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Im grössten Teil Brasiliens gibt es zwar keinen Winter, so wie wir ihn in Europa kennen, aber im tiefen Süden – den Bundesstaaten Santa Catarina und Rio Grande do Sul können die Temperaturen in den Monaten Juli, August und September doch bis auf wenige Grade unter Null fallen – Schnee ist dann nicht selten, und auch die vier Jahreszeiten sind deutlich zu beobachten – einer der Gründe, warum sich in diesen beiden Bundesstaaten die meisten europäischen Einwanderer angesiedelt haben. Ganz anders im Nordosten, Mittelwesten und Norden des riesigen Landes – dort herrscht ein tropisches Klima, in dem nur zwei Jahreszeiten deutlich spürbar sind: eine Trocken- und eine Regenperiode. Naturgemäss stehen die meisten Pflanzen während der feuchten Jahreszeit in Blüte – ein üppiges Nektarangebot für die Kolibris. In der trockenen Periode hingegen kann es für sie eng werden – im Inland des Cerrado und der Caatinga halten sich die dortigen Kolibriarten dann an jene Pflanzen, die auch bei Trockenheit blühen, wie zum Beispiel die verschiedenen Sukkulenten (wasserspeichernde Pflanzen), wie Kakteen, Bromelien, Agaven, etc., jedoch die im urbanen Umfeld lebenden Kolibris, gewöhnt an die Blüten der Felder, Gärten und Parks, erleben dann eine jährlich wiederkehrende Nahrungsknappheit, die manch einen dieser vom Blütennektar abhängigen Vögel buchstäblich verhungern lässt.
Also sind brasilianische Tierschützer dazu übergegangen, für die durch die Trockenheit gefährdeten Kolibris künstliche Nahrungsquellen in Form von Trinkflaschen zu schaffen, die mit einer Zuckerlösung gefüllt sind – so wie wir in Europa unseren Singvögeln helfen, über die verschneiten Wintertage zu kommen, indem wir für sie Futterhäuschen aufstellen. Allerdings gibt es für die Zusammenstellung dieser Nährlösung genaue Vorschriften – die Veterinärin Stella Maria Benez, eine Spezialistin für Vögel, warnt zum Beispiel: “Der Chlorgehalt des Leitungswassers ist gefährlich, denn er kann eine Gastroenteritis (Entzündung des Magens und Darmtrakts) bei den Kolibris auslösen, deshalb sollte das Wasser vorher abgekocht werden. Eine Gärung der Zuckerlösung führt zu einer Pilzbildung (mit blossem Auge nicht sichtbar), die den Kolibri umbringt – sie verursacht eine Schnabelinfektion, die Zunge schwillt an und erstickt den Vogel. Um diese Gärung zu verhindern, den Inhalt der Flasche täglich erneuern“ (Lesen Sie dazu unsere Geschichte “Der Flug des Kolibris“). Grundsätzlich ist es sicher ein positiver Nebeneffekt, dass bereits die Kinder am Beispiel der Sorge um die Kolibris lernen, wie die Wunder der Natur erhalten und geschützt werden können – besonders in einem Land, in dem der Umweltschutz noch in den Kinderschuhen steckt.
Die künstliche Ernährung der Kolibris ist also, wie schon angedeutet, keine Lösung auf Dauer, denn sie kann den Vitamin- und Mineraliengehalt des natürlichen Blütennektars auf keinen Fall ersetzen – ausserdem brauchen Kolibris zusätzlich kleine Insekten, mit denen sie ihren Proteinbedarf decken. Wer einen Garten hat, der kann entsprechende Pflanzen durch regelmässiges Giessen auch während der Trockenperiode zum Blühen bringen, und wer eine Terrasse oder einen Balkon besitzt, der kann auch dort mit Blumenkästen und Pflanzenschalen eine gesunde Ernährungsbasis für die Kolibris schaffen. “Jede blühende Pflanze entspricht einem Gläschen Zuckerwasser“, kommentiert Christian Dalgas Frisch.
Nun haben Sie sicher schon davon gehört, dass man die Notwendigkeit kontinuierlicher Energieaufnahme der Kolibris dazu nutzen kann, für sie eine künstliche Nahrungsquelle, befüllt mit einer Zuckerlösung, aufzustellen oder aufzuhängen – auf diese Weise kann man sie anlocken und die ersten Testfotos von ihnen schiessen. Denn wenn man sich später an die viel schwierigeren “Freiland-Fotos“ wagen möchte, sind diese Erfahrungen wertvoll.
Beschäftigen wir uns also einmal mit der Kunst, unsere kleinen, bunten Protagonisten anzulocken. Ein so genanntes “Bebedouro“ (Trinkgefäss) speziell für die “Beija-flores“ kann man in Brasilien in jedem Pet-Shop kaufen. Aber man kann ein solches Gefäss ganz einfach aus einer Plastikflasche selbst anfertigen: Nehmen sie dafür eine dieser “Wegwerfflaschen“ von 500ml oder kleiner – erhitzen Sie einen kleinen Nagel und brennen Sie damit ein kleines Loch in die Flasche, wenige Millimeter über der Basis. Rund um das Loch können Sie dann eine Blüte mit rotem Nagellack malen. Nachdem Sie die Flasche mit der Zuckerlösung gefüllt haben, müssen Sie ihren Verschluss fest (luftdicht) zudrehen, damit die Lösung nicht aus dem kleinen Loch heraustropft. Dann hängen sie die Flasche an einem Draht freischwebend auf – natürlich in möglichst “fotogener Position“.
Sie werden sich wundern, wie schnell die Kolibris der Nachbarschaft diese künstliche Nahrungsquelle entdecken – sie funktioniert sogar bis hinauf ins 10. bis 12. Stockwerk eines Mietshauses. Und bald werden Sie feststellen, dass der eine oder andere Kolibri die Flasche als seinen persönlichen Besitz betrachtet und sie den ganzen Tag lang immer wieder aufsucht. Die besitzergreifendsten unter ihnen – sowohl Männchen wie Weibchen – vereinnahmen die Flasche vollkommen und verteidigen sie gegen “Eindringlinge“, selbst wenn diese derselben Art angehören. Dann sollten Sie nicht etwa die Flasche an anderer Stelle aufhängen, um keine aggressiven Kämpfe zu provozieren, sondern am besten noch eine weitere “Trinkflasche“ vorbereiten und in etwas Abstand aufhängen. Sie werden sehen, wenn Sie den Inhalt einer Flasche wechseln, schwirrt bereits deren “Besitzer“ dicht über Ihrem Kopf aufgeregt herum – der tiefe Brummton seiner Flügel ist unüberhörbar.
In meinem Garten in Belo Horizonte (Bundesstaat Minas Gerais) hängte ich die Trinkflaschen unter einem Dachvorsprung meiner Terrasse auf, vor der sich ein grosser Garten erstreckte. Wenn eine davon leer war – und das geschah ab und zu, weil ich sie nur zu einem Drittel aufzufüllen pflegte, um ihren Inhalt jeden Morgen zu erneuern – bemerkte ich das dadurch, dass ihr “Besitzer“ mich erregt, um nicht zu sagen empört, umschwirrte. Und das tat er so lange, bis ich sie wieder gefüllt an ihren Platz gehängt hatte. Besonders zu Zeiten, in denen es im Garten selbst keine blühenden Pflanzen gab, hingen unter besagtem Terrassendach manchmal bis zu einem halben Dutzend gefüllte Flaschen in gebührendem Abstand (etwa 1 Meter) voneinander, um jenen bereits erwähnten Streitigkeiten vorzubeugen, und das funktionierte bestens – jede Flasche hatte ihren “Besitzer“.
Wenden wir uns nun dem Wichtigsten zu, der Zusammensetzung und Zubereitung der bei den Kolibris so beliebten Zuckerlösung: Sie verlangt ein paar Vorsichtsmassnahmen. Umweltschützer empfehlen, das dafür vorgesehene Wasser vorher abzukochen, um Keime zu vernichten, und dann auskühlen zu lassen. Stella Maria Benez, Veterinärin und Spezialistin für Vögel warnt: “Der Chlorgehalt des Leitungswassers ist gefährlich, denn er kann eine Gastroenteritis (Entzündung des Magens und Darmtrakts) auslösen“. Was den Zucker betrifft, empfiehlt José Eduardo Bicudo den Kristallzucker. “Er ist weniger industrialisiert“. Die Lösung sollte täglich neu präpariert werden, den die Gärung der Zuckerlösung führt zu einer Pilzbildung (mit blossem Auge nicht sichtbar), die den Kolibri umbringt – sie verursacht eine Schnabelinfektion, die Zunge schwillt an und erstickt den Vogel. Honig oder Sirup niemals dieser Lösung beimischen, denn sie fermentieren noch schneller. Die Trinkflasche möglichst an einem gut ventilierten Ort, zum Beispiel im Baumschatten, anbringen, um die Gärung zu verlangsamen. Täglich die Lösungsreste wegschütten, die Flaschen gut auswaschen und trocknen lassen, bevor man sie neu befüllt.
Die Mischung der Zuckerlösung: Vier Teile abgekochtes Wasser auf einen Teil Zucker gemäss dem Gesamtvolumen. Zum Beispiel : Auf 100ml (100%) Flüssigkeit entfallen 80ml (80%) Wasser und 20ml (20%) Zucker. Zuviel Zucker ist zwar kein Problem für die Vögel, ist aber Verschwendung und lockt Bienen und Ameisen an. Der Zucker gibt den Kolibris Energie, ist jedoch allein nicht genug, um ihren täglichen Bedarf an Nährstoffen zu decken. Deshalb kann man, besonders in der blütenlosen Zeit, der Zuckerlösung Proteine, Vitamine und Mineralien in Form von Tropfen beimischen, die man in Pet-Shops speziell für Vögel bekommt.
Invasoren: Nun haben wir eine schöne Trinkflasche gebastelt, genau nach Vorschrift die Zuckerlösung erstellt und abgefüllt – aber anstelle von Kolibris haben wir eine Menge Bienen angelockt! Diese und andere unliebsame Invasoren können tatsächlich von der Zuckerlösung angelockt werden – besonders wenn der Zuckeranteil die besagten 20% überschreitet! Also noch ein paar Tipps, wie Sie solche Probleme in den Griff bekommen:
Wie man Bienen abschreckt: Wenn Bienen die Trinkflasche belagern – die übrigens die Kolibris in der Regel fernhalten, den diese fürchten deren Stachel – dann sollten Sie zuerst einmal den Zuckergehalt überprüfen bzw. verringern. Der Gehalt von 20% Zucker ist für die Kolibris genug und für die Bienen uninteressant. Falls die Bienen trotzdem nicht weichen wollen, hier ein natürliches Abschreckungsmittel: 1 Esslöffel Essig + 1 Esslöffel Öl + 1 Viertel einer Knoblauchzehe. Die Knoblauchzehe zerquetschen, dann die anderen Ingredienzien hinzufügen und vermischen. Die Flasche mit der Zuckerlösung füllen und vor dem Aufhängen diese “Bienenabschreckpaste“ an den Stellen aufpinseln, wo sich die Bienen niederzulassen pflegen – praktisch rund um die Flaschenbasis – aber darauf achten, dass sie sich nicht mit der Zuckerlösung mischen kann. Den Pastenrest kann man im Kühlschrank ein paar Tage aufheben, zur Wiederbenutzung.
Wie man Ameisen fernhält: Für den Fall, dass Ameisen der Kolibri-Trinkflasche einen Besuch abstatten, ist die Abschreckung noch einfacher – Sie müssen nur ein bisschen Vaseline auf den Haken und den Draht auftragen, der die Flasche hält, um diesen Plagegeistern den Weg zu versperren. Um Ameisen fernzuhalten ist es ausserdem zu empfehlen, an die Basis der Trinkflasche einen Untersetzer anzukleben, der eventuelle Tropfen auffängt, sodass diese nicht auf den Boden fallen.
Der Breitschwingenkolibri (Eupetomena macroura), er wird zirka 19 Zentimeter lang, ist einer der grössten seiner Klasse – mit langem, scherenförmigem Schwanz und dunklem, blaugrün schimmerndem Gefieder. Ein typischer “besitzergreifender“ Vogel – hat er einmal die Trinkflasche entdeckt, können sie sicher sein, dass er keinen seiner Nachbarn mehr in ihre Nähe lässt – er ist der Besitzer des Terrains – und er bleibt auch in der Nähe, um eventuelle Konkurrenten sofort verjagen zu können, die sich an “seiner Quelle“ gütlich tun wollen. Der Breitschwingenkolibri war auch der Grund, warum ich bald eine zweite Flasche aufhängen musste.
An der Trinkflasche werden jedoch nicht nur Kolibris naschen wollen, sondern auch andere Vogelarten, die sich unter anderem ebenfalls von Nektar ernähren. Da gibt es zum Beispiel den Zuckervogel (Coereba flaveola), die Palmentangare (Thraupis palmarum), den Blaukopfpitpit (Dacnis cayana), und einige andere, die eventuell durch die Zuckerlösung angelockt werden. Da sie, im Gegensatz zu den Kolibris, nicht in der Lage sind, vor dem Trinkloch “schwebend“ die Zuckerlösung aufzunehmen, kann man für sie eine kleine Sitzstange an der Basis der Trinkflasche anbringen.
Zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache:
“Künstliche Ernährung der Kolibris“ ist, wie schon gesagt, nicht ideal, denn ihre gesunde Ernährung kann einzig und allein durch Blütennektar garantiert werden, mit den notwendigen Mineralien und Vitaminen, und durch Insekten, mit denen die kleinen Vögel ihren Proteinbedarf decken. Wer keinen Garten hat, kann dauerhaft blühende Pflanzen in Töpfen oder Pflanzenschalen auf der Terrasse einsetzen und damit für die Kolibris eine gesunde Ernährungsbasis schaffen. “Jede blühende Pflanze entspricht einem Gläschen Zuckerwasser“, kommentiert Christian Dalgas Frisch.