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Seit Monaten schwelt nun schon, was in der welschen Presse nur noch als «Affaire Bilan» bezeichnet wird. Begonnen hatte sie letztes Jahr, als zwei Redaktoren der Zeitung demissionierten. Sie begründeten ihren Rücktritt mit Gewissensgründen; sie könnten den Kurs ihres neuen Chefs Jeannet nicht akzeptieren. Sie warfen ihm vor, aus dem Wirtschaftsmagazin, das unter dem (unlängst verstorbenen) Jeannet-Vorgänger Max Mabillard einen recht unabhängigen Kurs steuerte, ein willfähriges Wirtschaftsblatt machen zu wollen.
Die Vorwürfe wurden von Jeannet vehement bestritten, von der Westschweizer Sektion des Schweizer Journalistenverbands indessen aufgegriffen. Das Syndicat lémanique des journalistes nahm den Vorfall zum Anlass, von der Gruppe Edipresse, der Bilan gehört, schleunigst die Einführung eines Redaktionsstatuts zu verlangen.
Der Verband und die Journalisten brachten den Fall schliesslich vor den Schweizer Presserat, der ihn sehr ernst nahm. Denn er bildet ein Schulbeispiel, an dem sich die Pflichten und Rechte der Journalisten konkretisieren lassen, weshalb ihm mehr als nur regionales Interesse zukommt.
Das Geschenk an den Herrn Chefredaktor war überrissen
Der Vizepräsident des Presserats, Daniel Cornu, früherer Chefredaktor der Tribune de Genève und heute Leiter des Westschweizer Journalisten-Ausbildungszentrums in Lausanne, stellte die detaillierten und nuancierten Schlussfolgerungen des Standesgerichts den Medien vor. Die zweite Kammer des Presserats kam zum Schluss, dass Jeannet in zwei Fällen klar gefehlt hatte.
Zuerst einmal dadurch, dass er sich von Ethnofever-Guru Michel Jordi eine teure Uhr zum Fabrikpreis «schenken» liess. Ein solches Geschenk, so befanden die Presseräte, übersteige das übliche Mass an Zuwendung und sei geeignet, die journalistische Unabhängigkeit des Chefredaktors und seiner Redaktion einzuschränken.
Jeannet wurde noch in einem anderen Punkt schuldig gesprochen. Im Jahresbericht 1999 der Firma Kudelski liess er sich auf einer ganzen Seite als Teilnehmer des Davoser Weltwirtschaftsforums ablichten, an dem Kudelski für die Eingangssicherung verantwortlich ist. Jeannet argumentierte damit, diese PR-Aktion diene der Lancierung des neuen Bilan. Der Presserat kam indessen zum Schluss, Jeannet habe gegen die Regel verstossen, wonach sich Journalisten nicht für einzelne Firmen einspannen lassen dürften.
Unerwähnter Inserateboykott
gegen Bilanz
Noch in einem anderen Punkt gab es Schelte. Der Presserat monierte nämlich, dass ein Inserateboykott der Rentenanstalt gegen die Bilanz von der Schwesterzeitung Bilan nicht publik gemacht wurde. Ein Bilanz-Artikel, der den Zorn der Rentenanstalter bewirkt hatte, sei von Bilan nicht veröffentlicht worden, und zwar ohne Begründung. Das sei nicht korrekt. Inserateboykotte müssten im Interesse der Leser publik gemacht werden.
In anderen Punkten dagegen wurde Jeannet frei gesprochen. Beispielsweise hatten sich die Kläger über eine Kiste Champagner aufgehalten, die der PR-Mann einer Genfer Bank und Freund Jeannets auf die Redaktion schickte – besagter Banker betreut inzwischen in Bilan eine Chronik. Für den Presserat liess sich der Vorwurf der Beziehungskiste und der Klüngelwirtschaft nicht erhärten. Jeannet wurde auch vorgeworfen, Artikel seiner Mitarbeiter ohne nachzufragen abzuändern – für den Presserat hat aber ein Chefredaktor das Recht dazu.
Der Presserat besitzt nur eine moralische Autorität
Mit diesem Urteil hat der Presserat ein salomonisches Urteil gefällt. Beide Seiten konnten sich denn auch stante pede als befriedigt erklären. Jeannet sieht im Entscheid eine Anerkennung seiner journalistischen Unabhängigkeit, während der Journalistenverband froh ist, dass der Presserat immerhin die gelbe Karte gezückt hat.
Direkte Folgen hat der Entscheid keine: Der Presserat besitzt «nur» eine moralische Autorität. Immerhin trägt der Presserat mit diesem Entscheid dazu bei, den Journalisten die Wichtigkeit einer gewissen Distanz zur Wirtschaft in Erinnerung zu rufen. Cornu weist aber darauf hin, dass man Jeannet nicht zum Sündenbock machen und jetzt in die Wüste schicken dürfe: Viele Journalisten akzeptierten, ohne mit der Wimper zu zucken, beispielsweise Rabatte auf Flugtickets. Jeder Journalist muss sich also fragen, wie ers mit der eigenen Unabhängigkeit hält…
Korrigendum
In der Werbewoche Nr. 8/01 ist uns bei der Bebilderung des Artikels «Die SP geht links.ch» ein Fehler unterlaufen. Wir zeigten das Zürcher Wochenblatt P.S., bezeichneten es in der Bildlegende als «SP-Blatt» und mutmassten, dass es dem neuen SPS-Monatsblatt links.ch werde weichen müssen.
Das war nicht richtig. Gemäss Thierry Frochaux, Verlagsleiter beim P.S. Verlag GmbH, ist P.S. weder ein Organ der Stadtzürcher SP noch der Kantonalpartei und stehe zu diesen in keinem finanziellen Zusammenhang. Deshalb werde P.S. unabhängig von einer SPS-Monatszeitung weiterhin erscheinen.
Verlagsleiter Frochaux bestätigt zwar, dass Koni Löpfe, Präsident der SP Stadt Zürich, Mitinhaber des P.S. Verlags und zudem Teil des Redaktionsteams ist. Doch hält er fest, dass der P.S. Verlag privat geführt und parteiunabhängig sei und seinen Umsatz ausschliesslich durch Abonenntenbeiträge und Inserate generiere. Kurz: «P.S. hat mit der SP etwa so viel zu tun wie die NZZ mit der FDP», sagt Frochaux.