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Der Künstlersohn
Eine Laufbahn als Landschaftsmaler ist Gabriel Matthias Lory in die Wiege gelegt. Am 21. Juni 1784 wird der Sohn des Landschaftsmalers und Herausgebers Gabriel Ludwig Lory in Bern getauft. Auch seine Mutter Wilborada Fehr hat Bezug zum Kunsthandel: Lory «Père» hat die Schwester des St. Galler Kupferstechers Bartholomäus Fehr während seiner Tätigkeit in dessen Koloristenatelier kennengelernt.
Nach dem frühen Tod seiner Schwester wächst Gabriel Matthias Lory als Einzelkind in Bern auf und erhält durch seinen Vater früh eine künstlerische Bildung. Die Zuschreibung «Sohn» wird Zeit seines Lebens fester Bestandteil seines Namens bleiben.
Der junge Gabriel, in welchem der Vater, da er treffliche Anlagen zum Künstler verrieth, sein Ebenbild zu erblicken glaubte, wurde der Kunst gewiedmet.
Künstlergesellschaft Zürich (1848), Leben und Charakteristik der Landschaftsmaler G. Lory, Vater, und G. Lory, Sohn, von Bern (Neujahrsblatt VIII), S. 2.
Kindheitsporträt
1792 hält der vierzehnjährige Franz Ludwig Catelden neunjährigen Gabriel Matthias Lory in einer Rötelzeichnung fest. Das Brustbild zeigt den Jungen mit nach rechts gewandtem Oberkörper, wilden Haaren und wachem Blick. Der Bildunterschrift zufolge ist das Porträt in Herisauentstanden. Franz Ludwig Catel begegnet dem rund sechs Jahre jüngeren Lory wohl aufgrund seiner Bekanntschaft mit dessen Vater, dem Landschaftsmaler Gabriel Ludwig Lory. Matthias erhält zu dieser Zeit selbst eine künstlerische Ausbildung. Von seinem Vater wird er bereits früh im Zeichnen und Kolorieren von Drucken geschult.
Auftragsarbeit in Herisau
In den 1790er Jahren begleitet Gabriel Matthias Lory seinen Vater aus beruflichen Gründen ins Appenzell. In den Jahren zuvor hat der ab 1784 in Bern ansässige Gabriel Ludwig Lory als Herausgeber kolorierter Landschaftsansichten über die Landesgrenzen hinweg Bekanntheit erlangt. Dies und seine Lehrjahre bei Bartholomäus Fehr tragen vermutlich dazu bei, dass er durch Vermittlung des in Herisau ansässigen Textil- und Kolonialwarenhändlers Johannes Walserden Auftrag zur Edition einer Ansichtensammlung über Moskau und St. Petersburg für den Zaren Paul I.erhält. Walser, der 1792 in Moskau eine Handelsfirma gegründet hat, geniesst in Russland hohes Ansehen. Für die Herausgabe russischer Städteansichten begründet er 1792 in Herisau eine Kunstanstalt, die bis 1809 bestehen bleibt.
Russische Veduten
Unter Gabriel Ludwig Lorys Anleitung arbeiten bis zum vorzeitigen Ende des Vorhabens im Jahr 1801 zahlreiche Künstler an russischen Ansichten nach Vorlagen der Maler Gérard de la Barthe und Johann Christoph von Mayr. Beteiligt sind an der Übersetzung in druckgrafische Blätter neben Gabriel Ludwig Lorys Sohn auch sein Neffe Friedrich Wilhelm Moritzsowie Johann Jakob Biedermann, Matthias Gottfried Eichler, Heinrich Guttenberg, Johannes Hoeferlin, Simon Daniel Lafond, Johann Jakob Wetzel, Paul Jakob Laminit, F.B. Lorieux, Georg Christoph Friedrich Oberkogler, Johann Scheidegger und Franz Ludwig Catel. Bis zum unerwarteten Tod des Zaren Paul I., der zum Abbruch und zum finanziellen Ruin des Vorhabens führt, entstehen rund 40 grossformatige, russische Ansichten. Nach dem Ende des Unternehmens zieht es Gabriel Ludwig Lory mit seiner Familie wieder nach Bern.
Ehe die bedungene Lehrzeit von sechs Jahren abgelaufen war, verliess er die Bleuler’sche Anstalt und kehrte, ohne bestimmt zu wissen, was er nun anfangen wollte, nach seinem väterlichen Hause zurück. Damals hatte Hr. Walser in Herisau eine der Bleuler’schen ähnliche Anstalt gestiftet und Lory, den Vater, zu sich berufen, um die Herausgabe der bekannten Ansichten von Moskau und Petersburg zu leiten. Lory zog mit seiner Familie, d.h. seiner Frau und seinem Sohne, dem jetzigen ausgezeichneten Landschaftsmaler Gabriel Lory, nach Herisau und ebendahin folgte ihm auch sein Neffe, der ebenfalls verdienstvolle Maler Moritz, dem wir einen Theil dieser Notizen über Wetzel verdanken. Um die Arbeiten so vollkommen wie möglich zu liefern, wurden geschickte junge Künstler berufen, unter denen sich der nachmals berühmt gewordene Catel und andere befanden. Auch Wetzel fand daselbst eine willkommene Anstellung und zog aus dem Zusammenleben mit jenen Künstlern bedeutenden Vortheil.
Künstlergesellschaft Zürich (1838), Leben und Charakteristik des Malers Joh. Jakob Wetzel, aus Uhwiesen, Kantons Zürich (XXXIV. Neujahrsstück), S. 3.
Franzoseneinfall
Der Aufenthalt des jungen Gabriel Matthias Lory in Herisau fällt in die Zeit der Besetzung der Schweiz durch französische Truppen. Die Zuspitzung der politischen Lage führt dazu, dass die weltläufige Künstlerkolonie in bedrohliche Situationen gerät. Zeitgenössische Lebensbeschreibungen von Vater und Sohn sprechen angesichts der Lage von vorübergehenden Fluchten zuerst nach Biberach, dann nach Lindau. Wohl nach der ersten Rückkehr nach Herisau beweist der junge Gabriel Matthias Lory seine Zeichenkünste mit dem Porträt eines französischen Revolutionsoffiziers, der in entspannter Pose auf einem Stuhl sitzt und die Beine weit von sich streckt.
Mittlerweile hatte der Feind nach und nach alle Theile der Schweiz besetzt. Der in Herisau kommandirende französische General erliess, wahrscheinlich auf Veranlassung der Walser’schen Familie, eine Einladung an Lory, wieder zurück zu kehren, unter Androhung, dass er, im nichtsprechenden Falle, mit allen den Seinigen als Emigrant behandelt werden würde.
Künstlergesellschaft Zürich (1848), Leben und Charakteristik der Landschaftsmaler G. Lory, Vater, und G. Lory, Sohn, von Bern (Neujahrsblatt VIII), S. 2.
Neuenburger Freunde
Die französische Präsenz in der Schweiz während und nach der Helvetik begleitet die Arbeit der beiden Lory weiterhin. 1805 übersiedeln Vater und Sohn auf Einladung des Kartographen und Verlegers Jean-Frédéric Ostervald nach Neuenburg. Dieser plant die Herausgabe des Prachtbandes Voyage pittoresque de Genève à Milan par le Simplon und wirbt dafür begabte Vedutenmaler an.
Ab 1806 arbeiten Gabriel Matthias und Gabriel Ludwig Lory gemeinsam mit dem Neuenburger Landschaftsmaler Maximilien de Meuron an den Vorlagen für die kolorierten Aquatintablätter dieses Werks. Der einer aristokratischen Neuenburger Familie entstammende de Meuron hat nach Anfängen in der Diplomatie ebenfalls eine erfolgversprechende künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Die Freundschaft zwischen Gabriel Matthias Lory und dem gleichaltrigen de Meuron wird lebenslang halten.
Bilderreise über den Simplon
Die 1811 bei Pierre Didot in Paris veröffentlichte Bilderreise «Voyage pittoresque de Genève à Milan par le Simplon» veranschaulicht den Verlauf der Simplonstrasse von Genf über Saint Maurice nach Sion und Brig, danach durch verschiedene Galerien hinauf zum Simplonpass und wieder hinunter nach Domodossola bis zum Lago Maggiore. Die Route, deren Bau Napoleon I. 1800 beschlossen hat und die bereits 1805 eröffnet worden ist, verbessert die direkte Verkehrsverbindung zwischen Frankreich und Italien. Sie dient merkantilen, vor allem aber auch militärischen Zwecken. Die Bauarbeiten sind gewaltig: acht grosse Brücken werden konstruiert, sieben Galerien aus dem Stein gehauen, mehrere Schutzhäuser, Hospize und ein Hotel erstellt. Ein Aquarell von Gabriel Matthias Lory zeigt die Galerie Schalbet auf der italienischen Seite aus einer spektakulären Innensicht. Es diente vermutlich als Vorlage für die spätere druckgrafische Umsetzung derselben Ansicht.
Enfin après deux heures de marche le voyageur se trouve dans la galerie de Schalbet; pratiquée sur un des points les plus élevés de ce passage, et n’ayant aucun objet qui en masque la vue, elle présente au voyageur un de ces spectacles si magnifiques qu’offrent les Alpes. Au moment où il sort de cette grotte sombre ses regards sont frappés de l’aspect du Rosboden, dont la cime éclatante et isolée domine toutes les montagnes voisines.
Jean Frédéric d'Ostervald (1811), Voyage pittoresque de Genève à Milan par le Simplon, La Galerie de Schalbet (unpaginiert).
Kavalierstouren
In jungen Jahren unternimmt Gabriel Matthias Lory gemeinsam mit Maximilien de Meuron mehrere Bildungsreisen nach Paris und Italien. In der französischen Hauptstadt bildet sich Lory in den königlichen Kunstsammlungen weiter. In Italien studiert er Kunstdenkmäler der Renaissance und der Antike.
Sorgfältig konzipierte Landschaftsansichten bezeugen Lorys Italienreisen und seine stetige Suche nach neuen Bildmotiven. Um 1809 führt ihn sein Weg nach Oberitalien zur 1797 vollendeten Villa Olmo am Comersee, die sich bei Reisenden zunehmender Beliebtheit erfreut und die von Landschaftsmalern – etwa Johann Jakob Wetzel – bald als Sujet entdeckt wird.
Im Jahr 1808 machte Lory in Begleitung seines Freundes seine erste grössere Reise, und zwar zunächst nach Paris. Hier erhielt er durch die Empfehlungen Herrn Osterwald’s und anderer Gönner Eintritt in alle Kunstsammlungen, benutzte dieselben fleissig zu eignem Studium und führte nebenbei mehrere Bestellungen aus.
Künstlergesellschaft Zürich (1848), Leben und Charakteristik der Landschaftsmaler G. Lory, Vater, und G. Lory, Sohn, von Bern (Neujahrsblatt VIII), S. 2.
Italienische Reisen
Im Sommer 1811 bereist Lory noch weiter südlich gelegene Orte, wobei ihn sein Weg über Mailand, Venedig, Florenz, Rom und Neapel bis nach Süditalien führt. Aus dieser Zeit sind Ansichten pittoresker italienischer Städte erhalten. So weckt ein Städtchen mit Burgruine an einem Berghang sein Interesse. Auf der Landstrasse im Vordergrund zieht eine vierspännige Reisekutsche vorbei.
Ein unvollendet gebliebenes Aquarell dokumentiert Lorys Besuch des Fleckens Cava de’ Tirreni in der Nähe von Neapel. Die Gestaltung der Bildpartien im Vordergrund ist darin skizzenhaft und fragmentarisch geblieben. Die bereits weiter vorangetriebene Ausgestaltung des Mittel- und Hintergrundes evoziert mit ihren gelbbraunen Lichtern über der Ortschaft Cava und dem dahinterliegenden Monte Finestra jedoch bereits den nahenden Herbst.
Neuenburger Hochzeit
Für mehrere Jahre verlegt Gabriel Matthias Lory seinen Lebensmittelpunkt nach Neuenburg. Während einiger Zeit erteilt er an der Neuenburger Stadtschule Zeichenunterricht. 1812 vermählt er sich mit Henriette-Louise de Meuron aus Orbe, die Tochter eines Schweizer Offiziers in britischen Diensten und zugleich Verwandte seines Freundes Maximilien de Meuron ist. Henriette-Louise de Meuron ist in ihrem Leben bereits weitergereist als ihr Ehemann: geboren wurde sie 1789 in Ceylon (Sri Lanka). In Neuenburg übernimmt sie die Herausgabe von Gabriel Matthias Lorys Ansichten.
Une conduite exemplaire l’a toujours distingué. Quoique doué d’une figure qui est souvent un écueil pour des jeunes gens, je ne l’ai jamais vu donner dans le plus léger écart. A Neuchâtel où je le suis depuis six ans, à Paris où il m’a accompagné pendant six mois, dans différentes courses en Suisse que nous avons faites ensemble, en Italie où il vient de passer plusieurs mois avec un de mes amis, ce jeune homme s’est toujours montré sage, sensé, fort laborieux, occupé uniquement de son état, et se faisant aimer de chacun par la douceur de son caractère.
Brief vom 1. April 1812 von Jean-Frédéric d'Ostervald an Charles de Miéville, Orbe, Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung : Fonds Gabriel Lory fils et Henriette-Louise de Meuron, GS-LORY-B-4-a-OST-1
Ein Bürger von Neuenburg
Zeit seines Lebens bleibt Lory der Stadt Neuenburg, wo er zahlreiche Freundschaften pflegt, eng verbunden. 1842 erhält er – im Namen von König Friedrich Wilhelm IV.von Preussen– das Bürgerrecht von Neuenburg zugesprochen. Neuenburg ist seit 1814 zwar als Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaftaufgenommen worden, bleibt als souveränes Fürstentum bis 1857 auch dem preussischen König unterstellt.
Britische Rotröcke
Ein 1814 entstandenes Aquarell zeigt zwei rot uniformierte Soldaten der Britischen Armee und eine Bäuerin in britischer Tracht. Im selben Jahr besuchen Henriette-Louise de Meuron und Gabriel Matthias Lory die Insel Guernsey, wo de Meurons Vater als pensionierter Offizier seinen Ruhestand verbringt. Gabriel Matthias Lory nutzt die Zeit, um auch in EnglandBekanntheit zu erlangen. Er fertigt Landschaftsansichten und Kostümblätter, die bei Rudolph Ackermannin Londonerscheinen.
Von England nach Chamonix
1815 und damit kurz nach der Rückkehr von Henriette-Louise de Meuron und Matthias Gabriel Lory aus England erscheint – wiederum bei Didot in Paris – eine Sammlung von sieben Ansichten zum Chamonix-Talund seiner Gletscher von Lory Vater und Sohn, die allesamt von Franz Hegiin Aquatinta gestochen werden.
Das Veröffentlichungsdatum der Reisebilder so unmittelbar nach Lorys Rückkehr aus England ist passend gewählt. Lory dürfte mit seinem neuen Werk auch das Interesse einer wohlhabenden britischen Kundschaft im Sinn gehabt haben. Die unter europäischen Reisenden beliebte Grand Tourführte häufig an den Genfersee, zu den eindrucksvollen Gletschern am Mont Blanc und weiter über den Simplonpass nach Italien. Dem internationalen Adressatenkreis entsprechend wird das Werk in den Städten Paris, London, Amsterdam, Mannheim, Mailand, Genf, Zürich, Bern, Lausanne und Neuenburg zum Verkauf angeboten. 1826 erscheint eine stark erweiterte Ausgabe mit 40 Ansichten und einem Text von Désiré-Raoul Rochette.
Henry und Rose
Auf zwei feinen, skizzenhaften Kinderporträts in Blei und Aquarell sind die Namen der beiden einzigen Kinder von Henriette-Louise de Meuron und Gabriel Matthias Lory verzeichnet. Rose und Henry Lory versterben 1819 bereits in jungem Alter an der Diphtherie, einer hochansteckenden Infektionskrankheit, die sich im 19. Jahrhundert auch auf dem Gebiet der Schweiz epidemischverbreitet.
Kunstmaler in Bern
Nach dem Tod der beiden Kinder verlagern Henriette-Louise de Meuron und Gabriel Matthias Lory ihren Lebensmittelpunkt in den Sommermonaten nach Bern, die Winter verbringen sie weiterhin in Neuenburg. Lorys Vater Gabriel Ludwig Lory ist bereits 1812 in die Stadt zurückgekehrt, wo er im gleichen Jahr die Bernische Künstlergesellschaftmitbegründet hat. Bereits 1821 unterzeichnet Johann Rudolf Wyss, Professor für Philosophie und Mitstifter der Bernischen Künstlergesellschaft, ein «Diplom für Herrn Gabriel Lory Sohn» als Professor. Wie zuvor sein Vater etabliert sich auch Gabriel Lory «Fils» schnell als Kunstmaler in Bern und wird festes Mitglied der Bernischen Künstlergesellschaft.
Freilichtzeichnen
Eine skizzenhafte Bleistiftzeichnung porträtiert den Künstler selbst und seine Entourage während einer Bootsfahrt mit grossformatigen Papieren auf den Knien beim Zeichnen nach der Natur und stellt die Gruppe damit in die Tradition des Freilichtzeichnens. Bei dem ebenfalls abgebildeten «Capitaine Ernest» handelt es sich möglicherweise um den dilettierenden Landschaftsmaler Alfred von Ernst, der nach Offiziersdiensten in den Niederlanden ab 1829 nach Bern zurückgekehrt ist. Lory und Ernst sind sich im Umfeld der der Bernischen Künstlergesellschaft begegnet.
Eigene Editionsprojekte
In den 1820er-Jahren ediert Gabriel Matthias Lory gemeinsam mit dem Neuenburger Schriftsteller und Gelehrten César-Henri Monvertmehrere Werke. Dazu gehört das illustrierte Ansichtenwerk Voyage pittoresque de l'Oberland bernois, welches 1822 in insgesamt fünf Lieferungen erscheint und 30 prachtvolle, handkolorierte Aquatintablätter mit Szenen aus dem Berner Oberland und den Hochalpen enthält. Wiederum entsteht das umfangreiche Werk durch familiäre Zusammenarbeit: Neben Gabriel Lory «Père» arbeitet auch Friedrich Wilhelm Moritz an den Vorlagen mit. Gestochen werden die Aquatintablätter von Johann Hürlimann.
Bern als Ausgangspunkt
Ein Aquarell, das wohl als Vorlage für das erste Blatt der Folge diente, zeigt die Stadt Bern aus einer Gesamtansicht von Norden. Auf der linken Seite ist der damals ausserhalb der Stadt gelegene Altenberg abgebildet. Im Altenbergdrittelhaben Gabriel Matthias Lory und seine Frau ab den 1820er-Jahren ein Landhaus gemietet. Bern ist als touristisches Zentrum jener Zeit Ausgangspunkt des Schweizbildes, welches der Lory in den Nachfolgejahren bei einer weltgewandten europäischen Kundschaft propagiert. 1822 nimmt er etwa mit einem Aquarell der Jungfrauregionam Pariser Salon teil.
Vernetzung
Gabriel Matthias Lory pflegt einen intensiven Austausch mit europäischen Adelskreisen. Seine Beziehungen bezeugen sein steigendes gesellschaftliches Ansehen. Dass Lory die zwischen 1824 und 1825 gemeinsam mit seinem Cousin Friedrich Wilhem Moritz herausgegebene Folge von Kostümblättern mit dem Titel Costumes suisses dem damaligen preussischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. widmet, ist diplomatisch geschickt kalkuliert.
J’ai recu Monsieur par le Directeur Schadow le reste des costumes suisses qui doivent compléter ma collection et le texte. Je vous remercie de votre attention et vous félicite de ce que vous avez terminé un ouvrage qui fait honneur à notre goût, et qui aura l’applaudissement public.
Berlin, le 30 octobre 1823
Frédéric-Guillaume
Pr royal
Brief vom 30. Oktober 1823 von Friedrich Wilhelm IV. an Gabriel Lory Fils, Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung : Fonds Gabriel Lory fils et Henriette-Louise de Meuron, GS-LORY-B-4-b-BERL-2
Internationale Kundschaft
Für die Beziehungspflege bereist Gabriel Matthias Lory in den 1820er-Jahren ganz Europa. Um 1825 fertigt er auf einer Reise mit M. Philippe Zode, dem Sekretär von Marie-Louise von Parma, eine Ansicht des mittelalterlichen Castello di Bardi, welche er der Herzogin und Witwe Napoleon I. widmet. 1828 weilt er in Paris, wo er bei Hofe eingeladen wird und Aufträge von König Karl X.erhält.
Liegenschaften auf dem Altenberg
1832 siedeln Gabriel Matthias Lory und Henriette-Louise de Meuron vollständig nach Bern um. In einer undatierten Bleistiftzeichnung hält Gabriel Matthias Lory ein Gebäude fest, bei dem es sich möglicherweise um seinen neuen Wohnsitz handelt. Dass der Kunstmaler 1833 das Landgut Oranienburgauf dem Altenberg erwerben kann, belegt seinen materiellen Wohlstand. Brandscheine bezeugen, dass zu dieser Zeit insgesamt zwei im Altenbergdrittel gelegene Liegenschaften im Besitz der Familie Lory sind. Im Adressenbuch der Republik Bern von 1836sind die beiden Kunstmaler Lory Vater und Sohn als Bewohner der beiden Liegenschaften mit den Nr. 174 und Nr. 129 verzeichnet.
Einzelne Räumlichkeiten der beiden Liegenschaften werden – womöglich als Zusatzverdienst – untervermietet. Unter vielen Anderen bewohnt der von Gabriel Ludwig Lory ausgebildete Kolorist und spätere Daguerreotypist Johann Jakob Gwinnerdie Liegenschaft am Altenberg. Ab 1851 fungiert er auf Wunsch der verwitweten Henriette-Louise de Meuron als v.
Oranienburg
Eine Werbekarte, die nach dem Kauf des Anwesens Orianienburg entstanden sein muss, verdeutlicht das Selbstverständnis Lorys als Künstler und Herausgeber von Ansichten und Kostümblättern, der sich explizit an eine kaufkräftige internationale Kundschaft auf Bildungs- und Vergnügungsreise in der Schweiz und in Italien wendet. Abgebildet ist die bereits im 18. Jahrhundert erbaute Villa des Künstlers. Von der Werbekarte ist auch eine Vorlage mit Probelithografien an den Blatträndern erhalten.
Demeure de Mr-Lory fils, peintre paysagiste et Editeur; chez le quel, les Etrangers trouveront des dessins originaux de la Suisse et de l'Italie: des vues et costumes Suisses coloriés. Cette petite campagne, qui, offre le plus beau point de vue et situé sur la colline de l'Altenberg, à cinq minutes de la porte du bas de la ville et à gauche de la route de Zurich.
Text auf der Werbekarte «Oranienbourg près de Berne», Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung : Sammlung Rudolf und Annemarie Gugelmann, GS-GUGE-LORY-C-10
Adress- und Auftragsbuch
Ein unscheinbares Adress- und Auftragsbuch ermöglicht Einblicke in die Aufträge und den Kundenstamm von Gabriel Matthias Lory. In zahlreichen Eintragungen und auf eingeklebten Notizzetteln sind Adressen und Aufträge ab 1816 bis um 1846 verzeichnet. Ein grosser Teil der Einträge stammt aus der Hand von Henriette-Louise de Meuron, welche sich um die geschäftlichen Belange des Unternehmens Gabriel Matthias Lory kümmert und massgebenden Anteil an seinem ökonomischen Erfolg hat.
Berliner Jahre
Die konstante Arbeit am internationalen Ansehen macht sich für Gabriel Matthias Lory in den Wintern 1834–35 und 1835–36 bezahlt: In den Wintermonaten erteilt er am preussischen Hof in Berlinund in Potsdam Zeichenunterricht. Der als Kunstmäzen engagierte preussische König Friedrich Wilhelm III.zeichnet ihn 1836 mit dem Titel eines ausserordentlichen Professors der Akademie aus.
Nachworte
Bis zuletzt bereist Lory Europa: seine Wege führen ihn nach Nizza, ins Berner Oberland, an den Rheinund nach Frankfurt am Main. Am 25. August 1846 stirbt er in Bern kurz nach seiner Rückkehr aus Frankfurt an einem Herzanfall. Eine biographische Notiz, die am Tag seiner Beerdigung entstanden sein muss, charakterisiert ihn mit folgenden Worten:
C’est aujourd’hui vendredi 28 que le célèbre peintre en paysage Mr Lory a été enterré avec des marques d’un interêt général. Tous les artistes demeurant à Berne se trouvaient à cette cérémonie. […] Mr. Lory était aussi distingué comme homme que comme artiste ; la douceur & la [beauté ?] jointes à l’énergie & à la constance faisant les principaux traits de son caractère. Partout son apparition était agréable & réjouissante. Sa mémoire sera chérie. Paix à ses cendres ! Il laisse une excellente épouse qui supporte chrétiennement sa perte, ainsi que beaucoup d’amis.
Nekrolog auf Gabriel Lory "Fils", Schweizerische Nationalbibliothek, Graphische Sammlung : Fonds Gabriel Lory "Fils" et Henriette-Louise de Meuron, GS-LORY-C-1-f-1