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Nat King Cole (1919–1965) gehört fraglos zu den ganz Grossen des Jazz, auch wenn Puristen ihm sein allzu kommerzielles Abdriften ankreiden. Er hatte in seiner (nur) 30-jährigen Karriere (der starke Raucher starb 46-jährig an Lungenkrebs) gegen 700 Lieder aufgenommen (und populär gemacht), 150 davon kamen in die Single-Charts. In unzähligen Haushalten (nicht nur in den USA) erklingt jedes Jahr im Dezember Coles Version des «Christmas Song», nach Bing Crosbys «White Christmas» eines der meist gespielten (Weihnachts-)Lieder.
Nach seinen ersten Erfolgen im Trio (als Sänger-Pianist zusammen mit Bass und Gitarre) konzentrierte er sich mehr und mehr auf seinen Gesang, zuerst mit der Stan Kenton Big Band, dann mit der Quincy Jones Big Band – und später für die meisten erfolgreichen Alben mit Studiomusikern von Capitol Records und Arrangements von Nelson Riddle, Billy May u. a.
Trotz seiner Erfolge konnte Cole nicht alleine über seine Zukunft entscheiden. Einerseits müssen die damaligen Zustände in den USA mit einbezogen werden: Rassismus hatte immer noch groteske Ausmasse: Schwarze Stars wie Cole oder Sammy Davis Jr. durften nach ihrem Auftritt nicht im selben Hotel übernachten, in dem sie auftraten und in dem ihre weissen Kollegen untergebracht waren. Hoch geschätzte Bands wie die Duke Ellington Big Band nächtigten in den Eisenbahnwaggons, in denen sie angereist waren, um der diskriminierenden Schmach zu entgehen. Anderseits waren die Filmstudios und Schallplattenfirmen dermassen mächtig, dass sie auch den grössten Stars vorschreiben konnten, was diese zu machen hatten – und das war natürlich immer vom Kommerz getrieben.
Deshalb ist es besonders erfreulich, dass von Nat King Cole, der zwar vor allem als Sänger vermarktet wurde, jedoch auch ein exzellenter Pianist war (wie dieser Auftritt «Where or When» zumindest erahnen lässt), ein verhältnismässig jazziges Live-Album restauriert wurde.
Vollmundig angepriesen
Wie immer, wenn es um Vermarktung geht, werden Superlative bemüht und Behauptungen aufgestellt, die Fans und Sammler gleichermassen zum Kauf animieren sollen. So steht auf dem Cover grossflächig «His only on-stage recordings!».
Wer sich die Mühe macht, im Internet zu recherchieren, erfährt bald, dass diese Behauptung nicht stimmt. Schliesslich gibt es Konzertaufnahmen von 1949 (Carnegie Hall), 1960 (mit der Quincy Jones Big Band in Paris), 1962 (Live in Las Vegas) und 1963 (Live in Tokyo). Gewiss: Die vorliegende Aufnahme ist tonqualitativ (wahrscheinlich) die beste, doch die einzige ist es nicht. Und natürlich sind nicht alle erwähnten LPs und CDs noch erhältlich.
Kurze Fassung
Der vorliegende Download des Konzerts vom 14. Januar 1960 ist gerade mal 36 Minuten kurz. Die Original-CD gleichen Namens wurde noch mit drei «Bonus Tracks» aufgemotzt, die im Herbst 1959 im Studio der Capitol Records aufgezeichnet worden waren.
Weitere Nachforschungen ergaben, dass die Originalaufnahmen des Auftritts, der erst um 2 Uhr morgens begann, damit sich all die Las Vegas Performer nach ihren Shows unter die Zuhörer mischen konnten, zweieinhalb Stunden gedauert haben sollen. Vermutungen gehen so weit, dass Berühmtheiten, die nicht bei Capitol unter Vertrag standen, Coles Auftritt ergänzt hatten, oder auch dass Cole (wie damals üblich) längere «Monologues» gehalten habe, die es jedoch nie auf Vinyl oder später auf die CD schafften.
Wie dem auch sei: Die 36 Minuten sind nicht nur ein interessantes Zeitdokument, sondern auch ein wirklicher Genuss, wenn man sich nicht von den teilweise etwas überladenen, aber perfekt gespielten Arrangements der begleitenden Big Band abschrecken lässt (it’s Las Vegas!).
Auch das Remastering darf als gelungen bezeichnet werden. Der allgemeine Klangeindruck ist – die Umstände berücksichtigend – zwar nicht umwerfend, aber erfreulich gut.
Fazit
Von Nat King Cole existieren Unmengen von Aufnahmen; mehrere wurden auch restauriert und remastered – darunter interessanterweise diverse spanische Versionen. Von den mir bekannten Live-Auftritten bietet die Vorliegende die beste Aufnahmequalität. Und musikalisch hat Nat King Cole eigentlich nie enttäuscht, weder als Sänger noch als Pianist.
Auch wenn ich ihn am liebsten in Kleinformationen höre (z. B. in «After Midnight» von 1957), finde ich diese Konzertaufzeichnung von Nat King Cole nicht nur für Sammler empfehlenswert.