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Los geht’s 1962. Plötzlich werden in Europa Western gedreht. Und die könnten unterschiedlicher nicht sein.
Da gibt es die Karl-May-Verfilmungen: Winnetou und Old Shatterhand kämpfen gemeinsam für das Gute, Schöne und Wahre und haben damit Erfolge. Die Filme sind von der unverbrüchlichen Gewissheit geprägt, dass das Gute letztlich siegen wird.
Fast zeitgleich kommt aus Italien das genaue Gegenteil: Spaghetti-Western mit Helden, die garantiert nicht für das Gute kämpfen, sondern für eine Handvoll Dollar. Zynisch sind sie. Kaltschnäuzig.
Der «Frontier Western»: Weisse Helden in der Wildnis
Bis dahin kommen Western vorwiegend aus Amerika. Ein grosser Teil dieser klassischen Western ist damit beschäftigt, die Besiedlung des Westens und den Kampf weisser Soldaten und Siedler gegen die Indianer zu verklären.
Den Teil des amerikanischen Genres, der sich mit dieser voranschreitenden Besiedlung beschäftigt, bezeichnet man als «Frontier Western». Mit Frontier ist nicht die Staatsgrenze gemeint. Sondern diese unsichtbare Linie, bis zu der die Besiedlung bereits reicht. Dahinter: Wildnis und Wilde.
Wem gehört der Westen?
Western-Experte Benjamin Hembus sagt dazu: «Regisseure wie John Ford oder William Wyler haben versucht zu zeigen, was es mit Menschen mache, wenn sie versuchen, allein oder in einer kleinen Gruppe, Amerika zu besiedeln.
Was geschieht, wenn man in ein Gebiet vorrückt, in dem die Regeln der Zivilisation nicht greifen? In dem sich jeder seine Regeln selber macht? «Es war ein Land», sagt Hembus, «wo viele hingingen, die sonst keine Chance hatten.»
Benjamin Hembus
Sachbuchautor
Benjamin Hembus ist Sachbuchautor und Filmeditor. Er ist Mitherausgeber des «Western Lexikon», das über 1500 Filme dokumentiert.
Die Frontier Western erzählen vom unhinterfragten Recht der Weissen, sich dieses Land zu nehmen. Indianer gelten als primitive Wilde.
John Ford und seine Helden
Im Frontier Western haben «Indianer keine Ehre». Das heisst es 1948 in «Fort Apache» von John Ford mit Henry Fonda und John Wayne. Der positive gezeichnete weisse Held ist ein Gentleman-Soldat.
Die Funktion der weissen Helden fasst Regisseur John Ford einmal so zusammen: «Wir haben eine Menge Männer gehabt, die als grosse Helden galten, und sie wissen verdammt gut, dass sie das nicht waren. Aber es ist gut für das Land, wenn es Helden hat, zu denen es aufsehen kann.»
So wird «Fort Apache» «eine optisch fesselnde Verherrlichung blutiger Taten», wie die New York Herald Tribune schreibt.
John Ford wird in späteren Jahren nicht bei seinem frühen Indianerbild bleiben. Er wird seine Haltung revidieren und die weisse Besiedlung als Vertreibung und Ermordung der Ureinwohner zeigen.
Edle Freunde: Winnetou und Old Shatterhand
Bereits 1962 zeigt sich in Europa ein anderes Indianerbild: In diesem Jahr wird die erste «Winnetou»-Verfilmung gedreht. Winnetou und Old Shatterhand: Das ist die interkulturelle Kinofreundschaft schlechthin.
Der Apachenhäuptling ist nicht der primitive Wilde aus den Frontier-Western. Er sieht aus, wie ihn Karl May beschrieb: «Sein Gesicht war edel geschnitten, fast römisch, die Farbe ein mattes Hellbraun mit einem Bronzehauch. Er machte einen tiefen Eindruck auf mich.»
Ein neuer Typus des Bösen tritt auf: Der skrupellos Gierige, der sich auf Kosten anderer bereichert. Zumeist ist er weiss.
In «Winnetou I» geht es um eine Bahnstrecke, der Bösewicht heisst Santer. In «Winnetou II» sind es Ölvorkommen, der Böse heisst Forrester. In «Der Schatz im Silbersee» geht es um einen Schatz und der Bösewicht heisst Cornel Brinkley.
Winnetou und das Gute im Menschen
Die Winnetou-Verfilmungen, sagt Western-Experte Benjamin Hembus, hätten deshalb überzeugt und überdauert, «weil man an das Gute im Menschen glauben will». Weil das Publikum diese Freundschaft zwischen Old Shatterhand und Winnetou so bewundert habe. Weil aus den Verfilmungen der feste Glaube gesprochen habe, dass das Edle gewinnen werde. Und dass Indianer sowieso edel seien.
Internationaler Erfolg des «Schwarzwald-Western»
Die Winnetou-Filme kommen an, auch international. «Der erste kontinentale Film, der nicht den amerikanischen Western imitierte», ist in England zu lesen.
In Frankreich schreiben die Cahiers du Cinema: «Ein Schwarzwald-Western, der nicht vorgibt, wie John Ford zu sein, aber seine eigene Suppe trefflich kocht.»
Zu verdanken sind diese Filme dem 11-jährigen Sohn des Produzenten Horst Wendlandt. Der rät seinem Vater, Karl May zu verfilmen.
Wendlandt holt die besten Regisseure, die er an der Hand hat: Harald Reinl und Alfred Vohrer. Das waren laut Hembus «grandiose Entertainment-Regisseure, die genau wussten, wie man so etwas erzählt. Da gab es immer noch die Ebene, dass den Indianern ihr Land weggenommen wurde, aber eigentlich war das ganz klassisches Unterhaltungskino.»
Harte Zyniker: Der Spaghetti- oder Italo-Western
Zur gleichen Zeit, man schreibt das Jahr 1964, drehte Sergio Leone «Für eine Handvoll Dollar». Der Film spielt in Mexiko nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Zwei rivalisierende Sippen bekämpfen sich.
Gute lassen sich hier nicht finden, nur Böse. Zwischen beiden Lagern steht Joe, gespielt von Clint Eastwood, der sich für Geld anheuern lässt.
Keine Werte, nur Dollar
Spaghetti-Western sind vom Weltbild der Winnetou-Filme weit entfernt. Und von der klassischen amerikanischen Sicht, dass es einen Helden mit einem «guten» Wertekanon gibt, der für das Recht eintritt, ist ebenfalls nichts geblieben. Es gibt diesen Wertekanon nicht mehr. Und dass die Bösen bestraft werden, ist auch nicht mehr sicher.
«Bei den Helden der Italo-Western war klar: Die kämpfen nur für sich und nicht für eine Sache. Sie sind klug, zynisch, mit einem coolen Macho-Auftreten», sagt Hembus: «Beim Publikum der Studentenbewegung in Europas Kinos ist das sehr gut angekommen. Die glaubten den amerikanischen Helden mit ihren Werten sowieso nicht mehr.»
Clint Eastwood lässt die Kassen klingeln
«Für eine Handvoll Dollar» wird ein Publikumserfolg, die Kritiken sind vernichtend. Leone macht unbeirrt weiter und aus der «Handvoll Dollar» wird eine Trilogie. Auch sie macht Kasse und ermöglicht Leone den Film, der zum Meilenstein werden soll.
1968. Proteste, Studentenbewegung in ganz Europa, der linke Diskurs erfasst Millionen. So auch Bernardo Bertolucci, der für «Once Upon a Time in the West» das Drehbuch schrieb.
Er sagt über diese Zeit: «Alles was wir damals gemacht haben, ob wir Pizza gegessen, Wein getrunken oder Drehbücher geschrieben haben, war politisch.»
Sergio Leone bringt den Zeitgeist in den Western
Leone, der Regisseur, und Bertolucci, der Drehbuchautor, schauen zwei Monate lang alles, was sie an Western lieben und fragen sich: Wie erzählt man 1968, aus dem Zeitgeist jener Tage heraus den Westen, ohne verlogen zu sein?
In Amerika floppt «Once Upon a Time in the West». Auch weil der amerikanische Filmheld Henry Fonda darin den Killer Frank spielt. «Die Amerikaner wollten Henry Fonda nicht als Kindermörder sehen. Das war der Mann, der Lincoln gespielt hatte», sagt Hembus.
«Once Upon a Time in the West» begeistert Europa
In Europa jedoch sei der Erfolg bei Kritik wie Publikum überwältigend gewesen. «Der Film lief in einem Kino in Paris mit zwei Vorstellungen pro Tag über 48 Monate lang durchgehend», sagt Hembus. «Da traf in Europa etwas den Zeitgeist.»
Es gibt eine Einstellung, die Leones Blick von aussen auf den amerikanischen Traum zeigt: Morton, der böse Drahtzieher, krepiert an einer elenden Pfütze. Beim Sterben sinkt sein Gesicht runter ins Dreckige. In diesem Moment hört er das Rauschen des Ozeans.
Die Idee von Amerika liegt zwischen einer Pfütze und dem Traum vom Ozean. Der Killer Frank schaut ihm beim Sterben zu und spuckt seinen Kautabak aus.
Am Ende bleibt nur Claudia Cardinale
«Once Upon a Time in the West» macht am Schluss eine Frau zur eigentlichen Heldin. Claudia Cardinale ist die Einzige, die noch da ist, der Rest: tot oder hinterm Horizont. Sie macht weiter.
Sergio Leone sagte vollmundig, das sei für den Western «die Entstehung des amerikanischen Matriarchats». Und eigentlich habe er jetzt alles gesagt. Es gebe nur noch eine Geschichte, die er erzählen wolle, die eines alten Revolverhelden und seines blutjungen Bewunderers: «Mein Name ist Nobody».
Terence Hill ist Nobody
«Mein Name ist Nobody» wird 1973 realisiert. Leone hat ihn konzipiert und produziert. Inszeniert hat ihn sein ehemaliger Assistent Tonino Valerii.
Der Film spielt 1898 in New Mexico. Nobody, gespielt von Terence Hill, trifft zum ersten Mal sein Idol, den Revolverhelden Jack Beauregard, gespielt von Henry Fonda. Als Nobody sein Idol trifft, ist das ein alter Mann, der nur noch aussteigen will.
Ein Liebesbrief an das Genre
«Das war eine sehr persönliche Geschichte für Leone, der in all seinen Filmen eine Partnerschaft zwischen einem jungen Wilden und einem Älteren gesucht hat», sagt Hembus.
Leone wollte dem Publikum einmal eine Figur geben, die den Western genauso liebt wie die Zuschauer selbst. Sozusagen einen Stellvertreter auf der Leinwand. Das ist die Figur Nobody. Der Film ist für Hembus «ein einziger Liebesbrief an das Genre».
Der Alte und der Junge
Beauregard muss sich eine Brille aufsetzen, damit er überhaupt noch etwas trifft. Am Horizont sollen 150 schwer bewaffnete Reiter der «wilden Horde» auftauchen.
Und weil die Reiter in ihren blinkenden Satteltaschen Dynamit transportieren, soll Beauregard auf die Satteltaschen schiessen. Was nach explosivem Finale klingt, ist mehr als nur Geknalle.
Kreise schliessen sich
In diesem Finale bündelt sich ein Stück Westerngeschichte: Da ist Fonda, der schon mit Ford gedreht hatte und als Frank in «Once Upon a Time» zu Sergio Leones lächelndem Killer wurde.
Und am Filmset versteckt sich hinter einem Busch der Regieassistent: Er schaut durch den Feldstecher und soll losschreien, sobald die Wilde Horde auftaucht. Dieser Regieassistent ist der Sohn vom alten Wendlandt, der zehn Jahre zuvor seinem Vater gesagt hatte, er solle Winnetou verfilmen.
Und dann ist da Nobody. Gespielt von Terence Hill, der seinen ersten grossen Auftritt in einem deutschen Western hatte – in Winnetou. Terence Hill hiess damals noch Mario Girotti.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 29.3.2019, 17:20 Uhr.