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Im letzten November veranstaltete das Ethik-Zentrum der Universität Zürich eine internationale Tagung zum Thema «Gerechter Frieden - Friedensethik 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges». Der ambitionierte Versuch, einem neuen friedensethischen Paradigma zum Durchbruch zu verhelfen, scheiterte aber.
Bislang konnten PhilosophInnen, die sich mit dem Thema Krieg und Frieden beschäftigten, nur zwei grundsätzliche Positionen beziehen: Entweder sie bekannten sich zu einem unbedingten Pazifismus und waren der Meinung, dass Krieg nie und unter keinen Umständen gerechtfertigt ist. Oder aber sie orientierten sich an der Theorie des gerechten Krieges und vertraten die Ansicht, dass es Notlagen gibt, in denen das absolute Gewaltverbot seine Gültigkeit verliert (etwa im Falle eines Genozides). Die Theorie des gerechten Friedens will diese Gegenüberstellung von Pazifismus und Theorie des gerechten Krieges aufbrechen.
Die Theorie des gerechten Friedens
Die Theorie des gerechten Friedens geht davon aus, dass Frieden mehr sein muss als die blosse Abwesenheit kriegerischer Handlungen. In seinem Referat wies der Münsteraner Theologe Hans-Richard Reuter darauf hin, dass die beiden Grundwerte Frieden und Gerechtigkeit in einem unauflöslichen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Nur eine gerecht organisierte Gesellschaft könne langfristig in Frieden zusammenleben. Zugleich sei der Frieden eine unerlässliche Grundbedingung dafür, dass sich eine Gesellschaft überhaupt eine gerechte Ordnung geben könne.
«Frieden» verstehen die Verfechter der Theorie als Prozess, der folgende drei Komponenten beinhaltet:
- Die Vermeidung von Gewalt
- Die Verminderung von Unfreiheit: Die Menschenrechte müssen durch die Weltrechtsordnung garantiert werden.
- Der Abbau von Not: die Ungleichheiten in der Reichtumsverteilung müssen verringert werden.
Gefahren eines weiten Friedensbegriffes
Eine solche Ausweitung des Friedensbegriffes ist nicht unproblematisch. Jean Daniel Strub, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Friedensrates und Mitorganisator der Tagung, erläuterte einen möglichen, tragischen Nebeneffekt von Reuters Friedensbegriff: Wenn bereits Verletzungen des Gerechtigkeitsempfindens als Bruch des Friedens gelesen werden können, so könne es durchaus sein, dass in der Folge Staaten mit militärischer Gewalt auf wirtschaftliche Ungerechtigkeiten reagierten. Nach Reuters Friedensbegriff wäre es beispielsweise bereits eine Verletzung des Friedens, wenn ein Land im Reichtum schwelgt, seinem armen Nachbarstaat aber zu wenig unter die Arme greift. Der arme Staat könnte dann den reichen unter der Rechtfertigung angreifen, dass ja der andere den Frieden verletzt habe, weil er die Ungerechtigkeiten in der Reichtumsverteilung nicht ausgleichen wollte. Das Beispiel zeigt: Ein zu weiter Friedensbegriff kann dazu führen, dass bereits die ungerechte Reichtumsverteilung als Bruch des Friedens verstanden werden kann. Und ist der Frieden erst einmal gebrochen, ist auch der Krieg (im klassischen Sinn) nicht mehr weit.
Wenig Erkenntnisgewinn
Der Verlauf der Tagung erweckte den Eindruck, dass auch die OrganisatorInnen des Ethik-Zentrums nicht recht vom erklärten neuen Paradigma überzeugt sind. Die Mehrzahl der ReferentInnen sprach - ungeachtet des Programmtitels - zur Theorie des gerechten Krieges oder zum Pazifismus. Während der Tagung wurde die Gelegenheit verpasst, eine Klammer um die einzelnen Referate zu bilden und so deren Zusammenhang mit dem neuen Paradigma des gerechten Friedens zu verdeutlichen. Wo die neue Theorie dem Friedensforscher oder dem Friedensbewegten konkret neue Einsichten bieten könnte, wurde nicht klar. Nimmt man die hohen Selbstansprüche der Tagung zum Massstab, so sorgte die wissenschaftliche Strahlkraft der proklamierten neuen Theorie des gerechten Friedens für einige Enttäuschung.