Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/2195

Auf dem Briger Riet steht Geo Chavez mit seinem Blériot-Eindecker bereit zu seinem Flug, der ihm Ruhm, aber auch den Tod bringen sollte
Erster Versuch am 19. September
Schliesslich wurde dann doch erst am 19. September geflogen. Geo Chavez startete zu einem ersten Versuch. Sein Blériot XI war mit einem 50 PS-Gnôme Rotationsmotor ausgerüstet. Mit dem gleichen Flugzeug hatte er kurz vorher in Paris den Höhenweltrekord errungen: 2650 Meter Höhe hatte er erreicht. Auf 2006 Meter über Meer lag die Simplon-Passhöhe durchaus im Bereich der technischen Leistungsfähigkeit der Maschine. Es galt, eine Höhendifferenz von 1325 Metern zu überwinden.
Morgens um sechs Uhr lag leichter Nebel über dem Rhonetal, aber es sah gut aus. 16 Minuten nach sechs Uhr hob Chavez unter den begeisterten Zurufen der Menschenmenge ab und stieg Richtung Rhonetal in die Höhe. In vier oder fünf Runden, die er über dem Startgelände zog, schraubte er sich in die Höhe, bis er nach 17 Minuten den Blicken der Schaulustigen Richtung Simplon entschwand. Unterdessen war auch Weymann gestartet und zog langsam in die Höhe. Da plötzlich tauchte Chavez wieder auf und strebte im Gleitflug zurück nach Brig zwei Flugzeuge zusammen in der Luft, zu jener Zeit ein äusserst seltener Anblick. Gut 21 Minuten nach dem Start landete Chavez wieder, etwas abseits vom Startplatz. Er war ziemlich unterkühlt und erschöpft und benötigte einige Zeit, um seine Erlebnisse zu schildern. Weymann setzte wenige Minuten nach Chavez ebenfalls wieder auf Briger Boden auf.
Im Kampf mit den Elementen
Nach einem ruhigen Aufstieg bis auf rund 2200 Meter über Meer war Chevez zierliche Maschine in heftige Turbulenzen geraten. Das leichte Flugzeug wurde hin und her gerissen und nach unten und oben geschleudert. Der Pilot musste das Steuer mit aller Kraft umfassen, um die Maschine unter Kontrolle zu halten. Unter und neben sich Felsen und Wolkenbänke, entschloss sich Chavez, zurückzukehren. «Die
Alpenüberquerung ist eine Frage von Wind und Wolken und nicht von Motor und Orientierung», soll er berichtet haben, nachdem er sich von den Strapazen erholt hatte. Der Flug hatte viel Kraft gekostet, und Chavez brauchte Erholung. Die folgenden drei Tage herrschte schlechtes Wetter, zum Teil mit Föhnstürmen. An ein Aufsteigen war nicht zu denken. Am Freitag, dem 23. September zeigte sich der blaue Himmel wieder, und die Winde schwächten sich ab.
Der historische Flug
Um 13 Uhr 29 startete Chavez erneut und schraubte sich in die Höhe. Nur noch wenige Leute hatten sich zum Startplatz begeben. Die meisten waren in den vorangegangenen regnerischen Tagen heimgereist. Nur in Brig selber beobachtete eine grössere Menge den Abflug. Auf der Schweizer Seite des Simplons herrschte Windstille, aber gleichzeitig in der Höhe grosse Kälte. Aus Richtung Italien wurde gemeldet, dass dort starke Winde bliesen. Von der beeindruckten Gästeschar des Hotels Bellevue beobachtet, überflog Chavez in 300 Metern Höhe Simplon Kulm und steuerte Richtung Gondoschlucht. Über den Gletschern des Fletschhornes wurde Chavez von heftigen Turbulenzen erfasst, die das Flugzeug wie einige Tage zuvor in der Luft herumschleuderten. Im Kampfe mit den Fallwinden flog Chavez weiter Richtung Varzo, das er in direktem Sinkflug ansteuerte. Rund 1000 Meter sank das Flugzeug, bis der Pilot wieder Höhe suchte. Über den wilden Felsen des Pizzo dAlbione geriet das Flugzeug erneut in heftige Turbulenzen, bis Chavez ins ruhigere Val dOssola gelangte.
Das tragische Ende
Es war Chavez gelungen, den Alpenkamm zu bewältigen, und die Kunde des Erfolges drang in kurzer Zeit bis nach Mailand, wo grosser Jubel ausbrach. Auch auf der restlichen Strecke nach Domodossola, wo eine Zwischenlandung vorgesehen war, jubelten die Menschen. Südlich der Stadt erwartete eine riesige Menschenmenge den erfolgreichen Piloten, der aus 1000 Metern Höhe zu einem steilen Sinkflug ansetzte. Beim Abfangen vor der Landung klappten zum Schrecken der Menge beide Flügel des Blériot nach oben und Mensch und Maschine stürzten aus nur zehn bis zwanzig Metern Höhe zu Boden. Chavez wurde schwer verletzt ins Spital eingeliefert. Zeitweise erlangte er noch das Bewusstsein, aber am 28. September verstarb er nach qualvollen Leidenstagen.
Als Ursache des tragischen Endes des Fluges wird vermutet, dass der Blériot XI von Chavez durch die schweren Turbulenzen während der beiden Flüge in der Struktur beschädigt wurde und deshalb der Belastung beim Abfangen nach dem steilen Anflug nach Domodossola nicht mehr gewachsen war.