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Doch Alba lehnte höflich ab, freute sich auf einen schönen Abendspaziergang. Zu Fuss ging sie der Strasse entlang, verbeulte Wagen rauschten an ihr vorbei, spuckten Abgaswolken in ihr Gesicht. Sie liess ihr Blick über das Meer schweifen, ein dramatischer violett-roter Himmel ging ins dunkle Blau des Ozeans über. Sie starrte über die endlose Weite des Meers, irgendwo dort lag Europa, so nah und doch unendlich fern. Vor dem Ausbruch des Syrienkriegs hatte man via Autofähre von Alexandria nach Athen oder Venedig gelangen können. Eine Welle Heimweh schlug über Alba zusammen, ihr Herz verkrampfte sich. Sie sehnte sich nach der Sicherheit und Vertrautheit ihres eigenen Landes, aus der Ferne betrachtet kam ihr die Schweiz vor wie eine gütige Grossmutter mit runden Hüften und gehäkelten Tischdeckchen, vielleicht etwas träge und langweilig, aber verlässlich und wohlwollend. Sie wühlte in ihrer Tasche, suchte ihr Handy, plötzlich hielt sie einen zerknüllten Zettel in der Hand, in Abbas gleichmässiger Schrift war darauf der Name eines Fischrestaurants geschrieben. Tränen schossen ihr in die Augen, sie blickte zum Horizont, wo die Sonne gerade als glutroter Feuerball im Meer versank, ein Tränenschleier vernebelte ihr die Sicht und nässte ihre Wangen, als sie auf dem unbefestigten Strassenbelag über Schutt und Geröll stolperte.
Das Fischrestaurant war mitten in die Altstadt gequetscht, «sämäk» in schwungvollen arabischen Buchstaben auf die Tafel geschrieben. Sie legte die Sonnenbrille auf den Tisch, die Augen verquollen, suchte sie mit der Tasche auf den Knien nach einem Taschentuch. Dabei fiel ihr das Handy in die Hand. Sie schaltete es ein, es leuchtete. 23 missed calls von Eric. Sie putzte sich gerade lautstark die Nase, da schrillte das Handy erneut, die vier Buchstaben von Erics Namen blinkten auf, aggressiv und fordernd.
«Hallo?», antwortete Alba müde.
«Warum gehst du nie ran?», zischte Eric vorwurfsvoll.
«Ich bin in Alex. Ich hatte doch das Interview mit Professor Abla.»
«Na und? Ich habe ständig Interviews», er pausierte, mit schwerer Zunge fuhr er fort: «Deswegen musst du nicht gleich dein Handy ausschalten.»
«Bist du etwa angetrunken?»
Er ignorierte ihre Worte, lallte stattdessen: «Das kann dich dein Leben kosten.»
«Was ist los mit dir?» Alba stellte sich Eric vor, wie er in der winzigen Küche seines Einzimmerapartment sass, sein Haar sorgfältig verstrubbelt, vornüber gebeugt, den Kopf aufgestützt, vor sich ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit.
«Gerade wir Ausländer sind im Visier der Geheimpolizei. Wir könnten ja Spione sein», höhnte er.
Alba wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
«Hast du etwas von Abbas gehört?»
«Er soll verlegt werden», sagte er, durchs Telefon hörte sie, wie er einen Schluck nahm.
«Ich habe mit seiner Mutter gesprochen.»
«Verlegt? Wohin?» Albas Herzschlag trommelte gegen ihren Brustkorb.
«In ein Wüstengefängnis.» Er lachte bitter. «Als wäre Tora nicht schlimm genug.»
«Was passiert jetzt mit ihm?»
Eric grunzte. «Er wird einem Richter vorgeführt. Wenn er Glück hat, bekommt er vorher noch Einsicht in seine Anklageschrift.» Er machte eine Pause. «Alba?»
«Ja?»
Ich habe deine Stimme vermisst.»
«Du bist betrunken.» Ohne ein weiteres Wort hängte sie ein. Ihre Hand zitterte leicht, als sie ihr Handy zurück in die Tasche schob. Ein leichter Wind frischte auf, als der Kellner das Essen brachte, ein Fisch verströmte einen Geruch, der ihr Übelkeit verursachte. Sie rümpfte die Nase, schob den Teller weit von sich weg.