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Von «rollenden Köpfen» zu sprechen, wenn es um Saudi-Arabien geht, hat einen makabren Beigeschmack. Schliesslich enthauptet das fanatisch-religiöse Regime dort tatsächlich regelmässig Menschen, die in sein Visier geraten sind. Vielleicht klingt «Stühlerücken» daher angemessener – obwohl das die dramatischen Veränderungen nur ansatzweise beschreibt, die der Machthaber Kronprinz Mohammed bin Salman gerade anschiebt.
Er hat am Wochenende Ölminister Khalid al-Falih, einen der mächtigsten Männer des Landes, entlassen und ihn durch ein Mitglied der herrschenden Sippe ersetzt. Wenige Tage zuvor hat er schon den Chefposten von Aramco neu besetzt, des grössten und wichtigsten Ölkonzerns. Und um Aramco geht es letztlich bei all diesen Schachzügen.
Der Posten des Ölministers und die Funktion des Chefs von Aramco gehören zu den wichtigsten Positionen in Saudi-Arabien. Schliesslich basiert der ganze Reichtum auf dem Öl, das von dieser Firma, die über die grössten Ölreserven der Welt verfügt, gefördert wird. Jahrzehntelang waren beide Leitungsfunktionen daher auch in einer Hand, und jahrzehntelang gab es da auch keine Veränderungen – bis 2016 hatte der Vorgänger von al-Falih, Ali al-Naimi, die beiden Ämter über 21 Jahre hinweg bekleidet, bis er im Alter von 81 Jahren den Stab endlich weiterreichte.
Aramcos Börsengang musste bereits 2018 abgesagt werden
Doch al-Falih musste nun schon nach drei Jahren gehen. Zunächst enthob ihn der Kronprinz Anfang des Monats seines Chefpostens bei Aramco. An seine Stelle trat dort Jassir al-Rumayan, bisher Chef des saudischen Staatsfonds und ein enger Vertrauter des Kronprinzen. Nun, nicht mal eine Woche später, musste al-Falih auch das Ministerium räumen. Dort zieht Prinz Abdulasis bin Salman ein, ein Halbbruder des Kronprinzen, der immerhin schon lange Jahre Funktionen in der Ölindustrie inne hatte.
Beobachter sehen in dem Revirement eine Vorbereitung für einen Börsengang von Aramco. Dieser war schon im vergangenen Jahr geplant gewesen, dann aber abgesagt worden, da es aufgrund der niedrigen Ölpreise zweifelhaft erschien, dass der angestrebte Börsenwert des Unternehmens von zwei Billionen Dollar erreicht werden könnte. Der bisherige Ölminister al-Fatih hatte auch immer wieder durchblicken lassen, dass er kein allzu grosser Fan der Idee eines öffentlichen Listings des Unternehmens war.
Doch der Kronprinz will nun offenbar Nägel mit Köpfen machen. Schon in den kommenden Tagen soll Insidern zufolge die Entscheidung für die Geldhäuser fallen, die den Milliarden-Börsengang begleiten. Die US-Banken JP Morgan und Morgan Stanley sowie die saudi-arabische National Commercial Bank (NCB) hätten gute Chancen, eine führende Beratungsrolle zu bekommen, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Die Erstnotiz sei noch vor Ende des Jahres geplant. Nach den derzeitigen Überlegungen solle Saudi Aramco zunächst an der heimischen Börse gelistet werden, später dann an einem internationalen Handelsplatz.
Der Kronprinz will die Wirtschaft des Landes komplett umbauen
Es wäre wohl der grösste Börsengang aller Zeiten. Denn selbst wenn nur ganze fünf Prozent der Aktien von Aramco an Investoren verkauft werden, würde dies rund 100 Milliarden Dollar in die Kasse des Unternehmens spülen – vorausgesetzt der angestrebte Firmenwert von zwei Billionen Dollar wird erreicht. Der bisher grösste Börsengang aller Zeiten, das Listing des chinesischen Online-Portals Alibaba 2014 in New York, brachte es auf ein Emissionsvolumen von 25 Milliarden Dollar – gerade mal ein Viertel.
Doch Mohammed bin Salman braucht das Geld. Denn er hat grosse Pläne. Er will die Wirtschaft des Landes komplett umbauen und es unabhängiger vom Öl machen. Dies erscheint auch dem Internationalen Währungsfonds sinnvoll, der am Montag eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Reformpläne veröffentlichte. Eine Diversifikation der Wirtschaft mache das Land unabhängiger von den schwankenden Ölpreisen und bereite es auf die Zeit nach dem Öl vor. Vor allem aber: «Es müssen Jobs für die vielen jungen Saudis geschaffen werden, die in den Arbeitsmarkt eintreten», so der IWF.
Doch genau hier sieht der IWF eines der Hauptprobleme. Im privaten Sektor liege der Durchschnittsverdienst für saudische Arbeitnehmer bei rund 25.000 Dollar im Jahr, im staatlichen Dienst sogar bei 35.000 Dollar. Doch: «Die Produktivität in Saudi-Arabien scheint unter dem Niveau von Ländern mit ähnlichen Löhnen zu liegen», stellt der IWF fest, vor allem angesichts des recht geringen Bildungsniveaus der Saudis. Daher sieht der IWF letztlich nur eine Lösung: Die Löhne müssten sinken. Das jedoch kann für den Kronprinzen keine Option sein – das träfe die Millionen junger Saudis, unter denen er die grösste Unterstützung findet.
Aramco-Börsengang entscheidend für die weiteren Pläne
Er setzt daher lieber auf ein gigantisches Bauprojekt. An der Küste des Roten Meeres soll eine komplette neue Stadt entstehen: Neom. Dieser Tage wurden gerade die ersten Kontrakte mit zwei saudischen Baufirmen geschlossen. Internationale Investoren sind allerdings bislang noch nicht von dem Projekt überzeugt, das unglaubliche 500 Milliarden Dollar kosten soll.
Und auch die Finanzierung steht noch nicht. Das Haushaltsdefizit des Landes schätzt der IWF für dieses Jahr bei 6,5 Prozent – da ist nicht mehr viel Luft für weitere Ausgaben. Das Geld muss also aus anderer Quelle kommen, und dabei spielt der Aramco-Börsengang eine entscheidende Rolle. Die nächsten Wochen werden daher entscheiden, ob dieser Plan gelingt. Falls nicht, könnte es an den Schalthebeln der Macht in Saudi-Arabien erneut zum Stühlerücken kommen.