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Wohl gerade dieses Ohnmachtsgefühl gegenüber Schwindlern hält den Wunsch am Leben nach einer unfehlbaren Maschine, die zwischen wahr und unwahr unterscheiden kann. Ab den 1920er Jahren wars der «Polygraph» (vgl. Box), der als Wahrsager mit angeblich übermenschlichen Fähigkeiten vorab die USA eroberte. Zwar hatte der Lügendetektor schon immer einen schweren Stand im Gerichtssaal. Doch Polizei und Geheimdienste liebten die Maschine, sei es um Kommunisten und Homosexuelle zu entlarven, sei es um Spione und Diebe zu enttarnen. Auch die Häufung von Fehlanzeigen taten der Popularität des Polygraphen keinen Abbruch, noch vor 30 Jahren unterzog rund ein Viertel der US-Firmen ihre angehenden Mitarbeiter einem Polygraphentest. Erst die Verabschiedung eines Polygraphen-Schutz Gesetzes durch den US-Kongress setzte 1988 dem Spuk ein Ende.
Was jedoch nicht das Ende der Bemühungen bedeutete, verlässlichere Lügendetektor-Maschinen zu entwickeln. Als jüngstes Beispiel berichtete etwa Daniel Langleben, Psychiatrieprofessor an der University of Pennsylvania, vor fünf Jahren in der Zeitschrift «NeuroImage» von seinen Versuchen mit Studenten. Die eine Gruppe hatte er gegen eine finanzielle Belohnung zum Lügen angestiftet, während er gleichzeitig mit einem Magnetresonanz–Scan (fMRI) sichtbar machte, was dabei in den Köpfen der jungen Leute vorging. Und siehe da: Die Scan-Aufnahmen der Lügner unterschieden sich in drei Gehirn-Bereichen deutlich von denjenigen der ehrlichen Probanden, das heisst, dass beim Lügen offenbar zusätzliche Hirnareale aktiviert wurden. Daraus schlossen Langleben und sein Team, dass Lügen dem Gehirn generell mehr kognitive Arbeit abfordert als das Eingestehen der Wahrheit, und dass dieser Vorgang mittels fMRI sichtbar gemacht werden kann. Immerhin auf 77 Prozent Treffer-Genauigkeit brachte es Langleben mit seiner Methode – andere Forschergruppen, welche die Versuche später in abgewandelter Form wiederholten, wollen gar eine Genauigkeit von über 90 Prozent erreicht haben.
Zwar räumte Daniel Langleben etwa gegenüber dem Magazin «The New Yorker» im vergangenen Juli ein, dass seine Forschungsresultate noch weit davon entfernt seien, um als Basis für einen verlässlichen Lügendetektor dienen zu können. «Eine Reihe von Fragen bleibt offen, etwa, ob die Methode auch bei Leuten mit einem IQ von 95, bei über 50jährigen oder bei Hirnverletzten funktioniert». Das hinderte jedoch die University of Pennsylvania nicht daran, bereits 2003 der Firma NoLie MRI eine Lizenz zur kommerziellen Nutzung von Langlebens Methode zu erteilen.
Die Technik «ermöglicht erstmals und einmalig in der Menschheitsgeschichte, Wahrheit und Lüge direkt zu messen», verspricht die Firma auf ihrer Website: NoLie-Firmenchef Joel Huizenga ist sehr aktiv in der Vermarktung seines neuen Geschäftszweiges, konnte in den USA bereits ein Dutzend Kunden gewinnen und gemäss eigenen Aussagen – als Beitrag zum Krieg gegen den Terrorismus – auch das Interesse von FBI und Pentagon wecken an seinem Produkt.
Nun will NoLie MRI den Sprung über den Atlantik schaffen und in der Schweiz eine Niederlassung eröffnen. «Es sind noch einige Formalitäten zu erledigen, danach steht der Aufnahme der Geschäftstätigkeit noch im September nichts im Weg», bestätigt Janine Dörffler-Melly gegenüber der NZZaS. Die auf Blutgefässe (Angiologie) spezialisierte Ärztin ist mit der Magnetresonanz-Technik schon bestens vertraut, sie hat sie als bildgebende Methode in ihren Forschungsarbeiten über Plaque-Ablagerungen in Arterien angewandt. Der Kontakt zu Joel Huizenga sei denn auch 2004 anlässlich des Kongresses der «American Heart Association» in Kalifornien zustande gekommen, sagt sie. «Dabei ist die Idee aufgekommen, den Test der NoLie MRI auch in Europa anzubieten.»
Doch weshalb ausgerechnet als erstes in der Schweiz, wo doch schon der Polygraph einen schweren Stand hat? Weil der MRI-Test mit einer Treffsicherheit von über 90 Prozent zuverlässiger sei als der herkömmliche Lügendetektor, der bloss in 50 bis 60 Prozent der Fälle ins Schwarze treffe, erwidert Janine Dörffler. Sie schliesst daher nicht aus, dass der MRI-Test bald auch in der Schweiz vor Gericht akzeptiert werden könnte, zumindest als Parteiengutachten, wie dies beim Polygraphen auch schon der Fall war.
«Bei unserem Test geht es nicht darum, den Schuldigen zu finden, sondern den Unschuldigen zu entlasten.» Dass dies möglich ist, und zwar viel zuverlässiger als mit dem Polygraphen, davon ist sie überzeugt. Und erinnert etwa an den Fall des Harvey Nathan aus South Carolina, der 2003 angeklagt worden war, sein Restaurant in Brand gesteckt zu haben. Er wurde zwar vom Richter freigesprochen, musste aber auch noch die Versicherung von seiner Unschuld überzeugen, bevor diese für den Schaden aufkam. Der Unschulds-Beweis gelang Harvey Nathan dann mit einem fMRI-Test.
Wann immer die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen zur Diskussion steht, könne der Test Klarheit schaffen, verspricht die Firma NoLie MRI auf ihrer Website. Explizit empfohlen wird die Methode auch zur Risiko-Reduktion bei der Partnersuche. Auf dem Markt der Partnervermittlung tummeln sich viele Schwindler beiderlei Geschlechts. Weigert sich der oder die Auserkorene, die lauteren Absichten durch einen NoLie-Test bestätigen zu lassen, ists wohl nicht sehr ernst gemeint, so das Kalkül. Ernst muss es einem zukünftigen NoLie-Kunden jedoch sein mit der Sache. Denn der Test kostet in den USA stolze 10 000 Dollar. «Dabei ist die Firma noch weit von der Gewinnzone entfernt», relativiert Dörffler den Preis. Denn der Aufwand ist beträchtlich, es muss ein MRI-Tomographie-Gerät zur Verfügung gestellt werden, die Fragen an den Kunden in der Röhre müssen sorgfältig und den wissenschaftlichen Standards entsprechend formuliert werden, und die Auswertung der Daten wird von einem spezialisierten Fachmann vorgenommen. Aus diesem Grund wird auch der Entwickler der Methode, Daniel Langleben, den ersten Schweizer Testlauf begleiten. Dieser soll übrigens in St.Gallen starten, danach sind weitere Wahrheits-Scans in der übrigen Schweiz, in Deutschland und Holland geplant.
Wie zu erwarten, fehlt es nicht an kritischen Einwänden gegen den Einsatz von fMRI zur Wahrheitssuche. Diese beginnen schon auf apparativer Ebene: Magnetresonanz-Tomographen sind sehr empfindliche Maschinen, der Proband muss komplett ruhig in der Röhre liegen, schon Grimassenschneiden oder das Bewegen der Zunge kann Fehlsignale auslösen. Weiter muss die Frage (die dann mit einer Lüge beantwortet werden soll) mehrere Male wiederholt werden, um genügend Signale für eine Bildumsetzung zu generieren. Die Lüge wird so zu einem Mantra ohne den emotionalen Effekt, den man eigentlich dank fMRI sichtbar machen möchte. Des weiteren handelte es sich bei Daniel Langlebens Probanden um junge, unproblematische Menschen, denen 20 Dollar versprochen wurden, damit sie sich Mühe geben beim Lügen. Sicher keine der Realität entsprechende Situation, bei der es um Leib und Leben geht.
«Ich bin überrascht, ich hätte nie gewagt, so etwas zu kommerzialisieren», kommentiert denn auch Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, die Marketing-Strategie der Firma NoLie. »Wir haben für unsere wissenschaftlichen Arbeiten teilweise sehr strenge Auflagen der Ethikkommissionen zu erfüllen. Dass die Kommerzialisierung dieser Methode in der Schweiz ethisch durchsetzbar ist, finde ich bemerkenswert.»
Lutz Jaencke erforscht den Zusammenhang zwischen Gehirn und Verhalten – und bedient sich dabei selber auch zuweilen der fMRI-Technik, etwa bei Patienten, die an Gedächtnisschwund zu leiden vorgeben. Aber um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit an den Tag zu bringen, würde er den Magnetresonanz-Tomographen niemals einsetzen. «Es ist schon gar nicht so einfach zu definieren, was eine Lüge ist. Ein verbrecherischer Soziopath ohne Unrechtsgefühl kann auch mittels fMRI nicht überführt werden, ebenso wenig ein Terrorist, der ja in der Regel von seinen Anstiftern einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Und selbst wenn man bei Leuten, die mit schlechtem Gewissen lügen, gewisse Hirnareale aktiviert sieht, so heisst dies noch gar nichts. Denn dieselben Hirnareale leuchten bei einer ganzen Reihe anderer Tätigkeiten ebenfalls auf. Da wird es beinahe unmöglich sein, eine Lüge herauszufischen.»
Bei aller Kritik hält es der Neuropsychologe jedoch nicht für unmöglich, «dass irgendwann einmal ein Versuchs-Szenario entwickelt wird, mit dem mit einiger Zuverlässigkeit dargestellt werden kann, ob eine Person die Wahrheit spricht oder nicht». Das sei jedoch noch ferne Zukunftsmusik, «es gibt ja auch erst rund ein Dutzend ernst zu nehmende Studien zu diesem Thema».
Janine Dörffler hört all diese kritischen Argumente nich zum ersten Mal. «Selbstverständlich ist die Auswahl der Kunden das A und O.» Leute, die nicht unterscheiden können zwischen wahr und unwahr, psychische Probleme haben oder grundsätzlich ungeeignet sind für einen MRI-Scan (Träger von Herzschrittmachern, Menschen mit Platzangst), scheiden aus. Dass es erst wenige wissenschaftliche Studien mit einer beschränkten Anzahl Probanden gibt zum Thema, stört sie nicht besonders, «weil die vorgelegten Resultate für den Nachweis der Treffsicherheit eine hohe statistische Signifikanz haben». Die Methode sei eben neu «und hat wie alles Neue mit Widerstand zu kämpfen.» Jetzt gehe es darum, anhand realer Fälle zu sehen, ob der neue Lügendetektor-Test sich im Alltag ebenso bewähre wie unter wissenschaftlichen Untersuchungsbedingungen.
Und in der Zwischenzeit bleibt uns Normalsterblichen wohl nichts anderes übrig, als weiterhin nach der Devise «Trau, schau wem» zu leben.
Im Internet: http://www.noliemri.com
Mit Maschinen Gedanken lesen
Der Polygraph, allgemein auch als «Lügedetektor» bekannt, wurde vor rund 80 Jahren in den USA entwickelt. Er misst Blutdruck, Puls, Atmungsaktivität und elektrische Leitfähigkeit der Haut (Schweissabsonderung) und zeichnet die Daten während der Befragung eines Verdächtigen laufend auf (daher der Name «Polygraph»). Antwortet der Befragte wissentlich unkorrekt, löst dies meist Stress aus, der in den aufgezeichneten Kurven Spuren hinterlässt. So lassen sich erfahrungsgemäss etwa 70 Prozent der Lügen aufdecken. Andere Techniken nutzen die Wärmeabstrahlung um die Augen herum oder die vom Gehirn abgegebenen elektrischen Wellen (EEG) als «Wahrheitsserum».
Im Gegensatz zu diesen indirekten Zeugnissen für Hirnaktivität nimmt fMRI für sich in Anspruch, direkt abzubilden, was im Gehirn abläuft, respektive welche Hirnregionen unter einer Befragung jeweils besonders aktiv sind. Denn arbeitende Hirnzellen müssen mit frischem, sauerstoffhaltigem Blut versorgt werden, und dieses hat andere magnetische Eigenschaften als sauerstoffarme rote Blutkörperchen. Diese magnetischen Unterschiede können dann vom Magnetresonanz-Tomographen aufgespürt und mit Hilfe von Computerprogrammen bildlich dargestellt werden.
Ungekürzte Version des am 9. September 2007 in der NZZaS erschienenen Artikels.
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