Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03251.jsonl.gz/2200

Der 33. Giro d'Italia endete ungewohnt. Mit einer Premiere, welche die sehr zahlreich erschienenen italienischen Fans in Rom nicht wirklich erfreute. Einer Premiere aber auch, an die sie sich in den Tagen und Etappen zuvor hatten gewöhnen können. Entgegen den 32 vorherigen Austragungen jubelte am 13. Juni 1950 erstmals kein Einheimischer über den Gesamtsieg an der Italien-Rundfahrt. Also nicht Fausto Coppi oder Gino Bartali, die grössten zwei Radstars Italiens in der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, holten sich den für sie reserviert geglaubten Sieg. Diesen schnappte sich vielmehr ein «Straniero», wie die italienische Presse meist mit einem kritischen Unterton festhielt.
Dieser Fremde - und das war die noch viel überraschendere Tatsache - hiess Hugo Koblet. Der Name des Bäckersohns aus Zürich-Aussersihl war noch wenig bekannt. Trotz des 2. Gesamtrangs wenige Tage zuvor an der Tour de Romandie gehörte er beim Auftakt am 24. Mai in Mailand höchstens zu den krassen Aussenseitern. Koblet selber äusserte sich vor dem Giro-Debüt bescheiden und dahingehend, dass er für den Gesamtsieg wohl «zu jung» sei. Vielmehr hoffe er, «eine oder zwei Etappen» gewinnen zu können.
Sein persönliches Ziel konnte der als Ersatzfahrer in das italienische Team des ehemaligen Giro-Siegers Learco Guerra nachgerückte Koblet schon in der ersten Hälfte der Rundfahrt abhaken. Nach dem Triumph zwei Tage zuvor in der 6. Etappe nach Locarno zeigte er sich auch in Vicenza siegreich. Zugleich übernahm der bekannt starke Roller, der sich auch als hervorragender Bergfahrer erwies, das rosafarbene Trikot des Leaders.
Legendärer Griff zum Kamm
Schon damals legendär war im Ziel Koblets Griff zum Kamm, um seine Haare herzurichten und um auf dem Siegerfoto neben den Ehrendamen chic auszusehen. Gelegenheit dazu erhielt er jeden Tag, behielt der Schweizer doch die Maglia Rosa bis zum Schluss. 5:12 Minuten betrug nach fast 4000 gefahrenen Kilometern Koblets Vorsprung auf Bartali, der bis zuletzt nicht aufgegeben hatte. Kritische Momente gab es für Koblet vor allem in der zweitletzten Etappe, als er gleich vier Defekte erlitt. Doch der kometenhaft aufgestiegene Zürcher konnte auf grösste Unterstützung seiner Guerra-Teamkollegen zählen. Und teilweise sogar auf die seiner Schweizer Konkurrenten aus anderen Teams wie Fritz Schär und Ferdinand Kübler.
Wer auf Hugo Koblets Karriere blickt, nimmt unweigerlich auch Bezug auf seinen Rivalen Ferdy Kübler. «K und K», wie das so unterschiedliche Duo damals genannt wurde, sorgten dafür, dass zu Beginn der Fünfzigerjahre in der Schweiz eine Radsport-Euphorie ausbrach. Während Koblet 1950 nach dem Giro gleich auch noch die Tour de Suisse zu seinen Gunsten entschied, triumphierte der sechs Jahre ältere Kübler einige Wochen später in Frankreich. Trotz Koblets Startverzicht war die damalige Tour de France hervorragend besetzt. Doch «Ferdy national», der 1983 zum Schweizer Sportler des Jahrhunderts gewählt wurde, fuhr mit grossem Vorsprung zum Premierensieg.
Noch eindrücklicher fiel 1951 der Tour-Triumph von Koblet aus. Der «Pédaleur de charme», wie er wegen seiner eleganten Fahrweise und seines blendenden Aussehens genannt wurde, holte sich gleich fünf Etappensiege. Einen davon nach einer unglaublich anmutenden 135-km-Flucht bei Brutofenhitze, als in seinem Rücken die versammelte Weltelite um Bartali, Coppi, Louison Bobet, Raphaël Géminiani und Stan Ockers bei der Verfolgung gemeinsame Sache machte. Am Ende der fast 4700 km durch Frankreich hatte Koblet die Konkurrenz in Grund und Boden gefahren und um 22 Minuten und mehr distanziert.
Fatale Amphetamin-Spritze
Doch schon im Jahr darauf begann der Abstieg des Zürchers, der als beliebtester und charismatischster Schweizer Fahrer seiner Epoche galt. Im Sommer 1952 erkrankte Koblet während der Tour de Suisse. Doch statt aus der Landesrundfahrt auszusteigen, erhielt das Aushängeschild eine Amphetamin-Spritze verabreicht. Dieser Doping-Eingriff, der damals erlaubt war, führte zu einer Herzerweiterung - und dazu, dass Koblet rund 20 Prozent seiner Herzleistung einbüsste. Fortan sollten ihm Gesamtsiege an grossen Rundfahrten verwehrt bleiben. Doch der Stilist blieb trotzdem ein überdurchschnittlicher Fahrer, der noch zweimal die Tour de Suisse und einmal die Tour de Romandie gewinnen konnte. 1958 trat der zuletzt immer öfter auf der Bahn fahrende Koblet zurück.
In der (Berufs-)Karriere nach der (Rad-)Karriere fand der grosszügige Zürcher, der nie Nein sagen konnte, den Tritt nicht und geriet zunehmend in eine Abwärtsspirale. Happige Schulden, zahlreiche Affären und die von seiner Frau geforderte Trennung - der einst so erfolgreiche Velorennfahrer scheiterte im normalen Leben. Am Morgen des 2. Novembers 1964, im Alter von erst 39 Jahren, prallte Koblet mit seinem Alfa Romeo auf der Strasse von Mönchaltorf in Richtung Esslingen mit hoher Geschwindigkeit in einen Baum. Vier Tage später erlag der 39-Jährige im Bezirksspital in Uster seinen schweren Verletzungen. Die Umstände des Unfalls wurden nie restlos geklärt. Aufgrund der fehlenden Bremsspuren und eines Abschiedsbriefs, dessen Existenz jedoch erst viele Jahre später bekannt werden sollte, ist wohl von Suizid auszugehen.