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14 Dez 2013 17:28 - 14 Dez 2013 17:31#299 von Yo El Mismo
Liebe Bachfreunde!
Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, daß noch einige Bestände des
alten Forums
im Eingangsbereich dieses neuen Forums zu finden sind. Aus diesen Altbeständen habe ich für Euch einen Beitrag von mir vom 18.5.09 hervorgekramt, der sich mit Bachs hoffnungsvollsten Sohn Wilhelm Friedemann Bach (WFB) beschäftigt. Da dieser Bericht nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und ich mir eine lebhafte Diskussion über WFB vorstellen könnte, sei er hier wiederholt:
Christof schrieb im Forum in der Rubrik „Orgelwerke“:
„Was meint Ihr zu einem Vergleich Vater Bach und Sohn Friedemann?“
Ich werde mich hüten, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Aber die Anregung von Christof, den Vater und den Sohn – gemeint ist sicherlich deren Musik – zu vergleichen ist schon reizvoll, wenngleich vergeblich. Aber: Wir wollen doch nicht vergessen, daß der Vater gerade Friedemann für den musikalisch hoffnungsvollsten seiner Söhne hielt. Von den vier Söhnen Bachs, die sich als Komponisten einen Namen machten, entfernte sich WFB am geringsten von den Ausbildungsidealen, die er von seinem Vater erhalten hatte. Die stilistischen Neuerungen des „Empfindsamen Stils“ blieben ihm weitgehend fremd. Während CPhE Neues und Altes zu einer einzigartigen Mischung verschmolz und Johann Christian (JCB) sich voll und ganz dem neuen Stil zuwandte, verleugnete WFB seine musikalische Herkunft – nämlich seine Ausbildung in der Kontrapunktik – nicht völlig. Vielmehr sprang Friedemann sein Leben lang von einem Werk zum nächsten und selbst innerhalb einzelner Werke zwischen Altem und Neuem hin und her.
Daraus ergibt sich häufig ein sehr reizvolles Wechselspiel. In seinem glänzenden „Concerto a duoi cembali concertati“ für zwei unbegleitete Cembali (F10), das er zu Beginn seiner Dresdener Zeit schrieb, weist der letzte Satz die für das barocke Concerto charakteristische Ritonellstruktur auf. Beim ersten Satz dagegen handelt es sich um eine Sonate. Auf ähnliche Weise verbinden sich in der bedeutenden Sinfonia in F-Dur (F67), die ebenfalls aus den Dresdener Jahren stammt, zwei Stilepochen: das Werk ist gleichzeitig eine Sinfonia und eine Orchestersuite. Der erste Satz, eine französische Ouvertüre, wird immer wieder durch unvermittelte harmonische und metrische Wechsel im empfindsamen Stil durchbrochen. Zunächst mögen diese überraschenden Affektwechsel befremdlich wirken, doch nach einer Weile empfindet man ihren eigentümlichen Reiz und betrachtet sie nicht mehr als Brüche. Der zweite Satz ist ein Andante, ein sehr schönes Stück, das stilistisch jedoch nicht von hunderten anderer Barock-Andantes zu unterscheiden ist. Der dritte Satz, ein italienisches Allegro, nimmt bereits den Tonfall der Klassik vorweg und gliedert sich konsequent in eine zwar gekürzte, aber dennoch deutlich erkennbare Sonatenform. Doch damit ist die so genannte »Sinfonia« nicht zu Ende: den Schlußsatz bilden zwei abwechselnde Menuette, deren heitere Melodie deutlich Händelsche Züge trägt. Vier prächtige Flötenduette aus der Dresdener Zeit (F54, 55, 57, 59) wirken äußerst konservativ. Die zwölf ebenso prächtigen Cembalopolonaisen (F12) aus der Hallenser Zeit stellen den Höhepunkt jener enorm ausdrucksstarken Werke dar, aufgrund derer einige Musikwissenschaftler WFB als proto-romantischen Komponisten einstufen wollen. Doch am Ende seiner Laufbahn stand Friedemann den vorherrschenden musikalischen Ausdrucksformen der Klassik kaum näher als zu der Zeit, als er noch unter der Aufsicht seines Vaters gewesen war.
Während seiner Berliner Jahre widmete er Prinzessin Amalia eine Reihe hervorragender Werke in völlig gegensätzlichen Stilrichtungen: auf der einen Seite eine Klavier-Sonate in D-Dur (F4) mit einem Mozart vorausahnenden ersten Satz, zum anderen eine Folge von acht Fugen für Cembalo (F31). Natürlich war diese Vermischung von alt und neu nicht immer so erfolgreich. Die Kantaten weisen zwar schöne Passagen auf, folgen jedoch JSBs Vorgaben zu phantasielos, bestehen allzu oft nur aus Parodien und Anleihen aus früheren Werken anstatt aus Originalkompositionen, lassen sich allzu selten auf die neuen homophonen Strukturen ein. Die in den Sonaten für Tasteninstrumente auftretenden unvermittelten Tempo- oder Strukturrückungen in der Art des empfindsamen Stils stellen den Interpreten manchmal vor schier unlösbare Probleme. Einige wichtige Formen wie das Rondo oder die Variation kommen überhaupt nicht vor. Selbst auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn sind Friedemanns Trägheit und Opportunismus nicht zu übersehen, und in den letzten Jahren gebrach es dem Komponisten ganz offensichtlich an Inspiration.
Doch eines läßt sich nicht bestreiten: Friedemann war ein äußerst begabter Komponist. Seine Melodien strömen reichhaltig, er arbeitet mit einer harmonischen Palette, die weit abwechslungsreicher und kühner ist als die der meisten seiner Zeitgenossen, er vertieft den homophonen Satz folgerichtig vermittelst ungezwungener Kontrapunktik, vor allem aber entwickelt er im Gefühlsausdruck einen stark persönlich gefärbten Stil. Damit ist WFBs Musik als solche herraushörbar, wenn ich eine der typischen Klassik-Radio-Sendungen höre. Und das ist schon eine ganze Menge für einen – von seinem Vater ausgehende große Erwartungshaltung – überforderten Sohn.
Liebe Grüße
yo
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Letzte Änderung: 14 Dez 2013 17:31 von Yo El Mismo.
Ich habe mir soeben die F67 angehört und muss schon sagen, das tönt manchmal wirklich recht abenteuerlich. Fantasie aber hatte er, das muss man ihm lassen. Dein Beitrag hat mein Interesse für WFB's Orgelwerke geweckt und so habe ich mir mal zwei Choralbearbeitungen heruntergeladen. An dieser Stelle werde ich dann rückmelden, ob ich von der Kirchgemeinde "exkommuniziert" wurde.