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Erzabt Raphael Walzer war ein deutscher Benediktiner und Erzabt in Beuron. Als Gegner des Nationalsozialismus musste er 1937 emigrieren und war danach in Frankreich und Algerien tätig – ein Leben in in bewegten Zeiten.
von Beatrice Eichmann-Leutenegger
Zu seinem Kloster im Tal der jungen Donau konnte er nach einer Auslandfahrt nicht mehr zurückkehren, er musste über die Schweiz nach Frankreich reisen: unfreiwillig und schweren Herzens. Alles brach zusammen. Hätte er sich einen solchen Weggang denken können, als er, der 1888 geborene Sohn einer Ravensburger Schreinerfamilie, 1907 die Mönchsprofess in der Benediktiner Erzabtei St. Martin in Beuron ablegte?
Bereits 1918 wählte ihn der Konvent zum vierten Erzabt und damit auch zum Leiter der Beuroner Kongregation mit mehreren Männer- und Frauenklöstern. Raphael Walzer entfaltete eine unermüdliche Tätigkeit als Bauherr, Klostergründer und Förderer wissenschaftlicher Einrichtungen. Dabei stiess er auf ein reiches Erbe: die Beuroner Gesangsschule mit ihrer Förderung des gregorianischen Chorals sowie die Beuroner Kunstschule, die ab 1870 die religiöse Kunst beeinflusste und sich in Bild - und Formsprache an die frühchristliche bzw. byzantinische Kunst anlehnte.
Beuron bereitete überdies liturgische Neuerungen vor, die sich später im Zweiten Vaticanum auswirkten. Das Kloster erreichte unter Walzer einen Höchststand von 300 Mönchen (heute noch 30). Enge Kontakte unterhielt der Erzabt mit dem Zentrumspolitiker Eugen Bolz (1881–1945), Staatspräsident in Württemberg. 1933 wurde Bolz, der als Gegner des Nationalsozialismus das Ermächtigungsgesetz vom 24. März dieses Jahres nur unter grossem Gewissenskonflikt unterzeichnet hatte, in der Festung Hohenasperg interniert. Nach der Entlassung zog er sich ins Kloster Beuron und später ins Privatleben zurück. Um 1941/42 kam er mit dem Widerstandskreis um Carl Friedrich Goerdeler in Verbindung und sollte später am demokratischen Neubeginn Deutschlands mitwirken. Nach Stauffenbergs missglücktem Attentat wurde Eugen Bolz vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Eine bedeutsame Rolle spielte der Erzabt für die jüdische Philosophin Edith Stein (1891–1942), die 1922 konvertiert hatte. Fünfzehn Mal fuhr sie zwischen 1927 und 1933 ins obere Donautal. Raphael Walzer legte ihr dringlich nahe, in der Öffentlichkeit zu wirken, statt ihrem Klosterwunsch nachzugeben. Doch nach Hitlers Amtsantritt wurde ihr die Tätigkeit am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster erschwert. So war der Weg frei für ihren Eintritt ins Kloster der Karmelitinnen von Köln-Lindenthal. Bei der Einkleidung (April 1934) hielt Raphael Walzer die Festpredigt.
Heute erinnert Beuron an die 1998 heiliggesprochene Edith Stein, «Patronin Europas», mit einem Relief vor dem Portal der Klosterkirche. Raphael Walzer war es auch, der den Brief Edith Steins an Papst Pius XI. anlässlich seines Rombesuchs (25. bis 28. April 1933) versiegelt dem Adressaten übergab. Edith Stein schildert darin leidenschaftlich die Gefahr für die jüdischen Menschen Deutschlands und bittet den Pontifex, das Schweigen zu brechen. Alle, welche die Verhältnisse mit offenen Augen betrachten, seien «der Überzeugung, dass dieses Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen». Doch weder Papst Pius XI. noch sein Nachfolger Pius XII. reagierten. Im Mittelpunkt der vatikanischen Interessen stand damals das Reichskonkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich, das am 20. Juli 1933 unterzeichnet wurde.
Edith Stein erhielt einzig den Segen für ihre Familie. Erst dank der Öffnung des Vatikanischen Geheimarchivs wurde der als verschollen geltende Brief im Februar 2003 zugänglich. Die Gespräche mit Eugen Bolz und Edith Stein schärften Raphael Walzers Sensorium für die nationalsozialistische Bedrohung. Er ging in die Opposition, rief zum Wahlboykott auf und weigerte sich, das Kloster bei öffentlichen Anlässen zu beflaggen. Mit seiner klaren Haltung geriet er in politische und kirchliche Schwierigkeiten. Nicht nur Rom versuchte ihn zu hindern, auch der Beuroner Konvent und die Kongregation spalteten sich in Anhänger und intrigierende Gegner des Erzabts auf. Dieser lebte nach der Ausreise in der Benediktinerabtei Saint-Wandrille (Normandie). Deutschland hatte ihn inzwischen zur «unerwünschten Person» erklärt, weshalb er die französische Staatsangehörigkeit annahm und 1937 auf sein Amt als Erzabt verzichtete.
Nach der Besetzung Frankreichs floh er 1940 vor der Gestapo nach Algerien, wo er als Militärgeistlicher der französischen Armee in Rivet bei Algier ein Theologenseminar für deutsche Kriegsgefangene gründete und hier bis 1946 wirkte. Eine Rückkehr nach Beuron war auch nach 1945 nicht möglich. Raphael Walzer liess sich jedoch nicht beirren. Mitten im islamischen Umfeld, in der algerischen Stadt Tlemcen, baute er eine Benediktinerabtei auf, der er bis 1964 vorstand (heute befindet sich hier eine Koranschule). Der Algerienaufstand (Dezember 1960) und die Befreiungskämpfe zwangen ihn 1964 zur Ausreise. Er kehrte in die Abtei Neuburg in Heidelberg zurück, deutlich gealtert und geschwächt. Erst nach seinem Tod 1966 wurde die Leiche nach Beuron überführt und in der Krypta beigesetzt. Ein Mensch fand in seine Heimat zurück, der trotz aller Dunkelheit die Hoffnung auf das Osterlicht nicht aufgegeben hatte.
Ist denn wirklich alles verloren?
Nicht möglich. Es ist doch wieder Ostern geworden.
Wie damals am ersten geschichtlichen Auferstehungsmorgen geht es von neuem von Mund zu Mund, von Seele zu Seele: Christus ist auferstanden.
Von dieser Botschaft hing das Heil der ganzen Menschheit ab, in guten Zeiten, da alles in Ordnung zu sein scheint, ebenso wie in Augenblicken, da die Welt aus allen Fugen zu gehen droht.
Ohne diese befreiende und beglückende Wahrheit hätte das Leben seinen Sinn verloren.
Aus: Ostern – letzte Sicherheit. Texte von Raphael Walzer, in: Elisabeth Endres, Erzabt Walzer. Verlag Positives Leben, Ravensburg 1988.