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Beeinflusst Bewegung die Gesundheit teilweise oder sogar vollständig über den Placeboeffekt?
Definition Placebo und Nocebo
Ein wünschenswertes (Placebo) oder unerwünschtes (Nocebo) Ergebnis, das sich aus der erwarteten und/oder erlernten Reaktion einer Person auf eine Behandlung oder Situation ergibt [1]. Beispiel: weniger Kopfscherzen (Placeboeffekt) oder vermehrte Übelkeit (Noceboeffekt) nach Gabe eines Scheinmedikaments, das keinen Wirkstoff enthält.
Eine im Jahr 2007 publizierte Studie, die eine grosse mediale Aufmerksamkeit generiert hat, kam zum Schluss, dass [2]. In dem Experiment wurden 84 Reinigungskräfte in zwei Gruppen unterteilt. Der informierten Gruppe wurde gesagt, dass ihre Arbeit (Reinigen von Hotelzimmern) wie Bewegung sei und sie so die Bewegungsempfehlungen zur Förderung der Gesundheit erfüllten. Der Kontrollgruppe hingegen wurde diese Information vorenthalten, obwohl der Bewegungsumfang identisch war. Vier Wochen später zeigte nur die informierte Gruppe, nicht aber die Kontrollgruppe, eine Abnahme von Gewicht (-0,8 kg), Blutdruck (-9,6 mmHg systolisch und -4,7 mmHg diastolisch), Körperfett (-0,5 %) und BMI (-0,35 kg/m²). Interessanterweise empfanden nur die Personen der informierten Gruppe, dass sie sich deutlich mehr bewegten als zuvor, obwohl sich das Bewegungsverhalten beider Gruppen im Verlauf der Studie nicht änderte.
Dieser positive Einfluss der Denkweise auf die Gesundheit wurde auch in anderen Untersuchungen beobachtet. Eine Zusammenfassung von 27 Studien kommt beispielsweise zum Schluss, dass eine selbstbewertete «gute» oder «sehr gute» Gesundheit das Sterberisiko verringern kann, unabhängig vom objektiven Gesundheitszustand [3].
Bewegung ist mehr als ein Placebo
Diese Befunde bedeuten jedoch nicht, dass die positiven Auswirkungen von Bewegung nur auf einen Placeboeffekt zurückzuführen seien. Erstens sind die beschriebenen Auswirkungen der Reinigungskräfte-Studie klein (z. B. Gewichtsverlust von 0,8 kg). Mit mehr Bewegung und/oder einer Umstellung der Ernährung kann beispielsweise eine deutlich höhere Gewichtsreduktion erwartet werden (siehe Artikel Bewegung und Abnehmen). Zweitens konnten die Resultate dieser Studie in einer Replikationsstudie (eine Studie, die die Befunde einer früheren Studie zu wiederholen versucht) nicht bestätigt werden [4]. Dies zeigt wiederum, dass Vorsicht geboten ist, wenn es um das Ziehen von Schlussfolgerungen aus einzelnen (kleinen) Studien geht. Dennoch kann die Denkweise und/oder die Erwartungshaltung die Auswirkung von Bewegung auf die Gesundheit beeinflussen. Eine Metaanalyse von neun Studien deutet etwa darauf hin, dass die positiven Auswirkungen von Bewegung auf die psychische Gesundheit (Angst, Depression, Kognition, Müdigkeit, Vitalität) in etwa zu 50 % auf Placeboeffekte zurückzuführen seien (siehe Abbildung 1) [5]. Auch bei der Schmerztherapie mit Bewegung scheint die positive Erwartungshaltung eine substantielle Rolle zu spielen [6-8].
Abbildung 1. Trennung zwischen der wahren Wirkung von Bewegung und Placeboeffekten auf psychologische Ergebnisse. Nach Lindheimer et al. (2015) [5].
Infobox
Der Placeboeffekt ist auch in Pharmastudien zu beobachten, die die Auswirkungen von Medikamenten auf psychische Symptome untersuchen. Die Wirkung von Antidepressiva scheint beispielsweise zu etwa 75 % auf Placeboeffekte zurückzuführen zu sein (zumindest bei leichten und mittelschweren Depressionen) [9, 10].
Es gilt allerdings zu beachten, dass der Placeboeffekt hauptsächlich in Studien beobachtet wurde, in denen die Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf psychologische Grössen sowie auf die sportliche Leistungsfähigkeit untersucht wurden [5-8, 11]. Wie gross der Placeboeffekt von Bewegung auf somatische Gesundheitsgrössen wie etwa Blutzucker- oder Blutfettwerte ist, liegt noch im Dunkeln. Wahrscheinlich ist der Effekt auf psychologische Variablen grösser als auf somatische, wie auch in Studien mit Medikamenten zu beobachten ist [12]. Die Trennung von Placeboeffekten und der wahren Wirkung von Bewegung bleibt in der Bewegungswissenschaft aber sehr herausfordernd. Denn Studienteilnehmenden ist es praktisch unmöglich zu verbergen, dass sie sich mehr bewegen, was wiederum oft mit Erwartungen verbunden ist [6]. Obwohl in der Forschung diese Aufteilung erstrebenswert ist, spielt sie im alltäglichen Leben eine untergeordnete Rolle. Relevanter als die Wirkmechanismen zu eruieren ist nämlich, ob und in welchem Ausmass Bewegung Symptome verbessern kann. Wenn ein Placeboeffekt den gesundheitsfördernden Effekt von Bewegung verstärkt, umso besser.
Fazit
Die positiven Auswirkungen von Bewegung auf die psychische Gesundheit sind, zumindest zum Teil, auf Placeboeffekte (z. B. positive Erwartung) zurückzuführen. Das Wissen, dass Bewegung hilft, kann ein wirksames Mittel sein, um die positiven Auswirkungen von Bewegung weiter zu verstärken.
Referenzen