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Aufregende Nachbarschaften, Tänze, Manifeste und Lautgedichte auf der Insel inmitten der Schlachten des Ersten Weltkriegs: Die von Kriegsflüchtlingen 1916 lancierte Zürcher Dada-Bewegung überragt alle anderen schweizerischen Kunstereignisse.
Schon die Anfänge von Dada sind verwegen – und verwinkelt. Der historischen Ordnung zuliebe verständigt man sich auf den klaren Geburtstermin des 5. Februar 1916, als im Hinterzimmer des Restaurants Meierei an der Zürcher Spiegelgasse 1 die «Künstlerkneipe Voltaire» eröffnet wurde. In derselben schmalen, dunklen Altstadtgasse im damaligen Rotlichtviertel lebte von 1916 bis 1917 Wladimir Iljitsch Lenin zur Untermiete und plante die Russische Revolution. Ob er das später zu «Cabaret Voltaire» umbenannte Lokal je besucht hat, weiss man nicht. Begleitet wurde die spezielle Kneipeneröffnung von einer Pressemitteilung, in der die «junge Künstlerschaft Zürichs» eingeladen wurde, «ohne Rücksicht auf eine besondere Kunstrichtung sich mit Vorschlägen und Beiträgen einzufinden». Fast täglich fanden daraufhin Veranstaltungen statt. Etwas Geld verdiente man mit Garderobegebühren, erst später auch mit Eintrittspreisen.
Doch bereits Jahre zuvor hatte in New York die Dichterin und Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven als «lebende Collage» halb nackt auf Veranden getanzt, Skulpturen und Kostüme aus Strassenabfällen gebastelt und freche, anzügliche Gedichte geschrieben, die erst Jahrzehnte später Beachtung fanden. Ebenfalls in New York hatte Marcel Duchamp als weiterer Dada-Pionier schon 1913 ein Speichenrad auf einen hölzernen Hocker montiert und so ein erstes seiner berühmten Readymades geschaffen: ein Alltagsgegenstand, der erst durch die Signatur des Künstlers und die Zurschaustellung im Museum zum Kunstobjekt wird. Kunst als Antikunst.
Balkanstrasse und Cabarets
Rund um die Schweiz wütete seit 1914 der Erste Weltkrieg. Unter den zukünftigen Zürcher DadaistInnen waren viele Kriegsdienstverweigerer und Flüchtlinge aus dem Osten, die Bahnhofstrasse trug damals sogar den Spitznamen Balkanstrasse. Die von der Weltgeschichte versprengten Eingewanderten trafen sich zuerst im Zürcher Café Terrasse beim Bellevue, später im «Odeon». Sie nutzten die Lokale als Künstlerateliers und Salons und verbrachten dort ganze Nachmittage kostengünstig bei einer einzigen Tasse Kaffee, bis man sie hinauswarf. Und bereits vor dem 5. Februar 1916 wurden Cabarets veranstaltet und Zeitschriften gegründet. Einzelne ExponentInnen verkehrten mit hiesigen SozialistInnen und wurden wegen Verdacht auf Anarchismus, Drogen oder Prostitution polizeilich beobachtet. Zum harten Kern der Zürcher DadaistInnen zählten Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Sophie Taeuber, Marcel Janco, Madame Leconte, Tristan Tzara, Walter Serner, Richard Huelsenbeck und Hans Richter. Sie waren Dichter, Tänzerinnen, Maler, Schauspielerinnen, Modeschöpfer, Bildhauerinnen, Puppenspieler, Trommlerinnen, Grafiker und Aktivistinnen.
Das schlagkräftige Wort «Dada» heftete sich die Bewegung ganz offiziell erst am 14. Juli 1916 ans bunte Revers, als im Zürcher Zunfthaus zur Waag zur ersten «Dada-Soirée» geladen wurde. Die Herkunft des Namens ist unklar. Weder erwiesen noch ausgeschlossen ist, dass bei der Inspiration auch ein haarstärkendes Kopfwasser sowie eine viel beworbene Lilienmilchseife und -creme eine Rolle spielten. Die Dresdner Parfümeriefabrikanten Bergmann & Co. mit Zürcher Niederlassung hatten jedenfalls den Markennamen Dada bereits 1906 schützen lassen. «Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt», rief der Zeremonienmeister Hugo Ball zur Begrüssung in den vollen Saal. Kurz darauf zog er sich erschöpft ins Tessin zurück. In Tristan Tzaras Dada-Manifest von 1918 heisst es dann: «Dada – dies ist ein Wort, das die Ideen hetzt.» Aber auch: «Dada bedeutet nichts.»
Flüchtig, auf den Moment begrenzt
Und obwohl 1917 in der Bahnhofstrasse sogar eine «Galerie Dada» eröffnet wurde, blieben viele Darbietungen flüchtig und auf den einmaligen Moment begrenzt. Es gibt keine Film- oder Tonaufnahmen der bewegten frühen dadaistischen Ausdruckstänze, Performances und Theaterinszenierungen, sie überlebten bloss dank Beschreibungen und Fotografien. Von den berühmten Lautgedichten, leicht verschwitzt vorgetragen von einem in ein kubistisches Kartonkostüm verpackten Hugo Ball, existieren heute nur noch ein Schwarzweissfoto des Dichters in Aktion und das gedruckte Wort: «jolifanto bambla o falli bambla». Was von Dada konkret materiell übrig geblieben ist, ergibt notgedrungen einen unvollständigen, etwas statischen Eindruck des damaligen Geschehens.
Auch die vielen Jubiläumsfeiern, Publikationen und Ausstellungen zu Ehren der Dada-PionierInnen müssen sich heute der Herausforderung stellen, diese prekären Outlaws der Avantgarde weder zu musealisieren noch sie zurechtzubiegen. Schliesslich war es stets entscheidend für ihr Programm und ihre Identität, sich nicht festlegen oder institutionalisieren zu lassen.
Freude am Nonsens
Als «verspielte Sinnlosigkeitserklärung an das brutal Sinnlose» des Ersten Weltkriegs beschrieb der Schweizer Geschichtsprofessor Jakob Tanner die Zürcher Dada-Bewegung. «Da keinerlei Kunst, Politik oder Bekenntnis diesem Dammbruch gewachsen scheinen, bleibt nur die Blague und die blutige Pose», schrieb Hugo Ball 1916 in sein Tagebuch. In einem ähnlichen Gedankengang hat der slowenische Schnelldenker Slavoj Zizek vor ein paar Jahren bei einem Vortrag in Zürich das poetische «Foltern» der Sprache in Gedichten explizit gegen das Foltern von Menschen ins Feld geführt: «Die Sprache muss verdreht, verdichtet, geschnitten und wieder zusammengefügt werden.» Als Gewährsfrau zitierte er Elfriede Jelinek: «Man muss die Sprache foltern, damit sie die Wahrheit sagt.» Oder nochmals zurück zu Ball: «Wir haben die Plastizität des Wortes jetzt bis zu einem Punkt getrieben, an dem sie schwerlich mehr überboten werden kann» – «gragluda gligloda glodasch».
Zu dieser poetischen Verformung der Sprache als Antwort auf die kriegerischen Verformungen der Realität gesellten sich das laute Gelächter und eine diebische Freude am Nonsens. Gut möglich, dass diese Kunst zuweilen noch in der Pubertät steckte und manche der Dada-Vorführungen wie bunte Abende oder Kindergeburtstage ausschauten. Doch sollten das Gelächter und die Feier des Unsinns angesichts des Unerträglichen nicht unterschätzt werden. Allen Widrigkeiten zum Trotz wollten diese DadaistInnen die Welt nicht noch grauer erscheinen lassen, als sie es sowieso schon war. «Wir lachten alles aus», erinnert sich Dada-Chronist Hans Richter. «Wir lachten über uns selbst, wie über Kaiser, König und Vaterland, Bierbauch und Schnuller. Das Lachen nahmen wir ernst. Wir wollten eine neue Art von Mensch heraufführen, mit der zu leben wünschenswert wäre, frei von der Diktatur der Vernünftigkeit, der Banalität der Generäle, Vaterländer, der Nationen, der Kunsthändler, der Mikroben, der Vergangenheit und der jeweiligen Aufenthaltserlaubnis.»
1919, nach Kriegsende und nachdem ihre Kunst im Olymp des Zürcher Kunsthauses und für eine letzte Soirée im Saal zur Kaufleuten angekommen war, zerstoben die Zürcher DadaistInnen in alle Himmelsrichtungen. Der Dadaismus eröffnete europaweit Filialen oder ging im Surrealismus auf. Und ein wenig beeinflusste Dada wohl auch die Schweizer Kinder, die sich Jahrzehnte später zur Fasnacht mit Kartonschachteln und viel Alufolie als Computer verkleideten. Oder ihre älteren Geschwister, die Anfang der achtziger Jahre in Zürichs Strassen erneut die Revolution versuchten.
Eine Übersicht über die vielen Dada-Veranstaltungen zum 100. Geburtstag bietet www.dada100zuerich2016.ch. Der Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess hat gleich mehrere Bücher zum Jubiläum herausgebracht, unter anderem «Dadaglobe Reconstructed», «Genese Dada» und «Die Dada». www.scheidegger-spiess.ch