Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/1191

Pfingstbewegung, Charismatik und Neocharismatik
Die Pfingstbewegung stellt mit der aus ihr herausgewachsenen charismatischen und neocharismatischen Bewegung die weltweit erfolgreichste Strömung des Christentums im 20. Jahrhundert dar. Entstanden ist die Bewegung nach 1901 – im Jahr 2000 sollen insgesamt rund 600 Mio Menschen pfingstlerischen, charismatischen und neocharismatischen Gemeinden angehört haben.
Mitverantwortlich für diese Ausbreitung ist der Einbezug emotionaler und enthusiastischer Elemente in Gottesdienst und Lebenspraxis, was insbesondere unter Christen mit einer kulturellen Prägung, die gegenüber Emotionen nicht so zurückhaltend ist wie die europäische, erfolgreich ist. In Europa fiel der Zuspruch zur Pfingstbewegung und ihren Tochterbewegungen denn auch weit geringer aus.
Manche Elemente aus Lehre und Praxis der Bewegungen, etwa die Anbetung, wirkten aber weit über die Bewegungen selbst hinaus.
Die Pfingstbewegung ist der Aufbruch eines enthusiastischen Christentums, das dessen Anhänger mit dem Wirken des Heiligen Geistes in Verbindung bringen. Die Bewegung ist nicht einheitlich. Sie umschliesst eine grosse Zahl verschiedener Gemeinden und Gruppen.
Herausgewachsen ist die Pfingstbewegung aus der Heiligungsbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der es um das Erreichen eines (möglichst) sündlosen Standes im christlichen Leben ging, eines Standes der Heiligkeit, welcher als zweite Stufe zur Bekehrung hinzutrete. In diesem Zusammenhang wurde z.T. intensiv nach einem konkreten Erlebnis gesucht, welches das Eintreten des Standes der Heiligkeit belegen sollte. Die ersten pfingstlichen Erfahrungen wurden denn auch in diesem Sinne gedeutet.
Als Anfangspunkt der Pfingstbewegung werden etwa Versammlungen in Kansas/ USA im Jahre 1901 genannt, während die rasche Ausbreitung 1906 mit den Zusammenkünften in der «Azusa-Street-Mission» in Los Angeles einsetzte. Im Jahre 1906 hielt sich auch der norwegische Methodistenprediger T.B. Barratt in den Vereinigten Staaten auf. Er empfing «eine mächtige Geistestaufe» und wurde, nach seinen eigenen Äusserungen, «von solchem Licht und solcher Kraft erfüllt, dass er mit lauter Stimme in einer ihm fremden Sprache zu rufen anfing».
Barratt brachte die neue enthusiastisch-emotionale Frömmigkeit nach Norwegen. Von dort dehnte sich die Pfingstbewegung sehr bald auch nach Mitteleuropa aus.
In Deutschland fand die pfingstlerische Frömmigkeit in gewissen Teilen der Gemeinschaftsbewegung, die unter dem Eindruck der Heiligungsbewegung und der Erweckung in Wales (1905) standen, zuerst offene Türen. 1909 distanzierte sich jedoch die deutsche Gemeinschaftsbewegung mit der sogenannten «Berliner Erklärung» deutlich von der Pfingstbewegung.
1907 bildete sich auch in der Schweiz, in Zürich, ein erster Pfingstkreis. Zwei norwegische «Missionarinnen» und bald darauf auch T.B. Barratt selbst besuchten die Gemeinden in Deutschland und in der Schweiz.
Die weitere Geschichte der Pfingstbewegung ist durch zweierlei gekennzeichnet: Das emotionale Element, das in der Anfangszeit zu erregten, lauten und z.T. wirren Versammlungen geführt hatte, ist mindestens in den bedeutenden Pfingstkirchen spürbar zurückgetreten. Die Betonung des Geistwirkens, verbunden mit einem begrenzten Enthusiasmus, ist jedoch geblieben.
Anfänglich waren Fragen der Organisation unter dem Eindruck des eigenen Erlebens zweitrangig. Im Laufe der Zeit bildeten sich dann aus pfingstlerischen Aufbrüchen oder durch Abspaltungen eine Reihe grösserer und eine Menge kleinerer voneinander unabhängiger Pfingstgemeinden bzw. Gemeindeverbände. In neuerer Zeit suchen verschiedene Pfingstrichtungen vermehrt Kontakt miteinander.
Die Weltpfingstkonferenzen, deren erste 1947 in Zürich durchgeführt wurde, sind zu grösseren Treffen pfingstlerischer Kreise angewachsen. Eine bedeutende Zunahme der Mitglieder verzeichnen in den letzten Jahrzehnten u.a. die südamerikanischen Pfingstgemeinden. Nach pfingstlerischer Ansicht steht eine Kirche nur dann in der Nähe der neutestamentlichen Gemeinde, wenn sie dem u.U. auch enthusiastischen Wirken des Heiligen Geistes, also der Geistestaufe und den Geistesgaben, Raum gibt.
In der Betonung der Bedeutung von Geistesgaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilungen vertritt die Pfingstbewegung einen sog. «aktualistischen Standpunkt», d.h. die Berichte über Geisteswirkungen im Neuen Testament sind auch heute Vorbild fürs Gemeindeleben. Dagegen vertreten die reformatorischen und die evangelikalen Gemeinschaften eine «cessationistische» Position, die davon ausgeht, dass Wunder und Geistwirkungen im neutestamentlichen Ausmass mit dem Ende des apostolischen Zeitalters oder mit der Fertigstellung des Neuen Testaments aufgehört haben. (Basis der cessationistischen Lehre ist die alltägliche Erfahrung, dass sich in den Gemeinden Wunder in neutestamentlichem Ausmass nicht ereignen. Dieses Problem stellt sich auch der Pfingstbewegung.) Radikalen Cessationisten war und ist es als Gefangenen ihrer Theorie nicht möglich, die Ereignisse in der Pfingstbewegung auf den Heiligen Geist zurückzuführen. Da auch eine psychologische Erklärung ausschied, blieb als vermeintliche Ursache nur noch der Geist «von unten» übrig (so in der oben erwähnten «Berliner Erklärung» des Gnadauer Verbandes 1909).
Der Anspruch, die eigene Gemeinde stelle allein die wahre Kirche dar, wird zur Hauptsache von extremen Pfingstrichtungen erhoben. Das Verständnis des Heiligen Geistes in der Pfingstbewegung steht zu festen Organisationsformen grundsätzlich in Spannung. Viele Pfingstrichtungen betonen deshalb einfach die Bedeutung der Einzelversammlung, die in manchen Fällen von Ältesten und Predigern geleitet wird. Die Geschäfte grösserer Gemeindeverbände werden in manchen Fällen von Brüderräten besorgt.
Die Glaubensanschauungen der vielen Pfingstgemeinden sind keineswegs einheitlich. In der Regel betonen aber alle die Inspiration und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, die Erlösung durch Jesus Christus, die nahe Wiederkunft Christi und die offene Bereitschaft für das Wirken des Heiligen Geistes.
Darüber hinaus lassen sich bei den verschiedenen Gemeinden folgende Unterschiede feststellen: Der Heilsweg umfasst drei oder zwei entscheidende Erlebnisse, entweder die Bekehrung, die Heiligung und die Geistestaufe oder nur die Bekehrung und die Geistestaufe. Die Taufe wird hauptsächlich den Glaubenden gespendet; einzelne Pfingstrichtungen vertreten die Kindertaufe. Neben der trinitarischen Taufe kommt – beim sog. «Oneness»- oder «Jesus-only»-Flügel der Pfingstbewegung – auch die Taufe allein auf den Namen Jesu vor, meist verbunden mit einem modalistischen Gottesverständnis, welches in Gott Vater, Jesus Christus und dem Heiligen Geist verschiedene Erscheinungsweisen ein und derselben Person sieht. Einzelne Gemeinden halten neben Taufe und Abendmahl auch an der Fusswaschung fest.
Für alle Pfingstgemeinden ist ein Christsein im Vollsinne des Neuen Testaments erst mit dem Erlebnis der Geistestaufe erreicht und das Gemeindeleben nur vollständig, wenn die Geistesgaben wie Weissagung, Zungenrede, deren Übersetzung und Krankenheilung zur Auswirkung kommen.
Wesentliche Unterschiede bestehen im Verständnis der Geistestaufe. Sie reichen vom Durchbruch der festen Gewissheit der auf den Glaubenden gerichteten Güte Gottes bis zu stark enthusiastisch-emotionalem Erleben. Nicht als unbedingt notwendig, aber doch als üblich gilt in der grossen Mehrzahl der Pfingstgemeinden, dass die Geistestaufe von der Zungenrede als einem Echtheitsbeweis («initial evidence») begleitet ist.
Seit etlichen Jahren kommt es mehr als früher zu Kontakten zwischen einzelnen Pfingstgemeinden und den grossen Kirchen. An verschiedenen Orten arbeiten Vertreter gemässigter Pfingstgemeinden in der Evangelischen Allianz mit. Zu erwähnen sind auch Gespräche zwischen Pfingstlern und der römisch-katholischen Kirche.
Einzelne südamerikanische Pfingstkirchen sowie die Chiesa Evangelica Internazionale (Italien und USA) sind Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen. Die grosse Mehrzahl der Pfingstgemeinden verhält sich dem ÖkumenischenRat gegenüber jedoch reserviert. Viele Pfingstgemeinden senden eigene Missionare aus.
1961 machten verschiedene Glieder einer kalifornischen Episkopalkirche zusammen mit ihrem Pfarrer, Dennis J. Bennett, charismatische Erfahrungen, d.h. unter ihnen zeigte sich ein auffallendes Bewegtsein durch «die Kraft des Heiligen Geistes». Gleichzeitig erwachten die Geistesgaben (griech.: Charismata), wie sie in 1Kor. 12 und 14 beschrieben sind, vor allem Weisheitsrede, Zungenrede, Heilung, Unterscheidung der Geister.
Aus diesen Anfängen entstand mehr und mehr eine Bewegung, die Mitglieder lutherischer, methodistischer, baptistischer Kirchen und auch der römisch-katholischen Kirche ergriff. An Konferenzen für charismatische Erneuerung trafen sich bald bis zu 50 000 Teilnehmer.
1962 lernte Arnold Bittlinger, damals Pfarrer im Volksmissionarischen Amt der Evangelischen Kirche der Pfalz, in Amerika die neue Bewegung kennen. Mit andern zusammen machte er bald auch in Deutschland entsprechende Glaubenserfahrungen. Charismatische Gruppen entstanden ebenso in den umliegenden Ländern. Zu den ersten Trägern der neuen Bewegung gehörten u.a. Mitglieder aus dem Marburger Kreis, der Rufer-Arbeit (baptistisch) und der Studentenmission (SMD). Bis 1968 hatten sich rd. 150 charismatische Gruppen gebildet. Aus ihrer Mitte entstand der «Arbeitskreis für Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche (GGE)» (bis 1984: «Charismatische Gemeinde-Erneuerung»). In der Schweiz wurde die Charismatische Bewegung seit 1972 durch Tagungen der «Gemeinde-Gaben-Dienste» bekannt.
Da es sich um eine innerkirchliche Bewegung ohne eigentliche Mitgliederverzeichnisse handelt, sind Zahlenangaben schwierig. In Deutschland rechnet man mit einigen hundert evangelischen und eher noch mehr katholischen Gebets- und Gemeindekreisen. In der deutschsprachigen Schweiz haben sich einige Dutzend evangelische und ca. 120 katholische charismatische Kreise gebildet. Innerhalb der katholischen Kirche Österreichs werden rd. 350 Gebetsgruppen gezählt.
Im Glaubenserleben gibt es zwischen der Charismatischen Bewegung und der Pfingstbewegung deutliche Berührungspunkte. In beiden Bewegungen werden neben der Verkündigung auch der Erfahrung des Heiligen Geistes mit dem Empfang der Geistesgaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilungen, Unterscheidung der Geister grosse Bedeutung zugemessen.
Die Unterschiede sind indessen nicht zu übersehen. In der Pfingstbewegung wird das Erlebnis des Heiligen Geistes als begehrenswerte Geistestaufe verstanden. Sie hebt den Christen über die Rechtfertigung des Glaubens auf eine höhere Stufe empor und bringt ihm letztlich erst so das wahre Christenleben. Die Charismatische Bewegung rechnet mit einem spontanen Auftreten der Geisterfahrung. Diese hebt aber den Christen nicht auf eine höhere Stufe des Christseins empor. Er bleibt im Stand der Rechtfertigung, des Angenommenseins durch Jesus Christus, das nicht ergänzt werden kann. Die Erfahrung des Geistes und der Geistesgaben ist ein Geschenk und verhilft zur Stärkung des Glaubens und der Hoffnung. Sie führt zur Vertiefung des Gebets und zum tätigen Einsatz in der Kirche und für den Mitmenschen.
Andere Bezeichnungen: Rhema- oder Glaubensbewegung
Die Wort-des-Glaubens-Bewegung ist ein Seitenflügel innerhalb der Charismatik, welcher eine eigene Theologie entworfen und insbesondere neocharismatische Gemeinschaften und deren Praxis z.T. stark beeinflusst hat.
Die Lehre der Wort-des-Glaubens-Bewegung nimmt Ansätze der Neugeist- und Positives-Denken-Bewegung in das pfingstlich-charismatische Weltbild auf. Historische Nahtstelle für diese Kombination ist der Amerikaner Essek William Kenyon (1867–1948), auf dessen Werken das Schrifttum von Kenneth E. Hagin (1917-2003), dem Vordenker der Wort-des-Glaubens-Bewegung, ganz wesentlich beruht.
Zentrum der Bewegung ist Tulsa/Oklahoma, wo Hagin wirkte. Publizistische Vertreter der Bewegung sind etwa Kenneth Copeland und Charles Emmitt Capps, im deutschen Sprachraum vor allem Wolfhard Margies von der «Gemeinde auf dem Weg» in Berlin.
Aus der Wort-des-Glaubens-Bewegung hervorgegangen ist die brasilianische Igreja Universal do Reino de Deus / Kirche Universal vom Reich Gottes.
Manche Gedanken der Bewegung vertritt auch der Koreaner David (ehemals Paul) Yonggi Cho.
Die Wort-des-Glaubens-Bewegung geht wie die Neugeist-Bewegung von einer schöpferischen Kraft des gesprochenen Wortes aus. Diese Kraft, die im Schöpfungsbericht 1Mose 1 zum Ausdruck kommt, ist nicht Gott allein vorbehalten, sondern steht im Grunde auch dem Christen zu (wie denn überhaupt der Mensch nach Ansicht mancher Wort-des-Glaubens-Lehrer an der Göttlichkeit Gottes Anteil hat oder sogar als «kleiner Gott» bezeichnet werden kann).
Zum Ausdruck kommt das schöpferische Wort, das auch «Rhema» genannt wird, durch «Proklamation» oder durch «Bekennen»: Es wird nicht um das Gewünschte gebetet, sondern dessen schon geschehener, aber noch nicht sichtbarer Empfang proklamiert resp. bekannt. Durch die Proklamation, das Bekenntnis, wird der Empfang realisiert.
Dies sieht im Fall einer Heilung so aus, dass die schon geschehene Heilung proklamiert wird – im Gegensatz zum «main stream» der Pfingst- und charismatischen Bewegung, welcher Gott um Heilung bittet.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Proklamation ist allerdings der Glaube – nur ein im Glauben gesprochenes Wort trägt schöpferische Kraft (deshalb der Name Wort-des-Glaubens-Bewegung). Glaube meint hier nicht in erster Linie Vertrauen auf Gott, sondern die unerschütterliche Gewissheit der Wirksamkeit des Wortes.
Bleibt das Proklamierte aus, hat offensichtlich der nötige Glaube gefehlt. Im Falle der Proklamation einer Heilung können weiterlaufende Symptome im Extremfall als durchzustehende Versuchungen Satans gedeutet werden, denen nicht medizinisch begegnet werden darf (da die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe ja den fehlenden Glauben in die Faktizität der Heilung dokumentiert).
Die schöpferische Kraft des Wortes darf und soll auch zur Gewinnung materiellen Wohlstands eingesetzt werden. Gläubige Christen im Sinne der Wort-des-Glaubens-Bewegung zeichnen sich deshalb auch durch wirtschaftlichen Erfolg aus. Aus diesem Grund wird für die Bewegung auch der Name «Wohlstandsevangelium» verwendet. (Dieser Begriff meint aber auch Pfingstler, die zwar den materiellen Wohlstand als Glaubenszeichen, nicht aber die Lehre von der schöpferischen Kraft des Wortes vertreten, wie es etwa der Heilungsevangelist Benny Hinn vor seinem diesbezüglichen Widerruf tat.)
Verwandte Bezeichnungen: Dritte Welle des Heiligen Geistes, Gemeindeaufbau-Bewegung, Gemeindegründungs-Bewegung
Die neocharismatische Bewegung ging hervor aus der Gemeindeaufbau-Bewegung der 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, der es um die Ausbreitung des evangelikalen Christentums durch Wachstum und Neugründung von Gemeinden ging. Wichtigster Vertreter der Gemeindeaufbau-Bewegung war der Amerikaner Charles Peter Wagner (geb. 1930). Forschungen zur Thematik des Gemeindewachstums brachten Wagner zur Erkenntnis, dass weltweit gesehen pfingstliche und charismatische Gemeinschaften weit stärker wuchsen als nichtcharismatische. Diese Einsicht führte Wagner und seine Mitstreiter dazu, die Einbeziehung der charismatischen Gaben des Heiligen Geistes ins Gemeindeleben zu fordern, ohne eine pfingstliche Theologie zu übernehmen.
Die Vorzüge pfingstlerischer Gemeinden sollten also für evangelikale Menschen zugänglich werden, ohne dass diese ihre Bedenken gegen eine pfingstliche Theologie aufzugeben hätten. Die Folge dieser Bemühung ist eine Mittelposition zwischen Evangelikalismus und Charismatik: Die cessationistische Lehre des anticharismatischen Evangelikalismus wird verworfen, aber ebenso die pfingstliche Lehre von der Geistestaufe als ein zweiter, auf die Bekehrung zeitlich folgender Schritt. Vielmehr fallen nach Meinung der neocharismatischen Bewegung Bekehrung und Geistestaufe zusammen, spätere Erfahrungen mit dem Heiligen Geist, die allenfalls mit Zungenrede einhergehen, werden als wiederholbares Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist gedeutet. Vertreterin dieser Auffassung von Geistestaufe und Erfülltwerden ist insbesondere die Vineyard-Bewegung des Wagner-Mitstreiters John Wimber.
In ihrer Ausrichtung auf Gemeindewachstum und Evangelisation zeigte sich die neocharismatische Bewegung neuen Trends gegenüber, die eine Stärkung des missionarischen Erfolges zu versprechen schienen, meist offen. So wurde Ende der 80er- und Anfang der 90er Jahre von vielen Neocharismatikern die sog. Geistliche Kriegführung vertreten, eine Lehre, die davon ausgeht, dass die Erde von örtlich wirksamen Dämonen beherrscht wird, die durch eine spezielle Form des Gebetes, Kampfgebet oder offensives Gebet genannt, und durch Märsche und Proklamationen der Herrschaft Christi über ein Gebiet vertrieben werden müssen. Das Weichen der Dämonen soll dann eine deutlich verstärkte Offenheit der Bevölkerungdes betreffenden Gebietes für die neocharismatische Botschaft zur Folge haben. Inzwischen ist die geistliche Kriegführung, der manche Neocharismatiker, so z.B. John Wimber oder Wolfram Kopfermann schon immer reserviert gegenüberstanden, weitgehend fallengelassen worden, weil sich insbesondere in Europa keine nennenswerten Resultate zeigten.
Ähnlich begründet sich das Interesse der Neocharismatiker an der sog. Prophetenbewegung, die allenthalben das Ausbrechen einer neuen Erweckung versprach. Als sich dann im Jahr 1994 der Toronto-Segen ereignete, sahen viele Neocharismatiker darin die Erfüllung der diesbezüglichen Prophetien. Diese Erwartungshaltung war für die schnelle Ausbreitung des Phänomens sicher mit verantwortlich.Inzwischen ist der Toronto-Segen, der durch auffällige Verhaltensweisen, die als Wirkung des Heiligen Geistes gedeutet wurden, gekennzeichnet war, weitgehend zum Erliegen gekommen.
Aktuelle Trends sind das Konzept der Zellengemeinde oder die Dienende Evangelisation der Vineyard-Bewegung. Das auffälligste Merkmal der neocharismatischen Bewegung ist aber ihre Betonung der Gründung von neuen Gemeinden. Gemeindegründung ist, so die Sicht vieler Neocharismatiker, die probateste Methode zur Evangelisation. Jeder Mensch soll in seiner Nähe eine Gemeinde finden können, die ihn auch sozial anspricht. Diese neu gegründeten Gemeinden sind deshalb häufig generationen-, schicht- oder ethniespezifisch ausgerichtet und bleiben in Lehrfragen, etwa in den Streitpunkten zwischen Evangelikalismus und Charismatik, bewusst offen. Manche sind auch bezüglich der Wort-des-Glaubens-Bewegung weder auf eine befürwortende noch auf eine gegnerische Position festgelegt.
Diese Kombination von recht strikter Ausrichtung auf eine Bevölkerungsgruppe und Verzicht auf lehrmässige Engführung erweist sich nicht selten als äusserst erfolgreich, so im Fall der ICF Church Zürich. Allerdings wird im neocharismatischen Konzept der Gemeindegründung im Allgemeinen keine oder nur wenig Rücksicht auf schon bestehende Gemeinden genommen, was zu Konflikten mit bereits ansässigen Gemeinden, die allenfalls mit Transferverlusten rechnen müssen, führen kann.