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Wie Rentabilität Biodiversität verdrängt
Produktivitätssteigerung. Im 19. Jahrhundert ist in der Schweiz die Lebensmittelversorgung sicherer geworden: Das Wissen um ergiebigere Landbewirtschaftung (Düngung, Züchtung) stieg, Dampfmaschinen machten es möglich, Getreide kostengünstiger zu importieren. Die Bauern brachten grössere Ernten ein, gaben den Getreidebau an ungünstigen Lagen auf, spezialisierten sich. Mit zunehmender Mechanisierung stieg die Produktivität stark an. Immer weniger Bauern produzierten immer mehr Nahrungsmittel ... bis zum Überfluss und bis zu Überschüssen. Für uns Konsumentinnen und Konsumenten mit Vorteilen: Wir haben mehr als genug zu essen und arbeiten dafür im Durchschnitt weniger als einen Zehntel der Arbeitszeit.
Der Preis der Rentabilität. Um die Produktivität derart zu steigern, mussten die Bauern die Natur (und damit die Biodiversität) beschneiden: Hecken beseitigen, Einzelbäume fällen, Obstgärten roden, Wiesen drainieren oder bewässern, Fliessgewässer kanalisieren, Steinhaufen beseitigen, die Begleitflora als Unkraut bekämpfen, die Felder vergrössern. Die Natur litt und leidet aber ebenso durch unser aller Lebensstil, der einseitig die wirtschaftliche Wertschöpfung und den Konsum fördert. Die zunehmende Bautätigkeit verringert und zerstückelt natürliche Lebensräume und versiegeln den Boden. Schadstoffimmissionen belasten die Luft, das Wasser und damit die natürliche Pflanzen- und Tierwelt.
Markt und Ökologie. Ende des 20. Jahrhunderts ist die Erkenntnis verbreitet gewachsen, dass die Umwelt nicht nur leidet, sondern akut gefährdet ist. Daher hat die Bevölkerung, auch unter dem Eindruck der Überschuss-Produktion einzelner landwirtschaftlicher Produkte und unter dem Einfluss einer wachsenden Marktliberalisierung, einer Änderung der Agrarpolitik zugestimmt: Die einheimische Lebensmittelproduktion wird schrittweise dem freien Markt, dem Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen. Um die Minderung der Preise für die Bauern etwas zu kompensieren, werden Direktzahlungen eingeführt, Direktzahlungsberechtigt ist nur, wer bestimmte ökologische Ziele erfüllt.
Schweizer Landwirte müssen 7 % ihres Landes als ökologische Ausgleichsflächen ausweisen: Magerwiesen, Hecken, Krautsäume, Buntbrachen, Obstgärten, Steinhaufen, .... Damit leisten sie ihren Beitrag an die Erhaltung der Biodiversität.
Wie wir der Biodiversität Inseln schaffen
Raum für die Artenvielfalt. 98 Prozent des Schweizer Landwirtschaftslandes wird nach den Normen für den ökologischen Leistungsnach-weis (ÖLN) bewirtschaftet. Nur Landwirte, die diese Normen erfüllen, haben Anrecht auf die Direktzahlungen des Bundes. Der ÖLN enthält Vorschriften zu einer boden- und naturschonenden Produktion und bestimmt, dass mindestens sieben Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen ökologische Ausgleichsflächen sind, auf denen Wildpflanzen und Tiere Lebensraum finden. Ausgleichsflächen sind unter anderem:
Was es für die Biodiversität braucht
Erfolge und Grenzen. Im Berggebiet der Schweiz sind heute 14 Prozent, im Talgebiet 9 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Landes Ökoausgleichsflächen. Seit den 1990er Jahren wächst in der Schweizer Landwirtschaft das Wissen, wie man mit der Natur wirtschaftet. Der ökologische Wert der Ausgleichsflächen steigt, zum Beispiel indem manchenorts die Standorte bewusster gewählt, extensive Wiesen umgebrochen und mit Wiesenblumen neu angesät, Krautsäume auf Dauer angelegt werden. Und trotzdem: „Immer mehr Tier- und Pflanzenarten werden in der Schweiz selten oder sterben aus“, stellt die Naturschutzorganisation „Pro Natura“ fest.
Zersiedelung stoppen. Vor allem im Mittelland wird die freie Landschaft mit Industrie- und Wohnbauten und Verkehrswegen überbaut. Jährlich verschwinden in der Schweiz rund 40 Quadratkilometer Land unter Beton und Asphalt. Die Ökoinseln in der Schweiz werden kleinflächiger und isolierter. Für die biologische Vielfalt braucht es aber grosse, zusam-menhängende Landschaftsräume. Die Orts- und Regionalplanung ist gefordert ... und wir alle, indem wir (jede und jeder einzelne) bewusst den übermässigen Wohnraumbedarf und die Mobilitätssucht begrenzen.
Nutzungsansprüche koordinieren. Mit Landschaftsentwicklungskonzepten (LEK) koordiniert man regional die verschiedenen Nutzungs-ansprüche an die Landschaft – die Ansprüche der Land- und Waldwirtschaft, des Naturschutzes, des Verkehrs, des Siedlungsbaus und der Industrie. Im Interesse der Natur werden im Rahmen eines LEK Gewässer geschützt, Freiräume ausgeschieden, natürliche Räume und Elemente erhalten.
Ökoqualität und Vernetzung fördern. 2001 hat der Bund die Ökoqualitätsverordnung (ÖQV) in Kraft gesetzt. Ökologisch besonders wertvolle Wiesen, Hochstamm-Feldobstbäume und Hecken werden mit zusätzlichen Zahlungen honoriert. Die ÖQV fördert zudem die Vernetzung der ökologischen Ausgleichsflächen untereinander und mit natürlichen Landschaftselementen – mit Gewässern, Waldrändern, Hecken. Die Bauern sind gefordert, diese Massnahmen auf ihren Betrieben zu realisieren.