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Das jüdische Museum Berlin ist europaweit eine der herausragenden Institutionen in der Museumslandschaft. Daniel Liebeskind gewann 1989 den Architekturwettbewerb, 1999 wurde der Neubau eingeweiht. Ich habe im Frühling, anlässlich einer Berlinreise das Museum, insbesondere die Achsen im Untergeschoss, den Garten des Exils und die eindrucksvollen Voids besucht.
Nach dem Betreten des Gebäudes gelangt man zunächst auf drei sich kreuzende Achsen im Untergeschoss. Die Achse der Kontinuität, die Achse des Exils und die Achse des Holocaust. Boden, Wände und Decken bestehen aus schiefen Ebenen. Entlang der Achsen werden Objekte gezeigt, welche die Geschichten von Menschen der jüdischen Gemeinde während der Zeit des Nationalsozialismus zeigen. Verfolgung, Ermordung und Emigration sind die Themen.
Die Ausstellung an sich ist schwer zu verdauen. Dieses Gefühl wird durch die Architektur weiter verstärkt. Es gibt weder horizontale noch vertikale Linien, an denen sich das Auge ausrichten könnte und Halt finden würde.
Diese räumliche Wirkung wird im Garten des Exils noch gesteigert. Der Garten liegt ausserhalb des Gebäudes und besteht aus 49 quadratisch angeordneten Betonsäulen, welche auf einer schiefen Ebene stehen. Die Betonsäulen sind streng geometrisch angeordnet. Der ganze Garten wird von einer hohen Mauer eingefasst. Die Wirkung ist überwältigend. Der Raum erzeugt ein Schwindelgefühl, man kann sich kaum orientieren. Die Architektur wird derart körperlich spürbar, dass man nicht verweilen möchte. Die sonst auf mich oft sehr formal und willkürlich wirkenden schrägen Linien und schiefen Ebenen des Dekonstruktivismus erzeugen hier eine ungeheure räumliche Wirkung und eine ausserordentliche Kraft, welche eng mit dem Zweck des Gebäudes verbunden ist.
Die Voids sind Leerstellen im Gebäude, vollkommen leere Räume die nicht zugänglich sind. Eine Ausnahme bildet die Memory Void. Hier befindet sich die Installation Schalechet gefallenes Laub von Menashe Kadishman. Im Raum sind über 10'000 aus Stahlblech ausgeschnittene Gesichter verteilt. Jedes Gesicht ein Unikat, beinahe ein Individuum. Dem Besucher steht es frei, über die Gesichter zu laufen. Die Hemmung ist gross, man wagt es kaum und versucht behutsam und leise aufzutreten. Ein leises Fortbewegen ist jedoch nicht möglich. Die metallischen Klänge symbolisieren die Stimmen der Opfer von Krieg und Gewalt. Zeitlos und aktuell.
vorgestellt von Stefan Hess