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Bevölkerungsstatistik: Historischer Datenschatz gehoben
Neben Bund und Kantonen erfassten auch lokale Behörden vor 1850 Zahlen zur Bevölkerung. Die Erhebungsmethoden waren allerdings sehr unterschiedlich. Martin Schuler hat mit einem Buch die historischen Quellen erschlossen, um erstmals bei allen Schweizer Gemeinden die Bevölkerungsentwicklung anhand von Zahlen systematisch nachzuzeichnen.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Alte und Seltene Drucke
Die Gemeinde Mett erlebte zwischen 1818 und 1837 eine rasante Bevölkerungsentwicklung, gefolgt von einem rapiden Rückgang. Bild: Region Biel um 1808; Rudolf Henzi zugeordnet.
Die Gemeinde Mett verzeichnete eine rasante Bevölkerungsentwicklung. Zählte die Gemeinde im Jahr 1818 noch 300 Seelen, schnellte die Zahl der Ansässigen bis 1837 auf 947 Personen hoch – und halbierte sich innerhalb von kurzer Zeit wieder. Früh machte sich der Ort die Lage an Fluss Schüss bei Biel zunutze, zuerst mit einer Mühle, dann mit einer Eisenschmiede. Ende des 18. Jahrhunderts entstanden Indienne-Druckereien. Mitte des 19.Jahrhunderts bestimmte aber die Uhrenindustrie immer mehr den Takt des wirtschaftlichen Fortschritts.
Die vorhandenen Fähigkeiten in der Metallverarbeitung waren der Ansiedlung von Uhrmachern förderlich. In den Jahren vor und nach der Gründung der modernen Schweiz zogen über 1700 Uhrmacher, meist französischer Muttersprache, nach Biel, sodass die bis dahin vorwiegend deutschsprachige Stadt zweisprachig wurde. Nachzulesen sind die spannenden Details über die Bevölkerungsentwicklung in den Gemeinden im Buch «Volkszählungen in der Schweiz vor 1850 – Die Bevölkerungszahlen auf lokaler Ebene», das vom Bundesamt für Statistik herausgegeben und von Martin Schuler verfasst wurde. Schuler ist Geograf und Honorarprofessor an der EPFL in Lausanne.
Daten sammeln in bewegten Zeiten
Bezugspunkt für die Neustrukturierung statistischer Daten von Erhebungen zur Bevölkerung ist das Jahr 1798. Am 12.April desselben Jahres wurde im Gefolge der französischen Revolution 1789 auf dem Gebiet der alten Eidgenossenschaft die Helvetische Republik (1798 bis 1803) gegründet und die erste «helvetische Volkszählung» durchgeführt. Und dies mitten in einer bewegten Epoche mit tiefgreifenden sozialen und politischen Umwälzungen sowie neuen technischen Errungenschaften. Mit der Konstruktion der ersten Dampfmaschine 1782 durch James Watt bahnte sich das Industriezeitalter an. Nach der Unabhängigkeitserklärung der USA wurde 1787 die amerikanische Verfassung verabschiedet. Diese erste gesamtschweizerische Bevölkerungserhebung diente in den achtziger Jahren als Basis, um die Entwicklung auf Bezirksebene zu erfassen. Was bisher fehlte, war eine Auswertung der gesamtschweizerischen Erhebung auf Gemeindestufe.
Kanton Bern als Vorreiter
Der Autor hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Datenschatz zu heben, indem er neben den Zahlen von 1798 auch bisher nicht berücksichtigte Datenquellen erschlossen hat. Neben dem Einbezug von Datenquellen und der Bereinigung galt es bei der Recherche zur Bevölkerungsentwicklung in den letzten 250 Jahren auch, territoriale Änderungen bei Kantonen, Bezirken und Gemeinden zu berücksichtigen, wie Trennungen und Zusammenschlüsse oder Umteilungen von Gemeinden. Auch folgte jeder Kanton bei den bevölkerungsstatistischen Erhebungen einem eigenen Modell wie Neuenburg mit einer jährlichen Kadenz, während in Graubünden und Glarus Befragungen vor dem Jahr 1780 fehlten. Auch zeigten sich bei den Erfassungen des 17. und 18.Jahrhunderts grosse qualitative Unterschiede, etwa zwischen den Zahlen reformierter Städte und katholischer Bistümer, wie Schuler feststellen musste.
Quelle: Microgis, BfS 2023
Die Besetzung im März 1798 durch französische Truppen brachte eine territoriale Neuordnung der Schweiz.
Quelle: Microgis, BfS 2023
In diese Zeit fiel die erste Helvetische Volkszählung.
Die erste systematische Bevölkerungserhebung wurde erst unmittelbar nach der Entstehung der modernen Schweiz 1850 durchgeführt, und zwar vom 1860 gegründeten «Statistischen Bureau», der Vorläuferinstitution des Bundesamts für Statistik. Bereits vier Jahre zuvor hatte der Kanton Bern ein solches «Bureau» geschaffen. Für den Kanton, der mit dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft die Waadt und den Aargau verlor, attestiert der Autor den Volkszählungen eine ausgezeichnete Qualität mit wenigen Additionsfehlern oder Auslassungen von Ortschaften sowie einer guten zeitlichen Staffelung der sechs vollständig erhaltenen Erhebungen zwischen 1764 und 1846.
Mehr als ein Boom in Brig
Nach innerkantonalen Querelen schloss sich der Kanton Wallis schliesslich der Helvetischen Republik an. In der darauffolgenden Mediationszeit erlebte die Gemeinde Brig eine ausserordentliche Zunahme der Bevölkerung. Nach der Helvetik mit rückläufigen Zahlen bei der Einwohnerschaft, stiegen diese während der Mediationszeit (1803 bis 1815) um mehr als das Vierfache an. Waren 1802 in Brig noch 412 Personen ansässig, erhöhte sich die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner bis im Jahr 1811 auf 1709, wie die Zeitreihen im Buch zeigen. Zehn Jahre später waren nur noch 648 Personen ansässig. Wegen der strategischen Bedeutung des Passes war das «Département du Simplon» ab 1810 Teil des französischen Kaiserreichs und befand sich bis zur Schlacht von Waterloo (1850) unter der Knute Napoleons.
Quelle: Microgis, BfS 2023
Hohe Wachstumsraten der Bevölkerung wiesen die Mittellandgebiete auf. Nach dem Ende der Kontinentalsperre Frankreichs setzte sich die Mechanisierung fort.
Quelle: Microgis, BfS 2023
In der Ostschweiz wurden ab 1800 mechanische Spinnereien gebaut. Doch war die Region 1811/12 und Jahre später von Hungerkrisen betroffen.
Prägend für die Entwicklung einer Gemeinde kann auch die vorteilhafte geografische Lage sein, sei dies zur Energiegewinnung oder als Verkehrsknotenpunkt. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war im Wallis zuerst jedoch geprägt von einer starken Abwanderung aus den Bergdörfern ins Haupttal. Auch war in diesen 50 Jahren das Bevölkerungswachstum im Unterwallis deutlich stärker als im Mittelwallis und Oberwallis, wie der Autor schreibt.
Ab 1850 verstärkte sich
dieser Trend weiter, begünstigt durch den Kulturlandgewinn wegen der ersten
Rhonekorrektur (1863 – 1894). Der Bau von Simplon- und Lötschbergtunnel
ermöglichte die verkehrsmässige Erschliessung des Haupttals. Der Aufschwung der
Wasserkraft durch Nutzung des Gebirgsgefälles beförderte die Ansiedlung von
Industriebetrieben wie der Firma Lonza, die in den Anfängen in Gampel für die
Betriebsstätten ein eigenes Elektrizitätswerk unterhielt, welches das
Flusswasser der Lonza nutzte. Visp wurde erst später Produktionsstandort. Dort
wuchs die Dorfbevölkerung in der gleichen Zeitspanne wie in Brig von 359 auf
782 Einwohner an.
Brand machte vieles zunichte
Für die Zeit vor 1850 einen Walliser Gemeindespiegel zur erstellen war «ziemlich kompliziert», wie der Buchautor konstatiert. Vereinzelte Gemeindearchive reichten zwar bis ins Jahr 1178 zurück, doch Vieles bleibe lückenhaft. Bei der Helvetischen Volkszählung von 1798 musste somit auf die Aufzeichnungen von Pfarreien und sogenannten Agentenschaften zurückgegriffen werden. Erschwerend kam hinzu, dass zehn Jahre zuvor ein Brand die Stadt Sitten und grosse Teile des bischöflichen Archivs zerstört hatten. Angaben zum Bevölkerungsstand unter dem Ancien Régime existieren daher nur spärlich, aber nach 1798 änderte sich dies grundlegend. Ab diesem Zeitpunkt wurde nach jedem politischen Umbruch eine Volkszählung angeordnet und umgehend durchgeführt, etwa um Kontingente für die Armee oder die Anzahl Vertreter jedes Zenden im Landrat festzulegen. Ab 1838 verbesserte sich die Quellenlage zusehends.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Alte und Seltene Drucke
In Brig vervierfachte sich zwischen 1802 und 1811 die Zahl der Ansässigen, was mit dem Ausbau des Simplonpasses zusammenhängen dürfte. Bild: Gabriel Ludwig Lory; vermutlich 1820.
Akribische Recherche in Archiven
Die im Buch präsentierte Bevölkerungsentwicklung auf der untersten Verwaltungsebene basiert auf Einwohnerdaten von Kirchgemeinden oder Gemeinden. Martin Schuler forschte hierzu in allen kantonalen und bischöflichen Archiven der Schweiz sowie einiger Nachbargebiete. Jedem Kanton ist ein Kapitel gewidmet. Die historischen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz sind in komprimierter Form dargestellt mit aufschlussreichen Bezügen zu den Hintergründen auf lokaler Ebene. Auch Gebiete, die bis 1789 zur Alten Eidgenossenschaft gehörten, werden behandelt.
Eine historische Einleitung zur territorialen Entwicklung der Schweiz als Ganzes erleichtert die Einordnung in übergeordnete Zusammenhänge wie die Machtpolitik von Kirche und Adel. Behandelt werden verschiedene Typen von Bevölkerungserhebungen, mit welchen Schwierigkeiten die Erfassung von Daten früher verbunden waren oder welchem Zweck sie im jeweiligen politischen Kontext dienten. Die kantonalen Zählungen sind qualitativ und quantitativ sehr unterschiedlich. Der Kanton Neuenburg konnte mit Erhebungen früh Erfahrungen sammeln. Für Kenner der Wahrscheinlichkeitsrechnung dürfte es daher wohl kein Zufall sein, dass das Bundesamt für Statistik heute in der Stadt Neuenburg seinen Hauptsitz hat.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Alte und Seltene Drucke
Im Wallis fand eine Abwanderung aus den Bergdörfern ins Haupttal statt. 1821 zählte Sitten 2084 Einwohner. Die Bevölkerungsentwicklung blieb längere Zeit konstant. Bild: Gabriel Ludwig Lory; vermutlich 1820.
Detailliert werden die gesamtschweizerisch wichtige Volkszählung von 1798/99 sowie die jene der Tagsatzung von 1837/38 beschrieben, was im historischen Kontext wichtige Rückschlüsse auf später folgende Entwicklungen ermöglicht. Mit der Darstellung der Bevölkerungsentwicklung auf Gemeindeebene schärft das Buch anhand von Zahlen den Blick für die Vergangenheit. Die historischen Abrisse sind kurz, knapp und zweckmässig für das Verständnis der Zahlen. Zahlreiche Karten erleichtern den Blick auf wichtige historische Etappen bei der Entstehung der Schweiz. Das Buch ermöglicht dabei eine neue Sichtweise hält die Bedeutung von Gemeinden.
Es erfordert etwas Geduld, sich in die Datenreihen zu vertiefen. Zeitreihen vermitteln Konstanz – bis diese abrupt unterbrochen werden. Dabei stellen sich viele Fragen, auf die das Buch schlüssige Antworten liefert. Es kann Anlass sein zu entdecken, warum eine Gemeinde damals ein höheres Bevölkerungswachstum aufwies als die benachbarte Ortschaft bei ähnlichen geografischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen und mit jeweils guter Anbindung ans Wegnetz. Das Gebiet der ehemals eigenständigen Gemeinde Mett ist übrigens seit 1920 ein Stadtteil von Biel.