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"Wir brauchen Startkapazitäten auch in Europa", sagte sie in einem am Mittwoch veröffentlichten Reuters-Interview. "Die Nordsee ist ein möglicher Standort neben Schottland, Norwegen, aber auch Schweden." Entscheidend sei nicht unbedingt, dass es Startmöglichkeiten für Raketen in Deutschland gebe, sagte die Grünen-Politikerin. Aber für die Nordsee gebe es bereits ein privates Konsortium, das dort die Möglichkeiten prüft. Bisher werden etwa die europäischen Ariane-Raketen für den Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana in Südamerika ins All geschickt.
Angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine verwies Christmann auf die strategische Bedeutung der Raumfahrt. "Der Krieg in Europa zeigt uns, dass die Raumfahrt immer mehr zur kritischen Infrastruktur wird. Wir brauchen die Informationen aus dem Orbit für die Lageeinschätzung, auch für eine militärische", betonte sie. Für Europas Souveränität sei es wichtig, hier dabei zu sein. "In der Raumfahrt wie bei der Energieversorgung gilt: Internationale Kooperation ist wichtig, Abhängigkeiten sind gefährlich", fügte sie in Anspielung auf die bisherige Nutzung russischer Trägerraketen hinzu. Derzeit können zwei Satelliten des europäischen Navigationssystems Galileo nicht ins All geschossen werden, weil der geplante Start mit einer russischen Rakete wegen der Sanktionen nicht mehr möglich ist.
Die Koordinatorin für Luft- und Raumfahrt dringt deshalb auf die schnelle Fertigstellung der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 6, die sich immer wieder verzögert hatte. Man werde auf dem ESA-Ministerrat im Herbst darüber reden müssen, wie die Mehrkosten verteilt werden. Aber Priorität habe der schnelle Einsatz. Zugleich deutete sie an, dass man in Zukunft "alle Möglichkeiten" prüfen sollte, wenn es darum geht, die Satelliten ins All zu schiessen. "Da muss man ergebnisoffen und pragmatisch sein." Hintergrund ist, dass bisher ein Start öffentlich geförderter Satelliten etwa mit kommerziellen amerikanischen Raketen nicht möglich ist.
Chancen für Europa sieht Christmann gerade durch eine sich sehr schnell wandelnde Branche und vor allem den Trend zu kleinen Satelliten. "Die Resilienz wird erhöht, wenn wir nicht von einem 500 Millionen teuren Satelliten abhängig sind, sondern viele kleine Systeme eingesetzt werden. Wenn dann einer von zehn ausfällt, ist dies nicht so gravierend", sagte sie.
Grosse Dynamik in Raumfahrt durch Privatisierung
Zugleich würden sich die Finanzierungswege ändern. "Wir sind in einer Phase, in der es durch die Privatisierung eine unheimliche Dynamik in der Raumfahrt gibt. Wir erleben also gerade auch in der Raumfahrt eine Zeitenwende", sagte Christmann, die ausdrücklich mehr Wettbewerb in der Branche befürwortete. "Wir haben in Europa häufig noch nicht genug privates Kapital zur Verfügung. Das ist aber für das Wachsen und Grosswerden von Start-ups auch in der Raumfahrt wichtig", sagte sie. Deshalb wolle die Regierung mit öffentlichen Investitionen noch stärker privates Kapital aktivieren. Das gelte besonders für spätere Wachstumsphasen von Start-ups mit wirklich grossem Kapitaleinsatz. "Da gibt es noch Potenzial."
Deutschland und Frankreich steuerten deshalb je eine Milliarde Euro für die sogenannte Europäische Tech Champion Initiative bei. "Weitere Länder sollen dazukommen, damit ein sogenannter Giga Fonds dann in der Lage ist, auch dreistellige Millionenbeträge zu investieren." Zudem baue die Regierung in Deutschland die Finanzierungsinstrumente für Start-ups aus.
Deutschland soll treibende Kraft in ESA bleiben
Deutschland wolle aber auch "treibende Kraft" in der europäischen Raumfahrtbehörde ESA bleiben, sagte sie. "Für die nächsten drei Jahre haben wir jetzt im Kabinett auch noch mal die mittelfristige Finanzplanung für das deutsche ESA-Budget aufstocken können", sagte sie mit Blick auf Ankündigungen von Frankreich und Italien, ihre Beiträge deutlich zu erhöhen.
Denn Raumfahrt sei von zentraler Bedeutung für zukünftige Herausforderungen, vor allem mit Blick auf das Klima. "Wir merken, wie entscheidend die Technik ist, wenn sie wie etwa bei der Steuerung von Windrädern einmal ausfällt." Wie jetzt in Brandenburg würden Satelliten zur frühzeitigen Waldbrand-Entdeckung eingesetzt. "Sie können CO2-Quellen entdecken und sind für eine nachhaltige Landwirtschaft ganz wichtig." In diesen Bereichen entstünden neue Geschäftsmodelle, bei denen die Nutzung öffentlicher Daten von Firmen mit dem Einsatz eigener Satelliten kombiniert werde.
(Reuters)