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CABARET PFYLEBOGE (1962-63)
"Cabaret" - ein Lebensziel!
Während meiner Pubertätszeit - ich besuchte das Progymnasium Thun, später das Gymnasium, das sich im gleichen Gebäude befand - bedeutete "Cabaret" für mich nicht eine Form der literarischen Kleinkunst, sondern einen Daseinszustand. Diesen fand ich im Lehrercabaret "Zapfenzieher", dessen Mitglieder meine Eltern waren, verwirklicht. Alles in mir war darauf gerichtet, irgendwann auch "Cabaret" zu machen, diesen höheren Zustand des Lehrerseins zu erreichen. Ich verinnerlichte beim Anhören und Anschauen der Proben und Vorstellungen dieses Ensembles sehr schnell die textlichen und musikalischen Formen, deren sich ein schweizerisches Kabarett um 1960 herum bediente. Sie waren den grossen Vorbildern Cornichon, Fédéral und Voli Geiler/Walter Morath nachgebildet und wiesen eine beachtliche Vielfalt auf.
Mit 13, kann ich mich erinnern, schrieb ich einen ersten Text, der die Form einer Cabaret-Nummer hatte; vor meinem Auge sah ich die Frauen und Männer des Lehrerensembles, die den Text aufsagten. Natürlich kam es nie so weit. Erst als Student konnte ich ein paar Texte in einem Programm der "Zapfenzieher" unterbringen.
(Fotos: Rolf Pfister)
links: Cabaret Zapfenzieher, Thun; Ensemble
(Hans Zingg, Ueli Friedli, Sus Blaser, Peter Ogg,
Trudi Plüss, Fritz Bütikofer, Lisbeth Salvisberg,
Pianist und Komponist Werner Plüss)
aufgenommen um 1965 im alten ThunerKellertheater;
rechts: Hans Zingg als Wehrmann
Jung-Satiriker und schon verboten!
Als Sohn des stadtbekannten Progylehrers Hans Zingg verfügte ich über ein beachtliches Insiderwissen, was die Vorgänge hinter der Lehrerzimmertür unserer Schule betraf. Davon machte ich als Neuntklässler ziemlich schamlos gebrauch und redigierte praktisch im Alleingang eine Schülerzeitung namens "Geistes-Blick" (die Tageszeitung mit den Grossbuchstaben war im Vorjahr gegründet worden). Das Elaborat wimmelte von träfen Sprüchen und frechen Gedichten und hatte die zweifelhafte Ehre, von der Lehrerkonferenz konfisziert zu werden, sehr zum Verdruss meines Vaters. Sein Kabarettistenherz kämpfte mit dem des senkrechten Bürgers und Lehrervorbilds, welches sehr stark in seiner Brust schlug. Und dieser Zweikampf spielte sich auch in mir ab. Natürlich war ich von der Rechtmässigkeit meiner satirisch überhöhten Kritik an den Fehlern unserer Schule allgemein und einzelner Lehrer im Besonderen fest überzeugt, natürlich empörte sich in mir alles, als wir paar Hauptverantwortlichen des Redaktionskomitees hinter dem Hauswart her in den Heizungskeller zottelten und der grimmige Bütler Jules die grosse Ofenklappe aufmachte und unsere gesamte Auflage den Flammen übergab. Anderseits hatte ich nicht das geringste Interesse an gesellschaftlicher Ächtung, das Aussenseitertum war nichts für mich. Und so gab ich mich schuldbewusst und verhielt mich bis zum Ende der Schulzeit brav und angepasst. Und mein Vater, der das Satirikertalent seines Sohnes nicht ohne Freude erkannt hatte, war schnell wieder versöhnt. Eine einzige Nummer des "Geistes-Blick" habe ich retten können. Und habe später die Erinnerung an diese Episode in meinem Adoleszenzroman "schwander schül" (vgl. ROMAN-PROJEKT) verarbeitet.
Die Pfeile trafen!
Gut drei Jahre später, in der Prima angekommen, ergab sich ein trefflicher Anlass, dem Thuner Publikum zu zeigen, dass die Jugend aus höheren Bildungsstätten nicht nur Unsinn im Kopf, sondern das Herz auf dem rechten Fleck trug. Wie jeden Herbst veranstaltete die reformierte Kirche, zu deren Jugendgruppe ich gehörte, einen Wohltätigkeitsbasar. Mit Ueli B. aus der Parallelklasse und Ueli M. aus der Jugendgruppe - einem KV-Lehrling - sowie Maria B., Elisabeth E. und Elisabeth B. aus dem Lehrerinnenseminar gründeten wir im Frühjahr 1962 das Cabaret Pfyleboge und versprachen unserem Pfarrer, am kommenden Basar nicht nur den Kirchgemeindesaal, sondern auch die Missionskasse zu füllen. Stolz auf den Nachwuchs und theaterbegeistert wie er war, liess Rudolf Imobersteg uns bei dem Unternehmen völlig freie Hand. Für die Texte wollte ich besorgt sein, allerdings baute ich klugerweise auf die Mithilfe ausgesuchter Erwachsener, vorzugsweise Lehrerinnen und Lehrer, die sich schon als Zapfenzieher-Texter bewährt hatten. Und alle machten mit! So spielten wir Nummern von Elsa Estermann, Andreas Eichenberger und Rudolf Wild, dazu einen Text von Günter Neumann, der im Programmheft der "Insulaner" abgedruckt war, die vor kurzem in Bern gastiert hatten. Die restlichen Texte stammten aus meiner Feder. Allerdings traute ich mir damals das Liedermachen noch nicht wirklich zu. Ich verwendete zu meinen Texten Melodien bekannter Chansons oder Cabaret-Songs, die ich auf Platten gehört hatte. Der Jazzpianist Ueli Wirth steuerte eine Begleitung ab Band bei und auch der Zapfenzieher-Hauskomponist Werner Plüss spielte mir die Vertonung eines meiner Chansons auf Band. Und unsere supercoole Pianistin Sabine B. lernte diese im Nu per Gehör auswendig!
Das Programm mit dem wohlklingenden Titel "Salade de fruits" umfasste zwölf Nummern und füllte im November 1962 den 400 Plätze umfassenden Saal zwei Mal. Die Reaktionen von Publikum und Presse waren höchst positiv, und dem Pfarrer konnten wir den damals stolzen Betrag von tausend Franken in seine Basarkasse überweisen. Im kommenden Winter wurden wir noch einige Male für Vereinsanlässe engagiert, dann ereilte den "Pfyleboge" das Schicksal aller solcher Jugendaktionen: Die Schulpflicht rief, die Studienzeit brach an, Rekrutenschule und Lehrerinnendienst rissen die Gruppe auseinander. Als Erinnerungen blieben die Texte, ein Fotoalbum und ein Tonband, aus welchem ich vier Nummern für diese Seite hier digitalisiert habe, zwei allerdings nur in Ausschnitten (vgl. AUDIOTHEK).
Bild 1 "Schweizers Freudelein", Bilder 2 und 3: "Gartenzwerge einst und jetzt", Bilder 4 und 5: "Hänsel und Gretel", Bild 6: "Das seriöse illustrierte Wochenblatt", Bild 7 Ensemble
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