Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03302.jsonl.gz/2045

In der Antarktis hat sich jede Meeressäugerart perfekt an die extremen Bedingungen angepasst und seine ökologische Nische gefunden. Die verschiedenen Lebensräume besetzen die hochspezialisierten Tiere so, dass die interspezifische Konkurrenz möglichst gering ist. Während beispielsweise Weddellrobben die Nähe zum Festeis bevorzugen, das mit dem Kontinent verbunden ist und ihnen zum Ausruhen und zur Aufzucht ihrer Jungen dient, sind Krabbenfresserrobben mit dem Packeis assoziiert. Auch der Speiseplan der beiden Robbenarten unterscheidet sich deutlich: Krabbenfresserrobben ernähren sich hauptsächlich von Antarktischem Krill, Weddellrobben sind weniger wählerisch und fressen Krill, Fisch und Tintenfisch. Wie sich diese unterschiedlichen Strategien in Zeiten des Klimawandels auf das Leben und die Zukunft der beiden Arten auswirkt, hat eine neue Studie von Wissenschaftlern von der University of Canterbury, Neuseelanduntersucht.
Ziel der Studie, die im September in der Fachzeitschrift Global Change Biology erschien, war es, einen Datensatz als Überwachungsinstrument für die abgelegenen und größtenteils eisbedeckten Meeresschutzgebiete im Südpolarmeer zu schaffen. Mit der Hilfe tausender Bürgerwissenschaftler aus aller Welt, die auf Satellitenbildern nach Krabbenfresser- und Weddellrobben suchten, fand das Forscherteam heraus, dass beide Robbenarten ihre Jungen in der Nähe der Nahrungsquellen aufziehen.
Laut Dr. Mia Wege, seit kurzem Dozentin an der University of Pretoria, Südafrika und Hauptautorin der Studie, ist besonders interessant, wie unterschiedlich sich der Klimawandel auf die Brutplätze der Robben auswirken wird. «Aufgrund des Klimawandels werden die Krabbenfresserrobben nicht nur weniger Nahrung haben, sondern auch zunehmend Schwierigkeiten, einen Platz zum Ausruhen und Aufziehen ihrer Jungen zu finden. Überraschenderweise wird erwartet, dass Weddellrobben nur minimal betroffen sein werden, was das Gegenteil von dem ist, was anderswo in der Antarktis passiert», sagt Wege.
Dr. Michelle LaRue, Antarktisforscherin am Gateway Antarctica der University of Canterbury und Leiterin der Studie, fügt hinzu, dass «verschiedene Arten den Auswirkungen des Klimawandels in unterschiedlicher Weise ausgesetzt sein werden».
«Unsere Botschaft lautet: Wenn wir den Rückgang der Populationen eisliebender Robben bei fortschreitender Klimaerwärmung aufhalten wollen, müssen wir jetzt daran arbeiten, Meeresschutzgebiete einzurichten, um eine lange Lebensdauer dieser Arten und ihrer Ökosysteme zu gewährleisten», so LaRue.
Die Ergebnisse geben Aufschluss darüber, wie die beiden Robbenarten aufgrund ihrer einzigartigen Ökologie unterschiedlich auf den Klimawandel reagieren, so Wege. «Vor allem aber zeigt unsere Studie erneut, wie diese Arten Informationen über das gesamte Ökosystem liefern können und wie wertvoll sie als Sentinel-Arten sind, vor allem, wenn wir darüber nachdenken, wie wir die Wirksamkeit von Meeresschutzgebieten überwachen können. Sie sind sicherlich mehr als nur niedliche Gesichter.»
Die Studie zeigte, dass Krabbenfresserrobben besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels sind. Einerseits nutzen sie das saisonale und eher kurzlebige Packeis als Plattform für die Jungenaufzucht. Nimmt das Packeis im Zuge des Klimawandels ab, verkleinert sich auch die Fläche, die den Krabbenfresserrobben als Brutplatz zur Verfügung steht. Weddellrobben hingegen haben mit dem Festeis einen stabileren Untergrund.
Andererseits sind Krabbenfresserrobben Nahrungsspezialisten — Antarktischer Krill macht mehr als 90 Prozent ihrer Nahrung aus. Bei Änderungen in der Verfügbarkeit von Krill können sie also nicht einfach auf andere Beutetiere ausweichen. Somit könnte die hohe Spezialisierung der Krabbenfresserrobben nichts Gutes für ihre Zukunft bedeuten.
Noch ist das Weddellmeer nicht so stark vom Klimawandel betroffen wie die Antarktische Halbinsel. Aktuelle Studien zeigen dennoch, dass selbst dort die Krabbenfresserrobben bereits Gefahr laufen, Brutplätze und Nahrungshabitate zu verlieren. Die Weddellrobben sind dank ihrer größeren Flexibilität weniger stark von der Erwärmung betroffen und das Weddellmeer verfügt vermutlich noch über genügend Ressourcen, um ihre derzeitige Population zu erhalten.
Dr. Leo Salas, Ökologe bei Point Blue Conservation in Kalifornien und Co-Autor der Studie, sagt: «Bei jeder Planung zum Schutz des Ökosystems des Südlichen Ozeans sollten diese Unterschiede berücksichtigt werden. Es gibt keine einfachen Antworten.»
Im Oktober berieten führende internationale Politiker auf der Jahrestagung der Kommission für die Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) über den Schutz von über 2,2 Millionen Quadratkilometern des Weddellmeeres. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.
Die Studie wurde von Pew Charitable Trust finanziert.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Wege, M., et al. (2021) Ice matters: life-history strategies of two Antarctic seals dictate climate change eventualities in the Weddell Sea. Global Change Biology. doi.org/10.1111/gcb.15828.