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Der Bus fährt durch tief verschneite Winterlandschaft vorbei an Chalets und Bauernhöfen. Mein Zielort liegt an der Flanke eines Hügels oberhalb der Stadt Zug. Hier, in Bad Schönbrunn, befinden sich auf den ersten Blick nicht mehr als eine Bushaltestelle und ein Waldstück. Ein Wegweiser zeigt das Lassalle-Haus an, ein interreligiöser Meditations- und Gebetsort zwischen hohen Bäumen. Dort treffe ich auf den Mitbegründer des Hauses, den Jesuiten und Zen-Meister Niklaus Brantschen.
In einem Kaminzimmer im Privatbereich der jesuitischen Gemeinschaft nehmen wir auf weichen Ledersofas Platz. Mein Gastgeber blickt mich durch eine randlose Brille neugierig an. Mir fällt seine schwerelose Sitzhaltung auf, eine Art geerdetes Schweben, wenn eine solche Metapher erlaubt ist. Es kommt wahrscheinlich von jahrzehntelanger Zazen-Praxis, also dem rituellen Stillsitzen.
Vom Schweigen zum Stillwerden
Wie kam es, dass sich ein Walliser zum Verschmelzungspunkt meditativer Praxis von West und Ost machte? Er sei nicht als «frustrierter Christ» nach Japan gegangen, betont Brantschen, sondern durch eine «glückliche Fügung». Ein Oberer habe ihm in jungen Jahren empfohlen, er solle ein wenig in die östliche Kultur hineinschnuppern. In der Folgezeit hat es ihn immer wieder in den Sommermonaten nach Japan gezogen. «Es ist das Beste, was mir passiert ist.»
In seinem jüngsten Buch «Gottlos beten. Eine spirituelle Wegsuche», das im Sommer erschienen ist und bereits in der vierten Auflage gedruckt wurde, bezieht Brantschen Beispiele sowohl aus der christlichen als auch aus der buddhistischen Tradition ein. Der Titel enthält eine Spannung: gottlos und beten. Brantschen vergleicht ihn mit Kōans, also jenen wunderlichen Sätzen des Zen-Buddhismus, die man nicht theoretisch lösen kann, sondern die im Leben gelöst werden, und mit denen man nicht so schnell fertig wird.
Wenn Gebet verstanden wird als Zwiegespräch mit einem Gegenüber, einem göttlichen Du, ist der Ausdruck «Gottlos beten» natürlich Unsinn. Aber: Es scheint mehr Menschen zu geben, die beten wollen als an Gott glauben können. Sie möchten aus dem Schweigen heraustreten, das entsteht, wenn ein als inexistent gedachtes Gegenüber schweigt.
«Irgendwie möchten die Menschen ihrer Sehnsucht Ausdruck geben, irgendwie möchten sie sich nicht ganz verabschieden von der Wirklichkeit, die wir Gott nennen, aber wie soll das gehen?»
Unbestimmte Sehnsucht
Für den jesuitischen Zen-Meister ist ausgemacht, dass ausnahmslos alle Menschen meditieren können. «Alle Menschen können ihren Blick weiten, ihren Horizont weiten, alle Menschen können auf den Atem achten, wie er kommt, wie er geht, wie er strömt, wie er uns umfängt, alle Menschen können vom oberflächlichen Stielaugensehen tiefer gehen, sozusagen vom Sehen zum Schauen kommen oder vom Tasten und Ergreifen zum Ergriffenwerden.»
Weil Mystik nichts Abgehobenes, Aufgepfropftes oder Mysteriöses sei, sondern im alltäglichen Lebensvollzug möglich, stehe sie tatsächlich allen offen. «Mystik ist menschenmöglich.»
«Seiner innersten Sehnsucht Raum geben, ist ein Lebensvollzug wie atmen, wie ein- und ausatmen, darum geht es.»
«Es trägt uns, es umfängt uns, es atmet uns, ich sage bewusst es. Dieses Es kann in unserer jüdisch-christlichen Tradition mit dem Gott Abrahams, Isaak und Jakobs benannt werden, aber es kann auch offenbleiben.» Dann sind auch Buddhisten eingeschlossen und Agnostiker nicht ausgeschlossen, also Menschen, die sagen, ich weiss nicht, ob es Gott gibt oder nicht. Dann würden auch Menschen, die mit Vertrauen auf eine Wirklichkeit, die wir Gott nennen, nichts anfangen können, abgeholt.
Raum geben – sein lassen
Unter «Spiritualität» versteht Brantschen ein verinnerlichtes Wissen darum, dass «wir keine Inseln sind, nicht herausgestanzte Identitäten, sondern verwoben, vernetzt, verschwistert.» Damit diese Haltung lebe, bedürfe es der Übung: «dass ich Auszeiten nehme, jeden Tag ein paar Minuten, vielleicht ein paar Stunden in der Woche, ein paar Tage im Jahr.»
Die Gestaltung der Auszeiten könne je nach Sozialisation variieren: «Es kann eine Zeit der inneren Ruhe sein, ein Gebet mit Worten, oder, so habe ich es in Japan erlebt, eine Geste, wo die Hände gefaltet aneinandergelegt werden (gasshō), und ich mich vor einer Buddha-Statue in tiefem Schweigen und mit Hingabe verneige. Das ist eine Gebetsgeste par excellence.»
Identitären Verengungen unsere Zeit hält Brantschen «radikale Offenheit» der meditativen Praxis entgegen. Nur so könne Gelassenheit entstehen, und zur Gelassenheit gehöre, sagt er und beruft sich auf den mittelalterlichen Philosophen und Mystiker Meister Eckhart, selbst noch Gott loszulassen. Oder genauer: ein bestimmtes Gottesbild.
Um ein anderes, stimmigeres Verstehen der Wirklichkeit, die wir Gott nennen, zu gewinnen, sei es unerlässlich, das Bild des allmächtigen, allwissenden, strafenden, aber auch des uns von Oben herab liebenden Gottes loszulassen. «All das muss ich lassen. Dann entsteht etwas Neues, dann fange ich an zu begreifen, dass die Wirklichkeit, die wir Gott nennen, mich umgibt wie die Luft, die wir atmen.
Mit Gott auf Augenhöhe
Ich frage, ob selbst Jesus, der sich am Kreuz gottverlassen fühlte, ein falsches Gottesbild abstreifen musste. «Ja, natürlich. Jesus musste ebenfalls eine gewisse Vorstellung von Gott, seinem Vater, radikal lassen, wie auch sich selbst, um dann zu sagen: ‹In deine Hände befehle ich meinen Geist›.»
Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen gehe es darum, das Bild oder die Vorstellung, die wir vom anderen Menschen haben, zu lassen und radikal offen zu sein. Sonst könnten wir uns unmöglich näherkommen.
Eine Verschiebung der Wahrnehmung hin zu einem «Gott auf Augenhöhe» lasse alles herkömmliche betende Bitten und Betteln unangemessen erscheinen. Denn – Brantschen zitiert erneut Meister Eckhart:
«… weil ich da, wo ich von Gott empfangen würde, unter ihm oder unterhalb seiner wäre wie ein Diener oder Knecht, er selbst aber im Geben wie ein Herr wäre.»
Diese demokratische Gebetshaltung habe Auswirkungen auf die Gesellschaft: Sie beende das Oben/Unten-Denken radikal.
Bis zum gemeinsamen Mittagessen ist es noch etwas Zeit. Niklaus Brantschen schlägt einen Besuch in der Kapelle vor. Die Zen-Halle, in der der Duft von Reisstrohmatten und feinen japanischen Räucherstäbchen in der Luft liegen, hatte er mir schon davor gezeigt.
Als ich nach ein paar Stunden im Lassalle-Haus wieder unten an der verschneiten Haltestelle in den Bus einsteige, wird mir bewusst: Ich habe in den gemeinsam mit dem christlichen Zen-Lehrer verbrachten Stunden nicht nur etwas über Meditation erfahren, sondern bin von ihm auch in eine Praxis des innerlichen Stillwerdens eingeführt worden, ohne dass es mir so recht bewusst war.
Das Podcast-Gespräch mit Niklaus Brantschen, dem die Zitate dieses Blogbeitrags entnommen sind, ist in unserer Interviewreihe «TheoLounge» veröffentlicht.
Niklaus Brantschens Buch «Gottlos beten. Eine spirituelle Wegsuche» ist im Patmos-Verlag erschienen.
Informationen zum Lassalle-Haus und seinem Programm gibt es hier.
Ein Interview mit Niklaus Brantschen in der Reihe «Sternstunde Religion» des SRF-Kultur wurde im Zendo (Zen-Halle) des Lassalle-Hauses aufgenommen und wurde mehr als eine halbe Million Mal angeklickt.