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WOZ: Frau Parekh, soeben sind Sie aus den USA zurückgekehrt. Mit welchem Verkehrsmittel waren Sie unterwegs?
Payal Parekh: Ich bin geflogen.
Können Sie das als Klimaaktivistin mit Ihrem Gewissen vereinbaren?
Ich weiss, es ist verwerflich. Die häufigen Flugreisen sind mit ein Grund, weshalb ich nicht mehr bei grossen NGOs arbeite. Aber meine Familie lebt in den USA und in Indien, und ich will nicht darauf verzichten, sie zu sehen. Ich glaube, die Reise nach Amerika würde mit dem Schiff mehrere Wochen dauern.
Greta Thunberg war zwei Wochen unterwegs, als sie mit dem Segelschiff den Atlantik überquerte.
Ich reise nur noch sehr gezielt. Natürlich möchte ich, dass mein Handeln möglichst in Einklang steht mit meinen Werten, aber ich lebe – wie wir alle – in einem System. Ausserdem finde ich, wir sollten uns statt auf individuelle Reiseentscheidungen besser auf die hundert Firmen fokussieren, die seit 1988 rund siebzig Prozent der weltweiten Emissionen verursachten.
Bevor Sie nach Bern kamen, lebten Sie lange in den USA, wo Sie auch in der Antiglobalisierungsbewegung aktiv waren. Empfanden Sie das nicht als Widerspruch zu Ihrer internationalen Biografie?
Der Begriff ist etwas irreführend, selber haben wir uns eher als globalisierungskritische oder Alterglobalisierungsbewegung bezeichnet. Wir waren nicht per se gegen die Globalisierung, sondern gegen ihre neoliberale und ungerechte Ausgestaltung.
Wie kam es, dass Sie sich dieser Bewegung anschlossen?
Ich war damals gerade an einem schwierigen Punkt in meinem Leben. Nach einer längeren Zeit in Indien war ich in die Staaten zurückgekehrt, um meine Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology abzuschliessen. Meine Situation empfand ich als schizophren: Ich war an dieser elitären Universität und fragte mich, ob ich nicht besser gleich wieder nach Indien reisen sollte, wo ich vielleicht mehr gebraucht würde. Dann, es war der 30. November 1999, hörte ich per Zufall im Radio von den Protesten in Seattle gegen die WTO.
Sie meinen die sogenannte Battle of Seattle, den grössten Protest gegen ein Treffen von globalen Wirtschaftsmächten, den es bis zu diesem Zeitpunkt je gegeben hatte.
Ja, ich war wirklich unglaublich begeistert und beeindruckt, als ich davon hörte. Dann fand ich heraus, dass es in Boston, wo ich damals lebte, eine Solidemo geben sollte. Ich bin alleine hingegangen und hatte Glück, gleich tolle Leute kennenzulernen. Erst ab diesem Zeitpunkt fand ich in den USA so richtig Anschluss. Die darauffolgende Zeit des Aktivismus und der Proteste war die beste meines Lebens. Ich war oft unterwegs, reiste von Demo zu Demo und lernte viele interessante Leute kennen. Es fühlte sich an, als könnten wir wirklich etwas bewegen und als würden wir gemeinsam auf einer Welle surfen – die allerdings mit den Anschlägen von 9/11 jäh gebrochen wurde.
Wie sind Sie schliesslich in der Schweiz gelandet?
2005 hatte ich ein Forschungsstipendium an der Universität Bern erhalten und blieb drei Jahre, bevor ich erneut in die USA zurückkehrte.
Was hat Sie dazu bewogen, ein paar Jahre später erneut nach Bern zu kommen – und bis jetzt zu bleiben?
Die Liebe.
Sie lebten in Grossstädten wie Mumbai, San Francisco und Boston – ist Ihnen der Wechsel ins beschauliche Bern nicht schwergefallen?
Ich hatte in den USA zeitweise auch in kleineren Städtchen gewohnt, die eine ähnliche Grösse wie Bern hatten. Viel schwieriger fiel es mir zu akzeptieren, dass ich nun plötzlich ein Teil des Brain Drain war. Das hatte ich nie gewollt. Aber als ich das erste Mal nach Bern kam, dachte ich schon: Das ist doch keine Hauptstadt, das ist ein Hauptdorf! Ich bin damals direkt von Mumbai hierhergezogen, und es war schon sehr anders hier.
Sind Ihnen auch Ähnlichkeiten aufgefallen?
Es gibt interessante Parallelen zum Norden Indiens, wo das Himalajagebirge beginnt. Dort gibt es viele Täler, und jedes hat seinen eigenen Dialekt. Und die Leute sind tendenziell auch engstirniger als an der Küste, hat man den Eindruck. Ich glaube, die Geografie hat einen grossen Einfluss auf die Denkweise der Menschen.
Aber mittlerweile haben Sie sich gut eingelebt?
Ja. Ich schätze insbesondere das Lorrainequartier, in dem ich wohne, und meine Nachbar:innen.
Und was nervt Sie an der Stadt?
An der Stadt selbst nervt mich nichts, aber in linken Kreisen würde ich mir wünschen, dass die Leute ihre Ideale mehr selbst leben. Das Persönliche kommt oft zu kurz. Einige haben das Gefühl, dass sich Privates und Aktivismus einfach trennen liessen. Es wäre schön, öfter gefragt zu werden, wie es einem geht.
Payal Parekh (48) ist in einer Wohnung mit Meerblick aufgewachsen, liebt aber auch die Berge.