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Merkmal der ersten Ingenieure in der Schweiz sind die Stadtbefestigungen ab dem 16. Jahrhundert. Mit dem bastionären System begannen sie damals die Technik des Festungsbaus zu modernisieren. Die bisherigen Mauern, Türme und Tore samt Bollwerken wurden innovativ ergänzt. Wie aber sah es aus in den «Länderorten»? Gemeint sind die Urkantone Uri, Schwyz, Unterwalden sowie Glarus und Appenzell. Ihre Interessen und Eigenschaften waren ländlich, bäuerlich geprägt mit einer Landsgemeinde als dem obersten Organ. Sie unterschieden sich darin von den anderen Orten mit bürgerlichen Hauptstädten, regiert von einer städtischen Aristokratie oder von Zünften aus Patriziern und Handwerkern an der Spitze. Eine Ausnahme ist Zug. Trotz seiner Hauptstadt zählt es ebenfalls zu den Länderorten, weil es über eine Landsgemeinde verfasst war (HLS 7, 571-3).
Bekanntlich hatten die Länderorte keine Städte. Also könnte man daraus schliessen, dass es bei ihnen keine Ingenieure gab, dass ihnen das Ingenieurwesen sogar fremd war und dass sie, weil erfolgreich, bei ihrer Kampfform von «Hauen und Stechen» blieben. Dem ist aber keineswegs so. Die Regierungen in den Länderorten kannten die Ingenieurleistungen sehr wohl. Drei Beispiele sind aufschlussreich.
An der Konferenz der VII katholischen Orte vom Oktober 1619 in Luzern wurde ein schwerer Streit zwischen Bern und Freiburg, aber auch die gefährliche Lage in Graubünden behandelt. Gleichzeitig ermahnte man die nahestehenden katholischen Herrschaften per Brief zu Wachsamkeit. Zu den ennetbirgischen Vogteien im Süden heisst es: «Weil es ferner in der Landschaft Lauis (Lugano) gute ‘Ingegnieren’ gibt, soll dem Landschreiber geschrieben werden, er solle den zu Hause befindlichen die Weisung geben, nicht wegzugehen und die in der Nähe sich aufhaltenden heim zu mahnen, damit man sich ihrer im Notfall bedienen könne. Der Landschreiber soll auch anordnen, dass die Unterthanen möglichst mit Waffen versehen seien; dasselbe soll dem Landvogt zu Luggarus (Locarno) aufgetragen werden.» (Abschiede 1875, S. 99-101). – An der Konferenz der katholischen Orte während der gemeineidgenössischen Tagsatzung vom September 1753 in Solothurn berichtete die Gesandtschaft von Luzern zu Angelegenheiten in der Herrschaft Sargans. Zwei reformierte Ingenieure seien angestellt worden, um einen Riss zu anzufertigen. Deren Arbeit, gemeint ist ein Grundriss oder eine Karte, sei aber verschieden ausgefallen. Da es sich um einen wichtigen Pass handle, sei auch ein katholischer Ingenieur anzustellen. «Luzern schlägt den Hauptmann Rudolf Nideröst von Schwyz vor». (Abschiede 1867, 758). – Über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist Karl Jakob von Weber aus Schwyz. Nach seinem Dienst in Neapel als Offizier im Regiment Tschudi wurde er an den dortigen Ausgrabungen von antiken Schätzen eingesetzt. Dank seiner Methode wies er der Archäologie neue Wege (NZZ 5.2.2014, S. 45). Sein Umfeld sei nachstehend beschrieben. – Weitere Ingenieure der Länderorte sind also dort zu finden, wo ihre Regierungen beteiligt waren: in Städten von Gemeinen Herrschaften, bei Streitigkeiten um die Marchen zur genauen Vermessung der Grenzen und in fremden Diensten. Wann erste Ingenieure in den Länderorten selbst zu wirken begannen, ist eine offene Frage – sei es an den militärischen Geländeverstärkungen oder an der zivilen Infrastruktur.
Webers Leben im Überblick
Karl Jakob von Weber entstammt einer angesehenen Familie aus dem Kanton Schwyz. Geboren wurde er am 1. August 1712 in Arth am oberen Zugersee. Sein Vater war Ratsherr von Schwyz. Im Alter von 17 Jahren besuchte er das Obergymnasium des Jesuitenkollegs Luzern. 1731 studierte er Mathematik am Collegio Ghisleri in Pavia. Nach vier Jahren begann er in Neapel eine Karriere als Offizier im Regiment Tschudi. 1739 heiratete er Luisa Salzano de Luna aus einer neapolitanischen Adelsfamilie. Die Frau wohnte in Neapel, auch wenn ihr Mann dienstlich an andere Orte versetzt war. Die Ehe blieb kinderlos. Dank seiner Ausbildung konnte er die Prüfungen als Genie-Offizier bestehen und wurde 1743 in das Ingenieur-Korps aufgenommen. Durch seine technischen Arbeiten fiel er Oberst Roco Alcubierre auf. Alcubierre war Leiter der Ausgrabungen und als er einen Assistenten brauchte, wurde ihm Weber zugeteilt. In dieser Stellung wirkte er ab 1750 bis an sein Lebensende. Die Arbeitsbedingungen für seine letzten Werke hatten im gesundheitlich so stark zugesetzt, dass er bereits im Alter von 52 Jahren in Neapel verstarb.
Das Königreich Neapel-Sizilien unter der Herrschaft der Bourbonen – militärische und politische Verhältnisse
Neapel war seit 1504 ein Vizekönigreich von Spanien. Auf dem spanischen Thron herrschten Habsburger bis 1700, als ihre Linie mit Karl II. ausstarb und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-14) auslöste. Dieser Krieg war eine Auseinandersetzung verschiedener Dynastien. Neapel und Sardinien gelangten an Österreich. Savoyen erhielt Sizilien, das es 1720 gegen Sardinien austauschte. Als in Polen der Streit um die Thronfolge ausbrach, wurde er militärisch auch in Italien ausgetragen (1733-38). In der Folge sollten Neapel und Sizilien als eigenständige Königreiche an die spanischen Bourbonen gelangen. Deren Kronprinz Karl (1716-88) wurde noch als Infant von seinem Vater Philipp V. eingesetzt, und zwar als König Karl V. von Sizilien und als Karl VII. von Neapel. Zuvor war er bereits Herzog von Parma und Piacenza (1731-35). Er lebte in Neapel bis 1759, als er nach dem Tod seines Halbbruders Ferdinand VI. als spanischer König Karl III. in Madrid den Thron bestieg. Eine treibende Kraft hinter diesen politischen Absichten Spaniens in Italien war Karls Mutter Elisabetta Farnese (1692-1766), die zweite Ehefrau Philipps V.
Kronprinz Karl erlangte die Kronen über Neapel und Sizilien nicht ohne Kriege. 1731 ziehen spanische Truppen mit Karl nach Pisa und 1732 weiter nach Florenz gegen Österreicher, von wo aus sie die Herzogtümer Parma und Piacenza einnehmen. 1734 zieht Karl von Parma aus mit einem spanischen Heer von 25’000 Mann, zur See unterstützt von der spanischen Flotte, nach Neapel. Dort wird die österreichische Besatzung geschlagen. Karl ist neuer Herrscher, worauf er das weitere Festland und 1735 auch Sizilien in Besitz nimmt. Vom Kaiser anerkannt wurde dies 1738 gemäss Präliminarvertrag zwischen Österreich und Frankreich. Weitere Spannungen bestehen in den Kriegen um die österreichische Thronfolge (1740-48), wobei auch Neapel bedroht wird, aber von Österreich nicht wieder eingenommen werden kann. In diesen Jahren muss Karl sein Königreich innenpolitisch festigen, während er aussenpolitisch an sein Elternhaus in Madrid gebunden ist (Eyer 2008, 48-61).
Die Schweizer Regimenter in Neapel
Nach der Eroberung von Neapel im Jahr 1734 verfügte Karl über ein Heer von etwa 30’000 Mann. Gegliedert war es in die Leibgarde, in 16 Infanterie-Regimenter in Linie sowie Kavallerie, Artillerie und Marine (Eyer 2008, 68). Mit einer Rückkehr der geschlagenen und vertriebenen österreichischen Truppen war weiterhin zu rechnen. Zudem litt die Küste unter den Angriffen von Piraten. Deshalb wurde 1743 ein Gesetz zum Ausbau der neapolitanischen Armee erlassen. Neu sollte die Armee aus 12 Infanterie-Regimentern bestehen, die alle aus Bürgern der Provinzen gebildet wurden, und aus weiteren 7 Regimenter aus Veteranen. Unterstützt wurden sie von ausländischen Regimentern mit Soldaten aus der Schweiz, aus Wallonien und Irland. Dazu gehören sollten ebenfalls 8 Regimenter Kavallerie und Dragoner, 1 Regiment Artillerie sowie ein Korps der Ingenieure für den Geniedienst. Die Marine erhielt Fregatten, bestückt mit Kanonen und Marineinfanterie. Zur Durchführung dieses Ausbaus bestehen widersprüchliche Angaben (Eyer 2008, 67). Immerhin wurde 1744 bei Velletri ein Angriff der österreichischen Truppen abgewehrt, was die Stellung des neuen Königs festigte.
Bereits 1731, als Karl von Spanien nach Italien gezogen war, hatte ihn sein Vater Philipp V. mit den zwei Schweizer Regimentern Nideröst und Bessler unterstützt. Nach 1734 baute der neue König zwei weitere auf, das eine unter Josef Anton Tschudi (1703-1770), das andere unter Karl Franz Jauch (1679-1743). Beide Persönlichkeiten gelten heute als bedeutende Militärunternehmer. Dienst leisteten die vier Regimenter in Neapel bzw. Sizilien. Sie erreichten eine Truppenstärke von max. 7’000 Mann (HLS 9, 110). Heftig umstritten war in der Schweiz, ob sie neben Leibwache und defensiven Aufgaben auch für Angriffe eingesetzt werden durften.
Josef Anton Tschudi stammte aus Katholisch-Glarus, war ab 1721 in spanischen Diensten und nahm 1731 im Regiment Nideröst am Feldzug zur Eroberung von Neapel teil. Von seinem neuen Regiment wurde bereits 1734 eines der vier Bataillone zur königlichen Garde bestimmt, deren Kommando er selbst übernahm. 1738 zum Feldmarschall befördert, hatte er sich 1744 in der Schlacht von Velletri bewährt. Die weiteren drei Bataillone bildeten ein Linienregiment, dessen Kommando sein Bruder Leonhard Ludwig Tschudi (1701-1779) innehatte.
Webers Offizierslaufbahn
1735 hatte sich Karl Jakob von Weber im Linienregiment von Leonhard Ludwig Tschudi als Offizier der Infanterie anwerben lassen. Während zwei Jahren diente er als Oberleutnant, als Stellvertreter des Kompaniekommandanten und dann als Aide-Major. An dieser Stabsstelle war er Volontär und kontrollierte Bestandslisten, Mängel der Unterkünfte, Zuteilung der Verpflegung sowie die Ausbildung der Wachen. Nach seiner Brevetierung unterlief ihm ein grober Fehler. 1739 heiratete er in Ortona a Mare in der Nähe von Pescara. Seine Frau Maria Luisa Salzano gehörte zu einer noblen Familie aus Neapel, die vom Bräutigam ein stattliches Heiratsgeld verlangte. Weber war zwar aus nobler Familie aus Arth, konnte es sich aber mit seinem Sold nicht leisten. Sein Bruder Franz Dominik stand für ihn gerade. Nicht darin bestand sein Fehler, sondern im Verstoss gegen die Vorschrift, dass Soldaten vor einer Heirat mit einer Ausländerin die Bewilligung des Regimentskommandanten einholen mussten. Weber wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und degradiert.
Nach einer Intervention der Schwyzer Regierung beim neapolitanischen Premierminister, vermittelt über den Gesandten in Luzern, konnte die Strafe erlassen werden und im Januar 1740 war Weber wieder in seinem militärischen Grad. Seinen angeschlagenen Ruf korrigierte er durch zuverlässigen Dienst. 1743 bewarb er sich um die Aufnahme ins Königliche Korps der Ingenieure und bestand die Prüfung bei Brigadegeneral Giovanni Bigotti. Die folgenden sechs Jahre sind weniger gut dokumentiert. Vermutlich war er im Geniedienst beispielsweise mit der Planung und Zeichnung von Festungen engagiert. Im Rückblick entspricht diese Stelle heute einem Genieoffizier. In dieser Funktion fiel er dem spanischen Ingenieur Rocque Joaquin de Alcubierre auf, der die Ausgrabungen von Herculaneum leitete.
Einblick in das Ingenieurwesen von Neapel
Die Funktionen von Giovanni Battista Bigotti (Mitte des 18. Jh.) können Aufschluss geben zum damaligen Ingenieurwesen in Neapel. Eine wichtige Rolle spielte die «Regia Camera della Sommaria». Als oberste Behörde der königlichen Verwaltung prüfte sie die Rechtmässigkeit der Entscheide, die Verwendung der Gelder, die Tätigkeit der Provinzverwalter, die Gerichte und die Steuerangelegenheiten. Sie bestand schon seit dem 13. Jahrhundert und wurde ab 1734 unter der bourbonischen Herrschaft bis 1806 weitergeführt. Ihre Mitglieder waren ehrenamtlich tätig und mehrheitlich Juristen. Für spezifische Fragen konnten auch Ingenieure beigezogen werden, welche dann als «ingegnere camerale» ausgezeichnet wurden. Allerdings brauchten sie eine entsprechende Qualifikation. Brigadegeneral Bigotti war zum Beispiel eine Persönlichkeit mit der nötigen Autorität, um die Bewerbungen von Kandidaten als «ingegnere camerale» zu beurteilen (Strazzullo 1969, 34-6).
Als Chefingenieur und Chefarchitekt des Königs waltete Giovanni Antonio Medrano (1703-60). Nach einem Skandal musste Bigotti 1745 dessen Posten übernehmen. In Sizilien geboren war Medrano nach Spanien gezogen, wo er sich im Königlichen Ingenieurkorps (1711 von Philipp V. gegründet) an Militärbauten beteiligte. 1731 zog er als Leutnant mit Kronprinz Karl nach Italien mit der Hauptaufgabe, ihn in den Fächern Militärkunst und Architektur zu unterrichten. Diese Stellung und seine Fähigkeiten führten ihn zur erwähnten Oberaufsicht über sämtliche öffentliche Bauten. Unter der neuen Herrschaft der Bourbonen hatte in Neapel eine rege Bautätigkeit eingesetzt. Dazu gehörten neue Paläste, Theater, Fabriken, Werften sowie Bauten ausserhalb Neapels. Zudem sollte 1738 mit den archäologischen Ausgrabungen wieder begonnen werden. Medrano setzte für diese Aufgabe Ingenieur Alcubierre ein. Im selben Jahr entwarf er die Pläne für den neuen Königspalast Capodimonte. Unregelmässigkeiten bei der Ausführung und wachsende Unzufriedenheit des Hofs führten zu Untersuchungen gegen ihn mit Verurteilung und zu seiner Degradierung (Parslow 1995, 41).
Weitere Beispiele zum Ingenieurwesen finden sich in zahlreichen Lebensläufen. Sie betreffen die gesamte damalige militärische und zivile Bautechnik. Die einzelnen Personen durchkreuzen sämtliche, heute ausdifferenzierten Wirkungsfelder des Bauwesens. In dieser Stadt mit Königsresidenz kämpften sie vor allem um ihre Stellung in der Gesellschaft. Zudem wurden sei in ihren Ideen für den Bau prunkvoller Paläste von den Ausgrabungen antiker Stätten beflügelt, was der bourbonische Hof unter Karl förderte und zugleich überwachte.
Zur Grabungsgeschichte
Nach dem Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 n.Chr. waren die antiken Stätten sehr bald in Vergessenheit geraten. Wo einst Pompeji lag, nannte man die Gegend «Cività». Über Herculaneum entwickelten sich Resina sowie Portici und bei den römischen Luxusvillen von Stabiae liegt heute Castellammare di Stabia. Es gab weitere Ausbrüche des Vesuvs, aber auch neue Grundbesitzer, die das fruchtbare Gebiet wieder anbauten. Zur Zeit der Renaissance erschienen erste idealisierte Beschreibungen, wie diese Orte vor den Vulkanausbrüchen ausgesehen haben könnten. Weitere konkrete Spuren erschienen später bei Grabungen zwecks Wasserleitungen und Brunnen, ohne dass sie aber gedeutet oder in einen Zusammenhang gestellt wurden. Vereinzelt gefundene Statuen nutzte man als repräsentative Geschenke an ausländische Fürstenhöfe. Mit der Herrschaft der Bourbonen aber setzte eine intensive Grabungstätigkeit ein. Bekanntlich dauern sie bis heute an. Die ersten Jahre werden als Zeit der Schatzgräber qualifiziert. Von Interesse waren vor allem Statuen und Wandmalereien, welche die Beteiligten möglichst prestigeträchtig dem Herrscherhaus präsentierten und von König Karl als Sammlung angelegt wurde. Dementsprechend war die Grabungsmethode, planlos ohne Blick auf das Leben einer antiken Stadt. Umso eindrücklicher sind Webers Ergebnisse ab 1750, selbst wenn ihm nur 14 Jahre Grabungstätigkeit vergönnt waren.
Gleich bei seiner Ankunft in Neapel war König Karl von Bourbon auf die Schätze antiker Vergangenheit sensibilisiert worden. Sie sollten das Ansehen seiner Herrschaft in Neapel steigern. Als Beginn wichtiger Ausgrabungen werden genannt: 1738 in Herculaneum, 1748 in Pompeji, 1749 in Stabiae, 1750 Entdeckung der «Villa dei Papyri» und 1755 Gründung der «Accademia Ercolanese». Als erster Grabungsleiter gilt Roque Joaquín de Alcubierre (1702-80). In Spanien geboren folgte er als Hauptmann der Artillerie 1734 seinen Vorgesetzten nach Italien bis nach Neapel. 1738 erhielt er von Chefingenieur Medrano den Befehl, bei Portici ein Grundstück zu vermessen, das für einen neuen Sommerpalast mit Vergnügungspark für den König vorgesehen war. Bei dieser Gelegenheit hatte er von früheren Funden erfahren, worauf er dort antike Ruinen erkundete (Parslow 1995, 19). Im selben Jahr erhielt er genauere Instruktionen, wurde aber 1741 krank und musste um Urlaub ersuchen. Die Leitung übernahm Pierre Bardet de Villeneuve, bis Alcubierre 1745 zurückkehrte.
Bereits 1740 gab es erste Kritiker der Methoden von Alcubierre, da er die Gruben nach dem Fund wertvoller Stücke oft mit dem als wertlos erachteten Material wieder zuschütten liess. Wandmalereien liess er entfernen und aufteilen. Seine Notizen waren nicht mehr als ein Inventar ohne Herkunftsangaben. Dennoch gelang es Alcubierre in den folgenden Jahren, die Verdienste von anderen namhaften Beteiligten zu überspielen und sich selbst als den wichtigsten Entdecker darzustellen. Einer der ersten Kritiker war der Illustrator Camillo Paderni (ca. 1715-81) aus Rom, der später Einzelstücke zeichnen, sammeln und sie ausstellen sollte. 1751 wurde er Direktor des im neuen Königspalast von Portici eingerichteten Museums (Parslow 1995, 33 und 98).
Webers Beitrag an die Ausgrabungen
Auf der Suche nach weiteren Schätzen für die königliche Sammlung erhielt Alcubierre vom König 1748 die Erlaubnis, in der Gegend von «Cività» zu graben. Er vermutete, dass es sich dabei um Stabiae handeln würde. Erst 1763 sollte eine entdeckte Inschrift deren Namen Pompeji bestätigen. Die ersten Versuche waren nicht ergiebig genug. Alcubierre setzte seine Leute an weiteren Orten ein. Zudem wurde er 1749 zum Oberstleutnant und stellvertretenden Kommandanten des Korps der Ingenieure befördert, weshalb er mehr in Neapel präsent sein musste. Deshalb forderte er einen Assistenten in der Person von Karl Weber. Giovanni Battista Bigotti war dagegen, weil er Webers Erfahrung im Festungsbau kannte und weitere Ingenieure für den Bau von Truppenunterkünften brauchte. Doch Alcubierre setzte sein Begehren durch, worauf Weber 1750 zum Dienst in Portici antrat (Parslow 1995, 46).
Weber fuhr mit der bisherigen Grabungstechnik fort (Tunnelbau bei Herculaneum und Tagbau bei Portici), führte aber ein genaues Tagebuch, zeichnete massstabsgerechte Pläne mit Fundstellen sowie Bildlegenden und interessierte sich vor allem auch für die Architektur und den antiken Hintergrund der Gebäude. Bei Webers Dienstantritt war eine Grabungsequipe bei Herculaneum auf eine Vorstadtvilla gestossen, die sich bis heute als grösstes römisches Landhaus erweisen sollte. Wegen der gefundenen Schriftrollen wurde es als «Villa dei Papiri» bezeichnet. Weber realisierte, wie prestigeträchtig diese Anlage für seine Vorgesetzten war. 1752 ersuchte er um eine Gehaltserhöhung, mit Empfehlung von Bigotti, und um Beförderung zum Oberstleutnant. Beides wurde von Premierminister Fogliani abgelehnt. Alcubierre, der weiterhin auf Schatzsuche war, verlangte sogar Webers Entlassung (Parslow 1995, 90-91).
Mit der Dokumentation zur «Villa dei Papiri» schuf Weber einen Prototyp für seine weiteren Arbeiten. 1755 folgte die Praedia von Julia Felix in Pompeji. 1760 fasste er seine bisherigen Ergebnisse in einer Monographie zusammen mit dem Ziel, in die «Accademia Ercolanese» aufgenommen zu werden. Er stiess auf Ablehnung mit der Begründung, seine Darstellungen entsprechen nicht «dem Vergnügen und Geschmack gebildeter Leute» (Parslow 2018, 98-99).
Dass es zwischen den Beteiligten zu Spannungen und Animositäten kam, war vorauszusehen. Paderni, der Kustos des Museums im Königspalast, sammelte peinlich genau die Einzelstücke der antiken Welt und hielt sie strikte unter Verschluss. Weber war auf Erfassung und Darstellung von unterirdischen Bauten als Ganzes ausgerichtet. Alcubierre musste konkrete Ergebnisse liefern. Zu einer topographischen Erfassung war er allerdings nicht in der Lage. Selbst die Vermessung des Bauplatzes für den Königspalast hatte er nie zu Ende gebracht (Parslow 1995, 48). Trotzdem genoss er das uneingeschränkte Vertrauen des Königs. Wichtige dienstliche Korrespondenz verlief über Bernardo Tanucci (1698-1783), seit 1735 königlicher Berater, 1752 Justizminister und 1759 Vorsitzender der Regenschaft des noch unmündigen Ferdinand IV. Tanucci berichtete laufend über die Ausgrabungen an König Karl, ab 1759 nach Spanien, der ihm seine Weisungen erteilte. So unterstellte er 1762 Alcubierre und Weber dem Museumsdirektor Paderni, was keineswegs zur Entspannung führte. Man mag Alcubierre eine Engstirnigkeit vorwerfen, aber in seiner Sturheit handelte er gemäss königlichem Befehl und fachlichen Weisungen seiner technischen Vorgesetzten (Strazzullo 1999).
Inzwischen hatten Webers Arbeiten am Theater in Herculaneum das Interesse der Gelehrten und Antiquare gefunden. Tanucci bestellte bei Weber im November 1763 einen Übersichtsplan, selbst wenn er noch nicht vollständig wäre. Weber lieferte ihn umgehend (abgebildet in Parslow 1995, 260). Gesundheitlich angeschlagen, bat er um Urlaub zwecks Genesung in Neapel an «besserer Luft» und um Entgelt für seine medizinische Behandlung, verstarb dort aber am 14. Februar 1764. Als Todesursache wird eine Lungenentzündung vermutet, möglicherweise in Kombination mit den Arbeiten untertags für das Theater und der feuchten Witterung. Einen Anteil gehabt hatten wohl der psychische Druck von Alcubierre mit teils persönlichen Angriffen während der letzten Monate sowie seine Geldsorgen (Parslow 1995, 268-71).
Späte Anerkennung
Als Bigotti von Webers schlechten Gesundheitszustand erfahren und ihn besucht hatte, ordnete er die Beschlagnahmung seiner Dokumente und Überführung ins Kommando der Schweizer Garde an. Nach seinem Tod wurden sie dort aufgeteilt in drei Stapel. Jene der Ausgrabungen gelangten zu Tanucci, jene des Geniediensts an den General-Adjutanten der Garde und die privaten an seinen Bruder Franz Dominik Weber, der im Regiment Tschudi Dienst tat. Am 21. Februar 1764 hatte Tanucci in seinem Bericht an König Karl den Tod von Weber mitgeteilt. Er qualifizierte ihn als einen «bescheidenen, aufrichtigen, gewissenhaften, tüchtigen Mann, der nicht leicht zu ersetzen sei» und dachte gleichzeitig an La Vega, «fähig im Zeichnen und in der Zivil-Architektur» (Strazzullo 1999, 21). Francesco La Vega (1737-1804) verfügte dann im August 1764 über Webers Pläne, ohne dass er sie ergänzt und fertiggestellt hätte (Parslow 1995, 275). Nach dem Tod von Alcubierre wurde er 1780 bis 1797 Leiter sämtlicher Grabungen.
Die gefundenen Schätze hatten bald grossen Einfluss auf das Geistesleben, auf Kunst und Mode in Europa. Im Vergleich zu Rom war nun in Neapel eine schier unendliche Fülle von Schätzen vorhanden, um die antike Kunst besser zu verstehen. Zur Verbreitung der Kenntnisse an den Fürstenhöfen trug Johann Jakob Winckelmann (1717-68) bei. In seinen Schriften kritisierte er aber die Grabungsmethoden bei Neapel sehr heftig und machte sich unbeliebt. Einzig Karl Weber, damals Major, lobte er als eine der wenigen verständigen Personen. 1762 bemerkte er zu dessen Methode: Weber begann als erstes mit einem Grundriss der entdeckten Bauten, bezogen auf die Tunnels der Grabungen, ergänzt durch andere Zeichnungen mit Massangaben, sodass ein Betrachter einen Gesamteindruck des Gebäudes, seines Inneren und seiner Gärten erhalten würde, wie wenn es von oben her aufgedeckt wäre. Diese Pläne wurden damals aber niemandem gezeigt (Parslow 1995, 224-6).
Francesco La Vega benutzte Webers Pläne vorerst zur Erweiterung seiner eigenen Kenntnisse. Nachdem er deren Wert erkannt hatte, schlug er Tanucci sogar die Veröffentlichung einer Grabungsgeschichte vor. Sie dienten ihm neben jenen von Alcubierre und eigenen Zeichnungen als Unterlage für die ersten Übersichtspläne von Pompeji (1769) und Herculaneum (1797). Wenige Jahre später waren Webers vollendete Pläne meist vergessen. Gelehrte wussten davon, konnten sich aber nicht darauf beziehen und beklagten deren Verlust. Erst 1873 tauchten sie wieder auf und wurden vom Nationalmuseum in Neapel zurückgekauft (Parslow 1995, 275-9). Im Jahr 2018 kam eine Auswahl von ihnen als Original erstmals in die Schweiz. In einer Ausstellung zeigte das Museo Max in Chiasso, was im 18. Jahrhundert nur wenige sehen durften, obwohl die Funde sehr rasch eine neue Einstellung zur Antike ausgelöst hatten (NZZ 10.4.2018, S. 39).
Weber war mit seinem wissenschaftlichen Vorgehen seiner Zeit voraus. Er hatte gedacht, mit seinen Kenntnissen und darstellerischen Fähigkeiten die verdiente Anerkennung zu erhalten. Doch sein gesellschaftlicher Hintergrund und sein Ruf reichten nicht aus. Der Hof dachte damals keineswegs daran, eine Person wie Weber als Mitglied der Akademie aufzunehmen. Wenn inzwischen nicht nur die Schätze der Antike eine grosse Aufmerksamkeit finden, sondern auch die Wege, wie sie freigelegt wurden, so gehört Weber zu den Pionieren.
Mit Blick auf die wissenschaftlich begründete Archäologie darf an dieser Stelle auf den Kunstmaler Hans Bock d.Ä. (um 1550-1624) hingewiesen werden. Im Auftrag des Juristen und Altertumsforschers Basilius Amerbach d.J. (1533-91) hatte er als Geometer das römische Theater Augusta Raurica vermessen. Amerbach gilt als Begründer der klassischen Archäologie nördlich der Alpen (HLS 1, 294). Nach seinem Tod wurden dessen Arbeiten rasch vergessen, nicht aber die Vermessungstechnik von Hans Bock (Rickenbacher 2015). Dank der Publikation von Johann Lörer, 1616 in Zürich gedruckt, fand sie weitere Verbreitung.
3.4.2023 / B.M.