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Zürich 25 November 1869.
Mein lieber Freund!
Heute habe ich zuerst Dein Telegramm erhalten, gemäß welchem der Staatsrath von Tessin dem Großen Rathe eine weitere Subvention von bloß einer Million beantragt & auf das ich dir sofort telegraphisch im Sinne des Insistirens auf zwei Millionen antwortete. Nachher empfing ich Deinen Brief vom 23.
Ich kann mich mit der von dir beobachteten Haltung nur einverstanden erklären. Was die beiden Puncte anbetrifft, über welche Du meine Ansicht zu vernehmen wünschest, so glaube ich im Einklange mit der Anschauungsweise des | Gotthardausschusses zu handeln, wenn ich mich über dieselben in nachfolgender Weise äußere:
1. Für den Fall der Gewährung einer Subvention von [4?] Millionen kann Tessin, obgleich es für die Thalbahnen 2 Millionen à fonds perdu & nach Vollendung dieser Linien, also in 3 Jahren zahlbar votirt hat, zugesichert werden, daß seine Subvention puncto Einzalungstermine & Antheil an dem Überschusse der Rente des Actiencapitales über 7% auf die gleiche Linie gestellt werden soll mit den Subventionen der übrigen Schweiz. Cantone. Würde Tessin bloß eine Subvention von 3 Millionen gewähren wollen, was zwar hoffentlich nicht der Fall sein wird, so würde es hinsichtlich der bereits votirten 2 Millionen selbstverständlich bei | den fonds perdu & bei der Einzalung nach 3 Jahren seine Bewenden haben. Die dritte Million unterläge den in dem Schlußprotokolle der internationalen Conferenz für die Subventionen aufgestellten Bestimmungen.
2. Die bereits von dir gegebene Erklärung, daß die Linie nach Locarno innerhalb drei Jahren, von der Constituirung der Gotthardbahngesellschaft angerechnet, vollendet werden soll, bin ich im Falle ganz & rund zu bestätigen.
In Bestätigung meines heutigen Telegrammes bitte ich dich, den Tessin'schen Behörden in geeigneter Weise Kund zu thun, Du seiest vom Gotthardausschusse neuerdings angewiesen worden, mit allem Nachdrucke auf eine Tessin'sche Subvention | von 4 Millionen zu dringen. Ich habe mich in der letzten Zeit wieder gerade auch bei den mit dem Regierungsrathe von Bern gepflogenen Verhandlungen davon überzeugt, daß man die Situation, in welche der Canton Tessin in Folge der Ausführung der Gotthardbahn kommt, als eine ganz ausnahmsweise günstige Ansicht & daß man dafür hält, es sollte eigentlich von Tessin eine erheblich größere Subvention verlangt werden & es könne die Unterlassung hievon nur mit den schwierigen finanziellen Verhältnissen des Cantons Tessin motivirt werden. Ich bin überzeugt davon, daß eine Weigerung Tessin's, die von ihm verlangten 4 Millionen Subvention zu bezalen, die Beibringung der von der Schweiz begehrten 20 | Millionen zur Unmöglichkeit machen würde. Die Behörden Tessin's dürfen nicht vergessen, daß sie bei frühern Gelegenheiten höhere Subventionen für die Alpenbahnen, als die von uns geforderten 4 Millionen votirt haben. Liegt nun für Tessin eine Veranlassung zu einer Beschränkung seiner Subvention etwa deshalb vor, weil es gegenwärtig vor einer Situation steht, welche ihm für die Ausführung eines vollständigen internen Eisenbahnnetzes & für die Sicherung aller für Tessin wünschbaren internationalen Schienenverbindungen Garantieen darbietet, wie es früher nie, auch nur annähernd der Fall war? Mit dem Circulare des Gotthardausschusses von 1865 läßt sich nicht fechten, liegt es doch auf flacher Hand, daß die Verhältnisse seither in den verschiedensten Richtungen sich | total geändert haben! Endlich weise ich noch darauf hin, daß bei der Conferenz, welche ich in Bern anläßlich der letzten Bundesversammlung mit den Tessin'schen Mitgliedern der [beiden?] Räthe hielt & bei der Besprechung welche ich nachher mit dem erst später in der Bundesstadt eingetroffenen Herrn Großrathspräsidenten auch pflog, unsere Forderung von weitern 2 Millionen allseitig als eine billige & annehmbare anerkannt wurde.
Möge der Canton Tessin einsehen, daß es jedenfalls am wenigsten ihm ziemen würde, Angesichts einer Situation, wie sie mit den größten Anstrengungen in Betreff der Gotthardbahn & des internen Tessin'schen Eisenbahnnetzes geschaffen | worden ist, unübersteigliche Hindernisse in den Weg zu stellen!
Endlich hat der Bundesrath, nachdem ich wiederholt auf's nachdrücklichste insistirt habe, ein Schreiben an Tessin zur Befürwortung unsers Subventionsgesuches gerichtet. Das Schreiben wird, wenn Du diese Zeilen erhältst, bereits in Bellinzona angekommen sein.
Bevor ich schließe, unterlasse ich nicht, dich auf Hrn. Nationalrath Soldini aufmerksam zu machen als eine Persönlichkeit, die günstig für uns gestimmt sein dürfte & die, wie ich glaube, einen großen Einfluß auf viele Mitglieder des Großen Rathes ausübt. Er hat der oben erwähnten Conferenz der Tessin' schen Mitglieder der Bundesversamm| lung auch beigewohnt. Ich ermächtige dich, dich ihm gegenüber sowie auch gegenüber von Herrn [Jauch?] auf die Unterredungen zu beziehen, die ich mit diesen Herrn in Bern hinsichtlich der Subvention Tessin's gepflogen habe.
sei herzlich gegrüßt vonzu Deinem dir in aller Freundschaft ergebener
Dr A Escher