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Herdenschutzhunde: Beissen erlaubt
Die Hündin «Mira» beisst einen anderen Hund und verletzt ihn. Das Veterinäramt verlangt daraufhin strikte Massnahmen gegen den vermeintlich gefährlichen Herdenschutzhund. Das Kantonsgericht beurteilt den Fall jedoch ganz anders und führt die Argumente des Amtes ad absurdum.
«Mira», gross, weiss und zottelig, hat zugebissen. Der Herdenschutzhund der Rasse «Montagne des Pyrénées», der die Schafe auf der Würzenalp im Eigental vor Grossraubtieren schützen soll, verletzte einen anderen Hund mit mehreren Bissen an der Kruppe, dem höchsten Punkt des Hinterteils. «Mira» befand sich dabei ausserhalb der eingezäunten Weide und spielte mit einem weiteren Hund an einer Wassertränke. Als der dritte Hund «Mira» von hinten ansprang und überraschte, biss die vierjährige Hündin zu. Der Besitzer des verletzten Hundes meldete den Beissvorfall umgehend der Dienststelle für Lebensmittelkontrolle und Veterinärwesen des Kantons Luzern. Diese verfügte daraufhin über verschiedene Massnahmen bezüglich des vermeintlich gefährlichen Hundes.
So wurde «Miras» Besitzer, der Landwirt Xaver Bolzern, angehalten, seine Herdenschutzhündin ständig zu beaufsichtigen, sofern sie sich ausserhalb der Weide befände. Zudem müsse die Weide ausbruchsicher eingezäunt werden. Bei Nichteinhalten dieser Massnahmen oder bei erneuter Verletzung eines Tieres oder Menschen werde «Mira» eingezogen und an einen geeigneten Platz vermittelt – oder eingeschläfert.
Gericht führt Massnahmen ad absurdum
Xaver Bolzern ist sich jedoch keiner Schuld seines Hundes bewusst und legt gegen die Verfügungen Beschwerde beim Verwaltungsgericht (heute Kantonsgericht) ein. Und bekommt in allen Punkten recht. Einerseits führt das Gericht das Verlangen nach einem ausbruchsicheren Gehege ad absurdum: «Ein solcher Zaun wäre nicht nur technisch und finanziell sehr aufwendig, sondern die Haltung von Herdenschutzhunden würde sich dadurch erübrigen, denn auch Grossraubtiere könnten einen solchen Zaun nicht mehr überwinden», so das Urteil. Monika Bolzern, Ehefrau von Xaver Bolzern, bringt es in der Stellungnahme gegenüber zentral+ auf den Punkt: «Wir müssten eine Betonmauer errichten, die mindestens einen Meter in den Boden ragt. Denn ein Wolf gräbt sich sonst einfach unten durch.» Der Herdenschutzhund sei die einzige Lösung, die Schafe vor dem Wolf zu schützen, so Bolzern.
Im Kanton Luzern sind derzeit auf sechs Alpen sowie einem Ganzjahresbetrieb total zwölf Herdenschutzhunde im Einsatz. Auf keiner der geschützten Weiden wurde seither ein Tier durch einen Wolf oder Luchs gerissen. Die fünf Schafe und zwei Ziegen, die 2012 dem Wolf zum Opfer fielen, gehörten kleinen, ungeschützten Herden an.
Andererseits wies das Kantonsgericht die Forderung zurück, den Hund ständig zu beaufsichtigen, wenn sich dieser ausserhalb der Weide befände. Das Urteil bezieht sich auf die Jagdverordnung des Bundesamts für Umwelt, welche den «Waltungsradius» eines Herdenschutzhundes weiter definiert als nur auf die zu schützende Herde. So gehöre es «allgemein zum Verhalten, dass er sich kurzfristig bis zu mehreren hundert Metern von den Tieren entfernen kann, um die Umgebung zu inspizieren oder Gefahren abzuwehren.» Ferner sei dieses Verhalten sogar effizient, da der Herdenschutzhund so wirksamer schützen kann. «Mira» war beim Beissvorfall 400 Meter von ihrer Herde entfernt.
Ein Herdenschutzhund kann nicht zwischen Wolf und Hund unterscheiden
Den Herdenschutzhund trifft also keine Schuld. Er tat, was er immer tut: die Herde beschützen. Zudem war es der erste Zwischenfall mit «Mira». Sie belle zwar, wenn man sich ihr nähere. Wer sich aber korrekt verhalte, den eigenen Hund an die Leine nehme und einfach weitergehen würde, hätte nichts zu befürchten, so Monika Bolzern. Der durch «Mira» verletzte Hund befand sich nicht an der Leine.
Schliesslich wurde durch das Überraschen des dritten Hundes «Miras» Schutzinstinkt ausgelöst, so das Gerichtsurteil weiter: «Für den Herdenschutzhund ist ein plötzlich auftauchender fremder Hund potenziell ein Wolf und somit eine Gefahr für seine Herde, da er grundsätzlich nicht zwischen Hund und Wolf unterscheiden kann.» Ein Gutachten einer professionellen Hundetrainerin schildert «Miras» Wesen denn auch als ausgeglichen und wesenssicher.
«Landtouristen» würden sich oft fahrlässig verhalten
Monika Bolzern führt den Zwischenfall denn auch gleich auf das allgemeine, fahrlässige Verhalten der «Landtouristen» zurück: «Viele Auswärtige, die aufs Land kommen, glauben, dass alles zur freien Verfügung steht, Allgemeingut, sozusagen. Sie beachten weder die Schilder, die vor dem Hund warnen, noch die eigens um die Weide herumgezogenen Wanderwege.» Das dies dann zu Konflikten mit Herdenschutzhunden führen könne, sei doch verständlich.
«Mira» darf also weiterhin wie gewohnt ihrer «Arbeit» auf der Weide nachgehen. Auch wenn diese Hunderasse sanftmütig und behäbig wirkt, gehört sie zu den effektivsten gegen den Schutz vor dem Wolf oder dem Luchs. Wer bei einer Wanderung plötzlich einem knurrenden Herdenschutzhund gegenüberstehen sollte, erhält auf der offiziellen Webseite zum Herdenschutz eine Übersicht, wie er einer ungemütlichen Konfrontation aus dem Weg gehen kann. Folgend, die wichtigsten Verhaltensregeln:
- Durch das Bellen verteidigen die Schutzhunde ihr Territorium und ihre Herde. Bleiben Sie ruhig und vermeiden Sie Provokationen mit Stöcken und schnellen Bewegungen.
- Es ist möglich, dass der Schutzhund Ihnen den Weg versperrt. Versuchen Sie die Herde zu umgehen und möglichst wenig zu stören. So bleiben die Schutzhunde mit ihren Tieren auf ihrer Weide.
- Die Schutzhunde reagieren auf fremde Hunde besonders aufmerksam. Halten Sie Ihren eigenen Hund unter Kontrolle oder nehmen Sie ihn an die Leine. Ein fremder Hund darf auf keinen Fall zur oder gar in die Herde rennen und diese stören. Falls die Hunde sich miteinander beschäftigen, lassen Sie ihren Hund los und die Hunde werden ihre Beziehung untereinander regeln.
- Sowohl Schutzhunde wie Schafe können durch überraschende Bewegungen erschreckt werden. Halten Sie deshalb als Biker und Sportler an und gehen Sie langsam an der Herde vorbei.
- Die Schutzhunde können Ihnen neugierig entgegenkommen. Streicheln Sie diese nicht und vermeiden Sie das Spiel mit ihnen. Die Schutzhunde dürfen zu Fremden nicht zutraulich werden, sondern sollten bei ihren Tieren bleiben.
- Die Hunde werden regelmässig gefüttert. Füttern Sie die Schutzhunde nicht, sonst locken sie diese von der Herde weg.
- Möglicherweise folgt Ihnen ein Schutzhund beim Weitergehen. Ignorieren Sie den Hund und er wird bald zu seiner Herde zurückkehren.
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