Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03620.jsonl.gz/494

Warum wurde die Schweiz im Zweiten Weltkrieg verschont?
Es gibt in der Schweizer Geschichte eine Reihe von Themen, die immer wieder für neue Kontroversen sorgen, etwa die Staatsbildung im Spätmittelalter, die Frage der Neutralität in der Frühen Neuzeit, die Bedeutung Napoleons für die Verfassungentwicklung oder die späte Einführung des Frauenstimmrechts. Aber es gibt bis heute kein historisches Thema, welches die Gemüter stärker bewegt als der Zweite Weltkrieg. Vor allem eine Frage drängt sich immer wieder auf: Warum wurde die Schweiz von Nazi-Deutschland verschont?
Grob gesagt dreht sich die öffentliche Diskussion immer um zwei Erklärungen: Militär und Wirtschaft. Die militärische Erklärung betont den Abschreckungseffekt des Reduits, die wirtschaftliche die Kollaboration mit Nazi-Deutschland. Zur Stützung der zweiten Erklärung berufen sich die Diskutanten jeweils auf den Bergier-Bericht, der in 25 Studien die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland erforscht hat. Und mit grosser Wahrscheinlichkeit sind die Anhänger der wirtschaftlichen Erklärung weit zahlreicher als die Anhänger der militärischen Erklärung. Noch in den 1980er-Jahren war es umgekehrt.
Dass die Bedeutung der Wirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten stärker berücksichtigt worden ist, kann man nur begrüssen. Es ist weltfremd zu glauben, ein Krieg sei nur von rein militärischen Überlegungen geleitet. Gleichzeitig aber drängt sich immer mehr der Eindruck auf, die wirtschaftliche Erklärung habe sich zu einer neuen Orthodoxie verfestigt. Mit dem Hinweis auf den Bergier-Bericht wird so getan, als ob der neuste Forschungsstand keine andere Deutung der Vergangenheit mehr zulasse.
Wer sich aber nur etwas länger mit dem Bergier-Bericht auseinandergesetzt hat, weiss, dass eine solche Verkürzung unzulässig ist. Vor allem aber widerlegt der Bericht die Behauptung, dass die Schweizer Wirtschaft den Krieg verlängert habe, was darauf hinweist, dass die Kooperation der Schweizer Wirtschaft nicht entscheidend für Nazi-Deutschland gewesen war. Im Schlussbericht des Bergier-Berichts heisst es (S. 543-544):
Die These, wonach die von der Schweiz erbrachten Dienstleistungen, Exporte und Kredite den Kriegsverlauf auf bedeutsame Weise beeinflussten, konnte nicht erhärtet werden. Dies hängt weniger mit einer generellen «Unwichtigkeit» der schweizerischen Exportlieferungen und Finanzplatzdienstleistungen als mit der gigantischen wirtschaftlichen Dimension dieses Kriegs sowie mit den vielfältigen Faktoren, welche die Kriegswirtschaft und den Frontverlauf bestimmten, zusammen. Strategische Bombardierung, Kampftaktik der militärischen Protagonisten, Kommunikationssysteme und Informationskrieg sind wichtige Faktoren, auf welche die Schweiz nicht oder zumindest nicht direkt und relevant einwirken konnte. Weder die Waffenlieferungen noch die Finanzierung strategischer Rohstoffe hatten damit einen nachweisbaren Effekt auf die Dauer des Kriegs. Die Kommission fand keine Hinweise, die in diese Richtung wiesen.
Dass die wirtschaftliche Erklärung zu einseitig ist, zeigt auch der Vergleich mit anderen neutralen Kleinstaaten, etwa mit den Niederlanden. Die niederländische Wirtschaft war vor dem Krieg äusserst eng mit Deutschland verbunden, nicht nur über den Güterverkehr, sondern auch über die Finanzdienstleistungen. Als 1930 die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gegründet wurde, kam Amsterdam nicht in Frage, weil es als zu deutschfreundlich eingestuft wurde. Die enge Verbindung der niederländischen Wirtschaft mit Deutschland half jedoch nichts. Im Frühling 1940 wurde das Land in wenigen Tagen erobert, weil eine Besetzung für die deutsche Kriegsstrategie von grosser Bedeutung war.
Wenn der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich anders verlaufen wäre, hätte es durchaus sein können, dass auch die Schweiz besetzt worden wäre. Da Frankreich sich unerwartet schnell geschlagen geben musste, blieb eine Eskalation aus, und ab Sommer 1940 begann das deutsche Heer mit den Vorbereitungen des Feldzugs gegen die Sowjetunion. Der Krieg entfernte sich wieder von der Schweizer Grenze. Es bestanden zwar Pläne für einen Überfall auf die Schweiz, aber Hitler und die deutsche Heeresleitung hatten ab 1940 ganz andere Prioritäten.
Mit anderen Worten: Es war Glück, unglaubliches Glück, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg verschont wurde.