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Götz Thieme, Stuttgarter Zeitung (10.11.2009)
Oper Calixto Bieito inszeniert am Theater Basel Leos Janáceks Werk "Aus einem Totenhaus".
Ein leerer Raum, die Bühne liegt in fahl-grauem Licht, Wasser bedeckt einen Teil des Bodens, einige Männer in groben Hosen und Hemden spielen Fußball, einer ist vom Bauchnabel bis zum Hals tätowiert. Der arme Alte zwischen zwei Autoreifen, die das Tor markieren, ist meist der Angeschmierte, egal ob er den Ball hält oder nicht. Meist hält er nicht, dann wird er geschlagen und getreten. Währenddessen nähert sich ein magerer kurzgeschorener Jüngerer der Rampe, die Augen sind starr. Er beginnt im Kreis zu laufen, knallt hinten gegen eine Wellblechwand, rennt und rennt, irgendwann bleibt er liegen. Ein Älterer greift in die Lache, lässt das Wasser über den Kopf laufen, wieder und wieder.
Gewalt und Wahnsinn sind die Kräfte in einem Strafgefangenenlager; die Liste dieser Orte ist lang, die Muster der Unmenschlichkeit sind die gleichen. Dostojewski hat sie beschrieben in seinen "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", die Leos Janácek als Vorlage für seine letzte Oper dienten. Wer das Werk inszeniert und die Gulag-, KZ- oder Guantánamo-Ikonografie plündert, hat verloren - wahrer als die Wirklichkeit, kann das Theater niemals sein. Bei seiner Inszenierung für das Theater Basel meidet Calixto Bieito als Bühnenbildner jeden zeichenhaften Bezug zur Realität. Doch als Regisseur geht er wie oft in seinen Opernarbeiten den Weg des kruden Naturalismus. Das birgt Gefahren.
Janácek hat für seine Oper "Aus einem Totenhaus" eine Musik geschrieben, die Stromschlägen gleicht, im nächsten Moment den Gefangenen nicht mehr gönnt als ein Flüstern, einen Atemstoß, einen Schrei. Diese Musik tröstet nie, und wenn sie die schweren Stiefel zum Tanzen bringt, artet das zum verzweifelten Stampfen aus. Janáceks Musik ist so modern, nicht weil sie auf den ersten Blick so objektiv scheint, sondern weil sie die Menschen auf der Bühne vor den leicht zu provozierenden Gefühlen derer, die sie anschauen, schützt.
Ein Richard Strauss nimmt sein Publikum mit höchster Kunstfertigkeit bei der Hand und schmeichelt ihm, weil es sich in der Musik mit den Protagonisten und ihren Gefühlen vereinigen darf. Janáceks einziger Trost ist das Leben selbst: seine beinahe ins Manische getriebenen Ostinati haben den gleichen Sinn, den man im menschlichen Pulsschlag erkennen mag. Es ist der einzige Moment von Metaphysik, den sich der Komponist erlaubt.
Die Strenge solcher musikalischen Dramaturgie, die es dem Zuschauer erst erlaubt, eine individuelle, nicht durch das Melos gelenkte Wahrnehmung zu entwickeln, wird durch allzu drastischen Bühnenrealismus gestört. Das ist die Fußfessel an Bieitos Inszenierung: blutiger Sadismus, Massenerschießung, Kollektivsaufen und Travestie, wenn als Männer verkleidete Frauen im Lager Theater spielen. Sprechender sind die Bilder kalter Ruhe. In einer Episode geht es im Original um einen verletzten Adler, hier ist es ein aus Pappe gebasteltes Flugzeug, das der Lagerkommandant zerfetzt, als er sieht, wie die Männer mit ihm spielend zu Kindern werden. Bald darauf senkt sich ein schrottreifer einmotoriger Doppeldecker mit über 15 Meter Spannbreite herab, Sinnbild für die verlorene Freiheit, ein begnadeter Bildeinfall.
Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Gabriel Feltz, seit einem Jahr erster Gastdirigent in Basel, hat penibel mit Ensemble und Orchester gearbeitet, trotzdem bringt die Partitur mit ihren in extreme Randlagen führenden Partien Sänger und Instrumentalisten gelegentlich in Bedrängnis. Diese Männeroper, in der Einzelne von ihrem Schicksal, von ihren Taten berichten, ist ein Kollektivwerk - mit diesem beglaubigt das Theater Basel, warum es 2009 zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde.