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Schreiben in den Grenzen des Ichs und in den Grenzen der Sprache – Über Literatur und literarische Qualität
Schreiben in den Grenzen des Ichs und in den Grenzen der Sprache
Über Literatur und literarische Qualität
Tim Kron hat in MOMA 2/96 einen Diskurs über Literatur eingeleitet, in welchem er forsch Noten vergibt und Ratschläge erteilt. Dass nach seinen Rundumschlägen schliesslich allein “Second-Hand-Literatur” eine Chance haben soll, als “mutig” oder “frech” zu gelten, kann nicht unwidersprochen bleiben. Ich behaupte, dass Literatur dann “gut” ist, wenn sie sich aus der unausweichllichen Notwendigkeit des Schreibens konstituiert.
“Das vertraute Gesicht eines Wortes, die Empfindung, es habe seine Bedeutung in sich aufgenommen, sei ein Ebenbild seiner Bedeutung – es könnte Menschen geben, denen das alles fremd ist. (Es würde ihnen die Anhänglichkeit an die Worte fehlen). – Und wie äussern sich diese Gefühle bei uns? – Darin, wie wir Worte wählen und schätzen.
Wie finde ich das richtige Wort? Wie wähle ich unter den Worten? Es ist wohl manchmal, als vergliche ich sie nach feinen Unterschieden ihres Geruchs: Dies ist zu sehr…, dies zu sehr …, – das ist das richtige. Aber ich muss nicht immer beurteilen, erklären; ich könnte oft nur sagen: ‘Es stimmt einfach noch nicht.’ Ich bin unbefriedigt, suche weiter. Endlich kommt ein Wort: ‘Das ist es!’ Manchmal kann ich sagen, warum. So schaut eben hier das Suchen aus, so das Finden.”
Der Passus ist den “Philosophischen Untersuchungen” Ludwig Wittgensteins entnommen. 1889 war er in Wien zur Welt gekommen, 1951 in der Emigration in England gestorben. An den “Philosophischen Untersuchungen” hatte er sechzehn Jahre lang gearbeitet. 1945 hielt er sie für abgeschlossen. Doch seit seiner Teilahme als österreichischer Freiwilliger am I. Weltkrieg dachte er über die Sprache nach, über die Richtigkeit, über den Sinn und über die Grenzen des Sagbaren. In den gefechtfreien Stunden an der Front in Galizien und später an der italienichen Front schrieb er die erste Fassung seines “Tractatus logico-philosophicus”, den er 1918 während eines Sommerurlaubs in Tirol vollendete. Anfang November des gleichen Jahres, als es zum Waffenstillstand zwischen Österreich und Italien kam, wurde Wittgenstein mit rund 500’000 weiteren Soldaten als Kriegsgefangener interniert. Während der Gefangenschaft bemühte er sich verzeifelt, für sein Buch einen Verleger zu finden, stiess jedoch “auf grosse Schwierigkeit”, wie er selbst schrieb. Nach einer weiteren Absage notierte er: “Meine Arbeit ist entweder ein Werk ersten Ranges, oder sie ist kein Werk ersten Ranges. Im zweiten – wahrscheinlicheren – Falle bin ich selbst dafür, dass sie nicht gedruckt werde. Und im ersten ist es ganz gleichgültig, ob sie zwanzig oder dreissig Jahre früher oder später gedruckt wird”.
Als Bertrand Russel schliesslich die kleine Schrift, die er als genial einstufte, 1921 in einer philosophischen Zeitschrift in England auf Englisch publizierte, war diese Erstveröffentlichung von so vielen Druckfehlern und Unsorgfältigkeiten verunstaltet, dass Wittgenstein sich nicht freuen konnte. Aus dem im Krieg erlebten Elend, aus der entsetzlichen Vereinzelung und Todesnähe ergab sich für ihn die zwingende Notwendigkeit einer Sinngebung. Wittgenstein schuf sie sich im Schreiben. Das Schreiben machte den schmalen Grenzpfad der Verzweiflung begehbarer, jene Grenze, die er als das denkende, erfahrende Ich verstand, das “nicht Teil der Welt”, sondern “eine Grenze der Welt ist”, wie er im “Tractatus” festhält, wobei zugleich die Sprache sich als Grenze zeigt. “Was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein”, folgert er, das heisst, ohne Sinnrelation zwischen dem Ich und der Welt.
Woraus baute sich der Widerstand gegen Wittgensteins Werk auf, woran lag die Ablehnung, die er erfuhr? Sie lag daran, behaupte ich, dass die 60 Seiten Text, die Wittgenstein in fünf Jahren geschaffen hatte, etwas ganz Neues waren, hermetisch verschlüsselte Dichtung, dabei zugleich Logik und Ethik, “steng philosophisch und zugleich literarisch, es wird aber doch nicht darin geschwafelt”, wie er in einem Brief festhielt. Es war ein Text, der erschreckte, der aus unabwendbarer Notwendigkeit entstanden war, für den es nicht Variationen oder Eventualitäten des Entstehens gab, sondern nur die eine zwingende Form. Wie liess sich ein so unbedingter Sprachwille mit der üblichen, aus Erfolgskalkül und Trendanpassung entstandenen und leichthin verlegten Literatur vereinbaren? Wittgenstein war jener Mensch im Sturm, “der sich nur mit Mühe auf den Beinen hält”, der sich aber weigert, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Als er in jenem selben Jahr 1921 seinen Entschluss bekanntgab, auf jede Konformität zu verzichten und als Volksschullehrer in einer der ärmsten und verlassensten Gegenden Österreichs zu wirken, schrieb ihm seine Schwester Hermine, er komme ihr vor wie einer, der eine derbe Kiste mit einem Präzisionsgerät öffnen wolle. Darauf antwortete ihr Wittgenstein, sie dagegen erinnere ihn an einen Menschen, “der aus einem geschlossenen Fenster schaut und sich die sonderbaren Bewegungen eines Passanten nicht erklären kann”, da man hinter der schützenden Scheibe nicht wissen könne, “welcher Sturm draussen wütet, und dass dieser Mensch sich vielleicht nur mit Mühe auf den Beinen hält”.
Man mag einwenden, Wittgenstein sei Philosoph und müsse daher von den SchriftstellerInnen und DichterInnen, von denen im Literaturvergleich die Rede sei, unterschieden werden. Ich lasse den Einwand nicht gelten. Was Franz Kafka über die “Zwangsarbeit” und über das “unendliche Glück” des Schreibens in seinen Briefe an Felice und an Milena unaufhörlich thematisiert, was er als quälende Erfahrung in seinen Tagebüchern festhält, ist genau dies: die unausweichliche Notwendigkeit zu schreiben und zugleich die Bitterkeit vor der Ohnmacht des Schreibens, vor der sich entziehenden Sprache, vor dem Ungenügen der Wörter und Sätze. “Kein Wort fast, das ich schreibe, passt zum anderen, ich höre, wie sich die Konsonanten blechern aneinanderreihen, und die Vokale singen dazu wie Ausstellungsneger. Meine Zeifel stehn um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn! ich sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich. Das wäre ja noch das grösste Unglück nicht, nur müsste ich dann Worte erfinden können, welche imstande sind, den Leichengeruch in eine Richtung zu blasen, dass er mir und dem Leser nicht gleich ins Gesicht kommt. Wenn ich mich zum Schreibtisch setze, ist mir nicht wohler als einem, der mitten im Verkehr auf der Place de l’Opéra fällt und beide Beine bricht. (…) Das viele Leben schmerzt ihn, denn er ist ja ein Verkehrshindernis, aber die Leere ist nicht weniger arg, denn sie macht seinen eigentlichen Schmerz los.” (TB 15. 12. 1910). Am darauffolgenden Tag notiert er: “Dass ich so viel weggelegt und weggestrichen habe, ja fast alles, was ich in diesem Jahr überhaupt geschrieben habe, das hindert mich jedenfalls auch sehr am Schreiben. Es ist ja ein Berg, es ist fünfmal so viel, als ich überhaupt je geschrieben habe, und schon durch seine Mase zieht es alles, was ich schreibe, mir unter den Füssen weg.” Dann am 27. 12. 1910: “Meine Kraft reicht zu keinem Satz mehr aus. Ja, wenn es sich um Worte handeln würde, wenn es genügte, ein Wort hinzusetzen und man sich wegwenden könnte im ruhigen Bewusstsein, dieses Wort ganz mit sich erfüllt zu haben.” Wenn Kafka jedoch einen Tag oder gar zwei-drei Tage nicht schrieb, so geriet er in einen Zustand der kaum aushaltbaren existentiellen Bedrohung, aus der er um des Überlebens willen schreibend herausfinden musste. “Ich ziehe, wenn ich nach langer Zeit zu schreiben anfange, die Worte wie aus der leeren Luft. Ist eines gewonnen, dann ist eben nur dieses eine da und alle Arbeit fängt von vorne an.” Am 16. 1. 1922, nach einem vollständigen Zusammenbruch, notierte er: “… die Jagd geht durch mich und zerreisst mich. (..) ‘Jagd’ ist ja nur ein Bild, ich kann auch sagen, ‘Ansturm gegen die letzte irdische Grenze’, und zwar Ansturm von unten, von den Menschen her, und kann, da auch dies nur ein Bild ist, es ersetzen durch das Bild des Ansturms von oben, zu mir herab. Diese ganze Literatur ist ein Ansturm gegen die Grenze”.
Wenn es Kafka allerdings gelang, den schmalen Grenzpfad zu finden, auf dem die Sprache sich ihm nicht enzog, sondern erschloss, konnte er ein Werk in einem Zug vollenden. So entstand die Erzählung “In der Strafkolonie” in drei Tagen, vom 15. bis zum 18, 10. 1914, während er vorher und nachher, das heisst vom August 1914 bis zum Januar 1915, gleichzeitig fieberhaft am “Prozess” arbeitete. Ohne Zweifel sind diese Werke “dans le vrai”, wie Kafka selbst Flaubert zu zitieren pflegte, “ils sont dans le vrai”: Werke ohne Zugeständnis an die Trivialität, das heisst an den Geschmack der Zeit, an die Gefälligkeit. Schon am 7.1.1904 hatte er an den Freund Oskar Pollak geschrieben: “Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.”
Ein Buch von solcher Qualität kann einen Stoff aufgreifen, der schon dargestellt wurde (nach Tim Kron “second-hand”) oder auch nicht. Hierin erkenne ich kein zwingendes Qualitätskriterium. Es mag jedoch klar geworden sein, worin ein solches für mich liegt. Allerdings möchte ich festhalten, dass sich meine These nicht allein auf zwei grosse Ausnahmegestalten stützt, sondern dass neben diesen beiden eine grosse Reihe glühender, sich verzehrender Schreibender steht, SchriftstellerInnen und DichterInnen aus allen Jahrhunderten. Ungeordnet will ich an einzelne Namen erinnern, die mir besonders wert sind, jedoch an keine noch lebende: Rahel Varnhagen, Karoline von Günderrode, Gustave Flaubert, Heinrich Heine, Virginia Woolf, Sylvia Plath, Robert Walser, Walter Benjamin, Simone Weil, Else Lasker-Schüler – nur einige wenige aus unserem nächsten Kultur- und Sprachkreis. Wie viele mehr wären vorzustellen. Trotzdem sind es wenige in den riesigen Arsenalen der Literatur. Diesen wenigen aber billige ich das zu, was Literatur meines Erachtens erstrangig macht: Notwendigkeit.