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«Es wird in Bern seit etlichen Tagen von verschiedenen Buchhandlungen eine Schrift herumgeboten, welche den Titel führt: ‹Bern wie es ist› […]. Der ungenannte Verfasser dieses unter kgl. sächs. Censur gedrukten Werkchens hat seine Feder in eine Mischung von Galle und Rotz getaucht, mit dieser eiterartigen stinkenden Dinte Volk, Staatsbehörden, Bürger, Lehrer, Jünglinge und Frauen besprizt, und nicht die Wirklichkeit, sondern ein Gemälde der Hölle und des Narrenhauses gegeben». So beginnt Friedrich Kortüm, Professor für Geschichte an der Universität Bern, seinen Artikel in der Allgemeinen Zeitung von 1835 über das im gleichen Jahr unter dem Pseudonym Eugen v. St. Alban erschienene Werk Bern wie es ist. Kortüm hielt es für seine Pflicht, «über den vorliegenden Fall ein öffentliches Wort der Warnung zu sprechen, und den Grundsaz, nie zu schweigen, wenn sein ehrlicher Name unberufener Weise angegriffen wird, auch hier zu bewerkthätigen». «Wer ist», fragt er, «der wahre, verkappte Verfasser» dieses Werks, das «Ansprüche auf geschichtliche Treue erhebt? Konnte und wollte er die Wahrheit sagen?».
Verfasser von Bern wie es ist ist der Jurist, Publizist und Dichter Karl Baldamus. 1825 zum Katholizismus konvertiert, wurde er 1834 wieder protestantisch. Auf Jahre als Advokat in Deutschland folgte ein Aufenthalt in Wien, bevor er sich 1834 erfolglos um eine Professur in Bern bewarb. Bern wie es ist ist das Resultat der Absage auf diese Bewerbung. Dass sich gerade Kortüm zu einer Warnung vor dem Werk veranlasst fühlte, ist kein Zufall. Er war nämlich an der Absage nicht unschuldig: Das Erziehungsdepartement hatte ihm Baldamus’ «dikes, gehaltloses Buch zur Beurtheilung» geschickt, laut Kortüm ist es ohne «wissenschaftlichen oder pädagogischen Werth». Postwendend findet Kortüm sich in Bern wie es ist wieder: «Kortüm […] mengt sich in Alles, ein lahmer mittelalterlicher Historiker, der aber mit seiner Krücke kräftig drein zu schlagen versteht.»
Doch Kortüm ist nicht der einzige, der das Werk negativ beurteilt: Das Repertorium der gesamten deutschen Literatur von 1836 spricht von einer mit «allerhand gezwungenem Humor» ausgestatteten Schmähschrift, in der «eine Unzahl von Persönlichkeiten der Oeffentlichkeit auf ganz unverantwortliche Weise und mit beispielloser Frechheit preisgegeben wird». Der «höchst mangelhafte Stil steht zu dem Inhalte in ganz angemessenem Verhältnisse». Immerhin sind «Druck und Papier […] besser, als das auch anderwärts höchst missfällig aufgenommene Buch verdient hätte».
Eine Stellungnahme der sächsischen Zensurbehörde findet sich im Aufrichtigen und wohlerfahrenen Schweizer Boten von Heinrich Zschokke: «Das königl. sächsische Zensurkollegium zu Leipzig zeigt der Regierung von Bern an, daβ die kompetente Behörde den Zensor der im dortigen Gebiete erschienenen Schmähschrift ‹Bern, wie es ist› (von Dr. Baldamus) «wegen Mangels an der nöthigen Vorsicht und an Urtheil gemessenst rectifiziert habe».
«Wollte der Verfasser die Wahrheit sagen?» Nein, meint Kortüm: «Ein Mensch, der […] in Leipzig eine Chronique scandaleuse der Republik Bern ohne Rücksicht auf Kenntniβ der Sachen wirklich mit königl. sächsischer Censur dem Preβbengel übergibt, ein Mensch, der die Gastlichkeit gutmüthiger, aber mit der argen Welt wenig vertrauter Leute miβbraucht, […] ein Mensch, der dreimal seinen heiligen Glauben wie abgetragene Kleider ändert […], kan und will keine geschichtliche Wahrheit erforschen. Denn diese erfordert Wiedersinn, Fleiβ und Scharfblik, Eigenschaften, welche dem Verfasser des genannten Büchleins gänzlich fehlen […]. Ich heiβe den Hrn. Dr. Baldamus […] hiermit öffentlich einen Lügner, Verlärmder und – und Spion.»
Mit dieser zweifelhaften Schilderung der «eigenthümlichen Lebensbeziehungen des Cantons Bern» verabschiedet sich die Berner Fundstückschreiberin aus dem Bibliotheksteam der Museumsgesellschaft.
Stefanie Lind
Bern wie es ist, von Eugen v. St. Alban. Leipzig, Hartmann 1835, 2 Bände. Signatur: D 502-503