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Tom McCarthy ist ein englischer Schriftsteller und Künstler, «Satin Island» sein drittes oder viertes Buch, das in deutscher Übersetzung erschienen ist: Ein Buch, das im Literaturbetrieb von heute über alle Erwartungen hinausgeht.
Die meisten Bücher haben eine Handlung, die oft haarsträubender ist als alles Denkbare. Sie hilft aber in den meisten Fällen als Stütze beim Lesen, als Orientierungshilfe in der Ordnung des Textes. Keiner hat das so meisterhaft verstanden wie der US-amerikanische Schriftsteller Dashiell Hammett, der meistens als Kriminalautor deklassiert wird, aber zur literarischen Weltklasse gehört; siehe etwa seinen Roman «Rote Ernte». Wenn aber die Literatur heute versucht, eine Handlung aufzubauen und davon auszugehen, überholt sie sich selbst. Dazu bedarf es keines bedruckten Papiers. Der Film kann es viel besser machen, aber sogar er verzichtet immer öfter auf Handlung und verwandelt als visuelles Medium eine Geschichte – einen Content – in eine Abfolge von Bildern.
Auch «Satin Island» verzichtet auf eine fortschreitende Handlung im überlieferten Sinn und bietet eine Folge von kurzen – und nicht immer zwingend aus dem Bisherigen sich ergebenden – Episoden an, die in einem überstürzenden Ablauf aufeinanderfolgen, bis hin zur Überfahrt am Ende des Romans mit der Fähre nach Staten Island, dem Stadtbezirk New Yorks, aus dessen Buchstaben sich das Geheimnis des Buchtitels enthüllt. Aus den wogenden Einfällen kann sich auf den ersten Seiten eine Irritation ergeben. Was geht hier eigentlich vor? Wer aber über die ersten zwanzig, dreissig Seiten gekommen ist, hat es geschafft.
Visionäre UnklarheitDie Hauptfigur, die im Roman über sich spricht, wird U genannt – wie you ausgesprochen – und arbeitet in einer Agentur, die ... Die was macht? Schwer zu sagen. Es ist auch egal, der Reiz liegt woanders. U ist an der Präsentation eines Vorhabens, das als Koob-Sassen-Projekt vorgestellt wird, beteiligt, erklärt aber umgehend, nichts weiter darüber sagen zu wollen. Schon seltsam, wenn es um etwas geht, über das nichts verlauten soll. Aber es kommt im weiteren Fortgang auf sehr viel mehr an als nur auf dieses Projekt.
Mehr Aufschluss geben Us eigene Interessen. Als Student hat er eine anthropo-soziologische Untersuchung über Clubbing verfasst und sich später für Ölkatastrophen interessiert sowie für Fallschirmspringer, die beim Sprung ums Leben gekommen sind. Alles dies ist beliebig, interessant, temperiert.
In dem Unternehmen, in dem U angestellt ist, waltet Peymann als Chef. Seine Führungsaufgabe besteht zur Hauptsache darin, alle Mitarbeitenden miteinander zu vernetzen. Eloquent spricht er über «das Narrativ», ohne dass klar würde, was genau damit gemeint ist. Aber aber auch ohne es zu verstehen, sind alle Mitarbeitenden – und vielleicht ein paar beherzte Leser des Buchs – sofort begeistert. Peymanns «visionäre Unklarheit» elektrisiert sofort alle.
In der Beratungs-, Werbe-, Consulting- und Kommunikationsbranche, die im Buch den Schauplatz bildet, werden Ideen entwickelt, Konzepte erarbeitet, Analysen und Gutachten erstellt. In Peymanns Betrieb gilt die Geschäftsregel: «Es muss etwas gedacht werden, das sich in einem ständigen Zustand des Übergangs befindet.»
Was die Kundschaft für teures Geld in Peymanns Unternehmen kauft, sind «Vernetzungen und Verbindungen – mit Ideen, mit Expertenwissen, mit dem Universum der Konsequenzen, mit dem Zeitalter». Verstanden? Nicht?? Visionäre Unklarheit, wenn ich bitten darf. Das ist das Keyword, auf das es ankommt.
Der passende JargonGenau genommen, ist U Anthropologe, aber er betreibt nicht Feldforschung bei fremden, wilden Völkern, sondern ist als Firmenanthropologe angestellt. Beiläufig zitiert er Claude Levi-Strauss, auch Gilles Deleuze, renommierte Namen in der neueren französischen Philosophie, was sich nicht schlecht macht. Wer nicht auf der Höhe der Zeit ist, nicht modern ist, hat in der heutigen Gesellschaft nichts verloren. Und wer weiss, vielleicht ist die hier gemeinte Kreativbranche mit ihren Ritualen, Bräuchen und Verhaltensnormen genau so wild, fremd und «primitiv», wie es angeblich die fernen, archaischen Völker sind.
Us anthropologischer Blick setzt sich überall fest. Über anthropologisches Wissen steht viel im Buch. U besucht die Kustodin Ursula in einem Museum in Frankfurt, in dem die Töpfe, Pfeile und anderen Objekte aus den Ausstellungsräumen in das Depot ausgelagert worden sind. Betrieben wird statt dessen eine «Anthropologie der Relationen», eine «Präsent-Anthropologie», was auch immer darunter zu verstehen ist. Eine bestimmte Art zu reden, wahrscheinlich. Vom passenden Jargon hängt alles ab. Vielleicht ist das Buch eine Satire.
Es beginnt auf dem Flugplatz in Turin, wo U verfolgt, was auf dem Display seines Smartphones geschieht, denn nur das ist heute verbürgt und auch bedeutungsvoller als die wirkende Gegenwart. Weshalb das Buch vielleicht als erster Roman über den Digital-Realismus – oder wie soll man sagen? – der Epoche angesehen werden kann.
In seiner beruflichen Tätigkeit ist U smart, mobil, ein wenig salopp, ständig auf dem Sprung, unterwegs von einer Konferenz zum nächsten Meeting. Er beherrscht perfekt den abgehobenen Smalltalk, der heute in den Kreisen der jungen Kreativen verwendet wird. McCarthy gibt den Tonfall, den Ausdruck, die Stimmungslage, die mitfliessende latente Erregung so genau wieder, dass man meint, eher zuzuhören als zu lesen.
Bewegungen des DenkensDie Sprunghaftigkeit im Buch von einem Thema zum anderen hat Methode und entspricht der fraktalen Eigentümlichkeit der Gegenwart. Was auch immer geschieht, gestaltet sich in einem kinematografischen Sinn zu einer Folge von Gesprächen, Interessen, Entwürfen, Vorschlägen, Zitaten, Zuspitzungen, Impulsen, die sich zu einem Kino im Kopf aneinanderreiht. So denken wir heute: nicht einheitlich, nicht in einem geschlossenen kontextuellen Raum, sondern in einem turbulenten Strom von Einfällen, Ideen, Anregungen, Eingriffen, die so überstürzend aufeinanderfolgen wie die 24 Bilder in der Sekunde im Film, aus denen die Illusion einer Bewegung entsteht.
Diese Bewegung ist diejenige des mäandernden Denkens selbst, das wir alle kennen und dem wir unterliegen, wenn wir uns miteinander unterhalten.
In diesem Sinn entwirft McCarthy aus vielen kurzen heterogenen Episoden ein Bild des modernen Lebens, das unruhig verläuft, unvorhersehbar nach allen Seiten ausschlägt, sich ständig selbst überbietet und ein aufregendes, fröhliches Chaos verursacht.
Symptome der PostmoderneDer Roman kann auf eine Aussage verzichten, weil er selbst – als offenes System – das Modell, das Programm, das Ergebnis dessen ist, was er beabsichtigt. Aus diesem Grund ist Tom McCarthy als Autor auf einen gewitzten Leser angewiesen, der nicht fragt, was das alles zu bedeuten habe, sondern bereit ist, durch das Buch zu navigieren, sich assoziativ und spielerisch hindurchzuarbeiten und im als Raum verstandenen Text zu orientieren: auf eigenes Risiko.
Lesen heisst fortan, sich auf das Kommende, Unerwartete, Mögliche einzustellen und zum Vollstreckungshilfen des Autors zu werden. Die zeitgenössische Literatur ist im Idealfall auf diese Rollenverteilung angewiesen und kann nur darin bestehen, was aus ihr gemacht wird. So gesehen, besteht die Handlung des Romans im Akt des Lesens selbst.
In der Anlage des Romans tritt unsere Zeit – die Postmoderne – in Erscheinung: in der Ununterscheidbarkeit; im Dunkeln und Diversen; in der Fabrikation von Neuem und Überraschendem; im Zufälligen; in den Zuständen des Übergangs, die der Autor seiner Figur Peymann anhängt. Die Bedingungen des Romans sind zugleich die des modernen Lebens und umgekehrt. Vielleicht ist das Buch eine Satire, wer weiss. Aber es könnte auch genau das Gegenteil davon sein: eine symptomatische Zeitanalyse.