Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/1086

Als Kind fremdplatziert: Sie lernt mit 67 Jahren ihre Familie väterlicherseits kennen
Dem Suchdienst ist es gelungen, die Spur des Vaters der als Kind fremdplatzierten Imelda Morard aufzuspüren. So vergrösserte sich ihre Familie um eine Nichte, die es gar nicht fassen konnte. Gleichzeitig wurde ihr klar, woher ihre Willensstärke kommt.
«Ich wollte lieber nie wissen, wer mein Vater war.» Als Imelda Morard auf die Welt kam, war ihr Vater Witwer und hatte fünf Kinder. Er hat sie nie getroffen, obwohl er regelmässig Alimente zahlte.
Imelda Morards Mutter war bei ihrer Geburt ebenfalls verwitwet und hatte bereits drei Kinder. Deshalb bestellte ihr Heimatort Estavannens im Kanton Freiburg einen Vormund für Imelda Morard. Das war Ende der 1950er-Jahre. Damals konnte ein Kind nicht keinen Vater haben.
«Im Vergleich zu meinen Geschwistern hatte ich Glück, einen Vormund zu bekommen», sagt Imelda Morard. «Er hat Alarm geschlagen.» Als sie 18 Monate alt war, wurden die Geschwister in Pflegefamilien untergebracht – kurz vor der Geburt eines fünften Kindes von einem dritten Vater.
Ich wollte lieber nie wissen, wer mein Vater war.
Imelda Morard, wurde im Alter von 18 Monaten fremdplatziert
Fremdplatzierte Kinder
Im Oktober 2020 wurde der Suchdienst SRK kontaktiert. Im Rahmen der Entschädigung für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen erhielt Imelda Morard ihre Vormundschaftsakten. Von da an machte sie sich auf die Suche nach ihrem Vater und ihren Halbgeschwistern väterlicherseits.
Die Suche nach dem Vater führte zunächst zu einer Halbschwester von Imelda Morard, die jedoch bereits verstorben war.
2022 fand der Suchdienst SRK eine neue Spur. Es handelte sich um die Tochter dieser Halbschwester. Sie heisst Martine Pipoz und erhielt einen alles andere als banalen Brief:
«Der Suchdienst des SRK unterstützt Personen bei der Suche nach vermissten Familienmitgliedern. Wir haben eine Suchanfrage von einem Familienmitglied erhalten, das gerne mit Ihnen Kontakt aufnehmen möchte.»
GUT ZU WISSEN
Ausserfamiliäre Platzierungen
Bis 1981 wurden Zehntausende Kinder und Erwachsene Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. 2013 entschuldigte sich die Schweiz bei den Betroffenen. Diese konnten anschliessend eine Entschädigung geltend machen.
Das Schweizerische Rote Kreuz wird in diesem Zusammenhang regelmässig kontaktiert, um getrennte Familien wieder zusammenzuführen.
- Mehr erfahrenÖffnet ein neues Fenster
«Ihr Grossvater wäre ihr Vater.»
Als sie den Brief des Roten Kreuzes öffnete, dachte Martine Pipoz zuerst, ihrem Bruder sei etwas zugestossen. Sie ruft gleich beim Suchdienst an und ist ganz überrascht von der Neuigkeit:
Nach mehreren Kontrollfragen des Suchdienstes und der Erteilung ihrer Zustimmung, mehr zu erfahren, folgte die grosse Überraschung: «Es scheint so, dass Ihr Grossvater der Vater von Imelda Morard ist.»
Martine Pipoz hatte eine enge Verbindung zu ihrem «Opa»: «Er war seit Langem verwitwet, aber ich wusste nichts von einer Freundin!» Sie war - obwohl sie sehr verblüfft war - sofort einverstanden, Imelda Morard zu treffen. Viele Fragen gingen ihr durch den Kopf.
Das Treffen
Zwei Unbekannte erkannten sich in einer Crêperie in Châtel-St-Denis an vertrauten Merkmalen: «Sie ist meinem Opa wie aus dem Gesicht geschnitten!» Sie mussten herzlich lachen und duzten sich sofort.
Martine Pipoz brachte Fotos von allen Familienmitgliedern mit und hatte sogar Erklärungsnotizen vorbereitet. Die beiden Frauen hatten einander so viel zu erzählen, dass sie gar nicht merkten, wie die Zeit verging.
Starker Charakter
Eine der wichtigsten Fragen von Imelda Morard zu ihrem Vater betraf dessen Charakter. Gemäss seinen Nachkommen war er ein willensstarker Mann. Und auf einen Schlag wurde für Imelda Morard, die immer fand, ihre Geschwister hätten «wenig Charakter», alles klar. Dieses Persönlichkeitsmerkmal des Grossvaters hatte zwar in der Familie nicht nur gute Erinnerungen hinterlassen, erfüllte Imelda Morard aber dennoch mit Stolz: «Dank seiner Willensstärke habe ich den Krebs besiegt und mit 53 Jahren meinen ersten Abschluss gemacht!»
Martine Pipoz und ihre Verwandten fragen sich derweil manchmal belustigt: «Meinst du, dass wir noch weitere solche Überraschungen in der Familie erleben werden?»
BLICK ZURÜCK
Suchdienst SRK
Seinen ideellen Ursprung hat der Suchdienst 1859 auf dem Schlachtfeld von Solferino. Henry Dunant engagierte sich dort für die Verletzlichsten: Er verband Wunden, gab Soldaten, die mit dem Tod rangen, zu trinken und notierte Abschiedsbotschaften von Sterbenden. Diese Botschaften konnten später an Verwandte übermittelt werden, die somit wussten, was mit ihren Angehörigen geschehen war. Offiziell gegründet wurde der Suchdienst SRK in der Nachkriegszeit. In jenen Jahren gingen unzählige Suchanfragen von Zivilpersonen und Kriegsgefangenen ein. Die Bearbeitung dieser Anfragen wurde 1947 das erste Mal im Jahresbericht des SRK erwähnt.