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| Sulpicius Severus (um 420) - Leben des hl.Bekennerbischofs Martinus von Tours (Vita sancti Martini)

10.
Es übersteigt mein Können, sein Leben und seine Bedeutung als Bischof zu schildern. Nicht die geringste Änderung gegen früher ließ sich an ihm wahrnehmen. Dieselbe Demut wohnte in seinem Herzen, dieselbe Ärmlichkeit zeigte er in seiner Kleidung. Im Vollbesitz seiner Macht und Weihegnade, ward er der Stellung eines Bischofs durchaus gerecht, verlor aber dabei das Tugendstreben eines Mönches nicht aus dem Auge. Eine Zeitlang bewohnte er eine Zelle, die an die Kirche stieß. Indes, er konnte die Belästigung durch die häufigen Besuche nicht ertragen; deshalb erbaute er sich etwa zwei Meilen1 außerhalb der Stadt ein Klösterlein2 . Dieser Ort war so verborgen und abgelegen, daß es den Heiligen nicht nach der Einsamkeit der Wüste verlangte. Auf der einen Seite war der Ort abgeschlossen von einer hohen, jähen Felswand; die freibleibende Ebene umgrenzte die Loire mit einer kleinen Krümmung; nur auf einem, dazu noch recht engem Wege konnte man dorthin gelangen. Martinus hatte eine rohgezimmerte Zelle, ebenso auch viele seiner Brüder. Manche hatten den Fels des überhängenden Berges ausgehöhlt und sich so eine Wohnstätte geschaffen. Es waren ihrer gegen achtzig Jünger. Diese suchten sich nach dem Vorbild des heiligen Meisters zu bilden. Keiner besaß dort Eigentum, alles war Gemeingut. Keiner durfte etwas kaufen oder verkaufen, wie dies bei den Mönchen vielfach üblich ist. Handarbeit wurde nicht betrieben, das Bücherschreiben ausgenommen; für dieses Geschäft wurden jedoch nur die Jüngeren verwendet, die Älteren lagen ausschließlich dem Gebete ob. Selten verließ einer seine Zelle, es sei denn, man ging gemeinschaftlich zum Gotteshaus. Ihre Mahlzeit nahmen sie zusammen erst nach der Stunde des Fastens3 . Alle enthielten sich des Weines, außer wenn Krankheit es anders verlangte. Die meisten trugen ein Gewand aus Kamelhaaren4 ; feinere Kleider zu tragen, galt dort als Vergehen. Diese Strenge ist um so bewunderungswerter, als viele Vornehme unter ihnen waren; obwohl ganz anders erzogen, hatten sich diese freiwillig zu jener Übung der Demut und Geduld verpflichtet. Gar manche aus ihnen sahen wir später auf Bischofsstühlen5 . Welche Stadt oder welche Kirche hätte sich nicht auch einen Oberhirten aus dem Kloster des Martinus gewünscht?6
1: Gegen 3 km.
2: Auf der andern Seite der Loire, das spätere Maius monasterium, Marmoutiers. Nach Gregor von Tours [Hist. Franc. X, 31, 3] baute Martin hier eine Basilika zu Ehren der heiligen Petrus und Paulus; man zeigte dort noch lange einen Brunnen, den Martin mit eigener Hand gegraben haben soll [Gregor von Tours, De Virtut. S. Mart. II. 39].
3: Also wohl bis gegen 3 Uhr.
4: Vgl. Paulin. Ep. XXIX, 1.
5: Z.B. Bischof Lazarus von Aix, Heros von Arles, Maurinus von Angers, Viktorius von Le Mans.
6: Über die Mönche des hl. Martin s. J. M. Besse, Les moines de l'ancienne France [Paris 1906] 1/34.