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Sie galt lange als die Ernährungssünde schlechthin, die Schokolade. Als Mitverursacherin von Karies, Übergewicht, Diabetes und hohem Blutdruck war ihr Ruf auch bei Ärzten und Zahnärzten mehr als angekratzt. Und der botanische Name ihres wichtigsten Inhaltstoffes «Theobroma Cacao», zu deutsch «Götterspeise», ist für uns Normalsterbliche auch nicht gerade vertrauenserweckend.
Indianer weisen den Weg …
Wie andere Ureinwohner (Indigene) sind Indianerstämme für die medizinische Forschung oft interessant. Die Menschen sind sich genetisch ähnlich und haben oft besondere Lebensgewohnheiten. Wir haben im «d-journal» schon mehrfach über die Pima-Indianer im Südwesten Arizonas berichtet, die Diabetes-«Weltmeister» sind (siehe «d-journal» 249, 2017/18). Beim Stamm der Kuna, welche auf der San-Blas-Inselgruppe vor der Ostküste Panamas leben, beobachtete man, dass hoher Blutdruck auch im Alter fast nie vorkam. Weil Kuna-Indianer fast täglich grössere Mengen von mit Salz angereichertem Kakao zu sich nahmen, vermutete man einen diesbezüglichen Zusammenhang. Zusätzliche Untersuchungen ergaben, dass sich im Kakao sehr hohe Flavanoid-Konzentrationen finden.
Flavanoide sind universell vorkommende sekundäre Pflanzenstoffe. Sie bilden die wichtigste Gruppe unter den Blütenfarbstoffen. Den höchsten Gehalt an Flavanoiden haben deshalb grundsätzlich die farbintensivsten Pflanzen. Flavanoide dienen zum Beispiel als Frassschutz gegen pflanzenfressende Tiere, schützen die Pflanzen gegen UV-Bestrahlung oder reduzieren die Besiedelung der Blattoberflächen mit Mikroorganismen. Für uns Menschen bedeutsam ist aber ihre natürliche antioxidative Wirkung. Hochreaktive Oxidantien (sogenannte Sauerstoffradikale) entstehen bei zahlreichen Stoffwechselvorgängen als eine Art Abfallprodukte. Dieser oxidative Stress begünstigt die Zellalterung und die Entwicklung der Atherosklerose. Antioxidantien wie die Flavanoide können diesen unerwünschten Prozessen entgegenwirken.
Lebensmittel, die Flavanoide enthalten sind zum Beispiel Äpfel, Orangen, Aprikosen, Grapefruits, Zitronen, Trauben – und somit auch der Rotwein! –, Kirschen, Beeren, Birnen und Pflaumen. An Gemüsen sind zu erwähnen: Tomaten, Zwiebeln, Sellerie, Chicorée, Weizen, Kichererbsen, Soja. Zusätzlich Paprika und Schnittlauch.
Selbstverständlich erstaunt es Sie als aufmerksame Leser nicht, dass Kuna-Indianer diesen Schutz verlieren, wenn sie ihre traditionelle Lebensweise zugunsten der «modernen» westlichen Ernährung aufgeben. Auch über dieses Phänomen haben wir schon wiederholt im «d-journal» berichtet.
Kakao oder Schokolade?
Aufgrund der Beobachtungen bei den Kuna-Indianern keineswegs überraschend, zeigten weitere Untersuchungen zu den gesundheitlichen Aspekten regelmässigen Schokoladekonsums, dass günstige Effekte nicht bei jeder Form von Schokolade auftaten. Tabelle 1 zeigt die ungefähre Zusammensetzung verschiedener Schokoladetypen. Dabei wird klar ersichtlich, dass dem durchschnittlichen Kakaogehalt eine entscheidende Rolle zukommt. Es ist in erster Linie die dunkle, kakaoreiche Schokolade mit einem hohen Flavanoidgehalt, die gesundheitlich interessant ist. Schokolade ist also nicht gleich Schokolade.
Grundsätzlich existieren zwei Kakaosorten. Der «Criollo», die edlere Sorte, wird hauptsächlich in Zentral- und im nördlichen Südamerika (Mexiko, Venezuela, Equador) angebaut. Er macht heute kaum mehr als 5% der Gesamternte aus. Der weitaus grössere Anteil betrifft den «Forastero». Wichtigste Anbaugebiete sind Westafrika, insbesondere die Elfenbeinküste, Brasilien und Südostasien.
Positive gesundheitliche Aspekte des Kakaos
Die günstige Wirkung der Flavanoide auf den oxidativen Stress sind bereits erwähnt worden. Kakao und damit schwarze Schokolade kann aber auch das Verklumpen der Blutplättchen und damit das Thromboserisiko senken. Durch eine Erweiterung der Blutgefässe kann sich die Blutzirkulation verbessern. Die Insulinsensitivität, das Ansprechen vieler Körperzellen auf Insulin, wird erhöht. Die tägliche Einnahme eines Täfelchens Schokolade von lediglich gut sechs Gramm führte in einer Studie bereits zu einer leichten Senkung des Blutdrucks. Und schliesslich kann regelmässiger Kakaokonsum auch das LDL-Cholesterin günstig beeinflussen.
All diese Effekte können sich positiv auswirken auf die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt.
Flavanoide stimulieren auch das Immunsystem. Sie können zudem eine entzündungshemmende Wirkung haben.
Hat die dunkle Schokolade auch dunkle Seiten?
Vor ein paar Jahren ging ein Aufschrei durch die Presse, weil in einigen Kakao-reichen Produkten erhöhte Spiegel von Cadmium, einem Schwermetall, das beim Menschen in hohen Dosen nierenschädigend wirken kann, gefunden wurden. Sehr wahrscheinlich hat dies nichts zu tun mit einer Überdüngung der Böden, dem Gebrauch von Insektiziden oder einer industriellen Verunreinigung. Verantwortlich ist wohl einzig der Gehalt des Gesteins an Cadmium. Die EU hat auf Anfang dieses Jahres Grenzwerte für den Cadmiumgehalt von Kakaoprodukten eingeführt. Damit entsteht ein wirtschaftlicher Druck auf die Produzenten, auf Cadmium-reichen Böden keine Kakao-Bäume mehr anzupflanzen.
Auch dunkle Schokolade mit einem hohen Flavanoid-Gehalt ist kalorienreich. Sie enthält viel Fett und Zucker. Wer sich regelmässig, zum Beispiel zum Kaffee, etwas Zartbitterschokolade auf der Zunge zergehen lassen möchte, muss diese Kalorien anderswo einsparen oder – noch besser! – mit vermehrter körperlicher Aktivität kompensieren. Und: Zähneputzen nicht vergessen!
Achtung: Bei der Herstellung der Schokolade können Flavanoide zerstört werden. Selbstverständlich versuchen gute Schokoladeproduzenten deshalb, den Kakao möglichst schonend zu verarbeiten. Nicht jeder billige Schokoriegel ist aber gesundheitlich noch empfehlenswert.
Und ausserdem …
• Kakaobutter und Kakaopulver werden hergestellt aus den 2 – 3 cm grossen fermentierten, gerösteten und entölten Samen (auch Kakaobohnen genannt) des Kakaobaumes. (siehe Bild)
• Kakao enthält Magnesium, Kalium, Eisen, Zink, Vitamin E und weitere Mineralstoffe
• In der Schokolade hat es Substanzen, die stimmungsaufhellend wirken können. Zudem wird beim Verzehr häufig unser «Belohnungssystem» aktiviert und dadurch vermehrt Dopamin und Endorphine ausgeschüttet.
• Findige Köpfe versuchen, auch die Milchschokolade gesundheitlich attraktiver zu machen, z. B. durch Beimengung von Pulver aus Erdnussschalen, die ebenfalls einen hohen Gehalt an Antioxidantien haben.
• Die Schweiz gehörte bei der Schokolade-Herstellung zu den Weltmächten. 1912 kamen 55 % aller Produkte aus der Schweiz.
• Die Entdeckung der zart schmelzenden Schokolade durch Rodolphe Lindt ist legendenumrankt. Vielleicht wurde sie aus reinem Zufall erfunden.
• «Diät»-Schokoladen, mit Süssstoffen gesüsst, sind eine gänzlich überflüssige «Erfindung». Sie werden kaum mehr hergestellt.
Der regelmässige Genuss kleiner Mengen von dunkler Schokolade ist keine gesundheitliche Sünde, insbesondere für körperlich aktive Menschen.