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Psychologie
Risikokompetenz erlernen
Professor Dr. Gerd Gigerenzer, so lese ich im Klappentext, "trainiert amerikanische Bundesrichter und deutsche Ärzte und Manager in der Kunst des Entscheidens und der Risikokommunikation." Ob das für ihn spricht, sei einmal dahingestellt, doch gegen ihn sprechen muss es ja auch nicht unbedingt, möglicherweise hilft ein Blick ins Buch.
"Drehen wir die Uhr zurück auf Dezember 2001. Stellen Sie sich vor, Sie leben in New York und möchten nach Washington D.C. Würden Sie fliegen oder mit dem Auto fahren?" Verwunderlich ist nicht, dass damals viele Leute aufs Auto umgestiegen sind, was dabei jedoch nicht oder wenig beachtet wurde: Autofahren ist wesentlich gefährlicher als Fliegen. "Alles in allem sind etwa 1600 Amerikaner infolge ihrer Entscheidung, die Risiken des Fliegens zu vermeiden auf der Strasse umgekommen." Doch mit rationalen Argumenten ist bekanntlich gegen starke Emotionen nicht anzukommen, weswegen Gigerenzer rät: "Wenn ein Konflikt zwischen der Vernunft und einer starken Emotion vorliegt, verzichte auf Argumente. Mache dir lieber eine gegensätzliche und stärkere Emotion zunutze."
Solche nützlichen Hinweise finden sich einige in diesem Werk, dessen Ziel es ist, den Lesern zur Risikokompetenz zu verhelfen. Dabei geht der Autor davon aus, dass a) jeder den Umgang mit Risiko und Ungewissheit lernen kann, b) Experten eher ein Teil des Problems sind als die Lösung und c) weniger mehr ist.
Um risikokompetent zu werden, braucht es Mut. Gigerenzer zitiert die berühmten Ausführungen von Kant über die Aufklärung (Sapere aude!), weist aber leider nicht darauf hin, was der Mann aus Königsberg über seine Adressaten geäussert hat, dass sie nämlich aus Faulheit und Feigheit es vorziehen, unmündig zu bleiben. Weil es ja so bequem ist. Wie gegen diese Bequemlichkeit anzugehen ist, davon hätte ich gerne etwas erfahren ...
Der Mensch suche Gewissheit, meint Gigerenzer (man lese Dostojewskis Grossinquisitor-Geschichte in den Brüdern Karamasow), habe Angst Fehler zu machen, lerne defensives Entscheiden. So wahnsinnig neu ist das alles nicht, doch es sind die Geschichten und Beispiele, die uns der Autor erzählt, die die Lektüre dieses Buches zu einer Bereicherung werden lassen. Schon mal von der Truthahn-Illusion gehört? Sie kommt bei Menschen vermutlich häufiger vor als bei Truthähnen und wird hier nicht verraten ...
"Risiko" ist ein faszinierendes Buch. Weil man darin viel Nützliches lernen kann. Zum Beispiel über positive und negative Fehlerkulturen. "Warum verwenden Piloten Checklisten, aber die meisten Ärzte keine?" fragt Gigerenzer. Möglicherweise, weil die Patientensicherheit in vielen Spitälern keine Priorität geniesst. Aber kann das sein? Und falls ja, wie kommt das? Es könnte unter anderem daran liegen, dass die Konsequenzen im Spital nur den Patienten direkt, den Operateur aber höchstens indirekt betreffen und das ist im Flugzeug anders: da ist der Pilot auf die genau selbe Art und Weise betroffen wie der Passagier. Gigerenzer führt noch weitere Gründe auf, doch soll hier nicht das Buch rekapituliert, sondern auf dieses neugierig gemacht werden.
Es ist ermutigend, dass ein Intellektueller von Format sich für Faustregeln stark macht. Hilfreich finde ich zum Beispiel diese: "Frage deinen Arzt nicht, was er empfiehlt, sondern frage ihn, was er tun würde, wenn es seine Mutter, sein Bruder, sein Kind wäre." Ob er darauf aufrichtig antwortet, ist natürlich eine andere Frage. Den Arzt hingegen zu fragen, ob er selber sich der Operation unterziehen würde, die er einem gerade empfiehlt, funktioniert nicht immer. Ich habe das nämlich einmal gemacht, worauf der Arzt meinte, das sei eine blöde Frage, weil er sich selber nämlich gar nicht in meiner Lage befände und sich die Frage für ihn deshalb auch gar nicht stelle ... ich finde übrigens meine Frage nach wie vor nicht blöde ...
Prof. Gigerenzer plädiert jedoch nicht einfach für intelligente Faustregeln (wozu ich auch Checklisten zähle), sondern gleichzeitig auch dafür, seiner Intuition zu vertrauen. Unter Intuition versteht er "ein Urteil, das a) rasch im Bewusstsein auftaucht, b) dessen tiefere Gründe uns nicht vollkommen bewusst sind und das c) stark genug ist, um uns danach handeln zu lassen." Es sei ein Missverständnis, zu glauben, Intuition sei das Gegenteil von Rationalität, vielmehr sei sie unbewusste Intelligenz, argumentiert Gigerenzer: sie beruhe auf einer komplexen unbewussten Gewichtung aller Evidenz.
"Risiko" ist ein ausgesprochen anregendes Buch, lässt einen auch immer mal wieder schmunzeln - wobei das Macmillan-Zitat auf der vierten Umschlagseite: "Das Leben selbst birgt ein gewisses Risiko" ein schönes Leitmotiv ist - und liefert eine Fülle von Beispielen aus ganz verschiedenen Bereichen, von der Krebsfrüherkennung und der Geldanlage bis zum Heiraten.
Übrigens: Die Tendenz, standardisierten Tests mehr Glauben zu schenken als seiner Intuition, hat nicht zuletzt mit den Juristen zu tun. Wenn nämlich etwas schief läuft und man dann zur Rechenschaft gezogen wird, kann man sich mit einem nachprüfbaren Prozedere schützen.