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Verantwortung: Stefan Rindlisbacher / Judith Bodendörfer
Referierende: Robert Kramm / Stefan Rindlisbacher
Kommentar: Eberhard Wolff
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STEFAN RINDLISBACHER (Potsdam) eröffnete das Panel mit einer Begriffsklärung: Die – bewusst in Anführungszeichen gesetzte – Beschreibung «alternativ» verstehe das Panel zunächst als eine Selbstbezeichnung aus den 1970er Jahren, mit der sich Neue Soziale Bewegungen von einer vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen versuchten. Diese Abgrenzungsbemühungen betrafen zum einen Normen und Strukturen, zum anderen bemühten sich die Aktivistinnen und Aktivisten auch um praktische «Alternativen», indem sie Institutionen wie Verlage oder Wirtschaftsbetriebe gründeten oder Kneipen, Treffpunkte und Jugendzentren eröffneten. Sven Reichardt und Detlef Siegfried prägten für diese Aktivitäten und die mit ihnen verbundenen Menschen den Begriff des «alternativen Milieus». Das vorliegende Panel, so Rindlisbacher, weite diese Konzeptionierung nun auf neue Untersuchungsfelder aus – sowohl zeitlich, indem die Lebensreform um 1900 in den Blick genommen werde, als auch geografisch, durch die Auseinandersetzung mit anarchistischen Bewegungen in Japan. Das Panel stelle zudem infrage, ob «alternative» Bewegungen stets politisch links zu verorten seien, und untersuche auch die Neue Rechte unter diesem Schlagwort. Rindlisbacher thematisierte ausserdem den Naturbegriff des Panels: Natur spiele für die untersuchten Akteurinnen und Akteure eine entscheidende Rolle als praktisches Handlungsfeld und als Bezugspunkt der Identitätskonstruktion; gleichzeitig habe Natur auch stets als «Agent der Ungleichheit» fungiert und als Legitimation für Rassismus und Sozialdarwinismus gedient. Rindlisbacher schloss seine Eröffnung mit den zwei übergreifenden Anliegen des Panels: Erstens der Frage nach Kontinuitäten im 20. Jahrhundert, zweitens dem Aufzeigen aktueller Bezüge.
Im ersten Referat thematisierte ROBERT KRAMM (München) die Rolle der Natur in der intellectual history der anarchistischen Bewegung des imperialen Japans. Kramm verortete die Naturvorstellungen der Aktivistinnen und Aktivisten im Kontext der Globalität und Transimperialität des japanischen Anarchismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er vertrat die These, dass Transimperialität als analytischer Begriff auch Bestrebungen einschliessen könne, das Empire zu überwinden. Im Zentrum seines Vortrags standen anarcho-kommunistische Gemeinschaften, die traditionelle politische Organisationsformen ablehnten und sich den Prinzipien des kooperativen Kommunalismus sowie der gegenseitigen Hilfe verschrieben. Ihre Assoziation in ländlichen Dorfstrukturen erklärte Kramm einerseits mit der zunehmenden staatlichen Repression gegenüber linken Bewegungen, die eine «Flucht aufs Land» auslösten. Gleichzeitig sei es den anarchistischen Landkommunen aber um mehr gegangen, als sich den staatlichen Behörden zu entziehen: Vielmehr seien diese Organisationsformen als anarchistische Praxis mit theoretischem Hintergrund zu bewerten.
Diesen Hintergrund erläuterte der Referent mit Fokus auf den Naturbegriff anarchistischer Denker wie Ōsugi Sakae und Akaba Hajime. Natur war für diese ein Ort der Befreiung; das Dorf fungierte dabei aber nicht lediglich als Zufluchtsort vor dem Kapitalismus, sondern als Ort modernen Lebens, das zum Ziel hatte, progressive Ideen und wissenschaftliche Erkenntnisse praktisch umzusetzen. Als Beispiel fokussierte Kramm die Nōson seinen-sha («Farming Village Youth Association»), die Anfang der 1930er Jahre bestand und sich den Prinzipien der Selbstversorgung und gegenseitigen Hilfe verschrieben hatte. Die transimperiale Artikulation von Ideen, so resümierte Kramm, habe es den japanischen Anarchistinnen und Anarchisten ermöglicht, sich gegen eurozentrischen Dogmatismus in der sozialistischen Bewegung und die japanische staatliche Autorität zu behaupten.
Im zweiten Referat des Panels befasste sich Stefan Rindlisbacher mit den Kontinuitätslinien zwischen der Lebensreformbewegung, der Naturschutzbewegung und der Neuen Rechten vom frühen bis ins späte 20. Jahrhundert in der Schweiz und Deutschland. Der Referent begann seine Ausführungen mit einer kurzen Einführung in die Naturschutz- und Lebensreformbewegungen, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend unabhängig voneinander entwickelten. Die Anhängerinnen und Anhänger der Lebensreform glaubten an eine «natürliche», unverrückbare Ordnung der Dinge und strebten nach «Natürlichkeit» in allen Lebensbereichen, darunter Ernährung, Medizin, Körperkultur und Wohnen. Dieses Streben nach Natürlichkeit war laut Rindlisbacher aber nicht mit einem Wunsch nach einer Rückkehr zur Vormoderne gleichzusetzen – vielmehr handele es sich hierbei um eine Projektion einer besseren Zukunft unter einer neuen Ordnung. Rindlisbacher leitete daraus die These ab, die Lebensreform lasse sich ideologisch der Konservativen Revolution zuordnen. Er zeigte ausserdem auf, dass Teile der Lebensreform um 1900 auf Konzepte und Instrumente der Eugenik zurückgriffen und rassenhygienische Ideen propagierten. Im Nationalsozialismus sei von der vielfältigen Bewegung nur diese völkische Ausrichtung übriggeblieben, die sich in die zeitgenössische Blut- und Boden-Ideologie eingefügt habe.
Seinen Fokus legte der Referent im Folgenden auf die Entwicklung der Lebensreform nach 1945: Durch die Propagierung konservativer Naturkonzepte könne sie als Verbindungslinie zu einer neuen, rechten Umweltschutzbewegung begriffen werden. Die Vorstellungswelt der Neuen Rechten habe stark an eugenische Konzepte angeknüpft, wie sie auch in der Lebensreform virulent waren, wobei der Rassebegriff durch «Kultur» ersetzt worden war. Rindlisbacher schlussfolgerte, dass sowohl die Lebensreformbewegung als auch die völkische Bewegung sowie die Neue Rechte eine konservative Naturvorstellung teilten und eine vermeintlich «natürliche Ordnung» als legitimierende Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung betrachteten.
Im abschliessenden Kommentar formulierte EBERHARD WOLFF (Basel/Zürich) eine kritische Sicht auf die Perspektivierung der historischen Forschung zu «alternativen» Bewegungen: Zu häufig käme es zu einer einseitig positiven oder negativen Identifikation mit dem eigenen Forschungsgegenstand. Diese Idealisierung vermeintlich linker und die Distanzierung von rechten «alternativen» Bewegungen auf Seiten der Forschenden käme einem «epistemischen Zirkelschluss» gleich. Wolff schlug daraufhin vor, «subversive Gegenproben» vorzunehmen und beispielsweise Eugenik und Biologismus von links oder Egalitarismus und Antielitismus bei rechten Akteuren zu untersuchen. Um «alternative» Bewegungen in ihrer Komplexität besser zu verstehen, müsse man sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen rechten und linken «alternativen» Milieus in den Blick nehmen. Insgesamt zeigte das Panel anschaulich die variable Rolle, die Natur in der Legitimation ganz unterschiedlicher Ideologien und gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen einnehmen konnte.
Panelübersicht:
Robert Kramm: Agrarkommunen, Anarchismus und Naturkonzepte im imperialen Japan, c. 1900-1940
Stefan Rindlisbacher: Lebensreform, Umweltschutz und die Neuen Rechten
Judith Bodendörfer: Die ambivalente Naturvorstellung esoterischer Strömungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Zeitschrift Die weisse Fahne (ausgefallen)
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.