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Dieses Buch, das im Jahr 1950 im Piper-Verlag erschienen ist, gibt drei Gastvorlesungen wieder, die Jaspers an drei Abenden auf Einladung des Asta (Allgemeiner Studierendenausschuss) an der Universität Heidelberg im selben Jahr gehalten hat. Nach der Reihenfolge der Vorlesungen gegliedert, umfasst das Buch drei Kapitel, und zwar „Die Forderung der Wissenschaftlichkeit“, „Vernunft“ und „Die Vernunft im Kampf“.
Gliedert man Jaspersʼ Denken in verschiedene Perioden oder Themenschwerpunkte, so stammt dieses Buch aus jener Denkperiode, die man nach der 1. Denkperiode mit den psychopathologischen Arbeiten (Höhepunkt: das methodologische Grundlagenwerk Allgemeine Psychopathologie von 1913) und nach der 2. Denkperiode mit den existenzphilosophischen Arbeiten (Höhepunkt: die dreibändige Philosophie, Bd. I: Philosophische Weltorientierung, Bd. II: Existenzerhellung, Bd. III: Metaphysik von 1932) als 3. Denkphase von Jaspers ansehen kann. Es ist die Ausarbeitung einer Philosophie der Vernunft. Diese Denkphase fand ihren Höhepunkt in der Publikation des umfangreichen Buches Von der Wahrheit von 1947.
Dass der Vernunftbegriff auch in Jaspersʼ weiterem Denken eine zentrale Rolle spielte, zeigen seine politischen Schriften, so vor allem sein Hauptwerk in der politischen Philosophie Die Atombombe und die Zukunft des Menschen von 1958. Dort sind fünf Kapitel eines Hauptteils des Buches diesem Begriff und seiner Beziehung zum politischen Denken gewidmet. Dieser Begriff bildet dabei den Hintergrund für die politischen Zielvorstellungen, wie die Idee von einer universalen Kommunikation zwischen den Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Weltanschauungen, das Ideal einer weltweiten Gemeinschaft von vernünftigen Individuen und Staatsmännern sowie den Appell für das permanente politische Bemühen um einen Weltfriedenszustand. Dass auch Jaspersʼ Appell zu einer sittlich-politischen Umkehr in der Politik und die Forderung nach Überformung der kurzsichtigen Interessen- und Machtpolitik durch „das Überpolitische“ nur auf der Basis von Vernunft erfolgen kann, hat Jaspers vielfach betont.
In der ersten Vorlesung, die in diesem Buch abgedruckt ist, „Die Forderung der Wissenschaftlichkeit“, legt Jaspers sein Verständnis von Wissenschaft dar und konfrontiert
dieses Verständnis sowohl mit der politisch-ideologischen Vereinnahmung der Wissenschaft durch den Marxismus als auch mit der missbräuchlichen Berufung auf die Wissenschaft im Kontext der psychologischen Denk- und Praxisschule der Freudʼschen Psychoanalyse. Jaspers hebt dabei eine wesentliche ideologiekritische Einsicht hervor, die als zentraler Gesichtspunkt für eine politische Bildung im liberal-demokratischen Sinne gesehen werden kann: es ist die Verwischung des Unterschieds zwischen subjektiven Werturteilen und wissenschaftlichen, objektiv prüfbaren Tatsachenbehauptungen, – oder anders formuliert – die Tarnung von persönlichen politischen Überzeugungen und Wertstandpunkten als wissenschaftlich bewiesene Tatsachen. Durch diese Strategie wird für subjektive Wertungen fälschlich der Anschein geweckt, sie hätten den gleichen Allgemeinheitscharakter und die gleiche theoretische Verbindlichkeit wie Tatsachenerkenntnisse.
Einen wichtigen Gesichtspunkt seines Verständnisses des Verhältnisses von Wissenschaft und Philosophie hebt Jaspers in dieser Vorlesung ebenfalls hervor, indem er betont, dass Wissenschaft für die Wahrheit in der Philosophie notwendig sei. In allen Schriften, in denen er das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie erörtert, vertritt er die Ansicht, dass wissenschaftliches Denken und wissenschaftliche Erkenntnis notwendige Voraussetzungen für das Philosophieren seien. Denn im wissenschaftlichen Denken stösst der Mensch auf prinzipielle Grenzen seines Erkenntnisvermögens, so etwa dann wenn es um Sinnfragen des menschlichen Seins und auch der wissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen geht. Diese Grenzerfahrungen sind Impulse für das philosophische Denken. Wo der Mensch mit dem empirisch-rationalen, wissenschaftlichen Denken notwendig scheitert, beginnt das Philosophieren. (vgl. dazu vor allem den 1. Band der Philosophie, die Philosophische Weltorientierung.)
In der zweiten Vorlesung, „Vernunft“, wird die Vernunft mehrfach geradezu pathetisch mythisiert, wenn Jaspers sie zum idealtypischen Gegensatz von Unvernunft, Widervernunft und dem blossen Verstandesdenken stilisiert. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass der Vernunftbegriff im existenzphilosophischen Hauptwerk Werk Philosophie noch keinen systematischen Stellenwert hatte. Erst in der Schrift Vernunft und Existenz von 1935 und dann in dem umfangreichen Buch Von der Wahrheit erhält der Vernunftbegriff einen systematischen Stellenwert. Dies geschieht zunächst im Kontext der Lehre vom Umgreifenden (umgreifenden Sein), die Jaspers im zuletzt genannten Buch ausführlich darlegt. Dabei entwickelt er die Unterscheidung von verschiedenen „Weisen des Umgreifenden“. Diese sind teilweise analog zu den in der Existenzerhellung aufgewiesenen anthropologischen Seinsweisen des Menschen konzipiert, wenn Jaspers zwischen dem Umgreifenden des Daseins, des Bewusstseins überhaupt, des Geistes und der Existenz unterscheidet, sowie dem Umgreifenden der Welt und der Transzendenz. Als zentrales „Band“ aller Weisen des Umgreifenden wird die Vernunft eingeführt. Ihr werden im Kontext der Konzeption eines umgreifenden Seins spezifische Funktionen zugesprochen, welche die Verabsolutierung, Dogmatisierung, Erstarrung und Isolierung einer einzelnen dieser Weisen verhindern sollen (Kurt Salamun hat diese Funktionen detaillierter herausgearbeitet in seiner Jaspers-Monographie: Karl Jaspers, 2. erw. Aufl. Würzburg 2006, S. 75ff.).
Die der Vernunft zugeschriebenen Funktionen bzw. „Aufgaben“ werden von Jaspers nun mit zentralen Konzeptionen seines gesamten Denkens korreliert. Dies zeigen Passagen in dieser Vorlesung, wo von Funktionen der Vernunft in Bezug auf die Existenz (das existentielle Selbstsein eines Individuums), in Bezug auf die zwischenmenschliche Kommunikation und die universale Kommunikation (Vernunft als grundsätzlicher Kommunikationswille, Vernunft als unerlässlicher Faktor für universale politische Kommunikation) die Rede ist. Auch in Bezug auf individuelle und politische Freiheit, Geschichtlichkeit und Wahrheit (im Sinne von existentiellem Wahrsein) betont Jaspers nun die bedeutende Funktion der Vernunft. Bemerkenswert ist in diesem Kontext auch die explizite Äusserung von Jaspers, dass er in Bezug auf die Philosophie, die es nun zu entwickeln gelte, nicht mehr wie früher von „Existenzphilosophie“ sprechen möchte, sondern von einer „Philosophie der Vernunft“.
In der dritten Vorlesung „Die Vernunft im Kampf“ wird u.a. darauf verwiesen, dass Vernunft auch gegen die Verabsolutierung der Vernunft ankämpfen müsse, wie etwa gegen die Vorstellung, dass durch Vernunft eine endgültige Wahrheit gefunden und garantiert werden könne. Auch die Verwirklichung der Vernunft sei ebenso wie die Verwirklichung des eigentlichen und wahren Menschseins ein permanentes „Auf-dem-Wege-Sein“ und könne nie zu einem Abschluss in einer endgültigen Einheit, Totalität oder absoluten Wahrheit gelangen. Als primären Ort, wo um die Erhaltung und Verbreitung der Vernunft gekämpft wird, nennt Jaspers die Institution der Universität. Dort gilt es für die Lehrenden in „innerer Unabhängigkeit“ und Unbestechlichkeit von äusseren Mächten sowie ohne „Machtwillen“ jene vernünftige Denkungsart zu bewahren und zu verbreiten, die Jaspers sowohl in seiner mehrfach aufgelegten und verbesserten Universitätsschrift Die Idee der Universität (1923, 1946, 1961) als auch in späteren politischen Schriften als pädagogische Zielvorstellung vor Augen hat.
Karl Jaspers: Vernunft und Widervernunft in unserer Zeit (1950), 6.-8. Tausend, München: R. Piper & Co. Verlag 1952.