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Raphael Schwitter, heute Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IRG der Universität Zürich besuchte als Student Vorlesungen von Virgilio Masciadri an der Universität Zürich. Nachfolgend sein Text zu Virgilio Masciadris wissenschaftlichem Wirken.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich wurde gebeten, Ihnen einen Bereich von Virgilios Tätigkeit vorzustellen, der den meisten von Ihnen eher fremd sein dürfte. Dieser Bitte komme ich gerne nach, war mir Virgilio doch akademischer Lehrer und langjähriger Freund zugleich.
Während meines Studiums an der Universität Zürich gab Virgilio kaum eine Veranstaltung, die ich nicht besucht hätte. Zu scharfsinnig und geistreich war seine Lehre, zu anregend und kontrovers seine methodische Herangehensweise, als dass ich mir dieses Feuerwerk an Gelehrsamkeit hätte entgehen lassen wollen.
Im Folgenden möchte ich Ihnen einen Eindruck seiner Arbeitsweise vermitteln.
Mit Blick auf Ihre Geduld, die ich nicht über die Massen strapazieren möchte, werde ich mich dabei auf die beiden wissenschaftlichen Hauptwerke, die Dissertation und die Habilitationsschrift, konzentrieren.
Nur am Rande sei hier erwähnt, dass Virgilio sich auch während knapp 30 Jahren klima- und seismohistorischen Themen gewidmet hat, und dies sowohl in Form von paläographischen und philologischen Beratungen und Korrekturen als auch mit der Übersetzung und Interpretation lateinischer Texte ins Deutsche.
Virgilio begann seine wissenschaftliche Karriere mit der antiken Komödie. Genauer mit Plautus. Seine Dissertation widmete er dem Motiv der Verwechslung in den Menaechmi und im Amphitruo, zwei plautinischen Stücken, deren griechische Vorbilder nicht erhalten sind.
Virgilio vertrat die These, dass aus diesen beiden lateinischen Bühnenspielen auf einen bestimmten Gattungtypus des griechischen Theaters geschlossen werden könne. Er wollte aus ihnen die Existenz einer griechischen Verwechslungskomödie ableiten.
Dazu muss man wissen, dass die römische Komödie mit ihren bekannten Vertretern Plautus und Terenz sich zu Beginn des 2. Jh. v. Chr. in Stoff und Aufführungspraxis stark am zeitgenössischen griechischen Theater orientierte. Die damals florierende Neue Komödie spielt in der bürgerlichen Sphäre der antiken Stadt und behandelt vorwiegend private und lebensnahe Themen.
Der bekannteste Dichter der Neuen Komödie war Menander. Seine Bühnenspiele waren das Vorbild für mehrere Stücke des Plautus und des Terenz.
Das antike Drama kennt bestimmte Handlungsmuster, die den einzelnen Stücken zugrunde liegen: In der Komödie sind dies etwa die Intrige und die Wiedererkennung einer verloren geglaubten Person. Ein typisches Handlungsschema der Neuen Komödie ist etwa folgende Begebenheit: Ein junger Mann geniesst die Liebe und das Leben, sein Vater oder ein älterer Verwandter versucht den Familienbesitz und die gesellschaftlichen Normen zu waren. Der Junge braucht Geld und betrügt den Alten mit der Hilfe eines listigen Sklaven. Daraufhin spinnt der Alte eine Gegenintrige. Den Schluss krönt dann eine Versöhnung, ein Happy End.
Plautus’ Menaichmi lebt vom Verwechslungsmotiv. Zwillinge, beide mit Namen Menaechmus, wurden bei der Geburt getrennt und befinden sich plötzlich, ohne voneinander zu wissen, in derselben Stadt. Das führt zu zahlreichen Verwicklungen und Missverständnissen, die sich erst auflösen, als die beiden sich durch Hilfe eines schlauen Sklaven wiedererkennen.
Innerhalb von Plautus’ Oeuvre etwas isoliert steht das zweite Stück, der Amphitruo da, wohl eines der rezeptionsgeschichtlich wirksamsten Dramentexte überhaupt.
Auch hier ist die Idee des Doppelgängers zentral: Iuppiter nähert sich Alcmene in Gestalt ihres Ehemannes Amphitruo, der als Feldherr ausser Landes ist. Der Götterbote Merkur nimmt dabei die Rolle von Amphitruos Diener, Sosia, ein. Nach Amphitruos und Sosias Rückkehr ergibt sich eine Kette von Verwechslungen, die am Ende aber gütlich ausgehen.
Da nun ein Grossteil der griechischen Vorbilder nicht erhalten ist, ist es für die moderne Forschung oft schwierig festzustellen, was in den Stücken des Plautus ‚Plautinisch’ und was ‚griechisch’ ist. Plautus hat die griechischen Stücke ja nicht einfach übersetzt, sondern selbstständig umgestaltet und den römischen Umständen angepasst.
Ich erspare Ihnen die Einzelheiten dieser Kontroverse. Wichtig ist jedoch, dass die neuere Forschung den Fokus vorwiegend auf Plautus’ Eigentümlichkeiten richtete.
Virgilio versuchte nun, die beiden erwähnten Stücke in den theater- und motivgeschichtlichen Zusammenhang der Neuen Komödie zu stellen.
Für diese methodisch schwierige Aufgabe, bei der es gilt, Texte zu rekonstruieren, die es nicht mehr gibt, stützte sich Virgilio auf Arbeiten des italienischen Literaturwissenschaftlers Maurizio Bettini und des russischen Semiotikers Juri Lotman. Beide fokussieren auf die Handlungstruktur eines Textes und versuchen deren elementarste Bausteine zu bestimmen. Die Beschreibung der Regeln, nach denen diese Bausteine verknüpft sind, ist letztlich das Ziel ihres strukturalistischen Zugangs. Virgilio applizierte diesen Ansatz auf die beiden plautinischen Komödien, um die Handlungsstruktur und die ihr zugehörigen Bausteine sichtbar zu machen und ihre dramatische Funktion offenzulegen.
Aus den daraus resultierenden Analogien zog er Rückschlüsse auf den von ihm postulierten griechischen Gattungstyp. Dies natürlich in der Annahme, der Handlungsverlauf bei Plautus entspreche ziemlich genau dem griechischen Vorbild. Die so offengelegte, beiden Komödien gemeinsame Grundstruktur bestimmte er als wesentliches Erkennungsmerkmal der Verwechslungskomödie.
Die Arbeit ist in mehrerlei Hinsicht kontrovers und wurde von der Forschungsgemeinschaft auch so aufgenommen.
Ein Grund dafür liegt nicht zuletzt in Virgilios damaliger Wissenschaftsprosa. Diese ist elegant und kreativ, jedoch dadurch nicht selten unpräzis und irritierend. Nicht nur mit Kapitelüberschriften wie „Der Webfehler“, „Lesestunde“ oder „Leimruten“ setzte er sich bewusst über Konventionen des Wissenschaftsbetriebs hinweg. Seiner Sprache ist zudem ein nicht unangenehmer pädagogisch-belehrender Ton eigen, mit der er den Leser wie bei der Hand nimmt, um ihn durch seine nicht immer leicht verständlichen Gedankengänge zu begleiten.
Der gesuchte Bruch mit der Konvention, der „esoterische Jargon“, wie es ein Rezensent ausdrückte, ist gewiss Ausdruck von Virgilios literarischem Gestaltungswillen, aber auch leise Selbstironie und inszenierte Provokation. Lassen wir ihn zur Veranschaulichung hier selbst einmal kurz zu Wort kommen:
Es handelt sich um einen Auszug aus dem Kapitel „Lesestunde“. Es geht um die Definition von ‚Lesen’:
(Zitat) „Wo immer von Lektüre gesprochen wird, spricht man früher oder später auch von Sinn, von der Bedeutung, vom Verstehen. Damit verschiebt sich ‚Lektüre’ gegen die ‚Interpretation’ hin. Die Frage wird hinübergeführt in ein Feld (...), das schon zwei mächtige Landeskirchen der Wissenschaft mit Beschlag belegt haben: die struktural-semiotische und die rezeptionsästhetisch-hermeneutische. Der Leser errät leicht, dass wir keinerlei Neigung zeigen werden, zu der einen oder jenen Konfession ein Bekenntnis abzulegen, noch uns in eine verbindliche Oekumene flüchten zu wollen. Nicht weil wir meinten, in den Landeskirchen gebe es nichts zu lernen, im Gegenteil: treuherzig bitten wir den Leser, uns zu glauben, dass wir uns dort über nicht weniges haben unterrichten lassen, auch wenn es uns für jetzt an der Lust gebricht, dies in einer langen Anmerkung mit den schönklingenden Namen aller auctoritates zu belegen.“ (Zitat Ende)
Die auf die Struktur eines Textes ausgerichtete Methode, die er seiner Dissertation zugrunde legte, hat auch die späteren Arbeiten von Virgilio massgeblich bestimmt.
An einem Text interessierte ihn in erster Linie dessen ‚Gewebe’. Das deutsche Wort ‚Text’ geht ja bekanntlich auf das lateinische Wort für Gewebe (textura) zurück. Für ihn bestand die Aufgabe eines Literaturwissenschaftlers vornehmlich darin, die Webmuster eines Textes, seine Textur, zu erkennen und die einzelnen Fäden auseinanderzuhalten und abzuzählen.
In dieser strukturalistisch ausgerichteten Philologie verschwinden der Autor wie der Leser in der Bedeutungslosigkeit. Den etablierten Arbeitsmethoden der Klassischen Philologie stand er dementsprechend eher kritisch gegenüber. Ja, er war geradezu ein Meister darin, die Fehler dieser Methoden aufzuspüren und gnadenlos offenzulegen.
Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass Virgilio seine Habilitation dann über griechische Mythen verfasste. Mythen sind ein zentrales Anwendungsgebiet des Strukturalismus, wie er vom französischen Kulturwissenschaftler Claude Lévi-Strauss geprägt wurde. Strukturalistische Forschung befasst sich nach Lévi-Strauss nicht mit Oberflächenphänomenen, sondern mit den Tiefenstrukturen, die diese Phänomene erst bedingen. Sie richtet ihr Interesse auf das zugrundeliegende System und versucht die Gesetze zu beschreiben, die dieses System regeln. Dieses Modell ist auf die menschliche Sprache ebenso anwendbar wie auf anthropologische Phänomene wie z.B. Verwandtschaftsverhältnisse.
In seiner Analyse von Mythen betonte Lévi-Strauss, dass bei Mythen nicht Wörter oder Sätze, also ihre sprachliche Gestalt, von Bedeutung sei, sondern die einzelnen Schritte der Erzählung. Die einzelnen Handlungselemente stellen die kleinsten sinnbildenden Einheiten dar.
Lévi-Strauss nannte diese Mytheme. Wenn ein Forscher sich also mit einem Mythos beschäftigt, ist es seine Aufgabe, diese Mytheme zu erkennen und sie in ihrem Verhältnis zueinander zu untersuchen. Hier geht es also im eigentlichen Sinn um das Gewebe der Texte.
Als Objekt seiner Analyse wählte Virgilio jene Mythen, die um die griechische Insel Lemnos in der Nordägäis kreisen. Es handelt sich dabei um drei grosse Sagenkreise, deren Verhältnis zueinander er näher bestimmen wollte: Der erste behandelt den griechischen Helden Philoktet, der von einer giftigen Schlange gebissen, von den nach Troja ziehenden Griechen auf Lemnos zurückgelassen wird.
Im Mittelpunkt des zweiten Sagenkreises steht Hypsipyle. Sie hatte in der sogenannten Mordnacht von Lemnos, bei der die Frauen aus Rache alle Männer der Insel ermordeten, als einzige ihren Vater verschont. Der dritte Sagenkreis schliesslich dreht sich um den Gott Hephaistos, der nachdem er von Zeus vom Olymp geschleudert worden war, auf Lemnos auf die Erde fiel. Diese drei lemnischen Sagenkreise weisen auf den ersten Blick kaum Querbezüge auf.
In einem ersten Schritt sammelte Virgilio das erhaltene Material, um daraus das System der Erzählungen zu extrahieren. Mythen verlaufen selten linear. Varianten, Abweichungen und sogar Widersprüche gehören zum Normalfall einer aus unterschiedlichen Quellen schöpfenden Überlieferung. Virgilios Textzugriff ähnelte hier dem eines Kartographen, der das mythologische Terrain erfassen wollte. Dabei misstraute er etablierten Aufzeichnungen und Deutungen, wollte das Gelände mit eigenen Schritten abmessen und hob das Senkblei an Stellen neu an, die ihm wichtig erschienen. In dieser Arbeitsweise fügte er aus einzelnen Bruchstücken minutiös eine Karte zusammen, die so vielleicht noch nicht erblickt wurde.
Virgilio verstand es, gerade dort Handlungsmuster zu entdecken und Sinn zu stiften, wo im Flimmern unterschiedlicher Erzählungen nur noch schwer etwas zu erkennen war. Die Kartographie von unsichtbaren Verknüpfungen, narrativen Doppelungen und motivischen Umkehrungen war sein Spezialgebiet.
Nun wäre es vielleicht angebracht, Ihnen seine Arbeitsweise anhand eines Beispiels kurz zu erläutern. Doch muss ein solcher Versuch zwangsläufig scheitern.
Nehmen wir nur den Sagenkreis, der Philoktet zum Zentrum hat. Aus dem Wirrwarr der textlichen Überlieferung zu diesem Helden, die vom 7. Jh. vor Chr. bis ins 2. Jh. n. Chr. reicht, sezierte Virgilio 11 verschiedene Varianten.
Abgesehen von der fehlenden Zeit macht es mir schon diese Vielfalt nicht möglich, Ihnen den Mythos zu erzählen, ohne mich für eine bestimmte Variante zu entscheiden und dabei der Geschichte eine Verbindlichkeit zu geben, die sie wohl nie besass.
Der einzige gemeinsame Nenner aller Varianten ist allein die Tatsache, dass Philoktet von einer Schlange gebissen wurde. Ort und Zeitpunkt, die Schlangenart sowie Folgen und Ursachen des Bisses variieren in den unterschiedlichen Erzählungen aber erheblich.
In minutiöser Kleinstarbeit gelang es hier Virgilio, die einzelnen Sagenvarianten in ein System einzuordnen und sie so, wie er selbst sagte, miteinander ins Gespräch zu bringen.
Wenn sie diese Sagen also in ihrem stillen Gespräch belauschen wollen, so sollten sie besser selbst Virgilios Buch zu Hand nehmen, statt meinen hilflosen Ausführungen zuzuhören.
Ich breche hier ab, hoffe aber, dass es mir gelungen ist, Ihnen einen kurzen aber aufschlussreichen Einblick in Virgilios wissenschaftliche Tätigkeit zu geben. Sein Tod hinterlässt in der Wissenschaft und in der universitären Lehre fraglos eine Lücke. Auch ich werde ihn auf meinem weiteren Lebensweg schmerzlich vermissen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.