Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/1324

7.12.2014 Erster Teil

Hier geht's zum zweiten Teil
tangoinfo.ch im Gespräch mit Nicole Nau per Telefon (mi)
Merci, dass du während deiner Tournee etwas Zeit für ein Interview findest!
Könnte ich dich als weltberühmte Tangotänzerin, Tangolehrerin, Designerin, Unternehmerin und Buchautorin beschreiben?
Ja, und Du könntest hinzufügen: Tänzerin der populären Tänze Argentiniens, Produzentin und Codirektorin eigener Bühnenproduktionen, Mitglied von CID Unesco (*), Leiterin einer eigenen Company... das Leben birgt viele Rollen für mich.
(* redaktionelle Anmerkung: CID = Conseil International de la Danse, mit Sitz in Paris)
Eure aktuelle Show heisst "Vida". Auf der Homepage steht: "Es ist eine Hommage an die Kultur Argentiniens, an den Tango samt seiner Sinnlichkeit, Sehnsucht, Eleganz und Leidenschaft.» Es ist also nicht ausschliesslich eine reine Tangoshow?
Wir sehen den Tango nicht als losgelösten Exoten, sondern eingebunden in seine Gesamtkultur. Genau genommen ist er Teil einer sehr reichen Gesamtkultur.- Er ist Folklore Argentiniens, genau genommen die Folklore der Stadt Buenos Aires.
Argentinien hat 23 Provinzen. Buenos Aires ist eine der 23 Provinzen. Und auch hier müssen wir noch unterscheiden unter der Stadt (Tango, Milonga de la ciudad) und der Pampa (z.B. Milonga Sureña). Alle anderen 22 Provinzen haben wundervolle Musik und Tänze und Poesie hervorgebracht.
Luis hatte Tanz, Musik und Kunst studiert und bereiste ganz Argentinien. Es ist der Auffassung, dass die Kultur immer eine einzige ist, sich aber je nach Region in den Farben verändert.
Der Tango Argentino gehört speziell nach Buenos Aires und ist - ausser im Radio - nicht mal in ganz Argentinien verbreitet. Die Argentinier sind absolut der Chacarera verfallen und gar nicht dem Tango. Das Bild, das im Ausland durch den Tango geformt wurde, ist nicht das Bild «von Argentinien».
Der Tango heisst «Tango Argentino», weil es ab 1984 die weltbekannte Show «Tango Argentino» gegeben hatte (in der auch Luis tanzte). Ohne diese Show würde der Tango heute vielleicht «Tango aus Buenos Aires» heissen. Wenn man sich den Tango betrachtet, so gehört er nach Buenos Aires.
Wir machen in unserer Show eine Reise durch Argentinien und wir stellen den Tango nicht isoliert dar, sondern wir betten ihn in die gesamte Kultur Argentiniens ein.
Wie lange bist du in einem Jahr auf Tournee, wie lange in Buenos Aires, wie lange in Düsseldorf?
Es kommt ein wenig darauf an, wo gerade unser Arbeitsschwerpunkt liegt. In Düsseldorf bin ich so gut wie nie. Gerade war ich am 25.10. dort, als wir den Auftritt hatten in der Tonhalle (ausverkauft mit 1574 Personen)
Im Moment arbeiten wir mit unserer eigenen Kompanie und sind auf Tournee. Da kommen schnell 6 Monate aus dem Koffer leben zusammen. 90 Termine in 150 Tagen, plus Pressearbeit (TV,Radio, Druckpresse) da ist man viel unterwegs. Dieses Jahr sind wir 6 Monate auf Tournee.
Wenn wir aber wie in den Jahren 2006 2012- eine eigene Show in Buenos Aires betreuen, müssen wir mindestens 10 Monate in Argentinien vor Ort sein.
Wo siehst du heute deine Heimat?
Wenn ich spreche, geht es auf meine Anknüpfungspunkte in meiner Kindheit zurück, die in Deutschland stattfand. In Argentinien bin ich zuhause, auch wenn es nicht meine Heimat ist. Auf der Bühne bin ich die Tänzerin in meinem künstlerischen Wesen und dann gibt es die deutsche Nicole nicht mehr. Je nach Musik fühle ich mich dann in Buenos Aires, in der Pampa oder bei den indianischen Ureinwohnern.
Wie tourt ihr mit eurer Kompanie durch die Lande? Mit dem Zug / Auto? Habt ihr einen Chauffeur?
Zuerst einmal reist die komplette Company mit dem Flugzeug an. Alle Künstler kommen aus Argentinien. In Europa:
Wir reisen mit 2 Bussen. Der Technikbus transportiert Techniker und Technik (Soundequipment, Lichtequipment, Bühnenbild, Tanzteppich und Instrumente, etc)
In dem zweiten Bus reist die Kompanie. Luis Pereyra fährt den Bus selber. Das hat zwei Gründe: wir haben nur 9 Sitze, ein Chauffeur passt gar nicht mehr in den Bus. Und noch machen wir die Produktion «a pulmon» wie man im Spanischen sagt. Also aus eigener Produktion und Kraft. Wir sind zusammen mit der Agentur die eigenen Produzenten.
Wenn die Agentur mitreist, dann ist noch ein drittes Gefährt unterwegs, ein PKW.
Der Künstlertourbus mit unserem Logo wird gesponsort durch Tangotto.de

Es gibt Tangoshows, die nach einem Muster ablaufen: meistens ein Zusammentreffen von Frau und Mann in einer etwas düsteren Umgebung, dann die erste Annäherung mit traditionellem Tango und dann hauptsächlich Akrobatik. Die Akrobatik hat m.E. nichts mehr mit Tango zu tun. Erwarten das die Zuschauer? Achtet ihr bei eurer Produktion darauf, dass darin auch traditioneller Tango vorkommt?
Die inzwischen doch sehr abgenutzte Geschichte von Mann, Frau, 2 Männer streiten um eine Frau, Hinterhofmilieu, Bordell, Kneipe, etc findet man in unserer Show nicht.
Ich denke, dieses «Show Muster» geht auf die sehr erfolgreiche Pionierproduktion «Tango Argentino» (ab 1984) von Segovia und Orezzolli zurück. Luis hatte dort ja über 10 Jahre gearbeitet und auch choreographiert. Alle Folgeproduktionen (Tango Pasion, Forever Tango, etc.) haben dieses Muster einer Revue imitiert.
Unsere Produktion hat einen komplett anderen Ansatz. Einmal: sie ist schwer mit einem Begriff zu umschreiben, denn sie ist einfach einzigartig auf dem Markt.
Luis' Motto: das, was zusammen gehört, soll man nicht trennen (los hermanos sean unidos) aus dem Martin Fierro bezieht sich auf die Geschwister «Folklore» und «Tango». Der Einfluss der Folklore auf den Tango ist enorm, die Einflüsse aus dem Landesinnern in die Entwicklung des Tango nicht abspaltbar (denken wir alleine an Homero Manzi, wichtiger Poet aus Santiago del Estero). Der Grossteil des Tangovokabulars hat seine Wurzeln in Begriffen, die «criollo» sind, die Wurzeln der Musik sind schwarz, etc...
Wenn man unsere Produktion einem Genre zuordnen möchte, dann kann man sagen, für Momente ist sie wie ein Musical, dann wie ein Tanztheater, für einen Moment wie eine Oper, und wie ein Ballet in einem anderen Moment.
Keine durchgehende Geschichte wird erzählt, sondern viele kleine Universen, Momente, die erzählt sind aus den verschiedensten Ecken und Welten in Argentinien. Eine Kultur, die ihre Wurzeln im Volk hat, nicht in der kommerziellen Tangoindustrie der Stadt.
Wir wollen unsere Kultur mit dem Zuschauer teilen, also nicht verkaufen.
Das Thema Akrobatik ist eines, das auch uns quer liegt.
Der Tango ist an sich so reich in seinen Elementen, seinen ganz eigenen Elementen, dass es vollkommen ausreicht diese zu verwenden, um auf der Bühne zu arbeiten.
Leider auch wegen kommerzieller Absichten wurde der Tango einmal in Tango de Salon und Bühnentango unterteilt.
Wobei als Salon Tango ein Tango «am Boden» bezeichnet wurde (wo, wenn nicht am Boden, soll ein Tango stattfinden), wenn doch das grosse seiner Geheimnisse seine Leidenschaft ist, nämlich die der Beine. Nicht die von Mann und Frau als Mann und Frau, sondern die der Tänzer miteinander. Er, der führt, und sie, die seine Führung tanzt, und beide, verbunden in einer konstanten Umarmung im Dialog einer eigenen Welt.
Und die Beine tanzen die Partitur. Das macht die Leidenschaft des Tango aus, und es ist auch der Aspekt, der den Tango von allen anderen Tänzen der Welt unterscheidet.
Auf der anderen Seite wurde der Begriff Bühnentango festgelegt, aber leider leider als Synonym zu Akrobatik.
Hier möchte ich einen Vergleich anstellen. Bühne im Theater ist Bühne allgemein. Hier kann Shakespeare stattfinden, Cabaret, eine Komödie, witziges, dramatisches.
Was will ich damit sagen: Bühne ist schlichtweg der Raum, in dem ein Stück inszeniert wird, das dem Publikum dargeboten wird. Es definiert niemals die Weise zu tanzen, den Inhalt, sondern die Richtung der Kommunikation.
Es gibt nur einen einzigen Tango. Und der definiert sich im Beinraum. Hier sind die für den Tango so spezifischen und eigenen Elemente zu finden: caminar, ocho, paso basico, giro, sacada, gancho, voleo, llevada de pie etc. Dies alles in die Musik gesetzt, in compas, ritmo, melodia, frases, contratiempos, sincopas, etc....
Ein Tanzstil kann sich höchstens in der Umarmung äussern und in der Interpretation. Aber die Technik im Beinbereich ist eine einzig korrekte.
Und interessanterweise ist es die selbe, unabhängig davon, ob wir im Salon tanzen, auf der Bühne, im Wohnzimmer, im Hinterhof oder sonst wo.
Diese Trennung in 2 Teile (Tango oder Folklore) und heute im Tango in die zwei Teile Tango (de Salon oder escenario) richtet unglaublich viel Schaden an in der Kultur. Es verwirrt und amputiert regelrecht durch dieses Ausgrenzen und Abspalten und «in»-züchten. Das «Inzüchten» bedeutet ein «sich selber auf den goldenen Teller heben», das sicher selber hochloben und das sich selbst genügen. Wenn ein Künstler beginnt, sich selbst zu mögen, ist er dem Hochmut verfallen. Die Folklore in Argentinien kennt das nicht, weil das Land immer noch die Folklore lebt. Wenn man den Tango nur unter einem schmalen, kommerziellen Blickwinkel betrachtet, dann würde das Land den Tango nicht mehr leben, sondern ihn nur noch verkaufen. Luis hat als musikalischer Direktor einen sehr breiten Blickwinkel für den Tango. Er sagt auch «der Applaus in der Show ist nicht für mich, sondern er ist für unsere Kultur».
Luis Pereyra ist ein Choreograph, der auf der Bühne fast ausschliesslich die authentischen Bewegungen des populären Tanzes nutzt, und auch den paso basico nicht als «Anfängerschritt» sieht, sondern als das einsetzt, was er ist. Nämlich als Grundschritt, also die Basis des Tango Argentino, der Zamba, der Chacarera, der Milonga, etc....
Bezogen auf den Tango: Das Gehen und der Grundschritt sind sozusagen das Transportmittel für den Tanzfluss, auf der Bühne genau so wichtig wie im Salon, denn Tanzen im Allgemeinen ist Bewegung in Raum und Zeit (Musik). Der ocho ist das wichtigste Element, Grundlage aller Folgefiguren.
In seinem eigenen Tanz beschränkt Luis Pereyra sich auf die Elemente des populären Tanzes. Er choreographiert seine Soli, wie auch die Gruppenchreographien auf Basis der reinen Tangoelemente.
Genau das ist der Ansatz des Choreographen Luis Pereyra, seine Kultur so zu vermitteln, wie sie in seinem Land konzipiert wurde vom Volk, nämlich als pupulärer Tanz und populäre Musik.
Fremdeinflüsse:
In der Produktion «Vida» gibt es sehr punktuell Momente eines Pas de Deux, also Einflüsse aus dem klassischen Tanz, der Mutter aller Tänze. Was absolut nicht mit Akrobatik zu verwechseln ist. Eines der Paare hat eine Grundausbildung im klassischen Tanz. Sie war Tänzerin am Teatro Colón. Dieses Paar beherrscht neben dem traditionellen Tangotanz auch die Sprache des klassischen Ballets. Dieses »Pas de Deux interpretiert «Lo que vendra» von Astor Piazolla. Eine wundervolle Nummer, wo sie wirklich wie eine Vogelfeder 3-dimensionalen Raum ertanzt.
Doch vorher erleben wir Zita, auch von Astor Piazzolla. Hier interpretieren 3 Paare in 3 Welten eine Musik, die unumstritten Tango ist, nämlich die Musik von Buenos Aires ist und diese Stadt musikalisch wunderbar wiedergibt, jedoch nicht zum traditionellen Tango zählt und zählen kann, aber dennoch Tango ist. Diese Choreographie hat Luis Pereyra als Kontrapunkt angesetzt, um genau diese Entwicklung im Tango zu zeigen. Nau Pereyra interpretieren diese Musik mit puren Tangoelementen, die anderen beiden Paare aus einem anderen Ansatz heraus. Lasst Euch überraschen ?
Hier noch ein Wort zu dem Thema Akrobatik, das Dich so beschäftigt: Als Kompaniedirektoren fällt es uns seit 20 Jahren enorm schwer und immer schwerer, Tänzer zu finden, die überhaupt in der Lage sind, einen puren Tango zu tanzen (ich meine nicht einen in der Virtuosität limitierten, alte Menschen imitierenden Tanz). Viele Paare bevor sie 3 Musiktakte gehört haben, wirbeln als erstes die Frau durch die Luft. Eine Entwicklung, die wir als entsetzlich langweilig erleben, denn es ist alles dasselbe, und es sind ausgerechnet nicht die Bewegungen, die die Reichheit der Musik rhythmisch vertanzen können. Vor allen Dingen, weil die Musik schwarz ist, und ihre Wurzeln im Rhythmus hat, braucht sie Bewegungen, die rhythmisch sind. Also Füsse am Boden.
«Professionelle» Paare sind heute kaum in der Lage einen paso basico zu tanzen oder einen ocho. Eine traurige Entwicklung. Geschweige denn mit «cadencia» zu tanzen. Oft dient der Mann nur noch als «barra», also Stange, für das Stützen der Bewegung der Dame.
Hier geht's zum zweiten Teil
Deine Meinung dazu im Foro de tango