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Müsste Taiwan auf einem sozialen Netzwerk seinen Beziehungsstatus angeben, würde da wohl stehen: «Kompliziert». Manche würden gar sagen, es sei zwangsverheiratet mit seinem grossen Bruder China. Tatsache ist: Das Verhältnis zu China spaltet die Bevölkerung von Taiwan immer mehr.
Wendepunkt Sonnenblumenbewegung
Besonders die jüngste Generation sieht Pekings Machteinfluss zusehends als Gefahr. Die Angst der Jugend vor dem übermächtigen Peking zeigte sich 2014 besonders deutlich. In der sogenannten Sonnenblumenbewegung schlossen sich mehrheitlich junge Menschen zusammen und protestierten für ein freies und unabhängiges Taiwan. Fünf Jahre später sind die Proteste beinahe verstummt, doch die Forderung nach Unabhängigkeit bleibt für viele bestehen.
Einer, der die Bewegung schon damals unterstützte, ist Freddy Lim. Taiwans berühmtester Heavymetal-Star, der sich zwischen Konzert- und Politbühne bewegt. Die Sonnenblumenbewegung war ein Wendepunkt in seinem Leben.
Taiwan zwischen 1950 bis heute
- 1950: Gründung der Republik China auf Taiwan. Chiang Kai-shek ist im chinesischen Bürgerkrieg der Gegenspieler von Mao Zedong. Der General lässt sich zum Präsidenten wählen. Peking verlangt den Ausschluss des taiwanesischen UNO-Vertreters.
- 1954: Taiwan und die USA schliessen ein Schutz- und Verteidigungsabkommen.
- 1971: Kommunistische Volksrepublik China wird anstelle der Republik China (Taiwan) Mitglied der UNO.
- 1975: Chiang Kai-shek stirbt.
- 1988: Das Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und Taiwan entspannt sich: Der Handel wird legalisiert und der Reiseverkehr erleichtert.
- 2010: Peking und Taipeh schliessen Handelspakt (ECFA): Aufhebung der Einfuhrzölle für zahlreiche Produkte, taiwanesischen Firmen bekommen Zugang zum Festland-Markt.
- 2016: Amtsantritt der neuen Staatspräsidentin Taiwans Tsai Ing-wen. Der Unabhängigkeitskurs der neuen Präsidentin führt in der Folge zu Spannungen mit der Volksrepublik China.
- 2019: Chinas Präsident Xi Jinping bekräftigt den Anspruch seines Landes auf die Eingliederung Taiwans und schliesst den Einsatz von Gewalt dabei nicht aus
Die zwei Gesichter des Freddy Lim
2016 wurde er überraschend für die New Power Party ins Parlament gewählt, seither hat Freddy Lim zwei Gesichter, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Wenn der Rockmusiker in die Saiten seiner elektrischen Gitarre greift, dann kracht es aus den Boxen. Schwarz bemalt ist sein Gesicht, und seine langen Haare wirbeln wild durch den Wind, wenn er losschreit. Ganz anders ist Freddys Auftritt, wenn er sich im Parlament von Taiwan für die Anliegen der jüngsten Generation einsetzt.
Dezent, aber bestimmt ist seine Stimme, akkurat zusammengebunden sind seine Haare, und sein Anzug und die Krawatte sitzen perfekt. Freddy sieht sich als die Stimme des jungen Volkes. Statt in die Saiten greife er jetzt eben zu den Statuten, sagt er. Sein Ziel sei aber das gleiche geblieben. «Eigentlich macht es kaum einen Unterschied, ob man Politiker oder Rockstar ist, » so Lim. «Früher habe ich Musik verbreitet, jetzt sind es eben die Ideen, die ich von den Leuten sammle, um daraus Politik zu machen.»
Die Welt wandelt sich. Die meisten globalen Protestbewegungen scheitern, doch aus der Sonnenblumenbewegung von 2014 sind Parteien wie die New Power Party von Freddy Lim entstanden. Der Kurs seiner Partei heisst Mitbestimmung, ist gegen eine Vereinnahmung Chinas und für eine eigene taiwanesische Identität.
Ein wichtiges Anliegen ist ihm eine UN-Mitgliedschaft Taiwans. Um allerdings eine Eskalation mit Festland-China zu vermeiden, will Taiwans Regierung sich derzeit nicht für einen Sitz bei den Vereinten Nationen bewerben. Eine schizophrene Situation für den Neu-Parlamentarier Lim. Er engangierte sich schon vorher als NGO Aktivist und Präsident von Amnesty International Taiwan für einen UN Sitz.
Taiwanfrage rückt ins Zentrum
Besonders eines seiner Kernanliegen könnte 2019 an Aktualität gewinnen: die Frage nach Taiwans Status. Seit die Töne zwischen den USA und China immer gehässiger werden, rückt auch die Taiwanfrage wieder ins Rampenlicht der Weltpolitik. Donald Trump hat Peking schon im vergangenen Jahr provoziert, indem er die diplomatischen Beziehungen zur Insel wieder aufwärmte.
Taiwans Unabhängigkeit ist Chinas Schmach
Zum ersten Mal seit 1979 dürfen sich offizielle Vertreter der USA und Taiwan wieder auf allen politischen Ebenen besuchen. Xi Jinping drohte darauf erst vor Kurzem mit markigen Worten, die gar das Wort «Krieg» enthielten. Denn für China ist die Sachlage klar: Taiwan ist eine abtrünnige Provinz, die zurück ins Reich der Mitte gehört, eine Unabhängigkeit erachtet Peking als Schmach.
Die Anzeichen häufen sich, dass es Xi Jinping gar zu seinem persönlichen Ziel gemacht hat, Taiwan mit allen Mitteln zurück unter die Fittiche von Peking zu holen. Politiker wie Freddy Lim oder die amtierende taiwanesische Präsidentin Tsai Ing-wen sind ihm deshalb ein Dorn im Auge.