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Zusammenfassung
Seit etwa anderthalb Jahrzehnten reissen die Debatten über die Krise der 30er Jahre nicht mehr ab. Vor dem Hintergrund der sozialen und ökonomischen Krise, welche die entwickelten Länder seit Beginn der 70er Jahre durchmachen, tendieren Historiker, Journalisten und Politiker immer häufiger dazu, Vergleiche zwischen der Gegenwart und den 30er Jahren anzustellen. Vor kurzem erschien in der Zeitung Le Monde ein Artikel des angesehenen Historikers und vormaligen Chefredaktors von Le Monde, André Fontaine, mit dem Titel «Der Schatten der 30er Jahre». Dieser Artikel begann mit den Worten: «Wir sind konfrontiert mit Arbeitslosigkeit, Elend, Korruption, Druck der extremen Rechten in Österreich sowie Umfragen und Teilwahlen, die zeigen, in welchem Ausmass bei uns die politische Klasse und die Institutionen in Verruf geraten sind. ÐDas Europa des ausgehenden 20. Jahrhundertsð, sagte vor einigen Tagen eine auf der Durchreise befindliche Persönlichkeit aus Deutschland, Ðgleicht zusehends dem Europa der 30er Jahreð. In einem gewissen Sinne trifft dies tatsächlich zu, aber dennoch: welche Diskrepanz!»1
Die Frage nach der Vergleichbarkeit rezessiver Phasen des kapitalistischen Systems ist das Thema dieses Bandes. Pierre Dockès leugnet nicht die Unterschiede zwischen der Krise des späten 19. Jahrhunderts, derjenigen der 1930er Jahre und der Rezession unserer Tage. Er postuliert aber gleichwohl, dass diese Krisen nur verstanden werden können, wenn man das Augenmerk auf das ihnen gemeinsame Merkmal richtet: dass es sich nämlich in allen Fällen um Strukturbrüche, d. h. um Perioden handelt, in denen «die alten Produktionsverhältnisse zusammenbrechen und sich neue Produktionsverhältnisse herausbilden.» Für Dockès stellt die Krise der 30er Jahre eine Art Schmelztiegel dar, in welchem die Hauptkomponenten der Wachstumsphase der 50er, 60er und frühen 70er Jahre - Produktion und Massenkonsum, Lohneinkommen und «Arbeitsfrieden» auf der Basis des Systems «Ford» - geschmiedet wurden. Dieser theoretische Grundpositionen mit konkreten historischen Vergleichen kombinierende Ansatz lässt Dockès zu einer Einschätzung der aktuellen Wirtschaftskrise gelangen, die speziell denjenigen zu denken geben sollte, die bei den nationalen und internationalen Arbeitnehmerorganisationen verantwortliche Stellen bekleiden. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Rezession zeichnen sich allmählich die Umrisse eines «Neo-Kapitalismus» ab, der - so Dockès - dem Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts näher stehen dürfte als dem gemässigten, dem Gedankengut des Fordismus und der Sozialdemokratie verpflichteten Kapitalismus, der seinerzeit aus der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist. Wenn die Erforschung der Krise der 30er Jahre einige Problemfelder der heutigen Zeit erhellen kann, dann erlaubt dies auch, auf einige Spezifika der schweizerischen Wirtschaftsentwicklung in einer Zeit hinzuweisen, die man die Grosse Depression zu nennen pflegt.
In seinem dem europäischen Raum gewidmeten Beitrag hebt Derek Aldcroft hervor, dass die Länder des Alten Kontinents während der Krise der 30er Jahre ungleiche ökonomische Entwicklungen durchmachten. Während z. B. Finnland und Griechenland zwischen 1929 und 1937 ein substantielles Wirtschaftswachstum verzeichneten, wurde eine zweite Gruppe von Ländern, darunter auch die Schweiz, sehr viel stärker von der Grossen Depression erfasst. Auf die Frage, weshalb die Schweizerische Eidgenossenschaft dieser zweiten Gruppe angehörte, versucht D. Aldcroft eine Antwort zu geben, indem er die Tatsache in den Vordergrund rückt, dass die Rezession in denjenigen Ländern, die am Goldstandard festhielten - Schweiz, Frankreich, Belgien, Italien, Niederlande und Polen - besonders tiefgreifende und langanhaltende Auswirkungen zeitigte. Nach Aldcroft ist die Ausrichtung dieser Länder auf den Goldstandard bis ca. 1935/36 und ihre darauf zurückzuführende rigoros deflationistische Politik hauptverantwortlich für die lange Dauer der wirtschaftlichen Stagnation. Warum aber haben diese Länder unter solchen Umständen am Goldstandard festgehalten? In einem kürzlich erschienen Überblickswerk zur Zwischenkriegszeit betont Barry Eichengreen die Notwendigkeit, die politökonomischen Faktoren stärker herauszuarbeiten, um die Unterschiede in der Wirtschaftspolitik der europäischen Länder erklären zu können: "[...] Different decisions across countries reflected differencies in the balance of political power, between creditors who benefited from deflation and debtors who suffered, or between producers of internationally traded goods who benefited from devaluation and producers of domestic goods who were likely to be hurt."2
Für Frankreich, Belgien und die Niederlande, um bei den Goldstandard-Ländern zu verbleiben, existieren bereits zahlreiche tiefschürfende Untersuchungen, die sich mit dieser Problematik befassen. Anders verhält es sich bei der Schweiz. Wirtschaftshistorische Fragestellungen sind hier nicht gerade häufig anzutreffen, und Studien zur helvetischen Wirtschaftspolitik zur Zeit der Grossen Depression haben geradezu Seltenheitswert. Die Debatte über diesen Aspekt der Landesgeschichte ist überhaupt erst eröffnet worden, als Gérald Arlettaz vor mehr als zehn Jahren die Behauptung aufstellte, dass es die Politik der Bundesbehörden gewesen sei, den finanziellen Interessen der Schweiz im Ausland absoluten Vorrang vor der Ankurbelung der Binnenkonjunktur einzuräumen.3 Da diese These bislang kaum Widerhall gefunden hat, sind wir übereingekommen, einen Grossteil des vorliegenden Themenheftes von Traverse dem «Fall Schweiz» zu widmen. Wenn wir uns zu unserem grossen Bedauern auch nicht in der Lage sehen, bei gewissen Themen - gemeint ist insbesondere die Finanz- und Geldpolitik des Bundes - der historischen Forschung neue Impulse zu vermitteln, so erlauben es doch jene fünf in diesem Band versammelten Artikel, die ausschliesslich die Schweiz zum Gegenstand haben, einige interessante Schlussfolgerungen zu ziehen.
Heiner Ritzmann-Blickenstorfer etwa verweist auf die ungleiche konjunkturelle Entwicklung bei der Export- und Binnenwirtschaft. Während erstere bereits 1929/30 in den Sog der Weltwirtschaftskrise geriet, wurde letztere erst 1932/33 von der Rezession erfasst. Die Krise nahm in der Schweiz zwar weniger intensive Formen an als in anderen europäischen Ländern, aber sie dauerte dafür um so länger.
Ein anderes Ergebnis der Recherchen des Zürcher Historikers nimmt sich auf den ersten Blick überraschend aus: Es scheint, dass sich das Einkommensgefälle zwischen den Kantonen in den 30er Jahren verringert hat, indem die ländlich geprägten, ärmeren Kantone der Krise besser zu widerstehen vermochten als die Industriekantone. Dieser Befund lässt allerdings, wie Ritzmann mit Recht unterstreicht, keine Rückschlüsse in bezug auf die Ungleichheiten der sozialen Klassen zu.
Bei der Lektüre der Artikel wird deutlich, dass die Rezession der 30er Jahre in einen umfassenderen zeitlichen Rahmen gestellt werden sollte. So qualifiziert Beatrice Schumacher den gesamten Zeitraum 1914-1950 als «dunkles Zeitalter» des Fremdenverkehrs, während Andrea Rosenbusch aufzeigt, dass die chemische Unternehmung Geigy in der Zwischenkriegszeit ununterbrochen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. In beiden Fällen wurden durch die Flaute wichtige Veränderungen induziert oder zumindest beschleunigt, und zwar speziell im organisatorischen Bereich. Bei der Basler Firma kam es zur Rationalisierung der Verwaltung und zur Systematisierung der Forschung. Im Gastgewerbe, wo die latent vorhandenen Probleme nach 1930 überaus manifest wurden, suchte man das Heil in der Gründung einer Dachorganisation, deren Funktion u. a. darin bestand, die Interessen der Branche bei den staatlichen Stellen besser wahrzunehmen. Diese Organisation agierte übrigens auch als Vermittlerin gewisser innovativer Praktiken in der Fremdenverkehrsindustrie.
Die Rezession hat in der Schweiz auch dazu beigetragen, dass sich die Beziehungen zum Ausland veränderten. Wie man weiss, war die Ende der 1920er Jahre einsetzende internationale Wirtschaftskrise namentlich durch den Zusammenbruch des Welthandels charakterisiert. Die Lage verschärfte sich ab 1931, als zahlreiche industrialisierte Länder zu einer protektionistischen Politik übergingen. Wie Peter Marbet für Brasilien zeigt, hat diese Entwicklung die Schweiz gezwungen, sich nach neuen Märkten umzusehen. Indessen erschöpfte sich das schweizerische Interesse für Lateinamerika keineswegs in der Suche nach neuen Absatzmärkten, sondern wiederspiegelt ebensosehr die Bedeutung des nach dieser Weltregion exportierten Kapitals. Die Interessen der schweizerischen Kapitalanleger im Ausland kollidierten in den 30er Jahren mit dem ökonomischen Nationalismus von Ländern wie Brasilien und Argentinien. Von daher ergab sich für die Schweiz die Notwendigkeit, mit den Regierungen dieser Länder in handels- und finanzpolitischen Fragen zu einem Einvernehmen zu gelangen.4
Es ist daran zu erinnern, dass die wirtschaftliche Krise auch in der Schweiz ein Erstarken nationalistischer Tendenzen bewirkte. Schumacher führt aus, dass das Fernbleiben ausländischer Gäste, speziell solcher aus Deutschland, in den 30er Jahren die Tourismusbranche auf die Idee brachte, die Frequentierung schweizerischer Fremdenverkehrsorte durch die einheimische Bevölkerung zu fördern, sei es durch den Rückgriff auf das bereits vorhandene Arsenal an nationalen, Mythen und Muskelkraft zum Ausdruck bringenden Werten, sei es durch den Versuch, unter Wahrung dieser Werte eine idyllischere Atmosphäre zu schaffen.
Nachdem sie überaus hart durch die Krise getroffen worden war, glückte es der sich als «nationale Industrie» präsentierenden Uhrenbranche, sich zu restrukturieren. Marc Perrenoud ruft die Rolle ins Gedächtnis, die der Staat bei dieser von Banken, Industriellen und Magistraten überwachten Reorganisation gespielt hat.
Die LeserInnen dieses Heftes werden nicht umhin können, das Fehlen von Artikeln über die Arbeitslosigkeit, immerhin eine der wichtigsten Begleiterscheinungen der Grossen Depression, zu bemerken. Dies ist indessen kein Versäumnis, hat doch traverse dem Problem der Arbeitslosigkeit vor einem Jahr ein komplettes Themenheft gewidmet, in dem sich auch ein Beitrag findet, der die 30er Jahre behandelt.5
Angesichts der Aktualität der Thematik hoffen wir, dass diese Ausgabe von traverse keinen Schlusspunkt unter die Diskussion setzen wird, sondern zu neuen Forschungen Anstoss gibt.
Thomas David, Sébastien Guex, Marc Perrenoud
(Übersetzung: Barbara und Heiner Ritzmann-Blickenstorfer)
Anmerkungen
1 Le Monde, 30. Oktober 1996, 1. Siehe auch die letzte Nummer der Zeitschrift Vingtième Siècle (Oktober-Dezember 1996), die sich mit den Wirtschaftskrisen im 20. Jahrhundert befasst; darin insbesondere der Artikel von J.-C. Asselain.
2 Barry Eichengreen, Golden Fetters. The Gold Standard and the Great Depression,
1919-1939, New York 1992, 23.
3 Gérard Arlettaz, «Crise et déflation. Le primat des intérêts financiers en Suisse au début des années 1930», Relations internationales 30 (1982), 163.
4 Dies war insbesondere bei Argentinien der Fall. Siehe Antonio Sommavilla, «L'accord commercial et financier de 1934 entre la Suisse et l'Argentine», in Bouda Etemad et Thomas David (Hg.), La Suisse sur la ligne bleue de l'Outre-mer (Les Annuelles Nr. 5), Lausanne 1994, 95-103. Allgemeiner sind die Informationen, die zu diesen Handels- und Finanzabkommen in den Bänden 11 und 12 der Diplomatischen Dokumente der Schweiz gegeben werden.
5 Bernard Degen, «Arbeitsbeschaffung, sozialer Frieden und Denkmalpflege. Der Basler Arbeitsrappen (1936-1984)», Traverse 2 (1996), 63-83. In diesem Zusammenhang verweisen wir auch auf die Arbeit von Marc Perrenoud, «Entre la charité et la révolution. Les Comités de chômeurs face aux politiques de lutte contre le chômage dans le Canton de Neuchâtel lors de la crise des années 1930», in Jean Batou, Mauro Cerutti und Charles Heimberg (Hg.), Pour une histoire des gens sans Histoire. Ouvriers, excluEs et rebelles en Suisse 19e-20e siècles, Lausanne 1995, 105-111.