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Hans Minder (63) legt einen kleinen Stapel Blätter auf den Tisch und schiebt ihn Robin O’Hearn unter die Nase. «Das ist alles, was ich über Ihre Vorfahren herausgefunden habe», sagt er auf Englisch und zeigt auf Namen und Daten auf dem Blatt. Der Lokalhistoriker hat das amerikanische Ehepaar in den Gasthof Bären in Eggiwil BE im Emmental zu einem Kaffee eingeladen.
Robin (61) und ihr Ehemann Bill O’Hearn (60) aus New Jersey sind hier, weil Robin herausfinden will, wo sie herkommt. Vor einem Jahr ist ihre Mutter, Mary Lou Bixler, gestorben. Da fing sie an, nach ihrer Familiengeschichte zu suchen. Im Archiv in ihrer Heimatstadt in Ohio fand sie die Papiere der ersten Volkszählung im Jahr 1823. Da stiess Robin auf den Namen Jakob Bixler und konnte ihre Ahnenlinie zu ihm zurückführen. Nach ein paar Nachforschungen fand sie heraus, dass der Name Bixler vom Berner Nachnamen Bichsel abstammt. Der Heimatort der Familie Bichsel brachte sie auf die Spur seiner Herkunft: Eggiwil im Emmental.
Täufer wurden vertrieben und verjagt
Heute will Robin O’Hearn zusammen mit Ehemann Bill herausfinden, warum dieser Jakob ausgewandert ist und wie er in der Schweiz gelebt hat. Und sie will sich das Emmental ansehen. Während ihrer Recherchen zu Jakob ist Robin auf den Historiker Hans Minder gestossen. Heute zeigt dieser den O’Hearns einige Orte, die mit der Geschichte der Familie Bichsel zu tun haben.
Als erstes Ziel hat Minder die alte Kirche ausgesucht. Sie steht fünf Gehminuten vom «Bären» entfernt. Auf dem Weg erzählt Robin O’Hearn, was sie bereits herausgefunden hat: «Jakob reiste mit der Brigg ‹Thetis› vom französischen Le Havre bis New York. Da ist er am 5. Juli 1821 gelandet», erzählt sie. Die alten Dokumente zeigen: Es waren fast nur Schweizer an Bord. «Jakob hatte zwei Kisten, einen Wagen, ein Bündel und eine Waffe bei sich», erzählt O’Hearn.
Während die O’Hearns bedächtig um die Kirche aus dem Jahr 1632 gehen und ihre Hände an die Mauern legen, erzählt Minder: «Im 17. und 18. Jahrhundert lebten im Emmental und im Berner Oberland einige Anhänger der Täufergemeinde, einer Abspaltung der reformierten Kirche. Die Täuferkirche war zu dieser Zeit in der Schweiz verboten, und die Anhänger wurden verjagt und enteignet.» Aus diesem Grund seien viele von ihnen nach Moutier im damaligen Fürstbistum Basel ausgewandert. Das gehörte zu dieser Zeit nicht zur Schweiz. Von da reisten einige weiter in die USA. «In den alten Dokumenten habe ich einen Hinweis darauf gefunden, dass ein Vorfahre von Jakob Bichsel 1706 eine Täuferin geheiratet hat. Ich nehme deshalb an, dass die ganze Familie zu den Täufern konvertierte und ihre Heimat verlassen musste.»
Das kann Robin O’Hearn bestätigen. «Von New York ging Jakob zum Dorf Sonnenberg im heutigen Bundesstaat Ohio, wo sich schon andere Schweizer Auswanderer niedergelassen hatten. Sie alle gehörten der Täuferbewegung an», erzählt sie. Den Weg legte Bichsel zu Fuss zurück. Es handelt sich um rund 756 Kilometer, vergleichbar mit einem Fussmarsch von Zürich nach Berlin. «Im Dorf Sonnenberg hat Jakob als Farmer gearbeitet», sagt O’Hearn. In Sonnenberg ist sie aufgewachsen. Bis heute gehört ihre Familie der Täufergemeinde an.
Bilder des alten Hofs
Nach einer kurzen Besichtigung der Kirche steigt das Ehepaar in Minders Jeep. Seine Nachforschungen haben den Historiker zu zwei Bauernhöfen geführt. Diese möglichen früheren Wohnorte der Bichsel-Familie will er seinen Gästen zeigen. Nach kurzer Fahrt durch ein Waldstück erreichen sie am Ende eines kleinen Tals den ersten Hof.
Seit 1930 gehört dieses Bauernhaus der Familie Schwarz. Für die O’Hearns haben sie nach alten Fotos gesucht und Bilder des Hofs vor dem Umbau gefunden. Zwischen den freilaufenden Seidenhühnern und den anhänglichen Hofkatzen beugen sich Robin und Bill über die alten Fotos. «Ich bin mir nicht sicher, ob das noch das ursprüngliche Haus ist. Aber die Bauart passt zur Architektur der Zeit der Familie Bichsel», sagt Minder.
Idylle löst Heimatgefühle aus
Ein Spaziergang auf den Hügel hinter dem Haus, ein paar Fotos, dann führt Minder das Ehepaar zum zweiten Hof. Am Ende eines verwachsenen Feldwegs steht ein altes Holzhaus, das heute als Ferienhaus vermietet wird. «Auf dem Hügel hinter dem Gebäude soll früher eine Burg aus Holz gestanden haben. Darum bekam dieser Familienzweig der Bichsel den Beinamen ‹unter der Bürg›», erklärt Minder. Gedankenverloren schlendert Robin ums Haus. Der idyllische Hof ist für sie ein guter Abschluss der Reise in die Vergangenheit. «Ich liebe diese Gegend und die Kühe auf den Weiden – muss wohl genetisch sein», sagt sie und steigt mit Bill ins Auto. Minder fährt sie zum Bahnhof, wo sie ihre Schweizerreise fortsetzen.
Zu Hause wird sie weiterforschen und andere Nachfahren der Bichsels kontaktieren. Die Adressen hat ihr Hans Minder zugesteckt. Vielleicht können sie ihr helfen, die restlichen Lücken in ihrer Familiengeschichte zu schliessen.
SCHWEIZER SPEZIALITÄT:
Wozu ist der Heimatort eigentlich gut?
Anders als in unseren Nachbarländern ist im Schweizer Pass nicht der Geburtsort, sondern der Heimatort aufgeführt. Die wichtigsten Fragen zum Spezialfall der Schweiz:
Was ist ein Heimatort?
Der Heimatort ist der Herkunftsort einer Familie. Schweizer Nachnamen geben darum meist einen Hinweis darauf, wo die Vorfahren herkamen.
Welche Bedeutung hat der Heimatort heute noch?
Eine Funktion hat der Heimatort keine mehr. Bis 2012 musste der Heimatkanton seinen Bürgerinnen und Bürgern finanziell unter die Arme greifen, falls diese Sozialhilfe beantragten und noch keine zwei Jahre in ihrem aktuellen Wohnkanton lebten.
Wie kommt man zu seinem Heimatort?
Schweizer erben ihren Heimatort von den Eltern. Ausländer und Ausländerinnen bekommen einen Heimatort, wenn sie einen Schweizer Bürger heiraten oder sich einbürgern lassen.
Was passiert bei einer Heirat?
Heute behalten beide Ehepartner ihren Heimatort. Auch wenn man bei einer Heirat den Namen wechselt. Die Kinder erben den Heimatort derjenigen Person, deren Namen sie tragen.
Was unterscheidet den Heimat- vom Bürgerort?
Da gibt es keinen Unterschied, mit Bürgerort und Heimatort ist dasselbe gemeint.
Kann man seinen Heimatort ändern?
Ja. Die generelle Regel lautet: Man muss zwei Jahre an einem neuen Ort wohnen, dann kann man eine Einbürgerung beantragen. Diese Regel kann aber je nach Wohnkanton variieren.
Tipps zur Ahnenforschung