Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03292.jsonl.gz/5

Müssen wir uns entscheiden zwischen Liebe zur Weisheit (philosophia) und Liebe zu Mitmenschen? Ein vielzitierter Spruch von Schopenhauer besagt dies. Inwiefern liegt er richtig, inwiefern nicht?
„Einsamkeit ist das Los aller hervorragender Geister: sie werden solche bisweilen beseufzen, aber stets sie als das kleinere von zwei Übeln erwählen.“
-Arthur Schopenhauer
Wie kommt man wie Schopenhauer auf die Idee, dass hervorragende Geister einsam sein müssen?
Zunächst: Was ist überhaupt ein „hervorragender Geist“? Ein Philosoph wie Schopenhauer könnte darunter vielleicht einen besonders intelligenten Geist verstanden haben, oder einen besonders rationalen oder denkerisch innovativen Geist. Wie „hervorragend“ diese einzelnen Eigenschaften nun jeweils genau sind, darüber ließe sich streiten. Für den Moment fragen wir uns: Warum könnte so ein Geist einsam sein?
Ist die Masse schuld?
Ein Geist, der unter allen anderen „hervorragt“, wird in seiner Ideenwelt einsam sein. Und das kann natürlich bereits ein gewisses Gefühl der Einsamkeit hervorrufen. Doch wird ihn das auch zur sozialen Einsamkeit verdammen? Eine Möglichkeit könnte sein, dass die meisten Menschen seine Exzellenz nicht mögen und deswegen nichts mit ihm zu tun haben wollen. Das wäre die Erklärungsvariante, die dem hervorragenden Geist schmeichelt.
Ein besonders intelligenter Geist könnte in anderen Minderwertigkeitsgefühle auslösen, sie einschüchtern, sie wütend machen. Wenn er kompromisslos die Wahrheit sucht, könnte er allen möglichen Menschen auf den Schlips treten, die dogmatisch an ihren Ideen und Werten festhalten. Es könnte auch sein, dass engstirnige Menschen und fanatische Gruppen vorhersehbare, bedingungslos loyale Gefährten vorziehen. Ein kritischer Freigeist, der bereit ist, alles jederzeit zu hinterfragen und den Argumenten und Belegen zu jeder möglichen Schlussfolgerung zu folgen, ist eher unberechenbar und nicht zwingend allem gegenüber loyal, schon gar nicht bedingungslos.
Ist der Geist schuld?
Eine Frage, die es sich zu stellen lohnt: Muss ein hervorragender Geist zwingend diese abstoßende Wirkung auf andere Menschen und Gruppen haben? Was, wenn nicht? Es gibt auch eine Erklärungsvariante, die hinterfragt, wie weit die Exzellenz eines hervorragenden Geistes wirklich reicht. Vielleicht liegt das Problem eher bei ihm, vielleicht sind seine Prioritäten nicht so hervorragend. Und einen brillanten Geist zu haben, ist sicherlich nicht der einzige mögliche Grund für Einsamkeit.
Vielleicht ist der kluge Geist sozial nicht so kompetent; nur weil er eine gewisse Exzellenz besitzt, vereint er gewiss nicht zwingend alle erstrebenswerten Formen der Exzellenz in sich. Vielleicht ist er arrogant und taktlos in seinem kompromisslosen Argumentieren und Hinterfragen. Vielleicht ist er für viele unnahbar und unverständlich, weil er in seinen abstrakten Ideengebäuden und seiner akademischen Sprache den Kontakt zur Realität verliert.
Mal so, mal so
Wahrscheinlich gibt es beide Szenarien. Es kann einerseits sein, dass der hervorragende Geist sich wirklich in einem positiven Sinne hervorragend verhält und die Leute darauf aus unehrenhaften Gründen ablehnend reagieren. Wir alle kennen Gruppen, in denen man sich mit einer ehrlichen kritischen Haltung unbeliebt machen kann. Es kann durchaus vorkommen, dass ein hervorragender Geist für bestimmte brillante Ideen den Preis der Einsamkeit bezahlen muss, weil er seiner Zeit bzw. seinen Mitmenschen weit voraus ist.
Es kann aber ebenfalls sein, dass der hervorragende Geist nur glaubt, sich hervorragend zu verhalten, in Wahrheit aber ganz einfach sozial ungeschickt vorgeht, ohne triftige Gründe, die dies ausreichend rechtfertigen würden. Könnte es nicht sein, dass man zumindest in den meisten Fällen seine Liebe zur Weisheit nicht fundamental verraten muss, um nicht einsam sein zu müssen? Könnte wahre Weisheit, wahre Exzellenz nicht darin bestehen, nicht nur als Wahrheitssucher, sondern auch als soziales Wesen erfolgreich zu sein? Skeptizismus und intellektuelle Stringenz sollte man vielleicht dosieren, je nachdem, wie bedeutend die jeweilige Angelegenheit ist. Dann sinkt das Risiko, dass einen andere allein lassen, weil man sie laufend abstrakten Denkgesetzen unterordnet.
Fazit
Hervorragende Geister müssen keineswegs einsam sein. Es gibt zwar mit z.B. Nietzsche und Descartes Philosophen, die in ein ähnliches Horn stoßen wie Schopenhauer, und es kann sein, dass man für gewisse wahrlich brillante Gedanken den Preis einer mehr oder weniger ausgeprägten Einsamkeit bezahlen muss. Doch sowohl von früher als auch von heute gibt es mehr als genug Beispiele von brillanten Denkerinnen und Denkern, die nicht einsam waren bzw. sind. Besonders etwa die Pioniere, die alten Griechen, hatten gewöhnlich Freunde und unterhielten sich laufend in Dialogen und Debatten mit anderen.
Man kann wohl also nicht sagen, dass alle hervorragenden Geister zwingend das Los der Einsamkeit ziehen müssen. Und wenn sie es ziehen, dann muss das nicht unbedingt an etwas liegen, das den Namen „Exzellenz“ verdient hat. Man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen, was im Leben alles wirklich zählt. Wir können unsere philosophische Brillanz auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen. Wir müssen nicht in jeder Situation über jedes Detail ohne Rücksicht auf andere völlig ergebnisoffen und strikt logisch philosophieren, um als hervorragende Denkerinnen und Denker gelten zu dürfen. Und wir müssen mit anderen bei Weitem nicht alles gemeinsam haben und alles teilen können, um Beziehungen haben zu können.
Es ist weitaus leichter gesagt als getan, aber wenn wir die Balance finden zwischen Liebe und Wahrheit und das eine das andere informiert, dann, so scheint es, können wir von einem erfolgreichen Leben sprechen. Und das zählt.