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Hormonaktive Stoffe verantwortlich für Sprachentwicklungsstörungen
Ein Gemisch von hormonaktiven Substanzen während der frühen Schwangerschaft wirkt sich negativ auf die Sprachentwicklung des Nachwuchses aus. Das berichtet ein internationales Forschungsteam mit Schweizer Beteiligung im Fachmagazin «Science».
Hormonaktive Substanzen befinden sich in unzähligen Produkten, etwa in Pestiziden, als Weichmacher in Kunststoffen oder in Kosmetika. Eine Vielzahl von Studien deuten darauf hin, dass sich diese Stoffe negativ auf die menschliche Gesundheit auswirken können. Über die Plazenta und über das Stillen können Frauen die Chemikalien auch auf ihr Ungeborenes oder ihr Baby übertragen, was neurologische Entwicklungsstörungen hervorrufen kann.
Die Forschenden unter Co-Leitung der Zürcher Umwelttoxikologin Joëlle Rüegg, tätig als Professorin an der schwedischen Universität Uppsala, stellten nun fest, dass die Exposition gegenüber einem Gemisch hormonaktiver Substanzen in der frühen Schwangerschaft das Risiko erhöht, dass das Kind später Sprachverzögerungen aufweist. Gemeint ist damit, dass der Wortschatz einer oder eines 2,5-Jährigen weniger als 50 Wörter beinhaltet. Sprachverzögerungen sind ein generelles Signal für Entwicklungsstörungen.
Nicht folgenlos
In die Analyse flossen Daten von 1874 schwedischen Mutter-Kind-Paaren ein. Den Müttern wurde in der zehnten Schwangerschaftswoche im Blut oder Urin die Konzentration von drei hormonaktiven Substanzklassen gemessen - Perfluoralkylsubstanzen (PFAS), Bisphenol A und Phthalate. Das sind alles Stoffe, mit denen man im Alltag in Kontakt kommt, sei es über Plastikverpackungen, wasserabweisende Textilien oder Teflonbeschichtungen.
Laut den Analysen hatten diejenigen Kinder, die als Ungeborene am stärksten hormonaktiven Stoffen ausgesetzt waren, ein deutlich höheres Risiko für Sprachstörungen als die am wenigsten betroffenen Kinder. Die frühen Sprachverzögerungen blieben indes nicht folgenlos: Die betroffenen Kinder wiesen im Alter von sieben Jahren einen tieferen IQ auf als ihre Altersgenossen, wie in der Fachzeitschrift «Acta Paediatrica» veröffentlichte Nachuntersuchungen zeigten.
Tierversuche sowie Experimente in menschlichen 3D-Zellmodellen, sogenannten Hirn-Organoiden, legten die zugrundeliegenden Mechanismen offen. Der Chemikalienmix stört demnach die frühe Hirnentwicklung und verändert die Expression von Genen, die mit Verhaltensstörungen einhergehen. Den Analysen zufolge waren 54 Prozent der Kinder einem vorgeburtlichen Substanzen-Cocktail ausgesetzt, der das Risiko für Entwicklungsstörungen erhöht.
«Die Kombination aus epidemiologischen und experimentellen Untersuchungen ist sehr wertvoll, weil wir so die Ursache-Wirkung-Beziehung, also den kausalen Zusammenhang zwischen hormonaktiven Substanzen und Entwicklungsstörungen, so gut wie möglich bestätigen konnten», sagte Umwelttoxikologin Rüegg im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Toxische Mischungen
Regulatorische Risikobewertungen beziehen sich bisher jeweils immer nur auf eine einzelne, isoliert betrachtete Chemikalie. Dieser Ansatz vernachlässigt allerdings die Auswirkungen einer gleichzeitigen Exposition gegenüber mehreren Substanzen - wie nicht zuletzt die jüngsten Ergebnisse zeigten, so Rüegg.
Sie begrüsst daher die Bestrebungen verschiedener Behörden, die bisherigen Grenzwerte von Chemikalien anhand entsprechender Sicherheitsfaktoren, welche die kombinierte, toxische Wirkung von Substanzen berücksichtigen, zu senken. «Angesichts der tausenden möglichen Wirkstoffkombinationen ist das vorerst eine gute, pragmatische Lösung», so die Forscherin. Diese müsse nun von mutigen Politikern und Behördenvertretern durchgesetzt werden.
Dass Änderungen angebracht wären, zeigen zahlreiche Studien. Erst im vergangenen Jahr präsentierten Forschende um Serge Nef von der Universität Genf eine Studie im Fachblatt «Human Reproduction», wonach hormonaktive Substanzen, denen eine Frau während der Schwangerschaft ausgesetzt ist, in einem Zusammenhang mit schlechterer Spermienqualität bei den Söhnen stehen. Im Fokus standen insbesondere Pestizide, Phthalate und Schwermetalle.
https://doi.org/10.1126/science.abe8244