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Der wilde Willem
Die Collection de l’Art Brut in Lausanne zeigt aktuell Werke des niederländischen Künstlers Willem van Genk (1927–2005). Van Genks Beschäftigung mit modernen Stadtlandschaften und seine Faszination für grosse Bauwerke schufen eine wilde Bilderwelt, die fasziniert und sich ins Gedächtnis einbrennt.
Der französische Künstler Jean Dubuffet, der 1971 mit einer umfangreichen Schenkung dieses Museum begründete, machte um 1980 Michel Thévoz, den damaligen Direktor des Hauses, auf van Genk aufmerksam. Thévoz konnte in der Folge einige wichtige Arbeiten des Künstlers erwerben.
Faszination für mechanische Bewegung
Der junge Willem kam im Schulunterricht nicht mit, zeichnete aber den lieben langen Tag was ihn beschäftigte. Er war Halbwaise, und sein Vater steckte ihn als schwer erziehbar in ein Internat. Willem bezeichnete sich selber als «König der Bahnhöfe» und entwickelte in seinem Leben eine Vorliebe für Züge, Lokomotiven, Busse und Bahnhöfe.
Bereits bevor er nach 1960 Reisen in verschiedene europäische Städte unternahm zeichnete er seine komplexen Stadtpanoramen (Megalopolis) mit Strassen voller Fahrzeuge und Menschen, das Firmament darüber besetzt mit Zeppelinen und Bombern. Später zeichnete er die bedeutenden Gebäude und Strassenzüge, denen er auf seinen Reisen begegnet war, vor allem Bahnhöfe und Busstationen.
Begonnen hat diese Tätigkeit, nachdem er seinen Job in einem Werbebüro verloren hatte. Statt sich an Aufträge und Termine zu halten, besuchte Willem lieber den Bahnhof und Eisenbahnlinien. Für autistisch und später für schizophren erklärt, hatte er seine liebe Mühe mit dem Alltag.
Gefördert wurde er aber durch Joop Beljon, dem Direktor der Königlichen Akademie in Den Haag, der sein Talent erkannte. Van Genk bezeichnete sich selber als holländischen schwachsinnigen Künstler, folgte nie den gängigen Kunstbewegungen, suchte aber durchaus den Erfolg und konnte sich, weil um 1960 als arbeitsunfähig erklärt, voll und ganz seiner Kunst widmen.
Von der gezeichneten Erinnerung zum wimmelnden Stadtpanorama
Fertigte Willem van Genk zu Beginn Bleistiftzeichnungen an und hielt damit Erinnerungen an Bahnhöfe wie auch Metrostationen fest, so entwickelte er mit der Zeit einen nach und nach überbordenden Hang zu ausufernden Stadtpanoramen, baute ein grosses Modell der Busstation von Arnheim und bastelte aus Abfallmaterialien auch ein Modell eines Trolleybusses mit all seinen technischen Details. Er hinterliess rund hundert Zeichnungen und Gemälde, eine Sammlung von langen Regenmänteln und nebst der Installation der Busstation eine Reihe selbstgefertigter Trolleybusse.
Van Genks Kunst entzog sich einer Kategorisierung, bewegte sich von der dokumentarischen Erinnerung in Richtung erzählerischer Bildassemblagen, fast wie Comics, jedoch mit wild durcheinanderwuchernden Bildwelten. Der Katalogtitel, der niederländische Begriff «WOEST», bedeutet ja auch so viel wie «wild».
Die nun in Zusammenarbeit mit dem «Museum of the Mind / Outsider Art» (Haarlem und Amsterdam) und der Willem van Genk Foundation organisierte Ausstellung zeigt bis zum 27. Juni nebst den in Lausanne befindlichen Werken Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensjahren auch Leihgaben aus dem Stedelijk Museum Amsterdam und dem Museum Dr. Guislain (Gent) sowie von Privaten aus dem In- und Ausland – eine umfassende Schau, zudem mit selten gezeigten Exponaten. Van Genk selbst meinte zu seinen Arbeiten: »Nennt es Kunst – mir ist das egal.»
Infos:
Ausstellung Megalopolis vom 4. März bis 27. Juni 2021
11, av. des Bergières, Lausanne
Bus Nr. 3 und 21 ab Bahnhof
Öffnungszeiten Di bis So, 11 bis 18 Uhr
Maximale Besucherzahl 50 Personen, Maskenpflicht
Katalog
Willem van Genk «WOEST 1972–2005»
Englisch und Niederländisch, mit beigelegten Übersetzungen auf Französisch
159 Seiten mit Abbildungen. Verlag Lannoo, 2019. Preis 45.– Fr.