Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/1703

Der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer seit den 1990er-Jahren verschärfte den globalen Wettbewerbsdruck deutlich und stellt die weltwirtschaftliche Dominanz der entwickelten Volkswirtschaften infrage. Bisher zeigt sich der Aufholprozess der Schwellenländer vor allem an stark gestiegenen Anteilen an der globalen Produktion und am Welthandel. Der Aufbau von Forschungskapazitäten in den Schwellenländern folgt zwar seit einigen Jahren ebenfalls einem sehr dynamischen Wachstumspfad. Gleichwohl ist deren Anteil an den globalen Forschungsausgaben nach wie vor gering.
Forschungsintensität der Schweizer Industrie
Weniger entwickelte Volkswirtschaften spezialisieren sich häufig zunächst auf die Herstellung von arbeitsintensiven Gütern, deren Produktionsprozesse relativ einfach sind. Die Schweiz ist als kleine, offene Volkswirtschaft eng in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden. Als Hochlohn-Standort dürfte sie sich daher verstärkt auf die Produktion von anspruchsvolleren Gütern spezialisieren – Wertschöpfung also zunehmend in eher forschungs- und wissensintensiven Produktionsbereichen erzielen.
Um diese These zu überprüfen, hat Prognos zunächst die Daten der Trade in Value Added Database (TiVA)
der OECD, die den Wert der exportierten Bruttowertschöpfung eines Landes in einzelnen Wirtschaftszweigen ausweist,1 mit Informationen zu den Forschungsausgaben bzw. Forschungsintensitäten in den einzelnen Wirtschaftszweigen verknüpft (zur Schätzung der Schweizer Forschungsausgaben sieheKasten 1).
Tatsächlich ist die Schweiz – gemessen am TiVA-Wertschöpfungshandel – in forschungsintensiven Wirtschaftszweigen überdurchschnittlich stark vertreten. Zudem weist sie in diesen Bereichen leicht überdurchschnittliche Zuwachsraten auf.
Gleichwohl ist eine tiefergehende Analyse zur Forschungsintensität auf Grundlage des stark aggregierten Datenstands der TiVA-Datenbank kaum möglich. Die ausgewiesenen Wirtschaftszweige fassen oft mehrere Branchen zusammen, welche sich hinsichtlich ihrer Forschungsintensität stark unterscheiden. Die Untersuchung basiert daher auf dem stärker disaggregierten Welthandelsmodell der Prognos AG (siehe Kasten 1).
In der Schweiz haben sich seit 1995 die pharmazeutische Industrie sowie die Medizin-, Mess- und Steuerungstechnik besonders dynamisch entwickelt. Fast die Hälfte der Ausfuhr und über ein Drittel der Industrieproduktion entfallen mittlerweile auf diese beiden Bereiche. Im Jahr 1995 lagen diese Werte noch bei 23% bzw. 17%. Auch der globale Anteil der Schweiz an der Ausfuhr in den zwei Branchen weist mit über 12% bzw. 7% einen Wert auf, der deutlich über dem Branchendurchschnitt von knapp 2% liegt (sieheGrafik 1).
Hinsichtlich der Anteile an der globalen Forschung ist die Schweiz breiter aufgestellt. Gleichwohl haben auch hier meist jene Branchen hohe Anteile zu verzeichnen, in denen das Land hohe Ausfuhranteile aufweist.
Wichtigste Schweizer Branchen global am forschungsintensivsten
Damit haben in der Schweiz die zwei besonders forschungsstarken Branchen Pharmaindustrie sowie Medizin-, Mess- und Steuerungstechnik deutlich an Gewicht gewonnen. Sie stellen – gemessen am Anteil der globalen Forschungsausgaben am globalen Produktionswert – gar die beiden forschungsintensivsten Branchen überhaupt dar. Eine Spezialisierung auf forschungsintensive Bereiche zeigt sich auch im Branchendurchschnitt: Die Ausfuhr der Gruppe der forschungsintensiven Branchen hat sich zwischen 1995 und 2012 mehr als verdreifacht. Die Ausfuhr der forschungsarmen Branchen legte im gleichen Zeitraum um lediglich 90% zu.2
«Massenhersteller» in den forschungsintensivsten Branchen
Aus Branchenperspektive hat sich die Schweizer Industrie also stark auf forschungsintensive Bereiche spezialisiert. Die Produktionsstruktur innerhalb dieser Branchen zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Mithilfe einer Patentanalyse lässt sich aufzeigen, für welche Produktgruppen zwischen 1995 und 2012 weltweit besonders viele Patente erteilt wurden – welche Bereiche also eine besonders hohe oder niedrige Forschungstätigkeit aufweisen. In der Produktion der Pharmaindustrie zeigt sich, dass in der Schweiz seit 1995 Gütergruppen stark an Bedeutung gewonnen haben, in denen keine bis wenig Forschung stattfindet (siehe Grafik 2).
In der Medizin-, Mess- und Steuerungstechnik ist der Anteil der forschungsarmen Güter an der gesamten Branchenproduktion in der Schweiz ebenfalls höher als im internationalen Durchschnitt. Die Schweiz ist also in den beiden forschungsintensivsten Branchen insbesondere bei der Herstellung von weniger wissensintensiven Produkten sehr wettbewerbsfähig – sozusagen eine «Massenherstellerin» in den forschungsintensivsten Branchen.
Um ein umfassendes Bild zu erhalten, untersuchte Prognos die Produktionsstruktur in insgesamt elf Branchen, in denen Forschung allgemein eine wichtige Rolle für den Herstellungsprozess spielt. Dabei zeigt sich wiederum, dass die Schweizer Hersteller in fast allen Branchen – anders als in der Pharmaindustrie und in der Medizin-, Mess- und Steuerungstechnik – bei der Produktion von forschungsintensiven Produktgruppen überrepräsentiert sind. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass sich die Pharmaindustrie sowie die Medizin-, Mess- und Steuerungstechnik in der Schweiz auch deshalb überdurchschnittlich dynamisch entwickelten, weil sie es besser als die meisten übrigen Branchen geschafft haben, auch den Bereich der standardisierten Massenproduktion erfolgreich abzudecken.
Exportüberschuss bei forschungsintensiven Technologien
Einen weiteren Schwerpunkt der Untersuchung bildet die Analyse der Bedeutung einzelner Technologien für den Produktionsstandort Schweiz. Während sich die Schweiz auf der Branchenebene stark spezialisierte, ist sie auf der Ebene von Technologien breiter aufgestellt. Es zeigt sich zum einen, dass in der Schweiz solche Technologien eine hohe Wachstumsdynamik und Relevanz aufweisen, die als Technologieträger für die wichtigsten Schweizer Branchen fungieren.
Zum anderen wird etwa bei einem Blick auf den Aussenhandel deutlich, dass die Schweiz insbesondere bei forschungsintensiven Technologien wettbewerbsfähig ist. So ist die Schweizer Handelsbilanz in den eher forschungsarmen Technologiebereichen meist ausgeglichen oder negativ. In den forschungsintensivsten Technologiebereichen steht hingegen in der Regel ein deutlicher Exportüberschuss (siehe Grafik 2).
Dementsprechend ist die grösste Wachstumsdynamik im forschungsintensiven Bereich der insgesamt 32 berücksichtigten Technologien zu finden: Während sich in der Gruppe der 16 Technologiebereiche mit geringerer Forschungsintensität die Ausfuhr zwischen 1995 und 2012 lediglich verdoppelte, vervierfachte sie sich in den forschungsintensiveren Bereichen. Es hat also in den vergangenen Jahren nicht nur auf Ebene der Branchen, sondern auch auf Ebene der Technologien ein Spezialisierungsprozess stattgefunden, der mit einer zunehmenden Ausrichtung auf forschungsintensive Bereiche einherging.
Zusammenfassend zeigt die Untersuchung, dass in der Schweiz seit 1995 tatsächlich eine zunehmende Spezialisierung auf forschungsintensive Branchen und Technologiebereiche stattfand. Die Analyse der brancheninternen Produktionsstruktur zeigte darüber hinaus, dass die Schweiz in den forschungsintensivsten Branchen auch im Bereich der standardisierten Massenproduktion wettbewerbsfähig produzieren kann. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Industrieunternehmen in hoch entwickelten Volkswirtschaften vor dem Hintergrund des industriellen Aufstiegs der Schwellenländer zur «Werkbank der Welt» zwar auf eine hohe Forschungsintensität angewiesen sind. Sie können aber auch jenseits der Herstellung von hoch forschungsintensiven Produkten erfolgreich sein.