Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03336.jsonl.gz/370

Das Musikhaus Oskar Bertschy
Mein Vater stammte aus Estavayer (FR). Er heiratete 1890 eine Bernerin. In der Folge übersiedelte er in die Bundeshauptstadt, wo er ein Musikhaus eröffnete. Wir waren zuhause sieben Kinder, ich war der zweitjüngste und wurde in Bern am 11. Januar 1912 geboren. 1925 übernahm mein Bruder Oskar das Musikgeschäft. Mein Vater hatte in der Zeit zuvor Instrumente wie Geigen, Zithern und Mandolinen verkauft, welche damals sehr in Mode waren. Mein Bruder war jedoch von einem neuzeitlicheren Geist beseelt und meinte: "Der alte Schmarren muss raus, jetzt machen wir auf Jazz!" Von einer Geschäftsreise nach Paris brachte er das erste Schlagzeug mit. Ich war hell begeistert. Beim häufigen Aufenthalt im Laden verfolgte ich gespannt die Gespräche zwischen meinem Bruder und den Kunden (insbesondere den Musikern, worunter sich auch erste "Jazzer" befanden). Meine Eltern liessen mich Klavier und später auch Cello spielen lernen. Sie untersagten mir strikte, an eine Karriere als Berufsmusiker zu denken. Sie legten grossen Wert darauf, dass ich einen "seriösen" Beruf erlerne und schickten mich zur Ausbildung ans Technikum nach Biel.
Eröffung des "Chikito" in Bern
Auf Initiative eines Geschäftsmannes aus dem Welschland, namens Trippet, der in Bern eine Tanzschule besass, wurde beim Hotel Savoy im Keller eines Neubaus ein grosses Dancing eingerichtet:das "Chikito". Er hatte die Gestaltung dem Vorbild in Paris abgeschaut. Auf der einen Seite des Lokals spielte eine Tango-, auf der andern Seite eine Dixieland-Kapelle. Als Junge besuchte ich öfters das "Chikito" und verfolgte von der Galerie aus das Geschehen auf der Bühne. Ich war gut bekannt mit dem Oberkellner, der mich und meine gleichaltrigen Freunde gewähren liess. Jazz kam in den Tanzsälen immer mehr in Mode. Speziell diese Darbietungen faszinierten uns Jugendliche. Mein Interesse galt in erster Linie dem Dixieland-Stil. Ich kann mich heute nach Jahrzehnten kaum mehr an die ersten Formationen (es waren auch schwarze Musiker darunter) erinnern, welche im "Chikito" aufkreuzten. Anfangs und Mitte der dreissiger Jahre kamen Hermann Chittison, Joe Turner, Coleman Hawkins, die Academians, dann die New Acedemians - zum Teil die jüngere Ausgabe der alten Garde ins Lokal.
|Bertos Valencia Band, Bern, frühe Dreissigerjahre. Band inkl. "Johnny" Müller,

Bertalan Bujka (sax), Léon Bertschy (tuba), René Bertschy (d).
Das Ende des Stummfilms
Das Aufkommen des Tonfilms Ende der zwanziger Jahre brachte grosse Umwälzungen. Dies bedeutete für viele "klassisch" ausgebildete Musiker eine wahre Katastrophe. Sie standen plötzlich auf der Strasse, da ihr Aufspielen im Foyer der Kinos nicht mehr erforderlich war. Mit "Negermusik" konnten oder wollten sie nichts anfangen. Da plumpsten wir Amateure in dieses Vakuum. So kam es zur Gründung der "Original Teddies", der "Lanigiro", der "Magnolians" etc.
Erste Auftritte als Musiker
Ich begann nun auch Bassinstrumente zu spielen, Sousaphon, Cello und dann Bassgeige. Als ich es mit dem Cello versuchte, erhob mein Bruder Oskar Einwände: "Lass doch das Cello liegen, das ist ein alter Hut!" Mein Vater entgegnete:"Nichts ist, dieses Instrument musst du spielen lernen". Doch ich befolgte lieber den Rat meines Bruders, denn auch ich fühlte mich zum Modernen hingezogen. Damals kam gerade der Stringbass respektive Schlagbass auf. Das deutsche Orchester Paul Godwin brachte diese Art zu spielen nach Bern. Ich war etwa 18 oder 19 Jahre alt. 1932 spielte ich Schlagzeug bei den "Academians". In dieser Gruppe spielte ich an der Seite des Trompeters Philipp Cavelti, der Saxophonisten Johnny Müller und Pilly Bretscher und des Pianisten Jack Bühlmann. Ich erinnere mich noch an einen Auftritt mit diesen Kollegen über Weihnacht und Neujahr in Adelboden. Weitere sporadische Auftritte erfolgten auch mit andern Gruppen, so beispielsweise mit den "Berto's" (eine Formation meines Bruders Oskar), dem Orchester Romanoff etc.
|Academians, Bern, Mitte der Dreissigerjahre. V.l.n.r: René Bertschy, "Johnny"

Müller, "Jack" Bühlmann, "Pilly" Bretscher, "Phips" Cavelti.
Beitritt zu den "Chocolate Kiddies"
Im April 1935 machte eine holländische Formation mit dem Namen Chocolate Kiddies im "Chikito" Bern Station. Die Gründung dieser Gruppe erfolgte auf Initiative des Altsaxophonisten Lex van Spall und des Drummers Bobby tSas im Herbst 1933. Es war eigentlich eine Nachfolgeorganisation eines Orchesters, das schon in früheren Jahren diesen Namen getragen hatte und unter Leitung von Sam Wooding gestanden hatte. Der neuen Formation gehörten zu Beginn auch drei schwarze Musiker an, nämlich Johnny Dunn, Trompete; Jack Green, Posaune, und Horace Eubanks, Klarinette und Saxophon. Dieses ausgezeichnete Orchester kam also ins "Chikito", wo es zu einer ersten Begegnung mit mir kam. Die Gruppe war in grösster Verlegenheit, denn ihr Bassist hatte sie verlassen, um nach Amerika zu emigrieren. Sie wandten sich nun an mich und baten mich, den verwaisten Posten zu besetzen. Das Angebot kam mir sehr gelegen. Gerade in jener Zeit hatte ich das Technikum mit einem Diplom abgeschlossen. Doch infolge der Wirtschaftskrise fand ich keine Stelle. Gerne sagte ich zu. Ich fühlte mich bei meinen neuen Musikerkollegen sofort heimisch, und als das Engagement im "Chikito" zu Ende ging, blieb ich weiterhin bei den Chocolate Kiddies. Die Tournéen in der Schweiz mit Abstechern nach Wien und Italien wurden fortgesetzt. So war ich also Mitglied einer international tätigen Berufsband geworden. Dies bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. Als die Chocolate Kiddies im Frühling 1936 nach Holland zurückkehrten, war auch ich mit dabei.
Holland war damals ein ideales Land für Jazzmusiker. Hier hielten sich eine Reihe erstklassiger Musiker auf, Giganten wie der Tenorsaxophonist Coleman Hawkins, der Altist und Trompeter Benny Carter und der Pianist Freddie Johnson. Nicht vergessen darf man die zahlreichen guten Jazzmusiker aus Deutschland, welche infolge der Machtübernahme durch die Nazionalsozialisten aus diesem Lande nach Holland emigriert waren. Die Jazzszene jener Jahre in Holland war weit bedeutender als jene in der Schweiz. Weisse und schwarze Musiker musizierten gemeinsam miteinander. Laufend wurden Jamsessions abgehalten. Auch die Plattenfirmen waren - im Gegensatz zu der Schweiz - Jazz gegenüber sehr aufgeschlossen und auf diesem Gebiet überaus aktiv.
Meine damaligen Musikerkollegen
Die Jahre mit den Chocolate Kiddies haben mich stark geprägt. Ich teilte Freud und Leid mit meinen Musikerkollegen. Tief beeindruckt hat mich das Elend bei den Emigranten, die wegen ihrer Rasse oder politischen Überzeugung aus Deutschland hatten flüchten müssen. Unser Tenorsaxophonist Jascha Trabsky beispielsweise besass nur einen "Nansenpass". Während der Besetzung Hollands durch die Deutschen war er als Jude stark gefährdet. Er überlebte den Zweiten Weltkrieg, da ihn Freunde bei sich versteckten. Weniger Glück hatte unser Pianist Maurits Poons. Als Jude wurde er und seine Familie während dem Kriege in einem Konzentrationslager durch die Nazis umgebracht. Welch' eine Schande für so ein Talent und anständigen Menschen! Auch der Gitarrist Jacques Mirgorodsky, ein russischer Jude, hat den Krieg überlebt. Ihn und Trabsky traf ich 1958 an der Weltausstellung in Belgien wieder. Auch Rolf Goldstein war Jude. Er hatte seinerzeit bei Marek Weber gespielt, emigrierte jedoch 1933 nach Holland. Er kam 1938 mit mir in die Schweiz, wo er mit verschiedenen Formationen spielte, so mit den Original Teddies, den Lanigiro etc. Er schloss sich 1947 mir an, als ich die Continentals gründete. Später wanderte er mit seiner Schweizer Ehegattin in die USA aus, wo er während 20 Jahren blieb. Anschliessend kehrte er in die Schweiz nach Genf zurück. Lex van Spall war ein ganz hervorragender Altsaxophonist, einer der besten europäischen Jazzmusiker jener Zeit. Er stammte aus holländisch Guayana und war ein Mestize. Der Drummer der Gruppe hiess Bobby 't Sas und stammte aus Belgien. Saxophonist Chris Vleck war während der Besetzung Hollands durch die Deutschen bei Radio Hilversum tätig. Wie viele andere holländische Musiker war er nicht an Politik interessiert. Doch um zu überleben, passte er sich der damaligen Situation an. Nach der Auflösung der Chocolate Kiddies kam er in die Schweiz und wurde Mitglied der Swing Kiddies. Saxophonist Johnny Becker war Holländer. Er ersetzte Ende 1933 Horace Eubanks. Johnny Dunn, den schwarzen Trompeter, habe ich bei den Chocolate Kiddies nicht mehr angetroffen. Er war angeblich ein schlechter Notenleser, und so kam es zum Zerwürfnis mit seinen Kollegen. Er blieb in Holland, wo er eine eigene Gruppe leitete.
|Chocolate Kiddies, 1935 im "Chikito" in Bern. V.l.n.r: Rolf Goldstein, Maurits Poons,

Bobby tSas, René Bertschy, Lex Van Spall, Jascha Trabski, Johnny Becker.
Trübe Erinnerungen an Wien
Im November 1935 reiste ich mit den Chocolate Kiddies nach Wien. Es herrschte hier ein unbeschreibliches Elend. Die Arbeitslosigkeit war extrem hoch. Wir traten mit einer zwölfköpfigen Formation auf, wobei wir auf eigene Rechnung arbeiteten. Dies bedeutete keine garantierte Gage. Was wir einnahmen, wurde unter den Orchestermitgliedern gleichmässig aufgeteilt. Dabei wurden wir von unserem Agenten mit falschen Versprechungen hereingelegt. Bei den Verhandlungen hatte er von einem Saal gesprochen, der 600 Personen fassen sollte. Es stellte sich dann aber heraus, dass dieser nur für 300 Besucher berechnet war. Obschon das Lokal während der Dauer unseres Engagements stets gut besetzt war, kamen wir nicht auf die veranschlagten Einkünfte. Wir mussten schmal durch! Die hohen Lebenskosten frassen unsere Einnahmen gleich wieder auf.
Begegnungen am Jazz-Festival in Scheveningen
In der Zeit vom Dezember 1936 bis April 1937 unternahm ich neuerdings mit den Chocolate Kiddies eine Tournée durch die Schweiz. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Stationen, wo wir auftraten. Einzig dass wir wiederum im "Chikito" in Bern waren. Vermutlich fallen auch meine Plattenaufnahmen mit Coleman Hawkins zeitlich mit einem Aufenthalt in der Bundeshauptstadt zusammen. Die Aufnahmen wurden im Krompholz-Studio in Bern, zusammen mit einem farbigen Pianisten und dem Berner Drummer Franz Kessi, gemacht.
(Hören Sie hier I'm In The Mood im Real-Audio-Format.)
Wenn ich mich richtig entsinne, verbrachte ich - zusammen mit den Chocolate Kiddies - die Wintersaison in St. Moritz. Im Sommer 1937 beteiligten sich die Chocolate Kiddies am Jazz-Festival im holländischen Badeort Scheveningen. Es war ein grossartiger Anlass, welcher mir vor Augen führte, über welch grossartiges Potential an guten Jazzmusikern Holland verfügte. Auch ausländische Musiker machten hier mit. Benny Carter spielte mit einem Orchester auf, das Quintet of the Hot Club de France mit Django Reinhardt und Stéphane Grappelly kamen zugereist, und das belgische Orchester Jacques Kluger war mit von der Partie.
Kitty Ramon
In Scheveningen traf ich zum ersten Mal den Basler Hans Philippi, der damals in Holland tätig war und zudem den Hot Club Brüssel leitete. Im weiteren begegnete ich an dieser Festveranstaltung der Sängerin Kitty Ramon. Wir entdeckten, dass sie eine gute Stimme hatte. Später im Jahr nahmen wir sie nach Amsterdam mit, woher sie stammte. Sie trat mit uns im Royalbioskop auf. Ich erinnere mich noch an ihren Vortrag, als sie "Ich war vielleicht noch nie verliebt" - einen Schlager von Zarah Leander - sang. Verliebt waren auch wir zwei. Als ich mit den Chocolate Kiddies neuerdings in die Schweiz reiste, folgte sie mir nach Zürich, wo wir uns im Hotel Gotthard wieder trafen. Dazu noch eine amüsante Episode:Sie fragte mich: "Was sind das für komische Wolken dort über dem Zürichsee?" Ich belehrte sie, dass dies keine Wolken, sondern Schneeberge seien. Kitty stammte aus einem topfebenen Lande und sah hier in der Schweiz zum ersten Mal hohe Berge.
Von Zürich aus reisten wir per Bahn nach Lugano, wo wir zusammen mit den Chocolate Kiddies auftraten. Im November 1939 haben wir dann geheiratet. Als ich nach Kriegsbeginn ständig im Militärdienst hocken musste, schloss sie sich als Sängerin der Band von Fred Böhler an. Nach unserer Scheidung heiratete sie den Sohn des Schweizer Konsuls in Mülhausen. Der Kontakt mit ihr ging verloren. Sie lernte auch nie meine spätere Ehefrau kennen.
Auflösung der Chocolate Kiddies
Im Sommer 1938 befanden wir uns erneut in Wien. Zeitlich fiel unser dortiges Engagement mit der Münchner Krise zusammen. Hitler forderte von der Tschechoslowakei die Sudetengebiete. Es drohte deswegen ein Krieg.
Nach Wien planten wir eine Tournée nach Ankara und Istanbul. Für die Reise hätten wir eine Bankgarantie gebraucht. Doch diese wurde uns wegen der sich zuspitzenden politischen Lage verweigert. Dies bedeutete das Ende der Chocolate Kiddies. Die Formation wurde aufgelöst. Die meisten Musiker kehrten daraufhin nach Holland zurück. Goldstein, Poons, van Spall und ich reisten in die Schweiz. Wir bildeten zusammen ein Quartett und traten im Hotel Flüela in Davos auf.
Bei unserem Auftreten spürte ich bald, dass unsere Viererformation unter Leitung von Lex van Spall nicht funktionierte. Bei den Chocolate Kiddies war er der Veteran gewesen, hatte er doch schon bei Sam Wonding mitgespielt. Ihm war im Herbst 1933 die Aufgabe zugefallen, die Gruppe neu zu formieren. In Holland war er stets der Leader gewesen. Auch Bobby 't Sas spielte nach aussen eine führende Rolle. Die Musiker jüdischer Abstammung hielten sich bewusst im Hintergrund. Auch Jascha Trabsky, welcher der eigentliche Kopf der Gruppe war.
Die Swing Kiddies
Wir beschlossen, neue Wege zu gehen und trennten uns von Lex van Spall. Im April 1939 erfolgte die Gründung eines neuen Orchesters, welchem wir den Namen Swing Kiddies gaben. Uns schloss sich auch mein neun Jahre älterer Bruder Léon an. Wir rechneten damit, dass er als Berufsmusiker mehr Erfahrung im Geschäftlichen mitbringen und mehr Autorität haben würde. So forderten wir ihn auf, die Führung der Formation zu übernehmen. Doch wir mussten bald feststellen, dass auch er nicht der ideale Leader war. Er war der Aufgabe keineswegs gewachsen, ihm fehlte die erforderliche Härte, wenn es geschäftliche Angelegenheiten zu regeln galt. Da war beispielsweise unser Trompeter Alberto Quarella. Er war ein hervorragender Musiker, hatte aber Flausen im Kopf. Oft war er in Geldnöten und pumpte in diesen Fällen meinen Bruder an. Wenn er einen Vorschuss von 50 Franken forderte, so gab ihm mein Bruder viermal mehr. Am Tag darauf fehlten 200 Franken in der Kasse. Dies führte zu Spannungen innerhalb der Gruppe.
Aus den damaligen Vorkommnissen habe ich viel gelernt. Als ich später ein eigenes Orchester leitete, wich ich vom System des "Kollektiven" ab. Ich bezahlte meine Musiker gut. Die Entscheidungen über alles Geschäftliche fällte ich jedoch allein und übernahm dafür die persönliche Verantwortung. Ich musste niemanden um Erlaubnis fragen, wenn ich beispielsweise einmal nach Amsterdam telefonieren wollte. Dies war meine eigene Angelegenheit.Die Swing Kiddies"ernteten in der kurzen Zeit ihres Bestehens beachtliche Erfolge. Wir starteten in Biel. Später hatten wir Engagements in Lausanne, Basel und Lugano. Als wir in Lugano auftraten, war auch der Pianist Lothar Löffler und dessen spätere Frau Agnes mit dabei. Sie war eine erstklassige Tänzerin. Wegen ihren goldblonden Haaren nannten wir sie "Blondie". Für September 1939 war ein Auftritt im "Du Nord" in Genf geplant. Doch der Kriegsausbruch am 1. September machte dieses Vorhaben zunichte. Es kam die Generalmobilmachung. Quarella und ich mussten einrücken. Mein Bruder konnte die Band nicht zusammenhalten. Chris Vleck und Maurits Poons gingen nach Holland zurück. Kitty Ramon blieb in der Schweiz, sie wurde bei meiner Schwester in Fribourg einquartiert.
Freundesdienste von Teddy Stauffer
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bin ich während dreizehn Monaten - mit nur kurzen Unterbrüchen - im Dienst gehockt. Einmal bekam ich Urlaub. Ich glaube, es war anfangs 1940, da erreichte mich ein Anruf von Herrn Misteli vom SFM. Er berichtete mir, dass er für eine sechzehnköpfige Formation einen Drummer suche, welcher im Zürcher "Corso" den Clown Grock begleiten müsse. Ihm fehle ein Drummer, der Noten lesen könne. Nun sei die Wahl auf mich gefallen.
Teddy Stauffer bin ich zu grossem Dank verpflichtet, denn er erreichte mehrere Male, dass ich für Auftritte mit seinen Original Teddies für eine Weile vom Dienst befreit wurde. Ich kannte ihn schon von Bern her, wo er 1929 seine eigene Formation gegründet hatte. Als ich mich als Mitglied der Chocolate Kiddies"in Holland aufhielt, hat er mir einmal einen Brief zugesandt und mich aufgefordert, mich als Bassist seinem Orchester anzuschliessen. Damals hatte ich keinen Grund, um von einer Band zu einer andern zu wechseln. Mir gefiel es bei den Holländern überaus gut. Nach der Wiedereröffnung der Landi in Zürich, hatte ich Gelegenheit, die nationale Ausstellung mit unserer Kompanie zu besuchen. Dabei rannte ich auf dem Ausstellungsgelände geradewegs in Teddy Stauffer hinein. Er fragte mich: "Was machsch denn du im Dienscht?" Ich gab zur Antwort: "He, äs gliche, was alli andere mache, i ha au müesse yrücke." Teddy dazu: "Ich hole Dich hier raus. Gib mir Deine Adresse, ich muss Dich haben". Er suchte gerade einen Bassisten. Und tatsächlich, er erreichte für mich einen verlängerten Urlaub. Und so fing ich erstmals bei den Original Teddies an. Später bemühte er sich immer wieder, dass ich Urlaub bekam, sobald er mich dringend brauchte. Dies war beispielsweise der Fall, wenn die Original Teddies im Kongresshaus oder Kammermusiksaal in Zürich Schallplattenaufnahmen machten. Oder bei den Dreharbeiten für den Film "s' Margritli und d' Soldate". Schliesslich auch für die grosse Tournée mit den Geschwistern Schmid, die im Anschluss daran stattfand.
Die Original Teddies als Filmstars
Die Filmarbeiten haben bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Drei Male fuhren wir per Extrazug nach Yverdon, denn die Aussenaufnahmen wurden im nahen Städtchen Estavayer gemacht. Turbulent ging es zu, als wir in den Ort einmarschieren mussten. Es war eine Saukälte, besonders die Frauen mit ihren Jüpli und Röckli froren, und wir hatten alle unwahrscheinlich "höch", denn die Zaungäste, die das ungewöhnliche Schauspiel mitverfolgten, bewirteten uns unermüdlich mit Wein. Immer wieder stolperte einer über die Bahnschienen und Teddy meinte besorgt: "Wenn jetzt nochmals einer umfällt, dann hören wir endgültig auf, dann kann man das ganze Zeug begraben". Die Innenaufnahmen wurden im Filmstudio der Firma Frobenius in Münchenstein, Baselland, gedreht. Untergebracht waren wir im Hotel Drei Könige in Basel, wo wir auch aufgetreten sind. Anschliessend an die Filmaufnahmen konnte ich auch noch bei einer Tournée mit den Teddies und den Geschwistern Schmid teilnehmen. Ich war aber auch bei einer Tournée mit Teddy Stauffer und Maurice Chevalier dabei. Eine Zeitung in Basel schieb dazu: "...ein Bajass von Paris-Montmartre, wie Paris war und es nie mehr sein wird, begleitet von einer Bande weissbejackter Stewards..." Übrigens, Maurice Chevalier musste Stauffer hinter dem Klavier hervorziehen, der hatte Hemmungen im vollbesetzten Saal und vor dem rauschenden Publikumsapplaus. Stauffer hatte immer etwas Hemmungen gehabt, das war sein Charme, er war überhaupt nicht arrogant. Eine Dame schrieb Teddy einmal einen Brief, er soll als Zeichen seiner Sympathie ein Nelke im Knopfloch tragen. Dann kamen wir alle auch mit einem "Nägeli" anmarschiert!
Stauffers Autobiographie - teilweise ein Schmarren - hatte ein Ghostwriter geschrieben, Teddy war ein Bonvivant, er wäre zu faul gewesen, überhaupt etwas aufzuschreiben.Wohl gehörte ich in jener Zeit zu den Original Teddies, doch konnte ich nur sporadisch mitspielen, das heisst, nur wenn mich Teddy Stauffer anforderte. Regulärer Bassist des Orchesters war Dölf Zinsstag. Ohne Stauffer wäre ich jedenfalls die ganze Kriegszeit nur im Militärdienst gehockt. Während der Tournée mit den Geschwistern Schmid spielten wir auch mit einer 20-köpfigen Formation im "Kasino" in Bern. Ich gab Teddy bekannt, dass mein Urlaubsgesuch für die kommende Wintersaison abgelehnt worden sei. Ich machte ihm den Vorschlag, hier in Bern ein Benefizkonzert für die Soldatenweihnacht 1940 zu veranstalten. Er stimmte zu. Das Konzert fand an einem Sonntagmorgen im "Kasino" statt und wir nahmen einen Reinertrag von stolzen 3800 Franken ein. Diese Summe liessen wir vollumfänglich der Soldatenfürsorge zukommen.
Trostloses Gurnigelbad - sonniges Arosa
Dann musste ich zu den Gebirgstruppen ins Gurnigelbad, Kanton Bern einrücken. Es herrschten hier trostlose Verhältnisse wie am Ende der Welt. Im Radio und am Grammophon liefen stundenlang immer die selben langweiligen Melodien. Es gab da auch kein Klavier, um damit etwas Leben in die Bude zu bringen. Doch plötzlich wurde ich zum Oberst gerufen. Er sagte zu mir: "Beziehungen muss man haben". Generalstabsoffizier Dollfuss hat mich persönlich angerufen und verlangt, dass der Telefönler Bertschy sofort in die Wintersaison zu entlassen sei!"
Dieser Urlaub kam mir sehr gelegen, denn eine Station, welche Teddy Stauffer gerade bediente, war Arosa. Er hatte sein Grossorchester aufgelöst und teilte seine Musiker in drei Gruppen auf, welche er im "Suvretta-Haus" und im "Palace" in St. Moritz sowie im "Tschuggen" in Arosa unterbrachte.Teddy entsprach meinem Wunsch, nach Arosa reisen zu dürfen. Die Gruppe, welcher ich mich hier anschloss, stand unter Leitung des Posaunisten Réne Weiss. Ich war darum versessen, der Formation in Arosa zugeteilt zu werden, da sich gerade auch meine Frau, als Sängerin des Orchesters von Fred Böhler dort aufhielt. Unsere Gruppe nannte sich The Ambassadors, ein Name, der später von Lothar Löffler für sein Orchester übernommen wurde. Als Teddy Stauffer im Sommer 1941 nach Amerika reiste, verlor ich bei den Original Teddies meinen Verbindungsmann und ausserdem einen guten Freund. Als er weg war, spürte ich, dass im Orchester jetzt auch der ruhende Pol fehlte. Es begann bedenklich zu hapern. Die Leitung der Formation ging an den Saxophonisten Eddie Brunner über. Ohne Zweifel war dieser ein Spitzenmusiker, einer der besten, den es in unserem Lande je gab. Aber Brunner war kein guter Leader. Ihm fehlte es an Einfühlungsvermögen, um auf die Anliegen seiner Musiker einzugehen. Saxophonist Denis Chapelet und Trompeter Casi Bonjour traten aus und gründeten die Red Millers, Pianist Buddy Bertinat gründete seine eigene Band. Uns alle schockierte es, wie Brunner dem Schlagzeuger Polly Guggisberg, einem Gründungsmitglied der Original Teddies, den Laufpass gab. Nach einem Engagement im "Moulin Rouge" in Genf befanden wir uns in der Eisenbahn auf der Rückreise in die Deutschschweiz. Da sprach Brunner Guggisberg an: "Polo, du musst dir einen neuen Job suchen".
Ambassadors ("Embassy"), Arosa, Anfang 1941. V. l.n.r.: René Weiss,
Leo Laurent, Lothar Löffler, Max Oberlé, Jack Sherman, Rolf Goldstein,
René Bertschy
Das Dispensationsprojekt
Wir Musiker, die wir im Zweiten Weltkrieg Militärdienst leisten mussten, waren wirklich die Dummen. Andere Musiker, welche von dieser Pflicht befreit waren, schnappten uns laufend die guten Jobs weg, so beispielsweise Fred Böhler, der länger dauernde Engagements im Zürcher "Corso" buchen konnte. Ich befand mich gerade mit Lothar Löffler in Arosa, da kam mir die zündende Idee, wie es möglich sein sollte, die unbefriedigende Situation zu meistern. Ich suchte daraufhin Carlo Schläpfer auf, der in Zürich eine Konzertagentur betrieb. Ich erkundigte mich bei ihm, ob er mir zusichern könne, uns Militärpflichtige als Formation zu plazieren, falls es uns gelänge, jeweils miteinander Urlaub zu bekommen. Er fand meinen Vorschlag gut und gab mir seine Einwilligung sogar schriftlich. Mit seinem Schreiben ging ich zu Oberst Schuster, Chef der Abteilung Dispensation beim Militärdepartement. Ich bat ihn, mein Gesuch zu prüfen. Auch er war mit meinem Vorschlag einverstanden und meinte:"Das ist die Lösung. Stellen Sie zwei oder drei Formationen zusammen. Dann werde ich dafür sorgen, dass die angeforderten dienstpflichtigen Musiker jeweils miteinander in den Urlaub gehen können. Damit erhalten auch sie die Chance zu gut bezahlten Jobs". Ich ging sofort ans Werk. Ich erinnere mich, eine Gruppe zusammengestellt zu haben, der Richard Moser, Piano, Alberto Quarella, Trompete, und Robert Quasi, ein Drummer aus Davos angehörten. Richard Moser war ein ausgezeichneter Musiker, der bekanntlich nach dem Krieg nach Abessinien ging.
Wechsel zu Lothar Löffler und den Lanigiro
Die Klimaverschlechterung bei den Original Teddies veranlasste mich, im Frühling 1942 zuerst zu Lothar Löffler und einige Monate später zu den Lanigiro hinüber zu wechseln. Die Lanigiro suchten einen geeigneten Ersatz für den ausscheidenden Bassisten Guido Cova, der seinerseits zu Bob Huber ging, welcher fürs Radio tätig war. Es wurde jemand gesucht, der ausser Bass spielen auch gut englische Texte singen konnte. Für eine solche Aufgabe war ich gut vorbereitet. In Holland hatte ich mir perfekte Sprachkenntnisse angeeignet. Dort war Englisch das gebräuchliche Verständigungsmittel unter den verschiedensprachigen Musikern.
Während ich im Dienst weilte, fanden die Lanigiro"im Bassisten Joe Gut Ersatz. Als ausgebildeter Konzertmusiker war er unbestreitbar ein Wunderbassist. Er hat auch im Orchester von Hermann Scherchen mitgewirkt. Konzertreisen führten Gut bis nach Japan.
Herr Rosengarten von der Schallplattenfirma Elite-Records hatte eine gute Nase, als er 1938 am Zollfreihafen eine Aufnahmeapparatur aus der Tschechoslowakei zur Herstellung von Schallplatten sicherstellen konnte. Dies war während dem Kriege die einzige brauchbare Anlage in der Schweiz. Weil Teddy Stauffer einen Vertrag mit Rosegarten hatte, kam er als erster für Aufnahmen an die Reihe. Columbia-Schweiz von der Firma Jecklin musste die Anlage zusammen mit den Technikern anmieten. Da wurden viele Hillbilly- und Cowboysongs aufgenommen, die waren damals in der Schweiz sehr beliebt. Bei den Aufnahmen mit den Lanigiro bestimmte Jecklin, was gespielt werden sollte bzw. was sich verkaufen lässt, so konnten wir kaum Jazz aufnehmen. Eine der wenigen Jazzaufnahmen für Jecklin, "Sweet Georgia Brown", bekam dann allerdings den "Weltwoche"-Preis als beste Jazzplatte des Jahres 1944.
Es waren dicke Wachsplatten, sie mussten im Ofen zuerst aufgewärmt werden. Dann machte man auf galvanischem Weg eine Matrize, womit dann die Platten für den Verkauf gepresst wurden. Eine solche Wachsplatte kostete etwa 35 Franken. Der Auftraggeber wurde verrückt, wenn man einen Fehler machte, z.B. wenn einem der Dämpfer herunterfiel. Sagte man hingegen: "Halt, stopp, ein Taktfehler!" fragte er:"Warum machen sie einen Stopp, was heisst Taktfehler? Ich habe nichts gehört!". Er kam eben nicht so richtig "drus", er war nur ein guter Geschäftsmann.
Lanigiro, ca. 1946 in der "Taverna", Ascona. V.l.n.r.: EricLandsrath, Gugu Dupuis (tp);
Werner Thöni (p); René Bertschy (vo); Bruno Bandini (ts); Richie Moser (b);
Dölf Zryd (d); Fernand Clare, Johnny Girardbille, Renè Knapp (sax)
Gründung der Continental"
Meine Zeit mit den Lanigiro dauerte bis Anfang 1947. Ich verliess dieses Orchester, als ich merkte, dass zu jenem Zeitpunkt alles verflachte. Wagner, der kommerzielle Chef der Formation, ging nach Südafrika. Nach seinem Ausscheiden war keine Autorität mehr da. Was mich auch störte, war die überbordende Lust am Glücksspiel der Musiker, welche ganze Nächte lang "jöggelten", auch ihr Chef! So beschloss ich, es mit einem eigenen Orchester zu versuchen. Ich rekrutierte mehrere Musiker, und war im April 1947 bereit, um in Genf antreten zu können. Der Pianist Geo Voumard und der Saxophonist Emil "Eddie" Billeter hatten zuvor bei Hazy Osterwald gespielt. Als Hazy seine Formation umstrukturierte, wechselten sie zu mir. Der Trompeter "Gugu" Dupuis trat von Fred Böhler zu mir über. Alle drei kannte ich bereits von früher. Auch Trompeter Rolf Goldstein, mein früherer Kollege von den Chocolate Kiddies, war mit dabei. Er schrieb für mich die "kommerziellen" Arrangements. Saxophonist Jean-Pierre Dupuis war ein wunderbarer, schöpferischer Mensch, er hat die "Fuge 46 für vier Saxophone" geschrieben, die beim Radio im Playbackverfahren auf Platte übertragen wurde.
Continentals, ca 1950. Aussen links: René Bertschy, aussen rechts: Albert Linder
Jamsession auf einem amerikanischen Kriegsschiff
Etwa im Frühjahr 1948 machten wir mit dem Cetra-Quartett Aufnahmen im Radiostudio Genf. Die Leute, die dieses Quartett bildeten, stammten aus Italien. Sie sagten uns, dass sie uns ein Geschäft im "Capo di Nord Est", einem Etablissement in Santa Margherita (in der Nähe von Rapallo) vermitteln könnten. Sie beabsichtigten nach Venedig zu gehen und somit wäre der Platz frei für uns. Sie arrangierten alles, und schliesslich reisten wir im Sommer 1948 an die italienische Riviera, um das Engagement anzutreten. Doch als wir hinkamen, brach der Generalstreik aus und legte alles lahm. Wirren herrschten. Auslöser war ein Attentat auf den Kommunistenführer Togliatti, der dabei allerdings nur leicht verwundet wurde. Da erschien vor Santa Margherita ein amerikanisches Kriegsschiff, um notfalls amerikanische Landsleute evakuieren zu können. Gottlob normalisierte sich die Lage bald wieder und der Generalstreik wurde abgebrochen. Wir nahmen den Betrieb auf der Terrasse am blauen Meer wieder auf. Die Amerikaner luden uns auf ihr Schiff ein und bewirteten uns fürstlich mit gutem Essen und Getränken. Es hatte unter der Mannschaft des Schiffes auch einige gute Amateurmusiker, mit denen wir an Bord gelegentlich Jazzsessions abhielten. Es herrschte ein recht fröhlicher Betrieb.
Die Frauen im Leben eines Musikers
Im Winter 1948/49 traten wir während der Olympiade im Kulm-Hotel in St. Moritz auf. Im Herbst 1949 war ein Engagement im "Moulin Rouge" in Genf auf dem Programm. Unser Pianist Geo Voumard war mit einer Armenierin verheiratet, die auch singen konnte und die er unbedingt mit dabei haben wollte. Doch Herr Grandjean, der Manager des Genfer Lokals, wollte diese Frau nicht engagieren. Sie besass zwar als Sängerin viel "Punch", doch als Mensch war sie etwas problematisch. Daraufhin stellte Voumard uns ein Ultimatum. Ich liess ihn ziehen und ersetzte ihn durch den Pianisten Albert Linder. Bevor Linder zu mir wechselte, war er bei seinem Bruder tätig gewesen, der ihn jedoch nicht gut bezahlen konnte. Albert eignete sich besonders gut für die Begleitung von Artisten, in dieser Funktion machte er seine Sache sogar besser als sein Vorgänger Voumard. Als ich ihn abwarb spielte er im "Singerhaus" in Basel, während wir uns in der gleichen Stadt im "Astoria" aufhielten.Um nochmals auf Voumards Frau zurückzukommen. Die Frauen richten im Leben eines Musikers gelegentlich Unheil an. Ich machte als Orchesterchef einige Male diesbezügliche Erfahrungen. Wenn eine Band zehn Mitglieder hat, dann sind in der Regel auch zehn Frauen dabei. Diese haben Bedarf an zehn Pelzmänteln und zehn Autos. Und erst wenn alle Wünsche in Erfüllung gegangen sind, kommen die musikalischen Qualitäten zum Tragen!
Mit den Continentals weiterhin unterwegs
Auch während den fünfziger Jahren setzte ich meine Aktivitäten als Bandleader der Continentals fort. Sie bewegten sich in etwas ruhigeren Bahnen als in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten. Unsere Dienste wurden seitens der Kundschaft sehr geschätzt und so konnten wir doch alljährlich mit einigen gesicherten Engagements rechnen. Im Frühling oder im Herbst weilten wir meistens in Ascona, im Sommer im "Montbenon" in Lausanne und während den Wintermonaten waren wir in der Regel in St. Moritz anzutreffen. Dazwischen unternahmen wir auch Konzertreisen an andere Orte, auch im Ausland. So waren wir zwei- oder dreimal im holländischen Badeort Scheveningen. Im weiteren besuchten wir auch mehrere Male deutsche Städte, so Hamburg, Dortmund, Wiesbaden etc. In Dortmund spielten wir in der Rhein-Main-Halle vor etwa 5000 Konzertbesuchern! Ich erinnere mich, mit den Continental" in einer Stadt im Lande Hessen in einer riesigen Halle konzertiert zu haben, welche sogar l0'000 Personen fasste.
Wie Hazy Osterwald und andere Orchesterleiter reduzierte ich Ende der vierziger Jahre meine Mannschaft auf sechs bis acht Musiker. Im Sommer 1959 kamen wir ganz unerwartet zu einem Engagement ins "Rotonde" an der Gartenausstellung in Zürich. Die Ausstellungsleitung gelangte an uns, nach dem sie es vorgängig mit einem französischen Orchester und dann mit einer Ad-hoc-Formation aus Berlin versucht hatte. Beide Gruppen haben den Anforderungen nicht genügt und wurden wieder weggeschickt. Ich musste dort wieder mit einer zehnköpfigen Formation antreten.
Hören Sie All Of Me von den Continentals. Der Zeitpunkt der Aufnahme ist leider unbekannt.
Continentals, vor dem Parkhotel, Wiesbaden 1958. V.l.n.r.: Ady Nisblé (sax); Eddie Knab (d);
René Bertschy (b, voc); Michael Honnet (p); Helmy Saad (ts); Ed Jegge (tp)
Solisten der Continentals
Bei den Continentals gab es im Laufe der Jahre auch einige Wechsel in der Musikerbesetzung. Doch stets verfügte ich über gute Leute. In solistischer Hinsicht haben sich die folgenden Musiker ausgezeichnet:die Trompeter "Gugu" Dupuis und der aus Neapel stammende Toni Lopresti, die Saxophonisten Jean-Pierre Dupuis, Emil Billeter, Eric Hauser und Chris Vlek, die Pianisten Albert Linder und Michael Honnet und der Drummer "Bümpi" Kern. Eric Hauser lebt heute in Biel. Michael Honnet stammte aus Paris und lebt heute wieder in Frankreich (Massif Central). Sein Vater war übrigens Ministerpräsident von Elsass-Lothringen. "Bümpi" Kern lernte ich durch Kitty Ramon kennen, welche seinerzeit bei der Familie Kern gewohnt hatte.
Auflösung der Continentals
Anfang der sechziger Jahre kam es im Unterhaltungsgewerbe zu einer tiefgreifenden Umwälzung: Die elektronische Musik begann ihren Siegeslauf. Ich stand vor der schwerwiegenden Entscheidung, mich diesem Trend - dem ich nichts abgewinnen konnte - anzupassen oder mein Orchester aufzulösen. Hätte ich auf die elektronische Musik umgestellt, dann wäre ich gezwungen gewesen, mir die erforderlichen Apparaturen anzuschaffen, was eine Unsumme Geld gekostet hätte. Ich zog es vor, meine Ersparnisse unangetastet auf der Bank zu belassen. So kam es im Frühling 1963 zur Auflösung der Continentals.
Es war noch nicht der Moment, um mich gänzlich aus dem aktiven Berufsleben zurückzuziehen. Mein jüngerer Bruder Roger hatte gerade in jener Zeit in Kehrsatz, Kanton Bern, ein Unternehmen eröffnet, welches in Lizenz für eine deutsche Firma unter der Leitung von Dr. Wolf pharmazeutische und kosmetische Produkte herstellte. Mein Bruder nahm mich als gleichberechtigten Partner in das Unternehmen auf. Erst war ich in Kehrsatz, später in Basel stationiert. Als Dr. Wolf starb, wurde der Betrieb in Kehrsatz liquidiert. Anschliessend führte ich eine Modeboutique in Bern, in welcher ich importierte Luxusartikel aus Amerika vertrieb. Um 1968 kam ich nach Zürich, wo ich heute noch ansässig bin.
Renè Bertschy verstarb am 28. November 1999.
Frank Erzinger, Otto Flückiger
Redaktionelle Mitarbeit: Armin Büttner - Trudi Flückiger - Ewald Kaeser
Quellen:
Ton- und Videoaufzeichnungen:
- Diverse Interviews/Gespräche, zwischen 1978 und 1997 (Bertschy - Flückiger) in Wallbach und Zürich.
- Interview 10. 7. 1998 in Zürich (Bertschy - Erzinger - Flückiger)
Publikationen:
- "Jazz Wereld" (Holland), Ausgaben der Jahre 1933 -37.
- "Doctor Jazz" (Holland), Juni & August 1969: Johnny Dunn Story.
- "Doctor Jazz" (Holland), Nr. 74/75: Jascha Trabski Story.
- "Jazz Tango" (Frankreich), Okt. 1934, April & Oktober 1935.
- "Tagesanzeiger" für Stadt und Kanton Zürich, Ausgaben März 1935.
- "Jazz Im Umbruch" (Jazzmuseum Arlesheim), November 1995.
-
Fortsetzungsfolgen: (noch in Bearbeitung):
- Réne Bertschy " Orchesterchronologie
- René Bertschy - Tondokumente & Discography
Weiteres Bildmaterial und weitere Angaben zu René Bertschys Musikerlaufbahn finden Sie in unserem Beitrag über Hans "Johnny" Müller.
© Jazzdocumentation 2006