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Beaumarchais war der Mann zwischen zwei Stühlen. Manchmal setzte er sich absichtlich dazwischen, ebenso oft aber nicht. Aus bürgerlichem Hause (sein Vater war Uhrmacher, ein Beruf, den auch Beaumarchais ausübte) wurde er von Ludwig XV. geadelt. Er war Hofbeamter, fiel in Ungnade, konnte sich rehabilitieren, indem er als französischer Agent in London eine Schmähschrift gegen Madame Du Barry, die Mätresse des Königs, aus dem Verkehr zog. Später war er – ebenfalls oder noch immer im Dienste seiner Majestät (allerdings bereits des Sohnes von Ludwig XV., dem gleichnamigen XVI.) – Waffenschmuggler, der die rebellischen nordamerikanischen Kolonien mit Waffen gegen die dorthin entsandten britischen Truppen versah. Der französische Staat unterstützte ihn bei diesem Schmuggel – aber nicht offiziell, wo man ihn immer wieder desavouierte und im Regen (sprich: auf den Verlusten durch nicht zu Stande gekommene Verkäufe) stehen liess. Daneben war Beaumarchais literarisch fleissig zu Gange, mit eigenen Werken und als Herausgeber und Kommentator der Werke Voltaires.
Dies ist der Hintergrund zu den Briefen ohne Nadeln. Der deutsche Untertitel meiner Ausgabe lautet: Figaros Vater an Mme de Godeville, was irreführend ist oder sein kann. Zumindest ich dachte dabei an einen Briefroman, der die Vorgeschichte zu Beaumarchais’ berühmter Komödie La folle journée ou Le mariage de Figaro präsentiert. Es handelt sich aber bei Figaros Vater nicht um eine literarische Figur, sondern um Beaumarchais selber, und die Briefe sind echte Briefe an seine zeitweilige Geliebte, Mme de Godeville. Ihre Antworten sind nicht erhalten; wahrscheinlich hat sie schon Beaumarchais vernichtet, der damals in wilder Ehe mit seiner nachmaligen dritten rechtmässigen Gattin lebte – eine Beziehung, der bereits ein Kind entsprossen war, und die er offenbar nicht aufs Spiel setzen wollte.
Beaumarchais, hierin abermals zwischen den Stühlen von Rokoko und Aufklärung, vertrat gegenüber Mme de Godeville die erst heute wieder geltend gemachte Ansicht, dass eine Beziehung, die nur auf reinem (gutem!) Sex gründe, möglich und erwünscht sein könne. Aus seinen Briefen an Madame lässt sich allerdings schliessen, dass sie mehr gewünscht hätte – nämlich Liebe und Romantik. Beaumarchais schreibt ihr viel über Sex – den Sex, den er sich wünscht. Und diese Passagen sind ziemlich deftig, um nicht zu sagen pornografisch, geraten. Es sind eben Briefe ohne Nadeln. Dazu muss man wissen – und es wird dem Leser, der Leserin, im Nachwort erklärt –, dass zur Zeit Beaumarchais die weibliche Oberbekleidung mit Nadeln an der Unterbekleidung festgemacht war. Beaumarchais präsentiert sich in diesen Briefen also sozusagen in Unterwäsche. Es sind Briefe, die – wie man so schön sagt – mit einer Hand gelesen werden (und man fragt sich, ob sie auch nur mit einer Hand geschrieben wurden). Selbst der Name der Empfängerin, den Beaumarchais immer Gode schreibt und der so nirgends zu finden ist, könnte eine Anspielung sein auf den Gode(michet), wie der Dildo auf Französisch heisst. (Oh ja – Sextoys waren schon damals bekannt!) Auch sonst wissen wir wenig über Mme de Godeville. Auch sie war als Agentin für Frankreich tätig (aus ähnlichen Motiven wie Beaumarchais!). Daneben war sie offenbar eine fleissige Glücksspielerin, die das Geld, das sie von ihren Geliebten erhielt, gerne auch mal in einer Nacht am Spieltisch verspielte.
In seinen Briefen finden sich immer wieder Klagen über die Überarbeitung Beaumarchais’, der gerade zur Zeit des Briefwechsels (1777-1779) damit beschäftigt war, über eine zu diesem Zweck gegründete Firma Waffen in die amerikanischen Kolonien zu schmuggeln – Waffen, die er, ebenso oft wie nicht, nicht ausliefern konnte, weil Grossbritannien seine Tätigkeit mit argwöhnischen Augen verfolgte und wo immer möglich be- oder verhinderte. Auch wenn Frankreich ihm Kredit gab: Das finanzielle Risiko des Schmuggels trug Beaumarchais, und in jenen Jahren waren die Verluste extrem gross.
Ein interessanter Einblick in die Zeit des ausgehenden Absolutismus, gut kommentiert, von der Grösse eines Taschenbuchs, aber mit festem Pappeinband und Fadenheftung versehen (also durchaus geeignet, um einhändig gelesen zu werden 😉 !). Eine kleine Preziose aus einem kleinen österreichischen Verlag (Limbus).
Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais: Briefe ohne Nadeln. Figaros Vater an Mme de Godeville. Aus dem Französischen übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Sylvia Tschörner. Mit einem Vorwort von Albert Gier. Innsbruck: Limbus, 2017