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Der Quarterback Brock Purdy wurde 2022 als allerletzter Spieler im NFL-Draft ausgewählt. Nun bricht er Rekorde und ist mit den San Francisco 49ers nur noch einen Sieg vom Super-Bowl-Triumph entfernt.
Die NFL ist ein Milliardenbusiness, die Entscheidungsträger investieren sehr viel, um bei der Talentschau richtigzuliegen. Jedes Jahr werden um die 260 Talente auf die 32 Teams verteilt. Die Spieler werden umfassend ausgeleuchtet. Es gibt physische Untersuchungen, einen kognitiven Test und teilweise eigentümliche Fragen in den Interviews mit den Managern: Findest du deine Mutter attraktiv? Was wäre deine bevorzugte Mordwaffe? Würdest du deinen Google-Verlauf mit uns teilen?
Aber es lässt sich nun einmal schlecht voraussehen, wie sich junge Sportler entwickeln. Und nicht jede Karriere verläuft linear. Es gibt Erstrundendrafts, die es nie in die Liga schaffen. Und späte Selektionen, die alle Erwartungen übertreffen. Bei der Lichtgestalt Tom Brady war das so; der Quarterback wurde im Jahr 2000 in der sechsten Runde an 199. Stelle von den New England Patriots ausgewählt. Und ist als siebenfacher Super-Bowl-Champion der erfolgreichste Spielmacher der Geschichte.
So weit ist Brock Purdy bei weitem nicht, auch wenn er den inzwischen zurückgetretenen Brady im Dezember 2022 in seinem allerersten Auftritt als Stammspieler mit 35:7 deklassierte. Sein Aufstieg hat etwas Atemberaubendes, denn Purdy, 24, war 2022 der 262. und letzte ausgewählte Spieler. Der «Mr. Irrelevant» jenes Drafts, das ist die Etikette, die man ihm übergestreift hat.
Im vergangenen Jahrzehnt haben es 8,4 Prozent der in der finalen, siebten Runde ausgewählten Quarterbacks überhaupt in die Liga geschafft. Aus Purdy aber ist bei den 49ers kein Wasserträger und Hinterbänkler, sondern ein Stammspieler und Star geworden. Im Vorjahr profitierte er von zahlreichen Verletzungen auf seiner Position und spielte ohne Anlaufzeit so stark, dass er sich nicht mehr verdrängen liess. In der Nacht auf Montag kann er als erster Siebtrunden-Quarterback der Geschichte den Super Bowl gewinnen.
Der Widersacher Patrick Mahomes verdient mit einer Partie mehr als Purdy in der gesamten Saison
Purdys Antipode heisst Patrick Mahomes, er ist so etwas wie das Aushängeschild der NFL. Es ist ein Duell der Extreme, nur schon monetär: Mahomes, 28, verdient in dieser Saison 59,4 Millionen Dollar. Und damit mit einer einzigen Partie mehr als Purdy mit 870 000 Dollar in der gesamten Spielzeit. Selbst sein Stellvertreter bei den 49ers, Sam Darnold, verdient knapp das Fünffache.
Trotzdem: Kein Play-off-Team verwendet so wenig Geld auf die Quarterback-Position wie San Francisco. Das ist nur möglich, wenn man einen Spielmacher aufstellen kann, der für den im Gesamtarbeitsvertrag vorgesehenen Mindestlohn eines Rookies spielt. Was einen enormen Vorteil bedeutet; die Ersparnisse können anderswo ausgegeben werden. Ein NFL-Kader umfasst 53 Spieler, es gibt eine universell gültige Gehaltsobergrenze von 224,8 Millionen. Es ist entsprechend keine Überraschung, dass San Francisco über das qualitativ bessere, ausgeglichenere Team verfügt.
Für die Chiefs kommt erschwerend hinzu, dass Purdy trotz seinem Schnäppchenpreis die bisher bessere Saison spielt als Mahomes: Er hat im Direktvergleich mehr Touchdowns und Yards geworfen. Auch wenn man fairerweise anmerken muss, dass die Abhängigkeit der Chiefs von ihrem Spielmacher deutlich grösser ist – die Equipe hat in der Offensive nicht allzu viele Akteure, die den Unterschied ausmachen können. Das ist der Preis der Mahomes-Millionen. Und auch des Erfolgs der letzten Jahre mit vier Super-Bowl-Teilnahmen seit 2019. Je mehr ein Team gewinnt, desto später kann es draften, das ist der Schlüssel zur Parität im US-Sport.
Bislang hat Purdy wenig aus der Ruhe bringen können, die Metamorphose vom «Mr. Irrelevant» zum unter Dauerbeobachtung stehenden Star hat er erstaunlich souverän gemeistert. Die Frage ist, ob Purdys Nerven auch auf der grösstmöglichen Bühne halten, im Super Bowl, der grössten eintägigen Sportveranstaltung der Welt. Das Fest des Gigantismus und seine lange Vorlaufzeit können einen aus der Bahn werfen.
Seit dem «Nipplegate» um Janet Jackson sind 20 Jahre vergangen
Der Rummel um Purdy war in den letzten Wochen enorm, er hat die Aufmerksamkeit unter anderem dazu genutzt, die Welt an seinem Glauben teilhaben zu lassen. Man weiss jetzt, was sein liebstes Bibelzitat ist, Psalm 23, das kommt an im tiefreligiösen Amerika. Ein Pastor aus Oregon schrieb, dass «christliche Familien am Sonntag für Purdy das TV einschalten» sollten. Warnte aber auch vor der «oft unmoralischen, für Kinder nicht geeigneten Halbzeitshow».
Vor 20 Jahren war dort der Nippel der Sängerin Janet Jackson zu sehen, davon haben sich Amerikas konservative Christen bis heute nicht erholt. Die NFL ist über die Jahre von etlichen Skandalen erschüttert worden. Spieler verprügelten ihre Frauen, in New Orleans setzten Trainer Kopfgeld aus, um Widersacher auf dem Feld zu verletzen. Aber ein Nippel ist der wahre Frevel, klar.
Purdy betet vor jedem Spiel, und es heisst, am College hätten ihn seine Teamkollegen vergeblich darum gebeten, mit ihnen das Nachtleben zu erkunden; das gebe ihm nichts. Lieber ging er fischen oder zum Gottesdienst. Und versuchte daneben, seine Footballfertigkeiten zu verbessern.
Kyle Shanahan, der Coach der 49ers, sagt, zu Purdys wichtigsten Qualitäten würden seine Lernbegierde und die Bescheidenheit gehören: «Er hat dieses Grundvertrauen in sich selbst, er ist zu 1000 Prozent von seinen Fähigkeiten überzeugt. Aber er hat keinerlei Allüren und hat sich nicht verändert, obwohl sich sein Leben radikal verändert hat. Ruhm interessiert ihn nicht, er ist unglaublich geerdet. Er weiss, was er will und welche Person er sein möchte. Das ist verdammt selten, nicht nur im Sport. Er ist ein spezieller Kerl.» Und der Routinier Christian McCaffrey, neben Purdy und dem Wide Receiver Deebo Samuel der wichtigste Offensivspieler San Franciscos, sagt: «Er ist der Anführer dieser Mannschaft. Alles beginnt mit ihm.»
«Beginn» ist ein gutes Stichwort: Diese verblüffende Geschichte, die vor knapp 22 Monaten ihren Anfang nahm, könnte am Sonntag einen vorläufigen Höhepunkt erreichen – ganz so, als würde es sich um ein kitschiges, von Hollywood erdachtes Sportepos handeln: Die Super-Bowl-Spielstätte Allegiant-Stadion in Las Vegas war im April 2022 bereits Austragungsort des Drafts gewesen. Weniger als zwei Jahre, bis sich der Kreis schliesst? Das ist Footballromantik im Düsenjet-Tempo. Es würde zu Purdys kometenhaftem Aufstieg passen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»