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Arnolds Vermächtnis
Sie trafen sich am nächsten Tag in der Bibliothek, das Buch von Franz Arnold vor sich aufgeschlagen. Sefa hatte ein mulmiges Gefühl dabei, dies zusammen mit Alex zu tun. Aber das Mädchen hatte sich als gewitzt erwiesen und hatte es verdient, die Wahrheit zu erfahren.
«Also», sagte sie mit einem tiefen Atemzug. «Konrad, du weisst ja schon, dass dieses Buch einen Teil meiner Familiengeschichte beinhaltet.»
Sefa hoffte, dass ihre Ohren nicht rot anliefen. Konrad kannte das Buch, seit er sie damit im Magazin erwischt hatte und sie darüber ausgefragt hatte. Kurz bevor sie beide ... Sie verscheuchte den Gedanken.
«Genau», sagte Konrad. «Und ich glaube, dass das Buch auch etwas mit meiner Familie zu tun hat. Etwas klingelt bei mir.»
Alex hörte aufmerksam zu.
«Die Wahrheit ist ...», sagte Sefa. «Mein Vorfahr hat einst ein wertvolles Erbstück versteckt und den Ort nur seinen Kindern verraten. Jede Generation hat daraufhin das Erbstück geborgen und an einem neuen Ort verwahrt. Bis zu meinem Vater.» Sie seufzte. «Dieser starb bevor ...»
Ra-ta-ta-ta, dröhnte es.
«Du glaubst, in dem Buch steht, wo der Schatz ist?», fragte Alex aufgeregt.
Sefa nickte. «Ich glaube, mein Vater hat eine versteckte Nachricht darin hinterlassen.»
Konrad schien angestrengt nachzudenken. Dann sah er Alex an.
«Könntest du uns kurz alleine lassen?»
Sefa runzelte die Stirn, und Alex sah gar nicht begeistert aus. Aber etwas in Konrads Stimme verriet Sefa, dass ihm etwas Wichtiges auf der Leber lag.
Als Alex sich mit einer Schnute davon gemacht hatte, klappte Konrad das Buch zu. «Sefa, ich verstehe, weshalb dir das sehr wichtig ist. Aber dieses Vermögen läuft nicht davon, und du kannst immer noch danach suchen. Denkst du nicht, dass wir beide ...» Er wandte sich von ihr ab, um ihr nicht in die Augen zu blicken. «… zuerst ein anderes Problem lösen sollten?»
Sefa fuhr ein Stich in die Brust. Natürlich. Für sie war es ein Leichtes, ihre Affäre mit Konrad als beendet zu erklären. Konrad aber musste die Sache mit seiner Familie ins Reine bringen.
«Tut mir leid. Du hast natürlich Recht. Lass uns zuerst das aus der Welt schaffen.»
Konrad lächelte dankbar. In dem Moment klingelte sein Telefon, und er entschuldigte sich. Sefa nahm das Buch und machte sich auf ins Magazin. Als sie es eingeordnet hatte und zurück zur Ausleihtheke wollte, stand Alex vor ihr.
Das Mädchen rang mit den Händen.
«Sefa, ich muss dir was sagen. Ich habe euch belauscht. Und Konrad am Telefon auch. Ich glaube ...» Sie verstummte.
«Was ist?», fragte Sefa beunruhigt.
«Konrad lügt. Ich glaube, er und seine Frau wissen, wo der Schatz ist und suchen danach. Ich glaube, er will dich hinhalten, bis sie ihn gefunden haben.»
All das sprudelte nur so aus ihr hinaus.
Sefa verharrte in der Bewegung. Wie kam das Mädchen denn auf so etwas? Dann fiel es ihr selber wie Schuppen von den Augen.
Konrads plötzliches Interesse am Buch und an ihr selbst. Die Sache mit seiner eigenen Vergangenheit, von der er aber partout nichts preisgeben wollte. Dann verschwand das Buch, und sie befand sich plötzlich auf einer unmöglichen Schnitzeljagd mit dieser Erpressung, die sich nicht einordnen liess.
Ra-ta-ta-ta.
Und dann hatte Konrad sich plötzlich so brennend für die Details des Umbaus interessiert.
Sefa riss die Augen auf. «Der Schatz ist in der Bibliothek!»
N.E.
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Süditalienische Fruchtsuppe
Emilio? Sohn von Ugo? Sind Esmeralda und Emilio eventuell Geschwister? An der Krebsriedgasse drehten sich Sefas Gedanken schnell und endlos. Dabei half ihr der «Luma Rosso» nicht wirklich. Diese rotweinartige, alkoholische Flüssigkeit sorgte aber zu immer langsameren Gedankengängen, bis hin zum baldigen Tiefschlaf auf dem Landskrona-Sofa.
Den morgendlichen Blick in den Spiegel ersparte sich Sefa. Die bedauernden Blicke Latzis waren deutlicher als jedes Spiegelbild.
An diesem Morgen ging gar nichts, ausser ein Katerbummel mit Hund und Sonnenbrille. Am Giessen entlang Richtung See wurden die Gedanken wieder ein bisschen klarer.
Sie bedauerte, wie sie gestern Emilio Tenebroso verbal angegangen war.
«Sind sie sicher, dass das ein Buch für Sie ist?»
Sie hätte ebenso gut sagen können: «Wir hätten aber auch unterhaltende SJW-Heftchen für Sie im Angebot.»
Überhaupt: Es könnte ja sein, dass diese Working Class Heros mehr Werke von Stephan Hermlin gelesen hatten als eine Bibliothekarin mit 35 Jahren Berufserfahrung. Beschämend, ihr Verhalten.
Die Gedanken vom Vorabend brodelten erneut auf. Keine Frage; sollte Emilio Tenebroso tatsächlich der leibliche Sohn von Ugo Tenebroso sein, dann wäre er ja der Bruder oder Halbbruder von Esmeralda. Führten die beiden gemeinsam etwas im Schilde? War der geplante Kauf eines Grundstücks von Ugo Tenebroso in Altdorf der Grund ihrer Aktivitäten?
Die Bahnhofsuhr in Flüelen holte Sefa augenblicklich in die Realität zurück. Nach all ihren Dienstjahren würde sie zum ersten Mal nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen. Aber dieser Morgen erlaubte keinen Laufschritt, allerhöchstens behutsames Schleichen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als auf den nächsten Bus nach Altdorf zu warten.
Endlich auf dem Weg, begann ab dem Kreisel mit Kunst-Toggeli die volkseigene Staatstrasse Richtung Altdorf mit Rüttel-Schüttel-Effekt. «Luma Rosso», diese elendigliche schwere süditalienische Fruchtsuppe vom Vorabend meldete sich umgehend in Sefas Kopf und Magen.
Den bemitleidenden Blicken fügte Latzi ein raunziges «Bluff» an.
Sefa wähnte sich wie) bei ihrer ersten Dienstreise zur Buchmesse nach Leipzig, anno 1986. Die Strassenqualität war vergleichbar mit der Transitautobahn Hirschberg-Leibzig DDR.
An der Haltestelle Ringli verliessen die beiden fluchtartig den rumpelnden Hess-Wagen der Auto AG. Wenn schon zu spät zur Arbeit, dann darf‘s auch ein bisschen mehr sein. Sefa wollte sich zu Hause ein bisschen auffrischen, und Latzi sollte bei dieser Gelegenheit sein tägliches Trockenfutter für futtersensible Hunde bekommen.
An Ihrem Briefkasten klebte ein pinkfarbenes Post-it-Zettelchen mit der Handnotiz: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!». Gruss Alex.
«Sollte dieser heranpupertierende Rotzlöffel sich wirklich darüber lustig machen wollen, wenn Frau Schuler ein einziges Mal im Leben nicht pünktlich in der Bibliothek erscheint? Falls ja, will ich ihm Hausi Leuteneggers Autobiografie zwangsverordnen.»
Der erste Mensch in der Bibliothek, der sie ansprach, hatte Gucci Loafers an den Füssen.
«Excuse me, Mrs. gibt es hier auch Huch?»
«Wir sind hier eine richtige Bibliothek und haben nicht nur ein Buch, wir haben sehr viele Bücher.»
«Exactly, Huch, Ricarda Huch?»
In diesem Moment stürmte Alex in die Bibliothek. «Sefa ich hab’s, ich bin ganz nahe dran…»
F.B.