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"Die DDR war für mich die Heimstatt des deutschen Antifaschismus. Ein Globke, ein Filbinger, ein Oberländer, ein Kiesinger oder wie die ehemaligen NSDAP-Mitglieder alle hießen, die in der Bundesrepublik … tätig waren, hätten in der DDR nie eine Chance auf ein hohes Amt gehabt."
E. K., S. 16
Egon Krenz, letzter Generalsekretär des ZK der SED und kurzzeitiger Vorsitzender des Staatsrates jenes ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, der Deutschen Demokratischen Republik, veröffentlichte zum Ende letzten Jahres den zweiten Teil seiner Memoiren. Ein drittes, vermutlich abschließendes Werk ist bereits angekündigt.
Nachdem Krenz im ersten Band seine Kindheit sowie Jugend und - nicht zuletzt - seinen politischen Werdegang in der FDJ (Freie Deutsche Jugend), der führenden Partei mit marxistisch-leninistischem Anspruch (SED) und auf anderen Ebenen formaler Strukturen bis zum Tode des langjährigen starken Mannes jenes Arbeiter-und-Bauern-Staates, Walter Ulbricht, schilderte, sieht sich nunmehr die Phase zwischen 1974 bis 1988 in den Fokus der Betrachtungen gerückt.
Dabei gelingt es dem Autor, Einblicke in viele, selbstverständlich nicht alle, relevante Ereignisse seines Landes zu ermöglichen, wie es heute wohl niemand sonst mehr vermag. Jedenfalls niemand, der viele Jahre hierarchisch relativ weit oben aktiv agierte.
Offen schildert Krenz beispielsweise problematische Interaktionen zwischen ostdeutscher Republik und dem feindlich-antikommunistischen Nachbarn BRD als auch schwierige Phasen in den Beziehungen zum großen sozialistischen Bruderland Sowjetunion. Ferner gelingt es ihm, nicht alleine sein persönliches Verhältnis zu Erich Honecker relativ detailliert darzustellen, sondern gleichermaßen ein Bild über die langjährige Führungspersönlichkeit der DDR zu zeichnen, welches man in den staatstragenden, offiziellen Geschichtsbüchern der BRD wohl nicht finden wird und sicherlich auch nicht finden soll.
Historisch als auch politisch ist es höchst interessant, den schwierigen Weg, vielleicht sogar Spagat der DDR zwischen jener aggressiv-kapitalistischen Konkurrenz des westdeutschen Nachbarn sowie den Erwartungen und Forderungen genannter, großer sozialistischer Führungsmacht UdSSR aus Sicht eines führenden Politikers deutsch-demokratischer Provenienz dargestellt zu bekommen. Hinzu kommt, dass der Autor erfreulicherweise nicht zu den Wendehälsen gehört, die nach jener bekannten Machtübernahme des Kapitals in der ostdeutschen Republik sich den neuen Herren als auch Damen ideologisch gebeugt unterwarfen. In diesem Kontext ermöglichen die Aufzeichnungen von Krenz dem Leser, historische Ereignisse außerhalb des politisch-doktrinären Mainstreams aktueller BRD-Publikationen einordnen zu können.
Das in der "edition ost" der Eulenspiegel-Verlagsgruppe erschienene Buch zeigt sich weitestgehend chronologisch geordnet, nicht in Kapitel, sondern auf 446 Seiten in 63 Abschnitte unterteilt. Historische Fotos privater als auch politischer Natur gehören ebenfalls zum Inhalt, wobei man allerdings - auch und gerade im Kontext sozialistischer Staaten - fragen muß, ob das Private nicht immer zwangsläufig gleichermaßen politisch ist.
Thematisch bearbeitet Egon Krenz dabei ein weites, ja sehr weites Feld, welches selbstverständlich gewisser Eingrenzungen bedurfte. Glücklicherweise darf festgestellt werden, dass der Verfasser nach eigenen Angaben nicht alleine über ein umfangreiches Archiv verfügt, sondern nach seiner Wahl zum Mitglied des Politbüros des ZK der SED (von 1983 bis 1989) auch Gesprächsnotizen und seine damaligen Terminkalender im Rahmen des Entstehens vorliegenden Buches zur Hand hatte. Deshalb basieren die für 26.- € erwerbbaren Memoiren nicht ausschliesslich auf Erinnerungen, die in der Regel, was sicherlich jeder Mensch aus eigener Erfahrung bestätigen kann, lückenhaft sind und sich vielfach, zumindest unbewusst, geschönt zeigen. Es gelingt dem ehemaligen Führungskader mit sozialistischem Hintergrund Fakten sowie persönliche Erinnerungen und Empfindungen systematisch zu verknüpfen.
Dem ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR glückt es erfreulich gut, interne Probleme genannter Republik und ihrer politischen Führung als auch außenpolitische Konflikte mit dem kapitalistischen Ausland sowie Widersprüche innerhalb des sozialistischen Lagers detailliert und faktenbasiert zu beleuchten. Außenpolitische Betrachtungen bilden dabei den Schwerpunkt.
In diesem Kontext wird, wie bereits angedeutet, gerade dem in den damaligen, offiziellen Verlautbarungen der Warschauer Vertragsstaaten kaum offen thematisierten, hin und wieder schwierigen Verhältnis zum großen Bruder Sowjetunion ein historisch begründbares, besonderes Augenmerk geschenkt. Dies erscheint geschichtlich vor allem deshalb von erheblichem Interesse zu sein, da es aus Perspektive eines führenden Repräsentanten der sozialistischen deutschen Republik geschieht. Krenz beschreibt faktenreich, welche eher als sekundär zu betrachtende Unstimmigkeiten in der Zeit der Ära Breshnews über Andropow und Tschernenko bis zu Gorbatschow die Beziehungen der beiden Staaten belasteten. So sei die Sowjetunion beispielsweise nicht selten recht skeptisch gewesen, wenn es Annäherungen der Beziehungen zwischen der DDR und der BRD zu geben schien. Berlin war oftmals durchaus bereit, mit den in Bonn Regierenden Erleichterungen für Bürger beider Staaten exemplarisch hinsichtlich von Reiseoptionen auszuhandeln. Hin und wieder bremste die UdSSR solche Bemühungen aus tatsächlichen oder vermeintlichen sicherheitspolitischen Erwägungen aus. Dies steht im fundamentalen Widerspruch zu den vielfach bis heute von interessierten Kreisen prominent veröffentlichten Behauptungen, die SED und ihre Funktionsträger seien (vor allem in den 1980er-Jahren) ideologische Betonköpfe und praktische Bremsklötze möglicher humanitärer Annäherungen gewesen.
Internationale Politik kann in diesem Kontext, so beschreibt es Krenz aus eigenem Erleben, gleichermaßen banalen als auch witzigen Zufällen abhängig sein. Einige Anekdoten finden Erwähnung: So war Krenz relativ kurz nach der Regierungsübernahme Kohls in Westdeutschland bei einem Telefonat zwischen Kanzler und Staatsratsvorsitzenden zugegen, bei dem es zunächst schlicht um das Wetter in Bonn und Berlin ging. Small Talk wie auf dem Wochenmarkt. Ein weiteres Beispiel: Im Zuge der Beerdigung des Generalsekretärs des ZK der KPdSU Tschernenko in Moskau wurde von sowjetischer Seite Honecker vorgeschlagen, auf ein dort geplantes Gespräch mit Kohl in einer Moskauer DDR-Residenz zu verzichten. Der SED-Chef willigte ein und entschied, man solle Kohl absagen. Doch das war nicht mehr möglich, da vergessen wurde, die Uhr auf Moskauer-Zeit umzustellen und jener Kanzler faktisch schon die Türschwelle betrat. So kam es durch einen Zufall beziehungsweise einer Nachlässigkeit zum Gespräch der beiden Staatsmänner Honecker und Kohl in Moskau.
Soviel zu Banalem. Krenz geht detailliert, umfangreich, faktenbasiert und aus nächster Nähe auf eine Reihe von politischen Ereignissen ein, die die Politik an der heiklen Nahtstelle zwischen Warschauer-Vertrag und NATO mit entschied. Da selbstverständlich nicht alle vom Autor thematisierten Punkte an dieser Stelle auch nur erwähnt werden können, sollte der politisch als auch historisch interessierte Leser tatsächlich selber zu den sehr empfehlenswerten Memoiren greifen. Dies gilt nicht alleine für Sympathisanten sozialistischer Ideen, sondern gleichermaßen für diejenigen, die Einblicke aus erster Hand in das politische System der DDR und deren Beziehungen zur UdSSR außerhalb der herrschenden Veröffentlichungen des auch geschichtswissenschaftlich einseitigen Mainstreams à la BRD erhoffen.
Mit Blick auf die dem Sozialismus nicht prinzipiell feindlich gegenüber eingestellten Leserinnen und Leser bietet das Buch auch, wie Arnold Schölzel am 08.01.24 in der deutschen Tageszeitung "junge Welt" zu Recht schreibt, "ein(en) (…) Beitrag zur Sozialismustheorie." Die Kenntnisnahme der Schwierigkeiten der Implementierung des sozialistischen Modells in die Praxis sei vor allem denen zu empfehlen, "die meinen, bereits einen fix und fertigen Begriff von Sozialismus zu haben".