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Die Freude an chemischen Vorgängen bei Mädchen und Knaben wecken. Dieses Ziel verfolgt die Schweiz im internationalen Jahr der Chemie. Ein Nobelpreisträger, ein Staatssekretär und eine Wissenschaftlerin sprechen über ihre Liebe zur Chemie.
"Es sind die Überraschungen", sagt Richard Ernst, der den Nobelpreis für Chemie 1991 für seine Beiträge zur Entwicklung der hochauflösenden magnetischen Kernresonanz-Spektroskopie (NMR) erhielt.
"Überraschungen zu erleben war der Anfang. In unserem Estrich entdeckte ich eine Schachtel voller chemischer Stoffe, die einem Onkel von mir gehörte, er starb 1922." Hatte er einen Chemieunfall? "Nein, es waren Chemikalien zur Entwicklung von Fotos. Ich begann mit ihnen zu spielen und war sehr fasziniert von dem, was passierte."
Ernst, dessen Forschungen die Grundlage für die Magnetresonanz-Technik (MRI) und andere Anwendungen legte, sagt, er habe etwas gemacht, was er nicht verstanden habe. Es habe ihn gereizt, den Grund dafür zu finden. Es stachelte sein Interesse an der Chemie an.
"Ich wollte verstehen, warum dies passierte in unserem Keller und warum ich es überlebte und warum unser Haus dies überstand."
Der muntere 77-Jährige ist der Meinung, dass die eigene Erfahrung der beste Weg sei, um junge Menschen für Chemie zu begeistern.
"Lasst sie Experimente machen! Manche Leute sagen, Chemie sei zu gefährlich, aber das stimmt nicht. Es gibt einige Regeln, die man beachten muss, aber man kann trotzdem viele Experimente machen. Die Freude am Entdecken erlebt man in der Chemie sehr oft."
Erhält die Wissenschaft in der Schweiz genug Unterstützung? "Ich denke, dass hier diesbezüglich ein sehr positives Klima herrscht, in der Öffentlichkeit und in der Politik auch", sagte er.
"Die Verbindung zwischen der Forschung und der Industrie ist in der Schweiz sehr eng. Die Schweiz profitiert von den Investitionen in die Forschung. Das ist so offensichtlich, dass es sogar Politiker begreifen."
Abwanderung der Besten
Ein Befürworter der Forschung ist der Staatssekretär für Erziehung und Bildung, Mauro Dell' Ambrogio, der 200 Gäste einlud. Er habe diese Verbindungen geschaffen, um die Abwanderung gutausgebildeter Leute zu vermeiden, sagt er gegenüber swissinfo.ch.
"Die Verbindung zwischen der Industrie und der akademischen Forschung ist ein Schlüssel, nicht nur, um Leute anzuziehen, sondern auch, um sie zu behalten. Bis jetzt sind die Besten jeweils in die ganze Welt abgewandert."
Das, meint er, sei eines der Geheimnisse der Schweizerischen Erfolgsmodells. Die Schweiz hat bis jetzt 24 Nobelpreisträger, sechs davon für Leistungen in der Chemie. Das ist ein Weltrekord.
"Ich glaube nicht, dass die Schweizerinnen und Schweizer intelligenter sind als der Durchschnitt. Aber die Schweiz war immer offen für talentierte Ausländer", sagte Dell'Ambrogio.
"Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) gegründet wurde, waren 16 von 18 Professoren ausländischer Herkunft. Heute haben 40% der Professoren an Schweizer Unis keinen Schweizer Pass. Ich denke, das ist mehr oder weniger einzigartig."
Dieser Weltklasse-Level aber sei gefährdet, es herrsche ein Mangel an Lehrern für Naturwissenschaften und es sei schwierig, Mädchen davon zu überzeugen, Naturwissenschaften zu studieren. Einer seiner Vorschläge, wie dieses Problem angegangen werden könnte, ist, dass Lehrer für Naturwissenschaften besser bezahlt werden sollten als beispielsweise Lehrpersonen für Sprachen.
"Darüber muss man diskutieren. Wenn man einen Mangel an qualifiziertem Personal hat, reagiert der Arbeitsmarkt so, dass man diese Leute besser bezahlt. Ich frage mich, warum dieses Prinzip in den öffentlichen Verwaltungen nicht akzeptiert wird."
Weibliche Minderheit
Helma Wennemers, eine Chemieprofessorin aus Basel, ist von der Idee begeistert, die Welt der Chemie den Kindern näherzubringen. Sie ist eine Ausnahme von der Regel, dass nur wenige Frauen die höchsten wissenschaftlichen Stellen erreichen.
"Um ehrlich zu sein, es waren nicht meine Lehrer in der Schule, die mich für Chemie begeisterten", erzählt sie swissinfo. ch. Ich habe Lebensmittelchemie studiert, weil ich etwas dafür tun wollte, um den Wert der Lebensmittel zu erhöhen. Zum Glück beinhaltete dieser Studiengang Chemie als Hauptfach."
Die 41-Jährige bestätigt, dass Chemikerinnen immer noch stark in der Minderheit sind. Obwohl bei Studienbeginn eine von drei Studierenden weiblich sei, würden Frauen immer rarer, je höher man in der Industrie und in der Wissenschaft aufsteige.
"Vielleicht braucht es bessere Möglichkeiten, mehr Ideen, wie man Kinderbetreuung und Arbeitsleben vereinbaren kann", sagt sie.
"Und Ich habe den Eindruck, dass – wenn ich die Projekte anschaue, die wir mit kleineren Kindern durchführen – den Kindern immer noch vermittelt wird, dass Naturwissenschaften für Knaben seien und Sprachen für Mädchen. Das wollen wir mit den Veranstaltungen, die wir dieses Jahr durchführen, zu ändern versuchen. Wir möchten gerne, dass sich auch Mädchen für Chemie interessieren."
Internationales Jahr der Chemie
Das Internationale Jahr der Chemie (IYC) wird weltweit gefeiert. Es zeigt die Errungenschaften chemischer Forschung und ihren Beitrag zum Wohlergehen der Menschen.
Es wurde von der Unesco organisiert und der Vereinigung "International Union of Pure and Applied Chemistry".
Im Rahmen des Mottos "Chemie, unser Leben und unsere Zukunft" sollen diverse interaktive, unterhaltende und pädagogische Aktivitäten für alle Altersgruppen durchgeführt werden.
Das Jahr der Chemie soll Möglichkeiten zum Mitmachen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene bieten, rund um die Welt.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Eveline Kobler), swissinfo.ch