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1983 war es das Album „The Music of Turlough O’Carolan“ von Patrick Ball, das nicht mehr von meinem Plattenteller herunter wollte, wieder und wieder gehört werden musste. Natürlich lässt so etwas dann nach einer Weile nach, und auch andere Musik kommt zu ihrem Recht. So ähnlich ging es mir aber jetzt, fast vierzig Jahre später mit dem Album „None but the Brave“ von Maximilian Ehrhardt.
Während Patrick Ball auf der Langspielplatte ausschliesslich auf originäre, für die keltische Harfe geschriebene Musik setzte, spielt Maximilian Ehrhardt neben walisischen und schottischen Volksweisen Musik, die für die walisische Harfe adaptiert wurde, etwa von Vivaldi, Corelli oder Händel. Er benutzt dabei die Walisische Tripelharfe, bei der die Saiten in drei Ebenen angeordnet sind. Ehrhardt spielt ein neues Instrument, das nach einem historischen aus dem 18. Jahrhundert gebaut wurde.
Walisische Barockmusik
Die Musik, die auf dieser CD eingespielt wurde, stammt aus drei Manuskriptsammlungen der walisischen Nationalbibliothek in Aberystwyth, sowie aus einer Sammlung von John Parry (1710-1776). Dieser gilt als der berühmtestes walisische Harfenist seiner Zeit. Wie der ein halbes Jahrhundert früher lebende Ire Turlough O’Carolan war er blind. Bekannt war er damals als Parri Ddall, Rhiwabon (der Blinde Parry aus Ruabon). Rhiwabon/Ruabon war ein kleiner Ort in Wales.
John Parry arbeitete den grössten Teil seines Lebens für die Adelsfamilie Williams-Wynn in Wynnstay und in London. Sein Sohn William Parry (1792 – 1791) malte ein Bild von ihm, auf dem er mit geschlossenen Augen an der walisischen Trippelharfe zu sehen ist. Der introvertierte Ausdruck des Musikers passt gut zu den Stücken, die Maximilian Ehrhardt eingespielt hat. Das Bild ist heute im Walisischen Nationalmuseum in Cardiff zu sehen. Manche der Stücke und Bearbeitungen aus den Manuskriptsammlungen stammen ebenfalls von John Parry.
Der blinde Harfenist
Die Harfenmusik John Parrys ist Barockmusik mit folkloristischem Einschlag, wobei die traditionellen Elemente nicht störend oder nivellierend zwischen den barocken Melodien stehen, sondern sich einfügen, als gehörten sie da schon immer hin. Die Harfe klingt transparenter als das Cembalo, sicher weil das Spiel mit den Fingern direkt an den Saiten eine grössere Beeinflussung derselben zulässt, als die durch Kiele angerissenen Saiten des Tasteninstruments. Auch die bei Barockmusik üblichen forte-piano-Effekte klingen auf der Harfe weniger abrupt.
Beim Hören der CD bekomme ich Lust, den Musiker Ehrhardt live mit dieser Musik zu erleben. Ich hoffe, dazu habe ich einmal Gelegenheit…
Die Musik wurde von Deutschlandradio aufgenommen und von Carpe Diem Records veröffentlicht (CD-16321). Das Booklet ist informativ, berichtet ausführlich über die walisische Harfe und ihre Musik. Dafür gibt es von mir eine Kaufempfehlung. ♦
Maximilian Ehrhardt: None but the Brave – Harfenmusik des 18. Jahrhunderts aus Wales, Audio-CD, Carpe Diem Records / Deutschlandfunk
„Il Gondoliere Veneziano“ mit Arien von Cerruti, Tartini und Vivaldi nimmt den Hörer mit auf eine klangschöne, zauberhafte Reise durch die berühmte Lagunen-Stadt. Dabei werden gar live in Venedig aufgenommene Toncollagen integriert. Eine CD von und aus einer Stadt, die von Klängen und Musik lebt.
Bei unserem letzten Venedigbesuch vor fünf Jahren sind wir nicht Gondel gefahren. Wir haben auch keinen Gondoliere singen gehört. Mitgenommen haben wir trotzdem den Eindruck, dass Venedig eine Stadt der Klänge ist, und zwar sehr unterschiedlicher. Morgens, wenn die Stadt sich langsam füllt, klingt sie anders als mittags, wenn der Strom der Touristen die Stadt fast zum Platzen bringt. Und zur gleichen Zeit wieder anders, wenn man ausweicht in Bereiche, die von den Tagesbesuchern nicht frequentiert werden, oder man mit dem Vaporetto zu entfernten Bereichen flieht. Abends, wenn die meisten die Stadt verlassen haben, meint man, sie habe ihre eigene Stimme zurückbekommen.
Auf den Wassern des Canale Grande
Beim Hören dieser CD entstand das Bild des Venedigs in mir, dass ich erlebt habe. Das liegt nicht unwesentlich an den Toncollagen, die vom Klang Duo Merzouga (Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky) in Venedig aufgenommen und teilweise elektronisch ergänzt wurden. Es liegt natürlich auch an der Musik.
Bariton Holger Falk singt Lieder, welche die Gondoliere ehemals gesungen haben könnten. Zu hören sind sie in den Kanälen der Lagunenstadt schon lange nicht mehr, doch waren sie im 18. Jahrhundert in ganz Europa berühmt, und einige Sammlungen wurden veröffentlicht. Aus diesen bedient sich der Sänger reichlich, mischt auch noch anderes darunter, zum Beispiel eine Arie von Tartini. Diese ist ein ganz besonderer Leckerbissen, denn von Tartini gibt es sonst fast nur Instrumentalmusik zu hören.
Holger Falk wird bei seinen mit Engagement vorgetragenen Liedern – wozu durchaus auch ein schrilles Lachen gehört oder ein beiläufiges Vor-sich-hin-singen – vom Ensemble Nuovo Aspetto begleitet, einige singt er auch a capella. Dazwischen gibt es Instrumentalsätze von Vivaldi. Ein Programm, das zeigt, was Venedig ist: Eine Stadt, die von Klängen und Musik lebt.
Vielfältige Musik-Informationen
Zu loben ist auch das ausführliche Booklet. Es enthält nicht nur Informationen zur Produktion und zu den Künstlern, sondern auch einiges über den musikalischen Hintergrund. Sogar Herr von Goethe kommt zu Wort, mit Auszügen aus seiner „Italienischen Reise„. Besonders schön ist, dass auch die Liedertexte enthalten sind, neben dem Original jeweils auch eine deutsche und englische Übersetzung. So weiss man, wovon Holger Falk so mitreissend singt: Von einer nächtlichen Gondelfahrt, von Liebe und Liebesverlust und von Armut. Am Ende weiss man mehr über die vergangene Musik der Gondoliere. Mag sie auf den Kanälen in Venedig nicht mehr zu hören sein – dass sie den Weg wieder in die Konzertsäle oder wenigstens auf die hauseigene Musikanlage gefunden hat, ist zu begrüssen.
Dieses Programm ist geeignet für ein breites Publikum, nicht nur für Liebhaber Alter Musik. In Zeiten, in denen die persönliche Reisefreiheit durch eine Pandemie eingeschränkt ist, verhilft diese CD zu einer virtuellen Reise an die Adria. Das ist mehr, als man von einer CD mit Alter Musik erwarten kann. ♦
Woody Guthrie (1912 – 1967) ist der amerikanische Liedermacher schlechthin. Aber auch bei uns ist er kein Unbekannter. Sein „This Land is Your Land“ war seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fast so häufig in geselliger Runde bei Lagerfeuer und Gitarrenbegleitung zu hören, wie „Heute hier, morgen dort“ von Hannes Wader. Eine CD von Michael Daugherty mit dem Titel „This Land Sings“ und dem Untertitel „Inspired by the Life and Times of Woody Guthrie“ weckt deshalb Erwartungen, die, das sei gleich vorweg gesagt, sowohl enttäuscht als auch übertroffen werden.
Anlehnungen mit Eigenständigkeit
Die Enttäuschung liegt darin, dass Musik von Woody Guthrie fast nicht zu hören ist, es sei denn als Zitat. Das liegt aber auch daran, dass Musik von Woody Guthrie nicht immer von ihm selbst war, sondern „ausgeliehen“ von anderen. Die Ouvertüre, mit der die CD beginnt, zitiert unüberhörbar „This Land is Your Land“. Doch der Komponist Michael Daugherty stellt im Booklet klar, dass es eine alte Volksmelodie ist, die sich nicht nur Woody Guthrie für sein Lied, sondern zuvor auch schon die Carter-Family ausgeliehen hatten. Diese Praxis übt dann der Komponist bei vielen Beiträgen selbst, ohne dabei an Eigenständigkeit im Ergebnis zu verlieren.
Auf Amerikas staubigen Strassen
Michael Daugherty (geb. 1954) ist einer der meistgespielten US-Komponisten. Für „This Land Sings“ hat er sich, so schreibt er im Booklet, auf die Spuren von Woody Guthrie gemacht, ist überall dort entlang gezogen, wo ehemals auch der amerikanische Liedermacher auf staubigen Strassen unterwegs war.
Zurückgekehrt von dieser Reise schrieb er seine eigenen „originellen“ Lieder, wie er im typischen amerikanischen Selbstbewusstsein zur Kenntnis gibt. Das Ganze war eine Auftragsarbeit, für die er sich um viel Authentizität bemüht. Der Wechsel von instrumentalen und vokalen Stücken habe er der Praxis der damals üblichen Radiosendungen abgeschaut. Das instrumentale Ensemble minimierte er, um einen Hinweis auf die damalige Wirtschaftskrise zu geben. Lediglich Violine, Klarinette/Bassklarinette, Fagott, Trompete/Flügelhorn, Posaune, Kontrabass und Schlagzeug gibt er den beiden Sängern zur Seite und erweitert gelegentlich selbst mit der Mundharmonika.
Dass Woody Guthries Instrument – die Gitarre – fehlt, stört nicht eine Sekunde. Annika Socolofsky (Sopran) und John Daugherty (Bariton; nicht mit dem Komponisten verwandt) singen die Lieder, und insbesondere die Sopranistin gibt dem ganzen oft eine Stimmung, die an die Songs und die Zeit von Woody Guthrie erinnert. Der Bariton alleine – so gut er an sich ist – hätte das nicht geschafft.
Guthrie-ferne Zitate
Komponist Daugherty greift auf Melodien der amerikanischen Volksmusik zurück, schreckt aber auch nicht vor Woody-Guthrie-fernen Zitaten zurück, etwa in „Marfa Lights“, wo er das berühmte „Aranjuez-Konzert“ von Rodrigo zitatmässig einbaut. Der Komponist stellt sich allerdings einen am Rio Grande entlang wandernden Woody Guthrie dabei vor. Im Grunde braucht man die Kommentare des Komponisten nicht, um Vergnügen an dieser musikalischen Hommage zu bekommen und ihre Intention zu verstehen. Im Nachhinein zu lesen, was er sich dabei gedacht hat und mit den eigenen Vorstellungen nach dem ersten Hören abzugleichen ist jedoch keine schlechte Sache.
Kleines Ensemble macht grosse Musik
Das „kleine Ensemble“ klingt in manchen Stücken so voll, dass man ein grösseres Orchester dahinter wähnt. Besonders reizvolle finde ich aber die Songs, die tatsächlich minimalistisch daherkommen, etwa „Bread and Roses“, das nur von Sopran und Fagott getragen wird. Daugherty widmet es den Millionen Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften und schliesslich 1920 das Wahlrecht durchsetzen konnten. Ein Duett ist auch „This Trombone Kills Facists“, das die Posaune mit dem Schlagzeug ausführt und „“My Heart is Burning“, das Mundharmonika und Kontrabass austragen. Zahlreiche Stücke werden von dem Ensemble Dogs of Desire unter ihrem Dirigenten Alan Miller engagiert unterstützt.
Lebendig und spontan
Diese CD enttäuscht jene, die erwarten, darauf viel von Woody Guthrie zu hören; das ist nicht der Fall. Aber man kann, wenn man gut zuhört, einiges über ihn hören. Und in dieser Beziehung übertrifft die CD zumindest meine Erwartung. Insbesondere das Ganze im Zusammenhang er-hört ist eine überdurchschnittlich gelungene Hommage, die bei allen Bezügen und Zitaten viel Eigenständigkeit in Komposition und Tonsprache aufweist. Obwohl ich Lieblingslieder darauf habe, werde ich die CD wohl künftig ausschliesslich komplett hören, weil vor allem so das musikalische Bild vom Leben und der Zeit Woody Guthries erzeugt wird.
Die CD ist zu empfehlen. Die Kompositionen sind originell, selbst dort, wo fremdes Material verwendet wird. Die ausführenden Musiker schaffen ein hervorragendes Klangbild, das die beiden Sänger kongenial ergänzt. Es ist keine spontane Musik, sondern durchkomponierte, doch es klingt nicht steif und akademisch, sondern sehr lebendig. ♦
Woody Guthrie (1912 – 1967) is the American songwriter par excellence. But he is no stranger to us either. His „This Land is Your Land“ has been heard since the seventies of the last century almost as often in convivial company around campfires and with guitar accompaniment. A CD by Michael Daugherty with the title „This Land Sings“ and the subtitle „Inspired by the Life and Times of Woody Guthrie“ therefore raises expectations which, let it be said right away, will be both disappointed and exceeded.
Leanings with independence
The disappointment lies in the fact that music by Woody Guthrie is almost never heard, except as a quote. But this is also because music by Woody Guthrie was not always from himself, but „borrowed“ from others. The overture with which the CD begins unmistakably quotes „This Land is Your Land“. But composer Michael Daugherty makes it clear in the booklet that it is an old folk melody that not only Woody Guthrie borrowed for his song, but also the Carter family before. The composer himself then practices this practice in many of his contributions, without losing any independence in the result.
On America’s dusty streets
Michael Daugherty (born 1954) is an American composer and teacher. As he writes in the booklet, he has followed in the footsteps of Woody Guthrie, has moved along wherever the American singer-songwriter once walked on dusty roads. Returning from this journey, he wrote his own „original“ songs, as he states in typical American self-confidence. The whole thing was a commissioned work, for which he strives for a lot of authenticity. The alternation of instrumental and vocal pieces he had copied from the practice of radio broadcasts at the time. He minimized the instrumental ensemble in order to give a hint at the economic crisis of the time. Only the violin, clarinet/bass clarinet, bassoon, trumpet/flügelhorn, trombone, double bass and percussion are given to the two singers‘ side, and occasionally he himself expands with the harmonica.
The fact that Woody Guthrie’s instrument – the guitar – is missing does not bother him for a second. Annika Socolofsky (soprano) and John Daugherty (baritone; not related to the composer) sing the songs, and the soprano in particular often gives the whole thing a mood reminiscent of the songs and the time of Woody Guthrie. The baritone alone – as good as he is in himself – would not have been able to do this.
Guthrie-far quotations
Composer Daugherty draws on melodies from American folk music, but he does not shy away from quotations from Woody Guthrie, for example in „Marfa Lights“, where he incorporates Rodrigo’s famous „Aranjuez Concerto“ as a quotation. The composer, however, imagines a Woody Guthrie walking along the Rio Grande. Basically, you don’t need the composer’s comments to take pleasure in this musical homage and to understand its intention. But to read afterwards what he had in mind and to compare it with his own ideas after the first listening is not a bad thing.
Small ensemble makes great music
The „small ensemble“ sounds so full in some pieces that one would think there is a larger orchestra behind it. But I find the songs that really come across as minimalistic particularly appealing, such as „Bread and Roses“, which is only carried by soprano and bassoon. Daugherty dedicates it to the millions of women who fought for equal rights and were finally able to enforce the right to vote in 1920. A duet is also „This Trombone Kills Facists“, which performs the trombone with the drums, and „“My Heart is Burning“, which features harmonica and Contrabass.
Lively and spontaneous
This CD disappoints those who expect to hear much of Woody Guthrie on it; this is not the case. But you can hear a lot about him if you listen well. And in this respect the CD at least exceeds my expectations. Especially the whole thing heard in context is an above-average homage, which shows a lot of independence in composition and sound language despite all references and quotations. Although I have my favourite songs on it, I will probably only listen to the CD in its entirety in the future, because this is how the musical picture of Woody Guthrie’s life and time is created.
The CD is to be recommended. The compositions are original, even where foreign material is used. The performing musicians create an excellent sound image that congenially complements the two singers. It is not spontaneous music, but through-composed, but it does not sound stiff and academic, but very lively. ♦
Die junge norwegische Cello-Virtuosin Sandra Lied Haga (geb. 1994 in Oslo) legt im CD-Label Simax/Naxos mit Tschaikowskis „Rococo Variationen“ und Dvoraks Cello-Konzert ein beeindruckendes Album-Debüt vor, das einige andere renommierte Aufnahmen in verschiedener Hinsicht übertrumpft.
„Fragt nach dem Zauber nicht,
der mich erfüllt!
Ihr könnt die Seligkeit ja doch nicht fassen,
die seine Liebe mich hat fühlen lassen,
die Liebe, die nur mir, mir einzig gilt.“
Aus diesem von Antonin Dvorak um die Jahreswende 1887/1888 vertonten Lied „Lasst mich allein“ von Ottilie Kleinschrod spricht ein seliges, in seiner unvergleichlichen Liebe ruhendes Herz, das sich – zum Schutz seiner kostbaren Liebe – der Welt verschliesst. Es ist das Lieblingslied von Dvoraks Schwägerin, der Gräfin Josefine Kaunic – und der Schlüssel zu Dvoraks berühmtem, 1895 in der Neuen Welt komponierten Konzert für Violoncello und Orchester op. 104 in h-moll.
Heimweh, Bestürzung über die schwere Erkrankung seiner Jugendliebe, aber auch optimistische Aufbruchsstimmung standen bei Dvoraks bedeutender Komposition mit symphonischen Ausmassen Pate. Als er vom Tode seiner ehemaligen Klavierschülerin erfährt, ändert er seine Partitur und integriert das schon im 2. Satz zitierte Lied auch in das Finale – das Konzert wird nun endgültig zum Hohelied der Liebe.
Aus Norwegens unendlicher Weite stammend
Aus der unendlich weiten Perspektive norwegischer Landschaft stammend, war Sandra Lied Haga schon im Alter von drei Jahren Teilnehmerin des Förderprogramms junger Talente am Barrat Due Institute of Music in Oslo und wurde, längst auf vielen internationalen Festivals präsent, jüngst mit dem Equinor Classical Music Award 2019 ausgestattet. Ihr zur Seite steht in dieser Aufnahme mit Konzertmitschnitten vom Februar und März 2019 aus der Great Hall des Moskauer Konservatoriums das State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ unter der Leitung von Terje Mikkelsen.
Und was man dort hört, ist schlicht überwältigend. Schon die konzentrierte, massvolle, bedächtige, aber niemals schleppende Einleitung lässt erkennen, dass es nicht um ein paar schmissige Effekte oder das blosse Auskosten „schöner Stellen“ geht, sondern um den Spannungsbogen, den „grossen Atem“ und die Seele des Werks.
Man staunt darüber, wenn Lied Haga ihren Part mit unverbrauchter Natürlichkeit, sicherem Instinkt und grosser Virtuosität zu einer überzeugenden, faszinierend schönen und berührenden Darbietung gestaltet. Fernab von Routine und Klischees gelingt ihr der fliessende Übergang von den extrovertierten Ausbrüchen bis zu den Momenten der wunderbar intimen, gesanglichen Introspektive.
Hohelied der Liebe
Der zweite, aus dem Liedmotiv geformte Satz mutet wie ein inniges Liebesduett – über den Ozean hinweg – an, zunächst scheinbar zerbrochen, dann intensiviert durch die Nachricht der Erkrankung. Dass gerade die lyrischen Stellen – auch dank der grossartigen Partnerschaft zwischen Orchester und Solisten – besonders gelungen sind, liegt an der insgesamt sehr stimmigen und werkgetreuen Deutung Lied Hagas, die – von Mikkelsen und dem Orchester auf den vielzitierten „Händen getragen“ – dem Werk mit feinem Gespür und beglückender Sensibilität begegnet. Doch ragen diese berückend schön gespielten Momente nicht heraus, sondern sondern fügen sich nahtlos in die geschlossene und stimmige Darbietung. Es entspinnt sich ein über drei Sätze andauernder, intensiver Dialog, der Dvoraks letztes grosses Werk als „Hohe(s) Lied der Liebe“ geradezu neu entdeckt.
Blick für das Wesentliche
Mit demselben unverstellten Blick für das Wesentliche nehmen die Ausführenden auch Peter Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ ins Visier. Konzeptionell folgerichtig greifen sie dabei auf das Original zurück, statt auf die auf Wunsch von Tschaikowskys Cellisten Wilhelm Fitzenhagen geänderte Fassung, welche dem Solisten eine grössere Bühne der Selbstdarstellung bot.
Auch hier bestaunen wir den klaren, natürlich-schönen Ton der jungen Norwegerin, die in grossem Einvernehmen mit Orchester und Dirigent die Reminiszenz des Komponisten an eine andere Zeit, nämlich die Klangwelt des 18. Jahrhunderts (vor allem die des jungen W.A. Mozart) zum Leben erweckt.
Sandra Lied Haga legt also mit diesen zwei Romantik-Einspielungen ein grossartiges Debütalbum vor. Ihr Ton ist von natürlicher „nordischer“ Klarheit, doch ebenso zeigt sie ein sensibles Gespür für die intimen Passagen dieser Standardwerke des romantischen Repertoires. Sie erliegt nie der Versuchung einer Selbstdarstellung, sondern dringt werkgetreu zum Kern der Werke vor, auch dank ihrer gleichwertigen Partner. Damit stellt sie so manche Aufnahme renommierter Künstler und Plattenlabels in den Schatten. Eine schöne Entdeckung. ♦
The young Norwegian cello virtuoso Sandra Lied Haga (born in Oslo in 1994) makes an impressive album debut on the Simax/Naxos CD label with Tchaikovsky’s „Rococo Variations“ and Dvorak’s Cello Concerto, outdoing several other renowned recordings in various ways.
„Don’t ask about the magic, that fills me! You can’t believe the bliss, that his love made me feel, the love that is only for me, only for me.“
From this song „Leave me alone“ by Ottilie Kleinschrod, set to music by Antonin Dvorak at the turn of 1887/1888, speaks a blessed heart, resting in its incomparable love, which – to protect its precious love – closes itself off from the world. It is the favourite song of Dvorak’s sister-in-law, Countess Josefine Kaunic – and the key to Dvorak’s famous Concerto for Violoncello and Orchestra op. 104 in B minor, composed in the New World in 1895.
Homesickness, dismay at the serious illness of his childhood love, but also an optimistic mood of departure were the inspiration for Dvorak’s important composition of symphonic dimensions. When he learns of the death of his former piano pupil, he changes his score and integrates the song quoted in the second movement into the finale – the concerto now finally becomes the Song of Songs of Love.
Coming from Norway’s infinite vastness
Coming from the infinitely wide perspective of the Norwegian landscape, Sandra Lied Haga was already at the age of three a participant in the Young Talent Promotion Programme at the Barrat Due Institute of Music in Oslo and, long since present at many international festivals, was recently awarded the Equinor Classical Music Award 2019. In this recording of concert recordings of February and March 2019 from the Great Hall of the Moscow Conservatory, she is accompanied by the State Academic Symphony Orchestra of Russia „Evgeny Svetlanov“ conducted by Terje Mikkelsen.
And what you hear there is simply overwhelming. Even the concentrated, measured, thoughtful, but never sluggish introduction makes it clear that it is not about a few snappy effects or the mere savouring of „beautiful passages“, but about the tension, the „great breath“ and the soul of the work.
One is amazed when Lied Haga shapes her part with unspent naturalness, sure instinct and great virtuosity to a convincing, fascinatingly beautiful and touching performance. Far away from routine and clichés, she succeeds in making the smooth transition from the extroverted outbursts to the moments of the wonderfully intimate vocal introspection.
Song of Love
The second movement, formed from the song motif, seems like an intimate love duet – across the ocean – at first seemingly broken, then intensified by the news of illness. The fact that the lyrical passages in particular – also thanks to the great partnership between orchestra and soloists – are particularly successful is due to the overall very coherent and faithful interpretation of Haga’s song, which – carried by Mikkelsen and the orchestra on the much-quoted „hands“ – meets the work with fine feeling and delightful sensitivity. However, these enchantingly beautifully played moments do not stand out, but rather fit seamlessly into the closed and coherent performance. An intensive dialogue develops over three movements, which almost rediscovers Dvorak’s last great work as the „Song of Love“.
An eye for the essential
With the same undisguised eye for the essential, the performers also take aim at Peter Tchaikovsky’s „Rococo Variations“. Conceptually logical, they fall back on the original, instead of the version modified at the request of Tchaikovsky’s cellist Wilhelm Fitzenhagen, which offered the soloist a larger stage for self-expression.
Here, too, we marvel at the clear, naturally beautiful tone of the young Norwegian who, in great agreement with orchestra and conductor, brings to life the composer’s reminiscence of another time, namely the sound world of the 18th century (especially that of the young W.A. Mozart).
Sandra Lied Haga thus presents a great debut album with these two romantic recordings. Her tone is of natural „Nordic“ clarity, but she also shows a sensitive feeling for the intimate passages of these standard works of the romantic repertoire. She never succumbs to the temptation of self-portrayal, but penetrates the core of the works faithfully, also thanks to her equal partners. In this way she outshines many a recording by renowned artists and record labels. A beautiful discovery. ♦
Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (original version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 – Sandra Lied Haga (cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia ‚Evgeny Svetlanov“, CD-Label Naxos
Der erste Eindruck beim Hören des jüngsten Albums „Oparettet den Jazz“ des Ensembles Saxofour: Gute Laune kommt auf. Es macht Spass zuzuhören. Die Arrangements sind intelligent und werden gekonnt gespielt. Die Freiheiten, die sich die Solisten nehmen, passen in das Korsett des fix Notierten wunderbar hinein.
Freiheiten nehmen sich die vier Saxofour-Mitglieder aber nicht nur beim Spielen heraus, sondern auch beim Komponieren. Zitate drängen sich schon beim ersten Hören auf, lassen sich aber oft nicht sofort exakt lokalisieren – oder dann, wenn man schon meint, etwas zuordnen zu können, verwandeln sie sich wieder. Je öfter man jedoch die Musik hört, desto eher geht einem hier und da ein Licht auf, auch wenn man sich in Operetten nicht so gut auskennt. Manches hat man dann doch schon gehört. Obwohl ich Musik eher nicht „nebenbei“ höre, überraschte es mich jedenfalls, dass ich die CD mehrfach auflegte, auch wenn ich gerade mit anderem beschäftigt war. Sie macht eben einfach gute Stimmung, und dann geht manches andere auch flotter von der Hand.
Seit 30 Jahren im österreichischen Musikleben
Die Musiker – oder wie sie sich auf ihrer Homepages nennen: Musikanten – des Quartetts sind seit fast dreissig Jahren in diesem Ensemble unterwegs, aber auch in anderen Besetzungen aktiv in der österreichischen Musikszene. Und es wird nur geblasen: Kein Drumset, kein Bass und schon gar kein Klavier müssen mittun. Dabei grooven und swingen die vier, dass es eine Freude ist. Es spielen Florian Bramböck (Tenor- und Baritonsaxofon), Klaus Dickbauer (Alt- und Baritonsaxophon, Klarinette und Bassklarinette), Christian Maurer (Sopran- und Tenorsaxophon, Bassklarinette) und Wolfgang Puschnig (Altsaxophon und Flöte).
Humorvolle Titelwahl
Dass die vier auch Spassvögel sind, hört man nicht nur ihren Arrangements an, sondern kommt auch in den Bezeichnungen zur Geltung, die sie sich als Name für ihr Quartett, als Titel für ihre CDs und vor allem für die Titel ihrer Musikstücke ausgedacht haben. „Komm mit“, das Eingangsstück fordert direkt auf, den vieren bei ihren musikalischen Eskapaden zu folgen, was man ruhig tun darf; man wird zwar verführt, muss dies aber nicht bereuen.
„Borstenvieh“ wiederum klingt kratziger, als es dann daherkommt. Das Bariton-Saxophon führt das Vieh gut durch das Stück und lässt sich auch nicht aus der Bahn bringen durch die (es umtanzenden) anderen Saxophone.
„Lippen schweigen“ vielleicht, das Holz der vier Bläser jedoch nicht, weshalb die Lippen auch da in Bewegung sind. „Schenkt man“ der Musik des Quartetts ausreichend Beachtung, wird man schnell erkennen, was in diesem Stück wo verschenkt wird. Zeller sei dank, obwohl der eigentlich als Mitkomponist hätte erwähnt werden müssen, so deutlich ist das Zitat. Andererseits aber auch das Ergebnis so originell, dass man dies nicht zwingend einfordern muss.
Mit dem Titel „Arie vom toten Hund“ ist man dann fast schon bei Frank Zappa angelangt.
Gekonnte Arrangements, gekonntes Zusammenspiel, gekonnte Improvisationen, Spass der auch beim Zuhörer ankommt – das ist „Oparettet den Jazz“. Ich wüsste nicht, wem von dieser CD abgeraten werden sollte – allenfalls denjenigen, die sich die Griesgrämigkeit absolut nicht vertreiben lassen wollen. Alle anderen dürften ihre Freude an diesem Saxofour-Album haben. ♦
Mein erster Eindruck von „Evensong“, der neuen CD von Richard Harvey war dieser: Klingt irgendwie nach Gregorianik. Aber dann auch wieder nicht: zu gross sind die Sprünge innerhalb der Melodie. Mehrstimmigkeit und Harmonien passen auch nicht zu diesen alten Klängen. Also doch modern und neu? Ja – irgendwie kommt das Alte aber immer wieder durch. Manches klingt nach Madrigal und Motette, anderes nach Pärt oder Whitacree. In der Summe ist es aber kein Abklatsch, sondern ein eigenständiges Werk, das ich gerne in Folge gehört habe.
Intelligente Titelwahl
Den Titel kann man vielfältig interpretieren: Abendgesang (dazu passen Titel wie Night Song, The Call, Lullay, Et in Arcadia, Evensong), oder auch Abendandacht, Abendgebet (Dona Nobis Pacem, Sanctus, Credo). Das dritte Stück – The Call – kommt ganz ohne altes Pathos aus. Es klingt eher wie ein für Chor umgesetzter Popsong. Das ist nicht negativ gemeint, zumal die Sopranistin Amy Haworth, bekannt auch schon als Ensemblemitglied von The Tallis Scholars, beeindruckend aus dem Chor hervorsticht. Das wiederholt sie noch einmal beim Titelstück Evensong. Lullay klingt dann fast schon wieder wie ein altenglisches Lied, etwa von Dowland oder Purcell. Sanctus erinnert stellenweise an alte Madrigale, besonders die letzten von Gesualdo.
Chor im Vordergrund
Der Chor steht unüberhörbar im Vordergrund. Instrumente, die eingesetzt werden – bei den Titeln 3 und 4 auch Streichorchester – unterstützen und ergänzen den Chor, ohne ihn zu verdrängen. Beim letzten Stück begleitet der Komponist selber dezent mit Panflöte und Psaltererium.
Der Estnische Philharmonische Chor unter der Leitung von Heli Jürgenson macht seine Sache gut. Aufgenommen wurde im St Nicholas Kirchen Museum in Tallinn, und zwar ausschliesslich nachts. Diese Atmosphäre kommt spürbar in der Aufnahme beim Hörer an. Natürlich kann man sagen, dass dies ein subjektives Empfinden ist, was auch stimmt, aber ich habe die CD nach dem ersten Hören in der Folge vor allem spätabends und nachts wiederholt gehört, weil mir einfach die Ruhe dieser Zeit zu dieser Musik am besten zu passen schien.
Wanderer zwischen Klassik und Pop
Richard Harvey ist kein Unbekannter. Der britische Komponist und Musiker hat eine unorthodoxe Karriere gemacht. Nach dem Studium schlug er ein Angebot des London Philharmonic Orchestra aus und spielte lieber in der Progressive Rock-Gruppe Gryphon mit, die stark von Folk- und Mittelalter-Einflüssen profitiert. Harvey brachte Krummhorn, Harmonium, Mandoline und andere Instrumente mit ein.
Er schrieb auch Filmmusik („Lady Chatterleys Liebhaber“, „Das dreckige Dutzend Teil 2“, „Luther“, „Eichmann“ u.a.). Er dirigierte das London Symphony Orchestra bei einigen Klassik-Rock-Alben und nahm mit dem Gitarristen John Williams das Afrika-orientierte Album „Magic Box“ auf.
Lust auf Live-Performance geweckt
Seit 2005 tourt Richard Harvey mit Williams unter „John Williams & Richard Harvey’s World Tour“ weltweit, wobei ihr Programm eine Mischung aus klassischer Musik und Weltmusik aus allen fünf Kontinenten umfasst.
Harvey schrieb auch Konzerte, die von anderen Musikern aufgeführt wurden (John Williams mit klassischer Gitarre, Michaela Petrie für Blockflöte u.a.). Der Komponist bewegt sich als Komponist und Musiker souverän zwischen den Polen anspruchsvoller klassischer Musik, Weltmusik und populärer Musik.
Fazit: „Evensong“ ist ein Album, das sich zu hören lohnt, das vor allem Lust macht, die Lieder einmal live zu geniessen. Und es motiviert dazu, sich auch mit den anderen Arbeiten des Komponisten zu beschäftigen. Ich kannte bis anhin nur die Zusammenarbeit mit John Williams („Magic Box“), werde aber in der nächsten Zeit auch in andere verfügbare Aufnahmen hineinhören. ♦
My first impression of the new CD by Richard Harvey: Evensong was: Sounds like Gregorianik somehow. But then again not: the leaps within the melody are too big. Polyphony and harmonies don’t fit to these old sounds either. So modern and new after all? Yes – But somehow the old comes through again and again. Some sounds like Madrigal and Motette, others like Pärt or Whitacree. In sum, however, it is not a copy, but an independent work that I liked to hear in a row.
The title can be interpreted in many ways: Evening singing (songs like Night Song, The Call, Lullay, Et in Arcadia, Evensong fit to it), or also evening prayer (Dona Nobis Pacem, Sanctus, Credo). The third piece – The Call – gets along without any old pathos. It sounds more like a pop song realized for choir. This is not meant negatively, especially since the soprano Amy Haworth, already known as a member of The Tallis Scholars, stands out impressively from the choir. She repeats this once again in the title track Evensong. Lullay almost sounds like an Old English song again, for example by Dowland or Purcell. Sanctus reminds in places of old madrigals, especially the last ones of Gesualdo.
The choir is unmistakably in the foreground. Instruments that are used – including string orchestras in Titles 3 and 4 – support and complement the choir without displacing it. In the last piece, the composer himself accompanies discreetly with pan flute and psaltererium.
The Estonian Philharmonic Choir under the direction of Heli Jürgenson is doing a good job. It was recorded in the St Nicholas Church Museum in Tallinn, exclusively at night. This atmosphere is noticeably reflected in the recording. Of course one can say that this is a subjective feeling, which is also true, but I listened to the CD repeatedly after the first listening in the episode, especially late in the evening and at night, because simply the tranquillity of this time seemed to me to fit this music best.
Richard Harvey is no stranger. The British composer and musician has had an unorthodox career. After his studies, he turned down an offer from the London Philharmonic Orchestra and preferred to play in a progressive rock group Gryphon, which profited greatly from folk and medieval influences. Harvey brought in Krummhorn, harmonium, mandolin and other instruments.
He also wrote film music („Lady Chatterley’s Lover“, „Das Dreckige Dutzend Part 2“, „Luther“, „Eichmann“ and others). He conducted the London Symphony Orchestra on several classical rock albums and recorded the Africa-oriented album „Magic Box“ with guitarist John Williams.
Since 2005 Richard Harvey has been touring the world with Williams under „John Williams & Richard Harvey’s World Tour“, where their program includes a mixture of classical music and world music from all five continents.
Harvey has also written concerts performed by other musicians (John Williams with classical guitar, Michaela Petrie for recorder and others). As a composer and musician, the composer moves confidently between the poles of sophisticated classical music, world music and popular music.
Conclusion: „Evensong“ is an album which is worth listening to and which above all makes you want to enjoy the songs live. And it also motivates you to take a closer look at the composer’s other works. Until now I only knew the collaboration with John Williams („Magic Box“), but in the near future I will also listen to other available recordings. ♦
Er muss nichts mehr beweisen, denn in seiner nunmehr fast vierzigjährigen Karriere hat der belgische Gitarrist Jacques Stotzem ausreichend gezeigt, dass er nicht nur ein versierter Steelstring-Gitarrist ist, sondern auch ein ganz passabler Komponist und Arrangeur. Stotzem gehört nicht zu denen, die Pattern aneinanderreihen, sondern baut seine Kompositionen logisch und harmonisch auf. Melodien werden nicht in ein Akkordgerüst geklemmt, sondern entfalten sich frei und nicht selten von kontrapunktischen Basslinien untermalt. Seine harmonischen Strukturen sind dem Jazz näher als einfachen Folk- und Blues-Songs. Nun legt er mit „Places we have been“ ein weiteres Zeugnis seiner Schaffenskraft auf.
Neben seinen eigenen Kompositionen arrangiert Stotzem Songs aus Rock und Pop für die Akustikgitarre, von Jimi Hendrix und Rory Gallagher beispielsweise. Letzterem hat er sogar eine eigene CD gewidmet: To Rory (2015).
Ruhige musikalische Reise
Die aktuelle CD „Places we have been“ – die 18. in seinem Oeuvre – enthält neun grösstenteils ruhige Kompositionen, die schon beim ersten Hören für sich einnehmen. Doch erst beim wiederholten Auflegen entfalten sie ihre ganze Schönheit. Stotzem will mit diesem Album an die Stationen seiner musikalischen Reisen erinnern, denn er ist Gast auf den Konzertbühnen der ganzen Welt. Wo die einzelnen Stationen liegen, erfährt der Hörer nicht, denn die Titel sind recht allgemein gehalten und Reminiszenzen an bestimmte Regionen sind kaum zu erkennen.
Er spielt von Plätzen, an denen „wir“ waren (Places we have been), beschreibt musikalisch erlebte Momente, die ewig andauern könnten (It could last forever), erzählt von Aufbruch (Morgen geht’s weiter) und Ankommen im Nirgendwo (Middle of nowhere), von ruhigen Momenten (La tranquillté des jours simples) und nostalgischen Erinnerungen an einen Abend (Nostalgie d’un soir). Das ist so unbestimmt benannt, dass sich der Hörer nicht von fremden Erinnerungen gefangen nehmen lassen muss, sondern eigene daran knüpfen kann. Stotzems musikalische Reise wird so auch zu einer eigenen, selbst erlebten.
Nahtlos-kunstvolle Übergänge
Die Werbung spricht von der „Leichtigkeit der Melodielinien“. Für mich hört sich das immer an wie die Werbung für Schokolade, die „so leicht schmeckt“. Worte, die tatsächlich keinen Sinn ergeben und nur einen subjektiven Eindruck beim Leser oder Hörer erzeugen sollen. Was aber klar wird beim Hören, dass es eben tatsächlich Melodien sind, die Stotzem als Grundlage seiner Kompositionen nimmt und auch deutlich ausarbeitet, keine leeren Harmonien, keine Akkordcluster oder einfach nur kurze Riffs. Man kann mitsummen, wenn man will. Man könnte mitsingen, wenn man sich einen Text dazu einfallen lässt. Die Melodien sind nicht einfach gebaut, aber durchaus eingängig. Man hört diese Melodien auch dann noch, wenn der Gitarrist das Zupfen/Picking verlässt und perkussive Schlagtechniken anwendet. Er beherrscht dies so kunstvoll, dass es fast nicht bemerkt wird, wenn er von der einen zur anderen Technik wechselt. Das geht so nahtlos ineinander über, dass die Übergänge als solche nicht auffallen.
Fazit: „Places we have been“ von Jacques Stotzem ist nicht nur den Afficionados der Steelstring-Gitarre zu empfehlen, sondern allen, die gern ruhige, anspruchsvolle Musik hören. Man hört sie sich nicht so schnell leid – wenn überhaupt -, und findet immer wieder etwas in diesen kleinen „Miniaturen“ zu entdecken. Dieser ruhige Musiker gibt etwas von seiner Unaufgeregtheit auch an seine Hörer weiter – selbst dann, wenn die Momente der Spannung und Entspannung häufig wechseln. Kaufempfehlung. ♦
He doesn’t have to prove anything anymore, because in his almost forty-year career the Belgian guitarist Jacques Stotzem has sufficiently shown that he is not only an experienced steelstring guitarist, but also a quite passable composer and arranger. Stotzem does not belong to those who string patterns together, but builds his compositions logically and harmoniously. Melodies are not clamped into a chord structure, but unfold freely and often accompanied by contrapuntal bass lines. His harmonic structures are closer to jazz than simple folk and blues songs.
Besides his own compositions Stotzem arranges songs from rock and pop for the acoustic guitar, by Jimi Hendrix and Rory Gallagher for example. He even dedicated a CD to the latter: To Rory (2015).
Quiet musical journey
The current CD „Places we have been“ – the 18th in his oeuvre – contains nine mostly quiet compositions, which already capture the listener’s attention on first hearing. But only when they are repeated do they unfold their full beauty. With this album Stotzem wants to recall the stages of his musical journeys, because he is a guest on concert stages all over the world. The listener doesn’t know where the individual stations are, because the titles are quite general and reminiscences of certain regions are hardly recognizable.
He plays from places where „we“ were (Places we have been), describes musically experienced moments that could last forever (It could last forever), tells of departure (Morgen geht’s weiter) and arrival in nowhere (Middle of nowhere), of quiet moments (La tranquillté des jours simples) and nostalgic memories of an evening (Nostalgie d’un soir). This is so vaguely named that the listener does not have to let himself be captivated by foreign memories, but can tie his own to them. Stotzem’s musical journey thus also becomes his own, self-experienced one.
Seamless, artistic transitions
The advertising speaks of the „lightness of the melody lines“. For me, it always sounds like advertising chocolate that „tastes so light“. Words that really don’t make sense and are only meant to make a subjective impression on the reader or listener. But what becomes clear when listening to them is that they are actually melodies that Stotzem takes as the basis of his compositions and also clearly elaborates, no empty harmonies, no chord clusters or just short riffs. You can hum along if you want. You could sing along if you come up with a text. The melodies are not simple, but catchy. You can still hear these melodies even when the guitarist leaves plucking/picking and uses percussive percussion techniques. He masters this so artfully that it is almost unnoticed when he changes from one technique to the other. This merges so seamlessly that the transitions as such are not noticeable.
Conclusion: „Places we have been“ by Jacques Stotzem is not only to be recommended to the Afficionados of the Steelstring guitar, but also to everyone who likes to listen to quiet, sophisticated music. You don’t get tired of them so quickly – if at all – and you always find something to discover in these little „miniatures“. This quiet musician also passes on some of his unexcitement to his listeners – even when the moments of tension and relaxation change frequently. Buy recommendation. ♦
Jacques Stotzem, Guitar: Places we have been (Audio-CD), Acoustic Music Records
Filmmusik hat sich längst von der ausschliesslichen Funktion, die Handlung eines Films angemessen zu untermalen, befreit. Sie ist schon bei Hitchcock manchmal Teil der Handlung, zum Beispiel in „The Man Who Knew Too Much“, das er zweimal verfilmte (1934 & 1956). Seit den 1960er Jahren wurde manche Filmmusik auch abseits der Kinosäle zu einem Verkaufsschlager, etwa die Musik zu den Karl May Filmen von Martin Böttcher. Und seit der Jahrtausendwende gehen ganze Orchester mit Filmmusik auf Tournee, mal um einen Film live zu begleiten, meist aber im Konzertsaal ohne flimmernde Bilder an der Leinwand, etwa mit der Musik zur „Herr-der-Ringe“-Trilogie.
Doch bereits seit den frühen 1930er Jahren, fast also vom Beginn des Tonfilms an, konnten für die Aufgabe der musikalischen Untermalung eines Films bedeutende Komponisten gewonnen werden, etwa Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman, Philipp Glass, um nur wenige Namen einmal willkürlich herauszugreifen. Andere Komponisten wurden überhaupt durch ihre Filmmusik so bekannt wie die Filmschaffenden selbst: Ennio Morricone, John Williams und Hans Zimmer, um drei Ikonen zu nennen. Wie angekommen die Filmmusik im klassischen Konzertbetrieb ist, zeigt Stargeigerin Anne-Sophie Mutter, die neuerdings mit Musik des Komponisten John Williams auftritt und Musik aus Star Wars, Harry Potter und anderen Filmen spielt, dazu auch ein Album aufnahm.
Score from the podium: Only the stars!
John Williams ist ebenfalls eine sichere Sache. Seinen Namen kennen auch Leute, die sonst ausserhalb des aktuellen Pop-Programms keine Namen kennen. Von Gija Kancheli haben aber auch viele Klassikhörer noch nichts gehört, zumindest diejenigen, die auf die üblichen Klassiker setzen. Bei einer persönlichen kleinen Umfrage konnte ich das feststellen, aber auch, dass er für einige schon so als eine Art „Geheimtipp“ gilt. Für mich ist er das, seit ich die CD „Letters To Friends“ kenne, auch.
From stage and film to the friends
Soeben erreichte uns die Nachricht, dass Giya Kancheli gestern (2. Oktober 2019) mit 84 Jahren in seiner Geburtsstadt Tiflis gestorben ist. 1935 geboren, besuchte er ab 1959 das Staatliche Konservatorium in Tiflis, wo er Komposition studierte. Als freischaffender Komponist schuf er Symphonien und andere Orchesterwerke, Kammermusik und vor allem Musik zu zahlreichen Filmen und Theaterwerken. Ab 1991 lebte er überwiegend in Westeuropa, unter anderem in Berlin und Antwerpen. (HD-R)
Die „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ ist nun nicht einfach die Musik, die den Filmen unterlegt war. Kancheli hat die Themen einiger Orchester- und Bühnenmusiken genommen und zunächst für Klavier, später für Klavier und Violine bearbeitet, oder besser gesagt: umgearbeitet. Als der italienische Geiger Andrea Cortesi ihn um ein Violinkonzert bat, nahm er sich das Material noch einmal vor. Uraufgeführt wurde es im Juli 2017 mit den Georgian Strings in Tiflis, mit denen auch die Einspielung dieser CD stattfand.
Die einzelnen kurzen Sätze – insgesamt 25, manche kaum eineinhalb Minuten, das längste viereinhalb Minuten –, sind jeweils einer bestimmten Person gewidmet, etwa das letzte „Letter to director Robert Sturua (1938)“, mit dem er am Rustaweli-Theater in den 1960er und 1970er Jahren zusammengearbeitet hatte. Die Musik stammt aus den Bühnenmusiken zu „Richard III“ von William Shakespeare. Von den Filmemachern und ihren Filmen – etwa Liana Eliava, Levan Chelidze und Zaira Arsenishvili – hat man hierzulande eher noch nichts gehört. Andere wie Lana Gogoberidze haben es aber auch schon auf die internationalen Filmfestspiele von Cannes gebracht (1984). Das ist beim Hören aber durchaus von Vorteil. Keine Bilder aus dem Film oder von der Bühne lenken unnötig von der Musik ab.
Tagträumend durch die Themen hören
Die Vielfalt der Themen und Melodien machen das Hören der CD zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Bei dem einem Stück wähnt man sich in die Zeiten der 1940er Jahre zurück versetzt, anderes klingt überraschend modern – niemals aber atonal. Der Interpret Andrea Cortesi schreibt dazu im Booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ Besser lässt sich das nicht formulieren.
Cortesi macht seine Sache bei dieser Musik gut. Er ist immer präsent und nicht zu überhören. Und doch ist er oft so verwoben mit dem Kammerorchester, dass er niemals wie ein Fremdkörper wirkt, sondern wie „einer der ihren“. Und obwohl das Orchester gut besetzt ist – sechs mal Violine 1, fünf mal Violine 2, fünf mal Viola, drei Celli und einen Kontrabass – klingt alles eher wie Kammermusik denn wie ein Orchester – sehr intim.
FAZIT: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende (Film-)Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kurzen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus. Und alles interpretiert von hervorragenden Musikern – Kaufempfehlung!
Zusammengefasst: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kleinen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus, und wenn man dann entdeckt, das sich in einem solchen Stück nicht nur ein, sondern auch zwei Themen verstecken, erlebt man sogar so etwas wie ein Glücksgefühl. Dabei alles interpretiert von hervoragenden Musikern, Solist wie Orchester – etwas Besseres konnte dem Komponisten nicht passieren, was Kancheli selbst auch so sieht und persönlich im Vorwort des Booklets zum Ausdruck bringt. ♦
Film music has long since freed itself from its exclusive function of providing an appropriate background to the plot of a film. In Hitchcock’s film „The Man Who Knew Too Much“, for example, which he filmed twice (1934 & 1956), it is sometimes part of the plot. Since the 1960s some film music became a bestseller even outside the cinemas, for example the music for the Karl May films by Martin Böttcher. And since the turn of the millennium entire orchestras have been touring with film music, sometimes to accompany a film live, but mostly in concert halls without flickering pictures on the screen, for example with the music for the „Herr-der-Ringe“ trilogy.
But as early as the early 1930s, almost from the beginning of the sound film, important composers such as Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman and Philipp Glass have been won over to the task of providing a musical background for a film, to pick out just a few names at random. Other composers became as famous for their film music as the filmmakers themselves: Ennio Morricone, John Williams and Hans Zimmer, to name three icons. Star violinist Anne-Sophie Mutter, who recently appeared with music by composer John Williams and plays music from Star Wars, Harry Potter and other films, also recorded an album to show how well film music has arrived in the classical concert business.
Score from the podium: Only the stars!
Picture: Giya Kancheli
John Williams is also a sure thing. Even people who don’t know any names outside the current pop program know his name. But many classic listeners haven’t heard of Gija Kancheli, at least those who rely on the usual classics. In a small personal survey I was able to find out that, but also that he is a kind of „insider tip“ for some. For me it is the same since I’ve known the CD „Letters To Friends“.
From stage and film to the friends
Box: We have just received the news that Giya Kancheli died yesterday (October 2, 2019) at the age of 84 in his native Tbilisi. Born in 1935, he attended the State Conservatory in Tbilisi from 1959, where he studied composition. As a freelance composer he created symphonies and other orchestral works, chamber music and above all music for numerous films and theatre works. From 1991 he lived mainly in Western Europe, including Berlin and Antwerp. (HD-R)
The „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ is not just the music that was underlaid by the films. Kancheli took the themes of some orchestral and stage music and first arranged them for piano, later for piano and violin, or rather: reworked them. When the Italian violinist Andrea Cortesi asked him for a violin concerto, he took up the material again. It was premiered in July 2017 with the Georgian Strings in Tbilisi, with which the recording of this CD also took place.
Picture: Beginning of „She Is Here“ (music for the film „Sherekilebi“, Georgia 1974) by Giya Kancheli
The individual short movements – a total of 25, some barely one and a half minutes, the longest four and a half minutes – are each dedicated to a specific person, such as the last „Letter to director Robert Sturua (1938)“, with whom he worked at the Rustaweli Theater in the 1960s and 1970s. The music comes from the stage music for „Richard III“ by William Shakespeare. The filmmakers and their films – such as Liana Eliava, Levan Chelidze and Zaira Arsenishvili – have not yet been heard of in Germany. But others like Lana Gogoberidze have already made it to the Cannes International Film Festival (1984). But that’s an advantage when it comes to listening. No pictures from the film or from the stage unnecessarily distract from the music.
Daydreaming listening through the themes
The variety of themes and melodies make listening to the CD an entertaining experience. One piece seems to take you back in time to the 1940s, the other sounds surprisingly modern – but never atonal. The interpreter Andrea Cortesi writes in the booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ There is no better way to formulate this.
Cortesi’s doing well with this music. He is always present and not to be overheard. And yet he is often so interwoven with the chamber orchestra that he never seems like a foreign body, but like „one of theirs“. And although the orchestra is well staffed – six times violin 1, five times violin 2, five times viola, three cellos and a double bass – everything sounds more like chamber music than like an orchestra – very intimate.
Box: CONCLUSION: „Letters To Friends“ by Giya Kancheli are 65 minutes of entertaining (film) music. But these little miniatures are more than just entertainment, even if it turns out to be a first impression. The many short, partly filigree themes challenge you to listen to them intensively. And all interpreted by outstanding musicians – buy recommendation!
In summary: „Letters To Friends“ by Giya Kancheli are 65 minutes of entertaining music. But these little miniatures are more than just entertainment, even if it turns out to be a first impression. The many small, sometimes filigree themes challenge you to listen to them intensively, and when you discover that not only one but also two themes are hidden in such a piece, you even experience something like a feeling of happiness. Everything interpreted by outstanding musicians, soloists and orchestras – something better could not happen to the composer, which Kancheli himself sees and personally expresses in the preface of the booklet. ♦ (All links above)
Giuseppe Tartini (1692-1770), ein italienischer Komponist und Violinist, der noch ein junger Mann war, als Corelli starb, und der Vivaldi immerhin noch um dreissig Jahre überlebte, ist vor allem wegen seiner sog. Teufelstriller-Sonate – hier eine Video-Aufnahme mit Anne-Sophie Mutter – in Erinnerung. Doch weniger dieser Sonate als der Geschichte wegen, die sich darum rankt. Denn er selbst soll erzählt haben, dass ihm der Teufel im Traum erschienen und ihm wunderbar auf der Violine vorgespielt habe, so dass er nach dem Erwachen – unfähig dies zu reproduzieren – zumindest mit jener Sonate eine Ahnung von dieser teuflisch schönen Musik zustande gebracht haben will.
Die „Teufelstriller“ wird heute noch von vielen Künstlern gespielt, leider aber oft ausschliesslich – und damit die Vielzahl an Kompositionen des Meisters, der damals einen grossen Einfluss auf die europäische Musik hatte (etwa bei dem Dresdner Kapellmeister Naumann oder des preussischen Königs Friedrichs Haus- und Hofkomponisten Johann Gottlieb Graun) in den Hintergrund rücken. Allein deshalb ist jede andere Einspielung Tartinischer Musik grundsätzlich zu begrüssen.
Streichquartett oder reduziertes Orchester?
Nun aber ausgerechnet vierstimmige Streichersonaten und Sinfonias aus dem Spätbarock? Tatsächlich auch mit der üblichen Quartettbesetzung – zwei Violinen, Viola und Cello interpretiert? Womöglich Streichquartette aus einer Zeit, in der es diese doch noch gar nicht gegeben haben kann? Hat denn nicht erst Josef Haydn die Vorlage für diese „Form“ entwickelt, die dankbar von Mozart aufgegriffen, von Beethoven, Schubert und anderen aus- und weiterentwickelt wurde? So ganz übergangslos ist das natürlich nicht passiert, denn in kleinen Besetzungen hat man auch schon früher musiziert. Die barocke Triosonate ist ein gutes Beispiel dafür, doch unterscheidet sich diese noch durch den Generalbass deutlich von der späteren Quartettbesetzung, in der jedes Instrument eine gleichberechtigte Stimme hat. Der sehr informative Text im Booklet zur CD gibt dazu ausführlich Antwort auf diese Fragen und beschreibt, wie diese Kompositionen Tartinis aus der Musizierpraxis des Meisters und seiner Schüler entstanden sein könnten.
Vision einer Ausführung vor 250 Jahren
Das Ensemble Il Demetrio wird der noch unentschlossenen Ausführung der vierstimmigen Stücke dadurch gerecht, dass sie diese teilweise nur mit Streichern und bei einigen Sonaten(sätzen) mit zusätzlichem Basso continuo – auf einem Cembalo ausgeführt – eingespielt hat. Und sie spielen die Kompositionen der Zeit, der sie entstammt, angemessen und nicht so, wie man es bei manchen Interpreten der Teufelstrillersonate hört, als wäre ein klassischer Komponist der Urheber gewesen.
FAZIT: Bei der neuen CD von Il Demetrio mit 4-parts Sonatas and Sinfonias von Giuseppe Tartini handelt es sich um eine beachtenswerte Einspielung von Musik des Spätbarocks und der Vorklassik jenseits der gängigen Muster – und vor allem mit einem Repertoire, das man nicht schon zur Genüge von -zig anderen Einspielungen kenn. Zudem ausgeführt von Musikern, denen man nicht nur die Freude am Musizieren anhört, sondern auch die Kompetenz, mit der sie diese Kompositionen meistern.
Der erste Eindruck, dass es sich um barocke Concertos mit reduziertem Personal handelt, verfliegt schon nach wenigen Takten. Man hat den Eindruck, dass man eine Sinfonia noch nie so transparent gehört hat wie in dieser Einspielung. Und fast wie von selbst entsteht beim Hören das Bild, wie der Meister einigen Schülern seine Noten aufs Pult legt und sie auffordert, zu spielen; wie er herumgeht, zufrieden nickend, über die Leistungen seiner Adepten, sich dann und wann ans Cembalo setzt um die Musik zu unterstützen, und dann doch wieder die vier Musiker allein spielen lässt. Viel zu schnell ist die Stunde um, die diese CD vorhält.
Kurzum: Es handelt sich um eine beachtenswerte Einspielung von Musik des Spätbarocks und der Vorklassik jenseits der gängigen Muster – und vor allem mit einem Repertoire, das man nicht schon zur Genüge von -zig anderen Einspielungen kennt, und ausgeführt von Musikern, denen man nicht nur die Freude am Musizieren anhört, sondern auch die Kompetenz, mit der sie diese Kompositionen ausführen. ♦
Beim ersten unvoreingenommenen Hören von „Bright is the Ring of Words“ mit Liedern für Bariton & Klavier klingt der Gesang von Chris Booth-Jones erfrischend „jung“. Um so überraschender ist es dann festzustellen, dass Booth-Jones eine bereits fast fünfzigjährige Karriere hinter sich hat. Nun, wie ein gerade von der Akademie entlassener Jüngling klingt er zwar nicht, aber ein so hohes Alter entnimmt man seiner Interpretation nicht gleich.
Der zweite Eindruck des unbefangenen Hörens ist die Homogenität von Gesang und Klavierstimme. Begleitung mag ich in diesem Fall gar nicht schreiben, denn in fast sämtlichen Liedern aller vier auf der CD vertretenen Komponisten erreicht die Klavierstimme einen hohen Grad an Eigenständigkeit. Man könnte sie sich mit Genuss auch ohne die Gesangsstimme anhören. Igor Kennaway, der den Part am Klavier übernommen hat, spielt angemessen unaufdringlich, sensibel, ohne sich jedoch zurückzunehmen.
Aufgenommen wurden von Booth-Jones und Kennaway vier Liederzyklen englischer Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die meisten aus der Zeit vor oder kurz nach dem 1. Weltkrieg. Wer aus diesen Informationen avantgardistische Klänge folgert, wird enttäuscht – vielleicht aber auch positiv überrascht.
Lieder eines Wanderers
Robert Louis Stevenson (1850-1894) ist als Autor der „Schatzinsel“ und Erzählungen wie „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ kein Unbekannter. Sein lyrisches Schaffen liegt jedoch meinen Recherchen zufolge noch in keiner Übersetzung vor. Die Lieder auf der CD sind dank der hervorragenden Artikulation des Sängers gut zu verfolgen. Wer darüber hinaus den Anspruch hat, mitlesen zu wollen, kann die Texte hier aufspüren.
Die ersten neun Lieder auf dieser CD komponierte Ralph Vaughan Williams (1872-1958), der dabei Texte von Robert Louis Stevenson benutzte, die dieser unter dem Titel „Songs of Travel“ veröffentlicht hatte. Darunter ist auch das Gedicht, dessen Titel der CD den Namen gab. Ein einsamer Reisender beschreibt in diesen Liedern seine Naturerlebnisse, und im Hintergrund vermutet man, sicher nicht zu Unrecht, eine verlorene Liebe.
Die Lieder klingen nicht fröhlich, keineswegs jedoch sentimental, sondern eher erhaben. Ein gut gewählter Anfang für diese Zusammenstellung.
Songs aus kurzen Leben
Tragischer kommen die sechs Lieder („A Shropshire Lad“) von George Butterworth (1885-1916) daher. Die Texte stammen von A. E. Housman (1859-1936) und beschreiben eine verlorene Jugend in den ländlichen Gebieten Mittelenglands (Shropshire). Angesichts des frühen Todes des Komponisten – er starb bei der Schlacht an der Somme – ist diese Auswahl fast schon prophetisch zu nennen. Die Stücke dämpfen den positiven Eindruck, den die Stevenson-Lieder zuvor aufgebaut haben, fast ein wenig herab. Aber sie sind zu gut, um die Stimmung wirklich zu gefährden.
Ebenfalls bei Houseman bediente sich Ernest John Moeran (1894-1950), allerdings erst nach dem ersten Weltkrieg. Auch seine vier Lieder aus dem Zyklus „Ludlow Town“ entstammen der Sammlung „A Shropshire Lad“.
Während man bei Butterworth eine „Vorausahnung“ annehmen könnte, spricht hier aus der musikalischen Sprache möglicherweise das eigene Erleben im Krieg. Das vierte – „The lads in their hundreds“ – klingt fast wie ein Volkslied. Bei diesem hat mich anfangs die Klavierbegleitung sogar irritiert, weil sie diesen volksliedhaften Charakter vermeintlich zerstört. Beim wiederholten Hören ging mir dann auf, dass dies gerade in der Absicht des Komponisten gelegen haben mag – und inzwischen ist es, genau in dieser Kombination, eines meiner Lieblingslieder auf dieser CD.
Rückgriff auf den grossen Meister
Gerald Finzi (1901-1956), der letzte Komponist dieser CD, war ein Schüler des ersten (Williams). Seinen fünf Liedern liegen Texte von Shakespeare zu Grunde. Dabei versucht Finzi auf keine Weise, in seiner Musik an Shakespears Zeitalter anzuknüpfen. Vielleicht erinnert das erste – „Come away, come away, death“ – mit seiner Traurigkeit ein wenig an Dowland. Die Melodie ist aber ganz zeitgemäss und könnte durchaus auch ein halbes Jahrhundert später von Philipp Glass komponiert worden sein:
Bevor man depressive Anwandlungen bekommt, holt das nächste Lied „Who is Sylvia?“ wieder auf den Boden zurück. Es ist nicht gerade fröhlich, aber klingt in Melodik und Tonsprache „zupackend“.
Das nächste – „Fear No More the Heat o’ the Sun“ – ist berührend und beinahe ein wenig sentimental, was schliesslich der letzte Titel – „O Mistress Mine“ – dann wieder zurücknimmt.
Fazit: Die interessante CD „Bright is the Ring of Words“ vereint vier Liederzyklen von englischen Komponisten, die bis auf R. Vaughan Williams eher unbekannt sind. Interpretiert werden die Lieder von zwei Künstlern, die ihre Sache professionell angingen und die richtige Balance von Stimme und Instrument fanden. Auch die Auswahl und die Zusammenstellung der Songs ist gut und passend. So ist ein Album entstanden, das man nicht nur einmal, sondern immer wieder gerne auflegt und anhört.
Diese interessante CD vereint vier Liederzyklen von englischen Komponisten, die bis auf R. Vaughan Williams eher unbekannt sind. Interpretiert werden die Lieder von zwei Künstlern, die ihre Sache professionell angingen und die richtige Balance von Stimme und Instrument fanden. Auch die Auswahl und die Zusammenstellung der Songs ist gut und passend. So ist ein Album entstanden, das man nicht nur einmal, sondern immer wieder gerne auflegt und anhört. ♦
Bright Is The Ring Of Words – Englische Lieder von Vaughan, Butterworth, Moeran, Finzi; Chris Booth-Jones (Bariton) & Igor Kennaway (Klavier), Magpie Records (Naxos)
Das Jahr 919 ist für die Geschichte jenes europäischen Landstriches, den wir heute (unter anderem) Deutschland nennen, in der Tat ein wichtiges. Der Liudolfingerfürst Heinrich, bekannt als der Vogler (wobei dieses Agnomen wohl weniger das ornithologische denn vielmehr das Interesse des Sachsenfürsten am anderen Geschlecht näher beschreibt), wird in der Königspfalz zu Fritzlar zum ersten deutschen König erhoben und begründet damit jenes Herrschergeschlecht, das nach der Krönung seines Sohnes Otto I. zum Kaiser als „Ottonen“ bekannt ist. Grund genug für die renommierte Capella Antiqua Bambergensis, gemeinsam mit Schauspieler Udo Schenk eine CD mit dem Titel „Heinrich: König und Kaiser – Herrscher und Heiliger“ herauszubringen. Mit einer Mischung aus Musik des Mittelalters und einem literarischen Anteil soll Heinrich – so legt es zumindest der Titel nahe – in seiner Welt sichtbar gemacht werden.
Mehr als Heinrich
Tatsächlich handelt es sich bei dieser CD aber nicht um eine musikalisch-literarische Biographie Heinrichs, sondern um einen Parforceritt durch die Ära Ottonen. Der 919 gekrönte Heinrich spielt hier letztlich gar keine so entscheidende Rolle. Aber das macht in der Gesamtschau auch nichts, ist dies doch nicht das einzige Element, das bei dieser Produktion nicht so recht stimmig ist. Da wäre zum einen der literarische Anteil der Produktion. Weil sich im Jahre 2019 nicht nur Heinrichs Thronjubiläum jährt, sondern auch der 1000. Todestag des Merseburger Bischofs Thietmar, schlüpft Mime Schenk in die Rolle jenes Bischofs, der vor allem dadurch bekannt ist, dass er mit seiner acht Bände zählenden „Chronicon sive Gesta Saxonum“ (Chronik oder Geschichte der Sachsen) aus den Jahren 1012-1015 eine der wichtigsten Quellen zum ottonischen Zeitalter hinterlassen hat. Ob die Erzählerfiktion aber wirklich nötig gewesen wäre? Bisweilen – besonders zu Beginn der CD – irritiert sie eher, wenn Thietmar von „seiner“ Capella Antiqua spricht, in der Rückschau (quasi von einer Wolke aus) architektonische Vorteile der zu Lebzeiten von ihm nicht mehr erfahrenen Gotik reflektiert oder ganz im anglizismenreichen Duktus der Gegenwart in Punkto des Liebeslebens der Kaiserpaare raunend von seinen „Insiderquellen“ spricht. Mit der Zeit gewöhnt sich der Hörer jedoch daran. Leider – und das führt dazu, das die CD sich gegen Ende hin länger anfühlt, als sie mit einer Spielzeit von knapp 75 Minuten ist – neigt Udo Schenks Rezitation nicht selten zu einem zu andachtsvoll-huldigenden Ton, der den Hörer nach einiger Zeit nach etwas facettenreicherer Modulation, nach kerniger Akzentuierung, nach einem saftigeren Sprachfluss lechzen lässt.
Ottonische Frauen
Sieht man von dergleichen ab und konzentriert sich stattdessen auf den Inhalt des Vorgetragenen, so ist doch zu konstatieren, dass der Hörer dieser Produktion tatsächlich einen knappen, gleichwohl aber interessanten Einstieg in die Welt der Ottonen mitnehmen kann. Sicher, ob der vom Medium vorgegebenen Notwendigkeit zur Verkürzung der hochkomplexen Sachverhalte, erfährt im Grunde kaum etwas über die politischen Geschehnisse der Epoche. Und doch gibt es einen Umstand, der den Hörer dazu verführt, sich mit den Ottonen zu beschäftigen, einen Umstand, der in der deutschen und mittelalterlichen Geschichte überhaupt als geradezu einzigartig heraussticht: das eigentlich Interessante an den zwei Heinrichs und den drei Ottos sind ihre Frauen. Mit einer geradezu erfreulichen Beharrlichkeit kommt das von Thomas Spindler verfasste Skript immer wieder auf die beiden Mathilden, auf Adelheid, auf Theophanu und auf Kunigunde von Luxemburg zu sprechen und deutet nachdrücklich an, welchen ungeheuren Einfluss die Königinnen bzw. Kaiserinnen auf ihre Männer und damit auf die Geschicke des Reiches hatten. Exemplarisch hierfür steht gegen Ende der Produktion Thomas Spindlers Bewertung der Kaiserin Kunigunde, die mit ihrem Gemahl Heinrich II. kinderlos blieb und somit gemeinsam mit ihm die Dynastie der Ottonen beschloss: „Ohne Kunigunde wäre Heinrich II. nicht das geworden, wofür wir ihn heute bewundern.“
Schmückendes Beiwerk auf höchstem Niveau
Die auf dieser CD versammelte Musik wird von der Capella Antiqua Bambergensis gestaltet. Hinzu treten singend und die verschiedensten Instrumente spielend Jule Bauer, David Mayoral, Murat Coşkun und Benjamin Dressler. Alle Musikerinnen und Musiker sind seit vielen Jahren Meister ihres jeweiligen Faches, nicht nur künstlerisch und technisch, sondern auch musikphilologisch. Insofern ist es nicht wirklich verwunderlich, dass man es hier mit musikalisch hochklassigen Nachempfindungen zu tun hat, die nur selten – beispielsweise im am Hof Alfons X. von Kastilien entstandenen „Cantigas ‚Par Deus‘“ – Gefahr laufen, aufgrund eines überdrehten Gestus in jenen Bereich abzurutschen, dem ein wenig ein Geschmäckle von Mittelalterpop anhaftet.
FAZIT: Nicht alle Ingredienzen des neuen CD-Projektes von Capella Antiqua Bambergensis werden dessen Motiv „Heinrich II.“ wirklich stimmig gerecht. Die Auswahl der Musik-Stücke hätte man sich stilistisch zeitnaher an der Ottonen-Ära orientiert vorstellen können, und der Rezitationsstil von Sprecher Udo Schenk – der Schauspieler schlüpft in die Rolle des Merseburger Bischofs Thietmar – neigt zuweilen zu einem nicht immer angebrachten andachts- und salbungsvollen Ton. Insgesamt aber eine interessante Produktion, die einen abwechslungsreichen Parforce-Ritt durch die ganze so historisch wichtige Ära der Ottonen darstellt. Erhellende Booklet-Texte runden die CD informativ ab.
Auf der anderen Seite: Wer will – zugegeben – auch sagen, wie von 1000 Jahren tatsächlich aufgespielt wurde? Das mag schon irgendwie so geklungen haben. Schön gelingen das Instrumentalstück „Parlamento“, das omnipräsente „Palästinalied“ Walthers, das „Je nuns hons pris“ aus der Feder von Richard Löwenherz und das „A Chantar“ der Trobairitz Beatriz de Dia. Schaut man sich nun aber Liste der genannten Stücke und darüber hinaus noch die restlichen dieser CD an, so offenbart sich unmittelbar die Schwäche dieser Auswahl, denn keine der vorgestellten Kompositionen stammt aus der Zeit der Ottonen. Der Fachfrau und dem Fachmann mag dies ganz natürlich erscheinen, gibt es – nimmt man den gregorianischen Choral einmal aus – doch kaum Quellen zur Musik des früheren Mittelalters, schon gar nicht zu Volkslied, Tanz und Spielmannsmusik.
Erhellende Booklet-Texte
Dem Laien, der mittels dieser CD die Welt des musikalischen Mittelalters betritt, dürfte dies allerdings nicht zwingend bekannt sein, sodass sich hier schnell voreilige Vorstellungen von dem, was dereinst bei Mummenschanz und Kurtzweyl von fahrendem Volk und Marketenderin über den Marktplatz schallte, einschleichen können. Letztlich – und das muss man bei aller Freude, die die Darbietungen letztlich machen, geradeheraus sagen – steuern die vorgestellten Werke nichts zum eigentlichen Gehalt der Produktion bei, sondern übernehmen die etwas schale Rolle des schmückenden Beiwerks.
Insgesamt erfreulich ist das Booklet, das einen knackigen Text zur Epoche der Ottonen und einen zur Geburt der Mehrstimmigkeit von Wolfgang Spindler, der 1983 die Capella Antiqua Bambergensis gegründet hat. Dass jedoch die Texte zu den einzelnen Musikstücken nicht den Weg ins Booklet gefunden haben, ist bedauerlich. ♦
Schon der vor 100 Jahren geborene Leonard Bernstein trat für die Verwischung der Grenzen von Unterhaltungs- und Ernster Musik ein. In seinen Werken gingen Jazz und Klassik eine erstaunliche Symbiose ein, die ein breites Publikum für sich einnahm und die tiefen Gräben zwischen beiden scheinbar gegensätzlichen Musikkulturen vergessen liess. Aus „Romeo und Julia“ wurde die „Westside-Story“.
Auf seinem neuen, bei Cargo Records erschienen Album „Avalanche“ wendet sich Ausnahmepianist Dirk Maassen, mittlerweile mit über einer Million monatlichen Hörern auf Spotify, iTunes und Co. einer der präsentesten deutschen Komponisten und Performers für postmoderne Klangmusik, nicht mehr nur an eine flüchtige Online-Gemeinde, sondern auch an ein dem festen Tonträger wie CD und Vinyl verbundenes Publikum. Dabei kombiniert er – wie Bernstein – gekonnt die unterschiedlichen Bereiche. Mal balladesk, mal impressionistisch, mal liedhaft geschlossen, mal atmosphärisch verdichtet und mit Freude am Experimentieren, wie zum Beispiel in dem fado-artigen Gitarrenstück „Allewind“, gibt Maassen, 1970 bei Aachen geboren und in Ulm lebend, ein vielfältiges und facettenreiches Spektrum seiner Kunst.
Cineastisch untermalender Impressionismus
Seine Titel, etwa „Eclipse“, „Nocturne“, „Falling stars“, „Muse“, „Liberty“ wurzeln in romantischen Klang- und Bilderwelten, sind aber eher impressionistisch cineastisch untermalend, jedoch keineswegs unmelodiös gestaltet. Vor allem in „Muse“ gelingt die völlig nach innen gekehrte Transponierung des romantischen Interieurs in neuzeitliche Klang- und Vorstellungswelten, bevor er sich in „Spirit“ wieder mehr den nach aussen gekehrten unverwüstlichen Jazz-Welten nähert, ohne indes ganz in ihr aufzugehen.
FAZIT: Maassens fast neo-romantische Musik in „Avalanche“ legt bei modernen Menschen verborgene Sehnsucht, Ängste und den Wunsch nach Freiheit offen. Sicher der Grund für seinen enormen Erfolg! Am Ende kann der Hörer darin sein Glück finden oder aber wieder in die eine oder andere Sphäre zurückkehren, sei es in die lautere, extrovertiertere und dem Leben zugewandte Jazz-Welt oder in die strenge Tiefe von Beethovens „Mondscheinsonate“ – oder gar in die existentielle Abgründigkeit einer Schubert-Sonate. Jedenfalls ist die Brücke zwischen U- und E-Musik mal wieder gekonnt geschlagen.
Die Begleitung durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg fungiert weitgehend als sphärischer Hintergrund. So assoziiert der Hörer bei manchen, mehr als kontemplativen Sequenzen wohl unfreiwillig schon eine potentielle Filmszene, etwa den Journalisten Sebastian Zöllner, der in Kaminskis Tiefenschichten stöbert – oder natürlich auch etwas ganz anderes. Hier hinterliess die Zusammenarbeit mit Lorenz Dangel, dem Träger des Deutschen Filmpreises (für die beste Filmmusik in „Ich und Kaminski“) unüberhörbar ihre Spuren. Auch die Nähe von „Helios“ zur Filmmusik von „Das Piano“ (1993) sowie die von „Nocturne“ zur berühmten „Love Story“ soll erwähnt werden.
Harmonisch geglättete Melodieführung
Die Melodieführung – keineswegs von epischer Länge – ist dabei noch gefälliger, harmonisch geglätteter als etwa bei den berühmten nächtlichen, elegisch-träumerischen Charakterstücken eines Frédéric Chopins oder Gabriel Faurés. So kommt „Gravity“ doch deutlich leichtfüssiger daher als etwa das berühmte „Regentropfen“-Prélude Chopins.
Zusammengefasst: Maassens fast neo-romantische Musik in „Avalanche“ legt bei modernen Menschen verborgene Sehnsucht, Ängste und den Wunsch nach Freiheit offen. Sicher der Grund für seinen enormen Erfolg! Am Ende kann der Hörer darin sein Glück finden oder aber wieder in die eine oder andere Sphäre zurückkehren, sei es in die lautere, extrovertiertere und dem Leben zugewandte Jazz-Welt oder in die strenge Tiefe von Beethovens „Mondscheinsonate“ – oder gar in die existentielle Abgründigkeit einer Schubert-Sonate. Jedenfalls ist die Brücke zwischen U- und E-Musik mal wieder gekonnt geschlagen – auf dass viele sie ergreifen, um „hinüberzugehen und wiederzukehren“. ♦
Der erste Höreindruck von „Jakob Bangso: Connect – Electronic Works for Guitar“ war für mich irritierend. Ich hatte Schwierigkeiten, mich durchgängig auf die Musik zu konzentrieren. Immer wieder schweifte die Aufmerksamkeit ab, verselbstständigten sich die Gedanken. Da dies nicht unbedingt an der Musik liegen musste, versuchte ich beim erneuten Hören besser dabei zu bleiben. Ich meine inzwischen, dass dieses „Aufmerksamkeitsdefizit“ der ungewohnten Kombination von akustischem und elektronischem Instrumentarium geschuldet ist. Das, was die Gitarre spielt, ist nicht spektakulär und isoliert betrachtet wenig abwechslungsreich. Der elektronische Anteil entspricht nicht dem, was wir allgemein als „Musik“ verstehen; kaum wahrnehmbare Melodien, insgesamt nahe an das Spektrum von „Geräuschen“ gerückt. Konzentriere ich mich auf das Zusammenspiel beider musikalischen Instrumente, fällt es mir leichter, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.
Mehr Klang als Sein
Das erste Stück „Periferi“ von Tine Surel Lange lebt von der Kommunikation der Gitarre mit der Elektronik. Natürlich aufgenommene und verfremdete Geräusche werden mit den von der Gitarre erzeugten musikalischen Einheiten live über ein Midi-Keyboard gemixt. So entsteht im Grunde jedes Mal ein anderes Werk. Ob sich diese von Aufführung zu Aufführung ähneln, kann ich auf Grund einer CD natürlich nicht beurteilen.
Der Gitarrenpart besteht aus Arpeggien und sehr einfachen Melodien, meist nur aus wenige Tönen gebildet, die kaum variiert werden. In der zweiten Hälfte wurde per Overdub eine zweite Gitarrenstimme hinzugefügt. Oder per Loop, was nahe liegt, wenn man an die Live-Performance denkt. Die elektronischen Klangspiele sind nicht unbedingt dem Gitarrenpart zuzuordnen. Für mich wirkt das deshalb beliebig. Ich habe den Eindruck, es wurde mehr Aufmerksamkeit auf den „Klang“ (Sound) gelegt als auf den Gehalt der Komposition.
Tanz mit dem Computer
Jakob Bangsø Die fünf auf der CD vertretenen elektroakkustischen Werke wurden extra für den jungen dänischen Gitarrenvirtuosen Jakob Bangsø komponiert. Der mehrfach preisgekrönte Musiker (geb. 1988) hat sich schnell als einer der aktivsten und vielseitigsten Instrumentalisten Dänemarks etabliert. Als Solist hat er sich besonders bei internationalen Gitarren-Wettbewerben hervorgetan. Vor drei Jahren erhielt er als erster Gitarrist überhaupt das zweijährige Karrierestipendium The Young Elite von der Danish Arts Foundation.
„Streams“ von Andreja Andric ist eine Suite für Gitarre und Computer. Elektronik steht bei dieser Suite in stärkerem Zusammenhang mit der Gitarrenstimme als bei der Komposition zuvor. Sie hat ausserdem mehr Substanz. Der Gitarrenklang wird vom Computer resampled. Die Software dafür hat der Komponist selber entwickelt. Jeder Satz der Suite ist anders, nicht nur im Klang, sondern auch im gesamten musikalischen Ausdruck. Die einzelnen, jeweils recht kurzen Sätze, sind kontrastierend angelegt. Die Abfolge ist logisch und eher aufmerksamkeitsfördernd. Die beiden Tänze könnten auch ohne Electronic funktionieren und beispielsweise im Unterricht der Mittelstufe eingesetzt werden. Diese Suite ist für mich die stärkste Komposition auf dieser CD.
Das Stück „Feed“ von Klavs Kehleet Hansen lebt von Rückkopplungen. Der offene Ausgangsakkord der präparierten Gitarre ist Basis für die elektronischen Effekte. Die Gitarrenstimme ist relativ belanglos und dient lediglich als Grundlage für die elektronischen Effekte. Zusammen klingt es wie der Dialog zwischen Gitarre und Elektronik. Ein interessantes kleines Stück, das aber nach dem Hören kaum Erinnerung hinterlässt.
Auch nach wiederholtem Anhören für mich am schwersten zu folgen ist „Dive“ von Wayne Siegel. Das liegt aber weniger am musikalischen Gehalt, sondern daran, dass ständige Assoziationen gefördert werden. Die Elektronik hat auch bei diesem Stück eher ergänzenden Charakter, wirkt so als eine Art „Klangerweiterung“ der Gitarre. Der Komponist (Jahrgang 1953) ist der versierteste unter denen, die auf dieser CD vertreten sind. Er hat für viele Genres komponiert, nicht nur elektronische Musik sondern auch Orchesterwerke und Kammermusik. Trotz dieses „Aufmerksamkeitsdefizits“ beim Hören bleibt von dieser Komposition von allen Komposition dieser CD noch lange nach dem Hören am meisten im Ohr.
Exkurs: Komponieren für Gitarre & Computer
W.E. / Anhand der Suite „Streams“ von Andreja Andric lässt sich veranschaulichen, welche kompositorischen Basics vom Urheber eines modernen elektronischen Werkes erbracht werden, und wie hoch dann unter Umständen die musikalische Verantwortung des Interpreten gehen kann. In jedem Falle ist eine symbiotische Beziehung beider Künstler unabdingbar, wenn ein gültiges Resultat, sprich adäquate Umsetzung des kompositorischen Willens einerseits und der instrumentaltechnischen Realisierung andererseits generiert werden soll. Der Anteil des Improvisatorischen ist dabei ein sehr bedeutsamer, ja eigentlich essentieller:
Komponist Andric selber über sein Werk „Streams“: „Die Partitur ist auf ihre wesentlichen Bestandteile reduziert, um die Improvisation zu fördern, und bietet so Platz für verschiedene Interpretationen, erleichtert die rechtzeitige Entwicklung des Stückes. Der Computer ändert die Tonhöhe des Instruments in Echtzeit, nach vorbereiteten Schemata.
Auf diese Weise fügt es der auf dem Live-Instrument gespielten Musik Rhythmen und Melodien hinzu und „formt“ die Live-Performance auf diese Art. Der Prozess erinnert an die Wirkung, die heisse Luft auf unsere Wahrnehmung hat, wenn wir auf entfernte Objekte schauen, oder, wie es der Titel andeutet, dass das fliessende Wasser einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung des Bachbettes und der Kieselsteine unter dem Wasser hat“.
Der folgende Ausschnitt beinhaltet die musikalischen sowie die aufnahme- und computertechnischen Angaben des Komponisten für den 1. Satz seinen Suite „Introduction“. Besten Dank an Andreja Andric für die Zusendung seiner Notationen:
FAZIT: Die CD von Jakob Bangso: Connect ist eine gelungene Zusammenstellung von Gitarrenmusik, die mit und von elektronischen Elementen lebt. Insbesondere die Kompositionen von Andric, Siegel und David lohnen die Anschaffung. Es sind Stücke, die man gerne wiederholt hören mag. Die Kompositionen von Lange und Hansen brechen am stärksten mit den üblichen Hörgewohnheiten und können deshalb vielleicht erst nach vielfachem Hören entsprechend gewürdigt werden.
„451“ von Kaj Duncan David ist die abschliessende Suite dieser CD. Sie scheint vom Interpreten etwas mehr zu fordern, als die Kompositionen zuvor. Den Titel hat der Komponist in Anlehnung an Bradbury’s Roman „Fahrenheit 451“ gewählt. Die einzelnen Sätze sind lediglich mit A, B und C überschrieben und unterscheiden sich stark voneinander. Der erste Satz lebt von grossen dynamischen Unterschieden, der zweite kommt sehr perkussiv und im dritten Satz steht die Gitarre so stark im Vordergrund, dass die Elektronik kaum zu spüren ist. Sie ist aber vorhanden. Unklar ist mir, ob die zweite Gitarrenstimme per Overdub oder per Loop eingespielt wurde. Ein sehr schöner Ausklang dieser Suite und damit auch dieser CD. ♦
1969 erschien die LP „Ceremony“, die die englische Rockgruppe Spooky Tooth zusammen mit dem französischen Elektronikpionier Pierre Henry (1927-2017) aufgenommen hatte. Es war allerdings kein echtes Gemeinschaftswerk. Spooky Tooth spielte ihre Songs ein, Pierre Henry bearbeitete diese anschliessend mit seinen elektronischen Effekten. Man hört dies deutlich, hat das Gefühl, das einer gegen den anderen ankämpft. Von einer Synthese elektronischer Musik mit analoger Musik (in diesem Fall Rock) kann nicht gesprochen werden. Ganz anders ist dies bei Electronic Chamber Music.
Dieses vierköpfige Ensemble spielt traditionelle Instrumente wie Gitarre, Violine, Kontrabass und erweitertet diese um einen modularen – also analogen –Synthesizer und weitere elektronische Klangerzeuger. Laut Presseinformation spielen die Musiker „massgeschneiderte, erweiterte Instrumente, bei denen elektronische und akustische Klänge nahtlos ineinander übergehen“. Das ist schwer zu überprüfen durch reines Hören. Auch auf den im Netz zu findenden Videos (hier oder auch hier) ist das an den Instrumenten nicht erkennbar.
Keine Konfrontation, sondern grösstmögliche Annäherung
Mir liegt die Vinyl-Langspielplatte vor, die sich in schönem Türkis auf dem Plattenteller dreht. Sie enthält acht Stücke, durchnummeriert von 01 bis 08. Die Nummern 01 bis 04 sind überschrieben mit ADC, die Nummer 05 bis 08 mit DAC. Es ist unschwer zu erraten, was damit gemeint ist: Analog-Digital-Umsetzer und Digital-Analog-Umsetzer. Durchgängig ist, dass elektronisch Elemente mit denen der traditionellen Instrumente ein Miteinander eingehen. Es ist kein Kampf gegeneinander, sondern der Versuch, eine grösstmögliche Symbiose zu schaffen. Beteiligt waren an der Produktion die vier Künstler Otso Lähdeoja (Gitarre & Elektronik), Aino Eerola (Violine & Elektronik), Alejandro Montes de Oca (Modular Syntheziser), Nathan Riki Thomson (Kontrabass & Elektronik).
Vom Free Jazz über die Tradition bis zur Stille
FAZIT: Dass elektronische Musik in Kombination mit traditionellen Instrumenten eine sinnvolle und gut hörbare Einheit eingehen kann, zeigt das Ensemble der vier Musiker aus Helsinki eindrucksvoll. Electronic Chamber Music schafft eine symbiotische Klangwelt, die auch beim wiederholten Hören immer neue Facetten zeigt.
Die Themenvielfalt ist gross. Manches erinnert an intensive Momente des Free Jazz, hier und da tauchen fast traditionelle Motive auf, die zu einer grossen Eindringlichkeit gesteigert werden, und dann wieder scheint es, als wolle man in Richtung absoluter Stille gehen, ohne diese jemals erreichen zu können. Auch nach mehrmaligem Hören wurde mir die Musik des Ensembles nicht langweilig, wobei ich die Annehmlichkeit der Langspielplatte, das nach der Hälfte die Musik endet und die Platte umgedreht werden muss, genoss. So war ein Moment des Innehaltens gegeben, der bei der CD erst durch einen willkürlichen Akt – das Anhalten des Players – erreicht werden kann. Das Ensemble hat die Aufnahmen live eingespielt. Es gibt also kein Overdub, kein nachträgliches Einfügen von Effekten. Auch dies trägt sicher dazu bei, dass die Aufnahmen wie aus einem Guss erscheinen. Ich hoffe, dass dies Ensemble noch weitere Aufnahmen folgen lässt und vielleicht auch einmal live zu erleben ist. ♦
Die erst 27-jährige, aber bereits international konzertierende Blockflöten-Virtuosin Tabea Debus umreisst ihr jüngstes Album folgendermassen: „Das Ziel dieser Aufnahme ist es, die musikalische Bandbreite nicht nur für die Blockflöte zu erweitern, sondern Hörgewohnheiten aufzubrechen und einen neuen Zugang zu der nur scheinbar alten Musik Telemanns zu eröffnen. Zugleich wird damit auch der durchaus klassische Ansatz verdeutlicht, inwieweit das Schaffen von Komponisten früherer Generationen zeitgenössische Kreativität beeinflusst und befruchtet.“
Ein Dutzend barocke, ein Dutzend zeitgenössische Werke
Anlässlich des letztjährigen 250. Todestages Telemanns hat die Londoner City Music Foundation nun für Debus zu jeder der zwölf Telemann‘schen „XII Fantasie per il Flauto senza Basso“ eine Auftragskomposition vergeben, wobei diese zwölf neuen Recorder-Soli auf thematisches, harmonisches oder rhythmisches Material einer der Fantasien Telemanns fusst – Telemann meets modern music sozusagen. Entsprechende Werke beigesteuert haben u.a. die Komponisten Moritz Eggert, Colin Matthews, Frank Zabel und Max de Wardener. (Das CD-Booklet dokumentiert sehr informativ die jeweiligen persönlichen Telemann-Bezüge und Intentionen der zwölf Komponisten). Teils wird melodisch variativ, harmonisch verfremdend, rhythmisch differenzierend auf die barocken „Vorlagen“ eingegangen, teils wird auch einfach die „Grundstimmung“ einer „Fantasie“ aufgenommen und völlig eigenständig ausgesponnen.
Tabea Debus hat ihre Affinitität zu Telemann bereits in vielen Konzerten und Aufnahmen dokumentiert, und sie musiziert auch hier auf einer spieltechnisch tadellosen Ebene, dabei nicht nur den grossen barocken Affektreichtum Telemanns, sondern auch die teils klanglich nicht gerade leicht interpretierbaren Notenbilder der modernen Stücke realisierend. Insgesamt hochinteressante, die stilstisch notgedrungen tiefen musikhistorischen Gräben nicht zuschüttende, aber satztechnisch wie klanglich angenähert dokumentierende 24 Einspielungen, immer hörbar „verwandtschaftlich im Geiste“.
Blockflöten-Musik auf hohem Niveau
Ein sehr innovatives Konzept also – allerdings wirklich glaubwürdig nur aufgrund der spielfreudigen wie einfühlsamen Virtuosität der Blockflöten-Protagonistin, deren barocke Stilsicherheit und technische Überlegenheit auf gleicher Höhe musiziert mit den klanglichen Anforderungen moderner, gänzlich anderer Kompositionssprachen. Zweifellos eine Recorder-Disk voller musikalischer Überraschungen, Entdeckungen und Aha-Erlebnisse – die Liebhaber hochstehender Musik für die altehrwürdige Blockflöte in ganz neuem Kleide kommen voll auf ihre Kosten. ♦