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Tourismus in Grönland, besonders der Kreuzfahrttourismus, hatte sich in den letzten Jahren vor der Pandemie zu einem «Big Business» entwickelt. Denn immer mehr Menschen verspürten Wunsch, die grösste Insel der Welt zu besuchen. Und das war auch nach der Wiedereröffnung Grönlands in diesem Jahr ersichtlich. Doch nicht alle sehen diese Entwicklung als Grund zur Freude. Zwei Vorsteher von sehr häufig besuchten Bezirken sind der Meinung, dass dies mehr negative als positive Seiten birgt und fordern von der Regierung die Einführung einer Obergrenze.
Nicht mehr als 1’000 Schiffsgäste pro Tag ist die Hauptforderung, die der Vorsteher des Bezirks Avannaata Kommunia mit seinem Hauptort Ilulissat, Palle Jerimiassen, gegenüber den Medien vor einigen Tagen geäussert hatte. Unterstützung erhält er aus dem tiefen Süden des Landes von der Vorsteherin des Bezirks Kujalleq, Stine Egede. Auch sie ist der Meinung, dass eine Obergrenze an Touristenbesuchen pro Tag, die mit Schiffen die Orte anfahren, dringend notwendig ist. Beide haben ihre Forderungen an die grönländische Regierung direkt gerichtet und möchten, dass dies bereits im nächsten Jahr eingeführt wird. Sie weist auf einen Workshop hin, der vor zwei Jahren durchgeführt worden war und an dessen Ende eine Absichtserklärung alles Interessenvertreter stand, die eine Kapazitätsgrenze einführen wollte. Doch seither sei nicht mehr in diese Richtung geschehen.
Palle Jerimiassen, der Vorsteher des Bezirks Ilulissat, erklärt in einem Zeitungsinterview mit Sermitsiaq, dass er keinen Massentourismus möchte. Er argumentiert, dass dies einerseits die Erfahrung der Gäste ruiniert und andererseits ein Ort wie Ilulissat mit seiner limitierten Infrastruktur derart belaste, dass auch die lokale Bevölkerung darunter leidet. Er sieht auch keinen wirtschaftlichen Nutzen aus zu vielen Besuchern. «Die Schiffe bezahlen zwar eine Gebühr», erklärt er im Interview. «Aber das geht direkt an die Regierung. Und da wir oft der letzte Besuchsort der Schiffe sind, haben die Gäste bereits alles gekauft, was sie wollen und geben kaum mehr Geld bei uns aus.» Und auch Stine Egede, die seit letztem Jahr die Verwaltung des südlichsten Bezirk Grönlands leitet, argumentiert ähnlich. Sie fügt noch an, dass die Kreuzfahrtschiffe sich besonders in diesem Jahr teilweise nicht an Abmachungen gehalten haben, ihre mit den Orten abgemachten Pläne kurzfristig geändert hätten und woanders hingefahren seien oder in anderen Fällen plötzlich einfach vor Ort aufgetaucht wären ohne vorherige Benachrichtigung.
Der Tourismus in Grönland ist in diesem Jahr nach zwei Jahren Pause wieder angelaufen und erreichte gleich neue Rekordzahlen. Denn viele der Kreuzfahrtengesellschaften, besonders diejenigen aus dem Expeditionsreisenbereich, mussten ihre Fahrpläne aufgrund des Krieges in der Ukraine und den darauffolgenden Sanktionen gegenüber Russland ändern. Statt die russische Arktis wurden Svalbard, Island und vor allem auch Grönland angesteuert. Mitte Mai wurden 463 Besuche von Schiffen in Grönland registriert und in Ilulissat mit der Diskobucht und den Eisbergen lag die Zahl der Besucher an gewissen Tagen um bis 50 Prozent über der Einwohnerzahl, die gerade mal 4’670 beträgt. Es sei zwar sehr schön, dass die Menschen Grönland besuchen wollen, aber bitte nicht alle auf einmal. Das sei auch nicht nachhaltig, führe zu massiv höheren Kosten für die Gemeinde und bedrohe die Natur, meint Palle Jerimiassen.
Um die Kosten besser zu decken, fordert er neben einer Obergrenze an Besuchern auch eine Erhöhung der Steuern und Gebühren für den Kreuzfahrttourismus. Derselben Meinung ist Stine Egede, die mit dem Geld einen besseren Schutz der bestehenden Sehenswürdigkeiten wie die UNESCO-Gebiete, Nordmänner-Ruinen und Ortschaften finanzieren möchte. Sie sieht aber auch die Kreuzfahrtgesellschaften und die lokalen Behörden in der Pflicht, sich besser zu koordinieren. Es könne nicht sein, dass an einem Tag gleich mehrere Kreuzfahrtschiffe Orte anlaufen wollten, deren Infrastruktur gar nicht auf so viele Schiffe und Gäste ausgelegt seien.
Die Kritik und die Forderung von Palle Jerimiassen und Stine Egede ist zwar von anderen Gemeinden zur Kenntnis genommen worden. Doch gleichzeitig erachtet man das Ganze nicht als Problem. Gemäss einer Nachfrage der Zeitung Sermitsiaq bei der Verwaltung des grössten Bezirks Sermersooq, in dessen Einzugsgebiet auch die Hauptstadt Nuuk liegt, seien die Zahlen von Kreuzfahrttouristen keine Schwierigkeit. In Nuuk waren für diesen Sommer über 31’000 Besucher angemeldet (die tatsächliche Zahl wird erst später veröffentlicht, Anm. d. Red.) und für nächstes Jahr erwartet man sogar mehr als 38’000 Besucher, fast viermal so viele Menschen wie Einwohner. Doch Nuuk besitzt auch den grössten Hafen des Landes und damit auch eine höhere Kapazität als andere Orte wie beispielsweise Sisimiut, die zweitgrösste Stadt Grönlands, oder Ilulissat, die drittgrösste Stadt.
Auch innerhalb des Bezirks Avannaata gehen die Meinung entlang der Parteigrenzen auseinander. Denn während Palle Jerimiassen als Mitglied der Siumut eher links und grün steht, fordern Mitglieder von konservativen Parteien eine Auflösung des UNESCO -Schutzstatus von Ilulissat, weil dieser ihre Meinung nach einer wirtschaftlichen Entwicklung im Weg stehe. Anthon Frederiksen, Kommunalpolitiker im Bezirk hatte in einem früheren Interview erklärt, dass man mit allen Parteien ausser der Siumut in dieser Sache zusammenarbeiten werde.
Ob die Forderungen von Palle Jerimiassen und Stine Egede in der Regierung Gehör finden, ist zurzeit noch nicht bekannt. Doch die nächste Arktissaison steht bereits vor der Tür und die Schifffahrtsgesellschaften sind schon in den Vorbereitungen. Sollte die Forderung tatsächlich eine Mehrheit finden, dürfte es eng werden für den Kreuzfahrttourismus in der Arktis. Und viel Spielraum haben viele der Gesellschaften nicht mehr, sowohl geographisch wie auch wirtschaftlich.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal