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Die Fondation Beyeler würdigt erstmals umfassend den Maler Balthus (1908-2001)
Kein Skandal wegen des Porträts der träumenden Thérèse mit dem blitzsauberen Unterhöschen, die mit vierzig weiteren Bildern in der Ausstellung Balthus der Fondation Beyeler hängt. Aber reichlich Rezensionen in den Medien auch im benachbarten Ausland und dazu Online-Kommentare auf allen möglichen Plattformen im Internet. Den einen ist es grossartige Malerei eines der wichtigen bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts, den anderen spekulatives Spiel mit erotisch aufgeladenen Mädchenbildern.
Ohne Zweifel hat der junge Balthus den Eclat gesucht, als er – noch mittelloser, aber hochbegabter Autodidakt – 1934 erstmals ausstellen konnte, darunter sein von ihm selbst so bezeichnetes pornographisches Bild von der Gitarrenlektion, das in Riehen leider fehlt, weil der Besitzer es für sich haben will. Der Plan ging auf, zwar verkaufte er keins der sieben Gemälde, aber schon ein Jahr später öffnete ihm Pierre Mattisse seine Galerie in New York: Balthus war berühmt. Und hatte nun nebst Renommee auch Geld, so dass ihn seine Angebetete, die Bernburgerin Antoinette von Wattenwyl nach Jahren der Weigerung ihrerseits heiraten wollte. Das Gemälde La jupe blanche zeigt die schöne Gattin, der Blick melancholisch, der Körper entspannt, Bewegung einzig durch den Faltenwurf des weissen Rocks und die rotbestickten Schuhe. Aber ist sie allein? Der geraffte schwere Vorhang könnte den Voyeur (der ja zugleich das Bild betrachtet) verbergen. Die Japanerin Setsuko, seine zweite um Jahrzehnte jüngere Frau war ihm Modell für die Chambre turque: ein lieblicher Frauenakt mit locker geöffneten Beinen, sich im Handspiegel betrachtend. Neben dem Spiegel oder Draperien und Tapisserien wie von früher wiederholt Balthus auch das Motiv der Katze.
In Thérèse rêvant frisst ein Katzenvieh aus einem Futterteller, im Poisson rouge einem kleinen und zugleich furchterregenden Bild glotzt einem ein sphinxähnliches, katzenartiges Ungetüm an, während ein Kind, dessen Körper hinter einem Tisch verborgen bleibt – oder gar nicht wirklich existiert – den kleinen Goldfisch im Glas betrachtet. Eins der frühesten Gemälde ist das Selbstporträt als Katzenkönig von 1935, nie verwunden scheint der Verlust der Katze Mitsou in seiner Kindheit.
So wie seine Malerei voller Widersprüche steckt, war es auch seine Persönlichkeit. Als wohlhabender intellektueller Aristokrat tauschte er sich weltläufig mit den wichtigsten Philosophen Politikern und Künstlern aus, und zugleich wollte er als Kunstmaler ein Handwerker sein, übend an alten Meistern, wo andre sich avantgardistisch gebärden. Befreundet mit Picasso, Giacometti oder Matisse, die sein Werk hoch schätzten, galt seine Sehnsucht der Renaissancemalerei und der verlorenen Kindheit. Vorbilder waren ihm Nicolas Poussin, La Tour, Masaccio und allen voran Piero della Francesca, deren Werke er in jungen Jahren als seine ureigene Malschule kopierte. Inspirationsquelle waren ihm jedoch ebenso die Zeichnungen aus dem Struwwelpeter oder aus Lewis Carrolls Alice in Wonderland.
Er malte junge Mädchen, zeigte sie in seinen Bildern distanziert, entspannt, in sich gekehrt, immer selbstsicher und mit einer geheimnisvoll erotischen Aura der Adoleszenz. Das passt gerade heutzutage, wo sogar konkrete Poesie (Gomringer) überpinselt werden muss, den besonders Besorgten um eine keimfreie Gesellschaft überhaupt nicht. In den Texten zur Ausstellung heisst es vorbeugend, dass Kunst jenseits des Guten und Schönen stets auch abgründige, unkonventionelle, irritierende und provokative Aspekte enthalte, die ebenso zur Fantasie des Menschen und zur Wahrheit menschlichen Daseins gehörten. Aber wie erwähnt, der Skandal blieb aus, die Kunst hat gewonnen.
Sämtliche Richtungen und Moden seiner Zeit gingen an ihm vorbei, und doch ist er einer der wichtigsten Maler des 20. Jahrhunderts. Seine Motive – auch die Bilder von Thérèse und der anderen jungen Mädchen oder Buben – sind rätselhaft, mitunter unheimlich in der Komposition, seine Strassenszenen entziehen sich erst recht der Interpretation. Die Figuren im Riesenformat der Passage du Commerce St. André von 1952-54 haben nichts miteinander zu tun, sind im Raum, ohne die andern wahrzunehmen, wirken mysteriös und insgesamt wie erstarrt in der Bewegung. Balthus Malerei ist angehaltene Zeit, oder wie er mutmasst, besiegte Zeit: „Le temps vaincu: n‘est-ce pas peut-être la meilleure définition de l‘art.?“ Dieses wohl grossartigste Gemälde ist heute in Privatbesitz, hängt aber als grosszügige Leihgabe in der Fondation Beyeler.
Geboren wird Balthus am Schalttag des Jahres 1908 in in Paris, er blieb also ewig jung: Sein Vater war Kunsthistoriker, seine Mutter Künstlerin, deren späterer Partner Rainer Maria Rilke das Talent des Jungen förderte und ihm seinen Künstlernamen gab. Lebensstationen sind Bern und Genf und Frankreich. Während des Kriegs flieht Balthus mit seiner Familie in die Schweiz, 1946 geht er allein nach Paris zurück. 1961 wird er Direktor der Académie de France à Rome in der Villa Medici und leitet die Restaurierung. 1962 lernt er seine spätere zweite Frau Setsuko Ideta in Japan kennen, mit der er bis zu seinem Tod 2001 im Grand Chalet von Rossinière in der Waadt lebt.
bis 1. Januar 2019
Teaserbild: Ausschnitt aus: Le Rêve II, 1956/57. Privatsammlung Courtesy Connery&Associates. Foto: R. Hänny
Die Balthus-Retrospektive wird von einem umfassenden Vermittlerangebot begleitet. Nebst Podiumsdiskussionen stehen in den Räumen Kunstvermittler als Gesprächspartner für Besucher zur Verfügung, und wer mag, darf seine Meinung an einer Kommentarwand formulieren.
Der zur Ausstellung erschienene Katalog (CHF 62.50) bietet aufschlussreiche Texte auch zu den Mädchenbildern von Kunsthistorikern sowie einen persönliche Beitrag des Filmers Wim Wenders.
Hier finden Sie ein Video von der Vernissage.