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Ragusa (gro) Luchino Visconti hat es weltberühmt gemacht, das Schloss Donnafugata. In der meisterhaften Verfilmung von Giuseppe Tomasis di Lampedusa einzigem Roman „Der Leopard“ lässt Visconti die junge Claudia Cardinale (als Angelica) und Alain Delon (als Tancredi) im Schloss herumirren. Tancredi gesteht dabei, dass er gar nicht wisse, wieviel Zimmer das Schloss seines Onkels, des Fürsten von Salina (dargestellt von Burt Lancaster), habe. „Der Leopard“ gilt als Schlüsselroman zum Verständnis des sizilianischen Wesens. Das vielleicht berühmteste Zitat daraus: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, müssen wir zulassen, dass alles sich ändert.“
Im Besitz der Stadt Ragusa
Das berühmte Schloss steht auf den Grundmauern eines Bauwerks, das die einst mächtige sizilianische Adelsfamilie der Chiaramonte im 14. Jahrhundert erbauen liess. Corrado Arezzo di Donnafugata (daher der jetzige Name) liess in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den heutigen Palast mit neugotischen Elementen errichten. Ende des 20. Jahrhunderts wurde er gründlich renoviert. Er gehört heute als eine Art Kulturzentrum zum Eigentum der Stadt Ragusa. Diese Woche wird auf die kulturelle Errungenschaft mit mehreren Events aufmerksam gemacht. Im Mittelpunkt steht dabei die prachtvolle, bestens ausgestattete Bibliothek des Palastes. Im Übrigen ist das Schloss ein beredtes Exempel für Sizilien und seine immer wieder zu Tage tretenden Irritationen.
„Frau auf der Flucht“ oder „Quelle der Gesundheit“?
Ein Rätsel ist schon der Name. Donnafugata heisst „Frau auf der Flucht“. Ein seltsamer Name für ein Schloss, auch wenn überliefert ist, dass eine Enkelin des damaligen Schlossherrn um 1900 mit einem Liebhaber bei Nacht und Nebel durchgebrannt ist. Andererseits soll das Schloss schon zuvor „Donnafugata“ geheissen haben. Die Bezeichnung, so erfährt man, sei abgeleitet von dem arabischen „ain as jafait“, was auf Italienisch so viel bedeutet wie „Fonte della salute“ („Quelle der Gesundheit“). Was durchaus passt, weil die Umgebung des Schlosses im Gegensatz zum weiteren Umfeld reich an Quellen ist. Aus „Fonte della salute“ sei im Sizilianischen „Ronnafuata“ und daraus schliesslich „Donnafugata“ geworden.
122 Zimmer, aber ein anderes Schloss
Im Gegensatz zu Tancredi wissen wir heute, dass das Schloss Donnafugata, egal wie es zu seinem Namen gekommen ist, 122 Zimmer auf einer Wohnfläche von etwa 2500 Quadratmetern Wohnfläche hat. Doch Visconti, der das Filmemachen übrugens bei Altmeister Jean Renoir in Paris gelernt hatte, drehte gar nicht in Donnafugata, sondern benutzte den Palazzo Filangen-Cutò (kleines Bild) in Santa Margarita di Belice (nahe Marsala) als Kulisse für seine Dreharbeiten im Jahre 1962 am angeblichen Stammsitz der Fürsten von Salina. (Wobei Salina, eine der sieben Liparischen Inseln über der Nordküste von Sizilien, mit ihrem Namen herhalten muss für die romanhafte Verfremdung von Lampedusa, der weit südlich von Sizilien liegenden Insel im afrikanischen Meer).
Tomasi di Lampedusa war nie auf Lampedusa
Typisch auch, dass Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Insel Lampedusa, die ihm und seiner Familie zum Lehen gegeben war, nie gesehen hat. Der Roman wurde nach vergeblichen Bemühungen des Autors erst 1958, ein Jahr nach dem Tod des Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers, von einem Verlag angenommen. Dann aber wurde „Der Leopard“ rasch zu einem anhaltenden Welterfolg. „Der Leopard“ Viscontis erhielt in Cannes 1963 die „Goldene Palme“ als bester Film des Festivals.
Es ist auch eine andere Raubkatze
Mag es noch soviel Wirrungen und Irrungen um Tomasi di Lampedusas Schlüsselroman über Sizilien geben: Tatsache bleibt, dass Weine aus Donnafugata inzwischen ebenfalls weltbekannt sind. Sie entstehen in einem ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Anwesens. Es ist eine der besten Weinkellereien Siziliens. Die Weine aus Donnafugata sind mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden. Doch auch das ändert nichts daran, dass Giuseppe Tomasi di Lampedusa nie einen Roman mit dem Titel „Der Leopard“ geschrieben hat. Sein Roman heisst „Il Gattopardo“. Auf Deutsch ist das „Der Gebhard“. Das ist zwar auch eine Raubkatze. Aber „Leopard“ klingt für deutsche Ohren wohl irgendwie sizilianischer und auf alle Fälle zupackender, werden sich die Strategen des deutschen Literaturbetriebs gedacht haben.