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Leider, leider begegnet mir in meinem Denkicht nicht jeden Tag eine Figur wie der Bahnmitarbeiter von gestern. Und leider (nein: zum Glück) geschieht auch mir nicht jeden Tag etwas, über das es sich meiner Meinung nach zu schreiben lohnte. Und dann sitze ich am Schreibplatz. Denke nach. Widerstehe dem Schrecken des leeren Blattes bzw. der leeren Seite in der Kladde. Kaue an einzelnen Sätzen. Notiere die dann doch an anderer Stelle. Und plötzlich beginnen die Worte zu fließen. Am Stück schreibe ich einen ein- bis dreiseitigen Text herunter (DIN A5). Manchmal dauert das nur 45 Minuten, manchmal braucht es drei Stunden. Aber die Zeit nehme ich mir, täglich. Wenn ich dann denke, daß der Text beendet, abgeschlossen ist (obwohl er vielleich doch einen prächtigen Cliffhanger bietet an seinem Ende), dann mache ich etwa eine halbe Stunde Pause. Waren da nebenher notierte Sätze, dann sehe ich mir die nochmal an. Ich habe nämlich – Asche über mein Haupt – für solche Ganz-Kurz-Texte eine Twitterkladde, aus der ich vieles eben bei Twitter verbreite; darin notiere ich mir auch das eine oder andere Zitat (heute immer mit einer möglichst genauen Quellenangabe). Ich trinke einen Kaffee, rauche eine selbstgedrehte Zigarette. Wenn der Kurzzeitwecker piepst, ist die Pause vorbei. Ich kehre zum geschriebenen Text zurück. Lese ihn, korrigiere die vielen vergessenen Striche über den Umlauten und den i und y, ergänze die Bogen über den u. Nur selten verändere ich Worte (Groß- und Klein-, Getrennt- und Zusammenschreibung zumeist), Phrasen, Wortstellungen. Manchmal muß ich eine sogar mir auffallende falsche Zeitform korrigieren. All das dauert wieder etwa 30 Minuten. Bis dahin habe ich also jeden Tag (okay, fast jeden Tag, denn manchmal schaffe ich an einem Tag zwei oder drei Sachen und könnte bzw. kann dann einen oder zwei Tage Pause machen) knapp zwei bis etwa vier Stunden mit der Schreiberei zugebracht.
Dann wird es Abend und ich sehe mir die Kladde wieder an, auf der Suche nach einem Text für dieses Blog. Heute waren da drei Seiten Text entstanden, die ich hier allerdings nicht veröffentlichen kann, hier nicht veröffentlichen möchte (vielleicht aber woanders, noch bin ich mir nicht sicher). Auch in den vergangenen Tagen – ich gehe meist bis zu zwei Wochen zurück – ist in der Kladde nichts zu finden, was ich für gut genug halte. Manches sind tatsächlich „nur” Tagebucheinträge, manches genügt meinen Ansprüchen nun beim besten Willen nicht. Und manches eben paßt nicht hierher, weil es um speziellere Themen geht. Manches ist zu explizit. Einiges zu privat. Warum ich solche Sachen überhaupt aufschreibe? Nun, das ist eben meine Routine, die ich Tag für Tag befolge: mindestens 45 Minuten Schreibzeit. Die muß nicht zuhause am Schreibplatz verbracht werden, früher fand die viel öfter als heute in Bus und Straßenbahn statt oder an belebten Plätzen mit Menschengeräusch, das mich wirklich bestens inspiriert. Wenn ich also nichts Passendes finde, versuche ich mich manchmal an Kurzlyrik. Aber auch die gelingt nicht immer. Und in der Twitterkladde wurde ich heute auch nicht fündig … Also saß ich nocheinmal 40 Minuten und schrieb diesen Text in das Notizbuch. Mit diesem Text bin ich zufrieden. Ja, er enthält „nur” Privates, das vielleicht niemanden interessiert. Vielleicht aber fragen sich auch andere Menschen – so wie ich mich frage – nach den Schreibgewohnheiten derer, deren Bücher und Blogs sie lesen? Dann kann es sein, daß ich hiermit jemandes Neugier befriedige, ganz ohne Nachfrage. Eben meine Art der Textentstehung darlege. Und am Ende des Prozesses? Dann wird der Text in einem einfachen Quelltexteditor als HTML-Quelltext kodiert. Einige statistische und Routineangaben werden teils automatisch ergänzt. Ganz zum Schluß erfolgt das Copy & Paste zum Blogbeitrag erstellen. Zum letzten Mal sehe ich mir die Rechtschreibung an, füge ein paar weiche Silbentrennungen ein, ergänze Kategorien und Tags. Meist bin ich gegen 20 Uhr mit allem fertig und plane den Beitrag für die automatische Veröffentlichung um 21 Uhr.
Ihr meint, so zwei bis zu sechs Stunden herumlaborieren an einem Blogbeitrag sei vertane Zeit, ich könnte die auch mit Sinnvollem füllen? Hm. Was für andere Menschen sinnvoll ist, muß es für mich nicht sein. Und: Für mich ist diese Zeit sinnvoll genutzt, verbracht, aus mehreren Gründen.
Ätsch. 😉
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 20.10.2021 waren positiv drei geschriebene Texte, der vollständig abgehakte Einkaufszettel, marinierter Hering am Abend.
Die Tageskarte für morgen ist die Sieben der Kelche (dem Glück zielstrebig entgegengehen).
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