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Das Hotel Vier Jahreszeiten
von 1956 bis 1976
Artikel vom 22. Januar 2004
Für die Rolle seines Lebens, Der Hauptmann von Köpenick, probte Heinz
Rühmann in Zimmer 447, wo er auch seine Mahlzeiten einnahm. Die Diskussionen
zwischen Autor Carl Zuckmayer, Regisseur Helmut Käutner und Rühmann über
Drehbuch, Rolle und Dekorentwürfe fanden im Hotel statt. Rühmann erhielt
für den Film den Berliner Kritikerpreis, den Bundesfilmpreis als bester
Schauspieler und wurde bei den Filmfestspielen in Venedig über Nacht weltweit
bekannt. 1956 war es der erfolgreichste Film in den deutschen Kinos, 1957
immer noch Nummer 2. Der Hauptmann von Köpenick wurde in 53 Länder
verkauft. Zusammen mit dem zuvor gedrehten Streifen Charly's Tante, den
bis Mitte April 1956 auch bereits zehn Millionen Menschen gesehen hatten, war
Rühmann ein gemachter Mann.
Die Nachkriegsjahre hatten Rühmann allerdings bitter gemacht. Als
Schauspieler der Nazizeit hatte er es danach schwer gehabt, wieder ins
Geschäft zu kommen. Der Stammgast von Zimmer 447 grantelte viel und galt beim
Personal als abweisend und verschlossen. Für die Hotel-PR war er aber Gold
wert [Siehe zu Heinz Rühmann die Biografie von Torsten Körner: Heinz Rühmann.
Ein guter Freund. Bestellen bei Amazon.de].
Schauspielerkollege Theo Lingen gehörte ebenfalls zu den Stammgästen des
"Vier Jahreszeiten". Im Dezember 1967 wurde mit einer
Jubiläumstorte seine fünfhunderste Übernachtung im Hotel gefeiert.
Im Hotelrestaurant "Grill" führte von 1957 bis zu seiner
Pensionierung 1990 Herbert Kröger das Zepter. Sein Ehrgeiz war es, die 106
Plätze mittags und abends komplett zu verkaufen, was ihm weitgehend gelang.
Nach dem Bettenverkauf erwirtschaftete der "Grill" den
zweithöchsten Umsatz fürs Hotel. Alle Eigenheiten und Vorlieben seiner
Stammgäste hatte er in Oktavheften notiert, und die Wünsche neuer Besucher
ahnte er förmlich.
Die Haerlins lebten zurückgezogen. Fritz hielte seine Frau kurz. Agnes hatte
es als Rheinländerin zudem schwer, mit den Hanseaten warn zu werden. Ihr
Dialekt vom Niederrhein, ihr lautes Lachen und ihre groben Scherze kamen nicht
immer gut an.
Die Töchter schickte Haerlin in ins Bremer "Parkhotel" und in den
"Breidenbacher Hof" ins Praktikum, danach auf die Hotelfachschule in
Heidelberg und zum Fremdsprachenunterricht nach Lausanne und London. Im
"Vier Jahreszeiten" sollten sie den Beruf von der Pike auf lernen.
Später arbeitete Anne im Empfang und Thekla übernahm die "Condi",
doch beide wurden weiterhin kurz gehalten. Gereist wurde 2. Klasse mit der
Bundesbahn. Hinter Vaters Rücken kauften sie sich Zusatzbillete für die 1.
Klasse bei den Portiers. Der Vater traute den Töchtern nicht viel zu. Er
verwand nie, keinen Sohn zu haben. Zwischen Mutter und Töchtern herrschte
zudem nie Herzlichkeit.
Nach dem Krieg hatte das Hotel zuerst zwei gleichberechtigte Direktoren
gehabt, Betriebsleiter Rachow und Hoteldirektor Littig, der zuvor das Kommando
im Restaurant "Halali" gehabt hatte. 1957 verliess Littig das Hotel
wegen Machtkämpfen und ging ins "Imperial" nach Wien, wo er der
erste Mann wurde.
Seit 1966 war das "Vier Jahreszeiten" Mitglied im exklusiven Club
der "Leading Hotels of the World". Dennoch verschlechterte sich das
Regime von Fritz Haerlin über die Jahre. Grosszügige Trinkgelder von Gästen
und Anteile am Umsatz gab er nicht korrekt an seine Angestellten weiter. Um
rufschädigende Prozesse zu vermeiden, einigten sich Personalvertreter und
Hotelier ab Februar 1970 auf feste Gehälter, die sich am durchschnittlichen
Umsatz orientierten. Auf die Summe wurde eine Art "Strafzuschlag"
von zehn Prozent aufgeschlagen, um die gröbsten Ungerechtigkeiten der
Vergangenheit abzugelten.
Die Revolution am Neuen Jungfernstieg vollzog sich unbemerkt und leise, als
der 28jährige Gert Prantner von Fritz Haerlin im "Vier
Jahreszeiten" in München entdeckt und 1968 nach Hamburg geholt wurde. Prantner
hatte mit vierzehn Jahren als Page im "Bristol" in Meran angefangen
und stieg in Hamburg zum Hoteldirektor auf.
Unter seiner Leitung wurde das "Vier Jahreszeiten" zu einem der besten Hotels der Welt.
Der 1940 in Mailand geborene und im Südtirol aufgewachsene Prantner
verbrachte sechs Jahre lang den gesamten Urlaub als Student an der Cornell
University in Ithaca, wo er sich ausgezeichnete Kenntnisse in
Betriebswirtschaft, Finanzwesen und Controlling aneignete.
Als Prantner im "Vier Jahreszeiten" in Hamburg anfing, entdeckte er
eine Abhöranlage, mit der Henry Rachow Gäste, Personal und sogar den Chef
abgehört hatte. Er liess sie sofort abbauen. Die Affäre bleib geheim und
hatte für Rachow keine Folgen.
Seit Frühjahr 1975 ging es Fritz Haerlin gesundheitlich immer schlechter. Am
22. Oktober verstarb er. Gert Prantner hatte er bereits 1973 zum Direktor
ernannt. Die 55jährige Witwe Agnes übernahm nun die Rolle ihres Mannes. Das
Ehepaar Haerlin hatte in Gütergemeinschaft gelebt, und so fiel ihr die
alleinige Verwaltung des Vermögens zu.
Agnes Haerlin wollte Versäumtes nachholen und die Welt sehen. Dazu hatte sie
zwei Reisebegleiter ausgesucht, Direktor Prantner sowie ihren Freund Fred
Peelen, seines Zeichens Chef des Hotels InterContinental an der Aussenalster.
Der unverheiratete Peelen wurde ihr liebster Begleiter. Jahre später nannte
sie gegenüber einer Freundin die Reisen mit ihm die schönste Zeit ihres
Lebens.
Thekla hatte zwar als Vorerbe ein stattliches Mietshaus im Stadtteil
Uhlenhorst, Anne den "Friedrichshof" in Ahrensburg erhalten, doch
den Töchtern gefielen die teueren Reisen der Mutter um den Globus nicht. Gert
Prantner musste bei ihnen um Verständnis für die lebenshungrige Hotelchefin
werben. Kam sie nicht immer mit neuen Ideen zurück? Das "Vier
Jahreszeiten" wurde Etage für Etage umgebaut. Die Zimmer wurden zu
Suiten zusammen gelegt, in moderne Technik und schöne Badezimmer wurde viel
Geld investiert.
Henry Rachow schmeckte die Richtung nicht. Zum Beispiel wurden zwanzig Zimmer
auf einmal renoviert und konnten so nicht vermietet werden. Fritz Haerlin
hätte eines nach dem andern erneuert und die anderen neunzehn weiter
vermietet. Agnes Haerlin hatte bald genug von den Nörgeleien und Krächen mit
ehemaligen Offizier und sandte ihn 1976 in den frühzeitigen Ruhestand, mit
einer Betriebsrente versehen, die er als einziger als Zusatzversorgung
ausgehandelt hatte.
In der Folge entliess Anges Haerlin den Kellermeister, den Personalchef und
den Magazinverwalter. Pianist Hans Klanke quittierte von sich aus den Dienst.
Als sie ihrem leitenden Oberkellner Rudolf Botor am Zeug rumflickte und ihn
entliess, obwohl er in der Sache recht hatte, regte sich wiederstand. Im
Hotelhof rief die Mannschaft des Restaurants "Botor rein! Botor
rein!". Der Entlassene überzeugte seine Leute, dass ein Streik keinen
Sinn mache und kämpfte die Sache alleine durch. Danach kam wer wieder auf
seine alte Position und stieg noch bis zum Wirtschaftsdirektor auf.
Selbst mit ihrem Direktor überwarf sich Agnes Haerlin kurzzeitig. Prantner
kündigte und wurde zu besseren Konditionen wieder eingestellt. Auf seine
wegweisenden Ideen zu Budgetplanung, Marketing und Tourismusmanagement wollte
sie dann doch nicht verzichten. Prantner setzte auf absolute Perfektion in
einem Privathotel, in dem jeder Gast wie ein Mitglied der Familie aufgenommen
wird. Jede Abteilung erhielt ein eigenes Budget und eine Kostenstelle. Über
den Computer konnten täglich Planungsdaten und Realität für jeden Bereich
mit dem Vorjahr oder dem Vormonat verglichen werden. Agnes Haerlin akzeptierte
die Bedingung von Prantner, die Gewinne wieder ins Haus zu investieren. Der
Umsatz verdreifachte sich von 12 Millionen Mark 1975 auf 35 Millionen 1989. -
Fortsetzung: Das
Hotel 1983-2004.

Der Hoteleingang. Foto © Raffles Hotel Vier Jahreszeiten.
Die Quelle für den nebenstehenden Artikel, weiterführende Literatur
Sepp Ebelseder, Michael Seufert: Vier Jahreszeiten. Hinter den
Kulissen eines Luxushotels. Die Hanse, Hamburg, 2002, 460 S. Bestellen bei
Amazon.de;
Erstausgabe 1999, Rowohlt, bestellen bei Amazon.de.
Das Buch der zwei ehemaligen Redaktoren der Zeitschrift Stern ist die
Quelle für den nebenstehenden Artikel. Es ist flüssig, leicht lesbar und
unterhaltsam geschrieben, was sich in unserer Biographie von Friedrich Haerlin
hoffentlich wiederspiegelt.
Der Wohnraum in der Suite 500. Foto © Raffles Hotel Vier Jahreszeiten.
Blick in die Jahreszeiten Suite. Foto © Raffles Hotel Vier Jahreszeiten.
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