Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03652.jsonl.gz/3285

Betrug
Die Liste der (literarischen) Betrüger ist lang; länger wahrscheinlich als die der ‹ehrlichen› (Betrüger). Sowohl Autoren als auch ihre Figuren sind Genies der Camouflage.
Man nehme z.B. Karl May (war nie im wilden Westen-schrieb aber wundervolle Geschichten darüber und hatte selbst mannigfaltige Identitäten) oder Shakespeare (wohl alias Marlowe), der nie nur ein einziges Wort, keinen blanken Vers unter diesem Namen/dieser Identität veröffentlichte.
Die Liste der (erfundenen) Figuren ist weitaus umfangreicher.
- Auf Pinocchios Nase tanzt Till Eulenspiegel dem Ulmer Münster entgegen.
- Münchhausen auf seiner Kanonenkugel fliegt gezogenen Schwertes neben Don Quichotte auf die Windmühlenflügel zu.
- Ein Köpenicker Hauptmann marschiert im Gleichschritt mit dem braven Soldaten Schwejk.
- Verzweifelt rufen sich Amphitryon und McMurphy in der Irrenanstalt ihrer Identitäten ihre vermeintlichen Namen zu (zum Kuckuck(snest), ach, ach, ach!!!)
- Felix Krull diskutiert lächelnd mit Mr. Ripley und einem nackten Kaiser die Frage der kostümierten Hochstapelei…
- Drei Eigenschaften kennzeichnen den Hochstapler: Fantasie, Egozentrik und Einfühlsamkeit. Dinge, die jeder Künstler (Literat) in gewissem Maße (zu unterschiedlichen Anteilen) besitzt (besitzen muss).
Wenn man weiß, dass Babys schon ab sechs Monaten durch vorgetäuschtes Lachen oder Weinen sich Vorteile zu beschaffen wissen, kann man erahnen, dass Betrug wohl zu unserem intensiv benutzten, evolutionär-sozialen Gepäck gehört.
‹Schon Schweigen ist Betrug…›, sang Konstantin Wecker (er wusste, wovon er trällerte). Ha, nicht einmal das schützt vor (Ent)Täuschung!
Es trug sich also zu der Betrug; es war einmal das Trugbild. Er/sie/es trug Bilder in sich – jede(r); wir alle schmatzen genüsslich als betrügerische Betrogene vor dem Trog der alles fressenden Schweine.
Ein Bild sich machen, bedeutet demnach immer sich/andere (etwas) betrügen. Der Betrug als bildhafte Phantasmagorie. Man trägt ein Betragen, ein (dick) Auftragen. Gepäck des Miteinander oder Airbag des sozialen Arrangements.
Wer etwas erfindet, Geschichten, Metaphern, Verse, der möchte, dass man ihm glaubt, seinem vorgestellten (imaginierten/imaginativen) Ich, der lyrischen oder prosaischen persona, die er ins Getümmel der Vorstellungen, Einstellungen und Nachstellungen wirft.
Etwas vereinfacht lässt sich nun behaupten, jeder künstlerisch Tätige arbeitet mit diesen Masken, dem Schleier des Betrugs.
Der Schriftsteller kann ohne diese Simulakren (R. Barthes) nicht schreiben.
Der Lyriker kann keinen Vers, kein Bild setzen, ohne sich des Betrugs, des Vexierbildes (un)schuldig zu machen.
Jedes Denken, jede Weltaneignung ist bedingt durch unsere Sinne und ihre Verarbeitungsleistung; ist Konstruktivismus. Schon Herr Kant ahnte, dass wir vom Ding an sich nichts wissen können.
Doch wissen wir zu schreiben und erzählen, die Gedanken des Lesers in den Bann zu ziehen, ihn glauben zu machen, unsere Leviathan-Welt wäre die einzige (mögliche, existente); und es befällt Schreibenden und Lesenden gleichzeitig und gleichermassen, sich dieser lustvollen Täuschung hinzugeben.
Ein Wahn, der als Larve jedem ins Gesicht gemeißelt ist.
Wohlan der (Tür)Spalt des Betrugs ist immer offen. Sein Zwielicht illuminiert doppelt; jenen, der im Raum ist, und jenen, der davor steht, klandestin beobachtend, in gleichem Masse, zu gleichen Teilen.
Verfasser und Erfasser sind also durch diesen Lichtstrahl verbunden, Spiegelbilder einer Sache – und können blitzschnell ingeniös ihre komplementären Rollen wechseln.
Was bleibt zum Schluss?
Der Trugschluss!
Ein zusammengesetztes Oxymoron
Ende des (gesetzlich) strafbaren
aber nicht fassbaren Deliktes nicht in Sicht
alle Täuschungs-Täter zweifach flüchtig
(zum Glück)! JW