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Das Krankheitsbild sollte nicht unterschätzt werden, sonst kann es tödlich enden.
ZAHLEN UND FAKTEN
Essstörungen sind schwere seelische Erkrankungen, die den Körper schädigen, manchmal lebensbedrohlich. Allen gemeinsam ist: Essen bestimmt das Leben der Betroffenen. Die beiden Hauptformen sind Anorexia nervosa, auch Magersucht genannt, und Bulimia nervosa, auch Bulimie oder Ess-Brech-Sucht genannt.
Unter Magersucht leiden etwa ein Prozent aller Deutschen, unter Bulimie bis zu zwei Prozent, unter unspezifischen Essstörungen bis zu 15 Prozent. Magersucht ist am häufigsten bei Mädchen im Alter von 14 Jahren, Bulimie bei Frauen zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr. Frauen sind zehnmal häufiger betroffen als Männer
URSACHEN/RISIKEN
Biologische Faktoren
Ein höheres Risiko haben Frauen, die normal essen, aber trotzdem überdurchschnittlich an Gewicht zunehmen – die eine frühe erste Regelblutung haben, die eine veränderte Wahrnehmung von Hunger und Sättigung haben, die mit chaotischem Essverhalten einhergeht.
Soziokulturelle Faktoren
Aktuelles Schönheitsideal (möglichst schlanke Modelmasse) als Vorbild; familiäre Faktoren: Kritik an Figur oder Gewicht, Vorbildfunktion der Eltern bezüglich Essverhalten und Diäten, gestörte Familieninteraktion wie Überbehütung oder Konfliktvermeidung.
Persönlichkeitsfaktoren
Individuell-persönliche Faktoren wie Gewicht und Körperproportionen; Enttäuschung oder soziale Isolation können Auslöser sein, ebenso wie psychische Konflikte und Probleme, etwa niedriges Selbstwertgefühl und instabile Stimmungslage. Zu den Hochrisikogruppen gehören: Models, Balletttänzerinnen, Sportlerinnen.
SYMPTOME
Magersucht
Absichtlicher Gewichtsverlust oder unzureichende Gewichtszunahme: Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unterhalb der Norm; auffälliges Essverhalten: extrem langsames Essen; Kauen und Ausspucken von Nahrungsmitteln; Essensrituale; Horten von Lebensmitteln; Gedanken, die ständig ums Essen kreisen; Vermeidung kalorienreicher Speisen, Beschränkung auf spezifische Lebensmittel bis hin zu fast vollständigem Nahrungsverzicht; exzessive Gewichtskontrollen, mehrmals tägliches Wiegen, extreme Angst vor Gewichtszunahme, gestörte Körperwahrnehmung; Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln und anderen Substanzen zur Gewichtsabnahme; exzessive Bewegung.
Soziale Isolation, Rückzug von Freunden, hungerabhängige depressive Verstimmung – mangelnde Krankheits- und Behandlungseinsicht.
Körperliche Folgen des Hungerns
Niedriger Blutdruck, Blutarmut, Elektrolytstörungen, Störungen von Organfunktionen und Hormonhaushalt (Herz- und Nierenschäden sowie ausbleibende Regelblutung), erhöhtes Risiko für Knochenbrüche –
Bulimie
Wiederholte Episoden von Essanfällen: zwei Anfälle pro Woche, die über mindestens drei Monate hinweg auftreten, dabei kommt es zu grosser Aufnahme kalorienreicher Nahrung – keine Kontrolle über das Essverhalten während der Essanfälle. Selbst hervorgerufenes Erbrechen nach den Heisshungerattacken, Missbrauch von Abführ- und Entwässerungsmitteln; strenge Diät, Fastenphasen; übermässige körperliche Betätigung zur Vermeidung einer Gewichtszunahme.
Generelle Alarmzeichen für Essstörungen
Tag beginnt mit bangem Blick auf die Waage, Kalorienzahl aller Lebensmittel auswendig wissen und über den Tag zusammenzählen; die Gedanken kreisen nur darum, was und wie viel man essen darf, ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse; Traumvorstellung: »Wenn ich erst einmal richtig schlank bin, dann…«
DIAGNOSTIK
- ärztliches Gespräch, körperliche und neurologische Untersuchung
- psychologische Testverfahren Beobachtung des Essverhaltens, zum Beispiel mittels Ernährungstagebuch oder -protokoll Blutuntersuchungen
- weitere Diagnostik entsprechend der Symptomatik, etwa EKG bei Herzproblemen, Computertomografie des Gehirns bei neurologischen Auffälligkeiten
THERAPIE
Eine nachgewiesene Wirksamkeit bei Essstörungen hat die sogenannte Kognitiv-Behaviorale Therapie inklusive Ernährungs- und Familientherapie.
Ziele
- Wiederherstellung eines gesunden Gewichtes – Behandlung körperlicher Komplikationen
- Erlernen eines normalen Essverhaltens, Informierung und Schulung von Betroffenen und Angehörigen hinsichtlich Krankheit und Ernährung – Psychotherapie der krankheitsspezifischen und begleitenden Störungen
- Entwicklung eines angemessenen Selbstwertgefühls – Familienberatung, -unterstützung und -therapie, Bearbeitung von Konflikten
- Aufbau sozialer Kompetenzen, etwa Abgrenzungs- und Konfliktfähigkeit; Übertragung der erworbenen Fertigkeiten auf die Alltagssituation
Medikamente unterstützend zur Psychotherapie
Sogenannte Neuroleptika können bei schwer ausgeprägter Störung, Hyperaktivität oder geringer Therapietreue helfen; Antidepressiva sind angezeigt bei Depression oder Zwang. Zusätzlich sinnvoll: Entspannungsübungen, Ergotherapie, Psychomotorisches Training
HEILUNGSCHANCEN
Die Prognose ist von der Schwere und der Dauer der Symptome sowie dem Therapieverlauf abhängig. Die Zahlen variieren sehr stark, aufgrund der zahlreichen individuellen Faktoren.
Achtung, Essstörungen sind keineswegs harmlose Störungen. Menschen mit chronischer Magersucht zum Beispiel haben ein viermal höheres Sterblichkeitsrisiko im Vergleich zu Gesunden gleichen Alters und Geschlechts.
Autorin: Ragnhild Schweitzer; Experin: Beate Kentner-Figura