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Schlafmohn - Papaver somniferum
Papaver somniferum (syn. Papaver amplexicaule, P. nigrum, P. officinale);
Schlafmohn (syn. Gartenmohn, Mohn).
VORKOMMEN
Der Schlafmohn ist eine alte Kulturpflanze, die sich vom im Mittelmeergebiet vorkommenden Borstigen Mohn (Papaver setigerum) ableitet; Die exakte Herkunft ist schwer bestimmbar; Kultur derzeit bevorzugt in Afghanistan, Indien, der Türkei und den ehemaligen GUS-Staaten.
MERKMALE
Der runde, überlaufende Stängel wird bis über 1 m hoch. Die relativ grossen Blüten haben einen zweiblättrigen Kelch, der beim Aufblühen abfällt, sowie vier weisse bis violette Blütenblätter, die auf schlanken, haarigen Stielen stehen. Blütezeit ist von Mai bis August. Die Blüte ist meist schon nach wenigen Tagen komplett bestäubt und wirft dann ihre Blütenblätter ab. Die kugeligen Fruchtkapseln enthalten zahlreiche Samen.
DROGEN (verwendete Pflanzenteile)
1. Stramentum Papaveris Mohnstroh, die reifen, entsamten Kapseln.
2. Opium (syn. Laudanum, Meconium, Opium crudum): Opium (Rohopium), der aus mesit unreifen Früchten gewonnene und an der Luft eingetrocknete Milchsaft.
3. Papaveris semen (syn. Semen Papaveris): Mohnsamen (syn. Schlafmohnsamen). Die Farbe der Samen kann variieren von schwarz, grau, graublau, braun bis weiss.
4. Papaveris seminis oleum (syn. Oleum Papaveris): Mohnöl.
WIRKSTOFFE / INHALTSSTOFFE
Weitere Produkte des Schlafmohns sind die in dem weissen Milchsaft enthaltenen Alkaloide. Zu den wichtigsten der insgesamt 40 Alkaloide zählen Morphin, Codein, Papaverin, Noscapin (= Narkotin), Thebain und Narcein. Morphin, Codein und Thebain sind Morphinanderivate. Narkotin, Papaverin und Narcein dagegen sind Benzylisochinolinalkaloide. Ein grosser Teil liegt als Salz mit der Mekonsäure gebunden vor (so genannte Mekonate). Das Heroin wird synthetisch aus dem Mohn-Inhaltsstoff Morphin hergestellt, ist aber selbst nicht im Mohn enthalten. Ausgereifte Fruchtkapseln enthalten im Vergleich zu grünen mehr Codein und weniger Morphin. Aus getrockneten und fein vermahlenen Fruchtkapseln kann medizinischer Tee bereitet werden. In Trinkalkohol (Ethanol) löst sich Morphin wesentlich besser als in Wasser, sodass sich starke Tinkturen herstellen lassen.
PHARMAKOLOGIE
Morphin wirkt zentral als Agonist an Opioidrezeptoren. Dadurch wird die
Schmerzweiterleitung verhindert und das Schmerzempfinden des Patienten
gesenkt. Im Vordergrund steht dabei die Aktivierung der μ-Rezeptoren. Zu
κ-Rezeptoren hat Morphin eine geringere Affinität. Präsynaptisch führt
Morphin über den Opioidrezeptor G-Protein vermittelt zu einer Abnahme
des zellulären Calcium-Einstroms und damit zur Hyperpolarisation.
Postsynaptisch erfolgt eine G-Protein vermittelte Aktivierung von
Kaliumkanälen mit nachfolgenden Kalium-Ausstrom. Der Kaliumausstrom
führt ebenso zur Hyperpolarisation und effektiven Verhinderung einer
Schmerzweiterleitung
Morphin weist nach oraler Gabe zwar eine gute Resorption auf, die Bioverfügbarkeit ist jedoch aufgrund des hohen First-pass-Effektes mit 20–40% relativ gering. Nach intravenöser oder intramuskulärer Applikation liegt die Bioverfügbarkeit hingegen bei nahezu 100 %, wobei die maximale Analgesie bei i.v. Gabe nach 20 Minuten, bei i.m. Gabe nach 30–60 Minuten und bei subkutaner Applikation nach 45–90 Minuten erreicht wird. Die Wirkungsdauer nach intravenöser oder intramuskulärer Gabe beträgt 4–5 Stunden und ist für gewöhnlich und naturgemäss bei der (oralen) Gabe retardierter Darreichungsformen deutlich verlängert. Metabolite sind z. B. das inaktive Morphin-3-Glucuronid sowie das aktive (analgetisch wirksame) Morphin-6-Glucuronid, das eine deutlich längere Wirkdauer zeigt als das Morphin selber. Andere Metabolite sind u. a. Normorphin und Codein. Die Elimination erfolgt überwiegend renal mittels hydrophiler Konjugate. Morphin weist keinen sogenannten Ceiling-Effekt auf.
GEWINNUNG VON OPIUM
Zur Gewinnung von Opium werden die schon dick angeschwollenen, aber noch grünen Mohnkapseln in den Abendstunden stellenweise angeritzt. In den folgenden Morgenstunden wird der getrocknete, braun verfärbte Milchsaft der gegliederten Milchröhren − das Rohopium − durch Abkratzen gewonnen. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, bis die Fruchtkapsel gleichmässig vernarbt ist. Eine Kapsel liefert etwa 20–50 mg Rohopium, das 3–23 % Morphin enthält. Rauchopium oder Chandu wird traditionell durch Wiederauflösen des Rohopiums in Wasser und anschliessendes Einkochen gewonnen. Die feuchtbleibende Masse wird nun der Fermentation überlassen, die nach einigen Tagen oder Wochen abgeschlossen ist. Anschliessend wird das Ferment getrocknet, bis es eine feste knetbare Masse ergibt. Eine andere Sorte Rauchopium wird durch Wasserlösung und filtrative Abscheidung des Latex' und Wachses hergestellt. Durch chemische Derivatisierung (Acetylierung → Säureesterbildung) des Morphins entsteht Heroin (Diamorphin, Diacetylmorphin), das die drei- bis sechsfache analgetische (schmerzstillende) Wirkung von Morphin besitzt.
ANWENDUNG
Morphin wird zur Schmerzbekämpfung bei starken Schmerzen, wie bei Tumoren, sowie bei chronischen Schmerzen verschiedenen Ursprungs eingesetzt, aber auch als Droge missbraucht. Morphin ist bei Gallen- und Nierenkoliken zur Schmerzstillung nicht geeignet. Morphin kann psychisch und physisch abhängig machen. Bei Überdosierung von Morphin setzt der Tod (Letale Dosis) durch Atemdepression ein. Codein besitzt nur ein Sechstel bis ein Zwölftel der analgetischen Wirksamkeit von Morphin und wird als Antitussivum bei starkem Reizhusten verwendet. Noscapin und Narcein sind nicht schmerzstillend und besitzen wie Codein eine antitussive Wirkung, die aber schwächer ist. Weiter sind Noscapin und Narcein im Gegensatz zu Morphin schwach atemanregend und bronchodilatatorisch. Papaverin wird angewendet bei Krämpfen des Magens, der Gallenblase, des Darms und der Harnwege und auch bei Nierenkoliken. Opiumtinktur wurde früher oft sowohl bei Magen-Darm-Krämpfen, Durchfall als auch bei seelischen Leiden verschrieben, wegen der suchterzeugenden Wirkung heute jedoch kaum noch. Die enthaltenen Benzylisochinolinalkaloide (z. B. Papaverin) können auch als Spasmolytikum eingesetzt werden.
STATUS
Opium und seine Zubereitungen und die daraus isolierten Alkaloide (Morphin, Codein, Noscapin u.a.) sind stark wirksame Arzneimittel und dürfen phytotherapeutisch nicht verwendet werden. Aus diesen Gründen wurde Opium weder vom HMPC noch von der ESCOP und der Kommission E bearbeitet.
HOMÖOPATHIE
Opium HAB 34, der an der Luft getrocknete Milchsaft.
Anwendungsgebiet: Krampfzustände an den Atemorganen, des Magen-Darm-Traktes, an den Harn- und Geschlechtsorganen sowie der Skelettmuskulatur, Schlafstörungen und Verstimmungszustände.
SCHLAFMOHN IM GARTEN
In der Schweiz ist der Anbau von Schlafmohn grundsätzlich erlaubt, nur
der Anbau zur Betäubungsmittelgewinnung ist verboten. Gegen einige
wenige Pflanzen im Garten hat wohl niemand etwas auszusetzten. Der
Schlafmohn ist wohl eine der ältesten Arznei- bzw. Heilpflanzen
überhaupt. Vom Schlafmohn gibt es heute über 100 Sorten.
Schlafmohn wirkt als wunderschöner, aber schnell verblühender Blickfang im Garten. Die Pflanze liebt die volle Sonne. Sandige, stark durchlässige Böden sind für die Kultur am besten. Schlafmohn ist konkurenzschwach, man muss ihm also andere Pflanzen vom Leibe halten. Lässt man die Samenkapseln stehen, so sät sich der Schlafmohn von selbst aus.
RECHTSLAGE SCHWEIZ
Auch in der Schweiz ist der Anbau von Schlafmohn gestattet, hat aber bei weitem nicht mehr die Bedeutung früherer Zeiten. Seine grösste Ausdehnung erreichte der Mohnanbau im Jahre 1945 mit 1313 ha Fläche, wobei der Mohn sowohl zur Ölgewinnung als auch zur Herstellung von Morphin für die pharmazeutische Industrie in Basel genutzt wurde. Nach Kriegsende ging der Anbau jedoch stark zurück (nur noch 3 ha Anbaufläche 1955) und wurde weitgehend eingestellt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es erneute Ansätze, wobei die staatliche Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) den Mohnanbau speziell durch Bio-Landwirte fördert. Doch werden derzeit nur Kleinstflächen von wenigen Hektar bewirtschaftet, und es wird wegen des relativ geringen Mohnverbrauchs in der Schweiz – Gesamtjahresverbrauch ca. 114 t – nicht erwartet, dass der Mohnanbau über den Stand einer Nischenproduktion hinauskommt
Letzte Änderung: 26.12.2016 / © W. Arnold