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Seit Jahrzehnten gilt Max Stalling in Texas als einer der profiliertesten Songwriter. Ich erhielt erstmals eine CD von ihm vor 25 Jahren, als wir noch in der Schweiz lebten. Seither faszinieren mich seine Songs, und wir sehen ihn hier in Texas des Öfteren live. Grund genug, endlich mal mit ihm über seinen Werdegang zu sprechen.
Bruno Michel: Max, vor 32 Jahren hast Du erstmals zur Gitarre gegriffen, weil Du dachtest, es sei Zeit, Musik nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu kreieren. Kannst Du Dich an den allersten Song erinnern, den Du geschrieben hast? Max Stalling: Lange bevor ich zur Gitarre griff, schrieben ein Freund von mir und ich ein Lied. Es handelt davon, dass, wenn du fischen gehst, ins Wasser springst und danach wieder im Boot sitzt, dir deine Badehose am A… klebt. Also nannten wir den Song Sticky Butt. Er war nicht besonders gut (lacht), und ich glaube, wir haben die Melodie irgendwo geklaut. Was kommerziell verwendbare Songs angeht, waren das wohl meine Titel 13MWZ (Red.: ein Titel über Wrangler Jeans) oder Polka Ranch (Red: schon fast ein Kinderlied über eine Ranch, auf der die Kühe ihre Hörner als Musikinstrumente benutzen).
In den 90er-Jahren hast Du tagsüber als Lebensmittelforscher gearbeitet und nachts als Songwriter, bevor Du vollzeitlich als Musiker unterwegs warst. Welcher der legendären Texas-Liedermacher hatte auf Deine Entwicklung den grössten Einfluss? Schwierige Frage. Da war sicher einmal der Einfluss von Guy Clark. Dann hatte der Radiosender KNON in Dallas eine Freitagsshow namens Super Roper Redneck Review. Alles, was die dort gespielt haben, von Rusty Wier über Larry Joe Taylor oder Tommy Alverson, hat mich fasziniert. Ein Weiterer, der grossen Einfluss auf mich hatte, war Robert Earl Keen.
Die erste CD, die ich von Dir erhielt, war „Comfort In The Curves“, das war, glaube ich, 1997. Darauf gefiel mir besonders der Song I-35. Und seit damals verfolge ich Deine Musik mit grossem Interesse. Inwiefern hat sich Deine Musik seit damals entwickelt? Meine Frau (Red: Heather Starcher-Stalling von der Band blacktopGYPSY) würde Dir wohl sagen, dass ich damals nur drei Arten von Songs schrieb: erstens über Ex-Freundinnen. Zweitens Heimwehlieder aus meiner Jugendzeit in Südtexas und drittens ein paar Weird-Songs. Und es scheint, dass ich heute vermehrt in der letzten Kategorie, also komische Lieder, schreibe (lacht).
Das erinnert mich sogleich an Deinen Titel Drunk In Mexico. Wie kannst Du einen Titel übers Saufen schreiben, der sieben Minuten dauert, und Dich dann auch noch an den gesamten Text erinnern? Ich hätte schon Mühe, mich an die ersten paar Minuten zu erinnern (Gelächter). Ich weiss auch nicht, wie ich das mache. Manchmal wünschte ich, dass ich den Text einfach vergesse. Das ist so ein dümmlicher Song (lacht). Aber die Leute wollen ihn immer wieder hören, und wenn die Situation passt, dann baue ich ihn zwischendurch in mein Set ein.
Du und Heather, Ihr seid mittlerweile 15 Jahre verheiratet. Brachte Euch die Musik zusammen? Schliesslich ist sie eine der besten Fiddle-Spielerinnen in Texas und mit ihrer eigenen Band erfolgreich. Definitiv war es die Musik. Sonst hätten wir uns wohl nie getroffen. Sie spielte Fiddle für unsern besten Freund, Mark David Manders. Ich war im Line-up auf einer Kreuzfahrt zusammen mit Tommy Alverson, Jay Johnson, Ed Burleson und eben Marks Band. Heather und ich kannten uns zwar von diversen Anlässen her, aber der Funke sprang erst auf dieser Kreuzfahrt über.
Der legendäre Lloyd Maines hat Deine CD „Home To You“ im Jahr 2010 produziert. Wie wichtig ist es, einen guten Produzenten für ein Album zu engagieren? Absolut ein kritischer Erfolgsfaktor. Ich hätte Hemmungen, so was selbst zu machen, obwohl es sicher möglich wäre. Ich komme mit einem Sack voller Ideen ins Studio, und der Produzent kann mit seinem Input vieles besser machen. Wie zum Beispiel: „Lass das sein, das ist schwachsinnig.“ Oder: „Kannst Du Dir vorstellen, das oder jenes auf diese Weise zu machen?“ Er erweitert deinen Horizont durch das breite Wissen, das er sich bei seinen vielen Produktionen verschiedener Künstler angeeignet hat. Ich bin ein grosser Fan von Lloyd. Er ist wirklich eine Legende.
Du hast mit so ziemlich allen Texas-Grössen gespielt. Gibt es da noch einen Traum-Act, mit dem Du gern die Bühne teilen würdest? Wir konnten kürzlich einen Namen von dieser Liste streichen, als wir einige Auftritte mit Robert Earl Keen machten. Wie vorher erwähnt, hatte er einen grossen Einfluss auf meine Musik. Ansonsten würde ich sicher gern mal mit Willie (Nelson) spielen. Er ist jetzt über 90, und wir haben gerade Loretta Lynn verloren. Es wäre also an der Zeit, diesen Traum zu verwirklichen. Wahrscheinlich würde Willie nicht mal wissen, wer ich bin, aber man darf ja träumen.
Wenn Du noch mal von vorn anfangen könntest, was würdest Du anders machen? Wow! Nun, es gibt wohl bei jedem einiges, dass er im Nachhinein besser machen würde. Vielleicht würde ich mir einen Manager zulegen. Bis heute machen wir alles selbst. Das hat uns zwar weit gebracht, aber es ist schon eine Menge Arbeit.
Management kann einen Künstler aber auch verändern … oder seine Karriere zerstören, indem sie versuchen, ihn in eine Richtung zu pushen, die er nicht einschlagen will. Wer weiss. Aber hey, wir sind heute hier, und das ist schon mal super.
Was können die Fans bezüglich neuer Projekte erwarten? Es ist schon eine Weile her, seit Du 2015 das Album „Banquet“ herausbrachtest, mal abgesehen von der 20-Jahre-Jubiläumsneuauflage von „Wide Afternoon“, die 2020 erschien. Korrekt. Wir brachten 2019 auch das Album „Live At The Mucky Duck: Portmanteau“ heraus, das wir in diesem legendären Lokal in Houston aufgenommen haben. Was neue Werke angeht, bin ich dauernd am Schreiben und habe bereits einige Songs fertig. Heather und ich waren auch im Studio und haben einige Duette aufgenommen. Momentan diskutieren wir, auf welche Art wir das neue Material herausbringen sollen. EP, Singles, Duettalbum oder was weiss ich.
Heisst also erste Hälfte 2023? Das hoffe ich doch. Schliesslich haben wir schon jede Menge Kohle investiert in die Aufnahmen (lacht).
Letzte Frage: Wenn Du Max Stalling interviewen würdest, welche Frage stelltest Du ihm, die ich nicht gestellt habe? Oh Mann, das ist eine verzwickte Frage. Keine Ahnung. Vielleicht, warum ich mache, was ich mache …?
Ok., und die Antwort …Ich mache das, weil ich das Glück hatte, mit Songwriter einen Beruf zu wählen, den ich wirklich liebe. Auch nach über 20 Jahren macht es immer noch grossen Spass, aufzutreten und die Leute happy zu sehen. Klar brennt dich die Businessseite des Jobs ab und zu aus. Aber wenn ich dann einen neuen Song kreiere und sehe, wie ihn das Publikum mag, dann gleicht sich das alles wieder aus.
Super Schluss. Vielen Dank – und all the best.