Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/1164

Zur Erstbesteigung des Weissmies
Mit 3 Bildern ( 146—148Von Walter Bernoulli-Leupold
Gewidmet dem Andenken an Dr. Heinrich Dübi ( Basel ) Über die erste Besteigung des Weissmies ( 4023 m ) sagt Marcel Kurz * « La première ascension connue est celle du docteur Hausser de Bâle, en août 1855 ( Studer, II, 341 ). Les renseignements font complètement défaut. Des détails sur cette ascension seraient plus intéressants qu' une nouvelle variante au Weissmies... » Die zitierte Stelle bezieht sich auf den von Dr. H. Dübi bearbeiteten Abschnitt der zweiten Auflage von Gottlieb Studers « Über Eis und Schnee » ( 1898 ), wo es heisst: « Die Spitze des Weissmies wurde zuerst im August des Jahres 1855 von einem Schweizer, Herrn Dr. Hausser aus Basel, erstiegen. Nähere Angaben fehlen. » Die erste Mitteilung von einer Besteigung des Berges findet sich 1859 in dem Aufsatz von E. L. Arnes 2, dem Erstersteiger des Laquin- und Allalin-hornes im Jahre 1856: « A more interesting expedition, perhaps, than either of these would be the ascent of the Weissmies, which probably commands much the same view as the Laquinhorn, but is several hundred feet higher, and covered, on the northern side at least, with splendid snowfields. A Swiss tourist, indignant that all enterprise should be monopolised by the English, and determined to do something for the honour of his country, once succeeded in reaching the summit, but I could not hear of any other ascent having been made. » Zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen der Sektion Basel des SAC ging ich den Basler Bergsteigern nach, die vor der Gründung des SAC Pionierarbeit in den Alpen geleistet haben. Ich suchte damals vergeblich in den alten Mitgliederverzeichnissen unsrer Sektion nach einem « Dr. Hausser aus Basel »; die Listen des Kontrollbureaus der Fünfziger jähre wussten ebensowenig von ihm wie die Basler Adressbücher jener Zeit. Nun fand ich in der ersten Auflage des Studerschen Werkes 3 ( 1870 ) die von der zweiten Auflage abweichende Angabe « Dr. Hausser von Zürich » und schrieb dem hochverdienten Dr. Heinrich Dübi in Bern, dass die erste Auflage nach meiner Vermutung die richtige Angabe enthalte. Er antwortete 4, es handle sich offenbar um einen Irrtum seinerseits, dessen Grund er sich freilich nicht erklären könne, und er vermute, die Schreibweise Hausser sei wohl eine willkürliche Änderung für Heusser; es käme vielleicht Dr. phil. Christian Heusser ( 1826-1909 ) in Betracht5, Privatdozent für Mineralogie in Zürich ( 1853 ) und Verfasser der Schrift « Das Erdbeben im Visperthal vom Jahr 1855 ». Der Umstand, dass Dr. Heusser Ende 1856 in offizieller Mission nach Südamerika ging und sich dort dauernd niederliess, erkläre es, dass seine alpine Grosstat unbeachtet blieb. Diese Vermutung habe ich 1938 bekanntgegeben 6.
1 Alle Anmerkungen am Schluss, Seiten 341/342. Aus dem Jahresbericht der SAC-Sektion Basel, 1950.
Die von Dr. Chr. Heusser schon im September 1855 zur Hauptsache abgeschlossene Abhandlung « Das Erdbeben im Visperthal»7 enthält keinen direkten Hinweis auf eine Weissmiesbesteigung; doch brachte mich der darin vorkommende Satz: « Ich habe mich selbst überzeugt, wie im Saasthal nach der Mitte des August noch einzelne Punkte unter Schnee lagen, die im Sommer vorher schon Ende Juli schneefrei waren », zur Gewissheit, auf die richtige Spur gewiesen worden zu sein. Dr. Dübi, der auf meine Bitte hin die Studer-Korrespondenz der Sektion Bern des SAC nachgesehen hatte, berichtete mir 8, es liessen sich daraus keine Beweise für diese Besteigung beibringen, doch wolle er das vorläufige Resultat für seine in Vorbereitung befindlichen « Alpinen Studien » verwenden. Meines Wissens kam er leider nicht mehr zu dieser Publikation, und die Weissmiesakten blieben vorläufig geschlossen.
Die Frage wurde wieder aufgegriffen durch Mr. J. Sanseverino in London, Mitglied des AC und der Sektion St. Gallen des SAC. Dieser hatte sich im Frühjahr 1950 an meinen Freund, Dr. W. Rütimeyer, SAC Basel, gewandt 9 mit der Bitte, Näheres über « the mysterious Dr. Hausser of Basle » ausfindig zu machen; neuere Untersuchungen hätten ergeben, seine Führer am Weissmies seien wahrscheinlich Franz Andermatten ( richtige Schreibweise: Andenmatten ) und Peter Venetz gewesen. In einem Schreiben an Marcel Kurz 10, von dem mir Sanseverino freundlicherweise Kenntnis gab, beruft er sich für diese Vermutung auf Jahrbuch SAC II, 537-8. Da nach seiner Ansicht Erstbesteigungen nur denen gutgeschrieben werden, die sich die Mühe nehmen, sie zu registrieren, schlägt er für den Walliserführer folgenden Text vor: « First ascent attributed to a Dr. Hausser with, probably, Franz Andenmatten and Peter Venetz in August, 1855; for certain by L. Stephen and T. W. Hinchliff an 27th August, 1859. » Damit wäre die Erstersteigung des Weissmies durch einen Schweizer zwar nicht direkt in Zweifel gezogen, jedoch, weil ungenügend registriert, nicht mehr vollgültig anerkannt gewesen. Dies veranlasste mich, nachzuforschen, ob sich nicht irgendwo ein klarer Beweis für unsere Vermutung finden liesse. Auf der Basler Universitätsbibliothek konnte ich feststellen, dass Dr. J. Christian Heusser 1851 in Berlin mit einer lateinisch geschriebenen, mineralogischen Dissertation doktoriert und in den folgenden Jahren in verschiedenen Fachschriften mineralogisch-wissenschaftliche Arbeiten publiziert hat. Unsere Sektionsbibliothek besitzt sogar den Separatabdruck einer Abhandlung Heussers über « Die Mineralien des Binnen- und Saasthales » ( 1855 ) ", worin ich den gesuchten Beweis fand. Als Stütze für meine Schlussfolgerungen dienen einige Stellen aus dieser Publikation:
« Das erste Thal, das ich besuchte, ist das Binnenthal. Von dem Dörfchen Imfeid aus machte ich alle Tage meine Excursionen, begleitet und geführt von August Tenisch 12, einem Manne, der seit längerer Zeit die Mineralien des Thales sammelt und verkauft; der mich aber trotzdem ohne Rückhalt und mit anerkennenswerter Uneigennützigkeit alle ihm bekannten Fundorte von Mineralien kennen lehrte und mir zugleich an gefährlichen Stellen ein sicherer Führer war...
Mein Führer zu den Mineralien des Saasthales war Herr Notar Zurbrüggen in Tammatten, der Pflanzen wie Mineralien des Saasthales so genau kennt, wie kaum ein anderer, und der mir die Fundorte jener mit derselben Bereitwilligkeit zeigte, wie mein Führer in Binnen... Den Anfang im Saasthale will ich machen mit dem Bergrücken, der das Saasthal östlich begrenzt... Das Gestein dieses östlichen Rückens ist Gneis, der kaum von einem andern Gestein unterbrochen ist. Auf diesem Gneis nun findet sich am Grundberge, etwa zwei bis drei Stunden oberhalb Saas auf einer Schutthalde von lauter kleinen zerbröckelten Stücken in grosser Menge ein schwärzlich grünes Mineral... Ohne Zweifel ist das Mineral... Chloritoïd... ( Seite 439 ). Ich fand diesen Chloritoïd zufällig beim Besteigen des Weissmies-Horns, und es ist derselbe das einzige Bemerkenswerthe, was sich bei diesem Unternehmen ergab; weiter oben, so weit das Gestein vom Schnee frei ist, kommt rein nichts vor als ein gewöhnlicher Gneis... ( Seite 440 ).
Die interessanteste und reichste Partie des Saasthales ist nun aber der südöstliche Abhang des Mittaghornes und Eginer, zunächst das sogenannte Meiggernthal, eine Schlucht, die sich zwischen Mittaghorn und Eginer nach Zermeiggern herunterzieht, und dann die Felswände des Eginer selbst bis zu dem Gletscher hin, der vom Allelinhorn herunter kommt. Unstreitig ist übrigens diese Partie von allen bisher beschriebenen am schwierigsten und nicht ganz ohne Gefahr zu erreichen. Der Eginer besteht nicht mehr aus Gneis, sondern aus grünen Schiefern, in denen nun die prächtigsten Mineralien aus-krystallisiert sind... In demselben Gestein finden sich ferner hoch oben am Eginer die prächtigsten Feldspath-, Albit- und Bergkrystalle, und zwar theils in kleinen Höhlen, theils an den kahlen Felswänden in solcher Masse und Pracht, wie ich noch nichts Aehnliches gesehen habe. Die Schwierigkeit der Lage ( man kann nämlich kaum stehen, ohne sich mit der einen Hand zu halten ) hinderte mich, die schönsten Exemplare oder grössere Stufen davon abzuschlagen. » In seiner Studie « Das Erdbeben im Visperthal vom Jahr 1855»7 berichtet Dr. Heusser, er habe sich in der zweiten Hälfte des August etwa 14 Tage im Vispertal aufgehalten und dabei auch Zermatt besucht: « Ich bin auf dem Findelen- und Gornergletscher Tage lang herumgestreift, ohne die mindesten neuen Spalten oder andere Spuren des Erdbebens zu finden. Auch sagte mir mein Führer, Joh. Perren 13, ein Mineraliensammler von Zermatt, ganz naiv, er hätte gehofft, der ,Erdbidem'habe doch wenigstens Eine gute Folge gehabt, nämlich durch Sprengen und Herunterrutschen des Gletschers Mineralien ans Tageslicht zu fördern, und sich deswegen gleich in den letzten Tagen des Juli auf den Gletscher begeben und eifrig nachgesucht, aber leider gar nichts gefunden. » ( Seiten 17-18. ) Diese Zitate beweisen, dass der von Gottlieb Studer 1870 genannte Erstersteiger « der Spitze des Weissmies, Dr. Hausser von Zürich im August 1855 » tatsächlich der Mineraloge Dr. J. Christian Heusser von Zürich gewesen ist, und dass er diese Besteigung und andere Begehungen von Gletschern und von schwierigem Felsgelände in der zweiten Hälfte des August 1855 durchgeführt hat, und zwar in erster Linie aus wissenschaftlichem Interesse bei der mineralogischen Erforschung des Gebietes und nicht, wie E. L. Ames wohl aus seiner eigenen Einstellung heraus meint, « um etwas für die Ehre seines Landes zu tun ». Die angeführten Stellen beweisen ferner, dass Dr. Heusser im Binnen-, Saaser- und Zermattertale jeweils nur einen einheimischen Begleiter, den besten Kenner der Mineralien seines Tales, als Führer benützt hat.
Wer war nun aber « Herr Notar Zurbrüggen », sein Führer im Saastal? Auf meine Anfrage hin schrieb mir Herr Albin Ruppen 14, Lehrer in Saas-Grund, dieser sei der Verfasser des naturhistorischen Teiles der Talchronik von 1851 15. Die folgende Stelle im Abschnitt « Naturhistorisches » zeigt, dass « Notar Zurbriggen » — eine nähere Bezeichnung fehlt hier — neben seinem naturkundlichen Wissen auch einen Sinn für die Schönheit der Berge besass: « Wenn man aber für den Wanderer im Innern des Saasthals etwas Merkwürdiges darstellen kann, so ist es zweifelsohne der sublime Aspekt des amphitheatralischen Feegletscherthals und der dabei hochthürmende dreizackige Dom. Dieser Aspekt, wie er nur selten in dieser Schönheit sich zeigt, bot schon manchem Auge ein unvergleichlich ergötzendes Entzücken dar. » Doch welcher Notar Zurbriggen hat dies geschrieben? Die Talchronik nennt im Abschnitt « Weltliche Herren » zwei Notare dieses Namens, einen Alois und einen Peter Joseph ( Seiten 183 und 184 ). Auf meine erneute Anfrage konnte Lehrer Ruppen feststellen 16, dass Notar Alois Zurbriggen Präsident und Bürger von Saas-Balen gewesen sei, dass dagegen Notar Peter Joseph Zurbriggen in Tamatten gewohnt habe, das eine Viertelstunde von Saas-Grund entfernt liegt. Somit ist erwiesen, dass Herr Notar Peter Joseph Zurbriggen in Tamatten der Begleiter Dr. Christian Heussers gewesen ist.
Zusammenfassend lassen sich meine Darlegungen so formulieren:
Erste Besteigung des Weissmies ( 4023 m ) durch Dr. J. Christian Heusser von Zürich in Begleitung von Notar Peter Joseph Zurbriggen von Saas-Tamatten in der zweiten Hälfte des August 1855.
Diesem Befund steht nun aber die Vermutung Sanseverinos gegenüber. Sie stützt sich auf folgende Angaben in der für das Jahrbuch des SAC von 1865 von Dr. Abraham Roth in Bern zusammengestellten Liste der tüchtigsten Gletscherführer und ihrer Leistungen 17: « Franz Andenmatten... Weissmies, dreimal, erste Ersteigung... Peter Jos. Vannetz... Weissmies, erste Ersteigung. » Neben seinem Begleiter Zurbriggen müsste Dr. Heusser für seine Erstbesteigung auch noch die Führer Andenmatten und Venetz engagiert haben. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass der junge Privatdozent sich den Luxus von drei Führern geleistet hätte! Hält diese Annahme auch einer objektiven Prüfung stand?
Einleitend spricht Dr. A. Roth sein Bedauern darüber aus, dass ihm die Angaben über die Walliser Führer nicht direkt, sondern durch Iwan von Tschudi zugekommen seien. Dieser hochverdiente Mann, vorher Mitglied des CC des SAC, betont im Vorwort zu seinem « Schweizerführer»18, seine Angaben beruhten zum grossen Teil auf Originalmitteilungen der hervorragendsten Bergsteiger, auch von mehreren der ersten Walliser Führer. Und doch hat er beispielsweise durch sein Reisetaschenbuch, Ausgabe 1869, den Irrtum « Dr. Hausser von Basel » in die alpine Literatur getragen!
Im Jahrbuch VI des SAC ( 1869 ) hat Prof. Melchior Ulrich als Zentralpräsident in der Jahreschronik die Fahrten im damaligen Exkursionsgebiet chronologisch zusammengestellt und dabei gesagt 19, etwas Näheres sei « über die Ersteigung des Weissmies, die von Herrn Dr. Hausser im August 1855 bewerkstelligt wurde », nicht bekannt, unter Hinweis auf Tschudis Schweizerführer. Er fährt fort: « Bis zu diesem Jahre waren es bloss Schweizer, die diese Entdeckungsreisen auf dem Saasgrate und der Fletschhornkette machten. Erst nach und nach drang die Kunde in weitere Kreise, und mit dem Jahre 1856 treten die Engländer in die Reihe. In diese Zeit fallen wohl auch die ersten Ersteigungen des Alphubeljoches mit dem Alphubel, des Rimpfischhornes und des Strahlhornes. Ohne anders wird wohl Franz Andermatten in Saas der erste gewesen sein, der diese Expeditionen ausführte, da er auch bei den früheren Unternehmungen beteiligt war, und er nach Jahrbuch II darauf Anspruch macht. Indessen wollen auch Melchior Anderegg, Johann Peter Perren, Johannes Kronig und Peter Joseph Vannez an dieser Ehre Theil haben. Sie mögen es miteinander ausmachen. » Offenbar traut Prof. Ulrich diesen Angaben im Jahrbuch II nicht recht! Tatsächlich sind sie nach dem « Guide des Alpes Valaisannes » zum Teil unrichtig: Franz Andenmatten war bei der Erstbesteigung des Alphubels 20 am 9. B. 1860 nicht dabei; ebensowenig war Johannes Kronig Teilnehmer bei der ersten Überschreitung des Alphubelpasses 21 oder -Joches am 13. 6. 1861. Nach diesen Feststellungen muss die Teilnahme von Franz Andenmatten und Peter Joseph Venetz bei der Erstbesteigung des Weissmies, weil ungenügend dokumentiert, in sicher sehr berechtigten Zweifel gezogen werden.
Auch der Umstand, dass E. L. Ames in der anfangs erwähnten Beschreibung der Erstersteigung des Laquinhorns von 1856 2, bei der Franz Andenmatten führte, die Erstersteigung der Spitze des Weissmies durch einen Schweizer Touristen zwar ausdrücklich anerkennt, von Franz Andenmatten aber schweigt, spricht ebenfalls nicht für seine Mitwirkung. Und weder Cun-ninghams und Abneys Standardwerk « The Pioneers of the Alps » ( 1888 ) noch Carl Eggers « Pioniere der Alpen » ( 1946 ), die über die bedeutendsten Bergführer sonst erschöpfend Auskunft geben, führen das Weissmies unter Franz Andenmattens Erstlingstouren an.
Es wäre jedoch möglich, dass F. Andenmatten und P. J. Venetz 1859 an der zweiten Besteigung des Weissmies durch L. Stephen und T. W. Hinchliff teilgenommen hätten. Eine kurze Routenbeschreibung aus der Feder Stephens findet sich in John Balls « Guide to the Western Alps » ( 1863 ); Tschudi und Studer stützen sich auf sie. Die'englischen Bergsteiger pflegten zu dieser Zeit bei grösseren Unternehmungen nicht ohne Führer zu gehen. Wenn sich irgendwo ein Tourenbericht dieser Herren oder eine Notiz in einem Führer- oder Fremdenbuch fände, so könnte die Rolle dieser beiden Führer wohl geklärt werden. Vorläufig muss aber ihre Beteiligung bei der Erstbesteigung des Weissmies als nicht nachgewiesen und unwahrscheinlich angesehen und ihre Teilnahme bei der zweiten Besteigung offen gelassen werden. Aus dem Fehlen eines Tourenberichtes dürfte jedoch geschlossen werden, dass die Engländer sich nicht selbst als Erstbesteiger dieses Viertausenders betrachtet haben. John Ball 22 hatte die Herren des eben gegründeten, unter seiner Leitung stehenden Alpine Club im Anschluss an den Aufsatz von Ames nachdrücklich auf die Höhe und Bedeutung des Weissmies hingewiesen, und Leslie Stephen, der schon damals als einer der ersten Schriftsteller der Alpen galt, hätte in diesem Falle kaum geschwiegen.
Ich halte es auch für sehr unwahrscheinlich, einen Tourenbericht Dr. Heussers zu entdecken und damit dem Wunsch von Marcel Kurz nachzukommen, der in dem Gedanken ausgesprochen ist, dass Einzelheiten über die Erstbesteigung des Weissmies interessanter wären als eine neue Variante auf diesen Berg. In der Zentralbibliothek in Zürich, wo mir unser Clubmitglied Bibliothekar Dr. P. Sieber behilflich war, sind keine Manuskripte Dr. Chr. Heussers vorhanden, und in seinen wissenschaftlichen Abhandlungen fand ich keinen weiteren Hinweis auf diese Besteigung. In den einschlägigen Jahrgängen der « Neuen Zürcher Zeitung » ( 1855-1857 ) findet sich nur ein Feuilleton über seine Fahrt nach Brasilien. Die Schweizerische Landesbibliothek und die Stadtbibliothek in Bern besitzen, wie ich dort feststellen musste, keine Walliser Zeitungen aus jenen Jahren. Der « Courrier du Valais » und die « Gazette du Valais » von 1855 und 1856, die mir die Universitätsbibliothek Basel von Sitten kommen liess, enthalten ebenfalls nichts. Mündliche wie schriftliche Erkundigung bei Amtspersonen und Führerveteranen im Saasertal 23 durch Dr. W. Rütimeyer und den Verfasser zeigten, dass dort nichts über die Erstbesteigung des Weissmies bekannt ist. Meine Nachfrage bei der Familie Heusser war ebenso erfolglos. Rechtsanwalt Theodor Heusser in Zürich schrieb mir 24, in der Familie sei nie von dieser Bergtour seines Grossonkels gesprochen worden, und dessen Freund Claraz hätte sie ihm gegenüber nie erwähnt. Christian Heusser habe, wie seine Mutter, die Gewohnheit gehabt, Handgeschriebenes zu vernichten.
Über die Persönlichkeit und den Lebensgang Dr. Jakob Christian Heussers ( 1826-1909 ) sind wir jedoch genau unterrichtet 25. Er wurde geboren in Hirzel als Sohn des Landarztes Dr. Jakob Heusser und der unter dem Namen Meta Heusser bekannten christlichen Dichterin. Seine um ein Jahr jüngere Schwester war Johanna Spyri, deren Bücher wir als Kinder geliebt haben. In seinen Studienjahren wurde er Schüler des Mineralogen Prof. Weiss in Berlin, des Schöpfers der mathematischen Kristallographie. Dort doktorierte er 1851, habilitierte sich 1853 in Zürich und las dann als Privatdozent über Mineralogie, Kristallographie, Meteorologie und physikalische Geographie. Er hoffte, bei der Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums eine Professur zu erhalten. Trotzdem der Schweizerische Schulrat auf die Empfehlung Prof. Bernhard Studers in Bern sich dahin geeinigt hatte, für Geologie Arnold Escher von der Linth, für Paläontologie Prof. Ludwig Rütimeyer in Bern und für Mineralogie Dr. Christian Heusser vorzuschlagen, lehnte der Bundesrat diese Nominationen ab, u.a. weil Rütimeyer und Heusser sich über ihre Eignung noch nicht genugsam ausgewiesen hätten. Rütimeyer ist dann zum Glück später nach Basel berufen worden und hat an der Universität wie in unsrer SAC-Sektion eine führende Rolle gespielt. An die Stelle von Dr. Heusser kam 1856 « als Kraft ersten Ranges » der Breslauer G. A. Kenngott ( 1818 bis 1897 ). Dabei spielten auch parteipolitische Intrigen mit.
Auf Veranlassung des mit ihm befreundeten nachmaligen Bundesrates Jakob Dubs entschloss sich Heusser, als Inspizient im Auftrag des Bundesrates die Schweizersiedlungen in Brasilien zu besuchen. In jenen Jahren lag das Auswanderungsfieber ohnehin in der Luft, und so reiste Heusser im Dezember 1856 nach Südamerika ab. Gottfried Keller widmete ihm das « Abschiedslied an einen auswandernden Freund », das so beginnt:
Von Berg und grünen Weiden Steigt nieder der Genoss, Und wieder heisst es meiden, Was treue Lieb* umschloss!
Heusser ist bis an sein Lebensende, mehr als ein halbes Jahrhundert lang, drüben geblieben, hat sich nach Erledigung seiner offiziellen Mission in Argentinien als staatlicher Feldmesser betätigt, hat mächtige Grundstücke erworben und diese mit Georges Claraz, seinem aus Fryburg gebürtigen Freunde, zur Viehzucht genutzt. Sie führten zusammen ein primitives Leben. Bei einer Invasion durch über 1000 berittene Indianer wurden ihnen anno 1870 über 5000 Schafe, etwa 500 Kühe und 100 Pferde geraubt. Trotzdem haben es die beiden Freunde im Laufe der Jahre zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht. Heusser heiratete mit 45 Jahren eine in Argentinien geborene Engländerin und starb kinderlos in Buenos Aires im 84. Lebensjahr. Er vermachte der Universität Zürich zugunsten der biologischen Disziplinen 20 000 Franken und der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich sein Elternhaus in Hirzel, das heute als « Meta-Heusser-Heim » bekannt ist 26. Dieser Gesellschaft verdanken wir die Klischees der beiden Porträts, nach einer Bleistiftzeichnung des Studenten 27 und nach einer Photographie des alten Mannes.
Nachwort In dieser kleinen Studie steht auf der einen Seite ein junger Schweizer als gelehrter Forscher und Pionier, dessen bodenständiges Geschlecht der « Hüser » hundert Jahre vor die Tage Ulrichs von Hütten auf der Insel Ufenau zurückreicht 28, samt seinem Begleiter aus altem Saasergeschlecht. Ihnen stehen auf der andern Seite zwei junge Engländer bester angelsächsischer Kultur als Vertreter einer neuen sportlichen Richtung gegenüber. Es handelt sich jedoch nicht um einen Wettkampf, um ein « Länderspiel ». Die mehrfach gebrauchten Worte « Erstbesteigung », « Viertausender », « Tourist », « Führer » erinnern zwar unwillkürlich an sportliche Betätigung; aber gegenüber einem vor grosser Zuschauermenge sich abspielenden Länderspiel ist diese Erstbesteigung eines Viertausenders vor bald hundert Jahren etwas Grösseres und Einmaliges. Sie kann nicht wiederholt werden und zeigt ihre besondere Art darin, dass sie ihren Wert in sich selbst trägt und keiner Propaganda bedarf.
Ob eine Bergspitze die Viertausendergrenze überragt, sagt nichts aus über die wirkliche Bedeutung des Berges. Gleichwohl ist ein Viertausender ein Begriff der Bergsteigersprache und gehört für unser Gefühl zweifellos — um einen Ausdruck Andreas Fischers zu gebrauchen — zu den « wahrhaft grossen Bergen ». Für uns ist auch eine Erstbesteigung ein klarer Begriff. Sie findet statt beim erstmaligen Betreten des Gipfels. Beweggründe des Bergsteigers spielen dabei keine Rolle; ebensowenig gilt hier die Einteilung der Bergsteiger in Führer und Tourist. Eine Klassierung in derartige Kategorien wird je nach dem Zeitgeist willkürlich und schematisch sein. So geht beispielsweise aus dem Bericht von E. L. Ames über das Allalinhorn 29 klar hervor, dass nicht nur die Wahl des Weges und die Durchführung der Tour, sondern auch die Idee und Initiative zu dieser Erstbesteigung des Jahres 1856 nicht dem « Touristen », sondern allein dem « Führer » Franz Andenmatten zuzuschreiben sind. Oft kennen wir die Rolle des einzelnen für das Zustandekommen und für die Durchführung einer Besteigung nicht oder nur aus einseitiger Darstellung, und mancher alpine Bericht ist daher mit Vorsicht zu geniessen.
War Herr Notar P. J. Zurbriggen oder sein Landsmann und Zeitgenosse Pfr. J. J. Imseng 30 Führer oder Tourist? Man vergleiche ferner die Rollen von Dr. Paccard und J. Balmat bei der Erstbesteigung des Mont Blanc, die erst nach 125 Jahren abgeklärt wurden, an Hand der grundlegenden Schrift 31 von Dr. Heinrich Dübi und der vorzüglichen Studie 32 von unserem Ehrenmitglied Carl Egger.
Wenn schon Franzosen, Engländer und Schweizer im Zusammenhang mit Erstbesteigungen genannt worden sind, so sei noch ein Wort über das nationale Moment beigefügt. Auch hier distanzieren wir uns bewusst vom « Länderspiel ». Es scheint jedoch in unserer menschlichen Natur begründet zu sein, dass wir uns mit unseren Landsleuten am engsten verbunden fühlen und dass wir die wahrhaft grossen Berge unserer Heimat mehr lieben als die Gipfel jenseits der Grenze. Deshalb dürfen wir uns darüber freuen, dass ein Viertel der Viertausender 33 unseres Landes erstmals ausschliesslich von Landsleuten erstiegen worden ist.
Von Schweizern erstmals erstiegene Viertausender der Schweiz 1811JungfrauJoh. Rudolf und Hieronymus Meyer von Aarau, Alois Volker, Joseph Bortis 1812 FinsteraarhornAlois Volker, JosephBortis, Arnold Abbühl 1842 Gross LauteraarhornArnold Escher v. d. Linth, Ed. Desor, Ch. Girard, Jak. Leuthold, D. Briger, Fahner, M. Bannholzer, Joh. Madutz 1848 Ostgipfel der Dufourspitze Johann Madutz, Matthäus Zum Taugwald 1850 Piz BerninaDr. Joh. Coaz, Jon und Lorenz Ragut Tscharner 1855 WeissmiesDr. J. Christian Heusser, Notar Peter Joseph Zurbriggen 1857 Aiguille du CroissantBenjamin Felley, Maurice Felley, zweithöchster GipfelJouvence Bruchez des Grand Combin 1858 Nadelhorn 1863 Piz Zupò damals 4002 m, heute 3999 m 1864 Pollux 1865 Gross Grünhorn 1872 Combin de Valsorey dritthöchster Gipfel des Grand Combin J. Zimmermann, Alois Supersaxo, Baptiste Epiney, Franz Andenmatten L. Enderlin, Pfr. Serardi, Jäger Badrutt Jules Jacot, P. Taugwalder, J. M. Perren Edmund von Fellenberg, Peter Egger. Peter Michel, Peter Inäbnit H. Isler, Joseph Gillioz Anmerkungen 1 Guide des Alpes Valaisannes, Vol. Ill ft, 591 ( 1937 ).
2 Peaks, Passes and Glaciers, I, 221 ( 1859 ).
3 Gottlieb Studer: « Ueber Eis und Schnee », II, 232 ( 1870 ).
4 Brief Dr. H. Dübi an den Verfasser vom 22. 2. 1938.
5 Nach Angabe im Historisch-biographischen Lexikon der Schweiz, IV, 214 ( 1927 ).
6 Jubiläumsschrift « Fünfundsiebzig Jahre Sektion Basel SAC 1863-1938 », Basel ( 1938 ), 5-6.
7 Dr. Ch. Heusser: « Das Erdbeben im Visperthal vom Jahr 1855 ». Hrsg. als Neujahrsblatt von der Zürcher Naturforschenden Gesellschaft, 58. Stück ( 1856 ).
8 Brief Dr. H. Dübi an den Verfasser vom 31. 5. 1938.
9 Brief J. Sanseverino an Dr. L. Wilhelm Rütimeyer vom 18. 4. 1950.
10 Brief J. Sanseverino an Ing. Marcel Kurz vom 27. 3. 1950.
11 Dr. J. Chr. Heusser: « Die Mineralien des Binnen- und Saasthales », Mittheilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, Bd. III ( 1853-1855 ), 431-445.
Für die Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Angaben Dr. J. Chr. Heussers spricht die Erwähnung seiner Funde im Saastal in dem bekannten Werk von P. Niggli, J. Koenigsberger und R. L. Parker « Die Mineralien der Schweizeralpen », Basel ( 1940 ).
12 Jahrbuch SAC II ( 1865 ), 541, erwähnt einen « Augustin Tennisch » als Gletscherführer des Binnentals.
13 Wahrscheinlich der im Jahrbuch SAC II, 534, genannte Bergführer Johann Peter Perren.
14 Brief A. Ruppen an den Verfasser vom 22. 8. 1950.
15 Peter Joseph Ruppen: « Chronik des Thales Saas », Sitten ( 1851 ), 158-162, ferner 179-187.
16 Briefe A. Ruppen an den Verfasser vom 15. 10. 1950, 2. 2. 1951 und 10. 2. 1951. Darin wird festgestellt: « Notar Peter Joseph Zurbriggen von Tamatten Saas-Grund ist geboren am 8. Juni 1810 als Sohn des Johann Peter Zurbriggen und der Anna Maria, geb. Burgener. Er blieb unverheiratet. Das Todesdatum ist nicht ausfindig zu machen. » 17 Jahrbuch SAC II, 537, 538, ferner 529.
18 Iwan Tschudis Schweizerführer, II ( St. Gallen 1869 ), pag. VII und 131. Die vorhergehenden Auflagen ( 1866 und 1868 ) nennen Dr. Hausser noch nicht.
19 Jahrbuch SAC VI ( 1869 ), 512.
20 Jahrbuch SAC II, 538; Guide des Alpes Valaisannes Uli, 357.
21 Jahrbuch SAC II, 535; Guide des Alpes Valaisannes III ft, 352.
22 Peaks, Passes and Glaciers, I, 233 ( 1859 ). Editor's Note: « It is high time to introduce this neglected giant of the Alps, who is entitled to take rank somewhere near the Jungfrau, to the notice of Alpine travellers. » 23 Die Zivilstandsbeamten: Berchtold-Venetz ( Stalden ), Heinrich Burgener ( Eisten, Gemeindepräsident, Sohn des Alexander ), Albin Ruppen ( Saas-Grund ), Theophil Kalbermatten ( Almagel ). Ferner Peter Joseph Burgener, geb. 1863, Führer und alt-ZivilStandsbeamter ( Almagel ).
24 Brief Theodor Heusser an den Verfasser vom 8. 8. 1950.
25 Georges Claraz: « Erinnerungen an Dr. Christian Heusser ( 1826-1909 ). » Herausgegeben von Prof. Hans Schinz in der Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, Bd. 72 ( 1927 ), 372-395, mit Verzeichnis seiner Publikationen. Prof. Dr. Hans Schinz: « Georges Claraz ( 1832-1930 ). » Dieselbe Zeitschrift, Bd. 76 ( 1931 ), 479-493.
26 Nachruf mit zwei Bildern in « Ein Sommerabend im Meta-Heusser-Heim ». Jahresbericht der Zürcher Evangelischen Gesellschaft ( 1928 ).
27 Die Zeichnung wurde von G. Claraz an Rechtsanwalt Theodor Heusser in Zürich gegeben.
28 Deutsch-Schweizerisches Geschlechterbuch Bd. V, Görlitz ( 1932 ), 5: « Der Familienname Heusser wurde früher Häuser, Hausser, Hüser, Hüsser geschrieben. Die letzteren mundartlichen Schreibweisen haben sich noch heute im Kanton Zürich erhalten. Schon vor 1415 waren Hüser auf der Hofstatt ,Hüsern'auf der Insel Ufenau im Zürichsee ansässig. » Vgl. auch pag. 242 in bezug auf Dr. Chr. Heusser.
23 G. Studer, M. Ulrich, J. J. Weilenmann: « Berg- und Gletscherfahrten », Bd. II, Zürich ( 1863 ), pag. 154-164, deutsche Übertragung durch M. Ulrich.
30 Im gleichen Bd. II, pag. 98, bemerkt M. Ulrich zur geplanten Überschreitung des Alla-linpasses im August 1847: « Der Herr Pfarrer ( J. Imseng ) erklärte sich sogleich bereit, uns als Führer zu dienen. » Nebenbei mag in demselben Aufsatz Prof. Ulrichs die Erwähnung Heussers interessieren, die sich auf dessen mineralogischen Streifzug am Egginer bezieht ( pag. 112 ): « Herr Doktor Heusser war aber, wie er mir selbst sagte, nicht bis zu diesem Punkte hinangestiegen, sondern hatte vom Eginer her bei Kessien vorbei den östlichen Absturz des Allalinhornes umgangen. » 31 Dr. Heinrich Dübi: « Paccard wider Balmat, oder Die Entwicklung einer Legende ». Bern, ( 1913 ).
32 Carl Egger: « Michel-Gabriel Paccard und der Montblanc », Basel ( 1943 ).
Was Egger von Paccard sagt, er habe ( pag. 5 ) « durch seinen Verzicht auf Publikation das Beispiel des selbstlosen, wahren Bergsteigers gegeben », darf auch von Heusser gelten.
33 Hermann Brand: Les « Quatre mille » des Alpes. Die Alpen XIII ( 1937 ), 478-479.