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Die immer wieder fotografierte Kulisse präsentiert sich malerisch: Häuser, die an einem Steilhang wie aufeinandergestapelt wirken, sind in bunten Farben bemalt, rot, orange, rosa, hellblau, hellgrün oder gelb. Zuoberst thronen die blaue Kuppel einer Basilika und eine uralte Festung. Unten im Hafen dümpeln Fischerboote im azurblauen Wasser. Procida, zwischen Neapel und der Insel Ischia gelegen, bietet eine überaus postkartentaugliche Fassade.
Zudem ist Procida als Filmkulisse berühmt geworden. Unter anderem wurde 1994 «Il Postino», «Der Postmann» teilweise hier gedreht, ebenso 1999 «Der talentierte Mr. Ripley» mit Matt Damon, Jude Law und Gwyneth Paltrow nach dem Roman von Patricia Highsmith.
Dass es Touristen verwehrt ist, ihre Fahrzeuge auf der Fähre nach Procida zu bringen, verheisst Ruhe, Musse und Beschaulichkeit. Man stellt sich autofreie Gassen vor, von Beizentischen und den Auslagen von Boutiquen verstellt, und vereinzelte Touristen, die fröhlich durch die romantische Szenerie einer pittoresken italienischen Kleinstadt spazieren. Verstärkt wird die Vorfreude durch Berichte in Zeitungen und auf Reiseblogs, wo von «Schönheit in der Stille» geschrieben und die Insel als «Juwel», als «Perle im Mittelmeer» oder als «Geheimtipp ohne Massentourismus» angepriesen wird.
Dichtest besiedelte Mittelmeerinsel
Man fragt sich, ob Verfasser solcher Schlagzeilen jemals auf der Insel waren. Dass diese verklärte Vorstellung nicht stimmen kann, müsste einem eigentlich schon bewusst werden, wenn man die nüchternen Zahlen betrachtet: Procida ist 4,1 Quadratkilometer gross und hat 10'000 ständige Einwohner. Das sind fast 2500 pro Quadratkilometer, womit Procida die am dichtesten besiedelte Mittelmeerinsel ist. Mykonos zum Vergleich ist 25 Mal grösser, hat aber ungefähr gleich viele Einwohner.
Doch das ist natürlich nicht alles: Im Sommer strömen Hunderttausende von Touristen auf die Insel, die meisten nur als Tagesausflügler, einige aber auch für mehrere Tage. Was das bedeutet, kann man sich sogar vorstellen, wenn man ausserhalb der Hauptsaison anreist. Sogar dann spürt man die unterentwickelte touristische Infrastruktur: Es gibt zu wenig Restaurants für alle Besucher; ohne Reservation bekommt man kaum einen Tisch. Wie muss das erst im August aussehen, wenn sich hungrige Touristenmassen durch die Gassen drängeln und sich die ungezählten Airbnb, aus denen die halbe Insel zu bestehen scheint, mit Touristen füllen?
Und auch wenn Touristen keine Fahrzeuge mitbringen dürfen, gibt es keine Spur von Gemächlichkeit. Im Gegenteil: Der Verkehr ist mörderisch. «Es ist wahnsinnig mühsam», klagt die Taxifahrerin. Autos stauen sich in den Gassen und stossen ihren Qualm aus. Fussgänger werden von Scooterfahrern und Radlern auf E-Bikes mit fetten Reifen (scheinbar der neueste Trend auf der Insel) an die Hausmauern gedrückt, wenn sie nicht überfahren werden wollen. Kurzum: Statt mehrere Tage hierzubleiben, möchte man am liebsten gleich wieder abreisen.
Italienische Kulturhauptstadt 2022
Dieses Jahr dürfte sich die Misere noch verschlimmern. Procida ist italienische Kulturhauptstadt 2022, was in zweifacher Hinsicht grotesk klingt: Erstens sucht man auf Procida vergebens nach dem, was gemeinhin unter «Kultur» verstanden wird. Und zweitens ist Procida keine Stadt.
Den Titel trugen in den vergangenen Jahren bekannte Orte wie Lecce, Siena, Cagliari, Perugia, Ravenna, Mantua, Pistoia, Palermo und Matera. Parma blieb wegen der Covid-Pandemie sogar zwei Jahre, 2020 und 2021, italienische Kulturhauptstadt. Es handelte sich also durchwegs um Städte mit reichem historischem Erbe und einem kulturellen Reichtum, der sich über Jahrhunderte entwickeln konnte, als Procida noch von der Fischerei lebte und Neapel seine Verbrecher hier deponierte.
Der Titel, der mit einer Subvention von einer Million Euro verbunden ist, dürfte allerdings noch mehr Besucher auf die kleine Insel locken als sonst. So riskiert Procida, am Tourismus zu ersticken und endgültig zu zerstören, was die Insel in der Vergangenheit vielleicht tatsächlich zu einem «Geheimtipp» und einem «Juwel» machte.