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3
Lily saß im Wartebereich der Kanzlei von Williamson, Clark& Duncan, eine Zeitschrift auf dem Schoß, in der sie zu lesen vorgab. Sie blickte auf, als eine junge Frau hereinkam, und beobachtete, wie sie am Empfang stehen blieb und in gedämpftem Ton mit der freundlichen Assistentin sprach. Bevor sich die Frau umdrehte, senkte Lily schnell wieder den Blick auf ihre Zeitschrift. Es war seltsam: Nur ein Mann saß im Wartebereich, alle anderen Anwesenden waren Frauen in ihrem Alter, die schweigend dasaßen und in Zeitschriften blätterten.
Sie schaute auf die Uhr und schlug die Beine übereinander, als eine Stimme ihre Aufmerksamkeit erregte.
»Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie alle als Gruppe anspreche«, sagte die Assistentin in diesem Moment, »aber könnten mir bitte Lily, Georgia, Claudia, Ella, Blake und Rose folgen?«
Lily wechselte Blicke mit einigen der anderen und fragte sich, was um alles in der Welt hier vor sich ging.
»Haben Sie eine Ahnung, was das hier soll?«, flüsterte Lily einer gut aussehenden blonden Frau zu, die neben ihr ging.
Die Blonde schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich frage mich allmählich, warum ich überhaupt gekommen bin.«
»Wir waren wohl alle neugierig«, sagte eine andere Frau, und Lily lächelte, als sie ihren Blick auffing. »Vielleicht sind wir hier, um Millionen zu erben! Oder wir werden entführt. Wie auch immer, ich bin insgeheim davon überzeugt, dass es sich um einen Betrug handelt.«
Lily lachte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie in einer Anwaltskanzlei in Paddington mit verglasten Büroräumen kein grausames Ende nehmen würde, aber sie teilte die Skepsis.
Schließlich wurden sie in einen großen Konferenzraum geführt, in dem ein langer Tisch stand. Am Kopfende des Tisches erwartete sie ein gut gekleideter Mann in einem grauen Anzug. Zu seiner Linken saß eine Frau Mitte dreißig, ebenso tadellos gekleidet. Sie trug eine Seidenbluse zu einer schwarzen Hose mit hoher Taille, das Haar zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden. Trotz ihres schicken Äußeren wirkte sie nervös und blickte mit großen Augen um sich.
Nachdem Lily sich auf den ihr zugewiesenen Platz gesetzt hatte, verteilte die Assistentin, die sie in den Raum geführt hatte, Unterlagen. Niemand rührte zunächst Kekse, Kaffee oder Getränke an, die in der Mitte des Tisches standen, auch nicht, als die Assistentin sie dazu einlud, etwas davon zu nehmen.
Der Mann im grauen Anzug stand auf und ergriff lächelnd das Wort: »Ich möchte Sie alle herzlich willkommen heißen und Ihnen für Ihr Kommen danken«, sagte er. Sein Haar war grau, eine Nuance heller als sein Anzug, und wenn er sprach, wirkte er deutlich jünger. »Sie werden festgestellt haben, dass Sie heute zu sechst hier sind, und obwohl ich weiß, wie ungewöhnlich dies für Sie sein muss, war es in diesem Fall doch sinnvoll, Sie alle als Gruppe einzuladen.«
Lily musterte ihn, fragte sich zum hundertsten Mal, was hier vor sich ging.
»Ich bin John Williamson, und dies ist meine Klientin Mia Jones. Es war ihr Vorschlag, Sie alle heute hier zusammenzubringen, um dem Wunsch ihrer Tante Hope Berenson zu entsprechen. Unsere Kanzlei hat auch sie vor vielen Jahren vertreten.«
Lily griff nach dem Papier vor sich und strich mit den Fingern an den Rändern entlang, während sie zuhörte.
»Mia, möchten Sie jetzt übernehmen?«
Mia nickte und stand auf.
»Ich möchte mich ebenfalls bei Ihnen allen für Ihr Kommen bedanken und mich gleich entschuldigen, falls ich mich verhaspele: Ich bin es nicht gewohnt, vor so vielen Leuten zu sprechen«, begann sie mit einem nervösen Lächeln. »Ich muss gestehen, ich war schon den ganzen Morgen schrecklich aufgeregt.«
Lily lächelte, und es war fast so, als ob alle im Raum kollektiv ausatmeten und ein Teil der Anspannung von ihnen abfiel.
»Wie Sie gerade gehört haben, war Hope Berenson meine Tante. Sie hat lange Zeit ein privates Heim für unverheiratete Mütter und ihre Babys hier in London geführt, das Hope’s House. Sie war bekannt für ihre Diskretion, aber auch für ihre Güte, trotz der schwierigen Umstände in der damaligen Zeit.« Mia blickte sich im Raum um. »Sie fragen sich sicher, warum ich Ihnen das alles erzähle, aber glauben Sie mir, es wird bald einen Sinn ergeben.«
Lily beugte sich vor. Was konnte ihre Großmutter mit diesem Hope’s House zu tun haben? Soweit sie wusste, hatte sie nur ein Kind gehabt – ihren Vater. Gab es da draußen in der Welt noch ein anderes Kind aus den jüngeren Jahre