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Erschienen 2012 im Wallstein-Verlag.
Johann Heinrich Merck (1741-1791) ist eine jener Gestalten, die heute fast nur noch dem Germanisten bekannt sind. Und wie bei der Göchhausen, ist es Goethes Licht, das auch Merck vor dem kompletten Absinken in die Schattenwelt bewahrte. Merck war der vielleicht am meisten gleichberechtigte unter den Freunden Goethes vor dessen Italienreise; er war es auch, der Goethes naturwissenschaftliche Interessen schätzte und teilte. Merck hat den Ruf eines ausgezeichneten (Literatur-)Kritikers und Essayisten. Vielleicht hätte er deshalb sogar aus eigener Kraft literarisch überleben können, wenn – ja wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre.
Mercks Werk nämlich besteht vorwiegend aus relativ kurzen Kritiken und Essays. Da im ausgehenden 18. Jahrhundert in Deutschland solche Kritiken anonym zu erscheinen pflegten, sind viele von Mercks Erzeugnissen nicht mehr identifizierbar. Oft fehlen Handschriften, und eine Stilkritik hat immer etwas Missliches und geht auch gern in die Irre. Umso verdankenswerter ist es, dass der Wallstein-Verlag sich Mercks Werk annimmt. Bescheiden hat die Herausgeberin, Ulrike Leuschner, den Titel „Gesammelte Werke“ gewählt, weil eine Vollständigkeit, die die Wortwahl „sämtliche“ gerechtfertigt hätte, aus oben genannten Gründen nicht zu erzielen ist.
Der hier vorliegende Band 1 umfasst die Zeit von 1760 bis 1775. Mercks Juvenilia, sozusagen. Da die einzelnen Texte chronologisch angeordnet sind, kann der Leser Mercks Entwicklung gut nachvollziehen. Vom Studenten 1760, der einige Diskussionsbeiträge (d.i. kurze Vorträge) in der Deutschen Gesellschaft zu Erlangen hält (und die kein bemerkenswertes Genie leuchten liessen) über den ersten ernst zu nehmenden Text, einem Kurzen Überblick über die Geschichte der Malerei (von einem grossen Wissen zeugend und mit ersten Ansätzen von eigenem Urteil) von 1768, spannt sich der Bogen zu Fabeln und Erzählungen im Folgejahr, 1769. Merck hat seine Fabeln in Versform (inkl. Reimen) abgeliefert, was denn auch ihre Schwäche ist. Denn bei manchen wäre die Pointe so übel nicht, manche könnten durchaus den Fabeln Lessings an die Seite gestellt werden – wenn eben die Versifizierung nicht eine unnötige Langatmigkeit hervorbringen würde. 17771/72 wird Merck weiter dichten – im Stile Klopstocks bzw. Ossians. Merck ist zu dieser Zeit Teil, ja Mittelpunkt, des sog. Darmstädter Kreises der Empfindsamen. Herder und Goethe sind ebenso feste Teile des Kreises wie Herders spätere Verlobte und Frau, Caroline Flachsland; andere, so Friedrich Gottlieb Klopstock, Christoph Martin Wieland, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Sophie von La Roche, die Brüder Friedrich Heinrich und Johann Georg Jacobi, Johann Caspar Lavater und die künstlerisch interessierte Caroline Landgräfin von Hessen-Darmstadt, sind befreundete Beiträger. Der Freundschaftskult des Rokoko fand hier einen Ausklang, das Interesse für fremde (v.a. die englische) Literatur, das den Sturm und Drang prägte, nahm hier seinen Anfang.
Doch mit den Bardieten von 1771/72 hat Mercks dichterische Tätigkeit ein Ende, er mutiert nun zum Kritiker. Eine Rezension von 1774 zu Herders Aeltester Urkunde des Menschengeschlechts blieb liegen, da sich nach der Heirat das vorher freundschaftliche Verhältnis zu Herder (Merck war massgeblich daran beteiligt, dass Herder und Caroline Flachsland überhaupt zueinander fanden!) beträchtlich abkühlte, wobei die Schuld daran – einmal mehr – wohl Herders misanthropisches Wesen zu tragen hat. Merck reiste zu der Zeit auch im Auftrag des Darmstädter Hofs nach Russland, so dass seine literarische Tätigkeit vorübergehend praktisch zum Erliegen kam. So nimmt seine kritische Fabrik die Tätigkeit erst 1775 so richtig auf. Zu den kritisierten Werken gehören Lavaters Physiognomische Fragmente ebenso wie Goethes Leiden des jungen Werthers oder Jacobis Freuden des jungen Werther. Lavaters Physiognomik gegenüber ist er misstrauisch (auch wenn ihn der Zürcher als Beiträger aufführt – Lavater hat nämlich aus Mercks Briefen ihm passend erscheinende Teile exzerpiert …). Die Leiden fand er etwas allzu gefühlvoll – hier sieht man schon, wie Merck sich langsam vom allzu Empfindsamen wegbewegt. Jacobis Freuden aber fand er im Grunde seines Herzens wohl überflüssig und versucht in seiner Kritik im Sinne einer Schadensbegrenzung, Jacobis Werk nicht als Parodie von Goethes Bestseller sondern als Warnschuss vor den Bug allzu eifriger Fans und Nachahmer darzustellen – sprich: als Warnung vor dem Selbstmord, der ja angeblich nach dem Erscheinen des Original-Werther nachgerade Mode geworden sein soll.
Waren zunächst die Frankfurter Gelehrten Anzeigen das Hauptpublikationsorgan für Mercks Kritiken, so wurde es – mit dem De-Facto-Ausscheiden Friedrich Heinrich Jacobis aus dem Teutschen Merkur dann zusehendes diese aufklärerisch orientierte Zeitschrift Wielands. (Denn auch mit Jacobi, der eine nicht ganz so enthusiastische Kritik Mercks an einem Erzeugnis seines Bruders Johann Georg nicht so recht goutierte, war das Verhältnis gespannt zu jener Zeit.) Neben der zeitgenössischen deutschen Literatur rezensierte Merck auch viel Englisches. etwas Französisches, sogar wenig Dänisches. Der Begriff „Weltliteratur“ bereitete sich vor …
Zur Ausgabe: Wie bei Wallstein nicht anders zu erwarten, haben wir eine schöne Ausgabe vor uns. Leinen mit Fadenheftung, angenehmes Papier. Einige Faksimiles von Mercks Handschrift. Auch die kritische Edition ist gelungen. Ulrike Leuscher gelingt es, eine gute und lesbare Ausgabe zu gestalten, ohne den Leser mit ständigen Anmerkungen zu nerven. Diese Anmerkungen sind dem Anhang vorbehalten, der dann allerdings wiederum mehr als die Hälfte der 600+ Seiten in Anspruch nimmt. Dabei gehen der textkritische und der im eigentlichen Sinne Wort- und Sacherklärungen enthaltende Teil Hand in Hand, womit also jedes Werk, jede Rezension, einen eigenen Anmerkungsblock erhält. Auch diese Lösung gefällt mir. (Weniger gefallen hat mir – vor allem in den Anmerkungen zu den Fabeln -, dass man beim Leser einer Werkausgabe eines relativ unbekannten Autors des ausgehenden 18. Jahrhunderts so wenig Sachkenntnis voraussetzt, und deshalb meint, ihm nicht nur erklären zu müssen, wer denn nun Philomele war, oder Sokrates, oder was denn nun ein Hagestolz sei – man (’scuse my French) entblödet sich auch nicht, bei Zeus anzumerken: „Zeus; griech. Name des Jupiter, der höchste der olympischen Götter.“ (S. 362) Und das ist dann nicht etwa der Beginn einer längeren Anmerkung – das ist die ganze Anmerkung …)
Ansonsten gibt es nichts zu bemängeln. Die Ausgabe ist informativ und eigentlich ein Must für jeden, der sich mit der Goethe-Zeit etwas ausführlicher beschäftigen will.