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Mit der Ratifizierung des African Continental Free Trade Agreements (AfCFTA) durch Gambia am 2. April dieses Jahres wurde die festgelegte Schwelle von 22 Ratifizierungen erreicht, um das Abkommen für alle Länder in Kraft zu setzen. Mit 52 teilnehmenden Ländern der Afrikanischen Union handelt es ich dabei hinsichtlich der Zahl beteiligter Staaten um die grösste Freihandelszone der Welt. Das Abkommen umfasst einen Markt von über einer Milliarde Personen, ein Wirtschaftsprodukt von über 2 Billionen US-Dollar sowie ein enormes Wachstumspotenzial. Einzig drei Länder – Eritrea, Benin und Nigeria – unterstützen das Abkommen bisher nicht. Dem Fernbleiben Nigerias, der grössten Volkswirtschaft des afrikanischen Kontinents, wird dabei besondere Bedeutung zugemessen.
Erste Phase mit Fokus auf Waren- und Dienstleistungsverkehrs
Das gegenwärtige Abkommen hat in einer ersten Phase zum Ziel, die Zölle auf 90% der Güter zu eliminieren. Zudem soll der Dienstleistungsverkehr liberalisiert sowie Regeln und Prozesse zur Streitschlichtung implementiert werden. In weiteren Phasen ist geplant, auch Themen wie Investitionen, geistiges Eigentum und Wettbewerbspolitik anzugehen. Zudem ist der Personenverkehr ein brennendes Thema. So mutet es ironisch an, dass es einfacher sein soll, nach Europa einzureisen, als sich innerhalb Afrikas über die Landesgrenzen hinwegbewegen zu können. Auch Telefongebühren sind zwischen benachbarten afrikanischen Staaten oft höher als ein Anruf nach Übersee, und man fliegt lieber über Paris, um sich zwischen zwei afrikanischen Städten zu bewegen, als mittels Direktflug. Entsprechend gering ist die wirtschaftliche Verflechtung der Länder. Der Anteil intraafrikanischer Exporte an den Gesamtexporten liegt heute bei lediglich 18% (vgl. «Wann beginnt der Löwe zu brüllen»).
Wohlfahrtsgewinne durch gestärkten intrakontinentalen Handel
Gemäss Schätzungen könnte sich der intraafrikanische Handel bei einem vollständigen Zollabbau um 33% erhöhen. Die Wohlfahrtsgewinne des Abkommens werden auf 16,1 Mrd. US-Dollar geschätzt, davon fallen 3,6 Mrd. US-Dollar direkt der durch den Zollabbau angekurbelten Produktion und den tieferen Preisen zu. Die Öffnung der Märkte ermöglicht den verschiedenen Branchen und Unternehmen eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit, eine stärkere Spezialisierung und die Nutzung von Skaleneffekten. Dadurch können Firmen in Afrika ihre Effizienz steigern und ihre Integration in die globalen Wertschöpfungsketten stärken. Das Freihandelsabkommen ist somit eine vielversprechende Möglichkeit für den Kontinent. Mit dem Abkommen alleine ist die Arbeit aber noch nicht getan. Wichtig ist zum Beispiel, in die lokale Infrastruktur wie Häfen, Strassen oder Flughäfen zu investieren.
Neue Exportmärkte für Schweizer Firmen
Die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich durch das Freihandelsabkommen ergeben könnten, stellen nicht nur für afrikanische Staaten eine enorme Chance dar, sondern bieten auch Schweizer Firmen zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten. Die Verschiebung hin zu Produkten mit einem höheren Verarbeitungsgrad und somit einer höheren Wertschöpfung bedeutet unter anderem neue Absatzmärkte und Exportpotenzial für die Schweiz. Denn die Produktion von Gütern mit höherem Verarbeitungsgrad erfordert die Nutzung entsprechender Maschinen und Infrastrukturen. Heute exportiert die Schweiz Maschinen im Wert von rund 680 Mio. Fr. und Fahrzeuge im Wert von rund 110 Mio. Fr. nach Afrika, was jeweils rund 2% der Gesamtexporte der jeweiligen Warenart entspricht. Viele der afrikanischen Staaten importieren aufgrund ihres beschränkten Bedarfs noch sehr wenig Maschinerie- oder Transportprodukte. Das künftige Wachstumspotenzial ist jedoch erheblich, sofern sich der Transformationsprozess fortsetzt und die offenen Grenzen den interkontinentalen Handel beleben. Für die Schweizer Maschinen- und die Transportindustrie besteht somit noch viel Potenzial in Afrika (vgl. Abbildung).
Aufbau von Produktionskapazitäten
Heute werden in Afrika mehrheitlich nicht oder nur gering verarbeitete Produkte hergestellt. Der mit der Freihandelszone potenziell resultierende, höhere Verarbeitungsgrad erhöht auch die Attraktivität zum Aufbau von Produktionskapazitäten in afrikanischen Ländern für Schweizer Firmen. Der Aufbau und der Vertrieb der regionalen Produkte in regionalen Märkten stellen enorme Geschäftsmöglichkeiten dar. Während heute das lokale Angebot die Nachfrage nicht zu decken vermag, kann der damit entstehende Know-how-Transfer und der Einsatz effizienter Anbaumethoden regionale Märkte entstehen lassen und der reinen Subsistenzwirtschaft ein Ende setzen. Gerade für die Lebensmittelindustrie bestehen vor dem Hintergrund der wachsenden Bevölkerung enorme Chancen. Afrika importiert derzeit noch Lebensmittel im Wert von 35 Mrd. US-Dollarpro Jahr, und der Bedarf wird in den kommenden Jahren stark ansteigen.
Für die Entstehung regionaler Märkte sind Infrastrukturinvestitionen eine zentrale Voraussetzung, um die effiziente Verteilung der Produkte zu gewährleisten. Der Bestand an Direktinvestitionen der Schweiz in Afrika betrug 2017 rund 11 Mrd. Fr. Dies sind gerade 0,9% der weltweiten Direktinvestitionen der Schweiz im Ausland (vgl. Abbildung). Verglichen mit dem langfristigen Potenzial dieses aufstrebenden Kontinents und den zahlreichen Geschäftsmöglichkeiten ist dieser Anteil unterproportional klein.
Herausforderungen überwinden
Natürlich ist der Ausbau der Geschäftstätigkeiten auf dem afrikanischen Kontinent einfacher gepredigt als getan. Schwierigkeiten bereitet neben bürokratischen Hürden und politischen Unwägbarkeiten unter anderem, die Eigenheiten und kulturellen Unterschiede der 55 verschiedenen afrikanischen Länder zu verstehen. Dies erfordert für investitionswillige Unternehmen die Erarbeitung von länderspezifischen Geschäftsstrategien – eine homogenen Afrikastrategie ist nicht zielführend. Das Erschliessen solcher neuen Märkte ist für die kleine, offene Volkswirtschaft Schweiz jedoch von zentraler Bedeutung für die Fortschreibung ihrer Erfolgsgeschichte.