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«In der kleinen Stadt N. wuchs auf solche Weise ein Eiszapfen vom Dache des Kirchthurmes bis auf die Erde herunter und gefror an derselben fest, also daß eine Säule von lauterem Eis neben dem Thurme stand. Weil aber die muthwillige Schuljugend den Zapfen täglich unten beleckte, so befürchtete man, er möchte dadurch unterhöhlt werden und mit Schaden über die Stadt hinstürzen, und der Stadtrath gebot deshalb, denselben bis zu zweidrittel seiner Höhe in Stroh einzubinden. Als nun die Wärme die Oberhand gewann, schmolz der Zapfen unschädlich bis zur Höhe des Strohes, der übrige Theil wurde mit Vorsicht umgelegt, daß er über den ganzen Kirchhof hinlag und die [nichtsnutzigen] fröhlichen jungen Bursche weißsagten nun, je nach der kürzeren oder längeren Dauer der umgestürzten Säule würde es in diesem Jahrgange mit der Hartnäckigkeit der jungen Jungfern beschaffen sein. Die Mädchen widersetzten sich dieser Weißsagung heftig, waren aber ängstlich begierig, wie es mit dem Eiszapfen ginge, welchen die Bursche allnächtlich mit Feuerbränden bearbeiteten, während sie am Tage aussprengten, die Jungfern hobelten ihn trotz aller Gespensterfurcht alle Mitternacht mit heißen Bügel[stählen]eisen, um ihr Schicksal zu beschleunigen.»
Gottfried Keller, «Der Schmid seines Glückes», älteste erhaltene Handschrift, ca. 1859
«Es ist schwierig, aus den Possen herauszukommen, da einen die Welt immer wieder lächert», so schreibt Gottfried Keller im März 1873 seinem jüngeren Freund Adolf Exner in Wien. Er bezieht sich dabei auf eine Handschrift, die er Exner überlassen hatte und die er nun wieder braucht, da sein Verleger die an ihn gesandte Abschrift der Novelle «Der Schmied seines Glückes» nicht mehr auffinden kann. Keller bearbeitet Exners Exemplar, schreibt die ganze Geschichte nochmals ab, wobei er «allerlei Staub und alte Läusebälge auskämmt», und macht sich lustig darüber, dass nun «drei Fassungen dieses vortrefflichen Werkes» existierten. Künftige Philologen könnten sich dann die «Köpfe zerbläuen» über seine Um- und Weiterschriften.
Das tun sie denn auch, nicht zuletzt deshalb, weil es Lücken in der materiellen Überlieferung gibt. Die Abschrift für den Verleger scheint definitiv verloren, und lange galt auch die Handschrift als verschollen, die Keller nach der Überarbeitung zurück nach Wien sandte. Wieder zugänglich gemacht hat sie die Bodmeriana-Bibliothek in Cologny GE. Hier ist das Manuskript aufbewahrt, seit es der Sammler und Mäzen Martin Bodmer, der 1919 mit seiner Stiftung den Gottfried-Keller-Preis initiierte, 1949 bei einer Auktion in Zürich erwarb. Letzter Besitzer war der zwei Jahre zuvor verstorbene Sohn von Adolf Exner gewesen.
In der Bodmeriana lässt sich mithin die älteste überlieferte Niederschrift von «Der Schmied seines Glückes» einsehen. Ihre Entstehung wird auf die Zeit um 1859 datiert. Veröffentlicht wurde die Novelle erstmals in der erweiterten Neuauflage der «Leute von Seldwyla» 1874. Zwischen dem überlieferten Manuskript und dessen Bearbeitung für den Druck liegen fünfzehn Jahre. Das macht neugierig: Was hat Keller, der dafür bekannt war, seine Texte immer wieder zu überarbeiten, für die Publikation getilgt? Was sind die «Läusebälge» und «Possen», die er jetzt als ungehörig empfindet und von denen er sich doch kaum trennen kann?
Auffallend ist die Streichung einer skurril anmutenden Passage, die…