Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03543.jsonl.gz/636

Das Wichtigste in Kürze:
- Laurie Anderson ist einer der wichtigsten Vertreterinnen der Musikperformance. Mit ihrem Chart-Hit «O Superman» wurde sie einem breiten Publikum bekannt.
- Laurie Anderson manipuliert Instrumente und zweckentfremdet Lautsprecher, die sie am liebsten direkt am Körper trägt.
- Anderson prägte eine eigene Ästhetik, mit der junge Künstler heute noch arbeiten.
1974: Laurie Anderson steht auf einer Strasse in New York. Sie trägt Schlittschuhe, deren Kufen in einem Eisblock eingefroren sind. Sie spielt eine modifizierte Geige: In ihr ist ein Lautsprecher eingebaut, der eine zweite Stimme ab Band spielt.
Wann die Perfomance zu Ende ist, gibt hier nicht das Stück vor, sondern die Physik: «Duets on Ice» ist dann vorbei, wenn das Eis geschmolzen ist und die Kufen der Schlittschuhe das Trottoir berühren.
Künstliche Rahmen sprengen
Performancekunst entstand in den 1960er-Jahren, vor allem aus der sogenannten Fluxus-Bewegung heraus. Da ging es erstmals darum, den üblichen Theater-, Musik- oder Kunstrahmen zu sprengen: durch Happenings, Live-Events und Strassen-Aktionen.
Mehr als das Werk zählte die Idee. Künstler und Musikerinnen wie Joseph Beuys, John Cage, Charlotte Moorman oder in der Schweiz Dieter Meier waren überzeugt: Kunst und Leben sind eine Einheit.
Wenn kein anderes Wort passt: Performancekunst
Laurie Andersons Song «O Supermann», Link öffnet in einem neuen Fenster landete 1981 in den britischen Charts auf Platz 2. Damit lenkte sie die Aufmerksamkeit des Mainstream auf die Performancekunst.
Sie selbst tue sich schwer mit dem Begriff, sagt Anderson in einer Radiosendung, Link öffnet in einem neuen Fenster, die sie für die BBC produziert hat: «Ich habe wirklich keine Idee, was Performancekunst sein soll. Für mich ist das ein sperriges Wort, das klingt wie eine schlechte Übersetzung aus einer anderen Sprache. Manchmal benutzen Leute das Wort Performancekunst, wenn sie nicht wissen, wie sie das, was sie machen, sonst nennen sollen.»
Grenzüberschreitungen gehören dazu
Ein komisches Wort für Kunst ohne Kategorie also? Ein bisschen schon. Bei der Performancekunst kommen verschiedene Künste und Medien zusammen: Bild, Klang, Video, Sprache, Tanz, Musik und Konzeptkunst.
Grenzüberschreitungen gehörten dazu, sagt Cathy van Eck, Musikperformerin und Dozentin an der Hochschule der Künste Bern: «Es geht um die Frage, was Musik eigentlich ist, wo sie aufhört und wo sie anfängt. Bei der Musikperformance stellt sich eher die Frage, wie Klänge entstehen. Es geht weniger darum, dass sie schön sind.»
Botschaften aus dem All
Laurie Anderson manipuliert Instrumente und zweckentfremdet Lautsprecher, die sie am liebsten direkt am Körper trägt. Zum Beispiel mit ihrem Pillow Speaker. Dieser Lautsprecher wird eigentlich in ein Kopfkissen gelegt, um über Nacht Musik zu hören oder Sprachen zu lernen. Anderson nimmt den Lautsprecher in den Mund und die Verfremdung ihrer Stimme wirkt wie eine kryptische Sprachbotschaft aus dem All.
Laurie Anderson hat mit diesen Experimenten eine eigene Ästhetik geprägt. Eine Tradition, in der auch Cathy van Eck steht. Auch sie arbeitet in ihren Performances nah am eigenen Körper.
In «Double Beat» , Link öffnet in einem neuen Fenstersteht sie hochschwanger auf der Bühne und bringt die Herztöne von ihr und ihrem ungeborenen Kind über Tonabnehmer zum Klingen: «Die Töne ergaben einen Grundrhythmus des Lebens, den ich langsam musikalisiert habe.»
Kunst verbindet Klang mit Körper
Auch für den Schweizer Komponisten und Performer Leo Hoffmann ist die Verbindung zwischen Klang und Körper essentiell: In «Reply» interagiert er auf der Bühne mit einem zweiten, per Video projizierten Performer.
Das Ganze erinnert an ein Skypegespräch. Der Dialog besteht aber nicht aus Worten, sondern aus Bewegungen: Beide Performer tragen ein Körpersensorik-Armband, das sensibel auf Bewegungen und Gesten reagiert und elektronische Klänge auf eine bestimmte Weise verändern. Wer hier aber auf wen reagiert, bleibt ein Rätsel.
Die Technik ist in Leo Hofmanns «Reply» kein Selbstzweck: «Das Technische ist für mich eher eine Metapher des Instrumentalisten. Die Beziehung zwischen meinen Bewegungen und dem Klang, der entsteht, müssen immer transparent sein.»
Einmaliges Erleben versus Dauerklicken
Leo Hoffmann steht für eine junge Generation, die die Musikperformance neu belebt. Einerseits dreht sich seine Kunst um die sozialen Medien wie Skype und Facebook. Andererseits bekennt er sich in einer Welt, in der ein YouTube-Video schnell weggeklickt ist, zum Live-Moment in all seiner Länge und Dauer. Ohne Weiterklicken.
Cathy von Eck sieht darin eine Kraft, die die Musikperformance gerade heute von den digitalen Medien unterscheidet: «Bei der Musikperformance geht es um Situationen, die man vorher noch nie so gesehen oder gehört hat. Und so ein Erlebnis bekommen wir nur live.»