Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03175.jsonl.gz/1969

Stuttgart 3. Merz 1861.
Hochgeachteter Herr!
Vor einigen Tagen las ich in einer deutschen Zeitung, daß von französischer Seite Anstrengungen gemacht würden, um einer italienisch-schweizerischen Eisenbahn-Verbindung über den St. Gotthard, als Gegensatz zum Luckmanier, Anhänger zu verschaffen. Ich fand mich dadurch angeregt, jene Gotthard-Ver bindung auch einmal etwas näher zu betrachten, nicht sowohl um eine Vergleichung darüber anzustellen, welchem von den beiden Päßen der Vorrang gebühre, als vielmehr um zu sehen, ob es nicht möglich wäre, beide Linien nebst den an jeder derselben sich knüpfenden Intereßen mit einander zu verschmelzen.
Der Luckmanier ist der inneren Schweiz eben so nahe als der St. Gotthard, der Weg dahin ist derselben jedoch durch den, vom Tödi bis zur Oberalp sich verlaufenden Gebirgszug ver sperrt, und da die Luckmanier Bahn, dem Rheinthal folgend, erst an der östlichen Grenze der Schweiz mit andern schweize rischen Bahnen in Verbindung kommt, so könnte nicht wohl behauptet werden, daß durch dieselbe den Intereßen der Schweiz in befriedigendem Maaße Genüge geleistet werde.
Denkt man sich aber gleichwohl die Möglichkeit, daß die Luckmanier-Verbindung, als die leichteste und wohlfeilste, vor der St. Gotthard-Linie den Vorzug erhalten und zu Stande kommen könne, so ist es kaum möglich, sich dem Gedanken zu verschließen, daß als dann auch, früher oder später, trotz aller Mehrkosten an Zeit und Geld, eine mehr centrale | Verbindung der Schweiz mit Italien zu Stande kommen müße. – Wäre die letztere zuerst erstellt, so könnte auf die erstere villeicht verzichtet werden, nicht wohl aber umgekehrt. Man kann sich also die Luckmanier-Verbindung kaum anders, als in Gesellschaft einer erdrückenden Concurrenz-Verbindung denken, und ich habe nun den Versuch gemacht, auf der Dufour'schen Karte1 eine Linie auszumitteln, welche, unter der Voraussetzung, daß das Cristallina -Projekt2 der sogenannten Luckmanier Bahn zur Ausführung käme, den Intereßen, welche sich an eine centrale schweizerisch-italienische Eisenbahn-Verbindung knüpfen, gerecht werden möchte, ohne die Luckmanier Verbindung auszuschließen, ja vielmehr dieselbe aufs kräftigste zu stützen im Stande wäre.
Anstatt, vom Vierwaldstätter-See herkommend, über den St. Gotthard zu gehen, und, nach dem bisherigen Projekt, in Biasca an die Luckmanier-Linie anzuschließen, wendet sich meine Linie über den Kreuzli-Paß und schließt schon dießeits des Cristallina -Tunnels, bei Montpe-Medels an das Cristallina -Projekt an. Montpe-Medels würde also den Knotenpunkt bilden, von welchem aus sich eine Bahn rechts nach Chur und eine andere links nach Altdorf abzuzweigen hätte, während die Linie von Locarno bis Montpe-Medels beiden Richtungen gemein schaftlich dienen würde. Hiebei stellen sich folgende Ver hältniße heraus:
1, Das am östlichen Fuße der Oberalp im Vorderrheinthal gelegene Kirchdorf Sedrun kann vom Vierwaldstätter See aus mit einem Steigungsmaximum von 30‰ erreicht werden; von Sedrun bis Montpe-Medels würde die Bahn ein wenig fallen. |
2, Der Tunnel unter dem Kreuzli-Paß würde ungefehr 8 Kilo meter lang, und also namhaft kürzer und wohlfeiler als der Tunnel unter dem St. Gotthard.
3, Die längste bei dem Tunnel unter dem Kreuzli-Paß zwischen den Schächten vorkommende Abtheilung würde höchstens 5 Kilometer betragen, die Dauer der Bauzeit für den ganzen Tunnel kann daher auf 8 bis 9 Jahre, das heißt auf nur etwa die Hälfte der Bauzeit, welche der Tunnel unter dem St. Gotthard erfordert, angeschlagen werden.
4, Die Linie über den St. Gotthard wäre nur etwa um 5 Kilometer kürzer, als diejenige über den Kreuzli- u. Cristallina Paß.
5, Die an der Gotthard-Straße liegenden Ortschaften3 würden durch die Erstellung der letzteren Linie zwar sehr viel ver lieren, dieser Nachtheil dürfte jedoch wenig schwer ins Gewicht fallen gegenüber dem Vortheil einer direkten Schienen-Ver bindung zwischen den Cantonen Uri und Graubünden, nament lich wenn man dabei die militärischen Intereßen der Schweiz mit in Betracht zieht.
Die Größe des Maaßstabs der Dufour'schen Karte, bei welcher zudem das Blatt, das den nördlichen Abfall des Gotthard- Paßes enthält, noch fehlt4 , ist nicht hinreichend, um ein detaillirteres Bild von den Bau-Verhältnißen der Bahn zu construiren; die vorstehenden Daten dürften jedoch zur Beurtheilung der Sache im Großen und Ganzen ausreichen.
Bei dem lebhaften Intereße, welches die Schweizerische Nordostbahn an der Frage der Alpen-Übergänge nimmt, | glaubte ich nicht unterlaßen zu sollen, Ihnen von dem obigen Befunde meiner Untersuchung Mittheilung zu machen, indem der selbe Ihnen bei stattfindenden Verhandlungen villeicht dienlich sein kann. Ich bitte Sie, Herr Präsident, dieselbe lediglich als ein Zeichen meiner fortdauernden Anhänglichkeit an die Sache der Nordostbahn aufnehmen, und dabei zugleich die er neuerte Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung und Ergebenheit genehmigen zu wollen.
A Beckh.