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Mit ihren Imker-Trainings verbessert Hive den Lebensunterhalt und die Selbstständigkeit von blinden und sehbehinderten Menschen in Uganda.Continue reading
Ojok Simon und ich kommen von zwei unterschiedlichen Kontinenten. Kennengelernt haben wir uns vor fast einem Jahrzehnt bei kanthari. Seitdem arbeiten wir an der Verwirklichung unserer Traumprojekte.
Ojok stammt aus Gulu, einer Stadt im nördlichen Teil Ugandas. Als kleines Kind wuchs er in einem vom Krieg gezeichneten Land auf. Als er neun Jahre alt war, versuchten Rebellen der Lord’s Resistance Army ihn zu entführen, um ihn als Kindersoldat einzusetzen. Die Rebellen schlugen ihn mit dem Gewehrrücken mehrfach auf die Schläfen. Sie schlugen so fest zu, dass es zu inneren Verletzungen kam. Weil er nicht rechtzeitig angemessen medizinisch versorgt wurde, verlor Ojok nach und nach sein Augenlicht.
Ich stamme aus Pondicherry, wo ich in einem Waisenhaus, zusammen mit geistig und körperlich behinderten Kindern, aufgewachsen bin. Nachdem ich Psychologie studiert und miterlebt hatte, wie behinderten Menschen in Indien die Chance auf Wachstum, Bildung, Beschäftigung, Unabhängigkeit und Respekt verwehrt wird, wusste ich, dass ich etwas tun musste. Ich gründete Sristi Village, dessen Aufgabe es ist, Behinderten Bildung und Chancen zu bieten und sicherzustellen, dass sie mit Würde und Respekt behandelt werden. Heute umfasst Sristi Village umweltfreundliche Wohnungen für alle Bewohner, eine Schule für behinderte Kinder, ein Berufsausbildungszentrum und einen sich selbst versorgenden Bio-Bauernhof. Aber etwas fehlte noch, Bienenstöcke!
Nun, hier kommt Ojok ins Spiel. Ojok folgte seiner Leidenschaft und gründete Hive Uganda. Eine Organisation, die Menschen mit Sehbehinderungen in der Kunst der Bienenzucht ausbildet. Bis heute hat er 150 blinde und sehbehinderte Menschen in Gulu geschult. Dies hat zu einem Umdenken in der Gesellschaft geführt. Früher wurde auf Behinderte und Blinde herabblickte. Jetzt, da sie Imker sind und so zu dem Ernährer der Familie geworden sind, werden sie mit Respekt behandelt.
Als wir den kanthari Lehrgang abgeschlossen hatten, teilten wir den Wunsch, uns eines Tages wiederzusehen. Nun, im September 2021 wurde dieser Wunsch endlich Wirklichkeit. Ojok besuchte uns hier im Sristi Village. Sofort begannen wir, schöne Erinnerungen an die Zeit in kanthari auszutauschen. Es fühlte sich an, als wäre alles gestern passiert. Wir tauschten tonnenweise Erfahrungen aus, die wir in den letzten Jahren in allen Ecken des Lebens und in unsere Projekte gesammelt haben.
Ojok besuchte die Sristi-Gemeinschaft, um einen Eindruck vom Leben in der Gemeinschaft zu bekommen. Er wollte aber auch das Ökosystem und das Leben der Honigbienen in unserer Gegend studieren.
Nach 15 Jahren Erfahrung stellte Ojok fest, dass viele Bienen die ökologische Sristi-Gemeinschaft zu ihrem Zuhause gemacht haben. Er ist davon überzeugt, dass es ein idealer Ort ist, um einige Bienenstöcke aufzustellen. So können wir Honig und Bienenwachs zu ernten.
Ojoks Rat bei der Herstellung von sieben neuen Bienenstöcken war von entscheidender Bedeutung für uns. Die Bienenstücke wurden von unserem Team, mit der Unterstützung eines Spenders, gebaut. Außerdem half uns Ojok bei der Suche nach dem richtigen Standort für die Bienenstöcke.
Der von den Bienen produzierte Honig wird allen Mitgliedern der Sristi-Gemeinschaft direkt zugutekommen. Außerdem können wir das Sristi Village zu einem Hotspot für das Erlernen der Bienenzucht machen.
Die wenigen Tage, die wir zusammen verbracht haben, waren äußerst fruchtbar. Sie zeigen, welche Kraft ein Bündnis mit kantharis und den Gemeinschaften um uns hat. Die Erde reist weiter durch den Kosmos und das gilt auch für unsere Freundschaft.
Wenn kantharis ihre Ideen umsetzen, ist das Ergebnis ein wirkungsvoller sozialer Wandel.
Danke Ojok und Danke kanthari.
Karthik
Mehr Infos hier:
Schließen Sie für einen Moment die Augen. Stellen Sie sich vor, wie Sie blind Bienen züchten, halten und Gemüse anbauen. Sie denken das ist nicht möglich? Wir von HIVE Uganda zeigen, dass es funktioniert.
Den Boden umgraben, sich schmutzig machen, Ackerbau betreiben und Bienen halten – all das geht mit der Hilfe von Tastsinn, Geschmack und Geruch. Imker brauchen Blumen, die den Bienen Nektar liefern. So können sie Honig ernten. Blumen wiederum brauchen Bestäuber. Und das können Bienen am besten. Die Landwirtschaft ist auf Bienen angewiesen, es ist also eine hervorragende Kombination.
HIVE Uganda
HIVE Uganda bildet im ländlichen Norduganda blinde Menschen in der Bienenzucht aus. Sie lernen die Grundlagen der Bienenzucht und Honigernte. Außerdem lernen sie, die Bienenprodukte zu vermarkten. Nach der Schulung erhalten sie von uns eine Starthilfe. Damit können sie ihre eigene Bienenfarm gründen. Durch den Verkauf von Bienenprodukten bekommen die blinden Imker die Möglichkeit, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Dadurch erhalten sie die Chance auf ein finanziell unabhängiges Leben.
Die Vision von uns ist, dass blinde und sehbehinderte Menschen in ländlichen Gemeinden Ostafrikas zu erfolgreichen Unternehmern werden. Die Ausbildung wird als Mittel zur Umsetzung unserer Vision eingesetzt.
Owiyo – Erfolgreich als blinder Landwirt und Imker
Heute möchte ich Ihnen die Geschichte von Okello Patrick Owiyo erzählen. Im Bezirk Nwoya kennt ihn jeder als Owiyo, den blinden Imker.
Vor sechs Jahren wurde er von HIVE Uganda ausgebildet. Unterdessen bewirtschaftet er zehn traditionelle ugandische Bienenstöcke. Er besuchte weitere Schulungen und kann, dank der gewonnenen Erfahrung, seine Bienenfarm nachhaltig führen. Er verfügt über gute Mobilitäts- und Orientierungsfähigkeiten. Dadurch hat er den Mut, sich auch ohne den weißen Stock fortzubewegen. Auf dem schmalen Fussweg zu seinem Feld schnippt er mit den Fingern und lässt sich von Geräuschen leiten.
Eines Tages stellte Owiyo auf dem Weg zu seiner Bienenfarm fest, dass es rundherum viel fruchtbares Land gibt. Aber das Land wurde von seiner Familie nicht genutzt. Sobald ein Bienenstock aufgestellt ist und die Bienen fleißig an der Arbeit sind, haben die Imker etwas Zeit. Er beschloss einen Teil des Landes für Ackerbau zu nutzen. Jedes Jahr baut er Mais, Bohnen, Erbsen und Erdnüsse auf einer Gesamtfläche von 3 bis 4 Hektar Land an. Momentan erntet Owiyo seine Erdnüsse. Ein wichtiger Teil unserer Schulung besteht darin, die Blätter der verschiedenen Pflanzen ertasten zu können. So sind blinde Landwirte in der Lage Pflanzen, die geerntet werden können von Unkraut, das entfernt werden muss, zu unterscheiden. Etwa 75-80% der Bevölkerung ist in Uganda hauptsächlich in der Landwirtschaft beschäftigt.
Wie in vielen anderen Ländern, werden behinderte und blinde Menschen in Uganda als Belastung für die Gesellschaft angesehen. Sie werden stigmatisiert und diskriminiert. Durch die Kombination von Bienenzucht und Ackerbau konnte Owiyo sein Einkommen von weniger als 200 Dollar pro Jahr auf über 1‘200 Dollar pro Jahr steigern. Er kann seine Familie ausreichend ernähren. Auch andere Grundbedürfnisse wie Kleidung, medizinische Versorgung und Unterkunft kann er heute befriedigen.
Im Laufe der Jahre ist Owiyos Selbstvertrauen deutlich gewachsen. Der größte Erfolg liegt aber in der veränderten Einstellung der Gesellschaft, die Owiyo und anderen blinden Unternehmern nun Respekt entgegenbringt.
Es gibt viele blinde Menschen in Uganda. Viele von ihnen, haben nicht die gleiche Chance auf ein selbständiges Leben erhalten wie Owiyo. Deshalb setzt Uganda seine Mission fort!
Weitere Informationen zu Ojoks Projekt finden Sie unter http://www.hiveuganda.org/
Wer in den letzten Tagen das Gefühl hatte, an Corona Neuigkeiten zu ertrinken, dem wurde tatsächlich etwas Neues geboten: Die Killerbiene! Sie verbreitet sich über den amerikanischen Kontinent. 50 Menschen sterben pro Jahr durch Stiche, ganze Bienen Populationen werden wortwörtlich zu Hackfleisch verarbeitet.
Und? Appetit auf Neues? Oder bleiben wir lieber bei Covid 19, dem Altbekannten?
Wie wäre es mit einer Kombination? Corona und die Bienen.
Das Bienensterben war ein Thema, lange vor dieser Krise. Heute hört man nicht viel, nicht weil wir die Lösung gefunden haben, eher, da alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Und trotzdem ist es meiner Ansicht nach Relevant, die beiden Krisen miteinander in Verbindung zu setzen. Aber dazu komme ich am Ende dieses Blog-Beitrags.
Der Impuls zu diesem Thema kam durch ein Telefonat mit Ojok Simon, einem 2012 kanthari Absolvent.
Ojok kommt aus Uganda, er ist Bienenzüchter, Umweltschützer, Menschenrechtler, Regierungsberater, Weltreisender, erfolgreicher Geschäftsmann und er ist fast blind.
Mit dreizehn überlebte er einen Überfall der Rebellen des heute meist gesuchten Terroristen Joseph Kony, der tausende von Kindern aus den Dörfern Nord Ugandas entführte, um sie zu Kindersoldaten zu machen. Einige Unserer kanthari Alumni waren unter den Entführten, konnten aber entkommen.
Ojok wehrte sich so stark, dass er mit einem Gewehrkolben bewusstlos geschlagen wurde. “Sie schlugen auf den Kopf, die Schläfen und die Augen. Als ich wieder aufwachte, war ich in Sicherheit, aber ich war fast blind.”
Wer Ojok kennt, weiß, dass ihn so etwas nur wenig aus der Fassung bringt. Sein Leben musste jetzt einfach anders organisiert werden. Seine Vorlieben nachts durch den Wald zu streifen, auf hohe Bäume zu klettern und auf meterhohen Ästen balancierend süßen Honig aus den Waben der wilden Bienen zu stibitzen, musste er zwar aufgeben, aber er fand schnell Ersatz. Er legte eine alte Honigwabe in einen Tontopf und versteckte diesen im Wald. Irgendwann kam er zurück und war entzückt über das laute Summen, das aus dem Tontopf drang. Tatsächlich hatte eine Bienen Population die alte Wabe akzeptiert und den Topf als Bienenstock wohnbar gemacht. Das War der Anfang einer großen Zukunft.
Wir besuchten Ojok ein paar Jahre nach seiner Graduierung gemeinsam mit Marijn und Tomek, den Filmemachern. Folgende Szene, die ich in meinem Buch beschreibe, ist auch im Film, “kanthari, change from within” zu sehen.
„Jedes Mal, wenn ich an Gulu im Norden Ugandas denke, erinnere ich mich an den Geschmack von Malaquang, einer würzigen Paste aus leicht säuerlichen Blättern und gestampften Erdnüssen, an die Rauchschwaden der Holzfeuer, über denen ein Lamm gart, an runde, grasbedeckte Lehmhütten, an Gewitterstürme und prasselnden Regen und an den leicht holzigen Duft von bittersüßen Honig.
Wir sind irgendwo im Busch, kilometerweit entfernt von der nächsten größeren Straße. Ojok hat uns in weiße Schutzanzüge, mit Helm, stichfesten Überschuhen und Handschuhen gesteckt, und jetzt pirschen wir, so leise, wie es für eine Gruppe von sieben Laien eben geht, an die Bienenstöcke heran. Wo immer wir auftauchen, verstummt augenblicklich alles um uns her. Frösche unterbrechen ihr kehliges Ächzen, Zikaden halten in ihrem sägenden Singsang inne, nur die Vögel stoßen spitze Alarmrufe aus, als wären wir gefährliche Raubtiere.
Von weither hören wir Donnergrollen, die Luft wird schwer, und Ojok treibt uns zur Eile an. Wir müssen es vor dem Gewitter schaffen, hier draußen sei man vor Blitzschlägen und herunterfallenden Ästen nicht sicher, und wenn es mal regnet, dann seien keine Wege mehr zu erkennen: “Wie oft habe ich mich schon verirrt!”
Obwohl wir auch auf dem trockenen Boden keine Wege ausfindig machen können, hat es nicht den Anschein, als habe er Orientierungsprobleme. Schnell und zielsicher führt er uns im Zickzackkurs durch die Wildnis. Ojok, von der Statur einem Bären ähnlich, hüpft erstaunlich leichtfüßig auf unwegsamem Gelände vor uns her.
Paul und ich leben auch in den Tropen und sind bestimmt nicht überängstlich. Wir verlassen auch mal einen ausgewiesenen Pfad und denken nicht ständig an Schlangennester oder anderes Getier. Hier würden wir allerdings ohne Ojoks Führung nicht einfach so durch raschelnde, ja höchst lebendig wirkende Laubhaufen stapfen. Nun gut – es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er zieht mich einfach an der Spitze meines Blindenstocks hinter sich her. Er steuert mich durch Dornengestrüpp, über staubtrockene Erdwälle und durch dichtes Buschwerk. Wir klettern durch überwucherte Gräben, über Baumstämme und Luftwurzeln, bis wir atemlos seinen Arbeitsplatz erreichen.
Ein paar Meter vor unserem Ziel bleibt er stehen und flüstert uns zu: “Jetzt müssen wir ruhig sein. Bienen mögen keinen Lärm.” Leise bittet er seinen Helfer, näherzukommen. Es ist jetzt ganz still, ich höre nur ein dumpfes Summen. “Das ist ein einheimischer Bienenstock”, raunt Ojok uns zu.
Wir wissen Bescheid, denn er hat uns zuvor einen Schnellkurs in Bienenzucht gegeben. Dabei haben wir eine Menge über den Unterschied von einheimischen und sogenannten europäischen Bienenstöcken gelernt. Laut Ojok besteht der hauptsächlich im Endzweck. Da die europäischen Bienenzüchter an einer schnellen und effizienten Honigausbeute interessiert sind, bieten sie den Bienen eine Art „Fertighaus” mit vorgepresster Wachswabe. Die wird an einem Metallrahmen in einen praktischen Holzkasten gehängt und kann einfach, sauber und schnell ausgetauscht werden. So verlieren die Bienen keine Zeit mit der Produktion von Wachs, und der Honig kann schneller geerntet werden.
Die einheimischen Bienenvölker müssen sich ihre Wabe erst einmal selbst bauen. “Uns ist das recht”, hatte Ojok erklärt. “Wir haben Zeit. Und so bekommen wir wertvolles Wachs, das weiterverarbeitet werden kann.”
Ojok hatte uns zuvor einen verwaisten einheimischen Bienenstock gezeigt. Dabei handelte es sich um den quergelegten ausgehöhlten Baumstamm einer Elefantenpalme. Diese Palmenart trägt kinderkopfgroße Früchte, die gerne von Elefanten gefressen werden. Die Stämme mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern eignen sich laut Ojok hervorragend als Bienenstöcke, denn die Rinde ist hart und das Innere weich und leicht zu entfernen. Es sei nicht einfach, wilde Bienen anzusiedeln. Die Behausung muss von Verunreinigungen befreit und dann von innen mit Honig, geschmolzenen Wachs oder Zuckerwasser eingerieben werden. Die Bienen hätten so den Eindruck, als wäre der Platz schon mal bewohnt worden und würde sich für eine neue Kolonie eignen. Der süße Geruch ziehe aber auch Ameisen und andere Insekten an. Und Bienen seien eigen, sie teilten ihr Heim nicht gerne. Sobald sie anderes Getier vorfänden, gebe es keine Chance, dass sie sich einrichten.
Vor der kreisrunden Öffnung des Bienenstocks hat Ojok ein durchlöchertes Blech angebracht. So werden die Bienen vor größeren Tieren und vor Unwettern geschützt und können leicht ein- und ausschwärmen.
Ojok löst jetzt behutsam das Blech vom Nagel und legt es auf die Seite. Es dauert einige Sekunden, bis das Geschwader die Veränderung bemerkt. Doch dann geht es los. Aus dem leicht verschlafenen Summen entsteht ein Getöse. Und plötzlich sind sie um uns her. Eine tobende Wolke von wütenden Geschossen, die steinschlagartig gegen unsere Schutzanzüge und gegen die Gitter vor den Gesichtern prallen. Aus dem Innern des Bienenstockes klingt es jetzt, als ob Tausende von Sportwagen über eine ferne Rennstrecke rasen.
Von der Seite vernehme ich ein leises Fauchen. Der Helfer bedient einen kleinen Blasebalg, mit dem er Rauch in den Bienenstock und in unsere Nasen bläst. Zunächst wird das Brausen lauter und aggressiver, doch dann schwillt es ab. Der Rauch betäube die Bienen, er schade ihnen aber nicht. Sie würden einfach nur ein bisschen willenlos und weniger angriffslustig. Ojok zieht seine Handschuhe aus, denn so könne er besser arbeiten. Ob er denn nicht gestochen werde?
“Doch, natürlich, mehrmals am Tag. Aber ich liebe es!” Ohne Zögern greift er in die Baumhöhle und prüft mit bloßer Hand die Fülle der Wabe. Er brummt zufrieden. “Hm, noch etwa zwei Wochen, und dann können wir ernten.”
In diesem Moment scheint es, als ob der Himmel über uns auseinanderreißt. Eine tosende Wasserflut stürzt auf uns herab. Die Schutzanzüge sind im Nu durchweicht und hängen wie Zementsäcke an uns herunter. Der ausgedörrte Boden wird in wenigen Minuten zur schlammigen Masse. Da Ojok den Stock wieder schließen muss, schickt er uns schon mal zurück. Orientierungslos stapfen wir los, und als wir nach einigem Herumirren in Ojoks Hütte ankommen, sitzt er schon da und schüttet sich aus vor Lachen. “Na? Hab ich zu viel versprochen? Macht euch nichts draus, das sind die Freuden eines Landwirts!”
(aus: “Die Traumwerkstatt von Kerala – die Welt verändern, das kann man lernen.”
Heute gehört Ojok zu den bekannten Imkern weltweit. Im Jahr … bekam er den, mit 25’000 $ dotierten Polman Preis und wurde schlagartig der Liebling der Presse.
Doch Ojok bleibt bodenständig und verliert nicht den Sinn für das Wesentliche: die Ausbildung der Blinden zu Bienenzüchtern und Umweltschützern und die Veränderung der ugandischen Gesellschaft zu mehr Toleranz für Menschen mit Behinderungen.
Er unterhält eine Kooperative Hive Uganda Limited mit 250 blinden Bienenzüchtern und war bereits dabei, den für seine Reinheit bekannten Honig nach Italien zu exportieren, als das Corona Virus ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Als ich ihn bedauern will, fängt er an, zu lachen. “Mach dir keine Sorgen, wir sind krisenerprobt. Uns geht es eigentlich gut, Honig und Wachs verderben nicht und das Virus hat sich in Uganda noch nicht wirklich breit gemacht.”
“Und was macht das Bienensterben?”
Jetzt wird er nachdenklich und das Lächeln verschwindet aus seiner Stimme als er mir Folgendes erklärt: “Die Bienen sterben vor allem in Europa und Amerika. Bei uns in Afrika oder auch Asien ist das Problem längst nicht so groß.” Er kommt auf die Varroa Milbe zu sprechen, die sich in Bienenstöcken “einschleicht” und die Bienen von innen verzehrt. “Die Varroa Milbe schlägt da zu, wo die Bienen ein schwaches Immunsystem haben. Und die Bienen sind besonders in den Regionen geschwächt, wo sie vielen Giften ausgesetzt sind. Bei uns gibt es wenig Bauern, die sich Pestizide leisten können und wir, die blinden Bienenzüchter und Umweltschützer sorgen dafür, dass sie lernen, den Vorteil zu sehen.”
Dann erinnert er mich an den unterschied der europäischen und der afrikanischen Bienenstöcke. “Die Europäer mögen es sauber und effizient. Die vorgepresste Wabe wird einfach ausgetauscht und später wieder verwendet. Bei uns erleben die Bienen kleine widerkehrende Krisen, wenn ihr gesamtes Vermögen, Haus und Nahrung verschwindet und sie müssen richtig hart arbeiten, um alles wieder aufzubauen. Das macht sie stark.”
“Und siehst Du eine Parallele zur heutigen globalen Krise?” Frage ich neugierig, jetzt höre ich wieder das Ojok-Gelächter:
“Nun …, warum fragst du? Ich bin Landwirt! Die Analyse und Schlussfolgerung überlass ich lieber den Wissenschaftlern.”
Seit gestern kann der sehr bewegende Dokumentarfilm “kanthari – CHANGE FROM WITHIN” online erhältlich und kann über folgenden Link angeschaut werden.
Tag 11 – Vision 2020, THE RIGHT TO SIGHT!
Vor 21 Jahren, wir hatten gerade das Blindenzentrum in Tibet eröffnet, wurden wir von der ICEVI nach Peking zu einer Konferenz mit dem zukunftsträchtigen Namen “Vision 2020” eingeladen. ICEVI ist ein internationales Netzwerk von Organisationen, die sich für Blindenbildung einsetzen. Gemeinsam mit der World Blind Union wurden bei dieser Konferenz Augenärzte aus der ganzen Welt mit NGOs zusammengebracht. Es ging darum, die verhinderbare Blindheit, wie zum Beispiel den Grauen Star, bis 2020 soweit wie möglich auf 0 herabzusenken.
Damals lag das Jahr 2020 in weiter Zukunft. Alles war möglich, solange das Geld stimmte und die benötigte Technik vorhanden war. Heute, im Frühjahr 2020, wissen wir, dass nicht alles am Geld und an der Technik liegt. Es gibt noch immer weltweit geschätzte 285 Millionen Sehbehinderte, 39 Millionen sind vollkommen Blind, 90% all dieser Menschen leben in Armut, weniger als die Hälfte aller sehbehinderter Kinder besuchen eine Schule.
In den letzten 12 Jahren haben wir über 70 blinde kantharis ausgebildet. Die meisten haben in ihren Ländern und Regionen erfolgreiche Trainingsprogramme für Blinde Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufgebaut.
Hier ein paar Beispiele:
Alieu, 2011 kanthari Absolvent aus Gambia fördert blinde Schulabgänger, sodass sie sich selbst in Universitäten integrieren können. Siehe StartUp
Ojok, 2012- und Alfred, 2017 kantharis, beide aus Uganda bilden blinde Jugendliche und Erwachsene zu Imkern und Umweltaktivisten aus, Sristi KC, 2012 kanthari Absolventin aus Nepal hat eine Schule für Tanz, Schauspiel und Gestik für Blinde ins Leben gerufen.
Chhitup Lama, 2010 kanthari aus dem Himalaya, startete seine ersten Trainingseinheiten in dem er zu Pferd durch die entlegensten Dörfer ritt. Später baute er im Nepalesischen Simikot eine Blindenschule.
und viele mehr. Und wie geht es blinden Menschen mit der Corona Krise?
Mark Sabwami, 2019 kanthari aus Kenia, Gründer von Jipange, eine Initiative, die sich besonders an Blinde in abgelegenen Regionen wendet, erklärte: wie gefährdet blinde Menschen zur Zeit sind: “Wir brauchen unsere Hände ständig. Sobald wir etwas wissen wollen, fassen wir es an. Das Berühren von Oberflächen und Gegenständen ist für uns wie Sehen.”
Mark macht hier einen entscheidenden Punkt, der mir, obwohl ich selber blind bin, so noch nicht aufgefallen ist. Ich persönlich habe mir aber als Braille Leserin schon etwas Gedanken gemacht, wie sich nämlich das ständige Händewaschen auf den Tastsinn auswirken könnte. Ich merke schon jetzt, dass durch Seife und Desinfizierungsmittel das Tastvermögen in den Händen etwas eingeschränkt ist. Die Fingerspitzen der rechten und linken Zeigefinger sind wichtiger Ersatz für das zentrale Sehvermögen.
Kommen wir aber zurück zur Vision 2020: Vielleicht hat man es noch nicht geschafft, die vielen Blinden sehend zu machen. Aber man kann es auch so sehen: in den letzten Wochen wurden uns allen die Augen geöffnet!