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In der stark verkürzten Radsaison 2020 hatte Marc Hirschi mit zahlreichen spektakulären Aktionen und Siegen für grosses Aufsehen gesorgt. Zunächst im August bei der Tour de France, wo er eine Etappe gewann und am Ende zum kämpferischsten Fahrer des Feldes gewählt wurde. Später triumphierte der Berner auch bei der Flèche Wallonne, dazu stand er bei Lüttich-Bastogne-Lüttich (als Zweiter) wie auch beim WM-Strassenrennen (mit Bronze) auf dem Podest.
Doch im vergangenen Jahr war Hirschi oft ein Schatten des Fahrers, der 2020 so explosiv in die Weltspitze vorgeprescht war. Nur äusserst selten liess er an den 77 Renntagen sein Können aufblitzen. Die Podestplätze waren an einer Hand abzuzählen. Siege gab es gar nur einen, im September in der kleinen Luxemburg-Rundfahrt. Nach dem sehr enttäuschenden Saisonende mit der Aufgabe bei der WM in Belgien sowie Rang 36 in der Lombardei-Rundfahrt war für den Profi des Teams UAE Emirates deshalb klar, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.
Weihnachten und Neujahr an Krücken
Der konservative Ansatz beim Umgang mit seiner lädierten Hüfte, also mit vielen Mobilisierungsübungen sowie mit mehrmaligem Ändern der Sitzposition auf dem Rennvelo, konnte auf Dauer keine Lösung mehr sein. 2021 habe er, so Hirschi im Rückblick mit «L'Equipe», auf dem Velo «schlicht keinen Spass» mehr verspürt. Als Konsequenz daraus blieb nur noch eine Lösung: Das Problem operativ anzugehen.
Mitte Dezember wurde Hirschis Hüftknochen abgeschliffen, danach verbrachte er Weihnachten und den Jahreswechsel an Krücken. Dass seine Teamkollegen zu diesem Zeitpunkt schon voll ins Training einstiegen, war für den U23-Weltmeister von 2018 gut zu verkraften. Denn: «Kaum war die Operation durch, galt mein Fokus dem Comeback. Endlich war das Problem gelöst, und hatte ich einen Plan», sagte er gegenüber der französischen Sporttageszeitung.
Sieg beim Comeback
Für den vergleichsweise späten Einstieg in die diesjährige Saison wählten Hirschi und sein Team ein kleineres Rennen am 20. März im Grossraum Florenz. Zwar hatte der Berner schon zuvor gespürt, dass das Niveau im Training gut war, «doch ich wusste trotzdem nicht genau, wo ich stehe». Nach dem Solo-Sieg durfte Hirschi konstatieren, dass er soweit alles richtig gemacht hat. Als er sich einige Kilometer vor dem Ziel in einer Steigung von seinen letzten Kontrahenten absetzen konnte, sei das für ihn «ein sehr wichtiger Moment gewesen, gerade auch für meine Moral. Das war der Beweis, dass ich nicht zu viel eingebüsst hatte», wie es der 23-Jährige diese Woche im Interview mit «L'Equipe» formulierte.
Automatisch zur Form von vor knapp zwei Jahren, die es ihm erlaubte, fast jederzeit um den Sieg kämpfen zu können, wird Hirschi nicht finden. «Der Körper muss sich noch anpassen. Die Muskeln um den Knochen müssen sich noch an die neue Bewegung gewöhnen. Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis ich nichts mehr spüre und alles völlig normal ist», sagt Hirschi, der an bislang elf Renntagen sieben Mal in die Top 10 vorstiess, so auch vor zwei Wochen beim Amstel Gold Race mit dem 9. Rang. «Da fühlte ich mich sehr stark.»
Allerdings zuletzt bei der Flèche Wallonne lief es Hirschi nicht wunschgemäss. Als es in der Mur de Huy um den Sieg ging, war der ehemalige Sieger dieses Rennens in den Ardennen nicht optimal platziert. Etwas, das Hirschi in Bestform mit Bestimmtheit nicht passiert wäre. Die Ziellinie überfuhr er deshalb nur als 32. mit 24 Sekunden Rückstand auf Sieger Dylan Teuns. Auch sein Teamleader Tadej Pogacar klassierte sich für einmal ausserhalb der Top 10.
Heuer wohl keine Grand Tour für Hirschi
Was heisst das nun für diesen Sonntag und die 108. Ausgabe des Ardennen-Klassikers Lüttich-Bastogne-Lüttich? Der Plan des UAE-Teams war ursprünglich, mit dem Slowenen Pogacar als Leader ins Rennen zu steigen. Doch der Vorjahressieger, der mit Fahrern wie Wout van Aert, Remco Evenepoel, Julian Alaphilippe und Alejandro Valverde zum engsten Favoritenkreis gehört hätte, gab am Tag vor dem Rennen aus privaten Gründen seinen Verzicht bekannt. Das bedeutet (noch) mehr Freiheiten für Hirschi, der zum Leader aufrückt. Der Berner hätte schon bei Anwesenheit von Pogacar intern als geschützter Fahrer gegolten und hätte je nach Rennsituation seine eigene Chance wahrnehmen dürfen.
Gleiches gilt erst recht für kommende Woche und die Tour de Romandie. Die Westschweizer Rundfahrt, ebenso wie die Tour de Suisse (12. bis 19. Juni) und im Herbst die Lombardei-Rundfahrt, gehören zu den grossen Saisonzielen von Hirschi. Hingegen sieht er sich heuer eher nicht als Fahrer an einer dreiwöchigen Rundfahrt wie die Tour de France.