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Rückblick: Schwulenbewegung
Aus der Abdankungs-Ansprache
Den offiziellen Abschied von Carl Zibung gestaltete Dr. Josef Burri. Er hielt die Ansprache, wie er das auch beim Abschied von Nico Kaufmann zwei Jahre zuvor getan hatte. Es war der 9. November 1998. Man traf sich in der Friedhofskapelle Hönggerberg (Zürich). Zur Ansprache gehörte eine Biografie mit der Überschrift "Ein Leben voll Engagement, Liebe und Solidarität":
"[...] Seine wirkliche Person hat Carl Melchior Zibung, solange ich ihn kenne, immer in den Hintergrund gestellt. Diese Zurückhaltung hatte vielleicht damit zu tun, dass er im Innersten sensibel und verletzlich war. Das konnte nur erahnen, wer ihn aus nächster Nähe kannte. [...]
Meine erste Begegnung mit Zibi, wie wir ihn häufig nannten, geht auf das Jahr 1969 zurück. Damals waren wir beide bei der jüngeren Schwulenbewegung tätig, er als Redaktor des Vereinsorgans von Club 68, der Zeitschrift club68, ich als Mitarbeiter für religiöse Fragen, mein damaliger Freund Kurt Bänninger als Briefkastenonkel für juristische Fragen [unter dem Pseudonym "Lex"]. Carl hat in diesem Verein und der Zeitschrift von der Gründung im Dezember 1967 bis Mitte 1969 [da war er 39-jährig] eine aktive, führende Rolle gespielt, ist dann aber wegen Meinungsverschiedenheiten ausgeschieden. [...]
Die Schwulenbewegung war ein wichtiger Teil im Leben Carls bis zu seinem plötzlichen und unerwarteten Tod am 29. Oktober 1998. Mit grossem persönlichem Engagement hat er sich für die Sache dieser Minderheit eingesetzt. [...] Er war Mitbegründer des Schwulenarchivs der Schweiz [...] und er war in den Jahren 1991 bis 1994 aktiv beteiligt bei der Gründung des ersten gesamtschweizerischen, professionellen Schwulensekretariats Pink Cross. Die junge Generation hat seine Anliegen aufgenommen und von seinem Einsatz für Gerechtigkeit profitiert. [...]
Die Neugier auf geschichtliche Entwicklungen und Zusammenhänge hat ihn aber auch in anderen Bereichen auf Trab gehalten. Während Jahren stellte er seine Dienste der Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte zur Verfügung, und er beteiligte sich an Studienreisen zu diesem Thema.
Aufgewachsen ist er in Luzern. Sein Vater arbeitete im Hotelfach. In der wirtschaftlich schwierigen Zeit vor dem zweiten Weltkrieg gab es nicht immer Arbeit in Luzern. Der Vater war gezwungen, zeitweise Stellen im Ausland anzunehmen. So war er mehrmals in Ägypten tätig. Regelmässig schickte er in einer postalischen Wertsendung Geld nach Hause, um seine Frau und die drei Buben Josef, Adolf und Carl Melchior [...] durchzubringen.
Nach den Schulen und einer kaufmännischen Ausbildung in Luzern zog es Carl zum Theater [...]. Er arbeitete als Inspizient, Beleuchter und Schauspieler an verschiedenen Theatern [...]. In seiner Freizeit widmete er sich der Weiterbildung in Schauspiel und Musik."
Ernst Ostertag, Januar 2011