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Wie funktioniert eigentlich das Eishockey-Geschäft? Am Beispiel des HC Lugano können wir es wunderbar erklären. Trainer Sami Kapanen blieb halt ein einsames Waisenkind. Sein Nachfolger Serge Pelletier aber gehört zur Familie.
Wir können den Planeten Eishockey auch so erklären: Er wird durchwandert von kanadischen Nomaden. Sie schliessen sich zu Bruderschaften zusammen, die oft über Jahrzehnte funktionieren. Findet einer aus dieser Bruderschaft einen Honigtopf, so ruft er seine Freunde herbei.
Im Grunde funktioniert auch die NHL so. Mehrere Bruderschaften kontrollieren das Geschäft und wer mit einem General Manager befreundet ist, hat eigentlich immer einen Job. In der NHL sind es ja 31 Klubs plus Farmteams. Da gibt es genug Honigtöpfe, an denen man sich laben kann. Im Laufe eines Hockeylebens gibt es genug Gelegenheiten, als Junior, als Spieler, als Assistent, Trainer oder Manager Freundschaften fürs Leben zu knüpfen. Wer diese Gelegenheiten auslässt, ist selbst schuld. Gute Beziehungen schaden halt nur jenen, die keine haben.
Wem es nicht für die NHL reicht, der reist durch Europa. Fasst er dort Fuss, so denkt er an seine Freunde. Die Kanadier haben das Eishockey erfunden, sie haben dieses Spiel zum Milliardengeschäft entwickelt und in die Welt hinausgetragen. Noch immer haben sie die besten Beziehungen bis hinein in die hintersten Winkel der Hockeywelt. Keine Liga, wo wir nicht einen Kanadier finden, und ihre Sprachkenntnisse (Englisch und Französisch) helfen ihnen noch heute bei der Eroberung der Welt. Sie sind mit ihrem «Hockey-Imperialismus» nach wie vor erfolgreicher als die Finnen und die Schweden, die nach dem gleichen Muster vor allem Westeuropa mit ihrem Netzwerk überziehen.
Hnat Domenichelli ist ein weitgereister Mann. Er war unter anderem schon zu Gast in Edmonton, Kamloops, Hartford, Springfield, Calgary, Saint John, Atlanta, Houston, St.Paul, Ambri, Lugano und Bern. Inzwischen ist er in der Schweiz eingebürgert und hat sich in Lugano niedergelassen. In einer der schönsten Hockeystädte der Welt. Und dort ist es ihm im letzten Spätsommer gelungen, den wichtigsten Job zu bekommen: Er ist Sportchef geworden und er hat das Ohr und das Vertrauen seiner klugen Präsidentin Vicky Mantegazza.
Sportchef oder General Manager ist die ideale Position, um seinen Freunden Jobs zu verschaffen. Das Problem war in Lugano bloss, dass Vicky Mantegazza beim Aufbau einer neuen Hockeyfamilie ein kleiner Irrtum unterlaufen ist. Sie stellte den Trainer (den Finnen Sami Kapanen) ein, und erst dann Sportchef Hnat Domenichelli.
Das konnte nicht funktionieren. Sami Kapanen ist unter Hnat Domenichelli ein hockeytechnisches Waisenkind geblieben und nie Mitglied der Bruderschaft seines Chefs geworden. Es reichte nicht zu einer Adoption. Zumal er keinerlei Charisma hat. Im Unterschied zum grossen, machtbewussten Kari Jalonen, dem es in Bern in kurzer Zeit gelungen ist, alle Schlüsselpositionen mit seinen Kumpels zu besetzen, und der inzwischen den Sportchef nach seiner Pfeife tanzen lässt.
Nun ist der Irrtum korrigiert. Sami Kapanen hat die Trainergarderobe geräumt. Hnat Domenichelli nützt die Chance des Neubeginns, um etwas für seine kanadischen Freunde zu tun. Nun ist man endlich unter sich.
Sami Kapanens Nachfolger ist Serge Pelletier. Eingebürgerter Kanadier. Seine Assistenten heissen Paul DiPietro (eingebürgerter Kanadier) und Rob Cookson (Kanadier). Wieder einmal sammelt sich eine kanadische Bruderschaft am kapitalistischen Herdfeuer einer grosszügigen, klugen Klubbesitzerin, um sich zu wärmen, zu nähren und zu vergnügen.
Der grosse Hockeydiplomat Serge Pelletier ist also zurück und setzt seine Karriere dort fort, wo er sie einst in der Schweiz begonnen hat: 1989 als Juniorentrainer in Lugano. Zehn Jahre blieb er unter Palmen und stieg unter südlicher Sonne bis zum Assistenten der ersten Mannschaft auf. 1999 feierte er in dieser Position den Titel.
Nach einer Tour de Suisse, die ihn nach Zug, Fribourg, Ambri und La Chaux-de-Fonds geführt hat, ist er nun wieder am Ort seiner Bestimmung angelangt und aus der Arbeitslosigkeit erlöst worden. Sein Vertrag in La Chaux-de-Fonds ist im letzten Frühjahr nicht erneuert worden. Obwohl er die Mannschaft bis ins Finale der Swiss League geführt und Champagner-Hockey zelebriert hatte.
Paul DiPietro ist eine der interessantesten Hockey-Persönlichkeiten in unserem Land. Er war ein Schlüsselspieler beim bis heute letzten kanadischen Stanley-Cup-Sieger. 1993 hatte er bei den Montréal Canadiens unter anderem den Job, im Finale gegen Los Angeles den grossen Wayne Gretzky zu neutralisieren. In Ambri hatte er als Spieler Kultstatus, in Zug auch, und nach seiner Einbürgerung spielte er in Lugano für ein paar Wochen im gleichen Team wie Hnat Domenichelli. Im letzten Frühjahr hat er in Zug den Job im skandinavisch geprägten Coachingteam verloren. Nun ist er als Assistent zurück im Hockeygeschäft.
Kann das Trio Serge Pelletier, Paul DiPietro, Rob Cookson (einst Marc Crawfords Assistent im Hallenstadion) funktionieren? Ja, zumindest kurzfristig.
Der familiäre Zusammenhalt ist für Lugano Fluch und Segen zugleich. Aber familiäre Strukturen gehören nun mal zur lateinischen Kultur. Der HC Lugano ist durchaus so etwas wie eine «schrecklich nette Familie des Eishockeys.»
Um junge Männer, die fürstlich bezahlt werden, um zu spielen (nicht um zu arbeiten), an die Leistungsgrenze zu führen, ist eine gewisse Strenge unerlässlich.
Aber wie streng sein mit Spielern, die in einem familiären Umfeld das Ohr der Präsidentin haben? Wenn ein Trainer in Lugano beim einflussreichen Kabinenpersonal in Ungnade fällt, ist er verloren. Wenn der grosse Julien Vauclair oder einer seiner Freunde mit dem Daumen nach unten zeigt, verliert der Trainer seinen Job.
Es genügt deshalb nicht, wenn ein Trainer in Lugano fachlich ohne Fehl und Tadel ist. Mindestens so wichtig sind seine Fähigkeiten als «Kabinen-Diplomat». Wenn er seine Jungs für sich gewinnt und davon abhält, im Büro der klugen Präsidentin gegen ihn zu intrigieren, und sich auch mit der Präsidentin gut versteht – dann ist er auf der sicheren Seite. Sofern die Resultate einigermassen stimmen und im Derby Ambri regelmässig gehörig gebodigt wird.
Serge Pelletier kennt sich im Fuchsbau des HC Lugano aus wie nur ganz wenige Trainer. Dieser gescheite Netzwerker hat auch das Ohr der Präsidentin. Welch schlauer Kabinendiplomat er ist, zeigt sich etwa daran, dass er schon zweimal Cheftrainer in Ambri war.
Den neuen Trainer in Lugano aus dem Amt zu intrigieren wird schwierig sein. Seine getreuen Assistenten Paul DiPietro und Rob Cookson werden ihm schon rechtzeitig zutragen, wer in der Kabine oder im Grotto aufmüpfig redet. Und er wird bei den Hockey-Kaminfeuergesprächen bei Vicky Mantegazza so gute Argumente vorbringen wie Julien Vauclair und seine Kumpels.
Das Problem ist halt, dass diese familiäre Nähe zwischen Trainer, Spielern, Management und Präsidentin früher zu Konflikten führt als in Hockeyfirmen mit klarer Gewaltentrennung. Im Lehrbuch steht: Die Besitzer sollen besitzen, die Sponsoren sponsern, die Manager managen, Sportchefs sportcheffen, die Coaches coachen, die Assistenten assistieren und die Spieler spielen.
In Lugano managen, sportcheffen und coachen alle ein bisschen. Auch die Spieler. Das macht Lugano so faszinierend. Wir sollten trotzdem nicht den Fehler machen, Serge Pelletier zu unterschätzen. Talent haben seine Spieler ja bei weitem genug, um die Playoffs noch zu erreichen.
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