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Chronische Gelenkschmerzen sind ein komplexes Geschehen, an dem zugleich körperliche, psychische wie auch soziale Faktoren beteiligt sind. Wer etwa infolge rheumatischer Erkrankungen unter Schmerzen leidet, fühlt sich in seinem alltäglichen Leben, während seiner beruflichen Tätigkeit oder beim Sport permanent eingeschränkt. Der Schmerz hindert die Betroffenen daran, ihre Ziele zu erreichen – das frustriert und isoliert.
Psychische Einflussfaktoren tragen Fachleuten zufolge offenbar erheblich zur Entwicklung und Aufrechterhaltung der Schmerzen bei – indem sie mit den am Schmerz beteiligten neurobiologischen und immunologischen Abläufen in eine wechselseitige Beziehung treten. Im Umkehrschluss bedeutet das: Genau hier kann man ansetzen, um den Schmerzkreislauf zu durchbrechen.
Wissenschaftler unterscheiden zwischen geringem (minor) und schwerem (major) Stress. Geringere Stressfaktoren sind z.B. die Ärgernisse des täglichen Lebens; Major Stressoren bezeichnen schwere Lebensereignisse wie Scheidung oder Tod eines Angehörigen. Bei diesen Ereignissen wird über einen bestimmten Zeitraum hin eine gewisse Menge an Stresshormonen freigesetzt – und diese können unterschiedliche Auswirkungen aufs Immunsystem haben. Bei den meisten rheumatischen Erkrankungen spielt das Immunsystem eine tragende Rolle für den Krankheitsverlauf.
Eine niederländische Studie zeigte, was Stressverhalten bewirkt. Ein Teil der beobachteten Rheuma-Patienten neigte dazu, sich viele Sorgen zu machen, was sich in einem schwereren Verlauf ihrer Krankheit niederschlug, in häufig auftretenden Schmerzen und Müdigkeit. Rheuma-Betroffene, die ihr Leben als nicht stressig empfanden, klagten weniger über diese Symptome. Wissenschaftler vermuten, dass psychischer Stress bestimmte Botenstoffe im Immunsystem freisetzt, welche normalerweise Entzündungen begünstigen. Diese Botenstoffe könnten folglich bereits vorhandene Entzündungen verstärken und für mehr Schmerzen und Müdigkeit sorgen.
Gezeigt hat sich auch, das psychische Faktoren wie Ängste oder Depressionen stärker mit der Funktion der Gelenke zusammenhängen als mit dem sichtbaren Schaden im Röntgenbild oder den Entzündungswerten im Blut. Das bedeutet: Personen, die unter Ängsten leiden, haben häufig stärkere Gelenkbeschwerden als Menschen, die angstfrei sind – selbst wenn sich bei letzteren auf dem Röntgenbild ein stärkerer Gelenkschaden zeigt.
In puncto Zusammenhang zwischen Stress und rheumatischen Erkrankungen gibt es noch viel Forschungsbedarf. Stress ist zudem sehr subjektiv und lässt sich nur schwer messen.
Stress setzt sich aus einer Reihe von Belastungen zusammen, positiven wie negativen. Selbst überspielte Kränkungen oder eine Überforderung, die man sich nicht eingestehen will, können eine schmerzauslösende Wirkung haben. Solch eine Stresssituation löst unbemerkt die „Stress-Alarmanlage" aus. Die Folge kann sein, dass sich u.a. alle Muskeln anspannen und daraufhin verkürzen und verhärten. Dies kann dann als eine Art von Bewegungseinschränkung wahrgenommen werden. Infolgedessen fühlt man sich schneller erschöpft und beginnt, an sich und seiner Leistungsfähigkeit zu zweifeln.
Tatsächlich konnte man als eine Ursache einer fortschreitenden Erschöpfung die ständige Anspannung der Muskulatur feststellen. Man ist überrascht, wenn man erfährt, dass bei einem entspannten Menschen bereits beim einfachen Händeschütteln rund 60 Muskelabschnitte angespannt werden. Ist man gestresst, wird dagegen ein Vielfaches davon aktiviert. Das bedeutet eine Überaktivierung und Daueranspannung, die sich vor allem in der tiefen Muskulatur findet.
Tritt schliesslich diese schnelle Erschöpfbarkeit länger auf, können erste Schmerzen entstehen, zumeist im Bereich von Muskulatur oder Sehnenansätzen, Bindegewebe oder Knochenhaut. Infolge dieser ständigen Anspannung mit ihren auf den Körper wirkenden Zugkräften verändert sich das Gewebe und es entstehen z.B. Schwellungen und Mikroentzündungen. Dann spürt man den sogenannten „Weichteilschmerz", der zwar akut auftritt, aber in einem engen Zusammenhang mit unserer psychosozialen Gesamtbelastung steht.
Hat man dann Schmerzen, erhöhen sie die bestehende Muskelverspannung zusätzlich. Die Folge ist, dass die Bewegungseinschränkungen grösser werden. Deshalb wird die Erschöpfbarkeit immer leichter erreicht. Dadurch steigt die Schmerzintensität und damit wiederum die Muskelspannung – ein Teufelskreis entsteht. Hinzu kommt, dass die durch den Schmerz verursachten Einschränkungen das tägliche Leben beeinflussen. Frustration, Ärger, Angst und Zweifel, Mutlosigkeit oder „heldenhaftes" Durchhalten kommen hinzu. Dadurch wird der „innere Stress" verstärkt. In dieser Übergangsphase kann dann aus dem Akutschmerz ein Dauerschmerz werden. Dieser ist mit modernen Verfahren dann sogar im Gehirn nachweisbar.
Wer sich häufig gestresst fühlt, sollte dies angehen. Massnahmen zu Stressabbau und -bewältigung können sehr hilfreich sein und die rheumatischen Beschwerden lindern. Das jedenfalls lassen bislang vorliegende Studienergebnisse vermuten. Zudem ist zu viel Stress ohnehin nicht gut fürs Allgemeinbefinden.
Es gilt, trotz der Gelenkbeschwerden zu einer positiven Grundhaltung zu finden. Wichtig ist, die innere Einstellung zur Krankheit und den Umgang mit ihr zu ändern, denn beides beeinflusst ihren Verlauf. Was man tun kann:
- Stressauslösende Faktoren im persönlichen Umfeld entschärfen, z.B. Unterstützung im Haushalt suchen, nach der Arbeit keine Dienst-Mails mehr aufrufen, Handy nach Feierabend abschalten.
- Stressverstärkende Gedanken stoppen und durch lösungsorientierte ersetzen. Beispiel: Statt das «das kann ich nie» es mal mit «was ich nicht kann, kann ich lernen» ersetzen. Wer tief in einer negativen Gedankenspirale gefangen ist, wird dies vermutlich nicht so ohne weiteres alleine schaffen. Hilfreich können hier Selbsthilfegruppen sein.
- Sich eine anregende Beschäftigung suchen, die einem ein gutes Gefühl vermittelt: Musizieren, Gärtnern, mit Freunden kochen etc.
- Eine Entspannungstechnik erlernen und konsequent anwenden (Yoga, Meditation, progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Achtsamkeitsübungen nach Kabat Zinn).
- Bei einer Kognitiven Verhaltenstherapie lernen, ungünstige Gedanken- und Verhaltensmuster im Umgang mit Schmerz aufzuspüren. Diese werden dann in kleinen Schritten verändert. Der Schmerzpatient lernt, seine negativen Muster zu erkennen und so zu verwandeln, dass sie nicht länger schmerzverstärkend wirken.
- Ein weiterer Schritt wäre eine tiefenpsychologische Behandlung, bei der ergründet wird, ob es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Beginn der Schmerzen und einem bestimmten Ereignis im Leben des Patienten gibt. Im Rahmen der Therapie würde beleuchtet, ob sich eine psychosomatische Schmerzkrankheit hinter den Beschwerden verbirgt.
Wichtig ist vor allem, die innere Einstellung zur Krankheit und den Umgang mit ihr zu ändern, denn beides beeinflusst ihren Verlauf.