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Wetter: sehr schön, weiterhin Wind aus Südwest. Die Sonne scheint, aber brennt nicht (siehe Wind). Gegen 14:30 Regentropfen von hinten, denen ich entradeln konnte.
Vor sechs wachte ich auf. Das Tarp war wieder innen und außen sehr feucht, was sicher an der Nähe des Gewässers lag. Die Sonne trocknete es aber schnell.
Ich ging zum See und machte eine Katzenwäsche, vor allem wollte ich noch ein Foto von dem interessanten Boden des Sees machen.
Als ich beim Packen war, kam ein mittelalter Mann mit sonnenverbranntem Gesicht, schwarzgrauem Haar und lückenhaften Zähnen angeschlendert. Er fragte nach dem Woher und Wohin, wir "redeten" kurz über das Wetter, dann "fragte" er mit entsprechenden Gesten, ob ich etwas zu Rauchen habe. Ich verneinte, aber bot ihm die letzte Dose Bier an. Er schien erfreut und verabschiedete sich. Als ich wegfuhr, sah ich, was mir in der Dämmerung gestern Abend entgangen war: Eine kleine Hütte, daneben ein paar Beete mit Gemüse und Kräutern, ein Gewächshäuschen aus Plastkfolien. Mein Besucher schien hier zu wohnen, die Pferde und Hunde gehörten sicher auch ihm.
Das Radeln lief wie am gestrigen Abend: Immer nach Osten mit dem Wind im Rücken, keine erwähnenswerten Steigungen. Die Dörfer ähnelten einander, überall wurde wieder hin und zurück gegrüßt. Erwähnenswert sind auch die großen LKW mit Kippmulde, die offenbar von Irren gesteuert wurden. In halsbrecherischem Tempo jagten sie über die Straße, in den Ortschaften fuhren sie kaum langsamer und zogen stets eine große Staubwolke hinter sich her. Wenn ich mich richtig erinnere, fuhren sie leer Richtung Osten, in die Gegenrichtung waren sie mit Erde vollgeladen und etwas langsamer.
In Zaval war die Straße, die in meine Richtung führte, gesperrt und eine Umleitung ausgeschildert. Auf eine entsprechende Frage hin meinte ein Mann, dass ich mit dem Fahrrad diese Straße trotz Sperrung befahren könne. Den Grund sah ich bald: eine Brücke wurde sehr grundlegend saniert. Über der neuen Stahlbewehrung waren ein paar Planken gelegt, damit Fußgänger von einer Seite zur anderen gelangen konnten. Dank der Sperrung konnte ich nun eine ganze Weile fahren, ohne ein einziges Auto zu sehen.
Später stand an der Straße ein kleiner Laster, der von zwei Leuten mit belaubten Ästen beladen wurde, die sie im lichten Wald rechts und links der Straße von den Bäumen schlugen.
Am Ortseingang von Bechet standen zu beiden Seiten der Straßen Fuhrwerke, auf denen hauptsächlich Melonen feilgeboten wurden. Kurz danach fuhr ich an ein paar Geschäften vorbei. In einem verkaufte man unter anderem Baustahl und Eisendraht. Hier fragte ich nach etwas Draht, um den Gepäckträger zu befestigen. Ein junger Mann schaute sich das Fahrrad an, brachte verzinkten Stahldraht und rötelte den Gepäckträger ordentlich fest. (Übrigens fahre ich noch immer mit diesem Provisorium herum.) Für die Reparatur wollte er nichts haben; wir tauschten die Email-Adressen aus.
Ein paar Kilometer vor Lisa führte eine kleine Straße nach rechts von der Hauptstraße weg, die nicht auf der bikeline-Karte verzeichnet war. Ich fuhr etwas langsamer und überlegte, ob ich dorthin abbiegen und so möglicherweise den großen Bogen der Hauptstraße abschneiden sollte. Ich entschied mich erstaunlicherweise dagegen. Ich wollte diesmal keine Ablängerung riskieren, sondern lieber weiter die Hauptstraße entlangfahren. In den Überlegungen wurde ich von einem Transporter gestört, der mir entgegen kam, vor mir in diese Straße einbog und mich dabei anhupte. Ich geriet in Zweifel, fuhr an den Straßenrand, konsultierte nochmal die Karte - und wollte doch die unbekannte Straße nehmen.
Da kam mir der Transporter wieder entgegen- warum hat der Fahrer gewendet? Er fuhr langsamer und sprach mich an - ein langes Palaver folgte. "Ja Russe, nie Romania" - ich dachte erst, er wolle hervorheben, dass er etwas besseres ist als ein Rumäne. Es stellte sich heraus, dass er mich im Transporter bis Ruse mitnehmen wollte. Er redete heftig auf mich ein, dass er ein guter, ehrlicher Mann sei, zeigte mir seinen Pass und bekreuzigte sich wiederholt. So leid es mir tat, ihn enttäuschen zu müssen - ich wollte die Strecke komplett mit dem Fahrrad fahren. Ich klatschte auf meine Oberschenkel und sagte: "Olympia." Schließlich fuhr er halb beleidigt ohne mich weiter.
Im Nachhinein betrachtet hätte ich die Einladung annehmen sollen. Kost und Logis wären sicherlich interessant geworden, zudem wäre mein tägliches Pflichtpensum gesunken. Naja, beim nächsten Mal. :)
Die Straße führte mich nach Viişoara und glücklich wieder auf die Hauptstraße. Am Ende des Dorfes trieb ein Hirt seine Schafherde über die Straße, dann einen Feldweg entlang.
Auf der Karte war südlich von Viişoara ein großer See zu sehen, an dem ich geplant hatte zu übernachten. Ich bog in einen Plattenweg, der in die Richtung des Sees zu führen schien. Der Weg war holprig, aber schließlich kam der See in Sicht. Ich fand den Anblick atemberaubend; unter anderm, weil ich den ganzen heißen Tag lang kein größeres Gewässer gesehen hatte. Ich hatte nicht viel Zeit, die Aussicht zu genießen. Mir kam ein klappriges Auto mit Hänger entgegen gefahren. Es hielt an und zwei Männer stiegen aus. Wir palaverten eine ganze Weile, die Verständigung war etwas schwierig.
Der Ältere wollte mir anscheinend erklären, dass ich den Weg nicht weiter fahren könne, dass Zelten hier eine schlechte Idee wäre, ich solle doch mit ihnen zurück ins Dorf fahren und bei ihnen übernachten. Während des Gesprächs bot er mir zu Trinken aus einer leicht zerknitterten 1,5l-Plastikflasche an. Ich wollte nicht unfreundlich sein, danke und nahm einen großen Schluck von der klaren Flüssigkeit. Es war Selbstgebrannter. Schließlich stimmte ich zu, bei ihnen zu übernachten. Ich machte schnell noch ein paar Fotos von dem herrlichen Panorama, wenn ich es schon nicht am Abend und am nächsten Morgen vor Augen haben konnte. Wir packten das Fahrrad auf den Hänger und fuhren zurück ins Dorf.
Zu dem Haushalt gehörten Urgroßmutter, Urgroßvater, deren Söhne Florica und Dorel mit ihren Frauen. Der Urgroßvater war im zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen ins Feld gezogen...
Nikoletta, Tochter von Dorel, war mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch. Sie wohnt in Bukarest und ist Buchhalterin in einer Bank. Sie sprach Englisch, wir unterhielten uns ohne Probleme, für die anderen dolmetschte sie.
Der Grund ihres Besuches war der sich jährende Jahrestag eines nahen Verwandten, der nach altem Brauch richtiggehend zelebriert werden würde. Nach einer kurzen Überschlagsrechnung wäre binnen weniger Jahre jeder Tag ein Gedenktag für einen Verstorbenen - auf meine Frage diesbezüglich wurde mir gesagt, dass nur der erste und siebente Jahrestag gefeiert werden.
Als ich Nikoletta nach der Toilette fragte, wirkte sie ein wenig verlegen. Sie schaute sich nach dem Vater und dem Onkel um - keiner von beiden war da. Zusammen mit ihrem Cousin führte sie mich zum gefragten Ort: ein Plumpsklo, das über den Hühnerhof zu erreichen war.
Trinkwasser kommt aus einem Brunnen im Hof, aus dem es mit einer elektrischen Pumpe gefördert wird. Was man davon nicht gleich zum Kochen oder Trinken verwendet, wird von Hand in einen kleinen Tank gegossen, der in zwei Meter Höhe hängt. Von dort führen zwei Meter Kupferrohr zu einem Wasserhahn, der so fließendes Wasser zum Waschen spendet.
Nikoletta hatte einen EEE-PC der ersten Generation mit GPRS-Modem. Für eine Flatrate zahlt sie (wenn ich mich richtig entsinne) umgerechnet 20 Euro. So kommt sie mit 56 kbps überall im Land ins Internet. Ich hatte nicht gedacht, dass es in Rumänien schon "sowas" gibt, aber ehrlich gesagt hatte ich mir darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Natürlich wollte ich gleich die Gelegenheit nutzen, etwas Text auf meine Seite stellen, aber leider funktionierte FTP via Internet Explorer nicht, so dass es bei dem Versuch blieb. :(
Die Küche befand sich unter einem Vordach an der frischen Luft. Auf meine Frage wurde mir erklärt, dass nur im Winter (oder bei sehr schlechtem Wetter?) drinnen gekocht und gegessen wird. Das Abendessen war lecker: es gab Fischsuppe, danach als Hauptgang gebratene Wurst, Hähnchenschenkel und Schweinebraten. Beilage war Brot und Maisbrei.
Vor dem Schlafengehen wollte ich mich gern noch waschen und fragte, ob/wo ich mich duschen könne und schien damit das nächste Fettnäpfchen getroffen zu haben. Nach kurzer Diskussion in der Familie sagte Nikoletta, dass es eine Banja gäbe, die man aber man ein paar Stunden vorher anheizen müsse. Ich wusch mich also an dem Wasserhahn mit fließendem Wasser, soweit es möglich war.
Als ich auf dem Bett saß, meine Sachen sortierte und Tagebuch schrieb, brachte mir die hübsche junge "Oma" noch zwei Stück Kuchen. Obwohl ich satt war, aß ich ihn ihr zuliebe auf und unterhielt mich gern mit ihr, so gut es ging.