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Nägelis Postfach – der Zürcher Musikverleger bei der Arbeit
Hans Georg Nägeli (1773–1836) war Anfang des 19. Jahrhunderts der wichtigste Zürcher Musikverleger, ein umtriebiger Musikpädagoge und streitbarer Politiker. Seine Korrespondenz in der Zentralbibliothek Zürich gibt tiefe Einblicke in seine Welt – wie er Geschäfte führte und sich gesellschaftlich engagierte. Über seine Briefe nahm Nägeli lokal und international Einfluss und verbreitete seine Publikationen. 2023 jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal.
Nägelis Adressbuch
Im Nachlass von Hans Georg Nägeli liegen etwa 3000 Briefe. Sie dokumentieren sein Verhalten als Geschäftspartner, seine privaten Verbindungen und sein gesellschaftliches Engagement. Freund, Verleger, Komponist und Politiker – die Rollen vermengen sich in seinen Schreiben: Nägeli schrieb dem Leipziger Verleger Breitkopf von seinen musikalischen Vorstellungen, den Pädagogen Michael Traugott Pfeiffer lud er zum freundschaftlichen Besuch und mit seiner Frau Lisette Rahn regelte er die Geschäfte der Musikalienhandlung in Zürich. Er mischte sich aktiv in die Politik seiner Zeit ein und unterhielt Korrespondenz mit religiösen Persönlichkeiten wie Johann Caspar Lavater.
Nägelis «Adressbuch» zählte hunderte teils namhafte Personen. In seiner Korrespondenz finden sich bedeutende Komponisten wie Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber und Muzio Clementi neben kleinen Notenhändlern. Der Zürcher Musikpädagoge stand auch in regem Austausch mit Johann Heinrich Pestalozzi und dessen Schülern.
Der musikalisch passionierte Geschäftsmann
Erst 17 Jahre alt, gründete Hans Georg Nägeli in Zürich ein Musikgeschäft, bestehend aus einer Leihbibliothek und einem Musikalienhandel. Damit konnte der junge Mann seinen Lebensunterhalt finanzieren und zugleich seiner Leidenschaft für Musik nachgehen. Über seine geschäftlichen Beziehungen zu auswärtigen Musikhäusern war es ihm möglich, Noten zu beschaffen, die auch für ihn als Musiker und Komponist interessant waren. Bald begann er, selbst Werke zu verlegen.
In einem Katalog listete Nägeli alle Musikalien auf, die bei ihm erhältlich waren. Da dieser «Catalogus älterer und neuer Musikalien» nur einmal jährlich ergänzt wurde, waren nicht immer alle aufgelisteten Publikationen tatsächlich lieferbar. Im Zürcher «Donnstags-Blatt» hingegen warb Nägeli wochenaktuell für Werke, die im Laden verfügbar waren.
Mit seinem Geschäft verfolgte Nägeli nie allein kommerzielle Interessen. Insbesondere der Verlag war ein Leidenschaftsprojekt: Der junge Geschäftsmann benötigte dafür beachtliche finanzielle Ressourcen bei ungewissen Gewinnaussichten. Grosse Editionsprojekte konnten lediglich durch Schulden realisiert werden. Dafür gestalten Verleger durch ihr Programm das Musikleben mit. Nägeli setzte sich zum Ziel, das allgemeine Musikverständnis zu fördern – er wollte ein breites Publikum mit anspruchsvollen Werken bekannt machen.
Nägelis Leben als Musikunternehmer war von Höhen und Tiefen geprägt. Im Folgenden werden die wichtigsten Stationen näher beleuchtet.
Verkaufen und verleihen – unterschiedliche Geschäftsmodelle als Symbiose
Nägelis Leihbibliothek für Noten war zur Zeit ihrer Gründung eine Pioniereinrichtung, in der Schweiz wie auch im süddeutschen Raum. Dadurch konnte der Zürcher Unternehmer seine Klientel innert weniger Jahre ins grenznahe Ausland ausweiten. Die Leihbibliothek half ihm, sich auch als Musikalienhändler zu etablieren: Die Abonnentinnen und Abonnenten hatten die Möglichkeit, die geliehenen Noten nach Ablauf der Leihfrist zu erwerben. Dies war besonders für weniger Wohlhabende attraktiv. Denn durch das Ausleihen kannten sie die Noten und konnten Fehlkäufe vermeiden. Der ausländischen Kundschaft schlug Nägeli die Gründung von Tauschzirkeln vor, um teure Porti einzusparen.
Mit dem «Reglement für den eintretenden Abonnenten» konnten Abonnentinnen und Abonnenten Informationen über musikalische Fähigkeiten und Interessen an die Leihbibliothek übermitteln. Dieses «Reglement» – ein Fragebogen – diente als «Marktforschungsinstrument im modernen Sinne», wie Tobias Widmaier schreibt. Den abgebildeten Fragebogen schickte wohl Gertrud Kayser aus Heidelberg. Sie wünschte Werke «für Gesang mit Begleitung des Flügels». Beim Text hatte sie klare Vorlieben: «Ich sezze großen Werth in den schönen frommen Text […] Göthe vor allen.» Auch gab sie Auskunft über das musikalische Können ihrer Kinder, zwölf- und achtjährig: Sie übten «2 bis 3 Stunden des Tages» und machten «ziemlich gute Fortschritte». Auf die Schlussfrage, ob sie «zum Künstler bestimmt» seien, lautet die Antwort aber klar: «Nein beide nicht.»
Internationale Lieferketten
Durch den Musikalienhandel und -verleih knüpfte Nägeli rasch internationale Kontakte. Während er hauptsächlich den deutschsprachigen Raum belieferte, kaufte er seine Musikalien oft in ganz Europa ein.
In Italien erwarb der Zürcher Geschäftsmann vor allem Manuskripte. Diese verlegte er entweder selbst oder bot sie anderen Verlegern zum Kauf an. Auf den französischen Musikalienmarkt konzentrierte sich Nägeli bereits in seinen ersten Geschäftsjahren. Er merkte rasch, dass Paris den Trends des deutschsprachigen Markts weit voraus war. Folglich baute er seine Kontakte dorthin strategisch aus, wie ein Brief an das Institut National in Paris zeigt. 1795 vermeldete Nägeli, dass er mit etwa 20 verschiedenen Pariser Musikverlegern in Verbindung stehe. Französische Musikalien nutzte er im gesamten deutschsprachigen Raum als Kapital. Er versorgte damit einige prominente Musikalienhändler wie Breitkopf in Leipzig oder Artaria in Wien. Nicht immer konnte der Zürcher Unternehmer seine Interessen durchsetzen: Mit England gelang es trotz diverser Kontakte nicht, feste Handelsbeziehungen zu etablieren.
Der Bildungsförderer Nägeli und sein Sing-Institut
Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt Nägelis war die Musikpädagogik. Bildung und speziell das Schulfach Gesang betrachtete er als wichtiges Mittel, um Gemeinschaftssinn und Religiosität junger Menschen zu fördern. Das Musizieren war seiner Ansicht nach die wichtigste Form der schulischen Ausbildung. Als tiefgläubiger Mensch und Pfarrerssohn lag ihm geistliche Musik besonders am Herzen. Das gemeinsame Singen religiöser Texte bedeutete für Nägeli, die Einheit in Gott zu finden.
In Zusammenarbeit mit dem Pädagogen Michael Traugott Pfeiffer entstand 1810 eine «Gesangbildungslehre nach Pestalozzischen Grundsätzen». In diesem Schulbuch finden sich verschiedene Gesänge und Chorlieder sowie Methoden, welche die Notwendigkeit der Musik in der Bildung aufzeigen. Seine «Gesangbildungslehre» vertrieb Nägeli nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Eifrig vermarktete er sie bei Schulbehörden wie dem Königlich bayerischen Ministerium des öffentlichen Unterrichtes. Auf diesem Weg versuchte er, seine Lehre und seine Methoden an den Schulen im deutschsprachigen Raum zu etablieren.
Einen besonderen Stellenwert in der Tätigkeit Nägelis hatte die Gründung des Zürcherischen Sing-Instituts im Jahr 1805. Im Rundschreiben zur Eröffnung dieser Chorschule erläuterte Nägeli sein Ziel, den Chorgesang mit einem geistlichen Fokus als Bildungsmittel zu fördern. Auf einen finanziellen Beitrag wurde verzichtet, was die Zugänglichkeit für alle garantierte, doch es galten strenge Regeln: Pünktlichkeit und Disziplin waren äusserst wichtig.
Pionier der Geselligkeit
Mit dem Sing-Institut, das er als Dirigent, Komponist und Pädagoge leitete, verfolgte Hans Georg Nägeli auch sein Ideal der musikalischen Geselligkeit. «Menschen an Menschen zu binden» und das Beisammensein zu fördern, insbesondere durch Musik, sind gemäss Nägeli notwendige Kriterien «ächter» Kunst. Künstlervereine existieren sogar einzig, um Geselligkeit unter Menschen zu ermöglichen. Diese Haltung formuliert er 1820 auch in einer Rede, die eine Sitzung der Schweizerischen Musikgesellschaft eröffnete. Nägeli zufolge geniessen es Menschen, beim gemeinsamen Musizieren «in der menschlich schönsten Harmonie» zu erscheinen. Neu gegründete Sängervereinigungen in Nord- und Süddeutschland übernahmen Nägelis Ideal der musikalischen Geselligkeit.
Für das Sing-Institut komponierte Hans Georg Nägeli sehr viele Lieder. Besonders interessant sind die zwölf Hefte der «Teutonia». Ihre Rundgesänge und Liederchöre sollen «durch den ganzen Sängerkreis» erschallen. Dabei stehen das gesellige Zusammenkommen und Singen im Fokus, das perfekte Singen rückt in den Hintergrund. Die Lieder zeichnen sich entsprechend durch eine gewisse Einfachheit aus, sodass möglichst alle – unabhängig von Alter, Geschlecht, Klasse und Musikkenntnissen – partizipieren konnten. Sehr beliebt waren auch Nägelis zahlreiche Kompositionen für Männerchöre.
Parallel zur Tätigkeit für das Sing-Institut gründete Nägeli mehrere Chöre und engagierte sich in der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich, die er mitgründete. Gleich im Gründungsjahr erstellte er zusammen mit dem Zürcher Staatsschreiber Johann Rudolf Landolt eine «Concert-Ordnung». Diese zeigt das Ziel ihrer Konzertprogramme: maximale Vielseitigkeit. So wurde immer zwischen Vokal- und reiner Instrumentalmusik gewechselt. Auch die verschiedenen Musikgenres und Instrumente sorgten dafür, dass sich alle Vereinsmitglieder bestmöglich beteiligen konnten.
Nägelis breites Wirken prägte das Musikgeschehen Zürichs massgebend, was ihm immer wieder Anerkennung einbrachte.
Informiert und meinungsstark – Nägelis politisches Engagement
Hans Georg Nägeli baute durch seine vielfältige Arbeit ein grosses, auch internationales Netzwerk auf. Diese Kontakte nutzte er auch, um sich über die politische Lage zu informieren.
Nägelis Interesse am neuen «Bundes-Vertrag der XXII Cantone» gepaart mit seinem Verantwortungsgefühl gegenüber der Eidgenossenschaft zeigt sich in einem Brief an den Freiherrn vom Stein. In der 1814 entstandenen Rede «Projekt einer Staatsverfassung» äusserte sich Nägeli unter anderem über die Rolle der Künstler in der Politik:
Eine ebenso starke Haltung zeigte er im Zürcher Erziehungsrat, in den er 58-jährig gewählt wurde. Nägelis pädagogische Ideale und seine politische Meinung waren zu dieser Zeit ausgereift sowie praktisch erprobt. Er kritisierte andere pädagogische Schriften deutlich, etwa den Schulplan-Entwurf des Pädagogen Ignaz Thomas Scherr. Nägeli bemängelte ganze zwölf Punkte, die seinem Bildungsideal zuwiderliefen, unter anderem diese:
- Verkennung des menschlichen Organismus
- Begriffslosigkeit über das Wesen der Erziehung
- Unkenntnis des Pestalozzianismus
- Unbestimmt im Lehrgang und den Lehrmitteln
- Unklug in Behandlung des Volks
Nägeli heute – Literaturhinweise
Hans Georg Nägelis Leben wurde in der jüngsten Zeit intensiv erforscht. Die Autorinnen und Autoren nehmen dabei die Vielschichtigkeit seines Schaffens als Musikverleger, Lehrer und Politiker aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick. In den vier neusten Titeln finden Sie auch einen Überblick über seine Schriften und Werke:
- «Hans Georg Nägeli (1773–1836). Einsichten in Leben und Werk» von Martin Staehelin
- «Revolution und Geschichte. Hans Georg Nägeli und die demokratische Muse» von Louis Delpech
- «Hans Georg Nägeli. Komponist, Verleger, Musikmensch» von Andrea Schmid
- «Autonome Kunst als gesellschaftliche Praxis. Hans Georg Nägelis Theorie der Musik» von Miriam Roner
Mehr Literatur über Hans Georg Nägeli finden Sie in der Zürcher Bibliographie. Über die Aktivitäten der ZB Zürich zu Nägelis 250. Geburtstag sowie über ausgewählte Ressourcen informiert eine Webseite.
Diesen Beitrag haben Studierende in einem Lehrprojekt von Dr. Hein Sauer und Prof. Dr. Inga Mai Groote
am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich erarbeitet.
Er ergänzt die gleichnamige Ausstellung in der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich.
Autorinnen und Autoren: Nikolaj Bauer, Viviane Bettschart, Lea Fussenegger, Daria Haidashevska, Julia Hasler,
Lucie Jeanneret, Milo Krynski, Elia Pianaro, Sandra Sanchez, Anna Serra, Amalia Vasella
Juli 2023
Header-Bild: Seiten aus dem Nachlass von Hans Georg Nägeli in der Zentralbibliothek Zürich. (Benedikt Merkle)