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Second Lady – darf man die Frau des US-Vizepräsidenten so nennen? Second hört sich so nach zweiter Reihe an, nach der Zweitplatzierten. Aber no Problem, so nennt sie sich auch selbst, mit lockerer Selbstverständlichkeit, denn Michelle Obama ist die First Lady, sie, Jill Biden, die Ehefrau von Joe Biden, die Second Lady. Das ist die Hierarchie des Weissen Hauses, so einfach ist das. Dafür beharrt die Second Lady auf ihren Doktortitel, den Doctor in Education, den sie vor sieben Jahren an der Universität von Delaware erworben hat.
Es ist das Prädikat, das ihr Individualität verleiht, etwas, das sie aus der Hierarchie herausragen lässt. «Dr. Jill Biden» steht auf allen offiziellen Verlautbarungen, und mit «Doktor Biden» will sie auch angesprochen werden. Ansonsten gibt es keinen besonderen Verhaltenskodex für die Begegnung mit der Second Lady, keine Tabus, ausser natürlich aktuelle politische Themen wie die Intervention der USA in Syrien und im Irak.
Die Frau von US-Präsident Obamas Vize hat ihre eigene Agenda, ihre eigenen Anliegen, und die drehen sich um Bildung, allen voran um Berufsbildungsfragen. Aus diesem Grund ist sie auch in die Schweiz gekommen, für knapp eineinhalb Tage, eine Blitzvisite. Wir treffen Jill Biden (69) in der Villa Sträuli in Winterthur, eine halbe Stunde nach ihrer vollbrachten Mission, der Auftaktrede zum ersten Internationalen Berufsbildungskongress der Schweiz.
Ihre Sicherheitsleute haben sich über das ganze Areal verteilt, stehen an der Zufahrtsstrasse der Villa, am Eingang, im Garten, in ihren Räumen, tragen den üblichen dunklen Anzug, den Knopf im Ohr, ihre Mienen sind angespannt, aber weniger grimmig als erwartet. Einer der Assistenten erkundigt sich exklusiv nach dem Ort, wo fotografiert wird, drinnen oder im Garten? Die Second Lady hat zwei Kleider dabei, sie würde die Wahl ihres Outfits dem Bildhintergrund anpassen. Der Kommunikationsverantwortliche tippt auf die Uhr: In 30 Minuten müssen sie wieder weg sein.
Als Jill Biden aus dem Raum tritt, der eilends in eine Garderobe umfunktioniert worden ist, trägt sie ein schwarzgrünes knielanges Kleid mit Petticoat, apfelgrüne Highheels, die schulterlangen blonden Haare sorgfältig frisiert, das Gesicht dezent geschminkt. Ihr Händedruck ist fest, aber ohne Hast, ihr «Hello, it’s so nice to meet you» herzlich, ohne Affektiertheit, so, als würde sie sich tatsächlich freuen, einen zu sehen.
Wir verschieben uns in den Garten. Geht das mit den Schuhen? «Sure, no problem», sagt die Second Lady, bevor ihre Highheels die weiche Erde punktieren, und schlägt vor, doch auch gleich für das Interview im Freien zu bleiben – ganz Staatsfrau, die das Talent hat, ihrer Gesprächspartnerin schon in den ersten Sekunden der Begegnung das Gefühl zu geben,dass es ihr Spass machen würde, sich gemütlich mit ihr zu Kaffee und Kuchen niederzulassen.
Natürlich – dies mag das Resultat des jahrelangen PR-Feinschliffs sein, dem Gattinnen von US- Amtsträgern zwangsläufig unterzogen werden. Vielleicht wird bei Jill Biden aber gerade auch jene Begabung spürbar, die manchen leidenschaftlichen Lehrern gemein ist: sein Gegenüber für sich zu gewinnen. Dies wäre kein Zufall: Dreissig Jahre lang hat die Second Lady an Community Colleges, an Berufs- und Erwachsenenbildungsschulen, Englisch unterrichtet. Und tut es immer noch.
annabelle: Dr. Biden, Sie sind die erste Second Lady in der Geschichte der USA, die erwerbstätig ist. Definieren Sie gerade die Rolle der Frau des Vizepräsidenten neu?
Jill Biden (lacht): Zumindest nicht absichtlich. Als wir gewählt wurden, habe ich meinem Mann erklärt, dass ich auch als Second Lady weiterhin als Lehrerin im College tätig sein möchte. Denn Lehrerin zu sein, ist meine Leidenschaft, und ich muss tun, was ich tun will. Das gehört zu mir, das bin ich. Also sagte er: «Aber klar, natürlich sollst du weitermachen.»
Das hat nie zu Diskussionen geführt?
Nein, nie.
Bitte erklären Sie uns Schweizern: Was beinhaltet die Rolle der Second Lady?
Ich unterstütze Michelle Obama in ihrer Arbeit und trete mit ihr an unterschiedlichen Anlässen auf. Wir haben aber auch ein gemeinsames Projekt: Kurz nach unserer Wahl fragte mich Michelle, worauf ich mich als Second Lady konzentrieren wolle. Ich antwortete: «Well, die Familie Biden war schon immer im Militär, also würde ich mich gern fürs Militär engagieren.» Michelle sagte: «That’s great! Das ist auch mein Anliegen.» Wir gründeten die Initiative Joining Forces, um Familien zu helfen, deren Söhne und Töchter im Militär dienen.
Die USA stehen möglicherweise am Rand eines neuen Kriegs. Was sagen Sie Eltern, deren Kinder einrücken müssen?
Ich habe sehr viele Eltern, aber auch verwundete Soldaten getroffen. Ich kann Eltern nichts sagen, was ihren Schmerz über den Verlust eines Kindes lindern würde. Aber ich kann sie fühlen lassen, dass ich sehr genau weiss, was es bedeutet, monatelang von seinen Liebsten getrennt zu sein, und wie es ist, wenn ein Sohn oder eine Tochter in den Krieg ziehen muss.
Ihr Stiefsohn wurde zum Dienst im Irak einberufen, kurz bevor Barack Obama und Ihr Mann gewählt wurden. Wie war das für Sie?
Es war eine bitter-süsse Zeit. Einerseits freute ich mich, dass mein Mann gewählt wurde, und ich wusste, dass unsere Administration den Krieg beenden würde. Aber da war auch mein Sohn, der in den Krieg zog. Zum Glück kam er nach einem Jahr unversehrt zurück.
Wie ist Ihre Beziehung zu Michelle Obama?
Wir sind Freundinnen. Natürlich – ich bin einiges älter als sie, aber das zählt für uns nicht. Wenn wir uns sehen, macht es einfach klick, und wir schaffen es, in unseren Gesprächen immer dort anzusetzen, wo wir das letzte Mal aufgehört haben. Michelles Kinder besuchen dieselbe Schule wie meine Enkelkinder. Wir gehen also oft zusammen an Basketballgames oder sehen uns die Kindervorstellungen im Theater an.
Sie und Ihr Mann haben inzwischen fünf Enkelkinder. Wie viel Familienleben bleibt Ihnen als Second Lady?
Oh, wir verbringen viel Zeit, sogar die Ferien miteinander. Und unsere drei Kinder sehe ich fast jede Woche. Zudem (sie lächelt) bin ich ständig mit ihnen am Telefon.
Ich nehme an, Sie treffen sich zum wöchentlichen Familiendinner?
Genau. Jeden Sonntagabend koche ich für die ganze Familie, das ist zur Tradition geworden. Meine Kinder rufen mich jeweils vorher an und fragen: «Mom, what’s for dinner tonight?» Wir sind dann oft 13 Personen, die am Tisch sitzen.
Sie scheinen Beruf und Familie mühelos unter einen Hut zu bringen. Wie machen Sie das?
Ich denke, ich bin ziemlich gut organisiert. Das sage ich jeweils auch meiner Tochter.
Wie tun Sie es? Haben Sie einen Familienplaner am Kühlschrank hängen?
(schmunzelt) Ich habe alles: Familienplaner, Listen – da steckt sehr viel Gedankenarbeit dahinter.
Aber Ihre Nerven?
Das Geheimnis ist, alles zu lieben, was man tut. Ich liebe es zu unterrichten. Und Mutter zu sein, ist für mich die allerwichtigste Rolle.
Wie sehr hat Ihnen Ihr Mann im Haushalt und bei der Kindererziehung geholfen?
Er war immer da, wenn ich ihn brauchte. Aber er arbeitete damals, als die Kinder klein waren, im Senat. Er ging jeden Morgen um halb acht aus dem Haus und kam erst abends um Viertel nach acht wieder. Die Kinder hatten um diese Zeit schon gegessen, aber wir nahmen dann alle zusammen das Dessert ein. So konnten die Kinder Zeit mit ihrem Vater verbringen.
Drehen wir die Zeit zurück: Sie haben mit 15 Jahren zu jobben begonnen. Erinnern Sie sich an Ihre erste Stelle?
Natürlich! Ich arbeitete in einer chemischen Reinigung. Danach erhielt ich einen Job bei einem Floristen. Ich arrangierte die Blumen.
Was hat Sie dazu motiviert, Lehrerin zu werden?
Als ich im College war, realisierte ich, wie viele Kinder nicht lesen können. Selber lese ich unheimlich gern und mag die englische Sprache; ich sagte mir, dass ich etwas tun muss, um anderen diese Leidenschaft weiterzugeben.
Sie unterrichten seit Jahrzehnten Englisch an Community Colleges. Warum ausgerechnet dort?
Wegen der Studenten. In meinen Klassen gibt es alleinerziehende Eltern, die nach einem anstrengenden Tag zur Schule kommen, bestrebt, sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu verschaffen. Ich habe Kriegsveteranen unterrichtet, die in die Schulbank zurückkehren, um im Zivilleben beruflich Fuss zu fassen. Und ich habe Arbeiter vor mir, die ihre Sprachkenntnisse verbessern wollen, damit sie in ihrem Betrieb aufsteigen können. Ich liebe es, im Klassenzimmer zu sein und zu erleben, wie ich das Leben meiner Studenten positiv beeinflussen kann.
Sie haben während Ihrer Blitzvisite hier in der Schweiz die Firma Bühler in Uzwil SG besucht, einen Betrieb, der auf Maschinen und Anlagen zur Verarbeitung von Grundnahrungsmitteln spezialisiert ist. Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit?
Ich habe aus erster Hand erfahren, wie die Lehrlingsausbildung in der Schweiz funktioniert. Es hat mich beeindruckt zu hören, welch hoch qualifizierten Fachleute dieses System hervorbringt. Das ist weltweit einzigartig. Wir wollen in den USA unsere Berufsbildung verbessern und ein grösseres Gewicht auf das Lehrlingswesen legen. In dieser Beziehung lernen wir viel von der Schweiz. (Der Kommunikationsverantwortliche beugt sich vor: «Sie haben noch eine Minute.»)
Wie ist es eigentlich für Ihre Studenten, eine Second Lady zur Lehrerin zu haben? Schon Ihre Bodyguards wirken doch einschüchternd.
Die sind nicht zu erkennen: Sie kleiden sich in Sweatshirts, sodass sie von den Collegestudenten kaum zu unterscheiden sind. Zudem befinden sie sich immer ausserhalb des Klassenzimmers.
Das sind jetzt aber keine Geheiminformationen, oder?
Nein, nein! Aber zu Ihrer Frage: Viele Studenten wissen gar nicht, dass ich die Second Lady bin. Ich rede nie darüber, meine Schüler nennen mich einfach Dr. B. Letztes Jahr kam eine Frau zu mir und sagte: «Dr. B., gestern waren Sie mit Michelle Obama im Fernsehen!» Ich antwortete: «Yes.» Und sie fuhr fort: «Ich sagte zu meiner Mutter: ‹Mom, das ist meine Englischlehrerin.› Aber die meinte bloss: ‹Das ist doch nicht deine Englischlehrerin!› » Die Frau hatte keine Ahnung von mir als Second Lady, und ich war froh darüber. Ich will am College nur die Englischlehrerin sein.
Dr. Biden, zu guter Letzt: Sind die USA bereit für eine Präsidentin?
Ich glaube, ja. Wir sind als Gesellschaft so weit gekommen, dass wir unseren ersten schwarzen Präsidenten gewählt haben. And we … well … – schliesslich gilt es jene Person zu wählen, die am besten für den Job qualifiziert ist.
Jill Biden steht auf, schüttelt allen die Hand, bedankt sich, gibt zu verstehen, dass sie gern länger geredet, mehr Zeit in der Schweiz verbracht hätte, dann tritt sie mit leichten Schritten von ihrer grünen Bühne ab, umgeben von einer Corona von Mitarbeitern. Der Kommunikationsverantwortliche sagt «Thanks a lot, guys!» und tritt ebenfalls ab. Die Schar schreitet zum Tor hinaus – und verschwindet blitzartig. Es ist, als hätten sich die Besucher aus den USA innert Sekunden in Luft aufgelöst.
Jill Biden ist seit 1977 mit US-Vizepräsident Joe Biden verheiratet. Zwei Jahre nach dem Autounfall, bei dem der damalige Senator seine Frau und eines seiner drei Kinder verloren hatte, arrangierte sein Bruder ein Blinddate mit Jill, zu jener Zeit Studentin und Teilzeitmodel. Biden hatte Jill schon einmal gesehen – auf einem Werbeplakat. Als sich sein Date als eben diese Frau entpuppte, war er verzaubert. Sie wollte aber keine Politikerfrau werden. Ja sagte sie erst beim fünften Antrag.
Dieses Interview erschien erstmals 2014 in der annabelle.
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