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Der US-amerikanische Soulsänger Charles Bradley hat sich jahrzehntelang durchgebissen und dann 2011 «No Time for Dreaming» veröffentlicht. Mit «Victim of Love» singt er weiter um sein Leben.
«Why am I treated so bad?», fragen die Staple Singers in ihrem Gospelsong, einem Leitmotiv der (afro)amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Das Klagelied über das persönliche Schicksal wird zur Anklage: Warum werde ich so schlecht behandelt? Wenn Charles Bradley ein halbes Jahrhundert später die politischen Verhältnisse in seiner Heimat anprangert, dann verwendet er das gleiche Vokabular: «Why is it so hard to make it in America?», fragt er mit dem heiseren Flehen eines Predigers, der doch an himmlische und irdisch-amerikanische Glücksversprechen glauben will, aber immer wieder enttäuscht wird. Der Song stammt von Bradleys Debütalbum, das er 2011 mit 62 Jahren veröffentlicht hat. Es trägt den beredten Titel «No Time for Dreaming». Warum ist es so schwer in Amerika, einem Land, wo doch Milch und Honig fliessen sollen?
Die Stürme des Lebens
In einfachen Worten erzählt Bradley vom Scheitern seines amerikanischen Traums, von seiner Geburt in Gainesville, Florida, von harten Zeiten in Brooklyn, von der vergeblichen Suche nach Jobs: «Wie weit ich auch gehe, es wird sich nichts ändern.» «Looks Like Nothing’s Gonna Change» ist Bradleys dystopische Antwort auf «A Change Is Gonna Come», Sam Cookes 1964 veröffentlichte Hymne der Bürgerrechtsbewegung, die später auch von Aretha Franklin, Otis Redding, Solomon Burke und anderen gesungen worden ist.
Bradley könnte in einer Reihe mit solchen Soulgrössen stehen, aber irgendwas lief immer schief. Als Sänger kam er lange nicht über den James-Brown-Darsteller hinaus. Und dann kam doch noch ein richtiges Album bei Daptone Records in New York heraus. Dort erscheint jetzt auch der Nachfolger «Victim of Love». Schon die Songtitel verraten, dass im Haus Bradley nichts aus Milch und Honig ist. Das «Opfer der Liebe» landet über «Dusty Blue» und «Through the Storm» bei «Confusion» und «Crying in the Chapel». «Hurricane» heisst der Song zu «Katrina», das Lied über eine scheiternde Liebe gipfelt in der Frage: «Where do we go from here?»
Den Passionsblues eines unglücklichen Lebens giesst Bradley in die Sorte Vintage Soul, die nur die ganz Kalten kalt lässt. Soul, der Sound der Leidgeprüften und Liebeskranken, wie einst bei Stax und Hi Records in Memphis, bei Fame in Muscle Shoals, der Soul des Südens. «Victim of Love» müsste sich nicht vor den Klassikern eines Al Green oder eines O. V. Wright verstecken, wäre da nicht die Frage: In welcher Zeit leben wir eigentlich?
«Wir spielen die Musik, die wir lieben. Bei Daptone wird das Label von den Musikern geprägt, wie einst bei Stax und Motown, wir sind unabhängig», sagt Neal Sugarman, der Gründer von Daptone, am Telefon in Brooklyn. Sugarman ist Ende vierzig, verbindet Fantum mit Unternehmergeist und würde der Behauptung, dass nach 1973 keine gute Platte mehr produziert wurde, nicht widersprechen. Also produzieren sie wie damals. Aber wie reflektiert diese Musik die Gegenwart? «Indem wir die Musik gemeinsam im Studio aufnehmen und sie nicht digital zusammensetzen.»
Die Schutzmechanismen versagen
Analog, familiär, lokal, do it yourself – das charakterisiert den Daptone-Way-of-Life. Mit den Dap-Kings, der Hausband des Labels, haben sie auf «Back to Black» gespielt, dem Bestseller der vor zwei Jahren verstorbenen Amy Winehouse. Dass Daptone Records dennoch weiterhin in einem pittoresk vergammelten Backsteinhaus in Bushwick residiert, gehört zum Corporate Image der Plattenfirma. Oder zum bodenständigen Arbeitsethos und dem kommunitären Spirit der Daptone-Familie. Für Sugarman ist der Retrovorwurf kein Problem.
Bei Charles Bradley ist das anders. Ihm ist mit Kategorien wie Retro nicht beizukommen. Ein Telefonat von 25 Minuten, und ich komme ins Zweifeln: Was soll das? Wie real sind «hard times»? Wie egal ist es, dass Bradley sich in Sprachen der Vergangenheit artikuliert? Momente der Scham. Was für ein Scheissgeschäft. Natürlich habe ich von Bradleys «hard times» gelesen: Die Mutter zum ersten Mal gesehen, als er acht Jahre alt war, vaterlos aufgewachsen, auf der Strasse gelebt, Gewalt, Missbrauch.
Um das Interview ans Radio zu verkaufen, brauche ich O-Töne von Bradley. Die bekomme ich. Die Schutzmechanismen des professionellen Interviews versagen, der fremde Mann am Telefon berichtet mit heiserer und tränennaher Stimme aus einem «troubled life». Mehr, als ich wissen will. Ob er an das Konzept des Leidens für die Kunst glaube, die Frage stand auf meinem Zettel und wirkt nach einer Minute so absurd wie die Frage nach Retro, nach dem Warencharakter von Authentizität, nach dem Unterkomplexen des Daptone-Soul.
Bradley redet von Gott und Depressionen, ich möchte ihn trösten, ihm sagen, was für ein toller Sänger er ist, statt ihm vorzuhalten, dass er gefälligst Musik zur Zeit machen soll. Vielleicht besteht ja das Gegenwartshaltige an Daptone und Bradley darin, dass hier im Idiom einer als klassisch historisierten Formensprache an die gute und schlechte alte Ungleichzeitigkeit erinnert wird, also daran, dass Nischen abseits des Pop-Fortschrittsparadigmas existieren müssen, in denen der Rückgriff auf Altes eine von ganz wenigen, wenn nicht die einzige Möglichkeit ist, das schlechte Neue zu ertragen.