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«Fremdarbeiter» in der Schweiz: Einzig ihre Arbeitskraft war gefragt – als Menschen zählten sie kaum.
Sie trafen sich in ihren öden Baubaracken oder am Bahnhof. Vorzugsweise auf einem Perron, an dem die Züge Richtung Mailand oder Domodossola standen. Die meisten von ihnen wären gern mitgefahren. Am liebsten sofort.
Doch nach Hause, nach Sizilien, Apulien, Kalabrien oder auch ins Friaul, fuhren nur die hart erkrampften Schweizer Franken, die den Familien ohne Vater oder den betagten Eltern im heimatlichen Dorf ein besseres Leben ermöglichen sollten. Arrivederci – spätestens an Weihnachten. «Fremdarbeiter», wie wir sie damals nannten, in einem für sie als willkommene Arbeitskräfte vorwiegend ungastlichen Land.
Einer von ihnen war der Sizilianer Severio Serafino. Ihn verschlug es nach Basel. Als Wohnung diente ihm eine billige Mansarde in der Vorstadt. Ausser ein paar Zigaretten pro Tag leistete er sich keinerlei Luxus. Im fernen Sizilien waren Frau und Kinder auf den Lohn seiner Arbeit dringend angewiesen. Das Sprichwort «Handwerk hat goldenen Boden» galt zwar weniger für ihn als für die Bauunternehmer, denen er sich verpflichtet hatte. Doch für den Lebensunterhalt seiner Familie war zumindest gesorgt.
Auch in Basel sah man die schwarzhaarigen Fremden nicht sehr gerne. Die «Tschinggen» und «Maiser», die sich zum temperamentvollen Gedankenaustausch vorwiegend in den öffentlichen Anlagen zusammenfanden, galten als geborene Frauenverführer, Messerhelden und Katzenfresser. Die Ablehnung der «Fremdarbeiter» nahm laufend zu. 1975, auf dem Höhepunkt des «Fremdarbeiter»-Booms, wurden in der Schweiz 573 085 Italiener registriert, mehr als zwei Drittel der ausländischen Bevölkerung im Land. Erstmals 1970 und dann noch einmal 1977 versuchte der ultrarechte Parteiführer James Schwarzenbach mit zwei Anti-Überfremdungsinitiativen daraus politisches Kapital zu schlagen. Beide Male vergeblich, wenn auch mit beträchtlichen Ja-Anteilen.
In dieser latent fremdenfeindlichen Zeit versuchten die führenden Schweizer Medienunternehmen, darunter auch die heutige Basler Zeitung, auf verschiedene Weise zur Entschärfung der Überfremdungsdiskussion beizutragen. Severio Serafino, der in seiner Mansarde zum Freizeitvertreib ein Spalentor im Miniaturformat geschaffen hatte, kam da gerade recht. Dem Fotografen Kurt Wyss gelang im Juli 1960 mit dem bastelnden Bauarbeiter und seiner vom Bett aus zuschauenden Familie ein emotionales Meisterwerk.
Was ist aus dieser Geschichte zu lernen? Nicht etwa, dass die Fremdenfeindlichkeit in unserem Land Tradition hat, das ist bekannt. Doch immerhin dies: Den radikalen Kräften im Land, die auf dieser Welle die Konkordanz-getarnte Führungsmacht an sich reissen wollten und wollen, hat die Volksmehrheit bisher noch immer rechtzeitig den Riegel geschoben. Grazie.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09/12/11