Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03578.jsonl.gz/1505

Im Umfeld des Bauunternehmers Enderlin waren Ingenieure die Vertreter der Bauherren, seien dies die Kantone, Gemeinden, Genossenschaften oder auch die Eisenbahngesellschaften. Sie entwarfen Projekte mit Kostenvoranschlägen, machten Ausschreibungen für die Verträge, leiteten die Ausführung und erstellten die Schlussrechnungen. Dazu verfügten sie über eine Berufsausbildung. Die Unternehmer organisierten ihre Mannschaft, besorgten das Baumaterial und führten die Bauarbeiten aus, sei es im Akkord oder in Regie. Für die Preise in ihren Angeboten stützten sie sich auf ihre Erfahrung und auf ihre Risikoeinschätzung.
Johann Peter Enderlin war Autodidakt. Als Sohn eines Kleinbauern aus Maienfeld hatte er schon als Zwölfjähriger mit einem Ochsengespann Salz und Korn nach Chur transportieren müssen. Als Halbwüchsiger wirkte er an den Wuhrbauten mit, welche seine Gemeinde am Ufer des Rheins zu leisten hatte. Zur Überraschung seines Vaters gelang es ihm sogar, ein Baulos zu ersteigern und erfolgreich zu vollenden. Gegen weitere Schuljahre hatte er sich geweigert. Stattdessen verdiente er bald eigenes Geld mit Holztransporten, Gleisbauarbeiten, mit einer Behelfsbrücke über den Rhein und mit weiteren Wuhrbauten. Im September 1868 erlebte er die Kraft des Wassers, als er in Maienfeld bei der Eindämmung des Hochwassers tatkräftig mitwirkte und so grösseren Schaden verhindern konnte. In den folgenden Jahren bewährte sich Enderlin im thurgauischen Tänikon als Gutsverwalter, eingestellt von Andreas Rudolf Planta. Dessen Familie hatte dort 1850 das aufgehobene Kloster gekauft und als Landwirtschaftsbetrieb weitergeführt. Ihr junger Verwalter setzte nun die Arbeitskräfte geschickt ein und leitete zusätzlich noch einen Kanalbau.
Als 28jähriger zog Enderlin zurück ins Bündnerland und konkurrierte fortan als Unternehmer. Er übernahm Bauarbeiten wie Wuhren, Bachverbauungen, Gebirgsstrassen, Alpwege und Wasserfassungen. Daneben betrieb er die zugehörigen Steinbrüche und erstellte einige Hochbauten. Ab 1876 firmierte er zusammen mit seinem Partner Johann Georg Wiher aus Jenins. Gefragt war er auch im angrenzenden Kanton St. Gallen. Er hatte das Vertrauen erlangt, ohne dass sein Geschäft, das später von seinem Schwiegersohn Emil Laeri weitergeführt wurde, ins Handelsregister eingetragen war.
In einem Rückblick auf sein Werk hatte Enderlin seine Erlebnisse handschriftlich aufgezeichnet. Man erfährt Erfolgsgeschichten aus erster Hand in einem Beziehungsnetz, wie dies andernorts oft nur mündlich überliefert ist. Deshalb entschlossen sich drei seiner Nachkommen zur Veröffentlichung (Leutwyler-Ruffner 2011). Das Buch zeigt einzelne Lebensabschnitte des Bauunternehmers in chronologischer Folge, dann „Plaudereien eines 76-jährigen Graubarts“ und die Rede von Pfarrer Wagner zu Enderlins Beerdigung. Sie werden ergänzt durch Erläuterungen zu Orten und Personen sowie durch ein Glossar. Die autobiographischen Texte sind selbstbewusst geschrieben, frisch von der Leber weg in einem Stil, der einen kräftigen Eindruck von damaliger Bautechnik zwischen Leben und Tod vermittelt. Sie sind aufgelockert durch Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus zeitgenössischen Quellen.
Zahlreiche Personen kann man in diesem Buch antreffen. Lokalpolitiker, Beamte, Bundesräte, Offiziere, nahe Verwandte und einige Ingenieure. Enderlin erwähnt nicht alle, die er wohl gekannt hatte. Hier seien typische Begegnungen und Bemerkungen herausgegriffen. Bereits in seiner Jugendzeit hatte er den Maienfelder Ulysses Gugelberg von Moos kennen und achten gelernt. Ihm sei die Bahnlinie Sargans-Chur zu verdanken, die den Rhein bei Maienfeld seit 1857 mit einer gedeckten Holzbrücke überquerte. Bei den Erdarbeiten habe er kleine Baulose gebildet, sodass die lokalen Unternehmer mitbieten konnten. Bei ihm hatte bereits Enderlins Vater grosses Vertrauen gewonnen.
Militärdienst leistete Enderlin bei den Scharfschützen. Die Vorgesetzten bemerkten sein Talent als Bauunternehmer und übertrugen ihm Bauaufgaben, welche die Truppe jeweils selber ausführen musste. Auf eine Ausbildung zum Offizier hatte er verzichtet, erhielt aber beim Übertritt in den Landsturm als 30jähiger das Offiziersbrevet. Als ab 1873 jedes Bataillon über Spezialisten für militärisches Bauen verfügen musste, wurde Enderlin zum entsprechenden Kurs aufgeboten. Kommandant war Adolf Meinecke, bekannt u.a. durch Schriften zur Tragkraft von Pontons und zur Ladungsberechnung von Minen. Fortan leistete Enderlin Geniedienst. Bis zu seinem 65. Altersjahr war er zur Inspektion der Zerstörungsvorbereitungen an den Bündner Alpenpässen eingesetzt. Dabei profitierte er für seine zivile Arbeit besonders vom Gelernten aus der Sprengtechnik.
Als im Kanton St. Gallen der Neubau der ersten Fahrstrasse von Weesen zum Dorf Amden ausgeschrieben war, wagten sich Enderlin und sein Geschäftspartner Wiher an dieses Vorhaben. Sie erhielten den Zuschlag. Zu erstellen war eine Strasse von 4,1 km Länge und 4,20 m Breite, meist eingesprengt in die steilen Felswände am nördlichen Ufer des Walensees. Mit einer Mannschaft von etwa 150 Arbeitern und nach einer Bauzeit von nur 14 Monaten wurde diese Kunststrasse 1882 eröffnet. Anfänglich hatte der Kanton einen bauleitenden Ingenieur vor Ort eingesetzt, doch Enderlin sah in ihm „einen Hemmschuh“. Er beschwerte sich in St. Gallen bei dessen Vorgesetzten, Friedrich Bersinger. Der noch junge Kantonsingenieur liess ihn den Bau ohne Aufsicht vollenden und erklärte seine Zufriedenheit, zumal die Kosten eingehalten wurden.
Ein Jahr später gelangte diese Strasse als technisch und landschaftlich bedeutendes Vorzeigeobjekt an die Schweizerische Landesausstellung in Zürich. Das Ingenieurwesen präsentierte sich gegliedert in die Abteilungen Strassen-, Eisenbahn-, Wasser-, Brücken- und Städtebau. Federführend war Oberbauinspektor Adolf von Salis, der seit 1871 in Bern an dieser neu geschaffenen Stelle des Bundes wirkte. Bei den Strassen fällt auf, dass sich nur 11 Kantone beteiligten und dass bei jedem Projekt die spezifischen Werte Länge pro Kantonsfläche und pro 1000 Einwohner sowie die Kosten pro km interessierten. Anders beurteilt wurde der Wasserbau. Die Vollständigkeit und Gestaltung der Objekte machten diese Disziplin zum Glanzpunkt der Gruppe Ingenieurwesen.
Ob Enderlin diese Ausstellung besuchte? – Fünf Jahre zuvor hatte er sich eine Fahrt an die Weltausstellung 1878 gegönnt. Mit vielen Eindrücken kehrte er von seinem einmonatigen Aufenthalt in Paris und einem Abstecher nach London ins Bündnerland zurück. Auf seine Leistung am Walensee durfte er stolz sein. Sein Ruf war gefestigt, was ihm „noch manche schöne Unternehmung eintrug“.
Während dieses Strassenbaus erfuhr er, dass sich in Elm ein Bergsturz ereignete, und eilte dem Kanton Glarus zu Hilfe. Es war Sonntagnachmittag, der 11. September 1881. Als erstes begann er mit Ableitung von Wasser. Nach Eintreffen der Feuerwehr suchte man nach Überlebenden und barg die Toten. Eine ähnliche Katastrophenhilfe sollte Enderlin noch 1910 beim Hochwasser in Graubünden leisten. Auf Anfrage von Ingenieur Ernst Münster sandte er einen Teil seiner Arbeiter zu Gleisarbeiten nach Landquart. Mit dem anderen blieb er in Maienfeld zugunsten der Gemeinde, um Einbrüche der Wuhren zu verhindern.
An der neuen Strassenbrücke Maienfeld-Ragaz über den Rhein zwischen den Kantonen St. Gallen und Graubünden war Enderlin nicht beteiligt. Er übte aber heftige Kritik am damaligen Kantonsingenieur Friedrich von Salis. Graubünden war ausführender Kanton und beharrte auf einer Pfahlfundation des Pfeilers auf seiner Seite. Damit war St. Gallen nicht einverstanden, machte seinen Pfeiler mit Druckluftgründung und verlangte 1885 sogar die Einstellung der Bauarbeiten sowie den Rückbau des bereits erstellten Oberbaus. Das weitere Vorgehen musste vom Bundesgericht entschieden werden.
Am Gotthard war nach mehrjährigen Planungen die Ausführung der Befestigungen spruchreif geworden. Enderlin beteiligte sich 1888 an der Ausschreibung der Bäzbergstrasse mit Eingangstunnel zum Fort Bäzberg. Die Arbeiten dauerten drei Jahre. Im Sommer beschäftigte er bis zu 300 Arbeiter. In dieser Zeit erhielt er vom Eidg. Befestigungsbüro einige Anschlussaufträge oberhalb Airolo, so die Kabelgräben zum Hospiz und das Artilleriewerk Stuei. Dazu gehörten einzelne Beobachtungsposten und ihre Kabelverbindungen, die er zusammen mit Genieoffizier Paul Pfund rekognoszierte. Zum Abschluss in diesem unwegsamen Gebiet leistete er 1893 den Transport von Geschützen und Panzerplatten.
Von seinen weiteren Werken in der Südostschweiz sei die Wasserversorgung Maienfeld in den Jahren 1898/99 erwähnt. In der Gemeinde war sie stark umstritten. Für das Projekt und den Kostenvoranschlag wurde Ingenieur Louis Kürsteiner aus St. Gallen beigezogen. Nach einer öffentlichen Ausschreibung erhielt Enderlin den Zuschlag. Als später die Nachbargemeinde Fläsch ihre Wasserversorgung erneuerte, vergab sie 1910 den Auftrag an Enderlin und seine Firma. Kürsteiner zeigt sich auch in diesem Fall sehr befriedigt.
Bei Enderlins Bauarbeiten sind mehrere Alpwege aufgeführt. Als Beispiel dazu steht das „Protokoll über die Kollaudation des Alpweges nach den Jeninser-, Maienfelder- und Fläscheralpen am 22./28. Oktober 1910“. Innerhalb von drei Jahren waren 15‘646 m Alpwege mit 2.50 bzw. 2.00 m Breite erstellt worden. Die Steigung betrug durchschnittlich 15% (max. 18%). Festgehalten ist, dass während des Baus drei Änderungen der Linienführung vorgenommen wurden und zwar im Einverständnis des Kantonalen Kulturingenieurs Thomas Luchsinger. Aufgeführt sind ferner Details sowie die Begehren der Beteiligten, die im Sinne von Mängeln behoben oder als Ergänzung noch zu leisten und zu vergüten waren. Beim Protokoll selbst vertrat Ingenieur Alfred Bloch den Kanton. Ein Jahr später wurde Bloch Kantonaler Kulturingenieur in Uri, wo er die Bewirtschaftung des Alpgebiets förderte. Spannend zu lesen sind Enderlins Aufzeichnungen, weil er sein Handeln in vielen Lebenslagen beschreibt. Er ist Turner, Schütze, Soldat, Patron, Bergwanderer, Landwirt und ein Zeitgenosse, der die technischen Entwicklungen kritisch mitmacht. Privates erscheint nur soweit nötig. Umso zahlreicher sind die Anekdoten aus dem öffentlichen Leben – ernste und heitere.