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Zeugen der Industrialisierung
Die Eisenbahn hatte im vorletzten Jahrhundert entscheidenden Einfluss auf die städtebauliche Entwicklung: Im Industriequartier von Zürich fuhren die Züge über Bahndämme, die als undurchdringliche Riegel der Ausdehnung des Quartiers im Wege standen. 1894 wurden die Dämme durch Viadukte ersetzt.
Bereits damals nistete sich Gewerbe im Viadukt ein. Bis zu 200 Steinhauer gingen dort ihrem Handwerk nach, zuerst im Freien, dann in schuppenartigen Einbauten, die an der Stelle der heutigen Markthalle errichtet wurden. Neben dem Granitsteinhauer Stacchi betrieb die «Bananenzentrale», so der Volksmund, einen Handel mit Südfrüchten und röstete Erdnüsschen. Später kam der Automechaniker Dittgen dazu.
Fil Rouge
Ende der 1980er-Jahre wollten die SBB den Viadukt unter dem Projektnamen «Fil Rouge» ostwärts erweitern, um die Kapazität der Linie Zürich HB–Oerlikon zu erhöhen. Die neuen Geleise wären gegenüber der bestehenden Lage zwei bis drei Meter höher zu liegen gekommen.
Der anschliessende Tunnel wäre zweigleisig geblieben. Dabei wären die Züge den Anwohnern drei Meter vor den Fenstern vorbeigefahren. Zwei alternative Umfahrungsvarianten wurden 1990 aus Kostengründen verworfen.
Der Volkszorn erreichte im Frühjahr 1998 seinen Höhepunkt. Es gingen 220 Einsprachen gegen das Projekt ein, und der Verein «Verrückt das Viadükt» sammelte Unterschriften für eine Petition gegen «Fil Rouge». 1999 reichte der Verein zusammen mit dem VCS die kantonale Volksinitiative für einen neuen unterirdischen Durchgangsbahnhof ein. Das Ergebnis des Widerstandes sind der Durchgangsbahnhof Löwenstrasse und der Weinbergtunnel.
Zwischennutzung Viadukt
Insbesondere seit den 1990er-Jahren hatten sich unter den Bögen nicht nur Handwerker oder Private angesiedelt, sondern auch innovative Mieter, die einiges für die Belebung des Quartiers taten. Bananen + Frucht, Bogen 13, die Velowerkstatt, Calleri und ein griechischer Comestibles sind nur die bekanntesten Beispiele. Ob Restaurant, Kulturlokal oder Spezialitätengeschäft: Den engagierten Geschäftsleuten war die karge Einrichtung unter den feuchten Bögen egal. Doch per Ende März 2003 mussten sie ihre Nischen verlassen, weil die SBB den Viadukt sanieren wollten und dazu die Einbauten entfernen mussten. Im Quartier erhob sich Protest. Die Stadt und die SBB mussten dem Misstrauen entgegenwirken, dass hier eine Schickimicki-Meile entstehe. Unter Beizug der Anwohner fanden Workshops statt, und es wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt.
Das Projekt IM VIADUKT
Im Sommer 2004 wurde das Projekt von EM2N Architekten und Zulauf Seippel Schweingruber Landschaftsarchitekten zum Sieger des Architekturwettbewerbs für die Neunutzung der Viaduktbögen und die Gestaltung des Lettenviaduktwegs erkoren. Im Herbst 2004 wurde bekannt, dass die Stiftung PWG den Ausbau der Viaduktbögen in der Rolle als Bauherrin übernehmen würde. Im Gegensatz zu anderen Interessenten wollte die PWG keine schicke Ladenpassage oder Ausgangsmeile in den zukünftigen Einbauten realisieren, sondern das Viadukt mit quartierverträglichen und regional verwurzelten Nutzungen füllen, sodass IM VIADUKT zu einem Begegnungsort für das Quartier und darüber hinaus wird.
Zusammen mit den Fachplanenden hat die Stiftung PWG in der Folge das Projekt verfeinert und zur Ausführungsreife gebracht. Im Jahr 2011 heimsten die Viaduktbauten gleich drei Baupreise ein.