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|Julius Rodenberg (1831-1914)|
Herausgeber der Deutschen Rundschau (ursprünglicher Titel Deutsche Revue).
In der Deutschen Rundschau wurden Kellers Züricher Novellen, 1. Teil (1876), Das Sinngedicht (1881) und Martin Salander (1886) vorabgedruckt.
Anzahl registrierte Briefe: 112 an, 80 von Keller (114 ZB Zürich)
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 50; GB 3.2, S. 334>
Hochgeehrter Herr!
Die "Deutsche Revue", welche mit einer Novelle Berthold Auerbach's eröffnet werden wird, würde glücklich sein, auch von Ihrer Hand einen Beitrag zu empfangen. Denn die "Deutsche Revue", welche bestimmt ist, ein repräsentatives Organ der deutschen Literatur zu werden, würde nur unvollständig sein, wenn der Verfasser des "grünen Heinrich" u. von "Romeo u. Julia auf dem Dorfe" darin fehlte. Gestatten Sie mir, in Betreff des Honorars hinzuzufügen, daß die "Deutsche Revue" pro Bogen 100 Thlr. zahlt, u. lassen Sie mich hoffen, dß Sie, in einer guten Stunde, derselben gedenken wollen!
In aufrichtiger Verehrung
ergebenst
Berlin, 4. Juni 1874.
D Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 1; GB 3.2, S. 334>
Zürich 12. Juni
1874
Hochgeehrter Herr!
Für Ihre freundliche Einladung zur Mitwirkung an der "Deutschen Revue", deren Errichtung ich begrüße, bestens dankend, sage ich gerne vorläufig einen gelegentlichen Beitrag etwa in Gestalt einer Novelle zu u werde darauf denken, etwas Geeignetes zuwege zu bringen. Ueber den Zeitpunkt der Einsendung kann ich aber leider Nichts im Voraus bestimmen, da ich weder Herr über meine Zeit, noch auch | immer über meine Stimmung und Arbeitslust bin.
Mit vollkommenster Hochachtung u Ergebenheit
Ihr
Gottfr. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 51; unveröffentlicht>
Hochverehrter Herr!
Mit dem herzlichsten Danke für Ihre gütigen Zeilen, nehme ich Ihr freundliches Versprechen an, sich der "Deutschen Revue" bei Gelegenheit erinnern zu wollen. Weiter, als eine so beschaffene Zusage von Ihnen zu erhalten, konnte weder meine Hoffnung noch mein Wunsch gehen. Allein ich darf mich jetzt wol der angenehmen Gewisheit hingeben, dß - falls u. wenn Sie eine neue Novelle schreiben, Sie dieselbe zuerst in der "Deutschen Revue" erscheinen lassen werden, die - wie Sie Ihnen jederzeit offensteht - Ihnen auch in Bezug auf die Wiederbenützung Ihres Werks jede Concession einräumen u. sich inzwischen bestreben wird, der Gabe werth zu sein, welche Sie ihr zudenken mögen.
In aufrichtiger Verehrung
ergebenst
Ihr
Berlin, 17. Juni 1874.
Schellingstraße, 16. W.
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 53; unveröffentlicht>
Berlin, den 21. Dec. 1874.
Mein hochverehrter Herr!
Mögen Sie mich nicht zudringlich schelten, wenn ich nicht warten mag, bis Sie der "DRundschau" gedenken; sondern mir herausnehme, Sie an dieselbe zu erinnern! Unser Unternehmen schreitet in der erwünschtesten Weise vorwärts; das Einzige, was uns fehlt, sind - Novellen! Es ist kaum glaublich u. doch nur allzuwahr, wie sehr die dichterische Production heute hinter den Leistungen auf allen andren Gebieten unsres nationalen geistigen Lebens zurückbleibt; während wir, in der DR, als unsre Aufgabe erkennen, wenn wir überhaupt nicht auf Novellen verzichten wollen, nur solche zu bringen, welche die Höhenlinie behaupten. Wir sehen daher keinen andren Weg, als uns immer wieder an die wenigen Meister der Kunst zu wenden, selbst auf die Gefahr hin, als höchst unliebsame Störer zu erscheinen. Mehr kann u. will ich nicht sagen; denn, so wie ich Sie aus Ihren Schriften kenne u. verehre, weiß ich, dß ich auf Ihre Unterstützung rechnen darf, sobald Sie sich in der Lage befinden, sie zu gewähren.
Hiermit empfehle ich mein erneutes Anliegen Ihrem freundlichen guten Willen u. verbleibe mit dem Ausdruck warmer Verehrung
ergebenst
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 54; GB 3.2, S. 336 z. T.>
Berlin, den 26. December 1874.
Mein hochverehrter Herr!
Keine schönere Festfreude hätte ich heute haben können, als diejenige, welche mir durch Ihren Brief bereitet worden. Die Hoffnung, so bald Etwas von Ihnen erwarten zu dürfen, hebt mich hoch über alle Sorgen u. Befürchtungen hinweg, u. macht mich wahrhaft glücklich. Sie sollen darum nicht gebunden sein, was die Zeit betrifft; ich wünsche nicht, dß Sie - wenn auch nur in Gedanken - genirt seien. Genüge denn die Bemerkung, dß jene Gruppe von Erzählungen mir immer willkommen sein u. sogleich nach ihrem Eintreffen einen Platz in der DR finden wird. Daß sie durch zwei Hefte geht ist, weit entfernt ein Grund dagegen zu sein, vielmehr eine neue Empfehlung; wir wünschen zuweilen Erzählungen von solchem Umfang zu bringen u. stellen Ihnen drei Hefte zur Verfügung, wenn's sein muß. So lassen Sie mich denn, was diese Sache betrifft, vertrauensvoll ins neue Jahr hinüberschaun u. mit den herzlichsten Wünschen und Grüßen mich nennen
verehrungsvoll ergeben
Ihren
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 55; unveröffentlicht>
Berlin,
den 26. Januar 1875.
Verzeihen Sie, hochverehrter Herr, dß ich schon wieder da bin! Was ich Ihnen heute sagen möchte, bedarf keiner Antwort; es beschränkt sich auf eine Mittheilung u. einen Wunsch, durch dessen Erfüllung Sie mich freilich glücklich machen würden. Wir veröffentlichen im Aprilheft eine Reihe bisher unbekannter Briefe Schillers - ein Theil seines im Schloßbrande von Kopenhagen verloren geglaubten Briefwechsels mit dem Herzog von Augustenburg, der jetzt in dem Familienarchiv wieder zum Vorschein gekommen u. von Prof. Max Müller in Oxford herausgegeben u. eingeleitet ist. In diesem Hefte - Sie werden es begreiflich finden - möchte ich nun auch nicht irgend eine beliebige Novelle bringen, sondern, wenn es möglich wäre, diejenige beginnen, welche von Ihnen uns in Aussicht gestellt worden. Dazu jedoch würde es nothwendig sein, dß ich das MS oder wenigstens einen Theil desselben bis zum 24. Februar in Händen hätte. Es würde mir leid thun, wenn ich den Ehrenplatz Jemandem geben müßte, den ich desselben für weniger würdig hielte, als Sie; darum bitte ich inständig: senden Sie mir das MS bis zu dem angegebenen Datum, wenn Sie können.
In herzlicher Verehrung
ergebenst Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 5; GB 3.2, S. 336>
Zürich 31 Mai 1875.
Hochverehrter Herr!
Ich komme in zwei Dingen, erstens Ihnen zu sagen, daß die besprochene Sendung trotz des eingetretenen Stillstandes, mein habitueller Unstern, keineswegs ungesendet bleiben wird, sondern jedenfalls noch in der besseren Jahrzeit von Stapel laufen soll. Nur gebe ich nichts mehr aus den Händen, bis das Punktum gemacht ist.
Dann geben Sie mir vielleicht einen guten Rath. Die 3-4 Geschichten oder Novellchen spielen in Zürich; es sind Thatsächlich- u Persönlichkeiten aus dem 13, 14 u 18t. Jahrhundert, mit der Rahmennovelle aus dem 19t. |
Würde der Titel "Züricher Novellen" Ihnen, namentlich auch für Ihre Zeitschrift, zu abgelegen, zu wenig versprechend u klingend, oder überhaupt nicht convenabel sein? Ich kann mir ganz gut denken, daß mir z. B. ein Titel "Frankfurter oder Stuttgarter Novellen" wenig interessant vorkommen würde.
Die einzelnen oder Unter-Titel lauten
Herr Jacques (Rahmen 19t. Jahrh.<)>
Hadloub (13t. Jahrh.)
Der Narr auf Manegg (14t.)
Der Landvogt von Greifensee (18t.)
WennSie gerade einmal eine übrige Minute haben, so sagen Sie mir vielleicht ein par Worte | über die nicht allzu brennende Frage.
Inzwischen entschu<l>digen Sie möglichst die Säumniß. Gebe der Himmel, daß die Sachen nicht zu früh oder zu spät kommen; man ist jetzt keinen Augenblick mehr sicher, ob man nicht ein alter Simpel wird.
Ihr hochachtungsvoll
ergebener
G. Keller.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 57; GB 3.2, S. 337 z. T.>
Berlin, den 15. Juni 1875.
Entschuldigen Sie, mein hochgeehrter Herr, daß ich Ihre mir so herzlich willkommenen Zeilen vom 31. Mai nicht früher beantwortet; ich bin verreist gewesen u. erhielt dieselben erst vor wenigen Tagen, will es jedoch nun gleich mein Erstes sein lassen, Ihnen zu sagen, wie glücklich es mich gemacht hat, mit dem Titel Ihrer neuen Arbeit auch die Gewißheit empfangen zu haben, diese selbst in nicht allzuferner Frist erwarten zu dürfen. Den Titel "Züricher Novellen" finde ich so schön u. verheißungsvoll, als nur irgend möglich; bleiben Sie ja dabei! Denn es ist etwas Anderes, ob Hans oder < FACE="Arial">Kunz "Frankfurter" oder "Stuttgarter Novellen", oder ob Gottfried Keller "Züricher Novellen" giebt. Jene von Tag zu Tag wachsende Gemeinde, die verehrungsvoll an Ihnen hängt, wird mit Lust nach einem neuen Werke von Ihnen greifen, welches den Namen "Züricher Novellen" trägt; weiß oder ahnt doch Jeder, der Sie kennt, was er dann zu erwarten hat! Ist mir doch, als ob ich in dem Rahmen, den Sie mir angedeutet, schon die Bilder sähe! Wenn es Ihnen möglich wäre, mir die Sendung bis etwa zum August zu machen, so würden Sie alle meine Wünsche gekrönt haben. Aber sprechen Sie nicht wieder von "zu früh", noch gar von "zu spät." Sie kommen immer zur rechten Zeit; Sie sind "einer von den Rechten", wie mit den Worten Grietli's Auerbach eine lange Besprechung der II. Aufl. Ihrer "< FACE="Arial">Leute von Seldwyla" schließt, die Sie - ich darf es Ihnen wol verrathen - im Juliheft der "DRundschau" lesen werden.
Mit freundlichem Gruße
in aufrichtiger Verehrung
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 58; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 22. October 1875.
Verehrtester Herr!
Aus tiefer Noth schrei' ich zu Ihnen! Ich weiß wahrlich nicht, was ich beginnen soll, wenn Sie mir nicht helfen! Erbarmen Sie sich meiner u. entschließen Sie sich, wenigstens eine der vier Novellen aus der Hand zu geben; sie würde grade genügen, um uns vom Hungertode zu retten. - Ich komme eben von einem mehrwöchentlichen Ferienaufenthalt zurück, in welchem ich mich fast unausgesetzt mit Ihnen beschäftigt, indem ich Ihre "Leute von Seldwyla" noch einmal, von Anfang bis Ende, ganz durchgelesen habe. Mir ist dabei viel Neues aufgegangen, was Auerbach nicht bemerkt hat u. seiner Natur gemäß nicht bemerken konnte. Es wäre eine schöne Aufgabe, Ihre dichterische Erscheinung einmal in einem Gesammtbilde zusammenzufassen, welches allen Seiten desselben gerecht würde. Wenn ich nur den rechten Mann dafür wüßte! Doch darüber später.
Entschuldigen Sie das Flüchtige u. Unzusammenhängende dieser Zeilen. Mir schwirrt der Kopf noch von Nachtfahrten, u. fast das Erste, was ich schreibe, ist dieser Nothruf an Sie! Beantworten Sie ihn - ich bitte herzlich! - mit einer MS-Sendung.
In aufrichtiger Verehrung
Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 7; GB 3.2, S. 338>
Zürich 28 Mai 1876
Verehrter Herr Doctor
Ihre freundliche Zusendung beweis't mir, daß Sie mir noch nicht grollen wegen meiner verbrecherischen Nichtleistungen. Meine sanguinische Art, die sichere Ausführung einer Arbeit in bestimmter Frist vorzunehmen, hat mich wieder selbst gefoppt, da die Sache durch die sanfte aber eiserne Textur der Lebenstage eben so sicher immer anders kommt.
Ich kann das aber nicht mehr so haben u habe deshalb meine Amtsstellung auf 1 Juli gekündigt, um einige Jahre ungehindert u fleißig schreiben zu können, was mich freut. Nachher werden die Götter auch noch leben. Das erste soll die Vollendung der Zürcher Novellen sein.
Wie steht es nun mit der Correktur oder Revision? Ich sehe die kleinen Unebenheiten des Geschriebenen erst, wenn es | gedruckt vor mir liegt u pflege erst dann noch das Heer der überflüssigen u schädlichen Adjektiva auszurotten. Kann ich nun, wenn die Sache einmal losgeht, Revisionsbogen der deutschen Rundsch. hieher bekommen, wenn ich sie umgehend zurücksende?
Ferner noch die schnöde Frage zu Handen der Herren Verleger, ob die sofortige Verwendung der Novellen als Bestandtheil eines nach ihrem Erscheinen in der Rundschau herauszugebenden Buches sicher gestattet sei, unbeschadet dem in Aussicht gestellten Honorar?
Diese Frage ist eine Frucht der oben angedeuteten Ereignisse, die mich natürlich nun zwingen, auch etwas industriös zu sein.
Inzwischen danke ich wiederholt höflichst für die fortwährende Zusendung der Zeitschrift u Ihnen speziell für Ihre englischen Ferientage darin. Sie waren nach Inhalt u Form ein feines süßes Gebäck, wie man es nur in guten | Häusern ißt, von erquicklichster Art. Wo haben Sie denn Ihren Literatur-Kreißler gelassen?
Doch genug für diesmal. Wenn Sie Zeit haben, so melden Sie mir vielleicht, wie lange die Novelle des Julius von der Traun, die gegenwärtig läuft, vorhalten wird? Vielleicht kann ich doch nachher anschließen, ohne Präjudiz!
Ihr grüßend ergebener
G. Keller.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 61; GB 3.2, S. 339 z. T.>
Berlin, W., den 2. Juni, 1876.
Verehrter Herr Doctor!
Wie glücklich haben mich Ihre Zeilen gemacht! Zu denken, daß Ihre Verheißung nun Wahrheit werde u. die "Rundschau" ihren Lesern Novellen von Ihnen bringen soll, ist eine Freude, die sich mit Nichts vergleichen läßt. Daß Sie, um der Literatur willen, gesonnen sind, sich frei zu machen von allen hemmenden Geschäften, ist ein großer u. heroischer Entschluß; aber auch einer, den Sie sicherlich nicht bereuen werden u. das Publicum Ihnen tausendfältig vergelten wird. Beamte sein können Viele; jedoch "Leute von Seldwyla" schreiben, können nur Sie. Fängt doch jetzt auch mit Einem Male das Ausland an, Sie als den zu erkennen, als welchen wir Sie schon längst geliebt u. verehrt haben! Es hat länger gedauert, als recht u. billig, aber Sie sollen sehen, Ihre Geltung wächst jetzt ebenso rasch, von Tage zu Tage, u. aus der treuen Gemeinde, die Sie längst schon hatten, wird in nicht ferner Zeit das ganze Volk u. die ganze Welt werden. - Um Sie nun gleich darüber zu beruhigen, soll ich Ihnen im Namen der Verleger der "Rundschau" melden, dß Sie - unbeschadet der sofortigen Wiederbenutzung Ihrer bei uns erschienenen Novellen, für den Bogen 300 Mark (100 Thaler) erhalten werden. Sie bieten Ihnen außerdem das volle Honorar (unsere Abrechnung natürlich vorbehalten) jedesmal bei Ablieferung des MS an u. stellen Ihnen für 10. Juli, falls Sie es wünschen, auf das zu liefernde MS eine von Ihnen zu bestimmende Summe zur Verfügung. Das erste Heft, welches wir Ihnen zur Verfügung stellen können, ist das Octoberheft; wir müßten dann aber das MS unbedingt am 1. Juli in Händen haben. Wir würden hohen Werth darauf legen, die sämmtlichen "Züricher Novellen", von denen Sie mir früher geschrieben, in der "Rundschau" zu publiciren, u. bestätigen für dieselben alle unsere bereits angeführten Anerbietungen, namentlich auch die, dß Ihnen a conto derselben u. im Voraus Zahlungen der Verlagshandlung zu Gebote stehen. Ueber die Publicationstermine würden wir uns leicht einigen, sobald wir nur erst einmal wissen, welchen Umfang annähernd jede einzelne Novelle haben wird u. wann Sie das MS derselben liefern können. Seien Sie überzeugt, verehrter Herr Doctor, dß wir der Ehre, Ihre Novellen publiziren zu dürfen, durch Alles, was nur in unsern Kräften steht, uns werth erweisen u. alle Wünsche, die Sie nur irgend hegen können, freudig erfüllen wollen. | Denn wir wissen, was es bedeutet, Arbeiten von Ihnen zu bringen, u. welchen Werth gerade das Publicum der "Rundschau" darauf legen wird. Wir werden es uns zur Aufgabe machen, Ihnen die Beziehungen zu unsrer Zeitschrift so angenehm als möglich zu gestalten u. wagen zu hoffen, daß Sie dann, was Sie schreiben, vor der Buchausgabe zuerst in der "Rundschau" veröffentlichen wollen, da wir für Sie immer Raum haben oder schaffen werden. Die Correctur soll Ihnen stets so frühzeitig zugehen u. in einer solchen Form, dß Sie daran ändern, streichen u. zusetzen können, was u. soviel Ihnen beliebt; wenn Sie wollen, können Sie auch jedesmal 2 Correctur-Abzüge haben.
Da ich am 20. dM. für 4 Wochen ins Bad gehen muß, während welcher ich die Zügel ganz aus den Händen geben muß, so würden Sie mich zu unendlichem Dank verpflichten, wenn Sie es uns durch rasche Beantwortung dieser Zeilen ermöglichen wollten, diese Angelegenheit vorher zu ordnen, um so mehr, als nachher auch die Verleger ihre Sommerreise machen. Also bitte, schreiben Sie umgehend, ob Sie Ihre erste Novelle bis 1. Juli schicken können, u. wenn nicht, wann wir dieselbe etwa erwarten dürfen. Ferner bitte ich noch einmal, in Bezug auf etwaiges Honorar schon am 1. Juli im Voraus verfügen zu wollen.
Für Ihre freundlich anerkennenden Worte über meine "Ferien in England" drücke ich Ihnen herzlich die Hand. Meinen "Literatur- Kreißler" (der Name ist köstlich!) werden Sie im Juniheft wiedergefunden haben u. ich stehe Ihnen nicht gut dafür, dß er Ihnen im August- oder Septemberheft abermals unter die Augen tritt. Das Zwirnknäuel seiner Beredsamkeit ist noch lange nicht abgewickelt.
In herzlicher Verehrung
Ihr
Julius Rodenberg.
N.S. Nach eben stattgehabter Besprechung mit den Verlegern, möchte ich noch hinzufügen, dß - wenn Sie das MS am 1. Juli abliefern u. besondern Werth darauf legen, wir Ihre ersten Novellen auch möglicherweise schon im Septemberheft bringen könnten, obgleich mir das Octoberheft lieber wäre.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 9; GB 3.2, S. 340>
Zürich 6 Juni 1876.
Verehrtester Herr!
Ich bin Ihnen abermals verbunden für Ihre freundlichen u viel zu wohlwollenden Mittheilungen, die ich in Kürze beantworte. Auf 1 Juli ist es mir nicht möglich, das Manskript abzugeben; ich habe, um mein Amt dem Nachfolger in guter Ordnung übergeben zu können, gerade während des gegenwärtigen Monats noch so viel zu thun, daß ich nichts anderes machen kann. Nachher gehts dann hoffentlich auf längeres Nimmeraufhören los mit der Literatur. Ich könnte also bestimmt erst auf 1 August abliefern u müßte es Ihnen überlassen, ob Sie doch mit dem Octoberheft oder erst mit dem Novemberheft beginnen wollten.
Die "Züricher Novellen" bestehen, wie ich Ihnen schon geschrieben, aus 4 Stücken, von denen 3 in das 4t. oder vielmehr 1t. eingeschachtelt sind u zwar so: In der Rahmennovelle | erzählt ein Alter einem Jungen die 3 übrigen Novellen, die aber ohne Dialogunterbrechungen u d gl. für sich rund abgeschlossen sind. Es käme also im 1t. Heft der Anfang der Rahmennovelle u eine ganze Novelle; im folgenden Heft die zweite ganze Novelle u s f. u mit der letzten Novelle dann der Schluß der Rahmennovelle. Das Ganze wird nach meinem Dafürhalten ungefähr 8 Bogen der Deutschen Rundschau in Anspruch nehmen u ich würde allerdings darauf rechnen, daß es nach einander erscheint.
Was in der Buchausgabe dann noch hinzu kommt, ist schon früher gedruckt worden.
Für das Anerbieten von Honorarvorschüssen bin ich den Hrn. Verlegern u Ihnen dankbar verbunden; ich bedarf jedoch derselben nicht u ziehe vor, das Honorar nach gethaner Arbeit in ganzer Summe zu erhalten.
Zu bemerken ist noch, daß die sog. Rahmennovelle nicht groß, sondern mehr ein humoristisches Accompagnement ist, | so daß das ganze Bouquet'chen wohl in 3 Heften Platz haben kann.
Mit Ihren gütigen Mittheilungen in Betreff der übrigen Verhältnisse bin ich nun vollkommen befriedigt u werde mich auch ohne weiteren Brief Ihrerseits nun an den Laden legen, um das Ende dieser Dinge herbeizuführen, damit ich zu Anderem schreiten kann.
Ihr hochachtungsvoll u grüßend ergebener
G. Keller.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 62; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 10. Juni, 1876.
Mein verehrtester Herr!
Es macht sich Alles ganz vortrefflich nach Ihren Angaben, u. wenn Sie dieselben nur festhalten wollen, so stimmen Ihre Wünsche durchaus mit den unsrigen überein. Mir persönlich ist es, offen gestanden, viel angenehmer, dß Sie das MS, oder wenigstens einen Theil des MS erst im August schicken wollen; denn ich bin von Ende nächster Woche bis etwa 10. August von Berlin abwesend, u. es würde mir ein quälender Gedanke sein, ein MS von Ihnen in Berlin zu wissen, ohne dß ich es sogleich in die Hand bekäme. Vom 10. August ab bin ich wieder in Berlin, u. zwar unter einer neuen Adresse: "Margarethenstraße, 1, W" (- es ist eine neue Straße, die zu Ihrer Zeit noch nicht war, eine Querstraße der Victoriastraße) - dorthin oder auch an die Adresse der Verlagshandlung erbitte ich mir Ihr MS, u. zwar, wenn irgend möglich, bis 1. September. Wir würden dann am 1. November mit der Publication beginnen, u. Sie könnten in aller Ruhe die Correcturen lesen u. daran ändern, so viel Ihnen nur beliebt. Es ist ein wahres Gaudium für mich, zu denken, dß ich sobald etwas Neues von Ihnen lesen u. alsdann die Welt lesen lassen werde. Sie haben keinen Begriff davon, wie die Seele nach etwas Rechtem, Erquickendem lechzt, nach all' dem Schund, den man vom deutschen Büchermarkt empfängt u. hinunterwürgen muß. Also, bester Herr Gottfried Keller, lassen Sie mich dem 1. September wie einem guten u. verheißungsvollen Tag entgegensehen - was Sie uns dann senden, will ich in Dankbarkeit u. Inbrunst an mein Herze drücken! Wenn Sie früher, etwa schon am 15. August schicken, um so besser, Dankbarkeit u. Inbrunst werden dieselben bleiben. Allein ich möchte mit der Publication lieber erst im Novemberheft anfangen, da ich dieselbe dann, wie Sie wünschen u. wie es auch durchaus in der Natur der Sache liegt, unausgesetzt zu Ende führen kann, was mir ( aus Gründen, die zu weitläufig u. Ihnen auch sicher gleichgültig sind) schwieriger fiele, | wenn ich im Octoberheft beginnen wollte. Doch unerläßlich wäre, dß ich das MS, oder wenigstens den für das Novemberheft bestimmten Theil bis spätestens 1. September erhielte. Somit wünsche ich Ihnen u. den "Züricher Novellen" alles Gute, hoffe im August wieder von Ihnen zu hören u. grüße Sie
in dankbarer Gesinnung
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 63>
Fulda, Hessen, 5. August, 1876.
Mein verehrtester Herr!
Endlich kann ich Ihnen melden, daß ich aus Marienbad zurück u. bereit bin, Ihr lang u. sehnlich erwartetes Novellen-MS in Empfang zu nehmen, entweder hier in Fulda, wo ich bis zum 13. dM. bleiben, oder in Berlin, wo ich von da ab wieder unveränderlich fest sitzen werde. Sollten Sie die Sendung nach hieher richten wollen, so genügt die einfache Adresse "Fulda, Hessen". Doch wäre mir fast lieber, wenn Sie, der größeren Sicherheit halber, etwa bis heut in acht Tage warten u. dann gleich nach "Berlin, Margarethenstraße 1. W" (meine neue Wohnung) adressiren wollten, wo es mir als eine gute Vorbedeutung gelten sollte, wenn Ihre neuen Novellen das Erste wären, was ich in derselben lesen würde. Ich kann es Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, u. wie glücklich es mich gemacht hat, in den Zeitungen bestätigt gefunden zu haben, daß die "Züricher Novellen" in der "Rundschau" erscheinen würden. Uebrigens gilt auch hier für uns das Wort: "Nulla dies sine Gottfried Keller", indem wir uns an Ihren "Sieben Legenden" ergötzen, die uns eine gar liebe Reisebegleitung geworden. - Einliegende Karte hat mir Rittershaus für Sie gegeben; Sie ist in meinen Händen etwas älter geworden, als ihre Bestimmung war, wird Sie jedoch auch so noch überzeugen, daß wir Ihrer lebhaft gedacht haben, uns im Voraus auf alle die guten Sachen freuend, die wir so bald von Ihnen empfangen werden.
In herzlicher Verehrung grüßt Sie
Ihr ergebener
Julius Rodenberg.
Versäumen Sie aber nur ja nicht, Ihr Paquet mit Werthangabe zu versehen; sein Inhalt ist ein zu kostbarer u. unersetzlicher, als daß Sie es nicht recht hoch gegen jede Gefahr versichern sollten.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 11; GB 3.2, S. 342>
Zürich 13. VIII. 76
Verehrter Herr u Gönner!
Für alle neuerlich erwiesene Freundlichkeit dankend verbinde ich zugleich damit den Undank, Ihnen anzuzeigen, daß ich Ihnen das Manuskript nicht auf nächsten Dienstag den 15 Aug., wie Sie gewünscht, sondern erst gegen Ende dieser Woche zuschicken kann, u auch das nur in der Weise, daß es für das Novemberheft ausreicht (gegen 3 Bogen) u für ein weiteres Heft das Ms. 8 Tage später folgt. Der Schluß hat alsdann keine Schwierigkeit mehr, da er das fertigste des Ganzen ist. Vor Allem aber seien Sie nicht beunruhigt. Ich fürchte, Sie bekommen | nur zu viel auf einmal für Ihre Leser.
Ich danke Ihnen herzlichst für Ihr Syltbuch, das mir der Verleger zugeschickt hat. Ich habe mich wieder förmlich erquickt an der glücklichen Verschmelzung von Naturstimmung u Menschenthum. Der Wulff Manne Dekker mit seiner Publikationssucht ist ein famoser Typus u vorzüglich gegeben.
Also nächstens mehr.
Ihr
G. Keller
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 13; GB 3.2, S. 342>
Zürich (Enge) 19 VIII 76.
Verehrter Herr u Freund!
Damit der Satz der Novellen wenigstens beginnen kann, sende ich Ihnen das Manuskript stückweise. Der Schluß dessen, was in das Novemberheft kommt (vorausgesetzt, daß Sie nicht mehr dazunehmen), folgt in 2 Tagen.
Ich habe mich gerade mit der ersten Novelle (Hadlaub) etwas verfahren u muß die Hälfte davon tüchtig zurecht klempnern. Die übrigen Sachen haben keine Schwierigkeit mehr u werden rasch folgen. Es ist mir lieb, wenn ich 2 Correkturabzüge bekommen u den einen behalten kann.
Mit Hochachtung u Ergebenheit
Ihr G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 64; GB 3.2, S. 343 z. T.>
Berlin, W., den 23. August, 1876.
Mein theurer Herr u. verehrter Meister!
Wenn auch nur mit wenigen Worten, muß ich Ihnen doch gleich meinen vollen Herzensdank aussprechen für die mir heut früh gewordene, liebe Sendung! Seit ich das MS habe, bin ich wie vernarrt, kann mich nicht davon trennen, lese u. lese u. habe meine stille Freude daran, indem ich manchmal dazwischen aufspringe, mir die Hände vor Vergnügen reibe u. im Zimmer auf- u. ablaufe. Schon habe ich die Bekanntschaft des Herrn Jacques, vulgo Jacobus, gemacht, ein wahres Cabinetstück, bei dem Einem das Herz im Leibe lacht. Eben hab' ich auch den Hadlaub begonnen; aber es geht mir mit Ihren Sachen, wie mit edlem Wein, den man auch nicht so hinunterschlucken, sondern fein bedächtig schlürfen u. dankbar genießen soll - wie dort Tropfen für Tropfen, so geht mir hier Wort für Wort lieblich ein, u. ich preise Gott für die Gnade, wieder einmal etwas so Reifes, Kräftiges, Mildes, Inhaltvolles lesen zu dürfen. Bis ich mit dem vorliegenden Stück von Hadlaub fertig geworden, wird auch wol der Rest angekommen sein u. ich kann dann gleich ohne Unterbrechung weiter lesen u. Ihnen wieder schreiben. Beide Novellen gehen hierauf sofort zum Satz u. nach Ihrem Wunsch erhalten Sie zwei Correcturabzüge, davon Sie den einen für sich behalten mögen. So viel für heute. Nur noch einmal herzinnigen Dank für Das, was Sie mir heute gegeben u. was, aus dem Schrank heraus, in welchem ich es jetzt verschlossen halte, mein ganzes Zimmer mit einer festlichen Stimmung zu erfüllen scheint. Auch das, was Sie mir in Ihrem vorhergehenden Briefe über mein Sylt-Buch gesagt, trägt dazu bei, mich innerlich gestärkt u. gehoben zu fühlen, so dß ich gleichsam in einer ganz Gottfried Keller'schen Atmosphäre lebe u. eine wahre Sehnsucht bekomme nach dem Lande, in welchem Zürich u. Seldwyla liegen.
In freundschaftlicher Verehrung
Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81 /VI,7,11 Nr. 15; GB 3.2, S. 343>
Zürich-Enge 31. VIII. 76
Hochverehrter Herr!
Das fängt schön an, werden Sie denken; allein verzweifeln Sie nicht. Ich schicke Ihnen hier den Rest des Manuskriptes, das ich mir für das Novemberheft bestimmt denke. Brauchen Sie mehr dafür, so können Sie von dem Künftigen noch dazu nehmen. Am 15 September gehe ich nach München für 8 Tage; bis dahin wird die Partie für das Decemberheft fertig sein, nämlich der Schluß des Hadloub und die nächste kleinere Novelle, welche, sowie die dritte und der Schluß des | Ganzen, keinerlei Schwierigkeiten oder Aufenthalt mehr darbieten.
Bei dem Hadloub bin ich wegen Verquickung von Wahrheit und Dichtung in unerwartete Verkrempelung gerathen und muß mit Geduld darüber hinwegduseln. Daß Sie das abscheuliche Manuskript lesen müssen, thut mir leid; sie werden dadurch doppelt abgekühlt worden sein; der letzte Theil des Hadloub wird aber lebendiger und plastischer sein.
Bin ich von München zurück, so werde ich mit neuen Kräften und con amore den letzten Theil für das Januarheft längstens bis Ende October abhaspeln |
Wenn ich die Correktur nicht bis Mitte September hier erhalten kann, so werde ich Ihnen alsdann meine Münchner Adresse schicken, damit diese Funktion keinen Aufschub erleidet.
Ich danke Ihnen für Ihre große Freundlichkeit, mit der Sie das Bisherige aufgenommen haben, und wünsche nur, daß dieselbe kein zu großes < FACE="Arial">Fiasco macht.
Ihr in bester Gesinnung
ergebener
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 65; unveröffentlicht>
Berlin,
W., den 3. September, 1876.
Margarethenstraße, 1.
Hochverehrter Herr!
Ich freue mich, Ihnen den richtigen Empfang der zweiten Sendung, S. 53-64, anzeigen, u. bin glücklich, was mich persönlich betrifft, den Lebenslauf Hadlaub's weiter verfolgen zu können. Das vorliegende Stück reicht vollkommen aus für das Novemberheft; allein es wäre mir lieb, wenn ich mich bestimmt darauf verlassen könnte, den Rest des Hadlaub wenigstens bis zum 15. dM. zu erhalten. Dann hätte ich Ruhe, u. auch Sie sollten sie haben u. Nichts meinerseits sollte die Tage stören, welche Sie in München zu verbringen gedenken. Wie wird Heyse sich freuen, Sie zu sehen! Er schrieb mir neulich ganz beglückt in dem Gedanken, so bald Etwas Neues von Ihnen zu lesen. Auch Prof. Karl Hillebrand aus Florenz, der mich vorgestern besucht u. bei der Gelegenheit das Schema der nächsten Hefte sah, gerieth in Entzücken, als er Ihren Namen darauf erblickte; u. sagte, dß er sichs zur allerhöchsten Ehre schätze, mit Ihnen in Einem Hefte zu sein.
Was nun die Correctur anbelangt, so scheint mir das Einfachste zu sein, Sie Ihnen zu senden, sobald Sie von München zurück sind, also gegen Ende dieses Monats. Bis dahin bin ich, Ihrer Angabe nach, längst im Besitz des Schlusses von Hadlaub u. der dritten für das Decemberheft bestimmten Novelle, u. Alles wird dann nach Wunsche gehen. Wenn ich jetzt, wo unsere Druckerei stark mit dem Octoberheft zu thun hat, Ihr MS zum Satz gäbe, so würde die Correctur ungefähr erst fertig werden, wenn Sie nach München gehen wollen; es scheint mir daher besser, noch etwa 14 Tage damit zu warten, so dß Sie dann die Correctur unmittelbar nach Ihrer Heimkehr erhielten. Also noch einmal, mein lieber u. verehrter Herr, lassen Sie mich die dritte Sendung sicher bis Mitte dieses Monats erwarten dürfen u. seien Sie herzlich u. verehrungsvoll gegrüßt von
Ihrem
Ihnen innig ergebenen
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 17; GB 3.2, S. 344>
Zürich-Enge 10 X. 76
Verehrter u Geduldiger!
Sie haben ein schönes Märterthum mit mir angetreten; aber mit Noth soll das Schifflein doch an's Land kommen.
Hier schicke ich Ihnen den Schluß des Hadlaub. Morgen gehe ich erst nach München, bin aber in 8 Tagen wieder zurück und werde dann sofort die nächste Novelle druckbar machen und jedenfalls noch im Laufe des October noch so viel Manuskript senden, als Sie für das Decemberheft gebrauchen. Eine andere Frage oder Schwierigkeit taucht aber auf wegen der dritten u letzten Novelle. Dieselbe wird jedenfalls etwa 3 Bogen Ihrer Zeitschrift erfordern und es könnte, wenn man den Schluß der kleinen Rahmengeschichte hinzurechnet, der Fall sein, daß ein viertes Heft der Revue angerissen werden müßte, was Ihren Lesern und Ihnen selbst gewiß langweilig wäre.
Es entstände also die Frage, ob man nicht entweder die Folge unterbrechen und nach Ausfall eines Monates wieder fortsetzen kann, oder ob eine der Geschichten unterdrückt werden soll, was ganz gut einzurichten ist? Die Entlegenheit meines Genres oder wie Sie es nennen wollen läßt doch befürchten, | daß dem großen Publikum, das an die modernen Socialstoffe gewöhnt ist, die Sache zu weitschichtig würde.
Seien Sie also so gütig, sich den Handel zu überlegen und zu entscheiden. Das ganze Manuskript mache ich so wie so fertig, da ich im November mit diesem Gegenstand zu Ende sein und mich den neuen Conceptionen zuwenden muß. Jene dritte Geschichte spielt, wie Sie bereits wissen, im 18 Jahrhundert.
Hr Paul Lindau hat eine Autobiographie von mir in der Gegenwart angekündigt. Es werden aber nur einige biographische Betrachtungen rein literarischer Natur sein und nicht viel auf sich haben. Er wollte durchaus für die 1t. Octobernummer den Anfang, allein ich werde hieran nichts thun, bis die Novellen abgewickelt sind. Das ganze Institut dieser Selbstbiographieen ist eine unangenehme Erfindung u der Teufel weiß, wie man hineingeräth.
Seien Sie wegen der Fortsetzung unseres Handels nicht allzu bange. Meine schriftstellerische Beweglichkeit verbessert sich zusehends u kommt schon wieder zurecht. Ich mußte mich erst daran gewöhnen, wieder in voller Freiheit Alles aus den Fingern zu saugen, anstatt nur aus den Akten heraus zu büffeln.
Ihr verehrungsvoller u ergebener
G. Keller.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 67; GB 3.2, S. 345 z. T.>
Berlin,
W., den 17. October, 1876
Margarethenstraße, 1.
Mein verehrtester Herr, unschätzbarster Mitarbeiter u. werthester Gönner!
Ich muß wol solche Titularen ersinnen, um Sie zu beruhigen. Was? Ihre Novellen könnten uns zu viel werden - uns, die wir seit Jahren nach Novellen von Ihnen hungern u. dürsten? Nein, lassen Sie mich niemals wieder ein solches Wort hören, sonst muß ich Ihnen noch ganz andere Titel u. Namen beilegen. Vielmehr soll ich Ihnen feierlich, zugleich im Namen der Verlagshandlung verkünden: daß für Alles, was Sie schreiben, die "Rundschau" Ihnen heut u. immerdar ganz u. gar zur Verfügung steht; daß wir Nichts lebhafter, Nichts aufrichtiger wünschen u. erbitten, als daß Sie Alles, was Sie schreiben, bevor Sie es als Buch ediren, zuerst in der "Rundschau" erscheinen lassen - möge Gott Sie mit Fruchtbarkeit segnen, uns könnte nichts Lieberes geschehen! - Allen Ernstes lege ich Ihnen diesen meinen Antrag ans Herz; machen Sie es mit der "Rundschau", wie Octave Feuillet u. Cherbulliez es mit der "Revue des deux mondes" machen, u. helfen Sie dadurch, die "Deutsche Rundschau" der "Revue" ebenbürtig machen: publiciren Sie darin fortan alle Ihre neuen Novellen, wir haben, d. h. schaffen für Sie stets Raum, u. zwar auf gegebene Notiz innerhalb weniger Monate. Damit wären denn auch alle Skrupel u. Fragen Ihres vorliegenden Briefes (vom 10. dMs) beantwortet. Das MS, Schluß des Hadlaub, geht sofort zum Satz, u. ich will mir dießmal das Vergnügen machen, es erst im Correcturabzug zu lesen. Sie erhalten wieder zwei Abzüge in etwa 10-12 Tagen. Es paßt mir dießmal besser, zugleich mit dem Quartalsschluß (Decemberheft) auch nur den "Hadlaub" abzuschließen, wir lassen dann die dritte Novelle mit einem Stück der vierten im Januar- u. den Schluß des Ganzen im Februarheft folgen. Ob man nicht allenfalls zwischen der zweiten Geschichte (Hadlaub) u. der dritten, also im Januarheft die neue Novelle von Paul Heyse# schieben könnnte: darüber ließe sich noch sprechen, eben weil es Paul Heyse ist, der mir neulich von Ihnen schrieb: "es macht viel größeres Vergnügen, ihn (Sie!) zu lesen, als selbst gelesen zu werden." Aber über Auslassen, Unterdrücken u. s. w. bitte, ja beschwöre | ich Sie, keine Sylbe mehr verlieren zu wollen. Ich danke Gott, dß ich vier Novellen von Ihnen habe, u. ich meine, dß ich sie auch einigermaßen verdient hätte. Habe ich auch nicht, wie Jakob um Rahel, sieben, so habe ich doch zwei Jahre redlich um sie geworben.
Also schicken Sie mir die folgenden Stücke des < FACE="Arial">MS sobald Sie nur immer dieselben vollendet u. lassen Sie sich sagen, dß alle zehntausend Abonnenten der "Rundschau" ihren Dank mit dem meinen vereinigen!
In treuer u. verehrungsvoller Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
# den Sie hoffentlich in München wohl u. munter angetroffen haben!
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 69; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 14.
November, 1876.
Margarethenstraße, 1
Mein sehr verehrter Herr u. Meister!
Wie steht es denn nun mit der Geschichte No 3? Werden wir sie noch im Januarhefte bringen? Dann freilich wäre nöthig, dß ich das MS sobald als möglich, spätestens in der nächsten Woche erhielte. Wenn ich Sie so bedränge, dann geschieht es zum Theil aus Egoismus, weil ich mich aufrichtig darnach sehne, wieder von Ihnen zu lesen, nachdem ich nun einmal aufs Neue in den Geschmack gekommen bin. Und ich glaube, dß es dem Publicum überhaupt ebenso geht. "Herr Jacques" hat unendlich gefallen, u. ebenso das Stück von "Hadlaub", soweit es bis jetzt die Leute kennen. Allein das Schönste kommt doch erst im nächsten Heft; die Lösung ist gar lieblich u. herzgewinnend - abwechselnd Thränen gelacht u. geweint hab' ich dabei. Man spricht hier jetzt überall von "Hadlaub", u. ich wünschte, Sie könnten Einiges davon hören. Sie haben hier sehr viele aufrichtig bewundernde u. ergebene Freunde u. Anhänger; auch Julian Schmidt gehört dazu. Wir haben uns neulich überboten in unsern Ausdrücken der Liebe für Sie, u. Julian ist sonst kein Mann, der verschwenderisch mit dergleichen umginge.
Doch zurück zur Hauptsache: wann erhalte ich die Fortsetzung Ihres MS? Sie wissen, dß ich Sie für einen Monat dispensiren kann, weil ich noch eine Novelle von Heyse habe. Dann aber müssen Sie ja doch wieder heran. Doch über diese Zeitfrage sollen Sie ganz allein entscheiden; nur geben Sie mir Nachricht, ich bitte recht sehr darum, bis wann ich das nächste Stück sicher erwarten darf?
Mit herzlichem Händedruck
Ihr ergebener Verehrer
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 19; GB 3.2, S. 347>
Enge-Zürich 16 Nov 1876.
Verehrter Herr, Meister u Arbeitgeber!
Ich danke Ihnen abermals für alle Ihre Freundlichkeit. Nach Ihrem letzten Brief hatte ich angenommen, daß Sie im Januarheft jedenfalls die Novelle von Heyse bringen würden. Obgleich es für mich gefährlich ist, wenn mitten in meine monotonen Vorträge hinein seine lebendige Arbeit ertönt, so möchte ich, wenn ihm das geringste daran liegt, um keinen Preis das Erscheinen aufhalten. Ich war neulich bei ihm in München, er lebt, wohnt u ist so schön mit den Seinigen in seinem Hause, wie ein leibhafter Cinquecentist, den man nicht betrüben darf.
Das Manuskript für die dritte Novelle ist indessen im Wachsen begriffen und es soll bis Ende nächster Woche sicher fertig sein (25 Nov.) da ich die ganze Angelegenheit in diesem Jahre noch vom Halse haben will. Sie können also noch machen, was Sie wollen. | Wenn ich das Ms. Sonnabend über acht Tage spätestens abschicke (es wird vermuthlich früher fertig) so haben Sie es Montag den 27 Nov. in Händen. Allein ich gebe Ihnen zu bedenken, daß die letzte Novelle (Landvogt von Greiffensee) mit dem kurzen Schluß des Hr. Jacques wohl 3 Bogen stark sein wird, eher mehr, u daß Sie daher damit in ein 5tes Heft hineingerathen können, mithin eine Unterbrechung durch die Heyse'sche Novelle wohlthätig wirken dürfte.
Wenn es mit dem Hadlaub noch gnädig abläuft, so bin ich vergnügt. Daß Herr Julian Schmidt für die Sachen eingenommen ist, nimmt mich Wunder; ich hielt dafür, daß ihm gerade meine kleine Welt just nicht die plausibelste u angenehmste sei.
Doch genug für diesmal. Ich will gleich noch an Ihre Herren Verleger schreiben, welche wegen des Verlags der Separatausgabe anfragen
Ihr verehrungsvoll ergeb.
G. Keller.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 22; GB 3.2, S. 348>
Zürich Enge 25 Nov 76
Verehrtester!
Abermalige Felonie! Durch Unwohlsein, das zwar selbstverschuldet, habe ich einige Tage verloren u muß daher hoffen, daß Sie jedenfalls das Januarheft für mich ausfallen lassen. Indessen gehts doch mit dem Manuskript wieder vorwärts.
Die letzte Geschichte, der "Landvogt von Greifensee" sollte nicht übel werden u das Ganze herausbeißen.
Jetzt bin ich aber noch am "Narr auf Manegg<">
Ihr ehrerbietig ergebener
Vasall u Diener
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 70; GB 3.2, S. 348>
Berlin, W., den
27. November, 1876.
Margarethenstraße, 1.
Mein Vielwerther, Ehrenfester u. Getreuer!
Sie brauchen sich für dießmal keine Sorgen zu machen: Paul Heyse hat das Januarheft übernommen u. so wären wir nach allen Seiten hin "gut heraus", wie man hier in Berlin sagt. Aber um so unerbittlicher muß ich auf Sie für das Februarheft rechnen - auf das Februarheft u. die beiden folgenden, März u. April; die gehören Ihnen, u. die soll Ihnen nicht nur Keiner nehmen, sondern ich habe nicht einmal Einen, den ich für Sie hinausstellen könnte. "Drumb gehet tapffer d'ran!" Ich bin so bestimmt von der martialischen Wirkung dieses Paukenschlages überzeugt, dß ich mit gutem Gewissen u. völliger Ruhe dem Eintreffen des MS noch vor der Verfallszeit entgegensehe. Diese aber ist, wegen der ausfallenden Festtage: der 15. December, h. a. - Somit Gott befohlen, mein sehr Lieber u. Edler, u. grüßen Sie mir freundlichst u. ehrerbietigst den Landvogt von Greiffensee, nach welchem mich nicht minder verlangt, als nach dessen noch in Händen habenden Vorgänger! Womit ich ersterbe als dero pflichtschuldigster, auch treugehoresambst ergebener
vielgeplagter, aber in dennoch fröhlicher Hoffnung lebender
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 74; GB 3.2, S. 349 z. T.>
Berlin, W., den
14. Dec. 1876.
Margarethenstr. 1.
Verehrter Herr u. Freund u. Meister! Jetzt aber kann ich Sie nicht länger in Ruhe lassen, die ich Ihnen sonst ja so herzlich gönne! Heute ist der 14., u. am 20. muß Ihr < FACE="Arial">MS in den Satz gegeben werden - zumal die Feiertage dräuend vor der Thüre stehen! Welch' eine schöne Weihnacht werden Sie haben u. werde ich haben, wenn wir Ihre dritte Novelle in Sicherheit gebracht - bedenken Sie das, Edelster, u. erlösen Sie mich u. erleuchten Sie diese winterlichen Tage durch Ihre Sendung! Fassen Sie Muth, u. trennen Sie sich von Ihrem MS - endlich muß es ja doch einmal geschieden sein u. ich versichre Sie, die Locomotive steht geheizt vor der Thür u. es wird gleich zum drittenmale läuten. Lassen Sie mich nicht in Angst u. Schreck dahinfahren, sondern - nun, das Uebrige wissen Sie, u. werden mir helfen!
In täglicher, ja stündlicher Erwartung Dessen, was da kommen wird
aufrichtig u. getreu
Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 24; GB 3.2, S. 349>
Zürich 16 XII 76
Verehrter Herr!
Mit Umgehung aller Ausreden schicke ich hiemit den "Narren" ab. Derselbe ist nur kurz, allein ich mochte ihn nicht länger ausdehnen (abgesehen von der Zeit) um den Raum für die letzte Novelle zu gewinnen. Seien Sie nur nie verzweifelt, auch diese wird fertig werden.
Ihr verehrungsvoll ergeb.
G. Keller.
Hat die letzte Pappel nicht an der sog. Potsdammerbrücke gestanden? Dort war auch so ein Gartenwinkel hinter einem Bretterzaun, wo ich oft gewesen mit dem alten Scherenberg etc.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 75; GB 3.2, S. 349 z. T.>
Berlin, W., den
20. Dec. 1876.
Margarethenstraße, 1.
Verehrtester Herr!
Erschrecken Sie nur nicht vor diesem gewaltigen Bogen - ich nahm ihn, "der Noth gehorchend", weil die kleinen mir eben ausgegangen; aber es soll um so weniger darauf stehn. Zuerst mein herzlichster Dank für den "Narr auf Manegg", der mir heute Morgen richtig zugekommen u. gleich weiter gewandert ist in die Druckerei, so dß ich ihn erst lesen werde, wenn er aus derselben zurückgekehrt. Ich freue mich von ganzer Seele darauf. - Das Zweite, was dieser Bogen enthalten soll, ist eine Bitte, welche sich - wie Sie ja nun schon wissen - bei mir immer mit dem Danke verschwistert. Schicken Sie mir doch das nächste MS, oder wenigstens so viel davon, als Sie für das Märzheft bestimmen, wenn irgend möglich bis zum 12. Januar. Ich muß Berlin Mitte Januar auf etwa 14 Tage verlassen, u. möchte vorher das Heft, dessen Grundpfeiler Ihre Novelle sein wird, in guter Ordnung wissen. Nicht wahr, Sie werden so viel für die Ruhe meiner Seele thun? - Und wenn Sie mir eine rechte Weihnachts- oder Neujahrsfreude machen wollen, so schicken Sie mir Ihr Bild - nicht das für unser Mitarbeiter-Album, das ist eine Sache für sich; sondern für mein Album, oder wenn es groß genug ist, um eingerahmt werden zu können, für mein Zimmer. Die Sehnsucht danach ist groß geworden durch Ihre Frage nach der letzten Pappel. Es ist genau der Platz, welchen Sie meinen, der kleine Garten, dicht an der Potsdamerbrücke, dem gegenwärtigen Duncker'schen Hause gegenüber. Und wie ich an dieses Haus dachte, fiel mir auch das frühere in der Johannisstraße ein, u. ich erinnerte mich der Abende, wie ich Sie dort gesehen - lang, lang ist es her, vierundzwanzig Jahr u. mehr ... u. dann erinnerte ich mich auch, wo ich Sie zuerst gesehen, in der Conditorei von d'Heureuse unter den Linden (die auch schon längst nicht mehr ist) u. ich glaube, dß Titus Ulrich mich Ihnen vorstellte. Jedoch vor lauter Erinnerungen droht dieser Brief, den ich so kurz beabsichtigte, ungebührlich lang zu werden u. ich breche daher ab, meinen Dank bestätigend, meine Bitte wiederholend u. Ihnen im Uebrigen vergnügte Feiertage wünschend.
Mit den freundlichsten Grüßen
Ihr ganz ergebener
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 76; unveröffentlicht>
Berlin, W., den
8. Januar, 1877.
Margarethenstraße, 1.
Mein lieber Herr Gottfried Keller!
Ich wende mich dießmal gar nicht an den Dichter, sondern an den Menschen mit dem guten Herzen, indem ich ihn bitte u. beschwöre, mir das MS für das Märzheft doch ja bis zum 15. Januar zu schicken! Ende nächster Woche muß ich verreisen u. 14 Tage von Berlin entfernt sein: wie aber könnte ich mit ruhiger Seele gehen, wenn ich nicht zuvor Ihre neue Geschichte, oder wenigstens den Anfang derselben, so viel Sie für das folgende Heft bestimmen, in Händen gehabt u. dem Setzer überliefert habe? Machen Sie dieser meiner Noth ein Ende, indem Sie sich von 30-40 Ihrer Seiten so bald als möglich trennen - bis zum 20. Januar müßte ich sie ja doch spätestens haben! Also machen Sie mir mit den 5 Tagen früher ein freundliches Geschenk; ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.
Ihr "Narr auf Manegg" ist ein wundersam anziehendes Gebilde voll ausgelassener Lustigkeit u. tiefer Wehmuth - es ist das traurige Satyrspiel des späten Mittelalters nach der schönen, goldenen Zeit des Minnesangs; die Figuren originell, wie nur Sie dergleichen schaffen können, das Colorit u. alles Detail merkwürdig mit dem Geist der Zeit übereinstimmend, wie man sich ihn denkt, u. zu den wunderlichen Käuzen passend, die Sie darstellen. Reizend ist, wie Sie Herrn Jacques u. seinen Mentor wieder hineinverweben; man freut sich der alten Bekannten u. sieht dem weiteren Begegnen mit Spannung entgegen. - Ihre autobiographischen Mittheilungen in der "Gegenwart" habe ich mit lebhaftem Vergnügen gelesen; Sie haben aufs Neue den Wunsch nach einer Gesamtausgabe Ihrer Schriften in mir wachgerufen, die hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten läßt.
Vorher aber - nicht wahr? - senden Sie mir noch den Anfang der vierten Novelle, u. zwar zum 15. Januar unfehlbar - mit dem Rest hat es dann ja bis Mitte Februar Zeit. Dafür verspreche ich Ihnen auch im Februarheft etwas Neues von Heyse, worüber Sie sich freuen werden!
In herzlicher Ergebenheit
Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 26; GB 3.2, S. 350>
Zürich 11 Jan. 1877
Verehrter Herr Doctor!
Ich habe Ihren Wünschen bis gestern, den 10t abzusenden, nicht gerecht werden können u kann es erst bis zum 15t. Januar. Thun Sie mir kund, wohin ich das Manuskript schicken soll, das ziemlich genau zwei Bogen halten wird. Ich werde es mit der Briefpost schicken, damit es nur einen Tag braucht. Ich bitte Sie zu bedenken, daß ich doch nicht alles über's Knie abbrechen kann und die Dinge, wenn eine Trockenheit der innern Witterung eintritt, wachsen und werden lassen muß, wie sie wollen, sonst gibts eine schlechte Arbeit für die Rundschau. Die gewünschte Photographie soll kommen, bitte mir aber flehentlich | Gegenrecht aus, da ich auch wünsche, zu wissen, wie Sie jetzt aussehen.
Sie werden bemerkt haben, daß ich in der Gegenwart doch die autobiographische Schnurre habe losschießen müssen, die dafür um so miserabler ausgefallen ist, was dem drängenden Herrn Redaktor nur recht geschieht. Es ist ihm aber wahrscheinlich gleichgültig.
Hoffentlich haben Sie das Jahr wohl u munter angetreten; ich wünsche glücklichsten weiteren Verlauf
Ihr hochachtungsvoll ergebenster
Gottfr Keller.
Wenn Sie nicht anders verfügen, so werde ich das Mspt. an die HH. Paetel senden.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 28; GB 3.2, S. 351>
Zürich-Enge
12. I. 77.
Verehrter Herr Doctor!
Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Ich schicke Ihnen hier 12 Seiten, aber nur mit dem bestimmten Vorbehalt, daß noch zwei solcher Sendungen bis 20 Januar erfolgen und in den Satz gegeben werden. Etwas muß ich zurück behalten, da ich es noch brauche. Und nun reisen Sie doch in's Teufels Namen ab! Geben Sie Befehl, daß man das Mspt. empfangen und in die Druckerei geben soll!
Bedenken Sie, Allerschönster, daß ich meinen Figürchen nicht den Kragen umdrehen u die Druckerei sich auch einmal ein bischen nach mir richten kann; sie wird das wohl zu Stande bringen. Zwei Bogen müssen jedenfalls im Märzheft kommen, damit das Aprilheft abschließen kann; denn länger möchte ich die Sache nicht herumschleppen, damit ich später einmal wiederkommen darf bei Ihrem Publicum, so Gott will! sagt der Mucker!
Ihr ganz ergebener
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 77; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 15. Jan. 1877.
Mein bester Herr!
Ich weihe eine ganz neue Serie Briefpapier, die ich eben bekommen (zwei Ries!!) damit ein, Ihnen zu schreiben, dß Alles gut ist; dß ich die 12 ersten Blätter vom "Landvogt" bekommen habe; dß ich mit Ihrem Segen abreise u. die Verlagshandlung beauftragen werde, das Weitere in Empfang zu nehmen u. in Satz zu geben; dß zwei Bogen, oder so viel als nöthig ist, für Sie im Märzheft zur Verfügung sind u. dß Sie im Aprilheft abschließen können, wenn Sie wollen, obgleich das nicht nöthig wäre, um Ihnen jederzeit wieder einen fröhlichen Empfang in der "Rundschau" zu bereiten. Gebe Gott sagt - nicht der Mucker - sondern der Herausgeber, dß Sie bald, bald wiederkommen! Nichts Besseres könnte ich mir u. dem Publicum wünschen. Adressiren Sie die nächste (oder die nächsten beiden) Märzheft-Sendungen an die "Gebrüder Paetel, Berlin. W. Lützowstraße, 2"; ich werde dieselben vorher instruiren u. dann wird ja wol Alles ordnungsmäßig verlaufen.
Ihrer Photographie sehe ich mit Ungeduld entgegen u. die meine sollen Sie bestimmt in aller Kürze haben: ich will nur eine neue machen lassen, da die letzte, die ich habe, gar zu schofel ist, um die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen nach etwa 24 Jahren wieder zu erneuern.
Mit dem herzlichsten Gruß
Ihr
allerergebenster
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 30; GB 3.2, S. 353>
Zürich-Enge 14. II. 77.
Verehrter Herr!
Die Bummelei muß bis an's Ende dauern; ich schicke Ihnen daher auf Abschlag einen Theil des Schlußmanuskripts; der Rest wird noch rechtzeitig folgen.
Paul Heyses Sonette sind neue Blüthen seiner unerschöpflichen Güte gegen die Mitmenschen. Mit dem Shakespeareschen Vergleiche in dem meinigen hat er mir jedoch bereits die milde Zurechtweisung eines Verständigen zugezogen, der mir zu verstehen gibt, ich müsse dergleichen cum grano salis auffassen. Auch ist meine magere Februarnovelle im gleichen Hefte eine schlimme Illustration dazu.
Wollen Sie bemerken, daß beiligende Blätter auf beiden Seiten beschrieben sind, ein Fortschritt zum Bessern!
Welches sind denn die Freundesnovellen, die Bamberger Ihnen verbieten will? Heyse und Storm können doch unmöglich gemeint sein u am Ende bin ich es, da ich so oft | hintereinander erscheine? Die Mäckelei ist bei aller guten Meinung doch ein curioser Dank für das zu Stande gebrachte Unternehmen. Vorzüglich die Hinweisung auf die noble Gewohnheit der Revue des deux Mondes, Erstlingsarbeiten von Anfängern nur mit der Ehre der Aufnahme, nicht aber mit Geld zu honoriren, ist äußerst zierlich. Wer die Welt kennt, weiß, daß gerade für ein junges Talent, das mit Schmerzen seinen Anfang erkämpfen muß, der Empfang eines Stümpchen Geldes zugleich mit der Ehre meistens von entscheidender Wirkung ist. Da ist jene Ersparniß für ein großes Institut doch gewiß nichts Geistreiches oder Elegantes!
Ihr alter Nachtalp, <
FACE="Arial">Cauchemar,
dessen Druck Sie nun bald entronnen sind:
Gottfr. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 78; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 16. Februar, 1877.
Mein verehrter Shakespeare der Novelle! Nicht nur, dß ich persönlich dieses Wort Heyse's unterschreibe u. ihm dankbar dafür bin, es gefunden zu haben: auch die öffentliche Meinung hat es acceptirt u. die Zeitungen, wie zb. das Wiener Tagblatt sagen, dß es genau der Wirklichkeit entspreche. Also lassen Sie uns die Freude, Sie künftig so nennen zu dürfen. Eines nur thut mir leid: dß Sie den Aufsatz Bamberger's schon gelesen haben, bevor ich Ihnen einen Commentar zu demselben geben konnte. Der Artikel hat nämlich eine polemische Spitze, welche sich gegen - Paul Lindau richtet, welchen die Erfolge der "Rundschau" nicht schlafen lassen. Nicht genug, dß er seine "Gegenwart" hat, er will auch die Zukunft haben, oder - wenn das nicht sein kann - wenigstens die der "Rundschau" verkümmern. Ob es ihm gelingen wird - ich weiß es nicht, ich glaube es sogar nicht; ich bin vielmehr fest überzeugt, dß "der Liebe Müh" vergebens sein wird, wenn unsre bisherigen Mitarbeiter auch fernerhin treu zur "Rundschau" stehen. Und dazu ist alle Hoffnung, bei den Meisten u. Hervorragendsten bereits die Gewisheit vorhanden. Man freute sich in Deutschland allgemein, in der "Rundschau" ein Organ zu haben, welches auf dem besten Wege war, die deutsche Revue zu werden. Nun kommt Lindau - mein alter Freund Lindau, denn dergleichen pflegt immer nur von Freunden auszugehen - um aus ganz frivolen, äußerlichen, höchstens persönlichen Gründen eine Concurrenz-Revue zu schaffen. Für zwei große Revuen aber ist in Deutschland so wenig Raum, als in Frankreich etwa für zwei Revues des deux Mondes. Aber wir haben nicht nur, außer der Priorität des Gedankens, einen breiten Grund im Publicum voraus, sondern auch einen festen Halt an Männern, die wie Bamberger, Lasker, Kapp die ganze nationale Parthei hinter sich haben, oder die wie Helmholtz, Zeller, Sybel, Max Müller, Haeckel, Hettner, Scherer, Friedlaender zu den repräsentativen Namen der deutschen Wissenschaft gehören, u. welche das repräsentative Organ, bei dessen Begründung sie thätig gewesen, sich nicht leichtfertig werden nehmen lassen. Von den Novellisten gehören unbedingt, mit Ausschluß seiner Concurrenz-Revue, Berthold Auerbach, Spielhagen, Storm u. Dingelstedt zu uns; u. was Paul Heyse betrifft, so glaube ich sagen zu dürfen, dß er durch die That beweisen wird, wie treu ers mit uns | meint. Sie werden es ja sehen - lassen Sie sich nur nicht durch "Mitarbeiterlisten" blenden. Die Nennung eines Namens, hinter welchem kein Beitrag steht, hat keine Bedeutung u. macht mir wenig Sorgen. Wenn ich nun auch Ihrer sicher wäre, so würde ich Lindau den Rest gern gönnen. Halten Sie mich nicht für einen Neidhammel oder gehässigen Menschen. Aber die Frage ist: ob wir eine Revue haben sollen, oder gar keine - denn zwei, wie gesagt, neben einander sind unmöglich; wir haben weder Käufer noch Publicum genug dafür. Dieser Gedanke hauptsächlich war es, welchen Bamberger aussprechen wollte#; ich bitte Sie, lesen Sie den Aufsatz, welchen ich in einem Separatabzuge beilege, oder vielmehr die von mir angestrichenen Kernstellen über diese Gesichtspunkte noch einmal - u. wenn Sie denselben, woran ich nicht zweifle, beistimmen, so sagen Sie mir, dß Sie auch in Zukunft der "Rundschau" treu bleiben werden. Die wenigen Novellisten, deren Mitwirkung für die "Rundschau" eine Lebensbedingung ist, sollten Alles, was sie schreiben, der "Rundschau" geben, welche hinwiederum bereit ist, allen Anforderungen dieser Wenigen, allen Wünschen derselben zu entsprechen. Halten Sie dies für keine Redensart. Fürchten Sie auch nicht, dß es uns zu viel von Ihnen werden könnte. Wozu soll ich mich in Versicherungen des Gegentheils erschöpfen? Es ist ein sehr ernstgemeintes Anerbieten, welches ich Ihnen mache; an Ihnen ist es, dasselbe anzunehmen. - Was die "Freundschaftsnovellen" betrifft, so sind die Novellen zweier Damen gemeint, welche ich, aus Discretion, nicht nennen will; u. da die "Rundschau" in so manchen andern Dingen mit der "Rev. des deux mondes" nicht concurriren kann, so wird sie wenigstens eine Ehre darein setzen, jene in den Honoraren zu übertreffen. Darin wird der Artikel Bamberger's nicht das Mindeste ändern.
Einstweilen bestätige ich Ihnen mit herzlichem Danke den Empfang der Fortsetzung des "Landvogtes". Es ist eine reizende, höchst originelle Geschichte, u. ich bin äußerst darauf gespannt, wie der gute Mann sich zwischen seinen fünf alten Flammen bewegen wird. Indem ich daher der weiteren Sendung u. wenn möglich ein paar Worten Ihrerseits über diese meine Expectorationen entgegensehe, bin ich
in treuer u. aufrichtiger Ergebenheit
von ganzem Herzen
Ihr
Julius Rodenberg.
# er wollte vor der in Deutschland leider so althergebrachten Zersplitterung warnen, welche die Zerstörung im Gefolge hat -
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 32; GB 3.2, S. 353>
Zürich 27 II 77
Verehrtester!
Es ist die letzte Verzeihung, Gottlob, die ich erflehen muß! Hoffentlich kann dieser Schluß im Aprilheft noch kommen, sonst würde es schlecht aussehen.
Ich bin in größter Eile und kann daher nur kurz für Ihren letzten Brief danken. So interessant mir Ihre Mittheilungen sind, waren sie doch eigentlich für meine Person nicht nöthig, da es mir nicht einfällt, der Rundschau untreu zu werden. Es geht schon gegen meinen Geschmack, auf allen Plakaten und Litfaßsäulen zu stehen, abgesehen von Anderem. Uebrigens habe ich bis jetzt auch keinerlei Aufforderung von Lindau erhalten. Ein ander Mal mehr.
Ihr ergebenster
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 79; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 1. < FACE="Arial">März, 1877.
Hochverehrter Herr!
Es thut mir leid genug, dß es nun aufhören soll, u. gern gäbe ich Ihnen Absolution, so viel Sie wollten, wenn es nur noch eine Weile fortdauerte! Doch Alles auf Erden nimmt ein Ende; und "wenn Freunde auseinandergehn so sagen sie: auf Wiedersehn!" Und "auf Wiedersehen!" darf ich nach dem Inhalt Ihrer heute empfangenen Zeilen um so zuversichtlicher sagen, als Sie mir u. der "Rundschau" ja Treue gelobt! Ich will nicht weich werden, wie es mich der Anblick des Wortes "Schluß" oder "Ende" jederzeit macht: Ich will mich lieber an den heitern Schicksalen von Grasmücke u. Amsel weiter erfreuen; ich kenne nur den Anfang derselben, u. habe heute nicht Zeit, das Weitere nachzulesen, da das eben angekommene MS sogleich in die Druckerei soll, wohin ihm die ersten 8 Seiten schon voraufgegangen. Aber dieser Anfang ist das Zierlichste, was ich kenne; u. auch "der Capitän" ist famos. Es sind Geschichten, ganz nach meinem Herzen; ich könnte nicht müde werden, sie zu lesen. Die Londoner "Saturday Review" - übrigens eine große Verehrerin von Ihnen - bezeichnete die "Züricher Novellen" neulich als "quaint stories". Das Wort "quaint" ist unübersetzbar - unser deutsches(?) "originell" drückt nur zur Hälfte aus, was jenes sagt. Aber ich fühle die ganze Meinung u. ergötze mich daran u. bin sehr glücklich, noch ein Stück vor mir zu haben, bevor es zum Abschied geht.
Aber Sie werden wiederkommen! Ihr Brief verheißt es mir. Sie finden keine Stätte, an der Sie willkommener sind; u. kein Publicum, das Ihnen mehr zugethan ist u. Sie besser versteht, als das unsre. Möchten Sie bald wiederkommen! Und möchten Sie an diese Zeit des regen Verkehrs mit der "Rundschau" eine so angenehm freudige Erinnerung bewahren, als sie mir zurückgelassen hat! Als Herausgeber blicke ich mit Stolz auf die Hefte, in welchen die "Züricher Novellen" erschienen; aber was ist dieses Gefühl gegen das des innigen Dankes für so viel erheiternden u. erfrischenden Genuß, welchen ich Ihnen als Leser schulde! Dankbar drücke ich Ihnen die Hand u. bleibe, wie ich es immer war, in herzlicher Verehrung
ergebenst Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI,7,11 Nr. 34; GB 3.2, S. 353>
Zürich Enge 2 IV. 77.
Verehrter Herr u großer Gönner!
Nachdem ich das neuste Heft mit dem Schluß der Zürch. Novellen erhalten, drängt es mich, die Ostermontagsruhe zu benutzen und Ihnen für alle die Freundlichkeit zu danken, welche Sie mir während dieses langwierigen Processes erwiesen haben. Möge es mir gelingen, Ihnen bei Gelegenheit dafür mit einem ersprießlichen, fortschrittlichen Beitrage dienen zu können. Denn ich habe mich erst jetzt wieder so weit in das Schriftstellerwesen hineingearbeitet, daß ich mit freierem Sinne an das denken kann, was Noth thut, um nicht zurückzubleiben, mit andern Worten, nicht altes Stroh zu dreschen. Bei diesem Anlaße kann ich nicht umhin, nochmals auf Bambergers Abhandlung zurückzukommen und die | Vermuthung auszusprechen, daß seine Behauptung, der Herausgeber einer Revue oder Rundschau dürfe sowenig mehr Eigenes produciren, als ein Kapellmeister eigene Compositionen aufführen, von Ihnen nicht berücksichtigt werde, sondern daß Sie vielmehr so bald als möglich zur Antwort etwas von sich hören lassen! Das wäre sonst eine kuriose Errungenschaft!
Das erste Heft von "Nord und Süd" habe ich nun gelesen; ich finde, daß die Rundschau keine große Besorgniß vor dieser Concurrenz zu hegen braucht, weil etwas Neues und Besseres nicht geleistet ist in formeller Beziehung und das Programm nicht so gut als dasjenige der Rundschau. Vor Allem würde ich an der Einrichtung nichts ändern. Auf den bunten Umschlag und die Portraits gebe ich meinen Theils gar nichts. Zeitliche Uebersichten, Berichte und kritische Arbeiten betreffend, werden Sie erleben, daß man dieselben gerade in einer Revue nicht entbehren will, und Sie können gerade hierin | noch schöne Kräfte aufbieten. Auch dürfte sich Paul Lindau mit seiner Idee, seine Monatsschrift gewissermaßen zu einem Geistesprodukte seiner eigenen Person zu gestalten, indem er auf der Schriftsteller- u Gelehrtenwelt spielen will, wie etwa auf einer Ziehharmonika, verrechnen.
Auch in Dessau scheint eine "Deutsche Revue" entstehen zu wollen, da ein Herr Richard Fleischer Prospekte und Aufforderungen versendet in dringlichem aber so ungebildetem Tone, daß kaum etwas Sehenswerthes herauskommen wird.
Geibels kleines Drama ist sehr fein und liebenswürdig, obschon es etwas an den Styl der natürlichen Tochter erinnert. Heyses Sonnette sind ein neuer Beweis seiner rüstigen Vielseitigkeit und seines vornehm wohlwollenden Wesens. Das auf mich bezügliche, welches mir nun Ihren geheimnißvollen Wink erklärt, hat mich zwar beschämt u auch mehrfach in Verlegenheit gesetzt, da Bekannte und gute Freunde, | wie man sie so in der Umgebung zu haben pflegt, mich entweder wegen des zu starken Lobes geradezu zur Verantwortung ziehen, wie wenn ich es selbst gemacht hätte, oder stillschweigend ein schiefes Gesicht schneiden, auch eine Wirkung der Poesie.
Eine ungetrübtere Freude bereitete mir die Rundschau dadurch, daß Theodor Storm dieser Tage mir sein Acquis submersus schickte und seine Freundschaft schenkte, die ich natürlich sofort ad saccum nahm.
Doch nun wünsche ich herzlichst, daß bis diese Zeilen in Ihrer Hand sein
werden, Sie schöne Ostern gefeiert haben und wiederhole meine alten Grüße und Gesinnungen
Ihr
G. Keller.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 80; unveröffentlicht>
Berlin, W., den 12. April, 1877.
Hochgeehrter Herr und theurer Mitarbeiter!
Ich empfing Ihren Osterbrief in dem Momente, wo ich, um einen kurzen Ausflug nach Hamburg zu machen, die Droschke bestieg u. ich las in dem ersten, frohen Gefühle der Freiheit, welches der Berliner immer empfindet, wenn er in dem Eisenbahnwagen sitzt, die Stadt hinter sich u. die Felder um sich. Freilich waren es nur die dürren Felder in der Gegend von Spandau - doch Ihr Brief erfreute mein Herz so sehr, dß mir Alles ringsum freundlich erschien u. während der ganzen Ferienzeit ein angenehmer Nachklang desselben in mir blieb. Es rührte mich ordentlich, dß Sie mir dankten! Ich habe Ihnen zu danken für alles Gute, das Sie mir während dieser Zeit unserer engern Verbindung geweiht haben. Nicht für die außerordentlichen Dienste, welche Sie der "Rundschau" geleistet - davon will ich gar nicht sprechen; sondern für die Freude, den Genuß die mir persönlich aus jedem Briefe, jeder Sendung von Ihnen erwuchs - für das Vertrauen, dessen Sie mich würdigten, für die Erlaubnis gleichsam, die Sie mir gaben, in Ihre Werkstatt zu treten u. das schöne Werk Stück für Stück unter Ihrer Hand entstehen zu sehen. Darf ich Ihnen gestehen, wie viel Belehrung u. Anregung ich aus den von Ihnen gestrichenen Stellen schöpfte - mit welcher herzlichen Theilnahme ich Ihren liebevollen kleinen Aenderungen und Verbesserungen folgte, die zuweilen mit einem einzigen Worte der ganzen Sache einen neuen Glanz verliehen - Ihren Zusätzen u. Einschiebungen, die namentlich an zwei Stellen der letzten Erzählung der Situation eine Deutlichkeit u. Bestimmtheit geben, die man vorher gar nicht geahnt. Alles das hat während des verflossenen Winters mich auf das Anmuthigste beschäftigt, da Sie die Mühe u. ich nur die Freude davon hatten; aber es hat mich auch, als es endlich aufhörte, in eine Abschiedsstimmung versetzt, welche jetzt durch Ihren letzten Brief heiter u. hoffnungsreich aufgelöst ist - um so mehr, als auch in Hamburg die Nachwirkung der "Züricher Novellen" noch voll u. stark war u. mich mit einer sympathischen Temperatur umfing. Ueberall klang u. zwitscherte es dort noch von dem Distelfink u. der Grasmücke, von Hanswurstel, dem Capitän u. der Amsel - u. ich, mit einem Brief von Ihnen in der Tasche - war doppelt glücklich darüber. Haben Sie denn Dank, lieber Herr Keller, für die freundlichen, wahrhaft wunderbaren Gesinnungen, welche Sie für mich u. die "Rundschau" hegen; u. seien Sie überzeugt, dß es ein Festtag für mich sein wird, | wenn Sie mir sagen, dß Sie wieder etwas Neues für uns haben! Es ist, als ob Paul Heyse mit seinen Sonetten ein Band um uns Alle geschlungen habe; u. wenn er selbst auch seine Gründe gehabt haben mag, seinen Namen Lindau nicht zu verweigern, so glaube ich doch, dß er im Herzen treu zur "Rundschau" steht, u. von Storm u. Ihnen weiß ich es bestimmt. Auch macht mir "Nord und Süd", seitdem das erste Heft erschienen, wenig Sorgen mehr. Wir werden das Feld behaupten. Freilich haben die letzten Monate mich arg mitgenommen; ich hatte gegen manche versteckte Niedrigkeit zu kämpfen. Aber der Beistand so vieler Guter u. Bester gab mir Muth u. Ausdauer; u. jetzt mit dem Frühling, der rings um unser Haus mächtig aufbricht, ist Alles überwunden. Mit neuer Sicherheit blicke ich in die Zukunft u. nicht wenig zu dieser schönen u. beruhigenden Empfindung hat Ihr Brief beigetragen, für welchen ich Ihnen noch einmal dankbar die Hand drücke.
Möge ein Wiederbegegnen mit Ihnen mir nicht allzufern sein; u. möge der Frühling
u. Sommer Ihnen Alles in reichem Maße bringen, was Ihnen von Herzen wünscht
Ihr
treu u. dankbar ergebener Verehrer
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 83; unveröffentlicht>
Pontresina, 26. August 1877.
Mein theurer u. verehrter Herr!
Welch' eine Wolke wälzt sich da vom Rosegg-Gletscher gegen Sie heran! Ich komme übermorgen Abend (Dienstag, 28. Aug.) nach Zürich, bleibe den Mittwoch dort u. würde den Tag für verloren achten, wenn ich Sie nicht sehen könnte. Lassen Sie mich, ich bitte, durch eine Zeile (nach Hôtel Baur au lac) wissen, ob u. zu welcher Stunde ich Sie am Mittwoch Morgen (29. August) besuchen darf. Sonst werde ich einsam mit Monsieur Jacques am Limmatufer wandeln müssen! Auf meiner Herreise bin ich einen Nachmittag in München u. mit unserm armen, lieben Paul Heyse zusammen gewesen. Doch darüber - hoffentlich! - mündlich.
Mit herzlichem Gruß
verehrungsvoll
der Ihre
Julius Rodenberg.
("Rundschau"er auf Reisen u. darum ungefährlich!)
Bitte, geben Sie mir in Ihrem Billet auch Ihre nähere Adresse - Hausnummer etc., ohne welche sich ein Berliner die Welt nicht denken kann.
<GSA 81/XXXV,3; unveröffentlicht>
Zürich 2 X 77.
Hochverehrter Herr u Nebenscollege, wie die Buchbindergesellen sagen!
Sie sind nun wohl wieder in Berlin vor Anker mit Ihrer hochzuverehrenden Frau Gemahlin u dem Kind; inzwischen ist die mehrbesprochene Photographie fertig geworden und langt nun mit gegenwärtigem Päcklein demüthigst bei Ihnen an, bedauernd daß sie Mangels eines schöneren Objekts nicht gefälliger hat ausfallen können. |
Darf ich Sie bitten, das eine Exemplar den Herren Gebrüder Paetel für deren Album der Mitarbeiter zukommen zu lassen?
Sodann habe ich noch ein Anliegen. Die Frau Doctorin hat mich mit der Abforderung eines Albumschriftstückes beehrt; es ist aber vergessen worden, das Nähere festzustellen. Ich möchte nun fragen, ob dieses Album hiezu bestimmte resp. zugeschnittene Blätter hat, deren eines ich beschreiben müßte, oder ob es genügt, wenn Sie mir ungefähr das Format in Centimetern mittheilen, oder ob ich endlich ein beliebiges Blatt Papier nehmen u versenden | kann, nachdem dasselbe auf mehr oder weniger zweckmäßige Weise beschrieben ist?
Hoffentlich befinden Sie sich in frischer u guter Stimmung an Ihren löblichen Werken. Ich bin hier schon halb erfroren und thaue so eben wieder ein wenig auf an der wärmer gewordenen Herbstsonne.
Mit allen Empfehlungen u Grüßen
Ihr ergebener
Gottfr. Keller.
Ich lege noch eine Photographie des hübschen Kreuzgangs an der hiesigen Großmünster-Kirche bei, den ich Ihnen zu zeigen vergessen habe u in welchem der kleine Hadlaub präsumptiv herumgelaufen ist.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 85>
Berlin, W., den 10. Oktober 1877.
Mein Lieber u. Verehrter! Vorgestern Abend sind wir von unserer Reise zurückgekehrt u. gestern Morgen kam Ihr Paquet an, welches mir aber erst heute früh von der Post zugestellt worden ist. Sie ziehen nun gleichsam mit uns in unsere Wohnung ein u. geben den schönen Tagen, die wir in Zürich verlebt, einen bleibenden Ausdruck. Es thut mir wohl, in die Züge dieses Bildes zu blicken, aus welchem mich Etwas anspricht, wie eine gute Erinnerung u. eine fröhliche Verheißung; u. wenn es zu den liebsten meiner Bilder gehört, so soll es auch den besten Platz haben, unter einem Bilde von Dickens, zwischen den Portraits von Thackeray u. Macaulay. Da werden Sie es in einem geschnitzten Eichenrahmen finden, wenn Sie künftig einmal kommen. Der Kreuzgang beim Großmünster frischt auf das Lebhafteste das Andenken an Sie u. an Zürich in mir auf; denn beide sind für mich mit den Geschicken u. Geschichten Hadlaub's und der Andren, (namentlich der Bombardiere!) unauflöslich verwebt. Mein Gott, wie gut thut Einem doch so ein bischen Poesie u. so ein bischen Humor in diesen ledernen, griesgrämigen Zeitläufen! Haben Sie tausend Dank so für die Bilder, wie für alles Freundliche, was Sie uns in Zürich erwiesen - Sie leben bei allen drei Reisenden, Mann, Frau u. Kind, im treuesten Gedächtnis. Was die mittlere, nämlich die Frau, anbetrifft, so wird sie Ihnen selber sagen, was es mit dem Album für eine Bewandtnis hat. Es ist der bequemste Weg, um zum Ziele zu gelangen.
Darüber dürfen Sie nun aber nicht vergessen, dß Sie mir für die "Rundschau" noch ein "Bündel Gedichte" schuldig sind, denen ich je eher, desto lieber entgegensehe. Denken Sie doch ja daran u. denken Sie auch zuweilen an die neuen Novellen für uns. Denn wenn Sie meinen, dß es genug der alten sei, so täuschen Sie sich sehr. Die Verleger der "Rundschau" - welche mit herzlichem Dank Ihr kleineres Portrait für das Mitarbeiter-Album empfangen - haben mich versichert, dß fortwährend Nachfragen bei ihnen einlaufen, ob wir nicht bald wieder Etwas von Ihnen brächten? Sie sehen, dß auch unser Publikum Sie lieb hat; u. wenn keine Bombardiere darunter sind - ich habe diese Kerle zu lieb! - welche Sie zum Ehrenmitglied ihrer achtbaren Zunft ernennen, so sage ich, wie Milton einst von Shakespeare gesagt: "What needst thou such weak witneß of thy name!"
In herzlicher Ergebenheit u. Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
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Sehr verehrter Herr!
Wie glücklich macht es mich, daß Sie meines zaghaft ausgesprochenen Wunsches noch gedenken, und wie dankbar werde ich Ihnen für jede Zeile sein, die Sie mir widmen wollen. Mein Album ist kein dressirtes, und daher zur Aufnahme eines jeden Formats und jeden Maßes tauglich. Sie sind also ganz frei, was Sie mir geben kann auf- oder eingeklebt werden, und ich danke schon im Voraus für Ihre Freundlichkeit. Uebrigens möchte ich diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen ohne Ihnen zu sagen, daß mir die sonnigen Nachmittage und das Abendglöcklein von Zürich eine ewig bleibende Erinnerung sein werden und daß ich nun mit der Hoffnung Ihr | wohlgelungenes Bild betrachte, daß so schöne, poetische Stunden uns wieder beschieden sein mögen.
In vorzüglicher Hochachtung
Ihre ergebene
Justina Rodenberg.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 36; GB 3.2, S. 355>
Zürich 18 II 78.
Was ich Ihnen, verehrter Freund, zu schreiben habe, könnte zwar ungeschrieben bleiben, da ich mir mit einigem Verstand die Antwort selbst geben kann; dennoch ist eine Bestätigung des Selbstverständlichen zuweilen von wohlthätigem Einfluß. Ich denke nämlich jetzt, da die Frühlingstage und Nächte kommen, an die Zusammenstellung und theilweise Neufassung jenes Büschels Lyrika für die Rundschau, von dem wir beiläufig gesprochen haben. Abgesehen von der gänzlichen Freiheit, die Ihnen bezüglich der Aufnahme im Ganzen und Einzelnen bleibt, wünschte ich einige kleine Wegleitung hinsichtlich allenfallsiger Störungen Ihrer Redactionsinteressen | resp. der Taktfrage gegenüber Ihrem Leserkreise zu erhalten, damit ich kein überzähliges Manuskript anzufertigen brauche und nicht Unpassendes zu versenden riskire. Statt des Weiteren gleich ein Beispiel. Es sind ein par Liedchen mit dem Titel "Rheinisches" da, oder "vom Rhein" u. s. w. im leicht gemüthlichen Ton; würde es Sie nun genieren, wenn eine Nummer dabei wäre, die auf den Culturkampf anspielte in der Weise, daß die "Pfaffengasse" figürlich dargestellt wäre, durch welche der altdeutsche reisige Herr "Pfaffenhaß" schreitet oder reitet, gemüthlich und sinnend, aber immerhin unheimlich genug für die hinter den Fenstern Gaffenden etc. Ich kann mir wohl denken, daß dergleichen direkte Adressen in Versen die Katholischen nicht in die erwünschteste Laune gegen Ihre Unternehmung setzen könnten. | Ferner: Ich habe eine Art ethisches Zorngedicht in Arbeit, welches die Verläumdung in öffentlichen Sachen, wie sie namentlich in der Gegenwart (nicht der Paul Lindau'schen) in Presse und polit. Literatur grassirt und bei Euch wie bei uns geübt wird, zum Gegenstand hat und etwa den Titel: Calumniator publicus führen wird. Hier kann ich mir nun denken, daß Ihnen das zu schwerfällig oder zu grämlich oder sonst was wäre, vielleicht zu absonderlich im Stoff usw.
Daher die Frage: Ist es Ihnen vielleicht lieber, wenn dergleichen in's Actuelle Politische hinüber schielende Sujets überhaupt aus besagtem Bouquet wegbleiben? Wenn Sie unverholen Ja sagen, so lege ich dieselben einfach zu anderer Verwendung zurück und befasse mich zunächst mit den Uebrigen. |
Ihr gütiger Neujahrsgruß, den ich dankbar empfangen, blieb unerwidert, weil ich über die ganze Zeit puncto Briefschreiben einen förmlichen Starrkrampf hatte und nicht eine einzige Karte absandte.
Ich hoffe dieses Jahr jedenfalls auch eine Geschichte für die Rundschau zu erzielen. Ein autographisches Blatt für die Frau Doctorin Rodenberg wird mit dem ersten Manuskriptpäckchen abgehen, das zu Stande kommt; inzwischen empfehle ich mich zu freundlichem Andenken.
Können Sie mir nicht ein Wort schreiben, wie die Sachen des Franz Dunker stehen und wie es seiner Frau geht? Sollten Sie mit letzterer zusammentreffen, so bitte ich, sie von mir grüßen zu wollen.
Ihr alter und ältlicher
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 88>
Berlin, W., den 20. Febr. 1878.
Welch' eine Freude, mein Lieber u. Verehrter, endlich einmal Ihre Schriftzüge wieder zu sehen! - In dieser Masse gleichgültigen u. widerwärtigen Geschreibsels, welches jeder Tag bringt, welch' eine Erquickung ist solch ein Brief von Ihnen, sowol durch das, was er ist, als auch durch das, was er verheißt! Auf dieß Büschel oder Bündel Gedichte habe ich so lange schon gewartet! Tag um Tag zuckte mir's ordentlich in den Fingern, Sie darum zu mahnen; u. doch hatte ich ein Widerstreben, Sie schon wieder da oben in Ihrer herrlichen Einsamkeit zu stören. Nun aber, da Sie kommen, was kann ich anders sagen, als: willkommen! Und auch eine gute Zeit haben Sie gewählt, wenn Sie's so einrichten können, dß Ihre Gedichte mit dem Flieder in unserm Maiheft, oder mit den Rosen im Juniheft, oder in beiden nacheinander aufblühen! Schicken Sie mir, was Sie so weit gezeitigt haben, u. lassen Sie sich durch keinerlei Bedenken irre machen - weder hat die "Rundschau" Rücksicht zu nehmen auf die Pfaffen, noch irgend welche Verpflichtungen gegen die Calumniatores - u. schlimm wär' es, wenn sie dergleichen hätte! Nein, wir haben gar Nichts gegen Verse, die in das Politische hineinschillern; das wird dem Bouquet - wie Sie's so zierlich nennen - etwas Stachlichtes geben, was für gewisse Nasen, die daran riechen wollen, recht gesund ist. Die "Rundschau" hat seit länger als einem Jahre keine Verse gebracht; es ist Zeit, zu zeigen, dß die Poesie noch nicht ganz u. gar ausgestorben, zumal wenn der Frühling kommt u. - hoffen wir! - der Frieden auch. Ich erwarte nun Ihre Sendung u. reservire Ihnen einstweilen ein Plätzchen, so ein rechtes Poetenwinkelchen! Denken Sie aber inzwischen auch an die neue Geschichte, die Sie mir in Aussicht gestellt, | Sie wissen, welch' einen Festtag Sie dadurch mir u. meinem Hause bereiten! Meine Hausfrau läßt sich Ihnen schönstens empfehlen; sie wartet mit Geduld u. in Freuden auf das versprochene Blättchen. Unterdessen sieht Ihr liebes Bild uns treuherzig an, u. weckt unsre ganze Sehnsucht nach der Schweiz, nach dem Zürichsee, nach Ihnen -. Sie können fast mit Heine sagen: "u. ich fürchte, dieses Sehnen wird am Ende noch gestillt!..."
Ueber Dunckers kann ich Ihnen leider nichts Gutes sagen. Die beiden Eheleute sind geschieden; er lebt von einem kümmerlichen Gehalt in der Redaction der "Volkszeitung", die einst seine Zeitung war! Frau Duncker trägt das Elend mit großer Seelenstärke, wir sehen sie zuweilen u. stehen in beständigem Verkehr mit ihr. Das alte, schöne Duncker'sche Haus in der Potsdamerstraße ist unten Restauration u. oben sind "chambres garnies" zu vermiethen. Frl. Marie Duncker, ein prächtiges, liebes Mädchen ist Lehrerin in einer Volksschule, Hannchen ist - wie Sie wol wissen - an einen StadtgerichtsrathLewes verheiratet, u. der Jüngste, Karl, ist in einer Buchhandlung in Leipzig. Alles aufgelöst! Kein Geschäft mehr, kein Haus mehr, u. Franz kein Abgeordneter mehr.
Doch ich will mit diesem traurigen Bilde menschlicher Hinfälligkeit nicht schließen. An etwas Erfreulicheres will ich denken: an die Bandausgabe Ihrer "Züricher Novellen", u. die neue Novelle darin, die ich noch nicht kenne. Das mir zugegangene Exemplar hat gleich Professor Scherer an sich genommen, der es für die "Rundschau" bespricht; u. ein zweites Exemplar, welches Göschen mir persönlich zugedacht, ist noch immer nicht eingegangen. Um so besser - so habe ich die Freude noch in Aussicht. Es gibt einige Dichter, bei denen ich Gott danke, wenn noch Etwas von ihnen existirt, was ich nicht kenne. Zu diesen Dichtern gehören Sie. Und nun leben Sie wohl, seien Sie tausendmal gegrüßt u. erfreuen Sie bald durch das bewußte Bouquet
Ihren in freundschaftlicher Treue ergebenen
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 38; GB 3.2, S. 356>
Zürich Enge 18 III 78.
Da Sie behaupten, theuerster Mann, meine Episteln machen Ihnen keinen Verdruß, so will ich wieder eine solche abschießen; sie unterbricht mich gerade in der Bearbeitung der bewußten Gedichter, und so wie sie fertig ist, wird das Reimen fortgesetzt. Ich werde noch ein förmlicher Gottschall werden. Ihre Idee wegen des Maihefts hat mich angeregt und so denke ich Ihnen jedenfalls mit Ende des laufenden Monats (März) für 8 bis 12 Seiten Gereimtes zu übersenden, nach meiner ungefähren Schätzung, womit wir es für einstweilen dann wollen bewenden lassen.
Hoffentlich hat Ihnen mein Verleger seither das Exemplar der Zürcher Novellen geschickt, wozu ich ihm den | Auftrag gegeben und das selbstverständlich für Sie persönlich bestimmt ist. Die Recension des Hrn. Prof. Scherer gewärtige ich mit beklemmtem Herzen, da er namentlich über den Hadlaub als Fachmann den Bakel schwingen wird, wegen Verbreitung falscher Behauptungen.
Aus Ankündigungen habe ich gesehen, daß Sie einen neuen Roman geschrieben haben; Sie können sich denken, daß ich mit der gehörigen Begierde mich dahinter machen werde.
Die traurigen Nachrichten über Dunkers haben mich wahrhaftig betrübt, aber nicht ganz aufgeklärt. Ich hätte zu wissen gewünscht, ob | die ökonomischen Verhältnisse Franz Dunkers rechtlich abgewickelt sind resp. ob er dispositionsfähig ist bezüglich seiner Geschäftslage. Doch will ich Sie hiemit nicht weiter behelligen und vor Allem aus zu keinerlei nicht vertraulichen Nachfragen oder Mittheilungen veranlaßen.
Wenn Sie Ihrer angeblichen Sehnsucht nach unserer Gegend hoffentlich nachgeben, so richten Sie's so ein, daß wir auch was unternehmen können und nicht erst in der Dämmerung ein par kurze Stunden herumflattern.
Vielste Grüße (ich hoffe das vielst ist in Berlin noch nicht gebräuchlich)
von Ihrem
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 89>
Berlin, W., den 21. März, 1878.
Mein verehrter lieber Freund! Ich erwarte Ihre Frühlingsblumen mit derselben Freude, wie den Frühling selber; möchte jedoch von dem Datum ihres Eintreffens abhängen lassen, ob der bescheidene Scherben, aus welchem sie emporblühen sollen, das Maiheft oder das Juniheft sein wird. Denn nachdem wir den Strauß in unsren Händen gehabt haben, werden Sie doch noch einen prüfenden, väterlichen Blick darauf werfen wollen, ob wir die Sache gut gemacht u. da die Reise nach Zürich, hin u. her, ohne jeden Aufenthalt, vier Tage dauert, so könnte es für den Mai leicht zu spät werden. Aber dann bleibt Ihnen der Juni auf jeden Fall. Einstweilen also schicken Sie nur.
Von Duncker (Franz) ist nicht viel zu sagen; er ist zwar, so viel ich weiß, dispositionsfähig, aber er hat Nichts mehr, über was er disponiren könnte. Er ist Angestellter bei seiner ehemals eigenen Zeitung, die übrigens äußerst heruntergekommen ist u. ihm gewis nur ein spärliches Auskommen für seine Person gewährt - sie ist in den Händen eines aus den Actionären gebildeten Comités, u. ich glaube nicht, dß er noch irgend welchen Eigenthumsantheil daran hat. Frau Lina Duncker u. "Meitli" sind in Crefeld bei Verwandten, bei welchen sie ordentlich aufzuleben scheinen. - Vor Scherer brauchen Sie keine Angst zu haben; ich glaube, dß ihm grade der Hadlaub sehr gefallen hat.
Es sollte mich herzlich freuen, wenn Sie mein neues Opus lesen wollten; aber ja nicht - ich bitte Sie - so lang es in der Zeitschrift steht. Sie sollen es von mir haben, sobald es in Buchform da ist; u. da es in Berlin spielt, u. zwar in den Gegenden von Berlin, die noch ungefähr sind, wie sie zur Zeit Ihres hiesigen Aufenthaltes waren, so hoffe ich, dß es Ihnen ein bischen sympathisch sein werde. - Was Sie mir von einem künftigen Besuch in Zürich sagen, das will ich in dankbarer Erinnerung bis dahin bewahren; wenn mein Wunsch nur in Erfüllung geht!
So viel für heute u. tausend herzliche
Grüße von Ihrem
Julius Rodenberg.
Sobald ich mit Ebers "Homo sum" fertig bin (dieser Tage), gehe ich an Ihren zweiten Novellenband. Ihr Verleger hat mir das Werk richtig geschickt u. schönsten Dank dafür!
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 91>
Berlin, W., den 10. April.1878.
Lieber, herrlicher Freund - wie schön sind Ihre Gedichte! Wie haben sie mich ergriffen, gerührt, lachen u. weinen gemacht! Prachtvoll ist der Narr des Grafen von Zimmern - wunderbar "Aroleid" - u. "Venus von Milo" - u. welch' ein charmanter Herr ist der von Ueberlingen! Die Gedichte erscheinen, wie sie's verdienen, an der Spitze des Juniheftes u. das MS ist schon unterwegs in die Druckerei. Sie werden daher sehr bald die Correctur in 2 Abzügen erhalten, von denen Sie den einen behalten, den andern aber direct an die Verlagshandlung - Gebr. Paetel, Lützowstraße 7 - zurückschicken wollen. Ich verreise für ein paar Tage, nehme aber die Melodie Ihrer Verse im Herzen mit.
Nun müssen Sie mir aber auch die andern geben, welche Sie mir dießmal vorenthalten haben; ich stelle Ihnen dafür jedes folgende Heft, mit Ausnahme des für Juli, welches Paul Heyse für eine Handvoll reizender Sonette aus Neapel hat, zur Verfügung.
Denken Sie auch an eine Novelle, lieber Freund, denken Sie an eine Novelle! Ich fasse mich heute kurz, in lauter Imperativen u. Ausrufungszeichen. Wenn Sie mir während der Zeit meiner Abwesenheit Etwas zu schreiben hätten, so adressiren Sie nur an die Verlagshandlung; es kommt mir dann auf kürzestem Wege zu. Außerdem reise ich nicht weit, nur nach Hamburg, mit Weib und Kind (das Osterferien hat) zu Verwandten.
Mit den herzlichsten u. treuesten Grüßen
Ihr
Julius Rodenberg
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 93; GB 3.2, S. 361>
Berlin, W., den 28. Juni,1878.
Ihre Gedichte, verehrter Freund, haben mich wiederum so entzückt, wie dieß eben nur Gedichte von Ihnen vermögen! Ganz besonders herrlich ist "das Weinjahr", u. "Es donnert über der Pfaffengaß". Das sind Kleinode der Poesie, die in der "Deutschen Rundschau" ordentlich funkeln sollen! Und zwar im Septemberheft; denn das ist ja der rechte Weinmonat, wo der Saft in den Reben kocht, u. wo man so recht in der Laune sein wird, diese herrlichen Gedichte wie guten, alten Wein zu schlürfen! Zu der Zeit aber werden wir uns sehen, und gemeinsam unsre Freude daran haben. Die Correctur werden Sie frühe genug erhalten, um sie in aller Muße zu lesen u. sie dann direct an die Verlagshandlung zurückzuschicken. - Daß Sie den grünen Heinrich ernstlich in die Hand genommen, freut mich von Herzen; so werden wir den alten, lieben Bekannten recht bald in seiner neuen Erscheinung begrüßen u. uns aufs Neue dran ergötzen können. Aber denken Sie, ich beschwöre Sie, dazwischen oder gleich danach an Ihre Novelle für uns; wir schmachten so danach! Denn ich fürchte mit dem "Roman" (es ist aber doch wol nur eine größere Erzählung) von Ferd. Meyer hat es noch gute Wege. Er scheint sich nur schwer von der Stelle zu bewegen. Unser guter Heyse dagegen ist immer fleißig, u. immer - selbst wenn er noch so sehr klagt - bringt er Etwas zu Stande, um was man ihn beneiden möchte, wenn man ihm nicht so herzlich gut wäre. Für das Octoberheft hat er uns den römischen Volksdichter Belli in gar köstlicher Weise eingeführt u. verdeutscht; Sie werden sich darüber gaudiren.
Haben Sie Nachsicht mit Prof. Scherer, daß er Ihre Novellen noch immer nicht | in der "Rundschau" besprochen hat. Es soll seine erste Ferienarbeit sein, sagt er; u. sie soll dann auch gleich im Herbste erscheinen. Mir aber lag daran, dß Sie von dem Professor der neueren deutschen Literatur an der Berliner Universität besprochen würden - von ihm u. keinem Andern. Darum habe ich gedacht, dß es besser sei bei ihm zu warten, als zu irgend einem Andern zu gehen, der gleich bei der Hand ist.
Ende nächster Woche verlassen wir Berlin, kehren Ende Juli zu den Wahlen zurück u. begeben uns dann in die Schweiz, über Chur hinaus. Auf dem Rückweg sprechen wir in Zürich vor u. eines Tages, Ende August, werde ich an Ihre Thüre klopfen, wenn der große Hund mich vorbei läßt. Auf Wiedersehen denn, mein verehrter Freund, u. bleiben Sie inzwischen gut
Ihrem
treu ergebenen
Julius Rodenberg.
Meine Frau u. Tochter danken schön für Ihr freundliches Erinnern u. grüßen herzlich wieder. Erstere begleitet mich auf meiner Reise, das Töchterlein geht zu Verwandten nach England.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 96>
Heidelberg, den 7. Sept.1878.
Setzen Sie sich doch keine Grillen in den Kopf, lieber, verehrter Freund! Aus dem Umstand, dß Duncker Ihnen gegenüber consequent geschwiegen, dürfen Sie keine Schlußfolgerungen ziehen; denn er schweigt in solchen Dingen immer u. meist aus Faulheit, Indolenz, u. all' den andern Tugenden, die schließlich zu seinem Banquerott an Vermögen u. Ehre geführt haben. So wenig er Ansprüche geltend machte, als Sie Ihre "Züricher Novellen" veröffentlichten, ebensowenig wird dieß künftig der Fall sein können. Inzwischen will ich - wenn es Sie beruhigt - mit Niemandem darüber sprechen oder es gar anderwärts bekannt machen, daß ich einen neuen Novellenkranz von Ihnen erwarte; bitte Sie jedoch herzlich, um so fleißiger daran zu gehen. Dieser beabsichtigte Cyclus wird herrlich werden; das, was Sie mir an jenem Abend, bei den Klängen der Musik u. über dem dunklen See, davon erzählt haben, leuchtet u. duftet mir noch ordentlich vor den Sinnen. Sollten sich später danach Schwierigkeiten irgend welcher Art ergeben, so wissen Sie ja, wie sehr bereit wir von der "Rundschau" sind, Ihnen bei der Lösung alter, verjährter Ansprüche oder Verbindlichkeiten behilflich zu sein. Geben Sie mir dann, wenn es Zeit ist, nur einen Wink, u. wir sind zur Stelle. -
Wie Sie sehen, sind wir noch weit von Berlin entfernt, u. gedenken auch gar nicht, vor Ende dieses Monats dort zu sein. Aber unser Töchterlein haben wir uns wiedergeholt. Sie ist stolz u. glücklich, daß Sie sich ihrer so freundlich erinnert haben, u. sie sendet Ihnen, ebenso wie ihre Mama, die herzlichsten Grüße. - So oft ich an Sie denke, fällt mir auch ein, welch ein Unrecht gegen Sie wir durch die mir noch immer unbegreifliche Weglassung Ihres wundervollen Gedichtes "Der Dichter u. der Tod" begangen haben; u. ich werde dann immer aufs Neue untröstlich u. werde es auch bleiben, bis Sie mir Gelegenheit gegeben, unsere Schuld zu sühnen durch den Abdruck dieses Gedichtes u. einiger andern, auf die ich - sobald Sie Lust u. Zeit zur Abschrift haben - mit Sicherheit rechne. Tausend Dank für alle Freundlichkeit, die Sie uns in Zürich erwiesen!
In treuer Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
Briefe treffen mich immer ganz sicher unter meiner Berliner Adresse.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 100>
Berlin, W., den 14. März,1879.
Längst schon, mein lieber u. verehrter Freund, hätte ich Ihnen danken sollen für den schönen Brief, welchen Sie zwar meiner Frau geschrieben, der aber auch mir so große Freude gemacht hat! Inzwischen denken wir oft an Sie; wir freuen uns an Ihrem Bilde, welches im Zimmer meiner Frau (neben dem von Dickens) hängt, an Ihren Büchern, welche in meinem Zimmer (zwischen Mörike u. Turgenjew) stehen u. hoffen die Zahl derselben bald durch den "grünen Heinrich" vermehrt zu sehen. Dann - wie ja selten eine Freude allein kommt - wird auch Hoffnung sein auf etwas Neues von Ihnen für die "Rundschau", worauf alle Leser derselben nicht weniger warten, als ich selber. Noch immer kann ich es dem unbegreiflichen Mißgeschick nicht verzeihen, welches uns des einen Ihrer Gedichte beraubt hat. Es lebt noch deutlich als eines der schönsten der kleinen Sammlung in meiner Erinnerung; aber hier war es unmöglich, dem flüchtigen Blättlein auf die Spur zu kommen, geschweige denn seiner wieder habhaft zu werden. Wenn Sie mir daher etwas recht Gutes erweisen wollen, so schreiben Sie's noch einmal ab, fügen Sie noch einige Andre aus Ihrem Vorrath hinzu u. senden Sie mir's als einen neuen Strauß für die kommende Rosenzeit. Ich habe eben allerlei Poetisches von Paul Heyse bekommen, u. da wär' es sehr hübsch, wenn auch Sie sich wieder, wie im vorigen Jahre anschließen wollten. Zugleich melden Sie mir dann wol mit Einem Wort, ob jene lieblichen Gebilde, von denen Sie einige in der Tonhalle zu Zürich an uns vorübergaukeln ließen, noch nicht angefangen haben, sich zu verdichten? Meine Frau u. ich haben das Geheimnis streng bewahrt. Wir grüßen beide Sie herzlich u. ich bin
treu u. ergeben Ihr
Julius Rodenberg
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 49; GB 3.2, S. 364>
Zürich 22 III 1879
Liebster Freund! Nicht Sie mir, sondern ich Ihnen bin noch ein Scriptum schuldig wegen Ihres guten Berliner Musterromanes, zu dessen schönem Erfolg, soweit ich beobachten konnte, ich Ihnen Glück wünsche. Daß bei der gediegenen Simplicität der Arbeit kein eigentlicher Straßenlärm entsteht, ist nur in der Ordnung.
Ich bin Ihnen auch verpflichtet für den angemessenen und gesunden Ton, in welchem Sie Ihren Nachruf betreff. den Tod Gutzkows in der Rundschau gehalten haben. Sie haben ihm sein Recht angedeihen lassen, ohne in die unverschämte Heuchelei mancher Nekrologisten zu verfallen, die dem Lebenden kein gutes Wort gegönnt hätten. |
Das verlorene Poema will ich Ihnen gern nochmals abschreiben u mit ein par andern zuschicken, obgleich es schlimm ist, mit Paul Heyses virtuosischen und graziösen Poesien gewissermaßen zu conkuriren. Auch setze ich immer voraus, daß Sie als Selbstmann und Künstler weglassen, was Ihnen Bedenken erregt resp. nicht gefällt.
Die bewußten Novellen werde ich in die Mache nehmen, sobald ich mit dem grünen H. zu Rande bin, dessen Druck begonnen hat. Ich muß aber diesmal das Ding bis zum letzten Tüpfchen fertig haben, ehe ich etwas aus der Hand gebe; denn wenn solche leichtsinnigen Sachen nicht wirklich reif und fertig erscheinen, so bleibt gar nichts mehr daran. Ich habe diesen Winter, | dessen lange Unfreundlichkeit und Kälte mich außergewöhnlich geplagt u geärgert hat, nur wenig geschrieben, werde dagegen den übrigen Theil des Jahres einmal durchbüffeln, um vorwärts zu kommen.
Mit Franz Dunker bin ich jetzt beinah im Reinen; es ist aber doch gut, wenn er noch nicht erfährt, daß die Novellen demnächst geboren werden sollen, weil er (wie auch die Frau) dem Sohne so viel möglich zuwenden wollen, für welchen in Leipzig die alte Firma aufgehoben wird, bis sie wieder erstarkt ist, und da könnte der Teufel noch im letzten Augenblicke den Rappel bekommen. Ich habe aber kein Vertrauen mehr zum Stern dieses Hauses. Unter uns. Empfehlen Sie mich der Frau Doctorin mit besten Grüßen als Ihren
alten G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 102>
Fulda, den 11. Juni, 1879.
Mein lieber u. verehrter Freund!
Sie sehen, ich bin wieder auf der Wanderschaft; dießmal freilich nur auf kurze Zeit, um ins Bad zu gehen. Anfangs Juli gedenke ich zurück in Berlin zu sein, u. dort über den Sommer zu bleiben. Bevor ich aber Berlin verlassen, habe ich dafür gesorgt, dß Ihre Gedichte gesetzt werden, damit mir nicht wieder eines in der Druckerei abhanden komme. Die Correctur ist denn auch ganz vorschriftsmäßig erfolgt u. wird bereits bei Ihnen gewesen sein, obgleich ich nicht glaube, dß die Gedichte selbst früher als im Augustheft erscheinen werden. Mir lag vorläufig nur daran, dß Alles in Ordnung sei; was ja nun wol der Fall sein wird. Inzwischen haben wir uns an den Gedichten recht erbaut; am Abend vor meiner Abreise von Berlin las Prof. Scherer (der sich jüngst verheirathet hat) sie vor, u. seine u. meine Frau u. Lasker hörten andächtig zu. Wenn Sie uns doch nur eine neue Auflage Ihrer Gedichte geben wollten! Es wäre wirklich ein Segen, sie haben zu können. Und wie weit sind Sie mit dem "grünen Heinrich"? Ich hörte davon reden, dß der erste Band heraus sei. Doch gelesen habe ich ihn noch nicht. Nach dem neuen Novellen-Cyclus für die "Rundschau" mag ich gar nicht fragen; aber ich warte darauf, dß Sie mir eines Tages davon zu erzählen anheben werden. Im Sommer lassen Sie gewiß einmal von sich hören; ich werde mich ganz in den Berliner Dunst einspinnen, u. dann thut solch' ein frischer Luftzug vom lieben Zürichsee doppelt gut.
Leben Sie wohl, mein theurer Meister u. Freund, u. seien Sie herzlich
gegrüßt
von Ihrem
getreuen
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 51; GB 3.2, S. 365>
Zürich 31 VII 79
Nun, verehrter Herr Obmann u Freund, denke ich, werden Sie das Gurkenzeitmartyrium in Berlin angetreten haben, wenn Sie Ihren Vorsatz wirklich ausführten u nicht etwa doch noch nach der Schweiz kommen? Die ungeschminkte Art, mit der Sie im Augusthefte, das ich soeben durchgesehen, die Fee Rackowitza u ihren Lasalle behandeln, hat mich sehr zu Dank verpflichtet; es war schon lang ärgerlich, wie charakter- u urtheilslos diese Dinge behandelt werden von der Presse; u auch die Verherrlichung, welche Bismark dem todten Archisophisten u St. Germainiden s. Z. hat angedeihen lassen, erbaute mich nicht sehr.
Mit Schrecken entdecke ich das traurige Gedicht von Th. Storm, das sich wahrscheinlich auf seinen "verlorenen Sohn" bezieht, nach Andeutungen die ich von dritter Seite über das Verhältniß erhalten. Der Arme muß stark gequält sein, daß er zu einer solchen Verlautbarung gedrängt wird; oder sollte es wol ein letzter | Versuch sein, auf jenen Unglücklichen einzuwirken? - Die Correktur meiner letzten Gedichte habe ich schon vor ein par Monaten gehabt; es eilt mir indessen nicht mit diesen Dingen, meine lyrischen Schmerzen sind nicht groß. Eine andere Verhexung bezüglich der Rundschau ist mir mit Ferdinand Meyer passirt, den ich nie sehe, als wenn er eine Quengelei vorhat. Vor einem Vierteljahre schon erschien er plötzlich bei mir u kündigte eine wichtige Unterredung an: Er habe seine Novelle Thomas Becket Ihnen zugesagt für die Rundschau; nun da Sie fertig sei, könne er sich nicht entschließen, sie in einer Zeitschrift erscheinen zu lassen. Er müsse sein Versprechen zurückziehen u verlangt von mir, daß er sich auf meine Zustimmung bei Ihnen berufen dürfe. Dieses ganz kuriose Begehren, das ich jetzt noch nicht recht verstehe, schlug ich ab u redete ihm zu, das Manuskript abzusenden. Er brachte so viel Ausreden vor, daß ich zuletzt sagte, mir schiene, daß er überhaupt nicht wolle u nie gewollt | habe. Wenn Sie aber durchaus nicht wollen, so lassen Sie's bleiben! So ist's in Gottes Namen! antwortete er, darf ich mich also auf Sie berufen? - In diesem Sinne, ja, wenn es Ihnen Spaß macht, aber in keinem andern! sagte ich.
Es that mir um der guten novellistischen Gesellschaft willen leid, trotz dem ich ihn ein wenig im Verdachte habe, er wolle mich mit dem ganzen Handel fühlen lassen, daß er als reicher Mann nicht nöthig habe, seine Sachen auf jene Weise zu verwenden. Denn er ist persönlich ein gewaltiger Philister vor dem Herren. Wenn er Ihnen nun nicht genau in obigem Sinne von mir geschrieben hat, so hat er geflunkert. Er ließ auch nichts mehr von sich hören.
Ich bin jetzt mit dem Schluß des Romans beschäftigt. Der 3t. Band ist im Druck u der 4t. wird nächstens dran kommen. Ich werde Ihnen ein Exemplar erst mit der | Beendigung der ganzen Expedition schicken, ohne die Zumuthung jedoch, den ganzen Wälzer durchzulesen. Mit Franz Dunker bin ich seit Ostern im Reinen u habe es schwarz auf weiß. Da ich das ausgelegte Geld, das mich die Befreiung mit Recht gekostet, wieder brauche, so werde ich mich gleich nach Abfertigung des grün. Hch. hinter die Novellen machen u habe das alte Manuskript bereits in den Vordergrund befördert. Ein Dutzend Seiten sind noch in Berlin geschrieben und bereits gelb! Was haben Sie für poetische Arbeit jetzt vor? Gibt's bald wieder was? Vor einiger Zeit stand in irgend einer Zeitung, Fanny Lewald sei gestorben, ohne daß weiter etwas verlautete; ist es eigentlich wahr? oder lebt die wackere Heroine noch?
Ich bitte sehr, mich der verehrten Frau Rodenberg zu empfehlen u meine herzlichen Grüße zu bestellen. Ihnen wünsche ich vergnügte stille Sommertage, die Sie als Kenner der Berlinischen Landschaft gewiß auch dort zu finden wissen.
Ihr ergeb. G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 104>
Berlin, W., den 8. August,1879.
Mein lieber u. verehrter Freund! Endlich bin ich so weit, meine Augen wenigstens bei Tageslicht wieder ungehindert benützen zu können; u. ich mache den besten Gebrauch davon, indem ich Ihnen gleich Ihren Brief beantworte, der in dem Momente ankam, wo mein dictirtes Schreiben an Sie abging. Sie wissen das bereits aus dem hineingeschobenen Zettelchen, falls sich dieses auf der Reise nicht etwa verloren hat. Auch im Uebrigen hatte ich schon Einiges von dem anticipirt, was Sie in Ihrem Briefe berühren. Viel unangenehmer, als es Ihnen gewesen zu sein scheint, war mir, daß ich Ihre Gedichte um ein Heft verschieben mußte. Sie sind ein so viel vernünftiger u. billiger denkender Mann, als die meisten Andern, daß von einem Uebelnehmen bei dergleichen Mißständen gar nicht zu reden ist; doch liegt mir so sehr daran, Ihnen bei jeder Gelegenheit zu zeigen, wie werth Sie mir als Mitarbeiter sind, daß selbst der Schein einer Zurücksetzung mich verdrießt. Leider war es im Augustheft nicht anders zu machen; dafür aber habe ich die Beruhigung, dß der Bogen des Septemberheftes, welcher Ihre Gedichte enthält, schon in der Form steht, so dß nach menschlicher Berechnung Nichts mehr in die Quere kommen kann. Auch das im vorigen Jahr auf unerklärliche Weise verloren gegangene Gedicht "Tod u. Dichter" liegt mir in Revisionsabzügen vor; u. Sie sollen sehen, welche Freude Sie durch diese Gaben nun allen Ihren Freunden u. Verehrern machen werden.
Die willkommenste Nachricht, welche Sie mir geben konnten, ist die, dß Sie von Franz Duncker frei sind u. nach Vollendung des vierten Bandes vom "grünen Heinrich" ernstlich an die neuen Novellen für die "Rundschau" herangehen wollen. Gott gebe, dß Sie recht rasch damit zu Stande kommen; denn neue Novellen von Ihnen sind ein Fest für mich. Von | Februar oder März ab kann ich Ihnen jede Zahl an Heften zur Verfügung halten, wenn Sie mich nur früh genug informieren. Vorher werde ich mich von ganzem Herzen an Ihrem Roman gaudiren; ich hoffe ihn in der Schweiz selbst zu lesen, wahrscheinlich am Genfer See, wohin wir nun doch wol Anfangs October gehen werden - nicht ohne Ihnen eine Besuch zugedacht zu haben! Ja, ich darf sagen, daß wenn wir uns für die südliche Schweiz entschließen, der Gedanke, Sie wiederzusehen, mitbestimmend sein wird. Dann werden Sie die Hände gewiß schon frei haben von Ihrem Roman u. sie vielleicht schon rühren für die Novellen! - Scherer freut sich herzlich auf die Besprechung Ihres neuen Werkes; u. ich freue mich noch mehr, denn einen besseren Mann dafür könnte die "Rundschau" nicht finden. Er arbeitet gegenwärtig (u. seit längerer Zeit schon) an einer Geschichte der deutschen Literatur in Einem Bande, von welcher seine Freunde sich viel versprechen u. - nach den bis jetzt vorliegenden Proben - sich viel versprechen dürfen. Der Zusendung Ihres Romans, sobald er fertig ist, durch Ihren Verleger sehe ich mit Freude entgegen; Sie sollen einen guten Platz in meiner Bibliothek haben - Sie kennen ihn ja!
Die drollige Geschichte, die Sie mir von Meyer erzählten, hat mich recht amüsirt. Uebrigens hat er mir seine Novelle "Der Heilige" schon im Mai geschickt u. sie wird im Novemberheft beginnen. Nachdem er Sie mit seinen Scrupeln u. Zweifeln bekannt gemacht, hätte er Sie doch auch mit dieser Thatsache bekannt machen sollen. Doch nun wissen Sie's! |
Wir verleben hier den Sommer in recht angenehmer Weise, wandern viel umher, in u. um Berlin, u. staunen über die stets wachsende Größe diese Kolosses, der übrigens auch seine sehr schönen Seiten hat. Ein neuer Roman beschäftigt mich fortwährend, u. ich hoffe schon Mehreres davon zu Papier gebracht zu haben, bevor wir im Herbst unsere Reise antreten. - Daß Ihnen mein Lassalle-Artikel gefallen hat, ist mir höchst angenehm; auch von andrer Seite ist mir manigfache Zustimmung geworden, u. A. von Julius Schmidt, welchem eine scharfe Verurtheilung dieses Mannes - seines einstigen Gegners - sehr wohl gethan zu haben scheint. Ganz abgesehen davon bin ich der Meinung, dß es, wie Sie sagen, an der Zeit war, einen geharnischten Protest einzulegen gegen die Verherrlichung, welche man diesem Manne noch immer angedeihen läßt. Wenn er gelebt hätte, so würde er sich längst selbst annihilirt haben; da er todt ist, so müßte die Sache einmal ernstlich in die Hand genommen werden, damit eine Verwirrung der Begriffe, die schon Unheil genug angerichtet hat, nicht noch weiter um sich greife. - Die gute Frau Fanny Lewald-Stahr lebt noch u. - wenn ich nicht irre - sogar in Ihrer Nähe, wenn anders sie, wie sie dieß fast jedes Jahr zu thun pflegt, wieder nach Ragatz gegangen ist.
Meine Frau läßt Ihnen alles Gute u. Schöne sagen
u. ich bin mit den herzlichsten Grüßen
in treuer Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 105>
Berlin, W., den 27. Nov. 1879.
Mein lieber u. verehrter Freund! Nein, wir sind dießmal nicht in Zürich gewesen, obwol es uns sehr hinzog, d. h. zu Ihnen. Sie nicht gesehen zu haben, thut meiner Frau u. mir noch heute leid; es ist das Einzige, was wir bei unsrer sonst so schönen u. befriedigenden Reise vermissen. Wir zogen, Ende September, von Berlin aus mit der Absicht, den Rhein hinauf, nach der Südschweiz zu gehen u. bei der Heimkehr Ihnen unsren freundschaftlichen Besuch zu machen. Als wir aber, an einem unaussprechlich schönen Herbstsonnen-Nachmittag bei dem Rhein herauskamen, da fesselte der Anblick uns so mächtig, dß wir uns nicht davon trennen konnten; u. anstatt nach der Schweiz weiterzuziehen, vertrödelten u. verträumten wir unsere Zeit am Rhein u. an der Mosel, gingen dann nach dem Elsaß u. Baden u. kehrten vor vierzehn Tagen hierher zurück - ohne Sie gesehen zu haben. Sie sind mir übrigens zuvorgekommen: der heutige Tag war dazu bestimmt, Ihnen zu schreiben; nun kann ich Ihnen gleich antworten u. für Ihren lieben, erfreulichen Brief herzlich danken.
Daß Ihr "Grüner Heinrich" noch nicht fertig ist, beruhigt mich eigentlich. Ich hatte nämlich vernommen u. in - wie ich jetzt wol sehe - unzuverlässigen Berichten gelesen, dß das Werk fertig sei; fand aber, als ich mich auf unsrer Redaction darnach umschaute, immer nur noch die beiden ersten Bände. Woraus ich entnehmen zu müssen glaubte, dß entweder Sie oder der Verleger uns vergessen hätten. Nun aber, da der dritte Band unterwegs u. der vierte in Sicht ist, werde ich mir die beiden ersten holen u. beginnen. Denn mich verlangt sehr danach, sie zu lesen; u. ich lese sie sehr lan<GSAm, Wort für Wort. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon einmal gesagt habe, dß ich Sie so lese, mit demselben Genuß, aber auch mit derselben Bedächtigkeit, als wenn ich Austern schlürfte, mit einem Glase guten alten Rheinweines dazu. Es ist ein roher, materieller Vergleich; aber er paßt in die Jahreszeit. - An | Freund Scherer werde ich Ihre Bestellung ausrichten; er hat die erste Auflage des Gr. H. durchgearbeitet, u. wartet nur noch auf die Vollendung der zweiten, um dann sogleich an sein kritisches Geschäft zu gehen. Sie brauchen sich übrigens nicht vor ihm zu fürchten; er liebt Sie u. Ihr Werk sehr.
Wann werden wir nun aber Ihre neue<n> Novellen für die "Rundschau" bekommen? Das ist für mich eine sehr wichtige Frage. Wann etwa glauben Sie? Geben Sie mir doch darüber, so bald Sie können, annähernd einen Wink, damit ich "hoch mache die Thüren u. weit die Pforten, dß einziehe der König der Ehren". - Ueber Meyer's Novelle will ich Ihrem Urtheil nicht vorgreifen. Es steckt viel ehrliche gute Arbeit darin u. das Colorit ist sehr lebendig. Ueber die Composition ließe sich freilich Manches sagen; aber ich hoffe, dß der Gesammteindruck ein günstiger sein wird.
Mit meinem neuen Roman stecke ich noch ganz in den Anfängen, die mir dießmal besonders schwer werden. Ich möchte gern die Fundamente recht solide legen u. Sie wissen ja, das ist immer eine wol unscheinbare, so doch wichtige Arbeit. Wenn ich meinen Bau erst einmal über der Erde habe, dann wird es hoffentlich viel rascher vorwärts gehen. Ich danke Ihen für Ihre theilnehmende Frage u. freue mich auf den Moment, wo ich Ihnen mehr mittheilen kann.
Was nun endlich Herrn Prof. Breitinger anbetrifft, so genügt Ihre Fürsprache, um ihn bestens bei mir einzuführen. Sagen Sie ihm, dß er mir seine Arbeit einschicken möge; dß er aber selbst im günstigsten Falle sich mit vieler Geduld wappnen müsse, da die "Rundschau" mit Verpflichtungen auf dem Gebiete des literarhistorischen Essays überhäuft sei.
Meine Frau grüßt Sie von ganzem Herzen, verehrter Freund, u. ich bin
in treuer Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 107>
Berlin, W., den 3. Jan.1879
Mein lieber u. verehrter Freund! Zunächst u. vor Allem noch einmal meine herzlichsten Wünsche zum Jahreswechsel, u. viel Gutes u. Schönes Ihnen, u. durch Sie uns, zu dem neubeginnenden Jahrzehnt. Möge es zu den Gestirnen erster Größe Keller'scher Dichtung, die wir schon besitzen, noch einige neue hinzufügen vom hellsten Glanz u. reinsten Feuer, leuchtend per seculorum secula! Lassen Sie mich's als ein gutes Zeichen nehmen, daß uns gleich der Anfang des Jahres Ihren neuen Cyclus bringen soll, den ich hiermit feierlich begrüße! Zugleich kann ich Ihnen die angenehme Mittheilung machen, dß die Herrn Gebr. Paetel bereitwillig auf Ihren Wunsch einer Honorar-Erhöhung eingegangen sind, u. Ihnen hiermit von jetztab ein Honorar von 400 Mark pro Bogen anbieten. Ich hoffe, dß damit auch der materielle Punkt in erwünschter Weise erledigt sei, u. bitte Sie, mir zu sagen, ob Sie sich mit dem Paetel'schen Angebot einverstanden erklären. Zugleich bitte ich Sie, mich frühzeitig, d. h. sobald Sie einen sichern Ueberblick haben, zu benachrichtigen, bis zu welchem Datum ich das erste Stück des Cyclus erwarten darf. Einstweilen halte ich Ihnen das April- oder Maiheft offen, je nachdem Ihr MS eintrifft.
Daß Ihnen "der Heilige" gefällt, freut mich; es ist wirklich eine gute Arbeit, die dem Verf. alle Ehre macht u. gewis noch vielen Freude machen wird. Wenn Sie den Letzteren doch einmal sehen sollten, so grüßen Sie ihn von mir. Freilich scheint es, daß ich in Berlin immer noch mehr von ihm sehe (nämlich brieflich), als Sie in Zürich.
Meine beiden Damen, Frau u. Tochter, bedanken sich schönstens für das freundliche Gedenken, welches Sie ihnen geschenkt haben u. erwidern Ihre guten Wünsche u. Grüße auf das Herzlichste. Alice ist ganz stolz darauf, dß der berühmte Dichter (dessen Novellen sie so gern lesen möchte, aber noch nicht lesen darf) sich ihrer Wenigkeit erinnert. Auf ein gutes Jahr denn für den grünen Heinrich, die neuen Novellen, Sie selber u. das freundschaftliche Fortbestehen unsrer literarischen u. persönlichen Beziehungen!
In treuer Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 108>
Berlin, W., den 11. Jan.1880.
Seien Sie mir nur nicht böse, mein lieber u. verehrter Freund, daß ich Sie schon wieder incommodire! Die Verleger der "Rundschau" wünschen sehr, mit Ihrem neuen Novellen-Cyclus im Aprilhefte anzufangen, u. ich brauche Ihnen wol nicht zu sagen, dß ich diesem Wunsche mich emphatisch anschließe. Da Sie mir selber die Möglichkeit eines solchen Beginns in Aussicht gestellt, so käme es nur darauf an, sich zu verständigen. Es handelt sich nämlich darum, ob ich im Märzheft eine abschließende Novelle bringe, so dß dann das Aprilheft für Sie frei wäre, oder ob ich im Märzheft ein größere Novelle beginnen soll, die noch in das Aprilheft hinüberliefe. Für beide Fälle bin ich gerüstet - ich kann das Eine wie das Andre; nur müßte ich vorher von Ihnen instruirt sein. Mir läge, sowol im Interesse der "Rundschau", als auch Ihres neuen Werkes, sehr viel daran, mit demselben im Aprilhefte anzufangen, weil dieses das erste des neuen Bandes ist, u. wir hätten dann ein schönes volles Halbjahr vor uns. Es würde auch vollständig genügen, wenn ich das MS für das Aprilheft bis Ende Februar hier hätte. Sprechen Sie sich nun frei aus, lieber Freund; ich will Ihnen nicht unbequem fallen u. Sie nicht drängen. Es kommt mir nur darauf an, Ihnen meine Wünsche vorzutragen u. von Ihnen zu hören, inwieweit Sie dieselben erfüllen können. Schreiben Sie mir also - u. wenn ich bitten darf innerhalb der nächsten acht Tage - ob ich ein Stück MS von Ihnen bis Ende Februar haben kann; dann ist Alles gut u. das Uebrige wird sich finden. Schreiben Sie mir auch, ob Sie mit unsrer Honorar-Anerbietung zufrieden sind.
Ihrer Antwort entgegensehend, bin ich mit den herzlichsten Grüßen
treugesinnt u. verehrungsvoll Ihr
Julius Rodenberg.
Der Aufsatz von Breitinger ist nicht uninteressant, u. ich denke ihn für die "Rundschau" zu behalten.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 57; GB 3.2, S. 370>
Zürich 21 I 1880.
Verehrter Freund! Mit krummen Fingern mach' ich mich endlich an's Antworten, da die infame Kälte, die mich diesen Winter auf meiner Windmühle erheblich zurückgestellt hat, wiedergekehrt ist. Ich getraue mir nicht, für das Aprilheft die Novellen in Aussicht zu stellen. Wenn auch für ein Heft jetzt schon vorgesorgt ist, so mag ich diesmal doch die Fortsetzungen nicht in's Unsichere schieben und habe daher beschlossen, das Ganze fertig zu bringen, eh' ich es Ihnen vorlege; Sie können es dann damit halten, wie Sie wollen. So viel ich sehe, wird das Buch ziemlich den Umfang der Zürcher Novellen haben, soweit sie in der Rundschau erschienen sind und jetzt den ersten Band ausmachen.
Das Honorar betreffend, so ist mir das Doppelte dessen angetragen, was ich bisher erhielt, also circa 600 Mark. | Da es aber wol nur geschieht, um wenigstens einen einmaligen Beitrag zu erzwingen, so bin ich gern erbötig, die noch bestehende Differenz zu theilen, sofern das den Herren Verlegern convenirt, und den Bogen zu 500 Mark zu berechnen. Dieses Honorar würde mich dann auch in Zukunft befriedigen, wo ich vorhabe, dann und wann eine einzelne Novelle, mit weniger beschwerlichem Anlaufe, von Stapel gehen zu lassen und mich nach wie vor freuen würde, mein Absteigequartier beim Wirth zur deutschen Rundschau zu haben. Doch dies wird hoffentlich geschehen können, "geh' es wie es wöll".
Mit besten Grüßen
Ihr in jedem Sinne
alter G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 109>
Berlin, W., den 24. Jan.1880.
Mein lieber und verehrter Freund!
Es macht mich sehr glücklich, auf Ihre Zeilen vom 21. dM. erwidern zu können, daß die Herren Gebr. Paetel ohne Weiteres auf Ihren Wunsch eingegangen sind, so daß Sie hiermit 500 Mark pro Bogen erhalten. Ich hoffe, dß diese Frage nun ein für allemal zwischen uns erledigt u. dß Sie jetzt u. für Immer der Unsre sind. Das Herz würde mir weh gethan haben, irgend Etwas, was Ihren Namen trägt, irgendwo anders sehen zu müssen; doch diese Gefahr ist abgewendet, u. der Wirth zur "Rundschau" wird immer helle Fenster haben, wenn der Gastfreund von den Schweizer Bergen niedersteigt. Wegen des neuen Cyclus will ich Sie nun noch weniger drängen, als dieß schon zuvor meine Art war; ich weiß, Sie werden kommen, wenn's so weit ist, u. Sie wissen, dß für Ihren Empfang Alles bereit ist - ein besseres Verhältnis kann man sich nicht denken u. dabei soll's bleiben! Jetzt wünsch' ich Ihnen nur Thauwind u. dann mag die Flagge vom Haus auf der Enge lustig flattern!
Mit den herzlichsten Grüßen
treu u. ergeben
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 110>
Berlin, W., den 1. Mai,1880.
Verehrter Freund u. Meister!
Einen schöneren Tag, als diesen ersten Maientag, um Ihnen nach langem Schweigen wieder einmal einen Gruß zu senden, hätte ich mir nicht auswählen können. Seitdem ich Ihnen zuletzt schrieb, sind Monate vergangen, in denen ich auf ein Lebenszeichen von Ihnen harrte - sei es auf die beiden letzten Bände des "Gr. H.", sei es auf die neuen Novellen, sei es auf einen Brief. Wenn Sie nun Ihre Hand aufmachen, wird Alles auf Einmal kommen; übrigens habe ich Zeit zu warten. Das Gute kommt immer frühe genug.
Mittlerweile haben wir Paul Heyse in Berlin gehabt - nur sehr kurz u. sehr in Anspruch genommen von allen Seiten. Er war gekommen - nicht um seinen fünfzigsten Geburtstag dort zu feiern, wie die Zeitungen sagen, die so selten die Wahrheit sagen -, sondern um einen Arzt zu consultiren. Die Consultation ist gut ausgefallen, u. Heyse's gesundes Aussehen, welches uns auf das Angenehmste überraschte, bestätigte die Meinung des Arztes. Heyse wird jetzt in ein Bad des Fichtelgebirges gehen u. hoffentlich recht bald wieder in alter Kraft u. Freude schaffen. Vorläufig hat er mir einen Aufsatz über Manzoni mit einer unvergleichlich schönen Uebersetzung der "Inni sacri" gegeben.
Hierauf haben meine Frau u. ich eine Reise nach Paris gemacht, von der wir erst eben, in einer Art sanfter u. freundlicher Rundschau, zurückgekehrt sind. Denn Paris ist doch wahrlich entzückend, namentlich im Frühling. Sie werden einige meiner Reisefrüchte in der "Rundschau" bekommen, u. darum sage ich Nichts mehr.
Indessen reservire ich Ihnen ganz still u. bedächtig das Octoberheft u. die folgenden, damit Sie mit den neuen Novellen den neuen Jahrgang eröffnen; hoffe jedoch mit Bestimmtheit, daß Scherer vorher Gelegenheit habe, sich über den fertigen "Gr. H." vernehmen zu lassen. Haben Sie schon das erste Heft von Scherer's "Literaturgeschichte" gesehen? Das verspricht ein Buch zu werden, das man mit Vergnügen lesen kann.
Meine Frau vereint ihre Grüße mit den meinigen u. ich
bin in treuer Verehrung
Ihr
Julius Rodenberg.
Stören Sie sich nicht in der Arbeit, sondern schreiben Sie mir nur, wenn Sie Lust u. Zeit haben.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 111; GB 3.2, S. 372>
Berlin, W., den 1. Juli,1880.
Mein theurer und verehrter Freund!
Ihnen muß ich immer u. immer wieder danken: denn nur Gutes kommt mir von Ihnen u. jeder Brief bringt eine Freudenbotschaft. Dießmal mehr als je: denn endlich darf ich mit Bestimmtheit auf Ihren neuen Novellen-Cyclus rechnen! Sie machen sich, auf Ihrer Burg da oben über dem Zürichsee, gar keinen klaren Begriff davon, so scheint es, wie ein neuer Novellen-Cyclus von Ihnen für die ganze Literatur-Welt, für die stets wachsende Zahl Ihrer Verehrer u. nicht am Wenigsten für die "Rundschau" bedeutet. Sie geben das her mit einer freundlichen Miene, die mir freilich die Gabe noch theurer macht; aber ich weiß, was ich empfange, wie sehr Sie mich dadurch auszeichnen - u. wenn Ihre Bescheidenheit sich auch dagegen sträubt, so muß ich es Ihnen doch sagen, dß wir einen neuen Novellen-Cyclus von Ihnen als ein Ereignis betrachten, nicht mehr u. nicht weniger. Das ist ein offenes Bekenntnis, welches ich Ihnen schulde; denn es ist die Wahrheit. Was wir Ihnen als Aequivalent dafür bieten, ist so wenig, daß ich Sie gar nicht mehr davon zu reden bitte; u. mich beruhigt einzig der Umstand, daß es das höchste Honorar, welches wir überhaupt geben. So haben wir wenigstens dem Anstand genügt, u. das ist in einem solchen Verhältnis freilich Etwas. | Nun aber erwähnen Sie's auch nicht mehr; ich bin sehr glücklich, daß die geschäftliche Basis ein für allemal geordnet ist u. dß wir Beide damit zufrieden sind.
Den so lang erwarteten u. so sehr willkommenen Anfang Ihrer Novellen möcht' ich nur um einen Monat hinausschieben, d. h. im November beginnen, statt im October, weil ich, in menschlicher Unkenntnis des Guten, das mir so nahe bevorstand, diesen Monat schon an Theodor Storm vergeben hatte. Noch Eins kommt dazu: die Besprechung Ihres "grünen Heinrich" von Scherer, die ich im October zu bringen wünsche u. nicht wol passend mit dem Beginne einer neuen Arbeit von Ihnen in demselben Hefte bringen kann. Lassen wir also dem "gr. H." den Vortritt, der ihm gebührt, u. dann gleich das Neue hinterher. Vom November ab gehört die "Rundschau" ganz Ihnen, ich habe Monat nach Monat für Sie frei gehalten, u. Sie können nun darüber verfügen. Senden Sie das MS - natürlich mit Werthangabe, versichert - zu der Ihnen genehmen Zeit: im August werde ich wol nicht in Deutschland sein, aber im September bin ich wieder in Berlin oder in der Nähe. Wenn Sie gar nicht fehl gehen wollen, so adressiren Sie - stets unter der angegebenen Vorsichtsmaßregel - "an die Redaction der Deutschen Rundschau, Lützowstraße,7. Berlin, W." Doch um die Mitte des September bin ich gewis hier, um das erste Stück Ihres MS selbst in die Druckerei zu geben. Das ist dann auch die höchste Zeit für das Novemberheft.
Und noch ein Wort über den "gr. H.". Scherer ist mit den beiden ersten Bänden schon fertig, hat sich seine Noten etc. gemacht, u. ich glaube, daß er auch den dritten Band schon hat. Um aber mit dem Ganzen für das Octoberheft rechtzeitig zu Stande zu kommen, ist es wünschenswerth, wo nicht nothwendig, dß er den vierten Band so bald als nur irgend möglich erhalte. Denn auch seine Ferien beginnen Anfangs August, er wird dann Berlin verlassen u. würde vielleicht am Liebsten Ihren Roman als Ferienarbeit mitnehmen, was auch mir sehr gut paßte. Wollen Sie daher so freundlich sein, Ihren Hrn Verleger zu veranlassen, dß er, so früh dieß nur immer angeht, die Aushängebogen an Prof. Scherer schickt, der von diesem meinem Auskunftsmittel schon unterrichtet ist. Scherer Adresse ist: "von der Heydt-Straße 1a, Berlin, W."
Meine Frau, die den intimsten Antheil an Allem nimmt, was Sie betrifft, grüßt Sie herzlichst. Wir verlassen mit unsrem Töchterlein - welches nun aber schon fast eine große Tochter geworden - in der zweiten Juliwoche Berlin, um zu meiner Mutter aufs Land nach Fulda zu gehen, wohin mir aber alle Redactionssachen nachgeschickt werden u. wo Briefe mich unter der einfachen Adresse "Fulda" sicher erreichen, da man mich dort alle Jahre ein paarmal u. auf Wochen hat. Im August gehen wir nach Belgien, zu den Jubiläumsfestlichkeiten, obwol es um diese Zeit des Sommers bei Ihnen am See u. in den Alpen viel schöner ist. Anfangs September, wie gesagt, hoffen wir zurück zu sein, u. als schönsten, u liebsten, Willkomm Ihr MS vorzufinden oder bald zu erhalten.
Viel wäre noch über den sonstigen Inhalt Ihres lieben Briefes, über Zola, Daudet et tout le reste zu sagen, viel Ihnen noch zu danken für alles Angenehme, was Sie mir persönlich schreiben. Ich bewahre das Alles an einer guten Stätte meines Herzens auf u. Nichts davon ist Ihnen vergessen.
Also noch einmal Glückauf zur Vollendung des "grünen Heinrich" u. alles Glück, allen Segen zu den neuen Novellen!
Dankbar u. treu
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 113>
Fulda, den 14. Juli.1880.
Verehrter, lieber Freund!
Ich will Ihnen noch einmal schreiben, bevor ich mich in die Ferien verliere, wiewol ich Ihnen nicht viel Besonderes mehr zu sagen habe. Nur Eines habe ich zu meinem vorigen Schreiben zu bemerken: es hat sich nämlich herausgestellt, dß Prof. Scherer die Besprechung des Gr. H. bis zum October nicht liefern kann. Er ist in der letzten Zeit leidend gewesen, muß zu seiner Erholung ins Bad u. sich ganz von aller Arbeit ausruhen. "Unter diesen Umständen fragt es sich", schreibt mir Scherer, "ob Sie nicht besser thäten, von der 2. Aufl. des Gr. H. eine vorläufige Anzeige zu bringen". Eine solche ist nun dem Dr. Otto Brahm übertragen worden, einem Schüler Scherers, der ganz in seinem Geiste gebildet ist u. ihn schon mehrfach in der "Rundschau" vertreten hat. Der Genannte hat sich bereits an die Göschen'sche Buchhandlung wegen der Aushängebogen des 4. Bandes gewandt, un wenn er diese rechtzeitig erhält, wird er Etwas zu Stande bringen, woran wir Alle sicher unsere Freude haben. Indessen schreibt Scherer weiter: "Ich verspreche dann meinerseits eine Charakteristik Gottfr. Keller's zu geben, welche über die bloße Besprechung des Gr. H. hinausreicht u. auch im Titel als eine allgemeine Charakteristik auftritt". Dabei sind wir verblieben u. ich bin ganz zufrieden mit dieser Anordnung welche den Wünschen meines Herzens entspricht.
Anfangs September bin ich wieder zurück u. ich erwarte dann das erste Stück Ihres MS, um es sogleich in Satz zu geben, so dß Sie die Correctur in aller Muße machen können. Und hiermit grüße ich Sie herzlich u. wünsche Ihnen viele gute u. ersprießliche Tage
als Ihr
treu ergebener
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 60; GB 3.2, S. 373>
Zurich 23. Sept 1880.
Verehrter Freund u Obherr!
Vor einiger Zeit war Paul Heyse hier und sagte, er habe eine Novelle für die Rundschau, die im November kommen solle. Ich sagte zwar, das Gleiche sei der Fall mit meinen Geschichten, fand aber, als meine Seelenqual, der grüne Heinr. nochmals rückfällig wurde, es sei gerade gut, wenn Sie das Novemberheft dem Paulus widmen. Wollen Sie meine Novellen im De[m]cemberheft beginnen lassen, so kann ich Ihnen spätestens auf 15 October das Manuskript für ein par Hefte schicken u das folgende am 15 November. Dies wird verläßlich sein, da mir diese Arbeit eine Erholung ist gegenüber dem alten lecken Faß des Heinrich, das überall durchsickerte trotz aller Küferarbeit. |
In letzter Stunde bin ich wegen des Titels verlegen. Ich möchte gern setzen:
Das Sinngedicht, Novellen von N. N.
Allein es schwebt mir immer vor, als ob es ein neueres Buch belletristischen Inhalts mit diesem Titel gäbe, oder ist es nur eine Hallucination? Wollen Sie nicht so gut sein, es mir zu sagen, wenn Sie etwas Bestimmtes vom Existiren eines solchen Titels wissen?
Ich glaube Ihnen gesagt zu haben, daß der Held der Rahmenerzählung mit dem Distichon:
Wie willst Du weiße Lilien zu rothen Rosen machen?
Küss' eine weiße Galate, sie wird erröthend lachen.
in die Welt ausläuft und daß am Schluß des Ganzen die Aufgabe gelöst wird. Es wäre daher Schade, wenn ich die Ueberschrift nicht wählen könnte. Ein Titel "Der Versuch." wäre zu klanglos und blöde.
Beste Grüße Ihr ergeb.
G. Keller.
Es thut mir leid, daß ich Ihren wohlwollenden Recensions-Dispositionen in die Quere gekommen bin, allein man kann sich in Gottes Namen nicht nach den Ferienzeiten der Hochschulen richten etc.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 114>
Berlin, W., den 25. Sept.1880.
Mein lieber u. verehrter Freund!
Haben Sie keine Furcht, ich will Sie nicht mahnen, sondern Ihnen nur Folgendes mittheilen. Ich reise morgen nach Carlsbad, wohin mich mein Arzt noch zur Cur schickt, u. gedenke am 24. October wieder hier in Berlin zu sein. Nun wäre mein sehnlicher Wunsch, mit Ihren neuen Novellen das Jahr des Heils 1881 zu eröffnen; eine unbegrenzte Zahl von Heften steht Ihnen dann nach einander zur Verfügung. Aber ich müßte den Anfang des MS, soviel als für das Januarheft ausreicht, bis zum 15. November haben; u. es frägt sich, ob dieß möglich sein wird? Sie würden mir eine große Liebe erweisen, wenn Sie mir mit zwei Zeilen hierauf antworten wollten. Sobald ich an Ort u. Stelle sein werde, theile ich Ihnen meine Karlsbader Adresse mit, unter welcher ich, harrend u. hoffend, Ihrer Antwort entgegensehe.
Sagen Sie mir auch ein Wort über den letzten Band des "Gr. H.", damit wir nach Vollendung des Werkes in der "Rundschau" sogleich darüber herfallen können.
Mit den herzlichsten Grüßen
treu u. ergeben
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 115>
Berlin, W., den 25. Sept. 1880.
Verehrter, lieber Freund!
Mein Brief an Sie war heute Morgen expedirt, als der von Ihnen ankam. Ich conferirte sogleich darüber mit der Verlagshandlung, welche nun ihrerseits den dringenden Wunsch hat, mit Ihren Novellen im Januarheft zu beginnen, u. zwar aus geschäftlichen Gründen, gegen die sich Nichts einwenden läßt. Es sind auf das Heft, in welchem Ihr neuer Novellen-Cyclus beginnt, viele Bestellungen eingegangen; u. überall im Buchhandel hat sich, auf die bloße Ankündigung hin, ein lebhaftes Interesse dafür kund gegeben. Es würde dieser Bewegung nicht günstig sein, wenn wir Ihr neues Werk am Schluß eines Quartals anfangen, anstatt ein neues Quartal damit zu eröffnen. Der Aufschub für Sie beträgt nicht mehr als einen Monat, wogegen die Verlagshandlung mich beauftragt hat, Ihnen mitzutheilen, daß irgend eine Summe, wenn Sie wünschen, à Conto Ihres Honorars Ihnen schon jetzt zur Verfügung stehe. So wie ich Sie kenne, legen Sie darauf kein großes Gewicht; allein ich mußte die Mittheilung Ihnen machen, weil die Verlagshandlung nicht möchte, daß Sie von der Verzögerung auch nur den mindesten Nachtheil hätten.
So viel von der geschäftlichen Seite der Angelegenheit. Was nun mich persönlich betrifft, so wäre mir der Januar aus dem Grunde lieber, weil ich dann Ihre Novellen ununterbrochen fortführen kann. Ich habe nämlich außer der Novelle von Heyse noch eine von Wilbrandt, die ich erledigen möchte, damit ich alsdann, wie gesagt, ungestört bin in der Publication Ihrer Novellen. Nicht wahr, mein theurer Freund u. verehrter Altmeister (das "Obherr" verlangt eine kleine Steigerung auch meinerseits), Sie gönnen mir nicht, daß | aus November u. December Januar wird, u. Sie geben mir nach Carlsbad die tröstliche Zusicherung, dß Sie mir bis zum 1. November das erste Stück des MS senden. Dann bin ich wieder in Berlin, lasse gleich setzen, was Sie mir schicken u. Sie können die Correctur recht con amore lesen, ohne von der Druckerei gehetzt zu werden.
Was den Titel Ihrer Novellen anbelangt, so können Sie ganz ruhig sein u. ohne jeden Scrupel "Das Sinngedicht" behalten. Nicht nur ich weiß von keinem Buch irgendwelcher Art, welches diesen Namen hätte, auch ein ganz competenter Mann, mit dem ich mich heut über die Frage unterhielt, versicherte mich, dß es seines Wissens in der deutschen Literatur Nichts gebe, was auch nur entfernt daran anklinge. Wir wollen also annehmen, dß das neue Werk "Das Sinngedicht" heißt - u. einen hübscheren Titel könnten Sie schwerlich finden. Wol erinnere ich mich noch an Alles, was Sie uns damals in der Nacht am Züricher See erzählt haben u. das Distichon klang mir wie ein Nachhall aus schöner, unvergeßner Zeit.
Und nun noch einmal, verehrungswürdiger Freund, seien Sie mir nicht böse! Halten Sie mich nicht für einen Unzuverlässigen! Sie werden wol aus meinem heut früh bona fide geschriebenen Brief ersehen haben, dß ich nicht ganz fest auf Ihr MS zu der angesetzten Zeit rechnete, dß ich Sie nicht bedrängen möchte u. dß, wie die Sache nun liegt, so ziemlich allen Wünschen entsprochen wird, wenn "das Sinngedicht" unser Januarheft u. das Jahr eröffnet. Ich lege den (uncorrigirten) Correctur-Abzug des Titelblatts vom Octoberheft bei, u. werde Sie von Carlsbad aus sogleich mit meiner Adresse bekannt machen.
Herzlich u. unwandelbar treu
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 116, Postkarte>
Meine Adresse ist:
Carlsbad, in Böhmen.
Bernhart's Haus.
Bitte, geben Sie mir eine recht gute, freundliche Nachricht. Dann will ich ganz froh u. glücklich sein.
Ihr
Julius Rodenberg.
Carlsbad,28. Sept. 1880.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 117>
Carlsbad, den 3. Oct.1880.
Lieber u. verehrter Freund!
Sie haben durch Ihre Zeilen ganz gewis zu einem glücklichen Erfolge meiner Cur beigetragen; denn seit ich weiß, daß zwischen Ihnen u. mir volles Einverständnis hergestellt, ist mein Gewissen erleichtert - u. ein gutes Gewissen ist noch gesünder (d. h. zuträglicher für die Gesundheit) als Carlsbader Mühlbrunnen. Uebrigens ist es nicht so schlimm mit mir; mein Arzt hat mich hierhergeschickt, da ich doch Etwas für meine Gesundheit thun sollte, nachdem ich im Sommer absolut nicht dazu gekommen bin. Herzlichen Dank für Ihre theilnehmenden Worte - vor Allem für die Zustimmung zu dem Beginn Ihrer Novellen im Januarheft.
Ihre Wünsche hinsichtlich des Honorars sind so bescheiden als natürlich; u. ich glaube, dß ich im Namen der Verleger spreche, wenn ich Ihnen die Erfüllung zusage. Wollen Sie nun die Güte haben, den Anfang Ihres MS am 24. October von Zürich abzuschicken, dann wird es gerade mit mir zusammen in Berlin eintreffen u. ich erhalte es bei meiner Rückkehr am 26. October. Zum 1. November sollen Sie dann das Honorar für diese erste Sendung haben u. das für die zweite sogleich nach dem Empfang derselben. Betrachten Sie diesen Punkt als erledigt u. mich als Ihren dankbaren u. ergebenen Schuldner für die Freundlichkeit, mit welcher Sie mir über die Schwierigkeit der beiden dazwischen liegenden Hefte hinweggeholfen haben. - Ihr "grüner Heinrich" soll hier festlich mit späten Rosen u. Tannenzweigen begrüßt werden, wenn er ankommt; meine Frau, die mich hierher begleitet u. Ihnen herzliche Empfehlungen sendet, sieht diesem Moment mit ebenso hoher Spannung entgegen, als ich. |
Also, um noch einmal zu recapituliren: am 26. Oct. erhalte ich den Anfang des "Sinngedichts" in Berlin, u. am 1. Nov. erhalten Sie den entsprechenden Anfang unsrer Zahlung in Zürich.
Von ganzem Herzen
treu u. ergeben Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 118>
Carlsbad, den 23. Oct.1880.
Mein theurer u. verehrter Freund!
Ich habe grade noch Zeit, Ihnen das Eintreffen des "Grünen Heinrich" zu melden; er ist in einem gelinden Schneegestöber hier angekommen, hat aber so viel Sonnenschein u. Wärme mit sich gebracht, dß das winterliche Weiß draußen gleich zerging. Und welchen Sommer verheißt er erst unsern Herzen! Tausend Dank. Wir nehmen ihn mit auf die Heimfahrt, die ohne diesen Begleiter gewis recht kahl u. kalt gewesen wäre. Den vierten Theil habe ich schon nach Berlin vorausgeschickt, da ich wünschte, daß die "Rundschau" sich sogleich, u. zwar im Decemberheft, über den lieben willkommenen Gast, den lang u. sehnlich Erwarteten, vernehmen lasse.
In Berlin hoffe ich auch das erste Stück Ihres MS vorzufinden oder doch bald zu erhalten; u. mein Erstes wird sein, die besprochene Angelegenheit zum 1. November zu ordnen.
Meine Frau, die sich bereits des I. Bandes bemächtigt hat, empfiehlt sich Ihrem guten Andenken u. ich bin freundschaftlich treu
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 119>
Berlin, W., den 4. Nov.1880.
Herrlicher Freund! Wie wundervoll fängt "das Sinngedicht" an; eben erst hat es mir der Postbote gebracht, u. schon hat dieser Reinhart mich in seine Kreise gebannt. Aber ich muß ihn einstweilen seinen Gedanken überlassen, sonst geht mir die Post ab u. Sie bekommen kein Geld. Entschuldigen Sie, mein theurer Meister, dß ich aus der Poesie so glatt in die Prosa falle. Doch wir wollen gleich das Geschäftliche besorgen. Ich weiß nicht, ob ich Sie früher ganz richtig verstanden habe; doch ich bitte Sie, mich ungenirt zu corrigiren, denn die Kasse der "Rundschau" steht offen für Sie. Es ist nicht leicht, Ihre Schrift genau zu berechnen u. zu sagen, wie viel Bogen ich heut erhalten habe. Doch ist das auch nicht nöthig; denn es kommt ja nur auf Ihre Wünsche an. Ich habe nun die Verleger beauftragt, morgen (denn jetzt ist es schon Abend) 1000 Mark an Sie zu senden; u. ich bitte Sie, mir zu schreiben, ob Sie nach hiesigem Empfang der zweiten MS-Sendung das zweite 1000 haben wollen, oder bis zu welchem andern Termin Sie es wünschen. Bitte, sprechen Sie sich darüber ganz klar aus; denn unsrerseits existirt nicht die mindeste Schwierigkeit, sondern im Gegentheil das große Verlangen, Alles so zu machen, wie Sie es wollen. Diese Sendungen werden als à conto-Sendungen gebucht, u. vom Februarheft ab erfolgt dann die genaue Abrechnung. |
Wie mir scheint, beträgt dies heut eingelaufne MS bereits mehr als 2 Bogen, so dß wahrscheinlich die ersten 1000 M. unsre Schuld nicht ganz decken. Wenn Sie daher nach der zweiten Sendung mehr als 1000 haben wollen, so bitte ich Sie, mir die Summe nur ganz offen u. deutlich zu nennen. Ich sehe Ihren Befehlen u. weiterem MS entgegen. Sobald unser Decemberheft fertig sein wird (in etwa 10 Tagen) gebe ich "das Sinngedicht" in die Druckerei. Sie erhalten selbstverständlich zwei Correcturabzüge.
Wir sind seit 8 Tagen aus Carlsbad zurück. Da hier gleich eine Fluth von Geschäften über meinem Haupt zusammenschlug, so hat sich einstweilen meine Frau des "grünen Heinrich" bemächtigt, u. läßt Ihnen aus ihrer andächtigen Lectüre heraus tausend Grüße sagen. Die Besprechung erwarte ich morgen oder übermorgen; sie ist in guten Händen u. ich hoffe, daß wir Alle unsre Freude daran haben werden.
Freundschaftlich u. dankbar ergeben
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 120; GB 3.2, S. 376>
Berlin, W., den 30. Nov.1880.
Mein lieber, theurer Freund!
Ich bin ganz glücklich über die ersten 37 Seiten Ihrer Novelle, die ich jetzt erst kennen gelernt, seit ich sie in der Correctur habe. Sie hätten nur einmal Zeuge sein sollen, wie meine Frau u. ich so nebeneinander saßen - sie den "grünen Heinrich" lesend, ich "das Sinngedicht"; wie der Eine den Andern bald durch Lachen oder Zuruf unterbrach, bald durch eine besonders gelungene Stelle - "nein, das mußt Du hören" - u. wie sich auf diese Weise Lustiges u. Trauriges, Ernst u. Schalkheit, Sinngedicht u. Grüner Heinrich vermischten, u. über Allem doch der ruhige, beruhigende Geist unsres Gottfried Keller schwebte, wie Sonnenschein!
Ich möchte nun Ihre Entscheidung haben, ob ich im Januarheft das Ganze geben soll, d. h. die 37-38 Seiten, bis dahin wo "die brave, schöne Regine" mit dem trefflichen Erwin in dem Reisewagen sitzt, oder ob ich früher abbrechen soll. Da ich nicht weiß, wie groß Ihr Werk ist, welches ich doch wenigstens auf 3-4 Hefte berechnet habe, so müssen Sie mir darüber schon einen Wink geben. Am Liebsten wären mir 4 Hefte. Schreiben Sie mir, wie der vorliegende Theil etwa sich zu dem ganzen Umfang der Novelle verhält. Der Rahmen ist dießmal ganz besonders zierlich, sinnig u. kunstvoll; ich bin außerordentlich darauf gespannt, wie Sie die Sache weiterführen.
Inzwischen werden Sie das Decemberheft mit der Besprechung des Gr. H. erhalten haben; ich hätte sie wol etwas wärmer gewünscht, u. wenn ich sie zu schreiben gehabt, auch wärmer geschrieben. Indessen diese jungen Herren von der historischen Schule haben kein rechtes Gemüth; denn wem bei Ihnen das Herz nicht warm wird, der hat keines. Doch hat der hohe Rang, den Ihnen die Besprechung anweist, u. die Bewunderung, welche der Verfasser derselben für Sie hegt u. ausspricht, sie in meinen Augen legitimirt; ganz abgesehen davon, daß sie gut geschrieben ist. |
Meine Frau lebt jetz ganz im Gr. Heinrich; sie freut sich am Morgen schon auf die Abendstunde, wo sie wieder zu dem Buche kommt - ja, sie freut sich, wenn sie's nur liegen sieht u. tauscht Blicke mit ihm, wie mit etwas sehr Liebem. Sie läßt Ihnen die schönsten Grüße bestellen u. wird Ihnen schreiben, sobald sie mit ihrer Lectüre fertig ist - was sie jedoch wohlweislich, um sich von der liebgewordenen Gewohnheit, in dem Buche zu lesen, so bald nicht trennen zu müssen, etwas in die Länge zieht. Dann erst komme ich an die Reihe, da ich - nach der sommerlangen Abwesenheit von Berlin u. der verspäteten Badecur - gegenwärtig mit Arbeit sehr beschwert bin, sogar am späten Abend. Inzwischen erquick' ich mich an dem "Sinngedicht", welches in meinen Geschäftskreis fällt u. doch ein Genuß ist - solch' einer, von dem ich wünschte, dß er nie mehr enden möge!
Lassen Sie mich nun bald Ihren Bescheid u. weiteres MS haben u. seien Sie tausendmal gegrüßt
von Ihrem
treuen u. dankbaren
Julius Rodenberg.
Das Geld haben Sie doch richtig bekommen? Sobald neues MS da ist, geht auch an Sie wieder eine neue Sendung ab.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 65; GB 3.2, S. 377
Zürich 2 Dec.1880
Verehrter u wohlwollender Freund!
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre freundlichen Briefe. Sie haben Alles nach Wunsch angeordnet, und die erste Geldsendung ist mir ganz in der Weise, wie ich ungefähr gedacht, s. Z. angekommen. Um zuerst das Geschäftliche abzuthun, so muß ich wünschen, daß die in Correktur befindliche Partie, die ich mit diesem Briefe zurückschicke, d. h. die 37 Seiten, so bleibt, wie sie ist; denn wenn wir nicht jedesmal 2-2½ Bogen nehmen, so werden wir mit 4 Heften nicht fertig, was den Abonnenten langweilig werden dürfte.
Auf Mitte dieses Monates werden Sie das Manuskript für das Februarheft erhalten. Nachher geht es rascher.
Zunächst kommt der Schluß der Regine und eine andere Geschichte ganz. Es sind fünf der eingeschalteten Erzählungen und am Schlusse muß zwischen den beiden Hauptpersonen auch noch etwas vorgehen. |
Ich habe im Haupttitel, unter Sinngedicht, das Wort "Novelle" in den Pluralis versetzt. Sollte der Singular aber von Ihnen gewollt sein, so bitte ich, es wieder zu singularisiren. Ich hatte auch einmal gedacht, ob man nicht sagen könnte: <">Erzählendes" allein das klingt zu pretiös.
Ich lebe jetzt in der Befürchtung, daß die ganze Erfindung als zu leer und skurril erscheinen könnte. Theodor Storm nennt diese Art meiner Specialerfindungen Lalenburger Geschichten; dennoch bin ich der Ansicht, daß man ab und zu die Freiheit der unmittelbaren Poesie, sozusagen das reichsunmittelbare Genre, wahren oder wieder erobern sollte.
Lassen Sie den Grünen Heinrich noch lange ruhig unter der Obhut Ihrer Frau Gemahlin, welcher er mit seinen kleinen sanften Leiden ferner einen milden glücklichen Schlaf herbeiführen möge. Mein Leiden besteht jetzt darin, daß die Leute erst recht von dem alten Buche sprechen und dabei weislich umgehen, was in u mit dem neuen gesagt ist. |
Das neue Heft der Rundschau habe ich zur Stunde noch nicht erhalten u kenne also die Recension desselben nicht; doch bin ich schon auf die philologische Methode vorbereitet, mit welcher die Herren Germanisten sich auf die Literatur der Lebenden zu werfen beliebten. Es liegt hierin ein tiefgehendes Mißverständniß der kritischen Aufgaben, welches sich gelegentlich wol aufklären wird, wenn der Vorgang selbst eine competente kritische Untersuchung erfährt. Ich für meine Person bin indessen auch für philologisch begründetes Lob dankbar, wenn Paula Erbswurst es ungelogen sein ließ. Daher geharre ich demüthigst der Rundschau und danke Ihnen und dem mir unbekannten Herren Oberrichter zum Voraus für gnädiges Urtheil.
Meine herzlichsten Grüße und Empfehlungen an die verehrte
Frau Doctorin von
Ihrem getreuen Vasallen:
G. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 121, Postkarte>
Verehrter Freund!
Darf ich ganz ergebenst um weiteres MS bitten, da der Satz in acht Tagen beginnen soll. Novellen ist corrigirt; es ist selbstverständlich, dß es nicht anders heißen konnte. Man sieht in Buchhändlerkreisen u. im Publicum dem Erscheinen unsres Januarheftes mit besondrer Spannung entgegen; u. ich freue mich dieser Zeichen einer ungewöhnlichen Theilnahme. Für Ihre Karte, welche Dr. Frey mir brachte, schönsten Dank. Der junge Herr ist mir sympathisch u. er scheint sich auch in unsrem Hause wohl zu fühlen.
Herzlich Ihr
Julius Rodenberg.
Berlin, 10. Dec. 1880.
Meine Frau, die noch ganz im "G. H." lebt, läßt Ihnen das Schönste vermelden.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 122>
Berlin, W., den 20. Dec.1880.
Verehrter, lieber Freund!
Wie mein Telegramm Ihnen bereits gemeldet, ist Ihr MS richtig eingegangen. Aber ich bewundre doch Ihren Muth, u. habe nachträglich noch für diese kostbaren Blätter gezittert, welche Sie so leichtgeschürzt auf die Reise geschickt haben. Ich hätte nicht so viel Vertrauen zu Stephan, obwol ich sonst die größte Hochachtung vor ihm hege. Gegen die Kreuzbandsendung ist Nichts einzuwenden; aber wenigstens "recommandiren" sollten Sie sie doch. Was mich beruhigt, ist der Gedanke, daß Sie mir nur die Abschrift schicken, was mir aus manchen Anzeichen hervorzugehen scheint; obwol es mir andrerseits leid thut, dß Sie so viel Arbeit haben, nachdem die Hauptsache gethan ist. Indessen, Sie lieben Ihre Schöpfungen, - wie könnte sonst auch jedes Wort so warm u. vollendet sein? Und für Das, was man liebt, thut man nie zu viel. Etwas Aehnliches finden Sie in der einliegenden Kritik ausgesprochen, welche in der neuen "Deutschen Litteratur-Zeitung", dem Organ unsrer hiesigen akademischen Kreise, soeben erschienen ist. Es ist ein ganz gelehrtes Blatt u. diese Besprechung über "Schöne Litteratur" die längste, die noch jemals darin gewesen. Ich ergötze mich am "Grünen Heinrich" immer noch indirect, indem ich meine Freude daran habe, wie meine Frau das Werk liest, mit welchem Herzensantheil, u. wie die Lectüre sie beglückt. Gleich im neuen Jahr bin ich so weit, endlich auch daran zu gehen.
Um noch einmal auf das MS zurückzukommen, so bitte ich Sie, die Sendung doch so zu beschleunigen, daß ich bis zum 26. dM. - wenn möglich - alles für das Februarheft Bestimmte hier habe. Sie wissen wol, daß ich Sie nicht gern u. gewis nicht ohne Noth dränge; doch die Festtage machen ohnehin schon einen Aufenthalt.
Dr. Frey besucht mich zuweilen, u. dann sprechen wir viel von der Schweiz, von Zürich u. von Ihnen. Er ist ein wackrer junger Mann u. ich möchte, dß er hier bliebe. - Herzliche Grüße von meiner Frau u. mir, u. vergnügte Feiertage!
Getreu der Ihre
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 124, Postkarte>
Die Seiten 49-76 sind richtig angekommen. Herzlichsten Dank. In Erwartung von mehr
Ihr
getreuer
J. R. Berlin,27. Dec. 1880.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 123>
Verehrtester!
Weiteres MS. S. 77-88 richtig eingegangen u. sogleich in die Druckerei gegeben. Sendung der Verlagshandlung wird prompt erfolgen. In der treuesten Gesinnung, die wir aus dem alten in das neue Jahr hinübernehmen, senden wir Ihnen unsre Glückwünsche.
Herzlich Ihr
Julius Rodenberg.
Berlin, 30. Dec. 1880.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 126>
Berlin, W., den 5. Jan. 1881.
Mein lieber u. verehrter Meister!
Ich muß Ihnen ein Wort des Dankes u. der Bewunderung für "Regine" sagen; ich habe die Blätter mit einer Empfindung aus der Hand gelegt, wie ich mich einer ähnlichen nur entsinne, vor Jahren, als ich zuerst Ihr "Romeo u. Julia auf dem Dorfe" gelesen - es war mir, als ob sich ein Trauerflor über die Welt legen solle; wie schwer erst muß Ihnen der Abschied von diesem schönen Geschöpf geworden sein, so zart u. doch so voll edler plastischer Kraft, so reizend in ihrer Erscheinung, so rührend in ihrem Hingang. Wie sympathisch ist Erwin, wie verehrungswürdig seine Mutter; wie trefflich vorgeführt diese drei verdrehten, aber gefährlichen Schrauben, hier Parzen genannt, u. wie treu nach der Natur die Malerin; ein halbes Dutzend, die hier herum laufen, könnte Ihnen Modell gestanden haben. Der Styl hat mich entzückt; fast noch mehr, als dieß ja stets der Fall bei Ihnen, vereint er Knappheit und Fülle; manche Wendungen sind unvergleichlich, die von der Schaumgeborenen, wo Erwin das Bild seiner Frau bei dem Brasilianer sieht; das Schattenhafte der Seefahrt. Die Einfachheit, mit der Sie den Tod Reginen's berichten, der Brief, jeder Nebenumstand ist tief, tief ergreifend. Dieß Werk wird mit dem Besten fortleben, das Sie gedichtet.
Die Munterkeit, mit welcher dann gleich die folgende Geschichte von der verarmten Baronin einsetzt, wirkt außerordentlich angenehm - wie eine von den lustigen Scenen im Shakespeare'schen Drama. Mit Ungeduld sehe ich dem Weitern entgegen, was uns aus Meister Gottfried's Werkstatt zukommen wird. Ich spreche immer so egoistisch, als ob Sie diese herrlichen Geschichten nur für mich schrieben; aber in dieser Hinsicht spricht Jeder für sich selbst, obwol ich auch ein bischen im Namen der Rundschau-Leser sprechen sollte. Was mir bisher an solchen Äußerungen zugegangen, klingt ganz aus derselben Tonart. | Dank also noch einmal, mein lieber, theurer Freund - Dank für mich u. Dank für die "Rundschau", welcher Sie durch diese neue Schöpfung einen weithin leuchtenden Glanz, u. mehr noch eine sympathische Wärme mittheilen, welche Lebensfreudigkeit macht u. das Schöne uns in menschlichen Bildungen nahe bringt.
In Treue
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 127>
Berlin, W., den 28. Jan.1881.
Verehrter, lieber Freund!
Ich schreibe heute nur einige Zeilen, um Ihnen den einliegenden Brief meiner Frau zu schicken u. Ihnen den Empfang der MS-Sendung zu bestätigen. Leider ist es dießmal so wenig, daß es keinen neuen Bogen füllen wird. Länger als bis zu den ersten Tagen der nächsten Woche können wir mit dem Satz nicht warten, ebensowenig Ihrer Novelle einen andern Platz im Hefte geben, als den ersten. Es thut mir zu leid, dß ich Sie quälen muß, nachdem Sie wahrscheinlich an Ihrem Kopfleiden schon genug gehabt haben. Aber vielleicht könnten Sie mir umgehend noch einige Blätter schicken, um den Bogen wenigstens voll zu machen u. die Erzählung bis zu einem gewissen Ruhepunkte fortzuführen. Aber Sie müßten das MS sogleich nach Empfang dieses Briefes abschicken; sonst kommt es in der That zu spät.
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 71; GB 3.2, S. 381>
Zürich 29 I. 81
Verehrter Freund und hoffentlich nicht Racheengel!
Nur damit der Setzer nicht aufgehalten wird, schicke ich jetzt diese kleine Portion. Der Rest wird Montag oder Dienstag abgehen. Ihre tel. Depeche habe ich nicht auf gleichem Wege beantwortet, weil ich am Tage vorher schon geschrieben u etwas abgeschickt hatte.
Den noch übrigen Theil des Cyclus werde ich vielleicht nicht in das Aprilheft bringen, wenn nicht ein ungebürlich großer Raum in demselben (3-4 Bogen) dazu mißbraucht wird. Ich möchte Sie also bitten, mir vorläufig zu sagen, ob eintretenden Falles | noch in's Maiheft hinüber geschritten, oder aber das Ganze abgekürzt werden soll. Ich lasse einfach eine Geschichte weg.
Bitte mich grüßend zu empfehlen
Ihr ergebener
Gottfr. Keller
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 132; GB 3.2, S. 382 (Auszug)>
Berlin, W., den 31. Jan.1881.
Verehrter Freund und unvergleichlicher Geschichtenerzähler! Nein - von mir haben Sie keine Rache, sondern immer nur Dankbarkeit zu erwarten. Die beiden neuen Bogen, S. 105-112 habe ich heute richtig erhalten; will aber noch sehen, ob morgen oder übermorgen Etwas eintrifft, um es dann zusammen in die Druckerei zu geben. Sie werden inzwischen meinen Brief vom 28. dM. empfangen u. daraus ersehen haben, welche Wünsche ich hege; dieselben auch erfüllen, soweit es angeht.
Sprechen Sie mir nur nicht mehr davon, eine Novelle fortzulassen! Was - nachdem ich drei Jahre geharrt u. gehofft, soll ich jetzt nicht einmal mein volles Maß haben? Schlagen Sie sich derlei Gedanken nur aus dem Kopf. Mit Ihnen würde ich bis ins Decemberheft gehen, geschweige denn ins Maiheft. Drei bis vier Bogen für ein Heft wäre freilich, bei der bisherigen Oekonomie der Zeitschrift, zu viel; aber um so besser für das folgende Heft, u. eigentlich - um die Wahrheit zu sagen, habe ich auch gar nicht anders geglaubt, als dß wir das "Sinngedicht" bis ins Maiheft fortführen würden.
Wenn Sie's nur einrichten könnten, mir den für das Aprilheft bestimmten Theil frühzeitig, also bis etwa 25. Februar, u. zusammen zu schicken, so würden Sie mir einen rechten Gefallen erweisen.
Im Uebrigen grüße ich Sie herzlich u. bin treu u. ergeben
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 129; GB 3.2, S. 382, Postkarte (Auszug)>
Besten Dank, verehrter Freund, für das heute noch angekommene Stück des MS. Es ist nun für das Märzheft Alles in Ordnung.
Mit herzlichem Gruß
Ihr
Julius Rodenberg
Berlin, 1. Febr. 1881.
Da wir mit dem Satz dießmal ein wenig verspätet sind, so bitte ich Sie die Correctur, welche Sie voraussichtlich in wenigen Tagen erhalten werden, möglichst bald zurückzuschicken.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 130; GB 3.2, S. 382, Postkarte (Auszug)>
Verehrter Freund! Wie wunderhübsch u. reizend, rührend u. fantastisch ist die Geschichte von der armen Baronin! Ich habe dabei gelacht u. geweint - am Meisten aber gelacht. Sie werden gleichzeitig mit dieser Karte die Correctur erhalten: thun Sie mir den Gefallen, sie noch am selben Tage zurückzuschicken, sonst kommt sie entweder zu spät, oder der Druck des Heftes wird aufgehalten. Auch möchte ich Sie bitten, in der Correctur Nichts zu ändern, was die Raumverhältnisse berührt; das gegebene Quantum wird genau 22 Seiten füllen, u. um nur einigermaßen mit dem übrigen Inhalte des Heftes fortzuschreiten, haben wir auf S. 23 schon den folgenden Artikel anfangen lassen. Noch einmal: Glück auf zur armen Baronin! Das ist ein Meisterstück.
Berlin,5. Febr. 1881
Herzlich
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 131; GB 3.2, S. 384, Postkarte>
Verehrter Freund! Ich bin glücklich, Ihnen den richtigen Empfang des MS, S. 117-159 anzeigen zu können, u. habe dasselbe sogleich weiter in die Druckerei geschickt, so daß wir wol schon am Ende dieser Woche das Vergnügen haben, die Correcturbogen zu lesen. Ich freue mich von ganzem Herzen darauf, u. bitte Sie, gutes Muthes zu sein. Die Novellen geben einen ganzen Schatz von Poesie u. Humor; einen solchen Reichthum von Erfindung u. Gedanken, daß ein halbes Dutzend recht zufrieden davon leben könnten. Am 7. März reise ich auf acht Tage nach Wien, hoffe dann aber rechtzeitig wieder hier zu sein, um den Schluß des MS mit allen Ehren in Empfang zu nehmen. Meine Frau grüßt herzlich u. ich desgleichen als Ihr
treu ergebener
Julius Rodenberg. Berlin,27. Febr. 1881.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 133; GB 3.2, S. 384>
Berlin, W., den 18. März,1881.
Mein lieber u. verehrter Freund!
Ich habe die beiden neuen Geschichten, mit der reizenden Fortspinnung des Rahmens u. der wunderschönen Ueberraschung in Betreff von Reinhart's Mutter mit dem größten Entzücken u. steigender Bewunderung gelesen; u. zwar unter der Beleuchtung des Frühroths, an einem herrlichen Morgen auf der Rückreise von Wien nach Berlin. Denken Sie, dß ich acht Tage in Wien war; über den Zweck meines dortigen Aufenthalts will ich Ihnen Nichts weiter sagen, als daß ich von einem studentischen Verein eingeladen war, einen Vortrag zu halten, u. dß ich mit diesen jungen Leuten u. vielen andern guten u. lieben Männern u. Frauen eine Reihe sehr froh bewegter Tage verlebt habe. Was ich Ihnen aber gar nicht genug sagen kann, das ist der ungeheure, durchschlagende Erfolg, welchen Sie mit Ihrem "Sinngedicht" in Wien haben. In allen Kreisen der Gesellschaft herrschte gradezu Enthusiasmus für dieses Ihr neuestes Werk; u. ich habe natürlich Alles dankbar eingeheimst u. nur gewünscht, dß ein schwaches Echo davon zu Ihnen dringen möge. Wenn ich Ihnen die Einzelheiten erzählen wollte, so müßte ich sehr viel schreiben - denn überall begegnete ich derselben Wärme der Empfindung, bei Männern u. Frauen, bei Professoren u. Studenten; Jeder kam mir, als ob ich Ihr Stellvertreter sei, mit Begeisterung entgegen; Jeder sagte, dß dieß Ihr schönstes Werk werden würde u. Jeder wollte von mir erfahren, wer denn zuletzt die liebliche Galathee sei, an der das Wunder sich vollziehe? Da Sie mir's leicht gemacht haben, den Geheimnisvollen zu spielen, so brauchte ich mir in dieser Beziehung keine große Mühe zu geben; aber ich war glücklich - u. dießmal nicht nur für die Wiener, sondern auch für mich selbst - Allen versprechen zu können, dß sie noch zweimal die Freude haben würden. Dann freilich sei das Fest vorüber u. wir müßten uns wieder an den Alltag gewöhnen, an seine Prosa u. Hausmannskost. |
Was mich betrifft, so weiß ich nicht, welchem Stück ich den Vorzug geben soll - den Geistersehern mit ihrer Grazie u. Schelmerei auf dem ernsten u. bedeutenden Hintergrunde; oder dem prachtvollen Don Correa, mit seiner unvergleichlichen Charakteristik u. Farbengluth. Es sind Beides Meisterwerke, die mich beglückten, indem ich mich ihrer erfreute. Demgemäß ist es heute der Mensch in mir, u. nicht der Redacteur, der Sie bittet, ihn auf den Schluß nicht allzulange warten zu lassen. Ich bin in einer solchen Stimmung, dß ich nichts Fremdes dazwischen lesen möchte; u. dann vom "Sinngedicht" eil' ich zum "Grünen Heinrich" der mich verheißungsvoll aus seiner Ecke heraus ansieht.
Mit herzlichem Händedruck
immer getreu
Ihr
Julius Rodenberg.
Nur ein Beispiel: Prof. Erich Schmidt sagte mir, daß er auf die "Rundschau" abonnirt habe, nur um auf das "Sinngedicht" nicht erst warten zu müssen, u. dß jedes Heft danach immer auf der Wanderschaft sei. Wohin ich in Wien kam, bildete "das Sinngedicht" einen von den stehenden Gegenständen der Unterhaltung. Ich bitte Sie, dieß Alles buchstäblich zu nehmen.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 135, Postkarte>
Verehrter Freund! Mit herzlichem Dank die Anzeige, daß die 20 Seiten des MS richtig angekommen sind, u. dß ich dem Weiteren zuversichtlich u. geduldig entgegensehe.
Ihr
Julius Rodenberg.
Berlin. 28. März 1881.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 136; GB 3.2, S. 389 (Auszug)>
Berlin, W., den 16. April 1881.
Mein lieber u. verehrter Freund!
Ich bin entzückt von dem Schlusse des Sinngedichts - ich habe über den pechdraht-ziehenden Bräutigam Bärbel's gelacht, dß mir die Thränen in den Augen standen. Aber ich weiß nicht, ob es blos Thränen des Vergnügens sind, oder nicht auch ein wenig der Wehmuth; denn ich soll ja nun von dieser Ihrer Welt voll Heiterkeit, Frohsinn, Poesie scheiden - soll nicht mehr am Ende jedes Monats neue Gestalten erwarten dürfen, die mir wie aus einer unerschöpften Fülle kamen; die mein Herz erfüllten, bis andre von gleicher Lieblichkeit erschienen, nicht um jene daraus zu verdrängen, sondern sich ihnen zu gesellen, zum anmuthigsten u. unverlierbaren Besitz. Von jeder dieser Figuren wäre viel zu sagen u. zu rühmen - von dem trefflichen Helden Don Correa (um nur bei dem letzten zu bleiben) u. seiner zierlichen, von einem ganzen Mondenhimmel umdämmerten Braut, von deren rotbraunem Gegenstück, der Libelle - vor Allem von Lucia, der Strahlenden - ein Werk von solchem Reichthum wie dieses Sinngedicht haben Sie zuvor kaum geschaffen; u. ich will einstweilen bei dem Glauben bleiben, daß dieß bis jetzt Ihr letztes auch Ihr krönendes Werk sei; eines, das an Mannigfaltigkeit der Gestalten, Kraft der Erfindung, Glanz des Colorits, Originalität des Vortrags u. Classicität des Styls nur mit dem vielgeliebten Boccaccio kann verglichen werden. Das ist meine Meinung. |
Und nun haben Sie Dank, lieber Freund, für Das, was Ihre neue Dichtung zuerst mir selbst gewesen, dem sie manche trübe Stunde erhellt u. manche ernste mit würdigem Inhalt anregend erfüllt hat. Haben Sie Dank aber auch u. vor Allem für den unschätzbaren Gewinn, welchen Sie der "Rundschau" durch Ihr Werk gewährt haben. Monatelang war es ein Fest für unsre Leser, Ihnen zu folgen, der Fortsetzungen zu harren, sie zu begrüßen, wenn sie kamen; monatelang haben Sie viele Tausende durch Ihr Werk gefesselt, unterhalten, gerührt, froh gemacht, in poetischem Sinne gehoben: u. ich, der jene Tausende nicht spreche, sondern schweigend zu genießen pflege, darf wol in deren Namen den Dank darbringen, den sie gleichfalls schweigend, aber darum sicher nicht minder lebhaft in der Seele tragen. Dank also, tausendfacher Dank Ihnen, für Das was Sie uns sind u. noch lange sein mögen!
Nun aber nehme ich nicht Abschied von Ihnen; im Gegentheil. Anfangs Mai reisen wir zwar nach England; aber im darauf folgenden Monat machen wir Rast im Odenwald, an der Bergstraße: u. dort erwartet mich Ihr "grüner Heinrich", um in der Einsamkeit u. Stille mein guter Geselle zu sein u. von dort aus sollen Sie wieder von mir hören.
Den eigentlichen Sommer beabsichtigen wir in Berlin zu sein; denn es ist dieß eigentlich die einzige Zeit, in der ich ungestört arbeiten, und auch die, in der man das richtige Berlin sehen kann. Und Beides vereinigt wird mich - so hoff'ich - in dem Roman fördern, nach dem Sie so gütig u. theilnehmend fragen. Es ist von demselben über der Erde noch Nichts zu sehen; ich wirtschafte noch immer unter den Fundamenten umher. Doch ich hoffe, wie gesagt, dß der Sommer mich u. ihn vorwärts bringen wird. |
Wenn ich dann im Sommer auf eine oder die andre Art Etwas zu Wege gebracht habe, wollen wir uns zum Herbst eine Erholung gönnen - u. wie gern kämen wir dann zu Ihnen, in die Schweiz. Ich weiß es noch nicht; aber es schwebt mir wie eine liebliche Fernsicht vor. Meine Frau, welche Sie mit Ihrem Briefe sehr beglückt haben, würde sich auch nichts Besseres wünschen, als wieder einmal mit Ihnen am Zürichberg zu lustwandeln oder am Ufer des Sees zu sitzen u. sich von Ihnen künftige Geschichten erzählen zu lassen. Vielleicht, dß dann der neue Roman an die Reihe kommt, der auch - das aber nicht vielleicht, sondern zuversichtlich u. gewis - in der "Rundschau" erscheinen muß. Sie haben ja nun gesehen, was wir leisten können; u. es soll uns auf ein Heft mehr gar nicht ankommen. Lassen Sie mir einstweilen diesen schönen Glauben; er wird mich ein wenig dafür trösten, dß es nun vorab mit den MSsendungen ein Ende hat, die wenn sie mich manchmal auch ein paar Tage lang in gespannter Erwartung hielten, doch immer noch zur rechten Zeit entrafen.
Gönnen Sie sich nunmehr, nach der rechtschaffenen Arbeit eines Winters - u. wenn ich an den "Grünen" denke, auch eines Sommers u. Winters dazu - die Lust u. den Genuß des jetzt so fröhlich hereinkommenden Frühlings. Vergessen Sie nicht Ihrer Freunde im Norden - nicht der Germanisten, die ja sonst auch keine bösen Leute sind, sondern Derer, die sich an Allem freuen, was von Ihnen kommt, u. die sich diese Freude unter keinem Vorwand stören lassen; die an Ihnen festhalten u. Gott danken, dß es einen solchen Poeten giebt, wie Sie einer sind. Meine Frau, meine Tochter senden Ihnen jede besondere Grüße u. ich bin
treu u. dankbar Ihr
Julius Rodenberg.
Daß Ihnen mein Aufsatz über die vlamische Lit. gefallen hat, war mir sehr lieb zu erfahren; ich entnehme daraus den Anlaß, Ihnen binnen kurzem ein ganzes Buch zu schicken, in welchem Sie ihn wiederfinden werden.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 137>
Berlin, W., den 10. Sept.1881.
Mein verehrter und lieber Freund!
Ich habe mich in den letzten vier Wochen so viel mit Ihnen beschäftigt, habe so ganz in Ihnen u. mit Ihnen gelebt, habe so viele schöne Stunden durch Sie gehabt u. so manchen guten Gedanken mit Ihnen gedacht, dß ich jetzt, wo ich in lan<GSAmer u. gegen den Schluß hin immer mehr zögernder Lectüre den "Grünen Heinrich" zu Ende gelesen habe, nicht anders kann, als Ihnen ein Wort des Dankes und der Freude über das wahrhaft schöne Buch zu sagen. Es ist solch ein Buch, dessen Besitz Einen glücklicher macht u. es wirkte auf mich wie ein ganz neues. Denn was mir aus der ersten Bearbeitung gegenwärtig war, diente nur dazu, die Vortrefflichkeit dieser zweiten in ein noch helleres Licht zu setzen. Ich spreche nicht einmal von der künstlerischen Erhöhung des Buches, sondern halte mich nur an das epische Moment u. die Lebenswahrheit, die mir in einem gewissen Sinne noch darüber gehen. In diesem Sinne bringt der Abschluß der zweiten Bearbeitung, das Positive, welches darin zur Geltung kommt, uns das Werk u. seinen Helden ganz anders nahe; wir stehen in einem natürlicheren u. sympathischeren Verhältnis zu diesem grünen Heinrich, als zu jenem früheren, u. alle gelehrte Faselei über die relativ höhere Berechtigung des tragischen Abschlusses wird mich nicht daran irre machen, dß die Vernunft u. die Wahrheit das absolut Berechtigte sind, so im menschlichen Leben wie in der Dichtung.
Was Ihr Buch in den vier Wochen, in denen ich es las, mir war u. was es mir in der Nachwirkung u. Erinnerung immer bleiben wird, kann ich Ihnen mit wenigen Worten u. in einem Briefe schwer sagen. Denn es hat mich so tief u. von so vielen Seiten erfaßt, es hat mich so sehr bereichert in meinen künstlerischen u. Lebensanschauungen, es hat mich glücklich u. besser gemacht. Halten Sie mich nicht für eitel, wenn ich | Ihnen sage, daß es mich auch in mancher eigenen Ansicht in Bezug auf Beides, das Leben u. die Kunst, bestätigt oder bestärkt hat, u. mir dadurch nur um so lieber geworden ist. Manchmal konnte ich gar nicht weiter lesen vor Entzücken, sondern bin aufgesprungen u. habe es auf den Tisch geworfen, um in der Stube umherzulaufen u. mich zu freuen. Wissen Sie, wo mir ein Solches zb. passirt ist? Da, wo dem armen verschüchterten Vöglein Agnes in der Gesellschaft des grünen Heinrich u. der vier wackren Musikanten, des Gottesmachers, des Bergkönigs u. der beiden Glasmaler allmälig wieder wohl wird u. es gleichsam leise wieder zu zwitschern anfängt. Des Mädchens unschuldiger Trinkspruch: "Alle guten Menschen sollen leben!" hatte mir plötzlich klar gemacht, warum auch mir so unendlich wohl war während der ganzen Zeit, dß ich Ihr Buch las. Die Milde, die Weisheit, die Gerechtigkeit, die Freiheit von Illusionen, die reine Lust am Schönen, das bescheidene Behagen an den guten Dingen dieser Welt, u. über diesem Allem, wie weiche, feuchte Herbstesmorgenluft ein Humor, der Einem die Seele erfrischt u. erquickt - wer möchte nicht gern in einer solchen Athmosphäre athmen, u. wer, wenn er nun endlich aus diesen Höhen wieder herniedersteigen muß, empfände nicht Heimweh, wie nach einem jener stillen, grünen Thäler Ihrer | Heimath, welche Sie so wunderbar in Ihrem Romane geschildert haben? Doch das Erste u. das Letzte, was demselben seine hochragende Bedeutung verleiht, ist der Felsgrund von Wahrheit, auf dem das Buch gebaut ist. Ich will es Ihnen nur gestehen, dß ich zuweilen einen ordentlichen Schrecken u. Schauer empfand vor der Unerbittlichkeit, Härte, ja Grausamkeit dieser Wahrheit, wie es dem Wanderer wol auch ergehen mag in den gewaltigen Felsregionen Ihres Landes, unter dem ewigen Eis u. Schnee. Solch ein Gefühl der vollkommenen Trostlosigkeit u. Einöde hatt' ich zuweilen mit Ihnen; u. solche Anblicke u. Augenblicke der Verzweiflung u. Reue, wie das Leben des grünen Heinrichs, hat ja das Leben jedes Menschen. Nur hat nicht jeder Mensch den sittlichen Muth u. die Wahrheitsliebe des grünen Heinrichs. Aber er ist ein guter Führer für Diejenigen, die nach Wahrheit u. Freiheit streben; u. damit drück' ich Ihnen die Hand für dieses Buch, welches ich zu den besten, zu den bleibenden zähle. -
Sie wundern sich vielleicht, dß ich erst so spät dazu gekommen bin, es zu lesen, da Sie wol wissen, dß es nicht aus Theilnahmslosi<g>keit geschehen ist. Aber ich wollte vollkommene Ruhe dazu haben u. mir einen Feiertag daraus machen. Im Frühling, bald nachdem ich Ihnen zuletzt geschrieben, reisten wir nach England, u. auch die vier Wochen nachher, in Jugenheim an der Bergstraße, brachten | mir auf der einen Seite mehr Arbeit u. auf der andren mehr Zerstreuung durch Besuche u. s. w., als ich erwartet hatte. Hier erst, in der Einsamkeit des Berliner Sommers, fand ich, was ich suchte u. brauchte, um mich allein mit Ihnen, u. durch Sie mit mir selber zu beschäftigen. So weit geht mein Egoismus u. so wahr bin ich im Umgang mit dem grünen Heinrich geworden, um es Ihnen nicht einmal mehr zu verheimlichen! Ob wir nun, in diesem Herbst, den Bann von Berlin noch einmal brechen? Mein Wunsch, mein erster Impuls nach Ihrem Roman war, einen kurzen Ausflug nach der Schweiz, d. h. nach Zürich zu machen, um Sie zu sehen; u. meine Frau stimmte lebhaft ein, sogar Alice wäre für's Leben gern von der Parthie gewesen. Doch wird es für alle Drei dießmal wol bei dem Wunsch u. bei der Sehnsucht bleiben.
Lassen Sie gelegentlich von sich hören; Sie wissen ja, wie herzlich wir uns mit jeder Zeile von Ihnen freuen - wie es Ihnen ergangen ist seit unsrer letzten Correspondenz, was Sie gegenwärtig oder für die nächste Zeit vorhaben u. ob Sie auch noch ein klein wenig an die "Rundschau" denken? Das "Sinngedicht" hat bis zuletzt seinen Zauber auf unsre Leser geübt; ja, der Schluß hat den Erfolg des Ganzen erst recht beglaubigt u. allgemein festgestellt.
Meine Frau fügt die herzlichsten Grüße hinzu, wie sie während der ganzen Zeit, wo ich den Grünen Heinrich las, alle Schönheiten desselben noch einmal mit mir durchlebt hat; u. ich bin
in treuer Gesinnung ergeben
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 138>
Berlin, W., den 12. Sept. 1881.
Verehrter Freund!
Kann es einen schöneren Beweis für die Sympathie der Seelen geben, als die Thatsache, daß Sie u. ich, nach einer längeren Pause in unserem Briefwechsel, fast gleichzeitig an einander dachten u. das Bedürfnis fühlten, einander zu schreiben? Seitdem ich Ihren Roman in seiner neuen Gestalt gelesen, hat Ihr Bild u. das Ihres Helden sich in mir so sehr identificirt, dß mir gestern Morgen war, als ob der grüne Heinrich selber mir geschrieben habe u. dß Ihr Brief, außer dem persönlichen Werth, welchen er immer u. unter allen Umständen für mich gehabt haben würde, noch einen besondern poetischen Zauber empfing, unter dessen Eindruck ich noch immer stehe. Sie werden meinen Brief inzwischen empfangen haben, u. ich freue mich, daß ich ihn geschrieben, bevor ich den Ihren empfing. Ich würde jetzt zu befangen sein, um mich der Empfindung ganz hinzugeben, die ich darin ausgesprochen habe. Doch freut es mich aufrichtig, dß mein Buch Ihnen gefallen hat; dß Sie diejenigen Eigenschaften desselben hervorgehoben haben, welche mir selber die liebsten sind u. daß Etwas von meiner Stimmung während der Lectüre auf Sie sich übertragen hat. Das ist das Schönste, was Sie mir sagen konnten. |
Auch meiner Frau haben Sie durch Ihren Brief eine große Freude gemacht; denn Sie können sich wol denken, wie glücklich Sie das Lob macht, das von Ihnen kommt, u. welches schon deshalb nicht anders sein kann, als ehrlich gemeint.
Auf die Buchausgabe des "Sinngedichts" freue ich mich von ganzem Herzen, besonders da sie zum Schlusse noch etwas Neues verheißt; u. die Andeutung auf den "kleinen Roman" erfüllt mich mit einer frohen Hoffnung. Möge denn Alles so weiterblühen u. reifen in dieser gedeihlichen Herbststimmung!
Mit herzlichem Dank u. in treuer Anhänglichkeit
Ihr
Julius Rodenberg.
<ZB: Ms. GK 79f1 Nr. 141>
Fulda, den 11. Juni,1882.
Mein lieber Freund, Meister u. Herr! Aus Berlin ward Carlsbad, aus Carlsbad Fulda u. aus Winter Frühling, ja fast Sommer; u. noch immer hat der lässige Cumpan sein Wort nicht gehalten, seine Schuld nicht bezahlt, trägt vielmehr, wie eine Trophäe, Ihren schönen Brief vom 28. März, trotz Kaiser u. Reich, mit sich herum u. treibt sein schnödes Spiel sogar so weit, sich mitunter noch obendrein daran zu ergetzen! Theurer Freund von Zürich, sein Sie mir nicht böse! Wenn ich Ihnen nicht geschrieben, so hab' ich desto mehr von Ihnen gesprochen, zumal in Carlsbad mit Freund Hanslick aus Wien, welcher Ihr "Sinngedicht" bei sich hatte u. nicht müde ward, Sie zu bewundern u. sich von Ihnen erzählen zu lassen. Hanslick, einer der gemüthvollsten u. gütigsten Menschen, obwol man es seinen Kritiken, die oft sehr scharfe Dornen u. Spitzen (namentlich gegen Richard Wagner u. Genossen) hervorkehren, nicht anmerkt - Himmel, welche Sätze schreibt man, wenn man so lange nicht geschrieben hat!... also: Hanslick hat mir aufgetragen, Sie herzlich zu grüßen u. Ihnen zu sagen, daß er jetzt Ihr "Sinngedicht" zum zweitenmal u. mit demselben Entzücken lese, wie das erstemal. Es ist eine Freude zu sehen u. mitzuerleben, wie sich unsre Besten jetzt immer eifriger dem Besten zuwenden, welchen wir im Augenblick haben u. welchen eine gütige Vorsehung uns noch recht lang erhalten möge. Wenn Sie mir wieder schreiben - u. ich hoffe, daß Sie in Bezug auf die Zeit nicht stricte Vergeltung üben werden, - so theilen Sie mir doch mit, | was Sie gegenwärtig thun u. treiben. Gänzlich ohne Eigennutz ist diese Frage nicht, wie Sie sich wol denken können; denn indem ich Sie mir zwischen den Gedichten u. dem neuen Romänchen hin- u. hergehend vorstelle, mache ich schon im Stillen meine Rechnung. Doch Sie allein können wissen, wie weit sie richtig ist; u. deshalb bitte ich Sie, mir gelegentlich ein Wort darüber zu schreiben. Und dann drängt es mich auch zu wissen, was Sie zu Brahm sagen? Ich muß gestehen, daß sein Aufsatz gedruckt mir weit besser gefallen hat, als da er geschrieben vor mir lag - in einer sehr unleserlichen Handschrift, welche zu entziffern nicht immer ein Vergnügen war. Jetzt, wo das Ganze sich sauber Blatt nach Blatt umwenden läßt, bilde ich mir ein, dß es recht hübsch u. lesbar sei, wenn ich auch manchmal statt der Spitzfindigkeiten der Analyse mehr Herzenswärme hineingewünscht hätte. Doch kennt Brahm Sie, wie nur Einer, inwendig u. auswendig, verehrt Sie u. hat, wie mich dünkt, auch sein Bestes gethan, um Solches der Welt plausibel zu machen. Meine Meinung von diesem jungen Gelehrten u. Kritikus ist in der letzten Zeit sehr gestiegen, wie es denn mit den Fortschritten aufstrebender Talente ruckweise zu gehen pflegt. Er ist ein scharfer Kopf, | ein unabhängiger Charakter, besitzt erstaunlich viele Kenntnisse u. hat gewiß eine Zukunft. Ich bin neugierig, von Ihnen zu hören, welchen Eindruck sein Aufsatz auf Sie gemacht hat.
Von Frey hatte ich noch einmal Brief, seitdem er wieder in der Heimath ist, habe dann aber Nichts mehr von ihm vernommen. Er hat Ihnen gewis viel aus Berlin erzählt u. ich fürchte, daß er mir fehlen wird, wenn ich zurückgekehrt sein werde. Meine beiden Damen, Frau Justina u. Tochter Alice, grüßen Sie verbindlich; aber Ihren Gruß an Frau Lina Duncker habe ich noch immer nicht ausgerichtet, da ich die gute, alte Freundin in den letzten Wochen, bevor ich Berlin verließ, gar nicht mehr zu Gesichte bekam. Wahrscheinlich treffe ich sie dort bei meiner Rückkehr noch an u. dann soll Alles bestellt werden. Ende dieses Monats hoffen wir in dem Babel an der Spree zurück zu sein, u. einen recht heißen, arbeitsvollen Sommer daselbst zu verbringen. Sie können sich wol denken, warum ich Berlin im Sommer am Meisten u. in aller Aufrichtigkeit liebe.
Mein Schriftchen über Dingelstedt u. Oetker wird Ihnen mittlerweile zugegangen sein. Ich glaube kaum, dß der Gegenstand Sie besonders interessiren wird; aber Sie sollen doch immer wissen, womit ich mich beschäftige, was mich hemmt oder fördert, u. ich will weder aus meinen Antipathien, noch aus meinen Sympathien ein Hehl vor Ihnen machen. |
Ueber dem Grabe des guten Auerbach ist nun Gras gewachsen, ebenso wie über den Geschichten u. Anecdoten, die Ihnen gerechten Anlaß zum Verdruß gaben. Aber die Manöver u. Handstreiche Derjenigen, die sich den Ruhm des in Altersschwäche verstorbenen u. jedem Einfluß zugänglichen Mannes zu Nutze machen wollen, fangen schon an. Wir werden von seinen literarischen Testaments-Exekutoren wahrscheinlich noch allerlei Erbauliches erleben. Der Klatsch in jeder Form regiert nun einmal den Tag; u. wer keine Freude daran hat, thut am Besten, sich stille zu verhalten.
Leben Sie wohl, mein bester Freund -
Mir ist es, denk' ich nur an Dich,
Als in den Mond zu sehn -
Ich weiß nicht, ob das Citat richtig ist u. ich habe hier keinen Goethe zur Hand, um es zu vergleichen. Indessen Sie verstehen mich u. nehmen hoffentlich meine Huldigung in Gnaden an.
In treuer Ergebenheit
Ihr
Julius Rodenberg.
<GSA 81/VI, 7, 11 Nr. 83; GB 3.2, S. 396>
Zürich 22 Juli 82
Liebster Herr u Freund!
Nun bin ich wieder gegen Ihren freundlichen Fuldenserbrief in Rückstand geraten und habe keinen Vorwand mehr, daß Sie vielleicht noch nicht in Berlin seien; nach Ihrer tugendsamen Sitte, die Sommerzeit bei Ihrem Volke zuzubringen, sind Sie jetzt seit Wochen an der Spree.
Vor Allem habe ich für die "Heimaterinnerungen" meinen herzlichen Dank abzustatten; das Buch ist längst verschlungen und genossen und hat mir die alte Freude an Ihrer warmen und heiter-sonnigen Schreibart erneut. Meine Sympathie für Dingelstedt ist nach der Seite seiner unbegreiflich naiven Anschauung von dem, was Glück und Ehre sei, allerdings nicht groß. Allein er war so zu sagen doch auch ein Mensch und hat namentlich seine eiteln Rang- und Lebensgenüsse mit solider künstlerischer Berufsarbeit ausdauernd und voll bezahlt und war kein Parasit, was nicht Alle von sich sagen konnten, die ihn schmähten. Den landsmannschaftlichen Charakter des Buches finde ich in hohem Grade berechtigt und schön. Gerade in Zeiten fortschreitender Unification und Reichsherrschaft kann es nur erfrischend wirken | wenn die landschaftlichen Elemente nicht untergehen und die eigentlichen Heimatgenossen noch ihre spezielle Freude aneinander haben. Leuten, die nie ein Land, ein Tal ihrer Kindheit, ihrer Väter besaßen und kein Heimatsgefühl kennen, geht gewiß auch als Staatsbürgern etwas ab.
Für Hanslicks Gruß danke ich schönstens; ich habe seit Jahren Spuren von seinem Wohlwollen für mich, möge dasselbe ihm niemals zuwider werden und sich in Aberwillen verwandeln. Uebrigens hatte ich vor Jahren schon einmal das Vergnügen, ihn in Zürich zu sehen, wenn ich nicht sehr irre.
Was soll ich zu Otto Brahms Aufsatz sagen? Man ist immer in Verlegenheit, solch' übervoll gemessenem Lobe gegenüber sich angemessen auszusprechen. Freuen thut man sich trotz aller Anstandsregeln doch heimlich, wenn auch nur des "Geschäfts" wegen, von welchem wir abhangen. Aber jedenfalls erregt ein freundlicher Sinn dieser Art, den man ja nicht provocirt hat, auch ein Wohlgefühl an sich und für sich. Danken Sie dem Herrn Doctor, mit dem so ehrenvoll zu spazieren ist, recht herzlich in meinem Namen und auch sich selbst, der Sie jetzt schon so oft die Räume der "Rundschau" so gastlich zu meinen Gunsten geöffnet haben.
Zu Brahms in gutem Sinne gegebener | Kritik muß ich mich indessen auch etwas kritisch verhalten, wie das so menschlicher Brauch ist. Das Prinzip, aus zusammengerafften oder vermuteten Personalien die Charakteristik eines poetischen Werkes aufzubauen und alles so viel möglich auf Erlebtes zurückzuführen, so lange der Hervorbringer sein Leben nicht selbst geschlossen hat, ist, abgesehen von den Inconvenienzen, die daraus entstehen können, nicht richtig, schon weil der fern Stehende auf bloßes Hörensagen, auf Klatsch und flaches Combiniren hin arbeiten muß und darüber das freie Urtheil über das Werk, wie es vor ihm liegt, beeinträchtigt oder ganz verliert. So werden namentlich mittelst solcher Methode die verschiedenen Stoffmotive geradezu unrichtig behandelt und auf nicht existirende Quellen zurückgeführt. Auch mit Bezug auf das Technische ist Brahms Methode noch etwas unsicher. So hebt er z. B. ausführlich meine Vorliebe für die Adjectiven seltsam und wunderlich hervor, während dieselbe erstens oberdeutsches Gemeingut ist u zweitens, wo sie zu sehr hervortreten sollte, von Vater Göthe her angelesen ist, welcher mit der Vorliebe für die beiden Wörtchen schon vor hundert Jahren voranging oder wenigstens | vor 80-90 Jahren. Die Norddeutschen brauchen dafür immer das Wort "sonderbar" und etwa einmal "merkwürdig", und beide letztern Ausdrücke dienen uns eben nicht so gut, wie jenes seltsam u wunderlich, in den jeweilig gegebenen Fällen nämlich. Doch genug mit diesem undankbaren Genergel! Mit Ihnen glaube ich, daß der feurig belebte, geistvolle und von gesunder Gesinnung beseelte junge Mann eine schöne Zukunft hat.
Inzwischen hat sich gegen das milde Beifallslüftchen, das mir seit ein par Jahren geweht hat, der erste längst zu erwartende Rückschlag eingestellt, und zwar gleich ein recht kanibalischer und niederträchtiger. Dem Herrn Joh. Scherr, meinem nächsten Nachbar in Zürich, wurde die Sache zu unerträglich, weshalb er mich in seinem Porkeles u Porkelessa-Buche in einer Weise bedacht hat, wie Sie auf S. 119, 211 und 224 nachlesen können, um zu erfahren, was einem 65jährigen Mann und Schriftsteller heutzutage zu thun möglich ist.
Es ist dabei nicht zu vergessen, daß ich nie ein Wort gegen ihn geschrieben habe und Scherr anscheinend immer gut sich zu mir gestellt hat. |
Dr. Adolf Frey habe ich zwei bis drei Mal gesehen, seit er in Aarau ist. Er wird die Rundschau mit einem Pendant zu Brahms Artikel über Ferdinand Meyer beschenken und hat, wie er mir sagt, Ihnen auch bereits einen Artikel über das merkwürdige Buch Pro- und Epimetheus zugestellt, womit er mir selbst vor der Hand eine Arbeit abgenommen, mit der ich Sie zu behelligen im Sinne hatte; denn es sollte allerdings auf irgendeine Weise auf dies wahrhaft tragelaphische Gebilde, wie Goethe sagen würde, hingewiesen werden. Streng objektiv und mit kritischem Sinne behandelt, mit richtiger Auswahl von Citaten und in gehöriger Ausführlichkeit, würde schon die Besprechung des Opus eine ungewöhnliche Lektüre darbieten und Aufsehen machen. Ich bin daher gespannt darauf, ob Sie Freys Arbeit verwenden können und mögen. Ich selber kann mich leider in jetziger Zeit, wo es gilt, das eigene Werg zu verspinnen, nicht damit befassen.
Ich bin jetzt mitten in der Redaction meiner lyrischen Sünden und metrischen Untaten begriffen und hoffe bis Anfangs Herbst | damit fertig zu werden; es gibt entweder einen dicken oder zwei dünnere Bände, eine triviale Wahrheit, wie ich eben gewahre. Einige lyrische Citate in Brahm's Aufsatz sind aus dem Quellenschatz schon lang verschwunden, so daß, im Falle mir eine kleine Unsterblickeit beschieden ist, ein philologischer Nachfolger schon aus diesem Umstand mit Brahm wird rechnen und seinen Spuren nachgehen müssen, und schon seh' ich vor mir liegen eine Dissertation von 1901: "Ueber die Lyrik Gottfr. Kellers und die Brahm'schen Quellen".
Ueber diesen Herrlichkeiten, auf die ich nicht viel Hoffnung setze, habe ich den Roman zurücklegen müssen, mit welchem sich zudem puncto Abklärung und zu große Actualität einige Schwierigkeiten erhoben. An dessen Stelle und vorher werde ich drei Novellen schreiben, deren Stoffe, gleich dem Sinngedicht, auch schon seit langen Jahren in mir rumoren, so daß ich nochmals das Geschick habe, eine in Jugendjahren concipirte Arbeit in Alterstagen auszuführen. Die drei Stücke werden aber von einander unabhängig, d. h. | nicht wieder durch einen Rahmen verbunden sein. Ich halte sie aber miteinander auf dem Tapet, weil ich nächstes Jahr ein Buch haben muß. Dieß Jahr noch sollte jedenfalls eine davon fertig werden, so daß Sie für das erste Quartal 1883 wol einen der drei Hasen in ihre Küche werden hängen können, wenn Sie aldann noch Lust haben.
Nun leben Sie aber recht froh und gemächlich mit der Frau Gemahlin und Fräulein Tochter, denen ich mich von Neuem heftig empfehle, Ihre Sommertage dahin und lassen Sie sich im Herbst einmal wieder an unserm Gletscherwasser sehen. Ich mußte leider wegen zu großer Entfernung, da meine Schwester schwächer geworden ist, die schön gelegene Wohnung kündigen und werde auf 1 Oct. eine andere beziehen, um von dort aus etwas Artiges und Geeignetes für die alten Tage zu erspähen.
Ihr Goethe-Citat, das mich fast nachtwandlerisch anmutet, ist richtiger als | Scherr's: Und hinter ihm im wechsellosen Scheine etc, das er überall anbringt.
Seien Sie mir ebenso
lunarisch gegrüßt
Ihr getreuer
G. Keller
Editorial Keller Seite HKKA