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Henry Dunant gilt in der öffentlichen Wahrnehmung als Humanist, nicht zuletzt, weil auf sein Engagement nach der Schlacht von Solferino die Gründung des IKRK zurückgeht.
Derselbe Dunant hat aber noch eine weniger bekannte Seite, die nun das Henry-Dunant-Museum beleuchtet: Als junger Mann zeigte er ein lebhaftes Interesse an der Kolonisierung Algeriens. In den 1850er Jahren reiste er im «Auftrag der Genfer Handelsgesellschaft der Schweizer Kolonien von Sétif» nach Algerien.
Er sollte dort für mehrere hundert Schweizer Siedler ein Grundstück nutzbar machen. «Dunants Reise von 1853 markiert den Beginn seiner Tätigkeit als kolonialer Verwalter und gescheiterter Geschäftsmann, die ihn prägen und ein Leben lang belasten wird», schreibt das Museum in einer Mitteilung dazu.
In seiner Ausstellung «Unternehmen Algerien. Henry Dunant und seine koloniale Karriere» porträtiert das Museum Dunant entlang dreier Stationen: als Kolonisator, als kolonialer Unternehmer und als Ethnograf. Es geht der Frage nach, wie das koloniale Wirken Dunants mit seinem philanthropischen Weltbild zusammenhängt. Und es ordnet Dunants Zeit in Algerien ein in das «Orient-Fieber», dem Europa seit 1800 verfallen war und das bis heute nachwirkt.
Eine koloniale Geschichte neu erzählt
Eine zweite Ausstellung zum selben Themenkomplex ist dem Grossvater der Genfer Künstlerin Camille Kaiser gewidmet. Er war Vermessungsingenieur aus Genf und ist hundert Jahre später als Dunant ebenfalls nach Algerien gereist. «et l'histoire commence ici / und die Geschichte beginnt hier» basiert auf dem Familienarchiv der Künstlerin. Fotos, Karten und Briefe aus den 1950er Jahren dokumentieren die Arbeit des Grossvaters als Topograph in den französischen Kolonien in Nordafrika.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine Videoarbeit, eine collagenartige filmische Erzählung, der ein Brief an die zukünftige Frau des Grossvaters zugrunde liegt. Die Erzählung ist fragmentarisch, kleinste Objekte liefern Hinweise etwa auf koloniale Gewalt und auf die Verstrickungen der Schweiz in die französische Kolonialherrschaft. Das Ziel ist, wie das Museum schreibt, Geschichten neu zu lesen und wiederzuerzählen.
Mit den beiden Ausstellungen will das Henry Dunant-Museum darauf aufmerksam machen, dass die Schweiz zwar selber keine Kolonien hatte, jedoch früh von den Beziehungen zu grossen Kolonialmächten profitierte. Im Fokus steht Algerien, das von 1830 bis 1962 von Frankreich beherrscht wurde. Die Verstrickungen der beiden Schweizer werden aus kulturhistorischer und künstlerischer Perspektive beleuchtet.
Die Doppelausstellung ist im Henry-Dunant-Museum bis 20. März zusehen. Am heutigen Sonntag ist Vernissage.