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Die freie Meinungsäußerung ist in Deutschland ein individuelles Grundrecht. Das impliziert einerseits eine hohe Meinungsvielfalt als besonderes Kennzeichen einer offenen Gesellschaft. Andererseits gibt es Stimmen, welche die Meinungsfreiheit als gefährdet ansehen – eine Gefährdung, die vor allem politisch-moralisch oder ideologisch bedingt sei, um bestimmte Personen oder Organisationen von öffentlichen Meinungsplattformen auszuschließen. Beobachter konstatieren zudem eine Verengung der Debattenräume auf bestimme Meinungen des medialen Mainstreams. Andere wiederum beklagen die durch die Meinungsflut im Internet ausgelöste "Orientierungslosigkeit, die durch fehlende, falsche und manipulierte Informationen entstehe." In der digitalen Kommunikation schlage die Stunde der "Dogmatiker, Demagogen und Dummschwätzer". Eine "toxische Rhetorik" habe sich breitgemacht und daher gebe es "Grenzen des Sagbaren im öffentlichen Raum". Kurzum: Es ist viel von einer Meinungskrise die Rede – gepaart mit einer Krise des Wissens.
Dieser heterogene, nur skizzierte Befund lässt es als angebracht erscheinen, den Meinungsbegriff tiefgründiger zu analysieren, um zu einer Versachlichung der Debatte über Meinungsfreiheit und -vielfalt beizutragen. Der Philosoph Christian Bermes unternimmt in seinem Buch diesen begrüßenswerten Versuch. Er greift dabei zurück auf den Begriff der Doxa in der antiken griechischen Philosophie. Klassischerweise – so auch etwa bei Immanuel Kant – wird das Meinen aufgrund von Objektivitäts- und Wahrheitskriterien dem Wissen zum einen und dem Glauben zum anderen gegenübergestellt. Allgemein ist das Wissen durch einen starken, an Objektivität ausgerichteten Wahrheitsanspruch gekennzeichnet, während etwas zu glauben als ein subjektives Fürwahrhalten verstanden werden kann. Der Meinungsbegriff, so könnte man zunächst etwas lax formulieren, liegt dazwischen.
Bermes bietet eine genauere Verortung an: Wer etwas mit einem Wissensanspruch behaupte, setze sich der Kritik mit der Möglichkeit der Widerlegung aus. Im Falle von Meinungen gehe es hingegen weniger um Widerlegung, sondern eher um ein Entkräften. Gleichwohl sind Meinungen nach Bermes keineswegs gegen Kritik immun und können bezweifelt werden – aber anders als bei wissensbasierten Aussagen, bei denen der Wahrheitsgehalt und die kritische Überprüfbarkeit im Vordergrund stehen.
Meinungen müssten vielmehr zunächst das Kriterium der Angemessenheit erfüllen, die Bermes durch Eigenschaften wie Stimmigkeit, Adäquatheit, Evidenz, Verständigkeit und Tauglichkeit definiert.Wenn es um die Wahrheitsfähigkeit von Meinungen geht, scheint die Sache schwieriger zu sein. Bermes tastet sich behutsam an das Thema heran, leider nicht selten auf Kosten sprachlicher Leichtigkeit und Klarheit. Zu behaupten, dass Wahrheit und Falschheit im Falle des Meinens keine Rolle spielen, sei töricht, führt der Autor aus. Meinungen seien grundsätzlich "offen für die Unterscheidung zwischen wahr und falsch" und insofern "unsicher". Meinungsäußerungen seien jedoch keineswegs beliebig oder als ein bloßes "Daherreden" aufzufassen. Meinungen müssten vielmehr zunächst das Kriterium der Angemessenheit erfüllen, die Bermes durch Eigenschaften wie Stimmigkeit, Adäquatheit, Evidenz, Verständigkeit und Tauglichkeit definiert. Im Falle von Meinungen gebe es nicht nur ein Entweder-Oder, sondern auch ein Mehr oder Weniger: "Sie können nicht nur auf eine Weise wahr oder falsch sein, sondern in verschiedenerlei Weise passend oder unpassend."
Zur Meinung gehöre eine "Unentschiedenheit", so Bermes weiter. Sie bedeute, dass mit einer Meinung zugleich die Möglichkeit eröffnet werde, durch eine andere Meinung relativiert zu werden, "damit Neues, Anderes, Verstecktes, Verborgenes oder auch Irritierendes, Befremdliches oder auch Ausgefallenes in den Blick gerät." Vor allem aber habe die Meinungsbildung etwas mit der "menschlichen Selbst- und Weltorientierung" und mit der menschlichen Lebenswelt im Umgang miteinander zu tun. Mit dieser anthropologischen Wendung bereitet Bermes den argumentativen Boden vor für das, was er Takt nennt. Bermes wörtlich: "Im Takt verbinden sich Standhaftigkeit mit Aufmerksamkeit gegenüber Anderen, Verbindlichkeit mit Offenheit gegenüber opponierenden Ansichten sowie Fassung mit Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, aber auch Altem. Der Takt schützt auf der anderen Seite vor Engstirnigkeit, aber auch vor einem blinden Nachlaufen propagierter Meinungen."
Eine absolute Gewissheit kann niemals erreicht werden, wenn Erkenntnisse mit im Spiel sind.Bermes greift in seinem Buch ein hochaktuelles, ja brisantes Thema auf und betrachtet es aus einem philosophisch-phänomenologischen Blickwinkel. In der Rückbesinnung auf die Doxa beleuchtet er verschiedene Aspekte des Meinungsbegriffs eingehend und nachvollziehbar. Leider erschweren sein metaphorisierender Sprachgebrauch und seine zum Teil sprunghafte Argumentation an einigen Stellen das einleuchtende Textverständnis. Zudem fehlt die explizite Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Wissen und Meinung zum Irrtum verhalten. Sowohl das Wissen – insbesondere auch das wissenschaftlich begründete Wissen – als auch Meinungen können objektiv fehlerhaft und mit Irrtümern behaftet sein. Eine absolute Gewissheit kann niemals erreicht werden, wenn Erkenntnisse mit im Spiel sind. Das hat vor allem der Kritische Rationalismus mit seinen Protagonisten Karl Popper und Hans Albert plausibel dargelegt.
In Anbetracht dieser Einsicht haben wir allen Grund, in unseren Debatten eine gewisse Bescheidenheit an den Tag zu legen und zudem das zu beherzigen, was Bermes zum Taktbegriff ausführt. Vor diesem Hintergrund gehört die Förderung der Meinungsvielfalt zum unentbehrlichen Bestandteil einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft. Mit den Worten des Autors: Wer an einer gelingenden Debattenkultur interessiert sei, werde dem Meinen seinen Raum lassen müssen.