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Das Archiv in der künstlerischen Forschung
Brunner/Hiltbrunner beziehen sich einerseits auf das Anarchiv, als “dichte, komplexe und wertvolle Arbeits- und Projektarchive”, andererseits auf das Archiv als kreative Kulturtechnik. Ihre Hypothese: Kunstpraxis ist forschend, wenn sie archivarische Züge annimmt.
Dieses “kulturelle Paradigma” wird historisch verortet in der Geschichte der alternativen Archiven wie dem Knastarchiv (bis 1988 betrieben vom Autonomen Knasbüro Bochum) oder der Frauengesundheitsbewegung um 1970, und kulturwissenschaftlich mit Foucault als wissens- und machtkritische politische Praxis verortet (demgegenüber stehen laut Brunner/Hiltbrunner die strikte Praxisorientiertheit der Archivwissenschaften).
Die Anarchive haben allerdings Beschränkungen: einerseits dass sie “ausserhalb der eigenen künstlerischen oder wissenschaftlichen Praxis keine Zwecke der Kanonisierung verfolgen” (Zielinsky) und ihre aktive Funktion als emanzipatorische Archive sozialer Bewegungen durch ihre Überführung in ein öffentliches Archiv verlieren (die Autoren).
Das demokratisch institutionalisierte Archiv
An diesem Punkt setzt nun der Text von Philipp Messner ein, der anmerkt, dass die Funktion eines Archives eben genau im “Offenhalten möglicher Bedeutung” liegt. Messner sieht hier ein Missverständnis zwischen kuratorischer (sinnstiftender) und archivischer (sinnermöglichender?) Praxis. Er unterscheidet bei der Institutionalisierung zwischen “Musealisierung” (Dekontextualisierung) und “demokratischer Institutionalisierung” (Dokumente verändern ihren Status, behalten aber ihren ursprünglichen Gebrauchswert).
Messner artikultiert eine Vorstellung von Institution als Handlungsmodell: Institutionalisierung muss nicht unbedingt ein Schliessen bedeuten (wie im ersten Text), sondern kann ebensogut eine Bewegung vom Geschlossenen ins Offene meinen.
Fazit
Die zwei Texte artikulieren das Spannungsfeld zwischen sinnstiftender (kuratorischer) Arbeit und der Arbeit an der Ermöglichung von Kontingenz (archivische) Arbeit. Diese Unterscheidung ist für unser Projekt wichtig und wertvoll. In Bezug auf die Commons und unser Projekt ist der zweite Zugang wichtig. Ich finde aber, dass die Anarchive, wie sie bei Brunner/Hiltbrunner erwähnt werden, als Gedächtnisse und Selbst-Artikulation von (marginalisierten) Gruppen darauf hinweisen, dass allen Archiven Setzungen vorausgehen. Diese Setzungen in Bezug auf eine (Theorie der) künstlerische Praxis im Umgang mit Kontingenz zu betrachten, würde mich sehr interessieren.
Literatur:
Christoph Brunner, Michael Hiltbrunner: Anarchive künstlerischer Forschung. Umgang mit Archiven experimenteller und forschender Kunst (unveröffentlicht)
Philipp Messner: Eine andere archivische Praxis, Brand-New-Life – Magazin für Kunstkritik, 10.05.2017 online: http://brand-new-life.org/b-n-l-de/eine-andere-archivische-praxis/