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|(1955 im DDR-Rundfunk uraufgeführt)
Nach dem zweiten Weltkrieg setzte die weltweite Rezeption Federico García Lorcas (1898-1936) ein. Der spanische Dichter und Dramatiker war im August 1936, zu Beginn des Spanischen Bürgerkrieges ermordet worden.
Bertolt Brecht, der ab 1948 ein eigenes Theater, das Berliner Ensemble, in Ostberlin aufgebaut hatte, brachte dem literarischen Werk des Spaniers großes Interesse entgegen. Inszenierungspläne für Lorca-Stücke zerschlugen sich jedoch. So regte Brecht 1954 eine Rundfunksendung über Lorca mit dem Berliner Ensemble an. Mitte der fünfziger Jahre hatte sich eine enge Zusammenarbeit des Berliner Ensembles mit dem DDR-Rundfunk entwickelt. In mehreren Sendungen des Berliner Ensembles stellte man Gedichte, Lieder und Szenenausschnitten aus Dramen, vornehmlich von Brecht, vor. Diese Sendungen entstanden unter Brechts Leitung, wurden von seinen jungen Mitarbeitern, vor allem von Isot Kilian, dramaturgisch bearbeitet und im Tonstudio des Theaters hergestellt.
Die am 7. August 1955, zum 19. Todestag von Lorca ausgestrahlte Einstundensendung Federico García Lorca war die erste größere Sendung des DDR-Rundfunks über den spanischen Dichter. Die Brecht-Mitarbeiter Isot Kilian und Peter Palitzsch bereiteten die Auswahl und die Proben vor. In Abstimmung mit Brecht wurde der Sendungsinhalt festgelegt. Den Komponisten Kurt Schwaen regte Brecht an, Gitarrenmusik für die Sendung zu komponieren. Mitwirkende waren unter anderem die Schauspieler Fred Düren, Ekkehard Schall, Anneliese Reppel und Katharina Thalbach. Isot Kilian sprach die verbindenden Texte.
Klangbeispiel: Originalton: Absage der Sendung: "Federico García Lorca" DDR-Rundfunk, 07.08.1955 (RealAudio-Datei: 2'25")
http://www.dra.de/ram/dok_0802a.ram
Die Sendung enthielt Szenenausschnitte aus zwei Lorca-Dramen und sechs Gedichte aus den verschiedenen Schaffensphasen des Dichters. Man nutzte hierfür die ersten deutschen Gedichtveröffentlichungen, die von Enrique Beck herausgegeben worden waren, der die einzig autorisierten Rechte an deutschsprachigen Lorca-Übersetzungen besaß. Von Brecht wurden diese Übersetzungen als "mäßig" empfunden. Deshalb bearbeitete er die für die Sendung ausgewählten Gedichte, zum Teil geringfügig, zum Teil erheblich. Ob dabei die spanischen Originaltexte hinzugezogen wurden, ist nicht bekannt. Einige Beispiele lassen vermuten, daß er nur die deutschen Übersetzungen nutzte, andere weisen eine größere Nähe zum spanischen Original auf als die Beck-Übersetzungen. Die vorgenommenen Bearbeitungen reichen von der Veränderung einzelner Wörter oder Tempusformen bis hin zur Eliminierung religiöser Bezüge oder zu radikalen Kürzungen.
Wegen der Rechtefragen wurde in der Sendung nicht explizit auf diese Bearbeitungen hingewiesen, schriftliche Unterlagen darüber haben sich nicht erhalten, so dass diese Brechtschen Nachdichtungen in der Forschung bisher unbekannt geblieben sind. Den einzigen Nachweis liefert das im DRA Potsdam-Babelsberg erhaltene Tondokument der Sendung.
Ein Beispiel soll hier vorgestellt werden: das in der Sendung von Annemarie Reppel rezitierte Gedicht "Land", das die Kargheit der andalusischen Landschaft beschreibt. Brecht übernahm dabei weitgehend die Formulierungen der Übersetzung von Enrique Beck. In die Schlußpassage des Gedichtes brachte er jedoch eine gewisse inhaltliche Abweichung von den Intentionen des spanischen Originals hinein. Lorca hatte das Klappern eines Schöpfrades mit dem Klappern der Rosenkranzperlen verglichen: es ist Abend, das Wasser fließt nicht mehr, das Schöpfrad steht still. Enrique Beck war hier ein krasser Übersetzungsfehler unterlaufen (das mütterlich' Schöpfwerk / beschließt Paternoster), den Brecht stilistisch zu verbessern suchte. In seiner Version verkürzen sich nun Mütter ihr Schöpfwerk mit Vaterunsergemurmel (Paternoster verkürzen / das Schöpfwerk der Mütter).
Klangbeispiel: Originalton: "Land" - Gedicht von Federico García Lorca gelesen von Annemarie Reppel (RealAudio-Datei: 0'48")
http://www.dra.de/ram/dok_0802a.ram
Ankündigung der Sendung in der Programmzeitschrift "Unser Rundfunk", H. 32/1955:
"Im August 1938 stockte der spanischen Stadt Granada der Atem, Totenstille lähmte eine Weile den Herzschlag ihrer Bewohner. Dann gellte ein Schrei unbändigen Schmerzes, maßlosen Zorns, trotzender Empörung aus den Gassen über Plätze, über Berge, durch Spanien, Europa, durch die Welt: Federico Garcia Lorca, der Dichter unserer Lieder, der mit seiner Truppe La Barraca über die Landstraßen Spaniens zog, den Freiheitsbrand seiner Romanzen in seines Volkes Seele entzündend, Federico Garcia Lorca, der in seinen Dramen die Tränen seiner Heimat weinte, das Lächeln ihrer Sieggewissheit lächelte, unser Lorca ist von den Faschisten ermordet worden. So klagte das schwerverwundete Volk Andalusiens, Kastiliens, Asturiens und nahm mit erbitterter Liebe sein Andenken in die Nacht des Franco-Terrors, der heute noch Spaniens Antlitz verdunkelt; aber durch Trauer und Qual blickt nach sechzehn Jahren immer noch das helle, so unbeugsam strenge Auge Garcia Lorcas jenem Tage entgegen, da Spanien seine Freiheit erkämpft."
Deutsches Rundfunkarchiv (Dokument des Monats August 2002)
http://www.dra.de/dok_0802.htm