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1917-2000
Bertie Wolf
"Der Verleger Emil Oprecht3 ist verheiratet und lebt zugleich in Beziehung mit seinem Freund Bertie Wolf. Emmie Oprecht und Bertie Wolf kennen einander und stehen auch lange nach dem Tod von Emil Oprecht miteinander in Verbindung. Bertie Wolf ist Architekt und Travestiekünstler, er ist Abonnent des Kreis und tritt dort auch an den Festen auf."1
Albert Bernhard Wolf, genannt Bertie (1917-2000) war feminin, aber keine Tunte, stets perfekt gekleidet, meist mit einem aprikosenfarbenen Kleinpudel unterwegs, eine schlanke, elegante Erscheinung, die zugleich Distanz signalisierte.
Im Gespräch war er liebenswürdig, humorvoll und schlagfertig, ein brillanter Erzähler mit umfassender Bildung. Er war, wie er gelegentlich betonte, ein Enfant terrible für seine wohlhabende und einflussreiche jüdische Unternehmerfamilie in Eindhoven, Niederlande.
"Mit 15 verliebte ich mich in einen wesentlich älteren Mann und zeigte es offen."
Zu Hause war das unmöglich. Also "floh" er nach Zürich und begann im Oktober 1935 mit dem Architektur-Studium an der ETH, wo er bis März 1941 immatrikuliert blieb, um sich dann bis 1946 als Student der Kunstwissenschaft an der Zürcher Universität einzuschreiben.
1938/39 besuchte er seine Familie und fuhr darauf nach Paris. Offiziell belegte er dort ein Semester Architektur, hauptsächlich aber wollte er sich zum Varieté-Tänzer ausbilden lassen. So berichtete er uns (Röbi Rapp und Ernst Ostertag) im Mai 2000.
Anfang 1940 kehrte er wieder in die Schweiz zurück. In Zürich traf er nun Emil Oprecht (1895-1952), der mit Emmie Oprecht-Fehlmann (1899-1990) verheiratet war. "Die wesentlichste Begegnung meines Lebens", erklärte er immer wieder. Bald begann er im KREIS aufzutreten und wurde dort zum erfolgreichen und beliebten Travestie-Star. Im Dezember 1944 reiste er über Genf nach Frankreich, wo er sich zum Fronteinsatz meldete, denn
"ich musste mich einfach aktiv an der Befreiung meiner Heimat beteiligen".
Seinen Dienst in einem Sanitätscorps leistend, geriet er in die letzte grössere Operation der Deutschen, die Ardennenoffensive.
Schwer erkrankt, völlig abgemagert und entkräftet kam er schliesslich durch Vermittlung Oprechts im März 1945 in die Schweiz zurück. Im Januar hatte das Kreis-Heft 1/1945 auf deutsch und französisch noch seine Verabschiedung publiziert:
"Liebe Kameraden! Meine gequälte Heimat ruft mich; ich darf in einer solchen Stunde nicht Nein sagen. So muss ich den mir lieb gewordenen KREIS unerwartet rasch verlassen und ich kann nur noch auf diesem Wege allen herzlich die Hand drücken. Ich habe in vielen Stunden in Eurer Mitte froh sein und manches Schwere vergessen dürfen, dafür danke ich Euch. Denkt manchmal an mich, so wie ich euch nie vergesse. Bertie."
Bertie berichtete uns: Die intime und betont private Beziehung zu Emil Oprecht sei durch diesen Kriegseinsatz wesentlich vertieft worden. Zum beruflichen und gesellschaftlichen Leben der Oprechts habe er anfänglich Distanz gehalten. Es sei aber bald eine Freundschaft mit der Kabarettistin Voli Geiler (Kabarett Cornichon) entstanden, ebenso mit den Schauspielerinnen Therese Giehse und Maria Becker. Über die Oprechts lernte er später auch Katja und Thomas Mann kennen2.
Ernst Ostertag, Oktober 2004
Quellenverweise
- 1
unverschämt - Lesben und Schwule gestern und heute, Zürich 2002, Ausstellungstext.
- 2
Frischknecht, Beat, Der Racismus - ein Phantom als Weltgefahr, Der Fund eines verschollenen Typoskripts als Auslöser umfangreicher Recherchen, in Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 43/44; November 2009, ab S.21
Anmerkungen
- 3
Ab 1938 war Oprecht der erste Verwaltungsratspräsident der Neuen Schauspiel AG