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Wenn man beim Zubettgehen sieht, wie Leute aus dem Hotel gegenüber in den Ausgang verschwinden, und beim Aufstehen bemerkt, wie Leute aus dem Ausgang ins Hotel zurückkehren, beginnt man zu ahnen: Man wird in diesem Leben wohl nicht mehr jünger.
Der Anruf aus der Schweiz kam eher unerwartet: Ob sie störe oder ob ich ein Minütli Zeit hätte, fragte die Frau, worauf ich sagte, bei uns in Kalifornien sei es zwei Stunden nach Mitternacht und ich hätte geschlafen, von daher…, worauf sie sagte, das tue ihr jetzt aber schön leid, das habe sie nicht gewusst, worauf ich sagte, das habe sie ja nicht wissen können, und meinerseits fragte, worum es denn gehe, worauf sie sagte, um den Oberstadtleist, worauf ich beinahe gesagt hätte, der Oberstadtleist heisse nun schon seit einem geraumen Weilchen nicht mehr Oberstadtleist, sondern Altstadtleist, weil er sich nicht mehr nur um die Oberstadt, sondern auch um das Kornhausquartier kümmere, aber irgendwie schien mir, das spiele in diesem Moment keine so grosse Rolle, weshalb ich nur sagte, sie solle es doch später noch einmal probieren, worauf sie fragte, wann es mir denn am besten passen würde, worauf ich sagte, einfach später; die Schweiz sei Kalifornien um 9 Stunden voraus oder umgekehrt, worauf sie sagte, demfall melde sie sich später wieder, worauf ich sagte, das sei in Ordnung, worauf wir das Gespräch beendeten und ich tätschwach im Bett sass.
Also liess ich einen Kaffee in den Kartonbecher tröpfeln und ging nach draussen, vor unser Motel, um meinen Nikotinhaushalt zu regulieren, und nachdem das erledigt ist, höckle ich jetzt, mit dem Laptop auf dem Schoss, vor unserem Zimmer, und stelle mir vor, was für Leute gegenüber leben, was sie hierhergebracht hat und wohin sie morgen wohl weiterreisen werden, und höre gleichzeitig, wie die Eiswürfelmaschine nebenan alle zehn Sekunden oder so einen Eiswürfel ins Eiswürfelfach fallen lässt, und natürlich weiss ich, dass es momentan noch Sinnvolleres zu tun gäbe, als über wildfremde Menschen nachzudenken und Apparaten zu lauschen, aber etwas Sinnvolleres kommt mir gerade beim besten Willen nicht in den Sinn, und deshalb bleibe ich einfach hier sitzen und warte, bis die Sonne aufgeht und wir in Richtung San Diego losfahren.
Schon vor dem 4. Oktober letzten Jahres war ich nicht der Mittelpunkt des Universums. Aber wenn ich in der Stadt jemanden traf, kam es doch vor, dass er oder sie sich nach meinem Befinden erkundigte.
Seit Chantal und ich einen Hund haben, sind diese tempi passati. Für mich interessiert sich kein Mensch mehr, und zwar unabhängig davon, ob ich mit Tess unterwegs bin oder alleine.
Sind wir zusammen auf der Piste, reden die Leute ausschliesslich mit ihr. Eröffnet werden diese meist recht einseitig verlaufenden Gespräche mit einem ranschmeisserischen “Hei, bist du schon wieder gewachsen!”. Dann gehts weiter mit “Wie alt bist du jetzt?”, “Du hast ein soooo schönes Fell”, “Du wirst bestimmt noch viel grösser!” und endet irgendwann mit einem von Kopfkraulen und Rückenstreicheln begleiteten “Jaaa, jaaa: du bist ganz eine brave!”
Doch auch wenn Tess bei Chantal in Langenthal Bürodienst hat, trampeln Freunde, Bekannte und Wildfremde, die mich erst ein paar Mal mit unserer Meite gesehen haben, auf meinem fast kaputtgeschundenen Ego herum: dann fragen sie mich ununterbrochen, wo denn der Hund sei und wie es ihm so gehe.
Ich habe mir schon überlegt, mir von den Schminkprofis des Theaters Z eine fette Narbe übers Gesicht malen zu lassen, um zu testen, wie die Passantinnen und Passanten darauf reagieren. Ob sie mich überhaupt noch als des Hörens und Redens mächtiges Individuum wahrnehmen – oder ob ich für sie nur eine Art Wurmfortsatz am oberen Ende der Leine darstelle.
Ich ahne aber auch so: sie würden die “Verletzung” kaum beachten, weil sie sich die ganze Zeit mit unserer Labradordame beschäftigen.
Vermutlich könnte ich auf dem Kronenplatz inmitten von zig Leuten tot zu Boden sacken – das letzte, was ich hören würde, wäre: “Was macht der Hund?”
Nun denn: Er..
Mir gehts übrigens tiptopp; danke der Nachfragen.
Wenn hoch vom Baum
ein verdorrtes Blatt neben ein Schaf
fällt,
kann es passieren, dass
das Schaf erschrickt und
kurz blökt,
worauf im Haus
der Hund erwacht
und jaulend
sein Herrchen weckt,
das erst vor Kurzem
eingeschlafen ist,
und unten blökt das Schaf,
wenn es schonmal wach ist,
grad extra noch einmal,
dabei ist es erst
2.48 Uhr.
Im Kreise von 40 Australierinnen und Australiern an ein und demselben Abend heiraten und Weihnachten feiern: Das haut den stärksten Koala vom Eukalpytusbaum.
Das war jetzt ein wenig verwirrend: Ich erwachte mitten in der Nacht mit “Don’t tell me that it’s over” von Amy Macdonald im Kopf.
Weil ich nicht mehr schlafen konnte, stand ich auf, schaltete den Fernseher ein und…
Sooli: Nach insgesamt drei Stunden Schlaf in drei Nächten kann ich die Pfingsthavarie an der Kauleiste heute beheben lassen.
Der erste Eindruck:
Nicht unschön, dieses Wartezimmer. Jedenfalls tötelet es hier nicht wie in anderen Vorhöfen zu dentalen Höllen. Rechts im Raum steht ein Fernseher (nicht im Bild), auf dem sinnigerweise “Mitten im Leben” läuft.
Aber gut: Ich bin ja nicht hier, um mir Arte-Dokumentationen über das Schicksal zeitgenössischer Maler in der nepalesischen Wüste anzuschauen.
Dann gehts ab ins Behandlungszimmer. Auch hier: Nichts zu meckern. Hell, funktional, blitzblank sauber.
Wenn ich meinen Kopf nach rechts drehe, sehe ich auf einem Bildschirm
einen Teil meines Gebisses.
Die Aussicht links hat ebenfalls fast Postkartenqualität:
Dann:
Warten.
Schliesslich erscheint eine sehr, sehr kompetent wirkende Ärztin. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie ihre Freizeit in Sadomaso-Studios verbringt; vermutlich ist sie mehr kreativ tätig, oder sportlich, oder beides.
Sie guckt sich das Bild von meinem Gebiss an, nimmt einen Augenschein in der Mundhöhle und sagt dann, das sei wohl keine grosse Sache.
Ich: “Ich muss ihnen noch etwas sagen. Einen grösseren Schisshasen als mich haben sie hier noch nie gesehen.”
Sie: Lacht.
Ich: “Ich meins ernst.”
Sie: “Sie müssen ü-ber-haupt keine Angst haben; hier tun wir niemandem weh. Alles, was Sie spüren, ist ein kleiner Pieks von der Spritze.”
Ich: “Spritzen können sie mir machen, soviel sie wollen. Von mir aus können sie mir ihre gesamten Betäubungsmittel-Restbestände ins Zahnfleisch drücken. Ehrlich gesagt, fände ich das sogar eine sehr gute Idee.”
Sie: “Sie müssen wirklich keine Angst haben. Und falls Sie doch etwas spüren sollten, sagen Sies einfach.”
Ich lege mich auf dem Schragen zurück. Glaube der Ärztin zu meinem grossen Erstaunen jedes Wort. Trotzdem: Morituri salutant den Rest der Welt. Knapp 47 Jahre meines Lebens rauschen wies Bisiwätter vor meinem inneren Auge vorbei. Schön wars; vor allem vom Anfang bis zur Mitte und von dort bis zum Schluss.
Sie flickt.
Ich merke, dass ich tatsächlich nichts spüre.
Sie (als ich beinahe eingeschlafen bin): “Ich sehe gerade…da ist noch etwas…. Da müssen wir…eine Wurzelbhandlung machen.”
Ich: “Ok. Machen wir das.”
Sie: “Auch das wird nicht wehtun.”
Ich: “Ich weiss.”
Sie sucht im Compi nach freien Terminen und wird am 11. und 19. Juni fündig.
Ich blicke diesen Behandlungen sehr gelassen entgegen.
Zahnarzt? So? Kein Problem.
Aber oha. Aber ohastens!
18.04 Uhr: Seit die Narkose abgeklungen ist, ist der Schmerz wieder da, in alter Frische. Was lief hier falsch? Muss um 7 Uhr nochmal vorbeigehen. Das kanns ja nicht sein.
1.16 Uhr: Hoffentlich reicht der Schmerztabletten-Vorrat bis zum Sonnenaufgang.
6.55 Uhr: Hurra: Ich stehe als Erster vor der Praxistüre.
7.15 Uhr: Meine Zahnärztin ist heute nicht da. Einer ihrer Kollegen sagt: “Ich schneide den Zahn jetzt auf, putze die Kanäle nochmal durch und…”
7.46 Uhr: Barzahlung ist sehr erwünscht. Macht 203 Franken. Macht jetzt total schon knapp 800 Franken. Und wir sind ja noch nicht fertig. Mir schwant: Noch lange nicht.
9 Uhr: Die Anästhesie klingt ab. Nächste Tablette. Ab ins Bett.
12.11 Uhr: Ein Hüngerchen. Aber was essen? Und wie?
12.48 Uhr: Probieren wirs mal so:
Ich hätte noch eines mit Zitronengeschmack kaufen sollen, dann wärs farblich perfekt gewesen: Jamaica, Mann! In meinem Kühlschrank!!
A propos: Vor 30 Jahren ist Bob Marley gestorben.
Das relativiert einiges.
Ändert aber nichts daran, dass ich immer noch Zahnschmerzen habe.
15.27 Uhr: Zwei Voltaren.
17.02 Uhr: Ein halbes Mefenacid.
17.21: Noch ein halbes Mefenacid.
17.33: Was machen andere Leute gegen das Zahnweh? Aha.
18.45 Uhr: In der Heimstätte Bärau bei Langnau beginnt die Vernissage für den dritten Band der “Mordsgeschichten aus dem Emmental”. Gleichzeitig wird im Beisein von “Tatort”-Kommissar Stefan Gubser der erste “Mords- und Spukgeschichtenweg” der Welt eingeweiht. Wäre gerne dabeigewesen, habe aber, wie schon am Mittwoch für die “Henkersmahlzeit” im Gaskessel, abgesagt. Dieser Zahn ruiniert mir noch meine ganze Schriftstellerkarriere. Schön ist: Die “Mordsgeschichten” verkaufen sich fast von selbst: 1200 Exemplare seinen bereits ausgeliefert worden, teilt Verlegerin Verena Zürcher auf Facebook mit.
6.30 Uhr: Still the same. An dieser Stelle: Ein Gruss an Bob Seger! We would give you a very warm welcome in Switzerland!
9.15 Uhr: Nachschub holen
Das dürfte genügen fürs Wochenende.
(Schluss der Direktübertragung. Es gibt ziemlich sicher noch gescheitere Themen.)
5. Juni; Nachtrag zum Nachtrag: Der Zahn ist gezogen.