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Helmut Willke
Atopia
Studien zur atopischen Gesellschaft
Suhrkamp 2001
Willke Atopia 117
Im Verlauf des Ausbaus dieser Systemtheorie sah sich Luhmann zu grundlegenden Umstellungenin der begrifflichen und konzeptionellen Fundamente der Soziologie veranlasst:
von Struktur auf Prozess,
von Handlung auf Kommunikation,
von Individuum auf System,
von Sicherheit auf Kontingenz
von Simplizität auf Komplexität
von Sprache auf Kommunikationsmedium
von Linearität auf Rekursivität
von Gefahr auf Risiko,
von Reduktionismus auf Autopoiesis
von Einheit auf Differenz.
Luhmann hatte eine dreistellige Architektur des Kommunikationsbegriffs vorgeschlagen. Er versteht Kommunikation als "dreistelligen Selektionsprozess", der zustande kommt wenn eine Information vorliegt, die (medial vermittelte) Mitteilung dieser Information und das Verstehen der Mitteilung beim Kommunikationspartner gelingen und rekursiv zusammen spielen: "Dass Verstehen ein unerlässliches Moment des Zustandekommens von Kommunikation ist, hat für das Gesamverständnis von Kommunikation eine sehr weit tragende Bedeutung. Daraus folgt nämlich, dass Kommunikation nur als selbstreferentieller Prozess möglich ist. Begreift man Kommunikation als Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen,so ist die Kommunikation realisiert, wenn und soweit das verstehen zu Stande kommt."
Luhmann, Soziale Systeme, Seite 194
Die Bindung des Kommunikationsbegriffes an Verstehen bringt die Differenz von Wissen und Nichtwissen ins Spiel. Was Kommunikation vom Austausch semantisch nicht rekonstruierbarer Signale unterscheidet, ist das Prozessieren von Unterschieden, die einen Unterschied ausmachen, also die Nutzung relevanter Unterschiede, also die Beantwortung von Fragen, also ein Beitrag zur Lösung eines Problems.
Nimmt man mit Gregory Bateson an, dass Kommunikation damit beginnt, dass der Unterschied zwischen Spiel und Ernst - etwa im Verhalten von Tieren - sehr schnell verlässlich geklärt wird, dann drängt sich der Zusammenhang von Kontingenzerweiterung und Lernbedarf als Logik der Evolution im Allgemeinen und als Logik der Gesellschaftsgeschichte im besonderen auf.
Kommunikation erweitert die Möglichkeiten sozialer Kooperation über koordinierte Arbeitsteilung hinaus in Richtung auf den Aufbau und die Nutzung eines kollektiven Gedächtnisses.
Boe: Kultur, Sprache, Erfahrung, Wissen
Mit der Evolution von Sprache, der Ausbildung eigendynamischer Symbolsysteme und Medien der Kommunikation gelingt es der Evolution, ihre eigenen Begrenzungen zu überwinden und mit Zukunft eine Dimension zu entfalten,die nicht vom Zufall und Notwendigkeit beherrscht ist, sondern welche die zusätzliche Option der Möglichkeit bietet. Die Modalität der Möglichkeit eröffnet den Raum für Steuerung, sobald Kontingenzen am Maßstab von Kriterien gewichtet und auf Vorstellungen, also auf Projektionen als zukünftige gewünschte Realitäten, bezogen werden. Steuerung als bewusste Gestaltung möglicher Zukünfte erweitert auch den Raum des Lernens in die Zukunft.
Helmut Willke
Heterotopia
Studien zur Krisis der Ordnung moderner Gesellschaften
Suhrkamp 2003
Seite 7
Heterotopia bezeichnet eine Welt, die aus der Selbsthypnose einer nationalstaatlich organisierten Hyperordnung erwacht und sich nun in einer anderen Realität wieder findet. Dieser ist von den Zumutungen der hochgetriebenen Kontingenzen Atopias ebenso geprägt wie von den symbolischen Verwerfungen Dystopias, aber sie ist darüber hinaus eine Welt, deren Ordnung als Ordnung grundlegend erschüttert ist.
Seite 281
Heterogenität der Wissenskulturen in der operativen Dimension bedeutet, dass die Organisationen der ausdifferenzierten Funktionssysteme eigenständige Wissensziele geben und sich von der dominierenden Ausrichtung auf das Wissenschaftssystem lösen. Damit wird das Wissenschaftssystem nicht arbeitslos, aber es verliert seinen singulären Status als Produzent von konfirmiertem Wissen. Die elementare Differenz in der operativen Dimension ist diejenige zwischen öffentlichem und privatem Wissen, öffentlichen und privaten Wissenszielen. Das Wissenschaftssystem behält seine besondere Stellung als Produzent und Hüter des öffentlichen Wissens. Aber es muss sich nun mit einer Vielfalt an privaten Erkenntnisinteressen und Wissensstrategien auseinandersetzen, die umso deutlicher zu relevantem Wissen führen, je klarer das gemäß diesen Interessen und Strategien hergestellte private Wissen gesellschaftlicher Folgen zeitigt.
Evolution von Sprache
Systemtheorie
kognitive Linguistik
George Spencer Brown