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Das Projekt Queering Games betont mit der Verbform des Begriffes «queer» Handlungen und Strategien, welche auf ein Feld ausserhalb von Normen führen und damit erweitern, was möglich ist. Das Spielen dient dabei als Methode, soziale (Spiel-)Regeln in Frage zu stellen. Für mich als Teil des Teams von Kein Museum hat Queering Games immer mit spielerischer und neugieriger Befreiung zu tun gehabt.
Parallel zu Queering Games habe ich ein eigenes Forschungsprojekt initiiert, welches ich im Rahmen der School of Commons an der Zürcher Hochschule der Künste umsetze und welches einige Gemeinsamkeiten mit Queering Games teilt. Mein Projekt heisst Doing Neuroqueerness und befasst sich mit Autismus der Stufe 1, früher bekannt als Asperger-Autismus. Das Forschungsinteresse zielt zum einen darauf ab, mögliche Auswege aus Sackgassen von stereotypen Zuschreibungen über Autist:innen zu finden und zum anderen Möglichkeiten der Handlungsfähigkeit für Autist:innen herauszuarbeiten. Diese Handlungsfähigkeit wird durch das Konzept der Neuroqueerness theoretisiert und verhandelt.
«Neuroqueerness» ist ein zusammengesetztes Wort aus dem Adjektiv «neurologisch», da Autismus eine neurologische Abweichung ist, und dem Verb «to queer», das für die Infragestellung vermeintlicher sozialer und kultureller Gewissheiten steht. Indem ich das Wort «Doing» davor setze, betone ich das Tun, das Aktiv-Sein und auch das produktive Potenzial von autistischen Verhaltensweisen. Die Neurodiversity-Aktivistin und Journalistin Jenara Nerenberg vergleicht autistische Verhaltensweisen beispielsweise mit den Klick-Geräuschen, welche blinde Menschen machen, um sich mittels Echoortung besser orientieren zu können. Sie beschreibt den Akt des Neuroqueering als die Veränderung oder auch Erweiterung menschlicher Strategien in der Welt, als produktive Weise, in der Welt zu sein. Ich finde diesen Vergleich einleuchtend, weil er aufzeigt, dass andersartiges Verhalten nicht sinnlos oder falsch sein muss, nur weil wir es nicht auf Anhieb verstehen.
In stereotypen Vorstellungen und auch in der Forschungsliteratur wird Autismus noch immer als das Unverständliche, komplett Andere und Pathologische aufgefasst. Diese Auffassung stammt aus einer Aussenperspektive auf das Thema. Sie spricht für Autist:innen und spricht ihnen ihre Autonomie und ihre Handlungsfähigkeit in der Gesellschaft ab. Dieser Status quo lässt sich vergleichen mit der ehemaligen Pathologisierung von Homosexualität und Konversionstherapien, welche heute als unethisch gelten. Ich möchte als Autistin aus einer Innenperspektive der Pathologisierung von Autismus entgegenwirken und behaupte, dass Autist:innen nicht das völlig Andere und Unverständliche sind. Sie haben dieselben Eigenschaften, wie neurotypische Personen (Menschen ohne Autismus), aber vielleicht sind gewisse Eigenschaften stärker oder schwächer ausgeprägt, oder gar verschoben oder anders ausgerichtet. Mit dieser Andersartigkeit ist nichts falsch. Autist:innen haben dadurch Stärken, welche anerkannt und gefördert werden sollten.
Wieviel neurotypische und autistische Menschen gemeinsam haben, möchte ich anhand meines Forschungsprojekts und insbesondere anhand eines Formats untersuchen, das ich «Neuroqueer Doings» nenne. Es sind Verhaltensweisen, die Autist:innen tatsächlich oft an den Tag legen und mit denen sie teilweise anecken. Meiner Meinung nach sind diese in Wirklichkeit Stärken und bergen produktive Potenziale. Mit der richtigen Übersetzungsarbeit können diese Neuroqueer Doings für alle nachvollziehbar gemacht werden, wenn nicht sogar bereichernd wirken. Ein Beispiel ist Hyper-Empathie: Im Gegensatz zum Stereotyp, dass Autist:innen keine Empathie besitzen, spricht die Intense World Theory Autist:innen eine Hyper-Empathie zu. Die Theorie besagt, dass Autist:innen sich nicht zurückziehen, weil sie asozial sind. Sie müssen sich manchmal zurückziehen, weil sie die Welt intensiver wahrnehmen und daher mehr Ruhe zur Verarbeitung aller Eindrücke brauchen. Auch Empathie wird laut dieser Theorie intensiver empfunden, was ich in sozialen Situationen als extrem hilfreich empfinde. Hyper-Empathie motiviert zu Rücksichtnahme und zu einer Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, wo andere Menschen vielleicht schneller die Geduld verlieren.
Mein Format der Neuroqueer Doings zeigt auf, wie beispielsweise Hyper-Empathie als autistische Stärke selbst angeeignet und geübt werden kann und wie daraus Erkenntnisse gezogen werden können.
Das Forschungsprojekt wird von einer Instagram-Seite begleitet. Auf dieser Seite lässt sich der Erkenntnisprozess nachverfolgen. Auch baut diese Seite überholte Vorstellungen über Autismus ab und eröffnet einen ressourcenorientierten Blick auf das Thema. Meine Seite fördert zudem eine Community für Autist:innen im deutschsprachigen Raum. Ein weiteres Ziel dieser Instagram-Seite ist es, Autist:innen zu der gesellschaftlichen Anerkennung zu verhelfen, welche ihnen zusteht. Somit stelle ich Inhalte zur Verfügung, welche beispielsweise potenzielle Arbeitgeber dazu ermuntern, die Diversität in ihren Arbeitsteams zu leben, indem autistische Menschen für ihre Stärken geschätzt und eingestellt werden. Nicht zuletzt versuche ich, zwischen unterschiedlichen Neurotypen zu vermitteln und Übersetzungsarbeit zu leisten. Das Format der Neuroqueer Doings soll diesem Zweck dienen. Es werden Übungen in ungewohntem Verhalten vorgeschlagen, wie eben in Hyper-Empathie, welche sich alle Neurotypen aneignen können und welche zu Erkenntnissen über das Selbst und unsere Art des Miteinanders führen. Diese Übungen vermitteln, dass wir alle gar nicht so verschieden sind und dass es nicht schadet, Dinge auch mal etwas anders anzugehen.
Bei der finalen Ausstellung von Queering Games im Kein Museum, «The Non-Convenience Store», sind die Besuchenden als Queer User «gefordert, sich die Regeln der Zwischenwelt im Spiel anzueignen und zu erfahren, was es bedeutet, vom Design nicht mitgedacht oder ausgeschlossen zu werden.» Doing Neuroqueerness verarbeitet genau diese Erfahrung, transformiert sie und macht einen Dialog möglich. Bei meinem Forschungsprojekt geht es vielleicht weniger zentral ums Spielen, als bei Queering Games, aber der Grundgedanke ist derselbe: Wir können unsere Art, in der Welt zu sein und zu handeln, noch ausgestalten und somit etwas für gegenseitige Verständigung, Gleichberechtigung und Anerkennung tun. Genau darum geht es beim Queering.
(Dorothea Deli)