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Der Rhein-Linth-Gletscher formt die Landschaft
Gossau ist stark von der eiszeitlichen Drumlinlandschaft mit ihren bewaldeten Hügeln und moordurchzogenen Senken geprägt. Der Rhein-Lintsch-Gletscher hinterliess hier vielfältige Spuren. In der Würmeiszeit vor etwa 60‘000 Jahren stösst er zunächst nur knapp über den Alpenrand vor. Dort verharrt er einige Jahrtausende und zieht sich dann wieder zurück. Während rund 30’000 Jahren herrscht danach ein unbeständiges Klima. Die Vegetation wechselt zwischen offener Tundra und lichten Fichten- und Föhrenwäldern. Dem folgt der Maximalvorstoss der Gletscher: Der Rhein-Linth-Gletscher wächst über die Schwelle des Pfannenstiels hinaus bis ins obere Glattal, das er für rund 15 Jahrtausende in seinem kalten Griff hält.
Bei seinem Rückzug um ungefähr 17’000 vor Christus gibt der Gletscher dann der Landschaft quasi den Feinschliff. Er formt beispielsweise charakteristische Steilkanten wie die Gossauer Kirchenterrasse und schafft die Grundlage für das Gossauer Ried, den Greifen- und den Pfäffikersee. Vor allem aber hinterlässt er im Zürcher Oberland rund 150 so genannte Drumlins, wunderschöne, sanft geschwungene Hügel, die an einen Wal oder einen halben Tropfen erinnern. Mehr als 50 davon befinden sich auf dem Gebiet der Gemeinde Gossau. Dazwischen entstehen Senken, in denen sich zunächst Seen breit machen. Später beginnen diese Seen zu verlanden und es entwickeln sich Hochmoore mit meterdicken Torfschichten.
Ein eindrücklicher Zeuge der geologischen Entwicklung rund um Gossau ist die Kiesgrube Langfuhr, die schon im Mittelalter als Lieferantin von Baumaterial genutzt wurde. Im 20. Jahrhundert wird sie für lange Zeit unter Schutz gestellt und zum Schauplatz ergiebiger Forschungen. Die Analysen der verschiedenen Gesteinsschichten bestätigen unter anderem, dass während der Eiszeit abwechslungsweise wärmere und kältere Perioden vorherrschten. Die unterste Schicht der Grube weist darauf hin, dass sich in Gossau einst ein grosser See ausbreitete, von dem nur ein kleiner Rest übrig geblieben ist, nämlich der Greifensee. Während des ersten Vorstosses des Eises wird dieser grosse See nach und nach mit Geröll aufgefüllt und verlandet weitgehend. Später bildet sich über dem einstigen Seebecken eine Waldsteppe. Über die Jahrtausende lassen die verrottenden Bäume im Boden eine Schicht mit Schieferkohle und Torf heranwachsen. Mit dem letzten Vorstoss der Eismassen wird eine Grundmoräne herbei transportiert, auf der sich der heutige Boden und die Vegetation entwickeln.
Ein weiteres Erbe der Eiszeit ist der gewaltige Grundwasserstrom unter der Gemeinde Gossau, der auf der Wasserscheide zwischen Glatt und Jona beginnt und sich bis an den Rhein ausdehnt. Es bildet das Wasserreservoir für alle Dörfer, Weiler und Höfe, die über ihm entstehen.
6000 bis 800 v. Chr.: Die Steinzeit und die Bronzezeit
Der Mensch erlebt in seiner Geschichte zwei tief greifende Revolutionen: Die eine findet in der mittleren und jüngeren Steinzeit statt, die zweite in der jüngsten Geschichte, nämlich die industrielle Revolution. Beide haben die Lebensweise des Menschen grundlegend verändert. In der mittleren und jüngeren Steinzeit werden die Menschen sesshaft. Sie bauen Getreide an, züchten Tiere, brennen Keramik und stellen Werkzeuge her. Im Zürcher Oberland gibt es verschiedene Spuren von Siedlungen aus diesem Zeitalter. Allerdings befinden sie sich nicht auf der Höhe von Gossau, sondern rund um den Pfäffiker- und Greifensee.
In der Bronzezeit, die von etwa 1800 bis 800 v. Chr. dauert, dehnen die Menschen ihr Siedlungsgebiet aus und machen grosse Fortschritte in Handwerk und Landwirtschaft. In dieser Zeit lassen sich offenbar auch Menschen in der Gegend von Gossau nieder. So stösst man im Gebiet von Gossau-Bertschikon-Grüt auf mehrere bronzezeitliche Grabhügel und einen Schalenstein. Bei Grüningen findet man eine Mohnkopfnadel. Die Spuren sind aber insgesamt recht spärlich, was nicht überraschen kann: Die Gegend von Gossau mit ihren bewaldeten Hügeln und von zahlreichen Wasserläufen durchzogenen Moorgebieten ist in jener Zeit noch sehr unwirtlich.
58 v. Chr. bis 400 n. Chr.: Die Römer
Im 3. Jahrhundert vor Christus beginnt das römische Reich in der nachmaligen Schweiz Fuss zu fassen. Mit der Schlacht von Bibracte im heutigen französischen Département Saône-et-Loire gilt die Romanisierung der Schweiz als abgeschlossen. Damals, 58 v. Chr, werden rund 100’000 Helvetier unter ihrem Feldherrn Divico von den Römern geschlagen.
Die Gegend von Gossau scheint für die Römer allerdings nicht interessant gewesen zu sein. Ausser einer Münze hat man hier keine Spuren von ihnen gefunden. Das erstaunt nicht weiter: Die Römer bauen ihre Macht in den Städten auf. Im ländlichen Raum konzentrieren sie sich auf einige strategisch wichtige Punkte entlang ihrer Handelsrouten, an denen sie Gutshöfe bauen. Von hier aus kontrollieren sie dann das Umland. Im Zürcher Oberland sind solche Vorposten unter anderem bei Wetzikon-Kempten und Hinwil anzutreffen. Eine Römerstrasse führt von Rapperswil (Campodunum) über diese Höfe nach Winterthur (Vitudurum) – und damit an Gossau vorbei.
400 bis 800 n. Chr.: Die Alamannen
Zwischen 400 und 700 verändert sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in weiten Teilen der Schweiz grundlegend. Die römische Vorherrschaft beginnt zu bröckeln. Im Zürcher Oberland lassen sich neben den romanisierten Kelten auch Alamannen nieder, die bald zu einer Mehrheit werden und im 7. Jahrhundert die Macht übernehmen. Die Einwanderung dieser westgermanischen Volksstämme markiert den Anbruch des Mittelalters und zwei tiefe kulturelle Einschnitte in unserer Geschichte: Erstens verdrängt die germanische Sprache der Zuwanderer das römische Idiom, zweitens übernehmen die neuen Siedler den christlichen Glauben.
Im Zürcher Oberland gründen die Alemannen zahlreiche Ortschaften: Gossau (777 n.Chr.), Ottikon (809), Binzikon (854), Itzikon (837) und Bertschikon (1279). Die meisten Namen gehen auf die Siedlungsgründer zurück: auf Oto als Gründer von Ottikon (Otinchova), auf Pinuzzo als Gründer von Binzikon, auf Izo als Gründer von Itzikon. Der Name Gossau wird auf die Aue von Cozo zurückgeführt.
Eines der mächtigsten alemannischen Adelsgeschlechter dürfte die Sippe von Beata Landolt gewesen sein. Sie scheint im Zürcher Oberland und am Zürichsee weitläufige Ländereien besessen zu haben. In Gossau gehören ihr unter anderem die 745 gegründete Lützelau, das heutige Jungholz, und die Tägernau (1243). Ausserdem besitzt Beata Landolt ein kleines Kloster auf der Zürichsee-Insel Lützelau, dem sie 741 verschiedene Güter schenkt. 744 verkauft sie diesen ganzen Besitz dem Kloster St. Gallen, um nach Rom reisen zu können. Unterwegs stirbt sie. Ihr Sohn Landbert überträgt 745 den restlichen Besitz dem Kloster St. Gallen, in das er als Mönch eintritt. Auch zwei seiner Vettern vermachen dem Kloster ihre Ländereien. Damit fallen weite Teile des heutigen Gossauer Gemeindegebietes an das aufstrebende Kloster St. Gallen.
Nicht jede Siedlung, die im frühen Mittelalter gegründet wird, hat bis in die Neuzeit Bestand. Im Raum von Gossau verschwinden beispielsweise Waltikon, Vollikon, Busslikon, Andlikon oder Werikon, die heute nur noch als Flurnamen existieren. Es gab viele Gründe, weshalb eine Siedlung untergehen konnte. Die einen hatten eine zu schwache wirtschaftliche Basis, andere wurden von grösseren Dörfern quasi aufgesogen. Viele Siedlungen haben Krisenzeiten wie den alten Zürichkrieg (1436-1445) oder Seuchen wie die Pest von 1667 nicht überstanden. Mancherorts sind allerdings Jahrzehnte später wieder neue Siedlungen entstanden, etwa die Brüschweid anstelle von Werikon, Hanfgarten anstelle von Busslikon und Langfuhr unweit des alten Vollikon.