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Brunngasse 8: Kleinmuseum geplant
An der Brunngasse 8, im Haus «Zum Brunnenhof», wurden vor über zwanzig Jahren bedeutende Wandmalereien entdeckt. Diese sollen nun der Öffentlichkeit besser zugänglich gemacht werden. Zu diesem Zweck ist die Eröffnung eines Kleinmuseums geplant. Die Vorbereitungsarbeiten laufen auf vollen Touren.
Im Jahr 1996, im Zuge der Renovation der städtischen Liegenschaft Brunngasse 8/10, einem Wohnhaus, sind im Treppenhaus im ersten Obergeschoss Wandmalereien zum Vorschein gekommen, die in der Folge freigelegt und säuberlich restauriert wurden. Seither können sie im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Im vergangenen Jahr mögen es rund 1800 Personen gewesen sein, welche die Wandmalereien gesehen haben. Die Malereien stammen aus den 1330er-Jahren und zeigen an dieser Wand eine mittelalterliche Tanzszene, bäurische Männer sind zu sehen, vornehme Damen und ein Flötenspieler.
Die Malerei wird an einer Stelle jäh vertikal unterbrochen: vor einigen Jahrzehnten wurde hier die Wand aufgespitzt, um elektrische Leitungen zu verlegen…
Der Hintergrund dieser Malereien ist höchst interessant. Aufgrund der folgenden Forschung, dem Studium von Urkunden und von anderen Quellen, lässt sich heute sagen, dass das Haus in den Jahren um 1330 einer jüdischen Familie gehörte.
Es stellte sich heraus, erklärte Dölf Wild, Leiter Archäologie der Stadt Zürich, dass die abgebildeten Szenen und die darüber angeordneten Familienwappen tatsächlich von dieser jüdischen Eigentümerschaft in Auftrag gegeben worden waren. Somit ermöglichen sie einen Blick in eine Wohnung vornehmer mittelalterlicher Juden, was europaweit einzigartig ist. Abgebildet sind Familienwappen des regionalen und überregionalen (christlichen) Adels, als prominentestes das der Grafen von Luxemburg. Unter den Wappen befinden sich in hebräischer Schrift die Namen der Familien; sie sind vermutlich vom Auftraggeber als eine Art Platzmarke für den ausführenden Maler angebracht und nach Vollendung der Wappen übermalt worden. Diese Erkenntnis ist von grosser Bedeutung: Der Fund belegt gleichsam, dass jüdische Familien im mittelalterlichen Zürich nicht nur unter sich gelebt, sondern sich durchaus in die Gesellschaft eingegliedert haben und Teil derselben waren. (Was die Zürcher Obrigkeit nicht davon abhalten sollte, 1349 die rund 100 hier lebenden Juden aus der Stadt zu vertreiben oder umzubringen: So konnte man die Schulden bei den Kreditgebern leicht loswerden…)
Wandmalerei in einer Wohnung
Die in Fragmenten erhaltenen Malereien waren in einem damals fast 80 Quadratmeter grossen quadratischen Festsaal angebracht und liefen in einem Fries vermutlich über alle vier Wände. Die Ostseite im Treppenhaus brachte eine beachtliche bemalte Fläche zum Vorschein. Die gegenüberliegende Seite, die Westseite also, wurde 1996 ebenfalls stellenweise freigelegt und hätte dann wieder abgedeckt und gesichert werden sollen. Denn die Restaurierung ist sehr aufwendig und kostspielig. Zudem ist die Wand Teil der Zweizimmerwohnung im ersten Obergeschoss und der Erhalt der Malerei hatte erste Priorität. Die neue Mieterin der Wohnung indessen, Silvana Lattmann, verliebte sich auf der Stelle in die Fresken, wie sie diese nannte, und wollte sie unbedingt offengelegt haben. Sie konnte bei der städtischen Liegenschaftenverwaltung (heute Liegenschaften Stadt Zürich) sowie Archäologie und Denkmalpflege der Stadt Zürich erreichen, dass die Wandmalereien freigelegt und restauriert wurden – sie übernahm die Kosten. Und konnte sich seither viele Jahre täglich freuen über diese Fresken. – In diesem Raum, auf der Westseite, ist übrigens eine Falkenjagd dargestellt. Die Szene zeigt eine höfische Frau zu Pferd, von deren behandschuhtem Arm soeben ein Falke hochgeflogen ist, der von einem im Galopp wegreitenden Mann angelockt wird…
Umnutzung zu Museum
Im Oktober 2018 zog Silvana Lattmann kurz vor ihrem 100. Geburtstag in eine Seniorenresidenz und die Frage nach der weiteren Nutzung der Wohnung tauchte auf. Einfach normal vermieten konnte man die Wohnung nicht.
Dölf Wild war es, der die Idee eines Kleinmuseums hatte, die ihn nicht mehr loslassen sollte. Er suchte das Gespräch mit Liegenschaften Stadt Zürich, mit der Denkmalpflege, mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und weiteren Stellen und Personen. Seither ist viel passiert und heute ist es so, dass das Museum in der Planung weit fortgeschritten ist und die Eröffnung in Sichtweite rückt.
Es hat sich ein Trägerverein konstituiert, mit Ron Epstein-Mil (Architekt, Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ) als Präsident, Dölf Wild (Vertreter der Stadt) als Vizepräsident und mit weiteren Personen im Vorstand. Unterstützt wird das Projekt von Kultur Stadt Zürich, welche die Mietkosten übernimmt. Zur Deckung der Betriebskosten werden private Geldgeber gesucht. – Somit wird es künftig möglich sein, nicht nur die Malereien im Treppenhaus, sondern auch die bisher in einem Privatraum situierten Fresken zu sehen, jene dem Treppenhaus gegenüber liegenden, an der Westwand.
Grosse Bedeutung
Der Saal, so wird vermutet, könnte insgesamt 84 Wappen aufgewiesen haben. 25 davon sind erhalten geblieben, eine Gruppe von neun bis zehn im zweiten Zimmer der Wohnung ist nicht freigelegt. Ob man diese wohl auch noch ans Licht holen will? Dölf Wild und Ron Epstein-Mil könnten sich das gut vorstellen. Vorerst jedoch gilt es vieles anderes vorzubereiten und in die Wege zu leiten. Vorgesehen ist, das Museum mit der Schlüsselübergabe per anfangs 2020 zu eröffnen, das Sichtbare zu zeigen.
Darüber hinaus sollen schriftliche Informationen und audiovisuelle Präsentationen nach und nach bereitgestellt werden, die nicht nur die Wandmalereien erläutern, sondern sie in ihrer Bedeutung würdigen und das Umfeld erklären. Einer der Söhne der Hauseigentümerin von 1330 war der berühmte Rabbi Moses, der den «Zürcher Semak» verfasste, einem Kommentar jüdischer Gesetze, der im Mittelalter weite Verbreitung gefunden hat. Darüber hinaus wird die Geschichte der Juden in Zürich im Allgemeinen thematisiert. Aber auch die Stadt Zürich zur Zeit der Manessischen Liederhandschrift, mit welcher die Malerei direkt verwandt ist und die eine kulturelle Hochblüte der Stadt bezeugt, wird ein wichtiges Thema sein im Museumsraum.
Elmar Melliger
Das Museum wird geöffnet sein für Gruppen auf Anmeldung. Eröffnung anfangs 2020. Weitere Informationen folgen demnächst unter www.museum-brunngasse8.ch.