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Die Uinta Mountains (Utah, USA)
Jean Sesiano, Genf
Blick von Nordosten auf den Mount Emmons, im Hintergrund im Tal der Oke Doke Lake Ende Juni 1991: Der Mount Shasta, ein mehr als 4000 m hoher grosser Vulkan im Norden von Kalifornien, will nichts von uns wissen. Das Wetter bleibt unerfreulich, und an diesem Morgen bedeckt Neuschnee die höhergelegenen Hänge. Um mit dem Tag etwas anzufangen, gehen wir zu den Castle Crags, deren Spitzen und Granitkuppen sich ausgezeichnet zur Reibungskletterei eignen. Dieses kleine Massiv ist nur einige Kilometer vom Mount Shasta entfernt; zwischen beiden verläuft die Autostrasse Nr. 15.
Da die Westküste den kühlen und feuchten Winden des Pazifik ausgesetzt ist, werden wir uns besser weiter ins Innere des Kontinents zurückziehen, hinter die schützende Cascade Range. Über Oregon und Nevada kommen wir zum Great Salt Lake. Das Baden dort ist sehr angenehm, wenn man auch nicht mehr so gut vom Wasser getragen wird wie noch vor fünfzehn Jahren: Als Folge schwerer Überschwemmungen in den Jahren 1982/1983 ist der Wasserspiegel angestiegen, damit hat sich der Salzgehalt verringert. Archimedes hat das alles erklärt.
Am Horizont ragen einige stellenweise mit Schnee bedeckte Gipfel auf, die Uinta Mountains. Zu ihnen gehört der höchste Berg des Staates Utah, der Kings Peak ( 4123 m ). Die Kette der Uinta Mountains hat eine besondere Eigenart: Sie erstreckt sich von Westen nach Osten, während alle andern Gebirgszüge Nordamerikas - mit Ausnahme derjenigen Alaskas - nordsüdlich verlaufen ( Sierra Nevada, Cascade Range, Rocky Mountains, Appalachian Mountains ). Die Uinta Mountains bestehen zum grossen Teil aus sehr altem ( rund 1 Milliarde Jahre ), leicht metamorphem rotem Sandstein. Wie das Plateau von Colorado weiter südlich wurde auch dieses alte Gebirgsrelief verändert, als es bei der Auffaltung der Rocky Mountains ebenfalls angehoben wurde. Danach hat erneut die Erosion durch Wasserläufe eingesetzt. In jüngerer Zeit, während der Kälteperioden des Quartärs, überzogen Gletscher das Gebiet. Sie haben die für Gletscher üblichen Merkmale hinterlassen: Seitentäler eines besonderen Typs ', Seen Kessel Moränen Gletscherschliffe usw. Ein geologisch interessantes kaum berührtes Gebiet: Warum es nicht besuchen?
Der Himmel ist so blau, das Gebirge so rot Wir haben die an den Südhängen der Kette entlang von Westen nach Osten verlaufende Strasse Nr. 40 verlassen und wenden uns von Roosevelt aus direkt nach Norden. 30 km weiter hört die asphaltierte Strasse auf, und eine gute Piste steigt ein weites Tal hinauf. Aber auch alles Gute hat einmal ein Ende: Bei der U-Bar Ranch endet die mit dem Wagen befahrbare Strasse. Ausser dem Verwalter der Ranch und seinen beiden Söhnen ist kein Mensch da. In der Nähe des Flusses, schön zwischen Birken und andern Laubbäumen gelegen, warten einige Hütten aus unbehauenen Stämmen auf Gäste. Wir sind auf 2377 m.
Unser erster Gedanke ist, gleich wieder aufzubrechen, trotz unserer sehr bescheidenen Ausrüstung unterwegs zu biwakieren, uns dann an einem Gipfel zu versuchen und im Lauf des nächsten Tages zurückzukehren. Aber der Ort ist hübsch, die letzte Nacht war nicht sehr erholsam ( ein kühles Biwak ); die Bequemlichkeit gewinnt die Oberhand, und 1 Es handelt sich um Seitentäler, die bei der Einmündung in das Haupttal sehr steil abfallen.
wir entscheiden uns für eine angenehme Nacht. Ausserdem überzeugt uns ein ( zu ) kurzer Blick auf mein Kartenfragment ( ohne Massstab ), dass am nächsten Tag nur 1600 m Höhenunterschied zu überwinden sein werden und unser Ziel, der von hier aus nicht sichtbare Mount Emmons ( 4097 m ), gar nicht so sehr weit weg sein dürfte. Einzige Vorsichtsmassnahme: Wir sollten recht früh und mit möglichst wenig Gepäck aufbrechen, denn man kann nie wissen, ausserdem sind meine Frau und meine beiden, 14 und 16 Jahre alten Töchter nur normal trainiert.
Ein langer Aufstieg zum Mount Emmons 3. Juli 1991: Im hellen Morgenlicht verlassen wir um 6 Uhr unser weiches Nest. Es ist frisch und schön. Der Pfad verläuft im Schutz der Bäume; führt, nachdem er den Fluss überquert hat, in zum Verzweifeln flachen Windungen aufwärts. Tatsächlich wurden viele dieser Pfade im amerikanischen Westen so angelegt, dass auch beladene Pferde sie begehen können, also mit sehr geringer Steigung. Abkürzen, die Kurven schneiden? Davon kann keine Rede sein, die Karte ist nicht detailliert genug, und bei den bewaldeten, mit Blöcken bedeckten Hängen würden wir bald dem Pfad nachtrauern. Die Sonne hat uns erreicht; obgleich wir an Höhe gewonnen haben, ist es weniger kühl. Wir biegen in ein Seitental ab. Tannen und Kiefern haben die Laubbäume abgelöst. Zahlreiche quer über der Piste liegende Baumstämme sorgen dafür, dass der Weg ziemlich ( sportlich ) wird. Offenbar ist noch keine Expedition hier durchgezogen, die für den Transport des Materials zu einem etwas weiter oben liegenden Basislager Pferde mit sich führte. Wir erreichen einen See, den ersten von vieren, er ist etwa 20 ha gross. Mit Hilfe eines kleinen Deichs wurde sein Wasserspiegel angehoben, um die Wasserführung des Abflusses, der in der Ebene eine wichtige Aufgabe hat, zu regulieren. Er sorgt nicht nur für die Bewässerung, sondern speist auch ein kleines Wasserkraftwerk, von dem das benachbarte Dorf mit Strom versorgt wird. Während eines kurzen Halts, um unsern Standort zu bestimmen, stürzt von ei- nem nahen Felsen eine Menge Steine herab, eine Folge des Tauwetters. Der ersehnte Gipfel scheint nicht mehr allzu fern, zwei bis drei Stunden meinen wir. Aber immerhin sind wir schon mehr als vier Stunden unterwegs, und wie haben nicht gebummelt.
Der Weg führt jetzt fast eben an den Seen entlang. Durst beginnt sich bemerkbar zu machen, aber gerade im richtigen Augenblick entdecken wir auf der Höhe des Wassers zwischen Felsblöcken eine kleine Quelle. Wir versorgen uns reichlich. In diesem Sektor wird übrigens das Basislager errichtet, von dem aus die Wanderer den Rest der Bergkette erkunden. Über eine Talstufe von rund hundert Metern ist der vierte See zu erreichen, er liegt auf 3300 m. Die Vegetation wird lichter. Jetzt müssen wir den Pfad zum Robert-Pass ( 3408 m ) verlassen und möglichst genau auf den Mount Emmons zu halten, und zwar in stärker alpinem Stil als bisher. Zunächst geht es über einen steilen Hang aus übereinandergestürzten Blöcken roten Sandsteins, dann folgt eine sanft zu einer breiten Schulter ansteigende grasbewachsene Zone. Zu unserer Rechten, tiefer, liegt der Oke Doke Lake, ein weiterer Gletschersee; er ist der Rest einer Wasserfläche, die inzwischen verlandet und von der Vegetation zurückerobert ist.
Jetzt sind wir fast am Fluss des Gipfelhangs. Höchstens 200 m Höhenunterschied bis zum Gipfel, schätzen einige von uns. Ich entschliesse mich, den Höhenmesser herauszunehmen, was ich bis jetzt vermieden hatte; ich war so oft über seinen ( Pessimismus ) enttäuscht. Mit einem kleinen listigen Lächeln behalte ich den abgelesenen Wert für mich: Wir sind erst auf 3500 m, also noch 600 m! Die Zeit ist sehr schnell vergangen: schon 13 Uhr. Vor uns ragt bis zur Gipfelwächte ein Chaos aus Blöcken auf, durch das sich Schneecouloirs ziehen. Der Schnee trägt recht gut, und wir kommen gleichmässiger voran als im Gestein. Der Hang wird steiler, und da wir weder Pickel noch Steigeisen mithaben, ist es bald klüger, wieder auf diese für Riesen bestimmte zurückzukehren. Die Wächte, die mir von fern einige Sorgen bereitet hatte, lässt sich mühelos bewältigen, nachdem ich über 40 m eine Art Treppe aus tiefen Mulden gespurt habe. Schliesslich kommen wir auf den Grat und stellen überrascht fest, dass wir nur den Rand eines stellenweise verschneiten Rük- kens erreicht haben. Bis zum Steinmann auf dem Gipfel müssen wir noch einmal gut eine halbe Stunde weiter aufsteigen. Inzwischen ist es 15.45 Uhr. Die Sonne strahlt an einem tiefblauen Himmel, einige Kumuluswölkchen säumen die Grate, die Temperatur ist angenehm.
Total 49 km und 1700 m Höhenunterschied Die Pause ist kurz, denn unsere Hütte liegt sehr weit entfernt- 16 km Luftlinie - im Tal unten, und einige finden allmählich die Tour ein bisschen lang. Statt auf dem gleichen Weg, mit den Risiken der steilen Schneehänge und aufgetürmten Blöcke, zurückzukehren, halte ich es für klüger, dem Grat nach Osten bis zum Robert-Pass zu folgen, um dort wieder auf den Pfad zu kommen.
Tatsächlich erreichen wir den Pass, der doch so nah schien, erst um 18.15 Uhr. Aber die Trockenheit der Luft lässt alles näher und klarer erscheinen, ähnlich wie der Föhn in den Alpen. Gestern hatte ich gesehen, dass die Entfernung zwischen der Ranch und dem Robert-Pass 12 Meilen, also 19 km beträgt; nehmen wir also allen Mut zusammen!
Wir gehen auf dem Pfad abwärts, nehmen im Vorbeigehen Material mit, das wir in der Nähe des vierten Sees zurückgelassen hatten, und sind eine Stunde später am Ort unsrer morgendlichen Pause. Das Licht nimmt ab, vor allem als wir tiefer ins Tal eindringen und der Wald dichter wird. Weil der Mond im letzten Viertel steht und erst in der zweiten Hälfte der Nacht aufgehen wird, erleichtern die beiden Stirnlampen, die wir am Morgen mitgenommen haben, die Entscheidung: Wir schicken die Kinder, die Abstieg vom Mount Emmons über den Nordostgrat schneller zu gehen scheinen, voraus, damit sie eventuelle Besorgnisse in der Ranch zerstreuen können. Ein endloser Abstieg beginnt, Kurve reiht sich an Kurve. Wir hatten den Weg am Morgen nicht als so lang empfunden. Nachdem der Fluss überquert ist, wissen wir, dass nur noch eine Stunde Marsch in fast ebenem Gelände vor uns liegt. Dann plötzlich ein schwaches Licht und Stimmen im Wald, was ist das? Kommt der Verwalter der Ranch uns schon mit einem Pferd entgegen? Eine unbegründete und verrückte Vorstellung. Es sind unsere Töchter, die zwei Amerikaner führen, deren Lampe vor einer Weile den Geist aufgegeben hat. Ausserdem hat die Ältere starke Schmerzen am Knöchel, die sie beim Gehen behindern. Ich gebe meiner Frau meinen Rucksack und nehme meine Tochter auf die Schultern. Völlig erschöpft erreichen wir um 23 Uhr die Ranch: 49 km und 1700 m Höhenunterschied in einem Tag, das ist für unsere Familie eine Premiere!
Am nächsten Tag lassen uns die Festlichkeiten zum 4. Juli kalt. Schon mittags sind wir auf dem Weg zum Arches National Park.
Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern
HVfc
( 4101 m )
Eine Bergtour in Sabah, Borneo Margrit und Hans-Ruedi Kipfer, Köniz ( be ) 175 Gipfelziel in Südostasien