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Diese Rezension ist Teil der Reihe „Bürgerliche Wissenschaft und ihre Fehler“. In den Universitäten wird Wissenschaft betrieben, die sich in ihren sozial– und geisteswissenschaftlichen Abteilungen für die offene Gesellschaft und gegen ihre Feinde ausspricht. In dieser kurzen Reihe werden ausgesuchte Veröffentlichungen dieser Wissenschaften rezensiert und sich die Zeit für einen genaueren Blick auf diese Ergebnisse dieser Wissenschaften genommen.
In der Frage ist schon das Rezept des Historikers angelegt: Sofort den Gegenstand wechseln und nicht mehr das dritte Reich thematisieren, sondern seine historischen Bedingungen: Da findet sich dann so unterschiedliches Zusammen wie die „Erfahrung des Verlusts der herkömmlichen Lebensumstände“ in den 25 Jahren vor dem ersten Weltkrieg durch „den Aufstieg der Arbeiterbewegung, auf die Veränderungen bei den Geschlechterrollen und dem Verhältnis der Generationen zueinander“ (12) aber auch der „Bezug auf die Nation“ der diesem Verlust schon damals entgegengewirkt haben soll und der „wirkte so wie ein Antidot gegen viele Beschwernisse und Beängstigungen, gegen das Leiden an sozialer Zerrissenheit und Resignation vor der Kompliziertheit der modernen Welt. Zugleich vermittele er aber auch die neue Erfahrung des Rausches einer Massenveranstaltung oder die neue erwachte Lust an der wachsenden Macht eines grossen Nationalstaates“ (13).
Was weiss der Leser nun eigentlich über die Nationalsozialisten, wenn er erfährt, dass 45 Jahre zuvor sich die Lebensumstände im Kaiserreich verändert haben? Nichts. Das der Nationalismus auf diese „Erfahrung des Verlusts“ eine Antwort gewesen sei, ist für sich ebenfalls keine Erklärung des Nationalismus, sondern vielmehr eine Behauptung, die selbst wieder erklärt werden müsste. Durch diese Sorte „Erklärung“ erfährt der Leser weder etwas über das eigentliche Thema des Buches, noch über die Epoche zuvor, die als Erklärung herangezogen wird: Was war eigentlich dieser „Aufstieg der Arbeiterbewegung“ und warum folgte (oder bewirkte?) er den Verlust der herkömmlichen Lebensumstände?
Hier handelt es sich aber keinesfalls um eine Ausnahme in der Geschichtswissenschaft, sondern vielmehr um ihr methodisches Gebot: Aus der zeitlichen Abfolge verschiedener Ereignisse wird ein innerer Zusammenhang konstruiert der dann mit der Tautologie „bewiesen“ wird, dass es ja immerhin genau so und nicht anders kam, und es bekanntlich ja ohne Vorher kein Nachher gibt! Das was also zu erklären wäre - Der Faschismus und sein Erfolg – wird selbst zum Beweis der Erklärung, in dem es ja historische Gründe für ihn geben muss, sonst hätte er ja nicht gewinnen können...
Eines Unterscheidet dann aber doch noch das bürgerliche Geschichtsbuch von den Handbüchern der Soziologie: Während das Studium der Letztgenannten sich darin erschöpft, falsche Theorien über die Welt zu lernen ohne das diese Welt noch nennenswert darin vorkäme, kann man bei ersterem die falschen Erklärungen links liegen lassen und sich so zumindest sein Faktenwissen über den behandelten Gegenstand vergrössern. Dafür eignet sich dieser Band trotz seiner schmalen Grösse allemal. Wenn man allerdings etwas darüber lernen will, was Faschismus ist, sollte man zu dem Buch von Konrad Hecker über den Faschismus und seine demokratische Bewältigung greifen.
Ulrich Herbert: Das dritte Reich. Geschichte einer Diktatur. C.H.Beck Verlag, München 2016. 134 Seiten. ca. 12.00 SFr., ISBN: 978-3406697784