Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03455.jsonl.gz/1706

«Ich hatte von Anfang an ein sehr privilegiertes Leben», sagte der gebürtige Elmer, der seit 2002 mit seiner Familie in Schwändi lebt. Er habe sich nie langfristige Ziele gesteckt, sondern sich einfach treiben lassen und sich immer wieder kurzfristig orientiert. «Ich konnte in meinem Leben so viele tolle Dinge machen, dass ich mir nicht vorstellen kann, es wäre besser geworden, hätte ich etwas anders gemacht», lautet sein bisheriges Fazit.
Jüngster Bergführer für ein Jahr
Hansueli Rhyner ist 1957 im Steinibach in Elm geboren und mit vier Geschwistern auf einem Bauernbetrieb aufgewachsen. Als Jüngster hatte er «neben vielen anderen Privilegien» die Möglichkeit, eine Lehre als Konstruktionsschlosser zu machen.
Schon im vierten Lehrjahr absolvierte er den Bergführer-Aspirantenkurs und beendete ein Jahr später diese Ausbildung. «Dass ich sie bereits mit 20 Jahren abschliessen konnte und somit nur ein Jahr statt den vorgeschriebenen zwei Aspirant war, ist einem Administrativfehler des damaligen Führerchefs zu verdanken. Ich hatte das nicht so geplant, aber dann einfach ausgenutzt. Und so war ich für ein Jahr der jüngste Bergführer in der Schweiz», schmunzelt er.
Ein Jahr nach dem Erwerb des Bergführerdiploms schloss er die Skilehrerausbildung ab und wieder ein Jahr später diejenige zum Schweizer Langlauflehrer. In diesen drei Berufszweigen war er anschliessend einige Jahre tätig, bevor er nach Australien reiste, um dort als Ski- und Langlauflehrer zu arbeiten. Fürs ferne Land begeistern lassen hatte er sich vom damaligen Cheftrainer von Australien, Jan Tischhauser, der davon schwärmte. «Ich komme auch», lautete die spontane Antwort von Hansueli Rhyner. Gesagt, getan.
Unter der Leitung von Jan Tischhauser absolvierte er in Australien die Trainerausbildung Ski Alpin und übernahm für ein Jahr die australische B-Mannschaft, mit der er im Winter durch Europa und nach Japan zu den Fis-Rennen tourte. Als er im Jahr darauf wieder nach Australien reiste, bekam er einen Anruf aus Neuseeland: Dort suchten sie einen Trainer für die Olympischen Winterspiele in Sarajevo. Er sagte zu und war in der Folge vier Jahre Cheftrainer in Neuseeland.
Versuch, sesshaft zu werden
Nachdem er «zwischen dem europäischen Winter und demjenigen auf der südlichen Hemisphäre» hin- und hergependelt war, versuchte er ein erstes Mal, sesshaft zu werden: «Ich heiratete, wir bekamen einen Sohn und übernahmen die Planurahütte.» Seine Frau Maria bewartete hauptsächlich die Hütte, er arbeitete als Bergführer.
Dann verpflichtete er sich bei der damals grössten Wachsfirma und war in der Folge während zwölf Jahren im Rennservice unterwegs. Von sesshaft war nicht mehr viel übrig: «Ich war mit dem alpinen Weltcup-Zirkus unterwegs, war an allen Grossanlässen, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen dabei und im Sommer als Bergführer unterwegs.»
Seine Frau und er bauten das Hotel und Café «Bergführer» in Elm. Doch auch dieser Versuch, sesshaft zu werden, misslang. Die beiden trennten sich.
Auf Initiative des damaligen Leiters des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos entstand ein Forschungsprojekt mit der Firma Stöckli Ski, dem Belagshersteller IMS und der Firma Toko, bei der Hansueli Rhyner arbeitete. Das Thema «Gleiten auf Schnee» interessierte ihn sehr, und die Aussicht, den Prozess zwischen Ski und Schnee wissenschaftlich untersuchen zu können, faszinierte ihn. «Ich war absolut happy, als ich 1996 den Job als Leiter dieses Forschungsprojekts bekam und so meinen Arbeitsplatz beim SLF in Davos. Für mich ein weiteres Privileg in der Reihe von ganz vielen.»
Geplant war eine Anstellung als Projektleiter für drei Jahre. Aus dem Projekt entstand jedoch eine Forschungsgruppe, die er bis zu seiner Pensionierung Ende September 2022 leiten durfte.
«26 extrem interessante Jahre»
Am SLF bekam er bald auch andere Aufträge. Als Bergführer wurde er in die Ausbildung involviert, durfte das Kern-Ausbildungsteam Lawinenprävention (KAT) mitgründen und war für die Sicherheit bei Feldeinsätzen im Sommer zuständig. Er war schon seit der Gründung der Expertisengruppe für Bergunfälle in den achtziger Jahren dabei, und so wurde er auch am SLF in das kleine Team der Sachverständigen für Gutachten bei Lawinenunfällen aufgenommen.
«Die Zeit am SLF war für mich ein absolutes Privileg. Es waren 26 extrem interessante Jahre, sozusagen nonstop Weiterbildung. Ich konnte von den vielen hervorragenden Wissenschaftlern enorm viel profitieren», sagt Hansueli Rhyner rückblickend. Als Praktiker wollte er die komplexen Themen rund um Schnee und Lawinen so kommunizieren, dass auch Nichtakademiker davon profitieren konnten. Zwei Bücher über Pistenpräparation und Pistenpflege sowie Lawinenkunde zeugen davon.
Während der Zeit, als er am SLF «doch ein bisschen sesshafter wurde», gründete er nochmals eine Familie. Er baute zusammen mit seiner zweiten Frau Brigitte 2001 in Schwändi ein Haus, das sie 2002 bezogen. Und er hat das Glück, «nochmals zwei Jungs auf ihren Lebenswegen begleiten zu dürfen».
Freudentränen als schönster Lohn
In Schwändi präsidiert er den lokalen Skiclub. Und er steht aktuell immer noch dem Glarner Bergführerverband vor, der 1864 gegründet worden ist und als ältester Bergführerverband der Schweiz gilt.
Ist er selber oft mit Gästen unterwegs? «Ich versuche schon, in einer gewissen unregelmässigen Regelmässigkeit Touren zu führen, sodass ich den Anschluss nicht verpasse. Wie bei anderen anspruchsvollen Tätigkeiten braucht man auch als Bergführer eine gewisse Routine. Die möchte ich möglichst lange aufrechterhalten. Ein grosser Anteil meiner Führertätigkeiten liegt aber in der Ausbildung, vor allem im Winter gebe ich viele Lawinenkurse.» Beim klassischen Führen sei es für ihn «immer noch das Schönste, beim Erwachen des Tages schon hoch oben dem Gipfel entgegenzusteigen. Freudentränen in den Augen der Gäste auf dem Gipfel sind der schönste Lohn.»
Aktive Erholung für Körper und Geist ist ihm wichtig. Diese findet er auf «gemütlichen Touren im Glarnerland, abseits vom Rummel, zusammen mit meiner Frau, meinen Jungs und dem Hund». Zudem spielt er Handorgel – früher gar in einem Quintett und später im Trio.
Als Einziger wiedergewählt
Seit 2014 ist Hansueli Rhyner Gemeinderat und Departementsvorsteher Schule und Familie von Glarus Süd. Eine sehr spannende Zeit, wie er sagt. Wenige Monate vor der Wahl hätte er sich nicht vorstellen können, einmal in der Politik aktiv zu werden. Er engagierte sich damals in einer Bewegung, die mit dem Vorgehen des Gemeinderates nicht einverstanden war. «Als die Wahlen anstanden, verstand ich nicht, dass man gegen den Gemeinderat kämpfte, dann aber nicht gewillt war, selber diesen Job zu machen. Und so stellte ich mich zur Wahl.» Mit Erfolg.
In den ersten vier Jahren musste er lernen, «dass man im Gemeinderat eine etwas andere Sicht bekommt, vor allem weil meistens mehr Informationen zur Verfügung stehen, die einen besseren Blick fürs Ganze ermöglichen». Die ersten zwei Jahre im Gemeinderat seien schwierig gewesen, dann habe er langsam Spass am Debattieren bekommen. Und so liess er sich nach vier Jahren für eine zweite und nach acht Jahren sogar für eine dritte Legislatur wählen.
2022 wurde er als Einziger wiedergewählt. Weil mehr als die Hälfte der Mitglieder im Gemeinderat aufhörten, stellte er sich noch einmal zur Wahl: «Ich war persönlich der Ansicht, dass eine so grosse Rochade für all die grossen Herausforderungen in Glarus Süd, die nach schnellen Lösungen und zeitnahen Entscheidungen verlangten, nicht förderlich sein konnte oder mindestens zu Verzögerungen führen würde. Die Bevölkerung sah es anders.»