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Liest heute noch irgendjemand Peter Weiss? Zum 100. Geburtstag am 8. November sind immerhin ziemlich flächendeckend respektvolle Würdigungen erschienen, zusammen mit einer Neuausgabe des grossen Romans «Ästhetik des Widerstands» und zwei neuen Biografien. «Surrealist und Sozialist», titelt die NZZ, und das bezeichnet eine Tatsache wie ein Problem. Die Tatsache: Peter Weiss war beides. Das Problem: Es wird eine Hierarchie hergestellt. Surrealist gut, Sozialist eher eine Verlegenheit.
Man kann die Polarität auch ins Gesamtwerk projizieren: Das surrealistisch-vitalistische Frühwerk, etwa das aufwühlende Theaterstück «Marat/Sade» (1964) und der Roman «Abschied von den Eltern» (1961) einerseits, hierauf und dagegen die späteren Politdramen wie der «Viet Nam Diskurs» (1968), «Trotzki im Exil» (1970) und die abschliessende «Ästhetik des Widerstands» (1975–1981). Dabei hat Peter Weiss selbst die Notwendigkeit vielfältiger literarischer und politischer Ausdrucksformen betont und gefordert, die beiden Bereiche oder Aspekte zusammenzuführen – Vitalität und Vernunft, Emotion und Konstruktion, Wachsein und Traum. In seinem Stück «Trotzki im Exil» (1970) imaginiert er sich, dass der 1916 real an der Zürcher Spiegelgasse wohnende Lenin mit den 1916 real in der Spiegelgasse wirkenden Dadaisten zusammengetroffen sei, denn es gehe um «die doppelte, die wache und die geträumte Revolution». Nun verkompliziert sich die Sache deswegen ein wenig, weil das Stück, in dem diese Zusammenführung postuliert wird, als Kunstwerk eher missglückt ist. «Trotzki im Exil» deklamiert, ohne die These theatralisch umzusetzen und sie wirklich sinnfällig zu machen. Und wenn man denn will, lässt sich Peter Weiss selbst in der «Ästhetik des Widerstands» säuberlich auseinander dividieren: grandiose orgiastische Beschreibungen des künstlerischen Arbeitsprozesses und apokalyptische Todesvisionen, andererseits zu viel Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und zu viel dröge Didaktik. Was ein Missverständnis wäre.
Eine frühe Bewegung
Nachdem die «Ästhetik des Widerstands» sukzessive in drei Bänden erschienen war und nach dem frühen Tod von Peter Weiss 1982 entstand in den achtziger Jahren eine begeisterte Rezeptionsbewegung: Peter-Weiss-Lesegruppen ergänzten die Marx-Lesegruppen oder lösten sie womöglich ab. Im Berliner Argument-Verlag erschienen mehrere Bände zu Peter Weiss. 1989 wurde die Internationale Peter-Weiss-Gesellschaft gegründet, die sich mit Peter-Weiss-Notizblättern zu Wort meldete. Schon bald gab die Gesellschaft zudem das «Peter Weiss Jahrbuch» heraus, das jetzt im 25. Jahrgang steht und sich zu einem Jahrbuch für «Literatur, Kunst und Politik des 20. und 21. Jahrhunderts» erweitert hat. Bereits 1990 organisierten ein paar Literaturengagierte in Zürich eine Internationale Peter-Weiss-Tagung, bei der der Vortrag des deutschen Schriftstellers Christian Geissler (1928–2008) einige Debatten auslöste. Seit dem gleichen Jahr verleiht die Stadt Bochum alle zwei Jahre einen Peter-Weiss-Preis. Peter Weiss wird eifrig von der Literaturwissenschaft bearbeitet, wohl über hundert Studien zu den verschiedensten Aspekten seines Werks sind bislang publiziert worden. Die Peter-Weiss-Gesellschaft bleibt unermüdlich. Die «Notizblätter», neben der elektronischen newsletter-Form weiterhin auch auf Papier im A4-Format und in leicht verbesserter hektografierter Form gedruckt, listen alles auf, was so aufgeführt wird, an Theateraufführungen, an Lesungen, Ausstellungen und Tagungen. In Zürich hat Ende Oktober eine Peter-Weiss-Konferenz stattgefunden, die leider nicht über das Germanistische Institut hinaus ausstrahlte. Am 11 . bis 13. November werden in Rostock in einer Staffettenlesung die tausend Seiten der «Ästhetik des Widerstands» integral ausgebreitet.
Damals, bei der Zürcher Tagung von 1990, hatte sich Christian Geissler zu Peter Weiss als seinem Vorbild und Ansporn bekannt, und das war nicht ungewöhnlich, obwohl seine spezifische, hartnäckig sich als kommunistisch verstehende Interpretation nach der Wende von 1989 schon umstritten war. Heute scheint Peter Weiss weit weg von zeitgenössischen LiteratInnen. Aber dem jüngsten Peter-Weiss-Jahrbuch 2016 entnehme ich, was ich verpasst habe, dass der Schweizer Schriftsteller Christoph Geiser, mit dem ich einst in persönlichem Kontakt stand und dessen frühe Romane ich sehr schätzte, mit seiner «Trilogie des Scheitern» (1998, 2003, 2008) dem Optimismus von Peter Weiss eine Reflexion des «Endes aller gesellschaftspolitischen Relevanz von Literatur» entgegengesetzt habe. Und der jüngste Peter-Weiss-Preisträger Ulrich Peltzer hat sich bei der Annahme des Preises sehr sympathetisch zum Werk von Weiss geäussert, aber doch durchblicken lassen, dass in diesem das Verhältnis von Ratio und Irrationalem doch etwas gar einfach gestaltet worden sei.
Kurzum, es steht merkwürdig um Peter Weiss. Als Klassiker und als akademisches Studienobjekt ist er respektvoll eingesargt, wird aber zugleich weiterhin heftig in der aktuellen Diskussion gehalten. Ja, selbst Kritiker wie Raul Zelik in der WOZ, die ihm mittlerweile kritisch gegenüberstehen, nehmen ihn, da sie sich noch für politisch engagierte Literatur interessieren, als Referenzpunkt; und Rolf Bossart hat ihm auf der Website www.theoriekritik.ch eine weit reichende Reflexion gewidmet.
Dieser Sog
Werfen wir also einen kurzen Blick auf das Werk selbst, die «Ästhetik des Widerstands». Als Diskurserzählung wird sie zuweilen gehandelt, und das ist ja nicht unrichtig, denn hier wird viel gesprochen und gedacht. Aber drehen wir die Sache doch einmal um. Geben wir uns einmal dem ästhetischen Genuss hin, den diese Prosa bereitet. Diese Sätze sind gemeisselt, grob und feingliedrig zugleich. Sie sind gleichzeitig üppig und streng. Sie entwickeln einen Sog, der die Lesenden in seinen ästhetischen und gedanklichen Strudel hineinzieht, ohne diese und die verhandelten Gegenstände zu überwältigen.
Dabei wird vieles verhandelt, eindrücklich und bewegend. Etwa Geschichte und Fiktion. Die «Ästhetik des Widerstands» basiert auf zahlreichen Dokumenten. Die meisten Figuren haben historische Vorbilder, bewegen sich aber in einer fiktiv ausgebauten Welt. Der organisierende Ich-Erzähler ermöglicht durch ein reiches, dem Erzähler «persönlich» bekanntes Figurenensemble, dass politische und theoretische Positionen auf engem Raum und in zahllosen Diskussionen entfaltet werden. Dialogisch werden Themen umkreist: einerseits, andererseits. Doch was hier verhandelt wird, steht immer in praktischen Zusammenhängen. Jede geäusserte Meinung hat Anschrift und Absender. Wer spricht? In welcher Situation? Wie? Mit welchen Konsequenzen? Zum einen werden die Meinungen in den Lebensumständen der Sprechenden verankert, zum anderen werden sie in der Romanwirklichkeit auf ihre Schlüssigkeit hin «erprobt». Sprechen wird zum Probehandeln in der Praxis des Romans. So wird der Essayismus mit genuin ästhetischen Mitteln erweitert.
Die «Ästhetik des Widerstands» greift auf eine zweitausendjährige Geschichte von Klassenkämpfen zurück, sie ist eine Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, die in den 1930er-Jahren in die Niederlage gegenüber dem Faschismus mündet. Diese Geschichte mag im Detail abgetan sein, etwa in der Form der allein selig machenden Partei oder der einzigen, globalen, zentralisierten Widerstandsbewegung als dem auserwählten revolutionären Subjekt. Die mag mittlerweile durch vielfältige soziale Bewegungen, die Multitude oder andere mehr oder minder zutreffende Konstruktionen abgelöst worden sein. Aber die Fragen dieser geschichtlichen Bewegung sind selbstverständlich nicht abgetan. Und die psychosozialen Mechanismen, in denen sich ihre Mitglieder bewegen, sind ebenfalls nicht abgetan. Hier bleibt das Werk von Peter Weiss anschaulich und lehrreich. Er zeigt Politik in ihren Rückwirkungen auf ihre Exponentinnen und Exponenten. Die Hingabe an eine Sache: wie sie zu stärken aber auch zu verhärten vermag. Die Verführungen der Macht: aktuell von Tony Blair bis Daniel Ortega. Die Frage: Wie baut sich überhaupt eine politische Identität auf? Offensichtlich nicht nur durch die politischen Parolen, sondern durch den gelebten Alltag einer sozialen Bewegung. Beiläufig ist das auch ein Beitrag zur aktuellen Frage, wie politische Zugehörigkeit kippen kann, von der Arbeiteridentität in Sunderland oder Michigan zur Xenophobie.
Und so geht es weiter, etwa um Fragen der Geschichtsphilosophie, über deren Formen von Kreis, Spirale und Sprengung. Es geht um Spaltungen und um die Suche nach Einheit. Es geht um Didaktik, um Kulturrevolutionen und die Rolle des Schriftstellers. Dabei steht die Funktion der Kunst im doppelten Sinn zur Debatte. Immer wieder werden Gemälde und Romane diskutiert im Hinblick darauf, wie sie Identität formen und stärken helfen. Das Buch selbst ist ein Versuch, dabei behilflich zu sein. Diese kulturpolitische Arbeit mag in der Gruppe geschehen oder vereinzelt. Ums selber Lesen aber kommen wir nicht herum.
Weiterhin erhältlich:
Stefan Howald: «Peter Weiss zur Einführung». Junius Verlag. Hamburg 1994. 232 Seiten. Beim Verlag vergriffen, für 20 Franken (inklusive Porto) zu beziehen unter <email-pii>.