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Reisen
Deutschland umrundet und nicht mittendrin
"Luxus ist Stille, Raum, Zeit" (CD 1, Spur 5). Diesen Luxus gönnt sich Wolfgang Büscher im Herbst und Winter des Jahres 2004 auf seiner Reise durch Deutschland. Ausgehend vom Niederrhein durchwandert und -fährt er mit Bus und Bahn die Landschaft. Viel Zeit hat er da zum Nachdenken über sich selbst und die Menschen, denen er begegnet. Und entsprechend nachdenklich und ruhig ist dieses Buch, gelesen mit tiefer Stimme von Christian Berkel.
Nicht eigentlich Deutschland, die Grenzen Deutschlands schreitet er ab: zuerst an die Nordsee, Helgoland, Sylt, dann die Ostsee entlang, Mecklenburg, Pommern. Als amerikanischste Stadt dieser Reise präsentiert sich Schwedt (CD 2, Spur 3). Das kommerzielle Zentrum Schwedt-Center erinnert Büscher an "eine riesige Autobahnraststätte". Hier sieht er "Leute, die sich ausschließlich in Autos fortbewegen". Er wandert die Neiße entlang und kommt nach Guben. "Und Guben schlug alles, was ich kannte." (Spur 5) Denn Guben gibt es nicht. "Die Straßen, die überlebt hatten, streunten in der Gegend der früheren Stadt herum. Eine nannte sich in einer komischen Regung von Trotz "Stadtzentrum', war jedoch bloß eine struppige Straße hinüber nach Polen auf die Neißebrücke zu." Büscher geht die polnische und die tschechische Grenze ab mit Abstechern darüber, bis er nach Bayern kommt. Die Geschichte ist immer gegenwärtig und ganz nah, aber die "Dinge wurden heiler, je weiter ich nach Süden kam." (CD 3, Spur 5) Berichte aus der deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit von dem Ort, an dem er sich jeweils befindet, sind die intensivsten Passagen dieser Erzählung. "Als ob es Dinge gäbe, die unbedingt noch gesagt werden mussten ..." (CD 5, Spur 6).
Den ganzen "katholischen Kosmos" (CD 4, Spur 3) findet er in Altötting, an Schloss Linderhof beobachtet er Touristen. Durch den Schnee stapft er an der Grenze zu Österreich und kommt schließlich an den Bodensee. Dort fühlt er sich wieder zu Hause. Der deutsche Osten und Bayern sind exotisch wie Indien. Den Rhein, die Saar und die Maas entlang wendet er sich wieder Richtung Norden, um schließlich ein zweites Mal den Niederrhein zu erreichen, an Weihnachten.
Seltsam, eigenwillig, kurios sind viele Menschen, die der Autor kennen lernt. Doch leider lässt er sich mit niemandem wirklich ein, kommt niemandem nahe, springt von einem zum nächsten. Eigentlich weicht er Menschen aus, verhält sich scheu oder gar tollpatschig. Mit Leidenschaft erforscht Büscher die Gasthäuser kleiner Ortschaften wie Lahm in Bayern. Diese Unverbindlichkeit des anonymen Beobachters schätzt er, das Nicht-dazu-Gehören. Und so umrundet er Deutschland und betrachtet den Rand beiderseits der Grenzen mit den Augen eines Fremden.