Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03616.jsonl.gz/1624

Heute gilt es Abschied zu nehmen von einem leisen, weisen und bedächtigen Couleurfreund. Er zeichnete sich aus durch Bescheidenheit, Gradlinigkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Obwohl er den gleichen Nachnamen trug wie das legendäre Kyburger Urgestein Emil Fritsche v/o Zart, mit dem er verschwägert war, stellte er bezüglich „Trutzigkeit“ und als Wächter über Anstand und Komment sozusagen ein Kontrastprogramm dar.
Als ein Fritsche, der auf einem Bauernhof ob der Steig bei Appenzell aufwuchs, trug er sein Leben lang stolz den Spitznamen „Chäpfler“. Schon früh wusste er, dass er Tierarzt werden wollte. Nach der Maturitätsprüfung am Kollegium St. Antonius Appenzell immatrikulierte er sich im Sommer 1946 an der tiermedizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Er war zwei Jahre lang Fuchs bei der akademischen Verbindung Fryburgia und wurde 1947 an der GV in Einsiedeln in den Schw. Stv. aufgenommen.
Im Herbst 1947 kam er als stud.med.vet. nach Zürich, wo er im Sommer 1948 in die akad. Kommentverbindung Kyburger eintrat.
Irgendwie hat sich „Chlee“ in der eher rauen Luft der damaligen Verbindung einigermassen doch wohl gefühlt, obwohl er sich den zackigen Riten und Übungen nach Möglichkeit eher entzog. Auch in Sachen Chargen hat er sich nicht vorgedrängt, übernahm aber pflichtbewusst doch einmal das Amt eines Aktuars.
Nach dem Staatsexamen 1951 und Assistenzstellen, u.a. bei Altherr „Choli“ und dem späteren Landammann Albert Broger, eröffnete er Mitte der 50er Jahre seine eigene Praxis in Appenzell.
Man würde dem Verstorbenen nicht gerecht werden, ohne die Verdienste von „Chlee“ als öffentliche Person eingehend zu würdigen. Bereits im Jahre 1962 wurde er als Ratsherr des Bezirks Appenzell gewählt, und wurde damit auch Mitglied des Kantonsparlaments. Schon drei Jahre später wählten ihn die Stimmbürger ins Kantonsgericht. Nach weiteren zwei Jahre hielt er Einzug in den Schulrat Appenzell, den er acht Jahre lang präsidierte. Die Krönung seiner Laufbahn erfolgte im Jahre 1974, als ihn die Landsgemeinde zum Landammann des Standes Appenzell Innerrhoden ernannte. Er übte dieses höchste und würdigste Amt, das wir zu vergeben haben, während zehn Jahren geistreich, mit politischem Verstand, Demut und Bedacht aus. Er wurde vielfach als „Landammann mit Herz und Verstand“ benannt.
Obwohl die Tierärzte in der damaligen Zeit fast ein Abonnement für das Landammann-Amt hatten, war er anders als seine Vorgänger. Ihm lagen nicht nur die Kühe und Schweine des Landes am Herzen, sondern er schrieb als ehemaliger Schulpräsident Geschichte als Erziehungsdirektor. „De Badischt“, wie er landläufig genannt wurde, hat es nicht als Selbstverständlichkeit empfunden, dass er als Bauernbub im Kollegium eine Ausbildung erfahren durfte. Es war ihm deshalb ein Anliegen, eine Einigung zwischen der Schweizerischen Kapuzinerprovinz und dem Kanton Appenzell Innerrhoden herbeizuführen, welche die Weiterführung des Kollegiums St. Antonius sicherstellte. Er selber hat den „Kollegi-Vertrag“ immer wieder als „grösste Freude“ seiner Kariere bezeichnet.
„Chlee“ hat sich auch stets für die Einführung des Frauenstimmrechts in unserem Kanton eingesetzt. Als die Landsgemeinde 1980 das Frauenstimmrecht wieder einmal mehr und mit ständig wachsendem Stimmenmehr verwarf, hat „Chlee“ mich – ich war damals junger Ratsherr – in die grossrätliche „Kommission zur Einführung des Frauenstimmrechts“ berufen. Unsere Aufgabe war es, die immer grotesker werdenden Argumente zu entkräften. Es wurde beispielsweise behauptet, der Landsgemeindeplatz sei für beide Geschlechter zu klein und den Frauen könne auch kein Stimmrechtsausweis abgegeben werden, weil es unziemlich sei, das zarte Geschlecht mit einem Degen auszurüsten. Den Höhepunkt haben „Chlee“ und ich an einer Versammlung in Steinegg erlebt, als ein politischer Würdenträger im Range eines Bezirkshauptmanns im vollen Ernste vortrug, die Frauen sollten sich zu Hause am Mann orientieren und diejenigen, die nicht heiraten würden, sollten ins Kloster gehen und überhaupt: So eine ledige Frau komme ihm sowieso vor wie ein abgedorrter Ast.
„Chlee“ hat mit Engelsgeduld und mit einem Einfühlungsvermögen sondergleichen den besorgten Mitbürgern erklären wollen, dass es doch an der Zeit sei, dieses Menschenrecht einzuräumen und dass die Gefahr, welche von abstimmenden Frauen ausgehe, überblickbar sei.
Wir haben oftmals darüber philosophiert, was in die Innerrhoder gefahren sei, dass sie sich so halsstarrig gaben und wir kamen zur Überzeugung, dass die Landsgemeinde in einer freien Abstimmung das Frauenstimmrecht nie und nimmer angenommen hätte. Wir sind um das Diktat von Lausanne richtig froh gewesen.
„Chlee“ war es vergönnt, mit Hildegard Fritsche, der Schwester von Zart, seit 1956 eine glückliche Ehe zu führen, die mit vier Kindern gesegnet wurde. Auch die StVer Gemeinschaft wurde bereichert durch den Sohn Tobias als Berchtolder mit dem Vulgo Delta, dem Enkel Dominik v/o D‘Artagnan und dem Schwiegersohn Markus Köppel v/o Speiche als Neu-Romane und Rauracher.
Mit Johann Baptist Fritsche v/o Chlee hat eine besonders liebenswerte Persönlichkeit die Welt verlassen müssen. Wir möchten der ganzen Familie unser herzliches Beileid aussprechen. Auch uns Kyburgern, denen der liebe Verstorbene zeitlebens die Treue hielt, hat „Chlee“ viel bedeutet und wir werden ihn in bester und lebendiger Erinnerung behalten.
Er ruhe in Gottes Frieden.
Emil Nisple v/o Dibi