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War Etienne ein Anarchist?
Die Enkelin Cristina Perincioli, Regisseurin in Berlin, hat sich darüber Gedanken gemacht.
Etienne Perincioli 1902 in Montreux
Als Junge hatte sich Etienne für die Rebellen Garibaldi und Wilhelm Tell begeistert. Die (damals) liberale helvetische Demokratie war sein Ziel – ausserdem gab es dort jede Menge Arbeit für Stukkateure als zur Jahrhundertwende am Genfersee jene prunkvollen Hotels gebaut wurden.
Etienne Perincioli (rechts) mit seinen Kollegen in Montreux 1902
Gewerkschafter versuchten damals, Bildhauer und Stukkateure in den Ateliers zu organisieren, doch Etienne und seine Kollegen hatten nur Verachtung übrig für den Apparat, für Funktionäre – so erzählte es mir Rose, seine spätere Frau. Stattdessen organisierten die Stukkateure eine eigene Interessenvertretung. Ihr Ziel: Ohne Funktionäre auskommen, die Ämter verteilen, jeder übernimmt etwas – eben nach anarchistischen Grundsätzen.
Etienne Perincioli (oben) setzt sich in Szene bei einem Betriebsausflug mit den Kollegen 1902
Der Anarchist Luigi Bertoni hielt zu jener Zeit Vorträge in Arbeiterkreisen. Kam er nach Montreux, wohnte er bei Etienne. Bertoni wurde polizeilich überwacht, der Kontakt zu Etienne registriert, was später dessen Einbürgerung behinderte. Luigi Bertoni (1872-1947) war massgeblich am Aufbau der Schweizer Gewerkschaften beteiligt und wurde 1918 (Generalstreik in der Schweiz) unter der fingierten Anschuldigung, ein Bombenattentat geplant zu haben, 13 Monate in Zürich inhaftiert.
Bertoni gab ab 1900 den zweisprachigen „Il Risveglio/Le Réveil anarchiste“ heraus, eine zweisprachige Zeitschrift, die mit Holzschnitten von Alexandre Mairet illustriert wurden. Eine Übersicht der darin publizierten Aufsätze zeigt, mit welchen Ideen sich die Schweizer Anarchisten damals beschäftigten.
Im Einbürgerungsgesuch stellt Fürsprech Roth Etiennes Interesse am Anarchismus als rein intellektuell dar. Sein Sohn Marcel wiederum erzählte, Etienne habe damals in Montreux mit Kollegen Sprengbomben gebaut und ausprobiert und sogar Kugeln selbst gegossen. Mit Kollegen wohnte Etienne übrigens in einer Kommune, doch diese misslang: „Es gab immer ein paar Profiteure, die Arbeitsteilung klappte nicht“ resumierte Marcel.
Dreissig Jahre später als Lehrling bei Etienne, lernte Marcel seinen Vater als autoritären Lehrmeister kennen, der sich seinen Sohn nur als ewigen Gehilfen vorstellen mochte. Als Marcel seine Bildhauerlehre als Bester abschloss, quittierte sein Vater diesen Erfolg mit der Bemerkung: „Ich habe nichts anderes erwartet.“
Wenn ich als jugendliche Anarchistin – nochmal 40 Jahre später, Ende der 60er Jahre – die Eltern besuchte, kam es laufend zu heftigen Konfrontationen mit meinem Vater. Marcel, nun Mitglied der Rotarier – wetterte gegen Linke im Schuldienst und empörte sich über Kriegsdienstverweigerer.
1934 Marcel zurück aus Berlin; er war ein begnadeter Geschichtenerzähler.
v.l.n.r.: Etienne, Marcel Perincioli, Conrad Gubler, Rose Perincioli
Doch als junger Mann war auch er Pazifist, hatte ebenso den Dienst an der Waffe abgelehnt und war deshalb Sanitäter geworden. Zum Studium ging er nach Berlin, befreundete sich dort mit dem Kommunisten Kies. Marcel liess sich einen roten Bart stehen, trug die Russenbluse und begeisterte sich für kommunistische Kampflieder. Diese Lieder – von Ernst Busch gesungen – brachte er als Schallplatten mit nach Bern, wo sie das bürgerliche Idyll am Egghölzliweg brutal störten: Seine Mutter – Rose Perincioli – brach in Tränen aus, sie konnte diese aggressive Musik einfach nicht ertragen.
»Wer mit zwanzig kein Revolutionär war, hat kein Herz. Wer es mit dreißig noch ist, hat keinen Verstand« (G. B. Shaw)
Die Hingabe an eine Arbeit
Fritz Thormann, Architekt, lernte sie bei seinem Grossvater Etienne.
Fritz Thormann, Architekt im Büro 5 („Siedlung Halen“) Foto: Urs Baumann
Fritz Thormann, Sohn von Germaine, der Tochter von Etienne Perincioli: Ich war öfters bei meinem Grossvater, vor allem zwischen meinem siebenten und zehnten Lebensjahr. Ich diente ihm als Modell. Deutlich erinnere ich mich an eine Tonfigur – sie steht an der Fassade eines Hauses im Elfenauquartier – die einen knienden Knaben mit einem Blumensträusslein in der Hand darstellte. Das Blumensträusslein war in Wirklichkeit ein Wischlappen aus dem Atelier. Um mich bei der Stange zu halten, liess er jeweils einen Apfel auf dem Deckel des Eisenofens schmoren, den ich sehr lange riechen und schlussendlich auch essen durfte.
Meine Mutter brachte oder schickte mich ein Mal pro Woche in sein Atelier, wo ich ihm nützlich sein musste – zum Beispiel krumme Nägel zur Wiederverwendung gerade schlagen. Dafür unterrichtete er mich im Schnitzhandwerk. Ich arbeitete auch im grossen Gemüsegarten.
Etienne und Rose Perincioli 1943 im Egghölzli Foto: Eugen Thierstein
Ich weiss nicht mehr, ob ich das alles gerne gemacht habe. Ich war ein Kind und machte, was man mich hiess. Die Schnitzarbeit habe ich gerne gemacht. Im Nachhinein habe ich allerdings die Überzeugung, dass sein Umgang mit mir für mein späteres Leben von Bedeutung war. Er war streng, aber nicht aus Prinzip, sondern der Sache wegen. Er war selbst ein sehr arbeitsamer Mensch und hat mir die Hingabe an eine Arbeit mit auf den Weg gegeben.
Schlecht in Erinnerung habe ich meine weihnachtliche Furcht vor seinem Besuch. Er hat mir – damals eine teure Sache – bereits als siebenjähriger einen Werkzeugkasten geschenkt und mir gesagt, jede Weihnacht komme er kontrollieren, ob noch alles da sei. Das war leider nie der Fall.
Er lehrte mich auch kochen: Birchermüsli, Polenta – 40 Minuten rühren -, Schnecken aus dem Dahlhölzliwald, Kartoffelgnocchi – richtig selbst über die Gabel gerollt. Ich kochte schon als Zehnjähriger oft zuhause und koche immer noch gerne.
Ich war gerne in seinem Atelier und habe ihn auch auf Baustellen besucht, so z.B. bei der Arbeit am Tympanon des Gebäudes „Du Theatre“.
Etienne Perincioli schnitzend, 1943 Foto: Eugen Thierstein
Zwei Aussprüche von ihm haben mich bei praktischen Arbeiten begleitet: „Die Hände ist die beste Werkzeug“, und „Wenn Du dich bückst, musst du nicht nur einen Stein auflesen, sondern drei aufs mal“.
Seine Arbeit als Künstler bewunderte ich, vor allem sein handwerkliches Geschick und sein genaues Auge. Er machte Porträt-Köpfe als „taille directe“, d.h. ab dem lebendigen Kopf direkt in den Stein gehauen.
Ich denke, dass meine Mutter ihn sehr gern gehabt hat und an seinen guten Einfluss auf mich glaubte.
Wenn ich beim Kentaur bei der Kunsthalle vorbeigehe, packt mich eine leise Rührung; ich glaubte gerne, dass ich der Jüngling sei, der vom bärtigen Kentaur belehrt wird. Ich meine dann, dass ich für diesen Jüngling Modell gestanden habe, was aber wohl nicht wahr ist.