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Arbeitsunfälle betreffen alle Unternehmenstypen und Berufszweige. Die SUVA gibt einen Überblick über das Phänomen und Empfehlungen für die Unfallverhütung.
In der Schweiz ereignen sich jedes Jahr 250'000 Berufsunfälle, die insgesamt rund CHF 2 Milliarden kosten. Die Forstwirtschaft, das Baugewerbe und der Gerüstbau gehören zu den am stärksten gefährdeten Branchen, aber kein KMU ist von den Risiken ausgenommen. Eine Bestandsaufnahme und Ratschläge von Marc Truffer, Direktor bei der SUVA und Abteilungsleiter Arbeitssicherheit für die Westschweiz.
Wie lässt sich ein Berufsunfall definieren?
Marc Truffer: Es handelt sich um eine plötzliche und unbeabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf einen Mitarbeitenden im Rahmen der Arbeit.
Sind die Rückenschmerzen eines Maurers ein Berufsunfall?
Truffer: Nein, wenn diese Rückenschmerzen darauf zurückzuführen sind, dass er regelmässig schwere Lasten hebt. Sie könnten jedoch als Berufskrankheit angesehen werden, wenn man nachweisen kann, dass die Arbeit die Hauptursache für die Schmerzen ist. Ein durch einen Ziegelstein gebrochener Finger wird hingegen als Berufsunfall anerkannt. Ebenso ist eine akute Vergiftung aufgrund einer ausgelaufenen Chemikalie ein Arbeitsunfall, Asthma aufgrund des regelmässigen Einatmens giftiger Stoffe dagegen nicht. Und ein Gemeindegärtner, der von einer Zecke gebissen wird und daraufhin erkrankt, wird als Opfer eines Berufsunfalls angesehen, weil es sich um eine plötzliche schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors handelt.
Wie hat sich die Zahl der Berufsunfälle in der Schweiz in den letzten 50 Jahren entwickelt?
Truffer: Die Unfallhäufigkeit hat sich seit 1960 halbiert. Damals kamen auf 1000 Arbeitnehmende 160 Unfälle. Heute sind es 80. Die Zahl der tödlichen Unfälle ist auf einen Fünftel gesunken, von 400 auf 80 pro Jahr. Das ist nicht nur auf die verstärkte Prävention zurückzuführen, sondern auch auf ungefährlichere Techniken, zum Beispiel den Einsatz von Gondeln oder Kränen, um das Arbeiten auf der Leiter zu vermeiden.
Hatte die Informatisierung einen Einfluss auf diese Unfälle?
Truffer: Nein, denn von den 250'000 Berufsunfällen im Jahr ereignen sich drei Viertel in den Industriebranchen, in denen sich durch die Informatisierung nicht viel verändert hat. Andererseits werden seit der umfassenden Nutzung von Computern bestimmte Erkrankungen des Bewegungsapparates, zum Beispiel das Karpaltunnelsyndrom, als Berufskrankheiten anerkannt.
Welche Verantwortung trägt ein KMU-Chef bei einem Arbeitsunfall?
Truffer: Das Gesetz über die Unfallversicherung (UVG) legt in Art. 82 fest, dass der Arbeitgeber zur Verhütung von Berufsunfällen und -krankheiten alle Massnahmen zu treffen hat, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und den gegebenen Verhältnissen angemessen sind. Hat er die Massnahmen, die für die Gewährleistung der Sicherheit seiner Beschäftigten erforderlich sind, nicht durchgeführt, wird er haftbar gemacht und kann dafür strafrechtlich und zivilrechtlich verfolgt werden.
Inwiefern kann ein Berufsunfall die Gesundheit eines Unternehmens beeinträchtigen?
Truffer: Ein verunfallter Mitarbeiter kostet ein KMU rund 600 Franken pro Tag. Dies dürfte jedoch nicht zum Konkurs führen, denn ab dem dritten Krankheitstag übernimmt die Versicherung die Kosten. In dieser Hinsicht sind die KMU solidarisch, denn grösstenteils werden die gesamten Unfallkosten von allen Betrieben einer Branche getragen. Doch je grösser ein Unternehmen, desto geringer die Solidarität. Je mehr Unfälle in einer Branche passieren, desto höher werden die Versicherungsprämien. Folglich ist es im Interesse jeder Branche, sich bestmöglich um die Unfallverhütung zu kümmern, was übrigens auch getan wird.
Welche Massnahmen zur Unfallverhütung muss ein Firmenchef umsetzen?
Truffer: Er muss sich der Unfallrisiken in seinem Bereich bewusst sein und wissen, welche Massnahmen für den Schutz der Beschäftigten erforderlich sind. Dabei hat er im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Er kann auf eine branchenübliche Lösung zurückgreifen, die von Experten erarbeitet wurde, oder sich eine individuelle Lösung überlegen. Das ist meistens komplizierter, denn ein KMU verfügt intern nicht immer über die entsprechenden Kompetenzen. Dann ist es obligatorisch, einen Spezialisten der Arbeitssicherheit (ASA-Spezialist) beizuziehen.
Wie regelt man die Unfallverhütung, wenn man ein KMU gründet?
Truffer: Ich empfehle, sich zunächst einer Branchenlösung anzuschliessen und dann einen Ansprechpartner für die Sicherheit im Unternehmen zu schulen. Diese Rolle kann der Chef auch selbst übernehmen, denn die Schulung dauert nur zwei Tage und macht ihn sofort mit seiner rechtlichen Verantwortung und mit den Best-Practice-Methoden seiner Branche vertraut, was eine gute Investition in die Zukunft darstellt. Dann würde ich einfach dazu raten, die lebenswichtigen Regeln für die jeweilige Branche anzuwenden.
Genau zu diesem Thema führt die SUVA ja eine Kampagne durch...
Truffer: Richtig, wir wollen die Zahl der tödlichen Unfälle binnen 10 Jahren halbiert haben. Zu diesem Zweck haben wir Branche für Branche die Ursachen dieser Unfälle analysiert und dann für jede einzelne lebenswichtige Regeln formuliert, die von Arbeitgebern und Arbeitnehmern einzuhalten sind.
Welche Branchen sind im Hinblick auf Berufsunfälle besonders gefährdet?
Truffer: Gemessen an der Zahl der tödlichen Unfälle ist es das Baugewerbe, gefolgt vom Gerüstbau und den Arbeiten auf Dächern und an Fassaden, hauptsächlich durch die Sturzgefahr. Betrachtet man hingegen die Zahl der Unfälle pro 1000 Arbeitnehmer, sind die forstwirtschaftlichen Unternehmen am stärksten gefährdet, wo jedes Jahr einer von drei Arbeitnehmern verunfallt und das Risiko eines tödlichen Unfalls bei 1 von 500 liegt. Die Plätze zwei und drei werden auch hier vom Gerüstbau und den Dach- und Fassadenarbeiten belegt.
2009 führte die SUVA eine Kampagne zu Zeitarbeitnehmenden durch, die statistisch das höchste Unfallrisiko aufweisen. Wie hat sich diese Problematik entwickelt?
Truffer: Diese Arbeitnehmer sind weiterhin am stärksten gefährdet, weil viele von ihnen im Baugewerbe arbeiten, nicht immer die erforderlichen Kompetenzen haben und in ihrer Arbeitsumgebung neu sind, was die Unfallrisiken verdoppelt. Die SUVA wird dieses Thema 2016 erneut aufgreifen, wir können also noch mehr für die Verhütung tun, worüber wir uns freuen.