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Ein kleines Heftchen mit dem Titel «Wie die Kaffeepause in unser Haus kam.» liegt vor mir. Der Autor Ernst Basler, dem ich die Geschichte verdanke, arbeitete von 1955 an als frisch gebackener Ingenieur in einer mittelgrossen Firma in Zürich. Die Büros waren in einer Wohnung eingerichtet. Die Küche war leergeräumt und diente als Materiallager. Schwatzen während der Arbeitszeit galt als Unsitte. Der Chef riss jeweils unverhofft die Türe auf und ärgerte sich über schwatzende Mitarbeiter und ein strafender Blick blieb nicht aus. Später wechselte der Autor dieser kleinen schmalen Broschüre nach Massachusett ans Institut of Technology in Cambrige, USA. Dort arbeiteten mehr als ein Dutzend Angestellte eines Grossraumbüros still und konzentriert an ihren Arbeitstischen. Es gab kein Geschwätz. Aber morgens um zehn Uhr und nachmittags um drei erschallte jeweils die Stimme der Bürohilfe: «Coffee is ready!» «Stehend und in zufälligen Gruppen begann man zu plaudern.» Das hatte für den Neuankömmling den Vorteil, dass er sich als Ausländer rasch willkommen fühlte und schnell viel über Land und Leute erfuhr.
Als Ernst Basler in die Schweiz zurückkehrte, versuchte er diese «wertvolle Institution» beim neuen Arbeitgeber beliebt zu machen. Es handle sich um eine «segensreiche Einrichtung». Er arbeitete in einem Einzelbüro, schätze die ruhige Arbeitsmöglichkeit, aber er vermisste die Kaffeepause und den Austausch mit den Kollegen. Er trug seinen Kaffee-Pausen-Wunsch dem Finanzchef vor und dieser begann zu rechnen. Es seien 60 Angestellte am Hauptsitz. Eine Viertelstunde Kaffeepause würde pro Tag 15 verlorenen Arbeitsstunden entsprechen. Er solle mit seiner Idee nicht hausieren, sonst könne er den Titel «i.A.x» bekommen, was «in Amerika gsi» bedeute. Der «i.A.x» aber gab nicht auf. Als seine Arbeitsgruppe auf sieben Personen angewachsen war, bezogen sie neue Räume, und er preschte in Sachen Kaffeepause vor und führte sie ein. Da es manchmal laut und fröhlich zu und herging, erkundigte er sich beim Nachbar-Büro, ob sich jemand gestört fühle? Dem war nicht so, die beiden Personen stellten aber die Bedingung, an den Kaffeepausen teilnehmen zu dürfen. Damit erweiterte sich der Kreis und es kam zu interdisziplinären Gesprächen.
Als Ernst Basler sein eigenes Geschäft gründete, bezog er Büros in einem Wohnhaus. Es fand sich kein Raum mit Wasseranschluss. Der Immobilienbesitzer war nicht bereit, den Anschluss einrichten zu lassen: «Sorgt zuerst einmal für Aufträge und Mitarbeiter, bevor ihr euch ums Kaffeetrinken kümmert.» Die Gegner einer Kaffeepause sagten etwa: «Auch Hühner gackern beim Körnersuchen, aber sie legen wenigstens Eier.» Ende 1963 konnte die noch junge Firma eigene Räume beziehen samt Wasserhahn und Herdplatte. Der «i.A.x.» freute sich über den Grundstein in der von ihm in jeder Beziehung gewünschten Form.
Die Kaffeepause erlaubte Gespräche über den Tisch hinweg. Mitarbeiter lernten sich kennen und konnten an unterschiedlichen Arbeiten und Prozessen teilnehmen. Sie erfuhren auch, wie der Chef dachte und wie er für Aufträge sorgte. Diese Nähe und Menschlichkeit wirkte motivierend. Die gute Laune steckte an und es fehlte auch nicht an Humor. Oft wurden organisatorische Aufgaben spielerisch gelöst, sodass es keine langen bilateralen Gespräche brauchte. Man merkte, wie im Geschäft alles ineinander lief und ein guter Gruppengeist entstand.
Als ich Vorsteher einer Verwaltung wurde, war die Kaffeepause schon fest installiert. Ich entdeckte eine weitere Bedeutung des Arbeitsunterbruchs. Die oft oberflächlichen Gespräche hatten einen tieferen Sinn, der auch darin bestand, dass die Angestellten über den Chef befinden konnten. So bezeichnete ich die Kaffeepause gerne als die Leber meiner Abteilung. Die Leber sondert bekanntlich aus, was dem Körper schadet. Sie regelt den Stoffwechsel und entgiftet das Blut. Da die Abteilung selbst eine Art Körper mit Kopf, Herz und Hand war, konnte es nicht ausbleiben, dass auch über den Kopf des Chefs gesprochen wurde. Ich wusste oder ahnte es zumindest, was meine Angestellten über mich erzählten. Und da ich oft auch mit am Tisch sass, lernten sie auch mein Herz kennen. Nur meine Hand kannten sie nicht genau, ich aber wusste, was die ihre leistete. Ich konnte abschätzen, ob das Team harmonierte. Da meist eine aufgeräumte Stimmung herrschte, wusste ich, dass ich auf die Mannschaft bauen konnte, ohne dass ich «Kaffeesatz lesen» musste.