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Gestern Mittag war ich zum ersten Mal seit Langem wieder einmal in einer Beiz, genauer gesagt: in der “Metzgere” gleich gegenüber. Die Tische, die Stühle, die Bar: es ist alles da, als ob gleich jemand kommen und fragen würde, was es sein dürfe, aber damit kanns noch dauern.
Wie lange, ist unklar. Am Donnerstag stellten Bundesrätin Simonetta Sommaruga und ihre Kollegen Alain Berset und Guy Parmelin den Gastronomen und ihren Gästen in Aussicht, dass Restaurantbesuche vom 8. Juni an wieder möglich sein könnten. Drei Tage später teilte Parmelin der Bevölkerung via SonntagsZeitung mit, er schliesse nicht aus, dass die Lokale schon “in den nächsten Wochen” geöffnet werden.
Das braucht kein Widerspruch zu sein. Wenn man die Zeitachse zwischen zwei Aebi-Traktoren made in Burgdorf spannt und die beiden Gefährte mit Vollgas in entgegen-gesetzte Richtungen losknattern lässt, liegt der 8. Juni auf einmal genauso “in den nächsten Wochen” wie, sagen wir, der 19. August.
Als ich mit dem Cola Zero, das ich aus meinem Kühlschrank mitgebracht hatte, am blütenverstaubten “Metzgere”-Tisch sass und mich wehmütig der Rock’n’Grill-Partys erinnerte, die wir unter deren Lauben veranstaltet haben, fühlte ich mich wie am High Noon vor einem Westernsaloon: Die Schmiedengasse war menschenleer, kein Pferd wieherte auf dem Kronenplatz, kein Klaviergeklimper drang aus der Bar Antonio, kein Gehängter in spe flehte auf der Brüder Schnell-Terrasse um Gnade. In meinem Kopf spielte ein Fremder auf seiner Mundharmonika das Lied vom Tod, aber in dem Moment, in dem die Stromgitarre in das Intro fräste, rollte nicht ein Steppenläufer vorbei, sondern der 461-er Bus.
Genau das muss Samuel P. Hungtinton gemeint haben, als er 1996 “The clash of civilizations” proklamierte.
Den Rest des Sonntags verbrachte ich mit Romy Schneider (wer wissen will, was während ihrer “3 Tage in Quiberon” alles passierte: hier ist der Link zu diesem sehr sehenswerten Film) und…äh…Projekten. Den “Tatort” schaffte ich bis fast zur Hälfte, dann schlief ich trotz Hannelore Elsner auf dem Sofa ein.
Nun ist schon wieder Montag, oder immer noch. “Nobody’s gonna go to school today” bemerkten die Boomtown Rats im Zusammenhang mit diesem Wochentag schon 1979, wenn auch in einem anderen Kontext.
Damals gings um ein 16-jähriges Mädchen, das aus seinem Elternhaus in San Diego mit einem Gewehr auf die Schule vis-à-vis schoss. Sie tötete den Schulleiter und den Hausmeister. Ein Polizist und acht Schüler wurden verletzt. “I don’t like Mondays. This livens up the day”, sagte sie anschliessend zu einem Journalisten und bei der Polizei.
Was the day wohl heute upliven mag?
Bei mir daheim ist die Ellis Mano Band gerade dabei, den Boden für ein paar wenn auch nicht gerade unvergessliche, so doch bestimmt aushaltbare Stunden zu legen. Im Moment, in dem ich das schreibe, läuft (nein: dröhnt ziemlich hochtourig) in meinem Rücken “Here and now”, das Titelstück ihres gleichnamigen ersten Albums, das ich hiermit allen Bluesrock-Fans aufs Allerwärmste ans Herz lege.
Die Truppe hat ihre Wurzeln im Aargau und spielte einst (lies: Ende Februar) vor einem deutlich über fünfköpfigen und restlos begeisterten Publikum im Maison Pierre zu Burgdorf, und wer von dem Quartett trotz dieser beiden Topreferenzen nicht vollends überzeugt sein sollte, kann ja mal einen Blick auf seine Seite werfen oder chly auf youtube schnöiggen, und falls er oder sie dann immer noch findet, “jääää, aber de glych…”, ist ihm oder ihr nicht zu helfen.
Bald kräht irgendwo ein Hahn fünfmal. Dann beginnen für mich die strukturiertesten zwei Stunden des Tages, das heisst: “Veröffentlichen” klicken und ab unter die Dusche. Von einer dezenten Wolke aus Axe Ice Chill (Eigenwerbung: “Stell Dir mal vor, ein eiskalter Wintersturm würde mit einem gefrorenem Zitrus-Schneeball zusammen-stossen”) umwabert, bereite ich mir ein Birchermüesli zu, wobei ich mir für die Auswahl des Joghurts viel Zeit lasse. Heidelbeer oder Mango: beim Fällen solch wichtiger Entscheidungen heisst es, nichts zu überstürzen.
Dazu verputze ich, so langsam wie möglich kauend, das siebzehntletzte Osterei aus meinem Kühlschrank. Alles Weitere ist Routine: Begehung des Kleiderzimmers, Tenü auswählen, Krawatte binden, Turnschuhe polieren. Wenig später steigt hinter dem Schloss die Sonne in den kondensstreifenfreien Himmel.
Ich werde mir das andächtig anschauen und kurz danach die Stille geniessen, die sich von meinem Nachbarhaus aus wie schon am Freitag einer kuscheligen Decke gleich über das Quartier legen dürfte.