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Am Anfang stand eine Anfrage der nepalesischen Regierung an die Schweiz. Sie gab den Anstoss für ein langjähriges Engagement, das von Kontinuität und Veränderung geprägt ist. Dabei wird deutlich: Auch die Entwicklungszusammenarbeit selber hat sich im Lauf der Zeit entwickelt.
gn. Nepal war bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein unabhängiges, für die Aussenwelt praktisch unzugängliches Königreich. Dessen Eliten pflegten enge Verbindungen zu Indien. Aus diesen Kreisen kam 1948 der Anstoss für die Anfrage der nepalesischen Regierung an die Schweiz, mit der sie um beratende Unterstützung bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bat. Dabei standen die Hoffnung auf reiche Funde an Bodenschätzen wie Öl oder Gold sowie deren rasche und gewinnbringende Ausbeutung im Vordergrund. Doch es kam anders.
Im Oktober 1950 reisten vier Wissenschafter der ETH Zürich für erste Abklärungen nach Nepal. Damals gab es keine durchgehend befahrbare Strassen ins Land, nicht einmal in die Hauptstadt Kathmandu, geschweige denn Flugverbindungen. Die dreimonatige Expedition führte die Schweizer in eine abgeschiedene, aus westlicher Sicht rückständige und von grosser Armut geprägte Welt. Unter diesem Eindruck verfassten sie ihren Schlussbericht mit konkreten Vorschlägen, wie der nepalesischen Bergbevölkerung mit Verbesserungsmassnahmen in der Landwirtschaft oder mit dem Bau von Strassen geholfen werden könnte.
Die offizielle Schweiz bekundete damals weder Interesse, noch verfügte der Staat über Instrumente und Kredite, um das Nepal-Engagement weiter zu verfolgen. Trotzdem wurde mit dieser ersten Expedition der Grundstein für das langjährige, bis heute sich stets weiter entwickelnde Engagement der Schweiz in Nepal gelegt.
1952 reiste der Schweizer Agronom Werner Schulthess im Auftrag der Welternährungsorganisation FAO nach Nepal, wo er die Verarbeitung von überschüssiger Milch zu Hartkäse initiierte, um den nepalesischen Bauern ein Einkommen zu ermöglichen. Für die Umsetzung wurden Käser aus der Schweiz nach Nepal geholt.
Bald schon zog dieser erste Schritt weitere Projekte nach sich: Mit der Käseproduktion erwachte das Bedürfnis nach verbesserter Milchleistung von Kühen und Yaks; auf Grund der Nachfrage nach handwerklichem Know-how für Bau und Unterhalt der Käsereien entstand 1957 die erste Lehrwerkstätte. Diese Aktivitäten erfolgten unter der Federführung des Schweizerischen Hilfswerks für aussereuropäische Gebiete (heute Helvetas), das 1956 erstmals einen Unterstützungsbeitrag von 50 000 Franken aus der Bundeskasse erhielt. In den 1960er Jahren baute die Schweiz ihr Engagement in Nepal in den Bereichen Berufsbildung, Wald- und Weidewirtschaft sowie Strassen- und Brückenbau weiter aus. Aus einer Nothilfeaktion für Tibeter, die nach dem Aufstand 1959 nach Nepal geflohen waren, entstand ein erfolgreiches Integrationsprojekt: Die von den tibetanischen Flüchtlingen produzierten Teppiche gehörten zeitweise zu den wichtigsten Exportgütern Nepals.
Typisch für diese erste Phase der Entwicklungszusammenarbeit war, dass sich die Schweiz in Bereichen engagierte, die man kannte: Schon die erste Nepal-Expedition 1950 wurde mit dem Argument begründet, das gebirgige und landwirtschaftlich geprägte Binnenland Schweiz habe Ähnlichkeiten mit dem Himalajastaat und sei deshalb dazu prädestiniert, einen Beitrag zu leisten. Naheliegend also, dass man bei der Suche nach Lösungen auf Altbekanntes zurückgriff. Das Beispiel vom Käse, für den es in Nepal anfänglich gar keinen Markt gab, illustriert dies sehr schön. Mit Hilfe von Berufsfachleuten – zeitweise arbeiteten weit über 100 Experten aus der Schweiz in Nepal – wurden in ausgewählten Bereichen und Regionen exemplarische «Modellösungen» angestrebt. Zwar gelang die Umsetzung nicht immer nach Wunsch, doch schon für die Pioniere der Entwicklungszusammenarbeit stand eine langfristig angelegte «Hilfe zur Selbsthilfe» im Zentrum, die zusammen mit den Menschen vor Ort umgesetzt wurde. Dabei konzentrierte man sich auf die «technische Zusammenarbeit» und war darauf bedacht, sich aus gesellschaftlichen und politischen Fragen herauszuhalten.
Bis heute dominiert ein ausgeprägtes Kastensystem die aus einer Vielzahl von ethnischen Gruppen zusammengewürfelte Gesellschaft Nepals. Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit mass diesem soziokulturellen Kontext lange kaum Bedeutung zu. Man ging davon aus, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen mit dem technischen Fortschritt den neuen Gegebenheiten von selber anpassen würden.
Dies führte dazu, dass in vielen Fällen ethnische Minderheiten oder Mitglieder unterer Kasten kaum von den Projekten profitieren konnten oder gar davon ausgeschlossen wurden. So unterstützte man im Bereich der Berufsbildung ein qualitativ hochstehendes Training, zu dem nur Studenten mit entsprechenden Vorqualifikationen zugelassen wurden. Damit blieb dieser Ausbildungsweg Jugendlichen der vermögenden städtischen Kasten vorbehalten. Da diese die technische Berufsausbildung aber nur als Zwischenschritt für ihre Karriere nutzten, konnte sich in der Folge auch der erhoffte «Trickle-down-Effekt» nicht einstellen.
Das Bewusstsein, wie wichtig der Einbezug des gesellschaftlichen Kontexts für die Entwicklungszusammenarbeit ist, erwachte erst, als sich die sozialen Spannungen in Nepal immer weiter zuspitzten und Ende der 1990er Jahre in kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen maoistischen Rebellengruppen und der Regierung gipfelten.
Als Reaktion auf diese Entwicklungen gab die Deza, im Gegensatz zu vielen anderen Gebern, ihr Engagement trotz der bedrohlichen Situation nicht auf, sondern richtete ihr Programm neu aus. Jedes Projekt wird seither im Rahmen eines «konfliktsensitiven Ansatzes» auf seine Auswirkungen im aktuellen politischen Kontext hin untersucht: Dabei achtet man speziell darauf, durch Interventionen nicht noch Öl ins Feuer zu giessen («do no harm»). Zudem werden heute Angehörige niedriger Kasten oder ethnischer Minderheiten sowie Frauen in den Schweizer Projekten und Programmen speziell berücksichtigt und gefördert.
Mit der Neuausrichtung in der Entwicklungszusammenarbeit engagierte sich die Schweiz nach dem Sturz der Monarchie auch auf diplomatischer Ebene im Bereich der Konfliktbewältigung und Friedensförderung. «Heute richten wir unser Engagement nach der Erkenntnis aus, dass ohne Frieden keine Entwicklung möglich ist – und umgekehrt, dass es Entwicklung braucht, um einen dauerhaften Frieden zu sichern», sagt Thomas Gass, Botschafter und Deza-Länderdirektor in Kathmandu.
Aufbauend auf die praxisnahe pragmatische Feldarbeit der 1950er Jahre entwickelte sich so aus den anfänglich aus der Schweiz importierten Ideen eine auf nepalesische Verhältnisse zugeschnittene Zusammenarbeit. Auch heute noch fliessen Erfahrungen und Resultate aus aktuellen Einzelprojekten im Feld in den Politikdialog und in nationale Programme ein.
Damit kann die Schweiz, obschon ein kleines Geberland, vergleichsweise viel bewirken, wie das Beispiel des Hängebrückenprogramms zeigt: Weil die Schweiz von Anfang an die Aus- und Weiterbildung von Handwerkern, Ingenieuren und Verwaltungsfachleuten förderte, ist Nepal gegenwärtig in der Lage, jährlich 200 Fussgängerbrücken mit eigenen Leuten und eigenem Know-how zu bauen. Die Schweiz beteiligt sich heute, zusammen mit anderen Gebern, im Rahmen eines Fonds sowie mit technischer Beratung auf Regierungsebene, an der Weiterentwicklung des Brückenprogramms. •
Quelle: Eine Welt. Das Deza-Magazin Nr. 1, März 2011
Die Welt ist im Umbruch. Mit dem Kampf gegen Armut, dem Einsatz für bessere Gesundheit, Bildung und einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen befördert die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit den positiven Wandel – seit fünfzig Jahren. Zu ihrem runden Geburtstag informiert die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza mit Aktionen in der ganzen Schweiz über aktuelle Herausforderungen und Resultate ihres Engagements. Deza-Direktor Martin Dahinden hat am Mittwoch vor den Medien Bilanz gezogen und das Jubiläumsprogramm vorgestellt.
Die Erhöhung der öffentlichen Entwicklungshilfe auf 0,5% des Bruttoinlandprodukts bis 2011 durch das Parlament ist ein Ausdruck des Vertrauens in die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. «Mit zusätzlichen Mitteln wird die Deza noch wirksamer zur Lösung lokaler und globaler Probleme beitragen können», unterstrich Deza-Direktor Martin Dahinden an der Medienkonferenz. Nebst multilateralen Beiträgen wird das Engagement im Bereich des Klimaschutzes und der Trinkwasserversorgung verstärkt. Diese Aktionen sind angesichts knapper werdender Ressourcen für die Verbesserung der Lebensperspektiven in armen Ländern besonders relevant.
Die Schweiz unterstützt seit einem halben Jahrhundert die eigenen Anstrengungen armer Länder, Armuts- und Entwicklungsprobleme zu bewältigen. Unter dem Motto: «50 Jahre Deza – Mehr als Hilfe» finden bis Ende 2011 in der ganzen Schweiz Diskussionen, Informationsveranstaltungen, Filmzyklen und Strassenaktionen zur Schweizer Entwicklungszusammenarbeit statt. Das Motto verweist darauf, dass Entwicklungszusammenarbeit viel mehr ist als Wohltätigkeit für Menschen und Länder in Not: Nämlich ein Beitrag zur Lösung von lokalen und globalen Problemen, deren Folgen uns alle betreffen.
Das Engagement der Deza gründet auf der humanitären Tradition der Schweiz. Vertieften Einblick in diese Tradition vermittelt die Ausstellung «Die andere Seite der Welt – Geschichten der humanitären Schweiz», die am 10. März im Politforum Käfigturm in Bern eröffnet wird und im Laufe des Jahres in weiteren Schweizer Städten gastiert. Die audiovisuelle Wanderausstellung des Vereins humem erzählt in Form interaktiver Dokumentarfilme die Geschichte der humanitären Schweiz. Dank dieser Ausstellung erfährt die Schweiz, wie der Filmemacher Frédéric Gonseth, Präsident von humem, an der Medienkonferenz sagte, «was sie weltweit während eines halben Jahrhunderts ausserhalb der Wirtschaft gemacht hat, und entdeckt so einen Teil ihrer Identität».
Pressemitteilung der Deza vom 9.3.2011
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