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Demenz bedeutet für betroffene Menschen eine zunehmende Einschränkung in ihrer Wahrnehmung, deren Verarbeitung und in besonderem Masse auch ihrer sozialen Kommunikation. Was aber geschieht, wenn diese Personen an chronischen Schmerzen leiden? Wie empfinden sie diese? Wie äussern sich diese? Können Angehörige und Personen aus Medizin, Gerontologie und Pflege diese Schmerzsituationen entsprechend wahrnehmen, um empathisch zu reagieren?
Eine Herausforderung für Forschung und Praxis
Es gibt nur eine unzureichende Evidenz aus der Medizin, Pflegewissenschaft und Psychogerontologie, um der Thematik des chronischen Schmerzes bei Demenz gerecht zu werden. Das Fehlen von wissenschaftlichen Belegen aus klinischen Studien und von fundierten Expertenmeinungen führt zu Unsicherheiten im Umgang in der Schmerzbehandlung. Zu den Unsicherheiten zählen die Notwendigkeit einer individuellen Bewertung von chronischen Schmerzen und deren optimaler Behandlung. Schmerzen bei Demenz werden häufig übersehen oder unterschätzt.
Diagnose und Ursachen
Mit zunehmendem Lebensalter steigen das individuelle Krankheitsrisiko und auch das Risiko für das gleichzeitige Auftreten mehrerer chronischer Krankheiten, der sogenannten Multimorbidität. Laut ICD 10 (F45.41) werden chronische Schmerzen diagnostiziert, wenn diese seit sechs Monaten bestehen und in einer oder mehreren anatomischen Regionen ihren Ausgangspunkt in einem physiologischen Prozess oder einer körperlichen Störung haben. Psychischen Faktoren wird eine wichtige Rolle für den Schweregrad und der progredienten Entwicklung der Schmerzen beigemessen, jedoch nicht die ursächliche Rolle für deren Beginn (WHO, 2016). Die häufigsten Ursachen für chronische Schmerzen im höheren Alter sind: degenerative Veränderungen des Stütz- und Bewegungsapparates, Knochenbrüche, neuropathologische Schmerzen (Phantomschmerz, Polyneuropathie), maligne Tumore und Immobilität. Da chronische Schmerzen als bio-psycho-soziale Erkrankung anzusehen sind, sind Behandlungen, die sich nur den körperlichen Symptomen widmen, nicht ausreichend (Diemer & Burchert, 2002).
Problematik bei Schmerzdiagnostik und -behandlung
Die progrediente irreversible Entwicklung der kognitiven Funktionen bei Demenz erschweren die Schmerzdiagnostik, selbst bei Anwendung validierter Assessments. Unterschiedliche Effekte der Schmerzempfindung und -verarbeitung zeigen sich unterschiedlich bei Demenzerkrankungen. Bei Alzheimer-Demenz, Lewy-BodyDemenz und besonders bei frontotemporalen Demenzen ist eine Zunahme emotionalautonomer Reaktionen, wie Tachykardie, Schweissausbruch, Hypertonie, Angst und Unruhe, zu erwarten. Bei vaskulären Demenzen ist ein umgekehrtes Schmerzmuster mit Zunahme affektiver, also impulsartiger, Gefühlsreaktionen erkennbar (Jellinger, 2008).
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Demenz signifikant weniger Analgetika erhalten als Menschen, die keine kognitiven Einschränkungen aufweisen, bei gleicher Schmerzdiagnose. Schmerzen werden von Betroffenen mit oder ohne Demenz gleich empfunden, hingegen scheint die Schmerztoleranz bei der Schmerztherapie verschieden zu sein (Pickering et al., 2006; Lukas, 2018). Die Schmerzerkennung und das Schmerzassessment stellen in diesem Kontext eine enorme diagnostische Herausforderung dar. Die Skala zur Beurteilung des Schmerzes bei Demenz (BESD), eine deutsche Übersetzung der PAINAD-Scale mit den Beobachtungskategorien Atmung, negative Lautäußerungen, Gesichtsausdruck (Mimik), Körpersprache und Reaktion auf Tröstung, ermöglicht eine standardisierte Fremdeinschätzung (Basler et al., 2008).
Die Behandlung chronischer Schmerzen bei Demenz muss in der gerontologischen Pflege einen besonderen Stellenwert erhalten. Deshalb müssen erweiterte wissenschaftliche Forschungen initiiert werden, um ergänzende Erkenntnisse für die Schmerzerkennung, -bewertung und -behandlung zu gewinnen. Diese Erkenntnisse werden dann in die Praxis und in die berufliche Ausbildung implementiert, um das Verständnis von chronischen Schmerzen bei Demenz zu optimieren. Der Einbezug von Angehörigen und Bezugspersonen durch Information und Schulung muss beachtet werden. Hierdurch wird es möglich, jeden einzelnen Akteur zu sensibilisieren und insgesamt zu bewegen.
Abschliessend stellt sich die Frage, wie pflegenden Angehörigen diese Informationen und Schulungen zugänglich gemacht werden können. Eine reine Informationsweitergabe, gleich einem Ratgeber, wird den Anforderungen kaum gerecht werden können. In Kleingruppenschulungen könnten theoretische Grundlagen mit den von den Angehörigen eingebrachten speziellen Problemsituationen aus dem familiären Umfeld verbunden und aufgearbeitet werden, um so Partizipation zu gewährleisten.
Literatur
- Basler, H. et al., (2008). Beurteilung von Schmerz bei Demenz (BESD). Der Schmerz, 20, S. 519.
- Diemer, W. & Burchert, H. (2002). Chronische Schmerzen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert Koch-Institut, S. 5.
- Jellinger, K. (2008). Schmerz und Demenz. Neuropathologische Veränderungen im schmerzverarbeitenden System. focus neurogeriatrie, 2, S. 12.
- Lukas, A. (2018). Schmerz und Demenz – eine diagnostische Herausforderung. Schmerzmedizin, 2.
- Pickering, G. et al. (2006). Acute versus chronic pain treatment in Alzheimer’s disease. European Journal of Pain, 10, S. 379-384.
- WHO (2016). ICD-10-WHO Version 2016. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). [URL: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2016/, abgerufen am 24. Februar 2019]