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In dieser Rubrik des Retromania-Blogs behandeln wir verschiedene Formen nostalgischer Retrophänomene in der Geschichte der populären Musik. Retrophasen sind Rückwärtsbewegungen der musikalischen Innovation. Das Wort bzw. die Vorsilbe „Retro“ ist erstaunlich jung und stammt aus dem amerikanischen Raumfahrtprogramm der 60er-Jahre: „Retrorockets“ stand in jenem Kontext kurz für „Retrograde rockets“, das waren Raketen, die der Hauptrakete Bremsschub verliehen1 Als Stilbezeichnung kam es ebenfalls in den 60er-Jahren in Gebrauch, um Revivals des Jugendstils (art nouveau) und von Art Deco zu bezeichnen. Von der Kunst/Architektur gelangte das Wort über die Werbung schliesslich in die Alltagssprache und zur Popmusik.2
Wenn man von „Rückwärtsbewegungen der Innovation“ spricht, unterstellt man ein modernes Geschichtsbild des historischen Fortschritts. Dieses Geschichtsbild wurde durch die Postmoderne natürlich in Frage gestellt.3 Simon Reynolds bekennt sich an mehreren Stellen und mit dem ganzen Gestus seines Retromania-Buches zum Modernismus.4 Wenn wir ihm hier folgen, geschieht das in hermeneutischer Absicht. Wir nehmen den Text ernst, um die darin behandelten Phänomen zu verstehen. So stellen wir, ausgehend von Reynolds Buch, Materialien zusammen, die zeigen, wie und warum sich Musiker/-innen seit den späten 60er-Jahren auf frühere Stile zurückbeziehen.
Wir schauen hier auf Ereignisse, Musiker/-innen und Werke (Alben, Songs, Videos, Filme), die von einer bestimmten Nostalgie getragen sind, deren Motivation wir zu verstehen suchen.
2.1 ROCK ON: AUSNÜCHTERUNGSTENDENZEN DER ROCKGENERATION
Die erste behandelte Retrowelle ist das Rock-’n’-Roll-Revival der End-60er- und frühen 70er-Jahre. Damals wurden solche Phänomen noch als „Revival“ bezeichnet. Die einen verklärten die 50er-Jahre als die Zeit einer ursprünglichen Authentizität (z.B. John Lennon, der 1975 sein Rock-’n’-Roll-Album herausgibt), die anderen parodierten sie5 (z.B. Frank Zappa und die Mothers of Invention, die 1968 unter dem fiktiven Bandnamen Ruben and the Jets ein Album mit Doo-Wop-Parodien aufnehmen).
John Lennon: Rock’n’Roll. Apple CS 7169, 1975.
Frank Zappa & Mothers Of Invention: Cruising With Ruben And The Jets. Verve V6 5055 X, 1968.
2.2 NO FUTURE: DIE VORBEREITUNG EINER REVOLUTION OHNE ZUKUNFT
Eine zweite Materialsammlung zum Proto-Punk zeigt, dass Punk, der 1977 einen Umsturz bisher geltender rockmusikalischer Werte auslöste, so fortschrittlich gar nicht war: Punk wollte die gute alte Zeit des Garagerock wieder beleben, als Musik aus reinem Spass auch von Dilettanten gespielt wurde. Diese Arbeit kommt in der Form von kurzen Forschungsberichten zu ausgewählten Themen.
2.3 POSTPUNK UND NEWPOP: IRONISCHES SPIEL MIT DER TRADITION
Die dritte Retro-Rubrik behandelt die ironische Haltung von Musiker/-innen aus der Postpunk-Zeit. Das betrifft in erster Linie die Jahre zwischen 1978 und 1984, es fanden sich aber auch spätere Beispiele. Die ironische Haltung kommt zustande, weil nach Punk nichts mehr ist, wie zuvor. Punk bricht mit dem, was John Covach, Professor an der University of Rochester, als „Hippie-Aesthetic“6 bezeichnet: die Ambitionen von Rockmusiker/-innen, ihre instrumentalen Fertigkeiten, der Hang zu monumentalen Formen wie Rockoper, Konzept- und Themenalben, die teuren Studios sowie die aufwändigen Bühnenshows. Einige junge Bands nach Punk provozierten mit militanten oder abweisenden Sounds, mit Lärm, Dissonanz und Atonalität (z.B. Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, Gang Of Four oder Pere Ubu). Wer nicht mit einer schroffen Anti-Haltung gegenüber der Rocktradition auftrat, musste sich durch Ironie von ihr distanzieren. Ironie war das perfekte Mittel, weiter mit Gitarre, Bass und Schlagzeug Rockmusik zu machen, dabei aber zu demonstrieren, dass man anders ist als eine Band wie Pink Floyd oder die Hippies im Allgemeinen.
Elvis Costello zog eine Buddy-Holly-Brille an, nicht weil er ein Rock-’n‘-Roll-Revival wollte, sondern weil er sich damit ironisch gebrochen als Rockstar inszenieren konnte (siehe Bild). In dieser historischen Phase kommt die erste postmoderne Popmusik auf, die mit den Authentizitätsvorstellungen der Rockmusik und ihren Blues-Wurzeln brach. Die Musiker-Person und die Songs waren von nun an Zeichen, mit denen ironisch gespielt wurde. Das Spiel funktionierte, weil die Musikhörer/-innen die Zitate, Referenzen und Rückgriffe verstanden.
2.4 RETROTENDENZEN IM ALTERNATIVEROCK
Schon während der Zeit von Postpunk gab es allerlei Revivals (Mod-, Ska-, Rockabilly-Revival) und 1983/84 war rasch fertig mit Postpunk-Experimenten. Eine Zeit brach an, in der die Experimente mit der Tradition vermittelt wurden. Die 60er- und frühen 70er-Jahre wurden von einer jungen Generation wiederentdeckt und New-Soul sowie New-Folk dominierten den Mainstream während der Untergrund Folk- und Countrymusik mit einem kräftigen Schuss Punk neu inszenierte. Simon Reynolds spricht davon, dass in dieser Zeit eine diffuse Retro-Launenhaftigkeit ausbrach («omnidirectional outbreak of retro faddishness»).7
In den 90er Jahren, als sich bereits eine neue Generation mit elektronischer Tanzmusik, mit Techno, zu artikulieren begann, griffen britische Alternativrock-Bands wie Oasis, Blur, Pulp, Verve, Suede noch einmal tief in die Kiste der Geschichte und sorgten für ein Sixties-Revival. London swingte wieder!
Auch in den Nullerjahren bezogen sich Alternativerockbands auf früher schon Dagewesenes. Garagerock und Postpunk feierten bei Bands wie den White Stripes, Libertines, Strokes, Franz Ferdinand, Arctic Monkeys) mächtige Revivals. Auch Prog- und Mathrock wurden von Bands wie Tool, Porcupine Tree, Muse oder Mars Volta rezykliert. Es bleibt bis heute das Gefühl, dass seit den 90er-Jahren zum Vokabular von Rock nichts mehr wesentlich Neues hinzu kommt.
2.5 RETRO ALS GESCHICHTSKORREKTUR
Mit dieser und der nächsten Kategorie kommen wir nun in der Zeit nach dem Millenium an. Musiksammlungen werden zu digitalen Archiven. Den Archiven wird ausser kanonisierter Musik, auch solche zugefügt, die aus irgendeiner geografischen, thematischen oder medialen Versenkung herausgehoben wird. So wurde Exotisches (Psychedelische Musik aus Pakistan, Pop und Folk aus Algerien) (wieder-)entdeckt, unbeachtet Gebliebenes (introvertierter Psychfolk aus den frühen 70er-Jahren: Linda Perhacs, Vashti Bunyan, Sibylle Baier) oder Verwahrlostes (Archiv- oder Produktionsmusik). Oft wird diese Musik von den Rändern der Geschichtsschreibung mit grosser Geste wiederentdeckt: Sixto «Sugarman» Rodrigues sei besser als Bob Dylan, heisst es.8 Es ist als würde die Musikgeschichte dekonstruiert und neu erzählt.
2.6 POST-MILLENIUM: GEISTER DER VERGANGENEN ZUKUNFT
Jacques Derridas Idee der Hauntology, einer Wissenschaft oder Philosophie der Geister – «spectres» – (diese sind etwas, das man nicht eindeutig bestimmen kann, sie sind weder da noch verschwunden) verbreitete sich im Feld der Populären Musik der Nullerjahre viral. Das Konzept passte haargenau auf wichtige Teile der Musik des neuen Jahrtausends, passte auf so verschiedene Acts wie Boards of Canada, William Basinski, Ariel Pink’s Haunted Graffiti, J. Dilla oder auf die Releases des Ghost Box Labels, das sich explizit auf Derrida bezog.
In der elektronisch produzierten Musik konnte die Verwendung von Samples schon immer Irritation auslösen: Sei es, wenn ein prominentes ABBA-Sample wiedererkennbar in einem Madonna-Stück vorkommt (Madonna: Hung Up9) oder wenn in einem Track Samples verschiedener Provenienz ein neues, überraschendes Ganzes ergeben (Massive Attack: Safe From Harm, das Samples von Billy Cobham: Stratus (1973) und Funkadelic: Good Old Music (1970).10
Madonna: Hung Up (Musikvideo). Text und Musik: Benny Andersson & Madonna & Stuart Price & Björn Ulvaeus. Nachweis (Single): Maverick W 695 CD1, 2005.
Auf einer anderen, medialen Ebene arbeiten Boards of Canada oder William Basinski11, 2012.]. Sie machen Tonbänder als defekte oder zerfallende Trägermedien hörbar. In allen diesen Beispielen enthält neue Musik Teile von alter Musik – «The Past Inside The Present», wie ein Aufsatz zur Hauntologie von Adam Harper heisst.12 Besonders interessant wird die Sache, wenn die verwendeten Samples von Musik stammt, die in ihrer Zeit explizit futuristisch war. Dann bewirkt das Verwenden von Samples, dass alle zeitlichen Kategorien zerfallen: Man hört dann in der vermeintlichen Gegenwart eine vergangene Zukunft (zu hören in Ghost Box Releases, die mit der Ästhetik von Produktionsmusik der frühen 60er-Jahren arbeiten, das ist Musik, die in Medien wie Radio oder TV als Hintergrundmusik in Jingles oder in der Werbung verwendet worden ist. Diese Musik klang für damalige Ohren oft futuristisch oder nach Science-Fiction, weil sie mit elektronischen Mitteln produziert wurde).
- Reynolds, 2011, p. xxi – Reynolds zitiert in dieser Sache die Designhistorikerin Guffey (siehe Guffey, Elizabeth: Retro: The Culture of Revival. London: Reaktion Books 2006.). ↩
- Guffey schreibt, dass Retro und Postmodernismus weitgehend austauschbare Begriffe seien (Guffey, 2006, S. 21). In der Kunst tauche der Begriff just zum Zeitpunkt auf, zu dem die Philosophie damit begann, die Geschichte bzw. die Historizität zu dekonstruieren (Guffey, 2006, S. 21). Sie nennt den Literaturtheoretiker Fredric Jameson, der in seinem Buch „Posmodernism or the Cutural Logic of Late Capitalism“ von der Auslöschung der Geschichtlichkeit sprach („eclipse of historicity“) und davon, dass es eine Vielzahl leerer stilistischer Gesten gäbe, die einen wahllosen Appetit auf tote Stile und Moden hätten (S.22). ↩
- vergleiche Jameson, Fredric: Posmodernism or the Cutural Logic of Late Capitalism. Durham, Duke University Press 1991. ↩
- Reynolds in Retromania: „I’m not alone in feeling perplexed by these prospects. I’ve lost count of the number of hand-wringing newspaper columns and blog posts that worry about what happened to innovation and upheaval in music. Where are the major new genres and subcultures of the twenty-first century?“ (p. xiv) oder „I’m not the only one feeling a pang for the future that never arrived. The frustration is widely felt and has been mounting for some time“ (p. 362). Er spricht in diesem Zusammenhang von einer Nostalgie für die Zukunft („nostalgia for the future“) (p. 363), sowie das Bekenntnis im letzten Kapitel: „I belong to a minority of future addicts“ (p. 403). ↩
- siehe Halbscheffel, Bernward: Living in the Past. Rock-Opern, -Symphonien, -Suiten und Parodien; in: Kneif, Tibor (Hg.): Rock in den 70ern. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1980. ↩
- J. Covach, 2012, p. 302 ↩
- S. Reynolds, 2011, p. 199 ↩
- Vergleiche dazu Christoph Fellmann (2013): Wenn der Flop der wahre Hit ist. In: Tages-Anzeiger, 4. Juli 2013, S. 23. (Online aufgerufen am 1. Juli 2014). ↩
- Madonna: Hung Up. Text und Musik: Benny Andersson & Madonna & Stuart Price & Björn Ulvaeus. Nachweis (Single): Maverick W 695 CD1, 2005. ↩
- Massive Attack: Safe From Harm. Text und Musik: William E. Cobham, Jr. & Grantley Marshall & Robert ‚3D‘ del Naja & Shara Nelson & Andrew ‚Mushroom‘ Vowles. Nachweis (Single): Virgin, 1991. ↩
- William Basinski: The Disintegration Loops. Temporary Residence TRR 194 [5 CD + DVD Box ↩
- Adam Harper (2009): The Past Inside The Present. http://rougesfoam.blogspot.fr/2009/10/hauntology-past-inside-present.html (Publikationsdatum: 2009 10 27). ↩