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Im Ersten Weltkrieg positionierte sich die Schweiz als „Sanitätsfestung“ und „Friedensinsel“. Sie profilierte ihre politische Neutralität mit diversen humanitären Aktionen, die der Bundesrat auf Initiative des IKRK sowie teilweise des Vatikans organisierte, wie beispielsweise den Austausch von schwerverletzten Kriegsgefangenen und Zivilpersonen über Schweizer Territorium 1915. Die über ein Jahr lang ausgehandelte Internierung von verletzten oder chronisch kranken ausländischen Kriegsgefangenen zwischen 1916 und 1918 hatte allerdings einen speziellen Charakter.
Die unter Federführung der Schweiz vermittelten Internierungsabkommen zwischen den Kriegsmächten Frankreich und Deutschland, denen sich später Belgien und Grossbritannien anschlossen, machten die Internierung zu einem Novum in der Kriegsgeschichte. Sie schufen die rechtliche Grundlage für die Internierung jener Kriegsgefangenen in der Schweiz, die zu krank oder verletzt waren, um in den Gefangenenlagern zu bleiben, die aber nicht direkt repatriiert werden konnten. In der Schweiz sollten sie sich in kriegsbedingt leer stehenden Hotels und Sanatorien von ihren Verletzungen oder Krankheiten erholen und gleichzeitig allmählich wieder in die Gesellschaft und ins Arbeitsleben zurückgeführt werden. Sie behielten ihren Status als Kriegsgefangene und unterstanden deshalb einer strikten militärischen Disziplin; die Kosten für ihren Aufenthalt in der Schweiz übernahmen die jeweiligen Heimatstaaten.
Insgesamt wurden zwischen 1916 und 1918 rund 68’000 kriegsgefangene Militärs französischer, deutscher, belgischer und britischer Nationalität über unterschiedlich lange Zeiträume in mehreren hundert Schweizer Ortschaften interniert; im Berner Oberland und in der Region Thun vor allem Angehörige der Entente. Gesundete Internierte wurden unter gewissen Bedingungen laufend repatriiert und an ihrer Stelle neue Kriegsgefangene interniert.
Der Schweizer Regierung diente die Internierung dazu, der politischen Neutralität gegen aussen und innen einen tieferen Sinn zu geben und mit einer nationalen Bewegung des Mitleids das Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstwertgefühl zu fördern. Die Internierung brachte aber auch wirtschaftliche Vorteile.
Diese allgemeinen Aspekte der Internierung sind gut erforscht. Sie beleuchten die Internierung allerdings einseitig „von oben“ und berücksichtigen nicht, wie die Internierung vor Ort umgesetzt wurde. Welche Interessen und Chancen, Problematiken, Prozesse und Interaktionen auf der Ebene der Internierungsorte mit der Aufnahme von ausländischen Kriegsgefangenen verbunden waren und wie man sich deren Alltag vorzustellen hat, zeigt die Masterarbeit anhand des Beispiels der Region Thun exemplarisch auf.
Die Recherchen des früheren Thuner Stadtarchivars Dr. Jon Keller ergänzend und vertiefend, werden möglichst viele bislang nicht edierte Quellen sowohl aus dem Bundesarchiv als auch dem Stadtarchiv Thun berücksichtigt sowie diverse Zeitungen, Zeitschriften und persönliche Zeugnisse der Internierten analysiert, um deren Perspektiven und Beziehungsnetzwerke nachvollziehen zu können. Als Quellen herangezogen wurde auch die online zugängliche Kartothek des IKRK (https://grandeguerre.icrc.org).
In der Arbeit wird nicht nur dargelegt, wie die Region Thun als Internierungskreis und militärisches Platzkommando (Gemeinden Thun, Steffisburg, Goldiwil, Hilterfingen, Oberhofen, Gunten und Merligen) organisatorisch und strukturell in die übergeordneten Verwaltungsmechanismen eingebunden war, sondern auch, dass zwischen Akteuren auf Bundes- und lokaler Ebene sowie auch innerhalb der Internierungsorte vereinzelt Interessenkonflikte erwuchsen. Der mikrohistorische Blick vermag dabei aufzuzeigen, dass kein Internierungsort wie der andere war und jeder seine ganz eigenen Spezifika hatte. So galten die in Thun situierte Handelsschule für Internierte sowie eine Soldatenstube für Entente-Angehörige in Gunten über die Region hinaus als Vorzeige-Institutionen. Gleichzeitig lassen sich aber auch Parallelen zu anderen Internierungsorten erkennen.
Der Fokus der Masterarbeit gilt einem Forschungsdesiderat, dem sozialen Umfeld der Internierten, das bislang vor allem hinsichtlich der Kontakte der Internierten zur Bevölkerung analysiert wurde. Mittels konkreter Beispiele aus der Region Thun kann belegt werden, dass die Internierten auch mit Kriegsgefangenen im Ausland korrespondierten, ausländische Feriengäste in der Region besuchten, Kontakt hatten zu „Kriegspatinnen“, von Einheimischen „adoptiert“ wurden oder Angehörige zum Besuch empfingen. Auf solche Kontakte reagierten die Bevölkerung und die Internierungsbehörden ganz unterschiedlich. Den Bezug zum Titel dieser Arbeit stellt schliesslich der bislang zu einseitig als französischer Propagandafilm beleuchtete und unter Historikerinnen und Historikern praktisch unbekannte 30-minütige Stummfilm Asile de Guerre (F 1917) dar, der den fiktiven, von einem Hilfswerk der Schweizer Kolonie in Paris vermittelten Besuch der Ehefrau eines Internierten in der Region Thun thematisiert. Dieser Film kann gestützt auf die Vorarbeit des Filmwissenschaftlers Adrian Gerber eindeutig als Werbefilm der Schweizer Kolonie in Paris entlarvt werden.