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Kassels Documenta (13)
Kassel, in der Mitte Deutschlands gelegen, war während der NS-Zeit Rüstungsstandort, 1943 wurde die Stadt durch Luftangriffe vollständig zerstört. Der Wunsch, mit der Vergangenheit zu brechen, führte dazu, dass der Wiederaufbau zu einem Neuaufbau geriet. Die wechselvolle Geschichte Kassels im 20. Jahrhundert ist ein Thema der Documenta (13), die noch bis zum 16. September zu sehen ist.
Am ehemaligen Hauptbahnhof empfängt die «Schau der 100 Tage» den Besucher (s. Kasten). Der Bau wirkt unprätentiös, beinahe verlassen, er verrät zunächst nichts von seiner Vergangenheit. Es sind diese Unauffälligkeiten alltäglicher Orte und Situationen, die Geschichten eher verbergen als erzählen, die die künstlerische Leiterin dieser documenta, die US-Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev, interessieren. Sie lud über 190 Künstlerinnen und Wissenschafter ein, liess ihnen für ihre Projekte grösstmögliche Freiheit und schaffte damit eine disziplinenübergreifende Schau, die sie einer alles erklärenden Überschrift entzieht. Die Arbeiten zu analysieren und in Bezug zu setzen ist Aufgabe der Besucher.
Irritation als Programm
Das Experiment beginnt gleich am Bahnhof. Statt der üblichen blechernen Durchsagen, spielen die Lautsprecher auf den Gleisen Melodien eines Streichkonzerts, die mal flüssig, mal zaghaft tastend den Ort durchdringen. Mit den noch erhaltenen Fragmenten der Komposition «Studie für Streichorchester» des tschechischen Komponisten Pavel Haas (1943), geschrieben im Konzentrationslager Theresienstadt und dort 1944 von Häftlingen uraufgeführt, legt die in Berlin lebende Künstlerin Susan Philipsz jene Geschichte des Bahnhofs frei, die im Verborgenen liegt: Vom ehemaligen Hauptbahnhof gingen Deportationszüge in die KZ Theresienstadt und Auschwitz.
Offensichtlich wird das Anliegen Christov-Bakargievs schliesslich im Erdgeschoss des Fridericianum. Dort, wo sonst die Hauptwerke jeder documenta den Besucher empfangen, ist nichts: Das Erdgeschoss ist leergeräumt. Der amerikanische Künstler Ryan Gander lässt Wind durch die Räume streichen eine kühle Brise als Kontrast zur Überfülle, die sich in den anschliessenden Geschossen ausbreitet.
Die Themen Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schau. Die Geschichte von Kassel im Dialog mit den afghanischen Städten Kabul und Bamiyan bildet einen Schwerpunkt. Die in New York und Kabul lebende Künstlerin Mariam Ghani stellt in einer Zweikanal-Videoinstallation auf zwei zueinander gewandten Leinwänden den zerstören Darul-Aman-Palast in Kabul und das leer geräumte Fridericianum einander gegenüber. Die Geschichten der Gebäude werden durch die Bilder verwoben. Dieser Dialog über Zeiten und Orte hinweg findet sich auch im ehemaligen Elisabeth-Krankenhaus, einem der vielen leerstehenden Gebäude, das für die Zeit der documenta mit Inhalten angereichert ist. Stand die documenta 1955 für Neubeginn, so setzen sich auch die hier ausgestellten afghanischen Künstler mit der Zerstörung in ihrem Heimatland auseinander und formulieren die Hoffnung auf einen Neubeginn.
Natur, Wissenschaft, Kunst
Im barocken Stadtpark, der Karlsaue, ist die Auseinandersetzung subtiler. So versperrt der in die zentrale Achse gesetzte überwachsene Müllhaufen des Chinesen Song Dong den Blick auf die Orangerie mit dem Abfall unsere Zivilisation, verborgen unter sanfter Begrünung. Dass Kunst genauso wenig isoliert betrachtet werden kann wie Geschichte, Forschung oder die Natur, ist das zweite grosse Thema dieser documenta. Die Gegensätzlichkeit, die man den Disziplinen und Bereichen im Allgemeinen zuschreibt, stellt Christov-Bakargiev in Frage.
Im Fridericianum ist ein Versuchsaufbau des Wiener Quantenphysikers Anton Zeilinger zu sehen. Der Physiker, der sich durch den Nachweis der Übertragung von Eigenschaften auf Lichtteilchen, die sich nicht am gleichen Ort befinden, den Titel Mr. «Beam» (von beamen) eingehandelt hat, stellt mit seinen Studenten eben diese Versuchsanordnung vor.
Überforderung erwünscht
Zum Konzept der Kuratorin gehört auch die Vielfalt, die es verunmöglicht, die Documenta vollständig zu erfassen. Die Überforderung des Besuchers verlangt, dass man sich auf das Entdecken und Wahrnehmen einlässt, ohne den Zwang eines didaktischen Konzepts. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof etwa steht das «Hugennottenhaus». Das ehemalige Wohnhaus von 1826 wurde später als Hotel genutzt und stand zuletzt leer. Der US-amerikanische Künstler Theaster Gates legte die Geschichte des Hauses frei, indem er Überreste eines Gebäudes aus Chicago nutzt, um die Geschosse des leer stehenden Kasseler Hauses zu möblieren. Die Geschichte beider Häuser wird neu erzählt herauszufinden welche Geschichte dies ist, bleibt dem Besucher überlassen. So ist es überall: Man ist aufgefordert, sich auf Entdeckungsreise zu begeben, sich auf Geschichten einzulassen. Und so benötigt man nach zwei Tagen documenta den Kasseler Stadtplan nicht mehr. Die Neugier ist geweckt und das Entdecken der Ausstellungsorte gelingt ganz ohne Anweisung. Bleibt zu hoffen, dass diese Offenheit, die die Documenta (13) evoziert, über die 100 Tage hinaus erhalten bleibt.