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Der Grossbritannien-Historiker Peter Wende bemerkte vor einiger Zeit: «Wer in dieser Welt Orientierung sucht, ist auf die Geschichte ihrer Entstehung verwiesen, die nicht von der Geschichte des Britischen Empire getrennt werden kann.» Dafür spricht sehr vieles.
Der Ausdruck, in einem Text oder einer Rede fehle der rote Faden, geht auf das Britische Empire zurück. Der rote Faden in den Schiffstauen der britischen Marine zeigte auf allen Meeren seinen Besitzer an. Auch der Bungalow kam aus Britisch-Indien: ein Haus im bengalischen Stil. Mit den Sachen reisten die Worte. Und viele Worte verweisen heute noch auf ihren Ursprung aus dem Empire: die Pyjamas aus dem Hindi und Urdu, genauso das Shampoo, die Veranda und natürlich der Dschungel. Was in unserem Alltag ankommt, hatte seinen Ursprung im Britischen Empire. Sprache schuf globale Verbindungen gerade dort, wo wir es nicht vermuten. So wirkt Globalisierung am effektivsten.
Wir verbinden die Globalisierung gerne mit den Vereinigten Staaten. Doch die Vereinigten Staaten traten zwischen 1917 und 1944 in das Erbe des britischen Weltreiches ein, wo die Globalisierung anfing. Sie war kein geradliniger Prozess des Wachstums, sondern verlief in Wellen, die dem Auf und Ab des Britischen Empires folgten. Auf Verdichtung folgte Lockerung, nach Rückzug kam Ausdehnung. Die Globalisierung war nicht nur ein positiver Weg des Fortschritts und neuer Verbindungen, sondern auch der Abhängigkeit durch Schulden, Sklaverei, Raub und den Verlust der Unabhängigkeit. Beides zeigte sich in der Geschichte des Britischen Empires, das 1922 das grösste Kolonialreich der Geschichte war. Sein Einflussraum war immer vom Meer her zu denken. Hafenstützpunkte, Zugänglichkeit zu Märkten und Freihandel waren seine Instrumente.
Am offensichtlichsten war die globale Wirkung des Empires in Handel und Wirtschaft. Im atlantischen Dreieckshandel seit dem Ende des 17. Jahrhunderts beförderten Schiffe britische Waren nach Westafrika, Sklaven von dort in die Karibik und Zucker zurück nach Liverpool oder Bristol. Die Sklaverei auf den karibischen Zuckerplantagen, aber auch der Zucker selbst, waren im Wortsinne Antriebskräfte der britischen und später der europäischen Industrialisierung. Zucker, das «weisse Gold», wurde als Energiespender und Süssstoff überall begehrt. Riesige Vermögen flossen aus der Karibik auf die britischen Inseln zurück und wurden dort reinvestiert. Kapitaltransfer über grosse Entfernungen war keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Das britische Pfund Sterling tat das Seine, um einen Weltmarkt entstehen zu lassen, als sich überall die Preise für Güter und Dienstleistungen einander annäherten. Das britische Weltreich ist daher auch als Pfund-Sterling-Zone beschrieben worden. Überhaupt war das Kapital in der Londoner City auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten im Empire. Man spricht daher auch vom gentlemanly capitalism. Was machten die Männer auf den Heiratsmärkten von Südwestengland in den Romanen von Jane Austen, wenn sie nach London fuhren? Sie gingen in ihre Clubs und besprachen neue Möglichkeiten der Investitionen in Übersee mit ihren Geschäftspartnern. Diese Investitionen reichten über das Empire im territorialen Sinn weit hinaus. Britisches Kapital arbeitete in Buenos Aires wie in Santiago de Chile, in Kapstadt wie in der Gummiproduktion Malaysias. Es umspannte die Welt und war längerfristig angelegt, so dass es oft erst nach einer oder zwei Generationen Rendite abwarf. Das Pfund Sterling und das Londoner Bankenviertel, die City, standen im Zentrum des Weltwährungssystems. Handel, Währung, Produktion und Verkehr schufen einen die Welt umspannenden Zusammenhang von Gewinn und Wachstum für die einen, Abhängigkeiten und Schieflagen für die anderen.
Der Null-Meridian lief durch Greenwich in London und die Vereinheitlichung der Zeit auf dem Globus geschah nach 1884 in Bezug auf die Greenwich Mean Time. In London kamen die Informationen der vielen Kartographen zusammen, die auf den britischen Schiffen unterwegs waren. Die gentlemen scientists auf den Weltmeeren beschrieben, vermassen, klassifizierten, katalogisierten und gaben Namen. Der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, ist nach dem britischen Landvermesser George Everest (1790–1866) benannt. In London sammelte die Royal Society das Wissen aus Botanik und Geografie und ersann einen Nutzen daraus. Wissen war schließlich Macht. Ein Netz von Botanischen Gärten unter der Oberaufsicht der Royal Botanic Gardens in Kew umspannte den Globus. Die chinesische Teepflanze gelangte nach Indien, genauso wie der Cinchona-Baum aus Südamerika, aus dessen Rinde man das Chinin gewann, das im Kampf gegen die Malaria so wirksam war. Der berüchtigte Kapitän der Bounty William Bligh brachte 1792 Erdbeeren nach Tasmanien und machte die Insel zu einem wahren Garten Eden. Der britischen Flotte dienten seine anderen Importe: Eichen für den Rumpf, Fichten für die Masten der Segelschiffe. Drei Jahre zuvor hatte er auf der Bounty Brotbaumsetzlinge von Tahiti nach Jamaika zu bringen versucht, was nur durch die Meuterei verhindert wurde. Freilich war das Empire auch das grösste Drogenkartell der Geschichte, indem es indisches Opium im grossen Stil von Indien nach China brachte und dafür sogar Kriege führte. Kaninchen kamen mit der «First Fleet» und den ersten Strafgefangenen 1788 nach Australien. Davon liess der passionierte Jäger Thomas Austin 24 später frei. Die heute ca. 300 Millionen Kaninchen bringen regelmässig Kaninchenplagen über den Kontinent.
Das britische Empire prägte die vielen Staaten, die daraus entstanden sind, Nordamerika genauso wie Australien, Indien genauso wie Malaysia. Die Bevölkerungsstruktur grosser Teile der Karibik geht auf den britischen Sklavenhandel, aber auch die Arbeitsmigration von Indern und Chinesen zurück. Der Einfluss reichte in die Regierungssysteme, die Erziehungsmuster und den kulturellen Geschmack. Indien ist heute die grösste Demokratie der Welt. Englisch wurde zur lingua franca für Industrie, Handel und Verkehr. Zahllose Erfindungen gingen von den britischen Inseln aus um die Welt. Am Anfang der heute so wichtigen Impfung, der «vaccination», stand der britische Arzt Edward Jenner. Er hatte 1798 beobachtet, dass Milchmägde, die an den milden Kuhpocken erkrankten, später nicht die tödlichen Pocken bekamen. Die Impfung mit ungefährlichen Kuhpocken (lat. vacca = Kuh) war erfunden.
Sogar noch der antikoloniale Kampf gegen das Empire war durch britische Universitäten inspiriert. Die wichtigsten Führer der indischen Nationalbewegung, Jawaharlal Nehru, Mohandas Gandhi und Mohamad Ali Jinnah, aber auch Jomo Kenyatta (Kenia) und Julius Nyerere hatten in London, Oxford, Cambridge oder Edinburgh studiert und waren oft Londoner barrister, also Rechtsanwälte ihrer Majestät. Der Gründer Pakistans Jinnah trug feinstes englisches Tuch auf und verfügte über keinerlei Kenntnisse in Urdu, immerhin die Landessprache des Landes, das er zu gründen hoffte. In Afrika wiederholte sich Ähnliches. Grossbritannien bot nicht nur das Wissen, ein Empire zu führen, sondern auch es aufzulösen. Bereits die frühe Globalisierung im Britischen Empire ging mit vielem einher, was wir heute auch kennen: Ungleichheit und Abhängigkeit, Schuldendienst und Ausbeutung, Vernetzung und Wachstum, Migration und Wissenszirkulation, aber auch Recht und der Aufbau von Schulen und Verwaltung.
Unser Experte Siegfried Weichlein ist Professor für Europäische und Schweizerische Zeitgeschichte.