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Wer gehofft hatte, nach dem Terra-Luna-Debakel käme der Kryptomarkt etwas zur Ruhe, sieht sich getäuscht. Die auf Twitter gehässig ausgetragene Fehde zwischen Binance-Chef Changpeng Zhao (CZ) und FTX-Boss Sam Bankman-Fried (SBF) zeitigt überraschende Ereignisse und Ergebnisse: FTX als drittgrösste Kryptobörse crasht, Binance als weltweit grösste Kryptobörse frohlockt, SBF ist rund 90 Prozent seines Vermögens los und CZ hat einen Konkurrenten aus dem Markt gefegt.
Wie es kam
Die Geschichte vom FTX-Crash ist in den letzten Stunden und Tagen in zahlreichen Versionen und Einfärbungen erzählt worden. Deshalb greifen wir auf das pointierte Statement der Analystin Lyn Alden zurück, die den Niedergang von FTX in Kurzform auf Twitter zusammenfasst.
«Stellen Sie sich vor, McDonald's macht sein eigenes Geld, nennen wir es Clown-Bucks, behält das meiste und verkauft einen Teil davon auf dem Markt. McDonald's verwendet dann die verbleibenden Clown-Bucks als Sicherheit für Kredite. Und plötzlich erinnern sich die Leute: Clown-Bucks sind gar nicht echt. Dann kommt Starbucks, verkauft die Clown-Bucks, die sie gehalten haben, während sie den Markt daran erinnern, dass Clown-Bucks nicht wirklich eine reale Sache sind. Die Bilanz von McDonald's ist ruiniert, die Clown-Bucks sind ausgelöscht. Wie auch immer, das ist diese Woche im Krypto-Land passiert.»
Einige wesentliche Punkte dazu, als Ergänzung zu Lyns Zusammenfassung, ebenfalls in Kurzform gehalten.
Es begann mit einem Leak
Die Kugel ins Rollen gebracht hat am 2. November 2022 das Branchen-Portal "Coindesk" mit einem Bericht über Sam Bankman-Fried (SBF) und seine beiden Milliarden-Unternehmen FTX (Börse) und Alameda Research (Trading). Die komplexe und "schwierige" Finanzverbindung dieser beiden Unternehmen mit möglicherweise problematischen Absicherungen führte zu Diskussionen und Unsicherheiten im Markt. Binance-Chef Changpeng Zhao (CZ) inszenierte sich als Retter in der Not und verkündete, FTX übernehmen zu wollen. Nach der Überzeugung von Beobachtern war bereits dieses erste Kapitel der Geschichte Teil eines abgekarteten Plans zur Übernahme eines missliebigen Konkurrenten.
Im Folgenden hat Binance-Gründer CZ die Fehde mit SBF genutzt, um auf Twitter zuerst halbwegs subtil Zweifel am Konkurrenten FTX zu säen. In nächsten Phasen hat er dann etwas unverblümter die Vermutung platziert, die Kryptobörse FTX stünde vor dem Zusammenbruch und schliesslich mit der Ankündigung nachgedoppelt, die von CZ selbst gehaltene, von FTX geschaffene, Digitalwährung in grossem Umfang verkaufen zu wollen.
Ein Bank Run mit finalem Nachtreten
Erste aufgeschreckte Anleger sind dem Beispiel von CZ gefolgt, dem Sog haben sich weitere Hodler angeschlossen und in kurzer Zeit war der Bank Run perfekt. Diese Kurzbeschreibung hat einige ausgelassene Farben und Schattierungen, die kein besonders günstiges Licht auf den Gründer SBF werfen. Im Ergebnis jedoch ist der FTX Token innerhalb von einem Tag auf rund 10 Prozent seines bisherigen Wertes eingebrochen, FTX konnte streckenweise keine Auszahlungen mehr vornehmen, die Liquidität war im Keller. Der Gründer versucht nun, die dringend benötigten acht Milliarden bei Investoren zu beschaffen. Nach dem Zusammenbruch dürfte allerdings eine vollständige Pleite schwer zu umschiffen sein.
Die ursprüngliche Ankündigung von CZ, die "desolate" Börse übernehmen zu wollen, ging als Rettungsanker auch gleich auf Grund, als der Binance-Chef seinen Rückzieher mit folgender Bemerkung begleitet hat, wiederum öffentlich auf Twitter: «Zu Beginn hatten wir die Hoffnung, die Kunden von FTX bei der Bereitstellung von Liquidität unterstützen zu können. Aber die Probleme liegen ausserhalb unserer Kontrolle oder unserer Fähigkeit zu helfen.» Die Entscheidung basiere auf einer Due-Dilligence-Prüfung sowie auf dem Umstand, dass verschiedene US-Behörden gegen FTX ermitteln würden. War FTX zu diesem Zeitpiunkt noch nicht völlig am Boden, hat diese Message den Rest erledigt.
Ob diese Geschichte – abgelaufen wie ein Film in wenigen Tagen – als vorsätzliches Komplott oder als unvermeidbarer Zusammenbruch infolge "zu kreativer" Geschäftsführung betrachtet werden soll, ist nicht wirklich wesentlich, das Ergebnis bleibt dasselbe: eine der grossen Börsen liegt am Boden und zieht den Kryptomarkt mit.
Wer sind die Verlierer?
Neben einem Heer von Kleinanlegern, privaten Partnern und prominenten Sponsoren mit Millionen-Investments, gehören sicher die institutionellen Investoren zu den Verlierern, wie zum Beispiel Blackrock, Sequoia, Softbank, Coinbase und weitere, die FTX in mehreren Runden mit 1.8 Milliarden US-Dollar finanziert haben. FTX wurde Anfang Jahr noch mit 32 Milliarden Dollar bewertet, der grösste Teil davon dürfte sich inzwischen pulverisiert haben.
Stark betroffen ist die Kryptowährung Solana, Bankman-Frieds Alameda Research gehört zu deren Hauptinvestoren. Im Sog der Ereignisse ist der gesamte Kryptomarkt eingekellert. Das ist normal und erinnert an das Terra-Luna-Debakel. Kracht's in einer gewissen Grössenordnung an einem Punkt, wird der ganze Markt mitgerissen.
Natürlich gehört FTX-Gründer Sam Bankman-Fried selbst zu den Verlierern, er steht vor dem Scherbenhaufen seines Milliarden-Unternehmens. Ob er diesen Niedergang als Gründer und Nutzniesser der Krypto-Boom-Jahre durch Übermut, Selbstüberschatzung oder problematische Praktiken in der Geschäftsführung selber verschuldet hat, wird sich zeigen. Mit dazu beigetragen haben möglicherweise Dritte, in deren aufgestellte Fallen SBF reingetappt ist.
Sollte die Komplott-Theorie zutreffen, was zahlreiche Beobachter glauben, dann hätte ein raffiniert entwickelter Plan, diabolisch ausgeführt, zum gewünschen Resultat geführt: ein Aufsteiger und gefeierter Kryptostar, der in nur drei Jahren eine "gefährliche" Grösse erreicht hat, ist vom Platz gefegt worden.
So oder so: das Desaster ist angerichtet. Das scheint auch SBF so zu sehen, der auf Twitter Abbitte leistet:
I'm sorry. That's the biggest thing. I fucked up, and should have done better.
Der Krypto-Winter geht dadurch möglicherweise in die Verlängerung und der Frühling könnte noch etwas auf sich warten lassen. Für FTX sieht's düster aus, für den nach wie vor volativen Krypto- und DeFi-Markt mittelfristig allerdings nicht. In den letzten Monaten haben zahlreiche Entwicklungen, neue Player und Nachrichten den Boden des Kryptomarkes tendenziell gestärkt. Das bleibt so, für eine Weiile und einen verlängerten Krypto-Winter lang einfach auf tieferem Schock-Niveau.