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Irena Sgier, EP 1/2020
Gemäss Picon (1991) hat Bildung grundsätzlich drei mögliche (politische) Optionen: Sie kann darauf abzielen, die bestehende Ordnung zu unterstützen und zu erhalten, sie kann partielle gesellschaftliche Reformen und Verbesserungen anstreben oder auf eine radikale strukturelle Transformation hinarbeiten. Verkürzt gesagt, lauten die Optionen also Bewahren, Reformieren oder Revolutionieren. Jyri Manninen (2019) bezeichnet im Rückgriff auf diesen Ansatz die allgemeine Erwachsenenbildung als mehrheitlich adaptiv, also systemerhaltend. Dasselbe gelte für die Förderung von Grundkompetenzen. Bildung aus den Bereichen Citizenship Education oder Community Education kann aus seiner Sicht hingegen zu gesellschaftlichen Veränderungen führen, wenn auch meist nur im Sinn von Reformen, die da und dort Verbesserungen bewirken. Tiefergehende, strukturelle Transformationen sind gemäss diesem Modell nur der radikalen Erwachsenenbildung zuzutrauen (vgl. Manninen, Jetsu, Sgier 2019, S. 23).
Im Rahmen des internationalen Projektes FutureLabAE wurden in sechs europäischen Ländern Beispiele von Bildungsangeboten zusammengetragen, die den Anspruch vertreten, über das Individuelle hinausgehende, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Die gesammelten Beispiele stammen aus Belgien, Frankreich, Finnland, Irland, Portugal, Österreich, der Slowakei und der Schweiz. Thematisch stehen Digitalisierung und Demokratie im Zentrum.
Adaptieren, optimieren, transformieren?
Der aktuelle Diskurs zu gesellschaftlichen Veränderungen kreist vorwiegend um die Digitalisierung. Mit Blick auf die Weiterbildung dominiert die Forderung, der Bevölkerung die Kompetenzen für das Leben und Arbeiten – oder das reibungslose Funktionieren – in einer digitalisierten Welt zu vermitteln. Mit Picon gedacht, weist man damit der Weiterbildung eine klar adaptive Rolle zu. Dies gilt nicht nur für politische und mediale Diskurse, es entspricht insgesamt wohl auch der Selbstwahrnehmung dieses Bildungsbereichs. Ein gewisser Anspruch, Gesellschaften mitzugestalten und zu verändern, dürfte in vielen Bereichen aber dennoch vorhanden sein.
In der Praxis dürfte es sich eher um ein Kontinuum handeln als um drei klar unterscheidbare Positionen. Vielleicht lässt es sich so fassen: Wer den Umgang mit digitalen Technologien lehrt, um die Arbeitsmarktfähigkeit seiner Zielgruppe zu sichern, stellt das System eher nicht in Frage. Wer den Teilnehmern eine kritische Sicht auf die digitalen Spuren und Daten vermittelt, die sie im Internet hinterlassen, kommt dem Anspruch einer Veränderung des bestehenden Systems schon näher. Von einer radikalen strukturellen Transformation wäre aber erst die Rede, wenn Bildung darauf abzielte, die grundlegenden Spielregeln der Digitalisierung zu verstehen und zu ändern. Beispiele dafür wären etwa Projekte, die die Macht globaler Konzerne hinterfragen und neue Formen von Selbstbestimmung und digitaler Partizipation ermöglichen würden. Zu berücksichtigen wäre in jedem Fall die Frage, wer die angestrebte Veränderung definiert und auf welchen Werten diese beruht.
Anspruch und Wirklichkeit
Im Rahmen von FutureLabAE wurde nach Bildungsangeboten gesucht, die Veränderungen in einem konkreten sozialen Umfeld oder in der ganzen Gesellschaft anstreben. Eine systematische Analyse konnte in diesem Rahmen nicht geleistet werden; es wurden jedoch zahlreiche Projekte, Programme und Websites gesichtet, bei denen «change-oriented adult learning» vermutet werden kann, vom digitalen Game über die etablierte Volkshochschule bis zur selbstorganisierten Plattform.
Resultat dieser Analyse ist, dass nur wenige Bildungsangebote den Anspruch haben, grundlegende strukturelle Veränderungen anzustossen. Die explorative Analyse umfasst rund 100 Beispiele, wovon schliesslich 60 als «change-oriented» eingestuft wurden. Der Grossteil dieser Beispiele zielt auf partielle Verbesserungen durch kritisches Denken und mehr Selbstbestimmung. Im Bereich Digitalisierung sind dies beispielsweise Kurse zur kritischen Auseinandersetzung mit Fake News oder Einblicke in die digitale Unterwelt. Ein Beispiel dafür ist das digitale Spiel «Bad News».
Bei Angeboten zum Thema Demokratie stehen insbesondere Partizipation und Inklusion im Vordergrund. Hier spielen dialogisch angelegte Formate eine wesentliche Rolle. Ein Beispiel aus der Schweiz ist die vom Think Tank foraus entwickelte Methode «Policy Kitchen»; als Kombination aus Workshops und offener Onlineplattform bietet dieser Ansatz ein kollaboratives Format, um Ideen und Empfehlungen für die schweizerische Aussenpolitik zu entwickeln.
Umfrage
Wie soll ein Online-Kurs aussehen, der Veränderungen in den Themen Digitalisierung und Demokratie anstossen kann? Welche Inhalte soll er behandeln?
Legen Sie mit Ihrer Teilnahme die Basis, für die Erarbeitung eines Kurses im Rahmen der Projektes:
zur Umfrage (Englisch, bis 5.3.2020)
Fazit
Wie gross der Anspruch auf Veränderung in der Praxis ist, lässt sich im Rahmen einer solchen explorativen Analyse nicht immer klar erkennen. Noch schwieriger feststellbar ist, inwiefern der Anspruch tatsächlich eingelöst wird. Einige, noch vorläufige Schlüsse können dennoch gezogen werden:
Die erfassten Angebote greifen die aktuell grössten gesellschaftlichen Herausforderungen auf. Die drei häufigsten grossen Themenkomplexe sind Chancengleichheit, Umwelt und Nachhaltigkeit, digitale Sicherheit und Ethik. Theoretische Bezüge zu Ansätzen wie dem transformativen Lernen, dem expansivem Lernen oder etwa kritischer Theorie kommen in den Materialien selten explizit vor. In einigen Fällen wird das Konzept «Bildung für Nachhaltige Entwicklung» als Basis erwähnt, wobei das Konzept eher als vage Orientierung denn als differenzierter Bezugsrahmen zum Tragen kommt.
Bezüglich Methoden scheint es in den untersuchten Fällen eine Präferenz für dialogische, partizipative und kollaborative Ansätze zu geben. Den Erwachsenenbildnern und Kursleiterinnen mangelt es aber neben theoretischem Wissen oft an Wissen darüber, welche Methoden sich besonders für veränderungsbezogene Bildungsarbeit eignen und wie sie auf dieses Ziel hin einzusetzen wären.
Der Anspruch, kritische Fragen zu stellen, Selbstbestimmung oder demokratische Werte zu fördern und damit Gesellschaften zu verändern, war immer schon Teil der Erwachsenenbildung. Viel Raum wird diesem Anspruch zurzeit aber nicht gegeben – in keinem der untersuchten Länder. Der Bedarf aber wäre durchaus vorhanden, nicht nur mit Blick auf den Klimawandel und in den Nischen der politischen oder kulturellen Bildung, sondern durchaus auch in der berufsorientierten, auf den Arbeitsmarkt ausgerichteten Weiterbildung.
Literatur
- Manninen, Jyri; Jetsu, Anna; Sgier, Irena (2019): Changeoriented Adult Education in the Fiels of Democracy and Digitalization
- Picon, C. (1991). Adult education and popular education in the context of state and NGOs. Convergence, 24(1/2).