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Schwerpunkt
Ist der Mensch auch nur ein Tier?
von Markus Arnold
In den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg standen der Respekt gegenüber der Würde des Menschen und der Schutz der Menschenrechte im Zentrum vieler ethischer Auseinandersetzungen. In diesem Jahrhundert sind neue Fragen dazugekommen. Wie ist das Verhältnis von Mensch und Tier? Haben nicht auch Tiere eine Würde? Müssen Tiere und Pflanzen nicht vor der Willkür der Menschen besser geschützt werden?
In der revidierten Bundesverfassung von 1999 findet sich mit dem Artikel 120, Absatz 1, ein Grundsatz, der dieses Verhältnis neu regelt: «Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung und schützt die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten.»
Anthropozentrik
Bis anhin diente der Begriff der «Würde» dazu, den besonderen Status des Menschen gegenüber anderen Lebewesen zu unterstreichen. Im Sinne von Immanuel Kant kam dem Menschen Kraft seiner Vernunft und seiner Moralfähigkeit diese Menschenwürde zu. Theologen untermauerten diese Sicht aufgrund der Ebenbildlichkeit der Menschen mit Gott. Diese Sicht wurde und wird mit dem Begriff «Anthropozentrik» bezeichnet. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Nur er hat einen Eigenwert (Würde) und ist als moralisches Subjekt zu respektieren. Diese Haltung, die sich lange in der Ausbeutung der Natur, in überbordenden Tierversuchen äusserte, wurde zum Problem. Alles konnte so auf die simple Formel reduziert werden: Wenn es dem Menschen nützt, ist es auch gut.
Worin besteht die Würde der Kreatur?
«Würde der Kreatur» signalisiert demgegenüber einen erweiterten Würdebegriff, der auch Tiere und Pflanzen als moralische Subjekte konstituiert. Mit der Aufgabe anthropozentrischen Denkens stellen sich natürlich neue Probleme: Worin besteht diese Würde denn konkret? Hier gibt es verschiedene Antworten von philosophischen Ethikerinnen und Ethikern:
• Pathozentrische Positionen vertreten die Ansicht, dass die Leidensfähigkeit von Lebewesen Grundlage ihrer Würde ist. Durch diese Leidensfähigkeit sind sie ebenfalls als moralische Subjekte zu respektieren. Die Diskussion verlagert sich auf die Frage, ob nur schmerzempfindliche Tiere leidensfähig sind oder nicht sogar Pflanzen leiden können.
• Biozentrische Positionen vertreten die Ansicht, dass grundsätzlich alle Lebewesen als moralische Subjekte zu berücksichtigen sind. Leben konstituiert Würde.
• Ökozentrische Positionen postulieren, dass auch Ökosysteme, Biotope, Arten oder Populationen einen Eigenwert haben.
Die Interessen der Menschen
Wenn der Mensch nicht mehr im Zentrum steht, welche Bedeutung haben dann noch seine Interessen und seine Bedürfnisse nach Sicherheit und Ernährung? Welches Gewicht hat der Eigenwert verschiedener Lebewesen, wenn deren Interessen in Konkurrenz stehen? Es gilt zwei Grundüberzeugungen zu unterscheiden:
• Die meisten vertreten die Ansicht, dass es möglich sein muss, die Interessen von Menschen höher zu gewichten als die anderer Lebewesen. Damit wird jedoch wieder von einer Hierarchie der Lebewesen ausgegangen. Bei hierarchischen Positionen können Interessen von Menschen höher gewichtet werden als die von Tieren. Wichtig ist dabei, dass vor allem die Leidensfähigkeit der Tiere respektiert wird und sie nicht unnötig leiden.
• Dem steht das egalitäre Denken diametral gegenüber. Bei den egalitären Positionen werden moralisch relevante Interessen (z. B. Recht auf Leben) von Menschen gleich gewichtet wie diejenigen vergleichbarer anderer Lebewesen. Ihre radikalen Vertreter halten alle Säugetiere inklusive Mensch für gleichberechtigt. Eine Bevorzugung der Menschen bezeichnen sie als versteckten Anthropozentrismus und vergleichen ihn mit Rassismus (Speziesismus). Kritiker bezeichnen die egalitären Positionen als praktisch nicht umsetzbar, wollen Menschen ihr Überleben sichern.
In den meisten Diskussionen zum Tierschutz, aber auch in grundsätzlichen Fragen zur Ernährung, spielen diese Grundüberzeugungen heute eine wichtige Rolle. Die klassischen Vegetarier sind offen für hierarchische Güterabwägungen. Darum ist es möglich, Tiere zu züchten und so aus ihnen Nutzen zu ziehen. Die Milch der Kühe und die Wolle der Schafe sind kein Problem.
Veganer denken eher egalitär. Es gibt keine Begründung dafür, dass man Tiere in Gefangenschaft halten und ausbeuten darf. Tierrechte sind analog zu Menschenrechten zu entwickeln.
Schöpfungsberichte neu lesen
Die oben erwähnten Positionen werden auch von theologischen Ethikerinnen und Ethikern vertreten. Alle sind sich einig, dass die biblischen Schöpfungsberichte neu zu lesen sind. Der «Schöpfungsauftrag» an die Menschen in Genesis 1,28 (Aufforderung zur Fruchtbarkeit, Unterwerfung der Erde, Herrschen über Tiere) muss vor dem Hintergrund der damaligen Lebensumstände gelesen werden. Die Natur hatte damals nichts Romantisches an sich. Das Leben war bedroht durch Hungersnöte, Hitze, Kälte und auch durch wilde Tiere. «Herrschen» hiess damals, mit den Naturgefahren umgehen zu können. Es hatte mehr mit «kompetent sein», mit «beherrschen» zu tun: widrige Umstände in den Griff bekommen, aber auch sich selbst beherrschen können. Die Natur musste kultiviert werden, ohne sie zu zerstören.
In diese Richtung weist auch der zweite biblische Schöpfungsbericht, der oft nicht zur Kenntnis genommen wird (Genesis 2,4 – 25): Gott schafft zuerst den Menschen und baut ihm ein Paradies, das heisst, einen Lebensraum, in welchem er leben kann: es hat genügend Wasser, es hat Bäume, Früchte und Tiere. Der Mensch gibt den Tieren ihren Namen. Er ist der Partner Gottes und hat diesem Paradies Sorge zu tragen. Hier ist nicht mehr von Herrschen die Rede.
Perspektiven der Theologischen Ethik
Ein bedenkenswerter Vorschlag, wie die theologische Ethik sich in der Tradition des zweiten Schöpfungsberichts positionieren könnte, besteht darin, dass auch Theologie und Kirche sich vom Anthropozentrismus verabschieden sollen. Gleichzeitig soll aber der Würdebegriff vor allem dem Menschen zukommen. Es ist gefährlich, den Würdebegriff auszuweiten und zu relativieren. Die Fragilität von Menschenwürde und Menschenrechten fordert zu ihrem grundsätzlichen Schutz auf. Gleichzeitig können auch andere Lebewesen einen Eigenwert haben, der zu respektieren ist.
Theologisch bleibt die Stellung des Menschen nach wie vor einzigartig. Er hat nämlich die Möglichkeit wie kein anderes Lebewesen, Natur zu pflegen, aber auch zu zerstören. Diese Verantwortung, die nur der Mensch wahrnehmen kann, verleiht ihm seine besondere Stellung. Aber: Der Mensch ist nur in Beziehung lebensfähig. Das gilt für die Sozialbezüge unter den Menschen, aber auch für die Beziehung zu den anderen Lebewesen. Der Mensch muss seine Interessen kritisch überprüfen, muss sich auch selbst beschränken können. Er muss den Eigenwert (nicht die Würde) der anderen Geschöpfe respektieren. Das entspricht einer hierarchischen Position und vermeidet die egalitäre Sackgasse, die letztlich nicht begründen kann, warum der Mensch überhaupt noch in irgendeiner Form von der Natur profitieren darf. Es ist nicht mehr einfach der vernünftige, willensfreie Mensch, der besondere Würde beanspruchen darf. Es ist der verantwortungsbewusste Mensch, der sich für die Zukunft dieses Planeten engagiert. Er hat die Pflicht zur Solidarität und Fürsorge gegenüber anderen Lebewesen. Die aktuellen Umweltprobleme können nur durch Menschen gelöst werden, die ihre Verantwortung für Natur und Schöpfung wahrnehmen.