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Geschichte
Identifizierung im Mittelalter
Der Luzerner Historiker Valentin Groebner untersucht in diesem Buch die Anfänge der Identifizierung von Personen im Mittelalter und deren weitere Entwicklung im Verlauf der Frühen Neuzeit: Portraits, die entgegen landläufiger Meinung auch in der Renaissance dem abgebildeten Menschen nicht unbedingt ähneln mussten, Wappen und Zeichen als mindestens ebenso wichtiges Erkennungszeichen oder metallene Abzeichen, die man an der Kleidung oder an Ketten trug und die den Träger z.B. als Bettler oder Pilger auswiesen.
Aufzeichnungen über gesuchte Personen wurden im 14. Jahrhundert zunehmend ausführlicher. Zentrale Kategorie einer Beschreibung war zunächst die Kleidung, oft auch die Haarfarbe. Aber auch der Name und Zeichen auf der Haut wie Tätowierungen, Muttermale oder Narben gehörten zur Beschreibung einer Person. Ein Berner Gefangener beispielsweise beschrieb seine beiden Kumpane 1486 auf diese Weise: rote Hose, schwarzer Rock, schwarzer Mantel und schwarz-weißer Hut sowie schwarzes Haar der eine und weiße Hose, roter Rock, roter Hut sowie gelbes Haar der andere (S. 58). Heute werden Kleider so schnell gewechselt, dass man sie kaum noch als Teil der eigenen Identität auffasst. Im Mittelalter war ein Mensch ohne seine Kleider kaum mehr zu erkennen. "Ganz nackt" konnte der Leichnam Karls des Kühnen 1477 nur unter Schwierigkeiten unter den anderen vor Nancy Gefallenen und ihrer Kleider Beraubten gefunden werden (S. 68). Dies gelang seinem Pagen. Erst nachdem er gewaschen und bekleidet worden war, "um ihn besser zu erkennen", konnte er von allen Anwesenden identifiziert werden (S. 69).
Das Wort "Steckbrief" stammt von "gesteckter Brief", einer Urkunde, die man in die Kanzleibücher steckte. Papier erwies sich ab dem 13. Jahrhundert nicht nur hinsichtlich der geringeren Kosten dem Pergament als überlegen, es war auch fälschungssicherer. Man konnte eine Textstelle nicht einfach abschaben und ändern, ohne das Papier sichtbar zu beschädigen. Auch ließen sich dem Papier durch Wasserzeichen zusätzlich zum alten Siegel Echtheitsmarken anbringen.
Geleitbriefe für Diplomaten, Boten und Kaufleute hießen seit dem 15. Jahrhundert Passeports oder Passzettel. Immer mehr Reisende wurde die Pflicht zum Führen eines solchen - kostspieligen - Dokumentes auferlegt. Der Besitz des Dokuments "wandelte sich vom Privileg zur Pflicht" (S. 126). Im 17. Jahrhundert herrschte dann überall in Europa Ausweiszwang, durchgesetzt wurde er indes nicht. Ein gutes Trinkgeld konnte den fehlenden Passzettel so leicht ersetzen, dass das Wort "Passport" schließlich als Metapher für solches Schmiergeld diente.
Ein knapper Ausblick ins 19. und 20. Jahrhundert, als "die uns heute so selbstverständliche Verkopplung von Staatsangehörigkeit und Ausweis" erst durchgesetzt wurde (S. 168), schließt das Buch ab.
Insgesamt handelt das Buch jedoch weniger von "Steckbrief, Ausweis und Kontrolle" als von Zeichen und Identifizierung, Abbildung und Beschreibung von Personen. Die langen Passagen beispielsweise über die von der antiken Lehre angenommene Beziehung zwischen Hautfarbe und Körpersäften, die zur Folge hatte, dass die Färbung der Haut zunächst als veränderlich angesehen wurde, sind sicher notwendig, um den Wandel der Kriterien einer Personenbeschreibung zu erklären. Einem Leser ohne Interesse für geschichtswissenschaftliche Details werden sie wohl als weitschweifig erscheinen.
Sicher: Kontrolliert wurden und werden in Wahrheit nicht Menschen, sondern ihre Papiere. Und diese erweisen sich dann als echt, wenn es viele (fast) identische davon gibt. Pässe eines Staates sind bis auf einige personenbezogene Details gleich. Und ein Mensch ohne solche Papiere hat große Mühe zu beweisen, wer er ist. Doch die in Groebers Buch ständig wiederholte These, "dass etwas - und jemand - erst authentisch wird durch die Repliken, die von ihm hergestellt werden" (S. 168), erscheint doch überzogen. Wir werden von unseren Papieren nicht "verdoppelt" (S. 175). Ausweise bescheinigen nur wenige Merkmale, beschreiben also nur den kleinen Ausschnitt unserer Identität, den der Staat als relevant ansieht.