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Bevor der Shitstorm über meine durch Haargel gezähmte Kopfhaare hinwegfegt und ich vor lauter Fake News-Bewertungen am Ende des Blogs ersticke, möchte ich klarstellen:
Ich konnte als Jugendlicher Diego Armando Maradona kaum ausstehen.
Und ja, Fussball ist für das Weiterdrehen der Erdkugel irrelevant. Und wer bereits an dieser Stelle kritisieren möchte, wieso ein solcher Artikel beim RefLab publiziert werden soll: nicht weniger als die Hand Gottes und ein göttlicher Haarzopf kommen im untenstehenden Text vor.
Diego: ohne mich!
Diego Maradona wurde und wird vom neapolitanischen Volk vergöttert. In den Strassen von Neapel ist er immer noch auf unzähligen Graffitis zu sehen und Heiligenschreine dienen immer noch als Kultus- und Erinnerungsorte. Frauen (und wahrscheinlich auch Männer) wollten uneheliche Kinder mit ihm (Cristiana Sinagra hat es schliesslich auch geschafft und den gemeinsamen Sohn Diego Jr. genannt).
Die medialen Auftritte in der zweiten Hälfte seiner Fussballerkarriere, die an Arroganz kaum zu überbieten waren, machten mich fast rasend.
Seine Drogen- und Doping-Eskapaden waren nicht nur im sportlichen Umfeld bekannt, Maradona hat zudem auf dem Spielfeld geschummelt und dies selten zugegeben. Mein Lieblingsfussballer war damals Roberto Baggio, ebenfalls ein begnadeter Fussballer. Wahrscheinlich weniger göttlich (er wurde «il divin codino» genannt, «das göttliche Zöpfchen»), dafür war Roberto ein Vorbild auch neben dem Fussballplatz.
Wenn man die Ambivalenz von Diego Armando Maradona sportlich zusammenfassen möchte, dann kann man sich das WM-Spiel Argentinien gegen England zu Gemüte führen: Nur wenige Minuten nach seinem irregulären Tor mit der Hand (die später, die «Hand Gottes» bezeichnet wurde) erzielte er 1986 in Mexiko-Stadt das vermutlich schönste Tor der Fussballweltmeisterschaften.
Diego: ich verstehe dich!
Meine ausschliesslich negative Meinung über den argentinischen Fussballer, die ich jahrelang mit mir herumgetragen habe, bin ich mit dem Dokumentarfilm «Diego Maradona» von Asif Kapadia zumindest teilweise losgeworden.
Seit ich mir den Dokumentarfilm angeschaut habe, kann ich den argentinischen Fussballer zumindest verstehen, manchmal hatte ich sogar Mitleid mit ihm.
Der Regisseur hat das geschafft, was einige Jugendfreunde, die Neapel-Fans sind, bei mir nie erreichen konnten.
Diego & Maradona
Asif Kapadia zeigt im Film zwei Gesichter von Diego Armando Maradona: Da ist einerseits Diego, der naive, loyale und verspielte Mensch, der bereits als 16-jähriges Talent die finanzielle Verantwortung für seine Familie übernimmt. Und andererseits gibt es Maradona, die ikonische aber schummelnde Figur, die irgendwie mit der Camorra verbunden ist und nicht selten im Kokainrausch spielt.
Oder wie sein Fitnesstrainer Fernando Signorini zusammengefasst hat:
“Con Diego iría hasta el fin del mundo … pero con Maradona no daría ni un paso.”
(Mit Diego würde ich bis ans Ende der Welt gehen … aber mit Maradona würde ich keinen Schritt machen.)
Ende der 80er Jahren war der SSC Neapel (nicht nur, aber) vor allem wegen Maradona erfolgreich. Der Goldjunge (“el pibe de oro”) verhalf dem süditalienischen Verein in den Jahren 1987 und 1990 erstmals in seiner Geschichte zur italienischen Meisterschaft und im Jahr 1989 zum UEFA Pokal-Gewinn. Die Stadt Neapel, die in der Presse allzu oft negativ beschrieben wurde, stand plötzlich im Rampenlicht. Die Neapolitaner*innen, die von den Norditalienern mit terroni («Erdfresser») beschimpft wurden, hatten endlich etwas, worauf sie stolz sein konnten. Aus diesem Grund werden sie Diego nie vergessen.
Das Tragische an Maradonas Geschichte ist: Die Stadt Neapel hat ihn erschaffen und bekannt gemacht, Neapel hat ihn schliesslich aber auch aufgezehrt.
Ich will aber nicht alles preisgeben: hier geht’s zum Dokumentarfilm.
Bild: Giuseppe De Iorio / https://www.ostilemagazine.com