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Text von Lasha Bakradze
Nur fünf Monate nach der ersten Filmvorführung in St. Petersburg eröffnete am 16. November 1896 das erste Kino in Tbilisi. Während französische, italienische und deutsche Filmemacher bereits in Georgien Filme drehten, entwickelte sich das georgische Kino gemächlich. Zu den Vorreitern zählen Alexander Dighmelov und Vasil Amashukeli. Amashukeli drehte 1912 den ersten Langzeit-Dokumentarfilm: Reise von Akaki nach Racha-Lechkhumi, die vom berühmten georgischen Dichter und Politiker Akaki Zereteli (1840-1915) handelt, der die westgeorgische Bergregion Racha- Lechkhumi bereist. Der Regisseur Alexander Tsutsunava realisierte den ersten Spielfilm Christine in 1916 und Germane Gogitidze wurde als allererster georgischer Filmproduzent bekannt.
Um den politischen Umwälzungen nach der Revolution zu entfliehen, setzten sich viele wichtige Personen aus Kultur und Literatur nach Tbilisi ab, so dass die Hauptstadt zum Zentrum der russisch- georgischen Avantgarde wurde. Mehrere internationale Akteure prägten auch das georgische Kino wesentlich mit, wie zum Beispiel Ivane Perestiani, der italienischer und russischer Herkunft war, daneben der Armenier Amo Nazarov (Nazaryan), der Russe Vladimir Barsky sowie viele andere. So wurde das georgische Kino nicht unwesentlich von Menschen verschiedenster Herkunft geprägt.
Die aufblühende avantgardistische Filmszene in Tbilisi wurde von den regierenden Sozialdemokraten der Demokratischen Republik Georgien, wie auch von der Sowjetischen Regierung aufmerksam beobachtet. In dieser Zeit entstand Kinoqronika, eine Kino-Chronik, welche wichtige politische Ereignisse in Georgien dokumentierte. Wegen der hohen Armut war es der demokratischen Regierung nicht möglich, Spielfilme finanziell zu unterstützen. Mit der Machtübernahme 1921 durch die Sowjetunion erfolgte dann die Verstaatlichung des georgischen Kinos. 1923 richtete das Volkskommissariat für Bildungswesen die Sakhkinmretsvi ein, die Staatliche Filmindustrie.
Das georgische Kino der ersten Hälfte der 1920er Jahre lässt weder Experimentierfreudigkeit noch einen ausgeprägten avantgardistischen Stil erkennen. Es war die Zeit des sowjetischen Bestsellers Die roten Teufelchen (von Ivane Perestiani, 1923). Daneben avancierte die georgische Schauspielerin Nata Vachnadze zum ersten sowjetische Filmstar.
Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entwickelte eine neue Generation von Filmemacher das georgische Kino weiter: Leo Esakia, Lev Push, David Rondeli, Nikoloz Shengelaia, Siko Dolidze, Mikheil Chiaureli, Mikheil Kalatozishvili, Nutsa Gogoberidze, Giorgi Makarov. Viele von ihnen fanden ihren Weg zum Film über die Literatur oder die Kunst. Die Regierung und die Kommunistische Partei unterstützten diese neue Generation von Filmschaffenden. Den beruflichen Erfolg mussten sie sich jedoch in dieser politisch schwierigen Zeit hart erarbeiten.
1927 endete die bis dahin vergleichsweise liberale Ära in Wirtschaft, Kunst und Politik. Ab da wies die Kommunistische Partei der Sowjetunion die Kunst zurück in ihre ideologischen Schranken.
Die 1925 gegründete und von der Partei geförderte «Vereinigung Russischer Proletarischer Autoren» zerstörte mittels eines Dekrets von 1929 den georgischen Formalismus. 1928 veröffentlichten Mikheil Kalatozishvili und Nutsa Gogoberidze den historischen Dokumentarfilm Ihr Reich in Anlehnung an den russischen Regisseur Esphir Shubb. Leo Esakia produzierte Holze, Ephim Dzigan und Mikheil Chiaureli drehten Der erste Leutnant und von Nikoloz Shengelaia kam Eliso. Kote Mikaberidzes Film Meine Grossmutter aus 1929 wurde vollständig verbannt und erst 1976 in einer bearbeiteten Version wieder gezeigt.
Mikheil Kalatozshvilis in Svanetien gedrehter Film Der Blinde von 1929 wurde ebenfalls von der Kommunistischen Partei verboten. Daraufhin zerlegte Kalatozshvili den Film in mehrere Teile. Einige dieser Teile wurden 1930 im Film Das Salz Swanetiens wiederverwendet. Die erste Filmemacherin Georgiens, Nutsa Gogoberidze, drehte 1931 den Film Buba, der in Racha spielt und von der Kolonialisierung, Bebauung und Bewirtschaftung des georgischen Hochgebirges handelt. Mikheil Chiaureli brachte die Filme Saba in 1928 und Khabarde in 1931 heraus. 1932 drehte Kalatozishvili den Film Nagel im Stiefel, der anschliessend ganz zensiert wurde. Lange galt der Film als verschollen und für immer verloren, bis er 2008 überraschenderweise wieder auftauchte.
Zur selben Zeit reisten viele der Künstler der russischen Avantgarde, so Sergei Tretyakov und Victor Shklovsky, nach Tbilisi, um dort an ihren Drehbüchern zu arbeiten. In den 1930er Jahren schloss sich die ungarische Filmtheoretikerin Bela Bash einem Filmstudio in Tbilisi an. Aus dieser Zusammenarbeit entstand In den schwarzen Bergen (1941), in dem Nikoloz Shengelaia Regie führte. Nikoloz Shengelaias 26 Kommissare von Baku, 1930 in Aserbaidschan gedreht, beruhte auf einem politisch brisanten Drehbuch von Alexander Rzheshevski. Einen nicht unwesentlichen Part spielten die Künstler damaligen Zeit: Evgeni Lansere, Valerian Sidamon-Eristavi, David Kakabadze, Lado Gudiasvhvili, Irakli Gamrekeli und Dimitri Shevardnade. Auch sie waren an der Entwicklung des georgischen Kinos massgeblich beteiligt.
Am 23. April 1932 erliess das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei den Beschluss zur «Reformation der literarischen-künstlerischen Organisationen». Der Beschluss führte zu nationalen Vereinigungen. 1933 übernahm das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei die alleinige Verwaltung der gesamten Filmbranche. Das politische Dekret vom 7. Juni 1933 schrieb vor: «Themen und Inhalte dürfen nicht ohne vorhergehende Befugnis des Zentralkomitees in Produktion gehen. Es dürfen keine Abbildungen ohne des Einvernehmens des Komitees veröffentlicht werden und auch keine Aufnahmen veröffentlicht werden, die gegen diesen Erlass verstossen.»
In der Ausstellung Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne (25.08.2018-04.11.2018) sind folgende Filme zu sehen:
Meine Grossmutter (Chemi bebia), 1929 Konstantin (oder Kote) Mikaberidze
Buba, 1930, Nutsa Gogoberidze (1902–1966)
Das Salz Swanetiens (Jim Shvante), 1930, Michail Kalatosow (1903–1973)
Saba, 1931, Mikheil Chiraureli (1894–1974)
Der Nagel im Stiefel (Lursmani cheqmashi Gvozd’v sapoge), 1930/32, Michail Kalatosow (1903–1973)
Installationsansicht, Georgischer Modernismus: Die Fantastische Taverne, Kunsthalle Zürich, 2018
Foto: Lucas Ziegler