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Sapir ist bis heute bekannt als Entdecker der ihm und seinem Schüler Benjamin Whorf zugeschriebenen sog. Sapir-Whorf-Hypothese, wonach die von uns gesprochene Sprache unser Denken reguliert. Konsequent zu Ende gedacht, impliziert die Sapir-Whorf-Hypothese, dass fremdsprachige Texte prinzipiell unübersetzbar sind. (Was ich – allerdings völlig unwissenschaftlich – für Lyrik zugeben, im Allgemeinen aber verneinen würde.)
Wie weit die Sapir-Whorf-Hypothese auch heute noch in der Linguistik bzw. in der Anthropologie und Ethnologie gilt1), entzieht sich meiner Kenntnis. Sie war zu meiner Zeit im deutschen Sprachraum sehr en vogue, wenn auch nicht unwidersprochen – was letzten Endes auch zu meiner (Wieder?)Lektüre des Textes von Sapir geführt hat. Ich habe nämlich vor ein paar Wochen bei der Durchsicht meiner Bibliothek entdeckt, dass sich hier aus jener meiner Zeit völlig zerfledderte Exemplare von Sapirs Language und von Meads Mind, Self, and Society tummelten. Ich beschloss, diese Schönheitsflecken auszumerzen, die beiden Bücher wegzuwerfen und die Texte neu zu kaufen. Und, selbstverständlich, auch neu bzw. wieder zu lesen.
Zu Sapir (1884-1939) noch folgende Informationen: Er hat an der Columbia University in New York Germanistik und Indogermanistik studiert, über Herders Ursprung der Sprache doktoriert und ist dann mit dem deutschstämmigen Ethnologen / Anthropologen Franz Boas in Kontakt gekommen. Dieser weckte in ihm das Interesse an den indigenen Sprachen Nordamerikas. Das Studium dieser Sprachen veranlasste Sapir 1921 dazu, das vorliegende Werk zu verfassen, das rasch zu einer Art Bibel der amerikanischen Linguistik wurde – einer Nebenform der strukturalistischen Sprachwissenschaft, denn auf Strukturen legt Sapir grossen Wert, seitenweise zum Teil füllt er Tabellen mit Strukturbeschreibungen verschiedenster Sprachen.
Dabei wird das, was wir heute als Sapir-Whorf-Hypothese kennen, kaum angesprochen. Einzig im fünften Kapitel (Form in Language. Grammatical Concepts) finden wir Hinweise. Ich weiss nicht, ob ich den Text zu meiner Zeit wirklich gelesen habe, oder ob ich das Buch nur einer Kommilitonin ausgeliehen habe, die es mir in diesem erbärmlichen Zustand zurückgab. Bei meiner Lektüre jetzt stellte ich jedenfalls fest: Ich kann mich an den Inhalt nicht erinnern. Und ich musste feststellen, dass ich vom Text als wissenschaftlichem Text enttäuscht bin. Die strukturalistische Beschreibung indigener Sprachen, aber auch des Englischen, wirkt heute aufgesetzt, konstruiert und arg bemüht. Die Beschreibung der Lautverschiebung im Deutschen und im Englischen wurde schon vor Sapir systematischer durchgeführt. Und gegen Ende des Buchs finden wir vieles als wissenschaftliche Fakten oder Thesen vorgetragen, was in Tat und Wahrheit einfach Sapirs Gedanken und Meinungen sind, die ihr Fundament in Sapirs Persönlichkeit haben und nicht in der sprachlichen Realität.
Ich weiss nicht – und meines Wissens weiss es niemand – ob Sapir den deutschen Universalgelehrten Wilhelm von Humboldt kannte. Vieles in Sapirs Sprache erinnert jedenfalls an dessen 1836 postum erschienenes Werk Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. Der Deutsche, obwohl rund 90 Jahre früher, argumentiert allerdings stringenter und ideenreicher – ein weiterer Hinweis darauf, dass Sapir so revolutionär nicht war, wie er vor allem in den USA gehandelt wurde. Dennoch: Der Text gehört in den Kanon der Linguistik, auch wenn seine Aktualität bezweifelt werden darf.
1) Wikipedia meint dazu:
Die Sapir-Whorf-Hypothese geht ursprünglich zurück auf Forschungen über die Hopi-Sprache, die Benjamin Lee Whorf durchführte. Dabei entdeckte er, dass die Hopi-Sprache keine Wörter, grammatischen Formen, Konstruktionen oder Ausdrücke enthält, die sich direkt auf das, was wir Zeit nennen oder auf Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft beziehen. Whorfs vermeintliche Feldforschungen basierten jedoch nur auf sekundären Quellen. So bezog er all seine Informationen über die Hopi-Sprache von einem einzigen Hopi-Bewanderten aus New York, eine empirische Überprüfung seiner Annahmen bei Muttersprachlern vor Ort erfolgte nicht. 1983 konnte der Linguist Ekkehart Malotki nachweisen, dass die Hopi über komplexe Möglichkeiten verfügen, Zeitformen auszudrücken. Damit war eine der zentralen Motivationen für den Aufbau der Sapir-Whorf-Hypothese hinfällig.