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John Humphreys reisst den Leichensack auf und zerrt ein Wesen heraus. Grosser Kopf, graue Haut, dicker Bauch, die Füsse mit sechs Zehen schleifen über den Boden. Er legt den nackten Körper ins Gras, richtet die Arme gerade aus, befeuchtet seinen Zeigefinger und streicht über die offenen schwarzen Augen, damit sie glänzen. Jetzt ist alles bereit für den Reporter und seine Kamera, Humphreys macht einen Schritt zurück. Das Wesen liegt in einem Rasenrondell neben Palmen und Bambus, der Garten sieht mediterran aus, doch er liegt in Normans Bay im Süden Englands. Humphreys zückt sein Handy und fotografiert die Leiche von allen Seiten. Es ist ein Freitag im Mai 2019.
«Sensation: Ein Ausserirdischer?» So kündigte die Zeitung «Blick» am 26. August 1995 einen Dokumentarfilm an, der weltweit Millionen vor die Fernseher lockte. Eine Viertelstunde lang zeigte der schwarzweisse, grobkörnige Film die angebliche Autopsie eines Ausserirdischen, der 1947 bei einem Ufo-Absturz in Roswell, New Mexico, ums Leben gekommen sei. Die amerikanische Luftwaffe sprach damals von einem gestrandeten Spionageballon, doch Rancher wollten Trümmerteile gefunden und Camper zwei seltsame Leichen beobachtet haben. Ein Kameramann des amerikanischen Militärs filmte, wie Ärzte eines der ausserirdischen Wesen untersuchten. Knapp fünfzig Jahre später verkaufte der Kameramann die Filmrollen, die er heimlich kopiert hatte, den britischen Produzenten Ray Santilli und Gary Shoefield.
Diese Geschichte erzählte Santilli im August 1995 den Journalisten und dem Fernsehpublikum. Und er hatte sie einige Monate zuvor auch dem damals vierzigjährigen Künstler und Bildhauer John Humphreys erzählt. Ein vergilbtes Foto an seiner Pinnwand zeigt ihn mit wilden Locken neben den monsterhaften Kreaturen, die er in den 1980er und 1990er Jahren für britische Fernsehserien wie «Max Headroom» und «Doctor Who» erschaffen hat.
Heute trägt er eine Glatze und einen grauen Bart, fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit er beteiligt war an einem der grössten Schwindel der Fernsehgeschichte. Oder war es gar keiner, wie Santilli und Humphreys behaupten? War die Leiche im Film tatsächlich ein Ausserirdischer?
Humphreys erzählt es so: Santilli und Shoefield zeigten ihm die Originalaufnahmen der Alien-Obduktion Anfang 1995 in London. «Es war, wie wenn man als Kind einen Science-Fiction-Film sieht und daran glaubt.» Er wusste: Wenn diese Bilder echt waren, würde die Wissenschaft kopfstehen, und doch zweifelte er keinen Moment an ihrer Authentizität. Die Filmrollen aus der Nachkriegszeit waren aber zerfallen, das Alien war nur für wenige Augenblicke zu sehen. Santilli hielt es für unmöglich, die Aufnahmen so auszustrahlen. Deshalb bat er Humphreys, das Alien nachzubauen, um die Szenen nochmals zu drehen.
Das Atelier von Humphreys befindet sich in der kleinen Garage neben seinem Haus, direkt an der südenglischen Küste. Auf Tischen stehen Tonbüsten der Queen, von Marilyn Monroe, vom Jesuskind, die seltsam verzerrt sind und so gleichzeitig surreal und lebensecht wirken. Andere Werke sind mit Tüchern verhüllt, damit der Ton nicht austrocknet. Humphreys schlägt ein Tuch zurück, darunter kommt Donald Trump zum Vorschein, auch er ziemlich zerdrückt. Der Künstler dreht den riesigen Kopf einige Male, dann reisst er kleine Stücke Ton ab und setzt sie an Trumps Hals an. Von Hand arbeitet er das Material ein, mit Nadeln modelliert er die Haare, mit einem Schwamm glättet er die Haut. Er möge Trumps hohe Wangenknochen, schwieriger sei sein Haar, das wie eine Mütze aussehe.
Humphreys arbeitet noch gleich wie vor fünfundzwanzig Jahren. Ihm reicht ein kleines Bild, von Trump oder vom Alien, um sich eine Figur dreidimensional vorzustellen. Er baute damals eine Aluminiumarmatur, bildete darauf das Alien aus Ton nach, erstellte ein Negativ, goss dieses mit Latex aus und bemalte die Puppe Schicht um Schicht. Nach drei Wochen war das Alien fertig: einen Meter fünfzig lang, grosser Kopf, graue Haut, dicker Bauch.
Damit entsprach es exakt dem Typ des «Grey Alien», der in Science-Fiction-Filmen der 1970er und 1980er Jahren aufgetaucht war. Logisch, meint Humphreys. «Wenn es höherentwickelte Wesen gibt, müssen sie so aussehen, mit grösseren Gehirnen, aber kleinerem Wuchs als wir, da sie sich körperlich nicht anzustrengen brauchen.» Einige Zeitungen berichteten später von einer «schwangeren Aliendame» und verpixelten auf Abbildungen den Genitalbereich. Humphreys lacht. Das Alien sei aufgedunsen gewesen, nicht schwanger, er habe in der Originalaufnahme kein Geschlecht erkennen können. Wer wisse überhaupt, ob sich Aliens fortpflanzten wie wir?
Da das Filmbudget klein war und der Dreh drängte, blieb Humphreys damals keine Zeit, die Organe künstlich nachzubilden. Also besorgte er bei einem Metzger auf dem Smithfield Market in London Schafhirne und Hühnereingeweide, die er seinem Alien einsetzte, eine Lammkeule für das beim Ufo-Absturz zerfetzte Bein und Schweineblut für den Filmdreh. Das Ganze stank fürchterlich. Humphreys’ Arbeit als Bildhauer war damit abgeschlossen. Santilli fragte ihn jedoch, ob er nicht auch den Pathologen spielen und sein Alien obduzieren könne. Ja klar, antwortete er.
Am 28. August 1995 schauten Millionen von Menschen in über dreissig Ländern zu, als die «Alien Autopsy» erstmals ausgestrahlt wurde. In Deutschland und in der Schweiz wurde der Film exklusiv auf RTL gezeigt, in den USA und Japan auf Fox, in Grossbritannien auf Channel 4, es war das Fernsehereignis des Jahres. In den Tagen vor und nach der Ausstrahlung diskutierten Experten, ob der Film Fakt oder Fiktion sei. Ufologen und Filmwissenschafter, Pathologen und Maskenbildner kamen zu Wort, der «Blick» befragte Erich von Däniken, der meinte: «Wenn der Film echt ist, war der Watergate-Skandal ein Scheiss dagegen.» Viele zweifelten die Echtheit an, doch kein Special-Effects-Experte konnte belegen, dass Humphreys’ Alien eine Puppe war. Einige Zweifler behaupteten, das Spiralkabel des Wandtelefons im Hintergrund stamme nicht von 1947. Andere beurteilten die Arbeit des Pathologen als wenig glaubwürdig: Der Schnitt unter dem Ohr sei unüblich, die Entnahme der inneren Organe unsystematisch, zudem würde der Pathologe sein Skalpell wie ein Metzger halten.
In diesem Punkt hatten die Kritiker recht. «Ich arbeitete als Junge in einer Metzgerei», erzählt Humphreys. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie aus Manchester, sein Grossvater war Metzger gewesen. Beim Wursten bildete der 14jährige John kleine Objekte aus Brät: seine ersten Skulpturen. Einmal formte er einen Wurstfinger, beschmierte seine Hand mit Blut und erschreckte den Meister. In der Metzgerei habe er auch einen «Special Effect» gelernt, erzählt Humphreys später am Esstisch. Er taucht sein Messer ins Wasserglas und zieht eine glänzende Linie über den Tisch. Bei der Obduktion des Aliens verwendete er Blut anstatt Wasser und erweckte so beim Schnitt unter dem Ohr den Eindruck, dass alles echt war.
Santilli, Humphreys und der Kameramann hätten sich die vermeintlichen Aufnahmen von 1947 angesehen und den Operationssaal mit dem Seziertisch in der Wohnung eines Kollegen in Nordlondon nachgebaut. Die Freundin des Kameramanns besorgte Inventar und Operationsbesteck aus den vierziger Jahren und nähte Kostüme, sie spielte die Assistentin. Humphreys trug wie sie einen Schutzanzug und imitierte die Bewegungen des Pathologen, die er im Original gesehen hatte. Er schnitt den Bauch des Aliens auf, entnahm die Organe, sägte den Schädel auf. Nach dem Dreh zerstückelte er das Alien und entsorgte es.
Am nächsten Tag rief der Kameramann an. Als Humphreys’ Frau Isabelle den Hörer abnahm, liess er ausrichten: «The Eagle has landed.» Ohne dieses Codewort vereinbart zu haben, wusste Humphreys, dass der Film entwickelt und geglückt war. Seiner Frau und seinen beiden Kindern blieb er eine Erklärung schuldig. Nachdem er den Lohn für seine Filmarbeit bekommen hatte, musste er Isabelle nur versichern, nichts Illegales getan zu haben.
Er habe den Film 1995 gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern am Fernseher gesehen, erzählt Humphreys. «Ich bat Isabelle: Frag einfach nichts. Und sie war sehr gut darin, nichts zu fragen, sie könnte die Frau eines Mafioso sein.» Und was sagt die Frau eines Mafioso heute? Sie lacht erst mal. «Ich war nicht sicher, ob das Alien echt war oder nicht. Ich vermutete, dass John etwas davon weiss, aber ich hätte nicht geglaubt, dass er dahintersteckt.»
Santilli und Shoefield hatten die exklusiven Senderechte des Films für hohe Summen an Privatsender verkauft, allein die amerikanische Station Fox soll dafür 250 000 Dollar bezahlt haben. Humphreys sah nichts davon, er sei ein Künstler, sagt er, kein Geschäftsmann. Nach der Fernsehpremiere vertrieben Santilli und Shoefield eine Videokassette mit Bonusmaterial, sie traten in Talkshows auf, trafen sich mit Wissenschaftern und Militärangehörigen aus der ganzen Welt, erhielten anonyme Morddrohungen und wurden von Einbrechern heimgesucht.
Humphreys kriegte vom ganzen Alien-Rummel wenig mit. Niemand hatte ihn damals verdächtigt. Heute sagt er, er habe akzeptiert, dass er als Künstler nicht in den Filmcredits erschienen und im Schatten geblieben sei, aber manchmal sei es schmerzhaft gewesen, sein Alien in den bekanntesten Fernsehsendungen Grossbritanniens zu sehen und niemandem sagen zu können: Ich habe das Alien erschaffen!
Humphreys schwieg – zehn Jahre lang.
Einige Jahre nach dem Filmdreh zog er mit seiner Familie aus London ins verschlafene Küstennest Normans Bay und kaufte das Haus am Strand. In seinem mit Familienfotos, Pflanzen und Kunstwerken vollgestopften Wohnzimmer hängt ein Bild, das er mit neunzehn gemalt hat. Ein dunkles Arbeiterquartier in Manchester, Backsteinhäuser, schwarze Fenster, leere Strassen, ein Parkverbot der einzige Farbtupfer. «Hier komme ich her», sagt Humphreys, «und davon habe ich geträumt.» Er zeigt aus dem Fenster, man sieht ein Fischerboot, einen leeren Strand, Möwen im Wind.
Als Kind habe er aus dem lehmhaltigen Boden in Manchester kleine Objekte geformt und davon geträumt, sie in Metall zu verwandeln. Mit achtzehn ging er an die Kunsthochschule und wollte lernen, wie man Bronzeskulpturen erschafft. Weil der Brennofen an der Schule zu klein war, baute er in einem Park seinen eigenen. Als er die flüssige Bronze in die Form goss, sah er auch diesen Traum wahr werden. Eine Kopie dieser Bronzestatue steht heute in seinem Atelier in Normans Bay, neben Donald Trump und der Queen.
Das Meer hat sich weit zurückgezogen, in Gummistiefeln stapft John Humphreys durch den nassen Sand, wie jeden Abend geht er am Strand spazieren. Er denke oft darüber nach, wie Leben auf anderen Planeten aussehen könnte. «Es gibt mehr Planeten als Sandkörner an diesem Strand, irgendwo da draussen muss es einfach Leben geben.»
Seine Kinder, die Zwillinge Michael und Louise, waren sieben, als der Alienfilm ausgestrahlt wurde, und sie vergassen ihn gleich wieder. Humphreys sagt, sie hätten ihm sowieso nicht geglaubt, wenn er ihnen vom Alien erzählt hätte. Als er mit ihnen das Museum of the Moving Image in London besuchte und eine der Alienfiguren sah, die er für «Doctor Who» erschaffen hatte, sagte er zu ihnen: «Das habe ich gemacht.» Und Michael rief: «Nein, hast du nicht! Väter machen keine solchen Sachen, die sind einfach da.»
Erst 2006 sollten Michael und Louise vom Werk ihres Vaters erfahren. Santilli und Shoefield hatten eine Idee, um das Alien wieder zum Leben zu erwecken und noch mehr Geld aus ihm herauszupressen. Sie wollten die «wahre» Geschichte des Films offenlegen und als Komödie verfilmen, mit dem englischen Moderatorenduo «Ant & Dec» in den Rollen der Filmproduzenten. Humphreys baute wieder ein Alien, das gleiche wie beim ersten Dreh. Diesmal goss er es aus Silikon, er hatte genügend Zeit und Geld, um künstliche Organe herzustellen und Filmblut zu verwenden, gedreht wurde in einem grossen Studio. Er spielte auch nochmals den Pathologen, als Gag flutschte ihm das Alienhirn aus den Fingern. Pünktlich zum Kinostart sprachen Santilli, Shoefield und erstmals auch Humphreys über den Dreh des ersten Films. In einem Fernsehbeitrag wird der Metzger auf dem Smithfield Market befragt und die Wohnung in Nordlondon gesucht, wo sie zehn Jahre zuvor gedreht hatten.
In einer der ersten E-Mails, die Humphreys 2006 nach seinem Geständnis von einem Unbekannten erhielt, hiess es: «Du hast nicht das Alien erschaffen, das Alien hat dich erschaffen.» Tatsächlich wurde das Alien Teil von Humphreys’ Identität als Künstler. Das Alien ist auf seiner Website, auf seiner Visitenkarte, an seiner Pinnwand zu sehen. Das Alien lag in der Mitte von zehntausend Salatköpfen, die er an einer Ausstellung für seinen Konzeptgarten angepflanzt hatte. Ein japanisches Filmteam porträtierte, ein portugiesischer Podcaster interviewte ihn. Immer wieder besuchen ihn Journalisten, und dann muss er den Leichensack aus dem Atelier holen. Er sei immer noch stolz auf sein Alien, sagt Humphreys, für ihn sei es einfach eines seiner surrealistischen Kunstwerke.
War also alles nur Kunst, «ein lustiges kleines Projekt mit Freunden», wie er behauptet? Santilli und Humphreys bleiben dabei, dass die Filmrollen von 1947 existierten, ein deutscher Sammler besitze sie heute, Namen nennen sie keine. Einige Bilder des ausgestrahlten Films entstammten dem Original, Santilli spricht von einer «Restauration» der Aufnahmen – nicht anders, als die Mona Lisa restauriert worden sei –, Humphreys von einem «historischen Artefakt», das er wiederhergestellt habe. Er habe kein schlechtes Gewissen, schliesslich sei es den Zuschauern überlassen, ob sie an den Ufo-Absturz glauben wollten oder nicht.
Und er selbst, glaubt er das wirklich? Wurde er von Santilli genarrt? Oder gehört das Schwindeln und Schweigen zum Kunstprojekt? Humphreys spricht leise und überlegt vom Alien, ohne Widersprüche. Wer gegenüber seiner Frau und seinen Kindern zehn Jahre lang schweigen kann, wird heute nichts Neues erzählen, warum auch? Er hat das Alien nicht nur gebaut, sondern ihm mit Santilli eine Geschichte und eine Herkunft gegeben. Nicht die vom Ufo-Crash in Roswell, sondern die vom Filmdreh in London.
John Humphreys ist als Künstler international anerkannt. Seine Büste der Queen wurde an der letztjährigen Sommerausstellung der Royal Academy millionenfach fotografiert, seine Konzeptgärten mit dem Alien oder mit einem Wurmloch mehrfach ausgezeichnet. Für Tim Burtons Film «Charlie and the Chocolate Factory» erschuf er Süssigkeitenbäume, die über einem Schokoladensee hängen. In seinem Atelier in der Garage arbeitet er täglich an seinen Skulpturen, mal für sich selbst, mal auf Auftrag.
Wie die englische Zeitung «The Observer» berichtete, war das Alien nicht das letzte nackte Wesen mit grossem Kopf, das Humphreys für einen geheimen Auftraggeber erschaffen hat. In Katar stehen vierzehn gigantische Bronzeskulpturen, die er zusammen mit seinem Cousin entworfen hat. Sie zeigen die Entwicklung eines Fötus, von der Empfängnis bis zur Geburt des Babys, 14 Meter gross, 28 Tonnen schwer. Die Skulpturen säumen die Zufahrt zu einem neuen Krankenhaus in Doha. Humphreys hat sein Werk nie vor Ort gesehen, und er wird nirgends als Künstler genannt. Signiert und für zwanzig Millionen Pfund verkauft hat es ein anderer: der britische Kunst-Superstar Damien Hirst.
Patric Marino ist Volontär beim NZZ-Folio.