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Die Römer, die Hunnen, die Mongolen – die Welt hat den Aufstieg und Fall unzähliger Grossreiche erlebt, die sich ihren Platz im kollektiven Gedächtnis erobert haben. Weniger bekannt aber ist die Geschichte des Bündner Zuckerbäcker-Imperiums. Dabei haben sie sich über hunderte von Jahren auf der ganzen Welt verteilt und nachhaltige Spuren hinterlassen.
Weg aus der Armut, mit Zucker in den Reichtum
In 1368 Städten in 58 Ländern haben sie sich insgesamt niedergelassen, um die Bevölkerung mit ihren süssen Spezialitäten zu verwöhnen. Nebst Kuchen, Schokoladen und Konfekt gehörten oftmals auch Marzipankreationen, Glacé und Limonaden dazu. Angeblich waren sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts auch unter den ersten, die in europäischen Städten Kaffee ausschenkten und damit einen wichtigen Grundstein für Europas Kaffeehaus-Kultur legten. Tatsächlich waren die ausgewanderten Bündner mitunter so erfolgreich, dass sie ihren Reichtum mit prunkvollen Villen und Palastbauten in der verarmten Heimat zu Schau stellten.
Der Bündner Zuckerbäcker-Exodus reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Damals verliessen die Menschen in Scharen die Bergtäler. Meistens mussten sie ihre Heimat aufgrund von Pestausbrüchen, Hunger oder wegen Armut verlassen. Zunächst versuchten viele von ihnen ihr Glück in Italien, vornehmlich in Venedig. Zwar waren viele von ihnen ursprünglich keine Zuckerbäcker, doch fanden sie in dieser Tätigkeit eine Nische und spezialisierten sich rasch darauf. Mit Erfolg: Mitte des 18. Jahrhunderts wurden 38 der 42 Konditoreien in Venedig von Bündnern betrieben.
Die Eroberung der Welt
Die Bündner Zuckerbäcker waren in Venedig so erfolgreich, dass sie mit ihren Zünften zunehmend an wirtschaftlicher und politischer Macht gewannen. Eine Entwicklung, die den Venezianern gar nicht schmeckte. Dies dürfte auch mit ein Grund gewesen sein, warum die Republik Venedig im Zuge eines Handelsstreits mit Rätien 1766 allen Schweizer Zuckerbäckern ihre Rechte und Privilegien entzog. Sie wurden aus der Stadt verwiesen – ein herber Rückschlag für das Bündner Zuckerimperium.
Als Folge davon verteilten sich die Bündner überall in Europa. Viele zog es nach Frankreich, Deutschland oder in andere italienische Städte. Aber auch in ferneren Ländern wie Finnland, Russland oder gar den USA entstanden plötzlich Bündner Konditoreien. Ihre Erfolgsgeschichte setzte sich unbeirrt fort.
Über die Jahrhunderte prägten Bündner Auswanderer die Städte Europas. Ihr Fussabdruck ist teilweise bis heute noch sichtbar. So soll zum Beispiel das weltbekannte Caffè Florian am Piazza San Marco in Venedig von Bündnern gegründet worden sein. Das Literaturcafé in St. Petersburg, in dem unter anderem russische Schriftsteller wie Dostojewski, Lermontow oder Turgenew verkehrten, wurde 1816 vom Davoser Tobias Branger gegründet. Hier soll auch der Komponist Tschaikowski durch Gift in seinem Kaffee umgekommen sein. In Hannover wurde das berühmte ehemalige Café Kröpcke vom Engadiner Johann Robby gegründet – gleich davor befindet sich die «Kröpcke-Uhr», noch immer ein beliebter Treffpunkt in der Stadt.
Nicht alle Auswanderer sollten jedoch mit gleich viel Erfolg gesegnet sein. Viele wurden auch in der neuen Heimat weiterhin von Armut und Unsicherheit geknechtet, so einige verstarben vereinsamt und verwahrlost in der Fremde. Doch auch die erfolgreicheren Zuckerbäcker hatten nicht immer ein einfaches Leben. Viele arbeiteten Tag und Nacht pausenlos, Kinderarbeit war zu diesen Zeiten gang und gäbe. Das lag auch daran, dass die Auswanderung oftmals unmittelbar nach der Konfirmation erfolgte, also mit bloss 14 oder 15 Jahren.
Das jähe Ende einer Ära
Der Ausbruch des ersten Weltkriegs im Jahre 1914 setzte der Bündner Auswanderung – und damit auch der Expansion ihres Zuckerbäckerimperiums – ein jähes Ende. Bis dahin wanderten schätzungsweise 15’000 Bündnerinnen und Bündner aus, um im Ausland eine Konditorei oder ein Kaffeehaus zu betreiben.
Das Bündner Zuckerbäcker-Imperium mag heute Geschichte sein, doch sein Erbe wirkt weiter. Die Bündner Konditoreien und Kreationen haben die europäische Feinbackkunst und vor allem Kaffeehauskultur nachhaltig mitgeprägt – und das über Jahrhunderte.