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Vor 50 Jahren kamen bei einem Gletscherabbruch über der Baustelle des Mattmark-Staudamms 88 Arbeiter ums Leben. Bis heute herrscht bei Überlebenden, Hinterbliebenen und Bekannten ein Gefühl von Ungerechtigkeit vor. Denn obwohl vor der Gefahr gewarnt wurde, musste niemand für das Unglück die Verantwortung übernehmen. („die baustellen“ Nr. 08/2015)
Am Montag, 30. August 1965 herrschte emsiger Betrieb auf der Baustelle des Mattmark- Staudamms zuhinterst im Walliser Saastal. Lastwagen zirkulierten, Dozer ratterten. Am späteren Nachmittag fand ein Schichtwechsel statt. Erschöpfte Arbeiter zogen sich in die Baracken zurück. Dann, kurz nach 17 Uhr, kam der Gletscher. Zwei Millionen Kubikmeter Eis tosten auf das Barackendorf herab. Sekunden später war es begraben. 93 Bauarbeiter wurden verschüttet. 88 kamen ums Leben. Wie konnte das passieren?
Über 1000 Arbeiter
Das Mattmark-Projekt war eine Reaktion auf den steigenden Strombedarf nach dem Zweiten Weltkrieg. Initiiert von der Elektrowatt AG, starteten 1954 die Projektierungsarbeiten. Parallel dazu beauftragte das Unternehmen den ETH-Professor Gerold Schnitter, das Gefahrenpotenzial des Allalingletschers für das Bauwerk zu untersuchen. Die Expertisen führten zum Beschluss, in Mattmark einen Erdschüttdamm von 120 Meter Höhe zu errichten, den grössten Europas.
In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre startete die Ausführung. Ab 1960 waren zeitweise weit über 1000 Arbeiter auf der Baustelle tätig. Bis 1965 führten sie die Hauptarbeiten aus. Eingeweiht wurde der Stausee – wegen Verzögerungen durch das Unglück – im Juni des Jahres 1969.
Wahl des Barackenstandorts
Für die Arbeiter wurde in Zermeiggern ob Saas-Almagell das zentrale Barackendorf erstellt. Später kam ein kleineres Barackendorf bei der Baustelle hinzu.
Die Positionierung des zusätzlichen Barackendorfs bereitete dem Sicherheitsverantwortlichen der Elektrowatt, Louis Wuilloud, Kopfzerbrechen. Denn im Baugebiet gingen im Sommer zahlreiche Steinschläge und im Winter Lawinen nieder.
Wuilloud beriet sich mit lokalen Bergführern. Man kam zum Schluss, das Barackendorf auf der Talsohle unterhalb der Allalin-Gletscherzunge zu errichten. Es sei der einzige Ort, an dem die Unterkünfte vor Steinschlag und Lawinen sicher seien. Ein fataler Entscheid. Denn am 30. August 1965 wurde das Barackendorf unter dem vermeintlichen Schutzschild begraben.
Von Eiswänden mit bis zu 30 Meter Höhe berichteten die ersten Helfer am Unglücksort. Die Bergungsarbeiten nahmen mehrere Monate in Anspruch. Unter den 88 Opfern waren 56 Italiener, 3 Spanier, 2 Österreicher, 2 Deutsche, ein Staatenloser und 24 Schweizer. 17 der Opfer stammten aus der italienischen Provinz Belluno. Zum Gedenken daran gründeten Schweizer Exil-Bellunesi 1966 die «Bellunesi nel Mondo». Im Gespräch mit Saverio Sanvido, Präsident der Zürcher Sektion der Vereinigung, erzählt er von einer Ungerechtigkeit, die mit Mattmark für viele seiner Landsleute bis heute im Raum stehe. «Von Geld spricht niemand. Aber von einer Ungerechtigkeit», sagt er.
«Kein einziger Mensch …»
Das wird verständlich, wenn man die Reaktionen von Behörden, Experten und der Justiz nach der Katastrophe betrachtet. Als Angehörige nach einer ersten Schockstarre in Mattmark kritische Fragen zu stellen begannen, sprach der Walliser Polizeikommandant von Italienern, die von kommunistischen Elementen aufgewiegelt worden seien (ab ca. 03:25).
Eine Woche nach dem Unglück trat ETH-Professor Schnitter vor eine Fernsehkamera und sagte (ab ca. 01:30): «Kein einziger Mensch hat je die Andeutung gemacht, es könnte am Allalingletscher etwas passieren.» So prägte er das Ereignis als Naturkatastrophe, für die niemand verantwortlich gemacht werden kann. Die Ermittlungen dauerten sieben Jahre. Erst 1972 hatten sich 17 Männer, darunter die Geschäftsleitung der Elektrowatt AG und Beamte der Suva, vor dem Bezirksgericht Visp zu verantworten. Die Haltung des Gerichts deckte sich mit jener von Schnitter. Nach einem kurzen Prozess wurden alle 17 Angeklagten freigesprochen. In zweiter Instanz wurden den Klägerfamilien gar die halben Prozesskosten aufgebürdet.
Es gab warnende Stimmen
Die Konsequenz, mit der die Experten und Gerichte menschliches Zutun zur Katastrophe ausschlossen, ist umso fragwürdiger, als es durchaus frühe und aktenkundige Bedenken gab. Beispielsweise existierte eine Warnung des Lausanner Geologieprofessors Nicolas Oulianoff aus dem Jahr 1954, man dürfe nicht «unter einem solchen Damoklesschwert » (dem Allalingletscher) bauen.
Mulmig zumute war es auch den normalen Bauarbeitern unter der Gletscherzunge. Der Zürcher Bellunesi-Präsident Sanvido berichtet von Arbeitern, die fristlos kündigten, weil ihnen die Situation in Mattmark zu bedrohlich wurde. In einem Buch der Gewerkschaft Unia zum 40. Gedenktag der Katastrophe erinnerte sich Bauarbeiter Angelo Bressan an seinen Freund Beppe. Dieser habe gesagt: «Wenn der Gletscher kommt, sind wir alle tot.»
Schnitter warnte eigenhändig
Skandalös ist, was einem Expertenbericht von drei Glaziologen zu entnehmen ist, der seit dem Gerichtsverfahren und noch bis 2022 unter Verschluss gehalten wird. Der Walliser Journalist Kurt Marti zitierte dennoch bereits vor zehn Jahren in einem Beitrag für die Oberwalliser Alternativ-Zeitung «Rote Anneliese» aus dem Bericht. In einem soeben ausgestrahlten Dok-Film des Schweizer Fernsehens, den «die baustellen» vorab visionieren konnte, präsentierte Marti seine Erkenntnisse erstmals vor einem nationalen Publikum.
Im Expertenbericht wird ein Brief erwähnt, den ETH-Professor Gerold Schnitter Ende November 1954 an die Verantwortlichen der Elektrowatt schickte. Schnitter schrieb: «Im Falle eines Vorstosses des Allalingletschers würde vorerst die Eislawinentätigkeit aktiviert und dadurch voraussichtlich ein kleiner, regenerierter Gletscher gebildet …» Genau das passierte 1965. Entsprechend resümierten die Autoren des Expertenberichts: «Unglücklicherweise bewahrheitete sich die Aussage dieses Briefes.» Der Professor, der nach dem Unglück medienwirksam aussagte, kein Mensch habe je eine Andeutung gemacht, hatte elf Jahre zuvor eigenhändig eine Warnung verfasst.
Weshalb Schnitter seine Warnung unterschlug und vor allem, weshalb das Gericht nicht auf solche belastende Aspekte des Expertengerichts einging, ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar. Denn dass in der Folge des natürlichen Eisabbruchs 88 Menschen starben, dazu hat erwiesenermassen menschliches Verhalten beigetragen.
«Es ist ständiger Handlungsbedarf gegeben»
Die Unia engagiert sich im Mattmark-Gedächtnis-Jahr für das Erinnern. Dario Mordasini, bei der Gewerkschaft zuständig für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, erklärt weshalb.
«die baustellen»: Zum 40. Jahrestag des Unglücks rief die Unia dazu auf, Mattmark nie zu vergessen. Welches ist zum 50. Jahrestag Ihre Botschaft?
Dario Mordasini: Die Botschaft ist dieselbe wie vor zehn Jahren. Sie bleibt aktuell angesichts der Tatsache, dass weltweit noch immer jährlich fast 2,5 Millionen Arbeitnehmende infolge eines Berufsunfalls oder einer Berufskrankheit ihr Leben verlieren. Deshalb lautet unser Appell, die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zu intensivieren.
Wie beurteilen Sie heute die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz auf Schweizer Baustellen?
Zweifelsohne wurden weitere Fortschritte bezüglich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz gemacht. Die Berufsunfallzahlen sind weiter gesunken, dazu haben auch wir durch unser Engagement beigetragen. Allerdings sind immer noch zu viele Tote und Invalide zu verzeichnen. Die Suva schreibt in einer aktuellen Mitteilung, dass «in den vergangenen zehn Jahren jährlich rund 80 Arbeitnehmende an den Folgen eines Berufsunfalls gestorben» sind und dass sie diesen Umstand nicht länger hinnehmen wolle. Auch auf Grossbaustellenbesteht sicher noch Verbesserungspotenzial.
Konkret: In welchen Bau-Bereichen sehen Sie heute Handlungsbedarf?
Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind permanente Aufgaben. Deshalb ist auch ein ständiger Handlungsbedarf in allen Präventionsbereichen weiter gegeben. Bei den sich neu abzeichnenden Handlungsfeldern denken wir, dass «psychosozialen Risiken und Belastungen» auch in Baubranchen in den nächsten Jahren besondere Beachtung zu schenken ist. Die Branche ist nicht gefeit von den Folgen des Zeitdrucks, überlanger Arbeitstage und Personalknappheit.
Ist aus Warte der Unia gewährleistet, dass eine Katastrophe wie am Mattmark- Staudamm nicht mehr passieren kann?
Ein Nullrisiko gibt es nicht. Die Erkenntnisse aus Ereignissen wie Mattmark, die deutlich besseren technischen Möglichkeiten und die erfolgten Anpassungen der gesetzlichen Vorgaben reduzieren das Risiko einer Wiederholung aber stark. Die Herausforderung liegt darin, diese Instrumente nicht durch Deregulierungen und Sparbeschlüsse zunichte zu machen.
Die Suva gibt an, dass weitere nachhaltige Verbesserungen in der Arbeitssicherheit und dem Gesundheitsschutz möglich sind, falls die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Bauunternehmern und Arbeitnehmern auch in Zukunft funktioniert. Teilen Sie die Einschätzung?
Wir teilen den Ansatz der Suva vollumfänglich, dass der Schlüssel für einen deutlichen weiteren Schub bezüglich Verbesserung von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz auf dem Bau in der verstärkten Zusammenarbeit von Bauherrschaft, Planer, Bauleitung und Bauunternehmen (Arbeitgeber und Arbeitnehmende) liegt. Aus einer europäischen Studie ging bereits vor Jahren hervor, dass die Ursachen von tödlichen Berufsunfällen auf dem Bau in zwei Dritteln der Fälle bei Entscheidungen lagen, die vor (!) Baubeginn getroffen worden waren. Die Prävention muss also bereits in der Planungsphase einer Baustelle beginnen. Dies ist nur durch den Einbezug der Bauherrschaften, der Planer und der Bauleitungen möglich.
Im 50. Jahr nach der Katastrophe finden einige Erinnerungsaktivitäten statt. Die Unia wirkt bei den Aktivitäten als Partnerin mit. Weshalb?
Weil wir dieses Engagement den Opfern der Mattmark-Tragödie und ihren Familien mehr als nur schuldig sind.
«Mattmark zeigte die Bedeutung der Arbeitssicherheit»
Martin Vogel, Sicherheitsingenieur bei der Suva, über die Folgen des Mattmark-Unglücks, die enorme Entwicklung in den letzten 50 Jahren und über weitere Verbesserungen im Sicherheitsbereich.
Wie blickt die Suva auf den Mattmark-Jahrestag?
Die Mattmark-Katastrophe war für die schweizerische Bauwirtschaft und für die Suva ein prägendes Ereignis. Beide waren direkt betroffen. Der Jahrestag hilft, dass die wichtigen Lehren daraus nicht vergessen werden.
Welche Massnahmen der Arbeitssicherheit sind aus heutiger Sicht direkt auf das Mattmark-Unglück zurückzuführen?
Dieses Ereignis hatte zentrale Bedeutung für die systematische Gefahrenermittlung. Die Grundlage dafür findet sich heute im Artikel 3 der Bauarbeitenverordnung.
Ein Gericht befand, die Mattmark-Katastrophe sei nicht vorhersehbar gewesen. Wäre sie denn – unter Anwendung heutiger Massnahmen der Arbeitssicherheit – vermeidbar?
Dank der heute üblichen engen Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Ingenieurunternehmen und Suva in der Vorbereitungsphase mit der Erarbeitung von Sicherheitsplänen und mit Beizug von Spezialisten wie Glaziologen ist anzunehmen, dass sich eine derartige Katastrophe nicht wiederholt.
Die Suva unterstützt gemeinsam mit anderen Organisationen Projekte zum 50. Jahrestag des Mattmark-Unglücks. Weshalb?
Das Ereignis Mattmark zeigte die grosse Bedeutung der Arbeitssicherheit und der Berufsunfall- Versicherung bei der Realisierung von Grossbaustellen im Hochgebirge. Es zeigte auch, dass diese Herausforderung eine gute Zusammenarbeit aller Partner im Projekt erfordert und die Suva dabei eine wesentliche Rolle spielt.
Wie beurteilt die Suva den heutigen Sicherheits-Standard auf Schweizer Baustellen?
Die Entwicklung von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in den letzten 50 Jahren ist enorm und hat sich beim Bau der aktuellen Grossprojekte bestätigt. Dennoch bleibt nach wie vor etliches zu tun. Falls die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Ingenieuren, Bauunternehmern und Arbeitnehmern auch in Zukunft funktioniert, ist eine weitere nachhaltige Verbesserung möglich.