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Aus: Ein Koffer voller Wünsche. Roman. Jung und Jung Verlag, 2011
„Where do you come from?“
Diese Frage hallt wie ein kläffendes Echo in meinen Ohren nach. „Wo chonsch denn du här?“ - schweizerdeutsch ausgerufen, bebt die Frage noch heute wie eine Ohrfeige in mir nach. Ausgerufen hat sie mein erster Lehrer in der Bezirksschule, der wie ein Bulle ins Schulzimmer gerannt kam und theatralisch seinen Namenszug an die Tafel schrieb. Dann wandte er sich an die Klasse und rief mir zu: „Wo chonsch denn du här?“
Da flog mir mein Herz weg. Ein anderer hätte sich in die Hosen gemacht, aber ich sass nur da und spürte mein Herz davonfliegen. Da, wo mein Herz war, klaffte plötzlich ein Loch. Ich atmete weiter, getroffen, ein glatter Durchschuss.
Ich, der Filip Ichweißnichtwoher, stotterte den Namen meines kleinen Dorfes. Daraufhin lachten alle - und ich lachte mit. Der Name meines Dorfes klang afrikanisch. Das Dorf war wenige Kilometer von der Kleinstadt entfernt und lag zugleich mitten auf dem afrikanischen Kontinent. Ich schämte mich, aus einem Dorf zu stammen, über das alle lachten. Ich schämte mich, dass ich überhaupt da war.
Am zweiten Schultag lag ich mit Fieber im Bett. Meine Mutter rief den Hausarzt, Dr. Hungerkehl, dessen Mund einen Geruch nach verwestem Lauch ausströmte und den ich, da er Plattfüsse an mir diagnostiziert hatte, verabscheute. Hungerkehl beugte sich über mich und ich erinnere mich, wie mir die Sinne zu schwinden drohten. Ich hatte keinen Zweifel, dass Hungerkehl deswegen so übel roch, weil er sadistisch und geizig war. Einigen Autoritäten zog der Geiz die Stirnhaut ins Gesicht, andere machte er wortkarg, und Leuten wie Hungerkehl, dem Gott in Weiss, stiess er den Magen in den Hals. Hungerkehl mass das Fieber in meinem Anus und ich musste auf die Zähne beissen, um nicht ins Bett zu scheissen, denn das Thermometer hatte meinen Pförtner gereizt. Ich wand mich in den Laken und Hungerkehl stellte die für die Grippe typischen Gliederschmerzen fest. Einen Vater, der die Fehldiagnose eines Hungerkehl hätte zurückweisen können, hatte ich nicht. Und meine Mutter war allen über mich verhängten Fehldiagnosen ausgeliefert.
Mein Vater war auf und davon. Er war ein Flüchtling. Aber anders als Richard Kimble, der im Fernsehen jede Woche verfolgt wurde, floh mein Vater nicht vor der Polizei. Er war auch kein politisch Verfolgter. Mein Vater zog freiwillig durch die Welt. (...)
Hörte ich die Klasse lachen, bestieg ich mein Piratenschiff und fuhr als wilder Seeräuber über den weissen Stuck. Ich reiste, bei 39 Grad Fieber, aus dem Klassenzimmer hinaus in die Großeweitewelt. Die Großeweitewelt war eine stehende Wendung in unserer kleinen Familie, die nur aus mir und meiner rauchenden Mutter bestand. Sie rauchte Stuyvesant, den „Duft der grossen weiten Welt“, seitdem sie mich von der Muttermilch entwöhnt hatte. Es war der erste Geruch, den ich neben ihrem Körpergeruch eingeatmet habe.
Die Gewinner des OpenNet 2013, des traditionellen Schreibwettbewerbs der Solothurner Literaturtage, sind bekannt.
Die 36. Solothurner Literaturtage finden statt vom
30. Mai – 1. Juni 2014.
Zum Programm der: 35. Solothurner Literaturtage 2013
Hier finden Sie die Literaturtermine 2013.