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Zürich 24. Mai 1865.
Mein Freund!
Diesen Vormittag ließ ich bei Dir anfragen, wann ich Dich sprechen könne, erhielt aber den Bescheid, Du kehrest erst am Freitag von Bern zurück.
Soeben erhalte ich nun die Einladung, am Samstag in Bern einzutreffen, um wegen den Missiven nach München mündliche Verhandlung zu pflegen. Auf diese Weise werden wir uns nicht mehr sprechen können, da ich Freitag Abends abzureisen vor habe.
Wie du weißst, haben wir den Auftrag erhalten, eine Bestimmung folg. Inhaltes in den Staatsvertrag1 hineinzubringen:
«Auf der Verbindungsbahn Lindau–St. Margarethen dürfen keine Einrichtungen getroffen werden, welche eine Begünsti gung der einen der schweiz. Eisenbahnen zum Nachtheil der an dern in sich schließen. Diese Bestimmung findet namentlich auch auf die Feststellung der Taxen, auf die Zulassung durchgehender Güterwagen & direkter Personen- Gepäck- & Waarenexpeditions scheine über die Verbindungsbahn Anwendung.»
Wirth-Sand2 , der in München war, angeblich um mit Baiern über einen Betriebsvertrag zu verhandeln, dann aber auch um die Interessen der Konzessionäre zu wahren, wehrte sich mit allen Kräften gegen die Aufnahme einer derartigen Bestimmung. | Er sagt, es sei das ein schweres Unrecht, das man dieser neuen Bahn allein zufüge, während d. N.O.B. namentlich mit Bezug auf die Taxen freie Hand habe, man wolle den Verkehr auf der obern Linie nicht gleichhalten wie den auf der untern, &sf. Du kennst alle diese Gründe besser als ich. Er erklärte (natürlich nur pri vatim, zu den Konferenzen hatte er keinen Zutritt), er seiner seits werde, wenn eine solche Bestimmung in den Vertrag aufgenom men werde, seinen Mitkonzessionären aufs bestimmteste anra then, die Konzession fahren zu lassen, & jedenfalls träte er von der Sache zurück; er wolle durchaus keinen Streit mit der N.O.B. & man werde sich schon verständigen, da ja d. N.O.B. Zwangsmittel genug in den Händen habe; aber er könnte sich diese Bedingung nicht gefallen lassen.3
Der oestr. Abgeordnete4 erklärte, seine Regierung hätte gegen die Aufnahme einer solchen Bestimmung kaum etwas einzuwen den, wenn die Konzessionäre sie sich gefallen ließen; nachdem aber Wirth-Sand das Gegentheil bereits ernstlich ausgesprochen habe, müsse er sich der Aufnahme widersetzen; denn ihm liege daran, daß d. Bahn zu Stande komme, & daß die Konzessionäre bleiben, denn seit 8 Jahren sei es nicht gelungen, jemanden zu finden, der die Bahn baue, & er wolle nicht riskiren, noch einmal die Sache in andere Hände, die sich vielleicht lange nicht finden übergehen zu lassen.
Die bairischen Abgeordneten5 äußerten sich ähnlich.
Die Frage ist also, ob der Bundesrath an seiner Auflage festhalten wird, in welchem Falle der Staatsvertrag für einstweilen natürlich nicht zu Stande kommen wird.
Aeppli wird sich in Bern sehr entschieden für Fallen lassen dieses Theils der Instruktion aussprechen, denn er | ist darüber ungemein erbittert.
Hältst Du nun die Festhaltung dieses Punktes für so wich tig, daß Du es für richtiger hältst, den Vertrag scheitern zu lassen, so bitte ich Dich, Deine Ansicht bei einigen Bun desräthen geltend zu machen. Aeppli glaubt bestimmt, der Bundesrath lege der Sache bei weitem nicht die Bedeutung bei, wie ich glaube, & auch die Bundesversammlung werde, wenn ihr die Sache vorgelegt werde, der St. Gallischen Anschauung bei treten.
Mit bestem Gruße
Dein
Hagenbuch.
Nach Abrede, die ich noch in München mit Aeppli getroffen habe, werde ich im «Schweizerhof» logiren; wenn Du mir daher ein paar Zeilen zukommen lassen willst, so adressire sie an den Schweizerhof oder gib sie Dubs.