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Verantwortung: Andrea Graf / Victor Olaoye
Referierende: Tolulope Esther Fadeyi / Ṣeun Williams / Max Hufschmidt
Kommentar: Tizian Zumthurm
Mit dem One Health approach werden seit einigen Jahren die komplexen weltweiten Herausforderungen im Bereich der Gesundheitsversorgung diskutiert. Dabei beinhaltet der Ansatz, dass die Gesundheit des Menschen eng mit jener der ihn umgebenden Tier- und Umwelt verbunden ist. Gleichsam existieren Forderungen, die eine Dekolonisierung des globalen Gesundheitssystems anstreben und bestehende Machtstrukturen und Deutungshoheiten kritisieren.
TOLULOPE ESTHER FADEYI (Basel) beschäftigte sich im eröffnenden Referat mit der lokalen Produktion von Wissen über den Umgang mit Malaria während der Schwangerschaft. Dabei legte sie ihren Fokus auf die Gesellschaft der Yoruba im heutigen Südwest-Nigeria während der britischen Kolonialzeit. Deutlich wurde dargestellt, welche gravierenden Konsequenzen eine Malaria-Infektion aus medizinischer Perspektive sowohl für eine schwangere Frau wie auch das ungeborene Kind haben kann.
Anschliessend stellte Fadeyi pflanzliche Behandlungsmethoden vor, mit denen die Yoruba traditionellerweise in einer solchen Situation Linderung herbeiführen. Dieses Wissen sei eine kulturelle Hinterlassenschaft und lebe primär von der mündlichen Überlieferung. Die Referentin führte vor Augen, dass Malaria für die britische Kolonialregierung ein massives Problem darstellte, das sie im Rahmen kolonialer Tropenmedizin zu bekämpfen versuchte. Lokale Ansätze seien dabei ignoriert und geringgeschätzt worden.
Fadeyi betonte die enorme Wichtigkeit, die die Deklaration der Rechte indigener Völker durch die Vereinigten Nationen 2007 für die Auseinandersetzung der Yoruba mit ihrem in vorkolonialer Zeit produzierten Wissen hatte. Dabei war von entscheidender Bedeutung, dass dieses nun von offizieller Seite Wertschätzung und Anerkennung erfährt.
Eine der zentralen Feststellungen der Referentin in Bezug auf die Untersuchung der afrikanischen Geschichte lautete abschliessend, dass es gelte, sich neu mit dem traditionellen Wissen der lokalen Bevölkerungen auseinanderzusetzen. Die afrikanischen Gesellschaften seien sich ihrer Geschichte und kulturellen Identität bewusst, und es gehe nun darum, einen umfassenden knowledge transfer zu bewerkstelligen, das heisst überliefertes Wissen dauerhaft zu sichern.
Nach diesem biomedizinisch geprägten Zugang wandte sich ṢEUN WILLIAMS (Genf) livestock diseases zu, die im Gegensatz etwa zu Malaria vor allem Nutztiere befallen. Contagious bovine pleuropneumonia (CBPP) ist eine äusserst schwierig zu diagnostizierende bakterielle Erkrankung, die insbesondere im Nordosten des heutigen Staates Nigeria endemisch ist. Williams machte deutlich, dass diese Krankheit für die britische Kolonialregierung und ihre kapitalistischen Unternehmen ein grosses Problem darstellte, das sie durch verschiedene tiermedizinische Ansätze und unter dem Einsatz erheblicher Ressourcen zu bekämpfen versuchte. Allerdings war aufgrund der Inkubationszeit von bis zu sechs Monaten sowohl die Diagnose wie auch die Quarantäne von ganzen Herden ein grosses Problem. Viehzüchter versteckten gar Fälle, um Notschlachtungen zu verhindern. Impfprogramme stellten sich aufgrund der Schwierigkeiten in der Anwendung, Nebenwirkungen sowie mangelnden personellen Ressourcen als nur schwer durchführbar heraus.
Als Parallele zum ersten Referat des Panels stach sofort die Praxis des damals zuständigen Colonial Veterinary Departments ins Auge, lokal vorhandene traditionelle Behandlungsmethoden zu ignorieren oder geringzuschätzen. Weil die Strategie des Colonial Veterinary Departments aber «kläglich» scheiterte, wie Williams pointiert festhielt, sei dieses schliesslich gezwungen gewesen, die wesentlich bessere Wirksamkeit lokaler Behandlungsmethoden anzuerkennen. Darüber hinaus wurde auch eine Entschädigung für Notschlachtungen eingeführt. So hätten die Behörden letztlich doch zumindest teilweise auf einen veterinary pluralism setzen müssen, der die Wirksamkeit traditioneller Behandlungsmethoden anerkannte und deren Strategien grundsätzlich akzeptieren musste.
MAX HUFSCHMIDT (Basel) widmete sich in seinem Referat der Arbeit von schweizerischem Personal, das im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Missionskrankenhäusern in Lesotho tätig war. Dabei fokussierten seine Ausführungen vor allem auf die Hierarchisierung von Wissen. Auch nach dem Beginn der Dekolonisierung lag die Macht im lokalen Gesundheitssystem noch weit weg von der einheimischen Bevölkerung. Hilfsprojekte wurden oft ohne Einbezug der vor Ort lebenden Menschen geplant und orientierten sich noch immer an westlichen Bedürfnissen.
In seinen Ausführungen konzentrierte sich der Referent primär auf eine anthropologische Untersuchung, die unter anderem von der langjährigen Missionsärztin Bertha Hardegger (1903-1979) angeregt worden war. Diese hatte zum Ziel, die sich ändernden Bedingungen im postkolonialen Lesotho zu analysieren, Schwierigkeiten im Wissensaustausch zu identifizieren und als eine Art Leitfaden für künftige Missionsärztinnen und -ärzte zu fungieren. Allerdings stiess die Studie aus verschiedenen Gründen auf Kritik. In Lesotho wurde kritisiert, dass man nicht von einer fachfremden Person in seiner Arbeit beurteilt werden wolle und die gängigen Probleme bereits bekannt seien: zum einen sprachliche Barrieren und zum anderen die «sture Kultur» des schweizerischen Fachpersonals. In der Schweiz wurde ein breiterer Ansatz der Studie gefordert.
Darüber hinaus existierten Sorgen, dass der Hauptnutzen der Studie rein auf Schweizer Seite liegen könnte und damit wieder eine Studie im Globalen Süden vor allem dem Norden nütze. Schliesslich wurde in der finalen Version vor allem die Bedürfnisse und Erwartungen der lokalen Basotho-Gesellschaft festgehalten, wobei aber der potenzielle Nutzen der medizinischen Arbeit für diese nur am Rande erwähnt worden sei.
Die langfristigen Effekte der Studie seien schwierig zu beurteilen. Sie habe schliesslich weder eine grosse Rolle für die Mission und ihre Ärztinnen und Ärzte noch für Lesotho und die Schweiz gespielt. Dessen ungeachtet sei sie ein Exempel für die hierarchische Strukturierung der Wissensproduktion. Ausserdem gehen laut Hufschmidt aus ihrer Analyse weitere Fragen hervor: Inwiefern war die Studie ein Mittel, um lokal Kontrolle zu sichern? Inwiefern waren und sind die untersuchten Spitäler Orte, an denen Macht ausgeübt wurde? Machtstrukturen könnten etwa hinsichtlich des Teilens oder Vorenthaltens von Wissen gewirkt und damit Muster von fortdauernder quasi-kolonialer Macht gebildet haben. Somit müsse angenommen werden, dass diese Wissenshierarchien auch in postkolonialer Zeit das Verhältnis zwischen dem Globalen Süden und Norden massgeblich beeinflussten.
TIZIAN ZUMTHURM (Luxemburg) konzentrierte sich in seinem Kommentar darauf, Ansätze vorzuschlagen, wie der Fokus auf afrikanische Aspekte in der Wissenschaftsgeschichte ausgebaut werden könnte. Er stellte überdies einen einleuchtenden Vergleich an, indem er die überheblichen Praktiken der kolonialen Wissenschaft in einen Vergleich zu den Praktiken der Merchants of Doubt nach Naomi Oreskes und Erik M. Conway setzte. Er betonte überdies die generelle Entwicklung der westlichen Wissenschaften, sich zeitweise eher von der Feldforschung wegzubewegen. Dies könnte einer der Gründe für die Ignoranz gegenüber bewährten lokalen Methoden gewesen sein. Erst in den 1960er und 1970er Jahren, das heisst mit dem fortschreitenden Dekolonialisierungsprozess, habe eine gewisse Rückbesinnung auf örtliche Erfahrungen stattgefunden, etwa im Zusammenhang mit der erkannten Verbindung zwischen Umweltverschmutzung und Krankheiten.
Panelübersicht:
Tolulope Esther Fadeyi: Revisiting the African Past: Local Knowledge Production on Malaria in Pregnancy in Colonial Yorubaland
Ṣeun Williams: Colonial Expertise, Local Knowledge and Livestock Diseases in Colonial Nigeria
Max Hufschmidt: The Role of Swiss Missionary Doctors in Decolonizing Health Care in Early Independent Lesotho
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.