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Chinas Problem in einem Chart
2012 war ein besonderes Jahr für China. Die Zahl der Einwohner im arbeitsfähigen Alter schrumpfte gemäss Daten des Nationalen Statistischen Amtes um 3,45 Millionen auf 937,27 Millionen. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass das Land einen Rückgang in der absoluten Grösse seiner Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter verzeichnet. Gemäss Annahmen des Statistischen Amtes wird die arbeitsfähige Bevölkerung von nun an auf absehbare Zeit langsam und stetig schrumpfen.
China durchlebt in diesen Jahren einen enorm wichtigen Wendepunkt in seiner demographischen Entwicklung, wie diese Grafik, erstellt von den Ökonomen der japanischen Bank Nomura, zeigt:
Die Grafik zeigt hundert Jahre demographische Entwicklung in China, davon haben rund sechzig Jahre bereits stattgefunden, und vierzig Jahre basieren auf Hochrechnungen aus der aktuellsten Bevölkerungsstudie der Vereinten Nationen. Die dicke, schwarze Kurve zeigt die Anzahl (in Millionen) der Chinesinnen und Chinesen im arbeitsfähigen Alter, definiert als zwischen 15 und 59 Jahren. Die dünne, schwarze Kurve zeigt die Anzahl der Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren. Die perforierte Kurve schliesslich steht für die Anzahl der Einwohner im Alter von 60 und mehr.
Die Grafik zeigt, wie die Zahl der Chinesen im arbeitsfähigen Alter gegenwärtig den oberen Wendepunkt durchschreitet. Innerhalb der nächsten rund sechs Jahre kreuzen sich zudem die dünne und die perforierte Kurve, das heisst, in China werden erstmals mehr alte Menschen als Kinder leben.
Eindrücklich ist zu sehen, wie China nach der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 einen Babyboom erlebte, als die Zahl der Kinder binnen 25 Jahren von unter 200 auf gut 350 Millionen stieg. 1978 wurde die Ein-Kind-Politik beschlossen, und seither schrumpft die Zahl der Kinder im Land stetig.
Was bedeutet nun das alles?
Der in Peking lehrende amerikanische Ökonom Michael Pettis (Anmerkung: er hat dieser Tage ein sehr lesenswertes Buch mit dem Titel Great Rebalancing: Trade, Conflict and the Perilous Road ahead for the World Economy publiziert, das das Thema der Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft angeht; Pettis ist regelmässiger Leitartikel-Autor in der FuW – hier der Link zu seinem letzten Kommentar) geht davon aus, dass die arbeitsfähige Bevölkerung von nun an mit einer Rate von gegen ein Prozent pro Jahr schrumpfen wird. Das Verhältnis von arbeitender zu nicht arbeitender Bevölkerung wird sich dabei – in der Grafik ebenfalls schön zu sehen – massiv verändern. Stehen heute von 100 Einwohnern Chinas rund 70 im arbeitsfähigen Alter, werden es im Jahr 2050 nur noch etwa 55 sein.
Die im Babyboom zwischen 1950 und 1975 geborenen Kinder stiessen in den Achtziger- und Neunzigerjahren zur arbeitenden Bevölkerung und liessen deren Zahl rasant steigen – in der Grafik ist diese Phase mit dem Begriff «Demographic Bonus» überschrieben. Pettis mutmasst, dass bis zu dreissig Prozent des während dieser Periode verzeichneten Wachstums in der chinesischen Volkswirtschaft auf diesen Bonus zurückzuführen ist.
Dieser Effekt ist jetzt vorbei, und von nun an ist von einem «Demographic Onus» (in diesem Kontext am besten mit «Verpflichtung» oder «Last» zu übersetzen) die Rede, der unter gleichen Umständen das künftige Wirtschaftswachstum hemmen wird – es sei denn, freilich, China kann die demographisch bedingte Einbusse in seinem Wirtschaftswachstum künftig mit einer deutlichen Ausweitung der Arbeitsproduktivität kompensieren.
Was diesen letzteren Punkt betrifft, hat der Internationale Währungsfonds kürzlich eine spannende Studie publiziert, die der Frage nachgeht, ob China den sogenannten Lewis Turning Point bereits überschritten hat. Wer mehr dazu erfahren will: Hier eine umfassendere Analyse meines Redaktionskollegen Alexander Trentin.
Noch nie in der jüngeren Weltgeschichte hat eine derart grosse Volkswirtschaft in einem derart frühen Entwicklungsstadium einen derart tiefgreifenden demographischen Wandel durchlebt. China wird alt, bevor es reich ist.
Anmerkung in eigener Sache: Der Bundesrat hat am Mittwoch auf Antrag der Schweizerischen Nationalbank den antizyklischen Puffer aktiviert, um der Überhitzung am Immobilienmarkt zu begegnen. Wir hatten das Thema in diesem Blogbeitrag bereits im Januar behandelt. Ich halte den Schritt der SNB für richtig. Wer sich vertiefter dafür interessiert, hier mein Kommentar dazu.
Zweite Anmerkung in eigener Sache: Regelmässige Besucher dieses Blogs erinnern sich, dass uns das Thema «Too Big to Fail» der Grossbanken am Herzen liegt. Die beiden Ökonomen Martin Hellwig und Anat Admati haben ein äusserst lesenswertes Buch dazu mit dem Titel «The Bankers‘ New Clothes» publiziert. Mein Redaktionskollege in New York, Christoph Gisiger, hat die beiden zu einem Gespräch getroffen. Hier finden Sie das Interview in voller Länge. Sehr lesenswert. Admati und Hellwig rechnen schonungslos mit den Grossbanken und dem aktuellen Aufsichtsregime ab.