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Billie Holiday: grosse Sängerin statt tragische Ikone
- Dienstag, 7. April 2015, 11:44 Uhr
Billie Holiday hatte ein Drogenproblem. Sie hatte keine glückliche Kindheit und verliebte sich immer wieder in gewalttätige Machos, die sie ausnutzten. Erinnern sollte man sich an Billie Holiday aber nicht als tragische Ikone – sondern als eine der einflussreichsten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts.
Der Jazz entstand irgendwann anfangs des 20. Jahrhunderts in den USA. Fast zur gleichen Zeit wurde es möglich, Musik aufzunehmen und auf Schallplatten zu verbreiten, was dieser neuen Unterhaltungsmusik einen unerhörten Schub gab.
Eine schmale Stimme erhält Verstärkung
Noch eine zweite Erfindung wurde für die Musik eminent wichtig und veränderte sie radikal: Das Mikrofon. Vor allem Sängerinnen und Sänger profitierten von der Möglichkeit, Musik zu verstärken. Es brauchte nun nicht mehr eine ausgebildete Opernstimme, um einen Raum zu füllen. Und Blues-Shouterinnen wie Bessie Smith, die unverstärkt gegen eine Band antraten, waren nicht mehr gefragt.
Der erste, der die Möglichkeiten des Mikrofons entdeckte und für sich benützte, war Louis Armstrong – der ja fast bei allem der Erste war. Sein heiseres Organ wäre ohne Mikrofon unbrauchbar gewesen. Auch die schmale Stimme einer kaum 18-jährigen Sängerin, die anfangs der 1930er-Jahre die Szene betrat, hätte ohne Verstärkung keine Chance gehabt.
Eine unerhörte Art zu singen
Ihren Durchbruch erlebte Billie Holiday mit den Aufnahmen, die sie mit dem Pianisten Teddy Wilson ab 1935 realisierte. Es waren Tagesschlager, die sie aufnahm, keine Kunstlieder. Was sie allerdings daraus machte, war hohe Kunst. «She turned rubbish into roses», sie verwandelte Abfall in Rosen, hat jemand es genannt.
Die raffinierte Art, mit der sie den Takt umspielte, etwas zu spät kam, wie sie sich lässig tragen liess vom Swing der Band, auch ihre nonchalante Intonation, das war unerhört. Diesen matten Glanz einer Stimme hatte man bis dahin noch nicht gehört. Und dank des Mikrofons konnte sie feinste Nuancen hörbar machen, ihre Geschichte mit Understatement erzählen. Ihre Art zu singen war das exakte Gegenteil von pathetisch.
In sehr kurzer Zeit wurde Billie Holiday eine erfolgreiche Sängerin, ein Popstar gar. Ihre Platten verkauften sich hervorragend, sie war anerkannt und hoch geachtet von ihren Kollegen, die immerhin die besten Musiker der Zeit waren, und vergöttert von ihrem Publikum. Und sie verdiente sehr gut.
Unmenschliche Arbeitsbedingungen
Dass ihr Privatleben immer wieder aus der Bahn geriet, lag sicher am Rucksack, den sie mit sich trug. Es lag am alltäglichen Rassismus und Sexismus, den sie auszuhalten hatte, es lag an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Clubs, wo von 22 bis 4 Uhr gespielt und gesungen wurde, und daran, dass die Summe all dieser Umstände ein Privatleben, das diesen Namen verdiente, kaum möglich machte. Billie Holidays grösste Konkurrentin allerdings, Ella Fitzgerald, hielt denselben Bedingungen stand.
Billie Holiday starb 1959 mit 44 Jahren, und sofort wurde sie zur tragischen Ikone. Immer, wenn von nun an eine Sängerin mit dem Leben nicht zurechtkommt, wird Billie Holiday bemüht: bei Amy Winehouse, Whitney Houston, auch bei Kurt Cobain.
Eine Inspiration bis heute
Wichtiger allerdings als ihre tragische Geschichte ist das musikalische Erbe, das sie der Welt hinterlassen hat – es ist nicht übertrieben zu sagen, dass letztlich jede Popsängerin von Billie Holiday beeinflusst wurde. Und auch heute kann sie als Lehrmeisterin dienen, die zeigt, wie man ein Lied zu seinem eigenen macht, was für Möglichkeiten in einer einfachen Melodie stecken, wie eine Geschichte erzählt werden muss, um sich direkt in die Herzen der Zuhörenden zu singen.
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