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Von CÉDRIC WEIDMANN.
Der Nazi wurde vor 200 Jahren in die Welt gekotzt. So sehen das einige. Andere sehen in diesem Moment die Geburtstunde der modernen Klassik. Ich halte nicht viel von Geburtstagen von Menschen, die seit über hundert Jahren tot sind und die wirklich jeder kennt. Von Buddenbrooks über Prof. A. Donda bis zum Bäckereiüberfall stellt Wagner, der Wegbereiter epischer Grosskotzigkeit (die ich im übrigen einer musikalischen Bescheidenheit in der Regel vorziehe), ein Schlüsselthema in der Literatur dar. Deshalb und seines Antisemitismus wegen und seiner Grosskotzigkeit wegen muss man die Tatsache mit Vorsicht geniessen, dass Wagner wieder ausgegraben wird.
Im Gesamtkunstwerke der Zukunft
Die Wiederbelebung geht auf Stephen E. Dinehardts These zurück, der bei der Zukunft sogenannter Alternate Reality Games auf Wagner Bezug nimmt. ARGs sind zumeist Schnitzeljagden, die sich über Facebook, Webseiten, Tonkassettenaufnahmen, DVD-Mitschnitten und echte Theaterszenen verteilen. Ist dies nicht die komplette Verknüpfung aller Medien, wie sie sich Richard Wagner in seinem Werk »Das Kunstwerk der Zukunft« gewünscht hat?
»Der künstlerische Mensch kann sich nur in der Vereinigung aller Kunstarten zum gemeinsamen Kunstwerke vollkommen genügen: In jeder Vereinzelung seiner künstlerischen Fähigkeiten ist er unfrei, nicht vollständig Das, was er sein kann; wogegen er im gemeinsamen Kunstwerke frei, und vollständig Das ist, was er sein kann.
Das wahre Streben der Kunst ist daher das allumfassende: jeder vom wahren Kunsttriebe Beseelte will durch die höchste Entwickelung seiner besonderen Fähigkeit nicht die Verherrlichung dieser besonderen Fähigkeit, sondern die Verherrlichung des Menschen in der Kunst überhaupt verwirklichen.
[…] Dies Bedürfnis ist ein doppeltes, das des Gebens und das des Empfangens, welches sich beziehungsvoll wechselseitig durchdringt und bedingt. […] Nicht eine reich entwickelte Fähigkeit der einzelnen Künste wird in dem Gesamtkunstwerke der Zukunft unbenützt verbleiben […].« (S. 150-156)
Hammer, oder? Was Wagner da sagt. So klar, so deutlich, so konkret… Von der mangelnden Konkretisierung seines Gesamtkunstwerks, das sich, wenn alles klappt in eine »fülligweich nachgiebige, eindruckempfängliche, ätherische Fläche« (S. 153) ergiessen soll, kann man aber auch Positives gewinnen. Er geht ihm um die Verflechtung der Kunst in die Welt, in verschiedene Medien, um die Durchbrechung der Vierten Wand, so dass das Publikum »lebt und athmet nur noch in dem Kunstwerke« (S. 152). All das klingt nach Transmedia Storytelling, pervasiven Spielen und Alternate Reality Games, denn diese unheilvolle und zugleich anziehende Spielart (man spricht auch von TINAG: This Is Not A Game!) scheint tatsächlich all diese von Wagner erträumten Eigenschaften vereinen zu können.
Geht jetzt der Traum vom Gesamtkunstwerk, den auch die Dadaisten, Bauhaus, die Situationistische Internationale oder die Futuristen verfolgten, in Erfüllung?
Wenn ich das Gesamtkunstwerk ins 20. Jahrhundert hinübernehme…
Vielleicht. Dennoch sollte man die übermässige Freude daran, dass es so etwas wie ARGs gibt, erst einmal vorweglassen und noch einmal über die Frage des Gesamtkunstwerks nachdenken. Denn Wagner hat von etwas ganz anderem gesprochen. So erklärt uns ein gewisser Heinrich Klotz:
»Das Gesamtkunstwerk heute muss in sich gebrochen sein, aber gleichzeitig zeigen, dass es so etwas wie einen »Hang zum Gesamtkunstwerk« gibt, ohne dass dies noch verwirklicht werden kann. Das hat mit dem Scheincharakter des Kunstwerks zu tun. Wenn ich das Gesamtkunstwerk anvisiere, dann meine ich damit nicht […] die Identität von Kunst und Leben, sondern gerade den höchsten Grad von Illusionierung. Das Gesamtkunstwerk ist, wenn ich es vom 19. ins 20. Jahrhundert hinübernehme, die höchste denkbare Form der Illusionierung und insofern ganz anders als diejenige, die die neuen Medien mit sich bringen. Die zielen ja darauf hin, die Illusion in Simulation zu verwandeln, wodurch sie gewissermassen zum Weltersatz werden.«
So ist das. Die perfekte Illusion ist das einzige zukünftige Gesamtkunstwerk und wir kennen es spätestens seit Matrix.
Literatur
Wagner, Richard (2005): Gesammelte Schriften und Dichtungen. Chestnut Hill, MA: Elibron Classics.
Heinrich Klotz (1991): Für ein mediales Gesamtkunstwerk. Im Gespräch mit Florian Rötzer, in: Florian Rötzer (Hg.): Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien, Frankfurt am Main: Suhrkamp.