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Jubilieren im «Kalten Krieg»
Schon einige Jahre vor 1960 begann die Planung für das grosse 500-Jahr-Jubiläum. Die Universität Basel hatte dabei nicht nur den Ablauf der Feierlichkeiten festzulegen, sondern auch zu entscheiden, welche Position sie gegenüber den Universitäten östlich des «Eisernen Vorhangs» einnahm. Sollte man ein Zeichen gegen die totalitären Systeme setzen und die Ost-Universitäten nicht auf die Gästeliste nehmen? Oder sollte man sie einladen, um die Verbindung der Wissenschaften auch in Zeiten des «Kalten Krieg» zu zelebrieren? Die langwierigen Debatten der Regenz waren zugleich Debatten über die politische Relevanz der Universität.
Grosse Feier – lange Vorbereitungsphase
Die Jubiläumsfeier von 1960 sollte grosszügig ausfallen – schliesslich handelte es sich um den stolzen 500. Geburtstags der ältesten Universität der Schweiz. Man erwartete eine Feier, die sich mit Vorgängerveranstaltungen wie dem 1957 zelebrierten 500-Jahr-Jubiläum der Universität Freiburg messen konnte, aber auch neue Akzente setzen würde. Ein solcher Anlass verlangte nach einer gebührenden Vorbereitung.
Bereits 1955 wurde dem Geschichtsprofessor Edgar Bonjour eine Reduktion seines Pflichtpensums zur Abfassung der umfangreichen Universitätsgeschichte gewährt, die zum Jubiläum erscheinen sollte. Erste Vorbesprechungen für das Universitätsjubiläum fanden 1957 statt. Im Sommer 1958 schliesslich wurden der Präsident der Festkommission, Regierungsrat Dr. Peter Zschokke, sowie die Vertreter diverser Subkomitees ins Amt gehoben und die Programmpunkte der Feierlichkeiten festgelegt.
Die brisante Frage der Gästeliste
Von Anfang an spielte für die Planung des Jubiläums neben der Ausgestaltung der Festtage auch ein anderes Thema eine zentrale Rolle: die Frage, welche ausländischen Universitäten zum Jubiläum eingeladen werden sollten. Uneinigkeit bestand insbesondere darin, ob man die Ostblock-Staaten, in denen die Kultur der «freien Wissenschaft» nicht gelebt werde, auf die Gästeliste setzen sollte oder nicht. «Die Zwangsmethoden beseitigen an den Ostuniversitäten die geistige Freiheit», war sich ein Grossteil der Mitglieder der Regenz, des Geschäfts- und Wahlgremiums der Universität, sicher. Einige Voten sprachen sich folglich dafür aus, die Möglichkeit einer Nicht-Einladung zu nutzen und ein Zeichen zu setzen, dass man das totalitäre Wissenschafts- und Gesellschaftssystem nicht goutiere. Sie gingen davon aus, dass eine Einladung als «Unterstützung des Regimes» verstanden werden könnte. Die organisierte Studentenschaft bezog mehrfach schriftlich und in strikt ablehnender Haltung Stellung.
Andere entgegneten, es sei die Aufgabe der Universität – und insbesondere einer Schweizer Universität – , sich nicht an der Ideologie und Praxis des Kalten Krieges zu beteiligen und stattdessen «Brücken zu bauen». Einige vertraten die Auffassung, universitäre Jubiläumsfeiern seien keine politischen Akte, sondern innerhalb des Wissenschaftssystems verortet. Sie betonten, dass auch Genf und Freiburg bei ihren kürzlich abgehaltenen Jubiläen die Ost-Universitäten eingeladen hatten. Dritte wiederum hoben hervor, es sei gerade darum wichtig, politisch verlässliche Vertreter aus der DDR einzuladen, weil deren Ausschluss aus dem internationalen Wissenschaftsbetrieb drohe und man ihre Stellung innerhalb des Heimatlandes möglicherweise stärken könnte. Weitere kritische Stimmen gaben zu bedenken, dass es auch im Westen «unfreie» Universitäten wie etwa diejenige Spaniens gebe, die eingeladen würden.
In den zahlreichen Stellungnahmen wurden auch verschiedene Kompromissangebote angedacht. So schlugen einige Mitglieder der Regenz vor, nur Vertreter der umliegenden Länder zum Jubiläum einzuladen. Dies hätte die Gastgeber aber in Erklärungsnot gebracht, etwa die Einladung der Niederlanden zu rechtfertigen. Andere machten den Vorschlag, überhaupt nur Einzelpersonen und keine Institutionen einzuladen und die politische Dimension der Einladungen damit zu entschärfen: Auf geschätzte Fachkollegen aus dem Osten wolle man schliesslich nicht verzichten.
Entscheidungsfindung im Kontext des «Kalten Krieges»
Nachdem über mehrere Monate innerhalb der Regenz und auch in der Presse kontroverse Debatten geführt und ein definitiver Entscheid verschiedentlich aufgeschoben worden waren, erliessen der Regierungsrat und die Universitätsregenz am 3. Dezember 1959 die Mitteilung, man habe sich in der Frage der auswärtigen Gäste nun geeinigt. Damit sei die «schon fast ins Unerfreuliche abgleitende Diskussion über die ausländischen Hochschulen» zu einem Ende gekommen, hält der nachträglich verfasste Festbericht diplomatisch fest. Der langwierige Entscheidungsprozess zeigt, von welcher Brisanz die Frage von Einladungen für Universitätsjubiläen im Kontext des «Kalten Krieges» war. Gleichzeitig gibt er in gewisser Weise die vielseitigen Haltungen wieder, die in der Schweiz im «Kalten Krieg» vertreten waren. Einerseits propagierte man den Weg der politischen Unabhängigkeit, andererseits legten gerade die bürgerlich-liberalen Kräfte ihr Augenmerk auf Ideale wie Demokratie und Menschenrechte. Im Kontext der zweiten Berlinkrise (1958-61), in dem die Jubiläumsplanung stattfand, war die Angst vor einem Atomkrieg in der Deutschschweiz zudem explizit. Sie äusserte sich in einem antikommunistischen Feindbild und in Ängsten vor kommunistischer Subversion. Gleichzeitig erwartete man von der Politik der Westmächte, dass sie einen Beitrag zur Entspannung der Situation leisteten.
Die Basler Lösung bestand schliesslich in einem Kompromiss. An einer langen Sitzung, die auf Druck der Regierung am 28. Oktober stattfand, hatte die Regenz folgende Entscheide gefällt: Mit grossem Mehr gegen vier Stimmen wurde es abgelehnt, grundsätzlich keine Ost-Universitäten einzuladen. Ebenso lehnten es aber 33 gegen 10 Stimmen ab, alle Ost-Universitäten einzuladen. Mit grossem Mehr wurden die Einladungen an die Universitäten von Ungarn, Rumänien und Bulgarien und etwas weniger deutlich die Einladung von Ostdeutschland abgelehnt. Willkommen hingegen waren Einladungen an Polen, Jugoslawien und Prag sowie – wenn auch weitaus weniger eindeutig – an Russland (Sowjetunion). Zudem wurde festgelegt, dass die Einladung von Vertretern einzelner Fakultäten Sache ebendieser und nicht der Universität sei. Damit war es einzelnen Fachrichtungen möglich, «um der Universalität der Wissenschaft Ausdruck zu verleihen, bedeutende Gelehrte der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen aus aller Welt als persönliche Gäste» einzuladen, wie der Festbericht festhält. Die Regenz hatte mit dieser Lösung einerseits politisch Farbe bekannt, andererseits aber auch deutlich gemacht, dass die politische Relevanz universitärer Handlungen überhaupt bzw. der Verantwortung der Wissenschaft nicht eindeutig geklärt war, sondern zur Debatte stand.