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Es ist ein Abenteuer, im Café der Autonomen Schule zu kochen. An einem ganz normalen Freitagabend kann einiges passieren
Ich war kaum mit meinem Einkaufswagen angekommen, der von Gemüse überquoll und den mir ein junger Mann, den ich noch nicht einmal kannte, hinauftragen geholfen hatte, als ich schon die Frage hörte: «MamaAfrika, was kochst Du heute?» Ich begrüsste zuerst die Leute, die im Café sassen und kehrte in die Küche zurück. Dort packte ich meinen Einkaufswagen aus. Dann stieg ich in meinen «Kampfanzug», so nenne ich meine Schürze gern, auf der man, als wäre es meine Rüstung, den Aufdruck lesen kann: MamaAfrika.
An jenem Tag hatte ich mich für die Zubereitung der berühmte Erdnuss-Sauce entschieden. Wie gewohnt war der Tisch in der Mitte voller verschiedener Gemüse, passend zum «Menu du jour»; sogar Maniok hatte ich auftreiben können. Rund um den Tisch rüstete unser Team die Zutaten. Das waren die, die sonst nichts zu tun hatten, aber auch drei bis vier Andere, die sich spontan freiwillig gemeldet hatten. Alle arbeiteten und schwatzten fröhlich und neckten sich. Es macht immer wieder Freude, diesen Geist der gegenseitigen Hilfe zu erleben, der zur DNA der ASZ gehört.
Während ich der Equipe weitere Anweisungen gab und in dem Gewusel versuchte, die Mise en place der frisch gewaschenen und geschnittenen Gemüse hinzukriegen, hörte ich eine feine, sich bemerkbar machende, aber mit Respekt gefärbte Stimme sagen: «MamaAfrica!!?» - «Ja?», sagte ich und trocknete mir die Hände. Da sah ich einen Jungen, der sich mir mit einem offenen Lächeln näherte. «Mama», sagte er, «darf ich dich in meine Arme nehmen?» Und ich: «Warum fragst du mich um Erlaubnis? Komm einfach, die Arme von MamaAfrika sind offen für alle, die getröstet werden wollen. Also, komm, mein Sohn!» Da sagte er bewegt: «Danke! Danke! Wir sind uns bewusst, dass Du seit all den Jahren für uns kochst, freiwillig.» Ich sagte ihm: «Ich mache gern, was ich mache. Darum koche ich mit dem Herzen. Und eine Wohltat kann nie verloren gehen...» Da antwortete er: «Du musst wissen, dass wir in Dir unsere Mütter sehen, unsere Schwestern und unsere Frauen in der Heimat.» Ich zeigte auf die Anderen ringsum und sagte: «Schau, das ist die ASZ!» Und dann mit einem Lächeln: «Geh mit meinem Segen! Der Duft von Knoblauch begleite dich zu deiner Liebsten!» Er brach in Lachen aus und sagte: «Mama, kannst Du Hilfe brauchen?»
Ich hielt eine Hand zum Kinn und sagte: «Hmm, der Chili sollte gemixt werden. Könntest Du das tun?» Er: «Ok.» Ich lachte in mich hinein: Das wird vielleicht lustig. Ich sah, wie Abdil, der diesen Job bis jetzt gemacht hatte, kurz die Hände faltete, um mir zu danken. Wir mussten lachen. Ich machte dem hilfsbereiten Jungen alles parat und gab ihm den Mixer. Kaum hatte er angefangen, kamen ihm die Tränen. Er schaute mich mit einem verzweifelten Blick an; er hustete und alle um ihn herum husteten jetzt auch, sie litten und lachten. «Hatschii, hatschii», tönte es von überall, auch von mir. Ich versuchte, ernst zu bleiben; das war jetzt überhaupt nicht einfach. Und lachend sagte ich: «He, mein lieber Schatzli, es ist gut gegen den Schnupfen!» Das löste allgemeine Heiterkeit aus.
Dann begann ich mit dem Kochen und wurde dabei vom Dampf erwischt, der aus den grossen Pfannen schoss. Von Zeit zu Zeit unterbrachen einige ihre Arbeit am Rüsttisch und rührten um. Es kam vor, dass sich jemand schnitt oder verbrannte. Dann unterbrachen alle ihre Arbeit und kümmerten sich spontan um die verletzte Person.
Von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick ins Café, das sich nach und nach füllte, und überlegte mir, ob vielleicht achtzig oder gar über hundert hungrige Menschen kommen. Oder vielleicht auch weniger, man würde es dann ja sehen. Dann räumte ich den grossen Tisch auf und machte eine zweite Mise en place. Dieses Mal mit grossen Behältern voll Reis, mit gebratenen Pouletstücken, mariniert à la MamaAfrika mit Ingwer und Zitrone, begleitet von Gemüse und der berühmten Erdnuss-Sauce (wirklich delikat)… Dann ging es ans Anrichten und Servieren.
Eine lange Reihe Anstehender erwartete uns schon. Einer, der sich bemühte, als Erster dranzukommen, damit er dann ein zweites Mal anstehen konnte, wurde bedient und sagte scherzend zu mir: «Aber was wird aus meiner Diät!» Ich zuckte zusammen (haben wir zu wenig gekocht?), sagte aber: «Mach, dass Du weiterkommst.» Er lachte und machte Platz. Zu den Anderen sagte ich: «Teilt gut ein, damit alle MamaAfikas Essen bekommen können.» Ich schöpfte weiter eine gehörige Portion, jetzt aber offenbar zu viel für den Esser. Ich legte den Schopflöffel weg, stemmte meine Hände in meine Hüfte und fragte ihn mit rollenden Augen: «Jetzt aber wirklich! Du bist ja gertenschlank!» Der hinter ihm lachte schallend und riss die anderen mit in ein fröhliches Lachkonzert. Die Sauce rann ihm über die Finger; er versuchte, sie wegzulecken.
«Heh!», sagte ich, «das tut man nicht.» Aber er machte einfach weiter und sagte: «Es ist... hmm… einfach... hmm... saugut.» Ich drohte ihm mit dem Schöpflöffel: Er tat so, als weinte er und quengelte: «Ich will zwei Stück Poulet.» - «Du weisst genau, es gibt nur eines.» - «Aber es würde mir meinen Schmerz mildern, Mama.» Das war nun so komisch, dass ich mein Lachen nicht zurückhalten konnte. Und unter allgemeinem Protestgeschrei erhielt er ein zweites Stück Poulet: «Aber jetzt lass Dich nicht mehr sehen.» Er legte den Arm um meinen Hals und gab mir ein Küsschen. Dann stellte er lachend die dümmste aller Fragen:
«MamaAfrika, ist dein Chili scharf?» «Probier ihn halt einmal. Falls Du in Not kommst, haben wir hier einen Feuerlöscher», gab ich zur Antwort und deutete auf den Löscher, den wir immer in der Küche haben. Dann hörte ich: «Mama, wir haben Hunger!» Und ich: «O je. Ja, ihr habt Recht, Kinder. Gib mir deinen Teller...» Und der Nächste sagte: «Ich möchte Dir auch ein Küsschen geben, wie Mama bei mir zuhause.» «Ich auch!», «Ich auch!», hörte ich. Und im Nu umringten mich ein paar junge Männer und Frauen. Sie nahmen mich in ihre Arme und drückten mich: «Merci, MamaAfrika!» Ich war zu Tränen gerührt. Als sie das sahen, quittierten sie das mit einem besorgten: «Geht‘s, Mama?» Und ich: «Keine Sorge, das ist nur der Chili...»
Unter Lachen schöpften wir weiter. Der Erste, der sich vorgedrängelt hatte, kam schon wieder. Und weil es noch eine Warteschlange hatte, machte er mit seinen Händen eine bittende Geste, als ob er sagen wollte, er könne sich unter keinen Umständen anstellen und warten, und er drohte mit Streik und damit, dass er nie mehr hier essen würde. Ich füllte weiter die Teller und sagte ihm: «Ja, ja, ja... Vielleicht auch einmal an die Anderen zu denken... wäre doch auch einmal etwas. Komm später noch einmal. Und wenn es dann nichts mehr übrig hat, trinken wir ein grosses Glas Wasser miteinander, das soll auch ganz gesund sein.» «Nein», gab er zurück, «ich ziehe den Rest am Boden deiner Pfanne vor.» Und ich: «Ok, warum nicht? Aber nur, wenn du sie danach sauber putzt.» Mit einem Seufzer zog er ab.
In dem Moment kam einer auf mich zu. Sein Gesicht war ganz rot. «Madame, ihre Sauce ist zu scharf. Schauen Sie: meine Zunge, mein Gaumen brennt!» Wie ein Kind streckt er seine Zunge heraus, um sie mir zu zeigen. Ich deutete auf die Chilisauce und fragte ihn: «Hast Du von dieser Sauce genommen?» Er nickte, die Zunge immer noch rausgestreckt. Ich fragte ihn: «Wo bleibt da die Logik? Wenn sich schon drei Personen in deinen Dienst stellen... Ich selbst habe dir doch genug Gemüse und genug Sauce geschöpft... Also: Was könnte eine kleine Sauce in einer kleinen Schale mit einem kleinen Löffelchen bedeuten? Das bedeutet: Mässige dich, nimm wenig.» Zum Lachen war, dass er sich meine Informationen mit heraushängender Zunge anhörte und mit seiner Hand hin und her wedelte, um sich ein bisschen Luft zu verschaffen. Er tat mir eid, trotzdem neckte ich ihn mit der Frage: «Soll ich die Feuerwehr rufen?» Er musste lachen, aber mach das einmal mit der Zunge draussen. «Lieber Mann, bring das mit deiner Zunge in Ordnung, wir werden doch eine Lösung finden, ok?»
Was er eine Sekunde später tat: Er torkelte zum Wasserhahn, hielt seinen Mund darunter und, Pech für ihn, öffnete den Heisswasserhahn. Man kann sich den Cha-cha-cha gut vorstellen, den er darauf tanzte. Alle lachten, aber mir war‘s jetzt nicht mehr zum Lachen zumute. Pfeilschnell rannte ich los und nahm das Glas mit Honig, das in der Nähe stand, und füllte einen zünftigen Löffel. Wieder zeigte er mir seine Zunge wie ein kleiner Junge und liess sie sich von mir mit Honig bestreichen, während ich ihn ermahnte, das mit dem Pfeffer in Zukunft besser bleiben zu lassen. Er wollte dazu etwas sagen, stiess aber nur Laute aus, die einem Lamento von Mozart würdig gewesen wären. Honigtropfen kamen aus seinem Mund. Ich versuchte sie aufzufangen; Honig ist kostbar.
Mein Gott, war das komisch; denn er war ja viel grösser als ich. Ich wagte nicht zu lachen. Nach einer Weile kam er zurück und sagt: «Vielen Dank, MamaAfrika (es tönte jetzt mehr wie mamaaafrika), du hast mir das Leben gerettet!» Und jetzt konnte ich mich nicht mehr zusammenreissen und brach in ein Lachen aus, das ihn und auch all die anderen ansteckte. So ist das in unserer Küche, und das lieben wir.
Ich danke allen, die das möglich machen, die uns ihre Zeit schenken und ihre Fähigkeiten. Sie ehren so die Anderen mit ihrem freiwilligen Engagement. Wir lernen voneinander. Die ASZ ist eine Schule, eine Schule des Lebens, so reich an Vielfalt. Und ihr Café / Küchenraum ist ihre Lunge. Dort atmet die ASZ, die Autonome Schule Zürich.
P.S.: Übrigens: Es hat noch scharfe Sauce...
Übersetzt von Paul Leuzinger