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Stellen Sie sich vor: Sie gehen am Morgen ins Büro und checken nicht Ihre Mails. Ihre Mails gibt es nicht, denn Sie haben kein eigenes Mailpostfach.
Für Ihr Team, vielleicht sogar für Ihr ganzes Unternehmen gibt es eine einzige zentrale Mailadresse. Was tut ein Bürolist, der keine Mails checken kann? Hat er mehr Zeit für Shopping-Updates auf Instagram? Arbeitet er konzentrierter? Kann er früher Feierabend machen? Verbringen wir täglich zehn Minuten oder eine Stunde in unserem Postfach? Wie viel Zeit kostet uns eine eigene E-Mail-Adresse?
Was tut ein Bürolist, der keine Mails checken kann?
Wie würden wir uns organisieren, wenn es nur noch zentrale Mailadressen gäbe? Würden wir das Medium E-Mail vernachlässigen, weil die eigentliche praktische Eigenschaft, die Direktheit, mit einer Zentralisierung dahin wäre? Dank E-Mails arbeiten wir schneller. Aber wir haben uns auch einen gemütlichen Sessel geschaffen, in den wir uns zurücklehnen können: Ich habe ein Problem, formuliere es, finde einen Adressaten und schicke die Mail am besten mit prall gefüllten cc weg. Zack. Damit ist das Problem gelöst, zumindest bis ich eine Antwort erhalte.
Ist unser Arbeiten durch Kommunikationsinstrumente wie E-Mails schneller geworden? Oder haben wir mit dem Mai-Pingpong ein paar Stufen eingebaut, die uns beschäftigt halten – so wie man meint, dass man schneller ist, wenn man mit dem Auto den Stau umfährt – Hauptsache in Bewegung?
Gehen wir nun vom vorbildlichen Mustermitarbeiter aus, der seine Aufgaben im neuen System effizienter erledigt: Womit will er arbeiten, wenn er all die Informationen über den Mail-Kanal nicht mehr bekommt? Wie besorgt er sich die Informationen? Greift er öfter zum Hörer? Lernt er vielleicht die Frau seiner Träume kennen? Würde die Telekommunikationsbranche darauf reagieren und Flatrates abschaffen, weil wieder mehr Menschen miteinander telefonieren würden?
Der grosse Vorteil: mit Sicherheit ein neuer Chefposten.
Bei all den Fragen muss man den grossen Vorteil der Mail-Zentralisierung sehen: Mit Sicherheit gäbe es einen neuen Chefposten. Aufgabe des CMO oder Chief Mail Officer wäre es, die Informationen aus eintreffenden Mails an die passende Person im Unternehmen weiterzuleiten. Je nach Firmenkultur wäre der CMO ein Kommunikationsgenie mit Verteilerqualitäten oder ein machtgeiler Chefzensor. Und wie wärs bei Ihnen?
Die Kolumne ist Teil der Serie «Mehrwert» des Verbands Frauenunternehmen,
erschienen am 21. Februar 2019 in der «Handelszeitung».