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Wie sieht die Situation von jungen Erwachsenen im Schweizer Arbeitsmarkt aus? Da 15- bis 24-Jährige meist eine Ausbildung abschliessen oder neu ins Erwerbsleben eintreten, lässt sich diese Altersgruppe nur schwer mit anderen Gruppen vergleichen. Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) in einer Überblicksstudie die wichtigsten Kennzahlen zusammengefasst.[1]
Ganz allgemein lässt sich festhalten, dass die Arbeitslosenquote von 15- bis 24-Jährigen weitgehend parallel zur Arbeitslosenquote der Gesamtbevölkerung verläuft. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind die konjunkturellen Schwankungen jedoch grösser. So zeigen sich die Folgen der letzten Weltwirtschaftskrise auch in den Arbeitsmarktindikatoren für 15- bis 24-Jährige (siehe Abbildung 1). Lässt sich von 2006 bis 2008 noch ein Rückgang der Arbeitslosenquote bei den jungen Personen beobachten, kehrt dieser Trend mit dem Überschwappen der Krise auf die Schweiz, und die entsprechende Quote ist 2009 und 2010 deutlich höher. Es zeigt sich aber eine relativ rasche Erholung, und ab 2011 liegt sie wieder auf dem Niveau der Jahre 2007/2008 – seither ist sie relativ konstant.
Ähnlich sieht die Entwicklung bei der Erwerbslosenquote aus. Im Unterschied zur Arbeitslosenquote, welche nur die bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldeten Personen umfasst, ist die Definition der Erwerbslosenquote breiter gefasst: Als erwerbslos gilt, wer nicht erwerbstätig, aktiv auf Stellensuche und sofort verfügbar ist – unabhängig davon, ob die Person sich bei einem RAV gemeldet hat.[2] Die Erwerbslosenquote ist im Zeitraum der Krise ebenfalls angestiegen, und der Trend hat sich abgeschwächt bis 2015 tendenziell fortgesetzt. Seither bewegt sie sich wieder in Richtung des Vorkrisenniveaus von 2006.
Bei der Erwerbslosenquote zeigt sich der grösste Unterschied zwischen der Gesamtbevölkerung und den jungen Erwachsenen. Zwar liegt diese auch in der Gesamtbevölkerung höher als die Arbeitslosenquote, der Unterschied bei den jüngeren Personen ist aber deutlich ausgeprägter. So ist die Erwerbslosenquote bei den 15- bis 24-Jährigen seit 2011 mehr als doppelt so hoch wie die Arbeitslosenquote. Bei der Gesamtbevölkerung ist dieses Verhältnis wesentlich kleiner. Bei den jungen Erwachsenen sorgen mehrere Faktoren für eine grössere Abweichung: Beispielsweise melden sie sich vielfach nicht beim RAV, weil sie aufgrund ihrer Erwerbslaufbahn noch nicht die erforderliche Beitragszeit erfüllen und somit keinen Anspruch auf Arbeitslosengelder haben oder weil sie davon ausgehen, innerhalb der Wartezeit selber eine Stelle zu finden. Teilweise verzichten sie auch freiwillig auf Arbeitslosengelder, weil sie auf Erspartes oder andere finanzielle Mittel (zum Beispiel Zuwendungen der Eltern, Einkommen von (Ehe-)Partnern) zurückgreifen können.
Um die Situation der 15- bis 24-Jährigen im Arbeitsmarkt zu beurteilen, sollte deshalb nebst der Arbeitslosen- stets auch die Erwerbslosenquote betrachtet werden. Zusätzlich lohnt sich ein detaillierterer Blick auf Subgruppen und die Bildungsbeteiligung. So ist die Arbeitslosenquote von jugendlichen Ausländern beispielsweise fast doppelt so hoch wie diejenige von gleichaltrigen Schweizern. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Ausländer markant seltener eine nachobligatorische Ausbildung auf Sekundarstufe II (berufliche Grundbildung und allgemeinbildende Ausbildungsgänge wie Gymnasien) machen – vor allem, wenn sie zu den sogenannten Spätzugewanderten gehören, die im Ausland geboren sind.
Atypische Arbeitsverträge
Auch «atypische» Beschäftigungsverhältnisse kommen bei 15- bis 24-Jährigen deutlich häufiger vor als in der Gesamtbevölkerung: Viele Jugendliche verfügen über keine unbefristete Vollzeitstelle und sind nicht vollständig im sozialen Sicherungssystem eingebettet, sondern ihre Arbeitsverträge sind beispielsweise befristet, sie sind unterbeschäftigt, arbeiten temporär oder auf Abruf.[3]
Allerdings muss festgehalten werden: Im Untersuchungszeitraum hat sich die Quote der atypischen Beschäftigungsverhältnisse der 15- bis 24-Jährigen parallel zur Quote der Gesamtbevölkerung entwickelt, welche kaum gestiegen ist. Innerhalb der Altersgruppe gibt es allerdings deutliche Unterschiede (siehe Abbildung 1). So befinden sich Haupterwerbstätige seltener in atypischen Beschäftigungsverhältnissen als Personen, die parallel zur Erwerbstätigkeit noch in Ausbildung sind und beispielsweise einen «Studentenjob» ausüben. Dabei dürfte es sich bei den Haupterwerbstätigen öfter um Situationen handeln, bei denen die atypischen Elemente des Arbeitsvertrags ungewollt sind oder bezüglich der längerfristigen Einkommens- und Absicherungssituation als «prekär» einzustufen sind.
Insgesamt war vergangenes Jahr etwa ein Fünftel der 15- bis 24-Jährigen Erwerbstätigen ohne parallele Ausbildung in einem atypischen Arbeitsverhältnis. Die atypischen Verhältnisse bestanden zu je etwa gleich grossen Teilen aus befristeten Verträgen, Arbeit auf Abruf und Unterbeschäftigung. An sich sind solche atypischen Beschäftigungsverhältnisse noch nicht besorgniserregend, es sollte aber im Auge behalten werden, ob diese Phasen von langer Dauer sind, ob daraus mittel- und längerfristig negative Folgen bezüglich der Chancen im Arbeitsmarkt resultieren oder ob bestimmte Gruppen der 15- bis 24-Jährigen besonders stark von potenziellen Risikosituationen betroffen sind.
Abb. 1: Erwerbssituation der 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz (2006–2017)
Quelle: Seco Amstat (Arbeitslosenquote), BFS Sake (Erwerbslosenquote, atypische Beschäftigung); Berechnung und Darstellung: Bass / Die Volkswirtschaft
Situation direkt nach der Ausbildung
Für eine klarere Bewertung der Situation von jungen Menschen beim Übergang in den Arbeitsmarkt lohnen sich eine sogenannte Kohortensicht und die Betrachtung von Ausbildungs- und Erwerbssituation 6, 18 und 30 Monate nach ihrem Abschluss auf Sekundarstufe II. Zahlen für das Jahr 2012 zeigen: Die Mehrheit der Absolventen ist ein halbes Jahr nach dem Abschluss erwerbstätig (teilweise parallel zu einer Ausbildung, siehe Abbildung 2), wobei der Anteil mit der verronnenen Zeit seit dem Abschluss zunimmt. 30 Monate nach Abschluss befindet sich gut ein Fünftel der Personen mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) in einer Ausbildung; bei den Maturanden sind es 90 Prozent.
Der Anteil junger Personen, die weder in Ausbildung noch erwerbstätig sind («not in education, employment or training», NEET), gibt Hinweise zum Gelingen des Übergangs in den Arbeitsmarkt. Zur NEET-Gruppe gehören beispielsweise Personen, die eine längere Reise machen, die für längere Zeit Militär- oder Zivildienst leisten, ohne in einem Anstellungsverhältnis zu sein – oder auch Personen, die aufgrund von Haus- oder Familienarbeit nicht erwerbstätig sind. Arbeits- und erwerbslose Personen gehören ebenfalls dazu sowie auch Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keiner Ausbildung oder Erwerbsarbeit nachgehen können.
Die NEET-Quote[4] nimmt kontinuierlich ab, je länger der Abschluss auf Sekundarstufe II zurückliegt. Während sie ein halbes Jahr nach dem Abschluss noch 18 Prozent beträgt, sind es nach 30 Monaten nur noch 8 Prozent. Abgesehen von den Maturanden, die sich kurz nach dem Abschluss relativ häufig in NEET-Situationen befinden (24%), zeigen die Daten, dass NEET-Situationen überdurchschnittlich häufig Personen mit einem Eidgenössischen Berufsattest (EBA) betreffen. Ins Auge sticht dabei vor allem der vergleichsweise hohe Anteil Arbeitsloser ein halbes Jahr nach dem Abschluss von 11 Prozent im Vergleich zu Absolventen eines Eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses (4%). Dies deutet darauf hin, dass der Einstieg in den Arbeitsmarkt mit einem Berufsattest ungleich schwieriger ist als mit einem Fähigkeitszeugnis. Die Arbeitslosenquote von EBA-Absolventen liegt 30 Monate nach dem Abschluss immer noch bei 5 Prozent und damit über derjenigen der EFZ-Absolventen (2%). Allerdings wählt rund ein Drittel der Personen mit einem Berufsattest 18 Monate nach dem Abschluss den Weg einer (weiterführenden) Ausbildung, was deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen dürfte. Zudem werden die mittelfristigen Arbeitsmarktchancen durch den Einstieg in eine EBA-Ausbildung klar erhöht, wenn dadurch NEET-Situationen vermieden werden.
Abb. 2: Abschluss auf Sekundarstufe II im Jahr 2012 – die Monate danach
Anmerkung: Total (N=88661), EFZ3+4 (N=50009), EBA (N=3724), Gymnasiales Maturitätszeugnis (N=17404). Berufsmaturitätszeugnisse (N=12186), Fachmittelschulausweise (N=3297) und Fachmaturitätszeugnis (N=2041) sind im Total enthalten, jedoch in der Grafik nicht einzeln ausgewiesen.
Quelle: BFS, Längsschnittanalysen im Bildungsbereich (Labb), Strubi et al. (2018); Sek.-II-Abschluss im Jahr 2012 / Die Volkswirtschaft
Rezession überwunden
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Einstieg in die Erwerbstätigkeit den meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach wie vor gut gelingt. Dieser Befund gilt trotz der turbulenten gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen der letzten zehn Jahre, welche durch eine Rezession, Aufwertungen des Frankens, eine fortschreitende Verschiebung von Stellen in den Dienstleistungssektor und eine anhaltend grosse Nachfrage nach hoch qualifizierten Fachkräften geprägt war. Die Situation der 15- bis 24-Jährigen im Arbeitsmarkt befindet sich gemessen an den groben Indikatoren ungefähr auf dem Niveau der Jahre vor der letzten Rezession.
Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung haben sie aber – bedingt durch ihre Übergangssituation – einen schwierigeren Stand auf dem Arbeitsmarkt. Gewisse Subgruppen sind überdurchschnittlich oft mit Schwierigkeiten beim Übergang ins Erwerbsleben konfrontiert. Zu ihnen gehören junge Menschen in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz, Personen, die im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter in die Schweiz zugewandert sind (sogenannte Spätzugewanderte), und Absolventen von zweijährigen Berufsattestsausbildungen.
- Rudin et al. (2018).
- Die Arbeitslosenquote basiert auf den Arbeitslosenzahlen des Seco. Die Erwerbslosenquote stützt sich auf die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake) und entspricht den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).
- Für die Quote an Personen in atypischen Beschäftigungssituationen wird hier die Anzahl Erwerbstätiger ohne Lernende als Basis verwendet. Für Definition siehe Rudin et al. (2018).
- Anzahl Personen in NEET-Situationen geteilt durch die Wohnbevölkerung.