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27. Oktober 2007 bis 17. Februar 2008
In den 1930er Jahre kam es zu tiefgreifenden und nachhaltigen Veränderungen in der Fotografie: eine neue, klare und direkte Bildsprache setzte sich gegen traditionelle malerische Auffassungen durch. Dieser Umbruch wurde in der Schweiz von einer heftigen und polemischen Kontroverse begleitet. Mit welchen Argumenten wurden die fotografischen "Romantiker" oder "Impressionisten" bekämpft? Und worauf beruhte schliesslich der Erfolg des "Neuen Sehens"? Die Ausstellung "Bilderstreit" führt mit rund 120 Exponaten und Dokumenten anschaulich ins Zentrum dieser Kontroverse und stellt Fragen nach dem "Wesen" der Fotografie, die in der heutigen Zeit der Digitalisierung nach wie vor relevant sind.
Stefan Jasienski
Schnellzug Bern - Thun, 1907
© Fotostiftung Schweiz
Hans Finsler
Schiffsschraube, 1931
© Stiftung Moritzburg, Halle
1932 organisierte der Schweizerische Werkbund (SWB) eine Wanderausstellung mit jüngeren Schweizer Fotografen, welche die "neue fotografie" propagierten - ein Manifest gegen die traditionellen Bildauffassungen der "Kunstphotographen" oder sogenannten Piktorialisten, die sich immer noch an der Malerei des späten 19. Jahrhunderts orientierten. Die Schau, die nach ihrer ersten Station in St. Gallen auch in Bern, Aarau, Lausanne, La Chaux-de-Fonds, Basel, Luzern, Winterthur und Zürich gezeigt wurde, war die Antwort auf die "I. Internationale Ausstellung für künstlerische Photographie" in Luzern, die dem Piktorialismus auch in der Schweiz zu einem - zwar etwas verspäteten - Höhepunkt verhelfen wollte.
Diese beiden gegensätzlichen Ausstellungen lösten eine ästhetische Debatte aus, in deren Verlauf die Wanderausstellung des SWB von piktorialistischer Seite als "Schauerkabinett" mit lauter "entsetzlich hässlichen" Bildern bezeichnet wurde. Gegen solche Diffamierungen wehrten sich die Wortführer des SWB vehement und taten die Luzerner Ausstellung als altmodischen "Salon" von ewiggestrigen "Romantikern" ab, deren "süsslich-sentimental-verlogene" Bilder den Betrachtern Augenbeschwerden verursachten. Die "neue fotografie" mit ihrer Konzentration auf die genuinen Mittel des Mediums - Licht, Kamera, Papier - setzte sich innert weniger Jahre durch; die mit unzähligen Medaillen und Diplomen ausgezeichneten "Kunstphotographen" gerieten bei Kritikern, Sammlern und Historikern nicht nur in Verruf, sondern bald auch in völlige Vergessenheit.
Während von der Luzerner Ausstellung kaum originale Bilder oder Dokumente überlebten - ausser den damals in der Zeitschrift Camera publizierten Reproduktionen und Texten -, entdeckte der Schweizerische Werkbund eine grosse Anzahl Originale aus der SWB-Wanderausstellung in seinem Archiv und übergab sie der Fotostiftung Schweiz als Dauerleihgabe. Mit Hilfe von Memoriav, Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts der Schweiz, konnten die Bilder restauriert werden, so dass sie sich heute fast in ihrem ursprünglichen Zustand präsentieren.
Dieser einzigartige Fund gibt nun Anlass, den Streit der Bilder und Worte, der Anfang der 1930er Jahre zwischen den beiden Lagern entbrannte, neu zu beleuchten. In der Ausstellung werden hochkarätige Vintageprints der Avantgardisten (u. a. von Binia Bill, Hans Finsler, Herbert Matter, Ernst Mettler, Gotthard Schuh, Robert Spreng und Anton Stankowski) piktorialistischen "Edeldrucken" gegenübergestellt - malerischen Fotografien mit weichen Konturen, getonten Papieren und romantischen Motiven, wie sie 1932-35 in den kunstphotographischen Ausstellungen in Luzern gezeigt wurden. Auch diese Bilder stammen zum grössten Teil aus der Sammlung der Fotostiftung Schweiz, etwa aus der "Meistersammlung" des Schweizerischen Photographenverbandes oder den Nachlässen von Heinrich Bauer (Herisau), Stefan Jasienski (Biel), Emil Lüdin (Zürich) und Carl Schmid (Basel). Damit können zum ersten Mal Originalfotografien aus den beiden damals verfeindeten Lagern zusammen gezeigt und miteinander konfrontiert werden, in einer Ausstellung und in einem Buch.
Martin Gasser