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1. Im Radio singt eine Frau, als hätte sie Bauchweh, als hätte die ganze Welt Bauchweh und ich denke, die Welt hat Bauchweh.
2. In meinem Roman, von dem ich dachte, dass er vor zwei Jahren fertig ist, spricht jetzt nur noch eine Person (Anais).
3. Anais sagt:
Wenn wir das hier nicht hätten, würden wir mehr und mehr zu Maschinen werden, mit der Zeit, ganz langsam, ohne es zu bemerken. Das hier ist unsere Freiheit. Und wir brauchen die ausgestopften Tiere neben dem Bett, die uns beschützen, unseren Schlaf und unser Erwachen, und die tausend Zeichnungen von Welt, die brauchen wir auch. Wir brauchen alle diese Dinge mit ihrem Staub und ihrer Bedeutung. Auch den Geruch brauchen wir, wir brauchen die Zimmerpflanzen und die Wände, die Farbigkeit.
4. Letzte Woche sass in einem Gasthaus, in dem der SVP Seniorentreff seinen Chlausnachmittag hatte. Ich habe dazu Literatur gemacht, die bald in einem Magazin gedruckt wird und ich habe viel Rotes gesehen, viel Weisses, viel Staubloses (äusserlich) und Verstaubtes (innerlich). Ich habe das Wort unverschämt nicht gezählt, habe das Wort Leichtigkeit vergessen. Ich habe die Erdanziehungskraft kennengelernt, den Gasthausbesuchern fielen Nasen, Gesichter, Münder, Finger, Tassen auf den Tisch und Arme zu Boden. Ich habe aufgeschrieben, was ich sah, habe auf einer Zuckerpackung die Markierung des höchsten Berges von Zug gesehen und habe davon ein Foto gemacht, das vieles davon zeigt, was ich gehört und gesehen habe an diesem Nachmittag.
5.
6. Im Gasthof spiegelte sich der schwere Schmuck der Frauen in den dicken Brillengläsern ihrer Männer, wenn einer einschlief, dann schlief er so lange, bis jemand sich empörte. Wenn jemand sich empörte, rief dieser heiser und dann erwachte der schlafende, spielte weiter und ein anderer schlief ein. Der Koch, der in seinem Körper dreimal vorkam, versuchte zwischen den Stühlen hindurch zu gehen, aber weil er zu breit war, und die Menschen zu taub, ging er wieder in die Küche. Sie jassten und fluchten über die Roten, die Ausländer, über die Grünen und Grünliberalen, auch über den Chlaus fluchten sie. Auch Kuchen versuchten sie zu essen. Und der Chlaus mit seinem undankbaren Beruf, der stand draussen und ich hörte ihn zum Schmutzli sagen, der ein Gesicht hatte, das keinen Sinn ergab:
Ach die sollen doch tun, was sie wollen und dahin gehen, wo der Pfeffer wächst.
Das machen sie bestimmt nicht, habe ich gedacht, sie wollen nie mehr aus diesem Raum gehen, dieser Raum ist für sie die Welt.
7. Als ich den Gasthof verliess, habe ich das Leben geliebt, meines, meine Kraft, meine Liebe zur Sinnlichkeit, zur Bedeutung von Staub auf und nicht in den Dingen.
7. Anais sagt:
Wir gehen nach draußen, wir gehen durch den Innenhof und dann durch die Straßen. Wir schauen uns alles an. Wir notieren in einem kleinen Heft, wo wir die Welt mitnehmen können, wo sie unbrauchbar ist.
Wir brauchen Bäume, wir brauchen das Unterholz, die Feuchtigkeit vom Moos und die Käfer im Moos. Wir brauchen die Rinde der Bäume, die Wurzeln, das Dickicht. Wir brauchen die Pilze, die trockenen Brombeersträucher, die Birken. Wir brauchen die Erdschichten, die Margeriten, die Läuse. Wir brauchen die kleinen Bäume mit ihren Wurzeln, die Äste, das Laub, die Ameisenhügel. Wir brauchen Marienkäfer und den Dachs. Wir brauchen Kaninchen, Rehe, Eulen.
In unserer Straße betrachten wir die fremden Gärten, in den Gärten die Bäume als Untertanen, die Steine unangetastet, die Häuser, in denen Menschen mit Berufen, Spülmaschinen und echten Blumen auf den Tischen leben. In unserer Straße betrachten wir all das, was unbrauchbar ist. Die weißen Steine neben den glatten Rasenflächen, die Rasensprenger, die den Rand des Bordsteins befeuchten, die Baumhütten, die Rutschbahnen, die Tonenten, die Tonzwerge, die Tonhunde.
8. Die Welt hat Bauchweh und über mir räumt eine portugiesische Familie schreiend ihre Wohnung um.
Die Welt hat Bauchweh und draussen hängen die Weihnachtslichter scheinheilig in den Strassen.
Die Welt hat Bauchweh und ein Fuchs hustet im Vorgarten.
9.