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Wir haben schon verschiedentlich über die Haut gesprochen, über das Leiden, die Sinnlichkeit als einzig zuverlässige (weil notwendig konkrete) Kriterien. Im erwähnten Zwillingsstück zum “Wiedergefundenen Freund” von Fred Uhlman, der Erzählung “No Coward Soul Im Mine” findet sich eine sehr hübsche Passage, die das für die Schönheit illustriert (Der wiedergefundene Freund, Zweiter Teil: Die Aufzeichnungen des Konradin von Hohenfels, DVA 1989, 103 f.):
Ich erinnere mich, wie ich einmal im Bus einer eher durchschnittlichen Frau gegenübersaß. Sie erregte meine Begier mehr als jede Frau, der ich begegnet bin, und ich bin einigen der schönsten Frauen begegnet. Ich wollte nur noch eines: mit ihr ms Bett gehen. Sie tat nichts, sie sah mich nur an, während sich ihre Lippen, sehr sinnliche Lippen, leicht öffneten. Ich war so erregt, daß ich ihr folgen wollte, als sie aufstand, aber natürlich blieb ich sitzen, wohIerzogen wie ich war. Aber sie verfolgte mich in meinen Träumen: Ich sah ihren prachtvollen Hintern unter dem knapp sitzenden Rock. (Gab es nicht die Statue einer griechischen Göttin »mit dem schönen Gesäß«?) Wie soll man sich die schöne Helena vorstellen? Ich habe keine Ahnung, wie sie aussah. Aber es ist überliefert, daß Tausende für sie gestorben sind und Weib und Kinder vergessen haben. Ob aber ich sie als Gegenüber im Bus unwiderstehlich gefunden hätte? Vielleicht wäre sie mir als Schönheit erschienen. Ob sie jedoch in mir den Wunsch erregt hätte, mit ihr ins Bett zu gehen? Hätte ich von ihrem Hintern geträumt?
Klassische griechische Schönheit kann jede Liebe töten. Ich habe in meinem kurzen Leben zwar nur einige wirklich schöne Frauen kennengelernt, aber sie ließen mich kalt, mein Herz schlug nicht schneller bei ihrem Anblick, und ich spürte nicht das geringste Verlangen, sie zu entkleiden.
Ich habe mir da eine Theorie zurechtgelegt, von er ich jetzt in der Vergangenheitsform sprechen muss: Einzig jene Frauen waren schön, bei denen man begehrte, sie auszuziehen, ihre Brüste zu berühren, ihren Hintern anzufassen, ihr Haar zu streicheln, sie einzuatmen, sie aufzufressen – ob Hure oder Herzogin, das spielte keine Rolle.
Wie wunderbar ehrlich das ist. Handelt es sich nicht immer genau darum: Sich selbst zu spüren, seine eigene Haut, seine eigenen Empfindungen freizulegen unter all dem Wust von Ideen, Konzepten und Vorstellungen anderer (die wir ja immer auch ein wenig übernehmen)? Und wenn wir das tun, wird nicht Schönheit sehr persönlich, unvergleichlich? Wie könnten wir da mit einem überkommenen oder herrschenden Ideal übereinstimmen? Werden nicht sogar die Merkmale, die sie für uns konstituieren, unsagbar? Wie könnten wir das je erklären? Und ist dies nicht gerade der Kern der Wahrheit? Dass sie nicht sagbar ist? Und gilt – sobald es tatsächlich Unseres ist – gleiches nicht für die Liebe und – ja –, auch für den Schmerz. Noch einmal Auden (The Sea and the Mirror: A Commentary on Shakespeare’s The Tempest, 1944; Prospero to Ariel):
Can I learn to suffer
Without saying something ironic or funny
On suffering? I never suspected the way of truth
Was a way of silence where affectionate chat
Is but a robbers’ ambush and even good music
In shocking taste; and you, of course, never told me.
Und nachträglich entdeckt (wie sich doch die Dinge zusammenfügen und die Bücher sich finden): Aus der eben erwähnten Erzählung von Uhlman ( 118) genau dies:
Echte Schönheit verlangt völlige Stille. Ein einziges Wort kann sie vernichten. Schönheit, große Schönheit kann schmerzen. Es gibt Augenblicke, da möchte man eigentlich weinen, und jeder Laut – von einer Stimme, einem Auto, einem Radio, sogar von einem Raben – kann alles zerstören, wie ein Stein, der in einen Teich mit roten und weißen Seerosen geworfen wird.