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Ducks - Zwei Jahre in den Ölsanden
Kate Beatons Erfolgs-Comic "Ducks - Zwei Jahre in den Ölsanden" gibt es jetzt auch auf Deutsch! In der autobiographischen Graphic Novel erzählt sie von ihrer Zeit bei Erdölabbau-Firmen im Westen Kanadas. Ein ungeschönter Einblick in einen ganz besonderen Mikrokosmos!
TW: Bevor ich inhaltlich einsteige, möchte ich an dieser Stelle eine Triggerwarnung für sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung aussprechen.
Was Barack Obama empfiehlt, muss gut sein. Oder was meint ihr? Mich jedenfalls hat er geinfluenced. Die Graphic Novel "Ducks - Zwei Jahre in den Ölsanden" der Kanadierin Kate Beaton hat es aber auch sonst auf zahlreiche Bestenlisten geschafft, darunter New YorkTimes, New Yorker, Time-Magazin, Washington Post und viele weitere.
Einblick in die Fracking-Camps im Westen Kanadas
Nun ist "Ducks - Zwei Jahre in den Ölsanden" auf Deutsch erschienen. Es ist Kate Beatons umfangreichstes Werk mit fast 450 Seiten! Darin blickt sie auf die Zeit um 2005 zurück, als sie in Nova Scotia - im Osten Kanadas - ihr Studium der Geisteswissenschaften abgeschlossen und nun ihren Studienkredit zurückzuzahlen hatte. Weil es im Osten Kanadas kaum Arbeitsplätze gab und schon gar keine gut bezahlten, entscheid sie sich, Arbeit in den Ölsanden Albertas zu suchen. Im Westen Kanadas herrschte zu der Zeit ein wahrer Ölrausch und es winkte ziemlich viel Geld - fragt sich nur auf wessen Kosten!
Wie Kate bald feststellen sollte, war der gute Lohn verbunden mit ziemlich viel Verzicht, schlechten Arbeitsbedingungen und einem Klima der Angst und Bedrohung für Frauen in einem männerdominierten Arbeitsumfeld. Sexuelle Belästigung ist an der Tagesordnung und auch Kate wird Opfer sexualisierter Gewalt bis hin zur Vergewaltigung. Wie im Text und im Nachwort deutlich wird, hat das verständlicherweise ihr Leben massiv geprägt. Und besonders erschreckend: Es war ihr unmöglich, darüber zu reden, die Täter anzuklagen. Weil dann das geschah, was in solchen Fällen (man könnte jetzt aktuelle Beispiele nennen) immer geschieht: Täter-Opfer-Umkehr, Gaslighting, Whataboutism, die ganze misogyne Palette an Widerlichkeiten - und das nicht mal nur von männlicher Seite!
"Ich bin mir des Sensationalismus‘ meiner Erzählung bewusst, da sie sexuelle Gewalt enthält. Die traurige Tatsache ist jedoch, dass sexuelle Übergriffe jeglicher Art viel zu alltäglich sind, um Aufsehen zu erregen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht zutiefst und negativ davon betroffen bin." (S. 441)
Besonders in den Camps fernab der Zivilisation und der eigenen Familien bildet sich ein ganz eigener Mikrokosmos, in dem die Arbeitenden unter den harten Arbeitsbedingungen, der harten und gesundheitsgefährdenden Arbeit (auch Krebs wird angesprochen) und der sozialen Isolation leiden. Die psychische Gesundheit dieser Menschen ist kein Thema, ebenso wenig die Folgeschäden für die Umwelt und die verschiedenen Gruppen der First Nations, die mit der ausbeuterischen Erdölindustrie angerichtet werden. Kate Beaton gewährt uns mit ihrer Graphic Novel einen vielschichtigen Einblick in eine Industrie und den Umgang der Arbeitnehmenden mit den dortigen Arbeitsbedingungen. Dabei nimmt sie sich, gerade was den Umgang mit der indigenen Bevölkerung und ihrem Landbesitz angeht, nicht von der Kritik aus. Auch sie wusste davon wenig bis nichts und hat mit ihrer Arbeit die Ausbeutung unterstützt.
Die Zeichnungen sind Graustufen gehalten, was gut die (meist) düstere Stimmung vermittelt. Die Panels sind sehr klassisch gestaltet mit meist 6 bis 9 Panels pro Seite, aber auch mehr oder weniger Panels sowie wenige ganzseitige Bilder, die Landschaftsimpressionen bzw. solche vom Gelände der Fracking-Camps zeigen, kommen vor. Kate Beaton erzählt die Geschichte episodenhaft, was auch mal wiederholend wirken kann, aber eben auch gut die ritualisierten Abläufe und den immer gleichen Alltag mit den sich tausendfach wiederholenden Tätigkeiten, der Einsamkeit und Isolation, den sexistischen Äusserungen, dem Machtmissbrauch und der sexualisierten Gewalt realitätsnah abbildet.
Cameo-Auftritt von Kate Beatons Kinderbuch
Ein kleiner Funfact zum Schluss: Kate Betons Kinderbuch "Die Prinzessin und das Pony" ist ebenfalls diesen Monat bei Reprodukt erschienen. Hier geht's zur Besprechung. Das süsse, rundliche Pony, das zum Schlachtross der Prinzessin werden soll, hat einen Gastauftritt in "Ducks". Viel Spass beim Suchen und Finden!
Unter dem Titel "Tannenzäpfchen und ihr Pony" gibt es die Geschichten auch in animierter Form auf Apple+ zu sehen. Gerade läuft die zweite Staffel.
Wenn ihr euch mehr für Comics für Erwachsene interessiert, kann ich euch die Webcomics "Hark! A Vagrant" empfehlen, in denen sie Zeit- und Literaturgeschichte auseinandernimmt und mit denen sie berühmt wurde. Auf Deutsch sind sie unter dem Titel "Obacht! Lumpenpack" und "Zur Seite, Kerl!" in Buchform erschienen.
Fazit
Die Graphic Novel "Ducks - Zwei Jahre in den Ölsanden" von Kate Beaton ist ein eindrücklicher Erfahrungsbericht aus einer Industrie, von der wir von aussen relativ wenig mitbekommen. Sie zeichnet ein detailreiches, vielschichtiges Porträt dieser ganz eigenen Welt und schreckt nicht vor Kritik - beispielsweise an der sexualisierten Gewalt und der Ausbeutung von Mensch und Land - zurück. Dabei tut sie dies aber immer nuanciert und beleuchtet Problematiken von verschiedenen Seiten, ohne zu verharmlosen. Ein äusserst eindrückliches Zeitzeugnis in allen Schattierungen - sowohl auf Bild- als auch auf Textebene. Grosse Lese- und Anschauempfehlung!
Die Fakten
Kate Beaton (Text + Illustration)
Jan Dinter (Übersetzung aus dem Englischen)
Stefan Dinter & Lara-Sophie Ludwig (Lettering) Zwerchfell & Reprodukt
448 Seiten
Erschienen am 05.06.2023
Hardcover
ISBN 978-3-95640-383-5
PS: Herzlichen Dank an Zwerchfell & Reprodukt für das digitale Rezensionsexemplar.
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