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Es gibt Kioskromane, und es gibt die “Pensées” von Pascal. Letztere gibt es (auf Deutsch) in einer Reclam-Ausgabe und in ebendieser Ausgabe vom Verlag WBG.
Diese Buchausgabe hat klar wissenschaftlichen Anspruch, soweit man das einer Übersetzung sagen kann: Die „Gedanken“ blieben von Pascal unvollendet und (so meinte man zuerst) auch ungeordnet. Was er hinterliess, war eine Vielzahl von kaum zu entziffernden Zetteln in sechzig Bündeln. Entsprechend steht eine lange und komplexe Editionsgeschichte hinter den Gedanken. Das Buch folgt der rekonstruierten Originalordnung durch Philippe Sellier. Auf den Seitenrändern ist jeweils die Nummerierung angegeben, und zwar je nach der Ordnung von Sellier, nach der Ordnung Lafumas und nach der Ordnung Brunschvicgs. Überschriften, Leerstellen und Trennungsstriche sind originalgetreu transkribiert, Durchgestrichenes wird in Klammern kursiv wiedergegeben und Unterstrichenes erscheint in Kapitälchen. Ausserdem wird der Text durch eine Vielzahl kommentierender Fussnoten durch Sellier ergänzt. Kurz: Diese Ausgabe bietet alles, was der ernsthafte Leser braucht und nichts, was ihn den fragmentarischen und unvollendeten Charakter von Pascals Werk auch nur einen Augenblick vergessen liesse.
Nebst den Gedanken selbst enthält die Ausgabe eine kurze Einleitung zum Werk und zur Edition, eine Zeittafel und – besonders lesenswert – die knapp dreissigseitige Biographie Blaise Pascals durch seine Schwester Gilberte, die diese kurz nach dessen Vorzeitigem Tod im Jahr 1662 verfasste. Darin wird das Leben eines Mannes geschildert, der den Leser in seiner Brillanz erstaunt, in seiner Gebrechlichkeit betrübt und in seiner radikalen Askese beeindruckt und befremdet zugleich.
Die Aufgabe, den Inhalt dieses Werks wiederzugeben oder gar zu besprechen, scheint nicht zu bewältigen: Schon deutlich grössere Denker haben deutlich mehr Zeit in dieses Vorhaben investiert. Ein paar Worte scheinen trotzdem angebracht. Pascals Ziel ist es, Menschen zu Gott zu führen. „Die Unsterblichkeit der Seele ist eine Sache, die uns so stark angeht und so tief berührt, dass man jegliches Gefühl verloren haben muss, um dem Wissen, was es mit ihr auf sich hat, gleichgültig gegenüberzustehen. […] Ich kann nur Mitleid mit denjenigen haben, die, die in diesem Zweifel befangen, aufrichtig stöhnen, die ihn als das letzte Unglück ansehen und die, indem sie nichts unversucht lassen, um ihn zu überwinden, aus dieser suche ihre hauptsächliche und ernsthafteste Beschäftigung machen.“ (s.51-2) In diesem inbrünstigen Ton schreibt Pascal. Wer hier erbauliche Lektüre sucht, sucht vergeblich: „Ich sehe von allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich wie ein Atom und wie einen Schatten einschliessen, der nur einen unwiederbringlichen Augenblick lang anhält.“ (s.53) „Zwischen uns und der Hölle oder dem Himmel gibt es nur das Intervall des Lebens, das die vergänglichste Sache der Welt ist.“ (s.64) „Sie fühlen also ihre Nichtigkeit, ohne sie zu erkennen, denn es heisst wohl unglücklich sein, sich im Zustand unerträglicher Traurigkeit zu befinden, sobald man darauf beschränk ist, über sich nachzudenken, und nicht durch Zerstreuungen davon abgelenkt zu werden.“ (s.76)
Vieles, was Pascal schreibt, würde man so heute wohl nicht mehr schreiben; und schriebe man es doch, so würde man scheele Blicke dafür ernten. Was dieser kränkelnde, sich im Elend suhlende Franzose vor 350 Jahren geschrieben hat, passt nicht zum Selbstbild des modernen Westeuropäers. Deshalb sollten wir ihn lesen.
Keine Frage, die Gedanken sind ein epochales Werk. Basierend auf vier „Grundlagen“ schreibt Pascal seine grosse Apologie: Der Conditio Humana, der Exzellenz der christlichen Idee, der „Eigenart der Juden“ (schon vor der Shoa) und der prophetischen Offenbarung. Heute kennen wir oft nur noch seine „Wette“ – wenn überhaupt…
Die Gedanken sind keine leichte Kost, aber wenn man die nötige Zeit und Mühe aufzubringen vermag, lohnen sie sich.
Blaise Pascal – Pensées Gedanken – Editiert und kommentiert von Philippe Sellier
WBG – Wissen verbindet, 2016, ISBN: 978-3-534-23298-7
gebundene Ausgabe
Herausgeber: Philippe Sellier
Seitenzahl: 434
Erscheinungsdatum: Juni 2016
Sprache: Deutsch
ISBN 978-3-534-23298-7
Preis: SFr. 69.90, Ebook 46.90