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Im dritten Lebensjahrzehnt nach einer glanzvollen Karriere aufhören und in den Ruhestand gehen – das scheinen allenfalls Sportler zu kennen, nicht aber Künstler. Gioachino Rossini indes ist die Ausnahme, die diese Regel bestätigt: 1829, mit nur 37 Jahren, zog er sich nach seinem 39. Bühnenwerk, der Grand Opéra Guillaume Tell, von der Bühne zurück, um sich fortan der Gourmandise und der Melancholie zu widmen. Doch auch Rossini wurde im Alter «rückfällig», begann schon bald nach seinem Guillaume Tell mit einem Stabat Mater, das er allerdings erst 1842 fertigstelle, und machte sich 1863, mehr als zwei Jahrzehnte später (und fünf Jahre vor seinem Tod), an seine Petite Messe solennelle. Die Nachricht, Rossini habe eine neue Komposition in Angriff genommen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer rund um den Globus: «Rossini’s Mysterious Mass» titelte das «Aesthetic Magazine» Once a Month selbst im fernen New York.
Aber mit dem, was Rossini dann vorlegte, hatte wohl keiner gerechnet. Zunächst einmal konnten nur wenige Auserwählte die neue Messe hören – jenes handverlesene Publikum nämlich, das der mit Rossini befreundete Comte Michel-Frédéric Pillet-Wil am 14. März 1864 zur Premiere in seinem neu errichteten Stadtpalais in der Pariser Rue Moncey 12 lud. (Die Soloparts gestalteten übrigens vier Rossini bestens bekannte Sängerinnen und Sänger vom Théâtre Italien.) Hinzu kam am Vortag eine Generalprobe mit Pressevertretern, der auch Komponisten wie Daniel-François-Esprit Auber, Ambroise Thomas oder Giacomo Meyerbeer beiwohnten. Und schliesslich folgte rund ein Jahr später noch eine weitere Aufführung, wiederum im Palais Pillet-Will. Das war’s. Kein geistliches Spektakel also, sondern eher ein gesellschaftliches Ereignis im halbprivaten Rahmen. Wen wundert’s da, dass die Petite Messe solennelle bald den Spitznamen «Petite Messe salonnelle» erhielt?
Dass Rossinis neue Messe nicht im kirchlichen Kontext zur Uraufführung gelangte, hing nicht zuletzt mit dem Verbot weiblicher Stimmen im Gottesdienst zusammen. «Mulieres in ecclesiis taceant» («Frauen haben in den Versammlungen zu schweigen»), lautete das strenge Verdikt, vor dessen Hintergrund der vom Komponisten auf dem Titelblatt vermerkte Besetzungswunsch erst seine Spitze erhält: «Zwölf Sänger von dreierlei Geschlecht – Männer, Frauen und Kastraten». Aber damit nicht genug: Auch die skurrile Besetzung mit vier Solo- und acht Chorstimmen, begleitet nur von zwei Klavieren und einem Harmonium, ist nicht für den grossen Kirchenraum gedacht.
Zwar hat Rossini seine Messe später orchestriert (denn sonst hätte es jemand anderes getan). Doch ihren ganz eigenen Charme entfaltet sie vor allem in diesem Kleinformat, das die einzigartige Verbindung von opernhaften Passagen und strenger Polyphonie, von Belcanto-Schmelz und kirchenmusikalischer Gelehrsamkeit erst richtig zur Geltung kommen lässt: auf der einen Seite die kunstvoll gesetzten Doppelfugen am Ende des Gloria und Credo, auf der anderen Seite Melos und Theatralik. «Ein bisschen Gelehrsamkeit, ein bisschen Herz, das ist alles», erklärt Rossini am Ende der Partitur lapidar. Und fragt sich, ob er «heilige» oder «verdammte» Musik komponiert habe, musique sacrée oder sacrée musique. Auch dem Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick gegenüber erklärte er mit vorbeugender Ironie: «Das ist keine Kirchenmusik für euch Deutsche. Auch meine ernsteste Musik ist höchstens semiseria.»
Nach all dem ist es wenig verwunderlich, wenn auch jammerschade, dass Rossinis «letzte Todsünde», als die er seine Petite Messe solennelle taxierte, nur selten aufgeführt wird. In der über 75-jährigen Luzerner Festspielgeschichte war das bislang gar erst ein einziges Mal der Fall: im Sommer 1973 mit Wolfgang Sawallisch, der das Konzert vom Klavier aus leitete, und den Solisten Kari Lövaas, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier und Dietrich Fischer-Dieskau. Höchste Zeit also, dass diese verrückteste aller Messen in der kommenden Woche, am 13. April, endlich wieder auf dem Programm steht – als grosser kleiner Abschluss unseres Oster-Festivals.
Malte Lohmann | Redaktion