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Quelle: CH Media Video Unit / AP
«Ich glaube, dass die Gesichter der Menschen zeigen, welches Leben sie geführt haben. Ich bin noch nicht so alt, wie Hemingway oder Picasso waren, als sie starben. Aber ich hoffe, ich bin auf dem besten Weg, ihre Sorte von Gesicht zu bekommen.»
Das Zitat stammt von Sean Connery. Connery, der für Generationen das Gesicht des Geheimagenten James Bond ist. Doch der Schotte hatte mehrere Gesichter. Ob eines davon jenes Leben zeigte, das er gerne gehabt hätte, ist unklar. Oft wurde Sean Connery in Schubladen gesteckt, immer wieder war es die falsche.
Das Leben kennt man, ihn nicht
Aufgewachsen in armen Verhältnissen, über das Bodybuilding zum Film gekommen, zwei Mal geheiratet, für die Unabhängigkeit Schottlands gekämpft, Stiftungen gegründet, sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und nun im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Eckdaten Connerys Leben sind bekannt. Er ist es nicht.
Dass Connery nicht wirklich fassbar war, lag auch an seinem angespannten Verhältnis den Medien gegenüber. Während sich heute jeder noch so unbedeutende Schauspieler mit PR-Agenten umgibt, verzichtete der Schotte sein Leben lang darauf.
Späte Oscar-Ehre
Noch 1984, bei den Dreharbeiten zu «Der Name der Rose», war Connery der Meinung, dass ihn dieser Umstand auch einen Oscar kosten würde: «Nie werde ich einen Oscar bekommen. Ich habe keinen Presseagenten und der ist nun einmal wesentliche Voraussetzung dafür. Aber wissen Sie, ein Presseagent wäre für jeden Preis ein viel zu hoher Preis», sagte er Gundolf S. Freyermuth in einem Interview für das Buch «Spion unter Sternen».
1987 bekam er trotzdem seinen Oscar. Als bester Nebendarsteller in «The Untouchables». Sag niemals nie. So unwahrscheinlich für Connery der Oscar-Gewinn war – der doch erfolgte – so unwahrscheinlich war für Generationen von Kinogängern, dass jemals ein anderer Schauspieler als er James Bond sein könnte. So unwahrscheinlich war es für seine Kritiker, dass er sich je von dieser Rolle lösen könnte. Nie. Und doch traf all das ein.
«Kindliche Omnipotenzträume»
Sean Connery liess sich nie in Schubladen stecken. Als «ein wandelndes Aphrodisiakum» wurde er einmal von einer Bond-Partnerin bezeichnet. Andere würden von solchen Sprüchen eitel werden. Connery ging völlig normal auch mal ohne Toupet in ein Restaurant. Es war ihm recht, dass ihn dann vielleicht eine Person weniger erkannte.
Seine Bond-Interpretation wurde von den Kritikern als «hölzern» («New York Times») oder «Inkarnation kindlicher Omnipotenzträume» («Der Spiegel») bezeichnet. Den Zuschauern war das egal, sie liebten ihn. Connerys guter Freund, der Regisseur Sidney Lumet, mit dem er 1965 «The Hill» drehte, sagte dazu: «In der Bond-Ära hat alle Welt angenommen, dass Sean dieser charmante Sexbulle war. Leute, die von Film nichts verstehen, haben einfach nicht erkannt, wieviel hochklassige Komödien-Schauspielleistung in der Bond-Rolle steckte.»
Ein Star – und noch immer Arbeiterklasse
Weil Connery immer zu seiner Meinung stand, war er nicht nur beliebt. Angeblich sollen hochrangige Politiker wegen seines Kampfs für Schottlands Unabhängigkeit höchstpersönlich jahrelang verhindert haben, dass Connery die Ritterwürde bekommt. Doch es war wie beim Oscar. Ein Sean Connery bekommt immer, was er will. 2000 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen.
Sean Connery liess sich nicht fassen. Doch das ist bei überlebensgrossen Persönlichkeiten so. «Obwohl Connery lange schon in die klassenlose Gesellschaft der Filmstars aufgestiegen ist, hat er sich das Bewusstsein seiner eigenen Klasse erhalten, inklusive der dazugehörigen Vorurteile und Unsicherheiten», schrieb die «Vanity Fair» in einem Portrait.
Connery war Klasse, war Stil. Und daneben eben auch immer noch Arbeiterklasse. Er war einer von uns. Einer von denen. Und doch nie richtig irgendwo dabei, unerreichbar. Steuerflüchtiger und Wohltäter.
Ob Sean Connery sich selbst überhaupt kannte? Wusste wer er war? Welches Leben konnte in seinem Gesicht gelesen werden? Im selben «Vanity Fair»-Portrait von 1993 sagte er noch: «Ich scheine jetzt diese Sorte von altem Mann geworden zu sein, der andere etwas lehrt oder sie auf den rechten Weg führt. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft für mich, aber ich glaube, dass ich das eigentlich gar nicht bin.»