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Von der Eidgenössischen Telegraphenwerkstätte zur Hasler AG (I)
Abb. 1
Die schweizerische Europa-CEPT Marke 1980 zur Erinnerung an Gustav Adolf Hasler (Abb. 1) gibt Anlass zu einem kurzen Rückblick auf ein Kapitel der schweizerischen Nachrichtentechnik, das sich philatelistisch illustrieren lässt. Für eine eingehendere Darstellung sei auf die am Schluss angegebene Literatur verwiesen.
Die Anfänge der Eidgenössischen Telegraphenwerkstätte
Am 23. Dezember 1851 nahm die Bundesversammlung nach eingehender Beratung das "Gesetz über die Errichtung electromagnetischer Telegraphen" an, das im Art. l den Telegraphen als Bundessache erklärte. In der Folge beschloss der Bundesrat unter anderem, den Professor Carl August Steinheil in München als Experten beizuziehen, der 1850-1851 in Oesterreich den Telegraphen eingerichtet hatte. Arn 16. Februar 1852 erfolgte die Ausschreibung der Lieferung von Telegraphenapparaten, die nur eine geringe Teilnahme ergab. In einem "Pro Memoria ..." vom 3. März 1852 empfahl daher Steinheil die Errichtung einer Telegraphenwerkstätte, welche "nachträgliche Reparaturen, die Prüfung der Apparate und die Zusammenstellung derselben" zu besorgen hätte. Schon zwei Tage später ermächtigte der Bundesrat das Post- und Baudepartement, eine solche Werkstätte zu errichten und dieselbe unter die Leitung eines Werkführers zu stellen. Die Stelle des Werkführers war schon im Organisationsgesetz vom 11. Februar 1852 vorgesehen; ihm wurde ein Gehalt von Fr. 2000.- n.W. ausgesetzt, nebst Fr. 8.- n.W. Taggeld für Reisen, mit Vergütung der Fahrkosten. Zunächst wurden dann zwei Werkführer eingestellt, nämlich Matthias Hipp aus Reutlingen und Karl Kaiser, Uhrmacher aus Rapperswil. Kaiser wurde aber nach weinigen Monaten als Mechaniker an die Telegrapheninspektion St. Gallen beordert; später wurde er Inspektor.
Matthias Hipp, geboren 1813, hatte 1840 in Reutlingen (Württemberg) eine Uhrmacherwerkstätte eröffnet. Er kannte die Schweiz gut, denn er hatte ab 1834 ein Jahr in St. Gallen und zwei Jahre in St. Aubin gearbeitet. Durch die Erfindung der elektrischen Pendeluhr von bisher unbekannter Genauigkeit und Arbeiten im Gebiet der Telegraphie war er seit Jahren den Fachleuten wohl bekannt. Hipp wurde schliesslich am 8. Juli 1852 als Werführer gewählt, mit der Ermächtigung, auch für sich selber arbeiten zu dürfen. Diese Vergünstigung gab schon bald Anlass zu Schwierigkeiten. Steinheil verliess die Schweiz am 6. Juli 1852.
Die Telegraphenwerkstätte in Bern konnte zunächst in der alten Kaserne Nr. II an der Ecke Speichergasse/Waisenhausplatz untergebracht werden, wo heute das Städtische Progymnasium steht. Sie dürfte Ende März 1852 den Betrieb aufgenommen haben, nachdem sich Hipp und Kaiser am 27. März 1852 vorläufig gegen ein Taggeld von 10 Franken "in Anspruch nehmen Hessen". Auch die Teilnehmer am ersten Kurs für Obertelegraphisten wurden in der Kaserne untergebracht; über sie wurde eine Kontrolle nach militärischer Ordnung geführt. Hier fanden auch die ersten praktischen Übungen der Telegraphisten statt.
Die Kaserne wurde bald wieder militärisch benützt. Ab 15. April 1853 konnte das Haus Brunngasse 10 / Metzgergasse 83 (heute Rathausgasse 46) gemietet werden. Die Werkstätte befand sich zunächst im hinteren Teil des Hauses an der Brunngasse, während im vorderen Teil an der Metzgergasse die Wirtschaft "Zum deutschen Beirhaus" untergebracht war. Das "Bierhaus" ging aber bald ein, und ab Mitte 1854 stand das ganze Haus zur Verfügung. Der erste Telegraphenapparat, der in der Werkstätte angefertigt wurde, ist auf einer Postkarte aus der dem PTT-Museum gewidmeten Ausgabe von 1950 abgebildet (Ganzsachen-Katalog Nr. 154/4); siehe Abb. 2. Es handelte sich um einen sogenannten Reliefschreiber; die Morsezeichen wurden mit einem Metallstift in den vorbeilaufenden Papierstreifen eingedrückt, also reliefartig aufgezeichnet. Das Laufwerk zur Beförderung des Papierstreifens wurde durch ein an einer Kette hängendes Gewicht in Bewegung gesetzt. 1856 ersetzte Hipp die Gewichte durch eine Feder. Erst ab 1863 führte man den Farbschreiber anstelle des Reliefschreibers ein. - Hier sein noch angemerkt, dass der Telegraphenbetrieb in der Schweiz offiziell am 5. Dezember 1852 eröffnet wurde, was der PTT 1952 Anlass zu einer Jubiläumsausgabe gab.
Abb. 2
Die Telegraphenwerkstätte bis zur Entstaatlichung
Die Telegraphenwerkstätte entwickelte sich sehr günstig. Unter der Leitung Hipps wurden neben Telegraphen alle möglichen Apparate hergestellt, u.a. Minenzündapparate für die Sappeure und ein Chronoskop zur Ermittlung der Flugzeit der Geschosse des Ordonnanzstutzers für die Armee, besonders aber die von Hipp erfundenen Präzisionsuhren. Vorübergehend wurden auch Unterwasserkabel fabriziert, die im Vierwaldstättersee und im Lago Maggiore verlegt wurden. Die Werkstätte war also die erste schweizerische Kabelfabrik. An einige europäische Länder wurden Telegraphenapparate geliefert.
Am 1. Februar 1954 beschloss der Bundesrat über den Preis der zu veräussernden Apparate, dass "zu den Kosten 50% geschlagen wird; der Werkführer bezieht die Hälfte des Gewinnes." Dies bedeutete eine erste Kürzung der Privilegien Hipps. Auf den 1. Januar 1855 trat eine definitive Organisation der TelegraphenwerkStätte und ihrerBeziehungen zur Telegraphendirektion in Kraft. Die damit im Rechnungswesen eintretende Änderung brachten eine weitere starke Einschränkung der bisher unabhängigen Stellung Hipps. Gleichwohl machten Besoldung und Provisionen Hipps 1855 mit rund 7000 Fr. etwa ein Bundesratsgehalt und 1858 mit rund 19000 Fr. etwa das dreifache Bundesratsgehalt.
Mit der neuen Organisation war die Anstellung eines Gehilfen (Adjunkten) des Werführer verbunden. Mit Schreiben vom 2. Januar 1855 bewarb sich Gustav Adolf Hasler um diese Stelle, der am 11. Januar provisorisch und - nachdem er die Arbeit in der letzten Januarwoche aufgenommen hatte - am 30. Mai 1855 definitv gewählt wurde.
Der Grossvater Johannes Hasler, Bürger von Aarau und Othmarsingen, war um 1800 als Feinmechaniker in Aarau tätig. Der Vater Johannes Hasler war Fürsprecher in Aarau, Bezirksrichter, Grossrat und Oberrichter. Er starb 1854 im Alter von 53 Jahren. Gustav Adolf Hasler wurde am 25. März 1830 geboren. Im Mai 1847 begann er eine Lehre in der Werkstätte von Jakob Kern in Aarau, um sich wie sein Grossvater dem Beruf des Feinmechanikers zuzuwenden. Reisszeuge und optische Geräte der Kern'sehen Werkstätte (gegründet 1819) hatten einen guten Ruf. Nach dem Lehrabschluss Ende 1850 begab sich der junge Handwerksmann auf die Wanderschaft. Er war geschickt und arbeitete mit grösster Genauigkeit. Zunächst beschäftigte er sich in Wien mit dem Bau von Telegraphenapparaten; in Berlin und Hamburg arbeitete er wieder auf dem Gebiet der Feinmechanik und Optik. Nach dem Tod seines Vaters hielt er sich kurze Zeit in Aarau auf. Dann trat er in die Werkstätte des Adam Jundzill in Genf ein, wo er einen grossen Repetitions-Theodoliten für die Weltausstellung 1855 in Paris zu bauen hatte.
Über das gegenseitige Verhältnis von Hipp und Hasler in der Telegraphenwerkstätte ist nichts Besonderes bekannt. Beide fühlten sich aber mit der Zeit immer mehr durch die Verhältnisse eingeengt. Auf den 1. Januar 1860 wurde die Telegraphenwerkstätte unter die Oberleitung des Finanzdepartements gestellt. Schliesslich bat Hipp am 20. Juli 1860 um die Entlassung von der Stelle des Werkführers, die ihm"in allen Ehren und unter Verdankung der geleisteten Dienste"vom Bundesrat erteilt wurde. Er wandte sich nach Neuenburg, um die Leitung der neugegründeten "Fabrique de telegraphes et appareils electriques" zu übernehmen, die er bis 1889 innehatte. Er erhielt viele Auszeichnungen, unter anderem 1875 den Ehrendoktor der Universität Zürich. Hipp ist ein Urgrossvater mütterlicherseits von Bundesrat Max Petitpierre. Er starb achzigjährig am 3. Mai 1893.