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Die Reorganisierte Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Reorganized Church of Jesus Christ of Latter Day Saints, RLDS) ist die zweitgrösste mormonische Gemeinschaft und unterscheidet sich recht erheblich von der grössten Mormonen-Kirche, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die Reorganisierte Kirche wurde durch den protestantischen Liberalismus tief geprägt und sieht ihre heutige Aufgabe vor allem im Eintreten für eine friedlichere und gerechtere Gesellschaft.
Als mormonische Gemeinschaft geht die Reorganisierte Kirche Jesu Christi auf die Wirksamkeit von Joseph Smith jr., dem Begründer des Mormonentums, zurück. Die Reorganisierte Kirche bildete sich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts aus Anhängern Joseph Smiths, die nach dessen Tod 1844 den Treck der grössten Mormonengruppe nach Utah, aus welchem sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage entwickelte, nicht mitmachten und statt dessen im mittleren Westen verblieben. Am 6. April 1860 gründeten 300 dieser Mormonen die Reorganisierte Kirche und bestimmten Joseph Smith III., den ältesten Sohn des Propheten Joseph Smith jr., zu ihrem "Seher, Propheten und Offenbarer", mithin zum Leiter der Kirche. Bis ins Jahr 1996 wurde die Reorganisierte Kirche von Nachkommen von Joseph Smith geleitet, nämlich:
1860-1915 Joseph Smith III
1915-1946 Frederick Madison Smith, Sohn von Joseph Smith III
1946-1958 Israel A. Smith, Sohn von Joseph Smith III
1958-1978 W. Wallace Smith, Sohn von Joseph Smith III
1978-1996 Wallace B. Smith, Sohn von W. Wallace Smith
seit 1996 leitet mit Grant McMurray erstmals ein Mann die Reorganisierte Kirche, der kein direkter Nachkomme von Joseph Smith ist.
In ihrer Uebernahme der mormonischen Tradition nimmt die Reorganisierte Kirche eine mittlere Position ein. Einerseits akzeptiert die Reorganisierte Kirche alle Schriften Joseph Smiths und grenzt sich damit von Gemeinschaften, die nur das Buch Mormon und ein paar frühe Offenbarungen gelten lassen, ab. Andererseits verwirft die Reorganisierte Kirche Joseph Smiths Spätlehren und insbesondere deren Weiterentwicklung durch Brigham Young, den Führer des Trecks nach Utah und Nachfolger Smiths bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.
So kennt die Reorganisierte Kirche folgende Heilige Schriften:
- Die Bibel in einer "Inspirierten Uebersetzung" durch Joseph Smith (dies im Gegensatz zu den Utah-Mormonen, die die King James-Bibel benutzen)
- Das Buch Mormon
- Das Buch "Lehre und Bündnisse", enthaltend die Offenbarungen, die Joseph Smith nach Erscheinen des Buches Mormon erhalten haben will, sowie weitere Offenbarungen an die Präsidenten der Reorganisierten Kirche.
Lehrmässig teilt die Reorganisierte Kirche folgende allgemein mormonischen Glaubenssätze:
- Das Prinzip der fortlaufenden Offenbarung, das davon ausgeht, dass der Kanon heiliger Schriften offen ist und Gott immer wieder neue Offenbarungen schenkt.
- Die Wertung der Kirche als Offenbarungsquelle. Die Kirche erhält in der Gestalt ihres Präsidenten zusätzliche Offenbarungen. Daneben gelten der Reorganisierten Kirche als Quellen der Offenbarung die Schriften, die Natur, das Gebet und die Geschichte.
- Die Aufrichtung des neuen Zion auf Erden als Ziel der Kirche. Für die Reorganisierte Kirche wurde dieser letzte Punkt besonders bedeutsam, insofern die Kirche ihre Hauptaufgabe im Einsatz für eine friedlichere und gerechtere Welt sieht.
- Die Ablehnung von Tabak- und Alkoholkonsum.
Die Aemterhierarchie spiegelt die Spätfassung von Joseph Smiths Aemterleiter:
- Die Reorganisierte Kirche ergänzt die neutestamentlichen Aemter durch das Amt des Priesters, wobei sie ein niedereres aaronitisches Priestertum von einem höheren melchisedekschen unterscheidet.
- Die Leitung der Kirche liegt in den Händen des "Sehers, Propheten und Offenbarers".
- Ihm zur Seite steht ein Apostelkollegium.
In diesen Punkten besteht zwischen der Reorganisierten Kirche und der Kirche Jesu Christ der Heiligen der Letzten Tage (Utah-Kirche) kein Unterschied. Jedoch sind in der Reorganisierten Kirche seit 1984 die Frauen gleichberechtigt und zum Priestertum zugelassen. In der Utah-Kirche können nach wie vor nur Männer Priester werden.
Zwischen der Reorganisierten Kirche und der Utah-Kirche zeigen sich einige deutliche Unterschiede:
- Die Reorgansierte Kirche hat, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Joseph Smiths Familie und insbesondere seiner Witwe Emma, die Polygamie stets abgelehnt. Die Utah-Kirche praktizierte die Polygamie offiziell bis 1890, inoffiziell noch länger.
- Die Lehre von Gott als hochentwickeltem Menschen und von der möglichen Gottwerdung des Menschen, die die Kirche in Utah noch heute vertritt, wird von der Reorganisierten Kirche verworfen.
- Die Reorganisierte Kirche praktiziert keine Totentaufe, stattdessen vertritt sie die Ansicht, dass die Toten auch im Jenseits noch Gelegenheit erhalten würden, sich zur Mormonen-Lehre zu bekehren. Für die Utah-Kirche ist die Totentaufe nach wie vor ein wichtiges Anliegen.
- Die speziellen Lehren Brigham Youngs, die Adam-Gott-Lehre und die Lehre von der Blutversöhnung, die die Utah-Kirche heute nicht mehr vertritt, lehnte die Reorganisierte Kirche stets ab.
Wesentlicher als diese einzelnen Lehrpunkte ist aber ein erheblich anderer Umgang mit der eigenen Tradition in der Reorganisierten Kirche im Vergleich der Utah-Kirche. Die Reorganisierte Kirche hat manche Erkenntnisse protestantischer Theologie übernommen und für den Umgang mit der Tradition fruchtbar gemacht:
- Die Offenbarung Gottes wird weniger in Platten und Papyri als in der Selbst-Offenbarung Gottes in Jesus Christus gesehen, die sich in den Schriften niederschlägt.
- Die Schriften gelten, recht liberal gedacht, als Zeugnisse der Gottesbegegnung durch Menschen, weniger als Gottesoffenbarung selbst.
- Die hermeneutische Problematik ist der Reorganisierten Kirche bewusst und wird ähnlich angegangen wie im Rahmen des Protestantismus.
- Zu dieser liberalen Auffassung der eigenen Tradition passt die praktische Ausrichtung der Kirche auf eine Veränderung der Gesellschaft hin.
Die Zentrale der Reorganisierten Kirche liegt in Independence, Missouri, wo die Kirche 1994 einen Tempel eingeweiht hat, der im Gegensatz zu den Tempeln der Utah-Mormonen allen Menschen offensteht.
Finanziert wird die Reorganisierte Kirche durch die Abgabe des Zehnten, der allerdings nicht auf dem Einkommen, sondern auf dem Gewinn erhoben wird, das heisst der Zehnte umfasst zehn Prozent dessen, was nach Abzug der Lebenshaltunskosten übrig bleibt. Da die Amtsträger der Reorganisierten Kirche ehrenamtlich tätig sind, halten sich ihre Ausgaben in Grenzen.
Die Mitgliederzahl der Reorganisierten Kirche beträgt rund 250 000 Menschen weltweit. In Deutschland zählt sie 800 Mitglieder, in der Schweiz und in Oesterreich finden sich vereinzelte Mitglieder, aber keine organisierten Gemeinden.
Georg Otto Schmid, 1998
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