Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03398.jsonl.gz/1389

Doch wie kam es zu dieser einmaligen Entwicklung? «Der Bodensee ist ein komplexes, dynamisches System», sagt Cameron Hudson und erinnert an schnelle Veränderungen in der Nährstoffzufuhr, Klimawandel und viele neue, zum Teil invasiven Organismen wie Kaulbarsche oder Zebra- und Quaggamuscheln. Ähnlichen Veränderungen sind allerdings auch die Ökosysteme in Seen ausgesetzt, in denen Stichlinge nicht invasiv geworden sind.
In einer Übersichtsstudie, die bei Frontiers in Ecology and Evolution frei zugänglich ist, erklären Hudson und seine Mitautoren von der Eawag und den Universitäten Bern und Basel die spezielle Entwicklung im Bodensee mit dem Erbgut der Stichlinge und begründen ihre Erklärung mit historischen, genetischen, morphologischen und ökologischen Daten.
Die baltische Spur
Weltweit haben Stichlinge aus dem Meer im Laufe der Jahrmillionen immer wieder Süsswasser-Seen und Flüsse besiedelt. Relativ jung sind Populationen im Rhein und anderen europäischen Flüssen, in die Fische erst nach der letzten Eiszeit einwanderten. Doch die Stichlinge in den Schweizer Seen sind Nachkommen von Aquariumfischen, die im 19. Jahrhundert wiederholt freigesetzt wurden und zum Teil aus ursprünglich weit entfernten Beständen stammten. Im Genfersee und den Jurarandseen etablierten sich so vor allem Stichlinge aus der Rhone. In der Ostschweiz und Süddeutschland wurden Stichlinge zunächst in den Bodenseezuflüssen dokumentiert, später auch im See. Während der Eutrophierung ab den 1960er Jahren kam es dort zu Massenvermehrungen, aber auch schnellen Bestandeseinbrüchen.
2019 publizierte Untersuchungen der Eawag zeigen, dass das Erbgut dieser Bodensee-Stichlinge aus drei Linien stammt: Vom Rhein, von der Rhone und – anders als in der übrigen Schweiz – vorwiegend von einer osteuropäischen Linie, die erst nach der letzten Eiszeit von der Ostsee her polnische und baltische Flüsse besiedelt hat.