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Wenn das WM-Gekicke wieder mal kaum auszuhalten ist, dann erwacht sie: die Sehnsucht nach einer Alternative. Eine kleine Geschichte des linken Fussballs.
Er hat sie wohl nicht in die Welt gesetzt, sie aber in die Welt hinausgetragen, die Idee vom «linken» und vom «rechten» Fussball: Cesar Luis Menotti, der elegante Trainerphilosoph auf der Bank, eine hoffnungslos romantische Figur, der Don Quichotte der Fussballfelder, eingefasst mit dem Nimbus der Melancholie, hoch aufgeschossen und daher «der Dürre» genannt. Weil die Welt aber voller Widersprüche ist, gibt es auch in diesem Fall keine reine Lehre. Fängt die Konfusion nicht schon bei Menotti selbst an?
Gegen den Terror der Systeme
Sohn eines Arztes aus Rosario und verheiratet mit der Tochter eines Bankiers, ist Menotti Teil der argentinischen Oberschicht. «Von meiner Arbeit her bin ich kaum ein Teil des Landes», sagte Menotti, als er argentinischer Nationaltrainer war. «Der Metallarbeiter, der täglich acht Stunden arbeitet, leistet mehr für Argentinien als ich. Ein Arbeiter oder ein Dichter ist wichtiger als Menotti.»
Seinen grössten Erfolg feierte Menotti 1978, als er Argentinien im eigenen Land zum Weltmeistertitel führte. Mit Blick auf die damals herrschende Militärdiktatur, als deren Gegner er sich zu erkennen gab, meinte er, seine Spieler hätten «die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt». Dem steht das Gerücht entgegen, dass das Regime mit einer Getreidelieferung Menottis Team ein 6:0 gegen Peru erkauft habe, was aber nie bewiesen werden konnte. Dass er den Machthabern nutzte, wusste Menotti. Dass er nach dem gewonnenen Final General Jorge Rafael Videla den Handschlag verweigert haben soll, wie es die unterlegenen Niederländer taten, ist auch nur ein Gerücht.
Demokratie auf dem Trikot
Der Fussball ist eine Mythenmaschine. Er hat seine Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtszeiten. In historischen Konstellationen scheinen sich Ideale zu realisieren. Manche erinnern sich an die Demokratie der Corinthians aus São Paulo: In den achtziger Jahren beschloss das Team um den brillanten Mittelfeldspieler Sócrates, sich selbst zu organisieren. Über sportliche Fragen wurde abgestimmt, politisch bezog der Klub mittels Trikotwerbung Stellung für freie Wahlen und gegen das Militärregime.
Doch ist es Demokratie oder Insubordination, wenn sich das argentinische Nationalteam, wie es soeben an der WM in Russland geschehen sein soll, gegen seinen Trainer auflehnt und an ihm vorbei Entscheidungen trifft? Schon das corinthianische Experiment habe nichts mit Demokratie zu tun gehabt, erinnert sich der damalige Torhüter Rafael Cammarota: «Es half denen, die die Anführer waren, die anderen klatschten nur in die Hände.»
Was also ist linker Fussball? Ist es die Art, wie er gespielt wird? Wer ihn spielt oder wie er organisiert ist? Oder ist der linke Fussball lange schon ausgestorben, mit dem Arbeitersport nämlich, von dem es heute nur noch letzte Reste gibt?
Folgt man der groben Genealogie der Trainer, die sich quasi als Schüler auf Menotti beziehen und die über Johan Cruyff und Josep Guardiola vielleicht in absehbarer Zeit zu Xavi führt, könnte man den Eindruck gewinnen, «linker» Fussball sei eine Frage der Ästhetik: technisch, intelligent, schnell, verspielt. Menotti selbst hielt Präzision für wichtiger als Tempo: «Wir spielen nicht allein, um zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen.»
Das hielt Menotti allerdings keineswegs davon ab, seine Argentinier wochenlang einzuquartieren, ihnen Präparate zu schlucken zu geben und sie dann mit einer nervtötenden Aggressivität auf die Gegner loszulassen. Menotti wollte gewinnen; für ihn waren Effizienz und Schönheit kein Widerspruch. Als wäre er kein Linker, sondern philosophischer Idealist, machte er klar: «Eine Mannschaft ist in erster Linie eine Idee. Und mehr noch als eine Idee ist sie eine Verpflichtung.» Die Verpflichtung eben, den Fussball ein Fest sein zu lassen.
Ein Widerspruch in sich scheint allerdings zu sein, dass aus dieser Idee – besonders in der auf Besitz, nämlich Ballbesitz, ausgerichteten taktischen Variante – ein oppressives System werden kann. Eine Dominanz, die ein Spiel abwürgt und dazu noch ineffizient ist, wie das die spanische Nationalmannschaft an der aktuellen Weltmeisterschaft gerade wieder vorführte.
Keiner grösser als der Klub
Eine weniger idealistische Traditionslinie des linken Fussballs führt über Manchester und Liverpool nach Schottland. Die langjährigen Klubtrainer Alex Ferguson, Bill Shankly und Matt Busby verkörpern einen «Fussball der Linken», wie Menotti sein Konzept auch nannte, was eben nicht das Gleiche ist wie «linker Fussball».
Busby, Shankly und Ferguson waren Sozialisten, Anhänger von Labour jedenfalls. Ihren Mannschaften sah man den «linken» Fussball allerdings nicht unbedingt an. Das Manchester United Fergusons hat niemand, trotz all des gewonnenen Silbergeschirrs, als einen Salon von Ästheten in Erinnerung. Aber als Einheit: Jeder ist wichtig, keiner ist grösser als der Klub. Und Shankly, Liverpools Erfolgstrainer der sechziger und siebziger Jahre, sagte einmal: «Der Sozialismus, an den ich glaube, bedeutet, dass jeder für den anderen arbeitet und alle einen Anteil am Lohn haben. So sehe ich den Fussball, und so sehe ich das Leben.»
Schottische Arbeiterfussballer
Alle drei Trainer kamen aus der Arbeiterklasse. Sie waren Söhne von Postboten, Minen- und Werftarbeitern. Voller Ehrgeiz waren sie davon überzeugt, nur harte Arbeit führe zum Erfolg. Und sie stammten alle aus Schottland. Wohl nur eine Koinzidenz, aber ein weiterer Hinweis auf die Paradoxien des linken Fussballs: In den 1880er Jahren waren es schottische Fabrikarbeiter gewesen, die sich als Erste von nordenglischen Klubs für das Fussballspielen hatten bezahlen lassen. Mit ihnen wurde das Spiel zu einem professionellen Sport; ein bis ins Letzte ausgereiztes System der Konkurrenz, aus dem die Idee des linken Fussballs dann einen Ausweg suchte. Und noch immer sucht.
Martin Bieri (41) ist ein Berner Dramaturg, Autor und Journalist. Er schreibt auch für das Schweizer Fussballmagazin «Zwölf».