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Das Wolkenkrematorium
von Cedric Weidmann
«Du musst es versuchen.»
«Aber warum?»
«Wir müssen ein wenig auf unser Geld achtgeben, mein Sohn, du weisst, dass die Dinge nicht gut stehen. Versuch es doch. Mir zuliebe.»
Er nickte und half seinem Vater, den verpackten Leichnam auf den hinteren Sitz des Doppeldeckers zu hieven.
«Aber es wäre doch leichter, wenn wir ihn hier verbrennen würden und die Asche oben ausstreuten. Sie wünschen doch nur, hinunterzuregnen, nicht in den Himmel zu kommen.» Er lächelte über den klugen Vergleich.
«Richtig, du musst weiterhin den Regen mit der Asche auslösen, so steht es im Testament. Aber wenn du die Kremation in der Luft vornimmst, ist alles ein Vielfaches leichter. Wir können dann die Miete hier sparen.»
«Gut.» Der Sohn starrte auf seine Hände, als wären sie ein Buch, in dem man lesen konnte. «Ich mache es.»
Der Vater lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. Eine Weile sah er ihn gerührt an. «Moment, du kannst Markus als Unterstützung mitnehmen», sagte er und erschien wenige Sekunden später mit dem Gürteltier. Er legte es vor ihm auf den Tisch.
«Wirklich?»
«Ja. Du bist alt genug.»
Der Sohn nahm das Gürteltier ehrfürchtig und legte es zum Leichnam auf den Hintersitz. Selber schwang er sich durch die Flügel des Doppeldeckers hindurch und schlüpfte ans Steuer. Der Motor heulte auf, der Propeller keuchte. Als er in die Lüfte stieg, warf er prüfende Blicke auf den hin und herschaukelnden Toten und das auf ihm sitzende Gürteltier. Markus quiekte.
Er steuerte auf eine Cumulus congestus zu, die sich noch am Horizont befand. Unter ihnen zogen farbige Felder und Äcker vorbei und auf den Strassen sah man Traktoren bummeln. Markus war nach vorne gekrochen, stieg auf seine Schulter und zeigte auf ein anmutiges Herrenhaus, in dessem Hintergarten ein Croquet-Spiel stattfand. Ganz in weiss gekleidete Damen verfolgten, wie Herren mit karierten Mützen Bälle durch Törchen bugsierten, und prosteten ihnen Mut zu. Auf der Galerie des Hauses funkelte das Blech der tanzenden Big Band.
«Wir müssen ihn verbrennen», rief er ihm zu.
Das Gürteltier sah zum Leichnam zurück. Der Greise schimmerte noch von der Balsamierung und nickte nachdenklich in den Turbulenzen.
«Warum?»
«Vater und Mutter können das Krematorium als Stripschuppen untervermieten.»
Markus kniff die Augen zusammen und klackerte mit seinem Panzer. «Also ist es für die Familie», sagte er stolz.
Der Sohn nickte. Er zog nun eine Schlaufe über einem aufblitzenden Fluss. Markus blies einen Luftballon mit Helium auf. Dann wuchtete er einen schweren Anker aus dem Flugzeug und warf ihn über die Heckflügel. Der Doppeldecker machte einen gefährlichen Schlenker, den der Sohn mit einem geschickten Manöver auszugleichen wusste. Es glitzerte, als der Anker in den Fluss fiel. Der Luftballon schwebte nun am Seil, unbewegt auf der Höhe der Wolken.
«Markus! Die Wolke, sie kommt näher.»
Tatsächlich war aus der Cumulus congestus innert kurzer Zeit eine sich Kilometer weit auftürmende Kumulonimbus geworden, deren Ausläufer nur noch wenige Meter vor ihnen schwebte. Sie drehten ihre Pirouetten enger.
«Markus, wie sieht’s aus? Die Zeit ist knapp.»
«Näher zum Ballon!» rief das Gürteltier.
Der Sohn steuerte den Doppeldecker in die Wolken. Die Fliegerbrille beschlug sofort. Der Leichnam schien euphorisch zu hüpfen. Das Gürteltier quiekte. Die Äcker und Herrenhäuser waren verschwunden. Alles um sie herum war weiss. Er machte einen schwungvollen Bogen und steuerte erneut auf den Ballon zu. «Los, Markus! Nimm die Fackel.»
Das Gürteltier hielt sich mit dem Schwanz an der Kante fest und rutschte über den roten Stahl des Hecks. In seinem Mund hatte es die brennende Fackel geklemmt, weshalb ihm das Sprechen schwer fiel. Es raunte dem Sohn etwas zu, worauf dieser die Füsse ans Steuer presste und sich vorsichtig nach hinten drückte. Er griff über den Kopf nach dem Leichnam und konnte ihn unter Aufwendung seiner ganzen Kraft aus dem Sitz hieven. Nun waren sie alle drei auf der Tragfläche des Flugzeugs. Der Wind biss ihnen in die Flanken, zweimal schlug ihnen die Stahlfläche leicht in den Rücken. Die Wolken begannen sich zu lichten, sie konnten vereinzelte Flecken Erde ausmachen.
«JETZT!», schrie das Gürteltier durch die Zähne gepresst. Der Ballon war wenige dutzend Meter vor ihnen aus dem Nebel aufgetaucht. Der Sohn musste das Steuer mit den Füssen loslassen, um sich umzudrehen: Er packte den Greis bei den Schultern und schüttelte ihn, als wollte er einen Betrunkenen zur Besinnung bringen, und warf den Toten mit einer Drehbewegung auf den linken Flügel. Das Flugzeug geriet nun sofort aus dem Gleichgewicht, aber mit einem untrüglichen Manöver sprang der Sohn zum Steuer und hielt den Doppeldecker für mehrere Sekunden in der Balance. Markus liess die Fackel los und schleuderte es mit einem Faustschlag in Richtung Ballon. Ein kleiner Zwick mit dem Steuerrad nach links liess den sich kaum mehr halten könnenden Leichnam endgültig über die Flügelkante gleiten. Die Fackel traf den Ballon. Neben ihnen ging alles in Flammen auf, das Seil zuckte wie lebendig, schwarzer Rauch stiess in die weisse Wolke vor, der Klang der Explosion blendete für lange Zeit das Geräusch der Rotoren und des Fahrtwindes aus.
Das Gürteltier hielt sich jubelnd am Hinterkopf des Sohnes fest, der seine angeschwärzte Fliegerbrille vom Kopf zog und selber jauchzte. Die Luft schien überladen und wie ein riesiges Gefängnis, in dem Atmen unmöglich geworden war. Dann, wie in einer grossen Entspannung, begann es leise auf den Stahl zu klopfen. Der Regen hatte eingesetzt.