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Vom 5. bis zum 15. August findet in Locarno zum 68. Mal das Filmfestival statt. Dessen Geburtshaus, das Grand Hotel, steht seit 10 Jahren leer. Und Besetzer-Regisseure werden nicht mehr geduldet.
Die ehemaligen Besetzer sind verschwiegen. Klandestin. X verweist mich an Y und die an Z. Der will aber nicht wirklich was sagen. Ich schreibe Z: «Michael Steiner macht auch mit.» Michael Steiner, der Regisseur von «Grounding», «Mein Name ist Eugen» oder «Sennentuntschi». 2006 besetzte er das seit einem Jahr leer stehende Grand Hotel in Locarno. «Und F?» fragt Z zurück. F ist gerade wichtig. Sehr wichtig. Ein kulturpolitischer Player in einer grossen Schweizer Stadt. Ich kontaktiere F via Facebook und sehe, dass er meine Anfrage nach einer Anekdote aus alten Zeiten innerhalb von Sekunden gelesen hat. Eine Antwort kommt keine.
Zwischen 1990 und 1992 gab es eine legendäre Gruppe von cinephilen jungen Zürchern aus dem Umfeld der Wohlgroth-Besetzung. Die während des Filmfestivals Locarno kein Geld hatten, um sich eins der überteuerten Hotelzimmer zu leisten. Weshalb sie kurzerhand Zimmer in leeren Hotels besetzten. Denn in Locarno gibt es zu jeder Zeit leer stehende, aufgegebene Hotels, das ist eine der Tragödien von Locarno.
«Welche Hotels habt ihr denn besetzt?», frage ich Z, der langsam auftaut. Er schickt mir statt einer Antwort ein paar Ausschnitte aus der Google-Map von Locarno. «Ihr habt wirklich das Ramada am See besetzt?» «Ich weiss es nicht mehr. Irgendeins von den Häusern. Und übrigens kamen die ‹Zürcher› damals alle aus dem Aargau. Echte Zürcher waren damals zu wenig politisch. Und wieso warst du nicht dabei?» Weil ich damals die besetzten Häuser von Berlin viel aufregender fand.
Und wie war das so in den leeren Hotels? Kein Strom, kein Wasser, logisch, bloss Jahre alte Staubschichten auf Spannteppichen. Am Morgen erwachten alle mit roten Augen, danach gingen sie ins Kino FEVI am Stadtrand und benutzten dort die sanitären Anlagen. Ebenfalls in der Nähe des FEVI, unter der Autobahnbrücke an der Maggia, gab es eine illegale Bar. Und zum Ende der Besetzung wurde kollektiv im Swimming Pool des Grand Hotels geplanscht, was dieses nicht wirklich entzückte. Die Polizei «lauerte», schritt aber nicht ein. Jedenfalls schliesse ich das aus den raren Informationsbrocken der Ex-Besetzer.
2005 hörte das Herz des Filmfestivals auf zu schlagen: Das Grand Hotel wurde nach 130 Jahren Betrieb geschlossen. Dabei war das Filmfestival 1946 im Park des Hotels gegründet worden. Erst 1971, als der Park zu klein wurde, zog die Openair-Leinwand auf die Piazza Grande um, wo sie heute noch ist. Und im Grand Hotel stiegen elf Nächte lang wie Feuerwerke die schönsten Partys.
Doch dann wollten die fünf Erben den geliebten Kasten zu einem Spielcasino umbauen, erhielten aber keine Genehmigung, zerstritten sich und setzten den grössenwahnsinnigen Kaufpreis von 22 Millionen Franken in die Welt.
Ein Jahr nach der Schliessung besetzten Michael Steiner und Freunde also das Grand Hotel: «Ach, besetzt, wir haben einfach selbst dort eingecheckt und übernachtet. Alles war noch intakt, in jedem WC gabs exakt eine Ladung Wasser. Wir benutzten dann mal ein paar. Und wir belegten natürlich die Suite.»
Gabs Ratten? «Drinnen nicht. Die rannten draussen rum. Als wir drin waren, machten wir den Spruch: ‹Der Service ist immer noch genau gleich.› Kein Wunder ist das Ding Konkurs gegangen. Der Service war hundemies, die hatten keine Ahnung, wie man Kapital machen kann, absurde Preise, drei Männchen hinter der Bar bei einem Andrang von 400 Leuten. Aber die Stimmung ...»
Für den zweiten Abend ihrer grossen Hotel-Okkupation hatten Steiner und Freunde viele Leute zur Party geladen. «Dank eines aufmerksamen Hausmeisters wurde das verhindert. Als wir am Morgen aufwachten, hatte er uns eine Rolle Stacheldraht auf dem Tisch hinterlassen. Als nonverbale Kriegserklärung. Als wir unterwegs waren, blockierte er alle Zugänge von innen mit grossen langen Holzstangen. Ich hatte mir noch einen Schlüssel von einem Hintereingang gegönnt und dachte, damit kommen wir wieder rein, aber das Schloss war verleimt. Wahrscheinlich war ich der letzte Gast im Grand Hotel. Der letzte Regisseur, der dort übernachtet hat.»
Einen Sommer lang hatte Michael Steiner auch eine Discobar betrieben in Ascona am Strand, in einem wunderbaren Gebäude, das vor allem aus Fenstern und einer riesigen Terrasse zum See besteht. Der Zürcher Architekt Otto Zollinger hatte es in den 30er-Jahren nach allen Bauhaus-Regeln errichtet, es war einmal ein Bijou. Mondän und grossherzig.
«Auch das ist jetzt umgebaut», sagt Michael Steiner, es heisst jetzt Delta Beach Lounge und ist, wie es klingt, man habe ihm «das letzte junge Leben noch ausgetrieben. Das Filmfestival ist ja die einzige Zeit, wo man dort unten Menschen unter sechzig findet.»
Aber schauen wir doch, was das Grand Hotel heute macht. Das heimliche Ziel dieses Artikels ist es nämlich, Frau Ackermann von der HRS Real Estate in Frauenfeld ein kleines Stück Glück abzuringen. Das Versprechen, dass das Grand Hotel Locarno tatsächlich 2016 saniert sein werde, wie es in den Unterlagen heisst. Etwas aber wird ziemlich sicher nicht stattfinden: Der neben dem zentralen Hotelbau geplante Turm mit 18 Luxusappartements wird nicht kommen. Das Bundesgericht hat im Frühling entschieden, dass die Appartements gegen die Zweitwohnungsinitiative verstossen.
Aber vielleicht könnte es doch sein, dass der Besitzer des neuen Fünfsterne-Hotels in Zukunft die Festivalgänger wieder elf Nächte im August willkommen heisst? Dass wir wieder feiern dürfen wie einst? Dass wir wieder auf der Terrasse und im Park sein dürfen und in den schön restaurierten Sälen? Die Getränke würden sauteuer sein, klar, aber das würde uns allen nichts ausmachen, denn so teuer wie uns das Grand Hotel ist, kann der Champagner dort gar nie sein.
Frau Ackermann, wie also steht es ums Grand Hotel? Frau Ackermann, können Sie uns Hoffnung machen? «Ich kann Ihnen bloss sagen: Es ist noch nichts im Bau, aber wir halten am Projekt fest», sagt Frau Ackermann. Sie klingt ein bisschen resigniert. Und sie kann, will und darf wirklich nicht mehr sagen. Die fünf verkrachten Erben sitzen also noch immer auf ihren allzu fetten Träumen.
Das Grand Hotel wird auch in diesem August vor sich hinträumen, der Staub in den Zimmern wird noch höher liegen, die Möbel, das Geschirr, die Leuchter sind inzwischen versteigert. Der Park wird daliegen wie ein erschöpftes Gedicht. Und Michael Steiner war wirklich der letzte Gast.