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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

18. Vortrag.
6.
Laß also ab von dieser Klugheit des Fleisches, und laß uns untersuchen, in welchem Sinne es heißt: "Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, als was er den Vater tun sieht". Laßt uns nachforschen, wenn wir würdig sind, es zu erfassen. Ich gestehe nämlich, es ist etwas Großes, etwas ganz Schwieriges, einzusehen, wie der Vater durch den Sohn wirkt, wie nicht jeder für sich besondere Werke vollbringt, der Vater und der Sohn, sondern jedes Werk der Vater durch den Sohn tut, so daß kein Werk geschieht, sei es vom Vater ohne den Sohn, sei es vom Sohne ohne den Vater, weil "alles durch dasselbe gemacht worden ist und ohne dasselbe nichts gemacht worden ist". Nachdem dies auf dem Fundamente des Glaubens zweifellos festgestellt ist, was ist es für ein "Sehen", weil "der Sohn nichts aus sich selbst tun kann, als was er den Vater tun sieht". Du möchtest, denke ich, wissen, wie der Sohn wirkt; suche zuerst zu erkennen, wie der Sohn sieht. Denn fürwahr, was sagt er? "Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, als was er den Vater tun sieht." Beachte, daß er sagt: "Alles was er den Vater tun sieht." Das Sehen geht voraus und das Vollbringen folgt nach; er sieht ja, damit er es tue. Was verlangst du nun zu wissen, wie er wirke, da du noch nicht weißt, wie er sieht? Was eilst du zu dem, was später ist, und übergehst, was früher ist? Einen Sehenden und Wirkenden hat er sich genannt, nicht: einen Wirkenden hat er sich genannt, nicht: einen Wirkenden und Sehenden; denn "er kann nichts von sich selbst tun, als was er den Vater tun sieht". Soll ich dir erklären, wie er wirkt? Erkläre du mir, wie er sieht. Wenn du dies nicht erklären kannst, dann auch ich jenes nicht; wenn du noch nicht fähig bist, dies zu begreifen, dann auch ich jenes nicht. Wir beide also müssen suchen, müssen klopfen, damit wir beide zu empfangen verdienen. Was bereitest du gleichsam als ein Gelehrter dem Ungelehrten Schwierigkeiten? Als Ungelehrter wollen wir beide, ich in Bezug auf das Tun, du in Bezug auf das Sehen, den Meister fragen, nicht in seiner Schule knabenhaft streiten. Indes haben wir bereits miteinander gelernt, daß "alles durch ihn gemacht worden ist". Somit ist es klar, daß der Vater keine anderen Werke tut, bei denen der Sohn zusieht, um seinerseits ähnliche zu vollbringen, sondern die gleichen Werke tut der Vater durch den Sohn, weil alles durch das Wort gemacht worden ist. Wie nun Gott wirkt, wer weiß das? Ich sage nicht, wie er die Welt gemacht, sondern wie er dein Auge gemacht hat, mit dem du fleischlich verbunden das Sichtbare mit dem Unsichtbaren vergleichst. Denn von Gott denkst du, was du mit diesen Augen zu sehen gewohnt bist. Wenn man aber Gott mit diesen Augen sehen könnte, würde er nicht sagen: "Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen"1 . Du hast also ein Auge des Leibes, um einen Handwerker zu sehen, aber du hast noch kein Auge des Herzens, um Gott zu sehen; daher willst du, was du gewöhnlich beim Handwerker siehst, auf Gott übertragen. Leg auf die Erde das Irdische, richte das Herz aufwärts.
1: Mt 5,8