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”Radio Somalia”
Gesundheitsvorsorge und HIV-Prävention
Von Dorothee Gregori / Aids-Hilfe Schweiz
Im Rahmen der HIV/Aids-Prävention für und mit MigrantInnen hat die Aids-Hilfe Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Radio Somalia Zürich im März 2002 eine Serie von drei Radiosendungen in somalischer Sprache durchgeführt. Als Sendegefäss des Alternativen Lokalradios Zürich (Radio LoRa) erreicht Radio Somalia vor allem HörerInnen im Kanton Zürich. Da die Sendungen einige Tage später in Bern wiederholt wurden, konnten zwei zentrale Lebensräume somalischer MigrantInnen in der deutschen Schweiz erreicht werden. Zudem waren die Sendungen jeweils für die Dauer eines Monats über das Internet abrufbar.
Die im Jahre 2000 publizierten epidemiologischen Daten zur HIV-Infektion in der Schweiz gaben Anlass zur Besorgnis: Während seit den frühen neunziger Jahren sowohl für SchweizerInnen als auch für Personen aus dem europäischen Ausland eine deutliche Abnahme der HIV-Meldungen zu verzeichnen war, traf dies insbesondere für Personen aus Herkunftsländern südlich der Sahara nicht zu. Bei Männern aus dieser Region war praktisch eine konstante Infektionsrate, bei Frauen sogar eine Erhöhung derselben festzustellen. Die meisten dieser Menschen hatten sich heterosexuell infiziert. Nicht feststellbar war, ob sich die gemeldete Infektion in der Schweiz oder im Herkunftsland ereignet hatte (1).
Diese Daten zeigten einen deutlichen präventiven Handlungsbedarf auf. Das Bundesamt für Gesundheit reagierte und gab eine Interventionsstudie in Auftrag, die die Grundlagen der HIV/Aids-Prävention bei MigrantInnen aus Herkunftsländern südlich der Sahara ermitteln sollte.
WissenschaftlerInnen des Instituts für Ethnologie der Universität Bern erstellten innerhalb weniger Monate ein “Rapid Assessment” auf der Basis qualitativ erhobener Daten (2). Im Ergebnis der Studie definierten die AutorInnen zunächst fünf für die HIV/Aids-Prävention vordringliche afrikanische Communities in der Schweiz. Die Herkunftsstaaten betrafen Ghana, Nigeria, Somalia, Angola und die Demokratische Republik Kongo. Zudem formulierten sie eine Reihe von Empfehlungen hinsichtlich der anstehenden HIV/Aids-Präventionsarbeit. Die Enttabuisierung von HIV/Aids in den entsprechenden Zielgruppen galt ihnen dabei als eine Hauptbedingung einer erfolgreichen Prävention. Die Safer Sex Regeln sollten propagiert, der HIV-Test, die medizinischen Möglichkeiten der Therapie sowie die entsprechenden Beratungs- und Betreuungsangebote den Zielgruppen mit Herkunft Sub-Sahara bekannt und zugänglich gemacht werden. Betont wurde, dass die HIV/Aids-Präventionsarbeit partizipativ erfolgen muss: in der Zusammenarbeit mit Organisationen und Schlüsselpersonen der Zielgruppen. Als Präventionsmethode wurde die mündliche Kommunikation via Vertrauenspersonen nahegelegt. Mediale Präventionsarbeit sollte in Zusammenarbeit mit Medien und Medienschaffenden der Zielgruppe geschehen.
Die Ergebnisse und Empfehlungen der Interventionsstudie leiteten das Projekt der Aids-Hilfe Schweiz. MigrantInnen aus Somalia bilden mit rund 5000 Personen eine der in der Studie genannten und in der Schweiz am stärksten vertretenen Communities von AfrikanerInnen aus Herkunftsländern südlich der Sahara. Mit der Wahl von Radio Somalia wurde bewusst auf ein Medium zurückgegriffen, das durch Repräsentanten der Zielgruppe geleitet und durch die Community akzeptiert und genutzt wird. Das Radio als Präventionsmedium bietet zudem grundsätzlich den grossen Vorteil, dass das Zielpublikum innerhalb seiner Privatsphäre erreicht wird. Somit erhalten auch Personen, die sich selten in öffentlichen Räumen bewegen und/oder die in ländlichen, abgelegenen Gebieten leben, die Chance, für sie wesentliche Informationen zu erhalten.
Die Vorbereitung und Durchführung der einzelnen Sendungen beruhte auf einem partizipativen Ansatz: Die Sendungsinhalte, ihre sprachlich-kulturelle Anpassung wie auch die Moderation der Sendungen – etwa die Abwechslung von Männer- und Frauenstimmen oder die Wahl thematisch angepasster Musikeinlagen – waren Ergebnis eines regelmässigen und vertieften Austausches mit zwei somalischen ProjektmitarbeiterInnen.
Die Sendungen: von SaferSex bis Ausgrenzung
Im Rahmen der ersten Sendung wurden zunächst umfassende Informationen zum schweizerischen Gesundheitssystem und zu den Möglichkeiten der gesundheitlichen Vorsorge angeboten. Es galt, verschiedene spezifische Begriffe – wie etwa die Termini “Facharzt”, “Hausarzt”, “ambulant/stationär” und “Schweigepflicht” – inhaltlich zu füllen und anhand dieser die Funktionsweise des hiesigen Gesundheitssystems zu beschreiben.
Eingebettet in die Thematik der gesundheitlichen Vorsorge war ein spezifischer Informationsteil zu HIV und Aids, im Rahmen dessen das Krankheitsbild, die Übertragungswege, die Schutzmöglichkeiten, der HIV-Test sowie die Möglichkeit der medikamentösen Behandlung thematisiert wurden. Angemerkt sei hier, dass gerade die inhaltliche Vorbereitung dieses Informationsteils für alle am Projekt Beteiligten äusserst herausfordernd war. Insbesondere im Zusammenhang der SaferSexRegeln waren Sachverhalte in Worte zu fassen, über die innerhalb der somalischen Community in der Regel nicht gesprochen wird, zumal nicht in der breiten Öffentlichkeit. Zu denken ist hier beispielsweise an die Beschreibung des notwendigen Schutzverhaltens bei oralen Sexualkontakten, welches vor allem darauf basiert, dass beide Sexualpartner um die Vermeidung oraler Kontakte mit Sperma bzw. Menstruationsblut besorgt sind. Entsprechende Erläuterungen erforderten eine hohe Sprachsensibilität der Übersetzenden. Für schwer übersetzbare Begriffe galt es, sprachliche Umschreibungen zu finden, die vom Publikum verstanden wurden und es zugleich erlaubten, die HIV-Präventionsbotschaften unmissverständlich zu vermitteln.
Innerhalb des Informationsteils zu HIV und Aids wurde im Kontext des Präservativgebrauchs zudem auf weitere sexuell übertragbare Krankheiten, ihre möglichen Folgen und die notwendigen Schutzmassnahmen hingewiesen. Eine weitere wichtige Information betraf die Tatsache, dass TrägerInnen des HI-Virus als solche von aussen nicht notwendig erkennbar sind. Damit sollte einer in Afrika weit verbreiteten Annahme entgegen getreten werden, welche HIV/Aids mit Magerkeit in Verbindung bringt (“slim disease”). Die erste Sendung schloss mit der Angabe von Beratungsangeboten sowie von anonymen HIV-Teststellen, zudem wurde über Informationsmaterial in somalischer Sprache und die Bezugsquellen informiert.
Auch die zweite Sendung war der Gesundheitsvorsorge gewidmet, richtete sich aber spezifisch an weibliche Zuhörer. Nach einer Wiederholung der Informationen zu HIV/Aids wurden verschiedene Aspekte aus dem Bereich reproduktiver Gesundheit thematisiert. Diese betrafen etwa gynäkologische Kontrolluntersuchungen, Schwangerschaft (Verhütung, Test, medizinische Kontrollen, vertikale HIV-Übertragung und ihre Verhinderung), Geburtsvorbereitung und Geburt.
Da die überwiegende Mehrheit der somalischen Mädchen und Frauen genital beschnitten ist, erschien es im Kontext dieser Informationen wichtig, auf das Thema weibliche Beschneidung vertieft einzugehen. Die zweite Radiosendung beinhaltete deshalb ein Interview mit einer Medizinerin der Frauenpoliklinik des Universitätsspitals Zürich, innerhalb dessen vor allem mögliche Ängste beschnittener Frauen vor ärztlichen Konsultationen, vor Geschlechtsverkehr und Geburten sowie auch HIV-Risiken der Beschneidung thematisiert wurden. Auch die zweite Sendung wurde mit der Angabe von Beratungsangeboten und von nützlichem Informationsmaterial in somalischer Sprache beendet.
Die dritte Sendung schliesslich beinhaltete ein Interview mit einer somalischen Journalistin, die über eine Pressekonferenz eines HIV-positiven Ehepaares in Somalia berichtete. Erstmalig sprachen hier Betroffene in Somalia öffentlich von ihrer Infektion und unterstrichen die Notwendigkeit einer Enttabuisierung von HIV und Aids. Ziel dieser Sendung war es, die somalischen ZuhörerInnen für die Lebenssituation Betroffener zu sensibilisieren, auch um möglichen Ausgrenzungsprozessen entgegen zu wirken. Im Vergleich zu den ersten beiden Sendungen ging es in dieser Sendung zudem verstärkt darum, die ZuhörerInnen auch emotional zu erreichen, Betroffenheit auszulösen.
Die Reaktionen: Lebhafte Debatten und offene Fragen
Die Sendungen wurden im März 2002 im Abstand von jeweils einer Woche ausgestrahlt. Eine repräsentative Fragebogenerhebung bei den somalischen Haushalten des Sendebereichs kam aus Datenschutzgründen nicht als Evaluationsinstrument in Frage. Der Rücklauf aus einer Anzahl Fragebogen, die an einem Treffpunkt für OstafrikanerInnen in Zürich ausgelegt worden waren, lässt jedoch einige Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Sendungen zu. So zeigen die Ergebnisse der 34 retournierten Fragebogen, dass 88 Prozent der Befragten mindestens eine der drei Sendungen, 39 Prozent sogar alle drei Sendungen gehört hatten. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, dass sie sowohl zum Thema Gesundheit im allgemeinen wie auch zum Thema HIV/Aids im besonderen neue Informationen erhalten hätte. Weitere 37 Prozent der Befragten hatten zumindest hinsichtlich einem der beiden Themen Neues erfahren. Mehr als zwei Drittel der Befragten sprachen sich dafür aus, die Sendungen noch einmal zu wiederholen. Sollten die Sendungen erneut realisiert werden, wünschten sich wiederum rund zwei Drittel der Befragten weitere spezifische Informationen zum Gesundheitssystem der Schweiz.
Erwähnenswert ist, dass die Fragebogen in rund drei Viertel der Fälle durch einen Mann beantwortet wurden. Auch die Beobachtungen der somalischen Projektmitarbeiterin unterstreichen, dass die männlichen Zuhörer eher dazu bereit waren, ihre Meinung öffentlich zu äussern. So stellte diese fest, dass insbesondere die Informationen zu HIV/Aids an Treffpunkten somalischer MigrantInnen in Zürich während der Sendeperiode zahlreiche Kontroversen auslösten. Dabei waren es vor allem Männer, die über das Thema offen debattierten. Hingegen wurden inhaltliche Fragen an die Mitarbeiterin mehrheitlich durch Frauen formuliert. Diese betrafen etwa die Auskunft, ob eine HIV-Infektion auch nach der Entfernung der Gebärmutter möglich sei oder die Information, ob eine wiederholte Verwendung derselben Instrumente zur Ausschälung der Gaumenmandeln bei Kindern ein HIV-Risiko darstelle.
Vor dem Hintergrund der genannten Fragebogenergebnisse und auch angesichts der ausgelösten öffentlichen Kontroversen um das ansonsten noch weitgehend tabuisierte Thema HIV/Aids ist das Projekt als deutlicher Erfolg zu werten.
Das eigentlich für das Inland konzipierte HIV/Aids-Präventionsprojekt erfuhr auf internationaler Ebene seine Fortsetzung: Im Anschluss an die Sendungen reiste der somalische Radioverantwortliche und Projektmitarbeiter in sein Heimatland, um das neu gewonnene Know-How im Bereich der HIV/Aids-Prävention vor Ort für die Informationsarbeit zu nutzen. Seine Reise wurde durch die Fachstelle Internationales der Aids-Hilfe Schweiz betreut.
* Dorothee Gregori ist Projektverantwortliche für frauenspezifische HIV/Aids-Prävention bei der Aids-Hilfe Schweiz. Kontakt: <email-pii>. Kontakt und weitere Informationen zur Präventionsarbeit in Somalia: Jan Suter, Fachstelle Internationales der Aids-Hilfe Schweiz, <email-pii>. Radio Somalia (Zürich) im Internet: http://www.savanne.ch/somali
Anmerkungen / Quellen:
1. Bundesamt für Gesundheit (2000). HIV-Infektionen. Unterschiedliche Trends je nach Herkunftsregion. BAG Bulletin, 23, 436-442.
2. Zuppinger, B., Kopp, Ch., Wicker, H-R. (2000). Interventionsplan HIV/Aids-Prävention bei Sub-Sahara MigrantInnen. Rapid Assessment im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Bern: Institut für Ethnologie der Universität Bern