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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

16. Buch
28. Von der Abänderung der Namen bei Abraham und Sarra, denen nun, obwohl sie nicht zeugen konnten, die eine nicht wegen ihrer Unfruchtbarkeit, beide nicht wegen ihres vorgerückten Alters, dennoch das Gnadengeschenk der Fruchtbarkeit zuteil wurde.
Eine große und sehr klare Verheißung war also an Abraham ergangen; ohne alle Zweideutigkeit war ihm eröffnet worden: „Zum Vater vieler Völker habe ich dich bestimmt; und ich will dich sehr, sehr vermehren und dich zu Völkern machen, und Könige sollen hervorgehen aus dir. Und ich werde dir aus Sarra einen Sohn schenken und werde ihn segnen, und er soll zu Völkern werden, und Könige von Völkern werden aus ihm hervorgehen“ [eine Verheißung, die wir nun in Christo sich erfüllen sehen]. Von da an werden diese Gatten in der Schrift nicht mehr wie vordem Abram und Sara, sondern Abraham und Sarra genannt, wie wir sie schon von vornherein genannt haben, weil sie allgemein jetzt so genannt werden. Für die Namensänderung bei Abraham ist der Grund angegeben: „weil ich dich“, heißt es, „zum Vater vieler Völker bestimmt habe“. Das also wird als die Bedeutung des Namens Abraham zu verstehen gegeben; Abram aber, wie er vordem hieß, übersetzt man mit „erhabener Vater“. Bei Sarra dagegen wird über die Namensänderung nicht Rechenschaft gegeben; laut Versicherung derer, die Erklärungen der in den heiligen Schriften vorkommenden hebräischen Eigennamen verfaßt haben, heißt Sara „meine Fürstin“ und Sarra „Kraft“. Deshalb lesen wir im Brief an die Hebräer1 : „Durch den Glauben hat auch sogar Sarra die Kraft erlangt zur Hervorbringung von Nachkommenschaft“. Beide nämlich standen schon in höheren Jahren, wie die Schrift bezeugt; aber Sarra war überdies unfruchtbar und hatte das Alter des Monatsflusses schon überschritten2 , weshalb sie nicht mehr hätte gebären können, selbst wenn sie nicht unfruchtbar gewesen wäre. Ist nun eine Frau zwar in vorgerückteren Jahren, doch noch diesseits der Altersgrenze, wo bei ihr der Monatsfluß aufhört, so vermag sie von einem jungen Manne noch zu gebären, nicht mehr aber von einem älteren; umgekehrt vermag ein älterer Mann nur noch mit einer jungen Frau zu zeugen, wie es Abraham nach dem Tode der Sarra mit Cetturra vermochte, weil sie noch voller Leben war. Das also ist es, was der Apostel als wunderbar hervorhebt, und in dem Sinne sagt er3 , Abrahams Leib sei bereits erstorben gewesen: er war in jenen Jahren nicht mehr imstande, mit irgendeinem Weibe Kinder zu erzeugen, das schon an der äußersten Grenze der Fähigkeit zur Mutterschaft stand. An einen in mancher, nicht in jeder Hinsicht erstorbenen Leib haben wir zu denken. Denn ist ein Leib in jeder Hinsicht erstorben, so hat man es nicht mehr mit einem lebendigen Greis, sondern mit einem Leichnam zu tun. Man löst ja häufig die Schwierigkeit, daß Abraham nachmals aus Cetturra Kinder gewann, auch durch die Annahme, es sei ihm die von Gott verliehene Zeugungsgabe auch nach dem Tode seiner Frau erhalten geblieben. Allein die von uns vertretene Lösung scheint uns deshalb den Vorzug zu verdienen, weil nur in unserer Zeit ein hundertjähriger Greis von keiner Frau Kinder zu gewinnen vermag, nicht aber damals, wo die Lebensdauer noch so lang war, daß hundert Jahre den Menschen noch nicht zu einem gebrechlichen Greise machten.
1: Hebr. 11, 11.
2: Gen. 18, 11.
3: Röm. 4, 19.