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von Andrea Roscher-Muruchi
«Eine Zukunft ausgesät vor Tausenden von Jahren» mit diesem Slogan rufen die Uno und die Welternährungsorganisation FAO für das Jahr 2013 zum Internationalen Jahr der Quinoa auf.
Quinoa, die Betonung liegt auf der ersten Silbe oder «kinuwa», wie es in der Inka-Sprache Quetschua heisst, ist eine einjährige krautige Pflanze mit einer Wuchshöhe von 20 cm bis 3 m, einem aufrechten verzweigten Stengel mit Blättern in Gänsefussform und Rispen zwischen 30 und 80 cm Länge. Jede Rispe ist mit 80 bis 120 Büscheln ausgestattet und kann 100 bis 3000 Samenkörner enthalten. Der wissenschaftliche Name ist Chenopodium quinoa willd. Willd nach dem deutschen Botaniker Carl-Ludwig Willdnow, der die Pflanze erstmalig 1797 beschrieb. Inkakorn oder Perureis, so nennt man die Pflanze auch in der Umgangssprache. Sie ist aber kein Getreide, sondern gehört zur Familie der Fuchsschwanzgewächse und zur Gattung der Gänsefussgewächse. Damit ist Quinoa mehr verwandt mit Spinat, Mangold und roter Bete. Gegessen werden die Samen der Pflanze, aber auch die Blätter als Spinat oder Salat.
Das «Inkakorn» ist in Wahrheit viel älter als die Inka-Kultur. Es diente den Ureinwohnern der südamerikanischen Anden bereits vor 7000 Jahren als wichtige Nahrungsgrundlage. Während der Inkazeit wurde Quinoa in den Hochebenen, Tälern und Hängen der Anden in einer Höhe zwischen 2500 und 4000 m über dem Meer auf dem heutigen Territorium von Peru, Bolivien, Ecuador und Chile angebaut. Mit der Ankunft der Spanier setzte der Siegeszug europäischer Getreidearten wie Weizen, Gerste und Hafer in der «neuen Welt» ein und der Niedergang der einheimischen Quinoa begann. Nur in Höhenlagen von bis zu 4000 m, wo die «neuen» Getreidesorten nicht mehr wuchsen, wurde die Pflanze zur Selbstversorgung der Andenbewohner weiterhin angebaut.
Die Samen mit dem hohen Nährwert galten bis vor kurzem bei der wohlhabenden Stadtbevölkerung als «billiges Indiofutter» und wurden mehr oder weniger ignoriert. Der Aufschwung der Quinoa-Produktion begann vor mehr als zwanzig Jahren. Mehrere Faktoren sind dafür zu nennen: Die Erforschung von Quinoa und Amaranth durch die Nasa und die Veröffentlichung von Berichten über den ausserordentlichen Nährwert machte Quinoa international bekannt, und es entwickelte sich eine Nachfrage bei Verbrauchern mit veganer und vegetarischer Lebensweise und Verbrauchern mit einer Glutenunverträglichkeit in den USA und Europa.
Die ökonomische Krise in den Andenländern zu Beginn der 80er Jahre begünstigte die Reaktion auf die neuen Märkte in den USA und Europa. In Bolivien versucht seit 1983 eine Gruppe bolivianischer Kleinbauern mit dem Zusammenschluss zur Asociation Nacional de Productores de Quinua (Anapqui) Verarbeitung und Vermarktung von Quinoa zu verbessern, weil immer mehr Bauern und ihre Familien das südliche Hochland (Altiplano) verliessen und die Quinoa-Produktion einstellten. Die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der 3. Welt (GEPA) und andere europäische Nicht-Regierungsorganisationen unterstützen Anapqui.
Dass ein Nahrungsmittel mit einem Nährstoffprofil wie Quinoa bis vor kurzem so stiefmütterlich behandelt wurde, ist schon verwunderlich. Vor allem die Samen der Pflanze haben es in sich. Der Eiweissgehalt des «Pseudogetreides» liegt bei 15 Prozent und übertrifft somit den von Weizen, Hafer, Mais und Reis. Der Gehalt an Eiweiss ist nicht nur höher, Quinoa ist auch eine der besten Eiweissquellen überhaupt, weil die Samen alle neun essentiellen Aminosäuren enthalten und diese durch den Körper besonders leicht aufgenommen werden können. Viele essentielle Mineralien wie Calcium, Eisen, Zink, Magnesium und Phosphor, wichtige Vitamine, wie A, C, B1, B, und E stecken in dem «Wunderkorn». Es ist reich an essentiellen ungesättigten Fettsäuren und enthält Omega-3-Fettsäuren, wie sie auch im Fisch zu finden sind. Ein weiterer entscheidender Vorteil gegenüber Getreide ist, dass die Samenkörner frei von Gluten sind und daher ein geringeres Allergiepotential haben als Weizen und Co.
Quinoa ist als ideales Grundnahrungsmittel in der Küche vielseitig einsetzbar: Als Vorspeise, Hauptgericht, Dessert, Snack und Getränk können die Samen gekocht, gekeimt, gemahlen und gepoppt werden.
Als ob das noch nicht genug wäre, zeichnet sich die Pflanze durch ihre Robustheit aus. Sie verträgt sengende Hitze, eisige Kälte, Trockenheit und einen Boden der salz- und säurehaltig ist. Die beste Quinoa, die «Quinoa-Real», auf deutsch «Königs-Quinoa» wächst in Bolivien rund um den wegen seiner Lithiumvorkommem bekannten Salzsee von Uyuni und um den Salzsee Coipasa. In einer Höhe von fast 4000 m findet die Pflanze ideale Bedingungen und der traditionelle Quinoa-Anbau kommt hier ohne Pestizide und Kunstdünger aus. Seitdem die Nachfrage nach Quinoa in Bolivien so stark anstieg (seit 2006 wuchs die Nachfrage aus dem Ausland um das Tausendfache), wird auch in tiefergelegenen Ebenen ausgesät. In den schlecht angepassten Kulturen stieg der Schädligungsdruck kräftig an, damit auch die Versuchung, mit chemischen Schutzmiteln die bedrohe Ernte zu retten. Um solchen Gefahren entgegenzutreten, zahlt die GEPA zusätzlich zum fairen Preis noch einen Bio-Aufschlag für ökologisch angebaute Produkte. Für die Zertifizierung ist der deutsche Anbauverband Naturland zuständig, der zu diesem Zweck mit nationalen Kontrollstellen kooperiert. Auch die in der Samenschale der Quinoa enthaltenen bitter schmeckenden Saponine schützen die Pflanze vor schädlichen Insekten. Aus Züchtungen hervorgegangene saponinfreie Sorten (süsse Quinoa) sind daher bei den Kleinbauern nicht beliebt. Im unbehandelten Zustand ist die bittere Quinoa (mit Saponin) ungeniessbar. Aber handelsübliches Quinoa ist geschält oder gewaschen und dadurch vom Saponin befreit und entbittert. Exportunternehmen haben bei der Mechanisierung der Aufbereitung der Quinua geholfen. In traditioneller Weise brauchte man für die Aufbereitung der Samen gleicher Menge einen Monat, heute 24 Stunden. In Deutschland wird vor allem die «Quinoa Real» aus Bio-Anbau angeboten. In Bolivien werden 22 Hauptsorten angebaut. Hier befindet sich auch die grösste Genbank mit 3800 registrierten Sorten. Auf Grund dieser Vielfalt und ihrer anderen positiven Eigenschaften könnte diese Pflanze weltweit einen grossen Beitrag nur Nahrungssicherheit leisten.
Bolivien ist aktuell der grösste Quinoa-Produzent mit einem Anteil von 46% an der Weltproduktion. Die zweite Stelle, mit 42% an der Weltproduktion, nimmt Peru ein, an dritter Stelle stehen die USA. Erstmalig profitieren von dieser Entwicklung in Bolivien Tausende von indigenen Familien aus dem Altiplano (Hochebene in den bolivianischen Anden), die seit der Kolonialisierung traditionell in tiefster Armut lebten. In seiner Rede auf der 68. Generalversammlung der Vereinten Nationen führte der bolivianische Präsident Evo Morales Ayma aus: «Wir haben Armut und extreme Armut verringert. Die Zahlen der Vereinten Nationen belegen, eine Million der Bolivianerinnen und Bolivianer sind in die Mittelklasse aufgestiegen. Das bedeutet, 10% der Bevölkerung haben ihre wirtschaftliche Situation verbessert».1 Viele der Kleinbauern aus der Andenhochebene gehören zu diesen 10%.
Bolivien erzielte 2012 aus dem Export von Quinoa Einnahmen von 71 Millionen US-Dollar. 2013 wird die Anbaufläche gegenüber dem Vorjahr um 25% und die Quinoa-Produktion um 56% wachsen.2 Die gestiegene Nachfrage ist trotzdem noch höher als das Angebot. Die extensive Ausdehnung bringt neue Probleme hervor. Die Kleinbauern des Altiplano, die traditionell Quinoa anbauen, betreiben parallel auch Viehzucht (Lamas, Alpakas, Schafe). Das Weideland dafür wird zugunsten des Quinoa-Anbaus reduziert, weniger Dung für die Quinoa-Felder ist die Folge. Früher liess man nach der Quinoa-Ernte den Boden bis zu 8 Jahren ruhen, oder man baute Zwischenfrüchte und Quinoa in Mischkultur an. Die Humusschicht auf dem Altiplano ist sehr dünn und braucht eine sorgsame Behandlung. Durch Monokulturen und durch jährliche Aussaat von Quinoa auf der gleichen Fläche schreitet die Bodenerosion voran.
Die bolivianische Regierung unternimmt gerade im Internationalen Jahr der Quinoa alle Anstrengungen, um den Export weiter auszubauen. Die Orientierung auf den Export ist aber auch ein zweischneidiges Schwert. Der Preis der Quinoa hat sich in den letzten Jahren verdreifacht und nicht für jeden, der früher Quinoa konsumierte, ist das Produkt heute noch erschwinglich. Die Stadtbevölkerung jedoch hat sich kaum von Quinoa ernährt. Der Inlandverbrauch ist trotzdem gestiegen, weil sich eine Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln bei Teilen der wohlhabenden Bevölkerung herausgebildet hat. Aktuell wird eine Diskussion über die Stützung des Quinoa-Preises im Inland geführt. Der Vizeminister für landwirtschaftliche Entwicklung Víctor Hugo Vásquez erteilte dieser Forderung nach Preisstützung (gefordert wurden bis zu 50%) eine Absage mit der Begründung, dass Quinoa nie Bestandteil des repräsentativen Warenkorbs in Bolivien war und dass bereits in 70 Ländern Quinoa angebaut und die sinkende Nachfrage aus dem Ausland dazu führen wird, dass die Preise für Quinoa auf dem bolivianischen Markt sinken werden.3 Zur Zeit bietet die bolivianische Regierung mit dem Programm «kostenloses Schulfrühstück» und dem «Mutter-Kind-Programm» einem Teil der armen Bevölkerung die Möglichkeit, sich mit Quinoa-Produkten zu ernähren.
Die gute Anpassungsfähigkeit des «Inkakorns» an verschiedene klimatische Bedingungen in den unterschiedlichsten Ländern gefährdet die Vormachtstellung Boliviens in der Produktion und dem Export von Quinoa. Die beste Quinoa aber, die biologisch angebaute «Quinoa Real» sucht auf dem internationalen Markt ihresgleichen. In einer öffentlichen Anhörung vor dem Europäischen Parlament am 18.9.2013 führte der Vizeminister Vásquez aus, dass die bolivianische Regierung sich dafür einsetzt, dass immer mehr Staaten in der ganzen Welt (zu diesem Zeitpunkt waren es mehr als zwanzig) die Herkunft der bolivianischen «Quinoa Real» anerkennen, die an den Salzseen angebaut wird.4 Auf Grund dieses Spitzenprodukts und der entsprechenden internationalen Vermarktung könnte Bolivien auch in der Zukunft ein wichtiger Exporteur von Quinoa bleiben. •
1 http://www.bolivia.de/fileadmin/Dokumente/Presse-Medien_Dt %2BSp/Presseerklaerungen/2013/PRESSEMITTEILUNG-_COMUNICADO_No_24_-2013-_Evo_en_la_ONU.pdf (besucht am 21.10.2013)
2 http://www.erbol.com.bo/noticia/economia/09102013/viceministro_dice_que_no_habra_subvencion_la_quinua (besucht am 21.10.2013)
3 http://www.erbol.com.bo/noticia/economia/09102013/viceministro_dice_que_no_habra_subvencion_la_quinua (gelesen am 21.10.2013)
4 http://www.la-razon.com/economia/Bolivia-defiende-Parlamento-Europeo-beneficios_0_1909009154.htm (gelesen am 21.10.2013)
Weitere Quellen:
http://www.bolivia.de/fileadmin/Dokumente/DestacadosEmpfehlenswertes_Footer/PoliticaNacionalQuinua.pdf (gelesen am 22.09.2013)
http://www.quinuainternacional.org.bo/menu (gelesen am 22.09.2013)
Seit Jahrtausenden wird in den Anden, auf über 4000 Metern Höhe, das Getreide Quinoa als Grundnahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung angebaut. Seit einigen Jahren erfreut sich das «Gold der Inkas» nicht nur in Lateinamerika, sondern auch auf der nördlichen Halbkugel grosser Beliebtheit. Zu Ehren der Völker, die die Jahrtausende alte Kulturpflanze bewahrt haben, hat die Uno 2013 zum «Jahr der Quinoa» erklärt. Damit soll ein Gewächs gefördert werden, das zur Nahrungsmittelsicherheit beitragen könnte. Denn Quinoa hat einen hohen Nährwert; alle essenziellen Aminosäuren sind darin enthalten, aber auch Spurenelemente und Vitamine. Ausserdem gedeiht das Andengewächs unter den unterschiedlichsten, sogar ungünstigen Bedingungen, bei Temperaturen zwischen minus 8 und plus 38 Grad. Es erträgt Trockenheit und wächst deshalb auch in semiariden Zonen. Besonders gut eignet sich der Anbau von Quinoa laut der Uno für den Sahel, wo Mangelernährung grassiert.
www.fao.org/quinoa-2013
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