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Artikel von Pater Reinhard Mattle
Das Verenamünster Zurzach
In den letzten Wochen habe ich in meiner Umgebung nach dem Grabe der heiligen Verena gefragt. Kaum jemand konnte mir antworten. Bekannt ist der Name der Heiligen; vielleicht noch die Klause in der Verenaschlucht bei Solothurn. Aber, als der Name Zurzach fiel, begann grosses Staunen, ja Kopfschütteln. Bekannt ist Zurzach durch sein Thermalbad, aber dass es das Grab der heiligen Verena berge, das war für viele neu. Und ich bin ehrlich, auch für mich galt das lange Zeit, bis vor Jahren die Pfarrhaushälterinnen der deutschen Schweiz sich dort zur grossen Wallfahrt einfanden und ich als Präses der Zürcher Pfarrhaushälterinnen mitging. Seither weile ich jedes Jahr dort.
Von Aegypten nach Zurzach
Die heilige Verena, unbekannt ihr Grab und ihr Leben? Die Legende der Verena, erstmals in der Zeit Karls des Dicken (839--888 nach Christus) im Kloster Reichenau als Erbauungsbuch geschrieben, erzählt uns, dass sie ihren Verlobten Viktor, der im dritten Jahrhundert in der berühmten thebäischen Legion als Soldat diente, begleitete. Diese Legion stammte aus dem damals stark christlichen Oberägypten, wo sie unter Kaiser Maximilian ausgehoben wurde und unter der Führung Mauritius, nach Mitteleuropa zog.
Verena blieb in Mailand zurück. Als sie vernahm, dass ihr Verlobter und andere Christen, unter ihnen auch Mauritius, ihres Glaubens wegen im heutigen St-Maurice getötet worden waren, reiste sie ebenfalls dorthin, musste aber vor der heidnischen Bevölkerung fliehen. So kam sie nach Solothurn, wo sie in einer Felsenhöhle als Einsiedlerin lebte. Später wanderte sie weiter auf eine kleine Rheininsel bei Koblenz, bis sie nach Zurzach weiter zog.
Wie Mutter Theresa
Zurzach hiess damals Tenedo (keltisch) und besass zwei römische Kastelle, die den Rheinübergang nach Süddeutschland bewachten. Innerhalb eines Kastelles haben die Archäologen eine kleine christliche Kirche und ein Taufbecken, das wohl älteste in der weiten Umgebung, gefunden. Der Bezug, der heiligen Verena zu den Römern und christlichen Bewohnern am Rhein ist damit wohl gegeben. Verena wird gegen zwei Jahrzehnte in Zurzach gelebt haben, wo sie sich ganz in den Dienst der Kranken und Notleidenden stellte. Wie der Einsatz der Mutter Theresa in Kalkutta muss das selbstlose Helfen und Heilen von Verena einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben. Ihr brachte man die Kranken der Gegend, die Hilflosen und Ausgestossenen fanden bei ihr Zuwendung und Geborgenheit. 344 soll sie gestorben und, wie es bei den Römern Brauch war, ausserhalb der Burganlage an der Strasse nach Vindonissa, heute Windisch, begraben worden sein. Dort wurde sie als Vorbild der Nächstenliebe verehrt, dort entstand die erste kleine Grabeskirche und später, der vielen Wallfahrerinnen und Wallfahrer wegen, das heutige Verenamünster.
In der Krypta
Doch als erstes suchen wir die Krypta, Grabkapelle, der heiligen Verena auf. Sie befindet sich unter dem Chorraum und ist als kleine Saalkirche gebaut. Die Halle mit stämmigen Säulen, kreuzrippengewölbten Jochen, den gekehlten Rippen und den küstlichen Blüten- und Blattsteinen ergibt einen würdigen Raum. Unter dem Gewölbeschlussstein mit feinem Eichenlaub, zu deuten, wie eine Krone, befindet sich das Grab, das an dieser Stelle wohl seit dem 11. Jahrhundert zu finden ist. Es ist bedeckt mit einem Stein, dessen 1613 erneuerte Platte, der Sargdeckel, das Bild der Heiligen zeigt: eine junge Frau mit goldener Krone im blonden Haar. In der einen Hand trägt sie ein Krüglein, in der anderen den Kamm, die so genannten Attribute der Heiligen. Mir scheint, dass das Betrachten dieses Bildes einen lebendigen Bezug zu ihr herstellen kann, denn es strahlt etwas so Helles aus und lässt uns das dunkelgraue Steingrab, umgeben von einem hohen, eisernen Gitter, etwas von seiner Nüchternheit vergessen.
Jetzt kann ich beten, die Nöte und Bitten darbringen. Und weil zu gewissen Tageszeiten die Krypta kaum besucht ist, kann ich bewusster das Vertrauen und die Gemeinschaft mit dieser grossen, starken Heiligen verspüren, aussprechen und mitnehmen.
Romanik, Gotik und Barock
So verlasse ich die Krypta, der Eingang befindet sich auf der Südseite des hoch aufstrebenden Chorhauses, um in das Münster einzutreten. Es empfängt mich in strahlender Schönheit. Bedeutete die Krypta eher Leben und Tod, so ist der Innenraum des Münsters Ausdruck kommender Herrlichkeit! Das Münster zeigt Elemente verschiedener Stilepochen: Romanik im Langhaus, zum Beispiel Quaderpfeiler, rundbogige Arkaden, Gotik, Chorhaus in rotem Sandstein, 1347 geweiht, und Barock, vor allem durch Gasparo Bagnato (gestorben 1775) ausgeführt. Diese Elemente konkurrenzieren sich nicht, sie ergänzen einander, ohne das ihnen Zukommende aufzugeben, zu einem wundervollen Ganzen. Und wenn die Mittagssonne ihre Strahlen in das Münster sendet, bricht Freude, ja Jubel aus. Ich durfte es jedes Mal erleben.
Beim Rundgang durch die Kirche möchte ich noch darauf aufmerksam machen: auf die prachtvolle Orgel, die Tafelbilder an den Hochwänden, die das Leben der heiligen Verena, nach der jüngeren Fassung der Legende von Kaspar Letter gemalt, darstellen und uns einen bildreichen Eindruck in das bewegte Leben der Heiligen geben. Und nicht zuletzt die Statue der Heiligen (Anfang 16. Jahrhundert) auf der linken Seite hinter dem wundervollen Chorgitter, welches darauf hinweist, dass das Verenamünster lange Zeit von Priestern eines Chorherrenstiftes betreut war.
Ein Zeichen der Liebe
Ich möchte mit Gedanken aus meiner letzten Verena-Predigt schliessen: Die Heilige hat ihre Attribute in Kamm und Krüglein. Für mich ist das Krüglein entscheidend: Es enthält Wasser und Wasser löscht den Durst des Leibes und der Seele. Es enthält Öl und Öl heilt Verletzungen und mahnt uns, niemanden zu verletzen. Es enthält auch den Wein, und der ist Zeichen und Inhalt der Freude, des Geistes und der Bewegtheit. Das Krüglein ist Zeichen der Liebe, weil es ausgiesst, an andere verschenkt, was es enthält. So wie es Verena zeit ihres Lebens getan hat. Wohl auch deswegen, weil sie ganz in der Liebe Gottes stand und diese Liebe im Zeichen des Krügleins verschenkte. Vor kurzer Zeit hat Bischof Kurt Koch die heilige Verena neben Urs und Viktor zur Bistumsheiligen der Diözese Basel ernannt.
Pater Reinhard Mattle
Aus: ferment 6/2003, S. 54f. Pallottiner-Verlag, Postfach, CH-9201 Gossau SG