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Paris.
21. April. 1843.
Mein Lieber!
Unter den vielen Briefen, die ich in diesen Tagen von meinen Freunden erhalten habe, war der Deinige einer der willkommensten. Ich ermangelte nicht, ihn am Abende desselben Tages, dessen Morgen mir ihn gebracht, der nun auf drei Eidsgenossen reduzirten Rotondengesellschaft vorzulesen. Das Publicum, dem ich recitirte, meinte es sei «halt ganz der Schaggeli»: ich beschälkte1 sie aber über die unziemliche Rede & erinnerte sie an unsern feierlichen Entschluß, diesen wenn auch gemüthlichen Namen um des profanum vulgus2 willen, das ihn nicht verstehen oder mißverstehen würde, nicht mehr über unsere Lippen zu lassen: da half aber nichts; es hieß Schaggeli rechts & Schaggeli links; aber als salvatio mentis3 wurde dann hinzugefügt, in Zürich, wo eben das profanum vulgus zu fürchten sei, würde man respectvoll nur: Hr. Dr Escher sagen. Deine Reisenotizen, besonders auch so weit sie sich auf das Englische Gerichtswesen bezogen, haben mich sehr interessirt. Über Deine weitern Pläne sagst Du nichts: Du verspartest wohl ihre Mittheilung auf einen fernern Brief! Zuerst will ich Dir nun von unsern Freunden, dann von meinem eigenen Treiben nach Deinem Wunsche Nachricht geben. Über Honegger4 schweige ich, da er mir einen Beitrag5 an meinen Brief versprochen hat. Stocker6 ist semper idem7; ich sehe ihn wöchentlich höchstens einmal: jedesmal ist dann Honegger dabei und da ist darauf zu zählen, daß meistens von Privatstunden- oder Gouverneursstellenspeculationen oder Jagden die Rede ist. Von Tschudi habe ich zuerst indirect manches vernommen, so z. B. daß er in Zürich nicht sehr gefallen, daß er in seinen Erzählungen zwar zurückhaltend gewesen sei, aber wenn er einmal auf Aufforderung hin sein Stillschweigen gebrochen, fürchterlich aufgeschnitten habe, daß sein moquanter Ton unangenehm aufgefallen sei, daß man sich wundere, daß er so unbedeutende Sammlungen mitgebracht u. s. w. Das Medium, durch das mir diese indirecten Nachrichten zugekommen, ist zwar eher für als gegen Tschudi parteiisch; aber die Quelle, aus der es geschöpft haben mag, ist jedenfalls unrein. Fürs erste ist die Eifersucht, mit der Tschudi von den Zürchernaturforschern betrachtet werden mag, in Anschlag zu bringen. Dann ist es gewiß voreilig, jetzt schon über den Gehalt seiner Sammlungen urtheilen zu wollen, während diese noch nicht untersucht, kaum ausgepackt sind. Letzthin erhielt ich nun auch directe Nachrichten8 von Tschudi. Sonderbar! Meine Freunde in Zürich behaupten, ich als derjenige, der sich von dem Orte, wo wir zuletzt zusammengelebt, wegbegeben, sei verpflichtet, ihnen zuerst zu schreiben. Nehme ich diese Behauptung als wahr an, so käme sie mir Tschudi gegenüber zu Statten. Er behauptet nun aber, ich als derjenige, der an dem Orte, wo wir zuletzt zusammen gewesen, geblieben, hätte ihm zuerst schreiben sollen! Er ist nun bitterböse über mein Stillschweigen und meint, nach seiner Weise, er hätte mir eigentlich bloß seinen Namen auf einem großen Foliobogen schicken sollen. Er sagt, er sei in der Schweiz überall sehr ehrenvoll empfangen worden, auf einen Zeitungsarticel des Hauses Grenus in Genf, provocirt durch die Berichte Tschudi's über das Betragen des Capitänes9 dieses Hauses gegen ihn, habe man von Neuchatel aus sehr zu Gunsten Tschudi's geantwortet. Die Frage, die er sich in seinem Briefe aufwirft, ob er sich in Europa jetzt besser gefalle als Anfangs, erwiedert | er folgender Maßen: «Um Dir Spaß zu machen, will ich sagen: ja, ob es mir von Herzen gehe, brauche ich nicht zu sagen.» Dieß übersetze ich nun auf die Weise: Es gefällt mir in Europa recht gut; aber, da ich früher das Gegentheil behauptete, bin ich zu stolz es einzugestehen. Mit besonderer Freude redet er von seinem Zusammentreffen mit Blumer und fügt dann hinzu: «Er wird in ein Paar Monaten Hochzeit halten; es ist Aussicht vorhanden, daß er 8 fl. bezahlen müsse als Buße für zu frühen Beischlaf. 8 fl. nämlich, wenn die Jugend ein Männchen & 4, wenn es ein Weibchen ist.» Ich zweifle, daß er einer Injurienklage unsers so moralischen (testi Rosina Tugiensi10 ) Freundes die exceptio veritatis11 entgegenstellen könnte! – Sinz ist in dulci jubilo12 über Neuenburg. Sogar der Styl seines Briefes13 verräth die Gemüthsbewegung, in der er sich durch das neue Eden, in das er sich versetzt sieht, befindet. Kein Ort in der Welt wäre nach ihm mehr dazu geeignet, seinem Geiste & Gemüthe wieder die nöthige Elastizität zu geben: nirgends in der Welt könnte er besser seine Studien fortsetzen: er ist entzückt über seinen Hausphilister14: er rast über das Haus, wo er den Tisch oder wie er sagt, das diner hat: auch die Künste werden in Neuenburg beschützt und daher auch der Musik die ihr gebührenden Rechte eingeräumt: ein Frauenzimmer nach dem andern malt er in seinem Briefe mit den feurigsten Farben; von Castella's15 vielbesprochener Tochter16 sagt er unter anderm: «Schöne dunkelbraune Haare, gesunder blühender Teint, sehr schöne Zähne & Hände & eine große nur etwas zu wenig schlanke Gestalt möchten locken.» Der Brief ist voll solcher Naivetäten. Du siehst, wir haben unserm Freunde nichts anderes zu wünschen als daß sein Urtheil über Neuenburg immer dasselbe bleibe. Denn gewöhnlich gefällt es ihm an einem neuen Aufenthaltsorte im Anfange außerordentlich gut: aber später kommen dann die Tage, die ihm nicht gefallen. Daher möchte ich seinen Entschluß, auch den Winter in Neuenburg statt in Zürich zuzubringen, noch nicht für unabänderlich halten. – Von Leo17, dem Du speziell nachfrägst, kann ich Dir durchaus keine Nachrichten geben: denn das letzte Mal, da ich ihn sah war zugleich auch das letzte Mal, da Du ihn sahst. Es thut mir leid, daß die Entfernung unserer Wohnorte & die Verschiedenartigkeit unserer Beschäftigungen uns nie zusammen kommen läßt. Leo ist ein natürlicher, liebenswürdiger Kerl! – Auch C. Escher18 habe ich seit dem Tage, an dem Du uns verlassen, nicht mehr gesehen. In der Rotonde läßt er sich nie blicken. – Und nun kömmt die Reihe an mich. Ich bin in diesen Wochen immer mit meiner Zukunft beschäftigt. So wenig die unendlich vielgestaltigen & zerstreuenden äußern Verhältnisse, in denen ich hier lebe, dazu geeignet sind, mir diejenige Ruhe zu gewähren, die zur allseitigen Untersuchung & Entscheidung eines so wichtigen Gegenstandes wünschbar, ja fast unentbehrlich ist, so drängt mich doch das unabweisliche Bedürfniß, mir ein bestimmtes Ziel für mein Sinnen & Streben zu setzen, damit ich von jetzt an keinen Augenblick für die Erjagung desselben verliere, zu einem festen Entschlusse in Beziehung auf die Laufbahn hin, in der ich das Bischen Kraft, das Gott mir anvertraut, aufreiben soll. Von einer politischen oder practisch-juristischen Laufbahn sehe ich zunächst ab. Sehr viele Gründe bestimmen mich dazu, vor allem & am entscheidendsten der, daß man sich, bevor man irgend eine practische Beschäftigung ergreift, in dem Gebiethe der Theorie so sehr eingehaust haben muß, daß man auch nach mehrjähriger practischer Wirksamkeit, jeden Augenblick wieder in jenes zurück kehren & mit Erfolg in ihm fortarbeiten kann. Nur wer dieses vermag, ist unabhängig & nur wer unabhängig ist, kann mit Ehren auf dem Kampfplatze des practischen Lebens bestehen.19 Wäre ich also entschieden, es zunächst nur auf eine rein wissenschaftliche Laufbahn abzusehen & ist es von selbst klar, daß diese nur eine juristische sein kann, so bleibt noch die Lösung einer Frage übrig, die ich noch nicht beantwortet habe, deren Entscheidung mich aber in hohem Grade in Anspruch nimmt. Ich meine die Frage, von welchem Standpuncte aus ich die wissenschaftliche Jurisprudenz auffassen, welche unter den verschiedenen Richtungen, die man bei der wissenschaftlichen Betrachtung & Bearbeitung des Rechtes | verfolgen kann, ich zu ergreifen habe. Was ich Dir nun mittheilen werde, ist ein Gedanke, der erst neulich in mir aufgetaucht ist; er ist also, wenn Du willst, noch unreif. Aber gerade darum will ich Dir ihn nicht verschweigen: Du wirst mir helfen, seine Wahrheit zu prüfen und ihn entweder zur Grundlage meiner wissenschaftlichen Thätigkeit zu machen oder ihn zu beseitigen. Vielleicht meinst Du nach dieser Einleitung, ich erwarte von der Philosophie das Heil für die Rechtswissenschaft. Ich muß gestehen, daß ich mich einige Zeit mit diesem Gedanken getragen. Ich habe ihn aber soviel als aufgegeben. Redet man von der Verbindung der Philosophie mit der Jurisprudenz, so denkt man doch nicht an Systematisierung des Rechtsstoffes, man denkt nicht an Abstractionen aus der Masse der Rechtsmaterialien, die wir im Leben vorfinden und annehmen, wie das Leben sie hervorgerufen: mit Einem Worte: man denkt nicht an Operationen auf Grundlage und unter Anerkennung der Rechtsgebilde, wie sie nun einmal historisch geworden. Dächte man sich dieses unter der Influenzirung der Jurisprudenz durch die Philosophie, so würde sich kein Mensch auf der Welt finden, der sich ihr widersetzen würde. Nein, man denkt sich unter philosophischer Jurisprudenz ein aprioristisch construirtes Rechtssystem, das von allem, was hier oder dort, zu der Zeit oder zu einer andern geschehen & geworden ist, absieht, weil es auf allgemeine Haltung Anspruch macht, und dagegen in streng logischer Folgerung aus einem obersten Grundsatze, der das Eigenthum aller Zeiten & aller Völker sein kann & ist, abgeleitet wird. Nun versuche man es aber einmal, ein solches Rechtssystem aufzubauen. Jenen obersten Grundsatz wird man in der Definition des Begriffes von Recht finden. Diese wird so allgemein ausfallen, daß man, wenn man ehrlich sein will, eingestehen muß, eigentlich nichts damit gewonnen zu haben. Nun soll man aber weiter aus einem höchst weiten Begriffe von Recht die einzelnen Rechtsverhältnisse, in denen Personen & Dinge unter sich und zu einander stehen können, ableiten. Die Zahl dieser einzelnen möglichen Rechtsverhältnisse wird aber Legion & ihre erschöpfende Aufzählung, wie sie ein logisch vollendetes aprioristisches System verlangen würde, eine Unmöglichkeit sein. So wird sich unabweislich die Nothwendigkeit ergeben, die Aufgabe zu spezialisiren: man wird nicht allgemein gültige Rechtsnormen erschaffen wollen, sondern vielmehr solche für gewisse Zeiten & gewisse Völker zu finden beabsichtigen. Aber auch so würde es niemandem gelingen, alle Rechtsnormen, die in so spezialisirten Verhältnissen gedenkbar sind, vollständig aufzuzählen. Und ist demgemäß eine Beschränkung nothwendig, so wird nichts natürlicher erscheinen als sich an diejenigen Rechtsformen zu halten, die unter vielen gleich möglichen zur Wirklichkeit geworden sind. So werden wir unwillkührlich von der aprioristischen Auffassung der Jurisprudenz zu der empirischen geleitet. Darauf beziehen sich also nicht meine Scrupel in Beziehung auf die Richtung, die wir in unsern rechtswissenschaftlichen Studien zu verfolgen haben. Ganz auf jenem empirischen Standpuncte stehend sehe ich aber wieder zwei völlig verschiedene Thätigkeitssphären vor mir. In der einen beschäftigt man sich damit, den kleinsten Detail des Rechtsstoffes zu erforschen & zu sammeln: in der andern soll der gesammelte Detail verarbeitet, systematisirt, unter allgemeinere Sätze subsumirt und so in seiner Quintessenz verglichen werden. Die erste Sphäre hat den großen Vortheil, daß der in ihr arbeitende unmittelbar aus den Quellen forscht und nichts von andern gefundenes auf Treu & Glauben anzunehmen braucht: die unbedingte Selbstständigkeit der wissenschaftlichen Forschung ist also ihre Zierde. Sie hat aber den Nachtheil, daß der in ihr thätige, der sattsam beschäftigt ist, wenn er sein Leben an die Ergründung des Details auch nur Eines der tausend & tausend Gebiethe, welche die Welt der Jurisprudenz umfaßt, setzt, den Überblick über die ganze Wissenschaft verliert und seine Kräfte in der vielleicht mit größtem Scharfsinne angestellten Ergründung von einzelnen Äußerlichkeiten abnutzt, während ihm die eingreifendsten, inhaltreichsten & folgewichtigsten Fragen der Jurisprudenz völlig fremd bleiben. Man hat mir z. B. gerathen, die beiden Ciceronianischen20 Reden pro Balbo21 & p. Archia22 zu bearbeiten und damit Forschungen über die Geschichte der Römischen Civität zu verbinden. Ich will dem Gegenstande durchaus nicht das Interesse, das er unbestritten in hohem Grade hat, absprechen: aber ich darf mir doch nicht verbergen, daß ich, nachdem ich meine besten Jahre, ja vielleicht mein ganzes Leben auf die Ergründung dieses schwierigen & namentlich ungemein ausgedehnte Quellenstudien voraussetzenden Gegenstandes verwandt, von einem sehr kleinen Theile des Römischen Staatsrechtes Kunde hätte, dagegen den andern Zweigen des Römischen Rechtes, in denen das juristische Genie des Römischen Volkes am meisten bekundet wird, fremd und in den Rechten der andern und so na| mentlich auch der modernen Völker ein Idiote geblieben wäre. – Jene zweite Sphäre, in der das in jedem Zweige des Rechtes und in den Rechtssystemen aller Völker gesammelte Detail unter sich verglichen & auf leitende Rechtsideen zurückgeführt wird, hat den Nachtheil, daß der in ihr thätige um des unendlich großen Gebietes willen, das er zu umspannen hat, in den wenigsten Fällen unmittelbar aus den Quellen schöpfen kann sondern meist den Detail aus dem Munde dessen der sich je in der in Frage stehenden Spezialität am kundigsten erwiesen, annehmen muß, also dem Vorwurf der Oberflächlichkeit, und gewiß hie & da mit Recht ausgesetzt ist. Sie hat aber den Vortheil, daß sie den in ihr wirkenden vor jener Einseitigkeit bewahrt, die, auf Forschungen in irgend einer Ecke eines Zweiges der Wissenschaft verstossen, den Überblick über das Ganze verliert, daß sie aber ferner seinen Blick nicht nur sehr erweitert, sondern zugleich auch leitet und regelt, indem sie ihn in dem Meere des Rechtsstoffes aller Zeiten und aller Völker einen innern Zusammenhang, allgemeine Rechtsgrundsätze & die naturgemäße Ausbildung & Entwicklung dieser schauen läßt. Ich erinnere hier nur im Vorbeigehen & beispielsweise an die Verfolgung des Grundsatzes der Trennung der Gewalten in den antiken und modernen Prozeßsystemen, an die Vergleichung der so unendlich vielgestaltigen Formen, in denen sich die Inquisitions- oder Verhandlungsideen in den Prozeßrechten der verschiedenen Zeiten & Völker verkörpert. – Die beiden Sphären der wissenschaftlichen Thätigkeit, die ich characterisirt, müssen neben einander bestehen. Die letztere wird immer unentbehrlicher, je weiter das Gebieth der Detailforschungen in einer Wissenschaft wird: denn je mehr der Rechtsstoff aufgehäuft wird, desto mehr thut es Noth ihn zu überschauen, zu sichten, zu systematisiren. Zwischen diesen beiden Sphären soll ich nun wählen. Wenn die Waagschale sich auf die Seite der zweiten neigen sollte, so würden jedenfalls zwei, wenn Du willst, äußerliche Umstände manches dazu beitragen. Fürs erste ist die zweite Sphäre offenbar die vernachlässigtere, ja, man dürfte fast sagen, eine noch unangebaute. Die frische Kraft wirft sich aber gerne auch auf einen frischen Gegenstand. Dann involvirt sie aber die Bekämpfung einer Einseitigkeit, eines sehr verbreiteten Vorurtheiles. Man begünstigt nämlich in der Rechtswissenschaft, wie vielleicht auch in der Geschichte & Philologie, auf eine unbillige Weise das Alterthum auf Unkosten der modernen Zeit & ihrer Schöpfungen. Ist denn, seit das Römische Recht ans Tageslicht gekommen, gar kein juristisches System mehr erstanden, das neben jenem gekannt, mit ihm verglichen zu werden verdiente? Sind denn alle Anstrengungen der Geister, die während 13 Jahrhunderten im Gebiethe des Rechtes arbeiteten & wirkten, so vergeblich gewesen, daß ihre Schöpfungen keiner Berücksichtigung werth sind? Sind denn im Laufe der vielen Jahrhunderte seit der Entstehung des Römischen Rechtes nicht manche Formen des Lebens so sehr verändert worden, daß nur ein Recht, das diesen Modificationen Rechnung trägt, also in Folge dieser geschaffen wurde, naturgemäß genannt werden kann? Sind endlich seit der Entstehung des Römischen Rechtes nicht ganz neue Verkehrsverhältnisse, von denen die Urheber des Römischen Rechtes noch keine Ahnung hatten, entstanden, und sollten durch diese neuen Verkehrsverhältnisse nicht ihnen entsprechende neue Rechtsverhältnisse nothwendig gemacht & darum wirklich ins Leben gerufen worden sein? Ich hüte mich, in den Chor derer einzustimmen, die sich diese Fragen auch stellen und in Folge dessen das Studium des heidnischen Römischen Rechtes, wie es dann etwa genannt wird, ganz beseitigt wissen möchten. Ich will nicht, indem ich ein Extrem bekämpfe, in das entgegengesetzte verfallen. Aber wie ich dem Römischen Rechte ganz abgesehen von seiner Anwendbarkeit oder Anwendung einen entscheidenden Werth für die Ausbildung des juristischen Gefühles & Tactes beilege, so möchte ich einen solchen, wenn auch einen vielleicht nicht ebenso großen, den andern Rechtssystemen, und gerade auch den modernen, zuschreiben. Auch diejenigen scheinen mir in einer Einseitigkeit befangen zu sein, die sich geberden, als gäbe es nur ein Römisches & ein deutsches Recht: denn gewiß ist es nicht zu rechtfertigen, wenn man diese beiden Rechte bis in den kleinsten und hie & da wenig ideenreichen Detail verfolgt und daneben nicht einmal von den allgemeinsten Allgemeinheiten des Rechtszustandes eines benachbarten mehr als 30 Millionen starken Volkes oder einer andern Nation, die wir als die politisch am höchsten stehende verehren, eine Ahnung hat. – Da hast Du nun den Ideenkreis, in dem ich gegenwärtig lebe. Ich habe Dir durch eine kurze Skizzirung desselben die beneidenswerthe Gelegenheit gegeben, durch Deinen Rath auf einen Freund vielleicht in dem entscheidendsten Augenblicke seines Lebens einzuwirken. – In dem Provisorium, in dem ich mich gegenwärtig befinde, habe ich es für am angemessensten gehalten, die Zeit, die ich noch in Paris zuzubringen habe, auf das Studium des französischen Prozesses zu verwenden. So mache ich denn einige darauf bezügliche Bücher durch & hospitire daneben die Gerichte vom Friedensgerichte bis zum Cassa| tionshofe. – Hr. Dr Keller ist sogar schon auf Ostern, statt erst auf Pfingsten nach Paris gekommen. Er hielt sich mit seiner Frau23 & Schwester24 14 Tage hier auf. Er bedauerte auch, Dich nicht mehr zu treffen, und sprach sich in Beziehung auf Deine Dissertation25 belobend aus. Auf die Bibliotheken hat er keinen Fuß gesetzt. Sie waren übrigens während des letzten Theiles seines Aufenthaltes in Paris geschlossen. Dagegen hat er sehr viele Zeit auf Visiten bei den Antiquaren verwandt & manches interessante gekauft. Rossi26, mit dem er sehr intim steht, hatte leider vor seiner Ankunft Paris in öffentlichen Aufträgen schon verlassen. Mit Blondeau27 kam K. oft zusammen. Jeden Abend ging er mit den Frauenzimmern ins Theater. Ich begleitete sie, so oft die Einladungen, die sich eher vermehrt als vermindert haben, es mir erlaubten. K. hat mir das zweite Heft seiner Semestria28, die Rede pro Caecina29, gebracht. Es ist eine zweite Recension des ersten Heftes von Bachofen30 in Basel erschienen. Sie ist K. so günstig als möglich. – An dem Abende, an dem Du von Paris abreistest, ging ich auf Deine Empfehlung hin in die part du diable. Ich bin seither drei Male in dieser Oper gewesen. Gegenstand & Musik vereinigen sich, um sie zu einer der besten in ihrer Art zu machen. Mad. Rossi31 hat mein ganzes Herz gewonnen: was aber noch viel mehr heißen will: sie hat Honeggern von A. Thillon32 abwendig gemacht! Keller, der 3 Male in der part du diable war, ist mit mir überzeugt, daß Mad. Rossi, seit die Italiener nach London abgegangen, die33 | erste Sängerin von Paris ist. Übrigens läßt sich wohl kaum eine dankbarere Rolle als die des Carlo denken. Die neue Oper v. Halevy34, Carl VI, die jetzt ohne Unterbruch in der academie royale gegeben wird, enthält noch weniger Melodieen als die Jüdinn & spricht mich darum nicht an. – Honegger, der Dir auf Deine beiden Fragen zu antworten vergessen, bittet mich Dir zu melden, daß er auf den Antikencatalog verzichte & Webern35 nie gesehen habe. – Und nun einen herzlichen Händedruck! Laß bald wieder etwas von Dir hören Deinen sich oft mit Dir beschäftigenden A E.36 |
Das sonderbare Benehmen von H. Jameson37 bei der Abschiedsvisite, die Du ihm machtest, ist gewiß nicht die Folge einer unfreundschftlichen Gesinn| ung gegen Dich gewesen. Ich sprach unmittelbar nach Deiner Abreise mit ihm von Dir; & bei diesem Anlaße sagte er von Dir, Du seiest très gentil.38