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Das Verkehrsverhalten der Schweizer Bevölkerung wird alle fünf Jahre durch das Bundesamt für Statistik erhoben. Dazu werden jeweils rund 60000 zufällig ausgewählte Personen telefonisch zu ihrem Verkehrsverhalten befragt. Die letzte Erhebung datiert aus dem Jahr 2015. Unter den vielen interessanten Werten möchte ich an dieser Stelle nur ein paar wenige erwähnen. 78 Prozent der Haushalte verfügen über ein Auto und 82 Prozent der volljährigen Einwohnerinnen und Einwohner besitzen einen Führerschein. Das Auto ist das bevorzugte Reisemittel. Die durchschnittliche tägliche Reisestrecke pro Person (37 Kilometer) legen wir zu 65 Prozent mit dem Auto zurück. Die Personenwagen sind im Durchschnitt mit 1,6 Personen besetzt. Der Wert sinkt auf 1,1 Personen, wenn es sich um Pendlerverkehr handelt. Nur während 3 Prozent des Tages wird das Auto genutzt. Die restliche Zeit steht es in der Garage oder auf einem Parkplatz.
Als Autofahrer stören wir uns an den hohen Parkgebühren und am hohen Verkehrsaufkommen. Ein Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr ist für viele nicht attraktiv. Jedes Jahr werden im Kanton Zug mehr Autos immatrikuliert. Es wird immer enger auf der bestehenden Verkehrsfläche. Fussgänger, traditionelle Fahrräder, E-Bikes, Motorräder und Busse fordern Raum und freie Verkehrswege. Doch dies sind bei Weitem nicht alle Aspekte, die Verkehrsplaner bei ihren Überlegungen zur Entwicklung des Verkehrs zu berücksichtigen haben.
Weltweit finden Versuche mit selbstfahrenden Fahrzeugen statt. In der Autoindustrie fehlt es nicht an Finanzmitteln, die Entwicklung der Technologie voranzutreiben. Es zweifelt niemand daran, dass sich die automatisierten Fahrzeuge durchsetzen werden, nur über den Zeitpunkt herrscht keine Einigkeit. Wenig bekannt hingegen ist, wie sich automatisierte Fahrzeuge auf das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung auswirken werden und wie stark der Staat steuernd eingreifen muss. Wird es möglich sein, dass automatisierte Fahrzeuge dazu beitragen, die bestehenden Verkehrs- und Parkflächen besser zu nutzen?
Wenn wir beim Bauen eine bessere Nutzung des Bodens anstreben, sprechen wir von Verdichten. Die staatliche Regulierung in Form von kantonalen Zonenplänen und gemeindlichen Bauordnungen ist weitgehend anerkannt. Wie verhält es sich beim Verkehr? Werden in Zukunft weniger Haushalte über einen eigenen Wagen verfügen, weil der öffentliche Verkehr und die zur Verfügung stehenden selbstfahrenden Fahrzeuge ein eigenes Auto überflüssig machen? Oder ist das Gegenteil der Fall? Wenn die Behörden Leerfahrten zulassen und das Fahren in voll automatisierten Privatfahrzeugen auf Kinder, Behinderte und Betagte ausdehnen, könnten wir einen nie erlebten Zuwachs an Autos erleben. In der lesenswerten Studie «Einsatz automatisierter Fahrzeuge im Alltag – Denkbare Anwendungen und Effekte in der Schweiz» wird diesen und weiteren Fragen nachgegangen. Erstellt wurde sie durch die EBP Schweiz AG in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Städteverband und zahlreichen Partnern.
Auch wenn die Schweiz stark auf ihre Unabhängigkeit pocht, wird sie beim voll automatisierten Individualverkehr kaum Lösungen anstreben, die mit dem Ausland nicht kompatibel sind. Es ist sogar denkbar, dass sie Entwicklungen aus dem europäischen Ausland übernimmt. Anders verhält es sich mit der Entwicklung im öffentlichen Verkehr. Hier nimmt die Schweiz bereits heute eine Pionierrolle ein. In mehreren Kantonen werden selbstfahrende Fahrzeuge getestet. Auch in Zug läuft ein Pilotversuch der SBB, Mobility Carsharing und den Zugerland Verkehrsbetrieben. Das enge Zusammenspiel zwischen der öffentlichen Hand (Erteilen von Bewilligungen), Transportunternehmen und Industrie könnte durchaus dazu führen, dass die Schweiz ihre Vorreiterrolle ausbaut und die internationale Entwicklung massgebend beeinflusst. Eine faszinierende Vision – es lohnt sich, sie weiterzuverfolgen.
Silvia Thalmann-Gut, Kantonsrätin CVP, Oberwil
(Zuger Zeitung, Samstag, 21. Juli 2018)
Hinweis
In der Kolumne «Zuger Ansichten» äussern sich Kantonsräte und Kantonsrätinnen zu von ihnen frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.