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Zibele und Bölle
Alljährlich am vierten Montag im November findet in Bern der „Zibelemärit" statt, weshalb wir unsere heutige Wortgeschichte der Küchenzwiebel widmen.
Dialektal ist die Deutschschweiz ziemlich genau zweigeteilt: In der westlichen Hälfte sagt man Zibele (Ziibele, Zübele, Züübele), in der östlichen Hälfte Bölle (Böle, Büle, Bülle, Belle). Das Westwort Zibele kam – vielleicht über die Klostersprache – aus dem Süden in die Schweiz; Grundlage ist spätlateinisch cepulla bzw. eine altromanische Dialektvariante cebulla, wobei sich die romanische Betonung auf der zweiten Silbe in eine germanische auf der ersten Silbe verwandelt hat: cebúlla > cébulla > Zíbele.
Die Herkunft des Ostwortes Bölle ist nicht so klar. Nach der einen These liegt ebenfalls spätlateinisch cepulla oder wohl eher schon – über den Italienhandel in die östliche Deutschschweiz gelangt – italienisch cipolla zugrunde. Die Entlehnung hätte dabei zu einem späteren Zeitpunkt als im Fall des Westwortes stattgefunden, da die Betonung auf der ursprünglichen Silbe geblieben und infolge dessen die unbetonte erste Silbe abgestossen worden wäre: cebúlla bzw. cipólla > Bolle; die Umlautung > Bölle dürfte ursprünglich nur dem Plural zugekommen sein, da die Küchenzwiebel fast immer in der Mehrzahl genannt wird. Nach einer andern These ist der/die Bölle auf mittelhochdeutsch/frühneuhochdeutsch bolle ‘runder Gegenstand’ zurückzuführen; für die Umlautung > Bölle gälte gleichfalls Herkunft aus der Mehrzahl. Wie auch immer: Offensichtlich ist der/die erstmals 1490 in St. Gallen bezeugte Bölle eine Neuerung des Spätmittelalters, denn sein/ihr Vorkommensgebiet in der östlichen Hälfte der Deutschschweiz (einschliesslich der aus dem Wallis eingewanderten Bündner Walser!) und im vorarlbergischen Walgau wird nach Westen (Wallis, Bern, Freiburg, Solothurn, Basel, Luzern, Aargau), nach Norden (Südbaden) und nach Osten (Vorarlberg) von der Zibele begrenzt – womit Bölle wie ein Fremdkörper in diesem internationalen Zibele-Gebiet liegt.
Heute stehen Zibele und Bölle in der Nord- und Ostschweiz unter starker Konkurrenz der aus der Schriftsprache entlehnten Zwible. Auch diese stammt von der spätlateinischen cepulla bzw. der altromanisch-dialektalen cebulla ab, hat aber ebenfalls ihre Sondergeschichte: Althochdeutsch zwibolla ist, inspiriert von der Vielhäutigkeit der Zwiebel, eine Umdeutung des lateinischen Wortes zu einem „zweifachen Knollen“ (zwi + bolla).
Zu guter Letzt: In welchem Zusammenhang Böl(l)e ‘Zwiebel’ und das offenbar zuerst zürcherische Böle ‘Spielball’ stehen, ist unklar. Als das Wort um 1900 herum im Idiotikon abgehandelt wurde, war letztere Bedeutung noch unbekannt. Es fällt jedenfalls auf, dass nach 1950, als in Zürich Böle ‘Zwiebel’ zunehmend von Zwible verdrängt wurde und veraltete, die gemeinschweizerdeutsche Balle ‘Spielball’ ihrerseits durch einen neuzürcherischen Böle ersetzt wurde. Fast scheint es, als hätten wir es hier mit einer „Seelenwanderung der Wörter“ zu tun...
(25. November 2013, CL)