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Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Schweiz noch viel mehr Vielfalt bei den Nutztierrassen als heute (siehe «Lebende und ausgestorbene Rassen und Schläge der Schweiz»). Fast jede Region hatte ihre angepassten Rassen und Schläge, die eine grosse Biodiversität und einen reichen kulturellen Schatz darstellten. Dies verhinderte jedoch auch, dass gemeinsam und gezielt gezüchtet werden konnte. Lange war dies auch nicht gefragt. Die Tierhalter*innen hielten und selektionierten diejenigen Tiere, die mit ihren lokalen Umweltbedingungen am besten zurechtkamen und setzten mehr auf Eigenständigkeit als auf überregionale Kooperation.
Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft wuchs auch das Wissen um die systematische Tierzucht, mit der die Leistungen der Nutztiere zunahm. Es überrascht daher nicht, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Zuchtgenossenschaften gegründet wurden und sich das Konzept der Rassen und der Rassezucht definitiv etablierte.
Konzentration auf die Besten
Wie aber konnte man effizient Zuchtfortschritte erzielen, wenn jedes zweite Tal seine eigene Rasse züchtete? Es lag nahe, dass man sich auf gewisse Tiere konzentrieren musste, um vorwärts zu kommen. Bei den Ziegen war dieser Prozess am intensivsten. Einerseits fasste man ähnliche lokale Rassen und Schläge zu Hauptrassen zusammen. So wurden z.B. verschiedene braune Ziegen mit dunklem Rückenstrich aus den Berner und Bündner Alpen zu der heutigen Rasse «Gämsfarbige Gebirgsziege» zusammengefasst. Andererseits wurden Listen mit zuchtwürdigen Rassen zusammengestellt mit dem Ziel, die Zersplitterung der Zucht durch zu viele Rassen zu verhindern. Diese unter der Bezeichnung «Rassenbereinigung von 1938» erfolgte Massnahme wurde damals von der Fachmännerkonferenz des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes durchgeführt.
Die offizielle Zucht konzentrierte sich fortan auf 8 Hauptrassen: Saanenziege, Toggenburgerziege, Appenzellerziege, Gämsfarbige Gebirgsziege, Bündner Strahlenziege, Nera Verzasca, Walliser Schwarzhalsziege und Zürcher Ziege. Was für diese Rassen ein Glücksfall war, war für die nicht berücksichtigten Ziegen eine Katastrophe. Sie galten fortan als nicht förderungswürdig und etliche unter ihnen verschwanden für immer von der Bildfläche. Von den 8 Hauptrassen überlebte lediglich die weisse Zürcher Ziege nicht. Sie entstand aus der Kreuzung zwischen den ebenfalls weissen Rassen Saanenziege und Appenzellerziege und konnte sich wohl aus Gründen der zu geringen Abgrenzung zu ihren Ahnenrassen trotz Hauptrassenstatus nicht durchsetzen.
Mit dem heutigen Verständnis von Biodiversität und dem Wissen um den Wert der Vielfalt war die Rassenbereinigung bei den Ziegen 1938 eine Tragödie. Sie ist jedoch unter den damaligen Rahmenbedingungen zu bewerten. Der Ziegenbestand nahm von 1921 bis 1936 von 333'000 Tieren massiv ab auf 220'000 Tiere und es herrschte die Befürchtung, dass zuviele kleine Ziegenrassenpopulationen eine Verzettelung der Zucht und darüber hinaus grosse Inzuchtzunahmen mit sich bringen werden. Dazu kam, dass die Landesversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten in der Zeit der Weltkriege eine grosse Sorge darstellte und alle Trümpfe, die zu einer Leistungssteigerung der landwirtschaftlichen Produktion beitragen konnten, ausgespielt wurden.
Gut, gab es beherzte Tierhalter*innen, die sich trotz der damals offiziellen Rassenpolitik des Ziegenzuchtverbandes nicht davon abhalten liessen, Rassem, die es nicht auf die Liste schafften, weiter zu züchten und damit zu erhalten. Ohne sie hätten wir heute keine Stiefelgeissen, Pfauenziegen, Capra Grigia, Grüenochte Geissen, Capra Sempione und Kupferhalsziegen. Heute ist allen klar, dass die Vielfalt der Ziegen erhalten werden muss und ProSpecieRara pflegt eine gute Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Ziegenzuchtverband mit dem zusammen wir uns für die gefährdeten Ziegenrassen einsetzen.
Dieser Text basiert unter anderem auf Informationen aus der «Jubiläumschrift 100 Jahre Schweizerischer Ziegenzuchtverband» (SZZV) und dem Buch «Schweizer Ziegen» (Birkenhalde-Verlag).