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Vor 150 Jahren fand in Zug mit dem eidgenössischen Schützenfest ein nationaler Grossanlass statt, der im noch jungen Bundesstaat nicht nur sportliche, sondern auch militärische und staatspolitische Bedeutung besass. Für den Anlass fielen im Zentrum der Stadt Zug «Zur Ehre des Festes» auch viele Bäume «unter der Axt als Opfer».
Schützenfeste sind im Gebiet der Eidgenossenschaft seit dem Spätmittelalter belegt. Von modernen Festen unterschieden sich diese Anlässe jedoch. Sie dienten immer auch der städtisch-bürgerlichen Repräsentation und sollten wirtschaftliche sowie militärische Stärke demonstrieren. Den fremden Gästen konnte man sich in einem vorteilhaften Licht präsentieren und sie bestenfalls für eine gemeinsame Bündnispolitik gewinnen respektive frühere Zwistigkeiten beenden.
Im schlechtesten Fall boten solche Feste aber auch Anlass für Konflikte. Mit der Einführung geregelter Milizformationen im 17. und 18. Jahrhundert trat die Ausbildung der Schützen an der Waffe in den Vordergrund. Die militärische Vereinnahmung der Schützenfeste disziplinierte diese gewissermassen, wenngleich sie – gerade in den katholischen Orten – immer auch starken Volksfestcharakter behielten.
Das Schützenfest – eine wiederaufgenommene Tradition
Die Tradition der organisierten Schützenfeste brach beim Untergang des Ancien Régime ab. Sie wurde 1824 mit dem ersten eidgenössischen Freischiessen in Aarau und der daraus folgenden Gründung des Schweizerischen Schützenvereins wieder aufgenommen. Zunächst jährlich, später zwei- bis dreijährlich folgten weitere Feste.
Diese hatten eine militärische Funktion und waren vor allem aber nationalpolitisch wichtige Plattformen in den Auseinandersetzungen zwischen (Radikal-)Liberalen und Konservativen. Literarisch verarbeitet wurde das Thema zum Beispiel in Gottfried Kellers Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten».
Zug hatte sich seit den 1840er Jahren mehrmals für die Austragung des eidgenössischen Schützenfestes beworben. Für 1869 klappte es dann endlich. Die im Jahr zuvor aus den beiden Stadtzuger Schützengesellschaften fusionierte neue «Schützengesellschaft der Stadtgemeinde Zug» führte das 24. Eidgenössische Schützenfest durch. Präsident des Zentralkomitees war der Zuger Landammann Karl Merz.
Höhepunkte des Schützenfestes über zehn Tage verteilt
Das Schützenfest dauerte vom 10. bis 21. Juli 1869. Am 10. Juli wurde die eidgenössische Schützenfahne aus den Händen der Schwyzer Delegation (Schützenfest 1867) in Empfang genommen. Am 11. Juli folgte der feierliche Festzug von der Grabenstrasse, der Altstadt Ober- und Untergasse, Neugasse, über die Vorstadt und Bahnhofstrasse zum Festplatz, wo die Fahne beim Gabentempel aufgestellt und das Fest offiziell eröffnet wurde.
Am 14. Juli fand nachmittags die Schützengemeinde statt, in der es heftige Diskussionen über die zukünftig zugelassenen Waffen und die Schiessdistanz gab. Der 16. und 17. Juli brachten mit dem Bundesrat und den Mitgliedern der Bundesversammlung hohen politischen Besuch sowie zu dessen Ehren eine festlich dekorierte und beleuchtete Stadt. Am 21. Juli endete das Fest mit einem Bankett, der feierlichen Proklamierung des Schützenkönigs und dem Einholen der eidgenössischen Schützenfahne am Abend.
Festgelände mit eindrücklicher Infrastruktur
Der Festplatz lag direkt hinter dem damaligen Bahnhof (beim Bundesplatz) auf einer Wiesenfläche und ermöglichte den Besuchern so eine bequeme und unkomplizierte An- und Abreise. Dafür mussten allerdings viele Bäume «zur Ehre des Festes unter der Axt als Opfer fallen».
Auf das Festgelände gelangte man durch eine «Ehrenpforte», die geradewegs zur Festhalle führte. Diese war eine über 90 Meter lange, 40 Meter breite und 18 Meter hohe Holzkonstruktion mit einem Haupt- und zwei Seitenschiffen sowie einem Dachstuhl in «Basilikastil». Der Haupt- und die beiden Seiteneingänge waren mit festungsartigen Giebelkrönungen und Fahnentürmchen bestückt, was dem ganzen Gebäude dem Anlass entsprechend einen «bastionähnlichen Charakter» verlieh.
Die im Innern mit Wappen, allegorischen Figuren und Kränzen reich dekorierte Festhalle bot Platz für insgesamt 3‘400 Gedecke beziehungsweise für fast 4‘000 Besucher sowie für eine Musikbühne, wo auch das Rednerpult und die Ehrentische der diversen Komitees standen. Beleuchtet wurde die Halle abends mit 336 Petroleum-Flaschen auf verschiedenen Leuchtern.
Nördlich der Festhalle lag der fast 240 Meter lange Schützenstand, von wo aus Richtung Baarerboden geschossen wurde. Aufgestellt waren insgesamt 124 Scheiben in zwei Distanzen: 580 Fuss (177 Meter) für den Stand und 1‘000 Fuss (305 Meter) für das Feld. Auf dem Ziegeldach des sonst offenen Standes war in grossen Buchstaben geschrieben: «Wir wollen sein ein einig Volk».
Internationale Beteiligung
Geschossen wurde täglich von 6 bis 12 Uhr und von 13 bis 20 Uhr (an den Sonntagen nur nachmittags). Eingeladen waren im Übrigen nicht nur Schweizer Schützenvereine, sondern auch ausländische. Obwohl deren Beteiligung «nicht die erwartete Ausdehnung» erreicht hatte, nahmen doch Delegationen aus Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Belgien, Grossbritannien, den USA und Italien am Fest teil.
Der fast 23 Meter hohe Gabentempel zog aufgrund seiner Höhe und Bauart «die Blicke des Beschauers» schon von weitem auf sich. Im Grundriss kreuzförmig, bestand er aus drei Etagen. Auf dem Hochparterre befanden sich der Ausstellungsraum der Ehrengaben, das Gabenbüro sowie das Büro des «Empfangskomitees». Die zweite Etage hatte eine «Altane als Fahnenburg», wo die Schützenfahnen der Vereine aufgepflanzt wurden. Die dritte Etage schloss mit einem kuppelähnlichen Dach, auf dem die eidgenössische Schützenfahne wehte.
Wein, Bier und Ochsen zum Wohl der Festgemeinde
Noch einige Zahlen zum Schluss: Die Stadt Zug und das Festgelände wurden während der ganzen Festdauer von Besuchern regelrecht überrannt. Ein «wahrer Volkstag» war nach Meinung der «Neuen Zuger-Zeitung» der Sonntag, 18. Juli, an dem allein 40‘000 Menschen nach Zug strömten. So erhielt der Anlass tatsächlich «den Charakter eines wahren Bruderfestes» und half mit, die politischen Differenzen der vorangegangenen Jahrzehnte beizulegen.
Die «General-Recapitulation» des Organisationskomitees wies für das Schützenfest einen Umsatz von 826‘491.93 Franken und einen Verlust von 3‘000 Franken aus. Die Kosten für Miete, Aufbau und Rückbau des Festplatzes einschliesslich der Zugangsstrassen beliefen sich auf knapp 96‘000 Franken. Der Gabentempel umfasste Gaben in der Höhe von 300‘000 Franken und Ehrengaben von über 75‘600 Franken. Um diese zu erlangen wurden 600‘000 Patronen verschossen.
Fest zog auch zwielichtige Gestalten an
Die Polizei musste auf dem Festgelände 42 Personen wegen Bettelns und Vagabundierens, 16 Frauen wegen «gewerbsmässiger Unzucht», 21 Personen wegen Diebstahl und Diebstahlversuchs, fünf Personen wegen steckbrieflicher Ausschreibung und eine Person wegen «unbefugten Hausirens» verhaften. Die Sanitäter mussten bloss drei «ungefährliche» Verletzungen behandeln – eine «als Folge eines Prellschusses und die andern als solche vorzeitigen Explodirens von Patronen».
Die Festwirtschaft konnte 307 Saum (46‘050 Liter) Schützen- und Ehrenwein, zusätzlich «diverse köstlichere Weine» und 100 Saum (15‘000 Liter) Bier ausschenken. 16 Ochsen und 131 Kälber hätten «den Tod für’s Vaterland» erduldet.
Der schnellste Schütze des ganzen Festes dürfte übrigens ein Herr Gamma-Infanger gewesen sein, der «die Kammerladung seiner von ihm erstellten Waffe, 13 Schüsse in 5 Sekunden zu entleeren versprach und dies auch wirklich, – versteht sich ohne zu zielen – ausführte».
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