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Frauen in der Schweiz stossen immer noch auf erhebliche Hindernisse, wenn sie eine wissenschaftliche Karriere verfolgen. Besonders schwierig ist es, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen.
Forschungsberichte zeigen, dass Frauen in wissenschaftlichen und technologischen Bereichen unterrepräsentiert sind. Und je höher in der Hierarchie, umso weniger Frauen gibt es.
Die Krux: Kinder zu haben ist ein grosser Nachteil, wenn es darum geht, das für eine Karriere wesentliche Forschungswerk aufzubauen.
"Wissenschaft ist wie ein Fass ohne Boden. Man kann endlos Stunden investieren. Wissenschaft kann einem grundsätzlich ganz verzehren", erklärt Susan Gasser. Sie ist eine führende Biologin, die den diesjährigen "Women in Science"-Preis erhält, der von der Europäischen Organisation für Molekularbiologie (EMBO) und der Föderation der Europäischen Biochemie-Gesellschaften (FEBS) vergeben wird.
"Eine alleinstehende Frau und ein alleinstehender Mann beginnen ihre Karriere praktisch am selben Punkt. Doch es ist fast unvermeidlich, dass die meisten Frauen eine Karrierepause einlegen müssen, wenn sie Kinder haben und diese grossziehen. Und ab dann ist es ein wahrer Balanceakt, an der Spitze zu bleiben."
Eine Frau müsse von Anfang an anerkennen, dass sie "wahrscheinlich nicht die beste Mutter oder Wissenschafterin" sein werde, die sie sein könnte, erklärt Gasser gegenüber swissinfo.ch. Stattdessen werde sie Kompromisse eingehen müssen.
Gasser hat im Verlauf der letzten 30 Jahre mehr als 200 wissenschaftliche Artikel und Rezensionen verfasst. Heute leitet sie das Friedrich Miescher Institut für Biomedizinische Forschung in Basel. Mit der Auszeichnung würdigen EMBO und FEBS Gassers "aussergewöhnliche Leistungen" als Forscherin in der Molekularbiologie und als Mentorin für Frauen, die eine Karriere in der Wissenschaft verfolgen.
"Ich habe auch schon ein paar andere Auszeichnungen erhalten. Diese ist aber besonders, weil nicht nur meine Forschung anerkannt wird, sondern auch eine Vorbildrolle sowie das Mentoring für andere jüngere Frauen in einem Feld, in dem Frauen klar unterrepräsentiert sind."
Hindernisse
Ein Bericht der Europäischen Union von 2009 kam zum Schluss, dass Frauen in der Schweiz bei technischen Wissenschaften (27%) sowie bei Technologie und IT (6%) unterrepräsentiert waren – und überrepräsentiert bei den sozialen Wissenschaften (65%) und im Bereich Gesundheit (86%).
Die Gleichstellung der Geschlechter ist zurzeit Thema eines nationalen Forschungsprogramms in der Schweiz. Ziel des NPF 60 ist es, Wurzeln und Ursachen der Ungleichheit der Geschlechter zu identifizieren, die bisherigen gleichstellungspolitischen Programme unter die Lupe zu nehmen und Empfehlungen auszuarbeiten für die Entwicklung einer nachhaltigen Gleichstellungspolitik und Gleichstellungspraxis. Der Schlussbericht soll der Regierung 2014 überreicht werden.
Eines der Projekte befasst sich mit der Präsenz von Frauen in einem der am stärksten von Männern dominierten Beruf, dem Ingenieurwesen. Zwar gibt es in diesem Bereich auf der ganzen Welt eine Kluft zwischen den Geschlechtern, in der Schweiz jedoch liegt die Zahl der Ingenieurinnen schon im Studium unter dem EU-Durchschnitt.
Einfluss der Unternehmenskultur
Die Forscherinnen und Forscher untersuchen die Kultur innerhalb von Unternehmen und deren Auswirkungen auf die Karrierechancen von Frauen. Bei zehn Firmen wurden Fallstudien durchgeführt, dazu wurden Vorgesetzte, Personalbeauftragte sowie Ingenieure und Ingenieurinnen befragt. Die bisherige Schlussfolgerung ist, dass die Unternehmenskultur einen "sehr starken Einfluss" auf die Aufstiegschancen hat.
"Wir haben herausgefunden, dass Frauen in technischen Berufen auf jeder Stufe der Karriereleiter auf grosse Hindernisse stossen", erklärt Anja Umbach-Daniel, eine der Projektleiterinnen, im Gespräch mit swissinfo.ch.
"Wir sehen, dass sich Linienvorgesetzte und die Personalabteilungen dieser Hindernisse nicht bewusst sind. Sie sind der Ansicht, dass es für Frauen keine Probleme gibt, dass sie dieselben Chancen haben. Von den Frauen hören wir hingegen, dass sie Probleme haben, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen."
Das Projekt hat zum Ziel, herauszufinden, was diese Hindernisse sind und wie sich die Karrierechancen von Frauen verbessern liessen.
Unterstützungssysteme
Ähnlich präsentiert sich das Bild in den meisten EU-Staaten. Nach EU-Zahlen von 2007 gab es nur in drei Staaten – Lettland, Litauen und Polen – gleichviele Männer und Frauen unter Ingenieuren und Wissenschaftern. Im Durchschnitt lag der Anteil von Wissenschafterinnen und Ingenieurinnen in der EU bei 32%. Die Schweiz rangierte am unteren Ende der Skala mit nur gerade 18% Frauen in diesen Kategorien.
"Eines der grössten Probleme bei der Gleichstellung der Geschlechter ist die Situation bei den wissenschaftlichen und technischen Berufen", sagt auch Etiennette Verrey, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen.
Von der Gesetzgebung her betrachtet hätten die Frauen die gleichen Rechte, und "wir sind mit dem nationalen Forschungsprogramm auf dem richtigen Weg". Grosser Bedarf bestehe aber noch, was den Wandel von Mentalitäten und Unterstützungssystemen angehe.
Kinderkrippen haben lange Wartelisten, und Verrey appelliert an Staat und Firmen, zu helfen, das Angebot für Betreuungseinrichtungen für Kinder zu verbessern.
"In der Schweiz gibt es immer noch diese Idee, dass die Mutter zum Kind schauen sollte. Für eine Karriere in der Wissenschaft ist das unmöglich. Denn wenn eine Frau ihr Berufsleben für ein, zwei Jahr aussetzt, kann sie praktisch nicht mehr zurückkehren. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein grosses Problem", erklärt Verrey gegenüber swissinfo.ch.
Mädchen und Buben trennen?
Ändern müsse sich auch das Verständnis der Leute, was die Geschlechterrollen angehe, sagt Verrey. Schulprogramme, mit denen Mädchen ermutigt werden, naturwissenschaftliche Fächer zu belegen, haben bisher wenig Erfolg gehabt. Eine Idee, über die in der Schweiz auch diskutiert wird, ist der getrennte Unterricht für Mädchen und Jungen in bestimmten Fächern. Damit würde das Element des Kampfs zwischen den Geschlechtern entfallen, wird argumentiert.
"Mädchen würden dann die Idee 'ich bin ein Mädchen und daher nicht gut in Mathematik' weniger im Kopf haben." Verrey fügt hinzu, in den USA etwa gebe es Elite-Universitäten für Frauen, nicht aber in der Schweiz.
Susan Gasser unterstreicht, es sei auch wichtig, Ziele zu haben. "Sowohl meine Grossmutter als auch meine Mutter hatten eine Karriere. Es war für mich keine Frage, was ich wollte: Eine Karriere in der Wissenschaft und eine Familie."
Zu lernen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, könne auch seine positiven Seiten haben, sagt Gasser, denn es zwinge Frauen, effizienter zu werden. Was ihnen wiederum helfen könne, bessere Wissenschafterinnen zu werden. Von entscheidender Bedeutung sei auch das Mentoring.
"Ich denke, Mentoring ist wichtig für Frauen, weil Männer manchmal den Druck nicht verstehen, der auf einer Frau lastet, weil sie nicht wissen, wie es ist, diese Kluft zwischen Familie und Karriere zu spüren. Und der Druck, dem eine Frau ausgesetzt ist, kann ganz schön heftig werden – bin ich eine gute Mutter oder nicht?"
Und was ist Gassers Ratschlag an Frauen, die eine wissenschaftliche Karriere einschlagen wollen? Die Frau muss wissen, was sie will, den "richtigen Mann heiraten", pragmatisch sein und bereit, Opfer zu machen.
NFP 60
Die Nationalen Forschungsprogramme (NFP) stehen unter Ägide des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF).
Die jeweiligen NFP-Themen werden von der Schweizer Regierung (Bundesrat) festgelegt.
Ziel der NFP ist die Erarbeitung von wissenschaftlich fundierten Grundlagen zur Lösung aktueller Probleme von nationaler Bedeutung.
Das NFP 60, "Gleichstellung der Geschlechter", verfügt für die geplante Forschungsdauer von drei Jahren über ein Budget von 8 Mio. Franken und umfasst 21 verschiedene Projekte.
Die Forschung erfolgt interdisziplinär und umfasst soziologische, politische, bildungswissenschaftliche, ökonomische und psychologische Perspektiven. Geforscht wird in den Bereichen Politik, Arbeitsmarkt, Bildung und Familie.
Die Ergebnisse der Forschung sollen anschliessend in die Entwicklung einer nachhaltigen Politik und Praxis der Gleichstellung zwischen Mann und Frau einfliessen.Infobox Ende
Frauen und Wissenschaft
Noch bis in die 1960er-Jahre gab es unter Wissenschaftern solche, welche die Fähigkeit von Frauen zu wissenschaftlicher Arbeit in Frage stellten. In den letzten 30 Jahren hat sich "Frauen und Wissenschaft" als Raum der Forschung in viele Richtungen verzweigt.
Bis heute bestehen bei den Publikationsraten Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Untersuchungen kamen zum Schluss, dass Frauen zwar weniger veröffentlichen, aber häufiger zitiert werden.
Frauen publizieren am Anfang ihrer Karriere weniger, in späteren Jahren dann etwa gleich viel wie Männer. Eine geringe Publikationsrate kann die beruflichen Aufstiegschancen beeinträchtigen.
Männer-Seilschaften spielen in der Wissenschaft noch immer eine bedeutende Rolle. Dies, zusammen mit Geschlechter-Stereotypen und althergebrachten Vorgehensweisen, kann Frauen die Vernetzung erschweren. Sie haben darauf mit der Gründung von Frauen-Netzwerken reagiert.
Die Europäische Kommission machte es zu einer ihrer Prioritäten, den Anteil von Frauen in den Naturwissenschaften zu erhöhen. 2005 wurden drei Ziele gesteckt: Vertiefte wissenschaftspolitische Debatten, besseres Verständnis der Zusammenhänge von Gender und Wissenschaften sowie ein besseres Monitoring von geschlechterspezifischen Fragen.
Das fünfte Rahmenprogramm der EU für Forschung und technologische Entwicklung von 2002 hatte festgehalten: "Eine umfassende und gleichberechtigte Integration von Frauen auf allen Gebieten und Ebenen der Wissenschaft wird zur weiteren Verbesserung der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit in Europa und zu einer noch schnelleren Entwicklung des wissenschaftlichen Fortschritts beitragen."
Der Anteil von Frauen im Hochschulbereich hat in den vergangenen 50 Jahren stetig zugenommen: An Universitäten in der EU studieren heute mehr Frauen (51 %) als Männer.
In der Schweiz liegt der Anteil der Studentinnen bei 46%. Bei den Doktoraten liegt die Schweiz mit einem Frauenanteil von 41,9% europaweit jedoch auf den hinteren Rängen.
Ein Bundesprogramm zur Chancengleichheit, das von 2000 bis 2011 lief, zielte darauf ab, die Gleichheit der Geschlechter im Hochschul-Bereich zu fördern: Universitäten, die Frauen als Professorinnen beriefen, erhielten einen Bonus. Der Anteil der Professorinnen stieg von 7,2% 1998 auf 14% Ende 2006.
Zum Programm gehörten auch Mentoring-Projekte, Workshops und die Vernetzung von Datenbanken. Zudem wurden Kinderbetreuungsangebote an Universitäten ausgeweitet.
(Quelle: Schweizer Staatssekretariat für Bildung und Forschung, SBF)Infobox Ende
(Übertragen aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch