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Wenn man in der Schweiz über die niedrige Geburtenrate diskutiert, verlagert sich der Fokus schnell einmal auf die Frage der Kinderkrippen. Ein zweiter Punkt wird allerdings oft vernachlässigt: die Bedeutung des Immobilienmarktes. Wenn in einer Agglomeration wie Zürich die meisten Wohnungen teuer sind und auf eine vierköpfige Familie zugeschnitten sind, hat das vermutlich auch Auswirkungen auf die Familienplanung.
Dass der Immobilienmarkt wichtig ist, bestätigt eine neue Untersuchung von zwei US-Ökonominnen. Lisa Dettling und Melissa Schettini Kearney kommen zum Ergebnis, dass der Immobilienmarkt tatsächlich einen wichtigen Einfluss auf die Geburtenrate hat. Wenn die Häuserpreise in den USA um 10 Prozent steigen, dann sinkt die Zahl der Geburten bei den Mietern um 1 Prozent. Umgekehrt steigt die Zahl der Geburten bei Hausbesitzern um 4,5 Prozent, weil ihr Vermögen dank des gestiegenen Häuserpreises zugenommen hat (hier eine kurze Zusammenfassung der Studie).
Natürlich lässt sich die Situation der USA, wo der Hausbesitz sehr verbreitet ist, nicht direkt auf die Schweiz übertragen. Aber auch bei uns gilt, dass das Wohnen der grösste Ausgabeposten jedes Haushaltes ist. Es ist nicht einzusehen, warum dieser Faktor nicht auch hier von grosser Bedeutung sein soll.
Wenn man ferner die Rangliste der Länder nach Geburtenraten betrachtet, fällt auf, dass Hongkong und Singapur besonders niedrige Ziffern ausweisen: 0,97 bzw. 1,26 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter (vgl. Schweiz 1,42). In beiden Städten sind die Häuserpreise besonders hoch und die Wohnverhältnisse besonders eng. Ein Durchschnittshaushalt hat schlicht keinen Platz für mehr als ein oder zwei Kinder. Irgendwie muss man ja die Wohnung betreten oder verlassen können, ohne einem Familienmitglied auf die Füsse zu treten.
In Hongkong versucht man das Wohnproblem dadurch zu entschärfen, dass die Stadtverwaltung rund ein Drittel der Bevölkerung mit subventionierten Wohnungen hilft. Die Wohnungen sind viel billiger als auf dem Markt und sehen meist so aus wie die oben abgebildete Siedlung Kin Ming Estate für 22'000 Personen.
So lässt sich das Problem der niedrigen Geburtenrate allerdings auch nicht lösen, denn selbst die subventionierten Wohnungen sind ausserordentlich eng. So kompensiert Hongkong den mangelnden Nachwuchs weiterhin mit der Einwanderung. Das aber wiederum erhöht die Immobilienpreise, weil das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt halten kann. Die Häuserpreise sind seit 2009 um mehr als 50 Prozent gestiegen. Eine kinderfreundliche Stadt sieht anders aus.