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Frage:
Vor 20 Jahren reiste ich 4 Wochen durch Madagascar. Ich lernte einige junge Menschen kennen. Mit zwei dieser Bekanntschaften pflegte ich brieflichen Kontakt. Eine junge Frau lebte in Tana und studierte Deutsch. Daraus entstand ein Briefkontakt. Vor 18 Jahren wurde sie von ihrer Familie nach Paris als Kindermädchen zu einer Cousine der Mutter geschickt. Sie studierte weiter Deutsch und ich unterstützte sie vor allem mit Literatur, besuchte sie auch mal und ermutigte sie für ein eigenständiges Leben. Sie hat mich nie um Geld gebeten. Wenn dann nur für ihre Familie und sie hat es mir jeweils wieder zurückbezahlt (2x in den letzten 10 Jahren). Wir haben uns in den letzten Jahren gegenseitig besucht, sie lebt mittlerweile eigenständig als alleinerziehende Mutter. Uns verbindet eine wirklich wertvolle Freundschaft. Als ich damals mit ihr in Madagascar nach Tulear reiste, lernten wir in einer Kirche einen jungen Mann kennen. Auch mit ihm pflegte ich längere Zeit Briefkontakt, da auch er Deutsch studierte. Nach ca. 4 Jahren heiratete er, sandte mir entsprechende Fotos. Dann hörte ich lange nichts mehr von ihm.
Vor 2 Jahren erhielt ich von ihm einen Brief mit einem Hilferuf. Seine Familie (Frau und 3 Kinder) leben in grosser Not. Mein Mann und ich sandten ihm 200 Fr. Dies löste in der Familie grosse Dankbarkeit aus, da scheinbar die Frau krank ist und regelmässig Medikamente braucht. Letzte Weihnachten haben mein Mann und ich uns entschieden, dass wir von uns aus der Familie zu Weihnachten einen grösseren Betrag (Fr. 800.—) zukommen lassen, was wir dann auch gemacht haben. Ich wies darauf hin, das Geld bitte sinnvoll einzusetzen und zu überlegen, welche Möglichkeiten für eine Arbeit es gäbe. Ich bekam umgehend einen liebenswerte Brief und ein Dankeschön, dass die Familie viele Schulden bezahlen konnte und es auch für die Medikamente und das Schulgeld reicht. Dann gingen Brief hin und her ohne Anfrage für Geld. Ich bekam jedoch die Meldung, dass anfangs Jahr ein Tropensturm ihr ganzes Zuhause kaputtgemacht hätte. Ich versuchte mit Worten Mut zu machen, sandte jedoch kein Geld. Mein Mann und ich sind immer am überlegen, wie könnten wir nachhaltig helfen und zwar Hilfe zur Selbsthilfe. Wie auch immer ,vor zwei Tagen bekam ich einen Brief mit der Bitte um Hilfe. Ein Vorschlag darin, dass sie bereit wären eines ihrer Mädchen uns zu geben und wir es dann adoptieren könnten. Das hat mich dann ziemlich geschockt. Aus meiner Sicht gehört ein Kind in die eigene Familie.
Nun mein Mann und ich haben diskutiert und uns überlegt, wie wir sinnvoll helfen könnten. Wir entschieden uns, in einem ersten Schritt abzuklären, wieviel Geld braucht eine Durchschnittsfamilie in Madagascar. Heute als ich im Internet recherchierte stiess ich auf priori, Madagaskarhaus. Ich muss sagen ich habe mich sehr gefreut über die Initiativen seitens Herr Stadelmann und Team. Ich bin tief beeindruckt. Meine Frage an Sie Herr Stadelmann, wie soll wir uns in diesem Fall verhalten? Die Familie wohnt in der Umgebung von Morombe im Süden. Es geht uns nicht darum keine Unterstützung zu geben. Wir würden eben gerne auch Nachhaltigkeit bewirken.
Ich freue mich auf ihre Anregungen und wir werden sicher bei Gelegenheit auch mal in Basel vorbeikommen.
Beste Grüsse aus dem Zürcher Oberland.
Beatrice W.
Antwort:
Liebe Béatrice W.
Herzlichen Dank für Ihr Mail und für Ihr Engagement für Madagaskar. Meine Mitarbeiterin Anke Betz vom Madagaskarhaus in Basel hat mir Ihr Mail weitergeleitet. Ich bin derzeit in Madagaskar, wo wir ja auch die www.priori.ch haben.
Es gibt zahlreiche Beispiele von Freundschaften und Hilfsleistungen zwischen Europäern und Madagassen und dies in allen Schattierungen: echte Freundschaften bis hin zu reiner Ausnützung. Nichts verkauft sich besser als Armut und nichts aktiviert mehr Geld als das permanent schlechte Gewissen des christlich erzogenen Europäers. Es ist also in allen Fällen sehr grosse Vorsicht geboten und eben in den letzten Monaten wurde ein Fall bekannt, indem sich eine Madagassin (deutschsprechende Reiseleiterin) jahrelang eine ‘Schule für Waisen und Strassenkinder’ finanzieren liess, ohne diese Schule zu betreiben…
Aber ich kann in Ihrem Fall kein Urteil abgeben. Es ist nur bei persönlichem Augenschein möglich abzuschätzen, wie die Lage wirklich ist (und sogar auch dann nicht immer). Mein Ratschlag: wenn Sie nachhaltig helfen wollen, dann besuchen Sie die Familie und urteilen nach ein paar Tagen selbst, ob und in welcher Form Sie helfen wollen.
Es ist tatsächlich so, dass zu Beginn 2013 ein Zyklon die Region Tulear heimsuchte. Morombe wurde in kleinerem Mass betroffen.
Den Durchschnittsverbrauch einer Familie in Madagaskar anzugeben ist sehr, sehr schwierig. Denn es sind viele Faktoren einzubeziehen: Wo wohnen die Leute (Stadt, Land)? Haben sie Land für den Eigenanbau von Reis oder können sie fischen gehen? Wie gross ist die Familie und somit der mögliche Beistand im Rahmen der Grossfamilie? Wie ist der Lebensstandard der Familie? Wieviele Kinder gehen zur Schule (Schulgeld und-gebühren)? Wenn also beispielsweise 100 Schweizer Franken pro Monat in Morombe sehr viel Geld ist, reicht dies in der Hauptstadt Antananarivo nicht weit.
Eines der eigenen Kinder wegzugeben, hat Tradition. Meist wird es innerhalb der Grossfamilie von Verwandten grossgezogen. Auch hier müsste man die Hintergründe genau kennen.
Die Kongregation der Heiligen Familie in Werthenstein (Wolhusen / Schweiz) hat in der Region von Morombe eine jahrzehntelange Präsenz mit Missionaren. Vielleicht nehmen Sie Kontakt mit der Missonsprokura auf. Zudem ist in diesen Monaten Père Stefan Kissling auf Besuch in der Schweiz. Er ist seit 50 und mehr Jahren in der Region von Morombe tätig (jetzt pensioniert) und kann Ihnen sicher weiterhelfen.
Bitte informieren Sie mich über den weiteren Verlauf. Herzliche Grüsse aus Antananarivo. Franz Stadelmann