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Das Wortspiel war offenbar nur eine Draufgabe: Wenn 007-Schöpfer Ian Fleming den Agenten ihrer Majestät seine Martini-Variationen «geschüttelt, nicht gerührt» bestellen lässt, ging es ihm vermutlich weniger um die sprachliche Doppeldeutigkeit, die sich im englischen Original auch als «fassungslos, aber nicht aufgewühlt» lesen lässt, sondern vielmehr um eine exakte mixologische Handlungsanweisung, die den eigenen Vorlieben des Autors entsprach. «Unter allen Bagatellen, die ich erlebte, machte mich keine so rasend wie Ian Flemings Anweisungen, wie man seine Martinis zubereiten sollte», wird sein Freund Ernest Cuneo im Buch «Shaken» (Hölker-Verlag, € 20,50) zitiert. Und weiter: «Er achtete sowohl auf Wermut als auch auf den Gin und erklärte dem Kerl, der sie mixen wollte, jeden Schritt, als ob es sich um eine Doktorarbeit handelte.»
Es ist dokumentiert, dass auch Fleming seine Martinis oder Wodka-Martinis – er genoss zum Unterschied vom Bond-Film gern beides, genauso wie auch der Bond in den Büchern – geschüttelt bevorzugte. Das Schütteln macht die Zutaten kälter als das Rühren und verschiebt damit auch die Aromen. Zudem verleiht der dadurch höhere Wasseranteil – gute Qualität beim verwendeten Eis vorausgesetzt – dem Drink eine rundere Note und ein wenig gefühlte Leichtigkeit. So oder so sollte aber darauf geachtet werden, dass mit der Verwendung gekühlter Gläser nicht die ganze Kühlung nur durch Schütteln oder Rühren geschieht und damit ein verwässertes Geschmackserlebnis hinterlässt. Im Nachhinein gab zudem auch die Wissenschaft Ian Fleming recht: Es ist schon Tradition, dass sich Wissenschaftler in der humorigen Weihnachtsausgabe des «British Medical Journal» immer wieder mit Bonds «geschüttelt, nicht gerührt»-Sager befassen. Im Zuge dessen sind sie etwa zur Erkenntnis gelangt, dass Schütteln mehr Antioxidantien in den Drink bringt als Rühren (1999), oder dass Bond seine Drinks einfach deshalb schüttelt, weil er angesichts eines errechneten durchschnittlichen Tageskonsums von 130 Gramm reinem Alkohol, also rund dem Fünffachen der WHO-Grenze, «wohl unter alkoholinduziertem Tremor leidet» (2013).
Ein unmöglicher Drink
Mit der Pingeligkeit in Sachen Drinks ist Bond jedenfalls, zumindest in den originalen Romanen, ein genaues Abbild seines Schöpfers: «Einen trockenen Martini. In einem tiefen Champagnerkelch», orderte der Agent im ersten Roman «Casino Royale» aus dem Jahr 1953 und weist den Casino-Kellner an: «Drei Teile Gordon's, einen Wodka, einen halben Teil Kina Lillet. Sehr gut schütteln, bis er eiskalt ist, dann ein grosses dünnes Stück Zitronenzeste dazu. Haben Sie's?» Bis diese ikonische Szene auch filmisch verewigt wurde, sollte es bis zum Jahr 2006 und Daniel Craigs Rollendebüt als Bond dauern. Weiterhin nur den Lesern vorbehalten bleibt aber Bonds Eingeständnis, dass das eigentlich gar kein Martini mehr sei: «Dieser Drink ist meine eigene Erfindung. Ich werde ihn patentieren lassen, wenn mir ein guter Name einfällt.»
Das erledigte Bond später tatsächlich, indem er den Drink seiner Gespielin Vesper Lynd widmet – und bis heute bedkommt man als «Vesper» in Bars etwas, das Bonds Rezept zumindest nahekommt. Nahe nur deshalb, weil Fleming just in dieser Szene ein Fehler passiert ist – oder er absichtlich eine Schwindelei versteckt hat: Entsprechend den zusehends strengen Vorgaben zur Verwendung des pharmakologischen Wirkstoffs Chinin, aber auch dem Massengeschmack folgend, hatte Lilllet den Chinin-Anteil in seinem «Kina» schon seit den 1920er-Jahren reduziert, bis er schliesslich in den 30er Jahren zum – letzlich völlig chininfreien – Lillet «Blanc/Blonde» wurde. Bond hätte den gewünschten Cocktail im Jahr 1953 also nur bekommen können, wäre im Casino Royale irgendwo eine mindestens 30 Jahre alte Flasche Wermut übrig geblieben ...
Eine eindeutige Schwindelei sind zudem die Cocktails, die Bond in den meisten Filmen serviert werden. Sie schlimmern meist schön klar, perfekt und appetitlich in Szene gesetzt und beweisen damit: Sie sind alles Mögliche, nur keine geschüttelten Martini-Cocktails, da diese durch Luftbläschen und Eispartikel eine deutliche Trübung aufweisen müssten.
Wie Original ist original?
Während das offizielle IBA-Rezept für eine «Vesper» mit Lillet Blanc vorlieb nimmt, behelfen sich Bond-Aficionados für den Original-Geschmack mit ein paar Spritzern Angostura zum Lillet oder tauschen ihn gegen Cocchis luftigen «Vermouth Americano» aus der Gegend von Asti oder – vielleicht sogar noch besser – den etwas behäbigeren «Cap Corse Blanc Grande Réserve Quinquina» von L. N. Mattei. Wobei, was heisst schon Original-Geschmack? Auch der heutige Geschmack von Gordon's Gin hat wenig mit den Aromen zu tun, die Fleming selbst noch auf der Zunge hatte. Das wiederum passt aber eigentlich ganz gut zum Martini-Cocktail selbst. Der hat seine Identität im Lauf der Zeit schon öfter gewechselt als alle Bond-Schurken die ihre.
Das erste dokumentierte Martini-Cocktail-Rezept aus dem Jahr 1888 hat mit dem heute geläufigen Klassiker aus Gin und Wermut nur wenig zu tun: Damals kamen auch Absinth, Bitters und Zuckersirup mit Gummi Arabicum dazu. Darüber hinaus wurden Gins damals meist selbst noch gezuckert und bei Wermut ebenso die süsserden Varianten präferiert. Dass sich die nachdrückliche Bestellung eines trockenen Martinis nicht nur bei Bond, sondern in Bars rund um die Welt durchgesetzt hat, verwundert angesichts der süss-schweren Rezeptur nur wenig. Man muss ja nicht so weit gehen wie Winston Churchill, der seine Martinis laut eigenen Angaben gern so trocken hatte, dass es ihm reichte, wenn «die Ginflasche einmal neben einer Wermutflasche gestanden ist».
Der Wandel des Martini-Rezepts hat aber auch mit dem Wandel der Hauptzutatat zu tun, mag sie nun der traditionelle Gin oder – Bond-Style – ein Wodka auf Getreidebasis sein. Einstmals schlechte Qualität bei beiden Spirituosen macht die Verwendung von allerlei stark aromatischen Zutaten im Nachhinein nachvollziehbar, weil damit unangenehme Geschmacksnuancen übertüncht werden konnten. Auch, dass der Martini-Cocktail heute als Cocktail-Klassiker schlechthin gilt, hat damit zu tun: Der weltweite Siegeszug des Rezepts begann in den USA in den Jahren während und nach der Prohibition: Verfügbar waren, wenn überhaupt, ausschliesslich klare Destillate, und das oft in minderer Qualität. Deshalb war ein gepflegter Schuss Bitter (der auch zu Prohibitionszeiten legal erhältlich war) oder später Wermut das einfachste Mittel, um trotzdem zu einem halbwegs geniessbaren Drink zu kommen. Der Umkehrschluss: Je trockener Martinis an den Bars dieser Welt verlangt werden, desto grösser das Kompliment für den verwendeten Gin und Wodka. Und demnach auf jeden Fall ein Happy End für die Geschichte des Martini-Cocktails – egal, ob geschüttelt oder gerührt, ob mit Gin, Wodka oder beidem. Cheers!
007-Favoriten
Champagner
Der Roman-Bond bevorzugt Taittinger, der Film-007 schwört – bedingt durch die Freundschaft der Produzentenfamilie Broccoli mit dem Hause Bollinger – auf deren Produkte.
Whisky
Im Kino dominieren Talisker und Macallan, in den Romanen ist Bonds Patriotismus mit Suntory und Jack Daniel's weniger ausgeprägt.
Wein
Bond trinkt Mouton Rothschild und zeigt sich jahrgangsbewusst – in den Büchern der 1950er-Jahre etwa bestellt er am liebsten 1934er und 1947er.
Bier
Sein Lieblingsbier, das «Red Stripe Lager» aus Jamaica, hat Ian Fleming in «The Man with the Golden Gun» verewigt. Der Roman-Bond zeigt sich zudem lokal informiert: In Deutschland trinkt er Löwenbräu, in den USA Miller.
Kaffee & Tee
Schwarz, ohne Zucker und in der ikonischen Chemex-Filterkanne gebraut. Tee ist für 007 hingegen nur eine «Tasse voll Schlamm».
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