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Niemand leistet 196 Mal mehr als jemand anders
Wir haben eine Leistungsgesellschaft – so zumindest war das ursprünglich gedacht. Nach der bürgerlichen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts, die sich gegen die Privilegien des Adels richtete, etablierte man eine gerecht sein wollende Gesellschaft: «Liberté, Egalité, Fraternité» machte seinen Siegeszug durch Frankreich, Amerika, die Schweiz. Nach dem grossen liberal-bürgerlichen Credo sollten alle Menschen frei und formal gleich sein und von Geburt an mit gleichen Chancen ausgestattet sein (Freiheit und Gleichheit). Leistung sollte zählen und nicht der Vorrang der Privilegien durch Geburt. Und unter den Bürgern sollte zwischen den Glücklichen und weniger Glücklichen Soli-darität herrschen (Brüderlichkeit).
Dabei delegierte man mit den Sozialwerken die Bedarfsgerechtigkeit an den Staat. Niemand sollte Hunger leiden, alle ein Dach über dem Kopf haben. Die Leistungsgerechtigkeit zu erfüllen, delegierte man an die Privatwirtschaft. Jeder, der mehr an die Wertschöpfung beiträgt, soll auch mehr vom gemeinsam erwirtschafteten Kuchen bekommen. Ein wunderschönes Konzept, das besonders in der Nachkriegszeit in allen westlichen Demokratien verwirklicht wurde.
Und tatsächlich, die Wirtschaft hat dies über Jahrzehnte hinbekommen. Sie gibt sich auch heute noch in vielen Bereichen Mühe. Wer im HR kennt schon nicht das berühmte magische Dreieck der Verteilungsgerechtigkeit von HSG-Professor Martin Hilb? Demnach muss ein Unternehmen sowohl interne Verteilungsgerechtigkeit als auch Personalmarktpreisgerechtigkeit und Unternehmenserfolgsgerechtigkeit sicherstellen. In den 80er-Jahren betrug das Lohnspreiz-Verhältnis in der Schweiz 1 zu 6, in den 90er-Jahren 1 zu 14, heute ist es 1 zu 196. Das ist erschütternd. Niemand leistet 196 Mal mehr als jemand anders. Niemand! Die Wirtschaft versagt also zunehmend, die ihr zugeteilte Aufgabe der Herstellung von Leistungsgerechtigkeit zu erfüllen. Dies nennt man Marktversagen. Wo auch immer Marktversagen vorliegt – so auch die neoliberale Theorie – muss die Politik eingreifen. Und genau dieser Logik folgt die 1:12-Initiative. Diese leistet einen enorm wichtigen Beitrag zur Debatte um «den gerechten Lohn» in einer arbeitsteiligen Gesellschaft.
Dieser Diskurs ist nicht neu, er wurde während Jahrhunderten von der Kirche und den Philosophen geführt. Aber nachdem die modernen Demokratien der Nachkriegszeit immer gerechtere Verhältnisse hergestellt hatten, wurde er eine lange Zeit überflüssig. Diese Zeiten funktionierten nach der Logik «Wenn es allen gutgeht, dann geht es denen oben gut». Wir haben uns mittlerweile meilenweit von einer Leis-tungsgesellschaft entfernt und sind zu einer Privilegien--Gesellschaft zurückgekehrt. Dies und die Lohnexzesse des letzten Jahrzehnts machten es nötig, dieses Thema wieder zu-oberst auf die Agenda zu setzen. Die Prämissen haben sich ganz plötzlich geändert: «Wenn es denen oben gutgeht, geht es allen gut.» Was natürlich schwachsinnig ist. Erst wenn die Angestellten die von ihnen hergestellten Produkte und Dienstleistungen auch selber kaufen können, floriert die Wirtschaft und kann sich ein breiter Mittelstand bilden.
Das Erfolgsmodell der Schweiz war immer der Ausgleich. Ein Ausgleich zwischen den Sprach- und Kulturregionen, zwischen den Religionen, zwischen Staat und Wirtschaft und eben auch zwischen «oben» und «unten». Der Bänker und der Bäcker auf der gleichen Militärpritsche und dem gleichen Parlamentsbänkli. Ein Leben unter Ähnlichen. So gesehen stellt die 1:12-Initiative nur den Erfolgszustand wieder her, den wir bis in die 90er-Jahre hatten. Und das ist sehr gut so.
- Jacqueline Badran, dipl. phil. II et lic. rer.publ. HSG, ist Unternehmerin und Nationalrätin SP Zürich.
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