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Verschiedene Gruppierungen erwarteten dieses Jahr den Weltuntergang - der früheste wurde auf den 8. Januar datiert. Die Gruppierung um Heide Fittkau-Garthe, eine 57jährige deutsche Psychologin, kann als gebildete, esoterisch-psychologische Variante einer endzeitlich orientierten Gruppe aufgefasst werden. Das endzeitliche Motiv ergibt sich dabei aus dem Zusammenspiel einer hinduistisch geprägten Weltanschauung und der Charakterstruktur der Gruppenführerin. Die bis anfangs dieses Jahres kaum bekannte Gruppierung trat am 9.Januar 1998 mit einem Schlag ins grelle Medienlicht, als die spanische Polizei auf die Warnung eines Angehörigen hin einen Gruppensuizid von 32 Menschen verschiedensten Alters inklusive einigen Kindern und mehrheitlich deutscher Nationalität auf der Kanarischen Ferieninsel Teneriffa in letzter Minute verhindert haben will. Man habe sich in der Erwartung des Weltuntergangs in Form eines Hochwasser auslösenden, todbringenden 'Erdachsensprungs' auf den Vulkanberg Teide begeben wollen. Ein Raumschiff sollte die Erwählten zu einem nur ihnen zugänglichen Planeten führen, mit deren immateriellen Bewohnern sie bereits auf der Erde in Kontakt gestanden hätten. Nach einer Zeit der Reinigung würde die Rückkehr zur Erde und unter Anführung von H. Fittkau-Garthe und ihrer allmächtigen Liebe die teilweise Erlösung der restlichen, beim Erdachsensprung verstorbenen Menschheit erfolgen.
Die Quellenlage ist mittelmässig, weil sich die Gruppe nicht auskunftsfreudig zeigt. Informationen über die jüngste Entwicklung stammen vor allem von Ehemaligen. Erwiesen ist insbesondere die Suizidabsicht nicht. Im letzten Essen fand man kein Gift. Zwar wurde eine grössere Menge Insulin sicher gestellt, deren tödliche Verabreichung ist aber für medizinische Laien schwierig. Die Betroffenen weisen Suizidabsichten weit von sich und H. Fittkau-Garthe will die Sterbebotschaften lediglich energetisch und die Fahrt auf den Teide eher als Jux verstanden haben. Aufgrund ihrer Weltanschauung, die insbesondere den Körper im Vergleich zum Geistigen abwertet, dürften die Betroffenen 'Suizid' im landläufigen Verständnis aber auch deshalb bestreiten, weil er für sie nicht Katastrophe, sondern Erlösung bedeutet.
1941 in Berlin geboren schliesst H. Fittkau-Garthe nach dem Abitur ein Studium als Diplompsychologin ab, fertigt erst 26jährig eine als ausgezeichnet bewertete Doktorarbeit an, heiratet einen Psychologieprofessor und spezialisiert sich auf Persönlichkeitstraining. Sie hat bei Managern Erfolg, an einer Universität unterrichtet sie Bewusstseins- und Verhaltenstraining. Das Psychologenpaar entwickelt einen 'Fragebogen zur Vorgesetzten-Verhaltensbeschreibung', setzt sich also mit Führung und Macht auseinander. Heide Fittkau-Garthe wird schon damals als charismatische Frau beschrieben, sie reist viel umher. Der soziale Aufstieg paart sich aber mit einer ausgeprägten Selbstbezogenheit: mehr Schein als Sein, andere zur Bewunderung der eigenen Person bringen, sie aber als solche auch dringend benötigen, sich immer ins Rampenlicht stellen, mit Extravaganzen auffallen müssen und dabei teilweise die Fähigkeit verlieren, die Wirkung des eigenen Verhaltens realistisch einzuschätzen. Die Aufmerksamkeitssuche lässt auf einen Mangel am sicheren Wissen, geliebt zu sein, schliessen. Gleichzeitig zeigt H.Fittkau-Garthe aber auch eine gewisse Unfähigkeit, sich auf wirkliche Liebe und Nähe einzulassen. So scheint sie immer wieder eher am sexuellen 'Spiel mit Männern' als an der Beziehung zu einem Partner interessiert gewesen zu sein.
Die Ehe der Fittkaus wird geschieden. Frau Fittkau-Garthes Distanzierung von Mann und Kind hat auch mit dem Zölibatsgebot einer hinduistischen Gruppierung zu tun, der sie sich 1980 anschliesst. Mehr als 10 Jahre später wird aber umgekehrt dasselbe Zölibatsgebot auch ein Grund sein, dass sie sich von dieser Gruppierung, den Brahma Kumaris, trennt. Besonders im Sexuellen, aber auch in ihren Ernährungsgewohnheiten zeigt sie ein eigenartiges Schwanken, das ein hilfloses Suchen nach höchstem Reinheitsideal einerseits und grenzenloser Liebe andererseits verrät. Mit der Loslösung von Brahma Kumaris eskaliert diese Entwicklung: auf Teneriffa schläft auf ihre Anordnung hin jede(r) mit jeder/m und auch Kinder werden missbraucht.
Nachdem sie bereits vorher esoterisch inspirierte Kurse angeboten hat, schliesst sich H. Fittkau-Garthe 1980 der hinduistischen Bewegung Brahma Kumaris an und entwickelt sich dank ihrem Charisma auch hier über die Jahre hinweg zu einem leitenden Mitglied dieser Gruppierung in Deutschland. In einem Selbstbericht an Familie und Freunde schildert sie ihren spirituellen Weg dahin, der seinen Ausgang in der Faszination an Reinkarnationsvorstellungen nimmt. In ihrem Bericht zeigt sich eine für eine doktorierte Psychologin erstaunliche Kritiklosigkeit gegenüber sogenannten Reinkarnationsbeweisen. Auch die parapsychologische Forschung wird nicht in ihrer methodischen Genauigkeit rezipiert. H. Fittkau-Garthe lässt sich dabei stark von ihrer subjektiven Gewissheit tragen. Das Hingezogensein zu anderen Männern wird oft mit der 'Liebe zu Gott' gleichgesetzt. Ihre Gefühle schwanken dabei beängstigend zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Sie beweist nicht die Selbstreflexivität, eigene Stimmungen als von ihren Erwartungen und von der Gruppe beeinflusst zu verstehen. Gegenüber indischer Religiosität verschwindet noch das letzte an hinterfragender Kritik, sie schwelgt da nurmehr in Faszination und kann Schwierigkeiten damit nur als eigenes Fehlverhalten deuten. Schon auf dem Weg zu Brahma Kumaris scheint sie damit von ihrer Liebessehnsucht übermannt worden zu sein.
Der ehemalige pakistanische Juwelierhändler Lekh Raj (1876 - 1969) gründete Brahma Kumaris (Töchter Brahmas = Töchter des Weltenschöpfers) als eine Meditationsbewegung auf hinduistischem Hintergrund. Auch für hinduistische Verhältnisse ungewöhnlich bezeichnete Lekh Raj sich selbst als Brahma, als erster einer neuen Ära und Mittler der totalen Wahrheit. Die Belehrungen durch 'Baba' (Vater, eben Brahma bzw. Lekh Raj) ermöglichten - auch dies nicht eigentlich hinduistisch - nicht den Ausstieg aus dem Reinkarnationskreislauf, sondern die Wiedergeburt in einem 'goldenen Zeitalter'. Nach einer 5000 Jahre dauernden, stetigen Dekadenz verschiedener Zeitalter bis zum jetzigen schlechtesten sollte das goldene Zeitalter durch die Wirkung eines reinigenden Weltuntergangs in Form eines 'atomaren Holocausts', eines 'grössten Feuers' wieder neu eintreten. Interessanterweise ereilten Lekh Raj diese Untergangsvisionen kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges. Nach seinem Tode führe Lekh Raj seine Unterweisung als Geistwesen fort, indem er durch 'Dadis' (ältere Schwestern) spreche. Die Unterweisung bewirke eine Loslösung vom Körperbewusstsein, indem die Seele geistig durch höhere Welten in die 'Heimat' reise. Solche mit besonderem Licht und Musik untermalten, autosuggestiven Raja-Yoga-Meditationen beginnen bei Brahma Kumaris bereits morgens um vier. Brahma Kumaris distanziert sich heute von der ehemaligen Anhängerin, womit es sich diese Bewegung aber zu einfach macht.
Auch nach ihrer Trennung von Brahma Kumaris anfangs der 90er Jahre führt H. Fittkau-Garthe ihre Inspiration anfänglich auf 'Baba' zurück, mit dem sie in intensivem geistigen Kontakt steht. Zusehends rückt sie aber selbst an dessen Stelle, Verkörperung Shivas, des kosmischen Zerstörers und Erneuerers. Die Weltuntergangserwartungen knüpfen sich jetzt an einen Erdachsensprung, der in Zusammenhang mit dem Abschmelzen der Polkappen und folgenden Überschwemmungen gebracht wird.
In Teneriffa lebt H.Fittkau-Garthe seit etwa 10 Jahren. Diese Sonnen- und Ferieninsel macht es einem einfach, sich vom gesellschaftlichen Treiben zu distanzieren und an eigenen Vorstellungen zu basteln. H. Fittkau-Garthe bietet therapeutische Kurse an und ist daneben von einem inneren Anhängerkreis umgeben, zu deren göttlicher Autorität sie zusehends wird. Die hinduistische Vorstellungswelt paart sich mit der esoterischen: H. Fittkau-Garthe empfängt Botschaften durch die spiritistische Technik des 'automatischen Schreibens'. Okkult-magische Rituale, die die Raja-Yoga-Übungen zu verdrängen scheinen, bieten ein günstiges Drohmittel zur Zügelung kritischer Stimmen. Geistige Rückführungen in vergangene Leben auf dem Hintergrund der von Brahma Kumaris übernommenen Reinkarnationsvorstellungen sollen nun diagnostische Erklärungen für psychische Schwierigkeiten der Klienten ermöglichen. H. Fittkau-Garthe selbst vermittelt nun die Rettung angesichts des drohenden Weltunterganges, verkörpert sie selbst doch die allmächtige Liebesspenderin. Eine sexuelle und finanzielle Ausnutzung sind die Folge. Positives Denken gilt als Schlüssel zu Erfolg und Gesundheit. Auch Elemente antiker, hellenistisch-ägyptischer Religiosität werden herbeigezogen: ihr Landgut in Arafo (Teneriffa) nennt sie 'Holistisches Isis-Zentrum'. Isis erweckt im Mythos ihren Mann aus der Unterwelt und in hellenistischer Zeit galt sie als 'Mutter aller Dinge' und Weltretterin. Die allmächtige Liebe H. Fittkau-Garthes äussert sich beispielsweise darin, dass Abtrünnige grenzenlosen Hass und Verachtung auf sich ziehen und entpuppt sich darin als inflationäre Selbstliebe. Beziehungen unter den Anhängern des inneren Kreises empfindet sie als bedrohlich, weil solche immer ein Abspaltungspotential enthalten. Auch die Jahre bei Brahma Kumaris haben also diesen roten Faden ihres Lebens nicht verändern können: das Ringen um bedingungslose Liebe. Hatte die indische Gruppe noch einen sichernden und einschränkenden Rahmen dafür gewährleistet, ist die Dynamik in ihrer eigenen Gruppe vollständig eskaliert.
Die AnhängerInnen von H. Fittkau-Garthe verfügen über eher gute bis höhere Bildung, was sie nicht daran hinderte, sich soweit 'umbilden' zu lassen, dass sie alle Brücken in Deutschland abbrachen und sich mit ihrer Führerin auf den neuen Planeten, den 'Himmel Aida' freuten. Ausser der charismatischen Überzeugungsgabe H. Fittkau-Garthes liefern die Unterwerfung erzwingenden Gruppenmechanismen eine Erklärung dafür. Die Meditationen und spirituellen Übungen, allenfalls auch Drogen, ermöglichten den AnhängerInnen Erlebnisse von Ausnahmezuständen. Wird all dies in ein in sich schlüssiges Weltbild eingebettet, ergibt sich eine scheinbar stimmige Psycho-logik. Die Unterscheidung von Wahn und Realität wird zunehmends schwieriger, vor allem bei einer Führerin, bei der Schein und Sein, Spiel und Ernst fliessend ineinander übergegangen sein dürften.
Auf einer unbewussten Ebene lässt sich vermuten, dass die von H.Fittkau-Garthe betonte Rettung der Welt eine Projektion der Bemühung um die Rettung des eigenen gefährdeten Selbst darstellt, das nur notdürftig durch die bewundernde Anhängerschar zusammengehalten wird. Umgekehrt mag der befürchtete Weltuntergang ein Abbild des immer drohenden eigenen inneren Zerfallens sein und gleichzeitig die AnhängerInnen 'bei Stange halten' helfen. Angesichts eines innerlich befürchteten Zerfalls in kleinlicher Schande könnte ein dramatischer, durch die Gruppe überhöhter Tod die subjektiv als viel 'grossartiger' empfundene Lösung darstellen. Die mystische Verklärung, die Zuwendung von Jenseitigen und die Entwertung des Körpers zeichnen den Tod in Tönen der Befreiung, den auf sich zu nehmen in der Gruppe auch einfacher fällt - einer Gruppe, deren Individuen scheinbar froh waren, ihre 'Ichs' ein Stück weit einem Heide-'Wir' überantworten zu können. Ferne jeglicher christlicher Endzeitvorstellungen und Nachfolge ergibt sich damit auf dem Hintergrund einer hinduistisch-esoterisch gemischten Vorstellungswelt eine prinzipielle Opferbereitschaft, die vermutlich auch die meisten der Betroffenen selbst einst für überholt und überwunden gehalten hatten.
Franz Schlenk, September 1998
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