Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03531.jsonl.gz/2631

Mitte der 1960er-Jahre starteten die USA ihren Kriegseinsatz in Vietnam. 32 % der amerikanischen Soldaten, die zum Einsatz kamen, waren schwarz. Afroamerikaner stellten somit fast einen Drittel der US-Truppen, obwohl sie nur 11 % der Bevölkerung ausmachten.
Was lernen wir daraus? In Vietnam waren Schwarze übervertreten, was Hollywood bisher höchstens rudimentär thematisiert hat. In den grossen Kriegsfilmen standen meist Weisse im Zentrum.
Black History Matters
Das Kino von Spike Lee wehrt sich seit jeher gegen diesen weissen Ethnozentrismus – mit einer dezidiert schwarzen Perspektive. Auch die Kriegsfilme des junggebliebenen 63-Jährigen drehen sich fast ausschliesslich um Afroamerikaner.
Lees «Miracle at St. Anna» erzählte 2008 mit reichlich Pathos von den Heldentaten dunkelhäutiger Infanteristen im Zweiten Weltkrieg. «Da 5 Bloods» knöpft sich nun den schlechter glorifizierbaren Vietnamkrieg vor – ähnlich rabiat, aber deutlich unterhaltsamer.
Zurück im Minenfeld
Der höhere Unterhaltungswert von Spike Lees jüngster Regiearbeit hängt eng mit der aktualitätsbezogenen Anlage des Films zusammen: Die Haupthandlung spielt nicht im Krieg, sondern unserer Gegenwart.
Eddie, Melvin und Otis – drei liberale Afroamerikaner – sowie der schwarze Trump-Supporter Paul treffen sich in Ho-Chi-Minh-Town. So heisst die ehemalige vietnamesische Hauptstadt Saigon heute. Die vier Veteranen sind nach Vietnam zurückgekehrt, um nach einem Leben voller Mühen richtig abzukassieren: Indem sie einen Schatz bergen, den sie einst vergraben haben.
Doch Gold ist beileibe nicht das Einzige, was nach dem Krieg in der Erde Vietnams liegengeblieben ist. Auch Minen und Skelette warten auf ihre Entdeckung. Zum Beispiel dasjenige von Stormin’ Norman, der als stolzer Afroamerikaner das allseits verehrte Alphatier der Truppe war.
Fast vergessenes Drehbuch
Interessantes Detail: Ursprünglich hätte Oliver Stone «Da 5 Bloods» unter dem Titel «The Last Tour» verfilmen sollen. Und zwar schon 2016, mit weissen Darstellern. Weil das Projekt im Sand verlief, drohte das Skript in einer Schublade der Traumfabrik zu verrotten.
Erst nach dem Erfolg von «BlacKkKlansman» (2018) hauchte Lees Drehbuchautor Kevin Willmott dem Skript neues Leben ein. Weil er erkannte, dass der Stoff – aufgepeppt mit etwas schwarzer Gesellschaftskritik – das ideale Setting bieten würde: für den nächsten würzigen «Spike-Lee-Joint».
Reflexe statt Reflexionen
Vieles an diesem filmischen Trip funktioniert recht gut: zum Beispiel das häufige Springen zwischen den Zeitebenen. Weil durch das unterschiedliche Bildformat leicht zu erkennen ist, ob man sich gerade in der Vergangenheit (4:3) oder der Gegenwart (16:9) befindet.
Erstaunlicherweise stört sogar der Verzicht auf Verjüngungseffekte nicht im Geringsten: Die jungen Soldaten im Kriegseinsatz werden von denselben Darstellern gespielt, die als alte Männer nach Vietnam zurückkehren. Wie das ohne Computertricks oder aufwendige Maske funktioniert? Vielen Schwarzen sieht man ihr Alter schlicht nicht an. In Spike Lees Worten: «Blacks don’t crack!»
Frech eingestreute Erzählkniffe und viele filmische Anspielungen ergeben allerdings nicht zwingend ein raffiniertes Ganzes. Statt sich in sein vielschichtiges Thema zu vertiefen, ruft «Da 5 Bloods» oft bloss Reflexe ab.
So verlässt sich der Film beispielsweise darauf, dass sein Publikum mit den rüstigen Rentnern mitfiebert. Ohne gründlich darüber nachzudenken, wie sinnvoll das ist, was diese im gefährlichen Dschungel treiben.
Streaming-Premiere als sanfter Stimmungskiller
Gerade die ambivalente Figur des Trump-Supporters Paul hätte viele Anknüpfungspunkte für tiefergehende Reflexionen geboten. Doch dafür opfert der handlungsdichte Zweieinhalb-Stünder keine Zeit.
«Da 5 Bloods» hätte eigentlich in Cannes Premiere feiern und danach im Kino laufen sollen. Wegen Corona startet die ca. 40 Millionen Dollar teure Leinwand-Produktion nun direkt auf Netflix.
Auch dort wird Lees neuster Film im Zuge der globalen #BlackLivesMatter-Bewegung sicher sein Publikum finden. Enttäuschend ist «Da 5 Bloods» nur für die ganz Anspruchsvollen, die nach «BlacKkKlansman» einen weiteren Wurf mit cineastischer Wucht erwartet haben.