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Klar, nicht jeder Schreiner, Garagist oder Treuhänder kann und muss wissen, was «Scenario Planning» ist. Meist genügt es, einmal im Jahr die Umsätze der eigenen Kunden in Prozent des gesamten Umsatzes anzuschauen, um Klumpenrisiken zu erkennen. Und dann zu überlegen: Was tue ich, wenn jener Kunde, mit dem ich mehr als 20 oder gar 30 Prozent meines Umsatzes mache, aus irgend einem Grund – unwichtig welcher – wegfällt?
Und zugegeben: Auch viele Unternehmer und Manager grösserer Firmen, mit 100 oder mehr Mitarbeitenden, wissen nicht, was «Scenario Planning» ist. Oft haben sie zwar so etwas wie ein «Worst Case Scenario» im Hinterkopf, das meist so aussieht: Was tun wir, wenn der Umsatz um 20 Prozent einbricht? Oder: Was tun wir, wenn der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Schweizerfranken auf unter 1.20 fällt? Auch dieses Vorgehen ist aber nicht wirklich professionell.
Echtes «Scenario Planning» umfasst auch das absolut Unerwartete und total Überraschende. Ein gutes Beispiel war das Zusammentreffen eines Erdbebens mit einem darauffolgenden Tsunami in Japan am 11. März 2011. Das «Scenario Planning» der Tepco hätte die Frage enthalten müssen: Welche Folgen kann ein Erdbeben der Stärke 10 mit nachfolgendem Tsunami für das Atomkraftwerk Fukushima haben und wie sorgen wir vor? (In diesem konkreten Fall gab es nichts dergleichen, man hatte schlicht ein Erdbeben in der Stärke 9 mit einem nachfolgenden Tsunami mit Wellen bis zu 15m Höhe nie in Erwägung gezogen.)
Kein «Scenario Planning» in der Politik
Und wie ist es in der Politik? Zum Beispiel jetzt, im Hinblick auf die Masseneinwanderungsinitiative oder die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien oder die Ecopop-Initiative?
Wird ein Initiant und/oder Befürworter einer dieser Initiativen danach gefragt, was passiert, wenn bei einer Annahme durch Volk und Stände die bestehenden Verträge mit der EU nicht eingehalten werden können und die EU von ihrem Recht Gebrauch macht, ihrerseits alle bilateralen Verträge mit der Schweiz zu kündigen, so ist die Antwort darauf immer dieselbe: Die Position der Schweiz sei nicht so schlecht; auch die EU habe ein Interesse daran, mit der Schweiz gute Beziehungen zu unterhalten. Sie werde von ihrem Recht, in diesem Fall alle Verträge zu kündigen, nicht Gebrauch machen.
Das ist, mit Verlaub, Zukunft-Lesen im Kaffeesatz! Oder, um eine bekannte Redensart zu bemühen: Glauben macht selig. Sich damit zu begnügen, ist die totale Verantwortungslosigkeit. Denn spätestens seit die USA entgegen allen Erwartungen beschlossen haben, auf die in der Schweiz gültigen Gesetze zu pfeifen und die in der Schweiz domizilierten Banken so zu behandeln, als wären sie allein den US-Gesetzen unterstellt, sollten wir wissen, dass auch Unvorhergesehenes, für uns bisher Undenkbares, ganz schnell eintreten kann.
Yves Rossier, Staatssekretär im Schweizer Aussendepartement EDA, sagte an einer öffentlichen Diskussion in Zürich am 28. November 2013, er vertraue auf die politische Reife der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Man müsse einfach wissen, dass die Nichteinhaltung oder die Kündigung eines Vertrages mit der EU einen – möglicherweise sehr hohen – Preis habe.
Dass die SVP von «Scenario Planning» keine Ahnung hat – aus Mangel an qualifizierten Fachleuten und aus Dummheit – oder keine Ahnung haben will – aus parteipolitisch-taktischen Überlegungen –, haben wir zur Kenntnis genommen. Noch hätten aber die Chefbeamten in Bern rechtzeitig vor dem 9. Februar die Gelegenheit, den einen Punkt im «Scenario Planning» offenzulegen: Was hat es für Folgen, wenn die EU einen Teilausstieg der Schweiz aus den Schengenverträgen zum Anlass nimmt, alle bilateralen Verträge zu kündigen?
Es wird ganz schnell gehen
Meine persönliche Prognose ist: Dann gehen unsere Politiker – die Blocher-Blöker inklusive – genauso auf die Knie wie jetzt gegenüber den USA. Und im Jahr 2017 sind wir Vollmitglied der EU. Aber statt anvisiert, vorbereitet und verhandelt: dannzumal gezwungenermassen, total überrumpelt und unverhandelt. Wie damals nach der Abstimmung über die Sommerzeit 1980, wie bei der Zulassung der 40-Tönner auf unseren Strassen 2001, wie beim Bankgeheimnis 2013.
Auch das ist eine Methode, wie man Politik machen kann.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine