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Sichtbarkeit von Blasmusikvereinen
Blasmusikvereine gibt es in der Schweiz fast in jedem Dorf. Trotzdem sind sie für Aussenstehende beinahe unsichtbar. Platzkonzerte gibt es immer weniger, in den Medien wird nur selten über Blasmusik berichtet und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema gibt es kaum. Woran liegt das?
Yves Chapuis — Der Beginn der heutigen Blasmusikszene wird oft in der französischen Revolution gesehen. Sie führte zur Einführung der Freiheitsrechte, die das Gründen von Vereinen überhaupt erst erlaubten. Ebenfalls wandelte sich die Gesellschaft nach der französischen Revolution weg von der Aristokratie hin zum Bürgertum. Damit einhergehend änderten sich auch die Geselligkeitsmodelle. Einerseits wurde das Individuum immer wichtiger, andererseits bestand auch die Erwartung, dass ein guter Bürger das Leben in Gemeinschaft lebt, in Gruppen handelt und sich Vereinigungen anschliesst.
Sinn und Zweck der frühen Musikvereine scheinen klar gewesen zu sein. Die sogenannten «Feldmusiken» wurden von Truppenkommandanten oft in militärische Uniformen gesteckt und als, wie der Name schon sagt, Feldmusiken bei den Truppen eingesetzt. Dieser repräsentative Zweck wurde bald durch den Aspekt der Geselligkeit ergänzt.
Die Musikgesellschaft (MG) Lyss, welche für diesen Artikel als Beispiel dient, wurde 1870 mit dem Zweck gegründet, «sich durch musikalische Uebung und Unterhaltung ein gesellschaftliches Zusammenwirken und Leben zu erstreben und allen Anforderungen einer gehörigen Blechmusik zu entsprechen». Die «musikalische Uebung und Unterhaltung» ist hier nur Mittel zum Zweck. Die eigentlichen Ziele des Vereins waren das «gesellschaftliche Zusammenwirken und Leben» sowie auch das bestehen als Blechmusik. Dass die Geselligkeit auch am Anfang des 20. Jahrhunderts noch wichtig war, zeigen die sogenannten «Blust- und Herbstbummel». In einem Protokoll vom 25. Mai 1911 steht zum Beispiel: «Ausflug über Weingarten, Ammerzwil, Vorimholz, Grossaffoltern und Suberg. Es ging lustig und fidel zu. Die Sonne sandte ihre Strahlen sengend auf unsere Köpfe herab, der Durst nahm stets zu, mit dem Verstand jedoch ging‘s rapid bergab». Trotzdem wurde das Leistungsdenken immer wichtiger und 1921 wurde mit Arthur Ney der erste Berufsdirigent gewählt.
Offenbar fungierte die MG Lyss auch als Arbeitsvermittlung. Während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahren zeigte man sich besorgt, weil dies nicht mehr möglich war: «wenn es uns noch vor wenigen Jahren möglich war, auswärtige Musikanten in Lyss zu placieren und damit neue Mitglieder zu gewinnen, so ist dies heute nicht nur ein Ding der Unmöglichkeit geworden, sondern sind leider einige Mitglieder teilweise arbeitslos».
Der Begriff «Volksmusik» taucht 1934 erstmals in den Statuten auf. Der Zweck des Vereins wird hier folgendermassen definiert: «Die Pflege und Hebung der Volksmusik, die Heranbildung von tüchtigen Musikanten, sowie die Förderung der Geselligkeit und Kameradschaft unter den Mitgliedern». Die MG Lyss machte also Musik vom und für das Volk und dadurch Musik mit einem grösstenteils funktions- und anlassgebundenen Charakter. Gleichzeitig wurde aber unter dem Dirigenten Remo Boggio die Leistungsfähigkeit des Vereins gesteigert. Am Kantonalmusikfest 1951 in Langenthal erreichte die MG Lyss den dritten und 1955 sogar den zweiten Rang in der obersten Stärkenklasse. Nach der gesundheitsbedingten Demission von Boggio im Jahre 1968 sank die musikalische Leistung und mit ihr auch die Motivation der Vereinsmitglieder.
Mit der Statutenänderung von 1990 verschwand der Begriff «Volksmusik» wieder aus der Zwecksdefinition. Dies ist ein Hinweis auf eine Veränderung in der Ausrichtung der MG Lyss und auch der Blasmusikszene im Allgemeinen: Weg vom funktions- und anlassgebundenen hin zum konzertanten Musik machen.
Um die Jahrtausendwende verlor der Verein im Dorf an Beliebtheit: Während er früher nach dem Besuch eines Musikfestes am Bahnhof von der Bevölkerung empfangen wurde, gab es 2001 eine Beschwerde wegen der Lautstärke der Musik an den Proben und 2002 beklagte sich eine Anwohnerin über den «Lärm» eines Ständchens des Vereins.
In den Jahrzehnten nach der Demission von Boggio wurde auch die Anzahl der Zusammenkünfte immer geringer. 1949 waren es 25 Anlässe und 78 Proben, 2018 lediglich noch 15 Anlässe und 49 Proben. Viele Platzkonzerte, Ständchen und Umrahmungen öffentlicher Anlässe wurden gestrichen. Die Musikgesellschaft ging von einem geselligen und funktionsgebundenen in einen in erster Linie musikalisch orientierten Verein über. Für starke Formationen ist dies kein Problem, da sie für das Publikum musikalisch attraktiv sind. Konzerte eines Vereins der dritten Stärkeklasse jedoch ziehen nicht viele Leute an. Solche Vereine brauchen auch Auftritte ausserhalb des Konzertsaals, um für die Bevölkerung sichtbar zu bleiben. Diese repräsentativen Anlässe sind aber bei vielen Vereinsmitgliedern unbeliebt. Ein Grund dafür könnte sein, dass oft mehrheitlich Märsche gespielt werden.
Die Gesellschaft hat sich verändert und die alten, vom Militär bestimmten Aufgaben sind heute überholt. Durch den Verzicht auf repräsentative Anlässe zugunsten von für die Mitglieder interessanteren Konzerten verliert ein Drittklassverein wie die MG Lyss aber seinen Wert als Volksverein mit seinen gesellschaftlichen Aufgaben. Als Kunstverein wird er sich jedoch nicht etablieren können. Eine Möglichkeit sich neu auszurichten wäre zum Beispiel, sich auf Unterhaltungskonzerte mit Show zu fokussieren, Marschmusik mit Evolutionen (Rasenshows) zu machen oder Platzkonzerte im Dorf – zum Beispiel während des Abend- oder Sonntagsverkaufs – mit einem attraktiven musikalischen Programm zu geben. Nur so kann ein Verein für die Bevölkerung sichtbar bleiben. Solche Neuausrichtungen helfen auch, den eigenen Verein von anderen abzuheben, ihn zu etwas Speziellem zu machen.