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Dank einer neuen Studie gibt es erstmals vergleichbare Daten zu allen Ländern Europas für zwei Zeiträume, nämlich von 1996 bis 2005 und von 2006 bis 2015, wie es seitens der Universität Luzern heisst. Resultate, Tendenzen und Wechselwirkungen zur Politik erklärt Projektleiter Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt?
Der erste Blick auf die Karte der Religionszugehörigkeit in Europa zeigt: Es gibt sehr grosse Unterschiede zwischen den 50 Ländern. Das überrascht an sich noch nicht. Was aber so bislang noch nicht zu sehen war: Es gibt zwei historische Schichten, die dieses Kartenbild prägen. Die erste Schicht geht zurück auf die jahrhundertelange Religionsgeschichte Europas. In den meisten Ländern dominiert noch heute zahlenmässig jene Religionsgemeinschaft, die schon früher, das heisst spätestens in der frühen Neuzeit, vorherrschend war, also katholisch, reformiert beziehungsweise protestantisch, orthodox sowie im Südosten in einigen Ländern der Islam.
Und die zweite Schicht?
Darüber gibt es eine zweite historische Schicht, die durch die Umwälzungen in der Religionsstruktur im 20. Jahrhundert entstanden ist. Es gibt Länder, in denen der Anteil derer, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, mittlerweile grösser ist als der Anteil aller anderen zusammengenommen. Dazu gehören Tschechien, Estland, Grossbritannien und Frankreich.
Welche Veränderungen stellen Sie zwischen den zwei beobachteten Perioden fest?
Es gibt viele Länder, die zwischen 2000 und 2010 nahezu stabil sind, was die Aufteilung der Religionszugehörigkeit anbelangt. Dann haben wir einige Länder gefunden, bei denen die Veränderungen wirklich gross sind. Das Interessante dabei ist, dass diese Veränderungen in unterschiedliche Richtungen gehen.
In welche?
Es gibt einige Länder, in denen Säkularisierung und Pluralisierung deutlich angestiegen sind. Das sind in starker Ausprägung die nordischen Länder und in geringerem Ausmass vor allem westeuropäische Länder. Auf der anderen Seite gibt es Länder, die homogener geworden sind, wo also die grösste Religionsgemeinschaft zugelegt hat. Länder wie Russland, Weissrussland, aber auch Bosnien-Herzegowina, Polen, die Ukraine und Aserbaidschan gehören in diese Gruppe. In der Tendenz kann man sagen, dass die Länder, die sich stärker pluralisiert haben, eher westeuropäische sind, und jene, in denen eine Homogenisierung stattgefunden hat, eher osteuropäische.
Bestehen da Wechselwirkungen mit der Politik?
Es gibt zwei Punkte, die das vermuten lassen. Das eine ist die Frage, wie die verschiedenen EU-Mitgliedstaaten auf die Asylsuchenden und Flüchtlinge aus Syrien reagiert haben. Die EU hat keine einheitliche Linie gefunden, und es waren von Anfang an eher die neuen östlichen Mitgliedländer, die sehr reserviert gegenüber dieser Zuwanderung waren. Und dann fällt auf, dass in der Gegenwart der Faktor Religion bei der Ausprägung der nationalen Identität wieder stärker hineinspielt. Sehr augenfällig ist das zum Beispiel in Russland. Präsident Wladimir Putin und seine Regierung stützen sich auf die orthodoxe Kirche und generieren so Unterstützung für die Politik des Kremls.
Wie haben Sie die Daten zur Religionszugehörigkeit zusammengeführt?
Wir haben für unsere Studie Daten aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen, von Volkszählungen über Umfragen bis hin zu wissenschaftlichen Expertenschätzungen.
«Die Religion spielt bei der Ausprägung der nationalen Identität wieder stärker hinein.»
Antonius Liedhegener
Professor, Universität Luzern