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«Muss der Milchmann, auch wenn er nicht kann?» titelte der «Bund» im Juni 1965, weil auf der Berner Landschaft wieder einmal die Frage der Freiheit des Milchhandels und der «Grundrechte» der Milchkonsumenten konträr diskutiert wurden. Wussten Sie, dass es einst Milchstreiks gab? Dass Milchhändler um «Einerbezirke» kämpften? Dass Pasteur und pasteurisierte Milch des Teufels waren? Dass man Begriffe wie Milchzüge und Milchmannen brauchte, Milchfrauen aber seltener auftraten, ausser als «Ladentöchter»?
In Wollishofen gab es seit dem beginnenden 20. Jahrhundert «Milchhandlungen», d.h. Läden, in denen man (vor allem) Milch kaufen konnte. Sie waren auch Ausgangspunkt für die damals übliche morgendliche Hauslieferung. Eine frühe Milchhandlung befand sich an der Renggerstrasse 61. In diesem Haus, 1912 erbaut, wohnte von Beginn weg ein Milchhändler namens Nicolaus Kälin-Zehnder, der im durchaus noch bäuerlichen Wollishofen begann (so wie in der Stadt) die Kundschaft mit Milch zu versorgen.
Dass der Architekt des Hauses, Christian Fischer, (noch) nicht an ein Erdgeschoss mit Läden gedacht hatte, zeigt sich auf einer Fotografie aus den ersten Jahren (es beleuchtete noch eine Gaslaterne die Renggerstrasse). Die Fotografie ist wohl ein Unikat, ich habe sie bisher jedenfalls noch nie gesehen. Sie ist heute im Besitz von Hans-Ruedi Häusermann, der seine Kindheit als Sohn eines späteren Milchhändlers in diesem Haus verbracht hat (und mir mit seinem Wissen half, vorliegenden Blogbeitrag zu verfassen; vielen Dank HRH!).
Renggerstrasse 61/63. Um 1925. Foto auf Holz aufgezogen. Privatfoto.
Zum Foto: Im Vordergrund rechts: Renggerstrasse 61/63. Die beiden fünfstöckigen MFH stehen bis heute. Sie sind Zwillinge: vom gleichen Architekt, Christian Fischer, um 1912 erbaut, blieben sie über längere Zeit – obwohl als Teil einer Blockrandbebauung konzipiert – allein. Vor allem die Brandmauer gegen die Albisstrasse blieb noch fast zwei Jahrzehnte offen, bis mit dem heutigen Block Albisstrasse 11, erbaut um 1930, eine städtebaulich ansprechende Ecklösung gefunden werden konnte. Links davon: ein massiges, ebenfalls fünfstöckiges Wohnhaus, Zellerstrasse 6 und 8, Baujahr 1911, heute Seestrasse 366/368. Am linken Bildrand ein kleines Haus, Baujahr 1905, Zellerstrasse 4, heute Seestrasse 364. Aufgenommen ist das Foto von Albisstrasse 16 aus (mitsamt dem hölzernen Lattenzaun gegen die Albisstrasse, 1931 abgebrochen). Erstaunlich ist, dass die gewählte Perspektive die damals am Eingang der Albisstrasse, auf der linken Seite stehenden kleinen alten flarzartigen Häuschen der Albisstrasse 3, 5 und 7 nicht ins Bild rückte.
Von der Ära Kälin zur Ära Häusermann
Im März 1964 erschien in den Neuen Zürcher Nachrichten eine erstaunliche Mitteilung: «Drunten in Zürich», heisst es da, «starb ein echter Einsiedler aus dem Viertel Euthal, Nikolaus Kälin-Zehnder.» Und es wird berichtet, wo Kälin aufgewachsen war, wie er seine Gattin, Emma Zehnder, vom Horgenberg nach Zürich geführt habe, um in der grossen Stadt den Milchmarkt zu erobern, d.h. ein Milchgeschäft zu führen. Insbesondere wird auch erwähnt, dass die Tochter Kälin mit ihrem Gatten Olmo das Gasthaus Hirschen in Wollishofen geführt habe – inklusive der Restaurants auf den Zürichsee-Schiffen. Kälin, 1885-1964, war wohl Einsiedler von Geburt, er wurde durch sein Milchlädeli an der Renggerstrasse und durch sein geselliges Wesen bald zum Wollishofer; er war Mitglied in manchen Vereinen, insbesondere ab 1930 in der Zunft Wollishofen. Bald danach gab er indessen sein Milchlädeli auf und zog in den Kreis 10. Ein neuer Milchhändler zog 1933 in die «Renggi 61» ein: Paul Häusermann.
Milchhandlung Häusermann, Renggerstrasse 61. 1935.
Klara Häusermann-Thoma hinter Milchtonnen.
Privatfoto.
Paul Häusermann war ein guter Nachfolger von Kälin. Er kam mit seiner Frau Klara, die beiden konnten die Liegenschaft kaufen und das Unternehmen vergrössern. Sohn Hans-Ruedi schreibt zum Betrieb: «Es gab 3 Milchtouren. Dauer: 4 Uhr – ca. 12 Uhr, mit Frühstückpause. 365x im Jahr! Die offene Milch kam von Wädenswil oder Cham per ‚Milchzug‘ zum Bahnhof Wollishofen, morgens 7:30, abends um 20 Uhr. Das Geschäft war von 7-12.30 und von 14-18.30 (samstags bis 17) offen, auch sonntags 8 bis 9 Uhr. Beschäftigt waren drei Milchführer, eine Verkäuferin (genannt «Ladentochter») sowie eine Hausangestellte. Sie alle lebten mit der Familie in Hausgemeinschaft. Zusammen waren wir rund 10 Personen im Haushalt!»
Ladentochter Trudy 1960 Ladentochter Hedwig 1940 neues Ladeninterieur 1943
Im Quartier waren unterdessen zahlreiche Milchlädeli entstanden. So kam die Frage nach Ökonomie der Kräfte, nach Zusammenarbeit und Reviereinteilung auf. Paul Häusermann war sehr aktiv in solchen Fragen, er wurde bald auch Obmann des Zürcher Vereins der Milchläden. Als solcher hatte er sich nicht nur mit Revier-, Hygiene- und Monopolfragen zu beschäftigen, er war auch aktiver Zeitgenosse, als es um Einführung der pasteurisierten Milch und von der «bequemen», aber umstrittenen Kartonverpackung («Tetra-Pack») ging.
Häusermanns Motorhandwagen, Marke Harbilt (bis 12 km/h). Wohl Ende 1950er Jahre.
Der Bier- und Mineralwasserverkauf war nicht unwesentlich, doch bezüglich Ladeguts ist das Foto nicht repräsentativ!! Der weissgekleidete Mann hiess Dietmar Kittelmann, der nach abenteuerlichem Soldatenleben als Milchführer in Zürich ansässig wurde und blieb. Privatfoto.
Quartiereinteilung der Milchzustellung für das Milchgeschäft Paul Häusermann:
Albisstrasse: Ab Seestr. bis Lettenholzstr. (exkl. rechte Seite ab Apotheke Morgental)
Renggerstrasse: ganze Strasse bis Staubstr.
Seestrasse: Richtung Stadt: bis Bahnhof und ab Haumesser bis Muraltengut
Richtung Kilchberg: bis Stadtgrenze
Tannenrauchstrasse: ab Morgentalstrasse bis Albisstrasse
Kilchbergstrasse: ganze Strasse inkl. Kilchberg- und Simmlersteig sowie Wettstein-, Zeller-, Hoffnungs- und Johannastrasse
Auf der Egg (aber nicht Eggweg)
Moränenstrasse, Ziegelstrasse, Butzenstrasse (bis Rainstr.), Rainstrasse (bis Wernerstr.), Wernerstrasse
Der Verein der Milchläden wurde gegründet, weil der Milchpreis ein zentrales Politikum der Bundes- wie auch der städtischen Politik war. Und eben auch, weil Konkurrenz und Zusammenarbeit der Milchhändler letztlich eine fragile Balance hielten, in die die Politik bei Bedarf auch keine Skrupel hatte, einzugreifen. «Durch die Milchkontingentierung darf den Konsumenten die freie Wahl des Milchhändlers im Rahmen der Sanierung des Milchvertriebs nicht eingeschränkt werden», formulierte es etwa die NZZ 1941 (1.9.), als während des Krieges mit seinen Versorgungsengpässen die städtische Zentralstelle für Kriegswirtschaft sich mit dem Problem beschäftigte und – eben für Rechtsgleichheit aller Konsumenten und gegen die Einrichtung sog. «Einerbezirke» – Zonen mit nur einem zugelassenen Milchhändler regulierte. Dabei gab es aber auch noch die Bedürfnisse der Angestellten in den Milchläden zu berücksichtigen, so dass sich die «Sanierung des Milchhandels» als gröberes politisches Problem entpuppte.
Eine wissenschaftliche Debatte entwickelte sich um die Frage der Hygiene. Sollte gemäss den Erkenntnissen von Louis Pasteur, der diese schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte, Milch aus Hygienegründen pasteurisiert werden? Auch dazu war die Meinung der Milchhändler gefragt. So wurde in Zürich 1958 ein diesbezüglicher «Grossversuch» der Grossverteiler gestartet. Der Milchhändlerverband sei nach wie vor «skeptisch eingestellt», liess der Präsident, Paul Häusermann, verlauten, und er gab der Befürchtung Ausdruck, «aus dem vermehrten Verkauf von Pastmilch würden sich für die Milchhändler vermehrt noch vergebliche Gänge zu ihrer Kundschaft ergeben. Es war auch von ungleichen Spießen zu hören, mittels deren der Kampf um den Großversuch ausgefochten wird, und von einem während dreier Monate in zwei Quartieren unternommenen Versuch mit Pastmilch, geliefert zum Preis der gewöhnlichen Milch, der einen Umsatzrückgang im Milchkonsum von 12 Prozent bewirkt habe.» (NZZ vom 8.12.1958).
Das Ende der Milchlädeli – Paul Häusermann als Privatmann
Paul Häusermann lebte von 1904 bis 1994, er durchlebte fast das ganze 20. Jahrhundert. Es war ein arbeitsames und verantwortungsbewusstes Leben. Für seine katholische Ehefrau wechselte er die Konfession, wenn er allerdings gefragt wurde, ob er katholisch oder reformiert sei, habe er jeweils geantwortet: «Ich bin Milchmann.» Als Familienvater zog er drei Kinder gross und stand als Chef einer grossen «Gewerbefamilie» vor. Er war erfolgreicher Berufsmann und lebte sich in Wollishofen nicht nur ein, sondern er lebte durch und durch ein Zürcher, ein Wollishofer Leben. In die Zunft wurde er 1938 aufgenommen.
Paul Häusermann mit Sohn Hans-Ruedi im Zunftlook. 1953.
«Die Hosen krazten an den Beinen.»
Privatfoto.
Häusermann war auch Trompeter in der Harmonie Wollishofen, und als er dort mal alles drunter und drüber ging, sorgte er für Ordnung und übernahm ad interim die künstlerische Leitung – inklusive Dirigentenstab; er war auch Aktivpräsident. In den 1950er Jahren erlebte Zürich einige wichtige Schwurgerichtsprozesse; unter den 12 ausgelosten Geschworenen war auch der Milchhändler aus Wollishofen. «Die Geschwornen haben Paul Häusermann als ihren Obmann ernannt», schrieb die NZZ damals (25.1.1956). Über längere Zeit war er auch Mitglied der Schulpflege im Schulkreis Uto. Vom Präsidium des Milchhändlerverbands Zürich war schon die Rede. Sein Geschäft gab er Ende 1970, 65jährig, auf – auch im Bewusstsein, dass die Milchlädeli die Konkurrenz mit industriellen Milchprodukten und zu den Grossverteilern nicht gewinnen konnten. Mit Gottlieb Duttweiler hatte er oft Kontakt und mehrfach lange Gespräche geführt; der Lauf der Dinge war ihm klar, und er akzeptierte ihn.
Nach der Geschäftsaufgabe zügelten Paul und Klara an die Hoffnungsstrasse 5, wo er noch als Kaufmann gemeldet war. Er lebte weiter mit und in seinen Vereinen, auch in der Pfarrei St. Franziskus übernahm er Führungsaufgaben. Er starb 1994, in seinem 90. Lebensjahr. Klara folgte ihm im Jahre 2000.
(SB)
Für die Zurverfügungstellung der Privatfotos danke ich Hans-Ruedi, sie sind urheberrechtlich geschützt.