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Politik
Aktuelle Entwicklungen in der Türkei
Der Band ist eine Zusammenstellung sehr heterogener, insgesamt aber anregender Beiträge zu aktuellen Entwicklungen in der Türkei, aber auch zur Wahrnehmung der Türkei durch Europa. Einige Aufsätze sind leider so kurz geraten, dass sie in ein Thema lediglich einleiten, eine Auseinandersetzung damit im Rahmen des Sammelbandes unterbleibt dann jedoch.
Der erste Aufsatz widmet sich - fast möchte man sagen: wie könnte es anders sein - dem Kopftuch. Die Philosophie-Professorin Tülin Bumin, die sich mit der Motivation junger Kopftuch-Trägerinnen befasst hat, fordert, dass "wir uns in der Befreiung von unseren Ängsten gegenüber dem Islam üben - zumal diese Ängste auf einer unzureichenden Kenntnis der Realität in unseren heutigen demokratischen Gesellschaften beruhen." (S. 16) Im Tragen des Kopftuches erblickt sie zwar eine "Wiederbelebung der Tradition", die jedoch nicht "zum Primat der Gemeinschaft auf Kosten des Einzelnen" geführt habe. Im Gegenteil sei es "ja das Individuum, das sich Traditionen und Kulturen aneignet. Die Tradition gehört jetzt dem Individuum und nicht umgekehrt." (S. 15) Offen lässt die Autorin dabei, weshalb gerade die jungen Frauen, von denen sie spricht, nicht das traditionelle Kopftuch tragen, wie man es in ländlichen Regionen der Türkei überall sieht, sondern ein streng gebundenes, das Stirn und Hals vollständig bedeckt. Ungeklärt bleibt auch die Frage, weshalb sich die Aneignung der Tradition ausgerechnet an der schwächeren Hälfte der Gesellschaft, nämlich den Frauen, vollzieht. Was aber geschieht, wenn eine Frau oder ein Mädchen gegen den Willen von Ehemann, Vater oder Brüdern das Kopftuch ablegen möchte? Hier erst zeigt sich doch, ob tatsächlich ein einzelnes Individuum, noch dazu eine Frau, in der Lage ist, sich unabhängig von ihrem sozialen Umfeld Traditionen anzueignen oder sich auch von ihnen zu trennen. Oder wird sie zum Spielball widerstreitender Interessen: strengen Verhaltens- und Kleidungs-Vorschriften einerseits unterworfen und zugleich deswegen diskriminiert und von Bildungseinrichtungen ausgeschlossen? Man sollte nicht länger auf das Kopftuch starren; die entscheidende Frage ist, in welchem Ausmaß es Frauen möglich ist - ob in der Türkei oder in Frankreich- an der Individualisierung teilzuhaben.
Wie es mit den Rechten und der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen in der Türkei weitergehen könnte, dazu findet sich in diesem Buch leider kein eigener Beitrag. Nach Jürgen Gottschlich ist die regierende AKP ein "patriarchalischer, islamisch dominierter Männerbund, der für die Frau lediglich die Rolle als bedecktes Mäuschen und Heimchen am Herd im Repertoire hat." (S. 54) Für gefährlich hält er diese Partei jedoch nicht, denn sie sei kein "monolithischer Block" und ihre konservativ-religiöse Grundhaltung gehe nicht soweit, dass sie einen echten Systemwechsel wünsche.
Auch der Briefwechsel zwischen Günter Seufert und Zafer Senocak enthält zum Begriff "Reislamisierung" einige interessante Passagen, z.B. wenn Senocak schreibt, dieser greife zu kurz, wenn es um eine Erklärung der "sichtbarer gewordenen Präsenz des Islam im öffentlichen Raum" gehe; es gehe "längst nicht mehr um die Wiederherstellung einer vergangenen Gesellschaftsordnung", vielmehr darum, "auszuloten, wie Elemente traditioneller muslimischer Kultur, wie der Sozialauftrag, die Organisation eines städtischen Lebens, musische und künstlerische Erziehung und Geschlechterrollen neu definiert und für die Moderne fruchtbar gemacht werden können." (S. 35f) Dass sich die Türkei in den letzten Jahren tiefgreifend verändert, fällt jedem Urlauber auf. Senocak befürchtet, dass sich dieser Wandel "allzu mechanisch" und "ohne philosophische Tiefe" vollzieht (S. 37).
Interessant ist, dass die Türkei einerseits, seit die islamische AKP an der Regierung ist, vom arabischen Raum mit mehr Interesse wahrgenommen und als "Modell" betrachtet wird, wie Michel Kilo schreibt, dass sie umgekehrt aber in einer tiefgreifenden Identitätskrise zu stecken scheint. Dabei stehen sich die Besinnung auf traditionelle oder islamische Werte und die Postmoderne als Extreme gegenüber. Ali Akay nämlich hofft, "dass die religiösen Gemeinschaften sich langsam auflösen und vielleicht zu postmodernen Gemeinschaften werden, wo die Beziehungen nicht mehr durch enge Zugehörigkeit definiert sind, sondern eine produktive Identitätslosigkeit herrscht" (S. 98).
Einen interessanten Aspekt gibt Hrant Dink zu bedenken: Zwar werden religiöse Bewegungen oft und gerade im Westen als Bedrohung empfunden. Gleichzeitig aber verleiht ausgerechnet der Islam der Türkei ein internationales Gewicht, das sie ohne ihn nicht besäße. "Der Grund, warum die Türkei heute in der internationalen Politik so gefragt ist, liegt vor allem in ihrem islamischen Charakter." Ministerpräsident Erdogan ist sich dessen bewusst, denn er betont diesen Charakter der Türkei in seinen Botschaften an Europa noch. Zugleich wirkt der Islam nach innen "als der stärkste Zement [...], der das Land gegen Separatismus zusammenhält" (S. 26), denn Türken und Kurden sind Muslime.
Zum Schluss ist noch ein interessanter Auszug aus der Rede von Orhan Pamuk anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels abgedruckt, in dem er u.a. darauf aufmerksam macht, dass in Europa teilweise im Rahmen von Wahlkämpfen eine "Türkenfeindlichkeit" geschürt werde, über dessen Auswirkungen auf die Türkei sich die Europäer wohl kaum im klaren sind, die aber in den türkischen Medien aktuell ganz intensiv zu spüren ist: Die Türken reagieren nämlich "mit der Empfindlichkeit des Abgewiesenen"; in der Türkei entwickelt sich derzeit reaktiv "ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus" (S. 115), der sich z.B. darin äußert, dass nur noch rund 30% der Türken einen EU-Beitritt ihres Landes befürworten, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen.