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Was das Monster frisst
Die Zersiedelung nimmt zu – sagt uns unser Gefühl, denn überall wird gebaut. Um das tatsächliche Ausmass genau zu erfassen, gibt es wissenschaftliche Verfahren. Diese zeigen den Grad der Zersiedelung und dessen Fortschreiten.
Einkaufs- und Logistikzentren machen sich breit, wo früher das Getreide wuchs. Einfamilienhäuser stehen dort, wo vor ein paar Jahren Apfelbäume blühten. Die Zersiedelung wird auch gerne als Monster bezeichnet, das Kulturland frisst.
Andeutungsweise und intuitiv wissen wir, was Zersiedelung bedeutet. Um das Phänomen seriös zu untersuchen, bedingt es allerdings einer klaren Definition. Der Geograf Jochen Jaeger, der heute an der Concordia University in Montreal lehrt, hat eine solche erarbeitet:
Zersiedelung ist ein Phänomen, das in der Landschaft optisch wahrnehmbar ist. Eine Landschaft ist umso stärker zersiedelt, je mehr Fläche überbaut ist, je weiter gestreut die Siedlungsflächen sind und je geringer deren Ausnützung für Wohn- oder Arbeitszwecke ist.
Einfach zu verstehen ist der Faktor Siedlungsfläche: Städte und Dörfer nehmen immer mehr Platz ein. Diese Zunahme lässt sich aus den Statistiken ablesen: Im Jahr 2009 war die Siedlungsfläche um fast einen Viertel grösser als noch 1985. Zwischen 2002 und 2008 wurde hierzulande eine Fläche von 27 km² pro Jahr überbaut – mehr als die Fläche des Walensees (24 km2). Dies entspricht etwa einem Quadratmeter pro Sekunde oder einem halben Fussballfeld pro Stunde.
In den vergangenen Jahrzehnten nahm auch die Streuung der Siedlungsfläche, Dispersion genannt, markant zu. Dies weil oft ausserhalb der bestehenden Siedlungsgrenzen gebaut wurde. Gerade in ländlichen Gegenden und Agglomerationen hat diese Form der Zersiedelung um sich gegriffen. Wenn zum Beispiel ein neues Einkaufszentrum in der Nähe einer Autobahnausfahrt erstellt wurde oder ein neuer Ferienhaus-Komplex weit ausserhalb des Dorfkerns.
Kleinere Familien – grössere Wohnungen
Die dritte Dimension der Zersiedelung ist die sogenannte Flächeninanspruchnahme. Sie ist definiert als die Siedlungsfläche pro Einwohner oder Arbeitsplatz. Auch sie hat in den letzten Jahren in vielen Gebieten zugenommen: Der einzelne Bewohner beansprucht immer mehr Raum.
Offensichtlich folgte dem zunehmenden Wohlstand ein Bedürfnis nach grösseren Wohnungen. Und der Wunsch nach Umschwung und dem eigenen Häuschen „im Grünen“ wächst insbesondere, wenn eine Familie Kinder hat. Drei Viertel aller neu erstellten Wohngebäude sind Einfamilienhäuser.
Die Ursache für das Siedlungsflächen-Wachstum der letzten Jahrzehnte liegt folglich bei weitem nicht alleine in der Bevölkerungszunahme. Auch werden die Familien tendenziell kleiner und noch nie lebten so viele Menschen in Ein-Personen-Haushalten wie heute – diese Wohnformen beanspruchen entsprechend mehr Platz.
Lugano breitet sich aus
Die drei aufgeführten Faktoren lassen sich ermitteln und miteinander aufrechnen. Mit der von den Wissenschaftlern um Jaeger entwickelten Formel ergibt sich als Resultat die sogenannte gewichtete Zersiedelung. Die Bedeutung der blossen Zahl erfassen wohl nur Experten. Interessant auch für Laien ist insbesondere ein Vergleich der Zahlen von Region zu Region und von Vergangenheit und Gegenwart.
Die Gegenüberstellung zeigt, dass die Zersiedelung in den letzten Jahrzehnten fast überall stark zugenommen hat. Ein besonders beeindruckendes Beispiel stellt die Gemeinde Lugano dar. Dort hat sich die gewichtete Zersiedelung seit 1940 mehr als verfünffacht. In der Gemeinde Chur hat sich der Wert hingegen im gleichen Zeitraum “nur” etwas mehr als verdoppelt.
Entsprechend präsentiert sich die Landschaft: Lugano hat sich auf der gesamten Talebene ausgebreitet und die Häuser ziehen sich weit in die umliegenden Hügel hinauf. Und Lugano ist nur ein Beispiel für viele. Haushälterischer Umgang mit Kulturland, wie ihn Artikel 75 der Bundesverfassung verlangt, sieht anders aus. Ob die Schweiz es schafft, dem Verfassungsauftrag nachzukommen und die Zersiedelung zu bremsen: Die Zukunft wird es zeigen.
Literatur
Christian Schwick, Jochen Jaeger, René Bertiller, Felix Kienast; Zersiedelung der Schweiz – unaufhaltsam? Quantitative Analyse 1935 bis 2002 und Folgerungen für die Raumplanung; Haupt Verlag, Bern 2010.
Links
Zersiedelung messen und vermeiden; Merkblatt WSL (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft)
Artikel über die Folgen der Zersiedelung
Kommentar: Verdichten statt zersiedeln
Grafik (auf mobilen Geräten evtl. nicht sichtbar): Entwicklung der Siedlungsflächen nach Kantonen