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Im März 1945 verhandelte ein SS-General mit den Allierten über eine Kapitulation der Deutschen in Italien. Das Treffen fand in Ascona statt und verkürzte den Zweiten Weltkrieg schliesslich um einige Tage.
Am 18. und 19. März 1945 fand auf der Piazza von Ascona das Frühlingsfest zu Ehren des Heiligen Josefs statt. Trotz Krieg nahmen viele Menschen daran teil und feierten ausgelassen. Zur gleichen Zeit fand in diesem kleinen Fischerdorf ein geheimes Treffen statt. Es ist heute als «Operation Sunrise» oder «Operation Crossword» bekannt und vereinigte hochrangige Vertreter der kriegsführenden Mächte an einem Tisch. Komplettiert wurde die Runde von Schweizer Vermittlern. Verhandelt wurde über eine Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Norditalien.
Die ausschliesslich in zivil gekleideten Teilnehmer des Treffens waren SS-Obergruppenführer Karl Wolff, Generalmajor Lyman L. Lemnitzer für die USA sowie der englische Generalmajor Terence S. Airey. Das Zusammentreffen war von Allen Dulles, Leiter des Office of Strategic Services (OSS) in Bern – einem US-Nachrichtendienst des amerikanischen Kriegsministeriums – zusammen mit seiner rechten Hand, dem Deutsch-Amerikaner Gero von Schulze-Gaevernitz, organisiert worden.
Zusätzlich waren der italienische Baron Luigi Parilli, der Schweizer Nachrichtendienst-Offizier Max Waibel und Max Husmann, Gründer und Direktor des Instituts Montana am Zugerberg, anwesend. Hinzu kamen Adjutanten, Sekretärinnen, Übersetzer und Leibwächter. Die Gruppe bestand aus mindestens 20 Personen. Nicht dabei waren die Russen.
Für das Treffen wurden in der Region Ascona mehrere Liegenschaften genutzt. Während die Vertreter der Allierten in der Villa al Roccolo des Industriemagnaten und Nazi-Gegners Edmund Hugo Stinnes residierten, logierten andere Teilnehmer als «Touristen» in verschiedenen Hotels. Am 18. März trafen sich Karl Wolff und Allen Dulles in einem kleinen Haus in der Via Signore in Croce in Ascona. Es gehörte ebenfalls Stinnes, der für die Verhandlungen diverse Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte. Die eigentlichen Gespräche begannen am 19. März in der kleinen Villa Margiana am See.
Karl Wolff, höchster SS- und Polizeiführer in Italien, war mit einer bedingungslosen Kapitulation einverstanden und machte viele Zugeständnisse. Beispielsweise die Freilassung von mehreren wichtigen Partisanenführern. Im Gegenzug sollte er die mündliche Garantie für einen Freispruch in den kommenden Kriegsverbrecherprozessen erhalten.
Erste Kontakte zwischen den in Italien stationierten Deutschen und den Alliierten gab es bereits im Herbst 1944. Mehrere Rückschläge verzögerten die Verhandlungen jedoch. Adolf Hitler beorderte Generalfeldmarschall Albert Kesselring am 8. März 1945 zurück nach Deutschland, um die Führung der gesamten Westfront zu übernehmen. Der oberste Befehlshaber der Wehrmacht in Italien wäre laut Wolff für Verhandlungen für eine Kapitulation offen gewesen. Nur wenn beide Organisationen, die SS und die Wehrmacht, der Kapitulation zugestimmt hätten, wäre eine Umsetzung überhaupt möglich gewesen.
Kesselrings Rückkehr war ein Rückschlag für Wolff. Albert Kesselrings Nachfolger, General Heinrich Gottfried von Vietinghoff-Scheel, musste erst wieder überzeugt werden. Auch auf amerikanischer Seite kam es zu Verzögerungen. Nach dem Tod von Franklin D. Roosevelt am 12. April 1945 übernahm Vizepräsident Harry S. Truman, der die Arbeit der OSS in Europa kritisch überprüfte. Das kostete Zeit. Inzwischen standen die Truppen der Alliierten bereits vor Bologna.
Am 29. April 1945 endet die Operation Sunrise in Caserta bei Neapel. Oberstleutnant Viktor von Schweinitz als Vertreter der Wehrmacht in Italien und SS-Major Eugen Wenner als Vertreter der SS auf der Halbinsel unterzeichnen die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien. Diese trat am 2. Mai 1945 in Kraft. Diese Kapitulation erfolgte sehr spät. Grosse Teile Italiens waren bereits befreit und der Einfluss auf den Gesamtkrieg war bescheidener als es einige der Beteiligten in ihren Memoiren später darstellten.
Operation Sunrise hatte für viele der Involvierten Vorteile. SS-General Karl Wolff wurde von der Justiz trotz Beteiligung an zahlreichen Kriegsverbrechen erstaunlich milde behandelt. Er verbrachte weniger als neun Jahre im Gefängnis und starb 1984 in Priem am Chiemsee. SS-Sturmbannführer Eugen Wenner erhielt gar keine Strafe und arbeitete nach dem Krieg für die CIA in Südamerika. Bei diesem Engagement hatte der spätere CIA-Direktor Allen Dulles mit Sicherheit die Hände im Spiel.
Die Verhandlungen mit Wolff polierten die magere operative Leistung des OSS in der Schweiz massiv auf und waren ein gewichtiges Argument für die Übernahme der Leitung der CIA. Dulles' Arbeitsmethoden blieben jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg kontrovers. Unter seiner Führung wurden mehrere blutige Staatsstreiche in Südostasien sowie in Mittel- und Lateinamerika durchgeführt. Diese prägten die amerikanische Aussenpolitik für Jahrzehnte. 1961 wurde Allen Dulles nach der gescheiterten Invasion der Schweinebucht in Kuba von J.F. Kennedy gefeuert. Er starb 1969 im Alter von 75 Jahren in Washington.
Max Waibel wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Militärattaché in den USA befördert. Danach stieg er bis in den Rang eines Divisionärs auf. Trotzdem endete sein Leben auf tragische Weise. Waibel war in den Finanzskandal der Luzerner Privatbank Ernst Brunner & Co. verwickelt, der letztlich in einem Konkurs endete. Als Verwaltungsrat der Bank wurde ihm der Druck zu gross und er nahm sich im Januar 1971 das Leben.
Welche Rolle spielte die Schweiz bei diesen geheimen Verhandlungen? Offiziell keine. Doch 20 Personen, darunter schwer bewaffnete Leibwächter, in einem kleinen Tessiner Dorf einzuquartieren und Verpflegung und Transport für sie zu organisieren, war in Zeiten von Essensrationierungen und verstärkten Polizeikontrollen ohne die Zustimmung der Behörden unmöglich. Die Schweiz profitierte von der Operation Sunrise, weil sie sich 1945 als neutrale Vermittlerin positionieren konnte. Das war besonders wichtig, nachdem das Land in den Jahren zuvor dem Dritten Reich zumindest wirtschaftlich keine Steine in den Weg gelegt hatte.
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