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„Es ist Zeit für dich zu lernen, mein Sohn. Jeder Mensch muss seine Bestimmung finden“, hatte Shantis Vater gesagt und ihm seinen Wanderhut gegeben.
Shanti lächelte seinen Vater an: „Wie soll ich meine Bestimmung finden, wenn ich noch nichts vom Leben weiss? Aber ich will ausziehen in die Welt, um meine Bestimmung zu suchen.“
Gesagt, getan. Es entsprach nicht Shantis Natur, sich über die bevorstehende Reise Sorgen zu machen. Und das war gut so.
Am Morgen seiner Abreise hatte sich das Dorf zum Abschied versammelt. Der Pfarrer besprühte in mit Weihwasser, der Sadhu hat ein Bindi zwischen seine Augen gemalt und die spanischen Mädchen tanzten und sangen. Ihr Gesang war noch zu hören, als Shanti das Dorf längst hinter sich gelassen hatte.
Nun war er ein Reisender, ausgezogen um etwas über das Leben zu lernen und seine Bestimmung zu finden.
Er überquerte Felder, wanderte durch Wälder, Hügel und Berge. Als ein Bach seinen Weg kreuzte, trank er dankbar von dem kalten, klaren Wasser. Shanti sass eine Weile am Flussufer, um sich auszuruhen. Da sah er die Fische hoch über die Steine springen. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er stürzte sich in den Bach in der Hoffnung, einen Fisch zu fangen. Doch es wollte ihm nicht gelingen. Vor Hunger der Verzweiflung nahe, setzte er sich mitten in den Fluss und dicke Tränen suchten den Weg über sein nasses Gesicht.
Da hatte einer der Fische Mitleid: „Was hast du denn?“
„Ich habe Hunger. Ich bin ein Reisender, ausgezogen um meine Bestimmung zu finden, doch ich werde vorher wohl verhungern müssen.“
„Warum hast du das nicht gleich gesagt. Ich wollte immer schon die trockene Welt sehen. Gerne komme ich mit dir.“
„Dieses Opfer würdest du für mich bringen?“
„Welches Opfer?“
Shanti verstand nicht wirklich, warum der Fisch sterben wollte aber er war dankbar, dass er nicht mehr länger Hunger leiden musste.
Sein Weg führte ihn den Bach entlang, der allmählich zu einem Fluss anwuchs. Dort traf er auf Meister Biber und bestaunte seinen Damm.
„Meister Biber, gerne möchte ich von dir etwas über das Leben lernen.“
„Mein Freund, vom Leben verstehe ich nichts. Alles, was ich dir zeigen kann, ist der Fluss.“
Shanti nahm dankend an und lebte fortan mit den Bibern im Fluss. Es war ein einfaches Leben des Wartens. Man ass, wenn der Fluss Essen brachte. Man baute, wenn der Fluss Holz brachte und man ging, wenn der Fluss dich mitnahm.
Ein unvorsichtiger Tritt eines schönen Morgens und Shanti landete im Wasser jenseits des Dammes. Seine Zeit bei den Bibern war ohne Abschied zu Ende gegangen und ohne, dass er seiner Bestimmung erkannt hätte.
Der Fluss nahm ihn mit und trug ihn in einen See, wo er schliesslich am Ufer zu sich kam.
Als Shanti die Augen aufschlug, sah er einen Bienenstock im Baum hängen und freute sich schon auf das Frühstück.
„Meine liebe Biene, kannst du etwas Honig entbehren?“
„Es hat genug Honig aber der Honig gehört nicht zu meinen Aufgaben.“
„Ihr seid so viele. Vielleicht kannst du ja eine Ausnahme machen und mir etwas Honig bringen.“
„Wir leben hier nach einer höheren Ordnung. Jede Biene hat ihre Aufgabe zu erfüllen. Wer wäre ich, die Ordnung durcheinander zu bringen?“
Shanti nickte und sprach zu dem ganzen Bienenschwarm. Er bat um etwas Honig und dann wartete er.
Zum ersten Mal beschlich in so etwas wie Sorge. Sogar die Bienen kannten ihre Bestimmung. Ob er der Einzige war, der seine noch nicht gefunden hatte?
Über ihm wurde das Summen lauter und die Bienen brachten ihm mehr Honig als er essen konnte. Frisch gestärkt ging er seines Weges auf der Suche nach seiner Bestimmung.
Nach zwei Tagesmärschen erreichte er ein kleines Dorf. Die Dorfbewohner brachten ihn zum Ältesten.
„Wer bist du und was führt dich her?“
„Ich bin Shanti, ein Reisender, der ausgezogen ist, um etwas über das Leben zu lernen, damit ich meine Bestimmung finde.“
„Dann sollst du bei Zora lernen“, sprach der Älteste.
Zora lebte am Rand des Dorfes in einer einfachen Hütte.
Tagelang sah Shanti ihr bei der Arbeit, ohne dass Zora ein Wort zu ihm gesagt hätte. Eines Nachts führte sie Shanti auf den Hügel neben dem Dorf. Ein Teppich aus Sternen erstreckte sich über ihren Köpfen.
„Wenn du lernen willst, komm jede Nacht hierher und lerne von den Sternen.“
Jede Nacht ging Shanti auf den Hügel und beobachtete die Sterne. Sie tauchten aus dem Nichts auf wenn die Sonne verschwand und erloschen, wenn die Sonne aufging. Doch jede Nacht kamen die gleichen Sterne zurück.
„Mein lieber Stern, du bist wunderschön. Woher nimmst du nur die Kraft so zu strahlen?“
„Vielen Dank. Doch dein Lob gebührt nicht mir. „
„Wo bist du denn bei Tage?“
„Genau hier.“
„Und was machst du den ganzen Tag? Was ist deine Aufgabe?“
„Ich bin genau hier und warte.“
Das war keine sehr spannende Aufgabe, fand Shanti.
Aber immerhin wusste der Stern genau, was er zu tun hatte und schien damit ziemlich zufrieden zu sein.
Shanti hoffte, er würde seine Bestimmung auch bald finden. Dann wäre er nämlich auch wieder so zufrieden wie früher, bevor er sich auf die Suche nach seiner Bestimmung gemacht hatte.
Da Zora ihm nicht sagen wollte, was seine Bestimmung war und ohnehin kaum mit ihm sprach, zog Shanti weiter in die Welt hinaus. Er traf viele Freunde und erlebte viele Abenteuer, doch keiner und keines konnte ihm sagen, was seine Bestimmung war.
Irgendwann war er der Suche nach Antworten müde geworden. So gab er schliesslich auf und machte sich auf den Rückweg.
Sein Weg führte ihn wieder am Dorf der Zora vorbei. Es war bereits dunkel und er war müde. So legte er sich auf dem vertrauten Hügel ins Gras und beobachtete die Sterne. Ein Stern leuchtete noch heller als alle andern. Er schien ganz nahe und mit einem langen Schweif fiel er zur Erde nieder.
Das Licht kam immer näher und bewegte sich sehr schnell auf Shanti zu. Bevor er wusste, was mit ihm geschah, landete der gefallene Stern in seinen Händen. Die strahlende Lichtkugel war so hell und schön, dass es Shanti ganz warm ums Herz wurde.
Er stand eine lange Zeit auf dem Hügel mit dem Stern in seinen Händen.
Er fühlte sich wunderbar und es war ihm egal, dass er seine Bestimmung noch nicht gefunden hatte. Er spürte tief in seinem Herzen, dass alles gut werden würde.
„Wer bist du und was suchst du hier?“, fragte die Stimme der Zora aus der Dunkelheit.
„Ich bin ein Reisender, der ausgezogen ist, um etwas über das Leben zu lernen, damit ich meine Bestimmung finde.“
„Und wie sieht die aus?“
„Ich habe nicht herausgefunden, was meine Aufgabe auf Erden ist. Jetzt bin ich die Suche leid und will einfach nur in Frieden mein Leben leben. Und das ist gut so!“
Zora schmunzelte: „Dann bin ich froh, dass dir der Tod eines Sternes beibringen konnte, was Fisch, Biber und Biene nicht konnten. Ich hätte nur ungern den Mond für deine Erkenntnis geopfert.“