Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03381.jsonl.gz/1325

Amerika, das Festland der westlichen Hemisphäre, die sogen. Neue Welt, ist nach Flächeninhalt der zweite, hinsichtlich der meridionalen
Längenausdehnung der erste Erdteil und wurde nach dem Florentiner
[* 5] Amerigo Vespucci (s. d.) benannt, der
einige der Expeditionen der
Spanier und Portugiesen nach Amerika begleitet hatte und dadurch bekannt geworden war, daß in einer
der ersten Sammlungen von Entdeckungsreisen nach der Neuen Welt seine Reiseerlebnisse besonders ausführlich mitgeteilt waren.
Amerika reicht von der nördlichen kalten Zone durch die nördliche gemäßigte und die heiße Zone bis über
die Mitte der südlichen gemäßigten Zone hinaus und nähert sich im N. wie im S. den Polen mehr als die andern Kontinente.
Durch diese große Erstreckung in meridionaler Richtung, durch den Umstand, daß es allen Zonen, mit Ausnahme
der südlichen kalten, angehört, zeichnet sich Amerika vor allen übrigen Erdteilen aus. Die Entfernung des nördlichsten bekannten
Punktes, Roddbai auf der HalbinselBoothia Felix, unter 73° 54' nördl. Br. und 91° 10' westl. L. v. Gr., von dem südlichsten,
dem KapFroward, unter 53° 54' südl. Br. und 71° 18' westl. L., beträgt ungefähr 14,850 km.
Einige Teile des Arktischen Archipels, der sich dem Nordpol weit mehr nähert als das Feuerland dem Südpol (KapHorn, 56° südl.
Br.), hat man bis über 83° nördl. Br. verfolgt.
Ein mittelländisches Meer teilt in zwei Teile, Nord- und Südamerika, die nur durch eine schmale Landenge miteinander zusammenhängen
und in ihren horizontalen Dimensionen viel Gleichförmiges zeigen. Beide haben Dreiecksform mit gegen S. gerichteter Spitze.
Die GrößeNordamerikas kann auf 22,962,000 qkm (417,000 QM.) angenommen werden,
wonach, wenn man 3,579,000 qkm (65,000 QM.) für die dazu gehörigen Inseln abrechnet, bei einer Küstenlänge von 45,265
km auf fast 430 qkm Fläche 1 km Küstenlänge käme.
Nordamerika bietet auch eine weit größere Zahl von Küsteneinschnitten, Meerbusen und Meerengen als Südamerika, von denen
freilich viele für den Weltverkehr ohne Bedeutung sind. Die wichtigsten sind: im N. der große Boothiagolf
mit der Committeebai, die große Hudsonsbai;
In seiner vertikalen Gliederung, seinen Reliefverhältnissen, zeigt Amerika, im allgemeinen betrachtet, eine große Einfachheit,
welche der mannigfachen Gestaltungsweise der Oberfläche der östlichen Kontinente scharf entgegengesetzt ist. Während in
diesen kein Teil dem andern ähnlich ist, begegnen wir dort demselben klar hervortretenden Grundplan im Aufbau der südlichen
wie der nördlichen Erdhälfte: ein Hochgebirge, die Kordilleren, das in beiden dem Westrand entlang läuft und sie gewissermaßen
verknüpft;
in der Mitte
der beiden Erdhälften endlich eine Reihe quer verlaufender Gebirgszüge in Guayana, Venezuela
[* 35] und auf den
GroßenAntillen, das sind die großen Züge, gleichsam das Gerüst des Westkontinents, deren Wiederkehr im N. und S. die Mannigfaltigkeit
der äußern wie innern Gliederung ausschließt, wie wir sie in der Alten Welt finden. Am ausgeprägtesten tritt diese Einfachheit
des Bodenreliefs von Amerika im südlichen Teil Nordamerikas hervor.
Den Kern der größern würden die Kordilleren des Westens bilden, den der kleinern die Alleghanies, namentlich
mit ihren südlichen und mittlere Teilen. Faßt man nur diese großen Züge ins Auge,
[* 36] so sind in diesem umfangreichen Gebiet
drei große Regionen zu unterscheiden: die Gebirgsmasse der Kordilleren im W., das Kettengebirge des Alleghanysystems im O.
und dazwischen das Flach- und Hügelland, welches sie verbindet und gleichsam wie ein weites Thalbecken
zwischen die östlich. und westlich umrandenden Gebirge eingesenkt erscheint (Ratzel).
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so einfach, zeigt sich die Oberflächengliederung Südamerikas. Auch hier lagern sich ausgedehnte
Ebenen und Flachländer zwischen die westlichen Kordilleren und die atlantischen Küstengebirge, und nur dadurch wird das Verhältnis
einigermaßen komplizierter, daß diese letztern weniger regelmäßig gestaltet sind als die Kettensysteme
der Alleghanies in Nordamerika, und daß die Ebenen des Innern an mehreren Stellen, wie namentlich im nördlichen Brasilien,
offen
bis an den Atlantischen Ozean herantreten, während jenes nordamerikanische Küstengebirge die Ebenen des Innern scharf
gegen den Ozean abschließt.
Charakteristisch für die Oberflächengestaltung Amerikas ist ferner der Umstand, daß die verschiedenen
Bodenformen daselbst nicht, wie in der Alten Welt, im allgemeinen von N. nach S., sondern in oft westlicher Richtung nebeneinander
liegen. Dadurch aber ist bedingt, daß, wie Ratzel hervorhebt, jene scharfen Sonderungen des Nordens und Südens, welche in der
Alten Welt so häufig und überall so fruchtbar an bewegenden und belebenden Kontrasten sind, in Amerika fehlen,
wo die Sonderung östlicher von westlichen Gebieten viel mehr in den Vordergrund tritt. Man vergleiche die scharfen Kontraste,
wie sie in Klima,
[* 37] Vegetation und Tierwelt in Asien zwischen dem Eismeer und dem IndischenOzean zusammengedrängt sind,
mit den allmählichen. Übergängen, die in Nordamerika unmerklich von einer noch kältern Eismeerküste nach der nicht minder
warmen See des Mexikanischen Golfs hinabführen, und man wird die Wirkungen eines so großen Unterschieds der Oberflächengliederung
sofort erkennen.
Seinen Hauptcharakterzug erhält das Relief des amerikanischen Kontinents aufgeprägt durch sein Hauptgebirgssystem, die Kordilleren.
Dieser ungeheure Längengebirgszug, der längste auf der ganzen Erde, durchzieht Amerika mit wenigen Unterbrechungen vom KapFroward
bis zu den arktischen Küsten. Der gesamte Zug
hat eine Länge von fast 15,000 km oder über 130 Breitengraden und bedeckt einen
Raum von beinahe 1,633,000 qkm (220,000 QM.). Die Breite
[* 38] der Andes inSüdamerika verhält sich zu ihrer
Länge wie 1:60, in Nordamerika wie 1:50. Aber die bis auf die neuere Zeit vielfach noch festgehaltene Vorstellung von einem
zusammenhängenden meridionalen Hauptgebirge, von einer einzigen großen Kordillere, welche in mehreren nebeneinander streichenden
Zügen den ganzen Erdteil in ununterbrochener Geschlossenheit durchziehe, wird durch die neuern Forschungen
widerlegt.
Die umfassenden Untersuchungen behufs Herstellung eines interozeanischen Kanals haben gezeigt, daß die
Wasserscheide zwischen beiden Meeren hier an verschiedenen Stellen unter 300 m, ja selbst unter 100 m herabsinkt. Der Kulminationspunkt
der Panamabahn liegt nur 80 m über dem Meer. Jene hypsometrischen Untersuchungen haben die wichtige Thatsache ergeben, daß
mit der plötzlichen Verengerung des Kontinents auch überall entsprechende Senkungen seiner Oberfläche
zusammentreffen und somit Unterbrechungen des Gebirges in seinem Kettenbau andeuten. Die geognostische Thatsache, daß sowohl
in der Landenge von Panama als weiter nördlich in den Einschnürungen von Nicaragua und von Tehuantepec die Kettenform der Höhenzüge
verschwindet und durch Hügelgruppen von jüngern vulkanischen Gesteinsarten ersetzt ist, scheint in
Verbindung mit dem
¶