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Die Baudirektion hat sich eines drängenden Problems angenommen: «Eine Adresse für jedes Gebäude», verlangt die kantonale Baudirektorin Dorothée Fierz (FDP). […] Einheitlichkeit von Adlikon bis Zumikon ist den Leuten von Fierz auch bei der Schreibweise wichtig. So sollen Strassen mit Personennamen nach der Praxisänderung in der Stadt Zürich (2001) auch im übrigen Kanton durchgekuppelt werden, damit ausserkantonale Besucher nicht verwirrt werden. […] Also Gottfried-Keller-Strasse, nicht Anna Heer-Strasse. Der Rechtschreibreform folgen die kantonalen Experten nicht sklavisch: Aus der Stengel- muss nicht die Stängelstrasse werden. […] Eine Schweizer Spezialität sind die Strassen mit geografischen Namen auf -er: Sie werden in einem Wort geschrieben, also Aargauerstrasse und nicht Aargauer Strasse. Und auch nicht Aargauer-Strasse. Ein ganz heikles Thema sind die Ä, Ö und Ü, die am Wortanfang zwar erlaubt, bei Strassennamen aber tabu sind: Deshalb gibt es die Uetliberg-, nicht aber die Üetlibergstrasse. Für die Fachleute von Fierz ist das Thema so delikat, dass sie auf eine Empfehlung verzichten und den Gemeinden raten, sich mit anderen abzusprechen.
Aus presse und internet
29. 9. 2004
28. 9. 2004
Weniger aus Interesse an der Orthographie als aus Interesse am Umgang der Politik mit empirischer Sozialforschung hat der Verfasser sich bei Exponenten der Reform nach den existierenden Studien zur "Fehlerfrage" erkundigt. Während eine stattliche Zahl reiner Meinungsbefragungen besteht, scheint nur eine quantitative empirische Studie zu existieren: Sie wurde 1996/97 am Wiener Gymnasium Sacré Coeur mit 27 Schülerinnen im Alter von 15 bis 16 Jahren durchgeführt. […] Zwei Dinge erscheinen dem interessierten Beobachter bemerkenswert: Erstens, welche unerhörte Karriere eine Studie machen kann, die (vermutlich mangels Finanzen) elementare methodologische Normen missachtet. Dies wirft in erster Linie ein Licht auf die Bildungsbehörden (und die Bildungsforschung), die ein gewaltiges flächendeckendes Reformprojekt quantitativ unbegleitet lassen, sich in der Folge dennoch unbeirrt auf angeblich vorhandene positive Forschungsergebnisse berufen. […] Man müsste zusätzlich zu den Fehlern im Schreiben die Fehler und die Effizienz im Verstehen von Geschriebenem untersuchen. […] Schade, dass diese einzigartige Gelegenheit zu kontrollierter Reform vertan wurde.
Gewiss hätte man mehr empirisch forschen können, wobei dieses «man» alle einschliesst, auch prof. Baumberger. Und man könnte immer noch. Allerdings wird man die vermutung kaum widerlegen, dass man gegen eine regel, die es nicht mehr gibt, auch nicht mehr verstossen kann. Ob eine regel nötig ist, entscheidet in der tat nicht die schule, aber das behauptet auch niemand. (Die erlernbarkeit einer norm ist allerdings auch eine voraussetzung für ihr funktionieren.) Über das verstehen von geschriebenem gibt es freilich schon ein bisschen fachliteratur.
In diesem Beitrag versucht ein Praktiker sich kritisch auf die rein sprachwissenschaftlichen Kriterien dieser Reform zu beschränken. […] Die wichtigste Kritik an der seit 1996 laufenden Rechtschreibreform betrifft deren inhaltliche Inkonsistenz: Die Regeln sind auch in diesem Juni in wesentlichen Bereichen geändert worden. Nach vielen Änderungen, die sich nur den verschiedenen Auflagen der Wörterbücher entnehmen liessen, haben im Juni die deutschen Kultusminister, die offenbar auch für die Schweiz entscheiden, weitgehende Eingriffe in das Regelwerk gutgeheissen.
Es müssen «wieder Ordnung und Zuverlässigkeit herrschen»! Lehrmittel müssen angeblich geändert werden, weil etwas «wieder zugelassen», «auch möglich» ist. Es ist nicht wichtig, ob die schüler etwas sinnvolles lernen; wichtig ist, dass man es «rekursfest korrigieren» kann. Stirnemann hätte anlässlich der fernsehsendung Zischtigsclub merken können, dass er mit seiner aus Deutschland importierten angstmacherei in der Schweiz nicht ankommt. Leider hat er es nicht gemerkt, und die NZZ auch nicht; sie lässt ihn überflüssigerweise ausbreiten, was er im fernsehen nicht an den mann und vor allem nicht an die frau bringen konnte.
27. 9. 2004
Es war der FDP-Politiker Jürgen Möllemann, der ein Bild für die Kultusministerkonferenz prägte: Sie arbeite mit dem "Tempo einer Griechischen Landschildkröte", sagte der gelernte Lehrer einmal. "Schnarchnasig", ein "Bremser-Gremium": Immer wieder gibt es Kritik an dem Gremium, die vom Streit um die Rechtschreibreform noch forciert wurde.
[…] Christian Wulff ist ein großer Populist. Am vergangenen Samstag hat er erklärt, sein Land werde die Kultusministerkonferenz (KMK) verlassen – sie sei ihm zu bürokratisch, zu konservativ, zu theoretisch, zu rechthaberisch und zu teuer. Wer so spricht, der scheint sein Segel in den Wind der Reform gehängt zu haben […]. […] ebenso wenig, wie man dem Einwohnermeldeamt vorwerfen kann, bürokratisch zu sein, kann man die Konferenz der Kultusminister mit dieser Kritik treffen: Schließlich ist sie als bürokratische Institution geschaffen worden […]. Die Konferenz hat sicherzustellen, dass ein- und derselbe Bildungsabschluss in Hessen oder Berlin genauso anerkannt wird wie in Bayern oder in Baden-Württemberg. Und sie hat die gemeinsamen Belange des föderal organisierten deutschen Bildungswesens im Ausland zu vertreten […]. Im Lauf der Jahrzehnte […] lagerten sich weitere Kompetenzen an die beiden primären Aufgaben an. […] Es wird im Zuge dieser Ausweitung geschehen sein, dass die dümmste aller Bildungsreformen, die neue Rechtschreibung, in die Entscheidungsgewalt dieser Institution fiel.
19. 9. 2004
Ich hoffe sehr, dass es zu klaren Vorgaben an die Kultusministerkonferenz kommt, einen erheblichen Teil der Neuregelungen über Bord zu werfen. In der jetzigen Form darf die Rechtschreibung nicht verbindlich werden. Wir dürfen das Chaos nicht zementieren. […] Ich bin fassungslos, in welcher Art und Weise die KMK jeden Versuch bekämpft, zu einer Korrektur der missratenen Rechtschreibreform zu kommen. Das ist an Borniertheit und Abgehobenheit nicht mehr zu überbieten. […] Ganz unabhängig vom Ringen um die Rechtschreibreform überlegen wir, den Staatsvertrag über die Kultusministerkonferenz zu kündigen.
16. 9. 2004
Die Germanisten tagten und beschworen oder vertrieben die Geister. Kaum eine Wissenschaft dürfte derzeit einen schlechteren Leumund haben — Stichwort: PISA, Stichwort: Rechtschreibreform —, aber von der Jahrzehnte währenden Krise des Fachs kein Wort mehr.
13. 9. 2004
So betrachtet, bekommt Sinnloses plötzlich Sinn. War etwa die Rechtschreibreform nur ein Testballon? Zu testen, wie viel Schwachsinn diesem Volk pro Kopf und Duden zugemutet werden kann, ohne die Schwelle des Stillhaltens zu überschreiten?
11. 9. 2004
Das grimmsche Wörterbuch ist ein Heiligtum der deutschen Sprache, ein nationales Monument und, ähnlich wie der ungleich kompaktere Duden, ein «work in progress», das jedes menschliche Mass übersteigt. […] Sprachwissenschaftler und Schriftsteller schätzten das Buch der Bücher als unverzichtbare Rüst- und Wunderkammer der deutschen Sprache, auch wenn die eigenwillige Typo- und Orthografie (so verschmähten die Grimms den «albernen gebrauch groszer buchstaben und das ss») nicht jedem behagte. […] Sprachwandel und Bedeutungsverschiebungen, Gründung und Teilung Deutschlands, Kriege, Revolutionen, Rechtschreibreformen: Das Meisterstück deutschen Philologenfleisses hat alles überlebt, verdaut und in 331 000 Stichwörtern aufgehoben.
10. 9. 2004
Die 23. Auflage des Duden ist ein rechtes Chrüsimüsi und somit der Rechtschreibreform (äh, welche Auflage?) in puncto Ballawatsch durchaus gewachsen.
Nicht zum ersten Mal hat sich eine grosse Medienkoalition gebildet. Erinnert sei an den orchestrierten Aufschrei wegen der Rechtschreibreform und die Kampagne gegen Ansprüche auf Korrekturen bei Interviews […]. Wo so viel Einmütigkeit herrscht, muss man skeptisch sein.
9. 9. 2004
Es liegt für einmal nicht an der unsäglichen neuen Rechtschreibung, die der «Spiegel» inzwischen als «absurdes, höchst überflüssiges Reformwerk» bezeichnet. Denn auch im neusten Duden finden wir den guten alten «Geisterfahrer», der allda als «jmd. der auf der Autobahn auf der falschen Seite fährt» klar definiert ist. Im Schweizer Radio hingegen hat irgendeinmal irgendjemand aus unerfindlichen Gründen den klar definierten «Geisterfahrer» aus dem Wortschatz gekippt oder geklaut und durch den völlig unpräzisen «Falschfahrer» ersetzt […]. Ein «Falschfahrer»? Das ist doch auch einer, der abbiegt, wo er nicht dürfte […].
In den Jahren seither gibt es kein Thema, bei dem ich so wenig Kritik gehört habe wie bei der Rechtschreibreform. […] Von daher bleibe ich bei meiner Überzeugung: Die Reform ist akzeptiert worden. […] Ich sehe weder in der Kultusministerkonferenz noch in der Ministerpräsidentenkonferenz eine Mehrheit für eine Rückkehr.
7. 9. 2004
Die Bildungskommissionen der Räte sorgen sich um die Rechtschreibung. Sie fürchten, «dass Praxis und Schule total auseinander driften» […]. «Bei uns beginnt jetzt die Jagd», sagt der Urner CVP-Ständerat Hansruedi Stadler. «Aber die meisten Urner Jäger werden weiterhin Gemsen schiessen; dass einer eine Gämse erlegt, dürfte die Ausnahme sein.» Dem witzigen Urner macht die babylonische Verwirrung um die neue Rechtschreibung ernsthaft Sorgen: Am Donnerstag will er das Problem in der Wissenschafts- und Bildungskommission (WBK) seiner Kammer bei einer Aussprache mit den kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) thematisieren.
Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Nationalrates steht hinter der Rechtschreibreform. Eine Petition mit dem Titel «Rechtswissenschafter für die bewährte Rechtschreibung», welche die Rückkehr zur alten Rechtschreibnorm forderte, lehnte die Kommission mit 18 gegen 1 Stimme bei 2 Enthaltungen ab […].
6. 9. 2004
"Ich bin extrem realistisch", sagt Aust selbst. "Wenn ich zu irgend etwas aufgrund bestimmter Informationen eine bestimmte Position habe und feststelle, daß sich die Dinge geändert haben, bin ich jederzeit bereit, meine Position zu revidieren." So war es auch in der Frage der Rechtschreibung, bei welcher "Spiegel" und Springer zur alten Schriftlehre zurückgekehrt sind.
Und dann doch nicht, wegen des realismus.
4. 9. 2004
Mit Spannung erwartet wurde die 23. Auflage schon deswegen, weil seit der Einführung der neuen deutschen Rechtschreibregeln am 1. August 1998 bereits mehr als sechs Jahre vergangen sind, die siebenjährige Übergangsfrist also bald zu Ende ist […]. Die Ergänzungen der amtlichen Regelung, die wiederum am Schluss des Buches enthalten ist, betreffen in erster Linie die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Gross- und Kleinschreibung. […] Bei der Gross- und Kleinschreibung umstritten war und ist der Entscheid, was sogenannte […] feste Begriffe sind, die gross geschrieben werden sollten. […] Leider wird mit dieser Ergänzung die Möglichkeit der Gross- bzw. der Kleinschreibung bei den festen Begriffen wieder geöffnet. Die Diskussionen darüber, was feste Begriffe sind, werden wieder kein Ende nehmen, wie wenn nicht klar gewesen wäre, was mit erster Hilfe gemeint ist […].
Ach, Sie wollen bloss wissen, was ich zu den kilchspergerschen Auftritten in den vergangenen Tagen meine. Zu seiner neuen TV-Show und der von ihm initiierten «Bordell-Debatte» im «Blick». Immerhin: ein phänomenales Wort. Andere Zeitungen haben Holocaust-Debatten oder Rechtschreibreform-Debatten, der «Blick» hat eine Bordell-Debatte. Nein, ich finde nicht wie Kilchsperger, dass ein 34-Jähriger, der noch nie für Sex bezahlt hat, nicht richtig gelebt haben kann.
Kompromiss gefordert bei Rechtschreibung, TA vom 31. 8. […] Erst kürzlich habe ich mich beim Lesen eines Krimis, gedruckt in neuer Rechtschreibung, wieder geärgert. Da wurde auf jeder fünften Seite ein Verb mit der Endung auf -eln wie folgt konjugiert: «Ich schüttele den Kopf. […]» Dies ist eine Verballhornung der deutschen Sprache und sicher keine Verbesserung. Also Leute, macht euren Kompromiss, aber rassig!
Also leute, alles könnt ihr nicht der rechtschreibung anlasten, weder der neuen noch der alten. Im duden stand schon immer ...[e]le; ortografisch ist nur von belang, dass bei wegfall des e kein apostrof zu setzen war und ist.
3. 9. 2004
Die Reform hat - das wissen eigentlich alle - mehr Vorteile als Nachteile. […] Liebe Medien, liebe Politikerinnen und Politiker, liebe Leserbriefschreiberinnen und -schreiber, eure Lust am Diskutieren über Sinn und Unsinn der Rechtschreibreform geht vollständig an den tatsächlichen Herausforderungen, mit denen sich die Schule zurzeit konfrontiert sieht, vorbei.
2. 9. 2004
Redeten die fünf Gesprächsteilnehmer eine gute Stunde lang mit stupender Beharrlichkeit aneinander vorbei, so waren sie sich doch in einem Punkte einig: Die Reform, so wie wir sie heute kennen, hat niemand gewollt. […] Abgesehen von solcher Einmütigkeit ereiferte man sich auf beiden Seiten, ohne dass indessen immer klar geworden wäre, worin der Anlass solcher Aufwallungen bestand. […] Dass es ein «Reförmli» gewesen sei, darin war man sich einig. Und mehrheitlich auch darin, dass an diesem «Reförmli» noch lange und viel herumgebastelt werden muss.
Im Zuge der Rechtschreibreform wurden alle Großschreibungen bei Duz-Formen abgeschafft. […] Was den einen eine Erleichterung, ist anderen ein Ärgernis. Das großgeschriebene Du war doch schließlich eine Respektsbekundung, die nun mirnichts, Dirnichts entfällt, sagen die Gegner des kleingeschriebenen „du“. […] So einen Unfug könnten sie nicht verantworten, sagen sie, und glücklicherweise müssen sie das auch nicht, denn die Abschaffung des großgeschriebenen „Du“ mag zwar inzwischen an den Schulen gelehrt werden; wie aber jemand in seiner privaten Korrespondenz verfährt, ist Gott sei Dank immer noch ganz allein seine Sache, da kann ihm keine Kultusministerkonferenz dieser Welt hineinreden. Viel schwerer aber haben es die Journalisten, die sich immer wieder fragen müssen, wie sie die Duz-Anrede im Interview oder in Zitaten zu schreiben haben. Die Antwort lautet: klein! Und das war schon immer so, also auch vor Einführung der Rechtschreibreform.
Für die private korrespondenz musste man dann aber den obrigkeitshörigen deutschen das «Du» offiziell «erlauben».
1. 9. 2004
Japanisch ist offenbar gar nicht schwer: «Nach der Arbeit zur Verabredung im Grünen», lautet der Titel. Doch in Japan beklagt man den rapiden Verfall der Sprache. Verballhornte Lehnwörter aus europäischen Sprachen gelten als «cool», verderben aber die gesittete Hochsprache. Um die Orthografie machen sich Japaner recht wenig Sorgen - ihre Schriftsprache ist ohnehin zu kompliziert, um sie richtig zu beherrschen. Drei «Alphabete» sind zu erlernen, auseinander zu halten und stilgerecht zu kombinieren […]. Historisch betrachtet mangelt es nicht an Versuchen, dieses verwirrende Sprachsystem zu vereinfachen oder das Westliche wieder zurückzudrängen. Dafür hätte man aber in einer Reform wenigstens die Zahl der chinesischen Kanji-Zeichen auf ein leichter beherrschbares Mass reduzieren müssen - die Gelehrten fanden jedoch nie zu einer gemeinsamen Basis. […] Das Tokioter Bildungsministerium beklagt Vokabulararmut, unkorrekte Aussprache, grobe Wortwahl, Erstarrung in Formeln und verbale Hülsen. Angesichts dieser vernichtenden Bilanz wäre Japan wohl dringend reif für eine radikale Sprachreform.