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Dârck kann ohne Remo nicht existieren – Remo nicht ohne Dârck. Ihre Verschiedenheit ist es, die ihr Schicksal so unzertrennlich verknüpft. Ein Doppelporträt eines Onlinespielers und seines Avatars.
Neben dem Bett steht eine halb volle Ketchupflasche. Kaugummi- und Zigarettenpackungen stapeln sich auf einem Pult, vor dem ein 21-jähriger Zürcher sitzt. Der Mann mit dem schwarzen Kapuzenpullover, den wir hier Remo nennen wollen, starrt in den 21-Zoll-Bildschirm seines Computers. Immer wieder drückt er mit dem Zeigefinger auf die Taste «D» seiner Logitech-G19-Tastatur, die im Dunkeln leuchtet.
Während Remo in seinem Ledersessel sitzt, reitet Dârck auf einem Pferd mit brennenden Hufen durch hüglige Landschaften und drischt auf fliegende Würmer ein. Trifft sie die Flugtiere, verwandeln sie sich in Kugeln. Während des Reitens züngelt eine blaue Flamme aus ihrem Schulterpanzer. Der weibliche Ork gilt unter ihren Freunden als grosszügig – unter ihren Feinden als unberechenbar. «Fremde», so Remo, «haben Angst vor Dârck.»
Vor Remo hat wohl niemand Angst. Oft lächelt er, fragt nach, wie es einem gehe, nickt zufrieden, wenn er eine entsprechende Antwort erhält. Wenn Remo redet, variiert sein Tonfall nur selten. Nur wenn er von Dârck erzählt, verändert sich seine Stimme. Höher und schneller spricht er dann, und er presst auf einmal doppelt so viele Wörter in einen Satz. «An Dârck gefällt mir», sagt Remo, «dass sie so viele Muskeln hat.» Für vierzig Stunden wöchentlich verwandelt sich Remo in eben diese Dârck, eine Figur im Computerspiel «World of Warcraft».
Dârcks dunkle Seite
«‹World of Warcraft› ist ein Hochrisikospiel», sagt Regine Rust, die im Beratungszentrum Bezirk Baden Gamesüchtige berät. Dass die Spieler dieses Onlinespiels in Rollen schlüpfen können, um gegeneinander zu kämpfen, mache es gefährlich. Auch die endlose Spielhandlung von «World of Warcraft» begünstige eine mögliche Abhängigkeit. Rund sieben Prozent der SchweizerInnen sind gamesüchtig, können kaum mehr aufhören zu spielen. Am meisten betroffen sind junge Männer um zwanzig. Auch Dârck, so vermutet ein Kollege von Rust, ist wohl das Produkt eines Süchtigen.
Remo erschuf sich neun virtuelle Persönlichkeiten. Dârck ist seine Hauptpersönlichkeit. «Meine anderen Avatare unterstützen die Orkfrau», sagt er. «Sie lagern Waffen und Gold für sie.» Sechs Jahre ist es her, seit Remo seine erste «World of Warcraft»-Spielfigur erstellte. Er besuchte einen Freund, den er lange nicht mehr gesehen hatte. Dieser führte ihn ein in diese digitale Welt voller Trolle, Orks, Untoter, Gnome und Zwerge – die digitale Spielwelt «Azeroth».
Auf Azeroth gibt es vier Kontinente. Dârck wohnt auf dem Kontinent Nordend in der Stadt Dalleran. Dort verabredet Dârck sich mit seinen FreundInnen, um in den Krieg zu ziehen, neue Städte zu erobern. Doch in der Zeit, in der Dârck die halbe Welt bereist, bewegt sich Remo nicht von seinem abgewetzten Pult weg. Eine Eingrenzung des Verhaltensraumes, sagt Rust, sei typisch für einen Gamesüchtigen.
Typisch ist auch, dass sich die Betroffenen isolieren. Der arbeitslose Küchengehilfe Remo verabredet sich nur selten mit anderen. «Ich treffe meine alten Freunde kaum mehr», sagt er, während Dârck gerade ein virtuelles Fest besucht. Der Avatar aber ist eine beliebte Führungspersönlichkeit, gründete schon mehrere virtuelle Spielergruppen, sogenannte Gilden. Immer schart Dârck viele Freunde um sich, die sich über ihre Kampferfolge freuen.
Spielen, bis es wehtut
Auf Remos Pult steht ein Perskindol-Spray. «Oft habe ich Rückenschmerzen», erklärt Remo, während er Dârck vornübergebeugt beim Kampf zusieht. Eine Spielpause machen, um seinen Körper zu entspannen, kann Remo aber nicht. Seine Gegner machen schliesslich auch keine Pause. Würde Remo dem Spiel zu lange fernbleiben, würde der Nachtelfenjäger mit den gelben Schuhen noch stärker werden – und Dârck dereinst besiegen.
Manchmal schläft Remo vor dem Computer ein. Übermüdet und mit Schmerzen im Nacken kommt er dann am nächsten Morgen an den Frühstückstisch. Während er seiner Mutter nach dem Essen beim Wohnungsputz hilft, denkt er dann daran, wie Dârck den «bösen Boss Hagarah» besiegte. «Mich fasziniert halt dieses Spiel, die Kriege und die zu lösenden Aufgaben», sagt Remo. Doch was er «Faszination» nennt, dürften SuchtexpertInnen als «Kontrollverlust» bezeichnen.
Während Dârcks Augen blau leuchten, sind Remos Augen matt und mit roten Äderchen durchzogen. Dreizehn Euro monatlich zahlt Remo, um als Dârck Erfolge feiern zu können. Dârck sucht sich im höchsten Spiellevel ebenbürtige GegnerInnen, an denen er sich messen kann. Während bei ihren Kämpfen Funken durch die Luft fliegen, tanzen in Remos Zimmer Staubkörner im Licht. Wenige Sonnenstrahlen nur dringen durch einen Spalt zwischen den Vorhängen in den Raum. Auf der anderen Seite des Fensters, weit weg, kreischen Jugendliche. Ein Basketball prallt auf den Asphalt.