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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2015 von Peter Ziegler
Seifen- und Kerzenfabrik in der Seferen
Im Jahre 1820 kaufte Johann Jakob Sträuli-Wahrenberger (1792–1873) von Horgen auf öffentlicher Gant das Heimwesen von Jakob Pfister am Sagenrain.1 Hier, im Haus zum Sonnenberg (Seestrasse 163) an der «Seefahrt», gründete er 1825 eine Kerzengiesserei und Seifensiederei.2 Produziert wurden die Kernseifen als wichtigster Geschäftszweig zunächst im Wohnhaus, dann ab 1831 in Riegelbauten, die direkt am Seeufer standen. Seestrasse und Eisenbahnlinie bestanden damals noch nicht. Für den Transport von Rohstoffen und Fertigprodukten benützte man zur Hauptsache Schiffe auf dem Zürichsee. Johann Jakob Sträulis jüngerer Stiefbruder Johannes (1803–1870) bildete sich im Wädenswiler Betrieb ebenfalls zum Seifensieder aus und zog 1831 nach Winterthur, wo er eine eigene Seifensiederei aufbaute.3
Der Gründer: Johann Jakob Sträuli (1792-1867)
Erhalten ist eine vom 17. Oktober 1834 datierte Rechnung von J. Jacob Sträuli zum Sonnenberg über den Betrag von 139.88 Franken für zwei Kisten Kerzen, mit dem Vermerk des «Obigen», die leeren Kisten seien wieder zurückzusenden.4 Einen anderen verzierten Briefkopf trägt eine Rechnung vom 12. August 1840 für zwei Kisten Seife.5
Die zweite Generation
Der Sohn Heinrich Sträuli (1820–1866) übernahm die Seifenfabrik in zweiter Generation. Da er bereits im Alter von 46 Jahren starb, musste die Witwe Anna Margareta Sträuli-Ammann, eine Pfarrerstochter aus dem Thurgau, den Betrieb weiterführen. Die drei minderjährigen Söhne Heinrich, Carl und Jakob sowie die Tochter Emilie halfen nach der Schule tüchtig mit. Es waren harte Zeiten. Nur zu oft wurde ein misslungener Seifensud in den Zürichsee entleert.6
Briefkopf von 1834
Die Fabrikbauten zwischen Seestrasse und Zürichsee, Aufnahme vor 1886
Carl Sträuli-Hausamann (1855-1929)
Die dritte Generation
Der älteste Sohn, Heinrich Sträuli, hatte keine Lust, Seifensieder zu werden. Deshalb rückte der jüngere Bruder Carl Sträuli-Hausamann (1855–1929) nach. Mit 16 Jahren begann er eine Lehre als Seifensieder in Deutschland und kehrte 1876 als Meister nach Wädenswil zurück. Zusammen mit seinem Bruder Jakob baute er den Betrieb aus. Carl Sträuli war kein Mann der Wissenschaft, aber ein gewiefter Praktiker, der immer mehr in die Praxis der Fabrikation hineinwuchs.7 Bald erwiesen sich die Fabrikationsräumlichkeiten in der Seferen jedoch als zu eng. Zudem hatte der Bau der linksufrigen Seebahn im Jahre 1875 die am Seeufer gelegene Seifen- und Kerzenfabrik vom Hinterland abgeschnitten.
Neue Fabrik an der Einsiedlerstrasse
1886 kauften die Brüder Carl und Jakob Sträuli ein Grundstück an der neu angelegten Reidholzstrasse, der heutigen Einsiedlerstrasse. Hier errichteten sie eine neue Fabrik in drei zweigeschosssigen und zwei einstöckigen, zusammengebauten Gebäuden mit Stirnfassaden zur Strasse. Eine Faktura von 1898 zeigt, dass der alte Name «Seifen- & Kerzen-Fabrik Gebrüder Sträuli z. Sonnenberg Wädensweil» am neuen Standort weitergeführt wurde. Im selben Jahr warb die Firma für folgende Produkte: «Seifen für Haushaltung und technische Zwecke; Nierenfett, Talgkerzen, Stearinkerzen, Maschinentalg, Fettlaugenmehl und Sodakristalle».8 In der mehr als 40 Jahre dauernden Arbeitsgemeinschaft bauten die Brüder Carl und Jakob Sträuli die Seifenfabrik zu einem wesentlichen Erwerbszweig in der Gemeinde Wädenswil aus.
Gemäss Angaben in einem Geschäftsbrief von 1918 stellte die Firma nun auch Seifenpulver und Waschpulver her. Als Rohmaterial verwendete man ausschliesslich Talg und noch keine tropischen Öle wie Kokosöl. Gearbeitet wurde von 6 bis 18 Uhr, mit je einer halben Stunde Pause am Vor- und Nachmittag.
Die 1886 erstellten Fabrikbauten an der Einsiedlerstrasse
Fabrikerweiterung von 1926
Die vierte Generation
1922 wünschte Jakob Sträuli, sich von der Geschäftstätigkeit zurückzuziehen. Carl bat daher seinen Sohn, Dr. ing. chem. Louis Sträuli-Dietliker (1891–1962), ins Unternehmen des Vaters einzutreten. Schweren Herzens verliess der Chemiker mit Frau Margrit und Tochter Isabel Malaga, wo er eine Ölraffinierie geleitet hatte, kehrte nach Wädenswil zurück und übernahm 1923 die Leitung der Seifenfabrik in vierter Generation. Damit hatte Carl Sträuli die Nachfolge geregelt, Jahre bevor er 1929 nach schwerer Krankheit verstarb.
Ab 1928 produzierte die Seifenfabrik Sträuli in Lizenz das schwedische Osmos-Schaumbad «Peng» und warb dafür mit einem Plakat des Bündner Künstlers Alois Carigiet.
Attraktive Plakatwerbung für neue Produkte der Seifenfabrik Sträuli
Ein Briefkopf aus dem Jahr 1930 nennt folgende Spezialitäten: «Seifenwolle für Waschmaschinen und zum Waschen von Wolle und feinem Gewebe, kein Eingehen und grösste Schonung der Wäsche; Perl Seifenschuppen 98-prozentig; Le Chateau, 72 Prozent Ia weisse Kernseife; Sternseife, 72 Prozent Ia Harzkernseife; Consul, Bodenwichse extra; Arina, Putzpulver für alles».9
1926 wurde die Fabrik um einen zweistöckigen Flachdachbau mit Dampfkesselanlage gegen Norden erweitert. Gleichzeitig und immer wieder verbesserte man die Einrichtungen. Die Kerzenproduktion wurde eingestellt, die Produktionspalette für Seifen stark erweitert. Durch die Einfuhr pflanzlicher Öle und Fette konnte die Qualität der Kernseifen verbessert werden. Es gelang zudem, hartwasserbeständige Seifen in leicht löslicher Flockenform und seifenhaltige Waschpulver herzustellen.
Der Zweite Weltkrieg bereitete dem Unternehmen grosse Schwierigkeiten, vor allem bei der Beschaffung der Rohstoffe. Denn 95 Prozent der Rohmaterialien wurden importiert, 80 Prozent aus überseeischen Ländern. Als eine der ersten schweizerischen Fabriken installierte das Wädenswiler Unternehmen eine leistungsfähige Sprühanlage zur Herstellung seifenhaltiger und synthetischer Abwaschmittel.10 Die moderne Waschmittelherstellung im Sprühverfahren und grosse Bestellungen seit dem Einzug vollautomatischer Waschmaschinen im Haushalt bedingten 1946 einen weiteren Ausbau der bestehenden Fabrikanlagen. Es folgte die zweite Erweiterung: ein moderner vierstöckiger Betonbau mit Flachdach. 1950 wurde die Seifenfabrik Sträuli in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Briefkopf von 1957 mit Fabrikneubau von 1946
Schweizer Burgen und Wappen
Für die Schweizer Jugend gab die Seifenfabrik Sträuli im Jahre 1939 ein Burgen- und Wappenbuch heraus.11 Die Seifenpackungen enthielten ursprünglich ein Bild: die schwarz-weisse Zeichnung einer Burg oder eines Wappens, das in ein Vierloch-Ringbuch im Format A4 eingeklebt werden konnte. Später berechtigten den Packungen beigegebene Bons zum Bezug von Seiten für den Sammelordner. Dieser enthielt ein Geleitwort und 132 Blätter mit je sechs Abbildungen: drei Burgen und drei Wappen. Die beigedruckten Beschreibungen der Burgen stammten vom bekannten Burgenspezialisten Eugen Probst. Die letzte Ausgabe datiert von 1975.
Die fünfte Generation
Nach Studienaufenthalten in Deutschland, Frankreich und den USA trat 1955 Carl Alfred Sträuli-Weber, genannt Fred, der Sohn von Dr. Louis Sträuli, als Vertreter der fünften Generation in die Seifenfabrik Sträuli AG ein. Er baute in den folgenden Jahren u.a. den Mitarbeiterstab des Aussendienstes aus. So bestand neu das Angebot technischer Beratung bezüglich modernster Waschmethoden auf Grosswaschanlagen.12
Nach dem Tod von Dr. Louis Sträuli im Jahre 1962 übernahm Fred Sträuli die Aktiengesellschaft und deren Leitung. Er erweiterte den Maschinenpark u.a. zur Herstellung hochwertiger Toilettenseifen wie etwa der Handseife «Fenjal». Im September 1976 feierte die Seifenfabrik Sträuli AG mit einem Betriebsausflug das 150-jährige Bestehen. Damals bot die Firma rund 50 Personen einen Arbeitsplatz. Produziert wurden vor allem Seifen für den Schweizer Markt. Dazu kam der Vertrieb von Waschmitteln und von Produkten fremder Marken. Im Jubiläumsjahr begann die Produktion der Handseife «Nina Ricci».
Betriebseinstellung und Neubau
In den 1990er Jahren ging die Produktion von Stückseifen mehr und mehr zurück. Dies führte zur schrittweisen Stilllegung des Betriebs und zur Vermietung der Räume im Fabrikgebäude.
2004 starb Fred Sträuli. Zu dieser Zeit war der Betrieb der Seifenfabrik bereits seit einigen Jahren eingestellt. Die Aktiengesellschaft jedoch bestand weiter.13 Die Erben entschlossen sich, die vorübergehend von der Getränkefirma Langendorf gemieteten Gebäude abzubrechen und auf dem Areal einen Neubau zu erstellen. Am 2. Juli 2010 trat der private Gestaltungsplan für das Sträuli-Areal in Kraft.14 Mit dem im Oktober 2011 begonnenen Abbruch der Fabrikbauten von 1886 und 1946 verschwand ein weiteres traditionsreiches Wädenswiler Unternehmen.
Die Fabrikbauten von 1886 vor dem Abbruch, Dezember 2011
Dafür liess die Sträuli AG hier einen modernen, rund hundert Meter langen, geknickten, fünfgeschossigen Neubau erstellen, in dem nebst vier Attikawohnungen der Campus Rothus der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) eingemietet ist. Das Gebäude, vor dem neu die Bushaltestelle Campus Rothus angelegt wurde, konnte im September 2013 bezogen werden.
Peter Ziegler
Anmerkungen
1 StAZH, B XI Wädenswil 19, Grundprotokoll 1820, S. 293.
2 StAZH, B XI Wädenswil 19, Grundprotokoll 1825, S. 653. Das Gründungsjahr 1825 findet sich auch auf Briefköpfen von 1898, 1903 und 1950. Das 150-Jahr-Jubiläum wurde dagegen 1976 gefeiert. Es bezog sich auf die Aufnahme der Produktion im Jahre 1826.