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Die ins Umfeld der umstrittenen theosophischen Gemeinschaft Neue Weltkirche des Christus gehörende Organisation „The World Foundation for Natural Science“ bietet in den letzten Monaten an diversen Orten in der Schweiz Vorträge an, die vor dem neuen Mobilfunkstandard 5G und anderen Strahlenquellen warnen und interessiertes Publikum für weitere Veranstaltungen der Organisation anwerben wollen.
Vortrag in Uetikon am See
Am 17. September fand ein solcher Vortrag in Uetikon am See statt. Rund 60 Personen trafen im Riedstegsaal ein. Ein Teil des Publikums rekrutierte sich aus den Reihen der Neuen Weltkirche des Christus selbst, die Mehrheit dürfte aber aus der lokalen Bevölkerung stammen. Manche Personen fanden zur Veranstaltung, welche schon zu den altgedienten Kämpfern gegen Mobilfunkantennen gehören. Einige Teilnehmende erbaten an der Kasse nähere Informationen für die Organisation, welche hinter der Veranstaltung steht, so dass eine Werbewirkung der Kampagne für die Neue Weltkirche des Christus durchaus wahrscheinlich ist.
The World Foundation for Natural Science
Die World Foundation for Natural Science, die im deutschen Sprachraum in früheren Jahren auch unter dem Namen „Weltfundament für Naturwissenschaft“ auftrat, wurde im Jahr 1993 vom damaligen Leiter der Neuen Weltkirche des Christus, Peter William Leach-Lewis, inauguriert. Dass sich die „World Foundation for Natural Science“ als Teil der Neuen Weltkirche des Christus versteht, macht sie in ihrem vollen Titel deutlich, der über jeder Publikation und jedem Flyer prangt: „The World Foundation for Natural Science. The New World Franciscan Scientific Endeavour of The New World Church“.
Die neue Weltkirche des Christus
Peter William Leach-Lewis gründete die Neue Weltkirche des Christus im Jahr 1981 unter dem Namen „Fundament für Höheres Geistiges Lernen“. Gegen Ende der Achtzigerjahre trat die Organisation unter dem Namen „Bruderschaft der Menschheit“ auf, in den Neunzigern als „Universale Kirche“, als deren Patriarch sich Peter William Leach-Lewis in vollem Ornat abbilden liess. Durch antisemitische Zitate von Peter William Leach-Lewis stiess die Organisation in der Öffentlichkeit auf Kritik. In der Folge nannte sie sich „Dritter Franziskanischer Orden“ und seit ein paar Jahren „Neue Weltkirche des Christus“.
Religiös-missionarische Zielsetzung
Die religiös-missionarische Zielsetzung der „World Foundation for Natural Science“ wird auf Veranstaltungsflyern deutlich kommuniziert: „The World Foundation for Natural Science ist die franziskanisch-wissenschaftliche Weltmissionsbestrebung der Neuen Welt-Kirche. Unsere Mission ist es die Welt durch Verantwortung und Verpflichtung im Einklang mit dem Natürlichen und Göttlichen Gesetz zu heilen und somit die Göttliche Ordnung wiederherzustellen“ – so zu lesen Flyer für ein Seminar vom 21. bis 22. September 2019 im Hotel Rüttihubelbad in Walkringen, zu welchem am Vortragsabend in Uetikon eingeladen wurde. Über den Bereich der Wissenschaft im üblichen Sinn hinaus gehen auch die Verheissungen an die Teilnehmenden des Seminars: „Wach auf! Dein Körper spricht mit Dir! Erkenne die Lösung bei Krebs, Diabetes, Herzbeschwerden, Burn-out und Schmerzen.“
Strahlen als Problem der Menschheit
Der Kampf gegen 5G steht bei der Neuen Weltkirche des Christus in guter Tradition. Schon in den Neunzigerjahren machte sie, damals noch unter dem Namen Universale Kirche, mit der Behauptung auf sich aufmerksam, dass der Konsum von Nahrungsmitteln, die mit den damals neuen Mikrowellenöfen erwärmt wurde, Krebs auslösen könne. Nicht zuletzt zur Verbreitung dieser Behauptung wurde 1993 die World Foundation for Natural Science ins Leben gerufen. An der Schädlichkeit von Mikrowellennahrung wird auch heute noch festgehalten, mit inzwischen ausgeweiteter Argumentation: „Mikrowellennahrung erzeugt nicht nur Krebs, sie macht auch dick!“ So lautete der Titel einer Broschüre aus dem Jahr 2010, die am Vortrag in Uetikon für zwei Franken verkauft wurde.
Der Referent: Marcel Hofmann
Als Referent des Abends stellte sich Marcel Hofmann aus Utigen vor, der nach Abschluss des Technikums Rapperswil und einem Masterstudium in den USA für Telekom-Anbieter wie Swisscom und Diax gearbeitet hatte und heute baubiologische Messungen durchführt. Seit sechs bis sieben Jahren würde er Vorträge zum Thema Strahlung durchführen, seit dem Aufkommen der Debatte um 5G hätte deren Zahl aber so zugenommen, dass er dieses Jahr mehr Anlässe betreue als in der ganzen Zeit zuvor. Hofmann bestätigt damit, wie intensiv die World Foundation for Natural Science das 5G-Thema bewirtschaftet.
Bemühen um Seriosität
Marcel Hofmann war sichtlich bemüht, der Veranstaltung einen seriös-wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Quellen wurden, soweit wir das beurteilen konnten, korrekt benannt, und Verschwörungstheorien, die aus den Reihen des Publikums zum Teil lauthals eingebracht wurden, relativiert. Hinter 5G steht, so Hofmann, die Mobilfunk-Wirtschaft, die ihre Gewinne opitimieren will. Hauptverantwortung trage der Bund, der seine Aufsichtspflicht nicht wahrnehme. Von Freimaurern, Illuminaten, Bilderbergern, Reptilianern oder anderen Verschwörern war nicht die Rede. Auch „die Juden“, die der Gründer der World Foundation for Natural Science, Peter William Leach-Lewis, in den Neunzigerjahren für den Zweiten Weltkrieg und den Kommunismus verantwortlich machte, wurden nicht erwähnt.
Unklare Gefährdung
Für uns etwas vage blieb die angebliche Gefährdung durch den neuen Mobilfunk-Standard 5G. Dass ein auf dem Nachttisch neben dem Kopf liegendes Mobiltelefon Auswirkungen haben kann – was im Vortrag mit einer Reportage von RTL belegt wurde – wird ja weitherum konzediert. Es handelt sich hier aber um ein anderes Phänomen als die Auswirkung von Antennen auf dem Dach oder drei Häuserzeilen entfernt. Hierzu scheint es, so unser Eindruck, nichts wirklich Eindeutiges zu geben.
Esoterisches Weltbild
Immer wieder drangen aber Elemente des theosophisch-esoterischen Weltbildes durch, welches die Neue Weltkirche des Christus vertritt. So behauptete Marcel Hofmann, dass jedes Organ des Menschen in einer eigenen Frequenz strahle, und dass die Herzen von zwei Personen, die sich begegnen, im Idealfall ihre Herzfrequenz harmonisieren würden. Überhaupt würde 90% der zwischenmenschlichen Kommunikation über die Frequenz der Herzen laufen. Daneben gäbe es noch eine subtilere Energiekomponente des Herzens, die weiter wirke als ein paar Meter. Diese würde in den nächsten Jahren von der Forschung gefunden werden. Hier wurde deutlich, dass die Veranstalter Vertreter einer Organisation sind, welche über ein elitäres Wissen zu verfügen glaubt, das weit in die Zukunft reicht: Als Gruppen-Avatar unserer Zeit versteht sich die Neue Weltkirche des Christus als die heutige Repräsentantin der Universellen Weissen Bruderschaft der Aufgestiegenen Meister, d.h. der Eingeweihten und Wissenden der Menschheitsgeschichte.