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Wer von Grabs herkommend in Gams einfährt, sieht gleich nach dem Überqueren der Simmi rechts unter der Landstrasse und unmittelbar hinter dem Kiesfang das Stück Wiesland, welches «in der Räppene» heisst. Der so benannte Ort südlich des Dorfes Gams liegt am oberen Rand der Talebene, unterhalb des Gewerbegebiets Wide und oberhalb der Bleichi, hinter dem Simmilauf und vor dem Mätteli. Eine Räppenen erscheint daneben auch in der Gemeinde Grabs, nämlich für ein gegen die Simmi abfallendes Streueried und Wald am hintersten Grabser Berg, oben im Simmitobel (auf 920-1000 m ü. M.), hinter Badweid und Cholschopf und unter dem Lettboden, von der Wildhauser Grenze nur noch durch das Bluetlosentobel getrennt.
Die beiden Fälle sind wohl miteinander zu betrachten. Auffällig ist dabei, dass die zwei gleich benannten Örtlichkeiten hinsichtlich ihrer Geländeformen denkbar verschieden sind. Daraus darf man wohl im voraus den Schluss ziehen, dass es jedenfalls nicht die Geländegestalt ist, auf welche sich die Bezeichnung ursprünglich bezieht. Eine dritte, zumindest ähnliche Benennung ist uns aus dem bündnerischen Rheinwald bekannt: nämlich Räppia in Hinterrhein, für einen Allmendabschnitt auf dem Schuttkegel des Räppierbaches. Wir haben also hier eine mutmassliche Namengruppe vor uns, die wir nun als Ganzes im Auge behalten wollen, zunächst im Hinblick auf ihr urkundliches Erscheinen und dann auch auf eine allfällige gemeinsame Erklärung. Und noch ein weiterer Name wird hier eine zentrale Rolle spielen: der Dorfname Grabs.
Der Gamser Name tritt verhältnismässig spät, nämlich erst 1763 als Räbbelen auf, im «Capitalbuch der Frühmesspfrund» (S. 27, im Archiv der Ortsgemeinde Gams), dann nochmals als Räpelen im Helvetischen Kataster von 1801 (Folio 55). Zum Fall Räppia (Hinterrhein) ist uns nur ein urkundlicher Beleg bekannt: 1552 an rebyen. Die Grabser Räppenen, der zum Simmibach abfallende Hang, ist etwas besser dokumentiert: erstmals erscheint der Name 1463 (im Grabser Urbar, S. 3 und 7) «an die Ræppinen», «an der R.», 1488 dann «in die Rapellen». Im 18. und 19. Jahrhundert treten dann Räpenen und Rappelen nacheinander auf; das einzig Bemerkenswerte ist hier, dass sich im Bereich der Endung -enen und -elen abwechseln.
Blick vom Grabser Berg auf den östlichen Dorfteil von Gams, dahinter der Schlosswald bei Salez. Rechts unten der Simmilauf mit dem Kiesfang, nordseitig daneben (mit dem blauen Kreuzchen markiert) liegt das Wiesland Räppene. Aufnahme vom 17. Januar 2024, 09:20 h. Bild: Werdenberger Namenbuch.
Wenn wir nun nach örtlichen Gemeinsamkeiten zwischen diesen drei Namen suchen, so am ehesten diese, dass alle drei Orte an einem Bergbach liegen. Vielleicht liegt darin das sie verbindende Element, das sich dann auch für die Deutung der Namengruppe heranziehen liesse.
Wie gewohnt wollen wir zunächst nachsehen, was die älteren Autoren zu dem Fall meinten. Es ist nicht viel. Andrea Schorta verzichtete 1964 im Rätischen Namenbuch Bd. 2, 804, auf eine Meinungsäusserung; er legte den Fall Räppia (Hinterrhein) ohne weitere Erwägungen in dem umfangreichen Kapitel unter der Rubrik «Fragliches, Varia» ab. Noch ältere Deutungsansätze liegen keine vor.
Das war die Situation, die sich mir um 1972 darbot, als ich im Rahmen meiner Dissertation an die Deutung der Grabser Flurnamen ging. Ich fand damals keine befriedigende Erklärung; der tastende Versuch mit romanisch grep m. ‘Fels’ in einer Verkleinerungsform *gréppel, wäre zwar formal nicht unmöglich, indes – namentlich mit Blick auf die Ortsverhältnisse bei Räppene in Gams – nun wirklich nicht plausibel. Auch die anderen von mir erwogenen Ansätze (über die wir hier leicht hinweggehen können) waren mehr formale Pflichtübungen, als dass ich selber sie für wahrscheinlich gehalten hätte. Es gibt bekanntlich in jedem Namenbuch einen gewissen Prozentsatz von Fällen, die sich nicht auf Anhieb lösen lassen und vorerst liegen bleiben – siehe oben Schortas Räppia …
Dann aber kommt es wieder vor, dass später – oft im Gefolge eines neu ins Blickfeld getretenen ähnlichen Falles – dasselbe zuvor liegengelassene Problem wieder aufgegriffen und neu bewertet wird. Und auf einmal zeigt sich ein Deutungsweg, an den vorher nicht gedacht worden war und der, einmal gefunden, auf Anhieb überzeugend wirken kann. So geht Forschung: jemand legt Grundlagen, andere bauen darauf weiter – Teamarbeit eben. Hier war es mein Doktorvater Gerold Hilty, der aufgrund der in meiner Dissertation geleisteten unfertigen Vorarbeiten einen wichtigen weiteren Schritt tat. Er war in meiner Arbeit auf die Grabser Räppenen aufmerksam geworden, und er verband diesen Fall nun mit seiner Neubewertung des Namens Grabs, eines überaus verwickelten Deutungsproblems, zu welchem ich in meiner Doktorarbeit ebenfalls ausführlich Stellung bezogen hatte.
Dort war es kein Geringerer als der grosse Zürcher Romanist Prof. Jakob Jud (1882-1952), an den ich mich kritisch wagen, ja, mit dem ich mich sozusagen anlegen musste (was für einen Dissertanten kein geringes Ansinnen war). Jud hatte unter anderem den monumentalen italienischen Sprachatlas AIS (Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz) mit herausgegeben, und was er zur Sprachgeschichte und Sprachgeografie der viersprachigen Schweiz vorgelegt hat, gehört bis heute zu den Fundamenten der Schweizer Romanistik. Nun war es so, dass Jakob Jud 1939 auch zum Namen Grabs eine berühmte, lange als wegweisend geltende, von keiner Seite her angezweifelte Abhandlung geschrieben hatte (Jakob Jud, Zur Herkunft des Ortsnamens Grabs, in: Mélanges Charles Bally, Genf 1939, S. 303ff.). Im gedanklichen Nachvollzug von Juds Postulaten (die ich hier allerdings nicht ausbreiten kann) gelang es mir nun zu beweisen, dass hier des Meisters Gedankenführung entscheidende Schwächen aufwies. Ich musste daher seine These, wonach Grabs auf lat. quadra abbatis ‘die Felder des Abtes’ zurückgehe, ablehnen. Dies lässt sich nachlesen in H. Stricker, Die romanischen Orts- und Flurnamen von Grabs, Zürich 1974, S. 102-108, wo meine Analyse mit dem Satz endete: «Wir kommen zum Schluss, dass Juds Etymologie […] nicht aufrecht erhalten werden kann; gleichzeitig sehen wir uns aber ausserstande, ihr einen eigenen, besseren Vorschlag gegenüberzustellen.» Ich selber habe mich in der Folge nicht weiter mit der Frage befasst, war doch für mich nach dem Abschluss der Doktorarbeit dieser Themenkreis einstweilen abgeschlossen – ich hatte mich fortan voll meinen beruflichen Aufgaben zuzuwenden.
Gerold Hilty indessen liessen die angeschnittenen Fragen nicht ruhen. Er pflichtete meinem «Rückbau» von Juds Argumenten zu Grabs allerdings bei, entwickelte nun aber in der Folge (1976) eine neue Deutung zum Namen Grabs. Diese war lautgeschichtlich überzeugender und auch sachlich einleuchtender als alle bisherigen Versuche, und sie brachte – darauf will ich hier hinaus – auch Licht in unser Namenproblem Räppene(n). Im Aufsatz Romanisch-germanische Symbiose im Raum Grabs (im 120. Neujahrsblatt, herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons St.Gallen, S. 30-43) lieferte Hilty dann 1980 nochmals eine gut lesbare Zusammenfassung seiner Thesen, in denen es nun wie gesagt neben Grabs auch um unser Räppene(n) geht, auf die ich hier verweisen darf.
Kurz gesagt handelt es sich um Folgendes: Im Namen Grabs, der um das Jahr 820 als Quaradaues, 841 als Quarauedes, 1235 als Grabdis bezeugt war, sah Hilty als Ursprungsform ein lat. caput rapidae (bzw. caput rapidas), das über altromanisch *cau ravede(s) zu *caravede(s) und über *Cravdes > Grabdis zu unserem Grabs führte – das ist formal unanfechtbar. Und was bedeutet das? Lat. caput heisst ‘Kopf, Haupt’, ‘Kopfteil’, auch ‘Anfang’. Lat. rapidus (rapida) heisst ‘reissend, wild’, ‘sich schnell bewegend’, und namentlich auf einen Bergbach bezogen ‘der reissend schnell Fliessende’. Die Zusammensetzung caput rapidas als Ortsname kann also heissen ‘[die Siedlung] beim Anfang des reissenden Baches’.
Grabs ist als Siedlung sehr alt. Die Grabser Pfarrei, deren Kirche unter dem seltenen Patrozinium des hl. Bartholomäus stand, ist nach dem Urteil der Kirchenhistoriker eine einheimische rätische Kirchengründung des 6. Jahrhunderts. Sie wird in der ganzen Region altersmässig nur noch übertroffen von der ersten Peterskirche von Schaan aus dem 5./6 Jahrhundert. Direkt bezeugt ist für Grabs die Existenz eines Dorfes, ja sogar schon einer christlichen Gemeinde, zur Zeit des heiligen Gallus anfangs des 7. Jahrhunderts: Gemäss der Lebensbeschreibung von Gallus verweilte der Glaubensbote auf seiner Flucht vor dem Herzog von Überlingen (und auf dem Weg nach Italien) während längerer Zeit als Gast des Grabser Diakons Johannes (der später dann Bischof von Konstanz wurde). Nachdem er sich in Grabs zur Rückkehr in das begonnene Missionswerk am Bodensee hatte bewegen lassen, ging er an die Steinach, wo er darauf seine Klause errichtete, und aus dieser erstand dann das Kloster St.Gallen.
Das tief eingeschnittene Simmitobel scheidet den Grabser Berg (links) vom Gamser Berg. Im Lauf der Jahrtausende hat die Simmi einen beträchtlichen Schuttfächer am Ausgang des Tobels gebildet. Die Häusergruppe unter der Bildmitte heisst zutreffend bi der Grenze - dort stossen die Gemeindeterritorien von Grabs und Gams zusammen. Rechts aussen der Kiesfang der Simmi, nördlich anschliessend das Wiesland namens Räppene. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Gams ist als Ortschaft jünger als Grabs: Die älteste Nennung von Gams aus dem Jahr 835 («in fundo Campesias», das heisst: ‘im Gut namens Campesias’) bezieht sich offensichtlich noch nicht auf ein Dorf, sondern erst auf ein Gut und Weidegebiet (denn in Campesias steckt altromanisch *camp bieschas ‘Schafweide’).
Warum hier diese Feststellung? Sie ist wichtig im Zusammenhang mit der Frage, welcher Bach gemeint sei, wenn Grabs als die «Siedlung beim Anfang des reissenden Baches» gedeutet wird. «Bergbach bei Grabs» – da denkt man doch in erster Linie an den Grabser Bach: Dieser mündet ja genau im Dorfbereich aus dem Tobel in die Talebene!
Gerold Hilty beschritt nun einen anderen Weg. Er folgerte weiter: Wenn der Ortsname Grabs wirklich auf caput rapida(s) zurückgeht, dann könnte mit dem besagten reissenden Bach auch die Simmi gemeint sein, also der Grenzbach im Tobel zwischen den Gemeindegebieten von Grabs und Gams, der von Wildhaus herunterkommt. Dann wäre Rapida der alte Name dieses Bergbaches. Als Bezeichnung von reissenden Flüssen, von Stromschnellen ist Rapida für die römische Schweiz durchaus belegt. In einer lateinischen Inschrift von 371 n. Chr. wird der «Kleine Laufen» (eine Stromschnelle im Hochrhein oberhalb von Koblenz AG) als Summa Rapida bezeichnet, und eine Stelle des dort schnell fliessenden Tessinflusses (zwischen Corduno und Carasso) hiess la rávia dal Tesin. Auch aus Osteuropa kennen wir Flüsse, die lat. rapida, rumänisch repede (‘schnell’) im Namen führen, wie etwa die Schnelle Kreisch, rumänisch Crişul Repede, ungarisch (gleichbedeutend) Sebes-Körös, die durch die Stadt Oradea (Grosswardein, Nagyvárad) im NW Rumäniens fliesst.
Wie lässt es sich nun begründen, dass mit dem besagten reissenden Bach die Simmi gemeint sein könnte – wo diese doch nicht direkt bei Grabs (wie der Grabser Bach), sondern erst am Nordrand des Grabser Bergs die Ebene erreicht? Hier muss man die Verhältnisse vor anderthalb Jahrtausenden bedenken: Weil damals Gams noch gar nicht existierte, war Grabs tatsächlich das zunächst bei der Simmi gelegene Dorf. Auch könnte man argumentieren, die Simmi sei (anders als der Grabser Bach) mehr als ein rein lokaler Bachlauf und hätte wohl stets einen weiter reichenden Bekanntheitsgrad gehabt: Immerhin führte ihrem Tobel entlang eine Wegverbindung vom Rheintal ins Thurtal (und weiter zum Zürichsee), die sicherlich als Transitroute uralt war, auch wenn umgekehrt das obere Toggenburg erst im Lauf des Mittelalters besiedelt worden ist. Jedenfalls kann man wohl schon die Ansicht vertreten, Grabs habe in der Frühzeit als das Dorf gegolten, in dessen Nähe der Bach namens Rapida die Ebene erreichte.
Ganz anders die örtlichen Verhältnisse im oberen Simmitobel. Blick vom Wildhauser Schönenboden auf die bewaldete, feucht-abschüssige Nordflanke des Grabser Bergs. Links der Bildmitte vertikal das unwirtliche Bluetlosentobel (Grenze zur Gemeinde Wildhaus). Die Grabser Räppenen liegt "irgendwo" weit unten am linken Bildrand. Was sie mit der Gamser Räppene verbindet, ist nebst dem Namen nur die Nähe zur Simmi. Bild: Werdenberger Namenbuch.
Nun noch zur lautlichen Weiterentwicklung von lat. rapida. Diese verlief regelmässig: Zunächst folgte eine frühromanische Form, die als *rabja anzunehmen ist (daneben ist freilich das -d- von rapida auch in 1235 in Grabdis noch vorhanden, was auf eine zweigleisige Entwicklung von Wort und Ortsname im zweisprachigen Raum hindeutet). Dieses *rabja wurde mit dem Sprachwechsel dann in deutschem Mund – ebenfalls normal – zu alemannisch *Räppe, das wohl auch damals noch ein Sachwort war und ‘reissender Bach’ oder ‘reissende Stelle im Bach’ bedeutete.
Damit kommen wir vom Fall Grabs nun auch wieder zu unserem Räppene(n)-Namentyp - zweimal unweit der Simmi - zurück. Es trat offenbar die Situation ein, dass der alte Bachname Rapida (*Räppe) durch die Bezeichnung Simmi ersetzt wurde. G. Hilty sieht dabei den Gamser und die Grabser Gebietsnamen Räppene(n) als die letzten in der Landschaft erhaltenen Überbleibsel des alten Bachnamens *Räppe. Sollte jemand an der Möglichkeit solcher Namensübertragungen vom Bach auf einzelne Abschnitte des umliegende Geländes zweifeln, dann genügt ein Hinweis auf den Röllbach (die Röll) in Sevelen und Buchs, dessen Name sekundär ebenfalls auf am Bach gelegene Gebiete überging: Röll heissen bekanntlich auch ein Gut am Seveler Hinderberg sowie eine Fläche Wieslandes zwischen Räfis und Buchs. Der Vorgang lässt sich also belegen: ganz gleich, wie es am Röllbach geschah, kann also auch entlang des Bachlaufs der Simmi alias *Räppe der Name Räppene(n) zweimal an Örtlichkeiten hängen geblieben sein.
Blick über den Simmi-Kiesfang auf das Wiesland namens Räppene. Dahinter die Häuser von Iskafols, und über diesen die Gamser Pfarrkirche. Die Aufnahme entstand am 31. Januar 2024, um 15:30 Uhr. Bild: Werdenberger Namenbuch.
Zwei Fragen bleiben nun noch zu erörtern:
1) Wie verhält sich der Gebietsname Räppene(n) formal zum Bachnamen *Räppe?
2) Wenn lat. Rapida bzw. altromanisch *Rabja bzw. alemannisch *Räppe der alte Bachname war – warum soll dieser dann durch die Bezeichnung Simmi ersetzt worden sein? Und wenn dies ja der Fall war – muss in Simmi dann ein junger, neu gebildeter Name gesehen werden? Oder kann Simmi selber ebenfalls alt sein? Man weiss ja, dass der Name Simmi lange als vorrömisch angenommen wurde; dann wäre er ja selber sehr alt (älter gar als lat. Rapida).
Zur ersten Frage: Wir erinnern uns an die eingangs gemachte Feststellung, dass 1463 der Name als Ræppinen, 1488 dann als Rapellen bezeugt war. Wir haben also gemäss diesen Formen einmal die mundartliche Endung -enen vor uns, und einmal -elen. Das eine ist die (einstige) Dativ-Mehrzahlendung -enen (die uns begegnet bei Wörtern wie Chälbli : Chälblenen), das andere die oft für Stellenbezeichnungen verwendete Endung -ele (so etwa auch im Mundartwort Hängele f. ‘frei hangendes Gestell im Keller zur Aufbewahrung von Brot usw.’, oder mundartl. Wäntele f. ‘Wanze’, ’flache Trinkflasche für Schnaps’). Welche von beiden hier wahrscheinlicher als die ursprüngliche zu betrachten sei, braucht hier nicht entschieden zu werden; denn nicht nur sind beide formal in Ordnung; auch bedeutungsmässig machen sie hier praktisch keinen Unterschied: das eine als Flexionsform «bei den Räppenen» (also: ‘bei den reissenden Stellen im Bach’), das andere als «Räppele» (verstanden als ‘Ort mit Stromschnellen’).
Zur zweiten Frage: Wie lässt sich der behauptete Ersatz des alten Namens *Rabja/Räppe durch Simmi erklären? Und ist Simmi (älter auch Sümmi gesprochen) wirklich, wie man allgemein annahm, ein vorrömischer Name? Dazu will ich an dieser Stelle nicht mehr weit ausholen. Die Frage ist bis heute umstritten. Es gibt mögliche Parallelfälle: Man denkt an die Simme im Berner Oberland: sie wurde als gallisch gedeutet. Andere erinnern an die Samina (die in Liechtenstein entspringt und unterhalb Frastanz in die Ill mündet): auch sie wurde als vorrömisch erklärt. Daneben wurde nun aber für Simmi auch deutsche Herkunft erwogen (Verwandtschaft mit dem alten Wort Seim ‘dickflüssiger Saft‘ («Honigseim»). Doch all diesen Herkunftsproblemen können wir hier nicht weiter nachgehen, da ihre Abhandlung erstens sehr fachspezifisch ist und zweitens auch kein verlässliches Ergebnis erbringt.
So liesse sich denn auf zwei Wegen argumentieren, dass der Ausdruck Simmi an die Stelle von *Räppe getreten sein könnte: Entweder weil Simmi als junger, germanisch-deutscher Name später aufgekommen wäre und als Neubildung den lateinischen Namen abgelöst hätte. Oder aber, für den Fall, dass Simmi als Name ebenfalls schon früh existiert hätte: dass dieser ursprünglich vielleicht dem Tobelgebiet als Ganzem gegolten hätte (im Sinn von 'feuchtes Gebiet, wo Wasser rinnt'), während Rapida sich nur auf den eigentlichen Bach bezogen hätte. Oder allenfalls auch, dass der Name Rapida eher dem Wildbach im Berggebiet eignete, während Simmi zunächst mehr im Talgebiet galt, also erst von der Gamser Räppene an bis hinunter zum damaligen wilden Rhein, auf der Höhe von Salez-Ruggell. Dann wäre (so Hilty) Simmi allenfalls gar verwandt mit dem Wortstamm, der in Sennwald, silva Sennia, steckt (?).
Doch damit befinden wir uns bereits wieder auf sehr unsicherem Gelände – wir wollen hier also innehalten. Der Fall bietet neben seinem inhaltlichen Interesse auch ein Paradebeispiel dafür, wie sich die sprachlichen Probleme und die Suche nach deren Lösung überkreuzen mit oft unerwarteten weiteren Fällen, mit denen sie verzahnt sind, so dass man kaum ein einzelnes Fallbeispiel behandeln kann, ohne sich auch mit vielen weiteren, oft scheinbar nicht zusammenhängenden Fragen befassen zu müssen. Und dann bewegt man sich eben oft genug auch wieder am Rande des Spekulativen. So erinnert Namenforschung, Sprachforschung nicht selten auch an Detektivarbeit.
Nachbemerkung:
Am 4. Februar 2024 können wir noch folgende Erläuterung hinzufügen:
Ein aufmerksamer Leser meiner Rubrik, Mathäus Lippuner, Grabs, alt Ortspräsident und alt Archivar, fragt mich zum Namen Räppene: «Kann es sein, dass dieser Name ursprünglich ein noch grösseres Gebiet umfasste?» Er hatte nämlich gehört, dass für die früheren Bewohner des heutigen Heimets «a dr Grenze» der Zuname «Räppeni» (Mehrzahl!) verwendet wurde. Und er fährt fort, sein ehemaliger Ratskollege Florian Vetsch, genannt «dr Grenze Fluri», wohnhaft eben im Weiler Grenze unweit südlich der Simmi, hätte ihm einmal berichtet, dass bis nach der Simmikorrektion (anfangs des 20. Jahrhunderts) dort kein Haus gestanden habe, da dies wegen der häufigen Überschwemmungen zu unsicher gewesen wäre. Erst sein Grossvater habe nach der Simmisanierung «in der Räppene» (!) Haus und Stall erstellen lassen, welche dann seither «a dr Grenze» genannt worden seien. - Das weckte in mir nun wieder die Erinnerung, dass meine Mutter (die mit der besagten Familie Vetsch verwandt war) oft von einem «Räppene Fluri» sprach (offenbar der, welcher nachmals dann «dr Grenze Fluri» genannt wurde). Mit der Nennung dieser Person bezog sie sich zweifellos auf ein Mitglied der ihr verwandten Familie, wohl auf den Erbauer des Hauses selber, allenfalls auf einen Sohn.
Damit steht tatsächlich fest, dass der Name Räppene sich hier ursprünglich auf ein weit grösseres Gebiet bezog, und zwar eine Zone beidseits des heutigen Simmilaufes: also auch südseitig des Baches (oberhalb von Rufers) die Zonen Wolfhag, Brägglisfeld und Grenze. Die Bezeichnung galt eben für die ganze Breite des Schuttfächers, wo die Simmi (oder älter *Räppe) früher ausbrechen konnte und deren Streugebiet offensichtlich kollektiv als «in den Räppenen» bezeichnet wurde.