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Schön ist ein Allerweltswort. Es gehört zu den am meisten gebrauchten Wörtern: Es war ein schöner Abend. Die Begegnung war schön und auch der Ausflug, die Landschaft, der Sonnenaufgang, die Stadt, die Reise, das Konzert … Und da fragt man sich, was Schön für die verschiedenen Vorkommnisse, Erlebnisse und Erfahrungen bedeutet.
Venedig ist für mich eine schöne Stadt. Eine Familie erzählte mir nach ihrer Venedigreise, die Stadt auf dem Meer habe ihr nicht gefallen. Das Wasser stinke, die Häuser seien schmutzig, ein Espresso auf dem Markusplatz koste zehn Euro, die Gehwege über die zahlreichen Brücken seien von Touristen verstopft u.a.m. Sie hatten nichts Schönes zu berichten. Dieses Beispiel zeigt, dass die sinnliche Wahrnehmung und das Erlebnis stets mit einer Vorstellung oder Idee verknüpft sind. Es herrscht eine Spannung zwischen dem sinnlichen Eindruck und der geistigen Wahrnehmung, zwischen Sehen und Denken, im Fall von Venedig, zwischen der realen und der gedachten Stadt. Die realen Dinge sind stets mit Gedanken, Vorstellungen und Ideen verbunden. Man reist nach Venedig, weil man annimmt, eine einmalige Stadt zu erleben. Und weil Venedig dieser Annahme im konkreten Fall nicht entsprach, standen jene Begebenheiten im Vordergrund, die störten.
Was also bedeutet in verschiedenen Situationen «schön»? Sage ich, Venedig sei eine schöne Stadt, entspricht sie dem, was ich erwartet habe. Die stolze Stadt triumphiert mit ihren Palästen, Brücken, den Kirchen, dem Markusplatz und vielen weiteren einzigartigen Sehenswürdigkeiten. Wer diese nicht sieht, ärgert sich am Preis des Espresso. Vielleicht verstimmte schlechtes Wetter den Eindruck oder ein Essen am falschen und teuren Ort verleidete den Aufenthalt. Wer von Schön spricht, weiss, dass dieses «schön» stets näher zu begründen ist.
Wer nach Venedig fährt, muss sich gedanklich mit der Stadt beschäftigt haben oder sich vor Ort mit ihr auseinandersetzen. Fragen über Fragen tauchen auf. Warum heisst die kunstvolle Brücke, die vom Dogenpalast in ein anderes mächtiges Gebäude führt, Seufzerbrücke? Wer sitzt als Reiter auf dem Pferd vor der grossen Kirche «Giovanni e Paolo»? Warum nennen die Venezianer ihre schönste Brücke über den Canal Grande Rialto-Brücke? Es genügt nicht, nur der Empfindung zu folgen, denn «ist eine Empfindung nur Empfindung, dann macht sie den Willen unfrei» (Hegel); anders gesagt: Der Mensch sieht nicht hinter das eigene Sehen und bleibt in seinem persönlichen Urteil befangen. Die Erwartungen bleiben unerfüllt. Nun ist die Stadt plötzlich hässlich. Sie wird nach dem beurteilt, was die Empfindungen gerade eingeben.
Früher galt Kunst als schön, wenn sie die Natur abbildete. Schon damals war der Künstler mit seiner Arbeit erst zufrieden, wenn die Idee, die er mit dem Werk vermitteln wollte, erkannt wurde. Die Revolution der modernen Kunst löste sich weitgehend von der blossen Darstellung der Natur. Einfach schön malen, war langweilig geworden, zumal die Fotografie der Landschaft besser und deutlicher gerecht wurde als die Malerei. Der Künstler verfolgt in seinem Werk eine Idee. Warum fasziniert Leonardo da Vincis «Mona Lisa»? Die Frau lächelt geheimnisvoll und wirft Fragen auf. Das Bild besitzt einen «inneren Klang», wie der Maler Wassily Kandinsky von der Wirkung eines guten Bildes sagt. Diesen Klang lässt sich kaum beschreiben. Er ist einfach da, er schwingt mit. Ähnlich lässt sich der «innere Klang» bei einem Gedicht oder bei einem Musikstück erleben. Auch eine Stadt kann durch harmonische Bauten diesen Klang aufweisen. Und weil dieser «innere Klang» nicht leicht zu schildern ist, nennt der Betrachter das Kunstwerk und die Stadt einfach schön. Schlüsselt man das Wort «schön» auf, tritt der Reichtum des Geschauten hervor. Dichter und Dichterinnen können diese Schönheit durch ihre Sprache zum Leuchten bringen. Ihre Texte lassen selber den «inneren Klang» aufscheinen, jenen den die Umgangssprache schlicht mit «schön» bezeichnet. Musik allein ist jene unmittelbar wirkende Kunst, die der vermittelnden und interpretierenden Worte nicht bedarf. Oft genügt nach dem Klatschen ein sich gegenseitig zugeflüstertes «Schön».