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Wie Konventionen die Qualität von Kooperationen in der (Weiter-)Bildung formen
Der Beitrag zeigt Möglichkeiten auf, wie die Qualität von Kooperationen in der (Weiter-)Bildung mit Bezug zur Soziologie der Konventionen theoretisch gefasst und erklärt werden kann, und welche Schlüsse daraus für die Weiterentwicklung und Verbesserung von Kooperationen gezogen werden können. Es wird argumentiert, dass in Kooperationen individuelle und organisationale Akteure sich auf unterschiedliche und divergente Qualitätskonventionen im Sinne von historisch gewachsenen moralischen Wertordnungen, Handlungslogiken und Gerechtigkeitsprinzipien stützen. Die Kooperation und deren Ausgestaltung stellt einen Kompromiss zwischen pluralen Konventionen dar, was sowohl Potenziale wie Spannungsfelder beinhaltet. Die Qualität von Kooperationen ist somit das Ergebnis der Handlungskoordination unterschiedlicher Akteure und ihrer verschiedenartigen, auf Konventionen beruhenden Motive, Interessen und Orientierungen.
(Weiter-)Bildung ist auf die Kooperation individueller und organisationaler Akteure angewiesen. Auf individueller Ebene engagieren sich u.a. Leitungspersonen von Bildungsorganisationen, professionelle Lehrkräfte und Verantwortliche in Verwaltung, Wirtschaft oder Kultur in einer Zusammenarbeit; auf organisationaler Ebene sind (Hoch-)Schulen, staatliche oder private Träger von Weiterbildungen, aber auch Firmen, Gewerkschaften, kulturelle Institutionen, Kirchen oder Freizeitorganisationen wie z.B. Sportverbände involviert. Diese Akteure bringen sich mit unterschiedlichen Kompetenzen, Ressourcen, Aufgaben, Interessen und Werten in die Planung, Entwicklung, Ausgestaltung und Umsetzung von Bildungsangeboten ein.
Dieser Beitrag zeigt Möglichkeiten auf, wie die Qualität dieser Kooperationen in der (Weiter-)Bildung theoretisch gefasst und erklärt werden kann, und welche Schlüsse daraus für die Weiterentwicklung und Verbesserung von Kooperationen gezogen werden können. Die dazu herangezogene Soziologie der Konventionen orientiert sich an einem spezifischen Verständnis von Qualität, das sich nicht auf das alltagstheoretische und normative Verständnis von «guter» oder «schlechter» Qualität reduzieren lässt. Vielmehr geht es um die Frage, welche Qualitätskonventionen im Sinne von historisch gewachsenen moralischen Wertordnungen, Handlungslogiken und Gerechtigkeitsprinzipien in der jeweiligen Kooperation in Form eines Kompromisses eingelagert sind und welche Potenziale, aber auch Spannungsfelder und Konflikte daraus erwachsen. Die Qualität von Kooperationen ist somit das Ergebnis der Handlungskoordination unterschiedlicher Akteure und ihrer verschiedenartigen Motive und Orientierungen.
Der theoretische Zugang der Soziologie der Konventionen geht von der Annahme aus, dass sich in Situationen der Handlungskoordination, wie sie Kooperationen zwischen unterschiedlichen Akteuren darstellen (Alke, 2022), die verantwortlichen Handlungsträger auf eine begrenzte Zahl von Qualitätskonventionen beziehen (Boltanski und Thévenot, 2007; Eymard-Duvernay, 1989). Diese haben sich in liberal-demokratischen Gesellschaften in einem längeren historischen Prozess als moralische Wertordnungen, Handlungslogiken und Gerechtigkeitsprinzipien herausgebildet, sind je einem spezifischen Gemeinwohl verpflichtet und haben sich als glaubwürdig, vernünftig, angemessen und moralisch gerechtfertigt bewährt (Boltanski and Thévenot, 2007; Leemann und Imdorf, 2019).
Das Qualitätskonzept der Soziologie der Konventionen geht dabei von einer Pluralität von Qualitätslogiken aus, die als Koordinationslogiken von den Akteuren situativ in die Konkretisierung und Materialisierung der Kooperation eingebracht werden. Die Qualität einer Kooperation ist deshalb kein naturwüchsiger Zustand, sondern wird durch das Einbringen der Ressourcen, Interessen, Werte und Orientierungen der Akteure erst konstruiert und evaluiert. Sie ist Ergebnis der Zuschreibungen, Investitionen, Objektivationen und Aushandlungen der Akteure, weder widerspruchsfrei noch dauerhaft, und kann jederzeit in Frage gestellt und angeprangert werden.
Konventionen sind damit Stützen der Handlungskoordination (Dodier, 2010). Sie helfen, Ordnung in komplexe, unübersichtliche und unsichere Situationen zu bringen, in denen sich Akteure koordinieren und zu einer Einigung oder zumindest zu einer Entscheidung in der Abstimmung ihrer Handlungen kommen müssen. Gleichzeitig sind Situationen der Handlungskoordination durch die Pluralität von Konventionen gekennzeichnet, was wiederum zu Uneinigkeit und Disputen führen kann. Konventionen sind somit auch Stützen, um eine Situation zu evaluieren, Kritik zu äussern und darüber zu verhandeln, welche Konvention die Qualität der Kooperation erhöhen und zur Lösung eines Konflikts beitragen kann oder die Kooperationsbemühungen behindert und deshalb an Gültigkeit und Rechtmässigkeit verliert.
2.1 Qualitätskonventionen in der Bildung
Die nachfolgende Tabelle 1 gibt eine Übersicht zu den Qualitätskonventionen, die sich bisher als zentral erwiesen haben, und deren Übertragung auf das Feld der (Weiter-)Bildung. Alke (2022) hat in Bezug auf die Thematik der Kooperation in der Weiterbildung das Analyseinstrumentarium der Konventionen erweitert und ergänzt. Die Dimension «Erscheinungsformen und Auslegungen von Kooperation im Weiterbildungsbereich» entspricht in grossen Teilen der gekürzten Fassung seiner Arbeiten (Alke, 2022, S. 262).
Das Gerechtigkeitsprinzip der staatsbürgerlichen Qualitätskonvention betont Werte einer aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft, in der das Kollektiv, Solidarität und die Gleichheit der Individuen von Bedeutung sind. Kooperationen zwischen verschiedenen Akteuren dienen dem normativ oder gesetzlich verankerten Ziel, horizontale und vertikale Durchlässigkeit im Bildungswesen zu erhöhen, Chancengleichheit zu fördern und Nachholbildung zu ermöglichen. Bildung ist ein Wert für sich, ohne den Anspruch an Verwertbarkeit in der Umwelt erfüllen zu müssen. Wichtige Akteure sind der demokratisch verfasste Staat und Non-Profit-Organisationen.
Handlungsleitend in der Marktkonvention ist das Preis-Leistungs-Verhältnis. Der freie Wettbewerb, das Prinzip von Angebot und Nachfrage führen zum Wohlstand des Gemeinwesens. Die Beziehungen der Organisation zu ihrer Umwelt sind durch Konkurrenz um ein Klientel geprägt, das Bildung in erster Linie als Investition betrachtet. In der Folge unterliegen auch Kooperationen den Wettbewerbsbedingungen eines optimalen Preis-Leistungs-Verhältnisses des Bildungsangebots. Akteure handeln unternehmerisch und sind der Idee des New Public Management verpflichtet.
Die industrielle Konvention basiert auf dem Gemeinwohl von Effizienz, Expertise und Planbarkeit. Ihren Ursprung hat diese Konvention im arbeitsteiligen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden und auf Funktionalität achtenden Arbeitsprozess der industriellen Produktion. Die Zusammenarbeit verschiedener Bildungsakteure orientiert sich entsprechend an der planmässigen, standardisierten und effizienten Ausbildung von Fachkräften und Expert:innen insbesondere für den Arbeitsmarkt.
Die Qualität der häuslichen Konvention zeichnet sich durch Werte wie Tradition sowie Einordnung in eine Gemeinschaft und hierarchische Beziehungen aus. Die Person und ihre Persönlichkeit sowie familiäre Beziehungen stehen im Zentrum der Handlungsorientierungen. Kooperationen werden im Nahen und Lokalen eingegangen und beruhen auf Vertrauen, Vertrautem, Bewährtem und gemeinsam geteilter Erfahrung.
Die moralische Wertordnung der inspirierten Konvention gründet auf der Überzeugung, dass Qualität in der Bildung durch Innovation und Kreativität entsteht. Kooperationen müssen deshalb Freiräume eröffnen, Prozesse des Trial and Error erlauben, um Neues und Entdeckungen zu ermöglichen.
Die Handlungslogik in der rufförmigen Konvention ist darum bemüht, die Bekanntheit der Bildungsorganisation zu steigern. Kooperationen kommen dann zustande, wenn die beteiligten Akteure voneinander profitieren und durch die Zusammenarbeit ihre Reputation steigern können.
Die Qualität der projektförmigen Konvention beruht auf der Fähigkeit der Akteure, Netzwerke zu bilden, mobil und flexibel zu sein und sich in befristeten Projekten zu engagieren. Merkmale von Kooperationen sind lokale Ungebundenheit durch digitale Tools, Online-Treffen, Flexibilität und Mobilitätsbereitschaft.
Die in Tabelle 1 nicht aufgeführte ökologische Konvention ist im Bereich der Bildung unseres Wissens noch nicht aufgegriffen worden. Angesichts des grossen Engagements von Schüler:innen in der Klimabewegung und den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Bildung für nachhaltige Entwicklung könnte diese Konvention in Zukunft an Relevanz gewinnen.
2.2 Qualitätskonventionen in Kooperationen
Das Konzept der Qualitätskonventionen kann in Evaluationen und Forschungen zu Kooperationen in der Weiterbildung eine erkenntnisgenerierende Folie bieten, indem Motive und Interessen der Akteure sowie Massnahmen und Mechanismen eingeordnet und systematisiert werden können.
Treviño-Eberhard und Kaufmann-Kuchta (2022) zeigen in einer ländervergleichenden Studie zur Weiterbildung im Hochschulbereich, dass die jeweiligen nationalen institutionellen Rahmenbedingungen zu unterschiedlichen Formen der Koordination und Rechtfertigung von Massnahmen der Weiterbildung führen. Sie beobachteten Situationen, in denen mit Bezug zur staatsbürgerlichen Konvention Ausbildungsprogramme für ältere, berufsbegleitend Studierende mit dem Anspruch auf Bildungsgleichheit und Integration entwickelt wurden. Die Konvention des Marktes ist in Konstellationen der Konkurrenz wirkmächtig, z.B. wenn es um den Wettbewerb um ein junges Klientel geht, das Vollzeit studiert. Die Ausrichtung auf abschlussbezogene und standardisierte Bildungsangebote für die Anforderungen des Arbeitsmarktes werden von den Akteuren mit Bezug zu den Logiken der industriellen Konvention legitimiert. Auf die Konvention des Ruhmes wird zurückgegriffen, wenn die Zentralität des öffentlichen Prestiges und des Status der Universitäten innerhalb des Hochschulsystems ins Spiel kommen. Verantwortliche stützen sich auf die häusliche Konvention, indem sie die bewährten internen Praktiken und Qualitätsstandards der Hochschulen hervorheben, um die Zulassung zu ihren Studiengängen zu rechtfertigen. Die projektförmige Konvention materialisiert sich in flexiblen Hochschulangeboten, die durch Kooperation und Vernetzung mit anderen Anbietern bereitgestellt werden, um die jeweilige Position des Ausbildungsprogramms auf dem Weiterbildungsmarkt zu stärken.
In Kooperationen bringen unterschiedliche Akteure ihre Ressourcen, Interessen und Orientierungen für die Bereitstellung eines Bildungsprogramms ein, mit dem Ziel, einen gemeinsamen Ertrag zu erzielen, der zu erreichen allein nicht möglich wäre oder der dank der Kooperation zu einer besseren Qualität führen soll (Preisendörfer, 2016). Wie weiter oben ausgeführt, können diese Ressourcen, Interessen und Orientierungen theoretisch als Stützen und Rechtfertigungen in der Handlungskoordination entlang der sieben Qualitätskonventionen gefasst werden. Da die involvierten Akteure sich aufgrund der Diversität u.a. ihrer Funktionen innerhalb des Bildungswesens, der gesellschaftlichen Aufgaben und Verpflichtungen oder der örtlichen Rahmenbedingungen auf unterschiedliche Konventionen berufen, treffen in Kooperationen plurale und damit teilweise auch widersprüchliche Werte und Interessen aufeinander.
3.1 Harmonie und Vervollkommnung
Die Qualitätskonventionen können sich dabei ergänzen, gegenseitig unterstützen und in einem harmonischen Kompromiss zusammengeführt werden. So kann eine Kooperation in der Weiterbildung in einem Umfeld, das stark durch Wettbewerbsanforderungen geprägt ist, mit einem gemeinsamen Bildungsmarketing in der Konvention des Rufes seine Qualität steigern, indem das Image des Bildungsangebots gestärkt wird. In der Marktkonvention kann dadurch die Nachfrage erhöht und das Preis-Leistungs-Verhältnis verbessert werden.
In einer eigenen Studie im Bereich der beruflichen Bildung untersuchten wir die Kooperation verschiedener Ausbildungsbetriebe, die sich zu Ausbildungsverbünden zusammengeschlossen haben. Dieses Ausbildungsmodell gibt den Lernenden durch ein Rotationssystem die Möglichkeit, während der Berufslehre verschiedene Betriebe kennenzulernen (Leemann und Imdorf, 2015). Einer der untersuchten Ausbildungsverbünde ist im Bereich des öffentlichen Verkehrs tätig. Das Ausbildungsmodell wurde von den Verantwortlichen als Lösung dargestellt, dank der sich die Betriebe im Ausbildungsstellenmarkt besser positionieren können. Es verfügt über Ressourcen, welche einem einzelnen Betrieb fehlen, um leistungsmotivierte Jugendliche zu gewinnen. Dabei werden bei den Jugendlichen zwei mögliche zentrale Motive antizipiert, die bei der Berufswahl und Entscheidung für einen Lehrbetrieb handlungsleitend sind.
«Viele Jugendliche kennen [Name Ausbildungsverbund]: ‹Ah, das ist interessant, da ist eine Abwechslung dabei.› Und dann gibt es natürlich auch die anderen, die sagen: ‹Ich möchte bei der [Name Traditionsbetrieb] eine Lehre machen.› Das gibt es natürlich auch immer noch. Und ich finde eben diese Kombination so wichtig. Gerade jetzt, wo wir ja Schwierigkeiten haben, genügend Auszubildende zu finden, sollen beide Wege uns helfen: Der, der einfach in Ruhe seine Lehre bei der [Name Traditionsbetrieb im Verbund] (…) machen möchte, aber auch die anderen, die vielleicht sagen: ‹Oh, da könnte ich mal zu [Name Aviatikbetrieb] oder zur [Name Bundesbetrieb] oder zu der [Name Busbetrieb] oder [Name Busbetrieb] oder irgendetwas.› Und es soll beides der Weg sein.» (Vertretung Ausbildungsbetrieb)
Das eine Motiv ist in der inspirierten und in der projektförmigen Qualitätskonvention zu verorten. Der gewählte Beruf, die Branche und der Ausbildungsbetrieb müssen eine abwechslungsreiche, spannende und vielseitige Ausbildung garantieren. Der Ausbildungsverbund stellt deshalb der Abenteuergehalt sowie das breite Spektrum der Branche und der verschiedenen Berufe in Werbefilmen und auf Werbeplakaten mit Worten und Bildern aussagekräftig dar. Er bemüht sich, ein interessantes projektbetontes Ausbildungsangebot mit neuen didaktischen Konzepten und einer modernen Ausbildungsphilosophie anzubieten. Das zweite Motiv stützt sich auf Argumente, die der häuslichen Konvention entsprechen. Der im Zitat erwähnte Traditionsbetrieb steht für eine geografische Verwurzelung der Auszubildenden in einer Bergregion in der Schweiz. Ein Jugendlicher soll auch die Möglichkeit erhalten, «in Ruhe» seine Lehre in seiner gewohnten Umgebung zu absolvieren, ohne laufend aus dem Lehrbetrieb herausgerissen zu werden. Das Ausbildungsmodell ist durch die Kooperation verschiedener Ausbildungsbetriebe demnach eine Möglichkeit, den unterschiedlichen und auch konträren Bedürfnissen der Lernenden entgegenzukommen, und kann verschiedene Interessen gleichzeitig abdecken.
3.2 Konflikt und Übereinkunft
Konventionen können in einer Kooperation aber auch aufeinanderprallen und zu Widersprüchen und Ambivalenzen führen, da die Handlungslogiken grundsätzlich unterschiedlichen Werten von Gemeinwohl verpflichtet sind (Knoll, 2015). So konfligiert beispielsweise das staatsbürgerliche Handeln, bei dem das Individuum seine Eigeninteressen zugunsten des Allgemeininteresses zurückstellen muss, mit dem marktlichen Handeln, das sich am individuellen Profit orientiert, oder dem Handeln in der inspirierten Konvention, das sich an geistigen Sphären ausserhalb der gesellschaftlichen und ökonomischen Realität ausrichtet.
Theoretisch vorstellbar sind in solchen Situationen der Unvereinbarkeit von Wertordnungen und Gerechtigkeitsprinzipien, dass mittels Relativierung zwei unterschiedliche Wertigkeiten gleichberechtigt nebeneinander stehen bleiben. Dispute werden offen und beweglich gehalten, damit die eine Konvention nicht durch die radikale Kritik einer anderen Konvention untergraben würde. Mittels einer Prüfung (vgl. Tabelle 1) kann aber auch geklärt werden, welche Konvention gerecht und angemessen ist, so dass situativ das eine Gerechtigkeitsprinzip an Gültigkeit verliert, das andere die Oberhand erhält. Die empirisch wohl am häufigsten vorgefundene Lösung ist jedoch die eines Kompromisses, in dem der Disput um den Geltungsbereich verschiedener Konventionen aufgehoben ist und zwei oder mehr Qualitätskonventionen gleichzeitig zu ihrem Recht kommen.
Eine Untersuchung von Alke (2019) zeigt in diesem Zusammenhang, dass im Sektor der Volkshochschulen die Verantwortlichen ihr Handeln in der Programmgestaltung neben der staatsbürgerlichen und der inspirierten Konvention, die sich im allgemeinen Bildungsauftrag dieser Institution widerspiegeln, zunehmend an der marktlichen Konvention ausrichten müssen. Die Bildungsangebote müssen rentabel sein und dürfen einen bestimmten Kostendeckungsgrad nicht unterschreiten. Die von den Gremien der Kommunalverwaltung und -politik eingeführten neuen Governancestrukturen, die sich an Wettbewerb und Output ausrichten, führen zur Infragestellung von Bildungsangeboten der Nachholbildung und Integration oder aus dem Kreativitätsbereich. Der Autor beschreibt, wie die Bildungsverantwortlichen der Volkshochschulen strategisch mit diesem Konflikt umzugehen versuchen, indem sie u.a. über Querfinanzierung einen Kompromiss zwischen den divergenten Konventionen herstellen. Dieses Verfahren der Querfinanzierung hat sich gemäss Autor im Volkshochschulbereich in der Zwischenzeit flächendeckend durchgesetzt. Mit dieser Investition in eine neue Form des Finanzierungsmechanismus – ein standardmässiges Verfahren, durch das sowohl die Anforderungen an die Kosten wie der Anspruch an Integration und Kreativität miteinander verwoben werden können – können die Spannungsfelder bewältigt werden. In der Sprache der Soziologie der Konventionen kann die Querfinanzierung als Kompromissobjekt bezeichnet werden.
Mithilfe der theoretischen Perspektive der Soziologie der Konventionen können wir die Qualität von Kooperationen, die in ihr eingelagerten Spannungsverhältnisse und Friktionen verstehbar machen. Dazu müssen wir Kooperationen nicht nur als formalisierte, institutionalisierte und abgeschlossene kompromissförmige Arrangements konzipieren, sondern auch als Ergebnis von unabschliessbaren und dynamischen Koordinationsprozessen verschiedener Akteure und deren Interessen, Werten und Handlungslogiken begreifen.
Viele Situationen in Kooperationen sind selbstverständliche, stabile Kompromisse, die mittels Investitionen in Formen gefestigt sind, und in denen Routinen und Vertrauen am Werk sind (Boltanski, 2012; Boltanski und Thévenot, 2007). Form-Investitionen dienen der Generalisierung und Stabilisierung der Handlungslogiken, Orientierungen und Wertordnungen von Konventionen (Dodier, 2010; Thévenot, 1984). Diese Formen sind einerseits materieller Natur. Mit Blick auf Kooperationen in der Weiterbildung relevant sind Objekte wie z.B. Kooperationsverträge, Programmplanungen, Schulungsorte und Logos. Andererseits umfassen sie auch immaterielle Dispositive wie z.B. Rekrutierungsverfahren, Selektionsregelungen, Finanzierungsschlüssel oder soziale Kognitionen wie z.B. die Zentralität erfahrungsbasierten oder selbstgesteuerten Lernens.
«[Kompromisse] lassen sich durch eine Verfestigung in Objekten und Institutionen stärken, in die relevante Dinge aus den verschiedenen Welten [gemeint sind Konventionen, RL] eingehen, die durch den Kompromiss assoziiert werden» (Boltanski und Thévenot, 2011, S. 67).
Dennoch kann die Situation jederzeit aus dem Gleichgewicht geraten und die Richtigkeit und Tauglichkeit des Arrangements kann kritisiert werden. In solchen kritischen Momenten wird eine Qualitätskonvention vom Standpunkt einer anderen Qualitätskonvention aus kritisiert, angeprangert und der bisherige Kompromiss wird in Frage gestellt. Um die Kooperation nicht zu gefährden, sind die beteiligten Akteure aufgefordert, Lösungen zu suchen und einen neuen Kompromiss zu schmieden.
Hierzu zwei Beispiele aus der erwähnten Studie der Ausbildungsverbünde (Leemann und Imdorf, 2015). In den Jahren nach der Gründung haben sich im Ausbildungsverbund verschiedene Problemkonstellationen ergeben. Ein Problem zeichnete sich in Bezug auf die Kostenfrage ab. Die Anforderung, trotz anspruchsvollem Ausbildungskonzept auch markttaugliche Preise anzubieten, konnte nicht eingehalten werden. Dies hat den Verbund dazu veranlasst, kleine Firmen mit nur wenigen Ausbildungsplätzen nicht mehr aufzunehmen, da bei ihnen das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ungünstig ausfällt. Im neuen Kompromiss der Zusammenarbeit wurden damit Betriebe geopfert, die häusliche Qualitäten (familiäre Nähe des Kleinbetriebs) und inspirierte Qualitäten (z.B. spezielle öV-Betriebe wie Seilbahnen) in das Modell der Berufslehre eingebracht hatten.
Ein anderes Folgeproblem entstand durch die mehrfachen betrieblichen Wechsel der Jugendlichen. Die Bindung an einen Betrieb war dadurch nur noch sehr lose. Der langfristige Fachkräfteaufbau für die netzwerkförmige öV-Branche, der nur durch betriebliche Wechsel verwirklicht werden kann, stand im Widerstreit zu den betrieblichen Verwertungsinteressen und deren Zielsetzung, den Nachwuchs in die Firmenkultur zu sozialisieren und für den eigenen Betrieb zu gewinnen – Begründungen, die auf die industrielle und die häusliche Konvention verweisen. Dies hatte zu Forderungen geführt, das überbetriebliche Rotationssystem teilweise aufzulösen und die Auszubildenden mit einer stärkeren betrieblichen Identität auszustatten. In einem ersten Schritt wurde im letzten Lehrjahr ein Bewerbungsverfahren eingerichtet, bei dem sich die Lernenden bei den Mitgliederfirmen zu bewerben hatten. Sie verblieben das letzte Jahr bei dieser Firma, was die Betriebsbindung erhöhte. Dieses neue Arrangement können wir als Kompromissobjekt zwischen Ansprüchen der häuslichen und der projektförmigen Konvention identifizieren.
Für die Weiterentwicklung und Verbesserung der Qualität von Kooperationen empfiehlt sich in einem ersten Schritt, mithilfe des Instrumentariums der Qualitätskonventionen die von den Akteuren in eine Kooperation eingebrachten Ressourcen, Interessen, Werte und Orientierungen zu erfassen, zu systematisieren und zu kategorisieren. Auf welchen Qualitätskonventionen basieren sie? Im nächsten Schritt können vorhandene Spannungsfelder, Kritiken und Problemfelder in der Perspektive der Pluralität der Konventionen und der Kompromissformen analysiert werden. Welche Kompromisse sind sichtbar und welche Formen stabilisieren diese? Was wird kritisiert, was führt zu Problemen und welche Konvention wird hier angeprangert? Wie wird die Kritik begründet, was soll sich ändern, und auf welche Konvention bezieht sich der Akteur in seiner Rechtfertigung? Im letzten Schritt kann eine Lösungssuche begonnen werden, indem der bisherige Kompromiss und dessen Formen in einen neuen Kompromiss mit neuen Formen überführt wird.
Literatur
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