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Beide haben grosse dunkle Augen: Sofort verliebt sich die Grünen-Nationalrätin Regula Rytz, 55, in den kleinen namenlosen Wasserbüffel. «Darf ich ihn mit nach Hause nehmen?», fragt sie ihren Lebenspartner Michael Jordi, 57. Dieser ist wenig begeistert: «Dann kommt er aber in dein Zimmer.»
Der kleine Wasserbüffel gehört Bimala Pandey, 36. Sie lebt in einem Dorf in der Nähe von Janakpur, im Süden von Nepal. Indien ist nur ein paar Kilometer entfernt. Ganz anders als im Himalaja-Gebirge ist es hier flach und heiss. Im nahen Nationalpark leben Tiger, Elefanten und Nashörner. Pandey serviert den Gästen aus der Schweiz süsse Kartoffeln und scharfe Wasserbüffel-Milch. Rytz schmeckt die Milch nur halb: «Aber die Höflichkeit gebietet es, dass wir sie trinken.»
Nur die Hälfte der Männer bleiben in Nepal
Pandey erzählt, ihr Mann arbeite seit sechs Jahren im Ausland, zuerst in Malaysia und jetzt in Katar – wie viele Nepalesen: Mehr als die Hälfte aller Männer unter 40 haben die Familie verlassen, um im Ausland zu arbeiten. Das Geld, das sie nach Hause schicken, macht einen Drittel des Landeseinkommens aus.
Auch Pandeys Mann überweist jeden Monat 200 Franken – genug zum Leben für sie und die beiden Söhne. «Zuerst wollte ich deshalb den Wasserbüffel verkaufen», erzählt die Frau. Denn dieser macht viel Arbeit: Jeden Tag geht sie an den Rand des Dorfes, um Gras zu schneiden – und trägt es auf dem Rücken nach Hause.
Emanzipation ist auch hier wichtig
Doch dann besuchte Pandey einen Kurs, den die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) finanziert. Dort lernen die Frauen, dass sie nicht vollständig vom Geld abhängig werden sollten, das ihr Mann nach Hause schickt. Also kaufte Pandey einen zweiten Wasserbüffel. Mit dessen Milch verdient sie nun 70 Franken pro Monat. Und wenn das Kalb grösser ist, kann sie es für 500 Franken verkaufen. Mit den zusätzlichen Einnahmen baut sie nun das Haus aus. Rytz ist beeindruckt: «So eine starke Frau! So eigenständig, so selbstbewusst!»
Die Deza unterstützt nicht nur die Frauen, die in Nepal bleiben. Sie bildet auch ihre Männer zu Bauarbeitern aus, bevor sie in Katar, Dubai oder Saudi-Arabien Arbeit suchen. «Das Geld der Migranten ist wichtig für Nepals Entwicklung», sagt Jörg Frieden, Schweizer Botschafter in Nepal. «Es ist ein Vorteil für alle, wenn die Nepalesen dank unseren Ausbildungsprogrammen bis zu einem Drittel mehr verdienen.»
Regula Rytz' Reise durch Nepal ist eine Herzensangelegenheit
Auch wenn sich die Präsidentin der Grünen Partei Schweiz für die Arbeit der Deza in Nepal interessiert: Sie reist privat durch das Land ihres Herzens – bereits zum dritten Mal. Ihr Lebenspartner Michael Jordi, mit dem sie seit 30 Jahren zusammen ist, hat eine besondere Beziehung zu Nepal: Als er sieben Jahre alt ist, zieht seine Familie von der Schweiz an den Fuss des Himalajas. Der Vater arbeitet dort von 1967 bis 1970 für die Vorgängerorganisation der Deza, koordiniert den Einsatz von freiwilligen Schweizer Helfern. Die Unterstützung hat Tradition: In den 50er-Jahren kommen die ersten Schweizer ins Land, bauen Hängebrücken und Molkereien. Bis heute ist Nepal ein Schwerpunkt der Schweizer Entwicklungshilfe – 2017 fliessen rund 30 Millionen Franken dorthin.
Zeitreise zurück in die damalige Schule
Jordi zeigt seiner Partnerin die Schule, die er damals besuchte. Noch immer wird sie von Jesuiten geführt. Pater George, 45, der Rektor, hat spontan Zeit für den Besuch aus der Schweiz. In seinem Büro hängt ein Bild von Papst Franziskus, der ebenfalls Jesuit ist. Pater George hört interessiert zu, wie Jordi vom damaligen Unterricht erzählt: «Wir haben eine humanistische Erziehung genossen. Aber wenn ein Schüler Blödsinn gemacht hat, gab der Lehrer mit dem Stecken eins auf die Hand.» Der Rektor lacht: «Diese Zeit ist zum Glück vorbei.» Stolz erzählt er von seinen 2135 Schülerinnen und Schülern, die später alle an die Uni gehen: «Viele von ihnen in die USA oder nach Australien.»
Während die Arbeiter Nepal verlassen, um im Ausland mehr zu verdienen, schickt die Oberschicht ihre Söhne und Töchter in englischsprachige Länder, weil dort die Universitäten besser sind. «Im Ausland gibt es rund 100 000 Nepalesen mit Hochschulabschluss», sagt Botschafter Frieden. «Viele Gutausgebildete kämen gerne wieder nach Hause. Aber in Nepal ist es für sie oft schwierig, mit einem eigenen Unternehmen Fuss zu fassen.»
Die jungen Lernenden kochen ein Traditionsgericht
Neben der Migration ist Berufsbildung ein wichtiges Thema der Schweizer Hilfe für Nepal. In Kathmandu bildet die Schweiz Köche aus – nach dem Modell der Berufslehre: Ein Teil der Ausbildung findet in der Schule statt, ein Teil im Restaurant.
Die 40 Lehrlinge kochen gerade Momos – ein typisches Gericht in Nepal, das an Ravioli erinnert. Sie freuen sich über den Besuch aus der Schweiz, legen die Hände vor der Brust aneinander, rufen zur Begrüssung laut «Namaste». Ausbildner Rudra Karki, 28, zeigt der Vegetarierin Rytz, wie man den Teig mit Gemüsefüllung zu einem Momo faltet. Doch bei Rytz will es nicht recht klappen. Sie lacht und gibt auf. «Sie sind ein hervorragender Lehrer», sagt sie zu Karki. «Aber ich bin ein hoffnungsloser Fall.»
Die Grünen-Politikerin lebt sehr ökologisch
Rytz ist nicht nur Vegetarierin. Auch sonst entspricht sie allen Klischees einer grünen Politikerin: Sie ist erst fünfmal geflogen – und selbstverständlich kompensiert sie den CO2-Ausstoss. Auto fahren kann sie nicht. Und zusammen mit ihrem Partner wohnt sie bescheiden in einer Berner Dreizimmerwohnung. Ist es nicht anstrengend, immer den grünen Normen entsprechen zu müssen? «Überhaupt nicht», sagt Rytz, und ihre grossen Augen schauen überrascht – als ob ihr dieser Gedanke noch nie gekommen wäre. «Ich lebe mein Leben einfach so, wie es für mich stimmt.» Und sie sei nicht stur. «Wenn Michael beim Wandern einen Salami mitnimmt, kann ich nicht widerstehen.»
Die Ernsthaftigkeit, mit der Rytz politisiert, kommt bei den Wählern gut an: Bei den Nationalratswahlen holte sie auch bei anderen Parteien viele Stimmen. Dass sie schnell Zugang zu Menschen findet, wird auch in Nepal klar. Ob sie mit Lehrlingen Momos kocht, in einem kleinen Shop ein nepalesisches Kleid kauft oder mit jungen Frauen im Patan-Museum ein Selfie macht: Sie findet sofort den Draht zu den Menschen, diskutiert mit ihnen, lacht. Und wirkt dabei oft wärmer als bei ihren Schweizer Auftritten als Chefin der Grünen.
Grosse Ziele für die Wahlen 2019
Ihre Partei präsidiert Rytz seit fünf Jahren. Nachdem die Grünen bei den Nationalratswahlen 2015 verloren hatten, bringen nun gute Resultate in den Kantonen den Optimismus zurück. Rytz will bei den nationalen Wahlen 2019 zulegen und den grünen Einfluss im Bundeshaus stärken. «Wenn wir elf bis zwölf Prozent erreichen, muss die FDP einen ihrer zwei Bundesratssitze an uns abtreten», sagt Rytz selbstbewusst. «An geeigneten Persönlichkeiten fehlt es uns nicht. Eine Option wäre der abtretende Berner Regierungspräsident Bernhard Pulver.»
Als Parteipräsidentin kann Rytz auch mal hart sein. Kurz bevor sie nach Nepal reiste, wurde die Partei durchgeschüttelt von einer Äusserung des Aargauer Nationalrats Jonas Fricker, 40, der den Massentransport von Schweinen mit der Deportation der Juden im Nationalsozialismus verglich. Fricker trat zurück – auch unter Druck der eigenen Partei. Das brachte den Grünen den Vorwurf ein, den eigenen Nationalrat vorschnell fallen gelassen zu haben.
Es war Frickers Entscheidung
Rytz widerspricht: «Jonas Fricker hat sich selbst zum Rücktritt entschieden, nachdem wir die verschiedenen Optionen mit ihm angeschaut haben.» Wer ihn kenne, wisse, dass Fricker kein Antisemit sei, sagt Rytz. «Aber sein Vergleich war völlig unhaltbar. Durch den Rücktritt hat Fricker die grösstmögliche Distanzierung gewählt. Das ist ihm hoch anzurechnen.»
Doch sonst ist die Schweizer Politik weit weg auf dieser sechswöchigen Reise durch Nepal. Nach einem langen Tag in den Dörfern rund um Janakpur schiebt sich Rytz im Restaurant des Hotels Sitasharan die Brille ins Haar, bestellt ein Bier. Bald bringt der Kellner Dal Bhat, Nepals Nationalgericht mit Linsen, Reis und Gemüse. Die Frau mit dem Wasserbüffel lässt Rytz nicht los: «Sie nimmt ihr Leben selber in die Hand. Ich wünsche mir, dass dies Nepal auch als Land immer stärker gelingt.» Die Idee, das Wasserbüffel-Kalb in die Schweiz mitzunehmen, hat Rytz zum Glück vergessen.