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Zweites Buch. Fortsetzung aus den Nachlass 1937-1942. Druckfahnenkapitel. Fortsetzung der Druckfahnenkapitel. Genfer Ersetzungsreihen / Zweite Ersetzungsreihe. Dritte Ersetzungsreihe. Nachwort des Herausgebers.
Band 4 des Mannes ohne Eigenschaften ist auch Band 4 der kritischen Gesamtausgabe, die aktuell von Walter Fanta im Verlag Jung und Jung herausgegeben wird. Er ist in dieser Ausgabe der erste von 3 Bänden, der Teile aus dem Nachlass Musils veröffentlicht. Der von Musil noch zu Lebzeiten veröffentlichte Teil ist mit Band 3 abgeschlossen. In Band 4 geht es um Musils Versuche, ihn doch noch beenden zu können.
Dafür, dass Musil den Mann ohne Eigenschaften nicht hat beenden können, gibt Fanta in seinem Nachwort drei Gründe an:
- Biografisch-Gesundheitliche: Musil hat sich nie mehr ganz von einem Schlaganfall erholt, den er 1936 erlitt.
- Geschichtliche: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland von 1933 zwang Musil, von Berlin zurück nach Wien zu kehren. Als sich Österreich 1938 ans Deutsche Reich anschloss, musste er auch aus Wien fliehen. Er ging nach Zürich und später in die Gegend von Genf. Schon 1933 hatte er mit seinem Berliner Verlag auch die Quelle eines grossen Teils seines Einkommens verloren, als nach 1938 der Bermann Fischer Verlag von Wien nach Schweden ins Exil ging, war es mit einer verlagsseitigen finanziellen Unterstützung endgültig zu Ende. Die privaten Mäzene, die Musil noch hatte, reichten kaum aus, ihn und seine Frau am Leben zu erhalten.
- Dem Roman inhärente: Vor allem in Folge der historischen Veränderungen zweifelte Musil mehr und mehr am Sinn der ursprünglichen Konzeption und suchte nach einer neuen.
Band 4 bringt als erstes die Teile der Fortsetzung, die zwar noch gedruckt, aber nicht mehr ausgeliefert wurden. Das lag nicht nur an den historischen Aussenbedingungen. Nach Erhalt der Druckfahnen begann Musil einmal mehr mit weitreichenden Korrekturen, die diese Fahnen weitestgehend entwerteten. Man merkt dieser Fortsetzung die Verengung an, die in Musils Intention den Roman nunmehr charakterisieren sollte. Kein breites Gesellschaftsbild des alten Kakanien mehr; das Exemplarische, das Musil im alten Österreich-Ungarn gesehen hatte, empfand er offenbar angesichts der politischen Entwicklung nicht mehr als zutreffend. Statt dessen eine Konzentration auf das Geschwisterpaar. Und auch da praktisch keine Handlung mehr, sondern nur Gespräche. Die Themen: die Liebe und eine Art Theorie der Gefühle. Es sind im weitesten Sinn erkenntnis- und sprachtheoretische Erörterungen der beiden, bzw. Monologe und Tagebuchauszüge Ulrichs. Den erkenntnistheoretischen Erörterungen stand offenbar Mach Pate, den sprachtheoretischen de Saussure. (Insofern blieb Musil durchaus in der Zeit der Handlung.) Kaum, dass der General Stumm von Bordwehr noch in die Idylle der beiden platzen darf.
Doch selbst diese Form der Fortsetzung empfand Musil offenbar als ungenügend. So finden sich aus seiner Genfer Zeit noch zwei Ersetzungsreihen genannte Fragmente, in denen Musil die bereits gedruckten Teile noch einmal grundlegend überarbeitete. Das Resultat: Noch weniger Handlung, noch weniger Gespräche, noch weniger General Stumm, noch mehr Monologe Ulrichs. (Eigentlich waren es drei Ersetzungsreihen, aber die erste erschöpft sich offenbar in nur marginalen Änderungen und wurde von Walter Fanta hier weggelassen.)
Es war vielleicht für den Roman ganz gut, dass Musil nicht mehr dazu gekommen ist, ihn zu vollenden. Denn, wenn er ihn so vollendet hätte, wie es die überlieferten Fragmente andeuten, hätte er ihn völlig zerstört. Das Lebensvoll-Pralle der Konzeption vor allem von Buch 1 ist ja schon im noch veröffentlichten Teil des zweiten Buchs stark zurückgetreten. Die nochmalige Konzentration auf Ulrich und Agathe ist nicht mehr prall, sondern erinnert allenfalls noch an pflanzlich-vegetatives Leben. Und Ulrichs Ergüsse sind leider auch nicht so originell, dass sie – z.B. als Essay in einem Feuilleton – hätten gelesen werden müssen. Musil hat das wohl selber gespürt, weshalb die Weiterführung mehr und mehr ins Stocken geriet. Zurück zur ursprünglichen Konzeption wollte er nicht mehr; eine andere hat er nicht mehr gefunden.
Das Erstaunlichste an der Fortsetzung des Mannes ohne Eigenschaften ist nicht die Fortsetzung als solche. Das Erstaunlichste ist – trotz aller Schwierigkeiten, die der Autor zu bewältigen hatte – die Verbissenheit, mit der Musil ihn zu Ende führen wollte.