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Die Erde dreht sich schneller
Im Januar ist ein Drittel aller Landmassen schneebedeckt, 46 Millionen Quadratkilometer. Das entspricht einem Zehntel der Erdkugel. Im August ist dieser Schnee fast ganz weggeschmolzen. Weil es auf der Südhalbkugel weniger Festland gibt, das – abgesehen von der Antarktis – auch noch in wärmeren Gebieten liegt, spielt sie bei dieser Rechnung kaum eine Rolle.
Lange Zeit konnte man das Ausmass der globalen Schneedecke bloss grob schätzen. Erst seit den 1960er Jahren erkennen Satelliten Schnee anhand seiner typischen Reflexion des Lichts.
Obwohl eine einzelne Schneeflocke im Durchschnitt bloss vier Tausendstel eines Gramms wiegt, kommt ein ordentliches Gewicht zusammen, wenn sich genug davon zusammenrotten. Wie bei einem schlecht ausgewuchteten Reifen bringt das Gewicht des Schnees, der auf den Landmassen liegt, die Erdachse zum Torkeln: um 1 Meter 30 jedes Jahr. Drei Billionen Tonnen soll er wiegen. Geschmolzen würde er den Meeresspiegel von Korsika bis Bora Bora um einen Zentimeter heben.
In einer schneelosen Welt würde dieses Taumeln aufhören, zudem könnte man den Wecker 41 Mikrosekunden später stellen: Weil das Gewicht des geschmolzenen Schnees nun auf Meereshöhe liegt und damit näher an der Drehachse der Erde, würde diese minimal schneller rotieren, wie eine Eiskunstläuferin bei einer Pirouette, wenn sie die Arme zu sich zieht.
Den Dächern wird leicht
Wichtiger als die Schneelast auf den Kontinenten ist im Alltag die Schneelast auf den Dächern. Im Gegensatz zu einer minim torkelnden Erdachse können mächtige Schneedecken auf Gebäuden fatale Folgen haben. Im Januar sind in den Alpen gleich mehrere Ställe und Lagerhallen kollabiert. Im ungewöhnlich harten Winter 2005/2006 starben in Deutschland, Polen und Russland 147 Menschen unter den einstürzenden Dächern von Eislaufanlagen und Markthallen.
Tatsächlich zwingt der Schnee Architekten und Bauingenieure zu erheblichem Mehraufwand: mehr Stützen, stärkere Träger oder von Beginn weg andere Konstruktionen. In der Schweiz wurde 1892 vorgeschrieben, dass ein Dach eine Schneelast von 80 Kilogramm pro Quadratmeter aushalten müsse. 1935 setzte sich die Erkenntnis durch, dass es nicht sinnvoll war, für Ascona und Zermatt die gleichen Verhältnisse anzunehmen. Eine neue Formel erlaubte, aus der Höhe über Meer die geforderte Schneelast zu bestimmen. Aber auch sie hatte Tücken. Die Schneemenge hängt nämlich ebenso von den lokalen Wetterverhältnissen ab wie von der Höhe. Also wurde der SIA-Norm «Einwirkung auf Tragwerke» 1989 eine Schneelastzonenkarte beigefügt, die zeigt, in welchen Regionen die berechneten Schneelasten gegen oben oder unten korrigiert werden müssen. Darauf sieht man, dass das Engadin schneearm ist, ganz im Gegensatz zu Glarus. Mit seiner Ausrichtung gegen Norden ist das Linthtal eine regelrechte Schneefalle, wo auf einer Höhe von 2000 Metern mit über zwei Tonnen pro Quadratmeter gerechnet wird. Für grössere Höhen gibt es keine allgemeingültige Richtlinie mehr. Die Last hängt zu sehr vom individuellen Standort eines Gebäudes ab.
Die Schneelasten spielen weniger bei Wohnhäusern als bei Hallen oder Lagerhäusern mit grossen Spannweiten zwischen den Trägern eine Rolle. Zur Überwachung werden auf solchen Gebäuden oft Schneewaagen installiert, die das Gewicht kontinuierlich melden. In Zürich etwa gibt es je eine auf dem Hallenbad City, der Saalsporthalle und dem Schulhaus Im Birch.
Mit grösseren Schneelasten als die Schweiz hat Japan zu kämpfen, wo rund um die Stadt Tokamachi, 200 Kilometer nördlich von Tokyo, weltweit am meisten Schnee fällt. In der Atmosphäre setzt sich dort jeden Winter eine gigantische Schneemaschine in Gang: Kalte Luft aus Sibirien trifft auf die Feuchtigkeit des Meers vor Japan. Der Schnee fällt dann in den Küstengebirgen so ausgiebig, dass in vielen Häusern der Eingang in den ersten Stock verlegt wird. Die Japaner sagen: Der Eingang im Erdgeschoss stirbt im Winter. In Tokamachi fallen durchschnittlich elfeinhalb Meter Schnee im Jahr, in den umliegenden Bergen sollen es bis zu 38 Meter sein.
Ohne Schnee wäre das Leben dort natürlich einfacher, aber die Region wäre auch um eine Attraktion ärmer: die bis zu 20 Meter hohen Schneewände, die eine Strasse auf dem Murodo-Plateau säumen.
Das Ende des Stemmbogens
Der Wintertourismus war die Antwort auf die Frage, wie sich die Plage Schnee gewinnbringend nutzen lasse. Für die längste Zeit unserer Stammesgeschichte bedeutete Schnee Mühsal, Kälte und Tod. Die Romantik fetter Flocken erschloss sich den Menschen erst, als sie nach dem Spaziergang durch die Winterlandschaft ein heisser Grog vor dem Kamin erwartete.
Doch inzwischen hat sich der Wintertourismus zum Milliardengeschäft entwickelt. Exakte Zahlen für den touristischen Wert des Schnees gibt es keine, doch man kann davon ausgehen, dass ein ansehnlicher Teil der jährlich knapp 50 Milliarden Gesamteinnahmen des Schweizer Tourismus auch mit unseren weissen Bergen zu tun haben. Im Winter ohnehin und selbst im Sommer fahren so viele Inder auf das Jungfraujoch, dass sich auf 3454 Metern über Meer der Betrieb des Restaurants Bollywood mit «authentisch indischem Essen» lohnt.
Ohne Schnee ginge ein beträchtlicher Teil der Tourismuswertschöpfung von 17 Milliarden Franken verloren: Davon betroffen wären nicht nur das Personal in Hotels und Restaurants, sondern auch die 7000 zusätzlichen Angestellten von Bergbahnen, deren Erträge zu fast vier Fünfteln im Winter erarbeitet werden. Nicht zu vergessen Skilehrer, Schlittenbauer und der Pistenarchitekt Bernhard Russi. Am Ende der Nahrungskette würde es die Sportartikelhersteller treffen. In der Schweiz machen sie einen Drittel ihres Umsatzes mit Schneesport.
Den entgangenen Einnahmen durch den Schneesport stehen geringere Gesundheitskosten gegenüber. Ein Viertel aller Sportunfälle gehen auf das Konto des Schnees. Selbst so unverdächtige Tätigkeiten wie Langlauf schlugen 2016 mit 12 Millionen Franken zu Buche, die 25952 Beinbrüche und anderen Verletzungen der Alpinfahrer kosteten 265 Millionen. Die Orthopäden, die ihr Handwerk in den Spitälern der Wintersportorte lernen, müssten sich neue Ausbildungsstätten suchen.
Das Leben wird billiger
Schnee ist der Teenager unter den Naturerscheinungen: liegt herum und verursacht Kosten. Obwohl wir uns volkswirtschaftlich mit ihm arrangiert haben, ist er letztlich ein ökonomischer Albtraum. Man darf sich nicht von den Schwärmereien der Romantiker täuschen lassen; die erste Flocke ist noch nicht am Boden, und schon nimmt eine Armada aus Pflügen, Schleudern und Salzstreuern den Kampf auf.
Allein die Nationalstrassen vom Schnee zu befreien kostet jedes Jahr zwischen 30 und 60 Millionen Franken. Auf jedem Meter Autobahn landen pro Winter durchschnittlich 25 Kilogramm Salz. Hinzu kommen Kantons- und Gemeindestrassen die rund vierzig Mal so lang sind. Kein Wunder, erzielten die Schweizer Salinen im letzten Jahr 42 Prozent ihres Umsatzes mit Auftausalz und nur 9 Prozent mit Speisesalz. Die unmittelbare Folge des ausbleibenden Schnees wäre, dass nach den Regeln von Angebot und Nachfrage der Salzpreis fallen müsste.
Doch selbst wenn er nicht auf der Strasse liegt, kann Schnee teuer sein. In Schweizer Lawinenverbauungen stecken eineinhalb Milliarden Franken. Bei Bauprojekten in den Bergen wird der Lawinenschutz heute gegen Menschenleben hochgerechnet. Wenn der Schutz mehr als fünf Millionen Franken pro potentiell gerettetes Leben kostet, sieht man von der Realisierung ab. Eine schneelose Welt wäre in erster Linie eines: billiger.
Kalter Boden in warmer Welt
Auch im Tierreich liessen sich problemlos Anhänger einer Zukunft ohne Schnee finden. In der Schweiz wären ihr die Stimmen von Reh und Hirsch sicher. Ihnen beschert die weisse Pracht eine klassische Loose-loose-Situation. Nicht nur brauchen sie mehr Energie, um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten und sich im Schnee fortzubewegen; auch die Nahrung, die diese Energie liefern könnte, liegt jetzt unter dem Schnee verborgen. Pulsmessungen bei Karibus in Alaska zeigten, dass die Tiere viel Energie benötigen, um unter frischem Schnee nach Flechten zu suchen. Liegt der Schnee schon eine Weile und wurde dadurch kompakter, steigt der Aufwand bis auf das Fünffache.
Der Schnee zwingt Tiere im Winter in tiefere Lagen oder zu gefährlichen Wanderungen in wärmere Gefilde. Rehe und Hirsche, die es nicht rechtzeitig ins Tal schaffen, warten oft tatenlos unter einer Tanne auf bessere Verhältnisse. Die Kraft, die sie durch die Nahrung bekämen, wiegt den Aufwand für die Suche nicht auf.
Es gibt aber auch Tiere, die ohne Schnee in Schwierigkeiten gerieten. Etwa der Schneehase oder das Schneehuhn, die im Winter die Farbe wechseln. Leuchtend weiss auf grüner Wiese gäben sie für Raubvögel eine perfekte Zielscheibe ab. Weil alle Schneehasen nach einem festen genetischen Programm die Farbe wechseln, wäre diese Art ohne Schnee vom Aussterben bedroht. Anders sieht es bei Arten wie dem Langschwanzwiesel aus, bei denen ein Teil der Population das Sommerfell im Winter behält. Diese Individuen würden nun zu den Rettern ihrer Art, indem sie sich nun stärker vermehren könnten.
Das Schneehuhn nutzt neben der Farbe Weiss noch eine andere Eigenschaft das Schnees: seine Isolationsfähigkeit. Frisch gefallener Schnee besteht zu 90 Prozent aus Luft und isoliert nicht schlechter als Styropor. Das Schneehuhn kann sich in nur fünfzehn Sekunden eine Schneekammer buddeln, in die es sich zum Schutz vor der Kälte zurückzieht.
Eine Welt ohne Schnee würde zur paradoxen Situation führen, die Wissenschafter «kalte Böden in einer wärmeren Welt» nennen. Unter einer dicken Schneedecke ist der Boden immer null Grad, selbst wenn die Lufttemperatur auf minus dreissig sinkt. Die fehlende Isolation durch die Schneedecke liesse den Boden durchfrieren, mit fatalen Folgen für jene Pflanzen, die über keine Anpassung an extremen Frost besitzen.
Der Spiegel verschwindet
Eine der folgenreichsten Auswirkungen lässt sich nur aus dem Weltraum erkennen: Die Erde wäre ein dunklerer Ort. Frisch gefallener Schnee reflektiert bis zu 90 Prozent des Sonnenlichts. Wälder und Felder dagegen nehmen das Sonnenlicht auf und werden von ihm erwärmt. Weil die Veränderung der Albedo, wie das Rückstrahlvermögen heisst, einen selbstverstärkenden Kreislauf in Gang setzen kann, hat sie dramatische Auswirkungen auf das Klima: Wenn weniger Sonnenstrahlung reflektiert wird, wird es wärmer, was noch weniger Schnee zur Folge hat, der die Sonnenstrahlung spiegelt. Modellrechnungen zeigen, dass auf einer Erde ohne Schnee die Temperaturen um fünf bis zehn Grad stiegen.
Testbild? Wählscheibe? Schnee?
Und schliesslich würde auch das Wort Schnee langsam verschwinden. Wie die Begriffe Wählscheibe oder Testbild würde es nicht mehr gebraucht, um die Welt zu beschreiben, und in Vergessenheit geraten. Einzig in einer Redewendung könnte er überleben, da dort Begriffe ihre unmittelbare Bedeutung oft verlieren und wie in einer Zeitkapsel ihren eigenen Tod überdauern. Die Zukunft des Schnees wäre dann Schnee von gestern.
Reto U. Schneider ist stv. Chefredaktor von NZZ-Folio.