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Wirtschaft
Obwohl
Madagaskar über eine reiche Ausstattung an wirtschaftlichem
Potential verfügt, ist die Bevölkerung ärmer denn je.
Die Wirtschaftspolitik der Zweiten Republik hatte keinen Erfolg.
Das Volk verarmte, tragfähige Produktionsbetriebe
entstanden kaum, der alles kontrollierende Staat verlor die
Übersicht, Kontrollmechanismen versagten. In den 1980er
Jahren hatte fast jeder genug damit zu tun, sein eigenes Überleben
zu sichern - irgendwie. Ein populäres Lied brachte Ende der
1980er Jahre die neue Geschäftsphilosophie der Madagassen
auf den Nenner: Samy mandeha. Samy mitady. (Jeder geht, jeder
sucht.) Dieser Spruch entsprach nicht mehr der traditionellen
Sitte 'alle für einen, einer für alle' und wurde gar vom
damaligen Premierminister Victor Ramahatra in einer seiner
Ansprachen verwendet und als Freibillett für ein ungehemmtes
Wirtschaftsgebaren interpretiert. Tatsächlich führten sich
ein paar Wirtschaftsbosse in einer Art und Weise auf, die alle
Mittel einschloss, um zum Ziel zu kommen: Bestechung, Betrug und
Ausbeutung nicht ausgeschlossen. Wer sich dabei auf die
Protektion der Clique um den Präsidenten Ratsiraka
verlassen konnte, dem waren keine Türen verschlossen. Das war
unter der kurzlebigen Dritten Republik unter Alber Zafy nicht
anders und gilt im wesentlichen bis heute.
Schon
vor 100 Jahren sagte der Forschungsreisende Grandidier, dass
sich in Madagaskar alles wie frische Brötchen kaufe und
verkaufe, ob Schutzbriefe oder Durchgangsgenehmigungen.
So
fanden - und finden sich noch heute - lukrative Bereiche, so
etwa der Vanillehandel oder der Verkauf von Edelsteinen, oft
sehr am Rand der Illegalität, zuweilen mittendrin. Die Affäre
um das Verschwinden des Schiffes Gasikara im Januar 1991
(beladen mit Schmuggelgut?) ist nur eines der vielen Beispiele für
diese höchst dubiosen Machenschaften.
Protektion,
Bestechung und Mangel an Transparenz waren die Kennzeichen des
Wirtschaftsgebarens in Madagaskar während der Zweiten
Republik.
Ady
gasy, die madagassische Art mit Problemen und Situationen
umzugehen, stellt nicht nur Ausländer und Investoren vor Rätsel,
sondern stösst intern ebenso oft auf Unverständnis und
Resignation.
Unter
diesen Machenschaften leiden nicht nur ehrliche und aufrichtige
Leute, die es erstaunlicherweise noch immer in grosser Vielzahl
gibt, sondern ganz generell der gesamte Wirtschaftssektor.
Zwischen 1980 - 1988 nahm das BSP jährlich um 3,4% ab. Die
Wachstumsrate der Wirtschaft lag vor 1980 um die 1,8% und sank
danach deutlich unter 1% ab.
Madagaskar
ist in erster Linie ein Agrarland. Der primäre Sektor
dominiert die Gesamtwirtschaft, entzieht sich ihr aber auch
durch einen hohen Anteil an reiner Subsistenzwirtschaft. Mitte
1980 wurde geschätzt, dass 65% der Bevölkerung
subsistenzwirtschaftlich leben. 87% der aktiven Bevölkerung
arbeitet in der Landwirtschaft und erwirtschaftete 1988 (einschliesslich
Forst und Fischerei) 41% des Bruttoinlandprodukts. Die - oft nur
kleinflächigen - landwirtschaftlichen Familienbetriebe müssen
auch arbeitslose und unterbeschäftigte Familienmitglieder
mittragen. So dient die Landwirtschaft als Sammelbecken für
einen wesentlichen Teil der Bevölkerung, die sich anderswo
nicht produktiv betätigen kann. Die landwirtschaftliche
Produktion wuchs 1980 - 1988 um 2,2%, während die Bevölkerung
in dieser Zeit um 2,6% zunahm.
Der
sekundäre Sektor leistet mit 16% bloss einen schwachen
Anteil am BIP und beschäftigt nur 4% der aktiven Bevölkerung.
Die Industrieunternehmen sind fast ausschliesslich in der
Verarbeitung von Landwirtschaftsprodukten tätig, wobei
Baumwolle und Zucker die wichtigste Rolle einnehmen.
Wie
oft in den Ländern des Südens ist der tertiäre Sektor
mit 38% übermässig aufgeblasen und bietet Jobs für 9% der
aktiven Bevölkerung: der grösste Arbeitgeber ist der
öffentliche Bereich, gefolgt von Handel aller Art. Viele im
Dienstleistungssektor Beschäftigte betätigen sich im
informellen Bereich, der ihnen keine Zukunftsperspektiven eröffnet
und nur gerade das knappe tägliche Überleben ermöglicht.
Zudem ist das Problem der Unterbeschäftigung gross.
Madagaskar
gehört mit dem niedrigen Prokopfeinkommen zu den ärmsten
Ländern und wurde im Weltbankbericht von 1989 unter den 12
ärmsten Länder der Welt aufgelistet. Seit 1965 sank
das jährliche Prokopfeinkommen durchschnittlich um 1,8% pro
Jahr. 1987 betrug das jährliche Einkommen 225 US-$ pro Kopf
und dies hat sich in den späteren Jahren noch
verschlechtert: 1989 waren es 190 US-$. Das ohnehin knappe
Familienbudget wurde durch Inflation von 10 bis 20% pro Jahr und
Abwertung noch weiter strapaziert und musste eine Teuerungsrate
von 20% pro Jahr in Kauf nehmen.
Die
Exporte bestehen zu rund 70% - 80% aus Agrarprodukten, wobei
sich Madagaskar traditionellerweise auf nur drei Produkte stützte.
Doch die Weltmarktpreise für Kaffee sind drastisch gesunken,
der bislang grösste Nelkenkunde (Indonesien) begann selber
mit dem Anbau von Nelken und für Vanille wurde ein künstliches
Ersatzprodukt entwickelt. Eine eigentliche Agroindustrie für
die Veredelung von Exportprodukten existiert in Madagaskar kaum.
Die Produkte werden mit einfachen Mitteln handwerklich
transferiert (trocknen von Nelken und Pfeffer), also kaum
valorisiert. Dadurch ist Madagaskar zur Rolle eines einfachen
Rohmaterialienlieferanten verurteilt.
Die
Importe drücken schwer auf der Aussenhandelsbilanz des
hochverschuldeten Landes.
Zur
wirtschaftlichen Gesundung fehlt fast alles: Dünger und
Saatgut, Ersatzteile und Rohstoffe, Infrastruktur und
Kommunikation, gesetzlicher Rahmen und effiziente Verwaltung,
vor allem aber auch Kapital und Investitionen.
Dabei
jedoch steht ein Faktor zur Genüge zur Verfügung: Arbeitskräfte.
Und zwar nicht nur ungelernte Zuwanderer aus ländlichen
Gebieten, sondern auch gelernte Fachkräfte und
qualifizierte Kader. Und vor allem stehen auch junge Leute
bereit, die sich nichts dringlicheres wünschen, als irgendwo
eine Chance zu erhalten, um sich zu bestätigen.
1993
waren total 222’479 Unternehmen aller Art registriert. Diese
hohe Zahl darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich
dabei zumeist um kleine Familienunternehmen handelt,
beispielsweise Epicerien, die nur einen geringen Umsatz erzielen
und kaum Arbeitsstellen bieten. 20’8301 dieser Unternehmen
waren unter madagassischer Leitung, 2642 unter
indo-pakistanischer Führung und 2044 wurden von Chinesen
geleitet. 5308 befanden sich unter französischem
Management.
Der
Ende der 1990er Jahre einsetzende Aufschwung, so gering er
gewesen sein mag, wurde aber in der ersten Hälfte des
Jahres 2002 brüsk abgebremst. Die beiden Präsidentschaftskandidaten
stritten sich um die Gewinnanteile. Dadurch wurde die Ökonomie
des Landes um Jahre zurückgeworfen. Zahlreiche Unternehmen
stellten ihren Bertieb ein oder wanderten in andere Länder
ab, so insbesonders die Textilfabriken. Der Tourismus sank im
ersten halben Jahr 2002 auf quasi Null – auch weil der
Jumbojet der Air Madagascar in Paris von der Leasingcompany
konfiziert wurde und Air France die Direktflüge eingestellt
hatte.