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Die CD-Rom wird als künstlerisches Medium allmählich interessant .
Noch gibt es nicht viele Künstler, die eigenständige Kunstwerke auf CD-Rom schaffen. Doch ihre Zahl wächst. Recht geläufig ist das "Puppet Motel"(1995) der Performerin Laurie Anderson. Auch das "Waxweb" von David Blair (1999), eine auf CD-Rom eingefrorene filmische Netzkunstarbeit, wäre zu nennen, oder "Arctic Circle/Tropic of Cancer" von Felix Stephan Huber und Philip Pocock (1995-96). So unterschiedlich diese Arbeiten hinsichtlich ihres technischen Standards sind, gemeinsam ist ihnen eines: Sie experimentieren mit neuen, nichtlinearen Erzählformen, sie mischen munter die Medien, operieren mit Wort, Bild, Musik, Film und verschmelzen sie zu einer neuen, interaktiven ästhetischen Struktur, in der zum Teil auch Spiel- und Unterhaltungselemente eine wichtige Rolle einnehmen.
"Interaktiv" für sich heisst dabei noch gar nichts. Denn der Grad an Eigeninitiative, den die einzelnen Werke dem Betrachter-Benutzer mit der Maus einräumen, ist ganz unterschiedlich. Während etwa "Waxweb" oder "Arctic Circle" vor allem Versuche dokumentieren, klassische Schemata des Films aufzubrechen, birgt das architektonisch organisierte "Puppet Motel" in seinen 33 Räumen "Geheimnisse" - sprich Pop-Up-Menüs - mit Videos, Animationen und Musik, die der Betrachter unsystematisch, quasi flanierend entdecken soll. Das zugrundeliegende Modell ist der Adventskalender: Sind alle Fensterchen geöffnet und die Schokolade gegessen, ist die Sache gewissermassen erledigt.
Nun hat der amerikanische Künstler Tony Oursler, dessen auf Puppen projizierte Videos von Gesichtern sattsam bekannt sind, zusammen mit der Librettistin Constance de Jong und dem Komponisten Stephen Vitiello die CD-Rom "Fantastic Prayers" produziert. Sie setzt inhaltlich und ästhetisch neue Massstäbe. Das aufwendige Projekt, das allerdings einen leistungsstarken Computer (mindestens 200 MHz/32 MB, besser Pentium II/64MB) voraussetzt, ist im New Yorker "Dia Center for the Arts" entstanden. Auch Oursler hat, ähnlich wie Anderson, seiner Arbeit weniger eine narrative als eine räumliche Struktur zugrundegelegt. Das Verfahren erinnert an die "Gedächtnisräume" der antiken Rhetorik.
Die "Fantastic Prayers" sind eine Sequenz von unterschiedlich gestalteten visuellen "Environments", die Neugierde und Spieltrieb des Betrachter provozieren wollen. "Ludlow Street", eine New Yorker Strassenszene, in der man sich per Maus bewegen kann, "Lost Things", ein Plunderhaufen mit integrierten Videos, "Hair", eine Makroaufnahme von Haaren mit "sensiblen", zoombaren Zonen, die zu Texten über Umweltgifte führen, "Graveyard", die Luftaufnahme eines alten Friedhofs in Neuengland, in dem man navigieren und "landen" kann, um die Grabsteine näher zu erkunden, "Walls That Speak", die Innenräume eines verlotterten Hauses, "Jacket", die Zeichnung einer Jacke mit sprechendem "Innenfutter", das in die Welt der Kleiderproduktion führt, "Natatorium", eine aus verschiedenen einander ablösenden Bilderschichten bestehende Animation, "Empathy Wheel", eine Art Glücksrad, wo man vierzehn Videos mit Ourslerscher Qualmimik abrufen kann.
Innerhalb dieser auch thematisch reichen Struktur kann man, ähnlich wie bei Anderson, seinen eigenen Parcours verfolgen. Der Plunderhaufen, in dem das Thema der durch Objekte ausgelösten Erinnerungen dominiert, enthält zum Beispiel die Substruktur "Mütter Museum", wo operativ entfernte Gegenstände, die Menschen versehentlich verschluckt haben, ausgestellt werden. Die kaputten Puppen hingegen verwandeln sich per Mausklick in Ourslersche Mönsterchen. Im "Graveyard", wo wir dem Freundeskreis Ourslers von Mike Kelley über Diana Thater bis Jim Shaw und David Bowie begegnen und Musik von Sonic Youth hören, geht es etwa um Vergleiche zwischen "toter" Kamera und "lebendigem" menschlichem Auge, um Sehen oder Schauen. Sie gehört in den Umkreis von Ourslers Auseinandersetzung mit optischen Apparaten, die auch seiner im Sommer 2000 im "Whitney Museum" in New York gezeigten, zauberhaft verwirrenden Camera-obscura-Installation "The darkest Color infinitely amplified" zugrunde liegt.
Oursler und sein CD-Rom-Team - der Künstler fungiert hier eher als Regisseur denn als Kreateur - haben auf der Basis von Fotografien, Zeichnungen, Videos virtuelle Räume geschaffen, in denen der Besucher sich bewegen kann. Manche von ihnen zeichnen sich durch jene gruslige Morbidezza aus, die von Ourslers Installationen her bekannt ist und die manchmal hart am Kitsch entlangschrammelt. Insgesamt ist es aber gelungen, die neuesten Möglichkeiten der Programmierung auszuschöpfen, ohne dass dies als purer Selbstzweck erschiene. So sind die einzelnen Räume durch subtile Querverweise, durch wiederkehrende, rätselhafte Motive miteinander verwoben, die der Entschlüsselung und vor allem Interpretation bedürfen. Das Auge als Steuerelement signalisiert, dass diverse Modalitäten des Sehens zentral sind. Auch spielt der Künstler unterschiedliche Beteiligungsmodelle des Betrachters durch, die diesem mal mehr, mal weniger Spielraum lassen. Bei aller Perfektion wirken die "Fantastic Prayers" trashiger und dadurch lebendiger als das designkalte "Puppet Motel" der Laurie Anderson. Durch die Diskrepanz zwischen Medium und Inhalt erreichen die "Fantastischen Gebete" eine Brechung der technischen Virtuosität, der meist zu Recht geschmähten, sterilen "Computerästhetik".
Die Künstler-CD-Roms stellen spannende Fragen hinsichtlich ihrer Rezeption. Denn mit fortschreitender Komplexität rufen sie einerseits die etablierten Muster der Lektüre, des Schauens und Hörens ab, stellen sie aber auch durch das zeitgemäss nervöse Zappen in Frage. Es gibt - anders als bei Film und Video - keine sinnvolle oder angemessene Verweildauer, sondern nur die Herrschaft des subjektiven Impulses, und anders als bei der Lektüre keine zwingende Sequenz, sondern nur Schlaufen, Wiederholungen, die eher zum Weitermachen antreiben als zur vertieften Auseinandersetzung herausfordern. Eine Ästhetik der Langeweile hat hier keine Chance, Geduld ist keine Tugend mehr. Auch die kontemplative Ruhe des Betrachters vor dem Bild wird zugunsten einer Art höherer Beschäftigungstherapie abgeschafft. Man beginnt dieser Ruhe plötzlich nachzutrauern: Des öfteren ertappt man sich bei der Beobachtung, dass man einzelne Pixellandschaften - verweile doch, du bist so schön - auf dem Bildschirm festhalten möchte. Dies aber ist ganz und gar unmöglich, und darin zeigt sich, dass die vermeintliche Interaktivität auch eine besonders geschickt kaschierte Form der Nötigung ist.
David Blair, Waxweb,<email-pii>
Laurie Anderson, Puppet Motel,http://www.voyagerco.com
Felix S. Huber/Stephan Pocock (zusammen mit Christoph Keller und Florian Wüst), Arctic Circle, Editions du Centre Saint Gervais Genève,http://www.sgg.ch
the Arts/Prop Foundation,http://www.diacenter.org/fprayers
<email-pii>