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Es war im Juli 1989 in der Lobby eines grossen Hotels in Beijing. Erst wenige Wochen waren seit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz vergangen. Mir gegenüber sass ein freundlicher, etwas zerbrechlich und zugleich ehrlich wirkender Mann von 59 Jahren, der so klare marktwirtschaftliche Auffassungen vertrat, dass sie selbst in der heimatlichen Schweiz Aufsehen erregt hätten. Und er tat dies mit Kampfgeist und ohne grosse Rücksichtnahme auf irgendwelche Mithörer, mit denen in der aufgeheizten Atmosphäre von damals fast immer zu rechnen war, wenn ein ausländischer Journalist mit einem Chinesen sprach. Wenige Monate später veröffentlichte ich einen Text von ihm in der Neuen Zürcher Zeitung, vielleicht seinen ersten Text auf Deutsch. Die Episode zeigt geradezu idealtypisch einige Charakteristika des wohl bedeutendsten chinesischen Ökonomen der Gegenwart.
Da ist die marktwirtschaftliche Überzeugung, die in einem kommunistischen Land alles andere als selbstverständlich ist. Wu, der seine Studien 1954 an der renommierten Fudan-Universität in Shanghai abschloss, war zunächst Marxist und Maoist. Als Ende der 1970er Jahre die zarten Pflänzchen der Reform zu spriessen begannen, brach Wu mit den Lehren der Väter. Er lernte dank dem prägenden Einfluss seines Freundes Gu Zhun Englisch und die Grundlagen der Marktwirtschaft, ging zwischendurch ein Jahr nach Yale, und gilt seither in China als «Mr. Marktwirtschaft». Entgegen den Etikettierungen seiner Gegner ist Wu aber kein fundamentalistischer Marktfanatiker; das belegen auch seine kritischen Äusserungen der letzten Jahre zur Entwicklung an den chinesischen Börsen. Zum einen nimmt Wu in seinem Werk Rücksicht auf die politische Realität seines Landes und plädiert daher für eine sozialistische Marktwirtschaft. Darunter versteht er ein System, das kaum «gemischter», kaum weniger marktwirtschaftlich ist als das, was Europäer seit Jahrzehnten gewohnt sind. Zum anderen ist er überzeugt, dass mehr Markt China weiterbringen würde, fordert aber, dass die Entwicklung fair verlaufen sollte und kritisiert den «Crony»-Kapitalismus, den er ebenso ablehnt wie den Maoismus. Manches erinnert an die Ordoliberalen der Nachkriegszeit, etwa, wenn er in einem Aufsatz über 30 Jahre Reformpolitik fordert, die Eigentumsreform sollte vollendet werden, die Staatsbetriebe seien zu privatisieren, es brauche eine Anti-Monopolpolitik, man müsse das Sozialversicherungssystem erneuern und die politischen Reformen seien zu beschleunigen, weil Demokratie und Rechtsstaat die Garanten jeder modernen Marktwirtschaft seien.
Noch bemerkenswerter an jener Szene von 1989 ist, wie offen Wu nach dem Fall von Hu Yaobang und Zhao Ziyang sowie dem Reformrückschlag in einem totalitären Polizeistaat mit einem ausländischen Journalisten über Reformen sprach. Barry Naughton, Herausgeber eines Sammelbandes wichtiger Aufsätze von Wu (Wu Jinglian, Voice of Reform in China, MIT Press 2013), stellt in seiner Einleitung zum Buch die Frage, ob Wu ein Insider oder ein Outsider der Macht sei. Seine Antwort lautet: beides. Die Frage stellte sich schon damals, und wahrscheinlich war Wu immer beides, aber einmal mehr das eine, einmal mehr das andere. Wu war oft sehr nahe an der Macht, doch hielt ihn selbst seine Mitgliedschaft in wichtigen Expertenkommissionen nicht davon ab, sich gelegentlich kritisch zu äussern. Und er fiel auch öfter in «Ungnade», jedoch – abgesehen von der «Kulturrevolution» – nie so stark, dass er aus dem Verkehr gezogen worden wäre.
Schliesslich steht Wus Verve, sein Kämpfertum, für den starken Willen, nicht nur zu denken und zu argumentieren, sondern zu gestalten und zu bewegen. Wu hat den Reformprozess Chinas in den 1980er und 1990er Jahren wohl so stark geprägt wie kein zweiter Wissenschafter. Das Team, das er Mitte der 1980er Jahre zusammenstellen durfte, brachte sein Reformprogramm zwar zunächst nicht durch, aber die Widerstände und die Rückschläge im Reformklima nach 1989 machten aus dem Wissenschafter Wu zunehmend einen Politikberater, ja einen Lobbyisten für die Marktwirtschaft. Sein Werk besteht nicht zuletzt aus Reformentwürfen, Memoranden und Redetexten. Einmal schreibt er «Wissen sollte der praktischen Anwendung dienen – das ist das chinesische Erbe». Und so entwarf er nicht neue Modelle oder fand neue Zusammenhänge, sondern er präsentierte und verteidigte seine Sicht der Reformen und ihrer Notwendigkeit allenthalben, bis hinauf ins Politbüro, zu den Parteisekretären und Ministerpräsidenten, situationsbezogen immer etwas anders, aber durchaus konsistent.
Zwei Botschaften durchziehen fast alle dieser Aufsätze und Dokumente. Wu spricht sich immer wieder gegen Stückwerk-Reformen aus und plädiert für ein koordiniertes oder integrales Reformprogramm. Zwar scheiterte er mit diesem Konzept, als Ministerpräsident Zhao Ziyang im Herbst 1986 zu seiner grossen Enttäuschung kalte Füsse bekam, aber sechs Jahre später wurden grosse Teile unter Jiang Zemin als Generalsekretär der kommunistischen Partei dann doch umgesetzt. Die zweite Botschaft, wohl ebenso wichtig und ebenso kontrovers, lautet, dass man Reformen nur in einem stabilen, weitgehend inflationsfreien makroökonomischen Umfeld durchführen kann. Auch das beherzigten die Machthaber zunächst nicht – doch Wu hatte recht. Hätte man ihm gefolgt, wäre es vielleicht nie zu den Unruhen gekommen, die dann im Juni 1989 mit Gewalt niedergeschlagen wurden. Sie wurden nicht zuletzt durch den Ärger über die stark steigenden Preise ausgelöst.
Dieser Artikel erschien in der «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» vom 7. September 2014 in der Reihe «Weltverbesserer». Mit freundlicher Genehmigung der «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung»