Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03617.jsonl.gz/854

Beitrag «Todestag Martin Luther King» der «Tagesschau» beanstandet
5419
Mit Ihrer E-Mail vom 5. April 2018 haben Sie den «Tagesschau»-Beitrag «Todestag Martin Luther King» vom 4. April 2018 beanstandet. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Voraussetzungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
Ich habe am 4. April anlässlich meines Besuches bei einem Familienmitglied die Tagesschau Hauptausgabe von 19:30 Uhr gesehen. Die Berichterstattung über Martin Luther King Junior’s Todestag und den Alltag der Schwarzen in den USA verstösst meiner Ansicht nach gegen das Sachgerechtigkeitsgebot und das Transparenzgebot. Gemäss diesen beiden Geboten müssen redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt (was die Tagesschau zweifelsohne ist oder zumindest sein sollte) Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen wohingegen Ansichten und Kommentare als solche erkennbar sein müssen.
In dieser Berichterstattung wird suggeriert, dass die Schwarzen in den USA systematisch benachteiligt würden weil sie schwarz sind. Obwohl dies vielleicht dem Glauben vieler Linker und Journalisten entspricht, wird hier die Kausalität komplett verdreht. Ich werde hierbei ein paar Beispiele aus dieser Sendung anfügen, wobei ich mich nicht mehr genau an alle Daten erinnern kann:
- Es wurde suggeriert, dass Schwarze überproportional stark in den Gefängnissen landen. Dies mag stimmen, wenn man die Gefängnisinsassen, aufgeteilt nach Rasse, proportional zur jeweiligen ethnischen Gesamtbevölkerung betrachtet. Schwarze machen etwa 13% der Bevölkerung aus, jedoch aber einen markant höheren Anteil an Gefängnisinsassen. Jedoch ist diese Betrachtungsweise aufgrund fehlender Kausalität falsch. Massgebend ist nicht die gesamte Bevölkerung, sondern derjenige Teil der jeweiligen Ethnie, der straffällig wird. Würden Sie die Gefängnisinsassen in Relation zur jeweiligen straffälligen Bevölkerungsschicht setzen, so könnten Sie sehr schnell erkennen, dass Schwarze gar nicht überproportional im Gefängnis landen sondern genau proportional zur Anzahl Verbrechen, die sie begehen. So werden, z.B., über 50% der schweren Verbrechen in den USA durch Schwarze verübt obwohl diese, wie besagt, nur 13% der Bevölkerung ausmachen.
- In dieser Sendung wurde auch suggeriert, dass Schwarze eine höhere Arbeitslosigkeit haben als Weisse nur aufgrund der Tatsache, dass sie schwarz sind. Auch hier fehlt die Kausalität und die Oberflächlichkeit und Einseitigkeit der Berichterstattung sind schnell erkennbar. Wenn man die Daten nach Schulabschluss anschaut, dann merkt man schnell, dass die Arbeitslosigkeit für Menschen ohne high school Abschluss (Sekundar- oder Realschule) bedeutend höher ist als für Menschen mit mindestens einem high school Abschluss. Dies gilt für alle Rassen und Ethnien. Der Anteil der Schwarzen allerdings, die keinen Abschluss vorweisen, ist markant höher. Dies ist der wirkliche Grund für den unterschiedlichen Beschäftigungsgrad. Was ich jetzt von einer stark subventionierten Institution wie der SRG erwarten würde, ist, dass die Macher der Tagesschau mal recherchieren warum dies so ist. Wenn sie ihre ideologischen Scheuklappen einmal ablegen, dann stellen sie schnell fest, dass der Anteil derjenigen schwarzen Kinder, die mit einem Elternteil aufwachsen, mittlerweile fast 75% beträgt. Bei weissen Kindern liegt der um die 20%. Der Zusammenbruch der traditionellen Familie, der fehlende Halt, falsche Vorbilder, usw. führen diese Kinder schon früh auf eine gefährliche Bahn. Geht man in der Analyse noch weiter, dann stellt man unweigerlich fest, dass falsche Anreize im Sozial- und Wohlfahrtsstaat eben diese Entwicklung begünstigten und mitunter ein Grund sind warum die Kriminalität unter Schwarzen auch viel höher ist (womit wir dann wieder bei Punkt 1 angelangt sind...).
- Weiter wurde im Beitrag darauf aufmerksam gemacht, dass die Armut unter Schwarzen höher ist als unter Weissen. Dies trifft zu, aber auch hier fehlt die Kausalität und die Gründe dafür wurden nicht sachgerecht dargestellt. Wissen Sie, dass ungefähr 7% der intakten, schwarzen Familien in Armut leben während die Armutsquote bei alleinerziehenden weissen Frauen 22% beträgt? Wie war das gleich nochmals mit der privilegierten weissen Schicht? Auch hier gilt: Es ist nicht die Hautfarbe, die massgebend ist, sondern das Selbstverantwortlichkeitsempfinden der Menschen.
Ich erwarte von Ihnen, dass Sie meine Beanstandung genau studieren und sich bei der SRG für eine fundiertere, besser recherchierte und vor allem weniger einseitige Berichterstattung einsetzen. Andernseits sehe ich mich gezwungen, eine Beschwerde bei der UBI einzureichen.
B. Ihre Beanstandung wurde der zuständigen Redaktion zur Stellungnahme vorgelegt. Herr Franz Lustenberger, Redaktion «Tagesschau», schrieb:
Mit Mail vom 5. April hat Herr X eine Beanstandung gegen die Berichterstattung der Tagesschau zum 50. Jahrestag der Ermordung von Martin Luther King[1] eingereicht.
Fakten zu den Statistiken
Die Tagesschau hat in ihrem Bericht Fakten zusammengetragen zu den Bereichen Arbeitslosigkeit, Lebenserwartung und Strafverfolgung. Letztlich bestreitet der Beanstander diese Fakten auch nicht, er bestreitet vor allem, dass es in diesen drei Bereichen einen Kausalzusammenhang zwischen den statistischen Zahlen und der Hautfarbe gebe.
Gerade darum hat die Tagesschau im Bericht nie von einem direkten kausalen Zusammenhang gesprochen. Gerade, weil die Redaktion weiss, dass auch andere gesellschaftliche Faktoren (Wohnort, Wohnumgebung, Bildungsgrad der Eltern, Familiensituation, Schule, Klassengrössen, Qualität der Schule, finanzielle Situation der Eltern, Anreize für freiwillige Tätigkeiten, Eingebundensein in Jugend- oder Sportvereine etc.) für die Entwicklung jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen von Bedeutung sind. Tatsache ist aber auch, dass in den USA die Rassenzugehörigkeit zu den bestimmenden Faktoren gehört. Die Argumentation von Herr X blendet die Rassenzugehörigkeit völlig aus.
Konkrete Benachteiligung
Herr X begründet die höhere Arbeitslosigkeit bei Schwarzen in den USA mit der schlechteren Ausbildung. Es ist richtig, dass die Schulbildung mitentscheidend für die spätere Beschäftigung ist. Letztlich führt er diese schlechteren Bildungschancen und auch die höhere Kriminalität auf «falsche Anreize im Sozial- und Wohlfahrtsstaat» zurück.
Dies ist eine politisch gefärbte Interpretation; Der Beanstander erhebt dadurch den Anspruch, es gebe einen klaren Kausalzusammenhang zwischen der seiner Ansicht nach «falschen» Sozialpolitik und der Lage der schwarzen Bevölkerung in den USA.
Die Tagesschau wagt sich nicht, solche einfachen Erklärungsmuster zu verbreiten. Sie hält sich an die Fakten, die durch Statistiken belegt sind.
Danach ist das Einkommen der schwarzen Bevölkerung deutlich tiefer als das durchschnittliche Einkommen über die ganze Bevölkerung betrachtet:
Auch die Armut ist bei der schwarzen Bevölkerung – und zwar in allen Altersgruppen – höher als bei der Gesamtbevölkerung[2].
Eine andere Statistik gibt Aufschluss über die Arbeit der Polizei, im Verhältnis zur Rassenzugehörigkeit. Danach ist das Risiko der Schwarzen, von der Polizei in Arrest genommen zu werden oder in Handschellen gelegt zu werden dreimal höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung[3].
Die beiden beigelegten PDF-Dateien mit vielen Statistiken und Studien zu den verschiedensten Lebenssituationen belegen das Ausmass der Unterschiede zwischen den Rassen in den Vereinigten Staaten.
Fazit
Die Tagesschau hat in ihrem Beitrag zum 50. Todestag des Bürgerrechtlers und Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King über den Gedenkanlass berichtet. Sie hat mit drei Beispielen die nach wie vor bestehende Ungleichheit zwischen den Rassen thematisiert. Dies geschah sachlich, basierend auf Statistiken und ohne Schuldzuweisungen zu machen oder einfache Erklärungen zu liefern.
Das Publikum wird nicht beeinflusst; es kann sich eine eigene Meinung bilden.
Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.
Herr Franz Lustenberger fügt der Stellungnahme zwei Dokumente an (Artikelsammlung zu Rassismus in den USA; Sammlung zu statistischen Angaben zu Rassismus in den USA)
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung des Beitrages. Am 4. April jährte sich der Todestag von Martin Luther King, dem bekanntesten Bürgerrechtler der Vereinigten Staaten, zum fünfzigsten Mal. Der Friedensnobelpreisträger wurde in Memphis, Tennessee erschossen. Sein Traum war ein geeintes Amerika ohne Rassismus, in dem Schwarze und Weisse die gleichen Chancen haben[4]. Die «Tagesschau» hat den Todestag zum Anlass genommen, in einen knapp zweiminütigen Beitrag über den Gedenkanlass zu berichten. Dabei wurden drei Statistiken in Form von Säulengrafiken eingeblendet, nämlich zur Arbeitslosigkeit, zur Lebenserwartung und zu jungen Männern im Gefängnis. In jeder dieser drei Säulengrafiken wurden j die Zahlen an sich, sondern dass es bei diesen drei Beispielen einen Kausalzusammenhang zwischen den statistischen Werten und der Hautfarbe gebe.
Die Verantwortlichen der «Tagesschau» sind nun eben gerade nicht in die Falle getappt, einen direkten Kausalzusammenhang zwischen Hautfarbe und statistischen Werten aufzuzeigen. Fakt ist, dass neben einer Vielzahl gesellschaftlicher und individueller Faktoren (bspw. Persönlichkeitsmerkmale, Fähigkeiten, Intelligenz, Verhaltensdispositionen, Erbanlagen) in den USA auch die Zugehörigkeit zu einer Ethnie zu den bestimmenden Faktoren für die Entwicklung von Menschen von Belang sind. Dies blenden Sie aus.
In vielen Publikationen, Fachzeitschriften und Zeitungsartikeln wird darauf hingewiesen, dass es in den Vereinigten Staaten zwei Lebenswirklichkeiten gibt, nämlich die der Schwarzen und die der Weissen. Stellvertretend zitiere ich hier aus einem Bericht von Tatjana Meschede, Forschungsdirektorin am «Institute on Assets and Social Policies, Heller School for Social Policy and Management», der Brandeis University, Massachusetts: «Kern der US-Rassenkonflikte ist die riesige, sich hartnäckig haltende wirtschaftliche Kluft zwischen Schwarzen und Weißen. Egal, welchen ökonomischen Faktor man betrachtet: Schwarzen geht es mit großem Abstand schlechter als Weißen. Hier nur ein paar Beispiele: Die Arbeitslosenquote von Schwarzen ist seit Jahrzehnten doppelt so hoch, ungeachtet der erreichten Ausbildung. Der Anteil von High-School- und College-Abschlüssen unter Schwarzen ist wesentlich geringer. [...] Schwarze verdienen im Schnitt 60 bis 70 Prozent dessen, was ein Weißer bekommt. Riesig im Vergleich dazu ist der Abstand bei den Vermögen: Es beträgt bei einem durchschnittlichen schwarzen Haushalt gerade mal fünf bis zehn Prozent dessen, was ein weißer Haushalt an Vermögen hat».[5] Der «Tagesschau»-Beitrag schliesst denn auch mit folgendem Satz: «In den USA haben sich in den letzten Jahren die Unterschiede zwischen Arm und Reich vergrössert, dies macht es für die Schwarzen schwieriger, ihre Situation zu verbessern» [Timecode 01:32 – 01:42].
Die Inhalte des von Ihnen beanstandeten Beitrags werden aufgrund der kurzen Beitragszeit sehr verkürzt wiedergegeben. Die oben genannten gesellschaftlichen und individuellen Faktoren, die zur Ungleichheit führen, wurden nicht angeführt. Das kann zu Verständnisschwierigkeiten führen. Die «Tagesschau» hat die Fakten aber richtig vermittelt, nicht aber erklärt oder ausgeführt. Dies ist bei einem so kurzen Beitrag üblich und auch kaum anders zu bewerkstelligen. In einem längeren Beitrag hätten die Zahlen und die Gründe, warum es zu diesen Unterschieden kommt, erläutert werden können.
Auch wenn ich Ihre Argumentation zu einem Teil nachvollziehen kann, kann der «Tagesschau» nicht vorgeworfen werden, dass Sie das Sachgerechtigkeitsgebot missachtet hätte. Gleiches gilt für die Transparenz – die Quellen wurden offengelegt. Der Beitrag ist faktenmässig richtig , das Publikum konnte sich frei eine eigene Meinung bilden.
Ich kann Ihre Beanstandung daher nicht unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Manfred Pfiffner
Stellvertretender Ombudsmann
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:
Über die Relevanz von «Tagesschau»-Beiträgen
Ombudsmann Roger Blum hatte sich bei einer Beanstandung der «Tagesschau» vom 30. April 2017 vor allem mit der Relevanz verschiedener Beiträge zu befassen. Welche Informationen sind relevant genug, damit sie es in die «Tagesschau» schaffen? Welchen Fokus wählt die Redaktion bei einem Ereignis und warum?
«50 Jahre Sechstagekrieg» beschäftigt auch den Ombudsmann
Ombudsmann Roger Blum behandelte eine Beanstandung des «Tagesschau»-Beitrags «50 Jahre Sechstagekrieg». Ein Fernsehzuschauer bemängelt den Bericht als unvollständig, einseitig und nicht sachgerecht. Zudem kritisiert er den Interviewpartner als antiisraelisch. Ombudsmann Roger Blum wertet den «Tagesschau»-Bericht und den gewählten Interviewpartner als zulässig. Allerdings hätte die unmittelbare Vorgeschichte des Sechstagekrieges gemäss Blum erwähnt werden müssen.
Beitrag: «Terror-Attacke im Livestream: Facebook versagt bei der Kontrolle» von «Tagesschau» beanstandet
5829 | Mit Ihrer E-Mail vom 17. März 2019 beanstandeten Sie die «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom gleichen Tag und dort den Beitrag «Terror-Attacke im Livestream: Facebook versagt bei der Kontrolle». Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
Alle Schlussberichte der Ombudsstelle jetzt ansehen