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Wer der Meinung ist, in der C&W-Music spielt sich alles in den gleichen Bahnen ab, der kennt unter Umständen Waylon Jennings nicht.
Zusammen mit Leuten wie Willie Nelson, seiner Ehefrau Jessi Colter, Lee Clayton und Tompall Glaser bildete er die sogenannten Outlaws, einer Gruppe C&W-Musiker, die sich strikt gegen die stockkonservative Musikszene des Country-Mekkas Nashville widersetzten und ihren eigenen musikalischen Weg gingen. So bauten diese Musiker Elemente der Rockmusik in die traditionellste aller amerikanischen Musiken ein und lösten damit bei den Puristen dieser Musik einen Sturm der Empörung aus (Eine ähnliche Welle der Empörung, in weitaus größeren Dimensionen, lösten Mitte der 60er Jahre Bob Dylan und The Byrds aus, als sie begannen, in ihre stark Folkmusik beeinflußte Musik elektrische Gitarren einzusetzen). Was viele ignorante Puristen des C&W dabei übersahen war die Tatsache, daß die Countrymusic neben dem Blues ein Hauptbestandteil des frühen RockNRoll war. Viele Größen des RockNRoll wie z.B. Billy Haley oder Jerry Lee Lewis hatten einen solchen musikalischen Hintergrund und als ihre große Zeit vorbei war, spielten sie wieder verstärkt C&W. So haben z.B. Jerry Lee Lewis und Rick Nelson in den späten 60er- und in den 70er Jahren eine Reihe vorzüglicher Platten in dieser Richtung eingespielt.
Waylon wurde am 15.06.1937 in dem kleinen texanischen Kaff Littlefield geboren. Seine ersten musikalischen Erfahrungen sammelte er als 12jähriger als Discjockey einer kleinen Rundfunkstation. Einige Jahre später zog er ins benachbarte Lubbock. Dort lernte er Buddy Holly kennen, mit dem er sich anfreundete. 1958 engagierte Buddy Holly seinen Freund Waylon Jenning als Bassist für seine Band The Crickets. Den tragischen Flugzeugabsturz am 03.02.1959 überlebte Waylon, weil er seinen Platz in der Maschine J.P. Big Bopper Robertson überließ und statt dessen mit Bandbus fuhr (die Legende besagt, Big Bopper und Waylon hätten um den letzten freien Platz im Flugzeug geknobelt und Waylon hätte dabei den Kürzeren gezogen). Ab den 60er Jahren konnte sich Waylon als Solist einen Namen machen und dürfte auch reichlich Hits in den amerikanischen C&W-Charts gelandet haben. In den offiziellen amerikanischen Verkaufscharts tauchte er 1974 erstmals mit Im A Ramblin Man auf einem unteren Rang auf und außerhalb der USA blieb er beim großen Publikum nahezu unbeachtet. Dabei hat er vorzügliche Musik gemacht, die weltweit mehr Beachtung verdient gehabt hätte. So z.B. mit seinem 77er Album Ol Waylon, wo er sich nicht scheut, auch mal einen Abstecher in poppige Gefilde zu machen. Bis auf Belle Of The Ball spielen Waylon und seine Band ausschließlich Fremdkompositionen, die allerdings wie eine perfekte Einheit klingen. Der Opener Luckenbach, Texas (Back To The Basics Of Love) (ein von Chips Moman, dem Produzenten von Ol Waylon, extra auf Waylon zugeschnittenes Stück), ist eine herrlich angeschnulzte C&W-Ballade, in dem Willie Nelson mitsingt. Als Single war das Stück Mitte 1977 ein respektabler Hit in den US-Popcharts, neben Good Hearted Woman aus dem Jahre 1976 sein größter Singlehit in den 70er Jahren. Eine ebenfalls sehr schöne Ballade ist If You See Me Getting Smiler von Jimmy Webb mit sehr schönen und harmonischen Gitarren- und Pianoeinlagen. Mit Stücken von Jimmy Webb kann man in der Regel nie was falsch machen, aber man kann sie wie in diesem Fall veredeln. Lucille ist Waylons Version von Kenny Rogers 77er Superhit. Zwar ist seine Version nicht besser als die von Kenny, klingt aber wesentlich purer. Sehr schön ist Waylons Gitarrenspiel. Wie er und seine Band Neil Diamonds Sweet Caroline eine ordentliche Portion C&W verpaßt haben, ist mehr als hörenswert. Mit seiner markanten Stimme setzt hier einmal mehr Akzente. Ich glaube, Neil Diamond wird an dieser Version bestimmt seine Freude gehabt haben. Ebenfalls richtig gut ist I Think Im Gonna Kill Myself, eine Nummer von Buddy Knox. Das auch Waylon ein exzellenter Songschreiber ist, zeigt Belle Of The Ball, eine wirklich sehr schöne Ballade. Das Waylon auch sehr temperamentvoll sein kann, beweist er in seinem Medley Of Elvis Hits, bestehend aus Thats All Right und My Baby Left Me). Diese beiden für das C&W-Genre eher untypischen Nummern zeigen, wie nahe sich doch klassischer Blues und C&W doch sind (Nicht umsonst wurde C&W einst als der Blues der einfachen weißen Mannes genannt). Till I Gain Control Again ist eine herrlich angeschnulzte Ballade aus der Feder von Chips Moman und Rusty Young. Brand New Goodbye Song ist ein im klassischen C&W-Stil gehaltenes Lied. Satin Sheets dürfte den meisten in der Version der Bellamy Brothers bekannt sein, als Nachfolger ihre Nummer 1 Hits Let Your Love Flow 1976 weltweit erfolgreich (u.a. Nummer 12 in Deutschland). Waylon Version (mit seiner Ehefrau Jessi Colter als Backgroundsängerin) klingt wesentlich ursprünglicher als die der Bellamy Brothers und ist um mindestens eine Klasse besser. This Is Getting Funny (But There Aint Nobody Laughing) ist ein recht temperamentvolles Stück, den ich mir gut als echten Stimmungsmacher in kleinen amerikanischen Provinzkneipen vorstellen kann , in der live Countrymusic gespielt wird.
Wer Vorbehalte gegen C&W-Music hat, der sich sollte unbedingt einmal Ol Waylon anhören. Alle 11 Stücke sind exzellent gespielt und erhalten durch Waylons schon erwähnte sehr markante Stimme einen unverwechselbaren Charakter. Auch wer mit C&W im allgemeinen nicht so viel anfangen kann, wird sich mit diesem vorzüglichen Longplayer bestens unterhalten. Wem diese LP gefällt, der will anschließend mehr vom guten Waylon.