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Midlife-Crisis, Midlifecrisis, die
(vor allem in Bezug auf Männer) krisenhafte Phase in der Mitte des Lebens, in der jemand sein bisheriges Leben kritisch überdenkt, gefühlsmässig in Zweifel zieht; Krise des Übergangs vom verbrachten zum verbleibenden Leben
Lautschrift: [ˈmɪdla͜ifkra͜isɪs]
Lester Burnham ist 42, der Job geht ihm auf die Nerven, seine Frau auch, die Haare waren schon dichter, er wünscht sich ein schnelleres Auto, und er hat sich in die Freundin seiner Tochter verguckt.
Lester, so die Diagnose vieler, leidet an einer Midlife-Crisis – einer Krise in der Mitte des Lebens, in der sich, Halbglatze hin oder her, so mancher fragt: Wars das jetzt? Was kommt noch? Oder plätschert es einfach so weiter, das Leben?
Obwohl viele an die Midlife-Crisis glauben, streiten sich die Forscher, ob es diese Krise überhaupt gibt. Eine Studie der kanadischen University of Alberta sagt nun: Alles Einbildung, die Midlife-Crisis existiert nicht.
Das Team um die Psychologin Nancy Galambos begleitete zwei Gruppen von insgesamt 900 Menschen über eine Zeitspanne von 25 respektive 14 Jahren und befragte sie mehrmals ausführlich zu ihrem Befinden. Die Teilnehmenden, stellten die Forscher fest, fühlten sich, je älter sie wurden, tendenziell glücklicher.
«Dass sie gewisse Ziele schon erreicht hatten, machte die Menschen in unserer Studiengruppe nicht unzufrieden, sondern glücklich», sagt Galambos. Mit zunehmendem Alter seien die Menschen zudem grundsätzlich besser darin, mit unterschiedlichsten Gefühlszuständen adäquat umzugehen.
Vor allem, wer verheiratet war, einen Job und keine gesundheitlichen Probleme hatte, fühlte sich in der Mitte des Lebens glücklich. Auch die Menschen mit etwas höherer Bildung waren im Gesamten etwas glücklicher mit ihrem Leben, als jene aus der Gruppe, die nur einen Highschool-Abschluss hatten.
Das Besondere an der kanadischen Studie ist, dass die Forscher nicht verschiedene Bevölkerungsgruppen zum gleichen Zeitpunkt miteinander verglichen, sondern die gleichen Menschen in verschiedenen Lebensabschnitten immer wieder befragten.
«Es gibt keine Beweise, dass die Midlife-Crisis tatsächlich ein breit beobachtetes Phänomen ist», sagt auch Alexandra Freund, Professorin für Entwicklungspsychologie im Erwachsenenalter an der Universität Zürich.
Im Gegenteil, es gehe den meisten Menschen in der Mitte des Lebens recht gut. «Man muss sich nicht mehr ständig beweisen und hat eine gefestigtere Identität», sagt Freund, die ebenfalls zum Thema Midlife-Crisis forscht.
Natürlich gebe es Menschen, die in diesem Alter eine Krise durchlebten. Doch das könne in jedem Lebensalter geschehen und werde eher durch biografische Ereignisse wie den Tod eines geliebten Menschen, Jobverlust, Scheidung oder eine schwere Krankheit ausgelöst. Eine besondere Häufung zeige sich nicht.
Gerade Männer nützten die Midlife-Crisis auch als Ausrede für Dinge, die sie sich eigentlich schon länger gewünscht hätten. «Wenn sich ein Mann mit 45 Jahren einen teuren Sportwagen kauft, hätte er das vermutlich auch mit 30 gern schon getan», sagt Freund. Er hatte aber vielleicht einfach noch nicht das nötige Geld dafür.
Nicht einverstanden mit dieser Interpretation ist Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern. «Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Zufriedenheitskurve vieler Menschen in der Mitte des Lebens einen Dämpfer bekommt», sagt Perrig-Chiello.
Das Wohlbefinden der Menschen lasse sich mit einer u-förmigen Kurve darstellen. Wer jung ist, der sei tendenziell glücklich. Und mit dem Alter nehme die Zufriedenheit nach dem Taucher um die Lebensmitte wieder stetig zu.
In der Schweiz liege etwa das Alter, in dem sich Menschen am häufigsten scheiden lassen, bei 46 Jahren für Frauen und 48 bei Männern.
«In der Lebensmitte realisieren viele zum ersten Mal so richtig, dass ihnen viele Türen im Leben nicht mehr offenstehen», sagt Perrig-Chiello.
Ausserdem würden die Eltern teilweise pflegebedürftig, die Kinder zögen aus, was viele als Herausforderung erlebten. Auch im Beruf komme die Karriere, falls sie es bis anhin noch nicht getan habe, kaum mehr in Schwung, während Alternativoptionen schwänden.
Natürlich spiele die Persönlichkeitsstruktur eine Rolle, wie jemand mit diesen Herausforderungen umgehe. «Wer keine Angst vor Veränderungen hat, der kann besser mit Phasen des Umbruchs umgehen», sagt die Entwicklungspsychologin.
Langzeitbefragungen wie die kanadische Studie hätten ausserdem ein gewisses Problem, da jene, die in einer heftigen Krise steckten, häufig keine Energie für derartige Interviews mehr hätten und deshalb nicht mehr erfasst würden.
Tatsächlich schrumpfte die Gruppe jener, die im Laufe der 25 Jahre an der Befragung teilnahmen, doch die Forscher berücksichtigten das in ihrer Auswertung.
Den Begriff Midlife-Crisis prägte der französische Psychoanalytiker Elliott Jacques ursprünglich im Jahr 1965. Ihm ging es jedoch um Existenzielleres. Er untersuchte Genies und stiess darauf, dass viele aussergewöhnlich Begabte wie Mozart, Chopin oder Baudelaire zwischen 35 und 40 starben oder eine Schaffenskrise hatten.
Das hat jedoch vermutlich mehr mit der früher allgemein tieferen Lebenserwartung als mit einer Midlife-Crisis zu tun. Und es lassen sich Gegenbeispiele anführen: William Shakespeare beispielsweise schrieb Meisterwerke wie «Hamlet», «Othello», «King Lear» oder «Macbeth» zwischen 35 und 40.
Trotzdem hält sich der Begriff im Alltagsdenken und der Populärkultur hartnäckig. «Die meisten Menschen glauben, dass es die Midlife-Crisis gibt», sagt die Psychologin Freund. In einer Studie, die sie 2009 zu diesem Thema durchführte, antworteten 92 Prozent der Befragten, dass die Midlife-Crisis existiere, obwohl der Grossteil der Teilnehmer selbst nicht darunter litt.
An der bisherigen Forschung kritisiert Freund, dass nur wenige eine Gruppe über einen langen Zeitraum begleiteten. Das hat die kanadische Studie nun getan. Noch immer scheint die Midlife-Crisis in der Wahrnehmung etwas typisch Männliches, obwohl Frauen mit der Menopause eine tiefgreifendere Veränderung durchleben.
Lester Burnham übrigens ist die Hauptfigur in dem erfolgreichem Film «American Beauty» aus dem Jahr 1999, der von der heftigen Midlife-Crisis eines Mittelklasse-Amerikaners erzählt.
Der US-Schauspieler Kevin Spacey spielte Lester Burnham. Er selbst war damals 40 Jahre alt. Einen Knick kannte auch seine Karriere nicht. Für die Rolle bekam er einen Oscar und auch in den weiteren Jahren zahlreiche Rollenangebote.