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Kopie von: soz:mag Nr. 2 / 2002 auf www.socio5.ch
Christoph, wie bist du zur Soziologie gekommen?
Schon während meiner Gymnasialzeit in Biel wurde mir klar, dass ich Soziologie studieren wollte. Meine damalige Vorstellung von der Soziologie war vor allem durch die Medien geprägt, besonders durch Publikationen im Anschluss an die Achtundsechziger. Hinzu kamen die Dossiers der Berufsberatung.
Nach deiner Matur bist du nach Zürich gekommen und hast hier dein Studium absolviert. Mit welchen Themen hast du dich besonders auseinandergesetzt?
Ich muss zunächst einmal bemerken, dass ich sehr lange Zeit mit meinem Studium zugebracht habe. Ungefähr 10 Jahre - mit Unterbrüchen, d.h. mit Phasen, während derer ich etwas anderes gemacht habe, aber eingeschrieben blieb. Was die Themen betrifft, so habe ich eine empirische Forschungsarbeit zum Thema Zweisprachigkeit in der Stadt Biel durchgeführt. Ich hatte Glück und konnte die Arbeit zugleich als Auftrag für die Stadt Biel ausführen und eine grössere Umfrage durch das professionelle Umfrageinstitut IPSO erstellen lassen. Dadurch konnte ich mir sogar ein wenig Geld verdienen.
Später bist du dann zur Techniksoziologie übergegangen?
Danach war ich ein Jahr lang in Südamerika. Nach meiner Rückkehr hatte ich grosse Schwierigkeiten, wieder einzusteigen und fragte mich, was ich hier in der Schweiz eigentlich tun sollte. In dieser Zeit liefen die Vorbereitungsarbeiten für eine grosse Forschungs-Ausstellung an, die "Heureka", die hier in Zürich stattfand. Da haben wir, d.h. ein paar Soziologie Studierende, uns gesagt: wenn diese Ausstellung schon stattfindet, wollen wir auch etwas dazu beitragen. Wir suchten den Kontakt zur Öffentlichkeit. Wir wollten etwas machen, das nicht einfach nur in den Archiven landet, sondern auch diskutiert wird und im Publikum etwas auslöst - etwas, was zum Nachdenken anregt.
Im Hinblick auf diese Forschungs-Ausstellung haben wir uns für die Thematik der Gen- und Fortpflanzungstechnologien entschieden. Da gibt es viele Schnittpunkte mit der Soziologie. Wir fragten uns zum Beispiel: Welche gesellschaftlichen Kräfte oder Institutionen beeinflussen die Entwicklung der Gentechnologie? Aber auch: Welche Auswirkungen hat die Gentechnologie auf die Gesellschaft?
Anschliessend habe ich zusammen mit Bernhard Nievergelt meine Lizentiatsarbeit geschrieben, in der wir uns mit den theoretischen Hintergründen der Technikkritik befassten. In den letzten paar Jahren habe ich zudem an einem Projekt gearbeitet, das sich mit Fragen der Gemeinschaftsbildung im Internet beschäftigt. Dies hat auch mit den gesellschaftlichen Aspekten von Wissenschaft und Technologie zu tun. Allerdings interessiere ich mich dabei eher für Fragen bezüglich der Gemeinschaftsbildung in Chats und Newsgroups.
«Ich war immer skeptisch gegenüber dem Internet-Hype»
Und was fasziniert dich besonders an der Techniksoziologie und den Fragestellungen betreffend Community Building?
Was die Techniksoziologie betrifft, so waren insbesondere Katastrophen ausschlaggebend, welche sich in den Achtziger Jahren ereignet haben - wie z.B. Tschernobyl, Bhopal oder Schweizerhalle. Ich denke, Tschernobyl hat damals alle betroffen gemacht und aufgerüttelt. Und wir wollten dann genauer wissen, wie es soweit kam und was dahinter steckte. Wir stellten uns auch die Frage, was man anders machen könnte.
Beim Internet war mein Zugang etwas anders. Ich war immer skeptisch gegenüber dem Internet-Hype - der Erwartung, dass damit alles besser würde. Zur Internet-Problematik bin ich dann eher zufällig gestossen, über Bettina Heintz: Sie hatte im Zusammenhang mit dem Schwerpunktprogramm "Zukunft Schweiz" einen Forschungsantrag eingereicht und suchte jemanden, um die Arbeiten durchzuführen.
«Die Dissertation müsste man spätestens mit 34 abgeschlossen haben»
In der letzten Zeit befasst du dich zudem mit Fragen im Zusammenhang mit der Überwachung. Bist du auch per Zufall auf dieses Thema gestossen?
Da gibt es einen anderen wichtigen Strang in meinem Leben: Nach der "Heureka" wurde unsere "Arbeitsgruppe Sozialwissenschaften an der Heureka" angefragt, ob wir im Zürcher Kulturzentrum "Rote Fabrik" eine Veranstaltungsreihe durchführen wollten. 1992 haben wir dann eine achtteilige Reihe mit dem Titel "Zellen, Zucht und Zorn" gemacht. So bin ich in Kontakt gekommen mit der Konzeptgruppe der Roten Fabrik und habe später weitere Veranstaltungen organisiert, wie z.B. zur Problematik der Arbeitslosigkeit, des Erdöls oder des Trinkwassers. Im Rahmen dieser Konzeptgruppe entstand später die Idee, etwas im Zusammenhang mit der Überwachungstechnologie zu machen, und zwar in Zusammenarbeit mit der Swiss Internet User Group, die ich von der Forschungsarbeit her bereits kannte. Da entstand denn auch das Projekt einer Schweizer Ausgabe der "Big Brother Awards ". - Mein Interesse, in Bezug auf die Überwachung vertiefte Fragen zu stellen, entstand aber auch in Verbindung mit Fragen von "Science, Technology and Society Studies".
Als wir dich für ein Interview anfragten, hast du uns gewarnt, du seiest kein "typischer Fall". Woran hast du dabei gedacht?
(denkt nach, lacht) "Typisch" im Sinne von Mehrheit. Die Mehrheit der Studierenden - auch der Soziologie Studierenden - geht einen direkteren, zügigeren Weg. Wenn ich beispielsweise an andere Personen in meinem Alter denke, die mit mir zusammen das Studium angefangen haben, so verfügen die heute mehrheitlich über eine Stelle mit einem fixen Einkommen oder sind Vollzeit-Hausfrauen und haben Kinder. Von daher betrachte ich mich als einen nicht so ganz üblichen Fall.
Man wird sich dessen auch schnell bewusst, wenn man auf Grenzen stösst. Für bestimmte Stipendien - z.B. beim Nationalfonds oder bei der EU -- ist man einfach zu alt, wenn man mit 38 die Dissertation noch nicht abgeschlossen hat. In unserem System müsste man die spätestens mit 34 abgeschlossen haben.
Du hast von deiner Öffentlichkeitsarbeit gesprochen. Im Zusammenhang mit der Überwachungsproblematik bist du heute auch politisch aktiv. Was hat dich zu diesem politischen Aktivismus bewogen?
Meine Politisierung fand vor allem in den frühen 80er Jahren statt. Ich lebte damals allerdings nicht in Zürich, sondern in Biel. Trotzdem habe ich in dieser Zeit, als ich 16 oder 17 Jahre alt war, viel miterlebt vom politischen Protest: besonders die Anti-AKW-Bewegung war für mich damals wichtig. Dazu kamen lokale Ereignisse, wie zum Beispiel der Fall, wo man einen Rektor einer Schule rausschmeissen wollte, mit der Begründung, er sei zu "liberal". In dieser Lebensphase - mit 16 Jahren - geht es natürlich immer auch um eine Abgrenzung gegenüber von Autoritäten: den Eltern, dem Militär, der Schulleitung. Darin bestand meine erste Politisierung.
Und welches ist die Motivation heute? - Besteht da noch immer ein Protest-Gedanke?
Mein Grundgedanke besteht darin, dass die Welt besser sein könnte als sie ist, und dass man zu ihrer Verbesserung etwas beitragen kann - etwas beitragen muss!
«In der politischen Arbeit muss man darauf achten, nicht nur gegen etwas zu sein»
Was möchtest du denn durch dein Engagement konkret verändern?
Gerechtigkeit ist sicher ein Wert, für den ich mich einsetze, aber auch Freiheit und Autonomie - das sind allerdings Begriffe, die mit Sinn gefüllt werden müssen. Ich bin der Überzeugung, dass man in der politischen Arbeit darauf achten muss, nicht nur gegen etwas zu sein. Das führt oft in eine Sackgasse. Man sollte auch ein "für" einbringen können, etwas, wofür man kämpft.
In welcher Form bist du heute politisch aktiv?
Ich war nie parteipolitisch oder gewerkschaftlich aktiv, sondern immer in kleineren Grüppchen, die sich meist zuerst noch formieren mussten. Im Moment setze ich am meisten Zeit für die "Big Brother Awards" ein, da die Preisverleihung bald stattfinden wird (am 29. Oktober; das Interview wurde Anfang Oktober durchgeführt. Anm. der Red.).
«Überwachung und Kontrolle nehmen immer stärker zu»
Worum geht es dabei?
Überwachung und Kontrolle nehmen in unserer Gesellschaft immer stärker zu, vor allem auch im Zusammenhang mit neuen technischen Möglichkeiten der Datenspeicherung und der Datenverarbeitung. Wir sind der Ansicht, dass man das kritisieren oder zumindest diskutieren sollte. Was unser Vorgehen betrifft, so haben wir eine Form gesucht, die nicht nur klassisch aufklärerisch ist und sich darauf beschränkt, Informationen zu vermitteln. Wir haben uns daher für eine satirische Form entschieden. So verleihen wir seit drei Jahren Preise an besonders grosse "Schnüffelratten", also für Firmen, Organisationen und Personen, die sich besonders stark für die Überwachung einsetzen. Die Preisverleihung findet jeweils im Herbst statt und ist als Comedy-Anlass inszeniert. Unser Engagement gegen die Überwachung steht im Zusammenhang mit einer internationalen Aktion. "Big Brother Awards" werden mittlerweile in 10 bis 15 Ländern verliehen. So haben wir auch Kontakte und verfügen über ein Netzwerk. Dies ist mir sehr wichtig. Die Aktion verfügt damit über das Potential, eine wichtige politische Kraft zu werden.
Hast du das Gefühl, dass ihr mit den "Big Brother Awards" bereits etwas bewirkt habt?
Ja, wir werden zunehmend zur Kenntnis genommen. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass uns ein Durchbruch gelungen ist und heute wegen uns niemand mehr Datenschutzverletzungen begeht - das wäre total überheblich! Ich denke aber, die Anliegen des Datenschutzes werden ernster genommen. Nicht nur wegen unserer Aktion. Viele Wirtschaftsbetriebe haben nämlich realisiert, dass es für sie von Interesse ist, wenn sie ihren Kunden gegenüber dafür einstehen können, dass die Daten nicht rausgehen und dass damit kein Handel getrieben wird...
...und ihr macht bekannt, wenn die Daten trotzdem rausgehen?
Ja, das ist unser Ziel. Wir sind jedoch darauf angewiesen, dass man uns auch Hinweise gibt. Die Nominationen für die Preise erfolgen durch das Publikum, d.h. alle können Vorschläge machen. Wir überprüfen dann, ob etwas dahinter steckt, und legen die Vorschläge einer Jury vor, welche die Auswahl trifft.
Hast du schon besonders erschreckende Feststellungen gemacht im Zusammenhang mit diesen Nominationen? Sind euch dadurch Fälle bekannt geworden, die nicht bereits durch die Medien gegangen sind?
Für uns sind solche Fälle etwas schwierig. Wenn die Fälle nicht bereits in den Medien waren, müssen wir zuerst selbst recherchieren und uns gut absichern, damit wir nicht angeklagt werden können. Wir haben zum Beispiel Fälle, die höchst brisant sind, mit denen wir aber noch nicht an die Öffentlichkeit gehen können, weil das zu riskant wäre.
Wir können uns also auf Überraschungen gefasst machen...
Ich hoffe es, ja. Dabei spielen aber die Medien eine äusserst wichtige Rolle. Ein Grossteil der achtzig Nominationen stammt nämlich von den Medien. Zudem arbeiten wir mit den Medien zusammen, um einzelne Fälle zusätzlich zu recherchieren.
«Ich kann mir schlecht vorstellen, dass jemand soziologisch tätig ist
und keinen politischen Blick hätte»
Du bist einerseits als Soziologe tätig und andererseits politisch aktiv. Gibt es für dich einen direkten Bezug zwischen Soziologie und Politik?
Ich kann mir schlecht vorstellen, dass jemand soziologisch tätig ist und keinen politischen Blick hätte. Wenn man sich aus einer soziologischen Perspektive mit der Gesellschaft befasst, so stösst man immer auf politische Fragen: Wie organisiert sich eine Gesellschaft? Wie löst sie Probleme? Wie geht sie mit Konflikten um?
Du hast dich neben der theoretischen Auseinandersetzung mit der Techniksoziologie und der Technikkritik lange an einem Alternativprojekt im Tessin beteiligt, das einen kritischen Umgang mit Technik pflegt. Worum ging es dort?
Das Projekt entstand zu Beginn der 70er Jahre, als Leute - vor allem aus dem Tessin, aber auch aus anderen Teilen Europas einen Ort suchten, wo sie fern vom Elternhaus unabhängig, mit grosser Autonomie und in grosser Freiheit selber etwas machen konnten. Diese Leute sind dann auf Ces gestossen, ein beinahe verlassenes Bergdorf in der Leventina. Dieses Dorf gefiel ihnen derart, dass sie damit begannen, die Büsche, die ins Dorf hineingewachsen waren, zu roden, die Häuser wieder aufzubauen, sie zu renovieren, die Wiesen zu mähen, Gärten anzulegen und sich im Dorf einzurichten.
Über die 30 Jahre hinweg haben allerdings die tragenden Personen immer wieder gewechselt. Ich selbst war im Zusammenhang mit der Soziologie zu diesem Projekt gestossen: im Rahmen des AnfängerInnen-Tutorats machten wir einen Ausflug nach Ces. So bin ich zum ersten Mal für ein Wochenende im Winter in jenes Dorf gekommen. Und da es so abgelegen war und man besonders im Winter in den Häusern zusammengedrängt war, war dies eine sehr gute Gelegenheit, mit anderen Soziologie Studierenden in Kontakt zu kommen. Das war für mich damals sehr wichtig.
Welchen Bezug haben die Leute dort zur Technik?
Es gab in Ces bis vor kurzem ein Programm mit dem Namen: "Gegen den Automatismus der Technik". Damit ist gemeint, dass wir an jenem Ort, wo man ein wenig abgelegen ist und in alten Steinhäusern wohnt, zwar nicht vollständig auf Technik verzichten, sie aber reflektieren wollten. Es war uns wichtig, uns zuerst zu überlegen, was es für Vor- und Nachteile mit sich bringt, wenn es dort beispielsweise Computer und Handys gibt. Wir wollten verhindern, dass man sich so etwas einfach automatisch anschafft.
Ihr machtet bei der technologischen Entwicklung aber trotzdem mit?
Teilweise, ja. Bei unseren Überlegungen ging es einfach darum, sich zu fragen, ob und wie man Technik so einsetzen kann, dass man mehr von den Vorteilen hat und auch die Nachteile in den Griff bekommt. Das gilt nicht für alle Technologie. Ich spreche hier von eher simplen Anwendungen.
Inwiefern hat sich deine Arbeit in Ces in deiner Forschungstätigkeit niedergeschlagen?
Im Rahmen meiner Dissertation beschäftige ich mich mit Gemeinschaftsbildung in Chats und in Newsgruppen. Da gibt es Parallelen zwischen der Community im Netz und der Gruppe in Ces. Ces ist ein selbstverwaltetes Projekt mit Idealen von kollektiver Entscheidungsfindung. Das ist bei den Gefässen im Internet, die ich untersuche, auch der Fall. Die Chats und Newsgroups, mit denen ich mich befasse, sind nicht moderiert, also nicht formell hierarchisch. Da kann man sich zum Beispiel in beiden Fällen fragen: wie gehen die Leute mit Konflikten um? Welche Regelungen werden eingeführt? Welche funktionieren, welche nicht? Wenn ich dann die beiden Projekte betrachte - plus die Literatur zum Thema Communities - so verfüge ich über eine interessante Vergleichsbasis.
Und hast du daraus schon interessante Erkenntnisse gewonnen?
Ja. Insbesondere in Bezug auf die euphorischen Aussagen über Demokratie in Online-Communities. Die kann ich nicht bestätigen. Es handelt sich dabei oftmals um Sonderfälle, die jedoch so präsentiert werden, als handle es sich um allgemein gültige Aussagen.
Und abgesehen davon, dass man die Ergebnisse spezifizieren muss?
Nun, ein Ergebnis ist, dass die Leute, die sich sehr häufig an den untersuchten Chats und Newsgroups beteiligen, sich oftmals auch offline kennen. Und zwar haben sie sich meist zuerst via Internet kennengelernt und dann ihre Beziehungen in die Offline-Welt verlängert. Zudem handelt es sich bei den NutzerInnen dieser Kommunikationsdienste zumeist um Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren, welche das Internet als neues Medium nutzen und dieses sehr leicht mit anderen Medien kombinieren. Eine andere Erkenntnis besteht darin, dass es extrem anspruchsvoll ist, solche Gefässe, die nicht hierarchisch aufgebaut sind und nicht moderiert werden, aufrechtzuerhalten. Sie befinden sich nämlich stets in einer prekären Lage, sind dauernd vom Scheitern bedroht. Gerade deshalb sind sie für viele Teilnehmende aber auch ein wichtiges Lernfeld.
Du bist nun daran, deine Dissertation zu schreiben. Strebst du eine akademische Karriere an?
Ich würde gerne auch in Zukunft meine Forschungstätigkeit fortsetzen. Was jedoch den formalen Bereich betrifft, die Anforderungen, denen man zum Beispiel für eine Professur genügen muss, die erfülle ich wohl nicht. Unter anderem weil mein Blick dafür zu weit ist. Ich müsste mich auf ein Spezialgebiet konzentrieren und zielstrebiger vorgehen. Ich hätte zum Beispiel nicht während drei Jahren jene "populärwissenschaftliche" Ausstellung an der "Heureka" machen dürfen - ich hätte möglichst rasch mein Liz schreiben müssen.
Eine akademische Karriere setzt also einen gewissen Grad von Konformität voraus?
Ja, es gelten bestimmte Regeln. Hält man sie nicht ein, so muss man sich nicht wundern, wenn man keine Professur kriegt. Eine klassische akademische Karriere muss man aber auch finanzieren können. Da ist es bedauerlich, dass viele Programme, die neulich zur Förderung des akademischen Nachwuchses in die Wege geleitet wurden, diesem Punkt nicht genügend Rechnung tragen. So wurden im Bereich der Sozialwissenschaften Graduiertenkollege eingeführt, doch erhalten die Leute, die daran teilnehmen, keine oder eine ungenügende finanzielle Unterstützung. Sie müssen daher entweder über reiche Eltern verfügen, im Lotto gewinnen, oder halt nebenher arbeiten. Das nimmt dann aber halt auch gleich wieder die Hälfte der Zeit in Anspruch.
«Die Studienzeitbeschränkungen sind extreme Rückschritte»
Ist diesbezüglich eine Verbesserung der Situation auszumachen?
Ich hoffe, dass die Situation sich verbessern wird. Die Probleme sind ja bekannt. Nur hapert es bisweilen bei der Umsetzung, da oftmals die Dinge nur halbherzig gemacht werden: es wird zwar gesagt, dass man etwas einführen will. Die nötigen Gelder werden dann aber nicht gesprochen. Andererseits - davon sind besonders die Studierenden betroffen - findet eine starke Verschlechterung statt: Studienzeitbeschränkungen sollen eingeführt werden ohne Rücksicht darauf, ob jemand sein Studium selber finanzieren muss oder nicht, ob jemand Kinder hat oder nicht. Dies sind extreme Rückfälle. Sie selektionieren und bewirken, dass die Leute "straight" studieren und weder nach links noch nach rechts schauen.
All diejenigen, die aus dem Rahmen fallen, sollen also von Beginn weg ausgeschieden werden?
Ja, das ist sehr schade. Meiner Meinung ist die akademische Laufbahn nur eine der möglichen Laufbahnen für Soziologinnen und Soziologen. Andere sind ebenso wichtig. Und da ist es vielleicht besser, gerade nicht "straight" vorwärts zu studieren, sondern bald nach links, bald nach rechts zu schauen, mal ein Praktikum zu machen, mal bei einer PR-Agentur oder bei einer Bank reinzuschauen, um den eigenen Horizont zu erweitern.
Wie steht es denn mit deiner politischen Aktivität? Wäre die mit einer akademischen Laufbahn vereinbar?
Die politische Aktivität bringt dich für eine akademische Laufbahn kaum weiter. Dort gelten andere Werte. Da wird zum Beispiel nach Publikationen in renommierten Journals gefragt und nicht, ob du eine Comedy-Veranstaltung organisiert hast.
Gehst du häufig auf Kongresse und andere wissenschaftliche Veranstaltungen?
Ich versuche schon hinzugehen. Allerdings habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu solchen Veranstaltungen: Ich finde es beispielsweise sehr interessant, dort Leute zu treffen, von denen ich mal was gelesen habe - das gibt einen tieferen Einblick in die betreffende Person. Gut finde ich auch, dass man eigene Meinungen zur Diskussion stellen kann. Nur habe ich dort bis anhin nur ganz selten auch substantielle Kritik erlebt oder erfahren, dass sich jemand tiefer mit inhaltlichen Fragen auseinandersetzt. Im Vordergrund steht bei solchen Anlässen aber auch der Aufbau und die Pflege von Bekanntschaften.
Und wo nimmst du generell deine Inspiration her für deine akademische Tätigkeit? Kommt die von den Kongressen oder eher von informellen Gruppen, oder erwächst sie aus deinen politischen Aktivitäten?
Das ist sehr verschieden. Häufig inspirieren mich wissenschaftliche Artikel in Büchern oder Zeitschriften. Viele Ideen ergeben sich aber auch aus Gesprächen oder durch die Kombination von Gesprächen oder Artikeln mit meinen eigenen Beobachtungen. In letzter Zeit habe ich mich mit Goffman befasst. Da geht es um Alltagsinteraktionen. Goffmann geht davon aus, dass man sich dabei face-to-face gegenüber ist. Beim Internet ist aber genau diese physische Anwesenheit ausgeschlossen. Man kann sich dann fragen, wie weit sich die Ergebnisse übertragen lassen. Ich finde es auch enorm spannend, ein Buch zu lesen und gleichzeitig die Situation um mich herum zu beobachten. Um Alltagsinteraktionen zu sehen, muss ich in der Stadt ja nur aus dem Fenster schauen bzw. eine halbe Stunde an den Bahnhof stehen. Da sieht man enorm vieles.
Weiterführende Informationen:
"Big Brother Awards" - http://www.bigbrotherawards.ch
"Science, Technology and Society Studies" - http://www.sts.unige.ch
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