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Das musst du wissen
- Daten aus 21 Ländern zeigen, dass die Suizidraten während der ersten Monate der Corona-Pandemie nicht anstiegen.
- In manchen Ländern sanken die Suizidraten sogar.
- Allerdings zeigen Umfragen, dass die zweite Welle der Pandemie psychisch zu höheren Belastungen führte als die erste.
Mit dem Ausbruch der Pandemie kam es für viele zu happigen Folgen, zu Jobverlust, engen Wohnverhältnissen oder einer hohen psychischen Belastung. Forschende befürchteten deshalb, dass die Pandemie zu erhöhten Suizidraten führen würde. Denn sie vermuteten, dass sich durch die Pandemie die Symptome bei Personen mit psychischen Erkrankungen verstärken würden. Und dass andere neue mentale Gesundheitsprobleme wie Depressionen oder Angststörungen entwickeln würden, die mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen.
Eine Analyse von Daten aus 21 wohlhabenden Ländern zeigt nun: In dieser ersten Phase der Pandemie zwischen April und Juli 2020 kam es nicht zu mehr Suiziden, als die Raten der vorgängigen Jahre hätten erwarten lassen. In manchen Ländern sank die Suizidrate sogar. Die Schweiz war nicht unter den untersuchten Nationen – aber Nachbarländer wie Deutschland oder Österreich, wobei hier aus datentechnischen Gründen einzelne Regionen wie Leipzig oder Wien betrachtet wurden. Die Resultate bestätigen die Ergebnisse vorheriger Studien zum gleichen Thema, aber mit engerem Fokus.
Science-Check ✓Studie: Suicide trends in the early months of the COVID-19 pandemic: an interrupted time-series analysis of preliminary data from 21 countriesKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie hat nur Daten aus relativ reichen Ländern einbezogen, die Resultate sind also nicht allgemeingültig. Auch wurden keine spezifischen Bevölkerungsgruppen betrachtet – einzelne Gruppen könnten psychisch aber mehr unter der Pandemie gelitten haben. Die Studie kämpfte zudem mit unterschiedlicher Datenqualität. Und schliesslich ist die Suizidrate durch verschiedenste Faktoren beeinflusst, die hier nicht abgebildet werden. Die Studie kann deshalb Hinweise geben, die Resultate müssen aber durch weitere Forschung bestätigt werden.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: Offizielle, monatliche Daten von April bis Juli 2020 aus 21 Ländern, wovon zehn Daten für das ganze Land hatten und elf Daten für einzelne Regionen, peer-reviewed.Studien-Art: Beobachtungsstudie.Geldgeber: -Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Wir-Gefühl in ersten Monaten
Obwohl also der psychische Stress in der ersten Welle durchaus zunahm, kam es nicht zu mehr Suiziden. Die Forschenden vermuten, dass dies unter anderem daran liege, dass manche Länder die psychische Gesundheit von Anfang an im Blick hatten und die Behörden psychologische Dienste stärkten. Ausserdem könnte der psychische Stress durch das Wir-Gefühl in den ersten Monaten und die damit zusammenhängenden Aktionen wie Nachbarschaftshilfe abgefedert worden sein. Und schliesslich seien die ersten finanziellen Folgen der Pandemie durch staatliche Überbrückungszahlungen abgemindert worden. Sobald diese Hilfezahlungen aber ausliefen, könne das Suizidrisiko steigen, warnen die Autoren.
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Auch wenn die Forschenden aktuellere Daten von Oktober 2020 einbezogen, änderten sich die Schlussfolgerungen nicht. Hier gab es aber Ausnahmen: In Wien, Japan und Puerto Rico stiegen die Suizidraten an. Und die Forschenden geben zu bedenken, es mache sich gegenwärtig eine Müdigkeit breit, die aus psychologischer Sicht nicht unterschätzt werden sollte.
Junge haben das höchste Risiko für psychischen Stress
In der Tat zeigen Studien, dass der psychische Stress während der zweiten Welle ab Oktober 2020 viel höher war als in der ersten Welle. So zeigen die Ergebnisse der dritten Umfrage im November 2020 im Rahmen der Swiss Corona Stress Study, dass das Stressniveau in der Schweiz im Vergleich zur ersten Erhebung während des Lockdowns im April 2020 deutlich gestiegen ist. Während zum Beispiel der Anteil der Befragten mit schwerer depressiver Symptomatik vor der Pandemie bei drei Prozent lag, betrug er während des Lockdowns im April neun Prozent. Im November stieg er auf 18 Prozent an. 14- bis 24-Jährige wiesen das höchste Risiko auf.
Auch die Nachfrage nach psychologischer Betreuung stieg während der zweiten Welle deutlich, wie die Föderation Schweizer Psychologen und Psychologinnen kürzlich bekannt gab. Ob sich dies in den Suizidraten niedergeschlagen hat, wird allerdings erst im März 2022 klar sein: Dann veröffentlicht der Bund die Todesursachenstatistik 2020.