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| Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)

Viertes Buch
XLII. Kapitel: Wo die Hölle ist
Gregorius. Darüber wage ich nicht leichthin zu entscheiden. Einige glaubten, die Hölle sei in irgendeiner Gegend der Erde, andere aber halten dafür, sie [S. 250] sei unter der Erde. Aber dies drängt sich doch dem Geiste auf: Wenn wir sie deshalb Unterwelt1 nennen, weil sie unten liegt, dann muß sie sich in ähnlicher Beziehung zur Erde befinden, wie die Erde zum Himmel. Deshalb vielleicht sagt der Psalmist: „Du hast erlöst meine Seele aus der unteren Hölle”,2 um anzudeuten, daß die obere Hölle auf der Erde, die untere aber unter der Erde liegt. Mit dieser Annahme stimmt das Wort des heiligen Johannes überein, als er das Buch mit den sieben Siegeln sah und niemand würdig war, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde. „Und ich weinte sehr”, fügte er bei.3 Später aber sagt er, daß das Buch von dem Löwen aus dem Stamme Juda geöffnet werde. Was anderes ist unter diesem Buche zu verstehen als die Heilige Schrift? Unser Erlöser allein hat sie geöffnet, da er durch seine Menschwerdung, durch seinen Tod, durch seine Auferstehung und Himmelfahrt alle Geheimnisse offenbar gemacht hat, die in ihr verschlossen waren. Und niemand im Himmel, also auch kein Engel, niemand auf Erden, also auch kein im Leibe lebender Mensch, und niemand unter der Erde wurde für würdig befunden, weil auch nicht die des Leibes entkleideten Seelen die Geheimnisse der Heiligen Schrift eröffnen konnten, sondern nur der Herr. Da es also heißt, daß niemand unter der Erde für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen, so sehe ich keinen Grund, warum man die Hölle nicht unter die Erde verlegen soll.
Petrus. Ich bitte dich, muß man nur ein Höllenfeuer annehmen? Oder muß man vielmehr annehmen, daß ebensoviele Feuer bereitet sind, als es verschiedene Sünden gibt? [S. 251]
1: Das lateinische Wort für Hölle (infernus) bedeutet nach seiner Ableitung: Unterwelt.
2: Ps 85,13
3: Offb 5,4