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Das Gedankenexperiment
Stell dir vor, heute ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Ein*e neue*r Schüler*in steht vorne im Klassenzimmer neben dem Schreibtisch der Lehrerin. Diese erzählt, dass Quinn frisch mit der Familie in die Schweiz gezogen ist und noch nicht so gut Deutsch spricht. Quinn hat ein grosses Herz-Tattoo auf der rechten Wange und trägt ausschliesslich grüne Kleidung. Auch die Haare sind grün gefärbt. In der Pause kommt Quinn zu dir und deinen Freund*innen. Ihr spielt gerade Basketball und lasst Quinn natürlich sofort mitspielen. Als du Quinn den Ball zuspielst, wirft diese*r den Ball hoch in die Luft, fängt ihn wieder und kickt ihn dann weit weg. «Aber Quinn, so spielen wir doch nicht Basketball, du darfst den Ball nicht mit den Füssen kicken», versucht ihr, Quinn zu erklären. Da Quinn euch aber nicht zu verstehen scheint, spielt ihr euch nur noch gegenseitig den Ball zu. Der Rest des Nachmittags verläuft ähnlich: «Wir malen auf das Blatt, nicht auf die Schuhe.», «Du bist seltsam. Also wir hier essen nicht den ganzen Apfel samt Bütschgi.», «Was? Du hast nur Kuchen als Mittagessen bekommen, wir kriegen nie nur Dessert.», «Bitte hör auf mitten im Unterricht zu klatschen, das machen wir hier nicht.», und so weiter und so fort. Als du am Nachmittag deine Sachen packst, um nach Hause zu gehen, kommt Quinn zu dir und fragt: «Was heisst wir? Wieso bin ich es nicht?» Was antwortest du ihm?
Wieso gehörst du dazu und Quinn nicht? Was heisst Zugehörigkeit? Wieso ist sie wichtig? Können alle dazu gehören? Sind wir nicht ohnehin alle unterschiedlich?
Der Kommentar von Marcel Twele
Die blosse Benennung gemeinsamer Merkmale erzeugt Ein- und Ausschluss.
Bspw. gehören nicht alle Menschen zur Gruppe der 10-jährigen. Eine sozial bedeutsamere Zugehörigkeit ergibt sich durch die Verteilung bestimmter Aufgaben, Rechte oder Pflichten, etwa, wenn man einem Verein beitritt oder den Bürgerstatus in einem Staat erhält. Gemäss dieser beiden Bedeutungen von «Zugehörigkeit» ist Quinn bereits Teil des «wir», denn nicht nur ist sie bspw. Teil der Gruppe der Tätowierten oder der Menschen mit Kopfbehaarung, sondern auch Schüler*in und Mitschüler*in.
Doch oft, wenn Quinns Mitschüler*innen von «wir» sprechen, haben sie wohl eine stärkere Form der Zugehörigkeit im Sinn. Auch wenn Quinn ihnen in vielen Hinsichten ähnelt, so scheint sie sich doch auffällig von allen anderen zu unterscheiden. Zunächst fallen Unterschiede im Verhalten und im Aussehen auf, welche zumindest in Teilen auf Unterschiede in Werten und Vorlieben zurückgehen mögen.
Was muss geschehen, damit Quinn Teil der Gruppe werden kann? Eine erste Voraussetzung dafür ist, dass Quinn und die anderen, einander verstehen lernen (eine gemeinsame Sprache ist hierfür weder hinreichend noch notwendig, aber sehr hilfreich). Wenn dies geschieht, könnte sich herausstellen, dass die Verschiedenheiten zwischen Quinn und den anderen viel oberflächlicher sind als gedacht. Genau wie die anderen spielt Quinn gerne Ball, aber weil sie die Regeln des Basketballspiels nicht kennt, bleibt sie vom Spiel ausgeschlossen. Genau wie die anderen isst sie gerne Süssigkeiten, nur werden diese in ihrer Kultur nicht zum Frühstück (Croissant, Marmeladenbrot), sondern zu Mittag gegessen.
Genau wie die anderen hat Quinn einen Sinn für Ästhetik und malt gerne, nur ist sie es gewohnt, dass man – als Ausdruck von Individualität - die eigene Kleidung bemalt.
Des Weiteren kann Quinn den anderen die Vorzüge dessen erklären, was sie tut und jene können damit beginnen, ihre Werte und Praktiken zu teilen. Wenn Quinn etwa erzählt, was das Herz auf ihrer Wange bedeutet (nämlich dass es ein Zeichen der Freundschaft ist und ihre beste Freundin das gleiche Herz auf der linken Wange trägt), können die Mitschüler*innen das nicht nur verstehend nachvollziehen, sondern auch wertschätzen und womöglich bekommen sie Lust, sich an dieser sozialen Praxis zu beteiligen.
Es mag Dinge geben, die Quinn tut und die von keiner der anderen Mitschüler*innen wertgeschätzt werden, bspw. sich ausschliesslich grün zu kleiden. Um ein hinreichendes Gefühl der Zugehörigkeit zu haben, ist es jedoch nicht nötig, dass man sich in allem gleicht. Und bei genauerer Betrachtung haben auch die anderen Mitschüler*innen viele Verschiedenheiten und kommen trotzdem gut miteinander aus.
Aus normativer Sicht stellt sich darüber hinaus die Frage, wie die Kinder Quinn den ihr angemessenen Respekt entgegenbringen. Hierzu gehört es wesentlich, sich auf eine dialogische Praxis einzulassen, in der man sich erklären, Koordinationsprobleme lösen und Werte gemeinsam aushandeln kann. Auch Kinder sind hierzu bereits in der Lage. Oft kann dadurch ein Verständnis oder eine Wertschätzung der anderen Kultur und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entstehen.
Der Kommentar von Jean-Pierre Wils
Die Begriffe „Inklusion“ und „Integration“ haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten Gehör verschafft. Vor allem im schulischen Bereich hat sich der „Einschluss“ von Schülern und Schülerinnen unterschiedlichster Herkunft – pädagogisch und dann auch politisch eingefordert – als eine moralische Grundmaxime durchgesetzt. Diese bezog sich vor allem auf Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Im Zuge der Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015 kam die Aufgabe aus „uns“ zu, Menschen aus fernen Herkunftsländern aufzunehmen und dauerhaft anzusiedeln. Aber auf wen bezieht sich dieses „uns“ oder – anders formuliert – wer sind „wir“? Gibt es ein angestammtes „wir“, auf das die „anderen“ stoßen? Ist ein solches „wir“ überhaupt stabil oder sucht es sich eher mäandernd einen Weg durch die verschlungenen Pfade heutiger Gesellschaften?
Wer von einem „wir“ spricht, ist auf der Suche nach Zugehörigkeit, nach einem Zuhause, das er mit anderen Menschen teilt und bewohnt. Es wird ein hohes Maß an Bekanntheit der Umgebung vorausgesetzt. Oder man ist Teil eines gemeinsamen Vorhabens, eines Projekts, einer mannschaftlichen Verfasstheit. Ein „wir“ kann auf bloßem Herkommen beruhen oder auf ein zukünftiges Vorhaben bezogenen werden, es kann groß oder klein, permanent oder anlassbezogen sein. Aber wir kommen nicht umhin, eine Grundunterscheidung zu treffen – die Unterscheidung eines Innen- und eines Außenraums dieses „wir“. „Wir“ sind nicht „alle“. Sogar der stärkste Universalismus, beispielsweise der Universalismus der Menschenrechte, der als Inklusion „pur“ gelten darf, handhabt eine Exklusion – den Ausschluss der Tierwelt aus seinem Geltungsbereich. Offenbar kann man nicht vermeiden – können „wir“ nicht vermeiden –, dieses „wir“ auf ein „anderes“ zu beziehen.
Dieser Sachverhalt leuchtet aus evolutionärer Perspektive unmittelbar ein: Angesichts einer Umgebung, aus der in Permanenz Gefahren fürs Überleben drohten, sahen Menschen sich gezwungen, Zusammenschlüsse zu bilden. Sie mussten sich wehren gegen eine übermächtige Natur, nicht zuletzt gegen die Übergriffe durch andere Hominiden. Unser Anfang war zutiefst partikularistisch. Im Laufe der Zivilisationsgeschichte änderte sich das Ausmaß und die Dauer solcher Gruppenbildungen. Die Notwendigkeit, Unterscheidungen zu treffen, also die Grenze zwischen Innen und Außen zu markieren, ist jedoch geblieben. Jeder Versuch, eine Identität auszubilden, ist auf solche Unterscheidungen angewiesen. Die „Differenz“ schafft „Bedeutung“. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob wir solche Unterscheidungen vermeiden können, sondern wie wir sie humanisieren.
Es kommt darauf an, dass „wir“ nicht als ein starres Gebilde aufzufassen. Wir sollten die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, indem wir uns auf die ethnischen oder nationalen Zugehörigkeiten fixieren. Die Ethnie ist die Ausgeburt einer fragwürdigen Fantasie, die Nation ein politisches Konstrukt, das vermutlich bis auf Weiteres unvermeidbar bleibt, aber es ist eben ein „Konstrukt“. Ich mache einen Vorschlag: Versuchen „wir“ doch einmal, Zusammenschlüsse der Solidarität und der Sorge für einander zu bilden, wo Menschen sich in einer Position der Schwäche und der Hilfsbedürftigkeit befinden. So kämen „wir“ vermutlich ein ganzes Stück weiter.