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Von Dr. A. J. Godknecht
Die US Marine und neuerdings die NATO testen ein Sonarsystem, das
U-Boote über weite Distanzen orten soll. Dieses Sonarsystem soll in
Zukunft etwa 75% unserer Ozeane abdecken. Um diese Abdekkung zu
erreichen, arbeitet das Niederfrequenz Aktiv Sonar oder LFAS (Low
Frequency Active Sonar) mit Ausgangsschallpegeln von über 215
Dezibel. In 480 km Entfernung können noch Druckpegel von 140 Dezibel
gemessen werden, Druckpegel, wie sie bei einem Schuss entstehen.
Derartiger Lärm ist für Lebewesen auch über kurze Dauer
schädlich.
Nicht nur Wale und Delphine, sondern auch Haie und Knochenfische
werden von diesen Schalldetonationen bedroht.

Das Sonarsystem besteht aus zwei
Komponenten, dem Empfänger SURTASS oder „Surveillance Towed Array Sensor
System” und dem eigentlichen, aktiven Sender LFAS oder „Low Frequency
Active Sonar”.
© Shark Info
Die Sicht reicht im Meer in der Regel nicht sehr weit. Schall
verbreitet sich dagegen im Wasser ca. vier mal schneller als in der
Luft, wobei sich die niedrigen Frequenzen weiter verbreiten als die
Hohen. Deshalb ist das Gehör, darüber sind sich Biologen einig, für
Wasserlebewesen der wichtigste Ortungssinn im Mittel- und
Langstreckenbereich. Mit dem Gehör können Beute oder potentielle
Feinde geortet werden. Es dient jedoch auch zur Identifikation von
Artgenossen und zur Kommunikation. Vor allem für Haie,
Knochenfische und Meeressäuger wie Wale und Delphine ist das Gehör
überlebenswichtig.
Haie haben ein ausgezeichnetes Gehör (siehe Kasten „Das Gehör der
Haie“). Sie hören im niederen Frequenzbereich um die 100 Herz (Hz)
am besten, denn in diesem Bereich liegen die Schwingungen, die zum
Beispiel von verletzten Fischen erzeugt werden.
Je stiller ein Raum, desto deutlicher und klarer kommen die
Schallwellen beim Empfänger an. Oder anders ausgedrückt: wer würde
sich ein Klavierkonzert von Chopin auf einer Baustelle anhören?
Was an Land gilt, gilt auch für die Ozeane. Doch die ehemals stillen
Ozeane werden von Jahr zu Jahr lauter. Die natürlichen
Hintergrundgeräusche von Wellen, Wind, Sand und Regen werden
sekundär. Die relative Stille der Meere wird von den Motoren der
Riesentanker, Fähren, Fischerboote und anderen Wasserfahrzeugen
immer stärker gestört. Fast jedes dieser Schiffe erzeugt zudem
permanent Schallimpulse (Sonar) zur Tiefenmessung. Weitere, vom
Menschen verursachte Schallemissionen sind Sprengungen für Öl- oder
Erdgasbohrungen, Unterwasserarbeiten an Ölplattformen und Pipelines,
Bauarbeiten in Häfen und in den Küstenregionen und vieles mehr. Zu
dieser stetig steigenden akustischen Umweltverschmutzung kommt
jetzt das LFA Sonar mit seinen explosionsartigen Schallpulsen, die
sich über Tausende von Kubikkilometer Meer ausbreiten.

Das Gehör der Haie
Obwohl Haie keine sichtbaren Ohren besitzen, ist ihr Gehör dennoch
einer ihrer wichtigsten Sinne für die Jagd. Vor allem ihr Innenohr
ist ausgezeichnet entwickelt. Wie beim Menschen hat das Innenohr der
Haie zwei Funktionen, Gleichgewicht und Gehör.
Die zwei Gehörorgane liegen, in den Schädelknorpel eingebettet,
unmittelbar hinter und über den Augen. Sie sind nur je durch einen
endolymphatischen Gang, der in einer winzig kleinen Pore oben am
Kopf endet, mit der Aussenwelt verbunden. Versuche haben gezeigt,
dass Haie bis 250 m weit entfernte Geräuschquellen, die Wellen im
100 Hz Bereich aussenden, nicht nur wahrnehmen, sondern auch auf den
Punkt genau orten können.
Die beiden Gehörorgane bestehen je aus drei Bogengängen, die im
rechten Winkel zueinander stehen, und so dreidimensionale
Gleichgewichts- und Lageinformationen registrieren können. Die
eigentlichen Schallrezeptoren liegen in einem sackförmigen
Abschnitt, der mit den Bogengängen verbunden ist.
Für Meereslebewesen, die sich über Millionen Jahre an ihre Umwelt
angepasst haben, bedeutet dieser massive Anstieg der
Hintergrundgeräusche eine massive Beeinträchtigung ihres für das
Überleben so wichtigen Ortungssinns.
Das Sonarsystem besteht aus zwei Komponenten, dem Empfänger SURTASS
oder „Surveillance Towed Array Sensor System (gezogenes
Sensoranordnungs- Überwachungssystem) und dem eigentlichen, aktiven
Sender LFA.
Es sendet, wie der Name sagt, Niederfrequenz Schallwellen im
Frequenzbereich von 100 – 500 Hz mit effektiven Energien von laut
Navy 215 Dezibel (dB) aus. Theoretisch werden jedoch über 235 dB
erreicht. Diese Frequenzen liegen gerade in dem Bereich, in dem sich
a) der Schall am weitesten ausbreitet, b) die Haie am besten hören
und somit c) der grösste Schaden an ihren Gehörorganen entstehen
kann.
Dezibel ist übrigens eine logarithmische Skala. Dies bedeutet, dass
zum Beispiel 100 bB zehn mal lauter als 90 dB und 110 dB 100 mal
lauter als 90 dB sind.
Das LFA Sonar versendet sogenannte Pings. Treffen die Schallwellen
auf ein Objekt im Wasser werden sie reflektiert und vom SURTASS
empfangen. Die Dauer eines solchen Pings ist nach Navy Angaben eine
Minute. Die Navy plant den Einsatz von zwei Schiffen, eines im
Atlantik und eines im Pazifik. Sie sollen 270 Tage pro Jahr
unterwegs sein und ca. 20% dieser Zeit die hochenergetischen Pings
abstrahlen. Das entspricht pro Schiff pro Jahr volle 57 Tage
Beschallung der Ozeane und der marinen Lebensformen. Die Fläche, die
so beschallt wird, beträgt über 36 Millionen Quadratkilometer.
Die US Navy hat laut eigenen Angaben Millionen von US Dollar in
Umweltverträglichkeitsprüfungen investiert. So behauptet die Navy
zum Beispiel, dass Wale von LFAS-Pings bis zu einer Energie von 180
dB nicht gestört werden. 180 dB sind 10 mal lauter als ein
Raketenstart (170 dB) oder 100 mal lauter als ein Schuss (160 dB).
Andere, unabhängige Untersuchungen zeigen jedoch, dass bereits 120
dB das Verhalten von Walen beeinflussen.
Die mit LFA Sonar ausgestatteten Schiffe setzen ein eigens für die
Entdeckung von Walen entwickeltes Hochfrequenz-Sonarsystem mit der
Bezeichnung HF/M3 ein. Es dient dazu, Wale in der Umgebung der LFA
Sonar Schiffe zu orten und den LFAS Einsatz zu stoppen, sollten Wale
zu nahe kommen. Das HF/M3 wurde jedoch nur im Hinblick auf die von
der Navy selbst definierte 180 dB Grenze entwickelt.
Leider hat es die US Navy unterlassen, andere marine Lebensformen
als Wale in ihre Untersuchungen aufzunehmen. Doch Haieund
Knochenfische werden ebenfalls durch LFAS beeinträchtigt.
Am 31. Oktober 2002 wurde nach einer Meldung des NRDC (Natural
Resources Defence Council) in San Franzisko der Einsatz von SURTASS
LFA Sonar durch die US Marine vorerst blockiert. Richterin LaPorte
entschied, dass der amerikanische Nationale Marine Fischereidienst
(NMFS) der US Marine eine Bewilligung ausgestellt hat, die
verschiedenen Bundesgesetzen widerspricht. Unter anderem dem
„Marinen Säugerschutz Gesetz“ und dem „Gesetz für geschützte Arten“.
Doch nach dem Motto „wenn die das haben, wollen wir’s auch“, testen
die NATO und die englische Royal Navy ebenfalls den Einsatz von
Hochleistungs-Sonarsystemen. Der Tod von 15 Cuvier Schnabelwalen
(Ziphius cavirostris) wurde zum Beispiel mit der von Spaniens Marine
organisierten NATO Übung „Neo Tapon 2002“ in Zusammenhang gebracht.
Vertreter der englischen Fischereiindustrie führen den Rückgang
gewisser Fischbestände auf LFAS Tests der Royal Navy zurück.
Über die kumulierte Wirkung eines Einsatzes von LFAS Systemen durch
die US Navy und die NATO liegen bis anhin noch keine Untersuchungen
vor. Werden solche Systeme von NATO und US Navy eingesetzt, wird es
wahrscheinlich nicht lange dauern, bis Russland, China und andere
Staaten nachziehen.
Schallpegel von 140 dB stören erwiesener Massen die Kommunikation
bei Grosswalen. Dies hat direkten Einfluss auf ihre Fortpflanzung
und Wanderungen.
Schallpegel von 120 dB vertreiben Grönlandwale (Balaena mysticetus)
und Grauwale (Eschrichtius robustus).
Buckelwale (Megaptera novaeangliae) hören bei 155 dB auf zu singen.
Untersuchungen zeigen, dass bereits Schallpegel von 120 dB einen
deutlichen Einfluss auf das Verhalten von verschiedenen Walarten
haben.
Auf den Kanarischen Inseln strandeten Ende September 2002 15
Schnabelwale. Neun davon waren tot. Untersuchungen der toten Tiere
zeigten, dass sie starke Hirnblutungen hatten. Derartige Blutungen
werden durch hohe Schalldrucke, wie sie beim militärischen Einsatz
von LFAS vorkommen, verursacht. Zur gleichen Zeit fand in der Region
die NATO Übung „Neo Tapon 2002“ statt, bei der LFA Sonar Schiffe im
Einsatz waren.
Walstrandungen, die auf sonarbedingte Hirnblutungen zurückzuführen
sind, sind auch aus dem Mittelmeer bekannt.

Schallpegel
|170 dB||Raketenstart

|160 dB||Sturmgewehr

|150 dB||Start Düsenflugzeug

|130 dB||Schmerzschwelle (Mensch)

|100 dB||Kettensäge

|90 dB||Diskothek

|70 dB||Strassenverkehr

|50 dB||Büro

|20 dB||Schlafzimmer

|10 dB||Radiostudio

|0 dB||untere Hörschwelle (Mensch)

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit verbietet an Veranstaltungen
Lärmpegel über 125 dB und verlangt die Abgabe von
Gehörschutzmitteln.
Im Rahmen der LFAS Studien wurden ausser Walen weder Haie noch
andere Meereslebewesen untersucht. Wissenschaftliche Untersuchungen
über die Einwirkungen von hohen Schallpegeln auf Knochenfische und
Haie lassen jedoch den Schluss zu, dass LFAS auch diese Tiere massiv
stören oder sogar verletzen kann. Schallpegel von 140-150 dB über
mehrere Stunden haben bei verschiedenen Fischen zu wochenlangem
Gehörverlust geführt.
Untersuchungen an Seidenhaien (Carcharhinus falciformis),
Zitronenhaien (Negaprion brevirostris) und Weisspitzen Hochseehaien
(C. longimanus) zeigen, dass diese Haiarten von einem plötzlich
auftretenden Ton abgeschreckt werden. Der Ton lag nur 40 dB über den
Hintergrundgeräuschen.
Auf unsere Anfrage bezüglich LFAS sagte Prof. Arthur Myrberg von der
Universität Miami, ein ausgewiesener Spezialist auf dem Gebiet
Akustik bei Fischen und Haien „Es ist klar, dass
Geräuschintensitäten, die 30 bis 100 mal höher liegen als die
Intensitäten, die abschrecken, sehr wahrscheinlich (den Haien; Anm.
d. Red.) Schäden zuführen“. Nach Myrberg liegt der kritische Wert
für Haie bei ca. 180 dB. In diesem Bereich kann angenommen werden,
dass auch Langzeitschäden, vor allem im Innenohr, entstehen. Es wäre
jedoch wichtig, dass der Einfluss von Lärmpegeln, wie sie durch LFAS
erzeugt werden, bei Haien und auch bei Fischen wissenschaftlich
untersucht würde.
Prof. Samuel Gruber, ein weltbekannter Hai-Spezialist, bestätigte
ebenfalls die Gefahr für bleibende Schäden an den Gehörorganen von
Haien durch Schallpegel, wie sie von LFAS erzeugt werden.
Die Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz (ASMS), hat
eine Petition ausgearbeitet, die die NATO auffordert, das
UN-Seerechtsübereinkommen einzuhalten. Sie soll ein unabhängiges,
globales Umweltgutachten (Global Environmental Assessment) über die
Auswirkungen von LFA Sonarsystemen und anderen Hochleistungssonaren
auf das Leben im Meer und über die kumulativen und synergistischen
Wirkungen des gleichzeitigen Einsatzes dieser Technologie durch
mehrere Nationen in Auftrag zu geben.
Shark Info und die Hai-Stiftung schliessen sich der unter der
Organisation “European Coalition for Silent Oceans” durchgeführten
Aktion mit einer eigenen Petition, die auch Haie und Knochenfische
umfasst, an, denn sie wird schlussendlich auch den Haien helfen. In
der Beilage, auf www.sharkinfo.ch und
www.hai.ch finden Sie die Petition im PDF-Format.
Wir möchten Sie darum bitten, möglichst viele Unterschriften zu
sammeln und die unterschriebene Petition bis spätestens Ende Mai
2003 an Shark Info oder die Hai-Stiftung (Blütenstrasse 4, CH-8057
Zürich) zurückzusenden.
Für Literaturangaben und weitergehende Informationen wenden Sie sich
bitte an das Shark Info Büro.
*
Dr. Alexander J. Godknecht ist Biologe, Präsident der Hai-Stiftung /
Shark Foundation und Mitglied der Shark Info Redaktion. Er arbeitet
bei den Informatikdiensten der Universität Zürich.
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. A. J. Godknecht

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modifiziert: 04.06.2016 10:48