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Dieser Grundsatz hat auch heute Gültigkeit und die Ärzte richten sich nach wie vor nach ihm. Überlegen wir uns doch einmal, ob diese Worte im damaligen und im aktuellen Kontext dasselbe bedeuten. Denken wir zurück:
Im Jahr 1939 forderte der Harvard-Professor Hooton die “Ausrottung der physisch, mental und moralisch Ungeeigneten oder ... ihre völlige Isolierung in einer sozial aseptischen Umgebung“, was seinerzeit einer verbreiteten Lehre entsprach (zit. b.Rifkin 1998, 186); Beginn des zweiten Weltkriegs. Es ist die Rede von einem „neuen Menschen“, von „idealen Kindern mit idealen Merkmalen“ (zit. b. Rifkin 1998, 196).
In der Nachkriegszeit war die Familie vorrangig mutterzentriert. Viele Familien hatten keinen Vater mehr, die Mutter war alleinerziehend, musste das materielle Überleben sichern und hatte wenig Zeit für ihre Kinder. Jedoch war aufgrund der weiten Verzweigung der Familie in die weitere Verwandtschaft mit vielen Tanten die mithelfende Erziehung selbstverständlich. Kinder halfen bei der Organisation von Lebensmitteln, sie stellten sich in die langen Schlangen und warteten mit ihren Geschwistern stundenlang auf ihre Lebensmittelration. Oder aber sie beteiligten sich beim Klauen von Kohle oder Kartoffeln auf dem Feld, während die Mütter bei der Aufbauarbeit halfen (Sieder 1987).
In den 50er Jahren
erzog man die Kinder zu Gehorsam und Unterordnung. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war gekennzeichnet von einer strengen Befehlshierarchie. Es ist schwierig, die Lebensbedingungen und die entsprechenden Erziehungsmethoden nach dem Krieg mit der heutigen Situation, heutigen Menschen zu vergleichen, denn der gesamte Kontext ist anders (siehe dazu die folgende Tabelle).
Als gedankliche Stütze:

Erziehungsmuster, Lebensentwicklung, psychische Standortbestimmung
im Vergleich gestern und heute
| Um das Jahr 1945
|| 2007

| Befehlserziehung/
Befehlshaushalt
|| Verhandlungserziehung / Verhandlungshaushalt

traditionale Machtbalance: Befehlen – Gehorchen
Erziehungsverhältnis
Große Tabu-Bereiche
Erziehungsinhalt: Unterordnung (geringer Grad an biographischer Reflexionskompetenz)
geringer Grad der Verselbständigung in Bezug auf: Freizeitorganisation, Verabredungspraxis, Kleidungswahl, Nutzung von Konsum, Planung der Schullaufbahn, Organisation des Beziehungsnetzes
große Verflechtung von familiärer und subjektiver Zeit: Mithilfe im Haushalt, Freizeit

( Bois-Reymond, Büchner, Krüger, Ecarius, Fuhs 1994).

symmetrische Machtbalance: Verhandeln
Beziehungsverhältnis
Abnahme von Tabus
Erziehungsinhalt: Selbständigkeit (hoher Grad an biographischer Reflexionskompetenz)
großer Grad der Verselbständigung in Bezug auf: Freizeitorganisation, Verabredungspraxis, Kleidungswahl, Nutzung von Konsum, Planung der Schullaufbahn, Organisation des Beziehungsnetzes
geringe Verflechtung von familiärer und subjektiver Zeit: Mithilfe im Haushalt, Freizeit

( Bois-Reymond, Büchner, Krüger, Ecarius, Fuhs 1994).
|Lebensentwicklung
||Lebensentwicklung

|grosse gesellschaftliche Unterschiede (Kastendenken, Armut, Elend, Hunger).

Gemeinschaftsdenken.
|individualisierte und zugleich globalisierte Gesellschaftsstruktur.

Das Ich-Denken steht im Mittelpunkt.
| Psychische Standortbestimmung
|| Psychische Standortbestimmung

|unheimlich grosse psychische Belastung mit Schwerstfolgen (psychosomatische Störungen, Depressionen, Hysterie, Verfolgungswahn, Angstzustände usw.)
||seelische Belastung der Nachkriegszeit für uns nicht mehr nachvollziehbar
hingegen sind andere psychische Belastungen und Störungen im Kindesalter sehr wohl wahrzunehmen. Isolation, Hilflosigkeit, Zukunftsängste. Psychosomatische Störungen wie z.B. Bulimie, motorische Unruhe, Konzentrationsstörungen, mangelnde Impulskontrolle usw.

Psychisch Kranke wurden dazumal regelrecht eingesperrt (Zwangsbehandlung), bis sich zum Glück die Psychoanalyse und die Tiefenpsychologie durchsetzte und die Menschen endlich Anrecht auf „Normalität“ erlangten, indem sie nicht mehr eingesperrt, sondern nur noch als „seelisch krank“ definiert wurden. Eine grosse, überaus menschliche Errungenschaft , die den grossen Psychoanalytikern wie Sigmund Freud, Alfred Adler, C.G. Jung und deren Schülern, sowie auch unzählige Psychiatern zu verdanken ist. Im damaligen Kontext, war die Definition „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die blosse Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“, ein Segen, denn endlich hatten alle Individuen mit schwersten traumatischen psychischen Nachkriegszeitfolgen Anrecht auf ein freies Leben ohne Zwangsjacke.
| Dieselbe Definition – „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die blosse Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“ – erhält heute eine ganz andere Bewertung als dazumal, und genau hier liegt die Schwierigkeit, nicht gleich jedes abnormale Verhalten als psychisch krank definieren zu wollen. Damals waren es die Psychoanalytiker, die uns die Augen öffneten und menschlich dachten – und heute?

Glaubt man heute einer milliardenschweren Psychopharmaka-Kampagne mehr als dem gesunden Menschenverstand?
Dieser Satz der WHO ist heute immer noch korrekt – zum Glück – , doch er sollte ergänzt und nicht als „Gummiparagraph“ für unsere Gesellschaft verstanden werden.
Seit der Nachkriegszeit hat sich die Einstellung zu „abnormalem“ Verhalten verändert: statt Zwangsjacke gibt es heute Medikamente (z.B. sogenannte Betablocker, Antidepressiva oder Neuroleptika wie z.B. Nif-Ten, Atenil oder auch Ritalin), um Verhaltensstörungen zu beheben.
Ist das so? Muss das so sein?
(Bertolt Brecht)
Der starke Anstieg der Ritalinverschreibung spricht für sich. Die Erklärung, dass diese Zahl auf die Entdeckung der Störung und den frühen Beginn der Behandlung der Betroffenen zurückzuführen ist, erweist sich bei näherer Betrachtung und bei der Auswertungen der durchgeführten Studien als unzutreffend.
In der Cochrane Library http://www.cochrane.org/index.htm, einer der umfangreichsten Bibliotheken der medizinischen Wissenschaft, mit den strengsten Kriterien für Qualität, findet man verschiedene Studien zum Thema. Hier findet man unter anderem diese Aussage:

Dieser Bericht untersucht, ob Familientherapie geeignet ist, Kindern mit ADHS ohne Einsatz von Medikamenten zu helfen. Zur Behandlung von ADHS werden verschiedene Medikamente und Therapiearten eingesetzt. Vielen Familien wäre es jedoch lieber, wenn ihre Kinder keine Medikamente nehmen müssten. Die Untersuchungsmethoden zweier Studien entsprachen den Qualitätsanforderungen. Eine dieser Studien ergab, dass eine Familientherapie oder eine normale Behandlung innerhalb der Gemeinschaft beim Kind keine Veränderung der ADHS-Symptome herbeiführt. Die andere Studie ergab, dass Familientherapie wirksamer ist als eine Placebo-Behandlung. Weitere Untersuchungen sind notwendig.
Die Erziehung hat sich in den vergangenen 61 Jahren stark verändert. Einige von uns wurden noch nach der alten Methode erzogen – d.h. Gehorchen –, andere haben bereits eine ‚modernere' Erziehung genossen – d.h. Verhandeln. Doch dazwischen gab es eine Übergangsphase vom Befehlen und Gehorchen zum Verhandeln. Man hatte zuhause noch gewisse Regeln zu befolgen.
Die heutige neue Generation hat nun eigene Verhaltens- und Verhandlungsarten und mit ihr sind neue Regeln und Rituale entstanden. Das Streben nach einer soliden Ausbildung und einem sicheren Arbeitplatz stehen nicht mehr allein im Vordergrund. Harte Arbeit für ein wenig Freizeit scheint nicht mehr erstrebenswert zu sein. Wir, die Eltern, wollen aber, dass unsere Kinder sich in das „altbewährte“ Schulsystem einfügen und sich der Gesellschaft anpassen. Es entsteht ein Konflikt zwischen den Wünschen der Kinder und denen der Eltern bzw. der Erzieher.
Wir, die Elterngeneration, stören uns am Verhalten der Kinder und halten es für inakzeptabel, denn es passt nicht zu unserem System. Wir wollen, dass die Kinder lernen, sich zu integrieren und ein Teil der Gesellschaft zu werden. Aber oft versuchen wir nicht das Verhalten der Kinder zu verstehen und die Ursachen dafür zu finden. Stattdessen bekämpfen wir die Symptome. Wenn wir jedoch die aktuellen Erziehungsmethoden, den sogenannten „Verhandlungshaushalt“, nicht analysieren und zu optimieren versuchen, werden wir stets mit den gleichen Konflikten zu kämpfen haben.
Es gibt Kinder, die sich ohne weiteres an das „altbewährten“ Schulsystem, die entsprechende Erziehung und die Gemeinschaft anpassen, doch viele sind nicht so flexibel und brauchen viel Zeit und Verständnis. Wenn wir Erzieher Kinder mit auffälligem Verhalten als krank bezeichnen und dieses „kranke“ Verhalten mit Medikamenten behandeln, lösen wir damit das Problem nicht, denn wir ändern nichts an der Erziehung. Zudem streitet sich selbst die Fachwelt darüber, ob ADHS überhaupt eine Krankheit ist. Eindeutige Beweise gibt es nicht; wir wissen nur, dass dieses sogenannte ADHS für eine Verhaltenstörung gehalten wird, die durch Therapie behandelt werden kann.
Aus der Sicht der Kinder
Betrachten wir einmal diese Aussagen von Kindern: „Ich möchte so sein wie die anderen“, „ich weiss nicht, was ich habe, ich weiss nicht weshalb ich so bin“, „ ich fühle mich nicht wohl, ich habe keine Freunde, ich bin deprimiert, ich will auch dieses Medikament“ usw. Scheint es nicht logisch, dass ein Kind das Medikament sogar selber fordert, wenn es sich dadurch endlich wieder akzeptiert fühlt? Es will ein Teil der Gemeinschaft sein und es will als Individuum betrachtet und verstanden werden. Wir dürfen daher die betroffenen unruhigen, nervösen Kinder nicht als Gruppe klassifizieren und ihnen womöglich noch Bezeichnungen ‚ADHS-Kinder' geben. Wir als Eltern haben die Wahl, dem Druck nachzugeben und uns beeinflussen zu lassen oder in einem verstehenden Sinn Widerstand zu leisten.
Literaturempfehlung für Eltern:
"Prinzip Menschlichkeit"
von Joachim Bauer
"ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung"
von Leuzinger-Bohleber, Marianne/ Brandl, Yvonne, Hüther, Gerald
"Autorität durch Beziehung"
von Haim Omer, Arist von Schlippe
"Die Kunst der Elternliebe"
von Wolfgang Bergmann
Empfehlung Film:
"Das Leben der anderen"
von Florian Henckel von Donnersmarck - mit Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Ulrich Tukur
Ein nachdenklicher Film.
16.05.2007 / Alicia de la Corte
© copyright 2007 by ADHS Schweiz / Psychologische 'ADHS' Therapie Schweiz
Viele zerbrachen an diesem System. Weshalb glauben wir denn heute, dass unser System korrekt ist?
Dürfen wir nicht einmal an einem Teil dieses Systems zweifeln?
Wenn heute 50% der Kinder das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom haben sollten und ADHS würde als Krankheit gelten, dann hätten wir entweder eine sehr kranke Gesellschaft, oder einen unlogischen Teil unseres System.
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