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Sie erlebte Hunger in Solothurn, Krieg in Moçambique und in Bern den Nationalrat von innen: Heute kämpft die Solothurnerin Marguerite Misteli für eine 2000-Watt-Gesellschaft.
Marguerite «Miguel» Misteli ist 67-jährig. Ihr Vorbild war früher Pippi Langstrumpf. Und wenn Misteli im bunt geblümten Sommerkleid und mit wehenden hellbraunrötlichen Haaren auf dem Fahrrad daherkommt, könnte man tatsächlich meinen, man habe eine erwachsen gewordene Pippi Langstrumpf vor sich.
Genossenschaft Kreuz, Solothurn: die älteste selbstverwaltete Beiz der Schweiz. Misteli gehörte 1973 zum GründerInnenkollektiv. Jetzt sitzt die Architektin am Ecktisch und blickt auf ein spektakuläres Leben zurück, erzählt, wie sie die achtziger Jahre als Stadtplanerin in Moçambiques Hauptstadt Maputo verbracht hat, als es galt, die alten kolonialen Stadtstrukturen aufzubrechen, damit alle Zugang zu elementarster Infrastruktur erhielten. Wenige Stunden Elektrizität am Tag, Wasser vom Brunnen unten auf der Strasse – kein Problem für «Architecta Miguel», wie sie dort genannt wurde. Doch dann kam der Bürgerkrieg. Die Versorgungslage in der Stadt wurde schlechter, ihre Schwester schickte ihr monatlich fünf Kilo Mehl. «Manchmal kam es ‹läbig› an», so Misteli. «Wir mussten im Gegensatz zu vielen aber keinen Hunger leiden.» Dafür verunmöglichte der Krieg ihre Arbeit. «In dieser Zeit habe ich gelernt, dass es noch ein fundamentaleres Problem als Hunger gibt: die Sicherheit. Wenn du aus Angst nachts nicht schlafen kannst.»
Anfang der neunziger Jahre kehrte Misteli zurück nach Solothurn. Ein Kulturschock. «Ich brauchte drei Monate, um einen Wintermantel zu kaufen, weil ich kein Warenhaus betreten konnte, ohne dass mir nach kurzer Zeit übel wurde.»
«Nur, was wir wirklich brauchen»
Der Überfluss der Konsumgesellschaft: Er ist noch heute eines der Themen, die Misteli besonders beschäftigen. Sie ist Präsidentin des Vereins für eine 2000-Watt-Region Solothurn. Heute verbraucht eine durchschnittliche Person in der Schweiz etwa 6000 Watt Dauerleistung. Auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft gibt es drei Ansatzpunkte: eine Steigerung der Energieeffizienz, den Ersatz fossiler Energiequellen durch erneuerbare Energien und die sogenannte Suffizienz, was Misteli mit «nur nehmen, was wir wirklich brauchen» übersetzt. «Dass für Konsumwerbung derart viel Geld ausgegeben wird, zeigt ja schon: Die Leute haben eigentlich genug», so die Frau, die aus ökologischen Überlegungen kein Auto besitzt, wenig Fleisch isst und ihre Kleider flickt, statt sie zu ersetzen. «Verzicht? Im Gegenteil: Konzentration auf das Wesentliche bedeutet ein genussvolleres Leben.»
Echten Verzicht hat Misteli früh erleiden müssen: Als sie vierzehnjährig war, starb ihre Mutter. Der Vater, mit seiner Situation als Alleinerziehender überfordert, wurde zum Alkoholiker. Als Älteste – «und nicht weil ich ein Mädchen war!» – kümmerte sie sich um die vier jüngeren Geschwister. Weil der Vater alles versoff, blieb kein Geld mehr fürs Essen. «Wir hatten Hunger. Wir losten aus, wer zum Beck gehen und versuchen sollte, ein weiteres Brot auf Pump zu erhalten.» Drei Jahre nach dem Tod der Mutter nahm sich der Vater das Leben. Die Geschwister waren auf sich alleine gestellt. «Wir mussten kämpfen, damit uns die Behörden nicht auseinanderrissen.» Ein Onkel übernahm die Vormundschaft, sie konnten alle gemeinsam im Haus in der Nähe von Solothurn weiterwohnen – Misteli hatte ihre Villa Kunterbunt oder, wie sie es selbst scherzhaft formuliert: «Das erste Autonome Jugendzentrum der Schweiz.»
Von nun an suchte Marguerite Misteli das Kollektiv. Sie war bei den Globuskrawallen 1968 in Zürich dabei, trat den Progressiven Organisationen (Poch) bei – aus der einige ExponentInnen die Grünen mitgründeten –, arbeitete im «Kreuz»-Kollektiv, wurde Gemeinderätin von Solothurn.
1991, im Jahr des Frauenstreiks, kam Misteli aus Moçambique zurück in die Schweiz. Bei den Grünen Solothurn wurden die Männer von der Nationalratsliste geworfen, Misteli schaffte die Wahl. Auf kantonaler wie auf nationaler Ebene kämpfte sie für Frauenquoten – die radikale kantonale Initiative wurde vom Bundesgericht für ungültig erklärt, die nationale erlitt an der Urne Schiffbruch. Nachdem der Nationalratssitz 1995 wieder an die SP verloren gegangen war, zog es Misteli erneut raus in die Welt: Sie lebte in Ländern Exjugoslawiens, in Südafrika und zuletzt in Kuba, wo sie in einem ökologischen Kleinbauernprojekt arbeitete.
Wieder im Parlament
Seit Anfang 2009 ist sie mit ihrem Mann zurück in Solothurn und sitzt bereits wieder im Kantonsparlament und ist Gemeinderätin. «Parlamentsämter sind Mittel zum Zweck, dürfen niemals Selbstzweck werden», sagt Misteli. Wichtig sei die Arbeit an der Basis. Und als Teil einer «Bürgerinitiative» organisiert sie zurzeit den Aktionstag «2000 Watt – ich auch» in Solothurn. Zahlreiche Möglichkeiten, «Energie spielerisch und kulinarisch zu erfahren», sollen gerade Familien vom «Genuss mit weniger Vergeudung» überzeugen. Dabei weiss Misteli selbst, dass es bis zur 2000-Watt-Gesellschaft noch ein langer Weg ist: «Man muss mal anfangen – ich selber werde sie kaum erleben», sagt die 67-Jährige.
Aktionstag «2000 Watt – ich auch». Samstag, 18. August, 11 bis 18 Uhr, Landhausquai Solothurn. Programm: www.2000-watt-region-solothurn.ch