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Schon seit 10 Jahren zeichnete sich die Rissbildung ab, nun ist es eingetroffen: Vom antarktischen Brunt-Schelfeis ist am 26. Februar ein 1’270 Quadratkilometer grosser Eisberg abgebrochen. Ursache war ein enormer Riss, der sich mit einem Kilometer pro Tag durch das 150 Meter dicke Schelfeis frass.
Kalbungsereignisse treten immer häufiger auf
Besonders die Schelfeise — das sind auf dem Meer schwimmende Eisplatten — in der Westantarktis neigen in den letzten Jahren vermehrt zu Rissen und Eisabbrüchen. Dass ein solches Ereignis auch beim Brunt-Schelfeis bevorstehen könnte, kündigte sich schon vor einigen Jahren an: 2012 begann im Westen mit Chasm 1 ein erster Riss im Eis zu wachsen, im Oktober 2016 kam ein zweiter Riss — der Halloween-Crack — im östlichen Teil hinzu. Weil diese Risse der britischen Halley-Polarstation bedrohlich nahe kamen, wurde diese bereits 2016 auf eine weiter landeinwärts gelegene Position verlagert.
Doch der aktuelle Eisabbruch ereignete sich nicht an einem dieser schon länger bekannten und überwachten Eisrisse, sondern an einer neuen Spalte. Im November 2020, als ein neuer Riss — North Rift genannt — auf einen anderen grossen Riss in der Nähe der 35 Kilometer entfernten Stancomb-Wills-Gletscherzunge zusteuerte, war ein Kalbungsereignis vorauszusehen. Der North Rift ist der dritte grosse Riss durch das Schelfeis, der im letzten Jahrzehnt aktiv wurde. Im Januar schob sich dieser Riss mit bis zu einem Kilometer pro Tag nach Nordosten und spaltete dabei das 150 Meter dicke Schelfeis. Als sich der Riss am Morgen des 26. Februar innerhalb weniger Stunden um mehrere hundert Meter verbreiterte, löste sich eine riesige Eisfläche vom Rest des schwimmenden Schelfeises. Sie driftet nun als Eisberg, fast so gross wie der Kanton Aargau, ab.
Satelliten zeichneten den Eisbruch auf. European Space Agency
Stehen weitere Eisabbrüche bevor?
Jetzt müsse man die Situation im Auge behalten und mögliche Auswirkungen des aktuellen Kalbens auf das verbliebene Schelfeis beobachten, erklärt das Polarforschungsprogramm von Grossbritannien (British Antarctic Survey). Wegen seiner Risse und dynamischen Entwicklung gehört das Brunt-Schelfeis aber ohnehin schon zu den am besten überwachten Eisflächen der Erde. Ein Netzwerk aus 16 GPS-Messstationen auf dem Eis misst jede Verformung und Verlagerung und sendet täglich aktuelle Daten.
Nach Angaben des British Antarctic Survey gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass das aktuelle Kalben des Brunt-Schelfeises ungewöhnlich sei oder dass der Klimawandel dabei eine signifikante Rolle gespielt habe. Dennoch sind laut Jakob Ackermann, Glaziologe und Meteorologe am Institut für Geographie der Universität Graz und am Austrian Polar Research Institute (APRI), in den letzten Jahrzehnten vermehrt solche Ereignisse zu beobachten. Die Häufung der Abbruchereignisse hängt mit dem dramatischen Erwärmungstrend in der Antarktis zusammen, der Teil der globalen Erwärmung ist. Die Erwärmung führt dabei zu einem verstärkten Zerbrechen des Eises durch Schmelzwasser, welches in vorhandene Risse eindringt. Zudem schmelzen die Eismassen durch wärmeres Ozeanwasser, das unter dem schwimmenden Eis zirkuliert. Eisabbrüche eines solchen Ausmasses sind von grosser Bedeutung, da sie eine beachtliche Fläche ausmachen, die dem Schelfeis der Antarktis verloren geht.
Eine Antarktis ohne Eis?
Eine neue Studie der NASA zeigt, dass die Eiskappen am Nord- und Südpol sechsmal schneller schmelzen als in den 1990er-Jahren — eine unmissverständliche Folge des Klimawandels. Das Team berechnete, dass die beiden Eisdecken zusammen in den 1990er-Jahren jährlich 81 Milliarden Tonnen verloren haben, verglichen mit 475 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr in den 2010er-Jahren. Insgesamt haben Grönland und die Antarktis seit den 1990er Jahren 6,4 Billionen Tonnen Eis verloren. Der Verlust der beiden polaren Eiskappen hat weitreichende Auswirkungen auf die ganze Welt.
Der globale durchschnittliche Meeresspiegel ist seit 1900 um etwa 2 Zentimeter gestiegen, und er steigt weiter. Schmelzen die beiden Eiskappen weiter wie bisher, wird laut NASA der Meerespiegel im Jahr 2100 um rund 90 Zentimeter angestiegen sein. Der Anstieg des Meeresspiegels gefährdet Küstenstädte und kleine Inselstaaten, indem er Küstenüberschwemmungen und Sturmfluten verschlimmert. Diese Entwicklung trifft die Menschheit besonders schlimm, denn an den Küsten häufen sich die Grossstädte und erhöht sich ganz allgemein die Bevölkerungsdichte.
Die Arktis und Antarktis sind der Kühlschrank der Welt. Da sie mit weissem Schnee und Eis bedeckt sind, die die einstrahlende Sonnenwärme zurück ins All reflektieren, stellen sie ein Gegengewicht zu anderen Teilen der Welt, die Wärme absorbieren. Weniger Eis bedeutet demnach weniger reflektierte Wärme, was zu intensiveren Hitzewellen weltweit führt. Aber es bedeutet auch extremere Winter: Da der polare Jetstream — ein Hochdruckwind, der die arktische Region umkreist — durch wärmere Luft destabilisiert wird, taucht er vermehrt nach Süden ab und bringt bittere Kälte mit sich.
Der Schwund der Eiskappen bedeutet auch einen Verlust von Lebensräumen für Tiere, die für ihr Überleben darauf angewiesen sind. Davon betroffen sind beispielsweise Eisbären, Walrosse, Polarfüchse, Schnee-Eulen, Rentiere und viele andere Arten.
Zuletzt erfüllen das arktische Eis und der Permafrostboden — ein dauerhaft gefrorener Boden — eine weitere wichtige Aufgabe: Sie speichern grosse Mengen an Methan. Taut dieses Treibhausgas, das wesentlich zum Klimawandel beiträgt, auf und wird freigesetzt, beschleunigt das noch einmal die Erwärmung — ein gravierender Teufelskreis.
Quellen und weitere Informationen:
British Antarctic Survey: Brunt Ice Shelf in Antarctica calves
European Space Agency: Giant Iceberg breaks off Brunt Ice Shelf in Antarctica
Tech and Nature: Interview mit Jakob Ackermann
WWF: 6 ways loss of Arctic ice impacts everyone
NASA: Greenland, Antarctica Melting Six Times Faster Than in the 1990s