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Man findet den Glarner als Holzhändler in Skandinavien, als Getreidehändler am Baltischen Meer, als Fabrikbesitzer in Rußland,
als Strohhutfabrikanten und Tonangeber der Mode in Frankreich, als Musselinhändler in den Niederlanden, als Manufakturwarenhändler
in Italien.
[* 7] Die überwiegende Mehrzahl der Einwohner ist protestantisch; von den 7065 Katholiken wohnt die schwächere Hälfte
in Näfels (wo auch das einzige Kloster des Kantons) und Ober-Urnen, die andre Hälfte in den übrigen Gemeinden
zerstreut, namentlich im Unterland und im Hauptort. Glarus besitzt an Äckern, Wiesen und Weiden nur 324,8 qkm, an Waldungen 123,8
qkm, das übrige ist unproduktives Land (35,1 Proz.). Feld- und Obstbau haben nur in dem flachern Unterland einige Ausdehnung.
[* 8]
Der wichtigste Industriezweig ist die Baumwollmanufaktur, doch auch die Bierbrauerei
[* 11] und namentlich die Wollwarenindustrie
sind von einiger Bedeutung. Im Sernfthal wird Wolle von der Hand
[* 12] gesponnen und gewebt: zu Strumpfgarn und
(mit Baumwolle)
[* 13] zu »Landtuch«. Die fabrikmäßige Wollindustrie ist ansehnlicher;
sie vermag allein an Tuchen ein Drittel des Bedarfs zu decken und noch viel Garn etc. zu liefern. In den Baumwollspinnereien
sind 260,000 Spindeln in Thätigkeit. Selbst höher im Gebirge, im Linththal und Engi, gewinnt die Fabrikation
mehr Boden. Die mechanischen Webereien haben sich vermehrt, und nirgends in der Schweiz ist die Zahl der Druckereien, Färbereien
und Bleichen so groß. Der bedeutendste Teil des Erzeugnisses geht nach dem Orient, nach Nordafrika und Amerika,
[* 14] vieles auch
nach andern Ländern.
Das Schulwesen gehört zu dem regenerierten, sowohl auf der Primär- als Sekundärstufe. Die öffentlichen Bibliotheken enthalten
gegen 20,000 Bände. Neben der Linthkolonie, welche eröffnet) eine der ältesten Schweizer Rettungsanstalten bildet,
besteht, ebenfalls für Knaben bestimmt und gleichfalls unter der Leitung der
Evangelischen Gesellschaft des
Kantons, eine zweite Rettungsanstalt zu Bilten eröffnet). Beide zusammen beherbergen etwa 60 Knaben.
Die Exekutive übt ein Rat von 45 Mitgliedern, wesentlich aus der einfachen Gemeinderepräsentanz bestellt (s. unten).
Gewissermaßen ein Ausschuß des Rats, aber von der Landsgemeinde gewählt, ist die Standeskommission von 9 Mitgliedern,
welche die eigentliche Regierung des Landes bildet. Standeskommission und Rat sowohl als dreifacher Landrat und Landsgemeinde
werden vom Landammann präsidiert; ihn ersetzt der Landstatthalter. Die Rechtspflege ist unter ein Zivilgericht von 7, ein Augenscheinsgericht
von 5, ein Ehegericht von 7 und ein Kriminalgericht von 7 Mitgliedern verteilt. In höchster Instanz entscheidet
über alle Kriminalfälle und gewisse Zivilsachen ein Appellationsgericht von 7 Mitgliedern.
An der Landsgemeinde schwört das ganze Volk, auch die Behörden und die Geistlichen beider Konfessionen,
[* 15] alljährlich den Eid
auf die Verfassung. Die konfessionellen Angelegenheiten stehen unter zwei getrennten Kirchenräten. Durch die neuern Partialrevisionen
ist die GlarnerVerfassung in fortschrittlichem Sinn ausgebaut worden. Die Landsgemeinde von 1866 beschloß,
an die Stelle der hergebrachten Gemeinderepräsentanz, welche die Einwohnerzahl nur annähernd berücksichtigte, eine rein
numerisch bestimmte, je ein Mitglied auf 1000 Seelen für den (einfachen) Rat, die dreifache Vertretung für den dreifachen
Landrat, zu setzen.
Die Landsgemeinde von 1873 hob die zu gunsten der Parität noch bestehenden Wahlbeschränkungen auf und
schuf den Niedergelassenen eine wesentlich verbesserte Stellung im Gemeindewesen. Eine Totalrevision der Kantonalverfassung
wurde mit knapper Mehrheit beschlossen. In der Landesrechnung pro 1885 erscheinen als die namhaftesten Einnahmeposten:
Vermögens- und Kopfsteuerca. 260,000 Frank, Kapitalzinsen 178,000, als die bedeutendsten Ausgabeposten:
Verzinsung der Landesschuld 271,000, Schulwesen 66,000;
Allmählich jedoch strebte die katholische Minderheit, gestützt auf die katholischen Orte der Eidgenossenschaft, nach einer
Trennung des Kantons. Nach langen Reibereien kam 1683 durch Vermittelung der Tagsatzung ein Vergleich zu stande, wonach neben
der gemeinsamen Landsgemeinde und dem gemeinsamen Landrat jede Glaubenspartei ihre besondern Landsgemeinden
und Räte hatte, den Katholiken aber bei der Besetzung der Ämter ein zu ihrer geringen Zahl in keinem Verhältnis stehender
Einfluß eingeräumt wurde.
Auch das demokratische Glarus hatte seine Unterthanen; mit Schwyz
gemeinsam regierte es Gaster und Uznach und für sich
allein die GrafschaftWerdenberg; 1722 hatte es einen Aufstand der letztern zu unterdrücken, der durch die Mißachtung der
Freiheiten der Landschaft hervorgerufen worden war. 1712 führte der PfarrerHeidegger die Baumwollindustrie im Land ein, die
es bald zu einem Zentrum schweizerischer Gewerbsthätigkeit erhob. Trotzdem lastet auf Glarus die Schmach, noch 1782 eine
Magd wegen Zauberei
dem Henkerbeil überliefert zu haben.
Die Sympathien, welche das strebsame Ländchen besitzt, zeigten sich bei dem furchtbaren Brande, der den Hauptflecken
verzehrte, indem die in der Schweiz und im Ausland gesammelten Liebesgaben in bar den Betrag von 2,754,606
Frank erreichten und die Bundesversammlung ein zweiprozentiges Darlehen von 1 Mill. Fr. an Glarus dekretierte. Die Verfassungsrevisionen
von 1842, 1851 und 1878 haben das Landesgrundgesetz nicht wesentlich modifiziert; die jüngste vom brachte Neuerungen
im Armengemeindewesen und gewährte den Niedergelassenen das Stimmrecht in Gemeindesachen schon nach einem
Aufenthalt von drei Monaten.