Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/11

Pflege der Orchideen
Bei den vielen verschiedenen Orchideen ist es kaum möglich, für jede Art individuelle Kulturanleitungen bereit zu stellen. Kulturanleitungen für ganze Gattungen haben aber das Problem, dass es oftmals selbst innerhalb der Gattung, Arten mit ziemlich unterschiedlichen Ansprüchen an die Kultur gibt. Bei den vielen heute erhältlichen Mehrgattungshybriden kommt hinzu, dass man meist gar nicht mehr so genau erkennen kann, welche Arten alle im Erbgut der Pflanze vertreten sind, und welche ihre Eigenschaften dominant vererbt haben. Daher wird man zu einer Pflanze oft nicht die passende Kulturanleitung finden, so dass man dazu gezwungen ist, anhand von Merkmalen der Pflanze abzuschätzen, welche Kulturbedingungen dieser Pflanze zusagen könnten. Dazu gibt der Aufbau der Pflanzen verschiedene Hinweise.
Hinweise anhand der Wurzeln
An vielen Pflanzen geben die Wurzeln Hinweise auf die Pflege:
- Behaarte Wurzeln (z.B. Paphiopedilum) lassen auf einen terrestrischen Standort schliessen. Solche Pflanzen müssen in Substrat kultiviert werden.
- Dicke, glatte Wurzeln (6 mm und mehr) (z.B. Vanda), die sich nur wenig verzweigen, deuten auf helle, trockene Standorte hin. Die Pflanzen bekommen ihr Wasser meist durch Tau morgens und abends, selten durch Niederschläge. Diese Pflanzen sollten am besten aufgebunden kultiviert werden, was auf der Fensterbank schwierig ist, da man sie meist nicht so oft besprühen kann, wie dies notwendig wäre. Wenn man sie in einen Topf pflanzt, muss man sehr grobes Substrat verwenden, da die Wurzeln sonst absterben.
- Mitteldicke Wurzeln (3-6 mm) (z.B. Phalaenopsis) stammen von Pflanzen, die öfter dem Regen ausgesetzt sind. Sie verzweigen sich stärker und bilden dichte Wurzelbüsche. Diese Pflanzen kultiviert man im Topf in einem groben Substrat.
- Dünne Wurzeln (1-3 mm) (z.B. Oncidium) sitzen an Pflanzen, die aus feuchten und kühleren Gebieten stammen. Sie werden im Topf in einem mittleren Substrat gepflegt.
- Ganz dünne Wurzeln (1 mm und weniger) (z.B. Restrepia) lassen auf einen fast nassen und kühlen Standort schliessen. Diese Pflanzen werden in einem feinen Substrat kultiviert. Häufig sind dies aber Pflanzen, die eher sehr feuchte und kühlere Bedingungen benötigen, was auf einer Fensterbank schwierig ist.
Stellen die Wurzeln trotz gleich bleibender Pflege das Wachstum ein, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass die Pflanze eine Ruhepause in der Kultur benötigt.
Der Zustand der Wurzeln ist wichtig, er sagt bei Orchideen viel über das Befinden der Pflanze aus.
Hinweise anhand der Blätter
Auch die Blätter geben dem Pfleger einige Hinweise zur Herkunft und Pflege einer Orchidee:
- Harte Blätter weisen immer auf trockene und sehr lichtintensive Standorte hin. Je weicher die Blätter sind, je geringer ist in der Regel die Lichtintensität am Naturstandort.
- Grossflächige Blätter deuten auf Lichthunger hin. Solche Pflanzen stehen meist an halbschattigen Standorten und versuchen, von dem noch zur Verfügung stehenden Licht möglichst viel einzufangen. Für optimales Wachstum benötigen auch sie viel Licht, dürfen aber nicht in der prallen Sonne stehen.
- Dicke (sukkulente) Blätter sind ein Anhaltspunkt dafür, dass sie als Wasserspeicher dienen. Diese Pflanzen sind in der Natur oft einer längeren Trockenzeit ausgesetzt und zehren dann von ihren Vorräten.
- Dünne Blätter werden meist von Pflanzen hervorgebracht, die in kühleren und feuchten Regionen wachsen. Diese Pflanzen brauchen weniger Licht und eine gleichmässige Wasserversorgung.
- Peitschenartige Blätter findet man bei Pflanzen, die stärkster Sonnenbestrahlung ausgesetzt sind. Diese Pflanzen erhalten auf einer Fensterbank häufig zu wenig Licht.
- Eher vielblättrige Arten wachsen an geschützten Standorten, wenigblättrige sind meist raueren Bedingungen ausgesetzt.
Trotz allen Regeln ist es möglich, dass es bei der Beurteilung zu Fehleinschätzungen kommt, und der Pflanze die gewählte Kultur doch nicht gefällt. In so einem Fall gilt es die Pflanze neu zu beurteilen, und aufgrund anderer Bewertung der Merkmale eine andere Kulturstrategie zu entwickeln. Eine gute Beobachtungsgabe ist daher mehr wert, als jedes Buch oder jeder Tipp und Trick. Da Pflanzen auch etwas Zeit brauchen, um sich an eine bestimmte Kultur zu gewöhnen, macht es keinen Sinn, die Kultur innerhalb kurzer Zeit mehrmals zu verändern.
Allgemeine Pflegetipps
Auf die richtige Pflanzenzusammenstellung achten, die Pflanzen müssen für die vorgegebenen Bedingungen geeignet sein!
Richtiges Giessen erhöht die Lebensdauer. Als Faustregel bei gut durchlässigem Substrat gilt: Während der Wachstumszeit einmal in der Woche kräftig durchgiessen, aber nicht im Wasser stehen lassen. Im Zweifelsfall lieber noch einen Tag warten. Die Gattung Phragmipedium braucht deutlich mehr Wasser, von der gelegentlich empfohlenen Haltung mit Wasser im Untersetzter möchte ich aber abraten, da dies auch bei dieser Gattung nicht alle Pflanzen vertragen. Bei mir werden die Phragmipedien wenn nötig zwei Mal pro Woche gegossen.
Viele Orchideen benötigen eine Ruhezeit. Stellt eine gesunde Pflanze ihr Wachstum ein, was am besten an den Wurzelspitzen erkennbar ist, ist dies der Beginn der Ruhezeit. In dieser Zeit muss das Giessen und Düngen reduziert oder ganz eingestellt werden. Die Pflanzen sollten nur so viel gegossen werden, dass sie nicht zu stark schrumpfen. Im Winter etwa alle zwei Wochen giessen. Beginnt die Pflanze wieder zu wachsen, kann wieder normal gegossen und gedüngt werden.
Meine Giessintervalle durch das Jahr:
- März bis Oktober ein Mal pro Woche
- Februar und November alle 10 Tage
- Januar und Dezember alle 2 Wochen
Zum Giessen verwendet man am besten sauberes frisches Regenwasser. Ist man nicht sicher, ob das Wasser sauber ist, oder wenn es schon lange gestanden ist, kann man es mit "KATADYN MICROPUR FORTE" desinfizieren. Vor der Verwendung muss man das behandelte Wasser einige Zeit belüften, damit das Chlor entweicht.
Sofern vorhanden, kann man auch Wasser aus elektrischen Luftentfeuchtern verwenden. Da dieses Wasser absolut gar nichts enthält, und dessen PH-Wert daher nicht stabil ist, empfiehlt es sich, etwas Leitungswasser beizumischen. Von der Verwendung des Kondenswassers aus Wäschetrocknern wird mit der Begründung, dass sich darin noch Waschmittelrückstände befinden können, allgemein abgeraten. Da ich dies selbst noch nie versucht habe, kann ich dies weder bestätigen noch widerlegen.
Für die meisten in unserem Klima gezogenen Hybriden kann man auch abgestandenes Leitungswasser verwenden, die Pflanzen müssen dann aber öfter umgepflanzt werden, da sich Kalk und andere Mineralien im Substrat ablagern, was die Orchideenwurzeln nicht schätzen. Für empfindlicheren Naturformen sollte man auf jeden Fall teilweise Regenwasser oder entmineralisiertes Wasser verwenden.
Giesst man eine grössere Anzahl Pflanzen mit dem gleichen Wasser, z.B. beim Tauchverfahren, sinkt der PH-Wert des Wassers mit der Zeit ab, da aus dem Substrat Huminsäure ausgespült wird. Dadurch kann der PH-Wert des Giesswassers Werte erreichen, die den Wurzeln der Pflanzen nicht mehr zuträglich sind. Daher nicht zu viele Pflanzen mit dem gleichen Wasser giessen und genügend kalkhaltiges Leitungswasser beifügen, da der Kalk den PH-Wert stabilisiert.
Die Pflanzen gewöhnen sich an einen Standort. Daher sollte man sie nicht unnötig verstellen.
Die Pflanzen nicht während der heissen Tageszeit sprühen. Der Temperaturschock durch kaltes Wasser und die Verdunstungskälte des Wassers auf den Blättern haben keine positive Wirkung auf die Pflanzen.
Die Pflanzen während der Mittagszeit nie dem direkten Sonnenlicht aussetzen, da dies bei den meisten zu Verbrennungen führt. Bei empfindlichen Arten kann selbst Abendsonne zu Verbrennungen auf den Blättern führen!
Frischluft ist in jedem Fall positiv, Zugluft gilt es zu vermeiden. Hat man zu viele Pflanzen, und diese stehen eng auf dem vorhandenen Raum zusammen, wird die Luftzirkulation zwischen den Pflanzen behindert, was zu Problemen mit Pilzbefall führen kann.
Alle Orchideen in eher kleine Töpfe setzen. Vanda-artige brauchen für ihre sperrigen Wurzeln etwas grössere Töpfe, dafür sollte das Substrat besonders grob und durchlässig sein.
Die Blütenbildung ist bei vielen Orchideen an Temperatur- und/oder Lichteinflüsse gebunden. Dabei können eine längere kühle und/oder trockene Ruheperiode, ein grosser Tag-/Nachtunterschied in der Temperatur oder eine Phase mit kürzeren Tagen für den Blütenansatz notwendig sein. Informationen zu dem Thema findet man im Internet unter dem entsprechenden Artnamen, wobei diese oftmals widersprüchlich sind. Bei Hybriden hilft oftmals nur Ausprobieren.
Nährstoffversorgung
Ich empfehle regelmässig aber schwach zu düngen. Die Verwendung eines Orchideendüngers lohnt sich auf jeden Fall. Keine zu grossen Gebinde kaufen, da man nur wenig braucht, und der Inhalt der Flasche mit den Jahren nicht besser wird.
Eine gesunde Düngung ist an kräftigen und gesunden Wurzeln zu erkennen. Eine Mangelerscheinung zeigt sich eventuell durch auffällig starkes Wurzelwachstum, die Wurzeln sind unnatürlich dünn und lang.
Eine eher hohe Düngung ist an starren, dicken unflexiblen Wurzeln zu erkennen. Diese sind ausserdem recht kurz und weisen bei einigen Arten eine leicht rötliche oder bräunliche Färbung auf.
Achtung: Eine zu hohe Düngerkonzentration führt zum Absterben der Wurzeln!
Die Versorgung der Pflanzen mit Dünger muss der Jahreszeit angepasst werden.