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Vergiss Google und Uber: In Russland herrscht Yandex. Wer steckt hinter der Firma?
Im Suchmaschinengeschäft werden nur ganz wenige Länder nicht von Google dominiert: In China ist Baidu Marktführer, in Südkorea Naver, in Tschechien Seznam und in Russland Yandex. Rund 55 Prozent der Russen benutzen yandex.ru statt google.ru, wenn sie auf dem PC oder Smartphone etwas im Web suchen.
Wirklich eindrücklich ist aber eine andere Zahl: Neun von zehn russischen Internet-Nutzern verwenden einen Internet-Dienst von Yandex – beispielsweise Yandex Mail, Yandex Maps, Yandex Taxi (das russische Uber) oder den Yandex Browser.
Entwickelt wurde yandex.ru ab 1993 von zwei jungen russischen Mathematikern: Im September 1997, also vor 20 Jahren, stellten Arkadi Wolosch und Ilja Segalowitsch ihre Suchmaschine erstmals vor, im November des gleichen Jahres ging sie online.
Der Name Yandex (russisch Яндекс) ist eine Kurzform von «yet another indexer». Yandex war aber keineswegs einfach eine weitere Suchmaschine. Wolosch entwickelte schon 1990 Suchalgorithmen, um beispielsweise russische Literatur zu durchsuchen. Zusammen mit seinem Schulfreund Segalowitsch, der 2013 nach einer langjährigen Krebserkrankung verstarb, war es ihm gelungen, die erste kyrillische Suchmaschine zu entwickeln, die mit der russischen Grammatik nicht auf Kriegsfuss stand.
Etwa zeitgleich tüftelte ein gewisser Larry Page an der Stanford University in Kalifornien an einer Suchmaschine namens BackRub, aus der 1998 die Firma Google entstand.
Ab 1998 eroberte Google Land um Land, an Yandex beisst sich der globale Marktführer aber nach wie vor die Zähne aus. Warum eigentlich? Yandex nutzte den Heimvorteil: Die Suchalgorithmen von Wolosch und Segalowitsch kamen mit russischen Verbformen und Fällen viel schneller klar als Google und lieferten entsprechend die besseren Suchergebnisse.
Yandex' Marketingdirektor Andrej Sebrant – ein Tech-Hipster aus dem Bilderbuch – hebt gerne hervor, dass man mit der eigenen Suchmaschine ein Jahr vor Google online gewesen sei. Das ist ihm wichtig, denn offenbar ist er «ein bisschen genervt» davon, dass Journalisten regelmässig schreiben, Yandex sei eine russische Google-Kopie. Die Adresse google.com war zwar bereits am 15. September 1997 registriert worden, zwei Monate bevor Yandex online ging, aber offiziell am Start war Google erst im Jahr darauf am 27. September 1998 – heute vor 19 Jahren.
Die nahezu parallele Entwicklung sei Zufall, erzählt Sebrant im Gespräch mit Spiegel Online: An unterschiedlichen Orten hätten Erfinder eben gleichzeitig «darüber nachgedacht, was Menschen brauchen, und sind zur selben Antwort gekommen».
Genau wie Google ist auch Yandex längst keine reine Suchmaschine mehr. Der russische Tech-Gigant betreibt E-Mail-Postfächer, ein Musikstreaming-Portal, den Webshop Yandex Market und die Street-View-Alternative Yandex Panorama.
Millionen russischer Autofahrer verlassen sich auf die Navi-App Yandex Navigator, weil der eingebaute Staumelder äusserst beliebt ist. «Der Service wird alle 30 Sekunden aktualisiert und greift dabei auf Daten von den Smartphones aller Yandex-App-Nutzer zurück», schreibt Spiegel Online. Eine weitere Parallele zu Google also.
Google macht unsere Nutzerdaten zu Gold, sprich verkauft unsere Interessen an Werbekunden. Und Yandex? Genau, die tun dasselbe.
20 Jahre Online-Werbung haben Google-Chef Larry Page geschätzte 44 Milliarden US-Dollar eingebracht, Yandex-CEO Arkadi Wolosch ist inzwischen ebenfalls Milliardär: 2013 schätzte das Wirtschaftsmagazin «Forbes» sein Vermögen auf etwa 1,15 Milliarden Dollar.
Uber, weltweit für sein forsches Auftreten bekannt, musste unlängst seine Pläne für die Eroberung des russischen Taxi-Marktes begraben. Gegen Yandex' Taxi-Service kam selbst der kalifornische Taxi-Schreck nicht an. Im Juli schlüpfte Uber unter das rettende Dach einer Kooperation mit Yandex.
Die Russen halten knapp 60 Prozent am Gemeinschaftsunternehmen, Uber ist lediglich der Junior-Partner. Damit hält Yandex nebst der weltweit dominanten Suchmaschine auch den in anderen Ländern aggressiv wachsenden Taxi-Dienst Uber in Schach.
Seit 1997 ist die Zahl der Mitarbeiter auf weltweit über 6000 gestiegen. Die russische Suchmaschine ist auch in Kasachstan, Weissrussland und der Türkei beliebt. Seit 2008 betreibt Yandex ein Forschungslabor im Silicon Valley, und 2012 haben die Russen zwei Ableger in der Schweiz eröffnet. In Zürich wurde ein Software-Entwicklungsbüro gegründet und von Luzern aus verkauft die Yandex Europe AG Online-Werbung an europäische Kunden.
Im Frühling 2017 wurde das Entwicklungsbüro ebenfalls nach Luzern verlegt, wo unter anderem Apps für Smartphones programmiert werden. In der Schweiz wird beispielsweise der Yandex Launcher entwickelt, eine Android-App, mit der sich die Benutzeroberfläche von Smartphones personalisieren lässt. Die App verbucht allein in Googles Play Store über eine Million Downloads. Da Yandex in Konkurrenz zu Google einen eigenen App-Store für Android betreibt, dürfte die effektive Downloadzahl noch deutlich grösser sein. Der Yandex Store dient als Plattform, um die eigenen Apps als Alternative zu den Google-Apps auf Millionen russischer Smartphones zu bringen.
Als Marktführer in Russland könnte die Yandex-Crew das 20-jährige Firmenjubiläum eigentlich entspannt geniessen, doch Google wird zunehmend zum Problem. Noch im Jahr 2012 lagen die Kalifornier mit ihrer Suchmaschine bei gerade einmal 20 Prozent Marktanteil in Russland. Da immer mehr Suchanfragen über Smartphones erfolgen, droht Yandex ins Hintertreffen zu geraten. «Nach Angaben des Statistikanbieters Live-Internet war Google zuletzt auf 70,6 Prozent aller Android-Geräte als Suchmaschine installiert, Yandex auf nur 28,5 Prozent», schreibt Spiegel Online.
Yandex' Problem: Sieben von zehn Russen benutzen ein Android-Smartphone und die Google-Suche ist bei Googles Betriebssystem natürlich vorinstalliert. Yandex' Marketingchef Sebrant wirft den Amerikanern daher unfaires Verhalten vor. Google erschwere den russischen Nutzern den Zugang zu Yandex-Angeboten auf Smartphones, um Nutzer abzuwerben.
Yandex hat deshalb beim russischen Kartellamt interveniert und im August 2016 verurteilte die Antimonopol-Behörde Google zu einer Strafe von gut sechs Millionen Franken. Entscheidend ist allerdings nicht die Strafsumme, sondern die Auflage an Google: Der Suchgigant muss den 55 Millionen Android-Nutzern in Russland künftig die freie Wahl zwischen verschiedenen Suchmaschinen ermöglichen. Das Urteil dürfte die Machtverhältnisse wieder zugunsten der russischen Suchmaschine verschieben.
Yandex' führende Rolle im russischen Internet weckt auch Begehrlichkeiten seitens der Regierung und des Geheimdienstes. Im Mai 2011 berichtete die BBC, dass Yandex vertrauliche Kundendaten des eigenen Bezahldienstes Yandex Dengi an den russischen Inlandsgeheimdienst FSB weitergegeben hat. Betroffen waren vor allem Spender, die den Anti-Korruptionskämpfer und Oppositionspolitiker Alexei Nawalny über Yandex' Bezahldienst unterstützt hatten. Yandex machte damals vor dem Börsengang in den USA publik, dass man dem russischen Inlandsgeheimdienst vertrauliche Nutzerdaten ausgehändigt hatte. Gleichzeitig warnte man die US-Börsenaufsichtsbehörde vor «unklaren und widersprüchlichen Gesetzen sowie politisch motivierten Aktionen» im Heimatland, was den Kreml wenig erfreut haben dürfte.
Noch drei Jahre später herrschte zwischen Putin und Yandex Eiszeit. 2014 unterstellte Putin dem russischen Internetriesen gar, in Verbindung zu ausländischen Geheimdiensten zu stehen. Der Aktienkurs rauschte umgehend 20 Prozent in den Keller. Erst seit Anfang 2017 geht es mit Yandex an der Börse wieder steil bergauf.
Die Frage nach dem Verhältnis zur Politik bleibt für Yandex brisant. Seit Edward Snowdens NSA-Enthüllungen wissen wir um die Kooperation von Google und den anderen grossen amerikanischen Technologiefirmen mit der NSA. Die Vermutung, dass Yandex in ähnlicher Weise mit dem russischen Geheimdienst kooperiert, liegt auf der Hand. Yandex selbst will nicht mehr über das Verhältnis zum Kreml sprechen.
Zumindest scheint die erfolgreiche Abwehrschlacht des Unternehmens gegen die ausländische Konkurrenz Putin inzwischen versöhnlicher gestimmt zu haben. Letzte Woche besuchte der Präsident die Firmenzentrale und gratulierte den Mitarbeitern zum Firmen-Jubiläum.
Dass sich Putin und Yandex anscheinend wieder verstehen, könnte auch damit zusammen hängen, dass Russland gewillt ist, ausländische Internet-Firmen zu sperren, die nicht mit der Regierung kooperieren. Die Moskauer Führung versucht seit Jahren, das Internet in Russland stärker zu kontrollieren. Seit 2016 ist das Karriere-Netzwerk LinkedIn, das zu Microsoft gehört, in Russland gesperrt. Am Dienstag wurde bekannt, dass auch Facebook ab 2018 die Sperrung droht, wenn es künftig die Nutzerdaten von Russen nicht in Russland speichert.
Im Sommer hatte das Parlament zudem ein Gesetz beschlossen, das die Nutzung von Anonymisierungs-Software und sogenannter Virtueller Privater Netzwerke (VPN) im Internet einschränkt. Mit VPNs könnten Russen beispielsweise weiter auf ausländische Webseiten zugreifen, falls diese in Russland gesperrt würden. Mit all diesen Massnahmen will Putin das russische Internet vor den Präsidentenwahlen 2018 besser kontrollieren können. Von dieser Entwicklung könnte auch Yandex profitieren.