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Die Geschichte der aufmüpfigen Geschichtsbücher
Regierende sind daran interessiert, die Vergangenheit so darstellen zu können, dass sie ihre politische Macht legitimiert. Die offizielle Schweiz hat deshalb immer wieder harsch reagiert auf Publikationen der Gegengeschichte von unten und von links.
1760 liess die Obrigkeit in Altdorf UR ein Büchlein verbrennen, das die Geschichte von Wilhelm Tell als Legende entlarvt hatte.
1835 kam der Luzerner Historiker Joseph Eutych Kopp ins Feuer der rechtsbürgerlichen Kritik, weil er die Geschichte von Wilhelm Tell ins Reich der Legenden verwies.
1920 erschien die «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen». Autor war Robert Grimm, der damals führende Mann der Sozialdemokratischen Partei. Im Politischen Departement (heute EDA) war man wenig erfreut über dieses Buch. Es bezwecke, «durch geeignete, tendenziöse Interpretation der Vergangenheit des Schweizervolkes die Berechtigung und Notwendigkeit einer Revolution nachzuweisen».
1946 Als Geschichtsprofessor Edgar Bonjour die erste Version seiner «Geschichte der schweizerischen Neutralität» vorlegte, bemängelte das Politische Departement, dass die Darstellung nicht im 15. Jahrhundert mit Niklaus von Flüe beginne. Der 1947 heiliggesprochene Niklaus hatte jedoch mit der Neutralität überhaupt nichts zu tun.
1952 Im Nationalrat sorgte die von Heinz Egger publizierte Dissertation über die Entstehung der Kommunistischen Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes der Schweiz für grosse Aufregung. Rechtsbürgerliche Kreise verlangten Massnahmen gegen Buch und Autor.
1953 intervenierte das Politische Departement bei der US-Regierung in Washington, um einem Studenten der Uni Bern den Zugang zu den amerikanischen Archiven zu verbieten. Man wollte verhindern, dass der junge Forscher unangenehme Entdeckungen über den Bundesrat des Zweiten Weltkriegs macht.
1971 erschien ein kleines Büchlein mit dem Titel «Wilhelm Tell für die Schule». Verfasst vom weltbekannten Autor Max Frisch. Er erzählt die Sage aus dem Blickwinkel des habsburgischen Vogts. Die Reaktionen waren harsch: Frischs Tell werde «vielen unreifen Gemütern das Stichwort liefern, um auf geistreich scheinende, aber wenig fruchtbare Weise über die Schweiz zu witzeln».
1986 lancierte der freisinnige Bundesrat Georges-André Chevallaz eine gehässige Polemik gegen das Standardwerk «Geschichte der Schweiz und der Schweizer». Sein Vorwurf lautete, es handle sich um eine «linke» Geschichte. Andere kritisierten, Wilhelm Tell sei nur am Rande erwähnt.
1990er Jahre Damals erforschte die Bergier-Kommission die Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Die nationalistische Rechte ging mit schwerstem Geschütz gegen den Bergier-Bericht vor.
2015 Die SVP feiert das «Schlachtenjahr» (Marignano). Sogar dem bürgerlichen Historiker Thomas Maissen platzt darob der Kragen. Mit seinem Buch «Heldengeschichten – und was dahinter steckt» stellt er das Schweizbild historisch richtig.
(Erstpublikation: «work» vom 1. April 2015)