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Text PDF: Die Form der Paradoxie
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Einleitung:
Das Besondere an den Laws of Form ist, dass sie etwas ganz und gar Allgemeines, also gerade nichts Besonderes, veranschaulichen. Ihr spezielles Thema ist das Allgemeine, das Alltägliche und deshalb leicht aus den Augen zu verlierende Immer-Gegenwärtige: das Treffen von Unterscheidungen.
LauForm23:
Die didaktische bzw. methodische Vorgehensweise von George Spencer Brown in den Laws of Form basiert demnach auf einem grundlegenden Wissen:
„Überhaupt nichts kann durch Erzählen gewusst werden.“ (SPENCER BROWN 1997: XII)
Was man erzählt bekommt, kann man glauben oder lernen, aber nicht wissen. Wissen erlangt man allein durch eigene Erfahrung. Ohne Erfahrung ist „Wissen“ abstrakt und leer – und mithin kein Wissen, sondern eben Glaube oder Meinung.
Seite 27: Da es eine der Absichten dieses Textes ist, anhand der Laws of Form zu zeigen, dass Objekte oder andere Manifestationen von Unterscheidungen in diesem Sinne nicht wirklich (objektiv, unabhängig) sind, da die Welt keine Unterscheidungen enthält, sondern wir Beobachter es sind, die diese mit dem Prozess des Beobachtens mit-produzieren, geraten wir in das Problem, „dass wir in einem Buch Worte und andere Symbole in einem Versuch gebrauchen müssen, das auszudrücken, was der Gebrauch von Worten und anderen Symbolen bislang verschleiert hat.“ (SPENCER BROWN 1997: XXXIV)
Denn Sprache ist, da sie auf den Gebrauch von Unterscheidungen ange-wiesen ist, einerseits unfähig zu beschreiben, wie Realität entsteht, anderer¬seits ist sie aber gerade das Medium, das wir benötigen oder zumindest einsetzen, so dass Realität erzeugt und wahrgenommen werden kann. Erst indem die Aufmerksamkeit auf das Treffen von Unterscheidungen gerichtet wird, können wir erkennen, wie Realität zu Existenz gelangt, und einen Versuch unternehmen, durch Sprache das Unsagbare zu sagen. So benutzt die Lehr- oder Darstellungsmethode von Befehl und Betrachtung Sprache, um zu einer letztlich nicht-sprachlichen Erfahrung, Erkenntnis oder Einsicht zu führen.
Man kann hier eine Verwandtschaft zu Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie vermuten, die auch George Spencer Brown in seinen Anmerkungen bestätigt. Matthias Varga von Kibéd hat diese Zusammenhänge beleuchtet in: „Wittgenstein und Spencer Brown“ in WEINGARTNER/SCHURZ 1989.
Sprache ist nur vorstellbar, indem mit ihr abgegrenzt wird, beispielsweise indem jemand über etwas spricht, und indem sie (bzw. mit ihr) zwischen dem, über das jemand spricht, und anderem, über das er nicht spricht, zu unterscheiden ermöglicht. Sprache gebraucht notwendig Unterscheidungen; und zwar in jeder Wortverwendung, da jedes Wort von anderem Unterschiedenes meint.
LauForm 32:
Seite 32: 1. Vor dem Eintritt (entry):
Seite 46: 2. Der Eintritt in die Form
Im Folgenden wird unter „Eintritt“ (entry) das Treffen einer (ersten) Unterscheidung verstanden. Der Begriff veranschaulicht ein Durchschreiten, eine Veränderung, ein Losgehen oder Anfangen. Beim Eintreten wird eine Grenze überschritten. Zudem verweist der Begriff auf eine Tätigkeit, da immer jemand eintritt, sowie auf jemanden, der die Grenze kreuzt, und schließlich auf eine eigene Aktivität, da man nicht eingetreten werden kann.
Seite 33: Das Spiel besteht dann darin, nach festgelegten Regeln so genannte Ausdrücke zu verändern und Regelmäßigkeiten zu entdecken, das heißt weitere Regeln zu finden.
In der Sprache des Kalküls erhalten unterschiedliche „Sorten“ von Regeln unterschiedliche Namen. Die ursprünglichen ersten Regeln werden „Axiome“ genannt. Sie können durch nichts als die Interpretation, der sie entspringen, gerechtfertigt werden. Ihre Umsetzung in die mathematische, symbolhafte Sprache werden „Initiale“ genannt.
Regeln – wie die im folgenden Absatz –, die außerhalb des Kalküls stehen, weil sie durch nichts als ihre Plausibilität zu rechtfertigen sind, erhalten die Bezeichnung „Kanons“.
Der Anfang der Mathematik ist der Ort, an dem noch keine Gesetze, Definitionen, Regeln oder Operationen ins Leben gerufen wurden. Und von dort aus dürfen wir stets nur voraussetzen und verwenden, was wir vorher entdeckten. Dies selbst ist die erste Regel (später erster Kanon genannt), die wir finden, um die Präzision zu sichern; eine Regel über Regeln: Was nicht erlaubt ist, ist verboten.
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Die Definition der Unterscheidung: Eine Definition ist eine Bestimmung aufgrund einer Grenzziehung, also einer Unterscheidung. Insofern legt die Definition der Unterscheidung auch fest, was eine Definition ist. Unterscheidung und Definition sind (letztlich beliebige, nur von einem Beobachter abhängende) Setzungen, für die mit George Spencer Brown gilt:
„Definition: Unterscheidung ist perfekte Be-Inhaltung.“ (SPENCER BROWN 1997: 1)
„Definition: Distinction is perfect continence.“ (SPENCER BROWN 1969: 1)
Seite 40: Aus den Ideen der Unterscheidung und der Anzeige sowie der Definition ergeben sich zwei Aspekte: Eine Unterscheidung zu treffen meint zum einen immer, eine Grenze so zu kreuzen, dass man von der Innenseite, der angezeigten Seite, in den Raum gelangt, der durch die Markierung bezeichnet ist, und zum anderen, durch die Anzeige die Unterscheidung zu markieren. Das englische, von George Spencer Brown für die Markierung einer Unterscheidung verwendete Wort cross führt diese beiden Aspekte explizit mit. Man kann es als Substantiv wie als Verb lesen.
Als Unterscheidung steht das cross für die Aufforderung, die Grenze zu kreuzen.
Als Anzeige steht das cross für die Anwesenheit einer Markierung der Unterscheidung, im Gegensatz zur Abwesenheit.
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Laws of Form 2. Kapitel:
Formen, der Form entnommen
Die Anweisung und die Markierung: Die Darstellung des Indikationenkalküls begann George Spencer Brown mit der Einführung der Ideen der Anzeige und der Unterscheidung und er fordert nun konstruktiv anweisend die Lesenden auf:
„Triff eine Unterscheidung. Nenne sie die erste Unterscheidung.“ (SPENCER BROWN 1997: 3)
„Draw a distinction. Call it the first distinction.“ (SPENCER BROWN 1969: 3)
Seite 50: Der erste Kanon, die so genannte Vereinbarung über die Absicht, ist ein fundamentaler Kanon für jede mathematische Darstellung:
„Lass den Zweck eines Signals auf dessen erlaubte Verwendung beschränkt sein. (...) Was nicht erlaubt ist, ist verboten.“ (SPENCER BROWN 1997: 3)
Seite 52: Die Form der Unterscheidung ist für jede Unterscheidung dieselbe, sie ist immer Zwei-Seiten-Form, wobei die eine Seite angezeigt ist. Wenn wir verschiedene Unterscheidungen (vorstellend, nicht treffend) vergleichen, so ist Form das allen Gemeinsame, und unterschiedlich sind sie, weil sie Verschiedenes anzeigen bzw. bezeichnen.
Das heißt, in dem, was eine Unterscheidung unterscheidet, unterscheidet sie sich von allen anderen Unterscheidungen; und darin, in welcher Form sie unterscheidet, ist sie mit allen Unterscheidungen identisch (vgl. BAECKER 2002: 70). Da also jede Unterscheidung die gleiche Form hat, ist es gleichgültig, mit welcher Unterscheidung wir beginnen. Sie ist nur die erste Unterscheidung und unterscheidet sich ansonsten von keiner anderen.
Die Form ist der Raum, der durch jedwede Unterscheidung gespalten wurde, zusammen mit dem gesamten Inhalt, den beiden Seiten und der Grenze zwischen ihnen.
Der Spencer Brownsche Formbegriff bringt also schon insofern Selbstbezüglichkeit mit sich, als er beides, die beiden Seiten einer Unterscheidung und die Seite einer Unterscheidung (Raum), in der diese Unterscheidung getroffen wird, zusammenbringt. Jeder Raum ist eine Seite einer Unterscheidung und eine Unterscheidung wird in einer weiteren Unterscheidung (einer ihrer Seiten) getroffen. Auch oben hatten wir schon erkannt, dass eine Unterscheidung in einem „Raum“ getroffen wird und diesen in „Räume“ unterteilt. Wenn man so will, umfasst der Formbegriff alle drei Räume einschließlich einer Grenze.
Seite 54: Begriff des „Mediums“: ...dass wir zu dem Begriff der Form (zunächst) kein Gegenüber, keine andere Seite finden können, da wir dazu eine Unterscheidung gebrauchen müssten und diese nach der Definition wieder in der Form wäre. Jede Unterscheidung ist eine Trennung der Welt in zwei Seiten und jedes Treffen einer Unterscheidung erzeugt Form. Mit jeder Gegenüberstellung würde man wieder eine Form schaffen, die Form von Form und Nicht-Form, wie auch immer Nicht-Form benannt würde.
Im Gegensatz zur aristotelischen, scholastischen und ästhetischen Tradition, die dem Formbegriff die Differenzbegriffe Materie, Substanz und Inhalt gaben, besitzt für den Spencer Brownschen Formbegriff lediglich der Begriff des „Mediums“ von Fritz Heider (siehe HEIDER 1926: Ding und Medium) als Gegenbegriff (zu Form) Überzeugungskraft. Er beschreibt die unverfügbaren Voraussetzungen jeder Formbildung, den Kontext der Unterscheidung.
LauForm87: 1. Gleichungen zweiten Grades
Seite 88: Nun sind Gleichungen zweiten Grades nur dann stets einer Lösung zugänglich, wenn man einen bisher nicht benötigten und betrachteten Wert gebraucht. Als Lösung für Gleichungen zweiten Grades führt George Spencer Brown den so genannten imaginären Wert ein, den er beschreibt als Oszillation zwischen dem markierten und dem unmarkierten Zustand. Diese Oszillation, die Zeit benötigt, unterwandert die Grenze der Unterscheidung, was durch das Bild des Tunnels dargestellt wird.
Für die mathematische Form, mit der der imaginäre Wert entdeckt wird, prägte George Spencer Brown den Begriff re-entry (Wieder-Eintritt): Eine Unterscheidung wird auf ihrer bezeichneten Seite in sich selbst wieder eingeführt. Sie ist dann einerseits die getroffene, gerade verwendete Unterscheidung, die Grundlage einer Beobachtung, aber auch der Gegenstand der Beobachtung. In der oben erwähnten Terminologie können wir formulieren, dass die Unterscheidung einerseits getroffen und andererseits vorgestellt wird (siehe im Abschnitt „Grundlegende Ideen: Unterscheidung und Anzeige“ in I. 1.: S. 36). Niklas Luhmann spricht dabei vom re-entry der Unterscheidung in das Unterschiedene. So führt ein re-entry beispielsweise zu Fragen wie: Ist die Unterscheidung zwischen wahr und falsch selbst wahr oder falsch? Ist die Unterscheidung zwischen gerecht und ungerecht selbst denn überhaupt gerecht?
Seite 96 : Mit dem imaginären Wert wird die Grenze zwischen den Seiten einer Unterscheidung unterwandert. Eine Unterscheidung, die in sich selbst auf einer ihrer Seiten wieder vorkommt, trennt ihre beiden Seiten nicht mehr perfekt, da man von einer Seite auf die andere gelangt, ohne die Grenze zu kreuzen.
Das Bild des Tunnels symbolisiert genau dies: auf die andere Seite zu gelangen, ohne zu kreuzen, dafür aber Zeit in Anspruch zu nehmen. Wir hatten ihre Perfektion bezüglich Be-Inhaltung die ganze Zeit angenommen und finden nun, dass sie so nicht ist; perfekte Be-Inhaltung „beinhaltet“ Imperfektion.
George Spencer Brown gibt jedoch keine neue Definition an. Er stellt lediglich veranschaulichend heraus, dass die ursprüngliche Definition der Unterscheidung erweitert werden muss, da man mit der Zeit von einer Seite auf die andere gelangt, ohne deren Grenze zu kreuzen.
Auch mit der Unterscheidung zwischen Raum und Zeit kann veranschaulicht werden, was mit der Definition, wie wir sie ursprünglich kennen gelernt haben, hier geschieht: Zu Beginn hatten wir die Unterscheidung nur für ihre räumliche Hinsicht definiert. In der Zeit kann die Grenze der Unterscheidung überschritten werden, wobei die räumliche Trennung perfekt bleibt. Alles wandelt sich, und dennoch können Beobachter an bestehenden Identitäten festhalten.
Die Änderung der Definition der Unterscheidung können wir auch lesen als: Mit Festlegung finden wir Veränderung. Insofern sind die beiden Seiten nicht verschieden. Sie gründen in einer Einheit (Verbundenheit), die man mit Zweiheit nicht erreichen kann. Mit der Einführung von Selbst-bezüglichkeit kommt die Einheit in der hier vorliegenden Form wieder in den Blick.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist etwas so oder anders, es ist festgelegt. Aber alles ist im Wandel, in Bewegung, und das können wir mit Hilfe der Idee von Zeit erkennen.
Eine offenkundige und angesichts der den Laws of Form vorangestellten chinesischen Schriftzeichen naheliegende Analogie finden wir in dem Symbol von Yin-Yang, das aus der daoistischen Tradition stammt.
Die weiße und die schwarze Fläche stehen für die Form einer Unterscheidung. Diese Unterscheidung steht auf einer Seite einer weiteren Unter¬scheidung, die durch den Kreis angezeigt ist. Zusätzlich zu der Grenze sind die Seiten über eine weitere Verbindung verknüpft: die Punkte der jeweils anderen Farbe auf beiden Seiten (wir werden im erkenntnistheoretischen Teil darauf zurück kommen: „Yin-Yang und der re-entry“ in III. 3., S. 186).
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Der re-entry, wie er nun vorgeführt wird, bezieht sich auf die Form als solche. Es ist ein spezieller re-entry: der re-entry der Form in die Form. Wie wir im Folgenden sehen werden, können wir davon sprechen, dass mit dem Wieder-Eintritt eine Beobachterposition eingenommen wird, mit der wir hinter den Eintritt zurückgehen und von dort die Legitimität des Eintrittes begründen können.
Seite 103: Einführung und Entdeckung des Beobachters. Denn durch den Beobachter kann die Form (der Unterscheidung) gesehen werden, kann die Form in die Form eintreten. Das heißt, dass die Unterscheidung in sich selbst eintritt. Und der Beobachter hat die Form des re-entry. In den Anmerkungen zum Haupttext der Laws of Form wird bildlich veranschaulicht (siehe SPENCER BROWN 1997: 88f. bzw. 1969: 102f.), warum es wichtig ist, die Beobachterposition mit einzubeziehen. Wir müssen anzeigen, wo der Beobachter in Beziehung zu einem Ausdruck stehen soll, damit der Ausdruck eindeutig ist. Es zeigt sich: Wenn wir zwei Seiten in einem Raum unterscheiden und den Beobachter zu diesen in Bezug setzen, erhalten wir die Gesetze, die die anfänglichen Axiome des Kalküls darstellen. Nur mit Hilfe des re-entry der Form in die Form kann der Beobachter erkennen, wie er die Welt sieht.
Seite 104: „Die Konzeption der Form liegt im Verlangen zu unterscheiden.“ (SPENCER BROWN 1997: 60)
Wenn eine Unterscheidung getroffen wird, folgt der ganze Rest unausweichlich. Ohne das Verlangen – und das heißt auch: ohne ein Motiv – zu unterscheiden, kommt es nicht zu Form und ebenso nicht zur vorliegenden Kalkulation, mit der auch bestimmte Unterscheidungen getroffen und bestimmte Motive verfolgt werden. Dieses Verlangen ist Voraussetzung für alles. Und wie jedes Verlangen ist es ein Verlangen von jemandem.
Seite 108: Dem Kalkül liegt jedoch – wie wir anfänglich sahen – eine ganz bestimmte Unterscheidung zu Grunde: die Unterscheidung, deren eine Seite selbst wieder die Unterscheidung ist, das heißt die Unterscheidung zwischen Unterscheidung und Anzeige.
Diese Unterscheidung, so der Ausgang der Experimente, ist der Beobachter selbst – oder genauer: Unterscheiden-und-Anzeigen ist Beobachten. Dies heißt, dass, um überhaupt eine Unterscheidung treffen zu können, immer schon „jemand“ gegeben sein muss, der sie trifft: der Beobachter.
„Nun sehen wir, dass die erste Unterscheidung, die Markierung und der Beobachter nicht nur austauschbar sind, sondern, in der Form, identisch.“ (SPENCER BROWN 1997: 66)
Dieser letzte Satz des Spencer Brownschen Kalküls enthält eine wichtige Entdeckung, die den Zugang zu dem Kalkül und seiner Form (im Nachhinein) erleichtert. Die erste Unterscheidung, die schon immer getroffen ist, ist der Beobachter selbst. Diese erste Unterscheidung unterscheidet zwischen selbst (Beobachter) und anderem (Beobachtetem). Anhand dessen können wir die erste konstruktive Anweisung: „Triff eine Unterscheidung“
auch begreifen als: „Sei ein Beobachter“.
Dabei ist augenscheinlich, dass wir beide Aufforderungen schon (immer) befolgen. Deshalb können wir im Kalkül erkennen, was wir schon immer tun und welchen Gesetzen wir folgen. Eine Formulierung, die die philosophischen Konsequenzen vorbereitet, lautet:
Form ist Beobachtung, Beobachtung ist Form.
Da es zur Konstitution eines Beobachters gehört, Unterscheidungen zu treffen, existiert er vor dem Akt des Unterscheidens nicht. Im Vollzug des Unterscheidens erzeugt sich der Unterscheidende.
Der Beobachter „entsteht“, indem er simultan verschiedene Unterscheidungen trifft und zugleich sein Verhalten zu und mit diesen bestimmt. Das „zugleich“ drückt aus, dass das Leben und das Unterscheidungen-Treffen nicht verschieden voneinander sind. Ein Beobachter kann als ein Unterscheidungen treffender „Ort“ charakterisiert werden, wenn beachtet wird, dass der „Ort“ kein räumlicher ist, da der Raum ebenso wie die Zeit Konstruktion dieses Ortes sind; Raum und Zeit sind nur in der Existenz eines Beobachters gegenwärtig.
Ebenso haben wir Unterscheidungen das Charakteristikum zugeordnet, dass sie in einem die zwei Seiten und sich selbst erschaffen. Der „Ort“, in dem Unterscheidungen getroffen werden, ist dann ein (selbstreflexives) Wesen, wenn es immer auch zwischen sich und anderem unterscheidet. Tatsächlich gibt es keinen Beobachter, der nur bisweilen Unterscheidungen trifft und sich nur dann zu ihnen verhält, wenn er will.
Da ein Beobachter nicht existent ist, ohne Unterscheidungen zu treffen, ist ihm der unterschiedslose empty space verborgen. Erst durch den Akt der Unterscheidung wird ihm der Raum seiner Unterscheidungen zugänglich, und zwar ausschließlich als unterschiedener Raum.
Seite 109: Entry und re-entry (Selbstbezüglichkeit in Theorien)
Einer der interessantesten formalen Aspekte der Laws of Form ist, dass in ihnen am Ende ihr Anfang reflektiert wird. Wenn wir mit irgend etwas beginnen – wie Musik, Psychologie, Philosophie, Naturwissenschaft oder eben auch Mathematik –, müssen wir schon immer etwas vorausgesetzt haben; sei es, dass wir diese Grundlagen als evident betrachten, da sie mit unserer Erfahrung übereinstimmen, sei es, dass sie uns durch unser Ziel vorgegeben werden, um derart unsere Erfahrung zu stützen. Somit ist jeder Anfang notwendig von Motiven, Annahmen und Zielen bestimmt.
Boe: Am Anfang war das Wollen. (vgl. Goethe/Faust I : Am Anfang war die Tat.)
Der Täter (Macher) muss "motiviert" sein.
In der Mathematik zeigt sich dieser Umstand sehr deutlich in den Axiomen und Definitionen, die nötig sind, damit Sätze und Theoreme entwickelt werden können. Axiome ziehen ihre Berechtigung und Gültigkeit daraus, dass sie entweder einleuchtend erscheinen oder für bestimmte Sätze, die ihrerseits als evident betrachtet werden (bzw. aus anderen Gründen gelten sollen), notwendig sind. Und beginnen wir anders, so erhalten wir Anderes. Abgesehen von diesen Motiven ist nach George Spencer Brown die Annahme von bestimmten Axiomen oder Definitionen willkürlich.
Boe: willkürlich - wollen - küren (wählen, auswählen)
Seite 110: ...dass in den Laws of Form der Versuch unternommen wird, die Grundlagen des Beobachtens (auch Denkens) mit eben diesem Beobachten (Denken) zu erkunden: daher der Stellenwert der Selbstbezüglichkeit.
Lau Form 112: Teil II: Zu den Grundlagen der Mathematik:
Die Form der Paradoxie:
Selbstbezüglichkeit und Negation werden hier als die konstitutiven Elemente der Form der Paradoxie herausgestellt ebenso wie die charakteristische Oszillation zwischen zwei Zuständen, den zwei Seiten einer Unterscheidung.
Boe: Selbstreferenz - self-reference - Paradoxie - Diesen Begriffen bin ich seit vielen Jahren auf der Spur ohne sie verstehen zu können. Felix Lau ermöglicht mir ein erneutes Nachdenken - ein "unlearning" meiner festgefahrenen Meinungen, dh. meiner falschen Präsuppositionen.
Seite 116: ...Verlust der Fähigkeit, Selbstbezüglichkeit darzustellen, gerade heutzutage niederschmetternd. Nähmen wir die Typentheorie konsequent ernst, so dürften wir beispielsweise nicht über Sprache sprechen; und auch der Gebrauch komplexer Zahlen, die in vielen Zweigen der Mathematik unverzichtbar sind, müsste, streng genommen, untersagt werden, wie wir unten ausführen (siehe II. 2. „Imaginärer Wert und komplexe Zahlen“, S. 129ff.). Es ist offenkundig, dass unsere Welt ohne Selbstbezüglichkeit unvorstellbar ist, nicht zuletzt vor dem Hintergrund diverser Forschungsansätze und -ergebnisse aus den letzten Jahrzehnten.
Seite 121: Jede zweiwertige Logik schließt Paradoxien aus, weil es nur die beiden Werte geben kann, beispielsweise „wahr“ und „falsch“. Jede Aussage ist entweder „wahr“ oder „falsch“ (in der Regel wird dann noch eingeräumt, dass eine Aussage auch sinnlos oder frei von einem Wahrheitswert sein kann), und jedem „Ding“ kommt eine Eigenschaft entweder zu oder nicht. Zumindest für selbstbezügliche Zusammenhänge handelt man sich andernfalls unüberbrückbare Probleme ein. Denn wie kann man mit Aussagen umgehen, die etwas über ihre eigene Wahrheit oder Falschheit behaupten?
Boe: wahr/falsch - sinnlos: Sinn - Unsinn ? -
Auch der „Satz der Identität“, der besagt, dass etwas zu sich selbst identisch ist, und der in allen gängigen Logiken vorausgesetzt wird, lässt sich mit dem Konzept von Selbstbezüglichkeit nicht vereinbaren. Man denke an ein abgeschlossenes System, etwa einen Beobachter, der im Modus Bewusstsein operiert.
Für einen Beobachter dieses ersten Beobachters stellt er eine Einheit dar. Er ist, was er ist; er ist mit sich identisch; auch wenn er mal so und mal anders ist, bleibt er der, der er ist. Durch seine Operationen schafft und erhält er eine Grenze zu seiner Umwelt. Für diesen ersten Beobachter selbst gilt das auch, solange er nicht selbstbezüglich operiert, solange er sich etwa die Frage nach seiner Identität nicht stellt. Doch wenn er sich selbst beobachtet, ist er nicht mehr mit sich selbst identisch: er hat sich (die Einheit, die er war) in Beobachter und Beobachtetes unterteilt.
Operational bleibt er natürlich eine Einheit, das heißt er wird nicht zu zwei Systemen, aber für sich ist er nicht mehr eines. Er sieht sich als der-und-der an, ist aber zugleich der, der sich so sieht. Er kann nicht mehr entscheiden, ob er Einheit oder Zweiheit ist: Wenn er sich als Einheit betrachtet, schafft er durch die Differenz, die die (Selbst-)Betrachtung macht, eine Zweiheit. Diese Zweiheit operiert aber als ein System.
Seite 133: die nicht angezeigte Seite einer Unterscheidung ist nicht die Negation der angezeigten, es ist die andere Seite, die unangezeigte. Nur wenn es zwei bestimmte Seiten gibt, entspricht gleichwohl die Negation der einen Seite der anderen.
Das heißt, wenn man über das Konzept der Negation verfügt, findet man es unwillkürlich in der Zwei-Seiten-Form, aber die Form ist ursprünglicher als die Negation. Da sie ursprünglicher ist, ist sie weniger beschränkt, das meint, dass sie allgemeiner ist.
(Eine, wenn man so will, ontogenetische Vorrangigkeit des cross vor der Negation findet man in der Tierwelt. Wie zum Beispiel Gregory Bateson herausstellt, können Tiere zwar unzweifelhaft unterscheiden, verfügen aber über keine Negation (vgl. dazu die dritte Session der erwähnten AUM-Konferenz und vor allem BATESON 1972: 547).
Boe: Negation: Sinn - Unsinn; Cross: Sinn - auch Sinn
Für uns Menschen gibt es keinen Unsinn, denn alles was wir denken können denken wir im Medium Sinn, alles hat für uns „Bedeutung“.
(vgl. Luhmann, Fuchs)
Negation kann es nur für sprechende Menschen geben. Sie "bezeichnen", dh. sie "benennen" Wahrnehmungen und sie "glauben" dann an ihre Begriffe.
(vgl. Spencer Brown LoF -Vorstellung, Seite IX)
...ontogenetische Vorrangigkeit des cross vor der Negation: Wahrnehmung geht der Bezeichnung voraus, Wahrnehmung = Anzeige (indication) - Denken = bezeichnen. (vgl. Lau Form 32 )
Wahrnehmung, Perzeption: Treffen einer Unterscheidung -
Kognition: Vorstellung einer Unterscheidung, Reflektion, Imagination (imaginär) - merken, anmerken, aufmerken, hervorheben, asymmetrieren (unterscheiden)
.Seite 138: Das Paradoxe jeder Unterscheidung: Für jede Unterscheidung gilt, dass sie eine Einheit trennt, so dass zwei Seiten entstehen. Eine Unterscheidung produziert immer eine Zweiheit, eine Zwei-Seiten-Form. Und die Zweiheit verdeckt die Einheit, die ihr zu Grunde liegt. Beide Seiten sind „anwesend“, jedoch nur nacheinander aktualisierbar. Wir können mit Niklas Luhmann auch von der „Paradoxie der Form“ sprechen (siehe den gleichnamigen Aufsatz in BAECKER 1993a), um zu bezeichnen, dass jede Unterscheidung und damit jede Beobachtung auf einer Paradoxie gegründet ist (LUHMANN 1993: 198).
Boe: ..von einer entweder-oder Logik zu einer "entweder-und-oder" Logik; sowohl-als-auch Logik (Tetralemma?)
Seite 142: Unter Vorgriff auf den erkenntnistheoretischen Teil dieses Textes kann weiterhin festgestellt werden: „Im Augenblick, in dem dann die Welt nur noch als Beobachtungswelt "beobachtet" werden kann, wird ein logischer Strukturreichtum erforderlich, der sich den Paradoxien stellen kann, die der Begriff des Beobachtens impliziert.“ (FUCHS 2003a: 76)
Dies leistet der Indikationenkalkül, aufgefasst als Formalisierung des Treffens von Unterscheidungen bzw. Formalisierung von Beobachtung.
Jede Beobachtung beruht auf einer Unterscheidung. Und: Jede Unterscheidung beruht auf einer Paradoxie der Identität des Differenten. Denn jede Unterscheidung teilt eine Einheit. In der Beobachtung, während des Treffens einer Unterscheidung, entzieht sich ihre Einheit der Beobachtbarkeit. Nur mit einer weiteren Unterscheidung kann die erste Beobachtung beobachtet werden. So folgt auf eine Beobachtung eine weitere. An die Stelle der für den Beobachter unsichtbaren, weil paradoxen Einheit tritt die Rekursivität der Beobachtungen.
Die Anweisung „Triff eine Unterscheidung!“ macht deutlich, dass alles Erkennen letztlich im Unterscheiden besteht, also letzten Endes auf Paradoxien beruht.
„Paradoxien sind unvermeidlich, sobald die Welt (der `unmarked space´ Spencer Browns) durch irgendeine Unterscheidung verletzt wird.“ (LUHMANN 1992: 129)
Dementsprechend kann es nicht darum gehen, Paradoxien vermeiden zu wollen. Viel eher führen Paradoxien zu der Einsicht, dass unser rationales, zweiwertiges Denken nicht der „Weisheit letzter Schluss“ sein kann. Die „letzten Fragen“ führen uns immer wieder in Paradoxien.
Lau Form 143
Teil III: Eine formtheoretische Erkenntnistheorie
Auf der Grundlage der Laws of Form stellt dieser Teil einen Antwortversuch auf Fragen dar, wie es (ganz allgemein) zu all dem kommt, was wir erkennen, wer wir selbst sind und welchen Zusammenhang es zwischen Beobachtetem und Beobachtendem gibt. Beobachtung interessiert als Prozess des Unterscheidens, und daran anschließend rücken Fragen in den Mittelpunkt, wie Erkenntnis möglich ist und worüber und für wen. Dies ergibt sich aus der Beobachtung der Beobachtung oder mit den Worten von Humberto R. Maturana: aus dem Stellen der „Beobachter-Frage“, die die Bedeutung des Beobachters in dem Prozess der Entstehung von Erkenntnis über Realität thematisiert (vgl. MATURANA 1997: 37f.)
Seite 145: Begriff der „konditionierten Koproduktion“ (Den Begriff verwendet George Spencer Brown als erkenntnistheoretisches Äquivalent für die „Erweiterung der Referenz“. Vergleiche dazu auch SPENCER BROWN 1994: 8 bzw. 12, und hier im Folgenden den Abschnitt „Zirkularität und konditionierte Koproduktion“ (S. 178f.) beschreiben, demzufolge Welt und Beobachter „koevoluieren“. Demnach geht keines dem anderen voraus bzw. sind weder Welt noch Beobachter „fest“. Hier wird die Unterscheidung zwischen Welt und Beobachter vielmehr unterwandert und der Blick geschärft für die Trivialität, dass eine Welt einem Beobachter ganz genau gemäß seinen Unterscheidungen, seinem (Be-wusst-)Sein erscheint, und seine Unterscheidungen wiederum von der Welt abhängen.
Seite 147 - 151:Exkurs in die Systemtheorie von Niklas Luhmann
Seite 148: Was aber ist mit dem Beobachter gemeint? Und was mit dem Begriff eines Systems, dem die fortlaufende Aktualisierung von Beobachtungen zugeschrieben wird? Der Begriff des Systems meint die Vernetzung und Fortsetzung von selbstreferentiellen Operationen, das heißt ganz allgemein: Beobachtungen auf der Grundlage von Unterscheiden und Anzeigen, durch die alles, was als Einheit erscheint, eigendynamisch und selbstreferentiell konstruiert wird. (Wir erinnern: Jede Anzeige markiert eine Einheit, das ist eine Seite einer Unterscheidung; alles Erkannte wird als Einheit (Boe: etwas) erkannt).
Und: Jede Konstruktion einer Einheit geschieht über eine Abgrenzung von einer Umwelt.
„Demnach beschreibt das "System" die Möglichkeit der Setzung des Unterschieds, die "Umwelt" das Ausgeschlossene dieses Unterschieds und die "Unterscheidung" den Bezug des Systems auf die Umwelt.“ (BAECKER 2002: 9)
Das heißt, das Fundament der Systemtheorie sind letztlich Operationen, die tatsächlich als Beobachtungen geschehen.
„Da die Einheit der Differenz System/Umwelt im Wege des re-entry der Differenz selbst entnommen wird (System = System/Umwelt), ist die Selbsterrechnung des Systems (des Beobachters) die Errechnung eines imaginären Wertes. Der Beobachter ist: imaginär.“ (FUCHS 2004: 0.6.1)
Deshalb ist der Beobachter aber nicht irreal oder folgenlos. Er ist jedoch keine feststehende Identität, sondern berechnet sich in Bezug auf seine Umwelt unentwegt neu – wenngleich es verlockend erscheint, sich anderen (und sich selbst) als jemand Bestimmtes zu präsentieren.
Seite 149: Mit dem Dargestellten wird auch klar, was die Systemtheorie durch die Referenz auf die Laws of Form nicht sucht: Sie braucht keine logische Absicherung, da für sie die Logik ein möglicher Spiegel des Denkens ist und nicht umgekehrt das Denken ein Spiegel der Logik. Sie würde nicht wahrer, wenn sie sich mit einer Logik in Übereinstimmung brächte. Vielmehr sind es, um noch einmal Dirk Baecker zu bemühen,
„die inhaltlichen Momente des Indikationenkalküls, die sie [die Systemtheorie; F. L.] faszinieren. Es ist die Möglichkeit, ein Operationsverständnis zu entwickeln, das über Beschränkungen auf Zweiwertigkeit hinausgeht, das sie interessiert. Und es ist der Umgang mit dem Problem der Selbstreferenz, das sie dazu bringt, sich mit einer Mathematik und Logik zu beschäftigen, die erstmals wieder den Eindruck erweckt, ähnlich komplexitätstauglich zu sein, wie es die Soziologie zur Beschreibung sozialer Verhältnisse immer schon für erforderlich gehalten hat.“ (BAECKER 2002: 68)
LauForm 152:
Beobachtungen des Beobachters: Im 20. Jahrhundert wurde in mehreren Naturwissenschaften eine epistemologische Entdeckung gemacht, die das bisher vorherrschende wissenschaftliche Paradigma ins Wanken brachte: Es wurde die Bedeutung des Beobachters für das Beobachtete entdeckt.
Von der Entdeckung des Beobachters wird gesprochen, um zu kennzeichnen, dass das Beobachtete nicht unabhängig vom Beobachter ist: Der Beobachter bedingt das von ihm Beobachtete (mit). Für die Neurobiologie hat Humberto Maturana gemeinsam mit Francesco Varela die Bedeutung des Beobachters und seiner Maßstäbe und Wertungen für jegliches Wahrnehmen und Erkennen herausgearbeitet.
Dieses Kapitel erläutert die Entdeckung der Figur des Beobachters, wie sie sich in den Laws of Form darstellt. Dazu kommen wir zunächst noch einmal auf das letzte Kapitel des Indikationenkalküls zurück, in dem der die ganze Zeit implizite Beobachter durch den re-entry der Form in die Form explizit gefunden wurde. Von dort aus wird eine Definition der Beobachtung sichtbar, die auch der Systemtheorie von Niklas Luhmann zugrunde liegt.
Seite 153: Seite 153: Der re-entry ist die Beobachtung oder das Gewahrwerden des unserem Standpunkt umschriebenen Kreuzes, des ungeschriebenen Kreuzes. Zum Beispiel: Wenn wir etwas mit unseren Sinnen wahrnehmen, befindet sich die Wahrnehmung in unserem aktuellen Bewusstsein bzw. ist diese Wahrnehmung unser Bewusstsein, das heißt, die Aufmerksamkeit ist bei dem Gegenstand unserer Wahrnehmung. Dies kann alles sein: ein Gedanke, eine körperliche Empfindung oder ein Gefühl etc. Nun kann ein (weiterer) Gedanke auftreten, dass wir mit der Aufmerksamkeit „wo-auch-immer“ gewesen sind. Wir sehen uns selbst als Beobachter. Wir könnten beliebig lange fortfahren zu beobachten, dass wir gerade beobachteten, das heißt ungeschriebene Kreuze aufspüren, und erkennen, dass auch sie in der Form sind. Re-entry der Form in die Form heißt deshalb, den Beobachter zu entdecken; wahrzunehmen, dass man permanent Zeuge dessen ist, was man erlebt.
Wir können zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Unterscheidung und Anzeige beobachten , und zwar mit dieser Unterscheidung selbst. Das heißt, wir beobachten diese Unterscheidung und können erkennen, dass wir für die Beobachtung unterscheiden und anzeigen: Wir beobachten diese Unterscheidung und nicht andere und wir zeigen ihre Seiten sogar mit Namen an. Wir erkennen mit Beobachtung die Beobachtung. Insofern, als es für die Beobachtung keine Vorrangigkeit von Unterscheiden oder Anzeige gibt, da sie zugleich stattfinden, kann man davon sprechen, dass Beobachtung die Einheit der Differenz von Unterscheidung und Anzeige ist. Sie treten als Beobachtung nur zusammen und zugleich auf.
Seite 154: Es lässt sich beobachten, dass der Beobachter immer gegenwärtig ist. Solange ein System seine Operationen fortsetzt, das heißt auch: solange es beschrieben werden kann als in oder mit einer Umwelt agierend, ist sein Bewusstsein jetzt. Mit anderen Worten: Wir leben in der Gegenwart. Wir können aber noch unterscheiden, ob das Bewusstsein mit dem Hier-Jetzt befasst ist, oder ob es denkt – und im Denken auf Vergangenheit oder Zukunft bezogen ist. Man mag denken, dass Denken auch im Hier-Jetzt stattfindet, und zweifelsohne ist das Gehirn unentwegt jetzt aktiv. Mit der Formulierung der Distinktheit von Hier- Jetzt und Denken soll darauf hingewiesen werden, dass ein Sein im Hier-Jetzt frei ist von Wertungen, Motiven und Zielen. Und also auch frei von einem darauf bezogenen Denken.
Boe: vgl. Huineng Platformsutra20: The wisdom of Prajna is neither great nor small: these differences are due to the differences in the delusion and enlightenment of the minds of all living beings. Those with deluded minds and externalist views cultivate practices to seek Buddhahood without having realised their own essential nature; they are the ones with small faculties. If you open to understanding of the teaching of immediacy, you do not cultivate practice grasping externals; you simply activate accurate perception at all times in your own mind, so afflictions and passions can never influence you. This is perception of essential nature. Good friends, when you do not dwell on the inward or the outward, coming and going freely, you are able to eliminate the clinging mentality and penetrate without obstruction.
Platformsutra 21: Good friends, insight sees through inside and out, clearly penetrating, discerning your own original mind. If you know your original mind, you are fundamentally liberated. If you attain liberation, this is prajna-samadhi, which is freedom from thought.
What is freedom from thought? If you see all things without the mind being affected or attached, this is freedom from thought. Its function pervades everywhere, without being attached anywhere. Just purify the basic mind, having the six consciousnesses go out the six senses into the six fields of data without any defilement or mixing up, coming and going freely, comprehensively functioning without stagnation: this is prajna samadhi, freedom and liberation. This is called the practice of freedom from thought. If you do not think at all, you will cause thoughts to be stopped entirely. This is dogmatic bondage; this is called a biased view.
Seite 156: Dieser Abschnitt zum Beobachter spiegelt die Schwierigkeit der sprachlichen Produktion einer Figur, die nicht im Subjekt-Objekt-Dualismus situiert ist. Der Beobachter repräsentiert eine Welt und entsteht selbst im Prozess des Treffens von Unterscheidungen. Er ist nicht zu denken als jemand, der Unterscheidungen willkürlich trifft, er geht den Unterscheidungen zeitlich nicht voran. Er ist nach dieser Konzeption lediglich die Instanz, in der wir als Beobachter den Prozess der Beobachtung feststellen können. Der Beobachter ist das selbstreflexive, selbstbezügliche Moment „innerhalb“ der Form.
Der Beobachter kann beobachten, dass er in der Form ist, dass er mit Formen/Grenzen „spielt“ – wie auch mit der Grenze zwischen ihm als Beobachter und ihm als Beobachtetem.
Der Neurobiologe und Kognitionsforscher Humberto R. Maturana war einer der ersten, der die Bedeutung des Beobachters für jede Erkenntnis über die Welt, die Realität oder das Universum wissenschaftlich klar herausstellte. Eine seiner bedeutsamsten und radikalsten Aussagen ist:
„Alles, was gesagt wird, wird von jemandem gesagt.“ (MATURANA; VARELA 1987: 32)
Mit den Laws of Form kann man diesen Satz umformulieren in:
„Alles, was unterschieden wird, wird von einem Beobachter unterschieden.“ (LAU 2005: 156)
Mit beiden Sätzen wird ein Unterschied zu einer, man muss es wohl so sagen: obsoleten Auffassung von Welt hervorgehoben. Von einer objektiven, also Beobachter unabhängigen Welt ausgehend, muss der Beobachter aus der Welt heraus gehalten werden. Spielte der Beobachter der Welt eine Rolle für das „Dasein“ der Welt, würde zumindest der Zugang zur Welt in Frage gestellt sein, wenn nicht eine objektive Realität überhaupt. Mit den Laws of Form wird wie bei Humberto R. Maturana die These vertreten, dass jedes Erkennen einer Realität, einer Welt, die Leistung eines Beobachters mit seinen Unterscheidungen, das heißt Wertungen, Erwartungen, Präferenzen etc., ist.
Seite 157: Beobachtungen erster und zweiter Ordnung
Lau Form 163
2. Von Existenz zu Leere
Nachdem der erste Abschnitt dieses erkenntnistheoretischen Teils den Prozess der Beobachtung und den Beobachter thematisierte, handelt dieser zweite Abschnitt von der Realität, die einem Beobachter erscheint. Dabei geht es nicht darum zu skizzieren, wie eine Welt ohne Beobachter aussehen könnte (von einer solchen Vorstellung soll hier ja ganz im Gegenteil Abstand genommen werden), sondern zunächst um die Begriffe Existenz und Wahrheit und anschließend darum, wie sie im Sinne einer Differenztheorie und einer Theorie, die vom Beobachter ausgeht, verstanden werden können.
Das folgende Zitat dient als Leitfaden für diesen Abschnitt:
„Wir müssen, um die Welt klar zu erfahren, Existenz auf Wahrheit reduzieren, Wahrheit auf Bezeichnung [Anzeige; F. L.], Bezeichnung auf Form und Form auf die Leere.“ (SPENCER BROWN 1997: 88)
„To experience the world clearly, we must abandon existence to truth, truth to indication, indication to form, and form to void.“ (SPENCER BROWN 1969: 101)
Im Folgenden sollen diese Schritte nachvollzogen werden. Zusammenfassend: Mit Existenz wird auf das Bezug genommen, was ist, was ein Beobachter von Augenblick zu Augenblick erlebt. Wahrheit bezieht sich auf Aussagen über Existenz. Die Aussagen, die man wahr nennt, hängen vom Standpunkt ab, von den Unterscheidungen und den Werten, die man mit ihnen verknüpft. Jeder Standpunkt, jede Unterscheidung ist eine Form, die auch immer anders möglich ist. Form entsteht mit Leere und Leere mit Form. Dies ist die erste bzw. letzte Form.
Seite 164: Die differenztheoretische Konzeption ermöglicht dagegen eine Beschreibung, nach der Zeit und Raum Produkte der Beobachtung von Welt sind. Wenn etwas beobachtet wird, muss es anders erscheinen als anderes. Dieses Anderssein kann sich verändern (Zeit) und verändert sich in einem erkennbaren Raum.
Die Welt enthält weder diese noch andere Unterscheidungen. Am Anfang der Laws of Form definiert George Spencer Brown „Zustände“, ohne dass er auf Konzepte wie Distanz, Größe oder Dauer etc. zurückgreifen müsste. Das einzige Konzept, das er einführt, ist das des Unterschiedes. Andere Qualitäten sind nicht notwendig, um alle Qualitäten zu erhalten.
Raum und Zeit sind Erscheinungen bzw. Formen von oder für Erscheinungen. Auch sie sind, was erschiene, wenn eine Unterscheidung getroffen würde.
Boe: vgl Spencer Brown A Lion's Teeth, pg 134: page 134
Confronted with the apparent universe, we all asked the question, 'What is it?'
We then looked for the answer in exactly the wrong direction.
We all searched for a set of descriptions of what it looked like.
The proper way is to discover the instructions how to make it.
Boe: Vor 10 Jahren gelesen und nicht verstanden:
Spencer Brown Only Two can Play this Game pg.127:
Space is a construct. In reality there is no space. Time is also a construct. In reality there is no time.
In eternity there is space but no time.
In the deepest order of eternity there is no space. It is devoid of any quality whatever.
This is the reality of which the Buddhas speak. Buddhists call it Nirvana. Its order of being is zero. Its mode is completeness. Its sex-emblem is female. It is known to western doctrine, sometimes as the Godhead, sometimes as IHVH, or that which was in the beginning, is now, and ever shall be. This way of describing it, like any other, is misleading, suggesting that it has qualities like being, priority, temporality. Having no quality at all, not even (except in the most degenerate sense) the quality of being, it can have none of these suggested properties, although it is what gives rise to them all. It is what the Chinese call the unnamable Tao, the Mother of all existence. It is also called the Void.
...the unamable Dao, die Leere, das Unsagbare, das Un-Beobachtbare, das Un-Unterschiedene
Seite 170 Form und Leere: Die für Lebewesen erfahrbare Welt ist vollkommen in der Form. Dadurch, dass sie Form ist, ist sie erfahrbar. Lebewesen können etwas nur wahrnehmen oder erkennen, weil sie es von anderem unterschieden haben. Wäre es nicht von anderem unterschieden – in welcher Form auch immer –, dann wäre es nicht wahrnehmbar. Wäre es nicht von anderem unterschieden, würde es keinen Unterschied machen. Nur so kann es erkannt werden. Dies gilt für Gegenstände, den eigenen Körper, Gedanken, Gefühle und alles andere. Also ist alles, was auf irgend eine Art und Weise ist, also von einem Beobachter wahrgenommen oder erkannt wird, Form. Alles ist, wie auch immer es ist – jedenfalls verschieden von anderem.
Der „Logik“ der Form entspricht, dass mit Form auch eine andere Seite der Form ko-produziert wird. Wenn wir über das sprechen, was den Rahmen oder die Grundlage für die Unterscheidungen symbolisiert, benötigen wir einen Namen, der (für dieses „Unding“) jedoch keinen erläuternden Charakter haben kann, da er als Name schon Unterscheidungen trägt. Unter diesem Vorbehalt nennen wir ihn in Anlehnung an George Spencer Brown empty space.
Der Name und das Sprechen über etwas suggerieren schon, dass da etwas wäre. Das ist das Dilemma, in das wir uns begeben, wenn wir über das sprechen, in dem Unterscheidungen getroffen werden und das selbst unterschiedslos ist. Wir gebrauchen eine buddhistische Anschauung, um zu formulieren: Das Medium der Form ist die Leere.
Lau Form 173: 3. Das Entstehen von Universen
„The theme of this book is that a universe comes into being when a space is severed or taken apart. The skin of a living organism cuts off an outside from an inside. So does the circumference of a circle in a plane. By tracing the way we represent such a severance, we can begin to reconstruct, with an accuracy and coverage that appear almost uncanny, the basic forms underlying linguistic, mathematical, physical, and biological science, and can begin to see how the familiar laws of our own experience follow inexorably from the original act of severance. The act is itself already remembered, even if unconsciously, as our first attempt to distinguish different things in a world where, in the first place, the boundaries can be drawn anywhere we please. At this stage the universe cannot be distinguished from how we act upon it, and the world may seem like shifting sand beneath our feet.“ (SPENCER BROWN 1969: V)
Boe: vgl. groundlessness - Francisco Varela
"Wir müssen lernen, sozusagen ohne festen Boden unter den Füssen zu leben, mit jener Bodenlosigkeit der Existenz, aus der viele verschiedenste Welten entstehen können, von denen keine ein fester Bezugspunkt ist."
Caminante, son tus huellas
el camino, y nada mas.
Caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino
y al volver la vista atras
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino
sino estelas en el mar. Antonio Machado
Seite 177: Die zentrale Aussage, die sich hinter den Laws of Form für die Erkenntnistheorie zu erkennen gibt, ist dass die Leere – der empty space – Ausgangspunkt von allem ist. So schreibt George Spencer Brown in A Lions Teeth: „Ein Buddha ist jemand, der erleuchtet ist, das heißt der weiß, dass das, was erscheint, überhaupt nichts ist.“ (SPENCER BROWN 1995: 15)
"A buddha is one who is enlightened, that is, who knows that what appears is not anything". (Spencer Brown Lion's Teeth, pg 14)
Was wir beobachten, sind Dinge, die in der Form gründen, die Form sind, und die Form der Unterscheidung ist Leere. Insofern ist Erleuchtung auch kein Zustand. Erleuchtet zu sein heißt vielmehr zu wissen, dass Selbst und Anderes identisch sind. Auch das ist eine Form. Aber wer kann das dann noch wissen? Wenn das Universum bzw. die Form „Nichts“ ist, stellt sich die Frage, wie es dann zu der Erscheinung von „Allem“ kommen kann.
Zentral ist die Idee des Von-selbst-Losgehens. Alles hat eine Ursache, nur DAS hat keine! Wir kommen damit auf den Ausgangspunkt der Laws of Form, den empty space, zurück: Wie ist dasjenige vorstellbar, das zulässt, die Unterscheidungen zu treffen (und da es nichts außer ihm gibt, trifft es sie selbst?), aber selbst keine enthält? Und vor allem, wie kann die Welt, wie wir sie erleben, dem empty space, dem Nichts, entspringen? Oder allgemeiner:
„Wenn man mit überhaupt nichts beginnt, wie kann dann aus diesem heraus etwas erscheinen?“ (SPENCER BROWN 1995: 149)
„(...) that, starting with nothing whatever, how anything could appear to come of it.“ (SPENCER BROWN 1995: 148)
Die Antwort, die George Spencer Brown auf solche Fragen vorschlägt, lautet, dass nur das Nichts gewissermaßen sensibel genug ist, um durch nichts angestoßen zu werden und Alles zu produzieren.
„Ich erkannte, dass das einzige Ding (d. h. Nichtding), das empfindlich genug wäre, um von einem Reiz, der so schwach ist, dass er gar nicht existiert, beeinflusst zu werden, das Nichts selbst war.“ (SPENCER BROWN 1995: 151)
„I realised that the only thing (i.e. nonthing) that would be sensitive enough to be influenced by a stimulus so weak that it didn’t exist, was nothing itself.“ (SPENCER BROWN 1995: 148)
Seite 178: Zirkularität und konditionierte Koproduktion
Das Konzept der konditionierten Koproduktion , von dem George Spencer Brown in den Anmerkungen spricht, beschreibt, dass weder die Welt noch der Beobachter einen Vorrang vor dem anderen haben. Im Umgang mit einer Umwelt entwickelt ein System Strukturen, mit denen es mit der Umwelt umgehen kann. Der Beobachter ist nicht nur der „Erzeuger“ von Welt, sondern gleichermaßen der „Erzeugte“.
Lau Form 182
Vergleich der Begriffe „Dao“ und „empty space“ sowie im folgenden Abschnitt um eine Gegenüberstellung des Prinzips von Yin-Yang und dem re-entry bzw. dem Bild des Tunnels.
Das Namenlose und damit Unterschiedslose, wie wir mit dem „Kalkül der Beobachtung“ folgern können, das den Laws of Form in Form von chinesischen Schriftzeichen voran gestellt ist (siehe „Vor dem Eintritt“, S. 32), der „Anfang von Himmel und Erde“, wird in der daoistischen Tradition mit Dao bezeichnet.
Seite 183: „dem seienden entsprangen alle dinge der welt
das seiende – es entsprang dem nichtseienden.“ (LAUDSE: Abschnitt 40)
Somit ist das Sein, das, was sich nach dem Anfang manifestiert und als unterschieden vom Nichts wahrnehmbar wird, mit den unterschiedenen Dingen identifizierbar, mit „allen Dingen der Welt“. Es erscheint als „Etwas“, das durch die Asymmetrie der Unterscheidung, eben durch die Anzeige, als Einheit geformt ist.
Ausgangspunkt ist also unauslotbare Unterschiedslosigkeit oder Leere. Wir können nun fragen: Was geschieht, wenn eine Unterscheidung getroffen wird? Und wir sehen: Es entsteht ein Universum. Wenn man das systemtheoretisch formulieren möchte: Wenn eine Unterscheidung getroffen wird, an der sich weitere anschließen, so dass fortlaufend beobachtet wird, entsteht eine System-Umwelt-Differenz. In und mit dieser Differenz wird (von jemandem) wahrgenommen, was wir Welt oder ein Universum nennen können.
Lau Form 190
Felix Lau: Interview
Kurzlebenslauf: Meine Geburt fand am 04.11.1970 in Freiburg statt, die Geburten meiner Kinder Taja Luna und Joona Milian am 29.12.99 und 16.02.05. Dazwischen habe ich mein Studium als Lehrer für die gymnasiale Oberstufe in den Fächern Mathematik und Philosophie abgeschlossen. In den Jahren, als ich viel Zeit mit meiner Tochter verbrachte (die Mutter promovierte) und an dem Buch schrieb, arbeitete ich als „Geldbeschaffungsmaßnahme“ (mit flexiblen Arbeitszeiten und gut bezahlt) in der Buchhaltung eines Pharma-Konzerns. Nun, nach der Fertigstellung meines Buches, möchte ich die damals einjährig begonnene Lehrtätigkeit wieder aufnehmen.
Felix Lau: Die Form der Paradoxie Buchbesprechung
Spencer Brown : Laws of Form
Luhmann - soziale Systeme
Zhuangzi
Laozi
Buddhism
Hui-neng
Gedankengänge: Wegmarken gesetzt von Felix Lau
Sprachliche Gedankengänge: Über Sinn und Unsinn in unserem Denken
Ich bin ein Buddha: Durch Lau-Lektüre vermittelte Erfahrungen