Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/1685

Chirurgenkongreß.
Der 20. Kongreß der deutschen Gesellschaft für Chirurgie tagte 1.-4. April 1891 in Berlin. [* 2] In der ersten Sitzung, welche der Besprechung der Kochschen Entdeckung gewidmet war, bemerkte Thiersch (Leipzig) [* 3] als Vorsitzender vorweg, daß die Entdeckung Kochs eine der größten sei, die je gemacht worden, daß sie ganz neue Bahnen eröffne, und daß sie, wenn sie auch nicht direkt zu dem erhofften Ziel führe, doch auf der eröffneten Bahn ein Ziel als auf Umwegen erreichbar zeigt, das jetzt nur erst in verschleierten Umrissen erkennbar sei.
In dem einleitenden Referat sagte v. Bergmann (Berlin), die Thatsache, welche als etwas ganz Neues und Unerhörtes im November vorigen Jahres die ärztliche Welt in Staunen versetzte, war die Entdeckung eines Mittels, welches, an einer Körperstelle appliziert, an einer entfernten Stelle eine Entzündung hervorruft, die sich auf ganz bestimmte, nämlich die tuberkulösen Krankheitsherde beschränkt. Das Kochsche Mittel führt zu einer örtlichen und zu einer Allgemeinreaktion.
Letztere teilt es mit einer Reihe andrer Substanzen, die örtliche Wirkung an einer der Applikationsstelle entfernten Stelle kommt dem Kochschen Mittel allein zu, und nach allen Erfahrungen des Vortragenden ist diese örtliche Reaktion thatsächlich auf die Stellen, welche tuberkulös erkrankt sind, beschränkt. Die allgemeine Reaktion kommt auch bei andern Krankheiten vor, sogar bei solchen, welche notorisch mit tuberkulösen Prozessen verwechselt werden können, z. B. bei Aktinomykose und bei Fällen mit großen erweichten Sarkomen, nicht bei solchen festern Gefüges. In derartigen Fällen ließe sich allerdings
annehmen, daß die betreffenden Kranken zugleich an tuberkulösen Affektionen litten, und es wäre deshalb die Sektion, die ja bei der Natur jener Leiden [* 4] gewöhnlich bald möglich wird, erforderlich, um Aufklärung zu schaffen. Die angeblichen ungünstigen Wirkungen des Mittels, die sich bei der chirurgischen Tuberkulose durch Auftreten von Miliartuberkulose oder durch Weiterausbreitung der lokalen Erkrankung geltend machen sollen, sind mit großer Vorsicht zu beurteilen.
Bekanntlich tritt zuweilen nach umfassendern chirurgischen Operationen bei solchen, die an lokaler Tuberkulose leiden, allgemeine Tuberkulose auf. Vielleicht hat man die Wirkung des Kochschen Mittels in dieser Hinsicht mit derjenigen einer Operation zu vergleichen, um die Fälle zu erklären, in denen nach Anwendung des Tuberkulins Miliartuberkulose eintrat. Jedenfalls ist, bevor man den Ausbruch der allgemeinen Tuberkulose dem Kochschen Verfahren zuschreiben darf, festzustellen, daß die schwere Erkrankung sich unmittelbar an die Injektionsbehandlung anschließt, daß das Fieber nicht wieder abfällt, wenn es in typischer Weise nach der Injektion [* 5] des Mittels angestiegen ist, und daß die klinische Beobachtung sich mit dem anatomischen Befund im Einklang befindet, daß das Vorhandensein eines einzelnen Krankheitsherdes festgestellt wird, von dem aus sich die Bacillen verbreitet haben.
Man müße ferner feststellen, daß die Verbreitung frisch ist, und das hat offenbar Schwierigkeiten. Redner hebt hervor, daß diese Forderungen nach seinen Erfahrungen in keinem einzigen Falle als erfüllt anzusehen gewesen sind. Ebensowenig hat er beobachtet, daß nach den ersten Injektionen eine Verbreitung der Krankheit eintritt. Dagegen wurde nach wochen-, ja monatelang fortgesetzter Behandlung das Auftreten neuer, bisher nichtbemerkter tuberkulöser Affektionen mehrfach beobachtet.
Die Behandlung mit dem Mittel schützt also weder vor dem Auftreten neuer Tuberkulosen während derselben, noch vor einem im Verlauf derselben sich entwickelnden Rückfall. Man kann annehmen, daß an den Stellen, an welchen neue tuberkulöse Knoten und Geschwüre auftreten, schlummernde Knoten vorhanden gewesen sind und nun in die Erscheinung treten. Diese Erklärung hat aber ihr Mißliches, wenn der neue Ausbruch so spät erfolgt. Mißlicher noch ist, daß solche neu auftretende Knoten und Geschwüre der Kochschen Behandlung widerstehen, während man doch meinen sollte, daß gerade sie ihr erliegen müßten, weil das Tuberkulin bei frühen Stadien der Tuberkulose am wirksamsten sein soll.
Für die Beurteilung der günstigen Wirkung des Kochschen Mittels auf tuberkulöse Herde ist allein die Übereinstimmung der klinischen Beobachtung mit den anatomischen Thatsachen beweiskräftig. Nun haben die histologischen Untersuchungen, die v. Bergmann durch Schimmelbusch anstellen ließ, zu Ergebnissen geführt, die mit der von Koch aufgestellten Hypothese von der nekrotisierenden Wirkung des Mittels im Widerspruch stehen. In keinem der behandelten Lupusfälle konnte mikroskopisch vollständiges Verschwinden der Tuberkeln konstatiert werden.
Hautstückchen aus den früher lupösen Herden bei Patienten, die lange mit dem Mittel behandelt waren, auf Meerschweinchen verimpft, gaben ausnahmslos positive Resultate So stehen sich gegenüber: regelmäßige anfängliche Besserung und regelmäßiger späterer Rückfall. Aber auch sehr lange fortgesetzte Behandlungen führten niemals zu völliger Heilung, weder bei Lupus noch bei andern lokalen Tuberkulosen. Trotzdem glaubt Redner, daß es ganz verkehrt sein würde., ¶
mehr
mit der Anwendung des Mittels zu brechen, die Erfahrungen erstrecken sich noch über einen zu kurzen Zeitraum, und jedenfalls werde sich durch die Versuche em großer Gewinn für die Wissenschaft ergeben. König (Göttingen) [* 7] steht im allgemeinen dem Kochschen Mittel hoffnungsvoller gegenüber als Bergmann; seitdem er die Behandlung mit kleinen Dosen beginnt, hat er Zustände sich bessern sehen in einer Art, wie man es früher nicht gewohnt war. Bei Patienten mit mehrfachen tuberkulösen Affektionen und bei Gelenkkranken mit großen Knochenherden ist das Tuberkulin überhaupt nicht anwendbar.
Als unentbehrlich erscheint ihm das Tuberkulin bei Lupus der Mundhöhle. [* 8] Aber er glaubt nicht, daß das Mittel im Sinne Kochs in der Art heilend wirkt, daß es die Gewebe [* 9] nekrotisiert, sondern infolge einer Durchströmung der erkrankten Teile mit exsudatösen oder transsudatösen Flüssigkeiten, deren Gehalt an bakterienfeindlichem Serum wie an Leukocyten die Heilwirkung ausübt. Was die ungünstigen Wirkungen des Mittels anlangt, so hat auch König einen Fall gesehen, von dem er sagen muß, daß der Tod unter Umständen eingetreten ist, wie in den Fällen, von denen er behauptet hat, daß die allgemeine Tuberkulose durch die Operation einer lokalen verschuldet worden ist.
Darin liegt aber kein Vorwurf, und jedenfalls steht es in dieser Beziehung mit dem Kochschen Mittel nicht schlimmer als mit dem scharfen Löffel des Chirurgen. Ähnlich günstig sprachen sich auch andre Redner aus, allgemein wurde betont, daß mit der Anwendung des Kochschen Mittels fortzufahren sei (die meisten befürworten Anwendung sehr kleiner Dosen), und daß man es mit den frühern Operationsverfahren kombinieren soll. Kaum jemals werden nach König die Resektionen und Arthrektomien in der Weise in den Hintergrund gedrängt werden, wie es eine Anzahl von Heißspornen sich gedacht haben mag.
Senger (Krefeld) [* 10] sprach über ein in der Behandlung der chirurgischen Tuberkulose wirksames Mittel und das Wesen der Jodoformeinspritzungen. Er glaubt ermittelt zu haben, woran es liegt, daß die Jodoformbehandlung der Gelenktuberkulose zuweilen wirksam ist und in andern Fällen nicht. Er hält dafür, daß nicht das Jodoform selbst die Heilung zuwege bringt, sondern die durch Oxydation des Jodoforms entstehende Ameisensäure. Ist nun Gelegenheit zur Oxydation vorhanden, so wirkt das Jodoform, andernfalls nicht.
Daraufhin hat Vortragender mit gutem Erfolg Einspritzungen von ameisensaurem Natron und ameisensaurem Äthyläther angewandt. Jedenfalls scheint die Ameisensäure energische lokale Entzündung und unter Umständen Eiterung zu erregen. Am Schlusse sprach Rubinstein (Berlin) über Behandlung von Lokaltuberkulose durch eine Kombination der innerlichen Guajakolbehandlung teils mit chirurgischen Eingriffen, teils mit Injektionen von Jodoformglycerin in die Gelenke und in die tuberkulös erkrankten Weichteile und Knochen. [* 11]
Die antituberkulöse Wirkung des Guajakols wurde schon vor Jahren durch Schulter experimentell festgestellt, und jetzt konnte er sie dadurch bestätigen, daß in einem Fall von geheilter Lungentuberkulose das Kochsche Mittel keine Reaktion mehr ergab. Die von Schulter erzielten Erfolge sind besonders dadurch wissenschaftlich wertvoll, weil in vielen Fällen konstatiert werden konnte, dah die Heilung zum Teil 8 Jahre seit Abschluß der Behandlung vorgehalten hat.
In der zweiten Sitzung sprach Herzog (München) [* 12] über den Rückbildungsprozeß der Umbilikalgefäße.
Dann erstattete Gurlt (Berlin) Bericht über die von dem vorjährigen Kongreß beschlossene Sammelforschung über Chloroformnarkose. Es sind im ganzen 24,675 Fälle von Narkotisierungen gemeldet worden, darunter 22,656 mit Chloroform, 470 mit Äther, 1055 mit Äther und Chloroform, 417 mit Äther, Chloroform und Alkohol und 27 mit Bromäthyl.
Unter den Chloroformnarkosen sind 71mal Erstickungsgefahr und 6 Todesfälle vorgekommen, unter den Ätherfällen keins von beiden, unter den Ätherchloroformfällen 5mal und unter den Ätherchloroftrmalkoholfällen 4mal Erstickungsgefahr, unter den Bromäthylfällen kein Unfall. Das Verhältnis der Todesfälle ist also beim Chloroform 1:3776, das der Erstickungsgefahr 1:319 gewesen. Bei den übrigen Mitteln verhielten sich die asphyktischen Fälle wie 1:211 (Ätherchloroform), bez. 1:104 (Ätherchloroformalkohol).
Das benutzte Chloroform war meist aus Chloral bereitet. Unter 2732 Narkosen dauerten 278 eine Stunde oder länger. Die längste Narkose dauerte 3 Stunden. Der Verbrauch von Chloroform beträgt bei der gewöhnlichen Narkose durchschnittlich 1 g, bei der Juncker-Kappelerschen 0,6 g auf 1 Minute. Eine Privatklinik berechnet den Durchschnittsverbrauch auf 25 g für jeden Fall; die größte bei einer Narkose verbrauchte Menge betrug 180 g. In 6806 Fällen (14 Berichterstatter) wurden 2194mal Morphiumeinspritzungen als Unterstützungsmittel der Narkotisierung angewandt.
Die Erstickungsgefahr wurde durch Anwendung der gewöhnlichen Mittel beseitigt. 4mal mußte Tracheotomie ausgeführt werden. Die Erstickungsgefahr trat ein ohne Unterschied des Alters oder des Kräftezustandes der Kranken. Auf Antrag von Bruns (Tübingen) [* 13] wird beschlossen, die Sammelforschung fortzusetzen. Bruns hält die Zahlen noch für zu klein, jedenfalls aber ergeben sie, daß die Erfolge der fast ausschließlich geübten Chloroformnarkose noch nicht derartig sind, um sich dabei beruhigen zu können. Er empfiehlt ausgedehntere Versuche mit der Äthernarkose. Bruns berichtete dann weiter über die Heilung eines sehr großen Cystenkropfes durch Exstirpation, Escher (Triest) [* 14] und Landerer (Leipzig) über die Radikaloperationen der Leistenbrüche, Karewski (Berlin) über Radikaloperationen großer Hodenbrüche ber Kindern im ersten Lebensalter.
In der dritten Sitzung sprach Barth (Marburg) [* 15] über das Prostatasarkom. Die Krankheit hat bis jetzt immer zum Tode geführt, wie es scheint, gibt es aber Fälle, die der Operation zugänglich sind, vorausgesetzt, daß sie rechtzeitig zur Diagnose und Behandlung kommen. Landerer (Leipzig) sprach über Behandlung der Krampfadern. Er demonstrierte eine Bandage, deren mit Wasser gefüllte Pelotte auf der Vena saphena magna zu liegen kommt. Wird das Band [* 16] geschlossen, so drückt die Pelotte auf die Vene, ohne daß eine zirkuläre Abschnürung stattfindet. Da die Krampfadern der untern Extremitäten durchweg dem Verbreitungsgebiete der genannten Vene angehören, so konnte der Vortragende in 80 Fällen zufriedenstellende Resultate erzielen.
Die Bandage ist außerdem den Patienten bequemer und billiger als ein Gummistrumpf. Bardeleben (Berlin) setzt keine allzu großen Hoffnungen auf dieses wie auf alle andern Verfahren zur Heilung der Unterschenkelvaricen, denn erstens hängen dieselben bei weitem nicht alle mit der genannten Vene zusammen, und zweitens hat bis jetzt keins der zahlreichen, von ähnlichen Voraussetzungen ausgehenden Heilverfahren dauernde Resultate ergeben. Petersen (Kiel) [* 17] sprach ¶
mehr
über den angebornen muskulösen Schiefhals. Er ist bereits vor Jahren der von Stromeyer herrührenden Lehre [* 19] von der mechanischen Entstehung des Schiefhalses während der Geburt entgegengetreten und spricht gegenüber den inzwischen gegen seine Auffassung laut gewordenen Stimmen von neuem seine Überzeugung aus, daß es sich um eine während des fötalen Lebens entstandene Anomalie [* 20] handelt. Diese Überzeugung stützt sich vor allein auf die Beobachtung von unzweifelhaft angebornem Schiefhals. Es läßt sich aber auch theoretisch das Zustandekommen der Anomalie durch Verwachsungsvorgänge während des Fötallebens erklären. Rehn (Frankfurt [* 21] a. M.) sprach über Kompression der Cauda equina durch einen Tumor; v. Zoege-Manteuffel (Dorpat) [* 22] über angiosklerotische Gangräne.
In den Sitzungen im Hörsaal der chirurgischen Universitätsklinik fand eine Auseinandersetzung zwischen v. Bergmann und Liebreich über die Wirkung des kantharidinsauren Kalis bei Lupus statt. Ersterer bestritt die Wirkung des Mittels, während Liebreich die Hoffnung aussprach, bald zu einem überzeugendern Bilde der zweifellosen Besserung zu gelangen. Es folgte ein Vortrag von König über osteoplastische Behandlung der angebornen Hüftgelenkluxation.
Vortragender hat versucht, eine dauernde Heilung bei der Operation des Hüftgelenks dadurch zu erreichen, daß er mittels Abspaltung einer Knochenplatte vom Betten eine künstliche Pfanne zur Festhaltung des Gelenkkopfes bildete. Leider ist über den Erfolg nichts Genaueres zu berichten, da von den zuerst operierten Kindern zwei an ansteckenden Krankheiten zu Grunde gingen. Hierauf wurden mehrere Fälle vorgestellt, in denen ein als geheilt angesehener Lupus sich als rückfällig erwies.
Urban (Leipzig) zeigte dagegen einen Fall von ausgedehntem Lupus der linken Schläfe, der Wange und des Halses, welcher durch Entfernung der erkrankten Teile mit dem Messer [* 23] und Überpflanzung mit gesunder Haut [* 24] völlig geheilt worden war. Thiersch (Leipzig) knüpfte an den Fall Erörterungen über die von ihm schon seit längerer Zeit ausgeübte Hautüberpflanzung. Je dünner man die Schnitte der von andern Körperstellen zu entnehmenden gesunden Haut macht, desto leichter heilen diese Hautblätter auf, aber ein desto minder gutes Ansehen bekommt auch die verheilte Stelle. Nun hat Thiersch die wichtige Beobachtung gemacht, daß bei jungen, noch nicht ausgewachsenen Personen auch die aufgeheilten Hautlappen und zwar nach der Dicke wachsen, so daß hier selbst nach der kosmetischen Seite die Verwendung der bequemer verwachsenden dünnern Hautschnitte unbedenklich ist.
Sonnenburg (Berlin) und Hahn [* 25] (Berlin) stellten hierauf Kranke vor, denen Lungenkavernen bei der Behandlung mit Tuberkulin eröffnet sind. Einer der Sonnenburgschen Fälle ist, soweit die entleerte Höhle in Betracht kommt, als geheilt zu betrachten, die beiden andern sind in fortschreitender Besserung begriffen, bez. der völligen Heilung nahe. Allerdings ist damit nicht gesagt, daß nunmehr bei den Kranken die Tuberkulose völlig beseitigt sei, indessen hat sich doch das Allgemeinbefinden der Leute derartig gehoben, daß mit der Beseitigung des schlimmsten Tuberkelherdes eine allmähliche, gänzliche und dauernde Genesung erwartet werden kann. Hahn hebt hervor, daß eine sehr sorgfältige Auswahl der Fälle die erste Vorbedingung des Gelingens sei. Im ganzen werden nur wenige Fälle zu finden sein. Das Vorhandensein mehrerer Höhlen in der Lunge [* 26] schließt die Aussicht aug günstige Resultate aus. Westphal (Berlin)
zeigte drei Fälle von Gelenktuberkulose, welche sich bei Behandlung nach Koch gebessert hatten. Benda (Berlin) stellte einen geheilten Fall von traumatischer Rindenepilepsie nach ausgedehnter osteoplastischer Trepanation und Abtragung eines Stückes Hirnrinde vor. Der Betreffende hatte sich durch Sturz vom Pferde [* 27] eine Verletzung des Kopfes in der Gegend des linken Scheitelbeins zugezogen, litt später an gelegentlichen Kopfschmerzen, und nach 18 Monaten stellten sich Schwindelanfälle, Ohnmachten und hysterische Erscheinungen, später auch epileptische Anfälle ein, deren Heftigkeit rasch zunahm, und welche regelmäßig eine vorübergehende Lähmung des rechten Fußes zur Folge hatten. Da diese Erscheinungen auf eine Erkrankung der Hirnrinde am motorischen Zentrum des rechten Fußes hindeuteten, so wurde ein handtellergroßes Stück des Schädels unter Beibehaltung einer Ernährungsbrücke losgemeißelt und zurückgeklappt.
Nach Ablösung der dura mater ermittelte man mit dem Poldraht einer galvanischen Batterie eine Stelle von der Größe eines Zehnpfennigstücks, aus welcher durch elektrischen Reiz Zuckungen in der großen Zehe des rechten Fußes hervorgebracht werden konnten. Obwohl an dieser Stelle äußerlich ersichtliche krankhafte Veränderungen nicht bemerkt werden konnten, entschloß man sich zur Abtragung einer Rindenschicht von einigen Millimetern Dicke. Sodann wurde das losgelöste Schädelstück wieder zurückgeklappt 2c. Die Heilung erfolgte anstandslos.
Zunächst blieb eine Lähmung des rechten Beines und des rechten Armes zurück. Dieselbe wich indes bald, der Mann erholte sich und erlangte seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten wieder bis auf eine leichte Schwäche im rechten Arm uud einen gewissen Mangel an Ausdauer bei geistiger Arbeit. Schönborn (Würzburg) [* 28] berichtete über erfolgreiche Deckung eines Schädeldefekts nach der Königschen Methode. Ein Schlag hatte bei einem Arbeiter Zersplitterung des Stirnbeins und Zerquetschung darunter liegender Gehirnteile auf einer Fläche von 14x2 bis 4 cm bewirkt.
Nach Abtragung der abgesprengten, resp. zerquetschten Teile trat Heilung und Vernarbung ein, allein die Schutzlosigkeit der betreffenden Stelle, starke Pulsion unter der Narbe und häufiger Kopfschmerz veranlaßte die Ausführung der Königschen Methode. Es wurde aus der weiter hinten liegenden Schädelgegend ein entsprechend großes Haut-Periost-Knochenstück abgelöst und auf die von der Hautnarbe befreite Fehlstelle gebracht, wo sie anstandslos fest einheilte.
Als Ersatz des losgelösten Stückes wurde eine Deckel von überpflanzter Haut benutzt. Nach der Heilung wurde dann das behaarte Hautstück von der Stirn losgelöst und wieder an seine ursprüngliche Stelle gebracht, die Fehlstellen der Stirnhaut dagegen mit überpflanzten Hautlappen gedeckt. Hierdurch ist der Mann, abgesehen von der immerhin auffallenden Stirnnarbe, in eine durchaus befriedigende Verfassung versetzt worden. Die Stirn ist durch völlig festen Knochen geschützt, und sonstige Störungen haben sich nicht herausgestellt. v. Eiselsberg (Wien) [* 29] berichtete über einen in der Billrothschen Klinik behandelteni Fall, bei welchem die von Fränkel (Wien) vorgeschlagene Methode der Einheilung einer Celluloidplatte mit bestem Erfolg ausgeführt worden ist. Küster (Marburg) sprach dann über Operationen an Prostata und Blase.
In der letzten Sitzung sprach Braatz (Heidelberg) [* 30] über das Verhältnis der klinischen Chirurgie zur chirurgischen Bakteriologie und die Bedeutung der Anaerobiose. Er wies darauf hin, daß ¶