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Albert Einstein in Schaffhausen

Einleitung

Vor fünfzig Jahren, am 18. April 1955 starb Albert Einstein in Princeton, USA. Dass auch Schaffhausen im Leben des Nobelpreisträgers und weltberühmten Physikers eine Rolle gespielt hat, ist selbst vielen Schaffhausern unbekannt. Nach Abschluss seiner Studien an der ETH Zürich kam Einstein als junger Mann im September 1901 hierher, um eine Stelle als Hauslehrer an der privaten Lehr- und Erziehungsanstalt von Dr. Jakob Nüesch zu übernehmen. Von Dezember 1901 bis Ende Januar 1902 logierte Einstein in einem Zimmer über dem Restaurant «Cardinal», bevor er einem Ruf nach Bern ins «Eidgenössische Amt für geistiges Eigentum» folgte.
Um an den Aufenthalt dieses berühmten Schweizers und Weltbürgers zu erinnern, wurde am «Cardinal» aus Anlass des fünfzigsten Todestages Einsteins eine Gedenktafel angebracht. Zudem hat das Stadtarchiv eine Schaufenster-Ausstellung eingerichtet, die die kurze Zeit Einsteins in Schaffhausen von unterschiedlichen Seiten beleuchten soll: Seine Arbeit als Privatlehrer, seine Studien, den Besuch seiner Verlobten in Stein am Rhein, sein Verhältnis zu den Schaffhauser Kommilitonen Habicht und Ehrat, seine Musikalität und nicht zuletzt den Eindruck, den die Stadt (vielleicht) auf ihn machte.
Einstein als Privatlehrer an der Erziehungsanstalt Dr. J. Nüesch
Albert Einstein trat am 15. September 1901 seine Stelle als Privatlehrer in der «Lehr- und Erziehungsanstalt» von Dr. Jakob Nüesch in Schaffhausen an. Obwohl ihm schon im vorhinein nicht ganz wohl bei dieser Anstellung war, so war er doch froh darüber, wenigstens für einige Zeit seinen materiellen Nöten zu entrinnen, zumal er von Dr. Nüesch einen Jahresvertrag erhalten hatte. An seinen Freund Marcel Grossmann schreibt Einstein darüber:
„Doch bin ich nun auch in der glücklichen Lage, wenigstens für ein Jahr die ewige Nahrungssorge los zu sein. Ich bin nämlich vom 15. September an bei einem Mathematiklehrer in Schaffhausen ... als Privatlehrer angestellt, wo ich einen jungen Engländer für die Maturität vorzubereiten habe. Du kannst Dir denken, wie glücklich ich darüber bin, wenn auch eine solche Stelle für eine selbständige Natur nicht gerade ein Ideal ist. Doch glaube ich, dass dabei immerhin noch ein wenig Zeit für meine Lieblingsstudien übrig bleibt, so dass ich wenigstens nicht einrosten muss ...“
Seit Beginn der 1880er Jahre betrieb der Lehrer Dr. Jakob Nüesch, bekannt geworden durch seine Grabungen im Schweizersbild und im Dachsenbühl, eine private Pension für auswärtige Schüler. Durch seine prähistorischen Forschungen zunehmend belastet, suchte Nüesch per Inserat in der „Schweizerischen Lehrerzeitung“ eine Hilfskraft. Auf Empfehlung von Jakob Ehrat, Einsteins Kommilitonen an der ETH, engagierte er den jungen Physiker.
Einsteins Schüler war der damals 19jährige Engländer Louis Cahen, der an der ETH Architektur studieren wollte und den Einstein auf die eidgenössische Maturitätsprüfung vorbereiten sollte. Der Lerneifer seines Schülers scheint aber nicht übermässig gross gewesen zu sein. Ein von Einstein eigenhändig korrigiertes Heft mit Rechenübungen seines Schützlings ist im Besitz des Stadtarchivs erhalten geblieben, das neben den eher grossen und häufig korrigierten Einträgen des jungen Cahen einige Formeln und Berechnungen in der zierlichen Hand des grossen Physikers enthält.
Lebensumstände und wissenschaftliche Arbeit während der Schaffhauser Zeit
Nachdem Einstein seine Stelle bei Dr. Nüesch angetreten hatte, traten rasch Unstimmigkeiten in ihrem Verhältnis auf. Einstein suchte sich eine neue Bleibe: Zuerst beim Lehrerehepaar Baumer an der Fulachstrasse 6 – Karl Baumer war wie Nüesch Lehrer an der Knaben-Realschule. Im Dezember 1901 bezog Einstein schliesslich ein Zimmer über dem Restaurant «Cardinal» an der Bahnhofstrasse, wo er bis zu seinem plötzlichen Aufbruch Ende Januar 1902 wohnte.
Einsteins Kontakt mit seiner Umwelt war bescheiden. An seine Verlobte Mileva Marić schrieb er aus Schaffhausen:
„Ich lebe hier, wie wenn ich völlig allein wäre, indem ich mit keinem Menschen privatim verkehre. Beinahe jeden Tag mache ich zur Erfrischung einen kleinen Spaziergang, die übrige freie Zeit verwende ich auf das Studium von Voigts theoretischer Physik ...“
Während seiner Schaffhauser Zeit beschäftigte sich Einstein weiterhin mit physikalischen Problemstellungen, die schliesslich zur Veröffentlichung seiner Relativitätstheorie führen sollten. Er verfasste in dieser Zeit seine Dissertation, die er am 23. November bei der Universität einreichte, später aber zurückzog. Im Jahr 1901 war seine erste wissenschaftliche Arbeit in den „Annalen der Physik“ erschienen, auf die er in Briefen an seine Verlobte, die ja ebenfalls mit ihm an der ETH studiert hatte, Bezug nimmt:
„Ich habe schon wieder eine sehr naheliegende, aber wichtige wissenschaftliche Idee über Molekularkräfte bekommen. Du weisst, dass bei der Mischung neutraler Flüssigkeiten keine merkliche Wärmetönung stattfindet. Aus unserer Theorie der Molekularkräfte folgt daraus, dass zwischen unseren Konstanten Σ ca und den Molekularvolumina der Flüssigkeiten nahezu Proportionalität bestehen müsse. Wenn das wahr wäre, wärs mit der molekularkinetischen Theorie der Flüssigkeiten aus und amen.“
Der einzige Freund, den Einstein während seiner Zeit in Schaffhausen regelmässiger gesehen haben dürfte, wird Conrad Habicht gewesen sein, mit dem er auch gelegentlich Geigenduette austrug. Sein anderer Schaffhauser Freund, Jakob Ehrat, lebte zu dieser Zeit in Zürich, wo er als Assistent von Professor Rudio tätig war.
Das Haus von Dr. J. Nüesch, Fulachstrasse 22
Fassadenplan des «Cardinal», 1896
Im Schatten des Genies: Mileva Marić (1875-1948)
Mileva Marić, Einsteins serbische Mitstudentin an der ETH-Zürich, wurde seine erste grosse Liebe und spätere Ehefrau. Nach dem Besuch der Gymnasien in Šabac und Zagreb wechselte die hochbegabte junge Frau im November 1894 an die Höhere Töchterschule der Stadt Zürich. Im Frühjahr 1896 legte sie die Maturitätsprüfung an der Eidgenössischen Medizinschule in Bern ab, da sie die Absicht hatte, Medizin zu studieren. So schrieb sie sich für das Sommersemester 1896 an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte aber bereits im Herbst, nach Bestehen der Aufnahmeprüfung, an die Eidgenössische polytechnische Schule (seit 1911: ETH). Die zwanzigjährige war die einzige Frau ihres Jahrgangs und erst die fünfte Frau, die das Studium in der Abteilung Mathematik und Physik aufnahm. Unter ihren Kommilitonen war neben Einstein auch der Schaffhauser Jakob Ehrat.
Die Romanze der beiden angehenden Physiker begann 1899, und im Herbst 1901, als Einstein seine Stelle in Schaffhausen antrat, war Mileva in Erwartung ihres ersten Kindes. Ende Oktober 1901 besuchte sie Einstein in Schaffhausen. Um ihn aber nicht mit ihrer „gspässigen Gestalt“ zu kompromittieren, logierte sie im «Steiner Hof» in Stein am Rhein und schrieb ihm von dort mehrere Briefe:
„Jetzt kommst Du morgen wieder nicht! ... Aber hast Du wirklich kein Gelderl mehr? Schöne Sache! Verdient der Mann 150fr. hat Kost und Wohnung, und am Ende des Monats keinen Centim!“
In Januar 1902 brachte Mileva im Haus ihrer Eltern bei Novi Sad die gemeinsame Tochter zur Welt, die jedoch bereits im Alter von 21 Monaten starb. Nach Einsteins Abreise aus Schaffhausen und seiner Anstellung am Patentamt heiratete das Paar 1903 in Bern. Trauzeuge wurde der Schaffhauser Freund Conrad Habicht. Der Ehe entsprangen zwei Söhne, aber 1914 erfolgte die Trennung von Einstein, vier Jahre später die Scheidung.
Die mathematisch hochbegabte Mileva war in den frühen Jahren die kongeniale Partnerin Einsteins, der Resonanzboden für seine Ideen. In ihrer Korrespondenz wurden immer wieder physikalische Probleme behandelt und Mileva war auch an den zahlreichen informellen Gesprächsrunden mit Freunden und Kommilitonen beteiligt. Einen Beweis für die Beiträge Milevas zu Einsteins wissenschaftlichem Werk sucht man allerdings vergebens. Ein Hinweis mag immerhin die Tatsache sein, dass Einstein ihr in der Scheidungsvereinbarung die Preissumme seines Nobelpreises zusprach. In den Jahren nach 1919 lebte sie in Zürich und kümmerte sich um den kranken Sohn Eduard. 1948 starb sie vereinsamt in einem Zürcher Krankenhaus.
Einstein als Musiker