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Bloss nicht heiraten!
Greta Gerwig macht aus dem Roman «Little Women» eine elektrisierende Liebeserklärung an Frauen, die um ihre Eigenständigkeit in der Gesellschaft kämpfen.
Es soll klingen wie eine Mischung aus David Bowie und Mozart.» Das sei die Anweisung von Regisseurin Greta Gerwig an ihn gewesen, sagte Alexandre Desplat in einem Interview. Er hat die Musik zu «Little Women» geschrieben. Eine Mischung aus Mozart und Bowie – etwa so wirkt auch der ganze Film. Das Drama ist in der Vergangenheit genauso zu Hause wie in der Gegenwart und wirkt so ruhelos, wie man sich die beiden Musikgenies vorstellt. Ruhelos, weil Gerwig elektrisierend schnell inszeniert. Die Schwestern aus Louisa May Alcotts Romanvorlage sind immer in Bewegung, sie fallen einander ständig ins Wort; sie reden miteinander, statt Dialoge fürs Publikum vorzutragen.
Ruhelos auch deswegen, weil Gerwig einen als Zuschauerin die Mischung aus kreativer Energie und latenter Wut spüren lässt, die in den Schwestern Meg (Emma Watson), Beth (Eliza Scanlen), Amy (Florence Pugh) und vor allem Jo (Saoirse Ronan) brodelt. Jo hasst die Vorstellung, dass das einzige Ziel im Leben einer Frau die Heirat sein soll. Sie wäre lieber ein Mann, so wie ihr bester Freund Laurie (Timothée Chalamet). Sie möchte unabhängig leben, um schreiben zu können. Das ist das Wichtigste für sie.
So eröffnet Gerwig ihren zweiten Spielfilm mit Jo, wie sie ungeduldig im Büro eines Verlegers sitzt, dem sie ihre erste Geschichte verkauft. Bevor er Jo bezahlt, belehrt er sie darüber, wie das Schicksal von Heldinnen in künftigen Geschichten auszusehen hat: «Stellen Sie sicher, dass die Frau am Ende verheiratet ist. Oder tot.» Gerwig sagte in einem Interview, das hätte sie selbst sein können, die im Büro eines Produzenten sitzt. Jede Person, die schon einmal mit einer Idee vor einem Vorgesetzten sass und sich anhören musste, «wie man es stattdessen machen muss», weiss genau, wie Jo sich fühlt. Oder wie es Amy geht, die Malerin werden will, und wenn, dann die beste. Aber sie weiss auch: «Die Welt mag keine Frauen mit Ambitionen.» Jede Frau kennt diese Wut über eingeschränkte Möglichkeiten, nur weil man das falsche Geschlecht hat.
«Little Women» spielt zwar in einer imaginierten und idealisierten Vergangenheit, aber Gerwig geht es offensichtlich nicht einfach darum, nostalgische Sehnsüchte zu bedienen, sondern energiegeladene und eigensinnige Frauen auf die Leinwand zu bringen. Jo und Amy gleichen den Figuren, wie Greta Gerwig sie in «Frances Ha» oder «Mistress America» selbst gespielt und in ihrem Erstling «Ladybird» (2017) dann auch inszeniert hat. Sie alle suchen ihren Platz in der Gesellschaft, wollen aber nicht von anderen für sie vorgesehene Plätze einnehmen.
Weil Gerwig sich den Roman von Louisa May Alcott zu eigen macht, statt ihn textgetreu umzusetzen, ist «Little Women» keine behäbige Literaturverfilmung, sondern eine kluge Auseinandersetzung mit Kreativität. Inhalt und Form bedingen einander. Gerwig erzählt nicht linear wie Alcott, sondern springt zwischen der Vergangenheit der Schwestern als Kinder und ihrer Gegenwart als Erwachsene hin und her. Die beiden Zeitebenen fügen sich so organisch ineinander, wie sich Gegenwart und Vergangenheit im eigenen Kopf ineinanderschieben, wenn ein Geruch, ein Bild, eine Äusserung eine Erinnerung an ein Erlebnis aus der Vergangenheit auslöst. Diese Montage entspricht dem ruhelosen Geist von Jo; was man auf der Leinwand sieht, ist die Entstehung des Romans namens «Little Women», an dem sie schreibt.
In der letzten Sequenz offenbart Gerwig die Kraft der Phantasie mit einem brillanten Kniff: Man kann nicht mehr unterscheiden, ob das, was man sieht, noch ihre Fiktion ist, oder ob es sich um diejenige aus Jos Roman handelt. Damit lässt die Regisseurin offen, ob die Heldin sich doch ergibt und heiratet oder ihren Prinzipien treu bleibt.
Obwohl Jo und Amy aus einem Roman aus dem 19. Jahrhundert stammen, sind sie nicht weniger modern als Figuren aus diesjährigen Werken wie «Atlantique», «Hustlers» oder «Queen & Slim». Sie alle erzählen auf ihre je eigene Art und Weise von Frauen, die gegen gesellschaftliche Konventionen ankämpfen oder sich über diese hinwegsetzen, nur um das freie Leben leben zu können, das sie sich wünschen. Solche eigenwilligen Frauen sieht man selten im Kino. Weil es letztes Jahr endlich etwas mehr waren als üblich, macht es einen besonders wütend, dass die Regisseurinnen dieser Werke bei den grossen Filmpreisen in den wichtigen Kategorien so wenig Beachtung fanden. Die Diskriminierung und das Kleinmachen von Künstlerinnen, gegen das Jo sich zur Wehr setzt, sind offensichtlich auch in der Gegenwart noch lange nicht überwunden.
(Bild: Sony)