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Schwerpunkt
Der Wormser Reichstag von 1521
von Urban Fink-Wagner
Über Jahrhunderte war der Reformator Martin Luther (1483–1546) in der protestantisch dominierten Reformationsforschung der grosse Held, der den Weg für den elementaren «Durchbruch» zur frohen Botschaft von der Sündenvergebung durch Jesus Christus und der Rechtfertigung des Menschen allein durch den Glauben freigemacht hat. Anstoss zu dieser Legendenbildung gab der Auftritt Luthers vor dem Reichstag in Worms im April 1521 mit der berühmten Aussage: «Hier stehe ich und kann nicht anders».
Heute weiss man, dass das berühmte Diktum erst nach dem Tod Luthers verwendet wurde. Trotzdem aber trifft es inhaltlich das, was Luther an diesem berühmten Reichstag, der Versammlung des Kaisers mit den Fürsten und Reichsstädten, aussagen wollte. Am 17. April 1521 gab Martin Luther noch kleinlaut im ersten Verhör zu, dass er der Verfasser der ihm vorgelegten und als ketzerisch eingeschätzten Schriften sei. Einen Tag später, bestärkt durch Reichsritter und das Volk, die hinter ihm standen, war sein Auftritt viel mutiger: Er wehrte sich gegen den von ihm verlangten Widerruf mit den Worten: «Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.» Er hielt am Widerruf fest, solange seine Schriften nicht aus der Heiligen Schrift oder aus Vernunftgründen widerlegt werden können. Luther reiste ab, bevor Kaiser Karl V. am 26. Mai 1521 im Wormser Edikt die Reichsacht über ihn verhängte. Die Reichsacht bedeutete die Ächtung der Person im ganzen Reich und damit den Verlust der Schutz- und Lebensrechte in der Gesellschaft. Überall, wo die Person aufgegriffen wurde, konnte das faktische Todesurteil des Kaisers vollzogen werden. Sein Landesherr Friedrich von Sachsen, damals der grösste Reliquiensammler der Welt, hielt am Reichstag und darüber hinaus seine schützende Hand über den Reformator, so dass die Reichsacht keine Folgen hatte.
Warum wurde die Reformation möglich?
Der evangelische Luther-Spezialist Thomas Kaufmann benennt vier Faktoren, welche das Ereignis «Reformation» möglich machten, obwohl Martin Luther nach dem Reichstag zu Worms eigentlich hätte hingerichtet werden sollen:
1. Luthers Botschaft, insbesondere sein Kampf gegen das heute selbst aus katholischer Sicht sehr fragwürdige Ablasswesen, überzeugte viele Menschen. Luther war ein begnadeter Redner und Schriftsteller, der es verstand, elementare Fragen des christlichen Glaubens prägnant zu benennen und in die Öffentlichkeit zu bringen. Er nutzte den neuen Buchdruck meisterhaft, traf den Nerv der Zeit und überzeugte durch seine Glaubwürdigkeit.
2. Luther und die von ihm ausgehende reformatorische Bewegung konnten nur deshalb dauerhaft Fuss fassen, weil die rechtlichen und politischen Verhältnisse im «Heiligen Römischen Reich deutscher Nation» dies zuliessen, ja sogar begünstigten. Das Reich bestand aus zahlreichen Fürstentümern und Herrschaftsterritorien, die ihre eigenen Machtbefugnisse gegenüber der kaiserlichen Zentralgewalt stark erweitern konnten. Der Kaiser war deshalb bei seinen Entscheiden auf die Unterstützung durch die untergeordneten städtischen und territorialen Herrschaftsträger angewiesen. Kaiser Karl V. konnte seine Entscheidung gegen Luther und das Verbot reformatorischer Schriften nur durchsetzen, wenn dies die Fürsten und Städte mittrugen. Da nun aber nicht wenige, vor allem der Landesherr Luthers, Sympathien für eine Kirchenreform hatten und die antiprotestantische Politik des Kaisers ablehnten, blieb das Wormser Edikt folgenlos. Ja, 1555, am Ende seiner Regierungszeit, musste Karl V. den Protestanten sogar die reichsrechtliche Anerkennung gewähren. Die Gründe für die Unterstützung der Reformation durch manche Reichsfürsten und Reichsstädte waren verschieden: Es gab religiöse Motive, aber auch das Streben nach politischer Selbstständigkeit, nach wirtschaftlichen Freiheiten oder materielle Interessen, denn die entstehende reformatorische Bewegung erlaubte den Landesherren den Zugriff auf das reiche Kirchengut.
3. Die alte Kirche geriet in deutschen Landen durch die von Luther mit Bezug auf die Bibel und Jesus Christus formulierte schonungslose Kritik in eine fundamentale Glaubwürdigkeitskrise. Das Problem war nicht das Desinteresse am Glauben, sondern in einer religiös erregten Zeit die immer grössere werdende Entfremdung des Reichs vom Papsttum. Das von Rom und auch von deutschen Bischöfen forcierte Ablasswesen stiess schon vor Luther auf Kritik, aber Luther gelang es, diese Kritik im Kampf um die öffentliche Meinung für eine Kirchenreform und gegen Rom zu perfektionieren. Dabei spielten nicht nur theologische Unterschiede eine Rolle, sondern auch unterschiedliche Mentalitäten.
4. Luthers Kritik war in vielem nicht neu. Neu und folgenreich war aber seine 1520 formulierte subjektive Gewissheit, dass der Papst als Institution selbst der Antichrist sei. So wie also die alte Kirche Luther als Antichristen und als Gefahr für den Glauben und für die Volksgemeinschaft ansah, wendete Luther das gleiche Feindbild spiegelverkehrt auf den Papst an. Das Argument, dass der Papst der Antichrist sei, war sehr folgenreich und versetzte die reformatorische Bewegung in eine apokalyptische, endzeitliche Stimmung, welche die ursprünglich ungewollte Abspaltung von der alten Kirche ungemein beschleunigte.
Keiner dieser Faktoren allein hätte zur Reformation geführt, wohl aber das Zusammenspiel all dieser vier Komponenten.
Das Lutherbild heute
Martin Luther wurde je nach Ausgangspunkt und Konfession über Jahrhunderte sehr gegensätzlich und auch polemisch gedeutet. Im 19. Jahrhundert gelang es dem berühmten Historiker Leopold von Ranke, erstmals die politische Bedeutung der Reformation und die Biografie Luthers wissenschaftlich herauszuarbeiten. Erst 1939/40 veröffentlichte Josef Lortz die erste wissenschaftliche Aufarbeitung der Reformation aus katholischer Sicht. Das heutige Luthertum hat sich dem Katholizismus stillschweigend angenähert, was auch für die katholische Seite gilt und in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 seinen Ausdruck fand. Im Rahmen des Reformationsjubiläums von 2017 erschienen viele differenzierte Veröffentlichungen. Kardinal Walter Kasper zeigte auf, dass manche Gegensätze der Kirchen auf Missverständnissen beruhen, andere heute nicht mehr zutreffen und bei nochmals anderen Konvergenzen möglich sind. Er sieht das ökumenische Grundproblem darin, dass das evangelische Modell der Kirchengemeinschaft und das katholische Modell der Kircheneinheit nicht vereinbar seien. Volker Reinhardt, der als Erster breit die römischen Quellen über den Reformator aufarbeitete, formulierte schärfer, dass im Zeichen allgemeiner theologischer Annäherung und theologischer Auflösung nur noch das Papsttum und der Nationalismus einer kirchlich-religiösen Wiedervereinigung im Wege stünden.
Viele Fragen, die für Martin Luther existenziell, bedrängend und entscheidend waren, werden heute nicht mehr diskutiert, ja nicht einmal mehr verstanden. Trotzdem wirkt die Geschichte der Spaltung nach. Umso dringlicher ist das Streben nach Wiedervereinigung, das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) auch für die römisch-katholische Kirche ein Hauptziel ist.
Der Historiker und Theologe Urban Fink-Wagner ist Geschäftsführer der Inländischen Mission und stellvertretender Chefredaktor des Kirchenblattes.