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Prekarität
Seit über zwei Jahrzehnten schrumpfen in den meisten europäischen Nationalökonomien die Kerne der Normal-Vollzeitbeschäftigung langsam, aber unaufhaltsam, und ihnen stehen heute eine beträchtliche Zahl Langzeitarbeitsloser und anderer sozialstaatlich Unterstützter gegenüber. Dazwischen breitet sich ein Graubereich von atypischen Erwerbsverhältnissen wie Leiharbeit, befristete oder geringfügige Beschäftigung und Scheinselbstständigkeit aus. Solche Arbeitsverhältnisse werden laut der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) als prekär definiert, wenn sie sich durch fehlende sozial- und arbeitsrechtliche Abdeckung, eine mangelnde Existenzsicherung und niedrige Einkommen kennzeichnen. Diese auf objektiven Kriterien basierende Definition wird in der Regel mit subjektiven Aspekten ergänzt. Prekär sind demnach Arbeitsverhältnisse, wenn sie für die Beschäftigten kurzfristige Risiken und längerfristige Planungsunsicherheiten für den eigenen Lebensentwurf bergen, die kaum Einfluss auf die Kontrolle der Arbeitssituation ermöglichen. Ähnlich wurde der Prekaritätsbegriff in der jüngeren sozialwissenschaftlichen Forschung auch über den arbeitsmarktlichen Kontext hinaus für grundsätzlich unsichere Lebensbedingungen verwendet (prekärer Wohlstand von Haushalten, prekäre Lebensumstände von Jugendlichen, usw.).
Prekarität ist jedoch kein neues Phänomen: Weite Teile der Erwerbsarbeit, insbesondere von Frauen und Migrantinnen und Migranten, waren immer schon vom Modell des männlichen Normalarbeitsverhältnisses ausgeschlossen. Um das Neue an der Prekarität erfassen zu können, müssen die verschiedenen politischen und ökonomischen Dynamiken ins Auge gefasst werden, die die Lohnarbeit seit den 1990er Jahren wieder enger an kurzfristige unternehmerische Marktrisiken koppeln. Die Strategien der Unternehmer, Qualifikationen zu verwerten und Arbeitskraftpotenziale zu nutzen, haben sich dabei je nach Teilarbeitsmarkt unterschiedlich entwickelt. Betriebliche Flexibilisierungsstrategien mit Rückgriff auf Temporärarbeit können etwa in exportorientierten Branchen dazu benutzt werden, um kurzfristig auf Auftragsschwankungen zu reagieren. In stark reglementierten Sektoren wie dem Baugewerbe werden sie eher zur Umgehung allgemeingültiger Lohn- und Arbeitsmindeststandards eingesetzt (Unterakkordanten, Scheinselbstständige). In noch anderen Fällen dienen sie der reinen Kostensenkung, etwa in den tief qualifizierten Branchen des Dienstleistungssektors (Arbeit auf Abruf, unfreiwillige Teilzeitarbeit). Dazu kommt, dass tiefgreifende Arbeitsmarktreformen, in Form so genannter Aktivierungspolitik in der Sozial- und Arbeitslosenpolitik, den Druck auf den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt verschärft haben (Mini-Jobs, Ich-AGs). Schliesslich haben sich mit der Zunahme der Frauenerwerbsarbeit und den Änderungen der Migrationsregime auch die Konkurrenzverhältnisse gering qualifizierter Erwerbsgruppen in prekären Arbeitsmärkten verschärft. Das Resultat ist ein hoch segmentierter Arbeitsmarkt.
Obwohl verschiedene Studien versucht haben, prekäre Beschäftigungsverhältnisse in der Schweiz zu beziffern, sind die Resultate nur bedingt aussagekräftig. Je nach Definition und Methode schwanken sie zwischen zwei und zehn Prozent der aktiven Bevölkerung. Unbestritten ist indes, dass auch in der Schweiz die Anzahl prekärer Arbeitsverhältnisse zunimmt. Insbesondere ist zu verzeichnen, dass die Zunahme der Zahl der Armen seit den 1990er Jahren grösstenteils auf die Ausbreitung der Armut unter den Erwerbstätigen zurückgeht (Working Poor). Ursächlich für die wachsende Zahl von Niedrigeinkommen ist dabei weniger die relative Absenkung der Stundenverdienste, als vielmehr die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Dies ist im internationalen Vergleich insofern beachtenswert, als in der Regel ein hoher Anteil an prekären Beschäftigungsverhältnissen mit einem starken Kündigungsschutz korreliert. Die Schweiz verfügt über einen traditionell liberalen Arbeitsmarkt mit wenig ausgebauten Arbeitnehmerrechten, dennoch haben sich die Beschäftigungsverhältnisse weiter prekarisiert. Allerdings schlägt sich die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse nur zu einem Teil in den Statistiken nieder, da die Verunsicherung auch viel mit der subjektiven Wahrnehmung durch die Beschäftigten selbst zu tun hat, die mit vielfältigen Anpassungsstrategien auf die veränderten Arbeitsmarktchancen reagieren.
Dies stellt insbesondere für sozialpolitische Lösungen und gewerkschaftliche Arbeit eine neue Herausforderung dar. Wegen ihrer durchschnittlich kurzen Präsenzzeit im Betrieb und den erhöhten Abhängigkeitsverhältnissen sind prekär Beschäftigte nicht nur schwerer zu organisieren; auch zeigen Erfahrungen, dass sich in den objektiven Rahmenbedingungen wie auch in der subjektiven Wahrnehmung von Prekarisierung erhebliche soziale Unterschiede und Hierarchien, aber auch unterschiedliche Ansprüche und Forderungen an die eigenen Erwerbsverhältnisse verbergen, welche kollektiven Strategien enge Grenzen setzen. Während die einen ohne Aussicht auf ein sicheres Beschäftigungsverhältnis sind, betrachten andere die prekäre Arbeit als Übergangsphase in eine berufliche Konsolidierung, und akzeptieren die daraus entstehenden Nachteile für eine bestimmte Zeit. Und während beispielsweise für junge, gut ausgebildete Intellektuelle die Ausbreitung flexibler Arbeitsverhältnisse eine geradezu emanzipatorische Perspektive besitzen kann, so konzentriert sich das relativ traditionelle Regulierungsinteresse einer prekarisierten Verkäuferin auf den Horizont eines festen Dauerjobs mit garantiertem Mindestlohn. Prekarität führt zu verschärften Positionierungskämpfen und wirkt, wie Pierre Bourdieu Ende der 1990er Jahre beobachtete, als Teil einer neuartigen Herrschaftsform, basierend auf einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit.
Zwar konnten in den nordeuropäischen Ländern Gewerkschaften vom Staat und den Arbeitgeberverbänden Zugeständnisse (Kurzarbeitsregelungen, Sicherung von Stammbelegschaften) eintauschen, dieser «Krisenkorporatismus» verstärkt jedoch die Spaltungslinien am Arbeitsmarkt zusätzlich. Anders als im Nachkriegskapitalismus erreicht er heute nur noch Teile der Beschäftigten, und die Herausbildung eines Sektors mit tiefen Löhnen, unsicheren Erwerbsverhältnissen und mangelnder sozialstaatlicher Absicherung wirkt auf die organisierten Teilarbeitsmärkte mit relativ sicherer Beschäftigung zurück.
Die aktuellere Diskussion um «Entprekarisierung» ist demgegenüber der Versuch, unter den Bedingungen einer extremen Fragmentierung der Erwerbsverläufe und individueller Positionierungskämpfe, widerständige Bewältigungsstrategien gegen die Zumutungen der Prekarisierung mit den Organisationsformen der traditionellen Arbeiterbewegung zu verbinden. Dabei geht es erstens um die – vornehmlich defensive – Sicherung der Normalarbeitsverhältnisse gegen die zahlreichen Infragestellungen arbeitsmarktlicher Schutzbestimmungen. Zweitens um den – offensiv erstrittenen – Ausbau der Rechte für jene Erwerbsformen, die weder sozialstaatlich noch tarifrechtlich abgesichert sind (gesetzliche Mindestlöhne, Regularisierung von Beschäftigten ohne Aufenthaltsstatus) aber auch für jene Bevölkerungsgruppen, die von den verschiedenen wohlfahrtsstaatlichen Arrangements ausgeschlossen sind (Grundeinkommen, usw.). Drittens schliesslich um konkrete organisatorische Massnahmen, um die Prekären in die Organisationen der Arbeiterschaft einzubinden.
Literaturhinweise
Bourdieu, P. (1998). «Prekarität ist überall». In P. Bourdieu, Gegenfeuer: Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion (S. 96–102). Konstanz: UVK Universitätsverlag.
Pelizzari, A. (2009). Dynamiken der Prekarisierung: atypische Erwerbsverhältnisse und milieuspezifische Unsicherheitsbewältigung. Konstanz: UVK Universitätsverlag.
Rodgers, G. & Rodgers, J. (1989). Precarious jobs in labour market regulation: the growth of atypical employment in Western Europe. Geneva: International Institute for Labour Studies.