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(Liberale Zeitung – Leserbrief, 20. Januar 1966)
In seinem Leserbrief hat Rudolf Schilling einige an sich richtige Gedanken geäussert, die aber in einer politischen Zeitschrift, welche das Wort «jungliberal» unmittelbar unter ihren Titel setzt, nicht unwidersprochen bleiben dürfen.
Richtig ist, dass vor jedem Handeln die Probleme durchdacht werden müssen. Der Wille, politisch zu handeln, sollte aber niemals von der «Chance durchzukommen» beeinflusst werden. Massgebend ist nur der Vergleich zwischen dem, was ist, und dem, was man für wünschenswert hält. Das Resultat dieses Denkens ist «was geändert werden sollte», wie es in dem Leserbrief heisst. «Was geändert werden kann», ist nicht Produkt eines grundlegenden Denkens, wie es gefordert wird, und gehört in einen andern Bereich, in den Bereich des politisch Möglichen. Politisch möglich ist aber nicht nur, «was in der heutigen politischen Konstellation Chance hat durchzukommen», das lässt sich vorher schlechthin nicht beurteilen.
Wer nach der «Chance durchzukommen» politisiert, begeht eben den Fehler, der das politische Leben heute in der Schweiz weitgehend beherrscht: die Vorschusskapitulation vor der sogenannten Realität.
Der echte Politiker muss das, was er für wünschenswert hält, als Ganzes vertreten. Was möglich ist, was Chance hat durchzukommen, zeigt sich dann im politischen Kampf. Unser «verhocktes politisches System», wie es Rudolf Schilling nennt, krankt gerade an den von ihm verschriebenen Heilmitteln. Diese Heilmittel wurden wohl mit viel Erfahrung und einer gewissen alten Weisheit zusammengebraut, eignen sich aber nicht für eine jungliberale politische Apotheke. Wer zum vornherein nach dem fragt, was Chance hat, wird feststellen, dass recht wenig möglich ist. Beispiele mögen diese Behauptung illustrieren. Der Bund von 1291 hatte äusserst geringe Chancen, in der damaligen politischen Konstellation durchzukommen. Auch bei der Gründung des Roten Kreuzes wurden vor den konkreten Vorschlägen keine Forschungen nach den Chancen einer solchen Idee durchgeführt. Aus unserer Zeit fehlen leider markante Beispiele wohl gerade, weil sich das politische Denken am Trend und an der Chance orientiert. Die Schweiz gilt heute als «Land der verwirklichten Ideen»: Demokratie, Föderalismus, allgemeine Volksschule, Rotes Kreuz, Pestalozzidorf usw. Diese Aufzählung von verwirklichten Ideen möge als Aufforderung zu weiteren ähnlichen Schritten und nicht als Lorbeerkranzberechtigung aufgefasst werden.
Klein ist die Gefahr, dass wir aus mangelndem Realismus keine Ideen mehr verwirklichen können. Was uns droht, ist, dass wir vor lauter Realismus und Abwägen, was Chance hat, gar keine Ideen mehr haben.
Ideale Forderungen werden dadurch zu «platten Sprüchen», dass sie dauernd nur im Rahmen des sogenannt politisch Möglichen vertreten werden.
Was mich persönlich an der Politik interessiert, ist gerade das Spannungsfeld zwischen dem, was man will, und dem, was sich nachträglich als möglich erweist. Das Denken braucht man, um zu wissen, was man verändern will – was geändert werden kann, liegt ausserhalb dieses Bereiches. Um dieses Spannungsfeld zu ertragen und trotzdem noch etwas leisten zu können, braucht es wohl allerdings eines der von Rudolf Schilling verschriebenen Mittel: Geduld.
Hoffentlich nicht in einer Überdosis, die so leicht zu der heute typisch europäischen und helvetischen Resignation führt.