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Kulturelle Austausch- und Abgrenzungsprozesse zwischen Asien und Europa werden von Akteuren gestaltet und sind in zeitliche und räumliche Kontexte eingebunden. "Kultur" fungiert dabei als eine dynamische Kategorie, deren Bedeutungs- und Ausdrucksmodi soziale Räume schaffen und dabei auf historische und geographisch-lokale Parameter bezogen sind. Weder soziale Formationen noch kulturelle Selbstbeschreibungen können als abgeschlossene Grössen gelten, sondern sind in vielfältiger Weise miteinander verflochten. Das Konzept der "Verflechtung" (entanglement) beinhaltet die Auflösung bzw. kritische Reflexion von nationalen, kulturellen, geographischen und epochalen Grenzziehungen. Das ermöglicht, sowohl das Errichten als auch das Aufheben kultureller Grenzen auf Prozesse der Verflechtung bzw. der Entflechtung zwischen den Akteuren zu beziehen. Dadurch rückt die Rolle von Institutionen, Räumen und Orten, medialen Repräsentationen und Wissenstransfers in transkulturellen Konstellationen stärker in den Fokus der Forschung.
Das Forschungsfeld beleuchtet Austauschprozesse und Konstruktionen kultureller Differenz sowohl in kulturwissenschaftlicher als auch in sozialwissenschaftlicher Perspektive und ermöglicht methodische Synergien. Es werden Dynamiken des Austauschs zwischen Asien und Europas auf historischer und geographischer Ebene sowie im Hinblick auf mediale Repräsentationsformen (Literatur, Film, Kunst, Theater) und die Wissensgeschichte erforscht.
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2.1. Netzwerke und Institutionen
Netzwerke und Institutionen stabilisieren interkulturelle Kommunikationsprozesse. In kolonialen wie nicht-kolonialen Kontexten können sie das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen nachhaltig prägen. In Asien und Europa begegnen sie uns in unterschiedlicher Gestalt: als eurasische oder weltwirtschaftliche Tauschsysteme, als wissenschaftliche oder künstlerische Akademien, als religiöse Missionsbewegungen, als interstaatlicher diplomatischer Verkehr, als Kriegswesen oder Kolonialismus.
Netzwerke sind flexible und oft wenig stabile Formen sozialer Organisation von unterschiedlicher geographischer Reichweite, Tiefe und Intensität. Sie sind dabei aber immer schon an Individuen und Gruppen gebunden, die in ihnen handelnd zusammenwirken. Sie können sich durch institutionelle Festigung verstetigen und so die Beziehungen zwischen Gesellschaften oder Gruppen über nationale oder kulturelle Grenzen hinweg langfristig organisieren und steuern. Dazu benötigen sie Normen und Verfahrensregeln, die dafür sorgen, dass soziale, politische und kulturelle Konflikte nicht permanente Krisen auslösen.
Die Forschergruppe untersucht Netzwerke und Institutionen als generische Strukturen, deren Ursprünge oft weit in die Geschichte Eurasiens zurückreichen. Sie interessiert sich für die historische Genese netzwerkartiger und institutioneller Verflechtungen, für die sie tragenden Akteure und fragt nach ihren normativen, religiösen und wissensgeschichtlichen Grundlagen.
2.2. Orte und Übergänge
Raum, Massstab und soziale Praxis sind inhärente Konzepte der Forschungsprojekte dieser Gruppe. Raum – ob als absoluter/euklidischer physischer Ausschnitt der Erdoberfläche oder als etwas sich aus zusammentreffenden Bewegungen konstant neu Reproduzierendes konzipiert – ist essenziell für alle menschlichen Aktivitäten. Räume werden angeeignet, überwunden und – vielleicht am wichtigsten – mit Bedeutung versehen. Obwohl die verschiedenen Massstabsebenen durch Globalisierungsprozesse immer stärker miteinander verwoben werden, bleiben sie wichtige Ordnungsprinzipien in Alltag und Forschung. Durch soziale Praxis werden Räume, Orte und Lokalitäten geformt, welche wiederum als Referenzpunkte für weitere Handlungen dienen. Mit anderen Worten ausgedrückt machen Menschen mit ihren Alltagshandlungen Geographie. Die genannten Konzepte stellen die Basis für die folgenden Forschungsthemen dar.
Landschaften, Natur und die Umwelt können als Ressourcen betrachtet werden, die einen bestimmten Wert haben. Die Aneignung natürlicher Ressourcen oder Landschaften ist eine soziale Praxis, die physisch oder mental erfolgen kann (z.B. durch die Zuschreibung positiver oder negativer Bedeutungen). Ressourcen, die angeeignet werden können, können auch enteignet (z.B. durch Ausgrenzung oder aufgrund nicht bestehender Rechte) oder entfremdet werden (z.B. indem sie eine negative Bedeutung erhalten). Raumaneignungen sind eng mit Grenzziehungen verbunden. Physische Manifestationen von (sozial konstruierten) Grenzen sind nur ein Aspekt, um zwischen „uns“ und „denen“ zu unterscheiden.
Durch soziale Grenzziehungen (bordering) und Entgrenzungen (de-bordering) werden Prozesse der Identifikation (belonging) und Alterisierung (othering) strukturiert. Durch räumliche (z.B. Migration, Tourismus) und soziale Mobilität werden einige Grenzen überwunden, andere werden neu gezogen oder neu strukturiert. So ist ein Resultat von Migration die Entstehung einer Multilokalität. Migrantinnen und Migranten müssen in ihrem Alltag verschiedene Lokalitäten berücksichtigen und sie entwickeln ein Zugehörigkeitsgefühl für verschiedene Lokalitäten. Ausserdem ist physische Mobilität eng verbunden mit sozialer Mobilität und (Un-)Gleichheit. Globalisierungsprozesse – v.a. die gesteigerte Geschwindigkeit und Häufigkeit von Transport und Kommunikation – verbinden verschiedene Massstabsebenen. Die Verflechtung des Globalen und des Lokalen führt zu neuen Formen sozialer und räumlicher Strukturierungen (z.B. Glokalisierung).
2.3. Narrative und Medien
Die Forschungsgruppe beschäftigt sich mit medialen Repräsentationen von kulturellen Austauschprozessen in Literatur, Film, Kunst und Theater und den damit zusammenhängenden kulturtheoretischen Diskursen. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Frage, wie gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen, ethisch-religiöse Orientierungen sowie Konstruktionen kollektiver und individueller Identität unterschiedlicher Herkunft interagieren, wie sie z.B. in Migrationskontexten ineinander visuell oder sprachlich übersetzt werden und sich transformieren. Das Spektrum der Transformationen und Identitätskonfigurierungen reicht von Akkulturierungen, Hybridisierungen und Synkretismen bis hin zu (Selbst-) Exotisierungen, konfrontativen Stereotypisierungen und Exklusionen.
Die Untersuchungen orientieren sich dabei weniger an der Idee einer hegemonialen bzw. immer von einer Seite ausgehenden Beeinflussung, sondern richten den Blick auf Pendelbewegung von „cultural flows“, auf wechselseitige Durchdringung bzw. Abwehr von Repräsentationsformen und Denkfiguren. Die Forschungsgruppe beschäftigt sich dabei auch insbesondere mit den Akteuren, die solche „flows“ initiieren bzw. von ihnen betroffenen sind. Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen spielen dabei eine besondere Rolle, indem sie soziale und biographische Dynamiken mitprägen.
Im Zentrum der Forschungsgruppe steht die Frage, wie Sprache und Metaphorik von Narrativen, Bildprogramm und Ikonographie visueller Repräsentationen sowie Skripte und Inszenierungen ritueller und theatraler Performanzen von solchen Prozessen geprägt sind. Die Zirkulation theoretischer Positionen, etwa im Bereich der Ästhetik oder der Übersetzungstheorie, bildet ein Feld kultureller Verflechtungen, das in die Analyse mit einzubeziehen ist.
2.4. Wissensgeschichte und Wissenskulturen
Während die europäische Wissenschaftsgeschichte sich weitgehend den modernen Wissenschaften verschrieben hat, sind einige ihrer Vertreter aktuell dazu übergegangen, von "Wissensgeschichte(n)" zu sprechen und sich damit parallelen, nicht-europäischen Wissenskulturen gegenüber zu öffnen. Die Forschungsgruppe bietet die Möglichkeit, hier anzusetzen und die Verflechtung dieser Wissenskulturen zu untersuchen. Dabei geht es nicht zuletzt um ein Überdenken konventioneller komparatistischer Ansätze, die noch sehr stark von historischen Entwicklungen in Europa ausgehen und diese zum Beispiel in Asien lediglich "wiederzufinden" versuchen. Es soll die Wahrnehmung paralleler, ggf. auch synchron und diachron intensiv miteinander verflochtener Wissensgeschichten gefördert und im Hinblick auf neue vergleichende Ansätze überdacht werden.
Schliesslich sind auch Fragen einer – über koloniale und postkoloniale Prozesse entstandenen – materiellen Verflochtenheit Asiens mit Europa (und umgekehrt) immer wieder ein Thema in der Betrachtung materieller Kulturen. Im Rahmen dieser Forschungsgruppe sollen deshalb auch solche materiellen Inszenierungen Beachtung finden.