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Bild: Pierre Best – unsplash
„Man glaubt, die Tasten einer gewöhnlichen Orgel anzuschlagen, wenn man die Tasten des Menschen anschlägt. Er ist zwar eine Orgel, doch sie ist seltsam, wandelbar und veränderlich. (Diejenigen, die nur die gewöhnliche Orgel spielen können) würden sich nicht auf jene einstimmen. Man muss wissen, wo die (Tasten) sind.
Einiges hat Pascal geleistet. Nach ihm benannt in der Physik: Pascal, die Einheit des Druckes, das Pascalsche Paradoxon und das Pascalsche Gesetz. In der Mathematik: der Satz von Pascal (Kegelschnitte), das Pascalsche Dreieck und die Pascal-Verteilung, uns allen besser bekannt als negative Binominalverteilung.
Seine Errungenschaften produzierte er in seinen jungen Jahren. Im Alter von 39 Jahren starb er. Kurz zuvor veröffentlichte er 1670 eine Ansammlung seiner Gedanken „Pensées“. Waren seine Erleuchtungen zwar abgerichtet, Menschen zum Christentum zu bekehren, gefallen mir in meiner Welt einige seiner Gedanken zu „Was der Mensch denn ist“ ganz gut.
Am besten gefällt mir das folgende seiner Argumente:
Man muss sich selbst erkennen. Alles Unglück in der Welt kommt daher, dass man nicht versteht ruhig in einem Zimmer zu sein. Die Einsamkeit aber ängstigt deshalb, weil ihr die Menschen unverdeckt sich selber gegenübergestellt werden.
Wir sind vernetzt
Heute mehr denn je, klingt Pascals Aussage wahr. Versucht man die Fortschritte der letzten 100 Jahren zu beschreiben, könnte man kurzerhand das Wort „Kommunikation“ verwenden.
Informations- und Kommunikationstechnologien dominieren unsere kulturelle und soziale Richtung. Mit Smartphone, mit dem man unter anderem auch telefonieren kann, dem Fernseher und dem Internet haben wir Wege geschaffen, die uns einander näher gebracht haben.
Ich kann mit meinen Klienten, die 1.000 Kilometer entfernt sind, quasi von Angesicht zu Angesicht kommunizieren und ihnen auch noch sagen, ob es bei ihnen gerade regnet. Ich denke nicht, dass es notwendig ist, die Vorteile aufzuzählen, die dies mit sich bringt. Aber, wie immer, jede Scheibe, egal wie dünn man sie schneidet, hat zwei Seiten. Ich denke, die Kehrseite zeigt sich nicht nur in den Köpfen der Kulturpessimisten.
Neben der aktuellen Aufregung um Privatsphäre, Datenschutzbeauftragten und DSVGO, könnte es auch sein, dass wir
in einer Welt leben, in der wir mit jedem verbunden sind, nur nicht mit uns selbst.
Der Unterschied von Alleinsein und Einsamkeit
“Alleinsein” und “Einsamkeit” werden häufig miteinander verwoben und bedeutungsgleich verwendet. Dabei bezeichnen sie eigentlich zwei ganz unterschiedliche Dinge:
Alleinsein ist objektiv gesehen nichts weiter als ein Zustand. Ich kann beispielsweise alleine in meinem Büro sitzen und arbeiten oder ich kann alleine etwas unternehmen, und zwar ohne mich einsam zu fühlen. Einsamkeit hingegen ist ein Gefühl und beschreibt mein inneres Befinden.
Wenn ich mich einsam fühle, fühle ich mich von der Welt verlassen und ungeliebt. Ich habe das Gefühl, zu niemandem dazuzugehören und irgendwie anders als alle anderen zu sein. Das hat aber nicht zwingend etwas mit Alleinsein zu tun. Ich kann mit vielen Menschen zusammen sein und mich trotzdem zutiefst einsam fühlen.
Einsamkeit überwinden
Es mag paradox klingen, aber es könnte hilfreich sein, sich bewusst im Alleinsein zu üben, um möglichen Einsamkeits-Gefühlen vorzubeugen und sich damit nicht von ihnen überraschen zu lassen.
Oft wird Alleinsein aus der Angst heraus gemieden, dass gleichzeitig Einsamkeits-Gefühle auftreten könnten. Aber weder Alleinsein noch Einsamkeit werden wir in unserem Leben vermeiden können. Es gibt immer wieder Lebensphasen, in denen wir alleine oder auch einsam sind. Gerade in Übergangsphasen ist dies oft der Fall.
Allein(s)sein
Wenn Pascals Beobachtung über unsere Unfähigkeit, (alleine) still in einem Raum zu sitzen, generell einer menschlichen Realität entspricht, dann wird dies sicherlich aufgrund der Optionen, die uns heute zur Verfügung stehen, untermauert und auch oft verstärkt.
Die Logik ist klar: Warum Alleinsein, wenn man durch mannigfaltige Aktivitäten verführt werden kann? Wohlgemerkt, Aktivitäten um deren Willen und um nur nicht über sich reflektieren zu müssen.
Nun, alleine zu sein ist nicht das Gleiche, wie sich einsam fühlen. Es ist schlimmer: Je unangenehmer sich Allein(s)sein anfühlt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich selbst gar nicht wirklich kennt. Und dann beschäftigt man sich mit so vielen Dingen, konzentriert sich auf alles Mögliche, um sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen zu müssen. In diesem Prozess wird man oft technologiesüchtig, obwohl uns die Technologie mehr Freiheit, respektive Freizeit verschaffen soll.
Uns permanent durch Aktivität abzulenken, anstatt uns mit uns selbst auseinanderzusetzen bedeutet nicht, dass das Unwohlsein verschwindet. Viele denken und glauben, sie seien sich ihrer gewahr. Sie glauben zu wissen, wer sie sind, was sie wollen und was ihre Probleme sind. Heutzutage können Menschen durch ihr Leben gehen, ohne jemals wirklich ihre Oberflächen-Maske hinterfragt zu haben. Manche haben den Kontakt mit sich selbst völlig verloren – und das ist ein Problem.
Langeweile als Stimulation
Vielleicht ist unsere Abneigung zum Allein(s)sein in Wirklichkeit eine Abneigung zur Langeweile? Im Prinzip hängen wir oftmals nicht vor der Glotze, Internet, Sonntagszeitung etc., weil es uns ausserordentlich befriedigt. Vielmehr wollen wir häufig vermeiden, gelangweilt zu sein.
Es fällt manchem schwer, nur zu „sein“ – lieber etwas, wenn auch sinnlos – tun, um der Aktivität willens. Wir suchen Abwechslung und Unterhaltung im Beschäftigtsein.
Dann übersieht man, dass, wenn man sich niemals mit diesem „Sein“ konfrontiert, man sich niemals mit sich selbst auseinandersetzt. Und sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen führt zum sich einsam und mitunter subtil ängstlich Fühlen, trotz unserer Geschäftigkeit.
Glücklicherweise gibt es eine Lösung: Anstatt zu versuchen, diese Gefühle durch Aktivität zu übertünchen, setzt man sich mit ihnen auseinander. Überlässt der Langeweile die Zügel. Das sind die Momente, wenn man sich denken hört und reflektieren kann über das, was einem wirklich wichtig ist.
Man erkennt, es gibt Dinge, Gefühle und Gedanken, die weitaus wertvoller sind als der Lärm des Tagesgeschehens. Nur man selbst trägt die Verantwortung für sich selbst.
Mag schon sein, dass dies nicht immer nur angenehm ist. Da tauchen auch unangenehme Gefühle, Ängste und Zweifel auf. Langfristig ist dies jedoch deutlich besser, als dauernd wegzurennen – und damit das „Sein“ zu eliminieren. Ich verspreche Ihnen, damit lösen sich viele interne Konflikte.
Takeaway
Je mehr sich die Welt entwickelt, umso mehr wird sie uns Anreize zum „Beschäftigtsein“ schaffen und wir vernachlässigen damit unseren Geist. Schon 1985 eröffnete Neil Postman die Frankfurter Buchmesse mit einer Rede des Titels „Wir amüsieren uns zu Tode“. Für sein gleichnamiges Buch erhielt er 1986 den Orwel Award für outstanding contributions to the critical analysis of public discourse.
Mag Pascals Verallgemeinerung, dass der Mangel an Komfort mit Allein(s)sein die Wurzel allen Übels sei, eine Übertreibung sein, findet sich aber doch ein Fünkchen Wahrheit darin.
Alles, was uns vernetzt, isoliert uns gleichzeitig. Wir sind so mit den Ablenkungen beschäftigt, dass wir vergessen, uns um uns selbst zu kümmern – was uns mehr und mehr einsam fühlen lässt. Dabei sind die Ursachen weniger die andauernden Stimulationen. Es ist mehr die Angst vor dem Nichts – unserer Sucht nach nicht gelangweilt zu sein. Es fällt uns schwer, einfach zu sein. Wenn wir den Wert der „Stille“ nicht erkennen, dann übersehen wir, dass genau in dieser Stille die Wiege einer Stimulation liegt: Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Schon Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. haben griechische Philosophen dies in den Stein gemeisselt:
Wie soll man mit der Welt, mit den Mitmenschen richtig umgehen können, wenn man sich nicht selbst kennt? Es ist unmöglich, sich auf gesunde Art und Weise mit der Welt auseinanderzusetzen, wenn man nicht weiss, wer man ist und was einem wichtig ist. Diese Verantwortung hat ein jeder. Sich kennen und verstehen, sich erkennen, ist das Fundament, auf dem man sein Leben aufbaut.
Die einzige Art, dies zu tun, ist, sich die Zeit dazu zu nehmen. Ob jeden Tag oder jede Woche, da sitzen – im All-eins-sein – mit unseren Gedanken, unseren Gefühlen –im Moment der Stille.
Alleinsein mit sich selbst hat uns keiner beigebracht. Das ist ironisch, ist es doch so viel wichtiger, wie vieles andere, was wir tun. In Stille „Alleinsein“ mag nicht die Lösung aller Probleme sein, aber es ist sicherlich ein guter Start.
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