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Wer sich für (die wenigen bekannten) Details aus Jesse Thoors Biografie interessiert, den darf ich getrost an die üblichen Ressourcen im Internet verweisen. Praktisch jeder Artikel zu Jesse Thoor, jede Besprechung des vorliegenden Buchs auch (erschienen – unter dem Titel Das Werk – im Wallstein-Verlag, 2013), bringt diese Details. Vielleicht, weil man wenig anderes anzubringen weiss? Auch bei einer Interpretation werden immer in etwa die gleichen Schemata angelegt: Vaganten-Lyrik seien seine Gedichte, oder man spricht von einer Wandlung ins Religiös-Mystische. Als poeta ignorans wird er gehandelt, weil er ganz offensichtlich keine höhere Schulbildung genossen hat.
Wie alle auf ein Individuum angewandten Gemeinplätze, stimmen diese auch im vorliegenden Fall nur bedingt. Jesse Thoors Lyrik erschliesst sich einem nicht so rasch, gerade, weil dem Leser biografische Daten fehlen, an denen der mit seiner Analyse einhaken kann. (Wie viel einfacher macht es da einem einer wie Goethe!) Jesse Thoor hat zu Lebzeiten (er lebte von 1905 bis 1952) wenig veröffentlicht, ein paar Sonette nur, und dies Wenige fand im Publikum kaum Echo. Seine bevorzugte lyrische Form war lange Zeit das Sonett, seine Sprache weist biblische Färbung auf. Dies, zusammen mit der Tatsache, dass Peter Karl Höfler früh für Leben wie Dichtung das Pseudonym Jesse Thoor angenommen hat, wo Jesse eine Anspielung sein soll auf Jesse, den Vater König Davids, dem wiederum viele Psalmen des Alten Testaments zugeschrieben werden, verführte offenbar so manchen Interpreten, dem Autor religiös-mystisches Selbstverständnis zuzuschreiben. Denn damit schliesst sich für sie der Kreis. Mag sein, dass sich die Rückführung des Namens Jesse auf Davids Vater durch Aussagen von Höfler bestätigen lässt – ich habe im Werk keine gefunden, kann sie aber überlesen haben; dennoch sehe ich nicht ein, warum Jesse nicht auch eine Anspielung sein könnte auf (zum Beispiel) Jesse James, den berühmten US-amerikanischen Outlaw und Robin-Hood-Imitator. Von Davids Psalmen zu Jesse Thoors Sonetten ist es auch formal ein weiter Weg. Ausserdem ignoriert diese Interpretation den von Höfler seinem Pseudonym hinzugefügten zweiten Namen, Thoor, der trotz spezieller Schreibweise doch wohl auf den alten germanischen Gott des Donners hinweisen soll. An dem kann ich nun definitiv nichts Mystisches festmachen. Die Sprache selber würde ich auch lieber ‘lutherisch’ denn ‘biblisch’ nennen. (Auch Nietzsche in seinem Zarathustra hat Luthers Sprache imitiert; Jesse Thoor kannte von Nietzsche wohl mindestens die Morgenröte.)
Jesse Thoors Themen könnte man barock-existentialistisch nennen: Er beschreibt das Leiden des Individuums in und an der Welt, aber dieses Leiden wird immer sehr konkret-physisch dargestellt: Man reisst dem lyrischen Ich seine Augen aus, schlägt es zusammen; die wenigen Freuden des Leben, die es geniessen kann, sind das Trinken von billigem Fusel und hin und wieder einmal eine alte, hässliche Hure. Soziologisch formuliert, würde man Jesse Thoors Welt als die des Proletariats und Sub-Proletariats bezeichnen. Es ist eine Welt, in der Hunger, Angst und Not regieren, ein Irrenhaus gar – eine düstere Welt allemal. Und in dieser düsteren Welt auf einmal die Schönheit, die Eleganz und die Raffinesse des klassischen Sonetts! Sonette gar, die sich untereinander kreuz und quer aufeinander beziehen durch Reden und Gegenreden, erste, zweite, dritte usw. Stimmen! Kein Wunder, war und ist das Publikum von dieser Diskrepanz zwischen Form und Inhalt überfordert. (Das Werk enthält auch Kurzgeschichten von Jesse Thoor, aber nirgends in seinen Kurzgeschichten erreicht er die Stringenz und Prägnanz seiner Lyrik.)
Schon die Tatsache, dass sich Jesse Thoor der klassischen Form des Sonetts bedient, unter Verwendung von Kreuzreimen und allem verstechnischen Pipapo, das der Literaturstudent einmal in seinem Studium gelernt haben muss, zeigt, dass der Dichter nicht einfach so als ungelernter Arbeiter-Dichter hingestellt werden kann. Er kannte (und zitierte, wenn es nötig war!) Shakespeares Sonette auf Englisch, auch wenn von ihm die Sage geht, dass er trotz jahrelangem Aufenthalt in England die Sprache nur notdürftig oder gar nicht gelernt habe. Jesse Thoor verfasst ein Sonett (Einem unbekannten Toten) nach einem Gedicht (Der Schläfer im Tal) von Rimbaud. Seine Briefe zeigen, dass er locker, nebenbei, Schiller zitieren kann; auch Walt Whitman (selbst wenn er Wald Withman schreibt – seine Orthographie ist auch im Deutschen nicht zu 100% sattelfest) hat er gelesen. Diese Lektüren lassen sich konkret nachweisen. Ich tendiere aber zusätzlich dahin, Jesse Thoor auf Grund seines Wortschatzes, seiner Beschreibungen in den Sonetten auch Bekanntschaft mit Gottfried Benns Morgue zuzuschreiben; seine späteren, nicht mehr in Sonett-Form gehaltenen Gedichte wiederum sind von Form und Wortschatz her definitiv ins Düstere gewendete Galgenlieder Morgensterns.
Der Herausgeber des Werks nennt Jesse Thoor nicht einen Vergessenen, sondern einen Übersehenen, und das stimmt wohl, denn schon zu Lebzeiten hat man den Österreicher mit Wohnsitz erst in Berlin, dann in England, kaum zur Kenntnis genommen. Jesse Thoor hat sich dem literarischen Betrieb bewusst verweigert; sein Werk wird dadurch bis heute bestraft. Dabei würde ich jedem, der Lyrik auch nur ein bisschen mag, Jesse Thoors Sonette ans Herz legen. (Seine im Werk ebenfalls vorliegenden Briefe – die meisten davon an eine Tante in Österreich – sind allerdings grösstenteils uninteressant, und seine Prosa darf man getrost überblättern.)