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Aktuelle Preisträger*innen
Auch 2020 hat sich die Jury entschieden, den Fritz Stolz-Preis an zwei der eingereichten Dissertationen zu vergeben. Beide Studien sind gleichermassen hervorragend und gleichzeitig, was Thema und Ansatz betrifft, grundverschieden. So stehen sie nicht nur für die Qualität sondern auch für die inhaltliche Breite der religionswissenschaftlichen Forschung in der Schweiz.
Ramona Jelinek-Menke: Religion und Dis/ability – Behinderung und Befähigung in religiösen Kontexten. Eine religionswissenschaftliche Untersuchung von Interviews mit Betreuten und Betreuenden in anthroposophischen, evangelischen und katholischen Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, Universität Zürich, 2019.
In ihrer Dissertation erörtert Ramona Jelinek-Menke die Beziehung zwischen Religion und sozialem Status von Individuen am Beispiel der Ein-/Ausgrenzung von Menschen, die als geistig behindert gelten. Aus einer konstruktivistischen Perspektive, in der "Behinderung" nicht als ein individuelles Merkmal, sondern als das Ergebnis einer sozialen Konstruktion von "Un/Fähigkeit" betrachtet wird, fragt sie, wie Religion zur Konstruktion von "Un/Fähigkeit" beiträgt und umgekehrt, wie "Un/Fähigkeit" die Strukturen von "Religion" prägt. Empirisch stützt sich die Dissertation auf qualitative Interviews mit Betreuenden und Betreuten in sechs katholischen, evangelischen und anthroposophischen Einrichtungen in Deutschland.
Besonders gelungen in dieser Dissertation ist die Integration von empirischer Analyse, methodischer Reflexion und theoretischem Anspruch, wobei zur Interpretation der empirischen Daten gekonnt die Luhmann'sche Systemtheorie zum Einsatz kommt. Darüber hinaus stellt diese Dissertation einen bahnbrechenden Beitrag zu dem im Entstehen begriffenen Feld der behinderungsbezogenen Religionswissenschaft dar.
Fabian Pfitzmann:Un YHWH venant du Sud? De la réception vétérotestamentaire des traditions méridionales et du lien entre le Madian, le Néguev et l’exode (Ex-Nb ; Jg 5 ; Ps 68 ; Ha 3 ; Dt 33), Université de Lausanne, 2019.
Fabian Pfitzmanns Dissertation untersucht eine alte Debatte in der Geschichte der Religionen des alten Israel: Woher kam der Gott der hebräischen Bibel? Anhand verschiedener Teile des biblischen Textes haben Historiker eine Reihe unterschiedlicher Antworten vorgeschlagen. Pfitzmann argumentiert jedoch, dass man nicht nach einem einzigen Ursprung suchen, sondern vielmehr das Vorhandensein einer Vielzahl von Traditionen akzeptieren sollte - hinter denen möglicherweise eine Vielzahl von Kulten stehen könnte. Dies wiederum veranlasst den Autor, zu analysieren, wie die verantwortlichen Verfasser der Bibel, wie wir sie kennen, mit dieser Vielzahl von Traditionen umgegangen sind und welche redaktionellen wie politischen Ziele sie damit verfolgten.
Diese Dissertation beeindruckt sowohl durch die Breite der berücksichtigten Forschung und Quellen als auch durch ihre Originalität: Sie stellt die wissenschaftliche Debatte über die Herkunft JHWHs auf eine neue Grundlage, indem sie zu einer diskursiven Herangehensweise an die uns vorliegenden biblischen Texte übergeht.