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Nachdem der erste Band des Briefwechsels von und mit Johann Heinrich Merck auf dem Schutzumschlag ein Portrait des Darmstädter Kritikers und Goethe-Freundes trug, finden wir auf dem zweiten eine Landschaft, eine Stadtansicht von Darmstadt. Das Original stammt von Johann Heinrich Schmidt und entstand 1780. Das passt mehrfach: Schmidt war einer der Briefpartner Mercks; der zweite Band setzt mit Brief N° 251 am 2. November 1777 ein und endet mit Brief N° 500 vom 11. Februar 1782; er umfasst damit das Jahrfünft, in dem Merck zu sich selber gefunden hat, nämlich dazu, nicht Dichter und Poet zu sein, sondern „nur“ Kritiker – und dann zusehends eben nicht Literaturkritiker, sondern Kunstrichter.
Mercks Briefwechsel wandelt sich nämlich stetig. Die Liste der Briefpartner wird länger und variantenreicher Nachdem die Familie und dann Herder und Wieland den ersten Band dominierten, erweitert sich der Kreis.
Merck wird so etwas wie assoziiertes Mitglied der Weimarer Gesellschaft. Er besucht Carl August von Sachsen-Weimar, dessen Mutter, Wieland und Goethe vor Ort. Er korrespondiert mit dem Herzog dann ebenso, wie mit dessen Mutter Anna Amalia. Auch die Göchhausen schreibt, und es wird ihr geschrieben. Merck beim sog. „Journal zu Tiefurt“ hinzugezogen; er erhält auch eine Abschrift davon. Vieles, das meiste am fürstlichen Briefwechsel betrifft allerdings nicht Literarisches oder Gesellschaftliches: Merck ist eine Art Agent für den Weimarer Hof und besorgt für den Herzog, dessen Mutter, aber auch für Goethe, Kunstwerke, vor allem Kupferstiche nach Motiven von Mercks Liebling Rembrandt. Den Herzog berät er zusätzlich in ökonomischen Fragen; dieser überlegt nämlich, ob er Krapp anbauen lassen solle und eine Färbe-Industrie aufbauen. Aufgrund des rauen sächsischen Klimas verzichtet der Herzog allerdings schlussendlich auf diesen Plan. (Dieses raue Klima ist übrigens eines der Standard-Themen im Briefwechsel mit jedem Weimaraner – ob fürstlich oder bürgerlich.) Merck ist es auch, der dem Herzog einige sog. „Stillen im Lande“ als Pächter für einen grösseren Hof vermittelt, weil diese sehr ruhig und arbeitsfreudig seien. (Es sollte sich zeigen, dass die so Berufenen dann allerdings keineswegs pflegeleicht waren.) Der Herzog überlegt laut in Gegenwart Goethes, Merck doch auch nach Weimar zu ziehen. Goethe rät davon ab: Alte Bäume liessen sich nicht mehr verpflanzen. Und er schreibt dies auch ganz offen an Merck. Der, obwohl erst 39, protestiert nicht – zwar mit seiner Situation in Darmstadt unzufrieden, wusste er anscheinend sehr wohl, dass ein Umzug nach Weimar zum Desaster geworden wäre.
Daneben stand Merck nun auch mit dem Weimarer „Multi-Unternehmer“ Friedrich Justin Bertuch in Kontakt. Goethes Mutter in Frankfurt reiht sich ebenfalls in die Reihe der Briefpartner; sie wird auch des öftern besucht. Merck war es auch, der (via Goethe) dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ein Stipendium des Herzogs Ernst II. Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg für einen zweiten Studienaufenthalt in Rom vermittelte, wo Tischbein dann bekanntlich Goethe bei dessen Italien-Aufenthalt beherbergen sollte.
Nach wie vor ist aber Wieland der Hauptbriefpartner Mercks. Merck liefert noch immer einen wichtigen Teil an Kritiken für diese Zeitschrift, und der Briefwechsel der beiden zeigt, wie die Freundschaft zusehends enger wird. Dabei war Merck wohl kein einfacher Mensch. Immer wieder trüben sich die Freundschaftsverhältnisse, auch mit Goethe oder Wieland. Merck muss ein Zyniker mit einer starken satirischen Ader gewesen sein, die er auch im persönliche Verkehr nicht immer zu beherrschen wusste. Er war der Geist, der stets verneint. Das macht einen Kritiker interessant, einen Menschen schwierig. Weimar nannte ihn hinter seinem Rücken „Mephistoteles“. (Ob Goethes Mephisto aus Faust I am Vorbild Mercks konstruiert wurde, entzieht sich meiner aktuellen Kenntnis – ich vermute es aber. Und irgendwo gibt es sicher eine Untersuchung dazu.)
Im Privaten erfahren wir – durch die Blume – von den vielen Aborten, die seine Frau Louise in jener Zeit durchgemacht haben muss. Ihm und Wieland sterben Kinder weg – das verbindet die beiden Männer dann zusätzlich.
Band 2 zeigt uns also den etablierten, wenn auch nicht problemlosen Kritiker Merck auf dem Höhepunkt seiner literarischen Karriere. Ich bin gespannt auf Band 3.