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In der vielleicht anmassenden Voraussetzung, dass meine Ansichten über die so wichtige Frage, wie sich die schweizerischen Beziehungen zum neuen Jugoslawien gestalten könnten, Ihr Interesse verdienen, erlaube ich mir, meinen vorgestrigen politischen Bericht3 mit folgenden Gedankengängen zu ergänzen und abzuschliessen.
Bei meinem Besuch überraschten Sie mich mit dem Hinweis, dass Tito bei der Herstellung diplomatischer Beziehungen4 den ersten Schritt getan habe. Diese Tatsache zeigt das Interesse des Marschalls an der Schweiz. Ich glaube indessen nicht, dass Moskau dabei die Hand aktiv im Spiele hat. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass der Kreml lediglich seine Zustimmung gegeben hat, weil Tito erstens die schweizerische Anerkennung als Prestigegewinn und zweitens das arg ausgeschöpfte und verwüstete Jugoslawien sofortige Hilfe zum Wiederaufbau braucht. Dazu mag kommen, dass Tito meines Wissens persönlich der Schweiz gegenüber nie feindselig gesinnt war und es auch heute, trotz seinem Treueverhältnis zu Moskau, nicht ist. Er leidet nicht, wie beispielsweise Pawelitsch und sein Aussenminister Lorkowitsch5, die von uns seinerzeit als lästige Ausländer weggewiesen worden sind, an einem Komplex. Er steht der Schweiz gesinnungsmässig unvoreingenommen gegenüber, und sein aufrichtiges Interesse an einer praktischen Zusammenarbeit mit der Schweiz darf wohl vorausgesetzt werden. Von der politisch ungefährlichen Schweiz erwartet er Facharbeiter, Medikamente, Nährmittel, Gewebe, Maschinen und Werkzeuge aller Art sowie insbesondere Kredite. Diese Hoffnungen würden gewiss eine willkommene Gelegenheit zu einer Zusammenarbeit mit Jugoslawien bieten. Aber auch bei der dringendsten Notwendigkeit den Export von Arbeitskräften und Wirtschaftsgütern zu forcieren, kommt keine Regierung darum herum, vorher das politische Klima des Absatzlandes genau unter die Lupe zu nehmen. Denn bei der Ordnung zwischenstaatlicher Beziehungen kommt bekanntlich zuerst die Politik und dann die Wirtschaft.
In Anwendung dieser Erkenntnis auf das schweizerisch-jugoslawische Verhältnis kann beim besten Willen nicht übersehen werden, dass das politische Klima im Jugoslawien Titos unmöglich als ein gesundes bezeichnet werden kann. Die Völker sind nicht befreit worden. Sie haben nur die Herrschaft gewechselt. Und die neue Herrschaft ist in den Völkern ebenso wenig verwurzelt wie die vorausgegangene. Das neue Jugoslawien ist ebenso eine Fehlkonstruktion wie das Jugoslawien von 1919. Eine Möglichkeit zur Stabilisierung, zum Schutz vor einem zweiten Auseinanderbrechen beim ersten Schwächeanfall, bietet einzig die mächtige Hand Russlands. Ohne politische Rückendeckung durch Moskau wäre der schweizerische Export von Arbeitskräften, Waren und Geld ein nicht zu verantwortendes Wagnis. Bevor diese Rückendeckung da ist und angenommen werden darf, dass sie gut spielt, sollte kein Schweizer und keine schweizerische Firma zu einem aktiven Interesse am jugoslawischen Markt ermutigt werden. Auch aus Ungeduld der jugoslawischen Regierung und der jugoslawischen Importkreise sollte von diesem Standpunkt nicht abgewichen werden.
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Gegen diesen wenig ermutigenden Ausblick gibt es nur zwei Abwehrmittel. Erstens vorsichtige Zurückhaltung. Und zweitens ständiges Wachen und Kämpfen unseres offiziellen Vertreters in Jugoslawien. Diesem aber wird diese wenig beneidenswerte Aufgabe nur gelingen können, wenn er in einer Politik Rückhalt findet, die das schweizerische Verhältnis zu Russland auf lange Dauer im Geiste gegenseitigen Vertrauens ordnet. Wie weit dies möglich ist, entzieht sich meinem Urteil.
- 1
- F. Kaestli war Generalkonsul in Zagreb vom 5. März 1943 bis 7. März 1945. Den abgedruckten Brief schrieb er in dieser Stellung, obwohl er seit Juni 1945 für die Deutsche Interessenvertretung in der Schweiz (DIV) arbeitete.↩
- 2
- Schreiben: E 2001 (D) 3/66.↩
- 4
- Die Schweiz hatte während des Krieges die Beziehungen zur jugoslawischen Exilregierung in London und ihrem Vertreter in Bern beibehalten, ohne jedoch einen diplomatischen Vertreter bei ihr zu akkreditieren. Formell waren also die Beziehungen zwischen der Schweiz und Jugoslawien nie unterbrochen. Die schweizerische Gesandtschaft wurde am 3. Mai 1941 in eine Konsularkanzlei umgewandelt. Zur Ernennung des schweizerischen Gesandten in Belgrad, E. Zellweger vgl. DDS, Bd. 15, Dok. 408, dodis.ch/48012.↩
- 5
- Betreffend die Angelegenheit « Lorković», siehe E 2001 (D) 3/67, hier im besonderen den Brief von F. Kaestli an M. Pilet-Golaz vom 15. Januar 1943. Zur Angelegenheit «Pavelić» siehe E 2001 (D) 3/268.Siehe auch DDS, Bd. 14, Dok. 61, dodis.ch/47247, Dok. 339, dodis.ch/47525, Dok. 360, dodis.ch/47546.↩
- 6
- In den nicht abgedruckten Passagen äussert sich F. Kaestli ziemlich tendentiös über die Mentalität der Osteuropäer. So schreibt er beispielsweise, [d]er mangelnde Ausgleich von Intellekt, Charakter und Temperament lässt die jedes östliche Bauernvolk auszeichnenden Urinstinkte allzu leicht obenauf schwingen. […]Diese psychologische Verfassung bleibt dem Bauernsohn des Ostens eigen, auch wenn er in die Regierung kommt. Er überträgt sie bewusst oder unbewusst auf die Politik. Anschliessend führt Kaestli aus, wie sich die von ihm beobachtete Mentalität, insbesondere der Jugoslawen, auf die künftigen schweizerischjugoslawischen Wirtschaftsbeziehungen auswirken könnte.↩