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Seilbahnunfall bei Stresa: 14 Tote, darunter 5 Israeli
Der Unfall ereignete sich am Pfingstsonntagmittag (23.5.) bei der Luftseilbahn, die von Stresa am westlichen Ufer des Lago Maggiore in der Region Piemont auf den 1491 Meter hohen Hausberg und Aussichtspunkt Monte Mattarone führt (Karte 2).
Der Unfallhergang
Eine Kabine mit einem Fassungsvermögen von 40 Personen, in der sich aufgrund der Abstandsregeln nur 15 befinden, fährt bergwärts. Kurz vor Erreichen der Bergstation auf 1385 M.ü.M reisst das Zugseil. Die Fangbremse, die in einem solchen Fall die Gondel automatisch blockieren und am Tragseil festklemmen müsste, funktioniert nicht, weil sie manipuliert ist. Die Gondel mit 15 Passagieren rast mit zunehmender Geschwindigkeit talwärts. Sie prallt mit 100 Kilometern pro Stunde gegen den letzten Standpfeiler der Anlage vor der Bergstation. Zehn Menschen werden aus der Kabine geschleudert. Die Rettungsmannschaften finden sie später in bis zu 40 Metern Entfernung. Die Gondel löst sich aus ihrer Aufhängung am Tragseil, wird mehr als 50 Meter durch die Luft geschleudert und fällt gegen 20 Meter in die Tiefe auf einen steilen, schwer zugänglichen Hang, überschlägt sich mehrmals und wird schliesslich von zwei dicken Bäumen aufgehalten. Als die Rettungskräfte zur Stelle sind, finden sie in der zertrümmerten Kabine fünf Leichen. (Bilder 3 und 4)
Von den 15 Passagieren sind 13 sofort tot, zwei kleine Knaben werden schwer verletzt mit zwei Helikoptern in die Turiner Kinderklinik Regina Margherita geflogen , wo der jüngere ein paar Stunden später seinen Verletzungen erliegt.
ZDF, Heute-Journal, So. 23.5.2021
Seilbahn in Italien abgestürzt (ab Position 4.25 Min.)
Eine israelische Familie fast vollständig ausgelöscht
Bei der israelischen Familie handelt es sich das in Norditalien lebende israelische Paar Amit Biran (30) und seine Gattin Tal Peleg Biran (27), die Grosseltern der Frau, Barbara und Jitzhak Cohen (71 und 81), sowie Tom, der jüngere, 2-jährige Sohn des Paares. Einzig der 5-jähirge Sohn Eitan Mosche überlebt. (Bilder 5 und 6)
Die Leichen der fünf Opfer wurden gemäss dem israelischen Botschafter in Italien, Dror Eydar, am Mittwoch (26.5.) zur Bestattung nach Israel geflogen.
Bei den weiteren neun tödlich Verunfallten handelt es sich um italienische Staatsangehörige.
Eitan hat wie durch ein Wunder überlebt
Nach der Spitaleinlieferung überstand Eitan (Bild 7) einen fünfstündigen Eingriff, in dem die Chirurgen die Knochenbrüche an den Armen und Beinen operierten. Mit einer Kernspintomografie (MRI) konnten die Ärzte am Montag Gehirnschäden sowie Verletzungen der Wirbelsäule ausschliessen. Das erlaubte es ihnen, am Dienstagmorgen das Aufwachen aus dem künstlichen Koma einzuleiten. Ein Team von Psychologen wird Eitan betreuen. «Sein Zustand gibt uns Anlass zur Hoffnung», sagte der Spitaldirektor Giovanni La Valle. «Aus klinischer Sicht ist er allerdings immer noch in einem kritischen Zustand aufgrund seines Thorax- und Bauchtraumas und der Frakturen an seinen Gliedmassen. In den nächsten Tagen wird er jedoch von der Intensivstation geholt und auf eine Krankenstation verlegt», fügte er hinzu.
Im Krankenhaus vermutet man, Eitans Vater Amit, ein kräftig gebauter Mann, habe seinen Sohn vor dem Tod bewahrt, indem er ihn während den zwölf Sekunden zwischen dem Riss des Zugseils und dem Aufprall der Kabine auf dem steilen Berghang in die Arme geschlossen. Die Ärzte sind zuversichtlich, dass der Junge die Tragödie überlebt. Im schockierten Italien soll das vielen wie ein Wunder vorkommen.
Der 5-Jährige wurde in Israel geboren. Er war ein Jahr alt, als er mit seinen Eltern nach Italien kam. Die Familie lebte in der Stadt Fabia in der Provinz Lombardei. Amit studierte dort Medizin und arbeitete als Wachmann an einer jüdischen Schule. Der Knabe besuchte in Fabia einen katholischen Kindergarten und freute sich auf die Einschulung im September. Er kann sich somit auch auf Italienisch verständigen.
Der Waise, der bei dem Ausflug seine Eltern, seinen zweijährigen Bruder und die Urgrosseltern verlor, ist nicht allein auf der Welt. Seine Tante Aya, die Schwester seines Vaters, und die Grosseltern sind bei ihm im Krankenhaus. Die Schwester von Amit Biran lebt mit ihrem Mann in Pavia, wo sie als Ärztin arbeitet.
Eitans Urgrosseltern, Barbara und Jitzhak Cohen, waren erst wenige Tage zuvor aus Tel Aviv nach Italien zu ihrer Enkelin und deren Familie zu Besuch gekommen.
Kriminelle Fahrlässigkeit
Die Ermittler hatten an der Fangbremse der Gondel einen roten Bügel festgestellt. Wie sich herausstellte und von den Bahnverantwortlichen eingestanden wurde, hatte die Bahn seit anderthalb Monaten Probleme mit diesem Bremssystem. Auch am Tag vor dem Unfall war es zu einem längeren Unterbruch gekommen. Es wäre eine grössere Reparatur erforderlich gewesen, die eine längere Stilllegung der Seilbahn zur Folge gehabt hätte. Den wollten die Betreiber vermeiden, nachdem die Bahn eben erst den Betrieb nach dem pandemiebedingten Betriebsunterbruch wieder aufgenommen hatte. Sie blockierten die Notfallbremse mit einem Bügel. Dies bewirkte, dass das Sicherheitsbremssystem (Tragseilbremse) ausser Kraft gesetzt war. Sie nahmen damit das Risiko in Kauf in der Annahme, dass das Zugseil schon nicht reissen würde. (Bilder 8 und 9)
Ohne das Abschalten der Fangbremse wären die 15 Ausflügler mit einem Schrecken davongekommen. Der Sicherheitsmechanismus hätte verhindert, dass die Gondel nach dem Riss des Zugseils talwärts raste. Was zum Riss des Zugseils geführt hatte, ich noch nicht bekannt.
Die Strafuntersuchungsbehörden nahmen den Chef des Seilbahnbetreibers und zwei leitende Mitarbeiter des technischen Bereichs fest. Sie wurden bis 4 Uhr am Mittwochmorgen (26.5.) einvernommen. Sie gestanden, dass die Fangbremse manipuliert worden war, wie die Staatsanwältin den Medien erkläre.
Die zweite, die talwärts fahrende Kabine kam durch die korrekt funktionierende Tragseilbremse kurz vor der Mittelstation zum Stehen, die Fahrgäste wurden abgeseilt.[
Die 1970 errichtete Gondelbahn gehört der Gemeinde Stresa und wird von dem Privatunternehmen Ferrovie del Mottarone betrieben.
SRF Tagesschau-Hauptausgabe, Mi. 26.5.2021
-> «Gondelabsturz in Norditalien: Verdacht auf fahrlässige Störung»
«Das Erste» (ARD), Tagesschau-Hauptausgabe, Mi. 26.5.2021
Polizei verhaftet drei leitende Mitarbeiter nach Seilbahnunglück in Italien (ab Position 9:25 Min.)
ZDF, Heute-Journal, Mi. 26.5.2021
Festnahmen nach Seilbahn-Absturz (ab Position 9:32 Min.)
Solidarität mit Eitan
Nun mobilisieren sich in Italien viele Menschen in einer Welle der Solidarität für den kleinen Jungen aus Israel. In Turin legten sie vor dem Eingang des Kinderkrankenhauses Regina Margherita Grussbotschaften nieder. Die Mutter eines anderen Patienten legte einen Teddybären im hellblauen Anzug hin. «Ciao Eitan, du schaffst das!», steht auf dem Kärtchen.
Die jüdische Gemeinde in Mailand, in der seine Eltern sehr aktiv waren, startete eine Spendenaktion für Eitan. Auch in Turin rief man eine Sammlung für das Waisenkind auf einer Crowdfunding-Plattform ins Leben. Ein Fanklub des Fussballklubs Juventus spannte ein Spruchband mit der Aufschrift «Forza Eitan» auf.
Giro d’Italia ändert Route
Die Veranstalter der Italienrundfahrt haben wegen des Unglücks am Monte Mottarone die Strecke für die am Freitag (28.5.) geplante Etappe geändert. Die 19. Etappe war mit einem anspruchsvollen Anstieg über den Monte Mottarone geplant. Die Rennleitung des Giro d'Italia beschloss in Übereinstimmung mit Italiens Infrastrukturminister Enrico Giovannini und der Region Piemont, den Streckenverlauf zu ändern.
(RK)