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- Die Erkenntnis einer Studie der renommierten Londoner Denkfabrik IISS ist so simpel wie irritierend: Europa wäre ohne die USA in einem Verteidigungskrieg gegen Russland chancenlos.
- Die europäischen Nato-Mitgliedstaaten müssten hunderte von Milliarden Franken zusätzlich in ihre Streitkräfte investieren.
Die Studie der Londoner Denkfabrik IISS erregte in Verteidigungskreisen Aufsehen und wird breit diskutiert. Nach Berechnung des IISS gilt ein Austritt der USA aus der Nato unter Präsident Donald Trump nicht länger als undenkbar.
See- und Handelswege sichern
Die verbleibenden 28 Nato-Länder müssten bei der Sicherung der See- und Kommunikationswege in diesem Fall gewaltige Kapazitätslücken schliessen: Im Atlantik, im Mittelmeer, rund um Afrika, gar im Indischen Ozean – überall dort, wo für Europas Wirtschaft überlebenswichtige Handelsrouten verlaufen. Allein dafür wären Zusatzinvestitionen von rund 100 Milliarden Franken nötig.
Noch teurer würde es, wäre der Kontinent bei der Territorialverteidigung auf sich allein gestellt, etwa bei einem russischen Angriff auf die baltischen Staaten oder gar der Besetzung eines osteuropäischen Landes.
Dafür wäre ein weiterer Investitionsschub von 290 bis 360 Milliarden erforderlich. Zudem Jahr für Jahr gigantische Folgekosten. Die Berechnungen des IISS sind sehr konkret, heruntergebrochen bis auf einzelne militärische Kampfeinheiten, Kampfflugzeuggeschwader, Kriegsschiffflotten, Raketenbatterien oder Infrastrukturanlagen.
20 Jahre Militäraufbau sind nötig
Doch Geld allein ist nicht alles. Grössere, potentere Armeen entstehen nicht über Nacht. Entscheidungsprozesse dauern, Produktionskapazitäten sind begrenzt, neue Kampfmittel müssen erprobt, mehr Soldaten müssen rekrutiert, ausgebildet und Kommandostrukturen von Grund auf neu gebaut werden.
Es würde zwei Jahrzehnte dauern, bevor Europa die erforderlichen militärischen Kapazitäten aufgebaut hätte und sie wirksam nutzen könnte. Selbst dann reichten sie lediglich aus, um in einem begrenzten regionalen Krieg «wahrscheinlich», wie das IISS schreibt, die Oberhand zu behalten.
Realitätscheck beruht auf fiktiven Annahmen
Der Realitätscheck des IISS beruht auf zwei fiktiven Annahmen: einerseits, dass die USA der Nato den Rücken kehren, andrerseits, dass Russland Europa tatsächlich angreifen will.
Angesichts der nicht abflauenden, vielmehr weiter wachsenden Spannungen zwischen den Europäern und der Trump-Regierung einerseits und dem Westen und Russland andrerseits sind beide Annahmen nicht so unrealistisch.
Offenkundig ist, dass die derzeit gern als Ziel genannte «strategische Autonomie» Europas vorläufig nicht mehr als ein ferner Traum ist.
Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent, SRF
Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».