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Hans-Jost Frey hat sich in sehr genauen und intensiven Lektüren mit Sprache und der Sprachlichkeit von Literatur beschäftigt. Die Philosophie und die Musik waren ihm in dieser Auseinandersetzung zwei wichtige Quellen der Inspiration. An der Universität Zürich hat er das Seminar für Vergleichende Literaturwissenschaft zu einem Ort der literaturtheoretischen Reflexion gemacht.
Hans-Jost Frey studierte romanische Philologie und vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich, Rom und Venedig. Nach seiner Promotion mit einer Arbeit über venezianische Dialekte im Jahr 1958 und einer Assistenz am Romanischen Seminar der Universität Zürich betreute er von 1962 bis 1966 den Kulturteil der Schweizer Monatshefte. Bereits dort schrieb er über Autoren und Themen, die ihn zeitlebens beschäftigten: Sein erster Artikel für die Monatshefte war Maurice Blanchot gewidmet, sein letzter dem Thema «Mallarmé und die neue Musik».
Mit einer Zürcher Habilitation für das Gebiet der neueren französischen Literatur ging er in die USA, wo er 1966 bis 1968 als Associate Professor an der Cornell University und 1973-1974 als Gastprofessor an der Yale University unterrichtete. Seine Zeit an den amerikanischen Universitäten hat seinen Lehrstil, sein reges Interesse an Lehrveranstaltungen mit Dozierenden anderer Fachrichtungen sowie seinen ungezwungenen und zugleich sehr verbindlichen Umgang in der Betreuung und Begleitung der Studierenden stark geprägt.
Von der Universität Zürich wurde Hans-Jost Frey 1970 als Nachfolger von Georges Poulet zum Ordinarius für neuere französische Literatur berufen. Zugleich engagierte er sich für das Fach Komparatistik. Nach dem Wegzug Paul de Mans und dem Tod Peter Szondis, der den Ruf nach Zürich bereits angenommen hatte, war der Lehrstuhl für Komparatistik seit 1971 verwaist. 1976 übernahm Hans-Jost Frey als Ordinarius für Vergleichende Literaturwissenschaft den Aufbau und die Positionierung des Seminars, an dem er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998 wirkte.
Hans-Jost Freys Denken und Schreiben kreisten um Themen und Texte, die einerseits sehr breit aufgestellt und andererseits eng miteinander verbunden waren, weil sie sich mit Grundfragen von Sprache und Wörtern, mit dem Lesen und Schreiben auseinandersetzten. Fragen waren ihm tatsächlich immer wichtiger als Antworten, obwohl er gerade auch durch seine ebenso breiten wie tiefen Kenntnisse beeindruckte. Für viele Studierende wirkten seine Seminare und Vorlesungen nachhaltig auf ihr Verständnis von Literaturkritik und das weitere Studium. In den Seminaren sprach man lange über wenige Texte und konnte dabei einen eigenen Lektürestil entwickeln, in den einstündigen Vorlesungen, in denen er seine Gedanken aus einem dicht geschriebenen Manuskript entwickelte, konnte man viel über das Denken lernen.
Charakteristisch für Hans-Jost Freys intellektuelle Ausstrahlung auch über den akademischen Umkreis hinaus war seine vielfältige Verbundenheit mit Autorinnen und Autoren der Gegenwartsliteratur, mit denen er teils über Jahrzehnte hinweg im Austausch über Fragen der Poetik und Literaturtheorie stand. Am Seminar für Vergleichende Literaturwissenschaft hat er damit eine Tradition gestiftet, die für die nachkommenden Generationen verpflichtend blieb.
Die Radikalität, mit der Hans-Jost Frey in einer Kombination von strengen theoretischen Überlegungen und freien Gedankenspielen den Grundfragen von Sprache und Literatur nachging, hat auch die Form seines Werks bestimmt. In seiner Studie über die Kritik des freien Verses, für die er 1979 mit dem Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet wurde, hat er eine ganz eigene – freie – Form der Strenge entwickelt. Sein Buch Der unendliche Text präsentiert neben Aufsätzen zu bestimmten Autoren auch Aphorismen und kurze, losgelöste Reflexionen zum Thema. In den zahlreichen Schriften, die nach seiner Emeritierung entstanden, hat sich das Spiel mit den Formen weiter akzentuiert – als Gespräche (sowohl fiktive als auch aufgezeichnete Gespräche), als Kommentare mit Randglossen und zuletzt auch als ein literarischer Text über eine Kunstfigur.
Kühn und zukunftsweisend bleibt sein konsequentes In-der-Schwebe-Halten des Unentscheidbaren und die Öffnung der Vorstellung von Anfang und Ende nicht nur des literarischen Werks: «Aber es gäbe umgekehrt auch die Möglichkeit, die Grenzen der Werke zu öffnen und sie ineinander übergehen zu lassen. Es könnte sein, dass sich dann die Literaturgeschichte als eine rhythmische Folge von einander erwartenden und erfüllenden Texten erschliessen würde und dass die Beziehungen zwischen ihnen gegenüber ihrer vermeintlichen Autonomie an Bedeutung gewinnen würden. Es gibt keinen zureichenden Grund dafür, die Frage nach dem Rhythmus nur innerhalb der Werke zu stellen. Vielmehr sollte sie sich durchaus über die Textgrenze hinaus erstrecken und auf das Verhältnis der Texte zueinander ausgedehnt werden. Die Bedingung dafür ist eine Offenheit für die Offenheit der Texte, die weniger in sich selbst ruhen als aufeinander beruhen und nicht so sehr bestehen als entstehen, weshalb sie immer auf sich selbst als bevorstehende unterwegs sind.» («Der Gang des Gedichts», 1998)