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Antonio Löla war ein Weber. Niemand im Dorf verstand wie er so prächtige und starke Leinwand zu weben. Unglücklicherweise aber konnte Tonio weder lesen noch schreiben noch rechnen, hatte keinerlei Bildung und keinen Begriff vom Wert des Geldes. Ging er mit einer kleinen oder großen Summe von daheim fort, so konnte man sicher sein, daß er mit leeren Händen wieder zurückkehrte. Entweder bezahlte er den vielen Freunden, die sich um ihn drängten, ihr Essen und Trinken, oder er kaufte ganz gedankenlos eine Menge unnützer Dinge für sich und seine Frau. Es war wirklich zum Verzweifeln, wie er mit saurer Mühe sein Geld verdienen mußte und es so nutzlos wieder ausgab.
Das war jedoch nicht das einzige Übel. Wenn er nämlich Einkäufe machte, so zahlte er, was ihm der Händler gerade dafür verlangte, ohne es zu merken, wenn es das doppelte, dreifache oder zehnfache des Wertes war. Natürlich machten sich die Händler, wenn sie Betrüger oder Spitzbuben waren, dies zunutzen und prellten ihn, wo sie nur konnten. Aber auch beim Verkauf seiner schönen Leinwand zeigte sich Antonio nicht weniger einfältig und nahm gleich das erste Angebot an, das ihm die Leute dafür machten.
Sein Weib Teresina, eine verständige Frau, war natürlich untröstlich über die leichtsinnige Art, wie ihr Mann das Geld verschleuderte. Deshalb wollte sie nun allein das Ein- und Verkaufen und alle Geldsachen besorgen.
Eines schönen Tages aber beschloß Antonio Löla, so eifrig sei ne Frau sich ihm auch widersetzte, an den Wochenmarkt zu gehen, der in der nächsten Stadt abgehalten wurde und wohin man zwei Stunden Weges zu wandern hatte. Er band vier Ballen der schönsten Leinwand zusammen, legte sie in seine weite Gerla (Tragkorb), lud sie auf den Rücken und machte sich auf den Weg in die Stadt. Kaum hatte er dort seine Ware vor sich ausgebreitet, so konnte er sie für fünfundzwanzig Marengo - Goldstücke oder fünfhundert Franken verkaufen.
Ohne sich weiter in der Stadt aufzuhalten, verließ er den Markt und wandte seine Schritte wieder nach Hause zurück. Unterwegs begegnete ihm in einem Kastanienwald ein Müller, der ein hübsches Eselein vor sich hertrieb, welches unserm Weber gar gut gefiel, denn er hatte sich schon lange ein solches Tier gewünscht, um den weiten Weg nicht mehr zu Fuß machen zu müssen.
«Mein lieber Freund», sprach Tonio Löla zu dem Müller, «ihr führt wohl dieses Tier zum Markt in die Stadt? Wollt ihr mir den Esel für fünfundzwanzig Marenghi verkaufen?» - «Ja freilich», entgegnete der Müller und war froh, ein solches Anerbieten zu bekommen. Er nahm das Geld, übergab ihm den Esel und zog weiter. Der Weber aber hatte kaum das Tier ein Stück weit am Halfter geführt, so blieb es bocksteif stehen, spreizte alle vier Beine von sich und war auf keine Art mehr vorwärtszubringen. Dabei schnellte es seine langen Ohren bald vor- bald rückwärts, daß es klatschte, ließ ein klägliches Geschrei erschallen, daß man es weithin hören konnte und begann wie ein Tobsüchtiger mit allen Vieren auszuschlagen, weshalb Tonio sich nicht mehr zu helfen wußte.
Gleich darauf kam ein Metzger des Weges. Tonio Löla redete ihn an und sprach: «Ich möchte gern dieses Tier verkaufen, es ist so störrisch und eigensinnig, dass man eine Mauer damit einrennen könnte. Wie viel würdet ihr mir dafür geben?» - «Fünfzehn Franken, mehr ist es nicht wert. Schaut doch, wie mager es ist, man kann ihm alle Rippen zählen! Eine Salami ist nichts dagegen», gab der Metzger zur Antwort und machte ein paar verschmitzte Augen.
Antonio nahm die fünfzehn Franken in Empfang und war froh, den widerspenstigen Esel wieder los zu sein.
Bald darauf kam ein Gemüsehändler des Weges und wollte mit seinem Wägelchen in die Stadt auf den Markt. Er hatte prächtige Kartoffeln, und da kam unserm Weber in den Sinn, seiner Frau damit eine Freude zu machen. Er kaufte ihm für die fünfzehn Franken einen großen Sack voll ab und trug die schwere Last seelenvergnügt heimwärts. Aber der Sack fing ihn jämmerlich an zu drücken und Tonio konnte ihn kaum mehr tragen.
Zum Glück begegnete ihm ein Fischhändler, der ihn fragte: «Ei, was habt ihr da Schweres zu schleppen? Möchtet ihr mir nicht einige Fische abkaufen?» Antonio wurde mit dem Mann bald handelseinig und tauschte seinen schweren Sack Kartoffeln gegen einen schönen persischen Fisch.
Und so kam er endlich mit Gottes Hilfe nach Hause.
Als die Frau sah, daß der ganze Erlös für die schönen Ballen Leinwand ein einziger schäbiger Fisch war, geriet sie in höchste Wut, und es war ein Wunder, daß sie nicht einen knorrigen Stock von der Wand nahm und den Rücken ihres Mannes damit liebkoste. Noch ganz kochend vor Zorn nahm sie den Fisch mit in die Küche und wollte sich daraus wenigstens ein bescheidenes Mittagessen bereiten.
Da fand sie zu ihrem Erstaunen in seinem Magen eine wundervolle Perle von unschätzbarem Wert. Wer vermag jetzt ihre Freude zu beschreiben? Ohne ihrem Manne etwas zu sagen, lief sie damit sofort zu einem Goldschmied in die Stadt, welcher ihr die Perle für die Summe von zwölfhundert Marengo-Stücken abkaufte. Jetzt hatte sie so viel, daß sie und ihr Mann bei einiger Sparsamkeit ihr Leben lang ungesorgt sein konnten.
Glückstrahlend kehrte sie mit dem vielen Geld nach Hause zurück, suchte ihren lieben, wackeren Antonio auf und erzählte ihm, was für einen seltenen Fund sie gemacht habe. Auch gab sie ihm jetzt alle Koseworte, schmeichelte und küßte ihn so liebevoll, bis sich Antonio von ihren Umarmungen befreite und entrüstet ausrief: «Da siehst du, liebe Teresina, da haben wir's jetzt klar, was für feine Geschäfte ich zu machen verstehe! Und dabei sagtest du immer, ich verstünde mich keinen Pfifferling auf den Wert des Geldes!» So hatten der Weber und seine Frau dennoch ein unverhofftes Glück gefunden.
Märchen erzählt in Campestro von Silvio Savi, 1929
Aus: Walter Keller, Tessiner Sagen und Volksmärchen
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.