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Im Schönauring in Zürich-Seebach wohnte um etwa 1954 ein gewisser Herr Kuhn in einem der drei grossen Wohnblöcke in der Mitte der Siedlung. Er besass einen mattgrauen Tatra 87, welcher von 1937-1939 und dann wieder von 1945-1950 gebaut wurde. Aufgrund der matten Farbe war Herr Kuhns Tatra 87 war vermutlich ein Vorkriegsmodell, welches er stets auf Höhe der REFH 26 bis 48 am Strassenrand stationierte. Der Wagen war ziemlich lang und hoch gebaut, sodass er auffiel. Noch mehr fiel er wegen seinen drei riesigen Scheinwerfern auf, welche an alte russische Dieselloks erinnerten und wohl ausgereicht hätten, das nähere Weltall auszuleuchten. Weiter fiel der Wagen wegen seinen beiden, hinter den Seitenfenstern befindlichen Luftansaughutzen auf, welche stark an einen Düsenjäger erinnerten und deren Aufgabe es war, bei hohen Geschwindigkeiten dem luftgekühlten Motor genügend Kühlung zu verpassen. Aber auch das doppelte Heckfenster mit den fixen Jalousien war ein Blickfang. Das sah man sonst bei keinen anderen Autos.
Am meisten aber fiel der Wagen wegen seiner grossen Rückenfinne auf. Der Tatra 87 war damals das einzige Auto weit und breit, welches offenbar für die erfolgreiche Geradeausfahrt eine Rückenfinne benötigte. Sie war wohl an die zwei Meter lang und erreichte an der höchsten Stelle so um 50 Zentimeter Höhe. Sie gab dem Auto bei hoher Geschwindigkeit tatsächlich mehr Seitenstabilität, reduzierte aber hauptsächlich den Luftwiderstand. Das ganze Auto wirkte irgendwie ganz anders, als alle übrigen Wagen, fast schon wie ein Flugzeug. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch das Geräusch des Motors, welches wie eine zum Start rollende Lockheed Constellation oder wie ein Douglas DC-4 klang. Der Motor war ein luftgekühlter, im Heck eingebauter 8-Zylinder-V-Motor mit drei Litern Hubraum und mit schlichten 75 PS Leistung.
Als Herr Kuhn den Wagen um 1953 kaufte und erstmals am Schönauring stationierte, brauchte er für Zuschauer nicht zu sorgen. Die strömten aus allen Richtungen ungefragt herbei und betrachteten das Auto mit Verwunderung, Verdatterung und Verblüffung. Es dürfte eine ganze Weile gedauert haben, bis sie alle fertig konsterniert waren. Als hätte sich jemand einer Buschtrommel bedient, kamen vor allem Kinder zu dem Wagen und gafften und gafften und gafften und konnten nicht lange genug ihre Augen auf das eigenwillige Aussehen des Autos richten. Bewundert wurden die grossen weissen Rundinstrumente, die Ledersitze und das Edelholz im Bereiche der Führerkanzel. Das Auto war als Neukauf sicher ziemlich teuer, doch Herr Kuhns Modell war schon ordentlich bejahrt und dürfte nicht mehr so unerschwinglich gewesen sein.
Ebenfalls eine grossartige Schau zog Herr Kuhn ab, wenn er sich anschickte, den Motor des eigenwillig wirkenden Autos in Schwung zu setzen. Genau wie Heinrich Pfister bei seinem Peugeot 402, bediente er sich dazu einer langen Kurbelstange, welche er im vorderen Kofferraum des Wagens immer mit sich führte. Ebenfalls genau wie Heinrich Pfister kurbelte er nun an der Kurbelstange, als gälte es, sein frisch gebügeltes Hemd vorzufeuchten. Ganz im Unterschied zu Heinrich Pfisters Peugeot, geruhte der Tatra jedoch, nicht gleich bei der ersten Kurbeldrehung anzuspringen. Vielmehr zählte der Wagen auf die Geduld und die grenzenlose Kraft seines Fahrers und beliebte erst, so beim vierten oder fünften Versuch laut spotzend anzuspringen. Es ist eben ein Unterschied, einen Vierzylinder-Reihenmotor oder einen Achtzylinder-V-Motor von Hand anzuwerfen. Einmal in Schwung gesetzt, dauerte es dann noch ein Weilchen, bis der Motor einen gleichmässig runden Lauf annahm. So hatte Herr Kuhn schön Zeit, seine Kurbelstange wieder im Kofferraum zu verstauen, seine nasse Stirn abzuwischen und hinter dem Steuer Platz zu nehmen. Beim erstmaligen Gasgeben konnte es geschehen, dass im Auspuff noch unverbranntes Gemisch mit lautem Knall nachverbrannte. Das gehörte bei seinem Auto schon fast zum täglichen Ritual. Auf diese Weise erfuhren an die tausend Leute gleichzeitig, dass Herr Kuhn jetzt zur Arbeit fuhr.
Bevor es aber zur Arbeit ging, musste er eine Runde um den Schönauring herum fahren, denn wenden konnte man auf der schmalen Strasse nicht. Falls ihm Kinder beim Anwerfen zuschauten, dann rannten diese dem Wohnblock 63-67 entlang und beobachteten Herrn Kuhn und sein Auto beim Vorbeifahren auf der anderen Seite des Schönaurings. Auf diese Runde freuten sich die Kinder stets ganz besonders, denn der Klang des Motors war unbeschreiblich. Einmal in Fahrt tönte er nicht mehr wie ein viermotoriges Verkehsflugzeug beim Rollen, sondern eher wie ein schwerer Panzer, dem man den Auspuff etwas zuhält.
Wer den Originalklang des Motors hören möchte, schaue sich die paar Kurzfilme auf Youtube an. Leider findet sich dort allerdings nur ein einziger Tatra 87 mit Rückenfinne, der Rest sind neuere Versionen des Typs Tatra 603, doch der allgemeine Eindruck ist ganz ähnlich. Die OGS wünscht viel Spass!
Quellen: - OGS-eigene (Rest) - Robert Berger, jun. (erinnerte sich noch an die Kurbel) - www.youtube.com, dann Tatra 87 eingeben