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SRF: Beim Titel Ihres Buches «Kometenjahre» denkt man sofort an den Halleyschen Kometen, der die Menschheit alle 76 Jahre in seinen Bann zieht. Er war auch im Jahr 1910 zu sehen gewesen. Doch Ihr Buch zielt auf das Jahr 1918 und heisst gleichwohl «Kometenjahre». Weshalb?
Daniel Schönpflug: In meinem Buch ist der Komet eine Metapher. Sein Erscheinen bringt ein Gefühl der Zeit auf den Punkt.
Eine Zeit, in der etwas zu Ende geht, nicht nur ein Krieg, sondern eine ganze Epoche – und in der Neues entsteht. Der Komet steht für Visionen und Hoffnungen, die kurz aufscheinen und dann verglühen.
Ein Komet ist auch Zeichen für Umwälzungen und Revolution. Doch 1918 war die Russische Revolution schon Geschichte.
In Russland war tatsächlich das Jahr 1917 entscheidend. Aber 1918 gab es auch eine ganze Serie von Revolutionen – in Deutschland, Österreich, Osteuropa.
Selbst in den westlichen Ländern sind Bewegungen in Gang gekommen, die revolutionäre Ansprüche erhoben haben. Insofern ist 1918 auf jeden Fall ein revolutionäres Jahr gewesen.
«Kometenjahre» ist gespickt mit Figuren, viele davon sind geschichtliche Grössen: Käthe Kollwitz, Ho Chi Minh, Gandhi, Virginia Woolf, Walter Gropius, um nur einige zu nennen. Besteht bei diesen Berühmtheiten nicht die Gefahr, dass Widerstand erwächst, wenn man die Figuren neu interpretiert?
Ich versuchte, eine Mischung zu finden zwischen Figuren, die man vordergründig kennt, aber bei denen man dennoch viele Details entdecken kann, und Leuten, die völlig unbekannt sind. Viele der heute bekannten Namen waren damals noch unbekannte Alltagsmenschen. Da war es eine Chance, über sie etwas Neues zu sagen.
Über die Schriftstellerin Virginia Woolf zum Beispiel, die 1918 noch nicht wusste, ob sie jemals vom Schreiben würde leben können. Oder über den späteren US-amerikanischen Präsident Harry. S. Truman, der damals noch Artillerie-Offizier war und nach dem Krieg eine Herrenboutique eröffnen wollte.
In ‹normalen› Geschichtsbüchern vernachlässigt man die Details, in denen Geschichte lebendig wird.
Sie legen Ihren Figuren teilweise auch Dialoge in den Mund, die lebensnah und echt erscheinen. Woher stammen sie?
Die Detailtreue verdanke ich Tagebüchern, Briefen und Memoiren. Ich habe nichts erfunden. Man findet diese Juwelen, wenn man sie nur sucht. Und das ist insofern überraschend, als man in «normalen» Geschichtsbüchern solche Stellen kaum je zitiert findet. Da geht man immer aufs grosse Ganze, auf den Überblick und vernachlässigt die Details, in denen Geschichte lebendig wird.
Bei der Vielfalt an Figuren: Haben Sie als Autor dennoch zu einigen eine engere Beziehung aufgebaut?
Ja, die Pariser Journalistin Louise Weiss ist so eine Figur. Sie ist in vielerlei Hinsicht fantastisch. Erstens weil sie eine starke Frauenfigur ist und ihren Weg ging, als es beispielsweise für Frauen noch nicht normal war, an Universitäten zu studieren.
Sie war ungemein überzeugt von der Idee eines solidarischen Europas, von einer neuen Weltordnung. Was mich jedoch am meisten berührt hat, ist wie literarisch und intim sie über ihr eigenes Leben geschrieben hat.
Neben ihr sticht eine zweite Figur hervor: der schwarze US-Soldat Henry Johnson, der zum Wehrdienst eingezogen wurde und unfreiwillig zum Kriegshelden mutierte, obschon die Schwarzen in der US-Armee anfänglich schlecht behandelt wurden.
Er kam nach dem Krieg nach Hause, wurde in der grossen Parade gefeiert. Aber schon wenige Monate später zerschellte der Traum vom neuen Leben und von der Emanzipation der Schwarzen an der Realität.
Manchmal habe ich eine gewisse Verwandtschaft zwischen der Zeit nach 1918 und unserer bemerkt.
Im Buch erwähnen Sie, dass man das Jahr 1918 allzu leicht mit dem, wie Sie es nennen, Fluchtpunkt 1939 verbindet. Wie meinen Sie das?
Historiker haben die Angewohnheit, sich die Geschichte im Rückspiegel anzugucken, also aus einer wissenden Position heraus. Das gilt ja für die beteiligten Akteure in keiner Weise.
Sie erleben die Geschichte von vorne nach hinten und wissen nicht, was am nächsten Tag passieren wird. Und schon gar nicht, dass es 20 Jahre später einen noch verheerenderen Krieg geben würde. Mich interessiert es, ihre Perspektive einzufangen, die Vielfalt an möglichen Zukünften darzustellen und mein Allwissen hinten anzustellen.
Auch wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Sehen Sie Parallelen zwischen der heutigen Zeit und damals?
In der Tat spricht dieses Buch viele Dinge an, die mich auch heute bewegen. Und manchmal habe ich eine gewisse Verwandtschaft zwischen der Zeit nach 1918 und unserer bemerkt.
Was wir seit 1989 und dem Mauerfall erlebt haben, kann verglichen werden. Auch 1989 gab es eine Revolution, und es brach eine Weltordnung zusammen. Die Teilung zwischen Ostblock und Westblock existierte plötzlich nicht mehr, seitdem müssen die Dinge eine neue Ordnung finden.
Doch die Hoffnungen von 1989 – Freiheit, Frieden, Wohlstand – wollten sich nicht einstellen. Bald schon gab es den ersten Krieg auf dem Balkan, dann den Golfkrieg, aufkommenden Nationalismus, 9/11, den Arabischen Frühling, die Wirtschaftskrise. In den letzten Jahren vermehren sich neue autoritäre Regime.
Es ist eine Kettenreaktion mit ungewissem Ausgang. Auch wir wissen nicht, was morgen oder im nächsten Jahr passieren wird, ob gar Kriege auf uns warten. Wir sind in gewisser Weise in eine Situation geworfen, wie die Leute damals. Das macht diese Vergangenheit für uns nachvollziehbarer.
Das Gespräch führte Markus Matzner.
Zur Person
Daniel Schönpflug ist Professor für Geschichte an der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Koordinator des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Sein Spezialgebiet ist Europa im 18. bis 20. Jahrhundert. Besonders interessieren ihn die Revolutionen und Umwälzungsprozesse der Moderne.
Jetzt online
Was macht Revolutionen gestern, heute und morgen aus? Darüber diskutieren Daniel Schönpflug und der Baseler Philosoph Gunnar Hindrichs mit Wolfram Eilenberger in der «Sternstunde Philosophie». Am 17.12. um 11 Uhr auf SRF 1 – und bereits jetzt online.
Buchhinweis
Daniel Schönpflug: «Kometenjahre», S. Fischer Verlag, 2017.