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12.11.2019 - Dagmar Schifferli
12.11.2019
Dagmar Schifferli
Mal Püppchen, mal Biest
Nach ihrem Buch über ihren Vater («Der Platz») und ihre eigene Biografie («Die Jahre») widmet die französische Schriftstellerin Annie Ernaux ihre jüngste, gerade auf Deutsch erschienene Veröffentlichung ihrer Mutter mit dem Titel «Eine Frau».
Wobei ‘jüngste’ keineswegs bedeutet, dass Ernaux das Buch erst kürzlich geschrieben hat. Die Autorin, geboren 1940, verfasste den Text bereits zwischen April 1986 und Februar 1987 und damit schon bald nach dem Tod ihrer Mutter. Auf Französisch hingegen erschien das Buch bereits im selben Jahr.
Wie ihre anderen Texte über sich und die Familie, ist auch «Eine Frau» weder eine Biografie noch ein Roman, sondern «eher etwas zwischen Literatur, Soziologie und Geschichtsschreibung», wie Ernaux ihre Erinnerungen selbst charakterisiert. Indem sie sich «an der Nahtstelle von Familie und Gesellschaft, Mythos und Geschichte» bewegt, hofft sie, der Wahrheit am ehesten gerecht werden. In der ihr eigenen, eher nüchternen und schnörkellosen Art zeichnet sie die immer wieder aufs Neue unternommenen Anstrengungen ihrer Mutter nach, gesellschaftlich aufzusteigen, um ihre ökonomisch prekäre Kindheit sowie die Jahre als junge Frau endgültig hinter sich zu lassen.
Wenn sie es selbst auch nie im erwünschten Masse erreichte, so sollte wenigstens ihrer Tochter der Aufstieg gelingen. Die Mutter schuftete deshalb unermüdlich, damit es Annie einst besser habe. Dennoch blieb ihre Haltung der Tochter gegenüber widersprüchlich. «Beim Schreiben sehe ich mal die ‘gute’, mal die ‘schlechte’ Mutter vor mir», schreibt Ernaux. Schmutzfink, wurde sie beschimpft, Biest oder Nervensäge, häufig begleitet mit Ohrfeigen oder heftigen Faustschlägen gegen die Schulter. Dann wiederum nannte die Mutter sie zärtlich Püppchen oder überschüttete sie mit Spielsachen, die sie selbst als Kind nie bekommen hatte.
Die Tochter als Klassenfeind
Annie jedoch entfernte sich mehr und mehr aus dem häuslichen Milieu, wollte sich von ihrer Herkunftsfamilie in der entsprechenden Gesellschaftsschicht abkoppeln, was allerdings nicht ohne Schuldgefühle vonstatten ging. Denn plötzlich sah die Mutter in ihrer eigenen Tochter den Klassenfeind. Ein Riss ging durch die Familie, der während einiger Jahre nicht wirklich geheilt werden konnte.
Ernaux studierte, wurde Lehrerin, verheiratete sich mit einem Mann aus der höheren Gesellschafts- und Bildungsschicht, gebar zwei Kinder. Etabliert sowie finanziell abgesichert, wurde es nun auch möglich, dass die Mutter nach ihrer Verwitwung zeitweise bei der jungen Familie wohnte. Mit Hingabe kümmerte sie sich um die Enkelkinder und bemühte sich, ihre Tochter von den Alltagspflichten zu entlasten.
Zwei Jahre vor ihrem Tod erkrankte die Mutter an Demenz, so dass sie in einem Pflegeheim betreut werden musste. Mehrmals entstand in der Tochter der heftige Wunsch, sie wieder zu sich zu nehmen, im gleichzeitigen Wissen darum, dass sie dazu nicht imstande wäre. Das Buch endet melancholisch: «Ich werde ihre Stimme nie mehr hören. (…) Ich habe die letzte Brücke zu der Welt, aus der ich stamme, verloren.»
Annie Ernaux, Eine Frau, Bibliothek Suhrkamp 2019, 88 S.