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Trauer als Lebensgefühl: Giorgio Bassani (4. April 1916 - 13. April 2000)
Eine der 1956 erschienenen «Cinque storie ferraresi», «Una lapide in Via Mazzini», erzählt die Geschichte von Geo Josz, der als einziger von 183 deportierten Ferrareser Juden Auschwitz überlebt hat, nach der Heimkehr aber in Sträflingskleidern als lebende Provokation durch Ferrara irrt, weil er erkannt hat, dass er zwar (als Toter!) auf einer Tafel geehrt wird, die (faschistische) Vergangenheit als solche aber völlig tabuisiert ist.
Unter andern Vorzeichen ist das Verhältnis zur Vergangenheit auch das Thema des Romans «Il Giardino dei Finzi-Contini», mit dem der Autor der genannten Erzählung, der selbst aus einer jüdischen Familie Ferraras stammende Giorgio Bassani, 1962 seine langjährige Beschäftigung mit dem Thema «Ferrara und das Judentum » krönte.
In dem Buch, das in der Mussolini-Ära spielt, ist angesichts der bedrohlichen Gegenwart für die Juden Ferraras die Vergangenheit ein paradiesisch verklärtes Glück, in das man sich zurückträumt, um der aktuellen Gefahr nicht in die Augen sehen zu müssen. Am deutlichsten verkörpert die rätselhafte, kapriziös-anmutige Micòl Finzi-Contini, in die der Ich-Erzähler Giorgio sich unsterblich verliebt, diese nostalgische Tendenz. Es sei die Zukunft «eine entsetzliche Vorstellung» für Micòl gewesen, erinnert sich Giorgio , als die Nazis sie längst ermordet haben. Sie habe der Zukunft «le vierge, le vivace et le bel aujourd' hui» («das jungfräuliche, lebendige schöne Heute») vorgezogen und - «mehr noch als alles andere» - «die Vergangenheit, die geliebte, sanfte, barmherzige Vergangenheit.»
Micòl, in de Sicas «Finzi-Contini»-Film von 1970 von Dominique Sanda gespielt, ist zweifellos eine der berührendsten Frauenfiguren der jüngeren Literatur. «Die Gärten der Finzi-Contini» aber wirken, wohl weil die Trauer darin das beherrschende Lebensgefühl ist , weit überzeugender als andere Romane zum Thema Holocaust. Dies, obwohl Bassani in Italien bis fast zuletzt als Trivialautor galt und sein wahrer Rang erst kurz vor seinem - von einem demütigenden Entmündigungsprozess überschatteten - Tod am 13.April 2000 sichtbar wurde, als Mondadori ihn unter die «Meridiani» aufnahm.