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Wirtschaftsgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert ist vornehmlich eine Männerdomäne. Das trifft im Grossen und Ganzen auch auf die Firma Settelen zu. Allerdings mit einer gewichtigen Ausnahme: Als 1907 der Firmengründer Julius Settelen starb, sorgte dessen Witwe, Julie Settelen-Imhof, dafür, dass der Familienbetrieb über Generationen zu einer Erfolgsgeschichte wurde.
Julie Imhoff wird am 25. März 1864 in Basel als zweitjüngstes von sechs Geschwistern geboren. Über ihre Mutter Marie Imhoff-Schuhmacher (1826 - 1887) ist wenig bekannt. Ganz im Unterschied zu ihrem Vater, Henri Imhoff-Schuhmacher (1828 - 1900). Aus Soyhières stammend, startet er 1852 seine berufliche Karriere in Basel als Schmied und etabliert schon bald einen Produktionsbetrieb für unterschiedlichste Pferdewagen. Um 1860 übernimmt er einen städtischen Pferdepostbetrieb, der kontinuierlich wächst. Als in Basel zu Beginn der 1870er-Jahre in Folge des Deutsch-Französischen Krieges Hochkonjunktur herrscht, steigt Imhof in den Immobilienhandel ein und lanciert 1881 das Basler Rösslitram.
Julie wächst also zusammen mit ihren Geschwistern in einer richtigen Unternehmerfamilie auf. Die Primarschule besucht sie im «Steinenchlösterli», am Ort des heutigen Stadttheaters. Es folgen fünf Jahre Töchterschule am Totengässlein und das damals obligate Welschlandjahr in einem Töchterinstitut in Vevey. Zurück in Basel erhält sie weiterführenden Klavierunterricht an der Musikschule, besucht Englisch-, Koch- und Nähkurse - kurz, sie lernt alles, was ein Mädchen aus gutem Bürgerhause können muss.
Mit 16 Jahren lernt Julie ihren späteren Gatten Julius Settelen kennen. Anlass ist die Heirat ihres älteren Bruders Emil. Seine Auserwählte ist Emma Settelen, die ältere Schwester von Julius! Das Hochzeitsfest wird durch Unterhaltungsbeiträge von Freunden und Familienmitgliedern aufgelockert. Julius, der über eine sehr gute Stimme verfügt, singt ein «Couplet». Dabei wird er am Klavier von Julie begleitet. Doch dabei bleibt es nicht. Zwei Jahre später verloben sich die beiden. Und die Familien Imhoff und Settelen wachsen noch stärker zusammen.
1883 ist für die Imhoffs ein Schicksalsjahr. Eine veritable Wirtschaftskrise sucht die Region heim. Die Geschäfte laufen schlecht. Die Liegenschaftspreise brechen ein. Gegen Henri Imhoff, der zudem einem zahlungsunfähigen Baumeister Bürge ist, wird am 2. Februar der Konkurs eröffnet. 23 Liegenschaften und unbebaute Grundstücke kommen unter den Hammer und bringen einen Erlös von 870 000 Franken. Am 15. März ersteigert der künftige Schwiegersohn Julius Settelen mit einem Blankokredit der Handwerkerbank aus der Konkursmasse das Rösslitram und legt damit den Grundstein der heutigen Settelen AG.
Über vier Jahre dauert die Verlobungszeit von Julie imhoff und Julius Settelen bis sie im Januar 1887 schliesslich in der Leonhardskirche heiraten. Nach einer kurzen Hochzeitsreise an die Riviera wohnt das junge Paar zuerst in einer anspruchslosen Wohnung an der Güterstrasse, etwas später - vis-à-vis des ersten Basler Tramdepots - an der Solothurnerstrasse 25. Hier bringt Julie ihre drei Söhne zur Welt: Jules (1887 - 1951), Max (1894 - 1981) und Hans (1896 - 1959). Julie ist gross und schlank, wirkt eher fragil, sehr zurückhaltend und leise, strahlt aber eine natürliche Autorität aus, ohne abweisend oder hart zu wirken. Zwischen Jules und Max erleidet sie mehrere Fehlgeburten und ihre Enttäuschung ist gross, als auch das dritte Kind ein Junge ist, so sehr hat sie sich ein Mädchen gewünscht!
Lange Zeit führt die glücklich verheiratete Julie den typischen Lebenswandel einer Basler Frau aus dem Bürgertum um 1900: Voller Hingabe widmet sie sich der Erziehung ihrer Söhne, geht regelmässig in die Loge «Zur Freundschaft und Beständigkeit», um mit den Frauen der Logenbrüder für die Armen Handarbeiten zu machen und liest viel, vor allem Gedichte. Das Geschäft überlässt sie weitestgehend ihrem Gatten.
Das Jahr 1907 bringt eine dramatische Wende im Leben von Julie. Julius geht es gesundheitlich schlecht. Von einer Kur in Tarasp erhofft er sich Besserung. Aber es kommt noch schlimmer. Den Umzug des Unternehmens an die Türkheimerstrasse erlebt ihr Ehemann nicht mehr. Fern der Heimat stirbt er nicht einmal 50jährig an einem Gallensteindurchbruch. Dieser schwere Schicksalsschlag prägt ihr weiteres Leben. «Glück» hat die junge Witwe nur insofern, dass ihr Mann und Firmengründer kompetente und loyale Mitarbeiter um sich geschart hat, die ihm über den Tod hinaus die Treue halten. Sie selber hätte sich im Betrieb nicht zurechtgefunden, und ihre Söhne sind noch zu jung, um in die Firma einzutreten.
Julie zieht sich nach dem frühen Tod von Julius weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, zeigt aber bis zu ihrem Tod grosses Interesse am Familienunternehmen. Am 28. März 1944 blicken die «Basler Nachrichten» zu Julies 80. Geburtstag auf ihr Leben zurück: Als die Jubilarin 1907 «ihren Mann verlor, hatte sie nur einen Gedanken: durchzuhalten, bis ihre heranwachsenden Söhne das schwere Geschäft der Droschkenanstalt Settelen übernehmen könnten. Heute hat sie nicht nur ihre Söhne, sondern auch bereits einen Grosssohn in diesem schweren, auch für unsere Stadt wichtigen Betrieb.» Als Julie Settelen am 16. Januar 1950 85jährig stirbt, zeichnet sich schon ab, dass das Unternehmen auch in der dritten Generation von Familienmitgliedern geführt werden wird. Mit ihrem unermüdlichen, jahrzehntelangen Wirken «hinter den Kulissen» bereitete sie den Boden für das Gedeihen des Familienunternehmens.