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Banken brauchen Regeln – aber sie brauchen auch Freiheit. Warum das so ist, zeigt ein Paper anhand der Entwicklung in Frankreich auf.
Der chinesische Yuan ist seit kurzem offiziell eine Weltreservewährung. Die Aufnahme in den Währungskorb des IWF ist Teil eines grösseren Plans: China will sein Finanzsystem liberalisieren und mehr Marktwirtschaft im Bankenwesen zulassen.
Doch was bringt es überhaupt, wenn eine Bank nach marktwirtschaftlichen Prinzipien geführt wird? Die Forscher Marianne Betrand, Antoinette Schoar und David Thesmar haben diese Frage in einer Arbeit untersucht: «Banking Deregulation and Industry Structure: Evidence from the French Banking Reforms of 1985.» Das Papier stammt aus dem Jahr 2007 und befasst sich mit der französischen Bankenreform der achtziger Jahre: einem Liberalisierungsprojekt, das den Einfluss des Staates im alltäglichen Geschäft der Banken zurückbinden sollte.
Wie Banken die Produktivität steigern
Ein leistungsfähiger Finanzsektor und eine schnell wachsende Wirtschaft gehen häufig Hand in Hand. Es ist jedoch schwierig, die Richtung der Kausalität zwischen Wirtschaftswachstum und der Entwicklung des Finanzsektors empirisch einwandfrei zu ermitteln. Marianne Betrand, Antoinette Schoar und David Thesmar nutzen hierzu ein sogenanntes «natürliches Experiment», nämlich die Deregulierung des französischen Bankensektors in den 1980er Jahren, welche die Kreditvergabe von Banken entscheidend verändert hat.
Um den Effekt der Deregulierung isoliert zu betrachten, vergleichen sie die Entwicklung von Unternehmen in besonders bankabhängigen Branchen mit anderen Unternehmen, welche sich weniger stark über Bankenkredite finanzieren. Bei ihrer Analyse nutzen die Autoren einen sehr umfangreichen Datensatz der französischen Steuerbehörden mit Informationen zu rund 15 000 börsennotierten und privaten Unternehmen.
Frankreichs Banken in den siebziger Jahren
Der französische Bankensektor war bis Mitte der 1980er Jahre stark von staatlichen Eingriffen geprägt. Es existierte ein Netz staatlich bevorzugter Banken, welche subventionierte Kredite an Unternehmen vergaben, die als besonders förderungswürdig galten. Die staatlich organisierte Vergabe von subventionierten Krediten wurde häufig zum Erhalt von Arbeitsplätzen genutzt. 1979 war gut die Hälfte aller Kredite subventioniert. Doch die Banken wiesen einen immer grösser werdenden Anteil an notleidenden Krediten in ihren Bilanzen aus. Häufig kam es zu Krisen, mehrere Institute mussten verstaatlicht werden.
«Die staatliche Steuerung und Subventionierung von Krediten wurde abgeschafft.»
Als Folge davon wurde ab 1985 der französische Finanzsektor umfassend reformiert. Die staatliche Steuerung und Subventionierung von Krediten wurde abgeschafft. Einige Banken wurden privatisiert und die Geldpolitik weg von einer Kontrolle der Kreditvergabe hin zu einer Zinspolitik neu ausgerichtet. Fortan sollten die Kapitalflüsse durch den Markt gesteuert werden, wobei es bestimmte Reserveverpflichtungen zu beachten gab. Die Deregulierung der französischen Banken in den späten 1980er Jahren hat den Bankensektor von einem durch staatliche Intervention geprägten hin zu einem marktwirtschaftlichen System verwandelt.
Was die Reform in den Bankbilanzen ...
Im Zuge dieser Deregulierung erlangten die Banken wieder Autonomie über ihre Kreditvergabe. Dies verbesserte die Effizienz. Banken richteten ihre Entscheidungen stärker an der Ertragsfähigkeit der Kreditnehmer aus. Vor der Reform erhielten auch unprofitable Unternehmen weitere Kredite, wenn sie in die Krise geraten waren. Nach der Reform gingen die Banken in solchen Fällen wesentlich restriktiver vor. Sie waren oft nicht mehr bereit, schwache Unternehmen zu retten.
Gleichzeitig führte die Reform zu einer stärkeren Kreditvergabe an profitable Unternehmen. Diese wurden auch während einer Krise weiter unterstützt. Die Fähigkeit der Banken, ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu erkennen, verbesserte sich. Vor der Reform wiesen Unternehmen nach einer Kreditaufnahme im Schnitt eine niedrigere Rentabilität auf als vorher. Dieser Zusammenhang wurde durch die Reform umgedreht. Seither ist die Kreditvergabe an ein Unternehmen ein Indikator dafür, dass sich die Rentabilität einer Firma verbessern wird.
«Vor der Reform erhielten auch unprofitable Unternehmen weitere Kredite, wenn sie in die Krise geraten waren. Nach der Reform gingen die Banken in solchen Fällen wesentlich restriktiver vor.»
Die geänderte Kreditvergabepolitik der Banken spiegelte sich auch in der Kapitalstruktur der Unternehmen wieder. Branchen, welche vor der Reform besonders stark von der Kreditfinanzierung der Banken abhängig waren und tendenziell stärker von subventionierten Krediten profitierten, verringerten die Verschuldung besonders stark.
Die Schätzungen von Bertrand, Schoar und Thesmar zeigen, dass der Rückgang der Bankkredite (im Verhältnis zur Bilanzsumme) in diesen Branchen um 7 Prozentpunkte stärker ausfiel als in nur schwach bankabhängigen. Auch die Kreditvergabe an unprofitable Unternehmen ging deutlich zurück: Unternehmen mit besonders niedriger Rentabilität reduzierten ihren Verschuldungsgrad von 55 auf 40 Prozent, und damit mehr als doppelt so stark als der Durchschnitt (48 auf 42 Prozent).
Wie sich die Anteile der verschiedenen Unternehmens-Finanzierungsquellen entwickelt haben, wird durch die folgende Grafik illustriert. Sie zeigt die durchschnittliche Entwicklung der Kapitalstruktur französischer Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors im Zeitraum 1978-1996.
Teilweise wurde der Rückgang des Fremdkapitals durch Handelskredite oder die Aufnahme von Eigenkapital ausgeglichen. Da sich im selben Zeitraum auch die Zinsen erhöht haben, lässt sich allerdings nicht genau beziffern, welcher Anteil dieser Veränderungen auf die Reform und welcher auf die Zinsen zurückzuführen ist.
... und in der Realwirtschaft auslöste
Die Reform des Bankensektors hatte realwirtschaftliche Konsequenzen. Industriezweige, die besonders stark von Bankkrediten abhängig waren, wurden kosteneffektiver und wuchsen weniger stark. Diese Entwicklung deutet auf Überinvestitionen vor der Reform hin. Die Schrumpfung führte also zu einer effizienteren Nutzung von Ressourcen und zu höheren Renditen. Der Anpassungsprozess hatte allerdings auch schmerzhafte Folgen. So sanken die Löhne in den stark bankabhängigen Branchen relativ zu den Branchen, die sich weniger über Bankkredite finanzierten.
«Die Marktanteile einzelner grosser Unternehmen schrumpften und verteilten sich auf eine grössere Anzahl von Firmen.»
Nach der Deregulierung des Bankensektors nahm die Zahl von Unternehmensgründungen, aber auch von Schliessungen zu. Die damit verbundene Fluktuation von Arbeitskräften und Kapital stieg überdurchschnittlich stark in Branchen, welche vor der Reform besonders abhängig vom Bankensektor waren und danach einen aufgestauten Bedarf an Reallokation bewältigen mussten.
In diesen Branchen ging auch die Marktkonzentration zurück. Die Marktanteile einzelner grosser Unternehmen schrumpften und verteilten sich auf eine grössere Anzahl von Firmen. Eine geringere Marktkonzentration bedeutet stärkeren Wettbewerb und wirkt sich tendenziell für die Konsumenten positiv aus. Die Autoren des Papiers schliessen aus diesen Ergebnissen, dass die staatlichen Interventionen vor der Reform neue Unternehmensgründungen erschwert und die etablierten Unternehmen bevorteilt hatten.
Banken fördern die schöpferische Zerstörung
Ein leistungsfähiger Bankensektor spielt somit eine wichtige Rolle, Innovation und Wachstum voranzutreiben: einen Prozess, den der österreichische Ökonom Josef Schumpeter als «schöpferische Zerstörung» bezeichnet hatte. Die Aufgabe alter Technologien und die Umlenkung von Arbeit und Kapital auf neue innovative Branchen ist dabei ein Motor des Wirtschaftswachstums und Fortschritts.
Die Arbeit von Bertrand, Schoar und Thesmar deuten darauf hin, dass die starken staatlichen Eingriffe im Bankensektor letzten Endes die alteingesessenen Unternehmen vor der effizienzfördernden Konkurrenz geschützt und damit Frankreichs Wachstum vor den Reformen der achtziger Jahre gebremst hatten.
Hannah Winterberg ist Studentin im Masterprogramm in Economics an der Universität St. Gallen. Mit der Initiative «Next Generation» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der Universität St. Gallen ihre Nachwuchstalente, die Öffentlichkeit über Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewählter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.