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Saltford, Kanada
Sunny Acres Trailer Park
Stellplatz 22
September 2014
Immer wenn Nathaniel «Nate» Warren seinen Trailer aufschloss, hörte er sie unter der Veranda schnarchen. Traf er das Schloss erst beim dritten Versuch, fauchten sie. Nachts sprangen sie in die Mülltonnen und verteilten Fleischreste, Zigarettenstummel und Bierdosen im Garten. Und während der Paarungszeit – zwischen Januar und März – kopulierten sie auf dem Wohnwagendach.
Nate hatte sich für einen Überraschungsangriff entschieden: Um zwölf Uhr mittags, ihrer REM-Schlafphase, umzäunte er die Veranda mit Militärstacheldraht. Nur das Loch neben der Treppe, das ihnen als Eingang diente, liess er frei. Hinter der Kommode, die er schon gestern herausgeschleppt hatte, nahm er Deckung und lud sein Gewehr mit sechs Schrotpatronen durch. Dann warf er die Rauchgranate (Schwarzmarktpreis: 40 Dollar). Sie war eben erst in der Luft, als Nate klar wurde, dass er zu fest geworfen hatte. Die Granate prallte an der Veranda ab. Es zischte. Nate sprang aus seiner Deckung, gab ihr einen Tritt. Sie verfehlte ihr Ziel.
Der Rauch war so dicht, dass Nate sein Gewehr fallen liess und hustend die Hände vors Gesicht schlug. Seine Augen tränten. Im Kopf zählte er von zwanzig aufwärts. Einundzwanzig… Er ging in die Hocke. Zweiundzwanzig… Mit der rechten Hand tastete er nach der Rauchgranate. Dreiundzwanzig… Vorsichtig trug er sie zum Bau. Vierundzwanzig… Dann legte er sie ebenso vorsichtig davor ab (Fünfundzwanzig…) und gab ihr wieder einen Tritt. Sechsundzwanzig… Die Granate verschwand im Loch. Siebenundzwanzig…
Würgend schleppte Nate sich hinter die Kommode und legte das Gewehr an. Seine Unterlippe zitterte, er kniff das linke Auge zusammen. Dann geschah – nichts. Er hörte sich selbst schwer atmen und die Rauchgranate zischen. «Drecksviecher», sagte Nate. «Verdammte Drecksviecher.» Als er das Wort so oft wiederholt hatte, dass es ihm fast bedeutungslos vorkam, preschte der erste Waschbär aus dem Loch. Ein fettgefressenes Tier, vom Mülltonnenplündern träge und begriffsstutzig. Und Nate drückte ab.
Kurze Zeit später lag Nate vor der Kommode im Gras: keuchend und schwitzend. Er hatte sechs Schuss abgefeuert. Aber nur einen Waschbären getroffen, am linken Ohr. Das Tier war auf dem Nachbargrundstück verschwunden. Alle anderen Waschbären hatten ihren Bau nicht durchs Verandaloch verlassen. Es musste einen zweiten Ausgang geben.
«Sind Sie Nathaniel Warren?»
Die Stimme erschreckte ihn. Noch bevor er sich umdrehte, sagte Nate: «Nein.»
«Sicher?»
«Sehr sicher.»
«Wie heissen Sie?»
«John.»
Pause.
«John Ross.»
«Kennen Sie einen Nathaniel Warren?»
«Tut mir leid.»
Der Junge hatte eine bleiche milchige Haut, fettige Locken und aufgeschlagene Fingerknöchel. Er sagte:
«Seltsam. Warum bedauern Sie, einen Menschen nicht zu kennen, den Sie gar nicht kennen.»
«Was?»
«Sie haben ‹tut mir leid› gesagt.»
«Geh nach Hause, Junge.»
Der Junge schwieg kurz. Dann sagte er:
«Noch eine letzte Frage.»
Nate starrte ihn an.
«Wenn Sie Nathaniel Warren nicht kennen. Und wenn Sie selbst nicht Nathaniel Warren sind. – Warum schiessen Sie dann auf Nathaniel Warrens Trailer?»
Vincent Warren war 17 Jahre alt. Seine Reise hatte vor 72 Stunden, über 120 Meilen vom Trailer Park entfernt, in Runnymede, einem Vorort von Toronto, begonnen. Dort sass er jeden Nachmittag in seinem Kinderzimmer, rieb die Hände mit einer Feuchtigkeitslotion ein und starrte auf seinen iMac. Er presste die Tube vollständig aus, wartete, bis die Lotion getrocknet war, zog atmungsaktive Seidenhandschuhe über und klickte auf «Neu laden». Auf seinem Bildschirm erschienen eine Welthalbkugel und ein leeres Textfeld. Er tippte die Koordinaten «13°31’04″S 95°11’53″W» ein und die Kamera stürzte auf den Erdball herab. Kurz bevor sie an den Anden zu zerschmettern drohte, verlangsamte sie ihr Tempo, drehte eine Linkskurve über den Galapagosinseln, glitt in Richtung Süden und stoppte über einem sichelförmigen Atoll.
Jeden Tag durchsuchte Vincent Google Earth. In den letzten Jahren hatten Nutzer einen Meteoritenkrater in der arabischen Wüste entdeckt, die Grundrisse einer spätrömischen Tempelanlage in Norditalien und das Wrack einer britischen Handelsgaleone in der Karibik. Das einzige, was diese Arbeit mit Google Earth verlangte, waren Geduld und Zeit. Vincent hatte beides. Fast zwei Jahre seines Lebens hatte er Satellitenbilder angesehen. Abgesehen von einem Tarnkappenflugzeug, dessen Tragflächen brannten, hatte er nichts Erwähnenswertes gefunden. Bis heute.
Das Atoll lag 540 Seemeilen vor Peru. Eine Wikipediasuche verriet, dass es seit dem 21. Februar 2007 nicht mehr der Hoheit von Französisch-Polynesien unterstand, sondern vom französischen Minister für Überseegebiete verwaltet wurde. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Amerikaner dort eine Wetterstation errichtet, sie aber bereits 1947 wieder aufgegeben. Seitdem, so der Artikel, hatte kein Mensch mehr die Insel betreten. Am östlichen Strandabschnitt, auf dem überlichteten Sand des Satellitenbildes gut zu erkennen, entzifferte Vincent allerdings vier voneinander abgegrenzte Buchstaben: H E L P.
Vincent klopfte so lange an die Schlafzimmertür seiner Mutter, bis Nadine Warren im Seidenmantel und mit Ginfahne vor ihm stand.
«Honey? Alles in Ordnung?»
Sie war 14 gewesen, als sie Vincent bekommen hatte.
«Nein.» Er kratzte sich am Kinn. «Also doch. Mit mir schon.»
«Aber?»
Nadine war kein schöner Mensch. Sie hatte die Kranarbeiterhüften ihres Vaters geerbt, ausserdem dessen platten Hintern und den natürlichen Bauchansatz. Aber als sie 12 war, hatte sie gelernt, ein Dosenbier mit einem Schraubenzieher anzustechen. Lange vor den Jungs in ihrer Klasse. Das hatte ihr ungezählte Liebesbriefe beschert. Auch von Nate.
«Ein Schiffbrüchiger, vielleicht.»
«Was redest du?»
«Oder eine Schiffbrüchige.»
«Vincent?»
«Es gibt viel mehr männliche Matrosen als weibliche. Also eher ein Schiffbrüchiger.»
«Lass das Kratzen!»
«Vielleicht auch zwei, drei Schiffbrüchige.»
«Vincent! Hände weg vom Kinn!»
«Ein Fischerboot! Aus Peru, möglicherweise.»
Nadine schob sich an ihrem Sohn vorbei, um eine der fünf Handpflegelotionen aus dem Bad zu holen, die er täglich auftrug. Sie setzten sich an den Glastisch im Wohnzimmer, auf dem Seidenhandschuhe und ein unbenutztes Küchentuch lagen.
Als Vincent 13 Monate alt war, hatte Nadine ihre Putzstelle im Krankenhaus gekündigt, weil sie das Gefühl hatte, dass die Flurlichter ihre Augen ausbrannten. An ihrem letzten Arbeitstag klaute sie in der Notaufnahme einen Karton mit Fentanylspritzen und versteckte ihn im Kofferraum von Nates Wagen. Dann rief sie die Polizei. Das Gericht konnte Nate keinen Drogenhandel nachweisen, aber das sichergestellte Fentanyl reichte aus, um ihn für vier Jahre ins Gefängnis zu bringen. Nadine wurde das alleinige Sorgerecht für Vincent zugesprochen.
Ihre nächste Arbeitsstelle – als Pflegekraft in einem Seniorenheim – kündigte Nadine, weil sie den Uringeruch nicht ertrug, der sich in ihrer Kleidung festsetzte. Vincent war nun 22 Monate alt und beherrschte 22 Wörter. Eine besorgniserregend niedrige Zahl, die seine Mutter aber hoffnungsvoll stimmte: Wenn kein neues Wort dazukäme, würde sie ihren Sohn leicht weggeben können.
Kurz bevor Nate aus dem Gefängnis entlassen wurde, stieg Nadine in einen Fernbus nach Toronto. Vincent, mittlerweile fünf Jahre alt, redete ohne Pause. In Toronto bezog Nadine ein Motelzimmer. Am Pool telefonierte sie mit einem schnurlosen Telefon die Kinderheime der Stadt ab. Das Ergebnis war niederschmetternd: Sie hatte einen Sonnenbrand und Kinder mit «noch lebenden Erziehungsberechtigten» wurden nur für eine Woche aufgenommen. Die letzte Möglichkeit war also «kontinuierliche häusliche Gewalt». Dafür fehlte ihr allerdings die Zeit. Und die Disziplin.
Während sie am nächsten Tag mit Sonnenstich und Schüttelfrost im Bett lag, kümmerte sich die Rezeptionistin, eine junge Russin, um Vincent, für drei Dollar die Stunde. Abends entschuldigte sich die Frau. Sie habe noch nie einen so hübschen, braven und aufgeweckten Jungen kennengelernt. Wenn es okay sei, kümmere sie sich auch morgen um Vincent. Selbstverständlich kostenlos.
«Sie können ihn adoptieren.»
Kurz war es still. Dann lachte die Rezeptionistin und verabschiedete sich.
Die Nacht verbrachte Nadine am Pool, zündete eine Zigarette an der vorherigen an und dachte nach. Sie kam zu dem Schluss, dass die Russin in einem Punkt richtig lag: «Brav» und «aufgeweckt» war Vincent nicht, aber «hübsch».
Noch vor Sonnenaufgang lieh sich Nadine den Wagen der Russin, einen Mercedes. Aus den Ledersitzen quoll Schaumstoff, die Decke schimmelte und beide Aussenspiegel waren abgetreten. Nadine kurbelte das Fenster herunter, nahm ihren Sohn auf den Schoss und drehte die Lautstärke hoch. Während der Wagen rasselnd und mit 20 Meilen pro Stunde über den Highway fuhr, sang ein Männerchor vom Grossen Vaterländischen Krieg. Als sie das Auto kurz vor Mitternacht zurückgab, hatte sich Vincent bei einem offenen Casting gegen 5423 Konkurrenten durchgesetzt und war das neue Gesicht der «Under-12»-Kollektion von Burberry.
Seit diesem denkwürdigen Ausflug waren 12 Jahre vergangen und Vincent hatte alles verloren, was ihm damals den Vertrag verschafft hatte: Sein Kinn war zu grob für die schmalen Augen geworden, die Brust war über die Jahre so tief eingefallen, dass seine Schultern sich nach vorne neigten und die Beine unter dem Gewicht des Körpers zu brechen schienen.
«Streck die Hände aus», sagte Nadine.
Zuerst rieb sie seinen kleinen Finger ein. Keine Ader trat auf dem Handrücken hervor, die Haut wölbte sich zart über den Fingergelenken.
Als 2010 jeder dritte Kanadier ein Smartphone besass, begann Vincents zweiter Aufstieg, der zum Handmodel: Die Tech-Unternehmen suchten Jugendliche, die ein iPhone elegant in die Kamera hielten, deren Hände weiss und androgyn wirkten. Das hatte Vincent einen Exklusivvertrag mit Apple verschafft.
Nadine war am Mittelfinger der linken Hand angekommen, der mit 250 000 Dollar versichert war.
«Mama.»…