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An einem warmen Sommertag kam ein Wanderer in das Reich der Tiere. Der König hatte schon lange vor seiner Ankunft von ihm gehört und er war neugierig zu erfahren, was der Besucher aus anderen
Ländern zu berichten. So bot er dem Neuankömmling an, eine Weile als Gast in seiner Höhle zu bleiben.
Der König genoss es mit dem Wanderer zu diskutieren und wollte alles über dessen Reich erfahren. Der Wanderer erzählte dem König der Tiere von einem Reich, in welchem alle Bewohner einzigartig waren. Deshalb fanden sie für jedes Problem eine Lösung und leben in Harmonie zusammen. Jedem ging es gut.
Als der Wanderer sich wieder verabschiedet hatte, unternahm der König eine ausgiebige Reise durch sein Reich.
Er besuchte die erdverbundenen Schildkröten. Der König erzählte ihnen von einem Reich der einzigartigen Wesen und seiner Vision, dass auch das Reich der Tiere eines Tages in Harmonie leben würde und es allen gut ginge. Die Schildkröten waren aber wenig daran interessiert, etwas zu verändern und der König zog enttäuscht weiter.
Er besuchte die feurigen Tiger und erzählte von seiner Vision. Darüber entbrannte bei den leidenschaftlichen Tigern eine heftige Diskussion über den Wanderer und sein Reich, welche schliesslich handgreiflich wurde. Verängstigt reiste der König weiter.
Schliesslich kam er bei den Adlern der Lüfte an. Er wollte auch ihnen von seiner Vision berichten, doch bevor er seine Sätze beenden konnte, erhoben sich die Adler in die Lüfte und verfolgten immer wieder andere und neue Visionen.
Der König war traurig. Sein Reich würde nie in Harmonie leben. Vielleicht lag es daran, dass die Tiere nicht so einzigartig und perfekt waren wie die Bewohner im Reich des Wanderers. Die Tiere müssten sich also verbessern, bevor sie glücklich sein konnten.
Die feurigen Tiger brauchten die Ruhe der erdverbundenen Schildkröten. Diese hingegen brauchten die geistige Beweglichkeit der Adler und die Adler brauchten die Leidenschaft der Tiger, damit sie sich überhaupt für das Reich der Tiere interessieren würden.
Und so befahl der König, alle Tiere müssten besser werden. Alle müssten sich verändern.
Jahre später kam der Wanderer wieder in das Reich der Tiere. Und besuchte den König. Dieser war mittlerweile verzweifelt. Die Tiere hatten seine Befehle befolgt.
Die erdverbundenen Schildkröten hatten mehr Luft in sich aufgenommen. Doch ihre Panzer zersprangen und sie erfroren.
Die feurigen Tiger hatten mehr Erde in sich aufgenommen. Doch ihre Beine wurden zu schwer um zu jagen und sie verhungerten.
Die Adler der Lüfte hatten das Feuer in sich aufgenommen, doch ihre Federn gingen in Flammen auf und sie stürzten zu Boden. Das Reich würde untergehen, weil die Bewohner es nicht geschafft hatten, alles zu können und perfekt zu werden.
Der Wanderer lächelte sanft und zog eine kleine Ampulle mit kristallklarer Flüssigkeit aus der Tasche: „Dies ist das Blut von Mutter Erde. Füge es eurer Quelle bei und sie wird ihre Schöpfung perfekt machen.“
Der König machte sich auf dem Fluss entlang zur Quelle und liess einen Tropfen aus der Ampulle in das Wasser fallen. Die Quelle gurgelte und der Fluss schwoll zu einer riesigen Flutwelle an, die das ganze Reich überflutete.
Als das Wasser zurück gewichen war, blieben nur eine Schildkröte, ein Tiger und ein Adler übrig. Keiner kümmerte sich mehr um den alten Befehl des Königs und versuchte besser zu sein als er war. Sie waren damit beschäftigt, das Reich wieder aufzubauen.
Gemeinsam liessen sie sich bei der Quelle in der Nähe des Wassers nieder. Die Schildkröte baute und brachte Stabilität in das Reich. Der Tiger verteidigte die neue Sippschaft mit feuriger Leidenschaft und der Adler hatte die vorausschauenden Ideen, wen die Gruppe nicht mehr weiter wusste.
Sie lebten gemeinsam in Harmonie.
Jeder einzigartig, keiner perfekt. Oder vielleicht doch?