Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/1737

Die violette Linie führt bis nach Hirzenbach – eine dieser bekannten unbekannten Endhaltestellen. Über das Aussersihl – ein ehemaliges Arbeiterviertel – und über das emsige Bellevue fährt das Tram zum Schwamendinger Ortsteil. Jenes Schwamendingen, auf das die städtische Aufwertung wie auf so viele einst unpopuläre Quartiere Appetit bekommen hat.
Wenn man an einem Möbelhaus vorbeifährt, weiss man, dass man das Stadtzentrum lange hinter sich gelassen hat. Das Tram Nummer 9 tuckert weiter durch Wohnsiedlungen, in denen man eigentlich keine Trams erwarten würde, und hält schliesslich in Hirzenbach.
Hirzenbach ist ein Schwamendinger Quartier. Es befindet sich im Dreieck zwischen dem Schwamendingerplatz, dem Bahnhof Stettbach in Dübendorf und dem Glattzentrum in Wallisellen. Hinter der Endhaltestelle liegt das GZ Hirzenbach. In seiner Nähe fliesst ein Bächlein. «Der Gettobach», meint einer der Jugendarbeiter nicht ganz ernst, und dann ernster: «Da liegt immer viel Abfall drin, das Bächlein muss oft gereinigt werden.»
In der Nähe des kleinen Bachs befindet sich die Helen-Keller-Strasse. Sie ist nach einer amerikanischen Schriftstellerin benannt, deren Familie aus Schwamendingen stammen soll. Keller hatte ein bewegtes Leben. Bereits als Kleinkind verlor sie ihr Augenlicht und Gehör. Dennoch schloss sie später die Universität ab und engagierte sich als Schriftstellerin im sozialen Bereich.
Einige Bewohner von Hirzenbach leben in den Einfamilienhäusern zwischen dem Bahnhof Stettbach und Schwamendingen. Neben diesen besser Betuchten setzt sich die Quartierbevölkerung aus Altgenossenschaftlern, die schon immer dort wohnten, und Zugewanderten – vor allem aus Südeuropa und Afrika – zusammen.
Die Fussballplätze des Heerenschürli in Hirzenbach dienen laut dem Jugendarbeiter auch als Integrationsfläche.
Das statistisch ärmste Quartier Zürichs hat einen hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen, der in Zukunft noch weiter steigen wird. Sie spielen fast alle Fussball. Die Fussballplätze des Heerenschürli in Hirzenbach dienen laut dem Jugendarbeiter auch als Integrationsfläche. Das Derby zwischen dem FC Schwamendingen und dem FC Polizei-Oerlikon schaffte es gar in die Schlagzeilen der grössten Schweizer Tageszeitung, weil die Fans während des Spiels Pyrotechnik einsetzten, was in den unteren Ligen zuvor nie vorgekommen war.
In den nächsten Jahren soll auf dem Areal das neue Trainingszentrum auch für die Profis und die neue Geschäftsstelle des FCZ entstehen.
Das Heerenschürli im Quartier bildet alle Junioren des FC Schwamendingen und vor allem des FC Zürich aus. In den nächsten Jahren soll auf dem Areal das neue Trainingszentrum auch für die Profis und die neue Geschäftsstelle des FCZ entstehen. Die Rodriguez-Brüder, allesamt erfolgreiche Fussballprofis aus Schwamendingen, könnten für die Kinder und Jugendlichen des Quartiers Vorbilder sein. Hinter den Fussballplätzen neben einer Sportkantine findet man auch einen Baseballplatz mit kleiner Tribüne.
Wie so viele Zürcher Quartiere zuvor, wird sich auch Schwamendingen der städtischen Aufwertung nicht entziehen können. Das Quartier ist im Wandel, in den nächsten 10 bis 15 Jahren sollen 4000 Personen nach Hirzenbach ziehen. Und das, obwohl die Preise für Wohnraum steigen dürften. Denn die Genossenschaftswohnungen und Genossenschaftshäuser werden nicht mehr saniert, sondern durch Neubauten ersetzt. Das liegt auch daran, dass grössere Wohnflächen sowie eine moderne Einrichtung und Infrastruktur verlangt werden.
Wer sich keine Wohnung im Stadtzentrum leisten kann, lebt in einem Aussenquartier wie Schwamendingen.
Durch die höheren Mieten werden jene Menschen vertrieben, die sich bereits jetzt keine Wohnung im Stadtzentrum leisten können – und deshalb in einem Aussenquartier wie Schwamendingen leben. Sie müssen möglicherweise bald ein neues Zuhause suchen – in Wallisellen, Dübendorf oder Glattbrugg.
Dass sich das Quartier wandelt und aufgewertet wird, zeigt sich auch durch die vielen Künstler, die neuerdings hier leben. Sie zeigten mit der Ausstellung «Der Neue Norden», wie sie Hirzenbach wahrnehmen.
Im «Volkspark», wie ihn der Jugendarbeiter nennt, finden im Sommer grosse Familienfeste statt.
Im nahen Auzelg – ebenfalls eine Endhaltestelle – wird eine einstige Arbeitslosensiedlung von Künstlern und Gestaltern zwischengenutzt. Hirzenbach selber besitzt jetzt eine Kunstgalerie – Schwamendingen soll für die Menschen aus der Stadt attraktiv werden.
Noch ist Hirzenbach familiär. Im Sommer kommen die Bewohner im Park zwischen dem GZ und zwei Siedlungsblocks zusammen – «der Volkspark», wie ihn der Jugendarbeiter nennt. Dort, zwischen zahlreichen Grillstellen, finden grosse Familienfeste statt – «friedlich und schön» soll es dann sein.
Sonst trifft sich die Jugend bei den Fussballplätzen, wo ein langes Bänkchen ihr Hangout ist, oder man geht zum Bahnhof Oerlikon. Die Erwachsenen treffen sich derweil im Coop oder im Café der Kirchgemeinde. Viele Originale leben in Hirzenbach, noch mehr um den Schwamendingerplatz. Bis die Aufwertung auch sie vertrieben hat, sitzen sie noch gemütlich beisammen.