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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Einundzwanzigste Unterredung, welche die erste des Abtes Theonas ist, über die Nachsicht in der Quinquagesima.
30. Über die Ursache und den Anfang der Quadragesima.
Man muß nun wissen, daß diese Beobachtung der [S. 316] Quadragesima durchaus nicht stattfand, so lange die Vollkommenheit der Urkirche unverletzt blieb. Denn nicht wegen des Zwanges dieses Gebotes und wegen der Fesseln der gesetzlichen Bestimmung waren Diejenigen von den engsten Schranken des Fastens umschlossen, welche den Zeitraum des ganzen Jahres mit immer gleichen Fasten ausfüllten. Als aber die Menge der Gläubigen von dieser apostolischen Andacht abfiel, täglich mehr an ihren Reichthümern haftete und, statt sie nach Anordnung der Apostel für den allgemeinen Gebrauch zu vertheilen, Jeder für seine eigenen Ausgaben sorgte mit dem Bestreben, die Schätze nicht nur zu bewahren, sondern zu vermehren, was ja noch über das Beispiel des Ananias und der Sapphira hinausgieng: da gefiel es allen Priestern, die in zeitliche Sorgen verwickelten Menschen, welche so zu sagen die Enthaltsamkeit und Buße gar nicht mehr kannten, durch die gesetzliche Vorschrift der Fasten zu hl. Werken zurückzurufen und gleichsam durch den Zwang der gebotenen Zehnten anzutreiben, was in allweg den Schwachen nützen, den Vollkommenen aber Nichts nehmen konnte, da sie unter der Gnade des Evangeliums lebend durch freiwillige Andacht über das Gesetz hinausgeben, um zu jener vom Apostel geschilderten Seligkeit zu gelangen. Denn: 1 „Die Sünde herrscht nicht über euch, denn ihr seid nicht unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade.“ In der That kann die Sünde keine Herrschaft über Jene ausüben, welche über die Neigungen zur Sünde herrschen. 2
1: Röm. 6.
2: Es ist irrig, wenn in diesem Kap. behauptet wird, die Quadragesima sei nicht apostolischen Ursprungs, und ebenso irrig ist der angegebene Grund, daß die ersten Christen alle immer gefastet hätten. I. Kor. 8. Sie hielten es damit verschieden wie mit dem Vermögen, das nicht alle hergaben, da es ja sonst keine Reichen hätte geben können, welchen die Apostel Mildthätigkeit &c. empfahlen. I. Kor. 11, 22.