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Das Paris der Nachkriegszeit hat sie geprägt. Als Sängerin und Schauspielerin traf sie hier Künstler und Philosophen wie Jean-Paul Sartre, Marlene Dietrich und Miles Davis. Nun ist Juliette Gréco im Alter von 93 Jahren gestorben.
Juliette Gréco bei einem Konzert in Warschau im Jahr 2008.
Juliette Gréco ist tot. Sie ist am Mittwoch im Kreise ihrer Familie in ihrem Haus an der Côte d'Azur verstorben. Das teilte die Familie der französischen Nachrichtenagentur AFP mit. Mit Gréco hat uns eine begnadete Sängerin und Schauspielerin verlassen. Sie ist unvergesslich geworden durch die Interpretation von Chansons wie «Les Feuilles Mortes» (1952) oder «Déshabillez-moi». Sie sang auch wunderbare Lieder von Kollegen wie Jean Lenoir («Parlez-moi d’Amour»), Charles Aznavour («Je Hais les Dimanches») oder Jacques Brel («Ne me quitte pas»). Und sie wirkte in vielen Theaterstücken und einem Dutzend Filmen mit – von der Romanadaptation «Bonjour Tristesse» (1958) bis zum Kriegsfilm «The Night of the Generals» (1967). So konnte Juliette Gréco auf ein reiches Schaffen zurückblicken. Nun aber ist die Künstlerin, die 2004 für ihr Lebenswerk den DIVA-Award (Deutscher Videopreis) erhalten hat, am 23. September 2020 im Alter von 93 gestorben.
Juliette Gréco war bis ins hohe Alter aktiv. Trotz eines Herzinfarkts 2001 war es ihr vergönnt, weiterhin Auftritte im In- und Ausland zu bestreiten. 2012 gab sie ihr letztes grosses Konzert in Stuttgart, es folgten aber noch Konzerte in kleinerem Rahmen. 2015 erschien ihr letztes Studioalbum mit dem schlichten Titel «Merci!». Insgesamt hat die Sängerin 11 Studioproduktionen, 6 Livemitschnitte und 2 Compilations veröffentlicht – dies innerhalb einer Zeitspanne von mehr als einem halben Jahrhundert. 1982 kam mit «Jujube »eine erste Autobiografie auf den Markt; 2012 veröffentlichte Gréco die vervollständigten Memoiren unter dem Titel «Je suis faites comme ca».
Im Paris der Nachkriegszeit mit Dietrich, Sartre und Camus
In die Trauer über ihren Tod mischt sich auch ein Gefühl der Dankbarkeit, von dieser Frau während Jahrzehnten mit kreativen Energien versorgt worden zu sein. Gréco, 1927 in einfachen Verhältnissen in Montpellier geboren, hat etwas aus ihrem Leben gemacht, wie der Volksmund sagt. Ihre Mutter war in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in der Résistance aktiv und kümmerte sich wenig um ihre Kinder. Den Vater hat sie nicht gekannt, aufgewachsen ist sie bei den Grosseltern. Die Mutter und die ältere Tochter wurden 1943 von der Gestapo verhaftet und in ein Konzentrationslager gesteckt. Juliette, die jüngste, kam nach drei Wochen Gefängnis wieder frei.
Dann, 1944, als Paris von den Nazis befreit wurde und sich das Land langsam erholte, tauchte die junge Frau voller Lebenslust ins Nachtleben ein. «Wir haben jeden Abend die Befreiung gefeiert», sagte Gréco in einem Interview. Sie gründete in einem Keller des Bohème-Viertels Saint-Germain des Prés die Disco «Tabou». Das Lokal wurde zum Treff der Künstler, Musiker und Schriftsteller. Zu ihrem Freundeskreis gehörten Albert Camus, Marlene Dietrich, Serge Gainsbourg, Jacques Prévert, Françoise Sagan, Jean-Paul Sartre, Boris Vian, Orson Welles. «Meine Universität war das Café», sagte Gréco. Sie hätte im Kreise ihrer Freunde «dumme Fragen» stellen dürfen und darauf intelligente Antworten erhalten.
Juliette Gréco trug das Lebensgefühl einer ganzen Generation durch ihr Leben. Die Nachkriegszeit war eine Phase des Aufbruchs, der Hoffnung, des ungestümen Lebens. Existenzialismus nannte sich die Bewegung, die sich zwar oft hinter schwarzen Rollkragenpullovern verbarg und auch melancholische Züge trug (oder zur Schau stellte), das Leben nach dem Krieg aber zwischen Bars, Jazzkellern und der Universität genoss. Grécos Markenzeichen etwa waren schwarze Hosen kombiniert mit schwarzem Lidstrich und ungeschminkten Lippen. So soll sie damals dem Philosophen Sartre aufgefallen sein, der für sie ein erstes Chanson verfasst hat.
Drei Ehen und viele Affären
Zu jener Zeit war so vieles möglich, was heute undenkbar scheint. Stars wie der Jazzer Miles Davis, damals einer der Liebschaften der Gréco, traf man ohne Bodyguards im Klub an. Es gab kein Internet und kein Instagram, die Menschen trafen sich ausschliesslich im realen Leben. In den Bars wurde geraucht, Gesundheitsprävention war ein Fremdwort. Auf den Pariser Strassen verkehrte ab 1955 die grandiose «Göttin», die Designperle Citroën DS, die noch keine Sicherheitsgurte kannte und in deren Tank noch das verbleite Super-Benzin schwappte. Alles tempi passati.
Auch das Liebesleben schien damals einfacher. Gréco bezeichnete ihres stets als «ausschweifend». Nach den vielen Affären im Kreise der Existenzialisten heiratete sie 1953 den Schauspieler Philippe Lemaire und brachte eine Tochter zur Welt. 1956 trennte sich das Paar, zehn Jahre später heiratete Gréco ihren zweiten Acteur: Michel Piccoli. Als auch diese Ehe 1977 scheiterte, steckte sie sich 1989 den dritten Ehering an den Finger, dieses Mal überreicht von einem Pianisten (Gérard Jouannest). In einem Interview sagte Gréco einmal, sie hätte auch sexuelle Affären mit Frauen gehabt.
Lebensabend auf dem Land
Der wohl grösste Hit der Gréco erschien 1967 und hiess «Deshabillez moi». Es handelt sich um eine recht explizite Aufforderung an den Mann, sich der Frau anzunähern: «Deshabillez moi. Sachez me posséder. Me consommer. Me consumer. Mais maitenant: Deshabillez-vous!» Aus heutiger Sicht mutet ein solcherlei gestricktes Chanson vielleicht unkorrekt an. Früher erfreute man sich an Koketterie und Raffinement.
Juliette Gréco hat sie alle überlebt, die grossen Namen, die sie in Paris beeinflusst hat, um von ihnen ihrerseits Beeinflussung zu erfahren: von Simone de Beauvoir bis Jean-Paul Sartre, von Miles Davis bis Serge Gainsbourg. Zuletzt verliess Gréco die Stadt der Liebe, um irgendwo draussen auf einem Bauernhof zu leben. Wenn aber die allerletzten Augenzeugen aus dem Paris der Nachkriegszeit und der Existenzialisten gestorben sein werden, erinnern daran nur noch Bücher, Filme und die Schallplatten von Juliette Gréco.