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| Origenes († 253/54) - Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft (De principiis)

Vorrede.
9.
Die Benennung ασωματος (unkörperlich) ist nicht allein im gemeinen Sprachgebrauch, 1 sondern auch in der heiligen Schrift unbekannt. Wollte man uns aus dem Buche „die Lehre Petri“ die Stelle anführen, wo der Herr sagt: ich bin nicht ein körperloses Gespenst; 2 so würde ich antworten, daß jenes Buch nicht unter die kirchlich geltenden Schriften 3 gehört; und es wäre zu zeigen, daß es weder von Petrus, noch von einem andern göttlich erleuchteten Manne herrührt. Dieß auch zugegeben, so ist der Sinn von ασωματος in jener Stelle nicht derselbe, wie bei griechischen und ausländischen Schriftstellern, wenn die Weltweisen von unkörperlicher Natur [S. 10] sprechen. Denn hier heißt „körperloses Gespenst“ in dem Sinn, daß die Gestalt oder der Umriß eines gespenstischen Wesens nicht unserm festern und sichtbaren Körper ähnlich ist; und nach dem Sinne des Verfassers würde die Stelle so viel sagen: er habe nicht einen Körper, wie die Gespenster, von Natur fein und dünn wie die Luft, der deswegen von dem Volke für unkörperlich gehalten und so genannt werde, sondern es habe einen festen und handgreiflichen Leib. Im gemeinen Leben nennt der Unerfahrene freilich Alles, was nicht von der Art ist, körperlos; wie man die uns umgebende Luft unkörperlich nennen will, weil sie kein solcher Körper ist, der angetastet und festgehalten werden kann und dem Drucke widersteht. Untersuchen wir nun, ob vielleicht unter einem andern Namen dasselbe, was die griechischen Philosophen unkörperlich nennen, in der Schrift vorkommt. Selbst von Gott fragt sich, ob er körperlich 4 und auf gewisse Art gestaltet zu denken sey: [S. 11] oder ob er ganz anderer Natur als die Körper sey; was in der öffentlichen Lehrform nicht bestimmt bezeichnet wird. Das Nemliche ist auch in Absicht auf Christus und den heiligen Geist, wie überhaupt von jedem vernunftbegabten Wesen zu untersuchen.
1: apud multos alios, Rufin. Joh. v. Damasc. gibt dafür οι πολλοι, s. die Einl.
2: ασωματον δαιμονιον. Die Worte führt auch Ignat. der Märtyrer im Briefe an die Smyrnäer c. 3. an und bemerkt, der Herr habe sie nach der Auferstehung zu Petrus gesprochen. Hieronym. meint, dieser habe sie aus dem Evangelium der Nazoräer: Comm. in Jes. XVIII, proœm. Die ganze Erörterung des Or. über das ασωματον bezieht sich auf das erste Kap. Des 1. B., wo er die Geistigkeit Gottes beweist, und gerade so mit den Mißdeutungen von πνευμα, wie hier von ασωματος, zu kämpfen hat. Vergl. IV. 2, 21.
3: βιβλοι εκκλησιαστικοι, offenbar kanonische Schriften, deren Merkmal er im Folgenden darin findet, daß sie einen ανηρ θεοπνευστος zum Verfasser haben.
4: Ob Origenes hiemit nur auf die stoische Lehre von einer Körperlichkeit Gottes anspielt, wie c. Cels. VIII, 49. εδε γαρ καθ’ημας σωμα ο θεος· ινα μη περιπεσωμεν οις περιπιπτουσιν ατοποις οι τα Ζηνωνος και Χρυσιππου φιλοσοφουντες; oder ob er eine bestimmte christliche Secte im Auge hat, ist schwer zu entscheiden. Das letztere erhält einige Wahrscheinlichkeit durch den Anfang B. 1, c. 1. und kann durch and. St. unterstützt werden, z. B. Sel. in Gen. ed. Rue, Tom. II. p. 25. ο Μελιτων συγγραμματα καταλελοιπως „περι του ενσωματον ειναι τον θεον.“ Valesius übersetzt hier, nach unserer Stelle offenbar unrichtig, mit de Incarnatione Dei. Dieser Melito war übrigens nach Euseb. IV, 26. Bischof in Sardes, und es ist nicht bekannt, daß er eine von der Kirche abweichende Secte gestiftet habe. Zwar spricht Marcion von einem leibhaften Gott, aber unter diesem versteht er nur den dem höchsten Gott untergeordneten, alttestamentlichen Gott; und gegen ihn mögen vorzüglich die Erklärungen gerichtet seyn, die Origenes von alttest. Stellen, die einen Anthropomorphismus enthalten, gibt. Es ist übrigens bekannt, wie schwer es auch den rechtgläubigen Lehrern der ersten Kirche wurde, sich von den anthropomorphischen Vorstellungen von Gott zu befreien und zur Idee reiner Geistigkeit zu erheben, wie sie Origenes im Folg. darstellt. Vgl. hiezu Neand. KG. I ,3. (p. 642. der ger. Ausg.) Ein merkwürdiges Beispiel ist noch Tertullian, der die Begriffe Wesen (Substanz) und Körperlichkeit verwechselnd, sich so ausdrückt (adv. Prax. 7.): quis negabit Deum corpus esse, etsi spiritus est? Spiritus enim corpus sui generis in sua effigie. Sed et invisibilia — habent apud Deum suum corpus et suam formam — quanto magis quod ex ipsius substantia missum est, sine substantia non erit. Auch Cyrill von Jerus. kämpft noch gegen die Vorstellungen von der Körperlichkeit Gottes, Catech. VI, 8. — Auf die Secte der Audäer, der syrischen Anthropomorphiten, von denen erst Lactantius (inst. IV, 30.) und Theodoret (Fab. haer. IV.) sprechen, kann Orig. nicht Rücksicht genommen haben, eben so wenig auf die ägyptischen Anthropomorphiten, da beide Secten später sind, und die letztere verkehrter Weise sogar aus dem Origenismus abgeleitet wird; s. Huets Origen. 1. II. c. 4, 1, 7.