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Das Spiel von Zug und Druck
Was haben unsere Füsse mit Zug und Druck zu tun? Weshalb könnte das wichtig sein für unsere Leistung? Was hat es mit Sport zu tun? Dem wollen wir hier auf den Grund gehen.
Unser Körper ist ein höchst komplexes System aus Funktionen, Aktionen und Reaktionen. Einige davon werden direkt für das Training verwendet, wie zum Beispiel das Zusammenspiel aus Belastung, Erholung und Aufbau. Oder auch die einfache Rechnung von Energieaufnahme und -Verbrauch.
Ein unserer Meinung nach weitgehend unterschätztes System ist das der sogenannten Tensegrität. Der Begriff stammt aus dem Englischen. «Tensegrity» setzt sich aus den beiden Wörtern «Tension» (Spannung) und «Integrity» (Integrität, Ganzheit, Zusammenhalt) zusammen. Er wird dem amerikanischen Architekten Richard Buckminster Fuller und dem Künstler Kenneth Snelson zugeschrieben und beschreibt in erster Instanz ein Tragwerkssystem, in dem sich Strukturen durch Druck und Spannung selbst stabilisieren.
Etwas einfacher ausgedrückt: er bezeichnet ein System, bei welchem Druck in Zug umgewandelt wird und umgekehrt, was einer Struktur Stabilität verleihen kann.
Diese Strukturen oder eben Systeme finden wir bei näherer Betrachtung an vielen, verschiedenen Orten in unserem Körper. Überall, wo beim aufrechten Stehen (und entsprechender Bewegung) Druck entsteht, geht dieser auf die eine oder andere Art auch in Zug über, was im Idealfall Stabilität entstehen lässt. Die prominentesten Beispiele wären zum einen unsere Wirbelsäule, die auf dem Promontorium des Kreuzbeins ruht, dessen Nutation den durch die Schwerkraft entstehenden Druck in Zug innerhalb des Beckens umwandelt (siehe Grafik 1). Zum anderen unsere Füsse, die über ihren Aufbau das Gewicht des ganzen Körpers auffangen und so ausbalancieren sollten, dass wir aufrecht stehen können (Grafik 2).
Die Funktion ist dabei mit der Konstruktion einer alten Steinbrücke zu vergleichen: Der Schlussstein in der Mitte des Brückenbogens verteilt den Druck gleich in alle Richtungen, was dazu führt, dass solche Brücken auch ganz ohne Zement oder andere Hilfsmittel teils Jahrhunderte überdauern.
Unsere Füsse tragen also einfach unser ganzes Gewicht, ohne daran Schaden zu nehmen?
So einfach ist es leider nicht. Damit unsere Füsse ihre Aufgabe auch wirklich ausführen können, sprich, die Tensegrität in der Bewegung bei jedem Schritt aktiv werden kann, ist vor allem anderen eines wichtig: dass unsere Füsse sich auch bewegen können.
Damit sind wir bereits beim Ausdauersport angelangt.
Sehen wir uns die Konstruktion, also den Aufbau unserer Füsse einmal genauer an, fällt schnell auf, dass sie nicht nur aus ein paar grossen Knochen bestehen, sondern aus vielen, kleinen und einzeln bewegbaren Teilen. 26 Knochen haben unsere Füsse, um genau zu sein, was heisst, dass wir nahezu doppelt so viele Gelenke haben, die miteinander interagieren müssen, um die notwendige Stabilität für das Tragen unseres Körpergewichtes herzustellen.
Doch damit nicht genug: die Gelenke werden von Bändern verbunden, die den Druck der Bewegung in Zug umwandeln. Und die Knochen sind gleichzeitig über Sehnen mit den Muskeln der Füsse verbunden, die in beständiger Interaktion mit dieser Wechselwirkung sind.
Konkret heisst das: damit unsere Füsse einwandfrei ihre Aufgabe ausführen können, ist es nötig, dass sowohl die vielen, kleinen Gelenke richtig funktionieren, die Bänder und Sehnen elastisch und die Muskeln dazu leistungsfähig sind.
Theoretisch sollte das automatisch geschehen, wenn wir beispielsweise mit dem Lauftraining beginnen. In der Praxis sieht es leider so aus, dass das nur sehr selten der Fall ist. Der Grund dafür ist einfach:
Spätestens ab unserem zweiten Lebensjahr tragen wir einen grossen Teil unserer aktiven Tageszeit Schuhe. Diese sind fast immer gepolstert, damit wir «bequem stehen» können. Was wir damit jedoch in erster Linie bewirken ist, dass wir unseren Füssen nach und nach immer besser beibringen, nun… nichts zu tun. Je mehr unsere Schuhe die Aufgabe unserer Füsse übernehmen, desto inaktiver werden die Gelenke, desto schlaffer die Muskeln, desto spröder unsere Bänder und Sehnen. Das Ergebnis sind Plattfüsse, entzündete (weil plötzlich doch überlastete) Sehnen und Bänder, Schmerzen, Deformation. Doch damit nicht genug: da nur schon der normale Druck der Schwerkraft trotz allem weiterhin auf die Füsse einwirkt, entsteht auch immer noch der entsprechende Zug, der nun allerdings nirgendwo mehr abgefangen werden kann. Das Resultat ist, dass er «ausgelagert» wird und sich in die einzige Richtung verschiebt, die noch vorhanden ist: nach oben.
Dort kann er sich wieder entfalten und wirkt sich sofort auf unsere Knie, unser Becken, unsere Wirbelsäule, unsere Schultern aus. Da er dort sofort auf andere, arbeitende Systeme trifft, entstehen Interaktionen, für die unser Körper eigentlich nicht gebaut ist, was zu weiteren, ungewollten Reaktionen führt: verschobene Wirbel, Beckenschiefstand, ungleich hohe Schultern, Einschränkungen in der Bewegung…
Oft sind bereits mehrere dieser Kettenreaktionen im Gang, wenn wir mit dem Training beginnen. Und da wir uns in der Regel als erstes vor allem darauf konzentrieren, weitere Muskeln aufzubauen und in erster Linie die messbare Leistung zu steigern, spielen wir diesen destruktiven Prozessen oft gleich von Vornherein munter in die Karten: wir werden immer unbeweglicher, stehen immer schiefer, haben immer mehr und grössere Schmerzen.
Unsere Reaktion darauf ist allerdings in den seltensten Fällen, dass wir uns um die Behebung der Ursachen kümmern. Vielmehr kaufen wir uns weichere Schuhe, Einlagesohlen, bessere Socken. Und arbeiten damit am Ende mehr an den Problemen als an einer Lösung…
Wir wollen damit nicht ins Negative abdriften, eigentlich im Gegenteil. Denn die gute Nachricht ist, dass sich mit der richtigen Arbeit ein Grossteil dieser Prozesse aufhalten, oft sogar umkehren lässt.
Das versuchen wir auch, in unseren Coachings zu vermitteln und in das Training mit einfliessen zu lassen. Schon mehrere unserer Athletinnen und Athleten konnten auf einmal grosse Leistungsfortschritte verzeichnen, nachdem wir uns gezielt mit der Funktion der Füsse befasst hatten. Die Kettenreaktion funktioniert nämlich in beide Richtungen: arbeiten wir hier bewusst und auf die richtige Art mit Beweglichkeit, Mobilisierung, Lockerung, Koordination und Aufbau wirkt sich dies positiv auf eine ganze Reihe von Systemen und Funktionen aus, die man zu Beginn kaum auf dem Radar hat: die Haltung verbessert sich, was zu einer entspannteren Atmung führen kann, zu einer ökonomischeren Bewegung, stabilerem Sitzen auf dem Fahrrad, entspannterem, aktiverem und damit schnellerem Laufen auch auf längeren Strecken… die Liste ist lang.
Wir können euch daher nur empfehlen: befasst euch hin und wieder mit dem Thema der Tensegrität und schenkt der Funktion eurer Füsse die Beachtung, die sie verdient. Gerne helfen wir euch auch dabei, wir freuen uns, von euch zu hören!
In diesem Sinne wünschen wir euch gutes Training!
Herzlich, die
Tricademy – School of Movement