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Identitätskarten unterscheiden sich von Staat zu Staat. Doch die Identität kann nicht mit der Staatszugehörigkeit gleichgesetzt werden. Schon auf der schweizerischen Identitätskarte wird die Staatszugehörigkeit mit der Angabe des Bürgerorts gleichsam untergraben. «Basler oder Schweizer?» ist für die Schweizer keine Angelegenheit des Entweder-oder, sondern vielmehr eine des Sowohl-als-auch. Wenn es bereits schwer fällt, von einer Identität bezüglich der Staatszugehörigkeit zu sprechen, was soll dann die Rede von einer «Dreiländeridentität»? Die Identität ist nicht in Stein gemeisselt – oder wurden alle EU-Bürger mit der Unterzeichnung des EU-Vertrags mit einem Schlag Europäer? Sind Schweizerinnen keine Europäer? Waren die Bewohnerinnen des Elsasses von 1871 bis 1945 zweimal Deutsche und zweimal Französinnen?
Historisch kulturelles Erbe
Die oben genannten Beispiele zeigen, dass Identitäten gerne an geopolitischen Grenzen festgemacht werden. Dies stimmt auch mit dem Selbstverständnis der Bewohner überein, die sich, wie eine Studie gezeigt hat, in allen drei Ländern, neben der Identifikation mit der Nation, eher noch als «Europäer» bezeichnen würden, als sich «Nordwestschweizerin», «Südbadenerin» oder «Oberelsässer» zu nennen. Und auch ein Blick auf das historisch-kulturelle Erbe der Region «südlicher Oberrhein» lässt ein anderes Bild entstehen als die politische Landkarte.
Sprache als Kitt
Einer der wichtigsten Faktoren für die Identität im Dreiland ist anerkanntermassen die gemeinsame Sprache. Diese ist seit der keltischen Besiedlung und der damit einhergehenden Verbreitung der indogermanischen Sprache aus den gleichen Wurzeln entstanden. Die resultierende nahe Verwandtschaft der alemannischen Dialekte (Elsässisch, Badisch, Baseldeutsch) ermöglichen häufig eine problemlosere Verständigung als die offiziellen Landessprachen. Das Elsässerdeutsch ist aufgrund der französischen Bestrebungen zur kulturellen Anbindung der Bevölkerung in Gefahr: Rund zwei Drittel der Jugendlichen verstehen heutzutage den alemannischen Dialekt nicht mehr. Eine sprachliche Gemeinsamkeit ist auch die aus dem Keltischen stammenden Namen «Belchen» oder «Ballon» für besonders markante Berge: Badischer Belchen, Schweizer Bölchen, Grand Ballon, Ballon d’Alsace und Petit Ballon.
Der Rhein zwischen Grenze und Gemeinsamkeit
Aus naturräumlicher Sicht wird heute der Rhein oft als Grenzfluss wahrgenommen. Ohne Vorurteile betrachtet besitzt der Naturraum südlicher Oberrhein eine gewisse Abgeschlossenheit, die durch Mittelgebirge im Westen (Vogesen), Osten (Schwarzwald) und Süden (Jura) entsteht. Der Rhein bildete unter den Merowingern (ab 5. Jh.) keine Grenze; zu «Alamannia» zählte auch das heutige Elsass. In der Karolingerzeit (ab 8. Jh.) wurde der Rhein zur Grenze. Das Reich wurde in Organisationseinheiten (Gaue) geteilt. Im südlichen Oberrheingebiet waren dies: Breisgau, Sundgau, Sisgau und Frickgau. Die reichsinterne Grenze wurde später durch die Dreiteilung des Reiches im Vertrag von Verdun (843) gefestigt: Der Rhein trennte nun das Westfrankenreich vom Mittelreich.
Blüte im Humanismus
IIn der Folge wurde die Oberrheinregion von den kleinräumigen politischen Einheiten und komplexen Bündnisverhältnissen des Mittelalters dominiert – eine übergeordnete politische Einheit gab es nicht. Auf der kulturellen Ebene war die Oberrheinregion mitunter führend; unweit von Basel liegt die frühe Buchdruck-Stadt Strasbourg und nach dem Abhalten des Basler Konzils (1431–1448) sowie der Gründung der Universität (1460) war die Buchdrucktradition auch in Basel etabliert. Berühmte Zeitgenossen hielten sich in der Oberrheinregion auf. Der Humanismus darf als eine Blütezeit der Region als Ganzes gelten. Obschon Basel bereits 1501 Mitglied der Eidgenossenschaft wurde, blieb es wirtschaftlich-kulturell lange Zeit eher in Richtung Ausland orientiert. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 trat die Habsburgermonarchie das Sundgau an den französischen König ab, was den heutigen Grenzverlauf institutionalisiert hat. Trotz der Grenzfunktion vermochte der Rhein in konfliktarmen Zeiten Einheit zu stiften und als wichtigste Transportachse das wirtschaftliche Wachstum zu fördern.
Ein Blick in die Zukunft
Heute sind die Verflechtungen zwischen den drei Ländern enorm: Über 67 000 Arbeitende pendeln jeden Tag allein aus dem Elsass und aus Baden in die Nordwestschweiz zur Arbeit (2012), von den im Elsass ansässigen Firmen befinden sich 40 % nicht in französischem Besitz, der Einkaufstourismus ist sehr stark ausgeprägt, seit 1997 verbindet die trinationale Regio-S-Bahn die Bevölkerung der Oberrheinregion, die Basler Tramlinie 8 wird über die Landesgrenze hinweg verlängert, die Region teilt sich den EuroAirport und ein «Euregio-Zertifikat» attestiert das teilweise Absolvieren der Berufsausbildung im trinationalen Ausland. Zu verdanken ist dies Vereinen wie der 1963 gegründeten «Regio Basiliensis», die sich der überregionalen Idee verschrieben haben. Zudem fördert die EU mit ihren INTERREG-Programmen die Regionalentwicklung, unter anderem auch am südlichen Oberrhein. Zwar existieren mit Oberrheinrat und Oberrheinkonferenz überregionale Körperschaften, doch fehlt bis heute ein durch Wahlen legitimiertes Gremium, das über eigene Mittel verfügte und rechtsgültige Beschlüsse fassen könnte.
Auf und Ab der Gemeinsamkeit
Ein enger Kontakt und ein intensiver Austausch lassen allein noch keine gemeinsame Identität entstehen. Im Gegenteil: Wirtschaftliche Konkurrenzsituationen oder Konflikte wirken trotz kultureller Verbundenheit der Bevölkerung klar trennend. Eine erfolgversprechende trinationale Zusammenarbeit muss politisch institutionalisiert werden und für den politischen Erfolg dieses Vorhabens ist auch erforderlich, dass ein entsprechender Rückhalt in der Bevölkerung besteht. Dieser kann entstehen, wenn grenzüberschreitende Beziehungen eine grössere Bedeutung erlangen als bloss die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Ein auf einer regionalen Solidarität beruhendes Dreiland-Bewusstsein wäre ein Wegpunkt dorthin.
DK / MS