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Schon als ich ein kleiner Junge war, drehte ich meine Stereoanlage voll auf und lehnte meinen Rücken daran. So spürte ich die Beats. Mit neun Jahren begann ich auf dem Djembe zu trommeln, später spielte ich auf dem Schlagzeug. Ich kam in einer hörenden Familie mit einer Hörbehinderung zur Welt, die an Gehörlosigkeit grenzt. Das heisst: Ich höre nichts auf dem linken Ohr. Auf dem rechten Ohr ein bisschen etwas, aber eher im Rahmen einer Geräuschwahrnehmung. Tiefe Frequenzen nehme ich etwas besser wahr, aber auch diese undeutlich und weit entfernt vom normalen Hören. Alle Klänge ab der vierten Oktave, also höhere Töne, dringen nicht zu mir durch. Diese höheren Töne sollen bei der Handpan, dem Instrument, das ich heute spiele, besonders eindrucksvoll sein.
Die Handpan ist ein Blechklanginstrument, das eine Berner Firma vor rund zwanzig Jahren entwickelt hat. Es besteht aus zwei miteinander verschweissten Halbkugelelementen. Je nachdem, wo man seine Finger und Handf lächen sanft auf das Instrument schlägt, entstehen andere Klänge. Obwohl ich gewisse Töne, die ich erzeuge, nicht hören kann, baue ich sie in meine Kompositionen mit ein. Wie das geht? Darauf habe ich keine wissenschaftliche Antwort, bloss eine Vermutung: Ich glaube, mein Gehirn kann die auf dem Grundton basierenden Klänge in den Oberton übersetzen. Ich spiele auf der Strasse, ganz nah bei den Menschen. Diesen Sommer sass ich oft am Ufer des Zürichsees oder in Winterthur. Mittlerweile kann ich sogar davon leben.
Wie viel Geld ich an einem Tag auf der Strasse verdiene, ist von vielen Faktoren abhängig, etwa Wetter, Lage oder meiner Laune. Mein tiefster Umsatz in sechs Stunden am Zürichsee waren 180 Franken, mein höchster am selben Standort 600 Franken in vier Stunden. Strassenmusik ist für mich auch eine gute Werbeplattform, um meine Musik zu präsentieren, neue Fans zu gewinnen und Engagements zu bekommen. Und auch, um mein Album «Stories – Live Recordings» unter die Leute zu bringen, das ich vor etwas mehr als einem Jahr aufgenommen habe. Passantinnen oder Zuhörer können es oft kaum fassen, wenn sie erfahren, dass ich als Musiker fast gehörlos bin. Manche fragen mehrmals nach, ob das auch tatsächlich stimmt. Bei Gehörlosen stosse ich bisweilen auf Unverständnis, da ich akustische Musik und keine Gebärdensprachmusik mache. Bei Letzterer verschmelzen Bewegung und Tanz mit Gebärdensprache.
Irgendwie gehöre ich in beiden Welten nicht so ganz dazu. Aber das stört mich nicht, schliesslich will ich einfach Spass an der Musik zu haben. Und von den Meinungen anderer lasse ich mich nicht so schnell verunsichern. Das war nicht immer so. Zu Beginn machte ich mir einen Kopf, bevor ich mit Spielen begann. Gefällt den Leuten, was sie hören? Heute suche ich mir einen schönen Platz auf der Strasse und fang an. Wenn ich glücklich bin, dann spiegelt sich das in meiner Musik wieder – und wenn ich unglücklich bin auch. Einmal kam ein Mann weinend zu mir, setze sich neben mich und liess seinen Tränen freien Lauf. Einmal war ich derjenige, dem Tränen herunterliefen. Ich befinde mich jedes Mal in einem tiefen, emotionalen Bewusstsein. Ich fliesse einfach mit der Musik und denke an nichts, das ist der vielleicht schönste Zustand überhaupt.
– Jonas Straumann (26), Musiker
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