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ERSTER STEIN
Ein Mann kam zu Tao-hsin, warf sich vor ihn auf den Boden und sagte „Lehre mich die Wahrheit.“ Tao-hsin reagierte nicht, daraufhin der Mann „Sag mir, wo ich suchen muss.“ Als er wieder keine Antwort bekam, flehte er „Ist das Leben den wirklich so leer?“ Tao-hsin schüttelte den Kopf. Der Mann stand auf und ging.
Später sagte Tao-hsin „Ich hätte nicken sollen.“
Ein Mann kam zu Tao-hsin und setzte sich ohne zu grüssen vor ihn. Tao-hsin fragte ihn „Hast du eine Frage?“ Der Mann schwieg. Tao-hsin weiter „Hast du eine Antwort?“ Der Mann schwieg. Daraufhin Tao-hsin „Meine Fragen sind zu einfach.“ Der Mann schwieg weiter.
Tags darauf traf Tao-hsin den Mann beim Essen. Nach dem Essen sprach Tao-hsin ihn an „Du bist ein schlechter Schüler, und ein schlechter Lehrer.“ Daraufhin der Mann „Warum?“
Ein junger Mann kam zu Tao-hsin und sagte „Was soll ich machen, ich reise und lerne, finde aber keine Ruhe. Ist Einsamkeit der Weg?“ Tao-hsin antworte „Ich kann dir nicht helfen.“ Der Mann verbeugt sich und geht.
Später sagte Tao-hsin „Ich rede zu viel.“
Einmal sprach Tao-hsin zu seinen Schülern „Eine Schale voll Wasser zerspringt auf dem harten Boden, Klirr.“
Ein Mann besuchte Tao-hsin und fragte ihn „Soll ich meine Frau achten“ Tao-hsin fragte zurück „Warum nicht?“
Später sagte Tao-hsin „Behandle deine Umwelt wie deine Hand.“
Ein Mann kam zu Tao-hsin und sprach „Bitte hilf mir.“ Daraufhin Tao-hsin „Was fehlt dir?“ „Diese Frage ist die schwierigste. Bitte hilf mir.“ Tao-hsin erwiderte „Dir fehlt nichts.“ Enttäuscht verliess der Mann Tao-hsin. Was für ein schlechter Lehrer Tao-hsin war.
Ein Mann fragte Tao-hsin beim Essen „Was ist die Wahrheit hinter allem.“ Daraufhin Tao-hsin „Nicht die Küche.“
Ein gelehrter Mann kam zu Tao-hsin und fragte ihn „Träumt die Welt den Menschen, oder der Mensch die Welt?“ Tao-hsin trank ein Schluck Wein.
Ein Dieb kam zu Tao-hsin und fragte „Was spricht gegen stehlen?“ Daraufhin Tao-hsin „Was spricht dafür?“
Ein Priester trat vor Tao-hsin und sprach „Ich möchte Gutes tun, aber die Menschen befolgen meine Ratschläge nicht.“ Tao-hsin schlug ihn ins Gesicht. „Das tat gut!“
Ein junger Mann trat vor Tao-hsin „Bitte gebt mir einen Fingerzeig.“ Tao-hsin hob die vor ihm liegende Tasse auf und fragte den Mann „Wer hat diese Tasse bewegt?“
Später sagte Tao-hsin „Im Zirkus finde ich immer Arbeit.“
Ein Mann kam zu Tao-hsin und fragte ihn „Was ist wichtiger: die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft?“ Tao-hsin trat zu dem Mann hin, schlug ihn, setzte sich wieder und fragte „Was war schlimmer: mich kommen zu sehen oder der Schmerz oder die Erinnerung daran?“ Der Mann war sprachlos und ging.
Später sagte Tao-hsin „Aua!“
Ein hoher Beamter besuchte Tao-hsin und fragte ihn „Darf ich meine Position aufgeben und die Wahrheit suchen?“ Tao-hsin antworte „Ja, das darfst Du, aber du wirst die Wahrheit nie finden.“ Der Beamte war verwundert „Was soll ich dann machen? Beamter bleiben?“ Darauf Tao-hsin „So geht es auch nicht.“ Der Mann sass verdutzt vor Tao-hsin. Der stand auf, rannte zur Tür, rannte zurück und setzte sich wieder auf seinen Platz.
Später sagte Tao-hsin „Verstehe oder nicht, beides ist fatal.“
ZWEITER STEIN
Als ein Mann Tao-hsin besuchte bemerkte er „Mit der Natur und nicht gegen sie leben ist mein einziger Weg.“ Tao-hsin schwieg. Der Mann fragte „Was ist dein Weg?“ Tao-hsin schwieg.
Später sagte Tao-hsin zu Hung-jen „Wer auf einem Hügel steht, besteigen ungern einen anderen Berg.“
Hung-jen bat Tao-hsin „Bring mich bitte zum Fuss des Berges und zeig mir die Spitze“ Daraufhin Tao-hsin „Für den einen Schritt brauchst du keine Hilfe. Für den einen Blick gibt es keine Hilfe.“
Ein Mann trat vor Tao-hsin und sprach „Ich habe alles gelesen und einige Klarheit erhalten. Und doch fehlt mir etwas. Kannst Du mir sagen was es ist?“ Daraufhin Tao-hsin „Ja, das kann ich.“ Der Mann verbeugte sich und ging.
Später fragte Hung-jen „War er ein guter Schüler?“
Ein Mann kam zu Hung-jen und fragte ihn „Was ist der Weg deines Lehrers?“ Hung-jen antwortete „Ich weiss es nicht.“
Später fragte Hung-jen Tao-hsin „Was ist Dein Weg?“ Der Lehrer antwortete „Ich weiss es nicht.“
Ein berühmter Gelehrter kam zu Tao-hsin und fragte ihn „Gibt es ein Leben davor und danach?“ Tao-hsin fragte zurück „Wirst du sterben? Was denkst du?“ Der Gelehrte schien unzufrieden mit der Antwort und zog sich zurück.
Später beim Essen traf der Gelehrte Tao-hsins Schüler Hung-jen und sprach ihn an „Dein Lehrer ist schlecht. Suche dir besser einen neuen.“ Daraufhin fragte Hung-jen „Wirst du sterben?“
Jahre später kam der Gelehrte zurück und trat erneut vor Tao-hsin und sprach „Ich wurde geboren und ich werde sterben, bitte beantworte meine Frage: Gibt es ein Leben davor und danach?“ Tao-hsin sagte „Noch nie ist ein Mensch geboren worden oder gestorben.“
Ein weiser Mann kam zu Tao-hsin und fragte ihn „Darf ich in meiner Welt leben?“ Tao-hsin antwortete „Geh weg und komm zurück.“
Ein Gelehrter trat vor Tao-hsin und sprach ihn an „Sag mir deine Wahrheit.“ Tao-hsin sagte „Für einmal will ich sprechen, so hört alle gut zu, aber erzählt es nicht weiter und behaltet es für euch: Da ist nichts.“
Später sagte Tao-hsin zu Hung-jen „Was für ein Theater!“
Ein Mann kam zu Tao-hsin und sprach „Bitte helft mir, ich bin arm und habe kaum genug zum Essen.“ Tao-hsin sagte „Wenn Du arm bist, gehe zu einem Geldverleiher. Wenn du Hunger hast, sprich mit einem Koch.“ Der Mann blickte hilflos, daraufhin Tao-hsin „Komm, ich zeig dir den Weg.“
Ein Mann kam zu Tao-hsin und fragte ihn „Wie kann ich reich werden?“ Darauf Tao-hsin „Du bist schon reich.“
„Wie meint dein Lehrer das“, fragte der Mann später Hung-jen, „ich besitze doch kaum mehr als die Kleider, die ich trage.“ Hung-jen sagte „Frag den Lehrer noch mal.“
Also trat der Mann wieder vor Tao-hsin und stellte ihm die Frage erneut „Wie kann ich reich werden?“ Tao-hsin sprach zum Mann „Wie es mir scheint, bis du sehr gierig. Aber wenn du möchtest, geben ich Dir gerne alles was Du hier siehst. Darf ich dich nur bitten, mir für die kommende Nacht in deinem Haus ein Platz zum Schlafen zu geben?“ Der Mann war sehr überrascht und entschuldigte sich.
DRITTER STEIN
Ein Besucher fragte Tao-hsin „Was ist über dem Himmel und unter der Erde?“ Tao-hsin antwortete „Melocoton!“
Ein reicher, alter Händler traf Tao-hsin und fragte ihn „Mein Geld kann ich nicht mit in den Tod nehmen, aber meine Kinder können gut davon leben. Habe ich das richtige getan?“ Tao-hsin gab zurück „Das Geld, wer hat es dir gegeben?“
Ein junger Mann besuchte Tao-hsin und fragte ihn „Ich suche den Weg. Kannst du mir helfen?“ Tao-hsin antwortet „Nein ich kann dir nicht helfen, aber komm doch morgen wieder vorbei.“
Ein Tag später kam der Mann wieder und frage „Ich suche den Weg. Kannst du mir helfen?“ Tao-hsin antwortet „Nein ich kann dir nicht helfen, aber komm doch morgen wieder vorbei.“
Am nächsten Tag trat der junge Mann wieder vor Tao-hsin und wollte seine Frage erneut stellen. Tao-hsin unterbrach ihn aber gleich und sagte „Du kennst die Antwort, warum stellst du die Frage?“
Ein Schüler trat vor Tao-hsin und sagte „Ich bin schon lange hier, arbeite und lerne hart. Und doch scheine ich nicht den richtigen Zugang zu finden. Was soll ich tun?“ Tao-hsin fragte „Wer bist du?“ Daraufhin der Schüler „Mich kenne ich, aber wer sind die anderen?“ Tao-hsin rannte zu ihm hin, schlug ihm ins Gesicht und schrie ihn an „Das ist keine Frage, das ist keine Antwort, das ist nichts!“ Der Schüler war erst verdutzt, lächelt dann.
Bei einem Spaziergang sagte Hung-jen zu seinen Lehrer „Alles ist richtig, alles.“ Daraufhin schlug ihn Tao-hsin mit dem Stock.
Als Hung-jen später Tao-hsin darauf ansprach sagte dieser „War der Stock in deinem Kopf oder auf deinem Kopf?“
Bei einem Spaziergang sagte Tao-hsin zu seinen Schülern „Der Berg ist nicht schwer, der Himmel nicht oben, der Vogel in Ruhe.“
VIERTER STEIN
Ein Mann trat vor Tao-hsin und fragte ihn „Darf ich den Weg suchen, ohne Rücksicht auf meine Familie?“ Tao-hsin antwortete „Nein.“ Der Mann fragte weiter „Dann muss ich meine Suche beenden?“ Tao-hsin antwortete wieder „Nein.“
Später fragte der Mann Hung-jen nach dem Sinn der Antworten. Hung-jen riet ihm, ein zweites Mal seinen Lehrer aufzusuchen.
Also ging der Mann erneut zu Tao-hsin und fragte „Darf ich den Weg suchen, ohne Rücksicht auf meine Familie?“ Tao-hsin antwortete „Ja.“ Der Mann fragte überrascht weiter „Dann muss ich meine Suche nicht beenden?“ Tao-hsin „Doch.“
Ein Schüler trat vor Tao-hsin „Bitte erklär mir das Wesen der Liebe.“ Tao-hsin antwortet „Keine Lust.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Dass ich Schüler habe, macht mich sehr traurig.“
Ein Gelehrter trat vor Tao-hsin und fragte ihn „Was haltest du von meiner Thesen, dass Geist und Körper immer eine Einheit bilden sollten?“ Tao-hsin erwiderte „Bevor du diesen Raum betreten hast, hast du dir versucht vorzustellen wie ich aussehen und was ich sagen würde?“ Der Gelehrte schwieg.
Ein Schüler eines angesehenen Lehrers besuchte Tao-hsin und fragte ihn „Mein Lehrer lehrt uns die Meditation und Konzentration. Gibt es darüber hinaus noch etwas anderes?“ Tao-hsin erwiderte „Offensichtlich.“
Als Tao-hsin spazieren ging, fragte er einen seiner Begleiter, Hung-jen, „Ruhe oder Bewegung?“ Hung-jen antworte nicht gleich, woraufhin Tao-hsin sagte „Keine Ruhe, keine Bewegung.“
Später fragte ein anderer Schüler Hung-jen, was der Lehrer damit sagen wollte. Hung-jen sagte „Ich denke er wollte uns sagen, dass der Geist immer aktiv ist, und doch in sich ruht.“
Als Tao-hsin von diesem Gespräch erfuhr, liess er Hung-jen zu sich rufen und sagte „Du bist ein guter Schüler, aber ein schlechter Lehrer.“ Daraufhin fragte Hung-jen „Was hättest du an meiner Stelle geantwortet?“ Tao-hsin erwiderte „Keine Ruhe, keine Bewegung.“
Ein gelehrter und reicher Mann trat vor Tao-hsin und fragte nach dem Sinn des Lebens. Tao-hsin erwiderte „Ich sage es dir, du darfst es aber unter keinen Umständen jemandem weitererzählen: Der Sinn des Lebens ist Wissen und Wohlstand.“ Der Mann war sehr glücklich, bedankte sich und ging.
Ein Wanderer besuchte Tao-hsin und erbat ein Nachtlager. Tao-hsin wies ihn ab.
Ein berühmter Gelehrter besuchte Tao-hsin und fragte ihn „Was ist deine Lehre.“ Tao-hsin antwortete „Keine Lehre.“ Der Gelehrte beharrte „Was ist die Essenz, was der Kern deiner Aussagen?“ Tao-hsin erwiderte „Die Frucht hat keinen Kern und keine Schale und schmeckt sehr süss.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Keine Geburt, kein Leben, kein Tod.“
Tao-hsin kam ans Bett eines todkranken, alten Mannes und half bei der Pflege. Als der Mann ihn um ein tröstendes Wort bat, liess Tao-hsin alle Anwesenden den Raum verlassen, setzte sich zum Alten und nahm seine Hand. „Ich erfülle dir jeden Wunsch, jeden. Bitte sprich.“ Der Mann starb.
Ein junger Schüler trat vor Tao-hsin und sprach „Ich will es verstehen und erfahren. Bitte hilf mir.“ Tao-hsin sagte „In deiner Frage sprichst du von ‚ich‘ und von ‚es‘. Was bedeuten diese Worte? Beantworte mir meine Frage und ich beantworte dir deine.“
Der Schüler trat Wochen später wieder vor Tao-hsin und sagte „‚ich‘ das ist meine Geist und ‚es‘ ist die ihn umgebende Welt.“ Tao-hsin erwiderte „Nein, das ist es nicht.“
Der Schüler trat Monate später vor Tao-hsin und sagte „‚ich‘ und ‚es‘ sind eins: Es ist alles und doch nichts.“ Tao-hsin erwiderte „Nein, das ist es nicht.“
Jahre später trat der Schüler vor Tao-hsin und bedankte sich herzlich für den Rat, den er vor Jahren erhalten hatte.
Ein Gelehrter begab sich zu Tao-hsin und fragte ihn „Was ist die Wahrheit?“ Tao-hsin erwiderte „Ein Wort – und kein Wort.“
FÜNFTER STEIN
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Die Freiheit des Himmels, eines Baumes, eines Steines ist die Messlatte.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Du erwachst eines Morgens und alles, Haus, Menschen, Sonne, der Boden, alles ist verschwunden.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Was sieht ein Käfer, was fühlt er? Und ein Adler? Und ein Staubkorn?“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Stell dir vor, die ganze Welt wäre in deinem Kopf.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „An einem Sommertag, wenn die Luft ganz klar ist, sei dankbar.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Betrachte ein Gegenstand wie wenn es das erste Mal wäre. Erst von weitem und dann von ganz nahe: jede Pore, jedes Staubkorn. Von unten und oben und auch von innen heraus. Betrachte auf diese Weise Menschen – und dich selbst.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Lege dich hin und fühle dich ganz leicht, gewichtlos. Und dann ganz schwer.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Stell dir vor, die Welt um dich wird immer dunkler bis alles pechschwarz ist. Und dann mach wieder Licht. Beleuchte die Welt in deiner Farbe.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Stelle dir dein Herz, dein Gehirn vor. Und dann: Stelle dir vor, dein Körper wäre eine leere Hülle.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Alles gehört dir.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Empfinde das Bewusstsein eines jeden Menschen, Tieres, Dinges wie dein eigenes.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Stell dir vor, die Welt wird immer kleiner und kleiner, bis sie nur noch aus dem dich direkt umgebenden Raum besteht.“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Was weisst du sicher?“
Tao-hsin sprach zu seinen Schülern „Nimm die Welt freudig und sanft auf, wie ein Kind sein Spielzeug.“
SECHSTER STEIN
Ein Schüler wollte Tao-hsin verlassen, und trat vor diesen, um sich zu verabschieden. Tao-hsin fragte ihn „Warum gehst du?“ Der Schüler antwortete „Ich habe hier alles gelernt und möchte jetzt auf Wanderschaft gehen und die Suche fortsetzen.“ Daraufhin erwiderte Tao-hsin „Wenn du alles gelernt hast, kannst du mir sicher eine Frage beantworten: Wenn du gehst, verlasse ich dich oder du mich?“ Der Schüler stockte.
Tao-hsin sagte später „Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben“
Einmal trat Tao-hsin vor seine Schüler und weinte.
Ein Schüler fragte Tao-hsin „Wer hat die Welt erschaffen?“ Tao-hsin antwortet „Ich.“
Später sagte Tao-hsin lachend zu Hung-jen „Du natürlich auch.“
Als ein alter, gelehrter Mann Tao-hsin fragte „Hat all das Suchen nach dem Weg einen Sinn?“ antwortete dieser „Wer sucht wird nichts finden, wer nicht sucht wird auch nichts finden. Was ist der Ausweg?“ Der Gelehrte war verdutzt und verliess Tao-hsin.
Später sagte Tao-hsin „Bereits haben.“
Hung-jen fragte Tao-hsin „Was unterscheidet ein Schüler von einem Lehrer?“ Tao-hsin antwortete „Der Schüler hat die letzte Stufe nicht erreicht, der Lehrer hat sie vergessen.“
Später fragte Hung-jen seinen Lehrer „Was ist die letzte Stufe?“ Tao-hsin antwortete „Freiheit.“
Bei einem Spaziergang fragte Tao-hsin seine Schülern „Kann jemand von euch einen Berg versetzten?“ Alle schwiegen, so sprach Tao-hsin „Es ist sehr einfach.“
Ein alter Mann bat Tao-hsin „Erzähl mir bitte vom Tod.“ Tao-hsin erwiderte „Es geht sehr lange, fast ewig und ist das schönste am Leben. Man ist dabei sehr glücklich.“ Der Mann gab ungläubig zurück „Das freut mich sehr, aber warum weisst du das?“ Tao-hsin antwortete „Ich sterbe.“
Ein Gelehrter trat vor Tao-hsin und fragte diesen „Hat deine Schule Regeln?“ Tao-hsin antwortet „Ja, sie hat Regeln.“ „Und welche sind das?“ fragte der Mann weiter. „Ich kenne sie nicht.“
Hung-jen fragte seinen Lehrer Tao-hsin „Ich werde eines Tages von hier weggehen. Wann wir das sein?“ Tao-hsin antwortete „Es ist bereits geschehen.“
Tao-hsins letzte Worte waren „Danke.“
SIEBTER STEIN
Tao-hsin sprach zu den Schülern „Die Luft ist durchsichtig, der Regen tötet nicht, die Sonne ist nicht zu gross und nicht zu klein – alles ist genau richtig.“
Ein berühmter Gelehrter trat vor Tao-hsin und fragte „Man hört viel von dem Lehrer Tao-hsin. Wer ist er?“ Tao-hsin zeigte auf Hung-jen.
Ein Mann fragte Tao-hsin „Ist Geld und Besitz erstrebenswert?“ Tao-hsin „Einigen gehört die ganze Welt, anderen nur ein Teil davon.“
Ein junger Mann kam zu Tao-hsin und bat um Aufnahme. Tao-hsin sah, dass er ein Buch dabei hatte und sagte „Du darfst bleiben, das Buch musst du allerdings verkaufen und den Erlös einem Bedürftigen geben.“
Der Mann willigte ein, machte aber vor dem Verkauf eine flüchtige Kopie einiger Teile des Buches. Basierend auf diesen Notizen schrieb er im Geheimen ein neues Buch.
Kurz bevor er die Arbeit beenden konnte, wurde er entdeckt und zu Tao-hsin gebracht. Nachdem ihm der Sachverhalt erklärt wurde sagte Tao-hsin „Es gibt nur eine Erklärung für dein Verhalten. Es freut mich sehr, einen Schüler wie dich bei mir zu haben.“
In den nächsten Tagen beendete der Schüler das Buch, verkaufte es und spendete den Erlos einem Bedürftigen.
Als Tao-hsin einen Schüler beim Rezitieren einer überlieferten Schrift traf, fragte er ihn „Was tust du da?“ Der Schüler antwortete „Ich wiederhole immerzu einen heiligen Text.“ Tao-hsin fragte weiter „Warum tust du das?“ Der Schüler erklärte „Ich löse mich so von störenden Gedanken und suche Versenkung.“ Tao-hsin zerriss die Schrift.
Später sagte Tao-hsin „Ein schlechtes Buch liest man einmal, ein gutes nie.“
Ein armer Mann kam zu Tao-hsin und bat um Almosen. Tao-hsin liess ihm einen schweren Sack Reis bringen. Da der Mann diesen nicht alleine tragen konnte, schenkte Tao-hsin ihm ein Pferd.
Ein Mann kam zu Tao-hsin uns klage „Ich bin alleine, was soll ich tun?“ Tao-hsin erwiderte „Lehre deine Erkenntnis.“
Ein junger Mann kam zu Tao-hsin und bat um Aufnahme. Tao-hsin fragte nach dem Grund. „Ruhig schlafen und klar sehen.“ antwortete Hung-jen.
Ein Gelehrter kam zu Tao-hsin und fragte „Was ist deine Lehre?“ Tao-hsin sagte „Nicht sprechen.“
Ein Gelehrter trat vor Tao-hsin und fragte „Was ist deine Lehre?“ Tao-hsin sagte „Warum stellst du diese Frage?“ Der Gelehrte antwortete „Ich habe viele gelesen und bin viel gereist, habe aber keinen Frieden gefunden.“ Tao-hsin erwiderte „Mach ein Tag lang das Gegenteil von allem was du bisher getan hast.“
ACHTER STEIN
Als ein Händler Tao-hsin bat sein neues Haus zu segnen, erwiderte dieser „Ich kann gerne zu dem Haus sprechen, ich bezweifle aber, dass es mich versteht.“
Ein berühmter Gelehrter trat vor Tao-hsin und sagte „Der erste Schritt ist die Selbsterkenntnis. Der zweite Schritt ist die Freiheit von Geburt und Tod. Der dritte Schritt ist das Verstehen von Innen und Aussen. Was hältst du von dieser Lehre?“ Tao-hsin antwortete „Nichts.“
Ein Händler schenkte Tao-hsin ein prachtvoll dekoriertes, rotes Gewand, welches von Priestern bei bestimmten Anlässen getragen wird.
In einem Dorf nahe Tao-hsins Schule ist der Stolz eines Bettlers ein warmer Mantel, schlicht und ohne Verzierungen aber aus auffällig rotem Stoff.
Tao-hsin sagte einmal lachend zu dem Bettler „Du hast mir ein schönes Geschenk gemacht!“
Ein Schuler trat vor Tao-hsin und sagte „Gestern traf mich ein Blitz und alles wurde klar. Leider verliert sich diese Klarheit. Bitte hilf mir!“ Tao-hsin erwiderte „Eine Sekunde nach der Geburt, eine Sekunde vor dem Tod. Was siehst du?“
Tao-hsin sprach zu seinen Schüler „Mein Leben ist wie ein Schachspiel, der Gegner ist gut. Jeden meiner Züge scheint er zu kennen, immer ist er mir einen Schritt voraus. Je besser ich werde, je mehr ich kämpfe, über das Spiel lerne: Der Gegner wird auch immer besser. Und auf einmal erkannte ich: Ich spiele gegen mich selber. Mit dieser Erkenntnis konnte ich nicht besser spielen, aber freier.“
Tao-hsin sagte auch „Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.“
Ein Schüler fragte Tao-hsin „Was bleibt?“ Tao-hsin antwortete „Nichts“ und lachte herzhaft.
Vielen Dank für Dein Interesse an diesen modernen Koans. Ich habe sie Tao-hsin und seinem Schüler Hung-jen, historischen, grossen Personen in den Mund gelegt. Lieber Leser, verzeihe mir bitte diese Anmassung.
Christian Rusche, 2005