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Es kommt selten vor, dass ich die Empfänger eines – irgendeines – Literaturpreises lese. Wenn, dann endet das meist in einer Enttäuschung, weil die Kriterien für gute Literatur einer Jury selten mit den meinen übereinstimmen. Nun gar der Nobelpreis, dessen Kriterium ja in erster Linie nicht einmal unbedingt literarische Qualität in irgendeiner Form ist. Erste Gerüchte aber, dass es sich bei Mo Yan um einen Vertreter des sog. ‚magischen Realismus‘ handle, haben mich dann bewogen, zu diesem Buch zu greifen. Und – was noch seltener geschieht – ich habe es sogar geschafft, das Buch in demselben Jahr fertig zu lesen, in dem der Preisträger seinen Preis zugesprochen erhielt.
Der Überdruss hält das Versprechen des ‚magischen Realismus‘ sogar ein. Mo Yans frühe Romane sind, wenn ich das richtig sehe, zum Teil noch dem klassischen kommunistisch-sowjetischen Realismus verpflichtet; Der Überdruss stammt aus dem Jahr 2008, wo sich Mo Yan von diesen Fesseln offenbar befreit hat. Ich verbinde ja den magischen Realismus eher mit lateinamerikanischen Romanciers, aber Mo Yan verdient diese Etikette zu Recht.
Worum geht es? Ximen Nao (zu deutsch: Ximen Laut) ist Grundbesitzer in einem kleinen chinesischen Kaff irgendwo in der weiten chinesischen Provinz. Man könnte ihn auch einen Grossgrundbesitzer nennen, weil er weit und breit der einzige ist, der ein nennenswertes Stück Land besitzt. Die Geschichte setzt 1950 ein. Kurz vorher hat Mao Zedong den Bürgerkrieg für sich entschieden und die Macht über ganz China übernommen. Ximen Nao ist zwei Jahre in der Hölle gefoltert worden, in der Hoffnung, dass er endlich Ruhe gäbe und sich nicht mehr darüber beklage, dass er unrechtmässig zu Tode gekommen sei. Zwei Jahre vorher haben ihn nämlich dem neuen Regime verpflichtete Einwohner des Dorfes ziemlich summarisch umgebracht, gelyncht, quasi standrechtlich erschossen auf einer Brücke. Diesen seinen Tod will er zurecht rücken und verlangt deshalb ziemlich laut (!) seine Wiedergeburt im alten Dorf. Mo Yan verwendet sprechende Namen, die deshalb zu Beginn der deutschen Ausgabe in einer Art Personenverzeichnis übersetzt worden sind. Endlich gibt der Höllenfürst Yama nach, und Ximen Nao wird wieder auf diese Welt spediert, sogar zurück in sein altes Dorf. Doch man stelle sich seinen Schreck vor, als er realisiert, dass er nicht als Mensch wieder zur Welt gekommen ist, sondern als – Esel! Esel im Besitz und auf dem Hof seines ehemaligen Knechts Lan Lian (= Blau Gesicht, wegen eines riesigen blauen Muttermals im Gesicht, das sich auch auf seinen Sohn übertragen wird)! Auf dem Hof, der mal der seine war!
Über 50 Jahre lang begleitet Ximen nun das Leben dieses Dorfes, das Leben seiner Einwohner, von denen viele seine leiblichen Nachkommen sind. Zuerst ist Ximen ein Esel, dann ein Stier, ein Eber, ein Hund und zuletzt ein Affe. Jeder tierischen Reinkarnation ist ein mehr oder minder langes Buch gewidmet. Manchmal erzählt Ximen selber, so sein Leben als Esel und als Eber, manchmal wird ihm seine eigene Geschichte erzählt, nämlich sein Leben als Stier. Es stellt sich im zweiten Buch heraus, dass die letzte, wieder menschliche Inkarnation von Ximen mit seinem Enkel, der zugleich über 50 Jahre älter ist als er, zusammenhockt, und sie sich erinnern. Beim Buch des Hundes ist es so, dass die beiden Erzählstimmen durcheinander gehen – oft zur Verwirrung des unachtsamen Lesers, der den Wechsel nicht bemerkt hat, weil er typografisch nicht gekennzeichnet ist. Das letzte, mit knappen 30 Seiten bei weitem kürzeste Kapitel erzählt schliesslich ‚Mo Yan‘, auch ein Dorfkind (ausnahmsweise nicht mit Ximen verwandt!), das als Schriftsteller Karriere gemacht hat.
Auf diese Weise zeichnet der Nobelpreisträger ein Porträt der chinesischen Provinz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mo Yans Figuren sind gut und liebevoll gezeichnet; Ximen, der vorgebliche Held und Protagonist, trägt durchaus Züge des ‚Picaro‘ – im Sinne des heutigen Schelms ebenso wie im ursprünglichen Sinne des Menschen von … nun ja … nicht immer idealem Lebenswandel. Dafür ist er – zumindest nach seinen eigenen Angaben – ob als Esel-Hengst, als Stier oder als Eber ein Wunder an Kraft, Intelligenz und natürlich an sexueller Potenz (selbst in Anbetracht seiner aktuellen tierischen Natur). Erst der Hund wird es ruhiger angehen lassen, aber auch der ist noch der Vorsitzende des städtischen Hunde-Kommités, das ein paar Hundert, wenn nicht Tausend Hunde umfasst. Grössenwahn und Eigenlob bleiben Ximens herausragendste Eigenschaften.
Es geht Mo Yans Menschen keineswegs gut, weder die Natur noch die vorgesetzten Behörden meinen es nett mit ihnen. Irgendwie schlagen sie sich aber durch, nicht immer – eigentlich selten – mit netten und braven Mitteln. Der wirkliche Held des Romans ist nicht Ximen, sondern der ehemalige Knecht Lan Lian. Er weigert sich stur, sein Stück Land mit den kommunistischen Produktionsstätten zu vereinen. Er bleibt der einzige Privatwirtschafter des Dorfes und erlebt es noch, dass, was zuerst abweichend und verfemt war, plötzlich als vorbildhaft angesehen wird, gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Auch sonst erleben wir einige Auf und Abs, einige Kursänderungen übergeordneter Regierungsstellen, die fürs Volk auf dem Land nicht durchschaubar sind, die es aber in der Hoffnung auf Gewinn in irgendeiner Form mitmacht. Die Regierung will mehr Schweinemasten? – Also werden wir die grösste Schweinemast der Provinz! (Und Ximen-Eber natürlich mittendrin.)
Nicht alle Bücher sind von gleich guter Qualität. Sobald der Roman das kleine schmutzige Nest in der dreckigen chinesischen Provinz verlässt, wirkt er uninspiriert. Die Provinz-Hauptstadt des Hunde-Buchs hat mich enttäuscht. Die chinesische Version der Stadt ist offenbar einfach eine grössere und geringfügig unübersichtlichere Version des Dorfs. Das mag sogar der chinesischen Realität entsprechen, ist aber literarisch uninteressant. Meine Enttäuschung mag auch darin begründet sein, dass der Hund mittlerweile eine ziemlich ruhige und angepasste Version von Ximen geworden ist. Es fehlt irgendwie der „Drive“ der vorhergehenden Bücher. Die abschliessende Abfertigung des Affen dann hat offenbar nur den Zweck, möglichst viele Protagonisten endlich sterben zu lassen. Aber das sind Wermuts-Tropfen, die den fulminanten und exzellenten Beginn nicht gänzlich verbittern können. Ein Literaturpreis-Gewinner, den ich sogar empfehlen kann, ist tatsächlich eine Rarität…
Der Roman ist im Grunde genommen unpolitisch. Ich habe den Eindruck, dass sich Mo Yan einer Kritik an irgendeinem, geschweige denn dem ‚herrschenden‘ System nur schon deshalb verweigert, weil er die Meinung vertritt, dass die Welt, die Erde, unabhängig von jeder äusseren Regierungsform ein Jammertal ist. Es steht wohl nicht zufällig ein Buddha-Zitat ganz am Anfang des über 800-seitigen Romans:
Der Überdruss im Leben wie im Tod
entspringt aus den Begierden.
Weniger Gier und mehr Stille
machen Körper und Geist leicht und frei.
Man mag dem zustimmen oder nicht; es bleibt ein guter und lesenswerter Roman.