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Friedrich Dürrenmatts Bern-Bethlehem
«In Bethlehem stand nur noch ein Hochhaus, wenn auch mehr einem gespenstischen Gerüst ähnlich. Ich betrat das Gebäude, unten war alles ausgebrannt, die Liftschächte leer. Endlich fand ich eine Treppe. Die Stockwerke bestanden nur noch aus Eisenträgern, die eine Betondecke trugen. Das oberste Stockwerk war leer, nur vom überaus hellen Nachthimmel beleuchtet. Ich dachte schon, ich hätte mich getäuscht, das Hochhaus sei unbewohnt, als ich eine Leiter entdeckte. Ich kletterte hoch und stand auf dem Flachdach unmittelbar vor der dunklen Fläche eines Penthouses, durch dessen Türritzen ein Lichtschein fiel. (...) Der Tür gegenüber war eine riesige Glaswand, und ich begriff, warum das Innere des Penthouses erleuchtet schien. Hinter der Glaswand stand die helle Nacht, aber sie war nicht so blausilbern durchscheinend, weil der Mond schien, sondern weil die Berge gleichsam phosphoreszierten, die Blümlisalp leuchtete so stark, dass sie Schatten warf.»
Friedrich Dürrenmatt: Winterkrieg in Tibet (1981)
Was wäre, wenn der Dritte Weltkrieg stattgefunden hätte, der atomare Super-GAU? Friedrich Dürrenmatt liefert mit «Der Winterkrieg in Tibet» eine grelle, grausige Alternativgeschichte. Im tibetisch-pakistanischen Gebirge, im Stollensystem des Gasherbrum III, dauert der Krieg vielleicht zwanzig, vielleicht schon dreissig Jahre. Ein Söldner kriecht durch die Gänge, mehrfach amputiert, halb Mensch, halb Maschine, dessen Arm in etwas mündet, was man als überdimensioniertes Schweizer Sackmesser auffassen könnte. Damit kratzt er in die Felswände Erinnerungen an seine Schweizer Zeit. Auch über der Schweiz ist eine Atombombe abgeworfen worden, und das «grosse Sterben» setzte sofort ein. Wer nicht infolge der Verstrahlung umkam, erging sich in beispiellosen Grausamkeiten, Staudämme wurden gesprengt, Fabriken zerstört, «Aberhundertausende kamen in den Fluten um und in den Giftgaswolken der brennenden Chemiewerke». Der Söldner, damals Offizier, braucht zwei Jahre, um durch «das Inferno dieser Zeit» von Thusis nach Bern zu gelangen. Der Gang durch die verstrahlte Stadt ist gespenstisch. Das Bundeshaus ist zu einem Bordell umfunktioniert worden und die Regierung hat sich in einen Atomschutzbunker unter der Blümlisalp geflüchtet. Aber Dürrenmatt räumt gründlich auf: Die Blümlisalp wird mit einem Fernzünder gesprengt und später, als der Erzähler auf dem Dach des letzten Hochhauses von Bern-Bethlehem sitzt, wird er Zeuge vom fortschreitenden Untergang Berns: «Von der Stadt her war eine dumpfe Explosion zu hören. Die Silhouette des Münsters neigte sich, dann ein fernes Donnern, und eine bläuliche Staubwolke erhob sich, senkte sich, vom Münster war nichts mehr zu sehen.»
Friedrich Dürrenmatt bildete zusammen mit Max Frisch das Doppelgestirn der Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert. Er wurde 1921 als Pfarrerssohn in Konolfingen im Emmental geboren und starb 1990 in Neuchâtel, wo er 38 Jahre lang gelebt hatte. Heute kann man dort das Centre Dürrenmatt besuchen. Internationalen Ruhm erlangte der Autor in erster Linie mit seinen Dramen und durch die vielfach verfilmten Kriminalromane. Die «Stoffe», zu denen auch der «Winterkrieg» gehört, zählen zum Alterswerk. Dürrenmatt hat autobiografische und fiktionale Stoffe, die ihn seit Jahrzehnten schon beschäftigten, noch einmal in ebenso glänzende wie verstörende Prosa verwandelt. (BP)
Bethlehem ist ein Quartier im Westen von Bern und der Stadtteil mit dem grössten Ausländeranteil (36 Prozent). Der Name stammt von einem mittelalterlichen Prozessionsweg. Bis 1918 war Bethlehem ein eigenes Dorf, dann wurde es eingemeindet. In den fünfziger und sechziger Jahren wurden hier die ersten Hochhäuser und Grosssiedlungen der Schweiz gebaut, um modernen Wohnraum für Arbeiterfamilien zu schaffen. Die Gebäude – Dreizimmerwohnung als Norm, Gemeinschaftsräume, Kinderhort, autofreie Innenhöfe – galten damals als visionär. Sie prägen heute das Ortsbild. Zwei von drei Bethlehemern und Bethlehemerinnen leben in einem solchen Wohnblock.