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Auf Simon Libsigs kleinen Sohn ist Verlass: Er hält ihn zuverlässig vom Schlafen ab – es sei denn, er schreibt gerade eine Kolumne.
Ich wachte auf. Mein sieben Monate alter Sohn hing über meiner Schulter, und verteilte, in wild kreisenden Bewegungen, Zahnpasta auf meinem Rücken, mit dem Zackenkamm meiner Frau. Er quiekte vergnügt, und vermengte die Paste mit Speichel und Resten von Milch und Brei, die in dünnen Rinnsalen von seinem Kinn tropften.
Ich trug kein T-Shirt. Ich trage nie ein T-Shirt im Bett. Aber im Bett war ich nicht. Im Bett war ich nur zwischendurch gewesen, in dieser Nacht – und auch in allen anderen Nächten, seit der Geburt. Es war drei Uhr morgens. Ich sass im Badezimmer, auf dem Klo. Auf dem Deckel. Er war nass. Mein rechter Arm krampfte sich um meinen Sohn, aber ich spürte nichts. Ich sah nur den Bizeps zucken, und die blutleeren Finger. «Gute Arbeit», dachte ich, «auf dich ist Verlass», und nickte wieder ein.
Seit ich nicht mehr schlafe, habe ich ein anderes Verhältnis zu meinem Körper. Wir lassen uns beide mehr Freiraum. Er führt sein Leben, ich meins. Meistens erkenne ich ihn kaum, wenn ich morgens in den Spiegel blicke. Normalerweise sieht der anders aus. Ich wachte auf. Mein Sohn sass im Huckepack auf meinen Schultern und schlug mit dem Besen gegen den Kandelaber über dem Esstisch. Er war hellwach, und euphorisch. Mein rechtes Bein versuchte Tarzan abzuschütteln, unseren Kater, der sich an mir schmiegte, und nach Dosenfleisch miaute. Es war vier Uhr morgens.
Seit ich nicht mehr schlafe, habe ich ein anderes Verhältnis zu meinem Hirn. Wir sprechen uns kaum noch. Und wenn es sich doch wieder einmal meldet, verstehe ich es nicht, immer rauscht es in der Leitung. Und dann legt es auf. Ich wachte auf. Mein Sohn knabberte zufrieden an einem Kochlöffel, er hatte einen Latz um, und lag bäuchlings auf dem Staubsauger, den ich hinter mir durch die Wohnung zog. Ich trug Putzhandschuhe und eine Stirnlampe. Es war fünf Uhr morgens.
Seit ich nicht mehr schlafe, habe ich ein anderes Verhältnis zur Hausarbeit. Ich geniesse sie. Sie entspannt mich. Ich wachte auf. Mein Sohn strampelte auf dem Wickeltisch. Er trug eine frische Windel. Und um den Kopf, die gebrauchte. Ich puderte nach, drückte ihm ein Zäpfchen in den Bauchnabel, und nickte wieder ein. Es war sechs Uhr morgens. Der Wecker klingelte. Und zack, war ich da!
Seit ich nicht mehr schlafe, fahre ich ganz anders zur Arbeit. Ich nehme vieles leichter, setze mich nicht mehr so unter Druck, bin auch mal mit 50 Prozent zufrieden. Es muss nicht immer alles x und fertig …
Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch
Illustration: istockphoto.com