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Der vierte Band von Lichtenbergs Briefwechsel ist auch der letzte: Am 24. Februar 1799 stirbt er nach kurzem Krankenlager an einer Lungenentzündung. Lichtenberg war ja schon seit längerem ständig mehr oder weniger krank; er glaubte aber noch 1798, die Krise seiner krampfartigen Asthma-Anfälle überwunden zu haben. Was Lichtenberg von seiner Krankheit blieb, war eine hochgradige Abneigung gegen das Schreiben – vor allem das Schreiben von Briefen.
So finden wir denn auch im letzten Band Beck’schen Briefwechsel-Ausgabe von Joost und Schöne mehr Briefe an als Briefe von Lichtenberg. Der Satiriker Lichtenberg existierte praktisch schon längere Zeit nicht mehr, nur die berühmten Erklärungen zu Hogarths Stichen entstanden noch in Lichtenbergs letzten Jahren. In seinen Briefen an Freunde gab der Universitätsprofessor ganz offen zu, dass er diese Arbeit nur um des Geldes Willen auf sich genommen hatte.
Jetzt erhielt Lichtenberg auch jede Menge Einladungen zur Mitwirkung an einem der vielen zu jener Zeit wie Pilze nach einem Sommerregen aus dem Boden schiessenden literarischen Journale. Lichtenberg reagierte auf diese Einladungen meist mit Schweigen, manchmal sagte er ab – mitgewirkt hat er nie. (Pikantes Detail am Rande: Schiller wurde von seinem Verleger Cotta verschiedene Male aufgefordert, doch auch Lichtenberg ins Boot der Beiträger zu den Horen zu nehmen, er hat auch in Briefen an Körner die Absicht geäussert, dies zu tun – erfolgt ist so eine Einladung offenbar nie. Ob es Rücksicht war auf den mittlerweile doch etwas verstimmten Freund Goethe, der in Lichtenberg ja so gar keine Unterstützung in seinem Kampf gegen Newton gefunden hatte [s.u.]? Nun, Lichtenberg hätte wohl auch Schiller einen Korb gegeben.)
Im Übrigen befinden sich in diesem Band vor allem Briefe des Universitätslehrers und des Naturwissenschafters. Die Chemie stand im Zentrum von Lichtenbergs Interesse; die Phlogiston-Theorie wurde zu jener Zeit gerade abgelöst. Lichtenberg stand der neuen Sauerstoff-Theorie kritisch gegenüber, jederzeit bereit aber, sie zu akzeptieren, wenn Experimente sie bestätigen würden. In der Optik flackerte der Briefwechsel mit Johann Wolfgang von Goethe wieder auf, mutierte allerdings zwischen den beiden Geistesgrössen sehr rasch in einen Austausch diplomatischer Noten (will sagen: literarischer Werke), da Lichtenberg Goethes Farbenlehre als physiologisches Phänomen akzeptieren konnte, dessen Angriff auf Newtons Physik aber nicht goutierte. Auch mit Kant stand Lichtenberg im Briefwechsel, sofern man “Briefwechsel” nennen darf, was in 1-2 ausgetauschten Briefen pro Jahr bestand.
Daneben rücken die Blitzableiter wieder in den Fokus – u.a., weil die Göttinger Universitätsbibliothek nun doch endlich ihre Gebäudehülle mit so einem Schutz versehen wollte.
Lichtenbergs Familie wuchs in dieser Zeit weiter an, bis er schliesslich die Geburt des fünften Kindes melden konnte. Einen Ruf an die Universität Leyden nahm er nicht an, obwohl er die damit verbundene signifikante Verbesserung seines Gehalts sehr wohl hätte brauchen können. Die Ereignisse sollten ihm Recht geben: Drei Monate nach dem Ruf wurden die Niederlande von Frankreich militärisch überrollt, und es wurde ein Vasallen-Staat eingerichtet. Lichtenberg aber war so gar kein Freund des sich noch immer revolutionär gerierenden Frankreich – wenn er auch nicht in dem Masse als Franzosenfresser posierte wie sein Bruder.
Alles in allem deckt der letzte Band des Briefwechsels eine auch für Europa turbulente Zeit ab, und es ist auch für uns Heutige bedauerlich, dass sich Lichtenberg nicht mehr in der Lage fühlte, diese Zeit brieflich und satirisch zu dokumentieren.
(Eine kleine Bemerkung am Rande: Im Brief N° 2946 von Heinrich Wilhelm Brandes finden wir den Satz:
– Verzeihen Sie meine Umständlichkeit: – vielleicht hätte ich auch kürzer geschrieben, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte.
Ich hatte eine ähnliche Bemerkung bisher Goethe zugeschrieben, sie scheint aber ein verbreiteter Topos gewesen zu sein.)
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Die früheren Bände des Briefwechsels wurden hier besprochen: