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Herberge zur Heimat
Die Geschichte einer sozialen Institution
1888 wurde eine der ältesten St. Galler Institutionen, damals noch eine Aktiengesellschaft, gegründet. «Die Freude darüber war voreilig. Es erwies sich nämlich, dass die von der Stadt ausbezahlten Entschädigungen keineswegs ausreichten, um die Unkosten zu decken. Kein Ruhmesblatt für die wohlhabende Ostschweizer Metropole. Für eine Mittagskarte, die zum Bezug einer Portion Suppe und Brot sowie Wurst oder Käse berechtigte, wurden nur 45 Rappen vergütet. Für die Abendkarte nur 60 Rappen, obwohl dafür ein Schlafplatz sowie Suppe und Brot am Abend und Kaffee am Morgen angeboten wurden. … Die Tarife wurden erst nach Jahren erhöht.»
– Ein wirtliches Dach, Willy Reifler, S. 39
Mangelnder Wohnraum für Wandergesellen
Zur Gründung der Herberge hatte insbesondere Pfarrer Johannes Meili beigetragen. Es wurde bereits 50 Jahre zuvor über eine Herberge gesprochen. Als Pfarrer Meili nach St. Gallen kam, wurde das Anliegen neu geprüft. Denn ihm fiel schnell auf, dass es an Wohnraum mangelte. Gerade junge Auszubildende wussten oft nicht, wo sie schlafen konnten. Pfarrer Meili war überzeugt, dass die St. Galler:innen den Jugendlichen ein besseres Zuhause bieten sollten. Das Klosterviertel war dazumal noch das Stadtzentrum von St. Gallen. Hier traf die Idee einer Herberge auf grosse Akzeptanz. Am 13. August 1888 öffnete die Herberge zur Heimat ihre Türen. Das Haus besass ein Massenlager, eine Küche und einen Speisesaal.
Aller Anfang ist schwer
Das erste Geschäftsjahr lief schlecht. Die Kosten überragten die Einnahmen. Erst im zweiten Jahr war ein Aufwärtstrend spürbar. So lief es bis zum 1. Weltkrieg. Ende 1899 wurde schliesslich der Entschluss gefasst, dass ein zusätzliches Haus für finanziell bessergestellte Personen gebaut wird. Dieses Haus sollte über Einzelzimmer mit WC und Duschen auf dem Korridor verfügen. Die Idee des Neubaus war es, dass der Mehrgewinn der neuen Zimmer die Herberge finanziell unterstützen sollte. Die bisherige Aktiengesellschaft wurde zu diesem Zeitpunkt in einen gemeinnützigen Verein Hospiz zur Heimat umgewandelt. Nach der Eröffnung des neuen Hauses nebenan, ging der Plan der finanziellen Unterstützung gut auf. Das neue Hotel erhielt auch eine eigene Küche, es wurde für die gute Verpflegung bekannt.
Wie Krieg vieles veränderte
Während des ersten und zweiten Weltkrieges wurde die Herberge und das Hotel zu einer Flüchtlingszuflucht. In dieser Zeit trafen sich die Tagelöhner in der Herberge und warteten darauf, dass die Arbeitgeber vorbeikamen und sie anwarben. Während des zweiten Weltkrieges wurde, eine Strasse weiter, ein zusätzliches Haus für jüdische Flüchtlinge eingerichtet. Nach den Kriegsjahren hatten sich die Besucher der Herberge verändert. Die Wandergesellen*, die bisher die Hauptzielgruppe waren, wurden stetig weniger. Nun zählten zu den Gästen Personen, die nicht freiwillig unterwegs waren. Viele Menschen litten unter den Folgen des Krieges. Viele waren auf der Flucht vor Verfolgung, unerträglichen Verhältnissen und vor sich selbst. Nach den beiden Weltkriegen folgten weitere Kriege, der Krieg in Afghanistan und Syrien, Bürgerkrieg in Sri Lanka, Krieg in Ungarn. Die Stadt wies der Herberge jeweils Flüchtlinge zu. Die Flüchtlingssituation entspannte sich erst, als weitere Unterkünfte in der ganzen Schweiz spezifisch für Flüchtlinge eingerichtet wurden.
Beherbergen, Begleiten, Betreuen
Noch heute werden die Herberge zur Heimat und das Hotel Vadian als Doppelinstitution geführt. Zu den Besucher:innen zählen Personen von jung bis alt, unabhängig von Geschlecht und Religion. Die Institution ist im Kanton St. Gallen und in der ganzen Schweiz gut vernetzt. «Es wird eng mit den Behörden und anderen Institutionen zusammengearbeitet. Gerade dieser Erfahrungsaustausch ist sehr wichtig», meint Donat Wick, Geschäftsleiter der Organisation. «Die Corona-Pandemie brachte das Hotel und die Herberge ins Schleudern. Zum zweiten Mal seit Bestehen der Institution konnte das Hotel keinen Erlös aus den Übernachtungen regenerieren. Das bedeutete, dass das Hotel die Herberge nicht finanziell unterstützen konnte. Das heisst, dass wir auf mehr Spenden angewiesen waren. In der Zwischenzeit seit Mitte 2022 sind wir mit dem Hotel wieder auf einem guten Kurs und die Querfinanzierung funktioniert wieder. (Während der Spanischen Grippe, hatte die Doppelinstitution dasselbe Problem.)», meint Donat Wick.
Total verfügt die Institution über 32 Zimmer, davon haben fast alle Zimmer ein eigenes WC und eine Dusche. Viele der Herbergen-Gäste sind in einem körperlich schlechten Zustand. Zusätzlich zur Unterkunft zählen zum Angebot der Organisation das Begleiten von Suchterkrankten, die Pflege durch Fachpersonal der Spitex und Beratungsgespräche. 23 Mitarbeitenden halten den Betrieb aufrecht. Der Vorstand des Vereins ist ehrenamtlich organisiert. Da die Organisation nebst den Sozialhilfebeiträgen der Bewohner:innen keine Subvention vom Staat erhält, ist sie auf ihre Gönner und Stiftungen angewiesen. Die Stiftung Schweizer Tafel liefert zwei Mal in der Woche Lebensmitteln für die Bewohner:innen der Herberge und das schon seit 14 Jahren. Ohne jene kostenlose Unterstützung könnte die Herberge wohl keine Verpflegung anbieten.
«Es ist erschreckend, wie die Pandemie den Druck auf die Jugendlichen erhöht hat. Leider beherbergen wir vermehrt Jugendliche unter 18 Jahren, die während der Pandemie keine Lehrstelle gefunden haben und keinen Anspruch auf einen Platz im Jugendheim gelten machen konnten. Ich arbeite nun seit über 23 Jahren in der Institution und merke, wie es zunehmen wichtiger wird, spezifischer auf unsere Gäste einzugehen. Wir finden gemeinsam heraus, wo genau der Schuh drückt. Nach dem Motto «Hilfe zur Selbsthilfe» sind die Gäste stets angehalten sich einzubringen. Ziel ist es die Person zu begleiten, bis sie wieder auf eigenen Füssen stehen kann. Eine Person, die beispielsweise noch arbeiten kann, erhält einen Arbeitsplatz in einer Partnerorganisation. Wenn ein Gast von sich aus angibt, dass er/sie zu einer Therapie möchte, wird dies in die Wege geleitet. Es kann jede/r in schwierige Situationen geraten, jeder Mensch hat ein Recht auf Hilfe. Der gegenseitige Umgang soll auf Augenhöhe stattfinden, wir respektieren uns gegenseitig und es gilt eine Mitwirkungspflicht. Die Regeln des Hauses sind klar. Leider kommt es auch vor, dass sich Gäste nicht an die Hausregeln halten und wenn Verwahrungen und Gespräche nichts nützen, dann folgen Konsequenzen, so dass auch Gäste das Haus verlassen müssen. Sollte sich diese Person jedoch später umentscheiden, dann stehen die Türen der Herberge wieder offen.», erklärt Wick.
*Wandergesellen: Ein Wandergeselle durfte nicht länger als drei Monate an einem Ort bleiben und nicht näher als 30 Kilometer zur eigenen Heimat leben. So sollte der Wandergeselle während seiner Ausbildungsjahre verschiedene Orte kennenlernen.
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