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Die Frage: "Ich hab in meiner Hausarbeit, die ich auf Englisch verfasst habe, mehrmals ein deutsches Werk zitiert. Also ich habe die Sätze ungefähr sinngetreu übersetzt und dann immer confer Buch blablabla hingeschrieben. Also übersetzt und das deutsche Original angegeben. Antwort des Dozenten: Darf man nicht, das ist ein Plagiat, Note 5 und durchgefallen. Ist das rechtens?"
Gegenfrage: Was genau "darf man nicht"? Ich kann aus der Fallbeschreibung nicht genau ablesen, wo das Problem liegt. Ich versuche es dennoch mit einer Antwort.
Vorweg: Da Sie die Quelle angegeben haben und sich nun offensichtlich ärgern, nehme ich an, dass Ihre Absicht weder geistiger Diebstahl noch Betrug war, sei es aus Faulheit oder krimineller Veranlagung. Entscheidend bei einer Plagiatsbeurteilung ist allerdings nicht die Motivlage, sondern das handwerkliche Ergebnis. Trotzdem sollten Ihrem Dozenten zeigen, dass Sie problembewusst und lernwillig sind; fragen, wie es richtig gewesen wäre; und darüber sprechen, ob die Bewertung "fünf, durchgefallen" angemessen ist. Denn wie ein Plagiat "geahndet" wird -- einfache Belehrung, Notenabzug oder Durchfallen --, da hat der Dozent erheblichen Spielraum.
Dozenten sind in erster Linie Lehrer, nicht Polizei und Strafrichter. Eine Hausarbeit mit Fehlern ist nicht nur eine verkorkste Prüfungsleistung, sondern bei der Besprechung auch ein guter Moment, um zu lehren und zu lernen. – Wenn Sie mit der endgültigen Entscheidung indes nicht einverstanden sind, beantragen Sie beim Prüfungsausschuss eine Zweitbegutachtung.
Aber war es wirklich ein Plagiat?
Was formal falsch wäre und, ganz eng ausgelegt, möglicherweise ein Plagiat: den deutschen Text exakt und wörtlich ins Englische übersetzen, aber ohne Anführungszeichen wiedergeben und dahinter die Quelle mit "cf." angeben. Warum wäre das möglicherweise ein Plagiat? Weil Sie de facto den identischen Wortlaut haben, aber vorspiegeln, es sei ihre eigene Formulierung, und dann soll der Leser noch mit einem anderen Werk vergleichen.
Verwirrt? Der Reihe nach:
1. Wenn Sie ohne Anführungszeichen zitieren, also in Ihren eigenen (hier englischen) Worten und dabei sinngemäß zusammenfassen, ist das grundsätzlich eine Paraphrase. Das ist völlig OK (davon abgesehen, dass man auch falsch paraphrasieren oder falsch übersetzen kann, aber das ist eine andere Baustelle). Paraphrasieren ist gerade bei einem fremdsprachigen Werk sinnvoll. Solange die Originalquelle korrekt angegeben ist und Sie nicht zu dicht am exakten Ursprungswortlaut sind, ist das sicher kein Plagiat im Sinne von Gedankenklau und Täuschung.
Wenn Sie aber ganz dicht am Original bleiben, hört es auf, eine Paraphrase zu sein. Das sind dann nicht mehr Ihre Worte, sondern die Worte des Originals. Was eigentlich ein direktes, wörtliches Zitat sein sollte, wird ein indirektes. Identische Wortfolgen gehören nun einmal in Anführungszeichen.
Das ist allerdings eine Grauzone.
Erstens: Wenn ein Originalsatz zehn Wörter hat und ich verwende ohne Anführungszeichen drei davon (insbesondere ein originelles Wort, Fachbegriffe, Fakten oder Zahlen), habe ich die Grenze schon überschritten? Sind drei OK, aber fünf oder sieben nicht mehr? Das grenzt an Haarspalterei. Oftmals kann man nicht paraphrasieren, ohne Originalwörter zu verwenden. Aber man sollte sich bemühen, nicht nur ein oder zwei Wörter eines Originalsatzes auszutauschen, sondern eine echte Paraphrase zu bauen -- oder/und die Originalquelle dann noch einmal explizit benennen, damit klar ist, dass Sie paraphrasieren: "According to Müller-Lüdenscheidt (2009), the world is flat..."
Zweitens: Genau genommen können Sie in einer englischsprachigen Arbeit ein deutsches Werk nicht wörtlich direkt zitieren, es sei denn, Sie nehmen den deutschen Text. So ist eigentlich jede Übersetzung eine Verfremdung und eben nicht der O-Ton. Wenn Sie dennoch übersetzt wörtlich zitieren, das heißt mit Anführungszeichen, müssen Sie angeben, dass es sich um eine eigene Übersetzung handelt ("eigene Übersetzung" bzw. "author's translation").
2. Manchmal schleichen sich trotz Quellennachweis beim Paraphrasieren und Übersetzen Ungenauigkeiten ein. Manchmal trennen Autoren nicht ganz scharf, wo der eigene Gedanke aufhört und der fremde beginnt. Wenn ein Quellenbeleg also nicht exakt und sauber zugeordnet werden kann, wenn unklar ist, worauf sich die Quellenangabe bezieht (nur ein Satzteil, ein Satz, mehrere Sätze, ein Absatz?), kann das formal als Plagiat ausgelegt werden. In diese Falle kann man leicht tappen, wenn der Dozent das sehr streng sieht.
Diese Abgrenzung ist bei Studenten häufig ein Problem. Ich lese einen Absatz, am Ende steht eine Quelle, aber ich weiß nicht, ob die Autorin den ganzen Absatz oder nur einen Teil davon aus der Quelle gezogen hat. Viele Studenten sind dabei nicht sensibel genug, ihnen fehlt die schriftstellerische Erfahrung, und sie wissen auch nicht genau, wie man es denn nun wirklich richtig formuliert. (Auch viele Wissenschaftler sind dabei nicht besonders genau; in meinen eigenen Texten ist es mir -- leider zu spät -- bisweilen ebenso aufgefallen.) Insofern wäge ich ab, wie relevant das Vergehen/Versehen ist, und belasse es im Regelfall bei einer Belehrung. Außerdem weise ich auf Abhilfen hin: Schreiben Sie zwischendurch "Müller-Lüdenscheidt schreibt, dass... Er führt weiter aus, dass... Laut Müller-Lüdenscheidt...". Das ist für den Lesefluss nicht wirklich schön, aber genauer.
3. "confer Buch blablabla": Confer (cf.) ist die englisch-lateinische Variante des deutschen "Vgl.". Ob und wie man ein "Vgl." einsetzen darf und soll, ist eine alte Streitfrage beim Zitieren. "Vgl." ist aus meiner Sicht oftmals nicht angebracht. In Ihrem Fall wollten Sie ja den Leser nicht zum Vergleichen auffordern, sondern bestenfalls sagen: "siehe" -- also schlicht die Quelle angeben. Genau genommen ist das also eine falsche Verwendung. Vgl. dazu den Blogeintrag vom 28.7.2011: "'Vgl.' - eine seltsame Zitiermarotte".
Andererseits findet sich das "Vgl." vielfach in wissenschaftlichen Werken und teilweise sogar in Ratgebern zum wissenschaftlichen Arbeiten, da kann man Studenten nicht wirklich einen Vorwurf machen, wenn sie den Vorbildern folgen (es sei denn, man hat sie vorher explizit belehrt, was ein "Vgl." sein darf und was nicht).
Seit Guttenberg und diversen anderen prominenten Plagiatoren wissen wir - dank Vroniplag & Co. -, dass diese oftmals ihre Plagiate hinter geschickt eingestreuten "Vgls." versteckt haben. Daher schauen Dozenten inzwischen sehr kritisch darauf. Jedes "cf."/"Vgl." aber gleich pauschal zum Plagiatsfall zu erklären, ergibt keinen Sinn. Das ist dann doch eher ein Formatierungsfehler, eine Nichteinhaltung einer gewünschten Konvention. Nehmen wir an, Sie würden das "cf." streichen, wäre es für Ihren Dozenten dann immer noch ein Plagiat?