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Auf dem orientalischen Basar treffen wir auf Märchenerzähler. Sie erzählen Märchen für Touristen. Es sollen Märchen sein aus „Tausendundeiner Nacht“. Es sind schöne Märchen, das macht uns skeptisch. Denn die Märchen aus der Sammlung von „Tausendundeine Nacht“ erzählen von Hinrichtungen und vom Sterben. Tausendundeine Nacht, arabisch alf laila wa-laila, ist eine Sammlung von morgenländischen Erzählungen, die zum Klassiker der Weltliteratur geworden sind. Typologisch gesehen ist es eine Rahmenerzählung mit integrierten Schachtelgeschichten. Der Inhalt dürfte für Märchenliebhaber eher schockierend sein.
Zum Inhalt. Auf einer Insel, irgendwo zwischen Indien und dem Kaiserreich China, lebte einst ein König mit dem Namen Schahriyâr. Seine Frau geht fremd. Als er ihr auf die Schliche kommt, ist er so schockiert von ihrer Untreue, dass er sie töten lässt. Nun will er selber sich an einer grossen Anzahl von Frauen schadlos halten. Seinem Wesir gibt er den Befehl, ihm fortan jede dritte Nacht eine neue Jungfrau zuzuführen, die jeweils am nächsten Morgen umgebracht wird. Um das Morden zu beenden, beschliesst die Tochter des Wesirs sich zu opfern und die Frau des Königs zu werden. Die mutige Frau heisst Scheherezade. Sie ist es nun, die dem König jede Nacht eine Geschichte erzählt. Dabei achtet sie jeweils darauf, dass die Geschichte an einer spannenden Stelle abbricht, so dass der König unbedingt die Fortsetzung in der nächsten Nacht hören möchte und so die Hinrichtung immer wieder aufschiebt. Nach tausendundein Nächten hat sie ihm nicht nur ebenso viele Geschichten erzählt, sondern auch drei Kinder geboren, und der König begnadigt sie. Der König bewundert Scheherezade, er bricht seinen Schwur, seine Frau nach der Hochzeitsnacht töten zu lassen.
Die Geschichten, die Scheherezade dem König erzählt, sind sehr unterschiedlich; es sind Liebesgeschichten darunter, Tragödien, Komödien, Gedichte, Legenden und auch Burlesken. Die Geschichten werden in einer sehr blumigen Sprache erzählt. Nebst Scheherezade kommen Figuren vor wie Sindbad, Ali Baba, Aladin, Abu Hassan oder Turandot.
Auch wenn die Märchenerzähler auf den arabischen Basars die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gerne als Eigengewächs ausgeben, stimmt das so nicht. Das Strukturprinzip der Rahmenhandlung sowie einige der enthaltenen Tierfabeln weisen auf einen indischen Ursprung hin. Der Kern der Erzählungen dürfte allerdings aus Persien stammen. Zwischen dem indischen und dem persischen Kulturraum bestanden um das Jahr 250 enge Beziehungen, was wohl die Entstehung dieser Geschichten erst ermöglicht hat.
Nachdem die Araber Persien erobert hatten, im 8. Jahrhundert also, entstand die Übersetzung aus dem Persischen ins Arabische, genannt Alf Layla (Tausend Nächte). Die Übersetzungen wurden in Bagdad erstellt, dem Sitz der Kalifen. Aus der Zeit um 1150 stammt die erste Erwähnung des arabischen Titels Alf layla wa-layla in einem Notizbuch eines Kairoer Juden.
Auf den Punkt gebracht: die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht sind nicht eigentlich ein Eigengewächs der Geschichtenerzähler auf den orientalischen Basars im arabischen Raum. Das tut dem Charme und der Magie dieser Geschichten und ihrer Erzähler in den Souks und in den Basars jedoch keinen Abbruch.
Literatur: Tausenundeine Nacht. Übersetzt von Claudia Ott. Verlag Beck, München. Übersetzung nach der bis dato ältesten bekannten Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi: Alf laila wa-laila.
Zum Bild: Erzähler auf dem orientalischen Basar. Foto: Schnidrig.