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Nahaufnahme: Das erste Mal, als Bára Gísladóttir einen Kontrabass in die Hand nahm, war sie bei einem Schüleraustausch in Neuseeland. Sie hatte als Kind Geige gespielt, es einige Jahre zuvor aber wieder aufgegeben, da ihre Leidenschaft für Fußball größer war als die für die Musik. Das Schulorchester brauchte aber jemanden, der Kontrabass spielt, und so wurde Gísladóttir mit ihrer Erfahrung als Streicherin ermutigt, es zu versuchen. Da war es hilfreich, dass die Teenagerin ihr Lampenfieber hinter dem voluminösen Instrument verbergen konnte. Aber was noch wichtiger war: Gísladóttir fühlte sofort eine Verbundenheit mit den langen, dicken Saiten und dem großen Resonanzraum des Instruments. Sie entdeckte, wie kleinste Veränderungen des Fingerdrucks oder der Bogengeschwindigkeit neue, verlockende Klangwelten hervorrufen konnten: an jedem Punkt konnten Millionen von Universen stecken. Als sie lernte, diese Welten zu kontrollieren – die feinen Justierungen ihrer Hände, die es ihr ermöglichten, diese Welten nach Belieben zu betreten und zwischen ihnen hin und her zu wechseln – fühlte sich ihr Bass nicht mehr wie ein eigenständiges Objekt an, sondern wie eine Erweiterung ihres eigenen Körpers. Seither hat er sie kaum jemals mehr verlassen.
Als sie einige Jahre später mit dem Komponieren begann – sie studierte an der Iceland Academy of the Arts in Reykjavík, am Conservatorio di Musica „Giuseppe Verdi“ in Mailand und an der Royal Danish Academy of Music in Kopenhagen – behandelte sie Momente gesteigerter Emotion in ihrer Musik, wie die Saiten ihres Basses: wie winzige Nadeln, die in den Lebensfaden stechen und ihn zum Klingen bringen.
So verwandelte sie in Suzuki Baleno (2016) einen beunruhigenden Blick aus der Kindheit ins Erwachsen-Sein in ein ausgedünntes Wiegenlied. In Music to accompany your sweet splatter dreams (2019) wurde der Nervenkitzel einer rasanten Bergabfahrt auf der Ladefläche eines Pick-Ups zu einem Kaleidoskop aus Schreien und atemloser Stille. Im selbsterklärenden Rage against reply guy (2021) zerschellen die Wogen der Abscheu, mit denen jede Frau online zu kämpfen hat, in vom Doom-Metal inspiriertem Dröhnen. Durch subtiles Komprimieren und wieder Loslassen errichtet Gísladóttir Wände aus Geräuschen und rohen Klängen – ineinander verschachtelte Erinnerungs- und Wirkungswelten – jede mit dem Potenzial, unsere unmittelbare Wahrnehmung zu überwältigen. „Der Bass ist für mich zu einem Zuhause geworden“, erklärt sie heute. „Und von der Haustür aus kann man alles sehen.“
Porträt. In Kopenhagen, wo sie seit 2015 lebt, pinnt Gísladóttir Bögen von Manuskriptpapier an die Wände ihres Arbeitszimmers. In der Mitte sitzend, will sie ihre Musik nicht aus der Vogelperspektive betrachten, sondern sich mit ihr umgeben, um ganz in ihr aufzugehen. So wie ihre Arme ihren Bass umschlingen, möchte sie, dass sich ihre Musik um sie wickelt; eine Spirale in der Spirale.
Gísladóttirs Musik zu hören, bedeutet, sich in einen sich windenden Organismus zu versetzen und von innen zu beobachten, wie er sich ausbreitet, verzehrt, tanzt und reproduziert. „Die Idee, Klang als etwas Lebendiges zu behandeln, ist mir sehr wichtig", sagt Gísladóttir in ihrem Arbeitszimmer. „Das Verständnis von Klang als etwas Sterilem, finde ich sehr deprimierend; es ist so wichtig, sich darauf zu besinnen, dass in allem Leben steckt, nicht nur in uns Menschen." In Animals of your pasture (2021) stellt sie sich eine Herde von Tieren vor, die sie aus verschiedenen Kameraperspektiven und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten betrachtet. Dennoch ist die Musik viszeral, und nicht pastoral: Die Herde rennt, schläft und singt, und ihre Lebendigkeit spiegelt sich im metallischen Knistern von Fingerhüten auf Cembalosaiten, im Heulen und Dröhnen von Holzbläsern und im Chaos von E-Gitarren-Improvisationen wider. Auf ähnliche Weise stellt sich Gísladóttir in SILVA (2022), einem einstündigen Solo für Bass und Elektronik, das geheime unterirdische Leben der Bäume vor: eine Welt der Techno-Raves und Heavy-Metal-Partys tief im Untergrund. Doch so humorvoll dieses Bild auch sein mag, führen die Schichtungen der elektronischen Prozesse (und die Macht tiefer Frequenzen zu verflüssigen und zu verschlingen) es doch über den Organismus, über das Sein hinaus. Ihr Bass wird, durch seine Resonanzen und seinen Widerhall reflektiert und verzerrt, weniger zum Objekt als zum Hyperobjekt: etwas, das so massiv und diffus ist, dass es nicht mehr direkt wahrgenommen werden kann; wie der Klimawandel oder das Patriarchat.
Weitwinkel. In ihrem Kokon dehnt sich Gísladóttir aus. Im Februar 2020 saß sie in der Mitte der großen und klangvollen Grundtvig-Kirche in Kopenhagen. Der Anlass war ihr Studienabschluss und die Uraufführung ihres Werkes VÍDDIR (2019), zu der sich viele Menschen versammelt hatten. Neben ihr standen die drei Schlagzeuger von NEKO3 und ihr regelmäßiger Duopartner, der renommierte Jazzbassist Skúli Sverisson. Um sie herum saß das Publikum in stiller Erwartung, wiederum umgeben von einem Kreis aus neun Flöten: ein silberner Ereignishorizont. Vom Schrei, mit dem das Stück beginnt, bis zum langen Bassflötensolo, mit dem es endet, durch tiefe Bass-Sümpfe und das kohleartige Glitzern und Glänzen metallischer Perkussion, durchläuft die Musik in VÍDDIR diesen Kreis vom äußeren Rand zur Mitte und zurück, wie Schallwellen über einen riesigen Gong. Über den Rand von Flöten hinaus entzieht sie sich der Kontrolle der Spieler und schwappt an die Wände der Kirche, wo sie sich auflöst und als tieftönendes Grollen und statisches Knistern zurückgeworfen wird. Klangrelikte des Urknalls. Vom Rande des Universums blickt Gísladóttir zurück, um uns zu berühren. Wir sind weit entfernt von unserer Haustür.