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Aus Gewissensgründen nahm Max Thürkauf Abschied von seinem Posten als universitärer Institutsleiter, um seinen Mitbürgerinnen und -bürgern ins Gewissen zu reden.
In diesem Bild muss er sich wohl gefühlt haben: Nähe zur Universität und zugleich Distanz zur Universität, im Hintergrund Alexander Zschokkes Plastik mit «Lehrer und Schüler», er allein im Vordergrund, warm und ordentlich angezogen, aber so streng gekleidet, dass er ein Priester sein könnte: Max Thürkauf. Was man nicht sieht: Thürkauf, 1925 in Basel zur Welt gekommen, 1993 in Weil am Rhein gestorben, hatte, wie man einmal sagte, auf dem zweiten Bildungsweg, das heisst nach einer Lehre als Chemielaborant, studiert und wurde dann a. o. Professor für physikalische Chemie.
Wegen seiner zunehmend technikkritischen Haltung, insbesondere seines Widerstands gegen den Bau von Atomkraftwerken in dicht besiedelten Gebieten, musste oder wollte Thürkauf seine Position als universitärer Institutsleiter aus Gewissensgründen aufgeben. Er war übrigens um 1959 an der Entwicklung einer Anlage zur Herstellung von «schwerem Wasser» beteiligt, das für den Bau von Atomwaffen verwendet wird.
Gewissermassen auf dem dritten Bildungsweg wurde er schliesslich freiberuflicher Denker und Publizist. So publizierte er, um nur gerade diese Schrift zu nennen, ein Jahr nach dem Chemiebrand von Schweizerhalle in einem Lokalverlag in Stein am Rhein «Das Fanal von Tschernobal» (1987). Und im lokalen Gratisblatt «Doppelstab» wandte er sich regelmässig mit Kolumnen an das grössere Publikum.
Doch wie ist es zu diesem am 8. Januar 1982 gemachten Bild gekommen? Offenbar war ein Bild mit dem Dissidenten fällig. Thürkauf wählte eine aussagekräftige Kulisse, und Wyss entsprach selbstverständlich dem Wunsch, weil damit eine Zusatzbotschaft des «Fotomodells» zum Ausdruck kam. Das Gehäuse des Kollegiengebäudes am Petersgraben und insbesondere die beiden Schriften: die etwas unebene, aber allgemein verständliche und als Parole daherkommende Sprayerschrift: «Raus aus den Elfenbeintürmen» in Kombination mit der strengen, in Marmor gehauenen Schrift in Latein, die niemand mehr sieht und die die meisten gar nicht verstehen können.
Hier auf dem Bild kann man gerade noch lesen «evehit in su …», was in den Satz gehört, der zu Deutsch etwa heisst: «Die Perle der Wissenschaft erhebt den Ungelehrten und hebt auch die Menschen von niedrigster Geburt zu den Erhabenen hinauf». Der Satz stammt aus dem Jahr 1459 und aus der damals vom Papst Pius II. (Aeneas Silvius Piccolomini) für Basel ausgestellten Stiftungsbulle der Universität.
Thürkaufs Frau Inge (nicht im Bild) war wenige Monate zuvor zum Katholizismus konvertiert und schloss sich später mit ihrem Mann der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. an. Das Bild ist für alle Beteiligten so etwas wie eine unbewusste Vorankündigung dieser Entwicklung.
Artikelgeschichte
Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11.01.13