Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03562.jsonl.gz/1862

Wer nicht recht täte, würde vom gelben «Wägeli» geholt. Das sagte man so, das erzählten wir Kinder einander auf den Pausenplätzen der siebziger Jahre.
Über diesen disziplinierenden Effekt der Psychiatrie ist seit Michel Foucault viel geschrieben worden. Nicht davon allerdings handelt das Buch «Der Wahnsinn der Philosophie» des Zürcher Psychiaters, Psychoanalytikers und Philosophen Daniel Strassberg, sondern von der Art, wie in der abendländisch-europäischen Philosophiegeschichte die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn immer wieder neu getroffen worden sei – seit ihren Anfängen bis in die jüngste Vergangenheit.
Postmoderne Kaleidoskopie
Es hat etwas Originelles, wenn Strassberg die Philosophiegeschichte entlang der Entgegensetzung von Wahnsinn und Vernunft aufzäumt. Ausgehend von der postmodernen These, «dass die Zeit der Grosstheorien endgültig vorbei ist», will er «keine weitere Geschichte des Wahnsinns liefern, auch keine Grosstheorie des Wahnsinns». Stattdessen möchte sich Strassberg entscheiden für «kaleidoskopische Erzählungen darüber, wie sich einige Grosse des Denkens dem Wahnsinn genähert – und sich wieder von ihm entfernt haben».
Neun Denker pickt Strassberg aus der Geschichte der Philosophie heraus und widmet ihnen je ein Kapitel (ein weiteres gilt der Aufklärung): Platon, Giordano Bruno, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Nietzsche, Jacques Lacan, Michel Foucault und Gilles Deleuze. Ausgespart bleiben etwa Ludwig Wittgenstein und dessen bedenkenswerte Bemerkungen über die innere Verwandtschaft von Philosophie und Verrücktheit.
Strassbergs These, die er in verschiedenen Formulierungen variiert, lautet: «Der Ausschluss des Chaos und des Wahnsinns ist (…) der Gründungsakt in der Selbstkonstitution der Vernunft.» Da diese Grenzziehung für die Vernunft konstitutiv sei, tauche das Thema Wahnsinn im Verlauf der Philosophiegeschichte immer wieder auf. Diese Grenzziehung verbindet Strassberg zudem mit dem philosophischen Thema von Totalität und Unendlichkeit und behauptet: Der Wahnsinn «weist (…) erbarmungslos auf die Unmöglichkeit hin, das Unendliche zu denken und sich zugleich auf das Ganze zu beschränken. So bildet das Spiel von Ausschluss und Einschluss, von Transzendenz und Immanenz des Wahnsinns so etwas wie den Motor des Denkens. Weder kann der Wahnsinn durch das Denken jemals endgültig ausgemerzt noch vollständig einverleibt werden. Vielmehr markiert der Wahnsinn die Bruchlinien des Denkens.»
Was anderes als eine Grosstheorie ist die darin mitschwingende Behauptung, «den Motor des Denkens» freigelegt zu haben? Zwar legt Strassberg keine «Grosstheorie des Wahnsinns» vor, wohl aber eine zur Vernunft. Das freilich steht in Widerspruch zur postmodernen Kaleidoskopie. Auch flicht der Autor immer wieder ganze Panoramen historischer Entwicklungen ein, sodass sich die scheinbare Bescheidenheit, auf Grosstheorien und grosse Erzählungen zugunsten von Einzeldarstellungen zu verzichten, als hohl erweist.
Eine Diagnose für Nietzsche
Zugegeben, das Unterfangen von Strassberg ist immens. Jeder der besprochenen Philosophen böte Stoff für eine philosophiegeschichtliche Dissertation, die sich allein dem jeweiligen Autor und dessen Blick auf den Wahnsinn widmen würde. Doch Strassberg hat weniger ein wissenschaftliches Buch verfasst, als vielmehr einige interessante Gedanken und viele philosophischen Plänkeleien zum Thema Wahnsinn zu Papier gebracht. Aus handwerklicher Sicht hat sein Buch das Defizit, dass er sich viel zu wenig der indirekten Rede bedient. Wo er fremde Gedanken, die Gedanken der Philosophen, referiert, ist oft nicht klar, wer redet: Strassberg oder wer?
Dass der Wahnsinn in die Domäne der Medizin und vor allem der Psychiatrie fällt, ist ein relativ junges geschichtliches Phänomen. Es taucht grosso modo mit der Aufklärung auf, und freigelegt hat es massgeblich Foucault. Strassberg nun interpretiert zwar Nietzsche wie einen Philosophen, nimmt ihn sehr ernst, um schliesslich aber doch die psychiatrische Krankheitslehre auf ihn anzuwenden und zu diagnostizieren, «(d)ass Nietzsche zumindest seit Beginn 1889 psychotisch war (…): Nietzsche war krank.» Hier spricht nicht mehr der Philosoph Strassberg, sondern der Psychiater.
Diesem ist es auch ein Anliegen, den Kapiteln zu den einzelnen Philosophen Schilderungen von Verrücktheit voranzustellen, «Einblicke in psychotisches Geschehen» zu geben. Denn Strassberg ist Realist genug bezüglich Wahnsinn, um diesen als eine Tatsache und nicht als etwas bloss von der Psychiatrie Konstruiertes einzustufen. So schreibt er mitunter gegen den «für die Wirklichkeit blinden Konstruktivismus» von Teilen der Antipsychiatriebewegung an. Und er hält ihm die im Umgang mit eigenen PatientInnen gewonnene Erfahrung der Tatsächlichkeit des Wahnsinns entgegen. Die Begegnung mit dem Wahn, gegen den «unsere ‹gesunde› Vernunft» fast gar nichts vermöge, bildet Strassbergs «realen Hintergrund (…), auf dem die philosophische Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn stattfindet».
Und der Stand von übermorgen?
Doch Strassberg ist nicht bloss Psychiater und Philosoph, er ist auch Zeitgenosse. Als solcher legt er mit Deleuze, der zwei Werke veröffentlicht hat, die den Untertitel «Kapitalismus und Schizophrenie» tragen, nochmals eine andere Spur: Was andere als Virtualisierung beschrieben haben, verbindet Strassberg, deleuzianisch argumentierend, mit dem Begriff der Globalisierung. Diese zeichne sich dadurch aus, «dass sich die Zeichen von den Dingen gelöst und sich selbständig gemacht hätten». Er illustriert diese abstrakte These wie folgt: «2011 beträgt der Wert der weltweit gehandelten Güter und Dienstleistungen 60 Billionen Dollar, der Nominalwert der Derivate beläuft sich aber auf das Elffache, nämlich 708 Billionen Dollar.» Leben wir also in einer verrückten Zeit? Strassberg scheint dies zu bejahen: «Die unendliche Proliferation von Zeichen, die Loslösung der Zeichen von den Dingen, die Überwindung von zeitlichen und räumlichen Grenzen sind aber seit jeher die Insignien des Wahnsinns.»
Im besten Fall handelt es sich bei Strassbergs Diagnose um eine Analogie. In ihrer Zuspitzung hiesse sie jedoch, dass wir alle schizophren wären. An solchen Punkten zeigt sich auch die Grenze von Übertragungen eines Vokabulars (hier der Psychiatrie) auf ein anderes (hier der Gesellschaftsanalyse).
Vielleicht ist das Wertvollste an Daniel Strassbergs Buch, dass es das grundsätzliche Nachdenken über den Wahnsinn wachhält, dies zu einer Zeit, in der «der Wahnsinn (…) ein rein medizinisches Problem geworden» sei und «Neurowissenschaften und Molekulargenetik (…) die vollständige Deutungshoheit erlangt» hätten. Das mag den Stand von heute und morgen abbilden. Was übermorgen in Sachen Wahnsinn zum Vorschein kommen könnte, ist jedoch in Strassbergs Buch nicht vorgezeichnet. Trotz der Schwächen aber ist es eine wichtige Wegmarke in der Befassung mit dem Thema.
Daniel Strassberg: Der Wahnsinn der Philosophie. Verrückte Vernunft von Platon bis Deleuze. Chronos Verlag. Zürich 2014. 416 Seiten. 58 Franken