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Der eine wollte die repressiven Institutionen zertrümmern, der andere die Gesellschaft friedlich verändern – ins Visier der Staatsmacht gerieten beide: Michail Bakunin, der Revolutionär, und Nadar, der Fotograf.
Im Paris des 19. Jahrhunderts kreuzten sich die Wege der unterschiedlichsten Revolutionäre. Zwei von ihnen waren der russische Anarchist Michail Bakunin (1814–1876) und der französische Journalist und Fotograf Gaspard-Félix Tournachon (1820–1910), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Nadar.
Bakunin war der Spross einer russischen Adelsfamilie. Dem Wunsch seines Vaters gemäss sollte er Offizier in der Armee des Zaren werden. Doch die militärische Disziplin sagte dem jungen Mann nicht zu. Viel lieber wollte er sich mit der Philosophie Hegels und den von ihr beeinflussten radikalen Theorien des deutschen philosophischen Nachwuchses auseinandersetzen. Zu diesem Zweck reiste er 1840 nach Deutschland. Dort studierte er erst in Berlin und dann in Dresden.
1843 folgten eine Reise in die Schweiz zum Dichter Georg Herwegh, dem er freundschaftlich verbunden war, und anschliessend ein Umzug nach Paris, wo er sich als Kritiker des russischen Zaren hervortat.
Der revolutionäre Feuerkopf
1848 stürzte sich Bakunin in das Getümmel der deutschen Revolution. Im Mai 1849 beteiligte er sich mit Richard Wagner an einem Aufstand in Dresden. In der Folge wurde Bakunin verhaftet und schliesslich an Russland ausgeliefert.
Der Zar liess ihn für mehrere Jahre einkerkern und anschliessend nach Sibirien verbannen. Von dort gelangte Bakunin 1861 auf einer abenteuerlichen Flucht über Japan und die USA nach London.
Bis zu seinem Tod hoffte Bakunin immer wieder auf eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft und die Zertrümmerung ihrer repressiven Institutionen.
Ein «gefährliches Subjekt»
Nadar setzte anders als Bakunin mehr auf die Entdeckung und Entwicklung des Neuen als auf die Zerstörung des Alten. Politisch stand er den französischen Sozialisten nahe. In den 1840er-Jahren publizierte er Beiträge in der Tageszeitung «La démocratie pacifique», welche sich auf die Ideen des Frühsozialisten Charles Fourier (1772–1837) berief und für eine friedliche Veränderung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse warb.
Dieser Wandel sollte durch grosse Wohn- und Produktionsgemeinschaften, die sogenannten Phalanstères, in Gang gesetzt werden. Als Zwischenschritte konnte sich Fourier auch Produktions- und Verkaufskooperativen vorstellen.
Auch als friedlicher Revolutionär geriet Nadar ins Visier der Polizei. Diese legte eine Akte über ihn an, in der es unter anderem hiess, er sei «eines jener gefährlichen Subjekte, die hochsubversive Doktrinen im Quartier Latin verbreiten». Und: «Er wird genau überwacht.»
Nadar hatte auch eine spitzbübisch-antiautoritäre Seite. So soll er an den nationalen Feiertagen der Republik jeweils seine alte rote Jacke aus dem Fenster gehängt haben. Auch soll er, wenn er auf der Strasse Polizisten begegnete, barbarische Geräusche von sich gegeben haben.
Der Meisterfotograf
Sein erstes Fotoatelier eröffnete Nadar, der sich zuvor als Journalist und Karikaturist durchgeschlagen hatte, im Jahr 1854. Schon bald liessen sich bei ihm zahlreiche Grössen aus Kunst und Politik ablichten. Auf dem Gebiet der Fotografie erwies sich Nadar als echter Revolutionär. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen gelang es dem begeisterten Luftschiffer 1856, die ersten Luftaufnahmen von einem Ballonkorb aus zu machen.
Kein Atelierhocker: Mit seinen Luftaufnahmen erschloss Nadar der Fotografie neue Bereiche. (Bild: Honoré Daumier / Brooklyn Museum)
Legendär sind auch Nadars Aufnahmen der Katakomben von Paris, deren prekäre Lichtverhältnisse eine enorme Herausforderung darstellten.
Kurze Begegnung
Ob Bakunin und Nadar sich jemals ausserhalb des Fotoateliers begegnet sind, lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen. Vorstellbar ist es, lebte Bakunin doch in den 1840er-Jahren vorübergehend in Paris.
Unsere Aufnahme stammt allerdings aus späterer Zeit. Da sie nicht datiert ist, sind wir punkto Aufnahmedatum auf Vermutungen angewiesen. Nach seiner Flucht aus Sibirien war Bakunin zweimal in Paris, und zwar im November/Dezember 1863 und im November 1864. Bei einem dieser Besuche muss die Fotografie entstanden sein.
Die Holzsäule, auf die sich Bakunin stützt, findet sich auch auf Porträts anderer Persönlichkeiten wieder. Sie gehörte zum Inventar von Nadars Atelier. Indem sich die zu fotografierende Person auf sie stützte, fiel es ihr leichter, ruhig zu stehen, bis die Belichtungszeit von bis zu 15 Sekunden verstrichen war.
Nadar wirkte bis ins hohe Alter als Fotograf, 1910 starb er hochbetagt in Paris.
Bakunin stürzte sich bis zu seinem Tod im Jahr 1876 immer wieder in eingebildete, aber auch reale revolutionäre Abenteuer. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Bremgartenfriedhof in Bern.
Quellen
– Madeleine Grawitz: Bakunin – ein Leben für die Freiheit, Hamburg 1998 (französische Originalausgabe Paris 1990)
– Nigel Gosling: Nadar – Photograph berühmter Zeitgenossen, München 1977 (englische Originalausgabe 1976)