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Heinrich von Kleists Scherzliginsel
«Jetzt leb’ ich auf einer Insel in der Aare am Ausfluß des Thunersees, recht eingeschlossen von Alpen, eine Viertelmeile von der Stadt. Ein kleines Häuschen an der Spitze, das wegen seiner Entlegenheit sehr wohlfeil war, habe ich für sechs Monate gemiethet und bewohne es ganz allein. Auf der Insel wohnt auch weiter Niemand als nur an der anderen Spitze eine kleine Fischerfamilie, mit der ich schon einmal um Mitternacht auf den See gefahren bin, wenn sie Netze einzieht und auswirft. Der Vater hat mir von zwei Töchtern eine in mein Haus gegeben, die mir die Wirthschaft führt: ein freundlich-liebliches Mädchen, das sich ausnimmt wie ihr Taufname, Mädeli. Mit der Sonne stehen wir auf, sie pflanzt mir Blumen in den Garten, bereitet mir die Küche, während ich arbeite; dann essen wir zusammen; Sonntags zieht sie ihre schöne Schweizertracht an, ein Geschenk von mir, wir schiffen uns über, sie geht in die Kirche nach Thun, ich besteige das Schreckhorn, und nach der Andacht kehren wir Beide zurück.»
Heinrich von Kleist: Brief an die Schwester Ulrike von Kleist (1. Mai 1802)
Heinrich von Kleist stürzt sich ins Landleben. Von Paris aus reist der 24-Jährige in die Schweiz. Und wie unser Zitat aus einem Brief an seine Schwester zeigt, zelebriert er dort ein idyllisches Dasein auf der Scherzliginsel, einer Aare-Insel bei Thun. Gesellschaft leistet ihm die Tocher eines Fischers, die den Haushalt macht und mit ihm isst. Die beschauliche Szenerie entspricht ganz den Plänen, die er bereits in Paris gehegt hatte: Er wolle in der Schweiz Bauer werden, schrieb er von da aus an seine Verlobte, Wilhelmine von Zenge. Sie war von dieser Idee wenig angetan, worauf Kleist zurückschrieb: «tue was Du willst. (…) Ich werde wahrscheinlicher Weise niemals in mein Vaterland zurückkehren», und die Verlobung damit auflöste. Ihm muss es mit der bäuerlichen Existenz ernst gewesen sein. Weniger glaubwürdig ist indes die Behauptung aus dem Zitat, dass er das «Schreckhorn» bestiegen habe, während seine Gefährtin beim Gottesdienst war; denn das «Schreckhorn» liegt einen guten Tagesmarsch von Thun entfernt – und dann steht man erst am Fuss des Viertausenders...
Hinter Kleists Begeisterung für das schweizerische Bauernleben steht seine Lektüre von Werken Jean-Jacques Rousseaus, der als politischer Flüchtling in die Schweiz kam und die St. Petersinsel im Bielersee als irdisches Paradies beschrieb. Wie Kleist sich in der Schweiz in diese Rousseau’sche Idylle erst einzufinden versucht und aber bald von neuerlicher Unruhe gepackt wird, hat Robert Walser in seiner Geschichte «Kleist in Thun» (1907) beschrieben: «Die Vorberge am Ufer des Sees sind so halb und halb grün und so hoch, so dumm, so duftig. La, la, la», dichtete Walser Kleist an. Und mutmasst schon kurz darauf: «Kleist wünscht sich in einen brutalen Krieg, in eine Schlacht versetzt, er kommt sich wie ein Elender und Überflüssiger vor.»
Für Höhenflüge dichterischer Art nutzte Kleist die Zeit auf seiner «Insel» gut: Er entwarf dort mit dem «Zerbrochenen Krug» sein erstes wichtiges Drama. Ins Vaterland kehrte er dann aber doch schneller zurück, als ihm lieb war: Er wurde krank und die Schwester musste ihn abholen. (NP)
Thun, am unteren Ende des Thunersees, ist das Tor zum Berner Oberland. Mitten durch die Altstadt (12. Jahrhundert) fliesst die Aare, mitten im Fluss liegt die romantische, baumbestandene Scherzlig-Inselgruppe. Die kleine Insel an deren oberster Spitze heisst seit 2011 offiziell «Kleist-Inseli». Sie befindet sich in Privatbesitz und ist öffentlich nicht zugänglich. Den besten Blick darauf erhascht man von dem 1983 eingeweihten Kleist-Denkmal am Othmar-Schoeck-Weg, das über einen kurzen Spaziergang vom Bahnhof aus erreichbar ist: Wenn man den Blicken des in Bronze gegossenen «Prinzen von Homburg» folgt, kann man durchaus etwas von der Insel-Idylle erahnen.