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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2002 von Peter Weiss
HERKUNFT
Emil Züllig stammt aus einer währschaften Bauernfamilie aus Oberaach, Gemeinde Amriswil im Kanton Thurgau. Sein Vater, bärenstark, Schwingerkönig, ein unermüdlicher Schaffer und über seine Zeit hinausblickender Bauer und geschickter Geschäftsmann, genoss bei seinen Mitbürgern grosses Vertrauen. Er besass als erster des Dorfes ein Auto, einen Achtzylinder namens «Röhr». Seinen zwei Söhnen aus erster Ehe erwarb er je einen Hof, den sie als tüchtige Bauern bewirtschafteten.
Nach dem Tode seiner Frau verheiratete er sich mit Emma Straub, einer zierlichen und feingliedrigen Tochter aus einer Industriellenfamilie. Sie gebar ihm die beiden Töchter Elsi und Anna und am 24. Juli 1912 den Sohn Emil.
Anna starb bereits eineinhalbjährig. So wuchs Emil mit seiner Schwester Elsi auf und erlebte auf dem elterlichen Hof eine anregende und glückliche Jugendzeit.
Während Elsi draussen mit dem Vater durch Feld und Hof zog und bei den Tieren war, hielt sich Emil vorwiegend bei der Mutter auf. Sie war eine intelligente und liebevolle Frau. Er liebte es, mit ihr zu diskutieren und spielerisch mit ihr um Rinder, Kühe, Pferde und Sauen zu handeln.
Emil war ein aufgeweckter, interessierter und begabter Schüler.
Seine Mutter und ihre beiden Schwestern, – die eine Hebamme, die andere Krankenschwester –, waren sehr gläubige und religiöse Menschen. Da Emil eher etwas hager und fein gebaut war, fanden sie: «S Miggeli söll Pfaarer werde.»
In jener Zeit, Emil dürfte etwa 13-jährig gewesen sein, starb seine Schwester, eine kräftige, bildhübsche, blühende Frau, die sich jung verheiratet hatte, nach der Geburt ihres ersten Kindes im Kindbett. Das Kind, ein gesunder Knabe, überlebte, doch der tragische Tod seiner geliebten Elsi erschütterte Emil Zülligs feinfühliges Gemüt bis zuinnerst.
Emil Züllig mit Schwester Elsi und Tante.
AUSBILDUNG UND STUDENTENZEIT
Nach der Sekundarschule in Amriswil besuchte Emil Züllig die Handelsschule in Neuenburg. Hier, wie auch bei seiner Logisgeberin, einer aufgeweckten Witfrau, mit der er gerne und eifrig diskutierte, lernte er ausgezeichnet Französisch.
Anschliessend absolvierte er auf dem Bauerngut des Schlosses Brunegg ein landwirtschaftliches Lehrjahr, dem ein zweites auf einem Gut in Vaumarcus im Welschland folgte, auf welchem zur grossen Freude und Begeisterung Emil Zülligs Pferde gezüchtet wurden.
Nach dem Erwerb des Meistertitels als Landwirt bestand Emil Züllig die Aufnahmeprüfung an die Eidgenössisch Technische Hochschule in Zürich. In den Jahren 1935 bis 1939 bildete er sich an der Abteilung für Landwirtschaft zum Ingenieur Agronom aus und war anschliessend als Assistent am Tierzuchtinstitut der ETH tätig. Als Student trat er schon früh der «Akademischen Landwirtschaftlichen Verbindung» ALV bei, der damals einzigen farbigen Bruderschaft an der ETH. Seinem ausgeprägten Dialekt und seinem Wesen entsprechend erhielt er als Vulgo den Namen «Thuro». Schon nach kurzer Zeit wurde man auf den initiativen und lebhaften neuen Studenten aufmerksam. Emil Züllig fiel vor allem durch sein Organisationstalent und seine Führungsgabe auf, war er doch schon als Student Hauptmann der Schweizer Armee, sowie durch seine Gewandtheit in der französischen Sprache.
Dezember 1933: Emil Züllig (links) mit Schweizermeister Thommen im ersten landwirtschaftlichen Lehrjahr auf Brunegg.
Student Emil Züllig (links), genannt «Thuro», als Mitglied der Akademischen Landwirtschaftlichen Verbindung (ALV).
So wurde er in den Vorstand der Akademischen Landwirtschaftlichen Verbindung berufen und zu deren Präsidenten gewählt. Als Delegierter seiner Fakultät nahm Emil Züllig auch Einsitz im Vorstand des Verbandes der Studierenden der ETH (VSETH), dem obersten Gremium der Studentenschaft, den er nach kurzer Zeit ebenfalls präsidierte. Der gemeinsame Einsatz des Schulratspräsidenten Professor Pahl, des Schulratsekretärs Dr. Hans Bosshardt und des Präsidenten der Studentenschaft Emil Züllig vermochte, trotz starker Pressionsversuche des Deutschen Reiches, die ETH und die Schweizerischen Hochschulen für Flüchtlinge aus Deutschland offen zu halten.
MILITÄR
Mit grosser Sorge verfolgte sein wacher Geist in jener Zeit die politischen Veränderungen in Deutschland. Aus tief verwurzelter Vaterlandsliebe engagierte er sich mit Überzeugung für eine freie und unabhängige Schweiz. Innert kürzest möglicher Zeit durchlief er die militärische Ausbildung vom Rekruten bis zum Kompaniekommandanten im Füsilierbataillon 73 des Thurgauer Infanterie-Regimentes 31. Sportliche Ertüchtigung war ihm sehr wichtig. Er selber wurde Dreikampfmeister in den Disziplinen Skilanglauf, Reiten und Schiessen.
Emil Züllig war ein Offizier mit Schneid und Autorität, tüchtig und pflichtbewusst bis zum Äussersten. Er verlangte von seiner Truppe vollen Einsatz, verstand sie aber auch zu begeistern und auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten. Von seinen militärischen Aufgaben wie zum Beispiel der Bewachung des Gotthard-Nordportals oder von seiner langen Dienstzeit in der March erzählte er immer wieder gerne.
Emil Züllig als engagierter Gruppenführer.
Hauptmann Züllig unterwegs mit der Truppe.
Traversierung der wilden, vereisten Reuss
Als Emil Züllig im Aktivdienst mit seiner Truppe das Gotthard-Nordportal zu bewachen hatte, ersann er sich alles Mögliche, um seine Männer zu beschäftigen. So verlangte er von einem Leutnant, mit seinem Zug mit Hilfe von Pickeln, Stangen, Seilen und Steigeisen die schwer vereiste wilde Reuss zu überqueren. Sein Leutnant, Pierre Wenger, der später Oberst und schweizerischer Verteidigungsattaché in Japan und Südkorea wurde, versuchte ihn von seinem Vorhaben abzubringen, seien doch die spiegelglatt vereisten Granitblöcke im Fluss eine viel zu grosse Gefahr für die Soldaten. Nur sehr widerwillig habe Hauptmann Züllig auf seinen Plan verzichtet und den erteilten Befehl zurückgenommen. Später aber sind die beiden gute Freunde geworden, und ich habe miterlebt, wie Pierre Wenger am Grab von Emil Züllig ein wundervolles Blumenkissen aus roten und weissen Rosen, die Schweizerfahne darstellend, niedergelegt hat.
Er liebte die Nähe zu den Menschen. Oft ass er nicht bei den Offizieren, sondern mit den Soldaten. Als er feststellte, dass die Soldaten mit schwarzem Kaffee und dunklem Brot als Morgenessen nicht richtig ernährt waren, überlegte er sich, wie man diesen Missstand beheben könnte. Er ordnete an, dass jeden Morgen auch Porridge bereitgestellt werden musste, der mehr Nährwert hatte und länger Kraft zu spenden vermochte. Dieser Haferbrei ging, weil seine Erfindung, als „Z-Frass“ in die Geschichte der Kompanie ein.
Seine militärische Karriere schloss er als Major in einem Stab ab, eine Tätigkeit, die den geborenen Truppenführer eher langweilte.
FAMILIE
An einem Studentenkongress in Zürich, der sich unter anderem mit dem Schicksal der vorwiegend jüdischen Flüchtlinge befasste und den Emil Züllig mit klarer Überzeugung und innerem Feuer leitete, nahm als Vertreterin einer Basler Vereinigung auch Ruth Schaad teil. Tief beeindruckt von der Art Emil Zülligs kam die städtisch geprägte und vor allem kulturell interessierte Baslerin in anschliessenden Gesprächen dem Bauernsohn aus dem Thurgau immer näher. Die beiden entdeckten eine innige Übereinstimmung ihrer Gedanken, Ideale und Gefühle. Emil Züllig schmiedete grosse Pläne. Er beabsichtigte, ein privates landwirtschaftliches Grossprojekt in einer der fruchtbarsten Gegenden Sloweniens in Angriff zu nehmen oder nach Argentinien auszuwandern, um dort eine Pferdezucht in grossem Stil aufzubauen. Zur Vorbereitung auf ihre künftige Aufgabe als Gutsherrin musste Ruth Schaad im Tessin ein spezielles landwirtschaftlich-hauswirtschaftliches Praktikum mit Kleinviehzucht und Gartenbau absolvieren, was für sie als Städterin mit etlichen Strapazen verbunden war. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges machte jedoch alle diese Pläne jäh zunichte.
Am 8. Juli 1943 heirateten Emil Züllig und Ruth Schaad in Zürich. Da Kriegszeit war und der Bräutigam nur einen kurzen Militärurlaub erhielt, wurde die Hochzeit in kleinem Rahmen gefeiert. Anschliessend zogen er und seine Frau ins gemeinsame Heim an der Sonnmattstrasse 7 in Wädenswil. 1946 wurde ihnen der Sohn Robert geschenkt, 1950 die Tochter Elisabeth, die nach ihrer Geburt mit der Familie gleich ins neue Haus im unteren Baumgarten einziehen konnte. Als Vater verlangte Emil Züllig viel von seinen Kindern. Er förderte sie vor allem dadurch, dass er sie forderte. Während seine Frau, die von sportlicher Betätigung nicht viel hielt und sich eher für Sprache, Literatur und die gemütvolle Seite des Lebens interessierte, nach Weihnachten jeweils ihre Freundinnen in Basel besuchte, zog Emil Züllig mit Sohn und Tochter nach Davos. Mit Fellen an den Skiern die Hänge hochstapfen lag ihm näher als unbeschwertes Pistenvergnügen. Es war sein Anliegen, seine Kinder zu lebenstüchtigen, leistungsfreudigen und verantwortungsvollen Menschen heran zu bilden. Die verschieden gelagerten Interessen der Eltern waren für die Kinder anregend und vor allem auf den gemeinsamen Reisen der Familie nach Italien, Frankreich oder England äusserst bereichernd. Im Übrigen wussten sie stets, dass sie sich auf ihren Vater voll und ganz verlassen konnten.
Hochzeit in bescheidenem Rahmen am 8. Juli 1943.
Emil Züllig war glücklich über den beruflichen Erfolg seines Sohnes und seiner Tochter und freute sich, als sie eigene Familien gründeten und ihm vier Enkelkinder geschenkt wurden: Norman und Christoph, Riccarda und Charlotte. Interessiert nahm er Anteil an ihrem Werden und erzählte gerne von ihnen.
GÜNDUNG DER FACHSCHULE
Am 14. September 1941 beschloss die Generalversammlung des Schweizerischen Obstverbandes in Schwyz einstimmig, in Wädenswil eine «Fachschule für technische Obstverwertung» zu gründen. Nun galt es, einen tüchtigen Schulleiter zu finden. Die Wahl fiel auf den damals dreissigjährigen Emil Züllig, Dipl. Ing.-Agr. ETH, «einen spritzigen, temperamentvollen, initiativen jungen Mann und seriösen Schaffer».
Mit jugendlichem Elan packte er seine neue Aufgabe an. Um sich mit seinem Fachgebiet vertraut zu machen und die Obstverwertungsbranche näher kennen zu lernen, arbeitete Emil Züllig unter anderem auch in der Mosterei Zweifel in Höngg. Am 8. Juni 1942 wurde die Fachschule im von der Gemeinde Wädenswil gemieteten Gewerbehaus an der Schönenbergstrasse 3 eröffnet. Hier wohnten neben Emil Züllig auch die internen Schüler in spartanischen Unterkünften. Er selber war Schulleiter, Verwalter, Internatsleiter und Hauptlehrer in einer Person. Als einzigem vollamtlichem Lehrer standen ihm sieben Lehrbeauftragte zur Seite. Den Unterricht erteilte man ausser an der Schönenbergstrasse in Räumen der «Eidgenössischen Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau», die der Schule auf Ersuchen von Emil Züllig auch ein Labor zur Mitbenützung zur Verfügung stellte.
STUFENWEISER AUFBAU
Die Entwicklung der Schule vollzog sich in kleinen Schritten, immer in engem Kontakt mit der Praxis und entsprechend deren Forderungen. Bereits im Jahre 1944 wurde mit dem höheren Lehrgang ein Unterricht zwischen Berufs- und Hochschule eingeführt – ein Novum auf dem Sektor der Urproduktion, das erst Jahre später seine volle Anerkennung fand.
1945 gelang der Erwerb von zirka zwei Hektaren Land des Zuppinger-Gutes auf dem Rötiboden in Wädenswil. Mit der eigens dafür geschaffenen Stiftung Technische Obstverwertung wurde die freie Nutzung des Landes und einer kleinen Scheune durch die Schule sichergestellt.
1950 erfolgte der Anschluss einer Weinfachabteilung (Rebbau und Weinbereitung), die vor allem von Dr. Walter Eggenberger betreut wurde, und die zur Namensänderung in «Schweizerische Obst- und Weinfachschule» (SOW) führte.
Im selben Jahr konnte vom Au-Konsortium der Südhang auf der Halbinsel Au gepachtet und ein Schulrebberg von 3 ha angelegt werden. 1952 kam noch das Bollergut auf der Au dazu.
Im Jahre 1960 wurde das Reglement für die Techniker-Prüfung durch die Abteilung für Landwirtschaft des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements genehmigt.
Ein weiterer Meilenstein war, als 1962 dem höheren Lehrgang die Fachrichtung Obstbau angeschlossen wurde. 1968 erhielt die Schule Heimatrecht im Grüental, wo sowohl das Schulgebäude der ehemaligen landwirtschaftlichen Schule wie der Gutsbetrieb pachtweise übernommen werden konnten.
Kellerbesichtigung auf der Rheinland-Exkursion, 1951. Von links: Herr Labonte, Domänenrat Johannisberg, Professor Schauderl, Emil Züllig.
An der Schule in Wädenswil wurden Berufe geschaffen, die neu waren für die Schweiz: Obstverwerter und Weinküfer, Winzer und Obstbauer. Nach vielen Verhandlungen und entsprechenden Vorarbeiten wurde im Jahre 1970 die Fachrichtung Gartenbau angeschlossen und der Techniker-Lehrgang auf sechs Semester ausgebaut. Damit wurde die sinnvolle und zweckmässige Übereinstimmung der Fachgebiete mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau geschaffen.
Am 8. August 1975 erfolgte die formelle Anerkennung der Schule als Höhere Technische Lehranstalt HTL für Obst-, Wein- und Gartenbau, und zwar rückwirkend auf den ersten sechssemestrigen Techniker-Lehrgang 1970–1973. Das war für Emil Züllig die Krönung jahrelanger unermüdlicher Pionierarbeit, gab es doch in der Schweiz im Bereich landwirtschaftlicher Richtung noch keine Lehranstalt mit Techniker- oder HTL-Abschluss.
Zu erwähnen sind auch all die vielen Kurse und Vortragstagungen, die – in den verschiedenen Spezialgebieten angeboten – der Weiterbildung und der Vertiefung in einem Fachgebiet dienten und von Ehemaligen sowie von weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der ganzen Schweiz und dem Ausland besucht wurden. Damit konnte Emil Züllig für sein Berufsbildungszentrum ein weiteres Ziel – die «éducation permanente» – erreichen.
Emil Züllig leitet eine Weindegustation, 1950. Zweiter von links: Dr. Walter Eggenberger.
Zur Zeit seines Rücktritts am 1. Oktober 1978 beschäftigte das Technikum HTL für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil neun Hauptlehrer, einige Dutzend Lehrbeauftragte aus den verschiedensten Fachgebieten und etwa zwanzig festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Jährlich absolvierten rund 200 Schüler und Studenten die Berufsschule, die Fachschule und das Technikum. An Spezialkursen nahmen rund 1000 Personen teil. Im Weiteren legten jährlich über 100 Kandidaten und Kandidatinnen Prüfungen verschiedener Art ab.
So hat Emil Züllig während 36 Jahren mit Zielstrebigkeit, Sorgfalt und unermüdlichem Einsatz – trotz vieler Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten – unbeirrt Baustein um Baustein zusammengetragen und ein Ausbildungszentrum mit klaren Zielen und praktikablen Strukturen geschaffen, das nicht nur im Inland, sondern weit über die Landesgrenzen hinaus hoch angesehen ist.
«NÜD LUGG LAA GWÜNNT»
Emil Züllig musste ständig kämpfen, nicht nur um die Anerkennung der neuen Berufe und Lehrgänge seiner Schule, sondern von Anfang an auch um die nötigen Finanzen. Zunächst mussten der Obstverband und die Betriebe der Getränkebranche die Geldmittel allein aufbringen. Zielgerichtet und äusserst sparsam setzte Emil Züllig die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel ein. Unermüdlich knüpfte er Beziehungen und setzte sich dafür ein, von den Kantonen der deutschen Schweiz und vom Bund Subventionen zu erhalten.
Er hat mir erzählt, wie er oftmals, wenn in der Ostschweiz ein hoher Politiker oder Wirtschaftsführer zu Grabe getragen wurde, an dessen Beerdigung teilgenommen habe, um anschliessend beim Leidmahl die massgeblichen Regierungsräte und Entscheidungsträger zu treffen und sie in lockerer Runde mit seinen Anliegen bekannt zu machen.
Als er einmal die zuständigen Regierungsräte von Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden gemeinsam nach Wädenswil einlud, um ihnen seine Pläne für die Schule darzulegen, beschied man ihm aus Innerrhoden, ihr Regierungsrat möchte von ihm einzeln und nicht zusammen mit dem Ausserrhoder Kollegen empfangen werden.
Zielstrebig, mit zähem Durchhaltewillen wie mit Liebenswürdigkeit und Humor arbeitete Emil Züllig auf die Schaffung eines interkantonalen Konkordates als neue Trägerschaft und Rechtsform seiner Schule hin. Mit dem Konkordat sollte die Finanzierung der dringend erforderlichen Neubauten – der Unterricht war in Wädenswil inzwischen auf zehn verschiedene Standorte verteilt – wie auch die Deckung der laufenden Betriebskosten gesichert werden. Mit enormem Einsatz erstellte Emil Züllig Vorstudien für die neue Schule und leistete unermüdlich Überzeugungsarbeit.
Nachdem die Landwirtschaftsdirektoren aus den deutschsprachigen Kantonen nach intensiver Vorarbeit dem bereinigten Konkordatstext am 14. März 1974 zugestimmt hatten, genehmigte der Bundesrat das Konkordat und setzte es auf den 1. August 1976 in Kraft. Ihm gehören 17 Deutschschweizer Kantone sowie das Fürstentum Liechtenstein an. Somit bestand eine tragfähige Grundlage für den späteren Neubau und die Zukunft der Hochschule Wädenswil.
1978: Besichtigung des Bauareals im Grüntal für die neue Hochschule Wädenswil. Von links: Regierungsrat Prof. Hans Künzi; Emil Züllig; Bundesrat Dr. Fritz Honegger; Dr. Walter Müller, Nachfolger von Emil Züllig als Schulleiter.
DOZENT, LEHRER UND ERZIEHER
Viel Kraft investierte Emil Züllig auch in die Vorbereitung seines Unterrichtes und seiner Vorlesungen. Sie waren gekennzeichnet durch einen klaren Aufbau, eine eindeutige Zielsetzung und stets eng mit der Praxis verbunden. Sein Wissen gab er auch als Dozent an der ETH Zürich weiter, wo er während vieler Jahre an der Abteilung Landwirtschaft als Lehrbeauftragter für Betriebsführung im Gärungsgewerbe wirkte.
Seine Gattin Ruth war ihm in all seinem Wirken eine überaus wichtige Gesprächspartnerin. Sie war sowohl die erste Lektorin seiner Aufsätze wie die erste Hörerin seiner Vorträge oder Vorlesungen. Ihr gesundes und kritisches Urteil war ihm auch bei der Anstellung von Mitarbeitenden wertvoll. Auf der halbjährigen Reise nach Amerika, auf der er an den Universitäten von East Lansing und Davis Gastvorlesungen über Oenologie hielt und gleichzeitig die aufstrebenden neuen Weingebiete der USA kennen lernte, begleitete sie ihn als Dolmetscherin und Übersetzerin.
Ohne sich anzubiedern, stand er seinen Studenten und Schülern sehr nahe und fühlte sich mit ihnen verbunden. Ich erinnere daran, wie er mit ihnen im Bobschlitten, den sie in der schuleigenen Werkstatt gebaut hatten, vom Hänsital die Schönenbergstrasse bis ins Dorf hinunter sauste.
Sein Unterricht war lebhaft und oft auch sehr witzig. Neben der Wissensvermittlung war ihm die charakterliche Bildung der ihm Anvertrauten ein wichtiges Anliegen. Was brachte er doch seinen Studenten im Fach «Lebenskunde» nicht alles bei! Zunächst ganz Praktisches: Falls sie im Unterricht einzuschlafen drohten, sollten sie mit nassen Fingern ihre Augenbrauen nach aussen streichen, das erhalte sie wach. Dazu unterrichtete er sie in Anstandslehre und exerzierte mit ihnen den Umgang mit Damen. Und ganz im Sinne Jeremias Gotthelfs gab er ihnen auch Tipps, worauf sie achten müssten, wenn sie auf Brautschau gingen. Auch rüstete er sie mit Lebensweisheiten aus, wie zum Beispiel mit dem französischen Sprichwort: .«Si on n’a pas, ce qu’on aime, il faut aimer ce qu’on a.»
Geriet ein Schüler in persönliche Schwierigkeiten, so fand er bei Emil Züllig stets ein offenes Ohr und wirksame Hilfe.
Den Körper fit und sportlich zu erhalten, war ihm wichtig. Jung, vital und dynamisch übersprang er, wenns eine Treppe hinauf oder hinunter ging, regelmässig zwei Stufen auf einmal. Körperliche Ertüchtigung spielte auch im Turnunterricht, den er anfänglich selbst erteilte, eine wichtige Rolle. Ein Schüler musste ihm jeweils zu Beginn der Stunde seine Kameraden in Achtungsstellung auf einem Glied versammelt melden.
Zur Zeit des Rücktritts von Emil Züllig am 1. Oktober 1978 waren am Technikum Wädenswil folgende Hauptlehrer tätig: von links nach rechts Eugen Dürlemann, Johann Spichiger, Nick Gaudy, Emil Züllig, Rolf Grabherr, Walter Müller, Fritz Dellsperger, Theo Zwygart, Sepp Auf der Maur, Walter Eggenberger.
Die Wirkung eines Bibelwortes
Aus Gründen der Sparsamkeit liess Emil Züllig die Internatsschüler zusammen mit ihrem Leiter Rolf Grabherr den Weinkeller in der Au in Fronarbeit weisseln. Da die Arbeit sehr anstrengend war und die Schüler Durst bekamen, legte sich hie und da einer unter ein Weinfass, öffnete den Hahn und löschte so seinen Durst. Emil Züllig, der die Arbeiten überraschenderweise inspizieren kam, erwischte gleich einen unter dem Fass liegend und setzte zu einer eindringlichen Standpauke über Zucht und Selbstbeherrschung bei angehenden Kellermeistern an.
Da meinte der Internatsleiter, es sei doch bedenklich, dass man diesen frondienstleistenden Jugendlichen nicht einmal einen Znüni oder etwas zu trinken offeriere. Dass sie sich selbst zu versorgen wüssten, fände er nicht so schlimm. Schliesslich heisse es ja schon in der Bibel: «Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden.» (5. Mose 25, 4) Der Geist der Besonnenheit liess Emil Züllig lautlos von dannen ziehen, und die Schüler gingen straffrei aus.
Im Büro an der Schönenbergstrasse 3.
FREUNDESKREIS UND HOBBY
Emil Züllig liebte es, mit guten Freunden über Gott und die Welt zu diskutieren, sie mit präzisen Fragen herauszufordern und eigene Erlebnisse mit erzählerischem Geschick zum Besten zu geben.
1958 gründete er mit Gleichgesinnten den «Rotary Club Au am Zürichsee», den er 1962/63 präsidierte. Dank seiner weitreichenden Beziehungen gelang es ihm, für die Zusammenkünfte interessante Referenten zu gewinnen. Oft hielt auch er selber Vorträge.
Aus dem Freundeskreis der Rotarier bildete sich der sogenannte DIWA-Club heraus, der Dienstag-Wander-Club. Seit bald zwanzig Jahren treffen sich die Unentwegten jeden Dienstagnachmittag bei jedem Wetter zu einer zwei- bis dreistündigen Wanderung. Emil Züllig war mit Begeisterung dabei und gerne auch als Organisator tätig. Und wie schwärmte er erst von den alljährlich von Professor Dr. Albert Hauser geleiteten mehrtägigen Kulturreisen seines DIWA-Clubs!
Im Kochkurs
Dreimal besuchte Emil Züllig zusammen mit guten Freunden den von Vroni Zwygart angebotenen Kochkurs für Männer. Er war in diesem Metier nicht sonderlich begabt und auch sein praktisches Geschick liess zu wünschen übrig. Dennoch genoss er die gute Gemeinschaft in fröhlicher Runde.
In einem dieser Kurse gehörte er zur Kochgruppe von Clo Christoffel, Max Möhr und Hans Osann. Als es darum ging, für einen Dessert Äpfel zu schälen, zu entkernen und in feine Scheiben zu schneiden, legte Emil Züllig sein Rüstmesserchen beiseite und begann einen ausgedehnten Vortrag über das Herkommen der Äpfel, über ihre innere Struktur, ihr Gehäuse und ihre Kerne zu halten. «Emil, du schnurrsch und schnurrsch und mir müend schaffe, das gaat doch nüd e soo», meinte einer seiner Tischgenossen.
Tatsächlich waren die vier meistens die letzten. Da sie jeweils keine Zeit mehr hatten, die Speisen hübsch anzurichten, stellten sie in aller Eile einfach die Pfannen auf den Tisch.
Gerne wirkte Emil Züllig auch im Schloss-Kegelklub mit, in dem sich die Grössen der Forschungsanstalt und zugewandte Orte zusammenfanden.
Sein eigentliches Hobby aber war das Reiten. «Das höchste Glück auf Erden liegt auf den Rücken von Pferden.» Schon auf dem elterlichen Hof lernte Emil Züllig reiten, in seinem zweiten landwirtschaftlichen Lehrjahr bei einem Pferdezüchter vervollständigte er sein Können, und als die Aspiranten in der Offiziersschule jeweils vor dem Morgenessen ohne Sattel ausreiten mussten, war Emil Züllig der unbestrittene Star.
Wie mancher Ausritt auf seinem schwarzen, unbeschnittenen und wilden Hengst «Galan» schenkte ihm Erholung von seiner anstrengenden und oft aufreibenden beruflichen Tätigkeit. Gerne ritt er auch mit seinen Reiterkameraden von der Offiziersgesellschaft Wädenswil aus.
ABSCHIED NEHMEN
Im Jahre 1990 verlegten Emil Züllig und seine Frau ihren Wohnsitz an die Schlossbergstrasse 8a, und ins Haus am Baumgartenweg zog seine Tochter mit ihrer Familie. Da die Kräfte von Ruth Züllig zusehends nachliessen und man immer mehr auf die Hilfe anderer angewiesen war, drängte sich ein Umzug ins Altersheim Fuhr auf.
Dort fanden die beiden am 10. September 1997 liebevolle Aufnahme und bewohnten miteinander zwei sonnige Eckzimmer. Am 24. April 1998 ist Ruth Züllig für immer heimgegangen.
Der Tod seiner Gattin hat Emil Züllig innerlich aufgewühlt und tief erschüttert. Er vermisste sie sehr, Heimweh quälte ihn und er vermochte die Tränen nicht mehr zurückzuhalten.
In Aurora Wirth fand er eine lebensfrohe, initiative und liebevolle Begleiterin, die ihn immer wieder aufzurichten und ihm Mut zu machen verstand, mit der er gerne diskutierte, Erinnerungen austauschte und in jugendlicher Frische nochmals auflebte.
Nicht nur das frühe Sterben seiner Schwiegertochter hat ihn sehr bewegt, auch im Blick auf seinen eigenen Tod war er oft unruhig. Bei meinem letzten Besuch wollte er von mir genau wissen, was ihm bevorstehe. Ich sagte ihm, dass es jetzt darum gehe, loszulassen, sein Leben in die Hand eines Andern zu legen und darauf zu vertrauen, dass er es wohl machen werde. Das genügte ihm aber nicht. Er wollte mehr wissen: Was genau auf ihn zukomme, wie das Leben nach dem Tode sei. Ich sagte ihm, das wisse ich auch nicht, erzählte ihm aber von Albert Einstein, der auf solches Fragen zur Antwort gegeben hat: «Da lasse ich mich einmal gerne überraschen!» Dies beeindruckte Emil Züllig sehr: Diese Bereitschaft, Offenheit und Gelassenheit, sich auch im Letzten noch überraschen zu lassen.
Mit der Zeit verstärkte sich das ihn seit Jahren begleitende körperliche Leiden. Trotz Bestrahlungen wurde sein Körper zusehends schwächer. Sein Geist aber blieb aufgeweckt und rege wie eh und je. Am 3. November 2001 ist Emil Züllig in seinem neuzigsten Lebensjahr für immer heimgerufen worden.
Emil Züllig hat seine Begabungen und Fähigkeiten mit grosser Kraft und in reicher Fülle entfalten dürfen und ist an seinen vielfältigen Aufgaben gewachsen. Es war ihm ein Anliegen, für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Landes einzustehen, Verantwortung zu übernehmen, der jüngeren Generation sein Wissen und seine Erfahrung weiter zu geben, etwas Zukunftsweisendes aufzubauen und damit der Gemeinschaft im weitesten Sinne zu dienen. Es ist ihm gelungen, ein Lebenswerk zu schaffen, das weit über unsere Grenzen hinaus Anerkennung fand, das weiter wachsen und gedeihen darf und mit der Geschichte Wädenswils eng verbunden bleiben wird.
In all seinem Wirken ist ihm bis ins hohe Alter das vergönnt geblieben, worauf er seine Schüler jeweils in der Lebenskunde aufmerksam gemacht hat:
«Dans un petit coin du cœur, on a toujours vingt ans.»