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Vor der deutschen Küste lagern riesige Mengen alter Munition. Wieviel, darüber gibt es nur Schätzungen. 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und 5000 Tonnen chemischer Kampfstoffe liegen irgendwo am Meeresgrund von Nord- und Ostsee, schätzt das deutsche Umweltbundesamt.
Dass in Deutschland nicht detonierte Weltkriegsmunition gefunden wird, ist relativ normal, auch noch 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Meist handelt es sich um Blindgänger, die bei Bauarbeiten entdeckt werden. In der Regel folgt ein grosses lokales Medienecho, die Umgebung wird evakuiert, die Bombe gesprengt. Das dürfte auch noch eine Weile so bleiben. Etwa zehn Prozent der über Deutschland abgeworfenen Bomben sind nicht detoniert, vor allem im Ruhrgebiet und in grossen deutschen Städten. Im Vergleich zum Kriegsmüll in den Meeren ist das aber wenig.
Vor allem schnell weg damit
Zum Teil ist es hundert Jahre her, dass Kriegsschiffe sanken und Munition verklappt wurde. Wo genau Granaten, Minen und Torpedos liegen, ist nur teilweise bekannt. Die Munition stammt aus Gefechten, Übungen, Fehlabwürfen. Ein grosser Teil wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten versenkt. Damals sollten die Kampfstoffe vor allem möglichst schnell verschwinden. Vieles dürfte schon auf dem Weg zum Entsorgungsort über Bord gegangen sein. Manches wurde von deutschen Soldaten schon vorher ins Meer geworfen, um nicht in Feindeshand zu fallen.
Inzwischen hat sich die vor mehr als 70 Jahren abgeworfene Munition im Meer verteilt. 15 Versenkungsgebiete sind bekannt, die in Frage kommenden Gebiete werden immer grösser. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst muss immer wieder Schifffahrtsrinnen räumen, die zuvor als minenfrei galten. Oder es wird Munition gefunden, wo bis dahin keine vermutet wurde. Orte wie Kolberger Heide in der Kieler Bucht, die schon viele Seeschlachten erlebt hat, sowie Gebiete bei den Inseln Fehmahrn, Sylt und Rügen gelten als sicher belastet, an anderen besteht nur ein Verdacht.
Versenkt sind dort Waffen mit verschiedenen Sprengstoffen, von denen TNT (2,4,6-Trinitrotoluol) der bekannteste sein dürfte. Dazu kommen chemische Kampfstoffe wie der Hautkampfstoff S-Lost (Senfgas), Phosgen, Tabun, der Augenreizstoff Chloracetophen und verschiedene Nasen- und Rachenreizstoffe. Mit 5000 Tonnen liegt der grösste Teil der chemischen Munition in der Ostsee. In der Nordsee vermutet man 90 Tonnen.
Gefahr für Mensch und Tier
Bauvorhaben wie die Verlegung von Seekabeln oder der Bau von Offshore-Windrädern werden so zu einer mühsamen Angelegenheit. Der Meeresboden muss vor dem Bau mit Kameras oder anderen Methoden nach Munitionsresten abgesucht werden. Nur jedes zehnte gefundene Objekt ist eine Mine oder ein Torpedo, schlicht deshalb, weil auf dem Meeresboden noch so einiger anderer Schrott herumliegt.
Bisher werden Messgeräte von Schiffen über den Meeresboden geschleppt, um die Altlasten zu kartieren. Das seit Anfang 2020 laufende Projekt BASTA setzt intelligente Unterwasserroboter ein, die autonom nach Munitionsresten suchen sollen. Die Roboter-U-Boote suchen nach magnetischen Körpern auf dem Meeresgrund, im nächsten Schritt sollen sie auch im Meeresboden begrabene Munition aufspüren können. An BASTA beteiligen sich das Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel, das Marine Institut Flandern (VLIZ), der Softwareentwickler EGEOS GmbH und der belgische Vermessungsdienstleister G-Tec SA.
Selbst noch so alte Sprengstoffe können explodieren
Das Kartierungsprojekt ist ein Rennen gegen die Zeit. Je später die Bestandsaufnahme erfolge, desto teurer und gefährlicher werde die Bergung, sagt Professor Jens Greinert, Marinegeologe am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
Nicht nur, dass die alten Sprengstoffe noch immer explodieren können. Die Metallhülle rostet, der Inhalt wird freigegeben. Giftstoffe wie das krebserregende TNT, Senfgas oder Schwermetalle wie Quecksilber verteilen sich im Wasser. Nach dem Wegrosten der Behälter sind die Reste kaum noch auffindbar, weil nicht mehr magnetisch. Auch auf Fotos des Meeresgrunds können Forschende sie nicht mehr erkennen.
Vieles sieht aus wie ein ganz normaler Stein
Reste von Minen, Granaten oder Torpedos werden immer wieder angespült und verursachen Unfälle. Brocken eines Kampfstoffs namens Zäh-Lost verfangen sich regelmässig in Fischernetzen. Vieles sieht aus wie ein ganz normaler Stein. Der «Bayerische Rundfunk» hat dazu eine sehr informative Bildstrecke von gefährlichen Fundstücken veröffentlicht. Spaziergänger, die Überreste von weissem Phosphor am Strand gefunden hatten und ihn für Bernstein hielten, erlitten teils schwere Verbrennungen. Trockener Phosphor entzündet sich bei 20 bis 40 Grad, lässt sich mit Wasser nicht löschen und brennt sehr heiss.
Chemische Kampfstoffe sind in der Regel schwerer als Wasser, mit Ausnahme von Tabun. Wenn sie mit Wasser reagieren, entstehen oft weniger toxische Stoffe. Einfach abwarten ist aber keine Option. Der Kieler Toxikologe Edmund Maser stellte bei Experimenten mit Muscheln an der Kohlberger Heide fest, dass Muscheln den Sprengstoff TNT und dessen Abbauprodukte einlagern. Die Muscheln, die nicht nur in der Nähe von Munitionsanhäufungen wuchsen, sondern direkt auf freiliegendem TNT, waren für den Verzehr nicht mehr geeignet. Eine Studie an Fischen fand Lebertumore. In der Vergangenheit gab es auch bereits Vergiftungen bei Menschen.
Bergung wäre ein Riesenprojekt
Ein weiteres Problem ist, die einmal gefundenen Altlasten zu entsorgen. Sachverständige haben im Mai die deutsche Regierung aufgefordert, möglichst bald mit der Räumung zu beginnen. Der Antrag wird von den Grünen und der FDP unterstützt. Für das «wie» müssen erst Voraussetzungen geschaffen werden, sowohl strukturell wie technisch. Eine so riesige Menge an Munition zu bergen oder zu vernichten ist ein teures und aufwendiges Unterfangen.
Sprengung ist dabei das letzte Mittel der Wahl, denn dabei gelangen wieder Giftstoffe in die Umwelt. Auch für Meereslebewesen sind Sprengungen gefährlich. Besser wäre es, die Munitionsreste zu bergen, ohne Menschen in Gefahr zu bringen, um sie an einem sicheren Ort zu vernichten.
Dazu muss zunächst analysiert werden, um welche Sprengstoffe es sich überhaupt handelt. Auch das sollen nach Möglichkeit Roboter übernehmen. Dann wird festgelegt, wie die gefundenen Materialien gehandhabt werden, ob es zum Beispiel möglich ist, den Sprengstoff abzusaugen. Keine ganz einfache Aufgabe, denn in den letzten Weltkriegsmonaten wurde alles Verfügbare zu Sprengstoff verarbeitet, was die Experten oft vor Rätsel stellt. Dazu kommt die Alterung, die Sprengstoffe sensitiver machen kann. Als Idee tauchte bereits eine schwimmende Plattform auf, auf der Munition ferngesteuert vernichtet werden kann. Eine wirkliche Strategie gibt es bisher nicht, weitere Forschung wäre global von Nutzen. Weltweit vergammelt an etlichen Stellen Altmunition im Meer, mit der sich Anrainer auseinandersetzen müssen.
Auch in Schweizer Seen liegt tonnenweise Munition
Weltkriegsmunition befindet sich auch in Binnengewässern, wenn auch in viel geringerem Ausmass. Im Starnberger See beispielsweise, wo bereits mehrere Bomben gefunden wurden, oder im Sennfelder See im Landkreis Schweinfurt. Explosives Material wie Torpedos und Granaten, das sich noch immer bewegt und auch ans Ufer gelangen kann, wird oft von Tauchern oder Schwimmern gefunden.
In den Schweizer Seen lagern 8000 Tonnen Munition und Munitionsrückstände der Armee, gibt das VBS an. Dazu kommen Bestände aus anderen Quellen. 2012 beschloss das VBS, die Altlasten in Thunersee, Brienzersee, Vierwaldstättersee, Genfersee und Neuenburgersee vorerst liegen zu lassen, was inzwischen mehrmals bestätigt wurde.
Man gehe davon aus, dass sie von einer «mehreren Dutzend Zentimeter dicken Sedimentschicht bedeckt» seien. Die Wasserqualität wird regelmässig untersucht, um zu prüfen, ob Schadstoffe austreten. 2019 filmte eine Umweltorganisation im Genfer See offene Munitionskisten in der Nähe einer Trinkwasserentnahmestelle und einer Gasleitung.
Wollte man den Kriegsmüll bergen, stünde die Schweiz vor demselben Problem wie die Nordseeanrainer: Eine gute Strategie oder Technologie, es umweltschonend und sicher zu tun, gibt es noch nicht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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