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Der letzte Vertreter des osmanischen Grossreichs war Rachid Osman. Er verbrachte seinen Lebensabend in einem kleinen Glarner Dorf. Seine Gattin Rosa Osman-Keller verdiente als Dorffriseuse Geld, um sich und ihren einst so reichen Mann durchzubringen.
Michael van Orsouw
Michael van Orsouw ist promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller. Er veröffentlicht regelmässig historische Bücher.
Wer sich in den 1950er- oder 1960er-Jahren im glarnerischen Filzbach und Obstalden die Haare schneiden liess, hatte es nicht mit einer gelernten Coiffeuse zu tun, sondern mit einer türkischen Prinzessin. Das klingt verrückt, ist aber wahr. Denn die Friseuse in den kleinen Dörfern auf dem Kerenzerberg war Rosa Osman-Keller. Für ihre bemerkenswerte Geschichte müssen wir etwas ausholen.
Rosa Keller kommt 1908 im zürcherischen Dielsdorf als Tochter eines Polizisten zur Welt. Im gleichen Jahr steigt ein 20-jähriger türkischer Prinz für ein paar Tage mit seinem Gefolge im noblen Hotel Baur au Lac in Zürich ab. Dass sich deren Wege dereinst kreuzen werden, scheint fast unmöglich und doch ist genau das passiert.Der türkische Prinz war Rachid Osman, der Sohn des mächtigen Fürsten Faik, dem Herrscher über riesige Ländereien in Albanien und Griechenland. Dieser Faik war zudem Minister im türkischen Sultanat und direkt dem Sultan unterstellt, mit dem er verwandt war. Faiks Sohn, Prinz Rachid, hatte zuerst weder mit der Schweiz noch mit dem Kerenzerberg etwas zu tun, sondern studierte an der Pariser Sorbonne Politische Wissenschaften.
Im Ersten Weltkrieg zog der Sultan den aufstrebenden Rachid, mittlerweile 26-jährig, für politische Missionen bei. Zuerst wirkte der junge Politologe im türkischen Aussenministerium als juristischer Berater – obwohl er gar kein Jurist war. Dann fungierte er als bevollmächtigter Minister im osmanischen Teil Griechenlands und trat damit in die Fussstapfen seines Vaters.
Auf Augenhöhe mit Europas Mächtigen
Prinz Rachid fungierte zudem als Delegierter des Osmanischen Reiches und verkehrte mit den Spitzenpolitikern Mitteleuropas. Er verhandelte ebenso mit dem deutschen General Paul von Hindenburg wie mit dem italienischen Diktator Benito Mussolini. Doch dann folgte im Oktober 1923 die türkische Revolution, mit der sich Kemal Atatürk an die Macht putschte. Der Sultan verlor seine Position und musste ins Exil – auch für Rachid Osman begann ein ganz neuer Lebensabschnitt. Mit Frau und Tochter zog er 1924 ins Exil nach Nizza, wo noch eine weitere Tochter zur Welt kam.
Die Familie suchte Unterstützung für den Haushalt und stellte 1927 eine junge Schweizerin ein: Rosa Keller. Hier verbinden sich die Lebensgeschichten des türkischen Prinzen und der mittlerweile 19-Jährigen Dielsdorferin. Bei der Ankunft wusste Rosa, dass sie als Kindermädchen arbeiten sollte, doch sie hatte keine Ahnung, um wen es sich bei der Gastfamilie handelte. Erst in der noblen Villa an der Avenue Georges Clemenceau in Nizza realisierte sie, dass sie für eine türkische Prinzenfamilie arbeiten sollte!Als Rachids Frau krank wurde, flehte sie Rosa Keller an, bei ihrem Ableben die Mutterrolle zu übernehmen. Die Prinzessin starb und Rosa heiratete Rachid Osman 1939. Aus der Dielsdorferin Rosa Keller war die türkische Prinzessin Rosa Osman geworden. Es sei eine «Vernunftehe» gewesen, meinte sie später. Trotzdem war diese Veränderung wie eine Geschichte aus Tausendundeine Nacht!
Als Gattin des osmanischen Prinzen verkehrte Rosa in Nizza mit Magistraten und gekrönten Häuptern, sie lernte zum Beispiel den schwedischen König Gustav VI. Adolf kennen, aber auch den letzten türkischen Kalifen Abdul Medijd II., den verwegenen Kurdenführer Mustafa Barzani oder den Maharadscha von Hyderabad.
Bei einem grossen Prozess um das Erbe des Sultans bekam Rachid einen Anteil von 100 Millionen Franken des riesigen Vermögens mit Ölfeldern, Ländereien und Minen zugesprochen. Doch als gestürzter Osmane im Exil erhielt er keinen Rappen. Das Ehepaar Osman-Keller lebte fortan in Armut – gemessen an Rachids Vorleben in Palästen mit Dutzenden von Hofangestellten war das ein tiefer Fall. Rosa organisierte den Umzug in eine günstigere Wohnung und behalf sich mit dem Bemalen sowie dem Verkauf von Emaille-Broschen, damit sie ein Auskommen hatten.
Ein Leben wie im Film
1951 zog die Familie Osman-Keller in die Schweiz. Rosa war auf ein Inserat gestossen, in dem ein Coiffeursalon in Filzbach am Kerenzerberg zu mieten war. In einem Schnellkurs lernte Rosa das Haareschneiden. Sie traute sich das durchaus zu, schliesslich hatte sie einst ein paar Kurse an der Kunstgewerbeschule besucht und gestalterisch ein gutes Auge. Fortan sorgte sie mit dem Frisiersalon für den bescheidenen Lebensunterhalt der Familie, die in einer einfachen Zwei-Zimmer-Wohnung lebte. Gleichzeitig bemühten sich Rachids Anwälte, an das Millionenerbe zu gelangen. Ohne Erfolg. Nur einmal erwirkten sie, dass die Familie als Entschädigung für die Enteignung von Wäldern und einer Bitumenmine 24'000 Franken erhielt. Damit konnten immerhin die Anwaltskosten bezahlt werden.1962 starb Rachid Osman in Filzbach und bekam eine Grabstätte in Obstalden, wo er noch heute begraben liegt. Rosa hatte nach dem Tod ihres Ehemannes kaum noch Kontakt zur kaiserlichen Familie, ausser zu ihren Stieftöchtern Meliké und Emiré, die sie hin und wieder besuchten. So frisierte Rosa weiterhin in Filzbach ihre Kundschaft, bis sie so sehr an Gicht litt, dass sie aufgeben musste.
Ihre letzten Jahre verbrachte sie im Altersheim von Mollis, wo sie 1994 im Alter von 84 Jahren starb. Der «Schweizer Illlustrierten» sagte sie 1979: «Manchmal habe ich das Gefühl, als sässe ich in einem Kino. Und das Leben, das an mir vorbeizieht, sei irgendeines, aber nicht mein Leben gewesen.» Doch es war echt. Und damit besser als jeder Film.
Von der populären Burgunderkönigin ist wenig bis nichts bekannt, eine Quellenlage zum Verzweifeln. Der optimale Nährboden für Legenden. Einmal mehr: je weiter vom Ereignis entfernt, desto mehr «weiss» man. Ein faszinierendes Phänomen.