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Das Wohl des Einzelnen hängt auch vom Gemeinwohl ab. Als soziales Wesen ist der Mensch auf eine Umgebung angewiesen, innerhalb derer er sich als Individuum entwickeln kann und wo er Anerkennung und Unterstützung erfährt. In einer funktionierenden Gesellschaft ist Gemeinwohl das Band, welches das Gemeinwesen zusammenhält, Richtschnur bei der Lösung von Konflikten und Ressource für den Einzelnen. Damit verkörpert Gemeinwohl immer auch eine Idee von dem, was allen gemeinsam sein soll und wodurch sich eine Gesellschaft in ihrem Wesen auszeichnet.
Gemeinwohl zielt auf die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger ihr gesellschaftliches Umfeld wahrnehmen. Gemeinwohl wird dann geschaffen, wenn ein Individuum das soziale Kollektiv positiv erlebt. Dies basiert auf der wertphilosophischen Überlegung, dass Wert immer das Ergebnis von positiven Bewertungen eines Bewertungsobjekts durch ein bewertendes Subjekt ist. Im Falle des Gemeinwohls bewertet das Individuum das Gemeinwesen. Das Erleben des Gemeinwesens wird in einer modernen Gesellschaft wesentlich von Organisationen verschiedenster Art beeinflusst. So kann zum Beispiel ein Fussballverein zum Zusammenhalt in einer Stadt beitragen oder eine Bank zur wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes, indem sie ihre Aufgaben im Kerngeschäft erfüllt.
All diesen Gemeinwohlbeiträgen ist eines gemeinsam: Gemeinwohl wird erst dann geschaffen, wenn es in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommt. Das heisst auch: die Fakten allein reichen nicht aus. Gemeinwohl entsteht nur dann, wenn sich die Handlungen einer Organisation auch in eine positive Wahrnehmung durch Individuen übersetzen. Gemeinwohl kann daher auch nicht a priori bestimmt werden, sondern bezeichnet eine spontane Ordnung. Welche Werte dann wirklich zählen, hängt auch vom jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund ab, in den das Gemeinwohl eingebettet ist.
Woran machen Individuen fest, ob eine Organisation zum Gemeinwohl beiträgt? Das Erleben und Bewerten des Gemeinwesens sind psychologische Prozesse, in denen sowohl kognitiv-rationale als auch unterbewusst-emotionale Faktoren eine Rolle spielen. Bei jeder Bewertung greifen wir auf eine Struktur aus Grundbedürfnissen zurück, die uns gewissermassen als Zollstock dienen. Werden diese erfüllt, so fällt unsere Bewertung positiv aus; werden diese nicht erfüllt, so bewerten wir negativ.
Der amerikanische Psychologe Seymour Epstein hat in einer vergleichenden Studie vier menschliche Grundbedürfnisse identifiziert, auf denen auch die vier Gemeinwohl-Dimensionen fussen (siehe dazu Meynhardt, 2009):
Als Individuen streben wir danach, unsere Umwelt zu verstehen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen voraussagen zu können. Damit einher geht das Bedürfnis, sich in der Umwelt orientieren zu können, diese in ihren Zusammenhängen zu verstehen und den eigenen Handlungsspielraum zu erhalten bzw. zu erweitern. Eine Handlung unter diesem Gesichtspunkt zu bewerten, bedeutet dann, ihre Nützlichkeit für die Erreichung eines Zieles einzuschätzen. Gegenstand der Wertung ist eine Zweck-Mittel-Relation. Im Mittelpunkt steht also ein instrumentell-utilitaristischer Wertaspekt. (Dieser ist auch das konzeptionelle Bindeglied zu einem ökonomischen Wertbegriff, der Wert mit finanziell-ökonomischen Grössen gleichsetzt. Der in Geldeinheiten gemessene Wert ist im engeren Sinne kein Wert, der mit einem eigenen menschlichen Grundbedürfnis verbunden ist, es sei denn, er wird als spezifischer instrumentell-utilitaristischer Wert gekennzeichnet.) Die instrumentell-utilitaristische Wertdimension legt in allgemeinster Weise den Fokus auf den unmittelbaren Nutzen. So trägt eine Organisation in diesem Bereich zum Gemeinwohl bei, wenn sie im Auge des Betrachters in ihrem Kerngeschäft gute Arbeit leistet. Die Organisation erfüllt ihre Aufgabe, indem sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen wahrnehmbaren Nutzen stiftet.
Individuen streben nach Anerkennung und Zusammenhalt in einem sozialen Kollektiv. Sie suchen nach einem Zugehörigkeitsgefühl und nach Gruppenidentität, gleichzeitig aber auch nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Nähe und Distanz. Das Bedürfnis nach positiven zwischenmenschlichen Bindungen zielt auf die „soziale Natur“ des Menschen. Im Vordergrund steht damit nicht das Bedürfnis nach Anerkennung einer Person als moralisches Wesen, sondern nach Anerkennung in sozialen Beziehungen. Damit wird der Fokus auf das Erlebnis von Gruppenzugehörigkeit und die damit verbundenen Erfahrungen gerichtet. Der dominante Bewertungsgesichtspunkt ist in dieser Sicht ein politisch-sozialer; er thematisiert Werte wie Solidarität, Kooperation aber auch Macht, Statusgefühl und Gruppenidentität. Zu dieser politisch-sozialen Wertdimension tragen Organisationen bei, wenn durch ihr Handeln und Auftreten im Auge des Betrachters der Zusammenhalt in einem Gemeinwesen gefördert wird.
Wir streben nach positiven emotionalen Erfahrungen und nach der Vermeidung von Schmerz. Das Bedürfnis zielt zunächst ganz allgemein auf die Vermeidung von Schmerz und auf positive Erfahrungen. Dieses evolutionär tief verankerte Bedürfnis ist auf Überleben und Existenzsicherung als Organismus gerichtet und entwickelt sich in der kulturellen Überformung zu Genussbedürfnissen bis hin zum Bedürfnis nach ästhetischen Erfahrungen. Damit zielt dieser grundlegende Wertungsgesichtspunkt auf hedonistisch-ästhetische Werte, z.B. Sicherheit, Schönheit, Spass, Freude oder ganz allgemein auf Wohlbefinden und Glückserfahrungen, welche auch auf kollektiver Ebene mannigfaltigen Ausdruck finden. Organisationen tragen zu dieser Wertdimension bei, indem sie im Auge des Betrachters zur Lebensqualität beitragen und uns als Individuen damit positive Erfahrungen ermöglichen.
Individuen streben nach einem positiven Selbstbild und einem ausgeprägten Selbstwertgefühl. Sie wollen als Individuum geschätzt und fair behandelt werden. Das Bedürfnis fokussiert auf die Wahrnehmung als Person und damit als Individuum. Als moralisch-ethische Wertung wird diese bezeichnet, weil sie im sozialen Umfeld den Bewertungsaspekt thematisiert, inwiefern eine Handlung oder Entscheidung zu mehr Gleichheit oder Ungleichheit führt bzw. ob etwas für alle Menschen (in einem selbst definierten Rahmen) gilt oder nicht. Moralisch wertvoll („anständig“) ist eine Handlung immer dann, wenn das eigene Gerechtigkeitsempfinden nicht verletzt, bestätigt oder gar gestärkt wird. Erlebt jedoch eine Person eine Diskrepanz zu dem, was sie als angemessen, gerecht oder fair betrachtet, wird das emotional-motivational verankerte Empfinden gestört und die Abweichung als „unmoralisch“ eingestuft. In jedem Fall erfolgt diese Wertung immer mit Bezug auf das Selbstverständnis als Person – also dem Selbstkonzept und dem Selbstwertgefühl. Auf gesellschaftlich-kollektiver Ebene angesiedelte Werte wie Menschenrechte, Menschenwürde oder die Autonomie des Einzelnen sind demnach ganz wesentlich moralisch-ethische Werte. Sie versuchen zu bestimmen, was eine Person als Mensch ausmachen sollte, wenn deren Individualität und Selbstverständnis angesprochen ist. Organisationen schaffen in dieser auf das Individuum fokussierten Dimension Wert, wenn sie sich im Auge des Betrachters moralisch wertvoll und damit anständig verhalten und so dem Individuum ein positives Selbstwertgefühl ermöglichen. Dies ist Grundlage der Moraldimension.
Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung deuten darauf hin, dass die vier Bedürfnisdimensionen in keine Hierarchie gebracht werden können, sondern gleichberechtigt nebeneinander stehen. Deshalb fliessen alle vier Dimensionen zu gleichen Teilen in den Gemeinwohl-Score ein. Weil Gemeinwohl aber letztlich im Auge des Betrachters liegt, ermöglichen wir dem Nutzer der Seite, einzelne Gemeinwohl-Dimensionen stärker zu gewichten als andere. Die Nutzer können über einen Schieberegler selbst bestimmen, nach welchen Kriterien sich die Rangfolge darstellen soll und damit ihren individuellen Präferenzen Ausdruck verleihen.
Wird Gemeinwohl in diesem Sinne verstanden, so spielen Organisationen eine grosse Rolle bei der Schaffung von Gemeinwohl. Damit wird der Gemeinwohlbeitrag im Sinne einer gesellschaftlichen Wertschöpfung zu einer wichtigen Perspektive und Outputvariablen für das Management. Unter dem Begriff Public Value (siehe Wikipedia) spielt diese Diskussion eine wichtige Rolle in der Verwaltungswissenschaft und in der Managementforschung (siehe dazu Meynhardt and Gomez, 2013). Die hier beschriebene Sicht auf Gemeinwohl als in der Wahrnehmung und in menschlichen Grundbedürfnissen verankertes und durch Organisationen beeinflussbares Konzept entstammt dem St.Galler Public Value-Ansatz nach Meynhardt (siehe dazu Meynhardt, 2008), wie auch Meynhardts Definition von Public Value Creation zeigt:
Public Value wird erst dann geschaffen oder zerstört, wenn das individuelle Erleben und Verhalten von Personen und Gruppen so beeinflusst wird, dass dies stabilisierend oder destabilisierend auf Bewertungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das Gemeinschaftserleben und die Selbstbestimmung des Einzelnen im gesellschaftlichen Umfeld wirkt. Public Value entsteht also im Ergebnis von Bewertungsprozessen, die einen kollektiven und in diesem Sinne sozialen Charakter haben und sich nicht allein auf das Individuum beschränken.
Meynhardt, T. (2008). Public Value - oder: was heißt Wertschöpfung zum Gemeinwohl?. dms - der moderne staat, 2, 457-468.