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Wenn die Übernahme der Sika durch die Compagnie de Saint-Gobain tatsächlich zustande kommt, finden zwei Traditionsunternehmen zusammen. Sika kann auf eine 104-jährige Geschichte zurückblicken. So alt werden nur wenige Firmen. Saint-Gobain hat eine noch eindrücklichere Historie. Der französische Konzern ist bereits seit 349 Jahren im Geschäft.
Die lange Geschichte von Saint-Gobain sei mit ein Grund für den Verkauf, sagte heute der Anwalt der Sika-Besitzerfamilie Burkard gemäss Medienberichten. Die Familie sei überzeugt, mit Saint-Gobain eine gute Lösung für Sika gefunden zu haben.
Spiegel für Versailles
Übernahmen und Fusion gehörten bei Saint-Gobain tatsächlich bereits zum Alltag, als die Gründung von Sika noch in weiter Ferne lag. Das französische Unternehmen entwickelte sich von der königlichen Spiegelglasmanufaktur von Louis XIV. zu einem Mischkonzern mit fast 190'000 Angestellten und einem Umsatz von 42 Milliarden Euro.
In den Anfangszeiten war die «Manufacture Royale des glaces de miroirs» eng mit dem absolutistischen Staat verbunden, der den Markt und die Produktion genau überwachte. Die damals vorherrschende wirtschaftliche Lehrmeinung – der Merkantilismus – stellte die Industrie ganz in den Dienst der Monarchie. Der erste grosse Auftrag des jungen Unternehmens war denn auch die Glasproduktion für den Spiegelsaal in Versailles.
Expansion im 19. Jahrhundert
Bis zur französischen Revolution blieb die Firma vom französischen Privilegiensystem begünstigt – und hatte danach entsprechend Mühe sich im freieren Markt des 19. Jahrhunderts zu behaupten. Die «Compagnie des Grandes Glaces», wie sie jetzt hiess, musste sich den europäischen Markt bald mit der «Manufacture Royale des cristaux et de verre» teilen.
Unter dem Eindruck der wachsenden ausländischen Konkurrenz, musste sich die Firma neu erfinden – die französischen Rivalen fusionierten 1858 zur «Société Anonyme des Manufactures des Glaces et Produits Chimiques de Saint-Gobain, Chauny & Circy». Für die folgende Expansion griff die damalige Geschäftsführung zum selben Mittel wie heute mit der Sika – bestehende Betriebe im Ausland wurden aufgekauft und ausgebaut. So entstanden Niederlassungen in Deutschland, Italien, Böhmen, Belgien und Spanien, aber auch in Übersee in den USA.
Späte Abkehr vom Glas
Der Spezialchemie- und Klebstoffhersteller Sika hätte damals aber wohl noch nicht zu den Übernahmekandidaten gehört, wenn es ihn denn gegeben hätte. Während über hundert Jahren konzentrierte sich Saint-Gobain nach der Fusion ausschliesslich auf den Sektor Glas und eng angrenzende Produktionsbereiche.
Die Wende hin zum Mischkonzern erfolgte erst seit 1970. Damals übernahm Saint-Gobain mit Pont-à-Mousson einen (branchenfremden) Konzern aus der Eisenindustrie. Das heutige Logo von Saint-Gobain zeigt die namensgebende Brücke der übernommenen Firma – und symbolisiert den Aufstieg zur inzwischen zehntgrössten Firma in Frankreich. Saint-Gobain ist heute bei etlichen Produkten aus den Bereichen Baustoffe, Glas- und Industriekeramik Weltmarktführer.
Die Freude der Franzosen
«Wir freuen uns sehr mit der Sika zusammen das Entwicklungspotenzial dieser sehr leistungsfähigen Firma zur Geltung zu bringen», lässt sich Firmenchef Pierre-André de Chalendar in der Mitteilung zur Übernahme zitieren. Denn es ist klar: Aus Sicht von Saint-Gobain ist die Sika ein Schnäppchen. Denn das 16-Prozent-Aktienpaket der Besitzerfamilie ist über 52 Prozent der Stimmen wert.
Wie sich Saint-Gobain das Überleben mit Erfindungen im Bereich der Glasherstellung gesichert hat, steht Innovation auch am Anfang der Geschichte bei Sika. Die Firma mit Sitz in Baar wurde 1910 vom aus Vorarlberg stammenden Maurer Kaspar Winkler gegründet, der einen Mörtelzusatzmittel zum Schutz gegen Wasser und Feuchtigkeit erfand.
Familienunternehmen bis zum Schluss
Dank der bahnbrechenden Ideen des Gründers war die Sika schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa, Nord- und Südamerika und Asien vertreten. Doch die Inhaberfamilie vereinigte auch viel Macht auf sich. Erst 1971 trat mit dem Chemiker Hannes Goetz erstmals ein Verantwortlicher an die Schalthebel, der nicht zur Familie gehörte.
Und auch nach der Umwandlung der Kaspar Winkler & Co in die Sika AG im selben Jahr behielt die Familie die Zügel in der Hand. Sie blieb Mehrheitsaktionärin – mit nur 16 Prozent des Aktienkapitals. «Die Hingabe und Loyalität der Familie garantieren dem Unternehmen Sicherheit, Stabilität und Kontinuität», heisst es in der Jubiläumsschrift «Trocken, aber nie langweilig – 100 Jahre Sika».
«Sika blieb sich treu»
Und weiter: «Nicht, dass es an lukrativen Angeboten gefehlt hätte. Ganz und gar nicht.» Die Besitzverhältnisse hätten aber eine feindliche Übernahme ausgeschlossen. «Sika wahrte über all die Jahre ihre Selbstständigkeit. Sie blieb sich treu.» Bis die Spiegelmanufaktur des Sonnenkönigs anklopfte.