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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

VIERZEHNTES BUCH. Das Bild Gottes wird im menschlichen Geiste verwirklicht nicht so sehr durch die Erinnerung, Schau und Liebe eines vergänglichen Gegenstandes oder des Geistes selbst als vielmehr durch die Fähigkeit, sich Gottes zu erinnern, ihn zu schauen und zu lieben.
6. Kapitel. Von der Dreiheit im menschlichen Geiste, der sich selbst im Denken erfaßt
So groß ist jedoch die Kraft des Denkens, daß sich auch der menschliche Geist selbst gewissermaßen nur dann in sein Blickfeld stellt, wenn er an sich denkt. Und so ist nichts im Blickfelde des Geistes, außer man denkt daran, so daß auch der Geist selbst, mit dem man denkt, was immer man denkt, nicht anders in seinem Blickfelde sein kann als dadurch, daß er sich denkt. Wieso er aber, wenn er sich nicht denkt, nicht in seinem Blickfelde ist — er kann doch ohne sich niemals sein —, gleich als wäre etwas anderes er selbst, etwas anderes sein Blick, können wir nicht ausfindig machen. Es ist nicht töricht, so etwas vom Leibesauge zu behaupten. Das Leibesauge ist ja im Leibe an seinen Platz gebunden, sein Blick aber langt nach dem, was draußen ist, und langt aus bis zu den Sternen. Nicht aber ist das Auge [S. 218] in seinem Blickfelde, da es sich ja nur sieht, wenn ihm ein Spiegel vorgehalten wird, worüber wir schon sprachen1 — dies geschieht sicherlich nicht, wenn sich der Geist durch den Gedanken an sich in sein Blickfeld stellt. Sieht also etwa der Geist mit einem Teil von sich einen anderen Teil von sich, wenn er sich im Denken erblickt, wie wir mit den einen unserer Glieder, den Augen, andere unserer Glieder erblicken, welche in unserem Blickfelde sein können? Was könnte Törichteres gesagt oder gemeint werden? Wovon soll sich dam der Geist abkehren, außer von sich selbst? Und wo tritt er in sein Blickfeld, außer vor sich selbst? Also wird er nicht mehr dort sein, wo er war, als er nicht in seinem Blickfelde stand, da er ja hier in seinem Blickfelde steht, von dort sich aber abkehrte? Wenn er aber, um in sein Blickfeld zu kommen, auf Wanderung ging, wo wird er, tun das Sehen zu vollziehen, sich niederlassen? Wird er etwa verdoppelt, so daß er hier und dort ist, das heißt dort, wo er erblickt, und da, wo er erblickt werden kann, so daß er hier in sich blickt, dort erblickbar vor sich steht? Keine solche Auskunft gibt die Wahrheit, die wir befragen. Denn auf diese Weise denken wir nur die eingebildeten Bilder der Körper; so aber ist der Geist nicht, wie es den wenigen Geistern ganz sicher ist, von denen man die Wahrheit hierüber erfragen kann. Demnach bleibt nur übrig: sein Blick ist etwas zu seiner Natur Gehöriges; der Geist wird zu ihr, wenn er sich denkt, nicht gleichsam durch eine örtliche Hinbewegung, sondern durch unkörperliche Hinwendung zurückgerufen; wenn er sich aber nicht denkt, dann ist er zwar nicht in seinem Blickfelde, und sein Auge wird nicht von seiner Natur geformt; aber doch erkennt er sich, da er gleichsam selbst das Gedächtnis an sich ist. Es ist wie mit den vielen Wissensgebieten, die einer kennt. Was er kennt, ist in seinem Gedächtnis enthalten. Hiervon steht etwas vor [S. 219] dem Auge seines Geistes nur, wenn er daran denkt. Das übrige aber ist in einer Art geheimen Wissens verborgen, das Gedächtnis heißt. Demgemäß haben wir eine Dreiheit in dieser Weise aufgezeigt: Jene Wirklichkeit, von der das Auge des Denkenden geformt wird, verlegten wir in das Gedächtnis; die Formung selbst aber ist als das Bild zu verstehen, das sich von daher abprägt, und als drittes Glied muß man den Willen oder die Liebe verstehen, wodurch beide geeint werden. Wenn sich also der Geist durch den Gedanken erblickt, dann sieht er und erkennt er sich. Er zeugt also diese Einsicht und diese Erkenntnis. Ein unkörperlicher Gegenstand wird ja durch Einsicht geschaut und durch geistiges Schauen erkannt. Nicht so freilich zeugt der Geist diese seine Kenntnis, wenn er sich im Denken in geistigem Erkennen schaut, als wäre er sich vorher unbekannt gewesen. Er war sich vielmehr so bekannt, wie die Dinge, welche im Gedächtnis enthalten sind, bekannt sind, auch wenn man nicht daran denkt. Wir sagen ja, der Mensch kenne die schönen Wissenschaften, auch wenn er an andere Dinge, nicht an die schönen Wissenschaften denkt. Diese beiden aber, das Zeugende und das Erzeugte, werden durch die Liebe als drittes geeint — diese ist nichts anderes als der Wille, der etwas zum Genüsse erstrebt oder festhält. Deshalb glaubten wir, auch durch die Bezeichnungen Gedächtnis, Einsicht und Wille auf die Dreiheit des Geistes hinweisen zu sollen.
9. Daß aber der Geist sich seiner immer erinnert, sich immer einsieht und liebt, wenngleich er sich nicht immer von dem, was er nicht ist, gesondert denkt, haben wir gegen Ende eben des zehnten Buches gesagt. So muß man jetzt fragen, wieso die Einsicht zum Denken gehört, die Kenntnis einer Sache hingegen, die der Geist besitzt, auch wenn er nicht an die Sache denkt, bloß zum Gedächtnis gerechnet wird. Wenn dem nämlich so ist, dann hatte der Geist diese drei nicht immer, daß er sich nämlich seiner erinnerte, sich einsah und sich [S. 220] liebte, sondern er erinnerte sich bloß seiner, und erst hernach, als er anfing, sich zu denken, sah er sich ein und liebte er sich.
1: Lib. X c. 5.