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Izmir, das pulsierende, weltoffene Herz der Ägäis
Die älteste nachvollziehbare Geschichte Izmirs, des alten Smyrnas, beginnt wohl lange Zeit, bevor der antike Dichter Homer hier wirkte – im dritten vorchristlichen Jahrtausend, einige Kilometer nordöstlich vom heutigen Zentrum im Stadtteil Bayrakli. Dort können hinter dem Smyrna Maydani (Platz) bis in die Gegenwart die frühesten, leider nicht sehr gut erhaltenen Überreste der antiken Stadt besichtigt werden.
Die wechselvolle Geschichte der Metropole sowie der antiken Regionen Äolien nördlich und Ionien südlich der Stadt wird kaum besser beschrieben als durch das Wort des vorsokratischen Philosophen Heraklit von Ephesos (etwa 520 bis 460 v. Chr.): „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu.“
Viele Wasser sind durch Izmir geströmt und bahnen sich bis heute mit mediterranem Temperament ihren Weg durch die geschäftigen Strassen der ägäischen Hauptstadt. Schon Jahrtausende vor der griechischen Besiedlung wurde die Stadt, deren ursprünglicher Name wohl Tismurna war, von altanatolischen Völkern bewohnt. Aus Tismurna wurde unter den Griechen, Römern, Byzantinern und Osmanen Smyrna.
Die Republik begann mit einer Katastrophe für Izmir
Bis zum verhängnisvollen 9. September 1922 waren nur rund 15 Prozent der Bevölkerung türkisch. Der Rest war griechisch, jüdisch, armenisch oder setzte sich aus Ausländern zusammen, die in der Handelsmetropole mehrheitlich ihren Geschäften nachging. An jenem Septembertag änderte sich dies jedoch schlagartig.
Smyrna gehörte in dieser Zeit zu Griechenland, und vorangegangen waren Pogrome gegen die türkische Bevölkerung. Nun jedoch konnten die türkischen Truppen die Stadt zurückerobern und es kam zu fürchterlichen Racheaktionen, denen Tausende von Griechen zum Opfer fielen. Ein Grossteil wurde evakuiert. Zudem kam es am 13. September zu einem der historisch grössten Stadtbrände, vergleichbar mit dem Inferno in Rom unter Nero. Wäre Izmir nicht Izmir, wäre es in diesen Tagen gewiss endgültig untergegangen.
Die Stadt aber erholte sich unter ihrem neuen Namen – und abermals gelang es ihr, Frieden zu schliessen, Feindschaften zu begraben und sich der Welt zu öffnen wie gegenwärtig keine andere türkische Stadt.
Alsancak – Shoppen, geniessen, prominieren, feiern
Besonders deutlich wird dies im kosmopolitischen, modernen Stadtzentrum Alsancak. Mondäne Boutiquen und luxuriöse Einrichtungshäuser prägen tagsüber das Bild des Viertels. Zur Rast laden dann gepflegte Cafés ein. Ab dem Nachmittag füllen sich jedoch zusehends die zahlreichen Restaurants, Kneipen und Clubs. Mehrere Hundert gibt es davon alleine in den Seitenstrassen der Kibris Sehitleri Caddesi, der langgestreckten Einkaufsmeile Alsancaks.
Den hungrigen Gast erwarten typisch türkische Schnellimbisse, welche Pide und Lahmacun (beides Pizzavarianten) im Angebot haben. Die gehobenen Speisegaststätten sind hier entweder spezialisiert auf Fischgerichte oder bieten türkische Gerichte vom Grill. Hackfleischvariationen und -spiesse wie Izgara Köfte oder Adana Kebap und Lammgerichte wie Sis Kebap (Lammspies) oder Pirzola (Lammkotletts) sind am beliebtesten. Der Wettbewerb im Viertel sorgt dafür, dass die Qualität überall gut bis hervorragend ist.
In den oberhalb der Restaurants liegenden Seitenstrassen reiht sich ein Pub an das andere. Sie befinden sich alle in historischen Häusern, die den Brand von 1922 überlebt haben. Entsprechend ist die Atmosphäre, auch wenn es zum Abend hin immer sehr voll ist, urgemütlich. Ab etwa 21 Uhr gibt es in den meisten Kneipen Livemusik. Doch Vorsicht: Die Nächte sind hier lang!
Wenige Schritte entfernt ist die „Kordon“ genannte Promenade am Meer mit Blick auf den Hafen, den zweitgrössten in der Türkei, und den auf der anderen Seite der Bucht gelegenen Stadtteil Kasiyaka – weitläufiger als Alsancak, aber mit ähnlicher Struktur. Alle paar Minuten sorgen Fähren für eine Überfahrt, sodass für einen Stadtbummel oder Kneipenabend auch dieses Viertel mit einbezogen werden kann.
Die Kentkart – preiswert öffentliche Verkehrsmittel nutzen
Für die Fähren ebenso wie für alle städtischen Busse und die Metro ist es übrigens empfehlenswert, sich pro Person eine sogenannte Kentkart zuzulegen. Diese in Kiosken und vielen anderen Verkaufsstellen angebotene Karte ermöglicht zu sehr günstigen Preisen die Nutzung der Verkehrsmittel für 90 Minuten. Eine Investition von umgerechnet zehn Schweizer Franken dürfte auch bei intensiver Nutzung für einige Tage reichen.
Zurück in Alsancak am Kordon fällt der Blick auf die zahllosen Cafés, Kneipen und Restaurants. Etwa zwei Kilometer lang ist die Ansammlung von Gaststätten; sie reicht nach Süden über Pasaport bis nach Konak Pier, zwei historische Hafengebäude.
Sich verlaufen im orientalischen Bazar Kemeralti
Von dort ist Kemeralti, der orientalische Bazar Izmirs, in wenigen Minuten erreichbar. Vorbei am Wahrzeichen Izmirs, der 1901 erbauten Saat Kulesi, einem Uhrenturm, der auf ein Geschenk des deutschen Kaisers Wilhelm II. zurückgeht, geht es in die engen Gassen Kemeraltis.
Nicht weniger als 50’000 Geschäfte bieten hier einfache Textilien, Haushaltsgegenstände, traditionelles Handwerk, Wasserpfeifen, die für Izmir berühmten Trockenfrüchte und in eigenen Vierteln Gold, Hochzeitsmoden und Kleidung für das Beschneidungsfest oder auch den Bauchtanz an. Die Luft ist erfüllt mit dem Duft von frisch geröstetem Mocca-Kaffee, gebrannten Nüssen und Speisen aus den Garküchen, erkennbar an der Aufschrift „Ev Yemekleri“, was in etwa „Hausmannskost“ heisst und diesem Anspruch für kleines Geld in der Regel voll gerecht wird.
Das Eintauchen in die orientalische Welt ist für Ortsunkundige fast immer damit verbunden, sich via teils aufwändig restaurierter Innenhöfe in den gewinkelten Gängen und Durchgangspassagen zu verlaufen. Das macht aber nichts. Denn die einzigartige Atmosphäre dieses Viertels mit seinen kleinen Plätzen, auf denen häufig filigran gestaltete Brunnen zu finden sind, lohnt auch einen längeren Aufenthalt.
Bauliche Attraktionen sind hier die älteste erhaltene Moschee Izmirs, die 1598 fertig gestellte Hizar-Moschee und die Karawanserei Kizlaragasi Hani, in der viele Antiquitäten-Geschäfte untergebracht sind. In einer Seitenstrasse, vorbei an Kizlaragasi Hani, finden sich die berühmtesten traditionellen Kaffeehäuser der Stadt. In den kleinen Cafés ist Sakizli Kahvesi, türkischer Mocca mit Mastix versetzt, eine köstliche Spezialität, die hier in der Tasse gebraut wird. Ein Genuss!
Ebenfalls sehenswert ist die Havra Sokak in Kemeralti, in der sich 16 teils zerfallene Synagogen befinden. Ganz in der Nähe ist auch die Agora Izmirs, ein Überrest der antiken Stadt.
Auf dem Hügel Pagos thronen bis heute die Überreste der Festung Kadifekale, deren älteste Teile aus dem vierten Jahrhundert vor Christus stammen. Hier soll Alexander der Grosse einst eingeschlafen sein und von einer Stadt geträumt haben. Das Orakel von Klaros deutete dies so, dass Alexander an diesem Ort das damals untergegangene Smyrna wiedererrichten solle. Nicht weit entfernt befindet sich das Archäologische Museum mit Funden aus dieser und späterer Zeit.
Karatas – das alte jüdische Viertel Izmirs
Rund zwei Kilometer nördlich vom Stadtzentrum ist das Karatas-Viertel, in dem früher mehrheitlich die jüdische Bevölkerung wohnte. Daher steht hier auch die grösste und noch aktive Synagoge Izmirs, Bet Israel. Ein Besuch muss jedoch durch eine Reiseagentur mehrere Tage vorher angekündigt werden.
Einige Meter davon entfernt liegt die Dario Moreno Strasse, benannt nach dem aus Izmir stammenden, 1968 verstorbenen Sänger und Schauspieler. Sein berühmtestes Lied „Her Aksam Votka, Raki ve Sarap“ („Jeden Abend Wodka, Raki und Wein“) summen viele Izmirer heute noch oft vor sich her, während sie ein entsprechendes Gläschen vor sich stehen haben.
In den restaurierten Häusern der Strasse befinden sich Künstlercafés, und am Ende ist Asansör, ein 1907 erbauter, 58 Meter hoher Aussenaufzug, zu sehen, der eine Verbindung zu den oberhalb gelegenen Stadtteilen herstellt. Auf dem Plateau kann der Blick über die gesamte Stadt sowie Meeresbucht genossen und die Erkenntnis gewonnen werden, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt in Izmir.
Text: Holger „Tolga“ Heymann
Oberstes Bild: Saat Kulesi, das Wahrzeichen Izmirs (© kyronja – Fotolia.com)