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Der „Tages-Anzeiger“ berichtet über den Tod einer Ostschweizerin, die beim Absolvieren eines „Lichtnahrungsprozesses“ verhungert ist.
Was ist der „Lichtnahrungsprozess“?
„Lichtnahrung oder auch Breatharianismus bezeichnet eine esoterische Methode, bei der nach Vorstellung ihrer Anhänger die für das Leben notwendige Energie aus feinstofflicher Energie („Licht“;…„Prana“ als universelle Lebensenergie) gewonnen werden soll. Dadurch soll man imstande sein, teilweise oder ganz ohne feste und flüssige Nahrung auskommen zu können, die sonst zum Überleben notwendig ist. Die Wissenschaft hält solche Behauptungen für unglaubwürdig und sieht mögliche Erklärungen in bewusstem Betrug oder Irrtum, wie Überschätzung der fürs Überleben notwendigen Menge an Kalorien, falsche Einschätzung der tatsächlich zugeführten Nahrungsmenge, Vernachlässigung der zugeführten Kalorienmenge in Flüssigkeiten oder unbewusste Nahrungsaufnahme beispielsweise beim Schlafwandeln. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass eine Person dauerhaft ohne jegliche Nahrung überleben kann. Aus medizinischer Sicht würde ein dauerhafter Verzicht auf feste und flüssige Nahrung zwangsläufig zum Tod führen.“
(Quelle: Wikipedia)
Der Lichtnahrungsprozess wurde propagiert von der australische Esoterikerin und Buchautorin Jasmuheen, mit bürgerlichem Namen Ellen Greve (* 1957). Das Pseudonym Jasmuheen bedeutet „Duft der Ewigkeit“.
Ellen Greve behauptete, sich seit dem Jahr 1993 ausschließlich von Prana (Lebensenergie) zu ernähren. Diese sogenannte Nahrungslosigkeit nennt sie Lichtfasten. Sie wurde allerdings mehrmals bei Mahlzeiten beobachtet und ein Testversuch unter kontrollierten Bedingungen wurde nach 4 Tagen wegen Dehydrierung und rapidem Gewichtsverlust abgebrochen.
Auch der bekannteste „Lichtesser“ im deutschsprachigen Raum, der Anthroposoph Michael Werner, versagte bei einer Überprüfung am KIKOM der Universität Bern kläglich.
(Zusammenfassung des Tests hier)
Ein weiterer bekannter Propagandist des Lichtnahrungsprozesses ist der ehemalige Basler Chefarzt und Psychiater Jakob Bösch.
Der vom Tages-Anzeiger beschriebene Todesfall ist nicht der einzige.
Dass die Lichtesser-Methode medizinisch absurd und riskant ist, steht meines Erachtens fest.
Interessanter ist die Frage, weshalb Menschen derart abstrusen Vorstellungen anhängen.
Es ist doch eine Allmachtsphantasie sondergleichen zu glauben, man könne sich von der materiellen Basis unserer Existenz, von der Natur, abkoppeln und autonom machen.
Es ist eine Körperfeindlichkeit sondergleichen zu glauben, man könne materielle Bedürfnisse wie das Bedürfnis nach Nahrung durch einen Weg der Vergeistigung ausschalten. Damit katapultiert man sich in einen quasigöttlichen Zustand und verabschiedet sich von „primitiven“ Kreaturen wie Pflanzen, Tieren und weniger erleuchteten Mitmenschen.
Meinem Eindruck nach dient diese Abwertung des Körpers und der materiellen Grundlage unserer Existenz einer Verleugnung der Verletzlichkeit, die mit dieser körperlichen Basis verbunden sind. Als Menschen sind wir jederzeit in einer fragilen Situation und gefährdet durch Krankheit und Tod. Es ist hauptsächlich die Körperlichkeit, die uns in dieser Hinsicht Grenzen setzt.
Das Lichtnahrungsprogramm und viele andere esoterische Konstrukte sind ein illusionärer Fluchversuch weg von dieser Fragilität.
Meiner Ansicht nach wäre es stattdessen wichtig, die Fragilität der menschlichen Existenz und unsere Verletzbarkeit zu anerkennen. Das schafft auch einen Boden für Solidarität zwischen den Menschen, weil wir diesbezüglich alle im selben Boot sitzen. Wer sich dagegen zurecht phantasiert, er oder sie könne sich der Gebundenheit an die materiellen Basis durch Höherentwicklung entziehen, frönt einem Elitarismus und veraschiedet sich tendenziell von menschlicher Solidarität.
Essen ist zudem auch ein sinnlicher Vorgang und mehr oder weniger häufig sogar mit Genuss verbunden.
„Prana-Essen“ ist auf jeden Fall unsinnlich. Geschmack und Geruch dürften da keine Rolle spielen und mangels Erfahrung kann ich nicht beurteilen, ob man den Prana-Konsum auch geniessen kann. Aber ich würde das sehr bezweifeln.
Und wenn dann noch Lichtesser davon phantasieren, ihr Spleen sei ein Beitrag zur Lösung des Welthunger-Problems, dann kann man nur fragen, weshalb sie ihre Methode nicht schon längst in Hungergebieten gratis anbieten. Lichtesser-Knowhow könnte dort Nahrungsmittelhilfe und gerechtere Handelsbeziehungen ersetzen…….
Nimmt man den Lichtnahrungsprozess ernst, dann ist, wer an Unterernährung stirbt, in seiner spirituellen Entwicklung leider noch nicht genug fortgeschritten, um auf Prana- Nahrung umzusteigen. Pech für die Kinder in Somalia. Aber das ist dann wohl aus esoterischer Sicht karmisch bedingt und hat auch seine Richtigkeit.
Die Zukunft hält für die Lichtesser allerdings einige Chancen bereit. Bestimmt lässt sich ein Pflanzengen finden, das für die Photosynthese verantwortlich ist, und das sich in potenzielle Lichtesser implementieren lässt.
Bis die Prana-Genforschung soweit ist, können Interessierte schon mal Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Chlorophyll zu sich nehmen. Achtung: Bei Überdosierung kann es zu Grünfärbung kommen, aber das wäre ja schon ein guter Anfang…..
Siehe auch:
P.S.:
Es wimmelt von abgehobenen esoterischen Vorstellungen, die irgendein sich berufen fühlender Mensch erfunden hat und nun in die Welt hinaus posaunt, um die Menschheit zu retten. Auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin.
Ich halte einen kritischen Umgang mit solchen Erlösungsphantasien für sehr angebracht.
Dazu ein Zitat von Erich Fromm:
„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verzerrte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindestens überreden sie sich selbst dazu.“
(aus: Erich Fromm; Vom Haben zum Sein, Beltz 1989, S. 62)
Siehe auch:
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch