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Die jährlichen Finanzmittel für den Klimaschutz müssten fast versechsfacht werden, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Entscheidend ist auch, dass dieses Kapital an die richtigen Stellen fliesst.
«Die Zukunft sieht erschreckend aus, wenn wir nicht in der Lage sind, das Kapital besser für die Bekämpfung des Klimawandels und weitere Nachhaltigkeitsprobleme einzusetzen», warnt Juliana Hansveden, Portfoliomanagerin bei ‘Ninety One’, einem globalen Vermögensverwalter mit Sitz in London, der Ende März 2022 rund 144 Milliarden Pfund an Vermögenswerten verwaltete. Hansveden nimmt Bezug auf die ‘Climate Policy Initiative’, wonach die jährlichen Finanzmittel für den Klimaschutz fast versechsfacht werden müssten, um die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. «Entscheidend ist auch, dass dieses Kapital an die richtigen Stellen fliesst», fährt sie fort. Heute würden sich rund 80% des weltweiten Finanzvermögens in den Industrieländern befinden. Man wisse aber, dass mindestens 70% der Investitionen, die zur Erreichung der Klimaziele des Pariser Abkommens und der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen erforderlich seien, in die Schwellenländer fliessen müssten. «Die Netto-Null-Umstellung, und die nachhaltige Entwicklung im weiteren Sinne, sind in den Entwicklungsländern aber nach wie vor völlig unterfinanziert», sagt sie.
Unternehmen aus Schwellenländern werden oftmals schlechter bewertet
Das dürfte sich mit den heutigen Ansätzen für nachhaltige Investitionen kaum ändern. Wie Hansveden ausführt, gehe es bei vielen Ansätzen darum, Unternehmen mit einem ESG-Score (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) zu bewerten, und sie in gut und schlecht zu unterteilen. Diese Unternehmen würden dann jeweils ins Portfolio aufgenommen oder ausgeschlossen. «Unternehmen aus Schwellenländern werden oft schlechter bewertet, weil ihr Score tendenziell niedriger ist als jenes von Konkurrenten aus Industrieländern», ergänzt sie.
Und ihre Kollegin, die Co-Portfoliomanagerin Deirdre Cooper weiss: «Bei dieser Bewertung wird erstens nicht berücksichtigt, ob ein Unternehmen bereit oder in der Lage ist, die nachhaltige Entwicklung dort voranzutreiben, wo sie dringend benötigt wird, etwa in den Bereichen Klimaschutz, physische und digitale Infrastruktur, Gesundheit und Bildung. Zweitens wird das Potenzial aufstrebender Unternehmen, Wachstum und Gewinne zum Nutzen der Aktionäre zu erzielen, ignoriert. Viele im Westen verkennen, dass eine Vorreiterrolle in Sachen Nachhaltigkeit auch für diese Unternehmen ein Wachstumsmotor sein kann. Umfragen zeigen, dass sich auch die Konsumenten in den Entwicklungsländern Gedanken über die biologische Vielfalt und den Verlust der Natur machen.» Es sei daher angebracht, die heutigen vereinfachten und rückwärtsgewandten Nachhaltigkeitsbeurteilungen hin zu intelligenteren, kontextbezogenen Beurteilungen weiterzuentwickeln. Auf diese Weise würden die Schwellenländer in nachhaltigen Portfolios angemessen vertreten sein, ist Cooper überzeugt.
Investitionsweise muss angepasst werden
Die Art und Weise, wie investiert werde, müsse an die Veränderungen in der Geschäftswelt angepasst werden, fordert Cooper. Unternehmen sollten zunehmend für ihre externen Effekte auf Umwelt, Gesellschaft und den Einzelnen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Konsumenten von heute, die Gesellschaft und die Märkte würden beginnen, Unternehmen zu belohnen, welche die Auswirkungen auf alle Interessengruppen berücksichtigen und auf diese Weise Werte für alle schaffen würden. Nachhaltige Investitionsansätze nach dem Prinzip «gut /schlecht» seien nicht in der Lage, diese externen Effekte zu bewerten, bzw. die Renditen des von den Unternehmen eingesetzten Umwelt-, Sozial- und Humankapitals zu berechnen. Es sei daher wichtig, Instrumente zur Bewertung externer Effekte zu entwickeln. Um diesen Wandel in der Bewertung von Unternehmen vollziehen zu können, müssten die Investmentmanager die Fähigkeiten und die kognitive Vielfalt ihrer Teams indes erweitern.
Es braucht neue Messmethoden
Es gebe zudem nur wenige Messgrössen und Methoden, mit denen Portfoliomanager den Wert des Umweltkapitals berechnen könnten, das Unternehmen durch externe Effekte auf die biologische Vielfalt, den Boden, das Wasser und die Luftqualität schaffen oder zerstören würden, argumentiert Cooper. Angaben beispielsweise zu den Kohlenstoffemissionen von Unternehmen würden erst seit kurzer Zeit erhoben. Das Gleiche gelte für die Schätzung des Wertes des Sozialkapitals, den die Auswirkungen von Unternehmen auf das Gemeinwesen hätten, sowie für die Veränderungen des Gesamtwertes des Humankapitals von Arbeitnehmenden, welche sie durch ihre Arbeitspraktiken verursachten.
Bewertungen sind anspruchsvoll
Die Portfoliomanagerin Stephanie Niven wirft ein, dass Vielfalt allein ein Unternehmen noch nicht innovativer und kundenorientierter mache. Analysten und Portfoliomanager müssten nicht nur die Vielfalt eines Unternehmens bewerten, sondern auch seine Integrationsfähigkeit. «Das ist eine kompliziertere, qualitative Bewertung, die eine eingehende direkte Kenntnis des Unternehmens erfordert», so Niven. Analysten und Portfoliomanager müssten diese neuen Methoden zur Bewertung externer Effekte daher vollständig in ihre Fundamentalanalyse einbeziehen, anstatt sich auf externe ESG-Ratings und andere ausgelagerte Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit zu verlassen.