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Am 12. Februar 2009 um 22:16 Uhr Ortszeit, verschwand die Colgan Air Bombardier Q400 während des Endanflugs auf die Landebahn 23 des Buffalo Niagara International Airport, plötzlich vom Radarschirm, was zu 50 Todesopfern an Bord führte. Die anschliessende Untersuchung durch das NTSB ergab, dass die Reaktion des Piloten auf die Warnung des nahenden Strömungsabriss falsch war, was zu einem nicht behebbaren Strömungsabriss führte. Die FAA und das NTSB äusserten Bedenken, dass der Vorfall mit Colgan Air 3407 kein Einzelfallbleiben wird und dass in naher Zukunft ähnliche tödliche Bedrohungen auftreten könnten. Einige Jahre später war die Welt erneut, über zwei weitere Vorfälle, schockiert: Der A330 Air France 447 und der A320 Air Asia 8501, bei welchen 390 Menschen ums Leben kamen. Beide Vorfälle hatten Ähnlichkeiten, da die Piloten schlecht auf eine Stallwarnung reagierten.
Mehrere Unfälle, darunter solche in der Schweiz, wie die Piper PA-46 D-EMDB, die Premier 1 DIAYL in Samedan, die Junkers Ju-Air HB-HOT und die Piper PA-28RT-201 G-BVDH auf dem Simplon Pass, haben die Ernsthaftigkeit des Problems hervorgehoben. Zahlreiche ähnliche Vorfälle erregten grosse Aufmerksamkeit in den Medien und zwangen die Aufsichtsbehörden dazu, einen Fahrplan zur Bewältigung dieser eskalierenden und unbekannten Bedrohung zu erstellen: Unkontrollierte abnormale Fluglagen (aircraft upset), gefolgt von einem Kontrollverlust im Flug (LOC-I).
Tatsächlich war der Kontrollverlust im Flug (Loss of Control in Flight, LOC-I) in den letzten Jahrzehnten eine der Hauptursachen für Unfälle und Zwischenfälle in der kommerziellen Luftfahrt, der Freizeitluftfahrt und der allgemeinen Luftfahrt. Laut IATA handelt es sich um die Unfallart mit der niedrigsten Überlebensrate in der Geschichte der Luftfahrt. Angesichts der Schwere des Problems hat die Internationale Zivilluftfahrt- Organisation (ICAO), LOC-I als Hauptrisiko in ihren globalen Flugsicherheitsplan, für den Zeitraum 2020–2022, aufgenommen. Im Schweizer Flugsicherheitsplan 2023–2025 und im Flugsicherheitsbericht 2022 wurden LOC-I und die Verhinderung von unkontrollierten, abnormalen Fluglagen (aircraft upset), als Bereiche mit höchster Priorität identifiziert. Das Verständnis der Ursachen, das Erkennen von Warnzeichen und die Umsetzung vorbeugender Massnahmen sind entscheidend, um das Risiko dieser tödlichen Unfälle einzudämmen. LOC-I stellt nach wie vor ein grosses Problem dar und birgt sowohl für Piloten als auch für Passagiere hohe Risiken.
Dank der Zusammenarbeit verschiedener Interessengruppen wurden bereits bedeutende Massnahmen ergriffen, um das Problem anzugehen. Zum Beispiel die Erstellung des ersten ICAO-Handbuchs, Doc 1011 „Manual on Airplane Upset Prevention and Recovery Training“, im Jahr 2014 und die Entscheidung der EASA, vor der Erlangung der ersten Mehrpiloten
Typenberechtigung, ein Advanced Upset Prevention and Recovery Training (AUPRT) vorzuschreiben, sind nur einige Beispiele.
Es ist jedoch besorgniserregend, dass das neu festgelegte Regelwerk, zur Minderung der Gefahr eines Kontrollverlusts im Flug, bei Multi-Pilot-Operationen keine Initiativen für den allgemeinen Luftfahrtsektor enthielt. Es ist alarmierend, dass LOC-I in diesem speziellen Bereich, ebenfalls für die meisten Unfälle und Vorfälle verantwortlich ist.
Definition LOC-I und „aircraft upset“
LOC-I passiert nicht ohne Anzeichen oder Warnungen, sondern ist die dramatische Entwicklung eines anderen Phänomens namens „unkontrollierte abnormale Fluglagen“ (aircraft upset). In der Definition des „aircraft upset“ im EASA GM3 FCL.010 heisst es: „aircraft upset“ bezieht sich auf einen unerwünschten Flugzeugzustand, der durch unbeabsichtigte Abweichungen von Parametern, während des normalen Betriebs, eintreten kann. Ein „aircraft upset“ kann daher Abweichungen in der Neigung und/oder im Querneigungswinkel oder unangemessene Fluggeschwindigkeiten beinhalten. Jede Neigung von mehr als +25° oder -10°, jeder Querneigungswinkel von mehr als 45° oder jede für die Flugphase ungeeignete Geschwindigkeit wird als „aircraft upset“ definiert.
Wenn unkontrollierte, abnormale Fluglagen (aircraft upset) unbemerkt auftreten oder schlecht gehandhabt werden, kann dies zu LOC-I mit katastrophalen Folgen führen. LOC-I wurde von der NASA definiert als: „[…] erhebliches, unbeabsichtigtes Abweichen des Flugzeugs vom kontrollierten Flug, dem operativen Flugbereich oder den üblichen Fluglagen, einschliesslich Ereignisse am Boden.“ „Erheblich“ bedeutet ein Ereignis, das zu einem Unfall oder Zwischenfall führt.“ Diese Definition schliesst katastrophale Explosionen, CFIT (kontrollierter Flug ins Gelände oder Boden), Kollisionen auf Landebahnen, vollständigen Schubverlust und alle anderen Unfall Szenarien, welche nicht mit einem Kontrollverlust einhergingen und bei denen die Besatzung die Kontrolle behielten, aus. Jedoch gehören der Kontrollverlust aufgrund von Flugzeugdesign, Flugzeug Fehlfunktionen, menschlicher Leistung und anderen Ursachen hinzu. “Vereinfacht definiert die IATA das LOC-I als „[…] Unfälle, bei denen die Flugbesatzung nicht in der Lage war, die Kontrolle über das Flugzeug zu behalten“, was zu einer unwiderruflichen Abweichung von der vorgesehenen Flugbahn führt.“
Was können wir tun
Unkontrollierte Fluglagen und LOC-I können tatsächlich verhindert, erkannt und behoben werden. Prävention ist der wichtigste Aspekt bei der Bewältigung dieses Problems.
Es hat sich gezeigt, dass die alleinige Sensibilisierung durch theoretische Workshops nicht ausreicht, um diese Vorfälle zu verhindern. Dies liegt vor allem daran, dass Piloten bei solchen Workshops nicht den psychischen und physischen Auswirkungen der stressigen und überraschenden Ereignisse im Zusammenhang mit unkontrollierten Fluglagen und LOC-I ausgesetzt werden. Regulierungsbehörden, Sicherheitsbehörden und Flugschulen sollten ein hohes Mass an Wachsamkeit aufrechterhalten und praktische Schulungen fördern, die sich auf den effektiven Umgang mit verschiedenen unkontrollierten Fluglagen und LOC-I, in einer sicheren Umgebung, konzentrieren. Um Piloten darauf vorzubereiten, mit diesen Situationen souverän und geschickt umzugehen, ist eine praktische Ausbildung von entscheidender Bedeutung. Piloten sollten dieses Problem mit äusserstem Respekt angehen und die Möglichkeit nicht unterschätzen, dass ihnen eine ausgeprägte unkontrollierte Fluglage oder sogar ein schlimmeres LOC-I passieren könnte.
So erreichen wir das Ziel
Schulung gilt weithin als die beste Massnahme gegen Kontrollverlust bei Flugunfällen (LOC-I) und „aircraft upset“. Mit der Erfahrung aus mehr als 50 praktischen Kursen pro Jahr, mehreren Dutzend Stunden pro Jahr für Seminare zu diesem Thema und Simulationen für Linienpiloten auf Airbus 320, konnte ich einen Ansatz entwickeln, der in mehrere Schritte aufgebaut ist:
Stufe 1: Bewusstseinsbildung
Umfassende Schulungsprogramme informieren Piloten über die Ursachen, Symptome und Warnzeichen von LOC-I und aircraft upset. Durch die Sensibilisierung und Bereitstellung des notwendigen Wissens sind Piloten besser in der Lage, potenzielle Risiken zu erkennen und proaktive Massnahmen, zu deren Vermeidung, zu ergreifen.
Stufe 3: Handhabungs- und Wiederherstellungstechniken
Schulungsprogramme vermitteln Piloten die Fähigkeiten und Techniken, die sie zum Umgang mit unkontrollierten Fluglagen und zur Durchführung wirksamer Wiederherstellungsverfahren benötigen. Dazu gehört das Verständnis der Aerodynamik, der Flugsteuerungssysteme und die Verwendung geeigneter Steuereingaben, um die Kontrolle über das Flugzeug zurückzugewinnen und aufrechtzuerhalten. Durch das Üben dieser Techniken in simulierten Szenarien gewinnen Piloten Selbstvertrauen und Kompetenz bei der Bewältigung von unkontrollierten Fluglagen.
Stufe 4: Stressbewältigung und Resilienz
Trainingsprogramme umfassen häufig Techniken zur Stressbewältigung und psychologische Faktoren, die sich auf die Leistung des Piloten, in Situationen mit hohem Stress, auswirken können. Durch die Auseinandersetzung mit Stressfaktoren und die Bereitstellung von Massnahmen hilft das Training den Piloten, eine ruhige und konzentrierte Denkweise zu bewahren, sodass sie effektiv auf unkontrollierte Fluglagen reagieren können, ohne in Panik oder übermässigen Stress zu verfallen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Schulungen die beste Massnahme gegen LOC-I Vorfälle und unkontrollierte Fluglagen darstellen, indem sie das Bewusstsein schärfen, Prävention fördern, richtige Handhabungs- und Wiederherstellungstechniken vermitteln und Stress bewältigen. Durch die Investition in solide Schulungsprogramme können Piloten die mit LOC-I Vorfällen verbundenen Risiken erheblich reduzieren und so letztlich für einen sichereren Luftverkehr für alle sorgen.
Einschränkungen
Ein solides Ausbildungsprogramm muss einen Ausbildner mit nachgewiesener Fachkenntnis und ein geeignetes Flugzeuge umfassen, welches für den Kunstflug geeignet ist, aber auch alle Eigenschaften von normalen oder Mehrzweckflugzeugen aufweist. Es ist zu beachten, dass die Erstausbildung weiterhin wichtig ist, ihre Wirksamkeit jedoch schnell nachlässt und mit zeitlich festgelegten Wiederholungen geübt werden muss.
Schlussfolgerungen
Unkontrollierte Fluglagen und LOC-I stellen zusammen das grösste Risiko für die Luftfahrt, auf allen Ebenen, dar. Es trifft Piloten mit jeder Erfahrung und unabhängig vom Flugbetrieb und dem geflogenen Flugzeugtyp. Wenn einerseits dank des EASA „Advanced Upset Prevention and Recovery Training“ eine positive Initiative ergriffen wurde, muss dennoch betont werden, dass dieses wichtige Training nur für die erste Musterberechtigung für Piloten und für wiederkehrende Schulungen im Bereich des kommerziellen Flugverkehrs obligatorisch ist. Piloten der allgemeinen Luftfahrt und Freizeitpiloten haben von diesen Korrekturmassnahmen keinen Nutzen gezogen, so dass die Verantwortung für den Zugang zu spezifischen Schulungen und die Verbesserung ihrer Fähigkeiten dem Einzelnen überlassen bleibt. Der Himmel gehört allen Piloten, und alle Piloten sollten von den gleichen Hilfsmitteln profitieren, um ihre Flüge sicherer zu machen.
Andrea Salomoni
Head of Training
Wings Level GmbH
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