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Ein ganz grosser der afrikanischen Literatur ist gestorben: Chinua Achebe. Er hat die Identität Afrikas mitgeprägt.
Mit dem besinnlichen und kritischen, nachdenklichen und eher scheuen Chinua Achebe verschwindet ein Brückenpfeiler im schweren Übergang vom Kolonialismus in Afrika zu einem neuen keimenden Stolz des Kontinents im 21. Jahrhundert. Der nigerianische Romancier, Dichter und Essayist, der seit seinem 70. Geburtstag und als Folge eines schweren Autounfalls in den USA lebte, starb am 21. März mit 82 Jahren.
Achebe wird immer wieder als Begründer der afrikanischen Literatur bezeichnet. Man verweist dabei auf seinen epochemachenden ersten Roman «Things Fall Apart» («Okonkwo oder Das Alte stürzt») aus dem Jahr 1958. Das ist eine spitzwinklige Sicht, denn Achebes Bedeutung für die gesamtafrikanische Literatur gründet darauf, dass er seit 1967 die 1962 gegründete Reihe African Writers Series (AWS) bei Heinemann in London mit herausgab. Er half also aktiv mit, neben der englisch verfassten auch die französisch- und die portugiesischsprachige Literatur – übersetzt – in diese Reihe aufzunehmen. Ferner ist Chinua Achebes Verdienst, dass diese Reihe nicht nur Romane, sondern auch Lyrik und Theaterstücke zugänglich machte, ohne die die neoafrikanische Literatur undenkbar ist. In den neunziger Jahren ist dieses Unternehmen mit seinem gigantischen Anspruch formell aufgegeben worden – insgesamt erschienen rund 350 Titel.
Einheit in der Vielfalt
Chinua Achebe hielt Afrika mithilfe der Literatur als Kontinent zusammen und half mit, ihm ein literarisches Gesicht zu geben. Zwar begibt man sich mit Hervorhebungen und Vergleichen im kulturellen Bereich meist aufs Glatteis. Doch mit Achebe muss auch der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka im selben Atemzug genannt werden – auch er ein literarischer Titan. Man kann diese beiden Koryphäen der afrikanischen Literatur sehr wohl mit der klassischen deutschen Konstellation von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller vergleichen: Soyinka wie Achebe mit Vorbildcharakter in der gesamtafrikanischen Auseinandersetzung und gewandt in allen literarischen Formen. Wo Soyinka wie Schiller brilliert mit politischen Theaterstücken, zeichnet Achebe eher die Position des Warners und Moralisten aus.
Und so gehören Soyinka und Achebe zusammen – sonst wäre Afrika gar nicht gemeint. Denn in Afrika fällt nichts nur einem Land oder einem Menschen zu. Ebenso wenig kann man sagen, Achebe sei im Exil gestorben. Die USA und der Rest der Welt sind längst kulturell miteinander verhängt.
Chinua Achebe war ein stolzer Igbo – so stolz, dass er sich 1967 im nigerianischen Bürgerkrieg zugunsten der SezessionistInnen für ein unabhängiges Biafra starkmachte. Indes gelang es ihm, dies später aus gesamtafrikanischer Perspektive als Fehler zu erkennen und literarisch zu bewältigen. Ein für Afrika wegweisendes Beispiel. Achebes letztes Werk – kurz vor seinem Tod erschienen – ist eine persönliche wie auch gesamtafrikanische Aufarbeitung dieses schauderhaften Kriegs, in dem der dritte grosse afrikanische Schriftsteller sein Leben lassen musste: Afrikas bislang wohl grösster Dichter Christopher Okigbo.
Achebe begriff, dass Afrika geschaffen und erdichtet werden muss; Abspaltungen ergeben keinen Sinn. Gemeinsam mit Nelson Mandela wird er so auch noch zum Vater einer afrikanischen Einheit in grösster Vielfalt. Er hat alles darangesetzt, dass andere dem afrikanischen Regenbogen weiterhin Farbe verleihen.
Sprache und Denken entkolonisieren
Wie der lange verachtete Amos Tutuola, ebenfalls Nigerianer mit einer afrikanisch-surrealistischen Schreibe, zeichnete sich auch Achebe dadurch aus, dass er traditionelles Gut, Brauchtum und Sprache in sein Werk aufnahm und nicht einfach europäische Literatur kopierte. Mit Achebe begann sich das traditionelle Englisch zu entkolonisieren; es entstanden ganz neue englische Töne auf dem Kontinent.
Chinua Achebes tiefstes Anliegen war es, von der kolonialen Mentalität wegzukommen und hinüberzuführen zu neuen Denkweisen. Als ausgebildeter Lehrer und ursprünglicher Radiomensch drang er wahrlich tief in die Eingeweide von kolonial stark benutzten Figuren ein. Seien sie literarischer Natur wie jene in Joseph Conrads «Herz der Finsternis» oder ganz real, wie etwa Albert Schweitzer, der für Achebe gleichsam die koloniale Verlogenheit von Mission und Zivilisation verkörperte. Wie konnten diese Menschen den afrikanischen Kontinent nur als dunkel und grausam, seine BewohnerInnen lediglich als Kinder und Wilde wahrnehmen? Mit welchem Blick, welchen Bildern in den Köpfen waren sie nach Afrika gekommen?
Achebe wollte zum Wandel bescheiden etwas beitragen, war jedoch sehr darauf bedacht, nicht als Alibi missbraucht zu werden. In lebendiger Erinnerung bleibt, wie er 1979 sehr bockbeinig an das erste afrikanische Literaturfest in Berlin kam, wo er eine Schelte über die noch immer existierende europäische Arroganz gegenüber den aus den Kolonien Entlassenen über das Publikum ergoss. So meinten einige, Achebe sei verbittert. Doch das war er nicht, höchstens traurig über die Langsamkeit des kolonialen Wandels.
Mit Chinua Achebe ist ein afrikanischer Humanist und Renaissancemensch von uns gegangen. Wer weiss, vielleicht taucht er als Termitenhaufen in der Savanne wieder auf und wird, wie einst in seinem fulminanten Werk «Termitenhügel in der Savanne» (1990), mit Millionen Termiten den grossen und kleinen Tyrannen dieser Welt nachstellen.
Al Imfeld (78) ist Afrikakenner, Journalist und Geschichtenerzähler. Sein jüngstes Buch ist «Auf den Strassen zum Himmel. Missionsgeschichten aus der Schweiz und aus Afrika».