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Lebende Tote
Misogynie ist in Indien ein immer noch allgegenwärtiges Problem.
Witwen sind davon in besonderem Masse betroffen.
Für grosse Teile der Gesellschaft sind Frauen nach dem Tode ihres Ehemannes nutzlos.
Noch vor 150 Jahren wurden Witwen zusammen mit dem Leichnam ihres Mannes verbrannt.
Heute werden sie oft von Familie und Kindern verstossen, physisch und mental gequält und müssen am Rande der Gesellschaft leben.
Sie haben keine Rechte mehr und selbst junge Witwen dürfen nicht mehr heiraten.
Soziolog*innen bezeichnen sie als „Lebende Tote“.
In der Pilgerstadt Vindravan suchen viele Witwen Zuflucht, Hilfe und Gemeinschaft.
Dort wurde Helmut Wachter mit der Situation der Witwen konfrontiert, hat ihr Leben dokumentiert und einige individuelle Schicksale kennengelernt.
Beena Dasi, 78 Jahre: «Niemand kümmert sich um seine Eltern. Ich bin da keine Ausnahme. So ist es überall.»
Lokhi, 72 Jahre: «Meine Kinder lieben mich nicht und fragen noch nicht mal nach mir»
Shanti Devi, ungefähr 50 Jahre: «Meine Kinder sagten ich sollte irgendwohin verschwinden und dort sterben.»
Vindravan wird auch die «Stadt der 5000 Tempel» genannt.
Hier soll der Hindu-Gott Krishna aufgewachsen sein. Jeder Hindu sollte in seinem Leben eine Pilgerfahrt nach Vindravan gemacht haben und die Gelegenheit nutzen durch ein Bad in den heiligen Wassern der Tempelponds seine Sünden abzuwaschen.
Almosen geben ist Pflicht und das zieht viele Witwen an. 15.000 bis 20.000 Witwen leben heute in Vindravan.
Mehr als die Hälfte davon lebt bettelnd auf der Strasse.
Immerhin wartet auf die Witwen ein erbarmendes Schicksal, wenn sie in Vindravan sterben.
Gemäss dem hinduistischen Glaubens wird jeder Hindu der hier seinen letzten Atemzug tut vom Zyklus der Wiedergeburt erlöst.