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Autoimmunerkrankungen
Vor einiger Zeit erklärte mir eine junge Diabetikerin, es sei doch seltsam, dass ihre Mutter an einer chronischen Polyarthritis und ihre Schwester an einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) leide und dass drei so seltene Krankheiten in derselben Familie vorkämen. Ich musste ihr sagen, dass dies nicht so selten ist und dass dies seinen speziellen Grund hat.

Vitiligo
Wie bekannt, ist der Diabetes Typ 1 eine Autoimmunerkrankung. Dabei weiss man, dass eine bestimmte genetische Konstellation vorliegen muss, damit die Krankheit im Verlauf des Lebens manifest wird. Von der genetischen Seite her weiss man, dass auf dem Chromosom Nr. 6 auf demjenigen Teil, wo Gene für die Immunabwehr sitzen (HL-A-Region), bestimmte genetische Mutanten vorliegen müssen. Für den Diabetes bedeutet das meistens HL-A DR 3 ( und ev. DR 4). Wenn diese Konstellation vorliegt und bestimmte Umweltfaktoren im Verlauf des Lebens des Diabetikers dazukommen (Viren oder Umweltgifte), so wird ein immunologischer Prozess in Gang gesetzt, welcher nicht nur das Virus oder das Umweltgift neutralisiert, sondern auch gewissermassen irrtümlicherweise die insulinproduzierenden B-Zellen des Pankreas zerstört. Nach mehreren solchen «Schüben» sind schliesslich genügend B-Zellen zerstört und der Diabetes bricht aus.
Die genetische Konstellation ist jedoch nicht spezifisch für die Zuckerkrankheit. Sie kann auch andere immunologisch fehlgeleitete Prozesse verursachen. In diesem Falle resultieren andere Erkrankungen daraus, am häufigsten eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose). Weitere Erkrankungen sind Unterfunktion der Nebennieren, Blutarmut infolge von Zerstörung von gewissen Zellen in der Magenwand (Perniziosa), Vitiligo (weisse Flecken auf der Haut), Myasthenia gravis (Muskelschwäche mit enormer Müdigkeit) sowie auch chronische Polyarthritis. Zum Glück sind diese Krankheiten sehr selten. Am besten erforscht ist das gleichzeitige Vorkommen von Diabetes und Hypothyreose. In Dänemark zum Beispiel wurde eine interessante Studie veröffentlicht. Da die Hypothyreose bei Kindern sehr selten ist, wurden 105 Typ-1-Diabetiker, jünger als 18 Jahre, genauer untersucht. Gleichzeitig dienten ebensoviele nicht diabetische Kinder mit gleichem Körpergewicht, gleichem familiärem Umfeld, gleichen sportlichen Aktivitäten usw. als Kontrollen. Bei den Diabetikern hatten 2 eine Hypothyreose und 3 eine beginnende (subklinische) Hypothyreose. 17 Kinder hatten Schilddrüsenantikörper und 44 der Kinder zeigten bereits anatomische Veränderungen an der Schilddrüse. In der Kontrollgruppe waren keine Kinder hypothyreot, nur zwei zeigten Antikörper und nur 11 hatten anatomische Schilddrüsenveränderungen. Dies zeigt sehr schön, dass Diabetiker schon in jungen Jahren gehäuft an einer Unterfunktion der Schilddrüse erkranken können. Es empfiehlt sich deshalb, bei unerklärter Müdigkeit, dem häufigsten Anfangssymptom der Unterfunktion der Schilddrüse, frühzeitig eine Abklärung durchzuführen.

Chronische Polyarthritis
Die anderen autoimmunen Erkrankungen sind dagegen viel seltener. Von der Unterfunktion der Nebenniere (Addisonsche Krankheit) ist bekannt, dass sie in 1,5–3% der Verwandten von Typ-1-Diabetikern vorkommt. Dies ist zwar sehr selten, aber immer noch häufiger als in der Durchschnittsbevölkerung. Die Blutarmut (Perniziosa) in Folge der Magenwanderkrankung ist noch seltener, es haben jedoch 5–12% der Diabetiker Antikörper gegen diese Magenwandzellen. Wenn man alle Typ-1-Diabetiker untersucht, so haben insgesamt 21% irgendwelche Antikörper für andere autoimmune Erkrankungen. Sehr selten ist glücklicherweise das «polyglanduläre Autoimmunsyndrom Typ lI», welches familiär vorkommt und bei welchem bei derselben Person eine endokrine Drüse nach der anderen ausfällt und damit jeweils im Abstand von einigen Jahren zunächst ein Diabetes Typ 1, später eine Schilddrüsenunterfunktion, später eine Nebennierenunterfunktion, eine Blutarmut und noch andere Erkrankungen auftreten. Ich hatte Hemmungen, meiner Diabetikerin dies alles zu sagen. Es stellte sich jedoch dann heraus, dass sie die Informationen längst aus dem Internet heruntergeladen hatte. Solche Berichte könnten einem geradezu Angst einjagen. Dies ist jedoch völlig unnötig. Insgesamt sind diese Erkrankungen doch sehr selten, es besteht zwar eine Häufung verschiedener Hormondrüsenerkrankungen in gewissen Familien, dass aber all diese Erkrankungen eine Person zugleich betreffen, ist so selten, dass kaum damit gerechnet werden muss. Und zum Schluss noch die gute Nachricht: Glücklicherweise sind fast all diese Erkrankungen sehr gut und einfach zu behandeln.
PD Dr. med. Beat Morell