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Eröffnung der Hochschule in Bern,
von
d. Z. Rector der Hochschule. Ueber den Nutzen physiologischer Versuche an Thieren für die Heilkunde und über die Vorurtheile gegen solche Versuche.
Bern. Gedruckt bei A. Weingart. 1842.Hochachtbare Versammlung!
Indem das ehrenvolle Vertrauen meiner Herren Collegen mich zur Uebernahme der Rectoratsgeschäfte für das begonnene Studienjahr berief, wurde mir zugleich das Recht zu Theil, heute redend vor Ihnen aufzutreten. Vor einer gemischten Versammlung Gebildeter, wie sie sich bisher an diesem Tage hier einzufinden pflegte, darf der Redner billiger Weise sich nur über einen Gegenstand von allgemeinerem Interesse verbreiten. Ich glaubte in diesem Sinne handeln zu können, ohne gerade aus jenem Gebiete des Wissens herauszutreten, welchem meine Thätigkeit vorzugsweise zugewendet ist, wenn ich darzustellen versuche, welchen Nutzen physiologische Versuche an Thieren der Heilkunde gewähren, und wenn ich daran einige Bemerkungen knüpfe über das hin und wieder verbreitete Vorurtheil gegen die sogenannte Experimentalphysiologie.
Ich beginne mit den Aufschlüssen, welche über allgemeine Verhältnisse der Nahrungssubstanz, und über
die Nährkraft eines speziellen Nahrungsmittels durch Versuche an Thieren gewonnen worden sind. Nach der Einrichtung unseres gesellschaftlichen und Familienlebens benutzen wir im Allgemeinen eine gemischte Nahrung: wir geniessen gleichzeitig bei demselben Mahle, oder successiv bei verschiedenen Mahlzeiten pflanzliche und thierische Substanzen; die pflanzlichen stammen aber wieder von verschiedenen Pflanzenspecies, und die thierischen sind in chemischer Beziehung wieder von ungleichartiger Natur, indem sie Faserstoff, Eiweissstoff, Fett, Gallert u. s. w. enthalten. Wo klimatische Verhältnisse auf alleinigen oder doch fast ausschliesslichen Genuss pflanzlicher oder thierischen Substanzen hinführen, da wird doch immer noch eine gemischte Nahrung aufgenommen, nämlich verschiedenartige Theile des einen oder des andern grossen Naturreiches. Der Durchführung dieser allgemein verbreiteten, natürlichen Lebensweise können sich bisweilen äussere Verhältnisse entgegen setzen; es können andererseits einzelne Individuen derselben Hohn sprechen, wenn sie durch ausgesponnene Theoreme in dem Vorurtheile befangen sind, die exclusive Benutzung irgend eines Nahrungsmittels sei naturgemäss, weil einfach, oder sie sei auf besondere Weise lebenskräftigend. Die Annahme einer solchen abweichenden Lebensordnung hat aber ihren nachtheiligen Einfluss, worüber Versuche mit Thieren belehrenden Aufschluss gegeben haben. Wenn Magendie Hunde nur mit raffiniertem Zucker fütterte, oder mit Olivenöl, oder mit Gummi, so magerten die Thiere ab und starben etwa in der fünften Woche den Hungertod;
Fütterung mit Käse allein, oder mit harten Eiern allein, hatte ganz die nämlichen Folgen. Wurden Kaninchen oder Meerschweinchen lediglich mit Waizen, oder Hafer, oder Gerste, oder Kohl, oder gelben Rüben gefüttert, so starben sie binnen 14 Tagen. Ein Esel, der Anfangs trocknen, späterhin gekochten Reis erhielt, konnte bei solcher Kost auch nur 14 Tage am Leben erhalten werden. Tiedemann stellte ähnliche Versuche mit Vögeln an. Gänse, die fortwährend nur mit Gummi, oder Stärke, oder Zucker, oder gekochtem Eiweiss gefüttert wurden, verloren dabei immer mehr an Körpergewicht und starben endlich verhungert. Magendie gelangte durch andere Versuche noch zu dem wichtigen Resultate, dass, wenn ein Thier längere Zeit eine einfache Nahrung erhalten hat, durch deren fortgesetzten Genuss zuletzt der Tod herbeigeführt worden wäre, die Rückkehr zur gemischten Nahrung gleichwohl nicht mehr im Stande ist, dem tödtlichen Ausgange vorzubeugen. Sehr belehrend über diesen Gegenstand ist auch ferner ein von Ernst Burdach ausgeführter vergleichender Versuch mit 3 gleich alten Kaninchen. Das erste erhielt nichts als Kartoffeln, es starb ganz abgemagert am 13ten Tage; das zweite bekam nur Gerste, es starb abgemagert in der vierten Woche; das dritte verzehrte Kartoffeln und Gerste, Anfangs in täglichem Wechsel, später gleichzeitig, und dieses nahm an Gewicht zu, es blieb munter und gesund.
Dieser wichtige Gegenstand ist vor einigen Jahren von einer aus 7 Mitgliedern bestehenden Commission der Pariser Akademie der Wissenschaften aufgenommen
worden; dieselbe hat vorläufig nur einen ersten Bericht abgestattet, da die Versuche noch fortgesetzt werden. Als eine ganz im Allgemeinen gehaltene Folgerung aus den mannigfaltigen Versuchen, welche von dieser Commission an Hunden vorgenommen wurden, lasst sich meines Erachtens folgender Satz aufstellen: Alle jene nähern Bestandtheile des organischen Reichs, die wir vorzugsweise in unsern gewöhnlichen Nahrungsmitteln verzehren, der Eiweissstoff, der Käsestoff, die Gallerte, der im Fleische und im Blute enthaltene Faserstoff, das im Mehle und in den Kartoffeln enthaltene Stärkemehl, das Fett, sobald sie aus der organischen Verbindung künstlich herausgerissen und in solchem Zustande allein genossen werden, sind nicht im Stande, den Körper zu ernähren; ja selbst die anhaltende gleichzeitige Aufnahme mehrerer solcher isolierter, aber chemisch verwandter Körper, z. B. Gallerte und Eiweiss, Gallerte und Faserstoff, Faserstoff und Eiweiss, selbst Faserstoff mit Gallerte und Eiweiss, ist zur Stiftung des Lebens unzureichend.
Ist es denn aber gestattet, fragt man vielleicht, jene Folgerungen, welche sich aus den an Hunden, Kaninchen und andern Thieren vorgenommenen Versuchen ziehen lassen, ohne Weiteres auf den Menschen zu übertragen? Wer mit den Gesetzen des thierischen Lebens vertraut ist, der kann die Frage in Betreff jener allgemeinsten Folgerungen nur bejahen, wenn gleich sich schon bei den verschiedenen Thierarten im Speziellen Verschiedenheiten herausstellen. Denn während z. B. die Existenz des pflanzenfressenden Kaninchens durch
anhaltenden Genuss eines gleichartigen, im chemischen Sinne aber zusammengesetzten Nahrungsmittels, wie Gerste, Kartoffeln, gefährdet ist, kann der fleischfressende Hund beim anhaltenden Genusse eines gleichartigen, im chemischen Sinne ebenfalls zusammengesetzten Nahrungsmittels, wie Kleben, rohe Knochen, rohes Fleisch, gesund bleiben. Zudem hat auch die Geschichte der Physiologie das Beispiel eines Arztes aufzuweisen, der im vorigen Jahrhundert an sich selbst über die Folgen einer ganz einförmigen Diät Versuche anstellte und dabei als Märtyrer für die Wissenschaft unterlag. Ich meine den Engländer William Stark. Derselbe genoss 45 Tage lang nur Brod und Wasser, und verlor während dieses Zeitraumes 8 Pfund an Körpergewicht. Er ging dann sogleich auf eine Diät von Brod und Zucker über, die er vier Wochen lang fortsetzte, und daran reihte er sogleich eine drei Wochen lang fortgesetzte Diät von Brod und Baumöl. Das Leben sank dabei allmählig immer mehr und erlosch endlich 8 Monate nach dem Beginn der Versuche.
Wer dürfte aber daran zweifeln, dass der Arzt hin und wieder in den Fall kommen kann, bei einzelnen Individuen, oder ganzen Familien, vielleicht selbst für ganze Gegenden eine erspriessliche praktische Anwendung von jenen ganz generellen diätetischen Principien zu machen, welche in der Experimentalphysiologie ihre Begründung gefunden haben? Der Nutzen der letztern erhellet indessen noch weit anschaulicher aus den bisherigen Verhandlungen über ein ganz spezielles Nahrungsmittel, die Knochengallerte nemlich, deren ernährende
Eigenschaft zu untersuchen die bereits erwähnte Commission der Pariser Akademie zunächst vor mehreren Jahren bereits niedergesetzt worden ist. Bekanntlich enthalten die Knochen neben einem erdigen Bestandtheile etwa zu einem Drittel eine thierische Substanz. Dieselbe lässt sich durch geeignete Behandlung isoliren und dann in kochendem Wasser auflösen, oder auch unmittelbar durch Wasserdämpfe ausziehen, und stellt dann einen Körper dar, der chemisch, wie physikalisch mit der gewöhnlichen Gallerte übereinstimmt, wie sie z. B. aus gebratenem Kalbfleische erhalten wird. Nur entbehrt diese Knochengallerte des erquickenden Geruchs, und sie besitzt einen faden Geschmack, der sich natürlich durch eine Würze verbessern lässt. Welch ein treffliches Nahrungsmittel ist aber nicht die Fleischgallerte! Vielleicht wäre Mancher geneigt, wenn es überhaupt einen absoluten Nährstoff gäbe, denselben zunächst in der Gallerte zu suchen. Würde die Auffindung einfacher Mittel, um das grosse Quantum kräftigen Nahrungsstoffes, welches täglich in den in der Küche nicht weiter benutzten Knochen verschleudert wird, der menschlichen Gesellschaft zu erhalten, nicht zu den grössten Wohlthaten gezählt werden müssen? Was Wunder daher, wenn in der ersten Periode der französischen Revolution, wo eine vorhergegangene Hungersnoth nur um so dringender dazu aufforderte, die Nahrung der untern Volksklassen zu sichern, zu verbessern, in einer von der Regierung ausgegangenen, durch Cadet de Baur verfaßten Bekanntmachung der Werth der Knochengallerte durch folgende Behauptungen angepriesen wurde; der
Knochen ist eine von der Natur zubereitete Bouillontafel; — ein Pfund Knochen gibt so viel Bouillon, als 6 Pfund Fleisch; — Knochenbouillon ist in diätetischer Rücksicht der Fleischbouillon vorzuziehen; — ein Knochenetui, ein Messerheft, ein Dutzend knöcherne Knöpfe kann man als eben so viele Portionen Fleischbrühe betrachten, die man den Armen gestohlen hat. — Den Worten folgten Thaten, nämlich Suppenanstalten, welche Knochenbouillon lieferten. Wenn diese Anstalten beim Publikum kein rechtes Vertrauen gewannen, so konnte hierzu möglicher Weise das Vorurtheil beitragen, welches sich gegen die Benutzung von Substanzen sträubte, die in gewisser Hinsicht als Abfälle vom Tische der Reichen angesehen werden durften. Die Chemiker verloren daher den wichtigen Gegenstand keineswegs aus den Augen. Namentlich hat Darcet, der Sohn, Mitglied der genannten Commission, in gleichem philanthropischem Streben, wie der Vater, die Nutzbarmachung der Knochengallerie seit 30 Jahren erzielt, und einen seinen Namen führenden Apparat zur Bereitung der sogenannten Knochenbouillon bekannt gemacht; nach seiner Meinung kann die zweckmässig bereitete und benutzte Knochengallerte von 4 Ochsen so viel Ernährungsmaterial liefern, dass dadurch ein fünfter ersetzt wird. Er machte der Pariser philanthropischen Gesellschaft den Vorschlag, die Armenkost mit Knochengallerte zu versetzen. Diese holte dann von der Pariser medicinischen Facultät ein Gutachten über die Fragen ein, ob und in welchem Grade die von Darcet empfohlene Knochengallerte ernähre, und ob sie ein gesundes Nahrungsmittel
sei. Die Facultät bejahte beide Fragen. Obgleich nun die philanthropische Gesellschaft auf Darcet's Vorschlag nicht einging, so hatte doch dieses Gutachten zur Folge, dass in mehreren Pariser Hospitälern und wohlthätigen Anstalten Darcet'sche Apparate angeschafft wurden, um mit Dampf Knochenbouillon zu bereiten. Der Apparat wurde jedoch in mehreren dieser Anstalten auch bald wieder ausser Thätigkeit gesetzt, meistens aus dem Grunde, weil die Consumenten einen Widerwillen gegen die Knochensuppen hatten. Ein von den Aerzten, Chirurgen und Pharmaceuten des Hôtel-Dieu in dieser Angelegenheit abgefasster Bericht wiess zugleich darauf hin, dass die Kostenersparniss bei Benutzung von Knochenbouillon statt Fleischbouillons nicht gar erheblich sei: sie betrüge bei dieser grossen Anstalt, worin täglich gegen 1000 Personen beköstigt werden, nur 7 Franks 13 Centimen für den Tag.
Wenn einzelne Anstalten durch diese Gründe bestimmt wurden, den Gebrauch der Knochenbouillon vorläufig zu verbannen, so dürfte hiergegen kaum etwas einzuwenden sein; der Gegenstand hat aber auch seine gewichtige staatsökonomische Seite. Erlangte die Benutzung der Knochengallerte eine allgemeine Verbreitung, dann würde ja nach Darcet ein Fünftel Schlachtvieh (für Frankreich ein Importationsartikel) weniger consumirt werden. Auch könnte mit der Zeit ein Verfahren ausfindig gemacht werden, durch welches die Zubereitungskosten der Knochengallerte bedeutend verringert würden. Diesem Räsonnement steht nun die einfache, unabweisbare Thatsache gegenüber, dass die Knochengallerte
unfähig ist, zu ernähren, mag sie für sich allein genossen werden, oder mag sie nur als grösserer Bruchtheil in der täglichen Nahrung enthalten sein. Im letztern Falle wirkt sie zunächst auf negative Weise schädlich, insofern ein ihrem Volumen entsprechendes Quantum wirklichen Nahrungsstoffes von der Aufnahme in den Körper ausgeschlossen bleibt, was seinerseits positiv schädliche Folgen, ein Abzehren, ein Verkümmern nach sich zieht. Die Feststellung dieser Thatsache aber, welche für den Hospital= und Armenarzt, für die Medicinalbehörden von so hoher Wichtigkeit ist, verdankt man der Experimentalphysiologie. Einzelne Männer, wie Donné, Gannal, die an sich selbst und an Thieren experimentierten, sind hierin der mehrerwähnten Commission vorausgegangen; die letztere hat aber ihre Versuche, zu denen stets Hunde benutzt wurden, auf eine den Gegenstand mehr erschöpfende Weise ausgeführt. Da der Endpunkt der Versuche im ungünstigen Falle ein Verhungern der Thiere war, so musste, um einen Anhaltepunkt für Vergleiche zu gewinnen, festgestellt werden, binnen welcher Zeit Hunde verhungern, die gar keine Nahrung erhalten. Säugende Hunde fristen unter dieser Bedingung das Lehen nur 48 Stunden. Die Lebenstenacität nimmt mit fortschreitendem Alter zu; einzelne Thiere starben erst nach 7, 10, 15, 20 Tagen, ja Hunde, die über 6 Jahre alt sind, pflegen am 30. Tage noch am Leben zu sein. Zunächst wurden nun Fütterungsversuche mit blosser Gallerte angestellt. Unvermischte Knochengallerte verschmähten die Hunde gänzlich, entweder gleich von
Anfang an, oder nachdem sie einige Male davon genommen hatten; sie starben den Hungertod, ohne diese Nahrung weiter anzurühren. Gewürtze Speisegallerte, wie sie die Wursthändler verkaufen, verzehrten die Thiere zuerst ganz begierig; diese Gier ging nach einigen Tagen in Gleichgültigkeit über, weiterhin stellte sich Widerwille gegen diese Kost ein, sie verzehrten durchaus nichts mehr davon und spätestens am 20. Tage nach Beginn des Versuches starben sie unter Symptomen gänzlicher Ausmergelung. Die Hunde lebten also bei dieser Kost nicht länger, als sie auch ohne alle Nahrung gelebt haben würden. Um Missdeutungen zu begegnen, will ich aber noch erwähnen, dass ein positiv nachtheiligen Einfluss von der Benutzung der gewürzten Speisegallerte nicht um Vorschein kam; denn wenn die Thiere nach dem Eintritte des Widerwillens gegen diese Kost, der sich meistens am 6. oder 8. Tage zeigte, wieder auf gewöhnliche Weise gefüttert wurden, dann blieben sie vollkommen gesund.
In einer andern Reihe von Versuchen wurde der täglichen Nahrung der Thiere Knochengallerte als ein starker Bruchtheil, etwa zur Hälfte, beigefügt. Die Knochengallerte wurde nämlich mit wirklicher Fleischbrühe gekocht, oder sie wurde mit Brod, oder mit Fleisch, oder mit Brod und Fleisch verbunden, gefüttert. Das Resultat war, dass die Thiere, wenn gleich sie dieses Futter ohne Abneigung genossen, niemals im erforderlichen Grade genährt wurden, sondern erschöpft und abgemagert zu Grunde gingen. Ein directen nachtheiligen Einfluss der Gallerte trat auch hier nicht hervor;
denn sobald einmal eine mehrtägige Fütterung mit gewöhnlichen, kräftigen Nahrungsmitteln interponirt wurde, erfolgte auch sogleich eine entsprechende Kräftigung der Thiere. ,
Am wichtigsten ist aber eine dritte Reihe von Versuchen, wo zur Vergleichung Bouillon aus 2 öffentlichen Anstalten von Paris benutzt wurde, nämlich einerseits Bouillon aus dem grossen Hospitale St. Louis, welche dort kranken und gesunden Armen als Speise verabreicht wird, andererseits Bouillon von der sogenannten Holländischen Gesellschaft. Die erstere ist eine Knochengallertauflösung, in welcher des Wohlgeschmacks wegen noch etwas Fleisch gekocht worden ist, die letztere ist eine reine Fleischbouillon. Wurden nun 2 Hunde von ziemlich gleicher Statur gewählt, und täglich mit einer Suppe aus der nämlichen Menge Weissbrods und aus der nämlichen Menge einer der beiden Bouillonarten gefüttert, so fand bei jenem, dessen Bouillon aus dem Hospital St. Louis stammte, eine allmählige Abnahme des Körpergewichts statt, der andere aber, der also Fleischbouillon erhielt, nahm nicht an Körpergewicht ab, er nahm vielleicht sogar zu. Oder wurde dem nämlichen Thiere immer eine Zeitlang die nämliche Brodmenge und die nämliche Bouillonmenge abwechselnd aus St. Louis und von der Holländischen Gesellschaft gereicht, so zeigte sich wohl dem entsprechend eine wechselnde Abnahme und Wiederzunahme des Körpergewichts. Jedenfalls wirkt also die Knochengallerte, wenn sie anhaltend benutzt wird, nicht ernährend und deshalb indirect mehr oder weniger schädlich.
Ich wende mich zu einem andern Gegenstande, um den Nutzen von Versuchen an Thieren für die Heilkunde darzuthun, zur Sehnen- und Muskeldurchschneidung, dieser Glanzseite der neuern Chirurgie. Bei Muskelverkürzungen, angebornen wie erworbenen, war man früherhin wesentlich darauf beschränkt, durch eine andauernde mechanische Spannung der betheiligten Muskeln den Verunstaltungen der festen Theile möglichst entgegenzuwirken. Gegenwärtig durchschneidet der Chirurg die Sehne eines solchen Muskels an einer Stelle, bringt seine beiden Endpunkte in eine Entfernung, welche der naturgemässen Lagerung der festen Theile entsprechend ist, und überlässt es der Natur, den leeren Raum zwischen den durchschnittenen Sehnenenden auszufüllen. Es erzeugt sich eine Zwischensubstanz, welche mit beiden Schnittenden in Verbindung tritt, und der Muskel bildet nun wieder ein ununterbrochenes, aber längeres Ganzes. Manche Missstaltungen der Füsse, bei denen der Chirurg früherhin nichts zu thun vermochte, als durch zweckmässige Maschinen zu einem unvollkommenen Gebrauche zu verhelfen, sind jetzt der radikalen Heilung fähig; viele Erwachsene, die erst jetzt von einem sogenannten Pferdefüsse, einem Klumpfusse befreit werden konnten, sind die lebendigen, unverwerflichen Zeugen eines glänzenden Fortschrittes der Chirurgie. Die Annalen der Wissenschaft lehren, dass die Sehnendurchschneidung schon 1784 durch Thilenius, 1812 durch Michaelis und Sartorius vorgenommen wurde, und dass späterhin auch Delpech in Montpellier einmal die sogenannte subcutane Durchschneidung ausgeführt
hat. Woher kommt es nun, dass diese vereinzelten Versuche keine Nachfolger fanden und ohne weitere praktische Folgen blieben, während die durch Stromeyer angeregte Sehnendurchschneidung innerhalb eines ganz kurzen Zeitraumes bei allen Chirurgen unbestrittenen Eingang gefunden hat? Die neuere Methode stützt sich auf die Erfahrungen der Experimentalphysiologie. Die Durchschneidung der Sehnen bei Thieren und die Beobachtung, dass die Schnittenden, auch wenn sie durch einen Zwischenraum getrennt sind, dennoch durch eine neuentstehende verbindende Zwischensubstanz vereinigt werden, widerlegte thatsächlich die frühere Annahme, dass eine durchschnittene oder zerrissene Sehne nur dann wieder zusammenwächst, wenn sich die Enden berühren. Unbedenklich durfte nun die Idee realisirt werden, eine Verkürzung der Muskeln, statt durch andauernde mechanische Ausdehnung, auf Einmal mittelst der Sehnendurchschneidung zu beseitigen.
Die Chirurgie blieb aber hierbei nicht stehen. Die glänzenden Erfolge der neuen Methode führten zur Durchschneidung der Sehnen und Muskeln bei ungeregelten Muskelactionen, der Augenmuskeln beim Schielen, der Muskeln am Vorderarme beim sogenannten Schreibekrampfe; ja sie hat selbst das Stottern, die Kurzsichtigkeit auf diesem Wege anzugreifen versucht, Wenn man hierbei von mehreren Seiten, wie es bei neuen Entdeckungen zu geschehen pflegt, zu hoch gespannte Erwartungen hegte, wenn namentlich manche Chirurgen bei allen Schielenden ohne Unterschied zum Messer griffen, und binnen weniger Monate, ja Wochen,
nicht mehr von Dekaden, sondern von Centurien Operirter sprachen, so werden, sich allmählig gewiss zuverlässigere Regulative für diese Operation herausstellen. Diese Aufgabe wird aber zunächst wieder durch Versuche an Thieren gelöst werden müssen; der Engländer Duffin hat hierin die weiter zu verfolgende Bahn eröffnet.
Wenden wir uns zu dem, was die Experimentalphysiologie der Toxikologie geleistet hat! Manche jener Unglücklichen, welche dem Einflusse bestimmter Gifte absichtlich oder zufällig ausgesezt wurden, verdanken ihr die Rettung. Setzen wir den Fall, es werde an einem Körper eine Eigenschaft erkannt oder näher gewürdiget, die es wahrscheinlich macht, dass derselbe einen bestimmten im Magen befindlichen Giftstoff neutralisiren kann, so darf der mit den Lebenserscheinungen vertraute Arzt einer solchen Theorie zunächst keinen höhern Werth beilegen, als jeder andern auf Analogie oder Induction beruhenden Hypothese. Gewiss dürfte er nicht auf den Namen eines gewissenhafteren Arztes Anspruch machen, wenn er, seine theoretische Combination an die Stelle von Versuchen setzend, bei einem vorkommenden Vergiftungsfalle auf die Unfehlbarkeit des präsumirten Gegengiftes vertraute. Die Theorie ist vielleicht im Wesentlichen ganz richtig, der Erfolg aber an eine bestimmte Form der Anwendung geknüpft, die nur erfahrungsmässig zu ermitteln ist. Liefern aber umsichtig angestellte Versuche an Thieren Ergebnisse, durch welche die theoretische Voraussetzung bestätigt wird, dann steht ein vernünftiges Bedenken der Anwendung beim Menschen nicht mehr entgegen. So hat
sich, um nur zwei Beispiele anzuführen, die Wirksamkeit des Eiweisses bei Sublimatvergiftungen durch Versuche an Thieren bestätiget, und die Benutzung des Eisenoxydhydrates gegen Arsenikvergiftungen, die sich schon so vielfach bewährte, ist nicht ohne vorgängige Versuche an Thieren von Seite der Entdecker und ohne nachfolgende bestätigende Versuche der Toxikologen dem Heilmittelschatze einverleibt worden.
Ich erwähne ferner hier der neuern Versuche mit dem galvanischen Apparate, welche beweisen, dass bei lebenden Thieren in den durchsichtigen Theilen des Auges, in der Hornhaut, in der Linse, zum Theil mit überraschender Schnelligkeit materielle Umänderungen eintreten, sobald der eine Pol des Apparates mit diesen Theilen in Contakt ist. Bereits hat man bei Behandlung der Hornhautverdunkelungen, des grauen Staares diese Erfahrungen zu benutzen angefangen. In Folge dieser Anregung dürfte die örtliche galvanische Einwirkung wohl im weitern Umfange Gegenstand von Versuchen werden, und namentlich dürfte eine durch Belpeau schon vor 12 Jahren angeregte Idee, die coagulirende Einwirkung aufs Blut bei der Behandlung von Aneurysmen zu benuzen, vielleicht einer sorgfältigeren Prüfung entgegensehen.
Wenden wir uns zum Nervensysteme! Ein Feld, welches vor allen aus von den neuern Experimentalphysiologen und nicht ohne glänzende Erfolge bearbeitet worden ist. Es würde ein unpassendes Vorhaben sein, wollte ich hier den Einfluss dieser Forschungen auf die praktische Medicin allseitig zu würdigen versuchen.
Nur Einer Krankheitsform will ich gedenken, bei welcher der operative Eingriff, den der rationelle Arzt früherhin unternahm und unternehmen durfte, gegenwärtig als unnütz und zwecklos erscheint, die den Beweis liefert. dass Experimente an Thieren der betrübenden Mühe entheben, an unsern Nebenmenschen auf blutigem Wege zu experimentiren.
Es bedurfte nicht gerade sehr genauer anatomischer Untersuchungen des thierischen Körpers, um zu erkennen, das nämliche anatomische Gebilde, der Nerv, sei mit der Fähigkeit ausgestattet, Empfindung zu vermitteln und Bewegung zu veranlassen. Diese Erkenntniss war auch bereits zur Zeit des Herophilus und Erasistratus gewonnen, durch welche die Nervenstränge selbst erst bestimmter als solche erkannt und von den Sehnen unterschieden wurden. Der Verstand konnte aber unmöglich durch die Annahme befriedigt werden, dass zwei so ganz verschiedene Phänomene, wie die Empfindung und die Bewegung, durch das nämliche anatomische Gebilde hervorgerufen würden; man suchte diesen logischen Widerspruch zu lösen. Nach Rufus von Ephesus soll der genannte Erasistratus selbst schon die Erklärung gegeben haben, dass die der Empfindung dienenden Nerven vom Gehirne entständen, die der Bewegung dienenden von dessen Häuten; woraus freilich folgen würde, dass Erasistratus den Irrthum, als seien Nerven und Sehnen identisch, ungeachtet der anatomischen Untersuchungen noch nicht gänzlich abgestreift hatte. Von einer andern Seite wurde die Beziehung des Nerven zur Empfindung und Bewegung
durch Galenus aufgefasst, den medicinischen Coloss des Alterthums, der über 1000 Jahre den Aerzten als Meister galt, wozu eben sowohl das Einbrechen einer Stabilität in der Wissenschaft als äusserer Grund, als die ungeheure Gelehrsamkeit des Mannes und die innigste Durchdringung von Theorie und Praxis als innerer Grund wirksam waren. Die Nerven für die Empfindung leitete Galenus aus dem Gehirne ab, jene für die Bewegung aus dem Rückenmarke. Als aber mit der Wiederherstellung der Wissenschaften auch ein Auflehnen gegen die Galenische Autorität begann, als man es allmählig wagen durfte gegen Galen's Aussprüche sich auf die Natur zu berufen, stellte es sich bald genug heraus, dass die exclusive Ableitung der Empfindungsnerven vom Gehirne, der Bewegungsnerven vom Rückenmarke ein grober Irrthum gewesen war, dass vielmehr mit einigen Ausnahmen der gleiche Nerv überall auf den Namen eines empfindenden und bewegenden Anspruch machen kann. Daher lehrte der grosse Haller: Mit Ausnahme einiger Sinnesnerven dienen alle Nerven der Empfindung und Bewegung zugleich; es gibt keinen bewegenden Nerven, der nicht auch zugleich Empfindung vermittelt; wenn bisweilen die Fähigkeit der Bewegung verloren geht, während die Empfindung zurückbleibt, so scheint diess davon abzuhängen, das zur Bewegung stärkere Kräfte erfordert werden. Die Schwierigkeit, das nämliche Sublimat als Träger zweier ganz verschiedenartiger Phänomene anerkennen zu müssen, bestand also nach zwei Jahrtausenden noch unverändert; sie wurde auch nicht durch eine spätere Hypothese beseitigt, welche
die bewegende Kraft des einzelnen Nerven seiner festern Grundlage, dem sogenannten Neurolemm, die empfindende Kraft dem weichen oder halbflüssigen Bestandtheile, dem Nervenmarke zuweisen wollte. Der Experimentalphysiologie war es vorbehalten, das Problem auf entscheidende Weise zu lösen. Jeder zwischen zwei Knochen der Wirbelsäule austretende Nerv ist nämlich mit dem Rückenmarke durch eine doppelte Reihe von Fäden oder Fasern verbunden, die man als vordere und hintere Wurzel des Nerven bezeichnet. Beide Wurzeln bleiben eine Strecke weit von einander gesondert, wodurch die Möglichkeit gegeben ist, den Antheil zu erforschen, welchen jede der beiden Wurzeln an der Empfindlichkeit und der motorischen Kraft ihres Nerven nimmt. Versuche, die zum Theil an eben getödteten Thieren angestellt werden können, zum Theil aber auch an lebenden Thieren vorgenommen werden müssen, erweisen es nun auf das unzweideutigste, dass die Fasern der hintern Wurzel der Empfindung, die Fasern der vordern Wurzel der Bewegung bestimmt sind, und zwar ganz exclusiv. Durch ähnliche, zum Theil nur complicirtere Versuche ist es dann auch gelungen, für die Gehirnnerven festzusetzen, welchen Antheil die verschiedenen Fasergruppen derselben an den zwei grossen Erscheinungen, der Empfindung und Bewegung nehmen. Die genaue Ermittelung der sensibeln und motorischen Nerven und Nervenfasergruppen nun hat unter Anderem auch auf eine Seite in der Behandlung jenes schmerzhaften Leidens, in dessen individueller Gestaltung sich eine traurige Stufenleiter von den schwächsten bis zu den intensivsten Graden herausstellt,
des Gesichtsschmerzes, Tic douloureux, einen wesentlichen Einfluss geübt. Vergeblich wird oftmals die ganze Reihe jener heilkräftigen Substanzen durchversucht, von denen vom theoretischen Standpunkte aus, oder nach den mitgetheilten Erfahrungen Anderer eine Beseitigung des Uebels erwartet werden kann; der Kranke bleibt den quälenden Schmerzen zur Beute, die ihn in den heftigsten Fällen dahin bringen können, dass er sich am Boden herumwälzt. Da kam ein geistreicher deutscher Chirurg auf den Gedanken, die Quelle jener Schmerzen auf operativem Wege versiegen zu machen, indem er den in der schmerzhaften Gesichtshälfte sich ausbreitenden Nervus facialis, der Schädelbasis möglichst nahe, durchschnitt. Der Erfolg einiger von ihm unternommenen und veröffentlichten Operationen entsprach zwar nicht ganz den gehegten Erwartungen. Dass aber die Operation ganz erfolglos sei, war aus diesen Mittheilungen nicht zu entnehmen, und die Durchschneidung des Nervus facialis durfte in den Handbüchern als letztes Heilmittel des qualvollen Leidens aufgeführt werden. Lebhaft steht mir noch aus meiner Studirzeit das Bild eines Unglücklichen vor Augen, der Jahre lang am heftigsten Gesichtsschmerze geleiten hatte, zu dessen Beseitigung ein berühmter klinischer Lehrer schon den Tag der Operation bestimmte, die dann aber doch noch unterblieb. Hätte nun nicht die Experimentalphysiologie unterdessen nachgewiesen, dass der Facialis exclusiv Bewegungsnerv, also bei jenen Schmerzen ganz unbetheiligt ist, gewiss hätte es einer Reihe subjectiven Erfahrungen verschiedener Chirurgen bedurft, bis sich
endlich die Erfolglosigkeit dieser keineswegs gefahrlosen Operation als objective Thatsache herausgestellt hätte. Erst durch Experimente an einer Reihe unglücklicher Mitmenschen würde endlich die praktisch wichtige Erkenntniss, und noch dazu unvollständig erlangt worden sein, in deren Besitz die Wissenschaft durch Versuche an Thieren gekommen ist.
Diese wenigen bisher angeführten Einzelnheiten dürften schon genügen, um den grossen Nutzen zu erweisen, welchen physiologische Versuche für die Heilkunde im weitesten Umfange haben. Leicht könnte ich die Menge der Beispiele vermehren, und in dem angegebenen Sinne besprechen: Die durch Versuche und mikroskopische Untersuchungen gewonnene Thatsache der Regeneration einfach durchschnittenen Nerven und ihrer Verhinderung, wenn ein Stück des Nerven ausgeschnitten, oder wenn das eine Nervenende umgebeugt erhalten wird, wodurch dem Chirurgen ein Mittel geboten ist, zum Theil nach Willkühr die Energie einzelner Nervenäste vorübergehend oder andauernd ausser Wirksamkeit zu setzen; — den wichtigen Erfahrungssatz, dass bei Vergiftungen die Nerven nicht primär betheiligt sind, dass vielmehr das Gefässsystem die Aufnahme und Verbreitung des Giftes vermittelt; — die Versuche über Entzündung im Allgemeinen und über die Bildung des Blutpfropfes in unterbundenen Gefässen im Besondern, mit ihrem Einflusse auf bestimmte chirurgische Methoden; — die Versuche über Hemmung des Blutflusses aus verletzten Arterien mittelst der Torsion; — die Transfusionsversuche, nämlich das unmittelbare Ueberführen frischgelassenen
Blutes ins Gefässsystem eines andern Individuums, was bei Gefahr der Verblutung mehrmals erfolgreich angewendet worden ist; — die Versuche über das Einbringen von Luft ins Venensystem mit den praktischen Consequenzen für manche chirurgische Operationen; — die Versuche, um die Ursache der beiden am thätigen Herzen wahrnehmbaren Geräusche zu ermitteln, welche Geräusche bei der Beurtheilung der Herzkrankheiten eine wichtige Rolle spielen u. s. w. Eine Erschöpfung des gewählten Themas durch Aufzählung aller speciellen Momente könnte jedoch nur für Fachgenossen von Interesse seyn.
Solchen Thatsachen gegenüber solte aber wohl das hin und wieder verbreitete Vorurtheil gegen die Experimentalphysiologie verstummen, welches bemitleidend auf die oftmals blutigen Versuche der Physiologie herabsieht, dieselben wohl als Grausamkeit, als Thierquälerei bezeichnet. Man beruft sich freilich dabei auf die Gesinnungen und Gefühle der Philanthropie, das Wort im weitesten Sinne genommen. Halten wir uns aber streng an seine etymologische Bedeutung, dann dürfte wohl gerade umgekehrt behauptet werden, der Experimentalphysiolog verfolgt philanthropische Zwecke, während die Gegner auf Kosten des Philanthropismus einer unzeitigen Zoophilie huldigen. Nach ihrer Anschauungsweise, welche offenbar nur auf den schmerzhaften, verletzenden Eingriff in die thierische Organisation und nicht auf dessen Zweck Rücksicht nimmt, müsste der Wundarzt in seinem operativen Händeln auch als ein hartherziger, grausamer Mann erscheinen.
Dem Wundarzte wie dem Experimentalphysiologen schwebt bei den Eingriffen in den thierischen Organismus der nämliche Zweck vor Augen, nämlich Förderung des somatischen Wohles. Der Wundarzt erstrebt dieses Ziel immer im concreten Falle; das somatische Wohl des nämlichen Individuums, an welchem er operirt, soll durch die Operation gefördert werden. Der Experimentalphysiolog verfolgt dieses Ziel in abstracto; er erstrebt zunächst nur Förderung des reinen Wissens über den thierischen Körper, woraus sich dann je nach Umständen Folgerungen ergehen, welche auf Förderung des somatischen Wohles abzielen. Ihr Ziel vor Augen vollbringen beide mit Ruhe die nöthigen Eingriffe in den Körper, mögen sie auch noch so schmerzhafte sein; beide verabscheuen gleichmässig jede fernere noch so unbedeutende Verletzung, die nicht zur Operation nothwendig gehört, als Grausamkeit.
Ist es aber nicht zwecklos, fragt vielleicht der eine oder der andere, wenn ein von Andern schon vielfach angestelltes Experiment von Neuem wiederholt wird, da ja Von Förderung des Wissens hierbei nicht mehr die Rede sein kann? Trifft nicht in einem solchen Falle den Experimentator mit Recht der Vorwurf der Grausamkeit? Gewiss nicht. Es lehrt die Geschichte derjenigen Wissenschaften, welche die Erfahrung, die Versuche als Basis anerkennen, dass ein Gegenstand desshalb noch nicht für ganz abgeschlossen erachtet werden darf, weil ein vielfach wiederholter Versuch im Wesentlichen das gleiche Resultat lieferte; ein kleiner bisher unbeachteten Umstand kann für die
Auffassung der Versuchsresultate vom bedeutendsten Einflusse sein; der nämliche Versuch kann, wenn man ihn als Prüfstein neuer daran geknüpfter Fragen benutzt, bisher übersehene Aufschlüsse liefern. So war es freilich, um auf einen oben berührten Fall zurückzukommen, schon vor dem Erscheinen der Schrift Pirogoff's über die Durchschneidung der Achillessehne thatsächlich erwiesen, dass nach dieser Operation eine Zwischensubstanz die beiden Sehnenenden vereinigt. Pirogoff's mehr denn 70 Versuche mit Durchschneidung dieser Sehne bei verschiedenen Thieren sind aber darum nicht zwecklos. Er beobachtete dabei genau den allmählig fortschreitenden Heilungsprozess, und aus den gewonnenen Resultaten sind der Chirurgie manche Nutzanwendungen für diese besondere Operation erwachsen. Indessen ganz abgesehen hiervon hat wohl ein jeder das Recht, und wer der Physiologie seine besondern Kräfte widmet, oder wer einen Gegenstand speciell bearbeitet, der hat wohl selbst die Verpflichtung, die von Andern vorgenommenen Versuche je nach Umständen zu wiederholen, um sich von ihrer Nichtigkeit zu überzeugen.
Ist es denn aber nicht wenigstens zu weit gegangen, wird vielleicht von einer andern Seite eingewendet, wenn in den Vorlesungen vor den Zuhörern blutige Experimente an Thieren vorgenommen werden, blos in der Absicht, einen bereits bekannten Erfolg vor die Augen zu bringen? Genügt es nicht für den Unterricht, wenn die auf solchem Wege erforschten Thatsachen genau mitgetheilt werden? Ich glaube auch hierbei der
Experimentalphysiologie die Benutzung auf breitester Basis vindiciren zu müssen, ohne sie gerade für durchaus unerlässlich beim Unterrichte zu erklären. Die Physiologie, diess kann Niemand in Abrede stellen, der ihre Geschichte verfolgt, hat in der letzten Zeit innerhalb weniger Jahre so bedeutende Fortschritte gemacht, wie früherhin höchstens innerhalb eben so vieler Decennien. Sie verdankt dies, neben der allgemein verbreiteten mikroskopischen Forschung, den Experimenten an Thieren, die, wo nur immer möglich, zur Begründung von Thatsachen statt Hypothesen ausgeführt wurden. Experimente sind die gangbare Münze von dauerndem Werthe in der Physiologie. Und muss es auch als eine einseitige Ueberschätzung erscheinen, wenn nach einer Notiz, die mir neulich bei der Lectüre aufstiess, der grosse Humphry Davy irgendwo gesagt hat; "ein gutes Experiment ist mehr werth, als der Scharfsinn eines Kopfes wie Newton," so kann man doch nur mit Cicero's Ausspruch einverstanden sein: Natura duci errari nullo pacto potest. Sind aber Experimente die wesentliche Grundlage, das hauptsächlichste Lehrmittel der Physiologie, auf welche letztere sich wiederum die gesammte Heilkunde stützt, dann darf ihrer Benutzung in den Vorlesungen ein Bedenken billiger Weise nicht entgegenstehen.
Doch ich breche ab, um auf den Gegenstand zu kommen, der mir zunächst Gelegenheit verschaffte, vor einer so hochachtbaren Versammlung zu reden. Es gilt der Wiederkehr des Tages, an welchem vor 8 Jahren ein grosser, reiflich erwogener Gedanke verwirklichet, ,
die Eröffnung unserer Hochschule durch feierliche Acte an heiliger Stätte verkündet wurde. Die Hochschule hat auch im verstossenen Studienjahre ihre Aufgabe nicht aus den Augen verloren; wenn hier und da Unvollkommenheiten zum Durchbruch kamen, so kann nur der Befangene darin einen die gesammte Anstalt betreffenden Makel finden, der es vergisst, dass menschliche Einrichtungen stets von einem vorschwebenden Ideale entfernt bleiben müssen. Die Vorlesungen an derselben wurden im letzten Wintersemester von 165 immatrikulirten Studirenden, überhaupt aber von 215 Zuhörern besucht; darunter 153 Kantonsangehörige, 62 Kantonsfremde. Das Sommerhalbjahr zählte 170 immatrikulirte Studirende, überhaupt aber 202 Zuhörer; darunter 150 Kantonsangehörige, 52 Kantonsfremde. Im Winterhalbjahre wurden 95, im Sommerhalbjahre 105 besondere Vorlesungen gehalten. Im Winterhalbjahre wurden wöchentlich 410 Lehrstunden ertheilt, denen 1025 Zuhörer beiwohnten; im Sommerhalbjahre kamen auf 397 wöchentliche Lehrstunden 1016 Zuhörer.
Das Lehrerpersonal blieb im verflossenen Jahre in der theologischen und medicinischen Facultät unverändert. In der juridischen habilitirte sich Dr. Renaud. In der philosophischen trat Dr. Gruber aus; dagegen wurde aber der Lehrstuhl der Geschichte durch Professor Henne besetzt, und Professor Wydler kehrte auf den früher eingenommenen Lehrstuhl zurück.
Die gedeihliche Fürsorge der hohen Behörde, unter deren Obhut die Hochschule zunächst steht, hat sich auch in dem verflossenen Jahre mehrfach bethätigen; sie wird
auch fernerhin, darauf vertrauen wir Alles im Auge behalten, was dem wahren Wohle der Anstalt frommt.
Die Beziehungen der Lehrer unter einander sind auch im verflossenen Studienjahre, wie vom Beginn der Hochschule an, im Ganzen nur als befriedigende zu bezeichnen; wechselseitige persönliche Achtung, das Festhalten an dem Gedanken, dass wir Alle dem einen Hauptziele, Ausbreitung und Förderung der Wissenschaft, zustreben, waren immer die ethische Grundlage dieser Beziehungen. Irre ich aber nicht sehr, so hat sich fast noch mehr als in frühern Jahren ein Isoliren der Einzelnen bemerklich gemacht, was dem Leben so wenig als der Wissenschaft frommt. Vergesse doch Keiner die Worte des Dichters, in denen ich der conditionellen Phrase unbedenklich die assertorische unterlege:
Immer strebe zum Ganzen, du kannst nicht selber ein Ganzes Sein, als dienendes Glied schliess an ein Ganzes dich an.
Was Ihre Beziehungen zur Hochschule betrifft, werthe Commilitonen, so haben die Studirenden aus den frühern Jahren der Erratens der Hochschule uns daran gewöhnt, es uns zur Pflicht gemacht, für Ihr sittliches Betragen und für Ihren Fleiss keinen gewöhnlichen, sondern einen strengen Maassstab anzulegen. Die verehrten Collegen, welche vor mir von dieser Stelle aus darüber zu sprechen Veranlassung nahmen, konnten unsern Studirenden in beiden Beziehungen immer das vollste Recht wiederfahren lassen, mochten sie vergleichend
auf die frühere Akademie, oder mochten sie auf andere Hochschulen hinblicken. Ich würde aber meiner Pflicht, meiner Ueberzeugung uneingedenk sein, wenn ich es nicht frei aussprechen wollte, dass diesen strengen Maassstab manche Vorgänge des verstossenen und leider auch des eben begonnenen Studienjahres nicht aushalten, bei denen man an die Worte des Dichters erinnert wurde:
Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide; Aus ihrem heissen Kopfe nimmt sie keck Der Dinge Maass, die nur sich selber richten. Gleich heisst ihr Alles. schändlich oder würdig, Bös' oder gut — — — — —
Ich spreche es um so unbedenklicher aus, da Ihr eignes Zeugniss mein Wort bekräftiget. In einer festlichen Versammlung des unter den Studirenden bestehenden medicinischen Vereins, welcher ich am Ende des Wintersemesters mit den verehrten Collegen der medicinischen Facultät beiwohnte, verbreitete sich ein Mitglied jenes Vereins in einer besondern Abhandlung über die jetzt bei manchen Studirenden einreissende Abnormität in Sitte und Fleiss. Vielleicht ein Drittel aller Studirenden vernahm diese Worte und war, so weit meine Beobachtung ging, damit einverstanden. Darin liegt aber auch die sicherste Bürgschaft, dass, wenn Einige unter Ihnen bei einigen Gelegenheiten ihre Stellung zur Hochschule verkannten, die ehrenwerthen Gesinnungen, von denen die Gesammtheit beseelt ist, dadurch
nicht gefährdet wurden, dass vielmehr jene Wenigen dem Einflusse des guten Geistes sich fügen müssen, ja sich willig fügen werden.
Vollbringen wir jeder zu seinem Theile, was seiner Stellung angemessen ist, zum Wohle der Hochschule, deren Eintritt ins neunte Lebensjahr wir heute begrüssen.