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Kleiderproduktion und Altkleiderhandel in Afrika
Februar 2012 – Während sich Europa dank Aufklärung und industrieller Revolution im 19. Jahrhundert politisch und wirtschaftlich von Grund auf erneuerte, verharrte Afrika unter dem Joch der Kolonialisierung in der Rolle als Rohstofflieferant. Viele Länder Afrikas kamen nach der Erlangung ihrer Selbständigkeit wirtschaftlich kaum vom Fleck und litten unter anderem weiter unter der Ausbeutung durch korrupte autokratische Herrschaftssysteme. Da Afrika nur geringfügig ein industrieller Produktionsstandort war, kann es auch heute kaum Schritt halten mit der globalisierten Weltwirtschaft. Dies gilt auch für den Bereich der Textilproduktion.
Das Handicap der Kolonialzeit
Die Herstellung von Garnen und Stoffen sowie von Bekleidung (zum Beispiel aus einheimischer Baumwolle) hat in Afrika südlich der Sahara eine lange Tradition. Arabische Reiseberichte aus dem 9. Jahrhundert bezeugen dies. Diese Textilproduktion (gewobene Tücher) kam in der Kolonialzeit unter Druck.
Die Kolonialmächte betrachteten Afrika als Rohstoffquelle, die es auszubeuten galt. Die lukrative industrielle Verarbeitung von Gold, Edelsteinen, Metallerzen, Erdöl, Elfenbein, Kakao, Baumwolle usw. aus Afrika erfolgte in Europa. Afrika musste die Endprodukte wieder importieren. Der hierdurch verursachte Entwicklungsrückstand konnte bis heute nicht aufgeholt werden.
Die Landwirtschaft war gekennzeichnet durch die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln sowie durch Monokulturen mit tropischen Früchten und Gemüsesorten für den europäischen Konsum.
Europäische Kleider – und damit auch der europäische Bekleidungsstil – wurden von Eroberern und Sklavenhändlern nach Afrika gebracht und gegen Sklaven getauscht. Diese verfrachtete man nach Amerika und benutze sie dort als Zahlungsmittel für verschiedenste Importe nach Europa (u.a. Zucker und Rum).
Der Hürdenlauf der afrikanischen Staaten in die wirtschaftliche Unabhängigkeit
Die afrikanischen Kolonien erlangten ab 1958 sukzessive ihre Unabhängigkeit. Sie versuchten, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten (stark schwankende Preise!) durch eine auf lokalen Ressourcen aufbauende Industrialisierung zu überwinden. Die Ursachen für das verbreitete Scheitern waren:
- fehlendes einheimisches Unternehmertum, viel zu wenige Fachkräfte, unzureichende Produktivität und Innovation, schlechte Kapazitätsauslastung, ungenügende Infrastruktur (Strassen, Eisenbahn) sowie unzuverlässige Versorgung mit Wasser, Strom und Telekommunikation;
- politische Wirren mit (Bürger-)Kriegen, Korruption und Profitsucht autokratischer politischer Eliten (im Verbund mit internationale Konzernen), sozialistisch-planwirtschaftliche Experimente (denen Ende der Achtzigerjahre die Unterstützung des Ostblocks entzogen wurde);
- Priorisierung möglichst grosser Industriekomplexe (kapitalintensiv, große Kapazität) durch die staatlichen Eliten zu Lasten der Klein- und Mittelindustrie sowie des Handwerks;
- ungünstige weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen, fehlendes Kapital für Investitionen;
- klimatische Veränderungen mit zunehmenden ökologischen Krisen (zum Beispiel Ausweitung der Wüstengebiete und Wassermangel, Raubbau an Tropenwäldern und Schädigungen der Umwelt beim Abbau von Rohstoffen), starkes Bevölkerungswachstum und weit verbreitete Armut.
Erst allmählich nach der Unabhängigkeit begannen sich lokale Unternehmen außerhalb des Handels herauszubilden. Die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation steht jedoch noch immer im krassen Gegensatz zu all den Hoffnungen und Visionen, mit denen die jungen Nationen vor etwa 50 Jahren in die Unabhängigkeit gingen.In den meisten Ländern ist das Industrialisierungsniveau insgesamt sehr niedrig geblieben. In einem Viertel der Länder liegt der Anteil der verarbeitenden Industrie am Bruttoinlandprodukt unter fünf Prozent, die Hälfte der afrikanischen Länder weist lediglich einen Anteil von bis zu zehn Prozent auf. Selbst die in Afrika geerntete Baumwolle wird nur zu einem geringen Teil in Afrika verarbeitet.
Afrika gilt im Vergleich zu anderen Kontinenten als teurer Produktionsstandort!
Bedeutung der Marktöffnungen und der Globalisierung der Wirtschaft Mitte der 80er Jahre
Zahlreiche afrikanische Länder versuchten, eigene Industrien zu stärken, um die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren. Sie scheiterten, da die heimische Industrie unproduktiv blieb und nur so lange existieren konnte, als Importverbote, Subventionen oder Zölle wirkten. Die Öffnung der Märkte erfolgte unter dem Druck der Weltbank und des Währungsfonds und überforderte die zu wenig innovativen respektive veralteten Betriebe. Das galt speziell für die damaligen Textilmanufakturen.
Inzwischen gibt es in jedem Land Afrikas wieder eine mehr oder weniger gut funktionierende Textilproduktion. Dort werden hauptsächlich Nischenprodukte, wie Uniformen, Berufskleidung usw. sowie Textilien mit typisch afrikanischem Design, die in Europa und den USA einen Markt gefunden haben und Textilien für den zollbegünstigten Export hergestellt.
Die einzelnen Länder Afrikas versuchen, Investoren für den Aufbau neuer Textilbetriebe für die Herstellung von Exportprodukten zu gewinnen. Mehr oder weniger gute Erfolge verzeichnen zum Beispiel Mauretanien, Madagaskar, Kenia, Zimbabwe, Swasiland und Äthiopien.
Doch bisher sind fast nur Lohnfertigungswerke (verlängerte Werkbänke chinesischer Textilfirmen) entstanden. Das schafft zwar Arbeitsplätze, aber nur einen geringen Gewinn. Kreative Modefirmen wie sie heute zum Beispiel in Hongkong existieren, lassen in den meisten Ländern weiter auf sich warten. Es soll umgekehrt Unternehmungen geben, die ihre Produktion in letzter Zeit aus Kostengründen von Afrika nach Asien verlegten.
Der Einfluss der Armut auf den Kleiderbedarf in Afrika
Die Einkommen von sehr vielen Menschen sind so niedrig, dass sie in permanenter Armut leben. Die Einkommensverteilung ist sehr ungleich und in den meisten Ländern besteht eine hohe Arbeitslosigkeit. Im «informellen Sektor» (Schattenwirtschaft, die nicht in der offiziellen Statistik der Volkswirtschaft erscheint) der Städte und auch auf dem Land versuchen die Menschen zu überleben. Auch die Beschäftigung von Hunderttausenden im Handel mit Altkleidern (mit Einbezug von Wäschereien und Schneidereien) wird diesem informellen Sektor zugezählt.
Als die überschuldeten afrikanischen Staaten ihre Textilproduzenten Mitte der 80er-Jahre nicht mehr mit hohen Subventionen stützen konnten, verteuerten sich die produzierten Kleider stark und konnten von der Bevölkerung nicht mehr gekauft werden. Der Umsatzeinbruch führte nicht nur zur Schliessung der Produktionsbetriebe, sondern auch zu einer Verknappung des Kleiderangebots. Deshalb erlaubten die Staaten den Import von sowohl neuen als auch von gebrauchten Textilien.
Heute kann die Bevölkerung Afrikas wählen zwischen
- billigster Ware aus Kunstfasern, in der man stark schwitzt und die von miserabler Qualität ist und darum nicht geschätzt wird;
- dem Kauf importierter Stoffe, aus denen durch lokale Schneider Kleidung hergestellt wird;
- teurer Importware, entsprechend der Qualität, wie wir sie in Europa kennen;
- Altkleidern aus Europa, den USA und Kanada (also unsere gute Qualität), die nur einen Bruchteil von dem kosten, was für gleichartige Neuware zu zahlen wäre.
Würde die Lieferung der beliebten Altkleider eingestellt, müsste der Grossteil der Bevölkerung (bis und mit Mittelschicht) die unerwünschte chinesische Billigware kaufen, denn es ist niemand in der Lage, die entstehende Lücke durch gleichwertige und bezahlbare Neuware zu schliessen. Ein Importverbot für Altkleider würde einzig bewirken, dass asiatische und speziell chinesische Importeure ihre Einfuhren verstärken könnten – für eine afrikanische Textilindustrie ergäbe sich kein Vorteil.
Fazit: Kaum Einfluss von Altkleidern auf afrikanische Textilproduktion
Seit Jahren steht die Frage im Raum, ob die Importe von Secondhand-Kleidern nach Afrika verantwortlich für den Niedergang der afrikanischen Textilindustrie seien und wenn ja, in welchem Umfang. TEXAID hat deshalb schon 1997 veranlasst, dass die schweizerische Agentur für Entwicklung SAD Wissenschaftler aus Tunesien und Ghana beauftragte, den Sachverhalt in ihren Ländern fundiert zu klären. Das Ergebnis der Gespräche mit über 2’900 Personen in den beiden Ländern war klar: Altkleider sind nicht verantwortlich für die fehlende Textilindustrie in Afrika.
Eine Studie von Oxfam (einer führenden britischen Hilfsorganisation) aus dem Jahre 2005 konstatierte, dass in Afrika etwa zur gleichen Zeit Importe von Altkleidern und von neuer Ware zugelassen wurden und vermutet, dass das rasche Wachstum des Altkleiderhandels die afrikanischen Textilproduzenten zusätzlich entmutigt habe. Oxfam bestätigt aber die grosse sozialpolitische Bedeutung des heutigen Angebots von Secondhand-Kleidern in Afrika. Ferner besagt die Oxfam-Studie, dass die Altkleider jetzt eher Importe von Billigtextilien aus China verringern, als dass sie die afrikanische Textilproduktion beeinträchtigen.
Den im Altkleiderhandel involvierten Hilfswerken wird in der Studie empfohlen, den Vertrieb ihrer Ware möglichst lange auf dem Weg zu den Endverbrauchern zu kontrollieren, um die Korruption einzudämmen. In diesem Sinne hat TEXAID ihre Kontrolle über die Wertschöpfungskette in den letzten zwei Jahren bis nach Bulgarien und Ungarn verlängert. Obwohl wünschenswert, sind weitergehende Kontrollen praktisch nicht organisierbar und finanzierbar.
Ausserdem verlangt die Oxfam-Studie, dass offen kommuniziert wird, was mit gesammelten Altkleidern effektiv geschieht. Bei TEXAID ist dies Standard.
Ein über den Zeitraum von zwei Jahren realisiertes «Dialogprogramm» der Organisation FairWertung aus Deutschland, über das im Juni 2010 im Deutschen Fernsehen und in Fachzeitschriften berichtet wurde, kommt zum Schluss, dass der Vertrieb von Secondhand-Kleidern in Afrika aus sozialer Sicht zu begrüssen sei und die Situation der dortigen Textilindustrie nicht zu verantworten habe.
TEXAID ist sich bewusst, dass es in einigen afrikanischen Staaten Korruption gibt, unter der ebenfalls Altkleiderimport und -handel leiden. TEXAID konstatiert, dass die Altkleider auch in diesen Ländern für weite Teile der Bevölkerung (in der Regel deutlich über 50 Prozent) aus sozialer Sicht unentbehrlich sind.