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von Oliver Kaftan
Jeder Mensch hat einen Selbsterhaltungstrieb, der seinem Überleben dient. Gleichzeitig wissen wir, dass wir eines Tages sterben werden. Diese beiden Tatsachen (ich möchte leben vs. ich werde sterben) sind nicht leicht vereinbar und können Todesängste auslösen, die sich in einem leichten Unbehagen bis hin zu schweren Panikattacken äussern können.
Gemäss der Terror-Management-Theorie helfen uns vor allem die kulturelle Weltanschauung und der Selbstwert, um Todesängste in Schach zu halten. Mit der kulturellen Weltanschauung ist gemeint, dass soziale Normen, ein höherer Sinn oder die Hoffnung auf Unsterblichkeit unserem Leben eine Struktur und Wertestandards vorgeben, die uns ein Gefühl von Sicherheit und Sinn vermitteln. Eine weitere angstreduzierende Wirkung ergibt sich aus der Überzeugung, selbst einem bestimmten kulturellen Standard zu entsprechen und einen daraus sich ergebenden positiven Selbstwert entwickeln zu können. Kurzum gibt uns ein positiver Selbstwert das Gefühl, bedeutsam zu sein, und trägt so zur Selbsterhaltung bei.
Interessanterweise kann man den Zusammenhang zwischen Todesängsten und kultureller Weltanschauung relativ leicht experimentell nachweisen: Macht man in Studien Personen ihre Todesängste bewusst, schätzen sie beispielsweise jene Personen positiver ein, die dieselben kulturellen Werte haben wie sie, aber Personen aus anderen Kulturen negativer (z.B. als bedrohlicher). Umgekehrt konnten Forscher z.B. zeigen, dass eine vorübergehende experimentelle Erhöhung des Selbstwerts Todesängste abschwächt.
Der Wissenschaftler Erez Yaakobi hatte nun die Vermutung, dass das Denken an Arbeit bzw. der Wunsch zu arbeiten ebenfalls die Funktion eines Schutzschildes gegen Todesängste haben könnte. Arbeit hat eine hohe Bedeutung in unserer Kultur und wird häufig als sinnstiftend erlebt. Ausserdem kann der Beitrag, den wir mit unserer Arbeit leisten, auch über den eigenen Tod hinaus bestehen bleiben.
Insgesamt führte Yaakobi vier Studien zur Überprüfung dieser Vermutung durch. In der ersten Studie bat er die Probanden zu beschreiben, welche Gefühle bei ihnen aufkommen, wenn sie über den eigenen Tod nachdenken. Ebenso sollten sie beschreiben, was beim Sterben in ihrem Körper vorgehen könnte. Gegenüber zwei Vergleichsbedingungen (an physische Schmerzen oder Fernsehschauen denken) zeigte sich, dass die Probanden in dieser Bedingung anschliessend in der Tat ein stärkeres Bedürfnis zu arbeiten angaben. Dieses Bedürfnis erfasste er dabei über den Grad der Zustimmung zu Aussagen wie „Arbeit ist sehr wichtig in meinem Leben“ und „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn ich keinen Job hätte“.
Doch schwächt das Denken an Arbeit wirklich Gedanken an den Tod ab? In der zweiten Studie bat Yaakobi die Probanden zunächst darum, entweder erneut an den Tod zu denken oder ans Fernsehschauen. Danach sollten sich die Probanden in einer Gruppe vorstellen, dass sie einen Job bekommen, den sie unbedingt haben möchten, die andere Gruppe dachte über einen Urlaub nach. Schliesslich legte er den Probanden eine Wortergänzungsaufgabe vor, bei denen sie unvollständige Wörter (z.B. GRA) sahen, die man entweder zu einem neutralen Wort (GRAS) oder einem Wort mit Todesbezug (GRAB) vervollständigen kann. Die Idee dahinter war, dass die gedankliche Beschäftigung mit dem Job die zuvor ausgelösten Todesgedanken wieder besänftigt. Wenn den Personen die Gedanken an den Tod weniger gegenwärtig sind, sollten sie folglich auch die unvollständigen Wörter weniger häufig zu Wörtern mit Todesbezug vervollständigen. Dies bestätigte sich - die Probanden, die sich gedanklich mit der Arbeit beschäftigten bildeten weniger häufig Wörter mit Todesbezug, als diejenigen, die sich gedanklich mit Urlaub beschäftigten.
Sehen Personen das Denken an Arbeit aber als einen gleich guten Schutzschild gegen Todesängste an wie andere der oben beschriebenen Bewältigungsmechanismen (kulturelle Weltanschauung)? Dies überprüfte Yaakobi in einer dritten Studie. Oben hatte ich ja erwähnt, dass Personen mit Todesängsten Personen aus anderen Kulturen negativer bewerten. Wenn der Schutzschild gleich gut wäre, sollten Personen mit Todesängsten bzw. -gedanken Personen mit anderen kulturellen Werten also weniger abwerten, wenn sie zwischenzeitlich an die Arbeit denken. Um diese Vermutung zu überprüfen, ging Yaakobi in der dritten Studie genau gleich vor wie in der zweiten. Statt jedoch am Schluss die Wortergänzungsaufgabe zu nutzen, erfragte er die Einstellung der Probanden (allesamt jüdische Israelis) zu Personen einer anderen Kultur, nämlich Arabern. In der Tat zeigte sich, dass Personen, die sich zunächst Gedanken zum Tod machten und anschliessend zum guten Job, Araber positiver einschätzten als Personen, die nach den Todesgedanken über den Urlaub nachdachten.
Schliesslich schaute sich Yaakobi in einer vierten Studie an, was geschieht, wenn die Arbeit als Schutzschild gewissermassen löchrig wird. Natürlich sind gewisse Aspekte von Arbeit, z.B. die Suche nach einer Arbeitsstelle, zuweilen auch mit negativen Gefühlen verbunden. Wenn man also über diese unangenehmen Aspekte der Arbeit nachdenkt, sollten Gedanken an den Tod nicht ab-, sondern zunehmen. Um dies zu überprüfen, bat Yaakobi die Probanden in einer Versuchsbedingung über Schwierigkeiten bei der Jobsuche nachzudenken und anschliessend die Wortergänzungsaufgabe aus der zweiten Studie zu bearbeiten. Die Personen in den anderen zwei Versuchsbedingungen machten sich demgegenüber Gedanken zu Schwierigkeiten bei der Vorbereitung auf eine Prüfung oder dachten wieder über das Fernsehschauen nach. In der Tat zeigte sich, dass jene Personen, die sich Gedanken über Schwierigkeiten bei der Jobsuche machten, die unvollständigen Wörter häufiger zu Wörtern mit Todesbezug ergänzten als Personen in den anderen beiden Gruppen. Ferner gab es in der Wortergänzungsaufgabe auch unvollständige Wörter, die man zu neutralen oder negativen Wörtern ohne Todesbezug ergänzen konnte. Im Hinblick auf diese Wörter unterschieden sich die drei Gruppen nicht.
Insgesamt legen diese Studien also nahe, dass der Wunsch zu arbeiten bzw. das Denken an Arbeit eine weitere wichtige Strategie für den Umgang mit Todesängsten sein könnte. Wenn Personen an positive Aspekte der Arbeit denken, nehmen Gedanken an den Tod ab. Denken sie hingegen an negative Aspekte der Arbeit, ist auch der Tod gegenwärtiger. Dabei scheint der Zusammenhang von Arbeit und Tod von besonderer Bedeutung zu sein, da andere unangenehme Gedanken nicht zu verstärkten Todesgedanken führen: In der ersten Studie war der Wunsch nach Arbeit nicht ausgeprägter bei Personen, die sich physische Schmerzen vorstellten, als bei Personen, die über das Fernsehschauen nachdachten. Ausserdem hatten in der vierten Studie jene Personen, die sich über Schwierigkeiten bei der Jobsuche Gedanken machten, nicht grundsätzliche negativere Gedanken als die anderen beiden Gruppen, sondern lediglich stärkere Gedanken an den Tod.
Weitere Forschung müsste die genauen Wirkmechanismen noch weiter erforschen, aber insgesamt scheinen Arbeit und Todesängste in einer einzigartigen Beziehung zu einander zu stehen.
Literaturangaben:
Yaakobi, E. (2015). Desire to work as a death anxiety buffer mechanism. Experimental Psychology, 62, 110–122. https://doi.org/10.1027/1618-3169/a000278
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