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Fellwechsel
»Das ist unmöglich!«
Sandra blickte von ihrem Buch auf in Richtung Küche, gerade als ihr Mitbewohner in das Wohnzimmer trat. Etwas angeekelt streifte er die Hände an seinem T-Shirt ab.
»Das Zeug im Mülleimer.« In seiner Stimme lag gleichermaßen Ärger wie auch Unglaube. »Die Haare.«
Sandra verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. »Sorry. Loki haart momentan sehr stark. Das ist der Fellwechsel.«
Erich wies auf den schwarzen Kater, der unbeeindruckt neben Sandra auf dem Sofa lag und leise schnarchte.
»Das kann gar nicht alles von ihm stammen. Wenn all die Haare im Mülleimer seine wären, wäre er inzwischen eine Naktkatze.«
Sandra seufzte. »Glaub mir. Es ist möglich. Ich bürste ihn jeden Tag und er haart immer noch wie verrückt. Da müssen wir einfach noch ein paar Wochen durch.«
Erich warf die Hände in die Luft und verzog sich etwas Undeutliches murmelnd in sein Zimmer. Bevor er die Tür hinter sich schloss, sagte er: »Das sind Haare für mindestens eine zweite Katze.«
Sandra lachte leise und streichelte Loki, der ein ermutigendes Gurren hören ließ und sich einmal lang streckte. Sandra verzog das Gesicht und streifte den Fellbüschel, der an ihren Fingern klebte am Sofa ab, bevor sie umblätterte.
»Gesundheit«, rief Sandra in Richtung Küche.
»Ich bin nicht einmal allergisch«, murmelte Eric. »Aber die vielen Haare kitzeln in meiner Nase.«
»Ich weiss, ich weiss«, sagte Sandra.
»Wenn unser Vermieter unseren Abfall durchwühlen würde, würde der uns niemals glauben, dass wir nur die eine Katze haben.«
Sandra würde sich ja Sorgen machen, wenn sie nicht ganz genau wusste, dass Eric insgeheim ein Katzennarr war, der genauso oft mit Loki schmuste, wie sie selber. Und sie gab ihm ja auch recht, dass die Haare unangenehm zu werden begannen. In jeder Ecke sammelten sich Haarballen und wenn man durch das Wohnzimmer lief, trieb man sie vor sich her, wie Steppenläufer in einem Western. Sie klebten an jedem Kleidungsstück, fanden ihren Weg in jede Mahlzeit und wenn man sich das Gesicht wusch, hatte man auf jeden Fall ein paar davon im Mund.
Natürlich unterlief Loki jedes Jahr einen Fellwechsel, aber auch Sandra musste gestehen, dass es sich dieses Mal länger zog und sich nach mehr Fell anfühlte als sonst.
»Es ist langsam wirklich genug«, sagte sie ernst und kraulte den Kater zwischen den Ohren.
Wieder gurrte er und schloss genüsslich die Augen, während die Luft um ihn herum von schwebenden Haaren erfüllt war.
Sandra erwachte ab einem Pochen in der Wohnung. Sie öffnete langsam die verklebten Augen und versuchte, sich zu orientieren. Die Tür zu ihrem Zimmer war wie immer ein Spalt geöffnet, damit Loki kommen und gehen konnte, und ein fahler Schein von Mondlicht fiel hindurch.
Sie tastete links und rechts auf ihr Bett, aber sie spürte keine Flauschekugel neben sich.
»Loki«, murmelte sie entnervt und schlug die Bettdecke zur Seite.
Noch immer das Gesicht reibend, schlurfte sie aus dem Zimmer. Im Gang wartete sie einen Moment, bis ihre Augen sich an das Licht gewöhnt hatten.
Das Pochen hielt an und klang nun vielmehr wie ein Klopfen. Sie folgte dem Geräusch in die Küche und horchte.
Mit gerunzelter Stirn richtete sie den Blick auf den Schrank unter der Spüle, wo der Mülleimer stand. Beim nächsten Pochen vibrierte das Türchen davor und Sandra machte einen Satz zurück.
»Was in aller Welt…«, murmelte sie und presste die Hand auf ihre Brust.
Dann stöhnte sie und verdrehte die Augen.
»Loki, wie hast du denn das nun wieder geschafft?«
Sie öffnete das Schranktürchen und zog den Mülleimer unter der Spüle hervor. Mit einem Satz sprang die Fellkugel aus dem Eimer und vor Sandras Füße. Dort blieb der Kater stehen und schüttelte sich einmal heftig.
»Loki, du Tölpel«, schallte Sandra ihn und wollte sich bereits zu ihm herunterbücken, um ihn hochzuheben, als ein neues Geräusch hinter ihr sie erstarren ließ.
Ein Gurren, das sie nur allzugut kannte.
»Loki?«, flüsterte sie mit angehaltenem Atem und starrte auf die Fellkugel vor sich, die aus augenlosen Höhlen heraus zurückblickte.
Schreibt und liest querbeet im Phantastikgenre, wagt regelmässige Ausflüge in neue Gefilden und tut sich schwer damit, sich kurz zu halten.