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Das diesjährige «Histoires du cinéma suisse»-Programm widmet sich der ältesten Produktionsfirma der Schweiz: Die Praesens-Film AG feiert 2024 ihr 100-jähriges Bestehen. Die Solothurner Filmtage und filmo zeigen fünf verborgene Film-Schätze aus dem vielseitigen Katalog, darunter «The Village», der in den 1950er-Jahren in Cannes uraufgeführt wurde und in Solothurn nun die digitale Schweizer Premiere feiert.
Als der junge Lazar Wechsler, aus Russisch-Polen stammend, mit seiner Mutter und einem Bruder auf Durchreise in der Schweiz ist und der Erste Weltkrieg ausbricht, weiss er noch nicht, dass er in den folgenden Jahrzehnten zur zentralen Figur des Schweizer Kinos avancieren wird. Vorerst aber entscheidet sich die jüdische Familie, in Zürich zu bleiben, und Lazar Wechsler studiert an der ETH Ingenieurwesen. 1924 gründet er zusammen mit dem Medienunternehmer, Flugpionier und späteren Swissair-Mitbegründer Walter Mittelholzer die Praesens-Film AG. Mit dabei ist auch Lazars Frau Amalie Wechsler, die als unerlässliche Partnerin in den verschiedensten Rollen mitarbeitet. Alle drei sind ständig auf Achse und bereisen die Welt. Mit «Mein Persienflug» entsteht bereits 1925 unter der Regie von Walter Mittelholzer die Dokumentation einer Expedition, die von Zürich nach Smyrna, Bagdad und Teheran führt.
Von Avantgarde-Filmen und Tabuthemen
Aus dem Jahr 1929 stammt der Stummfilm «Frauennot – Frauenglück». Der Aufklärungsfilm über die Schwangerschaft und ihren Abbruch wurde mit der Unterstützung der Zürcher Gesundheitsdirektion und der Universitäts-Frauenklinik realisiert. Den erschütternden Bildern des Leidens und des Sterbens von Frauen, die heimlich eine illegale Abtreibung vornehmen lassen, stellt die sowjetische Filmequipe rund um Eduard Tissé die professionellen Behandlungsmöglichkeiten der modernen und hygienischen Frauenklinik gegenüber. Der Film ist mutig, erhitzt die Gemüter, erhält kantonale Verbote – und wird ein Erfolg.
Ein ganz anderes Thema behandelt «Die Schatten werden länger» (1961), ein Filmdrama des ungarischen Regisseurs Ladislao Vajda, das in einem Mädchenheim in der Schweiz spielt und die Prostitution und Erpressung junger Frauen zum Inhalt hat – dies in einer Zeit, als Prostitution in der Öffentlichkeit noch ein Schattendasein fristete.
Hollywood-Flair
Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland 1933 gelangt der aus Wien stammende jüdische Regisseur Léopold Lindtberg nach Zürich. Er wird zu den wichtigsten Regisseuren des Schauspielhauses Zürich und des Schweizer Films. Lazar Wechsler engagiert ihn erstmals 1935. Lindtberg führt Regie bei den zentralen Filmen der Geistigen Landesverteidigung. «Füsilier Wipf» (1938), «Landammann Stauffacher» (1941) oder «Marie-Louise» (1944) stehen zum einen für die Wehrbereitschaft, zum anderen für die humanitäre Tradition der Schweiz. Nach dem Krieg realisiert er «Swiss Tour» (1949). Die Wintersportromanze mit Hollywood-Star Cornel Wilde wird unter katastrophalen Bedingungen gedreht. Von Kritikern wird der Film teilweise als banal empfunden, ein Flop aber ist er nicht – allein in Zürich läuft der Streifen neun Wochen lang im Kino. In «The Village» (1953) blickt Lindtberg auf Waisenkinder des Zweiten Weltkriegs, die in der Schweiz ein temporäres Zuhause finden. Der Film, gedreht in der Schweiz und in England, findet auf dem internationalen Markt eine weite Verbreitung und gewinnt den Bronzenen Bären der Berlinale.
Zwischen den 1920er- und den 1960er-Jahren produziert die Praesens-Film AG Filme, die alle zusammen genommen ein Stück Schweizer Kulturgeschichte erzählen und ein Spiegel der jeweiligen Zeit, Politik und Gesellschaft sind. Es sind die schönen und die Schattenseiten einer Welt zwischen Aufbruch, Krieg, Identitätsbildung und Hollywood-Fieber.
- Denise Tonella, Direktorin Schweizerisches Nationalmuseum
(Das Landesmuseum Zürich zeigt in Partnerschaft mit der Cinémathèque suisse bis 21. April 2024 die Ausstellung «Close-up. Eine Schweizer Filmgeschichte», welche die Filme der Praesens-Film AG im Spiegel von Zeit, Politik und Gesellschaft betrachtet: www.landesmuseum.ch/closeup)