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Immer weiter hinauf
Giovanni Segantini fing ganz unten an. Er verlor früh seine Eltern und wuchs in einem der Massenquartiere Mailands auf. Mit etwa zwölf Jahren endete er in einer Erziehungsanstalt, wo sein Zeichen- und Maltalent endlich gewürdigt wurde. Nachdem er das Handwerk erlernt hatte, zog es ihn immer weiter weg von seinem Atelier in Mailand. Er lebte und arbeitete auf dem Land, zuerst in der nahen Brianza; dann zog er immer höher in die Bündner Berge, wo er zuletzt in einer Hütte auf dem Schafberg (2731 m. ü. M.) bei Pontresina lebte.
Segantini wendete sich immer mehr den einfachen Menschen auf dem Land zu. Sein Spätwerk zeigt die Bauern und Hirten meistens bei der harten Arbeit in der entlegenen Bergwelt. Gleichzeitig aber wurde er in der Kunstwelt immer mehr als genialer Künstler gefeiert und mit Preisen geehrt.
Für die Pariser Weltausstellung 1900 plante Segantini ein monumentales Werk aus drei Einzelbildern, ein sogenanntes Triptychon. Darauf sollte er in drei Szenen das Leben in den Bergen darstellen: Das Aufblühen im Frühling, den arbeitsintensiven Sommer und zuletzt das Sterben im Winter. Er konnte dieses letzte Bild über den Lebenskreislauf unerwartet nicht fertigstellen. Mit nur einundvierzig Jahren verstarb er an den Folgen eines Blinddarmrisses. Die hohe Lage der Hütte auf dem verschneiten Schafberg wurde ihm zum Verhängnis. Seine letzten Worte waren: „Ich will meine Berge sehen.“
Mehr als Panoramabilder
Segantinis Berglandschaften und ihre Bewohner sind nicht „nur“ von idyllischer Schönheit, sondern stehen meist als Metapher für den Lebenskreislauf. Trotz seines jungen Alters beschäftige sich der Künstler mit der Vergänglichkeit der Natur und des Menschen. Seine Bilder sind von symbolischen Andeutungen und Allegorien gespickt.
Das schon erwähnte „Alpentriptychon“ über den Lebenskreislauf, das von seinem Malerfreund Giovanni Giacometti fertiggestellt wurde, musste leider aus Erhaltungsgründen in St. Moritz bleiben. Die Fondation Beyeler kann aber dennoch zahlreiche Vorstudien zu diesem und viele andere ebenso bedeutungsstarke Gemälde zeigen.
Segantini wollte seine Umgebung wahrheitsgemäss wiedergeben. Zwar malte er im Freien und liess seine Nachbarn Modell stehen, die Personen sind jedoch nicht als Individuen zu erkennen. Ebenso kann man die Berge im Engadin und im nahen Bergell nicht so wiederfinden. Wie man in der Fondation Beyeler sieht, hat er seine Bergkulissen mit Hilfe von Fotografien komponiert und gestaltet.
Das Lichtmalen gelernt
In der Fondation Beyeler kann man entlang der Ausstellung Segantinis Entwicklung nachgehen. Das noch kleinformatige Gemälde „Il naviglio a Ponte San Marco“ von 1880 strahlt im Vergleich zu früheren Werken schon in kräftigen Farben, die sich impressionistisch in einem der Kanäle in Venedig spiegeln. Danach gelangt man zu einem weiteren Meilenstein in Segantinis Karriere: Ave Maria bei der Überfahrt. Es zeigt eine Mutter mit ihrem kleinen Kind im Arm, die von einem Mann zusammen mit mehreren Schafen über einen See oder grossen Fluss geschafft wird. Das Motiv erinnert augenblicklich an bekannte Heiligenbilder von Maria und Jesus. Bemerkenswert ist jedoch die andächtige Stimmung. Das Bild ist von einem weichen Licht regelrecht durchflutet. Die Sonne erhebt sich langsam über dem Horizont, strahlt über den ganzen Himmel und das Licht spiegelt sich im Wasser.
Dieses Bild erstrahlt mehr als alle anderen bisher, auch weil Segantini nun eine neue Technik anwandte: den Divisionismus. Er malte das Licht mit ganz feinen Pinselstrichen nebeneinander. Bei genauerer Betrachtung sieht man, wie die Sonne durch gelbe, weisse und hellblaue Linien aufsteigt. Bei einem normalen Abstand zum Bild setzen sich die unterschiedlichen Farben wieder zusammen und bringen das Bild zum Leuchten. Diese Technik, die er mit der Zeit perfekt beherrschte, liessen später auch die Berglandschaften in kräftigen Farben strahlen. Durch die einheitliche Malweise auf dem ganzen Bild können aber auch Menschen und Tiere gleichermassen mit der Bergkulisse verschmelzen und eine Einheit bilden.
Wegbereiter der Moderne?
Inhaltlich ist Segantini klar ein Vertreter seiner Zeit. Er folgte etwa dem Wunsch, sich von den industrialisierten Städten zu entfernen, er folgte dem Wunsch nach einer höheren Wahrheit. In seiner Malweise war er jedoch revolutionär. Wenn man schon in der Fondation Beyeler ist, sollte man es nicht verpassen, auch die Werke aus der Sammlung zu betrachten. Van Goghs Landschaften etwa zeigen eine ähnliche, zwar noch dynamischere Malweise. Gerade weil Segantini zu Lebzeiten so bekannt war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sein etwas jüngerer Zeitgenosse Van Gogh sich von ihm hat beeinflussen lassen.
Segantinis Berglandschaften sind aber auch für sich unglaublich beeindruckend. So weckt die Ausstellung auch die Sehnsucht, sein absolutes Meisterwerk, das vollendete „Alpentriptychon“, im Segantini Museum in St. Moritz entdecken zu gehen. Und fast noch mehr will man die idyllischen Berglandschaften mit eigenen Augen sehen.
Infos
Kuratiert wird die Ausstellung von Diana Segantini, der Urenkelin des Kunstlers, Guido Magnaguagno und Ulf Küster. Öffnungszeiten der Fondation Beyeler: täglich 10.00–18.00 Uhr, mittwochs bis 20.00 Uhr. Die Werke Segantinis sind noch bis zum 25. April 2011 dort ausgestellt.