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Die Schullaufbahn einer Sehbehinderten
Oft erweist sich für behinderte Schülerinnen oder Schüler eine Kombination von Integration und Sonderschule als Königsweg. In jedem Fall aber ist die Einstellung aller Beteiligten ein ganz entscheidender Faktor.
Jolanda Schönenberger wuchs mit drei Geschwistern in Wil (St.?Gallen) auf. Bis zum sechsten Schuljahr besuchte sie, trotz einer starken Sehbehinderung, die öffentlichen Schulen. Ihre Eltern suchten mit den lokalen Institutionen immer wieder nach Lösungen, die eine Integration möglich machten.
Im Kindergarten hiess das zum Beispiel, mit dem Stadtbus einen längeren Weg zurücklegen, was im ersten Jahr noch eine tägliche Begleitung erforderte. Im zweiten Kindergartenjahr meisterte Jolanda den Weg allein, und soweit sie sich erinnert, konnte sie spielen, zeichnen und basteln wie alle anderen Kinder und wurde von diesen als «normales» Kindergartenkind wahrgenommen – eines, «das nicht so gut sieht und darum eine Brille mit dicken Gläsern trägt».
Die Lehrerin der 1. Klasse war ein Glücksfall. Sie kam «frisch ab Seminar» und hatte ein Praktikum bei einer B&U-Lehrerin1 gemacht. Von daher brachte sie eine Haltung und die didaktischen Möglichkeiten mit, einen Unterricht zu gestalten, bei dem Jolanda echte Chancen hatte. Sie lernte mit den anderen schreiben, aber ausschliesslich in Blockschrift, und sie hatte Hefte mit stärkeren «Häuschen». Zum Lesen wurden die Texte vergrössert und von vielen Schulbüchern hatte Jolanda Spezialausgaben in Grossschrift2.
Zwei Stunden pro Woche – eine in der Schule und eine zuhause – stand Jolanda eine B?&?U-Lehrerin zur Seite. Diese sorgte auch dafür, dass die Schülerin die nötigen technischen Hilfsmittel kennen und gebrauchen lernte. Zum Beispiel ein Lesegerät3 mit eingebauter Kamera, welches extreme Vergrösserung und stärkere Kontrastierung erlaubt – Jolanda stand in der Schule und zuhause je ein solches Gerät zur Verfügung. Ab der 4. Klasse ermöglichte ihr eine auf einen Bildschirm montierte steuerbare Kamera, von der Wandtafel zu lesen. Dazu kamen extrem starke Lampen und eine speziell verstellbare Arbeitsfläche. Schon in der 2. Klasse erlernte Jolanda das Tastaturschreiben und ab der 4. Klasse arbeitete sie – nach einer Spezialausbildung in Basel – auf ihrem eigenen Laptop.
Gerade die vielen technischen Hilfen führten dazu, dass die Distanz zu den Klassenkameradinnen grösser wurde und sich Jolanda mehr und mehr als Sonderfall fühlte. Dazu kam, dass ihre Klassenlehrerin sie bei der Selektion nach dem 6. Schuljahr der Realschule zuweisen wollte, da sie von dieser eher den vermeintlich nötigen Schonraum erwartete. Hierauf schlug die B?&?U-Lehrerin vor, nach anderen Ausbildungsmöglichkeiten zu suchen. Nach je einer Schnupperwoche in den Blindenschulen Baar und Zollikofen4 entschied sich Jolanda für die Letztere.
Mit 13 Jahren von zuhause wegzuziehen, fiel ihr nicht schwer – weniger leicht sei es wohl für ihre Mutter gewesen. In Zollikofen gefiel es ihr auf Anhieb sehr gut, befand sie sich doch zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Gemeinschaft von ebenfalls sehbehinderten Menschen. Entsprechende Kontakte hatten sich vorher auf jährliche Treffen beschränkt. «Die grosse Veränderung für mich war, dass ich hier kein Sonderfall war, oder vielleicht müsste man sagen: dass hier jeder ein Sonderfall ist», sagt Jolanda Schönenberger. Die wegen des Kantonswechsels lehrplanbedingten Umstellungen konnten im ohnehin stark individualisierenden Unterricht gut aufgefangen werden. Neu war natürlich der konsequent einer Sehbehinderten-Pädagogik verpflichtete Unterricht, auch die starke Gewichtung des Informatikunterrichts und des PC-Handlings. – Heute arbeitet Jolanda Schönenberger mit einem Sprachprogramm, welches ihr am PC vorliest, was andere sehen: Die Menüs, die Dokumente und was sie selber schreibt. Den Computer bedient sie ausschliesslich über die Tastatur.
Der ausgesprochen förderorientierte Unterricht ermöglichte Jolanda nach vier Jahren Blindenschule den Übertritt ins Gymnasium Muristalden in Bern. Hier belegte sie in einem zweisprachigen Ausbildungsgang – Mathematik und gewisse Realfächer wurden in Englisch unterrichtet – das Schwerpunktfach Englisch und die Ergänzungsfächer Psychologie und Pädagogik. Ein weiteres Mal konnte sie von einem behindertengerechten Verhalten ihrer Ausbildner profitieren. Selbstverständlich erhielt sie alle Dokumente vergrössert, und was die Lehrpersonen an die Tafel schrieben, lasen die meisten auch gleich vor, sodass Jolanda mitschreiben konnte. Bei Prüfungen wurde ihr ein Drittel mehr Zeit zugestanden, und in Mathematik – einem wegen der vielen Formeln und Grafiken ausgesprochen «optischen» Fach – hatte Jolanda eine Wochenstunde zusätzlichen Unterricht. All das erweckte Neid bei einigen Klassenkameradinnen und -kameraden. «Es war nicht immer einfach. Ich war recht ehrgeizig, hatte auch gute Noten. Mit der Klasse gab es bisweilen Schwierigkeiten; aber mit den Lehrkräften hatte ich es sehr gut.»
Während der Gymnasialzeit wohnte Jolanda Schönenberger mit anderen sehbehinderten Jugendlichen in einer Wohnung, die der Blindenschule gehört, aber ausserhalb des Areals liegt. Von der Blindenschule erhalten die Wohngruppen die Unterstützung, die sie dabei benötigen. Dank dieses Arrangements können sich junge Sehbehinderte auf ihre Selbstständigkeit im Alltag vorbereiten. Jolanda traf sich etwa einmal wöchentlich mit ihrer B?&?U-Lehrerin Margaretha Glauser; im Zentrum stand dabei die Stärkung des Selbstwertgefühls. Während eines dreimonatigen Sprachaufenthalts in den USA reifte der Berufswunsch «Übersetzerin?/?Dolmetscherin» und Jolanda machte sich im Internet schlau über Ausbildungsmöglichkeiten.
Im letzten Gymnasialjahr verschlechterte sich Jolanda Schönenbergers Sehfähigkeit rasant. Eine Netzhautablösung erforderte mehrere Operationen mit längeren Spitalaufenthalten. Plötzlich konnte sie trotz technischer Unterstützung nicht mehr lesen. So war sie gezwungen, kurz vor der Matura ihre ganze Arbeitsweise umzustellen. All ihre schriftlichen Unterlagen konnte sie nicht mehr gebrauchen und sie musste sich in das Sprachprogramm auf dem Computer einarbeiten, das sie heute verwendet. «In dieser Zeit hatte ich extrem viel Unterstützung von den Lehrern», sagt sie und Margaretha Glauser ergänzt: «Die Schule war es, die sagte, das geht, da finden wir einen Weg. Ich hielt es anfänglich für unmöglich, weil ich noch nie erlebt hatte, dass jemand in so kurzer Zeit die Arbeit auf diesen Geräten beherrscht hatte.»
Im Abschlussjahr konnte Jolanda Schönenberger viele Prüfungen mündlich absolvieren; die Maturaprüfung legte sie aber – mit Ausnahme von Mathematik – schriftlich ab. Der Mathematiklehrer entwickelte mit Jolanda einen besonderen Code für den mündlichen Umgang mit Formeln. Auch an der Fachhochschule, wo Jolanda Schönenberger heute mehrsprachige Kommunikation studiert, erlebte sie von Anfang an eine grosszügige Unterstützung. So setzte sich zum Beispiel der Ausbildungsleiter über Möglichkeiten und Probleme ihres Sprachprogramms ins Bild und sorgte dafür, dass die Prüfungsunterlagen optimal formatiert wurden. Margaretha Glauser: «Diese Haltung hat mich beeindruckt. Kommunikation ist unser Thema. Also müssen wir alles dazu beitragen, dass sie funktioniert. Und dabei können wir noch etwas lernen.»
Jolanda Schönenberger findet gut, wie es gelaufen ist: «Ich habe das Gefühl, dass ich zu einem idealen Zeitpunkt nach Zollikofen gekommen bin. Rein schulisch hätte ich in der öffentlichen Schule bleiben können. Aber ich glaube, der Wechsel hat mir vor allem persönlich gutgetan. Ich war plötzlich viel motivierter. Und auch der erneute Wechsel in die öffentliche Schule geschah wiederum zu einem guten Zeitpunkt.»
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Beratung und Unterstützung: Der Ambulante Dienst begleitet und unterstützt blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche in privaten und öffentlichen Schulen und in heilpädagogischen Sonderschulen. Unter Berücksichtigung des schulischen Umfeldes koordinieren die Fachpersonen alle Massnahmen in Bezug auf die Integration. Die Unterstützung kann bereits im Kindergarten beginnen und über alle Klassenwechsel hinweg bis zum Abschluss einer beruflichen Erstausbildung beziehungsweise zum Übertritt in eine Nachsorgeinstitution erfolgen. ↩
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Spezialausgaben in Grossschrift werden zum Beispiel von der Blindenschule Zollikofen oder von der Blindenbibliothek in Zürich hergestellt. ↩
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Solche Geräte sind im Besitz der IV und werden von dieser zur Verfügung gestellt. ↩
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