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Anfang der 1990er-Jahre wurde ich Zeuge folgender Szene: Ich war unterwegs nach Hause. Schaumkronen tanzten auf dem Bodensee, Möwen krächzten, der Himmel war graublau verschleiert. Ein dunkelhäutiger Mann, Afrikaner, überholte mich just in dem Augenblick, als uns eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter entgegenkam. Das Mädchen blieb stehen, starrte den Mann an, zeigte mit dem Finger auf ihn und rief entzückt: Lueg Mami, än Neger!
Man sah der armen Mutter an, dass sie am liebsten in den See gesprungen wäre. Der Mann ging seines Wegs, ignorierte die Kleine kulant, ein paar Schritte weiter zischte ihr die Mutter zu: Das sagt man nicht. Was? Neger.
Mein Sohn interessiert sich nicht für Farben. Zwar kennt er von seinen 30 Caran-d'Ache-Stiften jeden Ton, aber es ist ihm meistens egal, mit welcher Farbe er ein Gesicht, einen Baum, eine Katze malt. Nun ist mir klar, dass das keine besorgniserregende Eigenart für einen Sechsjährigen ist.
Kinder sehen Farben mit anderen Augen. Zeigt man ihnen ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner, wundern sie sich nicht, dass die Kühe orange und die Tannen lila sind. Im Zeichenunterricht wird ihnen die kindliche Farbenblindheit bald schon ausgetrieben: Die Wiese muss grün, die Sonne gelb und der Himmel hellblau sein, auch wenn der Himmel selten hellblau ist, die Sonne blutorangenrot aufgeht und das Wiesengrün je nach Licht und Jahreszeit variiert.
Nach den Sommerferien kam mein Sohn in die erste Klasse. Beim Nachtessen fiel beiläufig ein neuer Name. Makeda. Wie immer musste man alles aus ihm herauskitzeln. Wer ist sie? Ein Mädchen. Ist sie nett? Ja. Was kann sie gut? Weiss nicht. Magst du sie? Ja. Warum? Weiss nicht. Wie sieht sie aus? Normal.
Die Informationen sickerten spärlich, und ich hatte keinen Schimmer, wer das Mädchen war. Der Name Makeda deutet nicht auf eine Schweizer Familie, trotzdem verkniff ich mir die Frage, die mich nun plötzlich interessierte, meinen Sohn indessen gar nicht: Woher stammt die neue Freundin?
Beim Elternabend im September lernte ich Makedas Mutter und Vater kennen. Sie sind Eritreer, ihre Haut ist sehr dunkel, beide sprechen fliessend Deutsch, wir kommen ins Gespräch. Sie arbeitet bei McDonalds, er am Flughafen. Wir finden es schön, dass sich unsere Kinder gefunden haben.
Auf dem Weg nach Hause denke ich: Es wäre meinem Sohn nicht eingefallen, zu erzählen, dass Makeda ein dunkelhäutiges Mädchen ist. Ihre Hautfarbe war ihm kein «besonderes Merkmal». Sie war ihm komplett egal und löste in ihm keine Mutmassungen zum Thema Herkunft, Migration oder Integration aus, so wie bei den meisten Erwachsenen in unserem Land.
Kürzlich war mein Sohn zu Makedas Geburtstagsparty eingeladen. Am Abend schickte uns die Mutter per WhatsApp ein Foto: Es zeigte unsere Kinder, die Köpfe zusammengesteckt, lachend, er mit seinen blonden, sie mit ihren schwarzen Locken, die Gesichter wie weisse und dunkle Schokolade. Seither hängt das Bild an unserem Kühlschrank. Den Kontrast scheinen nur wir Erwachsenen wahrzunehmen, nicht aber mein Sohn.
Er ist auch in Sachen Hautfarbe farbenblind. Und natürlich kam mir jene absurde Szene vor fast dreissig Jahren in den Sinn, als ein dunkelhäutiger Mensch in der Schweiz noch als Neger bestaunt wurde. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.
Neuerdings interessiert sich mein Sohn für die Welt (und nicht mehr so sehr für Dinosaurier). Er studiert seinen Kinderatlas mit Hingabe und weiss, dass Brasilien in Südamerika, New York in Nordamerika und die Schweiz in Europa liegt. Als sein kleiner Finger eines Abends über Afrika streicht, fragt er mich: Welche Länder gibt es in Afrika? Ich sage: Kenia, Tansania, Uganda, Eritrea … Und frage ihn: Weisst du, wer aus Eritrea kommt? Nein. Makeda, antworte ich. Er sieht mich entgeistert an. Makeda? Nein, Papa, Makeda kommt aus Zürich. Und Zürich liegt in Europa. Ich nicke. Schon wieder etwas gelernt: Es gibt Wichtigeres als Geografie und Nationalität. Zum Beispiel Freundschaften. Auf dass unsere Kinder für immer farbenblind bleiben.