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Bücheraltar
Michael Guggenheimer
Ankunft in Milano Centrale, dem monumentalen Hauptbahnhof Mailands. Wie alle grossen Bahnhöfe ist auch dieser Bahnhof mehr als ein Bahnhof. Läden aller Art sind hier untergebracht. Auf drei Stockwerken auch eine Filiale der Buchhandelskette La Feltrinelli, die in Italien 115 Läden aufweist. Das Angebot ist riesig, die Atmosphäre wirkt aber so, als befände man sich in einem älteren Shoppingcenter unter der Erde. Kein Ort, den man wirklich gerne aufsucht.
Wie anders die allerneuste Filiale von La Feltrinelli im Stadtteil Porta Nova unweit des Bahnhofs Porta Garibaldi , die man mit der U-Bahn in wenigen Minuten vom Hauptbahnhof aus erreicht. Casa Feltrinelli heisst das Gebäude, das im Dezember 2016 eingeweiht wurde, es ist Sitz der Stiftung Giangiacomo Feltrinelli und beherbergt in den Kellerbereichen ein grosses Archiv zur politischen Geschichte Italiens und zu den Befreiungsbewegungen, im Erdgeschoss eine Buchhandlung und ein Café-Restaurant, im Dachgeschoss eine Bibliothek sowie in den dazwischen liegenden Stockwerken Ausstellungs- und Veranstaltungsräume sowie Büros. Kommt man zu Fuss von der Porta Garibaldi dem Corso Como entlang her, dann erblickt man von einer Strassenecke aus plötzlich die Casa Feltrinelli, staunt man zuerst über das steile Giebeldach dieses langgestreckten Gebäudes sowie über seine Länge. Wie anders dieses Gebäude als alle Häuser in der Nachbarschaft. Das Dach erinnert an Häuser auf dem Land, die Länge des Gebäudes an ein Kirchenschiff. Erst beim Abschreiten der ganzen Länge des Gebäudes nimmt man die vielen Fenster des Gebäudes und den schmalen Spalt wahr, der das Verlagsgebäude vom nächsten Gebäude trennt, in dem der italienische Sitz von Microsoft domiziliert ist.
Babitonga heisst das Café-Restaurant, das sich auf derselben Ebene befindet wie die neue Buchhandlung. Benannt ist das Café nach einer Meeresbucht in Südbrasilien. Dem Besucher bleibt der Zusammenhang zwischen der Baia de Babitonga und Mailand rätselhaft. Café und Buchhandlung gehen ineinander über, gehen eine asymmetrische Verbindung ein: Dort, wo sich die Buchhandlung in die Tiefe des Gebäudes ausdehnt, ist die gegenüberliegende Raumtiefe de Cafés klein. Und auf der gegenüberliegenden Seite des tiefer ins Gebäude gehenden Cafés erreicht die Buchhandlung nur eine geringe Raumtiefe. Zwischen Buchhandlung und Café-Restaurant befindet sich eine runde Verkaufstheke, „Cultura=Capitale“ steht in Leuchtschrift an der Wand, eine Kunstinstallation des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar. Die Aussenwände der runden Theke erinnern an die ähnliche Konstruktion der Hamburger Buchhandlung Cohen + Dobernigg, die aber grösser, gewagter, besser geraten ist als die Mailänder Verkaufstheke.
Die Tische des Cafés und die thematisch aufgebauten Bücherinseln sind nah beisammen. Zum Mittagessen finden sich Geschäftsleute ein, Männer in Anzug und Krawatte sowie modisch elegant gekleidete Geschäftsfrauen. Der langgestreckte Raum ist sehr hell, die Wände in Weiss, die Tische des Cafés in Schwarz, grosse Fenster auf der einen Seite zur Strasse hin, auf der anderen Seite zu einer breiten Flanierfläche vor einem Park. An warmen Tagen gewiss eine wunderbare Ruheinsel in der Wirtschaftsmetropole. Von beiden Seiten her sind Buchhandlung und Café betretbar. Ein Riemenboden in der Buchhandlung, der an Böden und Treppen in der Tate Modern erinnert. Die Basler Herzog & de Meuron waren auch hier die Architekten. Man mag es als angenehm empfinden, dass die Buchhändlerinnen hier einen nicht fragen, ob sie helfen können. Auf der anderen Seite wirkt die Atmosphäre im Buchladen unpersönlich. Und dennoch ist der Ort wunderbar.
Die Bücherregale in markant grossen Buchstaben angeschrieben. Einzelne Sachbereiche werden durch literarische Zitate verdeutlicht. Der Bücherbereich „Revolution“ durch den Satz „ Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeit, aber das hier ist eine Revolution“ vom Subcomandante Marcos, der politischen Kunstfigur aus Mexiko. Reich ist das Angebot an Kunstbüchern, an klassischer und zeitgenössischer Literatur sowie an Büchern zur Politik, Gesellschaft und Geschichte.
Begibt man sich mit dem Aufzug zum fünften Stockwerk hinauf, dann erlebt man die Besonderheit dieses Gebäudes. Unten die Buchhandlung, oben die Bibliothek. Der Innenraum im Dachgeschoss erinnert an eine Kirche. Oben im Haus ist es still, die Leser sind eindeutig an der Arbeit. Auf der einen Seite des länglichen Raums eine Bibliothekarin und ein Bibliothekar. Ihnen gegenüber ein wahrer Bücheralter, ein Bücherschrein, so hoch, dass sich die etwas weiter oben stehenden Bücher niemals runterholen liessen. So weit oben sind diese Bücher, dass man von unten her nicht einmal erkennen kann, um welche Titel es sich bei ihnen handelt. Eine Leiter ist keine zu sehen. Und das Balancieren hoch oben könnte gefährlich werden. Unten im Bücheraltar gut erreichbar die Storia d’Italia, daneben die achtzig Bänden des Dizionario Biografico degli Italiani. Etwas weiter oben und schon in unerreichbarer Höhe die blauen Bücherrücken der Marx-Engels Gesamtausgabe. Hier im Haus befindet sich in den Kellerräumlichkeiten das Feltrinelli Archiv. Der Gründer des Mailänder Feltrinelli-Verlags, Giangiacomo Feltrinelli, war einer der ungewöhnlichsten Figuren der italienischen Nachkriegszeit. Als Verleger, Politiker und Revolutionär wird er beschrieben, mit Che Guevara war er ebenso befreundet wie mit Rudi Dutschke und seine letzten Jahre verbrachte er im politischen Untergrund. Bis heute ist sein Tod bei einer Bombenexplosion 1972 ungeklärt. Die Fondazione Giangiacomo Feltrinelli kümmert sich seither mit sozialen und politischen Themensetzungen um das ideelle Erbe Feltrinellis.
Beim Verlassen der Buchhandlung sieht man mehrere Männer beim Beladen eines Lieferwagens, auf dem die Aufschrift steht „Lavori su fune“, Arbeiten am Tragseil. Es ist die Fensterputzcrew, die in Alpinistenmontur sich hat vom steilen Giebeldach aus von Stockwerk zu Stockwerk mit ihren Eimern und Putzwerkzeugen hinunterseilen lassen. 1224 Fenster zählt der langgestreckte Bau, 10 598 Quadratmeter Glas. Mailand ist für seinen Smog bekannt. So viel Glas gibt viel zu tun.
Fondazione Giangiacomo Feltrinelli
Viale Pasubio 5
20154 Milano
www.fondazionefeltrinelli.it
Gigantesco
Heinz Egger
Wer aus der Corso Como bei der Porta Garibaldi heraustritt und sich nach rechts wendet, entdeckt zwischen alten Fassaden, die den Viale Pasubio säumen, einen schräg gestellten Giebel. Der erste Eindruck ist der eines Kirchenschiffs: schlankes, hohes Gebäude mit einem sehr steilen Giebel. Alles heller Beton. Die Strukturen vervielfachen sich in der Ferne und lassen ein sehr langes Gebäude erahnen.
Viel Glas. 10 598 Quadratmeter. Typisch Herzog & de Meron, die das Gebäude gebaut haben. Die Fassaden der Häuser spiegeln sich darin und verdoppeln so die Grösse der Umgebung. Auf der Fassade prangt ein blaues Logo, gebildet aus den drei Anfangsbuchstaben der Fondazione Giangiacomo Feltrinelli, daneben der Name der Stiftung als weisser Schriftzug.
Das Haus ist das neue Zuhause der Stiftung. Giangiacomo Feltrinelli war ein politischer Mann. Er stand in seinen Ansichten ganz links aussen. Das hat ihm möglicherweise auch sein Leben gekostet. Es ist heute noch nicht klar, unter welchen Umständen er zu Tode kam. Er war ein Sammler: Die Fondazione verfügt mit rund 1,5 Millionen Archivblättern, 250 000 Bänden, 17 000 Zeitschriften und 14 000 politischen Plakaten heute in Europa über einen der reichsten Bestände zur Geschichte und Theorie der Politik und der Sozialbewegungen (zitiert nach NZZ Feuilleton, 23.12.2016) ((https://www.nzz.ch/feuilleton/fondazione-feltrinelli-in-mailand-eine-laizistische-kathedrale-ld.135865)). All das lagert nun in den Kellern des neuen Hauses und ist jedermann zugänglich. Die Kataloge sind online. Gelesen kann aber nur unter dem Dach des Hauses im eleganten Lesesaal. Keine Dokumente werden ausgeliehen. Auch das Dach ist aus Glas. Stoffbahnen schützen vor dem Sonnenlicht und geben eine wunderschöne Stimmung im hohen Raum. Im Hintergrund steht ein schwarzes Büchergestell, das die ganze Höhe des Raums ausfüllt. Die dreieckige Form erinnert an einen Altar. Alle Plätze an den Tischen mit den feinen schwarzen Lampen sind besetzt. Es ist still im Raum.
Wir lassen uns, um die Stimmung aufzunehmen, auf einem der Büchergestelle, die in Sitzhöhe den Aussenmauern entlang laufen, nieder. Nicht lange. Wir werden höflich darauf hingewiesen, dass diese Gestelle sich nicht zum Sitzen eignen.
Wir fahren mit dem Lift in den ersten Stock hinunter und steigen dann weiter auf der schwarzen Wendeltreppe mit den schönen Parketttritten hinab. Die Spirale gibt faszinierende Aus- und Durchblicke in die sie umgebenden Räume.
Im Parterre findet sich ein Restaurant mit Bar und eine Buchhandlung. LaFeltrinelli ist ein sehr bedeutender italienischer Verlag mit einer Kette von 115 Buchhandlungen in ganz Italien. Der Raum ist völlig offen, es gibt keine Grenze zwischen Restaurant und Büchern. Der Boden ist mit hellem Parkett belegt. Die Möbel sind alle schwarz, der Sichtbeton von feinster, heller Qualität. Feine Lampen hängen von der hohen Decke. Sie schimmern grau-silbern und geben ein helles Licht auf die Tische. Selbst die Angestellten sind grau-schwarz angezogen. Das ist ein ganz konsequent durchgezogenes Konzept. Es trägt allerdings nicht viel dazu bei, ein angenehmes Klima im riesigen Raum zu schaffen.
Die Besucherinnen und Besucher stöbern in den Büchern, nehmen eines an den Tisch und lesen, andere stehen nach dem Imbiss auf und durchstreifen noch die Auslage. Viele tragen Anzug, eine Gruppe mit Personalkärtchen um den Hals scheint zu einem Seminar zu gehören. Ein baumlanger junger Mann steht zwischen den Bücherinseln. Mit der einen Hand hält er ein Buch auf dem Rücken, in einem anderen liest er konzentriert, mit dem Daumen das Paperback-Buch offen haltend. Es ist sehr ruhig im Raum.
Die Buchhandlung hat ein grosses Angebot, nicht nur aus dem eigenen Verlag. Einer langen Wand entlang laufen die Gestelle mit dem Titel „Narrativa“. Die Autorinnen und Autoren sind alphabetisch eingeordnet. Wichtige Autoren tragen ein Schildchen auf dem Tablar. Alles ist in weissen Majuskeln geschrieben. Schön ist die Einteilung der Kinderbücher: „Nati per leggere“, geboren, um zu lesen – das ist schon fast ein Lebensmotto – „Piccoli“ und „Grandi Lettori“.
Im Gestell „Poesia, Teatro“ finde ich Klassiker. Da stehen beispielsweise Werke von Allighieri, Majakowski, Rilke, Aristophanes, Homer. Und ganz unten, 10 Zentimeter über dem Boden eine ganz kleine Sammlung von Audio-Büchern aus dem Verlag „emos:audiolibri“.
Natürlich nehmen auch die „Gialli“, die Krimis, breiten Raum ein. Da stehen in 15 dicken Bänden alle Kriminalgeschichten mit Inspektor Maigret. Camillieri ist sicher auch bei uns gut bekannt, andere wie Lucarelli, De Giovanni, Manzini oder Carrisi weniger. Aber auch hier brauchen Werke englischsprachiger Autorinnen und Autoren viel Raum ein. Genau wie bei den unter „Fantasy“ eingereihten Werken.
Ein breites Angebot an „Fumetti“ erwartet die an Grafic Novels Interessierten und auch da stehen Bände von italienischen Zeichnern: Comandini, Barone, Gipi oder Zerocalcare.
Wer Bücher auf Deutsch sucht wird enttäuscht. Aber in Englisch gibt es ein grosses Gestell voll. Da reiht sich bekannter Autor an bekannten Autor: Austen, Coetzee, Isherwood, McEwan, Rushdie, Roth, Woodhouse. Und ein Werk, das in unserer wieder mehr nationalistisch geprägten Zeit viel mehr Beachtung findet: George Orwell „1984“.
Historische Romane, Geschichte, Philosophie, Economie, Wissenschaft, Politik – es gibt kein Gebiet, das in der Buchhandlung nicht vorhanden wäre.
Im Bahnhof Mailand grüsst uns LaFeltrinelli nochmals. Es ist ein LaFeltrinelli Express, der auf vier Etagen Bücher und Musik anbietet.