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Die Ölsuche in der Arktis hat auch Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Während Shell grossartig erklärt, zahlreiche Pläne ausgearbeitet zu haben, um mit allfällig auslaufendem Öl im Eis fertig zu werden, erinnert uns die Firma gleichzeitig daran, dass die technischen und umweltbedingten Schwierigkeiten der Ölexploration in der Arktis immens seien. Unabhängige Spezialisten sagen hingegen, „es gibt heute keine uns bekannte Lösung oder Methode, mit der sich ausgelaufenes Öl aus dem Eismeer entfernen liesse“. Shell wittert vor den Küsten Alaskas zweifellos das ganz grosse Geschäft, nach dem Motto: «Ähnlich wie bei der Mondlandung kann es nichts schaden, wenn man als erster da ist.»
Unverantwortliches KonzernverhaltenShell öffnet das einst völlig eisbedeckte Meer der Arktis von Alaska. Die Firma reisst den kanadischen Nordwäldern den Boden unter den Füssen weg, um an den ölhaltigen Teersand zu kommen, sie saugt Öl aus dem tiefsten Bohrloch der Welt fast zweieinhalb Kilometer unter einer Ölplattform im Golf von Mexiko und quält Mensch und Natur im Niger Delta. Wo immer es besonders kontroverse, risikoreiche und schmutzige Formen von Öl zu holen gibt: Shell ist garantiert dabei.
Shell sieht in der Arktis von Alaska die nächste grosse Ölwildnis, „mit einem bedeutenden und unerschlossenen Potential, das beim Bewältigen der Energieherausforderung der Zukunft eine immer grössere Rolle spielen wird“. Die Firma hat bestätigt sie werde in den kommenden Jahren wiederkehren, um im Beaufort Meer und im Chukchi Meer weitere Quellen zu bohren. „Wir kommen zurück und werden den Vorgang 2013, möglicherweise auch 2014 wiederholen, bis wir ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Kohlenwasserstoff da noch vergraben liegt». Solche Führungseigenschaften führen zu globalen und regionalen Katastrophen. Teersand oder Ölsand bezeichnet Ablagerungen des Kohlenwasserstoffs Bitumen vermischt mit Lehm, Sand und Wasser, aus dem sich synthetisches Rohöl herstellen lässt. Die grössten Vorkommen befinden sich in der kanadischen Provinz Alberta auf einem Gebiet von der Grösse Englands. Die negativen Auswirkungen der Teersandindustrie sind überwältigend.
Fast 29% der Reserven von Shell sind im kanadischen Teersandgebiet. Die Firma ist der drittgrösste Unternehmer im Teersandgebiet und produziert 8% des kanadischen Ölsandes und dieser Prozentsatz wird vermutlich schnell ansteigen, sobald das Projekt zur Ausdehnung der Jackpine-Mine Wirkung zeigt. Das sind überraschende Zahlen für eine Firma, die uns glauben machen will, dass sie bei den Bemühungen um Nachhaltigkeit auf unserer Seite stehe, denn schädlicher für die Umwelt kann eine Extraktionsindustrie schwerlich sein.
KonsequenzenDas Eis am Nordpol reflektiert einen grossen Teil der Sonnenhitze zurück in den Weltraum, hält so den ganzen Planeten kühl und stabilisiert die Wettersysteme, die wir für unsere Nahrungsproduktion brauchen. Das Eis zu schützen bedeutet, uns alle zu schützen. In den letzten 30 Jahren haben wir bis zu drei Vierteln des schwimmenden Eises in der Arktis verloren. Das Volumen des Eises, gemessen im Sommer, wenn seine Ausdehnung am kleinsten ist, ist so schnell geschrumpft, dass Wissenschafter jetzt sagen, es befinde sich in einer Todesspirale. Während über 800'000 Jahren war der arktische Ozean immer eisbedeckt. Heute schmilzt das Eis infolge der massenhaften Verbrennung schmutziger fossiler Brennstoffe und die Arktis dürfte sich in naher Zukunft erstmals im Zustand der vollständigen Eisfreiheit präsentieren seit es Menschen auf der Erde gibt. Jedes neue Ölprojekt im arktischen Offshore-Bereich bedeutet zusätzliche CO2-Emissionen, die zum verschwinden des arktischen Eises beitragen. Gleichzeitig wird damit die Möglichkeit verbaut, Energieinvestitionen im grossen Stil auf erneuerbare Energiequellen zu konzentrieren.
Die Ölexploration in der Arktis hat auch Folgen für die biologische Vielfalt. Während Shell grossartig erklärt, zahlreiche Pläne zum Umgang mit auslaufendem Öl im Eis erarbeitet zu haben, erinnert uns die Firma gleichzeitig daran, dass die technischen und umweltbedingten Schwierigkeiten der Ölexploration in der Arktis immens seien. Die Pew Environment Group nahm einige dieser diese Notfallpläne für das Vorgehen im Fall einer Ölkatastrophe in der Arktis kürzlich unter die Lupe und warnte, die Industrie sei für die Arktis nicht gerüstet und ihre Katastrophenszenarien seien völlig ungenügend. „Die arktischen Ölunfall-Pläne unterschätzen die Wahrscheinlichkeit und Konsequenzen eines Ölunfalls katastrophalen Ausmasses, insbesondere bei Offshore-Bohrungen im US-Teil des arktischen Ozeans.“
Analysen des WWF kamen zum Schluss, die Vorschläge der Industrie zur Abwägung der Risiken eines Ölunfalls in der Arktis seien ungenau und weitgehend aus der Luft gegriffen. Die US-Regierung veranschlagt die Wahrscheinlichkeit einer grossen Ölkatastrophe über die gesamte Betriebszeit in einem einzigen Konzessionsblock im arktischen Ozean vor Alaska auf 20% Prozent. Der US-Geological Survey (USGS) kam zum Schluss, dass es keine umfassende Methode zum Einbringen von ausgelaufenem Öl im eisbedeckten Meer gebe und dass normale Ölsammelsysteme wegen der ausserordentlichen Umstände im Eismeer vor Alaska nur sehr beschränkt brauchbar seien. Andere Kritiker sagen, Shells Aufräum-Pläne seien nichts weiter als eine glorifizierte „Mopp, Eimer und Bürsten-Brigade“.
Shell – erst kürzlich verantwortlich für bedeutende Ölunfälle in Nigeria und Grossbritannien – behauptet, seine Techniker würden in der Lage sein, bis zu 90% allen in Alaska ausgelaufenen Öls wieder abräumen zu können. Die Geologen der amerikanischen Regierung gehen –bei gleichen Voraussetzungen – von 1%-20% aus. Die Behauptung von Shell wird nicht glaubhafter, wenn man weiss, dass nach der Deepwater Horizon Katastrophe nur gerade ganze 17% des ausgelaufenen Öls wieder abgeschöpft werden konnten; die Zahl für die Exxon Valdez (rund 9%) liegt noch tiefer.
Die Offshore-Gebiete der Arktis sind allgemein noch sehr wenig erforscht und wir verstehen bisher kaum, wie dieses potentiell komplexe Ökosystem funktioniert oder auf eine unerwartet grosse Belastung, zum Beispiel durch einen Ölunfall, reagieren würde. Hingegen ist ziemlich klar, dass jede grössere Ölkatastrophe mit über Monate auslaufendem Öl – und das in einer Gegend, die mehr Küstenkilometer hat, als das ganze übrige Land zusammen – mit grosser Wahrscheinlichkeit katastrophale Auswirkungen auf die lokale Tierwelt und die Fischvorkommen haben würde. Die Lebensräume von Eisbären, Moschusochsen, Bartrobben und Bandrobben, Grönlandwal und Blauwal, von Fischarten wie Seesaibling, Heilbutt und Lachshai, sowie von Vögeln wie der Prachteiderente, des Gerfalken, des Weisskopfseeadlers und des Trompeterschwans befinden sich alle in dieser durch Ölunfälle gefährdeten Region.