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Der Neurologe Oliver Sacks über sein Leben und seine Liebe zur Chemie
(Interview publiziert am 20.1.2002)
Oliver Sacks kann nicht still sitzen. Auch wenn der 68-jährige Neurologe und Buchautor nach einer Woche PR-Tour durch Deutschland und die Schweiz müde und abgekämpft wirkt, steht er während unseres Interviews in einem Heidelberger Hotel immer wieder auf, um ein Stück Metall, ein Kaleidoskop oder ein T-Shirt zu suchen, das er mir noch zeigen will. Oder er öffnet das Fenster - «mir ist hier drin viel zu heiss» -, um es nur eine Minute später wieder zu schliessen - «der Lärm stört mich».
Manche Charakterzüge von Oliver Sacks sind fast so bizarr, wie die Schilderungen seiner neurologischen Patienten, die ihn zum Weltstar gemacht haben. Mit Büchern wie «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte», «Eine Anthropologin auf dem Mars» oder «Awakenings - Zeit des Erwachens» erhob er die medizinische Fallstudie zur literarischen Form. Awakenings - die Geschichte einer Gruppe von Patienten, die an einer rätselhaften Schlafkrankheit leidet und dank einem Parkinson-Medikament für kurze Zeit aus dem Dämmerzustand auftaucht - wurde auch im Kino ein Grosserfolg. Robert de Niro spielte darin einen Patienten, Robin Williams den Neurologen Oliver Sacks.
In seinem neusten Buch «Onkel Wolfram» geht es für einmal nicht um Patienten, sondern um Oliver Sacks selber. Das Buch ist eine Geschichte über seine Kindheit - und gleichzeitig eine Geschichte über seine Liebe zur Chemie.
SonntagsZeitung: Herr Sacks, Ihr neues Buch liest sich zu grossen Teilen nicht wie eine Autobiografie, sondern wie ein Abriss über die Geschichte der Chemie. War das Ihre Absicht?
Oliver Sacks: An einem Punkt schien es mir selber, ich hätte zwei Bücher vor mir. Aber gleichzeitig realisierte ich, dass ich die Geschichte der Chemie selber durchlebte, also musste ich die beiden Sachen zusammenweben. Ich hoffe, dass die beiden Geschichten für den Leser nun gut zusammenpassen.
Das Metall Wolfram spielt offensichtlich eine zentrale Rolle in Ihrem Leben. Was ist so speziell daran?
Sacks: (Er klaubt ein Stück Metall aus einem Ledertäschchen.) Ich lasse Sie selber entscheiden.
Es ist ziemlich schwer.
Sacks: Für mich war es speziell, weil ich es mit Onkel Dave, den wir auch Onkel Wolfram nannten, in Verbindung brachte und mit all dem, was er mir über das Metall erzählte. Dann haben mich natürlich auch die physikalischen und chemischen Eigenschaften von Wolfram fasziniert.
Sie haben kürzlich gesagt, das World Trade Center würde heute noch stehen, wäre es aus Wolfram konstruiert gewesen. Meinen Sie das ernst?
Sacks: Ja und nein. Nun, ich fürchte, Wolfram ist zu schwer und zu teuer, um damit einen Wolkenkratzer zu konstruieren. Nichtsdestotrotz, hätte die Kernstruktur aus Wolfram und nicht aus Stahl bestanden, wäre sie wohl nicht geschmolzen. Stahl schmilzt schon bei 1500 Grad, während Wolfram bis fast 3000 Grad sehr hart und stabil bleibt. Im Prinzip habe ich Recht, aber praktisch wäre es nicht gewesen.
Als Bub richteten Sie in Ihrem Elternhaus ein Chemielabor ein und führten dort, zumindest aus heutiger Sicht, gefährliche Experimente durch.
Sacks: Einspruch. Ich habe mich nicht auf gefährliche Experimente spezialisiert. Die meisten Experimente waren sanft, schön, interessant, und sie machten vor allem Spass. Spass und Abenteuer waren die wichtigsten Aspekte. Auch die Bücher, die ich benutzte, hatten lustige Titel wie «Chemical Recreations» oder «Playbook of Metals». Zugegeben, einige Experimente waren gefährlich.
Welches war das gefährlichste?
Sacks: Vermutlich waren es die Explosionen. Man konnte nie exakt vorhersagen, was genau passieren wird. Meine Eltern mahnten mich aber zur Vorsicht, ich solle eine Schutzbrille tragen. Heute wäre es wohl für einen Jungen wie mich unmöglich, ein solches Labor aufzubauen. Heutige Chemiebaukästen enthalten nur langweiliges Zeugs.
Das Periodensystem hat es ihnen besonders angetan. Sie schreiben, es sei das schönste Ding, das Sie je gesehen haben. Finden Sie das immer noch?
Sacks: Oh ja. Warum würde ich sonst 50 Jahre später ein solches T-Shirt tragen (knüpft sein orangenes Hemd auf und zeigt stolz sein Periodentafel-T-Shirt)?
Was ist denn daran so schön?
Sacks: Die Periodizität, wie die Elemente angeordnet sind. Man hat das Gefühl, die Atome würden langsam anschwellen. Die Wiederholungen machen aus dem Ganzen eine Art Gedicht; sie schaffen einen Eindruck der Kreisläufe und Regelmässigkeiten in der Natur.
Oliver Sacks wuchs zusammen mit drei älteren Brüdern in einer jüdischen Grossfamilie in London auf. Seine Eltern waren beide viel beschäftigte Ärzte; für die Kinder sorgten Nannies. 1939 steckten die Eltern aus Angst vor Bombardierungen den damals sechsjährigen Oliver und den zweitjüngsten Sohn Michael für vier Jahre ins ländliche Internat von Braefield, das zur Hölle - und zum dunkelsten Kapitel in Sacks Leben - werden sollte. Ein sadistischer Schulleiter malträtierte die Schüler dort so schwer, dass die Striemen und blauen Flecken noch die geringsten Folgen waren.
In Ihrem Buch widmen sie der Braefield-Zeit nur gerade ein Kapitel. Warum?
Sacks: Zehn Seiten darüber reichen. Es sind starke Seiten. Ich trage heute noch die Wunden und Narben aus dieser Zeit, wie viele andere auch. Generell gesagt spreche ich heute darüber irgendwie distanziert. Ich beschreibe die Vorkommnisse eher, als dass ich mich darüber beklage.
Als Leser wird man den Eindruck nicht los, dass Sie in diesen vier Jahren das Vertrauen in die Menschen verloren haben. Stimmt dieser Eindruck?
Sacks: Ja, ich vermute, das ist richtig. (Atmet tief durch.) Jedenfalls sagt das mein Analytiker auch so.
Ihre Eltern haben sich wenig um Sie gekümmert und Ihre wahren Bedürfnisse nie richtig erkannt. Trotzdem üben Sie kaum Kritik. Können Sie gut vergeben?
Sacks: Ich vergebe nicht. Ich vergesse aber auch nicht. Ich denke, dass aus der Distanz eher Verständnis und Versöhnung angesagt sind. Meine Eltern waren sehr beschäftigt, es war Krieg, und ich beklagte mich nie. Es war für sie also nicht einfach zu spüren, was mit mir los war. Damals wurde auch weniger über Gefühle gesprochen, als man das heute tut. Ich sage allerdings viele Dinge auch bewusst nicht explizit im Buch, der Leser muss da halt zwischen den Zeilen lesen.
Zurück zur Chemie. Wenn Sie ein bestimmtes Element auswählen müssten, welches wäre Ihr Lieblingselement?
Sacks: Ich denke, ich nehme meinen alten Freund Wolfram. Vernünftiger wäre wohl Sauerstoff, weil wir ja davon leben.
Wie wäre es mit einem Edelgas? Sie sagen ja selber, Ihre Persönlichkeit würde derjenigen der Edelgase sehr ähneln.
Sacks: In meiner Wohnung habe ich einen sehr schweren Ballon, der mit Xenon gefüllt ist. Aber meine Vorlieben ändern sich ständig, es kommt sehr auf meinen Zustand an. Bin ich in einer schmelzenden Stimmung, mag ich Gallium, weil Gallium in der Hand schmilzt.
Sie schreiben, dass Sie - wie ein Edelgas - keine Bindungen eingehen können. Mit ihren Patienten schaffen Sie das aber.
Sacks: Paradoxerweise spielt die Förmlichkeit der Beziehung eine wichtige Rolle. Die Distanz ermöglicht es mir, mich in meine Patienten einzufühlen und tiefe Sympathien für sie zu entwickeln. Das Gleiche gilt auch für das Verhältnis von mir zu meinen Studenten.
Hatten Sie je eine Liebesbeziehung mit einer Frau?
Sacks: Nein, weder mit einer Frau noch mit einem Mann oder einem Hund. Ich hatte dafür einmal eine enge Beziehung mit einem Oktopus.
Leiden Sie unter Ihrer sozialen Isolation?
Sacks: Ja, manchmal fühle ich mich sehr einsam. Übrigens betrifft ein anderes Paradox, das mit Distanz und Nähe zu tun hat, das Schreiben. Ich schreibe oft in Cafés. Ich mag es, Leute um mich zu haben, aber immer nur aus einer gewissen Distanz. Ich bin Zuschauer, nie Teilnehmer.
Sie haben Ihr Leben sehr gut organisiert. Sie sollen jeden Morgen das gleiche Frühstück essen. Stimmt das?
Sacks: Ich weiss nicht, ob mein Leben gut organisiert ist. Ich will es nur möglichst einfach halten. In Deutschland habe ich schon wieder viel zu viel zugenommen, weil es überall so gute Sachen gibt. (Er steckt sich dabei das schätzungsweise siebte Schöggeli in den Mund.) Deshalb gibts bei mir nur unappetitliches Müesli zum Morgenessen und Fisch mit Reis zum Abendessen.
Schwimmen Sie noch jeden Tag?
Sacks: Ja. Heute Morgen konnte ich schwimmen, und ich hoffe, dass es auch heute Abend nach der Lesung noch einmal reicht.
Die Liebe zum Schwimmen haben Sie von Ihrem Vater geerbt.
Sacks: Ich kann mich nicht erinnern, jemals nicht geschwommen zu sein. Wir waren Wasserbabys. Schwimmen ist für mich natürlicher als Gehen. Die Gelenkschmerzen und die steifen Glieder scheinen beim Schwimmen wie weggeblasen zu sein. Das ist meine Wassertherapie.
Ihre Karriere scheint stark von Ihrem Vater beeinflusst. Er wollte Neurologe werden, entschied sich dann aber für Hausarzt. Sie wurden aber Neurologe.
Sacks: Das stimmt nur teilweise. Meine Mutter war auch in Neurologie ausgebildet, wurde dann aber Chirurgin. Meine Eltern waren sicher wichtige Vorbilder für mich, aber andere Erfahrungen spielten bei der Wahl auch eine Rolle: so etwa die Fotografie, durch die mir klar wurde, wie Farben im Hirn verarbeitet werden. Dann hatte ich als Kind Migräne-Attacken, bei denen ich die eine Hälfte des Gesichtsfeldes nicht mehr wahrnahm. Das alles liess mich über das Hirn nachdenken - ein wunderbares Organ, das alles steuert: Wahrnehmung, Sprache, Gedanken, Bewegung, Gefühle und so weiter.
Könnte es auch sein, dass Sie die Neurologie so gereizt hat, weil diese Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckte - ähnlich wie die Chemie im 19. Jahrhundert?
Sacks: Ja genau. Die Neurologie war damals rein beschreibend, im Stadium der Naturhistorik. Chemie wurde für mich zu mathematisch, meine Begabungen liegen beim Beobachten, in der Natur. Deshalb fasziniert mich auch die Botanik so sehr.
Krankheiten sind für Sie eine Art Lebensformen. Wie meinen Sie das?
Sacks: Ja, für einige Krankheiten stimmt das. Das Tourette-Syndrom beispielsweise scheint ein seltsames, eigenes wildes Leben zu führen. Generell gilt das für Zustände, die schon lange oder sogar lebenslang andauern: Solche Zustände werden untrennbar von der Identität des Patienten, sie werden also zur Lebensform. Man kann auch Wahnsinn als eine Lebensform bezeichnen, und nicht nur als Geisteskrankheit. Ich mag den Begriff Geisteskrankheit sowieso nicht, er zeugt von wenig Respekt.
Wo ziehen Sie die Grenzen?
Sacks: Das Konzept der Lebensform bedeutet überhaupt nicht, dass ich nicht an Behandlungen glaube. Ich betrachte einen kleinen Schnitt im Finger nicht als Lebensform, das behandle ich sofort mit einem Desinfektionsmittel.
Lehren uns Ihre neurologischen Patienten nicht auch, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, letztlich eine Illusion ist?
Sacks: Nein, so würde ich das nicht nennen. Ich rede lieber von Konstruktionen oder Kreationen. Ich zweifle nicht, dass es die Welt wirklich gibt, aber wir können sie nur im Rahmen unserer Sinne und intellektuellen Konstruktionen wahrnehmen. Farbenblinde Menschen konstruieren diese Welt beispielsweise anders. Oder Leute, die an Geologie interessiert sind, konstruieren ihre Welt ebenfalls anders. Mit anderen Worten: Jeder kreiert sich eine eigene Welt, auch wenn sie in den groben Zügen übereinstimmen.
Sie sind ein grosser Anhänger von Musiktherapie und selbst ein Musikliebhaber.
Sacks: An unserem Spital in der Bronx, dem «Awakenings»-Spital, haben wir eine Abteilung, die sich mit Musik und dem Hirn befasst. Die macht zum Teil auch Musiktherapie mit Patienten. Das beste Beispiel für mich sind immer Parkinson-Patienten, die zwar kaum einen Schritt machen können, aber tanzen; die keine Silbe sagen, aber singen können. Nur: Musiktherapie ist nichts Magisches, sie kann aber in gewissen Fällen sehr wirksam und wichtig sein.
Sie sagten einmal, dass die meisten neurologischen Erkrankungen unheilbar seien. Das scheint heute nicht mehr ganz zu stimmen. Zumindest gibt es für so schwere Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer dank der Stammzellenforschung und neuer Medikamente etwas Hoffnung.
Sacks: Absolut. Auch ohne die Stammzellen haben wir in letzter Zeit bemerkenswerte Dinge gefunden: So gibt es im Hirn, entgegen der langjährigen Lehrmeinung, eine Regeneration von abgestorbenen Zellen sowie eine spontane Produktion neuer Nervenzellen. Andererseits ist das Hirn auch viel plastischer, als man bislang gedacht hat; das heisst, bei einem Ausfall einer Hirnregion kann eine andere bis zu einem gewissen Grad einspringen. All dies ist schon aufregend genug. Und nun kommen noch die embryonalen Stammzellen hinzu, die grosses Potenzial haben, sich in Nervenzellen zu verwandeln. Wie sich das in Therapien umsetzen lässt, kann man jetzt allerdings noch nicht genau sagen.
Erschienen am 20.Januar 2002 in der SonntagsZeitung