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Lenas erster Gang, nachdem sie den Wecker ausgemacht hatte, ging ins Bad zum Medizinschrank. Sie schluckte ein Aspirin und stellte sich unter die Dusche. Mit Dar-Vidas und der Aspirinschachtel in der Tasche machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Beim Umsteigen am Kiosk besorgte sie sich noch eine Flasche Cola. Das sollte für den Tag reichen, dachte sie. In der Kaffeepause nahm sie ein zweites Aspirin und seufzte. Mit dem Fortschreiten des Tages schlichen sich immer mehr Gedanken an den Barkeeper von gestern ein. Und beim Dar-Vida-Kauen über Mittag zog sie die Visitenkarte aus dem Portemonnaie und ihr Handy aus der Tasche. «Ich kann nicht viel mehr als Danke sagen», schrieb sie. Er antwortete prompt: «Kein Problem. Ich möchte von dir hören, wenns dir besser geht als heute. Ich nehme an, das Bier von gestern wirkt noch.» «Dem ist so. Ich weiss zwar nicht so genau, was du später von mir hören willst. Aber ich melde mich.» «Gut, bis dann.» Lena steckte das Handy weg und musste trotz der unerfreulichen Gesamtsituation schmunzeln. Mit so vielen Männern wie in den letzten Wochen habe ich mich die letzten zehn Jahre nicht unterhalten.
Nach der Arbeit ging sie einkaufen und versuchte ganz vernünftig zu sein: Vollkornbrot, Obst, Pouletfleisch und schwarze Schokolade. Zu Hause kontrollierte sie erst, ob Tür und Fenster tatsächlich geschlossen waren, bevor sie sich einen Obstsalat machte. Sie dachte an Luis und die wohlige Wärme, als sie in seinen Armen gelegen hatte. Sie schrieb ihm: «Hey Grosser, habe gerade an unsere Nacht gedacht. Würde gerne wieder in deinen Armen liegen, was hältst du von der Idee?» Ganz schöner Kitsch, dachte Lena. Trotzdem hoffte sie auf Antwort. Mit Herzklopfen, wie sie sich ungern eingestand. Der Obstsalat war aufgegessen, das Handy schwieg vor sich hin. Lenas Herz klopfte nach wie vor. Gleichzeitig hätte sie heulen können. «Dumme Kuh», schallt sie sich laut. «Hast du gedacht, der kommt jetzt einfach, weil du es dir gerade wünschst?» Lena stand auf und brachte die Küche in Ordnung. Eigentlich musste sie Wäsche waschen. Aber die Waschküche lag einen Stock tiefer. Das Licht im Hausflur blieb nicht lange genug an, um eine Maschine einzuwerfen und wieder hinauf in die Wohnung zu kommen. Irgendwann wurde es immer dunkel und die Nischen unter den Treppen waren unübersichtlich. Lena konnte sich noch so oft sagen, dass Robert jemanden hätte abpassen müssen, um reinzukommen. Dass es unwahrscheinlich war, dass er so lange gewartet hatte. Die Angst sass ihr im Nacken, als sie sich die Treppe hinunter zwang. Als die Wäsche drin war, ging sie zügig und mit kräftigen Schritten zurück in ihre Wohnung. Sie schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch. Lena sank auf die Couch. Wohl bewusst, dass ihre Ängste, die gefühlte Bedrohung, die Grenze des Rationalen sprengten. Gleichzeitig konnte sie sich ihrer nicht erwehren. Sie schrieb Marina. Es half nicht. Da trat sie wieder aus der Wohnung und klingelte bei ihren Nachbarn. Marco öffnete. «Hey, schöne Frau, lässt du dich auch mal wieder blicken?» Lena fiel ihm wortlos um den Hals. Etwas überrumpelt legte er den Arm um sie, klopfte ihr beruhigend auf den Rücken. «Lass uns mal reingehen.» Lena stolperte still ins Wohnzimmer und auf die Couch. Martin legte ihr eine Wolldecke um. «Robert oder Luis?» Lena versuchte zu lächeln. «Der Noch-Ehemann. Er hat sich gemeldet, nachdem er das schriftliche Scheidungsbegehren von meinem Anwalt gekriegt hat. Neben dem Grab meiner Mutter sei noch Platz.» «Drecksack», Marco war rot angelaufen. Martin hatte tröstend den Arm um Lenas Schultern gelegt. Lena atmete tief durch. «Ich wollte es euch eigentlich nicht erzählen. Aber jetzt denke ich, sechs Augen sehen mehr als zwei. Und vielleicht könnte ich ja mal Geleitschutz kriegen. So zum Beispiel jetzt, wo eigentlich die Wäsche schon lange fertig wäre.» «Steht der Wäscheständer in deiner Wohnung, wo man sie aufhängen kann?» Marco war aufgestanden. Lena nickte. Jetzt weinte sie doch, obwohl sie mit aller Macht versucht hatte, sich zu beherrschen. Martin strich ihr mit ruhigen, gleichmässigen Bewegungen über den Rücken. «Du weisst, dass du hier schlafen kannst?» «Ja, und einerseits wäre das wunderbar. Aber es kann doch nicht sein, dass der Mistkerl mich aus meiner eigenen Wohnung vertreibt. Dem ersten Ort, den ich für mich allein hatte, an dem ich entschieden habe.» Lena ballte die Fäuste und schluchzte. Martin schwieg, bis sie sich wieder beruhigt hatte. «Ich finde es gut, dass du wütend bist.» Sie hatte nicht wahrgenommen, dass Marco ihr wieder gegenübersass. «Du brauchst nicht mehr nach seinen Regeln zu spielen.» Lena atmete durch. «Theoretisch weiss ich das. Trotzdem packt mich manchmal unvermittelt die Panik. Ich kriege Verfolgungswahn. Ich hab Angst davor, aus der Tür zu gehen. Kannst du dir das vorstellen? Dabei war ich genau darauf immer stolz. Dass ich mich nicht habe aufhalten lassen.» Jetzt mischte sich Martin ein. «Und das ist heute noch so. Du hast deine Freiheit vielleicht für ein paar Jahre aufgegeben. Aber das heisst nicht, dass du keine mehr hast.» Marco stand auf. «So, ich sorge jetzt für Nervennahrung und dann wird geschlafen.» Als er die dampfenden Becher mit der heissen Schokolade auf den Tisch stellte, fragte er: «Bleibst du bei uns oder machen wir die Eskorte zu deiner Wohnung?» «Inklusive Baseballschläger neben dem Bett und unserem Türschlüssel an deinem Bund», fügte Martin hinzu. Marco knuffte seinen Liebsten in die Seite. «Ich dachte, du bist Pazifist?» «Reicht doch, wenn das einer von uns übernimmt.» Lena musste lachen. Die heisse Schokolade tat ihre Wirkung, sie entspannte sich etwas. «Ich möchte in meiner eigenen Wohnung schlafen», sagte sie und stellte den Becher aufs Tablett. «Okay, wir bringen dich.» Zehn Minuten später lag Lena, von einem Baseballschläger bewacht, auf ihrer Couch.