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Wie geht es weiter mit der Globalisierung? Entstehen jetzt neue Blöcke? Diese Fragen stellen sich nach der Invasion von Russland in der Ukraine und angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China. Ökonom Ian Goldin befürchtet einen Rückschlag für den globalen Handel.
Ian Goldin
Professor für Globalisierung und Entwicklung, Universität Oxford
Der in Südafrika geborene britische Professor Ian Goldin ist Gründungsdirektor der Oxford Martin School, die sich sozialwissenschaftlicher Forschung widmet. Der mehrfache Buchautor war in den Jahren 2003 bis 2006 zudem Vizepräsident der Weltbank.
SRF News: Die Welt ist in den letzten 30 Jahren zusammengewachsen. Es wird mehr gehandelt, mehr kooperiert. Was hat uns das gebracht?
Ian Goldin: Noch nie in der Geschichte sind so viele Menschen in so kurzer Zeit der Armut entronnen wie seit dem Fall der Berliner Mauer. Die Globalisierung hat uns Wohlstand gebracht, mehr Reichtum und Menschenrechte. Nun riskieren wir einen Rückschritt.
Was meinen Sie damit?
Es ist möglich, dass wir vor einem Wendepunkt stehen. Wir bewegen uns in Richtung regionaler Handelssysteme, einer Fragmentierung der Welt. Es ist noch nicht zu spät, aber wir müssen uns entscheiden.
Ich sehe China und Russland nicht als einen neuen Block.
Vielleicht einigen sich die USA mit China, und der Krieg in der Ukraine geht rasch zu Ende. Aber ich habe grosse Zweifel.
Was wäre denn so ein Wendepunkt? Wäre es zum Beispiel möglich, dass Russland zusammen mit China einen neuen Block bildet?
Russland und China müssen ihre Zusammenarbeit zuerst noch definieren. Ich sehe die beiden Länder nicht als einen neuen Block. Das grösste Risiko ist, dass der Westen China oder sogar Indien ausgrenzt. Das wäre meiner Meinung nach ein historischer Fehler.
Ist nicht gerade auch die Abhängigkeit von China ein Problem?
Es ist noch nicht zu spät. Man sollte China davon überzeugen, dass es von einer harmonischen Weltordnung profitiert. China ist von den Exporten abhängig und hat verstanden, wie wichtig die Globalisierung für das eigene Land ist. China ist in dem Punkt anders als Russland.
Ich finde es falsch, Länder aus der Welthandelsorganisation auszuschliessen.
Seit dem Angriff Russlands dreht sich die Sanktionsspirale. Müsste man Russland nun aus der Welthandelsorganisation ausschliessen?
Nein. Ich finde es falsch, Länder aus der Welthandelsorganisation auszuschliessen. Die Organisation spielt eine wichtige Rolle. Sanktionen gegen Russland sind angemessen. Aber ein Ausschluss wäre verfehlt.
Russland hat die Gaslieferungen nach Europa gedrosselt. Die Folge sind steigende Energiepreise. Sollte man das System überdenken und schauen, dass die Länder wieder vermehrt für sich selber sorgen?
Es wäre sehr gefährlich zu glauben, alles renationalisieren zu müssen. Denn das wäre mit immensen Kosten verbunden. Der richtige Weg ist die Diversifizierung, um weniger von einzelnen Ländern abhängig zu sein, etwa indem man eigene Lager aufbaut. Protektionismus hingegen würde der Wirtschaft und der Gesellschaft nur schaden.
In der Geschichte hat es in Bezug auf die Globalisierung immer wieder Rückschläge gegeben. Was ist diesmal aus Ihrer Sicht anders?
Im Unterschied zu früher sind die Länder viel mehr aufeinander angewiesen. Sie sind so stark integriert wie noch nie. Viele Probleme und Risiken der Globalisierung lassen sich nur gemeinsam lösen. Das zeigen zum Beispiel der Klimawandel und die Corona-Pandemie.
Der Populismus kann gestoppt werden, indem der Wohlstand besser verteilt wird.
Die Globalisierung habe viel Reichtum gebracht, sagen Sie. Wie erklären Sie sich die zunehmende Skepsis gegenüber Freihandelsabkommen und den wachsenden Nationalismus und Populismus in verschiedenen Ländern?
Der Grund dafür sind die zunehmenden Ungleichheiten. Viele Leute haben nicht von der Globalisierung profitiert und es ist der Eindruck entstanden, dass nur eine städtische Elite reich geworden ist. Der Populismus kann gestoppt werden, indem der Wohlstand besser verteilt wird.
Das Gespräch führte Manuel Rentsch.