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CSI: In der Regel reisen Sie fünf bis sechs Mal pro Jahr in den Südsudan, um innerhalb von zwei Wochen den Empfang von jeweils rund 350 befreiten Sklaven aus dem Sudan zu koordinieren. Konnten Sie dieses Jahr noch vor dem ersten Lockdown in den Südsudan fliegen?
Franco Majok: Ja, im Februar 2020 war ich während zwei Wochen im Südsudan.
Diesen Sommer hatten Sie aber einen längeren Aufenthalt dort.
Ja, meine Einreise war am 28. Juni 2020, nachdem der Lockdown bei uns gelockert wurde. Ich blieb bis nach der vorletzten Sklavenbefreiung im Südsudan, bevor ich am 18. Oktober 2020 in meine gegenwärtige Heimatstadt Boston zurückflog. Ich beschloss, so lange zu bleiben, weil eine zusätzliche Reise von den USA nach Südsudan mit vielen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre. Es gibt derzeit nur wenige Flüge, und diese sind sehr schnell ausgebucht. Bei einer zusätzlichen Einreise aus den USA hätte ich zudem im Südsudan 14 Tage in Quarantäne sein müssen. Schliesslich ist durch eine geringere Reisetätigkeit die Gefahr kleiner, dass ich mich mit Covid-19 anstecke.
Sie waren also ein Stück weit «gezwungen», so lange im Südsudan zu bleiben. Wie gingen Sie damit um?
Ich hatte absolut keine Schwierigkeiten damit. Ich bin im Südsudan geboren und kenne sehr viele Leute hier.
Wie wirkt sich die Corona-Pandemie im Südsudan aus?
Der Südsudan ist vom Coronavirus nicht stark betroffen. Bis heute sind offiziell einige Dutzend Menschen an den Folgen der Pandemie gestorben, wobei es kein klares Corona-Testsystem gibt. Der monatelange Lockdown hat jedoch der Wirtschaft erheblichen Schaden zugefügt. Zwar wurde der Lockdown mittlerweile weitgehend aufgehoben. Doch die Schulen sind nach wie vor geschlossen. Zudem wird der internationale Flugverkehr streng kontrolliert.
Während Ihres langen Aufenthalts haben Sie auch eine grossangelegte Nahrungsmittelverteilung durchgeführt. Wie verlief sie?
Wir konnten viele Menschen vor dem Hungertod bewahren. Bei unserer Verteilungsaktion im August und September konnten wir Nahrungsmittel an 6060 hungernde Familien abgeben. Mein Team vor Ort hat sich mit Herzblut für die notleidenden Frauen, Männer und Kinder eingesetzt. Ich habe Menschen gesehen, die vor Hunger zusammenbrachen und kurz vor dem Tod standen. Ohne Hilfe wären wohl viele Menschen den Hungertod gestorben.
Wie steht es aktuell um die Ernährungssicherheit?
Gegenwärtig ist die Lage nicht akut. Doch ich rechne in absehbarer Zeit mit einer erneuten Nahrungsmittelknappheit im Nördlichen Bahr-el-Ghazal. Der Regen fiel dieses Jahr viel dürftiger als sonst. Die Bauern konnten nur gerade 20 Prozent der Saat erfolgreich ernten.
Reto Baliarda