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Gardenia Rosas de la Cruz und Antonia Pacco Cabana haben viel gemeinsam: Ihre Heimat ist die Ayacucho-Region, hoch in den Bergen der Anden in Peru, sie haben beide früh geheiratet und mehr als vier Mal so viele Kinder wie eine durch-schnittliche Familie in Deutschland. Eins jedoch unterscheidet die beiden grundlegend: Gardenia lebt, Antonia ist tot. Antonia war, so wie es Gardenia heute noch ist, das Herzstück ihrer Familie, ihre Seele und ihr Anker. Mit ihrem Mann Lorenzo Vargas hielt sie ein paar Tiere, von denen sie und ihre sieben Kinder gut leben konnten. Alle mussten hart arbeiten, aber sie waren glücklich.
Der Tag, der Antonias Leben von dem Gardenias unterschied, der Tag, an dem Antonia starb, gab eigentlich Anlass zur
Freude. Ein paar Stunden vor ihrem Tod, gegen sechs Uhr abends, brachte Antonia einen kleinen Jungen namens Adolfo
zur Welt. Aber das Glück war nur von kurzer Dauer. Lorenzo, der bislang bei jeder Geburt seiner Kinder geholfen hatte, wusste, dass es diesmal anders war als die Male zuvor. Antonia blutete immer stärker und die Plazenta wurde nicht herausgestoßen. Er wusste, dass sie umgehend Hilfe brauchte. Schweren Herzens ließ er seine verängstigten Kinder am
Bett ihrer Mutter zurück und machte sich auf den Weg zum nächsten Krankenhaus. Im kleinen Dorf Toccocori Choquie- cambi gibt es keine Telefone, Handys oder wenigstens Funksprechgeräte und so musste Lorenzo bei strömendem Regen mehrere Kilometer mit einem alten, geliehenen Motorrad fahren, über steile, matschige, nahezu unpassierbare Straßen. Auf halbem Weg gab das Motorrad den Geist auf. Mit einem Fahrrad fuhr er den restlichen Weg und erreichte schließlich völlig erschöpft das Krankenhaus. Die Hilfe ließ jedoch auf sich warten – denn weder war ein Arzt da, noch ein funktionie-render Krankenwagen. Nach einer weiteren, quälend langen halben Stunde fand Lorenzo endlich einen Arzt, lieh sich einen Truck und fuhr in Richtung Antonia. Aber die beiden kamen zu spät. Bereits eine Stunde vorher war Antonia gestorben, weil die Plazenta den Gebärmutterhals blockierte und schwere Blutungen zum Herzstillstand führten.
Wie Antonia ergeht es jedes Jahr mehr als 350.000 Frauen, die während der Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Kindes sterben. Fast alle, 99 Prozent, leben in Entwicklungsländern. Zwar hat sich die Müttersterblichkeit seit 1990 weltweit um mehr als ein Drittel reduziert, aber noch immer sterben Mütter durch Gefahren wie erhöhten Blutdruck, Blutarmut, Blutungen, Gebärmutterrisse und Infektionen. Dabei muss das Kinderkriegen nicht tödlich sein, denn den meisten Frauen wäre schon mit einfachen Mitteln und medizinischer Versorgung geholfen. Acht von zehn Müttern, die bei der Geburt sterben, hätten mit Hilfe überleben können.
Ein vermeidbarer Tod
Auch Antonias Zustand war ernst, aber ihr Tod vermeidbar. Allein durch die Anwesenheit einer geschulten Hebamme
hätte Lorenzo heute wahrscheinlich noch eine Frau und Adolfo und seine sieben Geschwister noch eine Mutter. Es ist keine Frage des Schicksals, sondern eher eine Frage des politischen Willens, des Zugangs zu medizinischer Betreuung,
reproduktiven Gesundheitsdiensten, der Investition in die Ausbildung von Fachkräften und der Verbesserung ganzer Gesundheitssysteme. Aber in Peru, dem Land mit der zweithöchsten Müttersterblichkeit in Lateinamerika, sterben 240 von 100.000 Müttern bei der Geburt eines Kindes. Vor allem in ländlichen, abgelegenen Gebieten ist die Versorgung schlecht und für indigene Frauen, wie Antonia, sind Geburtskomplikationen häufig ein Todesurteil. Krankenhäuser liegen Kilometer weit entfernt, es fehlt an Fachpersonal, Medizin und an dem Wissen um gesunde Schwangerschaft, Zugang zu medizinischer Versorgung und wo im Notfall Hilfe zu finden ist. „Allein für sauberes Trinkwasser müssen schwangere Frauen meist kilometerlange Wege zurücklegen“, erklärt Supermodel und CARE-Botschafterin Christy Turlington, die mit CARE Peru besuchte und sich ein eigenes Bild von den Schwierigkeiten für Schwangere machen konnte. „Erst als Erwachsene, nachdem ich selbst Mutter geworden bin, erkenne ich, wie wichtig es ist, die Lage von Schwangeren und
Müttern zu verbessern“, sagt Turlington, die Mutter von zwei kleinen Kindern ist.
Ein Notfallplan rettet Leben
Gardenia Rosas de la Cruz dagegen hatte Glück. Sie hatte während ihrer Schwangerschaft viel über Müttergesundheit
und Geburtsvorbereitung gelernt. CAREMitarbeiter besuchten im Rahmen des FEMME-Projektes Gardenia in ihrem Dorf,
um sie davon zu überzeugen, Hilfe in der Klinik zu suchen. In Ayacucho bildete CARE medizinisches Personal aus und
half, die Gesundheitsdienstleitungen zu verbessern. Dabei wurde auch darauf geachtet, dass Geburtshelfer die lokale
Quechua-Sprache sprechen und ausreichend mit medizinischem Material ausgestattet sind. Durch die Verbesserung
der medizinischen Versorgung konnte die Müttersterblichkeit in der peruanischen Ayacucho Region bereits um 50 Prozent gesenkt werden.
Als Gardenia morgens um zehn Uhr ihre kleine Tochter Luz – wie alle Quechua- Frauen stehend – zur Welt brachte, hatte
sie daher ein gutes Gefühl. Aber auch Gardenias Geburt verlief nicht ohne Komplikationen, wie Antonia erlitt auch sie
schwere Blutungen, die niemand in dem kleinen ländlichen Gesundheitszentrum stoppen konnte. Das nächste Kranken- haus lag acht Stunden entfernt, aber weder der Krankenwagen noch der Truck, der normalerweise für Notfälle genutzt wird, waren verfügbar. „Lieber Gott, bitte lass mich nicht sterben, lass meine Kinder und meinen Mann nicht alleine“, betete Gardenia. Aber Gardenia hat es geschafft. Der Notfallplan, den sie mit anderen Frauen erarbeitet hatte und der eine Liste mit lokalen Transportfrauenmöglichkeiten zusammenfasst, funktionierte. Mit dem Truck des Bürgermeisters fuhren sie ins Ayacucho-Krankenhaus, wo bereits Helfer bereitstanden. Die Ankündigung von Notfällen über Funksprechgeräte, ein effizientes System zum Management von Geburtsnotfällen, hat Gardenias Leben gerettet.
Ihr eigenes Engagement verhinderte, dass sie eine der Frauen wurde, die weltweit an Geburts- oder Schwangerschafts- komplikationen sterben. Und Gardenia Rosas Überleben rettet sicher auch das Leben vieler anderer Frauen, für deren Gesundheit sie sich jetzt noch stärker einsetzt. CARE hat viel gelernt aus Antonias und Gardenias Geschichten. Sie sind Zeugnis lebensnotwendiger Veränderungen, Zeugnis eines Todesurteils für Frauen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Aber auch Zeugnis davon, wie Initiativen durch kleine Veränderungen die „unsichtbare Epidemie“, wie die Weltgesundheitsorganisation Müttersterblichkeit nennt, eindämmen. Den Erfolg des FEMME-Projekts erkennt auch die peruanische Regierung an.
Mittlerweile gibt es Richtlinien des Gesundheitsministeriums für Notfälle während Schwangerschaft und Geburt, die zum Großteil auf dem FEMME-Model basieren. Gardenias Schicksal zeigt, dass Erfolg möglich ist, wenn Gemeinden und Gesundheitsstationen zusammenarbeiten.
Antonias Schicksal macht ohnehin klar: Die Kosten des Nichtstuns sind viel zu groß.
Aus: care_affair / care.de