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Luisa ist Single und lebt allein, ihre Eltern sind vor zwei Jahren ins Ausland ausgewandert. Zu ihrem älteren Bruder, der ebenfalls in der Schweiz geblieben ist, hat sie seither keinen Kontakt mehr. Ihre Liebesbeziehungen sind wechselhaft und von kurzer Dauer. Oft lässt sie sich nur darauf ein, um nicht alleine zu sein. Auch Gewalt hat sie schon erfahren. Als Luisa nach eigentlich schönen, gemeinsamen Ferien ihren Freund verlassen wollte, weil ihre Gefühle plötzlich nicht mehr stimmten, ist er ausgerastet und hat sie geschlagen.
Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung schwanken zwischen Extremen – viele verletzen sich selbst. So auch Luisa. Sie fügt sich an ihren Armen Schnittverletzungen zu. Manchmal befindet sie sich in einem derart hoch angespannten Zustand, dass sie sich selber nicht mehr spürt. Mit der Selbstverletzung kann sie sich wieder in die Realität zurückholen. «So wird der Spannungsabbau spürbar und ich merke, dass ich noch lebe», sagt sie. Sie verletzte sich ab ihrem Schulbesuch in der 2. Oberstufe wöchentlich, manchmal sogar täglich, dann wieder monatelang nicht. Immer hing es von ihrem Umfeld ab, wie es ihr gerade ging.
Luisas Probleme fingen schon früh an. Nach dem Besuch der Einführungsklasse kam sie in die Regelschule und war dort älter als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Das sehr frühe Einsetzen ihrer Pubertät machte sie bald zur Aussenseiterin. Als «Brillenschlange» und «Pickelgesicht» abgestempelt, fühlte sich Luisa geplagt und gemobbt. Auch ein Schulwechsel nützte nichts – nach nur vier Monaten war sie auch in der neuen Schule wieder ungewollte Einzelgängerin. So zog sie sich immer mehr zurück, nahm am Unterricht höchstens noch passiv teil und wurde zur schlechten Schülerin. Erst der Wechsel in ein Schulinternat, das sich auf Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten spezialisiert hatte, brachte Entlastung. Luisas Noten verbesserten sich innert kürzester Zeit um zwei ganze Zähler. Was blieb, waren starke Stimmungsschwankungen und Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren. Seit ihrem 13. Lebensjahr war Luisa deshalb in ambulanter psychiatrischer Behandlung. Als sie volljährig wurde, konnte sie sich aber nicht aufraffen, die Therapie fortzusetzen.
Nach der obligatorischen Schulzeit begann Luisa eine Lehre als Schreinerin, die sie wegen Rückenproblemen und anderen Schmerzen, die ohne somatischen Befund blieben, wieder abbrechen musste. Ihr Traum war es ohnehin, Lastwagen-Chauffeurin zu werden. Der Weg zur Lehre führte sie zunächst zu einem Praktikum in einem LKW-Betrieb. Richtig aufgelebt sei sie dort, erzählt sie, so, dass sie ihren geplanten Aufenthalt in Littenheid wieder absagte. Sie dachte, es hätte ihr nur eine Aufgabe gefehlt, die sie ausfüllt. Obwohl sie vom Chef viel Lob erhielt, hatte sie Angst, zu wenig gut zu sein. Sie fühlte sich so gestresst, bis sie schliesslich nach vier Praktikumswochen einen Zusammenbruch erlitt.
Mit Alkohol hatte sie nie ein Problem, aber Drogen konsumierte sie regelmässig und häufig. Amphetamine, weil diese viel Energie geben und glücklich machen, Kokain, um wieder runterzukommen und Cannabis, damit sie schlafen konnte.
Schliesslich führte sie der Weg nun doch in die Klinik nach Littenheid, die ihr längst von einem Freund empfohlen worden war. Auf der Psychotherapiestation, die sich auf junge Erwachsene spezialisiert hat, nimmt Luisa am Therapieprogramm mit dem zertifizierten Behandlungsschwerpunkt der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) der Borderlinestörung teil. Dort lernt sie aktive Strategien zur Veränderung, den Umgang mit Gefühlen, Selbstverantwortung wahrzunehmen und andere Fähigkeiten, die für ein geregeltes Leben erforderlich sind.
«Heute geht es mir besser, ich fühle mich betreut und auf gutem Weg. Ich kann mich besser öffnen und über meine Gefühle sprechen. Meine Peers zeigten mir, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin. Ich bin zuversichtlich, ein einigermassen normales Leben führen zu können, auch wenn mich meine Krankheit wohl immer begleiten wird. Dank den erlernten Skills weiss ich, was ich machen kann, um eine hohe Anspannung zu lösen, bevor sie so unerträglich wird, dass ich mich selber verletzen muss.»
Seit Luisa in Littenheid ist, hat sie fast keine Rückfälle mehr, weder bei den Selbstverletzungen noch bei den Drogen. Sie überlegt sich, zu ihren Eltern in den Süden auszuwandern. Dort scheint fast jeden Tag die Sonne.