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Die standortwechselnde Eiche
Unweit des Brunnens, von welchem die Rede war, befindet sich ein grösserer Felsbrocken welcher vor ewigen Zeiten vom Berg heruntergerasselt sein muss und auf der kleinen Ebene seinen vorläufigen Standplatz gefunden hat. Leicht zerfurcht, wie ein Brocken Tessiner Granit sein kann, muss sich über die Jahre durch das Laub der umstehenden Bäume eine Erdschicht in den Ritzen gebildet haben. Wiederum vor vielleicht fünfzig Jahren ist eine Eichel auf eine ebensolche Erdfläche hoch oben auf dem Stein gefallen.
Ein privilegierter Platz, leicht erhöht, gegen Süden gerichtet und sonnig. Es lässt sich gut vorstellen, wie sich diese Eichel, von Wildschweinen verschont da nicht am Boden liegend, sondern für Wildschweine unerreichbar hoch oben auf dem Stein, langsam rötlich färbte, den ersten Schössling in die Erde trieb als Wurzel und sodann langsam mit dem Haupttrieb in die Höhe wuchs. Der hoffnungsfrohe Anfang einer Eiche mit einem vielversprechenden Potential für ein stimmiges und langes Leben.
Während der ersten Jahre durfte sich dieser werdende Baum ohne Zweifel eines sorglosen Lebens erfreuen. Der Regen brachte genügend Wasser, die privilegierte Lage genügend Sonne und Konkurrenz gab es praktisch keine, da rundherum nur Stein und keine Erde vorhanden war.
Mit der Zeit dürfte die weitere Entwicklung aber deutlich beschwerlicher geworden sein. Das knappe Gut war die Erde auf dem Stein. Schon ein mittlerer Blumentopf bietet mehr Nährstoffe als diese kleine Höhlung im Stein aufnehmen kann. Für die junge Eiche bedeutete dies, trotz dem Privileg teilweise günstiger Bedingungen, eine dramatische Restriktion.
Aus der weiteren Entwicklung des Baumes lässt sich leicht erkennen, dass die Not erkannt und nach Möglichkeiten gesucht wurde, diese zu beheben. Natürlich stehen in einem solchen Falle mehrere Optionen zur Verfügung wie sich das am Beispiel einer Birke weiter unten auf dem Gelände zeigte. Aber diese Eiche wählte eine völlig andere waghalsige Strategie. Sie gab sich nicht mit der Mangellage zufrieden, sondern beschloss das zu tun was gemeinhin als unmöglich erscheint. Die Eiche wagte den Versuch ihren Standort zu wechseln. Für einen Baum welcher ganz allein auf sich selbst gestellt ist, kein leichtes Unterfangen, energieraubend und risikoreich.
Die Spuren dieses gewagten Unterfanges sind offensichtlich.
Heute steht diese stolze Eiche mit einer Höhe von weit mehr als zehn Metern an dem aktuell sonnigen Plätzchen, aber den
Standort hat sie zwei Meter nach Südwesten gewechselt wo guter Waldboden reichlich vorhanden ist.
Es muss eine ausgesprochen schwierige, aber gut gelungene Gratwanderung gewesen sein. Schwierig in dem Sinne, dass es für die Eiche ein lebenskritisches Dilemma auszuhalten galt. Im Erkennen der knappen Ressourcen und den entsprechend reduzierten Wachstumsmöglichkeiten entschied sich die Eiche dennoch Wurzeltriebe über den kleinen Erdvorrat und öden Stein hinaus treiben zu lassen. Erstaunlicherweise nicht in alle Richtungen, sondern exakt auf der Schattenseite dem Fels entlang immer weiter ins Ungewisse. Das zierliche Bäumchen war auf diese Weise über Jahre hinweg gezwungen die Wurzel über eine Länge von gut zwei Meter voranzutreiben ohne auch nur im Geringsten auf Nährstoffe zu stossen. Solange bis eines Tages das Ende des Felsbrockens, und damit der Anfang des Waldbodens, erreicht war sowie folglich auch der Wurzeltrieb sozusagen im Schlaraffenland Fuss fassen konnte.
Was dann geschah ist leicht nachvollziehbar und dennoch sehr beeindruckend. Aus dem langen Wurzelschoss wurde über die Jahre ein veritabler Wurzelstamm, der nicht nur den reichlichen Transport von Wasser und Nährstoffen sicherstellte, sondern darüber hinaus eine zusätzliche Verankerung im Boden ermöglichte so dass sich die Eiche rasch in die Höhe entwickeln konnte und grosse Äste Richtung Südosten, also auf die Sonnenseite, austreiben konnte. Der neue Standort brachte die Erfüllung ein stattlicher Baum zu werden obgleich am Anfang die berechtigte Annahme dominierte, dass mit derlei spärlichen Ressourcen auf dem Felsen aus dieser Eichel nichts Rechtes entstehen können sollte.
Die Eiche hatte, mit dem mutigen Vorantreiben der Wurzeln ins Nichts, viel Glück gehabt könnte man meinen. Es war eine nicht unabdingbare Voraussetzung wie die nächste Geschichte zeigt. Und noch etwas gibt es zu bedenken: Was nach Glück, Cleverness, Planung und Erfolg aussieht ist gar nichts von alledem. Ebenso wenig wie der Feuersalamander im Brunnen Pech hatte, hat diese Eiche im Gegenzug Glück gehabt. Vielmehr blieb dem Feuersalamander wie der Eiche gar nichts anderes übrig als eben genau das zu tun, was sie taten und vollbrachten. Der Unterschied ist lediglich, dass im ersten Fall die Ohnmachtssituation zum Schockerlebnis und somit zum Ende des Strebens führte, während die Eiche vor der totalen Verausgabung mit dem Wurzeltrieb auf guten Nährboden stiess und so der weiteren Entfaltung nichts mehr im Wege stehen konnte. Natürlich sollte die Eiche darüber Freude empfinden, ob es nicht besser gewesen wäre das Ziel zu verfehlen und halt nur eine kleine Eiche zu werden steht nicht einmal zur Debatte. Andere mögliche Resultate interessieren hier nicht. Du hast deine Mitte gefunden, wenn das Endergebnis zum Abfallprodukt deiner Freude an der Tätigkeit geworden ist. Dies gilt für den Feuersalamander der durch sein weiteres Vordringen im Abflussrohr dem sicheren Tod entgegen strebte. Es gilt auch für die Eiche welche mit dem Standortwechsel eine massive Wachstumsperformance erzielen konnte.
Aber auch nur schon ein einziger schwacher oder gewittriger Windstoss kann dem nun grossen Baum zum Verhängnis werden. Und eben dies spielt gar keine Rolle im Hier und Jetzt.
Die Eiche macht was sie kann, mehr nicht. Sie strebt nach Entfaltung. Warum aber ist sie auf die Idee gekommen den Standort zu wechseln? Dies könnte man sich fragen sofern man noch nicht akzeptieren konnte, dass es weder Ursachen noch Wirkungen gibt. Diese Antwort ist redlich einfach aber trotzdem schwer zu akzeptieren. Die Eiche hätte nicht mal im Traum daran gedacht den Standort zu wechseln. Sie tat es lediglich einfach nur weil dies ihrer Natur entspricht. Wurzeltriebe suchen nährstoffreichen Boden. Lässt sich keiner finden wachsen sie einfach weiter, ähnlich so wie sich ein Goldschürfer durch viel für ihn wertloses Gestein hindurch kämpft in der Hoffnung, dass er endlich mal auf Gold stösst. Der Wurzeltrieb kann gar nicht anders als die Suche konsequent vorantreiben, dies funktioniert nur solange von der Quelle her die nötige Versorgung gewährleistet ist. Der Baum strebt nach Vollendung und liefert nach Möglichkeit die notwendigen Kapazitäten um neuen Nährboden zu finden. Es gibt keinen Grund dies zu tun, bestenfalls aber eine Erfahrung und zwar nämlich diese, dass auch die unwirtlichste Gegend von nährstoffreicheren Adern durchzogen ist welche es zu finden gilt.
Es ist dies die Geschichte vom Verirrten im Wald, der unbedingt auf die grüne Wiese möchte, sich aber inmitten der Bäume
total verlaufen fühlt. Was er bräuchte und ihm helfen würde ist eine Orientierung. Dies gibt ihm das Moos an den Bäumen welches immer auf der Wetterseite ansetzt und, in unseren Breiten, meist gen Westen zeigt. Zweitens kann er davon ausgehen, dass der Wald nicht unendlich gross ist. Also gelangt er irgendwann automatisch zum Waldausgang solange er konstant sich immer in dieselbe Richtung bewegt. Ähnlich ist die Eiche mit ihrem Wurzeltrieb vorangegangen. Eine Wurzel strebt natürlicherweise und naturgemäss aus guter Erfahrung immer nach unten. Solange also der Wurzeltrieb nach unten wachsen kann ist es nachvollziehbar, dass das nicht aufgegeben wird, wobei kleinere Gegensteigungen doch überwunden werden sollten, da glatte schiefe Ebenen in der Natur selten vorkommen. Das Streben zum Boden und die stete Neigung des Wurzeltriebes sind die treibende Kraft, grundlos und ebenso zwingend ist dies für jeden Baum.