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Yoga den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen anpassen
Ich unterrichte in der Tradition Krishnamcharyas, der den Begriff Viniyoga geprägt und einer breiten Menge zugänglich gemacht hat. Viniyoga erschliesst sich aus der Bedeutung aus der Wurzel des Sanskrit-Wortes „yuj“: „zuteilen“, „bestimmen für“ und kann im weiteren Sinne als „Anpassung“ beschrieben werden.
Yogaübungen in Schritten an den Übenden angepasst
Viniyoga wird in Patanjalis Yoga-Sutra beschrieben („Tasya bhumishu viniyogah“, YS 3.6): Die Meditationspraxis ist stets der jeweiligen Stufe (bhumi), auf der sich der Übende befindet, zu gestalten: Die Schritte der Praxis müssen ganz individuell zum jeweils Übenden passen.
Viniyoga ist also die individuelle und somit intelligente Anwendung der Mittel und Methoden, die der Yoga bietet.
Asanas können im Yoga unterschiedlich eingesetzt werden
Körperhaltungen, asanas, können auf unterschiedliche Weise und für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden:
Statisch, dynamisch oder als Teil eines Vinyasa, dem fliessenden Übergang zwischen zwei Haltungen.
Sie können dem Kraftaufbau, dem Stress- und Spannungsabbau oder der Förderung der Beweglichkeit dienen. Aber auch der Wahrnehmungsschulung und Atemlenkung
Asanas können aber auch den Heilungsprozess anregen, symbolischen Charakter haben, sowie Vorbereitung für die Meditation sein.
Viniyoga: Die Yoga-Übungspraxis hat verschiedene Zielsetzungen
Das Gleiche gilt für die gesamte Übungspraxis, die einen sportlichen, fitnessorientierten Charakter haben kann (was bei uns im Westen oft mit Yoga gleichgesetzt wird), dem allgemeinen Wohlbefinden dienen, zu therapeutischen Zwecken wie dem Stressabbau oder aber auch zum spirituellen Wachstum eingesetzt werden kann.
Meine Yoga-Stunden sind daher unterschiedlich und richten sich nach den Bedürfnissen der Schüler:
Ein gestresster Manager bekommt eine andere Stunde als ein Teilnehmer eines Yogaurlaubes. Jemand mit Rückenschmerzen übt anders als jemand, der sich spirituell weiterentwickeln möchte.
Yoga in der Tradition von Krishnamacharya, Desikachar und Mohan
Viniyoga wurde durch Sri T. Krishnamacharya, seinem Sohn T. K. V. Desikachar und seinem letzten langjährigen Schüler, A. G. Mohan, einem breiteren Publikum bekannt. Krishnamacharyas Ansatz lautete:
„Unterrichte, was in Dir ist. Aber nicht das, was für Dich passt, sondern wie es für Deinen Gegenüber passt.“
Er hat Asanas je nach Schüler abgewandelt, vereinfacht oder intensiviert, so dass jeder auf die für ihn geeignete Weise die Wirkung des Yoga erfahren kann.
Yoga und Ayurveda gehen Hand in Hand
Nicht jede Asana, nicht jeder „Stil“, nicht jedes Pranayama (Energielenkung mittels des Atem), nicht jedes Mantra oder jede Meditationsmethode ist für jeden gleich geeignet.
In meiner Yoga-Praxis arbeite ich daher auch mit dem Ayurveda, der „Schwester“ des Yoga:
Feurige Pitta-Typen müssen zumeist erst ihren Körper spüren und sich achtsam „auspowern“. Während fahrige Vata-Typen (Luft- und Raum-Element) starke Erdung und Beruhigung brauchen. Schwere, etwas träge Kapha-Konstitutionen (Erde, Wasser), benötigen Schwung, Feuer und Antrieb um sich zu entwickeln, sonst bleiben sie kleben.
Viniyoga ist kein „Yoga-Stil“
Die Unsitte, den universellen Yoga in „Stile“ und Kategorien zu pressen (und womöglich noch gesetzlich schützen zu lassen) wird gerade von Desikachar, Sohn und Schüler Krishnamacharyas vehement widersprochen.
Er führte den Begriff Viniyoga in der westlichen Welt ein, als er in den 1960 Jahren einem grösseren Yoga-Publikum in der Schweiz erstmals den Unterricht seines Vaters erklärte und machte deutlich, dass Viniyoga einfach nur Yoga ist. Aber eben ein angepasstes Yoga, in der Tradition Krishnamacharyas.
Wichtige Elemente der angepassten Yoga-Praxis
Voraussetzungen und Mittel für eine Viniyoga-Übungspraxis sind Elemente, die sich sowohl in Krishnamacharyas früherer Lehrtätigkeit in Mysore finden lassen, als später in Chennai (beides Indien) wo er ab den 1950er Jahren bis zu einem Tod im Jahre 1989 lebte.
Diese Elemente des Viniyoga sind der bewusst eingesetzte Atem, ein konzeptionelles Verständnis von Asana, also Körperhaltungen, das Prinzip des Vinyasa-Krama und die tiefe Verwurzelung im Yoga-Sutra, der philosophischen Grundlage des Yoga.
Krishnamacharya verband den körperorientierten Hatha-Yoga des 13./14. Jahrhunderts mit dem klassisch-philosophischen „königlichen“ Rajas-Yoga und dem religiösen, hingebungsvollen Yoga.
Für ihn waren die Asana- und Pranayama-Übungen Voraussetzung für einen ruhigen Geist, der meditative Erfahrung und spirituelle Entwicklung erst möglich machte. Und kein Körperturnen oder egogetriebene Akrobatik wie sie heute leider sehr oft in Yoga-Studios zu finden ist.
Der Atem als die Basis des Viniyoga
Der Atem ist zentral in meiner Yoga-Praxis. Wir beginnen unser Leben mit einer Einatmung und wir verlassen unseren Körper mit einem letzten Atemhauch. Dazwischen ist Leben.
Der Atem erfüllt dabei mehrere Funktionen: Er ist Träger von Prana, der aufsteigenden Lebensenergie und das Bindeglied allen Lebens – wir atmen alle dieselbe Luft.
Ein wunderschöner Gedanke von Krishnamacharya der meine Yoga-Praxis stark beeinflusst:
„Atme ein, und Gott nähert sich dir. Halte den Einatem, und Gott bleibt bei Dir. Atme aus, und du näherst dich Gott. Halte die Ausatmung und gib dich Gott hin.“
In der Asana-Praxis führt der Atem die Bewegung. Und nicht umgekehrt. Er rahmt sozusagen die Bewegung ein.
Er ist die Referenz, die anzeigt, ob im Sinne des Viniyoga geübt wird. Fliesst der Atem ruhig und gleichmässig („drigha“: lang/tief und „sukshma“: fein, YS 2.50) ist der Yoga-Übende auf dem richtigen Weg.
Ein stockender Atem zeugt von Überforderung
Oft beobachte ich in meiner Praxis jedoch genau das Gegenteil: Der Yoga-Schüler möchte eine Asana besonders intensiv ausüben oder lang halten, der Atem kommt ins Stocken: Anzeichen, dass das Ego die Führung übernommen hat. Und der Schüler nicht in sich selbst ruht.
Energie durch Atmen
Der Atem richtet zudem die Wirbelsäule auf (ein wichtiges Ziel in der körperbetonten Yoga-Praxis): Das freie fliessen von Prana in der Sushumna-Nadi, dem Hauptenergiekanal in der Wirbelsäule wird gefördert.
Asanas, Körperhaltungen im Vinyoga
Krishnamacharya verbindet das Ausführen von Asanas immer mit Zielen. „Akunchana“ (zusammenziehen, schliessen, reduzieren) orientierte Übungen sind Vorbeugen, Seitbeugen und Drehungen die „sukha“-Qualiät besitzen („sukha“: leicht, angenehm, flexibel): Sie fördern die Ausatmung, dienen der Entspannung und dehnen die Körperrückseite.
„Prasarana“ (ausdehnen) orientierte Übungen sind alle Rückbeugen, sie haben „sthira“-Qualität („sthira“: stabil) und fördern die Einatmung, kräftigen und stärken die Körperrückseite.
Auf energetischer Ebene finden diese beiden Konzepte ihre Entsprechung in den sogenannten „langhana“ und „brmhana“-Qualitäten der Asanas. Körperübungen sind somit entweder reinigend, beruhigend, ausatembetont („langhana“) oder energetisierend, aufbauend, kräftigend („brmhana“).
Vinyasa-Krama in der Yogapraxis
Meine Stunden folgen der Lehre Krishnamacharyas und wenden sein Vinyasa-Krama-Prinzip an. Vinyasa-Krama bedeutet, dass versucht wird, die Übungspraxis in intelligenten Schritten bzw. Abfolgen aufzubauen. Die Stunde beginnt mit einfachen Asanas, die den Körper, den Atem und den Geist auf intensivere Übungen vorbereiten. Vom leichten zum schwierigen bei gleichzeitigem Ausgleich von Übungen die sonst zu Problemen führen könnten. Je intensiver eine Asana, desto sanfter sollte die darauf folgende Ausgleichshaltung sein.
Yogastunden beinhalten nicht nur Körperübungen
Eine typische Yoga-Stunde von mir beinhaltet dabei neben dem bewussten Atmen, den Körperhaltungen auch Pranayama, also Energielenkung mittels des Atems. Dazu, je nach Stunde und Niveau der Klasse, wird das rezitieren von Mantras (still oder in der Übung) geübt, es gibt meditationsvorbereitende Übungen (dharana, dhyana), Meditation und Endentspannung.
Die Asanas und Vinyasa (fliessende Übergänge zwischen den Haltungen) werden mehrmals angesagt, das Ziel ist, dass der Schüler in seinem eigenen Atemrhythmus die Übungen danach selbst durchführt. Das fördert nicht nur das Viniyoga-Konzept, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit.
Achtsames Üben im Mittelpunkt der Yoga-Praxis
Das Üben setzt eine achtsame innere Haltung voraus: Klärung und Reinigung auf körperlicher wie geistiger Ebene, Selbstreflexion sowie die Akzeptanz der eigenen Grenzen. („kriyahyoga“, YS 2.1). Eine achtsame innere Haltung erfordert Langsamkeit. Man wird ruhiger wenn man sich auf den sanft und gleichmässig fliessenden Atem einlässt und ihn mit den Bewegungen verbindet.
Die ideale Yoga-Praxis ist weder über- noch unterfordernd
Die Haltung sollte sich stabil und zugleich leicht anfühlen („sthira-sukha“), der Atem fliesst leicht und gleichmässig („dirgha-sukshma“) und der Geist ist ausgerichtet („ekagrata“) – oft kann ich genau das Gegenteil in der Praxis beobachten: Der Schüler will es besonders „gut“ machen und verkrampft dabei, der Atem wird unruhig und gerät ins Stocken. Oder wenn die Übungen nicht fordern genug ist wandert der Geist. Eine ständige Herausforderung, die Schüler genau da abzuholen wo sie stehen, sie zu fordern, aber nicht zu überfordern!
Achtsames Yoga in den Yogaferien von Stefan Geisse
In meinen Yogaferien wende ich die Prinzipien des Viniyoga an: Die Teilnehmer werden achtsam an den Yoga herangeführt. Abhängig von Ihren Vorkenntnissen und Erfahrungen werden die verschiedenen Elemente geübt: Bewusstes Atmen, angepasste Körperhaltungen, Vinyasa-Flows, die sich langsam steigern. In den Yogaferien finden morgens und Abends Yogaklassen statt, der Tag beginnt mit einer geführten oder stillen Meditation oder einem Mantra.
Die Stunden sind in sich schlüssig aufgebaut, und die gesamten Yogaferien folgen einem sequentiellen Aufbau, der viele Facetten des Yoga-Sutra und aktuelle Themen mit einbezieht: Wahrnehmen, Öffnung, Loslassen oder Festigen.
Vorteile des Viniyoga
Viniyoga in der Tradition Krishnamacharyas reduziert auf körperlicher Ebene die Verletzungsgefahr. Der Stoffwechsel wird durch die bewusste tiefe Ein- und Ausatmung unterstützt, die Übungen wirken auf der grobstofflichen als auch feinstofflichen Ebene kräftigend, nährend, reinigend und entschlackend. Entzündungsstoffe können im Körper reduziert werden, die Zellalterung verlangsamt und das Immunsystem gestärkt werden.
Sanftes und achtsames Üben erlaubt typische Verhaltensmuster und Gewohnheiten zu erkennen und zu reflektieren. Ein positive Veränderung im Umgang mit uns selbst, unserem Denken unserer Art wie wir Leben ist die Folge. Wir leben bewusster, gesünder und zufriedener.