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Kraemer-medien244-seel
Martin Seel
Medien der Realität und Realität der Medien
Medien sind eigentlich nichts Besonderes. Wir sehen im Medium des Lichts, wir hören im Medium von Geräuschen, wir kommunizieren im Medium der Sprache, wir tauschen im Medium des Geldes. Medien eröffnen jeweils ein Spektrum von Differenzen, denen im Wahrnehmen, Erkennen und Handeln eine bestimmte Gestalt zugewiesen werden kann.
Medien stellen eine offene Reihe von Unterschieden oder Abstufungen einer bestimmten Art bereit (unterschiedliche Helligkeit, unterschiedliche Laute, unterschiedliche Worte, unterschiedliche Geldmengen z. B.), innerhalb derer etwas als etwas Bestimmtes aufgefasst oder angestrebt werden kann (eine bestimmte visuelle Gestalt, ein bestimmter Klang, eine bestimmte sprachliche Äußerung, ein bestimmter Preis). So sehen wir im Medium des mehr oder weniger Hellen, hören im Medium des mehr oder weniger Lauten, tauschen im Medium des mehr oder weniger Teuren, kommunizieren wir im Medium weitläufiger phonetischer, syntaktischer, semantischer und pragmatischer Differenzen, die wir mit jeder bestimmten Äußerung in ein bestimmtes Verhältnis setzen.
Wir orientieren uns im Medium von Unterschieden, die einen Unterschied machen. Dies tun wir nicht nach Lust und Laune, dann und wann, sondern fast jederzeit und überall. Denn unser Verhältnis zu allem, wozu wir ein intentionales Verhältnis haben, ist durch und durch medial.
Die Aussage, daß Medien nichts Besonderes sind, ist ihrerseits nichts sehr Besonderes. Die apriorischen Formen des Verstandes, von denen Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« zu zeigen versucht, daß sie in aller empirischen Erkenntnis tätig sind, bedeuten ein Verfügen über Unterscheidungs-möglichkeiten, mit Hilfe derer allein etwas als etwas erkannt werden kann - sie sind, wenn Kant recht hat, unveräußerliche Medien des Erkennens.
Vor diesem Hintergrund ist es für Hegel selbstverständlich, daß wir erst durch diverse Verfahren des Unterscheidens zu bestimmter Anschauung, Einsicht oder Handlung kommen - und uns philosophisch im »Medium des Begriffs« über die Bedeutung dieser Unterscheidungen Aufklärung verschaffen können. Und auch unsere Umgangssprache kennt allerlei Wendungen, in denen der mediale Sinn von Wahrnehmen und Erkennen anerkannt wird - wenn wir etwa sagen, daß sich jemand im Medium der Malerei oder der Musik besser auszudrücken wisse als mit Worten. Freilich: daß eine Sache irgendwie geläufig ist, bedeutet nicht viel. Erst wenn wir mit diesen Vormeinungen ernst machen, kann sich erstens zeigen, ob es denn zutrifft, daß alle unsere Weltbegegnung medialen Charakter hat, und zweitens, was das denn heißt, daß es so ist.
Das ist aber eigentlich nur die Nebensache meiner Betrachtungen. In der Hauptsache möchte ich klären, welche Rolle die neuen, elektronischen Medien in der menschlichen Welterschließung spielen. Für diese Klärung - oder doch den Beginn einer solchen Klärung - aber ist ein gewisser (in seiner Kürze recht abenteuerlicher) Umweg durch erkenntnistheoretische Gefilde nötig. Denn eine Theorie der sehr speziellen Medien, wie die Neuen Medien es sind, kann zu plausiblen Resultaten nur führen, wenn sie im Blick auf die generelle Medialität unserer Weltzugänge ausgeführt wird.
1. Ein allgemeiner Begriff des Mediums
An diese allgemeine Vermitteltheit sollten meine anfänglichen Bemerkungen erinnern. Medien, so habe ich beiläufig gesagt, »seien Unterschiede, die einen Unterschied machen.« In einem Medium, heißt das, können Unterschiede gemacht werden, weil das Medium Unterschiede bereitstellt; in dieser Bereitstellung liegt die Leistung des Mediums. Der Begriff des Mediums verweist folglich auf einen Begriff dessen, was vermöge eines Mediums zur Auffassung und Ausführung kommen kann. Es »gibt« Medien nur zusammen mit dem, was wir durch sie zur Kenntnis oder in Aussicht nehmen können - wie es umgekehrt das medial Vermittelte nicht ohne die Vermittlung der Medien gibt. Bestimmte Preise können nur festgelegt werden, wo es ein Spektrum unterschiedlicher Geldbeträge gibt, bestimmte Sätze können nur gebildet werden, wo ein mehr oder weniger reichhaltiges Vokabular zur Verfügung steht. Medien sind also keine Instrumente, mit denen etwas erreicht oder zugänglich wird, das auch anders erreicht werden , könnte. Medien sind konstitutiv für die Handlung, die in ihrem Element ausgeführt wird. Ohne Licht hätten wir nichts zu sehen, ohne Sprache hätten wir nichts zu sagen. Medien, mit einem Wort, sind Elemente, ohne die es das in einem Medium Artikulierte nicht gibt.
Inspiriert durch eine Abhandlung des Wahrnehmungspsychologen Fritz Heider, hat Niklas Luhmann dies als Differenz zwischen Medium und Form erläutert.
Unter Medien versteht Luhmann »lose gekoppelte Elemente« einer bestimmten Art, die zur »festen Kopplung« bestimmter Formen gerinnen können. Medien fungieren wie Bausteine, mit denen so oder anders gebaut werden kann; als Bausteine einer bestimmten Art (als Lego-Bausteine, sagen wir) sind sie (im Baukasten) »lose« miteinander ~ . verbunden und können sich zu beliebigen »festen« Formen verbinden, etwa zu einer Garage für Spielzeugautos. Ein seriöses Beispiel ist wiederum die Sprache. Die Worte einer Sprache können in die Gestalt einzelner Sätze gebracht werden; sie fungieren dabei als das »Medium« eines Vokabulars, dem die »Form« eines bestimmten Satzes gegeben wird. Medien stellen einen Spielraum von Möglichkeiten der Formbildung dar. Für den Status eines Mediums ist es dabei bezeichnend, daß auch seine locker verbundenen »Elemente« wiederum als Formen aufgefasst werden können, die dann wiederum in einem anderen Medium operieren. So sind die Worte einer Sprache, also die »Medien« des gerade gegebenen Beispiels, ihrerseits »Formen«, nämlich Gestaltungen im Medium von Lauten, und auch Laute können wieder als Formen aufgefasst werden, nämlich Gestaltungen im Medium von Geräuschen, wie auch einzelne Geräusche wieder als Formen aufgefasst werden können, nämlich als Ereignisse im Medium des Rauschens, das den Hintergrund allen Hörens bildet, wie auch an diesem Rauschen mit Hilfe entsprechender Apparaturen wieder Formen unterschieden werden können, nämlich als Gestalten in der Sphäre meßbarer Frequenzen - usw.
An dieser Stufung des Verhältnisses von Medium und Form, bei der einem schwindlig werden kann, wird zum einen die Relativität der Medien deutlich. Es gibt keine letzten Elemente, aus denen die Elemente aller anderen Medien und ihrer möglichen Formen gebildet wären. Jede, auch jede vermeintlich »letzte« Unterscheidung spielt sich in einem Raum von Unterschieden ab, die nicht zugleich Gegenstand dieser Unterscheidung sein können. Zum andern bestätigt sich hierin erneut die wechselseitige Abhängigkeit von Medium und Form. Medien sind Medien für Formen, Formen sind Formen in Medien.
»Medien«, heißt es bei Luhmann, »sind eine offene Mehrheit möglicher Verbindungen, die mit der Einheit eines Mediums noch kompatibel sind.« Der Begriff der »Einheit« eines Mediums hebt die Beschränkungen hervor, denen jedes Medium ausgesetzt ist und die es seinerseits jeder Formbildung in seiner Sphäre setzt. Im Medium des Lichts lassen sich keine Gedanken formulieren, es sei denn unter Hinzunahme des Mediums schriftlicher Zeichen; im Medium des Alphabets lassen sich keine akustischen Schwingungen oder räumlichen Distanzen messen, auch wenn wir die entsprechenden Differenzpunkte mit einzelnen Buchstaben des Alphabets bezeichnen können; im Medium des Geldes lassen sich keine Gegenstände ertasten, wie sich im Medium des mehr oder weniger Festen keine Preise eindeutig festlegen lassen.
Diese ganz zufälligen Beispiele zeigen, wie sehr sich menschliche Kulturen immer schon in einer multimedialen Welt bewegen - in einer Lebenswelt, die aus spezifischen Beschränkungen der Wahrnehmungsleistung ihrer Bewohner entsteht, die mit Hilfe spezifischer anderer Beschränkungen vielfach überwunden werden können. Durch Unterschiede einer bestimmten - immer begrenzten - Art eröffnen Medien spezifische Möglichkeiten der Fixierung von Unterschieden und damit des Wahrnehmens, Erkennens und Handelns. Durch Medien sind Spielräume des (in unterschiedlichen Verhältnissen) sinnlichen, kognitiven, instrumentellen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Operierens gegeben, aus denen die kulturelle Wirklichkeit eines jeweiligen Lebensbereichs besteht.
Was Luhmann "Formen« nennt, sind ja nicht Hüllen, die erst noch mit Inhalt gefüllt, oder Muster, die einer vorgegebenen Materie erst noch aufgeprägt werden müßten; es ist das, was im Unterscheiden jeweils faßhar, erkennbar, intendierbar wird: Objekte der sinnlichen Wahrnehmung, Pläne des Handelns, merkantile Strategien, Gewinne, Objekte der Kunst und all dergleichen. Mit einem Wort: Was durch Medien zugänglich wird, sind Gegebenheiten der unterschiedlichsten Art. Als ich vorhin lapidar sagte, Medien seien Unterschiede, die einen Unterschied machen, hätte ich also auch einfach sagen können: Medien sind Zugänge, die etwas gegeben sein lassen.
2. Medien der Realität
An diesem Punkt kommt die Realität ins Spiel. Durch Medien, so können wir jetzt nämlich sagen, ereignet sich das Gegebensein von Gegebenem. Sie sind Gelegenheiten zum Gegebensein von etwas. Gegeben in diesem Sinn ist alles, was wahrgenommen, erkannt, vorgenommen werden, kurz: was die Stelle eines intentionalen Objekts einnehmen kann. Dies können natürliche oder artifizielle, konkrete oder abstrakte Gegenstände sein, soziale oder fiktive Entitäten, Geräte oder Kunstwerke, Texte oder andere Personen. Dieses Gegebene, was immer es ist, kann Objekt unseres Vernehmens oder Vorhabens nur sein, wo Medien da sind, vermöge derer es für uns ein Dasein haben kann. Kein intentional Gegebenes ohne Medium seines Gegebenseins, könnte der entsprechende Slogan lauten, oder einfacher noch: keine Intentionalität ohne Medialität.
Damit sind wir aber bei der Realität noch nicht angekommen. Denn dem intentional Gegebenen muß - über das Faktum seines Gegebenseins für jemanden hinaus - keinerlei Realität zukommen. Einhörner sind uns durch diverse Erzählungen »gegeben«, aber es gibt sie im Unterschied zu Nashörnern nicht wirklich. Was es gibt, sind Erzählungen, in denen Einhörner vorkommen. Das, was wir »Realität« nennen, ist folglich ein Modus des intentionalen Gegebenseins von etwas: diejenigen Objekte, von denen sich zutreffend sagen lässt, daß es sie tatsächlich gibt. An dem Verhältnis von Einhörnern und Erzählungen - es gibt keine Einhörner, aber es gibt Erzählungen über sie, und nur weil es diese Erzählungen gibt, kann es (die Rede von) Einhörner(n) geben - läßt sich aber deutlich sehen, daß das rein intentionale Gegebensein unabhängig von der Möglichkeit eines überdies realen Gegebenseins nicht zu denken oder zu erläutern ist. Es muß Wirklichkeit da sein, damit über sie hinaus fingiert und entworfen werden kann. Es muß Wirkliches gegeben sein, damit auch Nichtwirkliches thematisch werden kann. Der Grundbegriff des Gegebenseins betrifft das, was uns als (vermeintlich oder tatsächlich) Wirkliches gegeben ist. Wenn aber alles intentionale Gegebensein medialen Charakter hat, dann auch und gerade jenes, das uns als Realität gegeben ist. Wer sagt, keine Intentionalität ohne Medialität, muß auch sagen, keine (dem intentionalen Verhalten zugängliche) Realität ohne sie.
Medien, alle Medien, so könnte man folgern, sind Medien der Realität - derjenigen Realität, die in der Bildung entsprechender Formen unterscheidend zugänglich ist ob dies nun sichtbare Objekte oder ökonomische Krisen sind.Auf diese Weise hätten wir Anschluß an den anfangs nur hingeworfenen Satz gefunden, unser Verhältnis zur Welt und zu uns selbst - unser Verhältnis zu allem, wozu wir ein intentionales Verhältnis haben - sei durch und durch medial. Medien, so ließe sich sagen, bilden Domänen des Wahrnehmens, Erkennens und Handelns aus, in denen wir uns zu der erfaften oder intendierten Wirklichkeit der zugehörigen Formen verhalten. Anders als in der Möglichkeit solcher Verhältnisse ist für uns - oder sonst ein wahrnehmendes und erkennendes Wesen - keine erfahrbare Wirklichkeit da.
Keine erfahrbare Wirklichkeit wohlgemerkt : keine Wirklichkeit, die als so-und - so bestimmte erfahren werden kann. Die These lautet nicht, daß alles, was ist, medial vermittelt ist - wir werden gleich sehen, warum es verfehlt wäre, dies anzunehmen. Medial vermittelt ist vielmehr alles, wozu wir ein vernehmendes oder vornehmendes Verhältnis haben: alles, was wir in seinem gegenwärtigen, vergangenen oder künftigen Gegebensein (auch affektiv) auffassen, intendieren oder imaginieren können. Schmerzen und Lüste beispielsweise (und andere Episoden der inneren Erfahrung) treten nicht notwendigerweise in der Vermittlung eines Mediums in Erscheinung. Sobald wir sie aber als Schmerzen oder Lüste zu bestimmen, zu bestehen oder zu beeinflussen suchen, nehmen wir sie im Licht von Unterschieden oder Unterscheidungen wahr, die für unsere Praxis - für unser Sichzuunsverhalten - einen Unterschied machen. Wir treten in ein mediales Verhältnis zu unserem leiblichen Empfinden. Wir bestimmen die Ereignisse unseres Empfindens im Medium von Differenzen, die eben.dies erlauben: daß wir uns - theoretisch oder praktisch - bestimmend zu Episoden der inneren Erfahrung verhalten.
Keine dem intentionalen Bewußtsein zugängliche Realität ohne Medialität, ist darum aus der Warte wahrnehmender und erkennender Wesen zu sagen. (Was außerhalb dieser Warte zu sagen wäre, wissen wir nicht - müßten wir sagen, wüßten wir nicht, daß es außerhalb einer erkennenden Warte nichts zu sagen gäbe.) Wie Kant richtig gesehen hat, ist der Begriff der Realität von demjenigen ihres möglichen Zugänglichseins als Realität nicht zu trennen. Zugänglichsein aber heißt, zugänglich für jemanden zu sein, der über eine bestimmte kognitive Ausstattung verfügt - und damit über ein Spektrum von Medien, in denen diese oder jene , Form unterscheidbar wird.
Die Rede von Realität macht daher nur im Rückgang auf faktische und mögliche Vollzüge und Praktiken des Wahrnehmens, Erkennens und Handelns Sinn, in denen sie erkannt oder verkannt werden kann. Die Kantischen »Gegenstände unserer Erfahrung«, so hat John McDowell diese Überlegung ergänzt, können daher verstanden werden als »part of a whole thinkable world«: als Elemente all dessen, was Objekt denkbarer begrifflicher Erkenntnis sein kann, auch wenn unser faktisches Erkennen diese Weite des Wirklichen bei weitem nicht zu erfassen vermag.
Auf dieser Linie lässt sich das Wirkliche - »die Welt« - als Inbegriff alles dessen verstehen, wovon zutreffende begriffliche Erkenntnis etwas aussagen kann: als Inbegriff aller Gegenstände wahrer Sätze. (Wer einen engen Begriff des Wirklichen vorzieht, kann sagen: aller empirischen Sätze, aber dieser Vorzug müßte erst einmal begründet werden.) Die Welt, so müßte es folglich heißen, ist alles, wovon der Fall sein könnte. Diese Erläuterung bindet den Begriff des Wirklichen an den der Gegenstände des begrifflich denkbarer weise Erkennbaren. Dies mag - unter medientheoretischem Aspekt - als eine unerlaubte Privilegierung eines Mediums, nämlich des begrifflichen Denkens und Erkennens erscheinen. Aber dieser Eindruck wäre verkehrt. Denn McDowells kantianische These lautet, daß ein Element des Begrifflichen in alle Arten der wahrnehmenden und erfahrenden Weltbegegnung hineinreicht (oder doch: hineinreichen kann), eben weil in aller Wahrnehmung Unterschiede vorausgesetzt und Unterschiede erfahren werden, die als begriffliche Unterscheidungen expliziert werden können. Alle Wahrnehmung, heißt das, ist medial in dem Sinn, daß sie auf bestimmten Unterschieden (Medien) basiert, die Unterscheidungen (Formbildungen) erlauben, die einer begriffich erkennenden Verarbeitung offenstehen.
Damit ist gesichert, daß sich mediale Welterschließung, wie divergent und plural sie auch sei, gleichwohl auf eine Welt bezieht. Diese kann so oder anders, außerdem mehr oder weniger erschlossen werden. Jedenfalls kann nicht nur das als Realität zählen, was auf die eine oder andere Weise medial erschlossen ist. Realität ist keine Funktion, sie ist vielmehr der notwendige Widerpart dieser Erschliessung. So wie wir von zahlreichen Realitäten wissen, von denen die Menschen lange Zeit keinerlei Kenntnis hatten, so können wir uns Realitäten denken, von denen wir noch keine Wahrnehmung oder keine Darstellung haben - und vielleicht nie haben werden. Ebenso ist die These der Medialität erkennbarer Realität mit der Tatsache vereinbar, daß sich die Wirklichkeit jeder realisierbaren Möglichkeit einer vollständigen Erfassung entzieht. Daß Medialität die Zugänglichkeit von Realität bedeutet und der Begriff der Realität den der Aktualisierbarkeit von Medien impliziert, bedeutet also nicht, daß sich das Wirkliche in seinem jeweiligen medialen Zugänglichsein erschöpft. Es bedeutet nicht einmal, daß Realität von bestimmten Arten ihres jeweiligen Zugänglichseins akhängig ist. Denn wozu wir Zugang haben, wenn und soweit wir zu Realität Zugang haben, sind Objekte, die ein von unserem Wahrnehmen und Erkennen unabhängiges Bestehen haben. Medialität bedeutet Zugänglichkeit von Realität, und Realität schließt eine wenigstens denkhare mediale Zugänglichkeit ein aber Realität ist nicht allein das, was uns gestern oder heute oder morgen erkennend zugänglich ist. (Aus diesem Grund wäre der Slogan »Keine Realität ohne Medialität« irreführend.) Realität, wenn wir das Wort ernst nehmen, ist unabhängig davon, welche ihrer Aspekte uns jeweils zugänglich sind. Ihr Begriff freilich schließt ein, daß jeder ihrer Aspekte zugänglich werden kann, wenngleich wegen der konstitutiven Aspekthaftigkeit und Relevanzgebundenheit allen Erkennens niemals alle zugänglich sein konnen.
Diese prinzipielle mediale Zugänglichkeit der Realität kann freilich zweierlei bedeuten. Sie kann eine Zugänglichkeit von Umständen bedeuten, die durch die Formen eines Mediums allererst hervorgebracht wurden, oder aber eine Aufdeckung von Umständen, die auch unabhängig von ihrer Zugänglichkeit bestehen. Im einen Fall erschließt das Medium einen Bereich, der allein durch diese Erschließung gegeben ist. Im andern Fall erschließt das Medium einen Bereich, der durch diese Erschliehung auf eine bestimmte Weise gegeben ist, aber auch unabhängig vom Zeitpunkt und der Art seiner Erschliessung besteht.
Ein Stück »absoluter« Musik etwa macht nichts weiter zugänglich als seine im Medium von Klängen oder Geräuschen gebildeten Formen; auch das Medium Geld macht unbegrenzte Märkte nicht bloß zugänglich, es schafft sie so, daß sie allen, die Geld haben, zugänglich sind. Hingegen werden im Medium des Lichts Gegenstände sichtbar, deren Gegebensein gleichwohl nicht an ihre Sichtbarkeit gebunden ist: dieselben Gegenstände können auch ertastet oder akustisch geortet werden.
Die Konstitution eines Wirklichkeitsbereichs muß hier als Zugänglichwerden von Gegenständen verstanden werden, die auch unabhängig von dieser Konstitution bestehen. Wieder anders verhält es sich im Fall sprachlicher Darstellung. Zwar macht das Medium sprachlicher Unterscheidungen die Sphäre Fregescher Gedanken nicht allein zugänglich, sondern schafft überhaupt erst die Möglichkeit der Bildung von Gedanken die Möglichkeit aber, die so geschaffen ist, erlaubt die Formung von Sätzen, mit denen gesagt werden kann, was unabhängig von unserem Denken und Sprechen ist. Der Gedanke, daß Schnee weiß ist, läft sich nur im Medium einer Sprache formulieren - anders gibt es ihn nicht; dennoch bezieht er sich auf etwas, das nicht von der Art der Sprache ist. Daß wir uns nur mit Hilfe des Satzes »Der Schnee ist weiß« auf den Umstand beziehen können, daß Schnee weiß ist, zeigt, daß es keine sprachfreie Bestimmung der Verfassung von Gegenständen gibt, auch wenn ihr Bestehen vom erkennenden Zugang zu ihnen unabhängig ist.
Das gilt übrigens auch von den Wirklichkeiten, die - wie Stücke absoluter Musik und weltumspannende Märkte - erst durch einen bestimmten Mediengebrauch wirklich geworden sind. Sobald der Gebrauch der entsprechenden Medien etabliert ist, werden vielfältige soziale Tatsachen geschaffen, die erkannt oder verkannt werden können. Schon dies zeigt, daß das menschliche Weltverhältnis nicht generell nach dem Modell eines rein erzeugenden Mediengebrauchs expliziert werden kann. Außerdem müssen diesem Mediengebrauch bestimmte Formen - in unserem Fall: Klänge oder Metalle - immer schon vorgegeben sein, damit diese in die Funktion eines musik- oder markterzeugenden Mediums treten können. Rein erzeugende Medien, bedeutet das, sind nur dort überhaupt möglich, wo auch die überdies entdeckenden Medien der sinnlichen Erfahrung und der sprachlichen (und sonstigen, etwa bildlichen) Erkenntnis in Arbeit sind.
An welchen der beiden Fälle - und ihrer vielfältigen Vermischungen - wir aber auch denken, in jedem Fall gilt: Im Gegebensein von Medien tun sich Möglichkeiten der Erfahrung und des Handels auf, die anders nicht da sind, anders nicht ergriffen werden können, anders nicht zugänglich sind. Vor diesem Hintergrund ist der Satz zu verstehen, den ich oben in Zurückweisung einer instrumentalistischen Deutung der Medien formuliert habe: »Medien sind Elemente, ohne die es das in einem Medium Artikulierte nicht gibt.« Freilich müssen wir diesen Satz jetzt ergänzen. Medien sind Elemente, ohne die es das in einem Medium Artikulierte nicht gibt - wohl aber häufig das, worauf sich die Artikulation bezieht. Ohne das Medium Licht gibt es zwar keinen sichtbaren Gegenstand, wohl aber den Gegenstand, auf den unser Sehen gerichtet wäre, wenn wir denn Licht zum Sehen hätten. Ohne das Medium Sprache gäbe es nicht den Gedanken, daß die Erde eine Kugel ist, wohl aber die Erde mitsamt der an ihr erkennbaren Gestalten. Daß Medien Elemente sind, ohne die es das in einem Medium Artikulierte, also die in ihm bildbaren »Formen«, nicht gibt, bleibt also richtig. Gleichwohl können sich die Formen eines Mediums auf Gegebenheiten beziehen, die ihre Existenz nicht - oder nicht allein - dem Medium verdanken, in denen sie zur Wahrnehmung oder Darstellung kommen. (Der Witz eines Mediums wie der Fotografie, um ein anderes Beispiel zu geben, besteht ja nicht zuletzt darin, Dingkonstellationen anschaulich zu halten, die in zeitlich und oft auch räumlich unerreichbarer Ferne liegen. Fotografien etablieren die Möglichkeit, Szenen anzuschauen, die nicht mehr wirklich sind, aber dennoch wirklich waren.) Gleichgültig aber, ob Medien eine Wirklichkeit zugänglich machen, die mit ihnen steht und fällt (die es nur gibt, wo diese Medien in Gebrauch sind), oder eine, die mit ihnen nur in Erscheinung tritt (die nur bekannt ist, wo diese Medien in Gebrauch sind), stets wird ein Bereich des Wahrnehmens, Erkennens und Handelns eröfinet, der im Gebrauch der betreffenden Medien als Wirklichkeit zählt.
Ich plädiere, mit einem Wort, für einen moderaten Konstruktivismus, der mit einem moderaten Realismus nicht nur vereinbar ist, sondern ein moderater Realismus ist. Beides gehört zusammen. Ein moderater Konstruktivismus besagt, daß Wirklichsein bedeutet, als Wirklichkeit zugänglich sein zu können - zugänglich im Gebrauch von Medien, in denen bestimmte Formen des Wirklichen unterscheidbar werden. Ein moderater Realismus besagt, daß Wirklichsein bedeutet, von aktualen Zugängen unabhängig sein zu können - unabhängig von ihrer Erschließung als bestimmte Formen in einem bestimmten Medium. Aus der internen Verbindung von Medialität und Realität folgt also nicht, alle Wirklichkeit sei im Grunde eine mediale Konstruktion. Es folgt lediglich, daß es mediale Konstruktionen sind, durch die uns oder überhaupt jemandem so etwas wie Realität gegeben oder zugänglich ist. Realität ist nicht als mediale Konstruktion, sondern allein vermöge medialer Konstruktion gegeben.
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III: Ein spezielles Medium: der "umfassende" Computer.
Soweit habe ich recht wahllos von ganz unterschiedlichen Medien gesprochen - vom Licht und der Sprache, vom Geräusch und vom Geld. Sie dienten als Exempel für ein allgemeines Verständnis medialer Verhältnisse. Dieses allgemeine Verständnis möchte ich jetzt einsetzen für eine Bestimmung - oder jedenfalls den Anfang einer Bestimmung - des besonderen Weltzugangs, den die Neuen Medien eröffnen.
Lassen Sie mich zunächst vereinfachend festlegen, was Neue Medien sind. Auf dem heutigen Stand der Entwicklung können wir uns auf ein überschaubares Modell beschränken. Ich möchte es den »umfassenden Computer« nennen. Es ist dies ein Computer, der auch die Funktion eines komfortablen Radio-, Fernseh- und Videogeräts erfüllt, mehrere CD-Laufwerke hat, an das Internet angeschlossen ist, mit dem man auch E-Mail versenden, faxen und telefonieren kann, wenn man will so, daß man den oder die Partner am Bildschirm sehen kann. Dieses, wie es in der Sprache des Marktes heißt, »konvergente« Gerät, mit dem man Spiele spielen und Bankgeschäfte erledigen, technische Anlagen steuern oder ein Zeitungslayout herstellen kann, ist eine Maschine, wie es sie heute im wesentlichen gibt, auch wenn sie für die meisten von uns im Moment noch ein biLchen zu teuer ist. Mit etwas zusätzlicher Phantasie könnten wir uns den umfassenden Computer auch an ein spezielles Gestell - den »umfassenden Fernsehsessel«, wie die Herstellungsfirma ihn nennt - angeschlossen denken, von dem aus wir uns (gegen Gebühr) in virtuelle Räume begeben können, die von verschiedenen Sendern und Diensten (wie dem Europäischen Bibliotheksdienst oder dem »Mittendrin-statt-nur-davor«Service des DFB) angeboten werden.
Um den Status zu umreißen, der den Neuen Medien - vertreten durch den »umfassenden Computer« - unter der Vielzahl anderer Medien zukommt, möchte ich kurz vier Einteilungen kommentieren, mit deren Hilfe wir Medien klassifizieren können.
Wir können - erstens - zwischen natürlichen und nichtnatürlichen Medien unterscheiden. Licht beispielsweise ist ein natürliches Medium, für das wir heute allerdings vielfache künstliche Äquivalente haben. Der umfassende Computer hingegen ist kein Äquivalent für welterschließende Differenzen, die - wie das Helldunkel des Lichts - von Natur aus da sind, er ist durch und durch ein Artefakt, also ein nichtnatürliches Medium.
Medien können - zweitens - als verzichtbar oder unverzichtbar eingestuft werden. Für jemanden, der kaum etwas sieht (aber, nehmen wir an, sich mit anderen Sinnen orientieren kann), ist Licht ein Medium, auf das er verzichten kann; für jemanden, der sich primär durch das Sehen orientiert, ist Licht ein unverzichtbares Medium. Das Beispiel unseres umfassenden Computers zeigt, wie bestimmte Medien evolutionär oder historisch bedingte Karrieren machen können. In den fünfziger Jahren galt der Besitz eines einfachen Fernsehers als entbehrlicher Luxus, heute würden viele von uns den Besitz eines Computers - und bald: eines umfassenden Computers - als »unverzichtbar« einstufen. Und auch wenn sich heute und wohl auch morgen noch einzelne Individuen sinnvoll gegen den Gebrauch von Computern entscheiden können, die moderne Gesellschaft kann es längst nicht mehr. In diesem Sinn sind die Vorstufen des umfassenden Computers bereits heute zu weitgehend unverzichtbaren Medien geworden.
Medien können - drittens - (eher) Wahrnehmungsmedien, Handlungsmedien oder Darstellungsmedien sein. Licht ist ein Medium der Wahrnehmung, Geld ist ein Handlungsmedium, Sprache ist ein Darstellungsmedium, das freilich eine konstitutive Rolle auch im Vollzug menschlicher Handlungen spielt. Man sieht hier nochmals, wie schon an den ersten beiden Einteilungen, wie allgemein - und notgedrungen pauschal - der allgemeine Begriff des Mediums ist, mit dem hier begonnen wurde. Eine ausgearbeitete Theorie der Medien hätte eine Theorie der Differenz und des Verhältnisses der unterschiedlichen Arten von Medien zu sein. Für den umfassenden Computer freilich gilt, daß er die zuletzt markierten Differenzen überspringt: Er ist Medium der Wahrnehmung nicht weniger als Handlungsmedium und ein Darstellungsmedium allemal. Dies führt uns direkt zur vierten und entscheidenden Differenz.
Medien können - viertens - exklusive oder inclusive Medien sein. "Inklusiv" nenne ich Medien, die Leistungen anderer Medien mit einschließen oder bündeln können; "exklusiv" nenne ich Medien, bei denen dies nicht der Fall ist. Geld beispielsweise ist ein sehr exklusives Medium; im Medium des Geldes läßt sich nichts beschreiben, abbilden, ertasten oder zum Klingen bringen (was seiner Macht bekanntlich keinerlei Abbruch tut). Der umfassende Computer hingegen ist ein außerordentlich inklusives Medium: in seinem Gebrauch können wir lesen und schreiben, verbal kommunizieren, Bilder und Filme herstellen oder wahrnehmen, Musik herstellen und wahrnehmen und vieles weitere mehr. Die Grundunterscheidung, auf der er basiert, ist ein minimaler (mit den Werten 0 und 1 operierender) Code, der zur Produktion aller möglichen Werte gebraucht werden kann. Er kann die Medien der Sprache und Schrift, des Bildes und Klangs gleichermaßen und gleichzeitig aktivieren; er ist bilderzeugend, tonerzeugend und textverarbeitend in einem. Weil die Unterschiede, mit denen er technisch operiert, auf einfachster syntaktischer Differenzierung beruhen, aus der sich alle möglichen - bildliche, sprachliche, klangliche und sogar räumliche - Differenzen aufbauen und ineinander transformieren lassen, kann der umfassende Computer mehr - und mehr unterschiedliche - Unterschiede bereitstellen als irgendein anderes Medium. Dabei addiert oder kombiniert der Computer nicht einfach unterschiedliche hergebrachte Medien, er generiert Texte, Bilder, Klänge oder maschinelle Operationen nach ein und demselben digitalen Verfahren. Er aktualisiert und transformiert die Formen der visuellen, bildlichen, akustischen und sprachlichen Wahrnehmung der Welt so stark, daß bei Benutzern und zumal Theoretikern dieses Mediums gelegentlich der Eindruck entsteht, es handele sich hier um eine ganz andere (oder um einen völligen Verlust der) Welt.
Ich halte fest: Unser integrierter Computer ist ein nichtnatürliches, historisch und kulturell zunehmend unverzichtbares inklusives Medium. Dieses verschärft die multimedialen Verhältnisse, in denen wir immer schon stehen. Wir haben hier ein Multimedium, das ganz unterschiedliche Medien in einen Gebrauch zusammenführt und dadurch eine durchaus neuartige Form der Weltbegegnung schafft. Was für eine Begegnung aber ist das? Wie sieht die Wirklichkeit aus, die uns der umfassende Computer eröffnet?
Daß wir gleichzeitig hören, sehen, sprechen und einiges andere tun, ist natürlich noch überhaupt nichts Besonderes. Das tun wir auch sonst ständig, etwa wenn wir am Bahnsteig stehen und auf einen Zug warten, die neuesten Werbeflächen betrachten, uns nebenher eine Cola aus dem Automaten holen und dabei ein Liedchen pfeifen, mit dem wir ein Kind beeindrucken wollen. Was durch den umfassenden Computer (und seine diversen Vorläufer) neu hinzukommt, ist eine unerhörte Reichweite, ein unerhörter Wechsel und eine unerhörte Transformation der Wahrnehmungen und Kommunikationen, die wir in einer Situation vollziehen können. Wle vielfach bemerkt worden ist, hat sich durch die elektronischen Medien eine gravierende Lockerung des Zusammenhangs von erfahrener Situation und Situation der Erfahrung ereignet. Die Begegnung mit Situationen, in denen sie nie waren und nie sein werden, ist für die heutigen Menschen dank der Massenmedien zu einem ganz alltäglichen Ereignis geworden. Die Situation, die erfahren wird, ist bei der Verfolgung einer Kriegsberichterstattung oder eines Fußballspiels im Fernsehen eine gänzlich andere als die, in der erfahren wird. Die »Situation der Erfahrung« ist hier nicht länger deckungsgleich mit der »erfahrenen Situation«, wie dies in früheren Zeiten weitgehend der Fall war. Wlr können Konzerte hören, die ganz woanders gegeben werden, Kriege verfolgen, die uns gänzlich unbehelligt lassen, mit Leuten reden, die wir nie gesehen haben, Texte lesen, die (so) nie geschrieben wurden usw. - und dies alles von einem einzigen Schauplatz aus. Der integrierte Computer also eröffnet uns in großem Masstab Zugang zu Situationen, in denen wir nicht sind. Wir sind in Wahrnehmung und Kommunikation nicht länger an die Situation unseres leiblichen Aufenthaltes gebunden. Die mediale Erfahrung wird hier zu der Erfahrung einer (momentan oder dauerhaft, de facto oder prinzipiell) leiblich unerreichbaren Welt innerhalb der leiblich erreichbaren Welt.
Die durch den umfassenden Computer gewonnene Wirklichkeit ist somit eine um leiblich unerreichbare Situationen - weit - erweiterte Wirklichkeit. Freilich waren unerreichbare Situationen schon lange vor den Neuen Medien zugänglich. Man mußte nur ins althergebrachte Kino gehen, einen Roman lesen, eine mit Bildern der Heiligenlegende ausgemalte Kirche besuchen oder an ekstatischen Ritualen teilnehmen. Sich mit dem leiblich erschließharen Raum nicht zufrieden zu geben, dürfte ein generelles Kennzeichen menschlicher Kulturen sein. Nur waren das in den vergangenen Jahrhunderten stets Sonderpraktiken, die eindeutig aus der primären lebensweltlichen Praxis herausgehoben waren. Jetzt sind sie völlig alltäglich geworden. Es wird zu einer alltäglichen Grundsituation des Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts, über die Situation seiner leiblichen Anwesenheit hinaus zu sein.
Hinzu kommt die schon erwähnte Tatsache, daß wir die Situationen, zu denen wir uns medial in Beziehung setzen, ständig und mit hohem Beliebigkeitsgrad wechseln können, während wir einem solchen Wechsel - beim Zappen durch Fernsehkanäle oder beim Surfen durchs Internet - zugleich in einem hohen Maß ausgesetzt sind. Mediale Weltbegegnung im Zeichen des integrierten Computers ist eine Begegnung mit einem unüberschaubaren und letztlich unkontrollierbaren Spektrum von Gegebenheiten, deren Status selbst äußerst variabel ist. Auch ein geübter Benutzer dieses einheitlichen elektronischen Mediums kann nicht immer wissen, welchen Status die Bilder, Klänge, Reden und Texte haben, die ihm da begegnen - ob es sich um eine technisch induzierte, also verändernde Wiedergabe realer Situationen handelt, ob dies eine Liveübertragung oder eine Aufzeichnung ist, eine vollständige oder gekürzte Aufzeichnung, ob es sich vielmehr um eine fingierte Situation handelt, ob die Fiktion (wenn es eine ist) an realen Schauplätzen oder auf den Wegen der Computersimulation hergestellt wurde, ob die Worte, die zu hören sind, je in realer Kommunikation hintereinander gesprochen wurden oder sich einer technischen Zusammenstellung verdanken, ob die Texte, die zu lesen sind, von einer Autorin verfaßt wurden oder sich nach und nach - hypertextuell - aus einer Fülle von Zugriffen ergeben haben, usw.
Im Gebrauch des umfassenden Computers tritt eine ontologische Unschärfe ein. Es ist nicht immer und niemals völlig klar, was für Seiendes es ist, das aus Lautsprecher und Bildschirm entgegegenkommt. Das Spektrum reicht vom bloßen Bild und dem bloßen Klang zu den vielen Weisen einer modifizierenden Wiedergabe von Dingen, Ereignissen und Situationen. Der umfassende Computer ist daher ein Medium, das sich (wie bereits die Sprache) der oben getroffenen Einteilung zwischen Medien, die handfeste oder simulierte Wirklichkeiten erzeugen und solchen, die überdies eine externe Wirklichkeit erschließen, entzieht. Beides kann der Fall sein und oft ist beides der Fall - ohne daß wir immer genau wüßten und wissen könnten, in welchem Maß und Verhältnis es so ist.
Aus dieser konstitutiven Instabilität und Variabilität der medialen Präsentationen ist geschlossen worden, die vom Gebrauch der Neuen Medien geprägte Welt habe nur noch wenig mit der alten Realität einer verläßlichen Eigenständigkeit von Dingen und Ereignissen zu tun. Die sogenannte reale Situation verliere mehr und mehr an Gewicht gegenüber der virtuellen medialen Situation. Außerdem würden die vermeintlich realen Situationen diesseits der Medien mehr und mehr in medialen Schemata wahrgenommen, so daß alles in allem der Befund eines »Verschwindens der Wirklichkeit« unausweichlich sei - jener Wirklichkeit, der ein Bestehen unabhängig von ihrer faktischen medialen Erschlossenheit zugesprochen werden könne. Realität sei daher nicht länger als Widerpart, sondern allein noch als Produkt medialer Weltgewinnung denkbar. Ein »moderater« Konstruktivismus der Medientheorie, wie ich ihn skizziert habe, sei spätestens durch das Auftreten des umfassenden Computers widerlegt.
Demgegenüber möchte ich die These verteidigen, daß die Neuen Medien zwar eine radikale Erweiterung des bisherigen Mediengebrauchs darstellen, aber mehr auch nicht. Es handelt sich lediglich um die exponentiale Fortführung einer langen historischen Entwicklung - einer mit dem ersten Bild und dem ersten Satz begonnenen Bewegung des medialen Ausgreifens in immer entferntere Bereiche. Die mediale Revolution macht keine erkenntnistheoretische Revolution nötig. Im Gegenteil: Wir können sie als die mediale Revolution, die sie historisch gesehen ist, nur begreifen, wenn wir in erkenntnistheoretischen Angelegenheiten auch im Global Village die Kirche im Dorf lassen.
IV. Zur Realität der Neuen Medien
Zu den Fragen, die hier zur Entscheidung stehen, zählen die folgenden: Ist es wahrscheinlich oder wenigstens denkbar, daß das spezielle Medium des integrierten Computers die Position eines allgemeinen Mediums erringt?
Ist es wahrscheinlich oder wenigstens denkbar, daß der umfassende Computer in der Lage ist, alle oder doch annähernd alle Medien der Welterschliessung in seinen Gebrauch mit einzuschließen und so an seinen Gebrauch anzuschließen, daß er zu einer Art Supermedium wird, durch das wir alle die Wirklichkeiten erzeugen, die uns offenstehen?
Ist es wahrscheinlich oder wenigstens denkbar, daß die zu Beginn skizzierte allgemeine Medientheorie zugunsten einer speziellen Theorie der elektronischen Medien abdanken muß, einfach weil das elektronische Medium Computer zum schlechthin paradigmatischen Medium geworden ist?
Ist es empirisch wahrscheinlich oder wenigstens konsistent denkbar, daß die Differenz von Wahrnehmungssituation - der realen Situation vor dem Computer - und wahrgenommener Situation - der medialen Situation im Computer - nach und nach verschwindet?
Nichts dergleichen, so meine ich, ist konsistent denkbar, geschweige denn wahrscheinlich. Bis heute zumindest, so sollten wir uns erinnern, ist die Differenz zwischen Wahrnehmungssituation und wahrgenommener Situation angesichts der elektronischen Medien noch recht intakt. Die Fähigkeiten des Sehens, Hörens, Lesens sowie der verbalen Kommunikation müssen vorausgesetzt werden, bevor überhaupt ein massenmediales Ereignis stattfinden kann, das sie einzeln oder zusammen in Anspruch nimmt. Würden die Adressaten über die entsprechenden Fähigkeiten nicht bereits verfügen, wäre ihnen nicht mehr als ein Irrlichtern auf der Fläche des Bildschirms zugänglich, begleitet von bedeutungslosen Geräuschen. Noch befinden wir uns vor dem umfassenden Computer: Er ist ein spezielles Ding in unserer Umgebung, das nur dem einer ergiebigen Benutzung offensteht, der bestimmte Kompetenzen mitzubringen in der Lage ist. Selbst dann aber, wenn wir eines Tages in den umfassenden Computer einsteigen wie in ein Cockpit auf dem Jahrmarkt, muß weiterhin eine erfolgreiche leibliche Orientierung mitgebracht werden, damit wir den medial simulierten Raum überhaupt wie einen Raum explorieren können. Wir könnten Raumwahrnehmung und Raumorientierung nicht im simulierten Raum lernen. Und so weiter. Wenn wir mit jemandem zusammen ins Cockpit steigen, sollte Kommunikation mit diesem anderen möglich sein - eine Kommunikation, die wiederum nicht in der parasozialen Interaktion mit Gestalten auf dem Bildschirm oder im Cyberspace, sondern allein im Austausch mit realen Gegenübern erlernt und erprobt werden kann. Die Interaktion mit virtuellen Gegenübern setzt ein »Interface« mit einem realen Gegenüber und damit die Kenntnis des grundsätzlichen Unterschieds zwischen realen und virtuellen Gegenübern auch dann voraus, wenn es im Einzelfall zu Verwechslungen der unterschiedlichen Positionen kommen mag.
Daß die Differenz zwischen leiblich erschlossener und digital eröffneter Wirklichkeit durch den integrierten Computer nicht getilgt werden kann, liegt unter anderem daran, daß er wesentlich auch ein Bildmedium ist. Denn Bilder können als Bilder nur wahrgenommen werden, wo das, was in oder auf ihnen zu sehen ist, nicht gleichgesetzt wird mit dem, was die Bildfläche ist. Sie präsentieren etwas, was ansonsten, außerhalb der Präsentation im Bild, nicht präsent ist (ein Merkmal, das das Bild mit den meisten anderen Zeichen teilt). Ein Bild von einer Pfeife ist eben keine Pfeife, wie sehr die Gestalt auf dem Bild (im Verhältnis ihrer Partien) auch der Gestalt einer Pfeife ähnlich sein mag. Die Objekte oder Szenen auf einem Bild sind nur für das Auge da. Bilder zeigen Dinge oder Szenen ohne leiblich-räumliche Zugänglichkeit als Dinge oder Szenen. Nur wo dies erkannt wird, können Bilder als Bilder gesehen werden. Wo die Kompetenz der Unterscheidung von Bildgeschehen und realem Geschehen verschwindet, verschwindet auch die Gegebenheit von Bildern. Daher kann der Fall nicht eintreten, daß das Bildmedium integraler Computer unser Realitätsverständnis eines Tages im ganzen beherrscht - denn es wäre dann kein Bildmedium mehr. Das Bildmedium des umfassenden Computers, heißt das, kann deswegen zu einem »Verschwinden der Wirklichkeit« nichts beitragen, weil es mit dem Verschwinden der Differenz von wirklichen und bildlich erscheinenden Dingen selbst verschwinden würde. Bilder gibt es nur, wo es Erscheinungen im Bild gibt, die sich auf signifikante Weise von Erscheinungen außerhalb des Bildes unterscheiden - aus diesem relativ schlichten Grund sind wir vor einem Versinken in der »Bilderflut« der modernen Medien sicher, wie es von den Apokalyptikern und Integrierten des Mediengewerbes seit nun schon über fünfzig Jahren mit Schaudern bzw. Freuden angekündigt wird.
Nun könnten die Propheten der virtuellen Welt freilich entgegnen, daß das Verschwinden der alten Wirklichkeit erst mit dem allgemeinen freien Eintritt in die Weiten des Cyberspace eintreten werde. Sie könnten - mit Recht, wie ich meine - darauf hinweisen, daß der virtuelle Raum des Cyberspace gerade kein Bildraum ist, sondern ein Phänomen sui generis. Wir begegnen hier nicht, wie im Bild, (Zeichen von) Gegenständen oder Zuständen, die das Bild auf einer sichtbaren Fläche zur Erscheinung bringt. Wir explorieren einen Raum von Erscheinungen, der sich in vielen Aspekten nicht von dem Erscheinungsraum unterscheidet, der als Umgebung des Leibes erfahren wird. Es ist ein Raum, der (weitgehend) wie der Raum ist, in dem wir leiblich anwesend sind. - Die Grenze aber zwischen dem Raum, der wie jener ist, in dem wir sind und jenem, in dem wir sind, dürfte erneut nicht zu überspringen sein - weder in der medial aufgerüsteten Praxis noch in der Theorie dieser Praxis. Denn sobald wir nicht länger wüßten, daß der Raum den wir in unserem integrierten Fernsehsessel erfahren, nicht der Raum ist, in dem wir faktisch sind, wäre das, was wir erfahren nicht länger ein anderer Raum, sondern allein ein chaotisches Andrängen von visuellen Impulsen, dem wir ohne Ordnungsmöglichkeit wahrnehmung ist nur möglich, wo das Subjekt dieser Wahrnehmung die Position seines Leibes kennt, wo es in einem minimalen Sinn weiß, wo es ist (andernfalls wäre es nicht einmal fähig, sich zu verirren). Daher ist keine Welt möglich, die vollständig oder auch nur in erster Linie eine virtuelle Welt wäre. Wie Bildwahrnehmung nur als eine Modifikation des räumlichen Sehens möglich ist, so ist der virtuelle Raum nur als eine Modifikation des Raums leiblicher Anwesenheit möglich.
Trotzdem kann der Satz stehenbleiben, den ich vorhin zur Beschreibung der medialen Revolution gebraucht habe, die sich um uns herum vollzieht: »Es wird zu einer alltäglichen Grundsituation des Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts, über die Situation seiner leiblichen Anwesenheit hinaus zu sein.« »Über die Situation seiner leiblichen Anwesenheit hinaus sein« kann aber eben nur, wer weiterhin in einer Situation seiner leiblichen Anwesenheit ist. Die virtuellen Situationen und Welten hängen vom Gegebensein realer Situationen und Welten ab. Ihre durch die Verbreitung der Neuen Medien geschaffene Zugänglichkeit jedoch verändert die Realität dieses realen, lebensweltlichen Lebens dramatisch. Insofern haben die Neuen Medien Realität und schaffen sie neue Realitäten - nicht freilich durch eine Abschaffung der Wirklichkeit, sondern durch deren Veränderung: durch die Eröffnung der Möglichkeit, uns nahezu andauernd auf Situationen zu beziehen, in denen wir nicht sind.
Das Phänomen der durch die Neuen Medien erzeugten »ontologischen Unschärfe« ist also durch meine Kritik an extremistischen erkenntnis-theoretischen Folgerungen nicht relativiert. Wir wissen oft nicht genau, was für Situationen (oder Informationen) es sind, auf die wir uns im Gebrauch der elektronischen Medien beziehen, und es kostet einige Mühe und Erfahrung, hier zu hinreichend (wenn auch niemals absolut) verläßlichen Einschätzungen zu kommen. Schon bei der guten alten Sprache aber ist dies nicht grundsätzlich anders. Auch hier mußten und müssen wir mit hartnäckigen Unschärfen der Bezugnahme und des Status von Reden und Schriften leben. Auch im Gebrauch dieses inklusiven Mediums konnten und können wir in sehr entfernte Welten ausgreifen, ohne daß wir immer wüßten, ob unseren eigenen Sätzen oder denen anderer eine greifbare Wirklichkeit entspricht. Die Neuen Medien steigern also auch hier eine Tendenz unseres generellen Weltverhältnisses, ohne uns ein im ganzen neues zu bescheren.
In der Frage der Abhängigkeit der Neuen Medien von anderen und älteren Medien müssen zwei Aspekte klar auseinandergehalten werden: ein logisch-phänomenologischer und ein historisch-soziologischer. Logisch-phänomenologisch betrachtet sind die elektronischen Medien sekundäre Medien; die Nutzung ihrer spezifischen Leistungen ist erst auf der Basis eines erfolgreichen Gebrauchs anderer Medien möglich. Ihr Weltbezug erweitert den menschlichen Weltbezug, anstatt ihn von Anfang neu zu stiften. Dieser logisch-phänomenologische Primat der hergebrachten leiblich-sprachlichen Welterschließung gegenüber der hochtechnischen Erschliehung virtueller Welten, der es unnötig erscheinen läßt, grossartige erkenntnistheoretische Revolutionen auszurufen, sagt aber alleine nichts - und ich meine wirklich: nichts - über die kulturelle, soziale und gesellschaftliche Rolle der Neuen Medien aus. Mit erkenntnistheoretischen Betrachtungen lässt sich darüber gar nichts sagen, auch wenn viele - und gerade viele der euphorischen - Medientheoretiker diesen Unterschied nicht wahrhaben wollen und daher zu philosophisch wie empirisch absurden Diagnosen gelangen. Welche Medien in heutigen und künftigen Kulturen die Rolle eines Leitmediums bei der Konstruktion sozialer und gesellschaftlicher Wirklichkeiten spielen und spielen werden, das ist eine offene Frage, die von meiner Leugnung eines theoretischen Primats dieser Medien ausdrücklich offengelassen wird. Aber auch wenn die Menschen eines Tages vorwiegend virtuelle Räume zu ihren Erlebnisräumen machen sollten (oder aus Gründen der Umweltzerstörung machen müßten), den Spielraum ihres leiblich
Ich komme also zu dem Schluß, daß auch der umfassende Computer kein alles umfassendes Medium sein kann. Er ist »umfassend« allein in dem komparativen Sinn, daß er technische Anwendungen einschließt, die lange nur getrennt zugänglich waren, nicht hingegen in einem absoluten Sinn einer Integration aller Zugänge, die wir zu uns und der Welt haben. Medien, auch die in hohem Maß inklusiven Medien, existieren nur im Plural. Sie sind Wirklichkeiten, durch die wir auf die eine oder andere Weise Wirklichkeit haben. Sie sind, wie es am Anfang hieß, Gelegenheiten zum Gegebensein, und sie sind selbst ein Gegebenes, das aus externer oder auch reflexiver Warte als gegeben erscheint. Kein einzelnes Medium kann die Position der WelterschlieHung alleine okkupieren.
Diese Beobachtung führt am Ende zu einer positiven Beschreibung jener verwirrenden Stufung unseres medialen Weltverhältnisses, das uns zu Beginn in einen gewissen Schwindel versetzte. Jedes Medium stellt seinen Benutzern ein bestimmtes Spektrum von möglichen Formen bereit. Durch diese Formen bildet sich ein Bereich des für sie Wirklichen, der in der Perspektive eines anderen Mediums (oder, wie im Fall der Sprache oder des künstlerischen Bildes, in reflexiver Selbst-Distanzierung) als ein Zusammenhang von Formen des Wirklichen beschrieben werden kann. Dies bedeutet, daß wir das Wirkliche nicht allein im Brennpunkt jeweiliger Medien, sondern auch in ihrem Rücken antreffen können, freilich nur, wenn wir ein anderes Medium oder eine andere Perspektive aktivieren. Die Wirklichkeit erweist sich hier als reicher als alles, dem wir im Medium eines Mediums begegnen können, auch wenn wir das Wirkliche selbst nur aus Möglichkeiten seiner medialen Zugänglichkeit zu denken vermögen. So verstanden, führen uns gerade die Neuen Medien einen Reichtum des Wirklichen vor Augen, den auch alle künftigen neuen Medien nicht werden beherrschen können.
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