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Eine Invasion von gefährlichen französischen Spinnen, tollwütigen Hunden und Katzen, Drogenhändlern, illegalen Einwanderern und Terroristen: An Schreckensszenarien mangelte es in Grossbritannien vor der Eröffnung des Tunnels unter dem Ärmelkanal am 6. Mai 1994 nicht.
Gegner des Mammut-Projekts warnten auch vor der Gefahr einer Überschwemmung des Tunnels mit verheerenden Folgen für die Passagiere der Eurostar-Züge, vor Erdbeben oder gar einem feindlichen militärischen Angriff.
Doch 20 Jahre nach der Eröffnung des rund 50 Kilometer langen Tunnels ist die Bilanz weitgehend positiv. Der bisher schwerste Unfall ereignete sich im September 2008, als in einem Lastwagen auf einem der Güterzüge ein Feuer ausbrach. Britische und französische Feuerwehrleute kämpften in dem Tunnel stundenlang gegen die Flammen, bis sie den Brand unter Kontrolle bekamen.
Die meisten der rund 2000 Eurostar-Passagiere kamen mit dem Schrecken davon: Nur sechs von ihnen erlitten leichte Rauchvergiftungen, einige andere wurden durch zersplitterndes Glas leicht verletzt. Nach dem Brand war der Verkehr unter dem Ärmelkanals allerdings mehrere Monate eingeschränkt.
Kurz vor Weihnachten 2009 blieben nach heftigem Schneefall fünf Eurostar-Züge im Eurotunnel stecken. Die gut 2000 Reisenden mussten stundenlang unter dem Ärmelkanal ausharren, der Eurostar-Verkehr wurde drei Tage lang unterbrochen. Grund für die Panne war Pulverschnee, der in die seitlichen Lüftungsschlitze der Eurostar-Loks eingedrungen war.
Solche Zwischenfälle ändern nichts daran, dass der Tunnel unter dem Ärmelkanal schon heute in die Geschichte eingegangen ist. Im vergangenen September ernannte der Internationale Verband beratender Ingenieure im Bauwesen (FIDIC) den längsten Zugtunnel unter Wasser zum «grössten Bauvorhaben der letzten hundert Jahre.»
Vereinbart wurde der Tunnelbau, von dem bereits der französische Kaiser Napoleon Bonaparte geträumt hatte, Anfang 1986 im Vertrag von Canterbury vom damaligen französischen Staatschef François Mitterrand und der britischen Regierungschefin Margaret Thatcher.
Im Februar 1988 begannen die gigantischen Bauarbeiten, die mehr als sechs Jahre dauerten. Am 6. Mai 1994 war es schliesslich soweit: Mitterrand und Königin Elizabeth II. eröffneten den Tunnel feierlich – hundert Meter unter dem Meeresspiegel. Sechs Monate später rollte der erste Eurostar mit Passagieren durch den Tunnel, der Paris und Brüssel mit London verbindet.
Die technische Meisterleistung hatte ihren Preis: Das mit privaten Geldern – «without a public penny», wie Thatcher gefordert hatte – finanzierte Jahrhundertbauwerk kostete rund 15,2 Milliarden Euro – doppelt soviel wie zunächst veranschlagt. Zahlen mussten hunderttausende von Kleinanlegern, die 1987 in die Betreibergesellschaft Eurotunnel investiert hatten – eine von Experten damals als sicher gelobte Geldanlage.
15 Jahre später hatte die Eurotunnel-Gesellschaft einen kolossalen Schuldenberg angehäuft, der Wert der Aktien purzelte von ursprünglich 35 Franc (heute 5,34 Euro) auf wenige Cent. Die Kleinanleger verloren fast ihren gesamten Einsatz.
Doch seit einigen Jahren geht es wieder aufwärts, der Eurotunnel schreibt seit 2007 schwarze Zahlen und zahlte 2009 erstmals in seiner Geschichte eine Dividende aus – vier Cent pro Aktie. Im Oktober 2012 stieg der 300-millionste Passagier in einen Eurostar, Ende vergangenen Jahres meldete die Eurotunnel-Gesellschaft, die rund 3700 Mitarbeiter beschäftigt, einen Reingewinn von 101 Millionen Euro. (jas/sda)