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“Auf dem Podium ist jeder gleich, ob mit 40 oder mit 16”, sagte Tschussowitina vor ihrer siebten Olympia-Teilnahme nach jenen in Barcelona, Atlanta, Sydney, Athen, Peking und London. Sie habe keine Schmerzen, keine Probleme. “Ich liebe diesen Sport, ich mag es zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten.” Dennoch ist das Ende ihrer Karriere absehbar. “Dies sind meine letzten Olympischen Spiele”, sagte sie nach dem Podiumstraining am Donnerstag in der Rio Olympic Arena.
Dass es die 1,50 m grosse und 43 kg schwere Athletin bei ihrem letzten grossen Auftritt noch einmal wissen will, unterstreichen Trainingsaufnahmen aus den letzten Monaten. Am Sprung, ihrem Paradegerät, trainierte Tschussowitina den Produnowa, mit einem Ausgangswert von 7,0 Punkten der derzeit schwierigste Sprung bei den Frauen. Nur die Inderin Dipa Karmakar beherrscht den Überschlag-Doppelsalto vorwärts gehockt. Für viele der Spezialistinnen ist der Sprung zu gefährlich. Zeigt und steht Tschussowitina diesen am Sonntag in der Qualifikation, ist ihr der Einzug in den Sprung-Final so gut wie sicher. “Das ist mein grosses Ziel.”
1992 in Barcelona, als das amerikanische Basketball-“Dream Team” um Michael Jordan und Magic Johnson für Furore sorgte, südafrikanische Sportler nach dem Ende der Apartheid erstmals seit 1960 wieder an Olympischen Spielen zugelassen waren und Marc Rosset dank seinem Husarenritt im Tennis-Turnier mit dem Gewinn der Goldmedaille einen Schweizer “Nuller” verhinderte, da schrieb auch Tschussowitina bereits olympische Geschichte. Mit der Riege der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gewann sie im Team-Final an der Seite von Swetlana Boginskaja Gold. Ihre heutigen Rivalinnen wie Giulia Steingruber, Simone Biles oder Maria Paseka waren damals noch nicht geboren.
Ihren ersten grossen internationalen Auftritt hatte die 1975 im usbekischen Buchara geborene Tschussowitina bereits ein Jahr zuvor gehabt, als sie an den Weltmeisterschaften in Indianapolis mit der Mannschaft der Sowjetunion und am Boden Gold und am Sprung Silber gewann. Acht weitere WM-Medaillen folgten, bei der WM 2002 in Debrecen zeigte sie dabei den nach ihr benannten Überschlagsalto vorwärts gestreckt mit eineinhalb Schrauben, den später auch Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber beherrschten und der zur Basis von einer Schweizer WM- und sieben EM-Medaillen am Sprung wurde.
Ihren grössten individuellen Erfolg bei Olympia feierte Tschussowitina an den Sommerspielen 2008 in Peking mit Silber am Sprung. Die Medaille gewann sie für den Deutschen Turner-Bund, für den sie von 2006 bis 2012 antrat. 2003 hatte sie es nach Deutschland verschlagen, weil ihr damals dreijähriger Sohn Alisher, der heute wieder vollständig genesen ist, 2002 an Leukämie erkrankt war. Turnfreunde halfen, die kostenintensive Behandlung an der Kölner Universitäts-Klinik zu finanzieren.
Mitte 2006 erhielt Tschussowitina die deutsche Staatsbürgerschaft und verlegte ihren Lebensmittelpunkt endgültig ins Rheinland. Seit 2013 tritt sie gleichwohl wieder für ihr Heimatland Usbekistan an. Wann sie ihre eindrückliche Karriere, die nun bereits mehr als ein Vierteljahrhundert dauert, beenden wird, weiss Tschussowitina noch nicht genau. Klar ist aber, dass es an einem Montag sein wird. “Denn der Montag ist immer der härteste Trainingstag.”
(SDA)