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1992 erhielt Art Spiegelman den Pulitzer-Preis, es war der erste überhaupt für einen Comic-Autor. Erstmals im deutschsprachigen Raum erscheinen nun seine beiden Maus-Bände gemeinsam in einer bibliophilen Ausgabe im Schuber. Maus I entstand 1973 und Maus II 1986. Beide Bände revolutionierten nicht nur die Comic-Kunst, sondern auch die Art und Weise, wie über den Holocaust gesprochen oder geschrieben wurde.
Es war ein Tabubruch, was Art Spiegelmann Anfang der Siebziger Jahre grafisch umzusetzen begann. Denn bis dahin hatte es noch niemand gewagt, in einem so persönlichen und intimen Modus das Unaussprechliche auszusprechen. An seinem Werk orientierten sich seither Generationen von Comiczeichnern, aber auch die Erzählung über den Holocaust veränderte sich. Es wurden nicht mehr nur Fakten vermittelt, sondern es wurde vor allem das persönliche Er- und Überleben in den Mittelpunkt gestellt. Und das als Graphic Novel, die damals noch lange nicht so einen guten Stand - als neunte Kunstform - hatte wie heute. Art Spiegelman erzählt in "Maus" die Geschichte seines Vaters, des polnischen Juden Wladek Spiegelman, der es geschafft hatte zu überleben und es danach mit seiner Frau Anja von "Mauschwitz in die Catskills" schaffte. Dort, in Queens, New York, gelingt es Art, der gerade selbst eine schwierige Phase in seinem Leben durchmachte, seinen Vater in Gespräche über den Holocaust zu verwickeln. Erst wehrt sich dieser und möchte lieber über seine zweite Frau Mala schimpfen, aber Art bleibt hartnäckig. So entwickelt sich eine ganz besondere Form der Vater-Sohn-Beziehung: Wladek redet, Art zeichnet. Endlich kommen sich die beiden nach dem Tod von Anja, Wladeks Frau und Arts Mutter, näher. Dabei verzichtet Art nicht darauf, die Marotten und Spleens seines alternden Vaters zu schildern, was - trotz der schrecklichen Thematik - auch immer wieder schmunzeln lässt.
Es ist eine unglaubliche Geschichte, die sich auf den weißen Blättern vor dem gerade mal fünfundzwanzigjährigen Art Spiegelmann entfaltet. All die Grausamkeiten, Entbehrungen und der Sadismus der Deutschen, die als Katzen gezeichnet werden und der Juden, die als Mäuse dargestellt sind, wird zeichnerisch festgehalten. Die Dialoge werden immer wieder durch Vor- und Rückblenden unterbrochen und sind so spannend, dass man gar nicht mehr aufhören kann zu lesen. Denn man will natürlich unbedingt wissen, ob sich Mala und Wladek wiederfinden. Trotz all der Wirren des Krieges, den Lagern, dem Hunger und all den anderen Katastrophen, die diese Generation mitmachen musste. Art spart nicht mit Kritik am Antisemitismus der Kollaborateure wie den Polen (oder den Franzosen), die er als Schweine zeichnet. Aber auch die Juden selbst kommen nicht immer gut weg. Aber was hätten sie denn tun sollen? Sie wollten alle nur überleben. Und Wladek hat überlebt, sogar ohne sich die Hände schmutzig zu machen, im Gegenteil, er hat sogar anderen geholfen. Eine erschütternde Familiengeschichte in einem außer Rand und Band geratenen Jahrhundert. "›Maus‹ ist ein Buch, das man nicht weglegen kann. Wenn diese Mäuse über die Liebe sprechen, ist man gerührt, wenn sie leiden, muss man weinen", schrieb der große Literat Umberto Eco über das bahnbrechendste Werk der Comic- und Holocaustliteratur.
Der Neuausgabe des Fischer-Verlages ist zudem eine weitere Geschichte, "Die Vergangenheit hängt über der Zukunft", beigefügt. Darin ist auch ein Stammbaum der Spiegelmans von 1939 und einer von 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges. Art Spiegelmans Mutter, Anja, überlebte den Krieg nur um 23 Jahre. Sie nahm sich 1968, gerade als Art angefangen hatte Maus zu zeichnen, das Leben. Ihre Tagebücher hatte Wladek verbrannt, was die Beziehung zwischen Vater und Sohn stark beeinträchtigte. Aber dennoch schafften sie "Maus" gemeinsam. Den zweiten Teil erlebte Wladek dann leider nicht mehr, er starb 1982. Art Spiegelman heiratete die Französin Françoise und sie haben gemeinsam einen Sohn. Françoise Mouly gab auch das avantgardistische Comic-Magazin "Raw" heraus, in dem "Maus" erstmals als Fortsetzungsgeschichte erschien. Sie lehrt an der New York School of Visual Arts und ist künstlerische Leiterin beim bekannten Magazin "The New Yorker".