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von Dr. Veronika Job
Der Begriff Narzissmus geht auf den wunderschönen Jüngling Narziss, eine Figur aus der griechischen Mythologie, zurück. Narziss verliebte sich leidenschaftlich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser und ging an der Unfähigkeit, den Blick von sich selbst abzuwenden, zu Grunde. Heutzutage wird der Begriff Narzissmus verwendet, um einen Persönlichkeitsstil zu bezeichnen. Narzisstische Personen fühlen sich anderen gegenüber überlegen. Sie fantasieren über ihren eigenen Erfolg und sie denken, sie hätten Anspruch auf Privilegien, die andere nicht haben. Wenn sie sich gedemütigt fühlen, können sie häufig aggressiv oder gewalttätig reagieren. Forschung zeigt, dass die Häufigkeit von Narzissmus innerhalb westlicher Kulturen zunimmt, was dazu führt, dass sich zum Beispiel in der Presse Stimmen bemerkbar machen, die vor einer Narzissmus-Epidemie unter Kindern und Jugendlichen warnen und die negative Konsequenzen einer weiteren Verbreitung von Narzissmus auf individueller aber auch auf gesellschaftlicher Ebene aufzeigen.
Doch wie entsteht Narzissmus überhaupt? Bisher gab es dazu nur wenig empirische Forschung. Sowohl im Alltagsverständnis als auch im wissenschaftlichen Diskurs stehen sich dabei zwei komplett gegensätzlich argumentierende Ansätze gegenüber: Die Soziale Lerntheorie und die Psychoanalytische Theorie. Die Soziale Lerntheorie nimmt an, dass Kinder dann narzisstische Züge entwickeln, wenn sie von Ihren Eltern vergöttert werden, das heisst, wenn die Eltern ihr Kind für etwas Besonderes halten, das Anspruch auf eine besondere Behandlung hat. Die Psychoanalytische Theorie wiederum nimmt an, dass jene Kinder zu Narzissten heranwachsen, die von ihren Eltern zu wenig Wärme und Wertschätzung erfahren haben. Sich selbst auf ein Podest zu stellen, sei eine Strategie, den Mangel an Anerkennung und Liebe zu stillen.
In einer gross angelegten Längsschnittstudie haben Forscher in den Niederlanden diese beiden Annahmen gegeneinander getestet. Sie haben 565 Kinder und deren Eltern viermal in Abständen von 6 Monaten befragt. Die Kinder füllten dabei etablierte Fragebögen zu Narzissmus aus, bei denen sie Fragen beantworteten wie „Kinder wie ich verdienen eine besondere Behandlung“. Zudem beantworteten sie Fragen zu ihrem Selbstwert (z. B. „Kinder wie ich sind zufrieden mit sich selbst“) und dazu wie viel Wärme sie von ihren Vätern und Müttern erleben (z. B. „Mein Vater/meine Mutter zeigt mir, dass er/sie mich liebt“). Die Eltern wiederum füllten einen Fragbogen aus, der Auskunft darüber gab, wie sehr sie ihr Kind überbewerten. Sie beantworteten dazu Fragen wie „Mein Kind ist aussergewöhnlich im Vergleich zu anderen Kindern.“ Zudem berichteten sie, wie viel Wärme sie ihrem Kind gegenüber zeigen.
Die Ergebnisse stützen die Soziale Lerntheorie. Überbewertung durch die Eltern sagt spezifisch eine Zunahme an Narzissmus bei den Kindern vorher. Die von den Kindern wahrgenommene oder von den Eltern berichtete Wärme hat aber keinen Einfluss auf Veränderungen im Narzissmus. Genau umgekehrt ist es beim Selbstwert der Kinder. Hier hat es keinen Einfluss, ob die Eltern ihr Kind auf ein Podest stellen oder nicht. Veränderungen im Selbstwert werden einzig davon bestimmt, wie viel Wärme die Kinder bei ihren Eltern wahrnehmen. Was die Eltern in Bezug auf gezeigte Zuneigung berichten spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, ob die Kinder berichten, von ihren Eltern Zuneigung zu bekommen.
Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass nicht ein Mangel an elterlicher Zuneigung die Ursache von Narzissmus darstellt. Kinder können dann narzisstisch werden, wenn sie von ihren Eltern auf ein Podest gestellt und vergöttert werden. Wärme und Zuneigung hingegen ist von grosser Wichtigkeit, denn es fördert die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls der Kinder.
Literaturangaben:
Brummelman, E., Thomaes, S., Nelemans, S. a., Orobio de Castro, B., Overbeek, G., & Bushman, B. J. (2015). Origins of narcissism in children. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(12), 201420870. doi:10.1073/pnas.1420870112
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