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Kerzen
(Lichter, Licht
kerzen, frz. bougies, engl. candles);
es sind dies bekanntlich aus verschiednen brennbaren und leicht schmelzbaren Stoffen gefertigte lange cylinderförmige Körper,
in deren Mitte, der Längenaxe entsprechend, ein Docht angebracht ist. Je nach dem Materiale, aus dem die K. gefertigt werden,
unterscheidet man: Talg
kerzen, Stearinkerzen, Wachskerzen, Palmwachskerzen, Walratkerzen, Paraffinkerzen
und Ceresin
kerzen. Die Materialien dieser K. sind unter ihren
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besondern Namen beschrieben, sodaß es genügt, hier nur einiges Allgemeine über die K. selbst hinzuzufügen. Es tritt uns
hier zunächst die volkstümliche Talgkerze entgegen, welche allerdings bei uns mehr und mehr vor den wohlfeil gewordenen
Stearin
kerzen weichen muß. Indes ist ihre Fabrikation in Süddeutschland, in Polen und Rußland immerhin noch
sehr bedeutend. Das Talglicht hat bekanntlich den Übelstand, daß es trübe brennt, wenn es nicht fleißig geputzt wird,
und dies ist nicht abzustellen, denn die Erfindung der bei den übrigen K. gebräuchlichen sich selbst verzehrenden Dochte
kann hier nicht angebracht werden, da der Talg unter allen Umständen einen dicken Docht haben muß, weil
er zu leichtflüssig ist und der Docht zugleich als Reservoir für den geschmolzenen Teil desselben zu dienen hat.
Man bereitet die Lichter aus einer Mischung von gereinigtem Rinds- und Hammeltalg, die vereint eine bessere Masse bilden als jeder Stoff einzeln. Das früher übliche Ziehen derselben, indem man eine Anzahl an einem Stabe hängender Dochte wiederholt in geschmolzenen Talg tauchte, bis die verlangte Dicke erreicht war, kommt kaum mehr vor, vielmehr ist jetzt das Gießen der K. allgemein und zwar dienen hierzu Formen aus einer Komposition von Zinn und Blei. Die einzelnen Formen, welche etwas konisch sind, damit die gegossene Kerze sich herausheben läßt, werden mit dem obern Ende nach unten in großer Anzahl in den mit einer Menge runder Löcher versehenen Gußtisch eingehangen, dann die Dochte mit Haken eingezogen und zugleich ein kleiner Eingußtrichter auf jede Form gesetzt, der einen Quersteg hat, an welchen der Docht angehangen wird, indes derselbe in dem an der Spitze befindlichen Loche sich von selbst einklemmt.
Jede Form wird einzeln vollgegossen, wenn der Talg die rechte Temperatur hat, die sich dadurch kenntlich macht, daß sich auf der Oberfläche ein Häutchen zu bilden beginnt. Das Gießen in dieser Weise läßt sich nur bei kühler Witterung, also zur Winterzeit ausführen, denn wenn die Lufttemperatur höher als 8° R. ist, gehen die K., die immer mehrere Stunden zur Abkühlung brauchen, gar nicht aus den Formen. Man hat aber diesen Übelstand durch Gießmaschinen, bei denen eine künstliche Wasserkühlung in Anwendung kommt, zu beseitigen vermocht, und es können mit solchen Apparaten in den heißesten Sommertagen K. bequem gegossen werden. - Die Talglichter gewinnen durch Ablagern an Härte und Güte; ihre gelbliche Farbe kann durch Aussetzen an die Luft verbessert werden. -
Das Gießen der Stearin
kerzen, die erst seit Anfang der dreißiger Jahre Gegenstand der Fabrikation sind, ist
nicht so einfach wie das der Talglichter. Das Stearin nimmt beim Erstarren ein großkristallinisches Gefüge an, was den K. ein
häßliches Ansehen gibt und sie außerdem sehr zerbrechlich macht. Zur Vermeidung dieses Übelstandes muß man der Masse
stets einige Prozente Wachs zusetzen, statt dessen man jetzt auch Paraffin verwendet. Ferner läßt man
vor dem Gießen das Stearin unter beständigem Umrühren so weit erkalten, daß es dickflüssig zu werden beginnt.
Es ist
dies die Folge der schon beginnenden Kristallbildung, die aber durch das Rühren gestört wird, sodaß große Kristalle nicht
auftreten können.
Eine solche dem Gestehen nahe Masse läßt sich aber begreiflich nicht in kalte Formen gießen; diese müssen vielmehr auf etwa 50° C. angewärmt sein. Die Formen werden entweder einzeln vollgegossen und haben dann eine trichterförmige Erweiterung, oder häufiger in Vereinigung von 20-30 Stück mit gemeinschaftlichem Einguß. Ein solches Ensemble heißt ein Park. Nachdem die Dochte eingezogen sind, werden die Parks in warmem Wasser oder in einem Dampfkasten angewärmt und dann soviel Stearin hineingegeben, daß auch der Einguß mit gefüllt ist. In diese überschüssige Masse legt man sogleich zwei Handhaben ein, die nach dem Erkalten festhaften und zum Ausheben des Gusses dienen.
Durch Abbrechen werden die einzelnen K. von der Gießleiste getrennt. Man hat in großen Fabriken auch
Maschinen, welche den Guß wesentlich fördern. Dies geschieht vornehmlich dadurch, daß das Einziehen der einzelnen
Dochte erspart wird, indem man so zu sagen endlose Dochte anwendet. Für jede Form ist eine Dochtrolle vorhanden; wird ein
erkalteter Einguß durch ein Hebezeug aus der Form gehoben, so folgt von unten frischer Docht nach und
die Form ist wieder zum Einguß bereit. Die Formen stehen zu etwa 200 in einem ganz geschlossenen Kasten, durch dessen Decke
die Mündungen herausstehen, und in welchem sie durch abwechselnden Zutritt von Dampf und kalter Luft oder Wasser gewärmt
und gekühlt werden. Die Stearin
kerzen haben das Gute, daß ihre Masse beim Erkalten ziemlich stark schwindet,
daher das Herausziehen aus den Formen keine Schwierigkeiten hat.
Der Guß von Paraffin
kerzen erfolgt ähnlich wie bei den vorigen: die Formen werden angewärmt, die Masse ganz dünnflüssig
eingegossen und die Formen dann mit kaltem Wasser gekühlt. Die Paraffinmasse, namentlich wenn sie etwas
weicher Konsistenz ist, hat wieder die Eigenheit, daß sie schwierig aus der Form geht. Zur Beseitigung dieses Übelstandes
hat man den Gießmaschinen, welche meistens für den Guß dieser K. in Anwendung sind, die Einrichtung gegeben, daß jede
Kerze nach dem Erkalten durch einen Piston, welcher vom spitzen Ende nach dem dicken zu schiebt, hinausgetrieben
wird.
Endlose Dochte und alle zweckmäßigen Vorkehrungen zur Erwärmung und Kühlung sind auch bei diesen Maschinen in Anwendung.
Die Fabrikation von Stearin
kerzen ist jetzt überall vertreten, indes Paraffinkerzen und ihre Fabrikation ihren Hauptsitz
in der preußischen Provinz Sachsen haben, weil da die passenden Braunkohlen liegen. Die Fabrikation ist
zu großer Bedeutung gelangt und man stellt jetzt die Ware weit besser her als früher, sodaß das unangenehme Krummziehen
fast ganz beseitigt ist. Einesteils wird jetzt das Paraffin selbst besser hergestellt, andernteils gibt der Zusatz von einigen
Prozenten Stearin der Masse eine größere Härte. Auch aus zu weichem Paraffin macht man durch Zusatz
von ebenso viel Stearin noch K., die für Primasorte Stearin
kerzen
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gelten können und natürlich im Handel als solche verkauft werden. In neurer Zeit fertigt man in Österreich und seit kurzem
auch in der preußischen Provinz Sachsen K. aus gleichen Teilen Paraffin und Stearin, die viel Beifall finden. Sie werden Melanyl
kerzen
genannt. Walrat
kerzen sind in neurer Zeit durch das ganz ebenso gute billigere und schöne Paraffin bei
uns fast ganz verdrängt worden. In England und Nordamerika sind sie noch viel in Gebrauch; übrigens kaufen die Engländer
in Deutschland auch Paraffin.
Die Walrat
kerzen sind ein kostspieliger Artikel, besonders da sie rasch wegbrennen. Dieser Kerzenstoff verhält sich in seiner
Eigenschaft, großkristallinisch zu erstarren, dem Stearin ähnlich und bedarf, damit er eine homogene
Masse gebe, eines Zusatzes von einigen Prozenten Wachs, und da die Masse beim Erstarren so sehr schwindet, daß die Güsse
auf den ersten Wurf zur Hälfte hohl werden, muß man die Höhlung durch Nachgießen ausfüllen. Übrigens hat der Guß solcher
K. keine Schwierigkeit und bedarf keiner besondern Vorrichtungen. -
Das Wachs dagegen ist wieder ein Stoff, der Schwierigkeiten macht, indem er sich gleich dem Paraffin zu fest an die Formen
hängt und im Innern der Güsse gern Hohlräume bildet. Man hat sich daher in der gewöhnlichen Praxis für Wachslichter
des Formgusses nicht bedient, sondern des Angießens. Man hängt nämlich die Dochte über dem Schmelzkasten
senkrecht auf und begießt sie von oben herab so lange, bis sie die verlangte Dicke haben. Die regelmäßige Form erhalten
sie dann durch Rollen mit einem Brett auf einer glatten Tafel. Große Altar
kerzen werden ganz durch Rollarbeit
fertig gemacht. Übrigens sind die Schwierigkeiten, die das Wachs dem Formenguß entgegengesetzt, nicht unübersteiglich,
und es werden in neurer Zeit tadellose und schöne Wachslichter durch Gießen erzeugt, namentlich in einer Berliner Fabrik.
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Aus Palmwachs werden jetzt auch viel K. gegossen, es eignet sich infolge seiner Härte und seines hohen
Schmelzpunktes sehr gut hierzu. Die Fortschritte in der
Kerzenfabrikation, überhaupt haben sich nicht nur auf die Verbesserung
der Darstellungsweisen und auf die Veredelung des Materials, sondern bekanntlich auch auf die Einrichtung der Dochte erstreckt.
Diese sind bei den Stearin- und Paraffin
kerzen viel schwächer als bei Talglichtern und bestehen nicht aus
parallel laufenden Baumwollfäden, sondern sind aus drei Strähnen geflochten und haben überdies eine chemische Behandlung
erfahren, welche ihre Verzehrung beim Brennen vervollständigen soll.
Diese K. putzen sich also gleichsam von selbst. In dem Maße, wie die Dochtenden frei werden, krümmen sie sich nach außen, sodaß sie in den nicht leuchtenden, aber sehr heißen äußern Mantel der Flamme hineinreichen, wo sie bis auf die Asche verzehrt werden. Die Krümmung ist lediglich Folge des Flechtens, welches eine ungleiche Spannung hervorruft. Die Ingredienzen, mit welchen die Dochte getränkt werden, heißen Beizen, sie sind verschiedner Art und sollen auf verschiednen Wegen den Zweck des vollständigen Abbrennens erreichen.
Nicht selten machen Fabriken
aus ihrer Beize ein Geheimnis. Im allgemeinen sind die Mittel entweder Sauerstoff abgebende,
wie Salpeter, chromsaures Kali u. dgl., oder sie sollen die
schnellere Zerstörung des Dochtes bewirken, wie Schwefelsäure, oder endlich sind es solche Stoffe, welche in der Hitze mit
den Aschenbestandteilen des Dochtes in schmelzende Verbindung treten und dadurch das große Volumen der
Asche auf ein verschwindend kleines reduzieren. Solche Stoffe sind Borsäure, phosphorsaures Ammoniak etc. Sämtliche Beizen
werden nur in sehr verdünntem Zustande angewandt. Um das häßliche Abrinnen und dadurch herbeigeführte Vergeuden des Materiales
der K. zu beseitigen, fertigt man häufig K. mit Kanälen (Hohl
kerzen).
Die Erzeugung von K. hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Höhe erreicht und es ist schwer zu begreifen, wie alle
diese Fabrikate verbraucht werden können neben elektrischem Licht, Gas, Photogen, Solar- und Rüböl; dabei ist weder Talg,
noch Stearin und Paraffin wohlfeiler geworden. Die Fabriken haben zwar nicht mehr so hohe Gewinne wie ehemals,
aber die Massenproduktion läßt sie doch gut auskommen. Über die Fabrikatmenge der so häufig in Deutschland und Österreich
bestehenden Stearin
kerzenfabriken fehlen Zahlen; aber auch die viel kleinere Produktion von Paraffinkerzen ist an sich schon
kolossal: in der Gegend von Halle bis Zeitz werden von den sechs bedeutendsten Geschäften auf 138 Gießmaschinen
täglich 552000 Stück oder circa 1100 Ztr. K. geliefert.
Hierzu kommt noch das Erzeugnis einiger österreichischen Fabriken in Aussig, Florisdorf, Mährisch-Ostrau, Wien, Neupest, Temesvar, Stockerau und Hermannstadt. Sie bringen zusammen mit 66 Maschinen täglich 264000 Stück fertig und verarbeiten nicht Braunkohle, sondern galizisches Erdwachs (s. d.), von welchem jährlich circa 120000 Ztr. gegraben werden. Diese könnten aber für die obige Stückzahl unmöglich ausreichen, und es muß also die Zentnerzahl zu niedrig gegriffen sein oder die Angabe der Fabriken bezieht sich auf ihre Stearin- und Paraffinprodukte zugleich. Diese aus dem galizischem Erdwachs gefertigten K., die Ozokeritkerzen oder Ceresinkerzen, können jetzt auch, ohne daß das Erdwachs vorher destilliert wurde, wobei es Zersetzung erleidet und leichter schmelzbares Material liefert, von ganz weißer Farbe hergestellt werden und haben dann größere Härte und einen höheren Schmelzpunkt als die Stearinkerzen. - Zoll: K. aller Art s. Tarif im Anh. Nr. 23.