Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03462.jsonl.gz/1724

Kultur
François Marie Arouet - Voltaire
"Voltaire?"
"Natürlich Voltaire ...
das hättest du fühlen müssen
naturgemäß
nichts russisches
nichts aus einem Roman naturgemäß
...
Französisch natürlich
Voltaire natürlich."
(Th. Bernhard: Der Schein trügt)
François Marie Arouet - den Namen "Voltaire" legt er sich 1718 zu - wird am 21. November 1694 geboren und ist der Sohn eines angesehenen bürgerlichen Notars und einer adligen Mutter, die er bereits mit sieben Jahren verliert.
Er besucht ein aristokratisches Jesuitengymnasium und lernt, dass er keinesfalls gleichberechtigt ist mit den adligen Mitschülern und nur durch besondere Leistungen - Witz und geistreiche Frechheiten - Anerkennung gewinnen kann.
Schon als Gymnasiast findet er Zugang zu einer adligen Gesellschaft (Temple), glänzt mit literatenhaften Anzüglichkeiten und verbrennt sich wiederholt den Mund. Deswegen wird er zuerst verbannt, danach kommt er 1718 ohne Prozess für elf Monate ins Gefängnis (Bastille).
Nach der Haft wird seine erste Tragödie "Ödipus" aufgeführt. Er entwickelt sich jetzt eindeutig zum Dramatiker, wobei er seine klassisch strukturierten Werke als Bühne für Aufklärungsideen inszeniert: Befreiung von kirchlichen Fesseln, Sichtbarmachen von humanitären Ideen und später auch von neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
1725 sorgt ein Aristokrat, der sich von ihm beleidigt fühlt, dafür, dass Voltaire aus Frankreich ausgewiesen wird, nachdem er ihn erst von seinen Dienern hat verprügeln lassen. Voltaire geht für drei Jahre nach England. Er ist mit Empfehlungen versehen, die ihn mit der besten englischen Gesellschaft in Verbindung bringen. Die "Lettres anglaises ou philosophiques" - die als staatsgefährlich verboten werden - sind sein literarisches Produkt dieses Aufenthaltes. Obwohl man ihm die Rückkehr aus England erlaubt hatte, droht ihm jetzt erneut die Verhaftung.
Er findet 1733 Zuflucht bei Emilie du Châtelet und aus einem anfänglichen Liebesverhältnis wird eine sechzehn Jahre dauernde Freundschaft, die sich auch sehr befruchtend auf seine Arbeit auswirkt.
1750, ein Jahr nach Emilies Tod, nimmt Voltaire die wiederholte Einladung Friedrich II. nach Berlin an. Im engen Beisammensein gibt es allerdings Reibungen, die bedingt durch die beiden eigenwilligen Charaktere zum Zerwürfnis führen. Daher endet 1753 diese Episode mit der Flucht des in Ungnade gefallenen Voltaire.
Obwohl er jetzt ein wohlhabender und europaweit berühmter Autor ist, gibt es keine Sicherheit für seine Person. Er kauft sich daher in der Nähe von Genf ein Gut, halb auf französischem, halb auf Schweizer Boden, damit er sich bei eventueller Verfolgung über die Grenze retten könnte. In seinen letzten zwei Jahrzehnten arbeitet er hier verstärkt journalistisch, lässt es jedoch nicht bei bloßer Publikation bewenden, sondern setzt sich mit allen seinen Beziehungen ein, um Hilfe zu schaffen und wird so zum aktiven Verteidiger von Bedrängten.
Am 30. Mai 1778, nach einer Triumphfahrt durch Paris und überhäuft mit Ehrungen, stirb Voltaire.
Neben dem bekannten Roman "Candide oder der Optimismus" enthält der vorliegende Band die Romane "Zadig oder das Schicksal", "Die Prinzessin von Babylon", "Das Naturkind", "Der Mann mit den vierzig Talern" und eine Reihe kürzerer Erzählungen. Eine Sonderstellung nimmt eine sarkastische Schilderung des preußischen Hofes zur Zeit Friedrichs II. ein ("Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Herrn de Voltaire"), die Voltaire zwar verbrannt hat, von der aber posthum eine Abschrift veröffentlicht wurde. Außerdem ist ein Einleitung zu finden - zu der man allerdings leichteren Zugang hat, wenn sie nach der Lektüre von Voltaires Schriften nochmals gelesen wird - und ausführliche, absolut notwendige Erläuterungen, da Voltaires Werke mit Anspielungen auf Ereignisse und Personen seiner Zeit und der Geschichte gespickt sind.
Auffällig an Voltaires Romanen und Erzählungen ist, dass - einem Gleichnis oder Märchen vergleichbar - nicht die Handlung als Selbstzweck, sondern der hinter den Erlebnissen verborgene Sinn das zentrale Motiv der Erzählung darstellt. ["Vor allem möchte ich, dass unter dem Schleier der Fabel für geübte Augen eine feine Wahrheit verborgen ist ..." (S. 766).] Daher fehlt auch meist jegliche ausschmückende Virtuosität, wie ausführliche Landschaftsbeschreibungen oder ausschweifende Schilderungen von für den zentralen Handlungsablauf entbehrlichen Umständen, Begebenheiten und Personen. Grob vergleichbar ist dieser Stil mit "Lehrstücken" von Brecht (wie etwa "Der gute Mensch von Sezuan"). Dieses Konzept ist möglicherweise ebenfalls durch die fehlende Meinungs- und Pressefreiheit bzw. drohende Zensur und Verfolgung bedingt. Und daher lässt Voltaire auch viele Arbeiten unter Pseudonymen herausgeben. Trotzdem wird z. B. die Erzählung "Der Mann mit den vierzig Talern" 1768 vom Pariser Parlement und 1771 vom Papst verdammt, 1768 der Roman "Das Naturkind" verboten oder 1779 auch die Erzählung "Amabeds Briefe" vom Papst verdammt.
Leider ist es unmöglich, von den insgesamt siebenundzwanzig Erzählungen und Romanen, die knapp 1000 Seiten umfassen, eine zusammenfassende Inhaltsangabe zu machen. Da in das virtuose Geflecht der Erzählungen immer wieder kulturkritische Spitzen des Satirikers Voltaire eingeflochten werden, soll statt dessen versucht werden, anhand von ein paar aphorismenartigen Zitaten den Charakter dieser Erzählungen und vielleicht auch den des Autors erahnen zu lassen.
"Über geleistete Dienste spricht man oft nur im Vorzimmer, wogegen Verdächtigungen bis in das Gemach selbst dringen..." (S. 179). Voltaire leidet darunter, dass ihn die höfische Pariser Gesellschaft nicht akzeptiert und fühlt sich zeitlebens zu Unrecht zurückgesetzt: "Da er jedoch keinerlei Talent besaß, schob er alle die beiseite, die welches besaßen..." (S. 63). Die erzwungene Verbannung aus Paris formuliert er jedoch als selbständigen, freien Entscheid: "Da ich es wirklich nicht vermochte, die Menschen vernünftiger ... zu machen, fuhr ich fort, fern von ihnen glücklich zu sein." (S. 110/111). Voltaire produziert ruhelos eine Tragödie, einen Roman, eine Schrift nach der anderen. Und so sieht er die Verknüpfung von Ruhelosigkeit, Lethargie und Arbeit: "... dass der Mensch dazu geboren sei, entweder unter der Geisel der Ruhelosigkeit oder in der Lethargie der Langeweile zu leben." (S. 387). "Arbeiten wir also, ohne viel zu grübeln, ... das ist das einzige Mittel, um das Leben erträglich zu machen." (S. 390). Als letztes Beispiel zur Person Voltaires ein Zitat, wie er den Durchschnittsmenschen empfindet: "Der übrige Teil der ganzen Menschheit ist in unüberwindliche Unwissenheit versunken und den tierischen Leidenschaften verfallen, nur von dem Instinkt beherrscht und nur imstande, einigermaßen über die allgemeinen Vorstellungen der fleischlichen Interessen zu urteilen." (S. 831). Möglicherweise auch bedingt durch seinen Besuch des von Jesuiten geführten Gymnasiums, lehnt Voltaire Kirche und Klerus zeitlebens vehement ab, was selbstverständlich auch in seinen Werken immer wieder zum Ausdruck kommt, wenn nicht gar zum Thema wird: "Sie versprechen euch Schätze und Freuden, wenn ihr einmal nicht mehr seid, damit ihr es ihnen vergeltet, während sie noch leben." (S. 873). "Doch wenn sie ... behaupten, dass dieser Gott die Welt und uns zu seinem Ruhm erschaffen hat, dass er früher Tieropfer für seien Ruhm forderte, dass er zu seinem Ruhm als Zweifüßler auf der Welt erschien, so behaupten Sie meiner Ansicht nach etwas so Abgeschmacktes, dass alle denkenden Menschen darüber lachen müssen." (S. 850). "Er sah die Dinge so, wie sie sind, während die Vorstellungen, die man uns in unserer Kindheit einprägt, uns zwingen, sie ein Leben lang so zu sehen, wie sie nicht sind." (S. 498). Auch zu den zentralen menschlichen Themen Glück, Unglück und ihre Verknüpfung nimmt Voltaire wie folgt Stellung: "Wenn Sie sich einbildeten, glücklich zu sein, so wären Sie es auch." (S. 538). "Stets habe ich bemerkt, dass die größten Kümmernisse eine Frucht unserer zügellosen Begierden sind." (S. 516). " ... und bedauerte die Menschen, die sich ... Leiden um eingebildeter Interessen und unsinniger Hirngespinste willen schaffen." (S. 514). " ... dass unsere Genusssucht uns hindert, über unsere wahren Bedürfnisse nachzudenken ..." (S. 576). Obwohl Voltaire in den letzten fünfundzwanzig Jahren seines Lebens Paris nicht besuchen konnte, ist er zeitlebens ein Pariser geblieben. Und daher auch dazu eine kritische Äußerung: "Es ist ein Chaos, ein Gewühl, wo jedermann dem Vergnügen nachjagt und wo niemand es findet ..." (S. 347/48). " ... so müsste man in Paris die Luft verbessern, die Menschen müssten weniger essen und sich mehr bewegen ... (S. 535)
Seither sind knapp zweihundertfünfzig Jahre vergangen ...
Haben wir uns wirklich sehr geändert?