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Seit nunmehr gut zwanzig Jahren arbeitet der Basler Historiker Erwin Marti an der umfassenden Aufarbeitung von Leben und Werk Carl Albert Looslis (1877-1959). 1996 hat er als ersten Band der Biografie den Werdegang des zukünftigen Schriftstellers nachgezeichnet: Unehelich geboren und bis zu deren Tod bei einer Pflegemutter aufgewachsen; danach Erziehungsheim bei Neuchâtel, Abbruch des Gymnasiums, Jugend-Zwangserziehungsanstalt Trachselwald. Kampf gegen seine Bevogtung, Aufenthalt in Paris, wo er unter Intellektuellen zum Intellektuellen wird (siehe WoZ 18/1997).
Ende 1904 lässt sich Loosli, unterdessen entvogtet und verheiratet, in Bümpliz bei Bern nieder und versucht, sich als Journalist und freier Schriftsteller eine Existenz aufzubauen. Hier setzt der zweite Band der Biografie ein: Loosli wird Redaktor des «Berner Boten» und danach der sozialdemokratischen «Berner Tagwacht», wo er als origineller Denker Opfer parteipolitischer Richtungskämpfe wird und seinem Genossen Robert Grimm unterliegt. Loosli verlässt «Tagwacht» und SP, veröffentlicht seine ersten Bücher und wird als «Philosoph von Bümpliz» bald weitherum bekannt.
In den zehn Jahren bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entfaltet er als Publizist, Politiker und Pionier eine Aktivität von verblüffender Intensität und Vielfältigkeit. Er engagiert sich für die aufkommende Heimatschutzbewegung, polemisiert gegen die überbordende Fremdenindustrie und setzt sich mit schweizerischer Architektur, Kunst und Sprache auseinander. Er beginnt, in seinem unteremmentalischen Dialekt zu schreiben und mit «Mys Dörfli» und «Üse Drätti» Sprache und Wirklichkeit «der Klasse der gesellschaftlich Enterbten» festzuhalten. 1911 folgt der Gedichtband «Mys Ämmitaw», in dem er die Welt der kleinen Leute in klassischen Versformen besingt, «alles nur um zu beweisen», wie er damals schreibt, «dass man dem Dialekt unrecht tut, wenn man ihm vorwirft, er sei für die ‘höhere’ (lies: die Poesie der metrischen Kunstreitschule) unbrauchbar». Als die Heimatschutzbewegung schnell konservativer wird, zieht sich Loosli 1911 von der Mundart-Schriftstellerei zurück. Dafür lanciert er ein Jahr später den Gründungsaufruf für den Schweizerischen Schriftsteller-Verein, den er sich als «festgefügte Berufsorganisation» wünscht. Er wird dessen erster Präsident, scheitert aber schnell an den Interessengegensätzen zwischen den «Vollberuflichen», die eine gewerkschaftliche Vertretung brauchen würden, und den ökonomisch abgesicherten «Auch-Schriftstellern» im Nebenamt.
Skandal um Gotthelf
Bereits Jahre zuvor hatte sein Engagement zugunsten des Werks von Jeremias Gotthelf begonnen. Es ist Looslis Verdienst, dass Eugen Rentsch Anfang 1912 den ersten Band der bis heute massgeblichen 42bändigen Gotthelf-Ausgabe veröffentlichte. Loosli zeichnete im zuerst publizierten Band (= Band 7, «Geld und Geist») noch als Mitherausgeber, wurde aber kurz darauf als Nichtakademiker von einer Koalition von bildungsbürgerlichen Gotthelf-Erben und einem ehrgeizigen Philologen aus dem Projekt hinausgedrängt.
In den gleichen Jahren engagierte sich Loosli für die Modernen der schweizerischen Kunst. 1909 wurde er unter dem Präsidenten Ferdinand Hodler Zentralsekretär der «Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten» (GSAMBA), als solcher Kämpfer für ein besseres Urheberrecht und später zum ersten Hodler-Biografen.
Daneben engagierte er sich publizistisch in verschiedenen sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen. Er kämpfte für ein liberaleres Asylrecht, für die Rechte der Frauen, für eine umfassende Reform der Jugenderziehung, für die diskriminierte Minderheit der Juden in der Schweiz, gegen die unübersehbaren Klassenstrukturen des Gerichtswesens und gegen deren menschenverachtende Auswüchse in der Militär- und der «Administrativjustiz».
Zum Höhepunkt von Looslis Wirken in der deutschschweizerischen Öffentlichkeit werden die Jahre unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, in denen er zwei grosse Presseskandale inszeniert. Zum einen lässt er im August 1912, in jenen Tagen, in denen die germanophile Deutschschweiz dem zu Besuch weilenden deutschen Kaiser Wilhelm II. zu Füssen liegt, eine Kampfschrift unter dem Titel «Ist die Schweiz regenerationsbedürftig?» drucken, die er mit den berühmten Versen beschliesst: «Ihr braven Leute nennt euch Demokraten, / Weil euch das Stimmrecht in den Schoss gelegt, / Und seid so bettelarm an braven Taten; / Ihr habt euch um den Mammon stets bewegt!» Die Reaktion auf Looslis im Selbstverlag herausgebrachte Broschüre gegen «Parteiendiktatur» und «politische Dekadenz» waren wütende Verrisse in der Deutschschweiz, selbstkritisches Verständnis dagegen in der Romandie.
Zum anderen veröffentlicht Loosli zur Fasnacht 1913 seine berühmte Eulenspiegelei «Jeremias Gotthelf, ein literaturgeschichtliches Rätsel?», in dem er behauptet, dessen Werk sei vom Lützelflüher Bauern Johann Ulrich Geissbühler geschrieben worden. Loosli begründete die abstruse These so geschickt, dass er es zum Gaudi des Publikums dazu brachte, dass landauf landab empörte Feuilletonredaktionen sich gezwungen wähnten, Gotthelfs Ehre zu retten. Als Loosli daraufhin seinen Scherz offenlegte und begründete: «Weil ich die Herren Philologen als Verräter an der Kunst und der Poesie betrachte, darum züchtige ich sie», hatte er in den Deutschschweizer Zeitungen nicht mehr viele Freunde – wiederum stand die Romandie auf seiner Seite.
Historische Fundgrube
Diesen zehn spektakulären mittleren Jahren von Carl Albert Looslis Leben hat Erwin Marti den zweiten Band der Biografie gewidmet. Wiederum schildert er umfassend mit grossen Exkursen die gesellschaftlichen Felder, in denen sich Loosli bewegt und über die er spricht. So ist auch dieser Band zur kulturgeschichtlichen Fundgrube geworden. In der Art, wie Marti von Loosli spricht, entfaltet er ein ganzes Zeitalter, und indem er das Zeitalter entfaltet, wird Looslis kaum zu unterschätzende Bedeutung erst verständlich. Die Schwächen des ersten Bandes, der teilweise an Unübersichtlichkeit und mangelhaftem Lektorat gelitten hatte, sind weitgehend behoben. Zur schnelleren Orientierung gibt es diesmal eine Zusammenfassung des Textes (Seite 355ff.).
Schon vor dem Erscheinen des dritten Teils von Martis imposanter Arbeit wünschte man sich, Looslis Werk würde einmal integral zugänglich. Martis Arbeit zeigt auf jeder Seite neu, was von einer kritischen Gesamtausgabe von C. A. Looslis Werk zu erwarten wäre: Sprachgewalt, unbeugsame Integrität, Engagement für die «Klasse der gesellschaftlich Enterbten» und ein überlegener Humor.
Erwin Marti: Carl Albert Loosli 1877-1959. Band 2: Eulenspiegel in helvetischen Landen 1904-1914. Zürich (Chronos Verlag). 1999.
Eine Kurzversion dieser Rezension erschien in «saemann», Nr. 3/2000:
Eulenspiegels wilde Jahre
C. A. Loosli? War das nicht ein Mundartschriftsteller? Doch, das war er. Auf jeden Fall, wenn man nach dem geht, was heute von ihm im Buchhandel noch erhältlich ist.[1] Aber Carl Albert Loosli (1877-1959) war mehr: Er war Philosoph ohne Professur, Sozialpolitiker ohne Mandat, Publizist (häufig) ohne Verlag, Pionier (manchmal) ohne Mitstreiter und Eulenspiegel mit einem ausgesprochen griesgrämigen Publikum. Kurzum: Loosli war ein Deutschschweizer Intellektueller.
Die verschiedenen Seiten dieses Mannes hat der Basler Historiker Erwin Marti im zweiten Band seiner grossen Loosli-Biographie herausgearbeitet, der Looslis wilde mittlere Jahre von 1904 bis zum Ersten Weltkrieg umfasst. In dieser Zeit schrieb er – als Pionier der Heimatschutzbewegung – nicht nur den Grossteil seiner Mundartbücher. Er arbeitete als Journalist und teilweise als Redaktor für den «Berner Boten», die «Berner Tagwacht», das «Berner Intelligenzblatt», die «Schweizerkunst» und andere. Er initiierte die Gründung des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins und wurde dessen erster Präsident. Er initiierte die bis heute massgebliche 42-bändige Ausgabe von Gotthelfs Werk im Rentsch-Verlag. Er war unter dem Präsidenten Ferdinand Hodler Zentralsekretär der «Gesellschaft Schweizerischen Maler, Bildhauer und Architekten» (GSAMBA) und wurde Hodlers erster Biograph. Er kämpfte für ein liberaleres Jugendrecht, gegen die unmenschliche Versorgungspraxis der «Administrativjustiz» und für die Gleichberechtigung der Frau. Und er inszenierte Öffentlichkeitsskandale von herausragender zeitdiagnostischer Bedeutung – etwa mit der Interventionsschrift «Ist die Schweiz regenerationsbedürftig?» (1912) oder der Behauptung, Gotthelfs Bücher seien vom Lützelflüher Bauern Johann Ulrich Geissbühler geschrieben worden (1913).
Mit seiner umfassenden Darstellung von Looslis Wirken gelingt es Erwin Marti, den Autodidakten Carl Albert Loosli als einen der herausragenden Köpfe seiner Zeit eindringlich in Erinnerung zu rufen. Man wünschte sich, es käme jemand – der sich wie seinerzeit Loosli für Gotthelfs – heute für sein Werk einsetzte. Martis – übrigens auf drei Bände angelegte – Biographie zeigt auf jeder Seite neu, was von einer Loosli-Gesamtausgabe zu erwarten wäre: Sprachgewalt, unbeugsame Integrität, Engagement für die Unterdrückten und ein geistig überlegener Humor.
[1] Nämlich Neuauflagen von «Mys Dörfli» (1909/1987); «Mys Ämmitau» (1911/1990); «Üse Drätti» (1910/1997) und «Wi’s öppe geit» (1921/1998) im Licorne Verlag (Langnau i. E.).