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Kinari Webb (48) ist Ärztin und Gründerin von «Health in Harmony», ein Projekt, welches Gesundheitsversorgung und Umweltschutz in Kalimantan, der indonesischen Seite von Borneo, integriert. Sie schloss ihr Bachelor-Studium in Biologie 1993 ab und reiste nach Borneo um Orang-Utans zu erforschen. Dort erlebte sie, wie viele Menschen ihre Gesundheitsversorgung nur mit Abholzung finanzieren konnten. Sie entschied sich Medizin zu studieren. Nach dem Studium reiste sie zurück nach Borneo und gründete 2005 in der Region um den Gunung Palung-Nationalpark «Health in Harmony». Sie lebt in der Nähe von San Francis-co sowie in Indonesien.
BMF: Auf welche Weise sind Umwelt und Gesundheit verknüpft?
Kinari Webb: Für mich ist das die falsche Frage. Denn sie setzt voraus, dass Menschen keine Tiere sind und dass es eine Tren-nung zwischen Mensch und Natur gibt. Das ist unmöglich: Wir atmen Luft, wir trinken Wasser, wir nehmen Nahrung zu uns. Der Glaube, unser Verstand sei abgetrennt, stammt aus der Aufklärung und ist schlicht falsch. Diese Pandemie führt uns nun vor Augen, wie untrennbar wir von der Natur sind, genauso wie auch vom Klimawandel: Ohne vernünftige Temperaturen, ohne genug Sauerstoff, ohne sauberes Wasser, ohne gesunde Nahrung können wir nicht gesund sein, können wir nicht überleben.
Wie beeinflusst die Abholzung die Gesundheit der ländlichen Bevölkerung auf Borneo?
Wo wir arbeiten, versteht jede einzelne Person, dass ihr zukünftiges Wohlergehen von der Existenz des Regenwaldes abhängt. Sie verstehen, dass der Wald Wasser produziert, dieses die Reisfelder bewässert und diese Reisfelder sie wiederum ernähren werden. Sie verstehen, dass sich ohne sauberes Wasser Krankheiten verbreiten. Sie verstehen, dass Abholzung das Ökosystem aus dem Gleichgewicht wirft und mehr Krankheiten wie Malaria verursacht.
Was für Auswirkungen haben Abholzung und Umweltzerstörung auf die Gesundheit der Menschen global?
Die meisten Menschen wissen, dass unser Verbrauch von fossilen Energieträgern den Klimawandel antreibt. Kaum jemand ist sich hingegen bewusst, dass die globale Entwaldung die gleiche Menge CO2 verursacht wie der gesamte Transportsektor der Welt. Wenn wir Wälder abholzen oder abbrennen, entlassen wir riesige Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre. Eine unglaublich wichtige Rolle kommt auf Borneo den Torfböden zu. Man kann sie sich wie frühe Stadien von Ölfeldern vorstellen, in welchen sich über Millionen von Jahren Blätter und Zweige ansammelten, die Dank der Abdeckung mit Wasser nicht verrotten. Werden die Wälder auf diesen Torfböden jedoch abgeholzt oder abgebrannt, wird der gespeicherte Kohlenstoff freigesetzt. Bäume speichern mehr und mehr Kohlenstoff solange sie stehen und nehmen so einen Drittel des globalen CO2auf. Ich möchte explizit sein: Wenn wir unsere globalen Regenwälder verlieren, bedeutet dies das Ende der menschlichen Spezies. Der Planet wäre aufgrund der Hitze unbewohnbar für uns Menschen sowie für die meisten anderen Lebewesen.
Was hat COVID-19 damit zu tun? Und was ist eine Zoonose?
Eine Zoonose ist eine Krankheit die von Wildtieren auf Menschen übertragen wird. In intakten Ökosystemen kommt es kaum zu Zoonosen. Aber sobald Menschen in ein Ökosystem eindringen, es aus dem Gleichgewicht bringen und wilde Tiere essen, verbreiten sich Viren. Die grösste Bedrohung sind Märkte mit lebenden Tieren, denn hiervon stammen die meisten Zoonosen ab: Hier werden Tiere von verschiedenen Enden der Welt unter grossem Stress gehalten. Deren Immunsystem bricht zusammen, Viren vermehren sich und verbreiten sich zwischen den Tieren und springen auch auf Menschen über. Dies geschah nicht nur bei COVID-19, sondern bereits beim letzten SARS, MERS, Ebola und sogar bei HIV. Ökosysteme nicht zu respektieren, ist mit grossen Gefahren verbunden. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die nächste Pandemie kommt.
Nun wird deshalb der Verzehr von Wildfleisch in Frage gestellt. Wie siehst Du das in ländlichen Dörfern auf Borneo, in welchen Wildfleisch als Grundnahrungsmittel dient?
Wenn in ländlichen Gebieten Wildfleisch verzehrt wird, entstehen gewisse Risiken. Doch solange diese Wildtiere aus intakten Ökosystemen stammen, ist das Risiko gering. Wahrscheinlich sprang COVID-19 von Fledermäusen auf Pangoline und dann auf Menschen über. Pangoline werden unter anderem in Malaysia gefangen, nach China verschifft und dort auf Märkten verkauft. Das ist etwas ganz anderes, also wenn jemand Wildfleisch aus einer intakten Umgebung konsumiert. Diese Dörfer auf Borneo konsumieren dieses Fleisch schon lange Zeit und kamen bereits mit lokalen Viren in Kontakt, sie haben bereits ein Immunsystem, welches auf diese Viren reagieren kann, damit wird der Virus nicht zu einer Pandemie.
Wie steht es um die Massentierhaltung?
Die Massentierhaltung ist auch mit Risiken verbunden, aber weniger mit dem Risiko eines völlig neuen Virus. Die Regenwälder dieser Welt bedecken zwar nur 2% der Erde, aber beheimaten 50% der Arten. Das ist ein enormer Reichtum, aber auch eine Quelle für neue Viren, sobald man sie ans andere Ende der Welt transportiert. Tierfabriken sind aber auch nicht ungefährlich, denn ein Grippevirus kann sich dort ideal verbreiten und mutieren, da die Tiere gestresst sind und ihre Immunabwehr deshalb geschwächt ist. In der Zukunft werden wir zurückschauen und uns fragen, wie wir so etwas tun konnten.
Mit «Health in Harmony» arbeitet ihr an der Schnittstelle von Gesundheitsversorgung und Umweltschutz. Was ist die Idee hinter eurem Projekt?
Als ich das erste Mal nach Borneo reiste, um Orang-Utans zu erforschen, verliebte ich mich in den Regenwald und die Leute. Aber es war schrecklich zu sehen, wie Leute, die den Wald liebten, gezwungen waren den Wald abzuholzen, um für ihre Gesundheits-versorgung zu bezahlen. Ein Mann fällte 60 Bäume, um für einen Kaiserschnitt zu bezahlen. Daraufhin beschloss ich Medizin zu studieren und kehrte danach zurück nach Indonesien. Ich fragte die Leute, worin die Lösung läge, und sie erklärten mir, dass sie Zugang zu bezahlbarer Gesundheitsversorgung und Kenntnisse in biologischer Landwirtschaft bräuchten, um den Regenwald zu schützen. Wir setzten ihre Ideen um und ermöglichten es den Leuten, ihre Gesundheitsversorgung mit Setzlingen und Arbeit zu ezahlen. Nach 10 Jahren zeichnete sich ein 90% Rückgang von Haushalten ab, die ihr Einkommen durch Abholzung verdienten. Wir stoppten den weiteren Verlust von Wald und 21 000 Hektar Wald wuchs sogar nach. Die Kindersterblichkeit nahm um 67% ab und den Leuten ging es auch wirtschaftlich besser.
Basierend auf deiner Erfahrung, wie sähe eine globale Lösung aus?
Wir haben bewiesen, dass Menschen und Ökosysteme zusammen prosperieren können. Wir müssen verstehen, dass das Wohlergehen der Menschen in Malaysia, die ein Pangolin fangen, da sie sonst kein Einkommen haben, und dasjenige der Menschen in China, wohin das Pangolin verschifft wird, sowie das Wohlergehen aller Menschen auf diesem Planeten zusammenhängen. Wir alle brauchen gesunde Ökosysteme. Viele Menschen sehen eine Konkurrenz zwischen Natur und Mensch: «Wie können wir den Wald schützen, wenn wir essen müssen?» So funktioniert es aber nicht, es ist genau umgekehrt. Frag die Menschen, wo die Lösungen liegen und arbeitet zusammen. Dann geht es den Ökosystemen und den Menschen besser. Stell dir vor, jeder und jede kommt in den Genuss einer universellen Gesundheitsversorgung, und muss dazu etwas beitragen. Stell dir vor, dein individu-eller Beitrag hängt davon ab, wie viel du fliegst und wie stark du die Umwelt belastest.
Herzlichen Dank, dass Du deine reiche Erfahrung mit uns geteilt hast.