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Mt. Waddington (Kanada)
VON HANSPETER MÜNGER, WOHLEN
Mit 2 Kartenausschnitten und 4 Bildern ( 77-80 ) Einleitung Wohl kaum ein Viertausender ist so hart umfochten worden, und selbst wenige der Himalayariesen haben eine so lange und dramatische Besteigungsgeschichte aufzuweisen wie der Mt. Waddington im Kanadischen Küstengebirge. Nicht weniger als sechzehn Expeditionen versuchten vergeblich an ihm ihr Glück, bis es gelang, eine der furchterregenden Felswände des Hauptgipfels zu bezwingen. Er ist nicht nur der höchste Berg Kanadas ausserhalb des Yukon-Alaska-Grenzgebirges, sondern er gilt auch als einer der schwierigsten Viertausender der Welt. Zudem wird bei jedem Schlechtwettereinbruch der ohnehin nicht leichte Fels über und über mit Eis bepflastert, und die berüchtigten « Eisfedern » stellen eine ständige Quelle objektiver Gefahren dar.
Als im Jahre 1925 der Geologe Dolmage nach einer Vermessungsexpedition die Kunde nach Vancouver brachte, im Herzen des Küstengebirges befinde sich ein Gipfel von über 13000 Fuss Höhe, wurde er bloss ausgelacht. Niemand schenkte ihm Glauben; keiner wollte wahrhaben, dass der majestätische Mt. Robson, König der Rocky Mountains, einen Rivalen an der Küste haben sollte - niemand, ausser zwei Personen: Don Munday und seine Frau. Seit Jahren schon hatten sie gemeinsam Expeditionen in die unbekannte Bergwelt nördlich von Vancouver unternommen und stets den heimlichen Wunsch gehegt, dieses wilde, unerforschte und über 1500 Kilometer lange Gebirge würde einige versteckte Bergriesen enthalten.
Im September desselben Jahres segelten sie nordwärts und begaben sich auf die Suche nach ihrem Berg, dem « Mystery Mountain ». Sie fuhren ans Ende des Bute Inlet, eines mehr als 60 Kilometer ins Gebirge eindringenden Fjordes, und erstiegen den Mt. Rodney, dessen Flanken sich in jäher Flucht direkt vom Meeresspiegel auf 2400 Meter Höhe emporschwingen. Dort sahen sie zum erstenmal den Berg, der sich in vierzig Meilen Entfernung aus einer Kette gezackter Gipfel mächtig hervorhob und über den Wolken zu schweben schien.
1926 starteten sie zu sechst die erste Expedition. Munday beschloss, sich dem Berg vom Ende des Bute Inlet durchs Tal des Homathko River zu nähern.
Die Erfahrungen eines früheren Abenteurers hätten ihn eines Bessern belehren können. Der Mann, der davon geträumt hatte, durch das wilde Tal eine Eisenbahn zu goldreichen Sandbänken des Fraser River zu bauen, hiess Alfred Waddington. Nach ihm wurde der Berg später benannt. 1863 hatte Waddington für eine 33 Meilen lange Werkstrasse entlang dem reissenden Homathko 40 Brücken zu errichten. Der Kampf mit den rastlosen Wassern, dem undurchdringlichen Busch und den nicht günstig gesinnten Indianern, die neunzehn seiner Arbeiter erstachen, brachte ihn an den Rand des Ruins, und er gab seinen Plan auf.
So erlebten Munday und seine Leute selber die Schrecken und Gefahren dieser Wildnis. Sie starteten in einem Paddelboot, das nach kurzer Zeit so zerschlagen und durchlöchert war, dass sie es zurückliessen und fortan ihre schweren Säcke durch den undurchdringlichen Busch schleppten. Von Waddingtons Weg war keine Spur mehr vorhanden. Das Unterholz war stellenweise so dicht, dass sie pro Tag bloss zwei Meilen zurücklegten. Von allen Seitentälern mündeten tosende Gletscherbäche ein, deren Traversierung ungemeine Anstrengungen verlangte. Dazu wimmelte es von Grizzlibären, Wölfen und Berglöwen. Als sie schliesslich den Waddington Glacier erreichten, dessen Zunge 25 Luftmeilen vom Meer entfernt ist, hatten sie schon mehr als 100 Meilen Busch-marsch hinter sich.
Ihr erster Angriff endete auf einer Höhe von 10000 Fuss auf der Südostseite des Berges.
Ein Jahr später kehrte Don Munday wieder ins Gebiet zurück mit seiner Frau und deren Schwester. Diesmal wählten sie als Ausgangspunkt den Knight Inlet, von dessen Ende man nach sechs Meilen den Franklin Glacier erreicht. Der Marsch über diesen 40 Kilometer langen, stellenweise arg zerklüfteten Eisstrom war zeitraubend und beschwerlich. Ein erster Versuch auf der Südwestseite scheiterte der schlechten Felsen wegen. Darauf nahmen sie vom Fury Gap aus den langen, gezackten Westgrat in Angriff. Bloss 150 Meter unterhalb des Nordwestgipfels zwang sie ein heftiger Schneesturm zur Umkehr. Das schlechte Wetter hielt sie eine Woche lang im Camp fest, und einmal mehr war ihre Zeit abgelaufen.
Am B. Juli 1928 fand man das beharrliche Bergsteigerehepaar wieder am Westgrat. Diesmal waren Wetter und Verhältnisse gut, und gegen Abend standen sie auf dem Nordwestgipfel auf 13000 Fuss Höhe. Die Aussicht war überwältigend. Doch was die einsamen Kletterer in staunende Bewunderung versetzte, waren nicht die mehr als 50000 Quadratkilometer wilder Gletscherwelt zu ihren Füssen, sondern was ihnen gegenüber furchterregend in den abendlichen Himmel ragte. Nur 300 Meter entfernt, durch eine unheimlich tiefe Scharte getrennt, erhob sich der Hauptgipfel des Mt. Waddington, eine Felsnadel von atemberaubender Kühnheit, mit senkrechten, eisgepanzerten Wänden und wächtengekrönten Grattürmen von abschreckender Unnahbarkeit. Weder Bilder noch Worte können diesen Anblick trefflicher beschreiben als der Vergleich Don Mundays: « A nightmare moulded in rock. » Der Fels ist zu steil, um auch nur die geringste Schneeschicht haften zu lassen. Trotzdem ist der Gipfel oft ganz in Weiss getaucht. Die ewigen Winde des nahen Meeres steigen an den Bergflanken hoch, scheiden Feuchtigkeit in Form von Eiskristallen aus und formen phantastische Girlanden, pflastern federähnliche Gebilde an den senkrechten Fels, oft meterdick. Beim nächsten Warmwet- tereinbruch beginnen diese Eisfedern abzufallen und bestreichen die Wände und Rinnen mit andauerndem Hagel von Eisblöcken.
Natürlich war unter den gegebenen Verhältnissen an eine Besteigung dieses Kolosses nicht zu denken.
In den folgenden Jahren kehrten die Mundays immer wieder zum Mystery Mountain zurück, bestiegen umliegende Gipfel, zeichneten Karten, studierten die Zugänge und beobachteten die stetig wechselnden Verhältnisse am Berg.
Nach und nach lockte Mt. Waddington auch andere Bergsteiger an. Zahlreiche Expeditionen versuchten verschiedene Routen, und der Mystery Mountain wurde zum begehrtesten unbestiegenen Objekt auf dem amerikanischen Kontinent. Weitverbreitetes Interesse konzentrierte sich auf diesen Berg, als 1934 ein bekannter kanadischer Bergsteiger an ihm tödlich verunglückte. Die Presse schaltete sich ein, überbot sich in spannend gehaltenen Besteigungsberichten und deckte die unmöglichsten Zusammenhänge auf. Sie fand heraus, dass zwei Mitglieder einer Expedition im Jahre 1933 kurz darauf ums Leben kamen; einer wurde ermordet, und der andere stürzte beim Klettern ab. Ein Teilnehmer der Unglücksexpedition von 1934 wurde auf der Rückfahrt bei einem Bootsunfall schwer verletzt, und zwei weitere gerieten einige Monate später in eine Lawine. « Der Mt. Waddington ist ein Unglücksbringer », hiess es, und « namhafte Bergsteiger betrachten ihn als unbesteigbar ».
All die Schauergeschichten vermochten jedoch den Ansturm auf den Berg nicht abzuhalten - im Gegenteil, sie spornten eine weitere Anzahl Alpinisten an.
Don Munday zog sich schweren Herzens von seinem geliebten Berg zurück. Er hatte erkannt, dass der Hauptgipfel bezüglich Ausrüstung und Technik ganz andere Anforderungen stellte und ihm, dem klassischen Bergsteiger, verschlossen bleiben musste.
Ein sachlicher Bericht im « American Alpine Journal », der auch vor unbedachten Besteigungen warnte, brachte den kalifornischen Sierra Club auf den Plan. Seine Mitglieder waren seit jeher bekannt als Meister an den überaus glatten Granitwänden im Yosemite Valley, und das Wort « unmöglich » existiert nicht in ihrem alpinen Wörterbuch.
Eine Expedition von acht Sierra-Männern nahm 1935 den Mt. Waddington « unter den Hammer ». Dreimal versuchten sie vergeblich den Angriff auf den Gipfelturm, ohne überhaupt an das Hauptproblem heranzugelangen. Sie mussten einsehen, dass das « Unmöglich » diesmal auch für sie zutraf, dass das Eis das Hauptproblem bildet und Aussicht auf Erfolg nur während einer ausserordentlich langen und warmen Schönwetterperiode besteht.
1936 war es eine Gemeinschaft von Mitgliedern des Sierra Clubs und des B.C. Mountaineering Clubs: Am 10. Juli stiegen sie auf getrennten Wegen in die Gipfelfelsen ein, um gegen Mitternacht unverrichteter Dinge wieder ins Lager zurückzukehren.
Unten auf dem Gletscher hatten inzwischen zwei bescheidene Kletterer geduldig gewartet, bis die Reihe an ihnen war. Es waren dies Fritz Wiessner und William House, zwei ausgezeichnete amerikanische Bergsteiger, die am Nanga Parbat und am K2 Grosses geleistet hatten. Sie brachen um halb 4 auf und erreichten nach dreizehnstündiger härtester Kletterarbeit in oft brüchigem und stellenweise überhängendem Fels den Gipfel. Die obersten Seillängen, so sagte Wiessner, seien an der Grenze des technisch Möglichen gewesen. Ihre Route ist nie mehr wiederholt worden.
Vierzehn Jahre später wurde auf der Nordostseite ein besserer Weg gefunden, der heute als Normalroute gilt. Die Besteigung ist dadurch, obwohl immer noch schwierig und gefährlich, selbst für den klassischen Bergsteigerin den Bereich des Möglichen gerückt.
Seither hat Mt. Waddington mit seiner phantastischen Umgebung von Jahr zu Jahr mehr Bergsteiger aus Kanada, den USA und Europa angelockt. Man nähert sich nicht mehr wie zu Mundays Zeiten von der See her in wochenlangem Anmarsch; ein Wasserflugzeug bringt die Bergsteiger heute zum Ghost Lake, der bloss zwei Tagemärsche vom Fuss des Berges entfernt liegt.
Die Zeiten haben sich geändert, der Schleier des Mythos um den Mystery Mountain ist gelüftet worden; der Berg aber ist derselbe geblieben. Nach wie vor hüllt er sich in seinen weissen Panzer, den er losschüttelt, um sich der Eindringlinge zu erwehren; immer noch erheben sich aus einer wilden, unendlichen Gletscherwelt seine schwarzen, eisgekrönten Wände, abweisend, unnahbar, eine zu Fels erstarrte Nachtmahr...
Auf zum Mt. Waddington Eigentlich hätte es eine vom B.C. Mountaineering Club organisierte Expedition sein sollen. Wir wussten aber zum vornherein, dass ein kompetenter Leiter nicht zur Verfügung stehen würde. Die expeditionserfahrenen Leute würden zu diesem Zeitpunkt in den Anden sein und am Mt. Logan. So teilten wir Neulinge uns in die Organisationsaufgaben. Max, ein Schweizer Buchhalter, übernahm Administration und Finanzen, die blonde Heidi aus Deutschland und der Amerikaner Tom stellten die Verpflegungsliste zusammen, und ich befasste mich mit dem Technischen und der Ausrüstung.
Auch hatte sich eine erhebliche Anzahl von weniger « giftigen » Berggängern angemeldet, die sich die Gelegenheit eines Waddington-Lagers nicht entgehen lassen wollten. Es galt also, die Expedition in zwei Lager aufzuspalten. Schlussendlich waren wir unser neunzehn. Zwölf gute Kletterer, darunter drei Mädchen, würden sich an den Mt. Waddington selber heranwagen und sieben mittelmässige Bergsteiger und Wanderer im Gebiet des benachbarten Tellot Glaciers leichtere und schwerere Touren unternehmen.
Etwas ratlos stehe ich in Heidis Garage vor dem riesigen Stapel von Proviant, der im Super-market sorgfältig verpackt worden ist, immer in zwei Schachteln mit Zwischenpolster, so dass der Inhalt den Abwurf aus dem Flugzeug unbeschädigt überstehen wird. Ich zähle 65 grosse Pakete; dazu kommen noch 20 Brennstoff- und Ausrüstungspackungen. Wie ums Himmels willen soll das alles in vier VW, zwei Personen- und zwei Stationswagen Platz finden?
Brian und ich teilen auf in Ladungen, und bald danach fahren unsere Kameraden vor, um ihren Anteil abzuholen. Bei allen Volkswagen sind die Rücksitze entfernt worden, und die armen Vehikel werden bis zum Dach vollgeladen. Erstaunlich, was so ein Käfer alles fasst!
Freitag, 12. Juli. Endlich ist es soweit! Wir sind auf dem Weg zum Mt. Waddington. Im Schein der Abendsonne durchfahren Don und ich auf dem Trans Canada Highway den wilden Fraser Canyon. Wir haben einen langen Weg vor uns. Morgen nachmittag müssen wir in Tatla Lake sein, 800 Kilometer von Vancouver entfernt.
Bei Cache Creek wenden wir uns nordwärts auf den Cariboo Highway und erreichen kurz nach Mitternacht Williams Lake. Wir klopfen eine dort wohnende St. Gallerin aus dem Schlaf. Sie hat schon die Wohnung voll Besuch. Wir gesellen uns samt Luftmatratze zu Jean-Pierre, der bereits auf dem Wohnzimmerboden schnarcht.
Ausgeschlafen und gut verpflegt, verlassen wir am Samstag vormittag Williams Lake. Eine holperige Naturstrasse führt 500 Kilometer westwärts nach dem Fischerort Bella Coola. Auf halbem Weg liegt Tatla Lake, unser Sammelpunkt, wo wir um 1 Uhr verstaubt und durstig eintreffen. Drei der andern Fahrer sind schon da, und auch auf die übrigen müssen wir nicht lange warten. Niemand hatte eine ernsthafte Panne unterwegs.
Unsere treuen fahrbaren Untersätze überleben sogar die nun folgende mörderische Fahrt zum 40 Kilometer entfernten Middle Lake. Das Strässchen ist zum Teil von den wenigen Farmern im Tal selbst angelegt worden und eigentlich nur mit Jeeps befahrbar. Zahlreiche Bachbette, vom Schneeschmelzwasser mit Geschiebe überschwemmt, müssen durchquert werden. Wir führen Bretter und Planken mit, um Löcher und Gräben überbrücken zu können. Die Volkswagen meistern den Parcours ohne Schwierigkeiten. Etwas mehr Sorgen macht uns der lange Ford-Stationswagen. Doch Heinz und George ziehen ihn mit ihrem an vier Rädern angetriebenen Camper jeweils elegant wieder aus dem Dreck.
Heute haben wir blauen Montag, das heisst, wir sitzen untätig am Ufer des Middle Lake. Gestern hat der Pilot versucht, den Tellotgletscher anzufliegen, musste aber des schlechten Wetters wegen umkehren. Heute ist er überhaupt nicht erschienen, obwohl strahlender Sonnenschein über dem Tale lacht und nur die höchsten Gipfel hinter einer Wolkenschicht versteckt bleiben.
Auch am folgenden Tag wird es Mittag, bis wir das langersehnte Motorengebrumm hören. Der Himmel ist fast wolkenlos. Die ersten vier Flüge der Cessna 185 dienen dem Materialabwurf bei den beiden Basislagern und auf dem Nabob Pass sowie einem Depot am Ghost Lake, den wir beim Rückflug benützen werden. In zwei weiteren Schüben werden Dick und Max mit dem Grossteil unserer Säcke zum Tellot Lake gebracht; dann verschwindet das Flugzeug über unsern Köpfen talauswärts. Was ist denn los? Anscheinend ist der See zu rauh geworden. Ängstlich beobachten wir den Wellengang, der immer stärker wird. Es geht schon gegen Abend. Eine kalte Nacht ohne Essen, Zelt und Schlafsack steht uns bevor. Doch unser Pilot kehrt zurück, und im letzten Tageslicht werden zehn von uns zum Tellotgletscher verfrachtet, wo unsere Säcke liegen. Dick und Max sind schon bis zum Nabob Pass vorgestossen. Wir klettern auf die hohe Seitenmoräne des Gletschers und errichten dahinter auf einigen schneefreien Flecken unser Nachtlager.
Wir haben kaum unser Frühstück beendet, als auch schon die restlichen sieben, die die Nacht noch am Middle Lake verbracht haben, zu uns stossen. Die Tellotgruppe trennt sich hier von uns, und die Waddingtonpartie vereinigt sich zwei Stunden später auf dem Nabob Pass.
In steilem, weglosem Busch steigen wir auf den Tiedemann Glacier hinunter. Der lange Marsch den Gletscher hinauf bringt uns den Massstab dieser gewaltigen Gebirgswelt zum Bewusstsein. Rainy Knob, an dessen Fuss wir das Basislager errichten werden, scheint auch nach Stunden immer noch gleich weit entfernt zu sein. Der Schnee ist weich und mühsam zu spuren. Oft bleiben wir stehen, ruhen aus und betrachten staunend die herrliche Umgebung: Der wilde Abbruch des Splendor Glaciers stürzt sich vom 1500 Meter höher gelegenen Plateau des Mt.Munday in die Tiefe; die dunklen Granitzacken der Serra Peaks spielen hinter weissen Nebelschwaden Verstecken; vor uns ragt der kühne Felsgipfel aus dem mächtigen Eispanzer des Mt. Waddington in den blauen Himmel.
Gegen Abend erreichen wir unsere Basis. Aber noch ist das Tagwerk nicht vollbracht. Erst gilt es die 45 Pakete einzusammeln, die im Umkreis von einem Kilometer auf dem Gletscher zerstreut liegen. Nach zwei Stunden ist auch das getan. Wir stellen die Zelte auf und kochen uns ein verdientes, kräftiges Abendessen.
Es ist ein langer, anstrengender Tag gewesen; aber was macht das schon aus! Wir sitzen zu Füssen einer Bergwelt, die ihresgleichen sucht, in einem erdrückend engen Gletscherkessel, über dem die umliegenden Gipfel, 2000 Meter über uns, im letzten Sonnenlicht erglühen. Müde, aber glücklich legen wir uns schlafen. Morgen beginnt der Aufstieg!
Freitag morgen. Bei zunehmender Bewölkung steigen sechs schwerbeladene Gestalten durch den stark zerklüfteten Abbruch des Bravo Glacier. Die Hälfte der Mannschaft hat gestern hier in mühsamer Arbeit einen Pfad durch den tiefen Schnee zum Hochlager gespurt, während wir im Basislager den Proviant aussortierten.
Auf schmalen, trügerischen Schneebrücken überqueren wir die breiten Spalten. Nach Stunden sind die Felsen des Grates erreicht, der sich zur Firnmulde unter dem Bravo Col emporzieht. In Nebel und Schneetreiben meistern wir mit etwas Mühe die steilen, nassen Felsen. Sie sind zwar nicht schwierig, aber die schweren Säcke bringen einem leicht aus dem Gleichgewicht. Wir haben für fünf Tage Proviant dabei und noch eine zusätzliche Benzinration, da die guten Brüder gestern zu wenig mitgenommen haben.
Im Hochlager werden wir mit Hallo und erfrischender Limonade empfangen. Rasch stellen wir die Zelte auf. Mitten im Kochen überrascht uns ein stiebender Schneesturm. Eiligst kriechen wir in die Unterschlupfe und lassen dort unser Essen weiterbrodeln: Kalbfleisch, Erbsen und Kartoffelstock.
Der nächste Tag bricht an in strahlender Pracht. Wir sind noch ein bisschen angeschlagen vom gestrigen Aufstieg, und es wird 6 Uhr, bis alle marschbereit sind. Rotgolden beleuchtet, ragen über unsern Köpfen zwei unheimlich steile Felstürme in den violetten Morgenhimmel - der « Tooth » und der Hauptgipfel. Letzterer ist überpflastert mit den berüchtigten Eisfedern. Der Aufstieg wird nicht leicht sein. Gernot, der schnelle und harte Österreicher, ist ausersehen, zusammen mit Max, Brian und der erst achtzehnjährigen Sheila den ersten Versuch zu wagen. Für die Gipfelbesteigung haben wir uns in drei Vierergruppen aufgeteilt. Eine grössere Partie wäre in den heiklen Felsen zu schwerfällig und in vermehrtem Mass dem Eisschlag ausgesetzt.
Tom und Dick wenden sich zum Spearman Col, um Vermessungsarbeiten vorzunehmen - die genaue Höhe des Berges ist immer noch umstritten - und Spearman Peak zu besteigen. Wir übrigen erreichen in zweieinhalb Stunden über leichten Firn die Schulter am Fuss des Tooth.
« Good luck! » rufen wir der Waddingtonpartie zu und beginnen die Querung unter dem Tooth und dem Hauptgipfel durch zum Fuss des Nordwestgipfels. Dies ist eine reine Eistour. Mit einem Schulterstand und verzweifeltem Gezappel gelingt es dem langen Gery, in der überhängenden, komplett aufgeweichten Oberlippe des Bergschrundes zitternd Tritt zu fassen. Auch der folgende 50° steile Firnhang erheischt grösste Vorsicht. Der Blick in die Tiefe endet im unbestimmten Umriss schleichender Nebelschwaden.
Von der Nordwestschulter führt ein vereister Hang hoch zum eindrücklichsten Firngipfel, den ich je betreten habe, einer auf der andern Seite ins Leere hängenden Eisfeder, hingeklebt an den senkrechten Fels wie eine Riesenkelle voll Schlagsahne. Einer nach dem andern tastet sich, von unten gesichert, vorsichtig zum scharfen Eiskamm hoch und geniesst durch eine Bresche hindurch den atemberaubenden Ausblick auf den Hauptgipfel. Wem die Knie nicht schon vorher weich geworden sind, hält sich jetzt zitternd an seinem Pickel fest, empfindet etwa das gleiche lähmende Gefühl wie die Wüstenmaus beim Anblick einer Giftschlange, will sich umdrehen und entfliegen; doch die geheimnisvolle Magie des Mistery Mountains hält seinen Blick starr gefangen wie in einem bösen Traum.
Es ist halb 6. Wir haben uns über die Firnwand und den Bergschrund abgeseilt.
Ein jubelnder Jauchzer bricht plötzlich hoch über uns die abendliche Stille. Auf dem sonnen-berandeten Kamm des Hauptgipfels hebt sich eine winzige Gestalt vom hellen Himmel ab. Sie haben 's geschafft! Doch müssen sie sich beeilen, wenn sie nicht in den eisigen Flanken, die schon in tiefem Schatten liegen, biwakieren wollen.
Im Halbschlaf höre ich sie gegen Mitternacht an unserem Zelt vorbeistapfen. Eigentlich sollte ich sie über die Verhältnisse am Berg befragen; aber ich bin zu faul. Wir werden ja sehen. Morgen ist die Reihe an uns!
Montag, 22. Juli. Wir haben 's nicht geschafft gestern. Schlechtes Wetter hat uns vom Fuss der Felsen wieder zurückgetrieben ins Camp. Heute ist Gruppe 3 dran. Tom, Tony, Heidi und ich wagen uns dafür an die Zweitbegehung des Tooth. Oben an der Kante soll eine sehr heikle Stelle sein. Aber schon der Zugang zur Gratschulter macht uns zu schaffen. Wir sind zum erstenmal zusammen in schwierigem Fels, und die Seilschaften sind noch nicht eingespielt. Der Himmel ist bedeckt, es ist bitterkalt, und die Felsen sind vereist.
Von der Schulter vermittelt ein äusserst exponiertes Sechserwändchen mit A 1-Abschluss Zutritt zum Gipfelgrat. Darüber hängt bedrohlich eine mächtige Eisfeder.
Drüben sind sie inzwischen auf dem Hauptgipfel angelangt. Die tiefe Temperatur hat den Schnee oben im Couloir gefestigt und ihnen ein rasches und sicheres Aufsteigen ermöglicht.
Wir klettern die Schlüsselstelle als Viererseilschaft, ich am Schluss, damit sich Heidi nicht mit dem Entfernen der Haken abmühen muss. Auch das dauert wieder eine Weile, und es wird Mitte Nachmittag, bis wir den Gipfel erreichen.
Wir haben uns eben auf die Gratschulter zurückgeseilt. Die Partie vom Hauptgipfel quert schon unter uns das Schneefeld und wünscht uns boshafterweise ein angenehmes Biwak. Aber kurz nach Einbruch der Dunkelheit sind auch wir wieder im Lager.
Gestern haben wir unsere Chance nochmals verpasst. Am frühen Morgen hat uns Nebel und leichtes Schneetreiben zum Weiterschlafen bewogen. Aber bei Tagesanbruch hat es aufgehellt, und wir haben den ganzen Tag bei strahlendstem Wetter untätig im Hochlager gesessen.
Heute müssen die Würfel fallen. Wenn wir jetzt nicht den Gipfel erreichen, ist 's endgültig aus. Morgen müssen wir ins Basislager absteigen.
Wie ein feuriger Ball schiebt sich die Sonne über die gezackten Umrisse der Serra Peaks gegen- über, einen herrlichen Tag versprechend. Auf einem Firnband traversieren wir schräg durch die Wand des Tooth empor in die Scharte zwischen letzterem und dem Hauptgipfel. Schon sausen die ersten Eismocken aus der Wand über uns. Heidi und ich bilden die Spitze, im Führen abwechselnd. Wie sicher sie heute geht!
Von der Scharte aus führt ein Felsgrätchen an den Fuss des Kamins, der die halbe Gipfelwand durchfurcht. Die Felsen werden sofort schwieriger. Ein Blick zurück. Unheimlich sieht der Tooth aus, wie ein Wolkenkratzer, 250 Meter hoch und kaum eine Seillänge breit.
Tom und Tony schliessen auf. Ihr Seil ist unten in der Traverse durch Stein- oder Eisschlag zerquetscht worden. Nur noch 30 Meter sind benützbar. Tom übernimmt die Führung. Er ist der bessere Hakenpflanzer.
Während ich, an einem Haken hängend, den Tooth zu filmen versuche, hat Heidi sich auf einem Standplatz neben dem Grat der Steigeisen entledigt. Plötzlich löst sich über ihr ein Felsblock. Sie springt hastig zur Seite; der Block kracht zersplitternd auf die kleine Plattform, wo unser Seil in Schlingen liegt. Zum Teufel, jetzt hat 's auch unsern Strick erwischt! Fast in der Mitte ist er buchstäblich entzweigeschlagen. Nur noch fadendünn halten die beiden Teile zusammen.
Im Kamin selbst sind zwei Überhänge und zum Ausstieg eine senkrechte Verschneidung zu meistern. Den ersten Überhang umgehen wir rechts auf von Wassereis überzogenen Platten. Heidi muss die Eisen gleich wieder anziehen. Der ganze Kamin ist verhängt mit fixen Seilen von einer früheren japanischen Expedition und unserer ersten Gruppe. Doch ich wage nicht, mich daran festzuhalten und erstelle bloss mit einer Prussikschlinge eine quasi moralische Selbstsicherung.
Fast dauernd prasseln Eisbrocken auf uns nieder, teils aus den angrenzenden, sonnenbeschienenen Wänden, teils von der vorangehenden Seilschaft losgelöst. Ohne Helm wäre man hier verlo- ren. Ich werde unsicher. Der Eisschlag und die zerstörten Seile haben mein Selbstvertrauen reduziert. Während Heidi unten, in einer wasserüberronnenen Nische, geschützt von allem von oben kommenden Segen, mich sichert, versuche ich verzweifelt, den Ausstieg aus dem Kamin zu meistern. Mit einem Fuss in einer Trittschlinge hängend, mit dem andern im Freien baumelnd, dazu mich vor heruntersausendem Eis bückend, will es mir nicht gelingen, mich an der Gegenwand hochzuziehen. Zweimal verlässt mich im letzten Augenblick die Kraft in den Armen; ich lasse mich zurückgleiten und hänge pustend im Seil. Heidi wird ungeduldig. Die Arme, sicher ist sie schon pudelnass! Auch Tom ruft nun von oben, was denn los sei.
Ich steige auf eine Leiste zurück und ziehe die Steigeisen aus. Vielleicht hilft das. Da erscheint auch schon Toms Kopf über mir. Er wirft mir das Ende einer Reepschnur zu, und, gesichert von oben, schwinge ich mich hoch.
« Wir werden 's schaffen » versichert er. Wirklich, jetzt sieht der Berg schon freundlicher aus. Eine mit Firn gefüllte steile Rinne führt zum Gipfel hoch. Aufgeweichter Schnee auf blankem Eis verlangt jedoch höchste Vorsicht, und es wird 3 Uhr, bis wir uns auf dem exponierten Gipfel die Hände drücken.
Welch gewaltiger Rundblick! Ein berauschendes Glücksgefühl durchströmt mich. Heidi mit dem marienkäferfarbenen Helm strahlt mit der Sonne um die Wette. Hoch über all den umliegenden Bergen geniessen wir die Aussicht auf eine märchenhafte, unendliche Gletscherwelt, die westwärts im goldenen Dunst mit der nur mehr erahnten, rastlosen See verschmilzt. Der Himmel ist klar bis in die weiteste Ferne. Kein Laut durchdringt die feierliche Stille. Einsamkeit - Ewigkeit - die Zeit scheint stillzustehen.
Doch leider tut sie es nicht. Die Sonne sinkt merklich tiefer, die Schatten werden länger. Wir müssen aufbrechen. Mit unseren Seilstumpen brauchen wir viel Zeit mit der Abseilerei, die gleich zuoberst beginnt. Zudem wollen wir den Berg von allen fixen Seilen säubern, um künftige Seilschaften vor einem verhängnisvollen Zugriff zu bewahren. Das alles braucht Zeit, und es ist schon Nacht, als Tony als letzter über den Bergschrund gleitet. Mitten in der Geisterstunde erreichen wir das Hochlager. 22 Stunden waren wir unterwegs.
Donnerstag. Immer noch schönes und warmes Wetter. Erst jetzt beim Abstieg fällt uns auf, wie unvergleichlich schön der zum Bravo Glacier hinunterführende Grat ist. Wie von einer Himmelsleiter schreitet man auf der schmalen Firnschneide talwärts, vor sich stets die gewaltigen Eismauern des Mt. Munday.
Der Schnee im Bravo Glacier ist gefährlich aufgeweicht. Einige der Brücken sind nicht mehr passierbar, und wir müssen über einen Schrund hinaus abseilen.
Um 4 Uhr sind wir im Basislager. Eigentlich sollten wir jetzt weiterziehen, Richtung Nabob Pass, denn man rechnet anderthalb Tage zum Ghost Lake, wo wir am Samstagmorgen abgeholt werden sollen. Doch wozu jetzt packen und drei Stunden später wieder Zelte aufstellen? Wir beschliessen, Feierabend zu machen und dafür früh am Morgen zu starten. Gruppe 1 ist schon weg. Von Gruppe 3 kommt nur Gery mit; die übrigen wollen noch länger bleiben.
Im Morgengrauen machen wir uns auf den Weg. Dick begleitet uns, um auf dem Nabob Pass einen weitern Kameraden abzuholen. Da sein Sack leer ist, trägt er unsere Zwischenverpflegung. Wir haben gar nichts dagegen; doch unsere Bequemlichkeit sollte sich bitter rächen. Dick und Gery haben Vorsprung. Wir verlieren die beiden aus den Augen und verlassen den Gletscher zu früh. Statt auf dem Pass, landen wir hoch darüber, aber auf der falschen Seite. Gegenüber sehen wir die beiden bereits zum Mt. Jeffrey hochsteigen.
Durch hüfttiefen Schnee waten wir zum See hinunter. Mit zwei Tafeln Schokolade und etwas Dörrobst stillen wir den grössten Hunger. Eigentlich könnten wir ganz zum Pass hochsteigen, wo sicher noch etwas von unserem Proviantdepot übriggeblieben ist. Doch wir wollen keine Zeit versäumen. Wir laufen ohnehin Gefahr, als langsamste Partie des Jahres 1968 in die Clubgeschichte einzugehen.
Unter der brütenden Nachmittagsonne schleppen wir uns hoch zum Sattel südlich des Mt. Jeffrey. Mit dreckigem Grinsen begrüsst uns Dick: « Seid ihr etwa hungrig? Euer Proviant liegt unten auf dem Nabob Pass. » Zum Glück ist noch Gernot da. Er hat Erbarmen und füttert uns mit Suppe und Schinken.
Samstag morgen. Mücken abwehrend, sitzen wir im dichten Busch am Ghost Lake und warten auf das Flugzeug. Wir führen ein richtiges Schlemmerleben mit dem Proviant aus dem Depot, denn erstens werden wir bei diesem herrlichen Wetter bestimmt abgeholt, und zweitens sind wir hier nur die Hälfte der Partie. Die übrigen acht sind am andern Ende des Sees gelandet, weil Dick über den Standort des Proviantlagers falsch orientiert hat.
Buschpiloten haben Zeit. Sie erscheinen nie pünktlich. Auch heute wird es Mittag, bis das erste Flugzeug auftaucht. Am Nachmittag setzen sie ein zweites ein, um uns alle'rauszubringen.
Am Middle Lake reicht es noch zu einem erfrischenden Bad. Wir verabschieden uns und treten einzeln die Rückreise nach Vancouver an, alle um ein unvergessliches Bergerlebnis reicher. Für mich war es die Krönung meiner bisherigen Bergsteigerlaufbahn.