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Als Niki de Saint Phalle 1964 ihre hochschwangere Freundin Clarence Rivers zeichnete, füllte sie die Figur mit Blumengirlanden und bunten Arabesken. Die kolorierte Zeichnung stellt einen ersten Schritt zu den üppigen und lebensfrohen Figuren der künftigen Nanas dar. Mit prallen Körperformen, schemenhaft ausgestalteten Füssen und Händen bilden sie samt den kleinen, abstrahierten Köpfen eine Allegorie, ein sinnbildliches Wesen für Lebensfreude. Zahlreiche Nanas in verschiedenen Grössen folgten.
Zu den monumentalen zählt ‹L’ange protecteur›, der mit seinen goldfarbenen perforierten Flügeln seit 1997 über die Pendler:innen in der Zürcher Bahnhofshalle wacht. Die grosse Schwebende zeigt sich darüber hinaus als Allegorie der «temperantia», der Mässigung: Ein leuchtender Wasserstrahl – bestehend aus drei schmalen roten Neonröhren, die in regelmässigem Abstand aufblinken – verbindet zwei silberfarbene Gefässe, die von blauen Händchen umfasst werden. Auf der zugehörigen Skizze hatte Niki de Saint Phalle vermerkt: «L’ange de la temperance comme symbol de protection de voyageurs. Elle aura 5 metres de hauteur». Aus fünf Metern Höhe wurden elf. Die Figur wurde deshalb in drei Teile zerlegt aus Kalifornien über Rotterdam und von da mit einem Tieflader pünktlich zum 150-Jahre-Jubiläum der Schweizerbahnen bis in den Hauptbahnhof Zürich transportiert. Gestiftet wurde sie von der Securitas-Gruppe. Ueli Huber, damaliger Chefarchitekt der SBB und Auftraggeber, liess sie zunächst im Ostteil des Bahnhofs aufhängen. Wegen kommerzieller Interessen wurde die 1,2 Tonnen schwere Figur später an ihren heutigen Platz transferiert. Bei der feierlichen Einweihung am 14.11.1997, an der die Künstlerin selbst anwesend war, sprach sie vom Schutzengel mit der Begründung: «Everybody wants to be protected when travelling». Ihre ursprüngliche Bezeichnung als ‹Engel der Mässigung› geriet so in den Hintergrund.
Die Kunstgeschichte kennt zahlreiche Darstellungen zum Thema «temperantia» oder Mässigung, in denen ein Wasserstrahl von einer Seite zur anderen rinnt und wieder zurückgeführt wird. Dabei darf kein Tropfen Flüssigkeit verschüttet werden. Auch kann Wein mit dem Wasser vermengt sein, wobei das richtige Mischungsverhältnis zentral ist. Es geht also insgesamt bei dieser Darstellung um Harmonie, Ausgewogenheit, das richtige Mass und darum, den goldenen Mittelweg zu finden.
Schon in der Antike galt und in der christlichen Tugendethik gilt die Mässigung als eine grundlegende menschliche Tugend. Mit dem lateinischen Begriff «temperantia» werden ihre Eigenschaften umfassend bezeichnet. Der griechische Philosoph Platon zählte die Mässigung zur hierarchischen Struktur des Seelenlebens und ordnete sie dem triebhaft-begehrenden Teil zu, Aristoteles sprach von der Mitte zwischen einem Zuviel und Zuwenig. Kurz: Die Mässigung ist eine Lebenskunst, durch die wir einen sorgsamen Umgang mit uns und der Natur lernen. Es geht dabei um einen heute wieder hochaktuellen «Kampf gegen die Lust an der Verschwendung».
Nana, die Schwebende in der Wannerhalle des Zürcher Hauptbahnhofs bedeutet als Engel nicht nur Schutz. Niki de Saint Phalle, die selber bekannte, die Eigenschaft der Mässigkeit nicht besonders gut zu beherrschen, hat uns mit diesem Werk eine leise, doch intensive und persönliche Botschaft übermittelt.
Werkvorstellung auf der Website der SBB
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