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Jessica, wann wurde Performance für dich als Schriftstellerin zum passenden Medium?
Angefangen habe ich eigentlich mit einer Mischung aus Literatur und Performance in den sozialen Medien; die digitale Inszenierung von Identitäten mit Worten und Bildern hat ja durchaus performatives Potential. Irgendwann habe ich mich erst im virtuellen dann im nicht virtuellen Raum zunehmende zur Person manifestiert. Anfangs hat man höchstens meine Hände im Instagram Feed gesehen, dann mein maskiertes Gesicht, später kam meine Stimme dazu und irgendwann bin ich auf physische Bühnen vor physisch anwesende Menschen getreten. Es ist etwas, in das ich hineingewachsen bin, auch im Sinne eines Emanzipationsprozesses, in dem ich meine Stimme gefunden, entwickelt und erhoben habe. Das war durchaus ein Kraftakt, ich war immer ein sehr introvertierter Mensch. Jetzt erscheint es mir als ein sehr passendes Medium. Man ist sehr präsent und dadurch auch irgendwie ausgeliefert, was eine grosse Wirkmacht entfalten kann.
Ist das Medium Performance für dich eine Alternative zur klassischen Lesung und Schreibproduktion?
Ich habe feststellen müssen, dass sich das klassische Lesungsformat nur schwer aufbrechen lässt. Ich habe ein paar solcher Lesungen vor typischem Bibliothek-Lesungs-Publikum und Kultur-Boomern gehalten und ich fand das ziemlich unangenehm. Leute fragen sich, weshalb ich «so komisch verkleidet» bin und können mein Erscheinungsbild nur schwer einordnen, weil es in diesem Kontext allen Gewohnheiten widerspricht. Früher habe ich viel damit gearbeitet, Reibungen zu erzeugen und Erwartungen zu enttäuschen. Das mache ich auch heute noch konstant, um damit Kontexte aufzubrechen. Aber es ist auf die Dauer sehr anstrengend, in einer Bibliothek vor 50 Boomern zu sitzen, bei denen erst mehrere Schichten durchbrochen werden müssen, bis meine Sprache bei ihnen ankommt.
Kannst du den Look deiner Kunstfigur, der Persona Jessica Jurassica, erläutern? Wie ist diese konstruiert? Die Maske, die du trägst, beinhaltet kämpferisch-widerständige Assoziationen, die du wiederum mit einem Outfit kombinierst, das eher an Party oder Outer Space erinnert.
Der Look verbindet verschiedene Codes, aber tatsächlich bin ich nicht intellektuell oder konzeptionell an dieses Erscheinungsbild, an diese Inszenierung herangetreten. Da ist vieles eine intuitive Entscheidung, auch die Sturmmaske. Natürlich schwingt das Politische, das Anarchistische mit, was mich persönlich sehr anzieht und auch meine Haltung widerspiegelt, aber auch in der Popkultur verankert ist. Die weisse Maske sehe ich aber auch als Projektionsfläche, als weisse Leinwand, auf die Erwartungen projiziert werden können. Es ist spannend zu beobachten, was diese Maskierung mit Menschen macht. Ich bewege mich in unterschiedlichen Kontexten, und je nach Kontext gibt es Projektionen und Erwartungen, die ich zwangsläufig enttäusche, weil ich sie unmöglich erfüllen kann. Dies führt auch zu viel Hass und Missgunst, da gebrochene Erwartungen eine grosse Provokation darstellen können.
Hat es dich in der Vergangenheit erstaunt, dass du zwar eine klar erkennbare Kunstfigur in den Raum stellst, dieser Akt als solcher aber oft nicht erkennbar ist? Hat dich erstaunt, wie klein die Abstraktionsfähigkeit gerade im Kulturbetrieb zu sein scheint?
Die Abstraktion funktioniert sehr gut in der Pop- und Internetkultur, obwohl ich mir da gar nicht so sicher bin, ob das überhaupt Abstraktion ist. Viel mehr wird da die selbst gewählte und inszenierte Identität als solche an- und ernstgenommen. Überall wo ich mich jedoch in starren Kunstkontexten bewege, wie zum Beispiel im Literaturbetrieb, löse ich enorm viel Irritation aus. Durch diese Überforderung scheint alle Abstraktionsfähigkeit verloren zu gehen. Renommierte Literaturkritiker:innen reden erst mal drüber, wer nun wirklich hinter dieser Figur steckt oder übertragen Projektionen auf die Person, bevor es um meine tatsächliche literarische Arbeit geht. Das hat mich schon überrascht.
Als Schriftstellerin nutzt du nicht allein die klassischen Literatur-Medien, sondern arbeitest mit sozialen Medien. Fraglos ist die Pop- und Internetkultur für dich ein interessanter Raum. Wie ist es für dich, in diesem Raum zu existieren?
Meine Sprache hat sich in diesen Räumen hin zu einer literarischen Sprache entwickelt. Twitter war für mich schon immer an erster Stelle ein lyrisches Medium und nicht diese Journalismus-Politik-Plattform, die es für viele ist. Es gibt eine Menge Literatur auf Twitter, die von der Möglichkeit anonym über eigene Erfahrungen zu schreiben und auch von der Beschränkung auf 280 Zeichen geprägt ist. Für meine künstlerische Entwicklung gaben mir diese Räume viele Möglichkeiten, ich bin darin enorm gewachsen und habe meine Form des Ausdrucks gefunden. Spätestens seit der Pandemie ist das Internet für mich auch ein wichtiger sozialer Raum geworden. Ein nicht unwesentlicher Teil meines sozialen Netzwerkes und meiner Supportsysteme ist aus Kontakten gewachsen, die sich im digitalen Raum ergeben haben.
Fast gegensätzliche zu diesen digitalen Räumen, bewegen wir uns hier im Kunstmuseum in einem klassischen Kontext. Wie ist es für dich, in diesem institutionellen Rahmen aufzutreten?
Ich hatte schon immer gewisse Probleme mit Institutionen und habe mich diesen bisher eher verweigert. Ich war nicht auf einer Kunstschule, sondern habe von Anfang an selbstständig gearbeitet. Inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem renommierte Institutionen auf mich zukommen, mir eine Carte Blanche anbieten und mich auch noch anständig dafür bezahlen. Wenn ich merke, dass man Vertrauen in mich und meine Arbeit hat, und ich Möglichkeiten sehe, mir den institutionellen Raum temporär anzueignen, ohne mich mit grossen Widerständen herumschlagen zu müssen, dann gehe ich solche Kooperationen gerne ein. Dadurch wird ja meine Position auch gestärkt und meine Themen erhalten mehr Aufmerksamkeit, was mir bei dieser Performance besonders wichtig ist.
Dir war es von Anfang ein Anliegen, das Eventfoyer des Kunstmuseums zu nutzen. Weshalb gerade dieser Ort?
Ich habe mich dafür eingesetzt, den grössten Raum im Kunstmuseum nutzen zu können, weil ich das Bedürfnis hatte, mich auszubreiten. Mit einem einzigen Körper einen so grossen Raum zu bespielen, ist aber eine ziemliche Herausforderung, weshalb ich mich an Belia Winnewisser und Anna Dippert gewendet habe. Sound und Licht haben das Potential Räume komplett zu verwandeln und den erdrückenden institutionellen Rahmen aufzurütteln. Schallwellen und Bässe machen bereits viel mit dem Körper, dem Raum und deren Verhältnis zueinander, und gezielt eingesetztes Lichtdesign ebenfalls. Diese Elemente sind mir wichtig, um den Text zu unterstützen und mir und dem Publikum eine gewisse Sicherheit zu geben.
Was waren deine hauptsächlichen Motive, als du unsere Einladung für eine Performance im Rahmen der Ausstellung «Louise Bourgeois x Jenny Holzer» angenommen hast?
Ich war inmitten eines Heilungsprozesses, war depressiv und hatte mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen. Schon länger suchte ich nach Möglichkeiten, mich damit auseinanderzusetzen. Es hat jedoch nichts wirklich resoniert. In diesem Moment kam die Einladung sehr gelegen und hat gut zu den Themen gepasst, die mich beschäftigen und denen ich mich künstlerisch und performativ widmen wollte.
Waren dir beide Künstlerinnen bereits bekannt?
Mein Wissen hat sich seit der Recherche mit dem Wissen, das ich davor hatte, vermischt. Ich setze mich relativ wenig mit Kunst auseinander, viel mehr mit Literatur. Aber vor allem Louise Bourgeois hat mich sehr gepackt.
Ich weiss, für dich wurden unter anderem die «Cells» von Bourgeois zum Orientierungspunkt, skulpturale Gehäuse, welche gemäss eigener Aussage der Künstlerin «verschiedene Arten von Schmerz: physischen, emotionalen, psychologischen, geistigen und intellektuellen Schmerz…» repräsentieren. Welche anderen Gedanken haben dich in der Recherchephase beschäftigt?
Ich bin auf ein Video von Louise Bourgeois gestossen, in dem sie eine Mandarine schält, wobei am Ende ein kleines Mandarinen-Männchen mit einem Penis aus Mandarinenfleisch entsteht. In der begleitenden Geschichte sagt ihr Vater, dass sie dieser Mandarinen-Mensch sein könnte, sie es jedoch nicht ist, weil sie nicht der Sohn ist, den er sich gewünscht hatte. Ich fing an, obsessiv Orangen – mit Orangen funktioniert das genauso wie mit Mandarinen – zu schälen und zu essen, obwohl ich nicht gerne Früchte esse. Bei mir zu Hause begannen sich die Orangen-Männchen zu häufen. Für mich war dies eine physische Annäherung an die Thematik und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit meinen persönlichen Traumata, weil ich in dieser Anekdote Parallelen zu meiner eigenen Geschichte gesehen habe. Ich habe ähnliche Dinge erlebt, wenn auch nicht im familiären Kontext, aber diese Erfahrungen sind ja ziemlich universell. So habe ich Louise Bourgeois während meiner Recherche in meinen Alltag integriert und sie in meinen Heilungsprozess mit einbezogen.
Schön war das Detail, dass deine Orangen-Männchen mit der Zeit schrumpfen und vertrocknen. Dadurch werden sie wehrlos.
Manchmal brechen ihnen auch die Beine ab.
Die «Zellen» in Bourgeois Werk tauchen in bestimmter Weise auch in der Szenografie deiner Performance auf.
Was mich an diesen «Zellen» fasziniert, ist, dass Bourgeois in ihnen das Private und Öffentliche zusammenbringt; sie schafft einen öffentlichen Raum für ihren Schmerz. Dass es ihr gelingt, etwas so Intimes wie die eigenen Traumata öffentlich zu verhandeln, indem sie diese Räume baut und ins Museum stellt, finde ich beeindruckend. Diese Idee habe ich im Lichtdesign aufgegriffen. Es fühlt sich gut und sicher an, in diesen Zellen aus Licht zu performen und in diesen meine eigenen Traumata auszubreiten. Ob es sich immer noch so gut anfühlen wird, wenn Publikum anwesend ist, weiss ich nicht, denn wie empowernd diese Performance auch sein wird, so zeige ich mich da ja schon von einer sehr verletzlichen Seite.
Es ist sicherlich eine Herausforderung. Wie geht man mit Traumata um? Warum sollte man diese öffentlich verhandeln wollen? Welchen Grund gibt es dafür und warum ist es relevant?
Als erstes muss dazu gesagt sein, dass es auch gute Gründe gäbe, nicht darüber zu sprechen. Zum Beispiel sind Traumata, die durch patriarchal motivierte Gewalt verursacht wurden, ein weiblich konnotiertes Thema und werden dadurch als weniger wertig betrachtet. Dies ist wahrscheinlich mit ein Grund, weshalb Louise Bourgeois relativ spät entdeckt wurde; bereits sehr lange hatte sie sich mit diesen Themen auseinandergesetzt, wurde aber wohl nicht wirklich ernst genommen. Als Künstlerin und Autorin habe ich das Bedürfnis, Themen zu behandeln, die mich direkt betreffen. Ich habe mich ausserdem schon immer mit Tabus auseinandergesetzt, weil mich der gesellschaftliche Umgang mit ihnen interessiert. Früher ging es in meinem Schreiben um Drogen oder Sex, und wenn ich karrieristisch denken würde, würde ich bei diesen Themen bleiben. Doch heute geht es um ein Tabu, das vielleicht noch viel tiefer sitzt, als etwa Sex, nämlich um Traumata. Schlussendlich ist es auch mein Job, meine Stimme zu erheben und weiterzuentwickeln, damit verdiene ich inzwischen meinen Lebensunterhalt. Leute wollten mich aus unterschiedlichen Gründen zum Schweigen bringen und haben dies auch zeitweise erreicht. Ich wurde depressiv, konnte nicht mehr schreiben und alle kreative Energie war weg. Wenn ich nicht gerade ein paar Preise gewonnen hätte, wäre das zum existenziellen Problem geworden, da ich meiner Arbeit nicht mehr nachgehen konnte. Und jetzt geht es mir darum, dieses Schweigen zu brechen. Einerseits zugunsten meines Heilungsprozesses aber auch, um niemandem die Genugtuung zu geben, mich gebrochen zu haben. Es ist wichtig, dass diese Geschichten erzählt werden. Carmen Maria Machado beschreibt in «Das Archiv der Träume» die Erfahrung von psychischer Gewalt als eine Art von Impfung. Wenn man einmal darüber hinweg ist, sprechen Psyche, Körper und Nervensystem direkt darauf an; wie bei einer Immunisierung durch eine Impfung. Erzählungen über solche Erfahrungen können in diesem Falle auch wie eine Art Immunisierung wirken. Durch das Erzählen lässt es sich vielleicht verhindern, dass jemand in eine missbräuchliche Situation hineingerät, weil die betroffene Person informiert und sensibilisiert ist.
Obwohl eine unabweisbare Tatsache für viele Menschen, ist das Thema der Traumata im öffentlichen Diskurs wenig präsent. Es scheint mir erstaunlich, wie abwesend die Thematik ist, wie stark sie als kulturelles Tabu angesehen wird.
Ich war auch überrascht, wie wenig Literatur ich dazu gefunden habe. Deshalb war ich froh, «Das Archiv der Träume» zu entdecken. Nachdem ich es gelesen hatte, fragte ich mich, ob ich überhaupt noch über dieses Thema schreiben muss, da es ja bereits dieses Buch gibt, das sich sehr vertieft und differenziert mit psychischer Gewalt beschäftigt. Aber die Vielfalt der Perspektiven und Kontexte ist wichtig, um das Thema sicht- und erfahrbar zu machen. Ein Trauma ist ein sehr intimer Bereich des Lebens, eine Erfahrung, die man am liebsten verstecken und hinter sich lassen würde. Ich bin selbst fast schon am Punkt, an dem ich mich frage, ob ich noch darüber sprechen möchte. Nicht nur die schlimme Erfahrung und der Wunsch, sich wieder den aufbauenden Seiten des Lebens zu widmen, halten einen davon ab. Gerade bei patriarchal motivierter Gewalt besteht die Gefahr, dass Gewalttäter sich wieder bemerkbar machen und in deinem Leben auftauchen. Das darf man nicht unterschätzen, es braucht deshalb auch viel Kraft, die Angst vor möglichen Konsequenzen zu überwinden und darüber zu sprechen.
Bei Künstlerinnen wie Louise Bourgeois und Jenny Holzer, die die Ausstellung hier im Kunstmuseum kuratiert hat, beeindruckt mich der Widerstand gegen solche Sprachlosigkeit und gegen Machtmissbrauch, ihre Methoden, mit denen sie schwierige Erfahrungen benennen und Möglichkeiten zur Heilung schaffen. Was bedeutet es für dich, dich auf diese Genealogie von Feminismus zu beziehen zu können, in welche Richtung möchtest du deine Haltung entwickeln?
Für mich war Feminismus schon immer relevant, spätestens seit ich dreizehn Jahre alt war und nicht beim Fussball mitspielen durfte, sondern nur zuschaute, wie die Jungs spielten. Ich bin in einem feministischen Haushalt aufgewachsen und dennoch entdecke ich den Begriff immer wieder neu für mich. Seit ich in der Öffentlichkeit stehe, wurde Feminismus noch auf einer ganz anderen Ebene relevant für mich. Ich habe gemerkt, was für ein fucking shit-hole die Schweiz ist, wie schlecht weiblich gelesene Personen hier in der Öffentlichkeit behandelt werden, egal ob Politiker:in, Künstler:in, Influencer:in oder Expert:in. In den letzten Jahren hat sich der Feminismus wieder etwas in den Vordergrund gesellschaftlicher Diskurse geschoben. Aber nur weil aktuell wieder einmal alles neu erarbeitet werden muss, heisst das nicht, dass es diese Auseinandersetzungen nicht schon gab. Feministische Themen geraten immer wieder in Vergessenheit, weil sie nicht genug aufgearbeitet wurden, da es nicht die Ressourcen dafür gibt und das Patriarchat natürlich wenig Interesse daran hat. Einen historischen Bezug zu schaffen und diesen zu suchen, ist daher enorm wichtig und die Arbeit zu Louise Bourgeois hat mich wieder einmal daran erinnert. Zu sehen, was sie oder beispielsweise auch Schriftstellerinnen wie Verena Stefan oder Annie Ernaux erlebt haben, und zu erkennen, dass sich einiges mit meinen eigenen Erfahrungen deckt, auch wenn es ein halbes Jahrhundert her ist, zeigt, dass diese Auseinandersetzung und Kämpfe nicht erst seit #metoo existieren. Ich finde es jedenfalls immer sehr interessant in den vergangenen Wellen des Feminismus zu graben und eine Verbundenheit zu spüren, die sich über Jahrzehnte, vielleicht sogar über Jahrhunderte hinweg zieht. Am Ende kämpfen wir schon lange die immer gleichen Kämpfe, vielleicht einfach in anderen Formen oder mit anderen Sprachen.
Gespräch mit Jessica Jurassica anlässlich der Performance Gaslicht. Das Gespräch fand am 4. April 2022 im Kunstmuseum Basel statt. Fragen: Daniel Kurjakovic, Kurator Programme, Laura Schläpfer, Assistenz Programme/Bildung & Vermittlung.