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Laurent Nègre im Interview
Von Geri Krebs
Herr Nègre, als «A Forgotten Man» am vergangenen Zurich Film Festival Premiere hatte, gab es manche Leute, die sich fragten, warum Sie dreissig Jahre nach Veröffentlichung von Thomas Hürlimanns Theaterstück diesen Stoff nun noch filmisch verarbeiteten. Ist das nicht etwas spät?
Ich möchte zuerst betonen, dass ich «A Forgotten Man» im Abspann nur: inspiriert von «Der Gesandte» nenne, und nicht mehr eine ‹Adaptation› des Theaterstücks, wie ursprünglich geplant.
Sie kannten den Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann persönlich. Wie reagierte er auf Ihre Idee einer filmischen Adaptation?
Ja, ich lernte Thomas Hürliman 2010 bei einer Literaturveranstaltung in Genf kennen. Schon davor hatte
ich von seinem Stück «Der Gesandte» gehört, aber richtig gepackt hat mich das Thema damals anlässlich dieses Events. Thomas Hürliman begeisterte sich auch rasch für meine Idee, aus seinem Stoff einen Film zu machen. Darauf hatten wir dann zwar regelmässig Kontakt, aber er versandete im Lauf der Zeit.
Warum liess sich die ursprüngliche Idee nicht realisieren?
Nun, da müssen Sie die Filmförderer beim Bund, beim Kanton Genf und bei der Lotterie Romand fragen. Bei all diesen Stellen sind wir mit unseren Fördergesuchen mehrfach abgeblitzt.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Nein, man hat mir lediglich zu verstehen gegeben, dass man glaube, diese alte Geschichte interessiere wohl kaum mehr jemanden.
Verstehen Sie diese Argumentation?
Ich denke, dass man sich eher hinter ihr versteckte, um nicht sagen zu müssen, dass man nun endlich lieber nichts mehr hören möchte über dieses schändliche Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Als mir dann klar war, dass ich den Film nicht in der geplanten, relativ aufwändigen Form eines Historiendramas realisieren konnte, begann ich mich Stück für Stück von der Vorlage zu entfernen.
In welchen Dingen unterscheidet sich Ihr Spielfilm von der ursprünglichen Vorlage des Theaterstück?
Die Geschichte mit Maurice Bavaud, dem verhinderten Schweizer Hitler-Attentäter, der 1938, kurz nach dem Dienstantritt Frölichers – der im Film Hans Zwygart heisst – verhaftet und 1941 hingerichtet wurde, spielt bei Thomas Hürlimann keine Rolle. Ich wollte mit «A Forgotten Man» wieder einmal an diesen Helden erinnern, den Frölicher schändlich ignorierte und keinen Finger für ihn rührte. Frölicher hat zu Bavaud einfach geschwiegen, und dieses Schweigen ist für mich etwas sehr Schweizerisches. Ein weiterer Unterschied zum Theaterstück ist, dass ich einen viel satirischeren Ton bei dieser Figur des eitlen und opportunistischen Botschafters anschlage, als dies bei Hürlimann der Fall war. Und ich glaube, dass der Film heute viel aktueller ist als damals, als wir daran arbeiteten.
Wieso sind sie der Meinung, dass wir uns heute wieder mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen müssen?
Ein zentrale Frage ist ja die, der Schweizer Neutralität. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist sie wieder stark in den Vordergrund gerückt und man hat dabei heute bisweilen das Gefühl, die Schweiz habe aus dem Zweiten Weltkreig nichts gelernt. Man schaue sich doch nur Mal an; ein Herr Blocher ist heute daran, eine Initiative zu starten, welche die Neutralität, so wie sie die Schweiz im Zweiten Weltkrieg praktizierte, für alle Zeiten in Stein meisseln will.
Verglichen mit ihren beiden vorherigen Filmen, «Confusion» und «Opération Casablanca», schlägt «A Forgotten Man» einen viel ernsteren Ton an …
Da möchte ich widersprechen. Natürlich hat der Film mit der Tragödie von Maurice Bavaud, der den Botschafter wie ein böser Schatten ständig verfolgt, einen ernsten Hintergrund. Aber die Figur des Botschafters und seine ganze Familie habe ich ja bewusst satirisch und mit Schwarzem Humor überzeichnet. Ich liebe Politik und Schwarzen Humor, und diese Vorlieben werde ich auch in zukünftigen Projekten pflegen.