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Der Völkermord in Ruanda, der sich dieses Jahr zum 20. Mal jährt, schockierte 1994 auch die Schweiz. Die Schweizerische Entwicklungszusammenarbeit engagierte sich davor intensiv in Ruanda - und geriet deshalb in die Kritik.
Vorgeworfen wurde der Schweiz eine zu grosse Nähe zur ruandischen Regierung, die für den Genozid von 1994 mitverantwortlich war.
Der Völkermord in Ruanda begann am 6. April 1994 mit dem Anschlag auf Präsident Juvénal Habyarimana. Daraufhin töteten Soldaten und militante Hutu-Milizen nach Angaben der UNO innerhalb von wenigen Monaten bis zu 800'000 Tutsi.
Die Schweiz sistierte im April 1994 wie viele andere Länder sämtliche Hilfsprojekte und zog ihre Mitarbeiter aus dem ostafrikanischen Land ab. In den folgenden Jahren engagierte sich die Schweiz aber mit Millionenbeträgen in der humanitären Hilfe, wie Giorgio Bianchi, Programmverantwortlicher der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) für die Region der Grossen Seen, sagt.
«Die schrecklichen Geschehnisse in Ruanda waren auch für viele Schweizerinnen und Schweizer ein Schock», fügt Bianchi an. «Die Schweiz fühlte sich Ruanda damals sehr nahe und die schweizerische Entwicklungshilfe verlor auch lokale Mitarbeiter.»
Die Schweizerische Entwicklungshilfe begann sich bereits kurz nach Ruandas Unabhängigkeit 1962 im Land zu engagieren - der kleine ostafrikanische Staat war ein Schwerpunktland der Schweizerischen Entwicklungshilfe. «Ausschlaggebend dafür war die Kleinheit Ruandas: man erhoffte sich trotz beschränkter Mittel eine grosse Sichtbarkeit der Hilfeleistungen», sagt der Historiker Lukas Zürcher.
Zürcher, dessen Dissertation über die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Ruanda eben erschienen ist, bemerkt zudem: «Die Schweizer Entwicklungshelfer glaubten im hügeligen Ruanda eine afrikanische Bergbauerndemokratie ähnlich der Schweiz zu sehen.»
In den 1970er Jahren hätten die Schweizer Entwicklungshelfer die grosse Diskrepanz zwischen ihrer Vorstellung und der gesellschaftlichen Realität erkannt, sagt Bianchi. So hätten Ruander die Entwicklungshelfer gedrängt, nur Mitarbeiter einer bestimmten Ethnie einzustellen.
Als sich die Spannungen zwischen den Hutu und Tutsi zu Beginn der 1990er Jahre verschärften, habe die Schweiz ihre Projekte reduziert und ihre Zusammenarbeit mit Ruanda jedes Jahr neu überprüft. Bis sie 1994 schliesslich sämtliche Projekte sistierte.
Angesichts der langen Zusammenarbeit mit Ruanda kritisierten nach 1994 linke Kreise die Schweizerische Entwicklungszusammenarbeit. «Die Kritiker störten sich insbesondere an der Tatsache, dass die Schweiz dem bis 1994 amtierenden Präsidenten Habyarimana einen Präsidentenberater zur Verfügung gestellt hatte», sagt Zürcher.
Ausserdem habe man der Entwicklungshilfe vorgeworfen, mit ihren Projekten zur Infrastruktur beizutragen, welche die Vorbereitung und Durchführung des Genozids vereinfachte.
«Die Schweiz hätte wahrscheinlich mehr tun können», gibt Bianchi zu. «Sie hätte die Politik besser analysieren und sich mit anderen Geberländern besser koordinieren können.» Doch er relativiert, der politische Einfluss der Schweiz sei gering gewesen. Ihr Anteil an der gesamten Entwicklungshilfe in Ruanda habe nur fünf Prozent betragen.
Der ostafrikanische Staat ist heute kein Schwerpunktland der DEZA mehr. Die DEZA ist aber im Rahmen ihres Programms für die Region der Grossen Seen in Ruanda aktiv. Laut Bianchi liegt der Fokus nun unter anderem auf der Stärkung demokratischer Prozesse. Die Schweiz überprüfe die politische Entwicklung genau und führe einen offenen Dialog mit Ruanda. (tvr/sda)