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Von Brigitte Häring | 27. August 2014 - 16:16
Vier Filme hat Alejandro Gonzáles Iñárritu bisher gemacht – und schon mit dem ersten meldete sich das mexikanische Ausnahmetalent gleichsam mit einem Paukenschlag in der Filmwelt an. Nach dem grossen Erfolg von Amores Perros im Jahr 2000 zog es Iñárritu bereits nach Hollywood: Mit Sean Penn und Naomi Watt drehte er 2003 den Episodenfilm 21 Grams. Babel (2006) und Biutiful (2010). Energiegeladen, oft laut und manchmal auch ziemlich gewalttätig sind Iñárritus Filme – düstere Gesellschaftsbilder und Figurenzeichnungen zeichnen das Kino des Mexikaners aus.
Oder besser: zeichneten. Denn nun hat Iñárritu eine Komödie gedreht. Niemand mochte ihm so richtig glauben, als er dies nach der Präsentation von Biutiful 2010 angekündigt hatte. Nun aber präsentiert er diese Komödie als Eröffnungsfilm in Venedig: Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance) heisst sie. Eigentlich ist es ein klassischer Theaterfilm: Der in Vergessenheit geratene Superheldendarsteller aus Hollywood, Riggan Thompson, sucht eine neue Karriere am Broadway. Mit einem kleinen Ensemble will er das Stück «What We Talk About When We Talk About Love» von Raymond Carver auf die Bühne bringen.
Ausgerechnet Ex-Batman Michael Keaton spielt den vergessenen Superhelden Thompson, der, wie seine Exfrau einmal sagt, immer noch Liebe mit Anerkennung verwechselt und unbedingt reüssieren will in seiner zweiten Karriere. Dabei muss er gegen den jungen und ziemlich arroganten und eigenwilligen Broadway-Star Mike Shiner ankämpfen und –spielen. (wunderbar schnoddrig: Edward Norton). Mit im Theaterensemble ist auch Lesley, Mikes Freundin und Broadwaydebutantin. Naomi Watts kehrt in dieser Rolle in Iñárritus Filmensemble zurück.
Birdman spielt nur in oder um das Theater am Broadway, in dem das Stück aufgeführt werden soll und ist eigentlich der Form halber ein klassischer Theaterfilm. Probearbeit, Vorpremieren und Premieren stehen im Zentrum, Streitereien und Liebschaften unter den Protagonisten, Auseinandersetzungen mit sich selber. Aber Iñárritu wäre nicht sich selber, wenn er nach seinen unglaublich intensiven, meistens als Episodenfilme gedrehten Dramen nun eine derart genretreue klassische Komödie gemacht hätte.
Alles steht und fällt mit der Figur des Riggan Thompson. Der ist zwar nun Theaterregisseur, in seinem Kopf aber hört er immer noch die Stime von Birdman. Und wenn Thompson allein ist, hat er auch noch seine Superheldenkräfte: In der ersten Szene meditiert er in Unterhosen in der Luft schwebend. Und wenn er wütend ist, schmeisst er auch schon mal per Telekinese ein Glas an die Wand. Und wenn ihm alles zu viel wird, der Erwartungsdruck, die Verachtung, die ihm als Hollywoodstar aus der arrivierten Theaterwelt entgegen schlägt, seine Tochter, die sich von einer Drogensucht erholt – wenn ihm das alles über den Kopf wächst, dann wird Thompson plötzlich wieder zum Birdman und der Film für einen kurzen Moment zum actionreichen Superheldenmovie.
Für seine erste Komödie hat Iñárritu auch zum ersten Mal mit einem neuen Kameramann zusammen gearbeitet. Emmanuel Lubezki hat eine Form gefunden, die verblüfft: Der Film ist praktisch ohne (sichtbaren) Schnitt gedreht – wir gehen mit der Kamera durch die Gänge und Räume des Theaters, begleiten die Figuren in die Bar nebenan oder aufs Dach zum Rauchen, dann wieder auf die Bühne. Tageszeiten- und Szenenwechsel sind ganz organisch mit eingebaut, so dass dieser Film in einem einzigen Fluss abspult und einen unglaublichen Sog entwickelt. Ein Sog, wie man ihn eben kennt vom energiegeladenen Kino des Alejandro Gonzáles Iñárritu.
Die Wahl von Birdman or (The Unexpected Virtue Of Ignorance) als Eröffnungsfilm des Filmfestivals von Venedig ist ein Treffer ins Schwarze. Das ist Kino, das einen geradezu anspringt aus der Leinwand, eine Komödie, die zugleich auch Drama ist, eine Geschichte über das Leben und das Spielen, über Kino und Theater, über den Spagat zwischen Kommerz und Kunst, den ein Festival wie Venedig auch immer machen muss. Grossartig!
Schweizer Kinostart: 15. Januar 2015
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