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Verehrtes Publikum
Wenn an dieser Stelle einige Erwägungen zum Zustand der deutschen Sprache angestellt werden, dann ist mir sehr wohl bewusst, dass ich mich damit aufs Glatteis begeben könnte. Denn SIE, die im Fricktal lebende Leserschaft, SIE benutzen in Ihrer täglichen Kommunikation Schweizerdeutsch. Sie sprechen, wie Ihnen «der Schnabel gewachsen» ist. Das macht den Dialekt zu einem perfekten Medium, das nicht nur sinn-, sondern auch heimatstiftende Funktionen erfüllt.
Ich dagegen, ein angelernter Fricktaler, habe mein druckreifes Hochdeutsch nie abgelegt. Mir ist vollkommen klar, dass ich mich damit als jemand oute, der «nicht von hier» ist. Meine Mutter, die Wert auf Bildung legte, pflegte zu uns Kindern zu sagen: «Solange noch Atem in der Brust Eurer Mutter ist, wird bei uns Schriftdeutsch gesprochen!» Schludrigkeiten in der Sprachverwendung wurden von meiner Frau Mutter keineswegs geduldet, und windschiefe Konstruktionen wie: «Von wo kommen Sie?» hätten dem Sprecher strafende Blicke eingetragen und ihn im sozialen Kontext ins Abseits gestellt: So redet man nicht!
Damit ist das Deutsche in seiner elaborierten Form Bestandteil meiner DNA geworden. Nach 30-jährigem Aufenthalt in der deutschsprachigen Schweiz sollte ich die hiesige Mundart beherrschen. Tue ich aber nicht. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, ich bin einfach anders programmiert.
Wie stehts mit der Sprachkompetenz der Deutschen? Im deutschen TV kommt es des Öfteren zu idiomatischen/syntaktischen Rohrkrepierern: «Er hatte das bessere Ende für sich»; «er verlor den Lauf, weil er war schlecht gestartet»; «bricht man die Zahlen herunter, …» – Seekranke brechen an der Bordwand eines Schiffes herunter, Zahlen kann man aufschlüsseln.
In einem hippen Hamburger Restaurant der höheren Preisklasse fragt man die Gäste: «Waren Sie fein mit dem Essen?» Passende Rückfrage: «Fühlen Sie ganz recht mit der Anzahl Tassen in ihrem Schrank?»
- Die Deutschen können kein Deutsch mehr – und Englisch noch nicht.