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In knapp zwei Wochen wird in den Vereinigten Staaten ein neuer Präsident gewählt - oder ein alter wiedergewählt. Manches deutet darauf hin, dass ersteres der Fall sein wird. Vor voreiligen Schlüssen aber sei gewarnt. Gegen Überraschungen sind amerikanische Präsidentschaftswahlen nicht gefeit, besonders in diesem Jahr.
In seinen Schlussbemerkungen zur zweiten Fernsehdebatte flehte Präsident George Bush die Zuschauer an, sich folgendes Szenario vorzustellen: Plötzlich entsteht eine Krise von globalem Ausmass; man soll sich nun die Gewissensfrage stellen, wen man in einem solchen Fall als Führer im Weissen Haus sehen möchte. Bush zweifelt nicht daran, dass er mit der Meisterung der Golfkrise seine diesbezüglichen Qualitäten unter Beweis stellen konnte.
Vermutlich sieht aber das amerikanische Volk überhaupt keine Veranlassung, eine solche globale Krise heraufzubeschwören. Denn die Krise ist bereits Tatsache - wenngleich keine internationale, so doch eine nationale. Und zur Lösung dieser Wirtschafts-, Gesellschafts- und Vertrauenskrise wusste der Präsident bisher keine überzeugenden Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
In den Medien wird fast einstimmig ein Sieg von Gouverneur Bill Clinton vorhergesagt. Die Meinungsumfragen scheinen solchen Prognosen recht zu geben. Erstaunlicherweise scheint man aber im Bush-Lager immer noch nicht an einen Wahlsieg des demokratischen Kandidaten zu glauben, geht man davon aus, dass die im Weisen Haus ein- und ausgehenden Berichterstatter die Stimmung richtig einzuschaetzen vermögen. George Bush erklärt die Umfrageergebnisse als inakkurat. Er vergleicht sich gerne mit Präsident Harry Truman, der in den Meinungsumfragen ebenfalls weit hinter seinem Gegenspieler Thomas Dewey zurücklag, dann aber zum Erstaunen aller den Wahlsieg davontragen konnte. Wie man jedoch mittlerweile weiss, sind die heutigen Befragungstechniken ausgereifter als noch vor 45 Jahren.
Oekonomische Modelle sehen Bush in Front
Gleichwohl ist es berechtigt, die Resultate der vielzitierten Umfragen zu hinterfragen. Sie ignorieren nämlich den Umstand, dass im amerikanischen Wahlsystem nicht das absolute Mehr der Wählerstimmen den Ausschlag gibt, sondern das Mehr der Elektorenstimmen. Wenn also ein Kandidat in Kalifornien 51 Prozent der Stimmen erhält, werden ihm in diesem Staat nicht 51 Prozent der Elektorenstimmen zugewiesen, sondern 100 Prozent. Es ist freilich noch nie vorgekommen, dass ein Kandidat mit der Mehrheit der Waehlerstimmen nicht auch die Mehrheit der Elektorenstimmen auf sich vereinen konnte.
Dass sich eine solche "Premiere" just in diesem Wahljahr ereignen wird, ist höchst unwahrscheinlich. Gemäss dem politischen Newsletter "Hotline", der die Meinungsumfragen nach Staaten sortiert, darf Clinton heute auf 318 Elektorenstimmen zählen, während zum Wahlsieg deren 270 erforderlich sind; 102 Stimmen entfallen danach auf Bush, und 118 sind noch unentschieden.
Neben den Meinungsumfragen gibt es noch eine Menge anderer Prognosemodelle, seriösere und weniger seriöse, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Laut Ray Flair, einem Yale-Ökonomen, braucht es zur Vorhersage des Wahlausgangs bloss zwei Variablen: das Durchschnittseinkommen und die Inflationsrate. Gemäss diesem Modell, das in der Vergangenheit in 16 von 19 Fällen ins Schwarze traf, erhält der amtierende Praesident 57 Prozent der Stimmen. Bei einem anderen ökonometrischen Modell, das von einem Team aus Harvard, Princeton und Carnegie-Mellon entwickelt wurde, soll Bush sogar 73 Prozent der Stimmen erhalten. Politische Wissenschafter hegen aber ihre Zweifel, ob allein mit ökonomischen Daten das Wahlergebnis vorausgesagt werden kann.
Der Präsident mit Hypotheken
Im republikanischen Lager weist man jedenfalls trotzig darauf hin, dass in den verbleibenden Tagen bis zum 3. November noch viel passieren kann. Man zitiert etwa das Beispiel Grossbritannien, wo die Konservativen noch in den allerletzten Tagen den Vorsprung der Labour-Partei aufholen konnte - und das allein mit dem Argument, dass Labour dem Volk höhere Steuern bescheren werde. Doch im Gegensatz zu den Tories vermochte Bush das Argument der angeblichen Steuerfreudigkeit seines Herausforderers bisher nicht einzusetzen. Stattdessen hackte der Präsident auf den vermeintlichen Charakterschwächen und den über 20 Jahre zurückliegenden Anti-Kriegs-Aktivitäten seines Gegenspielers herum.
Bill Clintons Charakter und sein Umgang mit der Wahrheit scheinen tatsächlich ein Handicap zu sein. Das Problem für Bush ist nur, dass er es mit der Wahrheit ebenfalls nicht immer so genau nimmt. Und dass Bush das "britische Rezept" der Steuerfrage nicht anzuwenden vermag, hängt vermutlich damit zusammen, dass er sein letztes Wahlversprechen: "Read my lips, no new taxes!" eben nicht hatte einhalten können; das hängt ihm nun wie ein Mühlstein am Hals.
Noch vergehen fast zwei Wochen bis zum Wahltag. Ein Wahlsieg von Bush wäre im heutigen Zeitpunkt betrachtet eine grosse Ueberraschung. Es wäre aber nicht die erste, ist doch schon das ganze Wahljahr von Ueberraschungen geprägt gewesen. Man denke nur an das Katz-und-Maus-Spiel des unabhängigen Kandidaten Ross Perot. Vor einem halben Jahr hat zudem kaum jemand daran geglaubt, dass Bill Clinton nach all den Skandalen und Skandälchen die Gunst der Bevoelkerung gewinnen kann. Insofern ist sein heutiges Abschneiden in den Umfragen ebenfalls als Ueberraschung zu werten.
Clintons Vertrauensdefizit
Aber selbst wenn Bill Clinton das Rennen machen sollte, so heisst das noch lange nicht, dass er auch das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen hat. Um sich gegen die Vorwürfe eines "Armee- Drückebergers" zu wehren, hat er immer neue Erklärungen ins Feld gefuehrt. Als er sich 1986 zur Wiederwahl zum Gouverneur von Arkansas stellte, versicherte er, keine Steuererhöhungen vorzunehmen - ein Versprechen, das er schon ein Jahr später mit der Erhöhung der Verkaufssteuer brach. 1990 hat er sich übrigens mit dem Hinweis zur Wiederwahl gestellt, im Falle eines Sieges die gesamte Amtsdauer abzusitzen; mit der Präsidentschaftskandidatur er dies unter Umstaenden ebenfalls nicht erfüllen.
In jeder Administration passieren Peinlichkeiten, die der Präsident zurechtbiegen muss. Doch da wird es Clinton mit seinem Charakterausweis schwer haben, solche Zwischenfälle vor der Oeffentlichkeit zu vertreten. Die Frontseite des "Time"-Magazins, die im Frühling das Portrait Clintons im Negativdruck zeigte, bleibt allseits in bester Erinnerung. Vielleicht hatten Clintons Gegenspieler in den Primaerwahlen sogar recht, als sie behaupteten, der Gouverneur aus Arkansas könne die Präsidentschaftswahlen nicht gewinnen. Was sie aber nicht gesagt haben und was die Mehrheit der Medien nun voraussagt: Dass Präsident Bush die Wahlen verlieren kann.
Erschienen in der Handelszeitung am 22. Oktober 1992