Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03213.jsonl.gz/1057

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in die ich geboren wurde, war geprägt vom Imperativ des Wiederaufbaus nach den ausgedehnten Zerstörungen. Die Deckung elementarster Bedürfnisse der Menschen, allem voran für Nahrung und ein Dach über dem Kopf, stand für Millionen von Menschen an erster Stelle. Im aufkeimenden Wirtschaftswunder waren die Prioritäten klar, und Belange wie Gesundheits-, Umwelt- und Landschaftsschutz gehörten zweifellos nicht dazu.
Ich erinnere mich, wie mich als Kind die Photos von Zementfabriken im Büro meines Vaters beeindruckten: Rauchende Schlote galten damals als allgemein akzeptiertes Sinnbild wachsender Prosperität.
Als Student der Universität Zürich erlebte ich in den 1960er Jahren nicht nur die marxistisch orientierte Studentenrevolution, sondern auch die ersten Anzeichen eines erwachenden Umweltbewusstseins. Am sichtbarsten waren Schäden an den verschmutzten Gewässern, und so engagierte ich mich an der juristischen Fakultät in der – spärlich besuchten – «Arbeitsgruppe Gewässerschutz». Der breitere Begriff des Umweltschutzes war damals noch kaum gebräuchlich.
Anfang der 1970er Jahre begannen sich die Dinge zu beschleunigen. Es ist dies das bleibende Verdienst des 1968 vom Industriellen Aurelio Peccei und dem Wissenschafter Alexander King gegründeten Club of Rome, mit der Publikation «Grenzen des Wachstums» (1972) das Thema der Nachhaltigkeit in globalen Dimensionen erfolgreich in die öffentliche Debatte eingebracht zu haben.
Die Frage der natürlichen Lebensgrundlagen interessierte zuvor weder Politik noch Wissenschaft. Wie jeder Anfang war auch dieser schwer; die Minderheit, die sich des Themas annahm, wurde noch jahrelang von der grossen Mehrheit marginalisiert, und für die Mehrheit war klar: Die externalisierten Kosten des Wachstums sind nun einmal in Kauf zu nehmen.
UNO-Konferenz 1992
Das Prinzip der nachhaltigen Bewirtschaftung von Wäldern ist allerdings seit Generationen bekannt: Es sollen nicht mehr Bäume gefällt werden, als nachwachsen. Aber erst die UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung von Rio 1992 hat «Sustainable Development» zum allgemeingültigen Postulat zivilisatorischer Entwicklung erhoben: Die natürlichen Lebensgrundlagen dürfen stets nur so weit beansprucht werden, dass sie erhalten bleiben bzw. auch künftigen Generationen in gleichem Masse zur Verfügung stehen.
Das mir übertragene Mandat, einen Beitrag aus unternehmerischer Sicht zur Konferenz von Rio zu leisten, bleibt in wacher Erinnerung. Meine Aufgabe war es, gemeinsam mit einer Gruppe von Unternehmensleitern aus einer Vielzahl von Branchen und Ländern eine unternehmerische Perspektive zu den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung zu formulieren und unsere Postulate anhand konkreter Fallstudien zu untermauern.
Zu diesem Zweck gründete ich den Business Council for Sustainable Development, der Dutzende von Konferenzen und Workshops in allen Kontinenten organisierte und schliesslich seine Erkenntnisse im Buch «Kurswechsel» zuhanden des Erdgipfels von Rio formuliert hat. Es war – kurz nach der Implosion des kommunistischen Sowjetimperiums und dem Zusammenbruch der staatlichen Zwangswirtschaften – eine Zeit des kreativen Aufbruchs. Man suchte für die von ihrem Erzkonkurrenten befreite Marktwirtschaft nach neuen Richtungen, Werten, Idealen.
Die Idee der Nachhaltigkeit wurde zu einem dieser Ideale. Allerdings hatte sie den früher als unüberwindbar geltenden Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Profitabilität und Schonung der Umwelt zu überwinden.
Bei der Definition der unternehmerischen Agenda suchten wir deshalb nach einem gemeinsamen Nenner dieser konfliktreichen Ziele. Wir fanden ihn im Prinzip der Effizienz. Während sie dem wirtschaftenden Menschen als Kernfaktor der Wettbewerbsfähigkeit bereits wohlvertraut war, konnten auch Vertreter der grünen Interessen die Effizienz als ein sinnvolles Kriterium bei der Nutzung von natürlichen Ressourcen befürworten.
Der von uns geprägte Begriff der «Öko-Effizienz» wurde zu einem Sinnbild des gemeinsamen Nenners zwischen Wirtschaft und Umweltschutz. Innert weniger Jahre fand das Wort Öko-Effizienz rund um die Welt Eingang ins Vokabular von Unternehmen, Universitäten und Managementschulen, aber auch von politischen Programmen. Der Begriff öffnete vielen Wirtschaftsführern, die bisher Umweltanliegen aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit skeptisch gegenübergestanden hatten, die Augen − für eine neue Dimension der Entwicklung in Richtung eines schonenden Umgangs mit den natürlichen Lebensgrundlagen, auf die sie, wie wir alle, angewiesen sind.
Meilensteine
Dabei ist klar: Nachhaltigkeit ist ein Ideal und als solches nie perfekt, nie vollständig in die Realität umzusetzen. Sie bietet eine Orientierung und definiert einen Weg. Das Ziel ist ein zügiger und kontinuierlicher Fortschritt auf diesem Weg.
Wichtig ist, Meilensteine zu setzen, die als Erfolgskontrolle auf dem Weg des Fortschrittes dienen können. In der Quantifizierung der Öko-Effizienz sind denn auch in den 20 Jahren seit Rio grosse und wichtige Fortschritte gemacht worden.
Nachhaltigkeit als Ideal macht aber nur dann Sinn, wenn sie in einer ganzheitlichen Betrachtung verstanden wird. Hatten wir unsere Überlegungen in Rio noch primär mit dem Schutz natürlicher Ressourcen vor Augen angegangen, wurden bald auch soziale und politische Dimensionen nachhaltigen Wirtschaftens diskutiert. Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat diesen Prozess beschleunigt. Umwelt- und sozial bewusste Konsumenten in den reichen Ländern haben heute die Möglichkeit, auch multinationale Grosskonzerne zu verantwortlichem Handeln in Entwicklungsländern zu bewegen. Sie, die Konsumenten, sind es, die letztlich die Macht haben – und sie nehmen ihre Verantwortung auch immer souveräner wahr.
Innovative Unternehmen haben früher als andere erkannt, dass überzeugend dargestellter Fortschritt in Richtung Nachhaltigkeit zu einem Wettbewerbsvorteil gereicht. Und heute kann man sagen: Erfolgreich ist ein Unternehmen nicht mehr trotz, sondern dank einem effizienten Engagement für ökologische und soziale Anliegen.
Geduld ist für den Wirtschaftsführer keine Tugend, der Kampf im Wettbewerb lässt für Gemächlichkeit keinen Raum. Mir persönlich schien der politische Fortschritt im Sinne des Kurswechsels darum oft unnötig mühsam und langsam. Doch habe ich irgendwann begriffen: Prozesse kollektiver Paradigmenwechsel folgen anderen Gesetzen und Zeitvorstellungen als die Zyklen der Produktinnovation.
Denken wir nur daran, wie schwer sich Politiker, Wirtschaftsführer, Gewerkschafter und selbst Wissenschafter damit taten, gefährliche Prozesse und Stoffe wie Tabak, DDT, Asbest – und künftig vielleicht Handy-Strahlen? – als solche zu erkennen und zu vermeiden.
Im Rahmen der Vorbereitung der Konferenz von Rio hatte ich zu lernen, dass eine der stärksten Kräfte im Menschen die Trägheit ist, definiert als die Kraft des Widerstandes gegen Veränderung.
Und heute?
Wenn ich heute den Fortschritt der letzten 20 Jahre auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit betrachte, sehe ich das Glas sowohl halb voll als auch halb leer. Wir haben als Menschheit die Herausforderung erkannt, unsere natürlichen Lebensgrundlagen in all unserem Tun stets mitzubedenken, wir haben den Weg grob definiert und erste Schritte getan. Doch das Ziel im Sinne konsequenten Fortschrittes auf dem Weg ist nicht erreicht. Zu viele individuelle und kollektive Widerstände behindern den möglichen und notwendigen Fortschritt.
Veränderungen lassen sich nicht delegieren. Die Entwicklung zum Positiven hin zu ändern, ist Aufgabe jedes einzelnen; für sich selber als Konsument oder Produzent, aber auch im Rahmen unserer Rolle in der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung und Verantwortung. Wenn Sie, als Leser, sich angesprochen fühlen, nun – dann ist diese Reaktion durchaus beabsichtigt.