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Am Freitag waren ich und Adi Blum mit unserem Gotthelfprogramm beim Deutschclub in Neuchâtel. Er als Musiker, ich als Autor. Die Leute lachten, applaudierten, dankten. Es ging gut.
Am Samstag dann mit Tochter Babette unterwegs. Auf dem Markt, in der Epa und am Bahnhof, wo ich mich nach den Zugverbindungen nach Willisau erkundigte, wo der nächste Gotthelfauftritt stattfinden sollte. Ich wusste noch nicht, wie ich da hinkomme, erwog im Auto hinzufahren, da ich gemäss meinen Informationen, um zur rechten Zeit dort zu sein, schon um halb acht auf den Zug müsste. Die Frau von der SBB druckte mir aber eine Verbindung über Langenthal aus. Mit der Hutwyl Bahn. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich je mit dieser Bahn gefahren bin und dachte, da stehe ja eine kleine Reise bevor.
Aus dem Journal:
Unterwegs in Sachen Gotthelf.
25. Mai 1997, bearbeitet 26. Mai 2012
Am Samstag nachmittag fuhren wir mit dem Auto erst in die MIGROS, dann nach Würzbrunnen. Ich erzählte Judith, dass ich morgens um zwei, weil ich nicht hatte schlafen können, Radio gehört habe und dass im Nacht-Express auf DRS I tatsächlich ein Volkslied gespielt worden war über das Würzbrunnenkirchlein. Es war nämlich Judiths Idee, da hinzufahren. Ich sagte ihr auch, dass es zwar ein Hudigägeler gewesen sei, die Worte seien mir aber doch durch ihre Feinheit, durch ihre Präzision und durch ihre perfekten Reime aufgefallen. Sie meinte, ich solle mich doch beim Radio nach dem Titel erkundigen.
In Linden tranken wir in der Linde einen Kaffee. Maxine schlief, Babette probierte den Spielplatz neben dem Gasthof aus. An einem Tisch unterhielten sich ein paar Männer über die Formel I Weltmeisterschaft. Sie trugen Hemden und Jacken auf welchen für amerikanische Produkte und für amerikanische Unternehmungen geworben wurde. Einer der Männer hatte sein Sturmgewehr dabei. An diesem Wochenende fand das Eidgenössische Feldschiessen statt. Aus irgend einem Grund wurde einem andern Mann unterstellt, er sei wohl zu Geld gekommen. Dies wurde jedoch nicht mit einer herkömmlichen oder gar ländlichen Redensart ausgedrückt. Niemand sagte, dir het dänk ds Houztütschi gkalberet. Man sagte: Hesch Du im Bennissimo gwunnä?
Das Würzbrunnen-Kirchlein präsentierte sich still, schön, gediegen. Judith war zufrieden. Sie hatte es noch nie gesehen. Es steht tatsächlich ziemlich erhaben, auf dieser Wiese. Ein Anschlag wies darauf hin, dass man bei Trauungen den eigenen Pfarrer mitbringen müsse, dass Musik und Buch zur Verfügung gestellt würden und dass leider keine Ausnahme gemacht werden könne, bei der Regel, dass pro Hochzeit nur eine Stunde zur Verfügung steht. Nur so könnten möglichst viele Paare in den Genuss dieses Kirchleins und der Einzigartigkeit dieser Umgebung kommen.
Der Himmel war leider etwas verhangen, in der Ferne sah man nur Dunst, keine Emmentalerhügel, keine Berge, dafür in der Nähe mindestens ein paar schöne Höfe, mit gewaltigen frisch aufgestapelten Scheiterbeigen und bei einem Hof pflückten zwei kleine Kinder in der Hofstatt Blumen.
Am Sonntag war ich um halb neun bei der Bushaltestelle, Während ich wartete, leerte ich meine Jackentasche. Tochter Babettes Brot- und Biscuit-Resten, Papierfetzen, Fahrkarten, ein schmutziges Taschentuch. Im Bus, der aus Ostermundigen kam, sass ein junger Mann mit Kahlschnitt und grossen Ringen in einem Ohr neben seinen Eltern. Die äusserlichen Attribute unterschieden sie gewaltig, in ihrem Gespräch waren sie aber erschreckend gleich. Auf dem Bundesplatz wollte eine alte Frau aussteigen, konnte aber nicht mehr. Man rief nach dem Chauffeur. Dieser sagte, sie solle noch bis zum Bahnhof sitzen bleiben, dort werde man sich um sie kümmern. Jemand meinte, eine Ambulanz wäre das beste. Die Frau setzte sich wieder und lächelte. Bleich und schwach.
Bei der Heiliggeist-Kirche, wo Bitzius als Vikar gedient hatte, nahm man gerade ein Konfirmanden-Foto auf. Für einmal war die Treppe dort vor dem Haupteingang nicht von der Drogen- und Jugendszene belagert.
Im Zug nach Langenthal las ich den Bericht Gotthelfs über eine sogenannte Missionspredigt im Lutherntal. Ich suchte nach einem geeigneten Textausschnitt mit Luzerngehalt. Gotthelf beschrieb, wie er hinkam, wie er mit den Leuten redete und wie gepredigt wurde. Nicht respektlos, im Gegenteil.
Die Hutwylbahn hielt zwar an jeder Station, ist aber modern und komfortabel. Im gut gefederten und gut klimatisierten und gut isolierten Wagen, hörte ich die Gespräche der Leute. Wieder wurde Bennissimo erwähnt. Jemand erzählte auch von einer Frau, die bald die AHV bekomme und über 1000 Franken einem Heiratsberater gegeben habe. Wieder andere beschränkten sich auf Naheligendes. Veiä chly Lüt usgschtyge, sagte ein Mann und eine Frau sagte: Ig weiss nüm wo, aber ds Sursee oder ds Willisau het dr Simon Jugitag hüt.
Ich kann ihr nachhelfen. Der Jugitag fand in Willisau statt. Bei einem Spaziergang nach der Lesung bei der Theatergesellschaft im Gasthof Krone, hörte ich die Lautsprecheranlage und sah wie oben hinter dem Schloss auf einem Sportplatz Hunderte von Jugendlichen in allerlei Wettkämpfe verwickelt waren. Ich sah auch wie sie durch die grünen, durchaus üppigen Matten liefen, in Stafetten und Einzelläufen. Im Willisauer-Boten las ich später, über 2000 Mädchen und Buben würden an diesem Anlass teilnehmen und hofften auf lautstarke Unterstützung vieler Zuschauer.
Ich setzte mich in die sehr helle, sehr sauber wirkende Kirche, die auf dem Dach einen schieferschwarzen Turm trägt, der auch zu einem Bahnhof passen würde. Auffallend war aber die aus schwarzem Marmor. Wer dort oben steht, muss oder soll sich vorkommen wie ein König, soll sich wie ein Herrscher fühlen in diesem barocken Prunk. Welch ein Unterschied zum Würzbrunnenkirchlein!
Auch die Akustik war grossartig. Gleich hinter der Kirche, an einem steilen Hang, unten am Schloss, weideten ein Dutzend Schafe. Durch drei oder vier geöffnete Flügelfenster auf der einen Schmalseite drang das Bimmeln ihrer Glöcklein, auch ihr Blöcken laut und klar. An der Müligass, gleich bei der Kirche, schaute ich in das Schaufenster des Goldwasch-Shops. Offensichtlich wird im Napfgebiet hobbymässig wieder Gold gewaschen. In diesem Laden gibt es dazu die Ausrüstung zu kaufen. Schaufeln, Pfannen, Schleusen, Stiefel, Karten und Fachliteratur. Auf zum Mitnehmen ausgehängten Zetteln wurde ferner auf ein weiteres Napf-Abenteuer hingewiesen: Die Familie Aregger aus Hergiswil organisiert Lama-Trekking „im wildromantischen Napf-Gebiet“. Zwei Stunden, aber auch mehrere Tage lang kann man eine erholsame Wanderung geniessen, während die Lamas das Gepäck tragen.
Der Auftritt im Kleintheater ging problemlos über die Bühne. Die Leute lachten, applaudierten, dankten.
Bei der Confiserie Amrein kaufte ich danach Willisauer-Ringli für 40- Franken, ein Teil davon in einer Trommel für Babette und ging dann zum Bahnhof, wo um 13h15 mein Zug nach Wohlhusen fuhr. Beim Umsteigen dort, beim Überschreiten der Geleise begegnete ich einem Kollegen, der wohl auch unterwegs war in Sachen Literatur. Die Zeit reichte aber nur zum Gruss. Es war Peter Bichsel. Auch er trug ein weisses Hemd und ein dunkles Jackett.
25. Mai 1997, bearbeitet 26. Mai 2012