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Physik war das liebste Hobby der Menschen von Waterloo; besonders gern stürzten sie sich auf die echten Physikerinnen und Physiker, die in den Cafés zusammensassen und sich unterhielten. Die Hobbyphysikerinnen traten zu den Fachleuten an den Tisch und stellten ihnen Fragen, einfache, offensichtliche Fragen. Oder sie stellten ihnen Fragen, die selbst von Physikern nicht beantwortet werden konnten, oder Fragen, die gar nichts mit Physik zu tun hatten, sondern eher mit Biologie oder herkömmlicher Informatik. Leute, die fast nichts von dem verstehen, wovon sie reden, lehnen sich gern weiter aus dem Fenster als die Experten, deswegen reden sie sehr viel, und die, die sich wirklich auskennen, halten den Mund und bekommen einen roten Kopf.
Wenn eine echte Physikerin dann anfing, etwas zu korrigieren oder eine fundierte Erklärung zu liefern, lächelte und nickte die Amateurin und verkündete lautstark, genau darüber habe sie vor kurzem etwas in einer Zeitschrift oder einem Buch gelesen. Wenn sie sich dann in langatmigen Erklärungen erging, hörte die Physikerin schmallippig zu oder beendete das Gespräch abrupt.
Dann kehrte die Physikerin zurück ins Perimeter Institute, das oben auf einem grünen Hügel lag, und seufzte erleichtert, dass sie wieder zu Hause war und Formeln an die Tafel schreiben konnte.
***
An einem Märznachmittag machte das Gerücht die Runde, die Mütter mehrerer Jungs hätten vorhergesagt, ein Jugendlicher würde die Einkaufsmall auf der linken Stadtseite in die Luft sprengen. Alle Teenager stiegen auf ihre Scooter und flitzten zum Parkplatz der Mall.
Sunni war schon auf dem Weg aus der Wohnung, als ihre Mutter, die wie üblich auf dem Sofa lag, ihr hinterherrief, wo sie denn hinwolle. Sunni drehte sich zu ihr um, erzählte ihr von dem Gerücht und gab zu, wie begierig sie darauf sei, die Mall in die Luft fliegen zu sehen – ihre Freundinnen und sie hätten zu viel angestaute Energie, es müsse endlich mal etwas passieren.
Sunnis Mutter fand es ein wenig traurig, dass Sunni sich die Explosion der Einkaufsmall anschauen wollte, machte aber keine Einwände; wenn das Sunnis Schicksal war, wie konnte sie sich dann einmischen?
Vor der Mall unterhielten sich die Teenager aufgeregt, sammelten sich zu Grüppchen, verteilten sich wieder und konnten es kaum erwarten, dass die Show losging. Sie fragten herum, wessen Mütter die Explosion vorhergesagt hätten, aber niemand schien es genau zu wissen. Als die Mall nach anderthalb Stunden immer noch stand, konsultierten sie ihre Mütter, um herauszufinden, ob sie vielleicht selbst dazu ausersehen waren, die Mall in die Luft zu jagen. Aber keiner schien dazu bestimmt zu sein.
Daraufhin wurden die Teenager erst nervös, dann ärgerlich. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas passierte. In der Vorwoche hatte das Mütter eines Jungen eine Schlägerei vorhergesagt, aber niemand hatte die Faust erhoben. Vor einem Monat hätte angeblich eine Orgie irgendwo am Hintereingang der anderen, hübschen Mall stattfinden sollen, aber sie hatten nur eine Weile herumgestanden, dann bei ihren Müttern eingecheckt und erfahren, die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Orgie teilnehmen würden, sei sehr gering.
Genau wie von der Wetter-App vorhergesagt fing es an zu regnen. Deprimiert zerstreuten sich die Jugendlichen. Nur Sunni und ein paar ihrer Freundinnen und Freunde standen noch da, weil sie ihre Diskussion über Filme beenden wollten. Jeder hatte eine eigene Meinung über Kunst, aber sie konnten sich darauf einigen, dass dramatische Filme keine zutreffende Repräsentation des echten Lebens darstellten: Die besten Storys folgten immer dem Pfad der grössten Wahrscheinlichkeit. Wenn man an die besten Geschichten der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte dachte, dann rührte ihre Grossartigkeit und Schrecklichkeit doch daher, dass die vorhersagbarsten und glaubhaftesten Dinge auch immer eintraten.
«Wie bei Ödipus», sagte Sunni. In diesem…