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Fossilien der Zukunft:
Wie werden wir möglicher Weise in ferner Zukunft leben, wie verändert sich unser Verhältnis im Zeitalter der heranschreitenden Digitalisierung, wie verändert sich unser Verhältnis zum Tod wenn es immer mehr von uns Menschenkindern gibt und werden neue Technologien unsere Bildung verändern? All diese Fragen und mehr werden in dem Projekt Fossilien der Zukunft thematisiert und materialisieren sich in folgenden Fundstücken:
Mauerfragment der Human Archive’s Library of Human Memory and Experience:
Fundort: Paris, Frankreich
Datiert: errichtet 2090-2094, zerstört 2149 AD
Das Human Archive, errichtet durch die Vereinigten Nationen von Chimerica, beherbergte die persönlichen Einträge von Individuen aus den damals sogenannten «Social Media» Plattformen. Chimerica investierte mehr als 4 Milliarden für das bis dahin grösste Archivprojekt in der Geschichte der Menschheit. Aufzeichnungen, von Bankauszügen bis hin zu digitalen Briefwechsel wurden durch ein Heer von über tausend Semiroboterbibliothekaren gesammelt und katalogisiert. Die Bibliothek galt am Ende des 21.Jahrhunderts als architektonische Glanzleistung und stand im Zentrum von Paris bis zu ihrer Zerstörung während eines Anschlages der European Resistance Army (EURA) vom 17. – 20. November 2149.
In der Bibliothek waren der Öffentlichkeit alle privaten digitalen und analogen Dokumente und Artefakte zugänglich und einsehbar. Privatsphäre wurde in diesem Sinne obsolet und permanente Überwachung wurde Teil der Alltagskultur. Das Archiv und dessen Quellendokumente waren eine Inspiration für viele Schriftsteller des 22. Jahrhunderts, dienten aber Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu Zwecken der Recherche.
Harddrive Zitronenbombe vom European Resistance Anschlag auf das Human Archive auf dem Cloud Campus:
Fundort: Rambouillet, France
Datiert: errichtet 2090-2094, zerstört 2149 AD
Das Human Archive war ein Meisterstück der Informationswissenschaft und der Cloud Campus in Rambouillet, unweit von Paris, war deren Zentrum. Nur wenig bleibt davon vorhanden nach den gleichzeitig stattfindenden Anschlägen der European Resistance Army (EURA) auf den Cloud Campus in Rambouillet und die Bibliothek in Paris. Die EURA plante die 4 Tage andauernden Anschläge bis zu 7 Jahren im Voraus. Eine der Waffen, die während des Bombardements verwendet wurden, ist die sogenannte Harddrive Zitrone, eine granaten-artige chemische Waffe welche zur Zerstörung von Computerdaten verwendet wurde.
Stimulus Gloves:
Fundort: Wien, Österreich
Datiert: 2054
Zeitgenossen im Jahre 2054 erlebten eine noch nie dagewesene Geschwindigkeit, wie Wissen zwischen Individuen ausgetauscht werden konnte. Durch Gebrauch von damals neuartigen Gehirndatenübertragungsgeräten brauchten die Menschen fortan nicht länger als zwei Tage, um ein Musikinstrument zu beherrschen oder eine Handfertigkeit zu erlernen.
In der Nähe, wo Mozart „Figaros Hochzeit“ zum ersten Mal aufführte, wurde dieses Fossil gefunden. Das Fossil ist vermutlich ein Lerninstrument, welches die Fähigkeit ein Musikinstrument zu spielen auf den Menschen in wenigen Minuten übertragen kann. Der Stimulationshandschuh funktionierte indem er die Bewegungen und Sinnesempfindungen der Hände eines Experten im Handschuhgewebe abspeicherte und diese Informationen automatisch an die Hände des Lernenden weiterleitete. Dieser Lernprozess ermöglichte einen fundierten Wissensaufbau und wurde dadurch als wertvoller eingestuft als die Erinnerungssammlungen herkömmlicher Datenbanken. Stimulus Gloves wurde im Lauf der Zeit vermehrt zur Frühförderung von Kleinkindern eingesetzt. Durch ihre damals horrenden Entwicklungskosten und die hochkomplexe Technologie waren die Handschuhe nur eine finanzstarken Elite zugänglich.
House of Generations:
Fundort: Chengdu, China
Datiert: ca. 2103
Frühzeitliche Beispiele für zentralchinesische QR-Code-Wohnungs-Wappen um ca. 2103.
Ungefähr 115 Jahre nach der Einführung der Ein-Kind-Politik, vermutlich im Jahre 2095, erliess die Chinesische Zentralregierung das Gesetz der Top 10 Wohngemeinschaften. Soweit aus den Überlieferungen bekannt ist, wurde beschlossen, dass sich fortan jeweils 2 Senioren, 2 Erwachsene, 2 Kinder, 2 Haustiere und 2 Roboter einen Haushalt miteinander teilen müssen. Sinologen bestätigten, dass dadurch wahrscheinlich die althergebrachten Familienstrukturen aufgebrochen und die Loyalität zum Staat gestärkt werden sollte. Das damals neuartige Konzept sah vor, dass Senioren bis zum Ableben aktiv bleiben, ihre Lebenserfahrung weitergeben und im Gegenzug von jugendlicher Energie profitierten. Die jüngere Generation konnte sich auf ihre Bildung konzentrieren, ohne den Nachwuchs zu vernachlässigen. Kinder wurden vorwiegend von den Senioren beaufsichtigt. Vermutlich war zudem jeder Generationenhaushalt verpflichtet, sich um zwei Haustiere zu kümmern sowie zwei Roboter für niedere Tätigkeiten in das häusliche Leben zu integrieren. Als sicher gilt, dass jede zwangsverordnete Wohngemeinschaft ein QR-Code Wappen zugewiesen bekam, das zur Identifikation aller Bewohner diente.
Memorial Button:
Fundort: New York, USA
Datiert: ca. 2048
Überreste sogenannter Memorial Buttons, datiert auf ca. 2048. In neusten Ausgrabungen vom nordwest-atlantischen Meeresgrund wurden sie an Hausfassaden, Gehwegen und Strassen des 2064 versunkenen New Yorker Stadtteils Manhattan gefunden. Forscher gehen davon aus, dass Friedhöfe zu dieser Zeit aufgrund des akuten Platzmangels neuen Wohnquartieren weichen mussten. Religiöse Zeremonien wie die klassische Bestattung verloren an Bedeutung. Vermutlich sehnte sich die Gesellschaft dennoch nach neuen Ritualen für die Auseinandersetzung mit den Toten. Ab ca. 2048 werden Memorial Buttons erstmalig erwähnt. Sie bestanden vorwiegend aus geschliffenen Diamanten, die aus der Asche der Verstorbenen gefertigt wurde, der drastische Wertverlust von Diamanten (2045 -2046 )wird in Zusammenhang mit diesem damals neuen Ritual vermutet .
Die Funktion des Memorial Buttons ist nahezu sicher überliefert: Angehörige und Passanten konnten ihn betätigen, um sich ein Hologramm des Toten und dessen wichtigsten Lebensmomente anzeigen zu lassen. Nach erhaltenen Zeitdokumenten zu urteilen wurde im selben Zeitraum einen neue Version des christlichen Volksfests Allerheiligen etabliert . Bei diesem Fest wurden eine Nacht lang alle Hologramme gleichzeitig erleuchtet.
Microbarium:
Fundort: Mailand, Italien
Datiert: 2078
Das Mikrobarium war ein biologisches Labor, welches zur Herstellung von Bekleidung diente und früher in Haushalten des Mittelstands zu finden war. Vermutlich wurde es als Nachfolger der 3D- Druck Technologie entwickelt, um dem massiven Rohstoffverbrauch der damaligen Do-It-Yourself Generation entgegenzuwirken. Bei dem Do-It-Yourself-Prinzip stand das selber machen im Vordergrund, mit dem Ziel, etwas zu reparieren oder nach den eigenen Geschmacksvorstellungen zu produzieren.
Ein Mikrobarium bestand aus einem Glasgefäss und enthielt eine Passform, gefertigt nach den persönlichen Körpermassen des Besitzers. Das Kernstück bildeten unterschiedliche Arten von gezüchteten Makro-Mikroben, die als Erzeuger von Rohstoffen fungierten.
Diese Mikroben produzierten um die Passform herum ein Textil, welche als Second Skin- Bekleidung bekannt war. Die sogenannte Second Skin war ein Vorreiter der heute noch bekannten und verwendeten Life-Shell und versorgte die Haut des Trägers mit Feuchtigkeit, Nährstoffen und schützte bereits damals vor vorzeitigem Altern.
Memory Drones:
Fundort: Seoul, Südkorea
Datiert: 2038
Späte Exemplare der Memory-Drones, welche sich ungefähr auf das Jahr 2038 zurückdatieren lassen.
Nach der Einführung des DFD (Drone Free Day) im Jahre 2057, verschwanden die Memory Drones allmählich. Eine Erklärung für deren Verschwinden ist, dass die Bevölkerung sich zunehmend durch den Drohnenverkehr gestört fühlte. Gemäss einer anderen Erklärung wurden die Drohnen unbeliebter wegen der digitalen Hacking-Attacken und Kontrollüberwachungen der Regierungen und Versicherungsfirmen.
Dr. Prof. George Miguel (2010-2110), einer der letzten Spezialisten im Bereich der Anthropologie von Populären Drohnen erklärt, dass Memory Drohnen ursprünglich entwickelt wurden, um Aufnahmen von Alltagssituationen zu machen. Alle diese Bilder wurden als Data-Memory gespeichert, nicht nur als Erinnerungen für spätere Jahre, sondern auch um der Demenzerkrankung bereits zu einem frühen Zeitpunkt entgegenzuwirken. Erste Drohnen kamen ungefähr im Jahre 2014 auf, vermutlich als Reiseapparaturen. Durch die Forschungen und Entwicklungen einer Südkoreanischen Technologiefirma namens MEMO MINDS (gegründet durch Ging Hu Pi, 2014-2123), wurden sie während der folgenden 20 Jahre mehr und mehr fester Bestandteil des Alltags.
Touch-Sticks:
Fundort: Helsinki, Finnland
Datiert: ca. 2047
Frühzeitliche Exemplare der sogenannten Touch-Sticks aus der Zeit des Spätkapitalismus (2010-2060) um ca. 2047. Nachdem Food-Pillen herkömmliche Nahrung vollständig ersetzt hatten, ist das Werkzeug zur Aufnahmen von organischen Lebensmittel (veraltetet: Besteck), zum ersten Mal in der Geschichte der westlichen Zivilisation überflüssig geworden. Erstmalig wurden kapazitive Oberflächen für die Nahrungsaufnahme eingeführt. Man vermutet, dass dadurch die Tätigkeit des ursprünglichen Essrituals imitiert werden sollte. Die Entwicklung der Touch-Sticks geht wahrscheinlich auf ein Forscherteam aus dem Silicon Valley III (2025-2051) im südfinnischen Helsinki zurück. Die serielle Fertigung trug massgeblich dazu bei, dass Ernährungswissenschaftler weltweit ab ca. 2050 vom Silent Food Zeitalter sprachen, das auf die Fast, Slow und Functional Food Generationen folgte. In dieser Ausgrabung wurden zwei verschiedene frühzeitliche Exemplare gefunden: standardisierte Home-Sticks (Kunststoff),die wahrscheinlich für den alltäglichen Gebrauch entwickelt worden sind, sowie eine hochwertige Variante (Lightweight Sterling Silber) für sogenannte Pill-Bars und Restaurants.
Intuitionsverstärker:
Fundort: Zürich, Schweiz
Datiert: 2148
Die Prototypen des Intuitionsverstärkers stammen aus einem der unterirdischen Labors, welche bei Ausgrabungen in der Nähe der Ruine des einstigen Hochschulcampus Toni-Areal gefunden wurden. Dort arbeiteten Forscher an der Entwicklung eines Messgerätes, welches mittels Sensoren die Wellen des sogenannten Bauchgefühls aufzeichnen sollten. Bei dem Bauchgefühl handelt es sich angeblich um eine frühe Form der menschlichen Entscheidungsfindung. Aus den beiliegenden Forschungsunterlagen geht hervor, dass diese Sensation “Intuition” genannt wurde.
Der Hauptsensor des Intuitionsverstärkers sollte direkt in den menschlichen Bauchnabel platziert werden, um die Gefühlswellen zu messen und ins Bewusstsein des Trägers zu übertragen. Die tentakelartigen Transistoren agierten als Signalverstärker.
Die Forscher hatten mit dieser Technologie keinen Erfolg, da die Quote der Fehlentscheidungen zu hoch war. Der Intuitionsverstärker konnte sich nicht neben Daten-Dienstleistungen und intelligenten Algorithmen als Entscheidungsträger behaupten und blieb ein Laborexperiment.