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1983
Wichtige Erkenntnisse
Schwulenpresse orientiert
Im September 1983 brachte die Zeitschrift Kontiki auf den ersten Seiten die "AIDS Informationen, herausgegeben von der Arbeitsgruppe AIDS der Berliner Schwulengruppen".1 Darin wurde erklärt, was AIDS bedeutet, was unter "Immunschwäche", "erworben", "Syndrom" zu verstehen sei und wie die Bilder der Krankheit aussehen. Ein Abschnitt hiess "Wann besteht Verdacht auf AIDS und was ist dann zu tun?", ein anderer ging der Frage nach, was zur Verhinderung einer Ansteckung führen könnte. Dabei wurde der Verdacht ausgeräumt, Poppers-Gebrauch sei eine mögliche Ursache. Hinweise auf die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland - düsterer als bei uns - und Aufrufe zur Solidarität mit Betroffenen und zum angstfrei offenen Schwulsein bildeten den Schluss.
Auf vier vollen Seiten informierte die hey-Ausgabe vom Oktober 19832 unter dem Titel "AIDS ins richtige Licht gerückt". Das Vorwort der Redaktion erklärte zunächst für alle Nichtleser der NZZ, warum ein so grosser Bericht im hey (als Nachdruck aus der NZZ) erscheine:
"Die Presse hat in den letzten Monaten soviel über AIDS geschrieben, dass der Leser vielleicht findet, wir könnten es dabei bewenden lassen. Nun haben aber viele Blätter die Sache zur Sensation gemacht und damit unbegründete Angst verbreitet, die in den Vereinigten Staaten nachgerade zur Hysterie angewachsen ist. Wir geben darum hier einen Artikel von Prof. Dr. med. Jean Lindenmann, Zürich, wieder, der das Wesen der Krankheit klar und sachlich darlegt und ihre Bedeutung ins richtige Licht rückt. Er ist unter dem Titel 'AIDS - das Virus, das aus der Wärme kam?' in der Neuen Zürcher Zeitung im Mai dieses Jahres erschienen, hat inzwischen aber nichts von seiner Gültigkeit verloren; einzig die Zahl der Erkrankten ist gestiegen."
Lindenmann:
"Die Wirbeltiere haben im Lauf der Evolution einen wunderbaren Apparat entwickelt, dessen Spezialität es ist, fremden Eindringlingen den Garaus zu machen. [...] Der immunologische Apparat, diffus im ganzen Körper verteilt, [...] umfasst eine beträchtliche Zahl von Zellen, etwa tausend Milliarden weisser Blutzellen, die in ständiger Erneuerung begriffen sind. [...] Wie von so mancher trefflichen Einrichtung merken wir vom Immunsystem erst dann etwas, wenn es versagt. Dann entwickeln die vorher so harmlosen Keime ein beträchtliches krankmachendes Vermögen. Bekannt ist zum Beispiel der Soorpilz, den wir vielfach beherbergen, der aber nur beim Schwerkranken seine unheilverkündende weisse Blüte im Mund entwickelt.
[...] Es leuchtet ein, dass ein Krankheitserreger, dem es gelänge, die immunologische Abwehr auszuschalten, einer grossen Zukunft sicher wäre. Es gibt tatsächlich einige Mikroorganismen, Viren vor allem, die dieses Kunststück ein stückweit fertigbringen. Man vermutet, dass ein solches Virus die Ursache einer [...] Krankheit sein könnte, die man [...] mit AIDS belegt hat. [...]
Homosexuelle Männer, Fixer, Bluterkranke kommen alle mit Blut oder Blutprodukten in Berührung. [...] Das genau gleiche Anfälligkeitsspektrum zeigt eine heute wohlbekannte und beherrschbare Krankheit, die B-Hepatitis. Auch bei der B-Hepatitis gehören männliche Homosexuelle und Fixer zu den meistgefährdeten Gruppen. Man hat daraus abgeleitet, AIDS könnte eine Viruskrankheit sein [...].
[...] Was gehen uns, die wir alle so herrlich normal sind, die Probleme der Homosexuellen an? Einmal hat jeder Kranke Anspruch auf Hilfe, ob uns seine Lebensweise passt oder nicht. Zum andern ist es aber nicht ausgeschlossen, dass der neue Erreger aus dem engen Kreis der Betroffenen ausbricht und neue Opfer sucht.
[...] Man wird bald einmal wissen, ob es sich wirklich um ein Virus handelt, man wird seine Reservoire und Ausbreitungswege kennenlernen und eine Strategie der Bekämpfung entwickeln. [...] Anlass zur Panik besteht also nicht, wohl aber Anlass zum Staunen über den guten Geist des Immunsystems, der (meist) über uns wacht."
Ernst Ostertag, August 2007
Quellenverweise
- 1
Kontiki, Nr. 64, September 1983
- 2
hey, Nr. 10/1983, Seite 6 ff