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Ostindien
[* 2] (hierzu
Karte »
Ostindien«),
im weitern Sinn die beiden Halbinseln Vorder- und Hinterindien [* 3] mit den Inseln des Indischen Ozeans, von den ¶
Maßstab [* 5] 1:12,000,000.
Unmittelbare Britische Besitzungen.
Tributäre Staaten und Gebiete.
Unabhängige Staaten Nepal u. Bhutan.
Port.-Portugiesische Fr.-Französische Besitzungen.
Dampferlinien, die Fahrzeit ist in Tagen angegeben.
Anschluss s. Karte »Zentral-Asien« [* 6]
Anschluss s. Karte »Persien« [* 7]
Anschluss s. Karte »Hinter-Indien« [* 3]
Politische Übersicht.
Die acht Provinzen (mit zugeteilten Tributärstaaten).
Präsidentschaft Madras [* 8]
Präsidentschaft Bombay [* 9]
Unter dem Gouverneur Gen. direct
Unter einheimischen Fürsten
Zum Artikel »Ost-Indien«. ¶
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Lakadiven bis zu den Philippinen; im engern Sinn Bezeichnung für das Britisch-indische Kaiserreich, häufig auch kurz Indien
genannt. Auf dieses letztere beziehen sich allein die nachstehenden Ausführungen; die übrigen Teile des weitern
Ostindien sind
in besondern Artikeln behandelt (s. Niederländisch-Indien, Siam, Malakka, Kambodscha, Anam, Kotschinchina etc.).
Lage, Bodengestalt und Bewässerung.
Das britisch-indische Kaiserreich begreift ganz Vorderindien und den westlichen Teil von Hinterindien; es erstreckt sich von 8 bis
37° nördl. Br. und seit Einverleibung des Königreichs Birma von 66° 44' bis 100° 40' östl. L. v. Gr.
Es wird im N. begrenzt durch den Himalaja, im W. scheiden das Suliman- und das Brahuigebirge das Land von
Afghanistan
[* 11] und Belutschistan, im Osten eine direkt von N. nach S. laufende Kette von Siam ab; im übrigen wird es vom Arabischen
Meer, vom Indischen Ozean und der Bai von Bengalen umspült. In dieser Ausdehnung
[* 12] hat
Ostindien ein Areal von 4,253,750 qkm (77,252 QM.),
was zwei Fünftel der Gesamtfläche Europas übersteigt.
Nicht eingerechnet sind dabei die französischen Besitzungen (508 qkm) sowie die portugiesischen (3355 qkm) in Vorderindien, das sonst ganz in britischen Händen ist; von Hinterindien gehören England dagegen nur Manipur, die Provinz Britisch-Birma und das 1886 annektierte Königreich Birma. Die horizontale Gliederung ist eine sehr einförmige. Im NW. dringt der flache Golf von Katsch tief ein und trennt mit dem Sumpf Ran die Insel Katsch vom Festland; darauf bildet der enge und verschlammte Golf von Cambay mit den beiden genannten die Halbinsel Kathiawar.
Die 1650 km lange Strecke bis zum Kap Comorin an der Südspitze der Halbinsel (zuerst Konkan-, dann Malabarküste genannt) verläuft ohne einen bedeutendern Vorsprung oder Einschnitt. Im südlichsten Teil ziehen sich Strandseen hinter schmalen Nehrungen hin. Gute Häfen gibt es wenige. Karatschi wurde erst mit großen Kosten zu einem Hafen geschaffen und ist mühsam zu erhalten. Dann folgen Mandawi, Diu, Gogo und Bhawnagar, Barotsch, Surate, Daman, die alle Bombay weit überflügelt, dessen vortreffliche Reede freilich noch mancherlei Einrichtungen für den Schiffsverkehr bedarf; dann Pandschim, Karwar, Kananor, Mahi, Beypur und Kotschin.
An der Südspitze der Halbinsel bildet bei der Ramnarspitze die Insel Rameswaram den indischen Pfeiler der nach Ceylon [* 13] hinüberführenden Adamsbrücke, welche den Golf von Manaar von der Palksstraße trennt. Die Ostküste der Halbinsel heißt zuerst Koromandelküste; sie ist in ihrer südlichen Hälfte mit Seen förmlich besäet (darunter der bedeutende Tschilkasee), zahlreiche Lagunen ziehen sich hinter dem niedrigen Küstensaum hin. Die einzigen vorspringenden Punkte sind die Deltabildungen der Flüsse. [* 14]
Die Koromandelküste besitzt nur offene Reeden; nennenswert sind Negapatam, Trankebar, Ponditscherri und vor allen Madras, trotz seiner unvorteilhaften Lage der dritte Hafen Indiens; dann folgen Kakinada und Kalkutta, [* 15] 128 km vom Meer am Hugli, das nur Bombay nachsteht. Die hinterindische Küste ist weit besser gegliedert. Der Küste von Arakan ist eine Anzahl größerer Inseln vorgelagert; die Andamanen bilden die Fortsetzung der bei Kap Negrais ins Meer tauchenden Gebirgskette; östlich vom Irawadidelta dringt der Golf von Martaban ins Land, und die Küste von Tenasserim begleitet der Mergui-Archipel.
Häfen sind hier: Mergui, Tavoy, Maulmain, Rangun, [* 16] Bassein, Akyab und Tschittagong. Viel mannigfacher als die horizontale ist die vertikale Gliederung Ostindiens. Man kann in Vorderindien fünf Gebiete unterscheiden, zu denen als sechstes das hinterindische hinzutritt. Diese sind: das Himalajagebirge mit seinen vorgelagerten Ketten, die große Ebene, die sich von den Mündungen des Indus bis zu denen des Ganges ausdehnt, die Ebenen an der Meeresküste, ein nördliches und ein südliches Plateau, endlich das hinterindische Gebiet.
Den Himalaja begleiten Längsketten, welche ziemlich schroff in die sich anschließend große Ebene abfallen. Dies ist die Region, die, noch des reichsten Anbaues fähig, in klimatischer Beziehung dem Europäer am meisten zusagt, weshalb die Engländer hier ihre Gesundheitsstationen (Simla, Dardschiling u. a.) für Truppen und Beamte angelegt haben. Am Südrand ziehen sich noch Parallelzüge von niedrigen Sandsteinhügeln hin, welche die fruchtbaren Längsthäler, die Duns, von der Ebene trennen.
Der Südfuß des Himalaja ruht auf der indischen Tiefebene, die nach Bodencharakter und klimatischen Verhältnissen in zwei ganz verschiedene Teile zerfällt. Der Westen, mit dem Flußgebiet des Indus zusammenfallend, ist im wesentlichen ein Steppen- und Wüstenstrich; doch zieht sich im N. ein von zahlreichen Flußadern durchfurchter, hochkultivierter Landstrich hin. Den äußersten Nordosten nimmt dagegen das Salzgebirge ein, wo das reine Steinsalz in mächtigen Lagern auftritt.
Östlich vom Indus breitet sich die nur in einzelnen Oasen bewohnte indische Wüste, der Thar, aus, deren südlichen Raum das Ran bildet, ein mächtiger, durch die Insel Katsch vom Meer getrennter Salzsumpf. Das östliche indische Tiefland wird fast in seiner ganzen Länge durch einen wenige Kilometer breiten Streifen sumpfiger Waldlandschaft vom Gebirge getrennt, das Tarai. Hart daran stößt die große Ebene von Hindostan, die, soweit der Einfluß des fließenden Wassers reicht, von unerschöpflicher Fruchtbarkeit, leider aber äußerst ungesund ist. Am Rande des Gangesdelta bilden die Sanderbands ein Gewirr zahlloser entstehender und vergehender Inseln voll dichten Urwaldes.
Das vorderindische Hochland, welches den größern Teil der Halbinsel umfaßt, ist eine ringsum isolierte Bergmasse. Gewöhnlich wird es als Dekhan bezeichnet, doch beginnt dies eigentlich erst beim Durchbruch der Tapti im W. Dort erheben sich steil die Westghats, eine Reihe in der Richtung des Meridians aneinander gesetzter Ketten, die, im Mittel bis 1500 m hoch, nur im S. höher aufsteigen, wo die Nilgiri den Abschluß bilden und sich bis 2546 m erheben. Hier sind die Gesundheitsstationen Mahabaleschwar und Puna.
Die östliche Küstenebene wird begrenzt durch die Ostghats. Zwischen beiden Ghats breitet sich eine große, 600-700 m hohe, größtenteils trockne und steppenartige Plateaumasse aus. Das nördliche zentralindische Plateau beginnt im S. mit dem Satpuragebirge; im W. ist die waldreiche Hochebene durch die schmale und steile Arawalikette begrenzt, die zugleich das Bollwerk gegen den Sand der indischen Wüste bildet; an der Nordseite des Thals der Narbada zieht sich die langgestreckte Windhyakette hin. Die Ebenen an der Meeresküste, im Osten der Halbinsel viel breiter als im W., sind wohlbewässert und haben eine üppige Vegetation; zwischen Kap Comorin im S. und der Godaweri im N. sind sie durch ihre Reisernten die Kornkammer Indiens. Hier treten regelmäßig die Monsune auf; die Bai von Bengalen und ihre Uferländer sind von Drehstürmen (Cyklonen) stark heimgesucht. Der in Hinterindien gelegene Teil ¶
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des britisch-indischen Reichs hat ganz den Charakter dieser Halbinsel. Von N. nach S. ziehende Gebirgsketten trennen das Land in breite, fruchtbare Thäler, durch welche große Flüsse zum Meer eilen.
Die Hauptgewässer Ostindiens entspringen im Himalaja. Es sind dies der Ganges mit dem Brahmaputra und der Indus, welche, die mächtigen nördlichen Gebirgskette durchbrechend, mit zahlreichen Nebenflüssen die großen Tiefebenen durchziehen, die nach ihnen benannt werden. Während sie aber außerhalb Indiens ihren Ursprung nehmen, haben sämtliche andre Flüsse ihre Quellen innerhalb des Landes. Das nördliche Plateau wird entwässert durch die Flüsse Subarmati ^[richtig: Sabarmati], Mahi, Narbada und Tapti, die sämtlich gegen W. ablaufen, die Mahanadi und Godaweri, welche in den Bengalischen Meerbusen münden.
Dahin ziehen auch die Flüsse des Dekhan, wie Kistna, Pennar und Kaweri. Die kurzen Küstenflüsse der Westküste stürzen über die Westghats in jähem Lauf zur schmalen Randebene. Als Wasserstraßen sind nur Ganges, Brahmaputra, Indus und Irawadi von Wert; auf die Schiffbarmachung der Godaweri wurden nahezu 1½ Mill. Pfd. Sterl. vergebens verwandt. Von den Flüssen Südindiens ist keiner schiffbar; doch sind die meisten von vielen Flüssen ausgehenden Bewässerungskanäle so angelegt, daß sie zugleich der Schiffahrt dienen können. An Seen ist das Land äußerst arm. Der größte ist der 891 qkm (16 QM.) umfassende Tschilkasee in Orissa, der nächst größte der Salzsee Sambhar in Radschputana; in Kaschmir [* 18] liegt der 260 qkm (5 QM.) große Wularsee. Durch Querdämme in Thälern hat man zumeist in Südindien große künstliche Seen hergestellt, darunter den 30 qkm großen Radschnagarteich.
Klima und Naturprodukte.
Das Klima Indiens ist, wenn man von dem hohen Gebirgswall des Himalaja absieht, eins der heißesten der Erde. Die mittlere Temperatur ist natürlich am höchsten im S., die höchsten Temperaturgrade überhaupt kommen aber im trocknen Nordwesten vor. Auf die Gesundheit der Bewohner wirken die klimatischen Einflüsse periodisch im höchsten Grad verderblich ein. Das Ausbleiben der Regen zu rechter Zeit hat wiederholt Hungersnöte zur Folge gehabt, welche große Strecken Indiens heimsuchten und Millionen von Menschen hinrafften.
Cyklone vernichteten durch die über die flache Küste getriebenen Meeresfluten wiederholt die Ortschaften ganzer Gegenden mit ihren Bewohnern, während Cholera und Fieber fast unaufhörlich das Menschenmaterial Indiens schwächen. Für Europäer ist ein längerer Aufenthalt nur unter Beobachtung größter Vorsicht möglich; europäische Kinder aber müssen schon früh in ein kühleres Klima [* 19] geschickt werden. Die Errichtung zahlreicher Gesundheitsstationen im Himalaja und in den Nilgiri hat sich namentlich für die europäischen Soldaten sehr wohlthätig erwiesen.
Der Mineralreichtum Indiens ist ein sehr bedeutender, doch hat sich seine Ausbeutung bisher nicht als sehr nutzbringend erwiesen. Goldseifen existieren seit undenklichen Zeiten an vielen Orten, lohnen aber kaum die Arbeit; auch die in Südindien im Wainad (Nilgiri) und in Kolar (Maissur) durch englisches Kapital in Angriff genommenen Goldquarzminen haben noch keine Resultate ergeben. Kupfer [* 20] findet sich am Südabhang des Himalaja sowie in Tschutia Nagpur (Bengalen) und Nellor (Madras), Blei [* 21] im westlichen Himalaja, Zinn in sehr reichen Lagern in Britisch-Birma.
Auch Antimon und Kobalt kommen vor. Überall stößt man auf Lager [* 22] von Eisenerzen, zuweilen von großem Reichtum und hoher Güte; doch ist das Schmelzen schwierig wegen des geringen Wertes der Kohle. Ein großes Eisenwerk wird auf Kosten der Regierung betrieben. Die Kohlenfelder liegen fast ausschließlich im Zentrum der Halbinsel zwischen Ganges und Godaweri; sie zerfallen in vier Gruppen: das Damodarthal mit den Gruben von Ranigandsch und Kaharbari, welche neun Zehntel aller indischen Kohle liefern, die Tschutia-Nagpurgruppe, das Narbada- und das Godawerithal.
Nur Kalkutta und die nördlichen Bahnen verwenden indische Kohle, Bombay und Madras beziehen ihren Bedarf von England. Salz [* 23] wird aus dem Meer, aus Salzseen und aus den Gruben der Salt Range im Pandschab gewonnen. Salpeter findet sich in Fülle im obern Gangesthal; Kalkutta führt jährlich 50,000 Ton. aus. Petroleum ist vornehmlich im ehemaligen Königreich Birma, dann in Britisch-Birma, Assam und im Pandschab vorhanden. Wegen seiner Diamanten war Indien von jeher berühmt, einige der größten u. schönsten (s. Diamant, [* 24] S. 932) stammen von hier; heute ist die Ausbeute eine kaum nennenswerte. An schönem Baumaterial (Marmor, Sandstein, Schiefer) ist die Halbinsel reich.
Die Flora Indiens begreift wenige ihm eigentümliche Pflanzen, ist aber sehr mannigfaltig. An den höhern Abhängen des Himalaja gewahren wir Vertreter des gemäßigten Sibirien, im westlichen Teil des Gebirges findet eine starke Beimischung europäischer Typen statt, die nach Osten zu durch chinesische ersetzt werden. An den tiefern Abhängen finden wir Gewächse, die identisch oder doch verwandt sind mit denen von Griechenland, [* 25] vom Libanon, von Afghanistan; das Pandschab und Sind sind botanisch verwandt mit Arabien, den Euphratländern, Persien; Assam, Birma und die Malabarküste haben eine malaiische Flora, das westliche Indien zeigt in seinen meist offenen Waldungen Anklänge an Afrika. [* 26]
Der König der indischen Wälder, der für Schiffbauten unübertroffene Teakbaum, ist hauptsächlich in den Westghats zu finden; nächstdem sind wertvoll der Salbaum (Shorea robusta), die Deodorazeder, der Pun (Calophyllum elatum), eine Ebenholzart (Diospyros ebenum), das Schwarzholz (Dalbergia latifolia), Sandelholz. Früher war der Kautschukbaum in Assam sehr zahlreich, ist aber dort jetzt ganz ausgerottet. An Palmenarten (Sago-, Dattel-, Betelnußpalme u. a.) ist Indien überaus reich. Die Dschangeln des Gangesdelta bestehen zumeist aus Sandari (daher Sanderbands) und Bambus.
Die Tierwelt entbehrt gleichfalls besonderer Typen. Der früher in Hindostan und im Pandschab häufige mähnenlose Löwe ist bis auf ein Dutzend, die man in Kathiawar schont, verschwunden. Das charakteristische Raubtier [* 27] Indiens ist der Königstiger, jetzt auf das Tarai, das Gangesdelta und die Dschangeln des zentralen Plateaus beschränkt; ebenso häufig und schädlich ist der Panther, dagegen wird der Tschitah (Felis jubata) zur Jagd verwandt. Andre Raubtiere [* 28] sind: der Wolf (Canis pollipes ^[richtig: Canis pallipes]), die Hyäne, der schwarze Bär (Ursus labiatus), der wilde Hund.
Der Schaden, den diese Tiere anrichten, ist beträchtlich; 1885 wurden von wilden Tieren getötet 22,907 Menschen und 59,029 Stück Vieh. Dagegen wurden erlegt: 1855 Tiger, 5466 Panther, 1874 Bären, 6278 Wölfe, 2238 Hyänen, 420,044 Schlangen [* 29] und dafür 22,412 Pfd. Sterl. Belohnung gezahlt. Der Elefant, [* 30] wovon es zwei Arten, eine mit, die andre ohne Stoßzähne, gibt, ist namentlich in Assam anzutreffen, und der Fang dieser Tiere steht unter strenger Kontrolle ¶
Im Meyers Konversations-Lexikon, 1888
Titel
Ostindien.
[* 2] (Kastenwesen.) Als die Entdeckung des Seewegs nach
Ostindien die erste nähere Bekanntschaft Europas mit dem alten
Wunderland herbeiführte und die portugiesischen Seefahrer mit der von ihnen unterworfenen Bevölkerung
[* 31] des indischen Küstenlandes
in nähere Berührung kamen, ihre Sitten und Gebräuche studierten, erregte nichts so sehr ihre Verwunderung
als die schroffe Abstufung der Stände und Rangklassen in Indien. Die entwürdigende Stellung der Parias, die abnormen Vorrechte,
welche die Brahmanen beanspruchten, und andre Auswüchse des indischen Kastengeistes haben durch die lebhaften Schilderungen
der portugiesischen Seefahrer früh eine gewisse Berühmtheit erlangt. Auch das Wort »Kaste« stammt aus
dem Portugiesischen (vom portug. casta, »Geschlecht«). Neuere Untersuchungen haben bewiesen, daß man Indien mit Recht als die
¶
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Heimat und die dortigen sozialen Einrichtungen als das Prototyp des Kastenwesens überhaupt betrachtet hat. Namentlich hat die genauere Durchforschung der alten Sanskritlitteratur einerseits, der Fortschritt der englischen Statistik in Indien anderseits eine Menge neuer Aufschlüsse über das Kastenwesen gebracht, welche ein allgemeineres Interesse beanspruchen können. In der ältesten Periode der indischen Geschichte gab es noch keine eigentlichen Kasten.
Die Brahmanen scheinen sich als Hauspriester angesehener und reicher Adels- und Fürstenfamilien und als alleinige Besitzer des gesamten religiösen und gelehrten Wissens früh zu einer sehr einflußreichen Stellung emporschwangen zu haben, bildeten aber den übrigen Ständen gegenüber noch keine streng in sich abgeschlossene Zunft. Erst in einem der spätesten Lieder des Rigweda findet sich der berühmte Vers, der die Entstehung der vier Hauptkasten aus den verschiedenen Gliedmaßen des Weltgeistes Puruscha schildert und noch in der Gegenwart als die Magna Charta des Brahmanentums betrachtet wird.
Der Brahmane, heißt es hier, war sein Mund;
der Krieger wurde zu seinen Armen;
Schenkel war das, was jetzt Vaisya (Ackerbauer) ist;
aus den Füßen entstand der Sudra.
Sucht man durch den mythologischen Nebel, in den diese Überlieferung den Ursprung des indischen Kastenwesens hüllt, zu dem historischen Kern vorzudringen, so wird man sich die allmähliche Entstehung dieser ständischen Gliederung etwa folgendermaßen vorzustellen haben: Bekanntlich sind die Arier, die herrschende Rasse in Indien und die nahen Stammverwandten der indogermanischen Völker Europas, vom Norden [* 33] her in Indien eingewandert, wo sie die einheimische schwarze Bevölkerung teils unterjochten, teils in die Gebirge im Innern des Landes zurücktrieben.
Die jahrhundertelangen Kämpfe, die um den Besitz von Hindostan geführt wurden, begünstigten das Emporkommen eines kriegerischen Adels. Zugleich entwickelten sich aber bei einem so tief religiös angelegten Volke die Brahmanen, welche mit dem wirksamsten Zaubersegen für Schlacht und Krieg bekannt waren, immer mehr zu einem geschlossenen und erblichen Stande. Den beiden privilegierten Klassen der Priester und Krieger stand die Masse des Volkes unter dem Namen der Vaisyas, d. h. der Ackerbau und Gewerbe treibenden Klasse, gegenüber.
Eine ähnliche Rangordnung findet sich in dem Zendavesta der stammverwandten Iranier, wie auch im europäischen Mittelalter die gesamte Bevölkerung in den Lehr-, Wehr- und Nährstand eingeteilt wurde. In Indien stand jedoch unter diesen drei Kasten, welche unter dem Namen der »Zweimalgebornen« oder »Arier« zusammengefaßt wurden, noch eine vierte Kaste der Sklaven oder Diener, Sudras genannt, welche aus den Überresten der unterjochten Urbevölkerung des Landes bestand.
Diese Vierkastenordnung war die älteste Form des indischen Kastenwesens und wurde als der Hauptpfeiler der indischen Staatsverfassung noch in einer viel spätern Epoche festgehalten, welche längst, dem Fortschritt der Kultur und Gesittung gemäß, die Anzahl der Kasten außerordentlich vervielfältigt hatte. Die indischen Gesetzbücher fassen ihrem Standpunkt gemäß, welcher jede Vermischung der Kasten als etwas höchst Sündhaftes betrachtet, die wenig geachteten Kasten der Fischer, Ärzte, Schauspieler, Gaukler etc. als Produkte verbotener Zwischenheiraten unter den vier Hauptkasten auf.
Thatsächlich verdanken diese Kasten ihre Entstehung der Tendenz, jedes besondere Gewerbe in jeder einzelnen Provinz zu einer gesonderten Kaste zu erheben. Der Kastengeist, früh geweckt, hat in Indien immer weiter um sich gegriffen, und noch heute ist die Anzahl der Kasten in steter Zunahme begriffen, wie auch die gegenseitige Abschließung der Stände nicht ab-, sondern zugenommen hat. Ganz geringfügige Abweichungen von der herkömmlichen Art, ein Handwerk zu betreiben, rufen nicht selten neue Kasten ins Leben. So hat ein Teil der Milchmänner diejenigen Berufsgenossen, welche buttern, ohne die Milch vorher aufzukochen, aus der Kaste gestoßen. In Cuttack in Bengalen finden keine Ehen statt zwischen denjenigen Töpfern, welche ihre Töpferscheibe sitzend drehen und kleine Töpfe formen, und jenen, die ihre Scheibe stehend drehen und große Töpfe verfertigen.
Innerhalb der Fischerkaste gibt es eine Unterkaste, welche die Maschen von rechts nach links, und eine andre, welche sie von links nach rechts arbeitet. Aus der Sanskritlitteratur, aus dem Erbrecht und aus den alten Inschriften läßt sich entnehmen, daß Zwischenheiraten selbst unter den Mitgliedern verschiedener Hauptkasten früher, wenn auch verpönt, doch keineswegs selten waren. Heutzutage zerfällt jede einzelne Kaste wieder in eine Menge Unterabteilungen, denen jeder nähere gegenseitige Verkehr untersagt ist. J. ^[John] Wilson, der sich die Darstellung des indischen Kastensystems zu seiner wissenschaftlichen Lebensaufgabe gemacht hatte, kam in zwei Bänden nicht über die Schilderung der verschiedenen Verzweigungen hinaus, in welche die Brahmanenkaste zerfällt (»Indian Caste«, Bombay 1877). Der Kastengeist hat sich in Indien sogar stärker als der Islam erwiesen.
Als die Mohammedaner Indien erobert hatten, nahmen sie nach und nach das Kastenwesen selbst an, und es gibt heutzutage in Indien kastenartige Unterschiede unter den Mohammedanern so gut wie unter den brahmanistischen Sekten. Auch die englische Herrschaft hat das Kastenwesen bisher nur wenig gelockert, wenn auch das Zusammentreffen der verschiedensten Kasten in den englischen Schulen, Eisenbahnen und Tramways zur Beseitigung der alten Standesvorurteile erheblich beiträgt.
Die Brahmanen, 13,730,045 Köpfe nach der Volkszählung von 1881, sind keineswegs als eine eigentliche Priesterkaste anzusehen. Schon in alter Zeit griffen sie des Lebensunterhalts wegen zu den verschiedensten Beschäftigungen. Heutzutage huldigt nur ein sehr geringer Prozentsatz der Brahmanen religiösen oder gelehrten Berufen, dagegen sind die verschiedensten andern Rangklassen bei ihnen vertreten, von dem stolzen Radscha bis zu dem halbnackte brahmanischen Bauer von Orissa.
Sehr viele Brahmanen sind Bettler, andre dienen als Sepoys in der englischen Armee oder als Schreiber in englischen Büreaus etc. Obwohl nach außen hin streng abgeschlossen und den Besitz der über die Schulter geschlungenen Brahmanenschnur als ihr ausschließliches Privilegium betrachtend, zerfallen sie doch unter sich in zahlreiche Unterabteilungen, die nicht untereinander heiraten und nicht miteinander speisen dürfen. Hunter, der bekannte englische Statistiker, erzählt, daß er 1869 einen Verbrecher aus der Brahmanenkaste im Kerker traf, der versuchte, sich durch Hunger zu töten, und sich lieber körperlicher Züchtigung unterziehen als die Speisen genießen wollte, die ein aus dem Nordwesten gebürtiger Brahmane für ihn gekocht hatte. Die kriegerischen Radschputen (von dem Sanskritwort râjaputra, »Königssohn«),
7,107,828 Köpfe, sind die Nachfolger der alten Kschatriyas oder Radschanyas, der Krieger- und Adelskaste. Aber diese Kaste hat die mannigfaltigsten Elemente in sich aufgenommen, und noch heutzutage kann man in den entferntern ¶
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Provinzen des indobritischen Reiches ganze Stämme zu Radschputen werden sehen. Von der dritten Kaste des indischen Altertums, den Vaisyas, haben sich manche Überreste in den verschiedenen Klassen der Banyas, »Gewerbtreibenden« (v. sanskr. vanij, »Kaufmann«),
3,275,921 Köpfe, erhalten. Die stärkste Zunahme gegen früher scheint bei den im Altertum als Sudras und Mischkasten bezeichneten Kasten eingetreten zu sein, teils weil ein Stamm der Urbevölkerung nach dem andern von den eingewanderten Ariern unterjocht wurde, teils weil viele Vermischungen stattfanden, teils weil mit der zunehmenden Kultur auch die Arbeitsteilung sich mehr und mehr entwickelte. Auch das religiöse Element ist, besonders durch die ununterbrochen fortgehende Bildung neuer Sekten, ein wichtiger Faktor bei der Vermehrung der Kasten.
Während das Kastenwesen sich elastisch genug zeigte, um sich weit auseinander liegenden Stadien sozialer Entwickelung anzupassen und das ganze Völkergemisch Indiens in sich aufzunehmen, war die vorherrschende Tendenz doch auf die Ausbildung solcher Einrichtungen gerichtet, welche geeignet waren, die Organisation der Kasten zu kräftigen und Neuerungen und fremde Eindringlinge abzuwehren. Jede Kaste ist in gewisser Weise gleichzeitig eine Zunft oder Handelsgilde, eine Assekuranzgesellschaft und eine religiöse Sekte.
Als Zunft sorgt sie für die richtige Ausbildung der heranwachsenden Mitglieder, setzt die Löhne fest, sitzt über Vergehungen gegen die Kastenordnung zu Gericht und befördert die Kameradschaft durch gesellige Zusammenkünfte. Die berühmten alten Bauwerke Indiens, die das Staunen der Reisenden erregen, wurden von Zünften und Innungen dieser Art errichtet, auf denen auch die Blüte [* 35] der verschiedenen einheimischen Industrien Indiens ausschließlich beruht. Um die Konkurrenz etwas zu zügeln, setzt die Kaste gewisse Feiertage fest, an welchen nicht gearbeitet werden darf.
Wer dieses Verbot übertritt, muß eine Geldbuße bezahlen. Geldstrafen spielen überhaupt eine wichtige Rolle. Am gewöhnlichsten nehmen sie die Form einer Festmahlzeit an, welche das straffällige Mitglied allen übrigen Mitgliedern der Kaste zu geben gezwungen wird. Art und Kosten der Bewirtung sind dabei ein für allemal festgesetzt, und keiner der Eingeladenen darf zweimal von einem Gericht fordern. Schwerere Vergehungen werden durch Ausstoßung aus der Kaste gesühnt.
Noch jetzt wird in solchen Fällen die alte Zeremonie des Ghataspota (»Zerwerfen des Topfes«) vollzogen, wodurch die Ausschließung aus der Gemeinschaft der Stammesgenossen figürlich angedeutet wird. Früher wurde durch die Ausschließung aus der Kaste auch das Erbrecht völlig aufgehoben und die Ehe aufgelöst. Die englische Gesetzgebung hat alle zivil- und vermögensrechtlichen Folgen der Ausstoßung aus der Kaste beseitigt. Aber noch immer kann der Ausgestoßene sich nicht innerhalb der Kaste verheiraten, darf nicht mit seinen Kollegen zusammen speisen und geht jeder geistlichen Hilfe und der Dienste [* 36] des Barbiers und Wäschers verlustig. Er ist daher in der Regel sehr gern bereit, sich zur Sühne durch eine Festmahlzeit loszukaufen. Auch das Lehrgeld, welches von den Anfängern erhoben wird, bildet eine Einnahmequelle für die Zunft. Es beläuft sich z. B. in Ahmedebad je nach der Wichtigkeit des betreffenden Gewerbes auf 5-50 Pfd. Sterl. und wird meistens zur Bestreitung gemeinsamer Feste verwendet. Streiks zur Erzwingung höherer Löhne kommen bei den indischen Zünften so gut wie bei den Handwerkervereinen Europas vor.
Als Assekuranzgesellschaft vertritt die Kaste die Stelle der Armenpflege, welche in Indien als solche nicht existiert. Jede anständige Kaste ist auf die Unterstützung dürftiger Mitglieder bedacht. Auch ist die Aussicht, in der Kaste zu einer angesehenen Stellung emporzusteigen, ein wirksames Motiv, um sich anzustrengen und vor den übrigen hervorzuthun.
Als religiöse Sekte hat jede Kaste ihre bestimmten Gebräuche und Observanzen sowie eine ziemlich weitgehende Jurisdiktion über ihre sämtlichen Mitglieder bei Vergehungen gegen das religiöse und Sittengesetz. Viele Kasten, wie z. B. die Gosains, welche den ganzen Körper mit Asche zu beschmieren pflegen, haben einen rein religiösen Charakter. Als gemeinsames Kennzeichen der Sekte dient ein Stirnzeichen, das mit Farbe jeden Morgen erneuert wird.
Im ganzen genommen muß man sich hüten, über den Schattenseiten des Kastenwesens seine günstigen Wirkungen zu übersehen. In dem losen Gefüge orientalischer Staaten hat es jedenfalls von jeher durch Beförderung des Korporationsgeistes ein vortreffliches Präservativ gegen die Ausschreitungen und das Sinken Einzelner und die Basis aller großen gemeinsamen Unternehmungen gebildet.
Vgl. Kitts, Compendium of the castes and tribes found in India (Lond. 1886);
Hunter, The Indian Empire (2. Aufl., das. 1886);
Barthélemy Saint-Hilaire, L'Inde anglaise (Par. 1887);
Zimmer, Altindisches Leben (Berl. 1879);
Garbe, Indische Reiseskizzen (das. 1889).
Rechtspflege in
Ostindien.
Die Gesetzgebung hat in Indien in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und ist für eine Reihe wichtiger Materien auf dem Standpunkt der Kodifikation angelangt. Zugleich sind auch wichtige Ergebnisse zu verzeichnen auf dem wissenschaftlichen Gebiet der Forschungen über das alte indische Nationalrecht, das zwar bei dem Fortschreiten der Kodifikation immer mehr an Ansehen einbüßt und an Geltung im praktischen Leben verliert, aber vermöge seiner hohen Ausbildung einen dauernden Wert für die indische Kulturgeschichte und für die vergleichende Rechtswissenschaft (s. d.) behält.
Zivil- und Strafrecht haben in Indien wie in andern orientalischen Ländern von jeher einen integrierenden Bestandteil des Religions- und Sittengesetzes gebildet. Demgemäß sind die Gesetze der Hindu in demjenigen Teile der alten Sanskritlitteratur enthalten, der sich auf die Erlangung des religiösen Verdienstes, Dharma, bezieht, welches den Menschen von den Fesseln der Wiedergeburt befreit und ihn nach dem Tode der Freuden des Paradieses teilhaftig macht. In den ältesten Rechtsquellen, den Dharmasūtras, werden die einzelnen Rechtsgrundsätze noch ohne jede Spur systematischer Anordnung vorgeführt.
Erst in dem berühmten Gesetzbuch des Manu findet sich eine Einteilung des gesamten Rechts in nachstehende 18 Materien:
1) Schuldrecht, 2) Depositen, 3) Verkauf eines Gegenstandes durch einen andern als den Eigentümer, 4) Handelsunternehmungen einer Gesellschaft, 5) Zurücknahme eines Geschenks, 6) Nichtbezahlung einer verabredeten Löhnung, 7) Bruch eines Übereinkommens, 8) Rückgängigmachung von Käufen und Verkäufen, 9) Streitigkeiten zwischen dem Eigentümer (von Vieh) und seinem Viehtreiber, 10) Grenzstreitigkeiten, 11) Realinjurien, 12) Personalinjurien, 13) Diebstahl, 14) Raub und andre Gewaltthaten, 15) Ehebruch, 16) Pflichten der Ehegatten, 17) Erbrecht, 18) Spiel und Tierkämpfe. Die ältesten Dharmasūtras, namentlich das Dharmasūtra des Apastamba, sind nach den Untersuchungen von Bühler im 6. Jahrh. v. Chr., wenn nicht früher, verfaßt ¶
Im Brockhaus` Konversationslexikon, 1902-1910
Titel
Ostindien,
[* 2] im weitesten Wortsinn Sammelname für den Teil Asiens vom südöstlichsten Winkel
[* 37] Persiens bis an die südwestl.
Provinzen von China,
[* 38] der gegen N. von dem mächtigen Gebirgszuge begrenzt wird, als dessen Anfang der Elburs,
als dessen Ende die Alpen
[* 39] in Jün-nan und als dessen mittlere Glieder
[* 40] die südl. Kette des Hindukusch und das Himalajagebirge
zu betrachten sind. Hierzu kommen noch zahlreiche Inseln und Inselgruppen. Von den Alten schlechthin Indien (s. d.) genannt,
erhielten diese Länder im Gegensatz zu Westindien
[* 41] (s. d.) den Namen
Ostindien. Das Gebiet zerfällt in Vorderindien,
Hinterindien und den Indischen Archipel. Über den letztern s. Malaiischer Archipel (nebst Karte). (Hierzu zwei Karten:
Ostindien
I: Vorderindien.
Ostindien II: Hinterindien.)
I. Vorderindien oder Indien diesseit des Ganges bildet ein unregelmäßiges Viereck, [* 42] dessen Ecken nach den vier Himmelsgegenden gerichtet sind, während die Seiten im N. vom Himalaja, im NW. vom Indus, hinter dem gleich das Hochland von Iran steil emporsteigt, im SO. vom Bengalischen Meerbusen und im SW. vom Arabischen Meere begrenzt werden. Dieses Viereck, von etwa 3575000 ¶
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qkm Flächenraum, zerfällt in zwei Hauptteile, die ungleich große Dreiecke bilden und durch eine Linie getrennt werden,
welche sich von W. nach
Ostindien, in gleicher Richtung mit dem Windhjagebirge laufend, von der Mündung des Indus zu der des Ganges
erstreckt, nämlich in Hindustan und in den Dekan.
Hindustan, d. h. Land der Hindu, das nördl. Dreieck, [* 44] etwa 1,9 Mill. qkm groß, ist größtenteils Tiefland, das nur am südwestl. Abfall des Himalaja und, in geringerm Grade, auf der Südseite, dem Nordabhang des Windhjagebirges, zum Gebirgsland wird, sonst aber eine einzige Ebene bildet. Hindustan besteht aus dem gesamten Stromgebiet des Ganges und der östl. Hälfte von dem des Indus (s. d.), welche durch keine bemerkbare Wasserscheide getrennt sind. Der Brahmaputra begrenzt den östlichsten Teil.
Während aber die Ebene des Ganges eine fruchtbare, wasserreiche Kulturfläche bildet, trägt das Land, das der Indus und dessen Zuflüsse auf seinem linken Ufer durchströmen, im ganzen dürftigen Boden, der nur im Pandschab teilweise gut angebaut, sonst aber auch von unfruchtbaren Sandstrecken durchzogen ist. Die bedeutendste ist die salzige Sandwüste Thar, die sich im O. des Indus in einer Breite [* 45] von 150 bis 300 und in einer Länge von 750 km im N. des Ran, einer Morastniederung von 16500 qkm südöstlich vom Ausfluß [* 46] des Indus, parallel mit demselben nordwärts ausdehnt.
Dekan oder Dekhan (engl. Deccan, verderbt aus Dakhan, bei den Griechen Dachinabades, im Sanskrit Dakschinâpatha, vulgär Dakhinâbadha, d. h. Südweg oder Land der Rechten), die eigentliche vorderind. Halbinsel, erstreckt sich in Gestalt eines Dreiecks nach S. bis zu seiner stumpfen Endspitze. Mit der geographisch zu ihm gehörenden Insel Ceylon (s. d.) hat es ein Areal von 1650000 qkm und ist (von den nur 25-30000 qkm einnehmenden Küstenebenen abgesehen) ein Hochland, dessen Scheitel von Randgebirgen begrenzt wird.
Den Nordrand bildet das Windhjagebirge (s. d.). Gegen S. fällt es steil zu dem Längsthal der Narbada ab, ebenso gegen W. nach der Mündung dieses Flusses in den Meerbusen von Cambay. Nur im O. hängt das Gebirge durch 700 m hohe Berge mit dem Innern des Dekan zusammen, während es von dort niedrige Fortsetzungen zum untern Ganges sendet. An diese Basis lehnt sich das eigentümliche Hoch- und Bergland Mittelindien, welches 5-800 m hoch ist und sich nordwärts zur Dschamma abstuft, der es den Tschambal und andere bedeutende Zuflüsse zusendet.
Der östl. Teil trägt den Namen Bundelkhand, seine Mitte Malwa, sein westl. Teil Mewar. Die nordnordöstlich vom Golf von Katschh nach Dehli hin streichende, 1040-1390 m hohe und meist sehr unwegsame Arawalikette trennt Mewar von der Tiefebene des nordwestl. Radschputana. Am Rande des westl. und des südöstl. Schenkels des den Dekan bildenden Dreiecks erheben sich die West- und Ostghat (s. Ghat) genannten Gebirge, die unter 12° nördl. Br. durch den Nilgiri (s. d.) verbunden sind, der südwärts ungemein steil zu einer Vertiefung (engl. Gap) abstürzt, dem Palghatthal, das die Küsten von Koromandel und Malabar miteinander verbindet. Im S. des Gap erheben sich die Anamalliberge von 1200 bis 2800 m, und füllen den ganzen Westen der Südspitze bis zu dem 1245 m hohen Kap Komorin (richtiger Kumari), ihrem südlichsten Vorgebirge unter 8° 4 1/3' nördl. Br. Die größern Flüsse des Dekan, mit Ausnahme der Narbada und der Tapti, entspringen am Ostfuße der Westghat, durchströmen sämtlich von NW. nach SO. die ganze Breite des Hochlandes, durchbrechen die Ostghat und bilden an ihren Mündungen in den Bengalischen Meerbusen bedeutende Niederungen; so die Mahanadi, Godawari, der Kistna oder Krischna und die Kaweri. Die steilen Westghat werden dagegen nur von kleinern Flüssen durchbrochen. Die Bewässerung ist überhaupt sehr reichlich und erzeugt allenthalben eine günstige Bodenbeschaffenheit.
Klima, Pflanzen- und Tierwelt. Das Klima der hindustan. Ebenen, ebenso das der untern erweiterten Stromthäler Hinterindiens sowie der niedern Küstenstriche des gesamten O.s ist ein anderes als das der höhern Berglandschaften, sowohl in beiden Halbinseln als auf den Inseln und in den südl. Abhängen des Himalaja. Jene niedern Gegenden sind ausgezeichnet durch alle meteorolog. Erscheinungen der Tropenwelt, durch schwüle Hitze, heftige Gewitter und Sturzregen.
Steigt man aus diesen tiefen Landschaften auf die Gebirge hinauf, so wird die Luft kühler und trockner und das eigentliche tropische Klima hört auf. Besonders gilt dies vom Plateau des Dekan. Man kennt daselbst weder tropische Glut noch Schnee [* 47] und Eis. [* 48] Die Jahreszeiten [* 49] und das Klima des südlichen, innerhalb der Wendekreise gelegenen O.s werden in eigentümlicher Weise durch die Monsune (s. d.) bedingt. Der Südwestmonsun bringt Nebel, Schwüle und tropische Regengüsse für die Westküste Vorderindiens, wo die Westghat die Wetterscheide bilden, welche sich dem Weiterrücken der Wolken widersetzt.
Während diese daher an der Küste von Malabar sich niederschlagen und hier zwischen Mai und September die Regenzeit herrscht, hat die entgegengesetzte Küste von Koromandel ihre trockne, heitere Jahreszeit. Nur langsam schieben sich nach und nach die Wolkenmassen über die Westghat weg, und dann beginnen die Regen auf dem Plateau des Dekan. Endlich, am Ende des Südwestmonsuns, fängt die Regenzeit auf der Küste von Koromandel an und herrscht hier zwischen Oktober und Januar, während die von Malabar ihre trockne Jahreszeit hat und das Binnenlandplateau von einzelnen Regenschauern erfrischt wird.
Monats- und Jahresmittel einiger ind. Orte
(in Celsiusgraden):
|Ort||Nördliche Breite||Seehöhe m||Jahresmittel||Kältester Monat||Wärmster Monat|
|Colombo||6° 56'||12||27||26,5||28,6|
|Madras||13° 4'||7||27||24,7||30,8|
|Wissagapatam||17° 42'||9||28||24,1||31,1|
|Kalkutta||22° 32'||6||24||18,1||28,4|
|Bombay||18° 55'||11||26,1||22,6||29,0|
|Nagpur||21° 9'||312||25,9||19,7||33,8|
|Allahabad||25° 26'||93||25,3||15,6||33,4|
|Pischawar||34° 2'||338||20,7||9,3||31,7|
|Rangun||16° 46'||12||26,4||24,3||29,1|
|Dardschiling||27° 3'||2107||12,3||4,9||16,7|
|Schimla||31° 6'||2119||12,6||4,5||19,7|
Auch das Pflanzenleben zeigt im Tieflande und Hochlande eine wesentliche Differenz. In vier Regionen gliedert sich die Vegetation des Himalaja (s. d.). Wo die Bewässerung fehlt, verursachen sengende Winde [* 50] ausgedörrte Wüsten, wie in den Ebenen längs des Indus und seiner linken Nebenflüsse. Diese Pandschablandschaften und Sindh gehören mit ihren Tamariskengebüschen und der Bablachakazie (Acacia arabica Willd.) mit euphratischem Pappelwald zu ¶
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Belutschistan (s. d.) und Mesopotamien. Dagegen erreicht der Pflanzenwuchs in Bengalen und den fruchtbaren Niederungen und Küstengegenden der Halbinsel fast die Großartigkeit des in Brasilien. [* 52] Hier ist das Vaterland der Aurantiaceen, der Citrone und Orange (s. Citrus), die Heimat des Gummibaumes (Ficus elastica L.), wie überhaupt die tropischen Feigen eine große Mannigfaltigkeit erreichen und Ficus religiosa L. zu den Charaktertypen des Landes gehört. Neben dem Zuckerrohr haben hier ferner die Zimmetbäume (Cinnamomum ceylanicum Nees und Cassia), die Banane, der Pfefferstrauch, die Zingiberaceengewürze Ingwer und Kardamom, endlich auch der Reis ihre Heimat; wenige dieser wichtigen Kulturarten lassen sich im gemäßigten Europa [* 53] noch im Gartenbau fortpflanzen, unter ihnen Melone und Gurke.
Eine Fülle von Palmen [* 54] wächst hier zwischen den vortrefflichen Nutzhölzern der Teak- (Tectona grandis L.), Sandel- (Santalum album L.) und Ebenholzbäume: die riesigen Corypha- und Caryotapalmen, die Gomuti (Arenga) und mehrere Sago liefernde Arten. Im Gegensatz zu den niedern Landen verlieren die Vegetation und mit ihr auch das Tierreich ihr vorherrschendes tropisches Gepräge, je höher man in die Gebirge hinaufsteigt. Die Kokospalme hört schon bei 3-500 m, die Banane bei 1000 m auf. Dagegen finden sich hier Waldungen von hochstämmigen, meist immergrünen Bäumen. Aber auch für Kulturpflanzen haben die höhern Gegenden, namentlich im Dekan, trefflichen Boden. Neben Kaffee und Baumwolle [* 55] gedeihen hier die europ. Getreidearten und neben specifisch tropischen und Südfrüchten alle feinern Obstarten.
Die Tierwelt von
Ostindien ist merkwürdig zusammengesetzt, indem afrik., europ.-mandschurische und echt ind.
Elemente in ihr vorkommen. Im W., im Wüstenterrain, das südlich bis an den Wendekreis des Krebses, südöstlich
bis an das Arawaligebirge, östlich ungefähr bis zum 77.° östl. L. und im N. bis zum Himalaja reicht, herrscht eine ausgesprochene
Wüstenfauna, es treten auf: Gazellen, Wildpferde, Schakale, Hyänen und vielleicht der Löwe. An dieses Gebiet grenzt östlich
ein zweites, an Wald und Dschungeln reiches, von ansehnlichen Strömen, allen voran vom Ganges durchströmtes.
Es beherbergt Affen,
[* 56] den Tiger, Wildschweine, Hirsche,
[* 57] Zwergmoschustiere, Rinder,
[* 58] Elefanten, Nashörner, Schuppentiere u. s. w.
Vögel
[* 59] sind zahlreich, desgleichen Reptilien, besonders Schlangen.
Die Ströme beherbergen außer zahlreichen Fischen Krokodile, [* 60] der Ganges auch Haifische und einen merkwürdigen Delphin (Platanista gangetica Cuv.). Ein drittes Gebiet umfaßt die Spitze von Vorderindien vom 15.° nördl. Br. nach S. reichend mit Ceylon. Es ist, besonders durch das Hereinspielen malaiischer Elemente, reicher an Formen als die beiden andern Gebiete; so finden sich hier Halbaffen, [* 61] Spitzhörnchen oder Tupajas, viele Vögel, verschiedene bloß hier vorkommende Schlangen und Eidechsen. [* 62]
Das Nilgirigebirge hat in bedeutendern Höhen eine Fauna, die teilweise, besonders unter den Insekten,
[* 63] nordasiat. Elemente aufweist. Die Südabhänge des Himalaja schließen sich tiergeographisch dem hinterindischen, die Hochlande
jenes Gebirges dem mandschurisch-chines. Faunengebiete an. Auf ganz
Ostindien entfallen
Vertreter von etwa 28 Familien von Säugetieren, 64 Familien von Vögeln, 19 von Schlangen, 7 von Eidechsen, 2 von Krokodilen, 2 von
Schildkröten,
[* 64] 6 von Amphibien und
12 von Süßwasserfischen.
Die Bevölkerung von Britisch-Indien, das mit den neuen Erwerbungen über Vorderindien hinausgeht und auch Britisch-Ostindien
oder Angloindisches Reich genannt wird, mit allen Lehnstaaten beträgt (1891) 287223431 E., d. i. eine Zunahme von 33 Mill.
gegen 1881, und etwa 19 Proz. der Bevölkerung der Erde. Über die Verteilung auf die Landesteile s. die
Tabelle auf Karte
Ostindien I. Nach dem Geschlecht überwiegen die Männer mit 112 gegen 108 Mill. Frauen in den brit. Provinzen,
mit 34 gegen 31 Mill. Frauen in den Staaten der Eingeborenen. Im eigentlichen Hindustan bilden den Hauptteil
die arischen Inder oder eigentlichen Hindu (s. Inder), deren Sprachen und Dialekte vom Sanskrit abstammen. Im Dekan wohnen hauptsächlich
Drâviḍa (s. d.), sowie Tamulen, Kanaresen, Telugu, Malabaren u. s. w. Neben beiden Gruppen besteht daselbst noch eine Anzahl
von Volksstämmen, die in Sitte, Religion, Sprache
[* 65] und Körpergestalt von ihnen abweichen und wahrscheinlich
als Überreste der frühern Ureinwohner anzusehen sind.
Dieselben sind wilder und roher, leben auch meistens in unzugänglichern Berg- und Waldgegenden. Zu den merkwürdigsten gehören die Bhil (s. d.), die Gond (s. d.), die Pahari, die Kol, die Wedda auf Ceylon (s. d.). Hieran schließen sich die Stämme im Himalaja (s. Himalajavölker, Newar, Bhot), die Dom im Gebirgslande Kumaon, die Bewohner von Baschahr, die Kanawari am obern Satladsch, die Leptscha, Murmi, Limbu u. s. w. (S. auch Indische Sprachen.) Nächst diesen, der allerältesten Bevölkerung angehörenden Stämmen giebt es noch mehrere in histor.
Zeit eingewanderte. Obenan stehen unter ihnen die Nachkommen der mohammed. Eroberer, teils mongol., teils pers.-türk. Ursprungs, die noch jetzt das Persische als Muttersprache reden. Auf sie folgen die eingedrungenen mohammedanischen, in Ostindien Rohilla genannten Afghanen, sowie die Araber in den Städten Malabars, in Calicut, Goa sowie in Gudschrat und Multan, deren mit Hindu erzeugte Nachkommen in Südindien Mappila (s. d.) genannt werden. Außerdem sind die Parßi zu nennen, sowie der Sage nach schon zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft eingewanderte Juden. Diese leben in verschiedenen Gegenden Malabars und heißen, zum Unterschied von den schwarzen Juden, die, wahrscheinlich von bekehrten Eingeborenen abstammend, über die ganze Halbinsel verbreitet sind, weiße Juden. Die einheimischen Christen in Vorderindien sind teils sog. Thomaschristen auf der Malabarküste, teils kath. Proselyten in den franz. und portug. Kolonialgebieten, teils durch Engländer und Deutsche [* 66] bekehrte Protestanten.
Der Religion nach unterscheidet man 207 Mill. Hindu, 57 Mill. Mohammedaner, 9 Mill. unkultivierte Anhänger von Naturreligionen, 7 Mill. Buddhisten (in Birma), 2 Mill. Christen, 2 Mill. Sikh (im Pandschab), 1,4 Mill. Dschain, 89000 Parsen, 17000 Juden und 42000 andere. (S. die Tabelle auf Karte Ostindien I.) Der natürlichen Vermehrung steht eine Auswanderung der viel gesuchten ind. Arbeiter (s. Kuli) gegenüber, die 1885-86: 7979, 1890-91: 20085 und 1891-92: 16567 betrug. 75 Städte haben über 50000 E., darunter 6 über 200000, 28 über 100000 E. 40 zählen 35-50000, 109 zwischen 20 und 35000 E.
Die schon im grauesten Altertum hoch stehende specifisch ind. Kultur ist doch niemals zu voller ¶