Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03335.jsonl.gz/2485

Die Schweiz wird zunehmend fremdenfeindlich. Das zeigen vor allem auch Abstimmungsresultate zu Ausländerfragen – sowohl auf kommunaler, kantonaler wie auch auf Bundesebene. Die Schweizer und Schweizerinnen scheinen zu vergessen, dass ihr Land nicht zuletzt dank ausländischen Unternehmern eine langjährige Wirtschaftsblüte erlangt hat.
Schon im 19. Jahrhundert…
Der Engländer Charles Brown, geboren 1827 in Uxbridge/London, kam als 24jähriger 1851 nach Winterthur, wo er 1871 die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM gründete. Die SLM beschäftigte bis zu 3000 Arbeitnehmer und war bald Marktführerin im Bau von Dampflokomotiven, von denen sie schliesslich 2730 Stück bauten. 1961 wurde die Firma mit Sulzer fusioniert.
Charles Brown heiratete 1862 Eugénie Pfau von Winterthur. Aus dieser Ehe entstammte Charles Eugen Lancelot Brown, der 1891 zusammen mit dem Deutschen Walter Boveri die Firma Brown Boveri (später Brown Boveri & Cie.) in Baden / Schweiz. Walter Boveri war Sohn des Arztes Theodor Boveri aus Bamberg in Bayern.
Der zwischenzeitlich eingebürgerte Engländer C.E.L. Brown und der Deutsche Walter Boveri kannten sich von ihrer Arbeit her; beide waren in der Mschinenfabrik Oerlikon tätig. Für ihre gemeinsame neue Firma wählten sie die Stadt Baden, weil Baden eben beschlossen hatte, an der Limmat ein Elektrzitätswerk zu bauen, und Brown und Boveri erhielten von der Stadt Baden die Erstellung des Kraftwerkes als ersten grossen Auftrag.
Die Firma Brown Boveri startete mit 11 Angestellten und 62 Arbeitern (damals war das noch zweierlei). Am Neujahr 1900, also nur acht Jahre später, waren es bereits dreissigmal mehr: 243 Angestellte und 1772 Arbeiter. Ausserdem hatten die beiden bereits 1895 auch die Firma Motor AG (spöter Motor-Columbus) gegründet, die ihrerseits neue Projekte im Energie-Sektor initiierte und bei deren Finanzierung mithalf.
Nach schwierigen Jahren fusionierte die Brown Boveri & Cie im Jahr 1988 mit der schwedischen ASEA zur ABB. Die ABB Schweiz beschäftigt heute in der Schweiz 6650 Mitarbeitende, die ABB Gruppe beschäftigt in über hundert Ländern 130’000 Mitarbeitende.
Und eine kleine Ergänzung zum Thema Ausland und Ausländer:
Im Jahr 1880 lag die Stadt Baden wirtschaftlich am Boden. Sie lebte vor allem vom Betrieb der Kurbäder und profitierte dabei von der Eisenbahnverbindung Zürich-Baden. Sie zählte 3643 Einwohner, und schon damals lag der Anteil Ausländer bei 9.8 Prozent. Zehn Jahre später hatte sich noch wenig verändert (3815 Einwohner, 11.6 Prozent Ausländer). Dann aber ging es als Folge der Gründung der Firma Brown Boveri schnell aufwärts. Im Jahr 1919 hatte Baden schon mehr als doppelt soviele Einwohner, nämlich 8239 mit einem Ausländeranteil von 21,5 Prozent. Die Nachbargemeinde Wettingen, wo mehr Platz war als in der engen Limmat-Klus von Baden, hatte ihre Einwohnerzahlen sogar verdreifacht. Der Welthandel war damals hochgradig globalisiert, die Grenzen weltweit total offen, nicht nur für die Reisenden, sondern auch für die Arbeit-Suchenden. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 hat die Staatsgrenzen wieder zu «ausgrenzenden» Grenzen werden lassen.
Und auch vor 30 Jahren…
Aber nicht nur im 19. Jahrhundert waren Ausländer die Initianten wirtschaftlicher Blüte. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Das wohl berühmteste Beispiel ist Nicolas G. Hayek, der aus dem Libanon stammte. Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» brachte zur Eröffnung der «Baselworld» 2012 eine Sonderseite zur Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie. Da ist nachzulesen, wie das Handwerk des Uhrmachers mit den aus Frankreich flüchtenden Hugenotten nach Genf kam (Unter anderem war auch der Vater des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau ein aus Frankreich nach Genf geflüchteter Uhrmacher). Und wie Hayek die Uhren-Industrie aus der totalen Krise wieder zum Erfolg führte.
Der letzte Abschnitt des äusserst informativen Artikels des Zürcher Wirtschaftshistorikers Stefan Keller lautet wie folgt:
Mit Quarz und Luxus aus der Krise – die Branche triumphiert
»In den Siebzigern (des letzten Jahrhunderts) nun stürzt der Dollarkurs ab, die Exportpreise erhöhen sich massiv, ohne dass die Einnahmen steigen. Die Japaner und Amerikaner warten nicht nur mit weitaus billigeren Uhren aus weitaus grösseren Fabriken auf, sondern auch mit einer völlig neuen Technik: der elektronischen Uhr mit Quarzwerk. Das Know-how dafür ist in der Schweiz seit den sechziger Jahren zwar vorhanden, es wurde aber nicht weiterverfolgt.
Bald stehen SSIH und ASUAG vor dem Konkurs. Firmen wie Omega und Tissot gehören zur SSIH. Von der ASUAG beziehen bis auf wenige Luxusmarken sämtliche Uhrmacher ihre Werke. In einer aufsehenerregenden Fusion werden die beiden maroden Grossfirmen 1983 verschmolzen. Das sei, so mutmasst nicht nur der Spiegel, wohl der «letzte Versuch», die Uhrenindustrie zu retten.
Dabei begann genau hier das jüngste Erfolgskapitel der grossen Schweizer Uhrensaga. Der starke Mann der neuen Firma heisst Nicolas G. Hayek. Er ist Unternehmensberater und kennt sich mit Rationalisierungen aus. Der Schweizer Marktanteil am internationalen Geschäft, so argumentiert er, sei zwar unter zehn Prozent gefallen, aber nur was die Stückzahl betreffe. Schaue man hingegen die Umsatzzahlen an, so habe die Schweiz einen Anteil von 30 Prozent, bei Luxusuhren sind es sogar 85 Prozent. Die Uhrenindustrie, prophezeit der aus dem Libanon stammende Hayek in die helvetische Hoffnungslosigkeit hinein, sei «ein schlafender Gigant».
Er verfolgt eine Doppelstrategie. Zum einen lanciert er die billige Quarzuhr Swatch, die aus nur 51 Teilen besteht und von Automaten hergestellt wird. Mit ihrem Pop-Design entwickelt sie sich zu einem Kultobjekt der nächsten Jahrzehnte. Zum anderen wird – Marketing ist alles – der alte Mythos von der Schweizer Luxusuhr neu belebt, der Mythos vom Uhrenkünstler, wie ihn einst Frédéric-Samuel Ostervald so schön formulierte. Die Rechnung von Hayek, der 2010 im Alter von 82 Jahren in Biel starb, ging auf. 2011, so lesen wir, soll ein Rekordjahr gewesen sein, allen Banken- und Euro-Krisen zum Trotz – das beste in der langen Geschichte der Schweizer Uhrmacherei.»
*******
Weitere Beispiele von Ausländern, die zur blühenden Wirtschaft der Schweiz substanziell beigetragen haben, werden folgen.
Quellennachweise:
Christian Müller: Arbeiterbewegung und Unternehmerpolitik in der Aufstrebenden Industriestadt. Baden nach der Gründung der Firma Brown Boveri 1891 bis 1914. Aarau 1974
Stefan Keller: Swiss made. Die Zeit 10/2012.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Der Autor ist promovierter Historiker, arbeitete als Journalist und Redaktor und später als Verlagsmanager und Unternehmensberater im Bereich Publishing. Er ist Schweizer Bürger mit Migrationshintergrund: Seine Vorfahren mütterlicherseits waren im 17. Jahrhundert aus Frankreich in die Schweiz geflüchtete Hugenotten.