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«Arena» zum Thema «Frauen am Herd?» beanstandet (II)
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Mit Ihrer Eingabe vom 19. Juni 2016 haben Sie die Arena zum Thema „Frauen am Herd?“ beanstandet, namentlich wegen Nicht-Sachgerechtigkeit, der Zusammensetzung der Teilnehmenden und der Gesprächsleitung beanstandet. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Voraussetzungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
Der Auftrag des SRF ist, wie auf der eigenen Homepage proklamiert, „die freie Meinungsbildung durch umfassende und sachgerechte Information,...“[1] zu fördern. Im Sinne dieses Auftrages scheint mir die Sendung nutzlos. Mit einem solchen Thema (vom klar Klischee bedienend und fördernden Titel will ich nun gar nicht anfangen) hätte man sachlich die verschiedenen Massnahmen zur Förderung von Gleichstellung besprechen können: Was sind Vorteile von mehr Kitas? Bringt der längere Vaterschaftsurlaub, was er verspricht? Mit welchen Mitteln kann endlich Lohngerechtigkeit erreicht werden? Bleibt die Frage, ob wir Gleichstellung überhaupt wollen. In dem Format, in welchem die Sendung ablief, war es einfach vorzugeben für Gleichstellung zu sein, jegliche Förderung deren aber abzulehnen (siehe Herr Gut). Warum wurde er von Herrn Projer nicht mit den Fakten konfrontiert? 667 Franken im Monat! Schon eine Stange Geld. Als Pluralist könnte man sagen, man kann diese Haltung akzeptieren. Nichtsdestotrotz ist es irreführend, wenn man in einer Informationssendung so tun kann als wäre man für etwas, wenn man es nicht ist.
Ganz konkret: Die Sendung vermittelte den Eindruck, die Diskussion drehe sich darum, ob Gleichberechtigung existiere oder nicht. Diese Diskussion gibt es jedoch nicht. Es gibt keine zwei Meinungen auf Fakten, was Frau Moser gegen Ende der Sendung mit dem Klimawandelvergleich hervorhebt. Die Diskussion müsste lauten: Wollen wir Gleichberechtigung? Da dies jedoch in unseren Gesetzesbüchern schon beantwortet wurde, bleibt schlicht und ergreifend: Wie bewerkstelligen wir das? Voten, welche sich mit dieser Frage beschäftigen oder versuchen das Gespräch auf diesen Pfad zu leiten, sind rar in den 75 Minuten und hätten von Herrn Projer gefördert werden müssen. Zu seiner Entlastung möchte ich anmerken, dass ich – aufgrund meiner sonstigen Erfahrung mit der Arena – schwer das Gefühl habe, dass die Sendung erst gar nicht auf diese Fragestellung konzipiert war.
Zur Ausrichtung dieser Sendung und zur Gesprächsleitung derselbigen hätte ich gerne eine Untersuchung oder stichhaltige Erklärung seitens des SRF, wie solch ein Inhalt im Rahmen eines „bedeutenden Faktor der politischen Meinungsbildung in der Deutschschweiz“[2] gesendet werden kann? “
B. Ihre Beanstandung wurde der zuständigen Redaktion zur Stellungnahme vorgelegt. Jonas Projer, Redaktionsleiter Arena schrieb:
Herr X wirft in seiner Beanstandung eine interessante Frage auf, die wir auf der Redaktion der «Arena» regelmässig diskutieren: Worüber darf und muss in einer Diskussionssendung kontrovers diskutiert werden – und worüber nicht? Gerne führen wir anhand der beanstandeten Sendung kurz unsere Überlegungen dazu aus.
Erstens: Grundsätzlich darf und muss die politische Diskussion in der «Arena» ausgewogen sein – und dafür braucht es Gäste mit unterschiedlichen Ansichten. Es liegt in der Natur der Sache, dass Zuschauerinnen und Zuschauer aufgrund der eigenen politischen Ansichten nicht mit allen Gästen einverstanden sind. Herr X beispielsweise ist der Ansicht, dass Philipp Gut sich inhaltlich geirrt und diese irrige Position während der Sendung stur verteidigt habe. Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Unterstellung zu belegen, zu falsifizieren oder zu bewerten. Entscheidend ist aus unserer Sicht nur, dass die Diskussion ausgewogen verlief, was durch die starken Gegenspielerinnen (Tiana Angelina Moser, Rosmarie Zapfl) gewährleistet war; auch Philipp Gut stand mit Anita Weyermann eine starke Unterstützung zur Seite. Dass der Beanstander nicht einverstanden war mit einzelnen Gästen, ist aus unserer Sicht aufgrund dieser Ausgewogenheit unproblematisch.
Zweitens: Die aus unserer Sicht schwierigere Frage ist jene nach dem Verhältnis zwischen Ausgewogenheit und Sachgerechtigkeit. Die «Arena» muss sich an beiden Zielen orientieren. Doch diese stehen in einer kontroversen Diskussionssendung oft in einem Spannungsverhältnis. Beispielsweise muss in der «Arena» kontrovers darüber diskutiert werden, ob das Rentenalter auf 67 erhöht werden soll – dies gebietet die Ausgewogenheit. Gleichzeitig wäre es falsch, kontrovers darüber zu diskutieren, ob die Erde eine Scheibe ist – dies verbietet die Sachgerechtigkeit.
Wie aber verhält es sich bei der Frage, ob der Anteil betagter Menschen in der Schweiz auch in Zukunft steigen wird? Ist dies ein unverrückbarer demografischer Fakt – wie die Befürworter eines höheren Rentenalters argumentieren würden? Oder ist dies durchaus kontrovers zu diskutieren, beispielsweise wegen der Zuwanderung, wie die Gegner des höheren Rentenalters argumentieren? «Facts are stubborn things», «Fakten sind stur», meinte der frühere amerikanische Präsident John Adams. Doch wo Fakten aufhören und Meinungen anfangen – darüber gehen die Meinungen oft auseinander (was Journalisten nicht von ihrer Verantwortung entbindet, Klarheit zu schaffen). In diesem Spannungsfeld zwischen Ausgewogenheit und Sachgerechtigkeit bewegt sich die «Arena» jede Woche.
Zum konkreten Fall: Herr X kritisiert, dass die Existenz oder Nichtexistenz einer Lohndiskriminierung von Frauen kontrovers diskutiert wurde; er argumentiert mit Unterlagen des Bundes und ist der Meinung, die Existenz einer solchen Lohndiskriminierung seit eine objektiv feststellbare Tatsache. Wir hingegen kamen aufgrund unserer Recherchen zum Schluss, dass die Existenz einer Lohndiskriminierung (nicht eines Lohnunterschieds) durchaus kontrovers diskutiert werden kann und deshalb ausgewogen diskutiert werden muss. Es stimmt: Die Lohnstudien des Bundes gehen von einer Lohndiskriminierung aus. Gleichzeitig sind in den Lohnstudien des Bundes aber nicht alle möglicherweise relevanten Faktoren berücksichtigt (bspw. Erfahrung, Weiterbildungen). Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt argumentierte in der «Arena» denn auch unter Verweis auf nicht berücksichtigte Faktoren, der statistisch belegbare Lohnunterschied beruhe nicht auf einer tatsächlichen Lohndiskriminierung.[3]
Um Missverständnisse auszuschliessen: Wir kamen auf der Redaktion der «Arena» nicht zum Schluss, dass eine Lohndiskriminierung nicht existiert (oder dass sie existiert). Wir kamen einzig zum Schluss, dass die Sachgerechtigkeit eine kontroverse Diskussion über diese Frage nicht ausschliesst – weshalb die Ausgewogenheit sie verlangt.
Drittens: Es gibt Fragen, die wir in der «Arena» aus grundsätzlichen Überlegungen unter keinen Umständen kontrovers diskutieren würden. Fand der Holocaust statt? Sind Menschen mit dunkler Hautfarbe weniger wert? Müssen Homosexuelle von ihrer sexuellen Ausrichtung geheilt werden? Wer Menschenwürde und Rechtsstaat respektiert, wird solche Fragen nicht kontrovers erörtern.
Und das ist der springende Punkt: Die «Arena» hat eben gerade nicht kontrovers diskutiert, ob Frauen gleichgestellt sein sollen. X zitiert unseren Aufruftext zur Sendung leider falsch, wie der in der Beanstandung (dort Fussnote 2) angefügte Link[4] belegt. Der Beanstander zitiert uns irrigerweise: „Existiert eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau? Wenn nein, warum nicht? Ist eine solche überhaupt wünschenswert?“ Diese letzte Frage wurde im vom Beanstander verlinkten Aufruf nicht gestellt – und, soweit wir wissen, von uns auch nirgendwo anders. Eine Google-Recherche nach der inkorrekt zitierten Wortfolge und dem Begriff „Arena“ ergibt keine Treffer.[5] Da wir die in der Bundesverfassung (Art. 8 Abs. 3) verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau als unverhandelbaren Grundwert betrachten, würden wir sie in der «Arena» nicht kontrovers diskutieren. Von uns diskutiert und im vom Beanstander verlinkten Aufruf gestellt wurden ganz andere Fragen:
„Sind Frauen und Männer heute schon längst gleichgestellt – und nur ein paar Feministinnen haben das noch nicht begriffen? Oder sind Frauen immer noch benachteiligt? Im Beruf zum Beispiel, weil es zu wenig Krippenplätze gibt?“
Wir sind aus den genannten Gründen der Ansicht, im vorliegenden Fall eine Sendung realisiert zu haben, in der erstens ausgewogen diskutiert, in der zweitens die Sachgerechtigkeit angemessen berücksichtigt und in der drittens auch der Grundwert der Gleichberechtigung von Mann und Frau mit dem gebotenen Respekt behandelt wurde.
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Beurteilung der Sendung.
Sie werfen grundsätzliche Aspekte zur Fragestellung der Arena „Frauen am Herd? auf, die Jonas Projer meiner Ansicht nach ebenso grundsätzlich aufnimmt und reflektiert. Die Antworten der Redaktion überzeugen mich und zeigen, wie ernsthaft über diese Sendung nachgedacht wurde.
Rollenbilder, Lebensformen, Gesellschaftswerte sind und bleiben aktuelle Thema in unserer Kultur. Über sie wird debattiert, verhandelt, gestritten, manchmal sachlich, manchmal emotional bis polemisch. Sie sind herausfordernd für die Politik, die Wirtschaft, für Kultur und Gesellschaft und für uns als Individuen.
Dies hat sich an der von Ihnen kritisierten Arena deutlich gezeigt. Sie war in vielen Teilen eine Auseinandersetzung über Werte, die teils ziemlich absolut verteidigt wurden. Sie hätten die Diskussion gern in eine andere Richtung gelenkt gesehen, nämlich; Wollen wir Gleichberechtigung, bzw. wie bewerkstelligen wir sie? Die Überlegungen der Arena Verantwortlichen zeigen deutlich, weshalb die Fragestellung so weder möglich noch gewollt war.
Ansätze, über Systeme, Kosten, Strukturen zu reden gab es, wurden aber immer wieder überlagert von Emotionen. Fakten wurden zwar durchaus eingebracht – von Votanten und seitens SRF– ich erinnere an Besteuerung, Altersvorsorge, Kitakosten, Lohngleichheit, Vaterschaftsurlaub, Jahresarbeitszeit, selbst das Quotenthema kam vor. Vertieft werden konnte keines, dafür fehlten Zeit und Bereitschaft der Teilnehmenden.
Die Sendung hat zumindest gezeigt, wie schwierig und noch immer kontrovers und emotional das Thema ist. Wer alles dazu beitragen soll, dass Frau und Mann, Mutter und Vater gleichberechtigt sind, war in der Sendung ja umstritten. Sind es die Eltern selbst – allenfalls durch freiwilligen Verzicht auf Gleichberechtigung – sei es beim Arbeiten auswärts oder zuhause, ist es die Wirtschaft oder ist es Gesellschaft bzw. die Politik? Die Meinungen waren gemacht und scheinen unumstösslich.
Eine Versachlichung in die Debatte zu bringen war schwierig bis unmöglich. Es ist das Risiko dieses Sendegefässes, dass nicht alle eingeladenen Diskussionsteilnehmenden aufeinander eingehen bzw. aufeinander zu gehen. Wie die Debatte laufen wird, ist im Vorfeld schwer abschätzbar.
Die Arena „Frauen am Herd“ ist kein Glanzstück, sie hat aber versucht, Rollenbilder in den Köpfen von Frauen und Männern zu thematisieren. Diese Diskussion muss und wird weiter gehen.
Den Programmauftrag hat die Sendung meiner Ansicht nach nicht verletzt.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Sylvia Egli von Matt, stv. Ombudsfrau
[1] http://www.srf.ch/unternehmen/unternehmen/portraet/auftrag-und-strategie
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