Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/2719

Den vielfältigen Zusammenhang zwischen Würde, Selbstbestimmung (Autonomie) und Glück möchte ich in einem philosophischen Forschungsprojekt untersuchen, das ich hier vorstelle. Da ich philosophische Forschung als ein interaktives Unternehmen betrachte und betreibe, bin ich sehr an Kommentaren und Kritik der LeserInnen des blogs interessiert. Das Ziel meines Projekts ist eine eudämonistische (glückstheoretische) Interpretation der Ideen der Selbstbestimmung (Autonomie) und der Würde von Personen. Die zentrale These des Projekts lautet: Wenn eine Person ein insgesamt gelingendes Leben führt, dann führt sie ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben, ist also in der Lage, ihre (komplexe) Fähigkeit der Selbstbestimmung erfolgreich auszuüben und anerkennt moralische Forderungen.
Die Vorstellung einer unantastbaren Würde gehört zu unserem Selbstverständnis als Menschen, die Würde haben und ihre Würde geachtet und bewahrt wissen wollen. Sowohl die umgangssprachlichen als auch die theoretischen Auffassungen der Würde von Personen sind jedoch nicht aus einem Guss. Wenn wir unsere vielfältigen Vorstellungen von Würde etwas besser verstehen wollen, sollten wir zunächst einmal vier Perspektiven auf das Thema unterscheiden: Die Würde der Person ist
(i) im deutschen Recht ein absoluter rechtlicher Status. Die Würde ist kein kollisionsfähiges Gut, das gegen andere Rechtsgüter abgewogen werden könnte. Der Würdesatz GG I, 1 des deutschen Grundgesetzes hat die Funktion einer absoluten Grenze. Er schützt die Individualrechte der Rechtsperson, und der Inhalt des Würdesatzes GG I, 1 wird konkretisiert in den einzelnen Grundrechten, die das GG statuiert.
(ii) ein moralischer Status, den Personen einander zusprechen, indem sie – unabhängig von Sanktionsdrohungen – moralische Forderungen akzeptieren.
(iii) eine soziale Tatsache, d.h. eine Tatsache, die Personen durch ihr interaktives, soziales Handeln schaffen. Sich gegenseitig würdevoll zu behandeln heißt einander vor Verletzungen und Demütigungen zu bewahren.
(iv) ein praktisches Selbstverhältnis, d. h. eine bestimmte Art und Weise einer Person, mit sich selbst umzugehen und sich um das eigene Wohlergehen zu kümmern. Dieses praktische Selbstverhältnis ist die Selbstbestimmung (Autonomie) der Person.
Ein Kommentar zu Punkt (iv), d. h. dem Zusammenhang von Würde und Selbstbestimmung: Selbstbestimmung ist gleichsam die aktive Form von Würde. Würde zu haben und zu bewahren ist eine Form der Lebensführung. Die Fähigkeit zur gedanklichen Selbstbestimmung ist die erste Voraussetzung für ein würdevolles Leben. Denn die erfolgreiche Ausübung dieser Fähigkeit macht uns in einem nachdrücklichen Sinne zu Urhebern unserer Meinungen und Wünsche und sie ermöglicht eine Disponibilität unserer mentalen Zustände. Zu leben heißt Entscheidungen unter Bedingungen epistemischer Unsicherheit zu treffen. Wir möchten freilich möglichst gute, rationale Entscheidungen treffen, nämlich solche, die wir als das Ergebnis unserer eigenen Überlegungen verstehen und ihnen ausdrücklich zustimmen können. Rationale Entscheidungen erfordern ausdrückliche, disponible mentale Zustände, d. h. Meinungen und Wünsche, deren Gehalt und relative Stärke wir genau kennen. Disponible mentale Zustände stehen uns in dem Sinne zur Verfügung, dass wir das Zusammenspiel unserer Meinungen, Wünsche (und zu einem gewissen Grade auch der Emotionen) im Blick auf unsere allgemeinen, vorrangigen Handlungsziele lenken können. Die Fähigkeit der gedanklichen Selbstbestimmung ist ein entscheidendes Element der Autonomie der Person, denn mit ihrer Hilfe können wir uns vor Demütigungen verschiedener Art bewahren. Und wenn wir einmal Demütigungen erlebt und durchlitten haben, so ist es unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die uns in die Lage versetzt, unsere Würde selbst, aus eigener Kraft wiederherzustellen.
Links zum Thema:
http://www.menschenwuerde.info
Buchtipp: Jörg Hardy, Oliver Scholz (Hg.): Angewandte Philosophie. Eine internationale Zeitschrift
Über den Autor
Beitrag von Prof. Jörg Hardy, Centre for Advanced Study in Bioethics, Westfälische Wilhelms-Universität Münster