Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03439.jsonl.gz/794

Für Elon Musk war es eine ereignisreiche Woche. Es begann am 12. April mit einem spontanen BBC-Interview, das für den schlecht vorbereiteten Radiomann mit einer Blamage endete. Der Technologiekorrespondent der BBC liess sich durch Musks Charme und Humor zu der unbewiesenen Behauptung hinreissen, dass es seit Musks Übernahme von Twitter im vergangenen Jahr mehr Hasskommentare auf der Social-Media-Plattform gebe, woraufhin Musk dem bedauernswerten Kerl gehörig den Kopf wusch. Das Interview ging sofort viral – für Musk eine Steilvorlage.
Am 19. April liess Musk bei der Vorstellung der Quartalszahlen von Tesla geschickt alle Fragen an sich abprallen. In einem Jahr, in dem Autobauer aufgrund steigender Zinsen weltweit unter Druck sind, verfolgt er offensichtlich die Strategie, die Produktion seiner Elektroautos weiter zu steigern und die Fahrzeuge – unter Beibehaltung eines hohen Profitabilitätsniveaus – zu günstigen Preisen zu verkaufen. Langfristig will er die Autoindustrie radikal umkrempeln.
Höhepunkt eines Silvesterfeuerwerks
Und am 20. April schliesslich erschien Elon Musk, der oberste disruptor der Welt, im Kontrollzentrum von Space X in Texas, um den Start der ersten Starship-Weltraumrakete zu beobachten, der grössten, die je gebaut worden war – sie ist noch grösser als die sowjetische N1, die aber nie die geplante Umlaufbahn erreichte. Das Starship mit seinen 32 Triebwerken schien sich nur zögernd von der Startrampe zu lösen, stieg dann aber majestätisch in den tiefblauen texanischen Himmel, bevor es nach knapp vier Minuten unkontrollierbar ins Trudeln geriet und schliesslich spektakulär explodierte – fast wie der Höhepunkt eines Silvesterfeuerwerks. Menschenmengen jubelten und applaudierten.
War es also ein grandioser Misserfolg? Keineswegs. In einem Interview mit Tucker Carlson von Fox News hatte Musk von einem «äusserst riskanten» Flug gesprochen. «Es ist der erste Start einer sehr komplizierten, gigantischen Rakete.» Solange das erste Starship beim Abheben nicht explodiere und dabei die Startrampe zerstöre, müsse man den Flug, wie kurz auch immer, als Erfolg betrachten. Sebastian Grau, Dozent für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität Berlin, zeigte sich denn auch «äusserst beeindruckt», dass das Starship bis zur Stufentrennung geflogen ist, zumal einige Triebwerke ausgefallen sind. Offenbar soll schon bald ein zweites, deutlich verbessertes Starship für einen neuen Testflug bereitstehen.
Für Musk sind Raketenprobleme nichts Neues. Als er 2004 Space X mit Geld gründete, das er aus dem Verkauf von Paypal eingenommen hatte (175 Millionen Dollar), fand er sich nach eigener Aussage als Chefingenieur oder Chefkonstrukteur wieder – «nicht weil ich es wollte, sondern weil ich niemanden anheuern konnte. Niemand wollte mitmachen. Also übernahm ich notgedrungen diese Aufgabe.» Die ersten drei Falcon-Starts schlugen fehl. Musk kratzte genug Geld für einen vierten Versuch zusammen. Bei einem abermals misslungenen Start wäre Space X bankrott gewesen.
Vor allem unterentwickelte Länder, zumal in Afrika, dürften von der Expansion von Starlink profitieren.
Beim vierten Versuch mit der Falcon 9 klappte es. Der Rest ist Geschichte. Die Nasa wurde als Partner gewonnen, und inzwischen wurden 215 erfolgreiche Starts mit der Falcon-9-Rakete durchgeführt, wobei es sich 152-mal um «Zweitflüge» handelte, mit anderen Worten: Raketen, die intakt zur Erde zurückgekehrt waren, wurden wiederverwendet. Die Falcon 9 kann als erste Rakete in aufrechter Position starten und landen. Die Ersparnisse durch Wiederverwendung sind enorm. Wie Musk gesagt hat: Man stelle sich vor, wie kostspielig es sei, wenn man sein Auto nach jeder Fahrt verschrotte. Genau wie Tesla in der Automobilindustrie weist Space X ein besonders gutes Preis-Leistungs-Verhältnis auf.
27.000 Satelliten
Der Lohn ist die Schaffung des weltweit grössten Kommunikationssatelliten-Netzwerks in erdnaher Umlaufbahn – im Februar waren es 3580 Satelliten, etwa 43 Prozent der insgesamt 8621 Satelliten, die derzeit in einer erdnahen Umlaufbahn stationiert sind. Die Satelliten sind natürlich in Eigenproduktion von Space X konstruiert worden. Kunden kommunizieren mit den Space-X-Satelliten über die Starlink-Basisstationen. Bekanntlich hat Musk die Satelliten umpositioniert, um der Ukraine nach Beginn des russischen Invasionskriegs Internetzugang zu ermöglichen.
In der Folge wurde Space X der erste Vertrag zur Internetversorgung der Passagierschiffe der Royal Caribbean Group erteilt. Auch Fluggesellschaften nutzen inzwischen die Internetdienste von Starlink. Langfristig soll das Satellitennetz bis zum Jahr 2030 auf 27.000 Satelliten ausgebaut werden. Gegenwärtig kann man in 53 Ländern auf Starlink zugreifen, und im Dezember 2022 gab das Unternehmen bekannt, dass die Marke von einer Million Kunden überschritten sei – bis 2030 werden 300 Millionen anvisiert. Vor allem ländliche Gemeinschaften und unterentwickelte Länder, zumal in Afrika, dürften von der Expansion von Starlink profitieren.
Angesichts des zu erwartenden Einbruchs der Preise von Breitbanddiensten könnten in wenigen Jahren direkte Verbindungen zwischen Satelliten und Mobiltelefonen via Starlink zur Verfügung stehen. In Zukunft könnte man beispielsweise in Teslas über Satellit telefonieren. Telefongesellschaften und auch Apple sollten sich auf massive Disruptionen einstellen. Tesla oder Starlink könnten sogar eigene Telefone auf den Markt bringen.
Mit Starship sollen Ambitionen realisiert werden, die bisher nur als Science-Fiction möglich waren.Beim Ausbau dieses Geschäftszweigs wird das Starship eine bedeutende Rolle spielen. Starship-Raketen wie die Falcon 9 werden in der Starbase, dem Space-X-Weltraumbahnhof und Produktionsgelände in Boca Chica bei Brownsville in Texas, gebaut. Musk plant, die Starbase zu einer neuen Stadt zu entwickeln. Das Starship ist mit 120 Meter Höhe und neun Meter Durchmesser doppelt so gross wie eine Falcon 9 und hat die vierfache Transportkapazität. Die Falcon 9 kann 53 Satelliten in eine erdnahe Umlaufbahn bringen, das Starship mehr als 400.
Die Aussicht, eine seismische Erschütterung in der globalen Kommunikationsindustrie auszulösen, wäre für die meisten Sterblichen vermutlich genug Ambition. Nicht so für Elon Musk. Sein erklärtes Ziel für Space X ist es, den Weg der Menschheit in ein interplanetares Leben zu bereiten.
Science-Fiction-Ambitionen
Immer wieder beklagt er die sinkenden Geburtenziffern, die zu einem dramatischen Rückgang der Weltbevölkerung bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würden. Einmal abgesehen von seiner privaten Mission, den Planeten mit dem eigenen Nachwuchs zu bevölkern (bislang zehn Kinder; das jüngste mit dem eigenwilligen Namen Exa Dark Sideræl, das er mit der kanadischen Popsängerin Grimes hat, wurde im Dezember 2021 geboren), will Musk mit Hilfe des Starship eine Kolonie auf dem Mars gründen. Die erste Mission ist für März 2029 geplant. Dabei soll «das Starship-Raumschiff in einer erdnahen Umlaufbahn wiederaufgetankt werden, bevor es die Reise zum Mars antritt. Durch Wiederauftanken im Orbit können hundert Tonnen Nutzlast bis zum Mars transportiert werden.»
Insofern ist der Start des Starship mehr als nur eine ökonomische Chance. Mit diesem Raumschiff sollen Ambitionen realisiert werden, die bislang nur als Science-Fiction möglich waren. Das Starship wird, um den Vorspann von «Star Trek» zu zitieren, «mutig dorthin gehen, wo noch kein Mensch zuvor gewesen ist».
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.
Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.
Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.
Unzulässig sind:
Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.
Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.