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Jonas erklimmt den Bodhi-Baum
So komplex wie es oben klingt, ist die erzählte Geschichte dann doch nicht. Die Rahmen-handlung, die eigentlich keine Rahmenhandlung ist, weil sie gefühlt mindestens die Hälfte der Erzählzeit einnimmt, spielt irgendwo zwischen dem Basiscamp, den Camps 1, 2, 3 und 4 und dem Gipfel des Everest. Wie der Jonas aus der Bibel macht Glavinic’ Jonas zuerst mehrere Versuche, um dann nach eindrücklich geschildertem, fast übermenschlich qualvollem Ringen tatsächlich den Weg zum Gipfel über die Hillary-Step und den Südgipfel in Angriff zu nehmen.
Dazwischen erzählt Glavinic in immer neuen Einschüben vom rast- und ruhelosen Welt- durchflitzen Jonas’, auf der Suche nach der ultimativen Erfahrung dessen, das grösser ist als jeder Mensch, oder auch des «intimen Moments, in dem ich weiss: jetzt ist es so weit», ich sterbe. Für Jonas ist das allerdings nicht die Suche nach dem Erwachen, nach einer wie auch immer gearteten Epiphanie, sondern reine Neugier, eher das Ausloten von Grenzen. Nach einer kurzen, schmerzhaften Kindheit bei einer drogen- und alkoholsüchtigen Mutter mit wechselnden Vätern, wird er von Picco adoptiert, dessen Enkel Werner am gleichen Tag wie Jonas im gleichen Krankenhaus geboren worden war. Picco erscheint als liebevoller, aber distanzierter Ersatz(gross)vater, dessen Erziehungsstil als «Laissez-faire»3 bezeichnet werden könnte, wäre da nicht die immer wieder durchscheinende Sorge um das Wohlergehen der Jungen in Verbindung mit dieser totalen Permissivität, die aber als Ausdruck eines gleichgrossen Vertrauens in ihre 9-jährige Vernunft ankommt.
Dies geht tatsächlich so weit, dass die Jungen sich für ihre (Un-)Taten selbst bestrafen, weil man doch für so etwas wie ihre Streiche eigentlich bestraft werden sollte.
Picco erscheint als das Stereotyp eines Mafia-Bosses, nach aussen brutal und ohne Skrupel, aber nach innen als sorgender, wenn auch ferner Pater familias. Als er stirbt, hinterlässt er Jonas sein Vermögen, welches dieser dazu nutzt, scheinbar plan- und ziellos die Welt zu durchstreifen, Gegenstände, Wohnungen, Inseln, Eisenbahnwaggons und vieles mehr zu erwerben und mit diesen nichts anzufangen. Wenig überraschend säumt auch eine stetig wachsende Schar von Frauen seinen Wegesrand. Dieser Teil der Geschichte erscheint mir als der schwächste, da sehr umfangreich und in seiner kontinuierlichen Wiederholung ermüdend und mit geringer erkennbarer Funktionalitätssteigerung bei der Entwicklung der Geschichte.
Zwischendurch wechselt die Perspektive immer wieder zur Ersteigung des Everest, mit den endlosen Wartezeiten auf besseres Wetter oder die Anpassung des Organismus an die enormen Höhen mit dem geringen Luftdruck. Qualen und Entbehrungen scheinen bei allen Teilnehmern, die sich in den Camps drängen, die vorherrschenden Themen zu sein, so natürlich auch bei Jonas, der jedoch zu den wenigen zu gehören scheint, die überhaupt eine Chance haben, aufgrund ihrer körperlichen und mentalen Konstitution den Gipfel zu erreichen. Bei Jonas zeigt sich darüber hinaus noch ein Phänomen, dass immer wieder erwähnt, aber unerklärt bleibt: sowie er ein Minimum an Vokabeln einer Sprache gelernt hat, ist er in der Lage, diese Sprache komplett zu verstehen und zu kommunizieren. Das Resultat ist also, dass er in dem multinationalen Camp am Everest mit allen sprechen kann, auch mit den Sherpas in ihrer Sprache. Was merkwürdigerweise alle immer wundert, aber nie mehr. Für Jonas ist dies keine Überraschung, war er doch mit seinem Adoptivbruder Werner sogar in der Lage, gedanklich zu kommunizieren.
Zuerst Luxus, Jetset, Frauen auf der einen Seite (aus deren Reihe die erfolgreiche Musikerin Marie besonders heraussticht), danach dann Leiden, Entbehrungen, Askese auf der anderen. Ein recht genervter Rezensent hat bei Amazon geschrieben:
«Der einzige Lichtblick in diesem Roman ist die vorletzte Seite. Hier bekommt man eine Ahnung von Literatur, die man bis dahin schmerzlich vermisst hat. Sie wirkt deswegen auch wie ein Fremdkörper in diesem Machwerk.»
Wenn man sich das Feld der Kommentare ansieht, reicht dies von fünf bis zu einem Stern. Was ist es, das die Beurteilungen so unterschiedlich ausfallen lässt? Glavinic hat seinen Text selbst als «Märchen» bezeichnet, komplett mit einer «Burg» mit verschlossenen Räumen, für die zu angemessener Zeit von irgendwo Schlüssel auftauchen, deren Herkunft niemand erklären kann, mit übersinnlichen Fähigkeiten der Kommunikation mit Menschen, mit Telepathie und märchenhaftem Reichtum. Für mich ist dies nicht ausreichend, dies als Märchen zu bezeichnen und ich würde eher eine bewusste Falschaussage des Autors vermuten. Wenn man ihn in irgendeine Schublade stecken will, dann eher in die eines Gleichnis’.
Spirituell Interessierte oder solche in meinem Alter, die mit Hermann Hesse aufgewachsen sind, wird der Beginn des Absatzes oben sicher bereits an die Vita eines speziellen Menschen erinnert haben: an Siddhartha Gautama, der dann als Gautama Buddha in die Geschichte eingehen sollte.
Als Prinz geboren, verheiratet, wahrscheinlich mit einem Sohn, erkennt er den letztendlichen Leim, der die Welt und alles Leben zusammenhält: das Leiden. Er verlässt seine Familie, lässt seinen Status und seinen Reichtum hinter sich und widmet sein Leben der Askese. Nach Jahren gelingt ihm die Erkenntnis, dass Askese auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sehr zum Leidwesen seiner Mitasketen. Er wählt den Achtfachen Pfad, den Mittelweg zwischen Luxus und Askese, und setzt sich unter eine Pappelfeige, den Bodhi-Baum. Dort erreicht er durch Meditation das, was oft noch ungenau als Erleuchtung anstatt korrekt als Erwachen (bodhi) bezeichnet werden kann.
Jonas hat von Anfang an mehr als menschliche Fähigkeiten der Kommunikation, er spielt mit seinem Reichtum, engagiert sich mit seinem Geld für soziale Zwecke und bewegt sich in seinen Handlungen immer im Grenzbereich zum Tod. Er willigt eher zufällig der Teilnahme an der Besteigung des Everest zu und versinkt fast gänzlich in dem Leiden und den Qualen des Aufstiegs mit seinen einzelnen Etappen und Akklimatisierungsphasen.
Und dann kommt eben die vorletzte Seite. Hier sprengt die Vereinigung mit Marie die Realität, die den ganzen Weg vorher schon zweifelhaft war, sie sprengt die Sprache, die Ordnung der Wörter, die Logik, sie sprengt den Ablauf der erzählten Zeit und führt trotzdem zum allerletzten Wort der Geschichte, dem Wort: Nein.
In diesem «Nein» überwindet auch Jonas die Askese so wie er den Luxus vorher schon überwunden hat, er beendet die Suche nach dem letzten «intimen» Moment, er überbrückt seine Trennung von den Menschen und löst sich aus seiner isolierenden Beobachterrolle.
Was ihm jetzt noch fehlt ist ein Bodhi-Baum, - bestimmt gibt es in Kathmandu einen Ableger des Originals.
Thomas Glavinic, «Das grössere Wunder», München, 2013