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Felipe Borges
hat beim FC Wil 1900 seinen ersten Profivertrag unterschrieben.
Freitag, 23. Februar 2024
Alexandra Rutz (24) aus Münchwilen kämpfte jahrelang mit einer Essstörung, Alkoholsucht und Depressionen – jetzt blickt sie erstmals zurück.
Münchwilen Im Alter von 17 Jahren bemerkte Alexandra Rutz das erste Mal, dass ihr das eigene Spiegelbild nicht gefiel. Es begann ein Kampf gegen eine Essstörung, der sich am Anfang nicht um Kalorien, sondern um das entwickelte Körperbild drehte. «Ich konnte meinen Bauch nicht akzeptieren und fühlte mich zu dick», sagt sie und betont, dass ihre Art der Essstörung von einer typischen abwich. «Ich hatte in dieser Zeit nicht wirklich ein Problem mit Essen an sich, aber ich hatte immer diese Gedanken im Kopf, dass ich mich in meinem Körper und insbesondere mit meinem Bauch unwohl fühle.»
Joghurt und ein Glas Wasser
Im folgenden Jahr spitzte sich die Lage langsam zu und Alexandra Rutz hatte immer mehr negative Gedanken ihrer Figur gegenüber. Sie zog nur noch zu grosse T-Shirts an, damit man den, ihrer Meinung nach, zu dicken Bauch nicht sah. Körperbetonte Kleidung war tabu für die junge Frau. «An meiner damaligen Arbeitsstelle als FaGe habe ich sowieso nur weit geschnittene Kleider getragen. Irgendwann habe ich das dann auch nur noch in meiner Freizeit gemacht», sagt sie. Kurze Zeit später verschlechterte sich die Lage weiter. Wenn Alexandra Rutz wusste, dass sie am Wochenende unter Leuten sein würde, ass sie zum letzten Mal am Freitagmittag etwas. «Ich wollte, dass mein Bauch nicht zu dick ist», erinnert sich die Münchwilerin zurück. Etwas gegessen heisst in anderen Worten: am Mittag ein kleines Joghurt oder ein paar Scheiben Salatgurke mit einem Glas Wasser. Danach verbot sie sich das Essen bis Sonntagabend, da dann die sozialen Aktivitäten wieder vorbei waren. «Völlig absurd», bekräftigt sie, wenn sie über diese Zeit nachdenkt. Vier weitere Jahre mit diesem gestörten Essverhalten folgten noch.
Jahrelanges Versteckspiel
Um ihre Unzufriedenheit mit ihrem Körper zu betäuben, griff sie je länger, je mehr zum Alkohol. «Die fehlende Nahrung ersetzte ich durch exzessiven Alkoholkonsum im Ausgang.» In diesen Momenten, völlig betrunken irgendwo im Nachtleben, konnte sie ihre Körperprobleme vergessen und sich selbst betäuben. «Furchtbar mein Verhalten damals», sagt sie über diese Zeit. Das selbst auferlegte Essverbot, gepaart mit Hochprozentigem, machte sich schnell bemerkbar. An einem Abend trank die junge Frau so viel, dass sie eine Alkoholvergiftung erlitt, stürzte und ins Spital eingeliefert werden musste. Eine Promillekontrolle zeigte den Wert 2,6 an – bei kritischen 43 Kilogramm Körpergewicht. Rutz erinnert sich zurück, dass der behandelnde Arzt im Spital sie fragte, ob sie ein Alkoholproblem habe.
«Da ging mir das erste Mal ein kleines Lichtlein auf.» Doch die ausgebildete Fachfrau Gesundheit trank, nachdem sie dem Tod von der Schippe gesprungen war nach drei Wochen wieder weiter und verlagerte ihren Alkoholkonsum vom sozialen Umfeld im Ausgang nach Hause hinter verschlossene Türen. Je unwohler sie sich in ihrem Körper fühlte, desto mehr trank sie. Die Unzufriedenheit in der damaligen Beziehung zu ihrem Exfreund festigte das Geflecht aus Negativität zusätzlich. «Ich habe mich sozial komplett isoliert, brach den Kontakt zu meiner damaligen Ausgangsclique ab und betrank mich regelmässig», sagt sie zur Zeit in der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Exfreund. Der schlechte Zustand blieb ihrer Familie irgendwann nicht mehr verborgen, zu der sie ein gutes Verhältnis pflegt. «Ich war eine Meisterin der Tarnung. Ich achtete akribisch darauf, dass niemandem aus der Familie und an meinem Arbeitsplatz auffiel, wie schlecht es mir eigentlich ging.» Obligatorische Termine im Privatleben nahm sie zwar wahr, die sozialen Interaktionen beschränkten sich aber auf das Minimum, was ihr folglich auch auf die Psyche schlug. Durch die andauernde Unzufriedenheit mit ihrem Körper, den Gewichtsverlust, den Alkoholkonsum und die sozialen Isolation schlitterte sie in eine Depression. Irgendwann war der kritische Punkt erreicht. Mit 40 Kilo Körpergewicht auf 160 Zentimeter wurde klar, dass Veränderungen notwendig waren. Ausschlaggebend war ein Gespräch mit ihrer Mutter, in dem Alexandra die Karten auf den Tisch legte. «Ich konnte mich endlich öffnen und bin meinem Mami ewig dankbar, dass wir den Grundstein für mein neues Leben legten.»
Der Weg zurück ins Leben
Alexandra Rutz kam stationär fünf Wochen ins Kriseninterventionszentrum St.Gallen und wurde krankgeschrieben. Danach folgten weitere vier Monate in der Tagesklinik. Hier wurde ihr Verhalten komplett durchleuchtet und sie bekam die langersehnte Hilfe. Besonders die Gruppengespräche und Entspannungsübungen haben es ihr angetan. Ein Schlüssel für die ersten Erfolge waren der Standortwechsel und das andere Umfeld. Sie verspürte immer mehr Klarheit und reflektierte ihr Verhalten. «Mir wurde bewusst, was ich mir angetan hatte und wie selbstzerstörerisch ich gehandelt habe», sagt sie über die Zeit in der Klinik. Sie lernte wieder einen normalen Umgang und in regelmässigen Abständen gesunde Portionen zu essen. Sie bekam die Diagnose Anorexie. Als Nebeneffekt konnte sie das erste Mal in ihrem Leben Selbstvertrauen tanken. Nach der fast halbjährigen Behandlung zog sie aus der gemeinsamen St.Galler Stadtwohnung aus und kam zurück ins Elternhaus. «Ich trennte mich auch von meinem Freund und suchte einen neuen Job. Ein vollumfänglicher Neustart quasi.» Teil dieses Neuanfangs war, dass sie ein Fitnessabo abschloss. Im Nachhinein betrachtet die Veränderung mit der grössten Strahlkraft in ihrem Leben.
Lebensretter Bodybuilding
In kleinen, aber wichtigen Schritten kämpfte sich Alexandra Rutz ins Leben zurück. Am neuen Arbeitsort fühlte sich sich wohl und auch die Trennung von ihrem alten Umfeld erwies sich als schlauer Schachzug. Die Zeit, zu der sie sich normalerweise zu Hause einschloss, nutzt sie jetzt, um im Fitnesscenter zu trainieren. «Ich hatte seit Langem mal wieder Freude an einer Sache und wusste gleich, dass mir das guttun würde.» Ihre anfängliche Vermutung bestätigte sich und in ihr wuchs der Wunsch, ihrem geschundenen Körper wieder Gutes zu tun mit dem grossen Ziel, irgendwann Muskeln aufzubauen und daher auch an Gewicht zuzunehmen. «Dieses Ziel hat mir das Leben gerettet und ist massgeblich für meine Veränderung mitverantwortlich», sagt sie. Durch das Training normalisierte sich auch das Essverhalten in einen gesunden Zustand.
Vom Alkohol hat sie sich seit einem Jahr ganz verabschiedet. «Muskelaufbau in Kombination mit Rauchen und Trinken ist unmöglich.» In anderthalb Jahren legte sie 20 Kilogramm zu, verfolgt nun eisern ihren Trainingsplan und teilt ihre Geschichte und Erfolge auf Social Media. Noch immer besucht sie eine Anschlusstherapie und sagt, dass sie keine Angst vor einem Rückfall habe. «Der Wunsch, mein jetziges Körperbild nicht zu verlieren, ist grösser als alles andere», erklärt sie mit fester Entschlossenheit und ergänzt mit einem Lächeln: «Mein Körper ist wieder geheilt. Ich habe mich akzeptiert und fühle mich grösstenteils wohl. Nur die Psyche hinkt ab und an noch etwas hinterher.» Wenn Alexandra Rutz zurückblickt, kann sie ihren Weg selber nicht wirklich fassen. «Niemals aufgeben und besonders nicht sich selber. Es ist nie zu spät, einen neuen Weg zu gehen», sagt sie zum Schluss.
Gut zu wissen
Essstörungen sind ernsthafte psychische Erkrankungen, die das Essverhalten und die Körperwahrnehmung beeinflussen. Typen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung zeigen unterschiedliche Symptome, darunter Gewichtsverlust, Essanfälle und psychische Belastungen. Ursachen können soziale Einflüsse, genetische Veranlagung und traumatische Erlebnisse sein. Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld von einer Essstörung betroffen sind, stehen Ihnen verschiedene Hilfsmöglichkeiten zur Verfügung. Einerseits ärztliche Unterstützung oder psychologische beziehungsweise psychotherapeutische Betreuung. Weiter können Kliniken, Spezialzentren, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen hilfreich sein. Immer eine gute Wahl ist das erste Gespräch mit nahestehenden Personen, wie der Familie oder vertrauenswürdigen Freunden.
Alexandra Rutz ist es ein Anliegen Angehörigen oder Betroffenen zu helfen. Falls Sie Hilfe benötigen oder sich mit ihr austauschen wollen, melden Sie sich unter ihrem Instagramkanal @barbieinthegym_
Kommentar von Redaktor Jan Isler
Erwachsensein - eine Frage des Alters?
Die Zwanziger sind irgendwie schon seltsam. Während die einen Gleichaltrigen noch nicht einmal einen Lehrabschluss haben, sind andere bereits Mütter oder Väter. Man will ja erwachsen sein, aber merkt relativ schnell, dass essenzielle Dinge wie Zielstrebigkeit, Reife, Wille und Motivationsfähigkeit nichts mit dem Alter zu tun haben. Von Anstand und Respekt mal ganz zu schweigen. Im Gespräch mit Alexandra Rutz hat sich dieses Gefühl ebenfalls herauskristallisiert (Seite 3). Die junge Frau bringt eine Power und positive Verbissenheit mit, wovon andere nur träumen können. Wir beide haben schon viel erlebt – jeder auf seine Art und Weise. Dabei ist, gemessen an einem Durchschnittsalter von rund 80 Jahren, mit 24 respektive 25 Jahren noch gar nicht so viel passiert. Aber eben doch wieder. «Ah, du bisch no so jung, die grosse Bröcke chömed all no», sagte mir einst eine mir nahestehende Person. Das Interview mit Alexandra Rutz ist der Inbegriff dessen, weshalb ich das liebe, was ich tue: Menschen mit einer spannenden und motivierenden Lebensgeschichte eine Plattform geben in unserer vermeintlich heilen Welt. Wir müssen uns hier grösstenteils nicht um unsere Existenz sorgen, aber haben dennoch andere Kämpfe auszutragen. Kämpfe im Kopf. Kämpfe mit dem Alkohol. Oder eben mit uns selbst. Ein grosses Dankeschön an Alexandra, dass sie den Mut aufgebracht hat, mit mir und Ihnen als Leser ihre Geschichte zu teilen.
Von Jan Isler
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