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Kaum ein Regisseur konnte sich solche Extravaganzen leisten wie Cecil B. De Mille. Klotzen, nicht Kleckern war seine Devise, und das galt nirgends mehr als bei seinem letzten Film, The Ten Commandments. Mit einer Laufzeit von 220 Minuten und mit 13 Millionen Dollar Kosten die bis anhin teuerste Hollywood-Produktion, schuf er einen Monumentalfilm, der seinesgleichen suchte (zumindest bis William Wylers Ben-Hur erschien). Und der Streifen überzeugt auch heute noch durch seinen All-Star-Cast (wo sich in Historienfilmen bestens beheimatete Schauspieler wie Charlton Heston und Yul Brynner ebenso finden wie fürs Genre eher ungewohnte Gesichter wie Edward G. Robinson oder Vincent Price), die verschwenderische Ausstattung oder die für ihre Entstehungszeit recht beachtlichen Special-Effects wie etwa die Teilung des Roten Meeres.
Der eigentliche Hauskomponist von De Mille war Victor Young. Aber der lehnte aus verschiedenen Gründen ab, an The Ten Commandments mitzuwirken. Zum einen war er zu der Zeit an anderen Filmprojekten beteiligt, zum anderen schon unheilbar krank, weshalb er sich eine erneute Zusammenarbeit mit dem als recht schwierig geltenden Regisseur wohl nicht mehr zumuten mochte. Paramount beauftragte infolgedessen Elmer Bernstein, zunächst während der Vorproduktion einiges an Source-Musik zu schreiben. Dass die Wahl auf Bernstein fiel, ist aus heutiger Sicht wohl etwas verwunderlich, denn der damals 32-jährige Komponist war zwar schon seit ein paar Jahren im Geschäft, hatte aber mit Ausnahme von The Man with the Golden Arm noch nicht viel Nennenswertes vorzuweisen. Er meisterte jedoch die nicht ganz einfache Herausforderung, De Mille von seinen Fähigkeiten zu überzeugen, mit Bravur und bekam den Zuschlag, den ganzen Film mit Musik auszustatten. Hierbei handelt es sich also zweifellos um eines der grössten Karriere-Sprungbretter, das einem jungen Filmkomponisten je zuteil wurde. Der Score wurde zu einem seiner gefeiertsten und bleibt alleine schon seiner Dimensionen wegen einzigartig in seinem Palmares.
Über mangelnde Veröffentlichungen von The Ten Commandments kann man sich eigentlich nicht beklagen. Bereits 1957 erschien bei Dot-Records ein direkt aus den Filmaufnahmen gezogenes Doppelalbum mit einem attraktiven, einstündigen Programm, wenn auch «nur», weil nicht anders verfügbar, in Mono. Aussergewöhnlich und wahrscheinlich einzigartig im Filmmusik-Business dürfte die Tatsache sein, dass drei Jahre später die praktisch gleiche Sequenzierung nochmals aufgenommen wurde, diesmal in Stereo und mit ein wenig aufpolierten Arrangements, wiederum von Dot aufgelegt. Für United Artists schliesslich spielte Bernstein 1966 erneut eine halbe Stunde Musik ein. Interessant bei dieser Version ist in erster Linie, dass Bernsteins langjährige Orchestratoren, Leo Shuken und Jack Hayes, der Musik da und dort ihren Stempel aufdrücken.
Was jedoch bis jetzt fehlte, war ‒ und das ist man sich als anspruchsvoller Filmmusiksammler mittlerweile nun mal gewohnt ‒ der komplette Score. Natürlich konnte sich, wer wollte, bei diversen Schwarzbrennern, die sich das Material schon längst gekrallt hatten, mit dubiosen, mehr oder weniger vollständigen Editionen bedienen, aber wer begnügt sich heutzutage schon noch mit minderwertigen Bootlegs? Das Warten auf den wichtigsten noch ausstehenden Golden-Age-Score ist nun aber definitiv vorbei, denn nachdem schon vor Jahren durchgesickert war, dass Intrada am Tun ist, bringt das Label nun mit seiner bis dato luxuriösesten Veröffentlichung und pünktlich zum 60-Jahre-Jubiläum des Films The Ten Commandments endlich auf den Markt.
Mit einer Gesamtspielzeit von zweieinhalb Stunden, verteilt auf drei CDs, präsentiert sich der Score als monumentales Gesamtkunstwerk und zeigt auf, mit welcher Meisterhaftigkeit Bernstein schon in jungen Jahren die Materie beherrschte, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Über ein Dutzend glänzend verarbeitete Leitmotive prägen die Musik, die wichtigsten sind Moses (Charlton Heston), Ramses (Yul Brynner), Nefretiri (Anne Baxter) und Gott zugeordnet. Mit Fanfaren, Märschen, Hymnen, Tänzen, Gesängen, ungewohnten Saiteninstrumenten, Shofar, Theremin, Novachord, exotischer Perkussion wie Indian Drum, Finger Cymbals, Sistrum versteht es Bernstein, die lange Spielzeit äusserst kurzweilig zu gestalten. Das tut er im Übrigen auch mit der Verteilung der Orchesterkräfte, denn die reichen vom lieblichen Instrumental-Solo bis zu dramatischen Krachern, die sich besonders zum Ende des Scores hin verdichten.
Während etwa ein Miklós Rózsa darauf bedacht war, bei seinen historischen Musiken ein möglichst authentisch wirkendes Gesamtbild zu schaffen, ist Bernstein lediglich bei seiner ägyptischen und hebräischen Source-Musik darauf erpicht, dies zu erreichen. Im dramatischen Bereich greift er lieber auf modernere Spielarten hebräischer Musik und zu europäischer Romantik und Spätromantik, insbesondere Richard Wagner (de Mille liebte Wagner). So ist etwa bei den schwirrenden Streichern und Holzbläsern in Pillar of Fire eindeutig der Walküreritt herauszuhören, während in In the Bulrushes der Nil zu ähnlichen Klängen fliesst wie Smetanas Moldau. Selbst Bernsteins Americana ist stellenweise nicht allzu weit entfernt, am Augenfälligsten wird das bei der exaltierten Musik zur Exodus-Sequenz.
Nach dem Genuss des kompletten Scores ist aber noch lange nicht Schluss, denn daran angehängt sind noch jede Menge Alternates sowie unused und additional Cues und als besonderer Leckerbissen rund 12 Minuten Klavier-Demos, die vom Komponisten selbst vorgetragen werden, wobei er jeweils verkündet, welches Thema er als nächstes anspielen wird. Für jeden Bernstein-Fan wahrlich ein Glücksfall, dass so etwas überlebt hat.
Man wirft ja heutzutage, wo das Aussergewöhnliche in Sachen Filmmusik-Veröffentlichungen schon fast alltäglich geworden ist, nicht mehr so ohne weiteres mit Superlativen um sich. Aber hier sind sie nun wahrlich angebracht, handelt es sich doch mit The Ten Commandments in allen Belangen um einen Meilenstein in diesem Segment. Ein ebenso solider wie edel gestalteter Kartonschuber beherbegt die sechs Disks und ein 60-seitiges, zum Schmökern einladendes Booklet. Klanglich wurden die jeweiligen Aufnahmen bestmöglich restauriert, Qualitätsschwankungen sind aber insbesondere bei der Komplett-Fassung in Kauf zu nehmen. Und die 1966er-Einspielung, die hier ihre CD-Premiere feiert, klingt zeitweise ein wenig schrill. Was jedoch dem Hörspass keinen allzu grossen Abbruch tut.
Gewiss wird es wieder Sammler geben, die von einem Overkill sprechen wie seinerzeit bei Varèses Spartacus, aber im Gegensatz zu diesem ist Intradas Preis von 70 Dollar wirklich mehr als fair. Und da man nicht immer die Musse findet, sich den kompletten Score anzuhören, sind die kürzeren Veröffentlichungen sehr willkommen. Das gilt insbesondere für das Mono-Doppelalbum, das weitaus seltener wiederveröffentlicht wurde als die Stereo-Version. Ich zum Beispiel habe tatsächlich erst jetzt zum ersten Mal Bekanntschaft damit geschlossen.
Wie hatte doch Cecil B. de Mille zu Elmer Bernstein gesagt: «Diese Musik wird mich mit Sicherheit überleben, und möglicherweise sogar dich». Möge sie nicht nur, aber auch dank dieser exquisiten Box noch ganz viele Generationen überleben.