Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03101.jsonl.gz/444

Diese Situation hat es vorher und nachher nie mehr gegeben: Drei Klubs aus dem gleichen Kanton – der SC Langnau, der SC Bern und der EHC Biel – dominieren vier Jahre hintereinander die Liga total und machen die Titel unter sich aus.
Drei NLA-Klubs in einem Kanton gab es sonst nur noch in der Saison 1984/85 mit Davos, Arosa und Chur. Das Abenteuer endete mit einem Fiasko. Chur stieg sportlich in die NLB ab und ein Jahr später zog sich Arosa freiwillig in die 1. Liga zurück. Die drei Berner Klubs SC Bern, EHC Biel und SC Langnau (heute SCL Tigers) spielen hingegen noch immer (oder wieder) alle in der höchsten Liga. Ja, in den 1970er-Jahren gab es im Bernbiet (wie heute) mit dem SC Langenthal auch noch einen guten NLB-Klub. Die Berner stellen auch mehr als die Hälfte der Nationalspieler. Wie ist das möglich?
Der SC Bern, der SC Langnau und der EHC Biel kommen zwar aus dem gleichen Kanton. Ja, die drei Orte liegen so nahe in einem Radius von weniger als 50 Kilometer um Bern, dass damals viele Fans bei allen drei Klubs Saisonkarten kauften. Damit sie kein Schlagerspiel verpassten – es gab ja noch keine Playoffs und jede Partie zählte.
Die drei Klubs sind aber völlig unterschiedlich aufgestellt. Der SCB lebt von Zuschauerzahlen, die auch in den 1970er-Jahren die höchsten ausserhalb der NHL sind. Der EHC Biel von den Zuwendungen des steinreichen Verlegers Willy Gassmann, der auch die Finanzierung des neuen Stadions orchestriert hat – und die Langnauer ganz im Sinne von Gotthelf vom Geist und nicht vom Geld. Noch im Meisterteam von 1976 verdienten alle gleich viel: 40'000 Franken.
Die drei Klubs konkurrenzierten sich also sportlich, aber nicht wirtschaftlich. Damals konnte ein Spieler ohne die Einwilligung seines Klubs nicht zur Konkurrenz wechseln. So wurde das Gleichgewicht gewahrt: Weder Bern noch Biel konnten mit ihrer Finanzkraft Langnau die Spieler abwerben. Wer ohne die Einwilligung seines Klubs doch wechselte, wurde für ein Jahr gesperrt. Das nahm in den 1970er-Jahren nur einer der Langnauer auf sich: Bruno Wittwer. Er wechselte 1971 nach La Chaux-de-Fonds, spielte während der Saison 1971/72 wegen seiner Sperre nur für die Nationalmannschaft und wurde von 1973 bis 1982 der charismatische Leitwolf des SC Bern.
Langnaus Meistermannschaft von 1976 bestand bis auf zwei Ausnahmen ausschliesslich aus Buben aus dem Dorf. Die Ausnahmen: Kulttorhüter Edgar Grubauer von Rot-Blau Bern und Stürmer Heinz Huggenberger vom EHC Burgdorf.
Es gibt eine Anekdote, wie es damals bei Transfers zu und her gegangen ist – wenn denn ein Spieler wechseln durfte. Ein Stürmer von nationalem Format (der Name ist über die Jahre der Vergessenheit anheimgefallen) wird von Willy Gassmann im Büro empfangen. Der Gentleman eröffnet die Verhandlung in seinem wunderbarem Bieler Akzent: «U Dir, was bruuuchet Dir?» Der überrumpelte Spieler nennt verdattert die damals ungeheurliche Lohnsumme von 80'000 Franken (was nach den heutigen Markt- und Preisverhältnissen etwa 800'000 Franken entsprechen würde) – Willy Gassmann entgegnet in aller Seelenruhe: «Äs isch idr Ornig».
Die totale sportliche Dominanz beschert dem Bernbiet vier Jahre lang (1975 bis 1979) auch ohne Playoffs dramatische Meisterschafts-Entscheidungen. 1976 wird der Titel erst im letzten Spiel zwischen Langnau und Biel vergeben. Den Emmentalern genügt ein Remis, Biel muss gewinnen. Langnau siegt 6:3 und wird zum ersten und bis heute letzten Mal Meister.
1978 kommt es an der Ilfis wieder zu einem Finalspiel. Mit einem Sieg über den SCB kann der SC Langnau in der letzten Partie den Titel holen. Im Falle einer Niederlage der Langnauer und einem Sieg im letzten Spiel gegen Kloten würde der Titel hingegen zum ersten Mal nach Biel gehen. So kommt es zum bis heute wichtigsten Berner Derby – und zur bittersten Niederlage der emmentalischen Sportgeschichte.
Dreimal haben die Langnauer in dieser Saison den SCB gebodigt (2:0, 8:2, 7:4) und es ist eigentlich unvorstellbar, diese «Mutter aller Derbys» vor eigenem Publikum zu verlieren. Tatsächlich brausen die Emmentaler buchstäblich über ihren Gegner hinweg und führen nach 12 Minuten durch einen Treffer von Peter Wüthrich viel zu knapp 1:0. Aber Jürg Jäggi spielt mit ziemlicher Sicherheit das beste Spiel seiner famosen Karriere – Langnaus wuchtige Angriffswellen, die wohl sogar ein NHL-Team aus dem Stadion gespült hätten, brechen an seinen Paraden. Bruno Holzer gleicht in der 22. Minute aus (1:1), Serge Martel bucht das 1:2 (31.) und das 1:3 durch Bruno Wittwer (33.) und das 1:4 durch Spielertrainer Paul-André Cadieux (40.) bringen noch vor der zweiten Pause die Entscheidung. Am Ende steht es 3:6.
Niemals werden die Emmentaler vergessen, wie Nationalliga-Präsident André Perey, ein mächtiger 150-Kilo-Mann, Weinbauer und Nationalrat, in der zweiten Pause mit dem Meisterpokal seinen Ehrenplatz auf der Tribune verlässt, um mit dem Auto nach Biel zu fahren. Wohl nie in der Geschichte ist auf so eindrückliche Art und Weise eine Meisterhoffnung aus dem Stadion getragen worden. André Perey trifft erst gegen 23.30 Uhr in Biel ein, um den bereits frisch geduschten und gekämmten Bielern die Trophäe zu übergeben, die mit Kloten keine Mühe gehabt hatten (4:1).
Der kanadische Spielertrainer Normand Beaudin, der in den 28 Partien sage und schreibe 22 Tore und 22 Assists gebucht hatte, wird aus dem noch ein Jahr laufenden Vertrag gefeuert – wegen Misserfolg! Er hatte mit dem SC Langnau zweimal hintereinander nur Platz 2 erreicht. Tja, das waren noch Zeiten.
Diese Saison 1977/78, die dritte der vier «Berner Saisons», bescherte der NLA mit insgesamt 620'000 Zuschauern (über 5500 pro Match) einen neuen absoluten Zuschauerrekord.
Der SC Bern ist mit den Titeln von 1977 und 1979 in dieser «Berner Meisterschaft» erfolgreicher als Langnau (Meister 1976) und Biel (Meister 1978). Die drei Titanen stehen spielerisch vier Jahre lang auf Augenhöhe. Die Differenz machen Einzelspieler. Der wichtigste ist wohl SCB-Goalie Jürg Jäggi. Der viel zu früh verstorbene Thuner (1947 bis 2011) hext den SCB zu vier Titeln (1974, 1975, 1977 und 1979). Er ist ein Goalie nordamerikanischen Zuschnittes – enorm kampf- und nervenstark und die Stürmer fürchteten seinen fliegenden Stock.
Die Nummer 20 fällt durch seine bunte Maske und seine Aggressivität auf. Er kommt viel weiter aus seinem Tor heraus als «klassische» zeitgenössische Liniengoalies wie Olivier Anken und Edgar Grubauer und fordert die Stürmer heraus. Jürg Jäggi ist seiner Zeit weit voraus – erst Renato Tosio wird in den späten 1980er-Jahren eine vergleichbare Ausstrahlung und Wirkung haben.
Die «goldenen Jahre» der Berner gehen im Frühjahr 1979 zu Ende. Der EHC Arosa gewinnt die Meisterschaft der Saison 1979/80 vor dem SC Bern (2.) und Aufsteiger Davos (3.), Biel (4.) und Langnau (5.). Alle drei Berner Klubs müssen den Gang in die NLB antreten – der SC Bern 1982, der SC Langnau 1985 und der EHC Biel 1995. Seit 2015 sind wieder alle drei in der National League glücklich vereint.