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Auferstehung der grünen Fee, Niederlage des Blauen Kreuzes: Interpretation durch Karikaturisten im Abstand von 95 Jahren. Bild: KEYSTONE
Codewort Porno – wie Schwarzbrenner trotz Verbot Absinth verkauften
Der einst verbotene Absinth ist in seiner Heimat Val-de-Travers heute ein lukrativer Mythos.
Das Codewort war: «Monsieur, verkaufen Sie Pornos?» Doch die Kunden in Daniel Guillouds TV- und Elektronikgeschäft in Fleurier NE wollten keine schlüpfrigen Videos, sondern Absinth. Dieser war in der Schweiz zwischen 1910 und 2005 verboten. Nur hier hinten, im beschaulichen Val-de-Travers im Neuenburger Jura, brummte der Schwarzmarkt.
Wo, wenn nicht hier? Als «die Wiege des Absinths» rühmen sie sich im Tal, das die Schweiz sonst vor allem durch seine Felsenarena Creux du Van kennt. Die «grüne Fee», wie der Hochprozentige wegen einer überlieferten Halluzination eines Betrunkenen auch genannt wird, soll im 18. Jahrhundert in dieser Abgeschiedenheit ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben. Sie soll der Pariser Bohème als Aphrodisiakum gedient haben; Vincent van Gogh habe sich auf Absinth verstümmelt.
Der ehemalige Schwarzbrenner Daniel Guilloud über den Mythos: «Es hatte sogar einen Polizisten in meinem Haus. Aber niemand hat Absinth gebrannt – niemand»
video: az
Mythos, weil anrüchig
30 Jahre lang, bis zur Legalisierung 2005, verdiente Guilloud sich als Schwarzbrenner ein Zubrot zum Fernseherverkaufen. Die Kessel zum Brennen hatte er im Badezimmer seiner Wohnung aufgebaut. «Alles, was ich zum Arbeiten brauchte, schleppte ich jeweils in TV-Kartons ins Apartment», erzählt Guilloud heute stolz, wie er unter dem Radar der Behörden flog. «Gegenüber wohnte ein Polizist; der hat nie etwas bemerkt.»
Nach der Legalisierung baute Guilloud eine legale Absintherie auf. Dutzende davon gehören in den elf Nestern des Val-de-Travers mittlerweile zum Ortsbild. Sie feiern die verruchte Vergangenheit des Absinths ab, verkauften letztes Jahr 165'000 Liter. Ein gutes Geschäft: Der Liter kostet mindestens 50 Franken. Im Hauptort Môtiers empfängt ein modernes Museum Gäste aus der ganzen Welt. 80'000 Touristen besuchen jährlich das 11'000-Einwohner-Tal. «Dank des Verbots ist Absinth heute ein Mythos», sagt Guilloud.
Mittlerweile ist er 68 und pensioniert. Das Geschäft hat er verkauft. Im Hinterzimmer seines damaligen Ladens erzählt er von seinen Husarenstücken, nippt an Kaffee statt Absinth. Daneben stehen die Destilliergeräte. Zum Stolz in der Stimme mischt sich jetzt Ärger: «Das Verbot war komplett unsinnig», schimpft er. Die Ungerechtigkeit, die sich schon lange vor seiner Geburt an der Urne abgespielt hatte, stört ihn immer noch. «Alkohol macht generell aggressiv; Absinth ist keine Ausnahme.» Heute widerspricht ihm kaum mehr einer.
Der ehemalige Schwarzbrenner Daniel Guilloud zeigte seine Anlage im Bad
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Doch 1908 nahmen die Schweizer Männer mit 63,5 Prozent eine Volksinitiative zum Verbot von «Fabrikation, Einfuhr, Transport, Verkauf und Aufbewahrung zum Zwecke des Verkaufs des unter dem Namen Absinth bekannten Liqueurs» an. Ohne von der Wissenschaft gestützt zu werden, hatte eine Allianz aus Blaukreuzlern, Kirchen und Winzerlobby behauptet, «Absinthismus» führe zu «heftigsten Tätlichkeiten». Die direkte Demokratie treibt nicht erst seit gestern seltsame Blüten.
Im Val-de-Travers brannten und tranken sie trotzdem weiter. Nun halt versteckt. Aus der ganzen Schweiz reisten deswegen während 95 Jahren der Prohibition die Leute an, um unter dem Ladentisch eine Flasche zu ergattern. Pornos, Poulets, Hähnchen oder Milch: Wer die Codewörter in den einzelnen Geschäften nicht kannte, dem gab der Verkäufer eine Flasche Wasser statt Absinth; mit dem Auge sind die Flüssigkeiten nicht zu unterscheiden. Das war keine Boshaftigkeit, sondern Vorsicht. Es hätte auch ein Testkauf der Behörden sein können.
Pierre-André Matthey: «Wir schützten die Schwarzbrenner mit einer einzigen allgemeinen Etikette»
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Ausserdem klebten die knapp hundert Schwarzbrenner im Tal einheitliche Etiketten auf ihre Flaschen. Erwischte die Polizei einen der Kunden mit der illegalen Ware, konnte sie keine Spuren rückverfolgen. Nur einmal sei etwas schiefgelaufen, erzählt Guilloud: «2002 erzählte ein Kunde betrunken der Polizei, er habe die Ware aus einem TV-Geschäft in Fleurier. Ausser meinem gab es hier keines.» Die Busse betrug 1200 Franken, ausserdem wurde alles Material beschlagnahmt. An der Wand hängt, einer Urkunde gleich, der Strafbefehl von damals.
So unangenehm das ständige Ducken war: Es war alles andere als eine Hexenjagd, die die Schwarzbrenner über sich ergehen lassen mussten. «Die Behörden hatten eine Ahnung, wer brannte und wer nicht.» Repression pro forma also. Schliesslich hätten sich die «Flics», die Polizisten, selbst bei ihm eingedeckt. «Zudem verdiente der Bund gut daran, dass ihm die Brenner den Trinkalkohol in den Apotheken abkauften.» Einen weiteren Erklärungsansatz hat Historiker Peter Moser (siehe Box): «Die Kantone waren für die Implementierung des nationalen Verbots zuständig. Wo die Absinthherstellung wichtig für die lokale Wirtschaft war, waren die Behörden wohl nachsichtiger bei der Umsetzung.»
Daniel Guilloud über die Art und Weise, wie Absinth getrunken wird – und wie eben nicht.
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