Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/2277

Mavin Gaye verbindet anfangs der 1970er-Jahre den süsslichen Motown Soulsound mit politisch brisanten Inhalten. Das gefällt nicht allen: Berry Gordy Jr., der Plattenboss des bekannten Labels Mowtown, steht der Idee kritisch gegenüber.
Doch der Erfolg des Albums «What’s Going On» von 1971 gibt Gaye recht. Er steht künstlerisch auf dem Höhepunkt seiner Karriere.
Ein Jahr später versucht er diesen Triumph mit dem Album «You’re The Man» zu wiederholen. Im Titelstück – einer Vorabsingle – attackiert er den damaligen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon.
Doch der Text kommt beim Publikum und den Kritikern schlecht an. Motown beschliesst, den Release abzublasen.
Ein verlorenes Album
«You’re The Man» ist deshalb ein sogenanntes «Lost Album». Solche verschollenen Aufnahmen wecken bei ihrer Neuauflage besonders grosses Interesse und schüren viele Erwartungen – vor allem wenn sie so lange nach ihrer Aufnahme veröffentlicht werden.
Erfüllen können diese Alben diese Erwartungen aber in den wenigsten Fällen. So ist es auch bei «You’re The Man». Es wirkt ziemlich verloren.
Floskeln und Egozentrismus
Die Songauswahl scheint beliebig. Gayes Album hat kein Konzept.
Nach den politisch aufgeladenen Eröffnungstücken «You’re The Man» und «The World Is Rated X» werden die Stücke zunehmend oberflächlicher und sogar schmalzig.
Vermeintliche Liebeslieder wie «You Are That Special One» bestehen nur noch aus aneinandergereihten Floskeln und wirken dadurch nicht aufrichtig.
Marvin Gaye scheint vor allem mit einem beschäftigt zu sein: sich selbst.
Ein Künstler im Untergang
Marvin Gaye ist und bleibt stimmlich einer der grössten Soulsänger aller Zeiten. Er könnte das Telefonbuch vorsingen und man würde ihm gerne zuhören.
Überzeugend ist auch die Produktion der allermeisten Stücke. Ausnahmen sind diejenigen, die für diesen Albumrelease geremixt wurden und welche die Patina von typischen 70er-Jahre-Soulproduktionen verloren haben.
Das Album ««You’re The Man» ist aber vor allem psychologisch interessant. Es markiert und illustriert den Zeitpunkt, an dem Marvin Gaye sich mit Drogen, Sexgeschichten und finanziellen Problemen immer stärker selbst im Weg steht. Eine Entwicklung, die sich bis zu seiner Ermordung 1984 verstärkt.