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Alfred Ziltener, Aargauer Zeitung (26.05.2008)
Das Opernhaus Zürich spielt Jacques Fromental Halévys «Clari». Cecilia Bartoli hat das Stück entdeckt und brilliert in der Titelrolle.
Es könnte der Coup einer risikofreudigen Dramaturgie sein: Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung präsentiert das Opernhaus Zürich in dieser Saison gleich zwei Werke des Franzosen Jacques Fromental Halévy. Doch die Zürcher Oper funktioniert anders: Hier bestimmen die Stars den Spielplan mit. So verdanken wir Neil Shicoff die Begegnung mit der Grand Opéra «La Juive» im Dezember, und nun doppelte Cecilia Bartoli nach mit der 1828 uraufgeführten «Clari», die sie selbst in der Pariser Bibliothèque Nationale ausgegraben hat. Die Wiederaufführung ist Teil ihrer grossen Malibran-Kampagne: «Clari» ist eine der wenigen Opern, die für die legendäre Primadonna komponiert wurden.
Der Abend bot zunächst eine Überraschung: «Clari» ist eine durch und durch italienische Oper › entstanden für das Pariser Théâtre Italien, wo Halévy als «Maître de Chant» wirkte. Seine Musik orientiert sich am italienischen Belcanto, ohne jedoch den mitreissenden Drive Rossinis oder die Ausdruckstiefe Bellinis oder Donizettis zu erreichen. Trotzdem bietet die Semiseria ausgezeichnete Unterhaltung mit musikalischem Witz, quirligen Rhythmen und empfindsamer Melodik. Das Orchester La Scintilla unter Adam Fischer stellt diese Qualitäten mitreissend heraus.
«Clari» variiert ein seit dem 18. Jahrhundert beliebtes Motiv: Ein Herzog hat dem Bauernmädchen Clari die Ehe versprochen und sie in sein Schloss gebracht. Ausgerechnet eine Opernaufführung zu ihrem Namenstag, in welcher sie ihr Schicksal gespiegelt sieht, weckt ihr schlechtes Gewissen. Sie flieht nach Hause. Doch nun entdeckt der Herzog seine wahren Gefühle für sie, reist ihr nach und heiratet sie.
Moshe Leiser und Patrice Caurier, die auf Wunsch der Bartoli erstmals am Zürcher Haus inszenierten, haben das Stück aktualisiert: Ihr Verführer ist ein reicher Playboy, der sich Clari per Internet aus Südosteuropa kommen lässt, wo Sittenstrenge herrscht und die «Ehrlosigkeit» der Tochter eine Familienkatastrophe bedeutet. In der einfallsreich-bunten Ausstattung von Christian Fenouillat (Bühne) und Agostino Cavalca (Kostüme) erzählen sie die Geschichte mit Witz und Ironie.
Auf der Bühne agiert ein spielfreudiges, exzellent singendes Ensemble. Neu in Zürich ist John Osborn als Herzog mit schlankem, wendigem Rossini-Tenor. Cecilia Bartoli spielt Clari mit etwas zu drastischer Komik als Landei mit Kulleraugen › aber sie singt hinreissend: mit facettenreichem Ausdruck und Virtuosität in den stimmakrobatischen Kunststücken, die Halévy der Malibran komponiert hat.