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Die Luisenstrasse zu Baden-Baden, benannt nach Grossherzogin Luise von Baden, führt entlang des schmalen Flüsschens Oos bis in die Innenstadt von Baden-Baden. In den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gehörte sie zu meinem täglichen Schulweg von der Weststadt in das eigentliche Baden-Baden. «Mer gehe in d’Schdad» hiess das, in die Weltkurstadt, wie man sie aus Dostojewskis Roman Der Spieler kennt. Schon die Römer schätzten die aus 2000 Metern Tiefe kommenden heissen Quellen des Oos-Tals und errichteten dort etwa 70 n. Chr. den militärischen Stützpunkt Aquae mit einer ausgeprägten Badekultur. Hier badeten Trajan und Hadrian. Über den antiken Ruinen schuf das 19. Jahrhundert grossartige Bäder im Stil der Zeit. Unter anderem das Augusta-Bad, benannt nach Luises Mutter, Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach. Am nach ihr benannten Augustaplatz stiegen wir Gymnasiasten aus, um zum Markgraf-Ludwig-Gymnasium zu gelangen.
Wir «Weststädter» aber lebten in einer anderen Welt als die «in dr’Schdad». In den fünfziger Jahren trug sie noch einen halbdörflichen Charakter mit drei Bauernhöfen. Ich kannte damals weder die Grossherzogin Luise von Baden, durch die nach ihr benannte Strasse ich täglich radelte, noch den von ihr 1859 ins Leben gerufenen Badischen Frauenverein.
Die Geschichtsschreibung über das Rote Kreuz erwähnt heute das Grossherzogtum Baden, den Badischen Frauenverein und das grossherzogliche Ehepaar Friedrich I.von Baden und Luise von Preussen sowie deren Beitrag zur Gründung des Roten Kreuzes nicht mehr. Das Badische Rote Kreuz hält allerdings das Andenken an Luise hoch und verleiht als höchste Auszeichnung den «Verdienstorden Grossherzogin Luise von Baden». In zahlreichen Räumlichkeiten von Landes- und Kreisverbänden des Deutschen Roten Kreuzes hängt ihr Bild heute immer noch neben dem Henry Dunants.
Nun hat 2012 Kurt Bickel mit seinem Buch «Luise von Baden. Die vergessene Mutter des Roten Kreuzes» das grosse Verdienst errungen, das humane Werk der Grossherzogin Luise der Vergessenheit entrissen zu haben. Seine Lektüre ist eine wunderbare Nachhilfestunde, die einen eine andere, zu Unrecht vergessene Seite nicht nur meiner Heimatstadt, sondern auch Preussens und des Roten Kreuzes kennenlernen lässt.
Luises Badischer Frauenverein entpuppte sich mir einstigem Radler durch die Luisenstrasse beim Lesen von Bickels Buch als die älteste Rotkreuz-Schwesternschaft in Deutschland. 1862 schreibt Dunant «Eine Erinnerung an Solferino». 1864 wird das Rote Kreuz gegründet. Der bereits 1859 von Luise von Baden gegründete Badische Frauenverein kann also auch als die weltweit älteste Rotkreuzeinrichtung gelten.
Luise wird 1838 als preussische Prinzessin des Hauses Hohenzollern in Berlin geboren. Ihr Vater Wilhelm ist der heute noch bei geschichtskundigen Badenern verhasste «Kartätschenprinz», der 1848/49 die badische Revolution mit der Eroberung von Rastatt bei Baden-Baden blutig niederschlug. Er wird 1871 preussischer König und 1871 im eroberten Versailles als Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser des neugegründeten zweiten deutschen Reiches gekrönt.
Dem kaiserlichen «Kartätschenprinz» war «Alfred Krupp, der Waffenschmied des deutschen Reiches, der Kanonenkönig mit den Stahlgeschützen doppelter Reichweite, der Fürst aus dem neu aufstrebenden industriellen Adel und General einer Armee Tausender von Arbeitern, näher als ein Henry Dunant mit der ebenfalls neuen ‹Erfindung› der Menschlichkeit», berichtet Bickel. Wilhelm blieben die Rotkreuzideen seiner Tochter immer fremd.
Luises Mutter Augusta aber, die spätere deutsche Kaiserin, eine geborene Prinzessin von Sachsen-Weimar, war im Weimar der deutschen Klassik aufgewachsen und pflegte als Kind und junge Frau regen Kontakt mit Goethe. Luises Grossmutter war die russische Grossfürstin Maria Pawlowna, Grossherzogin von Sachsen-Weimar. Sie «hatte das, was man bei uns ‹russische Seele› nennt oder als ‹grosses Herz› bezeichnet, jedenfalls Charaktereigenschaften, die konträr zu preussischer Disziplin standen. […] Grossmutter, Mutter und Enkelin waren von hoher klassischer Bildung und geprägt vom antiken griechischen Ideal der Verbindung des Schönen mit dem Guten […]. Sie fühlten sich lebenslang der Idee der Wohltätigkeit, der Karitas, der praktizierten christlichen Nächstenliebe, der der Frau obliegenden Samariterarbeit verpflichtet.»
Schon Maria Pawlowna, Luises Vorbild, gründete 1814 den ersten deutschen Frauenverein zur Linderung von Kriegsnot: das Weimarische patriotische Fraueninstitut. 1817 erweitert sie es zum Patriotischen Institut der Frauenvereine im Grossherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, einem Vorläufer der späteren deutschen Rotkreuzgründungen. Luises Mutter Augusta wird zur Wegbereiterin der sozialen Wohlfahrtseinrichtungen, der Krankenpflege und der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. «Die Frauenvereine von Pawlowna und vor allem das herausragende soziale Engagement von Augusta haben die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts massgebend geprägt», urteilt Bickel und zitiert Henry Dunants Urteil: «Die Königin Augusta hatte durch ihre persönliche Tätigkeit eine mächtige Anregung gegeben […]. Sie war die erste internationale Samariterin Deutschlands.»
Als Luise10 Jahre alt ist, zieht man nach Koblenz, wo sie bis zum Alter von 18 Jahren lebt. Ihr Vater ist dort preussischer Generalgouverneur für die Rheinprovinz, Rheinland und Westfalen. Mutter Augusta steht zur militaristischen preussischen Politik in Opposition und versammelt in Koblenz «eine grosse Menge fortschrittlicher und klerikaler Geister um sich». Sie führt ihre Tochter Luise in das Aufgabengebiet der Armen- und Krankenpflege ein. Augusta ist Anhängerin der religiösen Friedensbewegung des 19. Jahrhunderts und steht dem liberalen Gedankengut der Aufklärung nahe. Sie lehnt die militärische Aufrüstung Preussens ab. Sie sieht darin zu Recht die Vorbereitungen für den Krieg 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich. Augusta will auch einen deutschen Nationalstaat, aber nur mit «moralischen Eroberungen». Sie verabscheut Bismarcks Politik von «Blut und Eisen», wofür dieser sie in aller Öffentlichkeit eine «alte Fregatte» schimpft.
Seit 1850 weilen Luise und Mutter Augusta alljährlich sommers in Baden-Baden. Hier verliebt sich die 18jährige 1855 in den späteren Grossherzog Friedrich von Baden. 1856 heiraten sie. Luise teilt sich mit ihrem liberal gesinnten Mann die Regierungsgeschäfte partnerschaftlich. Die Preussin Luise gewinnt durch ihr soziales und caritatives Engagement langsam die Anerkennung der badischen Bevölkerung. Für die 31jährige Luise wird nach 13 Jahren sozialen Engagements 1870 ein Geheimes Kabinett eingerichtet, das Teil des Regierungsapparates ist und mit dem sie einen Hilfsfonds verwaltet.
Das menschliche Lebenswerk von Luise ist die Gründung des Badischen Frauenvereins 1859. Von 1853 bis 1856 tobt einer der grauenvollsten Kriege, die Europa bis dahin erlebt hat: der Krimkrieg. «Zum ersten Mal zeigte sich der Krieg in seiner neuen, industriellen Gestalt» und Europa erlebt sein «erstes Verdun».1 Ganz Europa ist erschüttert von den Presseberichten über das Grauen. Die Sterblichkeit liegt bei über 40 %! Aber bewegt ist man über die englische Krankenschwester Florence Nightingale, die zusammen mit 38 Pflegerinnen in 4 grossen Lazaretten das Elend bekämpft.
Davon berührt, regen im Mai 1859 18 Freiburger und Karlsruher Bürger die Gründung eines Hilfsfonds an, und Luise stellt sich zur Verfügung. Im Juni schreibt sie eine Denkschrift zur Unterstützung von kriegsbedingt «in Not Gerathener» an die Landesregierung. Die bestehenden Karlsruher Frauenvereine werden mit allen anderen Frauenvereinen Badens im neu gegründeten Badischen Frauenverein zusammengefasst. Er erhält die patriotische Aufgabe zugewiesen, «im Kriegsfall in Not geratenen Menschen sowie verwundeten und erkrankten Militärpersonen helfen zu können». In seiner Satzung heisst es: «Der Verein dient der Unterstützung der infolge Kriegsbedrohung oder eines Krieges in Not Geratenen sowie der Vorsorge für verwundete und erkrankte Militärpersonen.» Hier ist im Kern die spätere Rotkreuz-Idee Dunants vorformuliert.
Zwei Wochen nach der Gründung des Badischen Frauenvereins, am 24. Juni 1859, wird Henry Dunant Zeuge der grauenhaften Schlacht von Solferino, und die Gründungsgeschichte des Roten Kreuzes nimmt ihren bekannten Lauf.
In Friedenszeiten übernimmt der Badische Frauenverein in der Folge umfassende soziale Aufgaben. 1870 sind 2,1 und 1909 sind 15,3 Prozent aller erwachsenen badischen Frauen in ihm organisiert.
1863 erhält Friedrich I. von Baden als einer der ersten Fürsten Europas Dunants Denkschrift Eine Erinnerung an Solferino. Im September 1863 trifft Dunant in Baden-Baden Luise und ihre Mutter, Königin Augusta. Höchstwahrscheinlich ging es dort um den erwähnten Kern des Vereinszwecks des Badischen Frauenvereins, der Henry Dunants «Fünferausschuss» für seine Planung des Roten Kreuzes vorlag. Augusta muss den preussischen Kriegsminister energisch bearbeitet haben, worauf dieser Dunants Idee der Neutralisierung der geplanten Rotkreuzhelfer im Krieg begeistert aufnahm.Wie ich werden vielleicht andere Deutsche auch betroffen sein ob der vergessenen Seiten der Geschichte ihrer eigenen «spezifisch deutschen Kultur». Es lohnt sich, dem Kanonengedonner der zeitgenössischen Geschichtsklitterungen zum Trotz, die anderen Seiten des eigenen Volkes und seiner Geschichte wieder zu entdecken und zu bewahren. Für die drängenden Fragen nach einer friedlicheren Zukunft für unsere Nachfahren liegt in der Geschichte unseres Volkes noch mancher ungehobene Schatz. •
1 Fesser, Gerd. Europas erstes Verdun. In: Die Zeit vom 7.8.2003
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