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Kühlschränke kommen von den Inuit und Pommes-Chips von einer indianischen Köchin: Die 50er- und 60er-Jahre liebten Küchenlegenden, Konserven und Covenience Food – und orientierten sich an den USA.
Es war einmal eine «Indianerköchin» namens Kate. Die liess irgendwann im Jahr 1853 in ihrer Restaurantküche im kalifornischen Saratoga ein paar besonders fein geschnittene Kartoffelscheiben in siedend heisses Öl fallen. Als sie die Scheiben wieder aus dem Öl fischte, standen sie und ihr Chef verblüfft und begeistert vor Pommes-Chips.
So jedenfalls geht die Legende, die «Saratoga-Story», mit der die Schweizer Firma Zweifel Anfang der 60er-Jahre äusserst fantasievoll ihre «Pomy-Chips» bewarb. Die Chips, so erzählt die Historikerin Eva Maria von Wyl in ihrer Dissertation «Ready to Eat», waren damals nicht nur Snack, sondern eine reguläre Beilage, die direkt aus der Packung auf den Teller kam: zu einem Poulet (am Samstag) oder einem Steak (am Sonntag), so, wie sich die Schweizer das in Amerika vorstellten. Gesund garniert mit den klassischen Erbsli und Rüebli aus der Hero-Dose.
Schuld an der Schweizer Pommes-Chips-Manie war der Zweite Weltkrieg. Die Bauern hatten während der «Anbauschlacht» ab 1940 ihr Landwirtschaftsland hauptsächlich zum Kartoffelanbau genutzt, weil sie sich dadurch die grösstmögliche Selbstversorgung versprachen. Und dann war der Krieg zu Ende, und keiner wollte mehr Kartoffeln essen.
Hans Meier, ein Bauer aus Rümlang, stand vor seiner Kartoffelernte und suchte nach einer Lösung. Da erzählte ihm sein Sohn, der in Amerika lebte, von den amerikanischen Potato Chips, Bauer Meier kaufte sich eine Industrie-Fritteuse und alles war gut. Als Bauer Meier starb, übernahm die Mosterei Zweifel seine Fritteuse, forschte, frittierte, wuchs und stach alle andern Schweizer Chips-Konkurrenten, auch die Migros, spielend aus. Zum besten Produkt kam auch die beste Werbung hinzu, in den Kinos, als Tour-de-Suisse-Sponsor und durch die «Zweifel Karawane», die jeden Samstag mit zehn VW-Bussen durchs Land fuhr.
Zum Frühstück ass die kosmopolitische Schweiz damals gern Kellogg's Cornflakes. Zum Znüni: Pommes-Chips mit Bier oder Cynar, die Mischung als salzigem Snack und Alkohol galt als anregend. Kinder, Sportler und Handwerker tranken besser Coca-Cola, das schweizerische Vivi-Kola war bald vom Markt verdrängt. Für den kleinen Hunger vor dem Schlafengehen oder für die Verpflegung eines spontanen Besuchs empfahl die Werbung Hambuger oder Hot Dogs. In der Freizeit packte man einen Picknickkorb, setzte sich damit ins Auto und ging «autowandern».
Supermärkte entstanden, und Mövenpick eröffnete seine Restaurants nach dem Vorbild amerikanischer Ketten: Die Kunden sollten sich dank gleicher Einrichtung überall sofort zu Hause fühlen. Die Silberkugel-Restaurants – ein Mövenpick-Ableger – setzten als erste auf Fastfood. Neben dem «ready to eat» war auch das «to go» nicht mehr verpönt: Direkt nach dem Krieg war es noch undenkbar gewesen, in der Schweiz im Gehen zu essen. Schon nur das Kauen eines Kaugummis in der Öffentlichkeit galt als anstössig.
Die Schweizer Esskultur wurde also schneller, agiler, spontaner, sportlicher, und in der Küche stand das grossartigste aller Haushaltsgeräte: der Kühlschrank. Seine Erfindung ging angeblich auf den Besuch eines amerikanischen Ingenieurs in den eisigen Iglus der Inuit zurück. Tatsächlich hatten die Chinesen als erste das Gefrieren von Speisen entdeckt. Im Idealfall reduzierte der «Selbstbedienungsladen in ihrer Küche», wie General Electric sein Wundermöbel bewarb, den täglichen Einkauf auf einen wöchentlichen.
Und die Hausfrau? Was hatte die im Paradies aus Convenience Food – aus Rapid-Mais, Knorr-Risotto, Stocki, Findus, Frisco, Hero und Roco – überhaupt noch zu tun? Erstens sollte sie nicht mehr so gestresst sein und auch an den strengsten Tagen eine kühle, damenhafte Souveränität ausstrahlen. Zweitens sollte sie all die Produkte, dank derer sie so viel Zeit sparen konnte, mit einer eigenen Nuance individualisieren, mit einem Gewürz, einer Dekoration, einer Beigabe. Und drittens sollte sie ganz einfach schöner werden.
Frauenmagazine wie die «annabelle» schwärmten von der schlanken, urbanen und überaus rationalen Amerikanerin, die berufstätig war und sich sowieso viel länger mit Kosmetik und Fitness als mit Kochen und Essen beschäftigte. Und die mit nonchalanter Experimentierfreude süss und salzig mischten. Der Toast Hawaii ist ein Überbleibsel aus jener Zeit.
Nur einmal schaffte es die Schweiz, ihrerseits Amerika zu beeinflussen: 1948 lancierte Nestlé Nestea, das sofort lösliche Tee-Granulat. Es war die Ergänzung zu Nescafé. Die Amerikaner waren derart begeistert davon, dass sie Nestea um Zucker und Zitronenaroma ergänzten und als Iced Tea kalt servierten. In den 80er-Jahren kam eben jener Eistee wieder als typisch amerikanisches Produkt in die Schweiz zurück.
Der historische Bogen, den Eva Maria von Wyl in ihrem lesenswerten und sorgsam gestalteten Buch spannt, geht noch etwas weiter, als hier beschrieben: von der Erfindung der Maggi-Suppe Anfang des 20. Jahrhunderts als Mittel gegen die Schnapssucht der Schweizer bis zur ersten kontinentaleuropäischen Starbucks-Filiale (2001 am Zürcher Central). Von all den sektenartigen deutschen und amerikanischen Müesli-Bewegungen (auch die Haferflocken verdanken wir Amerika), wie wir sie aus dem Roman «The Road to Wellville» von T.C. Boyle und seiner Verfilmung kennen, bis hin zum heiter konsumierten Industriefood.
Es ist die Vorgeschichte unserer Zeit der Bio-, Schrebergarten- und Pro-Specie-Rara-Aktivisten. Ein bisschen «Mad Men» in der Schweiz. Und das Glas Cynar mit den Chips zum Znüni war sicher ähnlich ungesund wie Don Drapers erster Whisky am Morgen.