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Hxaro nennt sich das Tauschsystem, mit dem Bewohner der südafrikanischen Wüste Kalahari, das Volk der !Kung San, seine sozialen Beziehungen über Entfernungen von mehr als 100 Kilometern pflegt. Wie Forscher herausgefunden haben, geht dieser Brauch sehr weit zurück – nach heutigem Kenntnisstand galt etwa schon vor Zehntausenden von Jahren der Schmuck aus Straußeneiern als besondere Gabe, die etwa für Initiationsriten von Mädchen oder für Hochzeiten genutzt wurde.
Ausführlich erforscht hat die !Kung San und ihre Tauschrituale in den 1970er-Jahren die amerikanische Anthropologin Polly Wiessner. Wie sie herausgefunden hat, dient das Hxaro-System insbesondere dazu, Risiken zu minimieren. Mit dem Austausch von Geschenken werden lang andauernde Partnerschaften begründet: Man versichert sich damit gegenseitig der Zuneigung und verdeutlicht, dass man in Zeiten der Not aufeinander zählen kann. Wie Wiessner herausgefunden hat, wurden viele der Güter immer wieder weitergereicht – bis zu 69 Prozent der Habseligkeiten eines Einzelnen gehörten ihm nicht dauerhaft, sondern nur vorübergehend.
Entlang von Generationen übergreifenden, weit reichenden Pfaden entstanden im Laufe der Zeit so Solidaritätsnetzwerke, die wiederum den !Kung San – einem Volk von Jägern und Sammlern – den Anschluss an das Handelsnetz im südlichen Afrika garantierten. Wie Wiessner beobachtete, spielte im Aufbau, Unterhalt und in der Pflege von Hxaro das Erzählen von Geschichten eine grosse Rolle. Diese Komponente zeigte sich etwa beim Einsetzen starker Regenfälle in einer Siedlung: Die Menschen erzählten sich, wie sehr sie die entfernten Freunde vermissten – und begannen, Geschenke für sie herzustellen. Diese Art des Geschichtenerzählens dient entsprechend dazu, die Erfahrungen von abwesenden Mitgliedern einer Gemeinschaft präsent zu machen und zu integrieren.
Wir kennen diese Form des Geschichtenerzählens noch heute. Unsere sozialen Netzwerke sind digital geworden; doch die Funktion ist aus einer anthropologischen Perspektive gleich geblieben: Sie schaffen eine imaginäre Gemeinschaft, zu der wir uns zählen können – und die im Besten Fall auch neue Solidaritäten ermöglicht.