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Samarkand
Das Gästehaus wird von zwei Schwestern betrieben – wie die meisten Bewohner hier im alten Teil der Stadt sind sie Tadschikinnen. Samarkand und Buchara sind historische gesehen die kulturellen Zentren der persischsprachigen Bewohner Zenralasiens, die als Tadschiken bezeichnet werden. Bei der Bildung der Sowjetrepubliken in den 1920er und 1930er Jahren ist Tadschikistan als eigenständige Republik aus Usbekistan herausgelöst worden, wobei aber die wichtigsten städtischen Zentren bei Usbekistan verblieben sind und die neugeschaffene Sowjetrepublik Tadschikistan vor allem auf die abgelegene und wenig entwickelte Hochgebirgsregion im Osten des ehemaligen Emirats von Buchara beschränkt wurde. Im alten Teil von Samarkand ist heute immer noch tadschikisch (die zentralasiatische Variante des Neupersischen) die häufigste Sprache, in den neueren Quartieren ist der Anteil der Usbeken höher. Nach der Eingliederung der Stadt ins Zarenreich 1868 haben sich in der Neustadt viele Russen angesiedelt. In der Sowjetzeit ist Russisch wie vielerorts in der UdSSR zur Sprache der interethnischen Verständigung geworden und war wichtigste Verwaltungssprache. So ist Samarkand auch heute noch faktisch dreisprachig: tadschikisch, usbekisch, russisch. Wie mir ein Einheimischer sagte, kann ein Gespräch mit einem Unbekannten in jeder der drei Sprachen begonnen werden. Es gehöre dann zum guten Ton, die Konversation in dieser Sprache fortzusetzen (sofern man sie beherrscht).
Hier im Garten am Frühstück treffe ich meinen Reisepartner, der in der Nacht angereist und am frühen Morgen in Samarkand gelandet ist. Von nun an bin ich also zu zweit unterwegs. Mit Samarkand steht heute die wohl bekannteste Touristendestination Usbekistans auf dem Programm. Das Gästehaus liegt in einem Wohnviertel mit alter Bausubstanz:
In den Strassen spielen viele Kinder, abends sitzen ältere Leute vor den Eingängen und halten einen Schwatz: ein Wohnviertel, in dem die Einheimischen Bewohner gegenüber den Touristen (noch?) in der Mehrzahl sind:
Auch hier allerdings ist das Wohnviertel durch eine hohe Mauer mit wenigen Durchgängen vor dem touristisch vermarkteten Samarkand abgetrennt: Blick auf das Gur Emir-Mausoleum von einer Seitenstrasse aus…
Gur Emir Mausoleum
Externer Link: das Gur Emir-Mausoleum auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards). Vergleiche dazu den heutigen Zustand:
Das Gur Emir-Mausoleum ist wie so viele andere Prachbauten nicht im originalen Zustand erhalten. Das heutige Aussehen ist vielmehr Ergebnis umfangreicher Rekonstruktionsarbeiten aus sowjetischer Zeit, vor allem der Fassadenschmuck. Dennoch ist das Mausoleum, das ich schon am Vorabend Gelegenheit hatte von Aussen zu besichtigen, sehr eindrücklich. Hier ein Blick auf die Muqarnas des Pischtaks, der das Eingangstor zum Mausoleum bildet:
Das 1403/04 errichtete Mausoleum als typischen Beispiel des timuridischen Stils. Bemerkenswert ist die Kuppel, als als doppelschalige Konstruktion: eine äussere, hier sichtbare, leicht nach aussen gewölbte Kuppel wird im inneren ergänzt durch eine zweite, etwas kleinere innere Kuppel, die mit der äusseren aus statischen Gründen verbunden ist. Diese Konstruktionsweise war in Zentralasien nicht neu, sondern findet sich so schon im 11. Jahrhundert. Vielleicht ging das Wissen um den Bau doppelschaliger Kuppeln auf das aus der Antike stammende Pantheon in Rom zurück, das in Europa offenbar in Vergessenheit geraten war. Eines der bekanntesten Beispiele für eine frühe doppelschalige Kuppel aus dem 12. Jahrhundert ist das Mausoleum des letzten Gross-Seldschuken-Sultans Sanjar (Sandschar, gestorben 1157) in Merv im heutigen Turkmenistan (Blog-Beitrag dazu folgt). Auch das vermutlich um 1370 errichtete Tura Beg Khanum-Mausoleum von Gurgandsch (heute Könye Urgench in Turkmenistan, Blogeintrag dazu folgt ebenfalls) weist eine solche doppelschalige Kuppel auf – dort ist die Konstruktionsweise aufgrund der teilweise zerstörten Aussenkuppel gut zu sehen. Möglicherweise besteht sogar ein direkter Bezug zu diesem Bauwerk, da Timur 1388 Gurgandsch erobert hatte und wie auch auf anderen Feldzügen Handwerker und Meister nach Samarkand verschleppte, wo sie dazu eingesetzt wurden, prächtige Repräsentationsgebäude für den Herrscher zu errichten. Die Konstruktuionsweise doppelschaliger Kuppel sollte kurz darauf auch beim Ausbau des Florenzer Doms (1418-1436) zur Anwendung kommen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Konstruktion des Florenzer Dombaumeisters Brunelleschi dabei auch auf über islamische Architekturtraditionen vermittelte Vorbilder und Kenntnisse aufbaute – ein Einfluss, der in der Standarderzählung europäischer Architekturgeschichte oft unerwähnt bleibt.
Die Kenotaphe für Timur und seine Anghörigen im Innern – die sterblichen Überreste sind darunter begraben. Das heute so genannte Gur Emir-Mausoleum war gar nicht als Grablege Timurs geplant, vielmehr liess er es zur Bestattung von Familienangehörigen errichten. Er selber sah eine Grablege in seiner Geburtsstadt Shahrisabz vor. Die Bestattung Timurs in Samarkand verfügte inmitten von Machtkämpfen um sein Erbe sein Enkel Khalil Sultan, der nach Timurs Tod 1405 bis 1409 Samarkand kontrollierte. Zu Legitimationszwecken liess er den Dynastiegründer in seinem eigenen Herrschaftsbereich begraben, denn Shahrisabz stand nicht unter seiner Kontrolle. Sowjetische Wissenschafter öffneten im Juni 1941 die Gräber (und ignorierten angeblich einen Fluch, der für diesen Fall grosses Unheil androhte: prompt erfolgte wenige Tage später der deutsche Überfall auf die UdSSR) und rekonsturierten unter anderem das Gesicht Timurs. Sie konnten auch mögliche organische Ursachen für Timurs Übernamen (Timur Lang, Timur der Lahme, Tamerlan) identifizieren.
Externer Link: Grabstätten im Gur Emir-Mausoleum auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards).
Oq Saroy-Mausoleum
Unmittelbar hinter dem Gur Emir-Mausoleum verbirgt sich das von Aussen unscheinbare und daher auch von nur wenigen Touristen besuchte Mausoleum Oq Saroy (Aq Saray, Weisser Palast, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bauwerk in Shahrisabz). Es wurde um 1470 erbaut und war eine Art Erweiterungsbau des Gur Emir-Mausoleums, wurden hier doch weitere Nachkommen Timurs begraben, die im vorherigen Bauwerk keinen Platz mehr gefunden hatten:
Ruchabad-Mausoleum
Ebenfalls nicht weit entfernt vom Gur Emir-Mausoleum liegt ein weiterer Grabbau aus der Zeit um 1380 und damit ein frühes Beispiel für ein timuridisches Bauwerk. Der darin mit Familienangehörigen bestattete Sufi-Scheichs Burhaneddin Sagaradzhi (Burkhan al-Din Sagarji) wirkte vor allem bei der Verbreitungs des Islams in Ostturkestan und erreichte damit eine hohe Verehrung schon zu Lebzeiten Timurs, der sich wohl auch zu Legitimationszwecken gerne auf diesen Mystiker berief:
Externer Link: das Ruchabad-Mausoleum auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards).
Registan: Madrasas Ulugbek, Scher-Dor und Tilya Kori
Der Registan (wörtlich „sandiger Platz“) ist der zentrale Platz von Samarkand: Er ist weit über Usbekistan hinaus berühmt und das touristische Gesicht Usbekistans schlechthin. Die Gestaltung des Platzes wird geprägt von gleich drei Madrasas (Koranschulen), die den Platz von drei Seiten her mit ihren monumentalen, reicht dekorierten Pischtaks (Eingangsportale) einrahmen. Die drei Bauwerke stammen stammen aus dem 15. (1417-1420, Ulukbek-Madrasa, links) und 17. Jahrhundert (1646–1660: Tilya Kori-Madrasa, Mitte; 1619–1636: Sherdor Madrasa, rechts) – das Erscheinungsbild ist mithin viel jünger als die Glanzzeit Samarkands als blühender Handelsmetropole im Mittelalter oder der Funktion als repräsentativer Residenzstadt Timurs:
Ulugbek-Madrasa
Externer Link: die Ulugbek-Madrasa auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards). Der Vergleich des Postkartenbildes mit den nachfolgenden Fotografien zeigt, wie sehr die Rekonstruktionsarbeiten das Aussehen verändert haben.
Die von 1417-1420 errichtete Ulugbek-Madrasa ist die mit Abstand älteste der drei islamischen Lehrstätten am Samarkander Registan. Errichtet wurde sie vom namengebenden Enkel Timurs, Ulugbek, der nominell als Statthalter seines Vaters in Samarkand herrschte, aber vor allem als Gelehrter in Erinnerung geblieben ist – unter anderem als Erbauer der Sternwarte von Samarkand.
Sherdor-Madrasa
Externer Link: die Sherdor-Madrasa auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards). Auch hier sind die Marktstände auf dem Registan gut sichtbar.
Die 1619-1636 im Auftrag des Herrschers Yalangtush Bakhodir errichtete Sherdor-Madrasa ist besonders wegen der Tierdarstellungen bekannt, die auf dem Pischtak seitlich zwei symmetrische Tiger zeigt, die jagen. Darstellungen von Mensch und Tier werden im Islam in der Regel gemieden, zumindest in unmittelbar religiösen Kontexten – doch sollte das Motiv nachgeahmt werden, so bei der Nadir Divan Beg-Madrasa ausserhalb des Stadtzentrums:
Im Innenhof der Sherdor-Madrasa wird das Prinzip der so genannten „Vier-Iwan-Anlage“ deutlich: den Innenhof umgeben vier Iwane (Aiwan, hallenartige Nischen) auf den vier Seiten – hier sind zwei sichtbar: links: gegenüber des Eingangs (Ostseite) und rechts (Südseite):
Innenhof der Sherdor-Madrasa, Westseite mit Eingangsbereich im Iwan (Bildmitte). Oben im Bild ist die schlichte, einfach gemauerte Rückseite des auf den Registan ausgerichteten Pischtaks zu sehen, flankiert von den beiden Kuppeln:
Tilya Kori-Madrasa und Moschee
Externer Link: die Tilya Kori-Madrasa und Moschee auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards). Auch hier wird im Vergleich der Postkartenansicht mit den untenstehenden Fotos das Ausmass der Rekonstruktionsarbeiten des 20. Jahrhunderts deutlich. Auf der Postkarte sind im Vordergrund die damals auf dem Registan vorhandenen Marktstände gut zu sehen.
Auf der Rückseite der Tilya Kori-Madrasa verdeckt eine hohe, im Stil der umliegenden Madrasas ornamentierte Mauer den Blick auf das benachbarte Wohnquartier: Touristen und Bevölkerung werden hier strikt getrennt, die Wohnverhältnisse in der Altstadt sollen offenbar verborgen werden:
Gräberstrasse Shah-i-Zinda
Nördlich des Stadtzentrums befindet sich der Mausoleums-Komplex Shah-i-Zinda. Eine ganze Reihe kunstvoll verzierter Mausoleen reihen sich entlang einer schmalen Gasse und bildet Ziel zahlreicher Pilger, die sich von einem oder mehreren der hier Bestatteten die Erfüllung eines Wunsches erhoffen. Die Gräberstrasse liegt am südlichen Abhang des Hügels, auf dem sich das antike Afrosiyab befand. Afrosiyab oder Marakanda, wie es die Griechen nach der Eroberung durch Alexander den Grossen nannten, bestand hier seit etwa dem 7. oder 6. Jahrhundert vor Christus und gehört damit zu den ältesten städtischen Zentren Zentralasiens. Die Stadt Afrosiyab, Vorläuferin des heutigen Samarkand, bestand an dieser Stelle bis zur Eroberung und Zerstörung durch die Mongolen Dschingis Khans 1220. Danach wurde diese Siedlung aufgegeben und verfiel: ein Grossteil der Bevölkerung war niedergemetzelt, Handwerker und Spezialisten von den Mongolen fortgeführt worden. Diese Arbeitskräfte fehlten nun, um die aufwändige Versorgung mit Wasser sicherzustellen. Südlich des Hügels war die Wasserversorgung leichter, so dass sich die Stadt dort Hügel neu formierte. 1371 machte Timur das durch Handel neu aufgeblühte Samarkand zur Hauptstadt seines Reiches. In diese Zeit und die folgenden Jahrzehnte fällt auch der Ausbau von Shah-i-Zinda zum regelrechten Mausoleums-Komplex. Die Stelle war schon früher Pilgerziel gewesen. Einer Legende nach soll sich an dieser Stelle Qusam ibn Abbas, ein Verwandter des Propheten Mohammed, bei der Verbreitung des Islams als Märtyrer in einem Brunnen Zuflucht gefunden haben, wo er heute noch lebe: daher der Name Shah-i-Zinda, der „lebende König“.
Zwar sind einige archäologische Überrest aus der Zeit des 11. bis 14. Jahrhunderts überliefert, doch erst in der Timuridenzeit entstand vor allem im 14. und 15. Jahrhundert das Ensemble in der Form, wie es im Wesentlichen auch heute noch besichtigt werden kann. Die ausserordentliche Ballung von Mausoleen geht auf den Brauch zurück, wonach hochstehende oder als heilig erachtete Persönlichkeitenin der Nähe eines bereits existeirenden Mausoleums begraben wurden, von der heiligen Aura des Ortes angezogen (vergleiche etwa auch Sultan Saodat-Komplex in Termez). So wie hier in Shah-i-Zinda entstanden mitunter regelrechte Mausoleen-Komplexe oder -Strassen. Der Ort wurde auch in der Sowjetzeit von zahlreichen Pilgern besucht, was von den Behörden missbilligend geduldet wurde, die zwar den Tourismus, nicht aber das Pilgerwesen fördern wollten.
Häufig ist nicht ganz klar, wer genau in den entsprechenden Mausoleen begraben ist – meist sind es hohe Würdenträger aus dem Umfeld der Timuriden-Dynastie. Wohl kaum irgendwo ist eine räumlich höhere Dichte an timuridischen Bauschmucks mit farbig glasierter Keramik, meist in Blautönen, zu finden als hier:
Hazrat Hizir-Moschee und Mausoleum Islam Karimovs
Unweit der Gräberstrasse von Shah-i-Zinda steht die Hazrat Hizir-Moschee, die häufig umgebaut wurde und heute im Wesentlichen auf Bauarbeiten aus dem 19 bis frühen 21. Jahrhundert zurückgeht und auch eine Khanaka (Versammlungsgebäude von Sufi-Bruderschaften) umfasst. Direkt neben dem Gebäude wurde erst kürzlich das Mausoleum für den 2016 verstorbenen usbekischen Präsidenten Islam Karimov errichtet, das im Januar 2018 eingeweiht wurde (weisses Gebäude, rechts im Bild):
Das Mausoleum für Islam Karimov, der Usbekistan seit 1989 (noch zu sowjetischen Zeiten) mit harter Hand gelenkt hatte. Ob das Anfang 2018 eingeweihte Mausoleum tatsächlich die letzte Ruhestätte für Karimov sein wird, wird sich angesichts der sich abzeichnenden damnatio-memoriae-Politik erst noch weisen müssen:
Bibi Khanum-Moschee
Nach der mongolischen Eroberung und dem Verfall des alten Afrosiyab verlagerte sich die Stadt nach Süden, unterhalb des südlichen Abhangs des Afrosiyab-Hügels, gegenüber von Shah-i-Zinda. Hier liess Timur, inspiriert von seiner militärischen Kampagne nach Indien, in den Jahren um 1400 als monumentalen Repräsentationsbau die Bibi Chanum-Moschee errichten. Dazu wurde die Moschee aufwändig ausgeschmückt, wozu von Timur auf seinen umfangreichen Feldzügen verschleppte Künstler und Handwerker herangezogen wurde – so kamen auch hier doppelschalige Kuppeln zum Einsatz (siehe oben, Gur Emir-Mausoleum). Verschiedene künstlerische Traditionen fanden hier zu einer – erzwungenen – neuen Synthese zusammen. Die Prachtentfaltung timuridischer Bauwerke steht daher nicht im Gegensatz zur gewaltsamen und häufig auch sehr grausamen Eroberungspolitik Timurs, sie ist vielmehr ein Ergebnis davon. Wie Frederick Starr (S. Frederick Starr: Lost enlightenment. Central Asia’s golden age from the Arab conquest to Tamerlane. Princeton 2013, u.a. S. 491) betont kann das Aufblühen von Kunsthandwerk und Kultur unter den Timuriden nicht darüber hinwegtäuschen, dass das einst so innovative und undogmatische Umfeld Zentralasiens mittlerweile seiner schöpferischen Kraft mit wenigen Ausnahmen weitgehend verlustig gegangen war. Die prächtige Kunst der Timuriden baute weniger auf Innovation als vielmehr auf Perfektion des Bestehenden, auf ästhetischer Ausschmückung anstatt Neuentdeckungen. Dazu passt, dass viele der pompösen Repräsentationsbauten Timurs offenbar in grosser Eile erbaut wurden – eben gerade um ihre primäre Funktion wahrnehmen zu können, die Herrschaft ihres Bauherren zu überhöhen. Dabei wurden offenbar durchaus vorhandene statische Kenntnisse in den Hintergrund gedrängt, die zur Stabilität dieser Bauwerke in der seismisch stark aktiven Region beigetragen hätten. Geschwindigkeit und Monumentalität drängten alles andere in den Hintergrund. In diesem Kontext ist ein Vergleich mit heutigen Monumentalbauten insbesondere in Turkmenistan interessant – ein eigener Blogbeitrag dazu folgt.
Viele der Bauten Timurs wie etwa sein Palast in Shahrisabz sind daher im Laufe der Zeit eingestürzt. Auch die Bibi Khanum-Moschee war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch eine Ruine. Siehe hierzu (externer Link) die Bibi Khanum-Moschee auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards). Hier wie vielerorts wurden die Gebäude in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts während der Sowjetzeit rekonstruiert:
Ulugbek-Observatorium
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Eine der wenigen Ausnahmen eines genuinen Gelehrten in der undogmatisch-kreativen zentralasiatischen Wissenschaftstradition, die in den Jahrzehnten um das Jahr 1000 ihren Höhepunkt erreicht hatte, aus der Timuriden-Zeit war Ulugbek. Als Enkel Timurs und nomineller Statthalter für seinen in Herat (heute Afghanistan) residierenden Vater in Samarkand regierte er faktisch weitgehend alleine. Berühmtheit erlangte er aber durch die Förderung astronomischer Forschungen. So liess er nördlich von Samarkand (heute in den Aussenquartieren) ab 1424 ein riesiges Observatorium errichten, das der Korrektur existierender Sternentabellen diente. Die Überreste des Observatoriums sind erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt worden. Erhalten geblieben ist der riesige Sextant als Kern der Anlage, der Rest ist mittlerweile rekonstruiert worden – so das neo-timuridisch geschmückte Eingangsportal auf dem Dach des kreisrunden Gebäudes:
Vorbereitungen auf einen Staatsbesuch
Auf dem Weg vom Observatorium zurück Richtung Innenstadt fallen mehrfach Plakate mit den Flaggen Tadschikistans (links) und Usbekistans auf. Dieses Plakat hier lässt die tadschikisch-usbekische Völkerfreundschaft und gutenachbarschaftliche Beziehungen hochleben:
Dasselbe in usbekischer Sprache – die Verwendung der kyrillischen Schrift in einem hochoffiziellen Kontext ist hier wohl als Zeichen der Höflickeit gegenüber dem tadschikischen Gast zu verstehen, da das Tadschikische nach wie vor in kyrillischer Schrift geschrieben wird, im Gegensatz zum Usbekischen, das offiziell auf das lateinische Alphabet umgestellt wurde (in der faktischen Umsetzung allerdings mit zahlreichen Ausnahmen):
Ein Anwohner, mit dem ich ins Gespräch komme, klärt auf: für den nächsten Tag ist ein Staatsbesuch des tadschikischen Präsidenten in Samarkand angekündigt. Das erkärt auch die fieberhaften Ausbesserungs-, Verschönerungs- und Verzierungsarbeiten, die allenthalben zu beobachten sind – wenn etwa die Farbe von Randsteinen neu aufgetragen wird…
Mausoleum des Propheten Daniel
Externer Link: das Mausoleum des Propheten Daniel auf einer Postkarte um 1900 (Sammlung von Postkarten aus Russland des Lehrstuhls für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Universität Basel, http://data.dasch.swiss/postcards).
Am nördlichen Hang des Afrosiyab-Hügels liegt ein besonderes Heiligtum: das Mausoleum, in dem angeblich der biblische Prophet Daniel (der aus der Löwengrube) beziehungsweise ein Teil seiner Gebeine bestattet ist. Es ist eines von mehreren angeblichen Grabstätten des Propheten Daniel. Der Legende nach war es Timur, der die sterblichen Überreste von seinen Feldzügen nach Samarkand mitgebracht haben soll, da dies nach gewissen islamischen Glaubensvorstellungen mit der Aufnahme ins Paradies belohnt wird. Das heutige Mausoleums-Gebäude (links im Bild) aus dem frühen 20. Jahrhundert liegt leicht erhöht neben einer heiligen Quelle (kleiner würfelförmiger Bau mit Kuppel rechts im Bild):
Die Heilige Quelle am Fusse des Hügels wird von Pilgern rege genutzt. Neben reinigenden Zwecken wird das Wasser zum Trinken abgefüllt – ähnlich wie in Nurata:
Afrasiyob und jüdisches Viertel
Auf dem Rückweg vom Mausoleum des Propheten Daniel Richtung Stadtzentrum führt die Strasse durch den Bereich des alten Afrosiyob – der Vorgängersiedlung von Samarkand. Viel ist von blossem Auge nicht erkennbar, der kahle Hügel gibt keine spektakulären Sehenswürdigkeiten preis. Diese sind im Museum zu bewundern, das aber bereits geschlossen ist. So bleibt nur ein flüchtiger Blick auf das Gelände, das eine der ältesten Städte Zentralasiens beherbert hat:
Auf dem Afrosiyob-Hügel befindet sich auch der jüdische Friedhof – die Juden Transoxaniens beziehungsweise Zentralasiens werden nach dem ehemaligen Emirat von Buchara meist als „bucharische Juden“ bezeichnet:
Durch verwinkelte Gassen führt der Weg weiter Richtung Stadtzentrum. Plötzlich öffnet sich an einer Strassenecke das Tor zu einem Innenhof hin, in dem ein grosser Trödelmarkt eingerichtet ist. Ein Herr auf der Strasse bittet mich hinein:
Die Gasse in der Altstadt endet abrupt an einem hohen Tor, durch das nur ein schmaler Durchgang hindurch führt. Tritt man hindurch, tut sich auf der anderen Seite eine komplett andere Welt auf: eine schnurgerade (noch?) nach Islam Karimov benannte, steril hergerichtete Strasse verbindet den Registan mit der Bibi Khanum-Moschee. Diese Verbindung fungiert als Haupt-Touristenachse mit Cafés und Souvenirläden. Es ist das Usbekistan, das Touristen zu Gesicht bekommen sollen, während das Wohnquartier dahinter fast vollständig den Blicken entzogen ist (Sicht von der Karimov-Strasse Richtung Altstadt/Xujjum-Strasse):
Die nach dem ehemaligen Präsidenten benannte Strasse führt Richtung Zentrum vorbei an einer überlebensgrossen Statue für Islam Karimov, die in der Abendsonne leuchtet. Die Ästhetik erinnert stark an sowjetische Leninstatuen: