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Angriff auf Hvalba
»Still, Tora«, flüsterte ihre Mutter und drückte fest ihre Hand.
Tora verstand nicht weshalb. Die Höhlen lagen hoch oben in den Hügeln, außerdem blies der Wind so laut, dass niemand sie hören würde. Schon gar nicht die Piraten, die weit unter ihnen ihr Dorf plünderten. Dennoch verhielten sich alle Dorfbewohner mucksmäuschenstill.
Tora war müde. Mitten in der Nacht hatte ihre Mutter sie und ihren kleinen Bruder geweckt und sie waren mit den restlichen Dorfbewohnern in die Hügel gelaufen. Dort hatten sie die deponierten Lebensmittel und Kleider gepackt und waren tiefer in die Höhlen gekrochen. Tora gähnte und war bald darauf eingeschlafen.
Am nächsten Tag war die Stimmung etwas gelassener. Die Piraten waren ihnen nicht in die Hügel gefolgt und hatten offenbar kein Interesse sie zu suchen. Einige weinten und Tora hörte, wie die Erwachsenen über die Frauen und Kinder sprachen, die die Piraten eingefangen und über die Männer, die sie erschlagen hatten. Auch ihre Mutter weinte.
»Was ist, Mama?«, fragte Tora und ihre Mutter drückte sie fest an sich.
»Es ist Ragnar«, sagte sie. »Dein Bruder ist krank. Er hat sich verletzt gestern Nacht.«
Toras Vater war vor zwei Jahren gestorben, weil sich eine Wunde, die er sich bei der Vogeljagd zugezogen hatte, entzündet hatte. Die Vorstellung machte ihr große Angst.
»Wir haben keine Medikamente hier«, sagte ihr Onkel. »Jemand muss sie gestohlen haben.«
Tora wusste, wo es Medikamente gab. Unten im Dorf.
Als es Nacht wurde, schlich sich Tora zum Ausgang der Höhle und blickte in Richtung der Bucht, wo sie noch vor zwei Wochen die Wale geschlachtete hatten, die sie durch den nächsten Winter bringen sollten. Auch das Walfleisch war nun in den Händen der Piraten. Was würden sie essen, wenn der Winter kam?
Tora schüttelte den Gedanken ab.
Fackeln beleuchteten das Dorf und die drei großen Schiffe, die in der Bucht lagen.
Vorsichtig machte sich Tora an den Abstieg. Der Abhang war steil und die Hufe Schafe hatten Löcher in den Grund gerissen, in welchen man sich einfach die Füße stauchte. Aber Tora kannte den Abhang. Sie war ihn unzählige Male auf und ab gegangen. Weiter oben wäre es gefährlicher. Auf der Westseite der Insel fielen die Klippen steil in die Tiefe und man rutschte leicht auf dem feuchten Gras aus.
Die Häuser an dichtesten am Landesinnern lagen im Dunkeln. Die Piraten hatten nur die Hütten direkt an er Bucht belegt. Dort, wo auch der Arzt wohnte und wo sie die Medikamente finden würde.
Tora schlich an den Wänden entlang, bis der erste Fackelschein sie berührte. Irgendwo johlten Männer, aber es war von weit weg. Von den Schiffen vielleicht?
Sie hielt sich weiter in den Schatten, bis sie die Hütte des Arztes erreicht hatte. Sie begegnete keiner Menschenseele. Schnell trat sie auf die Schwelle, öffnete die Tür und schloss sie hinter sich. Der ferne Fackelschein erhellte das Innern der Hütte gerade so, dass sie die Möbel erkennen konnte. Sie schlich sich in den Raum, wo der Arzt die Leute behandelte und die Medikamente aufbewahrte. Sie hatte keine Ahnung, wonach sie suchte und beschloss, mitzunehmen, was sie konnte. Sie öffnete den Beutel aus Schafsleder und legte die Tinkturen und Pülverchen vorsichtig hinein. Dann polsterte sie ihn mit Kleidern, die sie in der Hütte fand.
Sie hängte sich den Beutel quer über den Rücken und trat wieder an die Tür heran.
In dem Moment wurde diese geöffnet.
Für den Bruchteil einer Sekunde starrte sie in ein bärtiges Gesicht, das genauso überrascht wirkte, wie sie selbst.
Tora reagierte zuerst und versetzte dem Mann einen Stoß. Es reichte bei weitem nicht, ihn ins Taumeln zu bringen, aber sie schaffte es, sich neben ihm durchzuquetschen.
Als sie an ihm vorbei war, rief er etwas in einer fremden Sprache. Tora rannte so schnell sie konnte. Sie wollte denselben Weg zurück nehmen, aber plötzlich stand da ein weiterer Mann. In seiner Hand lag ein Säbel. Tora hetzte in die entgegengesetzte Richtung. Zu spät realisierte sie, dass sie direkt auf die Bucht zuhielt. Eine Sackgasse. Der Sand unter ihren Füssen verlangsamte sie, doch das betraf auch die beiden Piraten. Säbelrasselnd waren sie hinter ihr her und stießen beängstigende Rufe aus. Tora hatte Angst, dass auf einmal eine ganze Horde hinter ihr her sein würde. Aber scheinbar waren es nur die zwei. Das entfernte Johlen wurde lauter. Es kam tatsächlich von den Schiffen, aber dort schien man nicht mitzukriegen, was sich am Strand abspielte.
Nun netzte das Meerwasser Toras Füße. Sollte sie ins Wasser springen? Das wäre ihr Tod. Wie die meisten Inselbewohner konnte sie nicht schwimmen. Das Meer war viel zu rau dafür.
Aber ihre Beine waren bereits müde und ihre Lunge brannte. So konnte nicht mehr lange weiterlaufen. Dann kam ihr eine Idee.
Sie wandte sich nach rechts und rannte weiter über den Sand, bis sie zu einer Stelle kam, die von großen Holzpfählen abgesetzt war. In der Dunkelheit waren die Pfähle nicht zu erkennen, aber Tora wusste, dass sie da waren.
Sie schlug einen Haken, so dass sie bis zu den Knien im Wasser watete und die abgesteckte Fläche umging. Dann machte sie einen Sprung zurück ans Ufer.
Die Männer hätten sie gleich eingeholt.
Sie drehte sich um und ging mit langsamen Schritten rückwärts.
Die beiden Piraten dachten nicht daran, ihren Ausflug ins Meer nachzumachen, sondern nahmen den kürzeren Weg direkt durch die abgesteckte Fläche. Sie lachten, als sie sahen, dass Tora stehen geblieben war, und machten einen gewaltigen Satz in ihre Richtung.
Das Lachen blieb ihnen im Hals stecken, als sie sofort bis über die Stiefel einsanken. Verwirrt zogen sie den einen Fuß aus dem Sand, nur um mit dem anderen tiefer einzusitzen. Sie wiederholten die Bewegung, bis sie beide bis zu den Knien im Treibsand steckten.
Nun fluchten sie laut und fuchtelten wild mit den Armen.
Tora dachte nicht daran, ihnen zur Hilfe zu eilen, sondern setzte ihre Flucht fort, weg vom Strand, weg vom Dorf und zurück in die Hügel. Zurück zu Ragnar, den Lederbeutel fest auf dem Rücken.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.