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China ist die unangefochtene Weltmacht des Tischtennis und würde in Rio wahrscheinlich einen Zehnfach-Sieg feiern. Blöd für China: Jedes Land darf nur zwei Spielerinnen stellen. Und so wechseln derart viele Athletinnen die Nation, dass Tischtennis bei Olympia dennoch ganz fest in chinesischer Hand ist.
Tischtennis-Gold gehört nach China. Punkt. Seit die Sportart in Seoul olympisch wurde, ging nur ein einziger Titel nicht nach Asien (1992 triumphierte der Schwede Jan-Ove Waldner). Besonders bei den Frauen ist die Überlegenheit erdrückend, wie der Blick ins Geschichtsbuch zeigt:
Diese Dominanz erdrückt den Rest der Welt, für den bloss Brosamen übrig bleiben. China sorgt aber gleichzeitig dafür, dass der Graben zwischen dem Reich der Mitte und dem Rest nicht noch grösser wird. Denn wer es in China nicht bis ganz an die Spitze schafft, für den gibt es einen Ausweg und der heisst: Auswandern.
In Rio sind rund zwei Dutzend Chinesinnen dabei, welche die Staatsbürgerschaft gewechselt haben:
Die Geschichten der Spielerinnen ähneln sich und können so zusammengefasst werden: Keine Chance, für China anzutreten, aber gut genug für ein anderes Land. «Es gibt viel zu viele gute Athleten; es ist extrem hart, es in die Nationalmannschaft zu schaffen», sagt Jeon Ji Hee, die deshalb für Südkorea startet.
Der beste Beweis, wie hart es ist, für China antreten zu können: Der Weltnummer 1, Liu Shiwen, gelang es nicht, sich für das olympische Einzelturnier zu qualifizieren. Als «verrückte Geschichte» bezeichnete Matthew Pound, der Sprecher des Weltverbands ITTF diese Tatsache. «Sie belegt eindrücklich die Klasse des chinesischen Teams.»
Es ist der Mix aus der schieren Masse an verfügbaren Talenten, der konsequenten Förderung von Kindsbeinen an und von einem harten Trainings-Drill, welche dem Land ein unerschöpfliches Reservoir an Spitzenspielern beschert. Letzterer ist auch ein Grund, China zu verlassen. «Wenn du Weltmeister werden willst, musst du in China trainieren», sagte Neo-Amerikaner Kai Zhang dazu. «Aber wenn du eine bessere Work-Life-Balance haben willst, glücklich und frei sein willst, dann hast du es in den USA besser.»
Dass die vielen Nationenwechsel nicht überall freudig beklatscht werden, liegt auf der Hand. Die Portugiesin Yu Fu gibt aber zu bedenken, dass an der Problematik nicht die in China geborenen Sportler Schuld sind: «So sind die Gesetze, die erlauben das.»
Ein Wechsel ins Ausland, wo die einheimische Konkurrenz viel schwächer ist, bedeutet auch oft eine Verlängerung der Karriere. So trat beispielsweise Ni Xialian in Rio an – im Alter von 53 Jahren und für Luxemburg. Sie überstand immerhin zwei Runden. Im Grossherzogtum lebt sie, die 1983 noch als Chinesin Weltmeisterin wurde, schon seit 1991.
Die Österreicherin Liu Jia ist zwar erst 34-jährig, aber ebenfalls ein Routinier. Bei ihren fünften Olympischen Spielen war «Susi» die Fahnenträgerin unserer Nachbarn bei der Eröffnungsfeier. Sie war schon als Kind vor der Konkurrenz «geflüchtet» und erhielt zum 16. Geburtstag, weniger als ein Jahr nach ihrer Ankunft, den österreichischen Pass.
Es gibt auch Ausnahmen, etwas andere Biografien. So war schon Lily Zhangs Vater Tischtennis-Spieler und in die USA ausgewandert, wo seine Tochter auf die Welt kam. Die Kongolesin Han Xing wurde nicht in China geboren, sondern in Brazzaville. Und Gui Lin kam schon als 12-Jährige nach Brasilien, spricht fliessend portugiesisch und sagt, sie sei mit dem Herzen schon seit ihrer Geburt Brasilianerin.
Mit Einbürgerungen in anderen Sportarten lassen sich die meisten Fälle im Tischtennis nicht vergleichen. So holte sich die Türkei flugs Leichtathleten aus Afrika ins Land und gewann an der EM jüngst ein Dutzend Medaillen. Vor zwei Jahren holten die Türken bloss eine einzige. Bei Olympia dürfen diese Neu-Türken nicht starten, weil man bei den Spielen nach einem Nationenwechsel länger auf sein Startrecht verzichten muss. Das musste schon Turner Donghua Li erleben, der sich in eine Schweizerin verliebte, 1992 nicht in Barcelona antreten durfte und dann 1996 für die neue Heimat Olympiasieger am Pferdpauschen wurde.
Auch die Einbürgerungs-Praxis Katars, scharf kritisiert bei der Handball-WM dort im letzten Jahr, ist anders zu betrachten. Denn während in den Fällen der Türkei oder Katars der nationale Verband aktiv im Ausland rekrutierte, ist es beim Tischtennis umgekehrt. Chinesinnen und Chinesen heuern im Ausland an und erfüllen mit der Zeit die Auflagen für eine Einbürgerung.
Lieber als die chinesische Auswanderungsflut zu beklagen, solle man ohnehin die positiven Aspekte sehen, findet die Portugiesin Yu: «Das Niveau in Europa wird so gesteigert.» Denn viele Chinesen spielen nicht nur in ihren Klubs, sie geben ihr Wissen auch dem Nachwuchs weiter.
So gesehen ist die Lage vielleicht vergleichbar mit dem Fussball, den die Briten vor mehr als 100 Jahren in die Welt trugen und oft grossen Einfluss auf die Einheimischen hatten. Der Unterschied: Die anderen wurden rasch besser und hängten die Engländer ab, während im Tischtennis China nach wie vor dominiert.
Nun ist es jedoch problematisch für das weltweite Interesse einer Sportart, wenn eine Nation derart überragend ist. Wer schaut noch Frauen-Rennen im Langlauf, wenn die Siegerin sowieso aus Norwegen kommt? In China hat man dies erkannt und die Türen zu seinen Tischtennis-Akademien neuerdings auch für Ausländer geöffnet. Man schickt gemäss der Agentur AP auch chinesische Ausbilder in die Welt hinaus. Sollten eines Tages tatsächlich echte Nicht-Chinesen die grossen Dominatoren schlagen, können sie sich im Reich der Mitte immerhin damit trösten, die Bezwinger geformt zu haben.