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The Queen's Gambit: Was sind die grünen Pillen in der Netflix-Serie?
Elisabeth Harmon will eigentlich nur «Beth» genannt werden. Beth Harmon will eigentlich nur Schach spielen. Die verwaiste junge Frau, in der Netflix-Serie «The Queen's Gambit» von Anya Taylor-Joy gespielt, ist fast schon robotisch ruhig, verzieht selten eine Miene und braucht zwei Dinge im Leben:
- Schach
- Grüne Pillen
Die grünen Pillen und das Spiel auf dem acht mal acht Feldern grossen Brett sind für Beth untrennbar. Denn die Pillen beruhigen sie, schärfen ihren Verstand und lassen sie das Spielbrett auf der Zimmerdecke visualisieren. So spielt sie Nacht für Nacht Schachpartie um Schachpartie.
Beth halluziniert.
Beth nimmt Drogen. Und beleuchtet damit, ganz nebenbei nebensächlich, ein recht dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte, das noch bis heute andauert.
Drogen für Kinder, Frauen und wer sie sonst noch gerade wollte
Zuerst einmal steht die Frage im Raum, was in den grünen Pillen drin ist, die Beth jeden Tag schluckt. Nach ihrer Ankunft im Methuen Home, einem christlichen Waisenhaus, am 25. Juli 1957, werden ihr zwei Pillen gegeben. Der Mann, der sie ihr gibt, beschreibt sie nur als «Vitamine». Die rote Pille mag gut und gerne Vitamin sein, die grüne Pille aber verursacht Schwindel und Wahrnehmungsstörungen. Beths Freundin Jolene empfiehlt der jungen Rothaarigen, die grüne Pille am Abend zu nehmen. Das sei besser.
In der Serie werden die grünen Pillen in einer späteren Folge benannt: Xanzolam. So heissen die Pillen, die Beth für ihre Adoptivmutter in der Apotheke abholt, dann einige für sich klaut. Denn zu dem Zeitpunkt ist längst klar, dass Beth süchtig nach den Pillen ist. Sollte auch dem letzten Zuschauer klar werden, nachdem die Waise ins Pillenlager ihres Waisenhauses eingebrochen ist und sich einige Handvoll Xanzolam eingeworfen hat.
Xanzolam ist nicht echt, hat aber echte Wurzeln. Es war in den 1960er-Jahren durchaus üblich, dass Kindern in Waisenhäusern Beruhigungsmittel gegeben wurden, damit sie nicht ganz so aufmüpfig sind, wie Kinder das gerne sind. Einerseits das, andererseits sind die Gesellschaftsnormen, die vor der unseren gültig warengekommen sind, weit drogenfreundlicher als wir es uns vorstellen können. Coca-Cola hatte tatsächlich mal Kokain beigemischt zum expliziten Zweck, dass die Trinker leicht high werden.
Xanzolam gleicht laut dem US-Nachrichtenmagazin Newsweek einem Medikament namens Librium, das anno dazumal so ziemlich jedem verabreicht wurde, der so halbwegs glaubwürdig Bedarf angemeldet hat. Librium ist ein Markenname für Chlordiazepoxid, einem Benzodiazepin. Heute kennen das Club-Gänger unter dem Namen «Benzos» oder unter anderem unter einem der folgenden Namen:
- Valium
- Seresta
- Temesta
- Dormicum
- Xanax
- Rohypnol
Saferparty, eine Drogenberatungsstelle der Stadt Zürich, beschreibt die Wirkung wie folgt:
Das ist konsistent mit dem Verhalten, das die junge Beth Harmon an den Tag legt. Ausser, dass bei ihr wie in vielen Film- und Fernsehproduktionen die Wirkung sofort einsetzt und nicht erst nach einer Viertelstunde. Newsweek macht den Schluss auf Librium, da das Medikament in Pillen verabreicht wurde, die Xanzolam in der Serie aufs Haar glichen. Heute wird Librium nach wie vor hergestellt und steht unter Markenschutz. Das Recht am Namen hält die Meda Pharma GmbH, die im Jahr 2016 vom Konzern Mylan geschluckt wurde, der wiederum im Jahre 2020 mit Pharmaunternehmen Upjohn fusioniert ist aktuell unter dem Namen Viatris auf dem Markt auftritt. Deshalb dürften die Macher der Serie auf das fiktive Präparat «Xanzolam» gesetzt haben, damit sie nicht in rechtliche Schwierigkeiten geraten. Trotzdem aber kauft Beth im Laufe der Serie zweimal Pillen, die sie «Librium» nennt.
Benzodiazepine wurden Mitte des 20. Jahrhunderts recht liberal verschrieben. Hauptabnehmer waren Frauen, alt wie jung. Hausfrauen schluckten lieber Pillen als sich mit dem Ennui des Lebens einer unterwürfigen Hausfrau auseinanderzusetzen. Junge Frauen haben Mühe gehabt, sich an Colleges und im sich emanzipierenden Amerika zu behaupten. Die Folge: Angst- und Schlafstörungen. Die Lösung: Beruhigungsmittel. In «The Queen's Gambit» ist Beths Adoptivmutter Alma ein Paradebeispiel für diese Existenz. Von Ärzten wurde Librium vor allem für den Entzug von Alkohol und anderen Drogen verschrieben.
In mindestens einem Waisenhaus wurden Beruhigungsmittel intravenös verabreicht. Im Jahr 2018 haben Regierungsbeamte das Verbot erhalten, Kindern von Flüchtlingen psychotropische Drogen ohne Einverständnis ihrer Eltern zu verabreichen. Diese Kinder hätten am Tag zwei Pillen erhalten, damit sie nicht aufmüpfig oder gar gefährlich wurden. Eine am Morgen, eine am Abend.
Entzug für eine Nation
Zum Zeitpunkt der Entdeckung Chlordiazepoxids anno 1957 war noch nichts oder nur wenig bekannt über die süchtigmachende Natur des Wirkstoffs. Andere Beruhigungsmittel, darunter Heroin, waren schon lange im Umlauf und verbreitet. Verboten waren Benzodiazepine erst recht nicht. Entstanden ist Chlordiazepoxid als Resultat einer Forschungsinitiative der Hoffmann-LaRoche-Gruppe, heute nur als Roche bekannt, in der Mitte der 1950er-Jahre. Die Chemiker um Leo E. Sternbach und Pharmacologist Lowell Randall haben nach einem «schwachen Beruhigungsmittel» geforscht. Ein Fehler in einer Mixtur hat zum Stoff RO 5-0690 geführt, der mehr zufällig als geplant an Tieren getestet wurde und den gewünschten Beruhigungseffekt hatte. Aus den Chlordiazepoxiden entstand einige Jahre später Diazepam, eine potentere und verträglichere Version desselben Stoffes.
Im Jahr 1960 ist Librium auf den Markt gekommen. Beruhigend und entspannend wurde es den Amerikanerinnen und Amerikanern verschrieben. Vor allem dann, wenn sie auf Alkohol- oder Drogenentzug waren. Dass Beth im fiktiven Jahr 1957 Librium schluckt, überrascht nicht, denn die Serie nimmt sich einige Freiheiten. Beth kommt 1957 im Alter von 9 Jahren laut Buchvorlage von Autor Walter Tevis ins Waisenhaus. Dort bekommt sie das Libriumanalog Xanzolam zweimal pro Tag. Im Alter von etwa 13 Jahren, also um 1961 in der Serie, wird sie gezwungenermassen auf Entzug gesetzt, da die Verabreichung Xanzolams für Waisen verboten wird.
Dieses Verbot ist in der echten Welt erst im Jahre 1975 erlassen worden. In dem Jahr war Librium hoch oben im Ranking der meistverkauften Pillen in den USA. Eine Milliarde Pillen sind anno 1974 verkauft worden. Ab dem 2. Juli 1975 durften Apotheker Rezepte für Librium und Valium nur noch fünfmal wiederaufgefüllt werden. Wenn das Rezept älter als sechs Monate war, dann gab es gar keine Pillen mehr.
Kurz: Eine Nation wurde auf Entzug gesetzt.
Die Milliarde verkaufter Pillen waren rein mathematisch genug, um jedem Menschen in den USA eine Woche lang eine Librium-Kur zu ermöglichen. Oft sind Valium und Librium in den 1970ern laut «International Journal of Health Services Vol. 7, No. 1, Special Issue: The Economy, Medicine, and Health» wegen nichtmedizinischer oder nichtpsychologischer Probleme verschrieben worden, ohne die zugrundeliegenden Probleme zu adressieren.
Noch 50 Millionen Pillen pro Jahr
Librium und andere Benzodiazepine werden nach wie vor von Ärzten verschrieben und auf den Strassen gedealt. In den USA werden 50 Millionen Pillen pro Jahr verschrieben, nicht alle davon missbräuchlich. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt an, dass in der Schweiz schätzungsweise 200 000 bis 400 000 Menschen «einen problematischen Gebrauch von Benzodiazepinen und ähnlichen Medikamenten» aufweisen.
Die Vereinigung der Kantonsärzte und Kantonsärztinnen bezeichnet Benzodiazepine als «sichere und wirksame Substanzen mit wenig Nebenwirkungen und einer niedrigen Toxizität». Die «hilfreichen Substanzen» sollen aber nur über einen kurzen Zeitraum hinweg verschrieben werden. Das Wort Sucht in Verbindung mit Benzodiazepinen erwähnt die Vereinigung nicht. Aber: «Die Dosisreduktion hat sorgfältig und nicht zu schnell zu erfolgen. Benzodiazepine sollen nicht abrupt abgesetzt werden.» Damit können Entzugserscheinungen einfach minimiert werden. Diese beschreibt Ecoplan als denen ähnlich, weswegen Benzodiazepine überhaupt verschrieben wurden.
Netflix nimmt sich mit «The Queen's Gambit» nicht nur der Sucht als Hilfe zur Funktion im Alltag an, sondern auch deren Auswirkungen. In «The Pharmacist», einer Dokuserie, werden die Auswirkungen der Pillenepidemie der USA vor dem Hintergrund eines Mordfalles behandelt.
Solltest du Hilfe in Suchtfragen brauchen, steht dir Sucht Schweiz zur Verfügung.
Senior Editor, Zürich