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Im Mittelalter erzählte man über dich, Martha, dass du einen Drachen bezwungen hättest – nur durch die Kraft deines starken Glaubens. Dabei wirst du in der biblischen Geschichte, die viele Christ:innen über dich kennen, nicht gerade als Glaubensheldin beschrieben: Jesus ist bei dir und deiner Schwester Maria zu Besuch und du bittest ihn, sie in die Küche zu schicken, um dir zu helfen. Er weist dich salopp darauf hin, dass Maria schon die richtigen Prioritäten gesetzt hat, indem sie sich am Gespräch mit ihm beteiligt. Ein verbaler Schlag ins Gesicht.
Du würdest dich lautstark darüber ärgern, dass diese Geschichte bis heute dazu verwendet wird, Frauen im kirchlichen Kontext abzuwerten. Die Rolle der Gastgeberin wird nach wie vor gegenüber Tätigkeiten wie Studium, Lehre und theologischen Gesprächen abgewertet, die lange Zeit als «männlich» konnotiert waren.
Dabei hatten die meisten Frauen bis vor kurzem gar keine Wahl. Die bekannte feministische Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza stellte sogar die These auf, dass diese Geschichte über dich nur deshalb in die Evangelien Eingang fand, um Frauen gegeneinander aufzuwiegeln.
Eine selbstbewusste Frau – und doch abhängig von einem Mann
Auch darüber würdest du dich vermutlich ärgern, denn du bist durchaus stolz auf deine Fähigkeiten, einen Haushalt zu führen und festliche Dinners zu organisieren. Gleichzeitig bist du religiös gebildet – beides hat Platz in deinem Leben, jedes zu seiner Zeit.
Du bist eine selbstbewusste, souveräne, proaktive Frau; das lässt sich aus den beiden biblischen Erzählungen, in denen du vorkommst, herauslesen. Du bist es dir gewohnt, Anweisungen zu geben und die Dinge im Griff zu haben. Womöglich bist du sogar eine der wohlhabenden Frauen, die Jesus und seine Jünger finanziell unterstützt haben. Jedenfalls seid ihr Geschwister eng mit ihm befreundet.
Als dein Bruder Lazarus plötzlich schwer erkrankt, schickst du einen Boten zu Jesus. Jesus soll kommen und ihn gesund machen. Womit du nicht gerechnet hast: Jesus kommt – absichtlich – zu spät. Euer Bruder stirbt, ihr bestattet ihn und beginnt die traditionelle Trauerwoche.
Als du hörst, dass Jesus nun doch in der Nähe ist, gehst du zu ihm. Diesmal scherst du dich keinen Deut um die dir zugedachte gesellschaftliche Rolle: Du lässt die Trauergäste zu Hause zurück und schleichst dich raus. Alleine gehst du zu diesem reisenden Rabbiner – was für dich als Frau alles andere als angebracht wäre.
Doch es steht viel auf dem Spiel. Wenn Lazarus dein einziger noch lebender männlicher Verwandter war und du (wie ich vermute) Witwe bist, ist eure finanzielle und familiäre Existenz mit seinem Tod auf einen Schlag unsicher geworden. In die Trauer um den geliebten Bruder mischt sich Angst, Ungewissheit, wie es jetzt mit euch weitergeht. Du kannst noch so souverän und wohlhabend sein – alleine zählst du als Frau in dieser Gesellschaft wenig.
Gespräch mit Jesus
Bei Jesus angekommen, konfrontierst du ihn mit deiner Trauer und Enttäuschung. Ich bewundere dich dafür, wie beherrscht und doch mutig du mit Jesus sprichst, und ich liebe deine Ehrlichkeit. Auf intelligente Weise – der Erzähler lässt dich die biblische Formel der Klagepsalmen aufnehmen – trittst du mit Jesus in einen hochphilosophischen Dialog. Ich beneide dich darum, Martha!
Jesus ist nicht brüskiert von deinem Unverständnis, sondern erklärt dir, worum es bei dieser Schnittstelle zwischen Tod und Leben eigentlich geht. Dass ohnehin alle einmal sterben werden, aber dass dies nicht das Entscheidende ist. Sondern dass sich wahre Lebendigkeit schon im Diesseits zeigt, während manche Menschen zeitlebens innerlich tot sind. Das jüdische Konzept des Todes mitten im Leben, das sich auch in den Psalmen zeigt, bildet den Hintergrund für diese Metaphorik.
Du verstehst also bestens, was Jesus meint, wenn er sagt: «Ich bin die Auferstehung und das Leben». Seine Botschaft vom Frieden mit Gott, die du schon längst kennst und für dich angenommen hast, kann ein Leben so sehr verändern, dass es einer Auferweckung gleichkommt. Diese Botschaft, die einen befreit von menschlichen Wertungen, die soziale Strukturen auf den Kopf stellt, die Mut macht. Und die das ins Zentrum stellt, was wirklich zählt: die transformierende Kraft der Liebe und Gegenwart Gottes.
Von Theologen abgewertet
Und so bekennst du, deren eigener Name auf Aramäisch «Herrin» bedeutet: «Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.» Es handelt sich um das umfangreichste Bekenntnis in den Evangelien, und dadurch bin ich überhaupt auf dich aufmerksam geworden: Eine Professorin erwähnte am Anfang meines Theologiestudiums einmal am Rande, dass es schade sei, dass das Bekenntnis von Petrus in der Überlieferung viel bekannter wurde als deines. Dieser Gedanke hat mich begleitet und dazu gebracht, mich in meiner Bachelorarbeit mit dir zu befassen.
Zwei Jahre lang habe ich mich on/off mit dir beschäftigt und dich kennengelernt. Ich habe in alten archäologischen Berichten Inschriften mit deinem Namen gefunden. Texte von Kirchenvätern gelesen, die dich zu den Frauen zählen, die das Grab Jesu aufsuchen, um seinen Leichnam ordentlich zu bestatten. (Schon wieder bist du an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod!)
Ich habe untersucht, ob du ein weibliches Pendant zu Petrus bist. Denn auch du scheinst später wieder an Jesus zu zweifeln. Du willst ihn an Lazarus‘ Grab davon abhalten, dieses zu öffnen. Es tut mir leid, dir dies zu sagen: Einige Theologen schreiben deswegen in ihren Bibelkommentaren, du hättest Jesus nicht wirklich verstanden und dein Bekenntnis zähle darum nicht wirklich.
Ein neu gewonnenes Leben, nicht erst im Jenseits
Dabei bist du weder starrköpfig noch eine Zweiflerin, im Gegenteil. Du hast zwar nicht auf dem Schirm, dass Jesus deinen Bruder tatsächlich wieder aus dem Totenreich zurückholen will.
Aber das eigentlich Wichtige, das, was auch für mich heute noch zählt und was wir an Ostern soeben wieder gefeiert haben: Das hast du sehr wohl verstanden. Dass es schon im Diesseits einen Unterschied zwischen Leben und Tod gibt und es sich lohnt, nach diesem «wahren Leben» zu streben.
Es würde mich so interessieren, von dir zu hören, wie sich das bei dir praktisch zeigt. Wie sich dein Leben durch die Botschaft von Jesus verändert hat, was anders war, bevor du ihn kanntest. Und ob du auch deine gesellschaftliche Rolle als Frau im antiken Judentum durch diese neue Brille wahrnimmst.
Wie vielen Frauen ist es mir (zu) wichtig, was andere Menschen über mich denken. Wie war das bei dir – hat dir vielleicht diese Botschaft, dieses neue Leben, erst den Mut gegeben, die Konventionen auch mal zu brechen? Die Erwartungen an dich links liegen zu lassen, dort, wo anderes wichtiger ist? Von deinem Selbstbewusstsein und deiner souveränen, direkten Art würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden.
Herzlich,
deine Evelyne
In dieser Serie schreiben wir Briefe an Frauen aus der Bibel: Der erste ging an die Königin Vashti, der zweite an Zippora, die Frau von Moses. Die Briefe sind inspiriert von feministischer Exegese und von der afroamerikanischen Bibelauslege-Praxis der «sanctified imagination».