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Ich traf Marlon, einen Sudanesen, der durch ausgedehnte Wüstengebiete nach Libyen gewandert war, am Rand von Tripolis, wo er sich auf den Weg zu einem abgelegenen Strand machte, um dort hart erarbeitete 2000 Dollar für die Passage nach Italien in einem überfüllten, seeuntüchtigen Boot auszugeben. Er wusste, dass er sich in Lebensgefahr begab, und war darauf bedacht, sein Boot sorgfältig auszuwählen, um nicht jene Art Schicksal zu erleiden, wie es gerade überall auf der Welt in den Schlagzeilen war. Er wusste nur zu gut um das Risiko. «Ein guter Freund bezahlte das Geld und verschwand. Später erfuhr ich, dass sein Schiff gesunken und er ertrunken war», erzählte mir Marlon. «Ich will weg von hier, aber nicht um jeden Preis.»
Ich traf Jacques Kamra, einen 27jährigen Liberianer, auf der Plaza Mayor von Madrid, einige Wochen nachdem er mit einem ähnlichen Boot angekommen war. Wie Marlon war er gebildet und wortgewandt. Er hatte hoch gepokert, die Überfahrt war eine bedeutende Investition in die Zukunft seiner Familie. «Nachdem ich heil hier angekommen war», erzählte er mir, «betete ich jeden Tag, dass Spanien die WM gewinnt. Sie sollten auch ein Wunder erleben – so wie das, das mich hierher gebracht hat.» Er wusste, dass man ihn irgendwann abschieben würde. Doch war er überzeugt: Was er hier verdienen konnte, würde ausreichen, um das Los seiner Familie zum Besseren zu wenden.
Und ich traf Jouhar in einer Küstenstadt im Osten Tunesiens, kurz nachdem er von den italienischen Behörden zurückgebracht worden war. Sein überfülltes Boot war auf See auseinandergebrochen. Dabei kamen sein bester Freund und Dutzende andere ums Leben, viele von ihnen Hochschulabsolventen mit Verbindungen nach Europa. Die 1500 Dollar, die Jouhar gespart hatte, um den Schleuser zu bezahlen, waren auch dahin.
Menschen wie diese drei – und Dutzende andere, die ich in Tunis, Alexandria, Marseille, Paris, München und London traf – sind inzwischen Europas grösste Sorge.
Boat People kommen seit mehr als einem Jahrzehnt über das Mittelmeer. Sie bezahlen jeder ein kleines Vermögen, um nach Europa zu gelangen, in entsetzlich überladenen Kähnen. Die Mi-gration über das Meer begann, als die legalen Einwanderungsrouten in den 1990er Jahren geschlossen wurden. Nie jedoch war die Zahl der Migranten so hoch – ebenso wenig die der Todesopfer. Mit jenen schätzungsweise 850 Opfern eines einzigen Bootsunglücks stieg die diesjährige Zahl auf über 1600 – 30mal mehr Tote als während des gleichen Zeitraums im letzten Jahr. Ihr Schicksal löste eine europaweite Krise aus, eine Notstandssitzung der EU und empörte Reaktionen über alle Parteigrenzen hinweg.
Die Frage «Wie können wir dem Einhalt gebieten?» ist jedoch keine einfache. Um sie zu beantworten, muss zunächst eine andere Frage gestellt werden: Warum nehmen diese Menschen solche Risiken auf sich? Und noch eine dritte Frage lohnt es sich zu stellen: Warum erreicht die illegale Migration über das Mittelmeer nach Europa in manchen Jahren Höchststände, ebbt dann lange Zeit völlig ab und schwillt schliesslich wieder an? Was waren die Ursachen für das zwischenzeitliche Abebben und was könnte künftig ein Abebben bewirken? Wir wissen, was nicht funktioniert: Versuche, die Tragödie auf hoher See mit Gewalt zu beenden – indem man die Migration verbietet, indem man gegen die Menschenschmuggler vorgeht oder indem man, wie es europäische Regierungen im letzten Jahr vorgemacht haben, die Rettung ertrinkender Boat People verweigert –, bewirkten nur, dass die Migration weiter in den Untergrund getrieben wurde, wodurch wiederum sowohl die Kosten für als auch die Nachfrage nach Transfers mit illegalen Booten stiegen. Mit der Dunkelziffer illegaler Migranten stieg zudem die Gefahr, die mit der Überfahrt verbunden ist.
«Das Problem der ertrinkenden Flüchtlinge resultiert vollständig aus den Versuchen der Politik, die Einwanderung per Gesetz zu stoppen»,…