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Marseille/Bern und Berlin, 2. September 2022: 460 Frauen, Kinder, Säuglinge und Männer sitzen acht Tage nach ihrer Rettung noch immer auf der Ocean Viking fest und warten auf die Zuweisung eines sicheren Hafens. Einige von ihnen benötigen dringend medizinische Hilfe. SOS MEDITERRANEE und die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) fordern, dass diese Überlebenden ohne weitere Verzögerung an einem sicheren Ort an Land gehen können.
Noch nie war die Crew auf der Ocean Viking innert so kurzer Zeit mit so vielen Booten in Seenot konfrontiert. Das von SOS MEDITERRANEE in Partnerschaft mit der IFRC gecharterte Rettungsschiff kam innerhalb von nur 60 Stunden zehn seeuntüchtigen und überfüllten Booten auf dem zentralen Mittelmeer, der tödlichsten Fluchtrouten der Welt, zu Hilfe. Das Rettungsschiff ist weiterhin auf See blockiert und wartet auf die Zuweisung eines sicheren Hafens, in dem die Überlebenden von Bord gehen können.
Das Team ist mit einer überwältigenden Anzahl medizinischer Fälle konfrontiert, darunter Menschen mit Erschöpfung, Dehydrierung sowie unbehandelten Hautinfektionen und Wunden. Andere Überlebende leiden unter chronischen Erkrankungen, zwei im neunten Monat schwangere Frauen mussten bereits von der Ocean Viking evakuiert werden.
“Wir haben noch nie so viele schwere medizinische Fälle an Bord der Ocean Viking erlebt. Die Überlebenden wurden mitten auf hoher See in unvorstellbaren Situationen gefunden. Bei dem verzweifelten Versuch, sich in Sicherheit zu bringen, waren sie dem Tod auf See nahe, entweder durch Ertrinken oder durch Dehydrierung. Gemäss internationalem Seerecht wird ihre Rettung erst dann abgeschlossen sein, wenn sie einen sicheren Ort erreicht haben. Die derzeitige Blockade auf See muss sofort enden”, sagt Xavier Lauth, Einsatzleiter von SOS MEDITERRANEE.
Mit jedem Tag, der vergeht, nehmen die Bedürfnisse der Menschen an Bord zu. Francesco Rocca, Präsident der IFRC, sagt: “Die schiere Zahl sowie der Zustand der in so kurzer Zeit geretteten Menschen zeigen uns, dass Personen, die Sicherheit und Schutz suchen, verzweifelt sind und die Situation für Flüchtende immer gefährlicher wird. Wir können uns nicht immer wieder der gleichen Herausforderung stellen. Wir brauchen längerfristige Lösungen. Dazu gehört auch ein Engagement für sichere und reguläre Wege zu Schutz und Sicherheit, wobei auch der Zugang zu Schutz für diejenigen gewährleistet werden muss, die eigenständig in Europa ankommen.”
SOS MEDITERRANEE und die IFRC rufen die europäischen, sowie assoziierten Staaten auf, Solidarität zu zeigen, das internationale Seerecht einzuhalten und die grundlegenden Menschenrechte zu wahren. Das Warten und Leiden der 460 Geretteten an Bord der Ocean Viking muss sofort ein Ende haben.
Hintergrundinformation:
Die Crew auf der Ocean Viking rettete zwischen dem 25. und 27. August in zehn Einsätzen 466 Frauen, Kinder und Männer. Unter den Überlebenden befinden sich über 20 erwachsene Frauen, darunter mehrere schwanger, und über 80 Minderjährige, von denen 75 % unbegleitet sind.
Am 29. August mussten zwei im neunten Monat schwangere Frauen dringend medizinisch evakuiert werden. Sie wurden mit vier ihrer Verwandten (zwei Schwestern und deren beiden Kindern, darunter ein drei Wochen altes Mädchen) von einem Patrouillenschiff der italienischen Küstenwache abgeholt.
Obwohl die Ocean Viking in allen Phasen der Such- und Rettungsmassnahmen die zuständigen Seebehörden kontaktiert hatte, wurde sie von diesen allein gelassen, ohne dass es eine Koordinierung oder einen Informationsaustausch gab. Vier der seeuntüchtigen und überfüllten Boote, die in Seenot geraten waren, wurden von der Brücke der Ocean Viking per Feldstecher gesichtet. Die Notrufe der sechs anderen Boote wurden von zivilen NGOs wie dem zivilen Netzwerk Alarm Phone, den Flugzeugen der Organisationen Pilotes Volontaires und Sea-Watch sowie den Segelschiffen der NGOs Open Arms und Resqship weitergeleitet. Die Ocean Viking informierte die zuständigen Seebehörden in allen Phasen der Rettungen und beantragte so schnell wie möglich nach jedem Einsatz die Zuweisung eines sicheren Ortes, so wie es internationales Seerecht vorsieht.
Während das Team auf der Ocean Viking am 27. August 198 Menschen auf fünf Booten in Seenot zu Hilfe kam, ereignete sich am gleichen Tag laut der Internationalen Organisation für Migration ein Schiffsunglück. Zwei Leichen wurden von der libyschen Küstenwache geborgen, 19 Menschen wurden von den sechs Überlebenden als vermisst gemeldet. Seit 2014 sind im zentralen Mittelmeer fast 20‘000 Menschen ums Leben gekommen. Dies entspricht 80 % der im gesamten Mittelmeer verzeichneten Todesfälle.
SOS MEDITERRANEE rettete seit Beginn seiner Einsätze im Jahr 2016 mit der Aquarius und anschliessend der Ocean Viking 36.789 Menschen. Seit September 2021 waren bei zehn Missionen der Ocean Viking IFRC-Teams an Bord und halfen bei der Rettung von mehr als 2.700 Menschen.
Foto: Tara Lambourne / SOS MEDITERRANEE