Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03282.jsonl.gz/419

Schweizer Frauen aller Schichten und unterschiedlicher politischer Überzeugungen kämpften seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in der Frauenbewegung und in landesweiten Frauenorganisationen für die Verbesserung ihrer sozialen, zivilrechtlichen und politischen Lage. Das Recht, wählen zu gehen und gewählt zu werden, war dabei ein besonders wichtiges Anliegen. Da ihnen dies bis Anfang der 1970er-Jahre verwehrt war, versuchten sie auf anderen Wegen Einfluss zu nehmen. Frauen aus dem ganzen Kanton Bern, darunter auch Oberländerinnen, reichten 1846 eine Petition beim Grossen Rat zur Beseitigung der Geschlechtsbeistandschaft ein, welche ihre Verfügungsgewalt über das eigene Vermögen und Einkommen stark beschnitt. Der Grosse Rat kam dieser Forderung im Mai 1847 gesetzgeberisch nach.54
Frauen aus der Arbeiterbewegung organisierten sich im späten 19. Jahrhundert in Arbeiterinnenvereinen. In Thun nahmen sie 1898 am Festzug zum 1. Mai teil, und im Dezember 1907 gründeten Schneiderinnen eine eigene Gewerkschaft. Im März 1916 bildete sich die sozialdemokratische Frauengruppe Thun und Umgebung. Allerdings stiessen politisch aktive Sozialdemokratinnen auf grosse Widerstände: An den Parteiversammlungen wurde ihre Meinung häufig geringgeschätzt, sie waren auch nach Jahrzehnten intensiver Parteiarbeit isoliert, und ihre Kollegen hielten sie von Parteiämtern fern. Es mangelte ihnen an eigenen schlagkräftigen Strukturen. Daher gründeten die Frauen im Dezember 1948 die sozialdemokratische Frauengruppe des Kantons Bern. In Thun löste sich die Frauengruppe hingegen 1949 wegen Nachwuchsmangel auf; sie wurde aber fünf Jahre später wieder ins Leben gerufen. Trotz der für Frauen ernüchternden Erfahrungen war die SP diejenige Partei, die sich schon 1912 und im Landesstreik 1918 zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen bekannt hatte. Die bürgerliche Konkurrenz war von einer solchen Haltung weit entfernt: Noch 1945 ergab in Thun eine Umfrage unter den Mitgliedern der FDP eine Ablehnung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen von mehr als 80 Prozent. Die Frauen äusserten sich gar noch etwas ablehnender. Ihre Meinung war allerdings nur indirekt über die Ehemänner erfragt worden.55
Die Frauenbewegung blieb auch 20 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts aktiv. Ein Beispiel dafür ist der Frauenstreik im Jubiläumsjahr «700 Jahre Eidgenossenschaft». Er war ursprünglich von einer gewerkschaftlichen Frauengruppe lanciert
worden, um und fand landesweit die Unterstützung von über einer halben Million Frauen. Gut sichtbar auf der Fotografie von Beat Straubhaar sind die Ballons mit dem Logo «Landesweiter Frauenstreik. 14. Juni 1991».
Teil des Kampfes um das Stimm- und Wahlrecht für Frauen war die Forderung nach Einsitznahme in die Kommissionen der Gemeinden; dies verlangte unter anderem der sozialdemokratische Frauenverein. Nach der Revision des kantonalen Gemeindegesetzes von 1917 waren Frauen in die Schul-, Armen-, Gesundheits- und Jugendfürsorgekommissionen der Gemeinden wählbar. 1919 nahmen Frauen in Thun in sieben von 19 Kommissionen Platz. Der anfängliche Schwung erlahmte jedoch schon bei der Neubesetzung der Kommissionen Ende 1921, für die Armenkommission, die Primarschulkommission und die Kom- mission für soziale Fürsorge wurden keine Frauen mehr berücksichtigt.
Ende der 1920er-Jahre nahm der Kampf um das Frauenstimmrecht wieder Fahrt auf. Der Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht lancierte zusammen mit der sozialdemokratischen Frauengruppe eine Petition, die 1929 mit 250000 Unterschriften bei der Bundesversammlung eingereicht wurde. Die Bittschrift löste unmittelbar nur geringen Druck aus. In Thun entfaltete sie insofern eine Wirkung, als aus dem Aktionskomitee, das Unterschriften für die Petition gesammelt hatte, am 11. März 1930 die Ortsgruppe Thun des Schweizerischen Frauenstimmrechtsvereins hervorging. Die vormalige Präsidentin des Aktionskomitees, die Lehrerin Lydia Stähli (1886–1945), präsidierte den Verein zwischen 1930 und 1944. Neben bürgerlichen Frauen waren an der konstituierenden Sitzung auch Abgeordnete der sozialdemokratischen Frauengruppe anwesend. Der Verein zählte ein Jahr nach seiner Gründung schon 100 Mitglieder. Er propagierte das Frauenstimmrecht, förderte das politische Interesse der Frauen und übte politische Praktiken mit Referaten und Diskussionen ein. Er lobbyierte zudem erfolgreich beim Gemeinderat und bei den Parteien für die Besetzung der Kommissionen mit Frauen; ab 1931 befanden sich wieder mehr Frauen in den Kommissionen. Von 1919 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nahmen sie stets in der Ferienheim- und in der Haushaltungsschulkommission Einsitz und stellten hier teilweise sogar die Mehrheit.56
1956 scheiterte ein Vorstoss zur fakultativen Einführung des Frauenstimmrechts in den Gemeinden des Kantons Bern an der Urne; eine Mehrheit der Thuner stimmte entgegen dem kantonalen Trend jedoch dafür. Die drei Jahre später zur Abstimmung gebrachte Vorlage über die Einführung des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene, die auf die Petition von 1929 zurückging, erlitt ebenfalls eine Niederlage. Diesmal legte auch die Mehrheit der
Thuner ein Nein in die Urne, obwohl sich die Thuner Frauenorganisationen im Vorfeld der Abstimmung stark engagiert hatten. Erst im Februar 1968 ermöglichten die Stimmbürger des Kantons Bern die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts auf Gemeindeebene. Die Thuner stimmten Ende Juni 1968 einer entsprechenden Regelung für die Stadt Thun zu. Am 2. März 1969 beteiligten sich Thuner Frauen erstmals an einem lokalen Urnengang über Sachvorlagen und am 6. Dezember 1970 zum ersten Mal an den lokalen Wahlen. 1971 endlich führten die Schweiz auf Bundesebene und der Kanton Bern in kantonalen Angelegenheiten das Stimm- und Wahlrecht für Frauen ein.
Damit war auch die Mission des Thuner Frauenstimmrechtsvereins erfüllt. Sein Vermögen ging an die Thuner Frauenzentrale über, die sich in der politischen Weiterbildung für Frauen engagierte; die Frauenzentrale war wenige Jahre zuvor, im Juli 1967, von Vertreterinnen von elf Frauenorganisationen aller politischer Farben, von kirchlichen und sozial orientierten Vereinen sowie von Konsumentinnenorganisationen gegründet worden, um gemeinsam Fraueninteressen wahrzunehmen. Ende 2001 beschloss sie ihre Auflösung.57