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Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (25.04.2005)
Das Premierenpublikum wollte der Leitidee des Protagonisten in "La Clemenza di Tito" nicht wirklich Folge leisten und buhte das "Regiekonzept" von Jonathan Miller ziemlich vehement aus. Was hat Miller – ein eher konventioneller Regisseur – getan, um das doch auch nicht speziell avantgardistisch eingestellte Publikum zu erzürnen? Nun, er hat wenig bis gar nichts getan. Das Opernhaus hätte in seiner angespannten finanziellen Lage sicherlich viel Geld sparen können, wenn es diese Premiere konzertant aufgeführt hätte.
Zugegeben, das Bühnenbild (Isabella Bywater) ist stark ästhetisiert. Die leere Bühne zeigt einen Turm mit Wendeltreppe. Einzige Requisiten sind ein Revolver und das Todesurteil Sestos. Im Hintergrund figuriert auf der einen Seite ein riesiges Gitterfenster, auf dem der Brand des Capitols mittels dezenter Videoprojektion eindrücklich gezeigt wird. Auf der anderen Seite steht eine etwas in die Jahre gekommene Wand, das Ganze ist in einem Rundhorizont angeordnet. Das alleine wäre sicher keine "Sünde" gewesen, aber die Akteure standen in diesem – zugegebenermassen sicher nicht einfach zu inszenierenden - Stück mehrheitlich dekorativ herum, die Männer wahlweise mit einer oder beiden Händen in der Hosentasche. Wozu das Ganze in den 30er-Jahren angesiedelt wurde, ist mir nicht klar geworden. Vielleicht nur deswegen, weil so berauschend schöne Kostüme entworfen werden konnten?
Ein Verzicht auf Psychologisierung der Charaktere kann ja bisweilen wohltuend sein. Aber gar nichts zu deuten, ist doch etwas wenig. Wie sieht Miller die Person des Kaisers? Ist seine Milde eine überzeugte oder eine berechnende? Tito war in seinen Jugendjahren alles andere als ein Ausbund an Tugendhaftigkeit. Er war im Kampf um Jerusalem im Gegenteil sehr blutrünstig und brutal; auf sein Konto geht die Zerstörung des Tempels. Mit seinem Amtsantritt veränderte er sich schlagartig. Für mich jedoch bleiben grosse Fragezeichen. An einem einzigen Tag verstösst er aus Staatsraison seine bisherige (jüdische) Geliebte, will Servilia als Frau. Diese möchte jedoch ihrem Freund treu bleiben. Tito verzichtet auf sie und wendet sich Vitellia zu. Das lässt meines Erachtens nicht wirklich auf echte, tiefe Gefühle schliessen. Andererseits ist verbrieft, dass für ihn "ein Tag, an welchem er nichts Gutes tut, ein vertaner Tag" ist. Der Ambiguität der Person wird jedenfalls in keiner Weise auf den Grund gegangen. Jonathan Miller sagt in der Opernhaus-Zeitschrift sinngemäss, er habe kein Regiekonzept. Und so kam es auch beim Publikum an. Der Verständlichkeit der Oper an sich tat dies jedoch keinen Abbruch. Ein Premierengast gestand mir, dass er zum ersten Mal die Geschichte verstanden habe. Dies war sicherlich auch den Übertiteln und den gesprochenen Rezitativen zu verdanken.
Franz Welser-Möst verzichtete auf die von Mozarts Schüler F.X. Süssmayr vertonten Rezitative. Deren Text wurde von Iso Camartin gekürzt und adaptiert, was dem ganzen Stück einen stärkeren Impetus gab und die Handlung auf zwei Stunden straffte. Die Sänger hatten offensichtlich an den Texten stark gefeilt und brachten diese in beeindruckender Weise zum Vortrag.
Musikalisch brachte der Abend für mich nicht ganz das erwartete Highlight. Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass ich Welser-Möst überaus schätze und dass seine Interpretationen für mich immer etwas Besonderes sind. Die Messlatte für einen gelungenen Abend ist dementsprechend sehr hoch angesiedelt, was gestern nun auch ihm etwas zum "Verhängnis" wurde. Da aber die Premiere in den seltensten Fällen die beste Vorstellung einer Serie ist, bin ich sehr zuversichtlich, dass sich im Verlauf der Serie das vermisste "Etwas" noch einstellen wird. Das Orchester hat sich mit Engagement an die Aufgabe gemacht, doch ganz befriedigend fand ich die Wiedergabe nicht; erstaunlich viele kleine Fehler schlichen sich ein, die ich bisher unter Welser-Möst – auch an einer Premiere – nie bemerkte. Bisweilen erschien mir das Ganze etwas zu laut, und eine gewisse Sinnlichkeit fehlte mir – vor allem im ersten Akt. Sicherlich spielt aber auch hier die Inszenierung mit – wenn nicht viel auf der Bühne passiert, fokussiert man sich auf die Musik. Man betrachtet sie praktisch wie unter einer Lupe und Kleinigkeiten, die anderswo womöglich nicht auffallen, fallen plötzlich ins Gewicht. Das Publikum bejubelte das Orchester und seinen Dirigenten – ich bin da vielleicht ganz einfach zu sehr verwöhnt worden...
Der Kaiser Tito wird etwas gar flapsig von Jonas Kaufmann verkörpert, der dieser sehr schwierigen Partie stimmlich bestens gerecht wird, auch wenn er in den dramatischeren Passagen die Tendenz hat, ins "Meckern" zu verfallen. Er ist jedoch ein Bühnentier, dessen Präsenz alles vergessen lässt. Als sein Freund Sesto, der ihn aus Liebe zu Vitellia verrät, steht ihm Vesselina Kasarova zur Seite, die einen grossen Publikumserfolg für sich verbuchen konnte. Ich selbst kann mich dem nicht so recht anschliessen; obwohl Kasarova über eine ausgesprochen schöne Stimme verfügt, kommt sie für mich doch zu manieriert und weinerlich herüber, sie kann mich nicht berühren, zudem ist sie oft schwer zu verstehen (offene, gaumige Vokale). Aber stilistisch und technisch ist absolut nichts einzuwenden; meine Einwände sind eine rein persönliche Geschmackssache. Vitellia (Eva Mei) ist die grosse Intrigantin des Stücks. Ihr gehört eigentlich der Thron, den Tito ihrer Meinung nach usurpiert hat. Sie liebte ihn früher (und wohl noch immer) und hofft, mittels Heirat mit ihm die Krone zu erobern. Als sie glaubt, Servilia (Malin Hartelius) werde neue Kaiserin, stiftet sie Sesto zum Mord an Tito an. Eva Mei war für mich die Überraschung des Abends. Nie hätte ich dieser zarten Person die Fähigkeit zu einer solch tiefen Bruststimme zugetraut! Das Stimmspektrum dieser Partie ist enorm, und Eva Mei bewältigt es mit Bravour. Manche mögen bemängeln, dass sie über eine etwas kleine Stimme verfügt, die nicht gerade mit grosser Durchschlagskraft glänzt. Ich finde jedoch, dass sie gerade durch die Schlankheit der Stimmführung und das fast Zerbrechliche eine unglaubliche Intensität ausstrahlt. Die vermeintliche Rivalin Servilia, die sich traut, dem Kaiser die Wahrheit zu gestehen – dass sie nämlich Annio liebt –, wird von Malin Hartelius in gewohnt liebreizender Art mit glockenhellem Sopran verkörpert. Kein Wunder, dass sich Tito zur Milde angestachelt fühlt und seinen Segen gibt für die Verbindung mit Annio. Dieser, ein treuer Freund sowohl Sestos wie Titos, ist für Liliana Nikiteanu eine Rolle, in der sie ihre Stärken besser ausspielen kann als auch schon. Auch wenn sie im 2. Akt einige Ermüdungserscheinungen verzeichnete, gefiel sie mir gut. Bleibt noch die einzige tiefe Stimme des Abends: Publio, der Präfekt der Prätorianer, der nicht wirklich zu begreifen scheint, wieso Tito schlussendlich sowohl Sesto wie auch Vitellia – die sich als Anstifterin des Mordes bekennt – begnadigt, wird prägnant von Günther Groissböck verkörpert, dessen Stimme ein grosses Potenzial erahnen lässt und auf dessen Weiterentwicklung man gespannt sein kann.
Fazit: eine Premiere, die noch nicht alles ausgeschöpft hat, die aber – zumindest musikalisch – durchaus das Potenzial hat, ein ausgesprochener Leckerbissen zu werden. Und um mit Tito zu sprechen: Ich würde für Jonathan Miller durchaus eine gewisse Milde walten lassen. Er zerstört das Werk nicht, und eine gewisse Ironie ist ihm nicht abzusprechen. Aber des Eindrucks, dass ihm nicht mehr viel einfällt, kann man sich nicht erwehren...