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«Oppenheimer», der neue Film von Christopher Nolan, porträtiert den Erfinder der Atombombe auf erzählerisch und technisch eindrucksvolle Weise. Gleichzeitig legt der «Tenet»-Regisseur damit eine ebenso faszinierende wie beklemmende Auseinandersetzung mit den historischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts vor.
Es ist eines der bekanntesten Zitate der letzten 100 Jahre: «I am become death, the destroyer of worlds». Ursprünglich ein Ausspruch der Gottheit Vishnu in der Bhagavad Gita, einer der heiligen Schriften des Hinduismus, wird der Satz in westlichen Ländern heute vor allem mit dem amerikanischen Physiker J. Robert Oppenheimer assoziiert, dem sogenannten «Vater der Atombombe», der damit sein Unbehagen über die Massenvernichtungswaffe ausdrückte, die er und seine Kolleg*innen während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des Manhattan-Projekts für das US-Militär entwickelten.
In «Oppenheimer», dem neuen Film und ersten Biopic des britischen Regisseurs und Autors Christopher Nolan («Memento», «The Dark Knight», «Tenet»), darf der Spruch natürlich auch nicht fehlen. Gleich zweimal gibt ihn der herrlich reserviert aufspielende, stets unheimlich in die Unendlichkeit starrende Oppenheimer-Darsteller Cillian Murphy («28 Days Later», «Peaky Blinders») von sich – zuerst beim Bettgeflüster mit seiner Liebhaberin Jean Tatlock (Florence Pugh), später nach der geglückten Mission «Trinity», der allerersten Testdetonation eines nuklearen Sprengsatzes in der Wüste New Mexicos, einige Wochen vor den verheerenden Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.
Doch anders als es vielleicht in einer konventioneller gepolten Filmbiografie der Fall gewesen wäre, ist «Oppenheimer» nicht um diesen Satz herumgebaut. Im Gegenteil: Nolan hätte ihn ohne Weiteres aus seinem Drehbuch streichen können, und es hätte kaum etwas von seiner thematischen Substanz eingebüsst. «I am become death, the destroyer of worlds» würde auch ohne explizite Nennung durch jede der 180 Minuten des Films geistern – insbesondere die Idee der Metamorphose, die darin steckt: der Gedanke, dass die Zerstörung der Welt ein Prozess, ein Akt des Werdens, des «Becoming» ist.
«Oppenheimer» ist ein Film über einen theoretischen Physiker, der es sich zur Aufgabe macht, Theorie in Praxis umzusetzen, und dabei hautnah miterlebt, wie schnell wissenschaftliche Neugierde zum militärisch-politischen Machtinstrument geformt werden kann, wie man nur ein paar verdrängte Gewissensbisse davon entfernt ist, sich in ein Zahnrad in der amerikanischen Kriegsmaschinerie zu verwandeln. Und es ist ein Film über die Unvorhersehbarkeit der Weltgeschichte, über Zusammenhänge, die im Nachhinein offensichtlich, im historischen Moment selber aber diffus und weit hergeholt wirken – aufgehängt am Werdegang eines wissbegierigen Doktoranden, der mit Niels Bohr (Kenneth Branagh) und Albert Einstein (Tom Conti) über die Beschaffenheit des Universums philosophiert, zum Architekten einer Waffe, die den Untergang der Menschheit herbeiführen könnte.
«‹Oppenheimer› ist ein Film über einen theoretischen Physiker, der es sich zur Aufgabe macht, Theorie in Praxis umzusetzen, und dabei hautnah miterlebt, wie schnell wissenschaftliche Neugierde zum militärisch-politischen Machtinstrument geformt werden kann.»
Diese Evolution wird natürlich, in typisch Nolan’scher Manier, nicht linear erzählt: Zusammen mit Schnittmeisterin Jennifer Lame zimmert er in «Oppenheimer» ein assoziatives Porträt, in dem sich Erinnerungen, dunkle Vorahnungen und – ganz im Sinne der Atomthematik – die verspäteten Nachwirkungen unscheinbarer Ursachen überlagern und miteinander verschränken.
Auf einen etwas gar hastig erzählten Sprint durch Oppenheimers prägende Studienjahre im Europa der Zwanzigerjahre und seine Zeit als Professor und kommunistischer Sympathisant in den USA der Dreissigerjahre folgen drei mehr oder weniger parallel verhandelte Zeitebenen: Oppenheimers Arbeit am Manhattan-Projekt im geheimen Forschungsdorf Los Alamos, motiviert von der Überzeugung, dass die Alliierten den Nazis beim Bau einer Atomwaffe zuvorkommen müssen. Eine geschlossene Anhörung im Jahr 1954, bei der sich der brillante Querkopf – inzwischen ein ausgesprochener Gegner nuklearer Proliferation – im Kampf um die Beibehaltung seiner Sicherheitsfreigabe für seine linke Vergangenheit verantworten muss. Die Befragung des Kabinettsaspiranten und Atomenergie-Pioniers Lewis Strauss (herausragend: Robert Downey Jr.) im US-Senat 1959, die unverhofft in eine Diskussion über Strauss‘ jahrelange Fehde mit Oppenheimer abdriftet.
Wie so oft bei Nolan geht nicht alles an dieser Rechnung gleich gut auf. Mit seinen kurzen, von dramatischer Musik unterlegten Szenen, in denen der Protagonist auf wissenschaftliche Vorbilder wie Werner Heisenberg (Matthias Schweighöfer), spätere Los-Alamos-Weggefährten wie Isidor Rabi (David Krumholtz) und seine künftige Ehefrau Kitty (Emily Blunt) trifft – und mit seiner Arbeit in der Quantenphysik quasi nebenher die Wissenschaft revolutioniert –, erinnert das erste Drittel von «Oppenheimer» mitunter an einen langen Trailer, der viele spannende Ansätze anschneidet, sie aber nicht vollauf vertiefen kann.
Zu einem gewissen Grad ist das verständlich: Oppenheimers Leben war turbulent und proppenvoll mit erzählenswerten Episoden und Begegnungen. Dass die BBC 1980 eine siebenteilige Miniserie über ihn produzierte – und damit wohl einen zehnjährigen Nolan tief beeindruckte –, ist alles andere als überraschend. Dennoch hätten Figuren wie die kommunistische Psychologin Jean Tatlock, die Oppenheimer stark prägte, oder die selber ungemein komplexe Kitty Oppenheimer eine stärkere Figurenzeichnung verdient als sie hier erhalten. Und auch die Bedeutung der jüdischen Diaspora für das Manhattan-Projekt wirkt wie ein nicht zu Ende gedachter Aspekt der Handlung.
Doch je tiefer man in die nuancierte Geschichte über historische Schuld und individuelle Verantwortung eindringt, desto mehr gelingt es dem äusserst kurzweiligen Film, diese Einwände mithilfe seiner beträchtlichen Qualitäten auszuhebeln. Diese sind nicht zuletzt technischer Natur, hat man es doch immerhin mit einem Werk von Christopher Nolan zu tun.
Gerade das Tondesign, welches das Publikum gemeinsam mit Lames Schnitt immer wieder in die zerrüttete Psyche der Hauptfigur entführt, ist für eine ganze Reihe unvergesslicher, bisweilen geradezu verstörender Momente verantwortlich: Die gespenstische Stille der «Trinity»-Testdetonation, bevor die Schockwelle zeitversetzt an den verschiedenen Überwachungsposten eintrifft, ist eine eindrückliche Metapher für die verzögerten, dafür umso länger nachhallenden Konsequenzen, die Oppenheimers Arbeit nach sich ziehen sollte. Der tosende Applaus wiederum, den «Oppie» nach der «erfolgreichen» nuklearen Bombardierung Japans in Los Alamos erntet, klingt verdächtig wie eine im Gleichschritt marschierende Armee – ein überwältigender Soundteppich, der durch das Hinzufügen markdurchdringender Angstschreie (und halluzinierter Bilder schauerlicher Verletzungen) schliesslich sogar unmissverständlich in Richtung Horrorgenre kippt.
«Die verschachtelte Erzählstruktur erweist sich hier nicht nur als raffinierter Spannungsbogen, sondern auch als faszinierende Reflexion über die historischen Umwälzungen Mitte des 20. Jahrhunderts, mit deren beklemmenden Folgen die Welt bis heute lebt.»
Der Hauptgrund, warum «Oppenheimer» Nolans bester Film seit «Inception» (2010) – und obendrein auch noch ein besserer Kriegsfilm als «Dunkirk» (2017) – ist, ist aber, dass all diese technischen und narrativen Spielereien eine fassbarere thematische Relevanz haben, als es letzthin bei Nolan der Fall war. Die verschachtelte Erzählstruktur etwa, die in «Tenet» noch primär ein ausser Kontrolle geratenes Drehbuchexperiment war und in «Dunkirk» hauptsächlich einer ziemlich oberflächlichen Auseinandersetzung mit subjektiver Kriegserfahrung diente, erweist sich hier nicht nur als raffinierter Spannungsbogen, sondern auch als faszinierende Reflexion über die historischen Umwälzungen Mitte des 20. Jahrhunderts, mit deren beklemmenden Folgen die Welt bis heute lebt.
Dass die letzte Stunde des Films fast ausschliesslich dem bürokratischen Nachspiel von Oppenheimers Karriere – inklusive Lewis Strauss‘ politischen Aspirationen – gewidmet ist, ist ein wunderbar konsequenter erzählerischer Kniff. Der Fallout von Oppenheimers Erfindung hat die traditionellen Grenzen zwischen Ursache und Wirkung, Wissenschaft und Politik, Theorie und Praxis endgültig aufgelöst: Zu Zeiten des militärisch-industriellen Komplexes ist es vorbei mit unschuldigem Forschen, objektiver wissenschaftlicher Neutralität und klaren Verhältnissen, wenn es um die Frage nach moralischer Schuld geht.
«‹Oppenheimer› handelt vom Individuum, das den Lauf der Geschichte zwar verändern, aber nicht kontrollieren kann.»
Entsprechend logisch ist auch die nachdrückliche Visualisierung von Oppenheimers Perspektive, den Bildern vor seinem geistigen Auge, die langsam von Sternenhimmeln und subatomaren Strukturen in apokalyptische Schreckensvisionen einer von nuklearen Flammen überzogenen Welt übergehen. «Oppenheimer» handelt vom Individuum, das den Lauf der Geschichte zwar verändern, aber nicht kontrollieren kann – von der Macht des Einzelnen, eine unaufhaltsame Kettenreaktion auszulösen, an deren Ende die Zerstörung der Welt steht.
«I am become death, the destroyer of worlds»: Bei Vishnu ist das ein Versprechen göttlicher Macht, bei Oppenheimer die beängstigende Erkenntnis, zu welch furchtbarer Gewalt man selbst, zu welch selbstzerstörerischer Torheit die Menschheit als Ganzes fähig ist. Und wie der Film in seinen letzten Minuten, in denen die modernen Atomrakten symbolhaft über die Leinwand schiessen, unmissverständlich deutlich macht, ist diese Angst nicht ein verstaubtes Artefakt einer längst überwundenen Ära, sondern ein Vermächtnis, mit der wir bis zum heutigen Tag zu leben haben, sosehr wir uns auch bemühen, es zu verdrängen.
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Kinostart Deutschschweiz: 20.7.2023
Filmfakten: «Oppenheimer» / Regie: Christopher Nolan / Mit: Cillian Murphy, Robert Downey Jr., Emily Blunt, Matt Damon, Josh Hartnett, Florence Pugh, Benny Safdie, Jason Clarke, Tom Conti, Kenneth Branagh, Rami Malek, Casey Affleck, David Dastmalchian, Dylan Arnold, Dane DeHaan / USA, Grossbritannien / 180 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Christopher Nolan ist mit seinem formal beeindruckenden Physiker-Porträt «Oppenheimer» ein intelligentes, eindringliches, überraschend kurzweiliges Stück historisches Kino gelungen.