Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/450

Robinson ist nicht einsam
Michael Guggenheimer
Im Jahr 1719 erscheint in London der Roman „Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe“. Autor ist ein Daniel Defoe. Nur wenige Werke der Weltliteratur haben einen nachhaltigeren Einfluss auf die Kinder- und Jugendliteratur ausgeübt als dieses Buch. Neben ersten Übersetzungen in den Niederlanden und Deutschland entstehen schon nach kurzer Zeit zahlreiche Bearbeitungen und Fortschreibungen, die sich zunehmend an ein junges Lesepublikum richteten. Es bildet sich eine eigenständige Literaturgattung mit Namen „Robinsonaden“ aus, die ungezählte Werke in vielen Sprachen hervorbringt. Ihnen gemeinsam ist die unfreiwillige räumliche Isolation einer Person oder Gruppe von der menschlichen Gemeinschaft für einen längeren Zeitraum, die einen zivilisatorischen Neuanfang erzwingt. Im Verlauf von bald dreihundert Jahren bildet sich ein kultureller Topos aus, der sehr unterschiedlich ausgefüllt wird. Unter den Verfassern finden sich viele namhafte Autoren der klassischen Unterhaltungs- und der modernen Hochliteratur wie zum Beispiel Jules Verne und Arno Schmidt. Zu ihnen gehören auch eine Schweizer Version „Die Schweizer Familie Robinson“ und „Der Schaffhauserische Robinson“ von Johann Auer.
Rechtsanwalt und Kunstsammler Dr. Peter Bosshard aus Rapperswil kann sich nicht mehr daran erinnern, ob es sein Vater oder eine Lehrerin war, die ihm im Jahr 1949 ein SIW-Heft mit den Abenteuern von Robinson Crusoe, nacherzählt von Albert Steiger, in die Hand gedrückt hat. Dreissig Jahre später hinterlässt ihm sein Vater eine Sammlung mit besonders schönen Kinder- und Jugendbüchern, die ihn dazu animiert, sich auf seinen Reisen in Buchantiquariaten und bei Bouquinisten auf die Suche nach weiteren Kinder- und Jugendbüchern zu machen. Etwa um 1985 wird ihm klar, „dass es nichts bringt, zu breit zu suchen“, worauf er anfängt sich im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur noch mehr zu spezialisieren: Keiner in der Schweiz und wahrscheinlich keiner in Europa hat so gezielt Robinson Crusoe Bücher und Robinsonaden gesucht wie er. Heute nennt Peter Bosshard rund 4500 Robinsonaden in 153 Sprachen sein eigen. Robinson ist in Rapperswil unter seinesgleichen und gewiss nicht einsam auf einer fernen Insel. Und anders als manch andere private Büchersammler zeigt er seine Sammlung und lässt interessierte Fachleute mit den Büchern arbeiten.
Im Jahr 2008 wird das Kunst(Zeug)Haus, ein Museum für zeitgenössische Kunst im ehemaligen Zeughaus der Stadt Rapperswil, eröffnet. Isa Stürm und Urs Wolf, zwei Architekten aus Zürich, bauen das Haus um und stellen im ersten Stockwerk inmitten der Sammlung eine Hütte hin, eine Kunstinstallation, die an ähnlichen Konstruktionen des russischen Künstlers Ilya Kabakov erinnert. Drei Bücherwände voller Bücher, alles Robinsonaden, eine Wand mit einem thematisch passenden grossen Aquarell eines Tropenwaldes von Claude Sandoz mit Titel „Golden Rain“, vier Metallrohrsessel aus einer ehemaligen Simcagarage an einem Holztisch vom Gotthard Hospiz bieten Besuchen die Gelegenheit, Robinsonbüchern in vielen Sprachen auf dem langen Tisch hinzulegen und anzuschauen.
Anwalt Bosshard sucht weiterhin Robinson-Trouvaillen. Und er tut das weltweit. Erst kürzlich hat ihn Antiquar Dougls Stewart aus Sidney per Mail kontaktiert und ihm eine Fotografie einer „Miss Lydia Thompson as Robinson Crusoe“ aus dem frühen 20. Jahrhundert und einige weitere alte Ausgaben des Kultbuchs verkaufen können. Besondere Freude hat der passionierte Sammler an Miniaturausgaben des Romans. Und unwahrscheinlich vielfältig sind die Variationen des Buchs in seiner Bibliothek: Von „Le Robinson de 12 ans“, den er in Antwerpen entdeckt hat über „Robinson Crusoe told in One Syllable Words“, einer Version in Böhmisch und einer in Fränkisch bis hin zu „Robinson des Demoiselles“ und Versionen in Japanisch, Ungarisch, Chinesisch, Norwegisch und Schwedisch. Und von jeder dieser Versionen weiss er, wo er sie erworben oder als Geschenk erhalten hat.
Den Kulturjournalisten Georg Sütterin hat er dazu bewegen können, ein köstliches Buch über jene Inseln zu verfassen, deren Bewohner davon überzeugt sind, auf der einzig wahren Robinsoninsel zu leben. Dass Robinson eine erfundene Figur ist, kümmert sie natürlich nicht. Kunstsammler Bosshard ist mittlerweile nicht nur profunder Kenner der zeitgenössischen Kunst der Schweiz. Er ist ein Robinsonaden-Spezialist, der genau erläutern kann, weshalb die mediterranen Länder kaum wirkliches Interesse an Robinson aufbringen. Eine Ausnahme gibt es dennoch: Als die israelische Fotografin Naomi Leshem im Kunst(Zeug)Haus anlässlich ihrer Ausstellung Bosshard kennenlernt, verspricht sie, ihm eine hebräische Ausgabe von Robinson Crusoe zu schicken. Dass er sie bei unserem Besuch in seiner Bibliothek nicht sofort findet, ist bloss der Tatsache zuzuschreiben, dass seit einem Jahr eine Bibliothekarin an einem Tag pro Woche die 4500 Bände katalogisiert und ordnet. Und weil sie immer wieder beim Sichten der Bücher Entdeckungen macht, wird ihre Arbeit noch ein Jahr dauern. Bis dann werden gewiss noch weitere Angebote eintreffen.
Robinson Crusoe Bibliothek
Kunst(Zeug)Haus
Schönbodenstrasse 1
8640 Rapperswil-Jona
T: 055 220 20 80
www.kunstzeughaus.ch
Schatzinsel
Heinz Egger
Schiffbruch, dramatische Ankunft auf einer Insel, erstellen einer sicheren Unterkunft, Nahrungssuche, Erkundungstouren, Jagd, Kalender, Freitag, 28 Jahre zwei Monate und 19 Tage bis zur Rettung durch Piraten. – Wie haben wir die Geschichte von Robinson Crusoe verschlungen, mitgefiebert und davon geträumt. Hin und wieder als Pubertierende gar selber gewünscht, so alleine, unabhängig und selbstbestimmt leben zu können. Wir liebten das Buch von Daniel Defoe. Wie wir den ersten Kontakt zur Robinson-Geschichte hatten, dazu kommt keine Erinnerung hoch. Ob es auch ein SJW-Heft war wie bei Peter Bosshard? – Wohl eher nicht, denn bei diesen Heften liebten wir vor allem jene, die etwas zum Basteln enthielten, beispielsweise Papierflugzeuge, mit denen wir stundenlang unsere Zimmerluft durchkreuzten und in einem grossen Flughafen aus Legosteinen landeten. Und es gab da auch Abstürze, auf einsame Inseln wie das Kopfkissen. Ob wir dann aber Robinson gespielt haben?
Peter Bosshard, der im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil eine unermessliche Robinson-Bibliothek zusammengetragen hat, lernte Robinson Crusoe in einem SJW-Heft Ende der 1940er-Jahre kennen. Sein Vater hat ihm wohl auch das Sammeln vererbt. Er war Buchhändler und Antiquar und sammelte Kinderbücher, die ihm gefielen. Peter Bosshard hat, als ihm Vaters Bibliothek als Erbe zufiel, den Bestand weiter gepflegt. Allerdings fragte er sich, was er mit den rund 600 Büchern anfangen sollte. Einfach so unspezifisch weiterzusammeln schien ihm langweilig. Er entschied sich, künftig nur noch Robinson-Bücher zu suchen. Dazu gehören nicht nur Ausgaben der Defoe’schen Geschichte, die zum ersten Mal 1719 erschien, sondern auch des Schweizer Robinson des Berner Stadtpfarrers Johann David Wyss. Dieser verfasste seine Geschichte in den Jahren 1794 bis 1798 und erzählte sie seinen vier Kindern. Einer seiner Söhne, Johann Rudolf Wyss, hat sie für die Veröffentlichung vorbereitet und ab 1812 publiziert. Auch gehören andere Robinsonaden dazu, also Geschichten, die von einem Schicksal mit ähnlichen Bedingungen, wie sie Robinson erlebt hat, berichten. So ist denn die jüngste Anschaffung auch Kruso von Lutz Seiler, erschienen 2014. Allerdings sei das keine sehr gelungene Robinsonade, wie Peter Bosshard anmerkt. Sie spiele zwar auf einer Insel, aber die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit und der Kampf ums Überleben, bei dem sich der Protagonist quasi neu erfinden müsse, fehle darin.
Der Sammler fand seine Perlen überall auf der Welt, beispielsweise in den Niederlanden, England, Frankreich und den USA, letzte Zugänge stammen gar aus Neuseeland. Die umfangreiche Sammlung von etwa 4500 Büchern in über 150 Sprachen wird zur Zeit katalogisiert. Das Resultat soll dereinst auch online zur Verfügung stehen. Die Bücher sind in einer Art Insel einquartiert. Es ist ein Geviert, aussen Ausstellungsfläche, innen intimer Rahmen für die Bücher, nach oben zum Dach offen. Die Ausstattung ist bewusst einfach, aus natürlichen Materialien gefertigt. Ursprünglich waren die Bücher nicht fürs Publikum gedacht. Ein Teil der Sammlung ist nun den Museumsbesuchern doch frei zugänglich. Im Bibliotheksraum stehen ein währschafter Tisch, der einst Kutschern auf dem Gotthard diente, und einige Fauteuils aus einer französischen Simca-Tankstelle aus den 1940er-Jahren. Hier lässt es sich bequem lesen. Die Bücher werden nicht ausgeliehen.
Und auf welcher Insel in der Südsee war nun Robinson? Defoe war ein gewiefter Geschichtenerzähler, dem es oft genug gelang, seine Phantasien als Wahrheit zu verkaufen. So auch bei Robinson Crusoe. Die geografischen Angaben sind sehr unpräzise. Und doch, so berichtet der Journalist Georg Sütterlin in seinem Büchlein „Robinsons Inseln, Folgen eines Schiffbruchs“, das im Verlag Lars Müller 1995 erschien, erheben Tobago, Más-a-Tierra und gar Ceylon (heute Sri Lanka) Anspruch auf den Helden. Eine Inselgruppe in der Mündung des Orinoko entspricht den Beschreibungen Defoes am besten. Allerdings existieren diese Inseln nur auf alten geografischen Karten.
Peter Bosshard sammelt nicht nur Robinsonaden. Mindestens so bedeutend sind seine Kunstschätze – alles moderne Kunst. Bücher und Kunstwerke sind in eine Stiftung eingebracht, der auch das Kunst(Zeug)Haus gehört.
Landung 30. September 1659, Tisch und Stuhl, Getreide als Gottes Wunder, Schildkröten und Pinguine, unter dem Sonnenschirm aus Palmwedeln, der sprechende Papagei …