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Während die Kameras mit immer besseren «Augen» ausgerüstet werden, die schneller und präziser fokussieren können, sind es oft die Unschärfen im Bild, die besonders attraktiv wirken oder die helfen, ein Motiv schön in Szene zu setzen. Die normale Unschärfe entsteht, weil die meisten Objektive kaum in der Lage sind, von vorn bis hinten alles scharf abzubilden. Der Schärfebereich wird fachsprachlich mit Schärfentiefe bezeichnet. Die Unschärfe im Bild wird Bokeh genannt (japanisch boke für unscharf, verschwommen). Die Schärfe und die Unschärfe gehen je nach Motiv fliessend ineinander über. Je offener die Blende ist (zum Beispiel f2.8), desto kleiner ist die Schärfentiefe. Je geschlossener die Blende (zum Beispiel f25), desto grösser ist der Bereich, der scharf abgebildet wird. Ein scharf abgebildetes Motiv wirkt vor einem völlig unscharfen Hintergrund klarer, es hebt sich darauf besonders gut ab. Viele Genres in der Fotografie leben geradezu von der Unschärfe. Hier nur zwei Beispiele aus der Makrofotografie und der Porträtfotografie, wo ich die Unschärfen vor und hinter dem Motiv inszeniert habe.
Unschärfe entsteht vor und hinter dem scharfen Motiv durch eine geöffnete Blende. Links habe ich Blende f3.2, rechts beim Porträt die Blende f2.8 verwendet. Je weiter der Vorder- oder Hintergrund vom scharfen Motiv entfernt ist, desto unschärfer wirds.
Bewegungsunschärfe bei «statischen» Motiven
Nach dieser einleitenden Erklärung zum Thema Unschärfe möchte ich mich der Bewegungsunschärfe zuwenden. Sie entsteht, wenn sich die Kamera und/oder das Motiv bewegt. Im einfacheren Fall hältst du die Kamera ruhig (oder auf einem Stativ) und das Motiv bewegt sich. Je nach Tempo der Bewegung musst du die Belichtungszeit anpassen. Bei einer kurzen Belichtungszeit (zum Beispiel 1/1000 Sekunde) wirst du Bewegungen einfrieren, bei einer längeren Belichtungszeit wird das bewegte Motiv zunehmend unscharf.
Im Beispiel unten habe ich die Mohnblume rechts im Bild angepustet und mit 1/20 Sek. belichtet. Die Blende war auf f25 eingestellt, um eine möglichst grosse Schärfentiefe über das ganze Bild zu erhalten. Bei geschlossener Blende ensteht ausserdem ein Sonnenstern, bei dem die Sonnenstrahlen sichtbar werden. Die Unschärfe ist also eine Bewegungsunschärfe. Gleiche Effekte entstehen, wenn du bewegte Blumen im Wind fotografierst.
St.-Blasius-Kappelle, Alberswil LU. Die Bewegungsunschärfe rechts im Bild entstand mit einer Belichtungszeit von 1/20 Sekunde.
Diese Wischaufname habe ich mit 1/3 Sekunde fotografiert und die Kamera während der Aufnahme leicht nach oben gezogen. Versuche, Blumen einmal auf diese Art zu fotografieren und probiere verschiedene Belichtungszeiten aus. Es entstehen zufällige Wischeffekte. Wähle Motive aus, die einen grossen Kontrast zum Hintergrund aufweisen (Farbkontrast oder Hell-Dunkel-Kontrast.
Den gleichen Wischeffekt habe ich im vom Bärlauch bedeckten Waldboden im Sihlwald ZH angewendet. Die Belichtungszeit ist hier 1 Sekunde. Ich habe dabei die Kamera einen Moment lang stillgehalten, um eine gewisse Schärfe ins Bild zu kriegen, erst nach einer halben Sekunde habe ich die Kamera sanft nach oben gezogen.
Wischaufnahmen sind relativ einfach und brauchen keine grosse Übung. Du brauchst dafür nur die Verschlusszeit so lange einzustellen, dass die Unschärfe während des Kameraschwenks sichtbar wird.
Wischaufnahmen mit dem Zoomobjektiv
Wenn du über ein Zoomobjektiv verfügst, kannst du auch einmal während einer langen Aufnahme am Zoomring drehen. Die Unschärfe entsteht dann zentral von der Mitte aus gegen aussen.
Auf dem Stanserhorn am frühen Morgen mit Sicht auf Stans und den Vierwaldstättersee, noch vor dem Sonnenaufgang. Im Bild rechts habe ich während der Aufnahme am Zoomring gedreht. Die Kamera stand auf dem Stativ, die Verschlusszeit war 6 Sekunden. Es entsteht der Eindruck von Sonnenstrahlen.
Auf dem Stanserhorn mit Blick auf den Vierwaldstättersee um 1.45 Uhr. 6400 ISO und eine Verschlusszeit von 1,3 Sekunde, Zoom 24–70 mm .Während der Aufnahme habe ich ganz leicht am Zoomring gedreht.
Bewegungsunschärfen bei bewegten Objekten
Die anspruchsvollste Disziplin sind Aufnahmen, bei denen bewegte Motive scharf abgelichtet sind, während der Hintergrund in der Unschärfe verschwimmt. Dabei stelle ich mich an einem Weg oder einer Strasse auf, und lasse die fahrenden Motive an mir vorüberziehen. Ich fokussiere auf die Motive und ziehe während der Aufnahmedauer die Kamera mit dem Motiv mit. Bei langsamen Motiven wie Fahrrädern oder Fussgängern probiere ichs mit 1/20 bis 1/60 Sekunde aus. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die langsame Verschlusszeit bei Bewegungen keine Schärfe erzeugt. Das funktioniert nur durch Ausprobieren und ein wenig Erfahrung. Bei den meisten Aufnahmen wird sowohl das Motiv als auch der Hintergrund verschwommen abgebildet sein. Aber selbst solche Wischbilder können durchaus attraktiv sein, sofern man nicht zur Gilde der Schärfefetischisten gehört. Als Blende bevorzuge ich mittlere Blenden um etwa f8, und die Verschlusszeit hängt vom verwendeten Objektiv und der Geschwindigkeit des Objektes ab. Bei Autos oder Zügen kann die Verschlusszeit auch kürzer sein als 1/30 Sekunde. Die ideale Verschlusszeit finde ich jeweils durch Ausprobieren heraus. Es gilt die Devise: Halte die Verschlusszeit zu kurz wie möglich, um die Schärfe des fahrenden Motivs hinzubekommen. Ob der Hintergrund etwas mehr oder weniger verwischt ist, spielt für die Bildaussage keine so grosse Rolle. Ich fotografiere bei einer Bewegungsunschärfe mit der Blendenautomatik: Ich stelle die Verschlusszeit fix ein, die Blende ändert sich je nach Lichtsituation. Im andern Fall wähle ich Verschlusszeit und Blende vor, der ISO-Wert wird dann automatisch durch die Kamera ermittelt (Empfehlung: Bereich von 100–1000 ISO)
Ich benütze für diese Aufnahmen ein Normalobjektiv oder ein Weitwinkel in den Bereichen 24 bis 35 mm. Das Motiv soll möglichst ganz abgebildet werden, zuschneiden geht immer, ansetzen nie. Für alle, die jeweils die Füsse auf jedem Personenbild für wichtig halten: Sie sind wenig bildrelevant. Bei Mitziehbewegungen richte ich die Aufmerksamkeit lieber auf den Kopf statt auf die Pedalen. Auch wenn dann schon mal die Füsse abgeschnitten werden.
Je grösser die Brennweite, desto schwieriger werden genaue Schwenks mit der Kamera. Meine persönliche Grenze für gelungene Aufnahmen ist das 35-mm-Objektiv. Je näher du am bewegten Objekt bist, desto besser ist die Bewegungskontrolle. Ich fotografiere übriges beim Mitziehen immer durch den Sucher und nie durch das Display. Ich kann so die Kamera feinmotorisch besser führen.
Der Hintergrund ist ebenfalls wichtig – ein blauer Himmel oder eine eintönige Betonmauer sind ungünstig. Wähle deshalb für deinen Standort einen Hintergrund der vom Hell-Dunkel-Kontrast lebt. Ein lichter Wald ist ein Beispiel, wo das Licht-Schatten-Spiel zu effektvollen Wischeffekten führt. Ich bevorzuge aus diesem Grund auch Gegenlicht, weil bei diesem Licht der Kontrast im Hintergrund besser zur Geltung kommt. Sehen wir uns einmal an, was auf einer Veloroute im Napfgebiet und im Emmental so alles passiert ...
Als Beispiel zeige ich hier einen Waldhintergrund, der vom Hell-Dunkel-Kontrast lebt. Das Bild habe ich mit 1/80 Sek. belichtet, leider hat die Kamera hier nicht aufs Motiv fokussiert, sondern auf den Hintergrund. Meine Distanz mit dem 35er-Objektiv zur Person beträgt etwa zwei Meter. Die Geschwindigkeit ist moderat. Solche Ausschussaufnahmen sind ganz normal.
Das Fotografieren von Fahrrad aus ist nur zu empfehlen, wenn die Sicherheit nicht gefährdet ist. Die neue Kamera- und Objektivgeneration mit 5-fach-Bildstabilisator ermöglichen auch bewegte und spontane Momente. Hier mit dem 35er-Objektiv, 1/250 Sek, 800 ISO, Blende f11. Auflösung und Schärfe sind so gut, dass man den flying photographer in der Sonnenbrille gespiegelt sieht.
Dieses Foto entstand mit 1/250 Sek., Blende f22 und 800 ISO. Der Mitzieheffekt manifestiert sich an der leichten Bewegungsunschärfe im Hintergrund, während das Bike relativ scharf abgebildet ist. Die Bewegungsunschärfe ist an den Bildrändern grösser als in der Bildmitte. Eine Unschärfe im Himmel verliert sich, sie ist dort kaum wahrnehmbar.
Die Belichtungszeit beträgt 1/25 Sek., 35 mm, Blende f22. Die Geschwindigkeit des Rades ist geschätzt 20 km/h. Trotz der leichten Bewegungsunschärfe des Fahrers ist die grosse Hintergrundunschärfe ein wesentlicher Gestaltungsfaktor.
Bei diesem Foto wird deutlich, dass die Bewegungsunschärfe im Zentrum am geringsten und am Rand am grössten ist. In der Bildmitte ist übrigens der Hintergrund dunkel, was im Gegenlicht zu besonders plastischen Ergebnissen führt.
Waldstrassen sind immer schmal, deshalb suche ich mir Kreuzungsstellen, Kurven oder Ausbuchtungen aus, die eine grössere Distanz zum Velo erlauben. Mit dem 35-mm-Objektiv bin ich oft zu nah dran, weshalb dann auch mal die Füsse oder der Kopf angeschnitten werden. Beim fahrenden Motiv ist der präzise Bildausschnitt nicht ganz einfach – wenn du mit einem Weitwinkel operierst, bist du auf der sicheren Seite.
Ich benütze ausserdem die Serienbildfunktion, die bei meiner Canon EOS R5 zwölf bis zwanzig Bilder pro Sekunde auf die Karte schreibt. Ich erlebe in der Praxis jedoch Phänomene, die ich mir noch nicht so richtig erklären kann. Folgende Bildserie entstand mit einer Verschlusszeit von 1/15 Sekunde, Autofokus auf Nachführung (Servo), Blende f11. Die Fotos der laufenden Serie zeigen eine unterschiedliche Schärfe: einmal liegt die Fahrerin in der Unschärfe, einmal ist sie scharf abgebildet, einmal ist das Vorderrad scharf, einmal das Hinterrad.
Innerhalb einer Bildserie, die mit Serienbildfunktion und Schärfenachführung aufgenommen wurde, liegen die Bildschärfen unregelmässig. Selbst bei dieser Auflösung ist das Phänomen bei den Rädern gut sichtbar.
Auch hier wird innerhalb der Bildserie ein Unschärfeproblem sichtbar.
Um das Problem zu erkennen, bin ich der Frage nachgegangen, warum das so ist. Ich habe darauf ganz unterschiedliche Lösungsansätze bekommen:
1. Rolling-Shutter-Effekt. Den Effekt zu erklären, würde den Rahmen hier sprengen, Interessierte sehen sich dazu diverse Tutorials auf Youtube an. Ich habe jedoch noch keine solchen Phänomene entdeckt, der Rolling-Shutter-Effekt sieht ganz anders aus.
2. Mechanischen statt elektronischen Verschluss verwenden. Bei spiegellosen Systemkameras kann die Verschlussart eingestellt werden. Der rein elektronische Verschluss macht bis zu 20 Bilder/Sek., der mechanische Verschluss bis 12 Bilder/Sek. Die Geschwindigkeit hängt aber von verschiedenen Faktoren ab und kann nicht präzise gewählt werden. Bei einer Geschwindigkeit von 20 Bilder/Sek. und einer Verschlusszeit von 1/15 geht etwas nicht auf ...
3. Nicht im vollen Format fotografieren. Meine 45 Megapixelkamera erzeugt eine Datenmenge von 12 mal 45 Megapixel in einer Sekunde. Immerhin müssen so 540 Millionen Pixel in einer Sekunde bewältigt werden! Vielleicht hats mit der Schreib- und Lesegeschwindigkeit zu tun?
4. Das Puffern mit einer schnellen Karte erhöhen. Das Problem hat eventuell mit dem Zwischenpuffern von der Kamera auf die Karte zu tun. Ich verwende jedoch die schnellen CFExpress-Karten … Daran kanns kaum liegen.
5. Stabilisator des Objektives ausschalten. Der Bildstabilisator ist in der Lage, kleine unbeabsichtigte Verwackelungen der Kamera auszugleichen. Bei Wischaufnahmen ist die Kamerabewegung beabsichtigt, demzufolge müsse der Bildstabilisator ausgeschaltet sein. Für mich ist dies die plausibelste Erklärung.
Die präzise Antworte habe ich noch nicht gefunden, vielleicht weiss jemand aus dem Kreis der Leserinnen und Leser Bescheid? Sicher ist, dass die hohe Intelligenz heutiger Kameras nicht unbedingt dazu führt, dass Aufnahmen einfacher zu bewältigen sind. Im Gegenteil: Ich muss mich mehr mit der Technik und den Kamerafunktionen befassen denn je. Das Phänomen der Bewegungsunschärfe ist zuweilen ja auch amüsant, wenngleich die Aufnahmen so nie geplant waren ...
Zum Schluss noch ein paar Eindrücke mit Bewegungsunschärfe, die einen speziellen Reiz ausüben.
Kartbahn Spreitenbach. ¼ Sekunde Belichtung, während der Aufnahme habe ich zusätzlich am Zoomring gedreht.
Motocross in Wohlen. Mit einer Spiegelreflexkamera aufgenommen, 35 mm, ISO 100, Blende f6.3, 1/60 Sekunde, mitgezogene Kamera. Auch hier liegt die Schärfe in verschiedenen Zonen anders.
Eine Collage aus drei verschiedenen Bildern können relativ einfach auch als Grusskarten bestellt werden. Hier gehört die zunehmende Bewegungsunschärfe und das Hinausfahren aus dem Format zum Gestaltungsspiel.