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Man muss Hans Ulrich Obrists Antwort auf eine Einladung zum Interview – das er um 6 Uhr morgens vorschlägt (im besten Fall um 8 Uhr) – fast erlebt haben, um zu verstehen, wie sehr dieser 1968 geborene Mann aus Fleisch und Blut wie ein Roboter zu funktionieren scheint – aus einer zukünftigen Generation wohlgemerkt. Für sein Umfeld ist er eine Art Lebenselixier. Er verfolgt unglaublich viele Projekte gleichzeitig und arbeitet unermüdlich daran, die verschiedenen Disziplinen rund um seine einzige Leidenschaft, die Kunst, zusammenzubringen und zu reflektieren. Schon seit seiner frühen Jugend arbeitet er unermüdlich daran, sein grosses Werk – jeden Augenblick seiner Existenz mit Wissen und Fragestellungen zu füttern – erfolgreich zu vollenden. Er hat ein Ritual entwickelt, von dem er kaum abweicht. Aufstehen um 6 Uhr, ins Bett um Mitternacht, dazwischen liest, sieht, spricht, schreibt er viel und kommuniziert mit seinen drei Assistenten. Zwei davon befinden sich tagsüber in den Serpentine Galleries, einer arbeitet nachts (in seinem Londoner Domizil). Ein gewisser Shackleton, direkter Nachkomme des Atlantikforschers, ein Mann mit Ausdauer also. Seine Aufgabe ist unter anderem, Obrists Interviews aufzuschreiben: Tausende Stunden Aufzeichnungen von Treffen mit Künstlern, Philosophen, Architekten, natürlich im Obrist-Wortschatz geordnet: dringend, Archipel (das er als «Arkipel» ausspricht), Verbindung, Demokratie. Er konzentriert sich auf diejenigen, die ihn wirklich interessieren und von denen er sich einen Beitrag zu den grossen globalen Debatten verspricht. Er hat wichtige, vergessene Künstler wie Huguette Caland und Etel Adnan aus der Versenkung geholt, aber auch von ihm entdeckte Künstler gross gemacht, insbesondere Olafur Eliasson. Als Anhänger der Abschaffung zeitlicher, räumlicher und intellektueller Grenzen interessiert er sich für die stete Erneuerung der Spielregeln wie in «Do It», einem mit Christian Boltanski und Bertrand Lavier 1993 entworfenen Ausstellungskonzept, das er immer wieder neu erfindet.
Er, der die Schule als «zu langsam» beurteilte, machte sich schon früh in die weite Welt auf. Mit 17 Jahren entschied sich das Einzelkind aus der Region St. Gallen, seinen Horizont zu erweitern – mit Museen und Künstlern. Nachtzüge ermöglichten ihm zeitsparendes Reisen, und auch die Kosten einer Hotelübernachtung entfielen. Auf diese Weise traf er die grössten zeitgenössischen Künstler. Im Vorwort zu ...dontstopdontstopdontstop (Sternberg Press, 2006, englisch), einem Werk, das Obrists Erzählungen über seine wichtigsten Ausstellungen von 1990 bis 2006 sammelt, schreibt Rem Koolhaas, dass Obrist im Gegensatz zu anderen Redegewandten gerne die anderen zu Wort kommen lasse. Mit demselben Koolhaas organisierte Obrist 2006 den ersten Serpentine Marathon, an dem während 24 Stunden Gespräche stattfanden. Er hat dies seither wiederholt und dabei Persönlichkeiten aus allen Wissensgebieten um sich versammelt. In seiner Vorgehensweise an Serge Djagilew erinnernd bringt er Menschen zusammen, die durch ihren Austausch einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen leisten. Das Networking ist ein besonderes der zahlreichen Talente von Hans Ulrich Obrist. Doch woher kommt sein unstillbarer Drang? «Vielleicht bin ich, wie Pessoa, in einem permanent unruhigen Zustand», meint er in aller Ruhe.
Ausstellung «Mondialités», kuratiert
von Hans Ulrich Obrist und Asad Raza, bis zum 27. August in der Fondation Boghossian, Brüssel. www.villaempain.com
Photo credit: Fe Pinheiro