Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03458.jsonl.gz/1272

Schelladler
Aquila clanga
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Adler gehören innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) zur Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) und da zur Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Diese umfasst neben den Adlern auch die Bussarde, die Milane, die Weihen, die Gleitaare, die Sperber, und, wie der Name andeutet, die Habichte. Der Begriff «Adler» bezeichnet allerdings keine einheitliche Vogelgruppe. Er wird von alters her schlicht für die grössten und imposantesten Mitglieder der Familie der Habichtartigen verwendet, unabhängig von deren verwandtschaftlichen Beziehungen. Darum werden die Adler von den Ornithologen heute in mehrere verschiedene Gattungen gegliedert.
In der Gattung der «eigentlichen» Adler (Aquila) werden zwölf Adlerarten zusammengefasst. Eine davon, «unser» Steinadler (Aquila chrysaetus), ist sowohl in Eurasien als auch in Nordamerika heimisch. Die übrigen elf Arten kommen in der Neuen Welt nicht vor, sondern sind über unterschiedliche Bereiche Eurasiens, Afrikas und Australiens verbreitet.
Viele Adler haben aufgrund ihres hervorragenden Flugvermögens sehr umfangreiche Verbreitungsgebiete. Besonders weit verbreitet ist aber der Schelladler (Aquila clanga), den wir auf diesen Seiten vorstellen wollen. Er ist ein Zugvogel, dessen Brutgebiet sich vom östlichen Europa im Westen quer durch Asien bis zur Pazifikküste im Osten erstreckt, während sich das Winterquartier über ein riesenhaftes Areal zwischen Griechenland und Kenia im Westen und Südchina im Osten ausdehnt. Ein Land, das der Schelladler bei seinem Zug regelmässig durchquert und wo er vereinzelt den Winter verbringt, ist Georgien, das im Kaukasus gelegene Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken.
Bewohner wasserreicher Landschaften
Mit einer Gesamtlänge von 65 bis 72 Zentimetern (wovon 21 bis 24 Zentimeter auf den Schwanz entfallen) und einer Flügelspannweite von 155 bis 180 Zentimetern ist der Schelladler ein mittelgrosser Adler. Die erwachsenen Individuen wiegen gewöhnlich zwischen 1,5 und 2,5, selten bis 3,2 Kilogramm. Wie bei vielen Greifvögeln sind die Weibchen deutlich grösser als die Männchen: Sie bringen im Durchschnitt rund das Anderthalbfache der Männchen auf die Waage und haben eine etwa 30 Zentimeter grössere Flügelspannweite. Dieser Grössenunterschied hat - wie wir noch sehen werden - mit der Arbeitsteilung beim Brutgeschäft zu tun: Während das stattlichere Weibchen beim Nest bleibt und den Nachwuchs beschützt, geht das wendigere Männchen auf Beutefang und versorgt die ganze Familie mit Nahrung.
Sowohl im Brutgebiet als auch entlang der Zugrouten und im Winterquartier hält sich der Schelladler vorzugsweise im Umfeld eines Gewässers auf. Im Brutgebiet bewohnt er zur Hauptsache lockere, ausgedehnte, feuchte Waldungen in tiefen Lagen, die sich in der Nachbarschaft eines Sees, eines Flusses oder eines Sumpfgebiets befinden. Auf dem Zug und im Winterquartier nutzt er ein breiteres Spektrum von Lebensräumen, meistens zwar ebenfalls Waldungen im Bereich von Binnenland- und Küstenfeuchtgebieten aller Art einschliesslich Mangrovensümpfen, des Weiteren aber auch trockene, gewässerferne Waldungen sowie Buschländer und mitunter sogar Halbwüsten. Offensichtlich sind die Ansprüche an den Lebensraum während der Brutzeit, wenn Nachwuchs zu versorgen ist, höher als ausserhalb der Brutzeit, wenn die Altvögel nur für sich selbst schauen müssen.
Der Schelladler ist kein Nahrungsspezialist, sondern richtet sich einfach nach dem örtlichen und jahreszeitlichen Angebot. Entsprechend breit ist das Spektrum der von ihm erbeuteten Tiere. Seine Nahrung beschafft er grossenteils am Boden oder auf der Wasseroberfläche. Er ist jedoch keineswegs auf aquatische Beutetiere spezialisiert wie zum Beispiel der Fischadler (Pandion haliaetus) oder der Seeadler (Haliaeetus albicilla). Seine bevorzugten Jagdgebiete sind weniger die Gewässer selbst als vielmehr deren Randbereiche und die angrenzenden Gras- und anderen Offenländer. In den meisten Bereichen des Artverbreitungsgebiets bilden darum kleine Säugetiere, welche diese gewöhnlich sehr fruchtbaren Lebensräume bewohnen, seine hauptsächliche Beute. Dazu zählen Ziesel (Spermophilus spp.), Wühlmäuse aller Art, insbesondere die Schermaus (Arvicola terrestris), ferner der Feldhamster (Cricetus cricetus), Maulwürfe (Talpa spp.) und Murmeltiere (Marmota spp.).
Daneben schlägt der Schelladler des Öfteren Vögel bis zur Grösse von Feldhühnern und Reihern. Ferner ergreift er nicht selten Reptilien, Amphibien und Insekten. In Afrika wurde schon beobachtet, dass überwinternde Schelladler zeitweilig vor allem von Wanderheuschrecken lebten. Solche Kleintierjagden betreiben die grossen Greife nicht selten zu Fuss und sind dabei im hohen Gras nicht leicht zu sehen. Bei sich bietender Gelegenheit werden sodann Wasservögel aller Art im Vorbeiflug von der Wasseroberfläche weg geschnappt und, seltener, sogar oberflächennahe Fische gefangen. Manchmal geht der Schelladler auch an Tierleichen, beispielsweise solche von Schafen, Pferden, Hirschen und Hunden. Und nicht zuletzt schmarotzt er hie und da anderen Greifvögeln wie dem Schwarzmilan (Milvus migrans) die Beute ab. Kurz: Der Schelladler ist ein «Allrounder» sowohl hinsichtlich seiner Jagdtechnik als auch seines Beuteschemas.
Wettstreit im Nest
Die Schelladler treffen jeweils im zeitigen Frühling - aus ihren Winterquartieren kommend - in ihren Brutgebieten ein. Man geht davon aus, dass sie monogam leben, dass also die erwachsenen Individuen einen Paarbund eingehen, welcher nicht bloss eine Brutsaison, sondern oftmals ein Leben lang hält. Jahr für Jahr finden jedenfalls dieselben Partner zum Brüten zusammen - vorausgesetzt natürlich, dass beide den Winter überlebt haben.
Nach der Ankunft im Brutgebiet besetzt jedes Schelladlerpaar ein bis zu sechzig Quadratkilometer weites Streif- und Jagdgebiet und baut darin seinen Horst. Die Horste liegen darum weit verstreut; entsprechend gering ist die Dichte der Schelladler-Brutbestände. Selbstverständlich beziehen die Paare wenn immer möglich dasselbe Wohngebiet wie im Vorjahr und verwenden gegebenenfalls gern den alten Horst, in welchem sie im Vorjahr Junge aufzogen. Diesen reparieren sie jeweils und bauen ihn weiter aus.
Fast immer befindet sich der Schelladlerhorst auf einem hoch aufragenden Baum. Wo jedoch geeignete Bäume fehlen, kann er auch auf einem Busch oder in einer Felswand erbaut werden. In den Steppengebieten Nordchinas werden Horste vereinzelt sogar am Boden errichtet. Ältere Horste können einen Durchmesser von mehr als einem Meter aufweisen und bis einen Meter hoch sein. Der Unterbau besteht aus Ästen und Zweigen. Die Nistmulde ist gewöhnlich nur etwa fünf Zentimeter tief und wird - auch während der Brut immer wieder - mit frischen grünen Blättern und Grashalmen ausgekleidet. Beide Partner tragen zum Nestbau bzw. zur Nestreparatur bei.
Das Gelege besteht gewöhnlich aus einem oder zwei Eiern. Bei zwei Eiern werden diese im Abstand von zwei bis drei Tagen gelegt. Das Weibchen, dem allein das Brüten obliegt, wartet jeweils nicht, bis das Gelege vollständig ist, sondern setzt sich gleich nach dem Ablegen des ersten Eis auf sein Gelege.
Die Jungen schlüpfen nach 42 bis 44 Tagen im selben zeitlichen Abstand aus den Eiern, wie diese gelegt wurden. Aufgrund des zwei- bis dreitägigen Entwicklungsvorsprungs ist das Erstgeschlüpfte im Allgemeinen deutlich grösser und kräftiger als das Zweitgeschlüpfte. Es ist darum im heftigen Wettstreit um Nahrung, welcher bei jeder Fütterung entbrennt, stets im Vorteil. Wenn das regionale Beutetierangebot eher gering ist, verhungert das jüngere Geschwister zumeist früher oder später. Bei reichhaltigem Futterangebot können aber durchaus beide Jungvögel gross werden.
Die Altvögel beeinflussen den Wettstreit zwischen den Jungvögeln, bei dem es häufig um Leben oder Tod geht, in keiner Weise: Weder greifen sie beim Ringen um Nahrung beschwichtigend ein, noch sorgen sie für eine gerechte Verteilung des Futters. Was uns hart erscheinen mag, macht biologisch durchaus Sinn: In Zeiten des Futterüberflusses können jeweils zwei Junge aufwachsen. Bei eher knappem Nahrungsangebot kommt immerhin ein kräftiges Junges auf; dies ist besser als zwei Kümmerlinge. Das Überlebende muss im Übrigen nicht zwingend das Erstgeschlüpfte sein. Falls dieses nämlich einen Geburtsfehler hat oder erkrankt oder einem Nesträuber zum Opfer fällt, nimmt unter Umständen das Zweitgeschlüpfte seinen Platz ein.
Nach dem Schlüpfen werden die Jungvögel durch ihre Mutter ständig gewärmt und betreut, während der Vater die Nahrungsversorgung der ganzen Familie sicherstellt. Später geht auch das Weibchen wieder auf Beutefang. Im Alter von 60 bis 65 Tagen ist das Jugendgefieder der jungen Schelladler vollständig, so dass sie flugfähig sind und in Begleitung ihrer Eltern das Nest verlassen können. Schon 20 bis 30 Tage später machen sie sich selbstständig. Zur Fortpflanzung schreiten sie unseres Wissens frühestens im Alter von vier bis fünf Jahren.
Bonner Konvention
Obschon der Schelladler ein enorm weites Verbreitungsgebiet aufweist, ist er kein häufiger Vogel. Die Gesamtpopulation wird auf weniger als 10 000 erwachsene Vögel geschätzt. Die meisten von ihnen, nämlich 2800 bis 3000 Brutpaare, sind in Russland heimisch. Von diesen leben 600 bis 800 im europäischen Teil Russlands. Im restlichen Europa ist der Brutbestand des Schelladlers winzig und zudem in der jüngeren Vergangenheit geschwunden. Gegenwärtig dürften etwa 150 Paare in Weissrussland, 30 bis 45 in der Ukraine, 15 bis 30 in Estland und 1 bis 5 Paare je in Finnland, Polen, Moldawien und Rumänien zur Brut schreiten. Auch im asiatischen Bereich des Brutareals scheinen die Bestände mancherorts rückläufig zu sein. Aufgrund des kleinen und zudem rückläufigen Artbestands führt die Weltnaturschutzunion (IUCN) den Schelladler in der Kategorie «Verletzlich» auf ihrer Roten Liste der gefährdeten Tierarten.
Der Schwund der Schelladlerbestände ist verschiedenen Faktoren zuzuschreiben. Zu nennen sind hauptsächlich Störungen durch den Menschen im Brutgebiet, Lebensraumvernichtung und Abschuss. Auf die ständige Präsenz von Menschen in ihren Brutrevieren reagieren die Schelladler sehr empfindlich: Sie geben ihre Bruttätigkeit auf und wandern ab, sobald sich Menschen in der Nähe niederlassen. Forstliche Nutzung ist in vielen Bereichen des Verbreitungsgebiets die Hauptursache solcher Störung. Eine negative Rolle spielen aber auch die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, die Trockenlegung von Feuchtgebieten zur Gewinnung neuer Nutzflächen und Wiederaufforstungen nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, denn hierdurch wird das natürliche Mosaik aus Waldungen, Gewässern und Offenländern, welches den optimalen Lebensraum für den Schelladler bildet, unwiederbringlich zerstört.
Die Adler selbst sind, wie die meisten grösseren «Raubvögel», in vielen Bereichen des Verbreitungsgebiets, so auch in Russland, Weissrussland und im Mittelmeerraum, ein beliebtes Jagdobjekt. Ausserdem werden sie wie viele andere Greifvögel häufig durch Giftköder oder in Schlingfallen getötet, die gar nicht für sie ausgelegt wurden.
Zwei Dinge erschweren den wirksamen Schutz des Schelladlers erheblich: erstens der Umstand, dass er sehr grosse Brutreviere beansprucht und zweitens die Tatsache, dass er ein ausgeprägter Zugvogel ist. Konventionelle Schutzgebiete - ob im Brutareal oder im Winterquartier - sind meistens zu klein, um einem nennenswerten Bestand Schutz zu gewähren. Ausserdem bieten sie den Vögeln nur während eines Teils des Jahres eine sichere Herberge. Insbesondere entlang der Zugrouten entfällt oft jeglicher Schutz.
Erfreulich ist darum, dass der Schelladler in Anhang I des «Übereinkommens zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten», «Bonner Konvention» genannt, verzeichnet ist. Dieses im Rahmen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen geschaffene und 1982 in Kraft getretene Übereinkommen hat zum Ziel, die internationale Zusammenarbeit zu fördern, um den Fortbestand wandernder Tierarten in deren ganzem Areal langfristig zu gewährleisten. Wobei mit Areal «das gesamte Land- und Wassergebiet, in welchem eine wandernde Art zu irgendeiner Zeit lebt, sich vorübergehend aufhält, es durchquert oder überfliegt», gemeint ist.
Bis heute haben über hundert Staaten, darunter Georgien, die Bonner Konvention unterzeichnet. Sie alle erkennen die Wichtigkeit der internationalen Zusammenarbeit zur Erhaltung insbesondere der gefährdeten, in Anhang I verzeichneten wandernden Arten an und verpflichten sich, die Lebensstätten derselben nach Möglichkeit zu erhalten oder wiederherzustellen sowie Aktivitäten oder Hindernisse, welche die Wanderung der Arten erschweren, zu unterbinden bzw. zu beseitigen. Die Überlebenschancen des Schelladlers und all seiner zahlreichen Mitleidensgenossen werden hierdurch zweifellos stark verbessert.
Legenden
Mit einer Gesamtlänge von 65 bis 72 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 155 bis 180 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich 1,5 bis 2,5 Kilogramm ist der Schelladler (Aquila clanga) ein stattliches Mitglied der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes). Die erwachsenen Individuen sind im Allgemeinen düster schwarzbraun gefärbt; vereinzelt tritt aber, besonders im zentralasiatischen Raum, eine ockergelbe Farbabweichung auf, welche früher «Prachtadler» genannt wurde.
Der Schelladler ist ein ausgeprägter Zugvogel, der sich auf seinen weiten Wanderungen mehrheitlich im eleganten Segelflug fortbewegt. Das Brutgebiet erstreckt sich von Osteuropa quer durch das nördliche Asien bis zum Pazifischen Ozean; das Winterquartier dehnt sich von Griechenland und Kenia im Westen bis nach Südchina im Osten aus.
Ausgedehnte, lockere, feuchte Waldungen in sumpfigen und wasserreichen Landschaften bilden den bevorzugten Lebensraum des Schelladlers. Im Brutgebiet besetzt jedes Paar ein bis zu sechzig Quadratkilometer weites Streif- und Jagdgebiet. Entsprechend gering ist die Dichte der Schelladler-Brutbestände.
Der Schelladler ist kein Nahrungsspezialist, sondern ein Generalist, der ergreift, was das örtliche und jahreszeitliche Angebot hergibt - von Murmeltieren, Wühlmäusen und anderen kleineren Säugetieren über Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische aller Art bis hin zu Heuschrecken und weiteren grossen Insekten. Mitunter geht er sogar an tote Tiere oder schnappt anderen Greifvögeln die Beute weg.
Obschon der Schelladler ein enorm weites Verbreitungsgebiet aufweist, ist er kein häufiger Vogel. Die Gesamtpopulation wird auf weniger als 10 000 erwachsene Individuen geschätzt, und sie ist - vor allem im europäischen, in geringerem Ausmass aber auch im asiatischen Raum - rückläufig. Der imposante Vogel steht darum in der Kategorie «Verletzlich» auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten.
ZurHauptseite