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Samstag, 27. Dezember 2014 23:28
Seine Lebensgrundlage schmilzt mit der Erderwärmung: Polarbär im arktischen Eis. Foto: Keystone
Thomas Stocker* über die Wege, die Klimaerwärmung doch noch unter Kontrolle zu bringen
Nachdem gewiefte Lobbyisten jahrelang mit der sogenannten Erwärmungspause Zweifel am menschgemachten Klimawandel verbreitet haben, erleben wir 2014 das wärmste Jahr seit den Aufzeichnungen. Aber eben, ein einzelnes Jahr allein genügt nicht, um verlässliche Aussagen zu machen. Dazu braucht es nämlich viele Jahrzehnte von genauen und weltweiten Messungen. Diese zeigen klar: Die globale Lufttemperatur ist seit 1880 angestiegen, der Weltozean hat sich bis auf 2000 Meter Tiefe erwärmt, und die Gletscher, Grönland und die Antarktis schmelzen rasant ab und verursachen mehr als die Hälfte des gegenwärtigen Anstiegs des Meeresspiegels. Genau so, wie das die Klimaforscher bereits 1990 im ersten Bericht des UNO-Weltklimarats (IPCC) abgeschätzt haben. Trotzdem bin ich froh über das Rekordjahr 2014, denn der Begriff «Erwärmungspause» ist nun vom Tisch und wir können uns als informierte Bürger den Fakten zuwenden.
Der am 7. November publizierte Fünfte Sachstandbericht des IPCC hält in seinen vier Hauptaussagen fest: 1. Der menschliche Einfluss auf das Klimasystem ist klar. 2. Weitere Treibhausgasemissionen werden erhebliche Auswirkungen auf Menschen und Ökosysteme haben. 3. Die Begrenzung des Klimawandels erfordert beträchtliche und anhaltende Reduktionen der Treibhausgas-Emissionen. Und 4. Es gibt mehrere Strategien, die Erwärmung unter 2 Grad Celsius zu halten. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden von allen Ländern im Wortlaut verabschiedet.
Kann es gelingen, die Erwärmung auf unter 2 Grad Celsius zu halten? Ja, aber das ist inzwischen ein äusserst ehrgeiziges Ziel geworden und wird bald unerreichbar. Die entscheidende Grösse ist das gesamte ausgestossene CO2 seit der industriellen Revolution: Bis Ende 2013 wurden 535 Milliarden Tonnen Kohlenstoff (Mrd. t C), hauptsächlich Kohle, Erdöl und Erdgas, aber auch durch die Abholzung des tropischen Regenwaldes in die Atmosphäre geblasen. Die Erwärmung kann unter 2 Grad Celsius gehalten werden, falls insgesamt nicht mehr als 790 Mrd. t C emittiert werden. Es stehen uns also nur noch gerade 255 Mrd. t C zu, und diese Menge schrumpft jährlich um 10 Mrd. t C. Bei gegenwärtigen Emissionen wird das 2-Grad-Celsius-Kontingent in etwa 25 Jahren ausgeschöpft sein.
Ist also schon alles verloren? Seit 1980 haben die Emissionen in Europa, seit 2007 in den USA nicht mehr zugenommen. Allerdings nehmen sie in China und Indien mit über 6 Prozent pro Jahr zu, und China ist zum weltweit grössten CO2-Emittenten aufgestiegen. «Da soll doch China voranschreiten», behaupten die Bremser.
Da aber der Gesamtausstoss an CO2 seit der industriellen Revolution relevant ist, kommt mit 50 Prozent Europa und den USA die historische Verantwortung zu; China liegt erst bei 11 Prozent. Der Ball liegt also bei uns. «Aber die Schweiz», so höre ich, «ist doch so ein kleines Land, wir können nichts tun.» Sagen wir das auch, wenn es um die Innovation geht? Da wollen wir doch immer zuvorderst sein und schaffen das auch.
Nach drei industriellen Revolutionen, nach der Mechanisierung, Elektrifizierung und Digitalisierung kommt nun die vierte, die «Erneuerbarisierung». Sie führt vom ungebremsten Verbrauch endlicher Ressourcen zu den erneuerbaren Energien und den geschlossenen Material-Kreisläufen. Wie jede der vorangehenden industriellen Revolutionen wird auch sie Machtgefüge verschieben, Reichtum schaffen und die Zögerer und Verhinderer hinter sich lassen. Sie kann nur mit aggressiver Innovation und konsequenter Investition in neue Infrastrukturen gelingen. Dadurch können neue Märkte besetzt, Verfahren entwickelt, Geräte erfunden und Produkte verkauft werden – es werden also neue Arbeitsplätze geschaffen.
Die Schweiz als Innovations-Spitzenreiter ist bestens positioniert, Führung in der vierten industriellen Revolution zu übernehmen. Unsere Berufsausbildung ist breit und stark, wir haben einen ausgezeichneten, weltweit anerkannten Forschungs- und Bildungsplatz aufgebaut. Wer, wenn nicht die Schweiz, sollte führend die vierte industrielle Revolution gestalten und somit die Schlüssel zur Lösung des Klimaproblems bereitstellen?
* Thomas Stocker ist Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern.