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Der Fall Mutter mit zwölf
«Ich war wie hypnotisiert. Was mir gesagt wurde, das habe ich gemacht.»
Ein Tag in den Sommerferien in Serbien verändert alles –die Geschichte einer jungen Frau, die zwangsverheiratet wurde.
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Das Kopfteil des Ehebetts ist mit Swarovski-Steinen verziert. Ein Himmelbett mit weissem Stoffbaldachin. Violeta N., 37, sitzt auf der Bettkante und wärmt die Hände an einer Tasse Grüntee. Im Fernseher läuft der Kinderkanal. Später «Frauentausch» in der Wiederholung. Es ist früh.
Violeta hat sich ihr Nest gebaut, in einer Dreizimmerwohnung in einer grauen Siedlung im Zürcher Oberland. Sie lebt hier mit ihrem neuen Ehemann und der jüngsten Tochter. Der Arbeitsweg ist kurz. Ihre Schicht beginnt heute um 13 Uhr.
Die «Akte Violeta»
Sie erzählt ihre Geschichte. Psychologische Gutachten, Anwaltsschreiben und Gerichtsakten füllen einen Ordner. «Akte Violeta» steht auf einem rosa Haftzettel in den Unterlagen. Violeta ist Mutter von drei Mädchen: «Ich liebe meine Töchter. Sie sind meine Juwelen – trotz allem.»
Violeta gebärt ihre älteste Tochter Martha* 1991. Da ist sie 12. Ihre mittlere Tochter Nicole* kommt 1994 zur Welt. Da ist Violeta 15 und verheiratet mit dem acht Jahre älteren Mirko*, dem Vater von Martha und Nicole.
Wenn Kinder vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet werden und gezwungen werden, in der Ehe zu bleiben, spricht die Fachstelle Zwangsheirat von einer Kinderehe. Sexuelle Handlungen zwischen unter 16-Jährigen und mehr als 3 Jahre älteren Personen sind in der Schweiz strafrechtlich verboten.
Violeta notiert mit blauer Tinte ihren Lebenslauf auf kariertes Papier. «Geboren in Serbien im Februar 1979. Bin aufgewachsen bei meinem Vater in Wien. Danach in der Schweiz – Melchnau.» Violeta und Mirko lernen sich während der Sommerferien 1990 in seiner Heimat in Serbien kennen. Da ist sie 11. Violetas Fürsprecher hält später in den Gerichtsakten fest: «Violeta ging mit Mirko am Ende der Ferien in die Schweiz. Mirko lebte damals mit seinen Eltern in Melchnau, wohin er Violeta auch mitnahm.»
1316 Einwohner hat die Berner Gemeinde Melchnau 1990. Violeta zählt nicht dazu. Sie ist ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Sie lebt in der abgedunkelten Dreizimmerwohnung ihrer neuen Familie: «Rein ins Zimmer, Rollladen runter, keinen Mucks machen», erinnert sie sich. Violeta soll nicht auffallen. Sie dient Mirko als Geliebte, seinen Eltern als Haushaltshilfe.
«Trotz aller Vorsichtsmassnahmen wurde ihre Anwesenheit jedoch bekannt, und Violeta wurde von den Behörden in die
Primarschule Melchnau eingeschult.»
aus der Scheidungsklage, Juli 1996
Peter Strahm ist damals Präsident der Vormundschafts- und Fürsorgekommission in Melchnau. Er übernimmt Violetas Betreuung. Auf Strahms Schreibtisch steht ein Bild von seiner Tochter. Gleich alt wie Violeta. Daneben deren Akte.
Mirkos Eltern geben beim Jugendamt in Bern an, Violeta sei ihre Nichte. Ihr Vater sei verschollen. Peter Strahm will Violeta fremdplatzieren: «Sie wurde missbraucht.» Er findet einen Platz für das schwangere Mädchen in der heilpädagogischen Einrichtung von Terry und Paul Hofmann in Bern. Doch Violeta wird dort vorerst nicht einziehen. Die jugoslawische Botschaft interveniert. Im neunten Schwangerschaftsmonat wird Violeta nach Serbien gebracht.
«Den Schulbesuch in Melchnau setzte Violeta bis praktisch zum Schluss
der Schwangerschaft fort. Die Geburt von Martha im Dezember 1991 erfolgte jedoch in Serbien.»
aus der Scheidungsklage, Juli 1996
Mirko bleibt in Melchnau. 20 Jahre später kann kein Vertreter der heutigen serbischen Botschaft in Bern Auskunft zum Fall geben.
Mit der Tochter im Arm und einem Touristenvisum im Pass kehrt Violeta im Frühling 1992 zurück in die Schweiz. Die Behörden leiten ein Strafverfahren gegen Mirko ein «wegen Unzucht mit Kindern gemäss Art. 191 StGB. Dieses Damoklesschwert bewog Mirko schliesslich dazu, Violeta zu heiraten», steht später in den Akten der Fürsorgebehörde. Violeta sagt: «Ich war wie hypnotisiert. Was mir gesagt wurde, das habe ich gemacht.»
Geheiratet wird Anfang August 1992 in Vrbica, einem kleinen Ort in Serbien. Anwesend: Braut Violeta und ihr Schwiegervater. Er vertritt Mirko, der nicht nach Jugoslawien reisen kann. Es herrscht Krieg. Er würde sofort zum Militärdienst eingezogen. Mirkos Vater soll 30 grosse und 80 kleine Golddukaten im Wert von damals 15'000 Franken an den Brautvater gezahlt haben. Violeta sagt: «Das war keine Hochzeit aus Liebe.»
Altes Gesetz: «Heirat macht mündig»
51 solcher Fälle verzeichnete die Fachstelle Zwangsheirat 2016. Zwischen 2005 und 2015 hatte sie nur fünf Fälle registriert. Für die neunziger Jahre gibt es keine Statistik. Mit diesen Zahlen lanciert SVP-Nationalrätin Natalie Rickli im Herbst 2016 eine politische Debatte über ein Verbot der Kinderehe. Anfang Februar 2017 beantragt der Bundesrat die Ablehnung ihrer Motion. Begründung: Seit der Gesetzesänderung im Jahr 2013 untersteht die Eheschliessung ausländischer Personen in der Schweiz ausschliesslich dem schweizerischen Recht.
Für Violeta ist die Gesetzesänderung zu spät gekommen. In der Schweiz bedeutet die jugoslawische Heiratsurkunde von 1992: Violeta ist mit 13 Jahren mündig, denn eine «Heirat macht mündig». Die Heirat schützt Mirko vor Strafverfolgung durch die Schweizer Justiz. Das Amtsgericht stellt das «Verfahren wegen Unzucht mit Minderjährigen wegen der Heirat des Täters mit dem Opfer ein».
Zu fünft lebt die Familie in Melchnau. Violeta erzählt von Missbrauch, Vergewaltigungen und Schlägen. Sie wird erneut schwanger. Mirko und seine Eltern lassen Violeta bei einer Autobahnraststätte im Kanton Luzern stehen. Die Polizei bringt sie für die Nacht in ein Obdachlosenheim der Heilsarmee in Luzern. Tags darauf kehrt sie in die Wohnung nach Melchnau zurück. Mirko schlägt Violeta. Ihr Gynäkologe versorgt das blaue Auge und die aufgeschwollenen Lippen. Mit Hilfe der Polizei flieht Violeta vor dem gewalttätigen Mirko. Peter Strahm hilft ihr wieder. Seine Familie bietet Violeta Obhut.
Belgrad, Sommer 1994. Violeta, 15, ist im siebten Monat schwanger. Ihre Schwiegereltern wollen, dass sie ihre Grossmutter auf dem Land besucht. Den Pass behält die Schwiegermutter. Als Violeta zurück nach Belgrad kommt, sind die Schwiegereltern mit Tochter Martha bereits abgereist. Violeta steht auf der Strasse, mit zehn Franken, die hatte sie im BH versteckt. Sie übernachtet beim Busbahnhof in Belgrad, wo heute Flüchtende aus Afghanistan und Pakistan ausharren.
«Damals habe ich nichts gespürt.» Heute sei das anders: «Bei kleinen Stresssituationen werde ich gleich müde. Ich könnte tagelang im Bett bleiben.» Psychologische Betreuung möchte Violeta nicht.
Die Töchter werden fremdplatziert
Violeta ist in Belgrad gestrandet. Sie ruft die Schwiegereltern an. Die sagen: «Du verdienst keinen Pass.» Sie ruft Peter Strahm an. Mit seiner Hilfe und der Unterstützung der Schweizer Botschaft in Belgrad gelingt ihr hochschwanger die Rückreise.
Ende Oktober kommt ihre zweite Tochter im Spital in Luzern zur Welt. Beide werden von der Gemeinde Melchnau in Luzern platziert, bei einem Onkel, den sie kaum kennt. «Er wollte das Geld, das die Gemeinde für mich bezahlte. Im Krankenhaus hörte ich ein Gespräch: ‹Wir bekommen 1000 Franken für Violeta und 1000 Franken für das Baby.›» Aber zumindest: «Keine Schläge. Kein Missbrauch. Keine Vergewaltigung.» Ein Zuhause findet Violeta nicht.
Am 22. Mai 1995 vereinbart die Gemeinde Melchnau mit dem Ehepaar Terry und Paul Hofmann, Leiter der heilpädagogischen Einrichtung in Bern, dass Violeta mit Tochter Nicole zu ihnen nach Bern ziehen kann. Diesmal klappt der Umzug.
«Die erste Phase des Zusammenlebens wird auf mindestens zwei Jahre
festgesetzt.»
aus dem Dossier von Terry und Paul Hofmann
Martha bleibt beim Vater. Mirko nimmt sich einen Anwalt. Der stellt der Fürsorgebehörde das Scheidungsurteil zu – eine in Serbien ausgestellte Urkunde. Darin werden die Töchter Martha und Nicole dem Vater zugesprochen. Violeta wird zur Zahlung der Prozesskosten und des Unterhalts für die Kinder verurteilt. «Warum tut man das einer jungen Mutter an? Warum muss ich dafür bezahlen, dass ich so lange gequält wurde?» Weder Violeta noch Mirko hielten sich zum Zeitpunkt des Urteils in Serbien auf, das zeigen ihre Pässe.
Plötzlich droht die Abschiebung
Zwei Monate später entscheidet die Fremdenpolizei in Bern, Violetas Aufenthaltsbewilligung nicht zu verlängern. Die Hofmanns legen Beschwerde ein. Am 17. Juli 1995 schreibt das Amt für Polizeiverwaltung: «Sie ist heute 16 Jahre alt, geschieden und Mutter zweier Töchter. Die Beschwerdeführerin kann nicht mehr als Kind bezeichnet werden. Davon, dass die Beschwerdeführerin von ihrem Kleinkind durch die Wegweisung weggerissen wurde, kann keine Rede sein. Es ist der Mutter ohne weiteres möglich, die Tochter Nicole (und Martha) ins Heimatland mitzunehmen. […] Wir haben die Bewilligung zu Recht nicht erneuert. […]»
Hofmanns kämpfen für Violeta. Bei ihnen lernt sie lesen, schreiben, rechnen. Der Familienalltag ist streng geregelt. Wenn sie mit Freundinnen ausgeht, muss sie spätestens um 23 Uhr zu Hause sein. Einmal verspätet sie sich. Terry sitzt auf der Treppe und wartet. Sie hat ihr weisses Nachthemd über die Knie gezogen. Violeta erinnert sich: «Ich habe mich so gefreut, weil sie sich Sorgen um mich gemacht hat.»
Das Verfahren um die Aufenthaltsbewilligung geht zu Violetas Gunsten aus. Sie darf in der Schweiz bleiben. Heute ist sie Schweizerin. Violeta und Martha haben keinen Kontakt. Nicole wächst bei Terry und Paul Hofmann auf. Martha sucht irgendwann Kontakt zu ihrer jüngeren Schwester. Sie schickt ihr ein Handy. Im März wird Nicole die Familie verlassen und eine Wohngemeinschaft in Bern gründen.
Violeta nennt Terry und Paul Hofmann noch heute Mama und Papa. «Sie haben mir gezeigt, was Liebe ist, was Fürsorge und Familie bedeuten.» Sie arbeitet in der Qualitätskontrolle eines Betriebs im Zürcher Oberland. Ihre Chefin kennt Violetas Akte. Sie hat ihr Mut gemacht: «Schäme dich bloss nicht.»
*Name geändert
Das schreibt die Journalistin zur Recherche
Recherchefrage
Violeta N. wird mit 11 Jahren das erste Mal Mutter. Mit 12 Jahren wird sie zwangsverheiratet. Noch heute muss sie vor Gericht um ihre Rechte kämpfen. Was ist passiert?
Dauer der Recherche
Ende August meldet sich Paul Hofmann bei meinem Kollegen Otto Hostettler und berichtet von Violeta N. Wir entscheiden uns für eine Berichterstattung. Ein Verbot von Kinderehen wird in Bern diskutiert. Ich spreche mehrfach mit Violeta N., lerne ihr heutiges Umfeld kennen und mache mich auf die Suche nach Vormunden, Anwälten und Gemeindevertretern, die mit dem Fall betraut waren. Ich recherchiere fünf Monate nach Dokumenten, die den Fall belegen.
Grenzen der Recherche
Der Fall reicht zurück bis in die Neunziger Jahre. Dokumente wurden nicht digitalisiert. Unterlagen wurden nach der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist vernichtet. Violeta N. und Paul Hofmann tragen Briefwechsel und Aufzeichnungen zusammen. Peter Strahm findet in seinem persönlichen Archiv Videoaufnahmen (VHS und Super-8) der jungen Violeta N. Ich rekonstruiere damit die Geschichte von Violeta N.