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Dies ist ein Dokumentarfilm, zumindest legen das die präzisen Angaben zu Ort und Zeit nahe: London im Jahr 2009. Aber eigenartig ist es schon, wie die Kamera über der Metropole kreist und die Musik dramatisch aufwallt, wenn der berühmte US-Künstler Edward Ruscha durch ein Blitzlichtgewitter zur Eröffnung seiner Retrospektive schreitet. An der Pressekonferenz wird er dann von einem bärtigen Franzosen gefragt, ob es auch Werke gebe, die er der Öffentlichkeit bislang vorenthalten habe. Der Künstler laviert, da kommt die unvermittelte Frage: «Where is Rocky II?» Der heute achtzigjährige Ruscha kräuselt seinen Mund zu einem verdutzten Lächeln.
Wo ist wer? Das fragen sich nicht nur die ZuschauerInnen, sondern auch ein kalifornischer Privatdetektiv, der jetzt vom Franzosen beauftragt wird, besagten «Rocky II» zu finden. Eine Onlineabfrage liefert keine brauchbaren Hinweise, weil dabei nur Fotos von Sylvester Stallone als Boxer erscheinen: Muskeln wie aus Stein gemeisselt, doch der Ermittler sucht etwas anderes. Er fahndet nach einem Felsen.
1979, als Stallone sich in «Rocky II» auf der Leinwand prügelte, schuf Ed Ruscha sein gleichnamiges Werk in Form eines aus Fiberglas naturgetreu nachgebildeten Gesteinsbrockens, den er irgendwo in der 25 000 Quadratkilometer grossen Mojave-Wüste zwischen Los Angeles und Las Vegas deponierte – wie eine Nadel im Heuhaufen. «Viel Glück beim Suchen», wünscht Ruscha dem bärtigen Franzosen an der Pressekonferenz in London.
Dieser Mann heisst Pierre Bismuth und hat als Koautor von Michel Gondrys «Eternal Sunshine of the Spotless Mind» (2004) einen Oscar für das beste Drehbuch gewonnen. In «Where Is Rocky II?» führt er nun selbst Regie und bringt dabei die Grenzen zwischen Gefundenem und Erfundenem ins Rutschen. Denn Bismuth schickt nicht nur besagten Ermittler auf die Suche nach dem Felsen, er lässt auch zwei Hollywood-Drehbuchautoren den Sinn des mysteriösen Werks ergründen: Was soll Kunst bedeuten, die sich versteckt?
Plötzlich wird in «Where Is Rocky II?» geschossen. Die zunächst konventionelle Recherche wandelt sich zum Neo-Noir, und man weiss nicht mehr recht: Sind wir nun in einer Fiktion, die sich als Dokumentarfilm tarnt, oder umgekehrt? «Fake fiction» nennt Bismuth diese kreative Grauzone, in der sich trefflich rätseln, schmunzeln und staunen lässt über einen künstlichen Stein, der so viele Fragen ins Rollen bringt.
In: Solothurn, Kino Canva, Sa, 21. Januar 2017, 20.30 Uhr.