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Erklärtes Ziel des Herausgebers dieser Auswahl, Otto F. Best, war es, Moses Mendelssohn aus dem Schatten seines grossen Freundes Gotthold Ephraim Lessing heraustreten zu lassen. Die Auswahl ist erstmals 1974, dann wieder 1986, bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen. Meine Ausgabe, die dritte Auflage, stammt von 1994. Das deutet auf ein gewisses, kontinuierliches Interesse beim Publikum hin; dennoch ist es wohl kein grosses Wagnis, zu behaupten, Otto F. Best habe sein Ziel nicht erreicht. Noch heute fristet Mendelssohn ein Schattendasein im Bewusstsein der philosophischen und literarischen Leser.
Ein wichtiger Grund dafür ist sicher, dass Mendelssohn im Gegensatz zu Lessing nie den einen, den seminalen, den wegweisenden oder wenigstens den die ästhetische Diskussion in andere Bahnen lenkenden Beitrag hat liefern können, den Lessing mit seinem Laokoon geliefert hat. Der Autodidakt Mendelssohn (aber waren zu jener Zeit nicht alle Autodidakten?) war ein solider Forscher und Publizist – die Genialität seines Freundes ging ihm ab.
Allerdings sind Mendelssohns Schriften interessante philosophiegeschichtliche Dokumente. Man kann in ihnen verfolgen, wie das Denken jener Zeit begann, sich aus den aufklärerischen Wurzeln hin zu einer Wertschätzung antiken Kunstguts (und damit zu Winckelmann und der Weimarer Klassik) zu entwickeln; wie überhaupt die Ästhetik begann, als eigenständige Disziplin wahrgenommen zu werden. Zu Beginn von Mendelssohns Wirken stand die Ästhetik noch ganz im Banne von Leibniz und Wolff. Die Sinne waren Fakultäten der „unteren“ Erkenntnis, des Leibs im Gegensatz zur Ratio als Erkenntnis des Geistes. Auch Baumgarten, der ‚Erfinder‘ der Ästhetik als eigenständiger philosophischer Disziplin, hatte so argumentiert. Mendelssohns Denken setzt ziemlich genau bei denselben Ideen ein und an.
Moses Mendelssohn ist erkenntnistheoretisch gesehen ein Mann John Lockes. Die Erfahrung steht im Mittelpunkt des Erkennens und damit des Philosphierens. Ästhetik und Erkenntnistheorie paaren sich, wenn Mendelssohn im Rückgriff auf Shaftesbury die Harmonie als wichtigen Teil philosophischen Denkens betrachtete, eine Harmonie, die er auf der Grundlage des guten Geschmacks oder Empfindens als Gegensatz zum Verstand aufbauen wollte. In zustimmender Auseinandersetzung mit Sulzer bemüht sich Mendelssohn, den Individualismus ästhetischer Urteile zu vermeiden, eine Allgemeinverbindlichkeit des Geschmacksurteils zu bewahren und das Vergnügen auf den Vollkommenheitsbegriff zurück zu führen. (Anders als bei Sulzer ist so aber die ästhetische Erkenntnis der verständlichen Vollkommenheit unterlegen.) Mendelssohn änderte diese seine Ansicht aber nach der Lektüre von Pouilly und deklariert, dass jede (klare) sinnliche Erkenntnis zu einem verbesserten Körpergefühl führen müsse.
Später besprach Mendelssohn eine kommende deutsche Übersetzung von Edmund Burkes Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen. Es ist indirekt auch eine Auseinandersetzung mit der Poetik des Aristoteles, indem das Erhabene von Mendelssohn vom Schrecken losgelöst wird, auf den es Burke reduzieren wollte. Die Übersetzung, nebenbei, wäre von Lessing gewesen, kam aber so nie zu Stande. Etwas später hat dann Christian Garve den Text übersetzt.
Wir kennen viele Autoren und/oder Schriften heute kaum noch, auf die sich Mendelssohn bezieht. Dennoch lohnt sich eine Lektüre – jedenfalls für den Philosophiehistoriker bzw. für den an der Geschichte der Ästhtetik Interessierten. Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist unterdessen auch ein zweibändige Werkausgabe zu finden.