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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
Vermutlich, wahrscheinlich, vielleicht: Wo Paracelsus draufsteht, sind Fragezeichen drin. Hatte er überhaupt einen Doktortitel? Wo genau hat er sich in seinen Wanderjahren herumgetrieben? War er intersexuell? Und was verstand er wirklich vom Heilen?
Sicher ist in etwa Folgendes: Theophrastus Bombastus von Hohenheim kam um 1493 in Egg bei Einsiedeln zur Welt und zog noch als Kind mit seinem Vater nach Villach (Ö). Später studierte er (irgendwo), verbrachte zehn Jahre auf Wanderschaft zwischen Schweden, Portugal und Griechenland und tauchte 1526 in Strassburg auf. Dort erreichte ihn ein Ruf aus Basel. Johannes Froben, der berühmte Drucker, hatte ein krankes Bein. Paracelsus gelang die Heilung.
In Basel war gerade der Stadtarzt gestorben und so wurde Paracelsus auf den Posten berufen – und damit auch als Dozent an die Universität. Dort lehrte er skandalöser Weise auf Deutsch und verwarf alles, was in der Medizin bislang gegolten hatte. Am 21. Juni 1527 verbrannte er (vermutlich) öffentlich die bislang unantastbaren Bücher von Galen und Avicenna. Aber noch hitziger als das Feuer loderten seine Worte. Andere Ärzte bezeichnete Paracelsus als Hundemetzger, Hodenschneider, Sirupgeber, Büffeldoktoren, Seichseher, Schmierer, Apothekeresel, Hornochsen, Lügner, Mörder und Bescheisser.
Paracelsus war als Arzt enorm erfolgreich, verwendete als Erster den Begriff «Chemie» und war seiner Zeit mit manchen Ideen weit voraus. Ein wissenschaftlicher Denker aber war er nicht. Paracelsus war Alchemist, stellte (absurde) astrologische Theorien auf und propagierte auch Heilmethoden, die schon zu seiner Zeit veraltet waren. Sein Ruf war schillernd, seine Rhetorik polemisch, radikal und wiederholt antisemitisch. All das bringt ihm bis heute die Sympathie diverser Sektierer ein. Und schon zu Lebzeiten rankten sich so viele Legenden um Paracelsus, dass ihm manche die Herstellung von Gold und die Erweckung von Toten zutrauten.
In Basel zerstritt sich Theophrastus Bombastus mit den Professoren. Er versprach, die Wogen zu glätten, indem er die letzten Geheimnisse der Medizin enthüllen werde – und präsentierte dem übervollen Auditorium schliesslich eine Schüssel voll … ähm … Kot. Er verliess die Stadt, beschäftigte sich in St. Gallen mit religiösen Wahnvorstellungen und erhielt in Nürnberg ein Publikationsverbot. Beste Werbung, von der er allerdings nicht mehr profitieren konnte, weil er 1541 starb.
Paracelsus’ vielleicht erfolgreichste Idee betraf die Verdauung. Die hatte man sich bis dahin wie einen Kochtopf vorgestellt. Paracelsus verglich sie mit der Fermentierung von Alkohol und forderte, die süssen Speisen müssten an den Schluss des Menüs gesetzt werden. An den Fürstenhöfen Europas etablierte sich deshalb bald schon eine neue Mode: das Dessert.
Digital in die Vergangenheit
Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch