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Wer erinnerst sich nicht genüsslich an Godi Dienst und sein Wembley Tor, das 1966 England zum Fussball-WM Titel verhalf? Da steckte alles drin, was der Fussball bieten kann: Drama pur, und am Ende gewannen auch noch die Richtigen; was will man mehr?
Das Beispiel bietet anschauliche Parallelen zum Entscheiden in beruflichen wie auch in privaten Angelegenheiten, wie wir im Folgenden zeigen werden.
Wenn Sie also ohne vollständige Informationen oder angesichts anderer Widerwärtigkeiten (Zielkonflikte, moralische Dilemmas, Paradoxa) entscheiden müssen, ist es hilfreich, sich verschiedene Faktoren ins Bewusstsein zu rufen.
a) DIE SITUATION AN SICH, hier im Besonderen
– die Wichtigkeit der Sache; ein WM-Final ist kein Grümpelturnier – der Entscheid also landesweit von dramatischer (auch wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher) Bedeutung
– der Öffentlichkeitsfaktor; kann der Entscheid versteckt werden (Postauto), oder wird er sofort (in diesem Beispiel hier) oder höchstwahrscheinlich irgendwann später (Postauto und viele andere Beispiele gerade hier in IP) doch sichtbar (gemacht)?
– die persönlichen Konsequenzen; werde ich Held oder Buhmann, befördert, aufs Abstellgleis gestellt oder rausgeschmissen?
– die Auswirkungen (I) für die anderen Beteiligten: Bei einem klaren Spielstand oder zu Beginn des Spiels hätte der Entscheid höchstwahrscheinlich weniger weitreichende Folgen gehabt
– die Auswirkungen (II) für die anderen Beteiligten: Hier aber ging es um Weltmeister oder nur Zweiter
– die Fallhöhe könnte grösser nicht sein (wobei der Sieger nicht wie beim Eurovision Song Contest das nächste Turnier organisieren muss, darf)
– die Revidierbarkeit des Entscheids; ist an sich nicht möglich (Tatsachenentscheid), allerdings wurde kürzlich eine entsprechende Regeländerung per Twitter eingeführt, um – wie es offiziell hiess – „dem Trend hin zur Berücksichtigung alternativen Fakten zu folgen“, was auch von den Sponsoren sehr geschätzt werde
– die Beeinflussungen von aussen; Pfeifkonzert, „Schiedsrichter ans Telefon“-Rufe (der Vorläufer des Videobeweises), verbale und körperliche Bedrängung durch Spieler und Trainer waren schon damals üblich
– die Gefährdungen von Leib und Leben; wobei 100’000 Zuschauer damals weniger bedrohlich waren als aufgebrachte Spielerväter und -mütter heutzutage an Schülerturnieren
– der Zeitdruck; dieser ist enorm, Sie müssen praktisch sofort entscheiden
– die Persönlichkeitsstruktur; beispielsweise zeige ich allen, dass ich kein „Heimschiedsrichter“ bin oder mich für Minderheiten einsetze
– der Entscheid selber ist eigentlich simpel; nur ja oder nein – bekannte Ansätze der Entscheidungstheorie (wie die Nutzwertanalyse (NWA) oder der Analytic Hierarchy Process (AHP)) bringen uns hier übrigens nicht weiter.
b) IHRE OPTIONEN
– Zeit gewinnen, ist der erste Gedanke; Sie können allerdings nicht abwesend, überlastet oder mit Wichtigerem beschäftigt sein oder neu terminieren, sondern hier auf dem Platz höchstens …
– … zusätzliche Informationen durch Befragung des Linienrichters einholen (damit gewinnen Sie Zeit, erfahren hoffentlich, was Sie nicht gesehen haben und präsentieren sich als aktiven Zuhörer) …
– … mit dem Nachteil, dass Ihre Unsicherheit sichtbar wird …
– … und dem Vorteil, dass Sie Ihre Verantwortung delegieren können
– während Sie also zum Linienrichter traben (machen Sie einen kleinen Umweg und täuschen Sie eine tapfer ertragene kleine Verletzung vor – Anschauungsunterricht gibt es bei jeder Spielerauswechslung einer führenden Mannschaft –; mit der dabei oft zu sehenden peinlichen Aufforderung ans Publikum, Beifall zu spenden, wäre ich allerdings äusserst zurückhaltend, mindestens zu diesem Zeitpunkt) …
– … geht Ihnen Folgendes durch den Kopf:
– welche Regel(n) hier relevant ist (sind) und ob und wie sie angewendet werden sollen und für wen sie gelten (Compliance); im Fussball, vielleicht mit Ausnahme der Abseitsregeln, und im Gegensatz zur Finanzwirtschaft, ist das eine relativ einfache Sache; die Herausforderung ist das Erkennen der Situation
– dabei können Sie auf den gesunden Menschenverstand oder Ihre (Lebens-)Erfahrung zurückgreifen – was wir sinnvollerweise auch häufig tun; hier aber ist das nur bedingt zielführend, da ein Ball durch Drall und anderes sehr ungewöhnliche, den eigenen Erfahrungen widersprechende Wege einschlagen kann (oder können Sie wie weiland Fredi Bickel einen Corner absichtlich (!) direkt ins Tor schiessen?)
– somit ist im Vorteil, wer offen ist für Neues und aus anderen Gebieten Erkenntnisse anwenden kann (zum Beispiel Billard, Snooker – mit Einschränkungen)
– Gleiches gilt für Physik, wo die Regeln („die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten“, … Sie wissen schon) allenfalls für die Weltraumfahrt, nicht aber für den Fussball gelten mögen; wer kann und will schon wissen, was genau sich zwischen Latte und Torlinie alles so abspielt?
– Kompensation; Sie haben der anderen Partei einen ungerechtfertigten Penalty „geschenkt“ (was Ihnen in der Pause klar geworden ist) …
– kreative Alternativen: Sie erfinden ein Stürmerfoul oder eine Abseitsstellung (aktiv natürlich, nicht passiv) und geben so dem Geschehen eine unerwartete Wendung mit weniger weitreichenden oder passenderen Konsequenzen
– oft helfen gedankliche Hilfskonstruktionen („Im Zweifel für die verteidigende Mannschaft!“), Grundsätze (beispielsweise in der Erziehung und Personalführung) oder persönliche Überzeugungen (wie wir sie im letzten IP Beitrag beschrieben haben)
– ihre Gefühle wollen wir nicht ausser Acht lassen; früher erfahrene Beleidigungen der einen Seite, Sympathien für die andere Seite (rational begründbare wie „das hilft den Menschen im Land A aus ihrer Misere“; wobei Italien ja in Russland nicht dabei ist) – auch wenn wir wollen, können wir das nicht völlig unterdrücken
– Gouverner c’est prévoir: Vorbereitung ist alles – viele Szenarien können vorher durchgedacht werden, wobei wir hier in der Wirtschaft eindeutig im Vorteil sind, da Fussball völlig unberechenbar und komplex ist
– Kurz und gut … Sie wissen, wie Godi Dienst entschieden hat. Was wäre nun aber, wenn er auf dem Weg zum Linienrichter doch noch zu einem eigenständigen Entscheid gekommen wäre und gegen die Ansicht des Assistenten KEIN Tor gegeben hätte?
Arroganz oder Leadership?
Urteilen Sie selbst.
Zusammengefasst finden sich in diesem Beispiel unzählige übertragbare Ingredienzen von Entscheiden unter Unsicherheit:
– Umgang mit fehlenden Informationen
– Umgang mit Zeitdruck
– Frage der Öffentlichkeit (damit kann auch schon nur das eigene Team gemeint sein)
– Wichtigkeit des Entscheids
– Konsequenzen im engeren und im weitesten Sinn
– Revidierbarkeit
– Einflüsse und Erwartungen aller Art
– Regeln, Freiheitsgrade (was, innerhalb welcher Limiten kann ich entscheiden?)
– Worüber man nicht spricht (Kompensation, Bevorzugung, Sympathie)
– Persönlichkeit des Entscheiders, ethische und andere Grundsätze