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In Marokkos Schulen gilt: «On parle français»
- Freitag, 26. Februar 2016, 15:09 Uhr
In marokkanischen Schulen soll der Unterricht wieder auf Französisch stattfinden. Das hat der König angeordnet. Er macht damit einen früheren Entscheid rückgängig. Journalist Beat Stauffer erklärt die Gründe für die Kehrtwende.
Vor rund 30 Jahren wurde Französisch zur Fremdsprache degradiert und verschwand als Unterrichtssprache aus den marokkanischen Schulen. Das Land wollte sich so von der ehemaligen Protektoratsmacht Frankreich abgrenzen. Die Folge war, dass eine ganze Generation nicht oder kaum mehr Französisch beherrscht.
SRF News: König Mohammed VI. möchte die Arabisierung des Bildungswesens offenbar wieder rückgängig machen und Französisch als Unterrichtssprache in mehreren Hauptfächern wieder einführen. Weshalb diese Kehrtwende?
Beat Stauffer: Man hat festgestellt, dass eine ganze Generation von jungen Menschen nicht mehr gut oder ausreichend Französisch spricht. Ein Anschlussstudium in Frankreich oder im eigenen Land ist so nicht mehr garantiert. Die Folge war, dass die Oberschicht und auch ein Teil der Mittelschicht ihre Kinder an französische Privatschulen geschickt haben und immer noch schicken.
Das schafft natürlich einen Graben zwischen der breiten Bevölkerung, die es sich nicht leisten kann, die Kinder an Privatschulen zu schicken, und der Oberschicht, die dann bevorteilt ist. Das ist ein ganz entscheidender Grund, weshalb der König die Reform rückgängig gemacht hat. Ein anderer ist, dass Marokko sehr engen Kontakt mit Frankreich, Spanien und anderen westeuropäischen Ländern pflegt. Es ist deshalb von grösster Bedeutung, dass die jungen Leute in Marokko eine der Sprachen beherrschen.
Weshalb fand vor 30 Jahren die Arabisierung des Unterrichts statt?
Es ist nachvollziehbar, dass Marokko sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren von der Protektoratsmacht emanzipieren wollte. Man hat in dieser Zeit sehr stark auf die arabische Identität gesetzt. Die Ideologie des Panarabismus war damals «en vogue». Man hoffte, der arabische Raum würde sich zusammenschliessen und einen Wirtschaftsraum bilden. All diese Ideen konnten nicht realisiert werden. Faktisch gesehen schauen Marokko und der gesamte Maghreb nach wie vor nach Europa und nicht nach Kairo oder Dschidda. Dies ist der Grund, weshalb der König diesen pragmatischen Entscheid getroffen und die Reform rückgängig gemacht hat.
Nun sind aber nicht alle politischen Kräfte in Marokko begeistert von dieser Öffnung gegenüber der französischen Sprache. Wer ist dagegen?
Konservative Kreise und vor allem Islamisten sind empört, dass die Arabisierung des Bildungswesens rückgängig gemacht wird. Ihnen ist die arabisch-islamische Identität Marokkos und des Magreb sehr wichtig. Sie können aber in dieser Sache nichts unternehmen, weil der König in Marokko immer noch das letzte Wort hat.
Was soll es bringen, wenn Schüler wieder auf Französisch unterrichtet werden?
Die marokkanischen Bildungspolitiker und der König erhoffen sich, dass die marokkanische Jugend damit besser auf die Globalisierung und auf eine globalisierte Wirtschaft vorbereitet wird. Europäische Betriebe, die nach Marokko auslagern, dort Fertigungsstätten aufbauen oder Callcenter betreiben, sollen junge Leute rekrutieren können.
Sie hoffen also, dass Marokko einen besseren Anschluss an den europäischen Wirtschaftsraum findet. Und indirekt auch, dass man auf solche Weise der Verführungskraft des Islamismus' etwas entgegensetzen kann. Denn die Arabisierung ging de facto häufig Hand in Hand mit einer Islamisierung des Erziehungswesens. Man hat die Fächer Soziologie und Psychologie gestrichen und dafür islamische Erziehung an ihre Stelle gesetzt. Unausgesprochen steckt darin eben auch der Versuch, der Islamisierung des Maghreb etwas entgegenzustellen.
Das Gespräch führte Igor Basic.
Beat Stauffer
Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.
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