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- 13.10.2010
- Erdbeben Haiti
In den Hügeln von Gressier, dreissig Kilometer ausserhalb von Port-au-Prince, wo die Bauern ein schweres Leben führen, werden bis Ende Januar 100 Häuser gebaut. Diese Landfamilien verloren beim Erdbeben auf Haiti nicht nur ihre Häuser, auch ein Teil ihres Saatgutes wurde zerstört. Dank dem von der Glückskette mitfinanzierten Häuserbau können die Bauern von Gressier langsam wieder aufatmen.
Die Strasse führt durch abgeholzte Hügel, wie man sie in Haiti an vielen Orten antrifft. In der Nähe eines kleinen Waldes mit Eichen-, Orangen- und Mangobäumen, die der Abholzung trotzten, giessen ein Dutzend Arbeiter Zement und bringen die letzten Ziegelsteine an. Sie sind mit den Schlussarbeiten der vier Modellhäuser beschäftigt, die Caritas Schweiz hier gebaut hat. Diese ersten Häuser, alle verschieden, werden nun getestet, bevor eines von ihnen als Vorlage für den weiteren Häuserbau dienen wird. Das Projekt wird von der Glückskette mitfinanziert und sieht in einer ersten Phase bis Ende Januar 2011 den Bau von 100 Häusern im Gebiet von Petit Boucan, in der Gemeinde Gressier westlich von Port-au-Prince, vor. Geplant ist der Bau von 1700 Häusern innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre.
«Wir arbeiten mit lokalen Materialien, hauptsächlich Naturstein. Wir wollen nicht, dass die Bewohner von importiertem Baumaterial abhängig sind. Sie sollen ihre Häuser selber renovieren oder umbauen können», erklärt Reto Gerber, Architekt von Caritas Schweiz, der dieses Projekt betreut. Die 30m2 grossen Häuser haben drei Zimmer und eine Veranda und bieten Platz für sechs Personen. Gebaut werden sie bis Januar von zehn Bauequipen mit rund 30 bis 40 Personen, alles Bauern aus der Region, sowie mit vier bis fünf Fachleuten.
Stark betroffene Bauern
In diesen Häusern werden Bauernfamilien ein neues Zuhause finden. Die Region in der Nähe von Léogane war vom Erdbeben, das Haiti am 12. Januar heimsuchte und an die 250'000 Todesopfer forderte, besonders betroffen. «In Gressier konzentrierte sich die Hilfe am Anfang auf das Gebiet entlang der Küstenstrasse, während die zurückliegende Bergregion leer ausging», so Peter Eppler, Chefdelegierter von Caritas Schweiz in Haiti. Deshalb entschied das Hilfswerk sich auf das Gebiet von Petit Boucan zu konzentrieren und dort Unterkünfte für 10’000 Personen zu schaffen.
Die Bauern verloren aber nicht nur ihre Häuser, häufig mussten sie auch noch zwei, drei Familienangehörige aus Port-au-Prince bei sich aufnehmen. «Da viel Saatgut zerstört wurde, war es nicht einfach, genügend Nahrung für alle zu haben», schildert Idovia Rosette Louima die Situation, Verantwortliche für das Frauenprogramm bei ITECA. Dieses Hilfswerk für Bauern ist eine Partnerorganisation von Caritas Schweiz und seit 30 Jahren in der Region tätig.
Bevölkerung hilft beim Bau
Ingenieur Yves André prüft neben einem Modellhaus die Qualität der Steine, die man an einem Flussufer geholt hat und mit denen man die Mauern bauen will. Er führt aus: «Wir wollen diese Häuser mit der grösstmöglichen Mithilfe der Bevölkerung bauen und mit Material, das in ihrer Umgebung vorhanden ist».
Die Landwirte in dieser Region sind Kleinbauern. Sie bauen zur Hauptsache Erbsen, Mais, Yamswurzel, Bananen, Avocados und Tomaten an. Die Häuser liegen weitverstreut in den Hügeln. Der 35-jährige Tibère Jolicoeur lebte mit sieben Personen in einem Haus, das beim Erdbeben einstürzte. «Alles ging kaputt, aber zum Glück kam niemand in meiner Familie um», erzählt er. Der Familienvater kommt heute mit dem Anbau von Gemüse knapp über die Runden. Die Familie teilt sich eine provisorische Unterkunft. «Dank dem Haus von Caritas werden wir uns endlich wieder in einem neuen Zuhause einrichten können», freut sich Tibère.
Die Philosophie von Caritas ist es, nachhaltige Häuser zu bauen, die 30 Jahre oder länger halten. «Die Häuser werden nach internationalen Normen für erdbeben- und zyklonsicheres Bauen errichtet», präzisiert Reto Gerber. Das Projekt konnte rasch anlaufen. Anders als in Port-au-Prince gibt es in dieser Region keine Probleme, die Besitzer der Grundstücke zu eruieren. Der Boden gehört mehrheitlich den Bauern selbst.
«Die grösste Schwierigkeit wird sein, das Material auch in die schwer zugänglichen Gebiete zu bringen», befürchtet der Architekt. Die Mauern der ersten vier Häuser stehen. Nun muss noch das Dach aufgesetzt werden. Wenn alles gut läuft, werden Ende Januar die ersten 100 Häuser fertiggebaut sein. Langsam kann die Bevölkerung von Petit Boucan wieder aufatmen.
Reportage von Jean-Yves Clémenzo