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Freiburg und die kosmische Strahlung
Autor: Hansruedi Völkle*
Er war Physikprofessor, und er widmete auch seine Freizeit seinen Forschungen: Albert Gockel richtete zu Beginn des letzten Jahrhunderts in seiner Villa im Gambach-Quartier ein Observatorium ein. Der Physiker führte meteorologische Beobachtungen durch, die er jedes Jahr im Bulletin der Freiburger Naturforschenden Gesellschaft veröffentlichte. Über seine Forschungstätigkeit publizierte er zahlreiche teils umfangreiche Arbeiten und korrespondierte mit andern Wissenschaftlern, so auch mit Albert Einstein, der damals am Eidgenössischen Patentamt in Bern arbeitete.
Albert Gockel war bekannt als exakter und selbstkritischer Forscher. Seine Arbeiten, über die er in seinen Publikationen mit grosser Genauigkeit berichtete, führten ihn auf zahlreichen Reisen – immer begleitet von seiner Frau und seinen Messgeräten – durch die ganze Schweiz und nach Italien, Spanien und Nord-Afrika. So war er nicht nur auf Schweizer Bergen und Gletschern, im Innern von Tunnels und in Gletscherspalten, sondern auch auf dem Mittelmeer, in der afrikanischen Wüste und in der Sahara unterwegs.
Friedrich Dessauer, von 1937 bis 1952 ebenfalls Physikprofessor in Freiburg, schreibt im Bulletin der Freiburger Naturforschenden Gesellschaft: «…Man muss nicht glauben, dass diese Beobachtungen damals Gockel viel Ehre verschafft hätten. Im Gegenteil! Soweit sich die Physik dafür interessierte, misstraute sie stark diesen Ergebnissen. Es sollte lange Jahre dauern, bis diese Skepsis, das Misstrauen und die Kritik einer endgültigen Bestätigung wich.»
Mit dem «Wulf’schen Strahlungsapparat» machte Gockel ab 1909 Ballonfahrten bis auf 4500 Meter zur Messung der Ionisation der Luft. Die erste Fahrt fand anlässlich der internationalen Ballonwoche im Dezember 1909 statt, bei dem der Schweizerische Aeroklub ihm zusammen mit Dr. Alfred de Quervain (1879–1927; Geophysiker und Meteorologe an der ETH Zürich und an der damaligen Meteorologischen Zentralanstalt) einen Ballon zur Verfügung stellte.
In der Physikalischen Zeitschrift von 1910 berichtet Gockel: «Das Resultat der Messungen ist demnach, dass in der freien Atmosphäre zwar eine Verminderung der durchdringenden Strahlung eintritt, aber lange nicht in dem Masse, wie man es erwarten könnte, wenn die Strahlung in der Hauptsache vom Boden ausgeht.» Er kommt im Bulletin der Freiburger Naturforschenden Gesellschaft von 1911 zum Schluss: «Es muss diese Strahlung daher zum Teil entweder aus der Atmosphäre oder von einem Gestirn ausserhalb der Erde kommen.» Den Nobelpreis für die Entdeckung der «kosmischen» (diese Bezeichnung wurde erst 1924 von Millikan geprägt) Strahlung erhielt dann aber 1936 der Österreicher V. F. Hess, der mit Gockel korrespondierte und dessen Beobachtungen weitergeführt hatte.
Zum Menschen Gockel schreibt Dessauer: «Vielleicht erinnert sich mancher unter uns an den grossen, stillen, bescheidenen und gütigen Mann, der 31 Jahre lang durch die Strassen von Fribourg hier ins Institut wandelte und in dessen Herz ein Anliegen, eine Sorge lebendig war, die den Alltagsmenschen natürlich seltsam, ja vielleicht ein wenig komisch erscheinen musste: die Sorge, über die elektrischen Verhältnisse der Atmosphäre Wahrheit zu schaffen. Ja, so ist es eben, ein Forscher, der auf irgendeinem Pfad ins Unbekannte schreitet, wird von seinem Bemühen ganz erfüllt. Und die Alltagsereignisse, ja sogar die Weltereignisse, von denen die Menschen ringsum erfasst sind, dringen nicht so tief in ihn ein. Gockel wurde während seines Lebens wohl nur von einer kleinen Schar Zeitgenossen ganz verstanden. Die meisten konnten ja nicht ahnen, was in diesem Geiste vorging. Es ist oft so, dass man die Grösse eines Menschen erst kennt, wenn er einige Jahrzehnte von uns geschieden ist. Und dann mag es sein, wie in diesem Fall, dass der bescheidene Pfad, den er einsam, unverstanden, belächelt, aber in gläubigem, demütigem, beharrendem Geiste durch Enttäuschungen und Verkennung gehen musste – sich schliesslich vor aller Augen als eine königliche Strasse erweist, die in die Unermesslichkeit der Schöpfung führt.»
*) Hansruedi Völkle ist Titular-Professor an der Universität Freiburg. Er unterrichtet Kernphysik und ist für den Lehrgang in Umweltwissenschaften verantwortlich.
«Luftelektrische Messungen bei einer Ballonfahrt»: Dies war 1901 der Titel eines Berichts von Alfred Gockel im Bulletin der Naturforschenden Gesellschaft.Bilder Aldo Ellena
Das Bulletin der Naturforschenden Gesellschaft.
Man muss nicht glauben, dass diese Beobachtungen damals Gockel viel Ehre verschafft hätten.
Friedrich Dessauer
Autor: Physikprofessor
Zur Person
Der Physiker, der Gewitter untersuchte
Albert Gockel, geboren am 27. November 1860 im deutschen Stockach, starb am 4. Mai 1927 in Freiburg. Sein Studium führte ihn nach Heidelberg, wo er 1885 doktorierte. 1896 kam er als Assistent an das Physikinstitut der Freiburger Universität, wo er 1901 habilitierte und 1903 Professor wurde. Zweimal war er Dekan und von 1921 bis 1922 Rektor der Universität. Er erforschte das elektrische Erdfeld, luftelektrische Erscheinungen (Gewitter), aber auch die Radioaktivität von Boden und Quellen. hv
Albert Gockel.Bild zvg
Es muss diese Strahlung daher zum Teil entweder aus der Atmosphäre oder von einem Gestirn ausserhalb der Erde kommen.
Albert Gockel
Autor: Physikprofessor