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Im Tagesgespräch von SRF hat Igor Petrov, der Leiter der russischsprachigen Redaktion bei Swissinfo.ch, davon erzählt, wie er in den 1980er-Jahren in der Sowjetunion Platten von den Beatles und Abba gekauft hat. Das war damals eine Möglichkeit zu hören, was jenseits des eisernen Vorhangs vor sich ging.
Das hat bei mir alte Erinnerungen wachgerufen. Nein, ich bin nicht in Moskau aufgewachsen. Aber Petrov hat ein Wort erwähnt, das ich schon lange nicht mehr gehört habe. Das Wort ist – genauso wie viele der anderen Erinnerungen, die es in diesem Gespräch zu hören gibt, ein Überbleibsel aus einer anderen Ära:
Das Wort heisst Bootleg und bezeichnet einen nicht offiziellen Tonträger. Es sind meistens Schwarzpressungen auf Vinyl oder aber selbst kopierte Kassetten. Laut Wikipedia bezieht sich der Begriff auch auf Filme und Videos, aber in meiner Wahrnehmung war das ein Ding für eingefleischte Musikfans. In der Sowjetunion sind, soweit ich das verstanden habe, Platten oder Kompilationen regulärer Aufnahmen als Bootleg erschienen, von denen es keinen offiziellen Vertrieb gegeben hat.
Konzertmitschnitte in oft guter Qualität
Hierzulande wurden allenfalls Raritäten auf diese Weise «neu aufgelegt». Meistens enthielten sie Konzertmitschnitte, die teils eine erstaunlich gute Qualität aufwiesen. Wiederum bei Wikipedia steht, dass sich die Profibootlegger mit klobigen Aufnahmegeräten an die Arbeit gemacht haben. Es gab Bücher, in denen man nachlesen konnte, wie man seinen Equalizer für eine optimale Klangqualität einstellen musste. Mit anderen Worten: Da waren Nerds am Werk.
Ich erinnere mich, dass mein Cousin irgendwann in den 1980er-Jahren eine solche Bootleg-Phase hatte. Das war Teil seiner Progression (?) als Musikfan, während der er sich weg von der Hitparadenmusik immer weiter in abgründige musikalische Randsparten vorgearbeitet hat. Einiges davon hat mir auch gefallen, namentlich DAF oder Laibach, aber das meiste klang in meinen Ohren so, als ob die Band besser noch ein paar Monate oder Jahre im Übungskeller ausgeharrt hätte.
Welche Bands und Aufnahmen das waren? Wenn ich das bloss noch wüsste! Damals haben wir zusammen ein Fanzine (noch so ein Begriff aus jener Zeit) namens «Bravourös» herausgegeben, das vorwiegend an seiner Kantonsschule reissenden Absatz fand (naja), aber auch an seiner zunehmenden «Spezialisierung» gelitten hat. Ich bin leider nicht mehr im Besitz eines Exemplars, aber ich bin mir fast sicher, dass es darin auch Besprechungen solcher Bootlegs gab, die vor Augen führen, dass es eine natürliche Reichweiten-Begrenzung gibt, wenn ein Nischen-Medium über ein Randthema berichtet.
Heute lässt sich feststellen, dass die Digitalisierung ein weiteres, im grossen Ganzen relativ unbedeutendes Opfer gefordert hat. Schwarzpressungen sind heute wegen des Streamings obsolet und illegale Konzertmitschnitte sieht man sich auf Youtube an. Das heisst aber nicht, dass man der guten alten Zeit nicht einen Augenblick lang nachtrauern könnte, weil ein wackeliges Handy-Video einfach nicht den Charme eines liebevoll gestalteten unautorisierten Live-Albums ausstrahlt, das gleichzeitig Ausdruck der künstlerischen Anerkennung und Erwerbsquelle für selbsternannte Plattenverleger war.
Nicht bloss Geldmacherei auf dem Buckel der Künstler
Was mir damals nicht bewusst war – und heute wegen des englischsprachigen Wikipedia-Artikels zum Thema aufgegangen ist –, ist die kulturelle Bedeutung des Phänomens. Diese Bootlegs waren nicht nur Ehrerbietungen, sondern hatten auch parodistische Qualitäten. Ein Bootleg von Pink Floyd namens The Dark Side of the Moo mit einem gefleckten Kalb auf dem Cover – wie grossartig ist das denn? Oder eine Platte namens Elvis’ Greatest Shit, auf der die schlechtesten Aufnahmen des King versammelt sind – wie könnte man das nicht lieben?
Dieser Artikel führt ausserdem vor Augen, dass die scharfe Trennung zwischen legaler und illegaler Musik, wie sie von der Industrie und den Rechteinhabern propagiert wurden, schon immer Fiktion war. Die unautorisierte Verbreitung war seit den Anfängen Teil des Gesamtphänomens und lässt sich nicht einfach in die Illegalität abdrängen. Zitat Wikipedia:
Eine Studie unter Bruce-Springsteen-Fans ergab, dass achtzig Prozent der Befragten einige Bootlegs für unverzichtbar hielten, obwohl (oder gerade weil) sie alle offiziellen Veröffentlichungen besassen.
Frank Zappa – Gott hab ihn selig – hat auf die ihm eigene, originelle Weise zurückgeschlagen:
Frank Zappa hasste Bootlegs. Er wollte seine Aufnahmen kontrollieren, also hat er die «Beat the Boots»-Boxsets in die Welt gesetzt. Die enthielten jeweils acht LPs, die direkte Kopien von kursierenden Bootlegs waren.
Und noch das:
Die Grateful Dead sind dafür bekannt, dass sie während ihrer ganzen Karriere Aufzeichnung ihrer Konzerte geduldet haben. Die Fans wollten die Improvisationen hören, die bei jeder Show entstanden, und die Aufnahmen entsprachen dem allgemeinen Gemeinschaftsethos der Band.
Wtf
Ich versteige mich an dieser Stelle zu der Behauptung, dass die Bootlegs eine wichtige Lektion für Musiker wie Bruce Springsteen darstellten, der sagte, er würde verstehen, warum Fans Bootlegs kaufen, aber er sei kein Freund von ihnen, weil es keine Qualitätskontrolle gebe und «der Profit wichtiger ist als die Zufriedenheit der Fans».
Letzteres kann man genauso über die reguläre Musikindustrie sagen, so wtf. Jedenfalls besagt die Lektion, dass Künstler zwar gern Herren über ihr Werk wären und ihre Aussenwirkung gerne bestimmen würden – dass ein Werk aber immer ein Eigenleben annimmt und sich nicht mehr kontrollieren lässt. Das ist in Zeiten des Internets offensichtlich, aber es war schon in der analogen Welt eine Tatsache.
Eine nach heutigen Massstäben triviale Erkenntnis. «Top-Künstler stellen sich auf die neue Welt der Youtube-Bootlegs ein», hat das «Rolling Stone»-Magazin 2012 geschrieben:
«Ich glaube nicht, dass es einem Künstler generell gefällt, wenn er Darstellungen seiner Kunst und seines Auftritts in der Öffentlichkeit sieht, die sich seiner Kontrolle entziehen», sagt Agent David T. Viecelli, der Top-Acts wie Arcade Fire vertritt. «Aber jeder hat das neue Paradigma akzeptiert.»
Nicht nur das: Es wird als günstiges, bzw. kostenloses Marketing-Instrument verwendet:
«Das lässt sich nicht stoppen, wenn jeder ein Smartphone besitzt», sagt Jonathan Mayers, Mitbegründer von Superfly Presents, dem Veranstalter des Festivals in Manchester, Tennessee. «Wenn man das Phänomen nicht kontrollieren kann, lässt man es laufen und nutzt es für die Werbung.»
Wenn das Bootleg zum Marketingmix gehört, geht leider jeder Rest Charme verloren. Denn auch wenn sie nie ein echtes Outlaw-Ding waren, so haben sie von der Aura des Illegalen gelebt. Eine Schwarzpressung aufzulegen, war ein kleines Abenteuer, während wir uns bei Youtube-Videos noch nicht einmal mehr fragen, ob das offiziell veröffentlicht wurde oder nicht.
Und das ist es, was ich der Digitalisierung ankreide, sosehr ich sie in meinem Leben auch begrüsse: Sie entmystifiziert alles und jedes und raubt jeglichem Ding den letzten Zauber. Und das ist verdammt schade.