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Sozialhilfeempfängern eine Stimme geben
- Sozialhilfe
Artias hat in der Westschweiz 2018–2019 ein umfassendes Pilotprojekt zur Partizipation durchgeführt. Rund sechzig Langzeit-Sozialhilfeempfänger wurden eingeladen, gemeinsam Verbesserungsvorschläge für die sie betreffenden Leistungen zu erarbeiten. Das Pionierprojekt wurde dann einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Sie liefert wertvolle Ergebnisse für die Realisierung anderer partizipativer Systeme im Sozialhilfebereich und darüber hinaus.
Die Ergebnisse 2018 des Nationalen Programms zur Prävention und Bekämpfung von Armut zeigen die geringe Beteiligung der betroffenen Bevölkerung an der Konzeption und Auswertung der Massnahmen (Bundesrat, 2018). Das 2016 entworfene und 2018 umgesetzte Projekt Artias ist somit ein Vorreiter im Schweizer Kontext. Um dieses Pilotprojekt extern auszuwerten, beauftragte Artias die Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg mit der Verfahrensdokumentation, der Analyse der relevanten Herausforderungen und der Ermittlung der Hauptauswirkungen.
Diese Bewertung wurde mithilfe einer qualitativen und subjektivistischen Methodik durchgeführt, um ein umfassendes Verständnis der Darstellungen der beteiligten Akteure zu erhalten. Die Ergebnisse beruhen auf einer Queranalyse von Daten, die zu drei verschiedenen Zeitpunkten erhoben wurden. Vor Beginn des Projekts wurden mit den zukünftigen Teilnehmenden Interviews geführt. Während des Verfahrens wurde der Inhalt der Sitzungen des Lenkungsausschusses dokumentiert. Zum Schluss wurden Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die den Prozess abgeschlossen oder abgebrochen hatten, mit Sozialhilfefachleuten und mit Vertretern der am Projekt beteiligten politischen und administrativen Behörden geführt. Darüber hinaus wurden die von den Gruppen und den Moderationsteams erstellten Berichte ausgewertet.
Das Projekt hatte zum Ziel, das Wissen der Betroffenen zu nutzen, um die Funktionsweise der Sozialhilfe zu verbessern. Die ursprüngliche Absicht war, in erster Linie den Interessen der Nutzer zu dienen (Stärkung ihrer Handlungsfähigkeit, Entwicklung von bedarfsbezogenen Praktiken). Dies entspricht einem demokratischen und bürgernahen partizipativen Ansatz, weit ab von einer eher neoliberalen Ideologie, die vor allem auf erhöhte Rentabilität und wirksamere Dienstleistungen abzielt.
Top-down-Systeme wie das von Artias bergen die Gefahr, dass die Beteiligung zu sehr von bereits bestehenden institutionellen Logiken bestimmt wird oder sogar lediglich ein Alibi darstellt. Der Lenkungsausschuss konnte diese «Falle» weitgehend vermeiden, indem er den Teilnehmern und Moderationsteams einen grossen Handlungsspielraum liess, insbesondere was die Arbeitsmethoden und die behandelten Themen angeht. Die Tatsache, dass die Betroffenen nicht von Anfang an in die Projektkonzeption einbezogen wurden, verdeutlicht jedoch, wie schwierig es ist, mit solchen Systemen über die Beratung hinauszugehen und eine höhere Beteiligungsrate zu erreichen, z. B. bei der Mitgestaltung oder -entscheidung.
Eine der Stärken der Projektdurchführung ist das Ausmass der bereitgestellten Ressourcen, insbesondere was die Gruppenbegleitung betrifft (vier auf partizipative Methoden spezialisierte Moderationsteams) und die ihnen zur Verfügung gestellte Zeit (etwa zehn Treffen über mehrere Monate verteilt). Die Auswertung zeigt, dass es diese Ressourcen und die verschiedenen vor Projektbeginn getroffenen Vorkehrungen (gemischte kantonale Zusammensetzung der Gruppen, Zusammenarbeitscharta, Datenschutz usw.) ermöglichten, die potenziellen Risiken eines solchen Ansatzes (Instrumentalisierung, Vertraulichkeitsprobleme, negative Auswirkungen auf Einzelpersonen, Kritisieren eines bestimmten Sozialdienstes usw.) zu begrenzen.
Trotz den ergriffenen Massnahmen, um den Zugang zum Programm zu fördern (insbesondere Termin- und Ortswahl), wurden sogenannte Selektionsbias festgestellt. Einige dieser Verzerrungen waren vorhersehbar, da sie mit den Rekrutierungskriterien zusammenhingen (französische Sprachkenntnisse, keine ernsthaften psychischen Probleme oder starke Suchtprobleme), während andere nicht vorhersehbar waren (Ausschluss einiger Frauen im Zusammenhang mit der Kinderbetreuung). Diese Erkenntnisse bestätigen die Schwierigkeit solcher Systeme, die am stärksten gefährdeten oder ausgegrenzten Personen zu erreichen. Zu erwähnen ist auch die Logik des Selbstausschlusses, die eines der bekannten Teilnahmehindernisse darstellt und als Grund für die Ablehnung der Projektteilnahme genannt wurde (Gefühl, nichts Interessantes beitragen zu können, Angst vor den Folgen für die eigene Situation, Verweigerung von Gruppenarbeit).
Im Allgemeinen waren die Teilnehmenden mit der Gruppenarbeit zufrieden, sowohl was den Ablauf als auch die Ergebnisse angeht. Sie stimmen mit den Moderationsteams darin überein, dass der Projekterfolg u. a. in der Stärke der kollektiven Dynamik lag, trotz den Schwierigkeiten, die in dieser Hinsicht in einigen Gruppen auftraten.
Die Begleitung durch die Moderationsteams wurde von den meisten Teilnehmenden positiv bewertet. Sie betonten, dass die Teams ihnen viel Raum und Freiheit liessen. Die Moderationsteams versuchten, eine gleichberechtigende Haltung einzunehmen, um den asymmetrischen Machtverhältnissen zwischen den Sozialhilfeempfängern und den Sozialdiensten entgegenzuwirken. Es gelang ihnen auch, Methoden anzuwenden, um auf der Grundlage individueller Erfahrungen einen kollektiven Standpunkt zu entwickeln und die Gruppen von einem Klageverhalten zu einer konstruktiven und kreativen Logik zu bewegen. Es wurden jedoch auch einige Einschränkungen hinsichtlich der Moderationsmethoden festgestellt (bestimmte, für die Projektziele ungeeignete Instrumente oder Erwartungen gewisser Teilnehmer, zu langsam oder zu abstrakt empfundener Prozess). Diese Schwierigkeiten führten zu einigen Ausfällen.
Was die Vermittlung der Gruppenergebnisse angeht, wurden in den Überlegungen des Lenkungsausschusses Spannungen festgestellt, und zwar zwischen dem Bestreben, dass die Anliegen der Nutzerinnen und Nutzer von den Institutionen gehört werden, und der Gefahr, die diesbezüglichen Äusserungen der Betroffenen zu stark zu verfälschen. Das Gleichgewicht zwischen Institutionalisierung und Meinungsfreiheit ist ein wichtiges Thema bei partizipativen Top-down-Systemen.
Neun Monate lang trafen sich Langzeit-Sozialhilfebeziehende aus verschiedenen Westschweizer Kantonen und dem französischsprachigen Bern in dezentralen Moderationsgruppen, um sich auszutauschen, Fragen zu stellen, Vorschläge zu machen, zu träumen und sich gemeinsam ein Sozialhilfesystem auszudenken, das besser ihren Bedürfnissen entspricht.
Artias verfolgte damit ein doppeltes Ziel: die betroffenen Menschen stärker zu befähigen und ihre Betreuung zu verbessern. Der Lenkungsausschuss (Copil), der sich hauptsächlich aus Leitungspersonen aus Sozialdiensten zusammensetzt, spielte eine grundlegende Rolle bei der Projektkonzeption, seiner Begleitung und der Auswahl der Teilnehmenden.
Die Arbeitsgruppen
Der Aufbau einer kollektiven Stimme erfordert Zeit, Treffpunkte, Energie, Vertrauen und Rücksichtnahme. Dank den Leitungspersonen der Sozialdienste, alle Mitglieder der Copil, und der Rekrutierung von Sozialarbeitenden aus ihren Teams konnten etwa sechzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dem Abenteuer teilnehmen. Um einer Kontrolllogik so weit wie möglich zu entgehen, konnten die Teilnehmenden mit einer einfachen mündlichen Vereinbarung mit ihrem Sozialdienst am Projekt mitwirken.
Aufgeteilt in vier Gruppen mit jeweils fünfzehn Personen, trafen sie sich von November 2018 bis Juni 2019 anlässlich einer halb- oder ganztägigen Sitzung pro Monat, um aufgrund ihrer Erfahrungen und Bedürfnisse Vorschläge zur Verbesserung der sozialen Unterstützung zu entwickeln. Die gemütlich gestalteten Arbeitsorte waren auf vier Städte verteilt: Yverdon, Genf, Sitten und Neuenburg.
Jede Gruppe wurde bei ihrer Arbeit von einem professionellen Moderationsteam mit unterschiedlichem Profil begleitet. Alle vier hatten Erfahrung mit partizipativen Moderationsmethoden. Die Teams stellten sicher, dass dieT Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ihre Erfahrungen im Mittelpunkt der Treffen standen. Ziel war es, von ihren Erfahrungen auszugehen und eine gemeinsame Stimme zu bilden. Um ein Höchstmass an Meinungsäusserung in den Gruppen zu gewährleisten, unterzeichnete jeder Teilnehmende eine Charta, die die Vertraulichkeit des Austauschs garantierte. Jede Gruppe konnte entscheiden, was sie weitergeben oder für sich behalten wollte. Im Sommer 2019 legte dann jede Gruppe einen Bericht vor.
Die Herbsttagung
Sehr schnell brachten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Befürchtung zum Ausdruck, dass ihre Arbeit in einer Schublade landen und ihre Stimme nicht berücksichtigt werden würde. Aus diesem Grund schlug der Artias-Vorstand interessierten Personen vor, ihnen die Verantwortung für die jährliche Herbsttagung zu übergeben. Etwa zwanzig Beteiligte nahmen diese Herausforderung mit grosser Ernsthaftigkeit und Begeisterung an. Insgesamt arbeiteten sie etwa zwanzig Tage lang mit der fachlichen Unterstützung des Tagesmoderators und des Artias-Generalsekretariats daran. Die Herbsttagung fand am 28. November 2019 im Olympischen Museum in Lausanne statt und war völlig ausgebucht.
Ernst zu nehmende Vorschläge
Im Jahr 2020 begannen die interessierten Teilnehmer, eine Synthese der in den Gruppenberichten enthaltenen Vorschläge zu verfassen. Begleitet wurden sie dabei vom Artias-Generalsekretariat und von einer professionellen Moderatorin. Das Dokument, das im Juli 2021 auf der Website www.artias.ch veröffentlicht wurde, stellt die wichtigsten Vorschläge und praktische Umsetzungsansätze vor. Das Artias-Projekt hat gezeigt, dass Sozialhilfeempfänger, wenn sie ernst genommen und respektiert werden, eine interessante und nützliche Arbeit verrichten, die sie regelrecht aufblühen lässt und ihre Menschenwürde stärkt.
Das Projekt hatte erhebliche positive Auswirkungen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vor allem in Bezug auf ihre Identität (Selbstvertrauen, Anerkennung, geringeres Schamgefühl), ihre psychische Gesundheit (Wohlbefinden, Selbstschutz) und ihr soziales Leben (Ausbruch aus der Isolation, Treffen mit und Unterstützung von Menschen, die die gleiche Realität erleben). Obwohl mehr als die Hälfte der Teilnehmenden davon ausging, dass das Projekt ihnen die teilweise oder völlige Ablösung aus der Sozialhilfe ermöglichen würde, wurden nur geringe Auswirkungen auf ihre wirtschaftliche Lage (finanziell und/oder beruflich) festgestellt.
Die Auswirkungen auf das Projekt hatte auch das Kollektiv. Die Stärke der Gruppe wirkte als Katalysator für individuelle Einflüsse und als Empowerment-Verstärker (Sensibilisierung für den kollektiven Mehrwert in Bezug auf Macht, Legitimität und Glaubwürdigkeit). Das Projekt hat zudem bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Wunsch geweckt, Vereinigungen oder Gemeinschaften zu gründen, von denen einige auch ins Leben gerufen wurden.
Auf die konkrete Praxis der Fachkräfte, die Organisation der Sozialhilfedienste oder die öffentliche Politik hat das Projekt bis zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr geringe Auswirkungen. Das Ziel, die Praktiken zu ändern, wurde also nicht erreicht, aber es ist festzustellen, dass die Kommunikation der Ergebnisse, die für die Erzielung solcher Wirkungen entscheidend ist, nur teilweise erreicht wurde. Mehrere Akteure bezweifelten jedoch, dass das Projekt zu Änderungen in der Funktionsweise der Sozialdienste oder des Rechtsrahmens führen könnte, und vermuteten einen mangelnden behördlichen Willen, diese Richtung einzuschlagen. Diese Erkenntnis spiegelt die Literatur wider, die auf die Schwierigkeit solcher Systeme hinweist, den Kern der öffentlichen Meinung zu erreichen. Das Ausbleiben konkreter mittel- oder langfristiger Veränderungen könnte von einigen Teilnehmenden schlecht aufgefasst werden angesichts der projektverbundenen Erwartungen und ihres beträchtlichen Engagements.
Für Artias bestand das Ziel auch darin, das Interesse und die Machbarkeit eines partizipativen Systems im Sozialhilfebereich zu testen. Das Projekt hat die Machbarkeit eines solchen Ansatzes und die Möglichkeit, konstruktive Ergebnisse zu erzielen, bewiesen. Diese Piloterfahrung hat bereits die Umsetzung partizipativer Ansätze im Sozialhilfebereich in den betroffenen Kantonen angeregt, und Artias hofft, dass sie den partizipativen Ansatz in der öffentlichen Meinung insgesamt fördern wird.