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Musikinstrumentenbauer Karl Schneider und die E-Gitarre
Dieter Schneider-Wenk
Der Erfolg der Rock- und Popmusik der späten 1960er-Jahre wäre ohne die elektrischen Gitarren kaum denkbar gewesen. Der Ursprung dieser Instrumente liegt aber viel weiter zurück. Ein Basler namens Riggenbacher, der Ende des 19. Jahrhunderts in die USA ausgewandert war, schrieb dabei Geschichte – und der Instrumentenbauer Karl Schneider schrieb sie in Riehen weiter.
Mitte der 1920er-Jahre – in den USA ‹Roaring Twenties› genannt – entstanden neue Formen der populären Musik. Ausgangspunkt dieser Entwicklung waren technische Neuheiten wie der Tonfilm, der Plattenspieler und das Radio. Der texanische Gitarrist George Beauchamp baute eine laute Gitarre, die sich auch in einer Big Band behaupten konnte. Dafür entwickelte er einen Tonabnehmer, der die Schwingungen der Stahlsaiten in eine Wechselspannung umwandelte und über einen Röhrenverstärker hörbar machte. Mit diesem Pick-up war die Grundlage für die E-Gitarre gelegt. Der Ingenieur Adolph Rickenbacker (1887–1976) brachte die erste handelsübliche E-Gitarre, die wegen ihrer Form ‹Frying Pan› (Bratpfanne) genannt wurde, schliesslich auf den amerikanischen Markt. Adolf Adam Riggenbacher, wie er ursprünglich hiess, wurde 1887 am Gemsberg 7 in Basel als Sohn eines Schreiners in ärmlichen Verhältnissen geboren. Die fünfköpfige Familie wanderte 1891 in die USA aus. Der junge Adolph Rickenbacker gründete in Los Angeles eine Firma und lieferte ab 1931 E-Gitarren unter dem Label ‹Rickenbacker› in die ganze Welt. Die Firma existiert noch heute in Santa Ana CA, USA. In den 1930er-Jahren bekam Karl Schneider, ein junger Geigenbauer im Musikhaus Meinel an der Steinenvorstadt 3 in Basel, erstmals eine amerikanische E-Gitarre zu Gesicht. Fasziniert von der Technik und vom vollen Sound des Instruments, begann er, eigene Versuche mit Pick-ups durchzuführen. Die E-Gitarre sollte ihn in der Folge nicht mehr loslassen.
LEHR- UND BERUFSJAHRE IN BASEL
Karl Schneider wurde 1905 in Heilbronn geboren. Der Vater arbeitete als Braumeister und lebte mit seiner Familie unter anderem in Mülhausen, Pruntrut und Oggersheim. Die vielen Umzüge und die damit verbundenen Wechsel von Sprachen und Schulsystemen erwiesen sich als unvorteilhaft für die Bildung der drei Kinder. Während des Ersten Weltkriegs verstarb der Vater an den Folgen eines Betriebsunfalls. Seine Witwe suchte mit den Kindern in der schwierigen Nachkriegszeit Zuflucht bei ihrer Mutter, die aus Steinen im Wiesental stammte. Gemeinsam zog die Familie in ein Haus in Stetten bei Lörrach. Der junge Karl war intelligent und handwerklich sehr begabt. Die finanziellen Verhältnisse und seine lückenhafte Schulbildung verhinderten aber ein Ingenieurstudium. Ein Onkel, der Musikprofessor und Konzert-Cellist im Berner Symphonieorchester war, vermittelte dem jungen Mann eine Lehrstelle beim Geigenbaumeister Paul Meinel in Basel. 1923 schloss Karl seine Lehre als Geigenbauer erfolgreich ab. Er blieb als Fachmann im Atelier seines Meisters und baute viele Geigen und andere Saiteninstrumente von hoher Qualität. Nach dem Tod von Paul Meinel im Jahr 1928 übernahm dessen Schwiegersohn Hugo Schmitz-Meinel das Atelier an der Steinenvorstadt und führte es als Musikhaus Meinel weiter. Nach der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren stagnierte das Geschäft mit den Geigen. Karl Schneider begann, nebenbei auch Gitarren zu bauen. Schliesslich gründete er zusammen mit Hugo Schmitz-Meinel die Gitarrenmarke ‹Grando›. Zu den verschiedenen Jazz- und Konzertgitarren unter diesem Label kamen noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die ersten E-Gitarren, die Karl Schneider nach amerikanischem Vorbild entwickelt hatte. Die Grando- Modelle gelten heute als die ersten handelsüblichen E-Gitarren Europas.
GRÜNDUNG DER FIRMA K. SCHNEIDER, INSTRUMENTENBAU RIEHEN
Karl Schneider hatte Ende der 1920er-Jahre die junge Marie Wenk aus Riehen kennengelernt und 1931 geheiratet. Das Paar lebte mit den Kindern Elsbeth (*1937) und Dieter (*1944) im Obergeschoss des Kleinbauernhauses von Maries Eltern Ernst und Emma Wenk-Wohlschlegel an der Oberdorfstrasse 43 in Riehen. Das Leben unweit der deutschen Grenze war für die junge Familie während des Zweiten Weltkriegs nicht einfach. Ausserdem hätte Karl Schneider als deutscher Staatsangehöriger Militärdienst leisten müssen. Bei einem überraschenden Einmarsch der Wehrmacht wäre er als Dienstverweigerer in Lebensgefahr geraten. Beruflich befriedigte Karl Schneider die Zusammenarbeit im Musikhaus Meinel immer weniger. Deshalb entschloss er sich gegen Ende des Krieges, in Riehen ein eigenes Geschäft zu gründen. Die Einmannfirma ‹K. Schneider, Instrumentenbau Riehen› hatte ihren ersten Geschäftssitz in der Familienwohnung. Da die Gitarrenmarke Grando seinem ehemaligen Chef Hugo Schmitz-Meinel gehörte, verkaufte er seine neuen Modelle unter seinem eigenen Label ‹ Rio›. Der junge Unternehmer entwickelte eine Rio- Modellreihe mit akustischen und elektrischen Konzert-, Jazz- und Hawaiigitarren, die rasch Absatz fanden. Der amerikanische Hype der Hawaii-Musik, der nach Kriegsende auch Europa erfasste, trug kräftig zum Geschäftserfolg bei. In der ganzen Schweiz entstanden Hawaii-Bands, die sich mit elektrischen Jazz- und Hawaiigitarren sowie Ukulelen aus Riehen ausrüsteten. Die erfolgreichsten in Basel waren die Hula Hawaiians. Die Raumverhältnisse in der Familienwohnung, die zugleich als Geschäftssitz und Werkstatt diente, waren prekär. Deshalb plante Karl Schneider einen Neubau am Dorfrand. Das von Architekt Jean Mory entworfene Haus an der Mohrhaldenstrasse 50 wurde im Herbst 1945 bezogen. Es bot sowohl der vierköpfigen Familie als auch der Firma vorerst genügend Platz. Im hinteren Teil war eine Werkstatt und im Kellergeschoss ein Maschinenraum eingerichtet. Obwohl Musikinstrumente nach dem Krieg noch mit einer Luxussteuer belastet waren, entwickelte sich das Gitarrengeschäft sehr gut. Schon 1947 stellte Karl Schneider einen ersten Mitarbeiter ein, später folgten weitere. Schon bald hatte der expandierende Betrieb wieder zu wenig Raum. Karl Schneider konnte im Dorf ein Ladengeschäft mit Werkstatt an guter Lage mieten. Das Haus an der Rössligasse 18 wurde zur neuen Geschäftsadresse. Im Laden wurden nicht nur Gitarren, sondern auch andere Musikalien, Radios und Plattenspieler verkauft. Der Hauptteil der Produktion ging aber an Musikgeschäfte in der ganzen Schweiz und im angrenzenden Ausland. Die Schweizerische Mustermesse in Basel (Muba) war in der Nachkriegszeit der Ort, wo sich die aufstrebenden Industrie- und Gewerbebetriebe der ganzen Schweiz präsentieren konnten. Auch die Firma K. Schneider stellte gegen Ende der 1940er-Jahre ihre neuen Rio-Produkte an der Muba aus. Ihr Stand war eine kleine Bühne, auf der Musiker und Bands mit Rio-Instrumenten auftraten. Im Vordergrund drehte sich eine überdimensionale, durchsichtige Gitarre aus Plexiglas. Der Sound der E-Gitarren war in der ganzen Halle zu hören und zog das Publikum in Scharen an. Dabei dominierte die Hawaiimusik, die als erste Welle der Pop-Musik bezeichnet werden könnte.
GEWERBEBETRIEB AN DER BAHNHOFSTRASSE
Die Situation des aufstrebenden Gewerbebetriebs mit zwei Standorten und wachsendem Personalbestand war jedoch nicht ideal. Als ein Schwager des Firmenchefs, Schneidermeister Louis Wenk (1903–1967), die Liegenschaft an der Bahnhofstrasse 1 erwarb und im Obergeschoss ein elegantes Atelier und eine Wohnung für sich und seine Mutter einrichtete, bezog die Firma K. Schneider das Erdgeschoss dieses ehemaligen Schulhauses mit Baujahr 1841. Hier fand sie endlich das geeignete Raumangebot für die Gitarrenproduktion: Von der Eingangshalle ging es links ins Verkaufslokal, das gleichzeitig als Atelier des Chefs diente. Daran schloss eine Grossraum-Werkstatt mit vier Gitarrenbau-Werkbänken an. Den hinteren Teil des Erdgeschosses nahm ein Saal mit Holzbearbeitungsmaschinen wie Bandsäge, Kreissäge, Hobel-, Bohr- und Schleifmaschinen ein. In der ehemaligen grossen Küche des Hauses befanden sich die Lackiererei sowie der Spritzraum mit Abluftanlage zum Hof. Im offenen Verbindungstrakt zum ehemaligen Ökonomiegebäude war das Lager der wertvollen Tonhölzer untergebracht. Karl Schneider war ein Tüftler und ein genialer Konstrukteur. Die ersten Pick-ups für seine E-Gitarren hatte er wahrscheinlich nach amerikanischen Vorbildern entworfen und deren Funktionalität experimentell optimiert. Er machte Entwürfe, verwirklichte viele seiner Ideen und verbesserte seine Modelle laufend. So hatte er den grössten Schwachpunkt der Gitarrenkonstruktion, die Langzeitstabilität des Gitarrenhalses, früh erkannt. Er verstärkte den Hals mit einer Metalleinlage, die der Zugspannung der Stahlsaiten entgegenwirkte und so ein Verbiegen verhinderte. Diese Konstruktion liess er schon 1946 patentieren.
BLÜTEZEIT DES GITARRENBAUS WÄHREND DER HOCHKONJUNKTUR
In den 1960er-Jahren erreichte die Nachfrage nach Gitarren ihren Höhepunkt. Die Firma K. Schneider beschäftigte zeitweise bis zu zehn Mitarbeitende. Marie Schneider- Wenk, die Frau des Chefs, hatte seit 1950 immer mehr Aufgaben im Betrieb übernommen. Mit grossem Geschick führte sie die Brandmalereien bei den akustischen Hawaiiund Westerngitarren aus und polierte die fertigen Instrumente. Zudem war sie die Ansprechperson der Firma und pflegte die Kundenkontakte. Später halfen auch die Tochter Elsbeth und der Schwiegersohn Jean-Pierre Vocat im Familienbetrieb mit. Die Firma und die Rio-Gitarren waren in der Musikszene des Landes bekannt. Viele Gitarristen und Gitarristinnen kamen nach Riehen und liessen sich Instrumente nach ihren Wünschen anfertigen. Dank ihren Rückmeldungen lernten Schneider und seine Mitarbeitenden ständig dazu und perfektionierten die Instrumente. Dabei entstanden neue Modelle in modischen Farben und Formen, die sich den Entwicklungen in der Jazz-, Rock- und Popmusik anpassten. So realisierte Karl Schneider auch eine E-Gitarre, bei der die Stimmung während des Spiels umgeschaltet und der Ton zu einem Tremolo verändert werden konnte. Namhafte Musiker und Bands wie Django Reinhard, der «Vater des Gipsy-Jazz», Pierre Cavalli oder die Minstrels spielten auf Rio-Gitarren. Die Minstrels fanden 1967 in Zürich als Strassenmusiker im Minnesängerstil zusammen und spielten Folk und Pop. Mit ‹Grüezi wohl, Frau Stirnimaa› landeten sie 1969 einen Platz-1-Hit in der Schweizer Hitparade mit 1,5 Millionen verkauften Platten.
ZURÜCK ZUM GEIGENBAU
Der Gitarrenmarkt wurde in den 1970er-Jahren mit Billigprodukten aus Asien überschwemmt. E-Gitarren aus Deutschland und den USA konkurrierten mit den Rio- Gitarren. Die Erdölkrise von 1973 zog einen Preisanstieg der für den Gitarrenbau wichtigen Tropenhölzer nach sich. Trotz dem vermehrten Einsatz von Maschinen und diversen Rationalisierungsmassnahmen geriet die Produktion unter massiven Kostendruck. Im Alter von 70 Jahren zog sich der Patron Karl Schneider aus der Firma zurück. Sein Schwiegersohn Jean-Pierre Vocat und dessen Frau Elsbeth übernahmen die Firma 1975 unter dem Namen Vocat-Schneider Gitarrenbau GmbH. Jean-Pierre Vocat war ideenreich und initiativ. Er entwarf innovative Gitarrenmodelle und befasste sich mit dem Bau von Charangos, kleinen Zupfinstrumenten aus Bolivien, deren Resonanzkörper ursprünglich aus dem Panzer von Gürteltieren gefertigt wurde. Vocat entwickelte in Zusammenarbeit mit Ciba-Geigy ein Verfahren, um den Korpus aus Kunststoff herstellen zu können. Leider blieb der geschäftliche Erfolg unter den erschwerten Bedingungen aus. Deshalb wurde die Produktion heruntergefahren, schliesslich eingestellt und der Firmeneintrag im Handelsregister am 16. November 1981 gelöscht. Elsbeth Vocat-Schneider führte allerdings noch während Jahren Reparaturen aus. Nachdem Karl Schneider seine Gitarrenbau-Firma 1975 Schwiegersohn und Tochter übergeben hatte, richtete er im Dachgeschoss seines Wohnhauses an der Mohrhaldenstrasse 50 ein kleines Geigenbauatelier ein. Die Rückkehr in sein ursprüngliches Metier gelang ohne Schwierigkeiten. Dank seiner geistigen Frische und seiner guten Gesundheit arbeitete er auch als Siebzigjähriger noch genau und effizient. Er restaurierte alte Sammlerinstrumente und stellte Geigen, Bratschen und Celli von hoher Qualität her. Bald schon konnte er sich über einen wachsenden Kundenkreis in der ganzen Region Basel freuen. Erst im Alter von 86 Jahren übergab er sein Geschäft 1991 dem jungen Geigenbauer Ulrich Heimann in Weil am Rhein, der bei ihm ein Praktikum absolviert und dann bei Uphoff-Franke in Mannheim die Lehre gemacht hatte. Karl Schneider starb am 26. Juni 1998 nach kurzer Krankheit. Der Geschäftssitz der ehemaligen Firma an der Bahnhofstrasse 1 fiel 2008 einem Grossbrand zum Opfer, wobei leider viele Originale und Dokumente verloren gingen.
QUELLEN
Araldite et la fabrication d’instruments de musique,
in: Aspects Ciba-Geigy 3 (1979), S. 7–10.
Hans Boltshauser: Die Geigenbauer der Schweiz,
Degersheim 1969, S. 94, URL: www.geigenbauer.
ch/fileadmin/media/Download/Die-Geigenbauerder-
Schweiz.pdf, Zugriff: 18.07.2019.
Bänz Friedli: Hartnäckigkeit und Hawaii-Gitarren,
in: Small Number – Big Impact. Schweizer Einwanderung
in die USA, Zürich 2006, S. 91–98.
Stanislav Grenet, Marc Sabatier: Les Guitares Rio.
Schneider et Bianchi: histoire d’une rencontre, in:
Vintage Guitare 3 (2011), S. 18–23, URL: www.riogitarren.
ch/expo-links-Dateien/vintageguitares3.
pdf, Zugriff: 18.07.2019.
Karl Schneider – RIO-Gitarren, virtuelle Ausstellung,
URL: www.riogitarren.ch;
riogitarrenguitares.free.fr [Zugriffe: 18.07.2019].
Musée des musiques populaires – mupop, Montluçon,
URL: www.mupop.fr, Zugriff: 18.07.2019.