Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/1362

Geschätzte Geschäftspartner, Freunde und Bekannte
Vor etwas mehr als einem Jahr brach in China eine mysteriöse Lungenkrankheit namens Corona aus.
Die Konjunkturforscher in Europa nahmen davon kaum Notiz. Einige Monate später erlebten wir einen zeitweisen Stillstand der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Die Regierungen fuhren aus gesundheitlichen Gründen überall auf der Welt das Wirtschafts-, Sozial- und Kulturleben herunter. Die Wirtschaft erlitt einen starken Einbruch.
Die wirtschaftliche Lage vieler Schweizer Unternehmen entspannte sich auf den Sommer hin leicht, als die Corona-Massnahmen gelockert wurden. Doch mit dem kühleren und trockenen Wetter im Herbst kam das Virus mit grosser Kraft zurück. Die Pandemie hielt Europa und die Schweiz ein zweites Mal in Atem. Um der Wiederausbreitung des Coronavirus Herr zu werden, setzten die Regierungen erneut rigorose Massnahmen durch. Eine dauerhafte Entspannung der Lage zeichnet sich derzeit erst auf nächsten Frühling hin ab, wenn hoffentlich eine wirksame Schutzimpfung flächendeckend zur Verfügung stehen wird. Bis es soweit ist, werden die Staaten zur Unterstützung von Unternehmen und Haushalten gigantische Summen aufgewendet haben.
Es ist zum heutigen Zeitpunkt verfrüht, ein Urteil über die Krisenpolitik der Staaten zu fällen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist eine solche Politik dann als Erfolg zu werten, wenn sie nach Abklingen der Krise ohne anhaltende Verwerfungen wieder zurückgefahren werden kann. Im Nachgang zur Finanzkrise vor etwas mehr als zehn Jahren gelang dieses Unterfangen nicht. Die Notenbanken schreckten aus Angst vor Turbulenzen an den Finanzmärkten davor zurück, das zur Krisenbekämpfung in den Wirtschaftskreislauf gepumpte Geld wieder abzuschöpfen. Sie verschoben eine Normalisierung der ultratiefen Leitzinsen in immer weitere Ferne. In der Folge wurden die Finanzmärkte stetig süchtiger nach billigem Geld und blieben am Tropf der Notenbanken hängen. Gleichzeitig verleitete das billige Geld Staaten und Unternehmen dazu, sich weiter zu verschulden. Es nahm ihnen jeglichen Anreiz, von einer Politik abzurücken, die bereits seit Mitte der 1980er-Jahre auf ein immer schnelleres Drehen an der Schuldenspirale hinauslief.
Der Corona-Schock in diesem Jahr überraschte die Staaten und Notenbanken daher zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Sie hatten die Feuerwehrmassnahmen zur Bekämpfung der Finanzkrise noch immer nicht zurückgefahren. Die Pandemie nötigte sie nun zu weiteren Ankurbelungs- und Unterstützungsprogrammen in noch viel grösseren Dimensionen. Rückblickend erscheinen die Notfallmassnahmen aus der Zeit der Finanzkrise im Vergleich dazu fast schon moderat.
Aus langfristiger, wirtschaftspolitischer Perspektive wirkt die heutige Krisenpolitik der Staaten und Notenbanken wie eine trendmässige Entwicklung, die lange vor Corona begann. Seit Ausbruch der Pandemie hat sich diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Die Notenbanken blähen ihre Bilanzen rund um den Globus immer schneller auf. Die Regierungen greifen Unternehmen und Haushalten immer stärker unter die Arme. Immer höher wird infolgedessen auch der globale Schuldenberg. Anders als in der Vergangenheit wird das indessen kaum mehr von jemandem kritisch gesehen. Die gestern noch als Unart eingeschätzte Anhäufung von Schulden gilt heute beinahe schon als Tugend. Dass Wirtschaftswachstum nur dann nachhaltig sein kann, wenn die natürliche Umwelt schonend genutzt wird, gilt heutzutage als Allgemeinwissen. Ob auch eine mit Schulden erkaufte Wohlfahrt nachhaltig sein kann, wird hingegen kaum hinterfragt. Und wenn dies doch geschieht, dann gibt man sich in der Regel mit der Antwort zufrieden, dass sich die Zeiten geändert hätten.
Die Schweiz profitiert in dieser Krise von Verdiensten der Vergangenheit. Die Bevölkerung vertraut weitgehend ihren Institutionen und Behörden. Der Staat verfügt dank der soliden Finanzpolitik vergangener Jahre über genügend Substanz zur Unterstützung der Unternehmen und Arbeitnehmenden. Die Wirtschaft wird von einem wettbewerbsfähigen Exportsektor getragen.
Es ist zu hoffen, dass die Krise auch die Eigenverantwortung der Bevölkerung in unserem Land nicht bleibend zu schwächen vermag. Die getroffenen Hilfsmassnahmen zur wirtschaftlichen Abfederung der Corona-Krise sind vorübergehend unabdingbar. Bedauerlich wäre es aber, wenn sich mit ihnen eine Mentalität einschleichen würde, die weniger auf eine eigenverantwortliche Krisenvorsorge und mehr auf den Staat setzen würde, - im Vertrauen darauf, dass dieser in schwierigen Zeiten unverzüglich seine Schatullen öffnen wird.
Die Corona-Krise hat uns allen Grenzen aufgezeigt. Sie hat uns ins Bewusstsein zurückgerufen, dass ein funktionierendes Gesundheitswesen keine Selbstverständlichkeit ist. Sie hat den Notenbanken aufgezeigt, dass sie trotz ihrer unlimitierten Lizenz zum Gelddrucken nicht allmächtig sind: Mit billigem Geld vermögen sie zwar weiterhin für Ruhe an den Finanzmärkten zu sorgen, aber immer weniger die Realwirtschaft anzukurbeln.
Mit der Corona-Pandemie sind uns innert kurzer Zeit einige vermeintliche Gewissheiten abhandengekommen. Vielleicht nehmen wir diesen Umstand zum Anlass, das neue Jahr zuversichtlich aber auch mit einer gesunden Portion Demut anzugehen. Wenn in der aktuellen Lage auch kaum Gewissheiten bestehen, so lässt sich eines doch mit Sicherheit voraussagen: Auch das neue Jahr wird ohnehin machen, was es will.
Wir bedanken uns bei Ihnen für die gute Zusammenarbeit in diesem Jahr. Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen erholsame Festtage sowie alles Gute und viel Glück im neuen Jahr.