Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03402.jsonl.gz/1051

sb. In der Schweiz engagieren sich gegen 1,4 Millionen Menschen in einem Verein. 
Der Politikwissenschaftler Markus Freitag ging der Frage nach, wer hierzulande aus welchen Gründen Freiwilligenarbeit leistet, und erklärt, wie diese überhaupt definiert ist.
Herr Freitag, Sie sind wissenschaftlicher Leiter des Freiwilligen-Monitors Schweiz 2007. Wie definieren Sie Freiwilligenarbeit?
Als freiwilliges Engagement wird jede Aktivität verstanden, für die ohne Gegenleistung Zeit oder Geld aufgewendet wird, um einer Person, einer Gruppe oder einer Organisation zu nützen. Dabei unterscheidet man grob zwischen Spenden und freiwilliger Arbeit. Freiwillige Arbeit wird in formelle und informelle Arbeit unterteilt. Informelle Arbeit findet ausserhalb von Vereinen und Organisationen statt und passiert ausserhalb des eigenen Haushaltes. Formelle Arbeit wird in Vereinen geleistet und nochmals in Basisarbeit und ehrenamtliche Tätigkeit unterschieden.
Haben Sie schon einmal freiwillig gearbeitet?
Informell habe ich an Dorf- und Strassenfesten mitgearbeitet, Kinder gehütet, und ich war in der Zürcher Alternativen Liga engagiert. Die formelle Freiwilligentätigkeit habe ich in den vergangenen Jahren mehr erforscht, als dass ich selber etwas getan hätte. Allerdings arbeite ich für den Freiwilligen-Monitor ehrenamtlich.
Dann sind Sie nicht aktiv in einem Verein tätig?
Momentan nicht. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und war jahrelang Mitglied in Vereinen. Aber als Familienvater zweier kleiner Kinder sind die zeitlichen Ressourcen beschränkt. Wenn die Kinder älter sind, werde ich wohl wieder in einen Verein gehen und wahrscheinlich auch aktiv mitarbeiten, sonst lägen wir mit unseren erzielten Ergebnissen im Freiwilligen-Monitor daneben. Denn wer in einer intakten Familie mit älteren Kindern lebt, ist generell öfter freiwillig tätig. Wenn die Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren in Vereine gehen, dann wirkt sich das mitunter als Mitnahmeeffekt auf die Familie aus.
Worin unterscheidet sich Ihre Untersuchung von früheren Erhebungen?
Unsere Umfrage ist die erste Untersuchung in der Schweiz in diesem Umfang. Seit 1997 wurde im Rahmen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamts für Statistik viermal ein Modul zur unbezahlten Arbeit veröffentlicht. Im Gegensatz zu unserer Umfrage fehlen jedoch insbesondere Informationen über die Motive und Einstellungen der freiwillig Engagierten sowie über mögliche Gratifikationen und die Gründe für den Einstieg in beziehungsweise den Ausstieg aus der Freiwilligkeit. Ebenfalls konzentriert sich die SAKE auf den Aspekt der freiwilligen Arbeit, während etwa die Spendentätigkeit als weiteres Element eines freiwilligen Engagements nicht erfragt wird.
Welche Motive haben Leute, die freiwillig arbeiten?
Helfen wollen, miteinander etwas bewegen und der Spass an der Tätigkeit - diese Gründe werden bei der Vereinsarbeit immer wieder genannt. Der Altruismusgedanke des Helfens ist wichtig, aber ebenso selbstbezogene Motive wie Freude an der Arbeit und Geselligkeit.
Wer arbeitet freiwillig?
Das typische Profil einer formell freiwillig tätigen Person in der Schweiz entspricht dem eines Deutschschweizer Mannes im Alter zwischen 40 und 64. Er ist sozioökonomisch abgesichert, vergleichsweise gut gebildet, sozial gut integriert und lebt eher auf dem Land als in städtischen Gebieten. Männer sind eher in Vereinen tätig, Frauen hingegen eher informell. Im informellen Bereich zeigen ausserdem jene Gruppen stärkeres Engagement, deren Integration gerade nicht über den Arbeitsmarkt verläuft, also neben Hausfrauen auch Rentner und Arbeitslose.
Was hat das Landleben damit zu tun?
In der Stadt gibt es einen geringeren sozialen Zusammenhalt und eine grössere individuelle Mobilität. Zudem erhält das freiwillige Engagement Konkurrenz durch kulturelle Angebote. Im Vergleich sind Städter deshalb weniger in Vereinen aktiv. Auf dem Land sollten sie Mitglied im Verein sein, um einen gewissen Anteil am dörflichen Leben zu geniessen.
In welchen Vereinen engagieren sich die Menschen?
An erster Stelle stehen Sport-, Spiel-, Hobby- und Freizeitvereine. Fast die Hälfte aller formell in einem Verein Tätigen ist dort engagiert. Weniger intensiv ist das Engagement in Menschenrechts- und Umweltverbänden sowie in Parteien.
Welche Arbeiten machen Freiwillige, die nicht in Vereinen tätig sind?
Den Hauptanteil dieses informellen Gemeinwohldienstes bilden persönliche Hilfeleistungen und praktische Arbeiten. Das kann Putzen oder Kochen sein, Gartenarbeiten oder Mitarbeit in einem Tierheim. Beratungstätigkeiten stellen hier den kleinsten Teil. Rund zwei Drittel der informell Freiwilligen gehen im Rahmen ihres Engagements anderen Menschen zur Hilfe.
Wie viele leisten Freiwilligenarbeit nur, weil es sich gut im Lebenslauf macht?
Nach den angegebenen Motiven in unserer Umfrage engagiert sich nur ein Bruchteil freiwillig, um damit einen Nutzen für die berufliche Laufbahn zu erlangen. Nichtsdestotrotz macht sich Freiwilligenarbeit aber gut im Lebenslauf - ob bei Bewerbungen um eine Arbeitsstelle oder ein Stipendium. Ehrenamtliche Tätigkeit wiegt dabei wohl noch etwas mehr als die aktive Basisarbeit in einem Verein.
Wie steht die Schweiz betreffend Freiwilligenarbeit im internationalen Vergleich da?
Was das Engagement in Vereinen betrifft, liegt die Schweiz gleich hinter den skandinavischen Ländern, welche die Spitzenreiter sind. Doch es gibt erhebliche regionale Unterschiede. In der Deutschschweiz sind die Menschen öfter freiwillig in Vereinen tätig als in der französischen oder italienischen Schweiz. Das trifft auch weitgehend auf die informelle Freiwilligenarbeit zu.
Welchen Wert hat die Freiwilligenarbeit?
In der Schweiz engagieren sich ca. 1,5 Millionen Frauen und Männer in einem Verein, rund 700 000 sind dort sogar ehrenamtlich tätig. Diese Personen arbeiten im Schnitt pro Monat rund 13 Stunden unentgeltlich für ihren Verein. Je nach zugrunde gelegtem Stundenlohn kommt man hier auf respektable Summen.
Ein zweiter Freiwilligen-Monitor ist für 2010 geplant. Haben Sie aktuelle Zahlen?
Nein, denn die zweite Umfrage hat gerade eben begonnen. Ziel der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft ist die Veröffentlichung eines Freiwilligen-Monitors in regelmässigen Abständen, um Entwicklungen zu dokumentieren.
Denken Sie, dass die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf die Freiwilligenarbeit haben wird?
Das ist momentan schwer zu beurteilen. Vielleicht können unsere diesjährigen Zahlen hier etwas anzeigen. Glaubt man den Experten, so hat die Wirtschaftskrise die Realwirtschaft aber noch nicht vollkommen erfasst. Man müsste die Leute also nächstes Jahr wieder befragen, um handfeste Veränderungen dokumentieren zu können.
Welche Veränderungen könnten dies sein?
Unsere Umfrage hat gezeigt: Freiwilligenarbeit in Vereinen wird meistens von den Gutsituierten und Abgesicherten geleistet. Vor allem Arbeitslose stellen einen wesentlich kleineren Teil. Es könnte also sein, dass die Zahl der freiwillig Arbeitenden sinken wird, wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Leider liegen hierzu fast keine Befunde vor, da es keine ausführlichen monatlichen oder jährlichen Befragungen gibt. In der Schweiz werden zum freiwilligen Engagement seit 1997 regelmässig Daten gesammelt. Daraus geht hervor, dass sich immer zwischen 25 und 30 Prozent der Bevölkerung freiwillig betätigen.
Dennoch könnte es sein, dass die formelle Freiwilligenarbeit zurückgeht. Wie sieht es im informellen Bereich aus?
Laut der Umfrage aus dem Jahr 2006 haben wir in der Schweiz bei informeller Freiwilligenarbeit eine Quote von um die 37 Prozent. Unsere Untersuchung ergab, dass sich im Bereich der informellen Hilfeleistungen im Gegensatz zur formellen Aktivität vermehrt auch Arbeitslose befinden. Es gilt zu prüfen, ob wirtschaftliche Krisen die persönliche Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander stärken oder schwächen. Die Meinungen dazu -gehen auseinander. Vor 15 Jahren steckte die Schweiz in der schwersten Krise der jüngsten Geschichte. Wir müssen abwarten, ob solche Zahlen wieder erreicht werden. Zudem muss man in der Schweiz die kantonalen Unterschiede hinsichtlich der ökonomischen Verwundbarkeit berücksichtigen.
Wie kann man Freiwilligenarbeit fördern?
Meiner Meinung nach könnte man den Zugang zur Freiwilligenarbeit erleichtern, indem Freiwilligenbüros, Beratungs- und Anlaufstellen, die Angebote vermitteln und Auskunft geben, gefördert werden. Der Anstoss in der Schweiz kommt meist aus dem Freundeskreis. Generell sind die in Vereinen Tätigen zufrieden, wünschen sich aber mehr professionelle und fachliche Unterstützung und eine systematischere Einarbeitung. Von Seiten der Öffentlichkeit beziehungsweise des Staates wünschen sie sich eine grössere Anerkennung ihrer Tätigkeit. Finanzielle Entschädigung hingegen interessiert die Leute weniger.
Besteht die Gefahr, dass Politik und Wirtschaft Arbeiten auf Freiwillige abzuwälzen versuchen?
Es gibt immer wieder Bestrebungen auf kommunaler Ebene, Vereine bei der Erbringung öffentlicher Dienste mit einzubeziehen, um so die Gemeinde finanziell und organisatorisch zu entlasten. Angesichts des möglichen Sparpotentials werden Vereine gerne gefördert. Aber nicht alle Tätigkeiten können durch Freiwilligenarbeit gleichermassen und handstreichartig ersetzt werden. Die Mitarbeit bei einem Sorgentelefon wäre zum Beispiel eine Tätigkeit, die sowohl eine gezielte Ausbildung im Beratungsbereich als auch gleichzeitig eine hohe Verbindlichkeit voraussetzt. Zudem gibt es den Trend, sich spontan und befristet für Freiwilligenarbeit zu entscheiden. Eine lokale Auslagerung von Dienstleistungen wäre so weniger gut planbar.
Viel Zulauf erfahren befristete Einsätze im Ausland. Haben Sie in Ihrer Studie auch danach gefragt?
In unserer Umfrage wurde gefragt, ob sich die Freiwilligenarbeit eher im lokalen, überregionalen oder weltweiten Bereich abspielt. Zu 80 Prozent wird Freiwilligentätigkeit lokal, im engen Kreis, verrichtet.
Was wäre ohne Freiwilligenarbeit?
Freiwilligenarbeit ist der soziale Kitt der Gesellschaft. Freiwilliges Engagement versammelt Menschen mit ähnlichen -Interessen, fördert Gemeinsamkeiten und Freizeitaktivitäten, wirkt für gesellschaftlich Aussenstehende integrierend. Ohne Freiwilligkeit wäre die Gesellschaft individualistischer, die Menschen - Geber wie Nehmer der Gemeinwohldienste - wären sehr wahrscheinlich unzufriedener. Zudem würde unsere Demokratie grössere Reibungsverluste aufweisen und die Wirtschaft schlechter laufen. Klar ist: Insgesamt hätten wir schlechtere Verhältnisse im Land.