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Ein Gespräch mit Marion Zwygart, fachliche Koordinatorin bei Pro Senectute Waadt
Im folgenden Gespräch berichtet Marion Zwygart, fachliche Koordinatorin im Team „Gemeinwesenarbeit“ bei Pro Senectute Waadt, über die Grundsätze der Methode «Quartiers Solidaires», wie sie von Pro Senectute Waadt und der Leenaards-Stiftung ins Leben gerufen wurden. Ziel der Methode ist es, durch partizipative Quartierentwicklung die Lebensqualität der im Quartier ansässigen Senior/innen zu verbessern. Marion Zwygart zeigt zudem aktuelle und künftige Entwicklungen der Methode auf.
Könnten Sie uns als Erstes die Methode der «Quartiers Solidaires» vorstellen? Worum geht es und was ist dabei das Ziel?
Die Methode der «Quartiers Solidaires» möchte die Lebensqualität von Senior/innen durch eine bessere Integration in ihren Wohnquartieren erhöhen. Einer der Grundsätze der Methode, die auf der Gemeinwesenentwicklung basiert, besteht darin, die Senior/innen als Akteure zu verstehen. Letztere kommen also selber zum Zug, wenn es darum geht, Projekte zu entwickeln, welche zur Verbesserung ihres Alltags beitragen sollen.
Konkret ist die Methode «Quartiers Solidaires» in fünf grosse Phasen gegliedert und der Umsetzungsprozess dauert in der Regel drei bis fünf Jahre. Am Anfang steht immer eine Bedarfsanalyse, die gemeinsam mit Mitarbeitenden der Pro Senectute und den Senior/innen erarbeitet wird. Während dieser Phase werden mit den ansässigen Senior/innen Gespräche zu ihrer Lebensqualität (Bedürfnisse, was ist gut? Und was bräuchte es noch?) geführt. Die gesammelten Informationen werden anschliessend an einem Forum vorgestellt und mit den Senior/innen diskutiert.
In einem zweiten Schritt werden erste Projekte entworfen. Aufgrund der identifizierten Bedürfnisse werden Prioritäten gesetzt und die zur Verfügung stehenden Ressourcen ermittelt. Auch in dieser Phase sind die Senior/innen aktiv mit dabei. Sie sind es, die überlegen, welche Projekte zuerst umgesetzt werden sollten, um die wichtigsten erhobenen Bedürfnisse abdecken zu können.
Die konkrete Umsetzung erfolgt dann in der dritten Phase. Dies ist auch der Moment, in dem die verschiedenen Arbeitsgruppen in einem «Quartier Solidaire» konsolidiert werden können. In einer vierten Phase soll alles, was bisher erarbeitet wurde, nochmals gefestigt werden. Diese Phase wird ebenfalls genutzt, um festliche oder thematische Dankeschönanlässe zu organisieren, damit wir allen Personen, die zur Entwicklung eines «Quartier Solidaire» beitragen, unseren Dank aussprechen können.
Schliesslich folgt die letzte Phase, in der es um die selbständige Weiterführung des begonnenen Prozesses geht. Nun wird das gesamte Projekt gemeinsam mit allen beteiligten Partner/innen ausgewertet. Die Mitarbeitenden der Pro Senectute, welche das Projekt die letzten drei bis fünf Jahre lang begleitet haben, ziehen sich langsam aus dem Quartier zurück. Damit dieser Rückzug möglichst reibungslos verläuft und das Zepter an die Senior/innen übergeben werden kann, wird eine Organisation gegründet – ein Verein, ein Förderverein oder ein Kollektiv – welche die Federführung für den Quartierprozess übernimmt, den Follow-up koordiniert und das Projekt in Zukunft selbstständig weiterführt. Das Projekt wird schlussendlich autonom und von den Senior/innen in eigener Regie verwaltet!
Der Kern der Methode ist, Beziehungen zwischen den Bewohner/innen eines Wohnquartiers zu fördern und zu festigen. Die dafür konzipierten Aktivitäten und Projekte sind natürlich wichtig, aber zweitrangig. Oberstes Ziel ist und bleibt die Schaffung von sozialen Netzwerken, um so das Gemeinwesen dauerhaft zu stärken.
Könnten Sie uns konkrete Beispiele von Aktivitäten nennen, die im Rahmen von «Quartiers Solidaires» auf die Beine gestellt werden?
Es gibt so viele verschiedene Aktivitäten, die im Rahmen der «Quartiers Solidaires» bereits durchgeführt wurden, dass es schwierig ist, sie hier alle aufzuzählen. In den letzten zwölf Jahren wurden sage und schreibe 17 «Quartiers Solidaires» in 13 Gemeinden, in Städten und Dörfern im Waadtland geschaffen. Im Rahmen dieser «Quartiers Solidaires» wurden oder werden noch immer ganze 179 Aktivitäten von Senior/innen selbst betreut. Pro «Quartier Solidaire» stehen jeweils zwischen 10 und 30 verschiedene Angebote zur Verfügung.
Damit Sie sich die Aktivitäten besser vorstellen können, beschreibe ich diese anhand der verschiedenen Begegnungsmöglichkeiten, die von den Senior/innen für Senior/innen geschaffen wurden. Da gibt es Cafés oder Treffpunkte wo Menschen zusammenkommen, Zeit miteinander verbringen oder ein paar Worte wechseln können. Es sind Begegnungsorte mit festen Öffnungszeiten und festem Standort. Des Weiteren werden häufig auch gemeinsame Mahlzeiten, Stammtische, Sonntagsausflüge (oft fühlt man sich an diesem Tag besonders einsam), sowie generationenübergreifende Aktivitäten organisiert.
Dazu kommen Angebote für Sport und Bewegung wie Wandern, Radfahren, Boccia, Tai Chi, Nachmittagstee-Tanz, usw. Zudem finden sich Bildungsangebote wie Informatikunterricht, Fotokurse oder Konferenzen.
Schliesslich werden auch Aktivitäten im Bereich der Kommunikation angeboten. So wird zum Beispiel ein Redaktionsteam für eine Zeitung oder eine Gruppe, die Webseiten erstellt, gebildet. Über diese Kanäle werden dann Informationen über die Aktivitäten des «Quartier Solidaire» gestreut. Behörden und Quartiersbewohner/innen erfahren dadurch, was in ihrem Quartier alles angeboten wird. Auch neue Personen sollen auf diesem Weg erreicht und über das Projekt «Quartier Solidaire» informiert werden.
Wie geht man vor, wenn man ein solches Projekt in der eigenen Stadt / im eigenen Dorf lancieren möchte?
Hier muss eingangs erwähnt werden, dass die Methode «Quartiers Solidaires» sowohl für eine Stadt als auch für ein Dorf geeignet ist. Im Prinzip kann ein „Quartier Solidaire“ von irgendjemandem initiiert werden. Jedes «Quartier Solidaire» muss jedoch von der Gemeinde und dem Gemeinderat bewilligt werden. Bisher war es meist so, dass ein Mitglied des Gemeinderates einen Antrag bezüglich der Alterspolitik in der Gemeinde einreichte, worauf diese dann ein «Quartier Solidaire» als Massnahme vorschlug. Gemeinderätinnen und Gemeinderäte nehmen zudem regelmässig auch direkt mit Pro Senectute Kontakt auf, um eine erste Machbarkeitsanalyse für ein künftiges «Quartier Solidaire» anzuregen.
Welche Wirkungen entfaltet ein «Quartier Solidaire»?
Zunächst können wir die quantitativen Resultate, die oben bereits kurz umrissen wurden, erwähnen, d.h. die Anzahl der Aktivitäten und Gemeinden, die an diesem Projekt teilnehmen, usw. Die bestehenden «Quartiers Solidaires» umfassen 3’000 Teilnehmer/innen, 300 Personen, welche die Aktivitäten begleiten und mittragen, sowie 16’500 Personen, die über die Existenz eines «Quartier Solidaire» in ihrer Stadt oder in ihrem Dorf informiert sind. Je nach Beteiligungsgrad der Personen sind die qualitativen Wirkungen anders; je stärker sich die Senior/innen am Projekt beteiligen, desto spürbarer sind für sie die Wirkungen des «Quartier Solidaire». Zum Beispiel entwickeln Personen, die aktiv im Quartierprozess involviert sind, ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe und sie finden auch, dass sie durch ihr «Quartier Solidaire» mehr Freunde und Bekannte in der Gemeinde gefunden haben. Ausserdem sind sie durch das «Quartier Solidaire» sehr beschäftigt, was als positiv erlebt wird. Ja, oft sagen sie auch, dass das «Quartier Solidaire» ihr Leben stark verändert hat.
Senior/innen, die punktuell oder regelmässig an einzelnen Aktivitäten, z.B. dem Wanderkurs, teilnehmen, ist das «Quartier Solidaire» insofern eine Bereicherung, als dass es eben diese Aktivitäten überhaupt möglich macht. Im Rahmen des «Quartier Solidaire» können sie sich zudem aktiv an der Gemeinschaft beteiligen – sie haben das Gefühl, dass ihre Stimme, d.h. ihre Bedürfnisse und Anliegen eingebracht und gehört werden. Für sie hat sich die Stimmung im Quartier geändert und sie sagen aus, dass sich ihre Lebensqualität ganz allgemein seit dem «Quartier Solidaire» verbessert habe.
Schliesslich gibt es die Senior/innen, die das Angebot zwar kennen, aber noch nicht das Bedürfnis verspürten, an den Aktivitäten teilzunehmen, meist weil sie keine Zeit dafür haben. Doch auch sie sind zufrieden, dass es dieses «soziale Solidaritätsnetz» in ihrem Quartier gibt – später, wenn man weniger mobil ist und eventuell mehr Zeit hat, werden dann die lokalen Aktivitäten attraktiv.
Eine externe Evaluation im Auftrag der Leenaards-Stiftung, durchgeführt von der socialdesign ag, hat diese und weitere Wirkungen der Quartiers Solidaires aufgezeigt. So profitieren neben den Quartiersbewohner/innen auch das Quartier als Ganzes, die Behörden und die Partnerorganisationen (Quartiervereine etc.) von diesem Projekt: die Stimmung und das Image des Quartiers haben sich gewandelt und verbessert; den Behörden verhilft ein «Quartier Solidaire» dazu, ein Gegenüber, einen Ansprechpartner im Quartier zu haben, mit dem eine Zusammenarbeit möglich ist. Für die Behörden stellt die Methode «Quartiers Solidaires» zudem ein Präventionsinstrument dar, da der Vereinsamung von Senior/innen z.B. entgegengewirkt werden kann. Für die Partnerorganisationen vor Ort ist ein «Quartier Solidaire» ein Türöffner, um die Senior/innen und ihre spezifischen Bedürfnisse besser kennen zu lernen und die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen.
Für uns ist die Evaluation durch die socialdesign ag deshalb so wertvoll, weil damit eine externe Organisation die Wirkungen der «Quartiers Solidaires», die wir täglich beobachten, untermauert und bestätigt.
Welches sind ihre nächsten Herausforderungen / ihre nächsten Projekte?
Es sind zahlreiche Projekte im Gang. Als Nächstes möchten wir in kleinen Gemeinden «solidarische Dörfer» («Villages Solidaires») entwickeln. Die Themen, mit denen sich Senior/innen in Städten und Dörfern befassen, sind dieselben, und das Problem der Einsamkeit hängt nicht vom Wohnort ab. Seit Anfang Jahr wurden aus diesem Grund zwei Projekte mit Dörfern lanciert. Eine unserer Herausforderungen besteht ausserdem darin, neue Bewohner, die sich im Quartier oder in einer Einfamilienhauszone im Dorf niederlassen, in unsere Projekte zu integrieren. Zudem möchten wir den Bekanntheitsgrad von «Quartier Solidaire»/«Village Solidaire» in anderen Städten und Dörfern im Waadtland erhöhen. In diesem Sinne freuen wir uns sehr darüber, dass unsere Methode nun auch andernorts angewandt wird, genauer gesagt im Kanton Zürich!
Ein weiteres Ziel besteht für uns darin, unsere Projekte in die Gemeinderichtpläne einfliessen zu lassen, vor allem im Hinblick auf die Urbanisierung. Damit wollen wir auf die Bedürfnisse eingehen, die sich aus Stadtentwicklungsprojekten ergeben.
Vielen Dank Frau Zwygart. Für Ihre künftige Arbeit mit «Quartiers Solidares» und «Village Solidaires» wünschen wir Ihnen viel Erfolg!