Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03343.jsonl.gz/628

DIE GESCHICHTE DES V4 VON HONDA
Evolution durch Revolution
Der V4-Motor ist ein Konzept, das es bei Honda seit über 40 Jahren gibt. Diese Bauweise wurde gewählt, weil ein guter V4-Motor die hohe Leistung eines Vierzylinders mit dem mittleren Drehmoment eines V-Twins kombiniert. Honda stellte die Vorteile dieser Kombination in den letzten Jahrzehnten mehrfach unter Beweis: Mit V4-Motoren gewann Honda Titel in der MotoGP, in der Superbike-WM und der F1 sowie Langstreckenrennen wie den Bol d'Or, das 8-Stunden-Rennen von Suzuka und Daytona 200, ganz zu schweigen vom Erfolg bei der Isle of Man TT. Auch mit den seit 1982 auf den Markt gebrachten V4-Strassenversionen verhalf Honda diesem Motortyp zu seiner Berühmtheit.
1979 erscheint die erste Honda V4, die NR (für New Racing) 500, ein Rennmotorrad mit einem besonders innovativen Monocoque-Chassis. Sie erwies sich aber als zu komplex, sodass Mick Grant und Takazumi Katayama in jenem Jahr nur einen Punkt bei der Weltmeisterschaft erzielten. Trotz intensiver Entwicklungsarbeit läuft es 1980 und 1981 kaum besser. 1981 wird Freddie Spencer auf der NR Fünfter im GP von England, bevor er gezwungen wird, sich zur Ruhe zu setzen. Honda trifft die Entscheidung, das NR-Projekt zu beenden und eine neue Generation von Strassenmotorrädern mit V4-Antrieb zu schaffen, die auf den wichtigsten Erkenntnissen aus der Werksmaschine NR 500 aufbauen sollte.
1984 kehrt Honda mit der NSR500 V4-Zweitaktmaschine zum Grand Prix zurück. Im GP in der Klasse 500 cm3 sind V4-Zweitaktmotoren keine Neuheit: Auch Suzuki und Yamaha verwendeten solche Motoren bereits. Die NSR dominiert den Grand Prix 500 der 80er- und 90er-Jahre. Insgesamt gewann sie von 1994 bis 1999 zehn Weltmeistertitel, darunter sechs aufeinanderfolgende Titel mit Mick Doohan und Àlex Crivillé. Die NSR gewann auch den letzten Weltmeistertitel in der GP 500 mit einem sehr talentierten jungen Fahrer, Valentino Rossi.
1982, in dem Jahr, in dem Honda das NR-V4-Projekt beendet, bringt die Marke ihre erste Strassenmaschine mit V4-Motor auf den Markt. Es ist die VF750, ein Motorrad wie kein anderes. Mit ihrem V-förmigen Vierzylindermotor hebt sie sich deutlich von ihren Konkurrenten ab, die grösstenteils von Vierzylinder-Reihenmotoren angetrieben werden. Die VF750 ist das erste Serienmodell mit einem flüssigkeitsgekühlten 16-Ventil-V4-Motor. Ihre Mechanik ist auf dem neusten Stand der Technik und der flüssigkeitsgekühlte Motor wiegt 30 Kilogramm weniger als der luftgekühlte Vierzylinder-Reihenmotor der CB900, des Modells, das sie ersetzt.
Die VF750 feiert ihr Strassendebüt, aber auch auf der Rennstrecke erscheint mit der RS1000RW ein völlig neues Viertakt-Rennmotorrad mit V4-Motor. Ihre Mechanik leistet 148 PS. Die RW ist ein schweres Motorrad mit einer hohen Leistung, die die Reifen der damaligen Zeit stark beanspruchte. So verlor Freddie Spencer, der an der Daytona 200 ganz vorne lag, das Profil seines Hinterreifens! Das Motorrad wurde später im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von Honda und Bridgestone die Quelle für neue Entwicklungen im Bereich der Motorrad-Radialreifen. Die RS1000RW erwies sich als grosser Erfolg auf der Rennstrecke und läutete eine ganze Reihe von serienmässig produzierten V4-Rennmotorrädern ein. Fortsetzung >>
V4 Honda
Der RW ist ein schweres Motorrad, dessen hohe Leistung die Reifen der Zeit untergräbt
Honda beschliesst 1984, eine für die Strasse zugelassene Version dieser Maschine, die VF1000R, auf den Markt zu bringen. Es ist die erste V4-Supersportmaschine, die Honda auf den Markt bringt! Sie leistet 130 PS und ist mit einer integralen Verkleidung ausgestattet. Innovativ ist ihr Nockenwellen-Zahnradantrieb, der die Zuverlässigkeit verbessert und die Reibung an den beweglichen Teilen um etwa 30 % reduziert.
1983 bringt Honda die RS850 V4 auf den Markt, die für Langstreckenrennen und für Rennen entwickelt wurde, bei denen aus der Serie abgeleitete Maschinen gegeneinander antreten, wie beispielsweise die F1. Mit dieser V4 und der RS860R als ihre grosse Schwester beginnt die Vorherrschaft von Honda in den Kategorien, die den grossen Viertaktmaschinen vorbehalten sind.
Die RS750R und die RS860R gewinnen in ihrer Klasse das 24-Stunden-Rennen von Le Mans sowie den Bol d'Or, während Joey Dunlop mit der RS850R die TTF1- und F1-Weltmeisterschaft gewinnt. Mit Freddie Spencer, Wayne Gardner und Roger Marshall erlebt die RS850R zwischen 1983 und 1985 mehrere Siege in Folge. Sie bietet eine Leistung von 135 PS. Genug, um eine Höchstgeschwindigkeit von 275 km/h zu erreichen ... Später wurde die RS750R durch die RVF750F abgelöst. Ein Motorrad, das zu einem grossen Erfolg wird. Es gewinnt den Bol d'Or und das 8-Stunden-Rennen von Suzuka sowie viele andere Langstreckenrennen auf der ganzen Welt. Die berühmte RC30 von 1988 ist von dieser Maschine abgeleitet.
Honda kehrt 1987 mit der Werksmaschine NR750 V4, einem für Langstreckenrennen konzipierten Rennmotorrad, auf die Rennstrecke zurück. Honda ist damit nicht erfolgreich, aber das Motorrad dient als Basis für die fünf Jahre später erscheinende Strassenmaschine NR750. Bis zur Ankunft der Honda RC213V-S 2015 gilt diese Maschine als die fortschrittlichste der Welt und als die exklusivste V4-Strassenmaschine, die jemals auf den Markt gebracht wurde. Sie ist ein wahres Juwel der Technologie.
1988 bringt Honda mit der VFR750R RC30 eine der berühmtesten und legendärsten V4-Maschinen seiner Geschichte auf den Markt. Sie wiegt 50 Kilogramm weniger als die VFR750F und kostet achtmal so viel. Ihr Rahmen ist hinten mit einer einzigen Schwinge ausgestattet und basiert auf der Geometrie der RC30. Carl Fogarty gewinnt drei TTF1-Weltmeistertitel mit einer RC30, die vom britischen Spezialisten Tony Scott vorbereitet wurde. Aber die Liste der Erfolge der RC30 hört damit nicht auf, denn sie umfasst auch Siege bei der Isle of Man TT, zwei Superbike-WM-Titel und unzählige nationale Titel. 1994 wird die RC30 durch die RC45 ersetzt – einmal mehr ein völlig neues Motorrad. Ihr Kurzhubmotor mit elektronischer Kraftstoffeinspritzung ist neu, ebenso wie ihr Fahrwerk. Das Motorrad ist schwerer als das Vorgängermodell und verzeichnet trotz fünf Siegen beim 8-Stunden-Rennen von Suzuka, einer grossen Erfolgsserie bei der TT und natürlich John Kocinskis Superbike-WM-Titel 1997 keinen vergleichbaren Erfolg. 2000 geht die sportliche Karriere der RC45 zu Ende. Ihre Entwicklung kostete letztlich mehr als die der NR500 ... Abgelöst wurde die RC45 von der Honda SP1 und der SP2 mit einem V-Zweizylindermotor, die sich daraufhin in vier Jahren zwei Superbike-Weltmeistertitel sicherten.
Der Motor der RC45 bildet die Basis für den VFR800F-Motor, der 1998 in Produktion geht. Dieses Motorrad basiert auf der Grundkonstruktion der RC45 und ist ebenfalls mit einer Kraftstoffeinspritzung ausgestattet. Im Zentrum des Motorrads steht zunehmend die technologische Entwicklung, um die Angriffe der direkten Konkurrenten Anfang der 2000er-Jahre abzuwehren.
Fortsetzung >>
Auch auf der Rennstrecke bleibt Honda mit V4-angetriebenen Rennmaschinen präsent. Nachdem die Marke versucht hatte, in der 990-cm3-MotoGP-Klasse mit V5 zu glänzen, kehrt Honda 2007 mit der RC212V zu V4 zurück, wobei der maximale Hubraum auf 800 cm3 festgelegt wurde. Erst 2011 gewinnt diese V4 von Honda mit dem Fahrer Casey Stoner den Weltmeistertitel. 2012 ändert sich das Regelwerk mit einem maximalen Hubraum von 1000 cm3 erneut. Honda reagiert mit der RC213V.
Zwischen 2012 und 2020 gewinnt die Maschine mit Marc Márquez sechs Weltmeistertitel, sieben Herstellertitel und insgesamt 80 Siege in der MotoGP. Das Jahr 2013 steht im Zeichen der Einführung der RCV1000R, einer einfacheren Rennmaschine, die nach wie vor mit einem V4-Motor ausgestattet und für die Satellitenteams in der MotoGP konzipiert wurde. Diese Maschine wird 2015 durch die RC213V-RS ersetzt.
Ende 2015 gibt die neue RC213V-S an der EICMA in Mailand ihr Debüt. Sie ist mit einem 999 cm3 grossen 90°-V4-Motor ausgestattet und hat 16 Ventile. Dies ist eine für die Strasse zugelassene Version der RC213V, mit der Márquez in jenem Jahr den MotoGP-Weltmeistertitel gewinnt. Laut Honda wurde noch nie zuvor ein Strassenmotorrad gebaut, das einer Werksmaschine für die Rennstrecke so ähnlich ist, denn rund 80 % der Teile sind austauschbar. Der Preis ist derselbe: 188 000 Euro und zusätzliche 12 000 Euro für das optionale «Power Kit», dank dem das nur 170 Kilogramm schwere Motorrad eine Leistung von 215 PS bietet. Auch wenn einige mehr erwartet hätten, legt diese Maschine ein unvergleichliches Fahrverhalten an den Tag.
Honda setzt den V4-Antrieb bereits seit über 40 Jahren ein, und dies sowohl mit Zweitakt- wie auch mit Viertaktmotoren. Die RC213V-S ist die neuste und fortschrittlichste für die Strasse konzipierte Honda, während die RC213V den aktuellen MotoGP-Weltmeistertitel trägt. Beide sind würdige Nachfolgemodelle der berühmten NR500, die vor mehr als 40 Jahren auf den Markt kam. Mit dem V4 schrieb Honda daher ein Stück Erfolgsgeschichte, genau wie mit dem Vierzylinder-Reihenmotor. Eine erstklassige Leistung, die der fabelhaften Geschichte von Honda mehr als würdig ist!