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Der aserbeidschanische Dokumentarist Elchin Musaoglu zeigt sich bei seinem zweiten Spielfilm «Nabat» als Meister des Hintergründigen und Symbolischen. Ein Meisterwerk!
«Als die Sowjetunion 1991 auseinanderfiel, verschlang der Krieg auch meine Region. Ich arbeitete gerade an einem Dokumentarfilm für das Fernsehen, als mir ein Freund eine Geschichte erzählte, die er selbst erlebt hatte», so Elchin Musaoglu über den Ursprung des Films „Nabat", und weiter: «Kämpfe in der Nähe hatten die Bewohner und Bewohnerinnen eines Dorfes gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Nur eine alte Frau weigerte sich, zu gehen, weil ihre Familienmitglieder dort begraben seien. Ich sagte mir, dass sich nur eine Mutter so verhalten könne, und beschloss, einen Film über eine solche Mutter zu drehen. Denn in allen Konflikten sind es stets die Mütter, die am meisten leiden. Nicht umsonst sagt man: „Das Paradies liegt unter den Füssen der Mütter." Ich glaube, dass die Welt eine bessere wäre, wenn man den Müttern mehr Macht geben würde.»
Ein vierminütiger «Introitus»
Von der lokalen Geschichte zur universellen Parabel
Die Geschichte, die Musaoglu erzählt bekam, bewegte ihn, die Parabel von Nabat zu erfinden, welche Fatemeh Motamed Arya wie eine griechische Tragödin und Vidadi Aliyev wie die Verkörperung der Kreatürlichkeit des Alters darstellen. Beide, Nabat, die Mutter, und Iskaneder, ihr Mann, harren auf ihrem einsamen Hof aus, während das nahe Dorf wegen wachsender Kriegsgefahr zur Geisterstadt wird. Aus dieser schmalen Handlung destilliert der Regisseur eine Parabel, in welcher das Realistische in ein Gleichnis verwandelt wird. Die Geschichte spielt in Bergkarabach, der seit Langem umkämpften Grenzregion zwischen Aserbaidschan und Armenien, in der es 1992 bis 1994 zum offenen Krieg kam. Der Film beginnt mit einer von Ruhe erfüllten, dichten vierminütigen Einstellung: am Anfang als Stehbild der weiten Landschaft, das sich zu zwei langen Kranfahrten über sie hinweg zu Nabat hin verwandelt. Mit diesem «Introitus» gibt der Regisseur den visuellen und akustischen Rhythmus und die narrative Tonart seines Werkes bekannt (Kamera Abdulrahim Besharat).
Nabat, bald einmal allein im Dorf
Ruhe, Stille, Dichte, Fülle
Während Nabat, zwei Milchflaschen vor ihren Brüsten tragend, das Dorf betritt, sieht sie ihre Tochter ein Auto beladen und deren Mann das Haus verriegeln. Vor einem Restaurant unterhalten sich Männer über Iskaneder, den geschätzten Wildhüter, der sie ermunterte, nicht auf Tiere zu schiessen. Dann verlässt das vollbepackte Auto das Dorf, was die Musik (von Hamed Sabet) unterstreicht. Im Haus, das mit Orange und Braun Wärme ausstrahlt, essen die Frau und ihr Mann Milch und Brot. Eine Szene, die an das «letzte Abendmahl» erinnern kann. Nabat sucht beim Fotografen nach dem verlorenen Bild ihres Sohnes, ansonsten verrichtet sie ihre Alltagsgeschäfte. Zwischendurch hört man das Heulen eines Wolfes. «Tiere gehören nicht in ein Kriegsgebiet», meint Iskaneder, seine Frau will das Tier verjagen. Im Stall hält sie Aghja, eine abgemagerte Kuh. Nabat besucht das Grab ihres Sohnes, mit den Lebensdaten 1970 – 1992, verweilt dort, lehnt sich an den Grabstein und liebkost ihn. Musik lädt ein, das Bild auf uns wirken zu lassen.
Im Traum erscheint Nabat mehrmals ihr Sohn, der im Krieg gefallen ist. Im Dorf sucht sie nach Menschen. Doch niemand ist mehr da. In der verlassenen Wohnung ihrer Schwiegertochter steht das Essen noch auf dem Tisch, hängt die Wäsche an der Leine. Draussen Ruinen und verbrannte Häuser, kein Mensch. Drinnen badet der kranke Alte in einem kleinen Zuber, wie er ihn wohl als Kind verwendet hatte, und erinnert sich lächelnd an ihre junge Liebe. Der Wolf ist zurück, Nabat baut ihm eine Falle. Während die Kuh keine Milch mehr gibt, der Wind gespenstisch Türen und Fenster auf und zu schlägt, ist Iskaneder unbemerkt gestorben. Neben der Kuh sitzend weint Nabat. Zum dritten Mal ist Musik zu hören, ein Requiem. Bei strömendem Regen karrt sie ihren toten Mann zum Grab des Sohnes, neben dem sie unter übermenschlicher Anstrengung ein Grab pickelt, ausschaufelt und den Leichnam hineinlegt. Wieder setzt der Regisseur einen musikalischen Akzent. Die tieftraurige, dramatische Grabeslandschaft verwandelt sich unvermittelt in eine fast surreal anmutende gelb-rote, leuchtende Landschaft, durch welche der Sargwagen zurückfährt, welche an Bergmans «Das siebte Siegel» erinnert.
Ab hier verwandelt sich das Epos unbemerkt in eine Parabel. Nabat geht hinaus und zündet wie in einem heiligen Ritual Öllampen an: in den Wohnungen ihrer Familie, in der Moschee, beim Gemeindevorsteher, beim Fotografen, überall im Dorf. «Es werde Licht. Und es ward Licht.» Licht kommt in die Welt, in die Geschichte. Als sie beim Fotografen die Lampe anzündet, findet sie Fotos ihrer Familie und das gesuchte Bild ihres Sohnes. Wieder setzt Musik ein. Dazwischen Militär, Soldaten, Marschieren: Krieg, der im Hintergrund stets da war, wirkt unbemerkt in den Vordergrund hinein. Vergebens sucht Nabat ihre entlaufene Kuh, sie hat den Ort verlassen. «Warum gehst du nicht weg?», fragt sie die Wölfin. Zum sechsten Mal ist Musik zu hören. Die Wölfin mit den drei Jungen rettet die einsame Mutter. Die inzwischen ausgebrannten Öllampen werden nachgefüllt. Das Militär besetzt das leere Dorf und repariert die zerstörten Masten für die Telefonleitungen. Jetzt flieht auch die Wölfin. Nabat sitzt vor dem Haus auf der Bank. Es beginnt zu schneien. Zum letzten Mal setzt Musik ein. Nabat ist gestorben. Doch sie lebt weiter als Symbol des Widerstandes gegen den Krieg, als mythische Mutter für das Leben, vielleicht auch als Schwester des griechischen Sisyphos.
Licht um Licht entzündet Nabat
Licht zur Erleuchtung der Welt
Der grossartig komponierte und erzählte Film wandert von Festival zu Festival und holt sich mit seiner formalen Perfektion und seiner menschlichen Tiefe verdiente Preise. Unter den Filmen, die in der letzten Zeit bei uns angelaufen sind, steht ihm formal wohl «Winter Sleep» von Nuri Bilge Ceylan am nächsten, auch wenn dieser mehr Psychologie und weniger Symbolik enthält als «Nabat». Ruhe, Stille, Dichte, Fülle sind seine Eigenschaften. Jedes Bild ist voll Menschlichkeit, ist schön, weil es wahr ist. Mit seiner Langsamkeit und Askese lädt uns Musaoglu zu einem anderen Rhythmus ein, als wir ihn sonst im Kino und im Alltag erleben. Schon nach einer Viertelstunde scheint unser Herz langsamer zu schlagen als üblich. Wir werden eingeladen, Nabat auf ihrem Weg durch die Welt des Krieges zu folgen, in welche sie, wie in der katholischen Osterliturgie, das Licht bringt: «Lumen ad revelationem gentium», das Licht zur Erleuchtung der Völker. Sichtbar gemacht in Bildern von grosser Schönheit, die an Werke des Niederländers Jan Vermeer (Kamera Abdulrahim Besharat) erinnert. Der schweigende Schluss mit der bewegungslosen Nabat, die das Licht gebracht hat, verweist auf den Anfang, die bewegungslose Landschaft, die der Erlösung harrt.
Titelbild: Bilder, wie von einem alten Meister