Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/2414

Es gibt kaum einen Schweizer Segelflieger, der den B4 von Pilatus nicht kennt. Aber die Wenigsten wissen, dass das bei weitem meistgebaute Schweizer Segelflugzeug deutsche Wurzeln hat. Das "B" steht für Gert Basten, Inhaber einer Fabrik für Beton-Fertigteile in St. Goar am Rhein. Er liess, quasi als Hobby, in seiner Firma auch Segelflugzeuge in Metallbauweise herstellen. Mitte der 1960er konstruierten Manfred Küppers, Ingo Herbst und Rudolf Reinke für Basten den B4. Bei ihm wurden zwei Exemplare gebaut, eines mit festem Rad und eines mit Einziehfahrwerk. Die deutsche Musterzulassung datiert vom November 1970.
Damals hatte Pilatus eine Durststrecke in der Produktion, und um den hochqualifizierten Mitarbeiterstamm weiter zu beschäftigen, entschloss man sich, ein zeitgemässes Segelflugzeug in Metallbauweise herzustellen. Pilatus erwarb von Basten die Rechte an der Konstruktion und entwickelte den B4 zur Serienreife. Dabei bekam er die Typenbezeichnung PC 11. Die erste Schweizer Musterzulassung wurde im Juni 1972 erteilt.
Der B4 erwies sich dank seiner Robustheit und Wartungsfreundlichkeit sehr schnell als Allroundflugzeug. Auch im Ausland erfreute er sich wachsender Beliebtheit. Von 1972 bis 1978 baute Pilatus 322 Exemplare. Davon fliegen auch heute noch viele auf nahezu allen Kontinenten.
1980 verkaufte Pilatus eine Lizenz an die japanische Nippi Corporation. Nippi baute insgesamt 13 Flugzeuge, die ein geändertes Fahrwerk hatten, bestehend aus einem festen Hauptrad hinter dem Schwerpunkt und einem kleinen Bugrad. 1983 erprobte Nippi einen B4 Trainer, der konsequenterweise B4T hiess. Zu einem Serienbau des Doppelsitzers kam es aber nicht mehr.
1994 stellte Pilatus den technischen Support für den B4 ein. Dietmar Poll übernahm mit seiner Firma EWMS Technomanagement den gesamten Ersatzteilbestand von Pilatus. Halter des Baumusterzeugnisses ist aber nach wie vor die Pilatus AG in Stans.
Der ursprüngliche Entwurf des B4 war nicht für den Kunstflug ausgelegt. Pilatus änderte die Flügelwurzeln und das Leitwerk, so dass mit dem Serienflugzeug einfacher Kunstflug und Wolkenflug erlaubt waren. Als Nächste entstanden die Versionen PC 11A, mit der auch Rollen und Rückenflug möglich sind und PC 11AF mit der zusätzlich gerissene und gestossene Figuren geflogen werden können. Diese Weiterentwicklungen wurden am 31. Januar 1975 vom Eidgenössischen Luftamt als Baumuster zugelassen.
Auch wenn der Entwurf des B4 schon recht betagt ist und viele der heutigen B4-Piloten weit jünger sind als ihr Flugzeug, muss eines festgehalten werden: Die Cockpit-Ergonomie des B4 wird von kaum einem der heutigen Flugzeuge übertroffen! Dank verstellbarer Pedale und Rückenlehne passen sowohl 48-Kilo-Mädchen als auch 1,98-Meter-Brocken problemlos hinein. Und ein Einziehfahrwerk, das sich so spielend leicht betätigen lässt, habe ich bei keinem der neueren Segelflugzeuge erlebt.
Während vieler Jahren prägte der B4 das Bild der Segelkunstflug-Schweizermeisterschaften. Es gab Jahre, da flogen alle Teilnehmer von Espoirs bis Elite auf B4. Siehe SAGA-Minichronik
In den letzten Jahren änderte sich das Bild. 1995 flog zum letzten Mal ein B4 in der Elite (heute Unlimited). Verglichen mit den neueren Kunstflug-Seglern sind die Betriebsgrenzen des B4 ziemlich restriktiv. Mit einer VA = 163 km/h und einer VNE = 240 km/h kommt man besonders in der Senkrechten schnell an die Limits. Das umso mehr, als der B4 auch recht behäbig rollt. So ist z.B. eine Figur mit Viertelrolle senkrecht aufwärts aus 240 km/h kaum fliegbar. Das bedeutet, dass man die heute in der Unlimited üblichen Programme auf dem B4 praktisch nicht mehr innerhalb der Betriebsgrenzen fliegen kann.
Für die Advanced bleibt der B4 aber ein konkurrenzfähiges Flugzeug, solange sich der Pilot bewusst ist, dass auch in Advanced-Figuren die Sicherheitsreserven des B4 erheblich geringer sind als z.B. die des Fox.
Bei der ersten Weltmeisterschaft der Advanced Klasse im Juli 2010 wurde der junge Schwede Johan Gustafsson auf seinem B4 Weltmeister gegen 30 Konkurrenten, die überwiegend Fox flogen. Auch 2011 blieb Gustafsson seinem B4 treu und belegte gegen die übermächtige Konkurrenz auf Swift und Fox immerhin noch Rang 8.
Bei der Schweizermeisterschaft 2013 bewies der erst zwanzigjährige Jonas Langenegger eindrücklich, was auch heute noch mit dem B4 möglich ist. In der Advanced wurde er nach fünf Programmen Vizemeister nur knapp hinter Martin Götz, der auf dem Fox den Titel schon zum dritten Mal holte. Sein Coach, SAGA-Fluglehrer Jochen Reuter und langjähriger B4-Pilot, hat einige lesenswerte Tipps für angehende B4-Kunstflieger aufgeschrieben.
Technische Daten (PC 11AF)
|Spannweite||15 m|
|Flügelfläche||14,05 m²|
|Profil||NACA 643 - 618|
|Länge||6,57 m|
|Leermasse||240 kg|
|Flugmasse||350 kg|
|Lastvielfache||+7,0/-4,7|
|Manövergeschwindigkeit VA||163 km/h|
|Höchstgeschwindigkeit VNE||240 km/h|
|Mindestgeschwindigkeit VS||60 km/h|
|beste Gleitzahl||35 bei 85 km/h|
|geringstes Sinken||0,64 m/s bei 75 km/h|
Quellen:
"Segelfliegen" 3/2012
LBA-Kennblatt Nr. 266 vom 16.09.1982
Geräte-Kennblatt No. S 43-02 des Eidg. Luftamts vom 30.11.1979
Stand, 12-2016