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Fast 30 Jahre kennen wir uns nun. Damals, 1993 ist der erste «Brunetti» auf Deutsch erschienen, bei Diogenes, in Zürich. Das war ein guter Grund, Brunettis Erfinderin dem Schweizer Publikum mit einem Beitrag in der Tagesschau vorzustellen. Donna Leon war gerade wieder aus Venedig angereist, um ihren Verleger in Zürich zu treffen, denn der erste Brunetti sollte nicht der einzige bleiben.
Zwischen Brunetti und Händel
Damals arbeitete ich noch beim Schweizer Fernsehen und etliche weitere Beiträge über Donna Leon kamen im Laufe der Zeit hinzu. Donna Leon erzählte von Venedig, ihrer Liebe zur Oper und – beim ersten Treffen – vom Gespräch mit einem Musiker-Freund, der sich über einen Dirigenten beklagte, der im Teatro Fenice in Venedig fast alles falsch gemacht habe.
Umbringen müsste man ihn, empörte sich der Freund damals. Und genau dies übernahm Donna Leon – allerdings nur literarisch … Und da jeder Mord auch einen Kommissar braucht, wurde Brunetti ins Leben gerufen … Als «Venezianisches Finale» wurde der Tod des Dirigenten zum Auftakt der Erfolgs-Reihe.
Seither haben Donna Leon und der Commissario dreissig Jahre zusammen verbracht und jedes Jahr einen neuen Fall miteinander gelöst. Ein Bestseller nach dem anderen! Die Leserschaft hat in diesen dreissig Jahren viel gelernt über das Leben in Venedig, über die Schönheiten der Stadt, aber auch über deren Fragilität, die durch Über-Tourismus und insbesondere auch wegen der riesigen Kreuzfahrtschiffe immer mehr bedroht ist. Donna Leon war empört – und ist es noch immer.
Brunettis Erfolg ist nach wie vor Donna Leons Erfolg. Auch finanziell. Guido Brunetti finanziert Donna Leon die Liebe zu einem anderen Mann: Georg Friedrich Händel. Dank Brunetti kann Donna Leon Musiker, Sängerinnen und ein ganzes Orchester unterstützen und tut dies ebenso erfolgreich wie das Schreiben. Das Orchester heisst «Il Pomo d’Oro», hat sich dem Originalklang verschrieben und profiliert sich seit zehn Jahren mit Werken von Händel und dessen Zeitgenossen.
Inzwischen lebt Donna Leon nicht mehr in Venedig, sondern hat sich nach Müstair in die Bündner Berge zurückgezogen. Sie lebt in einem alten Haus mit Garten, mit viel Ruhe, und sie besitzt neuerdings einen Schweizer Pass. Brunetti ist zwar in Venedig geblieben, aber Donna Leon weiss auch von der Schweiz aus, mit welchen Fällen der Commissario beschäftigt ist. Diesmal geht es um geheuchelte Wohltätigkeit und einen Überfall, der menschliche Abgründe offenbart. So steht es auf dem Klappentext des einunddreissigsten Falles unter dem Titel «Milde Gaben».
Vor allem aber: Am 28. September feiert Donna Leon ihren 80. Geburtstag. Man glaubt es kaum, so aktiv, wie sie ist.
Annette Freitag: Wie fühlt es sich an, 80 Jahre alt zu werden?
Donna Leon: Da spürt man nichts Besonderes. Ich denke, wenn man bei guter Gesundheit ist, bedeutet die Anzahl Jahre weiter nichts.
A. F. Was aber ist das Geheimnis, so jugendlich, so voller Energie zu bleiben und ein Buch nach dem anderen zu schreiben?
D. L. Ich denke, das ist teilweise genetisch bedingt. Ich stamme von glücklichen, gesunden Menschen ab und ich mag meine Arbeit. Ich bin grundsätzlich optimistisch und zufrieden und es gibt noch so vieles, was ich machen oder schreiben möchte.
A. F. Auch Brunetti scheint nicht älter zu werden … Werden Sie eines Tages gemeinsam in Rente gehen?
D. L. Wenn die Bücher nicht mehr gut sind, höre ich auf. Das ist bis jetzt nicht geschehen, hoffe ich … Aber wenn es so weit kommen sollte, wäre es nicht in Ordnung, ein schlechtes Buch zu schreiben und zu erwarten, dass die Leute das lesen.
A. F. Donna Leon und Venedig – das war lange Zeit ein fester Begriff. Haben Sie noch eine Bleibe in Venedig?
D. L. Nein. Aber ich fahre oft nach Venedig, um Freunde zu treffen und um die Stadt wieder zu spüren.
A. F. Und wie ist Ihr Gefühl über Gegenwart und Zukunft Venedigs?
D. L. Sehr pessimistisch! Die Stadtverwaltung beklagt den Tourismus und tut gleichzeitig alles, um ihn zu fördern.
A. F. Inzwischen sind Sie Schweizerin. Aber auch noch Amerikanerin?
D. L. Ich kann gleichzeitig Schweizerin und Amerikanerin sein. Und das bin ich.
A. F. Wann waren Sie das erste Mal in der Schweiz?
D. L. Ende der Siebzigerjahre.
A. F. Wie war damals Ihr Eindruck?
D. L. Es war damals ländlicher und ruhig. Die Schweiz war auch nicht besonders reich. Und die Leute waren höflich.
A. F. Hätten Sie sich damals vorstellen können, einen Tages Schweizerin zu werden?
D. L. Damals natürlich nicht.
A. F. Sie leben in einem Haus mit Garten, weit abseits vom Rummel. Wenn ich Ihr neues Buch «Ein Leben in Geschichten» lese, in dem es um Ihr Leben in Geschichten geht, sehe ich, dass Sie eine lange Beziehung zu Garten und Gartenarbeit haben. Was bedeutet Ihnen der Garten?
D. L. Ein Garten kann ein magischer Ort sein. Man steckt ein winziges, trockenes Ding in die Erde und ein paar Monate später hat man einen Strauch mit Tomaten oder eine Sonnenblume. Das ist magisch!
A. F. Dann gibt es noch diese Liebe zur Musik, zu Händel und dem Orchester «Il Pomo d’Oro». Waren Sie schon in jungen Jahren so musikbegeistert?
D. L. Ich habe die klassische Musik in meinen späten Teenager-Jahren entdeckt, wahrscheinlich übers Radio. Später, als ich all das gehört hatte, was man halt so hört, wenn man anfängt, klassische Musik zu hören, habe ich die Barockmusik entdeckt. Dann die Barock-Oper. Und ich habe mich in Händel verliebt …
A. F. Haben Sie bei all den wunderbaren Tätigkeiten und dem Erfolg Ihrer Bücher überhaupt noch einen Wunsch für Ihren Geburtstag?
D. L. Oh ja! Ich wünsche mir Händels «Jephta» und «Semele» – eingespielt von «Il Pomo d’Oro».
Donna Leon
«Milde Gaben»
Brunettis einunddreissigster Fall
Diogenes, 2022
Donna Leon
«Ein Leben in Geschichten»
Diogenes, 2022