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«Oh teurer Traum, oh süsse Trunkenheit!»
Zu diesen gehört sicherlich auch «Die sizilianische Vesper», 1855 in Paris als «Les Vêpres Siciliennes» uraufgeführt, danach – wenn überhaupt – über Jahrzehnte beinah nur noch in Italien als «I Vespri Siciliani» auf Bühnen anzutreffen. Es war Verdis erstes direkt für die Pariser Oper geschaffenes Werk.
Ärger mit Paris
Verdi hatte verlangt und erreicht, dass der damalige Star unter den Librettisten namens Eugène Scribe sein Partner bei diesem Projekt werde. Doch dieser und dessen Mitarbeiter Charles Duveyrier holten aus der Vorratsschublade einen Stoff, den sie unter dem Titel «Le Duc d’Albe» bereits 1839 Donizetti angeboten hatten, der das Werk zwar begonnen, aber unvollendet liegen gelassen hatte. Es wurde erst 1882, 34 Jahre nach Donizettis Tod, von einem Schüler Donizettis vollendet und in Rom uraufgeführt. Als Verdi von diesem Etikettenschwindel später erfuhr, tobte er – seinem Temperament entsprechend!
Die Zusammenarbeit zwischen Verdi und Scribe begann 1852. Man war auf der Suche nach einer «historischen Oper» im Stile Meyerbeers, mit prächtigen Chorszenen, Ensembles und ausgiebigen Balletteinlagen. Die Zusammenarbeit zwischen Scribe und Verdi war nicht einfach, denn Verdi verlangte seinem hochsensiblen dramaturgischen Instinkt gemäss erhebliche Eingriffe in die ursprüngliche Konzeption der Szenen. Noch während der Probenzeit nahm Verdi Änderungen vor, die ihm zur Wirkungssteigerung unerlässlich schienen, nicht gerade zur Freude der an den Proben beteiligten Künstlerinnen und Künstler.
Der «Trick» von Scribe war gewesen, ein Stück, das ursprünglich während der Religionskriege im Holland des 16. Jahrhunderts spielte, nun ins 13. Jahrhundert zurückzuverlegen und diesmal als politischen Hintergrund eines Familiendramas den Aufstand der Sizilianer gegen ihre französischen Besatzer zu wählen. Konkret: das Massaker der Sizilianer an den Franzosen am Ostermontag des Jahres 1282, das mit der Bezeichnung «Die sizilianische Vesper» in die Geschichte eingegangen ist. Der Oper war in Paris zwar ein Achtungserfolg beschieden, sie wurde immerhin über 60 Mal gespielt und tauchte im Repertoire in Paris danach erst wieder 1863 auf. Nach den 1870er Jahren verschwand das Werk in Paris in die Versenkung.
Welcher Titel gilt?
In Italien hingegen gab es bald mehrere Bearbeitungen der französischen Fassung, von denen sich im Lauf der Jahre jene des Librettisten Eugenio Caimi behauptete. Allerdings griff die Zensur ein, änderte Titel und Orte des Geschehens, denn dass ein Herrscher, auch wenn er als «fremdländischer Tyrann» galt, in Sizilien auf offener Bühne massakriert würde, liess die italienische Zensur in Mitte des 19. Jahrhunderts dann doch nicht zu.
So hiess die Oper in Parma und in Mailand «Giovanna de Guzman», in Neapel sogar «Batilda di Turenna». Es brauchte Zeit, bis man zum ursprünglichen Titel zurückkehrte. Neu entdeckt und neu bewertet wurden «I Vespri Siciliani» – nunmehr vor allem in der italienischen Fassung – im Grunde erst in unserer Epoche. Richtig aufhorchen liess eine CD-Einspielung, die der damals dreissigjährige James Levine im Jahr 1973 in London realisierte und die er auch an der Met in New York dirigierte. Zur Bekanntheit des Werkes in seiner Ganzheit (italienische Fassung von 1864) trugen 1990 auch ein CD- und ein DVD-Mitschnitt des Werks aus der Mailänder Scala bei, auch hier in hervorragender Besetzung unter dem Dirigat von Riccardo Muti.
Jetzt konnte man sich mit der Originalität des Werks neu auseinandersetzen. Denn die 5-aktige Oper ist in Machart, Umfang und Wirkung eine absolute Wucht! Sie dauert dreieinhalb Stunden und hält alles bereit, was Opernliebhaber auf einer Bühne sehen und erleben wollen: grosse Arien, wie etwa zu Beginn des 2. Aktes die Arie des Sizilianers Procida, eines glühenden Patrioten und rachsüchtigen politischen Aufwieglers, der das seiner Heimat angetane «Unrecht» nicht verzeihen will und nicht verzeihen kann. Liebesduette der das Herz berührenden Art, etwa zwischen einer in ihren Gefühlen hin- und her schwankenden Frau, die den Tod ihres Bruders rächen will und sich doch zu dem von einem französischen Vater abstammenden Sizilianer Henri – in der italienischen Version nennt er sich Arrigo – hingezogen fühlt.
Verdi hat in diesem Werk den Vater-Sohn-Konflikt in genial werbenden, bittenden und fordernden Tönen gestaltet. Er hat das Lager der Franzosen, deren Arroganz und Weltgewandtheit in soldatischen Chören jenem der zuerst trägen, dann aber vor Wut blind um sich schlagenden sizilianischen Landleute entgegengesetzt. Manchmal glaubt man bereits, Töne des späten Verdi zu vernehmen, wenn er die Gefühle der zwei gegeneinander aufgebrachten Massen schildert. Den «Pariser Geschmack» hat Verdi dadurch bedient, dass er beinah überlange Ballettpassagen in die Palastszenen einfügte und so die flirrend bunte Welt der Tänzerinnen und Tänzer mit den rabenschwarzen Rachegedanken und der gestauten Wut der sizilianischen Patrioten kontrastierte.
Eine heiter-gelöste Szene
Man liegt nicht falsch, wenn man davon ausgeht, dass grosse Teile dieser Familientragödie, die dramaturgisch geschickt mit einer politischen Rebellion verknüpft ist, in dramatisch-dunklen Tönen gehalten sind. Dem freiheitlich denkenden Verdi, der sich in Italien das Ende fremder Herrschaft herbeiwünschte, kam dieser politische Weckruf gerade sehr entgegen. Scribe schrieb zum ursprünglichen Libretto für Verdi einen 5. Akt hinzu. Dieser beginnt mit einer Szene in ganz unterschiedlicher Stimmungslage. Die weibliche Hauptfigur der Oper, die Herzogin Elena, ist nun bereit, ihren Verehrer Arrigo zu heiraten. Vor dem Gang zum Traualter singt sie heiter und befreit von Seelenqual ein sizilianisches Lied voller Frohsinn und Liebesglück.
Die Arie «Mercè, dilette amiche – Danke, geliebte Freundinnen» wird oft auch als «Bolero» bezeichnet. Bolero ist eine Tanz- und Liedform spanischer Herkunft, die aufgrund der langen spanischen Herrschaft auf der Insel durchaus auch in Sizilien vertraut und in Gebrauch war. Elena erscheint im Brautkostüm, die Ehrendamen für die geplante Hochzeit verteilen Blumen. Sie bedankt sich dafür, diese Blumen seien für ihr Herz «voti felici – glückliche Versprechen» ihrer künftigen Liebe. Ein ihr bisher unbekanntes Glücksgefühl lasse ihr Herz pochen, jetzt werde ein Traum wahr: «O caro sogno, o dolce ebbrezza!» lautet der Refrain der schönen Arie.
Elena besingt die sizilianische Küste, die ihr – nach Zeiten der Rachefeldzüge auf der Insel – einen Tag des Friedens schenken möge. Die Leiden der Vergangenheit will die Herzogin jetzt vergessen, es soll für Sizilien ein Tag des Jubels und des Ruhmes werden. Jetzt atme sie an dieser Küste eine «aura celeste», ein bereits geradezu himmlisches Lüftchen. Der Chor stimmt in diesen erwarteten Jubel mit ein.
Verdi hat den Umschlag der angesagten Hochzeitsfreude in die Wut des Massakers musikalisch äusserst knapp gehalten und komponiert. Als ziehe mit dem Schlagen der Hochzeitsglocke ein richtiger Tsunami durch die Hochzeitsgesellschaft! «Vendetta! Vendetta! A morte, al terror!» brüllen die dreinschlagenden sizilianischen Horden vor sich hin.
Die Glücksarie der Elena aber bleibt als die geträumte Variante eines gelingenden Friedens im musikalischen Gedächtnis haften. Sie ist im Übrigen für jede Sopranistin eine gewaltige technische und gestalterische Herausforderung. Soviel Virtuosität ist hier von der Stimme gefordert, neben ebenso viel Weichheit, Zärtlichkeit und Verführungszauber. Wir hören hier eine Live-Aufnahme vom 9. März des Jahres 1974, aus der Metropolitan Oper in New York, mit James Levine am Pult. Die Sängerin ist Montserrat Caballé, damals auf dem Höhepunkt ihrer stimmlichen Kunst.
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