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Langnauer Keramik in der Bilddatenbank
Andreas Heege, Andreas Kistler 2017
Die Gemeinde Langnau liegt im Emmental im Kanton Bern, Schweiz. Ihre topografisch bedingte Zentrumsstellung prädestinierte sie als Marktzentrum des oberen Emmentals und des angrenzenden luzernischen Entlebuchs. Die überregional bedeutsamen Langnauer Jahrmärkte wurden erstmals 1467 erwähnt. Langnau und das östliche Hügelland des Kantons Bern waren im 18. und frühen 19. Jahrhundert von allen Landesteilen ökonomisch am stärksten entwickelt. Vom damaligen Reichtum zeugen sowohl die grossen Bauernhöfe als auch die grosse und stetig zunehmende Bevölkerungszahl. In Verbindung mit dem Erbrecht des jüngsten Sohns führte dies seit dem Mittelalter zu einer zahlenmässig starken ländlichen Mittel- und Unterschicht aus Kleinbauern, Tagelöhnern und Handwerkern. Hierzu gehörten auch die Hafner und Ofensetzer, deren qualitätsvolle Produkte seit dem späten 19. Jahrhundert hoch geschätzte Sammlungsobjekte für Museen und Privatsammlungen wurden. Bis heute haben sich über 2000 Keramiken und Ofenkacheln der Hafner von Langnau erhalten. Dazu kommen besonders wichtige archäologische Bodenfunde von den Hafnergrundstücken Höheweg 1 und Sonnweg 1 sowie eine private Sammlung von Langnauer Modeln, die überwiegend aus der Hafnerei Sonnweg 15 stammt.
Im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in Langnau einzelne Hafner mit Namen Hürby, Baur, Neuenschwander und Jost. Aus deren Betrieben entwickelten sich jedoch keine Hafner-Dynastien. Ihre Produkte sind unbekannt.
Anders verhält es sich mit den Hafnern der Familie Herrmann. Zwischen Niklaus Herrmann, ab 1672 dem ersten Hafner am Sonnweg 15, und Ulrich Herrmann, dem letzten Hafner, der 1904 am Sonnweg 1 starb bzw. Johann Herrmann, der 1910 die Werkstatt an der Wiederbergstrasse 5 aufgab, lassen sich mindestens 56 Hafner der Familie Herrmann und die von ihnen genutzten Werkstätten und Grundstücke nachweisen. Dies ist mit neun Generationen die umfangreichste bisher untersuchte Hafner-Dynastie der Deutschschweiz (vgl. Stammbaum und Hafnertabelle), wobei die Hafner in Abhängigkeit von den wirtschaftlichen Gegebenheiten tendenziell mobil waren. Zwei Hafner Herrmann arbeiteten zeitweise in Bern (u. a. als Leiter der Fayencemanufaktur Frisching). Fünf arbeiteten ganz oder teilweise in der Region Heimberg/Steffisburg. Für sechs Hafner und ihre Familien lagen Wohnung und Werkstatt im «Brügghüsli» in Trubschachen an der Mühlestrasse 14. Sechs Hafner Herrmann lebten und arbeiteten in Wasen im Emmental in der Gemeinde Sumiswald. Vor allem im späten 19. Jahrhundert gab eine Reihe von Hafnern den Beruf auf und wurde Krämer, Zivilstandsbeamter, Tabakfabrikant oder Oberwegmeister. Einzelne Hafner verbrachten ihre Lebensarbeitszeit teilweise oder vollständig auch an anderen Orten des Kantons Bern (Bärau, Bümpliz, Grosshöchstetten, Münsingen, Neuenegg, Oberburg, Oberhofen, Signau, Dürrenroth, Hindelbank, Langenthal, Lyss, Ursenbach und Zweisimmen). Nur zwei Hafner liessen sich schliesslich ausserhalb des Kantons in Lüsslingen, Kanton Solothurn, bzw. in Aesch, Kanton Basel-Landschaft, nieder. Vier Hafner wanderten in die USA aus.
Wirtschaftliche Verhältnisse
Eine Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Hafner Herrmann ist nur in Ansätzen möglich. Aufgrund von Steuerzahlungen lässt sich belegen, dass sie in Langnau zur unteren Mittelschicht gehörten. Diese umfasste im 18. Jahrhundert etwa 30 Prozent aller Haushalte. Gleichzeitig gehörten 40 Prozent der Langnauer Haushalte zur nicht besteuerten Unterschicht der Gemeindearmen. Die an anderen Orten schwierige Zeit der Landwirtschafts- und Wirtschaftskrise von 1816 bis 1821 ging an den Langnauer Hafnern erstaunlicherweise ohne Konkurse vorbei, obwohl auch Langnau massiv von der Katastrophe betroffen war. Erst die Krise in der Zeit zwischen 1845 und 1856 (Kartoffelpest 1845/46) führte auch in Langnau zu grossen Versorgungs- und Wirtschaftsproblemen. Die Auswanderung in die USA löste möglicherweise zumindest für vier Langnauer Hafner die drängenden Probleme.
Die wichtigsten Werkstätten und Hafner
Sicher der bedeutendste und technisch versierteste Langnauer Hafner des 18. Jahrhunderts war Daniel Herrmann (1736–1798). Er leitete von 1762 bis 1776 die Frisching’sche Fayencemanufaktur in Bern, die mit ausländischen Fayencemalern vor allem Kachelöfen und Geschirr nach Strassburger Vorbildern für das patrizische Publikum in Basel und Bern produzierte. Nach der Schliessung der Manufaktur übertrug Daniel Herrmann zahlreiche stilistische Elemente der bernischen Fabrik auf die Langnauer Irdenware, u. a. indem er die entsprechenden Gipsformen für Geschirr und Ofenkacheln mit nach Langnau brachte. Auf ihn folgte in der Werkstatt Höheweg 1 ein mindestens ebenso begabter Sohn gleichen Namens (1775–1864). Zu Lebzeiten seines Enkels bzw. Urenkels, die ebenfalls beide Daniel hiessen (1801–1871 bzw. 1830–1883) endete die Produktion von Keramik im Langnauer Stil, spätestens um 1860.
Aufgrund verschiedener Kriterien (Beschriftung mit Signatur, Herstellungsort Langnau oder Wohnort des Besitzers, Übereinstimmung erhaltener, signierter und datierter Model mit Grifflappen und Reliefauflagen, Typologie der Gefässformen, Dekore und Motive) existieren sehr gute Grundlagen für die Zuweisung von Keramiken zum Produktionsort Langnau und zur Abgrenzung der Produkte anderer bernischer Hafnerorte. Besonders hilfreich sind in diesem Zusammenhang auch die archäologischen Bodenfunde von den Hafnergrundstücken Höheweg 1 und Sonnweg 1. Sie sind unmittelbare Zeugnisse der lokalen Produktion und als solche unverzichtbar für eine grundlegende Bearbeitung. 1167 Langnauer Keramiken tragen eine eingeritzte oder aufgemalte Jahreszahl, was die vergleichende chronologische Einordnung auch undatierter Stücke erleichtert.
Die vertiefte Analyse der Handschriften der beschrifteten Keramiken in Verbindung mit den Grifflappentypen, den Fruchtgriffen und verschiedenen Motiven liess darüber hinaus erkennbar werden, dass regelhafte Vergesellschaftungen von Merkmalen existieren, die als «Handschrift» eines Keramikers oder von Werkstätten interpretiert werden können. Diese lassen sich im Idealfall sogar mit historisch bekannten Langnauer Hafnern und ihren Werkstätten verbinden. Es ergaben sich insgesamt 33 Gruppen solcher Merkmalskombinationen, die als «Hand 1–25» (mit weiteren Variationen) bezeichnet und dargestellt werden. Aufgrund verschiedener Kriterien, wie z. B. kontinuierlich genutzter Grifflappenmodel oder dem Verhältnis von Geschirrdatierungen und den Lebensspannen einzelner Hafner, konnten verschiedene «Hände» zu «Werkstätten» zusammengefasst werden («Werkstatt 1–6»).
Unter den Keramiken im Langnauer Stil stechen einzelne Produkte besonders hervor. Sie lassen sich u. a. mit Hans Herrmann dem Weibel (1673–1762, «Werkstatt 1, Hand 1») und der Werkstatt Sonnweg 15 verbinden. In seine Anfangsjahre fällt die Entwicklung des Langnauer Stils, der sich dann mit unterschiedlichen Entwicklungsschritten bis in die 1860er-Jahre verfolgen lässt, jedoch bereits seit etwa 1830 stark rückläufig war. Sein Sohn Christen (1703–1771, «Werkstatt 1, Hand 4») war in der Zeit zwischen etwa 1725 und 1750 der wichtigste, den Langnauer Stil prägende Hafner. Er setzte wie sein Vater und Grossvater auch Kachelöfen. Die Keramikgliederung der 1750er- und 1760er-Jahre lässt keine auf einzelne historisch bezeugte Hafner bezogene Einteilung zu («Werkstatt 1, spät» bzw. «Werkstatt 2»).
Der bedeutendste und einflussreichste Langnauer Hafner war Daniel Herrmann (1736–1798, «Werkstatt 3, Hand 5»). Er führte ab 1769 eine eigene Werkstatt am Höheweg 1. Gleichzeitig war er von 1763 bis 1776 Direktor der Frisching’schen Fayencemanufaktur in Bern. Er war als einziger Hafner mit einer Frau der Langnauer Oberschicht verheiratet. Aufgrund der hohen Qualität von Dekor und Beschriftung lassen sich zwischen etwa 1760 und 1798 über 250 Keramiken seiner Produktion zuordnen. Dabei sind Daniels Anfänge in Langnau zunächst noch vom Formenspektrum der bernischen Fayenceproduktion geprägt, da er offenbar auch Formmodel der dortigen Manufaktur für seine Fruchtgriffe, die Rokoko-Terrinen, Wandbrunnen, Zuckerstreuer und Teedosen verwendete. Bereits 1760 schuf er den ersten Teller mit Abtropfsieb und ab 1781 eine grosse Serie von Tellern mit unterschiedlich fassonierten Rändern. 1794 entstand in seiner Werkstatt für den privaten Gebrauch die älteste erhaltene «Hochzeitsschüssel», ein Schauessen in Terrinenform. Sein Gefässformen- und Dekorspektrum ist sehr gross und vielgestaltig. Zahlreiche Einzelkacheln sowie Kachelöfen lassen sich ihm ebenfalls zuordnen. Dabei griff er auch auf Kachelmodel der Frisching’schen Fayencemanufaktur zurück. Je nach Kundenwunsch versah er die einfacheren oder komplexeren Öfen mit Fayence- oder preiswerter Bleiglasur. Für das Jahr 1789 lässt sich erstmals ein Kachelofen mit manganviolett bemalter Fayenceglasur belegen, was optisch einen starken Gegensatz zur gleichzeitig produzierten Geschirrkeramik darstellt. Ab diesem Zeitpunkt begannen Kachelofen- und Geschirrproduktion stilistisch auseinanderzudriften. Daniel betätigte sich, wie später seine Söhne, auch im Zusammenhang mit der Orgel der Langnauer Kirche. Vermutlich geht der überlieferte keramische Orgelschmuck auch der Kirche von Rüderswil auf ihn zurück.
Daniels Söhne («Gebrüder Herrmann», 1798–1840) setzten die Tradition der Werkstatt in der Qualität von Dekor und Beschriftung nahezu bruchlos fort («Werkstatt 3, Hand 6 und 7»). Daniel (1775–1864) lassen sich 99 Keramiken zuweisen und Johannes (1777–1827) 37 Gefässe. Bei weiteren 25 Gefässen ist aufgrund der Datierungen klar, dass sie in der «Werkstatt 3» zur Zeit der «Gebrüder Herrmann» entstanden. Weitere 237 Gefässe lassen sich aufgrund verschiedener Kriterien nur der «Werkstatt 3», jedoch keinem der genannten Hafner zuweisen. Daniel (1775–1864) produzierte möglicherweise auch die vier bekannten «Hochzeitsschüsseln» aus den Jahren 1800 und 1801. Zwischen 1800 und 1810 experimentierte er mit einer stark reduzierten hellblauen oder bunten Dekorfarbigkeit. In seinen späteren Lebensjahren arbeitete er auch als Organist, Vermesser, Lithograf sowie Zeichner von Orgelprospekten und war eine Zeit lang kantonaler Bezirksinspektor für das Strassenwesen. Die Kachelöfen der «Gebrüder Herrmann» folgten bis in die Zeit um 1803 noch dem farblichen und stilistischen Schema des Vaters. Danach wurden offenbar nur noch weisse Fayencekachelöfen mit violettschwarzer Inglasurmalerei im Stil des Klassizismus und des Biedermeier gefertigt. Zwischen 1760 und etwa 1830 war die Werkstatt am Höheweg 1 in Langnau bezüglich Formenreichtum, Qualität, Dekor und Beschriftung der Massstab, an dem sich alle übrigen Hafner messen lassen mussten.
Hans Herrmann (1737–1787, «Werkstatt 4, Hand 10»), der Bruder von Daniel Herrmann (1736–1798), produzierte in den Werkstätten Bärenplatz 1 bzw. Sonnweg 1. Seine Personen- und Tierdarstellungen sind ebenfalls sehr gefällig, zeigen aber nicht dieselbe zeichnerische Befähigung, wie sie sein älterer Bruder besass. Immerhin können fast 60 Objekte mit seiner Tätigkeit in Verbindung gebracht werden. Sein Sohn Johannes Herrmann (1775–1827, «Werkstatt 4, Hand 12») wurde vermutlich von seinem Onkel Daniel (1736–1798) in der Werkstatt Höheweg 1 ausgebildet. Seine Keramiken und Bilder erweisen sich denen seiner Vettern («Gebrüder Herrmann») als durchaus ebenbürtig, jedoch verfügte er nur über ein eingeschränktes Spektrum an Fruchtgriffmodeln für die Terrinendeckel. In seiner Werkstatt am Sonnweg 1 dürften 1797 die ungewöhnlichen Langnauer Kugelsonnenuhren entstanden sein. Johannes war in der Zeit der Helvetik (1798 bis 1803) offenbar stärker politisiert als die übrigen Langnauer Hafner. Ihm können mit grosser Wahrscheinlichkeit 125 Keramiken zugewiesen werden. Für seinen Werkstattnachfolger und Grossneffen Johannes Herrmann (1802–1867, «Werkstatt 4, Hand 13») ist kaum noch datiertes Museumsmaterial überliefert. Dagegen haben die Ausgrabungen auf dem Hafnereigrundstück Sonnweg 1 zahlreiche Fehlbrände geliefert. Sie können sowohl aus der späten Produktionszeit von Johannes (1802–1867) als auch aus der seines Sohnes Johannes (1829–1887) oder seines Enkels Ulrich (1857–1904) stammen und werden pauschal als «Hand 14» zusammengefasst. Sie dokumentieren das Ende des Langnauer Stils in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die Ausgliederung der «Werkstatt 5, Hand 15–21» erfolgte, da es sich erkennbar um Keramik handelt, die nicht zu den «Werkstätten 1–4» bzw. «Werkstatt 6» gehört. Vermutlich wurden diese Produkte mehrheitlich durch die Mitglieder eines Seitenzweigs der Familie Herrmann hergestellt, und zwar die Söhne, Enkel und Urenkel von Christen Herrmann (1703–1771, vgl. Stammbaum). Als Produktionsorte kämen damit vor allem die Hafnereigrundstücke Sonnweg 15 und Wiederbergstrasse 5 sowie Wiederbergstrasse 24 und 33 infrage. Die «Hände 22–25» («Werkstatt 6») repräsentieren dann mit grosser Sicherheit die späte Entwicklung in der Hafnerei Wiederbergstrasse 5 nach 1840. Bedeutend war hier u. a. der stilistische Einfluss des Gesellen Johann Martin Labhardt aus Steckborn im Kanton Thurgau.
Spätestens ab den 1830er-Jahren nahm der stilistische Einfluss der Keramik «Heimberger Art» aus der Region Heimberg-Steffisburg auf die Langnauer Keramik massiv zu, sodass um 1860 quasi alle ehemaligen Langnauer Dekorelemente verschwunden waren. An ihre Stelle trat zunehmend eine Dekoration nur mit dem Malhorn, dem Pinsel (Horizontalstreifendekor) oder mit kleinen Musterschwämmen (Schwämmeldekor). Derzeit können Produkte der Langnauer Spätphase kaum begründet von denen der übrigen bernischen Hafnereien unterschieden werden.
Die Langnauer Keramik ist bekannt für ihre grafisch sehr aufwendig gestalteten Motive und die begleitenden Sprüche. Für die individuell gestalteten Bilder, vor allem der Teller und Terrinen, haben sich quasi keine druckgrafischen Vorlagen finden lassen. Die oft moralisierenden und belehrenden Sprüche entstammen dagegen zumindest in Teilen der Bibel und sonstigen religiösen Schriften und Musiksammlungen, Schul- und Lesebüchern sowie gedruckten Gedicht- und Spruchsammlungen. Nur in Ausnahmefällen beziehen sie sich auf aktuelle Ereignisse (Unwetter, Meteoriteneinschläge, Teuerung) oder die Politik. Öfter stehen Mägde und Knechte oder das Geschlechterverhältnis im Fokus. Daneben kommen verschiedene Sprüche im Zusammenhang mit der Milchwirtschaft und den Langnauer Genossenschaftsalpen vor. Dazu passt, dass sich auch alle Tiere und zahlreiche Tätigkeiten der Landwirtschaft des Emmentals in den Keramikmotiven wiederfinden.
In welchem Umfang die Langnauer Hafner die lokalen oder regionalen Märkte als Verkaufsmöglichkeit nutzten, ist nicht bekannt. Was nicht auf dem Markt oder direkt aus der Werkstatt verkauft wurde, verhandelten Hausierer, Kachelträger oder Topfhändler. Das Absatzgebiet der Langnauer Keramik konnte aufgrund der dokumentierten Haushaltsinventare und unterschiedlicher schriftlicher Informationen auf der Keramik selbst ermittelt werden. Hierbei spielen die Ortsnamen und Alpnennungen sowie die Wohnorte von Ehepaaren, die auf der Keramik genannt werden, eine besondere Rolle. Zusätzlich tragen 317 Langnauer Keramiken Namen, die sich anhand des Familiennamenbuchs der Schweiz auch auf ihren Heimat- oder Burgerort in der Zeit um 1800 kontrollieren lassen und damit ein weiteres Indiz für das potenzielle Langnauer Absatzgebiet sind. Dieses umfasst demnach mit einer Kernzone von etwa 20 km Radius das ganze Emmental sowie das angrenzende Entlebuch und erweitert sich nach Norden in Richtung auf den bernischen Oberaargau. Dagegen waren die Städte Bern, Burgdorf und Thun sowie erstaunlicherweise auch das Berner Oberland für die Langnauer Hafner nur ein unbedeutender Absatzmarkt. Eine Kontrolle archäologischer Fundbestände bestätigt das beschriebene Absatzgebiet.
Über die wirtschaftliche oder gesellschaftliche Position der Abnehmer der Langnauer Keramik sind wir leider weniger gut informiert. Gelegentlich finden sich Hinweise auf die bessergestellten Weibel, Gerichtssässen, Kirchmeier, Dragoner, Müller, Wirte, Alpmeister und Hofbesitzer. Es lässt sich nicht beurteilen, ob sich nur die gut situierten Hofbesitzer im Emmental oder auch die Besitzer der kleineren und wirtschaftlich schwächeren Heimwesen, normalerweise Langnauer Keramik leisten konnten oder leisteten. Erwarten kann man die hochverzierte Luxuskeramik und die weniger verzierte Alltagskeramik aus den Werkstätten der Hafner Herrmann zwischen 1700 und 1850 vermutlich auf jedem grossen und mittleren Hof des Emmentals und vermutlich auch des Entlebuchs. Auf die einfachere, nur wenig dekorierte Alltagskeramik, die museal kaum überliefert ist, konnten wahrscheinlich aber auch die ärmeren Haushalte nicht verzichten.
Weitere Hafner in Langnau bis etwa 1950
Es sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, dass in Langnau auch nach 1850 und nach dem definitiven Ende des Langnauer Stils (zwischen 1830 und 1860) weiterhin Keramik hergestellt wurde. Daran waren auch Hafner beteiligt, die nicht zur Familie Herrmann gehörten (siehe Hafnertabelle Langnau).
Eine Wiederbelebung von «Alt-Langnauer Geschirr» erfolgte im Rahmen der Arts-and-Craft-Bewegung bzw. der Schweizerischen Heimatstilbewegung nach 1896. Hervorzuheben sind hierbei neben der Hafnerei Röthlisberger in Langnau die Hafnereien von Oswald Kohler (1886–1955) in Schüpbach und seinem Schwiegersohn Adolf Gerber (1879–1951) in Langnau. In der seit 1913 bestehenden Werkstatt Gerber arbeitete ab 1945 auch der bedeutendste Langnauer Töpfer des 20. Jahrhunderts, Jakob Stucki (1920–1982). Unter den Keramikerinnen ist auf Frieda Lauterburg zu verweisen.
Stammbaum der Hafner Herrmann
Absatzgebiet der Langnauer Keramik
Bibliographie
Heege/Kistler 2017/1
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 174-319.
Heege/Kistler 2017/2
Andreas Heege/Andreas Kistler, Keramik aus Langnau. Zur Geschichte der bedeutendsten Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 13), Bern 2017.