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Marilyn Monroes Verhängnis
Marilyn Monroe, die Einzigartige, wäre nun 90 Jahre alt, meine Damen und Herren, also so alt wie die Queen. Im Zusammenhang mit Marilyns Geburtstag geht gerade eine Ausstellung ihrer persönlichen Gegenstände um die Welt, um anschliessend, im November, in Los Angeles versteigert zu werden. Es handelt sich um Dinge wie Schmuck und Kleider (darunter dasjenige mit schwarzen Pailletten, das Marilyn trug, als sie in «Some Like It Hot» sang: «I’m Through With Love»).
Aber auch Briefe, Notizen und Zeichnungen sind dabei. Es ist bekannt, dass Marilyn gegen Ende ihres Lebens mit Depressionen und Tablettenabhängigkeit zu kämpfen hatte, und im Jahre 1961 wurde sie kurzzeitig in der Payne Whitney Psychiatric Clinic in New York City quasi weggeschlossen. Ein Brief, in dem sie über diese Erfahrung berichtet, befindet sich ebenfalls unter den Versteigerungsstücken. Marilyn beschreibt darin ihr Gefühl des Gefangenseins: «Wie in einer Art Gefängnis, für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe.»
Marilyn Monroes Verhängnis ist auch die Geschichte einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Psychoanalyse, bei der sich ihr Analytiker, der seinerzeit berühmte Ralph Greenson, nach allen Zeugnissen und Hinterlassenschaften schwerer Grenzübertretungen schuldig gemacht hat. Dies erscheint in der Rückschau besonders prekär vor dem Hintergrund, dass der Kult der modernen (und postmodernen und spätmodernen) Kultur um Schönheit und Jugend, für den Marilyn als Ikone steht, in psychoanalytischer Diktion im Sinne einer sogenannten ethnischen Störung ebendieser unserer Kultur verstanden werden kann – einer Kultur, die ja, was das Prekäre noch erhöht, demografisch eher durch einen Mangel an Jugend charakterisiert ist. Der Begriff der ethnischen Störung entstammt der Denktradition der Ethnopsychoanalyse und besagt, dass jede Kultur gewissen Fantasien, Trieben und anderen Manifestationen des Psychischen das Bewusstwerden gestattet – und gleichzeitig verlangt, dass andere verdrängt werden.
Das Streben unserer Zeit nach Alterslosigkeit, umgesetzt auch durch die immer differenzierter werdenden Angebote einer Lifestyle- und Anti-Aging-Medizin, ist eventuell der monumentale Versuch, die narzisstischen Kränkungen der Zeit zu konterkarieren, die in der Sterblichkeit gipfeln. Das Ideal der Alterslosigkeit trägt in dieser Sichtweise Züge einer Leugnung und zeigt die Zeichen einer kulturgebundenen Pathologie der postindustriellen Gesellschaft, einer Verhinderung jener Form des Altwerdens, bei dem körperliche und seelische Reifungsprozesse in ein altersgemässes Selbstbild integriert werden.
Hatte Marilyn Angst vor dem Alter? Jedenfalls hatte sie Angst, verrückt zu werden. Und durchaus ein Bewusstsein dessen, wofür ihr Körper als Symbol galt: In dem zitierten Brief beschreibt sie ebenfalls, wie sie in der Klinik drohte, sich selbst zu verletzen, falls sie nicht entlassen würde. Um dann vieldeutig hinzuzufügen: «I’m an actress and would never intentionally mark or mar myself. I’m just that vain.»
Im Bild oben: Die Ikone einer ganzen Generation: Marilyn Monroe. (Keystone/Bert Stern)