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Willy Loretan um 1990
Gespräch geführt durch Fabian Saner am 8. Oktober 2020.
Dieses Gespräch wurde nicht gefilmt. Es findet sich nachfolgend in schriftlicher Form:
Biografischer Abriss
Willy Loretan wurde am 15.6.1934 in Basel geboren. Sein Vater war Postbeamter. 1937 erfolgte der Umzug nach Naters/VS. 1941 zog die Familie nach Zofingen. Der Vater arbeitete als Postbeamter, später Postverwalter in Zofingen. Loretan sprach als Kind beim Schuleintritt «nur» Walliserdeutsch. Die Mutter stammte aus der Region (Aarburg). Die Familie fiel als römisch-katholisch in der reformierten Umgebung auf. Loretan besuchte die Kantonsschule Aarau, absolvierte die Matura Typ A, begann danach das Rechtsstudium in Lausanne. Den Militärdienst leistete er im Fricktaler Bataillon 59 bis zum Minenwerfer-Leutnant. Danach setzte er das Jus-Studium 1957 bis 1961 an der Universität Zürich bis zum Doktorat zum Thema «Bund und Schule» (juristisch-politisch zur Thematik des Eindringens des Bundes in die kantonale Schulhoheit) fort. 1961 wurde Loretan Gerichtsschreiber am Bezirksgericht Zofingen, danach trat er in den juristischen Dienst der Aargauer Baudirektion unter Regierungsrat Kurt Kim ein. 1964 erwarb er das aargauische Anwaltspatent. 1966 bis 1973 war er Präsident des Bezirksgerichts Zofingen. Loretan sass im Zofinger Einwohnerrat 1966 bis 1973, das Präsidium des Einwohnerrats hatte er 1972/1973 inne. 1974–1992 war Loretan Stadtammann von Zofingen, 1971–1996 Präsident des interkantonalen Regionalverbands Wiggertal-Suhrental (RVWS). Nach drei Legislaturperioden im Grossen Rat (1969–1981) und vier Jahren Präsident der FDP-Fraktion wechselte Loretan auf die nationale Politebene. Für die FDP Aargau war er 1979–1991 Nationalrat und danach 1991 bis 1999 Ständerat. 1992 eröffnete er, nebst dem Ständeratsmandat, ein eigenes Anwaltsbüro. Loretan präsidierte von 1982 bis 1992 die Schweizerische Stiftung für Landschaftsschutz, von 1996 bis 2001 den Schweizerischen Zivilschutzverband.
Wo ist für Sie der Aargau am Schönsten?
Bei der Linde von Linn. Ich habe auf dem Bözberg Militärdienst gemacht. Daneben mag ich auch Schloss und Altstadt in Lenzburg wegen meiner Frau, die aus Lenzburg kam. Drittens liegt mir natürlich Zofingen mit der Altstadt und dem Heiteren-Platz am Herzen.
Bedeutet der Aargau für Sie Heimat? Warum? Und falls ja: Wo?
Ich habe 16 Sterne in der Brust: 13 Walliser und 3 Aargauer, ohne Gewichtung. Ich fühle mich hier als Zofinger. Wenn ich im Wallis bin, schlägt auch mein Walliser Herz.
Was zeichnet den Aargau aus?
Positiv ist die Vielfalt von kulturellen Bezügen und Dialekten in den vier traditionellen Aargauer Gebieten, Berner Aargau, Grafschaft Baden, Fricktal und Freiamt. Konfessionell, kulturell, politisch sind wir verschieden. Das ist im Aargau extremer als in anderen Schweizer Kantonen. Man hört sofort, woher einer kommt. Negativ ist dabei, dass wir nach aussen als Aargau nicht so geschlossen auftreten können wie z.B. Zürich, Luzern, Bern, St. Gallen mit einer Hauptstadt von politisch-kulturellem Gewicht. Ein dominierendes Zentrum fehlt im Aargau und das kommt eben zum Ausdruck in der Gewichtung des Aargaus in der Eidgenossenschaft.
Welches sind für Sie prägende Momente aus der jüngeren Aargauer Geschichte gewesen?
Ein Ereignis habe ich in guter Erinnerung, die Feier zum 175. Geburtstag des Kantons. Da hatten wir in Zofingen in der gleichen Woche das Aargauer Kantonalschützenfest, eine riesige Sache mit Ausstrahlung über den Kanton hinaus. Ich war Präsident des Organisationskomitees. Und der Kanton legte seinen Festtag zum Jubiläum auf den gleichen Tag wie wir unseren offiziellen Festtag! Das wusste die Verwaltung in Aarau natürlich. Wir «gingen in die Luft» und sagten, das lassen wir uns nicht bieten. Damals war Landammann Arthur Schmid verantwortlich für den kantonalen Festakt. Wir fanden uns dann: Eine Aargauer Delegation kam zum Kantonalschützenfest nach Zofingen, und ich ging mit meiner Ehefrau und zwei Ehrendamen an den Festakt des Kantons auf Schloss Lenzburg am Abend des gleichen Tags.
Welches ist Ihre früheste Erinnerung an den Aargau, wann und wie haben Sie den Aargau zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?
Ende der 1930er Jahre. Als 5-jähriger Bub kam ich aus Naters zu meinen Grosseltern mütterlicherseits nach Aarburg in die Ferien. Ich erinnere ich mich an den Anblick der Festung Aarburg (Jugenderziehungsanstalt). In unserer Region war die Drohung gängig: «Warte nur, wenn du so weitermachst, kommst du dann auch noch auf die Festung.» Meine Grosseltern führten ein Usego-Geschäft und einen Käseladen in Aarburg. Als 7-jähriger kam ich dann mit meinen Eltern nach Zofingen und ging nur noch für die Ferien ins Wallis, nach Leukerbad zu einem Bruder meines Vaters. So hielt ich den Kontakt zu meiner ersten Heimat. Das Walliserdeutsch verlor ich allerdings teilweise.
Wie erlebten Sie die Gründung des Einwohnerrats in den 1960er Jahren? Welche Diskussionen waren dieser Umstellung von Gemeindeversammlung zum Einwohnerrat in Zofingen vorausgegangen?
Ich war 1963/64 Gerichtsschreiber und in der FDP Zofingen aktiv. Das System Gemeindeversammlung vs. Einwohnerrat wurde zwei Jahre heftig diskutiert, ein Hin und Her der bewahrenden Kräfte gegen die Neuerer. Es wurden an verschiedenen Änderungen, etwa mit einem neutralen Versammlungsleiter herumgetüftelt oder die Einführung einer Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission, mit Antragsrecht an die Gemeindeversammlung, zur Verbesserung der Kontrolle vorgeschlagen. Die tonangebenden Kräfte drängten allerdings insgesamt auf einen Systemwechsel, wie er durch das neue kantonale Gesetz ermöglicht worden war. In anderen grösseren Gemeinden wurde der Einwohnerrat auch eingeführt. Die Einführung führte zu einer Versachlichung und einer kohärenten Finanz- und Investitionsplanung gegenüber unkoordinierten, aus dem Augenblick geborenen und durchgesetzten Aktionen. Dies war in der Phase des Bevölkerungswachstums, der neu aufgebauten Orts- und Regionalplanung, auch sehr wichtig.
Wie war der Wechsel vom Einwohnerrat zum Stadtammann?
Das war ein gewichtiger Rollenwechsel. Ich versuchte, mit möglichst kompakten Vorlagen an den Einwohnerrat zu einer sachlichen Diskussion und Entscheidfindung beizutragen. Mit neuen Gruppierungen wie dem «Aktiven Zofingen» in den 1970er Jahren ging das relativ gut. Härter wurden die Auseinandersetzungen mit dem «Läbige Zofingen» LäZ, der neuen Linken, in den 1980er Jahren. Da wurde teils auf den Mann gespielt, auch mit Flugblättern, und da teilte ich manchmal auch aus. Dies zum Gaudi der im Einwohnerrat anwesenden Zuschauer und Medien.
Welches waren Ihre grössten Herausforderungen während Ihrer Zeit als Stadtammann von Zofingen? Wie gestaltete sich das Zusammenspiel und das Seilziehen mit regionalen und kantonalen Instanzen?
Am 1. Januar 1974 fing ich als Stadtpräsident an, nachdem ich mich zwei Monate vorher bereits mit der Verwaltung einarbeiten konnte. Ich war damals Einwohnerratspräsident, kannte also den «Laden» einigermassen. Dieser war «etwas mit Moos behangen», nicht mehr zeitgemäss strukturiert. Ich konnte dann mit der Energie eines 39-jährigen die Verwaltung «durchlüften». Mitte der 1970er Jahre war ich an vorderster Front dabei, zusammen mit dem Kanton (Verwaltung, Regierungsrat, Grosser Rat) das Bildungszentrum Zofingen durchzusetzen. Dieses beinhaltete verschiedene kantonale und kommunale Schulen. Die Finanzierung mit bis zu sieben Prozent Zins für Fremdmittel war zu dieser Zeit sehr schwierig. Ich bin bei Banken und anderen Geldgebern herumgeweibelt, strebte eine hohe Eigenfinanzierung an. Diese sollte durch extreme Sparsamkeit in der Verwaltung abgesichert werden. Zusammen mit dem Stadtrat und den führenden Köpfen in der Verwaltung haben wir das erreicht.
Der zweite grosse Investitionsbrocken war der Neubau des Akutspitals Zofingen ab 1979. Dagegen gab es grosse Widerstände in der kantonalen Verwaltung und bei der Regierung. Da unkte mach einer in Aarau: «Was wollen die Zofinger auch noch ein neues Spital?» Wir konnten es schliesslich im Grossen Rat gegen Finanzdirektor Kurt Lareida, ebenfalls von den Freisinnigen, durchboxen. Gebaut und betrieben wurde das Spital vom regionalen Spitalverein, finanziert vom Kanton. Parallel dazu erfolgte der Neubau eines zweiten überkommunalen Altersheims (1978/79). Die engen Finanzen, bei sinkenden Steuererträgen, und die grossen Investitionsvorhaben waren politisch heiss umstritten in der Rezession nach dem Erdöl-Schock von 1974. Für mich als Präsident des Trägervereins war der Spitalneubau ein «Hochseilakt», von Stadt und Bezirk gefordert, dagegen gab es in der von mir präsidierten freisinnigen Grossratsfraktion grosse Widerstände. Der neue Gesundheitsdirektor Hans Jörg Huber (CVP) hatten einen guten Anteil, das Spital durchzusetzen. Sein Vorgänger, der freisinnige Bruno Hunziker, konnte sich nicht so recht engagieren, weil eben Finanzdirektor Kurt Lareida (FDP) dagegen war. Ich war etwas der «Winkelried» für das Spital Zofingen, kam dabei aber nicht um …
Mit welchen Herausforderungen hatten die Gemeinden in den 1960er-/70er- und 80er-Jahren am meisten zu kämpfen? Und die Stadt Zofingen im Speziellen?
In den 1960er Jahren bereitete das Wachstum der Bevölkerung, der Wirtschaft und der öffentliche Finanzen eine grosse Herausforderung. In den 1970er Jahren kam die Rezession, die die Gemeinden belastete, weil Bund und Kanton Aufgaben und Finanzierungen (Schulen und Gesundheitswesen) an die nächstuntere Stufe und auf die Gemeinden überwälzten. In den 1980er Jahren folgte dann wieder ein enormes Wachstum an Aufgaben und Ausgaben bei Bund und Kanton. Das ergab zunehmendes «Dreingeschnorrpotenzial» gegenüber den Gemeinden. Das wurde ein geflügeltes Wort. Dagegen habe ich mich als Stadtammann und Grossrat auch für die Region Wiggertal und den Bezirk Zofingen immer gewehrt.
Welchen Stellenwert hatte die FDP-Fraktion im Aargauer Grossen Rat und welchen der eigene Bezirk?
In der Amtsperiode 1973–1977 war die FDP die drittgrösste Fraktion hinter CVP und SP. Aus dem Bezirk waren sechs Zofinger Freisinnige im Grossen Rat. Wir hatten eine gute Position. Mit den grossen Investitionen lief es im Kanton so: Zuerst kam immer Aarau oder Baden an die Reihe, wenn es um Schulen, Spitäler oder Vekehrssanierungen ging. Die Nummer 3 war Zofingen. Aarau oder Baden sind immer Nummer 1 oder 2 – wir sind, als Wetterecke des Kantons, die Nummer 3. Ein grosser Brocken war auch der Regionalbus Wiggertal: da war vom Regionalplanungsverband alles neu zu organisieren. Vorher hatte jede Buslinie einen eigenen Trägerverein, das war eine komplizierte Situation, schwierig zu entflechten. In der interkantonalen Region Aargau/Luzern, die von Pfaffnau und bis nach Schöftland reichte, konnten wir dann eine neues Regionalbuskonzept entwickeln. Der Kanton musste dabei mitmachen, weil er auch bezahlte. Da hatten wir eine grosse Hilfe mit dem damaligen Baudirektor Jörg Ursprung (SVP).
Wie funktionierte das Parlament im Kanton der Regionen, wie bildeten sich Koalitionen heraus, in welcher Form funktionierten Absprachen?
Es gab Absprachen unter den Regionen nach dem Prinzip «Do ut des» – «Gib, so wirst du erhalten». Unter den Parteien gab es hingegen relativ wenige Vereinbarungen. Freisinnige konnten in der Regel mit der CVP nicht viel anfangen. Das hing auch mit der Ausbildung der Politiker zusammen. Wir hatten die Kanti Aarau besucht, hatten keine Ausbildung in Rhetorik, Philosophie oder Religion. Das war nichtexistent. Die CVPler, die an die Klosterschulen in die Innerschweiz geschickt worden waren, hatten in diesen Fächern oft einen Schwerpunkt, und waren demenstprechend rhetorisch gewiefter. Mit der SP konnten wir teilweise schon koalieren, sie hatten ihre Schwerpunkte wie wir im Berner Aargau. Mit der SVP arbeiteten wir gut zusammen, sie war aber in den 1970er Jahren ganz klar der Juniorpartner. Es gab keine regelmässigen strukturierten Absprachen, sondern diese wurden von Fall zu Fall vorgenommen.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung der FDP über die Jahrzehnte? Vom Slogan «Mehr Freiheit – weniger Staat» in den 1970er Jahren bis in die Zeit des Präsidiums des Aargauers Philipp Müller?
Die FDP ist eine konservativ-radikale Partei gewesen. Effizienz, Zurückhaltung bei staatlichen Aus- und Aufgaben, schlanke Verwaltung waren unsere Schwerpunkte – mit dem Slogan «Mehr Freiheit und Selbstverantwortung – weniger Staat.» Das änderte unter dem Präsidium von Franz Steinegger aus Uri in den 1990er Jahren, oder auch mit dem Walliser Bundesrat Pascal Couchepin. Die hatten eine natürliche Abneigung gegen die CVP (früher die Katholisch-Konservativen). Das führte dazu, dass sie lieber mit Peter Bodenmann von der SP zusammenarbeiteten, unsere Partei wurde nach Mitte-Links geführt. Dagegen wehrte ich mich stets heftig, vor allem auch im Ständerat. Später kamen mit Fulvio Pelli und mit dem Reinacher Philipp Müller wieder klar Bürgerliche, die die FDP Mitte-Rechts positionierten. Mit Petra Gössi haben wir heute eine sehr gute Präsidentin, die auch sensibel für Anliegen aus dem Volk ist, wie etwa mit dem Schwenker in der Umweltpolitik.
Welches war der Stellenwert der «Lobbyisten» im Aargauer Parlament und in Bern? Wie wurde Einfluss genommen? Wie erlebten Sie den gewaltigen Ausbau der Verwaltung auf Kantonsebene in den 1960er bis 1990er Jahren?
Lobbyisten im heutigen Sinn, die nicht dem Parlament angehören, gab es praktisch nicht. Die Parlamentarier waren die Lobbyisten, für die Gewerkschaften, für die Arbeitgeber, für die Regionen, für gewisse gesellschaftliche Gruppierungen. Heute haben die Lobbyisten, die die Vorstösse und Voten für die Parlamentarier, für Plenum oder Kommissionen, schreiben, manchmal mehr Einfluss als die Parlamentarier. Ich war 10 Jahre Präsident der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz, da hatte ich mit meinem damaligen Sekretär einen «Beistand», der manchmal auch in der Wandelhalle aufgetaucht ist und mich mit seiner fachlichen Expertise unterstützte.
Ich war in den 1990er Jahren Präsident der ständerätlichen Verkehrskommission mit ganz happigen Vorhaben, der Bahn 2000, der Alpentransversale Neat, mit der Privatisierung der SBB und der Post. Das war eine hochinteressante Zeit. Da hatte ich rege Kontakte mit dem Bundesamt für Verkehr und dessen Chef Max Friedli. Mit den Verwaltungen konnte ich gut zusammenarbeiten. Das Wachstum der Verwaltung ab Mitte der 1970er Jahre war enorm. Ich war auch in den Finanzkommissionen von National- und Ständerat. Egal, was wir da bei den Budgetdiskussionen beschlossen hatten, später mussten wir bei der Staatsrechnung dann feststellen, dass die Verwaltung einfach über Sachkredite Personal eingestellt hatte. Dagegen konnte man fast nichts machen. Das Schwergewicht, das Machtzentrum, liegt heute auch im Kanton Aargau bei der Verwaltung. Wenn ein Regierungs- oder Bundesrat zu massiv eingreift in die Verwaltung oder sogar einen Abbau im Stellenplan durchsetzen will, ist er verloren. Es ist eine sehr schwierige Aufgabe, die Verwaltungen im Griff zu haben. Man muss sich einerseits gut stellen mit den Chefs der Verwaltung und ihren Ansprüchen, andererseits sollte man über diese Chefbeamten die Verwaltungen personell und finanziell eng und sparsam führen.
Inwiefern haben sich die Gemeinden durch das neue Gemeindegesetz von 1978 verändert? Was ist besser geworden, was ist schlechter geworden, was hat geklappt, was nicht?
Das Gemeindegesetz brachte klare rechtliche Strukturen und Vorgaben durch den Kanton. Die Ortsbürgergemeinden wurden faktisch entmachtet, der Bürgernutzen abgeschafft. Ich konnte da ein paar «Institutionen» wie die Teilnahme an Kommissionsessen und am Waldgang, Geschenke wie ein paar Flaschen Wein retten. Im «Kampf» gegen SP-Regierungsrat und «Innenminister» Louis Lang konnten wir die regionalen Verbände durchsetzen, das war das Wichtigste. Die gesetzliche Verankerung auch des Regionalverbands Wiggertal/Suhrental, der sogar interkantonal funktionerte, wurde so ermöglicht. Das wollte Louis Lang in den ellenlangen Debatten einfach nicht sehen. Dabei hatte ich namhafte Unterstützung von einflussreichen Gemeindeammännern wie Franz Metzger aus Möhlin oder Victor Rickenbach, damals Stadtpräsident von Baden.
Durch den Regionalverband konnten wir den Reformstau lösen. Von kleineren Gemeinden kam der Druck für die Regionalisierung im Sozial- und Beratungsbereich. Der Regionalverband übernahm neue Aufgaben in der Sozial- und Verkehrspolitik. Neben der Raumplanung und dem Regionalbus Wiggertal kamen etwa die regional organisierten Beratungsstellen für Familien usw. hinzu. Gewisse Aufgaben konnten auch für den Kanton durchgeführt werden. An den Delegiertenversammlungen arbeiteten wir mit bis zu vier unterschiedlichen Stimmzetteln, je nach Aufgabenbereich. Der Regionalverband Wiggertal/Suhrental war «multifunktional».
Wurde der Regionalverband stark, weil die Planungsutopien, etwa die Netzstadt «Arolfingen» (Aarau-Olten-Zofingen), gescheitert waren?
Aarau war einfach zu weit weg. Die Leute wollten z.B. nicht nach Aarau ins Spital. Mit Olten war die Zusammenarbeit besser. Auch historisch funktionierte die «bernische» Kleinstadt Zofingen anders als Aarau. Aaraus Stadtammann Markus Meyer war aus Kantizeiten ein guter Freund von mir. Wir arbeiteten gut zusammen. Als ich aber als Zofinger Kommandant des Mobilmachungsplatzes Aarau werden sollte, gab es im Aarauer Stadtrat keinen Beifall. Das ist typisch für den Aargau – genau wie die Vorstellung des damaligen Stadtammanns von Baden, der mich anrief und sagte, er wolle einen guten Platz in der freisinnigen Fraktionssitzung, er habe ein «Anrecht» darauf. Darauf musste ich ihm als Fraktionschef sagen, da gibt es auch noch andere, er müsse halt am Morgen (die Fraktionssitzungen begannen um 7 Uhr) frühzeitig da sein.
Wie bewerten Sie die Ausstrahlung und die Entwicklung des Kantons Aargaus im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Schweiz? Hat der Kanton an Einfluss gewonnen oder verloren in Bezug auf seine Grösse und sein wirtschaftliches Gewicht?
Viel geändert hat sich nicht. Wir sind nach Zürich, Bern und der Waaadt der viertgrösste Kanton, aber es fehlt uns ein Zentrum. Wirtschaftlich war der Aargau von der Industrie abhängig, mit wenig Dienstleistungen. Der Kanton hatte aufgrund seiner kurzen Geschichte Mühe, eine eigene Identität zu entwickeln. Dazu kommen die fehlenden Zentralfunktionen. Heute sind aber die internen, regionalpolitisch bedingten Reibereien im Aargau kleiner als zur Zeit der 1970er und 1980er Jahren. Damals standen die grossen Investitionsvorhaben im Schul- und Spitalbereich an. Heute ist der Aargau geschlossener. Trotzdem: Die Infrastrukturen haben keine innere politische Bindung der Bevölkerung an den Kanton Aargau gebracht. Man lebt primär in seiner Region.
Welches waren Ihre wichtigsten politischen Themen und Auseinandersetzungen im Stände- und Nationalrat und wie haben Sie sich für die Stadt Zofingen, die Region und den Kanton Aargau im nationalen Parlament eingesetzt?
Mit der Bahn 2000 wurde die Direktverbindung Luzern-Sursee-Zofingen-Bern geschaffen, über das alte «Kriegsgleis» bei Rothrist – anstelle eines teuren Ausbaus der Emmental-/Entlebuch-Linie. Das darf ich auf meinen Hut nehmen, ich habe zwei Jahre mit der Generaldirektion der SBB verhandelt. In der parlamentarischen Gruppe Kommunalpolitik habe ich mich etwa für den Gemeindeartikel in der neuen Bundesverfassung engagiert. Die Anliegen der Gemeinden und Städte werden jetzt bei politischen Absichten und Aktivitäten neben denjenigen der Kantone ebenfalls berücksichtigt. Daneben habe ich mich auch für die Förderung des ausserdienstlichen und sportlichen Schiesswesens eingesetzt, das ist immer noch eine wesentliche Säule des Milizsystems der Armee. In die Veranstaltungen der inoffiziellen Parlamentariergruppe kamen die bürgerlichen Politiker scharenweise, weil sie wussten, wie wichtig bei Wahlen und Abstimmungen damals die Unterstützung der Schützen war, z.B. der F/A-18-Abstimmung 1993. Vor allem dank kräftiger «Schützenhilfe» haben wir die Flugzeugabstimmung gegen die «Gruppe Schweiz ohne Armee» klar gewonnen — einer meiner grössten Erfolge.