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Seit Thibault Trancart sein Augenlicht verloren hat, schreitet er zwar blind, aber zuversichtlich durchs Leben. Er war der erste blinde Student an der Wirtschaftsfakultät der kanadischen Universität in Montreal. Diese besuchte er zusammen mit seinem Blindenhund. Jahre später entschied er sich, es mal mit Skifahren zu versuchen. Er, dem Sport nie viel bedeutet hatte, begann, ernsthaft zu trainieren. Sein Ziel: Eine Teilnahme an den paralympischen Spielen. Im Podcast erfährst du mehr zu ihm, wieso er blind wurde und was ihn antreibt. Solltest du den Beitrag nicht hören können oder kein Englisch verstehen, findest du auf dieser Seite eine sinngemässe Übersetzung des Gesprächs.
In der letzten Episode sprach ich über Mut. Es freut mich, dass ich heute mit Thibault über ihn, sein Leben und den Mut, den er schon bewiesen hat, sprechen darf. Ich habe Thibault über meine Schwägerin kennen gelernt, die während mehrerer Jahre sein Guide im Skisport war. Ich erlebte ihn live im Training und auf der Piste und freue mich, dass er heute hier ist.
Charaktermenschen (CM): Thibault, herzlich willkommen im Podcast. Wie ich in der Einleitung erwähnt habe, hast du beide Augen verloren. Bevor wir allerdings darüber sprechen, kannst du dich bitte vorstellen und uns sagen, was du heute machst?
Thibault Trancart (TT): Ich heisse Thibault, bin 30 und komme aus Genf. Bis 13 konnte ich relativ gut sehen, mit 14 verlor ich dann mein zweites Auge. Seit 16 Jahren bin ich nun also blind. Als ich blind wurde, bewegte ich mich in Richtung angelsächsisches Schulwesen. Ich machte mein internationales "Baccalauréat" (Matura, Abitur; Anm. CM) und studierte dann in Kanada. Anschliessend fuhr ich fünf Jahre lang professionell Ski. Heute arbeite ich bei Procter and Gamble.
CM: Danke. Sprechen wir über deine Blindheit. Kannst du uns erzählen, wie du blind wurdest?
TT: Das ist eine lange Geschichte. Mein linkes Auge verlor ich im Alter von zwei. Dies wegen eines Krebses. Der war so aggressiv, dass die Ärzte sofort entschieden, das Auge zu entfernen. Die Stelle, an der er sass, war wie ein Tor in den Rest meines Körpers, daher musste das Auge weg.
Mit fünf war der Krebs zurück und griff mein rechtes Auge an. Dies war der Beginn eines langen Kampfes gegen den Krebs. Bis 14. Die Ärzte machten einen sehr guten Job, denn bis 13 sah ich ca. 98%.
Mit 13 war es eine Nebenwirkung einer der Behandlungen, ich weiss nicht mehr, welche. Meine Sehfähigkeit fiel dramatisch auf 10-15%. Das war der Anfang vom Ende. Die Fähigkeit kam nie mehr zurück.
Das Auge spielte "verrückt", der Druck liess nach, das Auge war nicht mehr zu retten. Der Tumor wurde wieder richtig aggressiv, so dass es schlussendlich notwendig war, auch das zweite Auge zu entfernen.
CM: Hm, du hattest also zwei Operationen. Ich vermute, dass du dich an die erste nicht mehr erinnerst. Wenn ich versuche, mir vorzustellen, dass ich jetzt operiert werde und anschliessend nie mehr etwas sehen werde, kann ich das nicht. Wie war das für dich?
TT: Die Operation war am 23. Januar 2006. Sieben Tage zuvor sagte mir der Arzt, dass sie das zweite Auge auch entfernen müssen. Aber warte, wir müssen etwas ausholen. Ich verbrachte die Weihnachtsferien in Indien. Einige Tage vorher hatte ich eine Operation, da mein Auge keinen Druck mehr hatte und wie ein "flacher" Ballon aussah. Sie füllten Silikon ein, um den Druck aufrecht zu halten. In Indien brach ein kleiner Punkt auf und Silikon lief immer aus. Nicht viel, aber dennoch so, dass etwas unternommen werden musste.
Meine Eltern riefen den Arzt an. Ich habe erst kürzlich erfahren, was sie mit ihm besprochen hatten. Damals wusste ich nicht, worüber sie sprachen. Am 16. Januar brachte mich mein Vater dann in die Schule. Ich konnte zwar nicht mehr lernen, es war einfach wichtig, um andere Leute zu sein. Und so ging ich trotzdem zur Schule.
An diesem Tag hielt mir mein Vater eine Rede, von wegen, dass auch wenn ich blind werden würde, alle zu mir halten würden. Das war wichtig für mich, auch wenn ich es noch nicht ganz verstand. Am Nachmittag hatten wir die letzte Untersuchung in Lausanne. In dem Moment, in dem wir ins Spital kamen, war klar, dass etwas anders war. So etwas fühlt man nach so einer langen Zeit. Die Ärzte und das Team im Spital und meine Eltern und ich kannten uns seit 9 Jahren. Es war kein typisches Arzt-Patient-Verhältnis. Wir kannten uns.
Wir machten einige Untersuchungen und einige Bilder von der Innenseite des Auges. Mein Arzt sagte, dass er nicht glücklich sei damit, was er sehe. Da war es für mich klar. Mein Arzt konnte es mir nicht sagen, er holte einen Kollegen und dann sagten sie, dass es fertig sei, dass das Auge weg müsse.
Das war wie ein Elektroschock. Ich brach komplett zusammen. Die ganzen neun Jahre kamen alle zusammen. Wir sassen rund zwei Stunden mit dem Arzt zusammen. Ich konnte nur weinen.
Am folgenden Tag hatte ich einen Termin bei einem Psychiater. Ich hatte das Gefühl, gar nicht bei mir, in meinem Körper zu sein. In der Nacht von Montag auf Dienstag hatte ich allen Ernstes mein Fenster geöffnet und mich gefragt, ob ich springen soll.
In der Nacht herrschte dieses typische, schlechte Genf-Januarwetter. Richtig unangenehm. Bis zu diesem Punkt, als ich das Fenster öffnete, war ich nicht in mir, ich sah mich von aussen. Aber dieses Wetter brachte mich zurück zu mir. Ich sagte mir: "Ich werde zwar blind, aber ich sterbe nicht." Ich ging zurück ins Bett und hatte den friedlichsten Schlaf seit neun Jahren.
Als ich aufwachte, fühlte ich mich immer noch gut. Wie gesagt, dann gingen wir zum Psychiater und ich erzählte von meiner Nacht. Im selben Gespräch sprachen wir auch über den Blindenhund.
Nach dem Treffen ass ich mit einem Freund zu Mittag und später sagte mir meine Mutter, dass ich einen Hund erhalten würde. Da sagte ich mir: "Das Leben geht weiter."
Bis Sonntagabend, dem Vorabend der Operation, war ich recht ruhig. Ich fragte mich, wie es wohl sein würde nach der Operation. Meine Mutter gab mir einige Schlaftabletten und ich schlief gut von Sonntag auf Montag.
Am Montagmorgen war ich bereit. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl hatte, bereit zu sein, die Realität zu akzeptieren. Neun Jahre Behandlung waren genug, ich war müde und nur um 10% Sehkraft zu behalten, wollte ich nicht so weitermachen. Immerhin würde so all dieser "Spital-Bullshit" fertig sein.
CM: Wir lernten uns ja viel später kennen. Du hast mir aber immer den Eindruck vermittelt, dass du nie aufgehört hast, zu träumen. Du wolltest zwar aus dem Fenster springen, hast es aber nicht gemacht. Woher nimmst du diese Kraft, den Mut, immer weiter zu gehen?
TT: Die wichtigste Quelle ist die Unterstützung meiner Familie und Freunde. Wie gesagt, ich war 14, als ich blind wurde. Einige Freunde kannte ich schon seit 10 Jahren. Sie sagten, dass sie alles machen würde, damit alles gleich bleiben würde. Das machte sehr viel Mut.
Meine Eltern, Schwester und Bruder nahmen extrem viel auf sich. Wegen meinen Behandlungen beanspruchte ich sehr viel Zeit und Energie. Sie liessen mich das nie spüren.
Nach der Operation wechselte ich dann an eine internationale Schule. Das war nicht ganz einfach, aber die angelsächsische Mentalität, zu träumen, half mir sehr. Die Leute dort inspirierten mich, zu träumen.
CM: War dies der Moment oder der Grund, dass du dich fürs Studium in Kanada anstatt der Schweiz entschieden hast?
TT: Die Idee mit der internationalen Schule war, dass ich Englisch lernen und dann auch im englischsprachigen Raum studieren konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach ich noch kein Englisch. Im angelsächsischen Raum waren die Universitäten viel mehr auf Menschen vorbereitet mit Handicaps.
Wieso Kanada anstatt England oder die USA? Ich besuchte zwei Jahre hintereinander ein Camp in Toronto. Die Leute waren super nett. Ich erinnere mich ans erste Lager. Ich war mich natürlich die Schweizer Mentalität gewohnt. Bei uns heisst es schnell, dass man als Blinder das und das nicht machen könne.
Dort war alles möglich, Kite Surfing, Windsurfing, Kanu fahren etc. Ich schoss mit Pfeilbogen. In Genf wäre das gar nie in Frage gekommen, in Kanada probierte man einfach alles aus. Ging es nicht, passte man es an und machte es dann möglich.
Dies war der Ausschlag, wieso ich nach Kanada wollte. Im zweiten Lager traf ich Leute von der McGill Universität. Diese erzählten mir, wie super Montreal sei, die Stadt, die Uni. So endete ich also dort.
CM: Also die Leute machten dir McGill schmackhaft.
TT: Na ja, eigentlich erzählten sie mir vor allem, wie super Montreal sei und die Parties dort. Die Uni war natürlich auch gut... Aber im Camp war das nicht das Thema. Was für mich aber wirklich neu war - ich glaube, das hat jede Uni in Nordamerika - war, dass sie ein Büro für Studierende mit Handicaps haben.
Die Leute in diesem Büro stellen sicher, dass alle Kursinhalte für jedeN zugänglich sind. Für mich wurde alles digitalisiert, ich erhielt mehr Zeit für Prüfungen etc. Ich war nicht in einer Spezialklasse für Studierende mit Handicaps, sondern mit allen anderen Studierenden zusammen.
Es war nicht immer einfach, das erste Jahr endete beinahe dramatisch. Aber das coole war, dass ich Thibault war und nicht der "blind guy".
CM: Du hast also angerufen, dich angemeldet, deinen Hund genommen und bist nach Montreal geflogen. Wie fühltest du dich? Du hast eine neue Welt ohne Augen entdeckt...
TT: Ich glaube, bis ich meiner Schwester tschüss gesagt habe, war ich voll aufgeregt, positiv. Als ich ihr tschüss sagte, wurde es plötzlich konkret. Dazu kam, dass ich noch gar kein Studentenvisum hatte. So stieg die Nervosität.
Meine Eltern begleiteten mich und wir kamen mit einem temporären Visum über die Grenze. Ich war komplett erschlagen nach dieser Reise. Am nächsten Tag besuchten wir den Campus und alles war einfach riesig. Da fragte ich mich: "Was zum Teufel mache ich hier?" Gegen Abend hatten wir dann ein Welcome Barbecue mit allen internationalen Studierenden. Und das war super, da wir alle im selben Boot sassen und neue Leute kennen lernen wollten. Am Abend gingen wir in die Bars und dann startete das Studentenleben...
Die erste Woche startete, das Wochenende. Es war super. Als meine Eltern gingen, war ich kurz etwas erschlagen, da mir klar wurde, dass ich nun alleine war. Dann realisierte ich, dass das ja auch etwas Gutes hatte.
Meine Eltern waren weg, via Skype erreichbar. Und ja, sie konnten mich immer noch zurechtweisen, falls ich mal etwas falsch gemachte hatte, aber Skype kann man abschalten, die Kamera, da Mikrofon oder den Computer...
Als ich das realisierte, war ich wirklich bereit fürs Studentenleben.
CM: Das kenne ich... Lass uns einen Zeitsprung machen: Du hast gesagt, dass es in deinem Leben eine Zeit vor dem Sport gab. Du warst also nie interessiert an Sport, bis du nach Kanada gingst?
TT: Na ja, ich fuhr immer Ski, aber nur als Hobby. Ich bewegte mich zwei Stunden oder so pro Woche. Ich schaute keinen Sport, ausser Fussball-WM und Grossanlässe. Nachdem ich blind wurde, starteten wir sehr schnell mit Skifahren. Einer meiner besten Freunde begann, mich zu führen. Im zweiten Winter nach meiner Operation starteten wir und es klappte direkt. Damals begann ich aus Spass von den paralympischen Spielen zu sprechen. Das war noch vor Kanada.
In den Weihnachtsferien meines letzten Jahres an der Uni interviewten mich Freunde meiner Eltern. Sie fragten mich, was ich nach dem Studium machen wolle. Ich hatte noch keine Ahnung und ich weiss bis heute nicht, wieso ich sagte, dass ich an die paralympischen Spiele wollte.
Sie posteten diesen Artikel dann auf Facebook, womit ich nicht gerechnet hatte. Er ging viral und viele kamen auf mich zu, sagten, dass sie Fitnesstrainer hätten usw. Alle in meinem Umfeld schienen motiviert. Ich kam da also gar nicht mehr raus. Ich war noch nicht einmal fertig mit der Uni.
2015, nach dem Studium, hatte ich dann meinen ersten Fitnesstest. Der war ein Desaster, ich glaube, es waren mehr Alkohol und Nikotin in meinem Körper als Blut. Ein richtiger Studentenkörper... Das war der 10. Oktober 2015, daran erinnere ich mich noch. Ich wusste also, wo ich stand und ich hatte absolut keine Ahnung, worauf ich mich einliess.
Ich glaube, es war wichtig, dass ich so naiv an die Sache ran ging.
CM: Und dann legtest du also los, fuhrst die Schweizermeisterschaft, internationale Rennen und warst auf dem Weg zu den Paralympics. Was war das für eine Erfahrung?
TT: Wenn ich jetzt zurück blicke, sieben Jahre nach dem Beginn des Projektes, glaube ich, dass ich meine berufliche Karriere gar nicht besser hätte starten können. Die 4,5 Jahre haben mich so viel gelehrt, vor allem auch auf persönlicher Ebene. Nichts fordert dich mehr als Spitzensport. Was ich liebte, war, dass ich immer direkt erfuhr, wo ich stand.
Zuerst war ich ziemlich gut darin, mich zu überschätzen. Auf ein gutes Rennen kann immer ein schlechtes folgen. Und jedes Mal, wenn ich zu überheblich wurde, holte mich das wieder runter. Das lehrte mich doch einiges...
Mein Guide, Manoëlle, war genial. Ihr schulde ich extrem viel. Sie lehrte mich so viel und pushte mich. Das machten nicht sehr viele. Für sie war ich nicht der Blinde, den sie führte, sondern wir waren ein Tandem. Sie schrie mich an, lobte mich, wir waren ein Team.
Wir fuhren im Europacup, als ich entschied, aufzuhören. Aber ohne sie, wäre ich gar nie so weit gekommen. Das wäre mit keinem anderen Guide möglich gewesen. Aber ich musste aufhören. Ich bin sehr hart und kompetitiv mit mir selber. Aber wenn man im Weltcup oder an den Paralympics fahren will, muss man das auch mit den anderen sein und sie schlagen wollen. Das fehlte mir ein bisschen.
Ende 2019, Anfangs 2020 war ich ausgepowert, müde. Ich konnte nicht mehr. Aber obwohl wir es nicht an die Paralympics geschafft haben, war es eine grandiose Zeit, die ich nie missen möchte. Diese Erfahrungen hätte ich nirgendwo anders machen können und natürlich auch nicht ohne die Unterstützung meiner Familie und Freunde.
CM: Wenn du zurück blickst: War diese Projekt verrückt oder mutig?
TT: Definitiv nicht mutig. Ich denke, Mut impliziert, dass man weiss, worauf man sich einlässt. Du weisst, was die Gefahren und Chancen sind. Dies war bei mir definitiv nicht der Fall. Ich glaube, es war eher naiv. Vielleicht auch verrückt. Aber das ist ja das Schöne: verrückt träumen. Es war definitiv dumm, in meinem damaligen Zustand mit Spitzensport zu starten, aber es hat sich gelohnt und war eine schöne dumme Idee.
CM: Betrachtest du dich als Opfer des Lebens oder als mutige Person?
TT: Ich glaube beides, wie wahrscheinlich alle anderen auch. Ich habe diese Momente, in welchen ich das Opfer bin, das jeder anschaut. Alle behandeln mich wie ein armer, behinderter Mensch. Das brauche ich manchmal, auch wenn ich viel schlucken und verarbeiten kann.
Ich bin ein glücklicher Mensch, habe eine super Familie. Meine Eltern hatten auch die Mittel, mich nach Kanada zu schicken. Ich glaube, vor mutig kommt noch glücklich. Ja, ich schätze mich glücklich.
Bevor ich bei Procter and Gamble startete, hielt ich mehrere Referate. Wenn meine Geschichte anderen helfen kann, dann ist das super. Ich habe manchmal auch das Gefühl, dass ich das schuldig bin. Denn ich hatte es trotz allem relativ einfach verglichen mit anderen Menschen.
CM: Hast du ein Motto?
TT: Ich habe zwei:
1. Du musst nicht sehen können, um eine Vision zu haben. Dabei geht es auch wieder ums Träumen. Träumen und Träume realisieren bringt so viel.
2. Blind sein bedeutet nicht, nichts zu sehen, sondern weiter zu sehen als du für möglich hieltst.
Dieses zweite Motto hat eine lustige Geschichte. Denn es kam mir folgendermassen: Wir kamen aus einer Bar zurück und ich war komplett betrunken. Ich lief voll gegen einen Baum. Mein Zimmernachbar begann zu lachen und fragte, ob ich blind sei.
Ich war offenbar in einer philosophischen Stimmung, auf jeden Fall antwortete ich mit diesem Satz. So entstand dieses Motto. Das klingt zwar wie aus einem schlechten Hollywood Film. Aber wenn ich auf mein Leben schaue, stimmt es trotzdem.
CM: Thibault, herzlichen Dank für das Gespräch.