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(Latreille, 1809)
- DE: Gefleckte Grabschrecke | Dreizehen-Grabschrecke
- EN: Colourful Molehopper
- FR: Le Tridactyle panaché
- IT: Tridattilo variegato
- Syn.: No synonym!
Morphologie
Xya variegata zählt zusammen mit Xya pfaendleri zu den kleinsten mitteleuropäischen Kurzfühlerschrecken. Der Habitus der Xya-Arten erinnert bei flüchtiger Betrachtung an einen kleinen Käfer. Die Grundfarbe von Xya variegata ist ein glänzendes Schwarz mit einer ausgeprägten weisslich-gelben Zeichnung, die in der Ausdehnung variabel ist. Die Übergänge zwischen den schwarzen und hellen Bereichen können vor allem bei frisch gehäuteten Individuen bräunlich sein. Helle Bereiche befinden sich meist an den Beinen, den Flügeln und auf dem Hinterleib. Der Halsschild weist einen hellen Unterrand auf, der bei der ähnlichen Xya pfaendleri deutlich kleiner ist oder ganz fehlt. Die Fühler sind fadenförmig und umfassen 10-12 Glieder. In der Seitenansicht ist der Halsschild rundlich gewölbt und weist auf der Fläche porenartige Vertiefungen auf. Die kurzen Vorderflügel sind stark sklerotisiert und besitzen höchstens sehr rudimentäre Längsadern. Die Hinterflügel sind fächerförmig zwischen den Vorderflügeln zusammengelegt und überragen diese meist nur leicht. Langflügelige Individuen sind selten, treten aber regelmässig auf. Die Vorderschienen sind zu kleinen schaufelartigen Beinen abgeflacht, die beim Bau der Galerien eingesetzt werden. Die Mittelschienen sind seitlich stark erweitert. Die kräftigen Hinterschenkel umschliessen in Ruhestellung die Hinterschienen und die Füsse sind Richtung Kopf ausgerichtet. Die zweigliedrigen Cerci bilden zusammen mit den eingliedrigen Styli (Anhänge des Paraprokts) vier gut sichtbare Körperanhänge. Die Legeröhre ist sehr rudimentär entwickelt. Je nach Körperhaltung sind zwei kleine, rundliche Valven zwischen der neunten Bauchplatte und der Subgenitalplatte sichtbar. Morphologisch ist die Unterscheidung der Geschlechter im Feld nicht einfach. Bei ausgewachsenen Tieren sind jedoch die Weibchen erheblich grösser und kräftiger gebaut als die Männchen.
Gesang
Hörbare Gesänge oder Geräusche konnten wir bei Xya variegata noch nie feststellen. Allerdings kann bei beiden Geschlechtern ein reges Kommunizieren beim Aufeinandertreffen beobachtet werden. Häufig tasten sich die Tiere mit den Fühlern ab, wobei diese auffällig schnell in Vibrationen versetzt werden. Die Männchen tragen auf der Subcosta auf der Innenseite der Vorderflügel Schrillzäpfchen und stridulieren vermutlich, indem der Hinterflügel über die Schrillleiste gerieben wird. Diese Art der Stridulation konnten wir bislang jedoch noch nie beobachten. Vor der Paarung konnten wir verschiedentlich ein balzartiges Verhalten der Männchen feststellen, wie es von vielen Kurzfühlerschrecken bekannt ist, wobei die Hinterschenkel auf und ab bewegt werden. Für die Paarung schiebt sich das Männchen unter das Weibchen und fasst dieses von unten mit dem Hinterleib, was bei den Kurzfühlerschrecken eine bemerkenswerte Ausnahme darstellt.
Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet von Xya variegata reicht von Nordspanien über Südfrankreich, Italien und den Balkan bis nach Mittelasien. Im Verbreitungsgebiet treten mehrere Lücken auf, die auf Datenlücken oder das Fehlen der Lebensräume zurückzuführen sind. Xya variegata ist im Gegensatz zu Xya pfaendleri auch in Westeuropa westlich der Linie Wien/Graz verbreitet. In der Schweiz stammen die letzten Nachweise der Art aus der Region Genf, wo sie bis Ende des 19. Jahrhunderts entlang der Rhone vorkam. In Österreich kommt die Art ausschliesslich im äussersten Osten vor, wo sie regelmässig in Niederösterreich entlang der Flüsse March und Donau sowie im Burgenland östlich des Neusiedler Sees nachgewiesen wird. Vereinzelte Funde wurden auch im Südburgenland getätigt.
This map is based on occurrence records available through the GBIF network and may not represent the entire distribution.
Phänologie & Lebensweise
Ausgewachsene Individuen von Xya variegata können während des ganzen Jahres angetroffen werden. Im Frühling findet man neben Larven meist besonders viele ausgewachsene Tiere, da sowohl Larven als auch Imagines überwintern.
Die Tiere leben im feuchten, sandigen Uferbereich, wo sie die typischen Galerien anlegen. Die fragilen Galerien (Tunnels) aus Sandkörnern verraten die Anwesenheit der Xya-Arten rasch. Die Gänge werden mit den grabschaufelartigen Vorderbeinen gebaut. Häufig kann man aber auch Tiere beobachten, wie sie einzelne Sandkörner mit den Mundwerkzeugen bearbeiten, wobei sie den Algenfilm darauf abweiden. Nachdem die Oberfläche abgeweidet wurde, werden die Sandkörner mit einer seitlichen Kopfbewegung am Rand der Wohnröhre angefügt. Die einzelnen Sandkörner kleben dabei aufgrund der feuchten Oberfläche (Van-der-Waals-Kräfte) aneinander. Die Galerien werden nicht in den Sand gegraben, sondern oberflächlich aufgebaut. Die Beständigkeit der Tunnel ist von kurzer Dauer, bereits kleinste Störungen zerstören das Bauwerk, weshalb diese stetig erweitert und erneuert werden. Bei Gefahr ziehen sich die Tiere in die Tunnel zurück, oder zeigen ihre grosse Sprungkraft. Endet ein solcher Fluchtsprung, der deutlich über 50 cm betragen kann im Wasser, ist das Festland schwimmend rasch wieder erreicht. Die Tiere sind sehr gute Schwimmer und können dank der speziellen Fussanatomie direkt aus dem Wasser aufspringen. Dabei werden die langen lappenförmigen Tarsen abgespreizt und wie ein Ruder eingesetzt. Die Eier werden in Paketen unterirdisch abgelegt und haben eine Entwicklungsdauer von ca. 15 Tagen. In optimalen Lebensräumen findet man sehr hohe Individuendichten auf engem Raum.
Lebensraum
Xya variegata besiedelt gut besonnte, vegetationsfreie Uferbereiche von Gewässern. Dabei ist die Art sowohl an Fliess- als auch an Stillgewässern zu finden. Oft werden auch Sekundärhabitate wie Fischteiche oder Kiesgruben besiedelt. Meistens halten sich die Tiere im feuchten Substrat im Bereich der Uferlinie auf, je nach Standortbedingungen oft auch in den oberflächlich sandig-trockenen Bereichen etwas oberhalb der Wasserlinie. Bei ausreichender Bodenfeuchte ist die Art auch an vegetationsarmen Stellen in Feuchtwiesen zu finden. Fernab von Gewässern trifft man die Tiere nicht an. Das Substrat besteht vorwiegend aus relativ feinkörnigem Sand und Feinsediment.
Gefährdung & Schutz
Die grösste Gefährdungsursache für Xya variegata stellt die Regulierung natürlicher Gewässer dar. Einerseits verschwinden durch die Begradigungen und den technischen Verbau der dynamischen Ufer die erforderlichen Lebensräume. Andererseits gehen durch das Unterbinden der Gewässerdynamik ausreichend vegetationsfreie Uferabschnitte verloren.
Besonders bei den immer wichtigeren Sekundärlebensräumen in der intensiven Kulturlandschaft stellen gesetzliche Regelungen zur Wiedereingliederung der Flächen in die Landwirtschaft nach Beendigung der Abbaunutzung ein ernstzunehmendes Problem dar. Selbiges trifft etwa auch auf Retentionsbecken zu, die nach deren Anlage zum Zwecke des Hochwasserschutzes kaum mehr unterhalten werden und somit Offenbodenbereiche schnell zuwachsen. Mit einer jährlichen Mahd oder einer Beweidung können solche Lebensräume erhalten werden.
In der Schweiz ist Xya variegata in der Region Genf entlang der Rhone aufgrund der Gewässerkorrektur ausgestorben. Eine weitere Gefährdungsursache wird im erhöhten Pestizideintrag in die Gewässer vermutet. Bei der Besiedlung neuer Standorte spielen die regelmässig auftretenden makropteren Individuen eine wichtige Rolle. Diese gut flugfähigen Tiere können mit dem Wind auch über grössere Distanzen verfrachtet werden. Es wäre daher nicht erstaunlich, wenn Xya variegata in der Schweiz beispielsweise im Wallis an Badeteichen im Pfynwald bei Sierre oder in Genf an der Rhone auftauchen würde. Gezielte Nachsuchen an der Rhone bei Genf (Moulin de Vert) waren im Juli 2016 und Juli 2017 bisher nicht erfolgreich.
Auf längere Sicht kann der Art auch die Klimaveränderung zu Gute kommen. Gezielte Nachsuchen in der Nähe bekannter Vorkommen können durchaus positiv verlaufen. Wie sich in Österreich oft gezeigt hat, genügen der Art auch kleinste Bereiche mit offenem Sandboden in Gewässernähe. Diese sind aufgrund der oben genannten Gefährdungsfaktoren jedoch oft nur sehr kurzlebig, was im Idealfall ein schnelles naturschutzfachliches Eingreifen erfordert.
- CH: RE (In der Schweiz ausgestorben)
- DE: Abwesend
- AT: DD (Ungenügende Datengrundlage)
- Europa: LC (Nicht gefährdet)
Ähnliche Arten
Xya variegata kann mit der sehr ähnlichen Xya pfaendleri verwechselt werden. Diese ist einheitlicher dunkel bis schwarz gefärbt. Der weisse Halsschildunterrand beschränkt sich bei Xya pfaendleri höchstens auf einen winzigen Fleck in den Ecken, während er bei Xya variegata den gesamten Unterrand einnimmt. Die Fühler und Flügel sind bei Xya pfaendleri etwas länger. Im Verbreitungsgebiet kommen einzig in Griechenland mit Bruntridactylus irremipes und mit Bruntridactylus tartarus in der Schwarzmeer-Region weitere ähnliche Arten vor. Aufgrund des Habitus und der ähnlichen Lebensweise sind die Xya-Arten allenfalls mit Gryllotalpa-Arten zu verwechseln. Diese sind jedoch mit einer Körpergrösse von 35-50 mm viel grösser und in der Grundfarbe bräunlich.