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Die Jahreszeiten und die entsprechenden Moden wechseln im vertrauten Rhythmus; anderes wechselt heute häufiger als früher, und wieder anderes hat erst neuerdings zu wechseln angefangen, wie die Paradigmen. Da beklagt die eine den jammervollen "Paradigmenwechsel" der Bildungspolitik von der Universität Humboldtscher Prägung zu Verschulung und Kontrolle; da fordert ein anderer einen entschiedenen "Paradigmenwechsel" in der Gesundheitspolitik vom Händchenaufhalten zur Selbstverantwortung. Klar, dass ein Wechsel ein Wechsel ist; aber was, bei Hermes, ist ein Paradigma?
Ein Paradigma, griechisch parádeigma, ist ein "Muster" oder "Beispiel". Da steht am Anfang das Kopfstück para-, "neben, (aussen) entlang an" wie in den nebeneinander herlaufenden "Parallelen" oder "ausserhalb, entgegen" wie in dem aller Erwartung zuwiderlaufenden "Paradox"; da steht in der Mitte der Verbstamm deik- mit der stammverwandten Bedeutung "zeigen"; und da steht am Ende das verdinglichende Schwanzstück -ma, das aus dem Ganzen ein "Nebenbei-Gezeigtes" macht. Andere Sprachen, andere Bilder: das griechische parádeigma ist ein solches "Nebenbei-Gezeigtes", das lateinische exemplum ein aus der Vielzahl der Fälle "Herausgenommenes, Herausgegriffenes", unser deutsches "Beispiel" ein "Nebenbei-Erzähltes", in volksetymologischer Umdeutung ein die übrigen Fälle beiläufig "Umspielendes".
Das griechische Wort mit dem Plural paradeígmata begegnet uns zuerst im 5. Jahrhundert v. Chr. in Herodots Geschichtswerk; dort bezeichnet es einmal hölzerne, bemalte Plastiken von Leichnamen, die in den Werkstätten der Einbalsamierer als makabre Muster für die verschiedenen Arten der Einbalsamierung ausliegen, ein andermal das - gewiss ebenfalls hölzerne - massstabgerechte Modell eines neu zu errichtenden Tempels. In der Folge steht das Wort für die Modelle der Bildhauer und Maler und so in bildlicher Sprache auch für die Platonische Idee: Wenn ein irdischer, menschlicher Staat irgend glücklich werden solle, heisst es einmal in Platons Staatsutopie, müssten die "Maler" dieses Staates, die Gesetzgeber, ein himmlisches, "göttliches parádeigma" vor Augen haben, ihn davon abzumalen ...
Zugleich ist dieses parádeigma im Sinne eines "Beispiels", eines mitreissenden Vorbilds oder einer abschreckenden Lektion, geläufig geworden. Doch seinen Weg durch die Jahrtausende genommen hat das Wort weder durch die himmlischen Gefilde der Platonischen Ideen noch durch die irdischen Regionen der guten oder schlechten Beispiele, sondern auf der staubigen Landstrasse der griechischen und lateinischen Schulgrammatik, als Terminus technicus für das Schul-"Beispiel" einer Deklination oder Konjugation. In dieser Bedeutung ist das Wort in der Spätantike aus dem Griechischen ins Lateinische übergegangen, und wie einst der Bildhauer oder Erzgiesser auf die leibhaftige Venus von Fleisch und Blut schaute, um nach ihrem parádeigma seine marmorne oder bronzene Venus zu schaffen, so schaute nun der Lateinschüler auf sein amo, amas, amat ..., um nach diesem Paradigma die übrigen Verben der a-Konjugation durchzukonjugieren.
Erst in jüngster Zeit hat sich das Wort wieder in philosophische, weltanschauliche Höhen aufgeschwungen, zuerst in der Morgendämmerung dieses 3. Jahrtausends, als das Old Age mit einem paradigmatischen "Paradigmenwechsel" zum New Age überwechselte. Inzwischen hat das stolze Wort schon wieder einiges an Höhe verloren: Durchaus beiläufige Kursberichtigungen sei es einer Regierungspolitik, sei es einer Firmenphilosophie werden als grundstürzende beziehungsweise grundlegende "Paradigmenwechsel" an den Pranger gestellt oder aufs Podest gehoben. Greek is beautiful, und was wäre ein Wechsel ohne solch ein änigmatisch-rätselhaftes "Paradigma" davor? Eben doch nur ein ganz gewöhnlicher Feld-Wald-und-Wiesen-Wechsel.
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Ebenfalls bei Philipp von Zabern erschienen: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, 3. Auflage, Mainz 2004, Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.