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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

7. Buch
30. Wahre Frömmigkeit macht einen Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpfen, damit man nicht statt des einen Gottes soviele Götter verehre, als es Werke des einen Urhebers gibt.
Und um nun diese Werke des einen und wahren Gottes, wegen deren sich jene über dem Versuch, schändliche und verbrecherische Mysterien auf vermeintlich anständige Weise auszudeuten, viele und falsche Götter geschaffen haben, im einzelnen rasch durchzugehen, so sage ich: Wir verehren den Gott, der den von ihm erschaffenen Wesen Anfang und Ende des Daseins und der Bewegung gesetzt hat; der die Ursachen der Dinge in der Gewalt hat, kennt und ordnet; der die Kraft der Samen begründet hat; der mit einer vernunftbegabten Seele, die man Geist nennt, jene Lebewesen ausstattete, die er damit ausstatten wollte; der die Fähigkeit zu sprechen und den Gebrauch der Sprache gewährt hat; der die Gabe der Prophezeiung den Geistern nach seiner Wahl verlieh und selbst prophezeit, durch wen er will, und Siechtum vertreibt, durch wen er will; der auch bei den Kriegen, wenn das Menschengeschlecht durch dieses Mittel gebessert und gezüchtigt werden muß, Anfang, Fortgang und Ende leitet; der das überaus heftige und gewalttätige Feuer dieser Welt geschaffen hat und lenkt nach Maßgabe des Wärmebedürfnisses der unermeßlichen Natur; der sämtlicher Gewässer Schöpfer und Lenker ist; der die Sonne zur hellsten aller körperhaften Leuchten gemacht und ihr entsprechende Kraft und Bewegung verliehen hat; der selbst auch der Unterwelt seine Herrschaft und Macht nicht entzieht; der die Samen und die Nahrungsmittel, sowohl die trockenen als die flüssigen, den sterblichen Wesen je nach der Verschiedenheit ihrer Naturen zuteilt und unterbreitet; der die Erde grundlegt und fruchtbar macht; der ihre Früchte Tieren und Menschen darbietet; der nicht nur die ersten, sondern auch die nachfolgenden Ursachen kennt und ordnet; der dem Mond seine Bahn vorgezeichnet hat; der Fortbewegung durch Ortsveränderung am Himmel und auf Erden gewährt; der dem Menschengeist, den er erschaffen hat, auch die Wissenschaft verschiedener Kenntnisse zur Förderung des Lebens und Hebung des Wesens verliehen hat; der die Verbindung von Mann und Weib zum Besten der fortzupflanzenden Nachkommenschaft angeordnet hat; der die gesellig wohnenden Menschen zu leichteren Zwecken mit der Gabe des irdischen Feuers begnadete, das sie am Herd und für Beleuchtung anwenden sollton. Das sind doch genau die Besorgungen, die Varro, der scharfsinnigste und hochgelehrte Mann, unter die auserlesenen Götter durch allerlei Ausdeutungen auf die Natur zu verteilen sich abmühte, wie er das teils von anderswoher übernommen, teils durch eigene Vermutung erfunden hat. Aber das alles tut und besorgt der eine wahre Gott, jedoch wie eben Gott, das heißt überall ganz, von keinem Ort umschlossen, durch keine Fesseln gebunden, nicht in Teile gespalten, in keiner Hinsicht wandelbar, Himmel und Erde erfüllend mit der Gegenwart seiner Macht, nicht weil sein Wesen dessen bedürfte. Er regiert alles, was er geschaffen hat, so, daß er auch alles Geschaffene die ihm eigentümlichen Bewegungen entfalten und betätigen läßt. Denn obgleich das Geschaffene ohne ihn nur nichts sein kann, ist es doch nicht, was er ist. Er wirkt aber vieles auch durch Engel; jedoch nur aus sich selbst beseligt er die Engel. Und so beseligt er, obgleich er wegen mancher Angelegenheiten den Menschen Engel schickt, doch nicht aus den Engeln, sondern aus sich selbst, wie die Engel so auch die Menschen. Von diesem einen und wahren Gott erhoffen wir das ewige Leben.