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Italienische Musiker waren seit dem Barock in ganz Europa beliebt: Man denke an Domenico Scarlatti und Luigi Boccherini in Spanien, an Gioacchino Rossini in Frankreich, an Antonio Vivaldi und Antonio Salieri in Österreich, an Francesco Araia in Russland, Luigi Borghi in England, an Edoardo Di Capua in der Ukraine und viele mehr.
Eine etwas andere Geschichte ist die von Giovanni Battista Lulli. Der Sohn begüterter toskanischer Bauern ging bereits mit dreizehn Jahren an den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV., der bereits seit dem Alter von fünf Jahren König von Frankreich war — aber nicht als Hofmusiker, sondern als ‹Garçon de la chambre›, um mit der Cousine des Königs Italienisch zu parlieren, denn Italienisch war zu der Zeit vor allem in der Kunst, aber auch im Bankenwesen und im Handel eine der international bedeutendsten Sprachen.
Zwischen Lulli und dem sechs Jahre jüngeren König entstand bereits nach kurzer Zeit eine tiefe Freundschaft, die fast zeitlebens hielt. Der Monarch bezahlte seinem Freund, der bereits hervorragend Violine spielte, eine solide musikalische Ausbildung bei den berühmtesten Lehrern seiner Zeit, und dieser avancierte binnen Kurzem zum ‹Intendanten der Hofmusik Ludwigs XIV.› und zum ‹Musikmeister der königlichen Familie›. Giovanni Battista Lulli gab seinen ursprünglichen italienischen Namen auf und nannte sich fortan Jean-Baptiste Lully. Anders als die oben aufgezählten Musiker sah sich Lully nicht als musikalischer und kultureller Botschafter der italienischen Kunst. Er sprach und schrieb kaum mehr Italienisch und fühlte sich nur noch als Franzose — der Krone treu, der neuen Heimat gewogen und ergeben.
In enger Zusammenarbeit mit Molière schuf er Ballettstücke, in denen Ludwig XIV. zum Teil selbst als Tänzer auftrat, und schrieb eine große Menge bedeutsamer Werke für die Stilbildung der französischen Musik und der Oper des ausgehenden 17. Jahrhunderts.
Sein Einfluss auf und sogar eine gewisse Macht über den König nahmen schließlich noch zu: Lully wurde 1680 auch noch zum ‹Secretaire du Roi›, zum königlichen Sekretär ernannt und in den Adelsstand erhoben.
So sensibel, feinfühlig, empfindsam er als Künstler auch war, als Politiker und als Mensch hatte er wenig löbliche Charakterzüge. Sein Amt als königlicher Sekretär übte er stets zu seinem eigenen materiellen Vorteil aus und als Kapellmeister war er vollkommen unbeherrscht, tobsüchtig, ja jähzornig. Er schrie Sänger und Instrumentalisten an, wenn ihm ihre Ausführungen und Leistungen nicht passten, demütigte sie, warf sie kurzerhand aus dem Chor oder aus dem Orchester, drosch mit dem Stock auf sie ein und nicht selten ging dabei auch ein kostbares Instrument in Brüche.
Diese unpopulären Wesenszüge riefen allmählich Lullys Neidhammel auf den Plan, unter anderen die ebenso perfide einflussreiche Mätresse des Sonnenkönigs, Madame de Maintenons, mit ihren ständigen Intrigen. Gesichert ist es nicht, aber doch sehr wahrscheinlich, dass ihr viszeraler Hass gegen Lully und ihre Skrupellosigkeit in erheblichem Maße dazu beitrugen, dass Lullys Oper ‹Roland› durchfiel. Der König verlor zusehends das Interesse am einstigen Busenfreund Lully, dessen Karriere sich dem Ende neigte.
Den Sonnenkönig quälten nun aber weit schlimmere Sorgen: Seine Zähne waren durch die ungezügelte Lust auf Süßes und den übermäßigen Genuss von Aprikosensirup völlig ruiniert, sodass der König binnen weniger Tage an einem grässlichen Zahnleiden erkrankte. Die Schmerzen waren dermaßen unerträglich, dass der Staat praktisch führungslos war und nur noch aus Trägheit der Verwaltung einigermaßen funktionierte.
Ärzte wollten dem Monarchen einige kranke Zähne ziehen, brachen ihm dabei aber in schierer Stümperhaftigkeit ein Stück des Oberkiefers heraus. Nur mittels eines glühenden Eisens, mit dem die Wunde ausgebrannt wurde, konnte die starke Blutung überhaupt gestoppt werden. Man rechnete schon mit dem baldigen Tod des Sonnenkönigs, doch die Prognose erwies sich als nicht weniger stümperhaft als die Therapie: Ludwig XIV. erholte sich den medizinischen Vorhersagen zum Trotz, was nun Lully eine Chance wittern ließ und dazu bewog, sein bereits rund zehn Jahre zuvor komponiertes ‹Te Deum› zu bearbeiten und mit allen Hofmusikern, die er aufbieten konnte — immerhin etwa dreihundert Instrumentalisten und Vokalisten! — anlässlich der Feierlichkeiten zu des Königs Genesung aufzuführen.
Dieses ‹Te Deum› sollte jedoch nicht Lullys Comeback zeichnen, als vielmehr mittelbar zu seinem skurrilen Tod führen: Als er am 8. Januar 1687 in der Église des Pères Feuillants die Motette zur Aufführung brachte, passierte ein Unglück. Lully schlug den Takt mit einem reich verzierten und prachtvoll vergoldeten, langen, schweren Zeremonienstab und in seinem feurigen Temperament schlug er den Takt so heftig und voller Inbrunst, dass er sich den rund zwei Meter hohen Tambourstab mit der Spitze versehentlich in den Fuß (genauer: in die große Zehe!) rammte. Die Wunde entzündete sich sehr schnell und infizierte sich mit Wundbrand. Die Ärzte rieten ihm zu einer Amputation der betroffenen Zehe. Doch Lully weigerte sich und die Infektion breitete sich allmählich auf den ganzen Fuß, auf den Unterschenkel, schließlich auf das ganze Bein aus. Der Komponist verstarb wenige Tage später.
Erst posthum bekam er die Anerkennung, die er sich gewünscht hatte: unter großer Anteilnahme des französischen Hofes wurde sein Leichnam in Notre Dame beigesetzt.
Bereits als Jugendlicher war mir der Vorfall mit dem Taktstock bekannt, mit dem sich Lully den Fuss verletzte. Ich empfand das damals als völlig abartig, dass man sich derart verletzen kann.
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Das fand ich eigentlich auch. Dann habe ich in Paris in einem Museum einen Taktstock gesehen, wie den, mit dem sich Lully verletzte. Das Ding sieht für unsere heutigen Vorstellungen eher aus wie ein Gartengerät. Dazu kommt, dass am Hof Ludwig XIV. die hygienischen Verhältnisse für uns heute äußerst peinlich waren. Strümpfe und Socken wurden kaum je gewaschen. Den üblen Körpergeruch (wie überhaupt jede Art von Geruch) übertönte man mit Parfüm. Füße waren reinste Bakterien- und Pilzkulturen! Es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass es zur Infektion kam, die man nicht behandeln konnte, weil es noch keine Antibiotika gab. — Andererseits ist es auch nicht erstaunlich, dass Lully die Amputation ablehnte, denn Anästhesie gab’s auch nicht.