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West Carrollton, Vorort von Dayton, Bundesstaat Ohio, USA: Es ist bewölkt, geradezu düster. Windböen lassen die Ampeln schaukeln. Neben der Strasse eine Eisenbahnschiene, überwuchert von struppigem Gras. Dahinter ein Zaun vor einer Fabrik. Noch etwas Regen – und die Tristesse wäre komplett. «Was machen Sie hier?», fragt ein Sicherheitsmann und versperrt den Weg. Journalisten dürfen nicht mit den Fabrikarbeitern reden.
BLICK war unmittelbar vor Ausbruch der Corona-Pandemie im sogenannten Rostgürtel, dem Rust Belt, der ältesten und noch immer grössten Industrieregion der USA. Dass die Gegend ihre beste Zeit schon lange hinter sich hat, ist offensichtlich: Eine Fabrik nach der anderen verrottet am Ufer des Great Miami River – ein Fluss, der quer durch den Bundesstaat Ohio fliesst. Wenn man den Bahnlinien nach Pennsylvania folgt, zeigt sich das gleiche trostlose Bild.
US-Präsident Donald Trump (74) wollte dies eigentlich ändern. Im Wahlkampf 2016 versprach er, dem Rust Belt zu alter Blüte zu verhelfen. Jobs und Fabriken zurückzubringen, Kohlekraftwerke und die Stahlindustrie sollten das Herzstück einer wiederbelebten amerikanischen Wirtschaft sein. Trumps nostalgische Vision verhalf ihm zum Sieg in sechs der sieben Rust-Belt-Staaten. Hat er seine Versprechen eingelöst?
Warum in Ohio viele Menschen zwei Jobs haben
«Es ist kompliziert», sagt Ned Hill, Professor für Wirtschaftsentwicklung an der Ohio State University. «Die Wirtschaft ist in einer besseren Situation als unmittelbar nach der Finanzkrise im Jahr 2008. Aber die Menschen stehen weit schlechter da als in den 80er-Jahren.» Tatsache ist: Die Arbeitslosigkeit ist seit dem Börsencrash vor über einem Jahrzehnt konstant gesunken, unter Barack Obama (58) wie auch unter Trump. Das grosse Problem der Region: Wenn es neue Arbeitsplätze gab, waren diese sehr oft schlecht bezahlt.
Früher erhielt ein Fabrikarbeiter zwischen 25 und 30 Dollar pro Stunde. Heute sind es im Schnitt etwa 15 Dollar. «Ohio steht noch am besten da. Man kann dort locker fünf Fabrikjobs kriegen, man braucht aber dann auch zwei davon.» Im Klartext: Die Arbeitsplätze sind so schlecht bezahlt, dass viele Menschen zwei Vollzeitjobs zum Leben nachgehen müssen.
In anderen Rust-Belt-Staaten sieht es ähnlich düster aus. Vielerorts findet man heutzutage kaum noch eine Arbeitsstelle in einer Fabrik. «Die neue Realität ist eine hoch spezialisierte Hightech-Industrie. Für Arbeiter, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, gibt es weniger Jobs – oder weniger gut bezahlte Jobs», erklärt Hill.
Diese Entwicklung hat zu einem historischen Bevölkerungsschwund im Rust Belt geführt. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten die Städte in der Gegend zu den grössten der Vereinigten Staaten. Doch seitdem hat sich die Einwohnerzahl im Schnitt fast halbiert!
Corona-Pandemie hat alles nur noch schlimmer gemacht
Universität Dayton, kurz vor Mittag. Mittlerweile regnet es tatsächlich. In einem trockenen Hörsaal tauschen die Chefs der grössten Arbeitgeber beim Jahrestreffen ihre Sorgen aus. Das Schlagwort: Rezession. Wirtschaftsexperte Ned Hill: «Wenn es mit der US-Wirtschaft bergab geht, wird es den Rust Belt massiv treffen.» Konkret: die Fabrikarbeiter. Sprechen darf man aber immer noch mit keinem. Ihre Chefs winken am Jahrestreffen reihenweise ab. Den Angestellten haben sie offenbar schon lange einen Maulkorb verpasst, auch die lokale Presse kommt nicht an sie heran.
Zwei Monate nach diesem Treffen ist das Worst-Case-Szenario eingetreten. Die Corona-Pandemie hat Zehntausende Arbeitsplätze vernichtet, noch ist das Ausmass nicht ganz absehbar. «Es sieht sehr düster aus», sagt Hill. «Viele Menschen haben ihre Jobs verloren. Plötzlich fehlt den Haushalten das Einkommen und somit auch der Region.» Der Wirtschaftsexperte befürchtet, dass die Konsumausgaben auf ein neues Tief sinken. Das wird den Rust Belt ins Mark treffen. «Wir werden im ganzen Land keine schnelle Erholung der Wirtschaft haben. Aber besonders in unserer Region wird es Jahre dauern, bis es wieder bergauf geht.»
Trumps Zeugnis im Rust Belt: mies
Die Zukunft der Arbeiter ist nicht nur wegen der Pandemie düster. Auch wegen des Präsidenten, den sie ins Amt gewählt haben. Unter Trump wird das Wirtschaftsdefizit noch dieses Jahr die Marke von einer Billion US-Dollar überschreiten – das war schon vor Corona klar.
Hinzu kommt der Handelskrieg mit China und die damit verbundenen Strafzölle. Trumps gewaltige Steuersenkungen hätten den negativen Effekt der Strafzölle zwar ausgeglichen, sagt Hill, um anzumerken: «Das ist so, als würde man frohlocken, dass die Notaufnahme funktioniert, nachdem man sich selber in den Fuss geschossen hat.»
Auch sein Versprechen der Reindustrialisierung konnte Trump nicht einlösen, im Gegenteil: Die Stahlindustrie steht so schlecht da wie nie zuvor. Immer mehr Kohlekraftwerke verschwinden von der Landkarte. Für Wirtschaftsexperte Hill ist klar: «Fabriken, Kohle, Stahl – all das wird nie mehr zurückkommen.» Der Gürtel im Nordosten der USA ist trotz der grossen Versprechen Trumps auch knapp vier Jahre danach immer noch rostig wie eh und je.
Am 3. November 2020 finden in den USA die Präsidentschaftswahlen statt. Für die Demokraten wird aller Voraussicht nach Joe Biden (77) Donald Trump (73) herausfordern. Was hat sich in der Ära Trump seit 2016 verändert und vor welchen Herausforderungen steht das Land heute? BLICK geht in einer losen Serie den grossen und prägenden Themen nach. Dafür reist unser USA-Korrespondent Nicola Imfeld, wo immer es die Corona-Pandemie zulässt, durch verschiedene Bundesstaaten Amerikas und macht sich ein Bild vor Ort.
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Am 3. November 2020 finden in den USA die Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident Donald Trump strebt eine zweite Amtszeit an. Alle aktuellen Entwicklungen zu den Wahlen und Kandidaten gibt es immer im News-Ticker, und alle Artikel zum Thema finden Sie hier auf der US-Wahlen-Seite.