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In ukrainischen Silos lagern Millionen Tonnen Getreide, die für den Export bestimmt waren. Weil aber wegen des Kriegs die wichtigste Transportroute über das Schwarze Meer blockiert ist, stecken Mais und Weizen fest. Produktionsketten geraten ins Stocken, Preise steigen, in einigen Ländern verstärken sich Hungersnöte. Weil die Ukraine vor dem Krieg eine der weltgrössten Getreideexporteurinnen war, bringt die Blockade den globalen Markt durcheinander. Nun soll das Getreide auf anderen Wegen aus dem Land geholt werden. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Die wichtigste Exportroute raus aus der Ukraine verläuft über das Schwarze Meer. Aber seit Kriegsbeginn blockiert die russische Flotte den Export des Getreides über ukrainische Häfen. Die ukrainische Armee wiederum hat in den Gebieten um ihre Häfen Seeminen ausgebracht, um einen russischen Angriff über das Meer zu verhindern. Kein Schiff kommt rein, kein Schiff kommt raus. Vor dem Krieg liefen nach Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums etwa 95 Prozent der ukrainischen Getreideexporte über diese Häfen, beispielsweise über den grossen Handelsplatz von Odessa.
Die Türkei und Russland haben über einen Getreidekorridor verhandelt, der den Export über das Schwarze Meer ermöglichen sollte. Der Plan sah vor, die Passage für Frachtschiffe unter türkischen Geleitschutz zu ermöglichen und die Häfen von Minen zu befreien. Einigen konnten sich die Verhandlungspartner bisher nicht. Die Ukraine sieht einen solchen Plan ohnehin kritisch, sie fürchtet: Wenn die Minen weg sind, könnten russische Schiffe angreifen.
Allein in den Häfen von Mykolajiw, Odessa und Mariupol sollen insgesamt rund sechs Millionen Tonnen Weizen lagern. Ausserdem sind viele Speicher der Landwirte voll mit Weizen, Mais und Ölsaaten. Nach Schätzungen von Experten ist rund ein Drittel der ukrainischen Lager mit den Ernteerträgen aus dem vergangenen Jahr gefüllt. Insgesamt lagern im Land demnach mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide.
Ende Juni beginnt in einigen Regionen die Erntesaison. Erst wird Gerste geerntet, dann Weizen, im Herbst schliesslich der Mais. Der Süden des Landes erntet früher als der Norden. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Fao) schätzt, dass die Ukraine dieses Jahr trotz des Kriegs etwa 50 Millionen Tonnen Getreide produziert. Wenn aber das Getreide vom Vorjahr die Lager belegt, haben die Bauern keinen Platz, um die neue Ernte zu lagern. Der ukrainische Landwirtschaftsminister Mykola Solskyj sagte, nach der Maisernte könnte ein Lagerdefizit von etwa 15 Millionen Tonnen bestehen. Im schlimmsten Fall verrottet dann Getreide auf den Feldern.
Ausserdem fehlt vielen Landwirtinnen Geld, weil sie ihr Getreide nicht exportieren konnten und somit keine Einnahmen haben. Die Erntezeit ist aber die Zeit, in der die Bauern das meiste Geld benötigen. Sie müssen Erntehelfer bezahlen und Diesel für die Landmaschinen kaufen. Ab August beginnt dann bereits wieder die Aussaat für das kommende Jahr, auch die kostet Geld: für Saatgut, Dünger, Arbeiterinnen und Arbeiter. Der gesamte Produktionszyklus droht durch das feststeckende Getreide aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Um es kurz zu machen: Die Ernährungsversorgung vieler Menschen ist in Gefahr. Der Markt für zum beispielsweise Weizen war bereits vor dem Krieg angespannt, jetzt spitzt sich die Lage zu. Das Angebot schrumpft und die Preise steigen weiter. Die Ukraine ist eine der grössten Getreideproduzentinnen der Welt, laut UN-Ernährungsorganisation Fao stammten im vergangenen Jahr 10.3 Prozent der weltweiten Weizenexporte aus der Ukraine, bei der Gerste waren sogar 14.5 Prozent und beim Mais 12.8 Prozent – damit war die Ukraine bis zum Krieg die drittgrösste Maisexporteurin der Welt. Viele Länder unter anderem in Nordafrika, aber auch im Nahen Osten sind auf ukrainisches Getreide angewiesen.
Zurzeit exportiert die Ukraine Getreide über Wege abseits der Häfen am Schwarzen Meer. Mit Lkw, Zug und Binnenschiffen transportiert sie die Ladung etwa nach Polen oder Rumänien, von wo sie weiterverladen wird. Aber diese Wege sind umständlich, die Logistik ist sehr teuer und die Fahrzeuge können nur einen Bruchteil des vor dem Krieg exportierten Getreides ausser Land schaffen. Vorher waren es durchschnittlich fünf bis sechs Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten pro Monat, im März ist diese Menge auf 300'000 Tonnen gefallen, im April stieg sie wieder auf etwa eine Million Tonnen an, im Mai waren es Schätzungen zufolge etwa 1.7 Millionen Tonnen. Das reicht aber längst nicht aus.
Innerhalb des Landes ist die Eisenbahn das vielversprechendste Transportmittel. Die Ukraine hat ein gut ausgebautes Bahnnetz. Sie wickle 65 Prozent ihres Güterverkehrs auf der Schiene ab, sagte der technische Direktor der Ukrainischen Eisenbahn, Valeryi Tkachev, der Agentur Interfax. Allerdings gibt es mehrere Probleme: Das Land hat nicht genügend Güterwaggons für Getreide, um die grossen Mengen zu transportieren. Und an der Grenze kommen die Züge nicht weiter.
Einerseits weil die Wartezeiten am Zoll sehr lange sein können – nach Angaben der EU-Kommission liegt die durchschnittliche Wartezeit für Güterwagen bei 16 Tagen, an einigen Grenzen könne es sogar 30 Tage dauern. Andererseits gibt es ein technisches Problem: Ukrainische Züge fahren genau wie russische Züge auf einer breiteren Schienenspur als die Züge im EU-Schienennetz. Die Waggons müssen an der Grenze also umgestellt oder die Fracht auf andere Züge oder Lkw umgeladen werden. Hinzu kommt: Täglich werden ukrainische Bahnstrecken von russischen Truppen attackiert.
Innerhalb der Ukraine fahren auch Lkw und transportieren Getreide. Aber bei der Ausfuhr aus dem Land stellen sich auch hier mehrere Probleme: Lkw warten genau wie Züge tagelang an der Grenze, das kostet viel Geld. Ausserdem fahren in der Ukraine viele Zugmaschinen mit der Euro-2-Norm, die auf den EU-Strassen nicht mehr zugelassen sind. Sie müssen ihre Waren also auf EU-Seite umladen, da sich Versicherungsgesellschaften aus der EU wiederum weigern, Lastwagen aus der EU auf ukrainischen Strassen zu versichern.
So oder so: Wenn das Getreide dann auf der EU-Seite angekommen ist, fehlt es an aufnehmenden Fahrzeugen. Die Kapazitäten der Züge sind begrenzt und einen Mangel an Lkw-Fahrern hat es in Europa auch schon vor dem Krieg gegeben. Allein in Deutschland fehlen laut Bundesverband Grosshandel, Aussenhandel, Dienstleistungen e. V. (BGA) zwischen 60'000 und 80'000 Berufskraftfahrer.
Grundsätzlich arbeitet die EU daran, die Bedingungen an der Grenze und auch den Weitertransport auf EU-Gebiet zu erleichtern. Dafür hat die EU-Kommission einen Plan vorgelegt, um sogenannte Solidaritätskorridore zu schaffen. Der Plan sieht unter anderem ein Strassenverkehrsabkommen zwischen der EU und der Ukraine vor, das den Transit für Lastwagen erleichtern soll. Darüber hinaus prüft die Kommission, finanzielle Garantien zu gewähren, um Verkehrsunternehmen aus der EU zu ermutigen, in die Ukraine zu fahren. Ausserdem sollen die Mitgliedsstaaten bei Zollverfahren maximale Flexibilität walten lassen.
Des Weiteren planen einige Länder, Getreide in ukrainischen Zügen an die Grenze zur EU zu transportieren und dort in temporär errichteten Silos auf EU-Seite zu lagern. Von dort soll das Getreide auf europäische Züge geladen und in europäische Häfen gebracht werden, um es in die Welt zu exportieren. Auch US-Präsident Biden sagte, er unterstütze den Vorstoss und wolle gemeinsam mit den europäischen Partnern Silos bauen lassen, insbesondere an der polnischen Grenze. Seine Regierung in Washington entwickle mit der EU einen Plan für den Abtransport von Getreide auf dem Schienenweg, sagte Biden.
Diese Silos können das Problem nicht kurzfristig lösen. «Es dauert mehrere Monate, bis so ein Silo steht», sagt Ludwig Striewe, Geschäftsführer der BAT Agrar, eines Landhandelsunternehmens. Er arbeitet seit vielen Jahren im internationalen Getreidehandel und kennt auch die Situation in der Ukraine gut. «Für die aktuelle Ernte ist das keine Hilfe.» Trotzdem, sagt er, seien Silos langfristig eine gute Idee. Sollte der Seeweg über das Schwarze Meer blockiert bleiben, schafften die Silos einen wichtigen Umschlagplatz. Die beiden Eisenbahnsysteme mit ihren unterschiedlichen Spurweiten können unabhängig voneinander funktionieren, die Züge der einen Seite füllen die Silos, die Züge der anderen Seite transportieren das Getreide weiter. Kein Zug muss auf einen anderen warten, sondern alle können autark ihre Strecken fahren. «Das kann in einigen Monaten die Logistik beschleunigen und die Kosten für die ukrainischen Landwirte wieder verringern.»
Hinzu kommt: Wenn die Silos sich auf polnischer Seite, also auf Nato-Gebiet, befinden, sind sie besser vor russischen Angriffen geschützt.
Handelsmann Striewe hat gemeinsam mit anderen Agrar- und Getreidehändlern in der vergangenen Woche einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben, in dem sie eine konzertierte Aktion aus Politik und Wirtschaft fordern, die den Getreideexport erleichtert. Sie machen darin auch einen pragmatischen Vorschlag, um das Dilemma der überfüllten Lager zu lösen: sogenannte Siloschläuche in die Ukraine zu schaffen. Das sind bis zu 90 Meter lange Schläuche, in die Getreide gepresst wird und in denen es auf den Feldern lagern kann. Die einzige Siloschlauchfabrik der Ukraine stand in Irpin, einem umkämpften Vorort von Kiew, sie wurde zerstört. «Siloschläuche und die nötigen Maschinen zu verteilen wäre eine kurzfristige, bezahlbare Lösung», sagt Striewe. Zumindest für die Lagerung. Ausser Landes ist das Getreide dann immer noch nicht, aber zumindest verrottet es nicht auf den Feldern.
Mit Material von Reuters und dpa
Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.
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