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Der Einfluss familialer Merkmale auf den Entwicklungsprozess vom Fussballtalent zum Spitzenspieler
Marc Zibung1, Achim Conzelmann2
1 Institut für Sportwissenschaft, Universität Bern, Schweiz (Dr., Dozent am Institut für Sportwissenschaft)
2 Institut für Sportwissenschaft, Universität Bern, Schweiz (Prof. Dr., Direktor Institut für Sportwissenschaft)
Abstract
The process by which young talents develop to become top-class players once they reach the age of maximum performance is influenced by numerous factors. Among the exogenous factors, the family plays a central role. In the context of a research project carried out in cooperation with the Swiss Football Association SFV, 159 former members of the national youth football team were interviewed retrospectively, among other things concerning their family circumstances. The study is interested in understanding two issues: 1) It examines which family conditions – compared with average Swiss families – lead to success in adolescence (nomination for a national youth team). 2) Since success in adolescence by no means guarantees top-level performance at the age of maximum performance, the heterogeneity of the sample’s adult level of performance is used to compare players who later achieve greater success to the less successful players. It is found that these players come from families with many chil-dren and a strong affinity to sports. Those players who are particularly successful at the age of maximum performance also felt they received more support from their parents and siblings during childhood and adolescence than the players who went on to be less successful.
Zusammenfassung
Der Entwicklungsprozess vom jungen Talent zum Spitzenspieler im Höchstleistungsalter wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Im Bereich der exogenen Faktoren spielt die Familie eine zentrale Rolle. 159 ehemalige Fussball-Juniorennationalmannschaftsspieler wurden im Rahmen eines – in Kooperation mit dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) durchgeführten – Forschungsprojektes retrospektiv u.a. zu ihrer familialen Karriere befragt. Die Studie hat zwei Erkenntnisinteresse: 1) Es wird – mit einem Vergleich mit durchschnittlichen Schweizer Familien – untersucht, welche familialen Bedingungen zum Erfolg im Jugendalter (Nomination in eine Juniorennationalmannschaft) führen. 2) Da Erfolge im Jugendalter keineswegs ein Garant für spätere Spitzenleistungen im Höchstleistungsalter sind, wird aufgrund der Heterogenität im adulten Leistungsniveau der Stichprobe ein Vergleich von später erfolgreichen mit weniger erfolgreichen Spielern durchgeführt. Es zeigt sich, dass die Spieler aus kinderreichen und sportaffinen Familien stammen. Die im Höchstleistungsalter besonders erfolgreichen Spieler fühlten sich zudem in ihrer Kindes- und Jugendzeit von den Eltern und Geschwistern besser unterstützt als die später weniger erfolgreichen Spieler.
Einleitung
Der Fussballnachwuchs ist die Basis für international konkurrenzfähige Leistungen der A-Nationalmannschaft. Die jungen Talente können sich nur dann zu erfolgreichen Profifussballern entwickeln, wenn sie rechtzeitig gefördert und unterstützt werden. Erfolge auf internationaler Ebene im Fussball sind nur mit einer systematisch geführten Nachwuchsförderung möglich.
Das Nachwuchsfördersystem des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) hat weltweit Vorbildcharakter. Im Jahre 1995 wurde das Konzept überarbeitet und professionalisiert. Als Folge ist die Schweiz auf Juniorenstufe international auf höchster Ebene konkurrenzfähig, wie der Europameistertitel 2002 der U21 und der Weltmeistertitel 2009 der U17 zeigten. Allerdings gelingt es vielen dieser im Jugendalter erfolgreichen Spieler nicht, eine ähnlich erfolgreiche Profilaufbahn im Erwachsenenfussball zu meistern. Dabei stellt sich im Sinne einer stetigen Optimierung der Talentförderung vor allem die Frage, welche Spieler auch im Erwachsenenfussball erfolgreich sind. Gibt es Einflussfaktoren, die eine junge Fussballkarriere entscheidend negativ oder positiv beeinflussen, die bisher im Förderprozess zu wenig Beachtung fanden bzw. kann der Förderprozess weiter optimiert werden? Will man international auch im Erwachsenenfussball konkurrenzfähig sein, sind Antworten auf diese Fragen zentral, insbesondere für ein kleines Land wie die Schweiz mit einem entsprechend kleinen Talentreservoir.
In der modernen Talentforschung wird heute von einem weiten Talentbegriff, der neben den personenbezogenen Merkmalen auch exogene Faktoren (Umfeldfaktoren) umfasst, ausgegangen [1]. Eine mögliche Strukturierung von potenziellen endogenen und exogenen Prädiktoren im Sinne einer Systematisierung für die Sportart Fussball wurde von Williams und Franks [2] präsentiert (vgl. Abb. 1).
Die Suche nach relevanten Einflussfaktoren im Bereich der exogenen Bedingungen im Prozess der Talentförderung bildete die Ausgangslage für ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem SFV, bei dem Karrieren von Schweizer Juniorennationalspielern untersucht wurden. Aus den umfangreichen Daten dieses Projektes wurden an anderen Stellen bereits Resultate zum Training [3] und zur Parallelität der beruflichen und sportlichen Karriere [4] publiziert. Im vorliegenden Beitrag wird die elterliche Unterstützung bzw. das familiale Umfeld (vgl. Abb. 1) fokussiert.
Ein leistungssportliches Engagement ist mit einem grossen zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden, der in erster Linie durch die Eltern geleistet werden muss [5]. Daneben sind weitere Aspekte wie die Sozialisation zum Leistungssport oder die emotionale Unterstützung wichtige Funktionen, die die Familie übernimmt [6–8]. Der zentrale Einfluss der Herkunftsfamilie zeigt sich bereits zu Beginn einer sportlichen Karriere. Die Sozialisation in den Sport oder konkret in den Fussball wird häufig von Eltern oder Geschwistern beeinflusst [9]. Die Primärsozialisation der Familie hat den frühesten und nachhaltigsten Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder resp. Heranwachsenden [10]. Während den verschiedenen Karrierephasen verändert sich zwar die Art des Einflusses der Familie, er bleibt aber substanziell. Insbesondere die Eltern sind auf ganz unterschiedlichen Ebenen, z.B. emotional, finanziell oder organisatorisch, die zentrale Unterstützungsinstanz [11]. Erst ab ca. 16 Jahren verringert sich in der Regel der elterliche Einfluss [12].
Eine erfolgreiche Karriere ohne Unterstützung der Eltern bzw. der Familie scheint also nur schwer möglich zu sein [5, 13]. Dabei ist der Grat der zielführenden Unterstützung schmal. Ein (zu) starkes Engagement der Eltern kann in der Wahrnehmung des Spielers auch als Druck wahrgenommen werden [14, 15]. Mit zunehmenden Erfolgen des Kindes entwickeln die Eltern möglicherweise hohe Erwartungen an den Verlauf der sportlichen Karriere. Die Entwicklung im Fussball der letzten 10 bis 20 Jahre, bei der die Clubs mit immer jüngeren Spielern finanziell lukrative Verträge abschliessen, verstärken solche Erwartungen. Auch in Bezug auf die berufliche Karriereentwicklung haben die Eltern, abhängig vom sozioökonomischen Status der Familie, Erwartungen an ihre Kinder [10]. Der resultierende Druck kann zu einer Hemmung der Leistungsentwicklung des Kindes führen [15].
Mit Blick auf die relevanten familialen Faktoren im Talententwicklungsprozess sollen in diesem Beitrag folgende Fragen geklärt werden:
- Weisen die Familienkonstellationen von Juniorennationalspielern Besonderheiten auf?
- Lassen sich Unterschiede in den Familienkonstellationen zwischen später erfolgreichen und weniger erfolgreichen Spielern erkennen?
- Nehmen die später erfolgreichen Spieler eine grössere Unterstützung durch die Familie wahr?
Methode
Methodisch orientiert sich die Studie an der retrospektiv angelegten Expertiseforschung [16], die eine Möglichkeit zur Erfassung von Daten über lange Entwicklungszeiträume in einer ökonomischen Weise darstellt. Individuelle Karriereverläufe von Experten werden dabei rekonstruiert, um daraus Erkenntnisse über relevante Faktoren einer erfolgreichen Karriere zu gewinnen.
Die ersten sieben Jahrgänge, die das neu konzipierte Nachwuchsfördersystem des SFV ab 1995 durchlaufen haben, wurden untersucht. Die Stichprobe umfasst somit Daten ehemaliger U16- bis U21-Nationalspieler der Jahrgänge 1981–87, die mindestens ein Aufgebot für eine nationale Juniorenauswahl hatten. Die Population umfasst N=346 Spieler, von denen letztlich n=159 in die Analyse aufgenommen werden konnten. Die Stichprobe kann als repräsentativ bezeichnet werden (für detaillierte Informationen zur Stichprobe vgl. 17]). Mit Blick auf die Fragestellungen des Beitrages wird die Stichprobe in zweifacher Hinsicht untersucht: Zum einen wird die gesamte Stichprobe beschrieben und die familialen Merkmale mit durchschnittlichen Schweizer Familien verglichen. Die bestehende Heterogenität im adulten Leistungsniveau der Stichprobe (von Schweizer A-Nationalmannschaft bis zu Spielern, die ihre Karriere frühzeitig beendeten) ermöglicht anderseits, Unterschiede zwischen später erfolgreichen und weniger erfolgreichen Spielern aufzuzeigen. Die Spieler wurden anhand der Kriterien «Niveau der aktuellen Mannschaft im Alter von 22 Jahren» (im Anschluss an den Juniorenfussball) und «Einsätze in den U19- bis U21-Juniorennationalmannschaften» in vier adulte Leistungsniveaus eingeteilt (vgl. Tab. 1).
Mithilfe eines umfangreichen schriftlichen Fragebogens wurden die Spieler zu ihrer sportlichen, beruflichen und familialen Karriere befragt. Die Befragung bezog sich auf eine lange Phase des Lebenslaufs und damit lagen die Ereignisse teilweise weit zurück. Aus diesem Grund konnten nur Daten erfasst werden, die ausreichend gut erinnert werden konnten [18].
Für die statistischen Auswertungen wurden x2-Tests, t-Tests und einfaktorielle Varianzanalysen durchgeführt (a = 5%). Die Studie wurde von der Ethikkommission der philosophisch-humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern genehmigt.
Resultate
Die Spieler stammen grösstenteils aus Familien, in denen Sport einen hohen Stellenwert hat bzw. hatte. Auf einer Ratingskala von 1 (= geringe Bedeutung) bis 5 (= grosse Bedeutung) liegt der Mittelwert bei M = 4.06 (SD = 0.99). Lediglich 4% der Spieler geben eine geringe und 7% eine eher geringe Bedeutung an. Die Familien der untersuchten Spieler haben durchschnittlich 2.35 Kinder (SD = 0.74), was deutlich höher ist als der Schweizer Durchschnitt dieser Geburtskohorten, welcher in den 80er-Jahren bei 1.55 Kindern pro Familie lag [19] (t(154) = 13.7; p < .0005; d = 1.08). Nur 8.2% der Fussballspieler aus der Stichprobe sind Einzelkinder, wohingegen im Jahre 1980 der Anteil an Familienhaushalten mit einem Kind bei 39.8% lag [20]. Die im Höchstleistungsalter erfolgreichsten Spieler stammen mit einem Durchschnittswert von 2.54 aus den kinderreichsten Familien.
32.7% der Spieler haben mindestens ein Geschwister, welches selbst auf nationaler oder internationaler Ebene Wettkampfsport betrieb. Bei den sportlichen Aktivitäten der Geschwister fällt ein weiteres Resultat auf: 41.3% der Spieler haben einen Bruder, der auch Fussball spielte. Dieser Anteil variiert zwischen den verschiedenen Leistungsniveaus beträchtlich. Die später erfolgreichsten Spieler weisen einen Anteil von 70.8% und die am wenigsten erfolgreichen von 35.3% auf (x2(3) = 10.9; p = .01; φ = 0.27). Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die später erfolgreichsten Spieler deutlich häufiger einen älteren Bruder haben, der auch Fussball spielt. Bei der Betrachtung der sportlichen Aktivität der Eltern ist festzuhalten, dass insgesamt nur ein kleiner Teil der Väter (13%) sportlich inaktiv war. Dabei lassen sich interessante Gruppenunterschiede erkennen: Nur zwei der Väter der später erfolgreichsten Spieler betrieben gar keinen Sport, jedoch auch keiner auf höchstem (internationalem) Niveau. Die meisten betrieben Wettkampfsport auf regionalem Niveau (62.5%). Die Väter der Spieler, die später den geringsten Erfolg aufweisen, waren am häufigsten Sportler auf internationalem Niveau. Die Mütter waren in allen Gruppen grösstenteils sportlich inaktiv (zwischen 48 und 75%).
Die Unterstützung des direkten Umfeldes (Eltern, Geschwister, Freunde bzw. Partnerinnen) ist bei allen Gruppen in jedem Altersabschnitt hoch, wobei sie bei den Spielern mit internationalem Niveau, insbesondere bei deren Eltern und Geschwistern, am höchsten ist.
Da die elterliche Unterstützung als notwendige Bedingung auf dem Weg zur Expertise beschrieben wird [5,6], interessiert an dieser Stelle, wie sich die Spieler entwickelt haben, die die elterliche Unterstützung als wenig förderlich wahrgenommen haben. Dazu wurden alle Spieler, die in einer der ersten drei Phasen (bis 12, 13–16 oder 17–20 Jahre) beim elterlichen Einfluss die Ausprägungen 1 (stark behindert) bis 3 (weder behindert noch unterstützt) wählten (n = 28), zu einer Gruppe zusammengefasst. Es zeigt sich, dass nur drei dieser Spieler (10.7%) internationales Niveau erreicht haben.
Ein mit Blick auf Erfolg im Spitzenfussball oft diskutiertes Kriterium stellt ein möglicher Migrationshintergrund der Spieler dar, der als weiteres familiales Merkmal erhoben wurde. Tabelle 3 zeigt die Verteilung an Spielern, die eine zweite Staatsbürgerschaft aufweisen (Doppelbürger). Die später erfolgreichsten Spieler weisen mit über 40% den höchsten Anteil auf, wohingegen die Spieler mit regionalem Niveau den tiefsten Anteil zeigen.
Bei Vergleichen zwischen Doppelbürgern und Nicht-Doppelbürgern lassen sich jedoch kaum signifikante Unterschiede, sondern lediglich Tendenzen zeigen. Die wahrgenommene Unterstützung der Eltern über alle Altersphasen (Mittelwert) wird von den Doppelbürgern tendenziell höher eingeschätzt. Auch bei der wahrgenommenen Unterstützung der Geschwister und Freunde zeigt sich diese Tendenz, allerdings noch schwächer. Bei der Beurteilung, ob die Fussballkarriere oder die Schulausbildung wichtiger war, zeigt sich in beiden Gruppen im ersten Altersabschnitt (ca. 6- bis 12-jährig) eine Priorisierung zugunsten der Schulausbildung und im darauf folgenden Altersabschnitt (ca. 13- bis 18-jährig) zugunsten der Fussballkarriere. Bei beiden Altersabschnitten liegen die Mittelwerte der Doppelbürger stärker Richtung einer Priorisierung der Fussballkarriere. Die Doppelbürger beurteilen sich in der Retrospektive als schlechtere Schüler als die Nicht-Doppelbürger. Signifikante Unterschiede zeigen sich beim höchsten erreichten Schulabschluss: Die Doppelbürger weisen tiefere Bildungsabschlüsse auf als die Nicht-Doppelbürger.
Diskussion
Die Befunde zeigen, dass die Familie ein wichtiges Element der Talentförderung darstellt. Bezogen auf die erste Forschungsfrage lässt sich festhalten, dass die Spieler, die eine Juniorennationalmannschaft erreicht haben, aus kinderreichen und sportaffinen Familien stammen. Letzteres zeigt sich neben der direkten Einschätzung auch darin, dass häufig mehr als ein Kind Sport auf hohem Niveau betrieben hat und insbesondere die Väter auch eine sportliche Vergangenheit hatten. Im Weiteren ist der Anteil an Doppelbürgern überdurchschnittlich hoch. Mit Blick auf die zweite Fragestellung lassen sich zwischen den späteren Leistungsniveaus Unterschiede zeigen. Die später erfolgreichsten Spieler haben im Gruppenvergleich am meisten Geschwister. Als erklärender Faktor kommt der Spiel- und Trainingsanreiz im Kindes- und Jugendalter durch die Geschwister in Frage. Diese These wird gestützt durch den Befund des hohen Anteils Fussball spielender Brüder bei den erfolgreichsten Spielern. Da insbesondere ein älterer Bruder als förderlicher Faktor identifiziert wurde, scheint auch die Art bzw. Qualität der Spiel- und Trainingsanreize relevant zu sein. Der durch den Entwicklungsvorsprung spielerisch überlegene Bruder scheint ein besonders förderlicher Partner zu sein. Einen in die ähnliche Richtung gehenden Befund konnten wir bereits in einem Beitrag zur Frage der Spezialisierung im Kindesalter im Fussball beschreiben. Diejenigen Spieler, die im Kindesalter sowohl im als auch ausserhalb des Clubs (freies Spiel) besonders viel Fussball spielten, haben mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch im Höchstleistungsalter Erfolg [3]. Damit wird die Bedeutung der Spiel- und Trainingsanreize im Kindesalter zusätzlich hervorgehoben. Dabei ist gerade auch das freie, nicht angeleitete Spiel ausserhalb des Clubtrainings von Bedeutung [21].
Aufgrund der Verteilung der Doppelbürgerschaften innerhalb der Leistungsgruppen lässt sich erkennen, dass Doppelbürgerschaften nicht nur den Erfolg im Jugendalter begünstigen, sondern auch – zumindest tendenziell – den Weg von dieser Teilexpertise zum erfolgreichen Spieler im Erwachsenenalter. Es ist denkbar, dass in Familien mit Migrationshintergrund eine stärkere Sozialisation zum Spitzensport und auf der andern Seite bei den Schweizer Familien in Richtung einer Berufskarriere vorherrscht. Spieler aus Familien mit Migrationshintergrund sind eher bereit bzw. in der Lage, ihre Ressourcen für die Sportkarriere zulasten der Berufskarriere einzusetzen.
In Bezug auf die dritte Fragestellung zeigte sich erwartungskonform, dass die später erfolgreichen Spieler eine höhere Unterstützung durch das direkte Umfeld (Eltern, Geschwister, Partnerinnen) wahrnehmen, als die weniger erfolgreichen Spieler. Dass zu hohe Erwartungen der Eltern dysfunktional wirken können, zeigt sich u.a. an den häufig zu beobachtenden erfolgreichen Karrieren der Väter der wenig erfolgreichen Spieler, die bei den später erfolgreichsten Spielern nicht zu finden sind. Möglicherweise entsteht in diesen Fällen aus dem Erfolg der eigenen sportlichen Karriere eine Erwartungshaltung gegenüber der sportlichen Karriere des Sohnes. Der Druck zur Erfüllung dieser Erwartungen wirkt letztlich auf den Spieler hemmend. Die familiale Unterstützung sollte im Idealfall positiv unterstützend und erwartungsneutral sein.
Mit der retrospektiv angelegten Expertiseforschung können die Rahmenbedingungen der Karriereverläufe ausreichend präzise und in einer ökonomischen Weise erfasst und rekonstruiert werden. Die personinternen (endogenen) Faktoren der Talententwicklung sind hingegen retrospektiv nicht zugänglich. Für eine ganzheitliche Analyse des Talententwicklungsprozesses müssen diese aber auch berücksichtigt werden und folglich prospektive Studiendesigns angewendet werden. Diese Voraussetzung erfüllt ein Nachfolgeprojekt, in dem junge Fussballtalente ab Stufe U13 halbjährlich mit einer umfangreichen Testbatterie (motorische, psychologische und anthropometrische Faktoren sowie exogene Merkmale) seit 2011 und während insgesamt acht Jahren begleitet und getestet werden. Auch dieses Forschungsprojekt wird in enger Zusammenarbeit mit dem SFV durchgeführt.
Mit Blick auf die allgemeine sportpraktische Bedeutung der Befunde bleibt die Frage der Übertragbarkeit der Resultate auf andere Sportarten oder auf andere Länder. Die zentrale Bedeutung der familialen Unterstützung gilt sicherlich grundlegend für die meisten Sportarten. Dort, wo die Förderung bereits im Kindesalter mit hohen finanziellen oder zeitlichen Aufwänden verbunden ist (bspw. teures Material oder grosser Reiseaufwand), kommt ihr vielleicht sogar eine noch höhere Bedeutung zu. Wie die Unterstützung konkret aussieht, ist jedoch zu einem grossen Teil sportartspezifisch. Andere Länder haben andere Förderstrukturen und -konzepte für den Leistungssport. Falls die leistungssportliche Förderung viel enger der Schule angegliedert ist (wie bspw. in den USA), wird die Familie zeitlich und finanziell entlastet. Die emotionale Unterstützung bleibt aber sicher auch in diesen Förderstrukturen wichtig.
Praktische Implikationen
- In der Praxis der Talentförderung ist auf ausreichende Spiel- und Trainingsanreize zu achten. Die jungen Talente sollten auch ausserhalb des organisierten Trainings möglichst oft Bälle, einen Platz und Trainingspartner zur Verfügung haben.
- Der enge Einbezug der Eltern eines Spielers in den Talentförderprozess ist enorm wichtig. Die Eltern müssen über die langfristige Planung, über Chancen und Risiken sowie über die Leistungsentwicklung des Sohnes informiert werden. Weiter ist eine enge Kooperation zwischen Eltern, Spieler, Club und Lehrpersonen zentral, damit individuelle Lösungen gefunden werden können, um Ausbildung und Spitzensportkarriere vereinbaren zu können.
- Die Verantwortlichen der Clubs sollten den Eltern aufzeigen, wie sie ihr Kind optimal unterstützen können und wo die Grenzen der Mitwirkung liegen.
Das diesem Beitrag zugrunde liegenden Forschungsprojekt wurde vom Schweizerischen Fussballverband (SFV) finanziert. Es bestehen keine Interessenskonflikte.
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