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Konjunktur wird häufig definiert als die Gesamtheit der Ereignisse, die einen beschränkten, vorwiegend kurzfristigen Einfluss auf das aktuelle Wirtschaftsgeschehen haben. Allgemein wird die Konjunktur in Zusammenhang gebracht mit vorübergehenden, provisorischen, manchmal zyklischen Ereignissen, deren Auswirkungen sich langsam in den tieferen, strukturellen Trends einer Volkswirtschaft verlieren. Diese strukturellen Trends wären somit massgeblich für die langfristige Zukunft einer Gesellschaft. Die Wirtschaftstheorie definiert jedoch nicht eindeutig, was unter kurz- und langfristig zu verstehen ist. Ökonomen geraten bei der Frage, welche Dauer sie diesen Begriffen zuordnen, meistens in Verlegenheit. Denn manchmal dauert es Jahre, bis erkennbar wird, welche langsamen, strukturellen Trends eine Wirtschaft prägen und bei welchen Tendenzen es sich um konjunkturelle Erscheinungen handelte. Vergessen geht dabei häufig, dass strukturelle Faktoren ständig eine Rolle spielen: Anpassungen am regulatorischen Rahmen, Veränderungen im Verhalten oder bei den relativen Preisen, Unternehmensgründungen oder -schliessungen, das Aufkommen neuer Technologien oder aber die Einsicht, dass der Produktionsapparat veraltet ist, sind ständige Prozesse.[1]
Wie misst man Konjunktur?
Zur Messung der Konjunktur gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die Wirtschaftswissenschaft und die Öffentlichkeit konzentrieren sich häufig auf folgende Instrumente:
- jährliche oder vierteljährliche preisbereinigte Veränderungen des Bruttoinlandprodukts (BIP) oder seiner Bestandteile;
- Ergebnisse der monatlichen oder vierteljährlichen Konjunkturumfragen;
- Arbeitsmarktindikatoren.
Weil das BIP in der Regel zunimmt, werden seine Veränderungsraten für die Beurteilung des Konjunkturverlaufs herangezogen.Die Ergebnisse der Konjunkturbefragungen schwanken im Allgemeinen um einen mehr oder weniger konstanten historischen Durchschnitt, womit sie sich direkt interpretieren lassen (Saldo der Antworten bei Meinungsumfragen über einen bestimmten Bereich). Für die Arbeitsmarktindikatoren sind verschiedene Arten von Auslegungen und Analysen möglich: von Wachstumsraten bis zu Prozentsätzen wie bei der Arbeitslosenquote. Die Berechnung der Veränderung des BIP – oder der Anzahl Stellen auf dem Arbeitsmarkt – ist nicht die einzige Möglichkeit zum Messen der Konjunktur. Viele Analysten und insbesondere die Zentralbanken und Finanzministerien versuchen, ein potenzielles BIP für ein Land zu berechnen. Vergleicht man dieses mit dem effektiven BIP, erhält man die Produktionslücke (Output-Gap). Das potenzielle BIP einer Wirtschaft bezieht sich auf das Angebotspotenzial (Produktionsfaktoren und Technologie). Auf mehrere Jahre hinaus gesehen, sollte sich das Potenzialwachstum aus dem Wachstum der Erwerbsbevölkerung und dem technischen Fortschritt ergeben. Über mehrere Quartale hinweg kann sich das potenzielle BIP ändern, namentlich aufgrund eines veränderten Kapitalstocks. Das potenzielle BIP ist somit eine Art «theoretisches» BIP, das eine Wirtschaft erreichen würde, wenn alle Produktionsfaktoren (Kapital und Arbeit) normal ausgelastet wären. Darunter ist ein nachhaltiges Wachstum ohne Inflationsdruck zu verstehen. Die Produktionslücke kann auch positiv sein. Dies ist dann der Fall, wenn das effektive BIP höher ist als das potenzielle BIP. Dabei handelt es sich um eine vorübergehende Situation, die häufig mit Inflationsdruck einhergeht. Umgekehrt kann ein starker Nachfragerückgang eine negative Lücke zwischen (niedrigerem) effektivem BIP und (höherem) potenziellem BIP zur Folge haben, wie dies in den meisten Industrieländern zwischen 2009 und 2013 der Fall war. Die Schätzung der Produktionslücke ist insbesondere für die Geldpolitik von Interesse, da sie auf mögliche Inflationstendenzen hinweist, wenn sie positiv ist, und auf Deflationstendenzen im umgekehrten Fall. Für die öffentlichen Finanzen lassen sich durch die relative Position einer Volkswirtschaft im Vergleich zum potenziellen BIP die konjunkturellen und strukturellen Bestandteile im Saldo des Staatshaushalts (Defizit oder Überschuss) identifizieren.
Finanz- und Wirtschaftskrise und Potenzialwachstum
Die Europäische Kommission und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) berechnen jährlich Schätzungen für das potenzielle BIP für die Länder Europas und weitere Industrieländer. Wir betrachten hier das effektive und das potenzielle BIP der USA, der Eurozone und der Schweiz im Zeitraum 1997–2015.
USA
Grafik 1 zeigt, dass das potenzielle BIP der USA erwartungsgemäss stabiler verläuft als das effektive BIP und darin ein langfristiger Trend erkennbar ist. Es fällt auf, dass das Wachstum zwar seit 2010 wieder positiv ist, die Produktionslücke aber bis mindestens 2015 negativ bleiben und mit einer «konjunkturellen» Arbeitslosigkeit einhergehen dürfte, weil das Wachstumspotenzial nicht voll ausgeschöpft wird. Konjunkturerholung und gute Konjunkturlage sind nicht dasselbe. Ausserdem ist festzustellen: Die Finanzkrise hatte zwar einen dämpfenden Einfluss auf das potenzielle BIP der USA (namentlich 2009 und 2010), doch wächst dieses seit 2013/14 wieder ähnlich dynamisch wie vor der Krise.
Eurozone
Die Situation in der Eurozone ist komplexer und schwieriger zu interpretieren (siehe Grafik 2). Der Rückgang des BIP 2009 fiel nicht nur markanter aus als in den USA, die Finanz- und Wirtschaftskrise scheint sich auch stärker negativ sowohl auf das Niveau als auch auf das Wachstum des potenziellen BIP ausgewirkt zu haben: Das Potenzialwachstum der Eurozone ist gemäss Berechnungen der Europäischen Kommission von rund 2% vor der Finanzkrise auf 0,5% nach der Krise gesunken.
Schweiz
Die Entwicklung des effektiven und des potenziellen BIP der Schweiz zwischen 1997 und 2015 scheint – Berechnungen der OECD zufolge – darauf hinzuweisen, dass bisher kein bleibender Effekt aufgetreten ist (siehe Grafik 3). Zwar hatte die Finanzkrise negative Auswirkungen auf die Höhe und das Wachstum des potenziellen BIP in diesem Zeitraum. Andere Faktoren scheinen sich aber entgegengesetzt ausgewirkt zu haben, so dass Höhe und Wachstum des potenziellen BIP in diesem Zeitraum offensichtlich nicht allzu sehr beeinträchtigt wurden. Zu diesen Faktoren gehörten wohl insbesondere das kräftige Bevölkerungswachstum und die damit verbundene positive Wirkung auf das Potenzialwachstum.
Konjunkturkrise mit kurz-, mittel- und langfristigen Folgen
Das Geschehen der letzten Jahre scheint sich auf drei verschiedene Arten auf die Wirtschaftstätigkeit ausgewirkt zu haben:
- Vorübergehende Auswirkungen: Eine schwere Konjunkturkrise – in diesem Fall die Finanzkrise 2008/09 – beeinträchtigt die Wachstumsrate des effektiven BIP, wenn auch nur kurzfristig. Das effektive BIP findet danach rasch wieder auf den alten Wachstumspfad zurück, und das potenzielle BIP wird durch die Krise nicht oder nur vorübergehend geschmälert. Das Niveau des potenziellen BIP kann vorübergehend tatsächlich zurückgehen, zieht aber rasch ebenso stark wieder an, womit die Krise weder das Niveau noch die Wachstumsrate des potenziellen BIP nachhaltig beeinträchtigt. Dieses Szenario scheint auf die Schweiz zuzutreffen, wenn man die Schätzungen der OECD zum potenziellen BIP heranzieht (mit den bereits erwähnten Nuancen).
- Langfristige, aber nicht bleibende Auswirkungen: Eine schwere Konjunkturkrise kann Spuren beim effektiven und beim potenziellen BIP hinterlassen. In diesem Fall wird das Niveau des potenziellen BIP «langfristig» beeinträchtigt; das Wachstum knüpft aber relativ rasch wieder an das Tempo vor der Krise an. Dieses Szenario scheint weitgehend auf die USA zuzutreffen.
- Langfristige, bleibende Auswirkungen: Eine schwere Konjunkturkrise kann die Wirtschaft tief greifend beeinträchtigen, wenn das potenzielle BIP nicht nur dem Wachstum vor der Krise hinterherhinkt, sondern sich mit der Zeit aufgrund eines geringeren Potenzialwachstums sogar immer weiter davon entfernt. Ein Beispiel dafür ist möglicherweise die Eurozone, falls die Schätzungen der Europäischen Kommission zutreffen.
In der Literatur gibt es zahlreiche Arbeiten darüber, weshalb es zu diesen unterschiedlichen Auswirkungen kommt. Häufig wird dabei auf die Folgen der Finanz und Wirtschaftskrise für die Faktoren des langfristigen Wachstums verwiesen. Dazu gehören höhere strukturelle Arbeitslosigkeit und tiefere Erwerbsbeteiligung, bleibende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, Beeinträchtigung des Humankapitals, rückläufige Investitionen in Forschung und Entwicklung oder regulatorische Neuerungen. Im Fall der Eurozone spielt auch der angeschlagene Zustand des Bankensektors eine Rolle. Dieser nimmt seine Funktion bei der Finanzierung von Investitionen in vielen Ländern seit mehreren Jahren nicht mehr wahr. Die Schätzungen zum Potenzialwachstum sind allerdings mit Unsicherheiten behaftet. Sie müssen überprüft werden, wenn durch eine grössere zeitliche Distanz klar wird, wie sich der Aufschwung in den verschiedenen Ländern genau vollzieht. Die Konjunkturanalyse gewinnt mit der Zeit an Schärfe.[2]
Wirtschaftspolitische Instrumente gezielt einsetzen
Die Schwierigkeit, konjunkturelle von strukturellen Trends abzugrenzen, und die Erkenntnis, dass diese voneinander nicht unabhängig sind, dürfen nicht dazu verleiten, die entsprechenden wirtschaftspolitischen Instrumente unterschiedslos anzuwenden. Die Wirtschaftstheorie und die Beobachtungen im Zeitraum 1960–2013 lassen kaum Zweifel daran, welche Instrumente sich eignen, um rasch und dezidiert Einfluss auf die Konjunktur zu nehmen oder indirekter gewisse Verhaltensweisen und die Strukturen der Wirtschaft – die viel zitierten Rahmenbedingungen – zu verändern. Die Geldpolitik ebenso wie die Fiskalpolitik bieten in gewissen Fällen Instrumente, die einen Einfluss auf die Konjunktur haben. Weiterhin eine zentrale Rolle für die langfristigen Wachstumsperspektiven spielen aber auch das regulatorische Umfeld, die Arbeitsmarktpolitik, die institutionellen Vorgaben zu den Sozialversicherungen oder – in Ländern mit ausgeprägter demografischer Alterung – die Einwanderungspolitik. Zwischen Konjunktur und Struktur bestehen feine Wechselwirkungen. Der Abbau struktureller Ungleichgewichte erfolgt immer in einem bestimmten konjunkturellen Kontext. Dies gilt insbesondere für die Reduktion der strukturellen Defizite der öffentlichen Haushalte in der Eurozone in den Jahren 2012 und 2013. Dieser Abbau war unabdingbar zur Vermeidung einer neuerlichen Finanzkrise. Umgekehrt kann ein übermässiger Einsatz von Konjunkturinstrumenten eine Volkswirtschaft in weitere strukturelle Ungleichgewichte stürzen. Diese Gefahr birgt beispielsweise die seit Langem sehr expansive Geldpolitik in mehreren Industrieländern. Kurz- und langfristige Aspekte spielen stets zusammen, und die Realität lässt sich nicht auf ein Modell mit zwei Zeitrechnungen reduzieren.
- Im Extremfall könnte man behaupten, dass kurzfristig nur heute ist und langfristig bereits morgen beginnt.
- Wie ist die aktuelle Diagnose einzustufen? Die Konjunkturdiagnosegleicht dem Prozess des Entwickelns: Bei Fotofilmen, die in der Dunkelkammer mit chemischen Entwicklungs- und Fixiermitteln bearbeitet werden, erscheinen zuerst nur die Umrisse eines Bildes.Nach einigen Sekunden wird dann langsam das ganze Fotomotiv erkennbar. Der Unterschied ist, dass es nicht nur Sekunden, sondern häufig mehrere Quartale oder sogar Jahre braucht, bis sich das Konjunkturbild klarer abzeichnet.