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Ohne ein gutes Bildungswesen sind freiheitliche demokratische Staatswesen nicht möglich. Deshalb dachten viele Mitglieder der liberalen Elf über das Thema Bildung nach.
Freiheit beim Training bringt Kreativität im Spiel
«Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen» lautet der Titel einer bekannten Schrift von Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835). Der Titel lässt es erahnen – es handelt sich definitiv nicht um leichte Lektüre für die Halbzeitpause, dafür aber um eine wichtige. Humboldt rückt den Menschen als Individuum in den Vordergrund, dessen Glück darin liegt, sich zu bilden und unter Einsatz der daraus gewonnenen Fähigkeiten und Kräfte verschiedenste Ziele zu verfolgen. Die Möglichkeit zur Bildung setzt einerseits Freiheit voraus, andererseits eine Vielzahl von Situationen. Ein Mensch, der tagein, tagaus dasselbe macht, der seine Ziele und Handlungen nicht frei wählen kann, droht in einen Trott und eine Eintönigkeit zu verfallen sowie seine Individualität in der Uniformität der Masse zu verlieren.
Humboldt war der Meinung, dass Bildung im Privaten stattfinden müsse. Dieser Meinung, dass sich Freiheit und ein öffentliches Bildungswesen nicht vertragen, kann unserer Ansicht nach aber nicht gefolgt werden. Denn ein freiheitliches Staatswesen ist darauf angewiesen, dass seine grundlegenden freiheitlichen Werte allgemein geteilt werden. Das ist nur möglich, wenn diese öffentlich vermittelt und diskutiert werden.
Wird unter öffentlicher Bildung jedoch staatliche Indoktrination verstanden, sind Humboldts Bedenken gerechtfertigt. Auch wenn er den Text im ausgehenden 18. Jahrhundert verfasste, lassen sich seine Gedanken zur Kritik totalitärer Staaten im 20. Jahrhundert beiziehen: Diese verleibten sich ihre Bürger umfassend ein und «dressierten» sie hinsichtlich der Erreichung ideologisch begründeter Ziele. Nicht selbstbewusste Bürger, die den Staat prägen und kontrollieren, waren das Ziel, sondern Staatsbewohner zu Rädchen in der staatlichen Maschinerie zu erziehen.
Ein Staatswesen, das seinen Bewohnern ein Gewinn sein will, übt sich bei seiner Tätigkeit in Zurückhaltung und überlässt ihnen nicht nur Freiräume, sondern anerkennt solche als vorausgesetzt. Genauso, wie Fussballtrainer ihren Stars kreative Freiräume lassen sollen, damit sie ihr Potenzial voll entfalten können.
Der Shaqiri unter den Schweizer Liberalen
Heinrich Zschokke (1771 – 1848) lebte und wirkte in einer der spannendsten Zeiten der schweizerischen Geschichte: Von der kurzen Episode des helvetischen Zentralstaates, der Entwicklung des Kantons Aargau zu einem liberalen Staatswesen bis beinahe zur Gründung des liberalen schweizerischen Bundesstaates erlebte er alles. Letzteres knapp nicht mehr, da er ausgerechnet an jenem 27. Juni 1848 starb, an dem die Tagsatzung die erste Bundesverfassung verabschiedete. Während seines Lebens bewegte er einiges. Als Politiker, Publizist und Schriftsteller schrieb und sprach er für eine freiheitliche Ordnung und gegen die restaurativen Kräfte, welche die alte ständische Ordnung des sogenannten «Ancien Régime» zurückwollten. Insbesondere die Pressefreiheit war ihm ein Anliegen. Des Weiteren war er als Volksaufklärer sehr aktiv. So dienten seine Schriften und Reden oft der Bildung der Bevölkerung, die zu dieser Zeit noch nicht von so einem guten Bildungswesen profitieren konnten wie wir heute. Zudem war er Direktor der Aargauer Gewerbeschule und Gründer sowie Präsident einer Taubstummenanstalt.
Als Verfechter der Erwachsenenbildung kann er als einer der geistigen Väter der Berufsbildung bezeichnet werden. Migriert aus dem damaligen Preussen in das Gebiet der Eidgenossenschaft, trug er viel zur Entwicklung der modernen Schweiz bei. Sehen wir also heute in der Schweizer Nationalmannschaft Spieler unterschiedlicher Herkunft spielen, und erinnern uns dabei an das Wirken Zschokkes, wird deutlich, wie wichtig Migration für die Schweiz ist.
Regelwerke brauchen Reformen
Torkamera, ja oder nein? Der Videobeweis, eine gute Sache? Ohne zu diesen Fragen Stellung zu nehmen: Der Wandel der Zeit bringt Neuerungen, die Anpassungen des geltenden Regelwerks erforderlich machen. Dies gilt nicht nur für die Welt des Sports, sondern auch für Staaten. «Die alte abgelebte Richtung des Staatslebens muss einer neueren und edleren weichen»[1], schrieb der liberale Politiker, Staatsrechtler und Publizist Ludwig Snell (1785 – 1854) hinsichtlich der Schaffung des Schweizerischen Bundesstaates. Die Eidgenossenschaft steckte, nachdem 1833 eine Reform des Bundes gescheitert war, in einem veritablen Reformstau. Denn nach dem Jahre 1815 bildeten die Kantone nur einen Staatenbund, der in seiner Reaktionsfähigkeit sehr eingeschränkt war und den Anforderungen der Zeit, sowohl in institutioneller Hinsicht als auch bezüglich der Rechte der Schweizer Bevölkerung, nicht mehr gerecht wurde. Es gab beispielsweise keine schweizweite Niederlassungsfreiheit, und auch die Glaubensfreiheit war nicht gewährleistet.
Wie Heinrich Zschokke in die Schweiz eingewandert, trug Snell mit seinem Einsatz für die Schaffung eines Schweizer Bundesstaates wesentlich zur Entwicklung der modernen liberalen Schweiz bei.
Der beinharte Verteidiger
John Stuart Mill (1806-1873) nimmt die Flanke von Wilhelm von Humboldt (siehe oben) an und kommt zum Schluss, dass ein Mangel an Freiheit der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit entgegensteht und zu einer verarmten Existenzweise führt. Für die Entfaltung des Menschen und die Demokratie erachtete er ein Bildungswesen als wichtig, dass nicht einfach autoritativ Wissen eintrichtert, sondern der individuellen Entdeckungslust Raum lässt.
Bekannt wurde dieser liberale Denker insbesondere auch durch seinen Freiheitsbegriff, in welchem er die Grenzen der Freiheit dort zieht, wo Freiheit den anderen schadet. Demnach gibt es nur eine einzige Rechtfertigung für Staat und Gesellschaft, die Freiheit des Einzelnen einzuschränken: wenn damit Schaden von anderen abgewendet werden kann. Die Freiheitsrechte gelten laut Mill nicht nur für die Männer, sondern auch für die Frauen. Als Instrumente der Freiheit sieht er vor allem das Recht und die Verfassung. Sie gewährleisten die Freiheit und Selbstverwirklichung unabhängig vom Geschlecht. Wobei die demokratische Fundierung der Verfassung aber nicht zwangsläufig Freiheit garantiert, da es auch eine Diktatur der Mehrheit geben kann.
Der freie Geist
Der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) setzt klar die Freiheit an die Spitze der Wertskala. Sein Verständnis von Freiheit ist relativ eng begrenzt auf die Abwesenheit von Zwang – denn «Freiheit bedeutet nicht alle guten Dinge oder die Abwesenheit aller Übel». Jedoch ist Freiheit nicht Abwesenheit von Moral. Hayek betont, dass «… Freiheit ohne tief eingewurzelte moralische Überzeugungen niemals Bestand gehabt hat und dass Zwang nur dort auf ein Mindestmass herabgesetzt werden kann, wo zu erwarten ist, dass die Individuen sich in der Regel freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten».
Der Staat dirigiert durch die Rechtsetzung bezüglich Eigentum, Wettbewerb und Rechtsstaat die Wirtschaftspolitik. Hayek warnte aber davor, gesellschaftliche Ideale mit staatlichen Mitteln umzusetzen, die unerfüllbare Ansprüche an menschliches Wissen und Können stellen. Das bedeutet für ihn aber keineswegs ein herzloses Abseitsstehen. So befürwortet auch er eine soziale Absicherung für Bedürftige, was die Sicherung grundlegendster Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung, Obdach und Gesundheit einschliesst.
Neben den Trainern sind auch die Berater wichtig
Für den US-Ökonomen Milton Friedman (1912 – 2006) sind die persönliche und die wirtschaftliche Freiheit eng miteinander verknüpft. Eine freie Marktwirtschaft erlaubt auch den Individuen, sich frei zu entfalten. Regierungen hingegen tendierten dazu, die Macht zu konzentrieren, was eine Gefahr für die Freiheit bedeutet. Oftmals sehr provokant, machte Friedman den Staat für alle möglichen Übel verantwortlich. Aus seiner Sicht sorgt eine zu starke Einmischung seitens des Staates für steigende Arbeitslosigkeit, für schlechte Schulen und damit verbunden für sozialistische Denkweisen. Folgerichtig hat er sich daher für eine Reduktion der Staatsquote, freie Wechselkurse und die Reduktion staatlicher Fürsorge eingesetzt. Doch nicht nur im ökonomischen Bereich setzte er sich für eine liberale Gesellschaft ein. Er plädierte beispielsweise auch für die Legalisierung von Drogen oder lehnte die Wehrpflicht in Friedenszeiten ab.
Aus Sicht Friedmans hat der Staat beispielsweise lediglich Aufgaben wie Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, Eigentumsrechte zu definieren, Verträge durchzusetzen und den Wettbewerb zu fördern. Der Markt hingegen garantiere die Nicht-Diskriminierung von Menschen. Schliesslich ist er anonym. So orientiert sich der Käufer nicht an der Hautfarbe oder der Religion des Verkäufers, sondern kauft dort ein, wo es am günstigsten ist. Seiner kritischen Haltung dem Staat gegenüber zum Trotz beriet er diverse Regierungen (z.B. Thatcher, Reagan) bezüglich Wirtschaftspolitik.
Was im Fussball die Wahl zum Weltfussballer des Jahres ist, ist in der Ökonomie die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises. 1976 wurde Friedman damit ausgezeichnet.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Warum bringt Ihr nicht Ludwig von Mises ins Spiel? Auch Isaiah Berlin oder John Rawls wären eine Bereicherung gewesen! Gute Frage und Anmerkung. Wie den Trainern von Nationalmannschaften geht es auch uns: Eine beschränkte Anzahl Plätze steht einer Überzahl interessanter Spieler bzw. Denker gegenüber.
In der Zeit von Locke bis Friedman ist einiges geschehen. Monarchien entwickelten sich zu Demokratien, Staatsverfassungen wurden geschrieben, verworfen und in mal mehr, mal weniger demokratischen Abstimmungen angenommen oder durch neue ersetzt. Die totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts verdeutlichen, welcher Grad von Unfreiheit und Unterdrückung über die Menschheit kommen kann, wenn liberale Werte ihre Geltung verlieren.
Zurzeit leben wir in Grossteilen Europas, namentlich in der Schweiz, in freiheitlichen Staatswesen. In Stein gemeisselt ist das aber keineswegs. Was einmal anders war, kann auch wieder anders werden. Es gibt grössere und kleinere Angriffe, die für den Einzelnen und die Gesellschaft zu Unfreiheit führen. Es braucht also Leute, welche die liberalen Gedanken der letzten Jahrhunderte weiterspinnen, Antworten auf aktuelle Probleme finden und dadurch den Nachwuchs für die liberale Elf sicherstellen.
[1] Leitende Gesichtspunkte für eine schweizerische Bundesrevision, mitgeteilt vom Zentralkomitee des schweizerischen Volkvereins (und Ludwig Snell), Bern 1848, S. 2. Titelbild: Fotolia