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Meinen Kranken fand ich im Westtrakt in einem Einbettzimmer, ich stand links neben dem Bett, links von mir das Fenster mit so viel Licht, dass der Kranke bleich aussah, an den Wänden gab es keine Bilder, das Stahlbett und die übrigen Möbelstücke waren rollbar, es war heiss draussen, mittagshell, und jeder Besucher kam ungelegen, in jedem einzelnen Zimmer, so ungelegen stand auch ich neben seinem Bett. Er sah besorgt aus. Nach einer Weile sagte er, es wäre gescheiter gewesen, mir die Lippen nicht zu schminken, was mir später einleuchtete, zunächst schwieg ich aber, fragte ihn nicht nach der Deutung oder den Deutungen seiner Krankheit und verliess ihn, um eine Vase zu holen, währenddessen stand meine Handtasche neben ihm, auf einem Stuhl. Ich ging zum Vasenregal, das in allen solchen Häusern irgendwo auf dem Flur zu finden ist, auf einem langen Flur, links und rechts Türen, ab und an ein offener kleiner Nebenraum, dann biegt man um die Ecke, und plötzlich liegt etwas Tageslicht am Boden. Ich holte eine Glasvase für die Tulpen, die später auf dem Beistelltisch neben seinem Bett standen, aber neben den Blumen sah er nicht besser aus, am wenigsten bleich wirkte er, wenn ich nur sein Gesicht anschaute und sonst nichts.
Draussen gab es einen riesigen kahlen Parkplatz, einen Fabrikparkplatz, könnte ich sagen, neben einem Tor rannten Buben herum, sie fielen um, zuckten kurz und lagen still am Boden. Einige knieten sich hin, senkten den Kopf und fielen dann erst um, sie spielten Erschiessen. Eine Krankenschwester lief vorbei und hielt eine Scheibe Pizza in der Hand, der Platz roch sommerlich nach Benzin, wahrscheinlich auch nach Metall, ein wenig nach Brand, es gab die freie Welt ausserhalb der Krankenzimmer mit verbrannten Gerüchen, in den Räumen selbst war davon nichts zu spüren, alle Gerüche waren unterbunden, die helle Wurst auf den Tellern, die Erdbeeren, die Blumen, Tabletten und Medizinfläschchen rochen nicht, höchstens die Räume selbst, nach abgestandener Luft und nach Putzmittel. Im Zimmer nebenan lag ein grosser, ebenfalls bleicher Mann, den ich von früher her flüchtig kannte und der nach einigen Wochen draussen in der Welt weitermachen konnte, allerdings, wie er dann sagte, mit einer schwächenden Erinnerung an die Krankheit, ständig geschwächt auch dadurch, dass er an die andern im Spital denken musste.
Vor einigen Tagen gab es eine Rundfunksendung über die Entwicklung des Mitgefühls unter den Menschen, dabei wurden so viele Zahlen genannt, dass ich mich an Einzelheiten nicht erinnern kann. Vor etwa einer Million Jahren habe es noch kein Mitgefühl gegeben, hiess es, erst später, als der Homo so und so in Asien angelangt war. Da plötzlich sei das Phänomen der Tränen aufgetreten und damit das Einfühlungsvermögen. Es fragt sich, was damals mit den Elefanten los war, und ob Delphine ihre Anteilnahme auch erst später entwickelt haben, solche fehlenden Einzelheiten störten mich am vorgeschlagenen Entwicklungsmodell, aber es mag schon sein, dass allmählich mehr und mehr zweckgebundene und nichtzweckgebundene Liebe aufgekommen war, es war Liebe aufgekommen, eine Menge, manchmal ging es dabei wirklich nur um die Menge, um die Anzahl innerhalb einer Gruppe, so dass im Grunde von einer Gruppenliebe die Rede war, um die Liebe einer Gruppe untereinander. Zum Beispiel gab es die Bären, die wollten je allein sein, möglichst wenige Bären um sich haben, während sie ursprünglich mit den Wölfen verwandt waren, die eine Gruppe sein wollten, und als dann die Bären wieder ins Wasser gingen, als Seerobben, zogen sie es vor, wieder in Gruppen und voller Gefühl für einander zu leben, und ob gruppenweise oder allein oder zu zweit geliebt wird, ist nicht unwesentlich. Auf alle Fälle kam einmal Liebe auf, und die kann später wieder untergehen. Wie sie aufkommt und vergeht, ist eine Symmetrie. Auf, auf, immer stärker und besser, noch besser, blühend, glühend, stark und erstaunlich und dann ab, ab, weg, vorbei, verschwunden ist sie, eine Symmetrie in Sachen Liebe, und dann müsste man wissen, wohin das, was verschwindet, hinkommt. Allein schon die Wörter, wohin verschwinden sie? Ich besitze ein kleines Lexikon untergegangener Wörter, damit sind sie dort im Buch zumindest gut aufgehoben, in Wirklichkeit aber verschwunden. In dieser Hinsicht ist es leichter, über handfeste Dinge zu reden, etwa über verlorene Schmuckstücke, und das gilt nicht nur für berühmte Armreife und Kronen. Es ist einfach zu sagen, dass jemand einen Ring verloren hat, obwohl ein Ring überhaupt nicht nur ein Gegenstand ist, er hat Vorgeschichten und eine geologische und geographische Herkunft, und zur Geschichte gehören auch der Tag und die Stunde, an dem der Ring verlorenging. Bei unserem letzten Sommerfest kam Ruth auf mich zu, und ohne viel zu sagen, betrachtete sie die einzelnen Granaten meiner Halskette, als seien die Steine durchsichtig, obwohl Granate nicht einmal auffällig leuchten, nur bei genauem Hinschauen beginnt die purpurähnliche Farbe in den Steinen zu schimmern, und nachdem Ruth eine Weile neben mir stand und wohl die Lichter in den dunklen Steinen zählte, jedenfalls so schaute, als würde sie zählen oder an einem kleinen Bildschirm, der mir am Hals hing, etwas ablesen, sagte sie, dass sie einmal eine ähnliche Kette verloren habe.
Im Grunde müsste man alle Steine, bevor sie verlorengehen, mit ihrem Blick studieren, so, als würde man sich zu einem Bildschirm vorbeugen, im Internet verschiedene Informationen suchen. Über Granate habe ich im Internet kaum etwas herausgefunden, nur Hinweise auf einige Verkäufer. Sie hatten ihre Angebote ins Netz gestellt, Buchstabenreihen mit Tippfehlern, die in einer Wurfsendung ähnlich gewirkt hätten, wenn man vom Leuchten des Bildschirms absieht. Über Turmaline gab es mehr Auskunft. Turmaline, hiess es, hätte man früher mit anderen Edelsteinen verwechselt, und im Laufe des letzten Jahrhunderts seien immer mehr Vorkommen dieser farbenfrohen Edelsteine entdeckt worden, Südamerika, Russland (Ural), Namibia, Madagaskar, Tansania seien einige der interessanten Fundorte. Ruth sagte, sie hätte ihre Granatkette nicht fotografiert, und jetzt sei sie einfach verloren, und sie erzählte von einer Kette mit Turmalinen, die unversehens gerissen war, die Steine waren auf und davon, mitten auf der Strasse, die leichte Berührung der wegrollenden Perlen hatte sie erst nach Sekunden gemerkt, eine Berührung am Hals und am Nacken, sie war gerade in der Stadt unterwegs, im Gespräch mit jemandem, einige Perlen hatte sie am Gehweg wiedergefunden, aber längst nicht alle. Sie waren blau, grün und rosa und hatten eine ganz bestimmte Wärme.
Die warmen Turmaline, die wie beinlose Ameisen über Nacken und Brustbein weglaufen, müssen niemanden schmücken, es ist einfach schön, sie zu haben, und man muss sich alle Steine einzeln merken, bevor sie verlorengehen. Ob sie schmücken oder nicht schmücken, hängt vom Gesicht ab, und es gibt einen gewissen Gesichtsausdruck, mit dem man den Blick anderer auf den eigenen Schmuck lenken kann. Die gesamte Fläche des Gesichtes ist eine Spiegelungsgrundlage, die Augen müssen ruhig sein, die Nase, der Nasenrücken, die Nüstern und die Nasenlöcher müssen ruhig sein, zugleich etwas angespannt, als wären sie im aufmerksamen Kontakt mit den umliegenden Bereichen des Gesichtes, mit den gespannt ruhenden Wangen, mit Lippen und Zähnen, wobei gerade Lippen und Zähne am auffälligsten auf den jeweiligen Schmuck hinweisen. Aber selbst wenn ich mir ein Schmuck tragendes Gesicht noch so genau vorstellen mag, weiss ich immer weniger, was ein Gesicht sagt, was ich darin sehe. Ich verwechsle Ruhe mit Entschlossenheit, versteckte Wut mit Unfreundlichkeit und was mehr, und als ich links neben dem Bett des Kranken stand, konnte ich seine Blässe nicht verstehen. Zum Teil lag sie wohl an der Umgebung und an der Kleidung. An dem Hemd, das sie ihm im Krankenhaus angezogen hatten, denn das Hemd gehört ihnen, den Ärzten und den Schwestern, und was fremd ist, ist der Hals, der aus dem weissen Kragen hervorragt, ein fremder Kopf steckt im Hemd. Dieser Kopf spielt nur vorübergehend eine Rolle, darum ist er bleich, jeder Kopf auf eigene Weise, nur kann der Kopf unmöglich über sich selbst denken, dass er fremd sei, das Hemd aber etwas Normales. Eher fühlt er sich verloren, während der Besucher das anders sieht, er hat eine ganz andere Klarheit, wodurch er und der Kranke getrennte Leute sind.
Auf dem Regal über einem Waschbecken standen zwei Tongefässe, sonst gab es nur herrschaftlich schön geschwungene Plastikvasen in falschem Grün und falschem Blau, da war nichts auszusuchen, dann fand ich allerdings eine versteckte Glasvase. Auf dem Rückweg zum Zimmer ging rechts vor mir eine Tür auf, und eine Frau kam mir entgegen, die offensichtlich niemanden sehen wollte, aber ich kannte sie, kannte sie von einer gemeinsamen Zugfahrt und grüsste. Mein Mann, sagte sie, zeigte auf das Zimmer hinter sich und ging einfach weiter.
Gleichzeitig war die Visite am Anrollen, drei Ärzte kamen, und ich beschloss, die Vase ins Regal zurückzustellen und meinen Kranken erst später aufzusuchen. Es wäre peinlich, gleich nach einer Arztvisite in ein Krankenzimmer zu gehen und dem Kranken ins Gesicht zu starren, der sich kurz zuvor entblösst und seine Wunden gezeigt hatte, und der mit blossem Bauch über diesen Bauch und über die eigenen Innereien eine Klarheit suchte, mit dem Arzt bei dem notwendigen Wortwechsel zwar gut zurechtkam, mit den Erklärungen auch, trotzdem blieb nach dem schnellen Gespräch eine Portion Unsicherheit, und es blieben für ihn vierundzwanzig Stunden bis zum nächsten Gespräch mit den Unsicherheiten.
Auf dem Gang gab es links und rechts alle zwei Meter hellblaue Türen, auf dem grau-weiss gesprenkelten Boden führten einzelne beschriftete Linien in verschiedene Richtungen, zur Radiologie, zum Schwesternzimmer, zur Ambulanz, zum Ausgang, Notausgang, Aufzug, zum Buffet, zur Urologie. Dies war ein raucherfreies Krankenhaus, nur auf dem Balkon standen zwei grosse Aschenbecher. Der Balkon befand sich hinter mir, am Ende des langen und nur mit künstlichem Licht ausgeleuchteten Flurs. Dann bog ich links um die Ecke, und wieder traf das Tageslicht den Boden und auch mein Gesicht.
Auf dem Boden vor mir sah ich zuerst zwei Schuhe, darin zwei honig- oder bernsteinfarbene Beine, lange Beine, dachte ich und ging auf die Schuhe zu, auf die Beine, auf einen sonnengelben Mann.
(Gekürzter Anfang eines neuen Buchprojekts)
Zsuzsanna Gahse
1946 Geburt in Budapest
1956 Flucht mit den Eltern nach Wien, wo sie die deutsche Sprache lernte
1956 bis 1965 Besuch des Gymnasiums in Wien, später in Kassel
1989 bis 1993 Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen
1996 Poetik-Dozentur an der Universität Bamberg
Die Autorin lebt im Thurgau (Schweiz) sowie in der Nähe von Heidelberg.
Bücher
«Instabile Texte. zu zweit». Wien: Edition Korrespondenzen, 2005.«durch und durch. Müllheim / Thur in drei Kapiteln». Wien: Edition Korrespondenzen, 2004.«Passepartout». Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 2001.«Essig und Öl». Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 2001.«Übersetzt: eine Entzweiung». Lausanne: Centre de traduction littéraire, 2000.«Calgary», mit einer Zeichnung von Christoph Rütimann. Warmbronn: Ulrich Keicher, 1999.«Nichts ist wie. Oder Rosa kehrt nicht zurück». Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1999.«Wie geht es dem Text. Die Bamberger Vorlesungen». Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1997.«Kellnerroman». Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1996.«Nachtarbeit». Warmbronn: Ulrich Keicher, 1992.«Hundertundein Stilleben. Prosa». Klagenfurt: Wieser, 1991. (vergriffen)«Einfach eben Edenkoben». Klagenfurt: Wieser, 1990.«Stadt, Land, Fluss: Geschichten». München: List, 1988 (vergriffen).«Liedrige Stücke». Warmbronn: Ulrich Keicher, 1987 (vergriffen).«Abendgesellschaft». München, Zürich: Piper, 1986 (vergriffen).«Berganza». München: List 1984 (vergriffen); München: Piper, 1987 (vergriffen); Neuauflage: Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1999.
Von Zsuzsanna Gahse liegen ausserdem zahlreiche Übersetzungen u.a. von Péter Esterházy, Péter Nádas, Miklós Mészöly, Zsuzsa Rakovszky und István Vörös vor.