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Einleitung
Genf ist eine praktische Stadt. Schon in vorrömischer Zeit diente sie als Brücke zwischen den Ufern der Rhone, die sich hier dem See entwindet und dem Mittelmeer zustrebt. Dank dieser Lage konnte sie im Mittelalter florierende Messen abhalten und in der Renaissance protestantische Flüchtlinge aufnehmen, mitsamt ihrem Können, Fachwissen, Kapital und Lebensstil, was ihr zu europäischem Format verhalf. Aus dem Durchgangsort Genf haben die hier wohnenden Menschen Schicht um Schicht einen Ort aufgebaut, wo sich die große Welt trifft, um seit über einem Jahrhundert Pläne auszuarbeiten und auszuhandeln, die für mehr Wohlergehen weltweit sorgen sollen. Der Zufall spielt die Hauptrolle. Die politischen Umstände spielen die zweite Rolle. Die Genfer die dritte, indem sie sich den dargebotenen Gelegenheiten nicht verschließen, auch wenn sie nicht jedesmal aktiv beteiligt sind.
Dieses Genève internationale, wie man es nennt, hat seine eigene Geschichte. Sie besteht aus Glücksfällen und aus dem prägenden Einfluss von einheimischen oder von auswärts gekommenen großen Persönlichkeiten. Auch aus kollektivem Gedächtnis, jenen Spuren der Vergangenheit, die das Denken und Fühlen der Gemeinschaft ständig neu schaffen.
Diese Geschichte lässt sich in Momente zusammenfassen, die auch die Kapitel des vorliegenden Buches bilden: der Moment der Reformation (1536), als Genf mit der religiösen und politischen Loslösung von seiner Umgebung alles riskiert; der Moment des humanitären Aufbruchs und der Gründung des Roten Kreuzes (1863), als die Stadt sich dem internationalen Recht verschreibt; der Moment des Völkerbunds (1920), als sie zum leider enttäuschenden Versuchslabor der Friedensdiplomatie wird; der Moment der Vereinten Nationen (1946), als die UNO sie mit ihrer gegenwärtigen Funktion der technischen Umsetzung der Weltverbesserung betraut.
Selbstverständlich verdankt Genf bei allen diesen Episoden auch der Schweiz, dass es zu dem wurde, was es ist: reformiert, nachdem Bern und Zürich vorangegangen waren; humanitär mit der Eidgenossenschaft, die bereitwillig die Konventionen unterzeichnete und als Staat für die Sache einstand; Sitz des Völkerbunds, weil die Schweizer mehrheitlich der Empfehlung des Bundesrats folgten und für den Beitritt zur neuen Organisation stimmten; UNO -Stadt, weil der Bund die Bauten mitfinanzierte und die diplomatischen Verbindungen verwaltet. Das Genf, von dem hier die Rede ist, ist schweizerisch durch Neigung und Zugehörigkeit. Der Bundesvertrag mit der Eidgenossenschaft ist unbestritten von gegenseitigem Interesse. Nur die Kosten geben Anlass zur Diskussion.
Jedem dieser Momente in der Geschichte Genfs entspricht eine große Erschütterung in der Geschichte Europas oder der Welt: Im 16. Jahrhundert zerbricht die Einheit des christlichen Abendlands; im 19. und 20. Jahrhundert folgen auf katastrophal mörderische Kriege in einer Gegenreaktion der Völkerbund und die UNO als absolut neue Einrichtungen der internationalen Zusammenarbeit; und im 21. Jahrhundert entdeckt man, dass mit dem Ende der totalitären Ideologien und dem Bewusstwerden der Umweltbedrohung alle Völker dieser Erde ein gemeinsames Schicksal haben.
Auch wenn es friedlich am Ufer des Genfersees vor der Kulisse des Mont Blanc daliegt, spürt Genf nicht weniger die Erschütterung der Welt, ist es nicht weniger den endlosen Fragen ausgesetzt, die nur die Hoffnung erträglich macht. Ein plastischer Ausdruck des Umbruchs, den die Jetztzeit erlebt, ziert seit November 2008 die Decke des Saals der Menschenrechte im Völkerbundspalast: Ein danteskes Werk des spanischen Malers Miquel Barceló, das Tonnen von eingefärbtem Kunstharz als Schlünde, Stalaktiten, Wellenkämme und Farbkleckse über unseren Köpfen schweben lässt, es ist ein Himmel, unser Himmel, unser einziger, doch aufgewühlt von schwindelerregenden Details und verstörenden Farbübergängen. Wie der aus Martinique stammende Dichter Edouard Glissant unter dieser vom spanischen König im Namen der „Allianz der Zivilisationen“ gestifteten Decke sagte, braucht es Worte und Formen für eine Welt, die unwiderruflich eins und unwiderruflich verschieden, unwiderruflich undurchsichtig und unvorhersehbar ist, Worte und Formen, die zittern angesichts dieses ganzen Chaos.
Ein Katalane aus der alten Welt und ein Martinikaner aus der neuen haben, in gemeinsamem Auftrag des Königs jenes Landes, das Kolumbus aussandte, für Genf die „Geopoetik“ des 21. Jahrhunderts gestaltet.