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| Clemens von Alexandrien († vor 215/16)

Mahnrede an die Heiden
(Protrepticus)1. Kapitel
1.
[S. 71] 1. Amphion aus Theben und Arion aus Methymna waren beide Sänger [aber beide sind Sage; und noch jetzt wird das Lied von ihnen in griechischem Chor gesungen]; mit Musik lockte der eine von ihnen einen Fisch herbei,1mit Musik erbaute der andere die Mauern von Theben.2Und ein anderer Künstler, ein Thraker3[das ist eine andere griechische Sage], zähmte durch bloßen Gesang die wilden Tiere; ja sogar die Bäume, die Eichen, verpflanzte er durch seine Musik.
2. Ich kann dir auch noch einen anderen, diesen verwandten Mythus und Sänger anführen, den Lokrer Eunomos und die pythische Zikade. Ein griechisches Fest wurde zu Ehren des toten Drachen in Pytho [Delphi] gefeiert, und Eunomos sang das Grablied des Lindwurms; ob der Gesang ein Preis- oder Trauerlied auf die Schlange war, weiß ich nicht zu sagen; doch es war ein Wettkampf, und es spielte Eunomos die Zither zur Zeit der Sommerhitze, wo die Zikaden im Gebirge an der Sonne sich wärmten und unter den Blättern zirpten. Sicher aber sangen sie nicht dem toten Drachen von Pytho, sondern dem allweisen Gott zu Ehren ihr Lied nach eigener Weise, besser als des Eunomos Weisen. Da reißt dem Lokrer eine Saite; die Zikade fliegt auf den Steg der Leier und zirpt auf dem Instrument wie auf einem Zweige; und indem sich der Sänger dem Gesang der Zikade anpaßte, ergänzte er die fehlende Saite.
3. Also nicht durch das Spiel des Eunomos wird [S. 72] die Zikade herbeigelockt, wie die Sage will, die in Pytho den Eunomos samt seiner Leier und seine Gehilfin im Wettkampf in Erz aufstellen ließ. Vielmehr fliegt sie aus freien Stücken herbei und singt aus freien Stücken; die Griechen aber glauben, daß sie bei der musikalischen Aufführung mitgewirkt habe.
1: Gemeint ist die Sage von Arion und dem Delphin; vgl. Herodot I 23 f.
2: Vgl. Hom. Od. 11, 262 f.
3: Orpheus; vgl. Ovid, Metam. XI.