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Raimund, du warst 40 Jahre alt, als du plötzlich Beschwerden im Bereich des Oberkiefers bekommen hast. Wenn du den Mund aufmachtest, rann das Blut.
Ja, über Monate wollten die Blutungen einfach nicht aufhören. Ich liess einige Zeit verstreichen. Ärzte, Spitäler mied ich nach Möglichkeit. Als Siebenjähriger verbrachte ich ein Jahr im Spital, das sind wohl die Nachwehen davon. Damals war mir ein Linienbus über die Oberschenkel gefahren. Fast hätte man mir beide Beine abnehmen müssen. Es war übel, ich hatte grosse Schmerzen. Bis heute habe ich Mühe mit den Beinen ...
Meine Familie drängte mich, zum Zahnarzt zu gehen. Schliesslich vereinbarte eine Glaubensschwester einfach einen Termin für mich. Was der Arzt sah, gefiel ihm gar nicht und er überwies mich sofort in die Klinik. Dort wurden Gewebeproben entnommen und eingeschickt. Die Pathologie war dann eindeutig: Ich hatte Knochenkrebs im Oberkiefer. Das war im September 2001.
Ich vermute, dir stand eine sehr schmerzhafte Zeit bevor?
Ja, aber ich muss sagen, der Herr hat vorgesorgt. Mein bester Freund, ein Missionar, wohnte damals mit seiner Familie in der Nähe des Krankenhauses. Er besuchte und ermutigte mich. Zudem durfte meine Frau bei ihnen übernachten. Sie hatte keinen Führerschein und hätte nicht jeden Tag bei mir sein können, hätte sie immer den weiten Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause bewerkstelligen müssen. Das war ein Geschenk Gottes! Ich war sehr froh und dankbar, Andrea an meiner Seite zu haben.
Mir wurde der Oberkiefer bis zur Kieferhöhle entfernt und auch Teile des Unterkiefers, ich hatte grosse Schmerzen und musste durch die Nase ernährt werden. Die Ärzte warnten Andrea nach der Operation, dass sie mich kaum wiedererkennen würde, sie solle nicht erschrecken ... es gab schon einige ziemlich tragische Situationen.
Verlief die Operation erfolgreich, war der Krebs damit besiegt?
Fürs Erste ja. Ich musste starke Medikamente nehmen, da eine Bestrahlung nicht möglich war und eine Chemotherapie wirkungslos blieb. Aber nach einem Jahr kam der Krebs wieder und ich musste mich einer weiteren kleinen Operation unterziehen. Ein halbes Jahr später die nächste, die 16 Stunden dauerte. Ein Arzt sagte mir hinterher, es grenze an ein Wunder, dass ich diese Operation überhaupt überlebt habe. Denn zu diesem Zeitpunkt litt ich, ohne es zu wissen, bereits an einer weiteren Beeinträchtigung meiner Gesundheit: Meine Herzkranzgefässe sind stark in Mitleidenschaft gezogen, möglicherweise eine Folge der jahrelangen Medikamenteneinnahme. Und was sich erst später herausstellte: Meine Venen sind aufgrund eines Gendefekts im Durchmesser deutlich weniger «dick» als normal.
Zunächst wurden in einer Marathon-Operation Teile aus meinem Oberschenkelknochen herausgesägt und in den Oberkiefer eingesetzt. Im Februar 2005 stand die nächste Operation an, die diesmal «nur» vier Stunden dauerte. Knapp 10 Wochen später sollte ich wieder operiert werden, aber in der Zwischenzeit machten sich meine angegriffenen Herzkranzgefässe massiv bemerkbar – die Kieferoperation wurde abgesagt. Eines Tages, als ich meinen Arbeitsplatz verliess, hatte ich meinen ersten Herzinfarkt. Jetzt konzentrierten sich die Ärzte auf mein Herz. Nach einer Herzkatheteruntersuchung im Krankenhaus Lienz/Osttirol stellte der behandelnde Arzt fest: «Herr Zabernig, Sie haben Herzkranzgefässe wie ein 83-Jähriger.» Ich war gerade 44. Nun war Schonung angesagt. Vier Wochen ging alles gut, dann kamen die Herzprobleme zurück. Mit der Rettung brachte man mich nach Innsbruck ins Krankenhaus, wo ich gleich operiert wurde.
Das war nicht deine letzte Herzoperation?
Ganz genau. Mittlerweile habe ich 16 Stents und 15 Operationen hinter mir und nehme täglich etwa 25 Tabletten. Leider hatte ich auch insgesamt 5 Herzinfarkte, bei der letzten Herzkatheter-OP im Jahr 2019 bekam ich den bisher letzten Stent, wobei ich während der Operation einen Herzstillstand hatte und reanimiert werden musste. Bei der Operation im Jahr 2013 wurden mir vier Bypässe gelegt. Das Herz wurde herausgenommen und repariert, ich hing währenddessen an der Herz-Lungen-Maschine. Davor hatte ich schon Angst. Im Vorbereitungsraum stellte sich der Arzt vor und sagte, er wisse nicht, wie es ausgehen würde, aber er wünsche mir und sich alles Gute und Gottes Segen. Da wusste ich, es liegt in Gottes Hand. Ich wurde ganz ruhig. So viele beteten für uns. Am 20. März 2022 hatte ich übrigens wieder einen Herzinfarkt, der im BKH Lienz endete. Nach fünf Stunden war ich wieder zu Hause! Im Sommer kämpfte ich wegen der grossen Hitze mit Sauerstoffproblemen, das machte mir sehr zu schaffen.
Hast du das alles psychisch gut verkraftet?
Es gibt schon negative Nebeneffekte. Zum Beispiel kann ich nachts kaum mehr als drei Stunden schlafen. Dann stehe ich auf, lese in der Bibel, bete, bereite Predigten, Bibelabende und Kurse für die Gemeinde vor. Mittags schlafe ich dann nochmals eine halbe Stunde. Es gab Zeiten, da war ich am Ende, lebensmüde, die ständigen Schmerzen, die Kraftlosigkeit. Aber da war meine Familie, die Gemeinde ...
Lesen Sie das ganze Interview in ethos 11/2023