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Die Wing Chun Formen
SIU LIM TAO (KLEINE IDEE)
Die erste Form Siu Lim Tao (kleine Idee) ist die Grundlage, auf der sich das ganze System entwickelt. Kleine Idee bezieht sich darauf, wenig Konzepte zu haben und mühelos im Augenblick zu verweilen. Der physische Prozess der Entspannung hilft, auch unnötige mentale Anspannung loszulassen. Unterstützt wird dies durch das Reduzieren von Reizen und Ablenkungen der fünf äusseren Sinne – indem die Achtsamkeit nach Innen gebracht wird. Der Schüler lernt, während des Übens auf die fünf inneren Sinne zu lauschen und den Empfindungen des Körpers nachzuspüren (Gelenkpositionen, Zustand der Muskeln [Wechsel von Kontraktion-Entspannung zu Streckung-Entlastung und Haltezustand], Druck, Temperatur und Schmerzsensoren). Die so entstehende Gelassenheit von Körper und Geist bildet die Grundlage für das Erlernen und Verstehen von Wing Chun Kung Fu. Der Übende wird sich seiner Selbst besser gewahr.
In der ersten Form sind alle fundamentalen Prinzipien und Bewegungen dieser Kampfkunst angelegt. Sie enthält insgesamt acht Sätze und ist aufgeteilt in drei Sektionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Der erste Abschnitt trainiert den korrekten Stand und die Grundspannung im Körper. Der zweite Abschnitt dient der Kultivierung und der Lenkung der inneren Energie im Körper. Der dritte Abschnitt schliesslich schult den gezielten Einsatz von Energie in den verschiedenen Grundtechniken. Die erste Form vermittelt ein Grundverständnis über die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers und der damit verbundenen Parameter Kraft und Position.
CHUM KIU (SINKENDE BRÜCKE)
Die zweite Form Chum Kiu (sinkende oder suchende Brücke) lehrt den Schüler, seine Techniken in Verbindung mit geeigneten Schritttechniken im Raum einzusetzen. Er lernt, in der Bewegung Balance und Stabilität zu erhalten. Die Fertigkeit, die Distanz zu einem Gegner geschützt zu überbrücken oder zu vergrössern und ihm dabei gleichzeitig dynamisch auszuweichen, wird systematisch entwickelt und vertieft. Gleichzeitig lernt ein Schüler, seine Beine in verschiedenen Schritttechniken effizient einzusetzen. Er lernt, verschiedene Armtechniken mit entsprechendem Energieeinsatz auszuführen und schafft die Grundlage für die Fusstritte.
BIU TSE (STECHENDE FINGER)
Die dritte Form Biu Tse (schwirrende, stechende Finger) ist die dritte waffenlose Form des Wing Chun Kung Fu. Das Mysterium um diese Form rührt angeblich von der Tradition her, dass diese Form vom Meister nur an die jeweils loyalsten und besten Schülern weitergegeben wurde. Dies, weil diese Form sehr offensive und direkte Techniken lehrt – in ihrer Kompromisslosigkeit und Gradlinigkeit liegt ihre Gefährlichkeit. Der Gegner wird nicht umgangen, sondern im Moment seines Angriffs durch einen Konterangriff kampfunfähig gemacht. Dabei werden vor allem Ellenbogen und Fingertechniken im koordinierten Zusammenwirken gegen besonders empfindliche Punkte des gegnerischen Körpers zum Einsatz gebracht. Besonderes Augenmerk legt diese Form auf den Angriff. Darum werden diese Techniken erst dann unterrichtet, wenn der Schüler seinen freien Bewegungsfluss bereits gut kontrollieren kann. Zuweilen nennt man die dritte Form auch Fehler-Form – dies, weil sie einem ermöglicht, aus einer verbissenen, scheinbar aussichtslosen Lage doch noch sicher herauszukommen.
DIE HOLZPUPPENFORM: MOK JAN CHONG
Der Wooden Dummy – ein Trainingsgerät in Form eines Holzstammes mit drei Armen und einem Bein – dient der Perfektionierung der Techniken aus den Basisformen in einer genau festgelegten Abfolge. Die Form besteht aus 7 Sektionen mit verschiedenen Schwerpunkten. Erst später, nach langem Üben mit der entsprechenden Erfahrung und Verständnis, werden die einzelnen Sektionen der Holzpuppen-Form variiert und kombiniert. Die wirkungsvollen Fusstritte des Wing Chun Kung Fu kommen dabei besonders zur Geltung. Das Training an der Holzpuppe ist somit keine Form im eigentlichen Sinne, sondern ein Training mit einem äußerst widerstandsfähigen und geduldigen Partner. Die Geometrie des Kampfes – also das Einhalten bestimmter Winkel vom Körper des Trainierenden zur Holzpuppe -, Distanzgefühl, sowie die geschützte Positionsveränderung im Raum werden in dieser Form zur Perfektion gebracht. Das Üben an der Holzpuppe und der Austausch mit einem lebendigen Partner muss klar unterschieden werden. Erst nach und nach verschmilzt das Training an der Holzpuppe in der freien Anwendung mit einem Partner.
DIE LANGSTOCKFORM: LUK DIM BUN GUAN
Der Langstock -eine Waffe aus massivem und elastischem Holz von ca. 2,7 m Länge – wird in einer Form mit 6 ½ Grundbewegungen und deren Variationen im Zusammenspiel mit einer speziellen Schritttechnik zur Anwendung gebracht. Der Körper des Trainierenden wird hier bis an die Grenzen des Erträglichen belastet. Tiefere Stände und immer anspruchsvoller werdende Übungen lehren den Übenden, die Sinne für die Körperpositionen zu verfeinern und das Erlernte weiter zu vertiefen. Die Taktischen Überlegungen aus der Holzpuppenform werden hier zudem auf einen größeren Raum ausgedehnt und vertieft. Aus dem langjährigen Üben mit dem Langstock entwickelt sich eine besondere Dynamik und Kraft, daher der Begriff „die zitternde Schlange halten“. Das Üben der Langstock-Form ist die unbedingte Grundlage für das Erlernen der Doppel-Messer Form. Hier zeigt sich auch die Bereitschaft, selbst nach vielen Jahren des Lernens weiterhin hart an sich selbst zu arbeiten und offen für Neues zu sein.
DIE DOPPELMESSERFORM: BART CHAM DAO
Die Kurzschwerter, oft Doppel-Messer oder Schmetterlings-Messer genannt, sind der krönende Abschluss des Wing Chun Kung Fu. Sie sind Abschluss und Neuanfang zugleich. Alles Erlernte wird vertieft und unter ernüchternden Umständen kritisch betrachtet. Leben und Tod erscheinen in den Bewegungen und Übungen mit den Doppelmessern so nahe wie noch nie. Da die Verletzungsgefahr beim Üben und Anwenden sehr hoch ist, wird vorerst „nur“ mit stumpfen Messern geübt. Auf der ganzen Welt gibt es nur wenige loyale Praktizierende, die das Glück hatten, lange genug unter einem authentischen Meister trainieren zu können, um von ihm persönlich in diese Form eingeführt zu werden.