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Online-Videos mit Sprecher langweilen
Eyetracking-Daten belegen, dass sich Nutzer von Online-Videos auf Websites sehr leicht ablenken lassen. Besonders schlimm ist dieser Effekt bei Sendungen, die nicht für die Betrachtung im Internet optimiert sind und nur einen aktionsarmen Sprecher zeigen.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 05.12.2005
Mit der zunehmenden Verbreitung von Breitband-Internetverbindungen stieg auch die Zahl der Websites, die Videosequenzen anbieten. Unglücklicherweise sind die meisten dieser Videos für die Ausstrahlung am Fernsehen gemacht worden und sind daher fürs Internet nicht geeignet.
1997 stellte ich einen Vergleich zwischen Fernsehern und Computern (engl.) an. Die damalige Grunderkenntnis ist dieselbe geblieben: Fernsehsendungen sind im Wesentlichen zur Entspannung gedacht: der "Nutzer" lehnt sich dabei im Sessel zurück und taucht in das Programm ein, für das sich der Senderchef entschieden hat. Fernsehnutzer werden ja nicht umsonst "Zuschauer" genannt - in dieser Bezeichnung kommt die passive Beteiligung schön zum Ausdruck. Computeranwender dagegen sitzen nach vorne gelehnt da und steuern den Gang der Dinge selbst - über eine lange Kette von Entscheidungen und Klicks.
Aufgrund dieses fundamentalen Unterschiedes in der Nutzererfahrung sind Videoausstrahlungen auf dem Internet letztlich so langweilig. Es gibt dabei nichts zu tun: der Nutzer trifft weder eine Auswahl noch hat er die Kontrolle.
Eyetracking Studie über Webvideos
Derzeit führen wir eine Eyetracking-Studie durch, bei der wir analysieren, wo die Nutzer auf ganz verschiedenen Arten von Websites hinschauen. Für Detailergebnisse ist es zwar noch zu früh, doch erste Daten illustrieren schön, wie sich Nutzer verhalten, wenn sie sich Videoausschnitte betrachten, die fürs Fernsehen erzeugt und einfach aufs Internet übertragen wurden.
Die folgende Grafik zeigt eine "Hitzekarte" (sogenannte Heatmap) während des Abspielens eines Videos auf einer Nachrichten-Website. Die Heatmap zeigt die Verteilung der Fixationen, d.h. der Stellen, wo das Auge des Nutzers eine Pause machte: rot sind dabei die Zonen, wo die Anwender am meisten hinschauten, und blau jene, wo am wenigsten hingeschaut wurde (Anm.: für Orte, wo das Auge gar nie hinschaute, gibt es auch keine farbigen Zonen).
Die Verteilung von Fixationen während ein Anwender sich 24 Sekunden eines Videoausschnittes auf cnn.com anschaute.
Die Grafik zeigt die Daten eines 24sekündigen Ausschnitts, bei dem sich die Kamera nicht bewegte. Mit andern Worten haben die verschiedenen Elemente in der Zeit ihre Position allesamt nicht verändert. Den Blickverlauf eines Nutzers bei der Betrachtung des obigen Videoausschnitt können Sie im Blickverlaufsvideo (24 Sekunden, 356kB Windows Media Datei) beobachten. Dabei stellt der blaue Punkt den Ort dar, wo der Nutzer in dem jeweiligen Moment gerade hingeschaut hat.
Bei dem analysierten Ausschnitt handelt es sich um ein Segment eines insgesamt vierminütigen Videos, das auch noch andere Kamerapositionen bot, darunter auch ein geteiltes Bild, dass zugleich den Nachrichtensprecher im Studio und den Reporter vor Ort zeigte. Wie erwartet unterscheidet sich die Hitzekarte bei jenen Szenen von der statischen. Während des geteilten Bildschirms kann man beispielsweise grosse rote Blasen über den Gesichtern der beiden Sprecher erkennen.
Auch im obigen Ausschnitt erfuhr das Gesicht des Sprechers viel Aufmerksamkeit, was gar nicht überrascht: Seit langem weiss man, dass Gesichter anziehend wirken. Ebenfalls war anzunehmen, dass der Balken mit den Informationen über den Sprecher viele Fixationen erhalten würde.
Interessanter ist, dass die Aufmerksamkeit des Betrachters auf andere Bereiche des Videos gelenkt wurde, z.B. auf das Schild hinter dem Sprecher. Ein kurzer Blick erfolgte sogar auf einen Mülleimer über der linken Schulter des Reporters.
Am interessantesten ist jedoch die enorme Aufmerksamkeit für Bereiche ausserhalb des Videobilds, wie z.B. für die Schlagzeilen und die Bedienelemente zur Steuerung des Videos.
Die Daten des Eyetracking zeigen deutlich, dass ein unbewegter Sprecher auf einer Website langweilig ist - sogar während der kurzen Zeitspanne von "nur" 24 Sekunden. Auf dem Web sind 24 Sekunden eine lange Zeit - zu lange, um die Aufmerksamkeit auf etwas Monotonem zu halten.
Richtlinien für Videos
Wir haben gerade erst mit der Erforschung der Usability von Online-Videos und andern Multimedia-Elementen auf Websites begonnen. Ich bin mir sicher, dass wir später noch eine ganze Reihe weiterer Richtlinien vorliegen haben. Für den Moment jedoch ist die Hauptregel für Online-Videos: Halten Sie sich kurz. Ein Webvideo sollte nicht länger als eine Minute dauern.
Eine damit zusammenhängende Richtlinie verlangt den Verzicht auf Videos immer dann, wenn der zu vermittelnde Inhalt keinen Gebrauch von den Vorteilen dieses dynamischen Mediums machen kann. Das bedeutet jetzt aber natürlich nicht, dass man mit der Kamera laufend Schwenks, Zooms, Übergänge und künstliche Bewegungen einbauen sollte. Vielmehr sollte man Videos für bewegte Objekte einsetzen oder für Dinge, die sich mit einem Film besser rüberbringen lassen als mit Fotos und Text.
Zuletzt sollten Sie berücksichtigten, dass Webnutzer sich sehr leicht ablenken lassen. Vermeiden Sie daher in ihren Ausschnitten Elemente, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten. Wenn es beispielsweise irgendwo ein Strassenschild im Hintergrund gibt, werden die Anwender es lesen wollen und bei dem Versuch einen Teil der Hauptinformation aus dem Video versäumen.
Seit den Anfängen des Web warne ich vor Zweckverfremdung. Die ursprünglichste Form dieses Problems war, dass Firmen ihre Werbebroschüren einfach als Websites umgesetzt haben. Später kamen dann Zeitungen und andere Informationsportale dazu, die es nicht geschafft haben, speziell fürs Web zu schreiben und stattdessen dieselben Schlagzeilen und denselben Stil wie im Druck einsetzten. Dank der weiterentwickelten Technologie beobachten wir mittlerweile dasselbe Phänomen noch für eine weitere Art Medium: Durch Rezyklieren von Fernsehvideos lässt sich auf dem Web keine gute Nutzererfahrung erzeugen.
Das Web ist ein eigenständiges Medium. Wir scheinen dazu verdammt zu sein, diese Lektion immer und immer von Neuem machen zu müssen.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.