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«Jetzt sind wir die Herrscher»: so lautete der Refrain, den ich hörte, als ich kurz nach dem G-20-Gipfel und letzten Monat wieder in China war. Es war das nicht zur Schau getragene, aber unmissverständliche Selbstvertrauen chinesischer Ökonomen, das mir klarmachte: in den Beziehungen zwischen China und dem Westen hat sich etwas verändert.
Einer von ihnen, Cheng Siwei, erzählte mir während eines Dinners von Chinas Plan, die führende Rolle in grüner Energietechnologie zu übernehmen. Zwischen Schlücken von Reiswein skizzierte Xia Bin, ein Berater der Chinesischen Volksbank, die Notwendigkeit eines umfassenden Privatisierungsprogrammes, «inklusive Volkskongresshalle» – eines der symbolträchtigsten Bauwerke in Peking. Und in fehlerlosem Englisch offenbarte mir David Li, Professor der Tsinghua-Universität, wie unzufrieden er mit der Qualität chinesischer Universitätsabgänger sei, die einen Doktortitel trügen.
Man könnte sich keine klügeren Leute vorstellen, um heute die beiden interessantesten Fragen der Wirtschaftsgeschichte zu diskutieren: Wie kam es dazu, dass der Westen fünf Jahrhunderte nach dem Bau der Verbotenen Stadt nicht nur China, sondern die ganze Welt dominierte? Und: Neigt sich diese Zeit westlicher Dominanz dem Ende zu?
Die sechs «Killer-Apps» des Westens
In einer brillanten, noch nicht auf Englisch übersetzten Publikation erschüttern David Li und sein Mitautor Guan Hanhui die gängige Auffassung, dass sich China bis 1800 ökonomisch Kopf an Kopf mit dem Westen befand. Wie sie zeigen, stagnierte das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Ming-Ära (1402–1626) und war deutlich tiefer als jenes des vorindustriellen Grossbritanniens. China hatte damals noch immer eine überwiegend bäuerlich dominierte Wirtschaft mit einer tiefen Produktivität der Agrarwirtschaft, die 90 Prozent des BIP ausmachte. Im späten Ming-China gab es keine Kapitalakkumulation – eher das Gegenteil davon. Was Kenneth Pomeranz, Professor für Geschichte an der University of California, Irvine, als «grosse Divergenz» zwischen Ost und West bezeichnete, begann also viel früher als lange gedacht.
In den darauffolgenden Jahrhunderten hielt die Stagnation an, und im 19. und 20. Jahrhundert sackte China sogar ab. Derweil preschte die englischsprachige Welt vor, dicht gefolgt von Nordwesteuropa. Im Jahr 1820 war das Pro-Kopf-BIP der USA doppelt so hoch wie das Chinas; 1870 war es fünfmal höher; 1913 betrug das Verhältnis beinahe zehn zu eins.
Trotz der schmerzhaften Unterbrechung durch die Grosse Depression widerfuhr den USA nichts ähnlich Verheerendes wie die elenden Torturen Chinas Mitte des 20. Jahrhunderts: Revolution, Bürgerkrieg, japanische Invasion, mehr Revolution, eine durch Menschen verursachte Hungersnot und nochmals mehr («kulturelle») Revolu-tion. Im Jahr 1968 war der durchschnittliche Amerikaner – kaufkraftbereinigt – 33mal reicher als der durchschnittliche Chinese.
Das war das ultimative globale Ungleichgewicht – das Resultat mehrerer Jahrhunderte von ökonomischer und politischer Divergenz. Wie kam es dazu? Und: ist es nun vorbei?
Nach drei Jahren Forschung kam ich zum Schluss, dass der Westen sechs «Killer-Apps» entwickelt hat, die dem «Rest» der Welt fehlten:
– Wettbewerb: Europa war politisch fragmentiert; in jeder Monarchie oder Republik gab es eine Vielzahl von Gebietskörperschaften, die in gegenseitigem Wettbewerb standen.
– die wissenschaftliche Revolution: alle gros-sen Durchbrüche des 17. Jahrhunderts in Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie und Biologie erfolgten in Westeuropa.
– der Rechtsstaat und parlamentarische Regierungssysteme: dieses optimale System sozialer und politischer Ordnung entstand in der englischsprachigen Welt auf der Basis von Eigentumsrechten und der Vertretung der Eigentümer in gewählten Legislativen.
– moderne Medizin: beinahe alle grossen Fortschritte im Gesundheitswesen des 19. und 20. Jahrhunderts,…