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Überwachen und konsumieren - Teil 2
Überwachen und konsumieren - Kontrolle, Normen und soziale Beziehungen in der digitalen Gesellschaft - Teil 2
07/2021
Das Modell: Chaux und Kontrolle als Alltag
Es war die Ausstellung »Das Feld hat Augen… Bilder des überwachenden Blickes« im Museum der Fotografie in Berlin, in der ich die als Idealstadt bezeichnete Arbeitersiedlung Chaux zum ersten Mal wahrnahm. Sie wurde als ein Beispiel für die Kontrolle durch den Blick im Absolutismus angeführt. Die in der Veröffentlichung abgedruckten Stiche von der Stadt verdeutlichen die Argumentation von Valaouris, der von einer »Stadt mit Augen« spricht, welche die Arbeiter:innen überwachen. Es geht hierbei vor allem um die architektonische Gestaltung der Stadt Chaux im französischen Nordosten. Die Zeichnung zeigt die typische zentrale Ausrichtung einer Planstadt wie sie zu der Zeit in Europa häufig entstanden sind; mit geometrischer Ausrichtung und zentralen Sicht- und Bewegungsachsen. Der Grundriss erinnert nicht zufällig an den etwas später entstandenen, aber viel bekannteren Plan des Panoptikums von Jeremy Bentham (1787). Erbaut in den 1770er Jahren, also zur Zeit der Aufklärung und des Absolutismus, verkörperte die ideale Stadt – eigentlich eine Arbeitersiedlung neben einer königlichen Saline – sehr gut die Herrschaftsprinzipien absolutistischer Macht. Der Blick, das Sehen und die Sichtbarkeit sind Teil der Kontrolle, die die Stadt so konzipiert, dass der Herrscher den entsprechenden Überblick behält und die Arbeiter:innen sich diesem Blick nicht eben entziehen können.
Man kann argumentieren, dass Chaux nur ein weiteres Beispiel für Foucaults These der Disziplinargesellschaft sei. Herrschaft wird in Architektur, in den Raum eingeschrieben; der absolutistische Monarch übt seine Macht über seine Verwalter und Fabrikdirektoren auf diese Weise aus. Interessant ist Chaux darüber hinaus, weil es als Arbeitersiedlung eine Idee vorwegnimmt, die im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert vor allem bei Zechen- und Stahlunternehmen weit verbreitet war und die Idee der Kontrolle sowie der Fürsorge für die Arbeiter:innen und ihre Familien ausweitete. Beispiele dafür lassen sich in Europa einige finden, wobei vor allem die Motivationen für die Errichtung solcher Arbeitersiedlungen durch Unternehmen wie z.B. Krupp, und ihre Ausgestaltung interessant sind. Denn es beschränkte sich nicht nur auf den zentralen Blick, u.a. weil sich die Architekturen veränderten, vielmehr wandelten sich die Mittel der Kontrolle; der Blick wurde ergänzt und weniger absolutistisch. Jetzt griffen die Kontrollen in den Alltag der Arbeiter:innen und ihrer Familien ein.
Ursprung vieler Siedlungen war die enorme Expansion der Industriebetriebe, die viele Menschen aus allen Regionen der Länder und Reiche Europas anzogen, die irgendwo unterkommen mussten. Man könnte von einer patriarchalen Fürsorge der Unternehmen sprechen, die vorrangig einer betrieblichen Notwendigkeit und weniger einer sozialen Großzügigkeit zugrunde lag. Der Industrielle Alfred Krupp hat eine Vielzahl solcher Siedlungen an seinen Fabriken gebaut, wobei das Mietverhältnis an das Arbeitsverhältnis gekoppelt war, es mitunter Aufseher:innen in den Siedlungen gab und auch die Geschäfte sowie sonstige Einrichtungen von Krupp kontrolliert wurden. Dabei wurden die Arbeiter:innen zum Teil großzügig behandelt, was z.B. die medizinische Versorgung oder die Schule anging. Die Siedlung Margaretenhöhe in Essen ist ebenfalls aus diesem Geist heraus entstanden, auch wenn nicht als Arbeitersiedlung mit den ersten Zechensiedlungen vergleichbar.
Generell kann man sagen, dass der »überwachende« Blick auf die Arbeiter:innen im Betrieb von einer relativ weit gefassten Kontrolle des Alltages abgelöst (oder ergänzt) worden ist, in der u.a. die soziale Kontrolle durch die Arbeiter:innen selbst zu einem weiteren, nicht zu unterschätzendem Faktor der Kontrolle wurde. Es sind aber vor allem die anderen Bereiche, über die die Unternehmen auf ihre Arbeiter:innen wirken konnten; insbesondere die Wohnungen, aber auch die Vereine, die Geschäfte, (möglicherweise) die Kirche und die Infrastruktur insgesamt, gepaart mit Annehmlichkeiten wie medizinische Versorgungseinrichtungen oder Hilfswerke. In ähnlicher Weise entstanden in Europa so, häufig in ländlicher Umgebung, neue Zentren der Industrie. In den USA wuchs eine Vielzahl der so genannten Company Towns heran, deren generelle Struktur 1915 vom US-Congress als »Feudalsystem« gegeißelt wurde. Innerhalb dieser Company Towns herrschte ein strenges Regime bei gleichzeitig wohlwollenden und vorteilhaften Bedingungen für die Arbeiter:innen und ihre Familien – allerdings nur so lange, wie sich diese nicht organisiert gegen Probleme oder Arbeitsbedingungen wehrten.
Die Formen der Kontrolle konnten letztlich nicht verhindern, dass sich die Arbeiter:innen zusammenschlossen, Gewerkschaften gründeten und das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter:innen sich bis heute grundlegend geändert hat. Sie konnten Rechte erstreiten und eine Mitbestimmung einfordern. Die Siedlungen und die Formen der Kontrolle folgen eng dem Bild, dass Foucault anhand des Panoptikums von einer Disziplinargesellschaft entworfen hat. Doch nur den Blick und die Strafe herauszustellen, würde dem Modell nicht gerecht werden. Die Einbettung der Kontrolle in das Leben als solches eröffnet analytisch weiterführende Möglichkeiten. Das war in diesen räumlich engen Kontexten im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem auch deshalb möglich, weil es keine große, individuelle Mobilität gab. Zwar kamen Menschen vom Land in die Stadt, teilweise aus anderen Regionen desselben Landes, teilweise aus anderen Ländern – wie die Migration polnischer Bevölkerung in das Ruhrgebiet zeigen –, aber die Informationsdichte war niedrig, die Alternativen angesichts der Arbeitsverhältnisse und Bildungsmöglichkeiten eher gering.
Während in Lothringen, im Ruhrgebiet, in Nordengland oder Schlesien diese Arbeitersiedlungen im Zuge der Industrialisierung entstanden, entsteht in den Metropolen gleichzeitig eine andere, neue Art des Konsums und somit der Stadtgestaltung, die bis heute das Leben der Menschen – mittlerweile auch der Arbeiter und Arbeiterinnen mehr oder weniger überall auf dem Globus – prägt. Die beginnende Massenproduktion von Gütern durch die Industrie ermöglicht ihren Massenkonsum. In Paris eröffnete 1852 das erste Warenhaus, Le Bon Marché. Waren sind nicht länger nur Produkte zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, sondern bekommen einen Wert an sich und das für die Massen. Waren werden zu einem (Massen-)Erlebnis. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten überall in Europa und Nordamerika Warenhäuser eröffnet, die zunächst der städtischen Bevölkerung das Erlebnis des Einkaufens boten. Damit entstanden neue Freiheiten und Auswahlmöglichkeiten. Die Kontrolle über das tägliche Leben, wie in den Arbeitersiedlungen, wurde abgelöst von einem neuen Modell des Konsums. In 150 Jahren entwickelte sich daraus, was Zygmunt Bauman den Konsumismus nennt. Konsum bestimmt, wer wir sind oder sein wollen; es ist der Modus, über den sich Individuen definieren und Gesellschaft gegenwärtig formiert.
Die Kontrolle der Menschen verlagert sich von der Kontrolle ihrer Aktivitäten hin zur Kontrolle ihrer Konsumgelüste, ihrer Vorlieben und somit ihrer Identitäten. Das Modell von Chaux ist damit abgelöst, wobei es auf der Welt immer noch Orte gibt, in denen diese Idee der Kontrolle praktiziert wird, wie Thomas Fischermann in einer Reportage zu den Goldminen in Brasilien zeigt. Ähnliche Beispiele von Ausbeutung und Kontrolle sind weltweit zu finden. Inzwischen jedoch dürften sie sich mit den Modellen des Konsums vermischen. Widerstand und Organisation sind eine grundlegende Option, wenn auch offensichtlichere und weniger offen auftretende Formen der Kontrolle nach wie vor immanenter Teil von Ausbeutung sind. Damit ist nicht gemeint, dass Überwachung durch die Ablösung des alten Modells obsolet geworden ist, Konsum hat neue Freiheiten ermöglicht und die Modi gesellschaftlicher Formation verändert, aber eben auch neue Möglichkeiten geschaffen auf andere Art Kontrolle auszuüben. Parallel zu den im Alltag der Arbeiter und ihrer Familien eingewebten Kontrollen, haben Staaten eine Reihe von Mechanismen und Praktiken entwickelt, ihre Bevölkerungen zu überwachen.
Das seit dem 18. Jahrhundert aufkommende Modell des Nationalstaates war zwingend darauf angewiesen seine Bürger:innen zu kontrollieren, zu vermessen, statistisch zu erfassen und entsprechend zu erziehen. Allein schon um die für einen Nationalstaat nötige (vermeintliche) ethnische Homogenität herzustellen, die konstitutiv für dieses Vergesellschaftungsmodell ist, war Überwachung in vielen Facetten notwendig. Auch hier hat es Wandlungen gegeben und es ist das Anliegen dieses Essays zu diskutieren, inwiefern das Modell der Idealstadt Chaux mit dem Konsumismus unserer Tage zusammenhängt, welche Formen der Überwachung damit verbunden sind und wie sich Kontrolle gegenwärtig manifestiert. Zu behaupten, dass Google und Co digitale Versionen der Idealstadt Chaux darstellen, ist reizvoll und bietet sich vor allem dann an, wenn man die Produktionsstätte Chaux mit den Googleplexes vergleicht, so wie es Richard Sennetts in »Die offene Stadt« argumentiert. Er zieht in der Tat den Vergleich zu den Firmensiedlungen des Industriezeitalters. Die global verstreuten Googleplexes würden geschlossene Anlagen bilden, die den Angestellten dermaßen viele Annehmlichkeiten und Services bieten, dass ein Leben außerhalb der Firma geradezu unattraktiv erscheinen würde. Nicht eine Stadt, sondern ein Betrieb, der die Nachfolge der Idealstadt antritt.
Warum aber nicht das Bild weiterdenken und Google auch als Modell für eine Gesellschaft als solche nehmen? Dieser Vergleich scheint in unzulässiger Weise über historische Kontexte hinweg ungleiche Dinge vergleichen zu wollen – dort die Mitarbeiter:innen eines Unternehmens, hier die Kunden:innen und Nutzer:innen einer Plattform. Dennoch eignet sich Chaux als Metapher, um über digitales Leben im 21. Jahrhundert nachzudenken und die Rolle von Konsum für Überwachung und Kontrolle zu diskutieren. Dann wird auch Google wieder interessant, weniger in Form seiner Googleplexes, sondern mehr durch die Art und Weise der Services und ihrer Einbettung in das soziale Leben generell, wie z.B. in vielen Konzepten von so genannten Smart Cities, die mit den Mitteln von Google aufzugreifen scheinen, was in Chaux vor 300 Jahren unter frühkapitalistischen, spätfeudalen Bedingungen erdacht wurde.
Und dabei geht es nicht darum, wie der Konsum selbst überwacht wird – das wäre zu trivial und bringt außer einer Diskussion zu Datenschutz nicht viel an Erkenntnis. Ich möchte vielmehr über Konsum als Modus von Kontrolle und Überwachung sprechen, der eingebettet im Alltag von Menschen neue Formen hervorbringt und damit ganz wesentlich darauf einwirkt, wie soziale Beziehungen unter den Bedingungen einer Digitalisierung möglich sind, welche Formen sie annehmen und wie aus dem Modell einer sehr offensichtlichen Überwachung des Alltags in den Arbeitersiedlungen des 19. Jahrhunderts eine von allen (oder den meisten) Menschen mitgetragene Überwachung des täglichen Lebens wurde und schließlich was diese für Möglichkeiten von Macht und Herrschaft in einer digitalen Gesellschaft bietet. Einfach gefragt: Warum funktioniert Überwachung so gut, obwohl sich die Bevölkerung darüber recht gut im Klaren ist, was passiert und welche Konsequenzen bestimmte Aspekte der Digitalisierung haben? Insbesondere was die Verwendung von Daten beim Konsum angeht, gibt es eine durchaus vorhandene Kenntnis von Datenschutz und möglichem Missbrauch. Warum also trotzdem? Ich gehe generell davon aus, dass die Digitalisierung global ist und somit auch die Überwachung und Kontrolle, aber auch jeder mögliche Widerstand globale Manifestationen hat, auch wenn diese regional oder lokal auf andere gesellschaftlich dominante Diskurse treffen oder von diesen geformt wurden. Digitalisierung ist global; regionale Unterschiede in der Durchdringung und Ausprägung betrachte ich dabei als Variationen und nicht als Hindernisse. Es gibt gute Gründe von einer globalen Kultur des Konsumismus zu sprechen, die auch nichtwestliche Gesellschaften berührt und Formen von Vergesellschaftung beeinflusst.
Nils Zurawski; 2021
Zur einfacheren Lesbarkeit wurden die Quellenverweise entfernt.
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