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Zürichs seidene Vergangenheit
Was heute der Finanzsektor für Zürich darstellt, leistete im 19. Jahrhundert die Seidenindustrie. Die Branche war ein zentraler Wirtschaftszweig des Kantons Zürich und hatte eine Ausstrahlung, die weit über die Landesgrenzen hinausreichte.
Die Verarbeitung von Seide hat in Zürich eine lange Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Bereits damals betrieben städtische Kaufleute die Seidenstoffweberei im Verlagssystem und liessen einfache Gewebe für den Export herstellen. Zu einer Wachstumsbranche entwickelte sich die Seidenindustrie im 19. Jahrhundert, als die liberale Kantonsverfassung das städtische Fabrikationsmonopol für Seidenwaren aufhob und die Handels- und Gewerbefreiheit für alle Bürger einführte. In der Region rund um den Zürichsee entstanden zahlreiche Seidenfirmen, Zehntausende von Arbeitskräften waren in die Verarbeitung von Seide eingebunden.
Die Rohseide wurde importiert, zunächst aus Europa, später vermehrt auch aus China und Japan, wo Zürcher Seidenhandelshäuser Zweigstellen unterhielten. Die mehrheitlich auf Handwebstühlen hergestellten Seidenstoffe waren für den Export bestimmt. Über Verkaufsbüros in allen wichtigen Handelsmetropolen gelangten die Zürcher Artikel an kaufkräftige Kunden in aller Welt. Neben der Preisgestaltung wurde das Stoffdesign zunehmend zu einem Verkaufsargument, modeorientierte Betriebe brachten saisonal neue Kollektionen auf den Markt. Die Mechanisierung der Weberei führte zu fabrikindustriellen
Unternehmensformen, mit der Einrichtung von Prüf- und Bildungsanstalten etablierte sich ein lokal verankertes und international vernetztes Branchencluster. Um Zollschutzschranken zu umgehen und näher an ihre Kunden zu gelangen, gründeten Zürcher Seidenfabrikanten seit den 1870er-Jahren Tochterfirmen in Europa und in den USA.
Mit einer Jahresproduktion von über 50 Millionen Metern zählte Zürich um die Jahrhundertwende gemeinsam mit Como, Lyon und Krefeld zu den Zentren der europäischen Seidenindustrie. Während die Zürcher Seidenindustrie im Ersten Weltkrieg noch grosse Gewinne erzielen konnte und einige Firmen zu internationalen Grosskonzernen heranwuchsen, brachte die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre der exportorientierten Branche einen massiven Konjunktureinbruch. Einzelnen Unternehmen, so etwa dem Seidenhaus Abraham, gelang in der Nachkriegszeit ein Neustart mit hochwertigen Kreationen für die Haute Couture, andere hielten die Textilproduktion mit Restrukturierungsprogrammen und einer diversifizierten Produktpalette aufrecht. Mit der globalen Arbeitsteilung und dem Aufkommen des Massenmodemarkts setzte ab den 1970er-Jahren eine Welle der Betriebsschliessungen ein.
Geblieben sind ein grosses Prestige und ein reiches kulturelles Erbe. Auf Initiative der Zürcherischen Seidenindustrie Gesellschaft und mit Unterstützung des Lotteriefonds des Kantons Zürich werden Archive von Zürcher Seidenfirmen seit 2012 gesichert und in öffentliche Gedächtnisinstitutionen überführt. Eine Historikergruppe an der Hochschule Luzern – Design & Kunst untersucht die neu erschlossenen Archivbestände und erarbeitet eine Buchpublikation zu Aufstieg, Expansion und Niedergang des renommierten Zürcher Wirtschaftszweigs.
Veranstaltungshinweise
Seidenglanz - 400 Jahre Seide in Zürich
Fr 8. Juni - Sa 27. Oktober
Zentralbibliothek Zürich
Seiden-Storys - neu erzählt
Mo 4. - Fr 15. Juni
JULL Junges Literaturlabor
Silk, the ancient material of the future
So 10. Juni, 13.00
Kunsthaus Zürich