Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/3157

10. Dezember 1988: Ein Missgeschick im Training läutet den radikalen Umbruch ein. Als der Schwede Jan Boklöv erkennt, dass er breitbeinig weiter fliegen kann, perfektioniert er den Stil, bis er den Gesamtweltcup holt. Er endet als Opfer seines Erfolgs.
1985 ist Jan Boklöv 19-jährig. Und damit im besten Alter, um als Revoluzzer in Erscheinung zu treten. Allerdings ist es weniger Boklövs Absicht, die Welt zu verändern, sondern ein Zufall, der dazu führt.
Als der Schwede auf der Normalschanze in Falun trainiert, macht ihm heftiger Gegenwind zu schaffen. «Er stoppte mich quasi in der Luft», erinnert sich Jan Boklöv in der «Welt». «Ich wollte irgendetwas tun, um weiterzufliegen, und warf mich nach vorn. Dann rissen auf einmal die Ski zum V auseinander und ich bekam mehr Auftrieb, flog viel weiter als je zuvor.»
Die Erkenntnis bringt aber nicht sofort Ruhm, Ehre und Medaillen – sondern zunächst mehrere Spitalaufenthalte. Drei Mal bricht sich Boklöv, der davon überzeugt ist, dass ihn der V-Stil weiterbringt, bei Stürzen die Schulter. «Um zu lernen und etwas Neues auszutesten, musst du eben schon mal über die Grenze hinausgehen», sagt er rückblickend.
Als der Schwede in der Saison 1986/87 im Weltcup antritt, fliegt er zwar weiter als die meisten Gegner. Doch weil die Kampfrichter ihn mit grossen Punktabzügen bestrafen – als Idealvorstellung gelten zwei möglichst parallel geführte Ski – ist ein 10. Platz in dieser Saison Boklövs bestes Ergebnis. Diese Zeit sei frustrierend gewesen, erzählt der heute 49-Jährige: «Aber ich flog auf diese Weise weiter, also wollte ich nicht damit aufhören. Und eines Tages mussten sie es doch akzeptieren, hoffte ich.»
Boklöv gibt nicht klein bei. Zum Ende der Saison 1987/88 wird er in Lahti zwei Mal Zweiter, es sind seine ersten Podestplätze. Beide Wettkämpfe gewinnt mit Matti Nykänen der überragende Skispringer seiner Zeit. Doch nach seinem ersten Sieg geht er zu Boklöv hin und sagt ihm: «Heute bist du der wahre Sieger.» Nykänen habe seine Leistung und seinen Stil anerkannt, freut sich Boklöv noch immer über das Kompliment des finnischen Champions.
Auch wenn die Konkurrenz den Schweden akzeptiert, so ist sein Stil den Kampfrichtern immer noch ein Dorn im Auge. Deshalb feilt Boklöv weiter an seiner Technik und schliesslich schafft er es, so viel weiter zu fliegen als seine Gegner, dass ihn auch die happigen Punktabzüge nicht mehr am Siegen hindern können. Am 10. Dezember 1988 gewinnt mit Jan Boklöv zum ersten Mal in der Geschichte des Skisprung-Weltcups ein Athlet, der den V-Stil anwendet.
Vier weitere Siege folgen im Verlauf der Saison, darunter ein prestigeträchtiger an der Vierschanzentournee in Innsbruck. Und weil Boklöv eine Reihe weiterer Top-Platzierungen gelingen, gewinnt er am Ende des Winters gar den Gesamtweltcup. Auch wenn konservative Kreise weiter an seinem Stil mäkeln und stattdessen den DDR-Springer Ernst Weissflog als Ästheten feiern, setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass der V-Stil derjenige der Zukunft ist.
Ein junger Schweizer ist einer der Ersten, die ihren Stil ebenfalls umstellen und damit Erfolge feiern: Stephan Zünd. Er gewinnt vier Weltcup-Springen, wird Zweiter im Gesamtweltcup. Weil die Elite sich mit der Umstellung noch schwer tut, schlägt die Stunde der Jugend: Der 16-jährige Finne Toni Niemenen gewinnt 1992 Olympia-Gold, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee – und verschwindet danach praktisch von der Bildfläche. Denn nun springen alle im V-Stil.
Acht Athleten schaffen die Umstellung so gut, dass sie sowohl in der alten wie auch in der neuen Technik Weltcupsiege feiern. Der V-Stil lässt die Springer zudem nicht nur länger in der Luft bleiben. «Das Skispringen ist dadurch erheblich sicherer geworden», lässt sich der langjährige FIS-Renndirektor Walter Hofer zitieren. «Früher hatten wir pro Springen zwölf bis 15 Stürze, heute liegen sie im Promillebereich.»
Erfinder Jan Boklöv wird ein Opfer seines Erfolgs. Der Vorteil ist dahin, andere Springer beherrschen seinen V-Stil besser. Dazu kommt, dass er sich 1990 bei einem Sturz das rechte Bein bricht. «Es wurde nie wieder richtig gut», sagt Boklöv. 1993 beendet er seine Karriere. Er ist als Revolutionär in die Sportgeschichte eingegangen, doch als solcher fühlt er sich nicht.
Schliesslich, so erklärt es der Schwede, sei er nicht aufgetaucht, um der Welt mitzuteilen: «Schaut her, ich habe etwas Neues, das ist die Zukunft, und ich bin der Held.» Boklöv betrachtet sein Vermächtnis so: «Nicht ich habe meinen Sport verändert, die Skisprungwelt hat sich nach meiner Vorgabe geändert.»
Am 24. März 1991 gewinnt der Deutsche Ralph Gebstedt in Planica als letzter Athlet ein Weltcupspringen mit der Paralleltechnik. Seither siegen nur noch Skispringer, die den V-Stil anwenden. Die Revolution, die Jan Boklöv 1985 per Zufall im Training lostritt, hat nach sechs Jahren ihr Ziel erreicht.