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Bomben gegen Kulturgüter
Während in Aleppo die Bomben einschlugen, harrte Mohamad Fakhro drei Jahre lang im Nationalmuseum aus. Seit 2014 lebt der syrische Archäologe in der Schweiz. In St.Gallen berichtete er am Mittwoch über die verzweifelten Versuche, Kulturgüter zu retten. von Nina Rudnicki.
Im Jahr 2012 beschloss Mohamad Fakhro, Vize-Direktor des Nationalmuseums in Aleppo, zusammen mit seinem Team, Ausstellungsstücke und Kulturgüter zu retten und in Sicherheit zu bringen. Der Bürgerkrieg war ein Jahr zuvor ausgebrochen und es zeichnete sich ab, dass sich die Situation verschlimmern würde. Während vier Monate kopierten Studierende der Universität Aleppo 120’000 Objekte des Nationalmuseums. Die Originale und Kopien liess Fakhro dann an sicherere Orte wie nach Damaskus transportieren.
Er selbst blieb im Museum, lebte und arbeitete dort drei Jahre lang, während draussen die Bomben einschlugen. «Es gab Monumente und Statuen im Museum, die zu gross und schwer waren für den Transport und wir experimentierten mit verschiedenen Möglichkeiten, sie vor dem Krieg zu schützen. Damit hatten wir bislang keine Erfahrung», sagte er am Mittwoch beim Syrien-Abend im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen.
So stapelten er und sein Team zunächst Sandsäcke um die Statuen im Park und im Inneren des Museums. Das Ganze erwies sich aber als zu instabil. Als nächstes zimmerten sie Holzwände um die Monumente und Statuen herum und füllten entweder Sand oder Zement hinein. «Mit dieser Methode konnten wir die Kunstwerke zumindest vor Einschüssen, Geschossen und herumfliegenden Splittern schützen», sagte er. Und fügt an: «Bis jetzt ist uns die Rettung des Museums gelungen.»
Artefakte auf Ebay
240 Monumente wurden seit Kriegsbeginn alleine im Zentrum von Aleppo zerstört, landesweit sind es 5000, schätzt Fakhro. «Das sind mindestens 50 Prozent aller archäologische Sehenswürdigkeiten, Kulturgüter und Fundstätten.» Zu den berühmtesten Orten, die zerstört oder teilweise zerstört wurden, gehören die Zitadelle von Aleppo, die grosse Moschee von Aleppo, der historische Markt von Aleppo, die Kreuzritterburg und das Unesco-Weltkulturerbe Crac des Chevaliers im Westen Syriens, Teile der Antiken Ruinenstadt Bosra, die berühmten toten Städte und die Oasenstadt Palmyra. Dort sprengten die Dschihadisten mehrere Tempel und den Triumphbogen.
Hinzu kommt der Schaden durch Grabräuber, welche die Artefakte verkaufen. 9000 syrische Artefakte sind so auf den Markt gelangt, schätzt der Archäologe Manar Kerdy, der derzeit an der Universität Basel doktoriert. «Auf Plattformen wie Ebay und Amazon findet man überall archäologische Objekte aus Syrien», sagt er. Sogar im Brockenhaus habe er kürzlich zwei historische Artefakte gefunden.
«Syrische Archäologen berichten» war Teil der Veranstaltungsreihe «Archäologie aktuell. Von Syrien bis zum Zürichsee» im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen. Weitere Anlässe bis 12. März.
Die Ausstellung «Guge. Vergessenes Königreich in Westtibet» gibt Einblick in eine uralte Kultur, die ihrerseits von Zerstörung bedroht oder bereits zerstört worden ist: bis 11. Juni.
Infos: www.hvmsg.ch
Bevor der Krieg ausbrach, arbeitete Kerdy in Syrien zusammen mit Basler Forschern an einer Grabung. Diese luden ihn ein, in Basel seine Doktorarbeit zu schreiben. In Syrien hätte Kerdy nach Kriegsbeginn sowieso nicht bleiben können. Archäologen sind in den Augen der Terrormiliz Ketzer. Der 82-jährige Chef-Archäologe von Palmyra etwa wurde enthauptet.
Forschen für den Wiederaufbau
«Sobald der Krieg vorbei ist, wollen wir zurückgehen und unser Land wieder aufbauen. Das ist unsere Mission», sagt Mustafa Al Najjar, der wie sein Studienkollege Manar Kerdy an der Universität Basel doktoriert. Und Kerdy ergänzt: «Gerade aus diesem Grund ist es so wichtig, dass die Flüchtlinge Zugang zum Schweizer Bildungssystem erhalten. Wir brauchen eure Unterstützung für die Zukunft unseres Landes.»
Auch Vize-Museumsdirektor Mohamad Fakhro ist mit seinen Gedanken und mit seiner Forschung in Syrien und bei dessen Wiederaufbau. An der Universität Bern arbeitet er derzeit an seiner Doktorarbeit zum Wiederaufbau von Museen und archäologischen Städten in Nachkriegszeiten.
«Die Lage in Aleppo ist alles andere als stabil. Die Rebellen befinden sich nur fünf Kilometer von der Stadt entfernt. Aber wir haben Hoffnung auf ein Ende des Krieges», sagt er. «Jetzt ist daher der richtige Zeitpunkt, um zu planen, Teams und Experten für die Restauration und den Aufbau zusammenzustellen. Die Restauration selbst ist erst der nächste Schritt.»
Ziel sei es, dass Syrien einst wieder das ist, was es vor dem Krieg war: Eines der schönsten und vielfältigsten Länder. Ein Land, in dem – wie Sarah Leib, Kuratorin am Historischen und Völkerkundemuseum in ihrer Einleitung sagte – seit Tausenden von Jahren Menschen mit verschiedenen Glaubensrichtungen, Ethnien und Kulturen lebten. Ein Land, in dem Mesopotamier, Assyrer, Perser, Griechen und Römer ihre Spuren hinterliessen und das für seine sechs Unesco-Weltkulturerbestätten bekannt war.