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Der Jahresbericht 1917 über das Medizinalwesen im Kanton St.Gallen gibt Auskunft über den Gesundheitszustand der Bevölkerung.
So meldete Dr. Theodor Wartmann über den Physikatsbezirk St.Gallen: Die durch die lange Kriegsdauer bedingte Erschwerung der Lebensbedingungen machte sich, was die Volksgesundheit anbelangt, in doppelter Richtung fühlbar: erstens in somatischer Beziehung durch eine deutlich zutage tretende Unterernährung breiter Volksschichten mit der Gefahr der Zunahme der Tuberkulose; zweitens in psychischer Richtung durch eine merkliche Zunahme der Geistesstörungen, bei denen als auslösendes Moment in zahlreichen Fällen pekuniäre [finanzielle] Sorgen, Todesfälle und sonstiger Kummer angegeben wurde. Dagegen sind die Alkoholexzesse mit ihren Folgeerscheinungen: Misshandlung und Körperverletzungen weniger zahlreich geworden. […] Die Zahl der Anzeigen ansteckender Krankheiten war keine grosse. Eigentliche Epidemien kamen keine vor. Diphtherie und Scharlach sind nie ganz verschwunden; der letztere trat wiederum in einzelnen Hausepidemien auf. Die Zahl der öffentlichen wie der privaten Schutzpocken-Impfungen war eine geringe. […]
Anderes vermeldete Dr. Jakob Ritter aus Altstätten für den Physikatsbezirk Ober- und Unterrheintal: […] Die öffentlichen Schutzpockenimpfungen fanden wieder ordentlichen Zuspruch. […]
Dr. Hans Weiss aus Grabs hielt bezüglich des Physikatsbezirks Werdenberg und Sargans fest: […] Diphtherie trat in grösserer Zahl in Sevelen und Grabs auf. Die Masern zeigten sich in Buchs und Grabs ziemlich bösartig. Der ärztlichen Anzeigepflicht wird besonders im Bezirk Sargans schlecht nachgekommen. Im Bezirk Werdenberg starben 41 Personen = 13% sämtlicher Verstorbener an Tuberkulose, im Bezirk Sargans 78 = 22,3%. (Diese hohe Anzahl Verstorbener an Tuberkulose im Bezirk Sargans dürfte damit zusammenhängen, dass seit 1909 in Walenstadtberg das St.Gallische Sanatorium für Lungenkrankheiten beheimatet war.) Starker Geburtenrückgang speziell im Bezirks Sargans. Die Schutzpocken-Impfung wurde ganz schlecht besucht. In mehreren sarganserländischen Gemeinden erschien überhaupt niemand zu derselben. […]
Aus dem Physikatsbezirk Gaster und See berichtete Dr. Hermann Lerch aus Schänis: […] Die Kommunaluntersuche wurden von den drei Amtsärzten vorgenommen. Amden entbehrt trotz grössten Wasserreichtums einer Quellwasserversorgung, ebenso Rieden, das auf zwei bei Regen trübe fliessende Brunnen angewiesen ist. Das Armenhaus Goldingen, das ganz aus Holz erstellt ist, entbehrt jeder Löscheinrichtung. Im Primarschulhaus Schänis sind die Abtritteinrichtungen ganz schlechte, ohne dass es bisher gelungen wäre, hierin Wandel zu schaffen. In der Bekämpfung ansteckender Krankheiten ist noch manches zu verbessern. Gesundheitskommissionen und Desinfektoren arbeiten oft nicht richtig zusammen. Die Gesundheitskommissionen scheinen im ganzen bedeutend weniger gearbeitet zu haben als frühere Jahre, obwohl gerade jetzt Milch und Brot in vermehrtem Masse kontrolliert werden sollten, wie die Erfahrung zeigt. […] Epidemisch trat Diphtherie in Rapperswil auf und führte zur zeitweiligen Dislokation zweier Klassen der katholischen Primarschule und zur Desinfektion der Unterrichtslokale, Vernichtung der Schulbücher und Untersuchung der Schulkinder auf Bazillenträger. Die Ansteckungsquelle scheint aber eher ausserhalb der Schule zu liegen. In Schänis trat Krätze [Milbeninfektion, die zu starkem Juckreiz führt] epidemisch auf, so dass die Schulkinder auf sie hin untersucht werden mussten. Zahlreiche Fälle wurden zur Vornahme der Krätzekur ins Krankenhaus Uznach verwiesen. Unter den nicht epidemischen Krankheiten ist der in letzter Zeit zahlreich auftretenden Entzündung des Dünndarms, kombiniert mit Icterus [Gelbsucht], zu gedenken. Die Impffrequenz war keine grosse, etwas besser im Seebezirk als im Gaster. Rapperswil, Rieden und Weesen lieferten keine Impflinge. […]
Über den Physikatsbezirk Ober- und Neutoggenburg schrieb Dr. Walter Scherrer aus Ebnat: […] Die sanitarischen Kommunaluntersuche wurden in allen Gemeinden gemacht. Kinder im Alter von 3-16 Jahren waren in den Armenanstalten von Alt St.Johann, Krummenau und Kappel. Keine der Anstalten war überfüllt. Die meisten derselben verfügte über erfreuliche Lebensmittelreserven. Die Hebammen sind mit wenigen Ausnahmen auf der Höhe ihrer Aufgaben. […] Unter den ansteckenden Krankheiten, deren Zahl keine hohe war, steht die Diphtherie an erster Stelle, ohne dass es irgendwo zu einer Epidemie gekommen wäre. Obwohl je ein Scharlachfall sich in den Ferienkolonien im Bendel, Kappel, und im Sternen, Hemberg, ereignete, kam es doch nicht zu weiterer Ausbreitung. Wattwil, Ebnat und Kappel hatten im Frühjahr Keuchhusten-Epidemien. Eine Hausepidemie von 4 Typhusfällen schloss sich an einen Todesfall bei einer nicht ärztlich behandelten Person an, bei der die Todesursache nur vermutungsweise hatte festgestellt werden können. Das bereits im Vorjahre konstatierte gehäufte Auftreten von Icterus catarrhalis in verschiedenen Gemeinden wiederholte sich in verstärktem Masse, sobald wärmeres Wetter eintrat. Die Schutzpockenimpfung ergab punkto Beteiligung ein klägliches Resultat. […]
Über die Zustände im Physikatsbezirk Alttogenburg hielt Dr. Johann Meyenberger aus Wil unter anderem folgendes fest: Da Fälle von Unterernährung namentlich bei Schulkindern häufig wahrgenommen werden, erscheinen die Schulsuppenanstalten als ein dringendes Erfordernis. […] Die Impfgelegenheit wurde nur schwach benützt. Punkto Mortalität ist zu bemerken, dass in einer Landgemeinde 8 Kinder an Lebensschwäche und Folgen des Geburtsvorgangs starben. […]
Dr. Karl Jud aus Lachen-Vonwil berichtete über den Physikatsbezirk Untertoggenburg und Gossau: Der Mangel an Kartoffeln und die Beschränkung an Brot und Fett machte sich in vielen Familien bemerkbar, doch gelang es der öffentlichen Fürsorgetätigkeit in Gemeinden und Schulen die Ernährungsmöglichkeiten erträglich, wenn auch nicht überall befriedigend zu gestalten. […] Die sanitarischen Kommunalbesuche wurden von allen 3 Amtsärzten durchgeführt. Im Armenhaus Degersheim ist nun eine neue zementierte Hausgrube erstellt worden. Das Armen- und Krankhaus Uzwil hat neue Fussböden erhalten. Die Inspektion der Hebammengeräte gab nur zu einigen kleineren Aussetzungen Anlass. Die Entbindungshefte warn zumeist richtig geführt. Eine kleine Scharlach-Epidemie hatte Gossau im I. Quartal zu verzeichnen. im übrigen kamen Infektionskrankheiten vereinzelt, zeitweise gehäuft, das ganze Jahr hindurch zur Anzeige. Keuchhusten herrschte ziemlich verbreitet während des ganzen Jahres in Straubenzell. Die Pockenschutzimpfungen wurden wenig benützt. […] Amtsärztliche Gutachten und Berichte wurden 33 abgegeben. Davon betrafen Misshandlung und Körperverletzung 4, Mord und Totschlag 1, Selbstmord 5, zweifelhafte Todesursache 1, Abortus 2, Vergehen gegen die Sittlichkeit 4, krankhaften Geisteszustand 4, gewöhnliche Polizeifälle 2, Sanitätspolizeiliches 9, Lehrerpensionszeugnisse 1. […]
Dem Jahresbericht liegt auch eine tabellarische Übersicht über die Pockenschutzimpfungen bei. Insgesamt wurden im Kanton St.Gallen im Jahr 1917 1208 Personen gegen Pocken geimpft, die meisten im Unterrheintal (259 Personen), in Gossau (163 Personen), in Oberrheintal (152 Personen) und im Untertoggenburg (151 Personen). Am wenigsten geimpfte Personen verzeichneten Ober- und Neutoggenburg mit je 17 Personen. Unten an der Tabelle heisst es: Bleibende Impfschädigungen sind keine beobachtet worden. Zur Verwendung kam ausschliesslich Lymphe aus dem schweizerischen Serum- und Impfinstitut in Bern. Die Kosten für die öffentlichen Impfungen beliefen sich auf Fr. 2230.72.
Zum Thema Epidemien vgl. den Beitrag im Historischen Lexikon der Schweiz: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13726.php
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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ZA 039 (Jahresbericht über das st.gallische Medizinalwesen 1917) und P 907 (Die Ostschweiz, Nr. 202, 12.11.1917, Morgenblatt: Beitragsbild)