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Schon 1928 machte die Bevölkerung sich Gedanken darüber, was für Folgen die Austragung der Spiele für den Ort haben würden. Kritiker bezweifelten die vorhergesagte positive Werbewirkung und rechneten mit negativen Folgen für den Tourismus. Die Befürworter dementierten dies vehement; überzeugt, dass Winterspiele in St. Moritz für den ganzen Kanton von Nutzen sein würden.
Auch wenn man die damaligen Verhältnisse nicht mit den aktuellen vergleichen kann - die Beweggründe und Bedenken ähneln doch sehr den heutigen Argumenten für oder gegen ein Olympia 2022.
Andere Dimensionen
Was vor 85 Jahren als «gross» und «von gewaltigem Ausmass» bezeichnet wurde, ist kaum vergleichbar mit den heutigen Dimensionen von Olympia. Knappe 500 Sportler waren es in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die an den Olympischen Spielen in St. Moritz teilnahmen. Auch die finanzielle Situation ist nicht vergleichbar mit der heutigen: Nur rund 700 000 Franken insgesamt wurden im Budget der Schlussrechnung aufgelistet. Ein Drittel davon ging in den Bau der Olympiaschanze ein, ein weiteres Drittel floss ins Veranstaltungsbudget, der Rest wurde für den Bau des Olympiastadions sowie die Tribüne verwendet. Zum Vergleich: Für Olympia 2022 sind zurzeit knapp vier Milliarden Franken budgetiert, allein 60 Millionen Franken sind für die Kandidaturphase eingerechnet.
«Der Ehre zu lieb»
In der wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Zeit nach dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg war es für die damaligen Leistungsträger von St. Moritz wichtig, das Prestige als Winterkurort weiterhin zu vertreten und sein gutes Image nicht in Verruf zu bringen. In einem Eröffnungstext der Touristenzeitung «Engadin Express & Alpine Post» von 1928 schreibt N. Guidon: «(...) sollte diese Internationale Veranstaltung auf sportlichem Gebiet nicht gelingen, (...), gleich wäre die Kritik zur Stelle, um diese Blösse zum Nachteil von St. Moritz, ja vom ganzen Engadin, gehörig auszuschlachten und vor allem seine sportliche Eignung in Zweifel zu ziehen». Der Befürworter war aber davon überzeugt, dass es für den Kurort eine einmalige Chance darstellen würde und «(...) gerade für den Wintersport (...) Perspektiven eröffnet, die gewiss nicht von der Hand zu weisen sind und vor allem dem Kanton Graubünden nur von grossem Nutzen sein können». Um die Souveränität von St. Moritz unter Beweis zu stellen und «auch der grossen Ehre zu lieb, die eine derartige Veranstaltung in der grossen Welt draussen für den Kurort und das Tal Engadin sein muss», entschieden sich die leitenden Organe für eine Kandidatur für die Olympischen Winterspiele von 1928.
Hürde oder Bürde?
Nicht alle befürworteten das Vorhaben. Auch bei dem - vergleichsweise kleinen - Anlass von 1928 gab es Bedenken, die den heutigen nicht unähnlich sind. Die früheren Gegner wiesen auf die Unruhe hin, die ein solcher Anlass auslösen würde und befürchteten, dies würde sich vor allem auf die übrigen Gäste nachteilig auswirken. «Man hört oft negative Urteile über die Werbekraft der Olympiade für unser Engadin, hört sogar, dass sie besser unterblieben wäre, weil durch sie viele gute und alte Gäste des Engadins dem Lande abspenstig gemacht wurden, indem der Begriff Ruhe und Erholung mit dieser Bewegung aus unserem Hochtale verbannt seien», so zitiert Guidon die Kritiker.
Bereits damals also stellte der Anlass die Veranstalter vor Schwierigkeiten. «Es ist keine Kleinigkeit etwa, wenn sich ein Winterkurort wie St. Moritz an die Lösung solcher Aufgaben, die zu allem anderen auch die Raumfrage und entsprechende Unterkunftsverhältnisse aufrollt, heranwagt», lautet es im Text von N. Guidon.
Das grösste Problem war schlussendlich aber das Wetter: Am vierten Tag der Winterspiele gab es einen Föhneinbruch. Die Temperaturen stiegen auf 25 Grad an, was das Eis der Eisbahn zum Schmelzen brachte. Der 10 000-m-Eisschnelllauf musste abgebrochen werden und blieb ohne Wertung - bisher einmalig in der olympischen Geschichte.
Quelle: Artikel in der «Engadin Express & Alpine Post» vom 10. Februar 1928,
Dokumentationsbibliothek St. Moritz
Olympia 1948
20 Jahre nach den ersten Winterspielen in St. Moritz wurden 1948 - kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges - erneut Olympische Winterspiele im bekannten Kurort durchgeführt. Bereits 1000 Teilnehmer kamen damals nach St. Moritz - darunter Athleten und Athletinnen aus der ganzen Welt. Der Erlös der Eintrittskarten betrug 592 700 Franken, was gut die Hälfte des Budgets von 1,1 Millionen Franken deckte. Die Organisation der Spiele schloss mit einem Defizit von nur 174 (!) Franken ab.
Im Vordergrund der Olympischen Winterspiele 1948 stand zu der Zeit aber nicht der Sport, sondern der Wiederaufbau und das Sichern der eigenen Existenz.