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Das Gesicht der Mutter
Margarete Bolten
Kleinkinder lernen massgeblich von ihren Eltern. In einem bestimmten Alter ist ihr Lernverhalten stark vom emotionalen Gesichtsausdruck ihrer Bezugsperson abhängig – meist jenem der Mutter. Auf diese Weise werden in einer Familie auch Ängste weitergegeben.
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Etwa jedes zehnte Kind erlebt während seiner Entwicklung stark ausgeprägte Ängste, die neben dem individuellen Leid Einschränkungen für das familiäre Zusammenleben, den Kontakt zu Gleichaltrigen oder in den Schulleistungen bedeuten. Eine Reihe von Familienstudien weist auf die Häufung von Angststörungen innerhalb einer Familie hin: Leidet ein Elternteil an einer Angstoder depressiven Störung, erhöht sich das Erkrankungsrisiko für das Kind signifikant. Neben genetischen Ursachen betonen verschiedene Ätiologiemodelle die Rolle von Lernerfahrungen für die Entwicklung von Angststörungen. Bekannt sind drei Wege des Angsterwerbs: die klassische Konditionierung, das Modelllernen und das Instruktionslernen.
Soziale Rückversicherung
In den letzten Jahren wurden mehrere experimentelle Forschungsarbeiten vorgelegt, die die Bedeutung des Instruktionslernens beim Erwerb von Angstreaktionen bei Kindern im Grundschulalter eindrucksvoll belegen. So wurde ein Paradigma entwickelt, in dem 6- bis 8-Jährigen Bilder von ihnen unbekannten australischen Beuteltieren gezeigt wurden. Dazu wurden jeweils entweder keinerlei Zusatzinformationen, positive oder negative Informationen gegeben. Die Forschenden konnten zeigen, dass die Kinder, die negative Informationen zum Tier erhielten, signifikant mehr Angst zeigten (im Selbstbericht und auch in der Verhaltensbeobachtung) als Kinder ohne diese negativen Informationen. Da das klassische Instruktionslernen die Sprache als vermittelnden Prozess voraussetzt, stellt sich die Frage, wie Emotionen und die damit verbundenen Situationsinterpretationen einer Person bereits vor dem verbalen Spracherwerb von der Bezugsperson an das Kind vermittelt werden können. Hier könnte das in der Entwicklungspsychologie gut untersuchte Phänomen der sogenannten «sozialen Rückversicherung » (social referencing) Erklärungen liefern. Etwa im letzten Drittel des ersten Lebensjahrs beginnen Kinder, sich zum ersten Mal mit ihrer Bezugsperson über ein gemeinsames Referenzobjekt oder eine Referenzsituation auszutauschen. Ab diesem Zeitpunkt sind Kinder in der Lage, an einer emotionalen Interaktion teilzunehmen; gleichzeitig können bei ihnen erste Angstreaktionen beobachtet werden. Mit fortschreitender Entwicklung beziehen Kinder zunehmend mehr Kontextinformationen in die Beurteilung von Situationen und damit in ihre Handlungssteuerung mit ein. Gegen Ende des ersten Lebensjahrs zeigen Kleinkinder eine spezifische Art der Interaktion und Kommunikation: Sie schauen vermehrt zu ihrer Bezugsperson, um von dieser Informationen einzuholen und ihre eigenen Handlungen zu steuern. Dieses Verhalten wird soziale Rückversicherung genannt. Vor allem in neuen, unsicheren, ambivalenten oder bedrohlichen Situationen suchen Kinder nach emotionalen Hinweisreizen bei ihrer Bezugsperson, um Situationen besser einschätzen zu können und – basierend auf dieser Einschätzung – ihr Verhalten zu planen und auszuführen. Diese Informationen können aufgrund des emotionalen Gesichtsausdrucks, des Verhaltens oder verbaler Informationen der Bezugsperson gewonnen werden. Es konnte gezeigt werden, dass positive Informationen – zum Beispiel der Satz «Was für ein lustiges Ding!» oder ein Lächeln – in Bezug auf ein ambivalentes Objekt das Annäherungsverhalten positiv beeinflussten, also förderten. Dagegen führten negative Informationen – zum Beispiel «Uuh, ist das eklig!» – eher zur Vermeidung des Zielobjekts.
Versuche mit der «visuellen Klippe»
Eine erste klassische Arbeit zur Rolle der sozialen Rückversicherung wurde 1985 in den USA durchgeführt. Die Autoren konnten nachweisen, dass die Wahrscheinlichkeit, ob zwölf Monate alte Kleinkinder die tiefe Seite einer sogenannten «visuellen Klippe» überquerten, massgeblich vom emotionalen Gesichtsausdruck der Mutter abhing. Die «visuelle Klippe» ist ein ganz mit Plexiglas überdeckter Tisch, der aber optisch vortäuscht, in der Mitte wie eine Klippe steil abzufallen. In den Versuchen wurden Kleinkinder jeweils auf die eine Hälfte dieser Tischplatte gesetzt, die mit einem Schachbrettmuster unterlegt war. Dieses Muster setzte sich unterhalb der andern Tischhälfte auf dem Boden fort, sodass ein Tiefeneindruck entstand. Bei Säuglingen sind bereits im Alter von zwei bis fünf Monaten binokulare Tiefenwahrnehmungen nachweisbar. Die Babys realisieren entsprechend die Klippe, was zu einer Verunsicherung führt und Rückversicherungsverhalten (z.B. Blickkontakt mit der Mutter) auslöst. In der ersten Studie wurden die Mütter instruiert, ihre Babys mithilfe eines attraktiven Spielzeugs – nämlich eines Riesenrads – über die «visuelle Klippe» zu locken; gleichzeitig sollten sie ein fröhliches, ein ängstliches, ein trauriges oder ein ärgerliches Gesicht machen. Präsentierten die Mütter ein fröhliches Gesicht, krabbelten drei Viertel der Kinder über die Klippe. Zeigten sie sich jedoch ängstlich, überquerte kein Baby den Abgrund. Neben dieser Untersuchung konnten andere experimentelle Studien zeigen, dass insbesondere negative emotionale Botschaften eine stärkere Wirkung auf das kindliche Verhalten haben als positive Emotionen. Babys suchen also nach Gesichtsausdrücken ihrer Bezugsperson, um unklare Situationen einzuschätzen. Diese soziale Rückversicherung und schliesslich auch das Instruktionslernen beeinflussen die soziale und emotionale Entwicklung eines Kinds sowie den Erwerb von Handlungen und Wissen massgeblich. So wurde beispielsweise in mehreren Untersuchungen gezeigt, dass das Verhalten von Kleinkindern gegenüber fremden, unvertrauten Personen grundlegend von zuvor beobachteten Emotionen der eigenen Mutter gegenüber einer fremden, unbekannten Person abhängt. Zeigten sich die Mütter ängstlicher in der sozialen Interaktion, reagierten auch ihre Kinder im Sinn des sozialen Rückversicherungsparadigmas ängstlicher auf die fremde Person, im Vergleich zu einer nicht ängstlichen Interaktion zwischen der Mutter und einer fremden Person.
Stimmung der Mutter wichtig
In einer eigenen Studie haben wir anhand der «visuellen Klippe» experimentell geprüft, ob die aktuelle Stimmung von Müttern das Verhalten ihrer 8- bis 13-monatigen Kleinkinder in einer neuen, unbekannten Situation beeinflusst. Die Stimmung der Mütter wurde mittels zweier Filmausschnitte (traurig und neutral) manipuliert: Ihnen wurde je ein dreiminütiger Videoausschnitt gezeigt, zum einen mit einem bedrohlichen, angstauslösenden Inhalt (aus dem Film «Ray», USA 2004), zum andern mit einem neutralen Inhalt (aus einer Dokumentation über Sternbilder). Dabei konnte gezeigt werden, dass eine negative Befindlichkeit der Mutter, ausgelöst durch den traurigen Film, beim Kind zu einer grösseren Verunsicherung führte. Dies wiederum beeinflusste das Verhalten des Babys in der neuen Situation. Diese Zusammenstellung von aktuellen experimentellen Arbeiten zu den Übertragungswegen von Angststörungen zeigt, dass emotionale Hinweisreize speziell in ambivalenten Situationen von Kindern zur Informationsgewinnung und zur Verhaltenssteuerung herangezogen werden. Aufgrund der bekannten Übertragung von Angststörungen innerhalb einer Familie ist anzunehmen, dass Lernprozesse bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen im Kindes- und Jugendalter eine wichtige Rolle spielen. Für die klinische Praxis unterstreichen diese Befunde die Bedeutung der elterlichen Befindlichkeit und der damit verbundenen Verhaltensweisen für die Entstehung von Angststörungen im Kindesalter. Aufbauend auf diesen Ergebnissen scheint es sinnvoll zu sein, Eltern früh auf die Bedeutung eigener psychischer Erkrankungen für die Entwicklung des Kinds aufmerksam zu machen und Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Denn die Befindlichkeit der Eltern wird den Kindern auf nonverbalem Wege kommuniziert, ohne dass dies den Eltern bewusst sein muss.