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CALIFORNIA DREAMIN‘
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Fotografie: Wine Institute of California und Béatrice van Strien
Text: Béatrice van Strien
Kaliforniens Winzer reiben sich die Hände: Der Jahrgang 2016 wird für die meisten von ihnen zu den Besten ihrer Karriere zählen, qualitativ wie quantitativ. Nach jahrelanger Trockenheit bescherte ihnen «El Niño» im Winter das langersehnte Nass. Es fiel nicht in allen Regionen gleich üppig aus, entspannte aber allgemein die Situation. Es folgten eine frühe Blüte und eine für den sonnenverwöhnten goldenen Staat aussergewöhnlich kühle und lange Reifezeit. Das garantiert Weine mit einer guterhaltenen Säure und einer perfekten phenolischen Reife und bedeutet für den Winzer weniger Hektik während der Erntezeit. Obschon die Wetterbedingungen in den sechs Regionen Kaliforniens, die sich über 1300 Kilometer erstrecken, variieren, gilt für alle, dass Weinberge in Küstennähe oder unweit von Flüssen die besten Trauben liefern. Sonne gibt es im Überfluss, in Ebenen wie an Berghängen. Die Nebel des Pazifischen Ozeans, die über die Küstengebirge ins Landesinnere ziehen, und der kühlende Einfluss von Gewässern sorgen für Abkühlung, was den allzu raschen Anstieg der Zuckerwerte verhindert. In kühlen Nächten erholen sich die Säurewerte in der Beere, und eine lange Hänge- und Reifezeit bietet Gewähr, dass sich auch die traubenspezifischen Aromen voll entwickeln können. Seit die ersten kalifornischen Weine Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts die säureund gerbstoffstrapazierten europäischen Gaumen mit fruchtstrotzenden, vollmundigen Weinen überraschten, hat sich die Weinwelt grundlegend verändert. In den Weinregalen tauchten immer mehr gefällige, alkoholreiche Tropfen aus der Neuen Welt auf. Kalifornien bekam, dank weltweiter politischer Umwälzungen, «freundliche Mitbewerber» aus Chile, Argentinien, Südafrika, Australien und Neuseeland. Europäische Winzer zog es nach Übersee auf der Suche nach Inspiration und neuen Erfahrungen. Europa entdeckte und feierte seine autochthonen Rebsorten mit modernen, vollmundigen Weinen, welche Anklang fanden und dem Weinfreund aufzeigten, dass nicht «in die Ferne schweifen» muss, wer preiswerte, interessante Weine sucht. Der Stolz auf die einheimische Produktion, der bewusste Umgang mit Umwelt und Ressourcen, die steigende Qualität der Weine aus den klassischen europäischen Weinländern führten zu einer Renaissance der europäischen Weinszene. Das «kalifornische Wunder» geriet in Vergessenheit. Heute liegt dem vinophilen Geniesser eine ganze Welt zu Füssen. Da mein letzter Besuch der nördlichen Weinregionen Kaliforniens fast fünfzehn Jahre zurücklag, freute ich mich über die Einladung des Wine Institute of California zu einer Pressereise und war gespannt, ob es im Westen was Neues gibt. Neue Weingüter oder solche, die den Besitzer gewechselt und neue Namen haben, gibt es überall. Die Gebäude sind aber heute – bis auf wenige Ausnahmen – nicht mehr die realisierten Träume (oder Albträume) ihrer Eigentümer, die ihr Geld vermehrt in den Ankauf und die Pflege der besten Reblagen und in den Ausbau der Kelleranlagen investieren. Auffällig ist, wie viel Wert auf Solarstromanlagen, Wasseraufbereitungstechniken, umweltschonende Arbeitsprozesse und Biodiversität in den Reblagen gelegt wird. Was vor zwanzig Jahren unter der Bezeichnung «Sustainable Winegrowing», also nachhaltiger Anbau, lediglich von Idealisten gewissenhaft betrieben wurde, ist heute fast überall eine Selbstverständlichkeit.
Biologischer und biodynamischer Weinbau haben viele Anhänger unter den Weingutbesitzern gewonnen. Von der Rebe bis ins Glas: Der kalifornische Katalog für nachhaltige Weinproduktion umfasst 227 empfohlene Praktiken, von der Begrünung der Reblagen, über die Tierwelt im Weinberg, das Einsparen von Ressourcen und das Recyceln von allem, was eine zweite Verwendung finden kann. Verpackung, Transport, alles wird durchleuchtet auf die Möglichkeit, den ökologischen Fussabdruck, den die Weinproduktion hinterlässt, zu verkleinern. Angenehm aufgefallen ist uns auch, dass die Winemakers, wie die Kellermeister in Kalifornien heissen, sich weiter um mehr Subtilität und Eleganz in ihren Weinen bemühen. Hohe Alkoholwerte sind in den warmen Klimaregionen nicht zu vermeiden; die Alkoholgradation ist aber unwichtig, wenn die Parameter Frucht, Säure und Tannine stimmen und der Wein harmonisch ist. Die Weinvielfalt hat sich vergrössert, Trauben, die ihren Ursprung im französischen Rhonetal haben, italienische, spanische und sogar österreichische Rebsorten werden vermehrt angebaut und ergeben gute bis sehr gute Rotweine. Es darf nur nicht erwartet werden, dass sie genauso schmecken wie in ihrer europäischen Heimat, da es nicht das Ziel ist, Kopien von Tempranillo, Barbera oder Lagrein zu keltern, sondern im kalifornischen Klima das Bestmögliche aus diesen Sorten herauszuholen. Daneben gibt es weiterhin die klassische Bordeauxcuvée, manchmal klassischer als im Médoc selber, weil öfters alle fünf der ursprünglich in Bordeaux verwendeten Sorten in die Abfüllung kommen. Gute Weine schmecken am besten zu gutem Essen, und daran mangelt es in den Weinregionen des «Golden State» wahrhaftig nicht. Es sind viele neue Restaurants hinzugekommen, die mit fantasievoller, frischer Küche, mit hervorragenden Fisch- und Fleischgerichten, aber auch mit leckeren, rohen oder gegrillten Gemüsen die Freunde der guten Tafel überraschen. Ob mediterraner oder asiatischer Einschlag, die feinen Restaurants in San Francisco und in den Weinregionen stehen europäischen in nichts nach. Auf den Weingütern, von denen viele über eigentliche Besucherzentren verfügen, wurde unsere Gruppe mit Journalisten aus zehn europäischen Ländern aufs Grosszügigste bewirtet. So unterschiedlich die Regionen, die Gebäude und das Weinprogramm auch waren, allen gemeinsam ist die Gastfreundschaft. Nachdem heute die Kalifornier selber die grössten Abnehmer ihrer Weinproduktion sind – sie trinken nach den Franzosen am meisten Wein weltweit –, sind die Produzenten viel weniger abhängig vom Export. Da die Zahl der Abnehmerländer aber weiter im Steigen begriffen ist, erleben die kalifornischen Qualitätsweingüter goldene Zeiten. Die Weingüter der Schweizer Donald Hess – Hess Winery, Mount Veeder, Napa Valley – und René Schlatter – Merryvale Vineyards, St. Helena, Napa Valley – sind natürlich für Besucher aus der Schweiz ganz besonders interessant. Das erste Weingut wegen seines wunderbaren Modern-Art-Museums, das der Kellerei angegliedert ist, das Zweite wegen seines stimmungsvollen grossen Fasskellers, in dem sich wunderbar Feste feiern lassen. Unnötig zu betonen, dass die Weine der beiden Güter hervorragend und in der Schweiz sehr populär sind. Weinkenner glauben oft, in ihnen eine typisch europäische Note zu entdecken. Feststeht, dass beide Häuser einen Stil pflegen, der bei allen Produkten deutlich zu erkennen ist. Feststeht auch, dass Kalifornien sich heute in Bezug auf Wein mit niemandem mehr messen muss. Was Anfang des 18. Jahrhunderts mit europäischen Einwanderern begann, ist, trotz grosser Rückschläge wie Reblauskatastrophe und Prohibition, zu einer eigenständigen, stolzen und florierenden Weinbaunation geworden.F
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