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Der 7-jährige Louis hat inzwischen gelernt, nur mit seiner linken Hand die Turnschuhe anzuziehen. Die rechte fehlt. Ein Geburtsfehler, den seine Mutter erst bei der Geburt entdeckte. «Eine Ärztin hat mir bestätigt, dass die Fehlbildung nicht genetisch bedingt ist. Erst später habe ich von den anderen Fällen gehört und ich bin sicher, dass es eine Ursache dafür gibt», sagt Axelle Laissy.
Gemeinsamer Nenner: Ländliches Gebiet
Es war Emmanuelle Amar von der Meldestelle für Fehlbildungen in Lyon, der 2009 als erster die Häufung an Neugeborenen ohne Hand, Unterarm oder Arm im Departement Ain im Osten Frankreichs auffielen. Nachforschungen ergaben, dass alle acht betroffenen Kinder zwischen 2009 und 2014 aus einem Umkreis von 25 Kilometern um das Dorf Druillat stammen, gut 90 Kilometer von Genf weg.
Genetische Defekte hätten genauso ausgeschlossen werden können wie ein Alkohol- oder Drogenmissbrauch der Mütter, welche Ursache für solche Fehlbildungen sein könnten. «Allen gemein ist jedoch, dass sie in kleinen Dörfern wohnen, umgeben von Raps-, Sonnenblumen- und Maisfeldern», betont Amar. Waren es Düngemittel, Pestizide, die auf die Felder ausgebracht wurden und die Babys im Mutterleib schädigten? Rückstände im Wasser, in der Luft?
Fälle in drei Regionen
Weil es in Frankreich kein nationales Register für die Erfassung von Neugeborenen mit Fehlbildungen gibt, fiel 10 Jahre lang niemandem die lokale Häufung der Fälle auf. Statistisch gesehen schätzt man, dass von 10'000 Neugeborenen 1,7 Anomalien an Gliedmassen aufweisen, ungefähr 150 pro Jahr in Frankreich. Im Departement Ain waren es 8, im Morbihan im Süden der Bretagne vier bestätigte Fälle, in der Nachbarregion Loire-Atlantique nochmals drei.
Die französische Gesundheitsbehörde «Santé publique» tat die Häufungen erst als statistische Ausreisser ab. Die unbequeme Emmanuelle Amar, die immer wieder nachhakte, stand vor der Entlassung, ihre Meldestelle in Lyon sollte geschlossen werden. Erst als sich betroffene Eltern wehrten und das Thema an die Öffentlichkeit trugen, wurden neue Abklärungen getroffen.
Doch der heute in Paris vorgestellte Bericht der vor 6 Monaten eingesetzten Expertenkommission stellt die angezeigte Häufung im Departement Ain in Abrede, denn sie berücksichtigt lediglich Fälle von 2011 an. «Indem sie das Zeitfenster verkleinern, ist es plötzlich keine Häufung mehr. Es ist zum Verzweifeln», ärgert sich Emmanuelle Amar. Dazu unterstellt ihr die Kommission mangelnde Wissenschaftlichkeit und kritisiert ihre Methodologie, mit der sie die Anomalien erfasste.
Abklärungen in der Bretagne
Bei den Fällen in der Südbretagne jedoch, da könnte eine Häufung «eventuell möglich» sein, gibt Kommissionspräsidentin Alexandra Benachi zu. Dort sollen nun weitere Abklärungen getroffen werden, insbesondere was Umweltgifte angeht. «Das hätte man schon 2015 tun können», bedauert Isabelle Taymans-Gassin. Bauern müssten beispielsweise ihre Aufzeichnungen über Dünger und Pestizide, die sie einsetzen, nur 5 Jahre lang aufbewahren. «2015 hätten wir noch Antworten auf unsere Fragen erhalten.»
Tochter Charlotte, geboren ohne linken Unterarm, hat gelernt Rad zufahren und zu Schwimmen. Ob die 7-jährige je die Ursache für ihren Geburtsfehler erfährt, ist nicht mehr als unklar. Die Experten geben zu, die Aufgabe sei enorm. Und sie wüssten gar nicht, wonach sie suchten.