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17. Juni 1970: Keine Sieger. Keine Besiegten. Deutschland verliert das WM-Halbfinale 1970 in Mexiko gegen Italien 3:4 nach Verlängerung. Ein WM-Jahrhundertspiel vor 102'444 Zuschauern.
Die Legende wird geboren, kaum dass der grosse Kampf zu Ende ist. Im Banne des dramatischen Geschehens prophezeit ein mexikanischer TV-Reporter mit Pathos in der Stimme: «Dieses Spiel geht in die Geschichte ein. Man wird im Stadion eine Gedenktafel anbringen, auf der Italien und Deutschland steht und das Datum vom 17. Juni 1970. Aber man wird kein Resultat nennen. Denn das Spiel hatte keinen Sieger und keinen Besiegten.»
Keinen Sieger, keinen Besiegten? Von wegen. Gerd Müller wird noch Jahrzehnte später sagen: «So ein Spiel kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Ich könnte heute noch wahnsinnig werden. Von dieser Schlappe gegen die Italiener erhole ich mich nie.» Und Franz Beckenbauer schreibt schon 1975 in seiner Autobiographie («Einer wie ich»), die Bezeichnung «Jahrhundertspiel» sei übertrieben.
Gerd Müller und Franz Beckenbauer haben gar nicht so unrecht. Das «Spiel des Jahrhunderts» ist ein Spiel, das in erster Linie von Fehlern lebt. Wie können zwei Dutzend der besten Spieler der Welt während zwei Stunden mehr Fehler machen als während einer ganzen Saison? Vor allem aber: Ein Spiel, das nicht von Franz Beckenbauers, des Kaisers Genialität inspiriert ist, soll das «Spiel des Jahrhunderts» sein?
Aber der Mythos lebt. Er gründet vor allem darin, dass das Spiel sich zu einem Drama mit absehbar tragischem Ende entwickelt. Das Schicksal der Deutschen ist nämlich längst besiegelt als sie noch dagegen ankämpfen. Mit einem blessierten Leitwolf.
Der «Evening Standard» sieht in Franz Beckenbauer in der englisch-martialischen Reportersprache einen «verwundeten, besiegten, aber stolzen preussischen Offizier». Dabei ist Beckenbauer ein Bayer und kein Preusse.
Es rührt in diesem «Jahrhundert-Spiel» ans Herz, wie Franz Beckenbauer, der geniale Fussballkünstler, schon damals der Inbegriff der Leichtigkeit des Seins, nach einem schweren Foul von Pierluigi Cera 50 Minuten lang nur mit halber Kraft und mehr mit dem Gleichgewicht als mit dem Gegner kämpfend, sich unter der glühenden Sonne übers Spielfeld plagt.
Sonst entfesselt, jetzt aber den rechten Arm mit Klebeband am Körper fixiert um das gesprengte Schulter-Eckgelenk halbwegs ruhig zu stellen. Die Hand aufs Herz gebunden. Der Gentleman am Ball als Schmerzensmann.
Fast tatenlos muss Franz Beckenbauer ansehen, wie die Italiener immer noch einen drauf setzen. Gerade hat Gerd Müller eine riskante Rückgabe von Fabrizio Poletti mit der Fussspitze zur 2:1-Führung an Enrico Albertosi vorbei ins Tor gelenkt, da schiesst Tarcisio Burgnich nach einem unfassbaren Fehler von Siggi Held den Ausgleich. Wiederum fünf Minuten später schiesst Luigi Riva das 2:3. Er lässt Karl-Heinz Schnellinger stehen.
Keiner wagt mehr an den erneuten Ausgleich zu denken. Da besorgt Gerd Müller das 3:3. Im Hechtsprung nach einer Flanke von Reinhard Libuda. Es ist Müllers zehnter und letzter Treffer bei dieser WM. Italiens Regisseur Gianni Rivera beisst, wie Fotos dokumentieren, vor lauter Wut ins Tornetz.
Losentscheid weil es auch nach Verlängerung noch 3:3 steht? Nein. Rivera selbst schiesst eine Minute später die Italiener ins Finale. Weil die Deutschen im Freudentaumel über das wundersame 3:3 die Defensive vernachlässigen. «Es wurden immer in den Momenten Fehler gemacht, in denen wir glaubten, das Spiel in der Hand zu haben», wird Bundestrainer Helmut Schön hinterher klagen. Auf der linken Seite ist Willi Schulz von Roberto Bonisegna ausgespielt worden und Rivera steht mausbeinalleine auf dem Elfmeterpunkt und trifft an Sepp Maier vorbei 4:3.
Hinterher wird über den Schiedsrichter geschimpft. Arturo Yamasaki, der Peruaner mit japanischem Pass, habe zwei klare Elfmeter (Fouls gegen Franz Beckenbauer und Uwe Seeler) nicht gegeben. Allerdings wären die Deutschen gar nicht in die Verlängerung gekommen und das Spiel des Jahrhunderts würde es nicht geben, wenn Yamasaki nicht vier Minuten hätte nachspielen lassen.
Ausgerechnet Karl-Heinz Schnellinger, damals im Dienste des AC Mailand, nützt die gnädig geschenkte Zeit, um Roberto Bonisegnas 0:1 zu egalisieren. Buchstäblich im letzten Augenblick befördert der Abwehrspieler bei seinem einzigen Ausflug in die gegnerische Spielhälfte eine Flanke von Jürgen Grabowski grätschend zum 1:1 über die Linie.
Schon unmittelbar nach dem Spiel umkränzt der Glorienschein die Helden und lässt Sieger wie Besiegte glänzen. Es spielt keine Rolle, wer Tore erzielt, wer welche kassiert, wer Fehler gemacht hat und wer nicht. Es die einzige WM-Partie ohne Sieger und Besiegte. Ein Jahrhundert-Spiel eben.