Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03647.jsonl.gz/3101

Der Wildermettweg ist so schmal, dass Autos nur im Schritttempo durchfahren können. Er steigt sanft an bis zum höchsten Punkt, auf dem sich ein mächtiges Gebäude, Schlösschen fast, befindet. Es handelt sich um das ehemalige Lehrerinnen-Heim, welches heute zu domicil Bern gehört. Anschliessend fällt der Weg wieder ab und ergiesst sich wie ein schmaler, Einfamilienhaus-gesäumter Bach in die Manuelmatte in der Elfenau. Steht man am Ende des Wegs, geniesst man eine unvergleichliche Sicht über den oberen Teil des Elfenaugutes mit den mächtigen Bäumen mitten in der Wiese, auf welcher bis letztes Jahr die Kühe grasten, linkerhand die Berner Alpen, rechts gegen Wabern am Abend der Sonnenuntergang. Diesen Ausblick wird auch Maria Margaretha von Wildermeth genossen haben, die Namensgeberin des Wildermettwegs.
Frauen zur Zeit der Aufklärung
Maria Margaretha von Wildermeth wurde 1777 in Biel geboren, war Hofdame des Preussischen Königs und Erzieherin der russischen Zarin Alexandra, der Ehefrau von Zar Nikolaus I. Maria erwarb sich am Hof des Zaren grosses Ansehen, den Adelstitel und – wie es in der Biografie heisst - den zivilen Rang eines Generals, was immer das bedeuten mochte. Später liess sie sich auf dem Gut Beaumont in Bern nieder wo sie 1839 starb.
Am Zarenhof war Erziehung im Lichte der Aufklärung Mode. So liess Zarin Katharina II ihre Enkelkinder Alexander, Konstantin und Nikolaus unter anderem durch den Basler Peter Ochs und den Waadtländer César de la Harpe im Geiste Rousseaus erziehen. Alexandras Schwägerin Anna Feodorowna liess sich später von ihrem Ehemann Konstantin scheiden, der trotz aufgeklärter Erziehung ein ziemlich autoritärer und rüpelhafter Zeitgenosse gewesen sein muss. Sie übersiedelte nach Bern und wohnte ab 1814 im Elfenaugut.
Elfenau und Wildermettweg stehen für die bedeutende Rolle, welche gebildete und vornehme Frauen im Zeitalter der Aufklärung spielten. 1920 wurde der damalige Privatweg offiziell als Wildermettweg bezeichnet. Die Querstrasse heisst ebenfalls seit 1920 Alexandraweg nach der Russischen Zarin, sodass das Lehrerinnen-Heim an der Strassenecke zwischen der Erzieherin und der von ihr erzogenen Zarin steht. Leider fehlt auf dem Strassenschild des Alexandrawegs der entsprechende Hinweis. Beide gehören zu den ersten nach Frauen benannten Strassen in Bern. Noch früher wurden allerdings die Seilerstrasse 1887 nach Anna Seiler, der Stifterin des Inselspitals, benannt, sowie der Jennerweg 1903 nach Salome Julie von Jenner, der Stifterin des Jennerspitals.
Lehrerinnen und Frauenrechtlerinnen
Das Lehrerinnen-Heim selbst legt ebenfalls Zeugnis ab von selbstbewussten und selbständigen Frauen: der Lehrerinnen-Verein kaufte 1904 ein Stück des Elfenaugutes und baute ab 1908 das Heim für pensionierte Lehrerinnen. Der 1893 gegründete Schweizerische Lehrerinnenverein bildete zudem einen wichtigen Teil der frühen Frauenrechtsbewegung. Präsidentin war von 1902 bis 1920 die Bernerin Emma Graf. Sie war ab 1907 die erste Frau, welche in der Schweiz an einer höheren Mittelschule Naturwissenschaften unterrichtete, war später Präsidentin des Berner Stimmrechtsvereins und des Aktionskomitees für das Frauenstimmrecht in Gemeindeangelegenheiten. Was für eine Entdeckung: seit bald dreissig Jahren wohne ich neben dem Lehrerinnen-Heim, von dessen Geschichte und den engagierten Protagonistinnen ich bisher keine Ahnung hatte. Das wäre mit Sicherheit anders, wenn es eine Emma-Graf-Strasse gäbe.
Nachholbedarf
Die Kreuzung Wildermettweg-Alexandraweg ist einer der wenigen Orte in Bern, wo sich nach Frauen benannte Strassen kreuzen. In Brünnen trifft das noch auf Chaponnièrepark, Colombstrasse und Billeweg zu, im Wankdorf auf Hoffstrasse, Rosalia-Wenger-Platz und Neuenschwanderstrasse. Im Wankdorf besteht im Übrigen das Konzept «Grosse Helden – kleine Helden» für die Benennung von Strassennamen, wonach den Tells, Winkelrieds und Stauffachers nun Marie Böhlen, Anna Klawa oder Max Daetwyler zur Seite gestellt werden (siehe auch Journal B «Alles eine Frage der Kohärenz» zu den vaterländischen Strassennamen im Nordquartier).
Während 150 Strassen in Bern Männernamen tragen, sind erst rund 25 Strassen nach Frauen benannt, die allermeisten davon nach 1981, als Strassen nach längerem Unterbruch auch wieder nach Persönlichkeiten benannt wurden. Es gibt also noch viel Nachholbedarf. Stadträtin Regula Bühlmann hat dazu eine Motion im Stadtrat eingereicht und regt an, gleich mit den Strassen auf dem Mittel- und Viererfeld zu beginnen, wo 1928 die SAFFA, die erste Ausstellung für Frauenarbeit stattgefunden hat.