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Ende Oktober versuchte Elon Musk die Bedenken der Werbekunden zu zerstreuen und schrieb: «Twitter strebt danach, die angesehenste Werbeplattform der Welt zu werden.»
Es folgten Massenentlassungen, weitere Entlassungen, noch mehr Entlassungen, das Chaos mit Verifikations-Häkchen und Nachahmer-Profilen, die Entsperrung von Trumps Profil und Musks immer offensichtlichere Nähe zu rechten Verschwörungserzählern. Die Chaos-Wochen gipfelten vorerst in der «Generalamnestie» für Zehntausende zuvor gesperrter Konten.
Musks Problem: Er benötigt dringend Werbeeinnahmen, um Twitter über Wasser zu halten, während er versucht, den Usern die neuen Twitter-Blue-Abonnements mit Zusatzfunktionen schmackhaft zu machen. Beides könnte derzeit kaum schlechter laufen.
Der Technologie-Insiderdienst Platformer berichtete am Dienstag, die Werbeeinnahmen in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) seien verglichen mit dem Vorjahr um 15 Prozent gesunken. «Wir sehen einen signifikanten Rückgang bei der gebuchten Werbung», zitiert Platformer einen Umsatzanalysten bei Twitter.
Nach dem Chaos der letzten Wochen seien die Einnahmen gar um 49 Prozent eingebrochen. Dies gehe aus einem Screenshot der aktuellen Buchungszahlen hervor, die der Mitarbeiter den Journalisten zukommen liess.
Laut der unabhängigen Non-Profit-Organisation Media Matters for America hat inzwischen die Hälfte der 100 wichtigsten Werbekunden einen zeitweisen Werbestopp auf Twitter verkündet oder die Werbung stillschweigend ausgesetzt. Diese Unternehmen sollen seit 2020 fast 2 Milliarden US-Dollar für Anzeigen auf Twitter ausgegeben haben.
Unter den 50 Konzernen, die ihre Werbung bei Twitter pausiert haben, finden sich zahlreiche auch bei uns bekannte Namen, unter anderem Coca-Cola, Heineken, Meta (Facebook) sowie Nestlé und Novartis.
Der Werbeboykott trifft Twitter im dümmsten Moment, sprich während der Fussball-WM und den umsatzstarken Tagen um den Black Friday. «Das ist katastrophal», zitiert Platformer einen ehemaligen Twitter-Manager.
Am Dienstag schrieb Musk zudem, dass auch Apple die Werbung «grösstenteils gestoppt» habe. Der iPhone-Hersteller war zuletzt laut Washington Post Twitters grösster Werbekunde und allein für 4 Prozent der Einnahmen verantwortlich. Apple gab 48 Millionen Dollar in einem Quartal für Werbung auf dem sozialen Netzwerk aus. Dies geht aus einem Dokument hervor, das von der Zeitung eingesehen wurde.
Werbeeinnahmen machen bei Twitter rund 90 Prozent der Firmenerlöse aus. Um das soziale Netzwerk unabhängiger von Werbeanzeigen zu machen, beabsichtigt Musk ein Abo-Modell (Twitter Blue) einzuführen. Dieses Abo beinhaltet künftig für 8 Dollar pro Monat einen verifizierten User-Account mit Häkchen und den Zugang zu anderen Vorteilen: zum Beispiel, den eigenen Tweets mehr Sichtbarkeit verleihen zu können oder weniger Werbung erdulden zu müssen.
Doch auch hier harzt es gewaltig.
Der für Dienstag angekündigte Neustart des Blue-Abos für Twitters iOS-App wurde offenbar auf Freitag verschoben, mutmasslich, um Apples App-Store-Gebühr zu umgehen.
Apple greift bekanntlich 30 Prozent der Erlöse der App-Entwickler ab. Das heisst: Schliesst ein iPhone-User über Twitters iOS-App ein Blue-Abo für 8 Dollar pro Monat ab, gehen davon 2,4 Dollar an Apple. Vermutlich wird man das Abo daher künftig nicht mehr direkt in der App, sondern auf der Twitter-Webseite abschliessen müssen.
Der erste Versuch, das Blue-Abo zu lancieren, musste nach einer Welle von Nachahmer-Profilen rasch pausiert werden. User kauften sich ein Verifikations-Häkchen und gaben sich als Unternehmen und Prominente aus. Eine Identitätsprüfung gab es nicht. Um Nachahmer-Profile künftig zu vermeiden, werden Abonnentinnen und Abonnenten neu voraussichtlich ihre Telefonnummer angeben müssen.
Vor Musks Machtübernahme wurde das blaue Häkchen von Twitter nach einer ID-Prüfung kostenlos etwa an Prominente, Politiker, Journalisten und Unternehmen vergeben.
Nach dem neuen Modell bekommt das Häkchen jeder, der acht Dollar im Monat bezahlt. Zudem sollen Twitter-Profile von Organisationen und Einzelpersonen künftig voraussichtlich Häkchen in verschiedenen Farben erhalten.
Der Text-Automat ChatGPT bekommt nach einer komplett kostenlosen Testphase ein Abo-Geschäftsmodell. Für 20 Dollar im Monat sollen zahlende Kundinnen und Kunden verlässlich Zugang zur Software und schnellere Ergebnisse auch bei hoher Server-Auslastung erhalten.