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Den Basler Schriftsteller Wolfgang Bortlik lässt das Leiden der Protagonistin im Zweitling der Basler Schriftstellerin Zoë Jenny gänzlich kalt.
Die Hauptfigur von Zoë Jennys zweitem Roman, «Der Ruf des Muschelhorns», heisst Eliza. Vielleicht ist sie benannt nach der Eliza Doolittle aus dem Musical «My Fair Lady» oder dessen Vorlage, George Bernard Shaws Theaterstück «Pygmalion». Probleme der Muschelhorn-Eliza im Bereich Sprache und Kommunikation lassen diese Vermutung durchaus zu.
Mit dem Tod der geliebten Grossmutter, die sie nach dem Verschwinden der Mutter aufgezogen hat, verstummt Eliza. Der Henry Higgins in Zoë Jennys Roman heisst Rosenberg, ist Logopäde, unglücklich mit einer kalten Karrierefrau verheiratet und wird vom eigenen Sohn George verachtet. Rosenberg adoptiert die stumme Eliza offensichtlich wegen der therapeutischen Option. Doch deren Schweigen kann er erst durchbrechen, als sie sich einander im Bett nähern.
Der zu jener Zeit abwesende Sohn George hat auch seine liebe Mühe mit der Sexualität. Er begehrt die Mutter so sehr, dass er sie anfällt und dafür in der Klapsmühle verschwindet. Vorerst jedoch wird George der Seelenverwandte Elizas, und durch ihn lernt sie endlich Freunde kennen, eine Clique um den «Weisen» King Sor. Da ist vor allem Sue, die masslos um ihren toten Freund trauert, Eliza aber hilft, den Verlust von George zu überleben. Doch auch Sue geht bald neue Wege und lässt Eliza allein zurück.
Im Gegensatz zur «Fair Lady» fällt bei der Muschelhorn-Eliza die Emanzipation oder das Erringen einer persönlichen Autonomie ziemlich bescheiden aus. Sie begnügt sich mit erneutem Schweigen, einer Stelle als Gemüserüsterin im Flughafenrestaurant und ab und zu einem Ruf mit dem Muschelhorn. Ist es das, was man ein bescheidenes Glück nennt?
Vor zwei Jahren war «Das Blütenstaubzimmer», der Debütroman der damals 23-jährigen Zoë Jenny, die Überraschung der Saison. Die Geschichte der allein gelassenen Tochter eines getrennt lebenden Hippie-Paars traf den so genannten Zeitgeist, der gerade mit der 68er-Generation abrechnete, und schaffte bis jetzt gegen 100 000 verkaufte Exemplare. Dazu gab es Übersetzungen in 21 Sprachen, Preise und Ehrungen zuhauf und Rezensionen von allen Top Shots in den grossen Medien. Davon kann man als Mitglied der Zunft natürlich nur träumen. Mit einem solchen Erfolg im Rücken lässt sich frank und frei weiter schreiben: Der Verlag wartet gierig aufs neue Manuskript, das Publikum auf den Roman, und die Rezensenten scharren auch allenthalben.
Was soll diese Unkerei über den zweiten Roman als Nagelprobe des literarischen Talents? Im Musik-Business heisst es, dass der zweite Hit dem ersten möglichst ähneln muss, im Kunstgewerbe nennt man das ständige Recycling einer einzigen Idee den eigenen Stil.
In «Ruf des Muschelhorns» findet sich einiges aus dem «Blütenstaubzimmer»: von der getriebenen Hauptfigur bis hin zu Motiven wie dem der grausamen Mutter. Es ist eine komplexe Lebensgeschichte, poetisch gefiltert zu 120 Seiten. Es ist keine lustige Geschichte. Hier wird authentisch gelitten. Aber flott saust die Handlung dahin. Zu flott vielleicht.
Gerne wüsste man Näheres darüber, warum die Mütter Elizas und Georges ihre Kinder nicht mögen. Interessant wären auch Hinweise zu Figuren wie dem geheimnisvollen King Sor. Ist er etwa ein Verwandter von Hermann Hesses Klingsor? Nebenhandlungen eiern auch, weil zu wenig Platz da ist und sie in einer einzigen Einstellung, einem einzigen Bild gezeigt werden müssen. Der Tod von Georges Freund bei einem Töffunfall beispielsweise ist nicht die einzige Szene, die hart am Kitsch vorbeischrammt.
Daneben gibt es sehr dichte, atmosphärische Episoden: bei einem Modefotografen, der ausgerechnet für Frau Rosenberg eine Kampagne, «Mode zum Sterben schön», macht, auf einem Arbeitsamt, in einer Nervenklinik für Jugendliche – die in Wirklichkeit allerdings heute keine vergitterten Fenster mehr hat und keine Postzensur kennt. Immer dann, wenn die Hauptfigur Eliza aus sich heraus, ins Freie gehen muss, immer wenn die Aussenlandschaft abgebildet werden will, kommt Leben in die literarische Bude. Da stiehlt sich sogar kurz mal Ironie ins Buch.
Zoë Jenny will Erklärungen vermeiden, sie schafft Bilder in klaren, verständlichen Sätzen. Diese Bilder sind oft sehr stark: «Es klang, als wäre etwas Hartes in der Luft, das in Stücke brach.» Manchmal sind sie leider auch falsch, wenn vom «singenden Flüstern» die Rede ist oder wenn Rosenberg, hinter seiner Frau stehend, «die Arme wie Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks» auf deren Schultern hat. So ein breites Kreuz hat auch eine böse Mutter nicht!
Da müsste sich, das sei ruhig einmal erwähnt, eigentlich kurz vor Drucklegung das Verlagslektorat korrigierend einschalten. Als Autor ist man einfach zu verliebt ins eigenhändig geschaffene Bild und merkt nichts von der Schräglage.
In diesem Roman – wenn ich das so flott sagen darf – wird das psychologische Schatzkästchen sehr oft geöffnet. Archetypen noch und noch. Mythen, antik und modern. Die sieben Hengste und das Muschelhorn, Ödipus- und Elektrakomplex, Menstruationsblut, Tötungs- und Zeugungsfantasien, stumme Heilige, Motorradfahrten, bodenlange wehende Vorhänge, belebte Natur, der Ruf aus einer anderen Welt – alles Sachen, die nun wirklich schon ein bisschen abgegriffen sind vom vielen Gebrauch in der Literatur und im Kino.
Ach, genau das wollen die Leute immer wieder lesen?
Gut, dann sag ich auch schon nichts mehr. Ausser, dass ich leider gestehen muss, wie gänzlich kalt mich das stumme Leiden der Muschelhorn-Eliza lässt.
Bei ihr fehlt mir ab und zu ein kleines Aufmucken des Gedankenapparates, ein Hinweis dahingehend, dass der Mensch ein intelligentes, leidenschaftliches Wesen ist oder sein sollte. Diese regressive Verweigerung der Muschelhorn-Eliza ist reaktionäre Literatur. Eliza Doolittle, die innerlich und äusserlich über ihren Henry Higgins hinauswächst, ist mir da schon lieber.
Emanzipation, please come back!