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10. Juli 1960: Lew Jaschin spielte stets in Schwarz und «erfand» den modernen Goalie. Der Russe war die grosse Figur der ersten Fussball-EM 1960. Er gilt noch heute als Inbegriff des perfekten Torhüters.
Fussball und Politik – das war schon beim Europapokal der Nationen 1960 ein Thema, der nachträglich zur ersten Europameisterschaft aufgewertet wurde. Im Viertelfinal schlug der Kalte Krieg zu: Spanien durfte auf Geheiss des faschistischen Diktators Francisco Franco nicht gegen die verhasste Sowjetunion antreten, obwohl sich die Mannschaft auf dem Weg zum Hinspiel in Moskau bereits auf dem Flughafen von Madrid versammelt hatte. Das Duell der spanischen Offensive um Alfredo di Stefano gegen das sowjetische Kollektiv und seinen «Wundergoalie» Lew Jaschin fand nicht statt – Spanien verlor forfait.
Im Achtelfinal hatte die Sbornaja bereits Ungarn abgefertigt, im Halbfinal demontierte sie die Tschechoslowakei mit 3:0. Im Endspiel am 10. Juli 1960 im Parc des Princes in Paris aber hatten die Sowjets anfangs grosse Mühe mit den trickreichen Jugoslawen, die Angriff um Angriff auf das Tor von Jaschin lancierten. Doch der parierte jeden Ball. Erst in der 43. Minute fiel das 1:0. Der sowjetische Captain Igor Netto fälschte das Leder ab, Lew Jaschin sah nicht gut aus. Seine Gesamtleistung trübte dies kaum: «Dieser Torwart hätte vermutlich jeden Angriff der Welt zur Verzweiflung gebracht», schrieb die Sportzeitung «L'Equipe».
Am Ende gewann die Sowjetunion mit 2:1 nach Verlängerung, und ihr unbestrittener Star war der Mann zwischen den Pfosten. Der 1929 geborene Lew Iwanowitsch Jaschin war schon zu Lebzeiten ein Mythos. Auch dafür war der Kalte Krieg verantwortlich: Ein Wechsel zu einem westlichen Verein war damals undenkbar, und flüchten wollte der Familienvater nicht. Nur für internationale Spiele kam er auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs. Während seiner 22-jährigen Karriere blieb Jaschin seinem Stammklub treu, dem Polizei-Verein Dynamo Moskau.
Die Bewunderung für ihn war trotzdem fast grenzenlos. Zu seiner Ausstrahlung trug auch seine Spielweise bei: Er verfügte über eine enorme Sprungkraft und phänomenale Reflexe. Und er trat stets in Schwarz an, was seine Übernamen im Westen beeinflusste: Man bezeichnete Lew Jaschin als «schwarzen Panther» – wegen seiner geschmeidigen Bewegungen. Oder als «schwarze Spinne» und «schwarze Krake» – weil er scheinbar unendlich viele Arme hatte. In der Heimat nannte man ihn in Anspielung auf seinen Vornamen «Löwe von Moskau».
Dabei war sein Debüt gründlich missraten: In seinem ersten Ligaspiel als Nummer 1 im Jahr 1951 kassierte der 21-Jährige im Derby gegen Spartak Moskau ein «faules Ei». Ein General stapfte darauf wütend in die Kabine und forderte Jaschins Rauswurf. Die nächsten zwei Jahre verbrachte er vorwiegend auf der Ersatzbank. Im Winter spielte das Multitalent zudem Eishockey. Ab 1953 startete Lew Jaschin durch: Er holte mit Dynamo Moskau den ersten von drei Cupsiegen und im folgenden Jahr den ersten von fünf sowjetischen Meistertiteln.
Ebenfalls 1954 debütierte Jaschin in der Nationalmannschaft. Mit ihr wurde er 1956 in Melbourne Olympiasieger. Zwei Jahre später nahm er an seiner ersten WM teil. Im Viertelfinal gegen Gastgeber Schweden war Endstation, doch Jaschin wurde zum besten Goalie des Turniers gewählt. 1960 folgte der Triumph von Paris. Vier Jahre später kam es endlich zum Duell mit Spanien: Im EM-Final in Madrid siegte der Fussball über politische Bedenken – und die Iberer gewannen mit 2:1.
Bereits zuvor hatte Lew Jaschin an der WM 1962 in Chile einen Rückschlag hinnehmen müssen: Erneut war im Viertelfinal gegen den Gastgeber Endstation, und der Schlussmann wurde für die 1:2-Niederlage verantwortlich gemacht. Zu Hause wurde dem 32-Jährigen geraten, er solle «in Rente gehen», zeitweise erwog er den Rücktritt. Dann reagierte er auf seine Art: 1963 kassierte er in 27 Ligaspielen nur sechs Gegentore und machte Dynamo erneut zum Meister. Die Uefa verlieh Jaschin die Auszeichnung «Europas Fussballer des Jahres» – als bis heute einzigem Torwart.
Jaschins vielleicht grösste Leistung waren aber nicht seine Reflexe: Vor ihm hatte ein Goalie die Aufgabe, Bälle abzuwehren. Lew Jaschin dagegen spielte mit: Er weitete seinen Aktionsradius aus, organisierte die Abwehr und lancierte Angriffe. Und er sah Spielzüge voraus – nicht umsonst war er ein leidenschaftlicher Schachspieler. Kurzum: Der Moskauer «erfand» den modernen Goalie. «Nach ihm war die Position des Torhüters nicht mehr dieselbe», heisst es im Porträt der FIFA über den «Einzigartigen».
1966 in England spielte Jaschin mit 36 Jahren seine beste WM, erst im Halbfinal gegen Deutschland war Endstation. Jungstars wie Franz Beckenbauer und Eusebio waren begeistert vom «schwarzen Panther». Vier Jahre später in Mexiko war er dann nur noch Ersatzmann, 1971 erlebte er sein Abschiedsspiel vor 105'000 Zuschauern in Moskau gegen eine Weltauswahl. In 78 Länderspielen hatte Jaschin nur 70 Gegentreffer kassiert, für die damalige Zeit ein Spitzenwert. Und er soll in seinen 22 Profijahren etwa 150 Elfmeter gehalten haben.
Für seine Karriere erhielt Jaschin als einziger Fussballer den Leninorden, die höchste Auszeichnung der Sowjetunion. «Lew war in seiner Art absolut einzigartig, einfach perfekt als Torwart und dazu ein wunderbarer Mensch», rühmt Beckenbauer noch heute. Eigentlich hatte er nur ein Laster, und das wurde ihm zum Verhängnis: Er rauchte wie ein Schlot. «Ich habe schon mit acht Jahren angefangen und mir in beinahe jeder Halbzeitpause auf der Toilette eine angezündet», sagte er 1982 nach seinem zweiten Schlaganfall.
Zwei Jahre später musste ihm ein Unterschenkel amputiert werden, später auch noch das zweite Bein. Zu seinem 60. Geburtstag am 22. Oktober 1989 reisten Franz Beckenbauer und Bobby Charlton nach Moskau, um einen der ganz Grossen zu ehren. Da war Lew Jaschin schon todkrank, wenige Monate später starb er an Krebs. Er erlebte nicht mehr, wie die FIFA 1994 die Lew-Jaschin-Trophäe für den beste Goalie einer Weltmeisterschaft ins Leben rief. Und wie der Weltverband ihn zum «Welttorhüter des 20. Jahrhunderts» ernannte.