Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/2089

In der Debatte um Berliner Strassennamen mit möglichem antisemitischen Bezug hat sich der Historiker Michael Wolffsohn gegen Umbenennungen ausgesprochen. “Wer Strassennamen umbenennt oder Denkmale stürzt, gibt vor, Geschehenes wäre nicht geschehen – und fördert, gewollt oder nicht, das Vergessen”, schreibt er in einem Gastbeitrag in der “Berliner Morgenpost” (Freitag). Das gelte freilich nicht für Strassennamen oder Denkmale, die Verbrechern sowie Mördern gewidmet seien: “Eine Adolf-Hitler- oder Joseph-Goebbels-Strasse, eine Stalin-Allee, Mao-Promenade oder ein Pol-Pot-Platz sind in einem den Menschenrechten verpflichteten Staat absolut tabu.”
Wolffsohn plädierte für Aufklärung und Information. Unverzichtbar wären aus seiner Sicht an Strassenschildern und Denkmalen kleine, angefügte Tafeln, die aber mehr Informationen beinhalten sollten als die bisherigen – sofern sie überhaupt vorhanden seien in Berlin und anderswo. Wo nötig und möglich sollten die Licht- und Schattenseiten der jeweiligen Personen kurz benannt werden, ebenso der Zeitpunkt der Benennung. “Der wäre aufschlussreich, weil auf diese Weise einiges über den jeweiligen Zeitgeist erkennbar würde. In aller Kürze entstände ein realistisches Geschichtsbild”, so der Historiker.
Zugleich kritisierte er: “Die ‘Bilderstürmer’ unserer Gegenwart orientieren sich am idealen und nicht am realen Menschen.” Wer sich mit den Schwächen und Fehlern auseinandersetze, habe die Chance, diese oder vergleichbare zu vermeiden. “Wer sie jedoch tabuisiert oder filtriert, wird ihnen eher anheimfallen: durch Nichtwissen, das aufs zuvor verordnete Vergessen zurückzuführen wäre.”
Eine im vergangenen Dezember veröffentlichte Studie im Auftrag des Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn listet 290 Strassen- und Platznamen in der Hauptstadt auf, bei denen sich antisemitische Bezüge feststellen liessen, darunter die Martin-Luther-Strasse, die Richard-Wagner-Strasse oder der Kaiserdamm. Das Gutachten empfiehlt in etwa 40 Fällen eine Umbenennung.
Wolffsohn erklärte, auch diejenigen Berliner, die mit dieser Liste nicht einverstanden seien, sollten dem Antisemitismusbeauftragten dafür dankbar sein: “Er hat eine notwendige Diskussion ausgelöst. Sie führt bei manchen hoffentlich zu mehr Wissen als Meinen.”
KNA/kws/chs/lwi