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[Einleitung]
Bevor nun also versucht werden soll, das umfangreiche Konvolut (61 Briefe) der sogenannten Frankreich-Korrespondenz, die von Januar bis Juli 1994 im Briefverkehr zwischen Franz Wenzel und David Steinweg entstanden ist, einzuordnen, einige Bemerkungen allgemeiner Natur.
Posthum auftauchende Korrespondenzen von verstorbenen Autoren (selbst wenn diese, wie im vorliegenden Fall, nur mit wenigen Monaten Verspätung erscheinen), wecken in der Regel grosse Erwartungen. Ein Autor lässt einerseits Schriften zurück, die für die Veröffentlichung gedacht waren oder sind und andrerseits solche, die vornehmlich privaten Charakter haben; Tagebücher gehören dazu, und eben bestimmte Korrespondenzen. In den literarischen Schriften präsentiert ein Autor sich so, wie er es für richtig (oder wichtig) hält: Seine literarischen Schriften sind vom Bewusstsein des Berufsmannes durchdrungen. In privateren Schriften, und gerade das hält die Hoffnungen der Verleger und der späteren Leser hoch, offenbart sich ein Autor gewissermassen ungeschützt, ein tieferer Einblick in sein Denken und Fühlen soll hier möglich werden. Selbstverständlich darf nicht ausser acht gelassen werden, dass es Autoren gibt, die zwar, und gerade in ihren Korrespondenzen, vorgeben nicht für eine Öffentlichkeit zu schreiben, sehr wohl aber immer auf eine Veröffentlichung schielen. Davon ist hier aber nicht die Rede. Dieser tiefere Einblick, der offenbar über das rein literarische Werk nicht, oder nur bedingt, möglich ist, kommt auf gleichsam voyeuristische Art und Weise zustande. Indem der Leser Texte mitliest, die nicht für ihn gedacht gewesen waren, schaut er dem Autor - auf eine beinahe unerlaubte Art und Weise - über die Schulter, wühlt er, geheimnisvoll, in dessen Schubladen, wo, wie wir wissen, die Briefe, noch in ihren Umschlägen steckend, von schmalen roten Bändern zusammengehalten werden.
In der Regel ist es nun aber so, dass wir die Geheimnisse der Autoren in ihren Briefen nicht explizit ausgebreitet finden. Die Entdeckungen liegen vielmehr in den Zusammenhängen und Deutungen verborgen, lassen sich aus der Kontinuität eines längeren Briefwechsels ablesen und aus den Aktionen und den Reaktionen auf den Briefpartner ableiten. Dies ist insgesamt keine einfachere Aufgabe als das präzise Lesen (und Deuten) von Romanen, Erzählungen und Gedichten. Vor allem dann, wenn wir davon ausgehen, dass der Autor auch in seinen literarischen Schriften stets sich selbst, wenn nicht darstellt, so doch verarbeitet.
[Der Stil der Korrespondenz]
Wie steht es nun aber mit der Korrespondenz zwischen Franz Wenzel und David Steinweg? Dazu ist zuerst eines zu sagen: Dieser doch einigermassen umfangreiche Briefwechsel fand in den nur sechs Monaten von Januar bis Juli 1994 statt und war, wie Wenzel selbst schreibt, als Vorbereitung für eine Reise nach Frankreich gedacht. «ein solches unterfangen [wie eine Reise nach Frankreich], und das haben wir bei unserer polenfahrt aufs beste sehen und erleben können, will fundiert und intellektuell (intel inside) fortbereitet sein.» (FWb01/19940122) Wie Recherchen ergeben haben, muss ein ähnlicher Briefwechsel bereits zwei Jahre früher, vor einer Ferienreise nach Polen, aller Wahrscheinlichkeit nach in die Masuren, stattgefunden haben. Entsprechende Briefe sind aber bis heute noch nicht aufgetaucht.
Der Briefwechsel zwischen Wenzel und Steinweg nun entspinnt sich assoziativ, ausgehend von dieser Aufforderung Wenzels, und mäandriert thematisch zwischen den Gegenständen der je individuellen Beschäftigungen und vielerlei Tagesthemen, die offenbar von vielerlei Quellen angeregt sind. Dabei sind Themen aus dem Beruf (Wenzel als freischaffender Autor und Steinweg als Journalist), der Literatur (die jederzeit ausgiebig zitiert wird), der Geschichte (gerade im Bezug auf Frankreich), der Politik (Schweiz und Frankreich) und der Kulinarik (Vorbereitung der Ferienküche) bestimmend. Auffällig bei der Behandlung aller Themen ist immer wieder die fantastische Übersteigerung der gegebenen Tatsachen (in Sprache und Inhalt) und auch die unbändige Lust an der Verdrehung und Verfälschung von an sich gesicherten Tatbeständen.
Bei einer ersten Durchsicht der 61 Briefe (im Januar 2000) ist vermutet worden, dass die Person David Steinweg möglicherweise gar nicht existiert. Nicht zuletzt weil dieser als Figur auch in Wenzels Prosa auftaucht. Ausserdem hat die Tatsache, dass die gesamte Korrespondenz (also sowohl die Briefe von Wenzel selbst, als auch jene von Steinweg) als Sicherungskopie auf einer Diskette bei den Daten Wenzels gefunden wurde, diese erste Vermutung erhärtet. Eine Analyse des Stils hat nun aber ergeben, dass es sich zwingend um zwei Personen handeln muss. Der konsequente Wechsel zwischen den beiden analysierten Stilen kann Wenzel nicht zugetraut werden, zumal der Stil und die Themen seiner eigenen Briefe aufs genauste mit dem Stil und den Themen seiner Prosa korrespondieren.
Dass die Person David Steinweg bis heute nicht gefunden werden konnte, macht vor allem den Biografen weiterhin stutzig. Sollte sich herausstellen, dass Steinweg eine Kunstfigur Franz Wenzels ist, müsste allerdings das gesamte Werk Wenzels unter einem neuen Aspekt betrachtet werden.
[Franz Wenzels Briefe]
Zuerst, und vor allem, stellen sich die Briefe Franz Wenzels als gross angelegtes Spiel heraus. Sämtliche aufgegriffenen und behandelten Themen werden in einem fast ausschliesslich spielerisch verständlichen Ernst abgehandelt. Dabei durchweht ein Grundgedanke die Texte vom Anfang bis zum Schluss. «Alles ist nichtig», ist man versucht (mit Wenzel) zu sagen, «Alles ist nichtig. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.» Diese Einsicht bringt Wenzel dazu in seinen Briefen immer wieder am Bild des Autors zu arbeiten und dieses Bild in einen rechtes Licht zu rücken.
Es ist an verschiedenen Stellen vom «Zusammenschneider», vom «Montierer», oder ganz explizit vom «Eklektiker» die Rede und schliesslich stellt uns Wenzel sogar «Ein Portrait des Autors als Mechaniker» in Aussicht. (Zitate aus: FWb20/19940209) Alle diese Ansätze folgen der durchaus (post-) modernen Ansicht, dass das Neue aus einer neuen Kombination, einem Verschnitt, einem Sampling des Alten, des bereits Gedachten und Geschriebenen, entstehe.
Bei aller Theorie betrachtet der Schreibende sich aber auch durchaus selbstironisch, indem er, Henscheid zitierend, von «hochnotüberflüssige Correspondancen» mit «befreundeten Dichtern und Arschgesichtern» spricht. (FWb07/19940129) An einer anderen Stelle ist sogar von «vorbereitungen der eher dubiosen art» die Rede. (FWb20/19940209) Und obwohl sich vor allem Wenzel immer wieder auf einen pseudo-intellektuellen Diskurs festlegen will, sagt er an derselben Stelle ausführlicher: «welch erholsame idee die ehrgeistigsten projekte einmal beiseite zu lassen und an dem mehr emotionalen teil des geistes sich zu erlaben und erhaben sich zu sonnen in der lauteren vorfreude, die für einmal nicht durch vorbereitungen (tief im herrzehn wissen wirr selbst wie kindisch sie sind: im herr 10 = kinndisch) der eher dubiosen art getrübt sein soll.» Zur Formulierung eines eigentlichen Programms holt Wenzel schliesslich aus, als er sich für ein Missverständnis rechtfertigen muss, für eine von Steinweg nicht verstandene Ironie. Er schreibt, dass in den Briefen «ein durchaus ironisch zu nennender ton vorherrschend» sei und folglich «zu den gepflogenheiten und notwendigkeiten» gehöre. «da kann und muss, und nicht nur zwischen den zeilen, sondern hart darauf, erkannt werden, dass alles betrug, dass alles falsch und verlogen ist, dass nichts mehr seinen platz hat, dass alles, nicht nur leicht, sondern schwer dérangiert ist und also aus den fugen gerät, dass man keinem mehr trauen kann und darum davon ausgehen muss, dass man keine freunde hat, dass alle gegen einen arbeiten und einem böses wollen, schlicht und einfach gesagt, man muss zwingend erkennen, dass alles ironie ist, oder es ist nicht.» (FWb58/19940711)
Neben diesen Themen einer permanenten Selbstbeobachtung (die vor allem Wenzel interessiert haben müssen) entsteht in der wechselseitigen Zusammenarbeit eine Theorie des assoziativen Denkens (vor allem ein Interesse Steinwegs), indem der eine Autor mit seinem Schreiben beim andern das Thema des jeweils folgenden Briefes gleichsam unterschwellig provoziert. Dieselbe Technik verwenden im andauernden Briefwechsel beide Autoren auch innerhalb ihrer eigenen Texte. Sie schwingen sich vom einen zum nächsten Thema, wobei die Assoziationsauslöser nicht nur thematisch bedingt sind, sondern ebensogut in einzelnen Wörtern, in deren Bedeutung, Schriftbild, oder Klang liegen können. Die so dahinfliessende Prosa ist zwar nicht immer ganz leicht verständlich, sie bietet aber immer Auswege für die eigenen Gedanken des Lesers. Wenzel selbst beschreibt diesen assoziativen Sprachfluss folgendermassen: «ich finde eigentlich (und das soll auf keinen fall untergehen oder im falschen lichte stehen), ich finde also den redeschwall, das wörtermeer, das wellenspiel der sprache, das mäandern des sprachflusses, das wirrklich beste, das instrument eigentlich, das wir haben um einer sache, und gerade einer sache wie der des reisens, auf den grund zu kommen. in dieser haltung bestärkt mich eben heute morgen der herr schrott, der schreibt: «sein [er meint leider ein bisschen einschränkend des gedichtes] impetus erhält im mäander der form immer wieder neue, unvorhersehbare anstösse, bis es schliesslich seine mitte erreicht.» [...] denn schau: was ist das hier anderes als ein fluss von wörtern, ein springender bach zuerst, der aus dem gebirge des hirrns kommt und wild schäumend durch augen, ohren und nase hinunter sich ergiesst und sich schliesslich in das spundloch des rachens stürzt, voll der sinne, voll der wörter in das verzweigte röhrensystem des körpers fliesst und über die mägen und über die lungen hinein ins blut gedrücket wird und so zurück in den verstand, den kopf kommt und schliesslich aber auch über die därme hinaus, hinaus ans licht sprudelt? was sind solche reden anderes als fruchtbare flüsse, die löss und erde mit sich führen und die böden nähren. himmelsmusik im ohr des empfängers: und nicht, wie oft fälschlich kritisiert, grund für verstopfungen des gehirns, und wie wir oben sahen, der gedärme.» (FWb05/19940123)
[David Steinwegs Briefe]
Ganz im Gegensatz zu Wenzel gibt sich Steinweg als Pragmatiker. Wir haben bereits weiter oben bemerkt, dass sich sein Stil wesentlich von dem Wenzels unterscheidet. Steinwegs Prosa ist weit fliessender geschrieben, assoziativer noch, auch oraler beeinflusst, als Wenzels oft geschraubter Stil. Ausserdem verpasst Steinweg kaum eine Gelegenheit zu betonen, dass er ein Mann des Volkes sei und nichts mit Intellektualität am Hut habe. So bemerkt er einmal: « du weisst, dass sich mein intellekt doch ausschliesslich auf weltliche gepflogenheiten konzentriert und ich nicht das gescheiteste ist, was ich bin.» (DSb02/19940122) Oder auf den ironischen Einwand Wenzels, dass es sich bei ihrer Korrespondenz wohl um «hochnotüberflüssige Correspondancen» (Henscheid, siehe oben) handle, erwidert Steinweg, man ist geneigt zu sagen, sofort und unumwunden: «ich weiss, dass du nun angst hast, wenn ich sage, ich würde mich von jetzt an auch zu den arschgesichtern zählen. und du hast auch angst davor, dass ich dir damit just etwas vorschütze. denkste. ich bin schon lange ein arschgesicht und bin froh, dass du mich geoutet hast. ich will sogar explizit ein arschgesicht sein. die hochnotüberflüssige correspondence steht mir gut bis zum kragen. hurra, holla. ich bins. ein arschgedicht.» (DSb09/19940130) In dieser Spannung, die aus der deutlichen Abgrenzung Steinwegs entsteht, geschieht nun aber genau das Interessante: Statt dass der Widerspruch zur Blockade wird, führt er zu einer gegenseitigen Steigerung, nicht ohne dass Steinweg aufnimmt, was Wenzel schreibt (und umgekehrt). Ein Beispiel aus einem Schreiben Steinwegs zeigt diesen behenden Wechsel der Ebenen. Er nimmt Wenzels Theorie des Eklektizimus auf und wandelt sie auf seine selbstredend «profanen» Interessen ab: «vielleicht doch noch eine kleine entgegnung zu deinem schriftstück. zu deiner textmontur, sozusagen. und ich möchte mich über den elektriker auch noch äussern. dann ist schluss. ehrlich. du sagst, dass ein stromer [elektriker] sich vielleicht, und dies sei eine parallele zu dem neueren kühnstler, zwar an einem handwerk ergötze und es als ein konstrukt betrachte, dieses aber nicht in den kunstkontext rücke. recht hast du. das kommt daher, dass sich die handwerker heute nicht mehr getrauen zu singen. oder wie lange schon haben wir keine maler und maurer mehr gehört, die auf dem baugerüst die traviata oder sonst so ein triviales liedgut trällerten. mit intonationsfehlern zwar, aber durchaus erkenntlich. dass dieses fehlende, proletarische sich entwerfen auf die kunst nicht das problem der künstler ist, eher schon das der handwerker selber, ist nicht des künstlers schuld (schon eher das der kommunisten, die der arbeiterschaft sogar das lustige singen verdorben hat - aber lassen wir die polemik). doch bevor wir selber in die unausweichlich bevorstehende kunstdiskussion schlittern, die am ende bei sepp trütsch landet, brechen wir hier lieber ab.» (DSb34/19940328) Mit dieser Entgegnung beweist Steinweg kunstvoll, dass und wie seine «mangelnde Intellektualität» des Spiels wegen eingeführt worden ist. Geschickt erniedrigt er jeden geistigen Höhenflug Wenzels und zieht ihn hinunter in die Niederungen seiner selbst angegebenen Alltäglichkeit (oder eben «Profanität»). Auf diese Weise gelangt das sprachliche (Wechsel-) Spiel, denn als solches muss der Briefwechsel Wenzel - Steinweg bezeichnet werden, erst auf sein Niveau.
[Rückschlüsse auf die Biografie Franz Wenzels]
Es bleibt zum Schluss eine kleine Abschweifung, motiviert durch das vorliegende Konvolut der Frankreich-Korrespondenz, in Bezug auf die Biografie Wenzels.
Nachdem nun bekannt ist, dass Franz Wenzel im Jahr 1993 (siehe FWb01/19940122) eine Reise nach Frankreich plante, die allem Anschein nach aber nicht zustande gekommen ist und 1994 die Reise (siehe die 61 Briefe) nicht nur plante, sondern zusammen mit David Steinweg (und dessen Familie?) auch wirklich nach Frankreich, in den «Garten Pesenanz», fuhr, kann mit einiger Bestimmtheit angenommen werden, dass eben diese Reise seine Flucht ein Jahr später in diese eine bestimmte Richtung gelenkt hat.
Wie, und aus welchen Gründen Wenzel dann nach Spanien weitergefahren ist, bleibt vorerst noch im Dunkeln. Obwohl gerade in dieser Frage die einzige Spekulation auch den einzigen wirklichen Hinweis zu geben scheint. Der Hinweis heisst: Don Quixote. Wie wir aus den Notizen wissen, hat sich Wenzel immer wieder von Büchern zu Reisen inspirieren lassen. So bereiste er auf den Spuren Rimbauds 1987 die Ardennen oder verbrachte 1989 einsame Wochen im einzigen Gasthof unter den Eichen in Bargfeld. Dass er dort vor allem Schmidt gelesen hat, muss nicht betont werden. Verschiedenen Notizen zufolge hatte Wenzel 1994/1995 den Don Quixote gelesen und sich von den Geschichten zu eigenen Texten anregen lassen. In seinen Notizen fand sich, in einer Zusammenfassung des Don Quixote, unter anderem folgender Eintrag: «Könnte ich doch wie Heine schreiben, ich hätte den Cervantes, gleich nach dem geistigen Erwerb der Buchstaben, in einem Mai im sonnigen Hofgarten gelesen, im blühenden Frühling zur schmeichelnden Stimme der Schalmei. Frühling (und auch Mai) ist es zwar gewesen, als ich mich mit dem Cervantes hinsetzte, aber der Verkehrslärm und ab und zu ein Militärjet übertönten die lauschige Idylle, die ich mir zumindest im Kopf geschaffen hatte.» (FW LitZ026)
Es scheint also mehr als blosse Spekulation, dass Wenzel im Sommer 1994 mit der Reise nach Südwestfrankreich, zusammen mit Steinweg, nicht nur die Flucht, unbewusst, vorbereitet hat, sondern dass ihm, im gleichen Jahr, die Lektüre des Don Quixote auch den Weg nach Spanien geebnet hat.
Diese Hinweise deuten allerdings auch darauf hin, dass Wenzel bei seiner Ankunft in Spanien bereits, wenn nicht pathologisch verwirrt war, so doch den Bezug zur Realität eines strukturierten Alltags soweit verloren hatte, dass er selber, und hier sei der Vergleich mit dem ehrenwerten Ritter Don Quixote erlaubt, begann, die Realität seiner Existenz mit der Irrealität seiner surrealen und zutiefst verinnerlichten, man muss sagen realitätsfremden, eigenen Gedankenwelt allmählich zu überblenden. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser fortschreitende Realitätsverlust auch der Grund gewesen sein muss, dass er nur zwei Jahre später seine (geliebte) Frau verliess und in Spanien umherirrte, bevor er in Galicien schliesslich den Tod fand. Dies freilich nicht, ohne schriftlich noch eine Andeutung bezüglich seines Geisteszustandes gemacht zu haben. In einem wachen Moment macht uns Franz Wenzel an der galicischen Küste nochmals Glauben, er hätte um seinen Zustand gewusst, und hätte es selbst jederzeit in der Hand gehabt, sich einer Welt, die er zunehmend verloren hatte, wieder zuzuwenden (siehe die biografische Einleitung von Matthias Kuhn).
Neben diesem neuen Licht, das auf Wenzels vorerst unmotivierte Reise nach Frankreich und Spanien fällt, ergibt sich aus der Lektüre der Briefe an David Steinweg vor allem ein literaturkritischer Schluss. Man hat verschiedentlich versucht Franz Wenzel zu einem selbstgenügsamen, der Reflexion seiner Tätigkeit unfähigen Autor zu machen. Die Verspieltheit, die sich in seinen Montagen von Cervantes bis Cioran zeigt, schien zuerst das Spiel eines wirklichen und wahrhaftigen Eklektikers. In diesem neuen Licht zeigt sich hingegen deutlich, dass sich Wenzel dieses Spiels in hohen Grad bewusst war. Mit seiner Neudefinition eines Eklektizismusbegriffs (siehe FWb20/19940209) beweist er dies aufs schönste.
Es wird nun Sache der Literaturkritik und -geschichtsschreibung sein, diesem Begriff auf die Spur zu kommen, und dieses Werk endgültig einzuordnen.
Zürich, Ende März 2000
Editorische Notiz:
Die Briefe der Frankreich-Korrespondenz wurden für die vorliegende Ausgabe wo nötig (leicht) gekürzt. Vor allem die in den Briefen enthaltenen Teile des dramatischen Entwurfs «Die menschlichen Feinde» und die Entwürfe zur Erzählung «Ernst Hegelbach in Spanien» mussten aus urheberrechtlichen Gründen entnommen werden. Wir bitten um Verständnis. Die Korrespondenz wurde im übrigen einer sanften orthografischen Revision unterzogen. Oft war es jedoch schwierig bis unmöglich zu entscheiden, ob ein Schreibfehler teil eines gewollten Sprachspieles war oder nicht. Wir hoffen, die Überarbeitung hat letztlich der besseren Lesbarkeit gedient.
Franz Wenzel - David Steinweg: Die Frankreich-Korrespondenz