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Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer. Viel weniger. Ein Teil dieser Lohndifferenz sei – so wird gesagt – durch harte Fakten erklärbar. Dieser ‚erklärbare’ Teil kommt dadurch Zustande, dass Frauen (vor allem Ältere) im Durchschnitt schlechter gebildet sind, dass sie weniger verantwortungsvolle Positionen innehaben und/oder, dass sie längere Erwerbsunterbrüche hatten. Ein Teil der Unterschiede ist durch solche (harten) Faktoren nicht erklärbar und wird deshalb ‚Diskriminierung’ der Frauen durch die Arbeitgeber genannt. Alle Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden, sollen nun gezwungen werden, Lohnstatistiken zu erstellen, aus denen sich das Ausmass der derartigen Diskriminierung von Frauen eruieren lassen soll.
Die gängige Unterscheidung in erklärbare/nicht-erklärbare Bestandteile der Lohnunterschiede ist aber problematisch. Sowohl der ‚erklärbare’ Teil der Lohndifferenz wie auch ein relevanter Teil der ‚nicht-erklärbaren’ Lohndifferenz haben dieselben Ursachen. Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Strukturen (vor allem kulturelle Leitbilder aber eben auch staatliche Politiken), die Frauen und Männern im Erwerbsleben und in der Betreuungs- und Hausarbeit unterschiedliche Rollen zuweisen.
Unternehmerisch macht es Sinn, Arbeitnehmende nicht nur für die derzeit geleistete Arbeit zu entschädigen, sondern bei der Bemessung des Lohns auch zu berücksichtigen, was sie der Unternehmung zukünftig an Gewinn einbringen werden. Der Investitionsaspekt des Lohns bemisst sich aufgrund der Erwartungen zum Entwicklungspotential der Arbeitnehmenden. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch zukünftig voll im Dienst des Betriebs stehen werden, spielt eine Rolle. Aufgrund starker geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen, die in der Schweiz (nicht zuletzt auch durch staatliche Politik) gepflegt werden, ist es daher nachvollziehbar, wenn Unternehmen eher in Männer investieren als in Frauen.[1] Damit lässt sich auch erklären, warum die Lohnunterschiede und die ‚unerklärten’ Lohndifferenzen in den obersten Führungsetagen am höchsten sind.
Natürlich gibt es auch andere, nicht durch diesen Investitionsaspekt erklärte, Ursachen der Lohndiskriminierung. Indem aber Lohndifferenzen aufgrund von früheren care-bedingten Erwerbsunterbrüchen als legitim angesehen werden und Lohndifferenzen aufgrund erwarteter allfälliger zukünftiger care-bedingten Erwerbsunterbrüchen als ungerechtfertigte Diskriminierung gelten, werden die zutiefst strukturell-gesellschaftlichen Ursachen der Lohnunterschiede übersehen.
Die Übernahme von unbezahlter Carearbeit durch Frauen oder die an (potentielle) Carearbeit angepassten Ausbildungs- und Erwerbsstrategien der Frauen gelten dann nämlich als individuelle Entscheide, deren Konsequenzen (ein tieferer Lohn, weniger Aufstiegsmöglichkeiten) daher ganz klar auch von diesen Frauen zu tragen sind. Auch die Entscheide der Unternehmen stärker in männliche Karrieren zu investieren, werden als individuelle Entscheide dargestellt, allerdings als ungerechtfertigte und diskriminierende. Das Problem der heutigen Geschlechterdiskriminierung ist aber genau dieser Mythos des freien Entscheides. Dabei handeln sowohl Frauen wie auch Unternehmen nach gesellschaftlich verinnerlichten Geschlechternormen, die auch wenn sie in unserem Rechts- und Staatswesen nicht mehr so stark formalisiert sind wie noch bis weit in die Mitte der 90er Jahre, doch immer noch eine sehr starke Wirkung haben. Und selbst viele Frauen und UnternehmerInnen, die diese Geschlechternormen heute nicht mehr akzeptieren, antizipieren sie dennoch als zentrale Restriktionen. Es bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als ihre Entscheide und Strategien daran anzupassen.
Daher finde ich es keine gute Idee, Unternehmen zu Lohndiskriminierungsanalysen zu zwingen. Es ist zwar gut gemeint, trägt aber indirekt zum zentralen Problem der heutigen Geschlechterdiskriminierung bei: die Verkennung der gesellschaftlichen Ursachen und damit verbunden, die fast gänzlich fehlende öffentliche Debatte und politische Mobilisierung dieser Problematik. Nach wie vor wird der Mythos gepflegt, Frauen hätten heute alle Möglichkeiten, wenn sie diese denn nur greifen würden. Sie würden sich im Erwerbsleben halt zu wenig eingeben, zu wenig anstrengen und seien überhaupt zu wenig auf eine Karriere fokussiert. Gleichzeitig wird der Mythos gepflegt, Frauen und Männer könnten sich heute frei entscheiden, ob sie eher auf die Erwerbsarbeit setzen, sich lieber um den Haushalt und die Kinder kümmern oder irgendeinen Zwischenweg suchen. Beides ist eine riesengrosse Illusion.
[1] Zugegeben, es gibt ein (derzeit noch) kleines Risiko, dass ein gut ausgebildeter junger Vater sechs Monate unbezahlt Urlaub nehmen will, um sein Neugeborenes zu betreuen. Aber als Firma, kann man immer noch pokern und den Urlaub nicht bewilligen. Die Chance dürfte recht gross sein, dass der Mann seine Pläne aufgibt, um sich seine Karriere nicht zu verbauen.