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Es war einmal ein Disney-Märchen, das die Welt begeisterte: 2013 zauberte «Frozen» Geld in die Kinokassen, Freude in die Herzen von Gross und Klein und neues Leben in das Prinzessinnen-Genre. Sechs Jahre später folgt nun die wenig inspirierte Fortsetzung «Frozen II», welche die beliebten Figuren auf ein sattsam bekanntes und ungeschickt geplottetes Abenteuer schickt.
Auf den Spuren eines Phänomens
Über «Frozen II» zu schreiben, bedeutet, sich auf die Spuren eines Phänomens zu begeben. Der Release des ersten Teils vor sechs Jahren führte zu einem explosionsartigen Erfolg: Der Film spielte über 1,2 Milliarden Dollar ein und wurde so für mehrere Jahre zum kommerziell erfolgreichsten Disney-Animationsfilm aller Zeiten, bis er 2019 vom «Lion King»-Remake überholt wurde. Der Ohrwurm «Let It Go» – inklusive eines Demi–Lovato-Covers – avancierte zum internationalen Dauerhit; «Eiskönigin Elsa» wurde zu einem der populärsten Fasnachts- und Halloweenkostüme. Die Geschichte inspirierte eine DisneyWorld-Attraktion, einen Kurzfilm und ein Broadway-Musical. Und nicht zuletzt wurde «Frozen» zu einem Meilenstein der Disney-Geschichte, indem er das Prinzessinnen-Genre endgültig neu belebte.
Wer «Disney» definieren will, wird früher oder später auf Prinzessinnen zu sprechen kommen müssen, fusste der frühe Erfolg des Studios doch auf dem ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm «Snow White and the Seven Dwarfs» (1937), der nicht nur Walt Disney zu grossem Ruhm und einem Spezial-Oscar verhalf, sondern auch das das Animationsmedium wegweisend beeinflusste. Es folgten «Cinderella» (1950) und «Sleeping Beauty» (1957), bevor es an der Prinzessinnen-Front für viele Jahre ruhig wurde. Erst 1989 läutete «The Little Mermaid» – hierzulande besser bekannt als «Arielle die Meerjungfrau» – das ein, was gemeinhin als die «Disney Renaissance» bekannt ist: die Zeit, in der das Studio so produktiv, kreativ und erfolgreich wurde wie wohl noch nie zuvor und eine Vielzahl seiner beliebtesten Klassiker schuf, darunter «Beauty and the Beast» (1991), «Aladdin» (1992) und «Mulan» (1998). Doch auch diese Periode der überbordenden Inspiration musste ein Ende finden. So widmete sich Disney nach «Tarzan» (1999) mehrheitlich weniger ambitionierten und kostenintensiven Projekten – darunter zahlreichen Sequels, die, wohl zurecht, nie auch nur in die Nähe einer Kinoleinwand kamen und direkt auf Video und DVD veröffentlicht wurden.
«Die ganze Welt, so schien es, verlangte auf einmal wieder nach gesungenen Emotionen, lustigen Sidekicks und glitzernden Ballkleidern. Und obendrein nach mehr feministisch angehauchten Heldinnen, mehr sprechenden Rentieren und mehr übermütigem Schneemannsklamauk.»
Enter: «Frozen». Nachdem mit «The Princess and the Frog» (2009) und der grossartigen Rapunzel-Nacherzählung «Tangled» (2010) erste Versuche gestartet worden waren, das klassische Musicalmärchen neu zu beleben (in beiden Fällen finanziell nur mässig erfolgreich), wurde die Saga um die Prinzessinnen Elsa (gesprochen von Idina Menzel) und Anna (Kristen Bell) und den frechen Schneemann Olaf (Josh Gad) ein unerwarteter Überraschungshit. Die ganze Welt, so schien es, verlangte auf einmal wieder nach gesungenen Emotionen, lustigen Sidekicks und glitzernden Ballkleidern. Und obendrein nach mehr feministisch angehauchten Heldinnen, mehr sprechenden Rentieren und mehr übermütigem Schneemannsklamauk.
So überraschte es nur wenig, dass 2015 ein Sequel angekündigt wurde – und zwar nicht für den Heimkinomarkt, wie es bisher bei allen Nicht-Pixar-Fortsetzungen der Fall gewesen war. Ein Kinofilm sollte es werden, geschaffen auf der Basis von purer Inspiration: Disney, so wird berichtet, hätte dieses Sequel nicht erzwungen, sondern es allein Regisseur Chris Buck und Regisseurin Jennifer Lee überlassen, zu entscheiden, ob ein zweiter Teil der an sich zufriedenstellend abgeschlossenen Geschichte notwendig und bereichernd sei. Der Wahrheitsgehalt dieser Schilderung sei für den Moment dahingestellt.
«Frozen II» knüpft dort an, wo sein Vorgänger aufhörte: Zwar sind im Königreich Arendelle drei Jahre vergangen, doch Elsa regiert noch immer mehr oder weniger zufrieden über ihr Reich; Anna und ihr Nicht-Prinz Kristoff (Jonathan Groff) sind ein glückliches Paar; und Schneemann Olaf hüpft dank Permafrost ungeschmolzen und sprüchereissend wie eh und je durch die Gegend. Als Elsa eine mysteriöse Stimme vernimmt, die aus weiter Ferne nach ihr ruft, wird sie an einen Moment in ihrer Kindheit erinnert, in dem ihre Eltern (Evan Rachel Wood und Alfred Molina) ihr von einem verzauberten Märchenwald, einem Krieg und einem geheimnisvollen Fluss erzählten, den zu suchen ihre Bestimmung sein könnte. Und so begibt sich die Truppe einmal mehr auf eine Reise ins Ungewisse.
«Die wohlkalkulierte Mischung aus allen Zutaten führte beim ersten Film zu einem solchen Erfolg, dass eine zu grosse Veränderung davon taktisch wohl nicht klug erschien.»
Man möchte es Buck und Lee fast verzeihen, dass ihr Film etwas gar behutsam in die eisigen Fussstapfen des erfolgreichen Vorgängers tritt: Die wohlkalkulierte Mischung aus allen Zutaten führte beim ersten Film zu einem solchen Erfolg, dass eine zu grosse Veränderung davon taktisch wohl nicht klug erschien – immerhin ruhen das Prinzessinnen-Imperium und die Träume zahlreicher Kinder auf Elsas glitzernden Schultern. Im momentanen Klima des Franchisen-Ausbaus – angeführt vom Marvel-Universum, das inzwischen auch gewinnbringend in Disneys Ränge eingegliedert wurde – könnte dies ausserdem nur ein erster Versuch sein, das Spielfeld weiter zu öffnen und eine komplexere Mythologie anzulegen. Eine besonders innovative Geschichte wäre so einem Vorhaben wohl nicht zwingend zuträglich.
Trotzdem wirkt «Frozen II» – trotz gewohnt atemberaubendem Animationshandwerk – wie eine verschenkte Chance. Die Versuche, die Franchise in neue, vielleicht sogar erwachsenere Richtungen zu lenken, sind durchaus vorhanden: Die Figuren hadern (weiterhin) mit dem Aufwachsen, individuellen Ängsten, der eigenen Identität – und obendrein mit der kolonialen Vergangenheit ihres Königreichs, auch wenn letzteres kaum zu konkreten Resultaten oder spannenden Gedanken führt. Doch leider verirren sich diese starken Themen in der Einöde des eigenen Plots: Der Film, so scheint es, will eigentlich von gar nichts wirklich handeln, schickt seine Figuren deswegen mehr oder weniger ziellos in der Gegend herum und erlaubt so auch kaum inneres Wachstum oder grundlegende Veränderungen. Spätestens hier fragt man sich, warum Buck und Lee sechs Jahre nach der perfekten Geschichte suchen mussten, um schliesslich mit diesem fragmentarischen, ungelenk getakteten Plot zurückzukehren, der des Öfteren mehr an ein questbasiertes Videogame erinnert als an ein gekonnt strukturiertes Drama.
«Der Film, so scheint es, will eigentlich von gar nichts wirklich handeln, schickt seine Figuren deswegen mehr oder weniger ziellos in der Gegend herum und erlaubt so auch kaum inneres Wachstum oder grundlegende Veränderungen.»
Obwohl es an der Oberfläche danach aussehen mag, als würden die Figuren mit neuen Problemen konfrontiert, ist «Frozen II» im Kern eine Wiederholung des ersten Teils: Elsa will noch einmal ihre Eiskräfte akzeptieren lernen. Anna muss noch einmal lernen, ihre eigenen Wünsche und die Liebe zu ihrer Schwester in Einklang zu bringen. Kristoff – lernt eigentlich gar nichts und verschwindet deswegen praktischerweise für den grössten Teil der Handlung von der Bildfläche. Und Olaf hüpft dazwischen umher und unterbricht die ohnehin schon dünn gesäte Handlung mit ermüdenden Sprüchen. (Im vollen Kinosaal tobten allerdings die Kinder jedes Mal vor Begeisterung, wenn der Schneemann auf der Leinwand erschien. In dieser Hinsicht scheint er weiterhin bestens zu funktionieren.)
«‹Frozen II› ist im Kern eine Wiederholung des ersten Teils.»
In der Tat ist der Film sich seines Status als Sequel so bewusst, dass er darauf kontinuierlich hinweisen muss: Hier eine Referenz zu «Let It Go», bei der Elsa wissend das Gesicht verzieht, dort eine kurze Beleidigung gegen Hans, den Bösewicht des Originals – und zur Krönung einmal mehr Olaf, der gleich die ganze Handlung des Vorgängers noch einmal nacherzählt, weil es doch beim ersten Mal so schön war.
Für die Musicalnummern kehrte indessen das oscarprämierte Duo Robert Lopez und Kristen Anderson-Lopez zurück – die sich, so heisst es, nach dem ersten Teil bei vielen Eltern für die Existenz von «Let It Go» entschuldigen mussten. Das wird dieses Mal wohl nicht nötig sein: Obwohl Elsa nun gleich zwei laute, einprägsame Pop-Balladen singen darf («Into the Unknown» und das Highlight «Show Yourself»), will kein Lied so recht zum Ohrwurm werden – derweil der Rest des Soundtracks ziemlich schnell vergessen ist. In mehreren Fällen bedeuten die Lieder zudem eine aktive Unterbrechung der schleichenden Handlung und tragen nur wenig zur Entwicklung der Themen bei, was in einem Musical selten ein gutes Zeichen ist.
«Man lässt die Figuren ähnlich befriedigt zurück, wie man es bereits im ersten Teil tat – und wartet bereits ermüdet darauf, dass sie sich in ein paar Jahren, wenn Elsa erneut den Ruf der Franchise aus weiter Ferne vernimmt, auf ein neues Abenteuer aufmachen.»
«Frozen II» hatte die undankbare Aufgabe, ein kulturelles Phänomen weiterzuführen und musste darüber hinaus die trügerische Erfolgswelle der Prinzessinnenfilme weiterreiten – eine Herausforderung, an der noch so mancher Film scheitern würde. Enttäuschend ist aber, wie wenig dieser Film wagt und wie unauffällig er sich in die lange Reihe der Straight-to-Video-Sequels reiht, die in den 1990ern und 2000ern wenig inspirierte Geschichten erzählten und eigentlich nur die beliebten Charaktere noch einmal gewinnbringend Parade laufen lassen wollten. Am Ende des Films sind die Karten weder neu gemischt noch wirklich neu ausgeteilt: Man lässt die Figuren ähnlich befriedigt zurück, wie man es bereits im ersten Teil tat – und wartet bereits ermüdet darauf, dass sie sich in ein paar Jahren, wenn Elsa erneut den Ruf der Franchise aus weiter Ferne vernimmt, auf ein neues Abenteuer aufmachen.
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Kinostart Deutschschweiz: 21.11.2019
Filmfakten: «Frozen II» / Regie: Chris Buck, Jennifer Lee / Mit: Idina Menzel, Kristen Bell, Jonathan Groff, Josh Gad, Evan Rachel Wood, Alfred Molina / USA / 103 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Disney
Es ist ein wenig, als würde man einem Fünfjährigen beim Spielen mit der Elsa-Barbie zuschauen: Herzig am Anfang, doch man vermisst die Plot-Kohärenz und hat ziemlich bald eigentlich genug.