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Felix Sturm: Boxlegende oder deutscher Held?
04.12.2011 - Das Unentschieden gegen Martin Murray nagt an Felix Sturm. Eine Frage des Charakters, welche Lehren ein großer Champion daraus zieht.
Mannheim. Man musste nur in sein Gesicht blicken, um zu wissen, dass es kein angenehmes Gespräch werden würde. Felix Sturm hatte schlechte Laune, das konnte jeder sehen. Er war genervt von einem Urteil, das seinen Status als einmal mehr angekratzt hatte. Vor allem aber, und das ließ der 32-Jährige die Anwesenden spüren, störten ihn die bohrenden Fragen der Kritiker, der Journalisten, denen er gern jegliche Ahnung von seinem Sport abspricht. Und so entwickelte sich in der Nacht zu Sonnabend in der Mannheimer SAP-Arena eine Unterhaltung, an deren Ende man das Gefühl gewinnen musste, dass sich die Parteien mittlerweile so weit voneinander entfernt haben, dass keiner den anderen mehr versteht.
Sturm hatte gegen den Briten Martin Murray eine ordentliche Leistung abgeliefert, war aber mit einem Unentschieden (116:112, 113:115, 114:114) dafür abgestraft worden, dass er in seinem vorangegangenen Kampf gegen Murrays Landsmann Matthew Macklin im Juni einen glücklichen Punktsieg davongetragen hatte. Von einer„Konzessionsentscheidung“ sprach sein Trainer Fritz Sdunek, und tatsächlich hätte Macklin das Duell mit Sturm mit mindestens vier Runden Vorsprung gewinnen müssen, wenn Murrays Leistung ein Unentschieden gerechtfertigt hätte. „Solche Urteile schaden unserem Sport, ich bin deshalb auch maßlos enttäuscht“, sagte Sturm.
Es ist eine Frage des Charakters, welche Lehren ein großer Champion, und für diesen hält sich Sturm, aus einem solchen Urteil zieht, und da fängt das Problem an. Anstatt sich einzugestehen, dass er es in zwei aufeinander folgenden Kämpfen gegen zwar sehr zähe und verbissene, aber doch technisch limitierte und wenig schlagharte Briten nicht geschafft hatte, die Punktrichter klar und deutlich zu überzeugen, bog sich Sturm die Wirklichkeit dahingehend zurecht, dass er „gegen einen sehr starken Gegner klar gewonnen“ habe. Dass er in den Runden zehn und elf in alte Fehler verfallen und viel zu häufig getroffen worden war – Schwamm drüber. Dass er Murray zu viel Zeit zur Entfaltung gelassen hatte, anstattkonsequent nachzusetzen, wenn die Chance da war – abgehakt.
Felix Sturm, das ist der Eindruck, der sich in Mannheim aufdrängte, hat sich eingerichtet in seiner eigenen Herrlichkeit. Und es ist ja auch bequem, wenn man einen TV-Partner wie Sat.1 hat, das sich über eine Quote von 4,34 Millionen freuen und das Freitags-Experiment damit als gelungen ansehen konnte, der Kämpfe gegen unbekannte Boxer anpreist als „heißesten Kampf des Jahres“, der anschließend verbreitet, man habe „einen der spannendsten Kämpfe gesehen, die es überhaupt je gab“, und der sogar bereitwillig Reporter und Experten austauscht, die dem Champion zu kritisch daherkommen.
Für das Fernsehen mag entscheidend sein, dass die Kämpfe so eng sind wie der zwischen Sturm und Murray, für die Zuschauer ist das allemal interessanter als die oft langweilende Dominanz der Klitschko-Brüder. Doch im Gegensatz zu Sturm haben die Klitschkos alles, was im Schwergewicht an Gegnern zu finden war, aus dem Weg geräumt und damit ihre Dominanz zementiert, während der Kölner sein beim Schritt in die Selbstständigkeit im Sommer 2010 abgegebenes Versprechen, gegen die besten Boxer seiner Klasse antreten zu wollen, noch nicht eingelöst hat. In Mannheim versteckte er sich erneut hinter seinem Mantra, die Besten würden zu hohe Forderungen stellen und seien nicht bereit, nach Deutschland zu kommen. „Ich boxe die, die zur Verfügung stehen“, sagte er, „ich glaube nicht, dass die wenigen großen Namen, die es gibt, bessere Kämpfe liefern würden als meine letzten Gegner.“
Natürlich verdient Felix Sturm am meisten Geld, wenn er in Deutschland in großen Arenen gegen Kämpfer antritt, die wenig Gage verlangen. Dass er damit zufrieden ist, darf man ihm nicht verdenken, doch zu dem Anspruch, den er einst hatte, passt es nicht. Was Sturm nun braucht, ist ein Kampf, der von vornherein auch von der Öffentlichkeit ernst genommen wird. Seit er im März 2010 zum Superchampion erklärt wurde, hat er keine Pflichtverteidigung mehr bestritten. Eine solche gegen den von der WBA als „regulärer“ Weltmeister geführten Kasachen Gennady Golovkin wäre so ein Kampf, auch eine Titelvereinigung mit dem australischen IBF-Champion Daniel Geale, an der Sturms Vermarkter Ufa intensiv arbeitet, böte die Gelegenheit, neues Renommee zu erlangen. Und wenn es doch ein Rematch gegen Macklin oder Murray sein soll, warum dann nicht in deren Heimat? Große Champions zeichnet es aus, dass sie ihre Gegner auch in deren Wohnzimmer besiegen. Wer spricht denn heute im weltweiten Box-Business noch von Sven Ottke, der seine Gegner nur in Deutschland schlug?
Felix Sturm hat es als selbstständiger Promoter in der eigenen Hand, seiner Karriere den entscheidenden Kick zu geben. Er muss sich entscheiden, ob er in seiner Gewichtsklasse zu einer weltbekannten Legende werden will oder ob es ihm reicht, ein deutscher Held zu sein. Einer, von dem man später sagen wird, er habe seine fraglos vorhandene Qualität nicht ausgeschöpft. „Zehn, zwölf tolle Kämpfe“ habe er noch in sich, sagte Sturm in Mannheim. Er sollte nicht mehr allzu lang warten, diese endlich zu zeigen.
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