Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/1120

der vereinigte Strom durchbricht
die südlichste Tauruskette und beginnt bei Mosul seinen Mittellauf.
Der Aras entspringt zwischen den beiden Euphratarmen und
fließt auf weiter Hochebene gegen O. und SO.; die Quelle
[* 16] des Kur liegt (auf jetzt russischem Gebiet) nordöstlich von Kars.
Außer diesen ist noch der in das Schwarze Meer mündende Tscharuch (Akampsis) zu erwähnen. An größern
Seen enthält den Wansee, auf türkischem, und den Göktscha, auf russischem Gebiet gelegen.
Armenien zerfällt in drei Klimaregionen: in die des Regens mit subtropischem Klima,
[* 17] in die des veränderlichen Niederschlags und
in die des ewigen Schnees. Die erste Region begreift nur das Kurthal von Tiflis bis zum KaspischenMeer und
die Thallandschaft des obern Tigris; die zweite umfaßt die Hochebenen, die Randgebirge und die Plateauketten Armeniens bis
zu einer absoluten Höhe von etwa 4000 m und bietet sehr viele Abstufungen dar. Während in der Ebene von Karahissar südeuropäisches
Klima herrscht, haben die Mittelstufen der Randgebirge mitteleuropäisches Klima, und die Ernten können
hier erst im August und September eingebracht werden.
Die Hochebenen Armeniens haben im allgemeinen sehr rauhes Klima, besonders lange und strenge Winter und kurze Sommer mit sehr
heißen Tagen, aber immer kalten Nächten; indessen wird das Klima durch die verschiedene absolute Höhe
der Hochebenen bedeutend modifiziert. Ein charakteristischer Zug
des armenischen Himmels besteht in den scharfen Gegensätzen feuchter
Luftschichten von verschiedenen Temperaturen und in der häufigen Ausgleichung derselben durch heftige Entladungen (Schneeschauer
im Winter, Regen- und Hagelschauer im Sommer). Von N. her haben die kalten Nordwinde ungehinderten Zutritt und treten dann den
ohnehin auf dem armenischen Plateau sich abkühlenden Süd- und Ostwinden entgegen, wodurch jene heftigen Stürme erzeugt werden,
welche von jeher die Küstenschiffer des SchwarzenMeers in Schrecken setzten. Die Region des ewigen Schnees begreift die höchsten
Teile des Berglands; sie beginnt am Ararat bei 4000 m, reicht aber im Innern des Landes noch über 800 m
tiefer herab. - Die Pflanzenregionen des armenischen Berglands sind erst ziemlich unvollständig bekannt.
Die untern Regionen der Randgebirge sind mit immergrünen Bäumen bewachsen; in den höhern Regionen findet man wohl kräftigen
Baumwuchs, aber eigentlicher Hochwald vermag sich in größerm Umfang nicht zu entwickeln. Vorherrschende
Waldbäume sind Buche und Eiche zwischen 300 und 1250 m Höhe; Fichte
[* 18] und Ahorn steigen vereinzelt bis 1850 m; als oberster Waldbaum
macht sich die Birke geltend, die bis über 2500 m Höhe erklimmt. Die noch höhern Regionen sind mit Sträuchern und
¶
Der persische Teil von Armenien umfaßt die südöstlichste Ecke des alten Großarmenien und gehört zur ProvinzAserbeidschân.
Die Armenier sind von hoher Statur, brünett und von bedeutender Intelligenz und besitzen aus der Zeit ihrer politischen Selbständigkeit
eine reiche Litteratur. Ebenso haben sie die Lehren
[* 27] der christlichen Religion, die bereits im 2. Jahrh.
zu ihnen kam, in eigentümlicher Weise aufgefaßt und entwickelt und sich in neuerer Zeit auch der evangelischen Lehre
[* 28] zugänglich
gezeigt (s. Armenische Kirche). Sie werden im allgemeinen als verständig, friedliebend, mildthätig, arbeitsam und enthaltsam
geschildert; besonders aber zeichnen sie sich durch ihr Geschick zu kaufmännischen Geschäften aller Art
aus, womit freilich auch jene Fehler verknüpft sind, welche Handelsvölkern eigen zu sein pflegen. In Zusammenhang damit
steht als ein Hauptcharakterzug ihres Wesens die Neigung, sich von ihrer Heimat nach allen Seiten hin zu verbreiten.
Daher kommt es, daß die Armenier schon seit langem nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung des Hochlandes
bilden, während man sie zerstreut in fast allen türkischen Provinzen, in Rußland, Persien und Indien, in den großen Handelsstädten
des
Mittelmeers
[* 29] und des österreichischen Kaiserstaats bis nach Westeuropa findet, wo sie als Geldwechsler, Bankiers, Kaufherren
und hausierende Krämer oder auch als Handwerker und Lastträger ihren Erwerb suchen. Aber trotz der weiten
Zerstreuung, in der die Armenier leben, bilden sie überall geschlossene Gemeinwesen, welche ihre nationale Eigentümlichkeit
zu behaupten wissen.
Man schätzt ihre Zahl in Armenien selbst auf höchstens 1 Mill., in Persien und den angrenzenden Gebieten auf 100,000, in der europäischen
Türkei auf 400,000, in Rußland auf ½ Mill., in Indien auf 5000, in Afrika
[* 30] auf ebensoviel, in Siebenbürgen,
Ungarn
[* 31] und Galizien auf 16,000, im übrigen Europa
[* 32] auf 1000. Die Kopfzahl des gesamten Volks dürfte 2½ Mill. kaum erreichen.
In ihrem Heimatsland sind die Armenier meist Hirten und Ackerbauer geblieben. IhreKleidung gleicht der der
Türken, nur daß sie statt des Turbans als Kopfbedeckung eine hohe, gerade aufstehende Pelzmütze tragen.
Die Frauen dürfen sich öffentlich nur verhüllt zeigen. Heiraten werden von den Eltern durch Vertrag abgeschlossen, ohne daß
die Beteiligten irgendwie befragt werden, und die Ehe vermag nur der Tod zu lösen; im übrigen gilt die
Frau nicht als Gefährtin des Gatten, sondern als bloße Magd. Um die Hebung
[* 33] der geistigen Bildung des Volks, das im allgemeinen
noch auf einer tiefen Stufe steht, haben sich in neuester Zeit evangelische Missionäre aus Nordamerika
[* 34] verdient gemacht.
Die Wohnungen sind mit Rücksicht auf den langen und harten Winter angelegt und haben (in den Städten) möglichst wenige Öffnungen.
Die Dörfer bestehen aus Lehmhütten, häufiger aber noch aus unterirdischen Wohnungen, die sich im Winter
bei hoch liegendem Schnee nur durch den aufsteigenden Rauch bemerklich machen. Unmittelbar neben dem Wohngemach befindet sich
der Stall und unter der Dachluke der Tandur, ein ca. 1 m tiefes Loch im Boden, das zur Erwärmung des Raumes und zur Brotbereitung
dient.