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Bevor über die Stellung der Komplementärmedizin in unserem Gesundheitswesen diskutiert werden kann, muss zuerst die Definition einiger Begriffe geklärt werden. Als umfassende Bezeichnung hat sich in den letzten Jahren der Begriff der Komplementär- und Alternativmedizin (KAM) etabliert. Darunter werden alle Heilsysteme, Therapiemethoden usw. subsummiert, die meistens außerhalb der konventionellen Medizin angewendet werden. Trotz vieler Vorschläge existiert bis heute keine befriedigende Definition von KAM, dies auch deshalb weil der Begriff in den USA, Europa und Asien aufgrund traditioneller Entwicklungen anders verwendet wird. So ist z.B. in China der Einbezug der Traditionellen Chinesischen Medizin in den Klinikalltag die Regel und im Unterschied zur nordamerikanischen Grundversorgung ist die Anwendung komplementärmedizinischer Methoden in vielen Ländern Europas in der Grundversorgung verbreitet.1 Im Rahmen eines gesamteuropäischen Forschungsprojektes2 ist folgende pragmatische Definition der KAM in Europa erarbeitet worden, die diesen Aspekt einbezieht:
«CAM utilised by European citizens represents a variety of different medical systems and therapies based on the knowledge, skills and practices derived from theories and experiences used to maintain and improve health, as well as to prevent, diagnose, improve or treat physical and mental illnesses. CAM therapies have been mainly used outside conventional health care, but in many countries some therapies are being adopted or adapted by conventional health care.»
Im weiteren müssen die Begriff Komplementärmedizin und Alternativmedizin voneinander unterschieden werden. In der Schweiz werden unter Komplementärmedizin alle Fachrichtungen verstanden, die von Ärzten praktiziert werden und zu denen Fähigkeitsausweise der FMH1 existieren. Alle Therapien, die von nicht-ärztlichen Fachpersonen durchgeführt werden, zählt man zur Alternativmedizin. Bei einzelnen Methoden wie Klassische Homöopathie, TCM/Akupunktur und Manueller Medizin kann es Überschneidungen geben, da diese Methoden, ähnlich wie Psychotherapie, von Ärzten und nicht-ärztlichen Therapeuten praktiziert werden.
Die weiteren Ausführungen in diesem Artikel beziehen sich im Wesentlichen auf die von Ärzten praktizierte Komplementärmedizin.
Die Anwendung von komplementärmedizinischen Methoden hat in unserem Land eine lange Tradition : Paracelsus gilt als Pionier einer ganzheitlichen Betrachtung der Patienten und der Integration der vielen überlieferten Heilpflanzenrezepte in die damalige konventionelle Medizin. Komplementärmedizinische Fachgesellschaften gehören zu den ältesten noch bestehenden ärztlichen Gesellschaften, wie z.B. der Schweizerische Verein Homöopathischer Ärzte SVHA, der 1856 gegründet worden ist. Manuelle Medizin und Chiropraktik gehören zum Alltag vieler Grundversorger und werden kaum mehr als komplementärmedizinische Methoden wahrgenommen. Trotzdem hatten komplementärmedizinisch tätige Kollegen innerhalb der konventionellen Ärzteschaft oft einen schweren Stand. Beteiligt an diesen Grabenkämpfen im letzten Jahrhundert waren beide Seiten : die konventionelle Medizin warf den KM-Kollegen oft vor, keine richtigen Ärzte zu sein und zu wenig Wissen über die konventionelle Medizin zu haben, umgekehrt bezichtigte man die konventionellen Kollegen einer für die Patienten schädlichen Anwendung von Medikamenten und andere Therapien.
Trotz vieler Widerstände ist die Komplementärmedizin seit 1994 an den medizinischen Fakultäten vertreten : 1994 wurde an der Universität Zürich der Lehrstuhl für Naturheilkunde gegründet, 1995 folgte die Universität Bern mit der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin KIKOM. 1999 hat die damalige Bundesrätin Ruth Dreyfuss beschlossen Akupunktur definitiv und fünf komplementärmedizinische Methoden für fünf Jahre provisorisch in die obligatorische Grundversicherung aufzunehmen. Gleichzeitig wurde von ihr das Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) in Auftrag gegeben, das bis 2005 überprüfen sollte, ob diese fünf Methoden die WZW-Kriterien2 zur definitiven Aufnahme in die obligatorische Grundversicherung erfüllen. Erstmals wurden damit auf einer wissenschaftlichen Basis Daten erhoben zu Struktur der KM-Praxen, zu den Patienten, die diese Methoden anwenden und zu Prozess- und Ergebnisqualität. Die Durchführung des Programms war für alle Beteiligten eine große Herausforderung und Belastung mit etlichen methodischen und politischen Irrungen und Wirrungen. Trotzdem sind aus der Fülle dieser Informationen mehrere Publikationen3 entstanden, die den Platz der Komplementärmedizin als zweckmässige und wirtschaftliche Methode in der Grundversicherung bestätigen. Nach Abschluss des Programms hat Bundesrat Couchepin im Mai 2005 entschieden, dass die Leistungen der fünf Methoden nicht mehr aus der obligatorischen Grundversicherung vergütet werden.
Unbeirrt von diesen Auseinandersetzungen blieb die Nachfrage bei den Patienten nach komplementärmedizinischen Therapien aufgrund einer traditionell offenen Haltung der Schweizer Bevölkerung zur Komplementär- und Alternativmedizin unverändert hoch. In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2007 gaben 30,5% der befragten Frauen und 15,2% der Männer im Alter über 15 Jahren an, in den letzten 12 Monaten mindestens eine komplementär- oder alternativmedizinische Methode in Anspruch genommen zu haben.
Diese Tatsache und nicht zuletzt auch der Entscheid von Bundesrat Couchepin hat zur Lancierung einer Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» geführt. Die deutliche Annahme des Gegenvorschlages «Ja mit Komplementärmedizin» im Mai 2009 zeigte den unverändert grossen Rückhalt in der Bevölkerung.
Abbildung 1 illustriert in Form einer MindMap den Platz der Komplementärmedizin aus Sicht der praktizierenden Ärzte im aktuellen gesundheitspolitischen Umfeld.
Der Blick in die Zukunft fällt durchzogen aus, da die Komplementärmedizin einerseits durch die politische Unterstützung der Bevölkerung ihren Platz gefestigt hat und diverse Maßnahmen zur besseren Integration in den konventionellen Medizinkontext eingeleitet worden sind. Andererseits ist die Komplementärmedizin, die vorwiegend von Grundversorgern praktiziert wird, vom Hausärztemangel in gleichem Ausmaß betroffen wie die konventionelle Hausarztmedizin. Werden nicht wirksame Maßnahmen gegen den Hausärztemangel ergriffen, droht eine Abwanderung von Patienten in nicht-ärztliche alternativmedizinische Therapiebereiche.