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Schon am 12. Dezember 2019 wählen die Briten das Unterhaus neu. Politisch ist das Königreich dreieinhalb Jahre nach dem Pro-Brexit-Urnengang aufgeladen. Es ist die erste Adventswahl seit 1923 – und keiner der Auguren weiss, wie sich das im Dezember 2019 auswirkt. Boris Johnsons Problem ist es,
- dass die Tories in der Wahl von 2017 im Unterhaus die Mehrheit verloren;
- dass sie seither auf zehn nordirische DUP-Abgeordnete angewiesen waren, die Johnson im entscheidenden Moment im Stich liessen;
- dass 21 Remainers in der Brexit-Frage gegen Johnson stimmten, von denen bisher nur die Hälfte in die Tory-Fraktion zurückkehrten.
Gut 40 Wahlkreise im Brennpunkt
Womit Johnson reich rechnerisch das bei 650 Stimmabgaben notwendige absolute Mehr deutlich verfehlt. Wie in der US Präsidentenwahl jeweils wenige swing oder battleground states dem Kampf entscheiden, geht es im Dezember im Königreich um gut 40 Wahlkreise. Auch in Grossbritannien gilt das Majorzsystem. Auguren reden darum auch von 650 Wahlen.
Johnson strebt den Sieg vor allem in gut 40 Wahlkreisen an,
- in denen 2016 mehr als 55% pro Brexit stimmten;
- die aber 2017 traditionell Labour wählten.
Johnsons Rechnung beruht darauf, dass in den gut 40 Kreisen 7,5% der Labour-Wähler zu ihm schwenken, weil sie vom endlosen Theater um den Brexit die Nase voll haben und endlich den Austritt vollziehen wollen. Sollte dem Premier das gelingen, ohne dass er anderswo – zum Beispiel in Schottland – schwere Verluste erleidet, hat er eine Chance für die absolute Mehrheit.
Wie in den USA, wo sich die battleground states vor allem auf den Mittleren Westen konzentrieren, liegen die von Johnson anvisierten Wahlkreise schwergewichtig in industrialisierten Gebieten von Mittel- und Nordengland. Von den neun englischen Regionen sind fünf betroffen:
- West Midlands, East Midlands;
- Yorkshire and the Humber (das ist eine Region, in der auch Sheffield liegt);
- North West, North East.
Sheffield und Newcastle
Man erinnert sich! In der denkwürdigen Brexit-Nacht vom 23. zum 24. Juni 2016 erkannten die Moderaten von BBC und CNN schon um Mitternacht (Stunden vor kontinentaleuropäischen Sendern): Der Brexit kommt. Es liefen nämlich die massiven Pro-Brexit-Stimmenzahlen aus den Labour-Hochburgen Newcastle und Sheffield ein, welche die Experten zwar überraschten, ihnen aber anzeigten, wohin der Hase lief.
Selbstverständlich trugen damals die ländlichen, wohlhabenden Gebiete im Süden von England ebenso zum Brexit-Entscheid bei. Der “farbige” Wahlkämpfer Johnson hat bereits angekündigt, dass er diese traditionellen Tory-Hochburgen halten will.
Daily Telegraph nennt unbekannte Faktoren
Allerdings spielen am 12. Dezember unzählige Unbekannte mit – laut den Prognostikern zum Beispiel der Johnson- und Brexit-freundlichen Tageszeitung Daily Telegraph:
- 2017 holten die Tories und Labour miteinander immerhin 84,5% der Stimmen. Im Moment geben ihnen die Umfragen kombiniert nur rund 60% > werden Drittparteien stärker?
- Die Parteibindungen sind stark zurückgegangen > weniger als 50% bekennen sie noch eindeutig zu einer Partei.
- Offen ist, wie viele unentschlossene Wähler die Johnson-Partei vorziehen, weil sie endlich die Brexit-Unsicherheit beseitigen wollen – unabhängig davon, ob sie 2016 für oder gegen den Austritt stimmten.
- Offen ist, ob der flamboyante Wahlkämpfer Johnson gegenüber der hölzernen Theresa May bei der Wählern besser ankommt. Und ob Jeremy Corbyn sein finsteres Image ablegen kann.
- Stets eine Unbekannte ist in den teils kleinen Wahlkreisen das Wahlglück oder -Pech. Wenige Stimmen können den Ausschlag geben (Majorzwahl – the winner takes it all).
- Zu beachten bleiben Wales, Schottland und Nordirland. In Schottland strebte Nicola Sturgeon den Austritt aus dem Königreich an – trotz des 2014 mit 55,3 % zu 44,7% verlorenen Referendums.
- Wie hoch ist die Wahlbeteiligung im britischen Winter? trotz Goretex-Jacken? Und wir wirkt sich, wie gesagt, der Weihnachtsmarkt auf die historische Wahl aus?
Wer nimmt wem Stimmen weg?
Zum Schluss noch Feststellung des Telegraph: In den Lagern pro und contra Brexit liefen alle Parteien Gefahr, sich im Majorzsystem Stimmen wegzunehmen:
- Weniger extrem sei das bei den Pro-Brexit-Wählern: Johnson behaupte Ende Oktober rund 60% für sich. Farage und die Brexit-Partei kämen nur auf rund 25%. Zudem wurde Farage aufgefordert, um das Brexits Willen mit Johnson gemeinsame Sache zu machen.
- Im Anti-Brexit-Lager teilen sich Labour und die Liberaldemokraten das Segment derzeit praktisch unentschieden auf.