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Zur geografischen Situation in der Schweiz
In der Antike bis weit in die Neuzeit waren die natürlichen Wasserwege die Mittel der Wahl um Waren mit möglichst geringem Energieaufwand über weite Strecken zu transportieren, - und somit auch ein willkommener Siedlungsort. So ist es kein Zufall dass die eindrücklichsten Funde aus keltischer Zeit in der Schweiz direkt an, oder in unmittelbarer Nähe von solchen Gewässern gemacht wurden. So werden z. Bsp. die Oppida von Bern und von Rheinau sowie das am Uetliberg, die Funde von La Tène, Corneaux und Port, die Gräberfelder von Münsingen und Dietikon und die kürzlich entdeckte Siedlung (Oppidum) von Zürich Lindenhof allesamt miteinander verbunden durch die grossen Nebenflüsse des Rheins. Deren 4 entwässern die Schweiz nach Norden zu. Der westlichste, die Aare kommt vom Berner Oberland her und nimmt als westlichsten Seitenfluss die Saane auf, die Reuss entspringt in der Zentralschweiz an der Wasserscheide von Nordsee und Mittelmeer, die Linth kommt aus dem Glarnerland hervor, verbindet Walen- und Zürichsee um dann als Limmat sich etliche Wegstunden weiter mit den zwei anderen Flüssen zur mächtigen Aare zu vereinen. Nur noch kurze Zeit trägt die mächtige Aare ihren Namen, dann muss sie ihn an den vergleichsweise kleinen Rhein abgeben. Dieses Gewässersystem ist zudem über kurze Landwege angebunden an das der Donau, die wenig nördlich der Schweizer Grenze entspringt und an den Lauf der Rhone, der uralten Verbindung zum Mittelmeer.
Reko eines keltischen "Transportschiffs" im Latenium
Zur archeologischen Situation im Limmattal und Umfeld
Das Limmattal war nicht erst seit der Römerstrasse die dadurch führte ein Handelsweg nach Süden. Entlang der Strecke Limmat Zürich- und Walensee führte schon zu frühkeltischer Zeit ein Handelsweg zu den cisalpinen Galliern und zu den Etruskern als wichtigen Handelspartnern. Dies hatte einen Niederschlag in einer gegenseitigen Beeinflussung die sich in der Fundsituation wiederspiegelt, z. Bsp. in der Verbreitung der ersten Fibeln von Süden her (F. Müller, KidS, S. 41).
Die wichtigsten latenezeitlichen Fundstellen aus dem Limmattal sind der Uetliberg der das Tal überragt, die neuentdeckte Siedlung Lindenhof und Umfeld, Zürich mit dem sensationellen Klumpen aus 18000 zusammengeschmolzenen Münzen aus dem See, das Gräberfeld in Dietikon und die nahegelegenen Funde vom Oppidum Rheinau/Altenburg und Andelfingen. Für die Region scheint eine kontinuierliche Besiedlung seit der Urzeit plausibel. Die Bronzezeitlichen Pfahbauersiedlungen an den Seeufern sind legendär, hallstattzeitliche Relikte findet man im nahen Unterlunkhofen und der Uetliberg scheint Spuren einer Kontinuität der Besiedlung von der Bronzezeit bis weit in Mittelalter heinein aufzuweisen.
Ab welchem zeitlichen Kontext diese archälogischen Anhaltspunkte aber auf die geschichtlichen Helvetier schliessen lassen ist unklar. Müller nennt 58 v. Chr. Als spätesten Termin für eine helvetische Besiedlung des Mittellands, wohl eine all zu pessimistische Interpretation da auf dieses Datum der Auszug der Helvetier und Verbündeten aus der Schweiz fällt.
Tacitus (Germania) nennt als ursprünglichen Siedlungsraum der Helvetier Süddeutschland. Wie genau war diese Aussage? Wer sass zu dem Zeitpunkt südlich davon, im Schweizer Mittelland ?
Cäsar umreisst den helvetischen Siedlungsraum zwischen Genfersee Rhein und Donau, macht aber widersprüchliche Distanzangaben. Nördlich davon sassen wohl die germanischen Sueben. Das grosse Opidum Heidengraben dass offenbar plötzlich aufgegeben wurde und später nicht wieder besiedelt wurde liesse sich mit dem Abzug der Helvetier erklären.
Ich tendiere zur Ansicht das Süddeutschland von (proto)helvetischen Toutonen und Tigurinern besiedelt war und die Schweiz von (proto)helvetischen Tougenern und Verbigenern. Nach dem Kimbernzug, an dem die beiden ersten Stämme und die Toygener sich beteiligten, zogen sich die überlebenden Reste dieser Truppen im Schweizer Mittelland zusammen und vereinigten sich mit den zurückgebliebenen dortansässigen Protohelvetiern und bildeten die von Caesar erwähnten vier „Gaue“ .
In Süddeutschland blieb die Helvetiereinöde zurück in die später keltische Vindeliker Stämme einsickerten und von Norden her germanische Scharen.
Von den helvetischen Gauen werden in der Geschichtsschreibung die Tiguriner hervorgehoben, die unter ihrem Führer Divico bei Agen an der Garonne ein römisches Heer schlagen und unter das Joch schicken.
Die Nomenklatur der Stämme wirft einige Probleme auf. Das Begleitheft des Schweizerischen Landesmuseum u.a. schaut die legendären, traditionell germanisch zugeordneten Teutonen, d.h. Toutonen als helvetischen Stamm an, der sich u.a. den germanischen Kimbern angeschlossen hatte. (Mehr darüber siehe unten)
Auch stellt sich die Frage: Wer waren die Proto-Helvetier im schweizerischen Mittelland ?
Waren sie eigenständige Stämme mit der archäologisch belegten Ost/Westgrenze gebildet durch die Wigger, die später in den Helvetiern aufging, oder waren es seit je her nur separate Gaue desselben Stammes? Oder waren es Sequaner, für die einige Indizien sprechen würden, die dann von den Helvetiern westwärts gedrängt wurden ? Oder Allobroger ? Wir wissen es nicht.
Jedenfalls ist archäologisch bezeugt das der Stammesname Helvetier schon um 300 v Chr. etabliert war. Der Fund einer Tonscherbe in Italien bei Mantua trägt die Inschrift ELUVEITIE d.h Helvetier !
In vorgeschichtlicher Zeit nimmt man an dass die Helv-eti-er sich vom Stamm der Helvier abgespalten haben. Die Helvier finden sich zu Cäsars Zeit in Südfrankreich. Berücksichtigt man den Fakt der Mantuascherbe so wäre aber die genannte Abspaltung auf den Beginn der La Tenezeit anzusetzten ! Würde das heissen das schon zur Hallstattzeit sich einige der keltischen Stämme herauskristallisiert haben?
Intermezzo: Toutones ?
Diesen Aufsatz habe ich ursprünglich im Keltenforum gepostet.
Die Gleichung Teutonen=Toutonen=Tougener=Toygener stammt sinngemäss von Stählin (1927) der sein beindruckendes Werk „Die Schweiz in römischer Zeit“ 1927 herausbrachte. Dort bringt er vor, dass die verschiedenen Schreibweisen auf Ueberlieferungsfehler in den Straboschriften zurückgehen und das eigentlich ein und derselbe Stamm gemeint ist.
Strabo bereiste viele der damals von den Römern beherrschten Länder und beschrieb in seinen Schriften Orte, Menschen und Kulturen seiner Zeit. Selbst vornehmer Grieche und in Rom studiert, hat er dabei die in seiner Zeit zugänglichen Bücher und zahlreiche Berichte von Zeitgenossen genutzt. Er betonte dabei verschiedentlich, dass die Informationen subjektiv, veraltet oder gar erfunden sein könnten und bemühte sich, Zweifel klarzustellen und kennzeichnete Dinge, die ihm widersprüchlich zu sein schienen. (Quelle: wikipedia)
Nun muss uns klar sein dass uns die Bücher der antiken Autoren nur noch in Abschriften mittelalterlicher Schreiber vorliegen. Dort in den klösterlichen Schreibstuben haben sich allerlei Fehler eingeschlichen, teilweise werden aber auch Wörter oder Teile durch Flecken und Löcher usw. unleserlich geworden sein.
Fangen wir mit dem einfachen Ende der Gleichung an. .Kaum jemand wird bestreiten wollen dass mit Tougener und Toygener dasselbe gemeint ist. Auch die Schreibweise Tugener wird man finden.
Aber Tougener mit Teutonen gleichsetzten zu wollen wird schon schwieriger.
In Strabo tauchen beide Namen nebeneinander auf (!) und man hat nicht a priori den Eindruck weder einer Verwechslung noch eines Abschreibefehlers. Die Teutonen werden im Rahmen des Kimbernzugs erwähnt, die Tougener als Nachbarn der Raeter und Vindeliker am Bodensee. (Dieser Betrachtungsweise von zwei verschiedenen Stämmen schliessen sich viele klassische Autoritäten wie Mommssen und Beesley an ) Letztere Textstelle ist zwar in Strabo verderbt, doch es besteht wenig Zweifel dass die genannten Toenii am Bodensee die Tougeni sind. Da die Wohnsitze der Vindeliker und Rhaeter hinreichen geklärt sind bleibt auch für den Siedlungsbereich der Tougener nur noch der westliche Bereichs um den Bodensee. Da wir in den Gebieten nördlich des Rhein aus etymologischen Gründen die bei Cäsar erwähnten Tullinger suchen wollen bliebe vor allem das Thurgau als Siedlingsgebiet des Stammes. Ältere Schweizer Heimatforscher wollen im Wort „Thurgau“ sogar tougeuwe sehen.
Offenbar hat nun Stähli die Textstelle in der Überlieferung des Pytheas völlig ignoriert die die Teutonen als Bewohner der Nordmeerküste beschreibt.
Pytheas lebte in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts v. Chr.. Seine Reise in den Norden unternimmt er etwa um 320—325 v. Chr. Dieser herausragende Astronom und Geograph ist seiner Zeit weit voraus gewesen. Sein Reisebericht “ÜBER DEN OKEANOS” ist leider verloren gegangen. Doch durch die Ueberlieferungen späterer Historiker und Kritiker lässt sich brauchbares Bild von Pytheas nachzeichnen: Pytheas erforschte die nördlichen Sphären der bekannten Welt die erstaunlicherweise schon damals von den Griechen als Kugel betrachtet wurde. Erst später viel später wurde klar das die Berichte dieses Forschungsreisenden von hochstehender Glaubwürdigkeit sind. Er schreibt dass die Bewohner Helgolands ihre Bernsteine an die angrenzenden Bewohner der Festlandküste verkauften, an die Teutonen, die also folglich irgendwo zwischen Langeog und Husum sassen.
Nun ist es aber nach dem heutigen Stand der archäologischen Erkenntnis so, dass Kelten nie an der Nordsee siedelten. Zwar gibt es eine Häufung von Funden in Jütland wie denen von Hjörtspring, Bra, Gundestrup usw. die Latene/keltisch geprägt sind. Diese wurden oft als Beutestücke von Raubzühgen in keltische Bereiche interpretiert. Nun aber scheint die Häufung der genetischen Hap R1b1c10 (S28) siehe auch oben, eher darzulegen das latenezeitliche Kelten auch in beschränktem Mass in den Norden expandierten und vielleicht freundschaftliche Beziehungen mit den Germanenvölkern aufbauten. Mag dies auch erklären warum die Kimbernführer nicht nur keltische Namen (oder Titel) trugen sondern sich auf ihrem grossen Zug gegen Süden sich offenbar so gut mit den Helvertiern verstanden dass sich mit zwei oder dreien ihrer Gaue den "Germanen" anschlossen.
Obwohl sich nun ein Zeitraum von 200 Jahren zwischen den Beschreibungen von Pytheas einerseits und den Aufzeichnungen von Poseidonios (135—51 v. Chr.) andrerseits erstreckt, wird eine Kongruenz der archäologisch nicht (oder sehr beschränkt) keltischen Teutonen und den keltischen Tougenern, vermutlich im östlichen Kreis der Protohelvetier (Furger-Gunti, 1974) ziemlich unwahrscheinlich.
Eindeutig germanische Attribute haben die Teutonen auch bei anderen klassischen Autoren wie bei Livius oder etwa bei Ptolemaios bei dem die Bezeichnungen „Suevos Teutonoari atque Viruni; inter Pharodinos et Suevos Teutones“ sogar auf eine Zusammenhang mit den Sueben schliessen lassen. Genrich vergleicht gar in seinem Artikel über Ursprung und Ausbreitung der Altsachsen die Nerthusstämme (Tacitus: de origene et situ Germanorum) mit den Teutonen.
Noch schwieriger wird es wenn wir verstehen wollen inwiefern Teutonen und Toutonen dasselbe meinen. Ein einziger Buchstabe unterscheidet die Schreibweisen und es lassen sich wohl kaum mehr als Argumente anbringen. Es liegt auf der Hand das germanische Teutonen (vielleicht schon mit einer gewissen latene-keltischen Einmischung) im Maingebiet auf keltische Helvetier stiessen. Poseidonios nennt in der Folge keltische Toutonen, (ohne germanische Teutonen zu erwähnen) als Teilstamm der Helvetier. Poseidonios ist zweifelsohne ein Gewährsmann der Gallien von seinen eigenen Reisen her kennt. Nichtsdestotrotz ist er auch schlichtweg falsch informiert wenn er den Untergang der Tiguriner bei Vercellae zusammen mit den Kimbern beschreibt! Die Tiguriner sind uns noch bis weit in die kaiserliche Zeit als Bewohner der Westschweiz bekannt mit ihrem Hauptort Aventicum (Avenches).
In römisch kaiserlicher Zeit findet sich ein Grenzstein bei Miltenberg mit der unfertigen Aufschrift INTER TOVTONES.
Vermutlich haben sich Teutonen mit Kelten zu einem Mischvolk vereint das je nach Ansichtsweise oder Gesprächspartner der antiken Autoren als keltisch oder germanisch (dominiert) d.h.als Teutonen oder Toutonen überliefert wurden.
Offenbar ist auch ein Teil des Stammes nie mit auf die grosse Reise und damit der Vernichtung entgangen sondern hat sich in Mitteuropa niedergelassen und unter Kelten aufgegangen, als Aduatuker in Belgien und als Toutonen im Maingebiet niedergelassen:
Nicht unerwähnt sollte bleiben dass auch eine grosse Aehnlichkeit zwischen Toutonen und Touronen besteht- Letztere sollen bei Tours gesiedelt haben. (etymologischer Vergleich des Drifts: Teuriochaimoi=Landesbezeichnung des Ptolemaios, Hermunduroz,später Torengi=Thüringer, Touroner (Tougener) am unteren Main, Turonen um Tours (Caesars DBG) und Tourin (Plinius d.Ä) bis hin zu Tauriskern von Telamon (Plinius d.Ä) bis zu Taurisker=Noriker, bzw. Teurisker.
Cäsar nennt vier Teilstämme der Helvetier von denen er zwei namentlich erwähnt nämlich die Tiguriner die die Legionen seines Schwiegervater an der Garonne vernichteten und die Verbigener die nach der Niederlage bei Bibracte ins freie Germanien flüchten wollten. Es gibt sogar Hinweise dass nur diese beiden Teilstämme massgeblich ausgezogen sind. So fehlen im ostprotohelvetischen Kreis sämtliche Spuren der niedergebrannten Oppida’s.
Hypothetische Siedlungsräume kurz vor/nach Bibracte. Grün: raetische Stämme, blau: keltische Vindeliker, rot: helvetische Stämme, im gepunkteten Rahmen die Stämme die nach Frankreich unter Divico auszogen, der hervorgehobene Fluss ist die Wigger, Grenze zwischen den archäologisch fassbaren Gruppen der Ost- und Westprotohelvetier.
Als dritter Teilstamm würden sich die Tougener anbieten die zwar auch an den Kimbernzügen teilnahmen aber auch teilweise am Bodensee blieben. Als vierter Teilstamm bliebe das vielleicht germanisch-keltische Mischvolk der Toutonen von denen Teile im Odenwald blieben und der Rest Richtung Schweiz migrierte wie die Tiguriner und so liessen die Stämme die bei Tacitus erwähnte Helvetiereinöde zurück ?
Eine Alternative wäre dass ein Gau schlichtweg "Helvetier" hiess, sozusagen der Urstamm. (s.oben zur Helvierabspaltung)

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