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Rosneft Deutschland und RN Refining & Marketing, die nun unter Treuhandschaft der Bundesnetzagentur stehen, waren zusammen der drittgrösste Erdölraffineriebetreiber des Landes, und verarbeiteten rund 90 Millionen Fass Rohöl pro Jahr. Mindestens die Hälfte davon wurde in der Raffinerie Schwedt an der polnischen Grenze verarbeitet und kam aus der russischen Druschba-Pipeline.
Diese Liefermengen zu ersetzen, ist die dringendste Aufgabe, die allerdings wegen des geplanten Importstopps für russisches Erdöl ohnehin auf Deutschland zukam. Wenn das Verhalten des Kremls bei der Ostseepipeline Nord Stream ein Anhaltspunkt ist, dann müssen Schwedt und das sachsen-anhaltinische Leuna möglicherweise bald den internationalen Ölmarkt anzapfen. PCK, der Betreiber von Schwedt, sagte am Freitag bereits, er rechne damit, dass Russland als Vergeltungsmassnahme die Ölzufuhr drosseln werde.
Zwei Pipelines könnten per Schiff geliefertes Öl nach Schwedt und Leuna führen: eine über Danzig und eine weitere von Rostock. Nach Abzug des polnischen Bedarfs fehlen Schwedt und Leuna nach Berechnungen von Bloomberg rund 180'000 Barrel pro Tag. Die Pipeline aus Rostock hat nicht die Kapazität, um die Lücke zu schliessen; weitere Lieferungen müssten über Laster, Züge und Lastkähne erfolgen.
Rostock-Option
Aus Tankerdaten geht hervor, dass die Frachtlieferungen nach Rostock in den letzten Monaten zugenommen haben, was den Raffinerien einen Puffer verschaffen könnte, falls Russland Druschba sofort abschalten würde. Etwa zehn Tanker hätten in diesem Jahr bereits Ladungen angeliefert, sagte Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, gegenüber lokalen Medien.
Dies deckt sich in etwa mit den Auswertungen, die zeigen, dass die Lieferungen im August 1,8 Millionen Barrel erreichten, den höchsten Stand seit Mai 2019, als Druschba wegen Verunreinigungen gestoppt werden musste. Die Ladungen kamen aus den USA, der Nordsee, Kasachstan und Libyen.
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums kann die Pipeline von Rostock nach Schwedt etwa die Hälfte des Rohölbedarfs der Raffinerie decken. Die Raffinerie sei in der Lage, die angelieferten Qualitäten zu verarbeiten, sagte eine Sprecherin am Freitag auf einer regulären Pressekonferenz in Berlin. Allerdings werde die Raffinerie nicht mit voller Kapazität arbeiten können.
Die Danziger Option würde die Unterstützung Polens erfordern. Das Nachbarland hatte eine Zusammenarbeit mit PCK ausgeschlossen, solange Rosneft eine Mehrheitsbeteiligung an der Raffinerie hält.
Die von Deutschland gewählte Treuhandvariante entsprach nicht den polnischen Wünschen, da sie bedeutet, dass Rosneft weiterhin Anteilseigner bleibt, und die Übernahme zudem nur bis zum 15. März 2023 gilt. Aus deutschen Regierungskreisen war zuvor zu hören, dass eine vollständige Enteignung mit vielen rechtlichen Problemen verbunden wäre.
Sonstige Vermögenswerte
Laut der Website des russischen Unternehmens hält Rosneft nicht nur 54 Prozent der PCK-Anteile, sondern auch 24 Prozent der Ölraffinerie Miro im Südwesten Deutschlands und 29 Prozent der Anlage in Vohburg im Südosten.
Diese beiden südlichen Anlagen werden über die Transalpine-Pipeline versorgt, die von Triest an der italienischen Adriaküste nach Deutschland führt. Theoretisch werden sie in der Lage sein, Rohöl auf dem internationalen Markt zu kaufen, ohne dass es zu Störungen kommt - vorausgesetzt, die richtigen Qualitäten sind in ausreichender Menge vorhanden.
Die Übernahme betrifft auch die Beteiligungen von Rosneft Deutschland an Pipelinegesellschaften in Österreich, Italien und Frankreich, durch die die Transalpine-Leitung verläuft.
(Bloomberg)