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Zur Gründung des Schweizer Alpenclubs
am 19. April 1863 in Ölten.Von Ernst Jenny.
Ist es verwegen zu sagen, die Gründung des Schweizer Alpenclubs hange indirekt zusammen mit der Gründung der neuen Schweiz durch den Zusammenschluss von 1848? Es steht nirgends geschrieben, und doch darf man es glauben. In der Eröffnungsrede zur Versammlung schweizerischer Naturforscher in Bern 1858 sprach der grosse Geologe Bernhard Studer von der Gesellschaft als einer freien Volksgewalt, und niemand werde in der heutigen Schweiz die Macht der Demokratie bezweifeln wollen. Wenn damals unsere bedeutenden Vertreter der Naturwissenschaft so empfunden haben und wenn man bedenkt, dass gerade sie in der Erschliessung der Alpenwelt ein besonders schönes und dankbares Ziel schon lange sahen und ihm mit Begeisterung und Hingabe des Leibes und Geistes dienten, wenn man ferner den Aufschwung nationalen Fühlens nach 1848 immer stärker in der Literatur verspürt, dann darf auch die Geburt des S.A.C. nicht als zufälliges Ereignis ohne irgend welchen Zusammenhang mit anderm Geschehen betrachtet werden. Die Idee des Zusammenschlusses, der Vereinigung zu gemeinschaftlichem Handeln mit abgesteckten Zielen aus nationalem Geiste: sie hat auch den Schweizer Alpenclub gezeugt, geschaffen.
Jede gemeinschaftliche, nachwirkende Tat bereitet sich vor, sie kommt nicht von ungefähr, ihre Wurzeln reichen in die Vergangenheit zurück. Zuerst gehen einzelne starke Persönlichkeiten als Pioniere vor. Sie empfinden und handeln individuell voraus, was einem spätem Zeitgeist als selbstverständliches Allgemeingut erscheint. Hat nicht z.B. der Zürcher Arzt Konrad Gessner schon 1541 seinem Freunde Jakob Vogel in Glarus vorahnend geschrieben, er betrachte jeden als Feind der Natur, der die erhabenen Berge einer eingehenden Betrachtung nicht würdig finde? Ist nicht der Zürcher J. J. Scheuchzer schon 1702—1711 jedes Jahr mit Jünglingen in die Alpen gegangen, lange bevor eine S.A.C.-Jugendorganisation entstehen konnte? Hat nicht der Genfer Rudolf Toepffer von 1825 bis 1842 seine Schüler auf zahlreichen Ausflügen für die Bergwelt begeistert? Haben nicht Haller und Rousseau in der Schweiz und in Westeuropa einen neuen Inhalt für das Naturgefühl geschaffen und die Alpen in die Dichtung eingeführt? Hat nicht Saussure durch seine Mont Blanc-Besteigung 1787 den Zweifel an der Eroberung ganz hoher Berge gebrochen? Sind die ersten Unterkünfte im Unteraar, am Tödi und im Triftgebiet nicht die Vorboten der spätem Clubhütten? War nicht Iwan von Tschudis Schweizerführer 1855 besonders für den Alpinisten bestimmt? Hat nicht das kühne Trio Gottlieb Studer, Melchior Ulrich und J. J. Weilenmann die Schrift « Berg- und Gletscherfahrten » 1859 als Wegweiser für Bergsteiger herausgegeben und damit wie Tschudi den Boden für die C. Clubführer zubereitet?
Es kann sich hier nicht darum handeln, die Erweckung und Entwicklung des Alpensinnes und des Alpinismus in der Schweiz vor 1863 zu skizzieren, son- ZUR GRÜNDUNG DES SCHWEIZER ALPENCLUBS.
dem lediglich darum, anzudeuten, dass die Pioniere mehrfach gefühlsmässig wie geistig Allerbestes und Bleibendes der Neuzeit vererbt und zum Ausbau übergeben haben.
Der Schweizer Alpenclub musste kommen, und er kam. Es bedurfte nur noch eines äussern Reizmittels, innerlich war er schon im Werden. Den letzten Anstoss gab einerseits das seit 1848 stärker gewordene National- und Gemeinschaftsgefühl, anderseits die Gründung des Alpine Club in London 1857. Englische Bergsteiger waren besonders in den Westalpen erfolgreich aufgetreten, zumeist in Begleitung von Schweizerführern. Ein wahrer Wetteifer schien auch unsre einheimischen Bergsteiger zu beseelen, aber nur eine Sammlung aller guten Kräfte ( Naturforscher, Bergsteiger, Topographen ) konnte ihre Leistungsfähigkeit zur fruchtbaren Auswirkung bringen, d.h. zu einem kulturellen Gewinn für das geliebte Vaterland.
Den Ruf zur Sammlung erhob der Geologe Rudolf Theodor Simler in Bern. Man sagt, dass er ostschweizerischen Bergsteigern auf einem Gipfel der Glarner Alpen 1861 die Idee der « Gründung einer schweizerischen Alpengesellschaft » erstmals vorgetragen und Beifall gefunden habe. Und mit einer bewundernswerten Energie schritt der jugendliche Mann zielbewusst zur Tat. Am 20. Oktober 1862 schickte er nicht weniger als neun mit eigener Hand sorgfältig niedergelegte « Kreisschreiben an die Tit. Bergsteiger und Alpenfreunde der Schweiz » in Basel, Chur, Genf, Glarus, Luzern, Neuchâtel, Lausanne, St. Gallen und Zürich. Und fügte gleich ein Organisationsstatut hinzu. Das Echo widerhallte anfangs etwas dünn. Aber man weiss ja: der Schweizer ist bedächtig, er braucht Zeit, um ins Bild zu kommen. Doch wenn er einmal drin ist, dann fasst er zu und lässt nicht nach. Mancher Brief ging hin und her, der eine voll freudiger Zustimmung, der andere getragen von Vorsicht, ja von Skepsis. Die Kostenfrage machte diesem und jenem Bedenken. Auch das ist gut schweizerisch. Besonders schön war die Haltung des alten Neuenburgers Ed. Desor, des Erstbesteigers des Gross Lauteraarhorns; er wolle « nach Vermögen zur Blüte des patriotischen Unternehmens beitragen, wozu ihn sowohl sein stets fortdauerndes tiefes Interesse für die Alpen- und Gletscherwelt als seine rege Teilnahme für alles dem schweizerischen Patriotismus entspringende Schöne und Gute bestimme ». Nicht minder die Gottlieb Studers, der schon 1859 Ehrenmitglied des Alpine Club geworden war und den man zum ersten Zentralpräsidenten des S.A.C. bestimmen wollte. Die Listen mit den Unterschriften — über 100 Namen — liefen in Bern im Laufe des Winters 1862/63 ein, und auf Vorschlag des überaus regsamen Glarner Advokaten Hauser, dem zu Ehren der Hauserstock seinen Namen hat, wurde die konstituierende Versammlung auf Sonntag, den 19. April 1863, in dem zentral gelegenen Olten bestimmt.
Es erschienen laut Protokoll 35 Mann zur offiziellen Gründung des S.A.C. Den Vorsitz führte Simler, der dann Verdientermassen auch zum ersten Zentralpräsidenten gewählt wurde. Seinen Statutenentwurf genehmigte man en bloc provisorisch für das erste Lebensjahr und taufte den Verein « Schweizer Alpenclub ». Man zweifelte nicht daran, dass sich der gesunde Junge zu einem kräftigen und tatenfrohen Manne entwickeln werde, alle guten Anlagen waren ja vorhanden. Die Gründer haben sich nicht getäuscht.
Was wollten die Gründer des S.A.C.?
Das sagt der erste Grundsatz des ersten Statuts:
« Der Verein macht sich zur Aufgabe, unsre Alpen und vorzüglich das Hochgebirge nach allen Richtungen durch Bereisung derselben und an der Hand unsrer eidgenössischen topographischen Karten genauer kennen zu lernen, namentlich in geographischer, naturwissenschaftlicher und landschaft-lich-malerischer Richtung. Das praktische Resultat, das er zunächst anstrebt, besteht in einer Sammlung exakter, belehrender und anziehender Beschreibungen sowie landschaftlicher Ansichten und Panoramen alpiner Schweizergegenden. Diese Sammlung, die im Verlauf der Jahre alle Alpengebiete der Schweiz umfassen wird, soll dann gewissermassen den schriftlichen Kommentar zu unserm eidgenössischen topographischen Atlas geben. » Die Artikel 2-5 bestimmten eine alljährliche Hauptversammlung, die planmässige Erforschung eines abgegrenzten offiziellen Exkursionsgebietes ( mit Subvention ), die Errichtung von Unterkünften im Hochgebirge, die Förderung des Führerwesens, die Herausgabe eines Vereinsjahrbuches mit Beilagen von Ansichten, Panoramen und Karten.
Die Gründer des Schweizer Alpenclubs steckten sich also bewusst etwas andere Ziele als der Alpine Club, der seine Aufgabe darin sah: « Abenteuer in den Bergen zu suchen und wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. » Auf den übrigen Teil der ersten Statuten und deren späteren Ausbau will dieser Hinweis nicht eintreten.
Klar ist eines: der S.A.C. wollte von Anbeginn nicht Selbstzweck sein, auch kein aristokratischer Verein. Vielmehr wollte er dem Lande, dem Volke, dem Staate, auch fremden Gästen dienen. Und das alles aus eigener Kraft, ohne Spekulation auf Vorteile. Gerade das war seine Noblesse, seine Stärke und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Er suchte von Anbeginn seine Mitglieder nicht nur unter Akademikern oder vom Schicksal Bevorzugten und Begüterten. « Jeder Bewohner der Schweiz » konnte Mitglied werden, wenn er Interesse dafür hatte, nicht einmal eine bergsteigerische Leistung wurde verlangt, nur Liebe zur Sache und zur schönen Heimat.
Auf dieser Basis musste der Schweizer Alpenclub gedeihen, auch wenn im Laufe der Zeiten neue Aufgaben und mit dem Zu-Ende-gehen neuer Bergfahrten andere Einstellungen, z.B. rein sportliche, unvermeidlich wurden. Vom Willen und von den Absichten der Gründer darf er nicht abweichen, sonst begibt er sich seines Wertes und seiner Lebenskraft. Wenn er das Naturgefühl unsres Volkes erziehen und mehren will, dann muss er selbst als Elite stets vorangehen und darf nicht klagen, die Pionierzeit sei dahin. So gut wie jedes Jahr seinen Frühling hat, so gut wie jeder Mensch die Liebe neu fühlt, so gut kann jedes Mitglied des Alpenclubs die Bergwelt neu erleben. Noch gilt der alte Spruch: « Die Liebe zu den Bergen ist eine beste Liebe. »