Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03093.jsonl.gz/1038

Daniel ist ein argloser Mensch und braucht lange, bis er merkt, was in dem berückend schönen Tal nicht stimmt. Es liegt in den Schweizer Bergen, eingebettet zwischen einem bewaldeten Hang und einer steilen Felswand, nach hinten ist es durch hohe Gipfel abgeschlossen. Nur ein kleines Dorf findet sich darin und ein grosses altes Kurhaus.
Aus diesem «Himmelstal» erhält Daniel die Einladung seines Bruders, ihn zu besuchen. Seine Freude ist gespalten, denn er hat mit ihm schon manch schlechte Erfahrung gemacht. Max und Daniel sind eineiige, aber dennoch sehr ungleiche Zwillinge, die als Kleinkinder in einem geradezu symbiotischen Verhältnis lebten. Daniel war lebhaft, bewegte sich viel und sprach. Max schwieg und blieb sitzen. Eine Kinderpsychologin entdeckte, dass Max seinen Bruder allein mit Blicken kommandierte, sodass Daniel alle verlangten Aktionen für Max ausführte, ihm etwa Spielsachen brachte oder Süssigkeiten abtrat.
Auch im «Himmelstal» führt Daniel aus, worum Max ihn bittet: Er rasiert seinen Bart ab und schlüpft dann in die Rolle von Max, damit dieser für einige Tage wegfahren kann. Er müsse ein Problem lösen und Geld beschaffen, so begründet es der Bruder, dann ist er sogleich weg – und die LeserInnen haben schon begriffen, dass er nicht zurückkommen wird. Denn dieses «Himmelstal» ist eine Art geschlossene Anstalt. Genaueres soll hier nicht verraten werden, schliesslich ist dieses Buch ein echter Psychothriller.
Die 1956 geborene schwedische Autorin Marie Hermanson, die mit Romanen wie «Muschelstrand» und «Die Zwillingsschwestern» zur Bestsellerautorin wurde, enthüllt in ihrem jüngsten Werk die unheimliche Wahrheit Stück für Stück, bis in eine politische Dimension hinein. Der Leiter der Anstalt hat nämlich seltsame Theorien, die er Daniel so erläutert: «Die übertriebene Sensibilität des Menschen ist ein Überbleibsel eines früheren Entwicklungsstadiums. Wie die Körperbehaarung. Du brauchst sie nicht mehr, und deshalb steht es dir frei, sie zu entfernen.»