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Sybille Krämer
Exteriorität des Geistes; Embodiment
Peter Koch und Sybille Krämer (1997) machen auf das Problem aufmerksam, das dann entsteht, wenn menschlicher Geist als immaterielle Gegebenheit verstanden wird, deren unterschiedliche Präsentationen immer auf das Gleiche zurückweisen. Unter dem Titel einer „Exteriorität des Geistes“ melden sie das Vorhaben an, unterschiedliche Äusserungen auf ihre Eigenheiten hin untersuchen zu wollen. Wird ein rech- nerischer Prozess nicht von Anfang an als Einheit aufgefasst, sondern – je nach seinem Ablauf: Abzählen von Fingern, Gebrauch von Steinen als zählbaren Objekten, Gebrauch eines Taschenrechners, Schreibweise auf Papier – als exteriorisierter Vorgang, dann geht es um eine Handlungsanalyse, die sich mit der Materialisierung des Vorhabens beschäftigt. Bei einem solchen Vorhaben wird die Äusserungsform „Schrift“ nicht mehr automatisch mit einem geschriebenen Text, sondern mit Geschriebenem ganz allgemein verbunden. Geht es dabei um Diagramme, Notierungen, Notationen und Skizzen jeder Art, wäre der Ansatz Teil einer bildtheoretischen Konzeption, die unter dem Stichwort vom iconic turn von sich reden machte.
Davon nicht zu trennen ist eine unter dem Stichwort Embodiment bekannt gewordene Konzeption. Man möge die gelehrten Definitionen nachschlagen und sich hier mit einer anekdotischen Einführung behelfen. Sie stammt aus dem Vorwort von David Chalmers zu einem Buch von Andy ClarkAnm. 1:
A month ago, I bought an iPhone. The iPhone has already taken over some of the central functions of my brain. It has replaced part of my memory, storing pühone numbers and addresses that I once would have taxed my brain with. It harbors my desies: I call up a memo with the names of my favorite dishes when I need to order at a local restaurant. I use it to calculate, when I need to figure out bills and tips. It is a tremendous resource in an argument, with Google ever present to help settle disputes. I make plans with it, using its calendar to help determine what I can and can’t do in the coming months. I even daydream on the Phone, idly calling up words and images when my concentration slips.
Friends joke that I should get the iPhone implanted into my brain. But if Andy Clark is right, all this would do is speed up the processing and free up my hands. The iPhone is part of my mind already.
Operative Bildlichkeit
Sybille Krämer, ebenfalls eine Vertreterin der theoretischen Philosophie, hat ein Grundthema, das Goodman, aber nicht nur ihn, beschäftigt hat, aufgenommen und eigenständig reformuliert. Es geht um die Frage, welcher Art Bild wir „Schriften, Diagramme bzw. Graphen sowie Karten“ zurechnen wollen (2009:95). Denn offensichtlich handelt es sich „irgendwie“ um Bilder, verwendet in wissenschaftlichen Kontexten, wobei aller- dings Sprache und Bild zusammenkommen. Statt nach der Trennung von Sprache und Bild zu fragen, verändert Krämer die Fragestelliung: „Was aber“, schreibt sie, „wenn ‚Sprache‘ und ‚Bild‘, somit das Sagen und das Zeigen nur die begrifflich stilisierten Pole einer Skala bilden, auf der alle konkreten, also raum-zeitlich situierten Phänomene nur in je unterschiedlich proportionierten Mischverhältnissen des Diskursiven und Ikonischen auftreten und erfahrbar sind? Was, wenn es die ‚reine Sprache‘ und das ‚reine Bild‘, die wir als Begriffe zweifellos klar akzentuieren und differenzieren können und vor allem: auch müssen – als raum-zeitlich situierte Phänomene – gar nicht gibt?“ (a.a.O.) Statt begrifflich Geschiedenes als Unterschiede beizubehalten, orientiert sich Krämer an den medialen Phänomenen selber und versucht, unter der Idee einer „operativen Bildlichkeit“ einen Zusammenhang zwischen dem Verstreuten zu zeigen. Den Versuch charakterisiert sie so (2009:98):
Wir wollen die operative Bildlichkeit in sechs Hinsichten charakterisieren: Es geht um (1) die Flächigkeit und mit ihr verbunden um die Zweidimensionalität und die Simultaneität des Präsentierten; um (2) die Gerichtetheit, mit der auf der Fläche eine Orientierung möglich wird; um (3) den Graphismus, für den die Präzision des Striches die Elementaroperation und Urszene bildet; um (4) die Syntaktizität, welche eine Grammatikalität wie auch die Lesbarkeit einschließt; um (5) die Referenzialität, mit der Repräsentation und transnaturale Abbildung eine Rolle spielen; schließlich (6) um die Operativität, die nicht nur Handhabbar- keit und Explorierbarkeit ermöglicht, sondern der zugleich eine gegenstandskonstituierende, eine generative Funktion zukommt. Alle diese verschiedenen Facetten liefern Tendenzbeschreibungen: Ausnahmen und gegenläufige Beispiele zu finden, wäre immer auch möglich.
Anm. 1: Andy Clark, Supersizing the mind. Embodiment, action, and cognitive extension, Oxford 2011.