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Wenn man von einem sagt, er habe zwei linke Hände, schmeichelt man ihm nicht: Die linke Hand ist bei den meisten Leuten etwas ungeschickt. Der Gitarrist Marc Ribot ist Linkshänder.
Das sieht man zwar nicht auf den ersten Blick. Er spielt sein Instrument wie Rechtshänder. Im Unterschied etwa zu Jimi Hendrix, der es verkehrt herum hielt. Aber manchmal meint man es zu hören: Ribot kann unerhört ungelenk klingen. Der Rhythmus schaukelt, dass einem schwindlig wird. Die Saiten sind angezupft, wie wenn da einer die Kontrolle über die Gliedmassen nicht wirklich hätte. Die Musik klingt wie von einem Anfänger gespielt – oder einem Besoffenen. Aber Marc Ribot ist weder das ein noch das andere. Der Publizist Robert Fischer hat Recht, wenn er sagt, es brauche «ein grosses Mass an Kontrolle, um Musik zu schaffen, die klingt, als ob sie unkontrolliert sei».
Er hätte klassischer Gitarrist werden können
Marc Ribot gewann die Kontrolle über sein Instrument in seiner Jugend. Sein Lehrer war ein klassischer Gitarrist, Frantz Casseus, der Gitarrenstücke schrieb, die irgendwo zwischen klassischer Musik und derjenigen seiner haitianischen Heimat mäandern. Stücke auf jeden Fall, die einen geschulten Musiker erfordern. Als er schon ein gestandener Musiker war, einer der seine Sporen längst abverdient hatte, spielte Marc Ribot übrigens ein ganzes Album mit Casseus‘ Stücken ein. Eine schöne Reverenz an diese Vaterfigur.
Tom Waits setzt der sauberen Gitarre ein Ende
Seine Sporen verdiente sich Marc Ribot allerdings weder als klassischer Gitarrist noch als gepflegter Jazzmusiker ab, der er mit Jahrgang 1954 auch hätte werden können. Stattdessen geriet er als erstes ins Orgeltrio von Brother Jack McDuff und gleich anschliessend in die Soulband von Wilson Pickett. Blues war angesagt. Dem sauber und angepasst spielenden Instrumentalisten endgültig den Todesstoss versetzte der Sänger Tom Waits. Dessen mehr gekotzte als gesungene Lieder ertrugen keine munter klimpernde Gitarre. Da war ein schwereres Geschütz gefragt.
Unangepasst bis heute
So bewegt sich Marc Ribot seither ohne Scheuklappen in allen Sphären der Musik. Er war auf Tour mit Marianne Faithful und Elvis Costello, gehörte daneben aber auch der New Yorker Down-Town-Szene an, in deren Mittelpunkt die Knitting Factory stand. Ein Ort, wo alle spielten, improvisierte und ausprobierten, die unerhörte Musik im Sinn hatten. Und seine eigenen Projekte deckten eine ebenso grosse Spannbreite ab: Vom Anarchosound der Gruppe Shrek über die Soloausflüge in Frantz Casseus‘ wunderbare Welt der akustischen Gitarre und die «Folklore imaginaire» der künstlichen Kubaner bis zu Modern Jazz mit dem Saxophonisten Ellery Eskelin. Von Einsätzen bei The Klezmatics und dem Freerock-Trio Medeski-Martin&Wood bis zu Performance-Kunst bei Laurie Anderson. Alles ist möglich.
Der mittlerweile 60-Jährige macht keine Anstalten, sich angepasster zu gebärden. Man ist versucht mit Curd Jürgens zu kalauern: «60 Jahre und kein bisschen leise!»