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Goldrausch in Down Under
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- Freitag, 15. Juni 2012 00:00
1. Teil der siebenteiligen Reportage «Banker unter Tage», von Hannes Grassegger.
Als am 9. Dezember 2011 Australiens Aussenminister Kevin Rudd in die Bar im Darling Harbour in Sydney trat, beendete seine Chefin, Premierministerin Julia Gillard, soeben ihre Fernsehansprache zur Zukunft des Landes. Wahrscheinlich wollte Kevin Rudd nur einen Drink nehmen. Doch eine Gruppe Journalisten erkannte den Politiker mit dem bubenhaften Gesicht und bestürmte ihn sofort nach seiner Meinung zu Gillards Rede. Kevin Rudd ist ein Mann des Volkes. Der Aussenminister hob den Mittelfinger und gab Auskunft: «Fuck the Future.»
Eineinhalb Jahre zuvor musste Rudd, damals noch selber Premier Australiens, auf Druck seiner Partei den Rücktritt einreichen. Wenige Tage darauf, am 8. Juli 2010, triumphierte Tom Albanese, der Geschäftsführer des global operierenden australischen Minenunternehmens Rio Tinto in London, bei einem Dinner von über 500 Vertretern der Minenindustrie: «Politiker auf der ganzen Welt sollten sich das eine Lehre sein lassen.» Rudd hatte zuvor vorgeschlagen, Albaneses Firma höher zu besteuern.
1616, als Dirk Hartog als erster Europäer Westaustralien betrat, nannte er es Neu-Holland. Er wusste nicht, wie richtig er mit diesem Namen einst liegen würde.
Perth strahlt. Sogar in der Mittagshitze ist es wunderbar, sogar hier an der Palmerston Street neben dem neuen öffentlichen Tenniscourt im Stadtteil Northbridge. Sonnenschein, sanfte Brise. Häuser und Autos in dem früher als eher ärmlich geltenden Einwandererviertel sehen neu und gepflegt aus. In Northbridge geht es bergauf. Dann kommt Felix mit seinem dunkelgrünen alten Toyota mit den Kratzern, mit den Spinnweben am linken Aussenspiegel, um mich durch sein Perth zu fahren.
Perth ist die Hauptstadt von Westaustralien. Es ist die isolierteste Stadt der Welt, keine andere Metropole ist so weit von einer nächsten grösseren Stadt entfernt wie dieser 1,7-Millionen-Sprawl. Perth steht für jenes Down Under, das früher das schüchterne Ende der westlichen Welt war. Ein ehedem kleiner, verkrampfter Commonwealth-Aussenposten, der sich heute an der Spitze von etwas Neuem, Grossem fühlt: dem asiatischen Jahrhundert. Von Perth aus ist es doppelt so weit ins krisengeplagte England – Wirtschaftswachstum im letzten Jahr 0,6 Prozent – wie ins blühende China. Und in China – plus 9,1 Prozent – schiessen die Hochhäuser in die Höhe, werden die Parkplätze vor den nagelneuen Shoppingcentern immer knapper, in China fliesst der Strom aus den soeben eröffneten Kraftwerken in Firmenzentralen, von denen aus Fabriken gesteuert werden, die wiederum die ganze Welt beliefern. Auch das zweite grosse asiatische Wachstumsland Indien – plus 6,8 Prozent – liegt nah.
An die 200 Millionen Menschen stiegen in China in den letzten Jahren in die Mittelschicht auf. Und 160 Millionen in Indien. Noch lebt Asien vom Geschäft mit dem Westen, aber bald schon wird man sich selber tragen. Eigentlich kommt die industrielle Revolution gerade erst richtig in Schwung. Und der Stahl für die Schienen und Autos und Gebäude; Kohle, Gas, Uran und Öl für Asiens Power kommen zu einem guten Teil aus Australien. Meist aus Westaustralien. Über ein Viertel aller australischen Exporte gehen nach China. Drei Viertel davon sind Rohstoffe. Jährliches Wachstum: fast 40 Prozent.
Es sei der grösste Boom der Geschichte, der Superboom für Jahrzehnte, glauben viele in Australien. Auch wenn es sich in der von Krise zu Krise taumelnden westlichen Welt seit der grossen Finanzkrise anders anfühlt, auch wenn «Foreign Affairs» im vergangenen Dezember fragte: «Is America Over?» und der «New Yorker» bereits die Abschiedsglocken läutete – «Au Revoir, Europe?» – in Australien schlug sich die grosse Finanzkrise nicht auf das Wirtschaftswachstum nieder, und auch die nun nachfolgende Staatsschuldenkrise will man unbeschadet überstehen. Down Under ist jetzt On Top of the New World.
Es gibt eine eigene Website für die vielen Verschönerungsmassnahmen und Bauprojekte der Stadtverwaltung von Perth. Felix zeigt mir die Projekte voller Stolz. Wir passieren ein makelloses Bezirks-Verwaltungszentrum inklusive Kunst am Bau, fahren auf den Freeway. Links unten entsteht die neue Perth Arena für eine halbe Milliarde, daneben das neue Citylink-Trassee für das Dreifache. Felix biegt ab. An einem Kreisverkehr – Stahlskulptur in der Mitte – liegt ein kleiner Park, gross wie ein Volleyballplatz, bestückt mit einem riesigen, laufenden Flat-Screen und geziert mit Sitzgelegenheiten, die des Nachts von innen blau leuchten. Ein Aborigine sitzt im sauber gestutzten Rasen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Magazines REPORTAGEN.
REPORTAGEN ist das Ende Oktober 2011 neu lancierte deutschsprachige Magazin, das sich ausschliesslich auf Reportagen fokussiert: Sechs Mal pro Jahr erzählen herausragende Autoren und Autorinnen unerhörte Geschichten aus aller Welt. Erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.
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