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Statine sollen helfen, die Funktionen des Herzkreislaufs zu erhalten.
So sollten Ärzte über den Nutzen von Medikamenten aufklären
Beispiel Cholesterin: 8 Frauen müssen dreissig Jahre lang Statine schlucken, damit 1 dieser 8 Frauen einen Nutzen hat.
Es geht um junge Erwachsene, die rauchen und übergewichtig sind, und bei denen ein leicht erhöhter Cholesterinwert gemessen wird.
Welche Nebenwirkungen die 7 der Frauen erleiden, die dreissig Jahre lang Statine einnehmen, ohne dass sie jemals irgendeinen Nutzen davon haben, wissen sie nicht. Wüssten sie es, könnten sie informiert selbständig entscheiden, ob sie hoffen wollen, selber die eine von 8 Frauen zu sein, die dank Statinen bis zum Alter von 75 Jahren eine schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankung vermeidet.
Falls die jungen Frauen zwar einen erhöhten Cholesterinspiegel haben, jedoch weder rauchen noch übergewichtig sind, müssen sogar 15 von ihnen während drei Jahrzehnten Statine schlucken, damit wenigstens eine von ihnen davon profitiert und bis zum Alter von 75 Jahren eine schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankung vermeidet.
Diese Zahlen stammen aus einer neuen Studie, welche die Fachzeitschrift «The Lancet» am 3. Dezember 2019 veröffentlichte. Für die Untersuchung wertete ein Team um Fabian Brunner vom «University Heart & Vascular Center Hamburg» Daten von fast 400'000 Menschen aus, ein grosser Teil davon stammte aus Europa. Bei den erwähnten Zahlen über den Nutzen handelt es sich um statistische Hochrechnungen, weil es keine Studien gibt, welche mit Statinen behandelte Patientinnen während dreissig Jahren verfolgten. Deshalb ist auch unbekannt, welche negativen Folgen eine jahrzehntelange Einnahme von Statinen für die Betroffenen hat. Doch für eine Abwägung zwischen Nutzen und Risiken einer jahrzehntelangen Einnahme von Medikamenten müssten auch «mögliche Nebenwirkungen überprüft» werden, erklärte Paul Leeson, Professor für kardiovaskuläre Medizin an der University of Oxford.
Bedeutend nützlicher als für Jüngere sind Statine für meist ältere Leute, die bereits einen Herzinfarkt hatten, an einer Herz-Kreislauf-Krankheit leiden, oder die Gefahr gross ist, dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre daran sterben.
Gesetzliche Aufklärungspflicht
Wenn Ärztinnen und Ärzte über Nutzen und Risiken von Medikamenten aufklären, verstehen viele Bahnhof und lassen sich diese Arzneimittel nach dem Prinzip Hoffnung verschreiben. Auftretende Nebenwirkungen nehmen sie uninformiert in Kauf.
Dabei gehört es zur gesetzlichen Aufklärungspflicht der Ärzteschaft, die Patientinnen und Patienten über Nutzen und Risiken so aufzuklären, dass diese das Wichtigste verstehen und damit informiert entscheiden können, ob sie ein Medikament einnehmen möchten oder nicht.
Auf welche Art und Weise Ärztinnen und Ärzte über Nutzen und Risiken einer Behandlung mit Medikamenten informieren sollten, zeigt exemplarisch das geschilderte Beispiel der Statine für jüngere Frauen. Folgende Frage sollte eine Ärztin oder ein Arzt wenn möglich beantworten:
- Ungefähr wieviele Personen in meinem Alter und Gesundheitszustand müssen das Medikament während des vorgeschlagenen Zeitraums einnehmen, damit es einer Person unter ihnen hilft?
Man nennt dies in der Fachsprache die «Number Needed to Treat» oder NNT. Beträgt die NNT (die Zahl der zu Behandelnden) beispielsweise 1, bedeutet dies, dass das Medikament bei jeder Patientin und jedem Patient den gewünschten Erfolg bringt. Eine NNT von 100 dagegen bedeutet, dass hundert Personen während einer bestimmten Zeitdauer das Medikament einnehmen müssen, damit es am Schluss wenigstens bei einer unter den hundert Behandelten den gewünschten Erfolg bringt.
Geht es um Leben und Tod, sagt man vielleicht ja zu einer Behandlung, selbst wenn die NNT sehr hoch ist. Handelt es sich jedoch um ein kleineres Leiden, wird man nur ein Medikament mit einer sehr niedrigen NNT einnehmen wollen.
Wenn über den Nutzen auf diese Art informiert wird, ist man in der Lage, den Nutzen ohne weiteres selber einzuschätzen und zu entscheiden, ob man das Medikament einnehmen möchte oder nicht. Der Entscheid wird auch vom persönlichen Befinden, der Schwere des Leidens sowie den wahrscheinlichen Nebenwirkungen abhängen.
Um das Risiko von ernsthaften Nebenwirkungen einzuschätzen, müsste man die «Number Needed to Harm» oder NNH kennen: Wieviele Personen müssen ein Medikament während des vorgeschlagenen Zeitraums einnehmen, sodass eine dieser Personen von der ernsthaften Nebenwirkung betroffen ist. Je höher die NNH, desto geringer das Risiko dass man selber betroffen ist. Je kleiner die NNH, desto eher muss man mit der ernsthaften Nebenwirkung rechnen.
Über ernsthafte Nebenwirkungen, die erst mittel- und langfristig auftreten, ist in den Studien für die Zulassung fast nie etwas zu lesen. Man findet sie erst später heraus, wenn das Medikament bereits breit angewendet wird. Deshalb muss man sich bei den Nebenwirkungen meistens auf die Erfahrungen der Ärzteschaft verlassen.
Anders der Nutzen eines Medikaments: Er muss bei der Zulassung mit wissenschaftlichen Studien bewiesen sein. Aus diesen Studien kann man die NNT berechnen. Wenn Pharmafirmen die NNT nicht angeben, dann wohl deshalb, weil die Zahl zu hoch ist, um damit Marketing zu betreiben.
Ebenfalls zu beachten ist, dass an Studien meist junge gesunde Männer teilnehmen, so dass die NNT bei älteren, komorbiden Patientinnen und Patienten nicht gleich ist.
- Eine ganze Zahl konkreter Beispiele verschiedener NNT bei gängigen Behandlungen hatten Forscher der Universität Oxford im Jahr 2008 zusammengestellt (hier auf deutsch).
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
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