Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/3075

Sarah Connolly, in einem Essay für den Guardian haben Sie einmal geschrieben: «Alma Mahler war ein Monster, kein Zweifel, aber ein faszinierendes Monster.» Was hat Sie dazu veranlasst, sich mit der Musik dieses «Monsters» zu befassen?
Den Artikel The Alma Problem für den Guardian habe ich im Dezember 2010 anlässlich einer Aufführung von Alma Mahlers Liedern mit dem London Symphony Orchestra unter Marin Alsop geschrieben. Die Zeitung wünschte sich von mir einen pointierten Diskussionsbeitrag und hoffte, damit das Interesse für dieses Konzert zu wecken. Aber meine Beschäftigung mit Almas Liedschaffen reicht weiter zurück: Ich hatte zuvor schon einige ihrer Vertonungen mit Klavier beim Oxford Lieder Festival aufgeführt. Das war ein Programm, das die Musik prominenter Paare präsentierte: Alma und Gustav Mahler, Clara und Robert Schumann, dazu die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn. Danach hat mich Yannick Nézet-Séguin übrigens eingeladen, mit ihm Almas Lieder aufzuführen.
Glauben Sie, dass sich die Nachwelt für die Werke Alma Mahlers interessiert hätte, wenn sie nicht als Mahler-, Gropius- und Werfel-Witwe oder durch die «chronique scandaleuse» ihrer Affären so berühmt geworden wäre?
Ich sollte ehrlich antworten! Denn ich denke nicht, dass Almas Lieder genauso gut wie die Vertonungen von Alexander Zemlinsky oder Arnold Schönberg sind. Aber sie war ein solches Naturereignis, dass sie wohl in jedem Fall eine Art von musikalischem Vermächtnis hinterlassen hätte, und sei es durch andere. Weil sie stets mit berühmten Männern aus der Kunstszene liiert war, hat sie sich eine Position und Bestimmung aufgebaut, die darauf abzielte, ihre Liebhaber zu inspirieren und zu kontrollieren. Sie hatte – so vermute ich jedenfalls – gewisse «männliche» Qualitäten: zum Beispiel die Fähigkeit, unter lauter leidenschaftlichen Menschen leidenschaftslos zu bleiben. Sie konnte kühl analysieren und manipulieren, ihr Interesse an anderen war bar jeden Mitgefühls. Und sie war recht starrsinnig.
Was sind die Qualitäten von Alma Mahlers Liedern?
Sie hatte eine Begabung für melodische Linien. Einige ihrer Lieder erscheinen mir wie Studien über Wagner-Rezitative, so zum Beispiel Licht in der Nacht, und das erklärt auch, warum manche Vertonungen so kurz sind. Nach eigenem Bekunden hat sie ihre Stimme als junges Mädchen auf dem Altar von Richard Wagner geopfert, und so wäre es doch nur natürlich, dass sie auch in ihrem Schaffen einen Komponisten nachbildet und erkundet, dessen Kunst sie vollständig absorbiert hatte. Für meine Begriffe ähnelt Almas Musik aber nicht der von Gustav Mahler, eher strebt sie zur Klangwelt ihres Lehrers Alexander Zemlinsky, wobei sie harmonisch allerdings auf Richard Strauss und Alban Berg vorausblickt. Gegen Ende seines Lebens, während der grossen Ehekrise, hat Gustav Mahler einige ihrer Lieder veröffentlicht – ein verzweifelter Versuch, Alma für sich zurückzugewinnen. Aber wir wissen nicht, ob und inwieweit er dabei in den Notentext eingegriffen hat.
Alma und Gustav Mahler in ein und demselben Konzert zu präsentieren, ist ein mutiges Projekt. Kann ihre Kunst denn diesem Vergleich standhalten?
Ich wünschte, Sie hätten mich das nicht gefragt! Die Antwort ist klar, aber in den Orchesterfassungen von Colin und David Matthews, die Sie hören werden, sind Almas Lieder bestens aufgehoben und erscheinen dramatischer und farbenreichen als mit dem Klavier allein.
Alma hat sich stets als Opfer dargestellt und behauptet, dass sie das Komponieren nur deshalb aufgab, weil Gustav es ihr verboten habe. Glauben Sie ihr das?
Wir wissen um das voreheliche Versprechen, dass Gustav Mahler Alma abnahm, als er von ihr verlangte, auf das Komponieren zu verzichten, wenn sie denn seine Frau werden wolle, und ich befürchte, er wird mit Nachdruck darauf bestanden haben. Ganz ähnlich, wie er auch von ihr erwartete, sich ganz seinem Tagesablauf mit all seinen Verpflichtungen rund um die Uhr unterzuordnen. Vielleicht hat sie ihren Wunsch zu komponieren aber auch deshalb verloren, weil sie mit einem Genie verheiratet war. Sie arbeitete für ihn ja immer wieder als Notenkopistin, sodass sie sich möglicherweise angesichts seiner Grösse schrumpfen spürte – das hat sie allerdings nicht daran gehindert, öffentlich schlecht über einige seiner Werke zu sprechen. Was sie in diesen frühen Jahren durchmachen musste, tut mir wirklich leid. Ich hätte das nicht überstanden: diesen streng regulierten Tagesablauf, diese verschärfte Routine. Und das nach einer Jugend in ungewöhnlicher gesellschaftlicher und intellektueller Freiheit! Ich denke, dass unter den verschiedenen Strängen ihrer Kreativität dem Komponieren ihr vorrangiges Interesse galt, mehr als dem Schreiben oder dem Zeichnen – aber im Mahler’schen Haushalt war eben kein Platz für zwei Musikerpersönlichkeiten.
Gibt es noch andere Komponistinnen der letzten Jahrhunderte, für die Sie sich engagieren? Haben Sie für uns noch weitere Entdeckungen in petto?
Fanny Mendelssohn und Clara Schumann sind beide wirklich ausgezeichnete Komponistinnen, auch wenn Fanny sicher vom Stil ihres Bruders und Clara von der Klangsprache ihres Mannes Robert beeinflusst wurde – mehr jedenfalls als Alma von Gustav. Es ist bezeichnend, dass Alma vor ihrer Ehe eine ganz andere musikalische Identität ausgeprägt hatte.
Interview: Susanne Stähr
Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.
Die Sopranistin Sarah Connolly singt heute Abend ausgewählte Lieder von Alma Mahler in der Orchesterbearbeitung von Colin und David Matthews, begleitet vom Rotterdam Philharmonic Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin.