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Das asiatische Jahrhundert
Historisch gesehen gab es immer Zyklen, in welchen gewisse Regionen oder Länder im globalen Gefüge dominant und prägend waren. Dabei wechselten sich Phasen von multipolaren Machtgefügen ab mit Phasen von hegemonischen Machtstellungen einzelner Länder oder Regionen. Es ist gemeinhin bekannt, dass in den letzten 100 Jahre die USA einen dominanten Einfluss auf die Welt ausgeübt haben. In einer als «Pax Americana» bekannten Phase seit den 1920-er-Jahren hat die USA die westliche Weltordnung wirtschaftlich angetrieben und militärisch verteidigt. Die freie Marktwirtschaft war dabei stets das ökonomische Prinzip, Demokratie die politische Basis.
Mit dem Wirken von Deng Xiaoping in China ab Ende der 1970-er-Jahre und dem Fall der Berliner Mauer 1989 kam das globale Machtgefüge langsam in Bewegung. Der Ostblock und die kommunistischen Länder Osteuropas wurden durch die Öffnung von ihren wirtschaftlichen Fesseln befreit. Mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 wurde der asiatische Gigant im Turnier willkommen geheissen. Der Westen freute sich vorerst über neue Absatzmärkte und günstige Arbeitskräfte. Wichtiger Treiber der Integration Chinas in die globale Wirtschaft war auch die Hoffnung, auf eine Demokratisierung des Landes.
An der Schwelle zum neuen Jahrzehnt wissen wir: China hat gezeigt, dass Wohlstand und Demokratie keine Zwillinge sind. Auch mit einer zentralistischen Einheitsregierung ist das Land zu einem dominanten Player aufgestiegen. Man kann behaupten:
Wir haben soeben die ersten 20 Jahre des asiatischen Jahrhunderts absolviert.
Im Schlepptau von China haben auch andere Länder wie beispielsweise Vietnam oder Taiwan ihren Wohlstand deutlich ausgebaut. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und sein anschliessend vom Zaun gebrochener «Handelskrieg» mit China sind die ersten zu Tage tretenden Symptome eines die kommenden Jahrzehnte prägenden Widerstreits um die globale Vorherrschaft. Hierbei geht es nicht nur um die wirtschaftliche Dominanz. China wird dem Westen auch beweisen wollen, dass ihr politisches System überlegen ist.
Was bedeutet dies nun für die Anleger?
In erster Linie bedeutet es, dass die Zeiten der relativen Ruhe von den 1950-er bis zu den 1990er-Jahren wohl eine Ausnahmeerscheinung waren und es inskünftig wirtschaftlich, gesellschaftlich und politischer ruppiger zu und her gehen wird. Die vergangenen Jahre haben uns aufgezeigt, wie sich dies äussern kann. Ungleichheit, Ungerechtigkeit und politisches Unvermögen werden in Zeiten der Digitalisierung schonungslos und ohne Zeitverzögerung global transparent. Die damit verbundene Unrast auch. Der Börsenverlauf wird möglicherweise dadurch erratischer, unberechenbarer. Als Anleger ist dies erst einmal unangenehm, da die Volatilität an den Märkten höher sein könnte. Die Kurse schwanken stärker. Als Investor empfiehlt sich aber, seinen Fokus bei diesen Makro-Entwicklungen auf die Chancen zu lenken. Diese sehe ich insbesondere bei der weiteren Entwicklung der «Emerging Markets».
Die «Emerging Markets», also die aufstrebenden Länder, zu denen China auch gehört, haben im Vergleich zu den klassischen Industrienationen des Westens ein höheres Wachstumspotential. Dies ist einerseits bedingt durch die Demografie (diese Länder und Regionen verfügen über ein tieferes Durchschnitts- und Median-Alter und sind deshalb «jünger»). Gemäss der Online-Plattform «Worldometers beträgt das Median-Alter, also das Alter bei welchem 50% der Bevölkerung älter sind, in der Schweiz 43 Jahre, in Vietnam 31 Jahre. Andererseits aber spielt auch der sogenannte Basiseffekt, welcher besagt, dass Wachstum von einem tieferen (Wohlstands-) Niveau aus höher ausfällt. Zu den Emerging Markets zählen insbesondere Länder in Asien (z.B. Vietnam, Südkorea, Indien, Indonesien) und Südamerika und Osteuropa. Was es braucht, von einem aufstrebenden zu einem entwickelten Land zu werden, hat uns in den letzten 40 Jahren Südkorea aufgezeigt: Stabile politische Verhältnisse, Aussenhandel und ein hohes Arbeitsethos mit dem damit verbundenen Qualitätsbewusstsein. Betrachtet man sich nun die Landkarte der aufstrebenden Länder, fällt auf, dass insbesondere zahlreiche asiatische Länder sich seit den 80-er-Jahren fast wie an der Schnur gezogen Wohlstand erschaffen haben. Es fällt auch auf, dass zahlreiche Länder Südamerikas und beispielsweise Russland diese Voraussetzungen nur bedingt erfüllen und es ihnen im Zuge der Globalisierung nicht gelungen ist, ihren wirtschaftlichen Status nachhaltig zu verbessern. Asien scheint also strukturell und insbesondere wohl kulturell einen Vorteil zu haben. Asiaten gelten gemeinhin als sehr zielstrebig und diszipliniert.
Als Investor ist es interessant, sein Geld in Wachstum und Entwicklung zu investieren, da beides in der Regel wertvermehrend ist und so im Portfolio – langfristig – eine positive Rendite generiert. Die Ländern Asiens wollen wachsen und ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben. Die Auguren sind sich einig, dass China seine Stellung weiter ausbauen und so auch eine Sogwirkung auf den ganzen asiatischen Kontinent erzeugen wird. Auch wenn das riesige Land die Wachstumsraten der letzten Jahrzehnte nicht mehr wird erreichen können, wird es mit einem erwarteten Wachstum von rund 6% pro Jahr immer noch eine imposante Leistung zeigen. Die Wachstumsraten des Bruttoinlandproduktes (BIP) in vielen westlichen Volkswirtschaften von 1-2% pro Jahr muten da fast bescheiden an. Die Grossbank UBS erwartet für das Jahr 2020 im gesamten asiatischen Raum ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5.7%. Trotz den Umwälzungen in Hong Kong ist die Region an sich politisch so stabil wie noch selten. Die Bewertungen der Aktien sind trotz den Wachstumsraten moderat (einiges Wachstum ist natürlich schon in den Preisen eskomptiert) und die Obligationenmärkte sind nur marginal durch die Notenbanken verzerrt und werfen ansprechende Rendite ab.
Ein zumindest selektives Engagement im asiatischen Raum ist in den nächsten Jahren für einen wachstumsorientierten Anleger unerlässlich. Eher risikotolerante Investoren können über spezialisierte aktive oder passive Anlagegefässe indirekt in asiatische Firmen und Projekte investieren. Wer lieber vertraute Namen im Depot hat, kann auch auf westliche Firmen setzen, welche Asien seit Jahren erfolgreich als Absatzmarkt bewirtschaften und einen wesentlichen Anteil des Umsatzes in dieser Region generieren. Als kleines, exportorientiertes Land verfügt auch die Schweiz über viele Firmen dieser Kategorie.
Wichtig erscheint mir aber: Das «Asiatische Jahrhundert» muss als das wahrgenommen und die Chancen daraus genutzt werden.