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Als vor zehn Jahren in den USA die Immobilienblase platzte, löste dies in der Folge die schlimmste Finanzkrise in der modernen Geschichte aus. Jahrelang hiess es, Schuld am Kollaps des Marktes mit Häusern in den USA seien Subprime-Schuldner gewesen sein, also zweitklassige, wenig solvente Hausbesitzer.
Gierige Banken hätten diesen Habenichtse grosszügig Hypotheken ermöglicht. Als dann die Häuserpreise fielen, seien diese schlechten Schuldner in Not geraten und hätten mit ihren Schulden alles nach unten gerissen. Aber stimmt diese These wirklich?
Höhere Kredite für «gute Schuldner»
Drei Ökonomen haben nun einen riesigen Datensatz analysiert, nämlich die Kreditdaten von Amerikanern, wie sie in den USA monatlich erfasst werden.
Stefania Albanesi von der Universität Pittsburgh in Pennsylvania erklärt, was alles in den Daten steckt: «Zum Beispiel, wie viele Kredite ausstehend sind, zu welchen Zinssätzen, wie oft jemand Konkurs angemeldet oder eine Zwangsvollstreckung erlebt hat und vieles mehr.»
Aus diesen Daten entsteht für jeden Amerikaner ein Kreditprofil. Die vorhandenen Kreditdaten hat Albanesi zusammen mit zwei Kollegen dahingehend untersucht, wer denn nun im Immobilienboom vor der Finanzkrise – also ab 2004 – mehr Kredite erhalten hatte: Die «schlechten Schuldner» – die berüchtigten Subprime-Schuldner – oder die «guten Schuldner» mit hohen Einkommen und guter Kredit-Historie.
Die Analyse zeigte: «Es sind nicht die Subprime-Schuldner gewesen, die plötzlich mehr und höhere Hypotheken erhielten, sondern die ‹guten Schuldner›. Bei den ‹schlechten Schuldnern› hingegen hat es praktisch kein Kreditwachstum gegeben», erklärt Albanesi.
Die Hypothekar-Investoren
Für Albanesis Kollegen Jaromir Nosal vom Boston College in Massachusetts ist deshalb klar, dass man Teile der Geschichte der Finanzkrise neu schreiben muss. «Bis jetzt hat man angenommen, dass die Subprime-Schuldner, also arme Leute mit schlechten Kreditprofilen, verantwortlich gewesen sind für die Immobilienkrise, welche die Finanzkrise ausgelöst hat.» Dafür hätten sie in ihren Daten jedoch keinerlei Hinweise gefunden.
Im Gegenteil: Es sei sogar so, dass die Leute mit den besten Kreditprofilen ihr Hypothekarvolumen am stärksten aufgebläht hätten. Doch wofür nahmen die reichen Haushalte so viele neue Hypotheken auf? «Nicht für das eigene Haus, in dem sie wohnten, sondern für weitere Liegenschaften. Sie nahmen nicht nur zwei Hypotheken, sondern drei, vier oder fünf auf», so Nosal. Deshalb seien sie auch Hypothekar-Investoren genannt worden.
Diese Hypothekar-Investoren kauften Liegenschaften, und spekulierten mit ihnen im damaligen Immobilienboom auf höhere Preise. Und sie erhielten die Hauskredite von den Banken auch – weil sie ein gutes Kreditprofil hatten.
2007, als der Häusermarkt in den USA implodierte, kamen diese vermeintlich guten Schuldner am schnellsten in Not – mit entsprechenden Folgen, erklärt Ökonom Nosal. «Unter diesen Spekulanten war die Ausfallrate am höchsten gewesen. Und sie waren für den grössten Teil der Zwangsvollstreckungen verantwortlich.»
«Ganze Quartiere entwerteten sich über Nacht»
Das findet Ökonomin Stefania Albanesi wenig überraschend. «Wer eine Liegenschaft nur zu spekulativen Zwecken hält, gibt sie schneller auf, wenn er finanzielle Probleme bekommt, als jemand, der in den eigenen vier Wänden wohnt.» Zudem würden sich Spekulanten gerne hoch verschulden.
Diese Spekulanten trieben mit ihren vielen Zwangsvollstreckungen die Preise für Häuser insgesamt in die Tiefe. Ganze Quartiere entwerteten sich über Nacht, sagt Nosal. Sie hätten so jene Hausbesitzer in Mitleidenschaft gezogen, die nicht gezockt hatten: Etwa die Subprime-Schuldner, die nur ein Haus besassen und es aufgeben mussten, weil auch ihr Haus unter den Wert ihrer Hypothek fiel und sie damit wiederum bei den Banken in Ungnade fielen.
Mit ihren neuen Erkenntnissen touren die Studienautoren nun durch Nordamerika und Europa, denn die Regulierungsbehörden interessieren sich für die Forschungsergebnisse. Schliesslich will man verhindern, dass sich ein Crash bei Immobilienpreisen wie 2007 nochmals wiederholt. Stefania Albanesi ist überzeugt: «Wer das erfolgreich tun will, muss aufhören, an die gängige Erklärung der fehlbaren Subprime-Schuldner zu glauben.»