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Als Star der Literaturszene der Zwischenkriegszeit erlitt der französische Schriftsteller Paul Morand nach 1944 als Kollaborateur einige Rückschläge.
Von Fabien Dubosson
In einem verschneiten Winter Ende der 1950er Jahre ist Paul Morand mit einer Freundin aus der Schweiz beim Skifahren in Crans-sur-Sierre. Es werden Fotos geschossen, beim Aufstieg, beim Slalomfahren oder beim vergnüglichen Hinfallen in den Pulverschnee. Seit ungefähr zehn Jahren lebt Morand mit seiner Frau Hélène am Genfersee, nur einen Katzensprung von den Skipisten entfernt. Genau genommen lebt er in Vevey, wo er mit dem Château de l’Aile ein weitläufiges Anwesen im neugotischen Stil bewohnt.
Zu dieser Zeit ist der Autor über sechzig Jahre alt, erfreut sich jedoch weiterhin daran, über die Pisten zu gleiten. Seit seiner Jugend hat er an allem Gefallen gefunden, was mit Sport, Geschwindigkeit und Reisen zu tun hat. Während der «Wilden Zwanzigerjahre» war er einer der Ersten, der die Sprache «verjazzte», wie L.-F. Céline es ausdrückte; davon zeugen seine Erzählungen Tendres stocks (dt. Amouren) und Ouvert la nuit (dt. Nachtbetrieb). Zu einer Zeit, in der Sonnenbaden und andere Freiluftaktivitäten aufkamen, musste auch die Literatur sich ihrer einengenden Kleidung entledigen. Morands Geschwindigkeitsfanatismus beschränkte sich nicht auf einen rasanten und abgehackten Stil, denn dieser hektisch getriebene Mann durchlief auch eine fulminante Karriere als Diplomat und in ganz Paris gefeierter Erfolgsautor.
Dennoch kommt Paul Morand in den fünfziger Jahren zu Fall. Dabei handelt es sich aber nicht um einen fotografisch festgehaltenen, amüsanten Sturz des Hobbyskifahrers, sondern um den schwindelerregenden Fall eines vermeintlichen Glückspilzes. Er selbst hat seine politische Diskreditierung eingeleitet, indem er sich unverbrüchlich in den Dienst des Vichy-Regimes stellte, als politischer Berater von Pierre Laval wie auch als Botschafter Frankreichs, zunächst in Bukarest und schliesslich von Juli bis September 1944 in Bern. Nach seiner Entlassung beschliesst Morand, in der Schweiz zu bleiben, da man ihn in Frankreich auf die schwarze Liste der schreibenden Kollaborateure gesetzt hat. Er lässt sich zuerst in Montreux und ab 1948 in Vevey nieder, von wo aus er während rund 30 Jahren zwischen der Schweiz und Paris pendelt.
Seine Wahlheimat ist für ihn nicht nur steriles Refugium, wie er 1968 beteuert: «Ich habe in der Schweiz mehr als einen Drittel eines langen Lebens verbracht – meine besten und nützlichsten Jahre.» Hier beginnt er wieder mit dem Schreiben und es entsteht die anspruchsvolle historische Erzählung Le Flagellant de Séville (1951; dt. Flagellant von Sevilla), die in Spanien zur Zeit der napoleonischen Besatzung spielt. Die Erzählung, deren Manuskript sich im SLA befindet, bleibt jedoch von der Kritik nahezu unbeachtet. Morand kehrt darin zwar zu seinem feurigen Stil zurück, baut jedoch auch seine eigenen Erfahrungen auf ambivalente Weise ein und weigert sich, seine eigenen ideologischen Verfehlungen zu erkennen.
Anerkennung bei den Lesern erhält der Schriftsteller erst einige Jahre später wieder – vor allem dank junger Autorinnen und Autoren, der sogenannten «Husaren». Sie ziehen der engagierten Literatur der Nachkriegszeit den Dandyismus der Wilden Zwanziger vor, die Morand für sie symbolisiert. Der ehemals gefallene Autor wird schliesslich 1968 sogar in die Académie française aufgenommen.
Weitere Informationen
Ein gefallener Mann (PDF, 1 MB, 23.05.2017)Der kleine Bund, Donnerstag, 22. Mai 2017