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Wer den Kapitalismus in der Schweiz verstehen will, muss sich mit dem Denkmal Alfred Eschers treffen: Ein Zwiegespräch zu dessen 200. Geburtstag.
Es ist ein bisschen eng hier. Vor uns die Trams, hinter uns die Busse, und dazwischen Sie, hoch oben auf dem Sockel: Mächtig stehen Sie da im bronzenen Gehrock, streng blicken Sie die Bahnhofstrasse hinunter und über den Zürichsee hinaus zum Gotthard.
So weit kann ich Sie beruhigen: Auch 2019 fahren immer noch Züge südwärts durch den Tunnel, dessen Bau Sie als Direktor leiteten. Man hat kürzlich sogar einen zweiten, längeren eröffnet. Am Paradeplatz geschäftet noch immer die Schweizerische Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse, die Sie zur Finanzierung Ihrer Bahnlinien gründeten. Und könnten Sie Ihren kantigen Kopf drehen, dann würden Sie sehen, dass auch der Hauptbahnhof fast immer noch so aussieht, wie ihn der Architekt Ihrer Nordostbahn plante, mit dem Triumphbogen, vor dem jetzt Ihr Denkmal steht.
Ich dachte, ich komme an Ihrem 200. Geburtstag vorbei, um Ihnen zu erzählen, was aus Ihren Gründungen geworden ist und wie es heute um Ihren Ruf steht. Es hört uns ja niemand in diesem Verkehrslärm. Ich hätte auch noch ein paar Fragen. In den letzten Wochen habe ich einiges über Sie gelesen. Je mehr ich wusste, desto weniger glaube ich, Sie zu kennen: Sie, Alfred Escher, geboren am 20. Februar 1819 in der Villa Belvoir mit ihren prächtigen Gartenanlagen draussen vor der Stadt, gestorben am 6. Dezember 1882, noch immer wohnhaft im Belvoir, mit einem Familienvermögen mindestens sechsmal so hoch wie zu Beginn. Schon wenige Jahre nach Ihrem Tod wurde für Sie ein Denkmal gegossen und hier vor dem Hauptbahnhof platziert.
Männerbündelei
Entworfen hat Ihre Statue der Bildhauer Richard Kissling, von dem auch das Tell-Denkmal in Altdorf stammt. Tell war ein Mythos, Sie wurden einer. Vielleicht hat Kissling deshalb wasserspeiende Drachen um Ihr Denkmal platziert: als Zeichen, dass Sie über einer sagenumwobenen, vormodernen Schweiz stehen. Kissling hat übrigens auch das Denkmal des philippinischen Freiheitshelden José Rizal in Manila gestaltet, der den «Tell» von Friedrich Schiller ins Tagalog übersetzt hat. Jede Geschichte ist eben von Anfang an international verflochten. Auch Ihre, Escher, wir kommen noch drauf!
Privilegierter als Sie konnte man im 19. Jahrhundert nicht aufwachsen: mit Kutschern, Dienerinnen und Privatlehrern. Ihr Vater Heinrich hatte sein Vermögen in Übersee gemacht, wie es damals hiess. Nun genoss er sein Leben beim Blumenzüchten und Insektensammeln. Mit dem alten, zöpfischen Zürich wollte er nichts zu tun haben. Auch Sie haben in Ihrer Jugend gerne botanisiert. Warum Sie sich plötzlich für die Rechtswissenschaft begeisterten, sich für die radikal-liberale Sache entflammten und ins politische Getümmel stürzten, 1848 im neuen Bundesstaat zu einem der ersten Nationalräte des Landes gewählt wurden und im Amt blieben bis zu Ihrem Lebensende, ist mir ein Rätsel. Wobei, wer will schon ein Leben lang botanisieren?
An Ihrer politischen Laufbahn fällt auf, dass Sie sich nie in den Bundesrat wählen liessen. Ganz im Gegensatz zu selbsternannten Jahrhundertpolitikern, die sich später in dieses Amt gezogen fühlten. Das ist wohl die wichtigste Lektion, die man von Ihnen über dieses Staatsgebilde lernen kann: Die Macht übt nicht die Regierung aus, sondern sie liegt in Netzwerken, besonders in ökonomischen.
Seit Ihrer Jugend waren Sie äusserst geschickt, solche zu knüpfen – in der Mittwochs- und in der Donnerstagsgesellschaft, in der Sie sich mit Gleichgesinnten trafen. Die reinste Männerbündelei war das, viel Wein wurde dabei getrunken. Man kann auch von Filz sprechen oder noch deutlicher von einem System, wie es Ihre Kritiker von der Demokratischen Bewegung taten: dem System E. Der Scharfzüngigste von ihnen, Friedrich Locher, veröffentlichte über Sie gar ein Pamphlet mit dem Titel «Der Princeps und sein Hof». Doch bleibt die Frage, wofür Sie diese Macht nutzten.
Zuerst unbestritten für Zürich: Die Stadt lag 1850 hinter den Grenzstädten Genf und Basel zurück, bei der Wirtschaftskraft wie bei der Bevölkerungszahl. Zur Hauptstadt war Bern bestimmt worden. Sie erkannten, dass sich mit dem Eisenbahnnetz die Schwerpunkte verlagern liessen. So entschieden Sie sich gegen den Bau einer Bundesbahn, obwohl Sie grundsätzlich für zentralistische Lösungen waren. Mit einer Privatbahn, vom Kanton subventioniert, konnten Sie Zürich den entscheidenden Vorteil verschaffen: den Anschluss an den Bodensee, auf den auch Basel abzielte. 1853 gründeten Sie die Zürich-Bodensee-Bahn, die spätere Nordostbahn.
Damit Sie nicht länger von französischen Geldgebern abhängig waren, schufen Sie 1856 die Kreditanstalt. Bei der Gründung standen die AktionärInnen Schlange, Zürich wurde zum Finanzplatz. Auch später bei der Diskussion um die Alpentransversale ging es Ihnen vor allem um Zürich: Lange blickten Sie nach Osten, zum Lukmanier, doch als die Nordostbahn die Linie nach Luzern übernehmen konnte, engagierten Sie sich für den Gotthard. «Unser ganzes Netz convergiert gegen den Gotthard», schrieben Sie in Ihrer knappen, vorwärtseilenden Sprache. Ach, dieses Zürich: Waren Sie fort aus der Stadt, wurden Sie häufig krank und mussten wieder heim ins Belvoir. Ausser natürlich, es war Session in Bern. Da wartete ein eigener Waggon der Nordostbahn am Hauptbahnhof, der Sie an die Sitzungen brachte.
Den Schlüssel drehen
In der Bevölkerung nannte man Sie den Eisenbahnbaron, Sie waren unzweifelhaft ein Grosskapitalist. Doch taugen Sie schlecht als Vorbild für Marktradikale, waren wohl eher ein Staatsfreisinniger. Über die heutige, auf den Eigennutz bedachte FDP würden Sie Ihren Quadratschädel schütteln. Nichts zeigt Ihren Einsatz für das öffentliche Leben in der Schweiz so deutlich wie der Versuch, eine Universität zu gründen. Genau, eine eidgenössische Universität und nicht bloss eine technische Hochschule. Denn auf die wollten Sie eigentlich hinaus, weil eine solche doch auf der Erde einmalig wäre: «Die Schweiz hat drei Nationalitäten, und deren Wissenschaften sollen nebeneinander ergänzend und erleuchtend gepflegt werden», sagten Sie im Parlament. Allein, Sie scheiterten am Widerstand der Katholiken und der Romands. Über Nacht konnten Sie aus dem Gesetzesvorschlag das Polytechnikum retten, aus dem die heutige ETH entstand. Sie ist heute weltweit bekannt, darauf können Sie schon etwas stolz sein da oben auf Ihrem Sockel.
Wie es sonst steht mit Ihrem Ruf, ist schwierig zu sagen: unentschieden? Die einen widmen Ihnen prächtige Biografien. Andere schreiben, man solle Sie endlich vom Sockel holen. Einen grossen Festakt wird es zum Jubiläum jedenfalls keinen geben. Es ist ja durchaus erfreulich, dass eine Männermachtfigur wie Sie im 21. Jahrhundert nicht mehr abgefeiert wird. Man hätte sich aber auch etwas Vergnügliches ausdenken können, einen Tag Gratisfahren auf dem Schienennetz der SBB beispielsweise. Die Bahn musste 1898 verstaatlicht werden, der Wettbewerb hatte sich leergelaufen.
Je länger ich über Sie nachdenke, desto mehr vermute ich aber, dass die Gründe für die Zurückhaltung etwas tiefer liegen. Das Eigenartige an Ihnen ist ja, dass Sie als Person kaum greifbar werden. Man ist direkt froh um die tragische Liebesgeschichte Ihrer Tochter Lydia, die mit dem Kunstmaler Karl Stauffer durchbrannte, worauf sie von ihrem Ehemann verraten wurden. Da wird, neben all den Akten, die Sie studierten, den Kommissionen, die Sie präsidierten, den Direktorien, die Sie dirigierten, so etwas wie ein Leben spürbar. Sie selbst kommen nur in Ihren Projekten vor. Jede politische Richtung kann deshalb heute etwas mit Ihnen anfangen: die Freisinnigen, weil Sie den Finanzplatz begründeten, die Linken, weil Sie öffentliche Werke schufen, und sogar die Konservativen, weil Sie strikt die Neutralität der Schweiz verteidigten.
Ich glaube, Escher, das ist Ihr Problem: Sie sind die machtvolle Leerstelle in dieser Bundesstaatsgründung. Von weitem betrachtet, sieht Ihr Denkmal ja auch aus wie ein Schlüsselloch. Steckt man den Schlüssel hinein, dann beginnt sich die Firma namens Schweiz zu drehen. Und dann fällt halt auch raus und runter, was gerne verdrängt wird: die Geschichte der ArbeiterInnen etwa.
Auf Ihrem Denkmal sitzt ein Mann mit stählernem Oberkörper und einem «Gotthard»-Schild. Es ist kein Bauarbeiter, sondern gemäss Bildhauer Kissling die «selbstbewusste Tatkraft» des Schweizers. Zynischer geht es kaum, haben doch vor allem Italiener den Gotthardtunnel gebaut. Sie arbeiteten fast nackt, wegen der feuchten Tunnelluft, ihre Körper waren geschunden, wegen der katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Unterkünften in Göschenen und Airolo. Mehrere Hundert Menschen liessen beim Tunnelbau ihr Leben.
Schweigen zur Sklaverei
Noch etwas wurde in den letzten Jahren aus Ihrem System bekannt, Escher: dass das Vermögen Ihres Vaters Heinrich, der mit dem Handel von Kaffee, Tee, Reis, Tabak und Baumwolle reich wurde, auch aus seiner Plantage Buen Retiro auf Kuba stammte, auf der über achtzig SklavInnen arbeiten mussten. Schon Pamphletist Locher schrieb über einen Besuch in Ihrer Villa Belvoir: «Gibt es wirklich eine Vorsehung, eine Gerechtigkeit? Auf dieser Welt wohl nicht, denn die Negersklaven, aus deren Schweiss und Blut dieser Palast gebaut ist, sie modern schon längst auf fremder Erde, während ihre Herren sich besten Wohlseins erfreuen.» Sie selbst haben eine Beteiligung an der Sklaverei zeitlebens abgestritten. Auch das passt zur Schweizer Geschichte.
Auf Wiedersehen! Ich gehe jetzt einen Stock tiefer, ins Shopville. Da sieht man Ihr Denkmal immer noch, die tragende Säule im Untergeschoss umhüllt ein Regenvorhang. Noch einen Stock tiefer führt eine neue Bahnlinie vom Osten in den Westen des Landes und umgekehrt. Die Züge halten selbstverständlich mitten in Zürich. So bald werden wir Sie und Ihre Vorgaben wohl nicht los.
Dieser Artikel stützt sich auf die Biografie «Alfred Escher. Aufstieg, Macht, Tragik» von Joseph Jung, erschienen bei NZZ Libro, und auf die Recherche «Die Sklaven der Familie Escher» von Res Strehle, veröffentlicht im «Magazin» vom 8. Juli 2017.