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Die Entwicklung und Pflege nationaler Erinnerungsfeiern bildeten wichtige Elemente beim Aufbau eines modernen Nationalbewusstseins bzw. im Prozess des "nation building". Die modernen G. knüpften an die alteidg. Schlachtjahrzeiten an. Im Gegensatz zu diesen waren sie aber ihrem Wesen nach nicht lokale, sondern nationale Anlässe, weniger ein Gedenken der Toten als der siegreichen Taten, entsprechend weniger Trauer- als Triumphfeiern und weniger kirchlicher als staatlicher, zwar religiöser, aber zivilreligiöser Natur. Mit dem Aufkommen des helvet. Patriotismus (Helvetische Gesellschaft, Patriotische Gesellschaften) in der 2. Hälfte des 18. Jh. gewannen auch die G. an Bedeutung. Die Sempacher Feier wurde gegen 1780 um eine Festpredigt erweitert. In der Zeit der Helvetik entwickelte Minister Philipp Albert Stapfer verschiedene nationalpädagog. Vorschläge zur Schaffung neuer und zur Umnutzung alter Feste. Der wichtigste Impuls kam allerdings von den jungen liberalen Bewegungen des frühen 19. Jh. mit dem Aufblühen des nationalen Vereinswesens (Vereine). Als Produkt dieser Strömung entstand 1821 der nach seinem ersten Versammlungsort benannte Sempacher Verein, der zur Förderung des Bewusstseins der Einheit der Schweiz und der Vaterlandsliebe im Turnus auf den verschiedenen alteidg. Schlachtfeldern Erinnerungsfeiern abhielt. Ab 1822 feierte man in Basel jährlich das St. Jakobsfest. 1835 erhielt die ältere Näfelser Fahrt durch Landsgemeindebeschluss die noch heute eingehaltene Ordnung. Die tradierten und mehrheitlich sakralen Elemente des Schlachtenjahrzeits wurden ergänzt mit neuen Elementen, insbesondere mit Festspielen als den theatralisierten, in Szene gesetzten Schlachtbriefen, mit Festzeitungen und Festschriften sowie in einigen Fällen auch mit der Errichtung von Denkmälern und mit Festschiessen. Das bekannte Morgarten-Schiessen wird erst seit 1912 durchgeführt, das Murten-Schiessen seit 1930. Auch das Dornacher-Schiessen ist jünger als die eigentl. Dornacher Schlachtfeier.
Während es beim alten Schlachtjahrzeit um ein zeitloses bzw. nur jahrzeitl. Erinnern ging, wurde bei den neueren Feiern das Bewusstsein von der zeitl. Distanz und die runde dezimale Bezifferung dieses Zeitraumes wichtig. Das sog. "dezenare" Denken ist in Ansätzen zwar schon vor 1800 fassbar, es führte aber erst während des rasanten gesellschaftl. Wandels des 19. Jh. als ein stabilisierendes Gegengewicht zum Erlebnis des Fortschritts zu den grossen Zentenarfeiern der Schweizergeschichte: 1815 mit einem noch bescheidenen Beginn zur 500-Jahr-Feier am Morgarten sowie 1824 bzw. 1836 zu den 400-Jahr-Feiern des Grauen bzw. des Zehngerichtenbunds. Von grösserer Bedeutung waren 1839 das fünfte Zentenarium der Schlacht bei Laupen, 1844 das vierte Zentenarium der Schlacht bei St. Jakob an der Birs und 1886 die 500-Jahr-Feier zur Schlacht bei Sempach. 1851 kam mit den Bundesbeitrittsfeiern, mit denen einzelne Kantone ihre Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft zelebrierten, ein neuer Typus der G. hinzu. Zürich machte damals mit einer 500-Jahr-Feier den Anfang. Aus dieser Tradition ging 1891 bzw. 1899 mit dem 1. August die Bundesfeier hervor.
Neben den vaterländ. G. wurden um 1828/29 auch Reformationsfeiern als Säkularfeiern begangen. Um 1900 feierten verschiedene aus ehem. Untertanengebieten hervorgegangene Kantone (z.B. Thurgau, Tessin, Waadt) das erste Jahrhundert ihrer kant. Souveränität. Weitere kant. G. waren bzw. sind die in Basel 1892 und 1992 begangenen zur Erinnerung an die Vereinigung von Gross- mit Kleinbasel und sowie die in Genf stattfindende Escalade, deren Anlass der 1602 abgewehrte savoy. Überfall darstellt. Sie wurde ab 1919 regelmässig (vorher bereits sporadisch) mit einem grossen hist. Umzug gefeiert. Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Traditionsbildungen (inventions of traditions) jüngeren Datums und eine Gegenstrategie gegen eine fortschreitende Entzauberung des modernen Alltags sind. Das Verzauberungsbedürfnis wird heutzutage offensichtlich mit anderen als patriot. Anlässen befriedigt. Das Basler St. Jakobsfest wurde von den 1920er Jahren an nur noch im Fünf-Jahres-Rhythmus begangen und 2002 aus den Zunftanlässen ganz gestrichen.
In jüngster Zeit wurden viele Gedenkmomente auch benützt, um sich kritisch und entmythologisierend mit dem Ereignis auseinanderzusetzen, wie z.B. 1994 mit der Massakrierung der Besatzung von Greifensee im Mai 1444. Andere standen dagegen eher im Zeichen der Abwehr gegen Versuche, das traditionelle Geschichtsbild in Frage zu stellen, wie z.B. die Diamantfeier 1989 - die Erinnerung an die Mobilmachung im 2. Weltkrieg diente auch der Bekämpfung der Initiative zur Abschaffung der Armee - oder die 700-Jahr-Feier 1991 mit ihrem umstrittenen Mythenspiel.
Wo der polit. Formationsprozess weiterhin am Werk ist, kommt es immer wieder zur Herausbildung von G. So schuf die jurass. Bewegung in Anknüpfung an eine Protestversammlung vom 23.9.1947 die jeweils im September durchgeführte "Fête du peuple jurassien". Auch soziale Bewegungen entwickelten Gedenktage: Die Arbeiterbewegung führte den 1. Mai als Tag der Arbeit ein, die Frauenstimmrechtsbewegung beging während einer gewissen Zeit den 1. Februar in Erinnerung an die für sie negativ ausgegangene eidg. Abstimmung von 1959, und die Vorkämpferinnen der Gleichstellung der Frauen lancierten 1991 den 14. Juni als Gedenktag zur Einführung des entsprechenden Verfassungsartikels 1981.
Literatur
– D. Frei, Das schweiz. Nationalbewusstsein, 1964
– G.P. Marchal, Geschichtsbild im Wandel 1782-1982, 1982
– Die Schlacht von Sempach im Bild der Nachwelt, Austellungskat. Sempach, 1986
– Das Festspiel, hg. von B. Engler, G. Kreis, 1988
– G. Kreis, Der Mythos von 1291, 1991
– C. Santschi, Schweizer Nationalfeste im Spiegel der Geschichte, 1991
– Ereignis - Mythos - Deutung: 1444-1994, St. Jakob an der Birs, hg. von W. Geiser, 1994
– G. Kreis, «Gefallenendenkmäler in kriegsverschontem Land», in Der polit. Totenkult, hg. von R. Koselleck, M. Jeismann, 1994, 129-143.
Autorin/Autor: Georg Kreis