Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03386.jsonl.gz/844

Worüber haben Sie sich gefreut oder geärgert? Haben Sie etwas Bestimmtes auf unserer Website nicht gefunden? Ist Ihre abonnierte Ausgabe von "Musik&Theater" nicht eingetroffen? Hat Ihnen ein Artikel ganz besonderes gefallen?
musik
Bild: Migros-Kulturprozent-Classics
So selbstverständlich, wie es heute scheint, war Tan Duns Weg beileibe nicht. Als Jugendlicher nämlich wurde er von Maos Kulturrevolution aufs Land geschickt, um dort als Plantagenarbeiter bei Reisbauern zu arbeiten – wie viele andere Kinder aus gebildeten Schichten, die man umerziehen wollte. Der junge Musiker, 1957 in der Provinz Hunan geboren und von dort sogar noch mit alten schamanistischen Ritualen vertraut, nutzte die widrigen Umstände jedoch auf seine Weise: Bei der Landarbeit sammelte er Volksweisen, gründete Laienensembles und trat mit ihnen auf, ebenso wie mit der lokalen Peking-Oper.
Mit diesen Erfahrungen im Rucksack konnte Tan Dun 1978, zwei Jahre nach Maos Tod, endlich ins Pekinger Konservatorium eintreten. Dort begegnete er erstmals westlicher Musik. Beet- hovens Symphonien waren ein Schlüsselerlebnis für ihn, ebenso Bach; aber auch zeitgenössische Komponisten wie Alexander Goehr, George Crumb, Hans Werner Henze, Toru Takemitsu und Isang Yun kamen, um Kurse zu geben. Für Tan Dun erschloss sich eine neue Welt. Wie viele junge Chinesen sog er diese fremden Einflüsse auf. Die unvertrauten Klänge stiessen trotz der offiziellen Ablehnung auf Neugierde: «Die Leute kamen, um herauszufordern und um herausgefordert zu werden, nicht nur um der Unterhaltung willen.»
1986 durfte er nach New York reisen. Er studierte bei Chou Wen-Chung, einem Komponisten, der 1946 ebenfalls emigrierte und Assistent von Edgard Varèse wurde; er begegnete der Minimal Music, die stark von ethnischen Musiken geprägt ist. Inmitten dieser so vielfältigen Stadt fand Tan Dun also einen reichhaltigen Nährboden – und besann sich gleichzeitig seiner eigenen Wurzeln. Besonders John Cage bestärkte ihn darin. Er machte ihn auf seine chinesischen Ursprünge aufmerksam, auf das Buch der Wandlungen, auf Lao Tse und auf die Natur. «Der Klang der Natur ist das grösste und älteste Orchester der Welt», sagte Cage zu Tan Dun. Das öffnete ihm wieder die Ohren.
Und diese Offenheit zeichnet ihn und seine Musik seither aus. Chinesische Volksmelodien finden sich da neben avantgardistischen Techniken, schamanistische Rituale neben Rockelementen. Crossover? Ja, vielleicht, und doch weitaus mehr: «Mein persönlicher Gewinn aus der Überwindung der Grenzen zwischen Ost und West in meiner Musik ist tiefer als das Interesse an oberflächlichen Sprachunterschieden», sagt Tan Dun, und: «Ich glaube fest daran, dass die Kunst und alle kreativen Prozesse zutiefst persönliche Ereignisse sind, egal, ob die Arbeit multikulturell ist oder nicht.»
Man merkt ihm an: Er will sich einem breiten Publikum verständlich machen, er will den Konzertbetrieb bedienen. Und doch hat er sich in der Klangbehandlung eine gewisse Unverfrorenheit und Originalität bewahrt. Denn es ist nicht einfach ein Hineingreifen in den Supermarkt der Klänge, dahinter steckt einiges an Lebenserfahrung. Er mixt nicht bloss unterschiedliche Elemente, sondern vertieft sich in sie. Eindrücklich war das etwa an seiner Oper «Marco Polo» zu erleben, mit der er 1996 bei der Münchener Biennale für neues Musiktheater schlagartig bekannt wurde. Die Reise des berühmten venezianischen Kaufmanns nach China wurde dabei zu einer Reise ins Innere, mit aussergewöhnlich intensiven musikalischen Momenten.
Die Neue Musik jubelte damals, weil erstmals ein chinesischer Komponist den Weg in die Szene gefunden hatte. Aber Tan Dun war und ist kein Hardcore-Avantgardist, sondern ist, wenn schon, eher den postmodernen Komponisten zuzuordnen. Er folgt keinen Dogmen, sondern arbeitet je nach Auftrag auf neue und überraschende Weise. So entstand zur Wiedervereinigung Hongkongs mit China eine «Symphony 1997» – ein durchaus eingängiger grosser Friedensgesang, Ausdruck einer Hoffnung.
Sein Engagement ist allerdings weniger ein politisches als ein humanistisches, spirituelles. «I wanted to create something special for the hunger of his beating heart and his vibrating soul», sagte er zum Beispiel über sein Schlagzeugkonzert «Tears of Nature», das er für den Perkussionisten Martin Grubinger schrieb. Nicht um eine exuberante Virtuosität ging es ihm dabei; das Stück handle vielmehr «von der wunderbaren Trauer über die Natur». Durch die Musik erzählen uns die Tränen der Natur, dass die lebensbedrohliche Lage der Natur auch die von uns Menschen ist. Hinter diesen Tränen der Natur steht aber auch Persönliches: Seine ersten musikalischen Erfahrungen seien die Perkussionsgeräusche in der Natur und der Umwelt gewesen: Wasser, Papier, Bambus. Das prägte ihn früh – und doch musste er diese Klänge später erst wieder- entdecken. Auch da wieder: die Rückkehr zu den Quellen. Er lebt zwar in der Grossstadt New York, ist aber mehr denn je mit der Heimat verbunden.
Wenn Tan Dun jetzt als Dirigent mit dem Guangzhou Symphony Orchestra in die Schweiz kommt, führt er zwei Werke Strawinskys im Programm, ausserdem das Stück «100 Birds Flying Toward Phoenix» von Ren Tongxiang sowie ein eigenes symphonisches Gedicht. «Farewell My Concubine» beginnt mit Schlägen auf das Mundstück der Tuba – was überhaupt nicht wie ein modernistischer Soundeffekt wirkt, sondern eher wie ein archaisches Geräusch. Schon mit den ersten paar Tönen zeigt sich Tan Duns Eigenschaft, besondere Klänge dramatisch zu nutzen. Gleich darauf setzt das Soloklavier ein (Ralph van Raat), das die Aufmerksamkeit zunächst auf sich zieht, während rechts vom Orchester eine wundersam gekleidete Figur wartet. Es handelt sich um die Sängerin Wenqing Lian. Sie repräsentiert die Konkubine, das Klavier hingegen den König, nach einer beliebten Geschichte aus der klassischen Peking-Oper: Xiang Yu, Herrscher des Zhou-Reichs, stirbt im Kampf gegen seine Widersacher, seine Lieblingskonkubine Consort Yu begeht darauf mit seinem Schwert Selbstmord, Ein uralter Mythos wird hier in unsere Zeit transferiert und neu mit musikalischen Mitteln erzählt. Chen Kaiges preisgekrönter gleichnamiger Film aus dem Jahr 1993 inspirierte Tan Dun übrigens dabei.
«In meinem Herzen hat das Klavier eine schwere, starke, majestätische Eigenart.» Das Klavier bleibt royal und ergiesst sich in expressiven Linien, während die Sopranistin singt und tanzt, ja durchaus auch mit dem Schwert. Diese beiden so gegensätzlichen Klangcharakter-Seiten verbinden sich erstaunlich gut, wenngleich die chinesische Singweise (Tan Dun verwendet gleich drei klassische Gesangstile!) uns wenig vertraut ist. Es handle sich nicht um einen Flirt mit exotischen Elementen, versichert der Komponist. «Der Geist der Peking-Oper fliesst in meinem Blut.» Schon als Jugendlicher, als er in Hunan mit einer Operntruppe arbeitete, habe er die besonderen Schlaginstrumente studiert. Und so fliesst hier alles in einer bewegenden Story zusammen. ■