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Nach Amerika! Handbuch für Auswanderer.
Selbstverlag des Verfassers
Lebensabriss von Conrad Conzett (20.10.1848 – 8.12.1897)
Kämpfer und Idealist
Die Conzett sind Walser. (Anfang 16. Jahrhundert in Samnaun, Mitte 16. Jahrhunderts in Schiers). «Conrad Conzetts links gerichtete politische Laufbahn mutet eher überraschend an, wenn man sich vor Augen hält, dass seine Vorfahren Gewerbetreibende in geordneten Verhältnissen waren.» Die Jugendjahre waren schön und sorglos, «Mangel kannten wir nie», bekannte er später seiner zweiten Ehefrau.
Lange Zeit schwankte der aufgeweckte «Chueri» in seiner Berufswahl zwischen Konditor und Lehrer, trat dann aber in eine Druckerei ein, weil er sich von dieser Betätigung viel Abwechslung und die besten Möglichkeiten für eine umfassende Allgemeinbildung versprach. Auch hoffte der Jüngling, auf diesem Weg den von der Grossmutter genährten Jugendtraum erfüllen zu können, die weite lockende Welt zu sehen. Damaliger Tradition gemäss ging er nach absolvierter Lehre auf die Walz. In Leipzig besuchte er die dortige Buchdruckerschule. Dort sollte eine entscheidende Weiche seines Lebens gestellt werden, indem er unter den starken Einfluss der bekannten Sozialisten Wilhelm Liebknecht, der einer seiner Lehrer war, und August Bebel kam. Gegen den Wunsch seiner Eltern wanderte er nach seiner Rückkehr nach den USA aus, wo er sich zuerst als Hilfsarbeiter und Coiffeur durchschlug. Sobald er aber die Sprache hinlänglich beherrschte, arbeitete er in einer Druckerei. Kaum hatte er einige Ersparnisse beisammen, trieb ihn das Heimweh nach Hause. Als Führer von Auswanderertransporten, wie sie damals häufig waren, kam er noch mehrfach nach den USA. Bein einer dieser Reisen blieb er in Chicago hängen und wurde wieder Setzer und Übersetzer. Dort heiratete er die Tochter eines schon früher ausgewanderten Churer Zimmermanns, Barbara Wisman, und wurde er aktiver Sozialdemokrat.
1875, mit 27 Jahren, richtete er in der grossen Stadt mit eigenen Ersparnissen eine Druckerei ein und gründete eine eigene Wochenzeitschrift «Der Vorbote», deren Spalten er der Partei zur Verfügung stellte. Zwei Jahre später kam noch die «Chicagoer Arbeiter Zeitung», deren Redaktion er selbst besorgte, dazu. Die dadurch bedingte sieben Jährige Überarbeitung in seiner Doppelfunktion als Geschäftsführer und sozialistischer Redner hatten eine Nervenzerrüttung und Hinrhautentzündung zur Folge. Er verkaufte Druckerei und Zeitung der Partei, mit Verlust, und reiste wieder nach dem Bündnerland zurück. Nachdem er sich erholt hatte, nahm er in der Druckerei der «Neuen Zürcher Zeitung» eine Stelle als Typograph an. Seine Wohnung nahm er bezeichnenderweise bei Hermann Greulich in der Klus. Sobald aber sein politischer Standort ruchbar wurde war seines Bleibens im lieberalen Betrieb der NZZ nicht länger. So übersiedelte er einmal mehr nach Chur, wo er eine eigene Druckerei einrichtete. Von 1879 an gab er den «Volksfreund» heraus. Der Widerhall war so stark, dass ihm schon im folgenden Jahr der Druck des «Grütlianers» anvertraut wurde. Weiterhin stellte er sich eifrig für politische Vorträge zur Verfügung. Auf den Rat Bebels übernahm er 1882 in Zürich die dortige Druckerei der in ihrer Heimat durch die Bismarck’schen Gesetze gehemmten deutschen Sozialdemokraten auf seinen eigenen Namen. Die zweite Verlegung des Wohnsitzes nach Zürich mag auch in seiner Not über die verzweifelten ehelichen Spannungen ihren Grund gehabt haben. Von jetzt an betätigte er sich als Redaktor und Setzer der «Arbeiterstimme» sowie als Wanderprediger. Sein Geschäft in Chur hatte er seinem Teilhaber K. Ebner überlassen. Ohne die Zuschüsse aus der Churer Druckerei wären die nächsten Jahre noch entbehrungsreicher gewesen. 1984 erfolgte die gerichtliche Scheidung von der ersten Frau. Der Ehe waren zwei in den USA geborene Buben entsprossen. Bereits sechs Monate nach der Scheidung heiratete er Verena Knecht in Zürich.
Langjährige Überarbeitung durch die nach wie vor mehrfache Beanspruchung auf politischer und geschäftlicher Ebene in Verbindung mit einem Rheumaleiden machten 1875 eine Kur in Rheinfelden nötig. In der Folge sah er nur noch schwarz in schwarz. «Die Gegner vor mir, die eigenen Leute im Rücken – das ist alles, was ich in vielen Jahren opferfreudiger Arbeit erreicht habe!» lautete die bittere Lebensbilanz. Ein verfallener Wechsel sollte zusammen mit einem Rückfall im Leiden seines Sohnes den Todesstoss bringen: am 8.12.1847 ging er im Zürichsee bei Horgen freiwillig in den Tod.
Sein vieljähriger politischer Gegner, Redaktor Attenhofer vom «Stadtboten» betonte mit Nachdruck, Conzett sei sein ehrlichster Kampfgegner gewesen. Während die linksstehenden Zeitungen sein Geschick und seinen kämpferischen Einsatz bis zur Selbstverzehrung hervorhoben, lobten die liberalen Blätter seine Ehrlichkeit, seine ungefügte Kraft und seine immer wieder durch Humor gewürzte und gemilderte Derbheit.
HL/Juli 2012