Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03589.jsonl.gz/183

Als riesige ausserirdische Raumschiffe (gesteuert von «Heptapoden») auf der Erde eintreffen, wird die Linguistin Louise Banks vom amerikanischen Militär aufgefordert, deren Sprache zu lernen. Mit Hilfe des Physikers Ian Donnelly beginnt sie, deren Botschaften zu entschlüsseln. Sie stellen die Hypothese auf, dass die Heptapoden kreisförmig denken, da die verwendete Sprache das Denken verändert. Wenn die Menschen die Sprache der Ausserirdischen lernen, könnten sie vielleicht auch in der Lage sein, wie sie zu denken. Als die internationalen Spannungen eskalieren und befürchtet wird, dass die Heptapoden eine Invasion planen, bereiten sich die menschlichen Streitkräfte auf einen Angriff vor. Louise bekommt die vollständige Sprache der Heptapoden – als Geschenk. Auch ihr Denken ist verändert; sie kann die Zeit als «kreisförmig» wahrnehmen – sie lebt in der Gegenwart, erinnert sich aber sowohl an die Vergangenheit wie auch an die Zukunft. Sie lebt in allen Zeiten gleichzeitig.
Das ist die Handlung – oder ein Teil davon, denn wir «spoilen» hier nicht – der Kurzgeschichte «Geschichte deines Lebens», die 1998 vom amerikanischen Autor Ted Chiang veröffentlicht wurde. Die Geschichte wurde 2016 auf verfilmt:
«In der Gegenwart zu leben, ist in vieler Hinsicht ein beneidenswerter Zustand»
Brigitta Ingold (67)
In der fiktiven, spannenden «Geschichte deines Lebens» spielen Zeit und Sprache eine wichtige Rolle. Da Louise die Sprache der Heptapoden beherrscht, kann sie Zeit anders wahrnehmen. Sie sieht Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Sie weiss also in der Gegenwart, dass sie zum Beispiel die Telefonnummer und die Worte des Generals aus der Zukunft benötigt, um den Frieden zu sichern.
Hat die Zeit einen Anfang? Ein Ende?
Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, wesenlos und allmächtig? Der Physiker John A. Wheeler hat die Zeit gerne so charakterisiert: «Zeit ist die Methode der Natur, zu verhindern, dass alles auf einmal passiert.»
Das Phänomen Zeit führt auf eine Reihe interessanter Fragen: Hat die Zeit einen Anfang, ein Ende? Kann sich die Zeit zyklisch zu einem Kreis schliessen? Wie kommt es zu dem Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft? C.F von Weizsäcker hat die Frage der Vergangenheit und Zukunft prägnant zusammengefasst: «Die Vergangenheit ist faktisch, die Zukunft ist möglich.» Diese Struktur der Zeit erscheint uns unauflöslich mit dem Begriff der Zeit verknüpft zu sein.
In unserem Leben machen wir unablässig Erfahrungen, das heisst aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Die Zeit, das Erleben der Zeit und die Messung der Zeit haben philosophische, biologische, physiologische und physikalische Aspekte, die in den unterschiedlichen Disziplinen verschieden betrachtet werden. Das bestimmt auch unser Denken, unsere Wahrnehmung.
Wenn einer Sprache die Zeit fehlt
Ohne Zeit lebt man im Jetzt. Das zeitliche Denken ist tief verankert in der Sprache. Gestern war ich in Venedig, heute schreibe ich den Text, morgen werde ich ihn weitersenden. Unsere Gedanken sind zeitlich eingeteilt.
Ich versuche nun in der Gegenwart zu leben und erinnere mich an die Vergangenheit und Zukunft. Also ein Versuch alle Zeiten gleichzeitig zu sehen: «Ich bin 24 Jahre alt und lerne in Oxford Englisch, denn in zehn Jahren werde ich mit meinem Mann und meiner zweijährigen Tochter nach Cardiff ziehen.» Klingt etwas wirr in unserer Sprache. Die Zeit als kreisförmig wahrzunehmen, ist sehr schwierig und natürlich ungewohnt. Was macht die Zeit als Kreis mit meinem Denken? Die Vergangenheit und Zukunft werde ich nicht los. Es wird aber für mich eine Art Gegenwartserzählung. Sie ist intensiver, bildlich stärker. Ich höre das Wasser rauschen, dann höre ich es wirklich. Ich hörte das Wasser rauschen, dann verstummt es. Eine Faszination liegt in der Sprache der Heptapoden. Doch für uns unmöglich, da wir die Zukunft nicht sehen.
In der Gegenwart zu leben, ist ein beneidenswerter Zustand. Aber unsere Sprache – somit auch unser Denken – ruft nach Vergangenheit und Zukunft.
Eine besondere Art der Zeitreise
Zeitreisen ist ein gängiges Sujet im literarischen Genre «Science Fiction». In «Back to the Future» zum Beispiel reist Marty McFly wortwörtlich in die Vergangenheit. Das Zeitreisen in «Geschichte deines Lebens» sieht aber ein bisschen anders aus: Louise Banks reist nicht mit ihrem Körper in die Zukunft, sie erinnert sich aber daran. Sie reist also nicht physisch durch die Zeit, sondern mental.
Zeitreisen ist nicht möglich, zeitreisen ist auch nicht logisch. Und doch kann das Zeitreisen in der Kurzgeschichte «Geschichte deines Lebens» theoretisch erklärt werden.
Drei Sichtweisen auf Zeit
Es gibt drei unterschiedliche Theorien oder Sichtweisen über die Zeit:
- Die präsentische Sichtweise: Es gibt nur die Gegenwart, als ein sich ständig veränderndes, rollendes Jetzt. Die Vergangenheit hat aufgehört zu existieren, die Zukunft gibt es noch nicht.
- Die «wachsender Block»-Sichtweise: Es gibt eine ständig wachsende physische
Realität: Vergangene Ereignisse haben stattgefunden, bestehen aber fort; die Gegenwart ist der raum-zeitliche Rand, der sich in die Zukunft ausdehnt, die noch nicht existiert.
- Die externalistische Sichtweise: Die Zeit ist symmetrisch. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren alle.
Um die Art der Zeitreise von Louise Banks zu erklären, muss einfach angenommen werden, dass die externalistische Sichtweise stimmt: Zeit ist symmetrisch, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren alle gleichzeitig. Also warum sollten wir nicht alle Zeiten gleichzeitig erleben können?
Sprache und Wahrnehmung
Louise Banks und Ian Donnelly finden heraus, dass die Sprache der Heptatoden eine kreisförmige Wahrnehmung von Zeit erlaubt. Zeit wird nicht als linear beschrieben, also wird sie auch nicht als linear wahrgenommen.
Diese Idee, dass Sprache unsere Wahrnehmung, unser Denken definiert, stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Benjamin Lee Whorf, ein amerikanischer Linguist, berief sich auf seinen Lehrer, den Ethnologen Edward Sapir, und stellte die Annahme auf, dass der Aufbau einer Sprache die Weltanschauung der entsprechenden Sprachgemeinschaft beeinflusst.
Sprache und die Wahrnehmung der Welt
Die Hypothese von Whorf und Sapir geht davon aus, dass Sprache unser Denken beeinflusst. Menschen würden ihre Umwelt unterschiedlich wahrnehmen, je nachdem, welche Sprache sie sprechen. Laut der Sapir-Whorf-Hypothese kann jemand die Gedanken einer Person, die eine andere Sprache spricht, nicht immer vollständig nachvollziehen. Denn beide Personen haben durch ihre unterschiedlichen Muttersprachen eine andere Vorstellung von der Welt.
Weiblich, männlich
Im Jahr 2010 wurden das grammatische Geschlecht im Spanischen und im Deutschen untersucht. Während deutsche MuttersprachlerInnen mit dem Wort «die Brücke» eher typisch weibliche Adjektive, wie zum Beispiel «schön» oder «elegant», in Verbindung brachten, waren es bei den SprecherInnen des Spanischen typisch männliche Adjektive. Sie beschrieben «el puente» also mit «stark» oder «gigantisch». Die ForscherInnen sahen das Ergebnis des Experiments als Beweis, dass das grammatische Geschlecht unsere Wahrnehmung beeinflusst.
In der Kurzgeschichte «Geschichte deines Lebens» wird diese Annahme natürlich ins Extreme getrieben. Tatsächlich gibt es aber echte Völker, deren Sprache ähnlich beschrieben wird, wie die der Heptatoden.
Das glücklichste Volk der Welt
In den 90er-Jahren wurde im brasilianischen Amazonas eine bisher unbekannte Sprache entdeckt: Pirahâ. Sie wurde damals noch von ungefähr 250 Menschen gesprochen. Das besondere an dieser Sprache: Sie hat keine Wörter oder Zeitformen, die die unterschiedlichen Zeiten – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – voneinander unterscheiden. Ähnlich wie bei den Heptatoden passiert bei den Pirahâ sprachlich gesehen alles zur gleichen Zeit. Die Sprache beschreibt Zeit nicht linear.
Und die Konsequenz: Der Sprachwissenschaftler Daniel L. Everett, der diese Beobachtungen machte, stellte fest, dass sich die Pirahâ zum Beispiel keine Sorgen um die Zukunft machen, sie schauen auch nicht in die Vergangenheit zurück. Daniel L. Everett nannte sie deshalb «das glücklichste Volk der Welt».
Auch Benjamin Lee Whorf beschrieb eine Sprache, die Sprache der Hopi-Indianer, die keine Zeitformen hat, und erklärte, dass sich die Hopi-Indianer Vergangenheit und Zukunft nicht vorstellen könnten. Diese Forschungsergebnisse wurden aber widerlegt.
Auch bei der Pirahâ-Sprache ist unklar, ob diese wirklich so strukturiert ist, denn Daniel L. Everett liess keine Untersuchungen durch andere ForscherInnen zu.
«Die Macht der Sprache wird oft unterschätzt»
Rebekka Flotron (27)
Die Macht der Sprache wird oft unterschätzt. Es ist die Sprache, die unsere soziale Wirklichkeit schafft, und doch wird das von vielen Menschen nicht verstanden. «Können Sie mir helfen, Fräulein?», fragte mich ein älterer Mann, als ich vor ein paar Jahren an der Manor-Kasse arbeitete. «Oh, Fräulein darf man ja nicht mehr sagen», ergänzte er gleich – mit einem Schmunzeln –, als ich ihn etwas schockiert anschaute. Warum nicht? Fräulein war eine Bezeichnung für unverheiratete Frauen, für Männer gab es kein Equivalent. Der Gebrauch von «Fräulein» schafft die soziale Wirklichkeit, dass der Zivilstand einer Frau wichtiger ist als der eines Mannes. Wenn wir diesen Begriff nicht brauchen, dekonstruieren wir – langsam – diese soziale Wirklichkeit.
Genau deswegen fasziniert mich «Geschichte deines Lebens» so sehr, denn die Geschichte zeigt, natürlich auf übertriebene Weise, wie mächtig, wie einflussreich Sprache ist. In dieser Geschichte schafft sie nicht nur die soziale Wirklichkeit, sondern sie schafft eben auch die physikalische Wirklichkeit.
Faszinierend unvorstellbar
«Geschichte deines Lebens» ist eine typische Science-Fiction-Geschichte – mehrheitlich Fiction/Fiktion, aber eben auch ein bisschen Science/Wissenschaft. Es ist spannend, darüber nachzudenken, was möglich ist. Schlussendlich fasziniert die Geschichte aber vor allem, weil sie Unvorstellbares erzählt.
Schwerpunkt «unendlich»
Zwischen dem 1. Januar und 31. März beschäftigt sich UNDGenerationentandem mit dem Schwerpunkt «unendlich». Dieser Beitrag entstand in diesem Rahmen und erschien bereits in der 44. Ausgabe des UND-Magazins.
Hier findet ihr weitere Beiträge zum Schwerpunkt «unendlich».