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Numinosum
Es ist wichtig, dass wir ein Geheimnis haben und die Ahnung von etwas nicht Wissbarem. Es erfüllt das Leben mit etwas Unpersönlichem, einem Numinosum. - C. G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken
Dieses Album umfasst Werke von Komponisten, für welche die Auffassung und das Schaffen von Musik eng mit einer religiösen Einstellung zur Welt verbunden waren. Vor der Entstehung der Ästhetik im 18. Jahrhundert lag die Symbolik oder die »äussere« Bedeutung der Musik in der Musik selbst; ihre Ausdruckskraft und ihre Bestimmung als wesentlicher Bestandteil sozialer und religiöser Riten standen in einem grösseren Kontext von moralischen und geistigen Überlegungen. In diesem Sinne folgten spätere Komponisten wie Liszt, Franck und Messiaen, auch wenn sich ihre musikalischen Sprachen und Formen stark voneinander unterscheiden, dem Geiste Bachs und spiegelten eine Philosophie wider, in der musikalische Mittel und theologische Ziele untrennbar miteinander verwoben, wenn nicht gar ein und dasselbe waren.
Welche Auswirkung hat ein tieferes Bewusstsein für die symbolische Realität des religiösen Denkens, das die Musik ursprünglich inspiriert hat, auf die Art und Weise, wie wir – der Interpret und der Zuhörer – die Musik hören, und auf die Bedeutungen, die wir in ihr finden? Im begleitenden Essay auf den folgenden Seiten (auf Englisch) stelle ich einige Überlegungen zum Programm und zur Kunst im Allgemeinen an, und zwar aus einer philosophischen und metaphysischen Perspektive. Ich stelle die Hypothese auf, dass die Erfahrung von Kunst – die, wie die religiöse Erfahrung, eine Begegnung mit der Welt und dem Unerklärbaren ist – das Potenzial in sich birgt, die Grenzen zwischen dem Selbst und dem Anderen zu hinterfragen.
In jenen Momenten, in denen der Drang hin zu etwas Anderem so stark ist, dass er das Selbst völlig macht- und willenlos macht, befinden wir uns in der Gegenwart des Numinosum. Die Natur des Numinosen liegt im Phänomen selbst begründet und ist eine dynamische Kraft, die jemanden erfasst und auf ihn einwirkt. Das Wort ist abgeleitet aus dem lateinischen numen, »göttlicher Wille« oder »Geist«, und wurde von Rudolf Otto in seinem Buch Das Heilige geprägt, in dem er die nicht-rationalen Elemente untersucht, die dem persönlichen Glauben zugrunde liegen, und die Rolle beleuchtet, die spontane, unmittelbare Erfahrungen in diesem Zusammenhang spielen. In seiner adjektivischen Form erinnert das Numinose an die Wörter luminös und ominös; so klingt in »numinos« sowohl »ausstrahlendes Licht« als auch »überwältigendes Gefühl angesichts des Unbekannten« an.
Die Aufnahmen für dieses Album fanden im Winter 2020 in einer Kirche in den abgelegenen Lofoten- Inseln im Norden Norwegens statt. Während der sogenannten Mørketid – wörtlich »Dunkelzeit« oder dunkle Jahreszeit – kommt dem Licht, das den Himmel nur wenige Stunden am Tag von unterhalb des Horizonts erhellt, eine grössere Bedeutung zu. Ich glaube, diese Stimmung passte sehr gut zu dieser besonderen Musik, und sie hatte sicherlich einen Einfluss auf die Aufnahme. Im Norden ist das Gefühl, dass das Licht seine Bedeutung aus seiner Abwesenheit oder Negation bezieht, viel instinktiver. Wenn die Dunkelheit die grosse Unbekannte ist, etwas ohne Eigenschaften und jenseits von Massstäben, so ist ihre metaphysische Präsenz oft das, was die unmittelbareren Merkmale der Erfahrungen prägt. Und so, wie das Licht im Gegensatz zur Dunkelheit steht, liegen auch die Möglichkeit und das Werden im Bereich des Unbekannten.
Joachim Carr
aus dem Englischen von Gabriela Zehnder
Joachim Carr
Der norwegische Pianist Joachim Carr hat sich über die vergangenen Jahre als einer der aufregendsten skandinavischen Künstler etabliert. Er gewann diverse internationale Preise, u. a. den Ersten Preis, Publikumspreis, sowie Sonderpreis des Bergen Philharmonischen Orchesters beim 14. Klavierwettbewerb “International Edvard Grieg Competition”. Im Jahr zuvor hatte er bereits den Coup de Coeur Preis für sein Recital beim 25. “Concours Clara Haskil” gewonnen. Im Anschluss an sein Debütkonzert 2015 in der Aula der Osloer Universität – eine lange Tradition im norwegischen Musikerleben - erhielt Carr den Robert Levin Preis. Er ist zudem langjähriger Empfänger des “Norwegian Government Grant” für Künstler.
Als vielseitiger Kammermusiker gewann er diverse Auszeichnungen in Duo- und Trioformation, insbesondere Erste Preise beim “10th Concours International de Musique de Chambre de Lyon” und dem “Boris Pergamenschikow Preis” für zeitgenössische Kammermusik in Berlin. Antje Weithaas, Radovan Vlatkovic, Lars Anders Tomter, Bruno Philippe, Hayoung Choi, Ingrid Fliter, Bertrand Chamayou und das Doric String Quartet zählen zu seinen Kammermusikpartnern.
Mit Solo-Recitals und in verschiedenen Kammermusikformationen trat Carr unter anderem beim Klavierfestival Ruhr, Zermatt Festival, Bergen International Festival, Lofoten Klavier Festival, Rosendal Kammermusikfestival, Bach Festival Moscow, PODIUM Festival Esslingen, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern und dem Salzburger Kammermusikfestival auf.
Als Solist konzertierte er u. a. mit dem Königlichen Philharmonischen Orchester Stockholms, dem Litauischen Nationalorchester, dem Trondheim Symphonieorchester, dem Norwegischen Rundfunk- Orchester und dem Norwegian Arctic Philharmonic Orchestra. In diesem Rahmen arbeitete er mit renommierten Dirigenten wie Alexander Vedernikov, Gintaras Rinkevicius, Miguel Harth-Bedoya, Arvid Engegård, Eivind Aadland und Bjarte Engeset zusammen. Beim Abschlusskonzert des Bergen International Festival 2017 hatte er die Ehre, das Grieg Klavierkonzert mit dem Bergen Philharmonischen Orchester unter John Storgårds zu konzertieren.
Carr wurde 1988 in Bergen geboren. In seiner Jugend erhielt er wichtige musikalische Impulse von den Pianisten Jan Henrik Kayser, Håvard Gimse und Leif Ove Andsnes. Nach Studien am Barratt Due Institute of Music in Oslo mit dem tschechischen Pädagogen Jiri Hlinka setzte Carr seine Ausbildung mit Eldar Nebolsin an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler” in Berlin fort. Weitere künstlerische Anregungen erhielt er von Ferenc Rados und Rita Wagner.
Im Jahre 2014 veröffentlichte er sein Debutalbum mit Claves Records mit frühen Werken von Schumann, Brahms und Berg. Von Kritikern gerühmt erhielt das Album 5 Diapason, eine hohe Auszeichnung des französischen Magazins DIAPASON. Zudem nahm er für Naxos Werke von Liszt und Halfdan Cleve auf und veröffentlichte mit Avi-music Live-Aufnahmen vom Klavierfestival Ruhr.
Neben dem klassischen Repertoire – vor allem der Romantik und dem frühen 20. Jahrhundert – widmet sich Carr anderen Genres und arbeitet regelmäßig mit Jazz- und Folkmusikern zusammen. Er verfolgt den Anspruch, eigene Improvisationen in seine Konzertprogramme zu integrieren. Zudem ist er Mitglied des Glorvigen Tango Quartetts.
On the sensory and metaphysical realities of music
An essay in three parts (ENG) by Joachim Carr
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