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Ein schlechter Ruf kann Jahrhunderte überdauernde Folgen haben. Bis heute gelten die Kulturen Westmexikos aus der Zeit vor der Eroberung durch die Spanier als rückständig. Diese üble Nachrede geht auf die Azteken zurück, die erfolglos die Tarasken im Westen angegriffen hatten und an den Grenzbefestigungen gescheitert waren. Der Gegner, der mit den Waffen nicht besiegt werden konnte, wurde als provinziell und barbarisch abqualifiziert, die spanischen Eroberer übernahmen die Einschätzung kritiklos – und bis in die Gegenwart werden die präkolumbischen Kulturen durch die archäologische Forschung vernachlässigt. Dass das Bild korrigiert werden muss, zeigt die gegenwärtige Ausstellung des Museums Rietberg in seiner Dependance Haus zum Kiel in Zürich, die mit ihren Objekten einen Einblick in die Kulturen Westmexikos vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis zur spanischen Eroberung gibt.
Westmexiko zählt sechs Bundesstaaten mit jeweils eigenen Kulturen und Formensprachen. Die 49 Steinskulpturen aus dem Bundesland Guerrero sind der Mezcala- und der Chontal-Kultur zuzurechnen. Die Menschenfiguren sind blockhafte Gestalten, oft mit rudimentären Beinen, zumeist ohne Arme. Sie haben grosse Köpfe mit eingeschnittenen Gesichtszügen. Geschlechtsmerkmale fehlen. Eine verhalten expressive, aus Grünstein gehauene, stehende Menschenfigur hat einen schmalen, flachen Körper, lange Arme und Beine, auf den Schultern ruht ein flacher Kopf mit spitzem Kinn. Die Binnenzeichnung zeigt eine aufgerichtete Oberlippe, entblösste Zähne und verweist damit auf den Jaguar. Menschenkörper und Tierkopf – das Doppelwesen ist ein Zeremonialobjekt, das Irdisches und Überirdisches verbindet. Interessant sind auch die steinernen Architekturmodelle, die als Grabbeigaben dienten. Es sind Mauerstücke mit Sockel und waagrechter Bedachung. Wichtig sind vertikale Öffnungen, die, so nimmt man an, den Durchgang von einer Welt zur andern symbolisieren.
In den beiden Bundesstaaten Guanajuato und Michoacan finden sich aufwendig gestaltete, grosse und kleine bemalte Tonfiguren, fast ausnahmslos der Chupicuaro-Kultur zugehörig, datierbar in die Epoche zwischen dem 7. Jahrhundert v. Chr. und dem ersten Jahrhundert nach Christus. Charakteristisch sind flache Körper mit zumeist weiblichen Geschlechtsmerkmalen, kurzen Armen und Beinen. Dominant ist die 5 cm hohe, weibliche, breitschultrige Figur mit eingestemmten Armen und mit prallen ornamentierten Oberschenkeln. Das strenge geometrische Dekor setzt sich fort über Bauch und Brust, es begleitet Mund- und Nasenpartie und die weit geöffneten Augen. Die drei Küstenstaaten Nayarit, Jalisco und Colima sind für die archäologische Forschung äusserst ergiebig; 1993 wurde dort ein intaktes Schachtkammergrab entdeckt. Da fand sich beispielsweise die auch in der Ausstellung gezeigte hockende Gestalt, geschützt durch einen sich nach oben weitenden Harnisch, auf dem Kopf einen imposanten Helm. Mit beiden Händen hält der Mann einen Stab. Ist es eine Waffe? Ein Zepter? Oder verweist die Keule auf einen Schamanen?
Je älter die Exponate sind, desto einfacher ist generell die Formensprache. Durchgängige Merkmale sind die stark betonte, detaillierte Kopfpartie, die oft verkürzten, sogar fehlenden Gliedmassen, der Bauch gewölbt oder brettartig abgeflacht. Eine stilgeschichtliche Entwicklung ist noch nicht festzustellen. Drei Schlüsselwerke seien schliesslich erwähnt: einmal die stehende Menschenfigur mit dem Jaguarkopf, sodann ein um mehr als 2 Jahre jüngerer grauer Steinsitz in Gestalt eines Kojoten. Beides sind Ritualobjekte, die die Verbindung versinnbildlichen zwischen der realen Welt und der imaginierten. Zeitlich zwischen beiden ist die mächtige, breitspurige Frauengestalt einzuordnen, die vielleicht eine Gottheit darstellt.
Die Ausstellung «Mexiko – Vergessene präkolumbische Kulturen im Westen von Mexiko» ist bis zum 17. April 2 5 im Haus zum Kiel des Museums Rietberg, Zürich, zu sehen (www.rietberg.ch).
Elise Guignard, geboren 1926, studierte Kunstgeschichte,
Archäologie, Romanistik und Literaturkritik.