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The aim of this course is to examine the relationship between ritual and economy from an anthropological perspective. A vast amount of rituals require material resources. Rituals are costly, not only in the sense of finances but also with regard to time and energy. How do people economize when it comes to the conduction of certain rituals? What is behind the economic behavior influenced by ritual processes? How do economic considerations influence rituals? Through raising such questions students will be familiarized with the main ethnographic works devoted to ritual phenomenon in economic contexts.
During the semester participants will share their reflection on the given readings by holding a presentation. As part of the requirements to pass the course students have to submit a written paper by the end of the course.
Recommended literature:
Turner V. (1966) The ritual process: Structure and antistructure. The Lewis Henry Morgan lectures presented at the University of Rochester, Rochester, New York.
Gudeman S., Hann C. (Ed.) 2015. Economy and Ritual. Studies of Postsocialist Transformations. Berghahn Books
Soler M. (2012) Costly signaling, ritual and cooperation: evidence from Candomblé, an Afro-Brazilian religion. Evolution and Human Behavior No. 33 pp. 346–356
Spielmann K.A. (2015) Crafting the sacred: Ritual places and paraphernalia in small-scale societies. In Dimensions of Ritual Economy. Published online: 12 Mar; 37-72.
Creed G. Hann C. (Ed.) 2002. Economic Crisis and Ritual Decline in Eastern Europe. In Postsocialism: Ideals, Ideologies and Practices in Eurasia, 57–73. London: Routledge.
Creed G. (2011). Masquerade and Postsocialism: Ritual and Cultural Dispossession in Bulgaria. Bloomington: Indiana University Press.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Bei jeder Onlinebestellung, bei jedem öffentlichen Toilettengang werden wir tagtäglich mit der Frage konfrontiert, ob wir denn ein ‚Mann oder eine ‚Frau’ ‚sind’ und ob wir nun die Türe mit dem Rock oder der Hose wählen müssen, weniger jedoch damit, was es denn bedeutet, (k)ein ‚Mann oder (k)eine ‚Frau’ zu ‚sein’.
In ersten Teil des Seminars werden wir das Konzept von gender interdisziplinär theoretisieren. Wir werden uns folgenden Fragen zuwenden: Was bedeutet gender eigentlich? Wie entsteht gender? Ist gender ‚natürlicherweise’ immer schon da oder wird es gesellschaftlich produziert? Was hat die gender-Identität eines Menschen mit seiner Sexualität zu tun? Gibt es eine bestimmte Anzahl von gender-Formen? Ziel dieser Auseinandersetzung ist das reflektierte und bewusste Hinterfragen eines alltäglichen Identitätsmarkers und alltäglichen Zuschreibungen sowie die Eröffnung neuer Perspektiven auf Menschen und den (wissenschaftlichen sowie persönlichen) Umgang mit ihnen. Wir werden hierzu queere und feministische Theorien und Theoretiker_innen einführend kennenlernen.
Im zweiten Teil des Seminars werden wir uns ansehen, welchen Beitrag die Ethnologie zur ‚Transgender’-Forschung leistet. Hier werden wir uns auf den Raum Südasien, vor allem Indien, fokussieren und kritische Einblicke in Ethnographien über Hijras bzw. Tirunangais erhalten. Wie schreiben Akademiker_innen über Menschen, die gemeinhin als das „dritte Geschlecht“ bezeichnet werden? Wir werden uns mit der Problematik der Repräsentation beschäftigen sowie mit Herausforderungen, mit denen Ethnolog_innen konfrontiert sein können.
Im dritten Teil des Seminars werden autobiographische Darstellungen von Hijras bzw. Tirunangais sowie die Arbeit von LGBTIQA Aktivist_innen in Indien exemplarisch betrachtet.
Die Teilnahme am Seminar setzt eine hohe Lese-, Schreib- und Reflexionsbereitschaft voraus. Vorkenntnisse zum Thema oder der Region sind nicht notwendig.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Seit Generationen staunen Ethnologinnen und Ethnologen über die Vielfalt, Komplexität und Flexibilität des Verwandtseins weltweit. In vielen Gesellschaften spielt Verwandtschaft eine zentrale Rolle in der sozialen Organisation: Verwandtschaft bildet die Grundlage für Gruppenzuordnung und Heiratswahl, Erbrecht und Herrschaft, Residenz und Lebensunterhalt, Allianz und Fürsorge, Identität und soziale Reproduktion. Die empirische und kulturvergleichende Erforschung von Verwandtschaft ist daher ein wichtiger Kernbereich der Ethnologie. Durch aufregende, innovative Arbeiten – gerade auch in Zusammenhang mit dem Thema Gender – hat das Forschungsfeld in den letzten zwanzig Jahren neue Impulse bekommen und eine starke Wiederbelebung erfahren.
Diese Vorlesung bietet Studierenden eine Einführung in die diversen Konzeptionen und Manifestationen von Gender und Verwandtschaft weltweit. Anhand ethnographischer Beispiele aus verschiedenen Teilen der Welt werden die soziale und historische Variabilität von, sowie die Verschränkungen zwischen Gender, Sexualität und Verwandtschaft beleuchtet. Einerseits geht es darum, einen Überblick über die theoretischen Entwicklungen in der Verwandtschafts- und Gender-Ethnologie zu verschaffen von den Anfängen der genealogischen Methoden bis zu den heutigen Debatten in den ‚New Kinship Studies’ und ‚Queer Studies’. Dabei werden wir uns mit den verschiedenen Formen des ‚Verwandt-Machens’, neuer Reproduktionstechnologien, gleichgeschlechtlicher Beziehungen und transnationaler Familien, sowie mit gendered Identitäten, Intersektionalität, Globalisierung, und Widerstand auseinandersetzen. Andererseits geht es auch darum, dass Studierende sich kritisch mit den eigenen, als selbstverständlich wahrgenommenen Vorstellungen von Gender und Verwandtschaft auseinandersetzen.
Einführende Literatur:
Carsten, Janet (2004) After Kinship. Cambridge University Press.
Anrechenbarkeit:
BA: Kernbereich I: Soziale Organisation, Verwandtschaft und Gender
Die Vorlesung Einführung 1 vermittelt ein Grundverständnis und einen Überblick über die Gegenstandsbereiche der Ethnologie. Sie dient Studierenden dazu, einen ersten Einblick in die thematische Breite des Faches sowie in seine Veränderungen im Laufe der letzten Jahrzehnte zu gewinnen. Neben den zentralen Fragestellungen und Debatten findet auch eine kurze Einführung in die theoretischen und methodischen Traditionen des Faches statt, die die Studierenden dann im zweiten Semester genauer kennen lernen werden. Die wichtigsten Gegenstandsbereiche werden – nach dem Assessmentjahr – als Kernbereiche weiter vertieft.
Alle Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber unterrichten diese Veranstaltung gemeinsam. Am Ende des Semesters wird eine einstündige Prüfung durchgeführt. Prüfungstermin und –ort wird den Studierenden über die UZH-Emailadressen rechtzeitig kommuniziert, die Form der Prüfung wird im Verlauf des Semesters erläutert.
Pflichtlektüre:
Eriksen, Thomas. 2015 (4th ed.). Small Places, Large Issues: An Introduction to Social and Cultural Anthropology. London: Pluto Press.
Lee, Richard B. 2013 (4th ed.). The Dobe Ju/’hoansi. Toronto: Wadsworth Thomson Learning.
(Erstausgabe 1983)
Anrechenbarkeit:
BA: Einführung in die Ethnologie 1 für Studierende im Hauptfach 120, Nebenfach 60 und Nebenfach 30
Kultur, Gesellschaft, Macht, Reflexivität, Gender, Globalisierung... beim Lesen ethnologischer Texten begegnen wir einem grossen Repertoire von grundlegenden Konzepten, die in der Lehre zu einem gewissen Grad als bekannt voraus gesetzt werden, deren Bedeutung sich Studierende wie Forschende gleichzeitig immer wieder erarbeiten müssen. Diese Vorlesung bietet eine Einführung in einige wichtige Key Concepts der Ethnologie und diskutiert die Bedeutung und Tragweite dieser Begriffe. Es geht dabei nicht einfache um Definitionen, sondern vor allem um eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Arten und Weisen, wie und warum EthnologInnen diese Konzepte verstehen und benutzen, sowie um die Frage, wie sich ihre Bedeutungen mit der Zeit geändert haben.
Alle Lehrstuhlinhaberinnen und-inhaber unterrichten diese Veranstaltung gemeinsam. Am Ende des Semesters wird eine einstündige Prüfung durchgeführt. Prüfungstermin und –ort wird den Studierenden über die UZH-Emailadressen rechtzeitig kommuniziert, die Form der Prüfung wird im Verlauf des Semesters erläutert.
Anrechenbarkeit:
BA: Einführung in die Ethnologie 1 für Studierende im Hauptfach 120 und Nebenfach 60
Post-socialist countries of Eastern Europe with their on-going economic, political and social transformations have attracted significant scholarly attention, continue to cause debate and inspire quality publications. This seminar focuses on some of the most recent and prominent issues discussed in connection to Eastern Europe, such as post-socialist economic transformations, informality in politics and everyday life, the destruction of socialist monuments and memorial places, revisions of history, redrawing of boundaries and political conflicts (including Kosovo’s declaration of independence and the Russian-Ukrainian conflict). The seminar will analyse these issues from an anthropological perspective and focuses on the impact of post-socialist transformations on local and regional social processes.
The seminar will be organised along several thematic topics that will examine the following issues: growing nationalism and ethnizisation of politics, post-socialist nostalgia and politics of memory, neoliberal withdrawal of the state, informality in politics and everyday life, instrumentalisation of Euro-scepticism and EU-optimism. The seminar will approach these topics from a critical perspective and discuss their relevance for broader anthropological debates.
Background knowledge on socialist and post-socialist Eastern Europe is not required. Interested students will benefit from the invited speakers, all specialised in one of the above mentioned topics.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Der erste Teil der Veranstaltung ist der Geschichte Südasiens unter dem besonderen Gesichtspunkt der Entstehung und Entwicklung des für diese Region typischen Kastenwesens gewidmet. Dabei wird auch in die Grundbegriffe zur Erfassung dieses sozialen Phänomens sowie seine regionalen Ausprägungen eingeführt. Im zweiten Teil befassen wir uns mit klassischen und zeitgenössischen theoretischen Interpretationen des Kastenwesens, wobei uns zur Beurteilung der Relevanz dieser Interpretationen v.a. ethnographische Studien über ländliche Gebiete dienen werden. Der dritte Teil gilt der Zeitgeschichte und insbesondere den politischen Versuchen, den Ungerechtigkeiten des Kastenwesens entgegenzuwirken. Diese Versuche gehen nicht nur mit einer, durch globale Entwicklungen begünstigten, Kulturalisierung der Kaste einher, sondern tragen paradoxerweise auch zu ihrer Beständigkeit bei. Im vierten und umfangreichsten Teil der Veranstaltung beschäftigen wir uns dann mit verschiedenen Aspekten des Kastenwesens in Zeiten des Neoliberalismus, vom Verhältnis von Kaste zu Klasse, zu Gender, Wirtschaft , Politik bis zum Verhältnis von Kasten und indigenen Gruppen sowie Kastenlosigkeit. Auch dabei wollen wir unser Augenmerk hauptsächlich auf ethnographische Untersuchungen ländlicher Gebiete richten. Welchem unter den thematischen Aspekten des Kastenwesens in der Gegenwart wir uns schwerpunktmässig widmen, hängt auch von den besonderen Interessen der TeilnehmerInnen ab und wird im Verlauf der Veranstaltung noch genauer festgelegt.
Zur einführenden Lektüre empfohlen:
Declan Quigley, The Interpretation of Caste, Oxford, 1993.
Daniel Münster, Postkoloniale Traditionen in Indien: Eine Ethnographie über Dorf, Kaste und Ritual in Tamil Nadu (Südindien), Bielefeld, 2006.
Balmurli Natrajan, The Culturalization of Caste in India: Identity and Inequality in a Multicultural Age, London, 2011.
Surinder Jodhka, Caste in Contemporary India, New Delhi, 2014. (kurzer Film über den book launch: https://www.youtube.com/watch?v=lkWdDuRapfE)
Anrechenbarkeit:
BA: Regionalmodul Südasien
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul
Technische Innovationen, so eine verbreitete Meinung, sind es, die Alltagskulturen verändern und vorantreiben. Nicht erst seit Ruth Schwarz Cowans „More Work for mother“ (1983) oder David Edgertons Werk „The shock of the old“ (2008) rücken konkreter Alltagsgebrauch, Verlustgeschichten, technische Beharrlichkeit, technological choices, veränderte Körpertechniken oder der Rückzug der Hand, Eigensinn oder agency von Dingen, Techniken, Menschen in den Blick. Das Seminar erschliesst im Blick auf prägnante Beispiele von die Ernährung betreffenden technischen Neuerungen, die in den unterschiedlichsten Regionen der Welt, gelegentlich mit globaler Reichweite, den Alltag, Gesellschaft, Wissen, Kochen und Essen, mithin auch Produktion und Konsum oder Kommensalität verändert und geprägt haben, Konturen eines aktuellen und immer wieder erstaunlichen Forschungsfeldes. Zur Sprache kommen dabei technische Erleichterungen wie Stabmixer, frühe Innovationen wie der Onggi in Korea oder moderne wie der Reiskocher in Ostasien, u.v.m.
Hinweis:
Diese Veranstaltung ist auf zwei Arten buchbar: als Seminar (6 ECTS), oder zusammen mit der Vorlesung zum Kernbereich IV als Kernbereichsübung (4 ECTS).
Anrechenbarkeit:
BA: Seminar: Thematische Gebiete / Übung: Kernbereich IV: Materielle Kultur / Praktisches Wissen / Kunst (NUR ZUSAMMEN MIT DER VORLESUNG KERNBEREICH IV im HS16)
In spite of being a small island in the Caribbean Sea, Cuba is well known world-wide for being the little David that stood up to the Goliath of the U.S. and World Capitalism. As a consequence of the Cuban Revolution that triumphed in 1959 Cuba became an anomaly within the Caribbean region and the broader Latin America in that it was one of the few places that, since 1959, enjoyed national sovereignty from the United States.
In this highly interactive seminar we will explore Cuba’s historic, social, economic and political context in order to understand the impact of the Cuban Revolution in the rest of the region. In this way, while this is a regional module focusing on Cuba, comparative analysis and historic and political contextualisation throughout the semester will grant this course a broader regional scope.
The topics covered throughout the semester range from colonialism and neo-colonialism, soviet and post-soviet socialism, syncretic religion, ethnicity, gender relations, utopian visions, migration, political and economic crisis, material culture and revolution. We will draw from a broad variety of sources such as journal articles, books, music, blogs and films in order to analyse a society that is at particularly crucial junction in its history.
Sample resources for the semester include:
Film trailers:
Habana Blues (2005): https://www.youtube.com/watch?v=kfk9apNTcaA
Seven days in Havana (2012): https://www.youtube.com/watch?v=c9LEU8cM97w
Blogs:
Books and journal articles:
Ali, T. (2008). Pirates of the Caribbean: Axis of Hope. London, New York: Verso.
Enríquez, L. J. (2010). Reactions to the market. Small farmers in the economic reshaping of Nicaragua, Cuba, Russia and China. Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press.
Fernandes, S. (2006). Cuba Represent! Cuban Arts, State Power and the making of New Revolutionary Cultures. Durham and London: Duke University Press.
Frederik, L. A. (2012). Trumpets in the Mountains. Theatre and the Politics of National Culture in Cuba. Durham and London: Duke University Press.
Gold, M. (2014). Healing Practices and Revolution in Socialist Cuba. Social Analysis, 58(2), 42-59.
González, M. (2014, 18 August ). El Paquete por dentro, según El Transportador. Retrieved from http://www.cubacontemporanea.com/noticias/el-paquete-por-dentro-segun-el-transportador
Gott, R. (2004). Cuba: A New History. New Haven and London: Yale Nota Bene, Yale University Press.
Henken, T. A. (2013, 1-3 August). The Rebirth of the Cuban "Paladar" is the third time the charm? Paper presented at the Cuba in Transition, Miami. http://www.ascecuba.org/c/wp-content/uploads/2014/09/v23-henken2.pdf
Holbraad, M. (2014). Revolución o Muerte: Self-Sacrifice and the Ontology of Cuban Revolution. Ethnos, 79(3), 365-387. doi:10.1080/00141844.2013.794149
Kapcia, A. (2008). Cuba In Revolution. A history since the fifties. London: Reaktion Books.
Routon, K. (2010). Hidden Powers of the State in the Cuban Imagination. Gainesville, Tallahassee, Tampa, Boca Raton, Pensacola, Orlando, Miami, Jacksonville, Ft. Myers, Sarasota: University Press of Florida.
Wilson, M. (2014). Everyday Moral Economies. Food, Politics and Scale in Cuba. Wiley Blackwell
Anrechenbarkeit:
BA: Regionalmodul Lateinamerika
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul
Entscheidungen nehmen in der Ethnologie eine zentrale Rolle ein, da wir gemeinhin davon ausgehen, dass Handlungen auf Entscheidungen basieren und Gesellschaft wiederum auf Handlung. Dass Entscheidungen so zentral sind, trifft ganz besonders auf die Wirtschaftsanthropologie zu, für die das sorgfältige Abwägen von Alternativen im Wirtschaftlichen besonders weit verbreitet zu sein scheint. In der Ethnologie gibt es auch Modelle, mit denen Entscheidungen untersucht werden, aber diese funktionieren oft so, dass Entscheidungen ex post facto interpretiert werden. Die empirisch genaue Untersuchung von Entscheidungsprozessen ist demgegenüber eher selten. Aber nichtsdestotrotz gibt es hier interessante Texte, die das Problem angehen. Wir werden uns mit diesen Texten beschäftigen, selbst über Entscheidungen reflektieren und einen Filmausschnitt analysieren. Zugleich beschäftigen wir uns mit Routinen, denn diese reflexionsarme Art des Verhaltens stellt gewissermasssen das Gegenstück von Entscheidungen dar und das Nachdenken über beide Möglichkeiten, sich zu verhalten, erhellt beide Seiten.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Was meinen wir, wenn wir vom „Staat“ sprechen? Wie funktioniert der Staat, und wie kann man ein komplexes Gebilde wie den Staat ethnologisch untersuchen? Wenn wir an den Staat denken, scheint es meist wie eine Black Box, ein unpersönlicher Apparat—kurz, es fällt uns manchmal schwer zu sagen, was und wo der Staat genau ist. Dennoch muss man gar nicht so weit suchen: Ob man nun eine Wohnung sucht und dafür einen Strafregisterauszug braucht oder einen Freund im Krankenhaus besucht, in vielen alltäglichen Situationen begegnen wir dem, was als „Staat“ bezeichnet wird; einige von uns sind durch ihre berufliche Tätigkeit sogar selber Teil vom Staat.
In diesem Seminar werden wir anhand von ethnologischen Fallbeispielen aus verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Aspekte des Staats untersuchen. Diese reichen von Bürokratie, Korruption, Kontrolle und struktureller Gewalt über weitere Themen wie Privatisierung und indigene Landrechte bis hin zu Vorstellungen, oder „Fantasien“, über den Staat. Es geht konkret darum, eine bottom-up Perspektive einzunehmen und das Augenmerk auf Akteure und damit auf das Entstehen von politischen Prozessen „von unten“ zu richten.
Das Seminar besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil werden wir gemeinsam anhand von Texten einen allgemeinen Überblick zum modernen Staat in der Ethnologie erarbeiten. Im zweiten Teil werden wir Ethnographien über das Funktionieren des Staats lesen (z.B. „Seeing like a State“ von James Scott, „Governing Gaza“ von Ilana Feldman und „Red Tape“ von Akhil Gupta) und uns damit in Diskussionen eingehend auseinandersetzen.
Einführende Literatur:
Bierschenk, Thomas und Jean-Pierre Olivier de Sardan, Hrsg. (2014) States at Work: Dynamics of African Bureaucracies. Leiden and Boston: Brill.
Fassin, Didier, Hrsg. (2015) At the Heart of the State: The Moral World of Institutions. London: Pluto Press.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Von den grossen, weit ausstrahlenden Epen Indiens bis zu lokal verankerten Geschichten – indisches Erzählgut tritt uns in vielerlei Formen und Formaten entgegen. In diesem Forschungsmodul schlagen wir einen Bogen von Textilien als Geschichtenträgern über Miniaturen, Bildergeschichten auf Papier- und Stoff-Rollen, Comic-Hefte, Theater bis zur filmischen Erzählkunst. Welches sind gemeinsame Charakteristika indischer Darstellungsweise? Wo liegen im und jenseits des gewählten Mediums Unterschiede begründet? Was lehren Gemeinsamkeiten und Differenzen über die vielfältigen Inhalte indischer Religionsauffassung, über performative Dimensionen derselben, über die Medienkompetenz von Produzenten und Rezipienten? Welche methodischen Herangehensweisen stehen für eine wissenschaftliche Untersuchung solcher multimedialen Quellen zur Verfügung? Solche Fragen werden anhand konkreter Beispiele angegangen, vorgestellt, diskutiert und in einen grösseren Zusammenhang gesellschaftlicher Techniken zu Selbstvergewisserung, Belehrung und Unterhaltung gestellt.
Empfohlene vorgängige Lektüre/Anschauung
Mahabharata und Ramayana (auszugsweise, z. B. aus Diederichs Gelber Reihe)
Johannes Beltz (Hrsg.), Hindu-ABC. Museum Rietberg, Zürich 2004.
Angelika Malinar, Hinduismus. Vandenhoeck & Ruprecht / UTB 3197, Göttingen 2009.
dies., Hinduismus – Reader. Vandenhoeck & Ruprecht / UTB 3198, Göttingen 2009.
Peter Schreiner, Im Mondschein öffnet sich der Lotus. Der Hinduismus. DTV, München 1998.
Theatervorführung Mahabharata am 15. September 2016, abends, im Völkerkundemuseum der Universität Zürich.
Hinweis:
Diese Veranstaltung ist auf zwei Arten buchbar: als Seminar (6 ECTS), oder zusammen mit der Vorlesung zum Kernbereich IV als Kernbereichsübung (4 ECTS).
Anrechenbarkeit:
BA: Seminar: Thematische Gebiete / Übung: Kernbereich IV: Materielle Kultur / Praktisches Wissen / Kunst (NUR ZUSAMMEN MIT DER VORLESUNG KERNBEREICH IV im HS16)
Gewalt zählt zu den unerfreulichen und grundlegend problematischen Aspekten menschlicher Gesellschaften. Wo Gewalt vorkommt und identifiziert wird besteht Grund zur Sorge, wo ihre Zunahme konstatiert wird, sind wir alarmiert. Trends letzterer Art werden allerdings oft eher leichtfertig und aufgrund von oberflächlichen Evidenzen verkündet. Der Moderne werden oft spezifische und herausragende Gewaltpotentiale zugeschrieben.
Unterschiedliche Gewaltphänomene gelten als charakteristisch für bestimmte Kulturen, Gesellschaften oder soziale Situationen. Die Kontrolle, Eindämmung und 'Einhegung' von Gewalttätigkeit gehört zu den wichtigen Aufgaben, die gesellschaftlichen Institutionen zukommt. Imaginierte und symbolisch elaborierte Gewaltphänomene stehen in vielen Kulturen an ganz zentraler Stelle, wovon christliche Traditionen ein beredtes Zeugnis geben. Die Frage, inwieweit im Zusammenhang mit einem 'Zivilisierungsprozess' von einer Einhegung von Gewalt und einer Entschärfung von Gewalttätigkeit die Rede sein kann, ist hoch kontrovers und stellt die Ethnologie resp. Anthropologie vor eine beträchtliche Herausforderung. Welche Rolle kann der 'Ritualisierung' von Gewalt im Sport oder in Spielen, etwa in den weit verbreiteten inszenierten Kämpfen von Tieren dabei zugemessen werden?
In dem Seminar wird die Problematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und es werden theoretische Beiträge aus verschiedenen Disziplinen und Wissenschaftstraditionen diskutiert. Neben politischen und rechtlichen Aspekten sollen auch psychologisch-anthropologische und soziologische oder allgemeiner 'kulturelle' Dimensionen Berücksichtigung finden und Gewaltphänomene im religiösen Bereich (Opfer, Zauberei, Initiationen) sowie genderspezifische Fragestellungen Platz haben. Offensichtlich sind Kriege, Fehden und andere Formen organisierter Gewalt vorwiegend männliche Angelegenheiten, auch wenn dies auf anders geartete Gewaltphänomene nicht zutrifft.
Lektüreempfehlung zur Vorbereitung:
Steven Pinker: Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt/M.: Fischer 2011 (or.: The Better Angels of Our Nature. Why Violence has Declined. New York: Viking 2011).
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
This seminar provides an introduction into legal anthropology. Exploring key theoretical questions of the sub-discipline, it will familiarize students with what Laura Nader has called “the life of the law” (Nader, 2002). From the colonial genealogies of laws, to contexts of legal pluralism, the definition of universal human rights and their interpretation in various contexts (Merry, 2006), the global effects of “anti-terrorism laws” (Eckert, 2007), the legal regulation of transnational migration (including detention and the condition of deportability) to the judicialization of politics (Comaroff & Comaroff, 2006), legal anthropology has remained a lively sub-discipline that provides significant insights into the workings of contemporary society. Besides the reading of classical texts, students will be expected to conduct short empirical research and to write a paper (participants are encouraged to explore an aspect of their master thesis from the perspective of legal anthropology).
Anrechenbarkeit:
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul
In allen Gesellschaften der Welt sind es menschliche Bauten, welche das soziale und kulturelle Zusammenleben prägen. Form, Dekoration, Nutzung, aber auch die Bauweisen und verwendeten Materialien sind Teil der Architektur und eng mit den jeweiligen sozialen, symbolischen, ökonomischen und technischen Kontexten verknüpft, wie die Beispiele der mongolischen Jurte, des urbanen Hochhauses oder des chinesischen Hakka-Rundhauses zeigen. Architektur ist nicht nur verbunden mit einer materiellen Befriedigung von Basisbedürfnissen (Unterkunft, Essenszubereitung, Schutz vor Witterung), sondern eingebettet in ständig stattfindende Aushandlungs- und Transformationsprozesse durch verschiedene Akteure.
In dieser Veranstaltung nähern wir uns neben den in der Architekturethnologie meist primär berücksichtigten vernakulären Bauten auch der Alltags-Architektur und dem Bauen im urbanen Raum. Indem die Häuser im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, untersuchen wir die vielfältigen sozio-technischen Kenntnisse und Praktiken im Umgang mit den Materialien und Techniken zur (Er-)Schaffung der gebauten Umwelt. Ebenso hinterfragen wir die Beziehungen, Regulierungen und Praktiken, welche bei der Konstruktion und alltäglichen Nutzung eine Rolle spielen und wie sich Macht, Politik aber auch Symbolik in der Architektur manifestieren können.
Nach einer allgemeinen Auseinandersetzung mit der Schnittstelle von Architektur, Sozialanthropologie und Ethnographie, beschäftigen wir uns theoretisch mit verschiedenen Herangehensweisen an den Hausbau und die Architektur, wie z.B. den Hausgesellschaften von Lévi-Strauss; der strukturalen Analyse des kabylischen Hauses bei Bourdieu (1968); der „architecture of inquiry“ von Ingold (2013); oder der Materialität von Architektur bei Vellinga (2007) und Copertino (2014). Methodisch werden sich alle Teilnehmenden im Rahmen einer kleinen architekturethnologischen Feldforschung mit möglichen Herangehensweisen an die Erfassung der gebauten Umwelt auseinandersetzen.
Empfohlene Einführungsliteratur:
Bourdieu, Pierre. 1970. The Berber House or the World Reversed. Social Science Information 9(2):151-170.
Omahna, Manfred. 2013. „Kulturanthropologie und Architektur. Episteme temporärer Begegnungen.“ In Reziproke Räume. Texte zu Kulturanthropologie und Architektur, Hrsg. Rolshoven, Johanna und Manfred Omahna, 40-49. Marburg: Jonas Verlag.
Vellinga, Marcel. 2007. Review Essay. Anthropology and the Materiality of Architecture. American Ethnologist 34(4):756-766.
Hinweis:
Diese Veranstaltung ist auf zwei Arten buchbar: als Seminar (6 ECTS), oder zusammen mit der Vorlesung zum Kernbereich IV als Kernbereichsübung (4 ECTS).
Anrechenbarkeit:
BA: Seminar: Thematische Gebiete / Übung: Kernbereich IV: Materielle Kultur / Praktisches Wissen / Kunst (NUR ZUSAMMEN MIT DER VORLESUNG KERNBEREICH IV im HS16)
Das Ethnologiekolloquium besteht aus wöchentlichen Vorträgen und anschliessender Diskussion mit eingeladenen Forscher/innen. Im Herbstsemester werden erneut internationale Gäste - darunter Forschende der LSE, SOAS und Cambridge - und Ethnolog/innen aus der Schweiz aus ihren aktuellen Forschungen berichten. Studierende erhalten dadurch Einblicke in neue Forschungsprojekte und theoretische Ansätze von Professor/innen und Dozierenden über die Universität Zürich hinaus.
Von den Studierenden, die sich diese Veranstaltung mit 2 KP an das Studium Generale anrechnen lassen möchten, werden folgende Leistungen erwartet: Regelmässige Präsenz, zwei Sitzungsprotokolle und eine Hintergrundrecherche zu einer der vortragenden Personen (je 500-600 Wörter). Die studentischen Leistungen werden von Stefan Leins (<email-pii>) betreut.
Anrechenbarkeit:
BA: Studium Generale
Spätestens seit der Finanzkrise erlebt die explizite Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus in der Ethnologie eine Renaissance. Während sich die Wirtschaftsethnologie traditionellerweise mit dem Kapitalismus als Wirtschaftssystem beschäftigte, interessieren sich nun auch Ethnologinnen und Ethnologen ausserhalb der Wirtschaftsethnologie wieder stärker für den Einfluss kapitalistischer Logiken und Praktiken auf die verschiedenen Teilbereiche des Lebens. So wird vor allem unter dem Schlagwort Neoliberalismus aktuell wieder stärker über die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Politik, Wirtschaft und Religion, oder den Einfluss des Kapitalismus auf das menschliche Selbst diskutiert. In diesem Seminar nähern wir uns den dabei benutzten Konzepten und analysieren, wie die Ethnologie zur Kapitalismusforschung beiträgt.
Das Seminar besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit den Kapitalismustheorien von Marx, Foucault, Harvey, Bourdieu, Boltanski und Chiapello, und Lee und LiPuma. Im zweiten Teil schauen wir uns verschiedene Ethnographien an, die sich zum Ziel gesetzt haben, kapitalistische Prozesse ethnographisch zu erfassen (zum Beispiel die Werke von Arjun Appadurai, Laura Bear, Jean und John Comaroff, David Graeber, Douglas Holmes, Deborah James, Daniel Miller oder Anna Tsing). Jede/r Student/in übernimmt Verantwortung für eine Monographie, die er/sie komplett liest, vorstellt und in einer schriftlichen Arbeit bespricht. Ziel ist es, einen Überblick über die aktuellen kapitalismusbezogenen Ethnographien zu kriegen und zu besprechen, worin die Stärken und Schwächen der Ethnologie im Kontext der Erforschung kapitalistischer Logiken und Praktiken liegen.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
This course is designed for MA-students to make themselves familiar with a variety of theoretical strands used in anthropology. The detailed discussion of classic as well as contemporary concepts shall help students to frame and prepare their empirical research. Theoretical approaches used by anthropologists vary substantially, both in context and in terms of their epistemological foundation. In this course, we will focus on approaches that take an explanatory start and address key issues of social and cultural sciences in general. Why do people act the way they do? What unites and distinguishes us as humans? How do we establish social order and what are the sources of inequality? How does culture and religion emerge? The course can serve as the mandatory theory seminar for MA-students as well as an elective course. Students are expected to do all the required readings and to actively participate in the discussions in class. In addition, a total of ten discussion papers have to be written and one session has to be organized by every student in order to pass the course.
Anrechenbarkeit:
MA: Masterseminar Theorien / Thematisches bzw. Regional-Modul
Die Vorlesung bietet einen Überblick über die Epochen der indischen Geschichte von den Anfängen (Induskultur, Vedische Zeit) bis in die Moderne (Kolonialzeit und Unabhängigkeit) sowie eine Einführung in ausgewählte theoretische Fragestellungen der Geschichtsschreibung (z.B. Probleme der Periodisierung, Interpretationen von Staatlichkeit). Neben der Vermittlung von Grundkenntnissen über die wichtigen Phasen und Ereignisse der indischen Geschichte geht es in der Vorlesung auch darum, einen Einblick in Geschichte prägende Strukturen zu geben (wie Königtum,
Handelsbeziehungen, Regionalität).
Hinweise: Crosslisting der Indologie. In Ethnologie nur zusammen mit dem Seminar Texte zur indischen Geschichte buchbar.
Anrechenbarkeit:
BA: Wahlmodul der Ethnologie
MA: Wahlmodul der Ethnologie
While India is frequently hailed as the world’s largest democracy and as
an emerging Asian superpower, Pakistan is frequently decried as an
authoritarian and increasingly failed state plagued by terrorism. The
course will question these simplistic claims, and will seek to establish both parallels and differences between the two post-colonial states. The course will begin by examining the foundational event of partition in determining the future course of the two states. It will then move on to examine the tension between democracy and authoritarianism in both India and Pakistan by comparing the role of the landed classes, the military, the bureaucracy, the judiciary, and civil society, as well as
the causes and responses to different insurgencies—the Maoists, the Khalistan movement and the Taliban to name but a few.
Hinweis: Crosslisting der Indologie
Anrechenbarkeit:
BA: Wahlmodul der Ethnologie
MA: Wahlmodul der Ethnologie
Das Seminar bietet eine Einführung in die Geschichte Indiens von der Industal-Kultur bis zur Mogul-Herrschaft. Anhand ausgewählter Sekundärliteratur und repräsentativer Originalquellen wird einerseits ein Überblick über die grossen historischen Perioden gewonnen. Andererseits sollen Grundprobleme und Tendenzen der Forschung
thematisiert werden. Dabei kommen die Indo-Arya-Debatten ebenso zur Sprache wie Theorien der Staatsentwicklung und der Urbanisierung. Die Referatsthemen werden zu Beginn des Seminars vergeben.
Hinweise: Crosslisting der Indologie. In Ethnologie nur zusammen mit der Vorlesung Indische Geschichte buchbar.
Anrechenbarkeit:
BA: Wahlmodul der Ethnologie
MA: Wahlmodul der Ethnologie
In den letzten Jahren sind „der Islam“ und „die Muslime“ zu einem Gegenstand zahlreicher öffentlicher Debatten und akademischer Diskurse geworden. Im Gegensatz zu dem zurzeit vor allem im medialen Diskurs vorherrschenden Bild des negativ konnotierten „Anderen“, zeichnet sich der gelebte Islam durch eine enorme Vielfalt an Praktiken, Ideen, Lebensrealitäten und Organisationsformen aus. Mit Hilfe einer ethnologischen Perspektive wollen wir uns im Rahmen dieses Seminars mit der Komplexität und Vielfalt muslimischen Alltagslebens in verschiedenen geographischen Kontexten auseinandersetzen. Dabei gehen wir insbesondere auf die Spannungsfelder zwischen Religion und anderen Bereichen des Lebens (wie Wirtschaft, Politik und Recht, soziale Organisation und materielle Kultur) ein. Wir widmen uns im Rahmen des Seminar aber nicht nur lokalen Kontexten und Gemeinschaften sondern setzen uns auch mit der Transnationalisierung von religiösen Institutionen, Netzwerken und Praktiken auseinander. Dabei werden wir uns unter anderem auch mit dem Internet und der digital anthropology als neues Feld in der Ethnologie beschäftigen.
Der Schwerpunkt des Seminars liegt auf der Diskussion der Seminarlektüre, weshalb von den Studierenden eine hohe Lese- und Diskussionsbereitschaft gefordert wird. Im Verlauf des Semesters werden zudem verschiedene Gastreferentinnen und Gastreferenten ihre eigenen Forschungen vorstellen, was den Studierenden die Möglichkeit gibt, verschiedene Artikel und Themen direkt mit den jeweiligen ForscherInnen zu diskutieren.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Das Völkerkundemuseum Zürich plant in Zusammenarbeit mit zwei Museen in Uganda eine Ausstellung zum Thema globale Milchwirtschaft mit Beispielen aus den beiden Ländern. Die Eröffnung ist für 2017 zuerst in Kampala und dann in Mbarara in Uganda geplant. Zur ethnologischen Annäherung an die Alpinwirtschaft und deren globale Zusammenhänge wird für das Seminar auf die Annahmen der von George Marcus‘ entwickelten ‚multi-sited ethnography‘ zurückgegriffen. Empirische Bestandsaufnahmen in beiden Ländern werden Narrative und Funktionen der Milchwirtschaft und deren globalen Charakter herausarbeiten. Im Rahmen des Seminars werden die Studierenden in Projektarbeit mittels Literaturrecherche, exemplarischen Interviews und kurzen Feldbeobachtungen zur Forschung in der Schweiz beitragen. Das Seminar wird hierin einen unmittelbar praktischen Teil haben, indem die Ergebnisse der studentischen Forschungsübungen in die geplanten Ausstellungen einfließen können.
Im Mittelpunkt steht der Wandel der Alpinwirtschaft, welcher beeinflusst wird durch globale Entwicklungen wie zunehmendem Wettbewerb, Produktionsweisen der High-Technology und neuen Akteuren. Die alpine Milchwirtschaft ist Teil einer globalen Essensökonomie, so die Annahme, die ebenfalls gelenkt wird von Prozessen lokaler und nationaler Identitätskonstruktionen, die in unterschiedlichen Bereichen zum Tragen kommen (wie z.B. Produktwerbung oder die individuelle Suche nach einem ursprünglichen Lebensstil). Gegenstand der Lehrveranstaltung ist mithin dieser translokale Raum (Appadurai) der Milchwirtschaft. Nach einer historischen Annäherung, die die Bedeutung der Milchwirtschaft in der Schweiz reflektiert, wird das Seminar an aktuelle Forschungen und deren Ergebnisse (Alpfutur) zur Milchwirtschaft im alpinen Raum anknüpfen.
Einführende Literatur:
Brodbeck, Beat/ Moser, Peter (2007): Milch für alle. Bilder, Dokumente und Analysen zur Milchwirtschaft und Milchpolitik in der Schweiz im 20. Jahrhundert. Verlag für Kultur und Geschichte: Baden.
Diese Veranstaltung ist auf zwei Arten buchbar: als Seminar (6 ECTS), oder zusammen mit der Vorlesung zum Kernbereich IV als Kernbereichsübung (4 ECTS).
BA: Seminar: Thematische Gebiete / Übung: Kernbereich IV: Materielle Kultur / Praktisches Wissen / Kunst (NUR ZUSAMMEN MIT DER VORLESUNG KERNBEREICH IV im HS16)
Dieses Seminar verfolgt zwei Ziele. Zum einen setzen wir uns am Beispiel biographischer Ansätze in der Ethnologie und sozialer Bewegungen in Indien allgmein mit der Komplementarität narrativ-biographischer und ethnographischer Methoden auseinander. Zum anderen werden wir konkrete Forschungprojekte vorbereiten (von der Forschungsfrage über die Datenerhebung bis zur Auswertung), die im Rahmen einer Lehrforschung nach Indien im Januar 2017 durchgeführt werden sollen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, warum sich Menschen in einer spezifischen sozialen Bewegung engagieren. (Den Teilnehmenden an der Exkursion ist aber weitgehend freigestellt, zu welchen konkreten Themen sie forschen wollen. Ausserdem sind auch Studierende mit unabhängigen Forschungsprojekten im Seminar willkommen.)
Anrechenbarkeit:
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul
Geschlecht ist eine Schlüsselkategorie in der Erforschung der Ökonomie, da Geschlechterbeziehungen die materiellen Flüsse von Produktion, Konsumtion und Tausch prägen und von diesen geprägt werden. Zu dieser Auffassung von Geschlecht, die heute selbstverständlich ist, hat die Arbeit von Feministinnen massgeblich beigetragen. Bevor Feministinnen bestrebt waren, Stimmen von Frauen in sozialwissenschaftlicher Forschung zu berücksichtigen, wurde Forschung mehrheitlich von Männern für Männer gemacht und beruhte oft auf der Annahme, dass das biologische Geschlecht die Rolle eines Individuums in der Gesellschaft bestimme. Feministische Ethnologie entstand also nicht, weil Frauen in ethnographischen Studien nicht präsent gewesen wären, sondern weil sie auf eine problematische Art und Weise repräsentiert wurden. Die Berücksichtigung einer weiblichen Perspektive auf Erfahrung und Ereignisse sowie die Einführung der sozialen Kategorie Geschlecht durch Feministinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eröffnete der späteren ethnologischen Forschung vielfältige Möglichkeiten.
In diesem Seminar verschaffen wir uns einen Überblick über die Anfänge und den aktuellen Stand ethnologischer Forschung zum Thema Geschlecht, insbesondere der geschlechtlichen Dimension des Ökonomischen. Im Einzelnen werden wir uns beispielsweise mit den möglichen Gründen der beinahe universellen Unterordnung von Frauen befassen, dem problematischen Verhältnis von Feminismus und Religion oder mit Frauen als Akteurinnen in der globalen politischen Ökonomie. Im Einklang mit wiederholten Warnungen von Feministinnen, dass Geschlecht nicht mit Frau oder Weiblichkeit gleichzusetzen ist, werden wir uns auch mit geschlechtsspezifischen Aspekten des Handelns von Männern auseinandersetzen. Wir werden Begriffe wie „Haushalt“, „Reproduktion“, „Kommodifizierung“ und „Männlichkeit“ genauer unter die Lupe nehmen und ihre analytische Nützlichkeit diskutieren.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
Ethics and personhood are classical themes of anthropology. In the past two decades, however, anthropologists increasingly raised questions of an ethical nature: How do people draw on ethical traditions for the purpose of cultivating virtuous selves and living a good life? By which means do people in different social contexts ascribe responsibility to individuals or groups for actions or incidents? Questions such as these enable a specific ethnographic focus and constitute a field of study that has come to be known as the anthropology of ethics.
In this seminar, we trace how this ethical turn is reflected in the work of anthropologists writing on Muslim communities. First, we will consider theoretical questions, such as the validity of Islam as a category of anthropological analysis, and reflect upon methodological problems and ethical challenges that arise from ethnographic fieldwork in contemporary Islamic contexts. Moreover, we will critically discuss Talal Asad’s project of studying Islam as a ‘discursive tradition’ as we explore ethnographic literature on Islamic ethical practices emerging within different fields, including trade and production, gender relations, the sharī‘a (and the modern state), poverty, and the rise of Islamic humanitarianism. Finally, we will devote some time to contrasting and comparing the ethnographies of Islamic settings to those of Christian and other contexts, revisiting longstanding debates over the use of ‘religion’ as category of comparative analysis.
This is a reading seminar and it is expected that this will contain roughly fifty pages per week.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
In diesem Seminar werden wir uns anschauen, wie sich ethnologische Perspektiven auf die Region Bengalen in Südasien über die Zeit verändert haben. In welchem Zusammenhang stehen vorherrschende ethnologische Paradigmen zu populären oder politischen Entwicklungen ihrer Zeit oder zu übergreifenden Theoriediskussionen in der Ethnologie? Was bedeutet „Region“ angesichts der sich ändernden Grenzziehung (1905, 1911, 1947, 1971), welche sich auch in den verschiedenen Bezeichnungen „der“ Region wiederspiegeln (Bengalen, East Bengal, West Bengal, East Pakistan, Bangladesch)? Inwieweit ist ein regionsspezifischer Ansatz sinnvoll und welche Implikationen haben politische Grenzziehungen für ethnographische Forschungsparadigmen?
Solche Fragen bearbeiten wir in diesem Seminar in Auseinandersetzung mit einer weiten Bandbreite von Themen und Ansätzen und auf der Grundlage von klassischen Texten sowie neueren Ethnographien. Das Seminar soll also sowohl einen Überblick über die Region und die thematische Schwerpunktsetzung dazu geben, als auch zur Reflexion über die sich verändernden ethnographischen Wissensproduktions- und Repräsentationspraktiken anregen.
Das Seminar kann zweisemestrig besucht werden. Für einen Abschluss im Herbstsemester müssen alle Leistungen bis zum 20.12.2016 eingereicht werden. Für einen Abschluss im FS 17 sollten alle Leistungen bis zum 20.2.2017 erbracht sein.
Anrechenbarkeit:
BA: Regionalmodul Südasien
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul
Die Lehrveranstaltung möchte anhand eines bekannten und gut dokumentierten Beispiels die Bedeutung eines Zugangs zur Musik unter Bezugnahme auf deren kulturellen Kontext näher bringen.
Hip Hop ist der Ausdruck einer Kultur, der sich ursprünglich Mitte der 1970er Jahre in den urbanen Zentren Nordamerikas entwickelt hat, sich seither aber einerseits auch in nichtstädtischen und andererseits auch in nichtwestlichen Gebieten wiederfindet. Die musikethnologische Verortung der Entstehung dieses Phänomens – sowohl in historischer, wie auch in sozialer und kultureller Hinsicht – zeigt, dass es sich bei diesem Musikstil um eine oft konstruktive Reaktion auf äussere Umstände handelt.
Die Erarbeitung der prägenden Eigenschaften dieser Musik – die natürlich die vielfach als ‚einfach’ qualifizierte technische Machart und die vordergründige Banalität der Texte übersteigen – ermöglicht es einerseits, die oft negativ konnotierten Inhalte zu verstehen und die hinter den oft abschreckenden Aussagen versteckten Inhalte zu erkennen. Andererseits verhilft der musikethnologische Zugang zu einer Näherung an die Frage der Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den heute vielerorts anzutreffenden Manifestationen dieses Stils. Hip Hop wird dadurch zu einem geeigneten Übungsobjekt für das Verständnis allgemeiner ethnologischer Fragestellungen macht.
Diese Veranstaltung ist auf zwei Arten buchbar: als Seminar (6 ECTS), oder zusammen mit der Vorlesung zum Kernbereich IV als Kernbereichsübung (4 ECTS).
BA: Seminar: Thematische Gebiete / Übung: Kernbereich IV: Materielle Kultur / Praktisches Wissen / Kunst (NUR ZUSAMMEN MIT DER VORLESUNG KERNBEREICH IV im HS16)
In den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften ist gegenwärtig eine Wandlung im Gange, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Sicher ist jedoch, dass der bisher praktisch ausschliessliche Fokus der in diesen Wissenschaftsbereichen zusammengefassten Disziplinen auf den Menschen aufgebrochen und um die Dimension der Tiere erweitert wird. Tiere ziehen unaufhaltsam und immer sichtbarer in die Forschungsprojekte, wissenschaftlichen Konferenzen und Publikationen von Forschenden dieser Mensch-zentrierten Disziplinen ein. Wieso ist das so? Und was bedeutet das für die Ethnologie?
In diesem Masterseminar beschäftigen wir uns mit der Wende hin zum Tier – dem sogenannten „Animal Turn“. Die Veranstaltung vermittelt den Einstieg in eine Ethnologie, die sich mit den allgegenwärtigen, unausweichlichen und vielschichtigen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren beschäftigt. Nebst der theoretischen Auseinandersetzung und Betrachtungen konkreter Mensch-Tier Verhältnisse – u.a. Menschen und Elefanten, Pferde und Menschen, Menschen und Bienen – wird auch die Frage nach den methodischen Zugängen im Zentrum stehen, denn für die empirische Untersuchung spezifischer Mensch-Tier Verhältnisse ist eine situative Erweiterung gegebener ethnographischer Methoden notwendig.
Dieses Seminar ist auch dazu gedacht, Masterforschungen und -arbeiten zur Mensch-Tier Beziehung am ISEK – Ethnologie anzustossen. Wer mit dem Gedanken spielt eine solche Forschung durchzuführen, hat die Möglichkeit sein Projekt im Verlauf des Herbstemesters auszuarbeiten und zu präsentieren.
Den Auftakt ins Thema zu Beginn des Semesters bildet die gemeinsame Teilnahme an einer internationalen Tagung zum Thema „Minds of Animals: Reflections on the Human – non-Human Continuum“ in Bern: (http://www.unibe.ch/universitaet/universitaet_fuer_alle/collegium_generale/das_collegium_generale/minds_of_animals/index_ger.html ). Dort werden die Grenzen und Kontinuitäten zwischen Menschen und Tieren durch namhafte Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie z.B. dem Primatologen und Ethologen Frans de Waal ausgelotet. Gleichfalls werden junge Forschende ihre Projekte vorstellen. Angeregt durch diesen interdisziplinären Austausch werden wir dann im weiteren Verlauf des Semesters dem Verhältnis zwischen Menschen und Tieren und dem Verhältnis der Ethnologie zu den Tieren nachgehen.
>> Die Übernahme der Reisekosten zur Tagung in Bern sind in Abklärung.
>> Sollten Sie vor Beginn des Semesters bereits wissen, dass Sie an der Tagung teilnehmen möchten (1 oder 2 Tage), schreiben Sie mir bitte so bald wie möglich eine E-mail. Die Organisatoren bitten um eine möglichst frühe Registrierung.
Einführende Literatur:
Borgards, Roland (Ed.). 2016. Tiere: Ein kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart: J. B. Metzler.
Haraway, Donna J. 2008. When Species Meet. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Hurn, Samantha. 2012. Humans and Other Animals: Cross-Cultural Perspectives on Human-Animal Interactions. London: Pluto Press.
Ingold, Tim. 1988. What is an Animal? New York: Routledge.
Kirksey, Eben S. and Stefan Helmreich. 2010. “The Emergence of Multispecies Ethnography.” Cultural Anthropology 25(4):545–576.
Ritvo, Harriet. 2007. “On the Animal Turn.” Deadalus 136(4):118–122.
Anrechenbarkeit:
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul
In diesem Seminar begeben wir uns auf Feldforschung ins Museum. Gegenstand der Forschung sind die Tibet-Bestände von Peter Aufschnaiter und Heinrich Harrer – zwei bedeutsame Sammlungen aus Objekten, Fotografien und Karten, die zwischen 1945 und 1951/52 in Tibet/Lhasa entstanden sind.
Geleitet wird die Forschung von den grundlegenden Fragen: „Was haben wir hier eigentlich vor uns?“, „Welche Informationen sind in den Gegenständen abgelegt, welches Wissen ist in ihnen verwahrt, welche Möglichkeiten gibt es, dieses Potential zu erfassen und zu vermitteln?“ und „Welchen wissenschaftlichen Wert haben diese historischen Sammlungen heute?“.
Gewählt wird eine multiperspektivische, ausgewählten theoretischen Ansätzen folgende Herangehensweise, welche in der vom australischen Ethnologen Nicholas Thomas entworfenen Idee museum as method verortet wird. Durch die Arbeit an und mit dem Material sollen spezifische Fragestellungen entwickelt, vorgestellt und vergleichend diskutiert werden. Zielführend dabei ist, einen Bogen zwischen Forschung und Vermittlung, Theorie und Praxis Repräsentation und Wirkung zu spannen: Grenzen und Reichweiten unterschiedlicher Perspektiven, Hilfsmittel und Praktiken sollen ausgelotet und die individuell gewählten Herangehensweisen im Hinblick auf ihr Erkenntnispotential reflektiert werden.
Einführende Literatur:
Blunck, Lars (Hg.) (2010). Die fotografische Wirklichkeit. Inszenierung, Fiktion, Narration. Bielefeld.
Bouquet, Mary (2012). Museums: A Visual Anthropology. London/New York.
Brauen, Martin (1983). Peter Aufschnaiter. Sein Leben in Tibet. Innsbruck.
Driver Felix and Lowri Jones (2009). Hidden Histories of Exploration. Researching the RGS-IBG Collections. London.
Harrer, Heinrich (1952). Sieben Jahre in Tibet. Mein Leben am Hofe des Dalai Lama. Wien.
Harris, Clare (2012). The Museum on the Roof of the World. Art, Politics, and the Representation of Tibet. Chicago/London.
Graham, Beryl and Susan Cook (2010). Rethinking Curating. Art after New Media. Cambridge MA.
Karo, Ivan and Steven D. Lavine (eds.) 1990. Exhibiting Cultures. The Poetics and Politics of Museum Display. London and Washington.
Lowenthal, David (1985). The Past is a Foreign country. New York et al.
Macdonald, Sharon (ed.) (2006). A Companion to Museum Studies. Malden Mass.
Thomas, Nicholas (2010). The Museum as Method. Museum Anthropology 33(1): 6–10.
Diese Veranstaltung ist auf zwei Arten buchbar: als Seminar (6 ECTS), oder zusammen mit der Vorlesung zum Kernbereich IV als Kernbereichsübung (4 ECTS).
BA: Seminar: Thematische Gebiete / Übung: Kernbereich IV: Materielle Kultur / Praktisches Wissen / Kunst (NUR ZUSAMMEN MIT DER VORLESUNG KERNBEREICH IV im HS16)
Das Seminar soll der Reflexion jenes Tuns dienen, welches vorliegt, wenn man/frau Ethnologie betreibt. Reflexion nicht als Selbstzweck oder zur blossen Unterhaltung, sondern als Selbstvergewisserung und zur Selbstverständigung und deshalb von praktischer Relevanz: Was tue ich als Ethnologin oder Ethnologe? Womit befasse ich mich? Was untersuche ich? Dies sind gleichermassen elementare wie anspruchsvolle Fragen.
Das hier angebotene Seminar nähert sich dem Gegenstandsbereich der Ethnologie, ethnos, aus einer ganz bestimmten Warte an. Denn es fragt mit Insistenz nach der Verquickung von ethnos und ethos. Oder anders formuliert: Ist der Bereich menschlichen Lebens (Handeln, Denken, Fühlen, Sprechen etc.) nicht immer schon normativ durchwirkt, d.h. von Wertungen durchsetzt? Und wenn ja, wird zu klären oder wenigstens anzudenken sein, welche Konsequenzen daraus für die praktische Forschungsarbeit, das Ethnographieren (= Forschung im Feld plus das Berichten davon), zu ziehen sind.
Der Ausdruck moral science, im Titel des Seminars, wurde mit Bedacht gesetzt. Im Unterschied zur sogenannten science of morality, welche seit einigen Jahren einen Boom erlebt, indem sie das Forschungsprogramm von einem der Begründer der Sozialwissenschaften, von Emile Durkheim nämlich, wiederaufnimmt, dem expressis verbis eine science de la morale vorgeschwebt hatte, impliziert die Formulierung „Ethnologie als moral science“, dass Ethnologie selber in der Art, wie sie menschliches Leben beschreibt, deutet und analysiert, unweigerlich Wertungen vornimmt, ja unumgänglich vornehmen muss. Die science of morality versteht ihren Ansatz hingegen als wertfrei oder hat wenigstens das Ideal der Wertfreiheit.
Warum diese freilich höchstens bedingt und eingeschränkt, d.h. nicht eigentlich realisierbar ist, dazu lesen wir im Verlaufe des Seminars u.a. The Collapse of the Fact/Value Dichotomy (2002) von Hilary Putnam. Obzwar von einem Philosophen verfasst, ist dieser Text eine recht zugängliche und dabei doch gehaltvolle Lektüre, denn er besteht aus drei Vorlesungen, die Putnam ursprünglich vor einem gebildeten Laienpublikum gehalten hatte.
Unvermeidlich ist jedoch an dieser Stelle ein ergänzender Kommentar zum Seminartitel: Der Ausdruck moral science führt insofern leicht in die Irre, als es nicht nur moralische oder ethische Bewertungen gibt, sondern auch etwa ästhetische sowie andere (z.B. epistemische). Ein alternativer Seminartitel hätte deshalb geheissen: Ethnologie als normativitätssensible und mithin selber normative Wissenschaft.
Vorgesehene Seminarthemen: naturalistischer Fehlschluss; Unterscheidung Sein/Sollen; dichte ethische Begriffe; anthropology of ethics (z.B. James Laidlaw [2014]); Kulturbegriff; Kulturrelativismus; Relevanz der praktischen Ethik in der Feldforschung; Fachgeschichte; etc. etc..
Vorgehen: Begriffsklärungen; Lektüre einschlägiger Texte; Übungen an eigenen und fremden Texten; Diskussionen; Verfassen von schriftlichen Arbeiten.
Ziel: Schärfung des Bewusstseins für normative Belange und bewusster Umgang mit ihnen.
Literatur, die direkt in die Seminarthematik einführen würde, ist schwer greifbar. Zur Information, wo die science of morality steht und insbesondere welchen Stellenwert darin auch die dichten ethischen Begriffe einnehmen, siehe etwa: Abend, Gabriel. 2011. „Thick Concepts and the Moral Brain“. Abrufbar über:
https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=sites&srcid=ZGVmYXVsdGRvbWFpbnxnYWJlbmR8Z3g6NzUyYmE1NDI4YzU1MzZiZA
Hinweis: Das Seminar beginnt erst in der zweiten Semesterwoche. Der Termin, der in der ersten Semesterwoche ausfallen wird, wird an einem noch zu bestimmenden Datum nachgeholt.
Anrechenbarkeit:
BA: Thematische Gebiete
In Regionalmodulen werden mehrere ethnologische Themen und ihre Verknüpfungen im Hinblick auf eine Region vermittelt und diskutiert. Im Zentrum dieses Regionalmoduls liegt Myanmar. Dieses bis vor kurzem noch von einer Militärregierung dominierte Land hat in den letzten fünf Jahren einen intensiven Wandel durchlebt, der noch lange nicht abgeschlossen zu sein scheint. Myanmars Öffnung hat weitreichende politische, wirtschaftliche und soziale Folgen. Dieses Land scheint prädestiniert zu sein, um die vorhandenen Verknüpfungen wissenschaftlich zu untersuchen.
Im Regionalmodul nähern wir uns anhand regionalspezifischer Literatur der Situation des Landes und dessen Bewohnerinnen und Bewohner an. Uns wird interessieren, welche Auswirkungen politische Veränderung auf die soziale Situation hat. Oder wo die Verknüpfung zwischen Religiosität und wirtschaftlichem Handeln liegt. Während wir die Grundlagen durch die themenspezifische Literatur erhalten, bleibt es an uns, im Regionalmodul die Verflechtung der Bereiche zu erarbeiten.
Studierende haben die Möglichkeit, im Rahmen dieses Regionalmoduls am Learning Event „A Field Course in Human-Centered Research Skills for students from Mandalay University, Mawlamyine University, and the University of Zurich“ teilzunehmen. Der Event findet vom 24.10.-4.11.2016 in Mawlamyine (Myanmar) und optional vom 21.-25.11.2016 in Mandalay (Myanmar) statt. Finanzierungsmöglichkeiten der Reisekosten sind momentan in Abklärung. Das Seminar wird aufgrund des Learning Events an folgenden Daten ausfallen: 19.10., 26.10. und 2.11.2016. Weitere Informationen zum Learning Event können beim Dozenten eingeholt werden: Georg Winterberger <email-pii>
Anrechenbarkeit:
BA: Regionalmodul Südostasien
MA: Thematisches bzw. Regional-Modul