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US-Rezessionen dauern im Durchschnitt etwa 14 Monate. Die Aktienmärkte erreichen durchschnittlich nach 8 Monaten ihr Rezessionstief. Das letzte Quartal 2007 war ein Quartal mit Minuswachstum. Wir halten es für wahrscheinlich, dass das Datum des Beginns der aktuellen Rezession auf November oder Dezember 2007 festgesetzt werden wird. Das bedeutet, dass die aktuelle Rezession fast 12 Monate alt ist. Somit wird sie bald die durchschnittliche Rezessionsdauer übertroffen haben.
Angesichts des Umstands, dass die Realwirtschaft erst jetzt verschärft die Einflüsse der Kreditkrise zu spüren bekommt, gehen wir davon aus, dass diese Rezession überdurch-schnittlich lang geraten wird. Solche Überlängen gab es beispielsweise in den Jahren 1973/74, 1981/82 oder 1920/21. Diese Rezessionen dauerten zwischen 16 und 18 Monaten. Nachfolgend stellen wir den Ablauf dieser Rezessionen an den Aktienmärkten dar und fügen den aktuellen Verlauf hinzu.
Danach befinden sich die Aktienmärkte in einer Phase, die einen letzten Schub nach unten bringt (Kapitulationsphase). 1920/21 erfolgte das finale Tief später (siehe schwarzen Pfeil) als in den beiden anderen Fällen. Doch auch hier bedeutete der Zeitpunkt, an dem es in 1973/74 und 1981/82 zu einem Tiefpunkt kam (rote Pfeile), ein für Monate gültiges Zwischentief.
Man sollte hinzufügen, dass die überlange Rezession von August 1929 bis März 1933 („Große Depression“) hier nicht berücksichtigt wurde. Diese dauerte dreieinhalb Jahre, brachte Armut und Hungersnöte sowie eine Arbeitslosenquote von mehr als 25 Prozent.
Gestern überraschten die Erstanträge auf US-Arbeitslosenversicherung mit knapp 500.000 die Konsensschätzungen negativ. Auf dem Chart ist zu erkennen, dass die Niveaus der beiden letzten Rezessionen fast erreicht worden sind.
Zu den Rezessionen von 1973/74 und 1981/82 besteht hingegen noch Luft. Erfahrungs-gemäß verschlechtert sich die Arbeitsmarktstatistik bis in den letzten Monat einer Rezes-sion hinein, das wäre bis weit ins kommende Jahr. Geht man von einer Rezessionsdauer von 16 bis 18 Monaten aus, so würde dies ein Anwachsen der Arbeitslosenzahlen bis zum Sommer 2009 bedeuten.
Herkunft und Fortgang dieser Rezession lassen sich gut anhand der Hochpunkte diverser Märkte beschreiben. Zunächst toppten die Hausbauer (Juli 2005), dann die Banken und der US-Einzelhandelsindex (Februar 2007), dann der breite Markt (Oktober 2007), dann die Versorger (Dezember 2007) und dann der Energiesektor (Mai 2008). Die Techno-logie-Werte (Nasdaq 100) kamen im Juni 2008 fast noch einmal an ihre Hochs aus dem Jahr 2007 heran, bevor auch sie deutlich nachgaben. Der Transport-Index erzielte im Juni 2008 sogar noch ein neues Allzeithoch, aber auch das ist passé.
Wir haben es mit einer roulierenden Rezession zu tun. Die Sektoren, die anfangs schwach waren, zeigen bereits wieder relative Stärke und positive Divergenzen. Während der breite Markt nahe seinem Jahrestief notiert, befindet sich der US-Hausbau-Index ein gutes Stück über seinem Tief aus dem Juli 2008. Das gleiche gilt für den US-Banken- und US-Einzelhandelsindex. Die Versorger und der Energiesektor befinden sich in freiem Fall, genauso wie die Techwerte, die Transporttitel und jetzt auch die Nebenwerte (Russell 2000). Das, was sich bis zuletzt noch gut hielt, agiert jetzt besonders schwach.
An der obigen Ablaufbeschreibung ist gut erkennbar, dass die Sektor-Rotation in diesem Bärenmarkt bereits weit fortgeschritten ist. Es existiert kein bedeutender Sektor mehr, der sich weiterhin dem Bärenmarkt verweigert. Das heißt aber gleichzeitig, dass der Schlussakt des Bärenmarktes bereits im vergangenen Monat begonnen hat. Die aktuelle Phase ist eine Endphase, eine Kapitulationsphase. So hässlich sich die aktuelle Phase auch ausnimmt: Der Bär kann mit seiner Tatze nicht mehr alle Sektoren mit gleicher Wucht erreichen. Während er die Rohstoffwerte kurz und klein schlägt, befinden sich die Hausbauer und auch die Banken bereits ein Stück außerhalb der Reichweite der Bärenpranken. US-Investoren, die am 15. Juli in den US-Banken-Index eingestiegen sind, können sich derzeit über ein Plus von 45 Prozent freuen. Investoren aus Europa liegen aufgrund der Dollar-Stärke sogar mit 66 Prozent vorn. Und das trotz Pleiten, der eingefrorenen Kreditsituation und „der größten Finanzkrise seit der großen Depression“. Momentan verhält sich der US-Bankensektor genau so, wie er sich in einer Rezession gemäß dem oben zitierten Prinzip der Sektor-Rotation verhalten soll.
Fazit: Die aktuelle Rezession dürfte Überlänge haben. Dennoch erscheint uns anhand der Normalverläufe überlanger Rezessionen und anhand des Sektorrotationsverhaltens klar, dass sich die Aktienmärkte bereits in der Schlussphase der Abwärtsbewegung befinden. Diese Schlussphase ist die Kapitulationsphase. Sollte eine Stabilisierung der zyklischen Werte und insbesondere der Tech-Werte eintreten, wäre dies als Zeichen dafür zu sehen, dass ein Boden erreicht ist.
Robert Rethfeld
Wellenreiter-Invest