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Mit den Informationen, die bis heute über Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Schweiz vorliegen, kann nur ein Teil der in diesem Kapitel aufgeworfenen Fragen beantwortet werden; so liegen nur wenige relevante Informationen vor zum Umfeld von Kindern bis 10 Jahren. Viele Erhebungen gehen nicht standardmässig auf die familiäre Einbindung der Befragten ein, so dass beispielsweise zu wenig über die soziale Lage oder die Wohnsituation von Familien mit Kleinkindern bekannt ist. Ebenfalls vernachlässigen Erhebungen, die spezifisch zur Lage der Migrationsbevölkerung durchgeführt werden, den familiären Blickwinkel und die Situation der Kinder.
Der heutige Stand der Forschung zeigt, dass der Grossteil der rund 2,3 Millionen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz in einem unterstützenden und ressourcenreichen Umfeld aufwächst. Deutlich wird auch, dass die Chancen für eine gute Entwicklung und Gesundheit von Lebensbeginn an sehr verschieden sind und in hohem Mass von den Ressourcen und Belastungen sowie dem sozioökonomischen Status ihrer Familien geprägt sind (vgl. dazu auch Obsan Bericht 01/2020 von Zumbrunn et al.). Die Gesundheitsförderung im Kindesalter darf sich deshalb nicht nur auf die individuelle Gesundheit beziehen, sondern muss auch die Stärkung der Ressourcen in der Familie und in den Lebenswelten der Kinder zum Ziel haben (Richter-Kornweitz, 2015). Aus der Erforschung der lebenslangen Entwicklung der Gesundheit ist bekannt, dass sogenannte kritische Perioden existieren (z. B. frühe Kindheit), in der besonders viele «gesundheitliche Weichen» gestellt werden. Ausserdem zeigt sich, dass die Kumulation von Risiken über die Lebenszeit von grosser Bedeutung ist (Azria, 2015; Dragano & Siegrist, 2009).
Mit Blick auf die demografische Entwicklung kommt der Stärkung der sozialen und ökonomischen Ressourcen von jungen Menschen eine herausragende Stellung zu. Obwohl sich die Geburtenrate in den letzten Jahren stabilisiert hat, wird sich die Alterung der Bevölkerung aufgrund der «Babyboomer»-Generation noch während einiger Jahre fortsetzen. Bis 2035 dürfte sich der Anteil der Personen im Alter von 65 Jahren und mehr von heute 18% auf 25% erhöhen. Ohne Anpassungen am Sozialversicherungssystem steigt die Belastung der jungen Generation stetig an. Sie muss einen immer grösser werdenden Teil des von ihr erwirtschafteten Einkommens für die Erfüllung des Generationenvertrags aufwenden.
Die Ziele der UN-Konvention der Kinderrechte sind gemäss Einschätzung befragter Expertinnen und Experten bei den verantwortlichen Organisationen der Schweiz weitgehend anerkannt und werden in vielen Lebensfeldern zunehmend umgesetzt. Die Expertinnen und Experten sehen aber folgende Punkte als kritisch an:
- Eine ausgeprägte Ungleichheit in den Bildungs- und Gesundheitschancen der Kinder. Diese sind abhängig vom Status der Eltern, womit das Recht auf bestmögliche Gesundheit tangiert wird.
- Der regional unterschiedliche Ausbau der Frühförderung. Dieses Mittel zur Verbesserung der Chancengleichheit wird in vielen Kantonen und Gemeinden noch wenig stark genutzt.
- Der in der Schweiz ungenügende Schutz vor Gewalt im Zusammenhang mit der Körperstrafe als Erziehungsmittel.
- Das Schwinden der für die Entwicklung wertvollen unstrukturierten Freizeit, was das ebenfalls in der UN-Konvention festgehaltene Recht des Kindes auf Ruhe und Erholung tangiert.
- Ein im Vergleich mit anderen europäischen Ländern feststellbarer Nachholbedarf im Bereich der Mitbestimmung der Kinder und Jugendlichen.