Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/1132

Augusta Weldler-Steinberg
Nicht nur für die Emanzipation der Frau, auch für die Gleichstellung der Juden wurde 1896 eine wichtige Hürde genommen, als mit der siebzehnjährigen Augusta Steinberg in Luzern erstmals eine jüdische Schweizerin das Primarlehrerpatent erwarb. Augusta Steinberg war mit ihren Eltern aus Galizien nach Luzern gekommen, gehörte also wie ihr späterer Mann, Norbert Weldler, zu einem Personenkreis, dem die alteingesessenen Schweizer Juden mit Skepsis gegenüberstanden. Wenn sie in der Schweiz wirklich Fuss fassen wollte, so musste Augusta WeldlerSteinberg - und das Bedeutendste, was sie leistete, zielt in diese Richtung! - das Wohlwollen der schweizerischen Juden zu erringen suchen. Schon ihre Dissertation, mit der sie 1902 in Bern summa cum laude doktorierte, war der mittelalterlichen Geschichte der Schweizer Juden gewidmet, und jenes Werk, das sie kurz vor ihrem Tode im Manuskript noch abschliessen konnte, war die erste umfassende Geschichte der Schweizer Juden bis zur Emanzipation von 1866.
Hervorragendes leistete Augusta Weldler-Steinberg aber auch mit der Edition der Werke und Briefe Theodor Körners, Hoffmann von Fallerslebens und insbesondere Rahel Varnhagens, deren Briefe sie 1913 erstmals unverfälscht vorlegte. Nicht weniger engagiert widmete sie sich als Journalistin und Agitatorin der Sache der jüdischen Selbstfindung. Die Begegnung mit Theodor Herzl, aber auch das profunde Wissen um die jüdische Leidensgeschichte hatten die Historikerin nämlich früh zu einer überzeugten Verfechterin der zionistischen Idee eines eigenen jüdischen Nationalstaats werden lassen - eine Begeisterung, die sie wie selbstverständlich mit ihrem schweizerischen Patriotismus zu vereinen wusste.
Als die Mutter zweier Töchter 1932 mit 53 Jahren in Zürich starb und sich bald einmal auf drastische Weise zeigte, wie bitter nötig ein unabhängiger jüdischer Staat gewesen wäre, da schien auch ihre gewichtigste Leistung, die Geschichte der Schweizer Juden, dem Untergang geweiht zu sein. Es war nicht nur das Misstrauen, das die ostjüdische Herkunft der Verfasserin noch immer erregte; der Veröffentlichung stand auch die Sorge im Wege, eine Darstellung der jahrhundertelangen Unterdrückung der jüdischen Minderheit könnte in dunkler Zeit von den Schweizer Mitbürgern als Provokation empfunden werden. So blieb das Werk, obwohl sich Norbert Weldler, als Redaktor des Bücherblatts einer der wichtigsten Literaturvermittler seiner Zeit, immer wieder dafür einsetzte, 35 Jahre lang ungedruckt. Dann aber, 1966 bzw. 1970, stellte sich die bekannte Jiddisch-Forscherin Florence Guggenheim-Grünberg (1898-1989) uneigennützig in den Dienst ihrer Vorgängerin und gab Die Geschichte der Juden in der Schweiz bis zur Emanzipation in zwei mustergültig bearbeiteten Bänden heraus. Wer immer die Schweizer Geschichte ungeschminkt kennenlernen will, tut gut daran, anhand dieser erschütternden Darstellung auch das Schicksal der jüdischen Minorität zu studieren!
(Literaturszene Schweiz)
Weldler-Steinberg, Augusta
*Pomorzany (Galizien) 1.11.1879, Zürich 10.11.1932, Redaktorin und Historikerin. Nach Kindheit und Jugend in Endingen (AG) und Luzern erwarb W.-S., die Schwester des Schriftstellers S.D. Steinberg und spätere Frau des Literaturkritikers N. Weldler, als erste Jüdin das Luzerner Primarlehrerdiplom. 1888 begann sie ein histor. Studium an der Univ. Bern, das sie mit 21 Jahren summa cum laude mit dem Dr. phil. abschloss. Dann betätigte sie sich als Herausgeberin der Werke von T. Körner, Hoffmann von Fallersleben, Rahel Varnhagen u.a. 1916/17 wurde sie Redaktorin der »Jüd. Zeitung« in Wien. 1919 kehrte sie in die Schweiz zurück und arbeitete in Zürich als Leiterin des »Jüd. Korrespondenzbüros«. Zeitlebens bekannte sie sich als Rednerin und Aktivistin zum Zionismus und wusste diese Zielsetzung mit ihrem Engagement als Schweizer Patriotin zu verbinden. In ihren letzten Jahren arbeitete sie an ihrem grossangelegten histor. Hauptwerk, der »Geschichte der Juden in der Schweiz vom 16. Jh. bis nach der Emanzipation«, das nach ihrem Tode aus polit. Gründen nicht veröffentlicht werden konnte und erst 1966-70, betreut von Florence Guggenheim-Grünberg, in zwei Bänden erschien.
(Schweizer Lexikon)
Weldler-Steinberg, Augusta
* 1. 11. 1879 Pomorzany/Galizien, 10. 11. 1932 Zürich. - Herausgeberin, Essayistin, Historikerin.
Nach Kindheit u. Jugend in Endingen/Kanton Aargau u. Luzern erwarb die Schwester des Schriftstellers Salomon David Steinberg u. spätere Gattin des Redakteurs u. Literaturkritikers Norbert Weldler als erstes jüdisches Mädchen das Luzerner Primarlehrerdiplom. Ab 1897 studierte W. Geschichte an der Universität Bern u. wurde bereits 1900 mit summa cum laude promoviert.
W. edierte für Bongs »Goldene Klassikerbibliothek« die Werke Theodor Körners (1908) u. Hoffmanns von Fallersleben (1911) u. gab Rahels Briefwechsel mit Varnhagen (Ein Frauenleben in Briefen. Potsdam 1913. 31925) heraus. 1916 wurde sie Redakteurin der »Jüdischen Zeitung« in Wien, ab 1919 leitete sie das Jüdische Korrespondenzbüro in Zürich. Zeitlebens bekannte sie sich als Rednerin u. Aktivistin zum Zionismus u. wußte diese Zielsetzung ohne Schwierigkeiten mit ihrem Schweizer Patriotismus zu verbinden. Schönste Frucht dieses gelebten Dualismus ist ihre großangelegte Geschichte der Juden in der Schweiz vom 16. Jahrhundert bis nach der Emanzipation, die erst 1966-1970 von Florence Guggenheim-Grünberg in zwei Bänden in Zürich herausgebracht werden konnte.
(Bertelsmann Literaturlexikon)