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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

14. Buch
19. In dem gesunden Naturzustand vor der Sünde gab es die Seelenteile des Zornmuts und der Begehrlichkeit nicht, die sich im Menschen so sündhaft regen, daß man sie mit dem Zügel der Weisheit zurückhalten muß.
Daher haben auch unter den Philosophen die, die der Wahrheit am nächsten kommen1 , den Zornmut und die Begehrlichkeit offen als fehlerhafte Teile der Seele erklärt, mit der Begründung, daß sie ungestüm und unordentlich auch nach Dingen sich regen, die die Weisheit zu vollbringen verbietet, weshalb sie des Verstandes und der Vernunft als Führers bedürften. Dieser dritte Teil der Seele throne sozusagen in einer Burg und leite von da aus die zwei anderen, so daß sich im Menschen durch die Herrschaft des einen und das dienende Verhalten der anderen die Gerechtigkeit in jedem Teil des Geistes aufrecht erhalten lasse. Diese Teile nun, die nach dem Geständnis der erwähnten Philosophen auch im weisen und sich selbst beherrschenden Menschen fehlerhaft sind, so daß der Geist sie durch Zucht und Niederhaltung zügeln und von Dingen, nach denen sie sich unrecht regen, abbringen muß und ihnen nur da freien Lauf gewähren darf, wo es sich um Dinge handelt, die das Gesetz der Weisheit verstattet2 , diese Teile also waren im Paradiese vor der Sünde nicht fehlerhaft. Sie regten sich nicht nach irgend etwas im Widerspruch mit dem rechten Willen, so daß sie es nötig gemacht hätten, sie mit dem Zügel der Vernunft zurückzuhalten. Denn daß sie jetzt solche Strebungen haben und von denen, die ein Leben der Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit und Frömmigkeit führen, bald leichter, bald schwerer, immer aber doch eben nur durch Bändigung und Kampf in ihren Grenzen gehalten werden, ist selbstverständlich kein gesunder, von Natur aus gegebener Zustand, sondern ein von Schuld herrührender Schwächezustand. Wenn aber scheue Scham die Ausflüsse des Zornes und anderer Leidenschaften in Wort und Tat aller Art nicht in der Weise verbirgt, wie die Betätigung der Lust durch die Zeugungsglieder, so hat dies nur darin seinen Grund, daß bei den übrigen Leidenschaften nicht diese selbst die Glieder des Leibes in Bewegung setzen, sondern der Wille, falls er ihnen zustimmt, der nun dann im Gebrauch der Leibesglieder durchaus Herr ist. Ein zorniges Wort oder auch ein Schlag im Zorn kommt nur dadurch zustande, daß sich die Zunge oder die Hand auf Geheiß sozusagen des Willens in Bewegung setzt; und diese Glieder werden, auch wenn kein Zorn vorhanden ist, in Bewegung gesetzt eben durch den Willen. Dagegen die Zeugungsglieder des Leibes hat die Lust sozusagen in Eigenrecht genommen in einem Maße, daß sie nicht in Bewegung gesetzt werden können, wenn die Lust sich versagt und wenn sie nicht von selbst oder auf Anreiz hin sich erhebt. Das ist es, was Scham erweckt, was sich errötend den Augen von Zuschauern entzieht; und eher noch läßt sich der Mensch eine Schar von Augenzeugen gefallen, wenn er ungerechterweise einem andern zürnt, als auch nur einen einzigen Zuschauer, wenn er sich, wie es ganz in der Ordnung ist, mit seiner Gattin vereint.
1: Die Platoniker meint er.
2: z. B. dem Zorn zur Ausübung gerechter Züchtigung oder der Begehrlichkeit zu dem Werk der Kindererzeugung