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Die Hitlerrede hat bezüglich der deutsch-schweizerischen Beziehungen sowie hinsichtlich der allgemeinen politischen Lage gewisse bedeutungsvolle und, wie ich glaube, erfreuliche Abklärungen gebracht2. Was zunächst unser Land betrifft, so hat Hitler gemäss der offiziellen Wiedergabe des «Reichs- und Staatsanzeigers» erklärt:
Unsere Verhältnisse zu den Staaten des Westens und des Nordens4- also der Schweiz, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und den baltischen Staaten - sind um so erfreulichere, je mehr sich gerade in diesen Ländern die Tendenzen einer Abkehr von gewissen kriegsschwangeren Völkerbundsparagraphen zu verstärken scheinen.
Niemand kann es mehr schätzen an seiner Reichsgrenze wahrhaft befreundete neutrale Staaten zu wissen als Deutschland.»
In diesen Erklärungen liegt eine erneute Anerkennung unserer Grenzen, und unserer Neutralitätspolitik, die zur Wiedergewinnung der totalen Neutralität geführt hat. Die Bedeutung dieser Ausführungen wird man nicht übersehen in Anbetracht der bekannten deutschen Pressekampagne, die glaubte, die diesbezüglichen Regierungserklärungen wegen der Haltung unserer Presse in Frage stellen zu können. Von dem Wunsche Deutschland s, mit den neutralen Staaten freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, wird man nur mit Zustimmung Kenntnis nehmen können.
Es wäre wohl am Platze gewesen, wenn die «Neue Zürcher Zeitung» in ihren schwarzseherischen Kommentaren auch diese Stellen der Rede, die unser Land direkt betreffen, wenigstens erwähnt hätte5.
Aber auch die Ausführungen des Reichskanzlers zur allgemeinen Lage dürften meines Erachtens eine zuversichtliche Beurteilung gestatten. Hitler hat frühere Äusserungen wiederholt, wenn er sagte, dass er wegen des Kolonieanspruches allein keinen Krieg führen werde. Der Grund für diese Abstinenz liegt wohl in der Erkenntnis, dass ohne eine übermächtige Flotte die Kolonien den Westmächten nicht weggenommen werden können. Deutschland kann aber bei seiner auch vom Reichskanzler als schwierig geschilderten Wirtschaftslage nicht mit England einen Rüstungswettlauf beginnen.
Wenn aber Deutschland nicht beabsichtigt, für die Rückgewinnung seiner eigenen Kolonien einen Krieg zu führen, so dürfte es auch wenig wahrscheinlich sein, dass es für die entsprechenden Aspirationen Italiens das Schwert zieht. Diese Überlegung findet in der Rede Hitlers ihre Bestätigung. Hitler hat nur die Waffenhilfe dem Achsenpartner versprochen für den Fall, dass ein Krieg gegen Italien «vom Zaune gebrochen wird». In diplomatischen Kreisen hatte man etwas Mühe, diese Ausdrucksweise ins französische oder englische zu übersetzen und die Bedeutung zu erkennen. Soviel ich bis jetzt hörte, sind meine Kollegen der Ansicht, dass Hitler die Waffenhilfe nur für einen unprovozierten Angriff gegen das faschistische Italien zur Verfügung gestellt hat, nicht aber für die Durchsetzung der italienischen Aspirationen im Mittelmeer. Diese wird er gemeinsam mit Italien «vertreten». Der Satz «Ich aber glaube an einem langen Frieden» wird daher so beurteilt, wie er lautet und nicht nur als eine Äusserung, die bezweckt, die Verantwortung für einen allfälligen Krieg dem Gegner zuzuschieben. Mein holländischer Kollege, der gestern mit Herrn von Neurath und Herrn von Weizsäcker gesprochen hat, erfuhr von dieser Seite ebenfalls, dass Deutschland nicht beabsichtigt, mit Kriegsdrohungen die italienischen Aspirationen zu unterstützen; Italien wisse dies und werde seine Forderungen, wenn es mit Frankreich ins Gespräch gekommen sei, nicht überspannen. Mein Kollege ist daher auch der Meinung, dass die Rede Hitlers die Kriegsgefahr für dieses Jahr gebannt hat; später aber werde die englische Aufrüstung eine weitere Sicherung des Weltfriedens bringen.
P.S. Zuzugeben ist allerdings, dass die Ausdrucks weise Hitlers in bezug auf die Unterstützung der italienischen Aspirationen nicht derart klar und bestimmt ist, dass jeder Zweifel an der obigen Auslegung ausgeschlossen erscheint. Das kann aber nicht verwundern, denn Hitler konnte im jetzigen Zeitpunkt nicht durch einen Ausschluss jeder Waffenhilfe die diplomatische Stellung Italiens schwächen. Ich bitte auch, die von mir erwähnten Äusserungen Neuraths und von Weizsäckers als streng konfidentiellzu behandeln; denn es ist sehr wahrscheinlich, dass andere Stellen des nationalsozialistischen Deutschlands der Ansicht sind, man müsse jetzt im Interesse Italiens nicht beruhigen. Namentlich muss vermieden werden, dass Italien von jenen Äusserungen erfährt.
- 1
- Rapport politique: E 2300 Berlin/40.↩
- 2
- Le texte du discours d’Hitler du 30 janvier 1939 au Reichstag est paru sous la forme d’une brochure que Motta transmet à la Division des Affaires étrangères le 24 février 1939. (Cf. E 2001 (D) 3/304).↩