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Die Aufzeichnungen von Lin-chi (jap.Rinzai) (The Record of Lin-chi )
Aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Meister Sokei-an
Auszüge übersetzt und zusammengestellt von Agetsu Wydler Haduch
- Vorbemerkungen von A. Wydler Haduch
- Sokei-an‘s Einführung aus dem Jahr 1942
- Echtes Verstehen
- Der natürliche Geist
- Die Grundlage des natürlichen Geistes
- Meister in jeder Situation
- Glaube an sich selbst
- Sich nicht irreführen lassen
- Wahre Unabhängigkeit
- Bekleidungen des Geistes
- Alles aufgeben
- Lebt wohl
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Vorbemerkungen von A. Wydler Haduch
Die Aufzeichnungen von Lin-chi – Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übersetzte der jap. Zen-Meister Shigetsu Sokei-an (1882-1945) in New York den Zen-Text namens The Record of Lin-chi aus dem Chinesischen und übermittelte dessen Inhalt in seinen Teishos (Zen-Vorträgen) an seine Schülerschar. Heutzutage ist Lin-chi (gest. 866) vielen Kreisen unter dem Namen Rinzai bekannt, da eine der noch heute aktiven Hauptschulen des Zen nach ihm benannt ist. Doch Lin-chi lebte lange bevor die chinesische Zen-Schule so benannt wurde, weshalb Sokei-an den Namen Lin-chi beibehielt. Die Aufzeichnungen von Lin-chi (EN: Original Nature) gilt als eines der grundlegenden Werke der Zen-Überlieferung.
Sokei-ans Präsentation fiel in eine Zeit, in der Zen im Westen noch fast ganz unbekannt war. Mary Farkas (1911-1992) und ihr Mitarbeiter Robert Lopez vom First Zen Institute of America (FIZ) haben die von den Zuhörern mitgeschriebenen Vorträge nach Sokei-ans Tod gesammelt und zu einem Manuskript verarbeitet. Dieses Manuskript wurde mir vom FIZ für die Übersetzung zur Verfügung gestellt.
Das Buch Die Aufzeichnungen von Lin-chi (The record of Lin-chi) umfasst drei Hauptteile:
1. Teil: Ansprachen und Abhandlungen von Lin-chi
2. Teil: Prüfungsgespräch zwischen Lin-chi und seinen Schülern
3. Teil: Bericht von Lin-chis Pilgerreise
Die auf dieser-Website publizierten Kommentare von Sokei-an stammen aus dem 1. Teil. Ich habe mir erlaubt, eine Gliederung in zehn Kapitel vorzunehmen und jedes Kapitel mit einem mir passenden Titel zu versehen.
Die Struktur der Texte erfolgt nach folgendem Muster und Schriftbild:
1. Die von Sokei-an vorgetragenen und zu kommentierenden Textabschnitte werden in Schrägschrift und eingerückt dargestellt.
2. Auf jeden Abschnitt folgt der Kommentar von Sokei-an in Normalschrift.
3. Die im Kommentar angeführten Zitate aus dem vorgelesenen Abschnitt werden durch Fettdruck und Schrägschrift hervorgehoben.
Sokei-an‘s Einführung aus dem Jahr 1942
Dies ist das erste Mal, dass die Worte von Lin-chi in die englische Sprache übersetzt werden. Bisher gab es diese Aufzeichnungen nur auf Chinesisch. Sie stammen von Lin-chis Schüler San-sheng Hui-jan (jap. Enen Sanshō). Der englische Titel lautet The Record of Lin-chi (chin. Lin-chi Lu, jap. Rinzai Roku).
Während der Tang-Dynastie (618-907) verbreitete sich der Zen-Buddhismus in ganz China. Dort entwickelten sich fünf Schulrichtungen. Der Zen-Meister Lin-chi I-hsuan (jap. Rinzai Gigen, gest. 866 od. 867) gründete eine davon. Seine Schule unterschied sich von den anderen durch ihre radikale Befreiung aus den strikten weltanschaulichen und religiösen Bindungen seiner Zeit. Sie propagierte eine neue Sichtweise des Buddhismus basierend auf der Wirklichkeitserfahrung mitten in einem geistig freien und offenen Lebensraum. Die chinesische Mentalität war, geprägt von den zahlreichen Kriegen jener Epoche, stark und kämpferisch.
Dementsprechend war auch der Ausdruck des Zen derb und direkt. Lin-chi wurde berühmt für seinen energischen Schrei, mit dem er auf viele Fragen oder Geschehnisse antwortete. Der energische und direkte Ausdruck ist das unsterbliche Wesen des Rinzai-Zen. Es gibt keinen Grund, beleidigt zu sein, wenn man auf einen solchen Ausdruck trifft. Er ist völlig ohne persönliche Emotionen. Er ist schlicht und einfach Ausdruck der Totalität und Vitalität des absoluten Seins.
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Der Zen-Buddhismus gründet in der Meditation. Es werden keine Gebete an einen Gott gerichtet. Meditation ist unser Gebet. Wir Anhänger des Zen erkennen die „allmächtige Kraft“ in dieser gegenwärtigen Existenz, in allem Sein, in allen Lebenserscheinungen, die wir beobachten und fühlen in Zeit und Raum. Diese Wirklichkeit, der wir alle Farben, alle Geräusche und alle Formen verdanken, verstehen wir als die absolute Wirklichkeit. Unser Zen-Glaube gründet in dieser Wirklichkeit. Wir haben viele Namen dafür.
Philosophisch gesprochen ist das Wesen der absoluten Wirklichkeit „Leere“; aber wenn wir es direkt spüren als das absolute Sein, dann ist unser ganzes lebendiges Wesen in der Leere enthalten. Wenn wir unsere Hand bewegen, geschieht es mit der universalen Kraft; wenn wir brüllen oder schreien, ist es die Stimme des lebendigen, absoluten Wesens. Kurz: Alles, was wir sind, ist für uns die Wirklichkeit.
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Der Meister sagt: „Heutzutage ist es wichtig, dass alle, die Buddhas Dharma verwirklichen wollen, sich um echtes Verstehen bemühen. Wenn echtes Verstehen vorhanden ist, kann einem Leben und Tod nichts mehr anhaben. Man kann frei kommen und gehen. Es ist nicht nötig, nach dem Grossartigen, Wunderbaren zu suchen. Das, was grossartig und wunderbar ist, kommt von selbst. Die alten Meister hatten ihre eigenen Methoden, anderen Menschen zur Befreiung zu verhelfen. Was ich euch klar machen will: Lasst euch nicht von Anderen verwirren! Wenn ihr handeln wollt, dann handelt. Zögert nicht
Im nächsten Abschnitt benutzt Lin-chi die buddhistische Theorie des dreieinigen Körpers von Buddha (Skr. Trikāya), um das Wesen des menschlichen Geistes zu erklären. „Kaya“ bedeutet auf Sanskrit „Körper“. Die sog. drei Körper Buddhas heissen Dharmakāya, Sambhogakāya, Nirmānakāya. Lin-chi betrachtet diese Theorie jedoch kritisch vom Zen-Standpunkt aus. Er betont, dass es sich nicht um Körper handelt, die irgendwo weit weg im Jenseits existieren. Es sind drei Aspekte unseres eigenen fundamentalen Bewusstseins. Es steckt keine Metaphysik dahinter; man kann dies ohne weiteres beweisen. Der dreieinige Körper Buddhas sind wir selbst. Alle Menschen haben die dreieinige Buddha-Natur, ob sie es wissen oder nicht.
Im systematisch gelehrten Buddhismus wird der Schüler mit Absicht in philosophische Auseinandersetzungen verwickelt, damit er nach und nach zum echten Verstehen gelangt. Dabei ist das von Buddha im Achtfachen Pfad zur Erlösung vom Leiden gelehrte Bemühen um rechte Sicht ein zentrales Prinzip. Im Zen benutzen wir dieses Mittel der theoretischen Diskussion kaum. Wir sitzen stattdessen in Meditation und schauen alles, was vor sich geht, direkt an. Dabei richten wir uns Augenmerk auf drei Dinge:
Der Meister wandte sich an die Zuhörer und sagte: „Liebe Weggefährten, das Buddha Dharma erfordert überhaupt keine künstliche Anstrengung. Es gibt nichts weiter zu tun, als sich selbst zu sein, so wie man ist. Pinkeln, koten, Kleider anziehen, essen und sich hinlegen, wenn man müde ist. Die Ignoranten lachen mich aus, aber die Weisen verstehen. Die Alten sagten: ‚Wer Wege und Methoden ersinnt, um mit der Aussenwelt zurechtzukommen, ist ein eigensinniger Narr.‘“
Der Meister wandte sich mit folgenden Worten an die Zuhörerschaft: „Jeder Mensch sollte an sich selbst glauben. Sucht nichts aussen (in den Schriften). Wenn ihr aussen sucht, sammelt ihr bloss wertloses Zeug an und könnt das Wahre nicht vom Falschen unterscheiden. Buddhas und Patriarchen existieren nur in Form von geschriebenen Worten. Entschlossene Menschen vergeuden ihre Tage nicht mit nutzlosen Diskussionen über Autoritäten und Kriminelle, richtig und falsch, Zügellosigkeit und Reichtum.“
Jemand fragte: „Was bedeutet die Aussage, es gebe keinen Unterschied zwischen dem sogenannten kleinen Geist (mind) und dem sogenannten grossen Geist (Mind)?“ Der Meister antwortete: „Im Moment, wo du diese Frage stellst, machst Du eine Unterscheidung; damit ist die Aktivität deines Geistes getrennt von seiner Essenz. Brüder auf dem Weg, lasst euch nicht irreführen. Kein einziges Ding in dieser oder der transzendenten Welt hat ein eigenes Wesen oder sonst eine eigenständige Natur. Die Dinge bestehen nur aus leeren Namen, und selbst der Begriff ‚leer‘ ist leer.
„Brüder auf dem Weg, wer sich befreien will von den weltlichen Angelegenheiten muss den Weg erforschen. Ich, zum Beispiel, habe früher intensiv die buddhistischen Verhaltensregeln (Vinaya) studiert und tauchte tief in die Schriften (Sutras und Shastras) ein. Später erkannte ich, dass all dies bloss Rezepte gegen die weltlichen Sorgen waren und lauter wortreiche Darlegungen von Theorien. Ich gab sie alle auf und machte mich auf die Suche nach dem Weg. So begann ich mit Meditation. Noch später begegnete ich grossen Lehrern. Schliesslich wurde mein Dharma-Auge klar, so dass ich alle alten Lehrer unter dem Himmel verstehen und das Falsche vom Wahren unterscheiden konnte. Diese Verstehen hatte ich nicht, als ich von meiner Mutter geboren wurde. Aber nach einer Zeit grosser Selbstdisziplin und intensiver Selbsterforschung erkannte ich plötzlich klar und deutlich, wer ich bin.“
„Ehrenwerte Brüder, mein Buddha-Dharma wurde ununterbrochen weitergegeben. Die Meister Ma-yu (jap. Mayoku), Tan-hsia (jap. Tanka), Matsu Tao-i, (jap. Baso Doitsu) Lu-shan (jap. Rosan), Shih-kung (jap. Sekkyo) trugen in einer direkten Übertragungslinie zu seiner Verbreitung in der Welt bei. Doch kaum jemand glaubt daran und viele schmähen es.
Liebe Weggefährten, weder in dieser Welt noch in der transzendentalen Welt gibt es einen Buddha oder ein Dharma; sie verhüllen oder offenbaren sich auch nicht. Selbst wenn es solche Dinge gäbe, sie wären nichts als Worte und Namen, die man als Hilfsmittel für kleine Kinder oder als Medizin gegen Krankheiten benutzt. Mehr noch: Worte und Sätze haben in sich selbst keine Bedeutung; es ist das Eine Helle und Klare in euch selbst, das sieht und hört und alles beleuchtet, das die Worte und Namen schafft.“
„Liebe Weggefährten, irrt euch nicht. Es kümmert mich nicht, ob ihr die Sutras und anderen Texte kennt. Es ist mir egal, ob ihr König oder Minister seid. Es interessiert mich nicht, ob ihr euch flüssig ausdrücken könnt, scharfsinnig und intelligent seid. Ich will bloss, dass ihr wahre Einsicht…