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«Nein» sagen, aber wie?
Drei Strategien, die alle Eltern kennen
sollten!
«Nein, ich habe jetzt keine Zeit, um mit dir ein Buch anzuschauen» / «Nein, bitte nicht auf den Tisch klettern» / «Nein, du darfst nicht mit dem Messer spielen, das ist zu gefährlich» / «Nein, wir gehen jetzt nicht nochmals nach draussen» / «Nein, wir schauen nicht noch eine weitere Folge» / «Nein, du kannst nicht auf dem Beifahrersitz mitfahren, du musst in deinem Kindersitz bleiben»…
Manchmal ist Elternsein echt anstrengend. Immer wieder tun unsere Kinder etwas, das wir nicht zulassen können oder sie haben Wünsche, die wir nicht erfüllen wollen. Immer wieder hören wir uns «Nein» sagen. Ohne «Nein» geht es nicht. Kinder haben das Recht, zu erfahren, wenn sie sich in Gefahr bringen, wenn sie Grenzen anderer Menschen überschreiben oder wenn sie Grundwerte verletzen. Sie haben aber auch das Recht, dies auf eine respektvolle Weise zu erfahren, ohne in ihrer Würde verletzt zu werden. Wie das gehen kann, zeigt zum Beispiel Thomas Gordon mit dem Konzept der Ich-Botschaft im Buch Familienkonferenz auf:
-
Benenne das Verhalten, das du nicht akzeptierst oder den Wunsch, den
du nicht erfüllen kannst:
«Du möchtest gerne noch länger auf dem Spielplatz bleiben.»
-
Benenne welche Gefühle ein Verhalten oder ein Wunsch in dir auslöst:
«Ich werde langsam nervös und ungeduldig.»
-
Benenne eine konkrete und greifbare negative Wirkung/Folge:
«Wenn wir jetzt nicht bald los gehen, habe ich nachher Stress beim Kochen.»
Das ist eine hilfreiche Methode. Sie hilft mir, herablassende, beschuldigende Aussagen zu vermeiden und mein «Nein» klar zu begründen. Doch das «Nein-Sagen» wird dadurch nicht weniger anstrengend. In diesem Beitrag zeige ich drei ergänzende Strategien auf, die mir als Mutter das «Nein-Sagen» deutlich erleichtern. Erleichtern deswegen, weil sie mir ermöglichen zugewandt zu bleiben und mir nicht das Gefühl geben, meine Tochter mit dem Nein von mir wegzustossen.
1. Strategie: Ein «Ja» unter Bedingungen
Wenn ein Kind einen Wunsch äussert, den wir nicht erfüllen wollen, oder etwas tut, das wir nicht zulassen können, sagen wir oftmals erstmals kategorisch «Nein»: «Nein, ich habe jetzt keine Zeit, mit dir ein Bilderbuch zu schauen», «Nein, ich mag dich nicht noch ein zweites Mal baden», «Nein, da kannst du dich nicht hochziehen, das Regal könnte umkippen».
Oft übersehen wir, dass ein Wunsch durchaus erfüllbar ist oder ein Verhalten tolerierbar, einfach unter anderen Bedingungen als es das Kind gerade möchte: Zum Beispiel zu einem anderen Zeitpunkt, mit einer anderen Person, mit einem anderen Gegenstand, an einem anderen Ort usw.
Wenn ich z.B. gerade koche und meine Tochter will mit mir ein Bilderbuch schauen, dann ist ihr Wunsch jetzt gerade nicht erfüllbar, aber nach dem Essen möglicherweise schon. Oder vielleicht ist Papa verfügbar, um ihren Wunsch zu erfüllen. Anstatt also schnell durch ein «Nein» potenziell Widerstand und Frust zu erzeugen, kann ich ihren Wunsch bejahen und hinzufügen, unter welchen Bedingungen ich ihn erfüllen kann: «Ja, wir können ein Bilderbuch schauen. Jetzt koche ich noch, aber nach dem Essen habe ich Zeit» oder «Ja, du kannst dieses Bilderbuch schauen, ich bin gerade beschäftigt, aber Papa hat Zeit für dich. Magst du ihn fragen?»
Anmerkung: Wenn ich die Erfüllung eines Wunsches auf einen späteren Zeitpunkt verschiebe, dann stelle ich mir oft einen Wecker auf dem Handy, damit ich es nicht vergesse. Der Wecker erinnert mich dann z.B. nach dem Essen daran, meine Tochter zu fragen, ob sie immer noch ein Buch gemeinsam schauen will.
Andere Beispiele:
- «Ja, du darfst dich zum Stehen hochziehen, aber bei diesem Regal ist es zu gefährlich. Du kannst das Sofa nutzen.»
- «Ja, du darfst mit deiner Trommel spielen, nur mir ist es gerade zu laut. Du kannst ins Wohnzimmer gehen oder ein Kissen auf die Trommel legen».
- «Ja, du kannst noch einen Nachtisch haben. Dass du (noch mehr) Schokolade isst, kann ich aber gerade nicht verantworten. Wie wär’s mit einem Fruchtsalat?»
- «Ja, wir werden deine Patentante wieder einmal besuchen, ich muss aber erst noch ein Datum mit ihr vereinbaren.»
- «Ja, du kannst mit diesem Schaukelpferd spielen, sobald das andere Kind nicht mehr will und es frei ist.»
Indem wir auf diese Weise Wünsche, Handlungen und Interessen mit gewissen Einschränkungen bzw. unter gewissen Bedingungen bejahen, fühlt sich unser Kind viel eher gesehen und verstanden, als wenn wir einfach kategorisch «Nein» sagen.
2. Strategie: Ein "Ja" in der Fantasie
Es gab bei uns vor kurzem eine Phase, in der meine Tochter immer kurz vor dem Einschlafen nochmals aufstehen und nach unten ins Wohnzimmer oder sogar nach draussen gehen wollte. Das konnte ich nicht ermöglichen, ich war einfach zu müde. Ich sagte dann zuerst klar, aber möglichst liebevoll: «Nein, wir stehen jetzt nicht noch einmal auf, ich bin wirklich zu müde dazu!». Das hat meine Tochter natürlich nicht einfach so akzeptiert: «Ich will aber…». Das wäre dann die ideale Vorlage gewesen, um in ein endloses Hin-und-Her zwischen «Ich will aber…» und «Das geht nicht, ich habe dir doch gesagt…» zu geraten. Vermutlich wäre ich ärgerlich geworden und meine Tochter hätte irgendwann geweint.
Zum Glück hatte ich kurz vor dieser Ich-Will-Nochmal-Aufstehen-Phase das Buch So sag ich’s meinem Kind von Adele Faber und Elaine Mazlish gelesen und die folgende Strategie kennengelernt: Gib den Wünschen deines Kindes in der Fantasie nach!
Anstatt mein Argument, dass ich zu müde sei, immer und immer wieder vorzubringen und doch damit nicht auf mehr Akzeptanz zu stossen, habe ich mir angewöhnt, meine Tochter Folgendes zu fragen: «Wollen wir uns vorstellen, wie es wäre, wenn wir jetzt nochmals aufstehen würden?». Darauf ist sie eingegangen und wir haben in der Fantasie noch die wildesten Dinge unternommen. Wir sind z.B. noch in der Aare schwimmen gegangen oder haben Pfannkuchen gekocht. Wir haben uns vorgestellt, wie wir den Mond und die Sterne sehen und vielleicht einer Katze begegnen, die wir streicheln könnten. Vielleicht war die Katze grün oder blau oder hatte sieben Ohren. Während unseren Fantasiereisen ist meine Tochter oft eingeschlafen.
Wenn wir nicht erfüllbaren Wünschen in der Fantasie nachgehen oder wenn wir Verhalten in der Fantasie ermöglichen, das in der Realität nicht möglich ist, dann kann das sehr viel Entspannung in den Familienalltag bringen.
Wie viel Entspannung dieses Instrument bringen kann, zeigt auch das folgende Beispiel:
In den Skiferien begegneten wir auf dem Weg ins Dorf einem Vater mit seiner Tochter. Wir kannten uns nicht, kamen aber ins Gespräch. Ungefähr zehn Minuten, bevor wir im Dorf waren, sagte das Mädchen, es habe Durst und wolle etwas trinken. Niemand von uns hatte etwas zu trinken dabei. Der Vater versuchte logisch zu argumentieren: «Wir haben jetzt nichts zu trinken, aber wir sind in zehn Minuten im Dorf, dann kann ich dir eine Flasche Wasser kaufen». Das Mädchen wurde weinerlich und beharrte auf seinem Wunsch, jetzt etwas zu trinken. Der Vater wurde immer verzweifelter und ärgerlicher, weil das Mädchen auf seine Argumente nicht einging. Und dann hörte ich meinen Mann zum Mädchen sagen: «Du hast wohl wirklich grossen Durst. Wenn ich jetzt eine Flasche Wasser hinzaubern könnte, wie gross wäre sie? So?» Er machte eine Geste mit seiner Hand. Augenblicklich fing das Mädchen an zu schmunzeln und meinte: «Nein, so!» Und machte ein viel grössere Geste. Und er antwortete: «So gross? Echt? Das wäre wirklich viel Wasser. Ach, wie schön, wenn wir zaubern könnten». Damit war die Sache erledigt, es kehrte wieder Entspannung ein und die restlichen zehn Minuten fantasierten wir alle darüber, was wir alles tun würden, wenn wir zaubern könnten.
3. Strategie: Ein "Ja" zu Frust, Ärger, Trauer...
Die folgende Einsicht ist wahnsinnig banal und auch wahnsinnig wichtig: Wenn ein Kind an eine Grenze stösst und ein «Nein» hört, dann hat es das Recht darauf, frustriert, wütend oder traurig zu sein! Und wir haben trotz dieser schwierigen Gefühle das Recht darauf, bei unserem «Nein» zu bleiben (denn wir haben ja sicher gute Gründe dafür). Gefühle wie Frust, Wut und Trauer kommen in einem normalen und gesunden Nein-Prozess immer wieder vor. Wenn wir uns für ein «Nein» entscheiden, müssen und dürfen wir also mit ihnen rechnen. Wir haben deswegen nichts falsch gemacht und es ist deswegen auch nichts falsch mit unserem Kind. Wir brauchen wegen den schwierigen Gefühlen nicht nervös zu werden, sie gehören dazu.
Wenn ein Kind frustriert oder verärgert auf ein «Nein» reagiert, dann ist das die perfekte Gelegenheit, um vom «Nein-Modus» gleich wieder in den «Ja-Modus» zu schalten.
Das heisst nicht, dass wir unser «Nein» rückgängig machen. Es heisst, dass wir «Ja» zu den Gefühlen sagen, die unser «Nein» beim Kind auslöst.
Meine Tochter reagiert oft ganz besonders frustriert und wütend, wenn sie gerne auf meinem Handy ein Foto schauen würde und ich ihr das nicht erlaube. Oder wenn sie doch mal ein Foto oder ein Video auf dem Handy schauen durfte und ich sie dann bitte, das Handy abzuschalten und mir zurück zu geben. Jetzt könnte ich Dinge sagen wie «Mach doch nicht so ein Theater» oder ich könnte versuchen, sie möglichst schnell von ihrem Frust abzulenken. Nicht selten erlebe ich, dass Kinder in solchen Frustsituationen ganz schnell einen Schnuller in den Mund gesteckt bekommen.
Unsere Kinder fühlen sich aber wesentlich besser verstanden und mehr geliebt, wenn wir ihnen ihre Enttäuschung über unser «Nein» zugestehen, wenn wir Verständnis dafür zeigen und Trost anbieten (z.B. in Form von Körperkontakt).
Das kann sich dann zum Beispiel folgendermassen anhören: «Du würdest wirklich sehr gerne noch ein Video schauen. Ich kann verstehen, dass du frustriert bist, dass ich dir das jetzt nicht erlaube.» Manchmal erzähle ich auch von eigenen Erinnerungen: «Ich kann mich noch gut erinnern, wie frustriert ich war, wenn meine Eltern mir nicht erlaubt haben, fernzusehen. Es ist wirklich manchmal nicht einfach auszuhalten, wenn man etwas so sehr will und es nicht bekommen kann.» Grundsätzlich gebe ich meiner Tochter zu verstehen, dass ihr Frust berechtigt ist. Und ich gebe ihr die nötige Zeit, Zuwendung und Nähe, um diesen Frust vorbei ziehen zu lassen. Nach solchen Gefühlsgewittern kehrt oft schnell wieder Ruhe ein, das Handy ist vergessen und die Neugier führt meine Tochter in die nächsten Welterforschungstour.
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