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access_time published 14.01.2020
Disclosure
Prof. Dr. med. Wilhelm Felder
Prof. Dr. med. Kurt Schürmann
Supervision
Disclosure
14.01.2020
Einleitung
In der englischsprachigen Fachliteratur wird unter «Disclosure» jede Form von Mitteilung, die der Therapeut dem Patienten gegenüber macht, und sinngemäss jede Mitteilung, die der Supervisor dem Supervisanden gegenüber macht, verstanden. Auch die Mitteilung, dass man sich freue, dass die Tage wieder länger werden, oder dass man in diesem Winter bisher vom Schnupfen verschont blieb, gilt als Disclosure. Dies mit «Selbstöffnung» zu übersetzen, ist deshalb etwas irreführend. Wir ziehen deshalb den englischen Begriff Disclosure für die Zwecke des vorliegenden Kapitels vor.
In der Fachliteratur wird auch auf Disclosure des Patienten eingegangen: Was hilft dem Patienten, sich dem Therapeuten gegenüber möglichst offen zu zeigen? Auf diesen Aspekt gehen wir im vorliegenden Kapitel nicht ein und verweisen stattdessen auf das Kapitel «Supervision der therapeutischen Beziehung».
Der Supervisor muss eine Meinung, eine Haltung zur Disclosure seines Supervisanden als Therapeut gegenüber seinen Patienten haben. Junge Supervisanden fragen den Supervisor häufig, wie sie mit Fragen der Patienten bzw. deren Angehörigen umgehen sollen. Der Supervisor muss aber gelegentlich auch von sich aus mit dem Supervisanden darüber reden, welche Formen des Disclosure für die Therapie eher förderlich und welche Formen eher problematisch sind.
Der Supervisor muss eine Meinung haben, wie er damit umgeht, wenn der Supervisand in der Supervisionseinheit von sich spricht. Wann nimmt der Supervisor diese Äusserung auf und arbeitet damit und wann verweist er den Supervisanden mit diesen Themen in die Selbsterfahrung, die eigene Therapie?
Nicht selten hat der Supervisor die Meinung, dass der Supervisand bei der Fallvorstellung sich selbst draussen lässt. Wann und wie versucht der Supervisor, den Supervisanden zum Thema zu machen?
Genauso wie Patienten, die etwas vom Therapeuten wissen wollen, können Supervisanden Fragen nach dem Privatleben an den Supervisor stellen. Wie geht der Supervisor damit um? Genauso wie sich der Therapeut manchmal spontan in die Therapie einbringt, will das der Supervisor gelegentlich auch in der Supervision. Wann ist dies angezeigt, wann nicht?
Das vorliegende Kapitel versucht, auf diese Fragen Antworten zu geben.
Disclosure des Therapeuten
Es gibt verschiedene Versuche, die persönlichen Inhalte zu ordnen, die ein Therapeut seinen Patienten gegenüber macht bzw. machen kann. Der Therapeut macht bereits durch seine Kleidung, in der er den Patienten gegenübertritt, und seiner Zimmereinrichtung, soweit er diese zu verantworten hat, oder seine Ordnung auf dem Pult eine Aussage über sich. Die totale Abstinenz gibt es also auch beim schweigenden Analytiker nicht. Der Therapeut macht mit Mimik und Gestik, mit Tonfall und Lautstärke seiner Sprache eine Aussage über sich. Diese Aspekte dürften dann Thema der Supervision werden, wenn der Supervisand Videoaufzeichnungen mitbringt. Die verbal geäusserten Mitteilungen des Therapeuten über sich selbst können unterteilt werden in Inhalte aus dem aktuellen oder vergangenen Leben des Therapeuten und in Inhalte der Gegenübertragung.
Der Therapeut kann mindestens a posteriori verschiedene Gründe angeben, warum er mit dem Patienten über sich selbst sprach:
- Rollenmodell besonders für den Umgang mit negativen Gefühlen in sozialen Beziehungen: In unseren Breitengraden haben Menschen in der Regel keine Probleme, mit ihren Gesprächspartnern negativ über Abwesende zu sprechen. Einem Gesprächspartner aber mitzuteilen, dass man durch seine Aussagen irritiert oder überfordert ist, dass man sich ärgert, weil er immer wieder vom Thema abschweift oder despektierlich über andere Menschen spricht, ist schon höhere Kunst der Gesprächsführung. Ein Therapeut kann sich sehr wohl zu Ziel setzen, diese seinem Patienten vermitteln zu wollen, indem er genau dies auf eine sozial verträgliche Art tut.
- Aufzeigen alternativer Möglichkeiten von Bewältigung: Der Therapeut möchte dem Patienten Alternativen zu dessen Formen der Bewältigung vorstellen und spricht davon, wie er mit dem umgeht, was den Patienten gerade umtreibt.
- Stärkung der therapeutischen Beziehung: In Befragungen von Therapeuten wird dies am häufigsten als Begründung für Disclosure des Therapeuten angegeben (Farber 2006). Mit Disclosure des Therapeuten soll einerseits die Asymmetrie in der therapeutischen Beziehung etwas reduziert werden und andererseits der Patient ermuntert werden, sich seinerseits dem Therapeuten gegenüber zu öffnen.
- Normalisieren: Mit einer Aussage über sich selbst will der Therapeut unterstreichen, dass das, was den Patienten bewegt, nicht krankhaft ist, sondern in den Bereich des normalen menschlichen Erlebens gehört. Dieser Einzelaspekt ist nach Farber (2006) derjenige, der auch empirisch die grösste Wirksamkeit zeigt. Dabei geht es nicht einfach nur darum, dem Patienten die Information über eine statistische Norm zu vermitteln, sondern ihn dort, wo das möglich ist, zu bestärken, dass seine Art des Denkens und Fühlens adäquat ist.
So einleuchtend die möglichen Begründungen für ein Disclosure des Therapeuten gegenüber seinen Patienten sind, so anspruchsvoll ist die konkrete Umsetzung, die mit einigen Problemen verbunden sein kann. Disclosure des Therapeuten darf beim Patienten nicht als Belohnung ankommen bzw. Non-Disclosure nicht als Bestrafung. Das ist leichter gesagt als getan. Der Therapeut wird zumindest nicht bewusst Disclosure als Belohnung für besonders offenes Verhalten des Patienten einsetzen. Beim Patienten kann es aber so ankommen. Spricht der Therapeut darüber, wie er beispielsweise mit Neid oder Eifersucht umgeht, kann er den Patienten beschämen, der zu solchen Bewältigungsstrategien nicht in der Lage ist.
Dass die therapeutische Beziehung ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Wirkfaktor der Psychotherapie ist, wird allgemein anerkannt. Dass für eine gute therapeutische Beziehung der Therapeut authentisch sein muss, gilt auch als Gemeinplatz. Wenn der Therapeut in einer Therapie das Bedürfnis verspürt, auf eine Aussage des Patienten hin über sein eigenes Erleben zu sprechen, kann das eher positive oder eher negative Auswirkungen haben. Spricht der Therapeut über sich, kann das vom Patienten als authentisch wahrgenommen werden und positiv konnotiert werden. Es kann aber auch sein, dass der Patient dies als negativ empfindet: Der Therapeut möchte vom Patienten gesehen und beachtet werden. Unterdrückt der Therapeut sein Bedürfnis, über sich zu sprechen, kann sich das positiv auswirken: Der Patient bleibt in seinem Erzählfluss. Es kann sich aber auch negativ auswirken, entweder weil der Patient vielleicht etwas mehr Engagement des Therapeuten im Sinne von Self-Disclosure des Therapeuten bräuchte, um weiter von sich erzählen zu können, und/oder weil der Therapeut durch Unterdrückung seines Wunsches nach Disclosure abgelenkt wird und unkonzentriert, abwesend wirkt.
Der Supervisor muss dem Supervisanden gegenüber nicht nur eine Meinung, eine Haltung zum Thema Disclosure haben, sondern auch zum Thema Non-Disclosure: Was soll er dem Patienten nicht sagen? Es ist zu unterscheiden zwischen Fragen des Patienten an seinen Therapeuten und Inhalten, die der Therapeut ungefragt erwägt. Fragen des Patienten nach dem Privatleben des Therapeuten ohne Zusammenhang mit der Therapie wird der Therapeut nach gesundem Menschenverstand beantworten oder nicht. Anders als bei privaten Beziehungen wird er sich, besonders dann, wenn er die Antwort verweigert, darum zu kümmern haben, welche Auswirkung diese Verweigerung auf die therapeutische Beziehung hat. Werden junge, kinderlose Kindertherapeutinnen von ihren kleinen Patienten gefragt, ob sie auch Kinder haben, ist das meist problemlos. Wenn aber die Eltern dieser Patienten vielleicht sogar provokativ fragen «Haben Sie überhaupt auch Kinder?», ist das schon nicht mehr so einfach. Natürlich gibt es darauf nicht eine allgemeingültige Antwort. Eine solche zu liefern, ist auch nicht die Aufgabe des Supervisors. Supervisoren von Kindertherapeuten sollten ihre Supervisanden auf eine solche Frage, mit der fast alle Kindertherapeutinnen früher oder später einmal konfrontiert werden, vorbreiten. Das kann eher kurz und eher technisch abgehandelt werden, kann aber auch zu Tage fördern, dass das Thema der Kinderlosigkeit in der Selbsterfahrung vertieft werden muss. Eltern fragen Kindertherapeuten kaum je, ob sie einen Partner bzw. eine Partnerin hätten. Kinder tun das häufiger, was für Singles dann nicht einfach sein kann, wenn die Frage folgt «Warum nicht?». Die meisten Therapeuten werden aufgrund dieser Erfahrung auch ohne Unterstützung des Supervisors beim zweiten Mal, unabhängig von ihrem Beziehungsstatus, von einem Partner sprechen.
Die Frage nach religiösen Überzeugungen stellt Therapeuten gelegentlich vor ein Dilemma. Einerseits ist die Frage, was der Therapeut in religiöser Hinsicht glaubt, höchst persönlich. Anderseits stellt sich die Frage, welches Recht der Patient auf Informationen über den Therapeuten hat. Der Patient hat sicher ein Recht darauf zu wissen, welche Ausbildung der Therapeut hat. Der 40-jährige Patient, der zur Behandlung einer Phobie erscheint, hat kein Anrecht darauf zu wissen, ob der Therapeut an Gott glaubt oder nicht. Wie ist es aber bei Eltern, die ihr pubertierendes Kind in Behandlung geben, in der ausdrücklich nicht nur die depressive Episode, sondern die Unterstützung zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben Inhalt der Therapie ist? Auch da gibt es sicher keine allgemeinverbindliche Antwort. Das Ziel, das der Supervisor mit seinem Supervisanden verfolgen muss, ist ja auch nicht, dass der Supervisand auf die Fragen des Patienten die richtige Antwort gibt, sondern dass er vor dem Hintergrund der therapeutischen Beziehung, für die der Therapeut mehr verantwortlich ist als der Patient, eine passende Antwort gibt.
Non-Disclosure betrifft auch Fragen der Gegenübertragung. Es gibt wohl kaum einen Inhalt der Gegenübertragung, der in jedem Fall offenbart werden muss. Es gibt aber sehr wohl Inhalte, über die mit dem Patienten zu reden ein Kunstfehler ist. Fühlt sich der Therapeut vom Patienten erotisch-sexuell angezogen, ist das sehr wohl ein supervisorisches Thema, darf aber vom Therapeuten nicht dem Patienten offenbart werden. Dass der Therapeut zu jedem Zeitpunkt seiner beruflichen Tätigkeit mit sich, Gott und der Welt im Reinen ist, kann realistischerweise nicht verlangt werden. Dass der Therapeut aber soweit über eine Selbstreflexion und eine Selbsterkenntnis verfügt, dass er bei Themen des Patienten, mit denen er als Therapeut auch seine Mühe hat, nicht über sich spricht und damit den Patienten zu seiner eigenen Therapie missbraucht, darf erwartet werden.
Disclosure des Supervisanden
Wie verhält sich der Supervisor, wenn der Supervisand in der Supervisionseinheit über sich selbst zu reden beginnt?
Das, was der Supervisand über sich selbst berichtet, kann grob unterteilt werden in:
- Aussagen zur Gegenübertragung
- Informationen über das Leben und die Befindlichkeit, aktuell oder zu einem früheren Zeitpunkt
Die Gegenübertragung des Supervisanden ist natürlich ein supervisorisches Thema. Sind die Aussagen des Supervisanden über sein Selbsterleben im Zusammenhang mit dem vorgestellten Patienten einigermassen kongruent, ist das für die Supervision meist einfach und fruchtbar. Gelegentlich sind aber die Äusserungen des Supervisanden nicht kongruent. So kann er behaupten, den Patienten «eigentlich» zu respektieren oder gar gern zu haben, seine Beschreibungen des Patienten sind aber gespickt mit missbilligenden und abwertenden Ausdrücken. Dann kann es ein hartes Stück supervisorischer Arbeit bedeuten, dies dem Supervisanden bewusst zu machen. Gelegentlich kommen die Äusserungen des Supervisanden zur Gegenübertragung mit sehr viel emotionaler Kraft daher. Die Arbeit des Supervisors besteht dann unter Umständen nicht nur darin, diese Gegenübertragung in den Dienst der laufenden Therapie zu stellen, sondern mit dem Supervisanden auch die Frage zu erörtern, ob mit dieser heftigen Gegenübertragung auch Themen zu Tage kommen, die in der Selbsterfahrung vertieft werden müssten.
Gelegentlich ergibt sich aus einer konkreten Gegenübertragung ein Thema, das für den Therapeuten auch bei anderen Patienten relevant ist. Geradezu ein Klassiker bei jungen Kindertherapeutinnen ist die Angst vor aggressiven Vätern ihrer kleinen Patienten. In aller Regel ist dies ein Thema, das in der Supervision hinreichend behandelt werden kann. Nur selten ist der Verweis auf die Selbsterfahrung notwendig, wenn die Therapeutin beispielsweise eine belastende Beziehung zu ihrem eigenen aggressiven Vater hat. In dieselbe Kategorie fallen Gegenübertragungsinhalte insbesondere für Neulinge im Bereich der Psychotherapie, die sich um Gefühle der Inkompetenz und des fachlichen Selbstwertzweifels drehen. Auch hier ist es meist angezeigt, dass der Supervisor diese Themen nicht nur im Zusammenhang mit dem vorgestellten Patienten behandelt, sondern mindestens die Frage aufwirft, ob sich dieses Gefühl auch im Umgang mit anderen Patienten gelegentlich einstellt. Auch hier wird der Verweis auf die Selbsterfahrung nur ausnahmsweise nötig sein.
Äussert sich der Supervisand zu seiner Befindlichkeit oder zu Aspekten seines Lebens in der Gegenwart oder in der Vergangenheit, ist das Spektrum der Reaktionsmöglichkeiten des Supervisors noch breiter.
Äusserungen des Supervisanden zu Beginn einer Supervisionseinheit über das Wetter, die bevorstehenden Ferien oder zur Tagespolitik kann der Supervisor beantworten wie in anderen sozialen Situationen auch, allenfalls mit einem Lächeln oder einem Schulterzucken. Offenbart der Supervisand, der nach Ansicht des Supervisors psychisch hinreichend stabil ist, seine berufliche Überlastung, wird der Supervisor darauf sicherlich hinreichend eingehen. Macht sich der Supervisor aber ohnehin schon seit einiger Zeit Sorgen um die psychische Gesundheit seines Supervisanden, wird er stärker darauf fokussieren, wie der Supervisand zu einer zusätzlichen Stützung im Rahmen einer Selbsterfahrung bzw. eigenen Psychotherapie kommt. Generell lässt sich sagen, dass alle Situationen, die eine Indikation für eine Psychotherapie darstellen, auch für Psychotherapeuten Grund sein sollten, eine Therapie aufzunehmen.
Geller, Norcross und Orlinsky (2005) fanden in ihrer Fragebogenuntersuchung bei 5224 Therapeuten folgende Problembereiche, die bei Psychotherapeuten (mit) zur Aufnahme einer eigenen Therapie führten:
- Paarkonflikte: 15-33%
- Depression: 13-38%
- Probleme mit Herkunftsfamilie: 3-25%
- Ängste: 7-11%
- Substanzmissbrauch: 1-7%
Dass beim Supervisanden eine Depression vorliegen könnte, ist oftmals für den Supervisor greifbar. Ängste und Probleme mit der Herkunftsfamilie werden gerade von Kindertherapeuten gelegentlich benannt. Paarkonflikte oder Substanzmissbrauch dürften dagegen seltene Themen in der Supervision sein.
Natürlich sind viele Äusserungen des Supervisanden über seine Familie oder sein Leben für das Fallverständnis und/oder die Therapieplanung beim vorgestellten Patienten nutzbar zu machen. Ähnlich wie bei Gegenübertragungsthemen, die nicht nur bei einem Patienten zutreffen, können auch biographische Themen Bedeutung für die ganze therapeutische Tätigkeit haben. Ist der Vater des behandelten Kindes genauso abwesend wie der Vater des Therapeuten es war, ergibt sich daraus die Frage, wie der Therapeut generell mit abwesenden Vätern umgeht, welche Erwartungen er an Väter hat und worin seine Therapieziele diesbezüglich bestehen.
Non-Disclosure des Supervisanden
Wie geht der Supervisor damit um, wenn der Supervisand nicht über sich spricht, obwohl das nach Meinung des Supervisors angezeigt wäre? Wie so oft muss sich der Supervisor fragen, ob das mehr an ihm liegt oder am Supervisanden. Der Supervisor ist zumindest mitbeteiligt, dass der Supervisand nicht von sich spricht, wenn:
- der Supervisor ein stark kognitives, kühles, «geschäftliches» Klima in der Supervision pflegt;
- der Supervisor hohe Erwartungen an den Supervisanden stellt, sodass dieser sich unter Umständen nicht traut, über Ängste und Unsicherheit zu reden;
- der Supervisor zu Beginn der Supervision zu stark auf eine strikte Trennung von Supervision und Selbsterfahrung hingewiesen hat.
Natürlich ist es ein Unterschied, ob der Supervisand in der Supervision, mit einem externen Supervisor oder in der Fallbesprechung mit einem Vorgesetzten nicht von sich spricht. Der Unterschied ist bei Non-Disclosure des Supervisanden grösser als bei Disclosure. Spricht der Supervisand von sich, gehen externe Supervisoren und interne Vorgesetzte wohl ähnlich damit um. Bei Non-Disclosure des Supervisanden sind jedoch grössere Unterschiede zu erwarten. Einerseits weiss der interne Vorgesetzte in der Regel mehr über den Supervisanden, dessen Geschichte und aktuelle Lebenssituation. Andererseits kann das Unterstellungsverhältnis beide, Supervisor wie Supervisanden, daran hindern, bei einer Fallbesprechung auf die persönliche, emotionale Ebene zu kommen. Hat der externe Supervisor bekanntermassen ein freundschaftliches Verhältnis zum Klinikchef, kann dies Supervisanden zu Recht oder zu Unrecht zur Vorsicht mahnen.
Non-Disclosure des Supervisanden kann natürlich auch mehrheitlich im Supervisanden begründet sein:
Der Supervisand kann einfach eine unangebrachte Vorstellung davon haben, was in einer Supervision Platz hat und was nicht.
- Es ist möglich, dass sich der Supervisand keine Blösse geben will.
- Es ist möglich, dass sich der Supervisand seine Insuffizienzgefühle selbst nicht richtig eingestehen mag.
- Es ist möglich, dass der Supervisand seine Anteile an der therapeutischen Beziehung nicht reflektieren kann oder will und deshalb keinen Grund sieht, über sich zu reden.
Stellt der Supervisor fest, dass der Supervisand nicht oder kaum von sich spricht, wenn er seinen Umgang mit dem Patienten in diagnostischer und/oder therapeutischer Hinsicht beschreibt, muss er entscheiden, ob (und wenn ja wie) er dieses Non-Disclosure zum Thema machen will. Ob Non-Disclosure des Supervisanden zum Thema wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. In einer Einzelsupervision wird dies der Supervisor schneller, häufiger tun als in einer Gruppensupervision. Unter Zeitdruck werden oft, nicht immer, persönliche Anteile ausgespart. Schliesslich hängt es auch von der Tagesform des Supervisors und des Supervisanden ab, ob sich der Supervisor entscheidet, die persönlichen Anteile des Supervisanden zum Thema zu machen. Ganz generell ist die Qualität der supervisorischen Beziehung für den Supervisor ein wichtiges Entscheidungskriterium. Hat sich der Supervisor entschieden, den Supervisanden zum Thema zu machen, kann er Fragen nach der Gegenübertragung stellen und abwarten, mit welcher Offenheit der Supervisand diese Fragen beantwortet. Statt Fragen kann der Supervisor Hypothesen aufstellen: «Könnte es sein, dass Dich dieser Patient verunsichert, verärgert, ängstigt ...?». Schliesslich kann der Supervisor direkte Statements abgeben: «Bei einer so hochkomplexen Situation fühlt sich jeder Therapeut überfordert.» Wie immer liegt es am Supervisor, das Feedback des Supervisanden auf diese Interventionen hin lesen zu können.
Disclosure des Supervisors
Das Thema Disclosure stellt sich, ähnlich wie in der therapeutischen Beziehung, auch in der supervisorischen Beziehung. So, wie der Patient Fragen an den Therapeuten stellen kann, tut dies auch der Supervisand an den Supervisor. So, wie sich der Therapeut ungefragt überlegt, ob er dem Patienten gegenüber von sich selbst erzählen soll, ist das auch beim Supervisor der Fall. Beruflich-fachliche Fragen, die auf die Erfahrung und das Erleben des Supervisoren abzielen, müssen, wenn der Kontext einigermassen gegeben ist, beantwortet werden: «Haben Sie schon viele Patienten gesehen, die gleichzeitig x und y hatten?», «Hat sich schon einmal ein Patient von Ihnen umgebracht?», «Haben auch schon Patienten bei Ihnen die Therapie abgebrochen?»
Fragen des Supervisanden nach dem Privatleben des Supervisors werden nach Massgabe der realen Beziehung beantwortet. Der Supervisand kann mit der Frage nach den letzten Ferien des Supervisors durchaus sein Interesse für die Person des Supervisors ausdrücken, in dem er nicht nur einen Fachidioten sieht. Dann dient es der supervisorischen Beziehung, wenn der Supervisor nicht nur einen Satz von sich gibt, sondern vielleicht drei. Stellt der Supervisand Fragen egal welcher Art an den Supervisor, liegt es immer in der Verantwortung des Supervisors, wie und in welchem Umfang er diese Fragen beantworten will. Wenn der Supervisor von seiner beruflichen Erfahrung spricht, versteht es sich von selbst, dass er dabei nicht nur an die Schweigepflicht gegenüber seinen Patienten gebunden ist, sondern auch an die Schweigepflicht gegenüber anderen Supervisanden. Das kann dann schwierig werden, wenn der Supervisor aus anderen Supervisionen Informationen über das Arbeitsumfeld seines Supervisanden hat. Berichtet der Supervisand beispielsweise von Problemen mit seinem Vorgesetzten, wird sich der Supervisor dann, wenn er auch aus anderen Quellen von der schwierigen Persönlichkeit dieses Vorgesetzten weiss, anders verhalten als ohne Information über eben diesen Vorgesetzten.
In der Regel ist es für den Supervisor kein grösseres Problem, mit persönlichen Fragen des Supervisanden adäquat umzugehen. Wann der Supervisor was ungefragt von sich selbst erzählen darf oder soll, ist weniger einfach. So wie der Therapeut gegenüber dem Patienten, wird auch der Supervisor gegenüber dem Supervisanden häufig spontan ohne viel Reflexion etwas über sich erzählen und dies im Nachhinein als Pflege der supervisorischen Beziehung bezeichnen. Die wohl häufigste Form der reflektierten Self-Disclosure des Supervisors dürfte zur Ermutigung des Supervisanden dienen: «In Ihrem Alter ging es mir genauso.» Dass damit stillschweigend die nicht reflektierte Aussage verbunden ist «… und Sie sehen ja, was aus mir geworden ist», sei nur am Rande vermerkt. In der Regel suchen sich ja Supervisanden Supervisoren aus, denen sie nacheifern wollen. Ladany und Lehrmann-Watermann (1999) fanden in ihrer Studie einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen Self-Disclosure des Supervisors und supervisorischer Beziehung.
Neutral als Ermutigung ist die Disclosure zur Vermittlung von Erfahrungen im Zusammenhang mit dem, was der Supervisand vorstellt. Wenn der Supervisand beispielsweise davon berichtet, dass er, obwohl er jetzt schon im vierten Jahr der Therapieausbildung sei, immer noch punktuell an seiner Kompetenz zweifle, was ja wohl nicht normal sein könne, kann die Erfahrung des alten Therapeuten und Supervisors korrigierend eingreifen. Die Erfahrung des Supervisors, nicht nur bezüglich Häufigkeit und Intensität des therapeutischen Selbstwertzweifels, sondern auch über die genaueren Inhalte dieses Zweifels, kann dem jungen Supervisanden ein etwas realistischeres Bild davon vermitteln, wie seine Entwicklung als Therapeut aussehen könnte. Junge Therapeuten haben, manchmal wider besseres Wissen, die Vorstellung, sie müssten eine ideale Distanz zu Patienten erarbeiten, nahe genug, um empathisch zu sein, distanziert genug, um hilfreich zu sein, und würden dann diese ideale Distanz für ein ganzes Therapeutenleben behalten. Hier kann die eigene Erfahrung, die der Supervisor seinem Supervisanden vermittelt, korrigierend und meist auch entlastend wirken.
Der wohl schwierigste Aspekt der Disclosure des Supervisors ist die Bewertung des Supervisanden. Wenn der Supervisor über den Supervisanden Aussagen macht, ist das ja nicht eine neutrale Rückmeldung, ein Feedback, sondern eine Bewertung. Da helfen auch nicht wohlgedrechselte Worte wie «So, wie Sie über den Patienten sprechen, kommt das bei mir doch sehr distanziert und kühl an», was im Klartext heisst: «Sie sind unempathisch». Natürlich kommt die erste Formulierung besser an, ist weniger konfrontativ, sozial verträglicher. Der Supervisor lügt sich aber in die Tasche, wenn er glaubt, er gebe nur Rückmeldung, bewerte jedoch nicht. Der Supervisand will ja auch meist eine Bewertung und damit auch eine Orientierung. Natürlich ist es für den Supervisor einfacher, wenn er eine positive Bewertung abgeben kann. Wenn er authentisch ausdrücken kann «Ich finde, dass Sie diese hochkomplexe Situation sehr gut bewältigt haben», «Ich finde, Sie haben das, was wir in der letzten Stunde besprochen haben, hervorragend umgesetzt», «Ich finde, Sie haben erstaunliche Fortschritte gemacht, wie Sie ein Fallverständnis formulieren», dann haben solche Äusserungen für den Supervisanden enormen Wert. Wenn der Supervisor aber bekannt dafür ist, dass er immer «Ich finde, Sie machen das gut» sagt, ist die Unterstützung für den Supervisanden von begrenzter Bedeutung. Die herausragende Beschreibung solcher Supervisoren unter den angehenden Psychotherapeuten, die sich einen Supervisoren suchen müssen, ist dann, dass man sich vor dem nicht zu fürchten braucht, weil er alles gut findet. Wenn Supervisoren durch die Art, wie Supervisanden über ihre Patienten berichten, negativ berührt werden, ringen sie meist mit sich, wie sie das ausdrücken könnten, ohne den Supervisanden zu verletzen. Wenn Supervisoren dann doch nichts sagen, ist es meist nicht deswegen, weil sie es für unnötig finden, sondern, weil ihnen im Moment keine sozialverträgliche Formulierung einfällt. Das Gleiche gilt allerdings auch für den Supervisanden. Dem gefällt auch nicht alles, was der Supervisor sagt und tut. Häufig verzichtet auch der Supervisand aus Angst vor Reaktion des Supervisors auf eine kritische Rückmeldung. Wir Kommunikationsspezialisten sind halt doch in der Regel aggressionsgehemmt.
Die Disclosure des Supervisors steht im Kontext des supervisorischen Stils. Der warmherzige, sehr auf die supervisorische Beziehung orientierte Supervisor setzt andere Erwartungen an Disclosure als der aufgabenorientierte Supervisor (Ladany und Bradley 2010).
Ladany und Walker (2003) beschreiben zwei Formen von schädlichem Self-Disclosure des Supervisors: Narzissten, die selbst im Zentrum stehen wollen und Supervisoren, die zwar gut gemeint, aber wenig hilfreich ihre Supervisanden mit eigenen Erfahrungen überfluten, in der Hoffnung, dass diese Supervisanden so schneller verstehen würden, worauf es in der Psychotherapie ankomme. In dieser Arbeit schlagen die Autoren drei Kriterien vor, die zur Beurteilung beigezogen werden können, wie hilfreich eine bestimmte Form von Disclosure des Supervisors ist:
- Kongruent versus diskordant zu den Bedürfnissen des Supervisanden: Self-Disclosure des Supervisors sollte nicht nur grob in thematischem Zusammenhang zum vorgestellten Fall stehen, sondern den aktuellen Bedürfnissen des Supervisanden entsprechen. Geht es beispielsweise um einen akut suizidalen Patienten, ist nicht von vornherein klar, was der Supervisand benötigt. Vielleicht braucht er vor allem Unterricht über die Risikofaktoren. Vielleicht braucht er eine Diskussion über die Grenzen der Therapie in solchen Situationen. Erzählt der Supervisor von eigenen Patienten, die sich suizidiert haben, ist das unter Umständen weit weg von dem, was der Supervisand zu diesem Zeitpunkt braucht, und nicht nur nicht hilfreich, sondern vielleicht sogar zusätzlich verwirrend und belastend.
- Intim versus nicht-intim: Die Autoren meinen damit Nähe-Distanz-Regulierung seitens des Supervisors. Sowohl private als auch berufliche Erlebnisse des Supervisors können die Grenzen der fachlichen Beziehung von Supervisand und Supervisor verwischen. Dies ist spätestens dann der Fall, wenn sich der Supervisand aufgefordert fühlt, sich um die Befindlichkeit des Supervisors zu kümmern, nachdem der von seinen Erfahrungen erzählt hat. Das Gegenteil kann allerdings auch auftreten: Der Supervisor erzählt zwar aus seinem beruflichen oder privaten Leben, wählt dazu aber so eine unpersönliche Episode und trägt sie so distanziert vor, dass sich der Supervisand zurückgewiesen und nicht persönlich gemeint fühlt.
- Ist die Disclosure mehr im Dienste des Supervisanden oder mehr im Dienste des Supervisors? Das klingt einfacher, als es in der Praxis ist. Der Supervisor kann in seiner Gegenübertragung auf den Supervisanden ziemlich gefordert sein. Spricht ein Supervisand beispielsweise kaum von sich, kann es durchaus sinnvoll sein, dass der Supervisor als Rollenmodell von sich spricht. Führt dies nicht zum gewünschten Ziel, kann Self-Disclosure des Supervisors mehr damit zu tun haben, seinen Ärger mit dem Supervisanden irgendwie zu bewältigen, als effektiv im Dienst des Supervisanden zu stehen.
Schlussbemerkung
Wenn junge Universitätsabsolventen Psychotherapeuten werden wollen, suchen sie sich dazu Lehrer. Supervisoren gehören zu diesen Lehrern. Zu den anspruchsvollsten Aspekten der Psychotherapie gehört die Gestaltung der therapeutischen Beziehung und hier wiederum, wie sich der Therapeut selber in diese Beziehung einbringt. Der Supervisor kann dazu etwas lehren. Diese Lehre des Supervisors besteht einerseits in Wissensvermittlung, anderseits darin, dass sich der Supervisor als Rollenmodell anbietet: Er bringt sich in die supervisorische Beziehung ein. Neben den vielen Ähnlichkeiten besteht ein Unterschied zwischen therapeutischer und supervisorischer Beziehung darin, dass in letzterer die Metakommunikation über diese Beziehung leichter möglich ist. Der Supervisor kann die Auswirkungen seiner Interventionen beim Supervisanden häufiger zur Diskussion stellen, als der Therapeut dies tun kann. Das gilt natürlich auch für Self-Disclosure. Der Supervisand bekommt so die Möglichkeit, nicht nur die Disclosure des Supervisors zu erleben, sondern auch mit diesem zu reflektieren. Damit wird der Supervisand besser in die Lage versetzt, die Auswirkungen seiner Self-Disclosure beim Patienten zu reflektieren.
Literatur
Bloomgarden A, Mennuti R, eds. Psychotherapist revealed. Abingdon: Routledge; 2009.
Farber BA. Self-Disclosure in Psychotherapy. New York: The Guilford Press; 2006.
Geller JD, Norcross JC, Orlinsky DE. The Psychotherapist’s own Psychotherapy. Oxford: Oxford University Press; 2005.
Ladany N, Lehrmann-Watermann DE. The content and frequency of supervisor self-disclosures and their relationship to supervisor style and the supervisory working alliance. Couselor Education Supervision. 1999;38:143-60.
Ladany N, Walker J. Supervisor self-disclosure: Balancing the uncontrollable narcissist with the indomitable altruist. J Clin Psychol. 2003;59:611-21.
Ladany N, Bradley l. Counselor Supervision. Abingdon: Routledge; 2010.
Prof. Dr. med. Wilhelm Felder
Prof. Dr. med. Wilhelm Felder, Facharzt für Kinder- und Jugend-Psychiatrie und Psychotherapie, ist seit 2012 Vorsitzender der Kursleitung des Instituts für Psychotherapie für Kinder- und Jugendliche (IPKJ) der Universitätskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie Bern, Basel, Zürich. 2007-2012 war er ärztlicher Direktor Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), 2006-2011 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) und 1991-2012 Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Bern.
Prof. Dr. med. Kurt Schürmann
Prof. Dr. med. Kurt Schürmann ist Facharzt FMH für Kinder- und Jugend- Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt FMH für Kinder-und Jugendmedizin sowie Titularprofessor an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.