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Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen, Mineralsalzen und Spurenelementen sind ein riesiger Markt, der mit weitreichenden Versprechungen zum Nutzen solcher Produkte für unsere Gesundheit am laufen gehalten wird. Seit einiger Zeit werden diese ausufernden Versprechungen allerdings zunehmend durch Studien zurechtgestutzt, die den Nutzen solcher Präparate in Frage stellen oder sogar ein Risiko postulieren. Eine aktuell erschienene Studie zu Selen unterstützt mit ihren Resultaten die kritische Einschätzung.
Nicht nur hochdosiertes Vitamin E aus Nahrungsergänzungsmitteln soll bei bei Männern das Prostatakrebsrisiko steigern – was schon lägner bekannt ist.
Eine neue Auswertung der SELECT-Studie im
Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2014; doi: 10.1093/jnci/djt456) zeigt nun auch, dass die Einnahme von Selen schädlich ist, wenn kein Mangel besteht.
Mit über 35.000 Teilnehmenden zählte der „Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial“ zu den ambitionierten Präventionsstudien des US-National Cancer Institute. Die Studie wurde 2008 vorzeitig abgebrochen, als eine Zwischenauswertung zum Schluss kam, dass die Einnahme von Vitamin E und Selen oder die Kombination der beiden Antioxidanzien das Krebsrisiko von Männern nicht reduziert.
Im Jahr 2011 zeigte sich dann, dass die Männer, die Vitamin E eingenommen hatten, zu 17 Prozent häufiger an Prostatakrebs erkrankten als die Probanden des Placebo-Arms. Für Selen wurde nur eine tendenzielle Steigerung des Krebsrisikos gefunden.
Alan Kristal vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle wertete die Daten nun erneut aus. Der Wissenschaftler berücksichtigte dabei die Selenkonzentration in Fußnagelproben, die am Anfang der Studie entnommen worden waren. Sein Resultat: Im allgemeinen beeinflusste der Selenspiegel das Krebsrisiko nicht.
Allerdings erkrankten Männer, die trotz ausreichender Selen-Versorgung (gemessen an der Analyse der Fußnagelproben) Selen in hoher Dosis einnahmen, zu 91 Prozent häufiger an einem aggressiven high-grade Prostatakarzinom (Gleason 7–10), das heisst an einem Tumor, der frühzeitig die Organgrenzen überschreitet und durch Metastasen zum Tod führen kann. Kristal zieht daraus den Schluss, dass Selen für Männer, die ausreichend mit dem Mineral versorgt sind, eine toxische Wirkung ausüben kann.
Eine weitere Analyse bestätigte, dass Vitamin E das Risiko auf Prostatakrebs steigert. Diese schädliche Wirkung konnte der neuen Auswertung zufolge aber nur bei Männern festgestellt werden, die tiefe Selenwerte hatten. Sie erkrankten zu 63 Prozent häufiger an einem Prostatakrebsrisiko als die Probanden, die Placebos eingenommen hatten. Das Risiko auf einen High-Grade-Tumor war sogar um 111 Prozent grösser. Bei Teilnehmenden mit hohen Selenwerten am Anfang der Studie steigerte Vitamin E das Krebsrisiko nicht.
Kristal äussert die Vermutung, dass Selen eine gewisse Schutzwirkung gegen den schädlichen Effekt von Vitamin E hat. Dies würde auch ein paradoxes Resultat der Auswertung von 2008 erklären. Das erhöhte Krebsrisiko war damals nur bei Teilnehmenden festgestellt worden, die Vitamin E ohne Selen eingenommen hatten. Im Studienarm mit kombinierter Vitamin E plus Selen-Einnahme zeigten sich keine zusätzlichen Tumore.
Die Resultate der Studie unterstreichen nach Ansicht von Kristal ein weiteres Mal, dass hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel problematisch für die Gesundheit sind. Ihre Wirkung sei nicht vorhersehbar, komplex und häufig schädlich, kommentiert der Krebsforscher seine Warnung. Er rät Menschen, die keinen Mangel an Vitaminen oder Spurenelementen haben, auf die Einnahme solcher Nahrungsergänzungsmittel zu verzichten.
Quelle:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/57737/Selen-kann-Prostatakrebsrisiko-erhoehen
http://jnci.oxfordjournals.org/content/early/2014/02/21/jnci.djt456.abstract
Kommentar & Ergänzung:
Uns werden von einer sehr werbeaktiven Nahrungsergänzungsmittelindustrie auf breiter Front unzählige Mängel eingeredet, die sich dann – oh Wunder – mit den Produkten eben dieser Firmen glücklicherweise beheben lassen. Die allermeisten dieser Präparate sind schlicht und einfach zum Fenster hinaus geworfenes Geld.
Bedeutend heikler wird die Sache allerdings, wenn sich gar als gesundheitsgefährdend herausstellt, was als so ungemein gesund propagiert wurde.
Jahrelang war die Rollenverteilung im Kampf um unsere Gesundheit klar:
Die Guten, das sind die Antioxidantien, die Radikalfänger.
Die Bösen, das sind die „freien Radikale“. Sie sollen unter anderem Krebs verursachen.
Wirft man genügend gute Antioxidantien ein, bleibt man gesund.
Auch Selen gehört zu den Radikalfängern.
Zu den bekannteren Antioxidantien aus natürlichen Quellen gehören ausserdem:
– Gewisse Polyphenole aus Schwarztee, Grüntee (EGCG), Kakao, Kaffee, Rotwein (Resveratrol) u. a.. Phytotherpeutisch relevant sind aus dieser Gruppe vor allem Flavonoide wie z. B. Silymarin oder Anthocyane.
– Gewisse Vitamine (Vitamin E, Vitamin C).
– Carotinoide (Lycopin, Betacarotin, Lutein)
Das über lange Jahre aufgebaute Schwarz-Weiss-Bild kommt nun immer stärker ins Wanken.
Es wird immer wahrscheinlicher, dass freie Radikale nicht nur schädlich sind, sondern in bestimmten Funktionen für den Organismus auch wichtige Aufgaben erfüllen.
Und es wird immer deutlicher, dass Antioxidantien vor allem in grösseren Mengen auch schädliche Effekte auslösen können.
Das entspricht ziemlich genau der Einschätzung von Alan Kristal, dass diese Nahrungsergänzungsmittel in ihrer Wirkung nicht vorhersehbar, komplex und manchmal vielleicht gar schädlich sind.
Erstaunlich ist dabei nur, dass der Markt mit diesen Präparaten über viele Jahre derart gut laufen kann, obwohl noch nicht einmal die wichtigsten Fragen zu Wirksamkeit und Sicherheit geklärt sind.
Siehe auch:
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch