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Bei archäologischen Grabungen Mitte der 1980er Jahre im Gebiet des Rosshofareals konnten Siedlungsreste aus dem 11. Jahrhundert zu Tage gefördert werden. Vermutungen legen nahe, dass sich auf dem Gelände ein metallverarbeitendes Gewerbe befunden hat, was erstaunlich wäre, zumal die Zone um den Nadelberg von herrschaftlichen Wohnbauten geprägt war. Auch fand man Überreste dreier spätmittelalterlicher Steinbauten, die allerdings auf dem Merianplan von 1615 nicht mehr vorhanden sind.
Wie der Rosshof zu seinem Namen kam, ist nicht eindeutig belegt; erst 1720 wird der Name "Rosshof" erstmals erwähnt. In den Unterlagen von 1339 taucht er als "Sintzhof" auf, nach dem damaligen Besitzer Cuntzmann Sintz. 1820 werden die ehemaligen Gebäude an der Rosshofsgasse 4-6 erstmals als «Stallungen, Magazine und Remisen» ausgewiesen. Zum Rosshofgelände gehörten der "Vordere Rosshof" am Nadelberg 20 und der "Hintere Rosshof" an der Rosshofgasse 8, die als Wohnstätten genutzt wurden, sowie Stalllungen am Nadelberg 22 und Magazine und Remisen an der Rosshofgasse 4-6. Grosse Bedeutung und Veränderung erfuhren die Bauten um den Rosshof unter seinem bekanntesten Besitzer, Hieronymus Staehelin.
Der Staehelinsche Rosshof
Im Jahre 1781 gelang es dem Eisenhändler Hieronymus Staehelin den Rosshof von der seit langem in der Liegenschaft ansässigen Familie Eselin zu erwerben. Da er das Erz aus den Vogesen bezog, hätte er kein besser gelegenes Grundstück finden können - es lag nahe am Spalentor und doch mitten in der Stadt. Zudem war es fast dreifach so breit wie die anderen Höfe und sein ehemals dem städtischen Reit- und Fahrwesen dienender Stall überschritt die sonst übliche Grösse um ein gutes Stück.
Staehelin hatte den Rosshof kaum gekauft, als er sich mit dem allergrössten Eifer ans Bauen machte. Weil die Wirtschaftsgebäude trotz ihrer Stattlichkeit den nötigen Eisenvorrat nicht zu fassen vermochten, ersetzte er sie durch einen vom Wohnhaus am Nadelberg bis gegen das Westende der Rosshofgasse sich dehnenden, mit einem Mansardendach bedeckten eingeschossigen Trakt. Gleichzeitig legte Staehelin das ihm gehörige Stück der Stadtmauer nieder und liess sich von nun an das elsässische Metall über den erst kürzlich aufgeschütteten Petersgraben hinweg zufahren.
Dass sich der tatkräftige Geschäftsmann auch in künstlerischen Dingen recht gut auskannte, bewies er beim Umgestalten des Wohnhauses. Während im Innern die hauptsächlichen Mauern stehen blieben, wollte er am Nadelberg ein anderes Antlitz haben. Eine Schauseite, die, ohne die Strassenflucht zu zerreissen, ihre Nachbarn an Breite und Ordnung übertraf. Eine pompöse Rokoko-Fassade durfte es allerdings nicht sein. Aus Frankreich blies jetzt ein anderer Wind. Man hatte sich dort im Klassizismus zur Antike zurückbesonnen - spartanischer Einfachheit und edlen Proportionen galt der höchste Preis. Nur in diesem neuartig-schlichten Sinn konnte der Rosshof zu einem modernen Gebäude werden. Staehelin musste also einen älteren, etwas zurückhaltenden Meister beschäftigt haben, dem hier ein volkstümlicheres und damit für das inskünftige bürgerliche Bauen fruchtbares Werk gelang. Einfacher hätte man die Fassade zum Nadelberg kaum gestalten können. Auf jedem Stockwerk eine Reihe aus sieben Fenstern, in deren Symmetrie die Mittelachse das rechteckige Portal steht und somit diese Hauptachse betont. Und auch der Eingang ist es, der als einziger bildhauerischen Schmuck trägt; seinen nicht sehr hohen Sturz hatte man als einen antiken Architrav geformt.
Staehelin freute sich, seine werten Zaungäste in seinem Heim empfangen zu dürfen. Auch im Inneren des Hauses herrschte die neumodisch gediegene Nüchternheit. Statt des weiten Vorraums mit Gala-Aufstieg zum ersten Stock nur ein kurzer Durchgang, von dem man nach links in ein zwar ansehnliches, aber keineswegs üppiges Treppengehäuse tritt. Stufen und Dockengeländer, wie auch Fensterrahmen, Wandsockel und Türen überzeugen durch ihre aus Eichenholz in bescheidener Einfachheit aufgeführten Formen. Vereinzelte Stukkaturbänder und Beschlägwerk im Stil des Rokoko besitzen beinahe kein Gewicht in der schlichten Gesamtleistung des Architekten. Von seinem prunkfeindlichen Bauherrn nach Kräften unterstützt, hatte er mit dem neuen Rosshof ein Werk vollbracht, das schon bald im mittelständischen Basel für ein nachahmenswertes Beispiel galt.
Es wundert weiter also nicht, dass der Gesandte der jungen Französischen Republik, François Marquis de Barthélemy im Januar 1795 im Rosshof Quartier nahm, als er sich mit dem Bevollmächtigten des ebenfalls kriegsmüden Preussen in Basel zu Friedensverhandlungen traf. Wegen der zögernden Taktik von Karl August von Hardenberg dauerte der Besuch länger als vorgesehen. Erst nach drei Monaten ränkevoller Kammerdiplomatie konnte der Vertrag von Barthélemy im Rosshof unterschrieben werden. Für die Verhandlungen mit Österreich nahm der französische Gesandte von Staehelin Abschied, um ihm nicht länger lästig zu sein, und siedelte für den Rest seiner Basler Tage in den ihm von Peter Ochs schon immer empfohlenen Holsteinerhof am äussersten Ende der Neuen Vorstadt über.
Weiteres Schicksal des Rosshofs
Und was ist noch an weiteren Rosshof-Geschehnissen zu melden? Ein Handwechsel zwischen den Erben des Hieronymus Staehelin und der Bank La Roche. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Anwesen von Benedikt La Roche, der für den Ausbau des eidgenössischen Post- und Eisenbahnwesens bekannt war, bewohnt. Er war der letzte Eigentümer, der im Rosshof noch wahrhaft herrschaftlich hauste. Alle nachfolgenden Käufer mieteten die Liegenschaft an Handwerksleute und Handelsfirmen aus.
Zur ähnlichen Zeit, rund zwischen 1850 und 1860, wurden auch die benachbarten Höfe von dem gleichen Schicksal ereilt. Die schon lange in ihnen beheimateten Familien suchten sie mit einer oft erstaunlichen Eile los zu werden: Vor dem Ostrand der neuerdings offenen Stadt eine nach persönlichen Plänen erbaute Villa zu besitzen - dieser grossen Versuchung konnte keiner der Herren am Nadelberg widerstehen. Wie beim Rosshof hörte nun auch in den anderen Häusern das gepflegte Leben auf. Kaufmännische Unternehmen und christliche Wohltätigkeit übende Vereine zogen in die leeren Gebäude ein. Gleichzeitig müssen an der Ostpartie des Hofes, gegen den Petersberg, zwei neue Wohnhäuser errichtet worden sein. Dies erkennt man gut, wenn man den Löffelplan von 1857 und den Nachführungsplan von 1860-1900 vergleicht. Eine Frist von nur wenigen Jahren hatte also genügt, um aus dem äusserlich fast gleichen Geviert Nadelberg-Rosshofgasse-Petersberg eine Gegend mit neuen Anwohnern zu machen.
Dass das Fehlen fürsorglicher Hausherren den Bauten nicht gut bekommt, kriegte selbstverständlich auch der Rosshof zu spüren. Seine zu Werkstätten umgewandelten Ställe hatten unter dem Gebrauchswechsel zunehmend zu leiden. An der Vorderseite des Hauses fiel das feinere Sprossennetz in den Fenstern und das Zahnschnitt vom Kranzgesims weg. Innen wurden zahlreiche Öfen, mehrere Zwischenwände und zwei, drei Böden entfernt. Andere Verluste gab es glücklicherweise nicht zu beklagen, so dass man sich trotz allem eines noch recht vollständigen Bestandes erfreuen durfte.
Diskussion um den Abbruch des Rosshofes
Nachdem 1956 ein Brand die ehemaligen Stallungen zerstört hatte, wurde das Areal wegen seiner attraktiven Lage als "teuerster Parkplatz Europas" genutzt. 1959 wurden erstmals Gerüchte laut, der Rosshof solle abgebrochen werden. Es wurde ruchbar, ein Basler Unternehmen habe den Rosshof gekauft und mit ihm zwei am Petersgraben stehende Nachbarhäuser, um auf den vereinigten Grundstücken zur Linderung der Parknot einen Autosilo aufzuführen. Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe. In der Presse sprachen sich Redakteure und Einsender fast einstimmig für das Erhalten des Rosshofs aus. Spruchbänder über dem Nadelberg erklärten das Bauvorhaben, soweit es die Altstadt betraf, für eine richtige Missetat, und Proteste gegen eine "Verschandelung" der Altstadt wurden geführt. Der Heimatschutz und die Denkmalpflege lehnten das Vorhaben mit grosser Entschiedenheit ab. Die Frage wurde aufgeworfen, ob nicht ein Ankauf des Nadelberg-Drittels der Liegenschaft für die Behörde von grösserem Vorteil wäre. Seminarien oder Studentenheim im Wohnhaus, Kindergärten und Künstlerateliers im Stallflügel wurden als valable Alternativen in Betracht gezogen. Gegenstimmen wurden auch laut; aus einem Aufsatz des TCS ging hervor, dass der Liegenschaftseigentümer die Absicht hege, die Gebäude im Frühling 1960 abzubrechen und den hierdurch frei werdenden Boden den Autobesitzern bis zum Abschluss der Planarbeiten als Gratis-Parkplatz zur Verfügung zu stellen.
Als 1960 die letzten Diskussionen über den drohenden Abbruch des Rosshofs geführt wurden, führten Heimatschützer und Denkmalpfleger einiges ins Feld, um den Bau zu bewahren. Vor allem musste betont werden, dass das Mauer- wie auch das Holzwerk nicht die leiseste Spur von Altersbresten zeigte. Dank seinem kerngesunden Zustand hätte das Haus noch mehreren Jahrhunderten die Stirne bieten können, selbst wenn man mancherlei viel zu tun gehabt hätte. Mit seiner Einfachheit hinge es nämlich zusammen, dass man selbst mit beschränkten Mitteln schon Erhebliches auszurichten vermöge. Was am meisten für die Schutzwürdigkeit des Rosshofes Ausschlag gebe, sei seine Verbundenheit mit dem Nadelberg: innerhalb seiner geschlossenen Ordnung bedeute der 51 Meter lange Rosshof ein nicht mehr wegzudenkendes Glied, und durch seine Dienstbarkeit am Ganzen dürfe das Wohnhaus und der ihm bündige Stallflügel unter keinen Umständen verschwinden. Werde nämlich der Rosshof abgerissen, so stürze damit nicht bloss ein einzelnes Haus, sondern die Basler Altstadt auf eine weite Strecke ein.
Die Entscheidung kam dennoch bald: Der Vordere Rosshof und sein nördlicher angrenzender Anbau verschwanden nicht, die Stallungsgebäude, Remisen, der Hintere Rosshof und die Wohnhäuser am Petersgraben allerdings mussten weichen.
Quellen
- 550 Jahre Universität Basel - Die Ursprünge des Rosshofs
- Zschokke 1960: 3-15