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Da entdecken die Wissenschafter nach Jahren einen verschollenen Roman Walt Whitmans – und dann dies …
… nämlich: Der Roman lohnte sich diese Entdeckung kaum. Life and Adventures of Jack Engle. An Auto-Biography; in which the Reader Will Find Some Familiar Characters erschien 1852 in sechs Teilen in einer New Yorker Zeitschrift, der nur ein kurzes Leben beschieden war. Er wurde erst 2016 in einem Archiv entdeckt und in Verbindung mit bis dato rätselhaften Einträgen in Whitmans Tagebuch gebracht. Whitman hat offenbar, nachdem er 1855 mit Leaves of Grass berühmt geworden war, sämtliche Manuskripte von auf anderen, früheren Werken vernichtet. Wenn man sich Jack Engle so anschaut, zu Recht.
Zum Inhalt: Engle ist ein Waisenbub, der sich zusammen mit andern in den Strassen New Yorks herumtreibt, bis ihn eines Tages ein kleiner, ehrbarer Besitzer eines Milchladens, Ephraim Forster, sozusagen adoptiert. Auf Wunsch seiner Adoptiveltern beginnt Engle als junger Erwachsener eine Ausbildung bei einem Rechtsanwalt namens Covert. Nomen est omen: Der Rechtsanwalt ist seinerseits alles andere als ein Muster an Rechtschaffenheit. Im Laufe der etwas mehr als 150 Seiten, die der kleine Roman umfasst, wird Engle nicht nur dies aufdecken, sondern auch seine eigene Herkunft. Und er wird für sich noch eine Frau finden.
Das Ganze ist so trivial, wie es klingt; und wenn der Roman etwa dreimal so lange geraten wäre und in London spielen würde, könnte er gerade so gut vom ‘mittleren’ Dickens stammen, der eindeutig Vorbildrolle inne hatte. Whitmans Figuren sind allerdings deutlich flacher geraten als die seines berühmten Musters. Auch scheint er sozusagen im Wettlauf mit der Druckerpresse geschrieben zu haben und wenig oder gar keine Zeit für Überarbeitungen gehabt zu haben. Nur so kann man die eine oder andere Inkonsistenz in der Handlung erklären, so z.B., wenn das weitere Schicksal von Engles bestem Jugendfreund zuerst als diesem unbekannt hingestellt wird, etwa 50 Seiten später die beiden aber offenbar auch im fortgeschrittenenen Mannesalter in Kontakt und sogar befreundet geblieben sind.
Was Whitmans Roman ein bisschen herausreisst, ist die Tatsache, dass er dann doch bedeutend weniger larmoyant und sentimental geraten ist, als sein englisches Vorbild – er enthält auch weniger vorurteils- und klischéebehaftete Personenzeichnungen (v.a. der jüdischen Bevölkerung). Dazu noch zwei schöne Landschaftsschilderungen – eine vom New Yorker Hafen und eine von einem New Yorker Friedhof, wo Whitman völlig losgelöst und ohne inhaltliche Bindung ans Romangeschehen einen Spaziergang seines Protagonisten durch eben diesen Friedhof schildert und wo dieser dann das eine oder andere Grab berühmter Personen findet und in eine patriotische Kontemplation über Ruhm und Ehre, Leben und Tod verfällt, die auf Leaves of Grass voraus weist.
Fazit: Dieser Roman hätte nicht sein müssen; allerdings habe ich schon von ebenso berühmten Namen Schlimmeres gelesen.
Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer. Eine Autobiografie, in der der Leser einige ihm wohlbekannte Figuren wiederfinden wird. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli. Nachwort von Wieland Freund. Zürich: Manesse, 2017 [Gelesen in der Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg vom gleichen Jahr]