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Das Rote Kreuz: Bild einer humanitären Schweiz
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Schweiz wie in zwei Lager gespalten: Den deutschfreundlichen Deutschschweizern standen die frankophilen Westschweizer gegenüber. Für diese Spaltung zwischen den beiden hauptsächlichen Kulturkreisen und Sprachregionen des Landes wurde der Begriff «Graben» verwendet.
Entzweiung zwischen Deutsch- und Westschweizern
Bereits im Vorfeld des Krieges gingen in der Deutschschweiz und in der Westschweiz die Vorstellungen bezüglich der Entwicklung und Zukunft des Landes auseinander. Die politischen und militärischen Entscheidungsträger der Schweiz waren grösstenteils Deutschschweizer und wurden als deutschfreundlich empfunden. Das zunehmende Ungleichgewicht zeigte sich in einer Untervertretung der lateinischen Schweiz im Bundesrat. Als Ulrich Wille im August 1914 zum General der Schweizer Armee gewählt wurde, vertiefte sich der Graben zwischen der Deutsch- und der Westschweiz noch mehr. Die Sympathie des Generals für Deutschland missfiel den Westschweizern zutiefst.
Die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland goss zusätzliches Öl ins Feuer: Während das Vorgehen der Deutschen in den Westschweizer Zeitungen einhellig verurteilt wurde, berichtete die Deutschschweizer Presse mit grosser Nachsicht darüber… Die Wogen in der Öffentlichkeit gingen hoch. Ab dem Winter 1914 kehrte zwar wieder etwas Ruhe ein. Doch verschiedene politische und militärische Skandale, die das Land erschütterten, verschärften die Spannungen jeweils wieder: Unruhen im Kanton Freiburg (1915), Zwischenfall vor dem deutschen Konsulat in Lausanne (1916), Obersten-Affäre (1916), Affäre Grimm-Hoffmann (1917) usw.
Humanitäre Hilfe zur Stärkung des nationalen Zusammenhalts
Die humanitäre Arbeit wurde wohl als geeignetes Mittel betrachtet, um die Spaltung innerhalb des Landes zu überwinden, indem sich die gesamte Schweizer Bevölkerung hinter eine gemeinsame Sache stellte. In seinem Werk zur Geschichte der schweizerischen Neutralität hat bereits der Historiker Edgar Bonjour auf die gegenseitige Ergänzung dieser beiden Facetten hingewiesen: «So tief gespalten die Schweiz hinsichtlich der Sympathien für die Kriegsparteien damals war, so einmütig leistete sie humanitäre Hilfe.» Auf metaphorischer Ebene hatte das humanitäre Engagement tatsächlich eine identitätsstiftende Wirkung: Es stärkte die Neutralität des Landes, indem es ihr die Dimension der Tugendhaftigkeit verlieh.
Aus der Zeit des Ersten Weltkriegs liegen aus der Schweiz zahlreiche Bilder vor, auf denen humanitäre Hilfe und Neutralität miteinander verknüpft werden: Auf vielen Postkarten, die zwischen 1914 und 1918 in Umlauf gebracht wurden, sind die Verdienste einer neutralen, wohltätigen Schweiz dargestellt, die mitten im kriegsversehrten Europa als barmherziger Samariter wirkt. Damit wurde eine Neutralität gerechtfertigt, die den Krieg führenden Staaten teilweise suspekt war.
Humanitäre Propaganda mit Bildern
Das rote Kreuz war ein immer wieder auftretendes Bildmotiv. Oft wurde es zusammen mit der Helvetia, der allegorischen Frauenfigur der Schweiz, oder mit Wilhelm Tell abgebildet. Ein gutes Beispiel für die Gleichstellung mit patriotischen Elementen aus dem nationalen Mythenschatz ist die Analogie zwischen dem roten Kreuz und dem Schweizer Kreuz. Der Zusammenhang, der damit hergestellt wurde, kann als «Rotkreuz-Patriotismus» bezeichnet werden. Am Mitgliederausweis, den das SRK nach dem Krieg herausgab, lässt sich dieses Phänomen sehr gut veranschaulichen: Das rote Kreuz und das Schweizer Kreuz, die darauf dargestellt sind, überlagern sich.
Im Kielwasser des Roten Kreuzes wurden von der Bevölkerung zudem unzählige spontane Hilfsaktionen ins Leben gerufen, um den Opfern des Krieges beizustehen. So wurden Hilfskomitees für serbische Flüchtlinge und belgische Waisenkinder sowie zur Unterstützung der besetzten polnischen Gebiete gegründet. Gleichzeitig bildeten sich Gruppen von Patinnen, die bedürftigen Kriegsgefangenen Hilfspakete zukommen liessen. Im Schweizer Bildmaterial zum Ersten Weltkrieg sind auch diese zivilen Hilfsaktionen ausgiebig vertreten. Auf den Bildern wird eine geeinte Schweizer Gesellschaft dargestellt, die für gemeinsame Werte wie Nächstenliebe und Solidarität eintritt; der Rotkreuz-Gedanke scheint sich somit landesweit in der gesamten Gemeinschaft verbreitet zu haben.