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Die traditionelle Sicht von Autismus nahm lange an, dass es autistischen Menschen an Empathie fehle und somit die Gefühle anderer weder verstanden noch geteilt werden können. (Welch grausame Annahme – bitte hört auf meinen beiden autistischen Kindern so etwas zu unterstellen!)
“There are those who say autistic people don`t feel enough. We`re saying exactly the opposite: they feel too much (K. Markram zit. N. Fischer 2012, 1).” Georg Theunissen
Genau da wird mit der Hypothese der empathischen Unausgewogenheit angesetzt. Es wird nämlich davon ausgegangen, dass Menschen im Autismus-Spektrum eine erhöhte Kapazität an emotionaler Empathie und ein Defizit an kognitiver Empathie haben.
Unter emotionaler Empathie versteht man eine direkte, spontane Form von Empathie, die sich auf klare Hinweise wie ein Gesichtsausdruck oder stimmliche Äusserungen (wie ein Freudes- oder Schmerzschrei) bezieht. Smith beschreibt emotionale Empathie so, dass sie essentiell ist beim Teilen von Primärgefühlen wie Freude, Trauer, Angst oder Ärger. Sie ist meist unbewusst und wird somit intuitiv hervorgerufen.
Unter kognitiver Empathie versteht Smith das gedankliche Einfühlen in eine Person, sowie das Erfassen und die Übernahme ihrer Perspektiven und Handlungen. Die kognitive Empathie ist also eine indirekte, unmittelbar “durch kognitive Empathie hervorgerufene emotionale Empathie” und bezieht sich auf emotionale Zustände anderer Personen (wie Scham oder Schuld als Beispiel) und lässt diese erfassen und daran teilhaben (wie es beispielsweise bei Trauer der Fall ist).
“ Wichtig für die Empathy Imbalance Hypothesis ist der empirisch geschützte Befund (vgl. Smith 2009, 493), dass bei Menschen im Autismusspektrum nur sehr selten die Empathie-Fähigkeit generell, sowohl emotional als auch kognitiv, geschwächt ist, sondern dass in der Regel von einer Kombination aus schwach ausgeprägter kognitiver Empathie und übersättigter emotionaler Empathie ausgegangen werden muss.” Georg Theunissen
Wir nennen das in unserer Familie vereinfacht, dass Sachendenker Mühe haben “Gedanken zu lesen”. Und wer das nicht gut kann, der findet es auch schwierig Lügen und Ausreden zu bemerken, ebenfalls Ironie, Sarkasmus, “Gspässli” etc. sind eine Herausforderung für meine Kinder, die alles wort-wörtlich nehmen. Aber auch, dass Sachendenker zu fest fühlen, ist bekannt. Vor allem mein älterer Sohn mit Asperger Syndrom findet es wichtig, dass ich diese Erkenntnis in meine Erziehung integriere. Aktuell ist das bestimmt jeden Tag mindestens einmal ein Thema.
Mein 10-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom kennt die Empathy Embalance Hypothesis und macht ab und zu auch darauf aufmerksam:
Auch wenn ich mich als Mutter zu kontrollieren versuche, so ein leiser Unterton in der Stimme, das sei mir ab und zu vergönnt… zumal auch in der Stimme meines älteren Sohnes nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht.
Literaturliste
Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismusspektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart Kohlhammer.