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Gestern rief ich B an, weil ich mal unverbindlich fragen wollte, was er von meinem „Glaubenssatz“ hält. B. sagte, ich sei schon die Dritte, die an diesem Tag nachfrage wegem Manuskript, und jedes dieser Manuskripte sei so schwer, er habe meines kurz aufgeschlagen und dann schon wieder zu geschlagen, weil es ihn runterzog …. und er mit seinem ganzen Geschäft ständig notleide—-keiner kaufe seine Bücher—– er würde gerne einen Christoph Simon publizieren, aber zu ihm kämen alle schweren Manuskripte … usw.
Ich war ein wenig verlegen, und war kurz davor, mich zu entschuldigen, ihm ein Manuskript mit SUBSTANZIELLEM INHALT geschickt zu haben, aber tatsächlich nicht sonderlich lustig.
Ich liess es aber dann sein, genaugenommen, Raven, auf meiner Schulter sagte: Nervermore.
Und weil er Nevermore sagte, will ich einen weiteren Traum vergraben und grössere Müllsäcke kaufen. Raumgegenstände und Nippsachen, Kleider, Schmuck, Briefe, Schminke: all das kann schmerzhaft assoziativ sein, wenn keine erträgliche Erinnerung mehr zu finden ist, zumindest bis zum Jahr 2016….
Tatsächlich wollte ich irgendwie ein Buch schreiben, das erschüttert respektive da ich ja aus der Not schrieb, lag es nahe, dass ich nichts Lustiges würde schreiben können. Aber diese Lust, noch eins draufzuhauen …. die kommt heute nicht mehr gut an, ich meine, so ala Schwab Werner …. die Menschen sind in den letzten dreissig Jahen viel hybrider, viel anorganischer geworden….
….und sie haben keinen Raum frei für eine Erschütterung, nur für eine angenehme Gefühlsbeseelung.
Ich kann das verstehen ….
So irre es klingt; aber für mich war das auch eine Art Disziplin: ein Buch muss Substanz haben, besonders wenn es keinen Inhalt hat,und das Buch das die meiste Substanz hat, ist irgendwie das Grösste Buch, womit wohl Imre Kertez Roman eines Schicksalslosen gemeint ist.
Aber auch Plath hat Substanz aufs Papier gebracht, neben Witz, Sprache und sogar rührenden Geschichten. (Bibel der Träume)
Substanz ist eine Form von Potenz, finde ich. Oder beschmutzt dieser Vergleich die Substanz?
Nein, ich meine Substanz ist eine Form von Potenz, wenn Potenz eine Form von Stärke ist.
Natürlich sind auch ganz feine Bücher stark. Die Substanz und Erschütterung findet sich auch in feinen Zeilen. (Walsers Spaziergang).
Ich finde aber, das Walser im Endeffekt doch zu gefällig daher kommt und seine Substanz zu unterminieren versucht.
Anyway: Substanz ist ein Auslaufmodell——- sie ist sehr nah an Byung-Chuls „Anderem“. Und das „Andere“ hat keinen Platz mehr
auf der Welt.
Was sagst du, Raven? Wo meine Pallas Athene-Büste ist? Ach so, setz dich doch auf einen meiner Müllsäcke, gefüllt bis obenauf mit Büchern. Von da haste eine wunderbare Aussicht auf das so mystische Zimmeridyll.
(5.6.22)