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Ja, ich trage die Schuhe von Marc Anthony, dem berühmten Latinosänger und Ehemann von Jennifer Lopez. Um einen Verdacht zu zerstreuen: Ich bin kein Schuhfetischist. Auch bedeutet mir Marc Anthony so gut wie nichts. Ich wusste bis vor kurzem nicht einmal, dass er mit JLo verheiratet ist. Sähe ich die beiden zusammen auf der Strasse, würde ich mich nicht nach ihnen umdrehen. Nicht aus Rücksicht den Prominenten gegenüber, sondern weil ich sie nicht erkennen würde. Je berühmter jemand ist, umso weniger interessiert mich die Person. Sie entschwindet meinem Horizont wie ein Ballon in den Himmel. Das lässt weniger auf mein Ego schliessen als auf die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und noch immer lebe: New York. Hier gewöhnt man sich an berühmte Leute. Man begegnet ihnen die ganze Zeit. Ich habe Julian Lennon in einem Restaurant bedient, Nippes an Bruce Springsteen verkauft, Mick Jagger in einer Buchhandlung beraten, bin Schulter an Schulter mit Laurie Anderson gestanden. Doch ich mache mir nichts daraus.
Der Grund, weshalb ich Marc Anthonys Schuhe trage, ist einzig meine Vorliebe für die Mode der Sechziger- und der Siebzigerjahre (auf keinen Fall für die Hippiephase der Jahre mittendrin). Auf der Suche nach solchen Stücken streifte ich vor einiger Zeit mit meiner damaligen Freundin durch das Sortiment des Secondhandladens Screaming Mimies in der Lafayette Street in Manhattan. Ich stiess auf ein Paar Stiefel, die aussahen wie elegante Unterseeboote aus schwarzem Leder. Glänzend, nicht zu spitz, bestens gepflegt, geruchfrei, Reissverschluss auf der Innenseite, schicke Nähte. Sie kombinierten den klassischen Beatles-Boot der Sechziger- mit dem Latino-Zuhälter-Look der Siebzigerjahre. Wahre Prachtexemplare. Das Paar kostete 220 Dollar und passte wie angegossen. Die hohen kubanischen Absätze schienen mir ideal für einen Mann wie mich, der 1.67 Meter klein ist (Marc Anthony soll noch kleiner sein). Sie verbesserten meinen Gang, zwangen mich leicht in die Knie, rückten meine Haltung zurecht. Ich fühlte mich auch ohne Absätze sexy, doch diese Schuhe verwandelten mich in einen kleinen puertoricanischen Sexgott.
Eine Notiz auf der Rückseite des Preisschilds erklärte die erotische Strahlkraft der Flitzer: Die Stiefel, so las ich, seien von Marc Anthony getragen worden. Und zwar im Spielfilm «El Cantante» über den berühmten Salsa-Sänger Héctor Lavoe, wo er den Titelhelden spielte. Meine Freundin war restlos begeistert und drängte mich zum Kauf der Requisiten. Nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage lenkte ich ein. Denn die Stiefel – das spürte ich – waren noch immer von der Aura des Sexsymbols umhüllt. Seither sind zwei, drei Jahre vergangen. Um sie zu schonen, versuche ich, die Stiefel nicht zu oft zu tragen. Nur bei gutem Wetter und an besonderen Anlässen. Als Musiker trage ich sie meistens auf der Bühne. Um ganz ehrlich zu sein: Die Reaktionen halten sich in Grenzen. Doch ich sehe das durchaus als Qualitätsbeweis. Es sind eben Schuhe, die nicht sich selbst ins Zentrum rücken, sondern den Menschen, der sie trägt. Sie optimieren die Gesamterscheinung. Vielleicht hatte ich mir als Künstler ja auch ein Krümelchen vom rauschenden Erfolg erhofft, den Marc Anthony und seine schöne Gattin geniessen. Ein wenig, ich gebe es zu, wollte ich in seinen Schuhen stecken. Nun trage ich sie – und mein Durchbruch, nun ja, lässt sich Zeit … Nicht, dass ich um jeden Preis berühmt werden möchte. Denn wie gesagt, aus Berühmtheiten mache ich mir nichts. Etwas Bewunderung reicht mir durchaus. Zum Beispiel von meiner damaligen Freundin, die mich zum Kauf der Stiefel drängte. Wir haben letztes Jahr übrigens geheiratet. Na bitte: Da muss was dran sein an den Schuhen.
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