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Geschichte geschrieben am Rande der Stadt
Kartausstrasse 48, 8008 Zürich (Karte)
Von Mariana Stöckli
Das Gebäude
Die Stephansburg, erbaut 1843 am Stadtrand Zürichs, mit ihrem achteckigen Turmbau zieht die Blicke des Betrachters direkt auf sich, mit Terrasse und Aussicht über den Zürichsee hat das stattliche Gebäude etwas heimeliges an sich. Interessanterweise wurde es in seiner Geschichte für ganz unterschiedliche Zwecke genutzt, welche jedoch alle ein gesellschaftliches Stigma erfahren und womöglich deswegen keinen Platz fanden inmitten der Stadt. Was sich abgelegen in der Stephansburg abspielte, spiegelt somit physisches sowie auch gesellschaftliches Randgeschehen wider.
Die Stephansburg als Wohn-, Wirtshaus und Bordell
In den 1870ern wurde sie von der ,,Irrenanstalt Burghölzli´´ (heute die Psychiatrische Universitätsklinik) übernommen. In einem Artikel zitiert Gina Attinger den damaligen Klinikdirektor Auguste Forel: der vormalige Verwalter der Klinik habe das Gebäude «einem elsässischen Wirt verpachtet, der unter der Etikette der Wirtschaft ein kleines Bordell darin führte. Dasselbe lag natürlich dem männlichen Wartpersonal sehr bequem und wurde von ihm denn auch fleissig benutzt.» Der Hirn- und Ameisenforscher liess das Wirtshaus 1879 schliessen. Damit teilte er die Auffassung der damals verstärkt auftretenden christlichen Sittlichkeitsbewegung, welche sich einsetzte gegen die Ausbeutung der Mädchen und gehäufte Sichtbarkeit der Prostitution in Zürich. 1897, einige Jahre später entschied die Volksmehrheit das generelle Verbot von Bordellen.
Von der schweizweit ersten kinderpsychiatrischen Einrichtung
1882 wurden im Gebäude ,,rekovaleszente´´ Frauen untergebracht, also ruhige und unauffällige Patientinnen, welche nicht der geschlossenen Anstalt zugewiesen wurden.
1921 wurde in der Stephansburg die erste kinderpsychiatrische Beobachtungsstation der Schweiz eröffnet. Die Ärzte vor Ort brachten sich den adäquaten Umgang mit den Kindern selber bei. Eine kinderpsychiatrische Ausbildung gab es bis dahin noch nicht und die Kinder wurden der Erwachsenenpsychiatrie zugewiesen, was für diese traumatisierend sein konnte. Die eingewiesenen Kinder waren ,,schwierige´´ Kinder, und kamen überproportional oft aus ,,unvollständigen´´ Familien (mit ledigen, geschiedenen oder verstorbenen Eltern). Häufige Diagnosen waren Schwachsinn, Verwahrlosung, Psychopathie und Neurosen. Etwa die Hälfte der Kinder kam nach ihrer Zeit auf der Beobachtungsstation zurück zu den Eltern, die andere Hälfte wurde ,,fremdplatziert´´ in Anstalten, Heimen oder Pflegefamilien. Dies löste ein Stück weit die Praxis des Verdingens ab, welche in der Schweiz damals üblich war. (Kinder, häufig Waisen, wurden auf Verdingmärkten versteigert und auf zum Beispiel Bauernhöfen als Arbeitskraft genutzt. Viele von ihnen erfuhren Misshandlung und wurden teils sogar Vergewaltigt oder verloren ihr Leben.)
Der Kreis schliesst sich
Die Beobachtungsstation wurde im Jahre 1944 nach Männerdorf verlegt, wo noch heute die Kinderstation Brüschhalde existiert. Die Stephansburg wurde von der Klinik noch einige Jahre als Personalhaus genutzt und ging irgendwann wieder, wie ursprünglich, in Privatbesitz über.
Quellen:
Kolberg, Stefffen: Bordell, Klinik, Beiz: Die mysteriöse Geschichte der Stephansburg (01.01.22), URL:
Gina Attinger, 2015, Kontaktfreudige Belle Epoque Prostitution im Riesbach des 19. Jahrhunderts, Unter dem Strich, Nr. 235, 33. Jahrgang, S. 9-10, https://8008.ch/assets/DocumentsNew/Kontacht/Magazine/862bdbc090/K235_2015_Unter-dem-Strich.pdf