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In der Figur der Nymphe, die nurmehr Gesagtes wiederholen, nie aber von selbst sprechen kann, hat das Echo ein wirkmächtiges Bild gefunden, das die Literatur von der Antike bis in die Gegenwart prägt. Dabei lässt sich die Echo aber nicht nur auf eine mythische Figur reduzieren. Vielmehr ist auch das von ihr Figurierte, die klangliche Wiederholung an sich, in verschiedenen medialen Kontexten strukturbildend. So wird das Echo als Strukturmuster und Klangereignis in Literatur und Musik aufgegriffen, her- und dargestellt. Vor allem für die Dichtung und Musik des 17. Jahrhunderts, insbesondere im deutschsprachigen Raum und im Umkreis klangsprachlicher Poetologie, lässt sich das Echo als Paradigma begreifen.
Neben der Nymphe als Mythenfigur erscheint Echo als der "Wider-" oder "Gegenhall", als Form oder aber Stilmittel in verschiedensten literarischen und musikalischen Gattungen: In Geburts-, Hochzeits- und Leichengedichten, in dramatischen oder prosaischen Schäferdichtungen, aber ebenso in thematisch freieren Gedichtsammlungen, Gesprächspielen, Andachtsammlungen oder sogenannten Redeoratorien. Und abgesehen von punktuellen Vertonungen von Echogedichten in Generalbassliedern findet sich das Echo in nahezu allen textgebundenen musikalischen Gattungen; selbst liturgische Texte werden dem Echoprinzip unterworfen. Daneben tritt das Echo als formales Element unterschiedlicher instrumentaler Gattungen, insbesondere in Orgelmusik und stilisierten Tanzsätzen auf.
Das Phänomen des Echos in der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts lässt sich mit zahlreichen Tendenzen, Bedingungen und Funktionalisierungen in Verbindung bringen, von denen hier nur einige angedeutet werden: a) Über das Echo kann in literarischen wie musikalischen Kontexten eine Stimmenvielfalt erzeugt werden, durch die es zu Vervielfachung von Sinn kommt. Damit stellt das Echo ein Stilmittel dar, das nicht allein Formspielerei ist, sondern ein Werk für verschiedene Sinnebenen öffnen kann. b) Mittels seines besonderen Status zwischen semiotischem Sprachgestus und natürlichem Klangeffekt eignet sich das Echo als poetische Figur in besonderer Weise, um Überlegungen aus dem Kontext des zeitgenössischen Naturdiskurses ins Literarische zu holen und dort auszutesten oder zu beleuchten. Dazu gehört das Interesse an der Ursprache ebenso wie das Ideal einer Kunst, die die natürliche Ordnung spiegelt. c) Vor dem Hintergrund der Verschränkung von antiker und christlicher Poetik finden sich besondere Funktionalisierungen des Echos in geistlichen Dichtungen. Die Überblendung mit spekulativen, naturwissenschaftlichen oder kosmologisch-musiktheoretischen Diskursen spielt dabei eine wesentliche Rolle. Das sich allmählich verschiebende Hierarchiegefüge von abstrakter Zahlenproportion und klingender Musik (zugunsten letzterer) lässt es zu, dass im Echo Immanenz und Transzendenz zusammengeführt werden.
Der Workshop möchte die Gelegenheit bieten, die hier nur knapp skizzierte Vielfalt von Ausprägungen des Echos in literarischen und musikalischen Diskursen in gemeinsamer Lektüre zu erschliessen und zu diskutieren. Beiträge aus verschiedenen geistes- und literaturwissenschaftlichen Disziplinen sind dafür ausdrücklich erwünscht; das je spezifische Forschungsinteresse der Referierenden soll im Mittelpunkt stehen.
Da ähnliche Echophänomene in verschiedenen Sprachen und medialen Kontexten begegnen, bietet es sich an, nach Zusammenhängen und Parallelen zwischen unterschiedlichen Literaturen sowie zwischen musikalischen und literarischen Echostrukturen und -motiven zu fragen. Besonders erwünscht sind Beiträge, die den Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Echoentwürfen oder aber ihrem Verhältnis zu zeitgenössischer Poetologie und Musiktheorie einen besonderen Stellenwert einräumen. Für einen vergleichenden Zugriff bieten sich auch gemeinsam erarbeitete Vorschläge von Beitragenden aus unterschiedlichen Disziplinen an (z.B. Literatur- und Musikwissenschaften).
Vorzugsweise sollen Werke/Ausschnitte barocker Dichterinnen und Dichter/Komponistinnen und Komponisten im Mittelpunkt stehen, die bisher in der Forschung wenig Resonanz gefunden haben. Berücksichtigt werden können im Rahmen der Veranstaltung auch Relationen zwischen vormodernen oder frühneuzeitlichen Inszenierungsformen des Echos und ihrer Rezeption bzw. Transformation im Barock. Hier könnten Überlegungen zu verschiedenen Ausprägungen der Darstellung des/der Echo (als Figur, Narrativ oder Struktur) und ihren Traditionen anschließen.
Kernpunkt der Veranstaltung bildet die gemeinsame Lektüre und Diskussion der Musik- und Textausschnitte. Die Kurzbeiträge (höchstens 20 Minuten) bilden jeweils den Einstieg in die anschliessende, ca. 40-minütige Diskussion. Die Veranstaltung richtet sich besonders an Nachwuchsforschende aus den Literatur- und Musikwissenschaften oder benachbarten Disziplinen, die vor oder nach der Promotion stehen.
Welche verschiedenen formalen Ausdifferenzierungen von Echostrukturen lassen sich beobachten? - Inwiefern stehen sie mit anderen klangsprachlichen Formen in Verbindung? - Welche Funktionen erfüllen strukturelle Echophänomene? - Wie verhalten sich diese strukturellen Eigenschaften zur zeitgenössischen theoretischen Grundlegung (siehe auch "Kontexte")? - Inwiefern zersetzen Wiederholungen syntagmatische Strukturen sprachlicher Logik durch paradigmatische Strukturen? - Inwiefern stiften Echostrukturen Sinn?
Welche Differenzen oder Analogien zwischen musikalischen und literarischen Echoformen lassen sich beobachten? - Lassen sich zwischen Echodarstellungen und Echostrukturen in verschiedenen Medien Vergleiche anstellen? - Welchen Schwierigkeiten begegnet das Echo als Klang in bildlichen Darstellungen? - Wie sind die Formen von Selbstreferentialität zu begreifen, denen man in Echodichtungen begegnet? - Welche performativen Aspekte werden fassbar? - Wie steht es um die räumlichen Bedingungen von Echoaufführungen?
Lassen sich in Bezug auf Echoformen Gattungsspezifika feststellen? - Wie steht es um die historische Dimensionierung von Echostrukturen? - Gibt es Spezifika geistlicher/weltlicher Echodichtung? - Mit welchen Gattungen, Topoi und Stilen gehen Echoformen und -motive einher? - Woran sind Einflüsse empirischer Versuche bzw. deren Beschriebe festzumachen? - Welche theoretische Grundierung wird den strukturellen Echophänomenen in den zeitgenössischen Poetiken und in musiktheoretischen Schriften zuteil?
Welche antiken Vorlagen und Stoffe werden rezipiert und transformiert? - Welche Tendenzen lassen sich dabei erkennen? - Welche Bezüge bestehen zur italienischen und französischen Renaissance oder zu älteren und zeitgenössischen neulateinischen Formen? - Welche Funktionalisierungen lassen sich in der Transformation älterer Formen und Stoffe ausmachen?
Wenn Sie Interesse haben, an diesem Workshop teilzunehmen, senden Sie bitte bis am 24. August 2015 eine knappe Skizze Ihres Vorhabens (max. 2 A4-Seiten) und einen kurzen Lebenslauf an: