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Im Jahr 2017 beantragte eine Wissenschaftlerin der Université de Fribourg eine Projektunterstützung bei der Forschungsförderung der Schweiz. MS-Gesellschaft. Sie schlug vor, mit ihrem Team bestimmte neue Strategien zu testen, um «die Wirksamkeit der Rekonstruktion von Myelin nach einer demyelinisierenden Läsion zu erhöhen» – und hatte Erfolg mit ihrem Antrag.
Drei Jahre später gelang es dem Team von Frau Professor Claire Jacob tatsächlich, die Mechanismen für einen Wiederaufbau der Myelinhülle zu entschlüsseln und damit die Grundlage für einen neuen Therapieansatz zur Regeneration dieser so wichtigen Schutzschicht für Nervenzellen zu schaffen.
Zum besseren Verständnis: Nervenzellen enthalten Axone, lange faserartige Fortsätze, die Signale an andere Zellen übermitteln. Viele von ihnen sind von einer Myelinscheide umgeben, einer dicken, fetthaltigen Schicht, die dem Schutz und der schnellen Weiterleitung von Reizen dient. Ohne Myelin funktioniert die Nervenzelle und damit das Nervensystem nur eingeschränkt. Es besteht die Gefahr, dass Nervenzellen degenerieren. Multiple Sklerose (MS) ist eine der Erkrankungen, die auf einen Abbau der Myelinhülle zurückgeht. Sie entsteht durch aufeinanderfolgende Schübe, bei denen MS-Betroffene nach und nach ihre Nervensystemfunktionen verlieren. Durch den Wiederaufbau der Myelinscheide kann dieser Verlust verhindert werden.
Die natürliche Fähigkeit zur Wiederherstellung, als Remyelinisierung bezeichnet, nimmt mit dem Alter dramatisch ab. «Damit wir den Wiederaufbau von Myelin unterstützen können, müssen wir den Prozess verstehen, der den Mechanismus steuert», erklärt Jacob.
In ihrer Studie hat ihre Arbeitsgruppe untersucht, wie die Remyelinisierung sowohl im peripheren als auch im zentralen Nervensystem von Mäusen erfolgt. «Wir wollten zunächst den Prozess verstehen, der die Myelinisierung verhindert. Im zweiten Schritt ging es uns dann darum, wie man dieser Verhinderung oder Blockade begegnen kann.» Zusammen mit ihren Kollegen identifizierte Prof. Jacob, die inzwischen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz arbeitet, die Interaktion eines bestimmten Proteins mit einem bestimmten Enzym als zentralen Faktor in dem Geschehen.
Auf dieser Basis konnten sie den Wirkstoff Theophyllin zum Einsatz bringen, der unter anderem in Teeblättern vorkommt und schon lange in der Therapie von Asthma eingesetzt wird. Mäuse, die vier Tage lang mit Theophyllin behandelt wurden, zeigten deutliche Verbesserungen. Die Wiederherstellung der Myelinscheide war im peripheren Nervensystem besonders beeindruckend und die Neurone erholten sich vollständig. Auch im zentralen Nervensystem verlief die Regeneration viel besser, sodass sowohl bei jungen als auch bei alten Mäusen nach einem Monat ein schneller und effizienter Aufbau der Myelinumhüllung festzustellen war. Dabei genügte eine niedrige Dosis des Wirkstoffs, um die Verbesserungen in Gang zu setzen – ein grosser Pluspunkt im Hinblick auf die bekannten Nebenwirkungen von Theophyllin, die bei höheren Dosen auftreten.
«Dieser Studie zufolge erscheint Theophyllin als ein sehr vielversprechendes Präparat, um es in künftigen translationalen Studien zu testen, damit die Remyeliniserung nach einer traumatischen Verletzung oder im Zusammenhang mit Demyelinisierungserkrankungen wie MS beschleunigt und gefördert wird», schreiben die Autoren im Beitrag. Die Finanzierung für entsprechende klinische Studien an Patienten wird noch gesucht, ein Patent wurde bereits angemeldet.
Die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft unterstützt und fördert die MS Forschung mit erheblichen Mitteln. So wurden im Zeitraum von 2000 bis 2020 MS-bezogene Forschungsprojekte in der ganzen Schweiz mit über 28 Mio. Franken gefördert.
- Pressemitteilung der Universität Gutenberg Mainz
- Pressemitteilung der Universität Gutenberg Mainz (Englisch)