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Der Küchentisch umrahmt von niedrigen Rundbögen auf Säulen: bräunlicher Jurakalk, heraufgeschleppt vom Doubs, 1631, beim Bau des Hauses. Die Bäuerin serviert Kaffee, ihr Ehemann steht an der Kaffeemaschine. Vor den niedrigen Fenstern die Wiesen, noch aper, ansteigend zur Station La Cibourg oben am Hang, zehn Bahnminuten von La Chaux-de-Fonds.
Der Hof hier umfasst 31 Hektaren, vor allem Weideland, etwas Wald; zwanzig Kühe, noch einmal so viele Jungtiere, einige Schafe. Anfang der achtziger Jahre kam die Maturandin Anne-Marie Konrad aus Zürich zu einem Sprachaufenthalt hierher und verliebte sich in François, einen der Söhne des Landwirts. Nach einer gemeinsamen Neuseelandreise waren sie sich einig: Sie übernahmen den elterlichen Betrieb und begannen mit biologischer Viehzucht. Gleichzeitig liess sich Anne-Marie, die jetzt Kaufmann hiess, in Cernier zur Bäuerin ausbilden und gebar in den folgenden Jahren Lena (14), Guillaume (12) und Joachim (9).
Jetzt geht ihr Ehemann im blauen Überkleid zur Arbeit nach draussen. Sie schleppt ein Bündel Weisstannenzweige in die Küche. «Für die Kirchgemeinde», sagt sie und beginnt, mit Reisig und Draht aus einem grossen Strohring einen Adventkranz zu formen.
Hier habe sie sich bald einmal in François’ christkatholischer Kirchgemeinde engagiert, habe im Kirchenchor mitgemacht, später Religionsunterricht zu erteilen begonnen. 1993/94 dann eine Erfahrung, die sie einmal als «Krise», einmal als «Berufungserlebnis» bezeichnet. Es sei ihr klar geworden, dass sie für die erhaltene Geborgenheit der kirchlichen Gemeinschaft etwas zurückgeben wolle – es sei ein persönlicher Aufbruch geworden wie jener, als sie von Zürich hierher gekommen sei.
Im Herbst 1995 immatrikulierte sie sich an der Universität Bern und begann, mit 35, christkatholische Theologie zu studieren. Möglich, sagt sie, dass bei diesem Entscheid ihre Herkunft eine Rolle gespielt habe: Ihr Vater war Pfarrer. Zurzeit befasst sie sich mit Kirchenmanagement, Hausbesuchen, Seelsorge, schreibt eine Arbeit über das «Sterben zuhause». Noch fehlen Akzessarbeit, Prüfungen und Vikariat. Aber sie weiss, was sie will: «Das werden, was in mir steckt.» Sie wäre die zweite christkatholische Pfarrerin der Schweiz.
Sie hebt den schweren, dunklen Kranz vom Tisch und sagt, jetzt wolle sie in die Stadt hinunter einkaufen gehen. Der Journalist könne mitfahren, wenn er wolle.
Am 9. Mai 2013 ist Anne-Marie Kaufmann von Radio SRF2 als Pfarrerin der christkatholischen Kirche St. Peter und Paul in Bern und als Bäuerin in La Cibourg porträtiert worden. – Der vorliegende Beitrag erschien als einer von zehn analogen innerhalb eines vierseitigen Dossiers mit dem Obertitel «Augenblick». Der Lead erklärte die Absicht des Projekts so: «Um Lebensläufe soll es gehen. Um die Frage, weshalb wir so leben, wie wir leben, und was das, was wir in einem bestimmten Augenblick tun, mit unserer Geschichte zu tun hat. Für das vorliegende Dossier haben wir zehn Frauen und Männer […] exakt am selben Tag und just zur selben Zeit porträtiert: Am Freitag, 1. Dezember [2000, fl.] , um 15.18 Uhr hielten FotografInnen und AutorInnen einen Moment in deren Leben fest und suchten nach Spuren in Vergangenheit und Zukunft.» Die Titel der Beiträge waren analog formuliert: Datum, Uhrzeit und ein Verb. Der Titel meines Beitrags lautete «1. Dez., 15.18 Uhr: binden». Dieses Dossier war eine Coproduktion des evangelisch-reformierten «saemanns», des katholischen «pfarrblatts», des «Christkatholischen Kirchenblatts» und des jüdischen «JGB-Forums».