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Alberto Giacometti wird am 10. Oktober 1901 im Bergbauerndorf Borgonovo bei Stampa im Bergell, Kanton Graubünden, geboren. Sein Vater ist der bekannte postimpressionistische Maler Giovanni Giacometti (1868–1933); seine Mutter Annetta Giacometti-Stampa (1871–1964) gehört zu den begüterten Familien des Tals. Giacomettis Bruder Diego kommt 1902 zur Welt. 1904 wird die Schwester Ottilia geboren und die Familie zieht nach Stampa; 1907 kommt sein Bruder Bruno zur Welt.
1915 bis 1919 besucht Giacometti als Internatsschüler das Gymnasium in Schiers, wo ihm ein kleines Atelier eingerichtet wird. 1918 entstehen hier und zu Hause bereits meisterhafte Zeichnungen. Im Herbst 1919 beginnt er das Kunststudium in Genf an der École des Beaux-Arts und an der École des Arts Industriels, das er 1920 bereits wieder abbricht.
Ausbildung
1920–1924
Im Frühjahr 1920 nimmt ihn sein Vater zur Biennale nach Venedig mit; Giacometti ist tief beeindruckt von Jacopo Tintorettos und Giottos Werk. Im Herbst bricht er nach Florenz auf, wo ihn im Archäologischen Museum ein ägyptischer Kopf besonders fasziniert. Es ist die erste Skulptur – so wird er später schreiben – die «lebensähnlich» wirkt. Giacometti reist weiter nach Rom, wo er bis in den Sommer 1921 bei Verwandten wohnt und seine Studien fortsetzt. Im Herbst 1921 begleitet er einen älteren holländischen Bibliothekar in die Tiroler Alpen und wird als Zeuge von dessen plötzlichen Tod nachhaltig traumatisiert.
Im Januar 1922 trifft Giacometti in Paris ein. Er schreibt sich für das Aktzeichnen und in der Bildhauerklasse von Antoine Bourdelle (1861–1929) an der Académie de la Grande Chaumière ein. Im Sommer verbringt er lange Aufenthalte in Stampa und Maloja, wohin er immer wieder zurückkehren wird.
Aufbruch zur Avantgarde
1925–1929
Unbefriedigt von seinen figürlichen Arbeiten, beginnt Giacometti sich mit den Formen des Kubismus und der afrikanischen Kunst auseinanderzusetzten. Er debütiert 1925 im Salon dʼAutomne mit dem Torse (siehe GS 001 und GS 002). Im selben Jahr kommt sein Bruder Diego nach Paris, er wird ihm lebenslang als Gehilfe und Modell zur Seite stehen. Beide siedeln 1927 in das Atelier an der Rue Hippolyte-Maindron über, wo Giacometti bis zuletzt lebt und arbeitet.
Im Sommer entstehen mehrere Köpfe nach dem Vater und der Mutter. Im Winter 1928/29 entwickeln sich aus deren Reduktion der Tête qui regarde und weitere Plattenskulpturen (siehe GS 010–GS 014). Diese finden unter Künstlern und Literaten sofort grosse Beachtung und öffnen Giacometti die führenden avantgardistischen Kreise. Giacometti wird mit André Masson, Hans Arp, Joan Miró, Max Ernst, Alexander Calder, bald auch mit Pablo Picasso bekannt sowie mit surrealistischen Schriftstellern wie Louis Aragon und Georges Bataille. Der Dichter und Ethnologe Michel Leiris verfasst den ersten, bahnbrechenden Aufsatz über Giacometti in der Zeitschrift Documents.
Im Kreis der Surrealisten
1930–1934
Im Frühjahr veranstaltet Pierre Loeb in seiner Galerie in Paris die Ausstellung Miró – Arp – Giacometti. Er stellt die Boule suspendue (siehe GS 019) aus, die André Breton und Salvador Dalí so fasziniert, dass sie Giacometti in ihren Kreis der Surrealisten aufnehmen.
1930 beginnt die Zusammenarbeit mit Jean-Michel Frank, der als Innenausstatter Einrichtungen für die elegantesten Kreise gestaltet, für die Giacometti die passenden Objekte formt wie Vasen, Lampen und Wandappliken. Der wichtigste Mäzen der Surrealisten, der Vicomte de Noailles, erteilt Giacometti im selben Jahr den Auftrag für eine grosse Skulptur für den Garten seiner Sommerresidenz an der Côte d’Azur. Dieser Auftrag regt wohl zur Weiterentwicklung der «Käfig-Skulpturen» hin zu den «Projekten für Plätze» an (siehe GS 042 und GS 043).
Im Mai 1932 veranstaltet die Galerie Pierre Colle Giacomettis erste Einzelausstellung. In Stampa und Maloja modelliert Giacometti Büsten und malt Bildnisse des Vaters. Dieser stirbt am 25. Juni 1933. Mit dem Objet invisible und dem Cube (siehe GS 025 und GS 298) gestaltet Giacometti seine letzten surrealistischen Skulpturen. Die Rückkehr zum Modellstudium führt anfangs 1935 zum Ausschluss aus der Surrealisten-Gruppe.
Jahre der Krise
1935–1945
Giacometti setzt seine Studien realistischer Köpfe fort, sein Bruder Diego und das Berufsmodell Rita Gueyfier sitzen für ihn Modell, ab 1936 auch seine Freundin Isabel Delmer. Er setzt sich weiterhin mit alter Kunst, insbesondere mit ägyptischer und mesopotamischer Skulptur auseinander.
Im folgenden Jahr stirbt seine Schwester Ottilia kurz nach der Geburt ihres Sohnes Silvio. Giacometti beginnt mit den Versuchen, die Erscheinung einer Person in der Ferne zu erfassen; dies führt zu immer kleiner werdenden Figürchen. Die zunehmend grösseren Sockel vergegenwärtigen die Distanz.
Von 1942–1945 lebt er in Genf, wo seine Mutter ihren verwaisten Enkel erzieht. Giacometti verkehrt im Kreis exilierter Pariser Literaten und beginnt Texte für die Zeitschrift Labyrinthe von Albert Skira zu schreiben. In dieser Zeit lernt er Annette Arm (1923–1993) kennen, die er 1949 heiraten wird. Erst im September 1945 betritt Giacometti nach mehr als drei Jahren sein Pariser Atelier wieder, das Diego inzwischen gehütet hatte.
Reifezeit
1946–1958
Zurück in Paris arbeitet Giacometti an den kleinen Figürchen weiter. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er in den Fragment-Skulpturen, insbesondere in La main (siehe GS 028). Während eines Kinobesuches trifft ihn ein intensives Erlebnis, das seine Wahrnehmung der Personen und Dinge im Raum zu visionsartiger Überdeutlichkeit steigert. Gleichzeitig führt ihn das Zeichnen von Passanten auf der Strasse zu den ganz schmalen, hochaufragenden Figuren, die seinen reifen Stil kennzeichnen.
Im Februar 1948 erscheinen Giacomettis neue Werke – in Bronze gegossen – in der Pierre Matisse Gallery in New York. Der Katalog enthält Sartres berühmten Aufsatz La recherche de l’absolu. Zahlreiche weitere Arbeiten folgen, gipfelnd in Le chariot von 1950 (siehe GS 044). In Europa werden diese Werke erstmals in der Kunsthalle Basel 1950 ausgestellt.
Neben der Arbeit an den Skulpturen beginnt sich nun auch in der Malerei der reife Stil auszuprägen. Das Arbeiten vor dem Modell für die Gemälde regt ihn zur Überwindung des extrem schlanken Stils an. 1951 findet die erste Ausstellung bei seinem Pariser Galeristen Aimé Maeght statt. Giacometti lernt den Literaten Jean Genet kennen, der einen einflussreichen Text über ihn schreiben wird.
Nachdem bereits 1955 in Deutschland, in London und in New York kleinere Einzelausstellungen stattfanden, zeigt die Kunsthalle Bern 1956 die erste grössere Retrospektive. Hier und an der Biennale in Venedig präsentiert Giacometti die Serie der Femmes de Venise, eine Gruppe von stehenden Frauen, die zum Inbegriff seines Stils werden.
Im Herbst 1956 beginnt Giacometti nach dem japanischen Philosophieprofessor Isaku Yanaihara zu malen, was zu einer Schaffenskrise und zum letzten Stilumbruch mit einer neuen Bildauffassung führt. Im Jahr 1958 organisieren Giacomettis Händler Aimé Maeght und Pierre Matisse den Guss zahlreicher früher entstandener Werke.
Die späten Jahre
1959–1966
1959/60 arbeitet Giacometti an den grossen Figuren für die Chase Manhattan Plaza, die im April 1960 in Bronze gegossen werden. Auf Anregung des Verlegers Tériade beginnt er eine umfangreiche Serie von Lithografien mit Ansichten seines Pariser Lebensraums. Sie erscheint unter dem Titel Paris sans fin 1969.
1961 entstehen erste Gemälde nach Caroline, einer jungen Prostituierten, die Giacometti in Montparnasse kennengelernt hatte. Bis 1965 wird er zahlreiche Bildnisse nach ihr malen, die den Höhepunkt seiner neuen Darstellungsweise der Wirklichkeit bilden. Giacometti nimmt 1962 an der Biennale in Venedig teil, wo er sowohl als Bildhauer wie auch als Maler ausstellt und erhält für seine Arbeit den grossen Skulpturenpreis. Im selben Jahr findet eine umfassende Ausstellung im Kunsthaus Zürich statt.
Im folgenden Jahr unterzieht sich Giacometti einer schweren Operation zur Entfernung eines Magenkrebses. Er weilt zur Erholung länger als üblich bei seiner Mutter in Stampa, von der er zahlreiche Zeichnungen und Lithografien anfertigt. Sie stirbt im Januar 1964. 1965 folgen zahlreiche Ehrungen und grosse Ausstellungen, unter anderem in der Tate Gallery in London, in Dänemark und im Museum of Modern Art in New York, zu denen er trotz des schlechten Gesundheitszustandes reist.
Nach fünf Jahren Verhandlungen wird am 16. Dezember 1965 die Alberto Giacometti-Stiftung in Zürich gegründet, die dank dem Basler Galeristen Ernst Beyeler und Hans Grether die umfassende Giacometti-Sammlung des Pittsburgher Industriellen G. David Thompson erwerben konnte.
Alberto Giacometti stirbt am 11. Januar 1966 im Kantonsspital Chur. Er wird im Atelier in Stampa aufgebahrt und im Friedhof von San Giorgio bei Borgonovo beigesetzt.