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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch IV.
3.
Der Ausgangspunkt also und sozusagen die Grundlage der Astrologie ist die Stellung des Horoskops. Denn hiervon werden die übrigen Hauptpunkte abgenommen, Deklinationen, Aszensionen, Dreiecke und Vierecke und die entsprechenden Stellungen der Sterne, aus all dem aber die Prophezeiungen. Wenn also dem Horoskop die Grundlage entzogen ist, dann kann unmöglich auch der Kulminationspunkt oder der [S. 45] Untergang oder das Gegenüber des Zeniths (bei einem Sternbild) erkannt werden; ist aber dies nicht erkennbar, so ist damit zugleich die ganze chaldäische Methode abgetan. Daß aber für sie das herrschende Sternbild des Horoskops unauffindbar ist, läßt sich mannigfach erweisen; denn damit es erfaßt werden kann, muß erstens die Entstehung des Objekts der Untersuchung sicher festgestellt werden, zweitens die horoskopische Bedeutung untrüglich sein, drittens das steigende Zeichen genau beobachtet werden. Denn bei der Geburt soll die Aszension des am Himmel aufgehenden Sternbildes beobachtet werden, da die Chaldäer bei Bestimmung des Horoskops auf Grund der Aszension die Sternkonstellation machen, die sie „Anordnung“ (Thema) nennen, auf Grund deren sie die Vorhersagungen machen. Nun ist es aber nicht möglich, die Entstehung (den Augenblick der Entstehung) des unter die Untersuchung fallenden Wesens zu erfassen, wie ich dartun will, noch steht das Horoskop untrüglich fest, noch wird das aufgehende Sternbild genau erfaßt. Wie unwissenschaftlich also die Methode der Chaldäer ist, wollen wir jetzt dartun. Die Entstehung der für die Untersuchung im voraus bestimmten Wesen können sie entweder von der Ablage des Samens und der Empfängnis her oder von der Geburt herleiten. Wenn man sie von der Empfängnis herzuleiten versucht, so ist die Feststellung dieses Augenblicks, der schnell vorübergeht, nicht möglich. Dies ist ganz natürlich; denn wir können nicht sagen, ob zugleich mit der Abgabe des Samens die Empfängnis stattfindet oder nicht. Denn sie kann mit der Schnelligkeit des Gedankens entstehen, wie ein in den geheizten Backofen gebrachter Teig sogleich fest wird; sie kann aber auch nach einiger Zeit vor sich gehen. Denn da von der Öffnung des Mutterschoßes bis zu dessen Grund, wo nach den Aussagen der Ärzte die Empfängnis stattfindet, ein gewisser Abstand ist, so braucht jedenfalls der hinabgesenkte Same Zeit, um diese Entfernung zurückzulegen. Da nun die Chaldäer diese Zeitspanne nicht genau kennen, können sie nie die Empfängnis feststellen. Da der Same bald in gerader Richtung fällt und sich insgesamt unmittelbar auf die [S. 46] zur Empfängnis befähigten Stellen des Mutterschoßes senkt, bald aber verteilt hineinfällt und von der im Mutterschoß selbst wirksamen Kraft auf eine Stelle gebracht werden kann, so kann man nicht wissen, wann das eine und wann das andere der Fall ist, wie groß die zu jener und wie groß die zu dieser Empfängnis nötige Zeit ist. Da aber dies unbekannt ist, so ist damit auch die genaue Feststellung der Empfängnis unmöglich. Wenn aber, wie einige Naturforscher gesagt haben, der Same zuerst im Mutterschoße verarbeitet und verwandelt wird, dann zu dessen aufgeschlossenen Gefäßen kommt, wie der irdische Same zur Erde, dann können sie, da sie die Zeitspanne der Verwandlung nicht kennen, auch nicht den Augenblick der Empfängnis wissen. Ferner, wie die Frauen hinsichtlich der Wirksamkeit und Ursächlichkeit der übrigen Körperteile voneinander verschieden sind, so sind sie es auch hinsichtlich der Wirksamkeit des Mutterschoßes; die einen empfangen schneller, die anderen langsamer. Und dies ist nicht auffällig, da man auch wahrnimmt, wie ein und dieselbe Frau bald leicht, bald gar nicht empfängt. Bei solcher Sachlage ist es ein Ding der Unmöglichkeit, genau zu sagen, wann der niedergefallene Same aufgenommen wird, und so können die Chaldäer das Geburtshoroskop nicht von diesem Zeitpunkt an aufstellen.