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Welcher ist der beste Hitchcock-Film? «Vertigo» ist ein Favorit. «Notorious», vielleicht. «Spellbound» wird auch oft angeführt. Aber eigentlich ist und bleibt «Psycho» der beste Film des Regie-Genies.
Wenn es sowas wie den ‹perfekten Film› gibt, dann ist «Psycho» einer der Anwärter. Eine Meisterleistung der Regiekunst, der Dramaturgie und des Schnitts. Und ein Meilenstein der Kinogeschichte, Kinokassenhit und Schock zugleich. Nach «Psycho» änderte sich alles.
Am 16. Juni 2020 jährt sich die Premiere von «Psycho» zum 60. Mal. Grund genug, einige spannende Fakten zum Film Revue passieren zu lassen!
Ed Gein, genannt the Plainfield Ghoul, war ein 1957 festgenommener Serienmörder und Grab- und Leichenschänder aus Wisconsin. Bei seiner Festnahme wurden in seinem Farmhaus die frisch ausgeweidete Leiche seines jüngsten Opfers gefunden, sowie Teile von mindestens 15 weiteren Leichen, darunter eine Sammlung Nasen, weibliche Geschlechtsorgane und Masken aus menschlicher Gesichtshaut. Die Köpfe seiner Opfer trennte Gein ab und benutzte die Schädel als Schüsseln, um seine Hunde und Katzen zu füttern.
Der gleichnamige Roman von Autor Robert Bloch hatte zwar Ed Gein zum Vorbild, war ansonsten jedoch eine frei erfundene Geschichte um Mary Crane, eine Angestellte in einem Immobilienbüro, die 40'000 Dollar ihres Arbeitgebers unterschlägt und auf dem Weg zu ihrem Verlobten, Sam Loomis, im Bates Motel übernachtet. Hitchcock kaufte sich die Filmrechte für ganze 9500 Dollar und gab dem relativ unerfahrenen Autor Joseph Stefano die Aufgabe, das Drehbuch zu schreiben.
Stefano hielt sich ziemlich nahe an die literarische Vorlage – mit ein paar wichtigen Änderungen: Aus der Romanfigur Mary wurde Marion, nachdem man herausfand, dass in Phoenix zwei echte Mary Cranes existierten. Auch machte er Marion zur Hauptfigur des Films, während sie im Roman lediglich zwei Kapitel lang vorkommt. Bedeutend sind auch die Änderungen, die er und Hitchcock an Norman Bates’ Charakterisierung vornahmen: Im Buch wird dieser als kleiner, dicker, unsympathischer alter Säufer beschrieben. Die Besetzung mit dem smarten 27-jährigen Anthony Perkins war ein Geniestreich.
Im Vergleich zu Hitchcock und seiner Geheimniskrämerei um «Psycho», wirkt J. J. Abrams wie ein regelrechter Plauderi. Die gesamte Filmcrew stand unter Geheimhaltung; Das Ende des Filmes verriet der Regisseur seiner Crew erst in letzter Minute. Hitchcock veranlasste gar, sämtliche sich noch im Umlauf befindenden Romane aufzukaufen. Mehr noch, Hitchcock verwandelte diese Geheimniskrämerei hochwirksam in Marketing: Es gab keine Pressebriefings und beim Filmstart wurden Kinosäle vertraglich verpflichtet, nach Filmbeginn niemanden mehr rein- oder rauszulassen, was zu einem Run auf Tickets am Premierenwochenende führte.
Der Presse gab man nur kleine Schmankerl des Plots weiter. Man wusste lediglich, dass es um einen brutalen Mord an einer nackten Frau ging und eine dominante Mutter etwas damit zu tun hatte. Dazu setzte er das Gerücht in Umlauf, dass er letztere Rolle mit einer Grande Dame der Theaterbühne besetzen wolle, was zur lustigen Folge hatte, dass sich Schauspielerin Norma Varden, die in Hitchcocks «Strangers On a Train» (Bild unten) gespielt hatte, um die fiktive Rolle bemühte.
Ziemlich am Anfang des Films sieht man den Regisseur in einem weissen Stetson-Hut vor dem Immobiliengeschäft in Phoenix stehen.
Weshalb «Psycho» in Schwarzweiss ist? Weil Hitchcock mit seinem TV-Team drehen musste. Trotz seines beachtlichen Erfolgs mit «Vertigo» und «North By Northwest» glaubte das Filmstudio nicht an einen Erfolg für Hitchcocks neustes Projekt. Zu heikel das Thema. Zu gruusig. Das will niemand sehen. Paramount sicherte Hitchcock lediglich einen Vertriebsdeal zu. Den Film musste der Regisseur aber selbst finanzieren, was konkret hiess: sparen an allen Ecken und Enden. Hitchcock verzichtete auf sein übliches Regisseurshonorar. Janet Leigh machte für einen Viertel ihrer üblichen Gage mit. Und gedreht wurde mit Hitchcocks Filmteam seiner TV-Show «Alfred Hitchcock Presents», ergo in Schwarzweiss.
Selbstredend wusste Hitchcock dies als künstlerische Entscheidung zu begründen. «Das viele Blut hätte in Farbe scheusslich ausgesehen.»
Sein Gamble ging auf. Der Film kostete 800'000 Dollar und brachte bei seinem ersten Release 1960 ganze 32 Millionen Dollar ein (1969 kam ein erneuter, sehr erfolgreicher Release dazu).
Noch nie hatte ein Film eine offene WC-Schüssel gezeigt, geschweige eine, die gespült wurde. Skandal! Dies war eines von vielen Problemen, die Hitchcock mit der Zensurbehörde haben würde. Angefangen mit der Eröffnungsszene, bei der die Zensurbehörde an Marion Cranes Bekleidung (beziehungsweise am Fehlen derer) etwas zu nörgeln hatte. Und an der «unmoralischen Natur» des mittäglichen Schäferstündchens als solches.
Hitchcock liess einige geforderte Zensur-Eingriffe an der Eröffnungsszene zu – im Gegenzug sollte man ihm freie Hand in späteren Szenen des Films lassen.
Janet Leigh war der designierte Star des Films. Sie spielte die Hauptrolle und auch die Filmposter warben mit ihrem Namen. Und dann – nicht einmal die Hälfte des Films ist vorüber – wird sie urplötzlich abgemurkst. Ein WTF-Moment sondergleichen für den Zuschauer, der bis zur Mordszene der Auffassung ist, hier gehe es um eine Sekretärin, die Geld gestohlen hat. Doch dann kommt jene Duschszene ...
78 Kameraeinstellungen, 52 Schnitte in 3 Minuten hat diese Szene. Gleich mehrere Kardinalregeln und Continuity-Gesetze des Filmschaffens wurden gebrochen: Jump-Cuts, 180-Grad-Kamerawendungen, etwa. Filmeditor George Tomasini erhöhte mit diesen Regelbrüchen das Empfinden von Geschwindigkeit und Gewalt. Der Dok-Film «78/52» (2017) des Schweizer Filmemachers Alexandre O. Philippe analysiert die Szene und deren Wirkung auf das Filmschaffen seither.
Hitchcock wusste offenbar bereits, als er den Roman las: Der Mord in der Dusche – das wird grosses Kino. Er behielt Recht. Oder kennt jemand eine berühmtere Filmszene? Selbst Menschen, die den Film nicht gesehen haben, kennen die Szene, wissen wofür sie steht, kennen die Ikonografie, kennen den Soundtrack.
Ursprünglich sollte die Mordszene keinen Soundtrack bekommen. Doch Komponist Bernard Herrmann insistierte, Hitchcock solle sich doch wenigstens seinen Vorschlag anhören. Der Regisseur liebte die Partitur so sehr, dass er die Komposition in die Szene aufnahm und Herrmanns Gehalt beinahe verdoppelte. Die kreischenden Geigen Herrmanns gehören bis heute zum Kanon der Populärkultur und werden seither stets mit gruseligen Mordszenen in Verbindung gebracht.
Nein, man sieht keine Brüste. «Das war nur deine dreckige Fantasie», soll Hitchcock einem der Zensoren gesagt haben. Auch sieht man nirgends das Küchenmesser in Menschenfleisch eindringen, lediglich einen rückwärts abgespielten Ausschnitt, der dies vortäuscht. Den Rest besorgt unser Gehirn.
Das war kein Ketchup, das man für Blut in der Dusche benutzte, sondern Schokosirup der Marke Bosco – weshalb es auf dem Set unglaublich fein gerochen haben soll. Auch stimmt die Urban Legend nicht, dass Janet Leigh so überzeugend schrie, weil sie mit eiskaltem Wasser begossen wurde. In Wahrheit gaben sich alle grosse Mühe, dass die Hauptdarstellerin während dem sieben Tage dauernden Dreh der Szene schön warm hatte.
Dank Hitchcocks Kameraeinstellungen und Tomasinis Schnitt musste Janet Leigh zu keiner Zeit nackt sein. Für ein paar wenige Szenen (etwa für die, in der die Leiche im Duschvorhang eingewickelt wird) wurde aber ein Body-Double engagiert: Marli Renfro, Pinup-Model und «Playboy»-Covergirl.
Während Leigh nach eigenem Bekunden den Dreh in keiner Weise traumatisierend erlebte, fuhr ihr die endgültige Szene – nachdem sie den fertigen Film gesichtet hatte – derart ein, dass sie fortan nur noch bei verschlossener Tür und Fenster und mit offenem Duschvorhang duschte. «Als ich den Film zum ersten Mal sah, wurde mir klar, wie verletzlich und wehrlos man ist.»
In der entsprechenden Romanszene wird das Opfer Mary Crane geköpft.
Ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch Hitchcocks Gesamtwerk zieht: Voyeurismus. Immer wieder thematisiert («Rear Window» oder «Vertigo» sind zwei der eindeutigeren Beispiele), ist das Motiv in «Psycho» vielschichtig wie noch nie: Das Bild, das Norman Bates entfernt, um Marion Crane durch ein Guckloch beim Ausziehen zu begaffen, ist «Susanna und die beiden Alten» des niederländischen Malers Willem van Mieris (1662-1747) und zeigt die Bibelerzählung über die junge Frau Susanna, die beim Baden ausspioniert wird. Bates entfernt also dieses voyeuristische Gemälde, um selbst Voyeur zu werden. Dazu kommen auf dem Set die Filmcrew und der Regisseur als Betrachter hinzu, die Filmkamera und natürlich wir, die Zuschauer. Wir alle sind Voyeure, die Marion Crane nachspionieren.
Anspielungen auf «Psycho» gibt es in zahllosen Filmen. Eine der eindeutigeren ist in «Halloween H20 – 20 Years Later» (1998) zu finden, als Janet Leigh die Rolle von Jamie Lee Curtis' Mutter spielt – mitsamt «Psycho»-Originalauto. Und ja: Janet Leigh ist die echte Mutter von Jamie Lee Curtis.
Marion heisst Crane (Kranich). Norman Bates findet, sie esse «wie ein Vögelchen», während sie in einem Zimmer sitzen, das mit ausgestopften Vögeln ausgestattet ist. Und Hitchcocks nächster Film hiess «The Birds». Zufall? Bei Hitchcock ist nichts Zufall.
Damit Leigh ihrem Filmcharakter gemäss nervös blieb, griff Hitchcock auf fiese Bubentricks zurück. Immer wieder versteckte er die Requisite der Mumie der Mutter in Leighs Garderobe oder in ihrem Auto.
Es gab insgesamt drei Fortsetzungen: «Psycho II» (1983), «Psycho III» (1986) und «Psycho IV – The Beginning» (1990). Anthony Perkins übernahm in allen Filmen die Rolle des Norman Bates und führte beim dritten Teil Regie. Vera Miles war in «Psycho II» erneut als Lila Crane zu sehen. Als Kulisse wurde mit Ausnahme von «Psycho IV» das Set des ersten Films wieder verwendet. Die TV-Serie «Bates Motel» (2013-2017) thematisierte die Vorgeschichte von Norman Bates, ist aber in der heutigen Zeit angesiedelt.
1998 kam das Remake von Regisseur Gus Van Sant mit Anne Heche und Vince Vaughn in die Kinos … wobei «Remake» hier angebrachter ist als bei anderen Neuverfilmungen – abgesehen davon, dass der Film in Farbe gedreht ist, orientiert er sich bisweilen passgenau an Hitchcocks ursprünglichem Werk. Dialoge, Kameraeinstellungen, Beleuchtung, Schnitte etc. wurden akribisch genau nachgestellt. Eine Liebeserklärung ans Original, oder, wie es Van Sant ausdrückte, «a huge kind of experimental project», und eines, das er – obwohl der kommerzielle Erfolg ausblieb – jederzeit nochmals machen würde.
Und das creepy Wohnhaus auch. Die Kulisse wurde nie niedergerissen und ist heute Teil der Besichtigungstour durch die Universal Studios in Los Angeles.
«The House By the Railroad», ein Gemälde des amerikanischen Malers Edward Hopper, 1925.
Zumindest ihr Schädel. Diesen nämlich bekam der berühmte französische Filmkurator Henri Langlois als Geschenk, weil Hitchcock davon ausging, dass ein amerikanisches Museum ihn «wahrscheinlich verkaufen oder verlieren» würde. Die Requisite ist heute im Pariser Musee de la Cinematheque zu besichtigen.