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BB King (1925 - 2015)
Der König ist tot
Wir wussten alle, dass der Tag kommen wird – nun ist er da: B. B. King (1925-2015) ist in der Nacht zum 14. Mai 2015 in seinem Heim in Las Vegas gestorben. King wurde bereits am am 7. April mit Dehydrierungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert und seither zeichnete sich sein Tod allmählich ab. Er hatte seit Jahrzehnten an Diabetes und offensichtlichem Übergewicht gelitten. Am 16. September 1925 in Itta Bena, Mississippi geboren, wurde Riley King, der schon früh den Namen «Blues Boy» oder eben B.B. annahm, im Laufe seines langen 89jährigen Lebens zum bedeutendsten Bluesmusiker des 20. Jahrhunderts und zum einflussreichsten Gitarristen des Blues überhaupt. Mit B.B. Kingverstummt die Bluesstimme mit dem höchsten Wiedererkennungswert, und ebenso die Bluesgitarre schlechthin. Er war der König des Blues, und dazu einer der nettesten Menschen auf Erden. Aber der König ist nun tot und sein Thron ist verwaist und wird es auch bleiben. Die sprichwörtlichen Schuhe des charismatischen Mannes sind zu gross, als dass jemand jemals wieder diesen Platz einnehmen wird.
Bei den zahlreichen Nachrufen auf B.B. King, die heute in verschiedenen Medien zu lesen waren, stand praktisch immer, dass er auf einer Baumwollfarm geboren worden sei - als ob das irgend etwas an seinem Genie oder seiner Musik erklären könnte. Die Journalisten schienen vor allem froh zu sein, das Klischee vom Baumwollfeld ein letztes Mal zu bedienen, denn möglicherweise war B.B. King der letzte seiner Art, was hier bedeutet, der letzter mit der Cotton-Picking-Glaubwürdigkeit. Aber natürlich sagt dieses überstrapazierte Bild gar nichts aus über den Mann und seine Musik. Seine Geburt auf einem Baumwollfeld hat ebenso wenig mit seinem Erfolg und seiner Wirkung zu tun wie die Tatsache, dass er im Sternzeichen der Jungfrau geboren wurde oder im chinesischen Jahr des Ochsen.
B.B. King ist ein weltweites Phänomen. Die Suche nach B.B. King generierte (noch vor seinem Tod) 87 Millionen Hits auf Google, der Mann hat in den meisten Ländern der Welt Konzerte gegeben, er hat seit 1956 kontinuierlich und fleissig Aufnahmen gemacht. Er hat verschiedene amerikanische Präsidenten getroffen, ihm wurde 2006 die Presidential Medal of Freedom verliehen, er traf die Königin von England (und wenn man seinem Titel Better Not Look Down glaubt, fragte sie ihn um Rat) und brachte «Lucille» zur Chinesischen Mauer. Er war ein Superstar, auf den die Bezeichnung wirklich passt, und bei all dem wird es schwer sein, irgend jemanden zu finden, der ein schlechtes Wort über ihn sagen könnte. Das Negativste ist vielleicht Albert King, der in Interviews immer wieder leicht beleidigt erwähnte, dass er seine Gitarre «Lucy» getauft habe, lange bevor die natürlich weitaus bekanntere «Lucille» ihren Namen erhielt. Von Fans über Promoter bis zu Mitmusikern – B. B. King war der beliebteste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und wer ihn gesehen hat, vergisst dieses Erlebnis nie wieder. Er hatte ein grosses Herz und er wusste dieses mit seinem Publikum zu teilen, für das er stets dankbar blieb. Denn er wusste, dass die Alternative harte Arbeit auf dem Feld sein kann. Und mit dem Hintergrund harter körperlicher Arbeit wirkte er stets souverän und glaubwürdig.
Denn sein Weg, der King aus dem Schwemmdelta des Misissippi in die ganze Welt brachte, weder ein leichter noch ein selbstverständlicher. Als Schwarzer Country Boy aus dem Südstaat war er so weit unten, wie man auf der sozialen Leiter der USA in den 1930er bis 1950er Jahren überhaupt sein konnte. B.B. King hatte die Fähigkeit, sich die richtigen Partner zu suchen für sein Leben, die richtigen Helfer und Menschen, die ihn selten übers Ohr hauen wollten: Sein Lehrer, der ihn kontinuierlich anhielt, lesen und schreiben zu lernen, seine Tante, die einen Schellack-Plattenspieler und Aufnahmen von Lonnie Johnson und Louis Jordan hatte, sein entfernter Verwandter Bukka White, der in in Memphis ansiedeln liess und ihn an den Radiosender WDIA vermittelte, sein Freund Robert Lockwood, der mit ihm an seinem Gitarrenspiel feilte, sein Manager Sidney Seidenberg, der ihm interessante Gigs besorgte und auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu King hielt.
Mehr als all dies freilich war es Riley Kings eigenes Wesen, seine Hartnäckigkeit, seine Cleverness, sein sonniges Gemüt, seine Fähigkeit mit Rückschlägen und Diskriminierung umzugehen und nicht zuletzt natürlich seine musikalische Kreativität, die ihn schon in jungen Jahren zu einem herausragenden Sänger und Gitarristen werden liessen, den man über Memphis hinaus wahrnehmen konnte. King hatte den eisernen Willen, sein Leben nicht hinter dem Maultier zu verbringen oder auf einem Traktor. Er wollte mehr vom Leben und hierbei liess er weder Hautfarbe noch Bildungsgrad als Hinderungsgrund in Frage kommen, und dieser Antrieb, diese Rastlosigkeit und diesen heiteren Schwung spürt man in B.B. Kings Musik.
Von Beginn weg von der Vision beseelt, aus dem Deltablues eine Revue-ähnliche Veranstaltung zu machen, suchte King mit seiner von Beginn weg grossen Band nach dem fetten Sound eines Ray Charles, nur eben im Blues. Ein wichtiges Vorbild war der sogenannte «Jump Blues», der an der Westküste der USA vom Louis Jordan gepflegt wurde, dem King mit dem grossartigen Album Let the Good Times Roll : The Music of Louis Jordan die Referenz erwies. Er stellte eine Revue auf die Beine, mit der er zuerst im Rahmen des Schwarzen Musikbetriebs «Chitlin Circuit» auftrat, später in der ganzen Welt. Die Bandmitglieder blieben jahrelang, einzig der Gebrauch von Drogen war strengstens untersagt und King warf Musiker erbarmungslos aus der Band, wenn er sie mit Drogen irgendwelcher Art erwischte.
Die erste Band mit dem Namen The B.B. King Review entstand unter der Bandleitung von Millard Lee und Mitglieder waren Calvin Owens und Kenneth Sands (Trompeten), Lawrence Burdin (Alt-Saxophone), George Coleman (Tenor Sax), Floyd Newman (Baritone Sax), Millard Lee (piano), George Joyner (Bass) sowie Earl Forest und Ted Curry (Schlagzeug). Die Arrangements wurden von Onzie Horne beigesteuert. Die Band und ihr Headliner haben Tausende von Shows gespielt, in einer Spanne von 62 Jahren spielten sie über 15‘000 Auftritte, am meisten waren es im Jahr 1956, wo er 342 Konzerte spielte. 1969 hatte er seinen ersten Fernsehauftritt und 1970 folgte The Thrill is Gone, der ein Top-20 Hit der Pop-Charts wurde und sein grösster Hit. Das heisst, bis zum mit Eric Clapton gemeinsam eingespielte Studioalbum Riding with the King, das es auf Platz 3 der Charts schaffte.
Keine der Aufnahmen seit 1956 ist wirklich schlecht, wenn natürlich auch nicht jeder Titel Grammy-würdig ist. So kann man bei vielen Aufnahmen der 70er Jahre die opulenten Arrangements hinterfragen, etwa die Streicher bei Thrill is Gone oder die süssliche Ballade Hummingbird. Aber genau hierin liegt das musikalische Genie B.B. Kings: Er machte klar, dass Blues nicht ein Gefühl der Baumwollarbeiter oder der Verlassenen ist, sondern, dass Blues ein menschliches Gefühl ist, keine kulturelle Besonderheit des Deltas. Und die Erkenntnis, dass der Blues auch fröhlich und zärtlich sein kann geht ebenso auf die Botschaft B.B. Kings zurück.
Nun ist der der König der Blues nicht mehr, aber sein Thron wird verwaist bleiben, es bleiben müssen, denn es wird nie wieder einen wie ihn geben und daher wird es nie wieder ein König des Blues geben. B.B. King hatte nicht nur die einzigartige Glaubwürdigkeit, die aus seiner Herkunft im Delta resultiert, er hatte auch die Persönlichkeit, die ihn zu einem König werden liess (in den meisten Biographien wird sein Auftreten als «royal» beschrieben). In dieser Hinsicht teilt er den Titel des König mit Muddy Waters, aber King war ein gefälliger Sänger und ein Gitarrist, der nicht den harten Delta-Sound pflegte, sondern warme, sanfte Klänge in den Blues brachte und damit den Geschmack eines breiteren Publikums traf. Mit seiner auf Lonnie Johnson und T-Bone Walker zurückgehenden Phrasierung und dem Single-Note-Spiel, insbesondere aber auch mit seinem Vibrato definierte er die Bluesgitarre, und damit die Rockgitarre gleich mit dazu.
Vor B.B. King war die Bluesgitarre das Fingerpicking der Carolina oder Ostküsten Tradition des Blues und das Slide-Spiel sowie der rhythmische Boogie des Delta-Blues. Single-Note Runs oder ausgedehnte Soli wurden nicht gespielt. Von den drei Kings (Freddie King, Albert King) ist der Einfluss von B.B. am tiefsten. Seine Art der Phrasierung, des Vibratos, des Aufbaus eines Solos, ja selbst eine Intros sind als eine Vielzahl von Licks ins Repertoire von allen Gitarristen eingegangen, die sich je am Blues versucht haben. Und weil der Rock das Kind des Blues ist, ist der Einfluss B.B. Kings auch auf die Rockgitarrekaum zu ermessen.
Kommt hinzu, dass er schlicht am längsten lebte und mit den jungen Musikern wie Sheperd, Johnny Lang oder Gary Clark Jr. jammte und so seine Lehre lange, gerne und bereitwillig weitergab, was seinen beiden Namensvettern nicht mehr vergönnt war. Andererseits ist es aber auch einfach der liebliche Ton seiner verschiedenen Gitarren, die er alle Lucille taufte (bis zum Schluss seines Lebens waren es gut 30 Instrumente, und er spielte auch nicht immer das als «Lucille» produzierte Modell der Gibson ES 355). Lucille ist selbstverständlich die berühmteste Gitarre der Welt. Sie hat eine eigene Seite bei Wikipedia und sie ist weltweit beliebt als Spenderin dieses wohltuenden und einzigartig warmen Tons. Lucile hatte etwas tröstliches und liebevolles, das war nicht das Feuer Freddie Kings oder die rohe Wildheit Albert Kings und damit wurde dieser Ton, dieses Singen von Lucille zum Markenzeichen B.B. Kings. Tatsächlich war es freilich nicht die Gitarre, es waren die Hände des Meisters, die nun für immer ruhen werden.
Ehrungen:
Blues Hall of Fame 1980
Rock’n’Roll Hall of Fame 1987
Polar Music Prize 2004
Presidential Medal of Freedom 2006