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Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei mit Stiftskirche St. Verena
Gründung und Tochterklöster
Die Gründung von Rot an der Rot erfolgt 1126. Das neue Kloster wird von Prämonstratensern besiedelt und ist vorerst Propstei, steht aber schon früh unter päpstlichem Schutz. Es ist eine der ersten Gründungen des jungen Ordens in Süddeutschland.[1] Als Stifter gelten die Herren von Wildenberg und Wolfertschwenden.[2] 1140 wird Rot Abtei. Die Stiftskirche ist der Muttergottes und der Jungfrau Verena gewidmet.[3] Später wird nur noch das Verena-Patrozinium genannt. Der erst 1120 gegründete Prämonstratenserorden ist ähnlich dem Zisterzienserorden vertikal organisiert. An der Spitze steht der Generalabt von Prémontré bei Laon, wo auch die Generalkapitel stattfinden. Mehrere Klöster bilden eine Zirkarie. Neugründungen erfolgen immer als Töchtergründungen eines bestehenden Klosters mit mindestens 40 Konventualen. Rot als Tochter von Prémontré liegt in der Zirkarie Schwaben.[4] Erfolgreiche Tochtergründungen von Rot sind Weissenau 1145, Wilten bei Innsbruck 1138, Kaiserslautern 1158 (bis 1510), Steingaden 1147 und Obermarchtal 1171.
Lage und Name
Der Name Rot an der Rot ist neueren Datums. Noch im 19. Jahrhundert wird die Klosterortschaft Roth genannt, im 18. Jahrhundert ist Münchroth oder Mönchsroth verbreitet. Die lateinischen Texte nennen das Kloster Rothum. Es liegt am Zusammenfluss der zur Donau fliessenden Rot mit der Haslach, unweit des fast parallel verlaufenden unteren Illertals. Die Gründung erfolgt damit, ähnlich den Zisterziensergründungen, in wasser- und waldreicher, abgelegener Gegend. Zwei Wegstunden nordwestlich liegt das schon 1093 von den Welfen gestiftete Benediktinerkloster Ochsenhausen. Zwei Wegstunden östlich liegt die im 12. Jahrhundert von den Welfen zur Stadt erhobene, spätere Reichsstadt Memmingen.
Hoch- und Spätmittelalter
Die vielen Tochtergründungen im Hochmittelalter zeugen von einer frühen Blüte, denn jede Tochtergründung bedeutet einen personellen Aderlass. Für Rot ist von 145 Kanonikern und Konversen die Rede. Der Nachfolger des ersten Propstes Burchhardus kann sich bereits Abt nennen. Früh ist die Abtei Rot auch Doppelkloster. Die Prämonstratenserinnen erhalten 1140 ein eigenes Kloster an der Stelle der heutigen Bruderschaftskirche St. Johann. Dieser Frauenkonvent überlebt aber das 14. Jahrhundert nicht. In diesem Jahrhundert beginnt auch der Niedergang der Abtei. Zwar wird noch 1338 ein Chorneubau errichtet, aber schon Ende des Jahrhunderts kann das Kloster dank Misswirtschaft nur noch den Abt und zwei Konventualen unterhalten. Nun sorgt der Orden für eine Sanierung der völlig überschuldeten Abtei. Vorerst übernimmt Weissenau die Administration, aber erst der 1420 aus Obermarchtal postulierte Abt Martin Hesser kann die Finanzen und die Güter der Abtei bis zum Ende seiner Regierungszeit 1457 im alten Umfang wiederherstellen. 1497 erhält Rot vom Kaiser die Reichsunmittelbarkeit. Auch die Nachbarabtei Ochsenhausen wird Reichsabtei. Im Gegensatz zur Abtei Rot wirtschaften die Benediktiner im Spätmittelalter ausgezeichnet und können auch ihre Grundherrschaft wesentlich ausdehnen. Die kleine Reichsabtei Rot wird jetzt bis zur Säkularisation dreiseitig vom Ochsenhausener Territorium eingeschlossen. Zur Grundherrschaft von Rot zählen auch zwei kleine Exklaven im Fürststift Kempten, darunter der spätere Wallfahrtsort Steinbach an der Iller.
Das 16. Jahrhundert
Die Reformation berührt das Kloster wenig. Sie wird lediglich 1525 in der nahen Reichsstadt Memmingen eingeführt. Die Bauernerhebung findet auch bei den Bauern der Herrschaft Rot Anklang, aber dank der schnellen Niederschlagung des Aufstandes durch den Adel muss die Abtei lediglich eine Plünderung ertragen. Im folgenden Schmalkaldischen Krieg wird das Kloster nochmals geplündert. Nicht die Plünderungen, sondern hausgemachte Problem führen zu einem erneuten Niedergang. Doch mit der Durchsetzung der tridentinischen Reform gelingt auch Rot in der zweiten Jahrhunderthälfte ein neuer Aufschwung. Das Stift zählt jetzt wieder 22 Konventualen, die Patres können sich erneut um die Seelsorge in den sechs inkorporierten Pfarreien kümmern. Selber durch Jesuiten geschult, senden die Äbte vermehrt den Nachwuchs zum Studium nach Dillingen. Das Ansehen der Abtei wächst auch beim Generalabt, der jetzt dem Abt von Rot die Visitationen anderer Ordensklöster anvertraut. Bauvorhaben, darunter der Neubau der Kirche St. Johann für die neue Rosenkranzbruderschaft, sind dank guter Finanzlage wieder möglich.
Dreissigjähriger Krieg
Der verheerende Krieg mit seinen Plünderungen, Brandschatzungen, Seuchen und unglaublichen Grausamkeiten trifft die Herrschaft Rot vor allem in den Jahren 1630–1648. Die Untertanen sind die grössten Leidtragenden. Die Klostergebäude können durch Kontributionszahlungen vor Brandschatzungen gerettet werden. Nach Friedensschluss kann sich die Abtei auch deshalb schnell erholen.
Bauäbte der Barockzeit
Martin Ertle 1672–1711
1672 wird Martin Ertle als Abt gewählt.[5] Er kann eine Abtei übernehmen, die sich vom Dreissigjährigen Krieg erholt hat. Die erneuten Kriegslasten aus Durchzügen und Quartiernahmen von Reichstruppen im Französisch-Holländischen Krieg zwischen 1675 und 1678 belasten zwar, Notleidende sind aber wie üblich die Bauern.
Erst 1681 wird zum eigentlichen Katastrophenjahr für Rot. Innert fünf Wochen vom April bis zum Mai bricht im Kloster mehrmals Feuer aus. Vielleicht ist es durch Brandstiftung verursacht. Das letzte Feuer Anfang Mai erfasst alle zusammengebauten Gebäude und den Dachstuhl der Stiftskirche. Nun zeigt sich Abt Martin als begnadeter Organisator. Er lässt im gleichen Jahr die Kirche wieder decken und den Westflügel neu aufbauen. Dann folgt bis 1699 der völlige Wiederaufbau der Klosterflügel mit den prägenden, eckturmbewehrten Flügelverlängerungen. Nach diesen Neubauten widmet sich der Abt der Kirche. Der bisher einzige Kirchturm erhält ein Pendant, seither hat Rot ein Chorturmpaar. Abt Martin lässt die Kirche von 1519, die dank ihren spätestgotischen massiven Gewölben den Brand überlebt hat, ab 1688 barockisieren.
Zum Bauablauf und seinen Meistern siehe das Kapitel «Der Klosterneubau 1681–1699».
Alle Bauten plant und leitet er selbst. Abt Martin wird deshalb als «architectus noster infulatus» bezeichnet. Er zählt als Baudilettant nicht zu den sogenannten Liebhaberarchitekten des 17. Jahrhunderts, die meist in Baukunst gebildet sind.[6] Dies erklärt auch die frühbarocke Erscheinung seiner im Hochbarock erstellten eckturmbewehrten Erweiterungen. Er knüpft an das Vorbild der Abtei Ochsenhausen an, deren Planung von 1615 stammt. Jedem Barockbaumeister wären angesichts einer solchen «Neuplanung» die Haare zu Berge gestanden. Dies schmälert aber seine Verdienste nicht. Die grosse wirtschaftliche Leistung mit dem Klosterneubau und den Kirchenneubauten in der Herrschaft, aber auch seine Dauereinsätze im Dienst der Zirkarie sind bewundernswert. Erneut wird die Aufbauarbeit 1702 durch den Spanischen Erbfolgekrieg unterbrochen. Wieder muss der Abt flüchten. Diesmal überziehen die Truppen des mit den Franzosen verbündeten und nach der Kaiserkrone strebenden bayerischen Kurfürsten die Gegend mit Krieg. Er kehrt erst nach der Niederlage der französisch-bayerischen Aggressoren bei Höchstädt 1704 und der anschliessenden Flucht des Kriegsverursachers zurück.
Hermann Vogler 1711–1739
Abt Martin Ertle zieht sich 1711 zurück. Sein erst 31-jähriger Nachfolger Hermann Vogler[7] kann in Rot während einer erstmals kriegsfreien Zeit während 28 Jahren regieren. Er ist zwar als Generalvikar der Zirkarie ein gefürchteter Visitator, aber als echter Barockprälat für die Reichsabtei und Herrschaft Rot ein Segen. 1723 lässt er den grossen Wirtschaftshof wenige Meter südlich des Klosters bauen. Es ist ein grosser zweigeschossiger Vierflügelhof, in dessen Innenhof die ganze Klosteranlage mit der Kirche Platz gefunden hätte.[[8] Erst in neuester Zeit wird diese Hofanlage abgebrochen und in der Nordhälfte in gleichen Ausmassen wiederaufgebaut.[9] 1737 lässt er in Rot an der Rot den Neubau der Bruderschaftskirche Sankt Johann nach seinen Plänen und unter der Führung von Pater Benedikt Stadelhofer beginnen, der sie nach der 1739 erfolgten Resignation des Abtes weiterbaut. Für die Neuwahl nach seinem Rücktritt sind 28 Patres der Abtei wahlberechtigt.
Äbte des Rokoko 1739–1760
Von 1739 bis 1755 regiert Abt Ignatius Vetter.[10] Der während 16 Jahren regierende Abt ist auch bedeutender Bauabt. Er baut die von seinem Vorgänger begonnene Bruderschaftskirche St. Johann in Rot an der Rot und beginnt anschliessend, 1746, mit dem Neubau der Wallfahrtskirche in Steinbach. Für beide Bauwerke ist sein Prior Pater Benedikt Stadelhofer Planer und Bauleiter, vielleicht auch treibende Kraft. Pater Benedikt kann man, obwohl auch er vermutlich keine Ausbildung in Baukunst hat, als Liebhaberarchitekten bezeichnen. Nach dem frühen Tod von Abt Ignatius folgt Ambrosius Guggenmos[11] als Abt. Er stirbt nach nur zwei Jahren Regierung. Ihm folgt Benedikt Stadelhofer.[12] Seine Wahl als Abt kann als Respektbezeugung des Konvents vor seinen Leistungen gesehen werden.
Äbte zur Zeit des Klassizismus
1760 wird Mauritius Moriz[13] zum neuen Abt gewählt. Seine 22-jährige Regierung fällt in die unruhige Zeit der durch die Aufklärung beschleunigten Kloster- und Ordensfeindlichkeit, die sich schon 1773 mit der Aufhebung des Jesuitenordens bemerkbar macht. Anfänglich noch ein typischer Rokokoprälat, wandelt er sich wie Abt Anselm II. von Salem um 1770 zum Anhänger der Aufklärung und des neuen «goût grecque». Warum er aber 1777 gegen den Widerstand des Konvents einen Kirchenneubau durchsetzt, ist unklar. Will er es anderen Prälaten der Region gleichtun? Die neuen klassizistischen Stiftskirchen in Elchingen und Wiblingen werden in den 1770er-Jahren gebaut. In Salem baut Abt Anselm II. zu dieser Zeit das Münster klassizistisch um, und die beiden Reichprälaten sind sich in ihrem autokratischen Führungsstil ähnlich. Allerdings kann Abt Mauritius in Rot bis 1779 nur den Chorneubau vollenden und auch die Türme umgestalten. Obwohl überzeugt von seinen eigenen architektonischen Fähigkeiten, zieht er für seinen Neubau einen bewährten Baumeister als Planer bei. Wieder ist unklar, warum anschliessend nicht weitergebaut wird. Ist es die beginnende Krankheit des Abtes oder sind es wirtschaftliche Probleme? 1782 stirbt er.
Als neuer Abt wird Willebold Held[14] Die Leitung der vordringlichen Fertigstellung des schon begonnen Kirchenneubaus mit dem Neubau des Langhauses nimmt er gleich selbst in die Hand. Es scheint inzwischen eine Tradition der Abtei Rot, dass ihre Neubauten durch Baudilettanten geleitet werden. Auch die Kirchenplanung soll ein Werk von Abt Willebold sein, der für Entscheidungen die Konventualen beizieht und 1783 mit dem Bau beginnt. 1786 kann der Neubau eingeweiht werden. Der auch in Ordensangelegenheiten vielbeschäftigte Abt stirbt 1789.
Die Säkularisation und ihre Folgen
Der letzte Abt Nikolaus Betscher[15] kann nur bis 1803 das Amt ausüben. Im Reichsdeputationshauptschluss wird die Herrschaft Rot mit ihren 2871 Untertanen dem hochverschuldeten Grafen Ludwig von Wartenberg als Entschädigung für «verlorenen» linksrheinischen Besitz übergeben. Abt Nikolaus, 31 Konventualen, drei Professen und drei Novizen müssen sich neu orientieren. 1806 kommt der grössere Teil der jetzt Reichsgrafschaft Roth genannten ehemaligen Klosterherrschaft unter die Krone Württembergs. Der Graf verliert damit die Verfügung über die Untertanen, der ehemalige Klosterbesitz bleibt ihm aber. Mit den Einnahmen und auch mit Verkäufen kann er seine Schulden nicht verbessern, deshalb vermacht er 1808 in einem Sukzessionsvertrag die «Grafschaft» und die Privatschulden an seine adoptierten Neffen, die ab 1818 die Erbschaft als «Grafschaft Wartenberg-Roth» weiterführen. Die neuen protestantischen Herren aus dem Odenwald residieren im «Schloss», wie sie das ehemalige Kloster bezeichnen. Ihre prekären Vermögensverhältnisse erlauben aber keinen Unterhalt. Immerhin lassen sie die ehemalige Stiftskirche, für die sie das Patronatsrecht haben, nicht abbrechen. Hingegen fällt der abgewinkelte freie Ostflügel (1699) mit den ehemaligen Bibliotheks-, Kapitels- und Krankenräumen schon 1830 dem Abbruchhammer zum Opfer. Die württembergische Revolution von 1918 erreicht eine nur halbherzige Abschaffung der Adelsprivilegien.[16] Noch bis 1934 dienen die ehemaligen Konventgebäude als gräfliches Jagdschloss. Dann erwerben staatliche Stellen den Besitz. 1947 kauft der Prämonstratenserorden, der in Belgien und Österreich überlebt hat, die Gebäude zurück. Ihr heruntergewirtschafteter Zustand überfordert aber die Finanzkraft des Ordens. Nach zehn Jahren zieht er sich wieder zurück, worauf die Gebäude vom Bistum erworben werden. Sie werden 1960 restauriert und darin ein Jugend- und Bildungshaus eingerichtet. Die Kirche wird ebenfalls in den 1960er-Jahren (erstmals?) und dann wieder 2000 restauriert.
Die Gebäudelandschaft des ehemalige Klosters Rot an der Rot zeigt heute, von den üblichen Verlusten und dem Abbruch von Teilen der Konventflügel abgesehen, noch immer das Bild des 18. Jahrhundert.
Die Neubauten des Abtes Martin Ertle
|Vorgängerbauten

Aus der Zeit vor dem Brand 1681 sind nur zwei topographische Ansichten von «Münchrot» bekannt. Auf der Karte der Klosterherrschaft Ochsenhausen um 1660 ist das Kloster aus Osten gezeichnet. Deutlich erkennt man die nördlich freistehende alte Pfarrkirche, dann die Stiftskirche mit dem südlich anschliessenden Kirchturm von 1611, dieser bereits mit welscher Haube. Dann folgen die Konventgebäude mit zwei Türmen, einem verschwundenen Staffelgiebelturm der Renaissance und dem hinter den Gebäuden aufragenden Aureliusturm. Das vor dem Kirchturm freistehende Gebäude mit Ecktürmen dürfte das 1580 erstellte Krankenhaus sein. Sieht man von den falschen Grössenverhältnissen ab, ist die Miniaturdarstellung der Landkarte sehr instruktiv. Auf keiner dieser Ansichten kann man die nördlich der Kirche angefügten Kapellen sehen. Nur aus Beschreibungen weiss man, dass die Martins- und Antoniuskapelle 1694 neu stuckiert werden und Abt Hermann Vogler noch um 1715 die Odilienkapelle neu baut.

Die Klosteranlage Rot an der Rot ("Münchrot") mit den Wirtschaftsgebäuden, von Osten gesehen. Aus: Karte der Klosterherrschaft Ochsenhausen, o. J. [zwischen 1660 und 1671].
Bauverlauf
Konventflügel 1681–1699
Nach dem Klosterbrand von 1681 beginnt Abt Martin Ertle sofort mit dem Wiederaufbau. Im gleichen Jahr lässt er die Kirche wieder decken. Die gotischen Gewölbe des Neubaus vom Ende des 15. Jahrhunderts haben dem Brand standgehalten, sodass der Abt anschliessend mit dem Wiederaufbau des Klosters beginnen kann. Noch 1681 lässt er den Westflügel unter Belassung von grossen Gebäudeteilen und dem südwestlichen Eckturm neu aufbauen. Dann folgt 1682 der Südflügel mit den Gasträumen und der Kellerei, im gleichen Jahr wird der Ostflügel mit den Zellen und dem Priorat begonnen. Die beiden Flügel können 1684 bezogen werden. 1685 folgt als erster der markanten Stichflügel mit ihren Ecktürmen die Verlängerung des Ostflügels nach Süden. Hier liegen die Prälatur und die Kanzlei. Für diesen Stichflügel findet das Baumaterial der vorgängig abgebrochenen Pfarrkirche Verwendung.[17] 1686 folgt die Wiederherstellung des Verbindungstraktes vom Ostflügel zum Krankentrakt. Dieser Verbindungstakt ist dank des gewölbten Kapitelsaals[18] und der darüber liegenden, ebenfalls gewölbten Bibliothek vom Brand verschont geblieben. Die Raumnutzung nach der Wiederherstellung bleibt aber nur im Erdgeschoss bestehen. 1687 folgt als weitere Bauetappe ein zweiter Stichflügel mit Ecktürmen, nun nach Osten gerichtet. Hier liegen die Studier- und Rekreationssäle der Patres und Fratres. Als letzter Bauteil wird 1698–1699 an der Stelle und nach dem Abbruch des bestehenden und ebenfalls brandverschonten Krankentraktes der imposante freie, nach Osten gerichtete und viergeschossige Kopfbau erstellt, der zusätzlich zu den Ecktürmen noch einen Mittelrisalit aufweist. Er wird 1830 abgebrochen, seine Nutzung bleibt unklar. Zwar wird er weiterhin als Krankenbau bezeichnet. Die Grösse und das Missverhältnis zum Bedarf als Pflege- und Krankenstation lassen vermuten, dass sich in den Obergeschossen repräsentative Räume befinden.[19] Darauf weist auch die Ansicht des Kopfbaus im Gemälde von 1790 hin.[20] Das Gemälde ist zudem die einzige korrekte Darstellung dieser Baugruppe vor ihrem Abbruch durch die neuen Besitzer.
Barockisierung der Kirche 1690–1702
Schon 1683–1684 muss wegen Brandschäden auch der erst 1611 gebaute Kirchturm, Norbertusturm genannt, gleichzeitig mit dem Ostflügel vollständig neu erstellt werden. Mit dem Beginn des Kirchenumbaus 1690 lässt Abt Martin zu diesem Turm ein Pendant im Norden, den Aureliusturm, erstellen. Der Aureliusturm entsteht auf den Untergeschossen eines mittelalterlichen Kirchturms.[21] Seither besitzt die Stiftskirche von Rot die heutigen doppelten Chorflankentürme. Ab 1688 lässt Abt Martin auch die Stiftskirche des 15. Jahrhunderts barockisieren.[22] Die Rippen an Gewölbe, Säulen und Pfeiler werden entfernt und mit einem Stuckkleid versehen. Am einzig erhaltenen Bauteil dieser Barockisierung, der nördlich angebauten Sakristei, kann der Reichtum an Stuck und Fresken noch abgelesen werden.
Die Meister
Für die Kirche sind die Namen der Maler Johann Friedrich Sichelbein[23] und Matthäus Zehender[[24] und Johannes Heiss[25] überliefert. Die dichten und hochplastischen Akanthus-Stuckaturen von 1691–1695 in der Kirche und der Sakristei könnten ein Werk des Wessobrunners Johann Schmuzer sein, dessen Werkstatt kurz vorher die Stuckaturen der Stiftskirche Obermarchtal fertigstellt.[26] Völlig unbekannt sind bisher die Namen des ausführenden Baumeisters und der Stuckateure für den Konventneubau. Hier stuckiert 1685 bis 1688 ein Trupp «italiänischer Stuckatoren», deren Leiter sich mit dem Monogramm CM verewigt.[27] Die Meister der späteren Régence-Stuckaturen von 1716 im Ostflügel und 1730 im Südflügel sind ebenfalls nicht bekannt. Auch die drei Bildhauer des 1690–1693 geschaffenen, nach 1777 wieder neu eingebauten und berühmten Chorgestühls sind nicht namentlich erwähnt, aber durch Forschungen inzwischen ermittelt. Es muss sich um die Tiroler Andreas Etschmann, Ignaz Waibel und den Luzerner Hans Heinrich Schlegel handeln.[28] Als weiterer Bildhauer ist Andreas Faistenberger genannt.[29] Schon 1688 erteilt Abt Martin dem Orgelbauer Christoph Leu[30] den Auftrag für eine Emporenorgel mit 17 Registern. 1692 erhält Leu auch den Auftrag für eine Chororgel. Die Auflistung dieser wenigen Meisternamen ist ein weiterer Hinweis auf die wertvolle Ausstattung der hochbarocken Kirche, die dann den Äbten der Aufklärung nicht mehr genehm ist.
Kirchenneubau 1777–1786
Bauverlauf
Altarraumneubau und Umgestaltung der Türme 1777–1780
Abt Mauritius Moriz beginnt 1777, offenbar gegen den Willen des zerstrittenen Konvents, mit dem Abriss der 1690 barockisierten gotischen Chorapside und lässt den Altarraum bis 1779 durch den Baumeister Johann Baptist Laub[31] nach dessen Plänen neu bauen. Auch die Türme werden in die Neugestaltung einbezogen. Der Klosterchronist Benedikt Stadelhofer, grosser Opponent des Abtes und des Neubaus, beschreibt den Baumeister als unfähig. Die harmonische Einheit des von ihm geplanten neuen Chorabschlusses, zusammen mit der Neugestaltung der Flankentürme, beweist aber das genaue Gegenteil. Für die Altarraumgestaltung mit Stuck, Hochaltar und Sedilien erteilt der Abt den Auftrag an Abt Franz Xaver Feichtmayr II, dem letzten Spross der grossen Wessobrunner Stuckateurenfamilie.[32] Der Abt dürfte ihn wegen der soeben vollendeten Altarraumgestaltung der Stiftskirche im nahen Wurzach kennen. Das dortige Werk Feichtmayrs mit seiner schon frühklassizistischen, hervorragenden Einpassung in den Chorraum überzeugt ihn offenbar. Zudem kennt er ihn aus Maria Steinbach. Feichtmayr führt die Arbeiten in Rot 1779–1780 aus. Sein Bruder Simpert ist als Mitarbeiter erwähnt.[33] Die Deckenfresken im neuen Chor sind Werke des Malers Meinrad von Ow.[34] Er erstellt sie 1780. Der östliche Teil der Stiftskirche[35] ist damit bis 1780 völlig neugestaltet. Die Kosten für diese erste Bauetappe betragen 26 614 Gulden. Abt Mauritius muss sich jetzt krankheitshalber zurückziehen. Er stirbt 1782. Ob es zutrifft, dass er vorher noch das alte Kirchenschiff abbrechen lässt? Wie vereinbart sich dies mit der Mitteilung, dass die Mauern der Kirche erst 1783 gesprengt werden?[36] Die Historiker vertrauen leider in jeder Hinsicht dem Chronisten Stadelhofer, der schreibt, dass der Abt nichts als Ruinen und grosse Schulden hinterlassen habe. Kein Wort wird über seine Leistung als Erbauer des Chorraums verloren.
Neubau des Kirchenschiffs 1783–1786
Alle Ehre gilt jetzt dem neugewählten Abt Willebold Held, der Anfang 1683 mit der Niederlegung der alten Mauern beginnt und am 26. März den Grundstein zum Neubau des Kirchenschiffs legt. Im Gegensatz zu Abt Mauritius will er den planenden und leitenden Baumeister einsparen. Und, wenn man der Chronik weiter glaubt, sind alle Baupläne sein eigenes Werk.[37] Dies wirkt angesichts des gewählten Systems einer Wandpfeiler-Emporenhalle mit querhausartiger Erweiterung noch glaubwürdig, denn ein guter Baumeister des Klassizismus hätte diesen Bautypus kaum mehr angewendet. Unvorstellbar ist hingegen, dass dem Chorneubau 1777 keine Gesamtplanung zugrunde liegt, denn immer ist im Kloster von einem Kirchenneubau und nicht von einem Chorneubau die Rede. Der Einsturz von Gewölbejochen im Langhaus, der im Juni 1784 sechs Arbeiter tötet, zeigt dann aber die Grenzen des Ausschlusses aller professioneller Baubegleitung deutlich.[38] Die Langhausgewölbe werden anschliessend in kürzester Zeit als Gipslatten-Muldengewölbe neu erstellt. Noch im gleichen Jahr malt Januarius Zick während 21 Wochen die Deckenfresken.[39] Dass der Maler und begnadete Architekturzeichner keinen Einfluss auf die Gestaltung der neuen Muldengewölbe ausübt, ist völlig unwahrscheinlich. Aber wieder streitet der Klosterchronist diese Planungsbeteiligung ab. Nichts soll darauf hinweisen, dass Abt Willebold auf fremde Planer angewiesen wäre. Vor allem die Zusammenlegung dreier Gewölbejoche für die Leichtdecke im Langhaus kann aber nur vom erfahrenen Maler initiiert sein, für den zudem alle Stuckarbeiten im Deckenbereich der Vergangenheit angehören. Die Stuckarbeiten von Franz Xaver Feichtmayr II sind im Kirchenschiff tatsächlich unwichtig und beschränken sich nur noch auf die Wandpfeilerköpfe und die Brüstungen. Er kann dann 1785–1786 die acht klassizistischen Seitenaltäre und die Kanzel erstellen. Das barocke Gestühl des Mönchschors wird beidseits der Vierung wieder aufgestellt. Am 16. Juli 1786 kann die Kirche geweiht werden. Noch fehlen die 1685 beim Orgelbauer Johann Nepomuk Holzhey bestellten Instrumente.[40] Er übergibt die auf beiden Seiten des Mönchschors über das Gestühl gebaute Orgel (II/P/23) im Januar 1787. Erst 1792–1793 folgt die Hauptorgel (III/P/36) der Westempore. Sie ist eine Stiftung des seit 1789 regierenden Abtes Nikolaus Betscher und wird von seinen Eltern finanziert.
Im Kircheninnern hat sich seit diesem Zeitpunkt wenig verändert, vor allem sind keine unsachgemässen Eingriffe bekannt.
Kirchenachse
Der Kirchenneubau von 1777/86 weicht in seiner Längsachse um drei Grad von der alten Kirchen- und Klosterachse ab, was heute im Geometerplan mit der abweichenden Querachse der Türme, der barocken Sakristei und auch des Klostergevierts dokumentiert ist.[41] Dies bedeutet, dass der Neubau keine alten Fundamente nutzt. Die Achse des Chorneubaus 1777 ist mit der Achse des Schiffneubaus 1783 identisch. Der Grund für die Achsabweichung ist nicht ersichtlich, bedeutet er doch erhebliche Anpassungen des neuen Kirchenschiffs an die schräg verlaufende Turmachse.
Grundriss
Der Grundriss der Wandpfeiler–Emporenhalle von Rot ist kompaktes, langgezogenes Rechteck, in das die ältere Doppelturmfront einbezogen ist, und dem im Osten nur der Altarraum vorsteht. Das Langhaus ist, nach einem schmalen Emporenjoch, vierjochig mit Seitenemporen. Ihm folgt ein angedeutetes Querhaus mit überkuppelter, aber kleiner Vierung. Die Öffnung zur Vierung, dem Mönchschor, ist deshalb stark eingezogen und nur noch zwei Meter breiter als die Choröffnung. Der eigentliche Chor weitet sich nach der Turmeinschnürung leicht aus und schliesst korbbogig ab.
Der Grundriss entspricht im Wesentlichen vielen gleichartigen Wandpfeilerhallen mit oder ohne Emporen. Die Wandpfeilerhalle als rationellste Art eines Klosterkirchen-Neubaus mit Massivgewölbe wird in Rot aber retardierend verwendet. Sie führt in ihrer Herkunfts-Ableitung zu Kunsthistoriker-Fehlschlüssen.[42] Zu diesen kann noch hinzugefügt werden, dass das gebaute Langhaus-Mittelschiff vor dem Gewölbeeinsturz in den Dimensionen (zufällig?) genau demjenigen der Stiftkirche von Zwiefalten entspricht.[43]
Fassaden
Noch deutlich barocken Geist atmet die Doppelturmfront der Ostseite. Die beiden hochaufragenden Türme mit ihren eingeschnürten Zwiebelhauben zeugen vom Selbstverständnis der Reichsabtei. Der vorspringende Chor klammert Türme zusammen. Er ist mit Pilastern gegliedert und setzt sich im Dach mit einem zwerchgiebelartigen Frontispiz fort, das im Giebel die Skulptur des hl. Mauritius enthält. Zwei Putti, in den Abschwüngen sitzend, tragen Waffen und Feldzeichen.
Die westliche Hauptfassade ist eine vereinfachte Übersetzung einer römischen, eigentlich auf basilikalen Querschnitten basierenden und deshalb stark überhöhten Kirchenfront. Dreigeteilt durch Kolossalpilaster, die wegen des fehlenden Eckpilasters seltsam aufgeklebt wirken, ist ihr Gebälkfries mit dorischen Triglyphen versehen. Die Schweifungen des Obergeschosses sind seitlich mit Sockeln begrenzt. Es wird mit einem Dreiecksgiebel bekrönt. Die Fassade enthält in drei Nischen die Figuren des hl. Norbert, des hl. Augustinus und der hl. Verena.
|Der Innenraum atmet mit dem gewaltigen Hochaltar und den als «theatrum sacrum» an die Wandpfeiler gestellten Altäre, trotz der klaren frühklassizistischen Gestaltung aller Elemente durch Franz Xaver Feichtmayr, noch immer barocken Geist. Foto: Bieri 2009|
Stuck
Die Stuckaturen beschränken sich im Wesentlichen auf die Architekturgliederung der Wände und der Wandpfeiler im Langhaus. Feichtmayr wiederholt die kannelierten jonischen Pilaster von Chor und Mönchschor auch im Langhaus, wo er die Wandpfeilerköpfe dreiseitig bestückt und den Innenraum mit voluminösen Girlandenkapitellen und einem hohen und kräftigen Gebälk klassizistisch betont. Nur im eigentlichen Chor des Abtes Mauritius umspielen weitere Stuckaturen und Figuralplastik auch die Architekturelemente. Hier lässt sich der Barock noch ahnen.
Fresken im Chor
Noch immer barock sind die Themen und die Kompositionen der beiden Deckenfresken des Malers Meinrad von Au. Sie beziehen sich auf den Ordensgründer Norbert. Im Turmzwischenjoch ist der hl. Norbert auf dem Triumphwagen zu sehen, im Altarraum ist die Skapulierübergabe an den hl. Norbert dargestellt.
Fresken im Kirchenschiff
Januarius Zick prägt mit seiner Gewölbegestaltung des Langhauses und des Mönchschors den Innenraum. Der Stuckateur wird hier überflüssig. Mit einer zurückhaltenden Grisaille-Dekorationsmalerei, teilweise in «stucco finto» gemalt, bemalt er die Gewölbe ausserhalb der mit einem schmalen Goldrahmen gefassten Gemälde. Sie sind Meisterwerke. Sein grosses Hauptfresko im Schiff, die Diskussion des zwölfjährigen Jesu mit den Schriftgelehrten, ist noch ausgeprägter als scheinperspektivischer Architekturraum nach der Lehre von Andrea Pozzo gestaltet, als in den vorhergehenden Kirchenräumen.[44] Weitere Bildthemen, immer in Scheinarchitekturen gemalt, sind im Langhaus die Vertreibung der Wechsler und Händler aus dem Tempel und das letzte Abendmahl. In der Vierungskuppel mit dem Thema der Himmelfahrt Mariens verzichtet Zick auf Scheinarchitekturen und öffnet den Himmelsraum in Rokokoart.
Altäre und Kanzel
Nicht nur mit den Deckengemälden wird der sonst nüchtern weisse und kühle Innenraum zu Leben erweckt. In der unteren Raumhälfte setzen die Altäre Feichtmayrs mit ihren kräftigen Stuckmarmortönen die notwendigen Akzente.
Hochaltar
Der Hochaltar dominiert. Drei Meter in der Tiefe gestapelt, tragen acht kannelierte Freisäulen über dem stark verkröpften Gebälk einen Baldachin mit Vorhangdraperie. Im Gebälk ist der Wappenschild des Abtes Mauritius angebracht. Im darunter freigestellten, reichen Retabelrahmen lässt der Abt die «Anbetung der Hirten» von Johann Heiss (1694) wieder einfügen. Ein prachtvoller Drehtabernakel nimmt die Sockelzone über der Mensa ein. Der Altar ist im Aufbau barock, in der Gestaltung aber frühklassizistisch.
Seitenaltäre im Langhaus
In der Grundrisserläuterung sind diese Altäre und ihre Bildwerke unter den Nummern 8–15 aufgeführt. Feichtmayr führt sie im Jahr der Einweihung aus und legt sie paarweise
in der Art des barocken «theatrum sacrum» an die Wandpfeiler. Die beiden an die Vierung vorgerückten Altäre sind noch klassizistische Säulenretabel mit Altarblättern von Thomas Christian Wink und Franz Xaver Feichtmayr. Anders die hintern sechs Altäre. Sie sind trotz ihres klassizistischen Unterbaus dem volkstümlichen Barock verpflichtet. In den beiden Retabeln des dritten Jochs stehen «heilige Leiber» von Katakombenheiligen. Im zweiten Joch stehen auf einem Altaraufsatz mit eingelassenen Ovalbilder zwei Freigruppen in der Art eines religiösen Panoptikums, weit entfernt von der Blutarmut des Klassizismus. Im ersten Joch sind wieder zwei «heilige Leiber», nun aber liegend, zu bestaunen. Über ihrem Stuckmarmorsarkophag ist mittig ein Postament mit krönender Andachtsfigur in einem Baldachinaufbau zu sehen. Zwei beidseits sitzende Figuren bilden den klassizistisch-symmetrischen Abschluss. Im südlichen Altar sind dies das Stifterpaar Hemma und Heinrich, welche die hl. Verena verehren.
Kanzel
Gleichzeitig mit den Altären baut Feichtmayr auch die feine Louis-XVI-Kanzel. Sie ist von der Seitenempore durch den Wandpfeiler zugänglich und liegt deshalb sehr hoch. Putti halten einen Vorhang zurück und bevölkern den Schalldeckel.
Chorgestühl
Als «Prachtstück der barocken Schnitzkunst von überquellendem Formenreichtum» beschreibt Dehio 1940 das Bildhauergestühl im Mönchschor von Rot an der Rot. Das mit dem Wappen des Abtes Martin und der Jahreszahl 1693 versehene Gestühl aus der barocken Vorgängerkirche wird bei der Neuaufstellung 1784 umgebaut. So sind die Akanthus-Aufsätze der Dorsalen heute auf den Beichtstühlen zu finden. Das Gestühl mit seiner reichen Dorsalarchitektur, seiner guten Figuralplastik und seiner phantasievollen Akanthusornamentik ist jetzt beidseits der Vierung zweireihig aufgestellt und jeweils von einem Mittelgang durchschnitten. Die beiden westlichen Blöcke haben je acht Stallen mit einem abschliessenden Platz am Westende für den Abt und den Prior. Die beiden östlichen Blöcke haben je 12 Stallen. Zusammen sind 42 Plätze vorhanden. Es lohnt sich, zu diesem Gestühl die ausführliche Dokumentation mit den Erläuterungen zur Ikonografie von Sybe Wartena einzusehen.[45]
Orgel im Mönchschor
Johann Nepomuk Holzhey aus Ottobeuren baut 1786 die Orgel im Mönchschor. Er liefert sie im Januar 1787 ab. Er teilt das zweimanualige Orgelwerk in vier klassizistische Aufsatzgehäuse, die er auf das abgeänderte Chorgestühl von 1693 legt. Den Spieltisch stellt er frei in die Mitte der Vierung, dort wo heute der moderne Zelebrationsaltar steht. Das originelle Orgelwerk mit 26 Registern wird schon im 19. Jahrhundert auf ein einmanualiges Werk von heute 14 Registern reduziert. Seither ist nur noch die südliche Hälfte spielbar und der Spieltisch nimmt den Platz des Mitteldurchgangs ein. Hingegen sind die vier dreitürmigen Orgelprospekte original erhalten. Sie vertragen sich, trotz ihres klassizistischen Aufbaus, dank ihrer dunklen Naturholztönung gut mit dem Nussbaumholz des hochbarocken Chorgestühls.
Hauptorgel
Erst 1792–1793 kann Holzhey auch die Emporenorgel bauen. Im Gegensatz zur Chororgel ist bei ihr heute auch das Werk weitgehend original erhalten. Es besitzt drei Manuale und 36 Register (III/P/36). Holzhey gestaltet den Prospekt über die ganze Breite des Mittelschiffs. Beidseits des grossen Westfensters legt er die beiden Haupttürme mit den 16'-Pfeifen, über das Fenster das Brückenwerk 4' und schliesst dann mit je zwei Feldern des Hauptwerkes an die Türme an. Alle 99 Prospektpfeifen sind klingend. Die klassizistischen Gehäuse sind weiss- golden gefasst. Am Brückenwerk ist der Wappenschild des Abtes Nikolaus Betscher angebracht.
Beichtstühle
Die Beichtstühle liegen in den Wandpfeilernischen, im vierten Joch an der Aussenwand, in den anderen Jochen gegenüber den Seitenaltären. Sie sind einfache klassizistische Naturholzarbeiten und vor allem deswegen von Interesse, weil sie die vom Chorgestühl 1686 entfernten Aufsätze, reiche Figural- und Aktanthusschnitzereien um 1720, als Bekrönung tragen.
Die Wappenschilde der Bauäbte des 17. und 18. Jahrhunderts sind nur zu verstehen, wenn man die darin enthaltenen Wappen der Abtei Rot lesen kann. Zeitgenössische Darstellungen von Wappen der Reichsabteien zeigen leider erfundene und völlig abwegige Wappen.[46]
Das Stifterwappen
Das Stifterwappen ist in der Regel in den Wappenschilden der Äbte enthalten. Es ist das Wappen der Hemma von Wildenberg und zeigt in Gold einen schwarzen Vogel Greif mit roten Krallen. Derart stellt Pater Benedikt Stadelhofer das Wappen auf Seite 8 seiner «Historia» 1787 dar. Abt Willebold legt es in Feld 1, Abt Ignatius in Feld 2. Meist sind die Farben verfremdet, das 18. Jahrhundert geht recht grosszügig mit der Tingierung um. Im phantasievollen Schild des Abtes Mauritius am Hochaltar ist der Greif als Wappen erhalten, allerdings auf rotem Grund. Abt Willebold führt den Greif auch auf rotem Grund, aber nicht schwarz, sondern golden. Im Stich 1736 legt Abt Hermann den Greif ebenfalls in Feld 2, auf dem Grabstein des Abtes Martin von 1712 ist er aber nicht enthalten. Im heutigen Wappen der Gemeinde Rot an der Rot ist der Vogel Greif nochmals abgewandelt zu finden, er ist hier silbern auf rotem Grund zu sehen und hält nun ein Kreuz in den Klauen.

Das 1787 von P. Benedikt Stadelhofer
in der «Historia» vorgestellte Abteiwappen.
Zum Wappen der Hemma von Wildenberg
siehe die Anmerkung 2.
Der Verenafisch
Unter der Darstellung des Stifterwappens schreibt Pater Benedikt 1787, dass zusammen mit den Stifterwappen das Kloster Rot heute auch den beringten Karpfen der hl. Verena führe. Dieser einwärts gekrümmte goldene Fisch in Blau, der im Maul einen Ring trägt, ist tatsächlich in den meisten Wappenschilden der Äbte enthalten. Er beruht auf der Legende, wonach die hl. Verena von Zurzach im Magen eines geschenkten Rheinsalms ihren gestohlenen Ring wiederfindet. Schon früh wird der gekrümmte Fisch als eigentliches Klosterwappen verwendet, so von Abt Martin II. Ermann (Ehrmann) 1570.[47] Viele Äbte, wie Abt Martin IV. Ertle, verwenden als Klosterwappen ausschliesslich den Verenafisch, manche setzten auch den Vogel Greif in ihr Schild.

Pius Bieri 2019
|Literatur

Stadelhofer, Benedictum: Historia imperialis et exemti Collegii Rothendsis in Suevia. Volumen II. Augsburg 1787.
|Goovaerts, Fr. Leon: Ecrivains, Aristes et Savants de L'Ordre de Prémontré, Tome I e II. Bruxelles 1902.|
|Rohr, Ignaz: Die Kunst im Kloster Rot bei Leutkirch unter Abt Martin Ertle 1672–1711, in: Archiv für christliche Kunst, Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins Band 36. Ulm 1918.|
|Klaiber, Hans: Die Kunst und Altertums-Denkmale in Württemberg, Donaukreis, Oberamt Leutkirch. Esslingen 1924.|
|Tüchle, Hermann und Schahl, Adolf: 850 Jahre Rot an der Rot. Geschichte und Gestalt. Sigmaringen 1976.|
|Betz, Jutta: Rot an der Rot. Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei. Peda-Kunstführer. Passau 2001.|
|Konstantin Maier: Vom Reichsprälaten zum Soldatenkopf. Die Säkularisation der Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot (1802–1803), in: Alte Klöster – Neue Herren. Band 2.1. Ostfildern 2003.|
|Schmid, Ekkehard (Pfarrer): Pfarrkirche St. Verena. Ehemalige Abteikirche Rot an der Rot. Kirchenführer. Lechbruck 2007.|
|Web

Reichsabtei Rot an der Rot in Wikipedia
|Beschreibung des Oberamts Leutkirch (Roth) 1843, in Wikisource

|Klöster in Baden-Württemberg. Prämonstratenserabtei Rot an der Rot

Anmerkungen:
[1] Ursberg wird bisher mit dem Gründungsdatum 1125 als erstes Kloster geführt, neuestens wird dies mit dem Gründungsdatum ab 1126 bis 1128 in Frage gestellt. Quelle: Petersen (2015) in: Prämonstratensische Wege nach Rom. Das erste Prämonstratenserstift Altbayerns, Osterhofen, wird 1238 aus Ursberg besiedelt.
|[2] Eine Hemma von Wolfertschwenden ist mit einem Freiherren von Sagogn-Wildenberg (Engadin) verheiratet.Sie soll als Witwe zusammen mit ihrem Sohn Cuno von Wildenberg mit Eigengutdie Stiftung vollzogen haben.Die Herren von Wildenberg und Wolfertschwenden sind vermutlich Ministeralien der Welfen. Die Wildenberger begütern Rot an der Rot noch bis ins 14. Jahrhundert mit Stiftungen. Drei Brüder der Stifterin sind zudem Stifter des nahegelegenen Klosters Ochsenhausen und übertragen dieses zusammen mit Herzog Welf IV. 1099 an die Abtei St. Blasien.

Bild: Das Wappen der Herren von Wildenberg in der Zürcher Wappenrolle (14. Jahrhundert).
[3] «Ecclesia S. Dei genitricis Marie et beate Verene Virginis» (so in der gefälschten Papsturkunde von 1152). Die wenigen Verena-Patrozinien sind auf das Bistum Konstanz beschränkt und gründen auf dem Kult der hl. Verena von Zurzach im Aargau, der vor allem von der Schwaben-Herzogin Reginlinde gefördert wird.
[5] Martin IV. Ertle (1641–1712) aus Greggenhofen im Oberallgäu. Profess 1657. Primiz 1664 (im Alter von 23 Jahren!). Abt in Rot 1672–1711. Diese mageren Daten können an seinem Grabstein abgelesen werden. 1692–1702 ist er auch Generalvikar der Zirkarie Schwaben. Glaubwürdige Informationen über seine Ausbildung fehlen, er ist aber einer der wenigen Äbte des 17. und 18. Jahrhunderts ohne Studium in Dillingen. Mehr siehe in der Biografie in dieser Webseite.
[6] Siehe zum Liebhaber- («Amateur»-) Architekten den Buchstaben «L» des Glossars in dieser Webseite. Beispiele: Rektor Tobias Lohner SJ in Luzern oder Plazidus Mayr OSB in Benediktbeuern.
[7] Hermann Vogler (1680–1749) aus Oberstdorf im Oberallgäu. Abt in Rot 1711–1739. Sein Taufname ist Joseph. Profess in Rot 1697. Studium in Dillingen. Primiz 1704. Professor für Philosophie, Theologie und Rechte in Rot. Wie sein Vorgänger ist Hermann Vogler vor seiner Wahl Pfarrer in Haisterkirch, und wie seine drei Vorgänger wird er relativ jung gewählt. Auch das Generalvikariat kommt mit ihm 1721 wieder nach Rot. Schon 1717 reist er zusammen mit dem Abt von Weissenau an das Generalkapitel in Prémontré. Vorher halten sie sich eine Woche in Paris auf. Schon in Paris und Pémontré macht sich der junge Abt durch seine Opposition gegen den aufklärerischen Jansenismus einen Namen. Als Generalvikar der Zirkarie Schwaben wird er zum gefürchteten Visitator und will einige verdiente, aber zu wenig zelotische Äbte (Ströbele Schussenried, Schwaninger Roggenburg) zur Resignation zwingen. Nur in Schussenried erreicht er sein Ziel. Ausserhalb dieser sektiererisch anmutenden Visitatoren-Tätigkeit ist er ein typischer Barockprälat, Reliquiensammler und Förderer von Wallfahrten. In Maria Steinbach eröffnet er 1723 mit einem geschenkten Kreuzpartikel die berühmte Wallfahrt. Mehr zu ihm siehe in der Biografie in dieser Webseite.
[8] Die Grösse der Vierflügelanlage ist eindrücklich auf dem Kartenblatt von 1826 zu sehen. Heute sind nur noch der Nordflügel und die nördliche Hälfte der West- und Ostflügel in den alten Ausmassen erhalten. Die gemessene Breite aus dem Kartenblatt ist etwa 384 Fuss oder 110 Meter, die Länge etwa 558 Fuss oder 160 Meter (der Landesvermessungs-Fuss 1820 ist 286,44 Millimeter). Die von Hermann Tüchle (1976) angegebenen Masse von 93 auf 143 Meter ergeben keinen Sinn, weil die auf alten Mauern aufgebaute «barocke» Nordseite (Breite) noch immer 110 Meter misst.
[9] Vom Nordflügel wird beim Wiederaufbau der Anlagen-Nordhälfte die Nordmauer belassen. Die Aussenmauern der Nordwestecke sind einziger originaler barocker Teil.
[10] Ignatius Vetter (1697–1755) aus Kirchheim im Unterallgäu. Profess 1714. Studium in Dillingen. Doktor der Rechte. Primiz 1721. Abt in Rot 1739–1755. Als Bauherr übernimmt er die bereits begonnene Bruderschaftskirche in Rot an der Rot und kann diese 1745 einweihen. 1746 beginnt er mit dem Bau der Wallfahrtskirche in Maria Steinbach. Bei beiden Kirchen ist der spätere Abt Benedikt Stadelhofer Planer und Bauleiter. Zu Ignatius Vetter siehe die Biografie in dieser Webseite.
[11] Ambrosius Guggenmos (1705–1758) aus Stetten im Unterallgäu, Abt in Rot 1755–1758. In seiner kurzen Regierungstätigkeit begleitet er die Abschlussarbeiten in Maria Steinbach. In der entfernten Patronatspfarrei Mühlhausen bei Eberhardzell lässt er 1756 das herrschaftliche Pfarrhaus bauen, das heute als «Villa Ambros» bezeichnet wird. Sein Nachname wird in neuerer Zeit «Guggenmoos» geschrieben.
[12]] Benedikt Stadelhofer (1694–1760) aus Feldkirch. Schulen in Feldkirch und Weingarten. 1714 Profess in Rot, dann Studium in Dillingen. Primiz 1718. Anschliessend Professor für Philosophie und Theologie in Allerheiligen im Schwarzwald. 1725 Subprior, dann Prior, auch Pfarrer in Haisterkirch. 1737-1748 plant und leitet er den Neubau der Bruderschaftskirche St. Johann in Rot. Schon 1744 ist er Grosskeller und Pfarrer in Maria Steinbach, wo er 1749-1758 auch Bauleiter der von ihm geplanten Wallfahrtskirche ist. Anschliessend wird er, bereits 64-jährig, 1758–1760 Abt in Rot. Mehr zu Benedikt Stadelhofer sieh in der Biografie in dieser Webseite.
Als Onkel des bekannten gleichnamigen Chronisten und Literaten im Kloster Rot, Benedikt Stadelhofer (1742–1802), kann er mit ihm verwechselt werden.
[13] Mauritius Moriz (1717–1782) aus Biberach. Er ist Gymnasiast in Obermarchtal, legt 1737 in Rot die Profess ab und feiert 1741 Primiz. Anschliessend lehrt er in Rot Theologie, ist Pfarrer in Steinbach und dann in Haisterkirch, von wo er 1760 als Abt gewählt wird. Er regiert in Rot 1760–1782. Hier ist sein grösster Widersacher der Klosterchronist Benedikt Stadelhofer, dessen negative Beschreibungen der Baumassnahmen des Abtes Mauritius noch heute übernommen werden. Sein Nachname wird erst in neuester Zeit «Moritz» geschrieben, die damals verwendeten Schreibweise ist «Moriz», denn sein Vater ist Einwanderer aus dem Bergdorf Re in der Valle Vigezzo (bei Domodossola) und wird 1705 als Kaminfeger und Handelsmann ins Bürgerrecht von Biberach aufgenommen. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.
[14] Willebold Held (1724–1789) aus Erolzheim. Er besucht schon als Knabe die nur zwei Fussstunden südlich gelegene Klosterschule in Rot an der Rot. 1744 leistet er hier Profess. Er geht dann an die Universität Dillingen zum Studium der Rechte. 1750 feiert er Primiz und lehrt mehrere Jahre an der Klosterschule. Hier ist er Archivar, Sekretär des Abtes und Prior. 1782 wird er zum Abt gewählt und regiert bis zu seinem Tod 1789. Seit 1783 ist er auch Generalvikar der Zirkarie Schwaben. Er ist sehr belesen, mehrsprachig auch Literat. Bekannt ist sein «Reichsprälatisches Staatsrecht», das 1782 im Druck erscheint. Zu Willebold Held siehe die Biografie in dieser Webseite.
[15] Nikolaus Leonhard Wolfgang Betscher (1745–1811) aus Berkheim in der Herrschaft Rot. Profess 1765, Primiz 1769. Abt 1789–1803. Seit 1795 auch Generalvikar der Zirkarie, die allerdings seit dem Ende der Mutterabtei Prémontré 1790 in der Französischen Revolution nur noch Scheingebilde ist.
[16] Das Patronatsrecht der Kirchen in Rot an der Rot geht 1918 wieder an die katholische Kirche. Der Adel wird aber nicht abgeschafft. Noch heute nennen sich die Odenwalder Nachkommen Grafen zu Erbach-Erbach und von Wartenberg-Roth.
[17] Diese mittelalterliche Pfarrkirche nördlich der Stiftskirche (1160 erbaut, 1613 vergrössert) hat das Patrozinium St. Verena, was aber irritiert, weil gleichzeitig die Stiftskirche mit diesem Patrozinium genannt wird. Ein ersatzloser Abbruch könnte bedeuten, dass die Stiftskirche schon 1685 Pfarrkirche ist. Irritierend ist einzig der Kirchturm im Oberstdorfer Votivbild von 1714 beim Gebäude [17] gegenüber der Mühle.
[18] Der mittelalterliche Kapitelsaal und die mittelalterliche Marienkapelle sind identisch. In der Marienkapelle von 1502 finden die Kapitel statt. Erst nach 1615 ist sie ausschliesslich Kapitelsaal. Hier liegen bis 1683 auch die Stifter-Grabplatten.
[19] In der Vogelschauansicht 1736 sind die obersten Räume von Verbindungstrakt und «Krankenbau» als Fortsetzung der Dormitoriums-Zellen im Ostflügel [6] bezeichnet, vielleicht als Verschrieb. Im Erdgeschoss liegt die Krankenstation. Der Stecher bezeichnet die Bibliothek mit [10], sie muss sich nun im ersten und zweiten Obergeschoss des «Krankenflügels» befinden. Hier vermutet sie auch Edgar Lehmann in «Bibliotheksräume des Barock» (1996).
[20] Im Gegensatz zur Vogelschauansicht von 1736, in der alle Stich- und Kopfflügel stark verkürzt dargestellt sind, ist die Architekturdarstellung im Gemälde von 1790 absolut korrekt.
[21] Adolf Schahl (1976) vermutet 1611 einen Ersatz des alten Nordturms durch einen neuen Südturm, der dann 1683–1684 vollständig neu errichtet werden muss. Was soll aber der Grund für einen solch aufwändigen Standortwechsel sein? Der gotische Nordturmstumpf weist eher auf eine begonnene und dann vielleicht nicht mehr vollständig verwirklichte Doppelturm-Chorlösung hin, wie dies auch bei der (romanischen) Prämonstratenser-Kirche Rüti der Fall ist.
[22] Die romanische Kirche (12. Jahrhundert?) mit dem Chor von 1338 wird Ende des 15. Jahrhunderts umgebaut, mit Gewölben versehen und 1509 mit 16 Altären neu geweiht. Weder von der romanischen noch von der gotischen Kirche sind Baubeschreibungen oder Darstellungen erhalten. Die Vogelschauansicht von 1736 zeigt kein Seitenschiff. Falls die Darstellung korrekt ist, könnte der gotische Bau eine Hallenkirche sein.
[23] Johann Friedrich Sichelbein (1648–1719) aus Memmingen. Maler. Die Deckenbilder der Sakristei (Fresken??) müssen von ihm stammen.
[24] Matthäus Zehender (1641–1697) aus Mergentheim. Er ist nur als Maler von Altarblättern bekannt. Siehe zu ihm die Biografie in dieser Webseite.
[25] Johannes Heiss (1640–1704) aus Memmingen, Werkstatt in Augsburg. Das Hochaltarblatt von 1694 wird 1779 wiederverwendet.
[26] Johann Schmuzer (1643–1701) aus Gaispoint Wessobrunn. Er stuckiert 1689–1692 die Kirche der Prämonstratenser-Abtei Obermarchtal. Die Stuckaturen in Obermarchtal sind wahrscheinlich der Grund für den Beizug der Schmuzer-Werkstatt. Zu Johann Schmuzer siehe die Biografie in dieser Webseite.
[27] Das Kürzel CM kann vorläufig keinem Stuckateur aus der südalpinen Region mit damaligem Aufenthalt in Deutschland zugewiesen werden. Aber auch unter den bekannteren Wessobrunner-Stuckateuren ist um diese Zeit kein Mitglied mit diesem Kürzel zu finden.
[28] Andreas Etschmann (1662/64–1708) aus Haiming am Inn. Er geht nach der Lehre bei Jacob Auer mit dem Landsmann Ignaz Waibel nach Buxheim, wo Waibel das Chorgestühl der Kartause herstellen kann und dieses bekannte Werk bis 1689 vollendet. 1689–1693 erstellen die beiden zusammen mit dem dritten Bildhauer Hans Heinrich Schlegel das Chorgestühl von Rot. Etschmann heiratet 1692 in Rot und geht 1695 nach Obermarchtal, wo er als Leiter zusammen mit Schlegel in der Prämonstratenserabtei ab 1695-1705 sein Glanzstück, das Gestühl im Kapitelsaal, verfertigt. Er wird in Obermarchtal sesshaft und stirbt hier schon 1708.
Ignaz Waibel (1661–1733) aus Grins im Tirol. Er ist Schöpfer des Buxheimer Chorgestühls. 1693 ist er in Rot Pate des ersten Kindes von Andreas Etschmann.
Hans Heinrich Schlegel (1666–nach 1734) aus Luzern. Er ist 1692 in Rot nachgewiesen und geht schon 1693 nach Obermarchtal, wo er wieder mit Etschmann zusammenarbeitet und dort bis 1711 bleibt, dann muss er seinen Platz dem Bildhauer Georg Anton Machein (1685–1739) räumen.
Zu den drei Bildhauern siehe Winfried Assfalg in: http://www.gfh-biberach.de/Hefte/BC-Heimatkundliche-Bl%C3%A4tter-f%C3%BCr-den-Kreis-Biberach/J16H2S09.pdf
[29] Andreas Faistenberger (1646–1735) aus Kitzbühel. Nach Romaufenthalt seit 1679 Werkstatt in München. 1711–1716 Lehrmeister von Egid Quirin Asam.
[30] Christoph Leu (um 1640–um 1710) aus Clausthal im Harz. Orgelbauer, seit 1661 Werkstatt in Augsburg, 1679–1688 in Lindau, ab 1688 in Memmingen. Er liefert schon 1669/71 eine erste Orgel von 14 Registern, die dann im Brand 1681 zerstört wird.
[31] Johann Baptist Laub. Von ihm sind weder Herkunft (Oberdischingen?) noch Lebensdaten erforscht. Er erhält für die Planung und Reisen vor Baubeginn 60 Gulden. Für die Baudirektion erhält er 235 Gulden.
[32]] Franz Xaver Feichtmayr II (1735–1803) aus Augsburg. Sohn des Rokoko-Stuckateurs Franz Xaver Feichtmayr I (1705–1763). Er heiratet 1758 die Witwe von Johann Baptist Zimmermann, in dessen Werkstatt er seit 1752 arbeitet. Sein Lebensschwerpunkt ist München. Zusammenarbeit mit François Cuvilliés, aber ab 1770 Hinwendung zum Frühklassizismus.
[33] Simpert Feichtmayr (1732–1806). Er lernt beim Vater Franz Xaver Feichtmayr I, ist bis 1749 im väterlichen Trupp als Stuckateur, dann wirkt er als Fassmaler. Später arbeitet er auch mit seinem Bruder Franz Xaver II zusammen.
[34] Andreas Meinrad von Ow oder Au (1712–1792) aus Sigmaringen. Schüler von Franz Joseph Spiegler.
[35] Die neuere Literatur bezeichnet als Chor auch das als Mönchschor benutzte, nach 1784 neugebaute Querhaus mit Vierung, weil diese Vierung kaum viel breiter als der (architektonische) Chor ist. Eine Differenzierung «Vorderer Chor-Mönchschor» wäre deshalb wichtig, weil Querhaus und Vierung zur zweiten Bauetappe von Abt Willebold Held gehören, obwohl immer nur von seinem Langhaus-Neubau gesprochen wird.
[36] «Man sprengte die Mauern der Kirche vollends. Dabei erwies sich, dass die Kirche, wie die Roggenburger einige Jahre zuvor gesagt hatten, keine Spur von Baufälligkeit zeigte.» (Tüchle 1976). Mauersprengung? Stadelhofer schreibt vom Einführen von Minen. Auf einer nichtmilitärischen Baustelle des 18. Jahrhunderts ist dies eher ungewöhnlich. Man trägt in der Regel von Hand ab und benutzt die Mauersteine wieder.
[37] «Aufgrund eingehender Studien legte der Abt schliesslich einen Plan vor…», und: «Der Grosskellermeister übernahm die Bauführung. Der Mauermeister und der Klosterschreiner zeichneten die Werkpläne. Maurer- und Zimmermeister waren aus den Klosterorten». (Tüchle 1976). Da stellt sich unweigerlich die Frage, warum denn Abt Mauritius angeblich den Abbruch des Kirchenschiffs beginnt, wenn doch noch kein Plan für den Neubau vorliegt.
[38] Die Chor-, Vierungs- und Quertonnengewölbe sind in massiver Backstein-Bauweise erstellt. Auch im Langhaus wird ein Stichtonnen-Massivgewölbe gebaut, für das die angewendete Wandpfeilerbauweise eigentlich prädestiniert ist. Die Gewölbespannweite von 15 Meter (gleiche Breite wie Weingarten oder Zwiefalten!) hätte aber bedeutend erfahrenere Fachkräfte erfordert.
[39] Januarius Zick (1730–1797) aus München. Maler. 1778–1781 ist er in Wiblingen Architekt der Innengestaltung und Maler. 1782–1783 ist er in Oberelchingen tätig. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.
[40] Johann Nepomuk Holzhey (1741–1809) aus Ottobeuren. Zwischen 1775 und 1786 baut er die Orgeln in den Prämonstratenser-Abeiten von Ursberg, Weissenau und Obermarchtal. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.
[41] Leider geht keine neuere Massaufnahme auf diese Besonderheit ein. Alle in der Literatur veröffentlichten Grundrisse sind streng rechtwinklig gezeichnet. Die effektiven Aussenmasse betragen 71 Meter Länge und 23 Meter Breite. Die Innenmasse betragen (1924) 66,60 Meter Länge und 20.42 Meter Breite bei einer Innenhöhe von 26,80 Meter. Das Mittelschiff ist ca. 15 Meter breit, die Vierung ca. 11 Meter und die Chorbreite zwischen den Türmen ist 8,94 Meter.
[42] Angeführt wird als Grundlage der Planungen von Abt Willebold immer Obermarchtal (gebaut 1686–1701), weil der Abt 1783 Pläne von dort erhält. Auch versorgt er sich in diesem Jahr mit Grundlagenliteratur zum Bauwesen. In den angeführten Büchern findet er aber mit Sicherheit keine Vorgaben für einen Kirchenbau. Abgesehen vom weitverbreiteten Wandpfeilersystem ist zudem keine Grundrissähnlichkeit von Rot mit Obermarchtal vorhanden. Eher scheint der Abt die dortigen Fassaden als Vorbild zu nehmen. Der schon 1924 durch Hans Klaiber aufgeführte, irreführende Begriff «Vorarlberger Schema» und sein Hinweis auf Obermarchtal wird heute leider von den meisten Historikern unkritisch wiederholt. Jeder Vergleich zu Rot hinkt, denn alle bekannten Baumeister nutzen diese rationelle Bauweise für tonnengewölbte Stiftskirchen. Zudem bauen die Vorarlberger fast immer, wie auch in den immer wieder zitierten Kirchen Obermarchtal und Irsee, ein auskragendes Querhaus, wie dies sogar in der nahen Kirche Tannheim zu bestaunen ist.
Noch 1741 beginnt Johann Michael Fischer die Stiftskirche Zwiefalten mit diesem System. Zwiefalten hat zufällig die gleiche Abfolge (vier Joche, Querschiff, Vierungskuppel, Chorflankentürme) und einen fast gleichen Mittelschiffquerschnitt wie Rot. Zwiefalten dürfte aber nur eines der vielen Bauwerke sein, mit dem Rot an der Rot tektonische Verwandtschaft hat.
Zur Tektonik der Wandpfeilerhalle siehe auch das Glossar, Buchstabe W, in dieser Webseite.
[43] Siehe den Querschnitts-Vergleich Zwiefalten – Rot an der Rot.
[44] Januarius Zick malt vorher die Fresken der Stiftskirchen Wiblingen und Elchingen. Die Lehre von Andrea Pozzo SJ (1642–1709), dem führenden Theoretiker der illusionistischen Malerei seiner Zeit, ist vor allem im Spätbarock weitverbrietet. Sein Traktat «Perspectivae pictorum et architectorum» ist auch Grundlage vieler Fresken des Vaters von Januarius, Johann Zick.
[45] Sybe Wartena in: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. Dissertation München 2008, Seite 414–431 und Fotodokumentation 16.2 (Abrufbar unter: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/7999/).
[46] Im Wappenbuch Schrot der hohen Geistlichkeit (München 1576) wird das Wappen der Reichsabtei «Rodt» als rot-silbern geschachteter Querbalken auf rotem Grund beschrieben. Siebmacher (1605) und im Gatterer (1764) übernehmen es als dasjenige von «Mönchroth». Dieses erfundene oder verwechselte Wappen ist jedoch in Rot an der Rot nie benutzt worden.
[47] Wappen in Bad Überkingen «Marttinus Erman Abbtt Des / Würdigen gottshauß Rott, 1570», in Kombination mit seinem persönlichen Wappen.

Wandpfeiler-Altäre [12] bis [15] der ersten beiden Joche.
Alle Fotos: Mrilabs in Wikipedia.

Die beiden Altäre im zweiten Joch, der nördliche Mosesaltar [12] und der südliche Kreuzaltar [13] sind von ungewöhnlichem Aufbau. Sie sind trotz ihres klassizistischen Unterbaus dem volkstümlichen Barock verpflichtet. Auf einem Altaraufsatz von Feichtmayr, der eingelassene Ovalbilder besitzt, stehen zwei Freigruppen in der Art eines religiösen Panoptikums, zwar ohne künstlerische Qualität, aber weit entfernt von der Blutarmut des Klassizismus. Im nördlichen Mosesaltar rettet Moses die Israeliten vor den Giftschlangen. Im südlichen Kreuzaltar ist ein spätgotisches Holzkruzifix mit einer Stuckgruppe des Johannes und den zwei Frauen kombiniert.

Die Altäre des ersten Jochs sind wieder zwei «Heiligen Leibern» gewidmet. Die erst 1788 von Abt Willebald erworbenen Katakombenheiligen liegen wie üblich in Schaukästen. Die Patchwork-Postament-Aufbauten über den einfachen Schaukästen sind immer noch sehr volkstümlich naturalistisch, aber auch recht unorganisch gestaltet.
Im nördlichen Altaraufbau [14] liegt der römische Märtyrer Almachus. Im Baldachingehäuse des Mittelpostaments ist eine spätgotische Pietà zu sehen.
Im südlichen Altaraufbau [15] liegt ein Katakombenheiliger namens Benediktus. Darüber knien die Klosterstifter Hemma und Heinrich zu Füssen der hl. Verena auf dem Mittelpodest.
|Ort, Land (heute)||Herrschaft (18. Jh.)|
|Rot an der Rot

Baden-Württemberg D
|Reichsabtei

Rot an der Rot
|Bistum (18. Jh.)||Baubeginn|
|Konstanz||1681 (1777)|
|Bauherr und Bauträger|
|Abt OPraem Martin IV. Ertle (reg. 1672–1712)|
|Abt OPraem Mauritius Moriz (reg. 1760–1782)|
|Abt OPraem Willebold Held (reg. 1782–1789)|
Abt Joachim Gieteler,[1] der 1611 als erster Abt des 17. Jahrhunderts gewählt wird, kann sich 1620 wie alle Reichsprälaten dem Beitritt zur kriegsführenden Katholischen Liga nicht entziehen. Er muss auch Untertanen für Kriegsdienste abgeben. Der Krieg macht sich zu diesem Zeitpunkt in Rot vor allem durch Quartierlasten durchmarschierender Truppen bemerkbar. Vorsorglich werden Wertsachen nach Bregenz und Konstanz gebracht. Abt Joachim ist auch Generalvikar der Zirkarie Schwaben. In dieser Eigenschaft entsendet er zur Rückgewinnung von Klöstern im Bistum Chur noch 1628 und 1629 Konventualen nach Graubünden und in die March. Selbst Adelberg in Württemberg wird von Rot neu besiedelt, was ähnlich der Graubündner Mission auf eine optimistische Verkennung der Lage hindeutet. Das Stift Rot zählt zu dieser Zeit 26 Patres, 4 Fratres und 3 Konversen (Brüder). Erst mit dem Kriegseintritt Schwedens 1630 ändert sich die Lage. In diesem Jahr wird auch der 30-jährige Ludwig Locher[2] zum Abt gewählt. Er muss schon 1632 vor den Schweden nach Konstanz flüchten. Die Konventualen finden teilweise in schweizerischen Benediktinerklöstern Zuflucht. 1636, nach dem vorläufigen Zurückdrängen der Schweden, kehrt der Abt zurück. Die «Salva Guardia», wie die immer erpresserische Schutzgeldforderung genannt wird, muss jetzt wieder an die Kaiserlichen bezahlt werden. Plünderungen und Durchmärsche kaiserlicher Truppen können trotzdem nicht verhindert werden. Ungeachtet des Krieges baut Abt Thomas Locher 1642 in Rot ein Brauhaus und richtet ein Gymnasium ein. 1647 zwingt der Vorstoss von Franzosen und Schweden an den Bodensee und nach Bayern den Abt erneut zur Flucht. Mit der Einnahme von Bregenz und Überlingen gehen die dorthin verbrachten Wertsachen verloren. Die letzte Plünderung des Klosters erfolgt 1648, allerdings wieder durch die Kaiserlichen. Es scheint, dass sich das Stift Rot nach Friedensschluss auch personell schnell erholt, wie eine 1652 erfolgte Entsendung zweier Konventualen als Lehrer nach Obermarchtal zeigt. Leider sind keine Wirtschaftsnachrichten für die Nachkriegszeit in Rot bekannt.[3] 1667 stirbt Abt Thomas Locher. Sein Nachfolger Friedrich Rommel[4] regiert nur fünf Jahre.
[1] Joachim Gieteler (1569–1631) aus Waldsee. Eintritt in Rot 1582. Profess 1587. Studium in Dilligen. 1598 Pfarrer in Haisterkirch. 1611–1630 Abt in Rot, Generalvikar der Zirkarie Schwaben.
[2] Ludwig Locher (1600–1667) aus Frauenfeld im Thurgau, wegen einer päpstlichen Adelsverleihung (1598) an die Patrizierfamilie meist unter dem Zusatz «von Haselberg» aufgeführt. Profess in Rot 1615. 1622 Studium der Theologie in Dillingen. 1630–1667 Abt in Rot, 1639–1660 auch Generalvikar der Zirkarie Schwaben. Theodorich Locher (um 1596–1676), Abt OSB in Isny 1661–1676, könnte sein Bruder sein.
[3] Die Lücken in den Veröffentlichungen über die wichtigen Wiederaufbaujahre nach 1648 sind gewaltig, obwohl im Staatsarchiv Stuttgart viele Quellen vorhanden sind.
[4] Friedrich Rommel (1635–1672). Er soll aus Überlingen stammen, mehr ist über seine Herkunft nicht bekannt. 1655 ist er in Dillingen für das Studium der Logica (Philosophie) eingeschrieben. 1667–1672 ist er Abt in Rot. Vor der Wahl ist er Prior. Er stirbt 37-jährig in Seefeld auf einer Visitationsreise.