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Der Wunderbaum, auch Rizinuspflanze genannt, war bereits in der vorchristlichen Zeit bekannt. Das Buch Jona aus dem Alten Testament berichtet über ihn: „Gott liess den Rizinusstrauch über Jona wachsen, um seinem Kopf Schatten zu geben. Am nächsten Morgen jedoch schickte er einen Wurm, sodass der Rizinus verdorrte.“
Wachstumswunder
Im Mittelalter tauchte zunehmend die Bezeichnung Wunderbaum auf, denn die Leute waren von seinem schnellen Wachstum beeindruckt. Unter optimalen Bedingungen kann der Strauch innerhalb von drei bis vier Monaten eine Höhe von bis zu drei Metern erreichen. In tropischen Klimazonen kann er nach mehreren Jahren sogar über zehn Meter hoch werden und einen verholzten Stamm bilden. In unseren gemässigten Breiten überlebt die frostempfindliche Pflanze den kalten Winter in der Regel nicht und muss jedes Jahr erneut austreiben.
Schützende Milch
Der Wunderbaum (Ricinus communis) ist ein Wolfsmilchgewächs (Euphorbiaceae). Manche Arten aus dieser Pflanzenfamilie enthalten Milchsaft, der als Wundverschluss und Frassschutz dient. Ein bekannter Vertreter ist der Kautschukbaum (Hevea brasiliensis), aus dem Naturlatex für die Gummiherstellung gewonnen wird. In der kalten Jahreszeit stellen wir den ebenfalls dazugehörigen Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima) auf unsere Fensterbank. Die eigentlichen Blüten sind grünlich-gelb, klein und unscheinbar, weswegen viele Menschen fälschlicherweise die grossen, roten Hochblätter für die Blüte halten.
Rote Farbtupfen im Garten
Der Wunderbaum sorgt für Abwechslung im Garten, denn an ihm ist fast alles auffällig. Er hat einen dicken, rotbraunen Stängel, an dem grosse Blätter von grüner bis dunkelroter Farbe sitzen. Sie sind handförmig gelappt und erreichen einen Durchmesser von bis zu 70 Zentimetern. Von Juli bis Oktober können die endständigen, rispenartigen Blütenstände bestaunt werden. Schliesslich bilden sich kugelige, rotbraune Kapseln, die aussen mit weichen Stacheln besetzt sind. Darin befinden sich ein bis zwei Zentimeter grosse Samen, die im reifen Zustand fortgeschleudert werden. Die lateinische Bezeichnung Rizinus heisst übrigens Zecke, denn die Samen sehen sehr ähnlich aus.
Eine giftige Angelegenheit
Die ölhaltigen Samen enthalten toxische Eiweisse, die sogenannten Lektine. Bereits wenige Samen können Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Eine unterschätzte Gefahrenquelle ist Naturschmuck, den Touristen gerne als Urlaubserinnerung mitbringen. Aus den schönen, marmorierten Samen des Wunderbaums können nämlich hübsche Halsketten und Armreife gefertigt werden. Dabei werden sie durchbohrt, weshalb giftige Inhaltsstoffe wie das Rizin langsam über die Haut in den Körper gelangen können. Aus den Samen wird ebenfalls das leicht gelbliche, dickflüssige Rizinusöl gewonnen. Doch keine Angst, die Giftstoffe verbleiben bei der Kaltpressung im Samenrückstand. Ausserdem können sie mit einer Wärmebehandlung problemlos entfernt werden, da sie höheren Temperaturen nicht standhalten.
Hilfe bei Verstopfung
Rizinusöl hat einen abführenden Effekt. Dies ist auf den Inhaltsstoff Rizinolsäure zurückzuführen. Indem sich Wasser im Darm ansammelt, wird der Darminhalt erweicht. Dadurch nimmt das Volumen zu und die Darmbewegungen kommen wieder in Schwung. Bei einem Darmverschluss, Bauchschmerzen unbekannter Ursache und akut-entzündlichen Erkrankungen des Darms sollte allerdings auf die Anwendung verzichtet werden. Ebenso sollten Sie von einem längerfristigen Gebrauch absehen, denn dadurch kann ein Gewöhnungseffekt entstehen. Ausserdem verliert der Körper dabei wichtige Salze wie Kalium und die Aufnahme von fettlöslichen Vitaminen wird gestört. Mittlerweile gibt es verträglichere Mittel gegen eine Verstopfung, weswegen Rizinusöl nur noch selten eingesetzt wird.
Babys und Schönheit
Während der Schwangerschaft sollte kein Rizinusöl eingenommen werden. Allerdings kann es durchaus vorkommen, dass die Hebamme als wehenförderndes Mittel einen sogenannten Wehen-Cocktail mit Rizinusöl empfiehlt, wenn der errechnete Geburtstermin allmählich überschritten wird. Bei geburtsbereiten Frauen kann dies der Stein des Anstosses sein, damit es endlich losgeht. Die Anwendung soll aber auf jeden Fall unter der Aufsicht einer Hebamme oder eines Arztes erfolgen, damit keine Risiken für die werdende Mutter und das Kind entstehen. Rizinusöl wird nicht nur in der Heilkunde eingesetzt. Es befindet sich auch in vielen Kosmetikprodukten zur Pflege trockener Haut. Denn es kann besser als anderes Öl in die Zwischenräume der Hornschicht eindringen. Dadurch wird die Haut wieder streichelzart. Ausserdem enthalten viele Lippenstifte Rizinusöl, das den Lippen einen schönen Glanz verleiht.
Der schnell wachsende Wunderbaum ist also nicht nur eine Augenweide im Garten, sondern neben seiner medizinischen Bedeutung sorgt sein Öl für gepflegte Haut und strahlende Lippen.