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Dr. med., Mitglied der Redaktion
Albi ist die Hauptstadt des Département Tarn, dem der Fluss seinen Namen gibt. Eine ruhige, mittelalterliche Kleinstadt mit einem barocken Garten am Fluss, der die alten Brücken spiegelt. Gleich hinter der Anlage erhebt sich die Kathedrale Sainte-Cécile, ein gewaltiger Backsteinbau mit überdimensionierten Mauern, dessen kriegerisches Aussehen beabsichtigt war. Ein Bollwerk gegen die Irrlehren der Katharer oder Albigenser, die auch nach zwanzig Jahren Vernichtungskrieg (1209–1229) noch nicht endgültig ausgerottet waren. Ein abweisendes Monument zur Abschreckung aller gegenwärtigen und zukünftigen Ketzer, die es wagen, die Dogmen der Kirche anzuzweifeln. Mit dem Kreuzzug nach innen, angetrieben von Beute und Sündenablass, endete das historische Okzitanien, an das die zweisprachigen Strassennamen, auf Französisch und in der Langue d’Oc, in Toulouse erinnern. Mit dem Sieg über die grösste Sektenbewegung des Mittelalters festigte die römische Kirche ihre Herrschaft, und Paris eroberte sich den Süden Frankreichs.
An der Kathedrale wurde fast hundert Jahre gebaut. Ein wehrhafter Bau auch im Inneren, wenn auch mit anderen Mitteln. Das mächtige Kirchenschiff endet in einer vieleckigen Apsis. Der filigran ziselierte Kalkstein des Lettners, eines Vorbaus zum grossen Chor, erinnert an eine Tropfsteinhöhle. Im Chorumgang ist das Personal des Alten Testamentes vereinigt: Jonas, Ezra, Hiob, Jesaja, Judith, Esther und David. Der grosse Chor ist ganz dem Neuen Testament gewidmet. Ein Gewölbe in Gold und Azur, über jedem Chorgestühl pausbäckige Engel. Maria, die zwölf Apostel, Spruchbänder mit den Artikeln des Glaubensbekenntnisses. Ein Wald aus Ranken und Arabesken, Evangelisten, Kirchenvätern, Parabeln und Legenden, so weit das Auge reicht. An allen Wänden, bis zur Kanzel und Orgel über dem Jüngsten Gericht, sind alle Flächen ausgenützt. Ein lückenloses Universum von Heiligen, überlieferten Geschichten, eine umfassende Selbstdarstellung der ecclesia triumphans. Im gewaltigen Kosmos einer scholastischen Gesamtschau scheint die Zeit stillgestanden. Dem nachgeborenen Besucher aus einem sehr fernen Jahrhundert wird es eng in dieser Welt. Statt aufgehoben fühlt er sich gefangen in einem engmaschigen Netz von Argumenten, aus dem es kein Entrinnen gibt. Alles gründet im Glauben, alles ist gesagt, für Neues ist kein Platz. «Dass der Erfolg der Menschen in der Übereinstimmung und der Gemeinsamkeit sei. Dass der Geist zur Bestimmung hat, die Materie und die Technik zu lenken und sie zum Jubeln zu bringen.» So steht es auf der letzten Seite der Basilika-Broschüre. Dem kann man zustimmen, auch wenn nicht klar ist, um welchen Geist es sich handeln soll.
Festungsartig auch der Bischofssitz, Palais de la Berbie, flusswärts. Refektorien und Gänge sind hervorragend in ein Museum umgewandelt. Ein Grossteil der Werke von Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901) hat hier eine Bleibe. Der kleinwüchsige Maler aus dem Hochadel litt an einer vererbten Knochenkrankheit, die ihn von allen familiären Traditionen wie Reiten und Jagen ausschloss. Ölgemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Lithografien aus der Aussenseiterwelt der Pariser Belle Époque hängen an den Wänden. Seine Plakatkunst mit Hilfe der neuen Farblithografie warb für das Moulin Rouge, für Vergnügungslokale und Zirkusnummern. Vorläufer der modernen Werbegrafik. Viele Frauenporträts aus der Halbwelt und Aktgemälde aus Cabarets und Bordellen verraten den genialen Zeichner. Das Leben des Bohémien inspiriert Musicals und Filme bis in die heutige Zeit. Ein Ahnherr des Grafensohns soll 1199 als Kreuzfahrer Jerusalem erstürmt haben.
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