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Wer ist arm im Kanton Zürich?
30.11.2010 - Mitteilung
Aus Anlass des Europäischen Jahrs zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung hat das Statistische Amt des Kantons Zürich einen Armutsrechner entwickelt. Er setzt sich zusammen aus einem reinen Sozialhilferechner und weiteren Indikatoren, welche eine Armutsgefährdung aufzeigen. Zweck dieser Anwendung ist eine Sensibilisierung für das Thema. Dazu gehört eine begriffliche Klärung sowie Hinweise auf statistische Informationen zu sozialstaatlichen Instrumenten zur Bekämpfung der Armut. Der Rechner kann auch für eine Selbsteinschätzung und für die Berechnung eines allfälligen Anspruchs auf Sozialhilfe – dies allerdings ohne Gewähr – verwendet werden.
Laut der Definition des Europarates von 1984 gelten Menschen als arm, „wenn ihr Einkommen und ihre Ressourcen (materieller, kultureller und sozialer Art) so ungenügend sind, dass sie verhindert sind Lebensumstände zu haben, die in dem Land als akzeptabel gelten, in dem sie leben.“
Die Armutsgrenze ist somit relativ und muss am durchschnittlichen Lebensstandard eines Landes gemessen werden. Sie setzt sich zusammen aus materieller, monetärer Unterversorgung, unakzeptablen Lebensumständen und ungenügenden nicht materiellen Ressourcen wie z.B. Bildung und soziale Einbindung. Die Definition von Armut im Sinne einer Anhäufung von Unterversorgungen in wichtigen Lebensbereichen und Benachteiligungen bei einem selbstbestimmten und unabhängigen Leben ist methodisch nicht unproblematisch, da die Bestimmung eines Minimums von Lebensstandards einer normativen Frage gleichkommt. Es muss gesellschaftlich und damit politisch ausgehandelt werden, was in einer Gesellschaft, einem Land als minimaler Lebensstandard gelten soll. Auf die Methodik des vorliegenden Armutsrechners wird im statistik.info 2010/14 genauer eingegangen.
Die subjektive Einschätzung der persönlichen Situation und das Verhalten spielen ebenfalls eine Rolle. Hat eine Person Wahlmöglichkeiten und verzichtet bewusst auf materielle Güter zugunsten anderer ihr wichtiger Güter (z.B. Freizeit, Ausbildung), so stellt diese Art von Armut kein gesellschaftliches Problem dar. Nur wenn die Person keine Wahlmöglichkeit hat und die Ressourcen fehlen, um an der eigenen Situation etwas zu ändern, ist der Sozialstaat gefordert.
Der hier vorgestellte Armutsrechner, erlaubt es, Armut in einem weit gefassten Verständnis zu sehen, ohne den Anspruch auf eine genaue Messung zu erheben. Er erfasst einerseits mit dem Sozialhilferechner die finanzielle Situation eines Haushalts und andererseits eine Reihe nichtmonetärer Merkmale der Lebenssituation einer in diesem Haushalt lebenden Person. Es sind Merkmale von deren Ausprägung eine Armutsgefährdung ausgehen kann. Weitere theoretische Erklärungen finden sich im statistik.info 2010/14.
Wer den Armutsrechner benützen will, startet mit den Fragen des Sozialhilferechners. Es ist zu beachten, dass sich die finanziellen Angaben auf einen Haushalt beziehen. Lebt eine Person allein, beantwortet sie die Fragen für sich allein, lebt sie mit anderen Personen zusammen, sind Informationen zum gesamten Haushalt nötig, weil bei der Berechnung eines möglichen Sozialhilfeanspruchs die Einkommenssituation einer Lebensgemeinschaft massgebend ist; dazu gehören Partnerinnen und Partner sowie minderjährige Kinder. Im Anschluss daran werden die Fragen zu den anderen sieben Indikatoren gestellt. Diese beziehen sich auf die Lebenssituation einer Person.
Selbstverständlich ist es möglich, den Sozialhilferechner allein zu benützen und die übrigen Fragen unbeantwortet zu lassen.
Das Ergebnis präsentiert sich in zwei Teilen:
- Darstellung prekärer Verhältnisse (die in Kombination eine Armutsgefahr darstellen) in den verschiedenen Lebensbereichen in Form einer Grafik. Die Auswahl der Lebensbereiche erfolgte aufgrund wissenschaftlich fundierter Untersuchungen.
- Eine Bedarfsrechnung sowie die Information, ob aufgrund der gemachten Angaben ein Anspruch auf Sozialhilfe bestehen könnte. Es ist nochmals darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine Selbsteinschätzung handelt. Sozialhilfe ist Einzelfallhilfe, die von den Sozialdiensten für jeden einzelnen Fall individuell geprüft und anschliessend festgelegt wird.
Unter folgendem Link können Sie den Armutsrechner testen:
Mit dem Armutsrechner lassen sich keine statistischen Zusammenhänge berechnen. In Ergänzung zum Online-Rechner wurde deshalb eine Seite mit weiterführenden Informationen aufgeschaltet. Sie stellt einen Auszug aus der Schweizerischen Sozialhilfestatistik dar, der es erlaubt, soziodemographische Bevölkerungsgruppen zu identifizieren, die ein überdurchschnittlich hohes Sozialhilferisiko tragen:
Warum wir nicht wissen, wie viele Armutsbetroffene es im Kanton Zürich gibt
Soll Armut aufgrund der Definition des Europarates (vgl. oben) gemessen werden, wäre umfangreiches Datenmaterial einerseits zu den Haushaltseinkommen und den Lebenskosten, andererseits zu den weiteren Lebensumständen der Bevölkerung nötig. Zudem müsste eine klare Armutsgrenze definiert werden. Dies erweist sich aber als schwierig. Wie erwähnt, ist die Armutsgrenze relativ (im Verhältnis zum Lebensstandard eines Landes) und gesellschaftspolitisch festzulegen. In der Schweiz existiert bisher kein Konsens darüber. Sollte als Armutsgrenze die in der EU verwendete Grenze gelten, wonach die monetäre Armutsgrenze bei 60% des Medianeinkommens liegt (Medianeinkommen = je 50% der Bevölkerung verfügt über mehr bzw. über weniger Einkommen)? Oder soll die Anspruchsgrenze zum Bezug von Sozialhilfe angewendet werden oder jene für den Bezug von Ergänzungsleistungen zur AHV/IV? Eine weitere Möglichkeit wäre das betreibungsrechtliche Existenzminimum, das teilweise unter der Anspruchsgrenze für Sozialhilfe liegt.
Eine zweite Schwierigkeit ergibt sich bei der Umrechnung der Einkommen von Haushalten auf die einzelnen Personen. Wer allein lebt, benötigt mehr Geld zur Bestreitung des Lebensunterhalts als ein Mehrpersonenhaushalt pro Person. Es ist nicht einfach, einen Schlüssel für die Umrechnung des Haushaltseinkommens auf die einzelnen Personen zu finden.
Wäre die Frage nach der monetären Armutsgrenze beantwortet, müsste zusätzlich jene nach der nichtmonetären Grenze gestellt werden. Wann besteht zum Beispiel eine Unterversorgung bzw. ein prekäres Verhältnis bezüglich Bildung oder Wohnen? Es muss sehr viel definiert werden, bevor eine Anzahl von Armut betroffenen Personen berechnet werden kann. Nur kleine Unterschiede bei der Armutsgrenze können zu ganz unterschiedlichen Armutsquoten führen.
Wie bereits erwähnt, gibt es bisher keine allgemein anerkannte Berechnungsart in der Schweiz, auf die wir uns beziehen könnten. Es existieren Schätzungen, die – wie nach den obigen Ausführungen nicht überraschend – relativ stark divergieren. Je nach Berechnungsart wird von 380‘000 bis zu 900‘000 Personen in der Schweiz ausgegangen, die von Armut betroffen sind. Für den Kanton Zürich existieren einzig Angaben zu den working poor für das Jahr 2007. Die Working-poor-Quote der 20–59-jährigen Bevölkerung betrug damals 4,1%. Zur Armutsbevölkerung ohne Personen über 65 Jahren wurde auf 8,5% geschätzt. Die letzte ausführliche Studie stammt aus dem Jahr 2001, die auf eine Armutsquote von ca. 6% kam.
Massnahmen zur Bekämpfung der Armut
Wenn von Armut in der reichen Schweiz gesprochen wird, muss berücksichtigt werden, dass der Sozialstaat eine ganze Reihe von Sozialleistungen bereitstellt, um der Armut entgegenzuwirken. So bestehen Sozialversicherungen für bestimmte Lebenslagen, in denen Menschen nicht mehr für ihren Lebensunterhalt aufkommen können (z.B. Krankheit, Invalidität, Alter, Arbeitslosigkeit und Mutterschaft). Fällt jemand durch die Lücken dieses Systems oder sind die Versicherungsleistungen ungenügend bzw. ausgeschöpft, stehen subsidiär Bedarfsleistungen wie z.B. die Zusatzleistungen zur AHV und IV oder die Alimentenbevorschussung zur Verfügung (vgl. Tabelle A3-911), die bei Bedarf die Existenzsicherung übernehmen. Wenn keine andere Sozialleistung mehr bezogen werden kann oder die Höhe dieser Leistung, die materielle Existenz nicht vollständig sichern kann, kommt als letztes soziales Netz die bedarfsabhängige Sozialhilfe zum Zug. Im Jahr 2009 bezogen im Kanton Zürich 3,3% der Bevölkerung Sozialhilfeleistungen (vgl. Tabelle A3-906). Insgesamt wurden dafür 315,8 Millionen Franken aufgewendet (vgl. Tabelle A3-911). Dies macht nur ein kleiner Teil aller Sozialausgaben von Kanton und Gemeinden aus. Diese wendeten im Jahr 2007 3'687 Millionen Franken für Sozialausgaben auf (vgl. Tabelle A3-202).
Wenn die Armutsgrenze anhand der Anspruchgrenze zur Sozialhilfe definiert wird, gehören Personen, die Sozialhilfe oder andere Sozialleistungen beziehen, zwar zu den einkommensschwachen Personen, jedoch nicht mehr zur Armutspopulation.
Nicht bekämpfte Armut tritt dort auf, wo die Betroffenen ihren Anspruch auf Hilfe nicht geltend machen. Die Nichtbezugsquote ist umso grösser, je knapper das eigene erzielte Einkommen unter der Armutsgrenze liegt. Es gibt unterschiedliche Gründe für den Nichtbezug. Entweder nehmen sich die betroffenen Personen subjektiv nicht als arm wahr. In diesen Fällen sind aus Sicht der Betroffenen genügend andere Ressourcen und Wahlmöglichkeiten vorhanden, so dass staatliche Hilfe nicht nötig ist. Es kann aber auch sein, dass jemand aus Unwissenheit oder aus Angst vor Stigmatisierung berechtigte Ansprüche nicht geltend macht.
Sozialleistungsbezug und Armut