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der von der Seidenraupe aus dem Sekret ihrer Spinndrüse gefertigte Faden, aus welchem sie behufs der Verpuppung
einen Kokon spinnt. Das aus zwei feinen Öffnungen unter dem Munde der Raupe austretende honigdicke Sekret vereinigt sich zu
einem einzigen massiven Faden, der an der Luft sofort erhärtet. Die Raupe erzeugt zuerst ein lockeres,
grobes, durchsichtiges Gespinst (Flockseide) und innerhalb desselben den dichten, eiförmigen, 33-36 mm langen Kokon (Galette)
von 20-25 mm Durchmesser, dessen innerste Schicht von pergamentartiger Beschaffenheit ist. Da nun weder die letztere Schicht noch
das äußere lose Fädengewirr technisch nutzbar ist, so erhält man von den ca. 3700
m, aus welchen der
ganze Kokon besteht, nur etwa 300-600, seltener 900 m brauchbare S. Von frischen Kokons wiegen durchschnittlich 540 (von den
größten 360, von den kleinsten 1200) 1 kg. Die rohe S. ist weiß, blaß- oder hochgelb, zuweilen
auch rötlichgelb; von dem einfachen Kokonfaden wiegen 2570-3650 m 1 g; er ist bemerkbar abgeplattet,
von 0,013-0,026 mm Dicke, läßt sich um 15-20 Proz. seiner Länge ausdehnen und reißt bei einer Belastung mit 43,62 kg pro
QMillimeter (ein Drittel der Festigkeit besten Eisendrahts). Er ist völlig strukturlos und besteht aus etwa 66 Proz. stickstoffhaltiger
Seidensubstanz (Fibroin), welche mit oberflächlich anhängenden Stoffen verunreinigt ist.
Letztere bestehen aus leimartiger, in Wasser, nicht in Alkohol löslicher Substanz, Seidenleim (gleichsam ein Hydroxyd des Fibroins),
aus Fett und Wachs (1-1,5 Proz.). Die gelbe S. enthält 1/30 Proz.
harzartigen, gelben, in Alkohol und heißem Seifenwasser löslichen Farbstoffs. Die von diesen Verunreinigungen befreite S.
hat ein spezifisches Gewicht von 1,3, löst sich in Kupferoxydammoniak und beim Kochen mit Kalilauge, in
konzentrierter Schwefelsäure, Salpetersäure und Salzsäure, wenig in Essigsäure und tritt, aus ihren Lösungen abgeschieden,
stets in Fadenform auf. Rohe S. hinterläßt etwa 0,6 Proz. Asche.
Da der auskriechende Schmetterling mittels eines durch den Mund abgesonderten Saftes den Kokon befeuchtet,
erweicht und durchbohrt, so muß die Puppe vor dem Auskriechen getötet werden. Dies geschieht in einem Backofen oder in einer
geheizten Kammer bei einer Temperatur von 57-75° C., auch durch Wasserdampf, indem man die Kokons nach dem Abpflücken der
Flockseide in locker geflochtenen Körben etwa 10 Minuten auf einen Kessel mit kochendem Wasser setzt. Nachdem
die Kokons alsdann sorgfältig sortiert sind, werden sie abgehaspelt (Spinnen).
Man legt sie in heißes Wasser und schlägt sie mit einem kleinen Besen oder mechanisch bewegten Bürsten oder tränkt sie in
Netzbeuteln mit warmem Wasser und schüttelt sie dann, um auf die eine oder die andre Weise den Anfang
des Kokonfadens, der sich an die Reiser oder Netzmaschen anhängt, zu finden. Die Kokons werden dann in warmes Wasser (25-27°)
gebracht und die Fäden von 3-8, selbst 15-20 Kokons, je nach der Stärke der darzustellenden S., bereinigt, indem man sie durch
gläserne Ringe leitet. Mittels des vom Wasser erweichten Seidenleims kleben die Kokonfäden zusammen und
bilden, ohne eine Drehung erhalten zu haben, einen starken Seidenfaden, der sofort auf einen Haspel gewickelt wird. 10-16
kg frische, grüne Kokons oder 7-9 kg gebackene geben 1 kg gehaspelte S., was auf 1 Kokon 150-180 (bis 240)
mg oder 1/8 vom Gewicht des ganzen Kokons (mit der Puppe) beträgt.
Die gehaspelte S. (rohe S., Grège-, Rohseide, Grezseide) wird meist gezwirnt, indem man zwei und mehr Fäden durch Zusammendrehen
vereinigt. Aber auch wenn dies nicht geschieht, muß der Faden der Rohseide eine Drehung erhalten; er wird dadurch runder,
dichter und verliert die Eigenschaft, beim spätern Entschälen in einzelne Kokonfäden zu zerfallen. Das Zwirnen (Filieren,
Moulinieren) ist eine sehr einfache Operation, die auf Spulmaschinen, Dubliermaschinen und Zwirnmaschinen (Spinnmühlen, Filatorien)
ausgeführt wird. Nach den Verschiedenheiten in der Zusammensetzung und Drehung der Fäden unterscheidet man: Organsin (Orsoyseide,
Kettenseide), aus den schönsten Kokons, aus 2, seltener 3 Fäden gezwirnt, deren jeder aus 3-8
mehr
Kokonfäden besteht und vor dem Zusammenzwirnen einzeln sehr stark gedreht ist; dient zur Kette der meisten seidenen Stoffe.
Tramseide (Trama, Einschlagseide), aus geringern Kokons, besteht entweder aus nur einem mäßig gedrehten oder aus 2-3 nicht
gedrehten, schwach zusammengezwirnten Rohseidefäden, deren jeder aus 3-12 Kokonfäden gebildet ist; dient zum Einschlag,
zu Schnüren etc. Marabutseide besteht aus drei (selten zwei) Fäden weißer Rohseide, die nach Art der
Trama gezwirnt, dann ohne vorhergehendes Kochen oder Entschälen gefärbt und schließlich sehr scharf gezwirnt sind, hat peitschenschnurartige
Härte, wird in der Weberei benutzt.
Soie ondée, aus einem groben und einem feinen Rohseidefaden gezwirnt, von welchen der erstere in Schraubenwindungen
um den letztern sich herumlegt; dient zu leichten Modestoffen. Pelseide (Pelo), aus den geringsten Kokons gewonnen, ist ein
einziger grober, gedrehter Rohseidefaden aus 8, 10 oder mehr Kokonfäden, dient als Grundlage zu Gold- und Silbergespinsten
und wird mit geplättetem Draht umwickelt. Nähseide (Cusir) ist aus 2, 4, auch 6 gedrehten oder ungedrehten
Rohseidefäden (à 3-42 Kokonfäden) zusammengezwirnt.
Strickseide, der vorigen ähnlich, aber dicker und schwächer gezwirnt, weil sie weich sein muß, enthält 3 bis etwa 18 Rohseidefäden.
Kordonnierte S., bestehend aus schönen Rohseidefäden, die man zunächst rechts dreht, worauf 4-8 Fäden links zusammengezwirnt
und 3 gezwirnte Fäden durch eine Zwirnung rechts vereinigt werden, ist drall und derb, sehr rund und
glatt, schnurähnlich, dient zu gestrickten, gehäkelten Arbeiten etc. Stickseide (flache S., Plattseide) ist ein schwach gedrehter
einfacher Rohseidefaden oder aus 2-10 und mehr nicht gedrehten Rohseidefäden durch eine sehr schwache Drehung gebildet.
Der ganze Faden breitet sich flach aus, und man kann nach dem Kochen und Färben die einzelnen Kokonfäden
unterscheiden. Die aus den Seidenfilatorien (Seidenmühlen) hervorgehende S. heißt filierte oder moulinierte S. im Gegensatz
zur Rohseide.
Zur Bestimmung der Feinheit der filierten S. (Titrierung) gibt man das Gewicht einer bestimmten Fadenlänge an und zwar das
Gewicht einer Strähne von 9600 Pariser Aunes (11,400 m) in Deniers (à 24 Gran). Ein Denier ist beim französischen Seidengewicht
= 1,275, beim piemontesischen = 1,281, beim mailändischen = 1,224 Gran. Man haspelt ein Gebind von 400 Aunes (475 m) ab und
bestimmt dessen Gewicht in Gran. So viel Gran die Probe wiegt, so viel Deniers wiegen 9600 Aunes. In Frankreich
setzt man die 400 Aunes rund = 480-500 m. Der einfache Kokonfaden wiegt 2-3,5 Deniers, feinste ungezwirnte Rohseide 7-10, feinste
Organsin 21-24, gröbste 50-85, feinste Trama 12-24, gröbste 60-80 Deniers.
Auf den internationalen Kongressen von 1873 und 1874 wurde beschlossen, die Feinheitsnummer der Seidengespinste
durch den zehnfachen Wert der Zahl auszudrücken, welche das absolute Gewicht eines Fadenstücks von 1 m Länge in Milligrammen
darstellt; als Einheitslänge soll hierbei 500 m, als Einheitsgewicht 0,05 g angenommen werden. Die S. ist ungemein hygroskopisch;
sie nimmt in Kellern 30 Proz. Feuchtigkeit auf, ohne eigentlich Nässe zu zeigen, und je nach der Beschaffenheit
des Aufbewahrungsorts und der Luft schwankt ihr Gewicht leicht um mehrere Prozent. Um nun dem Seidenhandel mehr Sicherheit zu
geben, wird die S. in besondern Anstalten (Konditionieranstalten) probeweise bei 20-30° getrocknet und danach ihr Wert bestimmt.
Richtig
konditionierte S. enthält 9-10 Proz. Feuchtigkeit; man trocknet aber auch eine Probe bei 110°,
wägt sie und schlägt zu dem Gewicht dieser absolut trocknen S. 10 Proz. hinzu.
Rohe S. ist hart, rauh, steif und ohne Glanz (ungekochte, unentschälte S., écru) und wird zu Gaze und Blonden verarbeitet;
meist aber wird sie entschält, d. h. von dem Seidenleim und Farbstoff befreit, wodurch sie glänzend und
weich wird (gekochte, entschälte, linde S.) und sich leichter und besser färbt. Man behandelt sie zu dem Zweck mit starker
Seifenlösung bei 90° (Degummieren), windet die Strähnen aus, bringt je 20-30 kg in einen leinenen Sack, kocht sie in
schwächerer Seifenlösung, spült und trocknet.
Gute S. erleidet hierbei einen Gewichtsverlust von 27 Proz.; die Kokonfäden sind wieder vollständig
voneinander getrennt, und die S. erscheint daher lockerer, gleichsam aufgequollen. Gelbe S. ist nun weiß und kann auch mit
hellen Farben gefärbt werden; die weiß zu verarbeitende wird mit schwefliger Säure vollständig gebleicht
und dann mit Indigolösung gebläut oder mit Orlean schwach rötlich gefärbt (Chinesischweiß). Rohe S. kann ohne Entschälung
gebleicht werden, indem man sie 48 Stunden mit einem Gemisch aus 1 Teil Salzsäure und 23 Teilen Weingeist digeriert.
Florettseide (Fleurett, Filoselle, Florett) wird aus den Seidenabfällen (Galettseide) bereitet und besteht
nicht, gleich der gehaspelten S., aus ununterbrochenen langen Fäden, sondern aus mehr oder weniger kurzen, durch einen wirklichen
Spinnprozeß zu Fäden vereinigten Fasern. Die Abfälle bestehen aus der Flockseide und den pergamentartigen innern Häutchen
der Kokons (beide Sorten werden als Strusi bezeichnet) sowie aus beschädigten oder durchgebissenen Kokons. 8-10 kg
Kokons liefern etwa 1 kg gehaspelte S. und 1-2 kg Abfälle.
Die Strusi werden 8-10 Tage in Wasser maceriert und dann gewaschen; die Kokons kocht man mit Seifenwasser und wäscht sie dann
ebenfalls; das so gewonnene Material wird nun wie Baumwolle gekrempelt und gesponnen. Bisweilen zerschneidet man auch das Material
zunächst in Längen von 40-70 mm, oder man hechelt oder kämmt die langen Sorten, wie Flachs oder lange Wolle, auf der Dressingmaschine
und erhält als Abfall Stumpen- oder Seidenwerg. Zum Spinnen dient das Handrad oder Maschinen, wie sie bei der Baumwoll-, Flachs-
oder Kammwollspinnerei benutzt werden. Die Gespinste (Seidengarn) kommen als Chappe, Crescentin, Galettam,
Galette in den Handel; auch die Abfälle bei der Florettseidenfabrikation (Strazza) werden ebenfalls noch versponnen. Man benutzt
die Gespinste zu Geweben, Hutfelbel, groben Bändern und Schnüren, als Stickseide, auch zum Stricken und in der Strumpfwirkerei.
Für gewisse Waren wird Florettseide auch mit Baumwolle oder Wolle versponnen.
Seidenbau und Seidenmanufaktur wurden zuerst in China betrieben; schon 4000 Jahre v. Chr. war die S. den Chinesen bekannt, doch
geschieht der Seidenzucht erst 2602 Erwähnung. Eine chinesische Kaiserstochter verpflanzte die Seidenzucht 140 v. Chr. nach
Japan und eine andre im 6. Jahrh. nach Tibet. Nach Ritter wanderte die Zucht wohl in der Sassanidenperiode
nach Sogdiana, Baktriana und Iran und kam von dort nach Serinda. Bei den Griechen spricht zuerst Aristoteles von der S. und der
Seidenraupe, und zwar scheint Alexander durch seinen Feldzug diese Kenntnis vermittelt zu haben. Ward nun schon hier die S. ein
beliebter Gegenstand des Luxus,
mehr
so spielte sie bei den Römern eine noch viel größere Rolle, und trotz wiederholter Verbote gegen das Tragen seidener Kleider
nahm der Luxus immer mehr überhand. Vielleicht schon unter Tiberius, sicher aber 220 wurde Rohseide nach Italien gebracht und
dort zu halb- und ganzseidenen Stoffen verarbeitet. Unter Justinianus (555) brachten persische Mönche Seideneier
und Maulbeersamen aus Serinda nach Konstantinopel, und nun erblühte bald in jeder griechischen Stadt Seidenbau.
Von dort aus betrieb Venedig, von Indien und Persien aus Phönikien Seidenhandel. Im 8. Jahrh. gelangte der Seidenbau durch die
Araber nach Spanien, ohne sich aber dort bedeutend zu entwickeln. 1130 kam er nach Sizilien und breitete
sich von da bald über Florenz, Bologna, Venedig und Mailand aus; Venedig aber spielte im 15. und 16. Jahrh. in der Seidenindustrie
die erste Rolle. Nach Frankreich soll der erste Maulbeerbaum 1268 gekommen sein; 1345 bestanden in Marseille und Montpellier Seidenmanufakturen,
und unter Ludwig XI. und den folgenden Herrschern fand der Seidenbau kräftige Unterstützung. 1667 übertraf
Frankreich in der Seidenindustrie alle Länder, durch die Auswanderung der Hugenotten aber erhielt dieselbe einen starken Stoß
und verbreitete sich nun auch über andre Länder Europas. In Deutschland war die S. schon sehr früh bekannt durch den Handel,
den die Ostseereiche über Kiew mit den Völkern am Schwarzen Meer trieben. Im 10. Jahrh. wurde S. in Mainz
verwebt, und bald erblühte in Augsburg, Nürnberg etc. eine bedeutende Seidenindustrie. In Berlin gab es 1580 sehr viele Seidenmanufakturen.
Die ersten Raupen zur Zucht scheinen 1599 nach Deutschland gekommen zu sein; 1670 bildete sich in Bayern
die erste Seidenbaugesellschaft, und unter Friedrich II. erblühte das Seidengewerbe in der Mark, bei Halberstadt, Magdeburg
und in Pommern, gewann indes keinen festen Boden und verfiel wieder während der Napoleonischen Kriege. Erst in neuester Zeit
ward dieser Industriezweig von neuem angeregt, kam indes zu keiner rechten Entwickelung, da die Raupenkrankheit
in den 50er Jahren die europäische Produktion um mehr als die Hälfte verminderte und von weitern Bemühungen abhielt.
Hauptsächlich ist die europäische Seidenzucht gegenwärtig in Italien, Spanien (Murcia, Valencia), Portugal, Griechenland und
der Türkei, in einigen Teilen Frankreichs (Gard, Ardèche, Drôme, Vaucluse) und Österreichs (Südtirol, Görzer
Gebiet, Istrien, Dalmatien), in Südrußland und der Schweiz (Tessin
und Graubünden)
entwickelt. Die Produktion betrug 1885 in Italien 2,457,000 kg,
in Österreich-Ungarn 168,000, in Frankreich 535,000, in Spanien 56,000, in der Türkei 100,000, in Griechenland 20,000, in ganz
Europa 3,340,000 kg. Die Ernte in China schätzt man auf 9,440,000 kg, sie betrug in Japan 3,520,000, in
Kleinasien und Transkaukasien 430,000, in Ostindien 423,000, in Persien 400,000; die Ausfuhr aus Siam 66,000 kg, die Gesamtproduktion
17,619,000 kg. Die größte Seidenindustrie haben Frankreich, England, Italien und die Schweiz.
Vgl. Quatrefages, Essai sur l'histoire
de la sériciculture (Par. 1860);
Duseigneur-Kléber, Le cocon de soie (2. Aufl., das.
1875);
Clugnet, Géographie de la soie (Lyon 1877);
Bavier, Japans Seidenzucht, Seidenhandel und Seidenindustrie (Zürich
1874);
Brocket,
Silk-industry in America (New York 1876);
Persoz, Essai sur le conditionnement, le titrage et le décreusage de la soie (Par.
1878);
Moyret, Traité de la teinture des soies (Lyon 1879);
Nat. Rondot, l'art de la soie (2. Aufl., Par.
1885-87, 2 Bde.);
A.
Rondot, Essai sur le commerce de la soie en France (das. 1883);
Giraud, Les origines de la soie, son histoire
chez les peuples de l'Orient (das. 1883);
Morand, Carte séricicole de la region italique, etc. (Lyon 1878);
Kalesse, Geschichte der Seidenwebkunst (Leipz. 1883).
(frz. soie; engl. silk), der edelste
und schönste Webstoff, das Produkt der Seidenraupe, mit welchem diese sich bei der Verpuppung umspinnt. Das Tier und seine
Futterpflanze, der Maulbeerbaum, stammen aus Asien und haben sich seit alten Zeiten behufs Seidengewinnung über das südliche
und einen Teil des mittlern Europa verbreitet. Außer dem allbekannten Maulbeerspinner (Bombyx Mori) sind
in neurer Zeit noch einige andre verwandte Spinnkünstler bekannt geworden, ohne daß einer davon jenem an Wert gleichkäme.
In China soll nach dortigen Chroniken die Kunst des Abhaspelns der S. schon 2700 Jahre v. Chr.
bekannt gewesen und von einer Kaiserin erfunden worden sein. In Rom wurden seidene Stoffe, die zu Lande
aus China kamen, zuerst unter den römischen Kaisern bekannt; sie waren anfangs natürlich sehr teuer und wurden im eigentlichen
Sinne mit Gold aufgewogen. Die chinesischen Seidenstoffe waren aber damals schon durch ganz Asien Handelsartikel und auch
der Seidenbau hatte sich schon weiter westwärts, nach Nordindien und Thibet verbreitet. Anfänglich
war das Tragen von Seide den Männern in Rom verboten; bald aber trugen alle Reichen Seidenkleider und mit der Zeit wurden
die Stoffe dieser Art durch massenhafte Zufuhr so wohlfeil, daß sie zur Zeit des Ammianus Marcellinus (370) von Jedermann,
selbst in
den untersten Klassen, getragen wurden.
Bis ins 6. Jahrhundert war Europa mit diesem Artikel auf Asien angewiesen; um das Jahr 550 aber kamen
die ersten Raupeneier nebst Maulbeerpflanzen nach Konstantinopel, wie die Fabel lautet durch zwei persische Mönche, welche
die Eier in hohlen Reisestöcken aus China herausgepascht hätten. Thatsächlich ist die Übersiedelung und die Ausbreitung
der Seidenzucht zunächst in Griechenland, besonders im Peloponnes und auf einigen Inseln. In Theben,
Korinth und Argos erstanden geschickte Seidenweber und die Versorgung des Abendlandes mit Seidenstoffen ging nun von Griechenland
aus. Den Handel damit betrieben die venetianischen Kaufleute.
So blieb der Stand der Dinge bis ins 12. Jahrhundert; im Jahre 1147 ließ Roger, König von Sizilien,
in seinem Streite mit dem griechischen Kaiser einen Zerstörungszug nach Griechenland ausführen, der auch die Städte der
Seidenfabrikation, Korinth, Theben, Athen, betraf. Zahlreiche Einwohner wurden nach Palermo mitgenommen, durch welche die
Seidenzucht und Seidenindustrie nach Sizilien kam. Von dieser Insel verbreiteten dieselben sich weiter über Italien;
Venedig, Mailand, Florenz, Lucca u. a. wurden bald durch ihre Seidenzucht und ihre schönen
Seidengewebe berühmt. Von Italien wurden Seidenweber 1480 nach Tours, 1520 nach Lyon versetzt, und um letztere Zeit auch
die ersten Anfänge der Seidenzucht in Südfrankreich gemacht. Mit den Arabern kamen Zucht und Industrie nach Spanien. -
Der Seidenschmetterling mißt zwischen den ausgebreiteten Flügeln etwa 40-50 mm, erscheint schmutzig
weiß, mit einigen lederfarbenen Linien und hat auf jedem Vorderflügel einen undeutlichen halbmondförmigen Fleck. Das Weibchen
legt wenigstens 2-300, häufig über 500 bläuliche Eier, technisch Grains genannt. Diese lassen sich im Kühlen, bei einer
Temperatur unter 18° C., lange aufbewahren und weit versenden, während sie in einer etwas höheren
Temperatur auskriechen. Fünfzig Gramm Grains, das Produkt von 300-360 Schmetterlingen, ergeben 40-60000 kleine schwärzliche
Räupchen, die binnen 4-5 Wochen herangewachsen sind, sich währenddem viermal häuten und einen immer stärkern Appetit
entwickeln. Über die Details der mühsamen Aufzucht ist hier hinwegzugehen.
Die ausgewachsenen Raupen sind fingerlang, schmutzig weiß und glatt mit einzelnen dunklern Fleckchen und haben auf dem vorletzten
Hinterleibsringe ein Horn. Wenn die Zeit der Verpuppung naht, werden die Raupen unruhig; man gibt ihnen nun Gelegenheit, zwischen
aufgestelltem Reisig (Spinnhütten) sich einen Platz zum Einspinnen zu suchen. Viele spinnen sich gleich
in den Maulbeerzweigen ein, auf welchen sie liegen und fressen. Im Körper der Raupe befinden sich zwei lange Schläuche,
gefüllt mit einem gummiartigen Saft. Die ausgewachsene Raupe treibt denselben aus zwei unter dem Munde befindlichen feinen
Öffnungen hervor und vereinigt die so entstandenen feinen Fäden sogleich zu einem. Der die Fäden bildende
Saft erhärtet an der Luft sehr rasch. Mit dem Faden bildet die
mehr
Raupe rund um sich herum zunächst ein lockeres, grobes, durchsichtiges Netz und dann innerhalb desselben in 7-8 Tagen eine
dichte ei- oder walzenförmige Hülle, den Kokon (frz. cocon, engl.
coccon), deren innerste Schicht ein pergamentartiges Häutchen ist. Die Länge des einzigen, die ganze Hülle bildenden Fadens
soll 3500-3700 m betragen, wovon jedoch für die Verarbeitung zu langer S. nur etwa 300-600, selten bis 900 m
zu erlangen sind. Die Kokons haben höchstens die Größe eines Taubeneies, sind aber meist kleiner.
Nur die weiblichen haben die Eiform; die männlichen zeigen in der Mitte eine Einschnürung. Die Farbe ist meistens weiß
oder hellgelb, auch grünlich, rötlich etc. Nach 2-3 Wochen brechen aus
den Kokons die Schmetterlinge hervor und die Geschlechter suchen sich auf. Ist es nicht auf Nachzucht, sondern auf Seidegewinnung
abgesehen, so verhindert man das Auskriechen durch Tötung des eingeschlossenen Tieres mittels Hitze, da die verlassenen Kokons,
weil durchbissen, keinen ganzen Faden mehr geben und nur als Abfallseide dienen können.
Das Töten wird entweder durch die Hitze eines Backofens bewirkt oder durch heiße Wasserdämpfe, indem man die Kokons in
einem Siebe über siedendes Wasser setzt. Dämpfe von Terpentinöl, Kampfer, brennendem Schwefel haben dieselbe Wirkung. Mit
dem Abtöten des Kokons ist das Geschäft des kleinen Seidenzüchters beendet. Die folgende Bearbeitung,
das Abhaspeln, ist Sache besonders darauf eingeübter weiblicher Hände und geschieht in Frankreich und Italien in besondern
Anstalten, den sog. Filanden.
Die hier zu bearbeitenden Kokons werden vorher nach Farbe und Beschaffenheit, die festen und lockern besonders, sortiert,
fleckige, doppelte und sonst fehlerhafte ausgeschossen. Durch Einlegen in heißes Wasser wird der natürliche
Leimüberzug, mit welchem die Fadenwindungen aufeinander kleben, erweicht;
beim Abhaspeln liegen und drehen sich die Kokons
ebenfalls in warmem Wasser;
die Arbeiterin schlägt dieselben vorher mit Reisig, um die noch anhängende Flockwolle zu entfernen
und die Fadenanfänge der guten S. zu entdecken;
von diesen nimmt sie die bestimmte Anzahl, drei bis
acht und mehr, und haspelt sie von eben so viel Konkons zu einem einzigen Faden auf.
Gläserne Führungsringe für die einzelnen
Fasern und andre kleinere Vorrichtungen dienen zur Sicherung der Arbeit und zur guten Beschaffenheit des Fadens; die Arbeiterin
hat zudem ihre ganze Aufmerksamkeit und Sorgfalt anzuwenden, da von ihrer Arbeit die Güte des Produktes zum guten Teil abhängt.
Die Fäden legen sich auf dem vier- bis sechsarmigen Haspel dicht neben einander, sodaß es aussieht als sei er mit einem
glänzenden Seidenband bezogen. Die innerste Schicht des Kokons ist durch Klebstoff so fest verbunden,
daß sie pergamentartig erscheint und keinen Faden mehr entläßt;
sie kommt mit zur Abfallseide. - Die auf den Haspeln selbst
trocken gewordenen Strähne bilden die Rohseide oder Greze (frz. grège, grèye; engl.
raw silk);
sie hat in diesem Zustande, trotzdem der Faden hart und starr ist,
schon
verschiedne Verwendungen, zu Gaze, Blonden u. dgl.; die meiste S. wird indes
durch Kochen in Seifenwasser von dem äußern Überzuge, der den Faden einhüllt und eine leimartige Beschaffenheit hat,
befreit. Dieser Überzug ist auch der Träger der gelben und andern Färbungen; gekochte S. erscheint daher immer weiß.
Dieses Kochen heißt das Entschälen oder Degummieren; die Fäden sind dadurch dünner, geschmeidiger
und glänzender geworden. Gewöhnlich wird die S. hiernach noch mit Schwefeldämpfen gebleicht; die naturweiße ist indes
immer besser, besonders zum Färben. Für gewisse Zwecke, zu Geweben, die etwas steifer und glanzloser sein dürfen, wird
die S. kürzere Zeit gekocht und heißt dann halbgekochte, souplierte oder Soupleseide. - Zur Verwendung
für Gewebe wird die S. erst noch gezwirnt (filtiert, mouliniert).
Die hierzu dienenden Zwirnmühlen sind komplizierte, in neurer Zeit sehr verfeinerte Maschinen. Die Rohseide wird hier, nachdem
sie von den Strähnen auf Spulen gebracht ist, je nach ihrer Bestimmung zwei-, drei- und mehrfach zusammengedreht.
Man dreht auch die nicht zu duplierende Rohseide, damit der Faden runder wird und sich bei der spätern Bearbeitung nicht
in die einzelnen Bestandteile spaltet. Die Drehung der Einzelfäden geschieht auch für gewisse Sorten dann, wenn sie später
noch paarweise oder mehrfach zusammenzudrehen sind.
Die beiden hauptsächlichen und wesentlich verschiednen Sorten sind Organsin und Trama oder Ketten- und
Einschlagseide. Die erste wird aus der besten Rohseide hergestellt, aus gedrehten und duplierten Fäden unter fester Drehung;
die zweite besteht aus ungedrehten Einzelfäden, wird auch beim Zwirnen nur schwach gedreht und ist daher von lockerer, weicher
Beschaffenheit. Andre Sorten sind Nähseide, Strickseide, Stickseide etc.
Der Stärke- oder Feinheitsgrad der gezwirnten S. wird durch Nummern angegeben und die Bestimmung derselben heißt das Titrieren.
Es geschieht durch Abmessen einer bestimmten Zahl von Stab oder Metern und Wiegen derselben auf einer feinen Wage. - Die
S. ist ein in hohem Grade wasseranziehender Körper, nimmt aus feuchter Luft rasch Wasser auf, kann sich
um 20, 30% damit beschweren und immer noch trocken erscheinen, was begreiflich beim Handelsverkehr mit diesem Artikel in
Rücksicht gezogen werden muß. Es gibt daher an den Plätzen mit vielem Seidenverkehr, z. B.
in Deutschland in Krefeld, Elberfeld, Berlin, besondere Prüfungsämter, sog.
Konditionierungs- oder Trockenanstalten, wo man den Wassergehalt und wahren Handelswert der Ware ermitteln lassen kann. Aus
den dort eingelieferten Garnballen entnehmen die Beamten verschiedne Probesträhnen, wiegen sie sehr genau und setzen sie
einige Stunden in einem mit Dampf erhitzten Apparat einer Temperatur von 105-110° C. aus, wiegen mehrmals
nach, bis keine Abnahme mehr stattfindet, und berechnen aus dem Gewichtsverlust der Probe den Handelswert des Ganzen. So
wasserfrei, wie sie hier erhalten wird, ist die Handelsware natürlich niemals; man rechnet nicht darauf,
mehr
sondern setzt gewöhnlich gleich 10% Wassergehalt voraus. - Bei der Herstellung der eigentlichen aus langen Kokonfäden zusammengesetzten
S. entstehen eine Reihe Abfälle, welche unter dem Namen Floret- od. Flockseide (frz.
fleuret, filoselle; ital. filosello; engl. floret-silk) zusammengefaßt
werden und das Rohmaterial für eine der interessantesten und wichtigsten Abfallindustrien liefern. Die
beste Sorte der Floretseide kommt von Doppelkokons, welche, da sie zwei Puppen enthalten und zwei in einander gewachsene Kokons
darstellen, gar nicht oder nur schwer abhaspelbar sind.
Ferner gehören dazu die Kokons, welche von der Raupe so gewickelt wurden, daß das Abwickeln viel Zeit erfordern würde.
Man reißt diese und die Doppelkokons, nachdem sie in heißem Wasser erweicht sind, einfach mit der Hand
auseinander, nimmt die Puppe heraus und bildet aus den Bärten Vließe von größerer Länge. Die zweite Sorte der Floretseide
wird gebildet durch die bei dem Abhaspeln übrig bleibenden pergamentartigen Häutchen, welche erweicht, zerrissen, gekratzt
und gekämmt werden und Stamm = Crescentinstamm (frz. cardette; ital.
stame) liefern, aus dem das Crescentingarn gesponnen wird.
Ein Teil läßt sich nicht kämmem Diesen nennt man Chappe (frz. chappe; ital. chiape). Das Material wird
zur Zerstörung des die Fasern zusammenhaltenden Leimes einem Fäulnisprozeß unterworfen und nun spinnbar. Zu derselben Sorte
Floretseide gehört die lose wirre Fadenmasse, welche die äußerste Schicht des Kokons bildet und
erst abgezogen werden muß, wenn man den Fadenanfang sucht. Die geringste Sorte Floretseide liefern die von den Reißern abgezogenen
Faden, mit welchen die Raupe den Kokon befestigt hatte.
Sie sind sehr lose und finden zu Wattseide Verwendung. Endlich unterscheidet man noch Strazza (frz.
estrasse), das sind die Abfälle bei der Verarbeitung der Rohseide zu Organsin und Trama, Seidenwerg od. Stumpen (frz.
bourre de soie; ital. stumba pestenuzzi), d. i. der Abfall bei dem
Kämmen der gefäulten Kokons, aus welchem das Bourrettegarn gesponnen wird. Im Handel und für die Fabrikation
der Floretseide unterscheidet man vier Hauptklassen: Strussi, d. s. die nicht abhaspelbaren Kokons,
Strusa, d. i. der Abfall beim Abhaspeln der Kokons, Strazza, d. i. der
Abfall beim Moulieren der Rohseide und Kokons, d. s. Kokons, welche aus irgend einem andern Grunde
als die zu Strussi gehörigen Doppellkokons und durchbissenen Kokons nicht zum Abhaspeln geeignet sind.
Der Haupthandelsplatz für die Floretseide ist Marseille, der Hauptsitz der Spinnerei dagegen die Schweiz. Die gesponnene
Floretseide ist ein wirkliches Garn, entstanden durch Zusammendrehen kürzerer und längerer Fasern. Die Floretgarne
erreichen aber nie die Glätte und den Glanz der filierten S. Die bei der Verspinnung der Floretseide
vorzunehmenden Arbeiten sind: Fäulen, Waschen, Auflockern und Kämmen, Präparieren und Vorspinnen, Feinspinnen, Zwirnen
und Putzen der Garne. Die Garne führen sehr verschiedne, häufig provinzielle Namen; die Nummer derselben gibt an, wie viel
Strähn von 500 m auf 0,5
kg gehen. - Was die Beteiligung der verschiednen Länder am Seidenbau anlangt,
so steht das alte Stammland desselben, China, allen andern weit voraus.
Die S. bildet dort den Hauptausfuhrartikel im Handel mit Europa. Der Maulbeerbaum gedeiht in allen Provinzen des großen
Reiches, die nördlichsten Teile ausgenommen, und überall wird S. gewonnen. Die Baumpflanzungen (weißer Maulbeerbaum im
Norden und schwarzer im Süden) bilden ganze Wälder; mit der Kultur beschäftigen sich Millionen kleiner
Landwirte, wie in der Lombardei; nichts gleicht der Liebe und Sorgfalt, womit der Chinese seine Raupen pflegt. Es gibt verschiedne
Rassen des Maulbeerspinners, deren Periode in verschiedne Zeiten des Jahres vom April bis November fällt.
Zur Zeit der Ernte senden die großen Kaufleute der Hauptstädte Agenten nach allen Teilen des Landes
zum Aufkauf der kleinen Posten, die nach ihren verschiednen Qualitäten sortiert und gewöhnlich in Ballen zu 80 Catties
oder ungefähr 53 kg verpackt werden. In den Ausfuhrhäfen lassen die Handelshäuser die Ware nochmals prüfen und
für den europäischen Markt sortieren. Die Hauptexportplätze sind Schanghai und Canton und die Ware
scheidet sich hiernach in die Hauptsorten Canton und Nanking, die erstere aus der Provinz Canton, die andre, viel bessere
und doppelt so teuere, aus der Provinz Kiang-nan.
Die Ausfuhr an Rohseide aus China hat 1876 4480000 kg, 1878 rund 4 Mill. kg betragen. Neunzehntel der
ganzen Ausfuhr gehen nach London und Marseille; der Bezug chinesischer S. ist immer im Steigen, einmal hervorgerufen
durch die mit verwüstender Hand in den europäischen Seidenzüchtereien periodisch auftretenden Seuchen, dann aber wegen
der Qualität der Ware, die sie für gewisse Artikel besonders geeignet und selbst unentbehrlich macht.
Die hauptsächlichen, die S. bei den europäischen Fabrikanten beliebt machenden Eigenschaften sind ihre Stärke und ihr schöner
Glanz. Es fehlt nur die Gleichmäßigkeit des Fadens, da die Chinesen beim Haspeln nicht darauf achten, wie viel Kokonfäden
sie zusammenfassen.
Wenn dieser Mangel abgestellt werden kann, so wird der Begehr nach chinesischer Ware noch ganz andre
Dimensionen annehmen, und es ist nach Ansicht Sachverständiger möglich, daß hierdurch die ganze europäische Seidenzucht
als entbehrlich in Wegfall kommen kann, denn der chinesische Seidenbau hat so großartige Dimensionen und zeigt sich so erweiterungsfähig,
daß er außer dem eigenen Bedarf noch die ganze übrige Welt mit S. versehen kann. Hierzu tritt als
Lieferant noch Japan, dessen Exporte, teils direkt, teils über Schanghai, auch recht bedeutend sind; so 1876 1055400 kg, 1878 925000
kg Rohseide. - In Ostindien wird Seidenindustrie fast ausschließlich in Bengalen und Begu betrieben. Die italienische Haspelmethode
wurde dort von der Ostindischen Kompanie schon im vorigen Jahrhundert eingeführt, was der Qualität
der Ware sehr zu statten kam; anderweite Fortschritte sind indes nicht zu bemerken; die Rohseide sowohl als die indischen
Seidenwaren sind geringer als die chinesischen.
der glänzende, feine und weiche, dabei außerordentlich feste Faden, den die Raupe des
Seidenspinners erzeugt, indem sie sich zur Verpuppung einspinnt (s. Seidenraupe und Tafel: Seidenraupe und Seidenzucht). Nach
vollendetem Wachstum treibt die Raupe vor der Verpuppung aus zwei auf der Unterlippe jederseits mit je einer Öffnung mündenden
Spinndrüsen ein Sekret heraus, welches, an der Luft erstarrend, zwei sich miteinander vereinigende Fäden
bildet (eine Abbildung derselben s. Gespinstfasern, Fig. 5). Aus dem so
entstandenen Faden, der hauptsächlich aus Fibroin (s. d.) besteht, bildet sie eine dichte, eiförmige, zuweilen mehr
walzenförmige Hülle, Cocon oder Galette.
Die Gesamtlänge des Fadens, aus dem dieses Gespinst zusammengesetzt ist, beträgt über 3000 m, die nutzbare Fadenlänge
jedoch nur 3-600, in seltenen Fällen bis zu 900 m, da weder das äußere Fadengewirr noch der innerste
pergamentartige Teil zur Herstellung guter S. verwendbar ist. Nachdem die Puppen in den Cocons (s. Fig. 16 der genannten Tafel)
getötet sind, werden die letztern sortiert. Die festesten, seidenreichsten der zum Abhaspeln tauglichen Cocons
liefern das stärkste und schönste Material, die Organsin- oder Orsoyseide, aus welcher meist die Kette der seidenen Gewebe
hergestellt wird (Kettenseide); aus den von mittlerer Güte wird die Trama- oder Einschlagseide, aus den geringsten die Pelseide
gewonnen.
Die sog. Doppelcocons
(Fig. 15), in denen zwei Raupen sich gemeinschaftlich
eingesponnen haben, deren Fäden durcheinander gewirrt liegen, ferner die Cocons, welche infolge der
Fäulnis der in ihnen gestorbenen Puppe braune Flecke zeigen, diejenigen, welche bei der Aufbewahrung schimmlig geworden,
von Insekten angefressen oder sonst schadhaft sind, sowie die von dem ausgeschlüpften Schmetterling durchbohrten (nicht durchbissenen)
Cocons
(Fig. 19), endlich die Choquettes, d. h. die Cocons kranker Raupen, sind für bessere Fabrikate
nicht zu verwenden.
Der einfache
Coconfaden von 0,013 bis 0,026 mm Dicke und von weißer bis hochgelber Farbe, von dem 2570-3650 m ein Gramm wiegen,
ist infolge seiner Zusammensetzung aus zwei runden Fäden nicht völlig kreiscylindrisch, sondern merklich abgeplattet; derselbe
läßt sich, angespannt, um 15-20 Proz. seiner natürlichen Länge ausdehnen.
Die Reißlänge beträgt im Mittel 32 km. Um die die Fadenwindungen des Cocons verklebende leimartige Substanz aufzuweichen,
legt man dieselben in heißes Wasser, worauf man sie mittels Reisigbesen umrührt und schlägt, so daß die lockern äußern
Windungen mit dem Fadenanfang an den Besen hängen bleiben; statt der letztern werden nach neuern Verfahren
mechanisch bewegte Bürsten angewendet. Die hängen gebliebene Fadenmasse bildet die Florett- oder Flockseide, Bassinat, Bourrette
oder Frison (ital. Bavella, verdeutscht Basel),
die mit den übrigen Abfällen zu Florettgarnen verarbeitet wird. Die von der Florettseide
befreiten Cocons
(Fig. 17), deren Fadenanfang gefunden ist, bringt man in einen
am Haspel befindlichen Trog mit warmem Wasser, worin sie während des Abwickelns schwimmen.
Die Arbeit des Haspelns (öfters, obwohl unrichtig, Spinnen genannt) geschieht auf der in der nachstehenden Abbildung veranschaulichten
Maschine, der Seidenhaspel. Durch das Glasauge b ^[img] geführt, vereinigen sich die Fäden der in dem
Trog a schwimmenden Cocons (nach der Art der herzustellenden S. je 3-20) zu den Fäden cc, die sich kreuzen, worauf sie,
durch die Glasaugen d geleitet, zu dem Laufstock i gelangen, dessen schwingende Bewegung die schraubenförmige Aufwicklung
des Fadens auf den Haspel k bewirkt; der letztere erhält seinen Antrieb von einer Riemenscheibe und ist
zur Regulierung der Umdrehungsgeschwindigkeit mit Ausrückung und Bremse versehen. Die bis zur Puppe
(Fig. 18) abgehaspelte
S. heißt Rohseide oder nach dem ital. grezza Grezseide (frz.
Grège).
Für die meisten Verwendungsarten, wie die Weberei, Strumpfwirkerei, Spitzenfabrikation, Posamentierarbeit, zum Stricken, Sticken,
Häkeln u. s. w., muß die S. gezwirnt, d. h.
es müssen zwei oder mehr Fäden durch Zusammendrehen vereinigt werden; aber auch in solchen Fällen, wo einfache Rohseidenfäden
zur Verwendung kommen, erhalten diese eine mehr oder minder starke Drehung, wodurch sie an Rundung, Zusammenhang und Dichtigkeit
gewinnen. Da nämlich in der Rohseide die Coconfäden gerade ausgestreckt nebeneinander liegen, nur zusammengehalten
durch ihren natürlichen Klebstoff, welcher bei dem später stattfindenden Kochen oder Entschälen der S. (s. unten) aufgelöst
und entfernt wird, so würde alsdann ohne vorgängige Drehung der Faden sich in lauter lose Fädchen spalten und somit unbrauchbar
werden. Das Zwirnen, Filieren oder Moulinieren der S. zerfällt in die Operationen des Spulens, Drehens,
Doublierens und Zwirnens im eigentlichen Sinne. Die erste derselben, das Abwinden der Rohseidensträhne auf hölzerne Spulen,
forlaufend
817
geschieht nach der ältesten Methode derart, daß die Spule auf einem senkrechten Draht hängt und durch Streichen mit der flachen
Hand umgedreht wird, während die andere Hand den Faden von dem auf einer Garnwinde befindlichen Strähn zuleitet. Eine Vervollkommnung
dieses primitiven Verfahrens war die Anwendung des Spulrads; in neuerer Zeit haben in europ.
und amerik. Moulinieranstal- ten säst aÜgemein Spulmaschinen von einfacber Konstruktion Eingang gefunden.
Zum Drehen der einzelnen Fäden dient die nämliche Maschine, welche zum eiaentlichen Zwirnen angewendet wird. Das Doublieren,
d. H.Zusammenlegen und gemein- same Aufspulen zweier oder mehrerer gedrehter oder ungedrehter Nohseidenfäden als Vorbereitung
zum Zwirnen geschieht entweder durch bloße Handarbeit, oder mittels des Epulrads, oder besser mittels
der Doubliermaschine, deren Einrichtung nur wenig von derjenigen der Spulmaschine abweicht. Zum eigentlichen Zwirnen dient
die Seidenzwirn- mühle. auch Spinnmühle oder Filaror^um genannt, eine Maschine, welche auf jeder Seite 2 - 3 Etagen mit je 60 Spindeln
enthält, die mit einer Geschwindigkeit von 2000 bis 2500 Touren in der Minute umlaufen.
In den letzten Jahrzehnten ist man mit Erfolg bestrebt gewesen, den Arbeits- prozeß dadurch zu vereinfachen, daß man mehrere
Operationen, z. V. das Drehen und das Doublieren der Nohseidenfäden oder das Zwirnen derselben und das Haspeln der
fertigen S., wodurch diefe für den Handel in Strähne von bestimmter Größe und be- stimmter Fadenzabl gebracht wird, einer
Mascbine überträgt. Man ist sogar so weit gegangen, alle Ar- beiten, vom Abhaspeln der Cocons bis zum Drcbcn oder Zwirnen
der Nohseidenfädcn von einer Ma- schine in ununterbrochener Reihenfolge verrichten lassen zu wollen,
doch haben diese weitgehenden Kom- binationen bisher keine günstigen Nefultate ergeben.
Die gezwirnte S. kommt in ungcmcin verfchiede- dener Beschaffenheit vor, je nachdem zu derselben bessere oder geringere,
feinere oder gröbere Rohseide verwendet und diese mit oder ohne vorläufige Drehung aus mehr oder weniger Fäden ein- oder
zweimal, stärker oder schwächer gezwirnt wird. Die Zwirnung ist in allen Füllen um fo schärfer, je
feiner die Fäden sind. Die zu Or gansin verwendete Rohseide wird von 3 bis 8 Cocons abgehaspelt; sie erhall vor dem Zwirnen
eine starke Nechtsdrehung und wird aus zwei, seltener aus drei Fäden lwonack man zwei- und dreifädige
Orgcinsin unterscheidet) links gezwirnt.
Die Trama besteht aus 3-12 Coconfüden und wird als ein-, zwei- und dreifädige unterfchieden. Die einfädige ist ein einfacher,
für sich mäßig stark links gedrehter Nohseidenfäden; die zweisädige ist aus zwei, die dreifüdige aus drei Noh- seidenfäden
ohne vorläufige Drehung links gezwirnt. Infolge der fchwächern Zwirnuna ist Trama weicher und flacher
als Organsin, wodurcb der gewebte Stoff die erwünschte Dichtheit erhält. Eine Mittelgattung zwifchen Organsin und Trama,
die öfters statt der erstern zur Kette seidener Gewebe verwendet wird, entsteht dadurch, daß man zwci Nohseidenfädcn stark
zusammcnzwirnt, ohne sie vorher zu drehen.
Die Marabuseide wird meist aus drei Fäden blen- dendweißer Nohseide nach Art der Trama obne Drehung der
einzelnen Fäden gezwirnt, dann ohne vorausgehendes Kochen gefärbt, endlich nochmals und zwar sehr scharf gezwirnt. Die Steisigkeit,
welche der beim Färben fast unverändert bleibende Brockhaus' Kouvmalions-Lcxikon. 14.
Aufl. XIV. ! f leimartige Überzug
dem Faden verleiht, verbunden mit der scharfen Zwirnung, giebt dieser Gattung der S. die für diefelbe
charakteristische peitsch enschnur- ähnliche Härte.
DiePelseide oder Pelo ist eine aus den Cocons der geringsten Sorte erzeugte, meist als Einlage der Gold- und Silbergespinste
dienende S., die nicht gezwirnt ist, sondern aus Fäden be- steht , die durch Zusammenlegen und Zusammen-
kleben von 8 bis 10 Coconfüden gebildet werden. Nähseide (Kusir) wird aus Nohseide von 3 bis 24 Cocons hergestellt, entweder
indem man zwei starke Nohseidensäden einzeln rechts dreht und dann links zusammenzwirnt; oder indem man zwei ungedrehte
Nobseidcmäden rechts zusammenzwirnt und dann zwei so gebildete Fäden durch eine zweite Zwirnung nach
links vereinigt; oder indem man bei letzterer Methode vor der ersten Zwirnung den Eeidenfäden eine Drebung erteilt.
Die der Nähseide ähnliche Strickseide oder Häkelseide erhält, weil sie gröber ist und für ihren Zweck weich sein muß,
schwächere Zwirnung. Die kordonnierte S. ist aus zahlreichen feinen Nohfeidcnfäden zusammen- gesetzt,
die erst einzeln gedreht, dann zu vier, sünf, sechs oder acht links zusammcngezwirnt werden, worauf man drei solcher Fäden
«durch Zwirnung nach rcchts vereinigt. Bei der Stick- oder Platt- seide liegen infolge der sehr schwachen Zwirnung nach dem
Kochen und Färben die Coconfüden sicht- bar voneinander getrennt. Der Umsang des Haspels zum Aufwinden
der fertigen S. und die Fadenzahl der Strähne waren früher in den einzelnen Industrieländern sehr ver- schieden; erst in
neuerer Zeit ist durch Negelung der- selben eine genaue Kontrolle des Fabrikationsbetrie- bes sowie die richtige Bestimmung
des Feinheits- grades, das Titrieren (von: frz. titi-6) der S., möglich geworden. Nach den
Beschlüssen des in Wien 1873 und des in Brüssel 1877 abgehaltenen internationalen Kongresses zur Herbeiführung einer einheitlichen
Garnnumerierung foll die Feinheit der Seidengarne ausgedrückt werden durch das Zehn- sache der Zahl, welche das absolute
Gewicht eines Fadcnstücks von 1000 m Länge in Grammen an- gicbt. über die Titrierung in Turin und Mailand
s. Denaro, in Frankreich s. Denier. Das Titrieren, das sowobl für Nohfeide als für filierte S. an- gewendet wird, erfolgt gewöhnlich
mit Hilfe von Zeigerwagcn von sehr exakter Ausführung; doch bedient man sich, wo es sich um die Titrierung großer Massen
bandelt, auch besonders hierfür kon- struierter, selbstthätig arbeitender Maschinen. Die S. ist so hygroskopisch, daß sie
bis zu 30 Proz. Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen kann, ohne eigentliche Nässe zu zeigen. Der
Feuchtigkeitsgehalt wird für den Handel durch die sog. Konditionierung (s. d.) festgestellt. Die rohe wie die silierte mit
dem ihr von Natur eigenen leimartigen Über- zug, der den Faden hart, steif und fast glanzlos macht, nur für
manche Zwecke verarbeitet, für welche gerade dicfe Eigenschaften erwünscht sind, wie zur Herstellung von Beuteltuch, Klcidergaze,
Krepp und Blonden. In den meisten Fällen ist die Beseitigung des Seidenleims durch Behandlung mit hei.ßer
Seifenlauge, das Kochen, Entschälen, Degom- mierön oder Degummieren, erforderlich, durch wclche bei der von Natur gelben
S. zugleich der harzige Farbstoff entfernt wird. öfters wird die ^., namentlich wenn sie in dunkeln Farben gefärbt werden
soll, durch Anwendung schwächerer Lauge 52
forlaufend
818
oder durch kürzeres Belassen in derselben absichtlich nur unvollkommen entschält, doch macht dies den Stoff leicht brüchig.
Die S., welche weiß bleiben oder in den zartesten Farben gefärbt werden soll, wird nach dem Kochen geschwefelt. Während
bei der Verarbeitung der gehaspelten S. ein wirklicher Spinnprozeß nicht stattfindet, da der Rohseidenfaden
aus einer Anzahl langer, pa- rallel nebeneinander liegender Fäden besteht, sind die unter dem Namen Florett- oder Galettseid
e ifrz.
Fleuret oder Filoselle) zusammengefaßten Materialien als Gespinste im eigentlichen Sinne zu bezeichnen, da jeder Faden aus
vielen einzelnen kur- zen Fasern durch Zusammendrehen derselben gebil- det wird, weshalb unter Seidenspinnerei
nur die Verarbeitung der Florcttseioe zu Garnen zu ver- stehen ist. In den Florettspinnereien wird zu- nächst der Klebstoff
durch einen Fäulnisprozeß oder durch Kochen in Kali- oder Natronlauge aufgelöst, worauf man die durch Auswafchen und Stampfen
bearbeitete Masse trocknet und die Fasern durch Klopfen voneinander ifoliert.
Die nachfolgenden Operationen stnd, je nachdem dasselbe eine fein- faferige mehr oder weniger dichte Masse
oder ziem- lich lange, nur lose zusammenhängende Fäden dar- stellt, entweder der Kammgarn- und der Werg- spinnerei oder
der Baumwollfpinnerei entnommen, indem als Vorarbeit des Spinnens in dem einen Fall ein Kämmen oder .hecheln, im andern ein
Krempeln stattfindet. Obwohl die schönsten Flo- rettgarne an Feinheit, Glätte und Glanz niemals den bessern Sorten der gehaspelten
und silierten S. gleichkommen, finden dieselben ihrer Wohlfeilheit wegen ausgedehnte Verwendung.
Man benutzt sie in der Weberei als Einschlag mit einer Kette von silierter S. oder auch als Kette halbseidener Stoffe, deren
Einschlag aus Wolle besteht, außerdem zur Herstellung geringererVünder, Fransen und Schnüre, gestrickter und gewirkter Strümpfe
sowie von Näh-, Strick- und Stickseide, wozu sie eine Appretur durch Sengen, Leimen oder Glänzen erhalten und unter verschiedenen
Namen, wie Kreszentin, Cbappe (Schappe), in den Handel kommen. Das Spinnen der Florettseide geschieht teils auf
Spinnrädern, teils auf Mafchinen. Im erstern Fall bedient man sich des früher auch für die Woll- spinnerei gebräuchlichen
Handrades, wenn die Fasern kurz sind, während die langen Fasern auf dem Tritt- rade versponnen werden.
Ebenso sind bei der Ma- schinenspinnerei für kurzes und für lauges Material verschiedene Methoden in Anwendung."
Das erstere wird ganz wie Baumwolle behandelt, indem man die von der Krempelmaschine gelieferten Bänder auf der Streckmaschine
zusammenlegt (dupliert) und auszieht, dann auf eine Vorspinnmaschine bringt und das erhaltene Vorgcspinst auf einer Mulemafchine
dem Feinfpinnprozeß unterwirft. Dagegen sind für lange Florcttfcide die in der Kammgarn- und Flachsfpinnerei üblichen
Mafchi- nensysteme in Gebrauch.
Die beim Kämmen der Florettseide sich ergeben- den Seidenabfälle (Bourrette, Stumba) bilden das Material einer weitern, nicht
unbedeu- t end en Industrie, derVourrettespinnerei, wclche im wesentlichen nach dem Verfahren der Kammgarn- spinnerei arbeitet.
Die Abgänge derselben werden nicht versponnen, sondern als Watte, die geringsten als Polster- oder Packmaterial
oder als schlechte Wärmeleiter zur Umhüllung von Dampfleitungen u. s. w. verwendet.
Ahnlich
der Kunstwolle (s. d.) wird auch die durch Zerfasern seidener Lumpen ge- wonnene S. (Seidenshoddy) zu geringwertigen Stoffen
verwendet.
Über vegetabilische S. s. ^clspiNä und (^lo- tropiL; über Muschelseide s. d.
Die Geschichte der Seidenindustrie reicht bis in die frühesten Zeiten der Kulturentwicklung im Orient zurück.
Schon um 2000 v. Chr. war die S. den Chinesen bekannt. Eine chines. Kaisertochter soll um 150 v. Chr.
die Seidenzucht nach Japan ver- pflanzt haben, von wo sie sich weiter unter den asiat. Völkern verbreitete.
Die Griechen scheinen die S. durch den Eroberungszug Alexanders d. Gr. nach Indien kennen gelernt zu haben;
durch sie kam die Kenntnis derselben später nach Italien. Unter den prachtliebenden röm. Kaisern trieb man außer- ordentlichen
Luxus mit seidenen Geweben, die aus Indien und Persien kamen; erst im 3. Jahrh. n. Chr. sing man
in Italien an, aus importierter Rohseide Gewebe zu verfertigen. Unter dem Kaiser Iustinian brachten griech.
Mönche aus dem Morgenlande die Kenntnis der Seidenzucht und in ihren hohlen Pilgerstäben die ersten Seidenraupeneier nach
Kon- stantinopel. Durch die Araber gelangte zwei Jahr- hunderte später die Seidenzucht nach Spanien, und durch die Kreuzzüge
breitete sich dieselbe in Italien aus; Venedig und Genua trieben im 15. und 16. Jahrh, den wichtigsten
Seidcnhandel. In Frank- reich wurde diese Industrie namentlich unter Lud- wig XI. und seinen Nachfolgern gepflegt; unter Franz I.
entstanden die Fabriken von Lyon, die an Heinrich IV. und an Colbert, dem Minister Lud- wigs XIV., kräftige Förderer fanden.
Im 17. Jahrh, nahm die franz. Seidenfabrikation bereits in ganz Europa
die hervorragendste Stellung ein; nach der Aufhebung des Edikts von Nantes brachten jedoch die franz. Auswanderer ihre Kunst
nach Deutsch- land, der Schweiz, Holland, England, auch nach Dänemark, Schweden und Rußland. In Deutschland waren schon am Ausgang
des Mittelalters Mainz, Augsburg, Nürnberg der Sitz einer lebhaften Seidenindustrie. Die erste von Er-
folg begleitete Anregung zur Einführung der Sei- dcnzucht gab Friedrich d. Gr. durch Äus^tz^ng von Prämien. Von der Mark Brandenburg
aus verbreitete sich dieser Betrieb in den übrigen preuß. Provinzen. 1786 wurde die jährliche
Produktion an Rohseide im preuß. Staat auf 14000 Pfd. ge- schätzt, doch ist diese Ziffer nie wieder erreicht
wor- den. Überhaupt ist kaum irgend ein Teil Deutsch- lands, in welchem nicht früher oder später Versuche zur Einführung
der Seidcnzucht gemacht worden wären, doch hat der Betrieb nirgends größern Um- fang gewonnen, was sich außer durch die
klima- tische Beschaffenheit durch die Arbeiterverhältnisse der betreffenden Gegenden erklärt.
Österreich, das, solange es im Besitz der Lombardei und des venet. Gebietes war, eine blühende Pflanzstätte der Seiden- industric
besaß, hat mit derartigen Bemühungen nur in den am günstigsten gelegenen Landesteilcn, Tirol, dem Istrischen Küstenlande,
Dalmatien, dem südl. Ungarn, dauernden Erfolg gehabt. Die Schweiz hat hauptfächlich in Tcfsin Seidenkultur.
Im europ. Rußland hat man gleichfalls in- folge der ungünstigen Erfahrungen die Seidenzucht auf die hierfür am besten geeigneten
Gegenden be- schränkt, und ebenso wenig hat in England und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo sich