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Jüdischem Pioniergeist verdankt sich im späten 19. Jahrhundert das Entstehen des Warenhauses. Auch in der Schweiz. Eine fast vergessene Geschichte, an die jetzt die Historikerin Angela Bhend verdienstvollerweise erinnert.
Manor oder Loeb, Globus oder Jelmoli – kennt jeder. Und viele erinnern sich sicher noch an Vilan oder Frawa oder Epa. So allgegenwärtig das Warenhaus in unseren Städten ist, so wenig präsent ist seine Geschichte in unserem Bewusstsein.
Wer ausser Historikern wüsste heute noch etwas anzufangen mit dem Namen Julius Brann, zum Beispiel? Dabei war er der grosse Pionier, der die neue Idee des Warenhauses am Ende des 19. Jahrhunderts in die Schweiz und zu einer ersten Blüte brachte und bis zum 2. Weltkrieg der grösste Warenhausbesitzer der Schweiz war. Wem ist heute noch bewusst, dass die Geschichte der Warenhäuser überhaupt auch wesentlich eine jüdische Geschichte ist, weil jüdische Pioniere in Deutschland, in Frankreich und später auch in der Schweiz die Menschen mit dieser neuen Form des Handels und des Konsums bekannt machten – und zwar höchst erfolgreich?
Die Metropolen Paris und Berlin machten es vor
Die Schweizer Historikerin Angela Bhend hat nun eine Dissertation über die jüdischen Gründer von Warenhäusern in der Schweiz von 1890 bis 1945 verfasst. Sehr gut lesbar, von unglaublichem Reichtum an Material und üppig bebildert liefert das Buch eine höchst anschauliche und lehrreiche Lektüre. Wirtschafts- Sozial- , Kultur- und Architekturgeschichte, jüdische und Frauengeschichte, das alles fügt sich im Komplex Warenhaus zusammen und hat die Autorin geschickt verwoben.
Viele Faktoren waren es, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts neue Formen des Handels mit sich brachten – und die sich mit Verspätung dann auch in der Schweiz bemerkbar machten: Demografische Verschiebungen etwa durch Urbanisierung, technischer Fortschritt, der auch die Mobilität erheblich erhöhte, neue Werbe- und Verkaufsmethoden, steigende Kaufkraft des Mittelstandes, was wiederum Massenproduktion und Massenkonsum nach sich zog. Die Metropole Paris machte es vor, Deutschland folgte nach der Reichsgründung von 1871, nach der sich Berlin nun als Hauptstadt ebenfalls rasant zu einer Metropole entwickelte.
Jüdische Pioniere aus der Provinz
Zur Stelle waren innovative jüdische Pioniere, die, meist aus kleinen und provinziellen Verhältnissen kommend, das Warenhaus «erfanden». In Deutschland waren bis auf Rudolph Karstadt sämtliche Gründer jüdisch – erinnert sei an die grossen Namen wie Wertheim, Schocken, Tietz (Hertie) – und sie alle stammten aus ehedem preussischen Provinzen wie etwa Posen (den Grund für diese geografische Häufung hat die Forschung bis heute nicht herausgefunden). In Frankreich waren die Gründer oft Landjuden aus den elsässischen Dörfern, die ihre Existenz mit Aufkommen neuer Verkehrsmittel als Handelsreisende oder Hausierer verloren und von denen viele nach 1871 nicht deutsch werden wollten.
Und genau aus diesem deutschen und elsässischen Herkunftsmilieu kamen auch die Warenhausgründer in der Schweiz. Die Loebs allerdings stammten aus Rheinhessen. 1930 hatten von 32 Warenhäusern 16 jüdische Besitzer – was natürlich weit über ihrem Bevölkerungsanteil lag.
Moderne Weltläufigkeit
Sie alle brachten etwas mit, was dem lokalen und stationären Kleinhandel abging und was er bis dahin auch nicht als Manko erlebt hatte: Pioniergeist, hohe Mobilität durch ihre Reisen, genaue Kenntnis von Konsumenten und Produzenten, also auch hohe Menschenkenntnis, Erfahrung mit Ein- und Verkauf. Das entwickelte sich nur deshalb so, weil Juden über Jahrhunderte von den meisten anderen Berufen ausgeschlossen blieben, was man sich immer wieder vor Augen führen muss. Nun aber fielen endlich diese rechtlichen Schranken.
Doch andere Berufsfelder wie Beamtentum, Militär, Handwerk waren schon besetzt. Daher gingen viele Juden in die freien Berufe, wurden Ärzte und Juristen, oder eben: erfanden den Handel gewissermassen neu. Das herkömmliche Gewerbe aber blieb in seinen Strukturen und Gewohnheiten gefangen und kam mit dem rasanten Wandel von der agrarisch geprägten zur modernen Konsumgesellschaft nur schlecht zurecht.
Kafka beeindruckt vom Jelmolibau in Zürich
Julius Brann wurde gewissermassen der Urvater dieser Schweizer Warenhausgründer. Er stammte aus Preussen, war jüdisch und fing 1896 in Zürich mit einem Engroslager an. Vier Jahre später wurde daraus ein Warenhaus. 1899 folgten Loeb und Jelmoli (die Gründung eines Piemontesen). Immer mehr Händler strömten aus dem Elsass und aus deutschen Provinzen in die Schweiz, fingen mit kleineren Länden an, aus denen dann kleinere und oft auch grosse Warenhäuser wurden, mit Filialen über die ganze Schweiz verteilt. 1902 eröffnete die Familie Nordmann an der Luzerner Weggisgasse ihr erstes grosses Warenhaus, unter Beteiligung der Familie Maus, die ebenfalls einen kometenhaften Aufstieg hinlegte. Besonders gemeinsam wurden diese beiden Familien stark.
Dass die Schweiz später folgte in dieser Entwicklung hat auch damit zu tun, dass die Städte später wuchsen als anderswo, vom Fehlen grosser urbaner Zentren nicht zu reden. Dann aber rasant wie etwa Zürich (1880 78’300 Einwohner, 1900 schon 150’700). Die Kundschaft jedenfalls war begeistert von den neuen und umfassenden Angeboten und vor allem dem neuen Einkaufserlebnis in den lichthellen Glas- und Stahlbauten. Selbst Franz Kafka und Max Brod waren tief beeindruckt vom neuen Jelmolibau, als sie einst nach Zürich kamen. Und die Kundschaft war vor allem weiblich. Wie auch das Verkaufspersonal, das unglaubliche Arbeitszeiten zu absolvieren hatte.
Enger Zusammenhalt der Gründerfamilien
Brann, Loeb, Nordmann, Maus – das sind die bekanntesten Namen und Familien, letztere drei bis heute erfolgreich auf dem Markt. Daneben gab es viele kleinere Familien und Warenhäuser, die man heute nicht mehr kennt. Die Geschichte ihrer Unternehmen ist bis weit in das 20. Jahrhundert auch eng mit vielen antisemitischen Attacken verbunden. Natürlich war es die abgehängte Konkurrenz, die auch diese Karte zog. Die Kundschaft aber liess sich davon nicht beeindrucken. Die Verbindung von Qualität und niedrigem Preis, was erst durch Massenproduktion möglich wurde, erwies sich als unschlagbar.
Neben dem kaufmännischen Geschick zeichnete diese jüdischen Unternehmer auch ein enger familiärer Zusammenhalt aus, was strategische Eheschliessungen unter den meist zahlreichen Kindern einschloss. Auch das war die Konsequenz aus jahrhundertealter Ausgrenzung und Verfolgung. Geschäftsgebaren wie privater Lebenswandel waren seriös, darauf wurde viel Wert gelegt.
Bedrohungen und Behinderungen während der Hitler-Zeit
Grosse Änderungen brachte die NS-Zeit mit sich. Juden fühlten sich auch in der Schweiz bedroht, die Angst vor einem deutschen Einmarsch griff um sich. Im «Frontenfrühling» 1933 wurden auch die «jüdischen» Warenhäuser Zielscheibe von Angriffen. Globus warb daraufhin explizit damit, ein «rein schweizerisches» Warenhaus zu sein – was gemeint war, war klar. Der Bundesrat beschloss sogar, es dürften keine Warenhäuser mehr neu gegründet oder erweitert werden. Erst 1945 wurde der Beschluss wieder aufgehoben. 1939 übernahm Oscar Weber die Brann AG und deren Anteile an der Epa – es war das Ende dieses Unternehmens. Wer es sich leisten konnte, emigrierte nach Amerika. Zu ihnen gehörte Julius Brann, aber auch Mitglieder der Familien Loeb oder Nordmann suchten in den USA Zuflucht und bauten ein neues Standbein auf.
Und kamen nach dem Krieg zurück, um an den Erfolg von früher anzuknüpfen.