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Bevor sie mit dem Dichten begann, sagt man, habe sich Edith Sitwell gerne für ein Weilchen in einen Sarg gelegt. So schön diese Anekdote ist, so fraglich ist ihr Wahrheitsgehalt. Und doch: Der eigenwilligen Poetin würde man eine derart morbide Methode zur Steigerung ihrer Kreativität durchaus zutrauen. Denn Edith Sitwell, die 1954 von Elizabeth II. in den Rang einer «Dame of the British Empire» erhoben wurde, war eine «Nummer». Sie machte die englische Kardinaltugend der Exzentrizität gleichsam zu ihrem Markenzeichen – sowohl mit ihren theatralischen Posen und bizarren Kostümen als auch (und vor allem) mit ihren Gedichten, die mit kühnen Sprachspielen und surrealen Bildern auftrumpfen. Jahrelang arbeitete sie an Façade, einem ihrer Hauptwerke. 1922, im Erscheinungsjahr von James Joyces Ulysses und T.S. Eliots Waste Land, wuchs sich der Zyklus dann sogar zum Gemeinschaftsprojekt aus. Denn William Walton, der Hausfreund und Hofkomponist der Sitwell-Geschwister, stellte Ediths experimentellen Verse einen bunten musikalischen Stilmix zur Seite und verband dabei auf ungemein vergnügliche Weise Avantgarde und Popularmusik, die Lust an der Provokation und die Freude an der Unterhaltung. Schon im Folgejahr gelangte Façade zur Uraufführung – und sorgte für einen veritablen Skandal.
Eine ganz eigentümliche Verbindung von Kunst und Kabarett gelang zehn Jahre zuvor auch Arnold Schönberg mit seinem Pierrot lunaire, der mondsüchtigen Vertonung von «dreimal sieben Gedichten» des belgischen Symbolisten Albert Giraud (genauer: von Erich Otto Hartlebens kongenialer Übersetzung). Angeregt worden war dieser Meilenstein der musikalischen Moderne durch die Leipziger Diseuse Albertine Zehme, gleichfalls eine exzentrische Dame. Über ihren Auftritt bei der Uraufführung des Pierrot lunaire am 16. Oktober 1912 berichtete Salka Viertel, die mit «der Zehme» die als «Sprechmelodie» vorzutragenden Verse einstudiert hatte: «Als sie in einem Pierrot-Kostüm erschien, das geschminkte ängstliche Gesicht von einer Halskrause gerahmt, die bejahrten Waden in weissen Strümpfen, wurde sie vom Publikum mit verhängnisvollem Gemurmel begrüsst. Ihr Mut war bewundernswert.»
Komplettiert wird das herrlich skurrile Programm, das die Solisten des Mahler Chamber Orchestra, der Pianist Alexander Lonquich und die Sängerin Salome Kammer für ihre Late Night am 22. August zusammengestellt haben, durch einen Abstecher nach Paris. Dort komponierte der Tscheche Bohuslav Martinů 1927 sein Ballett Revue de cuisine, einen amourösen Reigen diverser Küchenutensilien, für den er sich von der französischen Kochkunst ebenso inspirieren liess wie vom Jazz. Denn Martinů unterlegte die Handlung – der Topf flirtet mit dem Schneebesen und lässt dafür fast die Hochzeit mit seinem geliebten Deckel platzen – mit Marsch, Tango und Charleston. Kein Wunder, dass sich Martinůs mitreissende Melodien bald vom Ballett emanzipierten und den Weg in den Konzertsaal fanden. Am kommenden Samstag auch ins KKL Luzern.
Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL