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Dem Traumberuf nähergekommen
Da ich schon länger am Journalismus interessiert bin, habe ich die Chance… Weiterlesen
29. Juli 2020
09:00
Was haben Sie in den letzten 28 Jahren gemacht? Nvwotohiyada Idehesdi Sequoyah sass in dieser Zeit im Todestrakt in Kalifornien und kämpfte gegen die drohende Hinrichtung. Claudio Marinucci sitzt in der Kiwi-behangenen Laube in seinem Garten und erzählt, wie er ihn dabei unterstützt. Auf dem Tisch liegen Anwaltsberichte, Gutachten und Reisedokumentationen. Der 73-Jährige hat dem Fall ein gutes Stück seines Lebens gewidmet.
Der Auslöser war eine Fernsehsendung im Jahr 1992, als Marinucci gerade die Koffer packte für die Reise zur Hochzeit eines Freundes in San Francisco. «10 vor 10» berichtete über einen Todeskandidaten unweit seines Reiseziels und dessen Schweizer Frau, die von seiner Unschuld überzeugt war. «Ich wusste sofort: Das ist mein Fall», erinnert sich der ehemalige PSI-Forscher, der damals schon Aktivmitglied von Amnesty International war. «Da ich auch beruflich häufig in den USA war, lag dies sozusagen nahe.» Claudio Marinucci nahm Kontakt zur Frau des Verurteilten auf und gründete mit einem kleinen Team, zu dem auch seine Gattin Katharina gehört, den Verein fos*ters (etwa «Unterstützer»).
Heute, 28 Jahre später, kann der Wettinger mit Elan jedes Detail der Geschichte referieren: Der Cherokee N. I. Sequoyah diente in der Navy, reiste um die Welt, gründete eine Familie mit einer Japanerin, trat als Esperanto-Experte auf, heiratete später eine Schweizerin. Sein unbescholtenes Leben hatte ein Ende, als er 1985 vom FBI verhaftet wurde. Seine Frau vermutete ein politisches Motiv dahinter, weil er auch Aktivist für Indigenenrechte war. Sequoyah konnte entkommen und war sechs Monate ohne Geld auf der Flucht, bis er 1986 mit einem gestohlenen Auto in einer Verkehrskontrolle hängen blieb. Danach wurde er wegen Verbrechen angeklagt, die er an wenigen Tagen im Winter 1985 begangen haben soll, darunter Einbruch, Brandstiftung und Mord. Es gab weder ein Motiv noch forensische Beweise; das einzige Indiz war das Diebesgut in Sequoyahs Auto. «Ich kann nicht beurteilen, ob er unschuldig ist», sagt Marinucci mit der Zurückhaltung des Wissenschaftlers, «aber ich will, dass er einen fairen Berufungsprozess bekommt.»
Langer Atem für fairen Prozess
Dafür hat der gebürtige Römer viel getan: Nebst Spendensammlungen und Benefizkonzerten bildete er ein internationales Netzwerk von Hilfswilligen, darunter eine renommierte US-Anwältin und ein Menschenrechtsberater der Queen, die unentgeltlich arbeiten. Auch in der Schweiz setzte er alle Hebel in Bewegung und wurde in der Sache zweimal von Bundesrat Flavio Cotti empfangen.
Zudem organisierte fos*ters ein TV-Gerät, Bücher und eine Schreibmaschine für N. I. Sequoyah. Mit Lesen und Schreiben verbringt der Häftling die meiste Zeit. «Er hat zwar Anspruch auf vier Stunden Hofgang pro Tag», weiss Claudio Marinucci, «aber er bleibt schon seit Jahren lieber in seiner Zelle, weil er die gefährlichen Mitinsassen fürchtet.» Immer wieder komme es zu Gewalt und Mordfällen auf dem Hof.
Vierzehn Mal hat der studierte Ingenieur seinen Schützling im Todestrakt besucht, zuletzt im Oktober 2019. «Es ging ihm verhältnismässig gut», berichtet Marinucci. Der ruhige, intelligente Mann lebe allerdings in seiner eigenen Welt. Auch seien die Begegnungen sehr intensiv: In den vier Stunden Besuchszeit will viel erzählt sein, wenn man die restliche Zeit in Einzelhaft verbringt. So war es Marinucci auch wichtig, Kontakt zwischen Sequoyah und dessen Tochter herzustellen, die lange in Japan gelebt hatte und wenig über die Geschichte ihres Vaters wusste. «Inzwischen haben die beiden ein gutes Verhältnis», freut sich der Vermittler.
Im Prozess gegen den Cherokee haben sich inzwischen 35'000 Seiten Akten angesammelt. Das 1992 angestrengte Berufungsverfahren ist aber bis heute nicht entschieden. Trotzdem konnte jetzt ein grosser Erfolg erzielt werden: Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (IACHR) hat auf Anstoss einer fos*ters-Anwältin einen Bericht zu N. I. Sequoyah verfasst. Dessen Fazit lautet: Die Rechte des Häftlings seien so sehr verletzt worden, dass der Prozess und das Urteil überprüft werden müssten, und aufgrund der unmenschlich langen Verfahrensdauer solle die Todesstrafe aufgehoben werden. Mit Blick auf diesen und ähnliche Fälle fordert die Kommission gar ein generelles Moratorium für Hinrichtungen in den USA.
«Das ist ein Meilenstein im internationalen Recht», sagt Marinucci. Der Bericht habe zwar keine direkten rechtlichen Folgen, könnte aber über den Fall Sequoyah hinaus zukünftige Prozesse beeinflussen. Der unermüdliche Einsatz des Wettingers hat sich gelohnt.
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