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Es ist ja so: Wenn man als kleines Kind Klavierunterricht besucht, stehen Notenlesen, Fingerübungen, Auswendiglernen und Etüden studieren im Vordergrund. Begriffe wie Akkorde, Umkehrungen, Voicings oder Stufen erhalten erst spät, oder auch gar nie, einen Stellenwert. Lieber noch und nöcher Bach und Beethoven büffeln und Note für Note auswendig lernen, statt die Grundlagen zu begreifen, auf denen sämtliche Inspiration dieser Altmeister beruhen. Aber lassen wir die Polemik all den (teilweise zu Recht frustrierten) Klavierlehrer- und Lehrerinnen gegenüber. Die machen einen guten Job.
Als ich zum ersten Mal ein E-Piano statt eines akustischen Klaviers und ein Leadsheet anstelle eines Notensystems mit Violin- und Bassschlüssel vor mir hatte, war ich überfordert. Das ist verständlich und niemandem übel zu nehmen. Ausser vielleicht den Klavierlehrern. Aber wie schon erwähnt – die machen einen guten Job!
Mit jedem Instrument, das seine eigenen Charakteristika in ein Bandgefüge einbringt, muss das Allrounderinstrument, das Klavier, weniger musikalische Aspekte kompensieren. Begleite ich alleine eine ganze Gemeinde, dann übernimmt meine linke Hand die tiefen Basstöne und den Rhythmus eines Schlagzeugs, das den Takt angibt. Meine rechte Hand spielt häufig den mehrstimmigen Chorsatz. Oft kommt die eine oder andere Oktave dazu, und in den Singpausen wird ein virtuoser Schlenker eingefügt - sämtliche Harmonie- und Soloinstrumente wie z.B. Gitarren werden also auch kompensiert. Wenn jedoch die anderen Instrumente effektiv vorhanden sind, muss ein Klavier diese Aspekte nicht mehr kompensieren. Die Töne von C0 bis C2 werden hauptsächlich in Ruhe gelassen, sie gehören dem Bass. In einen pumpenden 4/4tel Rhythmus wird ausschliesslich in den dynamisch hochgefahrenen Songteilen, wie z.B. dem Chorus oder der Bridge eingestiegen - alles andere übernehmen die Rhythmus-Gitarren oder das Schlagzeug. Irgendwelche Schlenker in den oberen Register müssen dezent eingesetzt und mit den Vokalisten gut abgesprochen werden, damit ich ihnen mit ihren Ad-Lips nicht in die Quere komme. Das Resultat: Mit einer Band bin ich mit meinen schwarzweissen Tasten weitaus weniger beschäftigt, als wenn ich alleine wäre. Gut möglich, dass ich nur auf den Akkordwechsel spiele! (Ja ich war auch geschockt, als ich das zum ersten Mal hörte!) Also ein Appell an die Keyboarder und an alle, die es werden wollen: Manchmal ist weniger mehr, und in eurem Fall sogar etwas häufiger als nur manchmal! Da fragen sich viele - da wird mir ja langweilig! Wohin nur mit all meiner Energie und Kreativität? Nun - es gibt ja die ganzen Fragen bezüglich Sounds und Effekten, aber - das wäre Stoff für einen weiteren Artikel.
- Mike Scheuzger -
Mike ist ein sehr talentierter Musiker, Theologiestudent, mit dem man es immer lustig hat. Er ist sehr engagiert, unter anderem im O-Zwei (Prisma Rapperswil) und in der Equipers-Church Zürich (als Praktikant von Dän Zeltner). Neben seinem wunderbaren Piano spielen, ist er eigentlich ein E-Gitarrist, der auch A-Gitarre, Bass und Schlagzeug spielen kann. Neben all dem schreibt Mike auch noch eigene Lieder. Es ist ein Privileg mit diesem Mann Gottes vorwärtszugehen.