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Vom Optimismus und Lebenswillen einer starken krebskranken Frau: Natalja Kowaljowa
Auf dem Weg in ein nahe gelegenes Dorf der Stadt Nikolajew sah ich, wie in vielen anderen Orten, unzählige streunende Hunde. Manchmal zogen sie in Gruppen über die Felder, manchmal paarten sie sich vor den Augen der Passanten. Viele fütterten sie auch. Freilebende heimatlose Haustiere sind in der Ukraine ein alltägliches Bild. Sie gehören dort zum Alltagsbild wie bei uns Tauben oder Schwäne am See. Als wir vor einem gut erhaltenen Häuschen anhielten, erklärte uns Natalja: „Dies ist das Haus meiner Mutter. Es steht gewöhnlich leer. Denn sie erlaubte uns nie, hier zu wohnen. Wir leben seit kurzer Zeit in einem sehr alten, baufälligen Häuschen, welches uns der Staat nach langer Wartezeit überlassen hat. Es mag sich für Sie seltsam anhören, aber meine Mutter konnte nie akzeptieren, dass ich nach dem schmerzlichen Tod meiner beiden Söhne das Waisenkind Wika adoptiert hatte. Sie kann Wika einfach nicht als meine Tochter annehmen. Bis heute nicht. Und dies, obschon ich schon so viel Leid über mich habe ergehen lassen müssen. Deshalb unterstützte sie uns auch nicht. Im Moment ist sie nicht da. Sie lebt bei ihrem Mann, ein bisschen weiter weg.“ Auf Wikas Schoss schnurrte eine süsse dreifarbige Katze mit zwei ungleichen Augen. Natalja sagte, dass diese Katze ihr schon so viele schmerzliche Stunden erleichtert habe, mit ihrer weichen, anschmiegsamen und selbstlosen Art.
Victoria (Wika) und Natalja Kowaljowa posierten für den Fotografen vor dem hübschen Häuschen der Mutter Nataljas, wo sie nie zusammen leben durften, obwohl es immer leer stand.
Hilfe im letzten Augenblick
Mit ihrem Mann lebte Natalja früher im Norden von Russland. Während der Zeit des Sowjetregimes kam es oft vor, dass die Menschen von Osten nach Westen oder von Norden nach Süden umzogen und dabei grosse Distanzen zwischen ihre Familien und Verwandten legten. Nachdem sie in ihre alte Heimat, die Südukraine, zurückgekehrt war, weilte sie eine Zeitlang in Kiew zur Weiterbildung. Dies war zum Zeitpunkt der Tschernobyl-Katastrophe. Damals war die Bevölkerung vor der gefährlichen und drohenden Verstrahlung nicht früh genug gewarnt worden. Auch bei Natalja brach schliesslich die Krankheit Krebs aus. Vielleicht weil ihr Mann einfach schon zu viel Leid mit ihr durchgemacht hatte, verliess er die tapfer gegen das Schicksal ankämpfende Frau. Nach einer ersten Operation im Jahr 1999 wandte sich Natalja hilfesuchend an viele staatliche Stellen. Doch ihre Anfragen blieben unbeantwortet. Ihre inständige Bitte an ein regionales Hilfswerk, das zum Internationalen Roten Kreuz gehört, wurde mit einem schier unglaublichen Paket beantwortet: Sie erhielt zwei Packungen Waschpulver. Schliesslich wollte es der Zufall, dass Natalja, die sich sehr für Sport interessiert, weil sie ja selbst an einer Sport Akademie studiert hatte, einen Artikel las: „Schweizer Sportler helfen Sportlern aus der Ukraine.“ Daraufhin schickte sie einen Brief in die Schweiz. Buchstäblich im letzten Augenblick - denn Natalja war schon am Rande des Todes, weil sie sich die teure Chemotherapie nicht leisten konnte - erhielt sie einen Brief vom Hilfswerk SOS Gerasjuta aus Nikolajew. Auf ihre Bitte um Hilfe, welche in die Schweiz umgeleitet worden war, sicherte man ihr die lebensrettende Chemotherapie zu. Seither finanzierte ihr das Hilfswerk sämtliche weitere Chemotherapien. Die tapfere Natalja, die weiterhin mutig gegen den Krebs ankämpft, der unterdessen schon viele Ableger gebildet hat, wird unterdessen regelmässig unterstützt. Eine Ampulle Chemotherapie kostet in der Ukraine 2600 Grivna, dies entspricht ungefähr 650 Franken. Für eine einzige Behandlung braucht sie drei davon.
Das Leben hält Überraschungen bereit
Auf die Frage, was sich die 16-jährige Wika von der Zukunft erhofft, sagte sie bescheiden: „Ich wünsche mir, dass Mama gesund wird. Und dann möchte ich Biologie oder Psychologie studieren. Und mein ganzes Leben lang möchte ich bei Mama bleiben.“ Diese Wünsche decken sich auch mit Nataljas: „Ich erhoffe mir die Genesung vom Krebs, mag dies noch so unmöglich erscheinen. Dann wünsche ich mir eine gute Zukunft für Wika. Und ich möchte Wikas Kinder pflegen und für sie sorgen, wenn sie zur Arbeit geht.“ Und während Wika die Katze auf ihrem Schoss streichelte und mit ihren grossen hellblauen Augen ihre Mutter betrachtete, eröffnete diese eine wundersame Entdeckung: „Wir haben die Grossmutter und die Urgrossmutter von Wika gefunden. Nicht die richtige Grossmutter zwar, aber eine Kusine. Und wissen Sie was? Auch Wikas Grossmutter interessierte sich schon für Biologie! Ist das nicht ein schöner Gedanke, wie sich der Kreis für Wika endlich schliesst? Sie hat sogar eine zwei Jahre jüngere Schwester namens Mascha. Auch sie wurde adoptiert. Auch sie war in einem Waisenhaus in Kiew gewesen. Mascha lebt heute in Italien.“ Leise meinte Wika: „Ich habe schon mit ihnen telefoniert. Es war wunderschön, ihre Stimmen zu hören. Und natürlich möchte ich gerne wissen, ob ich auch so aussehe wie sie.“
Als wir uns von Natalja und Wika verabschiedeten, bat sie mich, die Augen zu schliessen und legte mir eine Kette um den Hals. „Dies ist ein Glücksbringer aus den Karpaten. Er ist aus Eiche und in der Mitte ist ein Bernstein. Möge er Sie überall beschützen, wohin Sie im Leben gehen.“ Und ich erklärte ihr, dass wir bei uns ein Sprichwort hätten, das gut zu ihr passe: „Wenn der Philosoph nicht zum Berg kommt, kommt der Berg eben zum Philosophen.“
Und so wird diese mutig kämpfende Frau mit ihrer Adoptivtochter weiterhin mit grossem Willen, Mut und Optimismus dem Schicksal trotzen. Damit Natalja ihre Grosskinder und Urgrosskinder ebenso begleiten, behüten und beschützen möge. So, wie einst Wika.
Ein Merkmal der typisch ukrainischen Gastfreundschaft besagt, dass, wie arm jemand auch sein mag, der Gast zum Essen, Tee- oder Kaffeetrinken eingeladen wird.
Ich bin die 50-jährige krebskranke Witwe Natalja Kowaljowa und wohne in der Ukraine. Die unheilbare Krankheit Brustkrebs ist meine quälende Begleiterin. Ich will aber noch nicht von dieser Welt Abschied nehmen! Schenken Sie mir bitte noch ein bisschen Lebenszeit, denn ich kann die teure Behandlung selber nicht bezahlen!
Am Anfang klappte mein Leben mehr oder weniger gut: Ich hatte eine Familie, einen Mann und zwei Söhne. Ich war jung, als meine beiden Söhne ganz klein gestorben sind. Seitdem ging alles bachab. Der Tod meines Vaters bedeutete für mich den Verlust der einzigen Unterstützung im Leben. Meine Entscheidung, ein dreijähriges Mädchen zu adoptieren, führte zur Trübung der Beziehung mit meiner Mutter. Ich kümmerte mich um meine Adoptivtochter Wika bis uns mein Ehemann auf die Strasse setzte. Die Diagnose „Brustkrebs“ schlug bei mir ein wie eine Bombe. Mein Mann wollte keine kranke Frau mit Kind haben.
So wurde ich mit Wika obdachlos. Obwohl meine Mutter ein Häuschen hat, lässt sie mich mit Wika nicht umsonst da wohnen, weil sie nicht meine leibliche Tochter ist. Damit ich mit der Tochter zusammenleben darf, muss ich meiner Mutter eine Miete bezahlen. Die Krebsbehandlung braucht aber viel Geld, welche ich mir mit meiner kargen Pension leider nicht leisten kann. Ich muss regelmässig zum Arzt, der mich untersucht und mir Medikamente und Prozeduren verschreibt. Meine Invalidenrente ist nichts im Vergleich zu den Behandlungskosten und reicht uns nicht mal für ein normales Essen.
Meine Wika hilft mir viel im Haushalt und macht sich Sorgen, wenn ich das Bewusstsein verliere oder Schmerzanfälle bekomme. Sie ist doch noch ein Kind, kann aber keine glückliche Kindheit geniessen. Meine Tochter und ich lieben uns so sehr.
Jetzt, wo ich die letzte Zeit meines Lebens zähle, hoffe ich auf eine bessere Zukunft für meine Tochter. Ich wäre froh um jede Spende, so könnte ich mir die Behandlung finanzieren und somit länger am Leben bleiben. Dafür würde ich und meine Tochter Ihnen unser ganzes Leben lang dankbar sein. Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich viel Gesundheit, Glück und Erfüllung all Ihrer Anliegen. Gott segne Sie für Ihr warmes Herz und Ihre guten Taten.
Liebe Grüsse und mit Hoffnung
Natalja und Wika Kowaljowa