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Kinder und ihr Umgang mit Zeit im intergenerationellen Kontext
Zusammenfassung der Resultate
Thema
Historisch betrachtet, haben die Zeitstrukturen des kindlichen Alltags im 20. Jh. enorm an Komplexität gewonnen. Viele Kinder leben heutzutage in einer Alltagswirklichkeit, die von einer Vielfalt unterschiedlicher Zeitmodi und Zeitmuster geprägt ist. Alltägliche Lebensführung herzustellen bedeutet für die jungen Akteure, starre schulische Rhythmen, fixe Freizeittermine, flexible elterliche Arbeits- und Sorgezeiten und omnipräsente Medienangebote zu koordinieren und individuell Prioritäten zu setzen.
Die Zeiten der Kinder erfuhren bislang nur rudimentär wissenschaftliche Aufmerksamkeit: So beschränkte sich die transdisziplinäre Zeitforschung in ihren Studien auf das Zeitverhalten von Erwachsenen. Die sozial- und kulturwissenschaftliche Kindheitsforschung nahm zwar die Zeiten der Kinder in den Blick, konzentrierte sich jedoch auf die sogenannte „Freizeit". Dass der Alltag von Kindern aus einer Vielzahl an unterschiedlichen Zeiten besteht und es komplexer kindlicher Handlungs- und Deutungsmuster bedarf, um diese Zeiten in Einklang zu bringen und alltägliche Lebensführung herzustellen, wurde bislang nicht ausreichend berücksichtigt.
Die Zeiten der Kinder werden in der Schweiz immer wieder auch öffentlich diskutiert, – Themen sind z.B. die Einführung von schulischen Blockzeiten, der Ausbau der Kinderbetreuung oder die Freizeitgestaltung von Kindern. Die Sichtweisen der jungen Akteure bleiben allerdings unberücksichtigt; stattdessen kursieren in den Medien dramatische Bilder von unbeaufsichtigten und gelangweilten bzw. ambitioniert geförderten und gestressten Kindern. Das Forschungsprojekt möchte diese Diskurse über Kinder ein Stück weit korrigieren, indem es die alltägliche Zeitpraxis von Kindern, ihre Zeitkonflikte und Zeitbedürfnisse aus der Perspektive der Kinder und unter Einbeziehung des intergenerationellen Kontexts beschreibt und analysiert.
Methoden
Auf der Basis einer 18-monatigen ethnographischen Feldforschung und mithilfe eines induktiven Forschungsansatzes wurde die zeitliche Alltagspraxis von Elf- bis Dreizehnjährigen, die in einer Zentralschweizer Kleinstadt leben und dort eine fünfte Primarklasse besuchen, untersucht: In Kreisgesprächen, Mental Maps, (Foto)Tagebüchern, Fragebogen und halbstandardisierten Interviews beschrieben die 19 Jungen und Mädchen unterschiedlicher sozialer Herkunft ihre Zeitwahrnehmungen, Zeitpraktiken und Zeitkonflikte. Zudem wurden acht Mütter und die Klassenlehrerin interviewt, um (1) die zeitbezogenen Erziehungsvorstellungen und Kindheitsbilder zu rekonstruieren, innerhalb derer die Zeitsozialisation der Befragten erfolgt, und (2) die Perspektiven aller Beteiligten auf intergenerationelle Zeitkonflikte sichtbar zu machen.
Die Auswertung erfolgte durch interpretative Verfahren der qualitativen Sozialforschung.
Ergebnisse
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich die befragten Elf- bis Dreizehnjährigen – entgegen anderslautender Einschätzungen in den Medien – nicht durch institutionalisierte Freizeitangebote in ihrer (zeitlichen) Autonomie eingeschränkt und gestresst fühlen, sondern vielmehr durch die Zeiten der Schule, die sie als grosse strukturelle Belastung mit wenig Gestaltungsspielraum wahrnehmen. Inhalte und Dichte der Freizeittermine (v.a. Training, Musikstunden, kirchliche Veranstaltungen) werden dagegen vorwiegend positiv bewertet.
Ungebundene Zeit verbringen die jungen Akteure am liebsten mit Gleichaltrigen draussen, wo sie Orte des öffentlichen Raums (z.B. Einkaufszentrum, Friedhof) zum sozialen Treffpunkt umfunktionieren und als Rahmen für die Konstituierung eigener und kollektiver kultureller Identität nutzen. Die Nutzung elektronischer und digitaler Medien stellt für die befragten Elf- bis Dreizehnjährigen eine Aktivität neben anderen nichtmedialen Tätigkeiten wie Freunde treffen (was stets den Vorrang hat!), Sport treiben oder Lesen dar. Medienkonsum wird häufig als zeitlicher Puffer zwischen Schulzeit und Freizeitterminen oder aber als Strategie gegen aufkommende Langeweile eingesetzt. In den meisten Familien existieren streng limitierte Zeitbudgets für Fernseh- und Computernutzung.
Von hoher Bedeutung für die soziale Positionierung im Generationengefüge sind zeitliche Grenzziehungen, die in der Familie immer wieder neu ausgehandelt werden und die jungen Akteure zu unterschiedlichen Reaktionsweisen (u.a. Akzeptanz, heimliches Umgehen, Widerstand) animieren, welche wiederum auf den Umgang mit Autorität schliessen lassen. Erwachsene sind in diesen Aushandlungsprozessen häufig, aber nicht immer die Mächtigeren; anders als in der Schule können Kinder in der Familie ihre zeitlichen Belange häufig durchsetzen. Dennoch besteht aus Perspektive der Elf- bis Dreizehnjährigen akuter Veränderungsbedarf, was ihre Verfügungsmacht in Zeitfragen anbelangt.
Empfehlungen
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile ist kompetenter und souveräner Umgang mit Zeit zu einer Basisqualifikation geworden. Hinsichtlich der Vermittlung von Zeitwissen und Zeitkompetenz kommt der Schule eine Schlüsselfunktion zu; allerdings wird diese Aufgabe bislang nur unzureichend wahrgenommen. Um diesem Manko abzuhelfen, müssen Primar- und Sekundarschulen mit entsprechenden Unterrichtskonzepten, -methoden und -materialien ausgestattet und ihr Lehrpersonal entsprechend qualifiziert werden. Darüberhinaus muss die Partizipation von Heranwachsenden hinsichtlich der Gestaltung von familialen, schulischen und gesellschaftlichen Zeitstrukturen gestärkt werden. Eine Mittlerrolle kommt hier der Erwachsenen- und der Familienbildung zu, die zur Reflexion über sinnvollen Umgang mit (Familien-)Zeit anregen und den intergenerationellen Dialog über verträgliche Zeitstrukturen befödern kann. Zudem ist an die Schaffung generationenübergreifender lokaler Foren zu denken, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene gemeinsam bedarfsorientierte Lösungen zu strukturellen Zeitkonflikten erarbeiten und in die Praxis umsetzen.
Weitere Informationen zum Projekt
Das Forschungsprojekt untersucht die Zeitpraktiken, das Zeitwissen und die Zeitwahrnehmung von Kindern und Jugendlichen sowie das Spannungsverhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen im Umgang mit Zeit. Ausgangspunkt für die Feldforschung sind die Stadtschulen Sursee im Kanton Luzern.
Hintergrund
Bisherige Studien konzentrierten sich weitgehend auf die Freizeitgestaltung und -planung von Kindern. Dieses Projekt jedoch geht davon aus, dass Kinder in einem kulturellen und sozialen Kontext, bestehend aus Familie, Schule, Freundinnen und Freunden, Freizeit, Medien und vielem mehr leben und ihr Alltag nicht nur aus der Dichotomie Schulzeit - Freizeit, sondern aus einer Fülle unterschiedlichster Zeiten besteht, - woraus sich auch intergenerationelle Zeitkonflikte ergeben.
Ziele
Kinder - so das gängige Klischee der Erwachsenen - leben nur im Heute, vergessen rasch, was gestern war, und kennen keine Zukunftssorgen. Doch was sagen die Kinder selbst über ihren Umgang mit Zeit? Wie nehmen sie Zeit wahr? Was machen sie in bzw. mit ihrer Zeit? Was wissen sie über Zeit? Dies herauszufinden, macht sich das Forschungsprojekt zum Ziel, das sich an der Schnittstelle von interdisziplinärer Beschäftigung mit dem kulturellen Phänomen Zeit einerseits und kultur- und sozialwissenschaftlicher Kindheitsforschung andererseits verortet. Die empirische Studie zielt auf eine kontextorientierte Analyse auf der Basis der «grounded theory». Die Forschungsergebnisse sollen einem breiten (Fach)Publikum durch Tagungen und Workshops zugänglich gemacht werden.
Methoden/Vorgehen
Zunächst werden in einzelnen Klassen qualitative Methoden, z.B. Kreisgespräche, eingesetzt und dadurch Zeichnungen, Aufsätze sowie Tageslaufbeschreibungen gewonnen. Ein zweiter Schritt konzentriert sich auf Schulwegbegehungen sowie Beobachtungen an Schul-, Familien- und Freizeitorten. Im Zentrum stehen Leitfaden-Interviews mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft und Geschlechtszugehörigkeit sowie mit Eltern und der Lehrerschaft.
Bedeutung
Der Umgang mit Zeit ist in unserer Gesellschaft zunehmend durch Flexibilisierung und Individualisierung geprägt. Unterschiedlichste Zeitbedürfnisse und Zeitzwänge bestimmen die alltägliche Lebensführung von Familien. Eine Studie, die den Umgang mit Zeit aus der Perspektive von Kindern und Erwachsenen in den Blick nimmt und intergenerationelle Zeitstrategien und -konflikte beleuchtet, steht bislang aus. Diese Lücke soll nun geschlossen werden.
Projektdauer: 01.06.03-31.05.06
Bewilligtes Projekt: CHF 200 000
Proposal no.: 405240-69008
Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Walter Leimgruber
Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Universität Basel
Spalenvorstadt 2, Postfach
4003 Basel
Tel. 061 267 12 41
Fax 061 267 12 44
E-Mail <email-pii>
Dr. Justin Winkler
Department Geographie der Universität Basel
Klingelbergstr. 27
4056 Basel
Tel. 061 267 36 44
Mobile 079 773 68 83
Fax 061 267 07 28
E-Mail <email-pii>
Ivo Muri, dipl. Betriebsökonom
Zeit & Mensch
Institut für Zeitwirtschaft und Zeitökologie
Glockenstr. 1
6210 Sursee
Tel. 041 926 99 25
Fax 041 926 99 90
E-Mail <email-pii>
Laura Wehr M.A.
Zugspitzstrasse 19
D-81541 München
Tel. 0049 89 64964010
E-Mail <email-pii>
Publikationen
Wehr, L. (2004), "Zeit ist das Leben!" In: UNI NOVA. Wissenschaftsmagazin der Uni Basel, hrsg. von der Öf-fentlichkeitsarbeit der Universität Basel, Heft 96, März 2004, 19f.
Wehr, L.. (2005), "Und dann werde ich hoffentlich ein Engel!" Kinder sprechen über den Tod. In: Bestattungs-kultur, 57. Jahrgang, Heft 1, Düsseldorf, 30f.
Wehr, L. (2005), Kindsein heute: Zu wenig Freiraum für (Frei)Zeit? In: Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (Hg.), ... und dann ist der Tag vorbei. Freie Zeit, Freiraum und Bewegung für Kinder und Jugendliche, Bern, 24-30.
Wehr, L. (2006), "Es geht einfach um eine gewisse Ordnung in der Familie!" Grenzziehungen und intergenera-tionelle Differenzen im Umgang mit Zeit. In: Hengartner, T., Moser, J. (Hrsg.), Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen, Dresden, 199-208.
Wehr, L. (2007), Draußen schnell, in der Schule langsam. Eine ethnographische Annäherung an die Zeitwahr-nehmung von Kindern. In: ph akzente, 14 (2), 26-29
Wehr, L. (2008), "Waldspaziergang und Würstchenbraten, das müssen wir nicht mehr bringen." Familienzeit im Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz. In: Schweizerisches Landesmuseum, Katalog zur Ausstellung "Familie", Zürich.
Dokumente:

||Leimgruber_poster.pdf

Leimgruber_poster.pdf (43KB)
|12.01.2005

||Download >|

||Bericht Ontime-report

ONTIMEreport.pdf (84KB)
|22.09.2005

||Download >|

||Projekt Leimgruber: Zusammenfassung der Resultate

NFP52_Leimgruber_summaryD.pdf (95KB)
|06.11.2006

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