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Sich verlieren, sich finden
An einem Wochenende war ich mit meiner Frau zu Besuch bei unseren Freunden im Tessin. Wir wurden vom Bahnhof Locarno abgeholt und in ihre Ferienwohnung nach Orselina geführt.
Wir durften die Auffahrt in der alten Funicolare bis nach Madonna del Sasso mit ihnen geniessen. Es war schon dunkel, als wir in der Ferienwohnung unserer Freunde ankamen. Diese ist am Hang gelegen und bietet eine wunderschöne Sicht über den Lago Maggiore bis nach Italien.
Früh am nächsten Morgen wollte ich Gipfeli für das Frühstück holen und ging ins Dorf zur Bäckerei neben der Haltestelle der Funicolare. Es war ein kalter, jedoch heller, wunderschöner Dezembertag mit wenig Schnee auf den Bergspitzen. Es sah aus wie Zuckerguss. Die Luft, die Atmosphäre, die Erinnerungen an meine Jugend im Tessin und die Emotionen hatten mich wahrscheinlich abgelenkt, so dass ich nicht auf den gelaufenen Weg geachtet hatte.
Als ich mit meinen Frühstücksbrötchen und Panettone in die Wohnung zurückkehren wollte, konnte ich den Weg zur Wohnung nicht mehr finden. Es gab verschiedene Wege (Sentieri), welche von der Hauptstrasse nach links hinauf abbogen. Ich versuchte immer wieder, den richtigen Weg zu finden, aber ohne Erfolg. Alle waren sehr eng, mit Steintreppen und verschiedenen Abbiegungen, die plötzlich in einer Sackgasse endeten. Sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich.
„Wer den Kopf verliert, der beweist nicht, dass er vorher einen hatte“ (unbekanntes Sprichwort)
Nach einer halben Stunde ging ich auf der Hauptstrasse weiter, um den anderen Eingang des Weges von der oberen Fahrstrasse her zu finden. Die Strasse macht auf diesem Hügel einen Bogen um die Siedlung herum. Unser Freund hatte am Vorabend erzählt, dass er eine lange Treppe hinaufsteige, um auf der Strasse joggen zu gehen. Da musste also eine Verbindung zum unteren Teil der Strasse sein, dachte ich. So habe ich schliesslich den richtigen Eingang zum lang gesuchten Sentiero gefunden und somit auch die Wohnung.
Unterdessen waren meine Frau und der Freund ins Dorf gekommen, um mich zu suchen. Ausnahmsweise hatte ich mein Handy nicht mitgenommen, in der Meinung, es sei ja ein kurzer Weg, und ich käme sehr bald zurück. Das war ein grosser Fehler.
„Im Dunkeln bitte nur mit Licht!“ (Michael Bussek)
Diese halbe Stunde erschien mir sehr lang, als wäre es ein ganzer Tag gewesen. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so elend gefühlt, verzweifelt, fast ohnmächtig, als wäre ich auf dieser Welt verloren gegangen, wie ein Hilfeschrei, ohne gehört zu werden.
„Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen“ (Konfuzius)
Wen konnte ich nach der genauen Adresse fragen, wenn ich selber nicht wusste, wie diese lautete? Wer kannte unsere lieben Freunde in diesem Dorf, wo sie erst seit kurzem eine Ferienwohnung hatten?
Zudem kamen mir die Gedanken, dass die anderen auf mich warten könnten und was sie nun über mich denken würden. Das übte einen zusätzlichen grossen psychischen Druck auf mich aus…
Solche und ähnliche Ereignisse sind zum Glück vor kurzer Dauer, und es gibt ein gutes Ende, ein Happy End.
„Man muss ins Dunkle, um die Sterne zu sehen“(Wolfgang J. Reus)
Andererseits gibt es auch Themen mit „sich verlieren“, welche mich und viele andere Menschen nachhaltiger begleiten. Diese Themen sind schwer lösbar und belasten die Betroffenen und ihre Mitmenschen permanent.
- Ich denke an Flüchtlinge, die nicht mehr im eigenen Haus leben können, die sich in einem fremden Land mit fremder Sprache orientieren müssen, ohne zu wissen, wie und wo es weitergeht.
- Ich denke an die an Demenz erkrankten Menschen mit zunehmender Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit und an deren Angehörige.
- Ich denke an die Kinder, die ihre Eltern nicht gleich in ihrer Nähe haben und nach Hilfe und Geborgenheit schreien.
- Ich denke an die geistig Kranken, welche nicht mehr wissen, was wahr oder unwahr ist und in ihrer Umgebung völlig haltlos sind.
- Ich denke an schwer kranke Menschen, die ihre Tage zu lang finden und die Jahre zu kurz.
- Ich denke, an die Patienten, welche bei Dr. Google eine Antwort auf ihre Beschwerden suchen und völlig verzweifelt und ratlos werden.
- Ich denke an die Situationen nach Umweltkatastrophen, wo alles zerstört ist und Menschen und andere Lebewesen ums Überleben kämpfen.
- Ich denke an die Obdachlosen, die keinen festen Anker haben.
- Ich denke an die Verlassenen, die Unterdrückten, die Opfer von Unfällen, Attentaten, Gewalt und Ungerechtigkeit…
Und ich denke, dass es uns hier und jetzt sehr gut geht und ich dankbar dafür bin.
„Wer einmal sich selbst gefunden hat, kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren“ (Stefan Zweig)
Fortsetzung mit einer Bibliotherapie
- Gerne möchte ich Sie mit einer orientalischen Geschichte zur weiteren Lektüre einladen.
- Die Geschichte kann übrigens als Metapher auf kognitiver Ebene zu einer Veränderung der Bedeutung von Ereignissen und zu einer distanzierteren Betrachtung von Problemen führen.
- Oft kann die veränderte Sichtweise auf der emotionalen Ebene zu einer positiven Umstimmung führen.
- In orientalischen Ländern haben Geschichten schon seit Jahrhunderten die Funktion von Lebenshilfen, die gleichzeitig Vergnügen und Zeitvertrieb sein können.
- Somit waren Geschichten ein Element der «Volkspsychotherapie» und «Volkspädagogik», die sich seelischer Konflikte annahmen, lange bevor Psychotherapie eine wissenschaftliche Disziplin wurde.
- So wurden die Geschichten oft als Lebenshilfen verwendet, vor allem in der Konfliktverarbeitung und in der Selbsthilfe.
Der Dattelesser
Eine Frau kam mit ihrem kleinen Sohn zu dem weisen Ali. »Meister«, sprach sie, »mein Sohn ist von einem widerwärtigen Übel befallen. Er isst Datteln von morgens bis abends. Wenn ich ihm keine Datteln gebe, schreit er, dass man es bis in den siebenten Himmel hört. Was soll ich tun, bitte hilf mir!« Der weise Ali schaute das Kind freundlich an und sagte: »Gute Frau, geht nach Hause und kommt morgen zur gleichen Zeit wieder!«
Am nächsten Tag stand die Frau mit ihrem Sohn wieder vor Ali. Der grosse Meister setzte den Jungen auf seinen Schoss, sprach freundlich zu ihm, nahm ihm schliesslich die Dattel aus der Hand und sagte: »Mein Sohn, erinnere dich der Mässigkeit. Es gibt auch andere Dinge, die gut schmecken.« Mit diesen Worten entliess er Mutter und Kind. Etwas verwundert fragte die Frau: » Grosser Meister, warum hast du das nicht schon gestern gesagt, warum mussten wir den langen Weg zu dir noch einmal machen?«
»Gute Frau«, antwortete da Ali, »gestern hätte ich deinem Sohn nicht überzeugend sagen können, was ich ihm heute sagte, denn gestern hatte ich selber die Süsse der Datteln genossen!«