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Die Schweiz fördert in Kirgisistan den Anbau von Bio-Baumwolle. Fachleute helfen bei Ausbildung, Zertifizierung und Absatz.
Der Winterthurer Grosshändler Reinhart hat die Abnahme der Ernte garantiert und sogar der Sport-Multi Nike zeigt sich interessiert.
"Ich fühle mich nicht mehr als Soldat, sondern als richtiger Bauer", sagt Kurbashev Mirzaakim. Der ehemalige Offizier hat im August einen ersten Kurs an der "Farmer Field School" absolviert. Dort wurde ihm von lokalen Spezialisten und Schweizer Beratern das Bauernhandwerk beigebracht. Er schloss mit rund 20 weiteren Teilnehmern mit dem begehrten Diplom ab.
"Früher habe ich einfach geschaut, was mein Nachbar macht. Wenn er wässerte, wässerte ich auch. Wenn er die Ernte pflückte, pflückte ich auch", sagt Mirzaakim.
Wenig Wissen aus der Sowjetzeit
"Mit der Landprivatisierung 1996 wurden die Mitarbeiter der Kollektiv-Farmen plötzlich zu eigenständigen Bauern. Aber sie hatten das Knowhow nicht", erklärt der Schweizer Agronom Jens Engeli. "Die Menschen waren als Melker oder Maschinisten angestellt, und nur der Kolchose-Agronom hatte umfassendes landwirtschaftliches Wissen."
Engeli arbeitet in Jalal Abad als Berater für ein Programm zur Ausbildung von Bäuerinnen und Bauern in Kirgisistan. Es wird von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und der Weltbank finanziert und von der Schweizer NGO Helvetas umgesetzt.
Fast bio, aber noch nicht ganz
Hinter dem Projekt zur Förderung der Bio-Baumwolle steht das Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) und die niederländische Hilfsorganisation Hivos.
"In der Schule haben wir gelernt, die Pflanzen anzuschauen", sagt ein weiterer Bauer, der als 27-Jähriger der jüngste Absolvent des Lehrganges ist. "Vorher schauten wir nur vom Rand aufs Feld."
Seine erste Ernte im biologischen Landbau sei gleich gut ausgefallen wie die seines Nachbarn, der seine Baumwolle traditionell bewirtschaftet. "Aber ich habe Geld gespart, weil ich keine chemischen Dünger und Pestizide kaufen musste."
"Die Bauern haben praktisch keinen Zugang zu teuren chemischen Dünge- und Spritzmitteln", weiss Engeli. Im Bio-Landbau werde Dünger aus lokalen Ressourcen wie Dung oder Kompost verwendet. "Die Voraussetzungen für Bio-Landbau sind gut."
Nahrungsmittel für den eigenen Tisch
Die Fruchtfolge ist ein weiteres neues Konzept für die Region, in der meist intensiv ein einziges Produkt angebaut wird. "Der Ertrag der Baumwoll-Ernte wird natürlich durch die Wechsel-Bebauung geschmälert", erklärt Engeli, "aber dafür werden Nahrungsmittel für den Eigengebrauch geerntet, was das Budget entlastet."
Noch geht diese Rechnung für die Bauern nur dank finanzieller Unterstützung durch das Projekt auf, das die Verluste durch die Bio-Umstellung ausgleicht. Die erste wirkliche Bio-Baumwolle kommt frühestens in zwei Jahren auf den Markt.
Grund dafür ist die Euronorm-Zertifizierung: Sie verlangt eine Umstellungs-Phase von mindestens drei Jahren. Bis dahin sollen insgesamt 300 Bauern um Jalal Abad auf Biolandbau umgestellt haben und 400 Tonnen Bio-Baumwolle produzieren.
Wohlwollende Lokalregierung
"Viele Bauern sind am Programm interessiert", sagt Janibek Osmonaliev, Vizegouverneur des Rayons Jalal Abad. "Die Bio-Baumwolle hat Potenzial", ist er überzeugt.
Aus seinem Büro, das Bild des Präsidenten Akaev hängt an der Wand hinter seinem grossen Pult mit polierter Tischplatte, lenkt er die Geschicke von über 9000 Bauernfamilien. Die Region produziert 70% aller Baumwolle des ganzen Landes. "Wenn es eine Nachfrage für Bio-Baumwolle gibt, werden wir diese erfüllen", verspricht er.
Bio-Baumwolle ist Defizit-Geschäft
Diese Nachfrage der Helvetas-Baumwolle aus Kirgisistan sichert der Winterthurer Baumwoll-Händler Paul Reinhart. "Wir sehen den Sinn für die Umwelt, die Bauern und die Konsumenten", sagt Ulrich Siegrist, der bei Reinhart für Bio-Baumwolle zuständig ist. "Darum engagieren wir uns in solchen Projekten." Finanziell sei der Handel mit Baumwolle aus Bio-Anbau vorläufig aber ein Verlustgeschäft: Der Aufwand sei bei den kleinen Mengen zu gross.
Reinhart arbeitet mit Helvetas bereits bei einem Bio-Bauwoll-Projekt im afrikanischen Mali zusammen. Von dort beziehen auch der Grossverteiler Migros und der Kleiderproduzent Switcher ihre Bio-Baumwolle. Beim kirgisischen Projekt haben sie aber beide vorerst abgewinkt.
Lange Transportwege als Hindernis
"Wir wollen nicht auf der ganzen Welt Bio-Baumwolle einkaufen und zur Verarbeitung um die halbe Welt transportieren", erklärt Daniel Ruefenacht, Pressesprecher von Switcher. Gleich tönt es bei Migros. Lange Transportwege nehmen die Firmen bereits bei der malischen Bio-Baumwolle in Kauf: Sie wird in Indien verarbeitet.
"Es tut sich im Moment sehr viel auf dem weltweiten Markt für Bio-Baumwolle. Es besteht keine Gefahr, dass wir die Baumwolle nicht verkaufen können", sagt Tobias Meier, vom Helvetas-Hauptquartier in Zürich. "Auch Nike und andere Grossfirmen interessieren sich für unsere Bio-Baumwolle."
Egal wessen Logo in Zukunft auf den Kleidern aus Bio-Baumwolle prangen wird, in Kirgisistan freut man sich: "Wir hoffen, dass viele Schweizerinnen und Schweizer Kleider aus unserer Baumwolle kaufen", sagt ein Bauer zum Abschied.
swissinfo, Philippe Kropf und Jacob Greber, Jalal Abad
Fakten
Mit Schweizer Hilfe steigen Bauern auf Bio-Landbau um.
Die geerntete Baumwolle wird in der Schweiz verkauft.
In Kürze
Nach der Land-Privatisierung 1996 erhielten ehemalige Kolchose-Arbeiter eigenes Land. Sie verfügten aber oft nicht über das notwendige Agrar-Knowhow. Deshalb führt die Schweiz Ausbildungs-Programme durch.
Seit einem Jahr wird auch Bio-Landbau gefördert. Dieser hilft den Bauern Geld sparen, weil sie keine chemischen Dünger und Pestizide kaufen müssen. Auch produzieren sie daneben Nahrungsmittel für auf den eigenen Esstisch.
Die Bio-Baumwolle wird vorerst in der Schweiz verkauft, aber sogar der Multi Nike interessiert sich dafür.