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Der Fischer Nii Armah und seine 30 Arbeiter:innen brauchen Stunden, um ihre schweren Netze am belebten Korle-Gonno-Strand in Ghanas Hauptstadt Accra einzuholen. Endlich kommt der Fang zum Vorschein. Neben einem großen Pfeilhecht findet sich jedoch auch unliebsame Beute: ausrangierte Kleiderbündel.
Wo sich einst Fische in den Netzen tummelten, verheddern sich heute Tonnen von alter Kleidung, die vom nahe gelegenen Kantamanto-Markt, einem der größten Textilmärkte der Welt, in den Atlantik geworfen werden. „Wir haben unsere Netze an die Kleidung von Märkten verloren“, sagte Armah gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Und die Fische verschwinden – mit ihnen auch unser Lebensunterhalt.“
Der Kantamanto-Markt, an dessen Ständen überwiegend gebrauchte Kleidung und Schuhe zu finden sind, erstreckt sich über 20 Hektar im Herzen des Geschäftsviertels von Accra. Händler:innen importieren hier nach Angaben der in der Stadt ansässigen Umweltorganisation OR-Foundation wöchentlich 15 Millionen Kleidungsstücke. Rund 40 Prozent der Textilabfälle landen jedoch auf Mülldeponien und werden ins Meer gespült, was Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung bergen kann und zudem die Umwelt erheblich schädigt.
Nach Angaben von The Observatory of Economic Complexity, einer Plattform für internationale Handelsdaten, entwickelte sich Ghana 2021 zum weltweit größten Importeur von Altkleidern. Die Kleidungsstücke im Wert von 214 Millionen US-Dollar (rund 199 Millionen Euro) kommen hauptsächlich aus China, Großbritannien und Kanada. Die Ausbreitung von Fast Fashion in den letzten zwei Jahrzehnten führte zu einer noch größeren Welle von Kleidungsabfällen aus reicheren Ländern und folglich zu niedrigen Preisen für ghanaische Händler:innen aufgrund sinkender Qualität.
Nach Explosion: Ghana ohne Mülldeponie
Obwohl das Textilgeschäft bis zu 30.000 Arbeitsplätze geschaffen haben soll, sehen lokale Nichtregierungsorganisationen einen „ökologischen und sozialen Notstand“, da Ghana 2021 weniger als eine Million US-Dollar (rund 929.000 Euro) mit dem Export der Gebrauchtkleidung in andere afrikanische Länder erwirtschaftet hat.
Die Kleidung „wird oft wahllos weggeworfen, weil unsere Abfallwirtschaft nicht sehr fortschrittlich ist“, sagte Justice Adoboe vom Ghana Water and Sanitation Journalists Network. „Wenn es regnet, spülen Fluten die alten Kleidungsstücke in die Kanalisation, wo sie in unseren Wasserläufen landen und das Leben in den Gewässern zerstören.“
Die Stadtverwaltung Accra Metropolitan Assembly gibt jährlich rund 500.000 US-Dollar (etwa 464.000 Euro) für das Einsammeln unerwünschter Stücke auf dem Kantamanto-Markt aus. Ihre Kapazitäten reichen jedoch nur aus, um etwa 70 Prozent der Marktabfälle zu entsorgen. Reste werden entweder luftverschmutzend verbrannt oder in empfindlichen Ökosystemen entsorgt, wie die OR-Foundation berichtete.
Im August 2019 explodierte Ghanas einzige Mülldeponie, nachdem sie mit Altkleidern überschüttet worden war. Nach der damit verbundenen Schließung bleibt Accra als eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt ohne geeignete Mülldeponie zurück.
‘Meerestentakel'
Die Folgen sind verheerend: An einigen Strandabschnitten von Accra ist kein Sand mehr zu sehen. Haufen von weggeworfenen Textilien und Plastik türmen sich oft eineinhalb Meter hoch. Strandwächter:innen der OR-Foundation zählten im Laufe eines Jahres rund 2.300 sogenannte Textil-’Tentakel’ – die verhedderten Massen von Altkleidern – entlang eines sieben Kilometer langen Küstenstreifens der Stadt. Im Durchschnitt findet sich alle drei Meter ein Kleidungsstück, manche ‘Tentakel’ sind Dutzende Metern lang und enthalten Unmengen von Textilien.
Obwohl die ghanaische Hauptstadt nicht über die benötigte Infrastruktur verfügt, um eine solche Müllflut zu bewältigen, verzeichnet die Branche „ein erhebliches Wachstum“, so Ganyo Kwabla Malik, Leiter der Kompost- und Recyclinganlage in Accra. Die ghanaische Regierung zögerte zunächst mit Lösungsvorschlägen, vermutlich aus Angst vor öffentlichen Reaktionen wegen des drohenden Arbeitsplatzabbaus. Den Import und Verkauf von gebrauchter Unterwäsche versuchte sie 1994 aus hygienischen Gründen zu untersagen. Trotz eines weiteren Versuchs 2020 wurde das Gesetz bis heute nicht umgesetzt.
Eine neue Mülldeponie könnte laut Schätzungen der Stadtverwaltung von Accra rund 250 Millionen US-Dollar (etwa 232 Millionen Euro) kosten, ohne darin die bereits entstandenen Umweltschäden zu berücksichtigen. Malik lehnte ein komplettes Handelsverbot jedoch ab und meinte, der Müll solle in Verbrennungsanlagen zur Energiegewinnung vernichtet werden. „Wenn man die Infrastruktur hat, die solche Investitionen unterstützt, warum sollte man sie verbieten?“
Für den Fischer Armah muss die Regierung jedoch schnell handeln. „Wir flehen die Behörden an, etwas zu unternehmen“, sagte er. „Das Meer ist alles, was wir haben.“ (AFP)
Dieser Artikel erschien ursprünglich auf FashionUnited.uk. Übersetzt und bearbeitet von Heide Halama.