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Dass ein Krankenpfleger im bayerischen Sonthofen eine noch ungeklärte, aber hohe Anzahl von Senioren, die sich in seiner Obhut befanden, vom Leben zum Tod befördert habe. […] Die Debatte, die von den Nachrichten aus Sonthofen hätte stimuliert werden können – wäre die öffentliche Aufmerksamkeit nicht gerade von der Rechtschreibreform und Hartz IV absorbiert worden –, diese Debatte handelt von der Sterbehilfe und ist ja keineswegs abgeschlossen.
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Rutschky, Michael
[…] es kam mir so vor, als hätten wir es hier mit einem craze, wie man in Kalifornien sagt, zu tun. Bei der Parlamentswahl ginge es nicht mehr um politische Grundrichtungen und die Selektion des Personals, das die Geschäfte führen soll. Vielmehr würde sich die Beseitigung von Schröder/Fischer umstandslos einfügen in die Reihe der anderen crazes, mit denen sich die Gesellschaft schon so lange vergnügt, die Rechtschreibreform und die Bildungskatastrophe ("nach Pisa …"), die bovine spongiforme Enzephalopathie und der Elektrosmog, die Kampfhunde und die Computerspiele (als Programmierung zum Amoklauf). Nach einer Saison pflegt der craze zu verfliegen; verblüfft wischt sich Der Wähler die Augen und versteht kaum, warum jetzt Dr. Stoiber und seine bayerischen Kader das Kanzleramt besetzen.
Dieser Krieg ist so unselig wie alle anderen auch. Es geht um Macht. […] Und was ist Macht? Die Hybris des Kopfes über die Regungen des Herzens. So einfach ist das. […] Leserbrief von Herrn Reischmann im "Spiegel" vom 3. Dezember 2001. […] Solchen Quatsch meinen nur Frauen, meint unsere Freundin Jutta in ihren Anfällen von Misogynie. Er stammt aber von Herrn Reischmann, und ich gehe mal davon aus, dass sein Meinen immer wieder diesen Punkt erreicht, was auch immer ansteht. […] Die Hybris derer, die beispielsweise eine Reform der Rechtschreibung für wünschenswert und möglich halten, ermutigte die Reischmanngleichen immer wieder zu Tiraden von schneidendem Hohn. Von Bedeutung ist vor allem dieser Höhepunkt, den der eine rasch, der andere langsamer erreicht und bei dem auch manchmal leise daneben getroffen wird: Es gibt nur Probleme, es gibt keine Lösungen. Wer sich an das Lösen, auch nur das Bearbeiten von Problemen macht, missversteht den Weltzustand. Er gerät sofort in heillose Verstrickungen und verwandelt sich daher unweigerlich in einen Teil des Problems, das zu lösen er vorgegeben hat. […] Was Herrn Reischmann und seinesgleichen vom fernöstlichen Fatalismus gründlich unterscheidet, das ist der Hohn; ohne Umschweife oder auch nur Höflichkeitsfloskeln beanspruchen sie privilegierten Zugang zur höheren Einsicht und können die, welchen er fehlt, ob er amerikanischer Präsident ist oder der nächste Leserbriefschreiber (oder, im Fall der Rechtschreibreform, die Kultusbürokratie), nur mit Verachtung strafen. […] Wenn Herr Reischmann und seinesgleichen höhere Einsicht beanspruchen in die Unlösbarkeit der Probleme und die Anmaßung derer, die behaupten sie lösen zu können, so beweisen sie diese Einsicht noch keineswegs. Sie melden bloß einen Anspruch auf eine höhere Position an. Wir sehen sie statt mit einer intellektuellen Tätigkeit (argumentieren) mit einer sozialen Tätigkeit befasst, dem guten alten Distinktionsspiel. Wie alle Leserbriefschreiber leidet Herr Reischmann daran, dass er bloß der Leser ist statt des Leitartikelschreibers, und der Hohn, die schneidende Formulierung sollen diese Statusdifferenz abtragen, was natürlich misslingt. In puncto Rechtschreibreform gaben sie sich ja stets rasch als die weit kompetenteren Linguisten zu erkennen, die der Kulturbürokrat in seiner Verblendung typischerweise einzuvernehmen versäumte.
Nicht mehr in den Duden zu schauen - obwohl man's manchmal nötig hätte -, damit ist ein gewisses Maß an Schreibsouveränität erreicht; man hat die widerwärtigen Demütigungen, die noch in meiner Schulzeit Deutschlehrer allzu gern anlässlich von Rechtschreibfehlern austeilten, endgültig hinter sich. Und hier muss ein Teil des Zorns seinen Ursprung haben, den die Rechtschreibreform hervorgerufen hat. Plötzlich ist der Duden nicht mehr bloß für Schüler und Sekretärinnen, sondern auch für Martin Walser (wieder) nötig. […] Merke: Max Weber unterscheidet in seiner Herrschaftssoziologie drei Typen von Ordnung, die gesatzte, die durch Pietät geheiligte und die durch einen charismatischen Führer geoffenbarte. Was immer Theodor Ickler oder Christian Meier oder Durs Grünbein sagen: die Orthographie ist eine gesatzte Ordnung und kann durch Beschlüsse verändert werden. Konrad Duden, habe ich mir sagen lassen, hielt sie für ein unabschließbares work in progress.
Das größte Leiden des 20. Jahrhunderts, behauptet unser Freund R., Systemtheoretiker, bestand vom ersten Tag an darin, daß es halt das 20. Jahrhundert war. […] Aber auch auf allen anderen Feldern, so unser Freund R., machte sich der Bedeutsamkeitsdruck des 20. Jahrhunderts unangenehm bemerkbar. […] Allüberall hat sie gedrückt: Das Bauhaus in Weimar, dann Dessau wollte Das Haus kreieren; man wußte, wie Die Wohnung ausschaut. Der Tisch für die Mahlzeiten, Die Lampe, die ihn erhellt. Der Lampenschalter. Die Türklinke. Das Teeglas, kichert der Systemtheoretiker. — Zu schweigen von den anderen großen Reformprojekten, die gleichzeitig kursierten, die Nacktkörperkultur, die Kleinschreibung, der Vegetarismus: Also die endgültige Ernährung (ohne Fleisch), die endgültige Orthographie, die endgültige Bekleidung (keine).
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