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Ertüchtigung eines Bijous
Seit einem halben Jahr sind umfangreiche Bauarbeiten am «Haus zum Kiel» am Hischengraben zu beobachten. Worin bestehen diese? Welche Herausforderungen stellt das Bauvorhaben? Und wie wird das Haus künftig genutzt? Anlässlich einer Besichtigung der Baustelle konnte sich der Altstadt Kurier ein Bild über den Fortgang der Arbeiten machen.
Der Seidenfabrikant Kaspar Schulthess-Haab liess zwischen 1716 und 1726 das repräsentative Haus am Hirschengraben 20 samt seinen Nebengebäuden erstellen, zu denen auch ein Farbhaus gehörte. Unter dem ursprünglichen Namen «zum Lindentor» blieb es bis kurz vor 1775 im Besitz der Familie Schulthess und wurde dann vom Stadtrichter, Zunftmeister und Ratsherrn Johannes Bürkli gekauft. Dieser, ein Freund des Dichters und Malers Salomon Gessner und des Literaten Johann Jakob Bodmer, beauftragte 1775 den eben erst aus Stuttgart nach Zürich geflüchteten Bildhauer und Stuckateur Valentin Sonnenschein mit der Ausstattung des Musiksaals und eines daran anschliessenden Salons.
Die beiden mit frühklassizistischen Stuckaturen geschmückten Festräume gehören heute zu den wenigen original erhaltenen Raumdekorationen Sonnenscheins. Über 100 Jahre lang blieb das Haus Eigentum der Nachkommen Bürklis. Mit dem Besitzerwechsel 1887 erhielt es die neue Bezeichnung «zum Kiel» in Erinnerung an einen 1863 abgebrochenen Bau dieses Namens am Limmatquai, dort wo 1866/67 das Gebäude der Museumsgesellschaft errichtet wurde.
Seit 1932 im Besitz der Stadt
Nach mehreren Handänderungen übernahm die Stadt 1932 die ganze Liegenschaft mit dem Haupthaus, einem Magazingebäude und einem Holzschopf. Das Stadtratsprotokoll vom 23. Januar 1932 bemerkt dazu: «Die Liegenschaft Hirschengraben 20 von Frau Emmy Fischer, geborenen Ryf, liegt im Gebiet, das für die seinerzeitige Erweiterung des Kunsthauses beansprucht werden muss. Als daher bekannt wurde, dass die Eigentümerin sich um die Veräusserung des Anwesens bemühe, wurden mit ihr über den Erwerb durch die Stadt Unterhandlungen aufgenommen.» In der Tat lagen damals verschiedene kühne Ausbaupläne des Architekten Karl Moser für die Vergrösserung des Kunsthauses vor, denen nicht nur das «Haus zum Kiel», sondern auch das «Haus zum Lindengarten», wo heute die Stiftung Pro Helvetia untergebracht ist, zum Opfer gefallen wären.
Renovationen und Nutzungen
Abgesehen von der Erneuerung der Fenster im Jahr 1954, der Restaurierung von Sonnenscheins Musiksaal und angrenzendem Salon 1974/75, wonach diese Räume dem Museum Rietberg als Dépendance für Sonderausstellungen zur Verfügung gestellt wurden, und einer Sanierung der Fassade 1989 ist das Haus zum Kiel bisher keiner gründlichen Sanierung unterzogen worden. Der Bau des
S-Bahn-Tunnels, der in geringer Tiefe direkt unter dem Haus durchführt, machte zeitweise eine stabilisierende Abstützung der Grundmauern mit hydraulischen Pressen notwendig, um schädliche Setzungen zu vermeiden. In den letzten Jahren wurde die Liegenschaft mehrheitlich für Büros und nur noch zu einem kleinen Teil zu Wohnzwecken genutzt. Während dem Umbau des benachbarten Hauses zum Lindengarten diente sie als Ausweichfläche für die Stiftung Pro Helvetia. Den geräumigen, hohen Keller benützte eine Weinhandlung als Lager und Ort für verschiedene Veranstaltungen.
Prekärer baulicher Zustand
Seit langem sind die baulichen Mängel und statischen Probleme des 300-jährigen Hauses zum Kiel bekannt: Das gesamte Tragwerk ist stark überlastet. Senkungen haben zu erheblichen Schäden und teilweiser Einsturzgefahr geführt, so dass bereits 2010 provisorische Sofortmassnahmen zur Stützung des Hauses durchgeführt werden mussten. In den Rämen der oberen Stockwerke ist der Höhenunterschied deutlich zu bemerken: Von den Aussenmauern bis zur Mitte des Gebäudes beträgt er stellenweise bis zu 35 Zentimeter. Ein Hauptträger im Untergeschoss ist gebrochen, Mauerköpfe sind teilweise verfault, und die ganze Haustechnik befindet sich ebenfalls in einem mangelhaften Zustand. Angesichts dieser Schäden war klar zu erkennen, dass eine Weiternutzung des Hauses zum Kiel ohne umfassende Restaurierung nicht mehr möglich ist.
Instandsetzung und Umbauten
Welche Massnahmen werden nun umgesetzt? Beim Innenausbau geht es vor allem um die Ertüchtigung der maroden Tragstrukturen, der Instandsetzung aller inneren Oberflächen, Behebung der Risse im Verputz und der teilweisen Schiftung der Böden zur Verminderung der Absenkungen. Sorgfältig geht man mit den originalen Parkettböden um, die Stück für Stück ausgebaut wurden und, wo es möglich ist, im restaurierten Zustand wieder an den ursprünglichen Orten zurückgelegt werden. Die ganze Gebäudetechnik – Bad- und Kücheninstallationen, alle elektrischen Leitungen, die Wärmeverteilung – muss ersetzt werden. Das Haus zum Kiel ist weiterhin über die erneuerte Heizfernwärmeleitung an die im benachbarten Haus zum Lindengarten stationierte Gasheizung angeschlossen, und alle alten Heizkörper werden, soweit sie noch funktionstüchtig sind, wiederverwendet.
Wie die Instandsetzungsarbeiten werden auch alle geplanten Umbauten in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege durchgeführt: Die drei grossen Wohnungen in den oberen Etagen, die sich bisher über die ganze Geschossfläche erstreckten, werden in je zwei kleinere Wohnungen unterteilt. Dadurch entstehen neu drei 3,5- und drei 4,5-Zimmer-Wohnungen, zudem werden die beiden Nebenbauten zu zweigeschossigen Wohnungen umgebaut. Allesamt sind dies Wohnungen, die zu Marktpreisen vermietet werden, wie das der Gemeinderat mit der Schaffung der Kategorie sogenannt spezieller Wohnobjekte verlangt hatte.
Während vorgesehen ist, den Saal im Untergeschoss wieder für Veranstaltungen für bis zu 100 Personen nutzbar zu machen, wofür ein zusätzlicher Fluchtweg neu erstellt werden muss, kann über die künftige Verwendung der beiden Prunkräume im Erdgeschoss noch keine endgültige Aussage gemacht werden.
Die bei der Stadt für das 13,3-Millionen-Projekt Verantwortlichen und die damit beauftragten Architekten des Zürcher Büros Edelmann Krell sind zuversichtlich, dass die Arbeiten wie geplant im Dezember 2022 beendet werden können.
Matthias Senn