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Das Zusammentreffen von Natur und Menschen – die Leute leben zu nahe an den Flüssen – ist ein Grund, warum Fluten, wie diejenigen in Brisbane, Australien, so grosse Schäden verursachen, meint ein Experte.
Paolo Burlando, Professor für Hydrologie und Wasserressourcenmanagment der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ), sagt, dass das Risiko einer Überflutung immer bestehen wird. Abschwächungen und vorbeugende Massnahmen seien aber möglich.
Die Premierministerin des Bundesstaates Queensland sagte, dass Australien Zeuge der schlimmsten Naturkatastrophe seiner Geschichte geworden sei und dass der Wiederaufbau die Dimensionen einer Nachkriegszeit angenommen habe.
Die Fluten haben in der Hauptstadt des Bundesstaates Tausende von Häusern überschwemmt. 15 Personen sind ums Leben gekommen.
swissinfo.ch: Es war nicht die erste Flut, die die Region getroffen hat. Brisbane war 1974 schwer betroffen, aber heuer gab es am meisten Tote. Warum hat diese Überschwemmung solche schweren Auswirkungen?
Paolo Burlando: Die Überschwemmung ist schlecht für die Menschen und die Infrastruktur, aber sie ist Teil der Natur. Es ist die Interaktion zwischen Natur und Menschen, die diese immensen Schäden verursacht hat.
Die Aufzeichnungen der australischen Meteorologiestation zeigen seit 1840, dass es Flut-Ereignisse gab. Und wenn man sieht, wie sie qualifiziert sind, stark, mittel oder schwach, dann erkennt man, dass es vor 1900 wesentlich mehr als "stark" eingeschätzte Fluten gab. Im 20. Jahrhundert war die einzige starke Flut diejenige von 1974.
Heute sind die Folgen der Flut so dramatisch, weil die Bebauung des Landes und das Zusammenwirken der Menschen mit den Flüssen zugenommen haben. Die Menschen rücken näher und näher an die Flüsse heran. Wenn man sich die Bilder von Brisbane ansieht, bemerkt man, dass sich der Fluss durch die Stadt schlängelt. Ein mäandrierender Fluss ist wie ein Weg, der sich bei einer Überschwemmung auch ändern kann. Nun wurden die Ausweichmöglichkeiten überbaut, deshalb gibt es so grosse Schäden.
swissinfo.ch: Ist diese Überflutung dem starken Wetterphänomen La Niña zuzuschreiben?
P.B.: Es scheint eine Kombination von drei Faktoren zu sein: Es ist nicht nur La Niña, auch ein Zyklon und ein ungewöhnlich langes Tiefdruckgebiet zusammen mit La Niña. Diese Kombination scheint den sehr ungewöhnlich langen und starken Regen zu begründen. Im Dezember 2010 regnete es viermal ungewöhnlich grosse Mengen in der ganzen Region.
swissinfo.ch: Einige Wissenschafter sagen, dass die Klimaveränderung den Monsun-Regen verstärkt und dass dies die Flut ausgelöst habe. Welche Rolle hat die Klimaveränderung gespielt? Oder ist es zu früh, dazu etwas zu sagen?
P.B.: Aufgrund der Daten, die wir haben, ist es wahrscheinlich zu früh. Wir können nicht sagen, ob dies schon die Klimaveränderung ist oder nicht.
Aber wenn wir den Klimamodellen Glauben schenken, kommen wir zum Schluss, dass extreme Ereignisse wie dieses in der Zukunft häufiger werden.
swissinfo.ch: Es gibt mehrere Probleme: kontaminiertes Wasser, Lebensmittel- und Wasserknappheit, keine Elektrizität. Davon wurden auch die Exporte betroffen. Ausgehend vom Wassermanagement: Was sollten die Behörden tun?
P.B.: In der jetzigen Notsituation braucht es natürlich Nothilfe. Trinkwasser in Flaschen und Generatoren für Elektrizität für Spitäler. Mit den ernsthaften Bedrohungen für die Leute und die Infrastruktur muss man zurechtkommen.
Längerfristig können die Präventionsmassnahmen durch das umgesetzt werden, was wir integrales Wassermanagment nennen. Es ist gewissermassen ein Paradigmenwechsel an einigen Orten auf der Welt, der in den letzten Jahren stattgefunden hat. Es bedeutet, dass man das Wasser nicht nur nach den gegenwärtigen Bedürfnissen managt, für die Landwirtschaft zum Beispiel. Es bedeutet, dass man das ganze Bild anschaut. Damit wird der Schutz vor Überflutung ein Element wie die Bewässerung und die Wasserversorgung. Wenn man alle diese Faktoren einbezieht und ein Konzept ausarbeitet, wie mit dem Wasser umgegangen wird, kann der Schaden minimiert werden.
Die Null-Risiko-Gesellschaft gibt es nicht, deshalb müssen die Fluten respektiert werden. Aber man kann den Schaden abschwächen und man kann auch vorbeugen, mit strukturellen und nicht-strukturellen, also administrativen Massnahmen. Zum Beispiel kann man sagen, dass, wenn eine Region von mehreren schweren Überschwemmungen heimgesucht wurde, man dort keine Infrastrukturbauten wie Spitäler, Polizeistationen oder Gefängnisse baut. Flutwarnsysteme sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig.
swissinfo.ch: Sind Dämme nützlich?
P.B.: Lokal kann man Dämme bauen. Nach der Flut von 1974 wurde stromaufwärts der Wivenhoe-Damm gebaut. Bis zu einem gewissen Ausmass hat er standgehalten, aber die Masse dieses Wassers war viel grösser. Viel grösser als sie den Damm planen konnten.
Bis man neue Erfahrungen mit der nächsten Flut macht, basieren auch die wissenschaftlichsten Techniken auf den Daten, die man in der Vergangenheit erhoben hat. Wie der berühmte dänische Physiker Niels Bohr sagte: "Voraussagen sind sehr schwierig, vor allem, wenn es um die Zukunft geht."
Paolo Burlando
Paolo Burlando ist Professor am Institut für Umweltingenieur-Wissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).
Zu seinen Forschungsgebieten gehören Analyse, Einschätzung und Voraussage von Fluten, Wasser bedingten Naturgefahren sowie globalen Klimaveränderungen mit ihren Auswirkungen auf Hydrologie und Wasserressourcen.
Burlando war an zahlreichen nationalen und internationalen Projekten in führender Rolle beteiligt.Infobox Ende
Federers Benefizspiel für Flutopfer
Der Schweizer Tennisstar Roger Federer und die Nummer 1 im Welttennis, Rafael Nadal, bestreiten vor Beginn des Australian Opens am Sonntag ein Benefizspiel zugunsten der Flutopfer im Bundesstaat Queensland.
Federer, Nadal, Novak Djokovic und Kim Clijsters spielen einen "Rally for Relief"-Match" in der Rod Laver Arena. Ebenso dabei sind Sam Stosur und der Ex-Star Pat Rafter, die beide aus Queensland kommen.
Federer, Nadal und Clijsters spielten im vergangenen Jahr einen ähnlichen Benefiz-Match zugunsten der Erdbebenopfer in Haïti.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Eveline Kobler), swissinfo.ch