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„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ (Mt 2,1)
Der Evangelist Matthäus berichtet von Weisen aus dem Morgenland. Wörtlich sind es „Magier“, die sich aufgemacht haben sollen, einem Himmelszeichen zu folgen, uns bekannt als Stern von Bethlehem. Und tatsächlich gab es in Babylonien, dem heutigen Irak, also im „Morgenland“ von Israel/Palästina aus gesehen, die alte Kunst der Sternbeobachtung und -deutung. Aber kann das sein, dass der Stern vor ihnen her ging „bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war“ (Mt 2,9)? Krippendarstellungen lassen an einen Kometen mit seinem Schweif denken, der Halleysche Komet wird in diesem Zusammenhang dann gern genannt. Oder war es vielleicht gar ein Raumschiff, und die Geburt eigentlich ein Besuch der dritten Art?
Doch weder die auch aus der Kunst bekannte traditionelle Kometendeutung noch die modernere Überlegung einer ausserirdischen Begegnung werden wohl den uns bekannten Phänomenen gerecht – auch wenn sich beides nicht vollkommen ausschliessen lässt. Ich möchte in diesem Beitrag die möglichen Deutungen des Himmelszeichens durchgehen. Es gibt demnach durchaus noch weitere und vielversprechendere Möglichkeiten.
Komet
Auf alten Darstellungen sieht man einen Kometen mit seinem Schweif, so z. B. auf dem Fresko des Künstlers Giotto in einer Kapelle in Padua, erstellt ganz am Anfang des 14. Jahrhunderts. Nach diesem Künstler wurde dann auch eine Mission der Europäischen Weltraumfahrt zu einem Kometen benannt. Giotto hatte sich nämlich von dem Halleyschen Kometen inspirieren lassen, als dieser vor der Wende zum 14. Jahrhundert wieder aufgetreten war, im Jahre 1294. Der Komet ist, abhängig von Beeinflussungen seiner Bahn durch Planetenkonstellationen, etwa alle 74 bis 79 Jahre am Himmel sichtbar. Wenn man zurückrechnet, kommt man in biblischen Zeiten einem Zeitraum nahe, der für die Geburt Jesu in Frage kommt. Allerdings ist das Datum wohl doch etwas zu früh – oder aber viele Jahrzehnte zu spät: Der Zeitraum für die Geburt Jesu liegt zwischen 8 bis 4 vor unserer Zeitrechnung, und die Annäherung des Halleyschen Kometen an die Erde hat damals bereits im Oktober des Jahres 12 vor Christus stattgefunden.
Zudem galten Kometen selten als Heilsbringer, sondern eher als Unheilsboten; sie sind also eher unwahrscheinlich Überbringer einer „guten Nachricht“, um die es beim Stern von Bethlehem ja gehen soll.
Raumschiff
Hartnäckige Anhänger eines UFO-Glaubens mögen vielleicht auch an ein Raumschiff denken, aber so wörtlich ist die Bibelstelle, dass der Stern „über dem Ort stand“ dann vielleicht doch nicht gemeint. Ich „glaube“ zwar auch an die Existenz von Ausserirdischen, nehme jedoch an, diese sind viel zu weit weg, als dass ein Kontakt stattgefunden haben könnte. Ausserdem besteht die Gefahr, Ausserirdische hinter allen möglichen Phänomenen zu vermuten, was der natürlichen Erklärung der Welt im wissenschaftlichen Sinne nicht gut tut. Eigentlich immer geht es bislang auch ohne Ausserirdische. Es hat daher seinen guten Grund, dass Wissenschaftler diese Deutung nicht erwähnen. Unbekannte Flugobjekte als ausserirdische Raumschiffe zu interpretieren hat also zu Recht in der Forschung einen schweren Stand, auch wenn jüngst ein Untersuchungsbericht des Pentagon eine Reihe von unerklärlichen Aufzeichnungen vorgelegt hat. Bewusst diskutiert man diese als Unbekannte Luftphänomene (UAP) und nicht als UFOs, vielleicht auch weil der UFO- Begriff mit seinem Anklang an Begegnungen der dritten Art die Fantasie vieler zu sehr anregt. Kehren wir also zurück zu den Deutungen des Himmelszeichens, die ernsthaft diskutiert werden.
Supernova
Die Explosion einer Sonne erscheint uns wie das Erscheinen eines neuen Sternes am Himmelszelt. Könnte dies das dem Stern von Bethlehem zugrunde liegende Phänomen gewesen sein?
Der Däne Tycho Brahe hat aufgrund der Beobachtung einer Supernova im Jahre 1572 geschlossen, dass der „Fixsternhimmel“ wohl doch nicht unveränderlich und ewig ist, wie man früher dachte. Er baute sich sein eigenes Bild der Planetenbewegungen zusammen, ein weiterer Schritt auf dem Weg der Durchsetzung des revolutionären heliozentrischen Weltbildes, nach der die Erde nicht im Mittelpunkt der Welt steht, sondern nur ein Planet von vielen ist.
Dies hat auch etwas mit dem Stern von Bethlehem zu tun, denn Brahes Schüler Johannes Kepler beobachtete ebenfalls eine Supernova, und zwar im Jahre 1604. Man sollte meinen, Supernovae wären entsprechend häufig, aber tatsächlich war dies die letzte, die bislang (in unserer Galaxie) beobachtet wurde. Keplers Supernova trat nun an einer Stelle in Erscheinung, die zufällig in der Nähe der Konjunktion, also des Zusammentreffens, von Jupiter und Saturn am Himmel lag. Kepler vermutete einen Zusammenhang: die Planetenkonjunktion könnte auch bei der Geburt Jesu einen neuen Stern hervorgebracht haben. Dieser „Zusammenhang“ war zwar Zufall, machte als Hypothese auf dem damaligen Wissensstand aber durchaus Sinn. Kepler verstand sich als „Priester am Buch der Natur“. Wie Priester aus der Heiligen Schrift von Gott erfahren, wollte er aus der Natur die Spuren Gottes lesen. Vielleicht war auch die Vermutung bezüglich des „neuen Sterns“ von dieser Zusammenschau von Bibel und Natur inspiriert?
Planetenkonstellation
So ganz falsch lag Kepler gar nicht, denn in der Tat hatte es im Jahr 7 vor Christus, also innerhalb des fraglichen Zeitraums, eine Annäherung von Jupiter und Saturn gegeben, allerdings eher keine Supernova in deren Nähe. Das Zusammentreffen der beiden Himmelsobjekte war in der babylonischen Astrologie sehr symbolträchtig, denn Jupiter stand für den höchsten Gott und Saturn für den König von Israel. Beide zusammen konnten also durchaus als Ankündigung eines besonderen Ereignisses gelesen werden. Allerdings kamen die beiden Planeten sich nie so nahe, dass sie aus Sicht von der Erde zu einem Stern verschmolzen sein konnten.
Anders dagegen Venus und Jupiter in den Jahren 3 und 2 v. Chr., die wirklich scheinbar verschmolzen. Dieses Ereignis als Stern von Bethlehem zu interpretieren, würde aber einige Änderungen im Ablauf der Weihnachtsgeschichte erfordern und diese in den Sommer verlegen. Nun, da das Datum des Weihnachtsfestes ja allerdings erst viele Jahrhunderte später festgelegt worden ist, wäre dies kein grosses Problem.
Weder Kometen noch Supernovae spielten in der babylonischen Astrologie eine Rolle, wohl aber eben Planetenkonstellationen. Nur diese lassen ein Vorangehen und einen scheinbaren Stillstand des Himmelszeichens zu, was damit zu tun hat, wie uns elliptische Planetenbewegungen um die Sonne von der Erde aus erscheinen. Manchmal scheint der Planet dann nämlich stillzustehen.
Auch darf man nicht vergessen, dass das jüdische Volk lange Zeit in Babylon gelebt hat und dort ansässig war. Bereits vor Kepler weist der Rabbiner Abarbanel (1437-1508) darauf hin, dass jüdische Astrologen lange vorhersagten, dass der Messias bei einer Konjunktion von Jupiter und Saturn geboren werde – auch dies spricht für die auch hier hauptsächlich vertretene Deutung. Auch auf babylonischen Keilschrifttafeln hat man eine Schilderung der Konjunktion (wie eine solche Planetenkonstellation heisst) von Jupiter und Saturn im Jahre 7 v. Chr. gefunden; es war also tatsächlich ein Phänomen, auf welches geachtet worden ist.
Man erkennt bei den verschiedenen Deutungen, wie Ereignisse und Vorstellungen der jeweiligen Gegenwart auf Berichte der Vergangenheit projiziert werden. Aber auch die Vergangenheit kann die Gegenwart beeinflussen, wenn die Erfüllung einer Prophezeiung erwartet wird:
Reine Symbolik?
Der Evangelist Matthäus ist ja bekannt dafür, dass er die Ereignisse um Jesus in besonderer Weise als Erfüllung der Verheissungen des Alten Testaments versteht. Wie ein Midrasch (eine jüdische Bibelauslegung) erschien speziell dieses Evangelium auch einem jüdischen Gelehrten beim Lesen. Im 4. Buch Mose 24 ist nun von der Verheissung des Retters, also des Messias, die Rede, und dazu werden in Vers 17 die Worte gewählt: „Ein Stern tritt hervor aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel…“. Hat Matthäus das schlicht in Erfüllung gehen sehen wollen? Wir wissen es nicht.
Es ist schwierig, zu bestimmen, was genau geschah. Handelt es sich einfach um eine Legende? Man darf jedoch nicht vergessen, dass auch in früheren Zeiten die Regelmässigkeiten der Natur einigermassen bekannt waren. Wunder wurden zwar durchaus öfter erzählt, und sehr wahrscheinlich wurden ihre Erzählungen im Laufe der Zeit auch ausgeschmückt und übertrieben, aber einen wahren Kern könnte diese Erzählung schon haben.
Dass Ereignisse uns Menschen wunderbar erscheinen, heisst wiederum nicht, dass sie die Naturgesetze durchbrechen müssen. Auch im Gespräch zwischen Glauben und Wissenschaft wird auf die Treue Gottes als Garant der Naturgesetze verwiesen, denn warum sollte Gott willkürlich immer wieder seine Gesetze aufheben? Wunder als Durchbrechung von Naturgesetzen anzusehen, ist geschichtlich auch erst seit dem Philosophen David Hume der Fall. Ich glaube, „Wunder“ sind vielmehr Zeichen, also Augenöffner für uns bislang verborgene Zusammenhänge der Welt, die zu einem trefflichen Zeitpunkt geschehen. Der Stern von Bethlehem war in diesem Sinne vielleicht wirklich ein Wunderzeichen.
Andreas Losch