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Immer war Herr Preisel ein durstiger, ein lebensdurstiger Mensch gewesen. Kaum konnte er sich sattsehen, wenn Wolken über den Himmel zogen oder wenn Schnee in der Nacht fiel oder Regen am Morgen. Im Wald und an Seen konnte er während Viertelstunden sitzen, mit geschlossenen Augen, und die Gerüche ein- und ausatmen, und in Bahnhöfen rührte ihn entferne Musik so sehr, dass er manchen Zug verpasste und manch eilig Reisende anrempelte. Immer aber war es ihm, als werde sein Durst nicht gestillt, als wachse er noch mit jeder neuen Wahrnehmung und verzehre ihn, wie ein Luftstrom glühende Kohlen verzehrt. Ruhe fand Herr Preisel nur bei seiner Arbeit und an Wochenenden nur im Schlaf. Und so ging er nach durchbebten Sonntagen immer gerne in sein kleines Büro, um sich dort von den Stapazen des Glücks zu erholen.
Eines Sonntags aber, als der Herbst sein Bestes gab und berauschend war wie selten, verfiel Herr Preisel in einen beängstigenden und atemberaubenden Sinnesrausch. Es war dies am späten Nachmittag, am Ufer des Sees, dessen ganze Schönheit in den Buchhalter eindrang und sich in ihm zu stauen schien, so dass er fürchtete, ohne geeignete Hilfe in eine Glücks-Starre, eine Seligkeits-Paralyse zu verfallen. Preisel setzte sich auf eine Bank, um zu überlegen, wo er Hilfe finden könne, in wessen Zuständigkeitsbereich sein Problem falle, als eine nicht mehr ganz junge Frau sich neben ihn setzte. Die Frau, die offenbar südamerikanischer Herkunft war, musterte ihren Banknachbarn aufmerksam und fragte dann mit warmer Stimme: «Was geschah? Was gab es? Blut?»
Herr Preisel verneinte leicht erstaunt und erklärte der Frau unumwunden, dass er sich in einem Zustand grossen Glücks befinde, dessen Intensität ihn jedoch nicht wenig ängstige. «Leg dich nicht ins Moos und träume nicht», sagte die Frau. Preisel fand es nun an der Zeit, sich vorzustellen und tat dies auch. Die Frau hiess, wie sich herausstellte, Monica und stammte aus Brasilien. Sie konnte Herrn Preisel keinen triftigen Grund für ihre Anwesenheit in Zürich nennen, schien die diesbezügliche Frage gar nicht zu verstehen und sagte nur: «Ach, was ist die Nacht der Ferne für ein Abgrund, für ein Schmerz.» Immerhin klärte sich Monicas recht seltsame Sprache, als sie auf der Suche nach einem Wort ein Buch aus ihrer Tasche zog, das Herr Preisel erst für einen Dictionaire hielt, das sich aber als die Gedichtsammlung von Echtermeyer und von Wiese herausstellte. «Jüngst im Traume sah ich auf den Fluten einen Nachen ohne Ruder ziehn», sagte die Brasilianerin dann, und Herr Preisel nickte nur. Eine Antwort erübrigte sich, auch als Monica fortfuhr: «Kleiner Jakob! Kleiner Jakob! Komm zu Haus!» Eine Stunde, leicht auch zwei sassen die beiden darauf schweigend nebeneinander, als Hansmax Preisel endlich sagte: «einem Durste nicht zu wehren.» Und Monica antwortete: «Sich im Wechsel zu verzehren.» Dann küssten sie sich innig.
Der Abend fand unser frisch verliebtes Paar in einem kleinen Restaurant unweit der Seepromenade. Da Herr Preisel sich in seiner Jugend mit Auswanderungsgedanken getragen und deshalb sowohl Portugiesisch als auch Spanisch gelernt hatte, sprachen die beiden nun in Monicas Muttersprache, und der Buchhalter erfuhr, dass seine Freundin ihr Deutsch während langer Regenzeiten aus der mitgeführten Gedichtsammlung gelernt hatte. Allerdings wusste Monica auch jetzt nicht mehr über den Grund ihrer Reise in die Schweiz zu sagen als: «Meinen Sie Zürich zum Beispiel sei eine tiefere Stadt?». Dafür erzählte sie, dass ihre Eltern das bescheidene «Hôtel de Londres et du Brésil» in Tapurucuana, einer kleinen Stadt am Rio Negro, führten und hofften, dass sie, Monica, das Hotel möglichst bald übernehme.
Herr Preisel wusste von Brasilien nicht viel mehr, als dass die bekanntesten der etwa zweihundert dort lebenden Giftschlangen der Buschmeister, die Korallenschlange und die Schauerklapperschlange sind und dass das Land zwar über 980 öffentliche Flughäfen, aber über keine nennenswerte Zahnradindustrie verfügt. Von Monica lernte er nun viel Neues, und manches davon trug dazu bei, dass er bald den dringenden Wunsch verspürte, die Heimat seiner neu gewonnen Freundin persönlich kennenzulernen. In der darauffolgenden Nacht wurde sein Wunsch durch verschiedene Geschehnisse noch verstärkt, und ein indiskreter Beobachter wäre nicht erstaunt gewesen, dass Herr Preisel schon am nächsten Tag sein Kündigungsschreiben aufsetzte und der Geschäftsleitung von Rothoff & Cie. per Einschreiben zustellte.
Alles kam, wie es kommen musste. Monica reiste nach Brasilien zurück und nach Ablauf der gesetzlichen Kündigungsfrist verkaufte Herr Preisel all sein Hab und Gut und folgte ihr mit leichtem Gepäck nach. Als er nach einer anstrengenden Reise, die mehrere Tage dauerte, in Tapurucuana anlangte, zerrann Monica lächelnd in seinem Arme. Der Buchhalter aber blühte in der glücklichern Natur Brasiliens förmlich auf und konnte sich schon nach kurzer Zeit nur noch schemenhaft an die Zeit erinnern, in der er sich in Zürich zur Winter-Wanderschaft verflucht geglaubt hatte. Das «Hôtel de Londres et du Brésil» aber erfreute sich bald eines ausgezeichneten Rufes und trug mit dazu bei, dass Tapurucuana zu einem der bei den Touristen beliebtesten Ziele am Oberlauf des Rio Negro wurde.
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