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29. Oktober – 16. November 2015
Route: Boa Vista > Bomfin > Lethem > Georgetown
Wir fahren links (eine irrwitzige Brücke leitet den Verkehr von rechts nach links um) und sprechen Englisch, es gibt Supermärkte und Restaurants sind in indischer Hand. Hindutempel, Moscheen und christliche Kirchen wechseln sich ab. Häuser wie in Bollywood Filmen, dann wieder schönste Holzhäuser aus der Kolonialzeit. Wo sind wir bloss. Richtig, in Guyana, dem einzigen englischsprachigen Land in Südamerika, einer ehemalig holländischen, später britischen Kolonie. Die Savanne erinnert an Afrika und der Regenwald deckt 75% des Landes ab. Guyana (Fläche 214‘970 km2) grenzt im Westen an Venezuela, im Süden an Brasilien und im Osten an Surinam. Nur mit den letzten beiden gibt es Grenzübergänge. Im Norden befindet sich die Atlantikküste, die aber wegen der beiden Riesenflüsse Essequibo und Demerara keine weissen Strände generiert. Das Sedimentgeschiebe welches die Flüsse mitbringen bildet eine lehmig, schmierige Schicht, das Wasser ist braun und ladet nicht zum Bade. Die meisten Küstenabschnitte sind wegen der Mangroven unzugänglich, da wo keine Mangroven mehr wachsen, sind Deiche und Dämme wie in Holland aufgeschüttet, Guyana liegt 2m unter dem Meeresspiegel. In Küstennähe ist ein dichtes Entwässerungsnetz aufgebaut worden, dort befindet sich auch der fruchtbare Landwirtschaftsgürtel mit den Exportschlagern Zuckerrohr, Reis, Kokosnüsse und Zitrusfrüchte. Das Land verfügt aber auch über reichhaltige Bodenschätze wie Öl, Bauxit, Gold und Diamanten.
Das Landesinnere ist bis auf einige kleine Amerindiodörfer nahezu unbewohnt, die 735‘000 Einwohner leben praktisch alle an der Küste.
1834 schaffte Guyana die Sklaverei ab, die Schwarzen wurden frei und verliessen die Plantagen; vier Jahre später wurden Vertragsarbeiter aus Britisch-Indien als Arbeitskräfte hergeholt. So entstand ein buntes Völkergemisch. Die weisse Bevölkerung macht nicht mal 1% aus.
Wir sind von Brasilien her an einem Samstagmorgen in Lethem eingereist. Zuerst gilt es ein Gesundheitsformular auszufüllen, die Gelbfieberimpfung wird kontrolliert und dann werden wir an der Immigration richtiggehend in die Zange genommen, was wir denn in Guyana wollten, da gäbe es nichts, wohin wir denn wollten, da wohnen nur Amerindios (Guyanas indigene Bevölkerung), wir müssten eine Bewilligung haben um diese Dörfer zu besichtigen. Am Schluss kriegen wir eine Aufenthaltsgenehmigung für 30 Tage. Na, geht doch! Da am Wochenende alles geschlossen ist, müssen wir am Montag zum Zoll zurück und unsere Autoversicherung vorweisen, dann erst gibt’s den Stempel für unsere Randulina. Wir wissen im Voraus, dass es schwierig ist ein Auto einzuführen, andere Reisende haben 3 Tage für’s Auto bekommen, mit der Möglichkeit, diese Aufenthaltsdauer im 600km entfernten Georgetown zu verlängern. So begeben wir uns schnurstracks zum kleinen Flugfeld, wo Shirley einen Souvenirladen betreibt. Sie ist eine Institution, kennt das Land wie ihre Handtasche und hat Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen. Sie empfiehlt uns, das Wochenende nicht in Lethem zu verbringen. So fahren wir also in ein Amerindio Dorf, wo die indigene Bevölkerung eine Ökolodge betreibt. Eine Bewilligung brauchten wir keine, man meldet sich beim Gemeindepräsidenten und bezahlt eine Art Kurtaxe. Fast alle Amerindio Dörfer haben neben der Jagd und dem Fischfang ein drittes Tourismus Standbein aufgezogen. Es gibt Dschungel Führungen, Vogelbeobachtungen, Dorfspaziergänge und eben diese im typischen Indiostil erbauten Hotels. Yupukari liegt mitten in der Rupununi Savanne, wo es eigenartige Termitenthügel im Christbaumstil hat. Im „Caiman House“ werden Mohrenkaimane, zu Forschungszwecken eingefangen, vermessen und mit GPS-Trackern versehen. Mohrenkaimane können bis zu 8m lang werden und sind somit die grössten Kaimane weltweit. An meinem Geburtstag halte ich einen zweijährigen Babykaiman im Arm, leider zu klein für den teuren Tracker, der Kleine könnte von gierigen Ottern noch am Schwanz angeknabbert oder schlimmstenfalls ganz aufgefressen werden und der ganze Aufwand wäre umsonst gewesen. Grosse Fledermäuse fischen sich derweil Fische aus dem nachtschwarzen Wasser während sich die Moskitos an uns gütlich tun. Eine Baum-Boa jagt im Geäst nach Vögeln. Sie sondert einen übel riechenden Duft und Schleim ab, als unser Führer sie geschickt vom Baum nimmt, ich bin froh, als er sie wieder zurücksetzt.
Eine Bootsfahrt im Einbaum auf dem See am frühen Morgen ist meditativ. Im Blattgewirr der bis zu 3m grossen Victoria Amazonica, einer Art Riesenseerose, dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen, dem still daliegenden Kaiman in die Augen zu schauen, die pfeilschnellen Eisvögel zu beobachten, ist sehr speziell. Ab und zu kreuzt uns ein anderer Einbaum, Kinder sind geschickt im Fischen, in den Untiefen waschen Frauen Wäsche. Der Kaiman lässt sich derweil nicht stören, die Frauen auch nicht. (Wie lieb ich meine Waschmaschine daheim!).
Wir spazieren mit unserem Führer durch Yupukari. Es gibt eine grosse schöne Schule, ein kleines medizinisches Zentrum und eine Kirche; die traditionell mit Palmzweigen gedeckten Hütten sind schön luftig. Ein Palmdach muss alle 3 Jahre frisch gedeckt werden werden, das ist kostspielig und mit viel Aufwand verbunden deshalb sind mittlerweile viele mit Wellblech gedeckt. Die Dorfbewohner leben in Einheit mit der Natur, bauen Früchte und Gemüse vor allem Maniok an. Aus Maniok werden Cassavabrot, Cassavabier sowie Farinha oder Farofa hergestellt. Das „Paniermehl“ Farofa fehlt bei keinem Essen. Eine mühselige Arbeit, denn die Maniokwurzel muss zuerst gewässert und gewaschen werden um die Blausäure auszuschwemmen; anschliessend wird die Wurzeknolle gerieben und ausgepresst bevor sie weiterverarbeitet werden kann.
Am Montagmorgen verabschieden wir uns und fahren zurück nach Lethem. Auch wir bekommen nur 3 Tage für unser Auto. Das verheisst Stress. Die Strasse durch die Savanne und den Regenwald nach Georgetown am Meer ist die wohl schlimmste Piste, die wir je gefahren sind. Bei Regen absolut unfahrbar. Durch die Savanne Wellblech vom Gröbsten, es schüttelt und holpert und stiebt. Durch den Regenwald metertiefe Löcher und feinster Sand. Landschaftlich wunderschön, kurz vor Ende der Savanne gibt es Hügel, wir dürfen die Nacht bei Colin Edwards auf der Annai Rock View Lodge verbringen. Zusammen mit Amerindios hat er hier ein kleines Paradies geschaffen. Wir versuchen aus den 3 Tagen so viel herauszuholen wie möglich, er wie Shirley nehmen die 3 Aufenthaltstage zum Anlass, beim Tourismusdepartement zu intervenieren. In 3 Tagen ist es unmöglich, das Rupununigebiet und den Regenwald ausgiebig zu entdecken. Und genau hier liegen die Reize Guyanas. Wir hoffen für die nächste Reisegeneration, dass sich die Einfuhrbestimmungen ändern.
Im Iwokrama Rainforest, einem riesigen Regenwaldnationalpark legen wir einen weiteren Stopp ein und spazieren mit einem jungen Amerindio durch und auf dem Canopy-Weg, einem Weg mit Seilen und Hängebrücken, über den Wald. Fantastisch auf über 30m Höhe die verschiedenen Stufen des Waldes zu betrachten. Die Bevölkerung ist stolz auf ihr Wissen, welches von Generation zu Generation weitergegeben wird und der junge Bursche erklärt uns geduldig die verschiedenen Bäume. In bester Erinnerung wird mir der allergiftigste Baum bleiben, mit dessen Saft die Speerspitzen für die Jagd eingerieben werden. Absolut tödlich. Sogar der Rauch des verbrannten Holzes ist giftig und eignet sich nicht für das Räuchern von Fischen, die typischerweise mit Pfeil und Bogen erlegt werden. Die Einstichstelle muss grosszügig weggeschnitten werden um Vergiftungen vorzubeugen.
Anderntags kreuzen wir den Essequibo River mit der Pontonfähre. Etwas später treffen wir auf Guadelupe und Alejandro, die seit 13 Jahren mit dem Motorrad unterwegs sind. Würden wir den Abzweiger nach Mahdia nehmen, kämen wir zu den Goldgräberminen, dafür reicht die Zeit nicht. Der Verkehr nimmt etwas zu. Wir übernachten in einem Holzfällerdorf, 58 Miles. Die schweren Laster tun der Strasse auch nichts Gutes. In der Regenzeit sind sie mit Schneeketten unterwegs und wühlen sich durch den Matsch. Dem ehemaligen Viehtreck bekommt das nur schlecht. Wir müssen hier unseren hinteren Stossdämpfer wieder montieren, durch das ewige Gerüttel ist seine Verankerung geborsten und muss geschweisst werden.
Ab Linden ist die Strasse asphaltiert, welche Erholung. Aber Asphalt bedeutet auch mehr Verkehr. Bis Georgetown ist Dorf an Dorf gebaut. Die Autos fahren mit horrender Geschwindigkeit und bei jedem Überholmanöver wird kräftig gehupt. Eselkarren, tausende Roller, Velos, Schafe, Ziegen, Pferde, alles was sich bewegen kann, bewegt sich auf der Strasse. Es ist höchste Konzentration erforderlich.
Das Amt in Georgetown, welches uns die Aufenthaltsbewilligung für unser Auto erteilen kann, ist schnell gefunden, aber Einlass kriegen wir erst, als wir uns in Jäckli und lange Hosen stürzen, Dresscode ist angesagt. Nach etwa 2 Stunden Wartezeit dürfen wir beim zuständigen Beamten vorsprechen und wieder gibt’s ein Interview. Irgendwann platzt mir der Kragen, ich werde etwas laut und sage, wir seien Professoren für Agronomie und Biologie und wären hier um die Viehzucht (die weltweite grösste Viehranch liegt in Guyana) sowie die Resultate der Caiman und Schildkrötenforschung näher kennenzulernen. Na dann macht er grosse Augen und wir bekommen den Stempel für 30 Tage. Huch geht doch. Es dauert dann nochmals 1 Stunde, bis wir die Bescheinigung schriftlich in den Händen halten.
Anderntags gehen wir in Georgetown auf Entdeckungstour, schöne koloniale Holzgebäude, weisse und rosa Lotusblüten blühen in den vielen Kanälen, kleine Cafes und indische Roti Shops riechen verlockend. Die Mangos auf dem Markt sind klein und zuckersüss und wir entdecken Früchte, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt.
Auf dem Spaziergang dem Deich entlang spricht uns eine junge Dame an und meint, sie hätte uns gestern schon gesehen. Wir hätten ihr Interesse geweckt und sie würde uns gern in ihr Haus einladen. So sassen wir dann wenig später mit ihrer Familie am Frühstückstisch am Plaudern und genossen Gastfreundschaft pur in einem dieser wunderschönen kolonialen Holzhäuser. Dass ihr Vater ein ehemaliges Mitglied der Regierung war, entdecken wir auf einer Gedenktafel bei der Verabschiedung. Drei ihrer Geschwister leben im Ausland (USA und Grossbritannien), was typisch ist für Guyana. Man sagt, Es leben mehr Guyaner im Ausland als daheim und reinvestieren in ihr Land.
Ein weiteres Highlight ist der Flug zum Kaieteur Wasserfall. Die Welt von oben zu bestaunen ist reizvoll, Goldminen, durch den Dschungel schlängelnde Flüsse und dann diese geballte Kraft des Wassers, das 226m in die Tiefe stürzt. Wir schlendern zu 3 Aussichtspunkten und bestaunen den Fall aus verschiedenen Perspektiven, entdecken den winzigen Goldfrosch, der sein ganzes Leben in einer Riesenbromelie verbringt. Nachmittags fliegen wir vom Regenwald in die Savanne und nehmen ein Bad im Becken des Orinduik Wasserfalles.
Zurück auf unserem Stellplatz im Ausstellungsgelände von Georgetown erwarten uns Karin und Coen. Wir verbringen mit den beiden sympathischen Holländern, die seit 2003 mit ihrem Landcruiser (landcruisingadventure.com) unterwegs sind einen weiteren netten Abend. Rum Tasting macht zu Viert mehr Spass als zu Zweit.
Und nein, wir sind nicht mehr zurück in die Rupununi Savanne gefahren, die Strasse ist einfach nicht danach, trotz der sehenswerten Natur.