Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/600

Am 9. September 1990 erreichte Takeyasu Minamiura den 6239 Meter hohen Gipfel des Trango Tower, eines der höchsten frei stehenden Felstürme der Erde. Insgesamt 40 Tage lang hatte er sich in totaler Isolation, Kälte, Sturm und dünner Luft senkrecht nach oben zum Endpunkt gekämpft. Eine der grössten «Big Wall»-Solotouren aller Zeiten war geschafft, doch dies genügte dem einsamen Samurai nicht; er plante, mit dem Gleitschirm zum 2000 Meter tiefer liegenden Gletscher hinunterzufliegen. Zunächst warf er seine gesamte Ausrüstung an einem Fallschirm ab, dies misslang, weil sich der Schirm nicht öffnete.
Minamiura legte nun seinen Gleitschirm am Gipfel aus, wartete auf günstigen Aufwind und sprang. Doch sofort berührte der Schirm wegen einer Windböe den Fels, kollabierte, und Minamiura stürzte die Trango-Südwand hinunter. Nach 45 Meter Fall verfing sich der Schirm an einem Felsvorsprung, Minamiura hing an verwickelten Schnüren über dem Abgrund. Er orientierte per Funk seine japanischen Freunde, die gerade eine andere 24-tägige Klettertour beendet hatten, er habe einen Unfall gehabt, und bat um einen Helikopter.
Am nächsten Morgen band er sich von den Gleitschirmleinen los und kletterte auf eine schmale Leiste, die für die nächsten sechs Tage sein Zuhause war. Zwei Tage später flog ein Spezialhelikopter auf 6000 Meter, ortete den winkenden Japaner, konnte jedoch wegen der starken Winde nicht landen. Der Pilot funkte an Minamiura, eine Helikopterrettung sei unmöglich.
Mein Freund Gert Judmaier erlitt im September 1970 auf 5200 Meter Höhe am Mount Kenia wegen eines ausbrechenden Felsbrockens eine offene Unterschenkelfraktur. Der Rest des Schienbeins ragte aus der zerrissenen Hose, die Möglichkeit einer Rettung bestand damals nicht. Gert sagte mir, dass er hier sterben werde, bis dahin sei aber noch etwas Zeit. Es gelang mir, allein vom Berg abzusteigen, eine Rettung zu organisieren und nach zwei Tagen wieder zu meinem Freund zu klettern, der zu meinem grossen Erstaunen noch lebte. Insgesamt sieben Tage nach dem Absturz konnte Gert entgegen jeder Wahrscheinlichkeit gerettet werden.
Minamiura, ohne Nahrung und Wasser, versuchte auch weiterzuleben; sterben, dachte er, könnte er jederzeit. Alles, was er zu tun hatte, war, vorwärts zu lehnen. Solange wie irgend möglich wollte er auf Rettung durch seine Freunde warten, und falls sie ihn doch nicht erreichten, würde er mit dem Reservefallschirm abspringen. Er wusste, dass die Erfolgsaussichten mit dem kleinen Schirm inexistent waren.
Am 12. September warf der Helikopter Nahrung und Erste-Hilfe-Material ab, Minamiura konnte jedoch nichts davon auffangen. Während des Tages wärmte ihn die Sonne, und er schlief; in der Nacht massierte er seine Füsse, um Erfrierungen vorzubeugen, schliesslich wollte er wieder klettern, falls er überlebte. Und wenn ihn der Hunger zu sehr plagte, so sprach er mit seinem Freund im Base-Camp über das Essen, das sie nach ihrer Rückkehr nach Japan verschlingen würden. Zwei Tage später wurde wieder Essen abgeworfen, eine Dose Käse erreichte Minamiura. Als er sie öffnete, sah er über sich seine Freunde Hoshina und Kimoto, die den Berg auf einer anderen schwierigen Route erklettert hatten, um ihm zu helfen. Zwei Tage später waren die drei zurück auf dem sicheren Boden.
Manchmal kommt ein Deus ex Machina, dies ist auch mir bei der Rettung von Gert Judmaier passiert, als wir den Sterbenden mit Hilfe von drei britischen Freunden schon ein gutes Stück abtransportiert hatten, an einem langen Gratstück jedoch zu scheitern drohten. Aus dem Nebel unter mir tauchte plötzlich gänzlich unerwartet ein starker Mann auf, einer unserer Freunde, die nach Afrika gekommen waren, um uns zu helfen, löste jegliche Transportprobleme, und ein paar Stunden später war der Schwerverletzte am Fuss des Berges.
Rettende Götter gab es im antiken Schauspiel und gibt es auch heute. Damit sie wirken können, dürfen wir in scheinbar aussichtsloser Lage einfach nicht aufgeben. Das haben Minamiura und Judmaier getan, und an das sollten wir uns erinnern, wenn wir manchmal kleinmütig meinen, es gehe nun nicht mehr weiter.
Prof. Dr. med. Oswald Oelz ist Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich und Extrembergsteiger