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Kost und Logis: Wird Niki es richten?
Kinderarbeit in Vollendung
In der thailändischen Küche wird alles frisch zubereitet, am frischesten der Fisch im Restaurant von Nikis Eltern auf der kleinen Insel Koh Kho Khao: Er schwimmt im Flussgehege unter unserem Tisch. Sobald er bestellt wird, klettert ein Junge mit einem Netz hinunter, fängt ihn und trägt ihn zur Küche. Auf dem Weg dorthin entwischt der Red Snapper noch ein letztes Mal, schnellt in die Luft und klatscht vor die Füsse der Gäste.
Wir kennen Niki schon von unserem letzten Besuch vor ein paar Jahren, wobei «kennen» übertrieben ist. Das Mädchen, das wir kaum zehn Jahre alt schätzten, fiel uns damals auf, weil es für jeden Tisch die Rechnung auf dem Taschenrechner zusammenzählte, einkassierte und sich in professionellem Englisch für den Besuch bedankte.
Niki Traisinwattanakul wohnt mit ihren Eltern auf dem Festland, in Takuapa. Sie ist unterdessen vierzehn, geht in die achte Klasse. Um halb sieben steht sie auf, ist von halb neun bis halb fünf in der Schule, dann macht sie sich per Bus und Fähre auf den Weg ins Restaurant auf der Insel und wechselt für den Abend in die Rolle des Chef de Service. Danach fährt sie mit den Eltern heim, um 23 Uhr ist sie im Bett. Nur wenn sie besonders viele Hausaufgaben habe, lasse sie mal eine Schicht ausfallen und bleibe zu Hause. Im Restaurant arbeite sie gern, um den Eltern zu helfen und Englisch zu üben mit den Gästen.
Hellwach, fröhlich, fast überdreht nimmt sie Bestellungen auf, gibt Anweisungen, schiebt dann ein paar Tische zusammen, damit eine grössere Gruppe Platz findet, lächelt hier, grüsst da und hat den Laden im Griff. Kinderarbeit in Vollendung.
Sollte ich etwas dagegen haben? Niki ist, wie schon im Vorjahr, Klassenbeste. In einem Jahr wird sie in Had Yai auf die höhere Schule gehen und dort bei ihrer Grossmutter wohnen, sieben Busstunden von den Eltern weg. Auch ihr kleiner Neffe lebt dort, weil seine Eltern in Bangkok arbeiten.
Will sie später mal Kinder? Im Tourismus arbeiten? Wie klappt das mit Arbeit und Familie in Thailand, wo vier von fünf Frauen berufstätig sind? Das gehe schon, oft schauten die Grossmütter zu den Kindern. Aber sie wolle keine Familie, keinen Mann, sagt sie und schüttelt den Kopf. Sie werde studieren und in elf Jahren ihren Doktor der Medizin machen. Es klingt, als sei sie sich sehr sicher. Nur ob sie sich auf Herz oder Hirn spezialisieren will, habe sie noch nicht entschieden.
Politisch ist Thailand seit Jahren blockiert. Das Land sei strukturell und institutionell tief gespalten, beklagt die «Bangkok Post». Eine Lösung, ein Vorwärtskommen ist nicht in Sicht. Aber dass Niki in elf Jahren ihren Doktor haben wird, daran zweifle ich keine Sekunde. Und ihrer Generation traue ich einiges zu.
Ruth Wysseier ist WOZ-Redaktorin und Winzerin.