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«Mittel gegen allerhand Kranckheiten»: Das Arzneibüchlein von Kaplan Jann
Wie versuchten die Menschen zu Zeiten, als noch keine chemischen Medikamente verfügbar waren, ihre körperlichen Leiden zu lindern? Im neu erschlossenen Familienarchiv Durrer befindet sich ein Arzneibüchlein aus dem 18. Jahrhundert, das spannende Einblicke gibt.
Das unscheinbare, in Marmorpapier gebundene Büchlein gehörte einst Kaplan Johann Franz Jann (gest. 1740). Über welche Wege es in den Besitz seiner Urgrossnichte Anna Klara Durrer-Jann (1790-1858), der Ehefrau von Landamman Franz Durrer (1790-1857), gelangte und im Durrer’schen Familienarchiv überliefert wurde, wäre interessant zu erfahren.
Auf 96 von Hand beschriebenen Seiten hält es rund 250 Rezepte bereit für die Herstellung von Arzneien gegen diverse Leiden. Viele Symptome, wie Schwindel, Kopf-, Ohren- oder Zahnschmerzen, Magenbeschwerden und Husten, sind auch heute noch bekannt. An andere denkt man mit Schaudern zurück, etwa die «Bräune» (Diphtherie), die Pocken und die von ihnen verursachten Narben oder die Pest, die um 1670 zum letzten Mal in der Eidgenossenschaft grassierte.
Die Mittel sind entweder zum Einnehmen oder Gurgeln gedacht - wobei manchmal empfohlen wird, sie mit Honig zu süssen, um sie dem Gaumen angenehmer zu machen. Oder sie mussten als breiartige Salbe auf die zu behandelnde Stelle aufgetragen werden. Es finden sich aber auch eigenwilligere Verabreichungsformen. Eine Arznei gegen ein Augenleiden sollte zum Beispiel dem Patienten als Rauch ins Gesicht geblasen werden …
Ebenso eigenartig waren manche der Ingredienzien: Kröten sollten in Öl gesotten, Krebse gestampft oder Schwalbennester mit Hundekot vermengt werden. Der überwiegende Teil der Zutaten war aber pflanzlichen Ursprungs. Besonders oft kommen einheimische Gewächse vor wie Ehrenpreis (d.h. Katzenäuglein), unterschiedliche Bestandteile des Wacholders, Tausendgüldenkraut und Eibisch, seltener exotische, etwa Muskatnuss, Zimt oder Kardamom.
Zwar wirkten ab dem 17. Jahrhundert auch in Nidwalden akademisch gebildete Ärzte, aber noch lange wurden Kranke primär im familiären Kontext behandelt. Wenn Rat gefragt war, erkundigte man sich bei Verwandten und Nachbarn – oder wandte sich an den Pfarrer. Dieser spendete nicht nur geistlichen Zuspruch, Trost und göttlichen Segen, sondern wusste oft auch das eine oder andere irdische Mittel zu empfehlen.
Dies würde auch das Anlegen eines solchen Rezeptbüchleins durch den Geistlichen erklären. Anders als vielleicht zu erwarten wäre, verschriftlichte Jann aber nicht von der einfachen Bevölkerung mündlich tradierte Hausmittel. Ein Vergleich ergibt, dass es sich bei dem Inhalt des Büchleins weitgehend um die Abschrift eines seinerzeit populären medizinischen Ratgebers handelte, des «Barmhertzigen Samariters» des deutschen Pfarrers, Arztes und Apothekers Elias Beynon. Dieses Werk erschien erstmals in den 1660er-Jahren und erlebte bis Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche Neuausgaben, Erweiterungen und Übersetzungen. Jann übernahm den Text fast Wort für Wort, inklusive der im Original zahlreich vorhandenen Heilsversprechen und Anpreisungen – welche Mittel jedoch mit welchem Erfolg angewendet wurden, ist leider nicht überliefert.
Sarah Baumgartner
Nr. 9 ist ein Rezept für «Ein Öhl die Pocken und Blätterli des Angesichts zu ustreiben». Es lautet: «Nim 3 od 4 Garten-Kroten, solche lebendig in Baum Öhl (d.h. Olivenöl) eine Stund lang gesotten, hernach in ein Glas durch ein Tuoch gesiegen, das Angesicht taglich mit gesalbet, ist gewiss, dass das Angesicht in wenig Tagen bestendig klar und rein machet, und darf solches Öhl menigklich ohne einig Gefahr brauchen.»