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<h2>SubmittedText<h2><p>Das Schweizer Gesundheitssystem gehört zu den besten und teuersten der Welt. Dennoch kommt es bei lebenswichtigen Medikamenten immer wieder zu Lieferengpässen. Häufig betroffen sind Kranke, die in besonderem Mass auf das richtige Medikament in der richtigen Dosis zur richtigen Zeit angewiesen sind. Die Corona-Ausbreitung hat die Medikamentenknappheit zusätzlich verschärft. Das Bundesamt für Gesundheit teilte mit, man nehme die Situation sehr ernst. Der Bund nutze alle Kanäle, um die nötigen Produkte zu beschaffen.</p><p>Die ohnehin schon seit Jahren zunehmend schwieriger werdende Medikamenten- und Wirkstoffversorgung durch Auslagerung der Produktion nach China und Indien kann sich durch neue Krankheiten oder veränderte Weltlagen dramatisch verschlechtern. Lieferengpässe oder gar Versorgungsschwierigkeiten gehören für Apotheker, Pharmahersteller und Händler insbesondere aber auch für Patienten, für Spitäler und für Ärzte leider zum Alltag. Berichte aus Ärztezeitungen machen ähnliche Ausführungen. Dies gefährdet Menschenleben.</p><p>1. Trifft es zu, dass durch die Auslagerung der Produktion von Wirkstoffen für Medikamente, vor allem nach China und Indien, und dadurch dass wichtige Stoffe teilweise nur an einzelnen Standorten hergestellt werden, eine gefährliche Abhängigkeit für die Schweiz besteht?</p><p>2. Wie viele Fälle sind für die Jahre 2018/2019/2020 bekannt? Bitte um Auflistung inkl. Nennung der Anzahl der betroffenen Medikamente.</p><p>3. Was waren die Gründe für diese Knappheiten? Und mit welchen Massnahmen haben BAG und Bundesrat darauf reagiert.</p><p>4. Mit welchen Massnahmen wird der Bundesrat die Produktion von lebenswichtigen Medikamenten wieder nach Europa oder in die Schweiz zurückholen? Wie kann die Schweiz als anerkannter Forschungs-Standort neu bzw. wieder auch bei der Herstellung im Pharmaziebereich wieder an Bedeutung gewinnen?</p><p>5. Billige Importe im Medikamentenbereich dürfen nicht zulasten der Gesundheit der Bevölkerung gehen, die hier in der Schweiz lebt. Wie kann die Schweizer Pharmaindustrie dazu bewegt werden, vermehrt innerhalb von Europa zu produzieren?</p><p>6. Könnte eine Meldepflicht über eine voraussichtlich mehr als 2 Wochen dauernde Nichtverfügbarkeit eines verschreibungspflichtigen Medikamentes als Frühwarnsystem die Lage entschärfen? </p><p>7. Könnte ein "vorübergehend der öffentlichen Gesundheit dienendes" und daher zulässiges Exportverbot für die betroffenen Arzneimittel helfen?</p><p>8. Sollen Hersteller-Zuschläge grundsätzlich auf mindestens zwei unterschiedliche Anbieter verteilt werden, von denen mindestens einer sowohl das Fertigarzneimittel als auch den darin enthaltenen Wirkstoff innerhalb der Schweiz herstellt bzw. herstellen lässt?</p><p>9. Trifft es zu, dass nicht nur Abhängigkeit vom Ausland, sondern Probleme, Unfälle und auch Rückrufe z. B. bei Verunreinigungen zum Ausfall gleich einer Vielzahl von Fertigarzneimitteln gleich einer Vielzahl von Zulassungsinhabern bzw. Pharmazeutischen Unternehmen führen kann?</p><p>10. Könnte die überfällige Zulassung von E-Rezepten und E-Apotheken die Knappheitssituation entschärfen, weil einfacher auf mehr Lagerbestände - insb. auch jene der E-Händler - zurückgegriffen werden kann?</p><p>11. Könnte eine deutliche Verminderung der verschreibungspflichtigen Arzneimittel (also mehr rezeptfrei erhältliche Wirkstoffe zugänglich machen) die Knappheitssituation entschärfen, weil so Patientinnen und Patienten einfacher und unbürokratischer selbst für Vorräte sorgen können?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1./4./5./6./7./8./9. Die Konzentration der Produktion von Wirkstoffen und Medikamenten auf wenige asiatische Standorte hat vorwiegend ökonomische Gründe, deren Ursachen bei der globalisierten Wertschöpfungskette bzw. der Spezialisierung der einzelnen Länder auf ihre wettbewerbsfähigen Tätigkeiten liegen. Daraus können Versorgungsschwierigkeiten resultieren, die nicht nur die Schweiz, sondern den weltweiten Medikamentenmarkt treffen. Wichtiger als die geografische Lage eines Standortes ist die Anzahl unabhängiger Anbieter, um im Falle von Störungen ausweichen zu können. Störungen der letzten Jahre fanden ihren Ursprung häufig auch in europäischen Standorten. In seiner Antwort auf die Interpellation 20.3212 Müller Damian "Medikamente, Impfstoffe und medizinische Güter - wie steht es um die Schweizer Versorgungssicherheit?" hat sich der Bundesrat ausführlich zur Frage der Sicherheit der Arzneimittelversorgung in normalen Zeiten geäussert. Darin hat er festgehalten, dass er auch weiterhin Handlungsbedarf sieht. Deshalb ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zusammen mit Swissmedic, dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung und der Armeeapotheke daran, einen Versorgungsbericht zu verfassen (vgl. Motion 20.3166 SGK-S "Erhöhung der Versorgungssicherheit bei Medikamenten und Impfstoffen" und Interpellation 20.3194 Schneeberger "Wie können die Rahmenbedingungen für Medikamente verbessert werden um die Versorgungssicherheit mit Medikamenten zu gewährleisten?" ) Dieser Bericht basiert auf einer Befragung der relevanten Akteure zu den Herausforderungen bei der Versorgung mit essentiellen Arzneimitteln und stellt die aktuelle Lage dar. Er soll im Herbst 2020 vorliegen und mögliche Stossrichtungen bei der Marktüberwachung, der Lagerhaltung und des Marktzugangs für die pharmazeutische Industrie aufzeigen. Dabei werden auch Massnahmen wie Meldeverpflichtungen, Exportverbote und Anreize für die Industrie untersucht. Weiter greift er die Frage einer Beschaffung und Herstellung essentieller Wirkstoffe und Arzneimittel durch den Bund sowie die Zusammenarbeit im Rahmen von internationalen Initiativen auf.</p><p>2./3. In der Schweiz sind die privaten Akteure dafür verantwortlich, dass die Versorgung mit Arzneimitteln in normalen Lagen sichergestellt ist. Auf staatlicher Ebene sind dies die Kantone. Der Bund ist lediglich für die Vorratshaltung in schweren wirtschaftlichen Mangellagen zuständig. Mit der Meldestelle für lebenswichtige Humanarzneimittel bei der Wirtschaftlichen Landesversorgung (WL) verfügt die Schweiz seit Herbst 2015 über ein aktuelles Monitoring der Versorgungslage von lebenswichtigen Arzneimitteln. Dieses Frühwarnsystem gibt der Wirtschaftlichen Landesversorgung die Möglichkeit bei Bedarf rasch die notwendigen Massnahmen und Empfehlungen zur Sicherstellung der Versorgung in die Wege zu leiten z.B. mit der Versorgung des Marktes aus Pflichtlagern.</p><p>Die Meldestelle weist in ihren Jahresberichten für die Jahre 2017 bis 2019 eine Zunahme der Versorgungsstörungen aus. Im Jahr 2017 wurden 72 Versorgungsstörungen bei 53 Medikamenten (44 Wirkstoffe) gemeldet (dabei kann ein Medikament mehrmals betroffen sein), 2018 waren es 104 Störungen bei 65 Medikamenten (50 Wirkstoffe) und 2019 184 Störungen bei 112 Medikamenten (78 Wirkstoffe). Betroffen waren in erster Linie Antiinfektiva, Impfstoffe und Krebsmedikamente. Vertriebsprobleme, Wirkstoffmangel und Produktionsunterbrechungen waren die am häufigsten genannten Ursachen für Lieferunterbrechungen. In mehreren Fällen wurden der Markt mit Ware aus Pflichtlagern versorgt.</p><p>10. Die Hauptursachen von Versorgungsengpässen bei Arzneimitteln sind vor allem am Anfang der Versorgungskette (bei der Herstellung oder beim Marktzugang) zu suchen. Bei vielen Wirkstoffen besteht produktionsseitig eine weltweite Minderversorgung (Wirkstoffmangel), welche mit weiterer Verteilung auf zusätzliche Lager nicht gelöst wird. Es ist daher fraglich, ob man die Versorgungslage wirksam und nachhaltig verbessern kann, indem man den Versandhandel liberalisiert und Massnahmen trifft, um den direkten Zugang zu Arzneimitteln für Patientinnen und Patienten zu vereinfachen. Die Erfahrungen der COVID-19-Pandemie haben gezeigt, dass die Feinverteilung durch öffentliche und Versandapotheken, Drogerien, Spitäler und Arztpraxen gut funktioniert hat. Sicherlich könnte eine Verbesserung der Arzneimittelvorräte durch verschiedene Akteure am Ende der Versorgungskette (z. B. Spitäler) dazu beitragen, Versorgungsengpässe vermehrt zu vermeiden. Diese Massnahme wird im Bericht geprüft, den das BAG derzeit ausarbeitet.</p><p>11. Der Bund hat in den letzten Jahren einiges getan, um den Patientinnen und Patienten den Zugang zu Arzneimitteln zu vereinfachen. So teilte Swissmedic 2019 im Rahmen der Umsetzung der ordentlichen Revision des Heilmittelgesetzes (HMG; SR 812.21) 536 Arzneimittel der früheren Kategorie C in die Kategorie D um. Das Risikoprofil eines Arzneimittels entscheidet darüber, ob es verschreibungspflichtig ist oder nicht. Sorgt man dafür, dass mehr Arzneimittel rezeptfrei erhältlich sind, beispielsweise indem sie aus der Verschreibungspflicht entlassen werden, könnte das zu einem unkontrollierten und gefährlichen Arzneimittelkonsum führen. Medikamentenmissbrauch, Überdosierung, Interaktionen mit anderen Medikamenten oder ernste Nebenwirkungen sind zu erwarten. Das würde sich negativ auf die Gesundheit der Patientinnen und Patienten sowie auf die damit verbundene Kostenentwicklung auswirken. Eine Mangelversorgung infolge verminderter Produktionskapazitäten und fehlenden Alternativen kann nicht nur über eine vereinfachte Zugänglichkeit zu Medikamenten gelöst werden. Vorzuziehen wären Anstrengungen in neue Produktionsstandorte, breiter abgestützte Angebotspaletten und einen Ausbau der Lagerhaltungen entlang der Wertschöpfungsketten.</p>  Antwort des Bundesrates.