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Schon lange vor dem Beginn der Olympischen Winterspiele wurde in der russischen und der internationalen Presse viel über Sotschi geschrieben. Ein Augenschein vor Ort zeigt deutlich: Eines der Hauptprobleme ist die Missachtung des Arbeitsrechts.
Die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi versprechen, zu den "kompaktesten" der Geschichte zu werden – zumindest, wenn man den Organisatoren glauben kann. Das Organisationskomitee hat seit 2009 über 1,15 Milliarden Franken an Investitionen an Land gezogen.
Die Kompaktheit der Spiele äussert sich darin, dass sie in zwei Ballungszentren durchgeführt werden: Eines befindet sich direkt an der Schwarzmeer-Küste, ein anderes in den Bergen, wo die Hauptveranstaltungen geplant sind.
Die Durchführung der Olympischen Spiele ist Teil des Ziels, die Küstenregion Sotschi zu einem Resort zu entwickeln: 2007 hat die Regierung ein "Programm zum Bau der Olympischen Anlagen und zur Entwicklung Sotschis zu einem Berg-Resort" angenommen, das den Bau von 206 Anlagen vorsieht, davon 30 für Sportwettbewerbe. Die anderen sind Teil der Bau- und Tourismus-Infrastruktur.
Dies alles hat zu einer Veränderung der Wirtschaft der Stadt geführt und neue Jobs geschaffen. Aus allen Teilen Russlands und dem Ausland sind Bauarbeiter nach Sotschi gepilgert.
In Russland gilt Sotschi als reiche Stadt. Doch ist dem wirklich so? Sie hat die gleichen Probleme wie der Rest des riesigen Landes: Tiefe Löhne, hohe Preise, baufällige öffentliche Einrichtungen, schlechte Strassen.
Seit sechs Jahren bereits wird der ambitiöse olympische Plan umgesetzt. Für die Einwohnerinnen und Einwohner ist es nicht einfach, mit der ständigen Bautätigkeit zu leben. Doch Lärm und Schmutz sind nicht die einzigen Probleme: Ein anderes sind die oft nicht entrichteten Löhne der Bauarbeiter.
Olympia 2014 in Zahlen
Die XXII Olympischen Winterspiele finden vom 7.-23. Februar 2014 in Sotschi statt, die Paralympischen Winterspiele vom 7.-16. März.
11 neue Sportanlagen wurden in Sotschi gebaut, die insgesamt 120'000 Sitze anbieten.
In 7 Olympischen Disziplinen werden insgesamt 98 Medaillensätze vergeben.
In Sotschi werden 6000 Olympionikinnen und Olympioniken sowie Teammitglieder (Trainer, Ärzte, usw.) untergebracht.
25'000 Freiwillige werden die Spiele betreuen.
Zu den Spielen sind rund 13'000 Journalistinnen und Journalisten akkreditiert.
Es wird erwartet, dass rund 3 Milliarden Menschen die Spiele am Fernsehen oder auf mobilen Geräten verfolgen werden.Infobox Ende
Missachtung der Rechte
Die Rechte der Bauarbeiter würden missachtet und "die Unterlassung, ihnen die Löhne zu zahlen, ist weitverbreitet", sagt Semjon Simonow, Koordinator des Zentrums für Migration und Recht in Sotschi. Weitere häufige Verletzungen des Arbeitsrechts beträfen fehlende Verträge mit Subunternehmern oder überhaupt keine Arbeitsverträge.
Robert Kesjan, der an der Universität von Sotschi Ingenieurwissenschaft abgeschlossen hat, ist seit August 2012 bei der Firma Q-tec beschäftigt, die im Imeretin-Tal im Küsten-Ballungsraum Hotels für Olympia-Besucher baut. Im November 2012 wurde er zum Chefingenieur der Abteilung Technische Unterstützung befördert.
Während Bauarbeiter auf den Olympischen Baustellen, besonders Migranten, häufig ohne korrekten Arbeitsvertrag angestellt werden, wurde Kesjan als Einheimischer gemäss allen Regeln des russischen Arbeitsgesetzes beschäftigt. Trotzdem wurden seiner Abteilung – sieben Ingenieure und rund 100 Bauarbeiter – seit Juli 2013 die Löhne nicht mehr ausbezahlt.
Demonstrationsverbot
Sie brauchten nicht lang, um herauszufinden, dass ihre ausstehenden Löhne nicht das einzige grössere Problem waren: Es stellte sich heraus, dass sich die Kontrollbücher der Arbeitsbeschäftigung im Firmenbüro in Moskau befanden – und ohne diese kriegt man keinen anständigen Job. Einige Kollegen Kesjans stammen aus anderen Teilen Russlands und können sich jetzt nicht einmal mehr ein Billett für die Heimreise kaufen.
Zwar haben sie ihren Fall dem Staatsanwalt gemeldet, bis jetzt ist aber eine Antwort ausgeblieben. Zudem sind Demonstrationen oder Streikposten verboten, da dies zu Unruhen führen könnte, was in Sotschi mit einer Gefängnisstrafe belegt wird.
Simonow selber hat bereits um die 90 Klagen wegen unbezahlter Löhne erhalten, wie er gegenüber swissinfo.ch erklärt. Seine Organisation ist erst seit Juli 2012 in der Gegend tätig.
Die internationale Nichtregierungs-Organisation Human Rights Watch (HRW) hat die Daten des Zentrums für Migration und Recht als Basis für ihren Bericht über Missbräuche des Arbeitsrechts auf den Baustellen der Olympischen Anlagen benutzt.
Dank Journalisten und der Öffentlichkeit werde das Problem nun diskutiert, ist Simonow überzeugt. "Die Situation hat sich qualitativ ein wenig verbessert", sagt er. "Zumindest haben die Behörden erkannt, dass das Problem existiert."
Bericht Human Rights Watch
Am 6. Februar 2013 publizierte die Menschenrechts-Organisation den Bericht "Race to the Bottom: Exploitation of Migrant Workers Ahead of Russia’s 2014 Winter Olympic Games in Sochi".
Laut dem Bericht wurden Arbeitsmigranten von ihren Arbeitgebern ausgenutzt. Sie mussten 12-Stunden-Tage arbeiten, erhielten keine Freitage, wurden oft nicht wie vereinbart entlöhnt – und wenn sie ihre Rechte einforderten, wurden sie einfach des Landes verwiesen.
Der Bericht stützt sich auf fast 70 Interviews mit Arbeitsmigranten, die zwischen 2009 und 2012 auf den olympischen und anderen Baustellen in Sotschi gearbeitet haben.
Es waren Bauarbeiter aus Armenien, Kirgistan, Serbien, Tadschikistan, der Ukraine und Usbekistan. Fast alle übten wenig qualifizierte Jobs zu tiefen Löhnen aus. Laut ihren Aussagen verdienten sie pro Stunde zwischen 55 und 80 Rubel (1.45 – 2.15 Franken).Infobox Ende
HRW-Bericht
Die Menschenrechts-Organisation hatte ihren Bericht "Das Rennen an die Talsohle: Ausnützung von Arbeitsmigranten im Vorfeld der russischen Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi" im Februar 2013 veröffentlicht.
Neben spät oder gar nicht ausbezahlten Löhnen listet der Bericht weitere Missachtungen auf wie etwa den 12-Stunden-Tag und die Tatsache, dass die Arbeitgeber in vielen Fällen die Personalausweise oder Pässe der Bauarbeiter zurückhalten.
Der Bericht fusst auf Interviews mit 66 Arbeitsmigranten, die grösstenteils auf einigen der grössten olympischen Baustellen in Sotschi arbeiteten: dem Olympiastadion, dem Olympischen Hauptdorf und dem Haupt-Medienzentrum.
Konstantin Romodanowski, Vorsteher des russischen Migrationsdienstes, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax, der HRW-Bericht habe die Situation "proportionslos" aufgeblasen. Er bezeichnete die Art und Weise der Präsentation als "falsch und unehrlich".
Sein Dienst beobachte die Situation sehr genau, sagte er. Er gab aber auch zu, dass es zu einzelnen Missgeschicken und Komplikationen gekommen sein könnte. Allerdings hätten die Behörden keine ernsthaften Beschwerden erhalten und es gebe keine Hinweise auf grossflächige Verspätungen von Lohnzahlungen auf den olympischen Baustellen.
Die Tageszeitung Vedomosti behauptet, die Gesamtkosten für die Vorbereitung der Olympischen Spiele in Sotschi beliefen sich bereits auf über 1,5 Billionen Rubel (40 Milliarden Franken), fünf Mal mehr, als die zu Beginn geschätzten 315 Milliarden Rubel.
Organisation und Austragungsorte
Das Organisations-Komitee wurde am 2. Oktober 2007 gegründet. Zu den Gründern gehören das russische Olympische Komitee und das Ministerium für Sport, Tourismus und Jugendpolitik der Russischen Föderation.
Die Wettkämpfe werden an zwei Standorten (Cluster) durchgeführt.
Zum "Berg-Cluster" in Krasnaja Poljana gehören die Skipisten, die Bobbahn, die Rodel- und Skeleton-Bahn, das Olympische Bergdorf und zahlreiche Hotels. Dank einer neuen Eisenbahnstrecke ist der Olympiapark in nur einer Stunde erreichbar.
Der "Küsten-Cluster", vom Meer abgetrennt durch einen Maschendrahtzaun, umfasst verschiedene Eislaufbahnen und ein ultramodernes Medienzentrum. Dieses soll laut den Organisatoren 7 Mal grösser sein als der rote Platz in Moskau.
An diesem Standort befindet sich auch das Olympische Hauptdorf, dessen Wohnungen nach den Spielen verkauft oder vermietet werden sollen.Infobox Ende
swissinfo.ch