Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03352.jsonl.gz/2128

Ein weiteres Exemplar aus meiner Sammlung „Wahre Märchen“:
Es war einmal eine Frau namens Marguerite. Sie wird in New York geboren, und zwar in eine steinreiche Familie Schweizer Abstammung hinein. Vom Reichtum ihrer Familie hat sie allerdings nicht besonders viel; als ihr Vater 1912 beim Untergang der Titanic ums Leben kommt, ist er längst aus dem Familienunternehmen ausgeschieden und hinterlässt nur relativ wenig Geld (aber „relativ wenig“ ist in diesem Fall immer noch eine ganze Menge!). Als junge Frau entdeckt Marguerite dann die beiden Leidenschaften, die ihr ganzes Leben bestimmen werden: die Kunst – und die Männer. Wassily Kandinsky, Max Ernst, Jackson Pollock, Hans Arp und Sophie Taeuber, Piet Mondrian, Alexander Calder, Fernand Léger, Alberto Giacometti, Samuel Beckett – Marguerite kennt und fördert sie alle (obwohl sie, wie gesagt, keineswegs unermesslich reich ist), manche liebt sie auch, den einen oder anderen heiratet sie sogar. Lange lebt die Kunstsammlerin und Galeristin in Paris, doch als der Zweite Weltkrieg ausbricht, kehrt sie (als Jüdin) vorübergehend nach Amerika zurück. Ihre Bilder und Skulpturen (im Nazi-Vokabular „entartete Kunst“) hat sie in Frankreich sorgfältig versteckt. Nach dem Krieg kauft Marguerite in Venedig einen alten Palazzo, in dem sie repräsentativ wohnen und ihre ständig grösser werdende Sammlung standesgemäss unterbringen kann. Übrigens besitzt sie die letzte Privat-Gondel in der Geschichte der Lagunenstadt.
Offiziell hiess sie zwar Marguerite, aber für alle Welt war sie Peggy, genauer gesagt Peggy Guggenheim. Ihr Palazzo in Venedig ist heute ein Museum. Ihre Memoiren Ich habe alles gelebt sind jetzt im Katalog von buchplanet.ch zu finden.