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Ein Garten als Tor zur Aussenwelt
In der Negev-Wüste, im Süden von Israel, unterstützt HEKS Beduinenfrauen dabei, überlieferte Traditionen zu bewahren und gleichzeitig ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ein Garten? Und das soll es nun gewesen sein? Wir stehen vor einem Beet neben einer Wellblechhütte in der Negev-Wüste, im Süden Israels, und schauen auf ein paar Reihen mit Gemüsepflanzen, die mühselig bewässert werden. Hinter uns zwei Hochbeete mit Petersilie. Auf den ersten Blick sieht alles ein wenig improvisiert aus. Die beiden Beduinenfrauen Amal und Samira von der HEKS-Partnerorganisation «Sidreh», mit denen wir unterwegs sind, unterhalten sich angeregt mit einer verschleierten Frau, die eben aus ihrem Haus gekommen ist. Fotografieren dürfen wir sie nicht, das gebieten die religiöse Tradition und der Respekt. Die Frauen von «Sidreh» haben sich in zwischen daran gewöhnt.
Wir besuchen eines der 34 nicht anerkannten Beduinendörfer im Negev, im Süden Israels. Nicht anerkannt bedeutet, dass die BewohnerInnen dieser Dörfer – es handelt sich dabei meist nur um ein paar Wellblechhütten und Zelte – eigentlich keine offizielle Erlaubnis haben, dort zu siedeln. Sie werden folglich weder mit Strom noch mit Wasser versorgt. Doch das ist nur ein Teil der Probleme, mit denen sich vor allem die Frauen in diesen Dörfern konfrontiert sehen. Da die Dörfer häufig sehr abgelegen sind, ist der Kontakt der Frauen zur Aussenwelt sehr eingeschränkt. Sidreh leistet hier wichtige Arbeit und ist für viele dieser Beduinenfrauen gleichsam eine Brücke, die sie mit der Welt ausserhalb ihres Dorfes verbindet.
Sidreh ist eine 1998 gegründete Non-Profit-Organisation, die beduinische Frauen im Negev über ihre Rechte aufklärt und sie bei der Durchsetzung ihrer Rechte in ihren Gemeinschaften unterstützt. Begonnen hat ihre Geschichte mit traditioneller beduinischer Webkunst. Nachdem die Beduinenfrauen in den Anfangsjahren von Sidreh dank ihren Webarbeiten und dem damit eigenhändig verdienten Geld an Selbstständigkeit gewonnen hatten, äusserten sie nach und nach den Wunsch, auch Lesen und Schreiben zu lernen. Heute ist dies eine Selbstverständlichkeit: Die Mädchen gehen in die Schule, auch dank der unermüdlichen Arbeit von Organisationen wie Sidreh. Dies ist ein erster Schritt heraus aus der vollständigen Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern. Zwei der Frauen, die damals Lesen und Schreiben lernten, haben mittlerweile die Matur nachgeholt und einen Bachelor-Abschluss gemacht.
Traditionen bewahren und wiederbeleben
Die Idee mit der Bewirtschaftung der Gärten entstand 2013. Auch hier spielte der Wunsch, eine überlieferte Tradition zu bewahren bzw. wiederzubeleben, eine Rolle. Denn der Negev ist voll von Spuren der Nabatäer. Diese besiedelten die Region von ca. 600 v. Chr. bis 100 n. Chr. Berühmt geworden sind sie vor allem durch ihre im heutigen Jordanien liegende Wüstenstadt Petra. Die Nabatäer verstanden es in alten Zeiten wie kaum ein anderes Volk, mit dem wenigen Regenwasser, das in der Wüste fällt, Landwirtschaft zu betreiben. Dieses Wissen war mit der Zeit allerdings weitgehend in Vergessenheit geraten. So fiel den Verantwortlichen von Sidreh zum Beispiel auf, dass sich die BewohnerInnen der nicht anerkannten Dörfern vor allem von Konserven ernährten. Denn ihre Männer sind wochentags meist weg, um irgendwo in Israel zu arbeiten. Sie kehren, wenn überhaupt, lediglich am Wochenende zurück und bringen dann Lebensmittelkonserven für die Familie mit. Denn ohne Stromversorgung nützen auch Kühlschränke, in denen sich Frischprodukte aufbewahren liessen, nichts.
Die Frauen in den abgelegenen Dörfern dürfen zudem oft den häuslichen Bereich nicht verlassen, dies verbieten ihnen die gesellschaftlichen Traditionen in ihrer Kultur. Und genau hier setzt Sidreh an. Die Verantwortlichen der Organisation entwickelten nämlich ein Konzept für Gemüsegärten, die um die Hütten in den Dörfern herum angelegt und sparsam bewässert werden – mit Regenwasser, das in Containern gesammelt wird. Der Effekt ist vielfältig: Die Beduinenfrauen können einer sinnvollen Tagesbeschäftigung nachgehen, sie lernen dabei, wie man ökologisch Landwirtschaft im Kleinen betreibt, und sie sehen im wahrsten Sinne des Wortes die Früchte ihrer Arbeit: frisches Gemüse, mit dem sie zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen können. So wird die Ernährung gesünder, Krankheiten werden seltener und die Frauen gewinnen in ihren Familien an Ansehen.