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Salomon
von Cedric Weidmann
Der Song heisst Blast Doors
Sie hatten ihn erst vergewaltigt und dann, indem sie ihm die Haut über die Ohren abstreiften, auf dem verlassenen Perron im Hinterhof getötet. Salomon vom vierten Stock, den armen Schlucker, und das gleich nach Feierabend, wie anstelle des gewöhnlichen Biers.
Durch das Büro ritt sie auf kleinen Vielfrassen, die wie tollwütig ihre Hauer in die ledernen Zäume schlugen, an denen sie sie schirrte. Zweimal am Tag musste man sie füttern, dann stieg sie von ihren Rücken und las die wichtigen Akten, die der Sekretär vorbereitet hatte. Die Vielfrasse waren voller Energie, die sich im verlängerten Wochenende aufgestaut hatte. Sie hatte nicht die Geduld gehabt, den Betrieb noch länger zu unterbrechen, und nach zwei Tagen atmeten die Aktionäre auf, als sie nach all den negativen Schlagzeilen die Produktion wieder aufnahm. Die Mitarbeiter hatten sich nicht beklagt und waren mit müden Gesichtern an den Tischen erschienen, ausser natürlich Salomon. Viele der Mitarbeiter waren eher einsame Menschen und konnten wohl besser damit fertig werden, wenn sie sich mit kleinen Betätigungen ablenkten, deshalb wollte sie ihnen eine schnelle Rückkehr zur Normalität ermöglichen. Sie hatte grosse Zuneigung zu ihren Mitarbeitern. Aber jetzt zügelte sie ihre Vielfrasse nach einem kurzen Kontrollgang und verschwand ängstlich im eigenen Chef-Büro. Sie schielte durch die Jalousien. An die Säule vor dem Kopierer gelehnt stand Reto, einer der jüngeren Mitarbeiter, kürzlich verheiratet und von einer riesigen Brille gestraft, die er mit solcher Selbstsicherheit trug, dass ihn niemand auf sie anzusprechen traute. Er sah Lisa zu, ihrer jüngsten Praktikantin, die sich zu den Papieren hinunterbückte, um die Verstopfung im Papierschacht zu lösen. Sie streckte den Hintern absichtlich raus, weil sie wusste, dass Reto hinter ihr stand. Sie war auch die Erste gewesen, die ihn wegen seiner Brille ausgelacht hatte.
Daneben sassen Till und Tillman zwei ihrer liebsten Mitarbeiter, die genauso witzig wie beflissen waren. Das heisst, der eine war beflissen, der andere war nur die Parodie des einen, aber sie gehörten zueinander. Hektor, der dünne, kurz vor der Rente stehende Personaler, dessen Hemd über dem mageren Bauch hing, als könnte man noch zwei, drei Kissen in ihm tragen. Sandra, die beste Technikerin im Haus, aber grundsätzlich unterfordert, woran auch die regelmässigen Beförderungen nichts geändert hatten, mit ihrem Stachelhalsband und den Tattoos, die den Hals hinaufkrochen.
Flix ass schneller als Klix. Der sah Flix nur zu, nahm einen Schluck vom Wassertrog, liess den anderen aber nie aus den Augen. Sie fragte sich, was Klix von Flix hielt. Umgekehrt war es nicht schwierig: Wann immer Klix loszog, folgte ihm Flix, der jede seiner Bewegungen bewundernd imitierte. Wenn Klix die Richtung wechseln wollte, hielt sich Flix daran, und wenn er unglücklich war, streifte Flix mit seiner Wange am hellroten Fell entlang, um ihn aufzumuntern. Doch was dachte Klix von Flix, was hielt er von seinem Verehrer, fragte sie sich, als sie die beiden, Klix ein wenig vorsichtiger als Flix, wieder vorsichtig bestieg. So stand sie eine Weile vor der geschlossenen Tür und atmete laut. Sie würde die Tür wohl oder übel verlassen müssen. Sie musste den Botengang machen. Ein kurzer Kontrollgang durch den Stock und dann runter zum Sekretär, das wäre alles.
Heute oder morgen würde der DNA-Test ankommen. Die Polizei hatte sie alle antanzen lassen, sämtliche Mitarbeiter, die alle im Verdacht standen, nach Betriebsschluss in Richtung des leeren Perrons unterwegs gewesen zu sein, um im nahen «Takt» ein Bier zu trinken. Wer von ihnen hatte sich aus der Gruppe losgelöst? War Salomon freiwillig losgelaufen? Hatte man ihn mit Gewalt zum Perron gezerrt? Die Polizei weigerte sich voreilige Schlüsse zu ziehen, sie aber zweifelte keine Sekunde, dass es jemand von ihnen war. Salomon war nicht allein losgegangen, man hätte sein Verschwinden bemerken müssen. Er war der Auffällige, Wehrhafte. Es sei denn, man hätte ihn selbst in den Hinterhalt gelockt.
Sie atmete aus, senkte den Kopf, stiess die Tür auf und patroullierte durch die Reihen, aus denen sie allen an den Bürotischen zunickte. Die beiden Vielfrasse fauchten ein wenig, als sie an Till und Tillmann vorbeigingen, bei Lisa drehten sie ganz um. Vielleicht spürten sie auch nur die Nervosität im Raum und spielten verrückt. Sie hatte in einer langen Rede die Unschuldsvermutung beschworen, aber was war das eigentlich, eine Unschuldsvermutung? Es gab eine Schuld, man wusste nur nicht, wer sie trug. Sie hatte so Angst, dass sie abends in ihr Kissen weinte.
Sie trat in den Lift und wartete bis sich die Tür schloss, bevor sie den Kopf gegen die Wand schlug. Sie wollte dieses Büro, diesen von krankem Geist benetzte Spannteppich, nie mehr betreten. Sie wusste genau, dass ihr als Chefin nichts anderes übrig blieb. Wie lange konnte es denn dauern, einen DNA-Test auszuwerten?
«Hanno», rief sie, als sie den Sekretär hinter der Rezeption sitzen sah, «haben sie angerufen? Hast du die Ergebnisse gekriegt?»
Hanno liess sich mit der Antwort Zeit und mit einer etwas weit ausholenden Bewegung legte er ein Blatt Papier auf die Theke. Zum ersten Mal erkannte sie in seinen Augen einen obskuren Glanz und seine Stimme hatte etwas von Salomons bedenkenloser Anstössigkeit. Dieser Mann schien gerade etwas völlig anderes zu werden und wurde es, als er den Satz ausgesprochen hatte: «Sie sagten, es würde sich wohl verzögern.» Die Vielfrasse tobten vor Nervosität, das heisst einer tobte, Klix war nur eine heuchlerische Imitation davon.