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18.06.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock
Lieber Herr Zindel,
ich bin Psychotherapeutin in Leipzig und finde Ihre Texte aufschlußreich, fühle mich manchmal geistesverwandt. Ich weiß gar nicht, ob es Ihr Interesse ist, Fragen zu beantworten?
Das erwähnte Hebelgesetz brachte mich zu der Frage:
Wenn mein Interesse an einem explorativen Vorgehen viel ausgeprägter ist, als beim Patienten, der Interessen hat, sich zu erleichtern, vielleicht sogar generell, es sich leichter zu machen, sitze ich doch am kürzeren Hebel. Ich kann natürlich auch versuchen, zu überzeugen, was gut am Explorieren ist und wo die Grenzen des Es-sich-leichter-machen sind, aber bekomme ich so mehr vom längeren Hebel?
Mich beschäftigt diese Frage wirklich, vielleicht haben Sie eine erprobte Haltung dazu?
Mit freundlichen Grüßen
Sigtraud Hopfstock
22.06.2021 J. Philip Zindel
Liebe Frau Hopfstock,
Ihre spannende Anfrage freut mich ungemein! Genau das suche ich mit meinem Blog: Nicht nur erzählen, sondern einen bereichernden Dialog.
Ich versuche nun, auf Ihre Frage eine sinnvolle Antwort zu finden. Das, was uns grundsätzlich immer an den längeren Hebel setzt und dort hält, ist das konsequente Festhalten an der Haltung des konsequenten Explorierens (s. die Texte "Explorer"), ggf. mit Umsteigen auf eine Meta-Ebene.
Wenn wir in der von Ihnen beschriebenen Situation versuchen und uns bemühen, den Patienten argumentativ zu überzeugen, dass Explorieren besser wäre, stossen wir meist auf die wunderbar organisierte Abwehr von Gegenargumenten. Verzichten wir hingegen darauf, ihn neugieriger für eine Exploration machen zu wollen, sondern wundern wir uns über seine Haltung, vielleicht mit einem "Ah, spannend, dass Sie sich die und die Frage nicht stellen mögen!" oder mit einem "Ah, spannend, Sie kommen zu mir einfach mit dem Bedürfnis, sich zu erleichtern?" reagieren, haben wir schon den nächsten Schritt der Exploration angebahnt.
Im nächsten Schritt könnten wir uns dann beispielsweise in dem Sinn äussern, dass es uns wundernimmt, weshalb die besagte Frage für den Patienten nicht relevant ist (dann kommt nämlich vielleicht etwas ganz Anderes und tatsächlich viel Wichtigeres und Relevanteres zur Sprache als das, woran wir waren). Oder wir können auch fragen, ob es vielleicht für diese Person mühsam ist, solche Fragen zu stellen oder vielleicht sogar überhaupt Fragen zu stellen (und vielleicht landen wir so irgendeinmal bei der Kindheit, in der das Fragen Tabu war). Oder wir folgen der Spur des Bedürfnisses nach Erleichterung: "Spüren Sie, dass Sie sich durch diese Erleichterungen bei mir in einem positiven Sinn entwickeln? (Wenn ja, woran merken Sie es?)". Tausend Möglichkeiten.
Meine Idee wäre also zusammengefasst, immer innerlich (oft auch äusserlich) mit dem fast stammhirnmässig produzierten "Ah, spannend!" zu reagieren, ggf. eben die Ebene dabei zu wechseln. Für uns Therapeuten ist dabei hilfreich, immer im Auge bzw. im Hinterkopf zu behalten, dass sich die Dinge tatsächlich vielleicht ganz anders verhalten als in unserer Hypothese, mag sie noch so plausibel erscheinen. Allerdings darf man natürlich je nach dem nicht schnelle Änderungen beim Patienten erwarten, aber wir können unbeirrt am Explorieren festhalten und bleiben so beim Patienten, ohne uns zu ärgern oder zu langweilen...
Dann noch ein Tipp: Wenn der Patient durch unsere Frage irgendwie verwundert ist oder betroffen wirkt, ist es am sinnvollsten, gleich mit einem "Wären Sie einverstanden die Augen zu schliessen und in Ihnen innen zu beobachten, wie sich meine Frage anfühlt, welche Reaktion Ihr Körper darauf zeigt?" zu reagieren. Wenn Sie das tun können und es stimmig ist, vermeiden Sie Argumentationen, die in aller Regel fruchtlos bleiben.
Können Sie etwas mit diesen Überlegungen anfangen? Sonst suche ich gerne mit Ihnen weiter.
Herzliche Grüsse
J. Philip Zindel
PS: Wären Sie allenfalls einverstanden, unsere Diskussion auf meinem Blog zu veröffentlichen (wenn Sie es vorziehen auch anonym), denn aus den Supervisionen weiss ich, dass Sie in keiner Weise als Einzige mit solchen Fragen dastehen.
26.06.2021 Dipl.-Psych. Sigtraud Hopfstock
Lieber Herr Zindel,
Danke für Ihre Anregungen, die mir beim Nachdenken darüber deutlich gemacht haben, daß es mit meiner Absichtslosigkeit doch gar nicht so weit her ist.
Mir sind anregende Gespräche lieber als das klagende Persistieren. Neugier und Interesse habe ich charakterbedingt genug.
Kultiviert man Absichtslosigkeit durchs Tun? Macht es Spaß? Bringt es Leichtigkeit ins Sein, absichtsloser zu werden?
Hätten Sie Lust, selbst davon zu erzählen?
Ich habe einmal ein Interview mit einem vielleicht 10 -jährigen Jungen gehört, der in einem Film ein schwieriges Kind spielen mußte, das ihm zunächst gar nicht sympathisch war. Er sei dann in die Rolle hinein gewachsen und sagte:“ Wenn man jemanden versteht, dann mag man ihn auch.“ Ich kann mir vorstellen, daß er in Ihrem Sinne die Figur und sich selbst exploriert hat.
Sie können meine Mails in Ihren Blog stellen.
Herzliche Grüße aus Sachsen
Sigtraud Hopfstock
26.07.2021 J. Philip Zindel
Liebe Frau Hopfstock,
Entschuldigen Sie bitte die Verspätung meiner Reaktion auf Ihr Mail: Zuerst war es der Endspurt vor den Ferien, dann die Reise nach Südfrankreich, und dann das Gröbste an Wiederherstellung des Gartenareals (s.a. die Titelseite meines Blogs) und nicht zuletzt… die Gewöhnung an die Hitze und an das süsse Leben in der Provence. Nun bin ich, bequem im Liegestuhl auf der Terrasse, startklar.
Ihre neuen Fragezeichen haben mich beim Lesen in Begeisterung versetzt. Sie bringen mit ganz schlanken Worten knifflige, im Hintergrund lebensphilosophische Fragen auf den Punkt. Spontan hätte ich sie Ihnen wohl alle mit einem noch schlankeren «Ja» beantworten können, aber das hätte keinen Spass gemacht und Sie wollten ja, dass ich Ihnen etwas erzähle. Nun will ich Ihnen also gerne berichten, wohin mich die Spaziergänge meiner Gedanken geführt haben.
Tun und Absichtslosigkeit
"Kultur der Absichtslosigkeit im Tun?" – ein absolut spannender Gedanke! Man stutzt, denn da steckt in dieser Frage irgendetwas Paradoxes. Beim Nachdenken wurde mir die Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Substantivs «Absichtslosigkeit» bewusst. Nicht erstaunlich, denn schliesslich ist es ja nur ein Wort, keine eindeutige, greifbare Realität.
Grundsätzlich impliziert «Tun» ja eine Absicht. Warum denn sollten wir etwas tun, wenn wir nichts damit beabsichtigen? Zwar ist diese Absicht sicher oft die bewusst deklarierte, doch öfter vielleicht noch stecken ganz andere, verborgene, vielschichtige, unbewusste, manchmal auch bewusst inoffizielle, heimliche Absichten im Hintergrund, was nichts am Absichtlichen ändert. Die Umkehrschlussfolgerung könnte sich also in der Gleichung finden: «nicht-Tun gleich Absichtslosigkeit». Diese Rechnung geht aber nicht auf. Etwas nicht tun oder nichts tun wirkt nämlich auch, und ist zudem nicht immer absichtslos: Die Absicht hinter dem Nichts-tun kann gerade die Wirkung des Nicht-tuns sein. (Dieses Phänomen machen sich bekanntlich die klassischen Psychoanalytiker konsequent zunutze: Nicht reagieren soll die Frustration beim Patienten erhöhen und ihn zu Übertragung und Reflexion stimulieren.) Die Wirkung des Nichts-tuns kann natürlich auch völlig absichtsfrei und dennoch sehr effektvoll sein: Einer gestrandeten Qualle können wir beileibe keine theatralische oder sonst welche Absicht unterstellen, insbesondere nicht die, mit ihrem Anblick sensible Seelen in Schrecken oder Mitleid zu versetzen. Tun und Absicht pflegen also offensichtlich einen recht komplexen Umgang miteinander.
Betrachten wir die therapeutische Zweiersituation unter diesem Aspekt, so sehen wir sofort, dass hier in der Natur der Situation eine Absicht vorgegeben und eingebaut ist: Ein Patient kommt mit der Absicht, mit unserer Hilfe besser mit sich zurank zu kommen. Er gibt uns den Auftrag, uns in die Lösung der Probleme, die er mit sich selber hat, helfend einzubringen. Es wäre unfair, seine Absicht zu ignorieren und einfach absichtslos zu bleiben. Wir schulden ihm, seine Absicht mit ihm zu teilen und sie ernsthaft zu übernehmen. (Wollten wir uns ihr entziehen, könnten wir beispielsweise Lacans Ausspruch über seine psychoanalytische Absichtslosigkeit buchstabengetreu folgen, dass nämlich die Heilung ohnehin gewissermassen nur als Zugabe, als Überschuss zur analytischen Arbeit komme: «la guérison vient en surplus».)
Kurzum, ich weiss nicht, ob Sie es auch so sehen mögen oder ohnehin so sehen, dass es im Kontext der Therapie mehr Sinn macht, auf den unsicheren Begriff «Absichtslosigkeit» zu verzichten, und eher von einem «konsequenten Verzicht auf direktes Steuern des Patienten» oder etwas philosophischer von einer «dienenden Egofreiheit» zu sprechen. «Abstinenz» wäre allenfalls auch ein passender Ausdruck, würden ihm nicht schon verschiedene Altlasten anhaften. Eine konsequent dienende Haltung erlaubt nämlich, absichtlich Einfluss auf den Patienten zu nehmen und zu handeln, dies aber gleichzeitig strikt nur im Sinne seines und nicht unseres Ziels zu handhaben. Nur stossen wir dann auf die Frage, welches ist sein Ziel, sein eigentliches Ziel? Ist es wirklich das deklarierte Ziel? Aus der therapeutischen Erfahrung wissen wir, dass dies nicht immer der Fall ist. Im Grunde haben weder der Therapeut noch das Bewusste des Patienten die Hoheit über die Ziel- und Wegdefinition einer therapeutischen Arbeit. Diese gehört allein dem Unbewussten des Patienten. Unsere Arbeit besteht also in einer umfangreichen diplomatischen Leistung, die versucht, die drei Kontrahenten Patient, sein Unbewusstes und den Therapeuten zusammen auf einen sinnvollen Weg zum verborgenen Ziel zu führen.