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Wie im ersten Blogbeitrag zu Harun Yahya (a.k.a. Adnan Oktar) angekündigt, möchte ich mich an dieser Stelle der konkreten Argumentation des Kreationisten Harun Yahya widmen. Dabei beziehe ich mich auf folgendes Buch Yahyas (hier gratis downloadbar):
Bevor ich mich mit einigen Aussagen des Buches auseinandersetze, soll die Biographie Adnan Oktars, der unter dem Pseudonym Harun Yahya wirkt, angesprochen werden. Eine gute Zusammenfassung ist unter wikipedia einsehbar. An dieser Stelle muss ich einen Fehler aus dem ersten Beitrag zu Harun Yahya richtigstellen: Ich hatte behauptet, Yayha verfüge über keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund, was nicht zu stimmen scheint, da er ein Innenarchitektur-Studium bestritten hat.Nun aber zum eigentlichen Thema: Der Validität der Argumente Yahyas. Inhaltlich werden zwei Hauptaussagen getroffen:
Die Organisation, welcher Yahya vorsteht, ist die «Scientific Research Foundation», mit offenbar potenten Geldquellen. 2008 wurde Yayha wegen Betruges zu 3 Jahren Haft verurteilt - ob die Strafe bereits abgelaufen ist oder ob an der Veranstaltung Ende Mai im Kongresshaus in Zürich Yahya gar nicht zugegen sein wird, ist unklar.
Die Organisation, welcher Yahya vorsteht, ist die «Scientific Research Foundation», mit offenbar potenten Geldquellen. 2008 wurde Yayha wegen Betruges zu 3 Jahren Haft verurteilt - ob die Strafe bereits abgelaufen ist oder ob an der Veranstaltung Ende Mai im Kongresshaus in Zürich Yahya gar nicht zugegen sein wird, ist unklar.
- Die Evolutionstheorie ist wissenschaftlich widerlegt.
- Die Widerlegung der Evolutionstheorie ist der Beweis für die Gültigkeit eines islamischen Kreationismus.
Die Argumente für die erste Behauptung sind falsch, die Schlussfolgerung der zweiten Behauptung unabhängig von der Gültigkeit der ersten Behauptung grundsätzlich unlogisch. Zunächst widme ich mich dem ersten, danach dem zweiten Punkt.
1. Die Evolutionstheorie ist wissenschaftlich widerlegt
Der Titel des Buches ist «Der widerlegte Darwinismus», was zweiwerlei bedeuten kann: Der Autor ist der Ansicht, dass die Evolutionstheorie sowohl theoretisch als auch empirisch noch auf dem Stande der Publikation von «On the Origin of Species» im Jahr 1859 ist. Ein weiterer Grund für die Verwendung des Begriffes «Darwinismus» ist die implizite Diskreditierung einer wissenschaftlichen Theorie als dogmatischen Kult - egal ob Stalinismus, Faschismus, Fundamentalismus, «-ismus» trägt stets negativ gefärbte Konnotationen.Auf Seite 11 ist das Vorwort zu finden. Bereits der erste Absatz ist falsch und verheisst wenig Gutes für den Rest des Buches:
Jeder, der eine Antwort sucht auf die Frage, wie das Leben – ihn selbst eingeschlossen - entstanden ist, wird auf zwei ganz verschiedene Erklärungen stoßen. Die erste ist "Schöpfung", die Vorstellung, dass alles Leben als Konsequenz einer intelligenten Planung entstanden ist. Die zweite Erklärung ist die Evolutionstheorie, die behauptet, Leben sei nicht aufgrund intelligenter Planung, sondern als Folge zufälliger Ereignisse und natürlicher Prozesse entstanden.
So oft wiederholt und doch nicht gehört: Evolution ist eine Erklärung für die Entwicklung des Lebens, nicht deren Entstehung. Sogar die katholische Kirche, eine Organisation nicht eben bekannt für Progressivität, sieht Evolutionstheorie mit der in ihren Glaubenssätzen deklarierten Schöpfungsgeschichte vereinbar.
Der letzte Absatz des Vorwortes auf Seite 11 zeigt deutlich auf, wie wissenschaftlich klingende Aussagen gemacht werden, um letztlich Unlogisches zu fordern:
In diesem Buch werden wir die wissenschaftliche Krise analysieren, in der sich die Evolutionstheorie befindet. Es basiert einzig und allein auf wissenschaftlichen Ergebnissen. Diejenigen, die die Evolutionstheorie im Namen der Wissenschaft befürworten, sollten sich mit diesen Ergebnissen auseinandersetzen und ihre bisherigen Vermutungen in Frage stellen. Eine Weigerung, dies zu tun, würde die Akzeptanz des Vorwurfs bedeuten, dass sie aus dogmatischen und nicht aus wissenschaftlichen Gründen an der Evolutionstheorie festhalten.
Die Prämisse ist: Evolution ist wissenschaftlich widerlegt. Die Folgerung: Wer dies nicht anerkennt, handelt unwissenschaftlich. Was aber sind die vermeintlichen Beweise für die Untauglichkeit der Evolutionstheorie? An der Argumentation zum Thema «Mutation» möchte ich dies illustrieren.
Auf den Seiten 36 und 37 wird geklärt, warum Mutation von Genen kein Mechanismus evolutionärer Entwicklung sein kann. Es werden drei Hauptgründe genannt:
1. Die direkte Auswirkung von Mutationen ist schädlich: Da sie zufällig auftreten, schädigen sie fast immer den Organismus, in dem sie auftreten. Die Vernunft sagt uns, dass eine planlose Intervention in eine perfekte und komplexe Struktur diese Struktur nicht verbessern, sondern eher beeinträchtigen wird. Tatsächlich ist noch niemals eine "nützliche Mutation" beobachtet worden.
Mutationen seien also «fast immer» schädlich und «die Vernunft» sage uns, dass eine «planlose Intervention» in eine «perfekte Struktur» nur schlecht sein kann. Der Autor versteht zunächst nicht, dass der Begriff «fast immer» grundsätzlich Evolutionstheorie stützt: Sollte auch nur ein Bruchteil aller auftretenden Mutationen einen Vorteil bringen, kann Selektion zu Gunster dieser Mutation stattfinden.
Die Beschreibung von Erbgut als «perfekte Struktur» ist ein gängiges kreationistisches Argument: Alle Lebewesen seien doch perfekt, «Verbesserungen» gar nicht möglich. Diese absurde Behauptung geht in das «irreducible complexity»-Argument über.
Die Aussage, noch nie seien nützliche Mutationen beobachtet worden, ist angesichts der Hauptaussage dieses Buches amüsant: Der Autor kommt zum Schluss, Evolution gebe es angesichts mangelnder Beweise für diese nicht und stattdessen sei es Allah, der alle Geschicke der Welt steuere. Wenn ich richtig im Bilde bin, wurden weder Allah noch sonstige Gottheiten bisher allzu oft empirisch dokumentiert - konsistente Logik der Argumentation ist keine Stärke von Kreationisten.
Abgesehen davon: Dass keine «nützlichen» Mutationen beobachtet werden konnten, ist eine schwer nachzuvollziehende Behauptung, ist doch die Geschichte des Menschen auch die Geschichte der gezielten Züchtung von Pflanzen und Tieren, also der explizitien Selektion bestimmter Mutationen.
Auf zur zweiten Begründung der Widerlegung der Evolutionstheorie:
Diese Aussage ist schlicht falsch.2. Mutationen fügen der DNS eines Organismusses keine neuen Informationen hinzu. Die Basenpaare, die die genetische Information tragen, werden entweder aus ihrer Position gerissen und zerstört oder an anderer Stelle wieder eingefügt. Mutationen können keinem Lebewesen ein neues Organ oder eine neue Eigenschaft geben. Sie verursachen ausschließlich Abnormalitäten, wie ein Bein, das aus dem Rücken wächst oder ein Ohr, das am Bauch angewachsen ist.
Nun zum dritten Hauptgrund für die angebliche Falschheit der Evolutionstheorie:
3. Damit eine Mutation auf die nachfolgende Generation übertragen werden kann, muss sie in den Fortpflanzungszellen eines Organismus erfolgen. Eine zufällige Veränderung, die in irgendeiner Zelle oder einem beliebigen Organ des Körpers passiert, kann nicht auf die nächste Generation übertragen werden. Zum Beispiel wird ein durch Strahlung oder andere Einflüsse verändertes menschliches Auge nicht an nachfolgende Generationen weitergegeben.Diese Aussage stimmt. Sie erklärt aber nicht, warum Mutationen nicht einer der Grundmechanismen der Evolution sein sollen - ganz im Gegenteil.
Das Buch zählt knapp 400 Seiten - zu viel, um jede einzelne Aussage an dieser Stelle zu prüfen. Ein illustratives Beispiel möchte ich noch aufgreifen, und zwar den «Kollaps des Stammbaums des Menschen» (S. 185 ff.). Folgende Aussage ist kennzeichnend für das Buch:
Was wir bisher untersucht haben, ergibt ein klares Bild: Das Szenario der "Evolution des Menschen" ist fiktiv. Würde es der Realität entsprechen, müsste eine schrittweise Evolution vom Affen zum Menschen stattgefunden haben, und dieser Prozess hätte Fossilien hinterlassen müssen, die inzwischen gefunden worden sein müssten.Es wird fälschlicherweise behauptet, dass der Mensch vom Affen abstamme und der Mangel an «Übergangsformen» beweise, dass die ganze Evolutionstheorie falsch sei. Mit einer derartigen Aussage wird deutlich, wie falsch das kreationistische Verständnis von Evolution ist: «Übergangsformen» sind grundsätzlich alle Organismen. Weiter in dem vorgelegten Argument heisst es:
Eine weitere Entdeckung, die belegt, dass es keinen menschlichen Stammbaum, dem diese verschiedenen Arten angehören würden gibt, ist die, dass manche Arten gleichzeitig mit denen gelebt haben, deren Vorfahren sie gewesen sein sollen.Im Wesentlichen wird damit das alte Argument «Wenn wir von Affen abstammen, warum gibt es dann noch Affen?» aufgegriffen. Das Konzept der «adaptive radiation» kann Klarheit schaffen: Eine neue Art kann aus einer bestehenden entstehen, ohne, dass die alte ausstirbt.
Ich hoffe, mit den obigen Beispielen aufgezeigt zu haben, wie systematisch falsch die Behauptungen Harun Yahyas sind - da ich aber selektiv Beispiele heraussuche, ist Kritik an mich angebracht, denn es kann sein, dass ich gute Argumente des Buches im Zuge einer «confirmation bias» ignoriere.
Ein paar Worte möchte ich noch zum Schreibstil des Buches äussern. Wie oben angedeutet, bedient sich der Autor wissenschaftlich klingenden Jargons und rekurriert oft auf wissenschaftliche Erkenntnis, meistens aus dem Feld der Biologie. Ein allgegenwärtiges Mittel ist «quote mining»: Gezielt werden aus dem Kontext gerissene Zitate von Experten eingesetzt und dahingehend interpretiert, dass das Zitat eine Expertenaussage gegen Evolutionstheorie sei. Ein exemplarisches Beispiel ist auf Seite 122 zu finden:
Die Behauptung, die Befunde von Feduccia und Nowicki seien «Belege» für Kreationismus , ist unhaltbar. Die Autoren argumentieren anhand ihrer interessanten Forschungsergebnisse, dass Vögel nicht direkt der Dinosaurier-Familie der «dromaeosauridae» entstammen, sondern, dass Theropoden-Dinosaurier und Vögel gemeinsame frühere Vorfahren hatten.
2. Die «widerlegte» Evolutionstheorie belegt (islamischen) KreationismusDas zweite Hauptargument bedarf nicht grosser Analyse, ist es doch offensichtlich aus der Luft gegriffen. Ab Seite 338 wird eine «Schlussfolgerung» angeboten:
Der springende Punkt ist, dass die Wissenschaft nunmehr eine Wahrheit bestätigt, die die Religion seit dem Heraufdämmern der Geschichte bis heute bezeugt hat. Gott schuf das Universum und alle Lebewesen in ihm aus dem Nichts. Und es war Gott, der den Menschen aus dem Nichts erschuf und ihn mit zahllosen Eigenschaften segnete. Diese Wahrheit wurde den Menschen seit Anbruch der Zeiten von den Propheten gesandt und in den heiligen Schriften offenbart. Jeder Prophet hat den Gesellschaften, an die er sich wandte, mitgeteilt, dass Gott den Menschen und alle Lebewesen erschaffen hat. Bibel und Quran erzählen die Schöpfungsgeschichte in derselben Weise.Wie genau das angebliche Scheitern einer wissenchaftlichen Theorie als Bestätigung für Religion gedeutet werden kann, ist unklar. Die «Beweise» jedenfalls, welche der Autor liefert, sind ungültig: Zitate aus dem Quran, einem von Menschen verfassten Buch.
Der letzte Teil des Buches wird folgendermassen angekündigt: