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Warum Sparen nichts mit Tugendhaftigkeit zu tun hat
Weshalb das so ist, zeigt der an der Guanghua School of Management der Universität Peking lehrende amerikanische Ökonom Michael Pettis in seinem Buch:
Ich selbst habe das Buch noch nicht gelesen. Einige interessante Artikel und Interviews darüber lassen spannende Lektüre vermuten, z.B.:
Eine zentrale Aussage Pettis lautet:
Die Leistungs- und die Kapitalbilanz jedes Landes müssen sich ausgleichen, oder anders gesagt: Die Summe aus dem Saldo der Leistungsbilanz (die vereinfacht gesagt den grenzüberschreitenden Handel mit Waren und Dienstleistungen misst) und aus dem Saldo der Kapitalbilanz (die vereinfacht gesagt die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse misst) muss null ergeben.
Für mich als Ingenieur und ökonomischen Laien tönt das interessant. Es erinnert mich irgendwie an den Erhaltungssatz der Energie. Dieser besagt:
Die Gesamtenergie in einem abgeschlossenen System bleibt konstant, d.h. Energie kann zwar verschiedene Formen, z.B. mechanische, elektrische, thermisch Energie annehmen, die Summe aller Energien bleibt aber stets konstant.
Dieser Satz wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von verschiedenen Physikern formuliert und gilt heute als allgemein anerkannt. Betrachtet man Pettis Leistungs- und Kapitalbilanz als verschiedene, äquivalente Formen von Energie, so ergibt sich daraus eine auffällige Analogie zum Erhaltungssatz der Energie.
Eine wichtige Voraussetzung für die sinnvolle Anwendung des Energie- Erhaltungssatzes war eine eindeutige Definition der Masseinheiten für die verwendeten physikalischen Grössen wie Kraft, Energie, Leistung usw. So wurde in den Anfangszeiten z.B. die Leistung in Pferdestärken (PS) gemessen. Da es aber sehr verschieden leistungsfähige Pferde gab, war diese Einheit sehr ungenau (Die Automobiltechnik verwendet noch heute PS als Masseinheit, was einen Eindruck über den Stand der Entwicklung vermitteln könnte – aber das ist eine andere Geschichte). Im Lauf der Jahrzehnte wurden die Einheiten und ihre Beziehungen untereinander immer genauer definiert, so dass wir heute über ein konsistentes, auf zahlreiche Nachkommastellen genaues Einheitensystem verfügen.
In der Oekonomie gilt Geld als Masseinheit sowohl für Leistungsbilanz (Wert aller Waren und Dienstleistungen), als auch für die Kapitalbilanz. Der monetäre Wert der Waren und Dienstleistungen wird auf mehr oder minder freien Märkten bestimmt und ist damit nicht fest definiert (mehr dazu weiter unten). Zudem wird Geld in verschiedenen Einheiten (Währungen) gemessen, deren Beziehungen zueinander durch Wechselkurse definiert wird. Diese Wechselkurse werden ebenfalls auf Märkten bestimmt und sind damit bisweilen signifikanten Schwankungen ausgesetzt. Beide Faktoren zeigen, dass Pettis Messgrössen für die Leistungs- und Kapitalbilanz, nur sehr ungenau zu ermitteln sind. Diese Ungenauigkeiten sollen hier vorerst nicht berücksichtigt werden. Interessant an seinem Ansatz ist, dass er die globale Wirtschaft als geschlossenes System betrachtet. Ich will versuchen den Kreislauf von Kapital und Produkten (Waren und Dienstleistungen) grafisch darzustellen:
Dabei steht das Feld (K) für die Summe aller Kapitalien. Dem gegenüber steht (P) für die Summe aller Produkte (aka Waren und Dienstleistungen). Das Feld (H) steht für die Herstellung der Produkte. Hier werden, vereinfacht gesprochen, Kapitalien in Produkte, d.h. Waren und Dienstleistungen umgewandelt. Dem steht das Feld (V) gegenüber, das den Verbrauch bzw. die Vermarktung der Produkte darstellt. Im ökonomischen Sinn werden hier die Produkte (Waren und Dienstleistungen) mit Hilfe der Vermarktung wieder in Geld (Kapital) zurück gewandelt.
Pettis Satz besagt, dass K=P sein muss, sonst würden sich Blasen auf der Kapital- und/oder Produktseite bilden. Gehen wir also davon aus, dass es sich um ein System mit ausgeglichener Leistungsbilanz handelt. Bei einem als gesund angesehenen Wirtschaftssystem muss bei der Vermarktung der Produkte ein möglichst grosser Gewinn erzielt werden. Das führt zwangsläufig dazu, dass die Menge des Kapitals und damit auch der hergestellten Produkte mit jedem Umlauf wächst. Pettis Satz kann demnach in einem wachsenden Wirtschaftssystem (im Gegensatz zum Energie- Erhaltungssatz) nur für einen bestimmten Zeitpunkt oder bestenfalls Zeitraum gelten.
Das Wachstum führt früher oder später zu einem Überangebot an Produkten, das wiederum nach den Gesetzen der Marktwirtschaft sinkende Preise zur Folge hat. Um lukrative Gewinnmargen zu erhalten, muss zwangsläufig (?) die Produktivität erhöht, d.h. die Kosten der Produktion gesenkt werden. Das wiederum führt zu weniger Beschäftigung und in der Folge zu mehr Arbeitslosigkeit. Der Konsum (Verbrauch) geht zurück. Es bildet sich eine Blase auf der Produktseite. Es liegt nahe, die überschüssigen mit geringen Kosten hergestellten, Produkte in andere Märkte zu exportieren. Unser oben dargestelltes, geschlossenes System besteht also neu aus zwei Untersystemen:
Die überschüssigen Produkte aus System 1 werden von P1 nach P2 exportiert. Die daraus resultierenden Erträge einschliesslich der erwirtschafteten Gewinne werden von K2 zurück nach K1 transferiert. Die positive Handelsbilanz von System 1 wird durch die negative Handelsbilanz des Systems 2 ausgeglichen. Die Leistungs- und Kapitalbilanz ist für das Gesamtsystem ausgeglichen. Diese Konstellation setzt voraus, dass System 1 die Produkte zu einem geringeren Preis anbietet als System 2 oder anders ausgedrückt, dass die Produktivität in System 1 höher ist als in System 2. Damit steigt die Beschäftigung in System 1 wieder, ohne dass dabei die Kapitalerträge gemindert werden. System 1 wächst.
Die Situation in System 2 ist genau umgekehrt: Die lokale Wirtschaft wird durch billige Produkte aus System 1 verdrängt, d.h. bei gleich bleibendem Konsum (aka Verbrauch) wird das lokale Wachstum gebremst. Die Beschäftigung ist rückläufig. Wachsende Arbeitslosigkeit und schrumpfende Kapitalerträge sind das zwangsläufige Resultat. System 2 schrumpft so lange, bis dort nicht mehr genügend Mittel für den Konsum (Verbrauch) zur Verfügung stehen. Der Export von P1 nach P2 stagniert. Die Produktion in H1 wird reduziert. Beschäftigung und Kapitalerträge In K1 schrumpfen. In K1 entsteht ein Kapitalüberschuss. Die nahe liegende Lösung sieht wie folgt aus:
K1 gibt Kredite an K2 und kurbelt damit den Konsum in V2 wieder an. System 1 kann damit vorübergehend wieder wachsen, während die Wirtschaftsleistung von System 2 weiter schrumpft. Zudem wachsen die Schulden von K2 gegenüber K1 stetig an. Die Kreditwürdigkeit von System 2 verringert sich. In Folge des erhöhten Risikos werden die Schuldzinsen erhöht, was den Anstieg der Verschuldung beschleunigt. System 2 wird über Kurz oder Lang zahlungsunfähig.
Das ist exakt die Situation wie sie sich zurzeit in Europa und anderen Teilen der Welt darstellt. Was sind mögliche Szenarien:
- System 2 (z.B. Griechenland) wird gezwungen zu sparen, so dass die Schulden an System 1 (z.B. Deutschland) nach und nach zurückgezahlt werden können. Die Wirtschaftsleistung von System 2 schrumpft weiter. Die Exporte von P1 nach P2 brechen weiter ein. Um das eigene Wirtschaftswachstum zu erhalten, muss System 1 neue Exportmärkte erschliessen. Dasselbe Spiel beginnt von vorn. Langfristig entsteht ein globales Schneeballsystem, das immer neue Gläubiger und Schuldner hervorbringt. Dieses ist der Weg, der zurzeit von Deutschland unter Angela Merkel vorangetrieben wird. Gemäss Michael Pettis ist dies zwar legitim, jedoch nicht nachhaltig. Die Interessen der Kapitaleigner in System 1 werden einseitig geschützt, ohne Rücksicht auf die Belange der lohnabhängigen Arbeitnehmer.
- System 2 wertet seine Währung ab und steigert damit seine Konkurrenzfähigkeit auf den globalen Märkten. Die Binnenwirtschaft kommt wieder in Gang. Die Beschäftigung nimmt zu. Um dies zu erreichen werden nach Michael Pettis Prognose die überschuldeten Länder Europas in absehbarer Zeit aus dem Währungsverbund ausscheiden und wieder eigene Währungen einführen. Die Gläubigerländer werden darauf bestehen, dass die Schulden nicht in den neuen, abgewerteten Währungen, sondern in Euro zurückbezahlt werden, d.h. die Schulden werden nicht mit abgewertet. Aufgrund des neuen Preisgefüges werden keine Exporte von P1 nach P2 mehr möglich sein. Ausserdem tritt System 2 mit seinen reduzierten Preisen als ernstzunehmender Konkurrent in die globalen Märkte ein. Das oben beschriebene globale Schneeballsystem wird auch hier forciert.
- Sinnvoll wäre, wenn einerseits die Überschussländer ihre Binnennachfrage erhöhten und zugleich ihre Exporte reduzierten, während im Gegenzug die Defizitländer sparten, weniger importierten und statt dessen ihre Binnenwirtschaft stärkten. Nachhaltiges Wachstum ist nur in Verbindung mit einem Wachstum des Binnenkonsums möglich, d.h. die Finanzmittel müssen so verteilt werden, dass sie nicht wie bisher, in die Kassen derer fliessen, die schon mehr besitzen, als sie je konsumieren können, sondern dorthin wo zusätzliches Einkommen zusätzlichen, sinnvollen Konsum ermöglicht. Das Wachstum ist durch ökologische Kriterien begrenzt. Leider wurde dieses Szenario in der Vergangenheit nie realisiert und es ist nach Michael Pettis Meinung auch nicht in Zukunft zu erwarten.
Die Darstellung aller Aspekte würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Die wenigen Beispiele zeigen aber bereits, dass die Leistungsbilanzen, wie immer man es auch dreht und wendet, langfristig ausgeglichen sein müssen. Ungleich verteilte Überschüsse bzw. Defizite der Handelsbilanzen schaffen keine neuen Werte, sondern können diese nur verschieben. Das System ist offensichtlich parasitär. Sowohl Überschüsse als auch Defizite bergen langfristig erhebliche Risiken und Nebenwirkungen für die Akteure auf beiden Seiten.
Die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit auf Seiten Defizitländer durch einseitiges Sparen löst das Problem nicht nachhaltig. Wenn alle Länder Exportüberschüsse erwirtschaften, stellt sich irgendwann die Frage: Wohin exportieren? Es entsteht ein ruinöser Wettbewerb um die globalen Absatzmärkte. Michael Pettis sagt für die Zukunft globale Handelskriege um die Absatzmärkte dieser Welt vorher – eine reichlich pessimistische, jedoch durchaus realistische Prognose.
Der in Szenario #3 beschriebene Ansatz könnte zu einer nachhaltigen Lösung führen. Das Problem ist, dass in aller Regel die Interessen der Kapitaleigner (das sind nicht nur stinkreiche Kapitalisten, sondern auch die meisten von uns mit ihrem Pensionskassenkapital) höher gewichtet werden, als diejenigen der lohnabhängigen Arbeitnehmer. Soziale und ökologische Kriterien spielen in den globalen Finanz- und Wirtschaftsprozessen eine bestenfalls untergeordnete Rolle. Die Finanz- und Wirtschaftsprozesse müssen so verändert werden, dass sie statt ausschliesslich der Gewinnung von Geld, dem Wohl aller Menschen unserer und zukünftiger Generationen dienen. Geld ist als einzige Masseinheit zur Bewertung von Wirtschaftsprozessen ungeeignet.
Es ist offensichtlich, dass die vollkommen deregulierten internationalen Märkte allein keine nachhaltige Lösung zu Stande bringen. Die Politik ist durch so genannte Sachzwänge, die durch mächtige Lobbys etabliert und nachhaltig verteidigt werden, weitgehend handlungsunfähig.
Die Lösung muss von den globalen Zivilgesellschaften ausgehen. Erste Anfänge sind erkennbar, z.B. hier
Ein interessanter Kommentar zum Thema von Paul Krugman hier