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Diese kurze Biographie beleuchtet Roberto Assagioli’s Leben und die damit verbundene Entwicklung der Psychosynthese.
Roberto Assagioli wurde als Roberto Marco Grego am 27.2.1888 um 12.03 Uhr in Venedig geboren. Seine Mutter Elena Kaula (1863 -1925) war Venezianerin und hatte Leone Grego, einen Ingenieur aus Verona,
geheiratet. 1890 verlor Roberto seinen Vater durch dessen plötzlichen Tod. Zusätzliche Gesundheitsprobleme erforderten eine Spitaleinweisung von Roberto. Dort lernte seine Mutter Dr. Emanuele Assagioli kennen, den sie 1891 heiratete. Roberto nahm diesen Familiennamen an, war aber auch über lange Zeit unter dem Namen Roberto Grego Assagioli bekannt.
Im Herbst 1904 zog seine Familie mit ihm von Venedig nach Florenz, um ihm das Studium der Medizin am Instituto di Studi Superiori zu ermöglichen.
Er erhielt eine typische klassisch-europäische Erziehung, lernte fünf Jahre Griechisch und acht Jahre Latein, zusammen mit dem Studium verschiedener anderer Sprachen. In seinem Zuhause wurde italienisch,
französisch und englisch gesprochen, sodass er dreisprachig aufwuchs. Im Alter von acht Jahren lernte er Deutsch und ab 1906, an der Universität von Florenz, Russisch und Sanskrit.
Seine Eltern waren Juden aus der oberen Mittelschicht. Sie ermutigten ihn schon früh, die verschiedenen Länder Europas zu besuchen. Dies ermöglichte ihm in sehr jungen Jahren, sich mit den verschiedensten
grossen Kulturen sowie deren verschiedenen Lebensweisen auseinanderzusetzen. Seine Mutter wurde Theosophin, was ihm ein weiteres Feld des spirituellen und esoterischen Wissens eröffnete. Aufgrund seiner Erziehung war er mit Dantes und Platos Werken sehr vertraut, und es ist überliefert, dass er von seinem Dante-Lehrer sehr beeindruckt war. Die Werke von Plato und Dante waren für ihn Zeit seines Lebens eine Quelle der Inspiration und kommen auch in der Psychosynthese klar zum Ausdruck.
Es wird geschrieben, dass Assagioli schon sehr früh, um 1903, Artikel über psychologische Disziplinen und Therapie schrieb und publizierte. Zu dieser Zeit studierte er auch Max Muller's Übersetzungen der mystischen und theosophischen Schriften. Seinen ersten uns bekannten Artikel schrieb er 1906 unter dem Titel: "Gli effeti del riso e le loro applicazioni pedagogiche" (Vom Effekt des Lachens und seiner Bedeutung in der Pädagogik). Später wurde dieser Artikel bekannt unter dem Titel: " Smiling wisdom" (Lächelnde Weisheit). Assagioli studierte Medizin und beschäftigte sich intensiv mit den Grenzen von Medizin, Erziehung und Religion, eine Kombination von Interessen, die die Basis der Psychosynthese geformt haben. Er besuchte internationale Konferenzen über Religionsgeschichte* und über moralische Erziehung.
1908 veröffentlichte er am Internationalen Kongress der Philosophie in Heidelberg eine Abhandlung über
die Ähnlichkeiten des deutschen Mystikers J.G. Hamann und des amerikanischen Transzendental-Philosophen Ralph Waldo Emerson.**
Bereits um 1909 begann sich Assagioli mit der Psychoanalyse zu beschäftigen.*** 1910 gründete Assagioli
mit sehr viel Enthusiasmus eine Studiengruppe für Psychoanalyse mit 19 Mitgliedern und stellte die wichtigen Entdeckungen von Sigmund Freud seinen Professoren in Florenz vor. Zur gleichen Zeit schrieb er
auch seine Doktorarbeit, eine kritische Studie der Psychoanalytischen Theorie. In dieser Arbeit legte er
den Grundstein für seine Kritik an der Psychoanalyse, die er als zu begrenzt empfand. Assagioli wollte
eine wissenschaftliche Psychologie des ganzen Menschen kreieren, welche Kreativität, Wille, Freude und
Weisheit genauso miteinschliessen, wie die Impulse und Triebe.
*Das Buch von William James, "Die Vielfalt der religiösen Erfahrung" war 1902 gerade herausgekommen und erwar von William James sehr beeindruckt (siehe Konzept der verschiedenen Selbste - Teilpersönlichkeiten)
**Sonderabdruck aus den Verhandlungen des III. Internationalen Kongresses für Philosophie Heidelberg 1908. Carl Winter Verlag
*** Brief von Freud an Jung zitiert in, Jean Hardy: A Psychology with a Soul; Seite 12/13.
Ich will mir selber immerzu präsent sein
Roberto Assagioli
Nach seiner Graduierung als Doktor arbeitete Assagioli als Assistenzarzt bei Eugen Bleuler in der Psychiatrie Burghölzli, Zürich (auch C.G.Jung hat hier unter Bleuler gearbeitet). Bleuler beschrieb damals erstmals das "Gespalten-sein des Geistes" als "Schizophrenia". Bleuler war zur Zeit, als Assagioli bei ihm
arbeitete, extrem kritisch gegenüber Freud eingestellt. Nach seiner Zeit als Assistenzarzt praktizierte Assagioli als Psychiater in Italien, wo er seine Vorstellungen von Therapie weiterentwickelte. In der Zeit von 1912 bis 1915 publizierte er eine Serie von Artikeln in "Psiche", einer Zeitschrift, die er gegründet hatte und deren Herausgabe aufgrund des Krieges 1915 eingestellt wurde. Nach dem Krieg veröffentlichte er den Grossteil seiner Werke in der Zeitschrift "Ultra". Es ist überliefert, dass seine Artikel zu jener Zeit einen "explosiven" Effekt hatten.
Während des Ersten Weltkrieges diente Assagioli als Arzt (Leutnant) in der Armee. In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg lebte er in Rom. Dort lernte er 1920 seine Frau Nella Ciapetti kennen, eine sehr vermögende Katholikin (röm.) und Theosophin, die er 1922 heiratete. Sie waren vierzig Jahre verheiratet. 1923 kam ihr gemeinsamer Sohn Ilario zur Welt.
In der Zeit zwischen den Kriegen erweiterte Assagioli seine Forschungen und war dabei beeinflusst von Steiner, Suzuki und Ouspensky. Mit vielen bekannten Denkern jener Zeit, wie Croce, Tagore, Jung und Inayat Khan, war er in persönlichem Austausch oder befreundet. Mit Hermann Graf Keyserling und Martin Buber verband ihn eine tiefe Freundschaft.
1926 gründete Assagioli sein "Istituto di Cultura e Therapia Psichica" in Rom, Via Marsala 96-B.
1927 brachte er ein kleines Buch mit dem Titel: "A new Method of Healing - Psychosynthesis" heraus. Dieses hatte den Untertitel: "Speziell für all diejenigen, die im Geist oder Körper leiden".
1933 verlegte er das Institut in die Via Antonio Bosio 15, Rom und benannte es neu "Instituto di Psicosintesi".
Nun begann eine Zeit zunehmender Schaffenskraft, in der Assagioli immer mehr nach aussen trat, Artikel veröffentlichte und Vorträge und Kurse hielt. Der Artikel "Dynamische Psychologie und Psychosynthese" entstand, in dem er sich auf in der Psychologie führende Leute wie Janet, Freud, Adler und Jung und deren Erforschung des unbewussten Materials bezog. Er zeigte Schwerpunkte der einzelnen Richtungen und deren Relevanz für die Psychosynthese auf. Der Text nahm auch Bezug auf die Entwicklungen der Psychobiologie, der psychischen Phänomene, auf William James und Evelyn Underhill und ihre Publikationen über religiöse Erfahrungen und mystische Stadien, ebenso wie auf Keyserling mit seiner Synthese des
östlichen und westlichen Denkens. In diesem Artikel hat Assagioli ausserdem sein "Ei-Diagramm" erstmals veröffentlicht.
Auf Assagiolis Schreibtisch stand immer eine frische Rose
In den späteren Dreissigern schrieb er einen ersten Artikel über die spirituelle Entwicklung und begleitende
Krankheitserscheinungen. Dieser wurde später zum Kapitel "Selbstverwirklichung und ihre psychologischen
Störungen" im "Psychosynthese-Handbuch". Zu dieser Zeit gewann die Faschistische Bewegung in Italien zunehmend an Macht, und 1941 wurde Assagioli verhaftet und für einen Monat ins Gefängnis gesteckt. In dieser Zeit schrieb er seinen nie veröffentlichten, doch viel zitierten Artikel: "Freiheit im Gefängnis".
1943 wollten die Nazi-Faschisten ihn wieder verhaften, und er und sein Sohn Ilario mussten sich in den
Bergen verstecken.
1945 begann er, sein Institut von Rom nach Florenz zu verlegen. Hier entwickelte er erst vollends das
Konzept der Psychosynthese, schrieb viele Pamphlete und Traktate und begann weltweit (Schweiz, England,
Amerika) Vorträge und Kurse zur Psychosynthese zu halten.
1951 starb sein Sohn Ilario. Die genauen Hintergründe seines Todes sind etwas widersprüchlich. Sicher
ist, dass Ilario die Verfolgung durch die Nazis und die Unannehmlichkeiten und Leiden während der
Flucht nicht gesund überstand. Schon 1946 hatte Roberto Assagioli in einem Brief an C.G. Jung von der
Tuberkuloseerkrankung seines Sohnes geschrieben.
Assagioli war fröhlich, humorvoll, er hatte immer ein wunderbares Lächeln, so unendlich freundliche, strahlende Augen, die jede Steifheit zerbrachen.
Massimo Rosselli
In den frühen Fünfzigerjahren gründete Assagioli die Italienische Union für Progressives Judentum. Diese basierte auf einer grossen Offenheit, Verständigung und Zusammenarbeit mit anderen Menschen und Religionen,
mit dem Ziel einer organischen und kreativen Synthese der ganzen Menschheit.
1957 gründete eine Gruppe AmerikanerInnen in Delaware (USA) zusammen mit ihm die "Psychosynthesis Research Foundation", eine Stiftung für die Forschung im Bereich der Psychosynthese. Diese Stiftung, die später nach New York verlegt wurde, lehrte und publizierte bis 1976. Das Istituto di Psicosintesi erweiterte sein Wirken von Florenz nach Rom und Bologna. 1959 und 1960 wurden in Paris und in London Konferenzen durchgeführt, an welchen Assagioli teilnahm. 1960 wurde von Triant Triantafyllou ein griechisches Psychosynthese-Institut gegründet. Im gleichen Jahr wurde die erste internationale Psychosynthese-Woche in der Schweiz, mit Vertretern aus neun Nationen durchgeführt.
Zu dieser Zeit beschäftigte sich Assagioli zunehmend mit den Arbeiten von Abraham Maslow (dessen Buch "The Creative Attitude" durch die Psychosynthesis Research Foundation veröffentlicht wurde), Carl Rogers und Erich Fromm. Er war auch befreundet mit dem Astrologen Dane Rudhyar.
Mitte der Sechzigerjahre wurden auch in Indien, Japan und Argentinien Zentren eröffnet und es wurde eine internationale Konferenz zum Thema: "Ausbildung und Probleme von jungen und (über-) begabten Menschen" durchgeführt.
In der darauffolgenden Zeit wurden immer mehr Zentren und Institute gegründet, und Assagioli war immer
bestrebt, dass es keine Hierarchie in diesen Instituten gab. Er selbst bestimmte, dass kein Institut und kein Mensch sich als sein Nachfolger bezeichnen könne.
Er sagte: "Psychosynthese ist keine Doktrin oder eine "Schule" der Psychologie; es ist keine spezielle oder Einzelmethode der Selbstverwirklichung, Therapie, Erziehung, interpersonaler und sozialer (Gruppen) Beziehungen und Integrationen. ....Es kann eine "Bewegung", ein "Trend" und ein "Ziel" genannt werden. Es gibt kein konventionelles und orthodoxes Denken in der Psychosynthese, und niemand, beginnend bei mir selbst, sollte als deren exklusiver oder repräsentativer Führer angesehen werden." (Zitat aus "Psychosynthesis Digest", Vol.1, Herbst 81)
Roberto Assagioli starb 1974 im Alter von 86 Jahren. Er arbeitete gerade an seinem Buch "Transpersonal
Self", welches unvollendet blieb.
Zum Autor
Gerhard Schobel leitet seit vielen Jahren Seminare und Ausbildungsgruppen in Psychosynthese. Seit 1991 ist er Leiter des Zentrum aeon in Basel und arbeitet als Therapeut und Supervisor in eigener Praxis. https://www.aeon.ch