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«Wir haben nicht das richtige Modell»
Die «Lucas-Kritik» des Ökonomen und späteren Nobelpreisträgers Robert Lucas hat die Ökonomie revolutioniert. Wie ein anderer Nobelpreisträger des Fachs festhält, ist die Wissenschaft damit in Wahrheit auf die schiefe Bahn geraten.
Der Ökonom und Nobelpreisträger Edmund Phelps erklärt in einem Interview, die ökonomische Wissenschaft sei auf gefährliche Abwege gekommen. Grund sei die These der rationalen Erwartungen, wie sie vor allem vom Ökonomen und ebenfalls Nobelpreisträger Robert Lucas vertreten wird und die seit Jahrzehnten die Sichtweise der Wissenschaft dominiert. Das tönt sehr theoretisch und ist es teilweise auch. Doch für die Frage von Sinn und Unsinn von Wirtschaftspolitik hat es eine enorme Bedeutung.
Um klarzumachen, worum es geht, müssen wir zuerst einen Abstecher in die Sechziger- und Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts machen und uns in einem rudimentären Überblick mit den starken Umwälzungen befassen, denen die Volkswirtschaftslehre in jenen Jahren ausgesetzt war. Anfänglich hat die Vorstellung einer einigermassen stabilen Beziehung zwischen der Arbeitslosigkeit und der Inflationsrate eines Landes vorgeherrscht. Die Beziehung ging unter dem Namen Phillips-Kurve in die Ökonomie ein (siehe die Grafik unten). Die Vorstellung ist simpel: Will ein Land die Arbeitslosigkeit senken, akzeptiert es eine höhere Inflati0n, und umgekehrt.
Diese Sichtweise hatte eine verheerende Wirkung auf die Sicht zur damaligen Wirtschaftspolitik, weil sie die Vorstellung genährt hat, man könne nach Belieben eine gewünschte Arbeitslosigkeit oder Inflation einstellen. Tatsächlich hat sich in der Praxis damals gezeigt, dass durch solche Versuche die Inflation laufend angestiegen ist, während die Arbeitslosigkeit sich nicht zurückgebildet hat. Die Erklärung dafür haben die Ökonomen Milton Friedman und der oben erwähnte Edmund Phelps geliefert, die das Phillips-Modell über den Haufen geworfen und die Sichtweise von Wirtschaftspolitik in einem ersten Schritt revolutioniert haben. Wie Phelps wurde auch Friedman mit dem Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.
Ihre Überlegung sah vereinfacht gesagt so aus: Die Vorstellung, dass mit höherer Inflation (die sich etwa über eine expansive Geldpolitik erreichen lässt) die Arbeitslosigkeit gesenkt werden kann, beruht darauf, dass die Beschäftigten die Teuerung anfänglich nicht richtig wahrnehmen (die Ökonomen nennen das Geldillusion) oder ihre Löhne nicht daran anpassen können. Daher sinkt der Reallohn (der ausgezahlte Lohn abzüglich der in diesem Fall höheren Inflation). Tiefere Reallöhne bringen Unternehmen dazu, mehr Leute einzstellen, daher der Fall der Arbeitslosigkeit.
Nun haben aber Friedman und Phelps argumentiert, dass die Beschäftigten sich nicht andauernd über die Inflation täuschen werden bzw. ihre Löhne an sie anspassen werden. Die Folge ist dann ein Anstieg der Reallöhne, der die Arbeitslosigkeit dahin zurückführt, wo sie zuvor war. Die obige Beziehung kann daher gemäss diesen beiden Ökonomen nur eine kurzfristige sein, langfristig ist die Phillips-Kurve senkrecht, wie es die Grafik unten zeigt:
Strebt die Geldpolitik eine höhere Inflation an, ändert sich an der Arbeitslosigkeit langfristig also gar nichts, einzig die Inflation steigt. Die langfristig dennoch zurückbleibende Arbeitslosigkeit kann daher nicht konjunkturell bedingt sein – das heisst, sie kann nicht die Folge einer zu geringen oder zu hohen Gesamtnachfrage sein, die auch die Inflationsrate verändern würde. Sie muss daher strukturell bedingt sein: etwa als Folge von mangelhaften bzw. verhinderten Anpassungsmechanismen auf den Märkten. Und/oder die Qualifikationen der Beschäftigten entsprechen nicht den Anforderungen. Diese sogenannte «natürliche Arbeitslosigkeit» kann daher auch nicht durch eine Nachfragepolitik, sondern nur durch bessere Strukturen bekämpft werden. Weil jede andere Arbeitslosenquote zu Veränderungen der Inflationsrate führen würde, heisst sie auch «Non Accelerating Inflation Rate of Unemployment» oder abgekürzt einfach NAIRU.
Doch die Überlegungen von Friedman oder Phelps zeigen auch, dass eine Volkswirtschaft unter einer zu grossen Gesamtnachfrage mit einer inflationären Überhitzung oder einer zu geringen mit konjunktureller Arbeitslosigkeit leiden kann – bloss nicht langfristig. In solchen Lagen bleibt Konjunkturpolitik wichtig und nützlich. Hier setzt nun die Lucas-Kritik ein bzw. Robert Lucas‘ Sicht von rationalen Erwartungen, die die Ökonomie weiter revolutioniert hat.
Sie geht in ihrer Extremform davon aus, dass die Beschäftigten und alle Individuen jede wirtschaftspolitische Massnahme sofort in allen ihren Konsequenzen durchschauen und sich entsprechend neu ausrichten. Wird die Geldpolitik expansiv (das heisst, die Notenbank senkt die Leitzinsen bzw. erhöht die Geldmenge), dann erwarten alle Individuen «rational» eine höhere Inflation und passen ihr Verhalten – etwa ihre Lohnforderungen – unmittelbar entsprechend an.
In der Sicht von Friedman und Phelps waren die Individuen nicht derart perfekt, sie haben ihre Erwartungen eher an den Entwicklungen der Vergangenheit (sogenannt «adaptiv») angepasst. Wenn wir bei unserem Phillips-Kurven-Beispiel bleiben, verändert bei rationalen Erwartungen eine Konjunkturpolitik (zum Beispiel eine Geldmengenzunahme) jetzt auch kurzfristig die Arbeitslosigkeit nicht. Die Phillips-Kurve ist immer senkrecht und die verbleibende «natürliche» Arbeitslosigkeit bleibt rein strukturell bedingt.
Nicht nur ist in diesem Fall Wirtschaftspolitik wirkungslos – wenn alle Individuen in diesem Sinn gemäss ökonomischen Modellen rational ihre Erwartungen bilden und sich entsprechend verhalten, bleibt es letztlich auch schwer erklärbar, wie überhaupt Konjunkturkrisen oder Übertreibungen wie Blasen entstehen können. Doch diese Sichtweise hat die ökonomische Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten dominiert. Nun ist es nicht plausibel, dass Individuen vollkommen gedankenlos die Erfahrungen der Vergangenheit in die Zukunft fortschreiben und keine Schlüsse und Konsequenzen aus politischen Massnahmen ziehen. Aber wie überzeugend ist der andere Extremfall von perfekt rationalem Anpassungsverhalten? Laut Phelps führt er zu einer gefählichen Scheinsicherheit.
Damit sind wir nach den Hintergrundinfos zum Thema beim eingangs erwähnten Interview angelangt. Edmund Phelps kann der Weiterentwicklung seiner eigenen Forschung nichts abgewinnen, wie er in diesem spannenden Gespräch mit Bloomberg deutlich macht. Die folgenden Kernpassagen aus dem Interview sagen viel über die Entwicklung der Ökonomie der vergangenen Jahrzehnte aus und über die Möglichkeiten und Grenzen des Fachs.
In the expectations-based framework that I put forward around 1968, we didn’t pretend we had a correct and complete understanding of how firms or employees formed expectations about prices or wages elsewhere. We turned to what we thought was a plausible and convenient hypothesis. For example, if the prices of a company’s competitors were last reported to be higher than in the past, it might be supposed that the company will expect their prices to be higher this time, too, but not that much. This is called «adaptive expectations». You adapt your expectations to new observations but don’t throw out the past.
Phelps erklärt noch einmal seine Sicht der Erwartungsbildung: Er habe es schlicht für plausibel gehalten, dass Menschen bei der Einschätzung der Zukunft die Erfahrung aus der Vergangenheit herbeiziehen. Eine Sichtweise, die mittlerweile auch von der Behavioural-Economics-Forschung bestätigt wird. Doch die Ökonomen hätten sich damals nicht mit einer solchen Ungewissheit zur Erwartungsbildung begnügen wollen, sie hätten schliesslich echte Wissenschaftler sein wollen. Phelps:
The «scientists» from Chicago and MIT came along to say, we have a well-established theory of how prices and wages work. Before, we used a rule of thumb to explain or predict expectations: Such a rule is picked out of the air. They said, let’s be scientific. In their mind, the scientific way is to suppose price and wage setters form their expectations with every bit as much understanding of markets as the expert economist seeking to model, or predict, their behavior. The rational expectations approach is to suppose that the people in the market form their expectations in the very same way that the economist studying their behavior forms his expectations: on the basis of his theoretical model.
Als Konsequenz dieses «Putsches» gegen die zuvor herrschende Sichtweise sei eine Verrücktheit entstanden («Crazyness»):
You’re not supposed to ask what to do if one economist has one model of the market and another economist a different model. The people in the market cannot follow both economists at the same time. One, if not both, of the economists must be wrong… The fundamental fallacy on which rational expectations models are based is that everyone knows how to process the information they receive according to the one and only right theory of the world. The problem is that we don’t have a «right» model that could be certified as such by the National Academy of Sciences. And as long as we operate in a modern economy, there can never be such a model.
Die Vorstellung der rationalen Erwartungen setzt ein unzweifelhaftes ökonomisches Modell voraus, das es schon unter Ökonomen nicht gebe, meint Phelps. Und dann bringt er einen meiner Ansicht nach noch wichtigeren Einwand:
Another thing: It’s an important feature of capitalist economies that they permit speculation by people who have idiosyncratic views and an important feature of a modern capitalist economy that innovators conceive their new products and methods with little knowledge of whether the new things will be adopted – thus innovations. Speculators and innovators have to roll their own expectations.
Verschiedene Einschätzungen zur Zukunft sind ein wesentlicher Treiber des Kapitalismus. Innovationen und unternehmerisches Wirken sind nicht das Produkt einer perfekten einheitlichen Sicht zur Zukunft, sondern oft Ergebnis von unterschiedlichen Einschätzungen oder von spontanem Optimismus. Auf diese Sichtweise, die sich sowohl an John Maynard Keynes wie seinen Gegenspieler Fridrich Hayek, aber auch an Joseph Schumpeter oder Daniel Kahneman anlehnt, gilt es in einem späteren Beitrag zurückzukommen. Doch die Ökonomen der letzten Jahrzehnte wollten laut Phelps nicht mit dieser fundamentalen Unsicherheit zum Verhalten von Gesellschaften leben und eine harte Wissenschaft begründen, was nur scheitern könne:
What led to rational expectations was a fear of the uncertainty and, worse, the lack of understanding of how modern economies work. The rational expectationists wanted to bottle all that up and replace it with deterministic models of prices, wages, even share prices, so that the math looked like the math in rocket science. The rocket’s course can be modeled while a living modern economy’s course cannot be modeled to such an extreme. It yields up a formula for expectations that looks scientific because it has all our incomplete and not altogether correct understanding of how economies work inside of it, but it cannot have the incorrect and incomplete understanding of economies that the speculators and would-be innovators have.
Was bedeutet nun dieser Einwand von Phelps für die Wirtschaftspolitik: zuallererst mehr Demut. Weder eine perfekte Steuerung der Wirtschaft ist möglich, noch sind Modelle glaubwürdig, die theoretisch alle real auftretenden Widrigkeiten wie Blasen und schwere Depressionen wegdefinieren und der Politik jede Fähigkeit zur Verbesserung absprechen. Laut Phelps mangelt es vor allem bei den Zentralbanken an der nötigen Skepsis gegenüber den eigenen Modellen. Auf die Frage der Bloomberg-Journalistin Caroline Baum, was denn sein Ratschlag an die Politik sei, antwortet er:
I would tell them not to assume they have hit upon a model that captures expectations so they don’t need to think about expectations anymore. Expectations are a living thing and flighty; beliefs are flimsy, as Keynes said. The Fed is banking that expectations will behave according to the model the Fed wants people to adopt. But no central bank or anyone else should bank heavily on the correctness of its model. Expectations will almost certainly surprise the Fed and surprise Wall Street, too. Furthermore, the Fed model doesn’t allow for animal spirits in Silicon Valley or evil spirits on Wall Street. It can’t know about those things. Washington is banking on a best-case scenario to bail it out of the entitlements mess in the 2020’s. The world is still in a crisis. Not a hospitable place for models based on rational expectations.
«Beliefs are flimsy» – Glaubenssätze sind windig. Das macht Einschätzungen zur Wirkung von Wirtschaftpolitik zwar nicht einfacher, aber realistischer. Überzeugungen, die mehr Gewissheit vortäuschen, sind in der nach wie vor anhaltenden Krise besonders problematisch. Diese Botschaft von Phelps verdient Beachtung.