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Brasília, 31. Oktober 2010 Erstmals in der Geschichte des Landes wählt Brasilien ein weibliches Staatsoberhaupt. Die 62-jährige Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei PT wird am 01. Januar 2011 den populären Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva im höchsten Staatsamt beerben. Die ehemalige Ministerin im Präsidialamt erzielte bei der Stichwahl am Sonntag mit 56,05 Prozent der abgegeben gültigen Stimmen einen klaren Sieg, ihr Gegenkandidat José Serra von der sozialdemokratischen Partei PSDB kommt nach Auszählung von 100 Prozent aller Stimmen auf 43,95 Prozent.
Da im ersten Wahlgang am 03. Oktober kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen konnte, mussten die 135,8 Millionen Wahlpflichtigen am Sonntag erneut über ihr neues Staatsoberhaupt abstimmen. Die Sozialistin erhielt vor 4 Wochen nur 46,91 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen und verpasste damit das notwendige absolute Mehrheit klar. Umfragen hatten die Wunschkandidatin des Amtsinhabers zuvor deutlich über 50 Prozent gesehen. Näher an den letzten Prognosen stand der Sozialdemokrat José Serra mit erzielten 32,61 Prozent. Deutlich besser als erwartet hatte die ehemalige Umweltministerin Marina Silva von den Grünen mit 19,33 Prozent der Stimmen abgeschnitten.
Dilma will – wie im Wahlkampf versprochen – die Politik Lulas fortführen und auszubauen. Neben der Förderung des sozialen Wohnungsbaus steht auch die Errichtung von Kindergärten, Vorschulen, technischen Universitäten und Gesundheitsposten ganz oben auf der Liste des Massnahmenplans während ihrer vierjährigen Amtszeit. Massiver will sie während ihrer Amtszeit auch den Drogenhandel bekämpfen und durch eine verstärkte Sicherung der Grenzen den Schmuggel eindämmen. Sozialprogramme wie “Bolsa Família” und Infrastrukturmassnahmen wie der Ausbau des Schienenverkehrs sollen in den kommenden Jahren mehr Geld erhalten.
1929 floh ihr Vater aus Bulgarien, wo er ein aktives Mitglied der Kommunistischen Partei war. Zunächst nach Frankreich und später nach Südamerika, wo er sich dann in Brasilien niederliess. Nach der erfolgreichen Auswanderung änderte Pétar Russéw – seinen Geburtsnamen – in Pedro Rousseff. Dilma Rousseff wurde am 14. Dezember 1947 in Belo Horizonte als Tochter von Pedro Rousseff und dessen zweiter Ehefrau Dilma Jane Silva – einer Brasilianerin – geboren.
Pedro Rousseff hatte Erfolg als Anwalt und Unternehmensvertreter in Brasilien, so wuchs Dilma Rousseff in solidem Wohlstand in Belo Horizonte auf. Als er 1962 verstarb hinterliess er seiner Familie insgesamt 15 Immobilien.
Dilma studierte zunächst an der Universidade Federal de Minas Gerais Volkswirtschaft und machte bereits in der Schule durch “subversives Verhalten” in einer Schülerbewegung gegen die Militärdiktatur auf sich aufmerksam. Sie brach das Studium ab, als sie sich bei der Guerillabewegung “Kommando zur nationalen Befreiung” engagierte. Mehrere Jahre hielt sie sich anschliessend im Untergrund auf.
Anfang der 70er Jahre geriet sie in Haft und wurde dort auch gefoltert. Nach Verbüssen der Haftstrafe 1972 wegen ihrer Untergrundtätigkeit, trug sie u.a. auch körperliche Beschwerden davon. Sie zog nach Porto Alegre, wo sie einen anderen politischen Gefangenen regelmässig besuchte. Da sie aufgrund eines Gesetzes ihr Studium an der Universität von Minas Gerais nicht beenden konnte, ging sie an die Universität von Rio Grande do Sul, wo sie 1977 ihren Abschluss in Wirtschaftswissenschaften machte. Wenig später legte sie den Master an der Universität von Campinas ab.
Ab Mitte der 80er Jahre war Dilma in verschiedenen Funktionen in der brasilianischen Regierung tätig und ihre politische Karriere begann. Von einer Mitarbeiterin im lokalen Finanzministerium von Porto Alegre stieg sie zur Finanzministerin des Bundesstaates Rio Grande do Sul auf, bevor Lula da Silva sie nach Brasília holte. Nach seinem Wahlsieg 2002 berief er sie zunächst als Bergbauministerin in sein Kabinett, am 21. Juni 2005 wurde sie seine Kabinettschefin. Dilma profitierte bis zuletzt von der Popularität ihres politischen Ziehvaters Lula, der sie seit 2002 als seine Nachfolgerin aufbaute.
Dilma Rousseff – die im vergangenen Jahr eine Erkrankung an Lymphdrüsen-Krebs überwunden hatte – gilt als wenig charismatische aber hartnäckige Technokratin, deren Ton in Diskussionen aber oftmals etwas barsch ausfällt. In den Medien brachte ihr kompromissloser Führungsstil ihr bereits den Spitznamen „Eiserne Lady“ ein. Die beim Volk beliebte heitere Art Lulas geht ihr vollständig ab. Sie versuchte sich in den letzten Monaten mehr als “Mutter der Nation” zu zeigen und arbeitete stark an einem neuen Image. In einer ersten Stellungnahme sagte Dilma: „Die Nachfolge Lulas anzutreten sei eine schwere Aufgabe und sie werde häufig an seiner Tür klopfen“.
Die Medien spekulierten, ob Lula seiner Ziehtochter als inoffizieller Berater zur Seite stehen wird, oder ob er nach seiner Zeit als Präsident in ein internationales Amt berufen werden könnte. Das scheidende Staatsoberhaupt selbst wies alle Spekulationen am Sonntagabend zurück und sagte: „Ein Ex-Präsident kann sich nicht an einer Regierung beteiligen“.