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heißen in Deutschland
[* 4] solche für weniger bemittelte Stände, insbesondere für die arbeitende Klasse, berechnete
Anstalten, welche vorwiegend auf Gegenseitigkeit beruhen, mehr oder weniger nach den Grundsätzen des
Versicherungswesens eingerichtet sind und auf Grund von Einzahlungen und Beiträgen Unterstützungen in Fällen der Krankheit,
der Invalidität, des Todes, der Arbeitslosigkeit etc. gewähren. Einen derartig ausgedehnten Wirkungskreis haben
die Hilfskassen vieler Gewerkvereine, insbesondere in England.
Die meisten beschränken sich jedoch auf einzelne Zweige der Versicherung und zwar in der Regel alsdann
auf die Gewährung von Krankengeld in Fällen der Krankheit und von Begräbnisgeld zur Bestreitung der Kosten der Beerdigung
in Fällen des Todes. Sind auch die Hilfskassen keine reinen, auf der Nächstenliebe beruhenden Wohlthätigkeitsanstalten, so
kommt doch der Grundsatz der Selbsthilfe nicht bei allen vollständig zur Anwendung. Viele Hilfskassen haben Ehrenmitglieder;
so kommen bei den französischen Sociétés de secours mutuel auf je 100 Mitglieder etwa 16 Ehrenmitglieder, welche gegen 10 Proz.
der jährlichen Beiträge entrichten; andre erhalten Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln, wie solche ursprünglich (1883)
für die Unfallversicherung deutscher Arbeiter geplant waren, oder sie werden zum Teil durch freiwillige,
vertragsmäßige oder gesetzlich erzwungene Zuwendungen von Arbeitgebern und im übrigen durch Beiträge der Unterstützungsberechtigten
unterhalten. Aber auch bei vielen Hilfskassen, welche lediglich auf Selbsthilfe beruhen, wird nicht streng nach den Grundsätzen des
Versicherungswesens verfahren, indem oft Unterstützungen nach Bedarf gewährt werden, während die Beiträge
gar nicht oder doch nicht genügend nach Alter, Gesundheitszustand etc. abgestuft sind.
Kasse bestimmte für ihr eignes Gedeihen notwendige Rechte (Rechte der juristischen Persönlichkeit) verliehen, dafür aber
auch entsprechende Verpflichtungen auferlegt werden.
In Deutschland bedurften früher die freien Hilfskassen meist der Konzession, daneben bestand vielfach Versicherungspflicht und zwar
gewöhnlich in der Art, daß dieselbe, je nachdem ein örtliches Bedürfnis vorlag, durch Ortsstatut oder
Anordnung der Verwaltungsbehörde begründet werden konnte. So konnte in den acht ältern ProvinzenPreußens
[* 6] Gesellen, Gehilfen,
in Lohn stehenden Lehrlingen und Fabrikarbeitern die Pflicht auferlegt werden, einer Kranken-, Hilfs- oder Sterbekasse beizutreten
oder, wo eine solche Kasse nicht bestand, zu ihrer Errichtung sich zu vereinigen; außerdem konnten die Arbeitgeber
zu Beiträgen an die Kassen herangezogen werden.
IhrenOrganen sollte die Einrichtung gewerblicher Hilfskassen vorbehalten bleiben und zwar mit der Befugnis, zum Eintritt in die von
ihnen errichteten oder anerkannten Kassen die Arbeiter anzuhalten. Das Gesetz selbst beließ es jedoch bei dem bestehenden Zustand,
nur hob es die Verpflichtung selbständiger Gewerbtreibenden, einer Kranken-, Hilfs- oder Sterbekasse beizutreten, auf. Ebenso
wurde die Verpflichtung von Gesellen, Gehilfen, Lehrlingen und Fabrikarbeitern, einer bestimmten Kasse beizutreten, für diejenigen
aufgehoben, welche nachwiesen, daß sie bereits einer andern Kasse angehörten.
In Österreich
[* 18] ist das Hilfskassenwesen in folgender Weise geregelt. Nach § 121 der Gewerbenovelle von 1883 haben
die gewerblichen Genossenschaften zur Unterstützung der Gehilfen eigne Krankenkassen zu gründen und zu erhalten oder einer
bestehenden Krankenkasse beizutreten. Hierzu haben die Gehilfen bis zu 3 Proz., die Gewerbsinhaber bis zu 1,5 Proz.
des gezahlten Lohns beizusteuern. Das Krankengeld hat für Männer mindestens die Hälfte, für Frauen mindestens
ein Drittel des Lohns zu erreichen und ist bei längerer Krankheitsdauer mindestens durch 13 Wochen zu gewähren.
Nach den Gewerbegesetzen von 1859 und 1885 sind ferner jene Gewerbeunternehmer, welche keiner Genossenschaft angehören, also
insbesondere die Fabrikunternehmer, verpflichtet, unter Beitragsleistung der Hilfsarbeiter entweder eine besondere
Krankenkasse bei ihrem Etablissement zu errichten, oder einer schon bestehenden beizutreten. Lehrlingen, welche in der Hausgenossenschaft
des Lehrherrn leben, hat letzterer im Erkrankungsfall die gleiche Hilfe angedeihen zu lassen, welche den Dienstherren den
Dienstboten gegenüber obliegt.
Genossenschaftskassen. (Die letztere Zahl ist infolge der neuen Organisierung der Genossenschaften auf Grund der Gewerbenovelle
von 1883 bedeutend gestiegen. Bis Ende 1885 waren bereits die Statuten für 188 genossenschaftliche Krankenkassen genehmigt.)
Am stärksten vertreten war die Textilindustrie mit 202, dann folgten die Nahrungsmittelindustrie mit 108, die Metallindustrie
mit 54, die Maschinenindustrie mit 37, die Papierindustrie mit 35 Anstalten etc.
Mit den Kranken- und Unterstützungskassen waren außerdem 52 Versorgungs- und Invalidenkassen, 18 Witwen- und 17 Waisenkassen
verbunden.
Die Beiträge der Gewerbsinhaber bestehen bei 299 Kassen in einer festen Jahressumme, bei 21 in einem bestimmten Prozent vom
Beitrag der Mitglieder; bei 29 Kassen decken die Arbeitgeber das jährliche Defizit, bei 124 werden sie
zeitweilig zur Beitragsleistung herangezogen. Die Beitragsleistungen der Hilfsarbeiter sind bei 389 Kassen fest bestimmt (203
mit 5, 123 mit 5-10 und 60 mit 10 bis 20 Kreuzer wöchentlich), bei 241 Kassen richten sie sich nach der Lohnhöhe (68 mit
1, 114 mit 1-2 und 35 mit 2-5 Kreuzer wöchentlich); bei 182 waren die Beiträge klassifiziert, bei 4 in andrer Art geregelt.
Die Unterstützungen werden teils in bar, teils in freier ärztlicher Hilfe, freier Arznei und Spitalsverpflegung gewährt.
Das Krankengeld stellt sich neben freiem Arzt und freien Medikamenten wöchentlich bei 9 Kassen unter 1 Guld.,
bei 60 auf 1-3 Guld., bei 28 Kassen auf 3-7 Guld. Bei 129 Kassen ist das Krankengeld klassifiziert, bei 31 wird es von Fall zu
Fall bestimmt, bei 91 hängt es von der Höhe des Lohns ab (bei 14 Kassen bis ⅓, bei 77 bis ½ des Lohns); 19 Kassen
gewähren nur freien Arzt und freie Arznei, 272 nur Barunterstützungen (meist 1-5 Guld. wöchentlich oder ⅓-½ des Lohnes).
Der Ursprung der französischen Sociétés de secours mutuel (Gesellschaften zu gegenseitiger Hilfsleistung) läßt
sich bis in das Mittelalter hinein verfolgen. Man unterscheidet anerkannte und gebilligte Gesellschaften (sociétés autorisés
und sociétés approuvés), von denen die erstern bei größerer Bevormundung auch mehr Rechte genießen als die letztern.
Besonders gefördert wurde das Hilfskassenwesen durch das Dekret vom welches die Organisation der genehmigten Kassen
regelte und erfolgreichem Zusammenwirken der Staatsgewalt mit den Organen der Hilfskassenverbände die
Wege ebnete. Es war
die