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1. Kein Wunder, dass Autoren aus der Deutschschweiz den Durchbruch auf dem
internationalen Parkett nicht schaffen. Wie sollen sie auch, wenn ihre Werke nicht in
englischer Sprache erhältlich sind. Englisch ist nämlich die Sprache, die zu weiteren
Übersetzungen führt.
2. Der englische und der amerikanische Buchmarkt interessieren sich generell wenig für
Bücher aus dem deutschen Sprachraum. Der angelsächsische Buchmarkt hat genügend
Autorinnen und Autoren, die in den USA, in England, in Irland, in Südafrika, in
Australien und Neuseeland, aber auch in der Karibik, in Indien und in afrikanischen
Staaten schreiben. Kommt hinzu, dass es derzeit viele starke Autoren in den USA gibt.
Zudem ist das Interesse für die Schweiz generell gering.
3. Englisch aber ist die Sprache der literarischen Lizenzverkäufer, die Sprache
Frankfurts im Oktober. Englisch geniesst im Bereich der Übersetzungen gewissermassen eine
Art Schaufensterfunktion.? Englisch ist die Eintrittskarte und der Schlüssel zu weiteren
Buchmärkten.
4. Weshalb schaffen es die Autoren der deutschsprachigen Schweiz nicht in die
englischsprachigen Listen? Das hat mit der Lage in der Verlagslandschaft zu tun.
Amerikanische und englische Verlage kalkulieren viel schärfer als hiesige Verlage. Sie
nehmen nur jene Titel auf, die in der Ursprungssprache und im Herkunftsmarkt bereits sehr
gut gelaufen sind. Gut alleine genügt aber noch nicht. In New York und London
werde nur auf den erwarteten Gewinn hin kalkuliert. Wir müssen heute damit leben, dass
hier nur das hergestellt wird, was sich rechnet.
5. Peter Stamm, Martin Suter und Zoe Jenny sind in englischer Sprache locker
erhältlich, weil ihre Sprache nicht zu barock und die Stoffe international angesiedelt
sind. Und Agota Kristof! Die Härte und Exotik des Stoffes, die archaische Sprache sind
Grund für die vielen Übersetzungen: Keine Autorin, kein Autor aus der Schweiz wurde in
den letzten zwanzig Jahren so häufig übersetzt wie sie. In den Jahren 1990 bis 2000
gleich 56 mal!
6 Wo ist denn das Interesse für Literatur aus der Schweiz wach? Wenn man sich die
Liste der übersetzten belletristischen Bücher anschaut, die von Pro Helvetia in den
letzten drei Jahren finanziert wurden, dann wird schnell klar: Trotz Reserven der neuen EU
gegenüber wird die literarische Schweiz im mittel- und osteuropäischen Raum immer
bekannter. Das hat mit dem enormen Nachholbedarf und mit der Neugierde für den Westen zu
tun. Da nimmt die Literatur aus der Schweiz keine Sonderposition ein.
Frage: Genügt aber die vorher zitierte These, wonach harte Kalkulation gegen Literatur
aus der Schweiz in englischer Sprache spricht? Andere Interessenschwerpunkte im Ausland
bilden nur ein Element.
7. Wer im Oktober durch die Messehallen in Frankfurt unterwegs ist, stellt fest, dass
die Holländer, die Israeli und die Skandinavier in speziellen Ständen - und von fachlich
gut ausgebildetem Personal begleitet - Übersetzungsbeispiele anbieten. Zwanzig Seiten in
englischer Sprache von nicht wenigen Autoren aus den Niederlanden, aus Dänemark und
Island sowie aus Israel, Zusammenfassungen ihrer Bücher in englischer Sprache,
Übersetzungen von Rezensionen aus den grossen Zeitungen dieser Länder ebenfalls in
englischer Übersetzung. Und dann noch gute Werbung in englischer Sprache im Internet.
Vergleichbares bietet die Schweiz nicht an. Wer nicht aktiv anbietet, wird nicht zur
Kenntnis genommen.
Beobachtung: Eine auf dem internationalen Parkett tätige Lobby für Schweizer
Literatur fehlt. Eine Lobby in englischer Sprache!
8. The Swiss do not exist. Die Schweizer gibt es nicht. Zumindest nicht in übersetzten
Beispielen, nicht in Zusammenfassungen, die Amerikaner oder Engländer lesen können. Am
Stand von Pro Helvetia sind zwar jene Richtlinien in Prospektform zu haben, nach denen die
Finanzierung von Übersetzungen erfolgen. Aber Beispiele fehlen. Das, was Charles
Linsmayer vor einem Jahr in Solothurn in den Landessprachen der Schweiz zeigte, müsste in
englischer Sprache vorliegen: Probeübersetzungen in Englisch für ein breiteres,
interessiertes Publikum, das keine der Landessprachen der Schweiz kennt.
9. Wie kommt es heute zur Übersetzung eines deutschsprachigen Buchs aus der Schweiz in
eine andere Sprache? Ein Verlag im Ausland stellt Pro Helvetia ein Gesuch für die
Finanjzierung. Pro Helvetia als einzige Institution in der Schweiz, die systematisch und
kontinuierlich Übersetzungsförderung betreibt, hat zwar ein Budget von derzeit Fr. 730
000 Fr. für Übersetzungen zur Verfügung, wovon mehr als die Hälfte im Inland bleibt,
weil Werke aus einer Landessprache in eine andere übersetzt werden.
Für gezielte werbende Massnahmen im Ausland, ohne die die Übersetzungsförderung
heute fast nicht mehr auskommt, sind so gut wie keine Mittel vorhanden. Das steht in einem
Dokument von Pro Helvetia. Das aber ist fatal.
10. Ein Exkurs: Wie anders die Holländer vorgehen als die Schweizer. Ten Books
from Holland and Flanders heisst eine zweimal im Jahr erscheinende Publikation, bei
der jedesmal zehn Autorinnen und Autoren in englischer Sprache vorgestellt werden.
Biografie, Ausschnitte aus Rezensionen, Angaben zum Verlag und zu bereits verkauften
Rechten gehören dazu. Herausgeber ist das nederlands literair productie- en
vertalingen fonds, das in Amsterdam ein Übersetzerhaus mit sechs kleinen Wohnungen
bereit hält, wo ein Übersetzer bis zu zwei Monaten arbeiten kann. Ten Books from
Holland and Flanders kommt auch auf Verlangen elektronisch ins Haus.
Nicht weniger aktiv The Institute for the Translation of Hebrew Literature.
Es wurde bereits 1962 gegründet. Unabhängige Experten wählen hier die Werke aus, die in
andere Sprachen übersetzt werden sollen. Das Institut bietet fertig übersetzte Bücher
an oder Auszüge, es nimmt aktiv teil an den Buchmessen von Frankfurt, Bologna, Madrid,
Prag, Peking und New Delhi. Jedes Jahr wird ein Übersetzerwettbewerb für je eine andere
Sprache veranstaltet, ausländische Medienschaffende, die Biografien oder Fotos von
israelischen Autoren benötigen, können dies hier kostenlos erhalten, zweimal im Jahr
erscheint ein Magazin das sich Modern Hebrew Literature nennt. Es bringt
Besprechungen, Übersetzungsbeispiele, Interviews und Artikel über Autoren.
11. Das Fazit: Hier liegt der Unterschied: In der Schweiz wartet man auf das Interesse
eines ausländischen Verlags. Man lässt sich bitten. Einzig Diogenes hat eine aktiv und
aggressiv auftretende Lizenzabteilung, die Werke ausländischen Verlagen anbietet. Es ist
die Zeit gekommen für eine aktivere Übersetzungsförderung von zeitgenössischer
Literatur aus der Schweiz. AdS, PH, BAK, PRS, SSA, SBVV, Pro Litteris müssen
zusammenspannen, wenn Literatur aus der deutschen Schweiz wirklich bekannt werden soll.
Die Lobby für Literatur aus der Schweiz muss geschaffen werden. Literatur aus der
Schweiz im Radio, am Fernsehen, im Netz. Und eben auch in englischer Sprache.
(Die Vollversion dieses Textes findet sich als Beitrag aus dem Tages-Anzeiger auf www.textkontor.ch unter der Rubrik Texte).