Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03174.jsonl.gz/206

Stark geprägt wurde Reinhard Schläpfer von seinem Aufwachsen im Waisenhaus, später Jugendheim Girtannersberg in St. Gallen, das 25 Jahre von seinen Eltern Arthur und Elsa Schläpfer geleitet wurde. Ihre Wohnung befand sich mitten drin im 1. Stock des grosszügigen Hauses. Im Zweiten Weltkrieg war sein Vater meist im Aktivdienst abwesend, die Mutter blieb allein mit der grosse Aufgabe, das Heim selber zu leiten und auch die Verantwortung für den grossen Garten zu tragen, welcher der Selbstversorgung diente. So bekam Reinhard als Kind auch die Ängste seiner Mutter mit.
Die Schulen besuchte er in St. Gallen. Im Gymnasium an der Kantonsschule wurde er musikalisch stark geprägt vom Komponisten Paul Huber, bei dem er Klavierunterricht erhielt.
Nach der Matura im Oktober 1955 folgte das Theologiestudium in Zürich, Basel und Belfast. Besonders geprägt wurde er in Basel vom grossen Theologen Karl Barth. 1960/61 absolvierte er das Vikariat in St. Gallen bei Pfr. Hans Rutz im Kirchkreis Grossacker in Tablat. Diese Kirchgemeinde erlebte er als sehr lebendig, als streitbare Kirche mit vielen Initiativen und sozialpolitischem Engagement.
Nach der Ordination in der Stadtkirche St. Laurenzen am 11. Mai 1961 wurde er kurz vor seinem 25. Geburtstag nach Lütisburg im Alttoggenburg gewählt. Die Praxisausbildung im Theologiestudium war damals recht rudimentär. Umso wichtiger wurden für ihn jetzt die drei Lernfelder kirchliche Jugendarbeit, kirchliche Erwachsenenbildung und Seelsorge, was oft auch Sozialarbeit hiess.
1965 heiratete er die vier Jahre jüngere Lehrerin Ruth Spörri. Die Beiden hatten sich im evangelischen Tagungszentrum Magliaso TI kennengelernt. Dort verbrachten sie auch später zusammen mit ihren drei Kindern Michael, Rebekka und Timotheus jeweils die Sommerferien.
1969 wurde Reinhard Schläpfer in die Gemeinde Aadorf-Aawangen berufen. Als neuer zweiter Pfarrer erhielt er die Aufgabe, die Jugendarbeit und Erwachsenenbildung in der stark wachsenden Agglomerationsgemeinde aufzubauen. Gemeinsam erprobte man in diesen Jahren neue Formen des Gottesdienstes, die Mitwirkung der Gemeindeglieder bei vielfältigen Anlässen und Kursen und die regionale Zusammenarbeit in den sechs Gemeinden des Hinterthurgau.
In diese Zeit fiel auch seine Arbeit als Bundesobmann der Jungen Kirche Schweiz; dazu wurde er von der Gemeinde fünf Jahre lang teilzeitlich freigestellt. Überall stand er mittendrin in den Auseinandersetzungen der 1968erJahre: Militärdienstverweigerung, Zivildienst, Kirche wohin?, Erstunterzeichnung der Erklärung von Bern, Zürcher Jugendunruhen, Friedensarbeit ...
Stets räumten Schläpfers der Musik einen wichtigeren Platz ein. Es gab jetzt Konzerte in der Kirche, Ruth Schläpfer gab in Lütisburg Blockflötenunterricht und machte dann von Aadorf aus am Konservatorium Winterthur ihre Ausbildung für die musikalische Grundschule, gemeinsam beteiligten sie sich an der Gründung der Musikschule Aadorf und des Kulturvereins GONG. Und man freute sich ebenso auch an viel Hausmusik.
Von 1980 bis 1998 war Reinhard Schläpfer Professor für Religion, Religionspädagogik und -didaktik am Lehrerseminar Rorschach. Gleichzeitig war er von 1980 bis 1990 teilzeitlicher Studienleiter im Evangelischen Tagungszentrum Schloss Wartensee auf dem Rorschacherberg. Diesem Team war es ein Anliegen, die Feiertage auf Wartensee zu gestalten wie ebenso auch Tagungen zu Themen wie «Kirche mit Kindern», «Frauenkirche», «Bekennen heute», «Mit offenen Händen». 1982-84 besuchte Reinhard Schläpfer bereits die erste Langzeitfortbildung für Bibliodrama in Gelnhausen/D. 1987 war er mit seiner Frau beteiligt an der Gründung der Initiative Musikwochen, er war 12 Jahre Präsident dieses Vereins.
In den 80er Jahren war er in seiner Arbeit noch in viele Auseinandersetzungen verwickelt gewesen: Jugendunruhen, Friedensarbeit, Armeeabschaffung, Wartensee-Gegenverein u.a. In den 90er Jahren, so schrieb er in seinen Erinnerungen, war der Aufbruch vorbei. Stattdessen herrschte eine Art Stillstand, postmoderne Beliebigkeit breitete sich aus. Umso wichtiger war ihm jetzt, in der Erwachsenenbildung der St. Galler Kantonalkirche von 1988 bis 2003 bei Theologiekursen mitzuwirken.
Bereits 1993 starb mit 53 Jahren seine Frau Ruth Schläpfer-Spörri an einer Krebserkrankung, ein schmerzhafter Verlust für ihn und für viele.
Von 1995 bis 2003 leitete Reinhard Schläpfer vier Ausbildungsgänge für Bibliodrama in Hertenstein, Wartensee und Magdenau – stets darauf vertrauend, dass der Bibeltext dank seiner jahrtausendealten Urkraft sich immer wieder durchsetze. 1999 war Schläpfer ein Mitgründer der Interessengemeinschaft Bibliodrama Schweiz-Liechtenstein-Vorarlberg IGB, welche die Leitenden aus den verschiedensten Herkünften unter einem Dach zu vereinen sucht.
1999 lernte er bei den Vorbereitungen für den Bodenseekirchentag 2000 in Friedrichshafen Hans-Peter Stühmer kennen, 1941 in Wien geboren. Mit der Zeit lernten sich die Beiden besser kennen und begannen eine neue Partnerschaft. Seit 2006 verbrachten sie jedes Jahr drei Monate auf der Insel Teneriffa, dazwischen auch Zeiten in Peters Heimatstadt Wien oder in Reinhards Ferienwohnung in Vulpera im Unterengadin. Gesundheitliche Rückschläge kamen dazu, doch bis zuletzt blieb Reinhard Schläpfer noch erstaunlich fit. Gestorben ist der gut 83-Jährige in St. Gallen am 14. Febr. 2020, am Valentinstag.
(Bürger von Speicher AR und St. Gallen)
Nach Michael Schläpfer 26.2.2020, Bruno Fluder, Arne Engeli 8.2.2021 von Walter Frei 14.5.2021