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Das Ziel des Satellitenkontos Tourismus ist es, aus ökonomischer Perspektive Antworten zu Stand und Entwicklung des Tourismus in der Schweiz zu geben. Zu diesem Zweck werden die folgenden drei Kerngrössen berechnet: touristische Verwendung (entspricht dem touristischen Gesamtkonsum), touristische Wertschöpfung und touristische Beschäftigung. Auf der Basis der letzten zwei Variablen lässt sich der Anteil des Tourismus an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung und Beschäftigung berechnen.Das Satellitenkonto Tourismus basiert auf der Methodik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Da es sich beim Tourismus aber nicht um eine Branche im Sinne der VGR handelt und er dementsprechend in deren Nomenklatur nicht enthalten ist, werden die benötigten Informationen aus den tourismusbezogenen Komponenten verschiedenster Branchen extrahiert und in einem separaten Konto, dem «Satellitenkonto Tourismus» (Tourism Satellite Account, TSA), zusammengefasst.
Leichte Zunahme des touristischen Konsums
Im Jahr 2005 belief sich die gesamte touristische Verwendung in der Schweiz – d.h. der touristische Gesamtkonsum – auf rund 32,6 Mrd. Franken; das sind knapp 2% oder 504 Mio. Franken mehr als im Jahr 2001. Davon entfielen 30,4 Mrd. Franken auf die direkte touristische Nachfrage und 2,1 Mrd. Franken auf die übrigen Komponenten der touristischen Verwendung. Nach touristischen Produkten geordnet, entfiel ein Drittel der Verwendung auf die klassischen Tourismusprodukte Beherbergung und Verpflegung in Gaststätten und Hotels sowie etwas weniger als ein Fünftel auf die Passagierverkehrsdienstleistungen (siehe Grafik 1). Zwischen den einzelnen Tourismusprodukten lassen sich dabei unterschiedliche Entwicklungen feststellen: Während die Nachfrage in der Restauration zwischen 2001 und 2005 leicht rückläufig war, nahm die touristische Verwendung von Beherbergungsleistungen leicht zu. Diese Differenz erklärt sich dadurch, dass der Anstieg bei den Beherbergungsleistungen überproportional auf das Konto der selbst bewohnten Ferienwohnungen ging, welche eine deutlich geringere Nachfrage nach Restaurationsleistungen generieren als die übrigen Beherbergungsformen. Die Erbringung touristischer Passagierverkehrsdienstleistungen musste zwischen 2001 und 2005 einen überaus deutlichen Rückgang hinnehmen. Dieser Rückgang ist vollumfänglich den Veränderungen in der Luftverkehrsbranche zuzuschreiben, deren Aktivitäten nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001 und dem Konkurs der Swissair im Herbst 2001 auf ein tieferes Niveau zurückgeworfen wurden. Die übrigen Verkehrszweige konnten demgegenüber im Berichtszeitraum ihre touristischen Einnahmen erhöhen.Bei den übrigen Tourismusprodukten konnten im Berichtszeitraum insbesondere die Reisebüros, der Bereich Sport und Unterhaltung (wegen der neu eröffneten Spielcasinos), die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (wegen des zunehmenden Einsatzes elektronischer Zahlungsmittel) sowie das Gesundheitswesen Zuwächse verzeichnen.
Rückgang bei den ausländischen Besuchern
Zwei Drittel der touristischen Nachfrage entfielen auf die übernachtenden Besucher (siehe Grafik 2). Während die Nachfrage bei den Inländern stagnierte, ging diejenige der übernachtenden ausländischen Besucher zwischen 2001 und 2005 deutlich zurück. Dies ist eine weitere Konsequenz aus dem Einbruch beim Luftverkehr, welcher überproportional auf die ausländischen übernachtenden Besucher entfiel. Die Nachfrage der in- und ausländischen Tagesbesucher konnte dagegen eine erfreuliche Zunahme verzeichnen.
Abnahme beim Wertschöpfungsanteil des Tourismus
Die 32,6 Mrd. Franken touristische Verwendung im Jahr 2005 generierten eine Wertschöpfung von rund 12,6 Mrd. Franken (siehe Grafik 3). Dies sind knapp 2% oder 234 Mio. Franken mehr als im Jahr 2001. Weil jedoch im gleichen Zeitraum die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung mit einem Wachstum von beinahe 8% deutlich stärker zunahm, ging der Tourismusanteil an der gesamten Wertschöpfung von 3,1% auf 2,9% zurück. Mit einem Anteil von rund 3% an der gesamten Wertschöpfung handelt es sich beim Tourismus um eine mittelgrosse «Branche» der schweizerischen Volkswirtschaft, in der Grössenordnung vergleichbar mit den Branchen Nachrichtenübermittlung, Maschinenbau oder Herstellung von medizinischen und optischen Geräten und Uhren. Die Entwicklung des Tourismusanteils an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung sollte jedoch nicht überinterpretiert werden: Da der Tourismus ausgesprochen konjunktursensitiv reagiert, hängt die Entwicklung des Tourismusanteils an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung jeweils sehr von der gewählten Zeitperiode ab. Wären statt den Jahren 2001 und 2005 etwa die Jahre 2003 und 2007 (ersteres ein relatives Krisenjahr, letzteres ein relatives Boomjahr für den Tourismus) als Referenzperiode gewählt worden, hätte möglicherweise ein Anstieg des Tourismusanteils an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung resultiert. Umgekehrt wäre bei einer Betrachtung der Jahre 2000 und 2003 (ersteres ein relatives Boomjahr, letzteres ein relatives Krisenjahr für den Tourismus) der Rückgang noch deutlicher ausgefallen. Die beiden im Satellitenkonto Tourismus berücksichtigten Jahre 2001 und 2005 sind also Zwischenjahre, wobei das Jahr 2001 (insbesondere in der zweiten Jahreshälfte) den Übergang der Tourismuswirtschaft von einer Boomphase in den Abschwung und das Jahr 2005 den Beginn des Wiederaufschwungs kennzeichnet. Insofern kann die berechnete Entwicklung als langfristig repräsentativ angesehen werden.Die traditionellen Tourismusprodukte Beherbergung und Verpflegung in Gaststätten und Hotels vereinigten im Jahr 2005 42% der gesamten touristischen Wertschöpfung auf sich. Deren wesentlich geringerer Anteil von 32% an der touristischen Verwendung unterstreicht den wertschöpfungsintensiven Charakter dieser Tourismusprodukte. Im Jahr 2001 betrug der Anteil an der gesamten touristischen Bruttowertschöpfung noch 44%. Ebenfalls einen Rückgang von 17% auf 16% an der gesamten touristischen Bruttowertschöpfung musste wegen des Einbruchs beim Luftverkehr der Passagierverkehr hinnehmen. Weil es sich beim Luftverkehr aber um eine unterdurchschnittlich wertschöpfungsintensive Branche handelt, fiel der Rückgang deutlich geringer aus als bei der touristischen Verwendung.Die übrigen tourismuscharakteristischen und -verwandten Produkte konnten ihre Wertschöpfung wie auch ihren Anteil am Total der touristischen Wertschöpfung deutlich steigern. Auch hier zeichneten sich die Bereiche Sport und Unterhaltung (wegen der neue eröffneten Spielcasinos) sowie Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (wegen des zunehmenden Einsatzes elektronischer Zahlungsmittel) durch ein überdurchschnittliches Wachstum aus.
Gründe für den rückläufigen Wertschöpfungsanteil
Zum rückläufigen Wertschöpfungsanteil des Tourismus beigetragen haben zum einen singuläre politische oder wirtschaftliche Ereignisse, wie zum Beispiel die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA oder der Bankrott der Swissair im Herbst 2001. Daneben hatten aber auch die allgemein schleppende Konjunktur in den wichtigsten Herkunftsländern sowie der starke Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar und dem Yen grosse Auswirkungen auf die Besucherzahl aus dem Ausland: Der US-Dollar fiel von 1,78 Franken (Juni 2001) auf 1,14 (Dezember 2004) und der Yen von 1,63 Franken (November 2000) auf 1,10 Franken (November 2005). Dass gerade diese beiden Währungen an Wert gegenüber dem Schweizer Franken verloren, zeigt sich auch in der unterschiedlichen Entwicklung der Tourismuseinnahmen von übernachtenden und nicht übernachtenden ausländischen Besuchern: Die Tagesbesucher stammten vorwiegend aus dem Euro-Raum, dessen Währung gegenüber dem Schweizer Franken annähernd konstant blieb.
Anteile der einzelnen Tourismusprodukte
Neben dem Tourismusanteil an der gesamten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung berechnete das Satellitenkonto Tourismus auch die Anteile an der Wertschöpfung der einzelnen Tourismusprodukte, welche auf den Tourismus entfallen (siehe Grafik 4). Der Tourismusanteil bei der Beherbergung beträgt sowohl 2001 wie auch 2005 rund 11%. Dieser überraschend tiefe Wert erklärt sich dadurch, dass wegen der selbst bewohnten Ferienwohnungen auch alle anderen Wohnungen im Besitz von Privaten für die Berechnung der gesamten Bruttowertschöpfung berücksichtigt werden mussten. Bei der Restauration liegt der Tourismusanteil in beiden Jahren bei etwas mehr als einem Viertel, wobei sich der leichte Anstieg zwischen 2001 und 2005 dadurch erklärt, dass die nicht touristische Nachfrage noch stärker zurückging als die touristische Nachfrage. Nach den Reisebüros und Tourismusvereinen, welche durch die Natur ihrer Tätigkeit einen Tourismusanteil von gegen 100% erreichen, weist der Passagierverkehr mit 41% (2001) bzw. 39% (2005) den höchsten Tourismusanteil an der Bruttowertschöpfung auf, welcher hauptsächlich auf den Luftverkehr und die Bergbahnen zurückgeht – wobei sich der Rückgang im Berichtszeitraum wiederum durch den Einbruch im Luftverkehr erklärt.Einen Hinweis verdienen auch die Bereiche Kultur, Sport und Unterhaltung: Obwohl ihr Anteil an der gesamten touristischen Wertschöpfung relativ gering ist, belegen Tourismusanteile von rund 21% für den Bereich der Kultur und von 16% (2001) bzw. 17% (2005) für den Bereich des Sports und der Unterhaltung die Bedeutung des Tourismus für diese Dienstleistungen.
Weiterhin hohe Beschäftigungsintensität
Die tourismusbezogene Beschäftigung – ausgedrückt in vollzeitäquivalenten Stellen – ging zwischen 2001 und 2005 um 3,8% von 143 633 auf 138203 zurück (siehe Grafik 5) und machte damit 4,6% (2001) bzw. 4,4% (2005) an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung aus. Rund 50% der Gesamtbeschäftigung entfiel dabei auf die beschäftigungsintensiven Tourismusprodukte Beherbergung und Verpflegung in Gaststätten und Hotels. Unterdurchschnittlich war der Anteil hingegen bei den Passagierverkehrsdienstleistungen, was sich durch die weit gehende Mechanisierung dieser Branche erklärt.Bei gleichzeitiger – wenn auch nur geringer – Steigerung der Wertschöpfung konnte der Tourismussektor damit eine Steigerung der nominalen Arbeitsproduktivität erzielen, welche nur unwesentlich unter derjenigen der Gesamtwirtschaft lag. Einen positiven Einfluss hatten dabei die Branchen Transporte (Landverkehr, Schifffahrt, Luftfahrt) sowie Gross- und Detailhandel, deren Anstieg der nominalen Arbeitsproduktivität höher ausfiel als jener der Gesamtwirtschaft und somit die Stagnation der nominalen Arbeitsproduktivität der Branche Gastgewerbe kompensierte. Der höhere Anteil des Tourismus an der Beschäftigung gegenüber der Wertschöpfung unterstreicht deutlich den beschäftigungsintensiven Charakter der Produktion von Tourismusprodukten. Insbesondere das Gastgewerbe leistet einen hohen Beitrag nicht nur zur touristischen, sondern auch zur volkswirtschaftlichen Beschäftigung.
Thomas Baumann
Verantwortlicher für die Erstellung des Satellitenkontos Tourismus, Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg
Ueli Schiess
Stv. Chef der Sektion Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg
1 Bundesamt für Statistik (2008), Satellitenkonto Tourismus der Schweiz, 2001 und 2005: Grundlagen, Methodik und Ergebnisse. Neuenburg.
2 Bundesamt für Statistik (2003), Satellitenkonto Tourismus der Schweiz: Grundlagen, Methodik und Ergebnisse. Neuenburg.
Methodische Grundlagen
Das Satellitenkonto Tourismus basiert methodisch auf den Richtlinien der World Tourism Organization (WTO), insbesondere deren Referenzwerk Tourism Satellite Account: The Recommended Methodological Framework (TSA: RMF). Das TSA: RMF definiert eine Nomenklatur der tourismusspezifischen Produkte, eine Typologie der touristischen Besucher sowie ein Tabellensystem, welche auch dem Satellitenkonto Tourismus der Schweiz zugrunde liegen.
Nomenklatur der Tourismusprodukte
Die tourismusspezifischen Produkte umfassen die sogenannten tourismuscharakteristischen und tourismusverwandten Produkte. Die tourismuscharakteristischen Produkte unterteilen sich weiter in die sieben Produkte Beherbergung, Verpflegung in Gaststätten und Hotels, Passagierverkehr, Reisebüros und Tourismusvereine, Kultur, Sport und Unterhaltung sowie diverse Dienstleistungen.
Typologie der Besucher
Das Satellitenkonto Tourismus unterscheidet die folgenden fünf Besuchertypen: inländische Besucher auf privaten Reisen mit Übernachtung, inländische Besucher auf privaten Reisen ohne Übernachtung, inländische Geschäftsreisende, ausländische Besucher auf Reisen mit Übernachtung und ausländische Besucher auf Reisen ohne Übernachtung.
Tabellensystem des TSA
Kernstück des Satellitenkontos Tourismus ist ein System mehrerer aufeinander basierender Tabellen. Zuerst wird die direkte touristische Nachfrage von in- und ausländischen Besuchern ermittelt. Die übrigen Komponenten der touristischen Verwendung (z.B. Beiträge der öffentlichen Hand an das Transport-, Gesundheits- und Kulturwesen, die Tourismusförderung oder fiktive Mieterträge von selbstbewohnten Ferienwohnungen) ergeben zusammen mit der direkten Nachfrage die gesamte touristische Verwendung; anstelle von touristischer Verwendung kann anschaulicher auch von touristischem Konsum gesprochen werden. Der nächste zentrale Schritt im Tabellensystem besteht darin, der gesamten touristischen Verwendung das gesamte inländische Aufkommen gegenüberzustellen, wobei das inländische Aufkommen der inländischen Bruttoproduktion entspricht. Darauf basierend werden mithilfe der Input-Output-Tabelle für die Schweiz und des Produktionskontos der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung die touristische Bruttowertschöpfung und Beschäftigung berechnet.
Das TSA als Synthesestatistik
Das Satellitenkonto Tourismus ist – wie auch die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – eine Synthesestatistik. Als solche beruht sie nicht auf eigenen Erhebungen, sondern auf der Verwendung verschiedener Basisstatistiken. Neben der Input-Output-Tabelle für die Schweiz sind dies hauptsächlich die Beherbergungsstatistik (Hesta), die Statistik des öffentlichen Verkehrs des BFS, das Reiseverhalten der schweizerischen Wohnbevölkerung und die Mikrozensen zum Verkehrsverhalten. Daneben werden Daten aus einer Vielzahl anderer Statistiken und Quellen verwendet, so unter anderem Geschäftsberichte von Unternehmen, administrative Daten von Bundesämtern und Aufsichtsorganen, Studien von Hochschulen und Daten von Branchenorganisationen. In der Regel sind die Resultate dieser Basisstatistiken nicht miteinander kohärent. Sie müssen daher zuerst miteinander verglichen und harmonisiert werden. Da die Erstellung der Basisstatistiken selbst oft relativ zeitintensiv ist, ergibt sich bis zur Publikation der definitiven Werte des Satellitenkontos Tourismus eine relativ grosse zeitliche Verzögerung.