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Die Frühphase eines Burnout-Syndroms ist dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene sich kaum Erholung und Ruhe gönnt, sondern sich stark mit seiner Arbeit identifiziert und sie auf seiner Prioritätsliste dauerhaft nach ganz oben setzt. Er erwartet von sich 100% Leistung und muss sich ständig unter Kontrolle halten, um diese zu erbringen.
Am Beginn der Entwicklung eines Burnout-Syndroms stehen Engagement, Enthusiasmus und hohe berufsbezogene (nicht selten unrealistische) Erwartungen. Das heisst: wer nie eine idealistische Frühphase hatte und seine beruflichen Tätigkeiten von Anfang an mit hoher Unlust und innerer Distanz verrichtet hat, entwickelt kein Burnout-Syndrom. Dafür wird gerne die Formulierung benutzt: "Wer nicht gebrannt hat, kann auch nicht ausbrennen."
Irgendwann folgen unweigerlich erste Ermüdungserscheinungen, die vom Betroffenen aber kontinuierlich ignoriert werden, ebenso wie die Enttäuschungen und der Frust darüber, dass bestimmte Erwartungen an die Arbeit nicht erfüllt bzw. durch bestimmte Ereignisse im Tagesgeschäft wiederholt torpediert werden.
Der Versuch, durch noch mehr Einsatz und noch höheres Engagement das Erwünschte zu erreichen, führt zu einer schleichenden und unaufhaltsamen Entkräftung, die vom Betroffenen lange nicht wahrgenommen wird. Private Bedürfnisse werden so lange auf später verschoben, dass ihr Verzicht kaum noch als solcher empfunden wird.
Der Erschöpfung folgt ein emotionaler Rückzug. In das Denken und Fühlen des Betroffenen schleichen sich Widerwillen und eine deutlich distanzierte oder zynische Haltung gegenüber Kollegen, Patienten, Klienten etc. ein.
In einer fortgeschrittenen Phase schliesslich entsteht ein Wahrnehmungsverlust für die eigene Person. Der Betroffene leidet unter Orientierungslosigkeit, Angst- und Hilflosigkeitsgefühlen, Desinteresse, Apathie sowie körperlichen Symptomen (z.B. Rückenschmerzen, Schlaf- und Verdauungsstörungen). Es werden Verhaltensveränderungen sichtbar, nach dem emotionalen folgt der soziale Rückzug.
Der Betroffene entwickelt eine Abwehrhaltung gegenüber Kritik, verliert seine Leistungsfähigkeit, leidet unter Konzentrationsschwächen, kann sich zu nichts mehr aufraffen und seine Arbeit nur noch unter grössten Anstrengungen ausüben. Von hier aus ist es bis zu einem vollständigen Zusammenbruch, bis zur totalen Erschöpfung mit z.T. lebensbedrohlichen Folgen nicht mehr weit.
Die Entwicklung dieser psychischen und physischen Symptome als Folgen von Dauerstress lässt sich aus pathologischer Sicht auch am Organismus des Betroffenen nachvollziehen (vgl. Rensing et al. 20061)).
Dauerstress führt u.a. zu einer erhöhten Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut. Cortisol wirkt lange Zeit wie ein Aufputschmittel für den Körper, führt aber bei "Dauereinsatz" zu Gedächtnis-, Appetit-, Libido- und Schlafstörungen, verstärktem Fettansatz, Muskelschwund und Depressionen.
Nun liesse sich einfach behaupten, Burnout-Betroffene seien in weiten Teilen selbst an ihrem Schicksal schuld, immerhin hat sie ja keiner gezwungen, sich im Job derart aufzureiben und zu verausgaben. Würden sie ein bisschen vernünftiger oder kompetenter mit der Stressbelastung umgehen oder sich ein bisschen mehr schonen, wäre das Problem schon behoben, könnte man meinen. Diese Sichtweise ist gar nicht so selten anzutreffen, verharmlost aber, dass bestimmte gesellschaftliche Wertvorstellungen und konkrete organisationsstrukturelle Massnahmen massiv und systematisch zu einer Förderung der burnoutförderlichen Faktoren beitragen.
13.11.2012 - cmz
Fussnoten:
1) Rensing, L., Koch, M., Rippe, B. & Rippe V. (2006): Mensch im Stress: Psyche, Körper, Moleküle. München: Spektrum Akademischer Verlag