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© Ruedi Aeschlimann
Elstern und Rabenkrähen im Siedlungsgebiet
Mindestens seit Anfang der 1990er-Jahre steigen die Elster- und Rabenkrähenbestände in der Schweiz deutlich an. Bei der Rabenkrähe scheint sich das Bestandswachstum in den letzten Jahren allerdings etwas abzuschwächen. Beide Arten sind in den letzten Jahrzehnten verstärkt in die Dörfer und Städte eingewandert, wo sie heute häufig auch als Brutvögel anzutreffen sind.
Welches sind die Gründe für die Zunahme von Elster und Rabenkrähe im Siedlungsgebiet?
Hierzu gibt es folgende Vermutungen:
- Wichtige Feinde wie der Habicht wagen sich nur selten in dicht überbaute Zonen.
- In Dörfern und Städten werden die Rabenvögel durch den Menschen nicht bejagt.
- Das Brutplatz- und Nahrungsangebot ist im Siedlungsraum häufig besser als in der ausgeräumten Kulturlandschaft.
- Rabenvögel sind fähig, sich rasch an veränderte Umweltbedingungen zu gewöhnen.
Werden Elster und Rabenkrähe im Siedlungsgebiet noch häufiger?
Kurzfristig dürfte vor allem die Elster in manchen Städten und Dörfern noch im Bestand zulegen. Es gibt jedoch einige Regulationsmechanismen, die eine unbegrenzte Zunahme der Bestände verhindern. Bei hoher Bestandsdichte treten bei beiden Arten vermehrt Nichtbrüter auf, welche die Brutpaare bei der Jungenaufzucht erheblich stören und so den Bruterfolg schmälern können. Ausserdem nimmt auch die Aggression zwischen benachbarten Brutpaaren zu. Schliesslich vertragen sich Elstern und Rabenkrähen auch untereinander nicht gut und plündern sich bei Gelegenheit gegenseitig die Nester.
Was fressen Elstern und Rabenkrähen?
Beide Arten sind Allesfresser und nutzen jene Nahrung am intensivsten, die gerade am einfachsten verfügbar ist. Im Speisezettel der Altvögel dominieren vom Spätwinter bis in den Sommer hinein vor allem Regenwürmer und Insekten. Wirbeltiere inkl. Kleinvögel, Eier und Nestlinge spielen nur eine geringe Rolle. Im Spätsommer nimmt der Anteil an pflanzlichem Material (Früchte, Beeren, Getreidekörner) meist deutlich zu. In den Siedlungen stehen beiden Arten mit Speiseresten, Komposthaufen und anderen Abfällen ganzjährig ergiebige Nahrungsquellen zu Verfügung. Obwohl sie damit auch gelegentlich ihren Nachwuchs füttern, erhalten Nestlinge beider Arten überwiegend frische, tierische Nahrung.
Wie gross ist der Kleinvogelanteil in der Nahrung von Elstern und Rabenkrähen?
In Mitteleuropa liegt der höchste bisher ermittelte Volumenanteil bei gut 15 %. Dieser Anteil kann aber extrem schwanken! Während er in einigen europäischen Untersuchungsgebieten überhaupt keine Rolle spielte, kann er auf Schäreninseln in der Ostsee über 80 % des Futtervolumens ausmachen.
Schaden Elstern und Rabenkrähen den Kleinvögeln?
Als Nesträuber können insbesondere Elstern im Siedlungsgebiet eine gewisse Bedeutung haben. So kommt eine belgische Studie zum Schluss, dass Elstern etwa jedes vierte Freibrüternest ausrauben dürften. Die meisten Singvogelarten brüten jedoch mindestens zweimal im Jahr und können Brutverluste bis in den Juli hinein durch Ersatzgelege ausgleichen. Im Frühsommer lässt der Druck der Rabenvögel beträchtlich nach, da nur noch ein kleiner Teil von ihnen eine eigene Brut zu verpflegen hat. Über grössere Siedlungsgebiete betrachtet konnte noch nie ein durch Elstern verursachter Bestandsrückgang bei Kleinvögeln festgestellt werden. So nahm in Osnabrück zwischen 1984 und 1991 nicht nur die Elster stark zu, sondern gleichzeitig auch der Brutbestand von 17 Kleinvogelarten (um durchschnittlich 30 %). Die Amsel, deren Nester nach Aussagen aus der Bevölkerung besonders häufig von der Elster ausgeraubt werden, legte sogar um 48 % zu. Die einzige Art, die in jenem Zeitraum seltener wurde, die Kohlmeise, war als Höhlenbrüter nur wenig durch Nesträuber gefährdet.
In der Umgebung von Paris wurde untersucht, ob der Bruterfolg von Singvögeln in Gebieten mit hoher Elsterndichte niedriger war als in Quartieren, in denen Elstern weggefangen wurden. Dies war nicht der Fall; die Singvögel in den elsternreichen Quartieren pflanzten sich ebenso erfolgreich fort wie die anderen. Allerdings siedelten sich einige Singvogelarten weniger gern in Gebieten an, in welchen sich bereits ein Elsternrevier befand.
Der Einfluss von Rabenkrähen auf Singvogelpopulationen in Siedlungsgebieten wurde noch nicht näher untersucht, dürfte aber jenem der Elstern ähnlich sein. Die Zunahme der Elstern und Rabenkrähen in Dörfern und Städten hat also im Allgemeinen keine negative Wirkung auf den Bestand der kleineren Singvogelarten.
Führt intensivere Jagd zur Reduktion von Elstern und Rabenkrähen?
Elstern und Rabenkrähen sind jagdbar. Gemäss der Eidgenössischen Jagdstatistik wurden in der Schweiz zwischen 2007 und 2011 im Durchschnitt 1900 Elstern und 11 400 Rabenkrähen pro Jahr erlegt.
Eine dauerhafte Dezimierung der Bestände ist durch intensivere Jagd kaum zu realisieren, denn
- die Jagd ist sehr aufwändig, weil die Vögel dank ihrer hohen Intelligenz die Jäger und deren Fahrzeuge nach kurzer Zeit individuell erkennen und rechtzeitig das Weite suchen.
- im Siedlungsbereich, wo die Bestände beider Arten speziell zugenommen haben, ist die Jagd aufgrund von Sicherheitsüberlegungen untersagt.
- durch die zeitweilige Dezimierung der beiden Arten setzt man die bei hoher Bestandsdichte wirkenden, natürlichen Regulierungsmechanismen (siehe oben) ausser Kraft. Die Bestände wachsen deshalb sehr rasch wieder zur alten Grösse an.
Gibt es Möglichkeiten, einzelne Vogelbruten vor Nesträubern zu schützen?
Bestehende Nester von Freibrütern lassen sich vor Nesträubern kaum schützen. Die Gefahr, dass die Altvögel das Nest wegen Störungen verlassen, ist zu gross. Vorsorglicher Schutz ist jedoch möglich. Dichte Dornsträucher und deckungsreiche einheimische Gehölze, etwa Schwarz- und Weissdorn, Wildrosen oder Schwarzer Holunder, bieten den Kleinvögeln relativ sichere Neststandorte. Für Rotschwänze, Bachstelzen und Grauschnäpper wurde ein sicherer Dreiecknistkasten entwickelt. Dieser kann unter www.vogelwarte.ch/dreiecksnistkasten bezogen werden.
Impressum: Merkblätter für die Vogelschutzpraxis
© Schweizerische Vogelwarte & SVS/BirdLife Schweiz, Sempach & Zürich, 2012.
Autor: R. Graf
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Merkblatt
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