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Das irokesische Märchen von Ahornspross und Feuerstein versinnbildlicht eindrücklich die beiden Gegensätze von Gut und Böse und erinnert daran, dass die beiden Prinzipien in uns Menschen wirken - in jedem Moment unseres Lebens.
"Es war einmal die Tochter des Himmels, die auf abenteurlichen Wegen auf die Erde gekommen war. Davor gab es nur Wasser und die Tiere des Wassers, erst danach gab es Land, entstanden auf dem Rücken einer Schildkröte.
Diese Tochter des Himmels trug schon die Frucht des Lebens ins sich und bald schon gebar sie ein Mädchen und nannte es "Warmer Wirbelwind". Das Mädchen wuchs rasch heran und als es gross war, wurde es seinerseits schwanger.
Man sagt, der Vater ihres Kind sei der Geist der Schildkröte, der als Indianer auf der jungen Erde wandelte.
So kam es, dass "Warmer Wirbelwind" Zwillinge in sich trug. Als sie in den Wehen lag, hörte sie, wie sich die Zwillinge in ihrem Bauch miteinander unterhielten.
Der eine sagte zum anderen: "Sieh doch, da oben gibt es einen Ausgang, lass uns den nehmen, ich seh schon das Licht durchscheinen!" Der andere: "Nicht doch! So werden wir sie töten! Lass uns den Weg nehmen, den einst auch die Menschgewordenen nehmen werden! Wir wollen uns nach unten hinwenden."
Der erste war schlau und brachte den Zweiten dazu, vor ihm auf die Welt zu kommen. So wurde "Oterongtongia" geboren, was soviel wie Ahornspross bedeutet. Der zweite ging nun doch nach oben, und trat gewaltsam durch die Achselhöhle aus. So tötete er seine eigene Mutter.
Sein Name war "Tawiskaron" und das bedeutet Feuerstein."
In dem Moment, in dem die Zwillinge im Bauch ihrer Mutter zweierlei Meinung waren, hat sich Gut von Böse getrennt. Ahorspross nahm den Weg der Natur, der Passivität, der nach unten führt. Ihm hilft Mutter Erde mit ihrer Schwerkraft, mit der sie alles an sich zieht und bindet und somit verhindert, dass es in die Unendlichkeit entschwebt.
Tawiskaron war ganz anders als sein Bruder, sein Körper war aus Feuerstein gemacht und ganz hart und auf seinem nackten Schädel trug er einen messerscharfen Kamm, mit dem er die Achselhöhle seiner Mutter durchschnitt.
Tawiskaron kennt keine Geduld. In ihm brennt das Feuer des unbändigen Willens, er schneidet sich seinen Weg frei, er nimmt die Abkürzung, koste es was es wolle. Somit verkörpert er das aktive Prinzip in seiner negativen Form, egoistisch und blind für alle Konsequenzen. Er kennt kein Gefühl, keine Weichheit, ist hart wie ein Fels.
Sein Weg führt nach oben, er lässt nicht wachsen, er imitiert die Natur, lebt aber nicht mit ihr. Im weiteren Verlaufe des Märchens überlistet er seinen Bruder Ahornspross laufend. Dieser wird von ihm und seiner eigenen Grossmutter ausgestossen und zieht alleine um die Erde.
Dabei erschafft er die nützlichen Pflanzen und Tiere, lehrt die Menschen das Wissen. Tawiskaron versucht seinen Bruder nachzuäffen und erschafft dabei nur die niederen Tiere, alles Ungeziefer und die Schädlinge.
Ist es nicht spannend, wie ein alter Irokesen-Mythos vorwegnimmt, was passiert, wenn die Menschen den Weg Tawiskarons nehmen? Die Schöpfungsmythen unserer Vorfahren sind nicht bloss zur Unterhaltung da. Ihre Bilder bergen tiefe Weisheiten die man erspüren und in sich aufnehmen kann, wenn man bereit dazu ist.
Es geht bei einem Schöpfungsmythos nicht nur um das grosse Rätsel, wie das All, das Alles, die Welt entstanden sein könnte. Es geht auch darum, dass Schöpfung in und um uns in jedem Moment passiert.
Schöpfung geschieht jetzt, wo ich diesen Text schreibe, Schöpfung entfaltet sich im Moment des Lesens, jede Idee, jeder Gedanke, jeder Blick, jedes Lauschen ist ein kleiner oder grosser Teil einer permantenten Transformation von alt nach neu, ein unendlicher Kreislauf aus Zerstörung und Schöpfung.
Täglich gehen wir mit neuen Ideen schwanger und in dem Moment, in dem wir ein Gefühl zu einer Idee und danach zu einem konkreten Satz formen, da kann es passieren, dass wir in uns die beiden Zwillinge streiten hören.
Die Geschichte von Tawiskaron und Oterongtongia, von Feuerstein und Ahorspross, erinnert an den Urgrund eines jeden kreativen Aktes. Soll ich wie ein zarter grüner Ahorspross handeln? Oder wie ein Feuerstein?
Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich sehr viel Feuerstein-Energie.
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Ich sehe Autos, Glas, Beton, alles aus dem Boden geholt, abgebaut und zerpulvert, zerstampft, atomisiert und zu Zement zermahlen. Eisenerz, dem Herz unserer Mutter Erde entrissen, Materie, von Feuer und Gluthitze geschmolzen, verformt nach menschlichem Willen und Bedarf.
Ist nicht unsere sogenannte Kultur auf Feuerstein aufgebaut? Haben wir nicht einen grossen Teil unserer Mutter zerstört? Sind wir nicht auf einem unendlichen Blindflug nach oben, nehmen die Abkürzung, wollen hin zum Licht, aber bitte first class, wenns geht? Fürchten wir vielleicht den passiven Weg, das Fallenlassen nach unten, der Dunkelheit zu?
Haben wir so wenig Vertrauen in die uns innewohnende Natur?
Wie wohltuend ist da das Bild eines zarten, im Sonnenlicht schimmernden Ahornsprosses. Nichts passiert. Ein leiser Windstoss lässt sanft den Ast schaukeln, Sonnenstrahlen spiegeln sich in Tautropfen. Und doch ist in dieser kleinen Knospe mehr Kraft und Potential als in tausend Schmelzöfen. Weil es von innen kommt, aus sich selber wächst. Die vier Elemente sind genug und was verbrennt wurde schwebt weit weit weg im Weltraum.
Das könnte ein künftiges Leitbild unserer Kreativität und menschlichen Schöpferkraft sein. Wie vertrauensvoll doch die Bäume ihre Blätter der Sonne entgegenstrecken.
So lasst uns also tief in der Erde wurzeln, ohne Angst vor dem Blick nach unten, da wo sich unser Schatten auf den Boden wirft. Nehmen wir uns doch etwas Zeit, nach dem Beispiel der Bäume und gönnen uns ein paar Minuten des Nicht-Tuns, so wie Ahornspross, und überlassen die Schöpfung sich selber.
Quelle: Marie-Louise von Franz, Schöpfungsmythen, Verlag für Jung'sche Psychologie