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Kürzlich nahm ich Abschied von dir. Du warst noch nicht tot, als ich – wie der Indianer das Herz aus der Brust des Bisons – deine SIM-Karte entfernte und dich in der untersten Schreibtischschublade begrub. Dein vollständiger Name lautet stolz: Nokia 230 DS 2.8. Ein Nachruf auf deine Eigenschaften fiele trotzdem mager aus. Hackte man mir zwei Finger von der Hand, reichte der Rest noch immer für eine Würdigung. Erstens: Du warst ein gutes Telefon. Zweitens: Du warst ein zuverlässiger Sender/Empfänger von Kurzmitteilungen. Und drittens: Du liessest mich in Frieden. So sehr, dass ich oft vergass, dass es dich gab, dich zu suchen, in die Hand zu nehmen, mit den Kuppen meiner Finger zu liebkosen – wobei: das war bei dir gar nicht möglich, denn du hattest keinen Touch-Screen, über den man zärtlich streichen konnte.
Du warst ein einfaches Handy. Ein alter Knochen. Deine Tasten, die man umständlich mit dem Daumennagel drücken musste, gaben mir das Gefühl, eine anstrengende Arbeit zu verrichten. Trotzdem bist du mir, Nokia dear, ans Herz gewachsen. Nicht dafür, was du für mich getan hast, sondern, was du nicht getan hast: meine Agenda verwaltet, mich an unwichtige Geburtstage und lästige Meetings erinnert, Mails empfangen, Fotoalben erstellt, Songs im Restaurant erkannt, kurz: mein Leben organisiert.
Man konnte dich für nichts gebrauchen. Nicht einmal das Wetter wusstest du vorauszusagen. Wie oft habe ich mich verlaufen, weil es zwecklos war, dich nach dem Weg zu fragen. Aber weisst du was? Ich habe Orte entdeckt, die ich nie gefunden hätte, wärst du so schlau wie ein Smartphone gewesen. Zum Beispiel jenes Café in Kangerlussuaq, in dem ich meine Frau kennenlernte. Oder diesen Vorort von Mexico City, wo mich der Kerl, der mich überfiel, auslachte, als ich dich aus der Hosentasche zog. Er senkte die Pistole, klopfte mir auf die Schulter und sprach: Ist gut, Amigo. Auf seinem iPhone zeigte er mir, wo sich die nächste Bushaltestelle befand. Nein, keine App der Welt hätte mir geben können, was du mir gegeben hast: Zeit für mich und Zeit, mich mit Anderem zu beschäftigen als mit dir, gerade in Momenten der Langeweile. Statt in deinen Bildschirm glotzte ich aus dem Fenster. Ich grübelte vor mich hin oder las ein Buch. Nun ist es vorbei mit uns zwei. Nein, Mexiko hat nichts damit zu tun. Der Überfall ist reine Fiktion, ebenso die Behauptung, dass ich meine Frau in Grönland kennenlernte. Der Grund, warum ich beschloss, mein Leben zu optimieren, zu verlinken, zu vernetzen und dich, mein treuer Lebensabschnittbegleiter, durch einen dieser glatten, smarten, flinken und sauberen Alleskönner zu ersetzen, ist ein anderer: Ich bin zu alt für dich.
Während sich immer mehr junge Menschen deiner Einfalt und Retro-Coolness erfreuen, begann ich, eine Schwäche für die Annehmlichkeiten eines schlauen Begleiters zu entwickeln. Einer, der mir rät, morgens den Regenschirm einzupacken, oder mich darüber ins Bild setzt, wo sich der nächste Chiropraktiker befindet. Vergib mir, Nokia. Mein Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Ach, ich wünschte, ich hätte eine bessere Begründung … Wir waren ein Paar für fast zehn Jahre. Vielleicht waren es acht oder elf, so genau weiss ich das nicht mehr. Dazu müsste ich in mein analoges Archiv steigen und nach einem Kaufvertrag suchen, doch das ist mir nun auch zu blöd, schliesslich möchte ich an meiner süssesten Erinnerung festhalten: dass du mich nie aufgehalten hast.