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Als Isaac Newton das Gesetz der Gravitation entdeckte, lag er unter einem Baum auf dem Rücken, jede Bewegung vermeidend, und sinnierte faulenzend vor sich hin. Als René Descartes sein Axiom des «Cogito, ergo sum» erfand, lag er auf seinem Bett auf dem Rücken, jede Anstrengung vermeidend.
Sommer. Es ist die richtige Jahreszeit, um sich bei unserem Thema der besten Männersportarten einer ganz besonderen Disziplin zuzuwenden. Es ist eine der Königsdisziplinen. Wir sausen für einmal nicht mit Fallschirmen oder Bobsleighs zu Tal, erklimmen keine Felshänge und betreten keine Golfplätze und legen die Jagdflinten und Pokerkarten aus der Hand. Wir tun nichts.
Eine der männlichsten Männersportarten ist und bleibt der Müssiggang.
Bevor wir zu den Feinheiten des Müssiggangs kommen, müssen wir kurz auf den wichtigsten Unterschied zwischen Männern und Frauen zu sprechen kommen. Frauen sind vollkommen unfähig zum Müssiggang. Selbst wenn sie auf einem Liegestuhl liegen, liegen Frauen nicht einfach da, sie sind gestresst, wie immer, sie blättern in Zeitschriften, sie bräunen aktiv, sie schmieren sich mit Sonnencrème ein, sie stehen auf, wechseln die Sonnenbrille, heben den Kopf, beobachten Passanten, sie reden, schmieren sich ein, stehen auf, dann neue Zeitschriften.
Männer können nichts tun, Frauen können nicht nichts tun. Darum hat auch keine Frau das Gravitationsgesetz entdeckt, weil die Frau, statt auf dem Rücken zu dösen, hektisch durch das Physiklabor gerannt wäre.
Müssiggang ist Erholung ohne Erholungsbedürfnis. «Idling» nennen die Briten die hohe Kunst des Nichtstuns. Das Volk von der Insel ist von bekennender Faulheit, eine Tugend, die man auf dem arbeitsamen Kontinent als «englische Krankheit» diffamiert. Derzeit hängt England eine Woche lang in den Champagnerzelten bei der Henley Royal Regatta herum, nachdem man vorher vier Wochen lang in den Champagnerzelten des Wimbledon-Turniers, des Royal Ascot Meeting und des Oval Cricket Ground herumgehangen ist. Nun geht es weiter zu den Champagnerzelten des Classic Festival in Glyndbourne.
Da wollen wir natürlich nicht zurückstehen. In der Idling-Fachliteratur, etwa der famosen britischen Zeitschrift «The Idler», sind die drei klassischen Müssiggangdisziplinen definiert: Rauchen, Alkoholtrinken, Autofahren. Richtig rauchen, gute Havannas etwa, kann man nur sitzend oder halb liegend. Das langsame Zuführen und Ausstossen von Tabakrauch fördert das Nichtstun enorm. Ich habe schon immer vermutet, dass die militante Anti-Raucher-Bewegung nicht nur von der Sorge um unsere Gesundheit, sondern ebenso von calvinistischer Arbeitspflicht-Ethik getrieben ist. Dasselbe gilt fürs Alkoholtrinken. J.K. Jerome, einer der grossen Müssiggänger der Geschichte und von 1892 bis 1898 Chefredaktor von «The Idler», empfiehlt Bordeaux und Whisky und weist darauf hin, dass auch deren Genuss eine sitzende bis halb liegende Stellung und den Verzicht auf jede produktive Tätigkeit geradezu erzwingen. Beim Autofahren schliesslich sind lange, gemächliche Fahrten über Land das beste Rezept, am besten im offenen britischen Sports Car. Staus gelten als angenehme Unterbrechung des rollenden Nichtstuns, weil sie das Nichtstun quasi potenzieren.
Weitere honorable Formen des Müssiggangs sind Bootfahren (Energieverbrauch: zwei Kalorien pro Minuten), Aus-dem-Fenster-Schauen (eine Kalorie pro Minute), Flanieren (zwei Kalorien pro Minute), Fischen (drei Kalorien pro Minute) und Billardspielen (zwei bis drei Kalorien pro Minute). Sehr empfohlen sei die Kombination verschiedener Idling-Elemente, wobei der prozentuale Mix beim Bootfahren vielleicht etwas weniger staatsgefährdend ist als am Sportwagen-Volant.
Die Weltgeschichte ist voll von berühmten Müssiggängern. Cicero ist einer von ihnen («Gerade das erfreut mich, nichts zu tun und völlig untätig zu sein»); genau so faul waren Friedrich Schlegel, John Lennon, Bertrand Russell, Gotthold Ephraim Lessing und Henry Miller. Miller («Quiet Days in Clichy») ist in der Idler-Gemeinde zwar etwas umstritten, denn er unterbrach den Müssiggang etwas gar oft durch Sex (sechs bis elf Kalorien pro Minute, je nach Intensität).
Vergessen wir nicht den talentierten Faulpelz Mark Twain. Falls es BILANZ-Leser gibt, die sich nach dieser Lektüre trotzdem wieder in Job und Stress stürzen, geben wir ihnen als Leitlinie zumindest Twains Müssiggang-maxime für den Arbeitsalltag mit: «Drum verschiebe nie auf morgen, was du übermorgen kannst besorgen.»