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Daniel Kahneman war zweifelsohne einer der einflussreichsten Psychologen des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Sein Einfluss speiste sich nicht zuletzt daraus, dass er die Grenzen des Fachs weit überschritten hat und gemeinhin, wenn nicht als Begründer, so doch als entscheidender Wegbereiter der Behavioral Economics gilt. Wie er selbst erläuterte, war sein intellektueller Weg aus der Psychologie in die Wirtschaftswissenschaften auch dem Wunsch geschuldet, Einfluss zu nehmen, sowie der Überzeugung, dass die Ökonomik die einzige Wissenschaft sei, die politisch Gehör finde. In den Wirtschaftswissenschaften wurde Kahneman so erfolgreich, dass er mit dem Nobel-Gedächtnispreis ausgezeichnet wurde. Behavioral Economics ist inzwischen eine etablierte Subdisziplin der Wirtschaftswissenschaften und galt in den 2010er Jahren auf nationaler wie auf internationaler Ebene als wesentliche Inspirationsquelle für neue Regierungsprogramme. Kahnemans Thinking Fast and Slow wurde ein internationaler Bestseller, der weit über die Grenzen der Disziplin hinaus Wirkung entfaltete. Bei kaum einem anderen Wissenschaftler unserer Zeit liegt es so nahe, ihn in Nachrufen als Genie zu bezeichnen wie bei Daniel Kahneman. Seiner engen wissenschaftlichen und persönlichen Verbindung mit dem bereits 1996 verstorbenen Amos Tversky widmete der Erfolgsautor Michael Lewis ein ganzes Buch mit dem Titel A Friendship that Changed the World.
Tatsächlich hat Kahneman die wichtigsten seiner Aufsätze über menschliches Entscheidungsverhalten unter den Bedingungen von Unsicherheit und Risiko seit Beginn der 1970er Jahre zusammen mit Tversky geschrieben. In seiner autobiographischen Skizze anlässlich des Nobel-Gedächtnispreises im Jahr 2002 hat Kahneman selbst die Deutung ihrer Beziehung als „magisch” vorgegeben. Es habe sich um die seltene Verbindung zweier großer Geister gehandelt, die zusammen mehr leisten konnten als allein. Ihr symbiotisches Arbeitsverhältnis – nachmittagelang diskutierten sie einzelne Entscheidungsprobleme und ihre diesbezüglichen Intuitionen – sei wie eine Gans gewesen, die goldene Eier legte. Der Erfolg von Kahnemans Theorie der Heuristiken und Biases menschlichen Entscheidungsverhaltens ist erklärungsbedürftig, weil er gängigen Erzählungen über die Geschichte der Gegenwart und ihre wesentlichen intellektuellen Entwicklungen widerspricht. Diese müssen also erweitert, wenn nicht revidiert werden.
Universales Verhaltenswissen in einer partikularen Welt
Ihre wohl wichtigsten Aufsätze verfassten Kahneman und Tversky in den 1970er Jahren, also in der sogenannten Me-Decade (Tom Wolfe), in der viele Historiker*innen in den letzten Jahren den Beginn unserer Gegenwart lokalisierten. Dabei gehen letztere unter anderem davon aus, dass im Übergang von der Moderne in die Postmoderne viele Gewissheiten zerstört wurden. Das habe auch das Wissen über das eigene Selbst und den Menschen betroffen, das vielfältiger und uneinheitlicher geworden sei, als immer mehr gesellschaftliche Gruppen und Individuen begannen, die Legitimität ihrer marginalisierten Subjektpositionen zu behaupten. In der sich ausbildenden „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz), in der zunehmend Gruppen die Unhintergehbarkeit ihrer subjektiven Erfahrungen reklamierten und zur Grundlage einer Politik der Identität zu machen suchten, beschrieben Kahneman und Tversky allerdings die Grundprinzipien menschlichen Verhaltens zunächst einmal ganz unabhängig von Identitätsmarkern wie race, class, gender, age oder ability. Sie konfrontierten ihre nicht eben repräsentativ ausgewählten Studierenden mit hypothetischen Entscheidungsproblemen und leiteten daraus Schlussfolgerungen darüber ab, wir „wir“ „uns“, das heißt Menschen ganz allgemein, sich verhalten. Auf diese Weise bestimmten sie anscheinend allgemeine Prinzipien menschlichen Entscheidungsverhaltens, wie zum Beispiel den Status Quo-Bias, demzufolge die Ausgangsoption attraktiver wirkte als Alternativen, die Verlustaversion, dass potenzielle Verluste systematisch höher bewertet werden als Gewinne, fehlerhafte Intuitionen bei der Wahrscheinlichkeitskalkulation und die Mechanismen, nach denen Kosten und Nutzen unterschiedlich bewertet werden, wenn sie an verschiedenen Zeitpunkten in der Zukunft liegen (hyperbolic discounting). An ihre provokanten Aufsätze, die eigentlich kontraintuitive, dann aber doch auch introspektiv unmittelbar einleuchtende Ergebnisse mit universalem Anspruch präsentierten, schlossen sich nicht nur bis in unsere Gegenwart andauernde Forschungsdebatten an. Vielmehr wurde ihre Auffassung, dass das menschliche Verhalten zwar nur begrenzt rational, aber durch ihre Theorie eben doch wieder vorhersagbar und beeinflussbar sei, zunächst ökonomisch und seit der Jahrtausendwende auch politisch einflussreich.
Dieses universalistisch daherkommende Verhaltenswissen liegt nicht nur quer zur Erzählung einer angeblich immer pluraler und partikularer werdenden Gegenwart. Der Aufstieg der Behavioral Economics ist auch nicht einfach in Einklang zu bringen mit der im Anschluss an Michel Foucault oft behaupteten neoliberalen Gouvernementalität der Gegenwart. Wollen Neoliberale durch Märkte steuern, auf denen Menschen sich als „Unternehmer ihrer selbst“ (Ulrich Bröckling) behaupten müssen, beschreiben die an Kahneman und Tversky anschließenden Verhaltensökonomen gerade die Unfähigkeit von Menschen, sich dem Ideal des Homo oeconomicus entsprechend zu verhalten, und eröffnen damit Wege, ihre Entscheidungen direkt zu beeinflussen. Mit ihrem Konzept des „libertären Paternalismus“ versuchten der Ökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein, daraus ein Regierungsprogramm zu machen, das die politischen Gräben in den USA überbrücken sollte. Letzteres gelang zwar nicht, aber die Idee des sogenannten Nudging entfaltete ihren Appeal über die politischen Lagergrenzen hinweg. Und Thaler wurde immerhin zum Spiritus Rector des britischen Behavioural Insights Team, während Sunnstein unter Präsident Obama zeitweise die Leitung des Office of Information and Regulatory Affairs übernahm.
Verhaltenswissen und Verhaltenspolitik
Der Erfolg von Kahneman und des von ihm entwickelten Wissens über menschliches Entscheidungsverhalten widerspricht also den gegenwärtig in den Kultur- und Geisteswissenschaften dominanten Erzählungen über eine angeblich immer partikularer werdende Kultur des Wissens über den Menschen. Wie ist er dann zu erklären? Ohne Kahnemans intellektuelle Brillanz zu schmälern, muss dazu festgehalten werden, dass er eben nicht das einsame Genie war und sein Erfolg auch nicht auf den magischen Charakter der Freundschaft mit Tversky zurückzuführen ist. Beide waren vielmehr besonders prononcierte und eloquente Vertreter eines viel breiteren Trends seit der sogenannten Behavioral Revolution in der Mitte des 20. Jahrhunderts, der darin bestand, grundlegendes Wissen über menschliches Verhalten zu produzieren. Statt Handlungen von Individuen zu verstehen und dabei auf deren Gründe und Introspektion rekurrieren zu müssen, wurde in verschiedenen Disziplinen versucht, das Verhalten menschlicher Organismen zu erklären und sich dabei dem Erkenntnisideal der Naturwissenschaften anzunähern. Gegen überkommene, religiös oder kulturell begründete, normative Verhaltensordnungen traten Wissenschaftler*innen – allerdings fast ausschließlich Männer – an, mit statistischen Verfahren das normale Verhalten von Menschen in verschiedenen Situationen zunächst zu erheben und dann zu erklären. Dabei nahmen sie durchaus methodische Anleihen aus der Ethologie, die sich zeitgleich als Wissenschaft etablierte. In den Wirtschaftswissenschaften wandte sich schon in den 1950er Jahren Herbert A. Simon dagegen, Modellrechnungen mit einem idealisierten Nutzenmaximierer, dem Homo oeconomicus, anzustellen. Den menschlichen Entscheider müsse man sich weniger wie einen Gott, sondern eher wie eine Ratte vorstellen, meinte Simon mit Bezug auf das Lieblingsversuchstier der Verhaltenswissenschaften. Kahneman und Tversky traten in den 1970er Jahren konzilianter auf als Simon zwanzig Jahre zuvor und entfalteten daher größere Wirkung, wie Floris Heukelom argumentiert hat. Sie ließen den Homo oeconomicus als normatives Ideal bestehen, als sie sich der Beschreibung menschlichen Entscheidungsverhaltens widmeten, das systematisch von diesem Ideal abwich.
Die vermeintlich entnormativierte Beschreibung menschlichen Verhaltens hatte selbst wieder normative Konsequenzen. Sie ging mit einem bestimmten Verständnis des Menschen einher, das diesen nicht als Wesen sui generis, sondern als einen Organismus unter anderen begreift, mit denen er viele evolutionäre Gemeinsamkeiten hat. So entwarf Kahneman eine für die Behavioral Economics insgesamt typische Persönlichkeitsspaltung, indem er menschliches Entscheidungsverhalten durch die Interaktion von zwei Systemen erklärte. System 1 agiert demnach schnell und automatisch und fällt routiniert Entscheidungen, ohne dass diese bewusst kontrolliert würden. System 2 hingegen trifft Entscheidungen bewusst und ist mit der Anstrengung verbunden, mentale Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Problem zu richten. Während Menschen subjektiv dazu tendieren, sich mit System 2 zu identifizieren, dem Kahneman eine gewisse Fähigkeit zuspricht, System 1 zu beeinflussen, ist letzteres für ihn doch das dominante, das die überwiegende Mehrzahl der Entscheidungen trifft. Dabei unterscheidet es sich aber eben nicht grundsätzlich von den animalischen Vorfahren und ist prinzipiell nicht vollständig kontrollierbar.
Indem Kahneman, Tversky und andere Verhaltensökonomen die Mechanismen des System 1 wissenschaftlich beschreiben, wollen sie aber doch zugleich ein Wissen erzeugen, das es ermöglicht, die Entscheidungen des System 1 zu beeinflussen. Dieses Kontrollversprechen erklärt nicht nur den Erfolg ihrer Bücher als eine besonders avancierte Form der Ratgeberliteratur. Genau hier liegt die Politizität des Verhaltenswissens, aufgrund derer Behavioral Insights und Behavioral Public Policy in den letzten Jahren so intensiv diskutiert werden. Regierungen wollen grundsätzlich das Verhalten ihrer Bürger*innen beeinflussen und nutzen dazu traditionell verschiedene Instrumente wie Gesetze, finanzielle Anreize oder Aufklärung und Erziehung. Um zu wirken, richten sich diese Instrumente jeweils an das Subjekt im Sinne des System 2: Gesetze funktionieren, wenn Bürger*innen sie kennen und potenzielle Strafen vermeiden wollen; ökonomische Anreize wirken, wenn Bürger*innen ihren finanziellen Vorteil erkennen und ihn realisieren wollen; und Aufklärungsmaßnahmen richten sich an das moralische Subjekt, das sein Verhalten kontrollieren kann. Verhaltenswissenschaftlich basierte Steuerungsinstrumente, wie die viel diskutierten Nudges, wirken demgegenüber auch und gerade dann, wenn sie den Bürger*innen nicht bewusst sind, indem sie direkt das System 1 beeinflussen. Daher haben sie ein hohes Missbrauchspotenzial und sind auch für Autokraten attraktiv. Verhaltenswissen hat ein emanzipatorisches Potenzial, weil es Bereiche politisch erschließen kann, die zuvor quasi naturgegeben hingenommen wurden. Am prominentesten wurde der von Kahneman und Tversky beschriebene Status Quo Bias in den letzten Jahren an der Frage diskutiert, ob man sich für eine Organspende aktiv entscheiden muss oder ob alle Menschen automatisch Organspender sind, sofern sie dem nicht explizit widersprechen. Damit behavioral insights emanzipatorisch wirken, ist es entscheidend, dass ihre Nutzung in demokratische Entscheidungsprozesse eingebunden wird.