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Vorab entschuldige ich mich beim WOZ-Publikum dafür, dass ich vor einer Woche an dieser Stelle genötigt war, die unausweichliche Unsäglichkeit Christoph Blocher zu erwähnen. Umso mehr freut es mich, dass es mir heute nötig erscheint, jemanden einzuführen, den ich schätze: den Dichter Hölderlin. In einem Brief an seinen Kollegen Schiller hat er nämlich im August 1797 geschrieben, er glaube, dass «in der historischen Entwicklung der Menschennatur die Idee vor dem Begriffe» sei. Und ich erwähne das, weil ich davon berichten will, wie ich am 10. Mai 2001 begriffen habe, dass Hölderlin damit das Wichtigste über die Arbeit der Schurnis gesagt hat.
An jenem Tag erschien im «Bund» der kleine Bericht über eine Fotoausstellung in Burgdorf, bebildert mit zwei Stadtansichten aus dem Jahr 1865. Im Bericht hiess es dazu, schon damals habe das Medium der Fotografie eine längere Geschichte gehabt, denn bereits im Februar 1839 habe der «Berner Volksfreund» vermeldet: «Ein Herr Daguerre hat die Kunst erfunden, die Eindrücke des Lichts auf einer eigens dazu präparierten Metallplatte festzuhalten und so alle Gegenstände zu nötigen, von sich selbst ganz getreu in wenigen Minuten ein bleibendes Gemälde zu geben.»
Dieses Zitat fasziniert mich bis heute: Vor bald 167 Jahren hat hier ein unbekannter Kollege die Aufgabe zu lösen gehabt, seinem Publikum die Kunst des Herrn Daguerre zu erklären, ohne auf den Begriff der «Daguerreotypie» zurückgreifen zu können. Der Kollege hat die Aufgabe gelöst, indem er sich der Arbeit unterzog, die Idee, für die später der Begriff stand, in umschreibende Worte zu fassen.
Gut möglich, dass Hölderlin hier seinen Gedanken von der
«Idee vor dem Begriffe» nicht eben korrekt exemplifiziert sähe. Mir aber schien an jenem 10. Mai 2001, dass dieser Gedanke ein Ziel meiner eigenen Arbeit präzis charakterisiere: Heisst recherchieren nicht, hinter die Begriffe zurück zu den Ideen zu kommen? Heisst schreiben nicht, den Begriffen zu misstrauen und zu versuchen, an ihnen vorbei zu sagen, worum es geht? Begriffe sind Schubladisierungen; Schubladisierungen sind Ordnungsversuche; geordnet wird zum Zweck, das Geordnete zu beherrschen. Der Journalismus müsste sich (im Gegensatz zur PR) darum bemühen zu sagen, worum es geht, ohne die Beherrschbarkeit der Welt grösser zu machen.
Darum soll Journalismus nicht «Daguerreotypie» sagen, sondern: Herr Daguerre hat herausgefunden, wie man mit Quecksilberdampf, der sich je nach Lichteinfall stärker oder schwächer auf einer Jodsilberplatte festsetzt, ein fotografisches Positiv-Unikat entstehen lassen und mit Kochsalzlösung fixieren kann. Und der Journalismus soll die Fragen stellen, die sich daraus ergeben: Wie sind die Arbeitsbedingungen jener, die das Quecksilber gewinnen? Wer produziert die Jodsilberplatten und wer verdient an ihnen? Wer braucht Daguerres Kunst wozu? Macht diese Kunst nun die Malerei überflüssig? Etcetera.
Nie wird die Sprache die Wirklichkeit ganz abbilden können. Aber die Wirklichkeit wirklicher werden zu lassen, als sie es in den Begriffen ist, das ist möglich. Seinerzeit hat man dieses ehrbare journalistische Handwerk als «Ideologiekritik» bezeichnet. Heute sagen die vorlautesten Hohlköpfe, es gebe keine Ideologien mehr, weshalb es auch keine Kritik mehr brauche.
Viel zu häufig setzen Schurnis – ob beabsichtigt, aus Überforderung oder aus Unbedarftheit – ihrem Publikum Sätze vor wie diesen: «Daguerre hat die Kunst der Daguerreotypie erfunden.» Journalismus als tautologisches Gemunkel. Und im Publikum fürchtet man als dumm zu gelten, wenn man nachfragt: «Sag mal, was ist das eigentlich, Daguerreotypie?» Die Wahrheit ist: Nicht die Köpfe der Fragenden sind hohl, sehr oft sind es jene der Schreibenden (ich weiss das). Zu oft formulieren Schreibende so, wie sie formulieren, weil sie «die Idee vor dem Begriffe» nicht kennen und sich nicht dafür interessieren – weil es sie, kurzum, nicht so genau interessiert, was sie sagen.