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Nagib Machfus kann seines Nobelpreises nicht so ganz glücklich werden. Er ist beunruhigt. Seit der Ankündigung aus Stockholm im vergangenen Oktober und der Verleihung Anfang Dezember 1988 ist in Ägypten eine wahre Hetzkampagne gegen den Literaturlaureaten losgegangen. Aus einer ganz bestimmten Richtung. Bannerträger der oft infamen, nicht immer auf hohem intellektuellen Niveau vorgetragenen Invektiven sind Gruppen und Kreise, die sich den Kampf für den Islam aufs Panier geschrieben haben, die es nach ihrer eigenen Meinung mit dem Islam ganz besonders ernst meinen. Wobei gleich hinzugesetzt werden muss, dass andere Personen und Gruppen, denen der Islam ebenfalls ein echtes Anliegen ist, sich aus dieser Art Disput heraushalten, und solche, für die der Islam als religiöses Wertsystem keine oder keine wesentliche Rolle im Denken und in der Lebensgestaltung mehr spielt, sind nicht selten entsetzt über die Auseinandersetzung.
Nagib Machfus ist beunruhigt. Denn ein Autor wie Salman Rushdie wird von der britischen Regierung geschützt, wer aber sollte oder könnte Nagib Machfus schützen, der sich sein ganzes Leben lang in seinem Volk bewegt hat wie der Fisch im Wasser? Er hat Grund, beunruhigt zu sein. Wenn beispielweise der zweieinhalb Seiten lange Artikel, in dem die rhetorische Frage nach dem Unterschied zwischen dem ägyptischen Romancier und Salman Rushdie, dem Autor des berühmt-berüchtigten Romans Satanische Verse, gestellt wird, in die »falschen« Hände fällt oder unter die »falschen« Augen gerät, könnte der »falsche« Leser glauben, durch die Ermordung von Nagib Machfus ein gottwohlgefälliges Werk zu tun. Dieser Artikel beispielsweise erschien in der ersten Aprilnummer der Wochenzeitung Al-Nur (Das Licht), und sein Verfasser begründete darin des Langen und Breiten die islamische Forderung nach Todesstrafe für die vom Islam Abgefallenen; er begründet sodann, dass Nagib Machfus ein solcher ist. Zum Beleg wird sein berühmter, für manche berüchtigter Roman Die Kinder unseres Viertels herangezogen und eine Erklärung, die Nagib Machfus selbst dazu abgegeben habe.
In diesem Roman seien, so wird gesagt, vielerlei Behauptungen enthalten, die nicht dem Inhalt der Prophetenviten, also der historischen Überlieferung, entsprächen; außerdem sei das Werk, da darin nicht der Islam oder doch wenigstens die Religionen im Allgemeinen obsiegen, infam und gotteslästerlich, kurz, das Produkt eines Ungläubigen, der also, da er als Muslim aufgewachsen sei, als Abtrünniger betrachtet werden müsse. Übrigens habe er, so ist auch hin und wieder zu lesen, den Nobelpreis, diesen Literaturpreis des Westens, eben deshalb erhalten, weil er in diesem Werk den Islam verunglimpft habe.
Der Roman Die Kinder unseres Viertels also wird als unislamisches Literaturwerk gebrandmarkt. Was dagegen islamische Literatur sei, das wird dem Leser in einem anderen Artikel derselben Zeitung erklärt, der die Argumentation einiger auf dem Buchmarkt erhältlichen Abhandlungen zum selben Thema zusammenfasst. Autor dieses Artikel ist Anwar al-Dschundi, ein schon jahrelang gegen vielerlei westliche Einflüsse wetternder und Rückbesinnung auf die islamische Tradition fordernder Muslimbruder. Die Art, wie diese Rückbesinnung auf die islamische Tradition, auch die Suche nach arabischer Identität, in formaler und thematischer Hinsicht, übrigens seit Jahren bei zahlreichen ägyptischen Literaten stattfindet, entspricht durchaus nicht seinen Vorstellungen. Diese Vorstellungen al-Dschundis, in die literarische Tat umgesetzt, würden wohl eine Mischung aus religiösem Traktat und Marlitt- oder »Lore«-Groschenroman ergeben, was für Anwar al-Dschundi aber eine positive Darstellung von Wirklichkeit (!) wäre. Ein interessanter Zirkelschluss, zumal angesichts der zahlreichen problematischen Aspekte der tagtäglichen Lebenswirklichkeit in Ägypten.
Echte islamische Literatur, so fasst Anwar al-Dschundi seine Vorstellungen zusammen, geht von der Darstellung des Faktischen aus und endet gut. Symbole, Mythen und dergleichen verschleierten diese nur, seien also unislamisch. Auch ein Koranzitat als Beweis findet sich.
Anders klingt das in Kreisen, die der Azhar-Universität näherstehen als dem Freelance-Fundamentalismus. Der Herr im Vorzimmer des Oberhauptes (Scheich) der Azhar gab immerhin die Möglichkeit fiktiver Literatur zu, wollte aber eine scharfe Grenze zur Historiografie ziehen. Sobald Namen, Personen, Ereignisse aus der historischen Wirklichkeit genannt würden, müsse ihre Darstellung völlig der historischen Wahrheit entsprechen, deren Feststellung ihm überhaupt kein Problem zu sein schien. Jede Abweichung von dieser Faktendarstellung – auch im Bereich der Literatur – sei Geschichtsfälschung, und wer dergleichen unternehme, müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, vom rechten Wege abgekommen zu sein. Die Vorstellung vom ständig sich entwickelnden Geschichtsverständnis, an dessen Gestaltung Literatur doch beteiligt sei, war ihm ein Greuel.
Um einiges gelöster gab sich hier Scheich Abdelmoneim al-Nimr, vor Jahren einmal interimistisch Oberhaupt der Azhar und heute in unzähligen Gremien über islamisches Recht tätig. Für ihn bezeichne »islamische Literatur« lediglich solche Literaturwerke, in denen keine Verunglimpfung von Dingen unternommen werde, die dem islamischen Kulturkreis als heilig, als unantastbar gelten. Diese Literaturvorstellung korrespondiert auch mit Scheich al-Nimrs Konzept von einem islamischen Staat. Dabei handle es sich um einen Staat, in dem einige Dinge als unantastbare Prinzipien anerkannt seien, das private und öffentliche Leben jedoch, innerhalb eines weitgesteckten Rahmens, der freien Gestaltung überlassen sei.
Für den Dekan der Theologischen Fakultät an der Azhar schließlich, Professor Machmud Saksuk, kann »islamische Literatur« durchaus mit Weltliteratur identisch sein, die sich ernsthaft mit religiösen, theologischen oder weltanschaulichen Fragen auseinandersetze. Übrigens habe Nagib Machfus bei einem jüngst abgehaltenen Symposium zum Problem seines Romans Die Kinder unseres Viertels ausdrücklich verneint, dass es sich dabei um einen Angriff auf den Islam handle. Wenn sein Werk missverstanden werde, so bedaure er das, könne sich jedoch nicht dafür verantwortlich fühlen. Gegen fiktive, mit Symbolen und Allegorien arbeitende Literatur, so versicherte der Dekan der Azhar-Theologen, sei islamischerseits überhaupt nichts einzuwenden, und in einem allfälligen islamischen Staat werde selbstverständlich Meinungsfreiheit herrschen. Ein solcher Staat werde ja nicht von Theologen geführt werden, sondern von Politikern, die den religiösen und den moralischen Prinzipien des Islams verpflichtet seien.
Die Kritik am Iran Khomeinis wird in vielen Äußerungen sehr deutlich, wenn auch meist nur implizit. Die Verurteilung Salman Rushdies wird als völlig absurd und grundsätzlich mit islamischem Vorgehen unvereinbar bezeichnet. Man vernimmt auch gleichzeitig die Frage, warum denn im Westen immer der Islam über einen Leisten geschlagen werde und warum offenbar dauernd nur das gehört und gesehen werde, was ins noch immer herrschende europäische Feindbild vom Islam passe.
Hartmut Fähndrich: Die Beunruhigung des Nobelpreisträgers. Erstmals erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 28. April 1989.