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Je länger eine Phase der Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger wird es für die Betroffenen eine Stelle zu finden. Gerade ältere Arbeitslose und Personen ohne Berufsabschluss weisen ein besonders hohes Risiko auf stellenlos zu bleiben. Eine Studie des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit berechnete erstmals den Einfluss, den persönliche und berufliche Faktoren auf die Erwerbsintegration haben.
Die Arbeitslosigkeitsrate in der Schweiz ist im europäischen Vergleich tief. Dennoch haben Erwerbstätige in der Schweiz ein nicht unerhebliches Risiko, mindestens einmal in ihrer Biografie Arbeitslosenentschädigung beziehen zu müssen. Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO führte das BFH-Zentrum Soziale Sicherheit eine Langzeitstudie durch, die es erlaubt die Erwerbsintegration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen über einen Zeitraum von acht Jahren anhand eines statistischen Erklärungsmodells miteinander zu vergleichen. Die hier dargestellten Ergebnisse sind Teil der Modellrechnungen aus dieser Studie. Der veröffentlichte Schlussbericht liefert weitere Informationen, unter anderem zur Erwerbsintegration nach einer Aussteuerung sowie einen Vergleich von unterschiedlichen Kohorten von Arbeitslosen.
Im Rahmen der hier dargestellten Modellrechnungen wurde für Personen, die 2005 neu arbeitslos wurden untersucht, während wie vielen Monaten sie in einer Zeitspanne von 4 Jahren Arbeitslosenentschädigung beanspruchten und ob sie auch Sozialhilfe bezogen. In einem daran anschliessenden Zeitraum von weiteren vier Jahren wurde deren Erwerbsverlauf beobachtet. Dabei interessierte einerseits, wie viele Monate die betreffenden Personen einer bezahlten Arbeit nachgingen, und andererseits, ob der dabei erzielte Lohn eine Existenzsicherung für eine alleinstehende Person gewährleistete – gemäss den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS rund 2‘500 CHF monatlich.
Die Resultate weisen auf die zum Teil schwierige Situation in der Arbeitsmarktintegration insbesondere nach längerer Arbeitslosigkeit hin. Die 2005 neu arbeitslos gewordenen Personen bezogen in den folgenden 4 Jahren während durchschnittlich 12.5 Monaten Arbeitslosenentschädigung – entweder am Stück oder in mehreren Episoden. 12.4% von ihnen waren mindestens einmal auf Sozialhilfe angewiesen. In der Zeitspanne vom 5. bis zum 8. Jahr nach dem erstmaligen Bezug von Arbeitslosenentschädigung betrug der Anteil von Monaten mit einem Einkommen von mehr als 2‘500 CHF bei Frauen 54%, bei Männern 62%. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen kann unter anderem durch die Rollenmuster in Paarhaushalten erklärt werden, welche traditionell eine höhere Erwerbsbeteiligung des Mannes beinhalten. Die Daten geben keine Auskunft darüber, ob Erwerbsunterbrüche teilweise freiwillig erfolgten und ob weitere Einkommen im Haushalt die Existenz sichern.
Hohes Risiko für ältere Personen und Menschen ohne Berufsbildung
Doch welche weiteren Faktoren beeinflussen nun die Chancen auf eine rasche und nachhaltige Erwerbsintegration? Mittels Modellschätzungen konnte der Einfluss ermittelt werden, den einzelne im Jahr 2005 gemessene Faktoren auf die Anzahl Monate des Bezugs von Arbeitslosenentschädigung, auf die Wahrscheinlichkeit eines Sozialhilfebezugs sowie auf die Stärke der Erwerbsintegration bis ins Jahr 2013 ausübten. Die nachfolgend dargestellten Einflussfaktoren sind eine Auswahl aus rund 20 in der Modellrechnung verwendeten Parametern.
Aus den Modellergebnissen kann abgeleitet werden, inwieweit verschiedene Bevölkerungsgruppen mit besonderen Hürden bei der Erwerbsintegration nach einem Jobverlust konfrontiert sind:
- Ältere Personen: Mit zunehmendem Alter steigt die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit sowie das Risiko, nach einem Jobverlust nicht mehr in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Bei Altersgruppen ab 45 Jahren liegt auch das Risiko einer Sozialhilfeabhängigkeit leicht höher.
- Unterhaltspflichtige: Während die Erwerbsintegration bei den Frauen mit einer Unterhaltspflicht konstant bleibt, wird sie bei Männern deutlich verstärkt. Das Modell zeigt zudem, dass eine Unterhaltspflicht die Wahrscheinlichkeit eines Sozialhilfebezugs erhöht.
- Personen ohne Berufsbildung: Arbeitslose ohne Ausbildungsabschluss haben eine erheblich geringere Chance, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Auch ihr Risiko, von Sozialhilfe abhängig zu werden ist markant erhöht. Ähnlich ergeht es auch Personen, deren Beruf durch den wirtschaftlichen Strukturwandel entwertet wurde.
- Stadtbevölkerung, Grenzregionen und lateinische Schweiz: In Städten liegt die Inanspruchnahme von Leistungen des Systems der Sozialen Sicherheit höher, da sie vermehrt die Funktion der auf dem Land stärker ausgebildeten sozialen Netzwerke übernehmen. In höherem Masse von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind innerhalb der Schweiz vor allem die Westschweiz und der Kanton Tessin, was teilweise auf den verstärkten Druck auf dem Arbeitsmarkt in Grenzregionen zurückzuführen ist.
Schwerer Stand für Langzeitarbeitslose und Sozialhilfebeziehende
Ein Teil der arbeitslos gewordenen Personen bleibt dies über längere Zeit. Je länger ein Bezug von Arbeitslosenentschädigung dauert, desto schlechter sind die Integrationschancen. Eine Aussteuerung erhöht die Hürde zum Arbeitsmarkt zusätzlich und es besteht ein erhebliches Risiko einer dauerhaften Abhängigkeit von Sozialleistungen. Bei längerer Arbeitslosigkeit liegt das Einkommen im neuen Job im Vergleich zur früheren Anstellung zudem deutlich niedriger, was wiederum die Wahrscheinlichkeit eines späteren Sozialhilfebezugs erhöht. Bezüglich der Einkommensentwicklung bestätigen die Ergebnisse der Studie des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit frühere Untersuchungen von Ecoplan.
Qualifizierende Massnahmen zeigen Wirkung
Für Arbeitslose mit einem erhöhten Sozialhilferisiko – insbesondere Personen ohne Berufsausbildung und ältere Arbeitslose – erscheint eine rasche und risikogruppenspezifische Begleitung und Unterstützung besonders wichtig. Gemäss den analysierten Daten wirken sich Umschulungen, Weiterbildungen, Zwischenverdienste und vorübergehende Beschäftigungen positiv auf die Erwerbsintegration aus.
Weiterer Forschungsbedarf
Durch spezifische Modellrechnungen für einzelne Risikogruppen und Regionen lassen sich die Ergebnisse zur Wirksamkeit unterschiedlicher Strategien bei der Eingliederung von Langzeitarbeitslosen noch weiter vertiefen. Um den Erklärungsgehalt der Modellrechnungen zu erhöhen, müssten Informationen zu Merkmalen in den Bereichen Gesundheit, Kompetenzen und Motivation der Arbeitslosen im Modell berücksichtigt werden. Dies sind weitere Schritte zur Beantwortung der Frage, welche Unterstützung durch das System der Sozialen Sicherheit bei welcher Zielgruppe die langfristig gesehen besten Ergebnisse erzielt.
Kontakt:
- Robert Fluder, Dozent, Fachbereich Soziale Arbeit
- Tobias Fritschi, Dozent, Fachbereich Soziale Arbeit
Artikel und Berichte:
- Fluder, Robert; Salzgeber, Renate; Fritschi, Tobias (2017): Berufliche Integration von arbeitslosen Personen, Schlussbericht im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO. Berner Fachhochschule BFH, Bern
- Fluder, Robert; Salzgeber, Renate; Fritschi, Tobias (2017): Welche Faktoren beeinflussen die Wiedereingliederung von Arbeitslosen? Die Volkswirtschaft
- Fluder, Robert; Salzgeber, Renate (2017): Arbeitslos und ausgesteuert – wie geht es weiter? Impuls 2/2017
Informationen und Partner:
- Staatssekretariat für Wirtschaft SECO
- Bundesamt für Sozialversicherungen BSV: Wechselwirkungen zwischen den Systemen der sozialen Sicherheit: Sozialhilfe, Invalidenversicherung und Arbeitslosenversicherung (Monitoring – SHIVALV)
Literatur und weiterführende Links:
- Bundesamt für Statistik BFS (2014). Situation der Ausgesteuerten Personen. BFS Aktuell. Neuchâtel
- Ecoplan (2013): Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf Einkommen und Erwerbsbiografien, Eine quantitative Analyse für die Schweiz im Zeitraum 1993 bis 2010, SECO, Bern
- Staatssekretariat für Wirtschaft SECO (2017). Die Lage auf dem Arbeitsmarkt, Januar 2017. Bern: SECO