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Für Träume ist es nie zu spät
Kürzlich begann ich mich für Kefirknollen zu interessieren. Ich fand den Anbieter eines vielversprechenden Exemplars auf Ricardo.ch. Die Knollen-Übergabe sollte an einem frühen Abend im November stattfinden. Ich stand eine halbe Stunde zu früh am Bahnhof Schaffhausen, also beschloss ich, mich in der Altstadt umzusehen. Es war einer dieser trüben, nassen Tage gewesen, die man vergisst, bevor sie zu Ende gehen. Jetzt legte sich die Nacht über die Dächer, und Nebelschwaden krochen über das Kopfsteinpflaster. Die Geschäfte waren geschlossen, die Restaurants leer und in den Gassen waren kaum Menschen anzutreffen.
Ich hatte den Mantelkragen hochgeschlagen. Ein Gefühl von Kälte und Zwecklosigkeit überkam mich, ein diffuser Anfall von Verdüsterung. Man weiss, dass dieses Gefühl der Jahreszeit geschuldet ist. Lichtentzug, Kälteschock, der Verlust der Farben: Wer hält das schon gerne aus? Selbst der finnische Komponist Jean Sibelius, der die Dunkelheit und den Frost in triumphal schwermütige Musik übersetzte, floh vor den nordischen Wintern in die Toskana. Dort spottete er über seine Ärzte, die ihn beschworen, mit dem Rauchen und dem Trinken aufzuhören. Und nachts träumte er, ein Orchester zu dirigieren, dessen Geigen sich bis zum Horizont erstreckten.
Jean Sibelius: Finlandia. Video: BBC Music/Youtube
Meine Träume sind nur eine Spur bescheidener, doch auch ich habe ein Alter erreicht, in dem es Abstriche auf der Liste der noch nicht erfolgten grossen Würfe zu machen gilt. Die Zeit wird knapp, und man beginnt, sich auf die Kraft der Kefirknolle zu besinnen.
Ich kenne Schaffhausen nicht besonders gut und verirrte mich in ein Viertel, das ich noch nie gesehen hatte; das Klostergeviert. Hier fühlte ich mich besser. Ich trat in einen stillen Hof hinter alten Mauern und Zinnen. Es roch nach Erde, faulem Laub und fernem Schnee. Laternen warfen gelbes Licht in die Skelette der Bäume, und ich wartete darauf, dass mir etwas geschehe – eine Eingebung, eine Offenbarung.
Ich blieb stehen und blickte zu einem Fenster, das weit oben einsam leuchtete. Darin stand eine Gestalt, ein junger Mann, dessen Gesicht ich im Gegenlicht nicht erkennen konnte und der, es bestand kein Zweifel, hinunter in den Hof sah. Es war anzunehmen, dass er mich beobachtete. Ich überlegte, meine Hand zu heben, da begriff ich, dass das Fenster, hinter dem der Mann stand, vergittert war. Ich stutzte, bis ich auf einer Tafel am Ende des Hofs die Aufschrift «Gefängnis» las.
Suicide: Dream Baby Dream. Video: airpolina/Youtube
Was mich in diesem Augenblick ergriff, war nicht die Erkenntnis, dass es in Schaffhausen einen hübsch situierten Kerker gibt, sondern die Einsicht, dass auf uns beide, den Knastbruder und mich, für ein paar Minuten die gleiche Stille, der gleiche Friede und das gleiche Idyll wirkten. Uns bot sich dieselbe beschauliche Kulisse – mit dem Unterschied, dass er seine Gedanken hinter und ich die meinen vor den Gitterstäben wälzte. Freiheit ist eine Frage der Perspektive, dachte ich und nahm mir vor, dem Mann einen Marmorkuchen mit eingelegter Feile zu backen. Als ich noch einmal nach oben sah, um der Gestalt am Fenster ein Zeichen zu geben, war sie verschwunden.
Ich steckte mir eine Kaugummizigarette in den Mund und wanderte versonnen durch die Nebelschwaden zurück zum Bahnhof, wo ich mich mit der Kefirknolle verabredet hatte. Und ich beschloss, die Abstriche auf meiner Liste der unerledigten grossen Würfe aufzuheben. Für Träume ist es nie zu spät.