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The Constant Gardener: Interview mit Fernando Meirelles
Bei einem breiteren Publikum bekannt wurde der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles mit seinem Film Cidade de Deus - City of God. Das britische Magazin Total Film nannte den Streifen "das brasilianische Good Fellas". Seine neuester Film ist die Verfilmung eines Romans von John Le Carré. OutNow.CH traf sich mit Meirelles anlässlich des Filmfestivals in Venedig und sprach mit ihm über seine Eindrücke von Kenia, wo The Constant Gardener spielt, sein nächstes Projekt Intolerance und ob Brasilien das Zeug zum Fussballweltmeister 2006 hat.
OutNow.CH (ON): Wie würdest du The Constant Gardener charakterisieren?
Fernando Meirelles (FM): Es ist eine Mischung aus Liebesgeschichte und politischem Thriller. Ich habe nie ganz genau verstanden, was der Film sein sollte. Ich musste mich beim Schneiden entscheiden. Als ich mir den Rohschnitt ansah, dachte ich, dass die Liebesgeschichte recht stark rüberkam. Ich rückte sie deshalb ins Zentrum der Story. Es gab Szenen, die ich nicht benutze. Zum Beispiel eine Verfolgungsjagd, die auch eine weitere Figur eingeführt hätte. All diese Szenen waren sehr thrillerhaft. Das politische Drama nur eine Nebenhandlung. Aber all diese Entscheidungen sind im Schneideraum gefallen.
ON: Hast du das Drehbuch vor Drehbeginn noch geändert?
FM: Ja. Es war sehr kompliziert, all die Beziehungen zwischen den Regierungen, Unternehmen und den Laboratorien zu zeigen. Ich nahm deshalb Teile des Plots raus, strich gleichzeitig einige Britische Figuren und machte alles etwas simpler. Dafür fügte ich Szenen, die in den Strassen Nairobis spielten ein. Alle Szenen in Kibera waren nicht im Drehbuch. Und ich nahm viele Szene über die britische Gesellschaftsform raus. Speziell die Szenen über das britische Klassendenken. All die speziellen Beziehungen zwischen Arbeiterklasse und Oberschicht.
ON: Wieso?
FM: Als ich zuallererst am Drehbuch arbeitete, habe ich einfach nicht alles genau verstanden. John Le Carré war zwar nett genug, mir einiges zu erklären, aber ich verstand trotzdem nicht viel, und es interessierte mich auch nicht besonders. Ich habe dem Film vor allem deshalb zugestimmt, weil ich in Afrika drehen durfte, Kenia im speziellen. Ich nahm deshalb alles raus, um mehr Szenen in den Strassen zu ermöglichen.
ON: Gab es während den Dreharbeiten zu The Constant Gardener Druck von Seiten der Pharmaindustrie?
FM: Nein. Nur einmal sprachen wir in Kenia mit einer Person, die zum Problem für uns hätte werden können. Sie wollte wissen, warum wir diesen Film drehten und meinte, dass es ein grosser Fehler sei. Als wir sie an eine Party eingeladen hatten, gab es aber keine weiteren Probleme. Ich hatte eigentlich gehofft, dass jemand sich bei der Premiere des Films erheben und das ganze als Unfug bezeichnen würde. Wir alle haben uns das gewünscht. Aber das trat so nicht ein, was eigentlich schade ist.
ON: Die visuellen Aspekte deines Films sind erstaunlich. Was ist dir wichtiger: Das Optische oder die Geschichte?
FM: Definitiv die Geschichte! Und die Schauspieler. Die Bilder sind nur das Medium zum erzählen einer Geschichte.
ON: Wie hast du dich mit dem Kameramann auf die Geschichte vorbereitet?
FM: Wir besuchten zuerst alle Locations, an denen wir drehen wollten, um den exakten Drehort zu finden. Dort schoss er Fotos. Er benutzte dabei dieselbe Art Film, wie er sie auch später benutzen wollte. Diese Bilder waren dann ziemlich identisch mit den Bildern im fertigen Film. Zurück in Brasilien erarbeitete er mit dem Koloristen Bild für die Bild die genaue Farbgebung für jede Szene. Daraus entstand eine Diashow mit dem Look des Films. Bei der Nachbearbeitung in London konnten wir diese als Referenz wieder verwenden.
ON: Dieses Ufer, an dem Tessa alias Rachel Weisz ermordet wird, ist ein wunderschöner Landstrich mit seinem roten und blauen Flimmern. Wurde da auch nachbearbeitet?
FM: Nein, dort ist es wirklich so schön. Der Ort heiss "Magadi", ein fantastischer Ort mit vielerlei Farben. Dahin kamen wir per Zufall. Wir fuhren in den Norden Kenias in die Wüste, um diese Szene zu filmen. Auf dem Rückweg nach Nairobi sagte der Pilot: "Es ist erst drei Uhr. Wir haben also Zeit, eine schöne Landschaft anzuschauen. Lass uns etwas Tourismus betreiben." Er sagte auch, dass er leicht landen könne, weil es so flach war. Schon waren wir unten und dachten: "Das ist fantastisch!" und änderten den Drehort.
ON: Hast du mehr als eine Kamera gleichzeitig verwendet?
FM: Manchmal sogar drei oder vier. Fast alle Szenen schossen wir mit zwei Kameras. Es ist grossartig, wenn man soviel Geld hat, dass man nicht an Negativverschwendung denken muss. Ich musste da immer sparen und plötzlich bist du in einer Produktion, wo man aus dem Vollen schöpfen kann. Bei Drehschluss fühlst du dich trotzdem schlecht wegen der Unsummen und du schreibst ein Entschuldigungsmail. Die Produzenten finden es aber total normal. So gibst du halt weiter Geld aus.
ON: Achtest du speziell auf politische Botschaften in deinen Filmen?
FM: Nein. Das ist eher Zufall. Die drei Filme, die ich bis jetzt gedreht habe, handeln vom ausgeschlossen sein. Ich sehe mich aber nicht als Aktivisten oder politischen Filmemacher. Es sind einfach Dinge, die mich interessieren. Ich könnte als nächstes eine romantische Komödie machen.
ON: Wie waren deine Erfahrungen in Afrika?
FM: Ich wusste von der Kluft zwischen Südamerika und Afrika, aber ich war überrascht, wie gross sie ist. Es ist schwer, Hoffnung zu haben, wenn man dort ist. Es beginnt schon bei den gesundheitlichen Problemen. Einmal beim Mittagessen schaute ich um mich und realisierte, dass ein Sechstel dieser Leute den HI-Virus in sich trugen. Das wurde mir schon etwas bange.
ON: Ist der Unterschied im Filme machen gross zwischen Afrika und Brasilien?
FM: Oh ja. Ist er. Wir haben eine viel besser entwickelte Filmindustrie. Wir können alles Mögliche machen mit lokalen Crews und diversester Technik, weil die kommerzielle Industrie so gross ist. In Kenia waren wir schlecht ausgerüstet und mussten vieles selber mitbringen. Hauptsächlich kam die Crew aus Südafrika. Alle Assistenten waren Kenianer, aber die wichtigeren Posten waren nur mit Ausländern besetzt. Ausser einem kenianischen Produzenten, der eigentlich sehr gut war.
ON: Man redet heute oft über den Irak, Afghanistan und Asien. Gerät der afrikanische Kontinent in Vergessenheit?
FM: Ich denke schon. Aber in diesem Jahr tut sich was. Die Medien haben Afrika endlich entdeckt. Es gab zuallererst Hotel Rwanda und dann The Constant Gardener. Und es werden bald sechs weitere Filme über Afrika in die Kinos kommen. Soeben abgedreht wurde The last King of Scotland, Leonardo Di Caprio unterschrieb für einen Film in Liberia, der The Blood Diamond heisst. Ridley Scott dreht Emma's War mit Nicole Kidman über eine Geschichte im Sudan.
ON: Wird das Afrika wirklich helfen?
FM: Da bin ich mir sicher! Viel wird sich nicht ändern, aber die Aufmerksamkeit wird dahin gelenkt und das könnte helfen.
ON: Der wichtigste Teil des Geldes für den Film kam aus Amerika. Stimmt das?
FM: Sechzig Prozent. Es gab aber auch Gelder aus Deutschland.
ON: War City of God ihr Ticket nach Amerika?
FM: Es war mit Sicherheit ein Ticket. Aber ich will da gar nicht hin. Auf keinen Fall. Es gab viele Einladungen und Projekte, ich bin aber nicht interessiert.
ON: Weshalb nicht?
FM: Wieso sollte ich? Ich habe mein Haus, meine Kultur, meine Freunde in Brasilien. Und ich interessiere mich nicht für ihre Geschichten. Die Filme sind meistens langweilig.
ON: Welche Art Filme gefällt dir denn? Was hast du dir angeschaut als Kind?
FM: Natürlich auch amerikanische Filme, europäische, asiatische. Heute schaue ich viele Filme aus Asien. Ich liebe Filme aus anderen Cinematografien. Ich sehe zum Beispiel Filme aus der Mongolei und interessiere mich nicht so sehr für die Geschichte. Ich will einfach sehen wie sie den Tee servieren, wie sie miteinander und mit ihren Kamelen umgehen. Ich möchte erfahren, wie die Leute in anderen Ländern leben. Deshalb schaue ich mir Filme aus verschiedenen Weltgegenden an.
ON: Weisst du schon, was du als nächstes machen wirst?
FM: Ja. Ich werde das Projekt zu Ende führen, an dem ich schon vor The Constant Gardener gearbeitet habe. Es ist eine Geschichte aus sechs Ländern, die ich Intolerance nenne. Es geht um die Globalisierung und für brasilianische Verhältnisse ist es ein ziemlich grosses Projekt, international gesehen jedoch weniger. Es wird in sieben unterschiedlichen Sprachen und rund um die ganze Welt gedreht. In jedem Land eine andere Geschichte, sehr speziell und privat und doch miteinander verbunden. Es geht um all die komplizierten Verflechtungen, welche die Globalisierung mit sich bringt.
ON: Welche Länder werden vorkommen?
FM: Die USA, Brasilien - die Hauptfigur, die am intelligentesten ist, wird Brasilianer sein (Er lacht) - Kenia, die Philippinen, die Arabischen Emirate, China und Helsinki oder Rom wegen der Leichtathletik. Der Kenianer wird ein Läufer sein. Alles steht in Relation zueinander.
ON: Wird Brasilien Fussballweltmeister in Deutschland nächstes Jahr?
FM: Ohne Zweifel, nicht der geringste. (Er lacht.) Hundertprozentig. Kennst du das brasilianische Team? So gut waren sie in den letzten fünfzig Jahren nie. Dieses Mal - es tut mir leid - wir kein Weg an ihnen vorbei führen!
ON: Besten Dank.