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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

10. Buch
30. Porphyrius hat am platonischen Lehrgebäude allerlei mißbilligt und durch andere, bessere Anschauungen ersetzt.
Wenn man Platos Anschauungen über jede Verbesserung erhaben erachtet, warum hat dann gerade Porphyrius manches, und zwar nicht von untergeordneter Bedeutung verbessert? Es steht zum Beispiel unzweifelhaft fest, daß Plato geschrieben hat, die Seelen der Menschen würden nach dem Tode bis in Tierleiber herab hin und her wandern. An dieser Lehre hielt noch Plotin, der Lehrer des Porphyrius, fest; dagegen Porphyrius stieß sich daran, und mit Recht. Er vertrat die Anschauung, daß die menschlichen Seelen nur in menschliche Körper zurückkehren, jedoch nicht in die ihrigen, die sie verlassen haben, sondern in andere, neue. Die Meinung Platos dünkte ihn begreiflicher Weise unerträglich; es könnte ja etwa eine Mutter, die in eine Mauleselin gewandert sei, ihren eigenen Sohn auf ihrem Rücken tragen müssen; nicht unerträglich aber schien ihm die Möglichkeit, daß eine in ein Mädchen gewanderte Mutter ihren Sohn heirate. Wieviel schicklicher ist doch die Vorstellung, die heilige und wahrhafte Engel gelehrt, vom Geiste Gottes angeleitete Propheten ausgesprochen haben, wie auch der Erlöser selbst, den sie als vorausgesandte Boten vorhergesagt haben, und die als Boten gesandten Apostel, die den Erdkreis mit der frohen Botschaft erfüllten, — wieviel schicklicher, sage ich, ist es zu glauben, daß die Seelen ein für allemal in ihre eigenen Leiber zurückkehren, als die Vorstellung, daß sie so und so oft in verschiedene Leiber wandern! Indes, wie gesagt, Porphyrius hat hierüber viel richtiger gedacht, indem, er die Ansicht vertrat, daß die Seelen der Menschen wenigstens nur in Menschen herabsteigen könnten, während er die Tiergefängnisse unbedenklich preisgab. Er spricht sich weiter dahin aus, daß Gott zu dem Zweck die Seele in die Welt versetzt habe, damit sie das Übel der Materie erkenne und sich zum Vater hinkehre und nun ferner nicht mehr durch die Berührung damit befleckt und festgehalten werde. Ist nun auch seine diesbezügliche Ansicht nicht ganz zutreffend [die Seele wird nämlich vielmehr zu dem Zweck einem Körper überlassen, damit sie Gutes tue; das Übel lernt sie nur durch die böse Tat kennen], so hat er doch damit die Ansicht anderer Platoniker in einem Hauptpunkt aufgegeben, und zwar dadurch, daß er sich zu der Anschauung bekennt, eine von allen Übeln gereinigte und beim Vater weilende Seele werde niemals mehr die Übel dieser Welt zu erdulden haben1 . Damit hat er nun schlechterdings aufgeräumt mit einer Anschauung, die als ausgesprochen platonisch bekannt ist2 , wonach, wie die Lebenden zu Toten, so auch immerdar die Toten wieder zu Lebenden werden; und als falsch hat er hingestellt den, wie es scheint, von Plato inspirierten Ausspruch Vergils3 , dass die gereinigten Seelen, entlassen in die elyseischen Gefilde [womit in dichterischer Form wohl die Freuden der Glückseligen bezeichnet werden], zum Fluß Lethe entboten würden, das ist zur Vergessenheit des Vergangenen:
„Daß sie erinnerungslos aufs neu das Gewölbe des Himmels
Schauen und wieder zurück in Leiber zu wandern verlangen“.
Mit Recht hat sich Porphyrius hieran gestoßen; es ist ja wirklich einfältig zu glauben, daß sich die Seelen aus dem jenseitigen Leben, das ein vollkommen glückseliges nur sein kann, wenn es auch die sichere Gewähr ewiger Dauer hat, nach der Hinfälligkeit des verweslichen Leibes sehnen und von dort zu diesem zurückkehren sollten, gleich als bestünde der Erfolg der erhabensten Reinigung darin, daß man neuerdings die Verunreinigung anstrebe. Denn wenn die vollkommene Reinigung der Seelen die Wirkung hat, daß sie aller Übel vergessen, und wenn das Vergessen der Übel das Verlangen nach einem Leibe hervorruft, in welchem sie sich neuerdings in Übel verwickeln, so liegt es ja auf der Hand, daß die höchste Seligkeit Ursache der Unseligkeit ist und die vollkommene Weisheit Ursache der Torheit und die erhabenste Reinigung Ursache der Unreinheit. Auch ist die Seele, mag sie noch so lang glückselig sein, doch wohl nicht wirklich glückselig, wenn sie sich irren muß, um glückselig zu sein. Denn glückselig wird sie nur sein, wenn sie auch ihrer Glückseligkeit sicher ist; um aber sicher zu sein, müßte sie die ewige Dauer ihrer Glückseligkeit annehmen — ein Irrtum, da sie ja auch einmal wieder unselig sein wird. Wenn nun also ein falscher Wahn die Ursache der Freude ist, wie kann da von einer Freude an der Wahrheit die Rede sein? Diesen Widerspruch hat Porphyrius erkannt, und deshalb hat er gelehrt, die Seele kehre zu dem Zweck zum Vater zurück, um weiterhin nicht mehr von der Berührung mit Übeln befleckt und festgehalten zu werden. Demnach war es ein Irrtum, wenn manche Platoniker jenen Kreislauf, wonach man zu dem zurückkehrt, was man verlassen hat, für ein Gesetz gehalten haben. Selbst wenn es richtig wäre, was nützte das Wissen darum? Es müßten nur etwa die Platoniker darin uns gegenüber einen Vorsprung zu erblicken Lust haben, daß wir schon in diesem Leben das nicht wissen, was sie ihrerseits im andern besseren Leben im Besitz der vollkommenen Reinheit und Weisheit nicht wissen würden4 und für irrig halten müßten, um glücklich zu sein. Wenn es aber ganz verkehrt und einfältig ist, das zu behaupten, so verdient ohne Zweifel die Meinung des Porphyrius den Vorzug vor der Meinung derer, die einen Kreislauf der Seelen unter beständigem Wechsel von Glückseligkeit und Unseligkeit vermutet haben. Unter diesen Umständen müssen wir sagen: Hier ist ein Platoniker, der von Platos Meinung abweicht zu einer besseren; er hat etwas erkannt, was Plato nicht erkannt hat, und er ist nach einem so herrlichen und großen Lehrmeister vor einer Verbesserung nicht zurückgeschreckt, sondern hat die Wahrheit über den großen Mann gestellt.
1: Vgl. E. Zeller, Die Philos. d. Griechen III 23 [1881]. 658 A. 2.
2: Phaid. p. 70.
3: Aen. 6, 750 f.
4: Nämlich das kosmologische Gesetz des Kreislaufes in der Anwendung auf die Menschenseele.