Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03361.jsonl.gz/1952

Technikgeschichte will erklären, wie aus heterogenen Motivationslagen homogene Interessen entstehen, was aus diesen wird und wie sie wieder zerfallen.
Die Berliner Verkehrsverhältnisse, wie sie eine Fotografie von 1923 zeigt, haben für diese Frage sinnbildlichen Charakter: Angestellte, Geschäftsleute, Arbeitslose, Paare, Alte, Junge, Kinder und Flaneure - alle haben sie etwas Eigenes im Sinn, alle wollen über die grosse Kreuzung am Potsdamer Platz gelangen. Sie verwenden ganz unterschiedliche Fortbewegungsmittel. Man sieht Fahrräder, Droschken, Automobile, Pferdeomnibusse, Strassenbahnen, übersieht vielleicht einen Kinderwagen oder einen Rollstuhl. Menschen in Bewegung, mit unterschiedlichen Zielen und dem minimal gemeinsamen Interesse, dass der Verkehr nicht ganz zum Erliegen komme. Wer gewann an Fahrt und was kam unter die Räder, als am Potsdamer Platz 1924 eine Verkehrsampel aufgestellt und von einem Verkehrspolizisten bedient wurde? In welcher Balance fanden sich hier individuelle Koordinationsleistung, behördlicher Kontrollanspruch und soziotechnische Organisation? Was liess sich damals an eine Verkehrsampel, was an Verkehrsteilnehmer, an Fortbewegungsmittel mit ihren Hupen, Bremsen und Klingeln, was an Stadtplanung, Verkehrsbetriebe, Elektrizitäts- und Gaswerke, Kanalisation und Ordnungsdienste delegieren, damit der Platz und Menschen leben konnten, bevor in den 1930er Jahren Aufmärsche, die Bombenangriffe und Häuserkämpfe gegen Ende des Weltkriegs und die Wüste der Grenzzone nach dem Mauerbau alles dominierten?
Technikgeschichte untersucht Angebote technischer Entwicklungen, welche in bestimmten historischen Kontexten entstanden und von sozialen Gruppen oder ganzen Gesellschaften als Möglichkeit sozialen Wandels wahrgenommen, ausgehandelt und schliesslich genutzt oder vergessen worden sind. Die Problemstellungen der Technikgeschichte entwickeln sich aus dem gegenwärtigen Orientierungs- und Reflexionsbedarf, den technischer und gesellschaftlicher Wandel erzeugen, ihre Verfahren entsprechen den aktuellen geschichtswissenschaftlichen Methoden.
Thematisch behandelt Technikgeschichte ein breites Feld historischer Untersuchungsgegenstände - Kommunikationsnetze, Datenströme, Programme und Suchmaschinen sind nur die aktuellsten. Technikgeschichte interessiert sich aber auch für Produktionsverfahren, massenmediale Dispositive, moderne und spätmoderne Technologien der Organisation, der Überwachung und der Steuerung. Dabei will Technikgeschichte verstehen, wie und von wem technische Entwicklungen bewertet werden und mit welchen gesellschaftlichen Veränderungen sie einhergehen.
Aus kreativen und kritischen Fragen an die Vergangenheit sollen überraschende Einsichten und robustes Wissen gewonnen werden.