Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03279.jsonl.gz/2514

Soziale Nachhaltigkeit
Originalversion in französischer Sprache
Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung stützt sich auf die drei Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Die ersten Ideen zur nachhaltigen Entwicklung entstanden während des rasanten Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit, als Fachleute zunehmend Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen des Wachstums auf Umwelt und Gesellschaft anmeldeten. Die Weltbank entwickelte diesen Gedanken weiter, indem sie den Begriff des Kapitalstocks im Sinne einer raumzeitlich definierten Menge von Ressourcen einführte, deren Bestand und Erneuerung für eine nachhaltige Entwicklung unerlässlich ist. Der Kapitalstock gliedert sich in vier Bereiche (Natur-, Human-, Sozial- und erwirtschaftetes Kapital) mit unterschiedlichen Ressourcen. Das Humankapital ist das Potenzial einer Person, das eigene Wohlbefinden zu fördern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich in die Wirtschaft einzugliedern. Zum Humankapital zählen auch die Gesundheit, die Motivation, die sozialen Fähigkeiten, das Know-how und das Wissen der Person. Das Sozialkapital besteht aus den sozialen Kontakten, menschlichen Beziehungen, Verbindungen und Netzwerken, die Individuen oder Gruppen miteinander verbinden, sowie aus den Institutionen im Sinne von Normen, Werten und Regelwerken.
Diverse Autoren weisen auf die ungleiche Gewichtung der drei Dimensionen und der vier Kapitalien hin, Erklärung dafür, dass das Konzept der sozialen Nachhaltigkeit einen prekären Status aufweist. Oft wird der zentrale Einfluss, den der kulturelle Kontext und die sozialen Beziehungen auf sozioökologische Systeme ausüben, nur unzureichend berücksichtigt. Diese einseitige Betrachtungsweise rührt davon her, dass die Sozialwissenschaften die Debatte über die nachhaltige Entwicklung lange Zeit ignoriert haben. Im Gegensatz dazu bezogen die Umweltwissenschaften das Konzept der ökologischen Stadtentwicklung bereits seit den ersten Klimakonferenzen mit ein. Fachleute im Umweltbereich arbeiten zudem regelmässig mit konkreten, messbaren Kategorien, während im Zentrum der Sozialwissenschaften die Interpretation von Verhaltensnormen, kulturellen Symbolen und Beziehungsmustern steht, welche schwieriger zu quantifizieren sind. Die Sozialwissenschaften griffen das Thema der nachhaltigen Entwicklung Mitte der 1990er Jahre auf, konzentrierten sich dabei aber auf allgemeine Ziele der öffentlichen Gesundheit, der sozialen Stabilität sowie der Funktionsweise und Entwicklung der Gesellschaft. Dieses Ungleichgewicht spiegelt sich beispielsweise in den nationalen und internationalen Bauzertifizierungssystemen wider, deren ökologische und wirtschaftliche Kriterien sehr ausgereift und leicht messbar sind. Bei den sozialen Kriterien herrschen hingegen nach wie vor sehr uneinheitliche und schlecht verankerte Indikatoren vor: soziale Durchmischung von Quartieren, städtische Programmplanung, Design für alle und Barrierefreiheit, Mobilität, Qualität von Prozessen und Projekten. Fest verankert in den meisten Prozessen ist einzig der Einbezug der Bewohnerschaft.
Der Bundesrat hat in den letzten Jahrzehnten eine Nachhaltigkeitsstrategie und das Indikatorensystem «Monitoring der nachhaltigen Entwicklung» (MONET) festgelegt. Darin ist unter dem Teilziel «sozialer Zusammenhalt» eine breite Palette von sozialen Indikatoren aufgeführt. Die sektorielle Politik hat aber unterschiedlich reagiert, und die soziale Dimension wurde operativ erheblich weniger häufig umgesetzt als die Dimensionen Umwelt und Wirtschaft. Aus diesem Grund hat das Bundesamt für Raumentwicklung 2011 verschiedene Initiativen lanciert und setzte insbesondere eine Arbeitsgruppe zur Vertiefung der sozialen Aspekte der nachhaltigen Entwicklung ein. Sieben Ressourcen und vierzehn Komponenten wurden definiert und Indikatoren zur Evaluation der Umsetzung politischer Massnahmen festgelegt. Dem Beispiel anderer europäischer Länder folgend, hat auch die Schweiz damit begonnen, die Regulierungsinstrumente schrittweise an die gesellschaftliche Entwicklung anzupassen. Die «Stadtprojekte» und «Modellprojekte», die von mehreren Bundesämtern finanziert wurden, veranschaulichen diese Entwicklung, indem sie Initiativen unterstützen, die die soziale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt ihres Zwecks stellen. Im Zentrum stehen dabei oft Abläufe, insbesondere zur Projektgouvernanz, die es ermöglicht, sowohl die faire Nutzung der Ressourcen zu steuern als auch die verschiedenen Stellen, die die politischen Massnahmen umsetzen, zu koordinieren. Das in jüngster Zeit stark gestiegene Interesse an Wohnbaugenossenschaften und der Beizug von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern in der Stadtplanung liefern weitere Anzeichen, in welche Richtung sich die Praxis in der Schweiz entwickelt.
Die Indikatoren der sozialen Nachhaltigkeit werden jedoch bei operativen Massnahmen in raumplanerischen Projekten noch immer eher selten eingesetzt. Nachhaltige Entwicklungsmodelle können z. B. den Filtermechanismen des Immobilienmarktes, welche tendenziell die Schwächsten ausschliessen, nicht wirksam Gegensteuer geben. Es gelingt ihnen auch kaum, die Mängel des Funktionalismus zu überwinden, der – insbesondere durch Standardisierung – dazu neigt, Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen zugunsten einer Homogenisierung guter Verhaltensweisen auszublenden. Um die soziale Nachhaltigkeit ernsthaft anzupacken, insbesondere im Bereich der Wohnungspolitik, wäre es somit wichtig, das von den städtischen Eliten vertretene Modell des «Ökoquartiers» zu hinterfragen. Sind diese Quartiere wirklich für jedermann «bewohnbar»? Umfassen sie tatsächlich eine Vielfalt von Lebensstilen? Fördern sie das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Werten und wirtschaftlichen Möglichkeiten? Ermöglichen sie die Integration von Familien, Senioren oder Jugendlichen gemäss den demografischen Plänen der Gemeinde? Die Individualisierung und die sozialen Disparitäten in der Gesellschaft führen zu unterschiedlichen Bedürfnissen je nach Art des angezielten Publikums, genauso wie die geografische, räumliche Vielfalt eine je nach Standort unterschiedliche Stadt- und Sozialplanung im weitesten Sinne erfordert. Nachhaltige und soziale Raumplanung bedeutet, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Haushalte zu antizipieren und die Gestaltung von Sozialpolitiken sowie von Wohnungen und Quartieren entsprechend anzupassen. Die angebotenen Wohnungstypen, das Mietniveau, die Art und die Nutzung öffentlicher Räume, die zur Verfügung stehenden sozialen Dienstleistungen bestimmen, in welchem Grad Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Einkommen, familiären Situationen und Lebensstilen in ein Quartier eingeschlossen oder davon ausgeschlossen werden. Dies sind die Herausforderungen der sozialen Nachhaltigkeit im 21. Jh., welche die Akteure der Entwicklung dazu einlädt, Massnahmen vorzuschlagen, die die Vielfalt der sozialen Bedürfnisse und Nutzungen, die Planung von geeigneten Wohnungen für alle ins Zentrum stellen und eine Projektgouvernanz, welche die Umsetzung einer proaktiven, differenzierten und kontextbezogenen Sozialpolitik ermöglicht.
LiteraturhinweiseBundesrat (2016). Strategie Nachhaltige Entwicklung 2016–2019. Bern: Bundesamt für Raumentwicklung.
Drilling, M. & Weiss, S. (2012). La durabilité sociale dans le développement urbain. Territoire et Environnement, 3, 1–23.
Lobsiger-Kägi, E., Renner, E., Kunz, M., Fricker, J. & Suter, C. (2014). Soziale Aspekte der nachhaltigen Entwicklung: Grundlagen für die Nachhaltigkeitsbeurteilung von Projekten. Bern: Bundesamt für Raumentwicklung.