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Dank der geografischen Lage am Ausfluss der Aare aus dem Thunersee und an der Grenze zwischen dem Mittelland und den Alpen ist Thun bis heute ein zentraler Ort, Warenumschlagplatz und Station am Weg ins Berner Oberland. Wie andere Berner Landstädte wies Thun schon um 1800 ein breites Spektrum an Wirtschaftszweigen auf. Ein geografisch-statistisches Lexikon der Schweiz von 1827 beschrieb die Thuner Wirtschaft: «Die Bürgerschaft ist gewerbsam; Kleinhandel, Landbau, Handwerke, einige Manufakturen und etwas Grosshandel, namentlich mit Käsen und Leinwand, sind ihre wesentlichsten Erwerbszweige.»1 Es existierte eine grosse Vielfalt an Handwerken, die Waren für ein grösseres Umland herstellten. Andere Thuner waren im Handel oder als Wirte tätig. Über ein Drittel der Berufsleute übte mehr als ein Gewerbe aus. Einzig die Industrie vermochte in der Region trotz erfolgversprechender Anfänge Ende des 18.Jahr- hunderts vorerst nicht Fuss zu fassen.2
Das lokale Handwerk stand seit 1798 unter Druck, als mit der helvetischen Verfassung die Handels- und Gewerbefreiheit eingeführt wurde. In den Städten hatten die Zünfte und die Obrigkeit bisher strenge Bestimmungen festgelegt, die nun gelockert wurden. Es wurde einfacher, den Beruf zu wechseln. Die Stadt Thun reglementierte mit der Handwerksordnung von 1810 die Ausbildung von Berufsleuten, um dem «Verfall des bürgerlichen Handwerks Standes» entgegenzuwirken. Das Thuner Handwerk vermochte sich zu halten, da es vorwiegend für einen lokalen Markt produzierte. Allerdings waren neu zugezogene Handwerker eine Konkurrenz für die alteingesessenen Burgerfamilien Thuns.3
Erwerbstätige in der Stadt Thun gemäss der Volkszählung von 1846. Die grösste Gruppe bildeten die Dienstbotinnen und Taglöhner, die als schlecht bezahlte und schlecht ausgebildete Arbeitskräfte in verschiedenen Branchen tätig waren.
Handwerk und Gewerbe machten rund 40 Prozent aus, die Dienstleistungszweige 26 und die Landwirtschaft 3 Prozent. Das breite Branchenspektrum war typisch für eine Kleinstadt, die regionale Zentrumsfunktionen hatte.
Für die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sind keine Zahlen überliefert, die ein genaueres Bild der Thuner Wirtschaft nachzeichnen lassen. Erst die Daten der Volkszählung von 1846 ermöglichen dies: Damals wurden in Thun über 100 verschiedene Berufe ausgeübt. Es gab also eine Vielfalt an Tätigkeiten und keine Branche, die in der Stadt dominierte. Handwerk und Gewerbe machten mit 40 Prozent der Arbeitskräfte den grössten Sektor aus, die Dienstleistungen erreichten einen Anteil von 26 Prozent, die Landwirtschaft ohne Hilfskräfte kam auf 3 Prozent. Die mit Abstand grösste Gruppe bildeten die Dienstbotinnen und die Tagelöhner, die in Thun zusammen 31 Prozent der Erwerbstätigen stellten. Ihre Arbeitgeber waren Bauern, Handwerker und private Haushalte. Dieser hohe Anteil an Arbeitskräften, die am Existenzminimum und häufig in Armut lebten, war in vorindustrieller Zeit typisch für eine Stadt. Die Städte Bern und Burgdorf hatten 1856 sogar einen noch etwas höheren Anteil an Dienstbotinnen und Tagelöhnern.4
Wie sich die Dienstbotinnen und Tagelöhner auf die Sektoren verteilten, ist unklar. Die meisten waren wahrscheinlich in der Landwirtschaft und in vielen Dienstleistungsbetrieben angestellt. Zudem machten Frauen 1846 rund ein Drittel der Erwerbstätigen aus. Über die Hälfte von ihnen arbeitete als Dienstbotinnen, weitere 20 Prozent in der Textilbranche und 10 Prozent als Tagelöhnerinnen. Die Berufsverteilung von 1846 dürfte für die ganze Zeit von 1800 bis um 1860 in den groben Zügen repräsentativ sein.5
Das Einkommenssteuerregister von 1847 zeigt, welches die lukrativsten Tätigkeiten auf dem Thuner Arbeitsmarkt waren. Elf Thuner versteuerten damals mindestens 1000 Franken Einkommen, was heute rund 115 000 Franken entsprechen würde.6
Verkaufsläden in der Kreuzgasse am Übergang zur Sinnebrücke. Zeichnung von Christian Burgener (1801–1841), um 1830. Die frühe Form der Verkaufslokale ist hier gut sichtbar:
Die Räume im Erdgeschoss waren durch Bretterläden von der Strasse getrennt, die hoch- und runtergeklappt wurden, um die Waren zu verkaufen. Schaufensterfronten kamen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinzu.
Die Berufe im Tourismus, im Handel und in der Justiz waren demnach die einträglichsten. Dass der Lehrer Gottlieb Stähli (1802–1867) in dieser Gruppe auftaucht, ist eher erstaunlich. Lehrerlöhne waren damals nicht sehr hoch. Er war jedoch Direktor des Progymnasiums, was ihm offenbar viel Geld einbrachte. Gemäss diesen Zahlen hatte damals in Thun niemand ein Salär in Millionenhöhe. Dies hängt damit zusammen, dass grosse Industrieunternehmen fehlten.7
Die einzigen Grossverdiener, die nicht in einem Dienstleistungsberuf arbeiteten, waren die Gebrüder Karl und Albert Schrämli. Ihre Vorfahren besassen seit 1805 Lehmgruben und Ziegelhütten in Hofstetten vor dem Lauitor, aus denen sie das Material für ihre Ziegeleien gewannen. 1869 verlegte die Firma ihren Geschäftssitz ins Glockental in Steffisburg. Die Parzellen und Liegenschaften in Hofstetten verkaufte sie in den 1870er-Jahren an die Baugesellschaft, welche das Hotel Thunerhof errichtete.8