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Gesundheitsambulatorien und Gemeindeschwestern des SRK
«Die Stärke Ihrer Nation, das Wohlergehen Ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger, der wirtschaftliche Wohlstand Ihres Landes und der Ertrag aus seinen natürlichen Ressourcen hängen von der Gesundheit Ihrer Landsleute ab. Es ist Ihre Aufgabe, diese zu schützen!» («La Croix-Rouge suisse», 1. Juni 1920, S. 67)
Dieser Aufruf stammt aus einer der zahlreichen Broschüren, die 1920 von der Liga der Rotkreuzgesellschaften herausgegeben wurden. Er war direkt an die Krankenschwestern der betreffenden Länder gerichtet, denen eine grosse Verantwortung übertragen wurde. Zuvor waren vor allem Ordensschwestern ohne besondere medizinische Kenntnisse als Krankenpflegerinnen eingesetzt worden. Entsprechend wurde ihnen nur wenig Wertschätzung entgegengebracht. Im Gegensatz dazu verfügten die Krankenschwestern der 1920er-Jahre über eine pflegerische Grundausbildung. Auf ihren Schultern ruhten grosse Hoffnungen.
Von der Krankenpflegerin zur Gemeindeschwester
Das SRK baute seine Aktivitäten im Gesundheitswesen kontinuierlich aus. Damit trug es dazu bei, die Rolle der Krankenschwestern in der Gesellschaft aufzuwerten. Ihrer Ausbildung wurde mehr Beachtung geschenkt und es wurden entsprechende Regelungen erlassen. Auf Initiative von Walther Sahli bot die Berner Krankenpflegeschule Lindenhof schon ab 1899 eine umfassende Pflegeausbildung an. Das SRK subventionierte auch weitere Pflegeschulen in den Kantonen Zürich, Luzern, Schwyz und Waadt. Die weltweit erste weltliche Krankenpflegeschule, La Source in Lausanne, unterzeichnete 1923 eine Vereinbarung mit dem SRK. Damit wurde sie zur «Ecole romande de gardes-malades de la Croix-Rouge suisse» (Westschweizer Rotkreuz-Krankenpflegeschule), das heisst zum Gegenstück des Lindenhofs in der französischsprachigen Schweiz.
Anfang der 1920er-Jahre wurden Weiterbildungskurse eingeführt, um eine neue Kategorie von Pflegepersonen auszubilden: die Gemeindeschwestern. Diese waren in der Regel einem Ambulatorium angegliedert, wo sie in den Sprechstunden der Ärzte mitwirkten. Sie suchten die Patientinnen und Patienten aber auch zu Hause auf, um die Durchführung der vom Arzt verordneten Behandlung zu überwachen.
Die sozialmedizinische Aufgabe der Gemeindeschwestern
Die Gemeindeschwestern beschränkten sich bei ihrer Tätigkeit nicht auf die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten. Sie hatten auch und vor allem die Aufgabe, die betreuten Personen und deren Angehörige mit den grundlegenden Hygieneregeln vertraut zu machen. Dabei ging es in erster Linie darum, herrschendes Unwissen, gesundheitsschädliches Verhalten und ungesunde Ernährungsgewohnheiten zu bekämpfen. Diese wurden als Ursachen verschiedener Krankheiten vermutet. Die Gemeindeschwestern sorgten somit in den Haushalten für die notwendige Beratung und Aufklärung und meldeten den Hilfswerken besonders bedürftige Menschen. Damit gingen sie nicht nur medizinische Fragen, sondern auch soziale Probleme an. Gemäss dem Präsidenten der Rotkreuzsektion Genf, Dr. Frédéric Guyot, war nur das SRK in der Lage, einen solchen Auftrag wahrzunehmen:
«Die Gemeindeschwester muss religiös und politisch neutral sein. Deshalb kann nur das Rote Kreuz, das als Organisation völlig neutral ist, dafür sorgen, dass die Gemeindeschwester neutral und unabhängig ist. Dank ihrer Schwesterntracht und namentlich dank dem Rotkreuzzeichen stehen der Gemeindeschwester alle Türen offen. Überall wird sie als Freundin, als Vertraute, als vom Himmel geschickte Hilfe willkommen geheissen.» («La Croix-Rouge suisse», 1. August 1922, S. 89)
Je nach Kanton und Bedarf konnten sich die Gemeindeschwestern auf verschiedene Bereiche der Sozialhygiene spezialisieren. So wurden Tuberkuloseschwestern, Säuglingsschwestern, in Fabriken tätige Betriebskrankenschwestern und Schulkrankenschwestern ausgebildet.
In Genf wurde im Januar 1920 das erste Gesundheitsambulatorium der Schweiz eröffnet. Dieses im städtischen Umfeld geschaffene Zentrum diente zur Bekämpfung der Volkskrankheiten. Über die Jahre entwickelte sich daraus einer der wichtigsten Tätigkeitszweige des Roten Kreuzes Genf. Die in ihrer Art einzigartige Einrichtung wurde im Verlauf des Jahrhunderts stetig weiterentwickelt. An ihr lassen sich die bedeutendsten Entwicklungen im Gesundheitsbereich ablesen: 1954 wurde das Ambulatorium in «Centre d’hygiène sociale» (Zentrum für Sozialhygiene) umbenannt, aus dem 1975 der «Service des soins infirmiers à domicile» (Dienst für Gemeindekrankenpflege) hervorging. Zwölf Jahre später entstand daraus schliesslich der «Service d’aide et des soins communautaires» (Spitex-Organisation). Auch in anderen Schweizer Städten wurden Gesundheitsambulatorien des Roten Kreuzes eingerichtet, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg: Lugano (1924), La Chaux-de-Fonds (1925) und Bellinzona (1928).