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Antarktika gilt als ein Paradebeispiel unberührter Wildnis, praktisch frei von menschlichen Einflüssen. Hier soll der Mensch nur Gast sein, die Natur mit Tieren, Pflanzen und dem rauen Klima schwingen das Zepter. Doch eine Studie eines internationalen Forschungsteams hat nun herausgefunden, dass der Mensch grössere Bereiche des antarktischen Kontinents beeinflusst als bisher angenommen und dass die Vielfalt antarktischen Lebens nicht in diesen komplett unberührten Regionen liegen.
Das Team um die Doktorandin Rachel Leihy und Dr. Steven Chown von der Monash Universität in Melbourne (AUS) untersuchten in ihrer Arbeit, in welchen Regionen Antarktikas der menschliche Einfluss der letzten 200 Jahre am höchsten ist und welche Gebiete tatsächlich noch frei von jeglichem direkten Einfluss sind. Dazu wertete das Team von Wissenschaftlern insgesamt mehr als 2.7 Millionen Daten aus verschiedensten Quellen aus und verglichen sie mit den biologischen Daten zu den Lebewesen Antarktikas. Ausserdem entwickelten sie eine neue Definition von «Unberührter Wildnis», um auch Gebiete, in denen der Mensch nur vorbeizieht, miteinbeziehen zu können (sogenannte Negligibly Impacted Antarctic Wilderness NIAW).
«Dies macht Antarktika zum zweitgrössten intakten Wildnisgebiet der Erde nach den Waldgebieten der nördlichen Hemisphäre»Leihy et al. (2020) Nature 583
Unter ihrer Definition, wo innerhalb von mindesten 10’000 Quadratkilometer keine sichtbaren Spuren oder vernachlässigbare menschliche Aktivitäten zu finden sind, wären rund 99.6 Prozent des Kontinents unberührte Wildnis. «Dies macht Antarktika zum zweitgrössten intakten Wildnisgebiet der Erde nach den Waldgebieten der nördlichen Hemisphäre», notieren die Wissenschaftler. Danach verfeinerten sie die Definition auf diejenigen Bereiche, die tatsächlich noch nie von einem Menschen betreten wurden (Inviolate Antarctic Wilderness IAW), womit sich jedoch dieser Wert auf gerade mal 31.7 Prozent der Fläche Antarktikas relativierte. Davon liegen die zwei grössten Bereiche in der Ostantarktis und um das Filchner-Ronne-Eisschelf.
Antarktika ist nicht eine lebensfeindliche Wüste, sondern weist eine relativ hohe Artenvielfalt auf. Die Studie untersuchte deswegen auch, inwieweit diese beiden definierten Gebiete mit den Regionen, in denen eine hohe Artenvielfalt registriert worden war, überlagerten. Dabei zeigte sich ein überraschendes Bild: Während die Forscher keine Gebiete mit hoher Artenvielfalt in den völlig unberührten Wildnisregionen IAW fanden, zeigte sich, dass nur gerade 16 – 25 Prozent von Gebieten mit hoher Artenvielfalt im Bereich der NIAW lagen. Ersteres macht auch Sinn, da ja zur Erfassung der Artenvielfalt ein Aufenthalt von Menschen in dem Gebiet notwendig gewesen wäre. Doch das zweite Resultat zeigt, dass die meisten Gebiete mit einer hohen Artenvielfalt in den wenigen Regionen liegen, die unter menschlichem Einfluss stehen. «Diese Situation ist einzigartig auf der Welt», schreiben die Forscher in ihrer Arbeit. Denn Wildnis werde normalerweise unter anderem durch die Artenvielfalt taxiert.
Ein weiterer Aspekt der Resultate ist, gemäss des Teams, dass die IAW, die völlig unberührten Gebiete, durch die menschlichen Aktivitäten fragmentiert sind und keine zusammenhängenden Flächen bilden können. Dies ist zwar in ökologischer Hinsicht wichtig. Doch die Forscher geben auch an, dass aus diesen Gebieten noch keine Zahlen über die Artenvielfalt vorliegen. Sie implizieren jedoch, dass andere Studien in vergletscherten Gebieten erstaunlich hohe Artenzahlen entdeckt hatten. Abschliessend plädieren Rachel Leihy und ihre Kollegen für eine Ausweitung der Sonderschutzzonen, sogenannten ASPA, um die Artenvielfalt in den von Menschen immer häufiger besuchten besser schützen zu können. Diese Zonen sind bereits heute durch die Antarktisvertragsstaaten definiert und sind explizit vor Besuchen durch Touristen geschützt. Doch der Druck wächst, sowohl direkt durch steigende Besucherzahlen wie auch indirekt durch die Erwärmung der Region und ihren Folgen.
«Möglichkeiten, die Naturschutzbotschaften über unsere Wildnisgebiete zu verbreiten, werden immer wertvoller.»Amanda Lynnes, IAATO
Amanda Lynnes, IAATO-Direktorin für Umwelt- und Wissenschaftskoordination, sagte: «Wir begrüssen eine kürzlich in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie, die unser Verständnis des Ausmasses menschlicher Präsenz in der Antarktis seit der ersten Sichtung des Kontinents vor 200 Jahren verbessert. Hier bei IAATO hat der fortwährende Schutz der antarktischen Umwelt unsere Mission und Vision geprägt. Wir erkennen die unterschiedlichen Perspektiven der Wildnis und die damit verbundenen Herausforderungen an und fördern eine Kultur, in deren Mittelpunkt der Umweltschutz steht.»
Sie erklärt weiter, dass IAATO nicht nur die bestehenden ASPAs und alle Regeln zum Schutz der biologischen Vielfalt sehr ernst nimmt, sondern auch stolz darauf ist, mit dem Wissenschaftlichen Ausschuss für Antarktisforschung (SCAR) zusammenzuarbeiten, um einen systematischen Schutzplan für die Antarktische Halbinsel zu entwickeln. «Möglichkeiten, die Naturschutzbotschaften über unsere Wildnisgebiete zu verbreiten, werden immer wertvoller. Verantwortungsbewusstes Reisen kann Teil der Lösung zum Schutz unserer besonderen Orte sein.»
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Link zur Studie: