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«Gesang, um nicht zu sterben»: Wolfgang Weyrauch (15. Oktober 1904 - 7. November 1980)
«Denn wozu wären die Schriftsteller sonst da, als die Summe des Bösen zu vermindern und die Summe des Guten zu vermehren? Und wenn es auch nur ein Quentchen wäre?» Wolfgang Weyrauch, der das 1955 schrieb, als er Lektor und Entdecker vieler junger Autoren bei Rowohlt war, wusste, was er sagte. Die Nazizeit, vier Jahre Front und die sowjetische Gefangenschaft hatten aus dem Schauspieler, Germanisten, Redaktor und Verlagslektor einen leidenschaftlichen Antifaschisten, kompromisslosen Pazifisten und glühenden Moralisten gemacht. Wobei das 1949 von ihm geprägte Wort vom «Kahlschlag» für ihn selbst nur bedingt galt, stand er doch als Erzähler wie auch als Lyriker in einer grossen Tradition, die er gegen Ende seines Lebens - er starb am 7.November 1980 - allerdings klar relativierte und um stupend moderne Formexperimenten erweiterte.
Beschworen seine ersten Nachkriegswerke - die Erzählung «Auf der bewegten Erde» oder der anklägerische Gedichtband «Von des Glückes Barmherzigkeit», beide von 1946 - auf eindringliche Weise die Schrecken des Krieges, so setzte sich das Gründungsmitglied der «Gruppe 47» in Theorie und Praxis bald schon engagiert mit der Politik, aber auch mit der Literatur der jungen Bundesrepublik auseinander. Der Kampf gegen die atomare Bewaffnung z.B. prägte nicht nur seine Lyrik («Gesang, um nicht zu sterben», 1956), sondern auch die 40 Hörspiele, mit denen er Literatur- und Radiogeschichte schrieb. So wurde die Ursendung von «Die japanischen Fischer» (am 24.Mai 1955 im Bayerischen Rundfunk) landesweit zur Sensation und liessen sich Tausende durch die Parabel erschüttern, die den langsamen Atomtod der Menschheit vorwegnahm.
Wie Brecht, mit dem er viel gemeinsam hatte, besass Weyrauch aber auch eine humorvoll-ironische Begabung und amüsierte sich z.B. diebisch, dass es ihm gelang, sein Geburtsdatum - 15.Oktober 1904 in Königsberg - um drei Jahre zu verschieben und die runden Geburtstage jeweils erst 36 Monate später gefeiert zu bekommen...