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Studierende im dritten Bachelor-Jahr an der Biologischen und Medizinischen Fakultät der Universität Lausanne
Einleitung
Häusliche Gewalt – sei sie körperlich, verbal, psychisch, sexuell oder wirtschaftlich – ist ein Problem, bei dem die Opferrolle oftmals mit Frauen assoziiert wird. Dennoch waren im Jahr 2017 in der Schweiz 22% der Opfer Männer [1].
Die Lücken in der Fachliteratur und den Mangel an spezifischen Daten zu diesem Thema haben wir zum Anlass genommen, die Möglichkeiten zu untersuchen, die zur Betreuung männlicher Opfer von häuslicher Gewalt verfügbar sind, sowie ihre allfälligen Einschränkungen.
Methode
Grundlage unserer Studie sind elf teilstrukturierte Interviews, die wir nach einer Recherche in Fachartikeln und offiziellen Broschüren zusammenstellten. Wir sprachen dazu mit Vertreter/-innen von Einrichtungen und Organisationen, die an der Betreuung der Opfer von häuslicher Gewalt im Kanton Waadt beteiligt sind, etwa von der Stiftung Malley-Prairie, dem Centre LAVI, der Kantonspolizei, der Unité de médecine des violences (UMV/CHUV), dem Zentrum für psychiatrische Beratung «Les Boréales» (CHUV), dem Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (BGFM), dem Genfer Verein Pharos, sowie mit einer Soziologin, einem Psychologen und einer Staatsanwältin.
Ergebnisse
Jedes Opfer von häuslicher Gewalt kann sich an mehrere in einem Netzwerk organisierte Stellen wenden (Abb. 1), um eine komplette Betreuung durch eine individuelle Neuorientierung zu erhalten. Koordiniert wird das Netzwerk zur Gewaltbekämpfung und -prävention vom BGFM, das 2018 eine Broschüre herausgegeben hat, die sich speziell mit männlichen Gewaltopfern beschäftigt.
Aufgabe der Polizei ist es, die Aussagen für die Staatsanwaltschaft entgegenzunehmen, damit das Strafverfolgungsverfahren eingeleitet werden kann [2]; in 20 bis 30% dieser Rechtsfälle handelt es sich um männliche Opfer [3]. Dass der Anteil bei den übrigen Organisationen des Netzerks geringer ist, könnte darauf hindeuten, dass sich Männer nur zögerlich an die verfügbaren Unterstützungsinstanzen wenden, vor allem weil sie laut einer Studie der UMV eine Stigmatisierung fürchten [4]. Das Centre LAVI, dem die Polizei Informationen über den Fall übermittelt, stützt sich auf das Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten und bietet den Opfern juristische, finanzielle und psychologische Hilfe [5].
Die Notfallabteilungen der Spitäler sind angewiesen, die Betroffenen an die UMV zu überweisen, wo 12,5% der Opfer von häuslicher Gewalt Männer sind [4]. Dass dieser Anteil über jenem liegt, den andere Instanzen angeben (eher zwischen 5 und 10%), ist möglicherweise dadurch erklärbar, dass die medizinisch-juristische Konsultation geschlechtsunspezifisch und neutraler ist. Das Zentrum Malley-Prairie bietet seit dem Frühjahr 2018 Sprechstunden für Männer an (allerdings ohne die Möglichkeit einer Unterbringung) und verzeichnet lediglich eine geringe Zahl an Interessierten.
Das auf Misshandlung in der Familie spezialisierte Zentrum für psychiatrische Beratung «Les Boréales» (CHUV) bietet psychologische Unterstützung und paarspezifische Therapien an. Auch eine systemische Therapie in einer Privatpraxis kann dazu beitragen, die Kommunikation zwischen den Partnern zu verbessern. Auffallend ist, dass ungeachtet des bestehenden Bedarfs keine Selbsthilfegruppe speziell für Männer existiert.
Aus unserer Untersuchung geht zudem hervor, dass die Betreuung der Opfer von häuslicher Gewalt geschlechtsunspezifisch erfolgt, sowohl im Hinblick auf die Ausbildung als auch auf die Intervention der Netzwerkorganisationen. Trotzdem machen Männer wenig Gebrauch vom Netzwerk und nutzen lieber ihre persönlichen Ressourcen.
Diskussion
Wir konnten feststellen, dass sich die Betreuung männlicher Opfer nur wenig von jener unterscheidet, die Frauen angeboten wird, dass Männer aber die verfügbaren Ressourcen weniger in Anspruch nehmen. Ein mögliches Hindernis dafür, dass Männer auf Hilfsangebote zurückgreifen, ist die Stigmatisierung im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Stereotyp des «dominanten», «starken» Geschlechts. Wichtig wäre darum, die Fachleute in ihrer Haltung gegenüber männlichen Gewaltopfern zu sensibilisieren und die Bevölkerung verstärkt zu informieren, um die für die Betroffenen entscheidende Unterstützung der Angehörigen zu fördern.
Danksagung
Wir danken unserer Tutorin, Dr. Claudia Mazzocato, für ihre Unterstützung sowie allen an dieser Arbeit Beteiligten.
Credits
Kopfbild: Randy DuBurke
Korrespondenzadresse
Jacques Gaume
Responsable de recherche
Privat-docent
Service de médecine des addictions
Département de psychiatrie
Rue du Bugnon 23A
CH-1011 Lausanne
Jacques.Gaume[at]chuv.ch
Literatur
1 Bundesamt für Statistik [online]. Häusliche Gewalt [aufgerufen am 2. August 2019]. Verfügbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kriminalitaet-strafrecht/polizei/haeusliche-gewalt.html
2 LOVD, du 26 septembre 2017. Etat de Vaud [En ligne]. Disponible: https://www.vd.ch/fileadmin/user_upload/organisation/dec/befh/PUBLICATIONS_-_REFONTE/violence_domestique/LOVD_futur.pdf
3 Entretien avec Mme Hélène Rappaz, procureure du Ministère public central division affaires spéciales, 27 juin 2018.
4 Romain-Glassey N, De Puy J, Abt M. Les hommes victimes de violence de couple. REISO Revue d’information Social et Santé [En ligne]. 12 mai 2016 [cité le 3 août 2019]. Disponible: https://www.reiso.org/articles/themes/genre/439-les-hommes-victimes-de-violence-de-couple
5 Opferhilfegesetz (OHG) vom 23. März 2007 (Stand am 1. Januar 2019) (RS 312.5). Schweizerische Eidgenossenschaft [online]. [aufgerufen am 3. August 2019]. Verfügbar unter: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20041159/index.html
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