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Ein Abgrund, tausend Meter tief, 111 Meter breit, 33’678 Kilometer lang, trennt zwei Landmassen. Lange Zeit gab es keinerlei Verbindung zwischen ihnen. Bis findige Menschen jene gewaltige Brücke bauten, die alles veränderte. Ein gigantisches Unterfangen, das viele Leben gekostet hatte.
Jahrzehnte der Planung waren den Bauarbeiten vorausgegangen. Denn sie fanden auf einem Planeten statt, dessen Bewohner keine Elektrizität, keine Dampf- oder Benzinmotoren kannten, bloss Muskelkraft, jene der Menschen – und jene, die gezähmten Tieren abgetrotzt werden konnte, unter Drohungen und Schmerzen.
Nach der feierlichen Einweihung der Brücke gab es plötzlich Austausch zwischen den beiden Seiten, Handel und Verkehr. Was sich einst fremd war, kam sich nun näher. Güter und Personen wechselten die Seite. Vorsichtig am Anfang, dann immer freizügiger, bis es zur Gewohnheit wurde.
Es gab Leute, die nur selten hinübergingen, wie man zu sagen pflegte, es gab andere, die täglich die Seite wechselten. Je nach Neugier und Charakter.
Eigentlich waren sie gar nicht so verschieden, die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Landmassen. Auf der einen Seite wurden spitze Hüte und gestreifte Klamotten getragen, auf der anderen waren runde Hüte und karierte Stoffe die bevorzugte Kleidung.
Was sich auf dem Grund des Abgrunds befand, wusste übrigens niemand. Es war unmöglich, hinunterzusteigen, zu steil, zu glatt waren die Felswände. Und eine seltsame Nebelschlange, die etwa in 200, 300 Metern Tiefe waberte, verdeckte die Sicht nach unten. Sonst hätte man die Untiefe erforscht, denn geschliffene Gläser, mit denen man Fernrohre fertigen kann, waren auf dieser Welt schon seit einiger Zeit bekannt. Die Maschinen, mit denen man das Glas bearbeitete, wurden mit Fusspedalen angetrieben.
Wie so vieles hier.
Auf der eine Seite des Abgrunds hatte man es sogar geschafft, kleine Äffchen abzurichten, auf dass sie in die Pedale traten, mittels gezieltem Nahrungsentzug und Stockhieben, die nach einem ausgeklügelten System verabreicht wurden.
Ja. Es waren barbarische Zeiten.
Die Kulturen der beiden Seiten kamen sich bald näher. Hier begann man plötzlich Gefallen an karierten Stoffen zu finden, dort drüben kamen spitze Hüte in Mode. Mit der Zeit gab es sogar Leute, die auf der einen Seite wohnten, auf der anderen arbeiteten. Zu Anfang hatte dieser Austausch allerlei heftige Diskussionen ausgelöst. Auf beiden Seiten gab es Stimmen, die vor einer Mischung der Kulturen warnten.
Nach einer Weile stellte die grosse Masse der Menschen allerdings fest, dass aus dieser Mixtur nichts Böses hervorging. So wurden die Diskussionen immer gelangweilter und verschwanden schliesslich – bis auf kleine Reste, von Leuten betrieben, welche von der grossen Allgemeinheit, “die Hirnlosen” genannt wurden.
Und natürlich waren sie auf der einen Seite glücklich darüber, dass sie von den Anderen in die Geheimnisse der Äffchendressur eingeweiht wurden, gerade auch in jene Feinheiten, die mit der korrekten Verabreichung von Stockhieben zu tun haben, und nun nicht mehr selber in die Pedale treten mussten.
Nicht nur Waren, Leistungen und Fertigkeiten wurden ausgetauscht, sondern alsbald auch Körperflüssigkeiten. Zwischen den Bewohnerinnen und Bewohner beider Seiten kam es nämlich zu jenem Phänomen, das man Zuneigung nennt, aus dem bekanntlich urplötzlich brennende Liebe entstehen kann.
In deren Rahmen kommt es manchmal bekanntlich zu körperlichen Begegnungen, die oft ganz oder teilweise unbekleidet ausgeführt werden, dabei können allerlei Beschauungen, Berührungen, Bewegungen ausgeführt werden.
Beidseitig.
Eines der ersten dieser Liebespaare, wie man sagt, die Dank der Brücke zusammenkamen, bestand aus Kohannaus und Aura. Er trug einen karierten Sakko, sie ein allerliebstes gestreiftes Röckchen. Schon bei ihrer ersten Begegnung tauschten sie ihre Hüte aus. Dabei stellten sie fest, dass sie beide Kopfbedeckungen der Grösse XL benötigten, mindestens Nummer 61, optimalerweise Nummer 62. Sie wegen ihren prachtvollen Locken, er wegen dem beträchtlichen Umfang seiner Hirnschale.
„Ach so reizend sieht sie aus mit meinem runden Hut“, dachte er.
„Mein spitzer Hut steht ihm ausserordentlich gut“, dachte sie.
Tief in seinem Kopf (oder war es in seinem Herzen?) formte sich ein Frage, doch verbot er seinem Mund, diese auszusprechen. „Das kann man doch niemanden Fragen, den man eben erst kennengelernt hat“, sagte der innere Zensor in seinem Schädel zu Kohannaus. Er konnte nicht wissen, dass sich dieselbe Frage auch in Auras Kopf geformt hatte, aber ebenfalls nicht bis zu ihrer Zunge vorgedrungen war.
Er dachte nur: „Diese Augen, diese Augen…“
Nach diesem ersten Treffen fühlten sie sich wie Vögel, die stürmisch neuen Horizonte entgegen fliegen. „Willst Du Dich wirklich verlieben?“ Fragte der Zensor in seiner Dachstube kritisch. „Wie Du weisst bringt dies nur Umtriebe und Schmerz.“ Doch die nörgelnde Stimme konnte sich nicht durchsetzen, denn unser Kohannaus war schon hoffnungslos verloren: Aura hiess sein neues Zauberwort!
Und so kam es, wie es kommen musste.
Die beiden wurden ein Liebespaar, wie man sagt. Waren bald unzertrennlich. Sie klebten aneinander, jenen Souvenir-Magneten gleich, die an so mancher Eisschrank-Tür haften. Sie übernachteten mal auf der einen Seite, mal auf der anderen, schlenderten tagtäglich Arm in Arm über die Brücke, sprichwörtliche Nachtfalter in ihren Bäuchen. Sie sprachen oft darüber, dass es bald Zeit würde, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen.
Doch sie konnten sich nicht einigen, auf welcher Landmasse dieses Heim sein solle. Irgendwie wollten beide auf ihrer jeweiligen Seite bleiben – und den Partner zu sich hinüberziehen. Von einer Einigung waren sie sichtlich noch ein gute Stück entfernt.
Es war also eine wunderschöne Liebesbeziehung.
Manchmal, wenn sie beide auf der Arbeit waren, schickten sie einander Liebesgrüsse über die Brücke, die sie einem abgerichteten Äffchen um den Hals banden, das sie flugs überbrachte, ohne sich zu verweilen, wie sie es ihm durch gezielten Nahrungsentzug und geschickt dosierte Stockhiebe beigebracht hatten.
Das Dressieren von Äffchen war nämlich ein Freizeitvergnügen, dem sie gemeinsam und leidenschaftlich frönten. Sie planten, es eines Tages zu ihrem Beruf zu machen, im Rahmen einer eigenen Firma. Sie waren davon überzeugt, dass man auch andere Tierarten mit ähnlichen Mitteln dressieren könnte, die sie bei den Äffchen so erfolgreich anwandten: Meerschweinchen zum Beispiel oder Gottesanbeterinnen.
Doch es sollte nicht so weit kommen. Das Schicksal führte Schlimmes für Aura und Kohannaus im Schilde, beuteln wollte es die beiden. Und dies nicht zu knapp.
Denn eines Tages – Aura weilte gerade auf der einen, Kohannaus auf der anderen Seite des Abgrunds – brach die Brücke plötzlich in Stücke.
Und die Brocken fielen in die Tiefe, verschwanden in der Nebelschlange. Hunderte von Menschen kamen an diesem Tag ums Leben. Tausende von Beziehungen und Bekanntschaften wurden auf einen Schlag getrennt. Es war wieder wie vor dem Brückenbau: Ein Abgrund, tausend Meter tief, 111 Meter breit, 33’678 Kilometer lang, trennt zwei Landmassen, zwischen denen es keinerlei Verbindung gibt.
Niemand wusste, warum das Bauwerk eingestürzt war. Manche sprachen von Bodenerschütterungen, andere von Sabotage, wieder andere von architektonischen Grundfehlern, die bei der Konzeption der Brücke gemacht worden seien.
Doch stichhaltig nachweisen liess sich nichts.
Für unser Liebespaar war der Brückenfall erst recht eine Katastrophe. Mit einem Schlag war die Verbindung zwischen ihnen abgerissen. Ihre Herzen bluteten, ihre Körper litten Entzugserscheinungen, die sie fast zum Wahnsinn trieben.
Zum Glück verfügten sie beide über Ferngläser. Sie trafen sich also nächtens, beide standen am Rand des Abgrunds, an einsamen Stellen, ausserhalb ihrer Städte. Dort entfachten sie zwei Feuerchen und beobachteten einander mit Hilfe der geschliffenen Gläser. Etwas über 111 Meter waren sie voneinander entfernt. Und sie unterhielten sich doch. Mittels Schildern, angefertigt aus teurem, dickem Papier, auf die sie herzerweichende Botschaften kritzelten.
Mit der Zeit bürgerte es sich ein, dass sich Aura an ihrem Feuer langsam auszog für ihren Kohannaus. Und sodann unbekleidet für ihn tanzte. Was ihn ungemein erregte. Aber auch deprimierte. Denn der blosse Körper am anderen Ende des Abgrunds, der durch die geschliffenen Gläser so nahe schien, liess ihn Auras Unerreichbarkeit nur allzu schmerzhaft spüren.
Eines Nachts erschien er leicht angetrunken zum Treffen am Rande. In dieser Nacht zeigte sie ihm ihren Körper besonders ausführlich, im rötlichen Schein der Flammen, besonders wild. Um sie noch besser beobachten zu können, machte er einen verhängnisvollen Schritt zu viel nach vorne. Und stürzte prompt in den Abgrund. Sein Körper verschwand in der Nebelschlange.
Infolgedessen entfuhr Aura ein furchtbarer Schrei. Und auch sie stürzte sich in den Abgrund, eine Kurzschlusshandlung, mit Anlauf, entblösst, bis auf die hüfthohen Schnürstiefel, die sie heute trug, um ihm eine Freude zu bereiten.
So endete die Geschichte von Aura und Kohannaus.
Während die Weisen auf beiden Seiten des Abgrund eine neue Brücke planten, die in einigen Jahrzehnten wieder als Verbindung zwischen den beiden Landmassen dienen würde.
Teilweise übrigens gebaut von abgerichteten Äffchen, die mittels gezieltem Nahrungsentzug und Stockhieben, nach einem ausgeklügelten System verabreicht, in ihre Arbeit eingewiesen wurden.