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Patrick Lüthy trat nach seiner Fotografenlehre bei Thomas Ledergerber in Olten und der Rekrutenschule 1979 in die Comet Photo AG ein. In einer Zeit, in der die Gründergeneration allmählich von jüngeren Kräften abgelöst wurde, prägte er zusammen mit Reto Schneider, Christian Lanz, Lucia Elser, Markus Hässig, Rudolf Steiner und Rolf Neeser die Agentur in den 80er Jahren massgeblich.
Lehrjahre und Berufseinstieg
Neben den üblichen fotografischen Arbeiten wie Studio- oder Architekturaufnahmen hatte Lüthys Lehrmeister ein Mandat als freier Bildreporter bei drei regionalen Tageszeitungen. So erhielt Lüthy bereits während seiner Lehrzeit praktische Einblicke in die Pressefotografie, was ihm bei seiner Bewerbung bei Comet sicher von Vorteil war. Als er an einem Flugtag im Kanton Aargau fotografierte, fiel ihm der Fotoreporter Jules Vogt auf. Spontan fragte er ihn, für wen er fotografiere und ob es dort noch offene Stellen gebe. Nach einem Anruf bei Comet erhielt er einen Vorstellungstermin in Zürich, wohin ihn der Personalchef Max Wyss bestellt hatte. Also reiste er in die fremde Stadt, um sich mit seiner Fotomappe vorzustellen.
Jules Vogt: Max Wyss im Büro, 12.03.1985 (Com_M34-0182-0002)
Nach der Tramstation Sonneggstrasse führte ein schmaler Fussweg hinauf zur Turnerstrasse, wo sich in einer stattlichen Villa die Comet Photo AG befand. Aus Versehen betrat Lüthy aber zuerst im unteren Gebäude die Comet-Film, deren Inhaber Wolfgang Lindroos, der Sohn des Comet-Chefs Björn Erik Lindroos, war. Fast wäre er bei Comet-Film hängengeblieben. Als er den richtigen Eingang gefunden hatte, wurde er zu seiner Überraschung von Max Wyss nach kurzer Prüfung seines Dossiers sofort eingestellt.
Christian Lanz: Patick Lüthy im ETH-Hauptgebäude in Zürich, 25.11.1980 (Com_L29-0600-0002-0004)
Sein erster Arbeitstag am 19.12.1979 verlief spektakulär: Kaum war er angekommen, hatte die Kameraausrüstung und ein eigenes Fahrzeug (Toyota) in Empfang genommen, hiess es: “Banküberfall, sofort fotografieren!” Die Rote Armee Fraktion hatte eine Bank überfallen, es gab Tote. In aller Eile fuhr Jules Vogt in die Stadt, hatte aber keine Ahnung, wo er sich befand, denn er war noch nie in Zürich mit dem Auto unterwegs gewesen. Die Cometen waren damals Hausfotografen der NZZ und fotografierten sieben Tage die Woche für die Zeitung. Der grosse Konkurrent in Zürich war Jack Metzger, der ehemalige Comet-Mitbegründer, der beim Tages-Anzeiger fest angestellt war. Jules Vogt war so etwas wie der Rädelsführer unter den Pressefotografen: Wenn bei grossen Anlässen viele Fotografen eintrafen, übernahm er die Rolle des Sprechers und zeigte den Fotografen, wo und wie sie sich zu positionieren hatten.
Ein Solothurner in Zürich
Für den Solothurner Lüthy war Zürich zunächst eine fremde Stadt. Nach und nach lernte er die Bedeutung der Presseagentur Comet kennen, die während Jahren die Schweizer Illustrierte, die NZZ und andere grosse Zeitungen und Zeitschriften mit Bildern belieferte. Als er zu Comet stiess, war die “grosse Zeit” allerdings schon vorbei und er wechselte in den Bereich Public Relations und Kundenaufträge. Von den legendären Comet-Fotografen waren nur noch Hans Krebs und Jules Vogt dabei. Alle anderen waren jünger als die beiden “alten Hasen”. Lüthy arbeitete mit Reto Schneider, Christian Lanz, Lucia Elser, Markus Hässig (ein Schulkollege aus der Fotoklasse), Rudolf Steiner und Rolf Neeser zusammen. Sein Solothurner Dialekt habe schon am ersten Arbeitstag für Lacher gesorgt und er habe sich über den Zürcher Dialekt gewundert.
Christian Lanz: Patrick Lüthy und Lucia Elser als Statisten für das Thema “Bier und Mittagessen”, 19.06.1980 (Com_L29-0363-0001-0006)
Die Stimmung bei Comet sei immer gut gewesen, erinnert sich Lüthy. Er fühlte sich wohl im Kreis der begeisterten jungen Fotografen. Die älteren Kollegen Vogt, Krebs und Lindroos spornten ihn immer wieder an. Hans Krebs war etwas mürrisch, verschlossen und oft schlecht gelaunt, er sagte nie viel und wollte einfach seine Ruhe haben. Vogt war ein Tausendsassa und erledigte viele Kundenaufträge für Banken, vor allem für die Schweizerische Bankgesellschaft. Das waren sogenannte “Vertragsabschlüsse”. Delegationen aus dem asiatischen Raum kamen zur UBS nach Zürich, wo die Verträge fotografiert und innert Stunden an die Kunden ausgeliefert wurden. An solchen Tagen herrschte im Comet-Labor Hochbetrieb.
Die legendären Comet-Partys am Freitagabend gehörten der Vergangenheit an, aber es gab noch Gelegenheiten während des Jahres, wie das Weihnachtsessen an der langen Tafel. Dabei wurden die berühmten Comet-Geschichten erzählt, die die jungen Fotografen sehr beeindruckten. Zum Beispiel die Geschichte, als Stalins Tochter nach Zürich kam und die Cometen sich im oberen Stockwerk des Hotels einquartierten, durch den Boden lauschten und durchs Fenster fotografierten, um einen Primeur zu ergattern. Oder als Björn Erik Lindroos während einer Reportage in Lateinamerika eine spezielle Uniform anzog, mit der er sich überall Zutritt verschaffte und durchgewunken wurde. “Lindi”, wie er genannt wurde, zeigte in solchen Momenten auch Fotos von glimpflich verlaufenen Abstürzen mit dem Flugzeug oder Heissluftballon, die er überlebt hatte. Auch der Kontakt zum Büroteam, zu den beiden Laborantinnen Bea Walz und Vreni Gügi, zum Archiv und zu den Journalisten war immer sehr gut. Dazu gehörten Ruedi Weiss (später Moderator bei Radio DRS), Maya Doetzkies und eine junge Journalistin, die später zu einem Lokalradio wechselte.
Patrick Lüthy: Zürich, Demonstration “Opernhauskredit”, 21.06.1980 (Com_L29-0346-0013-0006)
Patrick Lüthy: Zürich, Hallenstadion, Konzert Bob Marley & The Wailers, 30.05.1980 (Com_L29-0351-0006-0006)
Rauhe 1980er
Wichtige Themen der 1980er Jahre waren die Opernhauskrawalle, das Autonome Jugendzentrum Zürich (AJZ) und die Anti-Atomkraft-Demonstrationen. Diese Ereignisse wurden von den jungen Fotografen aufgegriffen. Lüthy war an vielen Demonstrationen dabei und machte eine schlimme Erfahrung, als er bei einem Tränengasangriff im AJZ-Haus von der Polizei in die Enge getrieben und geschlagen wurde. Dieses Erlebnis veränderte seine Arbeit grundlegend. Von da an verlor er die Begeisterung für die Fotografie und fotografierte ohne Emotionen, machte einfach seine Arbeit. Das eigentliche “Feuer” war für immer erloschen.
Patrick Lüthy: Zürich, Wiedereröffnung Autonomes Jugendzentrum (AJZ), 04.04.1981 (Com_L30-0048-0019-0006)
Flugaufnahmen
In den 1980er Jahren lernte Lüthy als jüngster Fotograf im Team täglich dazu. Er wurde vom Chef persönlich zum Luftbildfotografen ausgebildet, was ihm viel Freude bereitete. Die Luftbildfotografie war ein Thema für sich und erforderte viel Vorbereitung. Am Anfang stand immer ein Kundenauftrag. Diesen versuchte man mit verschiedenen anderen Anflugobjekten zu ergänzen, damit sich der Flug schliesslich lohnte. Denn abgerechnet wurde in Flugminuten, was enorme Kosten verursachte und für Stress sorgte. Die Cometen flogen nicht zum Vergnügen, sondern mussten die vorgegebenen Ziele in möglichst kurzer Zeit abfliegen und fotografieren. Aus Kostengründen wurde oft eine Piper PA 18 verwendet, ein einmotoriges, zweisitziges Leichtflugzeug. Fotografiert wurde mit alten, umgebauten Militärflugkameras, weshalb die Seitentür während des Fotografierens immer geöffnet sein musste. So hing Lüthy, angegurtet, immer etwas aus dem Flugzeug heraus in den freien Wind. Die Kameras waren gross und schwer, und jedes Foto erforderte einen ganz speziellen Ablauf. Zuerst musste – zusammen mit dem Piloten – das Ziel gefunden werden, dann musste der Pilot wissen, von welcher Seite er das Objekt anfliegen sollte. Dann ging er in den Sinkflug über, nahm das Gas weg und das Flugzeug “flatterte” in einer so genannten Glissade schräg auf das Objekt zu. Währenddessen musste der Fotograf eine Filmkassette in die Kamera einlegen, den Verschluss spannen, den Schieber der Kassette herausziehen und im richtigen Moment abdrücken, den Schieber wieder zurückziehen und die Kassette drehen, um eine zweite Aufnahme zu machen. Das alles erforderte höchste Konzentration und war sehr anstrengend.
Ausrüstung
Die Cometen fotografierten mit verschiedenen Kameras und Formaten. Für Reportagen und für die Presse wurde die Kleinbildkamera im Format 24 x 36 mm verwendet, je nach Auftrag auf Schwarzweiss-Negativfilm oder auf Farbdias. Jules Vogt benutzte fast ausschliesslich seine Mamiya 4 x 4,5 inch. Für die Luftaufnahmen gab es zwei Formate, für die umgebauten Militärkameras immer 13 x 18 cm. Und dann gab es noch die Aero-Technika 45 EL, die einen Motor hatte und mit der man über 100 Aufnahmen machen konnte. An der Scheuchzerstrasse gab es ein Studio und ein Labor für Grossformate.
Das Ende
1984, nach dem Tod von Biörn Erik Lindroos, verlässt Patrick Lüthy Comet und geht nach Lateinamerika. Später gründet er zusammen mit Markus Hässig die Agentur Sinus. Nach einigen Jahren verlässt er Sinus und fotografiert fortan alleine unter dem Label IMAGOpress. Die Jahre bei Comet bezeichnet er als eine gute und schöne Zeit und zu einigen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen hat er auch heute noch Kontakt.
Das Porträt beruht auf einem E-Mail-Austausch mit Patrick Lüthy im Frühjahr 2022
Bisher erschienen in der Reihe Die Cometen:
Geplant sind: Markus Hässig, Rudolf Steiner, Rolf Neeser, Thomas Zwyssig, Ralph Bensberg, Gary Kammerhuber und weitere.