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26.07.2021 – Unwetter, Hochwasser an Flüssen und Überschwemmungen an Seen: Der Juli war in seiner ersten Hälfte nass und das Wetter instabil wie bereits im Juni. Viele Gewässer erreichten die Gefahrenstufe 3, mancherorts stiegen die Pegel in die Gefahrenstufe 4 oder gar 5. Besonders stark betroffen waren der Thunersee, der Neuenburger- und Bielersee sowie der Vierwaldstättersee.
Immer wieder intensive Niederschläge
Nach den Unwetterereignissen in der zweiten Junihälfte 2021 war den Einsatzkräften nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Ab dem 6. Juli 2021 setzten erneut intensive und teils gewittrige Niederschläge ein. Die Pegel der Flüsse auf der Alpennordseite waren nach den Juni-Unwettern etwas gesunken, nun stiegen sie rasch wieder an. Eine etwas ruhigere Witterungsphase zwischen dem 9. und 12. Juli 2021 entspannte die Lage nur kurz.
Ab dem 12. Juli 2021 folgte erneut kräftiger Regen, ausgelöst durch einen Kaltlufttropfen, welcher die Schweiz überquerte. Auf der Vorderseite des Tiefs fielen am 13. Juli 2021 die intensivsten Niederschläge auf der Alpensüdseite und in der Zentralschweiz. Nach einer kurzen Beruhigung verlagerte sich der Niederschlagsschwerpunkt auf der Rückseite des Tiefs am 15. Juli 2021 auf die Alpennordseite. Am 16. Juli 2021 zogen noch teils kräftige Schauerzellen aus Nordosten über die Schweiz, insgesamt beruhigte sich das Wetter aber langsam.
Während des Hauptereignisses vom 12. bis 15. Juli 2021 wurden fast in der ganzen Schweiz Niederschlagssummen von mehr als 100 mm verzeichnet, am Alpennordhang und im Tessin verbreitet über 150 mm. Das Maximum wurde mit 221 mm im Tessin bei Robièi gemessen.
Detailliertere Angaben zum Ereignis aus meteorologischer Sicht sind den Zusammenstellungen von MeteoSchweiz zu entnehmen: MeteoSchweiz-Blog: Kategorie Wetter
Hochwasser an Seen und Flüssen
Bereits die Monate Mai und Juni 2021 hatten weiten Teilen der Schweiz deutlich überdurchschnittliche Niederschlagssummen gebracht. Hinzu kam die intensive Schneeschmelze, die im warmen Juni 2021 eingesetzt hatte. Die Böden waren verbreitet gesättigt und viele Seen wiesen bereits leicht überdurchschnittliche Wasserstände auf. Die Niederschläge im Juli fielen somit auf ein bereits gefülltes hydrologisches System und liessen die Gewässer rasch weiter anschwellen, einzelne traten über die Ufer. An zahlreichen BAFU-Messstationen wurden neue Julimaxima verzeichnet und teilweise sogar die bisherigen absoluten Höchstwerte der jeweiligen Messperiode übertroffen.
Detaillierte Angaben zu den höchsten Messwerten, den Wiederkehrperioden und den maximal erreichten Gefahrenstufen sind folgender Zusammenstellung zu entnehmen.
Hinweis: Alle erwähnten Messdaten sind provisorisch.
Kritische Situation am Thunersee und der Aare
In Anbetracht der Wetterprognose begann der Seeregulierdienst des Kantons Bern ab Anfang Juli 2021 den Wasserstand des Thunersees vorsorglich abzusenken. Mit Einsetzen der Niederschläge am 6. Juli stieg der Pegel aber rasch sehr stark an. Um die Unterlieger an der Aare wie vorgesehen zu schützen, musste der Abfluss aus dem Thunersee wiederholt gedrosselt werden. Schliesslich überschritt der Seepegel am 15. Juli die Grenze zur höchsten Gefahrenstufe 5 (vermehrt Ausuferungen möglich). Andererseits erreichte die Abflussmenge an der Aare in Bern zwar ebenfalls die Gefahrenstufe 5. Die getroffenen Hochwasserschutzmassnahmen reichten aber aus, um grössere Schäden in der Stadt Bern zu verhindern.
Neue Rekordstände an Bieler-, Neuenburger- und Murtensee
Dem Bielersee flossen über längere Zeit ausserordentlich grosse Wassermengen zu und liessen ihn massiv ansteigen. Intensive Niederschläge im Einzugsgebiet der Emme sowie am Jurasüdfuss zwischen Grenchen (SO) und Wynau (BE) liessen die Aare unterhalb des Bielersees mehrmals anschwellen. Um die sogenannte Murgenthaler-Bedingung einhalten zu können, musste der Abfluss am Regulierwehr in Port (BE) mehrfach gedrosselt werden. Am Abend des 16. Juli erreichte der Bielersee einen neuen absoluten Höchststand (nach der 2. Juragewässerkorrektion) bei 430.94 m ü. M. Dies sind 6 cm mehr als die bisherige Höchstmarke vom August 2007.
Bei einem starken Anstieg des Bielersees kann der Zihlkanal die Fliessrichtung ändern und Wasser aus dem Bielersee in Richtung Neuenburgersee treiben. Das war vom 13. Juli an der Fall: Während sechs Tagen flossen grosse Wassermengen dem Neuenburgersee zu. Dieser überschritt seinerseits am 16. Juli die Grenze zur Gefahrenstufe 4 und erreichte nur knapp nicht auch noch die höchste Gefahrenstufe. Im Uferbereich wurden an verschiedenen Orten Wege, Strassen und Campingplätze überflutet und es drang Wasser in Keller ein. Der über den Broyekanal mit dem Neuenburgersee verbundene Murtensee stieg ebenfalls deutlich an und erreichte die Gefahrenstufe 3. Auch an diesen beiden Seen wurden neue absolute Höchststände seit der 2. Juragewässerkorrektion verzeichnet. Die Behörden sprachen Verbote für die Schifffahrt und das Baden aus.
Grosse Hochwassergefahr an Reuss und Vierwaldstättersee
Auch am Vierwaldstättersee war die Lage sehr angespannt. Am 8. Juli 2021 erreichte der Wasserstand die Gefahrenstufe 2 und bereits einen Tag später die Gefahrenstufe 3. Am 13. Juli 2021 folgte ein weiterer Anstieg um 45 cm innerhalb eines Tages. Dies führte zu überschwemmten Strassen und Plätzen. Die Zentralschweizer Kantone stellten die Schifffahrt ein. Seinen Höchststand verzeichnete der See in der Nacht auf den 17. Juli 2021 mit 434.95 m ü. M. (Gefahrenstufe 5), was einem neuen Julimaximum entspricht, aber 28 cm unterhalb des Maximums beim Hochwasserereignis im August 2005 blieb.
Die hohen Wasserstände des Sees führten zu ausserordentlich grossen Abflussmengen an der unterliegenden Reuss. So wurde am Spätabend des 13. Juli 2021 auch an der Reuss in Luzern die höchste Gefahrenstufe 5 erreicht. Die grossen Abflussmengen führten in Hünenberg (ZG) dazu, dass der Reussdamm verstärkt werden musste. Im Kanton Uri hatte man bereits am Nachmittag des 13. Juli 2021 die Hochwasserentlastungsanlagen an der Reuss in Seedorf und Altdorf in Betrieb genommen und vorübergehend einen Teil der Autobahn A2 vorsorglich gesperrt. Sowohl der See wie auch die Reuss in Luzern verblieben rund fünf Tage in der Gefahrenstufe 5.
Gefahrenstufe 4 am Zürichsee
Besonders kräftige Gewitter mit Starkregen, Hagelschlag und Sturmböen trafen in der Nacht auf den 13. Juli 2021 die Region Zürich. Der Zürichsee hatte bereits am 11. Juli 2021 die Gefahrenstufe 3 erreicht und stieg nun rasch weiter an. In der Folge nahm auch der Abfluss der Limmat stark zu. Am 14. Juli 2021 liess die Baudirektion des Kantons Zürich den Pegel des Sihlsees vorsorglich absenken. Damit konnte ein zeitliches Zusammentreffen der Hochwasserspitzen aus Sihl und Limmat verhindert werden. Der Zürichsee verharrte beinahe sechs Tage in der Gefahrenstufe 4. Der Höchststand des Zürichsees wurde am 18. Juli 2021 mit 406.734 m ü. M. erreicht. Vorübergehend wurde der Schiffsbetrieb auf dem Zürichsee reduziert und die Limmatschifffahrt ganz eingestellt.
Hochwasser auch am Hochrhein
Die hohen Zuflüsse aus den Einzugsgebieten der Aare, Reuss und Limmat führten auch im Hochrhein zu grossen Wassermengen. Bereits in der Nacht auf den 9. Juli 2021 erreichte der Rhein bei Basel die Gefahrenstufe 2 und noch am selben Tag die Gefahrenstufe 3. Vom 13. Juli bis zum 17. Juli 2021 wurden praktisch durchgängig Abflüsse über 3000 m³/s registriert. Am 13. Juli 2021 wurde der Schiffsverkehr auf dem Rhein zwischen Basel und der Schleuse Kembs (F) für sechs Tage eingestellt.
Ist das aktuelle Ereignis mit dem Hochwasserereignis im August 2005 vergleichbar?
An zahlreichen Messstationen des BAFU sind die Abflüsse als ausserordentlich einzustufen. Den Abflussspitzen der Aare in Thun und der Reuss in Luzern kann eine Jährlichkeit von mehr als 100 Jahren zugeordnet werden, an der Aare in Bern, der Lorze in Frauenthal (ZG) sowie der Suhre in Oberkirch (LU) sind es 50 bis 100 Jahre. An der Reuss in Andermatt (UR) und in Mellingen (AG), der Limmat in Zürich sowie am Riale di Calneggia in Cavergno (TI) beträgt die Wiederkehrperiode 30 bis 50 Jahre.
Die Ausdehnung der betroffenen Region und die Menge der gefallenen Niederschläge liegen in einer ähnlichen Grössenordnung wie bei dem grossen Hochwasserereignis im August 2005. An einigen Messstationen wurden die damaligen Höchstwerte übertroffen, so z.B. an der Reuss in Luzern. Der Vergleich der Wiederkehrperioden der Abflussspitzen zeigt aber, dass beim aktuellen Ereignis deutlich weniger BAFU-Messstationen sehr grosse Wiederkehrperioden aufweisen.
Wie ein Vergleich der Abflussganglinien der Messstation an der Reuss in Seedorf (UR) beispielhaft zeigt, wurde das aktuelle Ereignis weniger durch hohe Abflussspitzen als durch seine Dauer und aussergewöhnlich grosse Abflussvolumen geprägt. Im Jahr 2005 dauerte das Hochwasserereignis nur wenige Tage. Im 2021 betrug die Abflussmenge schon ab Anfang Juni nahezu durchgehend über 100 m³/s. Es folgten mehrere Abflussspitzen, mit dem Maximum von 526 m³/s am 13. Juli 2021.
Die Niederschlagssumme war beim Hochwasserereignis 2005 zwar in einer vergleichbaren Grössenordnung, fiel aber innerhalb eines kürzeren Zeitraums. Die höheren Niederschlagsintensitäten waren verantwortlich für die deutlich grösseren Schäden, die damals durch Erosion, Schwemmholz, Hangrutschungen und Murgänge entstanden. Welche Schäden das Juli-Hochwasser 2021 verursacht hat, wird von den verantwortlichen Stellen, wie den Versicherungen und den Kantonen, zur Zeit erhoben.
Nur langsame Entspannung der Hochwassersituation
Am Wochenende vom 24. und 25. Juli 2021 zogen noch einmal teils heftige Gewitter mit Starkregen und Hagelschlag über die Schweiz. Besonders betroffen waren die Voralpen vom Napf bis ins Appenzellerland.
In den kommenden Tagen sinken die Wasserstände weiter, die Wetterlage bleibt jedoch instabil. Bis sich auf der Alpennordseite die Lage an den grösseren Seen und deren Ausflüssen normalisiert hat, dauert es Tage bis Wochen. Am längsten wird es am Neuenburgersee dauern, wo mit drei bis vier Wochen gerechnet werden muss - unter der Voraussetzung, dass in dieser Zeit keine ergiebigen Niederschläge fallen. Insbesondere die Abflüsse an Aare, Reuss, Limmat und Hochrhein bleiben bis auf weiteres erhöht. Die Schnee- und Gletscherschmelze wird sich wegen den warmen Temperaturen verstärken, was zu Tagesgängen in den alpinen Flüssen führt, jedoch nicht Hochwasser relevant sein wird.
Weiterführende Informationen
Letzte Änderung 26.07.2021