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Herr Hoodbhoy, Sie sind Nuklearphysiker, Menschenrechtler – und leben in Pakistan. Diese Kombination lässt aufhorchen.
Stimmt: für westliche Ohren klingt das sonderbar.
Pakistan ist die erste islamische Republik der Erde, besitzt Atomwaffen und ist im Westen dafür bekannt, Zufluchtsort für Terroristen zu sein. Kurz und gut: der Menschenrechtler, der dort an einer staatlichen Universität die Nutzung der Kernenergie erforscht, ist auf den ersten Blick suspekt.
Das kann ich verstehen. (lacht) Wir reden also über Religion und Wissenschaft?
Richtig. Und da zeigen sich direkt die nächsten Paradoxien: Die islamischen Gesellschaften zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert waren weltweit führend in der wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung. Heute nehmen wir in derselben Kultur eine eklatante Kluft zwischen Fortschritt und Tradition wahr.
Und sie existiert. Sie ist grösser als je zuvor. Wollen Sie dafür eine kurze oder eine lange Erklärung?
Grosses Thema: wir bitten um die ausführliche Version.
Okay. Der Islam – und ich muss gleich anfügen: «den» Islam gibt es nicht – weist tatsächlich eine lange wissenschaftliche Tradition auf, die von höchster Brillanz zeugt. Zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert waren Muslime überhaupt die einzigen Menschen, die aktiv Wissenschaft betrieben. In dieser Zeit kam es zu spektakulären Errungenschaften in der Optik, in der Astronomie, der Medizin. Aber nach dem 13. Jahrhundert folgte eine schwarze Ära ohne Fortschritte. Obwohl der Islam durchaus militärisch erfolgreich war, entwickelte er sich intellektuell nicht weiter. Er hörte auf, neue Erkenntnisse und Ideen zu produzieren, und dehnte sich nur noch flächenmässig aus.
Warum?
Um dies zu verstehen, müssen wir zu jenem Punkt zurückkehren, an dem einflussreiche Muslime in die Arbeit der Wissenschaft einzugreifen begannen. Zur Zeit des Propheten Mohammed, im 6. und 7. Jahrhundert, gab es noch keine institutionalisierten Wissenschaften. Als die islamischen Reiche dank Eroberungen expandierten, stiessen sie bald auf die Schätze der griechischen Zivilisation. Lern- und Neugier veranlassten die Kalifate, Übersetzungen aus dem Griechischen zu fördern. Die so gewonnenen Erkenntnisse über andere Völker und Kulturen lockten wiederum Gelehrte aus anderen Teilen der Welt in die Kalifate. An den Höfen von Kalifen wie Al-Ma’mun oder Harun ar-Raschid lebten und arbeiteten Muslime Seite an Seite mit Christen, Juden, Nestorianern. In einer Atmosphäre der intellektuellen Toleranz und des Freidenkens florierten die islamischen Wissenschaften.
Wir können folgen. Aber wir vermuten: der intellektuelle Bildungs- und Wissensaustausch gestaltete sich nicht ganz so harmonisch, wie es bei Ihnen klingt.
Natürlich gab es Unstimmigkeiten. Interessanterweise waren es aber vor allem Spannungen innerhalb des Islams, die letztlich zur Stagnation führten. Vereinfacht gesagt, gab es jene Muslime, die an Prädestination glaubten, und jene, die den Glauben an den freien Willen hochhielten.
Genauer?
Die religiös Orthodoxen behaupteten, dass Gott alles bestimme und das Individuum nichts von sich aus machen könne: Alles sei vorherbestimmt. Auf der anderen Seite vertraten die Gelehrten die Ansicht, dass Gott den Menschen genug Fähigkeiten und Intelligenz verliehen habe, um die Welt verstehen und mitgestalten zu können. Diese konträren Ansichten übertrugen sich auf einen politischen Kampf zwischen Konservativen und Rationalisten. Während vielleicht 400 Jahren herrschte zwischen den zwei Seiten dieses Hin und Her. Die Kalifen hingegen, die das Ganze bezahlten und beaufsichtigten, waren grundsätzlich liberale, aufgeklärte und aufgeschlossene Menschen – sie schlugen sich folglich eher auf die Seite der Rationalisten. Dann kam es zu einer Art Wendepunkt: Mit Imam Al-Ghazali, einem muslimischen Theologen, Philosophen und Juristen, der sich vor allem als Mystiker hervortat, wuchs im 11. Jahrhundert der Widerstand gegen das liberale Denken. Al-Ghazali zettelte einen Protestzug gegen die Vernunft an und überzeugte damit weite Kreise. Er bestritt, dass es einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung gibt. Stattdessen glaubte er an Prädestination, also daran, dass Gott alles fügt und lenkt,…