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… der Klimawandel hat schon begonnen, da waren wir alle noch nicht da …
Von der Eiszeit …
Als der Klimawandel begann und es wärmer wurde und die Gletscher zurück gingen, blieben Moränenwälle, Findlinge, Schotterfelder, Rundhöcker, Täler und unzählige Seen und grosse Moore (1).
Im 18. Jahrhundert sollen eine Viertelmillion Hektaren oder sechs Prozent der Landesfläche Flach- oder Hochmoore gewesen sein (2). Die enormen Mengen Torf, welche sich unter nassen und sauerstoffarmen Bedingungen gebildet hatten, waren ein begehrter Brennstoff.
… zur Industrialisierung
Im 19. Jahrhundert dann wurden die Flachmoore im grösseren Stil entwässert, zuerst noch mit seit dem Altertum bewährten offenen Abzugsgräben, doch die maschinelle Bearbeitung der Äcker, Felder und Wiesen ist mit offenen Gräben sehr umständlich und sehr arbeitsintensiv. Gräben vermindern die benutzbare Kulturfläche, erschweren die Feldeinteilung, brauchen Unterhalt und machen die Erstellung von Kunstbauten wie Brücken oder Übergängen notwendig (2).
Vom Erfindergeist und der Dynamik der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts profitierte auch die Landwirtschaft: Ackerflächen wurden dank unterirdischen Drainagen vergrössert, bestehend zuerst aus halbrunden Ziegeln und bald auch aus industriell hergestellten Drainage-Röhren aus Ton.
Die landwirtschaftliche Fläche wuchs, aus Sumpf- wurde Kulturland.
Für Ernährungssicherheit …
Die Schweiz hatte sich früh auf die Bedürfnisse des Weltmarktes ausgerichtet, konzentrierte sich als Grasland auf die Milch- und Käsewirtschaft und importierte Getreide (3). Als der internationale Handel kriegsbedingt zusammenbrach und Lebensmittel knapp wurden fehlten produktivere Böden zur Getreideproduktion. Unter dem Losungswort „Brot geht vor Geld” wurden in jener Zeit umfangreiche und großzügige, aber auch kostspielige Meliorationsprojekte in Angriff genommen (4).
… und zur Arbeitsbeschaffung
Nach Kriegsende wurde der Lebensmittelimport wieder einfacher und Meliorationen verloren an Wichtigkeit, doch mit der Wirtschaftskrise der 20-er-Jahre kam auch die grosse Arbeitslosigkeit. Meliorationsarbeiten eigneten sich für Notstandsarbeiten und so wurde wieder eine Reihe staatlich subventionierter Werke in Angriff genommen.
Mittlerweile sind 1920 Quadratkilometer, also 30% aller Fruchtfolgeflächen respektive 4.7% der Fläche der Schweiz drainiert und somit dauerhaft entwässert worden. Die Installationen sind zum Teil schon über 100 Jahre alt.
Bodenschwund und Erosion
Im Gegensatz zu Mineralböden hat der Torf wegen seines fast vollständig wassergefüllten Porenvolumens ein labiles Gefüge. Jede Entwässerung bedeutet eine Verringerung des Porenvolumens, da die Poren, wenn sie nicht mehr wassergefüllt sind, zusammensinken. Dieses führt zu einer Sackung des Moorbodens.
Das geringere Volumen kann wiederum weniger Regenwasser fassen, d.h. der Boden trocknet schneller aus, Kulturen brauchen mehr künstliche Bewässerung.
Doch damit nicht genug: Statt Wasser gelangt Luft in den Boden und ermöglicht den Abbau von seit zig-Tausend Jahren eingeschlossenem organischen Material. Die mineralischen Bestandteile bleiben und es entsteht, unterstützt von intensiver Bodenbearbeitung, ein schwerer, lehmiger und wenig luft- und wasserdurchlässiger Boden. Oberflächenwasser kann nicht mehr versickern und spült den Boden weg.
So kommt es, dass Drainagenetze die vor 50-100 Jahren einen Meter oder mehr unter der Oberfläche angelegt worden waren, heute kaum mehr unter dem Pflughorizont sind.
Klimawandel
Durch die Entwässerung dringt Luft und somit auch Sauerstoff in vormals staunasse Böden ein. Jetzt können aerobe Mikroorganismen totes Pflanzenmaterial, beispielsweise Torf, abbauen und in Energie und Kohlendioxid umsetzen.
„Heute lassen sich keine sicheren Aussagen zu den Auswirkungen vieler Bewirtschaftungsaktivitäten und -formen hinsichtlich C-Sequestrierung machen. Sicher negativ ist der Beitrag der Landwirtschaft durch die Drainage und Bewirtschaftung ehemaliger Moore (z.B. Berner Seeland). Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Verlust durch Massnahmen auf mineralischen Böden im Ackerbau vollständig kompensiert wird, sodass davon auszugehen ist, dass die Schweizer Landwirtschaft heute netto mehr Kohlenstoff freisetzt als sequestriert.“ (Zitat blw.admin, link leider entfernt worden)
Liegt nun genügend organisches Pflanzenmaterial bereit so wird CO2 zusammen mit diesen Pflanzenresten zu neuem Humus aufgebaut. Fehlt die frische organische Substanz, so entweicht das CO2 in die Luft.
Zur Zeit werden zusätzliche Bewässerungen als Antwort auf den Klimawandel erwogen. Sinnvoller wäre es, die für die Bodenstabilität unersetzbare Lebendverbauung zu erkennen und zu unterstützen. So wie bei der Dauerbegrünung zwischen den Reben: Durch das Gras erhielt die Erde eine stabile Struktur und als „Zugabe“ konnten sich Mikorhizapilze entwickeln, welch die Resistenz der Reben gegen Schädlinge und Krankheiten verstärken. Entgegen anfänglicher Befürchtungen, das Gras sei eine Nahrungs- und Wasserkonkurrenz zu den Reben, schützt das Gras sogar vor Austrocknung, und die Vielfalt an Gräsern und Kräutern ermöglicht durch Synergieeffekte der Hauptkultur sogar den Aufschluss zahlreicher Mineralstoffe und Spurenelemente. Im Ackerbau wurde die Begrünung zwischen Getreide und vor allem zwischen Mais in den 80er Jahren von ART Reckenholz lanciert, konnte sich aber erst 30 Jahre später, also zur heutigen Zeit, ganz zaghaft ins Interesse der Landwirtschaft einbringen.
Durch eine finanzielle Stickstoffbesteuerung würde es z.B. für Bauern interessant, durch Begrünung zwischen Mais und Getreide Stickstoff gratis aus der Luft zu fixieren. Damit würde zusätzlich die Lebendverbauung durch Mikroorganismen und Pilze gefördert und der Wasserhaushalt stabilisiert. Allerdings dürften dann diese Bodenbedeckungen nach der Ernte nur oberflächlich eingearbeitet werden, so dass keine Fäulnis entstehen kann. Werden sie tiefer als ca. 12 cm begraben, so hat es zur Bindung der angereicherten Nährstoffe (vor allem Stickstoff) zu wenig Sauerstoff, aber auch zu viel Sauerstoff für eine Fermentierung, welche ebenfalls Nährstoffe vor der Auswaschung schützen kann. Geraten Stickstoffbakterien in eine solche Fäulnisphase, so wird Stickstoff zu Lachgas umgebildet, was 300 mal gefährlicher ist als CO2.
Je nachdem wie die Landwirtschaft die intimsten Bedürfnisse der Erde kennt und auf diese Bedürfnisse eingehen kann, wird sie zum Verursacher des Klimawandels durch CO2 Ausstoss – oder zum Klimawandel-Entlaster durch CO2 Fixierung und Umwandlung in bodenstabilisierenden Humus.
Weiterführende Links:
- Heidis Mist: Boden – gut gibts den König von Thailand >>>
- Etat des drainages en Suisse, Studie des BLW, 2008-2010 >>>
- Drainagen in der Schweiz, Masterarbeit von Nicole Seitz, 2013 >>>
- Der Moorboden ist Boden des Jahres der Bodenkundlichen Gesellschaft der Schweiz >>>
- SANU Praxisseminar, Veränderung des Wasserhaushalts in der Schweiz >>>
- Bodentagung 2014 zum Thema “Erhalten und Fördern der produktiven Böden im Seeland”. Folien mit eindrücklichen Bildnern >>>
- Torfabbau in Deutschland: >>>
- Moore als CO2-Fixation: >>>
- Wikipedia zu Moor >>> und Drainagen >>> und >>>
- Website einer Firma, die Drainagen macht >>>
- Evolution de la pleine du Rhône dans la région de Contay depuis 1850 >>>
- Artikel “Wenn sich der Boden in Luft auflöst”, Bund, 28.4.14 >>>
- Teure Landwirtschaft auf Moorböden (30.1.2017), eco Magazin →