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Als Chemsex (auch bekannt unter «Party and Play» mit dem Kürzel PNP) bezeichnet man eine Erscheinung der MSM-Subkultur, bei der es um Sex unter dem Einfluss von psychoaktiven Drogen geht. In einigen Londoner Stadtteilen wie Lambeth, Southwark und Lewisham wurde dies im Rahmen der Chemsex-Studie erstmals eingehend untersucht 1.
Ähnliche Chemsex-Szenen gibt es auch in anderen europäischen Grossstädten; sie sind allerdings weniger gut dokumentiert als jene von London. Chemsex findet beispielsweise in Sexclubs, Saunas, Darkrooms aber auch — nach Verabredung via Datingplattformen — im privaten Rahmen statt. Smartphone Apps erleichtern dabei die Kontaktaufnahme und gleichzeitig auch den Vertrieb der Drogen. Die Teilnehmer sind zwischen 20 und 60 Jahre alte MSM. Am stärksten vertreten ist die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen.
Stimulierende und enthemmende Substanzen
In den meisten Fällen kommen psychoaktiven Drogen wie Chrystal Meth (Methamphetamin), GHB/GBL (-Hydroxybuttersäure bzw. -Butyrolacton), Mephedron 2 (4-Methylmethcathinon) und in geringerem Ausmass auch Kokain und Ketamin zur Anwendung. Diese Substanzen sind alle – bis auf Ketamin – stimulierend, erhöhen den Blutdruck, beschleunigen die Herzfrequenz und lösen euphorische und enthemmende Gefühle aus. Bei einigen Personen führen sie auch zu einer verstärkten sexuellen Erregung einhergehend mit erhöhter Risikobereitschaft. Unter dem Einfluss dieser enthemmenden Drogen kommt es oft zu ungeschütztem Sex, auch mit wechselnden Partnern, der oft Stunden oder gar ganze Wochenenden dauern kann. Da diese Substanzen eher erektionshemmend wirken, werden zusätzlich Potenzmittel wie Viagra eingenommen. Poppers 3. sind in diesem Umfeld bereits zur (eher harmlosen) Standarddroge geworden, daher werden sie in der genannten Studie gar nicht erst erwähnt.
Folgen für Körper, Seele und das (Liebes-)Leben
Der regelmässige Konsum von psychoaktiven Drogen führt zu irreversiblen somatischen und psychischen Schäden. Durch die enthemmende Wirkung der Substanzen steigt auch das Übertragungsrisiko von HIV und Hepatitis C sowie anderer sexuell übertragbarer Infektionen. Zudem besteht die Gefahr der Überdosierung (auch beim Mischen verschiedener Drogen), der Abhängigkeit sowie weiterer negativer Folgeschäden für die Gesundheit. Das Spektrum reicht von körperlichen, seelischen, sozialen und beziehungsbezogenen Problemen, die sich ungünstig auf die soziale Bindungsfähigkeit und die Beziehungsdynamik im Privatleben und sogar im Berufsleben auswirken können. Häufig kommt es zu Depressionen, Paranoia, Angstzuständen, Aggressionen, Panikattacken, Krämpfen und Bewusstseinsverlusten. Leider gab es bereits einige Todesfälle. Mit dem Phänomen geht ein weitverbreiteter Markt für die Herstellung und den Vertrieb dieser, in den meisten Ländern verbotener Substanzen einher. Die Tatsache, dass deren Qualität und Reinheit oft zweifelhaft sind, birgt zusätzliche Risiken für die Anwender.
Wer sich an Drogenkonsum beim Sex gewöhnt hat, kann Sex nicht mehr anders geniessen. Sex unter psychoaktiven Drogen wird bei einigen zu einem triebgesteuerten Abreagieren statt kopf-gesteuertem, lustvollem und gemeinsamem Geniessen. Wenn man die Drogen absetzt, dauert es bis zu einem Jahr inklusive Psychotherapie, um wieder einigermassen normalen Geschlechtsverkehr haben zu können.
Während gewisse Berichte von einer Zeitbombe sprechen, mahnen andere zur Mässigung und warnen vor Panikmache. Es gibt bereits Hinweise, dass Chemsex wie bei jedem unsafen Sex-Verhalten zu einem erneuten Anstieg der HIV-Infektionen bei den MSM führen könnte. Zudem befürchtet man, dass die Betroffenen auf die Dauer ihr Leben ruinieren könnten. Eine Zunahme der HIV-HCV Ko-Infektionen wurde bereits festgestellt: Bei den HIV-Infizierten in London sind 7 Prozent koinfiziert 4. Die PrEP bietet zwar einen Schutz gegen eine HIV-Ansteckung, nicht jedoch gegen HCV und andere sexuell übertragbaren Krankheiten.
Metropolen sind Hotspots
Obwohl Chemsex – vor allem unter Crystal-Meth und Mephedron – anfänglich vor allem in London verbreitet war, haben sich entsprechende Szenen auch in anderen Grossstädten Europas mit ausgeprägter Gaykultur etabliert, so auch in der Schweiz. Gemäss einer Studie der Deutschen AIDS-Hilfe5 liegt Zürich beim Konsum von GBL/GHB, Ketamin, Methedron oder Crystal Meth im Mittelfeld europäischer Grossstädte (in abnehmender Reihenfolge):
- Manchester
- London
- Amsterdam
- Barcelona
- Zürich
- Madrid
- Berlin
- Paris
- Brüssel
- Köln/Bonn
- Wien
- Rom
Beim Kokainkonsum liegt Zürich an dritter Stelle hinter Antwerpen und Amsterdam, Basel und Genf liegen auf den Rängen 9 und 10. Auch Ecstasy wird in der Schweiz häufig konsumiert, wogegen Amphetamine und Crystal Meth eher gemieden werden6. Gemäss der britischen Studie ist der Konsum bei privaten Sexpartys zwei- bis viermal höher als bei öffentlichen Sexpartys1. Die Studie präzisiert allerdings nicht, wo welche Drogen zur Anwendung gelangen. Messungen im Abwasser einer Agglomeration geben heute Aufschluss über den Verbrauch psychoaktiver Substanzen in der betreffenden Stadt 7. Bei den Messreihen ist bei Ecstasy am Wochenende gegenüber den übrigen Wochentagen ein Anstieg um einen Faktor 4 zu erkennen. Bei Crystal Meth beispielsweise liegt in der Schweiz erstaunlicherweise die Region Neuenburg an erster Stelle, gefolgt von den Städten Zürich, Basel, Bern, Winterthur, St. Gallen und Lausanne 8.
Chemsex wird zum «State of the Art»
Beim sozio-psychologischen Background spielen sicher Vereinsamung und ein vermindertes Selbstwertgefühl eine gewisse Rolle. Oftmals gehen auch internalisierte Homophobie und ein ausgeprägtes, unkontrolliertes Suchtverhalten – auch im Bezug auf Alkohol und Tabak – einher. Dies treibt viele Schwule zu diesen Treffen mit anonymen Sexkontakten und oft in eine Drogenabhängigkeit, aus der sie sich ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien können. Problematisch ist wohl, dass bei diesen Sexpartys Chemsex zum «State of the Art» wird und der Gruppendruck die Teilnehmer zum Drogenkonsum drängt. Weitere Ursachen sind wohl die leider immer noch vorhandene Ausgrenzung von Schwulen durch die Gesellschaft aber auch eine Veränderung der Gaykultur. Früher kam es in Gay-Bars und -Clubs häufiger zu menschlichen Begegnungen, man sprach miteinander und erst danach ging es — sofern Anforderungen und Profile sich einigermassen deckten — zur Sache. Heute geht es in Saunas, Darkrooms und Sexclubs zuerst anonym und triebgesteuert zur Sache. Die psychoaktiven Drogen verhindern, dass es danach noch zu einer menschlichen Begegnung kommt, obwohl im Grunde genommen die meisten genau das suchen.
Effekt ist langfristig nicht «befriedigend»
Die Chemsex-Studie schildert eindrücklich die Auswirkungen für die Anwender: «Ein grosser Teil der Männer litt unter Problemen im Hinblick auf ihr Selbstwertgefühl oder das sexuelle Selbstvertrauen und berichteten, dass sie diese Probleme mit Drogen überwinden (oder zumindest verdecken) können. Während die meisten Teilnehmer angaben, dass Drogen die sexuelle Erregung oder die Lust steigern können, erklärten einige, dass sie regelmässig auf solche Drogen zugreifen, weil sie es als schwierig oder unmöglich empfinden ohne diese Drogen Sex zu haben 9.» Gemäss der Untersuchung könnten Drogen ein intensiveres sexuelles Erlebnis und die Möglichkeit schaffen, mit einem anderen Menschen in Verbindung zu treten, wenngleich dieser Effekt häufig nur von kurzer Dauer sei. Zudem ermögliche der Drogenkonsum auch längere sexuelle Begegnungen, so dass Sex mit mehreren Männern oder über einen längeren Zeitraum hinweg sowie vielseitigerer oder gewagterer Sex möglich sei. Diejenigen Studienteilnehmer, die sich für die Injektion von Drogen, insbesondere Crystal Meth entschieden hatten, gaben an, dass diese Art des Konsums zu noch extremerem Sex führe als eine andere Form der Verabreichung. In der Studie wird aber auch die Kehrseite von Chemsex ersichtlich: «Während die meisten Teilnehmer das Gefühl von sexuellem Abenteuer schätzten, äusserten sich einige Männer besorgt darüber, dass sie ihre eigenen sexuellen Grenzen überschritten haben könnten und sie bereuten dieses Verhalten. Obgleich Drogen das sexuelle Erleben auf vielfältige Weise steigern konnten, gab die Mehrheit der Männer an, mit ihrem Sexleben nicht zufrieden zu sein. Viele wünschten sich einen langfristigen Partner für intimeren und emotional verbundeneren Sex und waren der Ansicht, dass Drogenkonsum oder ein enger Kontakt zu sozialen Netzwerken von Männern, die Chemsex vollziehen, nicht dazu führen werde 9.»
Praktische Ansätze zur Prävention
Es ist notwendig, dass Anwender von Chemsex über die Folgen aufgeklärt werden. Die Studienautoren empfehlen jedoch, auf eine soziale Marketingkampagne über die Gefahren von Chemsex (weder in Lambeth, Southwark, Lewisham noch in London oder landesweit) zu verzichten9. Nur wenige der Anforderungen, die in diesem Projekt offengelegt wurden, liessen sich über einen sozialen Marketingansatz erfüllen. Stattdessen hebt die Analyse eine Reihe von allgemeinen politischen und praktischen Ansätzen der Prävention hervor:
- Wir empfehlen die Produktion und Verteilung von verschiedenen Informationsquellen zur Harm Reduction bei Drogenkonsum.
- Wir empfehlen die Sicherstellung des Zugangs zu schwulenfreundlichen Drogen- und Sexualberatungsstellen für schwule Männer. Diese sollten Kompetenzen im Umgang mit psychosozialen Aspekten ihrer Gesundheit sowie mit den Folgeschäden von Chemsex haben.
- Wir empfehlen die koordinierte Zusammenarbeit mit Managern von Sex-Clubs zur Erarbeitung von eindeutigen schadensbegrenzenden Richtlinien und Vorgehensweisen.
- Wir empfehlen die koordinierte Zusammenarbeit (auf lokaler, landesweiter und internationaler Ebene) mit Unternehmen und Schwulenmedien (darunter auch die, die soziale Netzwerk-Apps und Webseiten zur Verfügung stellen), um Möglichkeiten der Gesundheitsförderung und Schadensreduzierung im Rahmen der unternehmerischen Verantwortung gegenüber den Nutzern zu erörtern.
Angebote
Ein hervorragendes niederschwelliges Angebot an medizinischer Beratung und Unterstützung wird in London angeboten. Das Chelsea and Westminster Hospital offeriert im Auftrag des NHS Foundation Trust an der Dean Street 56 im Londoner Stadtteil Soho einen medizinischen und psychosozial Dienst unter dem Namen Dean Street Express [Link : http://www.chelwest.nhs.uk/services/hiv-sexual-health/clinics/dean-street-express]:
«Dean Street Express is designed for people without symptoms wanting a check-up for sexually transmitted infections. The service — based in Soho — uses the latest technology to give you rapid results. You need to reserve a timeslot to use this service. Dean Street Express is suitable for you if are symptom-free (haven’t noticed anything wrong), don’t need treatment or just want a routine sexual health check-up.»
Zudem gibt es mehrere erläuternde Video-Clips [Link http://dean.st/films/] zum Thema Chemsex.
In Zürich gibt es die Möglichkeit, die Drogen im Drogeninformationszentrum (DIZ) [Link http://saferparty.ch/diz.html] testen zu lassen sowie das gayfriendly Beratungsangebot von ARUD (http://www.arud.ch/) zu nutzen. Das DIZ mit seinem ausführlichen Harm Reduction Programme publiziert auf seiner Web-Seite (Link http://saferparty.ch/warnungen.html) eine regelmässig aktualisierte Liste der in der Szene angebotenen psychoaktiven Drogen. Diese enthält eine Abbildung der jeweiligen Pille (Angabe von Farbe, Form und Grösse) und gibt Auskunft zu Inhalt und Dosierung der entsprechenden Substanz. Dabei wird insbesondere auf die Nebenwirkungen hingewiesen, die bei Überdosierung auftreten. Diese Liste enthält vor allem jene Pillen, die ein hohes Konsumrisiko darstellen und daher nicht eingenommen werden sollten. Sie dient als Warnung, falls Pillen dieser Art auf einer Party angeboten werden.
Hansruedi Voelkle / Oktober 2016
1 Siehe: http://sigmaresearch.org.uk/files/report2014b.pdf Eine deutsche Übersetzung durch die Deutsche AIDS-Hilfe gibt es unter: http://www.hivreport.de/sites/default/files/ausgaben/2014_03_HIV%20report.pdf
2 Mephedron ist eine «englische» Erscheinung und wird ausserhalb Englands kaum verwendet
3 Poppers bestehen aus Amylnitrit, Isopropylnitrit, Cyclohexylnitrit oder Mischungen daraus. Sie haben eine stark gefässerweiternde Wirkung (Vasodilatation) Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Poppers
4 Sex an hepatitis C, A guide vor healtcare providers. http://www.chelwest.nhs.uk/services/hiv-sexual-health/professionals/links/ChemSex-Hep-C-Guide.pdf
5 Deutsche AIDS-Hilfe: HIVreport.de: Drogenkonsum bei MSM in Deutschland
6 Tagesanzeiger vom 28.5.2014
7 Siehe : http://www.eawag.ch/fileadmin/Domain1/News/2014/0527/mm_drogen-abwasser_d.pdf
8 http://www.rts.ch/info/regions/neuchatel/7667119–la-crystal-meth-est-une-bombe-a-retardement-selon-olivier-gueniat.html
9 Einige Folgerungen aus der deutschen Übersetzung der Chemsex-Study.