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Bei der Erwähnung des Pilzes mit botanischem Namen Hemileia Vastatrix zucken die Schultern zusammen. Roya, Kaffeerost, coffee leaf rust gehört zu den schlimmsten und meist gefürchteten Pilzkrankheiten auf einer Kaffeefarm, dessen Ausbruch verheerende Folgen mit sich zieht. Er ist jährlich für Schäden in Millionenhöhe verantwortlich, ja er kann gar ganze Ernten zerstören. Das fatale daran: Kaffeerost kann über den Wind und durch den Menschen verbreitet werden. Doch der Reihe nach.
Der Kaffeerost, oder auf spanisch la roya oder englisch coffee leaf rust, wird durch den Pilz Hemileia Vastatrix hervorgerufen und ist durch orange Pusteln auf der Unterseite der Blätter einer Kaffeepflanze zu erkennen. Hat ein Blatt nur ein paar der runden, rostfarbenen Flecken, so kann es mehr oder weniger normal weiter funktionieren. Wenn die Umgebung die Entwicklung von Hemileia Vastatrix jedoch fördert, wird es für die Blätter schwierig, der Pflanze die benötigten Nährstoffe zu liefern. Schwer befallene Blätter sterben in der Folge ab.
Der Pilz greift zwar nur die Kaffeeblätter an, aber er beschädigt die ganzen Pflanzen. Aufgrund der fehlenden Blätter ist es der Kaffeepflanze nur noch beschränkt möglich, die Photosynthese durchzuführen, was bedeutet, dass sie im Jahr des Befalles auf Grund fehlender Nährstoffe bis zu 50% weniger Blüten und dementsprechend weniger Kaffeekirschen erzeugen kann.
Man unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Verlust
Der primäre Verlust (primary loss) bezieht sich auf den Ernteverlust, der im Jahr vom ersten Befall entsteht. Der entlaubte Kaffeestrauch kann der Pflanze nicht mehr genügend Nährstoffe liefern, die Äste sowie die Kirschen können sich nicht richtig entwickeln.
Im Folgejahr spricht man von secondary loss, welcher noch viel dramatischer ausfallen kann. Nach einem Ausbruch im Jahr des ersten Befalls sieht es zwar so aus, als würden sich die Kaffeepflanzen erholen können - denn in der nächsten Saison kann sie wieder Blätter erzeugen. Aber beschädigte oder vertrocknete, und somit abgestorbene Äste können keine Kirschen mehr produzieren. Studien in Zentralamerika haben gezeigt, dass der primäre Verlust bis zu 26% betragen kann. Beim sekundären Verlust spricht man gar von Ernteeinbussen von bis zu 36%.
Kaffeerost unterbricht also die empfindliche Balance der Nährsoffversorgung
Hemileia Vastatrix lässt ganze Kaffee-Landstriche wie aneinandergereihte Skelette erscheinen und zerstört die Einnahmequellen von Millionen von KaffeearbeiterInnen. Als wäre das tragische Ausmass eines Kaffeerost-Ausbruch nicht genug, verbreitet sich der Pilz auch noch mit Leichtigkeit in der ganzen Welt.
In der Erntesaison 2012/13 und 2013/14, dem bis dato schlimmsten Ausbruch, welcher auch als “The Big Rust” bekannt ist, stieg der weltweite Verlust auf 600 Millionen Dollar an. Oder anders ausgedrückt: über 300’000 Personen verloren auf Grund von zu geringer Ernte ihre Arbeit.
Die Grundvoraussetzungen für Roya lassen sich an einem Dreieck erklären. Damit die optimalen Voraussetzungen für die Entwicklung des Pilzes geschaffen sind, benötigt es drei Elemente:
Ist der Kaffeerost in einer Region präsent, so geht es unvorstellbar schnell. Die häufigste Verbreitungsart ist der Wind, der die Sporen über viele Kilometer tragen kann. Doch wird er auch durch Vögel und Insekten sowie mit Reisenden in Schiffen, Zügen und sogar Flugzeugen verbreitet. Zu Beginn der Verbreitung von Hemileia Vastatrix wurden die Sporen von den Arbeitern auf dem Körper und den Kleidern mitgetragen und so von Kaffeeland zu Kaffeeland verbreitet.
Auf einem einzigen Zentimeter von einem infizierten Blatt kann man bis zu 120000 - 150000 Sporen finden - eine schier unvorstellbare Zahl.
Ein verstärkender Faktor für die Ausbreitung des Kaffeerost ist zudem die sehr tiefe genetische Vielfalt bei Coffea Arabica. So gehen die meisten Arabica-Varietäten auf die Gene von Tipica oder Bourbon zurück, was zugleich bedeutet, dass sie allesamt auf die gleichen Krankheiten und Pilze anfällig sind.
Hemileia Vastatrix hat die Fähigkeit, sich stets wieder neuen Umgebungen anzupassen, vergleichbar mit Grippe-Viren beim Menschen, und immer wieder zu mutieren. Viele der Varietäten, die bis vor 10 Jahren noch resistent waren, sind heute anfällig für den existenzbedrohenden Pilz. Höhere Temperaturen, vermehrte Niederschläge, extreme Winde, erhöhte Mobilität der Menschheit sind einige der Faktoren, die dazu geführt haben.
Die Kaffeewelt schaute mit panischen Blicken nach Asien, als in den 1950er Jahren jede Ecke des Indischen Ozeanbeckens von Kaffeerost betroffen war. Seinen vernichtenden Eroberungszug setzte Hemileia Vastatrix nach Westafrika fort und landete schliesslich in den 1970er Jahren in den ganze Landstriche überziehenden Kaffeefarmen Lateinamerikas. Bis zum Jahr 1990 hatte er sich auf jede der grösseren Kaffeeregionen ausgebreitet. Es schien jedoch, als hätte man den Kaffeerost mit adäquater Pflege und resistenten Varietäten, die viele Farmer anfingen zu pflanzen, soweit unter Kontrolle - Kaffeerost war sozusagen eine kontrollierbare Unannehmlichkeit.
Hemileia Vastatrix war schon vor 1870 präsent in den Urwäldern Äthiopiens, also der Ort, der für viele als Wiege der Kaffeepflanze gilt. Damals existierten hunderte von Coffea-Spezien und Varietäten und ebenso viele Krankheiten und Pilze. Doch im Einklang der Natur und der damaligen Handhabung und Struktur von Kaffeeproduktion hatte ein Befall einer Varietät mit dem zerstörerischem Pilz oder einer anderen Krankheit keine signifikante Auswirkung auf das Ökosystem und verhinderte einen potenziellen Ausbruch.
Eine hohe Biodiversität kann Kaffeerost stoppen. In Monokulturen aber verbreitet er sich rasend schnell.
Vom tropisch heissen und feuchten Wetter Äthiopiens wurde der Kaffee mit den Osmanen nach Jemen gebracht und dort erstmals im grossen Stil angebaut. Ob sie Kaffeepflanzen und somit auch den Kaffeerost oder ob sie nur Samen mitgenommen haben, darüber ist man nicht genauer im Bilde. Es ist sehr gut möglich, dass der Kaffeerost nie nach Yemen gekommen ist, da Hemileia Vastatrix an den Kaffeeblättern klebt und nicht über die Samen verbreitet wird. Auf jeden Fall war das Wetter in Yemen heiss und trocken und somit keine gute Grundlage für die Entwicklung von Kaffeerost und anderen Krankheiten, die in diesem Klima nicht überleben können. Das Klima in Yemen war quasi ein natürlicher Verhinderer von einem Kaffeerost-Ausbruch und so blieb der verheerende Pilz weiterhin unentdeckt.
Von Yemen aus wurde Coffea Arabica durch die Kolonialmächte Frankreich, Grossbritannien und Holland in die Welt verbreitet. So wurde dem schlummernden Monster durch günstige Wetterlagen neuen Nährboden gegeben. Die Holländer brachten den Kaffee von Jemen nach Indien und von dort um 1800 nach Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Bald darauf wurden die Holländer von den Briten vertrieben, die umgehend weitläufige Kaffeefelder anpflanzten, um damit viel Geld zu verdienen.
Erstmals schriftlich festgehalten wurde der Kaffeerost im Jahr 1861 in Sri Lanka (ehemals Ceylon), wo er durch warme Temperaturen und ausgedehnte Regenfällen bestens keimen konnte und den kompletten Kaffeeanbau zerstört hat - Ende 1880 hatten die meisten Bauern vom Anbau von Kaffee auf Tee gewechselt (dies übrigens auch die Erklärung, wieso Sri Lanka heute eine grosse Teenation ist).
Die grossflächigen Kaffeefarmen wurden allesamt vom Kaffeerost angegriffen. Zu Milliarden stiegen die Sporen des Pilzes in die Luft und wurden durch die Luftströmung, durch die Menschen und durch Schiffstransporte, durch Vögel und Insekten und vor allem durch den Wind in grosse Teile der Welt verteilt. In den 1950er Jahren war der Kaffeerost im ganzen Indischen Ozeanbecken angekommen - ausser in Yemen. Der Kaffeerost steuerte zum (vorübergehenden) Untergang der Kaffeeproduktion Asien und dem Pazifik bei. Hatte diese Regionen anfangs 19. Jahrhundert noch ⅓ der Gesamtproduktion ausgemacht, so waren es 100 Jahre später gerade mal noch 5%.
Mitte 1950er bis Mitte 1980er brach die Epidemie in Westafrika aus und wurde 1970 erstmals auf einer Farm in Bahia Brasil entdeckt. Von dort aus wanderte sie weiter und kam in den 1970er Jahren in Zentralamerika an. 1976 in Nicaragua entdeckt, war Hemileia Vastatrix bis zu den 90er Jahren in fast jeder noch so kleinen Ecke in Zentralamerika angekommen.
Die Geschichte des Kaffeerosts wird historisch in drei Phasen eingeteilt.
Die erste Phase, die Kolonialphase, dauerte von 1869 bis ca. 1945 und beinhaltete den ersten grossen Kaffeerost-Ausbruch in der östlichen Hemisphäre. In dieser Phase wurde die Verbreitung des Pilzes Hemileia Vastatrix durch die Mobilität der Kolonialmächte und deren Austausch von Sklaven für die Erntearbeit vorangetrieben.
Die zweite Phase, die developmentalist phase, beschreibt die Zeit von ca 1950-1990, geprägt durch den zweiten Weltkrieg sowie den Kalten Krieg. Der globale Kaffeehandel wurde zu dieser Zeit stark vom International Coffee Agreement (IAC) aus geregelt. Um die Preise relativ hoch und stabil halten zu können, setzte das IAC für jedes Land Exportregulierungen fest. Die Staaten übernahmen eine grössere Rolle in der Vermarktung des nationalen Kaffees, als sie dies noch in der Kolonialphase taten. So unterstützen sie beispielsweise die Farmer mit technischen und finanziellen Mitteln und setzen sich durch verschiedene Entwicklungsprojekte für die soziale und politische Stabilität ein.
Global distribution of the coffee rust, 1952. This map also reflects the global distribution of Arabica and Robusta coffee at the time. Most countries east of the line produced Robusta, while those west of the line produced Arabica. Coffee Areas of the World in Relation to Rust Disease. 1952. Foreign Agriculture 16:160.
Published in: Stuart McCook; John Vandermeer; Phytopathology® 2015, 105, 1164-1173.
Copyright © 2015 The American Phytopathological Society • DOI: 10.1094/PHYTO-04-15-0085-RVW
Die dritte Phase, auch die neoliberale Phase, bezeichnet die Zeitspanne vom Ende der 1980er bis heute. Eine wahnisinnig zerstörerische Serie mit Beginn in Kolumbien ist unter dem Namen The Big Rust bekannt, welche ihren negativen Höhepunkt in den Erntesaisons 2012/13 und 2013/14 in Zentralamerika erreichte.
Im 2008 produzierte Kolumbien 31% weniger Kaffee als im Vorjahr. Die Epidemie breitete sich weiter nordwärts aus, durch Zentralamerika bis nach Mexico, um dann wieder südwärts zu ziehen, um schliesslich in 2013/2014 in Peru und Ecuador anzugelangen. Die International Coffee Organisation schätzt, dass die Kaffeeproduktion in Zentralamerika in den Erntejahren 2012/13 und 2013/14 mehr als 616 Millionen Dollar gekostet hat.
Im Gegensatz zu den vorhergehenden Ausbrüchen in den vergangenen Jahrzehnten wurde der Big Rust nicht durch einen Träger ausgelöst, der in ein Gebiet getragen wurde, in welchem es vorher noch keinen Kaffeerost gab. Er war vielmehr angetrieben durch extreme Wetterverhältnisse, welche die Entwicklung des Pilzes begünstigt hatten.
The “Big Rust” in Latin America since 2008.
Published in: Stuart McCook; John Vandermeer; Phytopathology® 2015, 105, 1164-1173.
Copyright © 2015 The American Phytopathological Society • DOI: 10.1094/PHYTO-04-15-0085-RVW
Hemileia Vastatrix passt sich stets den neuen Gegebenheiten an
Das Ecosystem sowie die Wirtschaft sind in stetigem Wandel, und natürlich auch der Kaffeerost, der wie Grippe-Viren laufend mutiert. Das heisst, das Zusammenleben mit Hemileia Vastatrix ist immer eine Momentaufnahme und kann sich jederzeit ändern. Beispielsweise wird es heutzutage viel heisser in den oberen Regionen als dies noch vor ein paar wenigen Jahren der Fall war. Hatten unsere Partner von Finca El Arbol früher zu Ostern, die heisseste Zeit des Jahres in Nicaragua, als Tagesmaximum noch etwa 25°C, so steigen die Temperaturen heute bis zu 35°C oder höher.
Dazu kommen die Herausforderungen der Börse, welche die Preise instabil hält und und längerfristige Zukunftsplanung unmöglich macht. Sind die Preise zu tief und kann dadurch der Kaffeebauer nicht kostendeckend arbeiten, geschweige denn Geld in die Erneuerung von Kaffeepflanzen, Pflege der Kaffeefarm oder in die Bekämpfung von Hemileia Vastatrix oder Krankheiten investieren, muss er seine Farm aufgeben. Das Land verwildert, und Kaffeerost breitet sich uneingeschränkt aus.
Die Kontrolle von Hemileia Vastatrix hat die Kaffeeproduktion massiv verteuert. Bei tiefem Preis können sich die Farmer die Kontrolle nicht leisten und müssen ihre Farm aufgeben, das Landleben verlassen und sonst irgendwo ein neues Leben aufbauen.
Kaffeerost hat zwar das weltweite Angebot an Kaffee nur marginal verringert, er hat jedoch den globalen Handel auf andere Art und Weise geprägt. Nach 1900 investierten die Holländer in die Entwicklung der resistenten Spezie Coffea Canephora, welche bald das weltweite Kaffeegeschehen aufwirbelte und heute ca. 40% der Kaffeeproduktion ausmacht. Die Pflanze, die ursprünglich als Antwort auf Kaffeerost entwickelt wurde, hat die Struktur der globalen Kaffeeproduktion und Konsumation im 20. Jahrhundert verwandelt und geprägt. Doch dazu ein andermal.
https://www.youtube.com/watch?v=gnPChFLHWA4
https://perfectdailygrind.com/es/2021/01/13/roya-del-cafe-por-que-es-nociva-y-como-controlar-su-propagacion/
https://apsjournals.apsnet.org/doi/10.1094/PHYTO-04-15-0085-RVW#fig1
Stuart McCook, 2019, Coffee is not forever