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Die nachfolgenden Polarathleten lernten stets von ihren Vor-Läufern und steigerten zunehmend die zurückgelegten Distanzen mit immer leistungsfähigeren Powerkites. So verbesserten die Belgier Alain Hubert und Dixie Dansercoer die Drachentechnik im Südpolarsommer 1997/98 auf ihrer mit wissenschaftlicher Akribie vorbereiteten 3.924 Kilometer langen Durchquerung des Kontinents vom Königin-Maud-Land über den Südpol bis an die Küste der Ross-See. Mit ihren neuen, besser lenkbaren Nasawings legten die beiden Belgier völlig autark „in den Zähnen des Windes“, wie sie es beschrieben, die bis dahin zweitlängste Distanz auf dem Kontinent in nur 99 Tagen zurück. Sie schafften dabei Tagesetappen von bis zu 271 Kilometern. Eine neue Ära des Polarreisens begann.
Den Norwegern scheint das polare Skilaufen in die Wiege gelegt zu sein. Immer wieder haben sie große und innovative Marksteine an den Polen gelegt. Für ihre volle Kontinentaldurchquerung kombinierten die Brüder Sjur und Simon Mørdre 1990/91 ihr Hundeschlitten- und Snowkite-Können und starteten erstmals eine Expedition von Berkner Island. Erling Kagge erreichte am 7. Januar 1993 als erster Skiläufer den Südpol solo und unsupported – und ohne Funkgerät. Liv Arnesen lief 1994 vom Hercules Inlet aus als erste Frau mit Ski und Schlitten solo unsupported zum Südpol. 2005/06 legte Rune Gjeldnes 4.804 Kilometer vom Königin-Maud-Land über den Südpol und dann entlang des Transantarktischen Gebirges bis zur Terra-Nova-Bucht in Viktorialand in nur 90 Tagen zurück. Im Schnitt also über 53 Kilometer am Tag. 2008 raste Ronny Finsås auf seiner „Express-Expedition“ mit einem Snowkite in nur 5 Tagen die 1.130 Kilometer vom Südpol hinunter zum Hercules Inlet. Und ein weiterer, großer Erfolg in der Antarktis trug ebenfalls eine norwegische Handschrift: Der Norwegerin Cecilie Skog und dem Amerikaner Ryan Waters gelang 2009/10 eine Durchquerung des Kontinents über Berkner Island, das Ronne-Filchner-Schelfeis und den Südpol bis zum Fuße des zerrissenen Axel-Heiberg-Gletschers, der den landseitigen Beginn des Ross-Schelfeis markiert. Hier wurden sie von einer Twin Otter abgeholt. Die beiden schafften mit ihren zu Beginn der Reise 135 Kilogramm schweren Schlitten über 1.800 Kilometer in 70 Tagen und legten im Schnitt 25 Kilometer pro Tag zurück. Dabei verzichteten sie bewusst auf jegliche Nutzung der Windkraft und durchquerten den Kontinent erstmals ausschließlich aus eigener Kraft. Für eine „volle Durchquerung“ des Kontinents fehlte ihnen „nur“ mehr die Begehung des Ross-Schelfeises.
Seit 13. Januar 2011 hält auch ein Norweger den „Weltrekord“ auf der 1.130 Kilometer langen Skirennstrecke Hercules Inlet – Südpol: Der durchtrainierte Christian Eide eilte ebenfalls nur mit Ski und Schlitten in einer Spitzenzeit von nur 24 Tagen, 1 Stunde und 13 Minuten, zum Pol – ein fabelhafter Schnitt von über 47 Kilometern am Tag. Und 2011/12 lief Aleksander Gamme auf einer Strecke von 2.260 Kilometern die bislang längste Solo-Unsupported-Ski-Expedition und zeigte dabei echten Sportsgeist: Der Norweger startete am 29. Oktober 2011 vom Hercules Inlet, erreichte zu Weihnachten den Südpol und kehrte am 23. Januar 2012 bis einen Kilometer vor seinem ursprünglichen Startpunkt entfernt zurück. Hier wartete er bis zum 26. Januar, um dann die Ziellinie gemeinsam mit James Castrission und Justin Jones (beide AUS) zu überqueren, die die gleiche Strecke gelaufen waren.
Es macht sich bereits eine neue Generation von Polarabenteurern auf, ihre ambitionierten Ziele an den Enden der Erde zu suchen und diese in ihrem eigenen Stil anzugehen, der durch technisches Können und eine gewisse Leichtigkeit des Seins besticht: So etwa der Kanadier Eric McNair-Landry, dessen Eltern Matty McNair und Paul Landry zu den erfahrensten und besten Polarführern der Welt gehören. In Iqaluit mit Schlittenhunden aufgewachsen, kiten Eric und seine ebenfalls polarerfahrene Schwester Sarah McNair-Landry seit Teenagertagen und haben bereits als Jugendliche Grönland durchquert, die berüchtigte Nordwestpassage (Abb. 14) bewältigt und auch am Südpol auf fast schon spielerische Weise neue Maßstäbe gesetzt.
2011/12 kitete Eric mit Sebastian Copeland (USA/F) auf einer ca. 4.100 Kilometer langen 81-tägigen Doppel-Pol-Überquerung von der Ostantarktis zuerst über die verlassene russische Station Poljus Nedostupnosti (Unzugänglichkeitspol) mit der legendären Leninbüste und dann weiter über den Südpol bis in die Westantarktis.
Der in der Schweiz lebende, vielseitige südafrikanische Extremabenteurer Mike Horn verzichtete 2016 auf eine Anreise mit Flugzeugen und segelte ganz im Stile der Entdecker mit seiner Yacht «Pangäa» an die Prinzessin-Astrid-Küste. Er lud Ski, Schlitten und Kiteschirm an Land und durchquerte alleine die Antarktis über den Südpol bis zur französischen Polarstation Dumont d’Uurville in Adélieland auf der anderen Seite des Kontinents. Er legte für sein „Full Solo Snowkite Crossing“ eine Strecke von ca. 4.930 Kilometern in nur 57 Tagen zurück. Ein großer Triumph wahren Abenteurergeistes, der nur dadurch etwas getrübt wird, dass er eine nicht verifizierte Distanz von 5.100 Kilometern angibt. Hat er diese Zahl vielleicht nur deshalb verbreitet und ungenau berichtet, um den damals geltenden Weltrekord der längsten, jemals unternommenen Snowkitereise von 5.067 Kilometern zu übertrumpfen, den Michael Charavin (F) und Cornelius Strohm (D) zwei Jahre zuvor auf ihrem Full Unsupported Loop „Wings over Greenland“ in Grönland aufgestellt hatten?
Ein Detail am Rande: Dass Mike Horn am Südpol ein warmes Essen annahm, löste unter Hardcore-Puristen schließlich die Frage aus, ob er denn dem Status „unsupported“ nach strengen Maßstäben noch gerecht wird. Er hatte ja eine Unterstützung von außen angenommen. Oder war es bloß ein Symbol seines unbändigen Freiheitsdranges und ein kleines Zeichen, Widerstand gegen jedwede Art von Regeln oder Konformität zu zeigen? Für sein erfolgreiches Durchkommen war diese Mahlzeit jedenfalls wohl nicht entscheidend. Amundsen und Scott hätten solche „Probleme“ gewiss amüsiert.