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Soroush ist sichtlich verunsichert, als er im Oasenstädtchen Khur anhält, um mich mitzunehmen. Einerseits macht es ihn neugierig, dass ich aus der Schweiz komme und kein Farsi spreche. Andererseits scheint er zu befürchten, dass er etwas Illegales tut, wenn er mich auflädt.
Schliesslich lässt er mich einsteigen – unter der Bedingung, dass wir bei der nächsten Polizeistation anhalten, um meinen Pass überprüfen zu lassen. Ich bin nicht wirklich erfreut über diesen Kompromiss. Ich versuche, Kontakt mit der iranischen Polizei zu meiden, da ich offiziell als Student im Land bin und meine Tätigkeit als Journalist auf dem Visumantrag verschwiegen habe.
Doch meine Bedenken sind abermals unbegründet: Der junge Polizist, von dem mich Soroush absegnen lässt, interessiert sich kaum für meinen Pass, sondern freut sich vor allem darüber, mal einem Ausländer die Hand zu schütteln.
Nach dem Okay des Gesetzeshüters ist Soroush deutlich entspannter und er lädt mich in brüchigem Englisch dazu ein, bei einem Freund von ihm zu übernachten. «Dort können wir rauchen und Alkohol trinken», sagt der 23-Jährige. Im Haus seiner Eltern sei das nicht möglich.
Auf den folgenden 600 Kilometern im Auto ruft Soroush seinen Vater, seine Mutter, seinen Onkel, eine Handvoll Freunde und seine zwei Freundinnen an, um ihnen von mir zu erzählen. Für Soroush bin ich eine Attraktion: «Du bist der erste Tourist, dem ich begegne.»
In seiner Heimatstadt Sabzevar warten drei seiner Freunde auf uns, alle Anfang 20. Sie sind nur gekommen, um mich, das unbekannte Wesen aus dem Westen, kennenzulernen. Sabzevar wird in keinem Reiseführer erwähnt und deshalb verirren sich offenbar kaum ausländische Besucher in die Stadt.
Wir verbringen den Abend auf dem Teppich sitzend, rauchen Wasserpfeife und essen Sandwiches. Als wir uns um ein Uhr nachts auf dem Fussboden verteilen, um zu schlafen, fragt mich Soroush: «Willst du mich morgen an die Uni begleiten?» Was für eine Frage!
Die erste Vorlesung um 8 Uhr verschlafen wir. Und als wir um 10.10 Uhr bei der Uni ankommen, ist die zweite Vorlesung auch schon im Gang. Doch das scheint Soroush und seine Freunde nicht zu stören. Sie gönnen sich gemütlich einen Tee in der kleinen Kantine. Während mir die junge Kassiererin einen Muffin spendiert, hat ein Professor, der mit uns am Tisch sitzt, gar keine Freude. «Er ist Religionsprofessor und befürchtet, du könntest ein ausländischer Spion sein», erklärt mir Soroush mit vielsagendem Gesichtsausdruck.
Paranoider Professor hin oder her – mit einer halben Stunde Verspätung sitzen wir endlich in der hintersten Reihe eines kleinen Vorlesungsraums. Rund 30 Studenten sind anwesend, davon sechs Frauen. Der niedrige Frauenanteil hat aber nichts mit dem Iran zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Soroush Elektroingenieur werden will.
Ich verstehe natürlich rein gar nichts von dem, was der Professor an der Wandtafel erklärt. Doch selbst wenn er Deutsch oder Englisch gesprochen hätte, wäre ich kaum schlauer geworden: Wie ich vom englischen Titel des Lehrmittels ablesen kann, geht es um die Funktionsweise von Mikroprozessoren – definitiv nicht mein Gebiet.
Da Soroush das dringende Bedürfnis hat, seinen Sitznachbarn von seinem Gast aus der Schweiz zu erzählen, wandert die Nachricht meiner Anwesenheit Sitzreihe um Sitzreihe nach vorne. Immer mehr Studenten drehen ihren Kopf in meine Richtung, tuscheln und lachen.
Irgendwann wird es dem Professor zu bunt und er will wissen, was los sei. Soroush erklärt ihm, wer ich bin und was ich hier mache. Darauf heisst mich der Professor herzlich willkommen und bietet mir einen Stuhl direkt vor der Wandtafel an. Ich lehne dankend ab.
Nach der Vorlesung warten im Flur Soroushs Freunde auf uns – mit weiteren Freunden. Ich schüttle eine Hand nach der anderen, posiere für zahlreiche Selfies und erkläre den wenigen, die einigermassen Englisch sprechen, wer ich bin.
Von der Uni fahren wir ins Zentrum von Sabzevar, wo ein religiöses Fest stattfindet. Hätte ich Bilder von diesem Anlass im Fernsehen gesehen, hätte ich es aufgrund des Gesangs und der Symbolik vermutlich für ein Treffen radikaler Islamisten gehalten. Doch ich, der Nicht-Moslem, werde behandelt wie ein Ehrengast: Damit ich das Geschehen aus der Vogelperspektive beobachten kann, führen sie mich aufs Dach, für eine Gratis-Mahlzeit weisen sie mir den besten Platz auf dem Teppich zu, für ein Erinnerungsfoto hieven sie mich auf ein Pferd.
Dazwischen schüttle ich wiederum unzählige Hände und lache in Handykameras. Die Stunden als Popstar machen Spass, die ganze Aufmerksamkeit ist aber auch sehr ermüdend. Respekt für all die Roger Federers dieser Welt, die tagtäglich einen noch viel grösseren Trubel mit einem Lächeln ertragen müssen. Lieber ihr als ich!