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Am 18. 7. 2010 verstarb das langjährige SPG-Mitglied Harry Thomas 83-jährig an den Folgen einer Lungenentzündung. Professor Thomas gilt als einer der Wegbereiter der Festkörperphysik in der Schweiz in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Seine Forschungstätigkeit in der Schweiz begann er 1956 als Mitarbeiter im damaligen IBM Forschungslabor in Adliswil, danach in Rüschlikon, wo er 1966 als Nachfolger von Ambros Speiser Leiter des Gesamtlabors wurde. 1969 übernahm er ein Ordinariat in Frankfurt, folgte aber bereits 1973 einem Ruf an die Universität in Basel. Dort wurde eine umfassende Umstrukturierung der physikalischen Anstalt durchgeführt, in dem die vormals eigenständigen Teilinstitute Physikalisches Institut, Institut für Angewandte Physik und Institut für Theoretische Physik zu dem Institut für Physik vereint wurden. Zusammen mit H.-J. Güntherodt wurde er zum Gründungsprofessor der Festkörperphysik. Aus seinen reichhaltigen wissenschaftlichen Tätigkeiten seien beispielhaft die theoretischen Untersuchungen an oxydischen Perovskiten in Zusammenarbeit mit Forschern von IBM erwähnt, die 1987 zur Verleihung des Nobelpreises an K. A. Müller und G. Bednorz führten. Eine ausführliche Schilderung der wissenschaftlichen Leistungen von H. Thomas, geschrieben von seiner Habilitandin A. Bussmann-Holder, ist in Physics Today, 07 February 2011, online, erschienen.
K. A. Müller, Physik-Institut der Universität Zürich
Der erste Kontakt mit Harry war ein indirekter: Für das Diplomstudium, nach dem zweiten Weltkrieg an der ETH in Zürich, las Wolfgang Pauli die vier klassischen Vorlesungen in Theoretischer Physik. Das Bedürfnis, die Quantenmechanik intus zu haben, war aber gegeben. Auf Empfehlung beschaffte ich mir das Buch von Hans Falkenhagen „Quantenmechanik“, Professor an der Universität in Rostock, das ich mit Gewinn ganz durcharbeitete. Erst viel später erfuhr ich von Harry, dass er als Assistent von Falkenhagen ganz wesentlich daran mitgearbeitet hatte. Nach dem Diplom hielt dann Pauli eine Vorlesung über Quantenmechanik an der ETH, im Wesentlichen seinem berühmten Artikel folgend, der ich mit meinen Vorkenntnissen gut folgen konnte.
Direkt lernte ich Harry bei meinem Eintritt in das Forschungslaboratorium der IBM in Rüschlikon 1963 kennen, wo er die Gruppe für theoretische Physik leitete. Ich hatte mir einen gewissen Namen mit meinen Experimenten über die paramagnetische Resonanz von Übergangsmetallionen in Oxyden gemacht, war quasi ein „single ion man“, hatte aber keine Ahnung von kooperativen Phänomenen. In einzelnen Sitzungen hat er mir damals das Wesentliche der Physik vieler Teilchen, insbesondere der Rückkoppelung bei Phasenübergängen beigebracht. Daraus ergab sich eine Zusammenarbeit bei der Untersuchung von strukturellen Phasenübergängen zweiter Art, wie beim SrTiO3 und LaAlO3 beobachtet, mit ihrem Ordnungsparameter und den weichen ungedämpften Moden. Diese Theorie, die im Wesentlichen von Harry stammte, wird heute noch zitiert.
Bald nach der Gründung des IBM Laboratoriums hatte Professor Dr. G. Busch von der ETH aus die Zeitschrift „Kondensierte Materie“ beim Springer Verlag ins Leben gerufen. Er bat Harry Thomas, die Redaktion zu übernehmen. Harry hat dies während seiner Zürcher Zeit sehr gewissenhaft getan und alle eingereichten Arbeiten gelesen. Bei seiner ausserordentlich raschen Auffassungsgabe und dem Blick für das Wesentliche hat er für das Ansehen dieser Zeitschrift viel beigetragen und sich gleichzeitig weitergebildet. Schon bevor ich nach Rüschlikon kam, hatte ich mittelst EPR den Jahn-Teller (JT) Effekt an Ionen, welche entartete Bahnzustände aufwiesen, untersucht. Harry hat sich bald für den JT Effekt interessiert, und es entstand eine Arbeit über strukturelle Phasenübergänge, welche durch die kooperative Wechselwirkung von JT Ionen zustande kommen. Harry hat sein Interesse am JT Effekt auch nach seinem Ruf als Ordinarius nach Frankfurt und nach demjenigen an die Universität Basel beibehalten.
Unter seiner Leitung entstand die Dissertation von Herrn Karl Heinz Höck. In dieser handelte es sich um eine Theorie über die mögliche Existenz von Jahn-Teller Polaronen. Es wurden an regulären Gitterplätzen einer linearen Kette Ionen angenommen, welche einen entarteten Grundzustand aufwiesen und, falls durch einen Ladungsträger besetzt, eine durch den JT Effekt bedingte lokale Gitterverzerrung aufweisen konnten: ein JT Polaron. Als Modell Hamiltonian wurde der berühmte von Holstein benützt und mit einer Variationsrechnung die Existenz und das Verhalten von JT-Polaronen erarbeitet. Da beim JT Effekt die Born-Oppenheimer Approximation nicht gültig ist, d.h. die elektronischen und Kern-Freiheitsgrade nicht entkoppelt werden können, entsteht eine starke Wechselwirkung zwischen denselben, was ich als Möglichkeit für Supraleitung mit hoher Temperatur ansah und dies als Konzept benützte, was zur bekannten Entdeckung von Georg Bednorz und mir führte.
Als ich in die IBM eintrat, hatte ich eine nicht unerhebliche Aversion gegen Deutschland. Dies war bedingt durch den zweiten Weltkrieg, den ich als Mittelschüler ein Dutzend Kilometer von der Grenze erlebt hatte, und auch weil meine Familie von der Mutterseite in Polen fast ganz umgekommen war. Ich lernte in Harry und auch in Prof. Bruno Elschner (später in Darmstadt) zwei deutsche Physiker kennen, welche mir das Vorhandensein des humanistischen und tief gütigen Menschseins in Deutschland aufzeigten. Dies führte zu einer inneren Aussöhnung nach all dem Schrecklichen und einer Achtung, welche über den Tod hinausgeht. Harry war ein sehr bescheidener Mensch und hat seinen wichtigen Beitrag zur Entdeckung der Hoch-Temperatur Supraleitung kaum je erwähnt.
[Veröffentlicht: Mai 2011]