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Möller 175
Semiotik der Präsenz - oder: Der Unterschied zwischen Dao und Gott
Wie radikal die Präsenzvorstellung im altchinesischen Daoismus gewesen ist, von wie durchschlagender und weitreichender Wirkung sie war, zeigt sich vielleicht am deutlichsten im Bereich der zeitlichen Theorie bzw. der Semiotik. Die altchinesische Semiotik der Präsenz lässt sich deutlich von einer Semiotik der Repräsentation unterscheiden, die in der alteuropäischen Tradition zu bedeutsam gewesen ist. Auf dem Feld der Zeichentheorie lässt sich durch diesen starken Gegensatz zu einer"für uns" gewissermaßen "normalen" Vorstellungen somit recht gut erkennen, welche Folgen für das Weltbild die Entscheidung für ein Denken in der beschriebenen Struktur haben konnte. Auf dem Gebiete der Semiotik kann die Eigenart der Präsenzstruktur gerade durch den Unterschied zu "gewohnten" Zeichenkonzepten gut veranschaulicht werden.
Weil alles, was es gibt, vor dem Hintergrund der beschriebenen im altdaoistischen Denken wirksamen Struktur "gleich-gültig-zweigeteilt" konzipiert werden kann, werden auch die Zeichen, und insbesondere ein wesentlicher Teil derselben, namentlich die Sprachzeichen, gleich-gültig-zweigeteilt konzipiert. Diese Konzeption hatte weit reichende Folgen.
Zeichen wurden auch im Westen zweiteilig verstanden, allerdings auf eine andere Weise. Spätestens seit Ferdinand de Saussure haben sich duale Zeichenmodelle gegenüber drei- oder mehrteiligen durchsetzen können. Man kann dementsprechend die Struktur eines Zeichens als die Bezugnahme eines Bezeichnenden auf ein Bezeichnetes (Signifikant - Signifikat) verstehen. Diese dualen Konzeption entsprechend besteht ein Zeichen eben aus einem Teil der "bedeutet", und einem anderen Teil, der dadurch "bedeutet wird"....
Nach dieser Konstruktion gibt es zunächst die Dinge in der Welt. Diese Dinge werden in den Menschen durch "seelische Vorstellungen" alle gleich abgebildet. Dann werden diese Vorstellungen - in unterschiedlicher Weise - durch die gesprochene Sprache "bezeichnet", und schließlich werden diese gesprochenen Wort-Zeichen wiederum mit unterschiedlichen Schriftformen "bezeichnet". Das eigentliche Zeichen tritt also mit dem gesprochenen Wort hervor...
Erst mit dem erfundenen Wort tritt man in den Bereich der Zeichen ein. Jetzt steht ein beliebiges Ding, eben ein von Menschen entworfenes Zeichen, für etwas, dass es auch ohne die Benennung im Wort gibt, nämlich für das Ding und die seelische Vorstellung desselben.
Die Beziehung eines Wortes zum Ding ist eine Beziehung der Repräsentation. Etwas, das es gibt, wie es ist - ein Ding - wird durch ein Konstrukt bezeichnet. Etwas, das präsent ist, wird durch ein künstliches Produkt wieder gegenwärtig gemacht, wird re-präsentiert. Die Wirklichkeitsebene von Signifikat und Signifikant ist nicht dieselbe.
Erst dieser Bruch zwischen Präsenz und Repräsentation macht das eigentliche Zeichen aus. Ding und Vorstellung befinden sich auf derselben Wirklichkeitsebene, sie sind, indem sie „bei allen Menschen dieselben“ sind, eine Art natürliche Entitäten. Erst mit der Sprache, mit dem Sprachzeichen, wird dieser Ebene der präsenten Wirklichkeiten eine Zeichenebene hinzugefügt.
Das Zeichen in der Sprache bedeutet eben nur etwas, das es in der Wirklichkeit immer schon so gibt, es bezieht sich auf etwas in der Wirklichkeit, ist dabei aber selber nur eine Art Kunstprodukt. Mit dem Zeichen wird die Wirklichkeit gespalten. Auf der einen Seite gibt es die tatsächlich präsenten Dinge, auf der anderen die beliebigen und austauschbaren Repräsentation davon.
Die Vorstellung, dass das Bezeichnende zwar aus einem wirklich präsenten Ding abgeleitet wird und diesem in zeichenhafter Weise ähnlich ist, aber dennoch weniger präsent und wirklich als das Bezeichnete, durchdringt auch die alte europäische Konzeption des künstlerischen Abbildes....
Präsenzdenken
Vor dem Hintergrund des gerade im Daoismus wirksamen Präsenzdenkens gilt diese Differenz zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem so nicht. Die Daoisten neigten nicht dazu Signifikat und Signifikant auf unterschiedlichen Wirklichkeits-oder Echtheits-oder Gültigkeitsebenen anzusiedeln. Für sie galt in Bezug auf die sprachliche Komponente der Dinge: Es hat einen Namen, und es hat eine Sache (shi) , darin hat ein gegen seinen Bestand.(vgl. Seite 144)
Ein präsentes Ding lässt sich, aus dieser "zeichentheoretischen Perspektive" betrachtet, gleich-gültig zweiteilen. Jedes Ding hat seinen Namen und seine "Sache". Der Name ist nicht eine zur Sache nachträglich hinzu kommen der menschliche Erfindung, sondern er gehört genauso zum Dinge wie die "Sache" selbst... Signifikat und Signifikant, Bezeichnendes und Bezeichnetes, Name und Sache sind auf dieselbe Weise präsent und begründen die Präsenz des Dings, dass durch sie gebildet wird der Name ist nicht nur eine beliebige Repräsentation des Dings, sondern gehört gleichberechtigt mit zur Sache oder der Form des Dinges zur Präsenz des Dinges hinzu...
Semiotik der Präsenz: das Zeichen als eine gleich-gültige Zweiheit von Signifikat und Signifikant,
Semiotik der Repräsentation Zeichen als nicht gleich-gültige Zweiheit.
Der Unterschied zwischen einer Semiotik der Präsenz und einer solchen der Repräsentation kann als Basis einer Vielzahl von konzeptionellen Unterschieden zwischen der altchinesischen und der alt-europäischen Philosophie verstanden werden. Selbst so wichtige Entwürfe wie solche eines höchsten Wesens oder einer höchsten Einheit können semiotisch nach den Paradigmen von Präsenz und Repräsentation unterschieden werden. Die Gottes Vorstellungen in der christlichen Tradition lassen sich als "repräsentativistische" Modelle beschreiben, während gerade das daoistische Dao präsentisch "verstanden" werden kann.
Dass das dao namenlos ist, wurde im Abschnitt über Sprache und Denken schon ausführlich beschrieben. Als das Namenlose ist das dao unsagbar, es ist das Unannehmbare schlechthin. Genauso ist in der christlichen Theologie - insbesondere in der so genannten negativen Theologie des Mittelalters - Gott häufig als unsagbar oder unnennbar bezeichnet worden. Aber vor dem Hintergrund einer unterschiedlichen Struktur des Zeichens und damit auch des Nennbaren lässt sich nachweisen, dass die Konstruktion des Unnennbaren, gerade auch im Hinblick auf den "Gottes-" oder "Dao-Begriff", ebenso unterschiedlich ist. Wird das Benannte nach dem Schema der Repräsentation konstruiert, so wird nämlich auch das Unnennbare (d.h. Gott) nach demselben Schema konstruiert;und wird das Namenhabende in einem Schema der Präsenz entworfen, dann fügt sich auch der Entwurf des Keinen-Namen-Habenden (d.h. der Entwurf des dao) dieser Vorgabe.
Hans-Georg Möller
Daoismus