Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/1445

Dieser Satz liess mich aufhorchen: Seine Töchter bräuchten die Präsenz ihres Vaters, erklärte der ehemalige Spitzendiplomat Tim Guldimann, 67, als er vor ein paar Tagen unter Getöse von seinem Amt als SP-Nationalrat zurücktrat. «Unsere beiden Töchter gehen noch zur Schule und meine Frau ist als Journalistin beruflich sehr gefordert», führte er weiter aus. Vor meinem inneren Auge sah ich schon, wie Guldimann, befreit von der schweren Last der jährlich vier Sessionen in Bern, den Töchtern am Morgen in Berlin den Znüni parat macht, die Schuhe bindet und mit der Ermahnung auf den Weg schickt, am Fussgängerstreifen auch ja nach rechts und links zu schauen.
Aber Stopp! Die Töchter von Guldimann gehen gar nicht mehr in die Primarschule, sondern sind längst im Teenageralter. Sie können ihre Schuhe wohl selbst binden. Und als die Töchter noch wirklich klein waren? Da war dies für Guldimann kein Hindernis, die OSZE-Mission im Kosovo zu leiten. Ein etwas aufwändigeres Mandat, als ein paar Wochen pro Jahr im Nationalrat zu sitzen.
Sind die Kinder also nur der Vorwand, um ein frustrierendes Amt loszuwerden? Dieser Verdacht drängt sich auch bei anderen auf. Elmar Ledergerber, 73, fiel es erst ein, dass er mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen und deshalb von seinem Amt als Zürcher Stadtpräsident zurücktreten möchte, als der Sohn bereits 16 Jahre alt war. Ledergerber erfand dafür den griffigen Slogan «vom Stapi zum Papi» - als ob er die 16 vorhergehenden Jahre kein Kind gehabt hätte. Auch der damalige FDP-Bundesrat Didier Burkhalter, 57, verwies im letzten Sommer im kleinen Kreis auf seine Familie, als er zurücktrat - obwohl seine Kinder bereits erwachsen waren.
Ob sich die fast oder ganz erwachsenen Kinder von Guldimann, Ledergerber und Burkhalter gefreut haben, als ihre Väter unter Verweis auf sie zurücktraten? Das ist leider nicht bekannt. Als ich selbst 16 war, hätte ich mich jedenfalls schön bedankt, wenn mein Vater wegen mir beruflich kürzergetreten wäre. Glücklicherweise war mein Vater oft zu Hause, als ich noch ein Kind war und ihn wirklich brauchte. Mit 16 dann war ich gottenfroh, endlich erstmals mit meinen Freunden und ohne Eltern in die Ferien fahren zu können. Und meinen Vater (sorry, gell!) brauchte ich in diesem Alter eigentlich nur noch fürs Sackgeld.