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Diese Dissertation entsteht als zeitgeschichtlicher Teil des SNF-Forschungsprojekts „Der religiöse Wandel der Jenischen von Ausgrenzung zur Neuorientierung: Netzwerke, Identität und rituelle Praxis“ unter der Leitung von Prof. Oliver Krüger. Die Bezeichnung „Jenische“ wird von einer heterogenen Minderheitengruppe mit graduell fahrender oder sesshafter Lebensweise verwendet. Diese Gruppe verfügt über eigene kulturelle Identitäten und Geschichten, welche immer wieder untereinander, aber auch von Wissenschaftlern kontrovers diskutiert werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Schweiz Kindeswegnahmen aus jenischen Familien institutionell organisierter und häuften sich. Neben der privaten, zeitweise jedoch staatlich unterstützten Organisation Pro Juventute und anderen „gemeinnützigen“ Organisationen trug auch die katholische Kirche institutionell, personell und finanziell dazu bei – viele der weggenommenen Kinder wurden in katholischen Heimen, Anstalten oder Pflegefamilien untergebracht. Ziel war, sie dort zu „sittsamen und brauchbaren Bürgern“ zu erziehen. Religion war der Hauptbaustein des Fundaments jeder katholischen Fürsorgeinstitution im 20. Jahrhundert. Dies bezog sich nicht nur auf die Ideale und Leitlinien, sondern auch auch die Auswahl der Klientel sowie auf die alltäglichen Praktiken und Strukturen.
Religiosität und Religionspraktiken von Jenischen sowie ihre Beziehung zu kirchlichen Institutionen wurden in wissenschaftlichen Werken bisher kaum in tiefgreifenden Studien untersucht; ebensowenig die Rolle der katholischen Kirche im Zusammenhang mit dem „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“. Dieses Forschungsprojekt nimmt sich daher vor, anhand der katholischen Fürsorgeinstitution Seraphisches Liebeswerk (SLW) zu fragen, ob und inwiefern die „seraphische“ Konzeption von Jenischen mit derjenigen der Pro Juventute übereinstimmte, oder ob sich das SLW davon abgrenzte und die eigenen Tätigkeiten anders legitimierte. Im Zentrum stehen dabei das Verständnis von Religion und die normativen Ansprüche, die damit einhergehen. Es wird untersucht, wie sich die Einstellungen und Praktiken gegenüber Jenischen im Zeitraum der 1920er bis in die 1970er-Jahre verändert haben. Die Arbeit fragt jedoch nicht nur nach den kirchlichen Akteuren dieser Praktiken, sondern auch nach den jenischen. In narrativ-biographischen Interviews wird den Fragen nachgegangen, wie das Verständnis von Jenisch-sein mit Religion verknüpft ist, wie sich die kirchlichen Kindsversorgungspraktiken auf das jenische Verständnis von Religion und Kirche ausgewirkt haben, und wie die geschichtlichen Ereignisse im 20. Jahrhundert das Verständnis von Jenisch-sein geprägt und geformt haben.