Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03157.jsonl.gz/1027

Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (20.02.2005)
Vielleicht sollte ich zuallererst anmerken, dass ich kein grosser Fan von Barockopern bin, dass mir diesbezüglich die profunden Kenntnisse fehlen und dass daher meine Eindrücke für andere vielleicht nicht nachvollziehbar sind. Eventuell war ich auch ganz einfach nicht in der richtigen Stimmung, nach einem anstrengenden Arbeitstag, zur Vorstellung hetzend, eine dreieinhalbstündige Premiere zu geniessen. Meine Eindrücke können also von anderen stark divergieren.
Monteverdis "L'Incoronazione di Poppea" wurde vom bewährten Team Nikolaus Harnoncourt und Jürgen Flimm zur Aufführung gebracht, und zwar in einer Einrichtung von Harnoncourt. Offensichtlich gibt es von "Poppea" keine(n) Autographen, sondern nur zwei Manuskripte der Oper und das gedruckte sowie einige handschriftliche Libretti. Bei Harnoncourt wird Nerone von einem Tenor gesungen und nicht wie üblich von einem Counter.
Jürgen Flimm siedelt das zweifellos zeitlose Geschehen in den 70er Jahren an. Er benützt dazu die Drehbühne, welche die vielen Räume einer Villa jeweils ins Zentrum des Geschehens bringt. Allerdings ermüdet dies mit der Zeit, und vielfach ist das Rotieren dramaturgisch auch nicht wirklich nachvollziehbar, der Effekt verpufft. Die Bühne ist ästhetisch, die Personenführung durchdacht, alleine – eine Aussage konnte ich nicht entziffern und einige Dinge blieben mir komplett unerklärlich. Wieso trägt z.B. Ottavia Strapse, ist konstant mit einem Glas in der Hand zu sehen? Sie erscheint eher als Edelnutte denn als Kaiserin. Wenn schon jemand Strapse anziehen müsste, dann doch wohl eher Poppea. Oder will Flimm damit andeuten, dass Ottavia auch mittels ihres Körpers an die Macht gelangte? Ein Perpetuum mobile?
Auch wenn die Handlung im 20. Jahrhundert angesiedelt ist, Kaiserin und Kaiser sind immer noch Staatsoberhäupter, und so sollte man sie auch behandeln. Kein Untertan würde sich wohl erdreisten, im Bett der Kaiserin herumzulümmeln, unangemeldet in Neros Arbeitszimmer zu erscheinen etc. Die ganze Inszenierung ist für mich zu "lieb" und zu lau, die Amoralität des Librettos scheint nie durch, die paar Gags, die das Publikum zum Lachen animierten, sind meine Sache nicht, denn ich mag den heute so beliebten Comedy-Klamauk nicht.
Wenigstens wurde man sängerisch entschädigt. Die kurzfristig für die erkrankte Vesselina Kasarova eingesprungene Juanita Lascarro war eine Augenweide und erledigte ihre Aufgabe bestens. Die Bösartigkeit der Kurtisane, die sich zur Kaiserin emporschläft, konnte sie jedoch nicht vermitteln. Berührend waren die Liebesszenen, aber auch hier fehlte mir das Amoralische. Lascarro verfügt zwar nicht über eine extrem farbenreiche Stimme, vermochte aber durch ihre Interpretation das Publikum für sich einzunehmen. Jonas Kaufmann als Nerone sang differenziert, schön phrasierend, mit lyrischem Schmelz wie auch der nötigen Durchschlagskraft. Zudem ist er ein hinreissender Sängerschauspieler, der aber ebenfalls die wirkliche Bösartigkeit schuldig blieb. Francesca Provvisionato gefiel mit ihrem warmen Mezzo als "arme" verstossene Kaiserin, die so harmlos jedoch auch nicht ist, stiftet sie doch den Ex-Liebhaber Poppeas zum Mord an der Kurtisane an. Dieser Ottone wurde vom Countertenor Franco Fagioli verkörpert. Lag es an der Inszenierung, dass er zu blass blieb? Die Stimme an sich ist angenehm, aber - wie vieles an diesem Abend - etwas langweilig. Der Philosoph, Dichter und Mentor Nerones, Seneca, wurde von Laszlo Polgar hervorragend in Szene gesetzt. In dieser Rolle war er mit seinem warmen Bass als Stoiker bestens am Platz. Speziell zu erwähnen ist die Amme Poppeas, Arnalta, die mit dem Haute-Contre Jean-Paul Fouchécourt sängerisch brillant besetzt war. Schade, dass die Rolle etwas gar "tuntig" angelegt wurde.
Die vielen Nebenrollen waren - wie das bei Zürcher Premieren meist der Fall ist - sehr befriedigend besetzt. Speziell hervorzuheben wären da noch der kleine Junge Amor (Gregory Limburg), der als Drahtzieher fungiert, und die Fortuna von Eva Liebau.
Das Orchester "La Scintilla" traf mit seinen Original-Instrumenten am Premierenabend nicht immer den richtigen Ton, war aber unter Harnoncourt bestens disponiert. Aus den eingangs erwähnten Gründen kann ich mich über die Interpretation von N. Harnoncourt nicht ausführlich äussern.
Ich möchte allerdings den Abend unter "gepflegte Langeweile" verbuchen. Es gab nicht wirklich etwas auszusetzen, aber - nebst einigen wunderschönen Momenten - auch nicht wirklich viel, das einen begeistern konnte. Bezeichnend empfand ich folgende Begebenheit: Beim Heimfahren mit einem Bekannten sagte dieser mir ca.eine halbe Stunde nach Premierenschluss etwas erstaunt: "Du, ich habe die "Poppea" bereits vergessen"... Das ist wohl nicht im Sinne des Erfinders.