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Literatur
Eine Landpartie
Eine Reihe von Romanen, Erzählungen und Essays veröffentlichte Pierre Bost, arbeitete als Journalist fürs Feuilleton und zeitweilig als Chefredakteur. Geboren 1901 in Lassalle, begann er 1921 zu publizieren und beendete 1945 mit dem nun von Rainer Moritz ins Deutsche übersetzten Roman seine schriftstellerische Tätigkeit. Warum nur? Bost bewunderte und verehrte Marcel Proust, hielt sich selbst nur für mäßig begabt. Er wandte sich zunehmend dem Fernsehen und Kino zu, schrieb Drehbücher. Als der Regisseur Bertrand Tavernier, mit Bost bekannt, 1984 Un dimanche à la campagne – "Ein Sonntag auf dem Lande" – verfilmte, war der nahezu vergessene Schriftsteller bereits fast zehn Jahre tot, 1975 in Paris verstorben.
Urbain Ladmiral, ein Maler, lebt allein auf dem Land. Nach Paris fährt er nicht mehr. Seine Frau ist längst verstorben, umsorgt wird er von Mercédès. Die Haushälterin darf auch, stets höflich formulierend, "respektvolle Unverschämtheiten" äußern. Monsieur Ladmiral ist ein Herr, ein Mann, der älter wird, ja alt geworden ist, mittlerweile 76 Jahre alt, und er sagt auch gern vornehm, er sei nun über siebzig Jahre alt, könne, dürfe auf Nachsicht hoffen, dürfe und müsse sich manches erlauben. So achtet Ladmiral darauf, sich zu verspäten: "Es ärgerte ihn, älter zu werden, aber es tröstete ihn ein wenig, darüber zu klagen." Der bärtige Künstler malte früher eher konventionelle Porträts von bedeutenden Persönlichkeiten, nun malt er nur noch für sich. Auch sein bärtiger Sohn, der Gonzague-Edouard heißt, hatte sich als Künstler versucht und schnell aufgegeben. Den Vater besucht er, mit seiner spröden Frau und den drei Kindern, fast an jedem Sonntag. Mittlerweile lässt er sich Edouard nennen, seiner tugendhaften Gattin zuliebe. Die Familie gibt sich bürgerlich, lebt bürgerlich, denkt bürgerlich. Finanzielle Solidität garantiert ein beschauliches Familienleben, so glücklich, wie es nur sein kann, und gelegentlich, möglicherweise, genauso unglücklich. Die jüngere Tochter Irène, stürmisch, lebensfroh, hübsch und so gar nicht langweilig, zeigt sich nur in großen Abständen auf dem Lande. Der Vater grämt sich darüber, wenn überhaupt, nur im Verborgenen. Er liebt sie sehr.
Ob Ladmiral als Künstler zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht haben könnte? Das kümmert ihn nicht, er lebt noch und das im Frieden. Das genügt. "Oft hatte er seinem Sohn und seiner Tochter erklärt, was das Drama seines Lebens hatte sein können, wenn er Dramen nicht verabscheut hätte." Monsieur Ladmiral strebte nicht, drängte nicht voran. Edouards Gattin trägt einen hoheitsvollen Namen: Marie-Thérèse, sie ist eine "kleine Angestellte" gewesen, die nun nicht mehr für Geld arbeiten muss, eine fromme Frau. Sie möchte beim Spaziergang auch "Gottesdienstluft schnuppern". Mireille, die einzige Tochter, fünf Jahre alt, verträgt die Zugfahrten aufs Land nicht und die "Durchhalteparolen ihrer Mutter" auch nicht: "Sie war erschöpft, schämte sich ein wenig und fragte sich, warum sie sich auf jeder Reise übergab und die anderen Fahrgäste nicht." Ladmiral hatte der Schwiegertochter nie viel Beachtung geschenkt, und diese hatte dies nie bemerkt: "Marie-Thérèse war Durchschnitt – was ihre Größe, ihr Gewicht und ihr Gesicht anging. Sie hatte ein wenig plumpe, sanftmütige Gesichtszüge, war weder schön noch hässlich, wie man es von Frauen sagt, die nicht schön sind." Irène, ihre Schwägerin, ist natürlich ganz anders als sie. Ladmiral spricht mit dem Sohn und der Schwiegertochter, sie führen "langsam eine Art Gespräch" und geben sich alle so viel Mühe dabei. Es strengt gewiss auch alle an. Und die geliebte Irène? Kaum ist sie da, wird alles anders. Die Provinz leuchtet, denn Irène reist fröhlich an, mit Auto und Hund, trifft nach der Siesta ein. Die junge Frau erfreut ihren Vater, auch Edouards Kinder, spricht pointiert, beschwingt, und schweigt über so manches doch beharrlich. Von der Malerei des Vaters hält Irène wenig, findet dessen Bilder "scheußlich". Der Vater lächelt, der verstimmte Bruder sieht in ihr nur eine "kopflose Person". Irène ist eine "junge, sehr elegante und stark geschminkte Frau", also keine Marie-Thérèse. Irène reißt beherzt die Vorhänge auf: "Sonnenlicht erleuchtete das Zimmer." Die Söhne bewundern sie: "Emile und Lucien fassten es nicht, dass es ihnen erlaubt war, dieser bewundernswerten, schönen, eleganten, fröhlichen und lärmenden Frau so leicht so nahe zu kommen." Sie klagt nie, ist charmant, niemals mürrisch. Bost zeichnet sie wie eine filmische Gestalt, in fließender Bewegung, dynamisch und kraftvoll, schön, eigensinnig, auch verletzlich.
Als die Mutter verstorben war, zog Irène bald fort, ging nach Paris, "wollte allein sein, nicht so sehr frei als allein", auch ohne den Vater leben. Ob sie je Liebhaber hatte? Ladmiral dachte nicht darüber nach, der Bruder fragte nicht. Eine Spazierfahrt wird erwogen, Irène hat Ideen, Marie-Thérèse murrt immer vernehmlicher. Ein Anruf, von Irène leidenschaftlich geführt, das Wort "Liebling" bewusst vermeidend, beendet das Familientreffen. Dann läuft sie eilig fort, "flüchtete, von einer unwiderstehlichen Macht, die nicht mehr ihre eigne war, nach Paris gezogen". Gonzague-Edouard und seine Familie fahren nach Hause, kehren bald wieder, wahrscheinlich am nächsten Sonntag. Sie werden einander noch so oft nicht viel und schon gar nichts Neues zu sagen haben, aber trotzdem aufs Land fahren, freundlich, nett, pflichtbewusst. So verstreicht Woche für Woche, und Monsieur Ladmiral wird jedes Mal die Frage, ob er einen schönen Sonntag gehabt und Besuch empfangen habe, dann, wenn Irène zu Gast gewesen ist, freudig sagen, ja, "von meiner Tochter".
Pierre Bost erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sanft, anregend, sondern eine Liebesgeschichte, von Vater, Tochter und Sohn, die auf je eigene Weise einsam sind, dies aber nicht immer spüren oder vielleicht nicht immer spüren möchten. Bost schildert Menschen, die weder über alles sprechen noch über alles sprechen müssen, die einander begegnen und auch verfehlen. Urbain Ladmiral wird, solange er lebt, immer auf einen Besuch von Irène warten – und er wird nie begreifen, warum sein Sohn Gonzague sich Edouard rufen lässt, und auch nicht aufhören, darüber nachzudenken. Dieser schmale Roman eignet sich als Lektüre für einen schönen Sonntag, ob auf dem Land oder in der Stadt. Selten wird an Pierre Bost und seine Werke heute gedacht. Doch wer dieses Buch gelesen hat, wird ihn bestimmt nicht vergessen wollen.