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«Auswanderung ist Teil unserer Identität»
Interview mit Susann Bosshard-Kälin zur Einsiedler Emigration nach Amerika und zu den heutigen Präsidentschaftswahlen
Wer wird nächster amerikanischer Präsident? Trump oder Biden? Eine Frage, über die heute auch zahlreiche Nachfahren ausgewanderter Einsiedler abstimmen. Wie es um die Emigranten und um ihre Bindung an die Heimat bestellt ist, darüber spricht Susann Bosshard-Kälin.
WOLFGANG HOLZ
Frau Bosshard-Kälin, heute wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Fiebern Sie diesem Ereignis auch schon entgegen? Ja. Ich verfolge die heutige Präsidentenwahl in den USA gespannt und ausführlich. Ich kenne viele Menschen in den USA, denen diese Wahl sehr viel bedeutet. Und es ist ja auch für unser Land nicht unerheblich, wer in den nächsten vier Jahren im Weissen Haus in Washington das Sagen hat. In den USA werden auch zahlreiche Kälins den amerikanischen Präsidenten wählen. Wie viele Kälins leben denn noch mit Namen Kaelin in Amerika? Ja, es hat eine grosse Zahl von Kälins und Nachkommen weiterer ausgewanderter Einsiedlerinnen und Einsiedler – Oechsli(n)s, Birchlers, Bisigs, Zehnders, Schoenbaechlers und Fuchs etwa –, die heute als amerikanische Staatsbürgerinnen und Stimmbürger wohl in allen Staaten der USA wahlberechtigt sind.
Leben die meisten dieser Kaelins eigentlich noch in Louisville, Kentucky? Es leben zig Hunderte Nachkommen mit Einsiedler Namen in Louisville. Aber auch in vielen anderen Städten der USA, etwa in Chicago, New York oder dann in Tacoma, Washington State.
Warum haben sich denn so viele Einsiedler dort niedergelassen und warum sind so viele überhaupt ausgewandert – nur aus materieller Not? Die meisten Auswanderer verliessen – nach Recherchen des Einsiedler Historikers Heinz Nauer – Einsiedeln in den frühen 1850er-Jahren, also kurz nach der Kartoffelpest, die viele Menschen in die Armut stürzte. Der Bezirk Einsiedeln verzeichnete im 19. Jahrhundert übrigens die insgesamt stärkste Überseewanderung aller sechs Bezirke im Kanton Schwyz und eine der stärksten in der gesamten Innerschweiz. Zwischen 1850 und 1900 wanderten etwa 2000 Einsiedlerinnen und Einsiedler nach Amerika aus – viele davon nach Louisville, Kentucky, und aus verschiedensten Gründen.
Eigentlich ist das schon eine sagenhafte Geschichte. Im Mittelalter kommen Kälins aus dem Elsass in den Finstern Wald in die Schweiz und bauen das Kloster mit auf, und Jahrhunderte später wandern viele Kälins in die USA aus, weil sie sich dort ein besseres Leben versprechen. Sind die Kälins ein weltoffenes Völkchen? Das kann ich nicht beurteilen. Die Interviews mit Nachkommen von Einsiedler Auswanderern in Louisville zeigten mir auf jeden Fall ein Bild von fleissigen und zuverlässigen Menschen. Das hat auch der Louisviller Stadtpräsident Greg Fischer 2016 in der Urkunde bezeugt, die jetzt im Einsiedler Rathaus hängt: «The Swiss immigrants flourished as dairymen, farmers and more, contributing to Louisville’s growth through their hard work and strong values.» Das liest sich ja toll. Wie intensiv sind denn noch die Beziehungen zwischen ausgewanderten Louisviller Nachkommen und den Klosterdörflern in der Schweiz? Die Beziehungen waren im privaten Bereich immer da, wurden mit dem Projekt «Einsiedeln anderswo » ab 2015 intensiviert und einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Das ist erfreulich. Ich hoffe natürlich, dass die neuen und wieder geknüpften Kontakte auch in Zukunft vielfältig weitergepflegt werden. Die Auswanderung ist doch ein Teil der Identität und (Kultur-) Geschichte Einsiedelns und darf nicht vergessen gehen. Apropos. Wann kommen denn wieder Kälins aus den USA nach Einsiedeln, und wann besuchen Einsiedler ihre Verwandten in den USA? Oder ist das in Zeiten von Corona schwierig geworden?
Es war geplant, dass 2021 ein grosser Kaelin-Clan aus Louisville Einsiedeln besuchen würde. Und auch die Oechslins hatten sich für eine Reise nach Einsiedeln angemeldet. Die Planung ist durch die Corona-Epidemie auf Eis gelegt. Aber ich bin mit den Louisville-Einsiedlerinnen und -Einsiedlern über die sozialen Medien und auch per Telefon in regem Kontakt. Sobald sich die Situation mittelfristig ändert, nehmen wir die Reiseplanungen wieder auf.
Wann waren Sie denn das letzte Mal in den USA, um Kontakt zu den Louisville-Einsiedlern zu pflegen? Ich war im Oktober 2019 für eine Woche in Louisville und habe Schoenbaechler-, Oechslin-, Birchler-, Bisig- und Kaelin- Familien getroffen und mit ihnen gefeiert. Das sind unvergessliche Erinnerungen, die in der aktuellen Situation doppelt wertvoll sind. Was ist Ihr Eindruck: Wo leben die Kälins besser, hier im Klosterdorf oder in den USA? Die USA haben ihre Vor- und Nachteile, Einsiedeln auch!
Der berühmteste Kaelin in den USA ist ja wohl der letztjährige Chemie-Nobelpreisträger William George Kaelin. Gibt es denn noch andere berühmte Kaelins in den USA, die eine solche Einwanderer-Karriere hingelegt haben? Eine Karriere wie diejenige von William George Kaelin ist wohl einmalig. Aber es gibt unzählige Einzelschicksale von Auswanderinnen und Auswanderern, die Respekt und Anerkennung verdienen. Ein paar dieser Karrieren und Geschichten haben wir mit «Einsiedeln anderswo» – www.einsiedeln-anderswo.ch – erzählt.
«Es gibt unzählige Einzelschicksale von Auswanderinnen und Auswanderern, die Respekt und Anerkennung verdienen.»
Susann Bosshard-Kälin
«The Swiss immigrants flourished as dairymen, farmers and more, contributing to Louisville’s growth through their hard work and strong values.»
Greg Fischer, Mayor, Louisville, Kentucky
Hier in den USA haben sich viele Auswanderer aus Einsiedeln niedergelassen: in Louisville, Kentucky. Foto: Einsiedeln anderswo
Susann Bosshard-Kälin vor ihrem Haus in Egg. Foto: Wolfgang Holz