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Grundsätzlich wird zwischen Massenaussterben und Hintergrundaussterben unterschieden. Während dieses durch den normalen Selektionsdruck ausgelöst wird, werden für das Massenaussterben andere, oft in Kombination stehende Prozesse verantwortlich gemacht, wobei grundsätzlich zwischen MIU-Szenarien (multiple interaktive Ursachen) und EU-Szenarien (Einzelursachen) differenziert wird. MacLeod ist die fünf großen Aussterbeereignisse betreffend ein offenkundiger Anhänger des miu-basierten Ansatzes: Er hält auch die Impakt-Theorie an der K-T-Grenze, die zum Aussterben der Saurier geführt haben soll, zumindest in Teilen für fragwürdig. Sehr viel wahrscheinlicher erscheinen ihm miteinander verflochtene bzw. gleichzeitige Ereignisse: Vulkanismus in magmatischen Großprovinzen (LIP, large igneous province) in Kombination mit Erderwärmung, Änderung des Meeresspiegels oder auch Kälteperioden aufgrund tektonischer Verschiebungen (etwa Gondwanas Bewegung über den Südpol), marine Anoxie (Sauerstoffarmut), die mit solchen Veränderung einher geht (aufgrund neuer oder unterbrochener Meereströmungen oder dem Aussterben der Foraminiferen (hier ein Beispiel für die Erklärungen aus dem Glossar: Foraminiferen (planktisch, benthisch, num-mulitid, fusulinid, textularid): Große Gruppe von amöboiden Protisten mit granularem Zytoplasma, netzartigen Pseudopodien und (bei den meisten Arten) einer Einfach- oder Mehrkammerschale, die aus Kalziumkarbonat oder agglutinierten Sedimentpartikeln zusammengesetzt ist).
Auf diese Weise werden die einzelnen Massenaussterbeereignisse analysiert, indem die Rahmensituation (u. a. Landverteilung), das Ausmaß des Artensterbens sowie deren zeitlicher Verlauf und die Ursachen aufgezeigt werden. Das erfordert den ganzen Leser (und des öfteren einen Blick ins Lexikon oder die Wikipedia), ist aber trotz aller Komplexität spannend zu lesen. Ob es auch verständlicher gegangen wäre – mit Sicherheit. Allerdings dürfte MacLeod ganz bewusst für eine ausgewählte Lesergruppe geschrieben haben: Weshalb man ihm dies nicht wirklich vorwerfen kann. Das Angenehme an diesem Buch besteht in seiner strengen Wissenschaftlichkeit: Es beruft sich überall auf die vorhandenen Daten, stellt Hypothesen als solche dar und versucht nicht klüger zu sein als das Datenmaterial erlaubt. Das mag wenig befriedigend sein für Leser, die spektakuläre Katastrophenszenarien lieben oder bildreiche Beschreibungen von Apokalypsen, dieser Gruppe kann der vorliegende Band keinesfalls empfohlen werden.
Gegen Ende nimmt MacLeod einen kurzen Ausblick in die Zukunft vor: Er hält das bisherige, von Menschen verursachte Aussterben noch für wenig dramatisch, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass daraus keineswegs die Konsequenz gezogen werden darf, dem nicht volle Aufmerksamkeit zu schenken. Aussterben sind ein Indikator für eine nicht mehr intakte Umwelt – und ihre Folgen sind aufgrund von Rückkoppelungsmechanismen nur sehr schwer abzuschätzen. Wenn er auch die Zahlen von Al Gore* bezüglich des Artensterbens stark kritisiert und als mit den Fakten nicht übereinstimmend zurückweist, so plädiert er dennoch für einen höchst behutsamen Umgang mit der Umwelt. Ein faktenreiches, den Leser herausforderndes Buch – nichts für zwischendurch.
*) Ich bin unsicher, ob eine solche Panikmache – neben der Erzeugung eines gesunden Umweltbewusstseins – nicht immer auch negativen Folgen hat: Indem aus der übertriebenen Darstellung fälschlicherweise von Gegnern geschlossen wird, dass Umweltprobleme im Grunde gar nicht existieren (oder von der chinesischen Wirtschaftsmafia erfunden wurden).
Norman MacLeod: Arten sterben. Wendepunkte der Evolution. Darmstadt: WBG 2016.