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kleinern Städten den kläglichen Liebhaberbühnen den Garaus machen und Ziele erreichen könnte, die immerhin bedeutend wären. Unter dieser Voraussetzung brauchte die theatralische Berufskunst die Konkurrenz dieser Volksbühne, die immer nur eine Festbühne zu sein vermochte, nicht zu fürchten, und alles käme darauf an, daß die Dichtung für diese Art der theatralischen Unterhaltung von vornherein nur in den besten Händen ruhte und die dramatische Poesie nicht etwa durch eine Folge von poetisch kraftlosen, lediglich aus Situationsbildern und lyrisch-rhetorischen Erläuterungen bestehenden Volksschauspielen gefährdet werde, die am Ende so verderblich wirken müßten wie die bloßen Fabrikate der sogen. praktischen Bühnenschriftstellerei. Von vornherein würde es nicht auszuschließen sein, daß die Volksbühne mit ihren Aufführungen in den Dienst gewisser patriotischer, religiöser und Parteitendenzen träte, eine Gefahr, die inzwischen noch lange nicht so groß ist als die des seelenlosen Schlendrians schlechter Theater. [* 2]
Roman und Novelle.
Nach wie vor stehen der Roman und die Novelle im Vordergrund aller »belletristischen« Produktion in der deutschen wie in allen andern europäischen Litteraturen; aus rein äußerlichen wie innerlichen Gründen wächst die Zahl der Prosa-Epen ins Ungemessene, und die Masse entzieht sich schon längst der Beurteilung und jeder andern Gruppierung als der nach dem Umfang der einzelnen Werke. Zum Glück ist es noch immer möglich, die Darbietungen, die sich in einer oder der andern Weise über die Menge erheben, leicht zu unterscheiden, obschon die flache Alltagsbelletristik mit Zuhilfenahme der sozialen Fragen und des modischen Pessimismus einige Stufen höher zu kommen versucht, während auch die Berufenen durch eine Vielproduktion, die mehr in die Breite [* 3] als in die Höhe strebt, unwillkürlich hinabgleiten.
Wenn die Prosa an sich der Gefahr schnellerer Veraltung ausgesetzt ist als die poetische Darstellung in gebundener Rede, so läuft die neueste Erzählungskunst diese Gefahr doppelt und dreifach. Im Drange, die fieberische Hast und Erregung des modernen Lebens wiederzugeben, mit neuen Reizmitteln die erschlafften Nerven [* 4] der Lesewelt aufzustacheln, gelangt ein Stil voll nervöser Unruhe, voll kurzatmiger Ausrufungen, voll jäher Sprünge und übergangsloser Gegensätze zur Herrschaft, der dem Bestand und der künftigen Geltung und Wirkung selbst gehaltreicher und interessanter Werke unsrer Tage Schlimmes weissagt.
Der historische Roman droht sich mehr und mehr in den archäologischen aufzulösen, der ohne eigentlich poetische Aufgabe, ohne poetisches Motiv im engern Sinne sich die Wiedergabe entschwundener Zeiten und Zustände zur ausschließlichen Aufgabe setzt. Ein leiser Zug zur Überschätzung des historischen Hintergrundes und der wissenschaftlich belegbaren Sittenschilderung geht selbst durch ein wahrhaft poetisches Meisterwerk mit lebendiger Gestaltung und tragischer Stimmung, wie »Die Versuchung des Pescara« von K. F. Meyer, hindurch.
Von den Schriftstellern, die in einer gewissen regelmäßigen Folge historische Romane zu veröffentlichen pflegen, ließ Felix Dahn eine geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 v. Chr.: »Weltuntergang«, Ernst Eckstein »Die Numidierin«, Novelle aus dem altrömischen Afrika, [* 5] W. Walloth die historischen Römerromane: »Tiberius« und »Ovid«, Georg Ebers »Josua«, eine Erzählung aus biblischer Zeit, erscheinen. Von sonstigen historischen Romanen wären »Sinkende Zeiten«, aus den Tagen des letzten Hansakriegs, von Ernst Jungmann, »Apollonia von Celle«, [* 6] eine Familiengeschichte aus der Reformationszeit, von A. von der Elbe (Auguste von der Decken),
»Der tolle Christian in Paderborn«, [* 7] aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und mit katholischer Tendenz, von H. Keiter, »Die letzten Mönche vom Oybin«, aus dem 16. Jahrh., von Johannes Renatus zu nennen.
Die Romane aus der Gegenwart überwiegen die historischen nicht nur der Zahl nach. Alle Gärung und aller innere Widerspruch wie das reiche, aber verworrene äußere Leben unsrer Zeit lagert sich in einer Fülle von Romanen ab, die, bald naiv auf die überlieferte Erfindung und Kompositionsweise aufgebaut, bald auf die vergleichende Beobachtung gestützt, mannigfache Lebensbilder, aber nicht, wie der Roman früherer Tage, ein Weltbild zu geben versuchen. Kein einziger unter den zahlreichen Romanen des letzten Jahres nimmt den Anlauf, [* 8] ein Weltbild aufzustellen, selbst Romanfolgen verzichten hierauf, und der Spezialismus, der das Losungswort bereits nicht mehr in der Wissenschaft allein ist, scheint sich auch der Kunst bemächtigen zu wollen.
Allerdings ist nur ein ganz geringfügiger Teil der neuesten Erzähler von einem eigentlich künstlerischen Geiste beseelt, der innerhalb des Rahmens seiner Aufgabe und seiner Begabung die Vollendung sucht und erstrebt, die Mehrzahl begnügt sich mit der Wirkung des Augenblicks und ist sich der Kurzlebigkeit ihrer Schöpfungen voll bewußt. Die poetisch wertvollsten, stimmungsreichsten und durch ihre Form eine längere Dauer verheißenden Romane erweisen sich meist als erweiterte Erzählungen. Zu diesen rechnen wir mehr oder minder: »Der eiserne Rittmeister« von Hans Hoffmann, wohl der vorzüglichste Roman des verflossenen Jahres, »Unsühnbar« von Marie Ebner-Eschenbach, von welcher Dichterin auch ein Band [* 9] neuer vorzüglicher Novellen: »Miterlebtes«, erschien, die talentvollen, obschon noch allzusehr unter dem Banne der naturalistischen Doktrin stehenden Romane von Hermann Sudermann: »Der Katzensteg« und »Frau Sorge«, »Frau Minne«, Künstlerroman von Theophil Zolling, »Die Bergpredigt« von Max Kretzer, »Wahrheit« von Karl Frenzel, die beiden neuen Romane von Wilhelm Jensen: »Ein Doppelleben« und »Die Kinder vom Ödacker«, von denen besonders der letztere von den eigentümlichen Vorzügen der Jensenschen Erzählungskunst getragen erscheint, »Der Lar«, eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte von Wilhelm Raabe, wiederum eines jener halb humoristischen, halb elegischen Gebilde, in denen der Dichter zur Meisterschaft gediehen ist.
Eine immer wachsende Anzahl von Romanen und Novellen bezeichnet sich ausdrücklich als Berliner [* 10] Geschichten oder haben, wenn sie sich nicht so bezeichnen, die Reichshauptstadt, ihre Gesellschaftskreise und Typen zum Mittelpunkt der Darstellung gemacht. Die Berechtigung wie die Gefahr des Berliner Romans liegen so auf der Hand, [* 11] daß es müßig erscheint, sie immer wieder hervorzuheben. Am Ende befreit die Besonderheit des Stoffes unter keinen Umständen von den Gesetzen der Kunstgattung, und an Erfindungen und Ausführungen, die in der Reichshauptstadt spielen, lassen sich keine andern Maßstäbe anlegen als an Erzählungen überhaupt. Unter allen Schriftstellern, die im Augenblick den Berliner Roman pflegen, ist Theodor Fontane durch wahres poetisches Talent und die genaueste Kenntnis aller Zustände und Menschenklassen Berlins offenbar der berufenste, und sein kleiner Roman »Stine« überragt durch Lebendigkeit und Feinheit der Darstellung ganze Reihen von Romanen, die sich abmühen, getreue ¶
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Sittenbilder zu geben, und entweder ganz einseitig und unzulänglich sind, oder durch tendenziöse Absichtlichkeit der poetischen Wirkung völlig verlustig gehen. Zu den bessern Werken der Gattung zählen: »Dunst aus der Tiefe« von Hermann Heiberg, »Adams Söhne, Evas Töchter« von E. Vely. Daran schließen sich der durch einen Prozeß bekannt gewordene Roman »Die Alten und die Jungen« von Konrad Alberti, »Im Liebesrausch« von Heinz Tovote und zahlreiche Nachahmungen, die hier nicht aufgeführt zu werden brauchen. Ganz wohlthuend berührt es gegenüber dem Grundton fast all dieser Berliner Geschichten, wenn Jul. Rodenberg in dem kleinen humoristischen Roman »Herrn Schellbogens Abenteuer« ein Stücklein aus dem alten Berlin [* 13] zum besten gibt.
Aus der großen Zahl der sonst erschienenen, nicht gerade in Berlin spielenden und doch modernen Romane seien »Der Weltfahrer« von Wolfgang Kirchbach, »Die Tochter Rübezahls« von Rud. v. Gottschall, »Tante Carldore« von Jul. Grosse, »Camilla« von Ernst Eckstein, »Zwei Ehen« von Alfred Friedmann, »Hofluft« von Nataly v. Eschstruth, »Amors Bekenntnisse« von August Niemann, »Ausgewanderte« von Mite Kremnitz, »Glück« von Oskar v. Redwitz, »Bludička«, Roman aus dem slawischen Volksleben von Ossip Schubin, »Nach uns die Sündflut« von E. A. König, »Der Mäcen« von Detlef v. Liliencron, »Des Armen Schuld« von Karl v. Weber, »Es klopft!« von Carmen Sylva, »Die Waffen [* 14] nieder« von Bertha v. Suttner, »Am Kreuz«, [* 15] ein Passionsroman aus Oberammergau, von Wilhelmine v. Hillern, »Nach Jahr und Tag« von Konrad Telmann hier genannt. Das Register könnte in dem Augenblick sehr vergrößert werden, in dem man die ersichtlich nur für den Bedarf der illustrierten Blätter und der Leihbibliotheken geschriebenen Romane hereinzuziehen begönne, womit noch nicht gesagt sein soll, daß alle aufgezählten Arbeiten sich weit über das Niveau bloßer Unterhaltungslitteratur und in die reinern Regionen poetischer Schöpfung erhüben.
Die Novelle ist nach wie vor eifrig gepflegt worden, und da sie sich ihrer Natur nach der raschen und im Grunde industriellen Ausbeutung widersetzt, so hat sich auf ihrem Gebiet der poetische und künstlerische Drang und Trieb lebendiger erhalten als auf dem weitern Felde des Romans. Freilich fehlt es auch in der Erzählung an einer Art der Produktion nicht, die sich mit der flüchtigen Skizze, der bloßen Andeutung begnügt, das Zeichen für die Sache setzt und sich die sinnlich anschauliche und lebendig beschreibende Ausgestaltung erläßt.
Das Bedürfnis zahlreicher Feuilletons, kurze und knappe Geschichten zu erhalten, hat auch in der deutschen Litteratur eine Gattung von Novellen ins Leben gerufen, die, den amerikanischen und englischen short stories verwandt, mehr auf litterarischen Effekt als auf Lebenswärme und Lebenswiedergabe abzielen, deren Kürze daher mit der preiswerten Kürze der echten alten Novelle in keiner Weife verwechselt werden darf. Aus der Fülle der wirklichen Novellen ragen durch echte Gestaltung und Vorzüge des Stils die »Florentiner [* 16] Novellen« von Isolde Kurz, die neue Folge der »Littauischen Geschichten« von Ernst Wichert, die prächtigen beiden Sammlungen: »Zwischen Elbe und Alster« und »Bescheidene Liebesgaben«, Hamburger Novellen von Ilse Frapan, »Im Zwielicht«, zwanglose Geschichten von Hermann Sudermann hervor.
Ihnen schließen sich an: »Das Glück der Erde«, Novellen von Gottfried Böhm, »Frühlingsstimmen« von Otto Roquette, »Auf der Reise«, drei Novellen von Adolf Stern, »Gemütliche Geschichten« aus einer schweizerischen Kleinstadt von J. V. ^[Josef Viktor] Widmann, »Aus vier Dimensionen«, humoristische Novellen von O. v. Leixner, »In der Irre«, Novellen von Dito und Idem, »Neue Geschichten des Majors« von Hans Hopfen, [* 17] »Sizilianische Geschichten« von Konrad Telmann.
Mit den Novellen »Eva in allerlei Gestalten« von Moritz v. Reichenbach, [* 18] den »Neuen Novellen« von Hans Arnold, »Fallobst«, wurmstichige Geschichten von Heinz Tovote, »Im kühlen Grunde und andre Geschichten« von Julie Ludwig, »Menschen und Schicksale« von Fritz Lemmermayer, »Im Cölibat«, Klostergeschichten von Anton Ohorn betreten wir schon wieder zerklüftetern Boden. Dafür versetzen uns die prächtigen Märchen »Es war einmal« von Rudolf Baumbach, die feinsinnigen Skizzen »Aus dem Kleinleben« von Hermine Villinger und vollends die »Gesammelten Schriften« von Heinrich Seidel auf sichern poetischen Grund zurück, wenn eben dieser Grund auch eng umschränkt ist.
Zwischen der Dichtung und der historischen Litteratur im engern Sinne stehen jene persönlichen Erinnerungen und Schilderungen zwischen inne, die durch Gegenständlichkeit und Stimmungsfülle sich der poetischen Darstellung nähern, und deren unerreichte Muster in unsrer Litteratur Goethes »Aus meinem Leben« und »Heinrich Stillings Jugendjahre« sind und bleiben. Zu den jüngsten Erscheinungen dieser Art gehören die »Jugenderinnerungen« von Karl Gerok, das Büchlein »Aus meiner Jugendzeit« von Heinrich Hansjakob, die Erinnerungen »Aus dem Alumnat« von G. Wustmann.
Auch die »Vischer-Erinnerungen« von Ilse Frapan, die »Erinnerungsblätter aus dem Leben einer deutschen Lehrerin« von Bertha Buchwald fallen unter diese kleine Gruppe, während Gustav Freytags vielbesprochene Erinnerungsblätter »Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone«, obschon aus persönlichsten Eindrücken hervorgegangen und gewiß lebendig und anschaulich genug durch das Gewicht des Stoffes und der Betrachtungen, nach der Seite der historisch-politischen Werke hinüberneigen.
Geschichte, Biographie, Litteraturgeschichte etc.
Das Gebiet der historischen Litteratur, soweit dieselbe über die bloße Forschung und kritische Spezialuntersuchung hinaus der Nationallitteratur im engern Sinne angehört und sich an das große gebildete, nicht an das Publikum der Fachgenossen wendet, hat wie in den vorhergehenden Jahren beträchtlichen Zuwachs erfahren. Das große zeitgeschichtliche Werk Heinrich v. Sybels: »Die Begründung des Deutschen Reiches durch Kaiser Wilhelm I.«, ist bis zum fünften Bande und damit bis zur kriegerischen Katastrophe des Jahres 1866 und der ersten Neuordnung der deutschen Verhältnisse durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes vorgeschritten und hat den gewaltigen Anteil des ehernen Kanzlers, des Fürsten Bismarck, an Deutschlands [* 19] Neuaufrichtung noch viel klarer und zusammenhängender überschauen lassen, als es bis dahin möglich war.
Auf ein außerordentliches Material unmittelbarer Zeugnisse und Urkunden gestützt, geistvoll übersichtlich geordnet und durchgeführt, nahm und nimmt die Sybelsche Darstellung die Teilnahme aller Deutschen der Gegenwart aufs stärkste in Anspruch und ist von jenem frischen Hauch des persönlichen Miterlebens, der Miterfahrung durchweht, der sich meist nur bei Geschichtschreibern ihrer eignen Zeit findet. Von allgemeiner Wichtigkeit und Bedeutung reihen sich die »Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen«, persönliche Erinnerungen von bedeutendstem Gehalt, ¶