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Seit geraumer Zeit hat die Achtsamkeit auch das Interesse der Wissenschaft geweckt. Dies zeigt sich vor allem an der steigenden Anzahl von Publikationen und Forschungen, die zum Thema Achtsamkeit undihrer Wirkung auf die psychische Gesundheit, in den letzten Jahren erstellt wurden (vgl. Heidenreich 2009, S. 13). Heute wird der Begriff der Achtsamkeit für alle Techniken verwendet, die das Achtsamkeitsprinzip anwenden, man spricht dabei von sog. achtsamkeitsbasierenden Verfahren. Achtsamkeit ist somit ein zentraler Begriff der med. Entspannung.
Ihren Ursprung hat die Achtsamkeit in der buddhistischen Meditationspraxis. Sie ist die im deutschen Sprachraum gebräuchliche Übersetzung des englischen Begriffs ‚mindfulness’ und stellt das zentrale Element verschiedener meditativen Techniken dar. In Pali, der Sprache der Buddhisten vor 2500 Jahren, wurde dafür die Bezeichnung ‚Sati’ verwendet. ‚Sati’ ist eine Konnotation von Gewahrsein(engl. awareness), Aufmerksamkeit(engl. attention) und Erinnern(engl. remembering). Gewahrsein kann dabei verstanden werden als ein Hintergrundradar des Bewusstseins, der das innere und äußere Umfeld ständig überwacht, ohne das auftauchende Reize im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.
Die Aufmerksamkeit ist ein Vorgang des bewussten Ausrichtens des Gewahrseins auf einen bestimmten Reiz. Mit anderen Worten zieht die Aufmerksamkeit fortlaufend Figuren aus dem Hintergrundradar des Gewahrseins heraus und hält diese unterschiedlich lange in ihrem Brennpunkt. Dies macht das Zusammenspiel dieser beiden Begriffe deutlich. Zur Veranschaulichung folgendes Beispiel: Während Sie diesen Text lesen, benötigen Sie sowohl die Aufmerksamkeit als auch ein Gewahrsein. Ein Gewahrsein für diesen Text sowie eine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Worte und Sätze, um sie zu lesen und zu verstehen. Ihr Gewahrsein nimmt jedoch ständig auch andere Stimuli (Reize) in ihrem Umfeld wahr, ohne diese in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn jetzt zum Beispiel draußen ein Hund bellt, befindet sich dieser vielleicht zunächst noch im Hintergrund ihrer Aufmerksamkeit. Wenn er jedoch lange genug bellt oder das Bellen Sie stört, wird Ihre Aufmerksamkeit erregt und der Hund wird damit zum Fokus ihres Gewahrseins.
Erinnern im Sinne von ‚Sati’ meint nicht ein Verweilen in Erinnerungen sondern ein Erinnern daran, unsere Aufmerksamkeit und unser Gewahrsein immer wieder neu an der aktuellen Erfahrung zu orientieren, damit der gegenwärtige Moment erfahrbar wird. (vgl. Germer 2009, S. 18 -19)
Auch andere Autoren benutzen die Begriffe von ,Sati’ in ihrer Definition von Achtsamkeit:
„Es geht um das Gewahr werdendes eigenen Da-Seins im gegenwärtigen Moment.“(Altner, 2004, S. 596)
„… das Bewusstsein, das entsteht, indem man der sich entfaltenden Erfahrung von einem Moment zum anderen bewusst seiner Aufmerksamkeit widmet, und zwar im gegenwärtigen Augenblickund ohnedabei ein Urteilzu fällen.“ (Kabat-Zinn 2004, S. 107)
„It is most commonly defined as the state of being attentive to and awareof what is taking place in the present.”(Brown & Ryan 2003, S. 822)
„Mindfulness means paying attention in a particular way: on purpose, in the present moment, and nonjudgmentally“ (Kabat- Zinn 1994 S. 4)
Grossmann schließt in seine Definition von Achtsamkeit die Interozeption, als ein unmittelbares Gewahrsein körperlicher Empfindungen, mit ein:
„…Achtsamkeit ist durch ein gelassenes, nicht wertendesund kontinuierliches Gewahrseinwahrnehmbarer geistiger Zustände und Prozesse von Augenblick zu Augenblickgekennzeichnet. Dies bedeutet ein anhaltendes, unmittelbares Gewahrsein körperlicher Empfindungen, Wahrnehmungen, Affektzustände, Gedanken und Vorstellungen.”(Grossman 2004, S. 73)
Die Kernpunkte der Achtsamkeit lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Sie bezieht sich auf den gegenwärtigen Augenblick „present moment“
D.h. Gewahrsein all dessen was ist (körperliche Empfindungen, Wahrnehmungen, Affektzustände, Gedanken und Vorstellungen), indem die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick gelenkt und ausgerichtet wird.
- Sie beinhaltet ein Maß an handelnder Absicht „on purpose“
D.h. Aufmerksam, neugierig und offen zu sein, was ist.
- Sie istnicht wertend resp. wertfrei „non-judgmental“
D.h. Keine Bewertung ob gut oder schlecht, sondern nur ein Beobachten und bewusstes Wahrnehmen mit einer freundlich liebevollen Grundhaltung.
Achtsamkeit ist somit eine besondere Form der Aufmerksamkeitslenkung. Wobei die Aufmerksamkeit absichtsvoll und nicht-wertend auf das bewusste Erleben des gegenwärtigen Augenblicks gerichtet wird. Eine aufrechterhaltende Aufmerksamkeit von Moment zu Moment.
Im Gegensatz zu vielen Meditationsformen hat die psychotherapeutisch-medizinische Achtsamkeit keine religiösen und spirituellen Ziele. Das Ziel der therapeutischen Achtsamkeit ist es, die eigenen Gedanken und Gefühle zu akzeptieren, so wie sie im gegenwärtigen Augenblick sind und diese nicht zu bewerten. Im Unterschied zur kognitiven Therapie, welche eine konkrete Veränderung dysfunktionaler Gedanken anstrebt, geht es bei den achtsamkeitsbasierenden Ansätzen um eine Veränderung der Haltung gegenüber den Gedanken und Gefühlen. Zack und McMain schreiben dazu (Heidenreich 2006, S. 253): „Das Vorgehen, negative Gedanken nicht zu disputieren, sondern sie stattdessen wahrzunehmen, nicht persönlich zu nehmen und ihre flüchtige Natur zu erkennen, ist ein Prozess, der Achtsamkeit von traditionellen kognitiv-behavioralen Strategien unterscheidet.“
Psychotherapeutisch wird in der Regel unter dem Begriff der Achtsamkeit folgendes verstanden:
- Lenken und Halten der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment
- Maß an (handelnder) Absicht: Lenken der Aufmerksamkeit, sorgen für eine angenehme Körperposition
- Akzeptanz / Zulassen des Wahrgenommenen (Körperempfinden, Emotionen, Denkvorgänge)
- Wohlwollende (nicht negative bewertende) Grundhaltung
Das Prinzip der Achtsamkeit lässt sich jedoch nicht durch eine rein begriffliche oder intellektuelle Einordnung und Annäherung erschließen. Will man das Prinzip in seinem Ursprung verstehen, sollte man sich auf das Prinzip der Achtsamkeit einlassen und es im alltäglichen Leben integrieren und zu realisieren versuchen. Kabat-Zinn schreibt dazu:
„Im Grunde genommen ist Achtsamkeit ein ziemlich einfaches Konzept. Seine Kraft liegt in der praktischen Umsetzung und Anwendung.“(Kabat-Zinn 2007, S. 18).
Er meint damit, dass Achtsamkeit ein relativ simples Verfahren darstellt, die praktische Umsetzung jedoch anspruchsvoll ist. Dies macht auch den Unterschied zu rein wissenschaftlichen Konzepten deutlich, die sich durch eine gedanklich, distanzierte und beobachtende Herangehensweise erschließen lassen. Achtsamkeit hingegen ist ein Konzept, worauf man sich einlassen muss, um es ganz erfahren zu können.
Literatur:
Heidenreich, T. (Ed.). (2009) Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie: ein Handbuch. Dgvt-Verlag
Germer, C. Siegel, R./Fulton, P.(Hrsg.) (2009)Achtsamkeit in der Psychotherapie. Freiamt: Arbor
Altner, N. (2004)Achtsamkeitspraxis als Weg zu einer integralen Salutogenese. Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie
Kabat-Zinn, J. (2004) Achtsamkeitsbasierte Interventionen im Kontext: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In Heidenreich, T. & Michalak, J. (Hrsg.). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie, Ein Handbuch (3., überarbeitete und erweiterte Aufl.). Dgvt-Verlag S. 103-138
Brown, K. & Ryan, R. (2003)The Benefits of Being Present: Mindfulness and Its Role in Psychological Well-Being. Journal of Personality and Social Psychology
Kabat-Zinn, J. (1994)Wherever you go, there you are: Mindfulness meditation in everyday life. Hyperion
Grossman, P. (2004)Das Üben von Achtsamkeit: Eine einzigartige klinische Intervention für die Verhaltenswissenschaften. In Heidenreich, T. & Michalak, J. (Hrsg.). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie, Ein Handbuch (3., überarbeitete und erweiterte Aufl.). Dgvt-Verlag S. 69-101
Kabat-Zinn, J. (2007)Im Alltag Ruhe finden. Meditationen für ein gelassenes Leben. Frankfurt am Main: Fischer