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Filme — Wenn zur Seuche jetzt auch noch die Kälte kommt und niemand mehr vor die Tür will, stellt sich wieder die Frage, was man im Schutz der eigenen vier Wände machen kann. Warum sich da nicht Céline Sciammas Gesamtwerk anschauen? Die französische Regisseurin hat die wärmende Flamme schon im Titel ihres letztjährigen Bravourstücks «Portrait de la jeune fille en feu». In Cannes wurde sie dafür mit der Auszeichnung für das beste Drehbuch und als erste Frau mit der «Queer Palm» ausgezeichnet.
Der Film spielt im späten 18. Jahrhundert: Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) erhält den Auftrag, Héloïse (Adèle Haenel) zu malen, die bald zum Wohl der Familie an einen reichen Adeligen verheiratet werden soll. Die Künstlerin merkt bald, wie sehr sie berührt, was eigentlich nur Gegenstand sein sollte – die beiden Frauen verlieben sich. Diese doppelte Allegorie für Kunst und Liebe ist einfach, wird aber in all ihrem Potential ausgespielt – wer sieht? Wer blickt zurück? Und wie kann man schauen, ohne das Gegenüber zum Objekt zu degradieren? «Portrait de la jeune fille en feu» ist nicht nur in visueller, sondern auch in narrativer Hinsicht Sciammas rundester Film: Die Handlung von «Portrait» schliesst mit einer anrührenden Wendung, die es vermag, sich der plumpen Dichotomie von Happy End und Katastrophe zu entziehen. Ein solcher Abschluss ist eine Neuheit für Sciamma, die ihre Figuren in früheren Werken gezielt im Ungewissen
zurückliess.
Indes brauchen ihre früheren Filme den Vergleich nicht zu scheuen: Ihr Erstling «Naissance des pieuvres», eine schmerzhafte kleine Coming-of-Age-Geschichte, handelt von der 15-jährigen Marie (Pauline Acquart), ihren Freundschaften, der Unerbittlichkeit sozialer Initiationsriten auf der Schwelle zum Erwachsenenleben und vor allem von Maries Liebe zur Synchronschwimmerin Floriane (Haenel). Danach folgte «Pauline», ein berührend schlichter Kurzfilmbeitrag zu einer Kampagne gegen Homophobie. «Tomboy», Sciammas zweiter Spielfilm, erzählt die Geschichte des 10-jährigen Kindes Laure (Zoé Héran), das nach einem Umzug zeitweise den Namen Mikaël annimmt. Der Film wagt einen erzählerischen Balance-Akt und versucht, die Handlung ebenso als Auseinandersetzung eines Mädchens mit Geschlechterstereotypen wie als Geschichte über Trans-Identität lesbar zu halten. Der dritte Film, «Bande de filles», spielt in einem ausgebeuteten Pariser Vorort und handelt von Marieme und ihrer Suche nach Freiheiten in einer Welt, die nicht dazu gemacht scheint, ihr Erfüllung zu ermöglichen. Die intensivsten Szenen von «Bande de filles» sind jedoch die zwischen Marieme und ihren Freundinnen: So herzerfrischende, dabei komplexe Momente weiblicher Freundschaft und Solidarität bekommt man leider nur selten zu sehen.
Die Filme behandeln Stoffe, die in den Händen anderer Regisseur*innen zum betont trostlosen «Sozialdrama» geraten würden. Bei Sciamma werden daraus dichte, bis ins letzte Detail lebendige, sogar liebevolle Porträts, deren Wärme allerdings an jeder Stelle von sozialem Druck, von Konfliktpotential und Machtverhältnissen weiss. Sciammas Filme sind durchwegs so leicht, fein und offen, dass man zunächst kaum merkt, wie viel sie leisten. Sie sind so frei vom Ballast der – meistens bewusst oder unbewusst auf männliche, heterosexuelle Perspektiven verengten – Klischees, dass sie ex negativo zeigen, wie strikt und erdrückend solche Sehgewohnheiten werden können.
[man]