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Ein abgelegenes, stattliches Haus am Rand von Paris. Karg möblierte Räume. Ein ungleiches Paar: ein Mann um die sechzig und eine junge Frau. Tage der Musse, Lektüren, Gespräche, Spaziergänge, beglückende Nachmittage im Bett. Und ein Garten. Die Frau sitzt auf der steinernen Bank, blickt zum Himmel, hält den Fuss in das Becken des Springbrunnens oder spielt mit dem kleinen Hund. Der Mann sitzt am Fenster und schaut ihr zu: «Vielleicht war ich ihr nie näher als in jenem Augenblick. Und nie einsamer.»
Das letzte Buch der deutschen Schriftstellerin Undine Gruenter, die 2002 in Paris im Alter von fünfzig Jahren starb, handelt von der Liebe. Der Roman erzählt jedoch keine Liebesgeschichte, in der man immer schon ahnt, was als Nächstes passieren und wer wie reagieren wird, weil man zu wissen glaubt, wie die Liebe funktioniert. Der Roman liefert nicht die psychologisierte Innenansicht einer angesagten Szene. Undine Gruenter versucht, die Liebe zwischen Mann und Frau zu ergründen. In Kenntnis der klassischen Liebesdiskurse aus der Literatur- und Philosophiegeschichte erzählt und sinniert der ältere Mann über die Anfänge seiner Liebe und ihr Ende, den Zufall des Kennenlernens und den Zerfall der Bindung, die Möglichkeit und Unmöglichkeit der Liebe, ihre Paradoxien. Der Mann sucht für seine erlebte Liebe auch eine Sprache. «Ich halte es für wichtig», sagt er, «dass eine Liebe nicht nur gelebt wird wie bequeme Pantoffeln, über die man nicht nachdenkt, weil sie nicht drücken. Ich halte es für wichtig, ein Konzept der Liebe zu haben, jeder einzelnen Liebe, einen Entwurf, eine Idee, ein Projekt.» Man kann Undine Gruenters Buch als Beitrag zu Roland Barthes’ «Fragmente einer Sprache der Liebe» lesen, wo es heisst: «Der Diskurs der Liebe ist heute von extremer Einsamkeit.»
Der Mann ist ein frei schwebender Intellektueller mit kulturpessimistischem Einschlag. Der Junggeselle hat die junge schöne Frau, eine Tochter aus gutem Hause, geheiratet, das Haus gekauft – und einen Garten nach seinen Vorstellungen angelegt: mit Kieswegen, Pflanzen, einem Brunnen, einer Bank und einer hohen Mauer ringsherum. Der verschlossene Liebesgarten, der in der spätmittelalterlichen Tradition des «Hortus conclusus» steht, verwirklicht seine Vision der Liebe: Hier wird die Leidenschaft gebändigt, hier kann der Mann die Liebe verstehen, hier soll die geliebte Frau sich aufhalten. Der Garten schützt die Liebe vor der Aussenwelt: «Nur Schwätzer tragen die Geheimnisse ihrer Liebe zu Freunden und bis in die Therapien.»
Equilibre – so heisst die Frau – teilt das Liebeskonzept des Mannes. Beider Leben sind ineinander verwoben. Im Gleichgewicht fliessen die Tage dahin, fünf glückliche Jahre lang. Dann aber rebelliert Equilibre: Erst will sie den Garten nach ihren Wünschen umbauen; Abfallhaufen und moderne Skulpturen sollen die – wie sie plötzlich findet – heuchlerische Inszenierung der Natur brechen. Dann verliebt sie sich in einen Bekannten des Mannes, einen Anwalt. Der hat ein anderes Konzept, ein romantisches. Leidenschaftlich stellt er Equilibre nach. Bald zieht er ins Haus ein. Nun leben das Liebespaar und das Ehepaar unter einem Dach, doch die Ménage à trois bricht auseinander. Nach dem Anwalt verlässt auch Equilibre fluchtartig Haus und Garten und verschwindet. Zurück bleibt in seinem Paradies, das aus dem Gleichgewicht geraten ist, der Mann, todtraurig: «Dass man die Wünsche des anderen verfehlt, gerade wenn man sie erraten hat, gehört zu den Lektionen, die Equilibre mir am Ende erteilen sollte.»
Undine Gruenter hat ein intelligentes, melancholisches und trauriges Buch über die Liebe am Ende des 20. Jahrhunderts geschrieben. Ob sie die konservative Position des älteren Herrn teilt, dem sie ihre Stimme leiht, bleibt irritierend offen. Sie scheint sich einem feministisch-emanzipatorischen Diskurs zu verweigern und die so genannt gleichberechtigte Beziehung abzulehnen, weil diese zu viel einlösen müsse: Glück, Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit. So ist für Equilibre der Umstand, dass ein Mann ihren Lebensunterhalt finanziert, nicht störend.
Die elitäre, leicht entrückte Versuchsanordnung ist offenbar die Bedingung dafür, dass die Autorin die Liebe gegen ihre Trivialisierung in der Öffentlichkeit, in den Massenmedien und der Politik verteidigen kann. Ein wenig fühlt man sich zurückversetzt in eine vormoderne Zeit, als ein gutes Leben den oberen Ständen vorbehalten sein sollte. Auch für Undine Gruenter scheint die Liebe nur in einer Schicht, die frei von ökonomischen Zwängen lebt, reflektierbar und – wenn auch nur auf Zeit – realisierbar zu sein.
Am Ende des Romans begibt sich der Mann auf die Suche nach der Frau. In einem Pariser Café begegnen sie sich wieder. Sie erscheint ihm fremd. Zaghaft kommt ein Gespräch in Gang. Die Geschichte könnte nun weitergehen. Die Fortsetzung aber, denkt der Leser, müsste nun Equilibre erzählen, deren Gestalt und Motive eigenartig im Dunkeln geblieben sind. Dann könnte sie die Position der Leerstelle verlassen.
Undine Gruenter: Der verschlossene Garten. Carl Hanser Verlag. München, Wien 2004. 223 Seiten. Fr. 32.50