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05.03.2020
1971 bekamen die Schweizer Frauen, als eine der letzten weltweit, das Stimm- und Wahlrecht. Seither steigt der Anteil und der Einfluss der weiblichen Bevölkerung in der Politik kontinuierlich an. Trotzdem haben die Frauen fast überall immer noch weniger zu sagen als die Männer (Ausnahme: die Abstimmungen!). Ein wenig müssen sie sich auch an der eigenen Nase nehmen: Die Frauen beteiligen sich weniger an Wahlen und Abstimmungen als die Männer.
Nicht weniger als eine «Sabotage der Demokratie» befürchteten die Gegner, als das Frauenstimmrecht 1971 eingeführt wurde. Das war natürlich Blödsinn. Aber eine Prognose der Gegner traf tatsächlich ein: Die Stimmbeteiligung an den Eidgenössischen Abstimmungen sackte mit dem Frauenstimmrecht ab. Während die durchschnittliche Beteiligung vor 1971 bei ca. 48 Prozent lag, sank sie danach auf 41 Prozent. Erst in den 1990-er Jahren, nach der EWR-Abstimmung und mit dem Aufstieg der SVP, stieg die Stimmbeteiligung wieder an, heute liegt sie im 10-Jahres-Schnitt bei knapp 46 Prozent. Auch bei der Wahlbeteiligung zeigte sich eine ähnliche Entwicklung: Vor 1971 lag sie immer über 65 Prozent, danach immer unter 57 Prozent.
Wahlen und Abstimmungen: Frauen partizipieren weniger
Auch heute noch beteiligen sich die Frauen tendenziell weniger an den Urnengängen als die Männer. Eine Auswertung der Nachabstimmungs-Befragungen zeigt: Bei den zehn letzten Abstimmungs-Terminen (die Zahlen für Februar 20 sind noch nicht verfügbar) lag die Stimmbeteiligung der Frauen immer tiefer als die der Männer, im Schnitt um gut 5 Prozentpunkte. Am grössten war die Differenz bei der Atomausstiegs-Initiative 2016 mit 11 Prozent. Die Beteiligungszahlen bei den Wahlen zeigen ein ähnliches Bild: Die Frauen nehmen weniger teil als die Männer. Daten belegen aber auch, dass bei den jüngeren Frauen die Beteiligung gleich hoch oder höher ist als bei den gleichaltrigen Männern. Das heisst: Die jungen Frauen sind politisch engagierter, und so könnte der Beteiligungs-Unterschied zwischen den Geschlechtern in einigen Jahren verschwinden.
Sind Frauen linker und grüner?
Abgesehen von der Beteiligung: Wählen und stimmen die Frauen anders als die Männer? Ja, die Frauen ticken politisch tendenziell linker, sozialer, grüner (das ist übrigens auch in anderen Ländern so). So wurden zum Beispiel 2015 die Grünen und die SP deutlich stärker von Frauen gewählt wurden als von Männern (hier der Link zur Selects-Studie). Entsprechend bekommen die bürgerlichen Parteien, insbesondere die SVP, mehr Zuspruch von den Männern. Auch wenn die Analyse der letzten Wahlen noch nicht verfügbar ist, dürfte 2019 der Erfolg der grünen Parteien, der Frauen und der Jungen überproportional von den Wählerinnen getragen worden sein.
Frauen setzen sich bei Abstimmungen eher durch
Wie sieht es bei den Volksabstimmungen aus? Gemäss einer Analyse von Claude Longchamp in der «Republik» über die letzten 30 Jahre setzen auch hier die Frauen oft andere Akzente als die Männer, und: Sie waren erfolgreicher! Dort, wo sich die Mehrheiten nach Geschlechtern unterschieden, beeinflussten die Frauen elfmal das Resultat entscheidend, die Männer konnten sich nur dreimal durchsetzen. Die grössten Unterschiede zwischen den Geschlechtern ergaben sich bei der Abstimmung zum Ehe- und Erbrecht 1985 (Frauen 13 Prozent stärker im Ja als die Männer) und zur Rassismus-Strafnorm 1994 (plus 17 Prozent). Die Frauen waren auch verantwortlich dafür, dass die Abstimmung zum Gripen-Kampfjet 2014 verloren ging. Longchamp folgert: «Vor allem bei genderspezifischen, gesellschafts- und sozialpolitischen Vorlagen stimmten die Frauen geschlossener ab und gaben so den Kurs vor».
Die Frauenvertretung im Parlament
12 Frauen wurden 1971 erstmals in den Nationalrat gewählt, das war ein Anteil von 6 Prozent. Die Frauenvertretung stieg in den folgenden Jahren bis auf 32 Prozent im Jahr 2015. Und dann der grosse Sprung: 2019 wurden 83 Nationalrätinnen gewählt, ein Anteil von fast 42 Prozent. Im Ständerat waren zwar bereits 2004 ein Viertel der Sitze von Frauen besetzt, dann ging der Anteil aber wieder zurück, bis auf 15 Prozent. Auch hier der grosse Sprung bei den Wahlen 2019: 12 Frauen wurden in den 46-köpfigen Rat gewählt, ein Anteil von 26 Prozent. Die «Frauenwahl» im Herbst 19 war auch das Resultat einer gezielten Förderung von Frauenkandidaturen durch die überparteiliche Bewegung «Helvetia ruft» (zum Frauenanteil im Parlament: hier).
Kurze Frauenmehrheit im Bundesrat
Im Bundesrat gab es, im Gegensatz zu National- und Ständerat, sogar schon eine Frauenmehrheit von vier Bundesrätinnen, allerdings nur kurz, zwischen Ende 2010 und Ende 2011. Bis es soweit war, mussten die Frauen aber viel erdulden. Elisabeth Kopp, die 1984 als erste Frau in den Bundesrat gewählt wurde, musste wegen eines verhängnisvollen Telefongesprächs mit ihrem Ehemann 1989 zurücktreten. Auch die Wahl der zweiten Frau 1993 ging nicht reibungslos über die Bühne. Die Gewerkschafterin Ruth Dreifuss wurde erst nach einer unwürdigen Schlammschlacht um die offizielle SP-Kandidatin Christiane Brunner und tagelangen Protesten und Demonstrationen gewählt. Und als 2003 erstmals in der neueren Geschichte ein Mitglied des Bundesrats abgewählt wurde, traf es mit Ruth Metzler eine Frau. Abgesehen vom kurzen Ausreisser mit der Frauenmehrheit variierte der Frauenanteil in der Regierung seither zwischen 1 und 3. 2018 wurden mit Viola Amherd und Karin Keller-Sutter das erste Mal zwei Frauen gleichzeitig in den Bundesrat gewählt, und zwar so selbstverständlich, wie früher immer Männer gewählt wurden. Gut so.
Swiss Election Studies SELECTS (Nachwahl-Befragungen), FORS, Uni Lausanne.
VOTO-Studien (Nach-Abstimmungs-Befragungen), FORS, Lausanne / ZDA Aarau