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Pocken,
Menschenpocken, auch
Blattern (lat.
Variŏlae; frz. Petite vérole; engl. Small-pox), ansteckende
fieberhafte
Infektionskrankheit, bei der auf der
Haut
[* 2] und den Schleimhäuten kleine Pusteln
(Eitergeschwülste)
entstehen, die den Ansteckungsstoff mit seinem materiellen
Substrat enthalten. Die
Krankheit ist unstreitig so hohen
Alters,
daß es vergebliche Mühe ist, ihrem ersten Auftreten nachzuforschen. Man betrachtet
China
[* 3] und
Indien als das Vaterland der
Pocken; doch sind es die
Araber, die uns zunächst mit der
Krankheit bekannt gemacht haben. Der syr.
Arzt Aron,
um 622, beschreibt sie als bekannte
Krankheit, und Rhazes lieferte um 922
die erste Monographie derselben. Sicher ist, daß
die
Pocken seit dem 13. Jahrh. unter den Völkern des
Abendlandes unaufhörlich große Verwüstungen anrichteten, bis
ihnen durch Jenners Einführung der
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Kuh-
Pockenimpfung engere Grenzen
[* 5] gesetzt wurden. Von Europa
[* 6] wurden, wie es scheint, die
Pocken nach Amerika
[* 7] und Afrika
[* 8] gebracht.
Die Pockenkrankheit beginnt 10-14 Tage nach erfolgter Ansteckung mit Abgeschlagenheit, Schwindel, Kopfschmerzen, Schmerzen in
den Gliedern und im Rücken, Erbrechen, Schlingbeschwerden und Fieber (39-40° C. und darüber), das gewöhnlich drei Tage lang,
meist mit steigender Intensität, andauert. Man pflegt dieses Stadium als Initialstadium zu bezeichnen. Am Ende des dritten
oder am vierten Krankheitstage beginnt dann unter ausgesprochenem Herabgehen des Fiebers das sog. Eruptionsstadium, die Entwicklung
der eigentlichen
Pockenbildung auf der Haut: es erscheinen zuerst im Gesicht,
[* 9] und von da bis zum sechsten
Tage sich weiter von oben nach unten über die übrige Haut verbreitend, linsengroße, etwas erhabene rote Flecken, in deren
Mitte sich ein kleines, zugespitztes, hartes, rotes Knötchen zeigt, das zunimmt und ein in der Mitte mit einem Eindruck
(einer Delle) versehenes fächeriges Bläschen bildet, das eine anfangs wasserhelle Flüssigkeit enthält.
Diese wird am dritten Tage des Bestehens des bis zur Größe einer Erbse wachsenden Knötchens (Pustel) molkig, am vierten und fünften Tage gelb und eiterig. Das mit dem Ausbruch der Pusteln nachlassende Fieber erhebt sich am Abend des achten oder neunten Tages von neuem, oft unter Delirien und Schüttelfrost (Eiterungsfieber); die befallenen Hautstellen schwellen nun nicht selten bis zur Entstellung an, und die Dellen auf den Pusteln schwinden, indem die Eiterung die zelligen Fächer [* 10] zerstört.
Man unterscheidet dieses Stadium als Suppurations- oder Eiterungsstadium; in dieser Periode erreicht das Fieber eine oft geradezu
lebensbedrohende Höhe. Mit dem Auftreten des Ausschlags auf der Haut bilden sich ähnliche Erscheinungen
auf den Schleimhäuten, besonders ihren Mündungen, in der Mund- und Rachenhöhle, auch Kehlkopf
[* 11] und Luftröhre (innere
Pocken), wodurch
diese Teile anschwellen bis zur Erstickungsgefahr, ebenso in den Augen, so daß die Kranken die Augenlider nicht öffnen können;
auch Ohrspeicheldrüse und Halsdrüsen schwellen an, und ein übelriechender Speichel fließt aus dem
Munde.
Gegen den zehnten bis zwölften Tag beginnt die Eintrocknung der Pusteln auf der Haut, welche entweder platzen und ihren zu
Borken trocknenden Inhalt nach außen ergießen, oder welk werden und mit ihrem Inhalt und der Bläschendecke festhängende
braune Borken bilden (Exsiccationsstadium). Wenn die Borken abfallen, hinterlassen sie gewöhnlich Narben,
die anfangs rot, in der Kälte bläulich sind, später aber weißer als die übrige Haut werden, eingekerbte Ränder und gerippten
Grund mit schwarzen Punkten zeigen und während des ganzen Lebens sichtbar bleiben. Die Krankheit ist übrigens sehr vielen
Verschiedenheiten unterworfen; bisweilen fließen in besonders schweren Fällen die Pusteln zusammen
(Variolae confluentes), die Borken bedecken dann das Gesicht wie eine Larve, und die Entstellungen durch die Narben sind oft
furchtbar. Bei den fauligen
Pocken kommen infolge der Brüchigkeit der Gefäßwandungen Blutungen vor, und die
Pocken selbst füllen
sich mit Blut (schwarze oder hämorrhagische
Pocken).
Die
Pocken werden ausschließlich durch ein Kontagium verbreitet, das offenbar am Inhalt der Pusteln haftet,
sich leicht der umgebenden Luft mitteilt und beim Vertrocknen desselben verschleppt wird. Vermutlich sind mikroskopische,
in
den
Pockenpusteln enthaltene niedrigste Organismen (Bakterien) die Träger
[* 12] des Kontagiums; jedoch sind sie bisher vergebens
gesucht worden. Unter begünstigenden Umständen breitet sich die Krankheit besonders leicht aus und wird
dann zur Epidemie. Am meisten sind ihr Kinder und junge Leute ausgesetzt. Gewöhnlich befällt die Krankheit ein Individuum
nur einmal im Leben, doch kommen auch unzweifelhafte Fälle von mehrmaligen
Pocken bei einem Individuum vor. Mit Kuhpockengift
Geimpfte werden in der Regel nicht davon befallen, oder die Krankheit nimmt wenigstens die mildere Form
der Varioloiden (s. d.) an.
Die Behandlung der
Pocken hat zunächst die Aufgabe, die Verbreitung des Kontagiums zu hindern, was einerseits durch die in allen
civilisierten Staaten anbefohlenen, freilich meist schwer durchführbaren Quarantäne- und Sperrmaßregeln der angesteckten
Orte, Desinfizierung durch Chlorräucherungen, Waschungen mit Carbolsäure, Sublimatlösung, Salzsäure
u. s. w. sowie die möglichst schnelle und strenge Isolierung der Kranken, andererseits am sichersten durch Impfung
[* 13] (s. d.)
der Gesunden mit Kuhpocken (s. d.) geschieht, statt deren man sich vor Jenner der künstlichen
Einpfropfung der Pocken bediente, welche, schon lange im östl. Asien
[* 14] gebräuchlich, 1721 durch Lady Montague
in Europa eingeführt ward.
Die einfach normal verlaufenden Pocken bedürfen keiner Arzneimittel, wohl aber einer sorgfältigen Diät. Die größte Aufmerksamkeit verlangt die umgebende Luft; diese muß stets rein und von kühler Temperatur (12-14° R.) erhalten werden, welche nur zur Zeit der Abtrocknung etwas erhöht wird. Erst wenn diese Abtrocknung ganz vollendet ist, dürfen die Kranken das Zimmer verlassen. Den gewöhnlich heftigen Durst des Patienten stillt man durch einfaches, frisches Wasser oder säuerliches Getränk, Erbrechen durch Eispillen und Brausepulver.
Man setze die Kranken auf eine flüssige, aber nahrhafte Diät (Milch, Ei, [* 15] Fleischsuppen, Wein) und sorge für tägliche Stuhlentleerung. Um die Geschwulst der Haut, besonders im Gesicht, zu mindern, hat man kalte Überschläge, Öleinreibungen und Bedeckung der Haut mit einer Carbolpaste empfohlen. Da das Zerkratzen der Pusteln notwendig üble Narben hervorruft, so muß man den Kranken die Hände mit Tüchern verbinden, wenn sie das Kratzen nicht von selbst lassen können. -
Vgl. Eimer, Die Blatternkrankheit in pathol. und sanitätspolizeilicher Beziehung (Lpz. 1853);
Weigert, Die Pockenefflorescenz der äußern Haut (Bresl. 1874);
Curschmann, Die Pocken (in von Ziemssens «Handbuch der speciellen Pathologie», Bd. 2, Tl. 2, 2. Aufl., Lpz. 1877);
Hirsch, [* 16] Handbuch der histor.-geogr. Pathologie, Bd. 1 (2. Aufl., Stuttg. 1881).
Auch bei den Haustieren kommen Pocken vor, und zwar beim Schaf, [* 17] Rind, [* 18] Pferd, [* 19] Schwein, [* 20] Hund und bei der Ziege. Höchstwahrscheinlich sind nur die Schafpocken eine selbständige Haustierkrankheit, während die Pocken der übrigen Haustiere auf gelegentliche Übertragung der menschlichen Pocken zurückzuführen sind. Trotz des ansteckenden Charakters der Pocken ist es noch nicht gelungen, die als Erreger derselben vermuteten kleinsten Lebewesen nachzuweisen. Nach der Ansteckung mit dem Pockengift vergehen etwa 8 Tage, ehe man die ersten Erscheinungen wahrnimmt. Dann bemerkt man Hautröte (1-2 Tage), hierauf stecknadelkopfgroße, rote Knötchen, aus denen sich im Verlaufe von einigen Tagen weiße Bläschen mit wasserklarem ¶
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Inhalt bilden. Später wird der Inhalt der Bläschen eitrig und schließlich trocknet er ein. Bleibt der Ausschlag bei der Entwicklung von Knötchen stehen, dann spricht man von Stein- oder Warzenpocken, und wenn die Bläschen, anstatt zu vereitern, brandig zerfallen, von Brand- oder Aaspocken. Eine Verwechselung mit Pocken kommt besonders oft bei Kühen vor und zwar bei dem Auftreten von Warzen an den Strichen als von großen, schnell abheilenden sog. Wasser- oder Windpocken.
Die Schafpocken treten häufig seuchenartig auf. Früher wurden sie durch die Schafpockenimpfung in nachhaltiger Weise konserviert. Die geimpften Tiere wurden zwar unempfänglich für die Ansteckung, waren aber im stande, noch nach 6 Wochen die Krankheit zu übertragen, weil der Ansteckungsstoff eine ungemein große Haltbarkeit besitzt. Die Schutzimpfung gegen Schafpocken (Ovination), wobei alljährlich ganze Schafherden geimpft wurden, auch wenn keine Seuche herrschte, ist deshalb jetzt aufgegeben worden; jetzt wird nur noch die Notimpfung, diese aber mit Erfolg, vorgenommen.
Unter Notimpfung versteht man die Impfung der gesunden Tiere, wenn in einer Herde die Seuche ausgebrochen ist. Die Impfung selbst besteht darin, daß man auf einer Impfnadel oder Impflanzette an der Innenfläche des Ohres oder der Unterfläche des Schwanzes den Inhalt wasserheller Pocken (Ovine) verimpft. Die Krankheit verläuft bei dieser Impfung sehr rasch und sehr milde (1-2 Proz. Todesziffer). Bei der natürlichen Ansteckung zeigen die Schafe [* 22] Fiebererscheinungen, und es treten an sämtlichen unbewollten Hautstellen Knötchen und Blasen und Pusteln der Reihe nach auf.
Verschlimmert wird der Verlauf, wenn die Pocken verjauchen (Blutvergiftung) oder in der Maul- und Rachenhöhle auftreten, oder wenn sich zu denselben die Erscheinungen einer Lungenentzündung hinzugesellen, über die Pocken bei Kühen und Pferden s. Kuhpocke und Mauke. Von geringer Bedeutung sind die Schweinepocken, die gewöhnlich über den ganzen Körper auftreten, und die Hundepocken, deren Vorkommen von manchen Seiten bezweifelt wird. Für echte Pocken werden nämlich oft die bei der Staupe (s. d.) auftretenden Pusteln fälschlicherweise gehalten.
Über die amboinischen Pocken s. Frambösie.