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Henri Matisse

Biografie, Biographie, Bücher, Pierre Matisse
Hilary Spurling: Der junge Matisse - John Russell: Matisse Father & Son
|Hilary Spurling
hat bereits mit mehreren Biographien, insbesondere
der zu Paul Scott, die Kritiker begeistert. Ihr Werk über die Jugend
und die Karriere von Henri Matisse (1869-1954) bis zu seinem Durchbruch
ist ebenfalls sprachlich hervorragend geschrieben. In achtjähriger
Recherche hat sie seine bisher unbekannte frühen Jahre minutiös
recherchiert, über die früher nur die immer gleichen - und manchmal
falschen - Anekdoten zitiert wurden.

Henri Matisse wurde 1869 im französischen Teil Flanderns geboren. Seine Kindheit wurde von der Niederlage Frankreichs im Krieg mit Deutschland überschattet, auch wenn die deutschen bereits 1871 aus Bohain abzogen. Schroff, nüchtern und unromantisch, aber voller Energie und Witz, war Henri ein echtes Kind der Pikardie. Im Zeichenunterricht seiner Schule ging es lediglich um das "streng mechanische Kopieren geometrischer Objekte, wobei selbst ein geringfügigen Abweichen von der bewährten Methode oder der Versuch, Farbe zu verwenden, bestraft wurde." Das weckte den Rebellen in ihm. Ist Matisse als Reaktion darauf zum grossen Koloristen geworden? Die Weber von Bohain und ihre dekorativen Stoffe haben ihn auf jeden Fall geprägt und später inspiriert. Mit siebzehn Jahren begann er auf eigenen Wunsch in Paris ein einjähriges Jurastudium. Er kehrte als Anwaltsgehilfe aus der Hauptstadt zurück, doch als Gehilfe in einem Anwaltsbüro erwies er sich als zu ungeschickt und unbegabt. Das 1890 von Léon Bouvier geschaffene Bild Schweizer Chalet gab den Anstoss dafür, dass Matisse zu Malen begann. Nach dem heimlichen Besuch einer lokalen Akademie ging er erneut mit väterlicher Billigung nach Paris, diesmal, um die Ecole des Beaux-Arts zu besuchen. Zuerst musste er sich in anderen Schulen auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Matisse besuchte die Kurse von William Bouguereau. Da der seine technischen Fähigkeiten negativ beurteilte, wechselte er rasch zu Gabriel Ferrier. Doch bei der Zulassungsprüfung zur Ecole des Beaux-Arts gehörte Matisse zu jenen zwei Drittel der Kandidaten, die durchfielen. Danach kam er schliesslich im Malatelier von Gustave Moreau unter, in der er weiterstudieren konnte. Bald gewann er die Anerkennung und sogar den Respekt seines Lehrers. Matisse wurde von Goya und Chardin beeinflusst. Das Stilleben mit Rauch- und Trinkutensilien des Franzosen war das erste Gemälde, das er im Louvre kopierte. Sein Lehrer Moreau verabscheute die Salonkunst mit Trompe-l'oeil-Effekten des Konkurrenten Bouguereaus.
1894 wurde Matisse Vater einer unehelichen Tochter. Marguerite wurde im Atelier mit der Geliebten eines Freundes gezeugt. Da sich Matisse zu dem Kind bekannte, zerbrach die Freundschaft. 1896 schliesslich erzielte Henri seine ersten Erfolge, der Salon de la Société Nationale des Beaux-Arts akzeptierte fünf seiner Bilder für eine Ausstellung, sein Werk Die Lesende wurde vom Staat angekauft, und ein Kunstkritiker äusserte sich positiv über ihn. Doch dies war gemäss Hilary Spurling "die erste und fast auch die letzte öffentliche Anerkennung, die Matisse zu Lebzeiten in seiner Heimat erfuhr. In jenem Jahr war er bereits zu einem Vorzeigeschüler Moreaus avanciert. Erneut wurde ein Bild von ihm vom Staat angekauft. Der ziemlich kranke Moreau erwies im gar die seltene Ehre, bei der Auswahl seiner Bilder für eine Salon-Bewerbung zu helfen. Doch Moreau riet ihm nach demütigenden Ablehnungen seiner Bilder, die keine Preise erhielten, das System der Ecole des Beaux-Arts zu verlassen und seinen eigenen Weg zu gehen.
Matisse besuchte Mitte der 1890er Jahre "das Schloss des Engländers" auf der Belle-Ile. Der Hausherr, John Peter Russell, war eigentlich ein reicher australischer Erbe, der 1886 am Meer in der Bretagne eine Künstlerkolonie gegründet hatte. Russell war ein Wegbeiter, Vorkämpfer und Neuerer, der Matisse u.a. den Impressionismus näher brachte. Hillary Spurling zeigt auf über 300 weiteren Seiten den Weg auf, den der junge Maler noch zurücklegen musste, um gut 10 Jahre später, ab dem Frühjahr 1908, zu solch einer Referenz in der Kunstszene aufzusteigen, dass sich die einflussreichsten Protagonisten der modernen Schule in Paris in Anhänger von Picasso oder eben von ihm, Matisse, aufzuspalten begannen. Das Werk von Spurling bricht - wie unser Artikel - etwas brüsk im Jahr 1909 ab. Folgt vielleicht bald ein zweiter Band, der den Rest des Lebens von Matisse bis zu seinem Tod im Jahr 1954 umfasst?
Der frühere Kunstkritiker der Sunday Times (1949-74) sowie zuletzt Chefkritiker der New York Times (1974 bis 1990), John Russell , legt mit Matisse. Father & Son ein Werk vor, in dem er die Schätze des Archivs von Pierre Matisse (1900-89) ausgewertet hat. Pierre war Kunsthändler und der zweite Sohn des Malers Henri Matisse und seiner Frau Amélie Parayre. Russell selbst war übrigens mit Pierre Matisse bekannt, in dessen Archiv sich über 800 zwischen Vater und Sohn ausgetauschte Briefe befinden, einige davon rund 20 Seiten lang. Russells Werk ist auf Pierre Matisse zentriert. Ihm fehlt allerdings die sprachliche Souveränität von Hilary Spurling. Seinen Protagonisten hat er nicht so detailliert nachgespürt wie die Engländerin. Trotzdem hat er selbstverständlich einiges über die Beziehung zwischen Vater und Sohn zu erzählen. So informierte Pierre anfangs der 20er Jahre, als er noch Maler werden wollte, seinen Vater über alle Werke, die er schuf, und sandte ihm gar Skizzen davon. Ende 1924 schliesslich ging er nach New York, wo er jahrelang für einen Kunsthändler arbeitete. Für diesen tourte Pierre durch Europa, um verkaufbare Kunstwerke aufzutreiben. Erst Ende 1931 etablierte er sich mit einer eigenen Galerie. Zu seinen Kunden gehörten ab 1935 der Schauspieler Edward G. Robinson und der Autokönig Walter P. Chrysler, ab 1936 auch Joseph Pulitzer jr.
Russell hat keine durchgängige Biographie geschrieben, sondern bei ihm findet sich eine Reihe von Portraitskizzen der Giganten der Kunst des 20. Jahrhunderts, die Pierre Matisse als Kunsthändler vertrat. Zu ihnen gehörten Miro (ab 1932), Alexander Calder (1934), Alberto Giacometti (1937), Balthus (1938) oder Dubuffet (1939). In Pierres Archiv befinden sich über 300 Briefwechsel mit Miro sowie annähernd 200 mit Alberto Giacometti. Da es sich um Briefe zwischen Künstlern und ihrem Galeristen handelt, geht es oft um Geld. Das mag einige Puristen stören, doch zeugen diese Briefe vom Existenzkampf der Künstler. Miro z.B. verlangte nur bescheidene regelmässige Summen und lieferte dafür eine im voraus festgelegte Anzahl an Werken pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk ab. Er hatte nichts von einem Dandy oder unzuverlässigen Künstler. Gleichzeitig sind seine Werke voller Poesie, scheinbar in völligem Kontrast zu seinem fast fliessbandähnlichen Arbeitsstil. Russells Werk bietet Einblicke in eine Vielzahl von Künstlerbiographien, die vor allem nach dem Krieg nach manchmal harten Jahren der Entbehrung in wohlverdienten Wohlstand mündeten, den Pierre Matisse selbst bis zu seinem Tod 1989 geniessen konnte.
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Hilary Spurling: Der Unbekannte Matisse. Köln, DuMont, 1999 (1998 London), 541 S. Bestellen bei Amazon.de.
John Russel: Matisse. Father & Son. New York, Harry N. Abrams, 1999, 415 S. Bestellen bei Amazon.com oder Amazon.de.
Am 26.7.2002 hinzugefügt:
Matisse Picasso. Katalogbuch zur Ausstellung Tate Modern, London; Les Galeries Nationales du Grand Palais, Paris; Museum of Modern Art, New York. Katalog Tate Gallery Publishing, 2002, 400 p. Edition française, Réunion des Musées Nationaux/RMN: bestellen bei Amazon.fr; Get the US edition by Distributed Art Publishers from Amazon.com or Amazon.ca.
Yve-Alain Bois: Matisse et Picasso. Flammarion, 1999, 271 p.; US edition 2001. Bestellen bei Amazon.com oder Amazon.ca.

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