US-amerikanische Politologe Matthew Hindman zu beantworten. Er erinnert zuerst an die oft übersehene Realität: Trotz starker Zunahme der Vernetzung bleibt auch in den USA ein Grossteil der ärmeren, weniger gut gebildeten Schichten vom Internet ausgeschlossen. Seit 2001 hätten die Versuche, den «digitalen Graben» aufzufüllen, spürbar nachgelassen - deshalb, so Hindman, sei er wieder tiefer geworden. Wichtig ist auch die Tatsache, dass die meisten politischen Informationen, die im Netz auftauchen, aus den alten Medien übernommen werden. Das heisst: Die wenigen Megakonzerne, die heute den traditionellen Medienmarkt kontrollieren, spielen auch im Internet eine dominierende Rolle.
Aber welchen «Content» bekommen die Internet-UserInnen im unübersichtlichen Cyberspace überhaupt zu sehen? Nur einen kleinen Teil, argumentiert Hindman. Verantwortlich dafür seien die Linkstrukturen, also jene Hinweise, die die Surferinnen zu bestimmten Seiten führen: Je mehr Links auf eine Site verweisen, desto mehr Besucher hat sie. Das hat zur Konsequenz, dass der grösste Teil des Online-Contents kaum zur Kenntnis genommen wird. «Die hierarchische Struktur des Web ist ein natürlicher und vielleicht unvermeidbarer Weg, die Masse der Inhalte zu organisieren. Aber diese Hierarchien sind nicht neutral.»
95 Prozent aller Suchanfragen, so schätzt Hindman, landen bei den drei grossen Suchmaschinen: Google, Microsoft und Yahoo, die sich in Goldgruben für die Werbung verwandelt haben. Die meisten Web-BürgerInnen gehen über die ersten sechs Suchresultate nicht hinaus. Über die Rangordnung entscheidet nicht die Wichtigkeit der Information, sondern das Verhalten der NutzerInnen. Weil diese in einem relativ engen Cluster von Informationen suchen, ist auch der Umfang der Sites, die wirklich zur Kenntnis genommen werden, viel kleiner als angenommen. Google und Yahoo behaupten zwar, Milliarden von Dokumenten zu speichern. Tatsächlich aber, so schätzt Hindman, gibt es wahrscheinlich ebenso viele Informationen, die nie erfasst werden.
Hindman entzaubert auch den Mythos des sogenannten BürgerInnenjournalismus. Das Blogland umfasse in den USA etwa eine Million Personen. Die entscheidende Frage sei jedoch nicht, wer sich alles zu Wort melde, sondern wer sich Gehör verschaffen könne. Nur wenigen Dutzend BloggerInnen gelinge es, mehr LeserInnen als eine Kleinstadtzeitung zu erreichen. Laut Hindman sind die am meisten beachteten BloggerInnen weiss, männlich und Absolventen einer Eliteuniversität - also fern von dem, was man sich unter «citizen journalism» vorstellt. Die Blogger haben, so Hindman, wohl einen gewissen Einfluss in der US-Politik, aber «die neuen Interneteliten repräsentieren die Öffentlichkeit ebenso wenig wie die alte Elite».
Die Forschung darüber, wie die hierarchischen Strukturen des Internets die Politik beeinflussen, sei eine wichtige Aufgabe, glaubt Hindman. Sein vorläufiges Fazit: «Das Internet hat dazu gedient, eine Reihe von politischen Ungleichheiten aufzuheben. Aber es hat auch neue geschaffen.»