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Psephophilia: Nebenthemen und Kuriositäten
Jenseits von Abstimmungsprotollen, Propagandamaterial und wissenschaftlichen
Abhandlungen hat die direkte Demokratie auch andere Spuren hinterlassen, z. B.
als Briefmarken, Münzen oder Literatur. Dieses Sammelsurium ist mehr als
lückenhaft, auch wenn es sich auf Dinge beschränkt, die sich unmittelbar auf
die Abstimmung beziehen. Schlüsselworte wie "Volksabstimmung" oder "Referendum"
tauchen v. a. auf Briefmarken nicht immer auf, aber sie nehmen z. B. mit dem
Abstimmungsdatum direkten Bezug darauf.
Falkland-Inseln, 2013: Politischer Status
Dieses britische Überseegebiet wird seit jeher von Argentinien beansprucht. Die
Behörden halten am 11.3.2013 eine
Volksabstimmung ab, ob die Bevölkerung diesen Status beibehalten will. Die
Post gibt dazu Sondermarken
und einen Kleinblock heraus.
Die Stimmenden entscheiden mit 99,8%, dass sie britisch bleiben wollen.
In Juni erscheint eine Gedenkmünze
in Silber und Kupfernickel.
Myanmar, 2008: Verfassung
Die Generale, die Myanmar (früher Burma) regieren, lassen am
10.5.2008 über eine neue Verfassung
abstimmen. Die Post veröffentlicht im Vorfeld drei Sondermarken:
Nr. 1,
Nr. 2 und
Nr. 3.
Algerien, 2005: Charta der nationalen Versöhnung
Zur Abstimmung über Präsident Bouteflikas "Charta der nationalen Versöhnung" vom
29.9.2005 gibt die Post eine
Sondermarke heraus.
Irak 2002: Saddam Hussein als Präsident
Nach 1995 lässt sich Saddam Hussein am 15.10.2002
ein zweites Mal zum Präsidenten wählen; dieses Mal mit 100% Ja. Dazu erscheinen zwei
Sondermarken.
Algerien, 1999: Amnestie für Guerillakämpfer
Zur Abstimmung über ein Amnestiegesetz für Guerillakämpfer vom
16.9.1999 gibt die Post eine
Sondermarke und einen
Ersttagsbrief heraus.
Irak 1995: Saddam Hussein als Präsident
Am 15.10.1995 lässt sich Saddam Hussein
mit 99,5% für sieben Jahre zum Präsidenten wählen. Dazu erscheinen zwei
Sondermarken in arabischer
und lateinischer Schrift.
Schweden, 1994: EU-Beitritt
Im Vorfeld der EU-Abstimmung vom 13.10.1994
gibt die Post allen Interessierten Gelegenheit, Briefmarken
dafür und
dagegen zu verwenden.
Eriträa, 1993: Unabhängigkeit
Zur Abstimmung über die Unabhängigkeit vom
25.3.1993 gibt die provisorische Regierung
Werbemarken heraus: Beispiel
aus dem Satz mit 5 Werten. Die Unabhängigkeit wird mit 99,8% angenommen.
Schweiz, 1989: Abschaffung der Armee
Zur Unterstützung der "Gruppe für eine Schweiz ohne Armee", die die
Initiative eingereicht hat, schreibt Max Frisch das Dialogstück
"Schweiz
ohne Armee? Ein Palaver", in dem Grossvater und Enkel eine Nacht lang
über Sinn und Unsinn der Armee diskutieren. Die Initiative erreicht am
26.11.1989 35,6% der Stimmen.
Das sehr experimentelle Projekt "Pszychisz Terôr" bringt vor der Abstimmung
eine 7" unter dem Titel
"A-Aber ihr dürft stimmen!!!"
mit vielen Flugblättern, Klebern etc. heraus.
Chile, 1988: General Pinochet als Präsident
Nach dem Militärputsch von 1973 lässt General Pinochet
1980 über eine neue Verfassung abstimmen, die
ihn für acht Jahre zum Präsidenten macht. Dazu hat er 1988 die Option,
sich für weitere acht Jahre wählen zu lassen. Dabei sprechen sich am
5.10.1988 56% der Stimmenden dagegen aus.
1990 übergibt er die Macht einem zivilen Präsidenten.
Im chilenischen Film
"No" (2012)
von Pablo Larraín, der auf dem nicht aufgeführten Theaterstück "El plebiscito"
von Antonio Skármeta basiert, verfasst der Journalist René Saavedra privat
Werbematerial für ein "Nein", während sein Chef in der Werbeagentur für die
Ja-Kampagne arbeitet.
Pakistan, 1984, General Zia-ul-Haq als Präsident
Nach dem Putsch von 1977 lässt sich General Zia-ul-Haq am
19.12.1984 als Präsident wählen. Seinen Sieg
feiert er mit einer Sondermarke.
Cocos-Inseln, 1984: Selbstbestimmung
Die Cocos-Inseln, die bisher fast Privateigentum einer Familie waren,
schliessen sich am 4.6.1984 mit grosser
Mehrheit Australien an. Danach veröffentlicht die lokale Post einen
Kleinblock
zum Ereignis.
Am 11.9.1980, dem 7. Jahrestag des
Militärputsches, lässt General Pinochet über eine neue Verfassung abstimmen.
Die Post bringt eine Sondermarke
heraus.
Schweiz, 1978: Kanton Jura
Da die Gründung des Kantons Jura am 24.9.1978
Zustimmung findet, kündigt der Bundesrat am Abstimmungsabend an, ab nächstem
Tag sei eine Sondermarke erhältlich.
Ghana, 1978: Einheitsstaat
Zu Abstimmung vom 30.1.1978 gibt die Post
einen Kleinblock aus überdruckten
Weihnachtsmarken vom Vorjahr heraus. Dazu kommt ein Satz mit 10 Werten.
Zum Verfassungsreferendum vom 31.12.1973
der burmesischen Militärregierung erscheinen am 15.12. drei
Sondermarken.
Gibraltar, 1967: Grossbritannien oder Spanien
Spanien erhebt seit 1713 Anspruch auf das britische Gibraltar. Das britische
Parlament auf den 10.9.1967 eine
Volksabstimmung an, die mit 99,6% für Grossbritannien endet. 1993 erscheint
eine Gedenkmünze
dazu.
Anguilla, 1967: Unabhängigkeit
Im Mai 1967 vertreiben revolutionäre Kräfte die britischen Behörden von der
Insel erklären sich nach der Abstimmung vom
11.7.1967 für unabhängig. Kurz danach gibt
die provisorische Regierung Gedenkmünzen heraus, die aus Überprägungen anderer
Münzen bestehen; hier eines peruanischen
1-Sol-Stücks. 2012 gibt die
Postverwaltung einen Satz
Marken heraus, der neben den Münzen von 1967 auch Münzausgaben der zweiten
Revolutionsregierung von 1969 abbildet.
Frankreich, 1972: Erweiterung der EG
Am Vortag der Abstimmung vom 23.4.1972
wird eine Art Ersttagsbrief mit einer Europamarke des laufenden Jahres und
der Abstimmungsfrage veröffentlicht: zu
50 und
90 Centimes.
Saarland, 1955: Saarlandstatut
Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt das Saarland 10 Jahre französisch besetzt
und soll dann unter französischer Hoheit internationalisiert werden. Die
Stimmenden lehnen am 23.10.1955 das
Statut ab. Das Saarland wird 1957 deutsches Bundesland. Vor der Abstimmung
gibt die saarländische Post Sondermarken heraus:
Zwei der drei Werte aus dem Satz.
Werner Reinert verarbeitet in "Der Dicke muss weg. Roman über das Referendum am
25.10.55" (1980 erschienen) die Geschehnisse um die Volksabstimmung. Der "Dicke"
ist Johannes
Hoffmann, saarländischer Ministerpräsident von 1947 bis 1955. Nach der
verlorenen Abstimmung über das Saarstatut tritt er am 24.10.1955 zurück.
Auch in Ludwig Harigs Buch "Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf" von 1986, das
vorwiegend Autobiographisches von 1945 bis 1960 enthält, spielt die
Saarabstimmung eine wichtige Rolle.
Bulgarien, 1946: Staatsform
Nach der Entscheidung zwischen Monarchie und
Republik vom 8.9.1946 gibt die Regierung
Sondermarken zu
4,
20 und
50 Lewa heraus, eventuell
noch mehr.
Griechenland, 1946: Rückkehr des Königs
Der Verfassungsrat beschliesst nach dem zweiten Weltkrieg, am
1.9.1946 eine Volksabstimmung über die
Rückkehr des Königs abzuhalten; die Rückkehr wird mit 68% Ja angenommen.
Die Post gibt vor der Abstimmung Sondermarken mit dem Abstimmungsdatum heraus:
Beispiel aus dem Satz mit
4 Werten.
Sudetenland, 1938: Vertrauen in Hitler, Reichstag
Nach der erzwungenen Abtretung des Sudetenlands an das Deutsche Reich lässt
sich Hitler am 4.12.1938 als "Führer"
bestätigen, und der Reichstag wird erweitert. Die Post veröffentlicht zwei
Sondermarken.
Deutsches Reich, 1938: Anschluss Österreichs
Am 10.4.1938 findet im Deutschen Reich
und in Österreich eine Doppelabstimmung
statt. Eine Sondermarke
erscheint nur im Deutschen Reich, weil es kein Österreich mehr gibt.
Griechenland, 1935: Staatsform
Nach einer Militärrevolte kann sich ein gewählter Verfassungsrat nicht über
die Staatsform einigen. Er setzt eine Volksabstimmung an, doch kurz vorher
putscht das königstreue Militär und lässt am
3.11.1935 ein Plebiszit unter seiner
Kontrolle abhalten; die Monarchie siegt mit 97,9%. Ein
Beispiel aus der Serie vor der
Abstimmung.
Saargebiet, 1935: Deutschland, Status Quo oder Frankreich
Nach dem ersten Weltkrieg steht das Saargebiet für 15 Jahre unter französischer
Kontrolle. Am 13.1.1935 entscheidet sich
die Bevölkerung mit über 90% für die Rückkehr zu Deutschland. Die Post
veröffentlicht vor der Abstimmung einen Satz mit 16 Freimarken
(Beispiel) und vier
Flugpostmarken (Beispiel).
Auch das Deutsche Reich druckt Marken
vor der Abstimmung (obere
Reihe) und unmittelbar
nach der Abstimmung (untere
Reihe, zwei von vier Werten).
Das KPD-Mitglied Gustav
Regler schreibt 1934 "Im Kreuzfeuer : ein Saar-Roman", mit dem er unter
der Devise "Für Deutschland, gegen Hitler" Propaganda für den "Status Quo"
macht. Der Verlauf des Abstimmungskampfs überrollt seinen Roman. Der "Status
Quo" erreicht 8,9% der Stimmen.
Westaustralien, 1933: Trennung von Austalien
Nach der erfolgreichen Abstimmung über die Trennung vom
4.8.1933 wird eine Art von
Ersttagsbrief veröffentlicht.
Am Ende trennt sich Westaustralien nicht, weil es die Föderation nicht zulässt.
Tacna / Arica: Peru oder Chile
1879 erobert Chile in einem Krieg bolivianisches und peruanisches Küstengebiet.
Auf Vermittlung der USA soll 1893 eine Volksabstimmung stattfinden, aber
Peru und Chile können sich nicht über die Modalitäten einigen. 1925
unternehmen die USA einen neuen Versuch, aber die Wahlkommission bricht
ihre Arbeit 1926 wegen der chilenischen Haltung ab. 1928 kommt ohne
Abstimmung ein Vertrag zustande, der Tacna Peru und Arica Chile zuspricht.
Zur Unterstützung seiner Sache veröffentlicht Peru
1924,
1925 und
1928 Briefmarken.
Salzburg, 1921: Anschluss an Deutschland
Am 29.5.1921 hält Salzburg eine inoffizielle
Volksabstimmung über den Anschluss an das Deutsche Reich ab. Die
Landesregierung gibt vor der
Abstimmung zwei Reihen Sondermarken, d. h. Überdrucke von Dauermarken, heraus:
Beispiel aus dem zweiten Satz
mit 3 Werten.
Georges Hoyau schreibt dazu in "Hohes Haus - Politik in Anekdoten":
"Europa blieb sich selbst überlassen. Im Herzen des Kontinents lag Österreich,
jener Staat, der laut Clemenceau das war, was von der grossen Donaumonarchie
'übriggeblieben' war. Verständlich, dass die Bewohner dieses kleinen Staates
nicht an dessen Lebensfähigkeit glaubten und ihr Heil im Anschluss an das
benachbarte Deutschland suchten. So ergab eine Abstimmung, die in Salzburg
organisiert wurde, 85'406 für und nur 745 Stimmen gegen den Zusammenschluss
mit dem Nachbarland [Diese Zahlen sind zu niedrig]. Da sich aber die Alliierten
strikte gegen jede Art von Anschluss aussprachen, erschienen im Witzblatt 'Götz'
die melancholischen Zeilen:
Was hilft's, wenn Optimisten
Vom Anschluss träumen?
Stets waren wir Spezialisten
Im Anschlussversäumen."
Tirol, 1921: Anschluss an Deutschland
Am 24.4.1921 hält das Tirol eine inoffizielle
Volksabstimmung über den Anschluss an das Deutsche Reich ab. Die
Landesregierung gibt vor der
Abstimmung Sondermarken, d. h. Überdrucke von Dauermarken, heraus:
Beispiel aus dem Satz mit 10
Werten.
Oberschlesien / Górny Śląsk, 1921: Deutschland oder Polen
Nach dem ersten Weltkrieg hält der Völkerbund in Oberschlesien am
20.3.1921 eine Abstimmung ab, in der sich
die Stimmenden mit fast 60% für Deutschland aussprechen. Die alliierte Kommission
gibt mehrere Markenserien heraus, doch nur auf einer steht "Plébiscite"
gedruckt. Beispiel aus der Serie
mit 14 Werten. Die Stadt Kattowitz gibt vier Tage vor der Abstimmung
Notgeld zu 5 Mark heraus.
Klagenfurter Becken / Celovška kotlina, 1920: Österreich oder Jugoslawien
Die Verträge von St. Germain fordern eine Volksabstimmung, zu welchem Land das
Klagenfurter Becken gehören soll. Die Bundesregierung gibt vor der
Abstimmung Sondermarken, d. h. Überdrucke von Dauermarken, heraus:
Beispiel aus dem Satz mit 19
Werten.
Die Stimmenden entscheiden sich 10.10.1920
mit 59% für Österreich. Die Post gibt
1950,
1960,
1970 und
1995 Sondermarken heraus.
1960 erscheint auch eine
Gedenkmünze.
Allenstein / Olsztyn, 1920: Deutschland oder Polen
Nach dem ersten Weltkrieg hält der Völkerbund in Allenstein (Ostpreussen) am
11.7.1920 eine Abstimmung ab, in der sich
die Stimmenden mit fast 98% für Deutschland aussprechen. Die alliierte Kommission
gibt zwei Markenserien heraus: 14 Werte mit einem dreizeiligen Überdruck
über deutsche Marken
(Beispiel) und nochmals 14 Werte
mit einem ovalen Überdruck
(Beispiel).
Marienwerder / Kwidzyn, 1920: Deutschland oder Polen
Nach dem ersten Weltkrieg hält der Völkerbund in Marienwerder (Westpreussen) am
11.7.1920 eine Abstimmung ab, in der sich
die Stimmenden mit fast 92% für Deutschland aussprechen. Die allierte Kommission
gibt mehrere Markenserien heraus, doch nur auf einer steht
"Plébiscite"
gedruckt. Beispiel aus der Serie
mit 14 Werten.
Nordschleswig / Nordslesvig, 1920: Dänemark oder Deutschland
Der Vertrag von Versailles sieht vor, dass Nordschleswig in zwei Zonen
über die Staatszugehörigkeit entscheidet. Die alliierte Verwaltung gibt
vor der Abstimmung
Markenserien für Zone 1
und Zone 2 mit je 14 Werten heraus. Zone 1 entscheidet sich am
10.2.1920 für Dänemark, Zone 2 am
14.3.1920 für Deutschland.
Die Gemeinde Broager gibt
Notgeld (wahrscheinlich
eine Serie) heraus.
Australien, 1900: Verfassung
Zum 100. Jahrestag der Verfassungsabstimmung vom
31.7.1900 veröffentlicht die Post
vier Briefmarken, darunter zwei, die die
Stimmabgabe zeigen.
Mexiko, 1863: Maximilian von Habsburg als Kaiser
Präsident Juárez erklärt 1861 ein Schuldenmoratorium. Die Gläubiger bieten
unter Führung Napoleons III Maximilian von Habsburg 1863 die Krone als Kaiser
von Mexiko an. Er nimmt die Krone nach dem gefälschten Plebiszit vom
4.12.1863 an. Präsident Juárez nimmt mit
Unterstützung der USA den Kampf gegen Maximilian auf. Dieser dankt im Mai
1867 ab und wird im Juni hingerichtet.
Das Plebiszit wird auch im Film
Juarez
von 1939 erwähnt.
Neapel / Sizilien, 1860: Anschluss an Italien
Zum fünfzigsten Jahrestag der Abstimmungen vom 21.10.1860 in
Neapel und
Sizilien erscheint 1910
eine Markenserie: ein Wert.
In vielen Städten gibt es eine Piazza del plebiscito,
um an die Abstimmungen zu erinnern.
Der Abstimmungstag in Sizilien bildet ein Kapitel in Giuseppe Tomasi di
Lampedusas Roman
"Il Gattopardo"
Der Fürst empfiehlt allen Ratsuchenden, obwohl er Vertreter
der alten Ordnung ist, am 21.10.1860 für den
Anschluss Siziliens an das neue Italien zu stimmen. Er rechnet mit etwa
30 Nein-Stimmen. Am Abend des Abstimmungtages wird
das Ergebnis für Donnafugata verkündet: 515 Stimmberechtigte, 512 Stimmende, die
alle mit Ja gestimmt haben. Danach eröffnet ihm einer seiner Vertrauten, er habe mit
"Nein" gestimmt. Der Fürst wird sich dann bewusst, dass dieses neue Italien mit einer
Fälschung begonnen hat.
Die Abstimmungsszene im Gemeindehaus ist auch in Luchino Viscontis
Verfilmung
von 1963 kurz zu sehen.
Londons Bürgermeister Boris Johnson kündigt am
1. April 2016 an, er wolle im Juni 2017
eine städtische Volksabstimmung über den Austritt Londons aus Grossbritannien
("Lexit") abhalten. Vorbild dieser Idee wird die Abstimmung
über den "Brexit" vom
23. Juni 2016 gewesen sein.
Stanisław Lem, Der futurologische Kongress (1972)
11.8.2039. Soeben war Klimbiszit über das Septemberwetter. Das Klima wird in
allgemeiner und gleicher Wahl für den jeweils nächsten Monat festgelegt. Dank
einem Computer werden die Abstimmungsergebnisse unverzüglich bekanntgegeben.
Zwecks Stimmabgabe wählt man eine bestimmte Telefonummer.
...
7.9.2039. Es geht doch nichts über die wahre Demokratie! Heute wurde über das
Volks-Begehren abgestimmt. Zunächst zeigte das Dingen verschiedene Prototypen
weiblicher Schönheit, dann erfolgte die Stimmabgabe. Der Hochkommissar für
Euplanie versprach zum Abschluss, bereits im nächsten Quartal die erwählten
Modelle in Umlauf zu bringen.
Übersetzung aus dem Polnischen: I. Zimmermann-Göllheim
Joseph Beuys: Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung (1971/1972)
Am 17.6.1971 gründen Joseph Beuys und andere Künstler die Organisation, um
mit den Begriffen "erweiteres Kunstwerk" und "soziale Plastik" den Kunstbegriff
zu erweitern. Ein Jahr später reicht Beuys die Organisation als seinen Beitrag
zur Kunstaustellung "Documenta 5" ein. Während 100 Tagen diskutiert er mit
Besuchern über die Umsetzung der direkten Demokratie auf allen Ebenen. Den
Abschluss bildet am 8.10.1972 der "Boxkampf für direkte Demokratie durch
Volksabstimmung", in dem sich Beuys vom seinem Schüler Abraham Christian
herausfordern lässt. Der Kampf geht über drei Runden und endet mit einem
Punktsieg Beuys'.
Quellen:
Organisation für direkte Demokratie,
Joseph Beuys (beides Wikipedia)
Kurt Marti: demokratisches modell (1959)
demokratisches modell
stimme stimme
stimme stimme
ja nein
stimm stimm
damit es stimmt denn du bestimmst
stimmend stimmt ihr
ja und nein
überein
Aus: Kurt Marti, Republikanische Gedichte, Tschudy-Verlag, St. Gallen, 1959.
Ambrose Bierce: The Devil's Dictionary (1911)
In Bierces Sammlung
sarkastischer und zynischer Definitionen von Begriffen tauchen diese Stichworte auf:
- Elector, n.
- One who enjoys the sacred privilege of voting for the man of
another man's choice.
- Plebiscite, n.
- A popular vote to ascertain the will of the sovereign.
- Referendum, n.
- A law for submission of proposed legislation to a popular
vote to learn the nonsensus of of public opinion.
- Vote, n.
- The instrument and symbol of a freeman's power to make a fool of
himself and a wreck of his country.
Joseph Conrad: Nostromo (1904)
Nostromo spielt nach einem
Umsturz gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Costaguana,
einem fiktiven südamerikanischen Land.
3. Teil, 5. Kapitel gegen Schluss:
This is what said his Excellency, the popular Pedrito, the guerillero
skilled in the art of laying ambushes, charged by his brother at his own
demand with the organisation of Sulacoon democratic principles. The night
before, during the consultation with his partisans, who had come out to
meet him in Rincon, he had opened his intentions to Señor Fuentes: "We
shall organise a popular vote, by yes or no, confiding the destinies of
our beloved country to the wisdom and valiance of my heroic brother, the
invincible general. A plebiscite. Do you understand?"