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Sehr geehrte Zeit-Fragen-Redaktion,
unter dem Titel «Wozu dient es, Geschichte zu lernen?» hat Stevan Miljevic sehr wertvolle Gedanken formuliert.
Er betont vor allem die Bedeutung des Faktenwissens gegenüber dem an den Schulen zunehmend eingeführten Methodenwissen und Kompetenzgebahren.
Das kann ich nur unterstreichen. «Kompetenzen» ohne eine solide Basis an Faktenkenntnis sind hohles Geschwätz; umgekehrt entstehen sowohl Wunsch als auch Fähigkeit nach Methodenkompetenz fast von allein, wenn man ein gewisses Mass an Faktenkenntnis erwirbt. Man muss seine Kenntnisse dann nämlich ordnen. Wo Kenntnisse fehlen, ist aber nichts zu ordnen.
Stevan Miljevic betont die Bedeutung von Daten und Ereignissen, die man sich als Wissensbasis und übrigens auch als Gedächtnistraining aneignen muss. Das sehe ich auch so. Historische Daten und dazu gehörende Ereignisse sind ein Grundgerüst, nicht mehr und nicht weniger, welches man braucht, um überhaupt einen Blick auf die Vergangenheit zu bekommen. Ich würde das gern noch weiter ausmalen.
Ziel wäre es ja, ein möglichst lebendiges Bild davon zu bekommen, wie die Welt um uns herum mit ihren sozialen und politischen Strukturen, mit ihren zivilisatorischen und wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften, entstanden ist. Wie will man sie sonst verstehen? Nur so lernt man auch unterscheiden, welche Errungenschaften welchen Wert und welche Bedeutung haben, was rasch vergänglich ist, was in verschiedenen Formen immer wiederkehrt, was wirklich neu ist oder vor 50 und vor 100 Jahren neu war und die Welt verändert hat. Man könnte die historische Faktenkenntnis, die sich ein jeder aneignen sollte, mit einem geografischen Wissenserwerb vergleichen. So, wie man sich in einem Lernprozess allmählich ein Bild von der Welt macht, indem man zunächst verstreut von diesem und jenem Land etwas hört oder liest, bis man beim Studium der Landkarten merkt, welche Länder nebeneinanderliegen, durch Flüsse verbunden oder Gebirge getrennt werden, wo Felder und wo Wüsten liegen, so entsteht auch unser Bild von der Vergangenheit. Einzelne Geschichten stehen zunächst nebeneinander; man hört etwas vom römischen Imperium oder von der Entstehung des Islam oder der Erfindung des Buchdrucks. Auch wenn der Geschichtsunterricht in der Schule dies meist in historischer Folge vorträgt, so bleiben es zunächst doch einzelne Kapitel ohne deutlichen inneren Zusammenhang. Aber je mehr man von Ereignissen dazwischen hört, desto mehr erkennt man selbst (ohne weitere Kompetenzschulung), wie einzelne Geschichten zusammenhängen. Vertiefte Faktenkenntnis lässt Geschichten zusammenwachsen wie eine Landkarte, von der man zuerst nur ein paar Teile kennt. Der Meeresspiegel des Unwissens sinkt und was vorher einzelne Kenntnis-Inseln waren, wird als zusammenhängende Landmasse erkennbar. Wenn man erste Zusammenhänge entdeckt hat, wird man neugierig auf weitere und entdeckt schliesslich einen Geschichtsraum, einen Raum voller Geschichten, der spannender ist als jede «fantasy story». Denn es geht dabei um nichts weniger als um die ganze Welt. Um die Entwicklung zur Demokratie ebenso wie um die Entwicklung der Baukunst oder der Medizin, um die Fähigkeit, Lebensmittel zu produzieren ebenso wie um den Wunsch und die Fähigkeit, eine Orgel zu bauen. Geschichte ist alles, was die Menschen bereits hinter sich gebracht haben, der Dreissigjährige Krieg ebenso wie die Ölmalerei oder die Erfindung des Penicillins.
Warum interessieren sich viele Schüler dafür nicht? Ist es zu mühsam, die ersten Fakten aufzunehmen? Werden die Fakten von den Lehrern zu trocken und ohne Bezug zum Leben präsentiert? Mag sein. Aber es müsste nicht sein. Alle historischen Ereignisse sind Geschichten von Menschen, die unter bestimmten Umständen gehandelt haben. Man kann sowohl die Geschichten als auch die zugehörigen Umstände ausmalen. Jede Geschichte, die tatsächlich stattgefunden hat, lässt sich auch mit Bezug auf uns heute bekannte Gefühle und Handlungsmotive erzählen. Es waren ja immer Menschen, die gehandelt haben. Dass diese Menschen zum Teil aus anderen Denkmustern heraus und mit ganz anderen technischen Mitteln gehandelt haben – auch das lässt sich lebendig erzählen, wenn man zum jeweiligen kulturellen Umfeld etwas zu sagen weiss. Oft wird man sogar feststellen, dass zunächst unverständliche Handlungsmotive oft uns heute noch vertrauten Mustern folgen. Warum haben sich halbe Völker im 4. Jahrhundert von der Ostsee auf den Weg in den Süden gemacht? Ohne gepflasterte Strassen und ohne Reiserücktrittsversicherung, ja nicht einmal mit einer Landkarte oder einem GPS in der Hand, ohne zu wissen, ob ihre Kinder oder erst ihre Enkel dort ankommen, wo es sich besser leben lässt. Was hatten sie für Lebensumstände in der alten Heimat, was wussten sie, und was erhofften sie sich vom Süden? Mit solchen Fragen sind diese Menschen uns doch sehr nahe; und schliesslich sind es auch unsere Vorfahren; wir sind ihre Kinder.
Interesse für Geschichte beginnt beim Interesse für Menschen, die wir kennen. Wenn junge Menschen Gelegenheit haben, älteren wie beiläufig zuzuhören und wenn Ältere sich nicht scheuen, in Gegenwart Jüngerer von früheren Zeiten zu sprechen, ist bereits ein wesentliches Fundament für geschichtliches Interesse gelegt. Ich selbst habe ein lebhaftes Bild von den Jahrzehnten vor meiner Geburt aus Erzählungen meiner Eltern von ihrer Jugend. Von meinem Grossvater habe ich einiges aus dem Leben der Generation davor gehört. Auch Ausflüge an manche Orte, zu denen alte Geschichten erzählt wurden, haben dazu beigetragen, dass ich schon vor der ersten Geschichtsstunde in der Schule eine Ahnung davon hatte, dass die Welt kein festgebackener Stein ist, sondern aus Entwicklungen besteht, die keineswegs immer nur eine Richtung haben müssen. Die Neugier auf mehr hat dann selbst ein zeitweise recht langweiliger Geschichtslehrer nicht mehr zerstören können.
Geschichtsunterricht in der Schule ist ein wichtiger und unverzichtbarer Teil der Bildung; nicht umsonst haben gerade Diktaturen keinen Wert darauf gelegt, beziehungsweise ihn nur zu oberflächlicher Propaganda missbraucht. Dennoch ist er nur ein Teil. Eine gebildete demokratische Kultur muss ihr historisches Wissen auch in vielfältigen anderen Formen pflegen und erzählen.
Christian Fischer, Köln
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