Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/833

Litauen, du hast es besser …
Nein, Litauen ist keine Insel der Glückseligen, dafür ist seine wirtschaftliche Lage zu prekär, und auch die Nachbarschaft mit der Russischen Föderation gibt derzeit Anlass zur Sorge. Eben wurde beschlossen, das Verteidigungsbudget massiv zu erhöhen.
Das grösste baltische Land, etwa eineinhalb Mal so gross wie die Schweiz, mit einer viermal geringeren Bevölkerungsdichte, hat dennoch kulturell einiges zu bieten.
Die Hauptstadt Vilnius (550 000 Einwohner) hat drei grosse Orchester: die Litauische Nationalphilharmonie, das Staatliche Sinfonieorchester und das Orchester des Litauischen Nationaltheaters. Zudem gibt es mit dem Litauischen Kammerorchester einen vierten professionellen Klangkörper. Während in der Schweiz Aufführungen einheimischer Kompositionen in den Programmen der staatlichen Institutionen eher Mangelware sind, wurden zum Zeitpunkt meines Besuchs Ende März von allen drei Orchestern zeitgenössische litauische Werke gespielt. Dafür gab nicht etwa ein Festival den Anlass und, noch ungewöhnlicher, alle Kompositionen stammten aus der Feder von Frauen.
Das umfangreichste der drei Werke war die abendfüllende Oper Kornetas von Onute Narbutaitė. Die Uraufführung Ende Februar stiess auf sehr grosses öffentliches Interesse, die Oper wurde mit grossem Erfolg gespielt. Narbutaité, geboren 1956, ist in ihrem Herkunftsland sehr bekannt. Ihre Werke werden aber auch regelmässig im Ausland aufgeführt, viele davon sind auf Tonträgern erhältlich. Wenngleich ihre Musik sehr heutig und um den kompositorischen Gedanken zentriert ist, bleibt sie für ein breites Publikum zugänglich.
Kornetas basiert auf Rainer Maria Rilkes Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, einer Erzählung aus dem Krieg gegen die Türken im 17. Jahrhundert. verzichtet aber auf eine Nacherzählung der Handlung. Vielmehr bezeichnet die Komponistin ihre Oper als «freie Improvisation» über den Rilke-Text und dessen Hauptthemen Jugend, Lebenshunger, Liebe und Tod. Als Kontrast und Vertiefung werden auch Briefstellen von Rilke verwendet sowie Zitate von Homer, Song Di, Johann Wolfgang von Goethe, Charles Baudelaire, Oscar Milosz, Georg Trakl, Paul Celan, Jaques Prévert und Charles Baudelaire. Einige wenige musikalische Zitate (etwa aus Richard Wagners Tristan) sind ebenfalls zu hören. Dabei ist die Behandlung des Orchesters meisterhaft: Obwohl nicht klein besetzt, dominiert kein lärmiger Tutti-Klang, vielmehr bleiben helle, transparente Klänge in Erinnerung, die z.B. durch das Reiben von Gläsern auf der Bühne entstehen. Der Chor wird in der Festszene sehr originell eingesetzt, die darauf folgende Liebesszene ist intensiv, aber nicht konventionell. Insgesamt hat die Oper auch wegen ihrer Traumszenen, die so bei Rilke nicht vorkommen, einen poetischen Charakter und nähert sich der Handlung eher andeutungshaft. Getragen von suggestiven und ästhetisch ansprechenden Bildern des Regisseurs Gintaras Varnas und der Bühnenbildnerin Medilė Šiaulytytė, hat die Produktion einen starken Reiz. Die Sängerinnen und Sänger hatten durchgehend ein sehr hohes Niveau, wie auch die Leistung des Orchesters unter seinem Chefdirigenten Robertas Šervenikas. Man würde sich die Oper ein zweites Mal anschauen!
Die Nationalphilharmonie, das repräsentativste Orchester Litauens, wurde 1940 gegründet und wird – man höre und staune – seit 1964 von Juozas Domarkas dirigiert. Das von mir besuchte Konzert stand unter der Leitung der jungen litauischen Dirigentin Mirga Gražinytė, die derzeit 1. Kapellmeisterin am Berner Theater ist und in der übernächsten Saison die musikalische Leitung des Salzburger Landestheaters übernimmt. Mit ihrer positiven Energie konnte sie das Orchester überzeugen, die Repertoirestücke im Programm (das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms und Ludwig van Beethovens 5. Symphonie) auf eine den Musikerinnen und Musikern offensichtlich weniger vertraute Art zu spielen. Das Ergebnis waren spannungsvolle Interpretationen.
Auch Fires (2010), eine Komposition der knapp vierzigjährigen Raminta Šerkšnytė aus Vilnius wurde aufgeführt. Das Werk hatte Mariss Jansons für seinen Beethoven-Zyklus mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Auftrag gegeben. Es sollte sich auf die 5. Symphonie beziehen und mit ihr zusammen aufgeführt werden. Šerkšnytė war es anfänglich suspekt, ein Werk über ein Werk eines anderen Komponisten zu schreiben. Sie fand dann durch eingehende Analyse einen gangbaren Weg, sich mit Beethoven auseinanderzusetzen: Seine Harmonien bilden die Basis für die Entwicklung der Neukomposition, in die auch die Beschäftigung mit der biographischen Situation Beethovens zur Zeit der 5. einfloss. Entstanden ist ein dramatisches und spannungsvolles Werk, das auf plakative Zitate verzichtet und mit vielen interessanten Instrumentationsdetails aufwartet. Fires ist von Eindrücken der Natur und der Elemente inspiriert, wie auch einige andere Werke der Komponistin mit den Titeln Glut, Berge im Nebel oder Eisberg-Sinfonie. Šerkšnytė, die bereits als Kind komponierte, studierte in Litauen und im Ausland und schrieb für unterschiedliche Besetzungen. Dennoch ist das Orchester das Medium, durch das sie ihre kompositorischen Vorstellungen am besten in Klang umsetzen kann.
Im Konzert des Staatlichen Sinfonieorchesters, das ich leider verpassen musste, da es sich mit den beiden anderen Aufführungen überschnitt, wurde ein Konzert für Viola und grosses Orchester, Awakening, von Zita Bružaitė (geb. 1966) uraufgeführt.
Warum es in Litauen so viele Komponistinnen gibt, konnte mir niemand ganz schlüssig erklären. Es scheint aber, dass bereits zu Sowjetzeiten Frauen Komposition studieren konnten, ohne mit Diskriminierung rechnen zu müssen. Wie aber bereits damals das Interesse junger Frauen am Komponistinnenberuf geweckt wurde, wird man noch im Detail untersuchen müssen.