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In keinem Tinder-Profil steht: «Ich bin gross, schlank und geizig.» Und in keinem Nachruf heisst es: «Selbst von seinen politischen Gegnerinnen wurde er für seinen Geiz geschätzt.» Geiz ist in all seinen Formen höchst unpopulär. Die bekannteste ist die übertriebene Sparsamkeit. Weil ich eine baldige Schokoladenknappheit befürchte, biete ich meiner Freundin nichts an und behalte die ganze Schokoladentafel für mich in Reserve. Geiz kann aber auch mangelnde Grosszügigkeit bedeuten. Das heisst: Vor lauter Gier esse ich die ganze Tafel allein. Beiden Varianten ist gemeinsam, dass ich die Schokolade nicht mit meiner Freundin teile, obwohl ich eigentlich mehr davon habe, als ich brauche.
Allgemein gesprochen verletze ich damit meine Wohltätigkeitspflicht gegenüber anderen. Kant nennt diese Form von Geiz den habsüchtigen Geiz. Davon zu unterscheiden ist seines Erachtens der karge Geiz, eine Art von ungesundem Genussverzicht. Ein karger Geizhals bin ich dann, wenn ich nicht nur meiner Freundin, sondern auch mir selbst keine Schokolade gönne. In diesem Fall verletze ich die Wohltätigkeitspflicht gegenüber mir selbst, weil ich weniger für mich behalte, als ich eigentlich brauchte (Schokoladenkonsum ist ja bekanntlich ein Grundbedürfnis). Der Ruf des Geizes ist also nicht zu retten, da hilft auch die philosophische Zerlegung nichts. Und wenn ich wenigstens meinen eigenen Ruf retten und mich nicht bald selbst auf Tinder wiederfinden will, bleibt mir nichts anderes übrig, als meiner Freundin auch ein Stückchen Schokolade abzugeben.