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16 _ 4‘000 Kamele
Von Kaspar Hohler*, Chefredaktor VPS
Unmittelbar vor dem Lockdown kaufte ich mir noch ein Buch, das als neues Standardwerk zur Völkerwanderung gilt – die Zeit, in der das alte Rom kollabierte und Goten, Hunnen und Vandalen kreuz und quer durch Europa zogen. Auch Nordafrika gehörte zum weströmischen Reich, doch genossen die dortigen Statthalter ob der Distanz eine gewisse Narrenfreiheit. So weigerte sich etwa ein gewisser Romanus Ende des 4. Jahrhunderts, der Bevölkerung gegen einen Berberüberfall zu Hilfe zu eilen, weil sie ihm dafür nicht 4000 Kamele überlassen wollten oder konnten. Als der Kaiser Valentinian im fernen Italien dies zu Ohren bekam, schickte er erbost einen Tribun, um die Sache zu untersuchen und bei dieser Gelegenheit den Soldaten vor Ort gleich noch das traditionelle Antrittsgeschenk eines neuen Kaisers zu überreichen. Dumm nur, dass der Tribun und Romanus offenbar aus demselben Holz geschnitzt waren: Der Tribun strich das Geld für die Antrittsgeschenke selber ein und vereinbarte mit Romanus, dass keiner den anderen verraten würde.
«Man lebt in einer Zeit, wo ‘history is in the making’», schrieb der deutsche Schriftsteller Erich Maria Remarque 1948 in sein Tagebuch. «Vielleicht wird man uns später darum beneiden werden. Zu viel ‘history’. Seit wir denken können. Von 1914 an. 33 Jahre. Etwas Ruhe wäre gut.» Remarque diente als Soldat im ersten Weltkrieg und wurde dabei verwundet. Später verbrannten die Nazis seine Bücher, allen voran das berühmte „Im Westen nichts Neues“, und er ging in die USA ins Exil. Daher auch der Sprachmix im Tagebuch. Ich las dies vor zwanzig Jahren, als ich in Osnabrück meine Lizentiatsarbeit über Remarques Tagebücher verfasste, persönlich in grosser Ruhe.
Als im Januar 2009 die Finanzwelt zu kollabieren drohte und die Börsen am Boden lagen, besuchte ich einen Anlass der Vorsorgebranche. Die Klage über die düstere Finanzsituation war allgegenwärtig. Am Mittagstisch unterhielten sich zwei Pensionskassen-Geschäftsführer über die Krise und die Sammelstiftung X, die in der Branche wegen ihres hohen Aktienanteils auf grosse Vorbehalte stösst. „Ich hoffe nur, dass es an der Börse noch einmal kräftig nach unten geht, damit es die X verbläst“, verkündete der eine Geschäftsführer und der andere nickte grimmig.
Umwälzungen, Krieg und Wirtschaftskrisen im Grossen, Missgunst, Erschöpfung und Gier im Kleinen: Geschichten und Geschichte gehen Hand in Hand. Wer in sie eintaucht, sei es zuhause im stillgelegten Zürich, in der niedersächsischen Pampa oder an einem Stehlunch im Aargau, wird mit Erkenntnis belohnt und taucht reicher wieder auf. Und weil Geschichte wie jeder Reichtum geteilt werden sollte, um lebendig zu werden, schreibe ich diese Zeilen.
*Über den Gastautor
Kaspar Hohler ist Chefredaktor des VPS Verlag Personalvorsorge und Sozialversicherung AG.