Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03586.jsonl.gz/1098

«Norwegen ist das beste Land zum Leben und das beste Land zum Sterben.» Das sagt der norwegische Arzt, Sozialmedizin-Professor und Buchautor Per Fugelli im Film Per Fugelli – siste resep (Per Fugelli – Last Prescription) von Erik Poppe. Der Dokumentarfilm über die landesweit bekannte und hoch geschätzte Persönlichkeit hat im Januar als Weltpremiere das Filmfestival im norwegischen Tromsø eröffnet und läuft seither landesweit in den Kinos.
Erik Poppe ist zurzeit einer der angesagtesten norwegischen Filmregisseure; 2016 war sein Drama Kongens nei (The King’s Choice) über Norwegen im Zweiten Weltkrieg mit 700 000 Eintritten der – vor jeder US-Produktion – erfolgreichste Film des Jahres sowie Norwegens Nominierung für den Auslands-Oscar, und an der diesjährigen Berlinale lief sein neuer Film Utøya 22. Juli über das Breivik-Massaker auf der Insel Utøya von 2011 im Wettbewerb.
Erik Poppe und Per Fugelli waren Freunde, und als Fugelli 2009 mit einer Krebsdiagnose konfrontiert war, beschlossen die beiden, den Film zu machen, eine Art philosophisches Traktat über Leben und Sterben, vor allem auch über das gute Leben in Norwegen. Fugelli starb im Herbst 2017. Er setzte sich in Artikeln, Büchern und Vorlesungen vor allem für den Weltfrieden, den Umweltschutz und eine liberale Flüchtlingspolitik ein. Er war ein Humanist im besten Sinn des Wortes, eine Art nationales Gewissen seines Landes, der bis zu seinem Tod den Humor nicht verloren hat.
Glückliches Land
Norwegen wird von einer konservativ-rechtspopulistisch-liberalen Koalition regiert – und ist trotzdem das fortschrittlichste Land Europas. Es ist längst da, wovon Linke hierzulande nicht mal zu träumen wagen: Norwegen führte bereits 1913 das Frauenstimmrecht ein, 75 Prozent der Frauen arbeiten, die Frauenquote in Verwaltungsräten beträgt gesetzlich vorgeschriebene 40 Prozent, Norwegen hat eine tiefe Arbeitslosenquote, einen tiefen Ausländeranteil, die Europa-weit niedrigsten Jahresarbeitszeiten, das höchste Bruttosozialprodukt und die höchste Lebensqualität. Und in Norwegen leben laut Umfragen die glücklichsten Menschen.
Norwegen hält auch so manchen geografischen Rekord: Es ist das längste Land Europas, grösser als Deutschland, mit einer Einwohnerzahl von nur etwas über fünf Millionen. Es ist das nördlichste Land Europas, mit dem tiefsten See, dem grössten Gletscher, der weltweit längsten Küstenlinie und unglaublichen 50 000 Inseln. Das reichste Land Europas zahlt die höchsten Löhne, hat aber auch die höchsten Preise. Und Norwegen hat die Aurora Borealis, das Polarlicht, das im Januar in Tromsø besonders gut zu beobachten ist; mit einem Bier in der Hand – noch ein Weltrekord – aus der nördlichsten Brauerei der Welt, mitten in Tromsø gelegen.
Klar, in Tromsø, selber auf einer Insel gelegen, findet auch das nördlichste und mit Sicherheit kälteste Filmfestival der Welt statt, jeweils in der dritten Januarwoche, in der es nie richtig Tag wird. Geworben wird mit: «Tromsø may be Cold but it has a Warm Heart.» Am letzten Festivaltag, immer am 21. Januar, versammeln sich die Bewohner kurz nach Mittag am langgezogenen Südufer der Insel, um den ersten Sonnenaufgang nach sechs Wochen zu sehen – und kurz darauf den ersten Sonnenuntergang: Ein etwa 15-minütiges Spektakel, das, klare Sicht vorausgesetzt, einem grandiosen Morgen- oder Abendhimmel in unseren Breitengraden gleichkommt.
Openair bei minus 20 Grad
Dank dem Golfstrom ist der Hafen von Tromsø, das «Tor zur Arktis», das ganze Jahr eisfrei und darum seit jeher ein wichtiger Umschlagplatz und ein längerer Halt der berühmten Schifffahrtslinie Hurtigruten. Von hier aus starteten die Polarexpeditionen von Fridtjof Nansen, Roald Amundsen und anderen. Und hier findet seit 28 Jahren das – gemessen an den über 60 000 Eintritten – grösste Filmfestival Norwegens statt, das Tromsø International Film Festival (TIFF).
Tromsø ist auch die nördlichste Universitätsstadt; rund jeder sechste Tromsøer studiert. Entsprechend attraktiv ist in der rund 70 000 Einwohner zählenden fünftgrössten Stadt des Landes das Nachtleben – und entsprechend schnell hat sich das Tromsø Internasjonale Filmfestivalen zu einer der Attraktionen des Jahres entwickelt. Die zehn Kinosäle der Stadt, darunter ein kleines Multiplex mit dem Festivalzentrum, sind allesamt Festivalspielstätten, und die Vorstellungen beginnen bereits um 9:00 Uhr morgens. Während das in der Filmbranche bekannteste norwegische Festival, Den Norske Filmfestivalen Haugesund – im Süden gelegen und im sonnigen August stattfindend – eher Fachleute anzieht, ist das TIFF vor allem ein Publikumsfestival.
«Wir spielen täglich bis zu acht Filme, ausschliesslich challenging quality films», erklärt Festivaldirektorin Martha Otte, «von morgens bis zu den beliebten Mitternachtsvorstellungen. Die Leute bleiben oft sitzen und schauen zwei oder mehrere Filme hintereinander.» Bespielt wird zudem das neue Stadttheater, und es gibt – bei Minusgraden zwischen -10 und -20 und eisigem Wind – ein Openair-Kino! Gespielt werden hier nachmittags, da es ab 15:00 Uhr schon wieder dunkel ist, zwei Kindervorstellungen – zum Nulltarif.
Von Frauen verantwortet
Neben neuen norwegischen Spiel- und Dokumentarfilmen ist der Wettbewerb um den Aurora Preis dem Best of World Cinema gewidmet, mit Produktionen, die in Norwegen keinen Verleih haben. Hier liefen diesmal etwa der russische Cannes-Jurypreis-Gewinner Neljubow (Loveless) von Andrei Swiaginzew, der französische Film Marvin ou la belle éducation von Anne Fontaine aus dem Venedig-Programm, aber auch unbekanntere Titel wie The Great Buddha von Huang Hsin-yao aus Taiwan oder Soldatii. Poveste din Ferentari (Soldiers. Stories from Ferentari) von Ivana Mladenovic aus Rumänien.
Norwegen ist stolz auf seine einheimischen Filme, die oft als Koproduktionen mit den skandinavischen Nachbarländern, aber auch mit privatem Geld entstehen. Der Marktanteil des nationalen Films liegt um die 20 Prozent (2016: 24 %, 2017: 18 %), wobei Kinder- und Jugendfilme einen wichtigen Teil ausmachen. Mit Liv Ullmann hat das Land einen veritablen Hollywoodstar, auf den die ganze Nation stolz ist.
Das TIFF wird – wir sind in Norwegen! – weitgehend von Frauen verantwortet, von der Direktorin über die CEO bis zur Pressechefin; sogar die Fahrerinnen sind weiblich. Nicht erstaunlich also, dass bei der Hälfte der Wettbewerbsfilme Frauen Regie führen, wie die norwegische Kulturministerin und die Bürgermeisterin bei der Eröffnung übereinstimmend betonten. Übrigens: Es gibt in Tromsø weder einen roten Teppich noch einen Dresscode, ausser vielleicht Handschuhe, Schal und Mütze mit Rentiergeweih, dem Festivallogo.