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Der schreibende Gorilla – Des Nekrophilen einziger Fall. Teil 6.
von Cedric Weidmann
Der Kittel lag auf dem Pult. Die grünliche Infrarotaufnahme flimmerte auf dem Bildschirm und zeigte die matten Tiere, sich wie im Fieber hin und herschleudernd, weil sie in doppelter Geschwindigkeit schliefen. Ricos Augen waren starr auf den Monitor gerichtet, ohne dass ihm klar war, was er darauf zu entdecken hoffte. Sein Gehirn rüttelte, als wäre es in einem kleinen Wagen einer Geisterbahn und schwirrte durch die verstörende Kurvenlegung mitten hinein in ein tiefes, unerschliessbares Gefühl. Er spürte eine Schlappheit in sich, zugleich ein äffisches Bedürfnis, herumzuspringen und zu schreien.
Er erhob sich rasch, packte seinen Hut und warf beim Vorbeigehen einen Blick auf seine Sekretärin. Sie nickte, als sie seinen Gesichtsausdruck erkannte, und wandte sich wieder ihrem Browsergame zu. Was folgte, würde sie verschweigen und niemandem weitererzählen. Rico stieg in seinen Wagen und kurvte die Greifenstrasse 42 an, die im anderen Viertel der Stadt lag. Unterwegs bedrückte ihn ein Wallen in den Lenden und er stiess es mit zusammengepressten Lippen in sich zurück.
Er klopfte an, David öffnete ihm. David war ein anständiger Mann, freundlich und zurückhaltend. Man war geneigt, die ausgesprochen bleiche Hautfarbe und seine Magerkeit seinem Beruf zuzuschreiben. David war Wächter des Leichenschauhauses. Er schien Rico, der ihm hier alle paar Wochen einen Besuch abstattete, für dessen innere Qual zu bemitleiden. Er hatte viel Verständnis für die krankhaften Anwandlungen des Detektivs und duldsam, fast in religiöser Andacht, half er ihm. Er liess Rico ins Leichenschauhaus ein, aber nur unter der strengen Bedingung, dass er die Körper nicht anrührte und sie nur betrachtete. Rico, dankbar, schlug Plane um Plane zurück und musterte die Menschen. Er suchte besonders die toten Frauen, möglichst unter sechzig, auch wenn es von ihnen nicht viele gab — zum Glück, wie er ja auch fand, er fand das ja auch… Sein Atem wurde flach, während er die bläulichen Gesichter betrachtete, diese liebevoll-unbehändig schlabbrigen Muskeln. Die Körper waren in einer ausserirdischen Schönheit hergerichtet und ihre Leblosigkeit, das völlige Nicht-Atmen der Brustkörbe, verbarg einen Begriff der Ewigkeit in sich. Es schien Verderbnis und Göttlichkeit, losgelöst vom irdischen Zwang zu atmen, zugleich: Es waren die Statuen von Engeln. Sein Blick wanderte in gieriger Andacht über die Kadaver, wühlte in ihren Sehnen, fuhr durch ihr frisch gewaschenes Haar und glitt über ihre glatten, entspannten Gesichtszüge, doch er hielt seine Hände streng bei sich. David hatte sich höflich ein wenig abgewandt und bahrte einen frischen Ankömmling auf. Er liess, wenn auch nicht ohne ein Schaudern, Rico walten.
Unversehens versteinerten beide. Ein Geräusch in der Halle. Wie das Rollen von Rädern. Sie fuhren herum. Der Kickboardverfolger stand dort, über eine Bahre gebeugt, als er sie plötzlich gewahrte. Hastig nestelte er an der Leiche herum und flüchtete auf seinen flinken Rädern wieder davon, bevor Rico und David zu der Leiche stürzten. Ihr waren beide Füsse und Unterschenkel abgetrennt worden. Aber unter dem einen Knie war noch ein grösserer Stummel geblieben. Dieser Stummel war völlig behaart, ekelhaft pelzig, so dass sie sich nicht trauten, ihn anzufassen. Prüfend zog David die Plane vom Kopf und Rico zuckte zusammen. Es war das blaue Gesicht von Frau Schiefenthal.