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"Mayday for Missing Egg"
Frau Dr. Gabi Zaun-Fertel hat Herbert Distel im September 2006 in Wien getroffen und ihn bezüglich einer seiner frühen Arbeiten, dem "Projekt Canaris" befragt.
Dr. Gabi Zaun-Fertel: 1970 haben Sie unter dem Titel "Projekt Canaris" ein international breit wahrgenommenes Kunststoff-Ei den Atlantik von Westafrika nach der Karibik überqueren lassen. Wie ist es dazu gekommen und was waren Ihre Intentionen dabei?
Herbert Distel: Im Rahmen der 1. nationalen Skulpturenausstellung im Sommer 1968 in Vira/Gambarogno habe ich eine schwimmende Plastik - Vira/Gambarogno befindet sich am Lago Maggiore, ziemlich genau gegenüber von Locarno - gezeigt: ein 3 Meter langes weisses Polyester-Ei, das ungefähr 100 Meter vom Ufer des Ortes entfernt, auf dem See liegend, verankert war. Eine schwimmende Skulptur war damals etwas Neues, und das in Form eines Eies natürlich erst recht. Die Plastiken der mitausstellenden Kollegen - Luginbühl, Benazzi, Tinguely, Wiggli u.a. - waren in den engen Gässchen des malerischen Dorfes und auf der Seepromenade präsentiert.
Am Nachmittag der Ausstellungseröffnung kam ein aussergewöhnliches Unwetter auf und über dem See herrschte ein Sturm mit meeresähnlichen Verhältnissen. Kein einziges Schiff war mehr zu sehen. Plötzlich, hat sich das Ei aus seiner Verankerung losgerissen und ist, von den hohen Windgeschwindigkeiten vorangetrieben, mit unglaublichem Tempo auf der Wasseroberfläche davongeflitzt. Seeabwärts, in Richtung Italien. Um grenzüberschreitenden Komplikationen zuvorzukommen, ist die Seepolizei, trotz den selten so gesehenen Wellen, mit einem schweren Polizeiboot ausgerückt; ausgerüstet mit einem grossen Fischernetz, um das Ei vor der italienischen Grenze wieder einzufangen. Das Ei im Netz hinter sich herziehend und unter Applaus des Vernissagepublikums hat das Boot eine Stunde später wieder in Vira/Gambarogno angelegt.
Ein paar Monate später, im Herbst desselben Jahres, wurde das Ei von der Kunsthalle Hamburg im Rahmen der internationalen Ausstellung "Public Eye" gezeigt. Jetzt lag es vor der Kunsthalle, im Zentrum der Hafenstadt, auf der Binnenalster verankert. Ob es die spürbare Nähe des Meeres oder das Renommee des in der City ansässigen Instituts für Angelegenheiten des Atlantiks, das Deutsche Seewetteramt, waren? - ich weiss es nicht, aber plötzlich sah ich in meiner Erinnerung die Bilder des davonflitzenden Eies auf dem Lago Maggiore. Und plötzlich war die Idee da: Ich schicke das Ei über den Atlantik. Noch in Hamburg habe ich erste und interessante diesbezügliche Hinweise erhalten: Von der Westküste Afrikas aus, nördlich des Aequators, herrschen über dem Atlantik äusserst konstante Windströmungen in Richtung Westen, die sog. Nordost-Passatwinde. Auch die Meeresströmungen verlaufen parallel zu diesen Windströmungen.
G.Z-F: Und wie haben Sie dieses Wissen dann umgesetzt? Was mussten Sie alles unternehmen, um im Juni 1970 das Ei im Westen von Afrika tatsächlich zu wassern?
HD: Zurück in der Schweiz habe ich Leute gesucht, die interessiert waren, für dieses Projekt zu arbeiten. Ein junger Filmproduzent, Hans-Peter Walker, hat das Gesamtmanagement übernommen. D.h. Koordinationen, Vorbereitungen, Finanzierung bzw. Suche von Sponsoren usw. Die ganze Produktion eben. Dann gab es noch einen Medienspezialisten für die Kommunikation nach aussen, im Terminus von damals die "Public Relation", und einen Fotografen, der dafür das benötigte Bildmaterial erstellte.
G.Z-F: Arbeiteten diese Leute auf Honorarbasis?
HD: Nachdem die Finanzierung - in Form von Sponsoring - gesichert war, zum Teil ja. Die kleineren Posten. Die grösseren Engagements liefen auf Partizipation, d.h. über einen Verteiler der Einkünfte der Einnahmen, die in erster Linie aus Verkäufen von Bildrechten bestanden haben.
G.Z-F: Und wer waren die Sponsoren, die ein solches Projekt finanziert haben? Damals ein doch ziemlich exotisches Projekt n.b., und das Kultur-Sponsoring war doch noch in den Kinderschuhen.
HD: Ja, das war wirklich alles noch sehr neu. Die Volksbank, eine der vier damaligen schweizerischen Grossbanken, feierte zwei Jahre zuvor irgend ein Jubiläum und hat in diesem Rahmen vier Schweizer 15-minuten Filme finanziert bzw. eben gesponsert. Ich erinnere mich: Zwei der Regisseure waren Yves Yersin und Fredi Murer, Filmer, die dann sehr erfolgreich wurden. Und für den Film von Yersin hat eben H.-P. Walker als Produzent gezeichnet. Unter dem Eindruck dieser Aktion und auch motiviert durch die ebenfalls in dieser Richtung arbeitenden Philip Morris - in der Kunsthalle Bern wurden bestimmte Ausstellungen Harald Szeemanns von diesen gesponsert (1969 "When Attitudes Become Form" u.a.) -, ist die Volksbank relativ zügig zur Entscheidung gelangt, das "Projekt Canaris" zu sponsern. Meines Wissens das erste Sponsoring für ein Künstlerprojekt der bildenden Kunst in der Schweiz. Es gab zudem noch einen Nebensponsor, Certina, also Schweizer Uhren.
G.Z-F: Haben Sie nebst den Sponsoren und den erwähnten Mitarbeitern noch andere Kreise für Ihr Projekt interessieren können?
Edy Brunner, der damals ziemlich aktive und wirblige Zürcher Künstler, hat eine modifizierte Filmkamera in das Ei eingebaut, die die Atlantiqüberquerung durch ein winziges Loch mit je einem Bild pro 20 Minuten Tag und Nacht dokumentieren sollte.
Alles lief gut, einzig mit der ETH Zürich hatten wir etwas Probleme. Diese, von uns gefragt, das Projekt routenberechnend zu begleiten, befand das Ganze als für sie zu wenig wissenschaftlich und hat abgelehnt. Zu viel Kunst - war wohl die Meinung. Ganz anders die Universität Hamburg, an der das Deutsche Seewetteramt angeschlossen ist. Diese waren so etwas wie begeistert und haben in Aussicht gestellt, die Route des Eies, dank der Konstanz der Nordost-Passatwinde, täglich mit ihrem Grossrechner hochzurechnen und uns jeweils zu übermitteln, wo das Ei sich gerade befindet. Für uns eine phantastische Angebot, und wenn man bedenkt, dass zu jener Zeit ein sog. Grossrechner tatsächlich sehr gross, zimmergross war, dann kann man sich vorstellen, wie sehr wir auch beeindruckt waren.
G.Z-F: Sie sagen, Edy Brunner hätte eine Kamera in das Ei eingebaut, aber das Ei war zu diesem Zeitpunkt doch schon fertig und zu, ja schwamm bereits im Tessin und in Hamburg.
HD: Und 1969 auf der Aare im Schwellenmätteli in Bern, anlässlich der Ausstellung "21 Schweizer Künstler" in der Kunsthalle. Nein, das Ei haben wir für die Atlantiküberquerung noch einmal gebaut, und zwar etwas stärker und mit einem für Salzwasser resistenteren Kunststoff, mit Epoxyd-Harz.
Am 10. Juni 1970, 15.00 Ortszeit - auch diesen genauen Zeitpunkt und den genauen Wasserungsort hat Hamburg vorgegeben -, war es dann so weit: Das drei Meter lange weisse Ei wurde westlich von Tazacorte (der westlichste Punkt der Kanarischen Inseln) dem Meer übergeben.
Den Berechnungen entsprechend, verschwand das Ei sehr schnell am westlichen Horizont. Und mit diesen Bildern endet auch ein halbstündiger Film, den Luc Yersin, der Bruder von Yves, als Dokumentarfilm über die ganzen Vorbereitungen bis zu diesem beinahe dramatischen Moment des am Horizont Verschwindens für den WDR und das Schweizer Fernsehen realisiert hat. Die Kamera besorgte übrigens der später sehr berühmt gewordene Renato Berta.
G.Z-F: War das Ihre Intention, eine Kunstaktion zu schaffen, die mit den Naturwissenschaften in direkter Verbindung steht? Gleichsam Kunst und Wissenschaft unter einen Hut zu bringen?
HD: Nein, das lag nicht in meiner Absicht, das hat sich sozusagen als "Nebenprodukt" beinahe ein bisschen so ergeben. Mich interessierte vielmehr der Versuch, ein Kunstereignis nicht mehr über die klassischen Kanäle Museum, Kunsthalle oder Galerie zu verbreiten, sondern das Publikum fast ausschliesslich nur noch über die gedruckten Massenmedien, das Radio und das Fernsehen zu erreichen. Zu berichten über ein Ereignis, das realiter zwar stattfand - oder allen-falls auch nicht -, das aber nur noch virtuell erfahrbar wurde. Deshalb war der Medienspezialist im Team ja auch so wichtig. Es war ein bisschen wie bei der Mondlandung, die ja, ausser von den Astronauten, auch von niemandem 1:1 erlebt wurde, und deren Wirklichkeit aus dem Umfeld von und als Hommage an Stanley Kubrick mit dem wunderbaren Film "Kubrick, Nixon und der Mann im Mond" von William Karel sehr ironisch in Frage gestellt wurde.
Wie auch immer, nach den in Hamburg erstellten sogenannten Zugbahnen sollte das Ei nach drei Monaten im karibischen Raum ankommen. Um die Werte der Realität mit denen der Theorie vergleichen zu können, wurden ab dem 10. Juni laufend sog. gekoppelte Positionen errechnet. Ein über dem Atlantik stehender Wettersatellit übermittelte die Daten des Wetters im Allgemeinen und die Abweichungen der Windrichtungen im Speziellen nach Hamburg; diese Daten wurden auf den schwimmenden Körper, das Ei, übertragen. In der Folge wurde alsbald klar ersichtlich, dass die beiden Zugbahnen wesentlich voneinander abwichen; die Daten der gekoppelten Positionen ergaben eine Zugbahn mit Landeplatz im Norden von Kuba.
G.Z-F. Und dort ist es gelandet?
HD: Nun, das war vorerst mal gar nicht so einfach herauszufinden. Wir konnten nicht einfach schnell nach Kuba, um nachzusehen. Wie Sie vermutlich wissen, repräsentiert die Schweiz auf diplomatischer Ebene die gegenseitigen Interessen der USA und Kuba, die seit Jahrzehnten offiziell nicht mehr miteinander reden. Dank diesem Umstand war es möglich, dass der damalige Schweizer Botschafter in Washington sich mit der Bitte an die Kubaner gewendet hat, das von Hamburg bezeichnete Gebiet nach dem Ei abzusuchen.
Im Oktober 1970 haben wir dann von den kubanischen Behörden, von hohen Stellen aus Castros Umgebung, via Botschaft in Washington tatsächlich ein Telegramm erhalten, in dem mitgeteilt wurde, dass das bestimmte Gebiet im Norden Kubas mit drei Helikoptern überflogen worden sei. Kommentar: "no egg".
Damit haben wir "die Nadel im Heuhaufen" verloren, d.h. das Ei konnte jetzt irgendwo sein.
G.Z-F: Und damit ging das Projekt Canaris zu Ende?
HD: Ja, es sah ganz danach aus. Im November erschien auf der Titelseite der Sunday Times ein grosses Bild des Eies auf dem Meer - sozusagen das Verabschiedungsbild bei Tazacorte - und darüber stand in fetten Lettern: "Mayday for Missing Egg". Das war für uns überraschend, wir hatten mit nichts mehr gerechnet. Der Aufruf dieser international weit distribuierten Zeitung hatte ein Wiederaufflammen des Interesses am Projekt Canaris zur Folge; "der blaue Wimpel" beispielsweise, die Bordzeitschrift aller holländischen Hochseeschiffe, veröffentlichte davon ausgehend einen fünfseitigen, bebilderten Bericht über das Projekt. Und genau diesen las der Kapitän des holländischen Oelfrachters "Theron", der von Paramaribo nach Houston/Texas unterwegs war. Und dieser Kapitän war es, der kurz nach der Lektüre, seinen Augen nicht trauend, das Ei auf der Wasseroberfläche entdeckte. Die genaue geografische Position, Uhrzeit, Windgeschwindigkeiten und Wassertemperatur übermittelte er per Funk in seinen Heimathafen nach Rotterdam; bald darauf knatterte unser Telex mit der Meldung:
Ei gesichtet am 6. Dezember 1970, 17.50 gmt, ca. 100 km östlich vor der Insel Trinidad.
Position: 10 Grad 22' Nord 60 Grad 00' West.
Bei uns herrschte absolute Hochstimmung, das Projekt war geglückt, das Ei hat den Atlantik überquert!
Trotz einer Meldung in der mittelamerikanischen Presse konnte das Ei nicht mehr abgefangen werden. Sturmartige Winde haben es an die Nordküste von Trinidad getrieben, wo es an den Felsen zerbarst. Die "Trinidad and Tobago Coast Guard" hat es am 24. Februar 1971 gefunden, sich über eine 20 Meter hohe Felswand abgeseilt und es fotografisch dokumentiert. Auf den Bildern ist ein stark beschädigtes Ei zu sehen, aufgebrochen, als ob kurz zuvor ein Riesenvogel daraus geschlüpft wäre. Diese Bilder mit einem genauen Lagebericht und die im Ei montierte Kamera mit dem Film hat uns die Küstenwache wenig später in die Schweiz geschickt.
G.Z-F: Sind die Filmbilder ausgewertet worden? Was war darauf zu sehen? Oder sind sie vom eingebrochenen Salzwasser zerstört worden?
HD: Das Salzwasser hat nur die Farben ziemlich ausgewaschen, die Farbe Grün hingegen blieb resistent. Ueber tausende von Bildern sind Meer und Himmel zu erkennen; sie geben Aufschluss über die herrschenden Wetterverhältnisse, Wolkengebilde und Wellengang lassen sich von Bild zu Bild verfolgen. Edy Brunner hat später mit diesem Material ein sehr grosses Bild realisiert, so wie er damals mit vergleichbaren Materialien arbeitete.
G.Z-F: Wenn ich also richtig verstehe, hat sich mit Landegebiet Trinidad die Zugbahn der gekoppelten Positionen als falsch erwiesen, jene der theoretisch vorausberechneten jedoch als sehr genau. Dies festzustellen, dürfte für das Deutsche Seewetteramt nicht uninteressant gewesen sein. Haben sie noch andere Erkenntnisse aus diesem Projekt ziehen können?
HD: Ja tatsächlich, diese grosse Abweichung der beiden Zugbahnen war für das Seewetteramt in Hamburg sehr überraschend. Was sie daraus für Schlüsse gezogen haben, ist mir allerdings nicht bekannt. Und wie gesagt, ein wesentlicher Bestandteil des Projekts war die Beteiligung der Massenmedien. Weit über tausend Zeitungsartikel haben weltweit in Wort und Bild über das Unterfangen berichtet - ein Ausschnitt davon befindet sich als Dokument im Kunstmuseum Bern. Grosse Agenturen wie upi, ap, dpa, europapress etc. haben ihre "news" an die Zeitungen weitergeleitet, und Radio- und Fernsehstationen verschiedenster Länder haben ihre Bulletins ausgestrahlt. Auf diese Weise wurde ein Publikum erreicht, das nicht mehr ausschliesslich ein sog. Kunst-Publikum war. Das Spektrum der unterschiedlichen Interessen für die Sache war gross: Technik, Abenteuer, Geografie, Kunst und Spekulationen verschiedenster Färbungen. Eines aber blieb für die allermeisten bestehen: ein Fragezeichen. Und damit, bewusst oder unbewusst, war es auch immer eine Beschäftigung mit einer Form von Kunst. So schrieb eine Frau aus Hamburg:
" ...ich habe die modernen Künstler nie richtig verstanden, aber Ihr Ei hat mir für vieles die Augen geöffnet. Ich glaube, Künstler ahnen etwas, wozu die Wissenschaft nur mühsam gelangt. Und in den Menschen, in denen nicht ein kleiner Funke dieses Ahnens steckt, wird das Verständnis nicht erwachen und sie lachen über das Ei und schütteln die Köpfe!!
Ich danke Ihnen für das Ei.
Ich bin eine normale Hausfrau, 50 Jahre alt."
G.Z-F: Ein grosses Kompliment an das Ei! - Sie erwähnten es bereits: Verschiedene Dokumente und einiges Bildmaterial sind vom Projekt Canaris übrig geblieben und in Museen deponiert. Gibt es davon sonst noch irgend eine Reminiszenz?
HD: Ja, ein Denkmal. Ueblicherweise werden Denkmäler ja erst eine gewisse Zeit nach dem zu bedenkenden oder zu erinnernden Ereignis errichtet. Dies ironisierend, habe ich im Herbst 1970, also während das Canaris-Ei noch auf dem Atlantik Richtung Amerika zog, ein gleiches Ei, 3 Meter lang, aus Gotthard-Granit in einem Tessiner Steinbruch herstellen lassen und mit "Findling - Denkmal Canaris" betitelt. Dieses 22 Tonnen schwere Stück hat der Kanton Solothurn dann gekauft und an der Autobahn, vor dem Belchentunnel Richtung Basel, also auf der Nord-süd-Achse der Schweiz, hingelegt. Drei Jahrzehnte lag es dort, Millionen haben es im Auto passiert, nur relativ wenige aber bewusst wahrgenommen. 2003 ist das Denkmal sozusagen in seinen Ruhestand überführt worden, als Dauerleihgabe des Kanton Solothurns in den öffentlichen und wunderschönen Skulpturengarten von Daniel Spoerri in der Toskana - Seggiano heisst der Ort.
G-Z-F: Herbert Distel, ich bedanke mich für dieses Gespräch.