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Ein magischer Moment? «Es war bei den Aufnahmen zum letzten Queen-Album ‹Made in Heaven›: Freddie hatte nicht mehr die Kraft, in den Aufnahmeraum ins obere Stockwerk zu gehen. Er sang hier unten, direkt vor dem Aufnahmegerät. Der Ton-Ingenieur David Richards musste gar nichts an Freddies Stimme machen. Die Kraft war voll da. Ich habe heute noch Gänsehaut.»
Es sollte einer der letzten Momente sein, den Vicky Vocat mit Freddie Mercury verbrachte. Der Sänger der legendären Band Queen hatte im Herbst 1991, gezeichnet von Aids, alles gegeben, um seiner Band ein Maximum an Songs zu hinterlassen. Etwa «A Winter’s Tale», in dem Mercury beschreibt, was er aus dem Fenster seiner Loggia in Montreux-Territet sieht: den See, die Alpen, Ruhe und Frieden. «Es ist etwas Magisches in der Luft.»
Am 10. November 1991 verlässt Freddie Mercury Montreux Richtung London. Am 23. November verkündet er offiziell die Aids-Erkrankung, und am Tag darauf stirbt er. Die restlichen Queen-Musiker vollenden das Album zwei Jahre nach Mercurys Tod.
Für Vicky Vocat ging damit eine Zeit zu Ende, in der sie für Queen als Studio-Managerin in Montreux gearbeitet hatte. Halb Rumänin und halb Serbin, studierte Vocat an einer Privatschule in Malta, dann in Montreux und fand darauf Arbeit beim Gründer von Montreux Jazz, Claude Nobs. Queen hatten 1978 in den Mountain Studios in Montreux ihr siebtes Album «Jazz» aufgenommen. Das Studio war mit den Studer-Tonspurgeräten top ausgerüstet und entsprach ihren hohen Ansprüchen. Gitarrist Brian May und Schlagzeuger Roger Taylor entschieden, das Studio für Queen zu kaufen, und suchten dafür Personal. Nobs vermittelte Vicky Vocat: Ab 1980 war sie Queens Studio-Managerin. Sie sagt rückblickend: «Es waren die coolsten Chefs der Welt.»
Mädchen für alles
Vocat gesteht, dass sie kaum richtig maschinenschreiben konnte. Sie musste aber Reservationen für das Tonstudio koordinieren, mit Managements und Plattenhäusern das Finanzielle regeln, immer auch wieder Mietwohnungen für die Musiker organisieren und sogar putzen. «Wir arbeiteten wie eine Familie, es gab keine fixen Arbeitsstunden», sagt Vocat.
Arbeiteten Musiker bis mitten in der Nacht im Studio und hatten dann Hunger, organisierte Vicky Vocat etwas zu essen. «Wenn Queen kamen, um ein neues Album aufzunehmen, hatten sie meist Ideen für einige Songs. Der Rest entstand dann hier in Montreux. Sie waren unheimlich kreativ. Da liess beim gemeinsamen Nachtessen einer einen Spruch fallen, Freddie schrieb ihn hastig auf eine Serviette, steckte sie in die Tasche, und daraus entstand ein neuer Song.»
Legendär ist die Entstehung von «Under Pressure». Vocat erinnert sich: «David Bowie und Freddie Mercury sassen zusammen bei Claude Nobs. Dieser fragte, warum sie nie zusammen etwas aufgenommen hätten. Darauf gingen die beiden schnurstracks in die Mountain Studios, Bassist John Deacon kam hinzu, und in den frühen Morgenstunden war der Song mit dem berühmten Bass-Riff auf Band.»
Der Ursprung der Mountain Studios liegt in einem der berühmtesten Momente der Rock-Geschichte. Das Casino Montreux geriet 1972 bei einem Konzert von Frank Zappa in Brand, Deep Purple waren dabei und komponierten daraus «Smoke on the Water». Das Casino wurde wieder aufgebaut, es fanden weitere Konzerte darin statt, und im Ostteil wurden die Mountain Studios eingerichtet.
Queen selber traten nie am Montreux Jazz Festival auf. «Die Band hatte riesige Bühnen. Das hatte hier keinen Platz. Einzig Brian May spielte als Solo-Act am Festival», sagt Vocat. Das einzige Mal, dass Queen als Band in Montreux spielten, sei im Rahmen der BBC-Sendung «Top of the Pops» gewesen, so Vocat. Montreux war durch den Preis Rose d’Or ein wichtiger Ort für die TV-Branche, und deshalb wurde «Top of the Pops» 1984 und 1985 da produziert. «Queen hassten zwar Playback, aber als alle Musikgrössen in der Sendung auftraten, war für die Band klar, dass auch sie dazugehörte und sich anstrengen musste», erinnert sie sich. «Ihr Manager Jim Beach hatte die Idee, Queen auf einem Schiff spielen zu lassen. Dazu brauchte es Groupies, die zur Musik tanzten und sich dabei auszogen. Ich musste dafür Striptease-Tänzerinnen engagieren und fand diese gleich im Haus, denn zum Casino gehörte damals auch ein Cabaret.»
Einen kleinen Skandal hatte es beim ersten der sieben Alben gegeben, die Queen in Montreux aufnahmen. Auf «Jazz» findet sich der Song «Bicycle Race», zu dem es auf dem Album-Cover ein Bild mit 65 nackten Frauen auf Fahrrädern gab. In den USA wurde das Cover verboten. Die Inspiration zu «Bicycle Race» kam Queen 1978, als die Tour de France gerade durch Montreux rollte.
Das Ende in Attalens
Die Mountain Studios wurden nach dem letzten Queen-Album an David Richards verkauft. Dieser zog mit dem Studio nach Attalens im Kanton Freiburg. «Das Studio hatte dort nie mehr richtig Erfolg», weiss Vicky Vocat. «Brian May und Roger Taylor besuchten Richards dort einmal, doch dieser starb bald darauf, und das Studio und das Haus in Attalens verschwanden.»
Als Erinnerung bleibt den Queen-Fans aus der ganzen Welt heute ein Museum im ehemaligen Studio im Casino, wo Sammlerstücke – Instrumente, Notizen, Kleider, Fotos – an die Zeit erinnern. An dem Ort, wo Freddie Mercury seinen letzten Song sang, liegt eine goldene Plakette im Boden. Und Vicky Vocat arbeitet heute noch für die Stiftung Mercury Phoenix Trust, die nach dem Tod des Sängers 16 Millionen Dollar zur Aids-Bekämpfung zur Verfügung stellen konnte.
Zum Schluss führt Vocat zur Aussentür, durch die Queen das Studio betraten. Die Wand ist vollgekritzelt mit Botschaften und Zeichnungen der Fans. Vocat gibt eine letzte Anekdote mit auf den Weg: «AC/DC nahmen hier auf und spielten in der Halle des Casinos. Plötzlich kam die Polizei und befahl ihnen, aufzuhören. Die Tür gegen aussen war offen: Die Ballettschule nebenan konnte den Unterricht nicht mehr weiterführen.»
Zur Institution
Meisterwerke aus den Mountain Studios
Queen: Jazz, Hot Space, A Kind of Magic, The Miracle, Innuendo, Made in Heaven. Brian May: Back to the Light. Freddie Mercury & Montserrat Caballé: Barcelona. Roger Taylor: Fun in Space, Strange Frontier. AC/DC: Fly on the Wall. David Bowie: Lodger, Never Let Me Down, Black Tie White Noise, The Buddha of Suburbia, Outisde. Iggy Pop: Blah Blah Blah. Chris Rea: Water Sign, Wired to the Moon, Shamrock Diaries, On the Beach. Rolling Stones: Black And Blue. Yes: Going for the One. Smokie: The Montreux Album. Status Quo: 1+9+8+2. Emerson, Lake & Palmer: Works Volume 1.