Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03535.jsonl.gz/1179

Werden im Zeichen der Nostalgie und der Tendenz zu fussgängerfreundlichen Innenstädten wieder vermehrt Strassenmusikanten und Bänkelsänger auftreten? An verschiedenen Orten wurden erfreuliche Anfänge gemacht, wurde einmal nicht mit Bussen gedroht, sondern gar zum Singen aufgefordert.
Schwierigkeiten mit den Behörden gehörten von jeher zu den Problemen des
fahrenden Volkes. So verbot die Kaiserin Maria Theresia kurzerhand die Wiener
Liederweiber und die Verlautbarung der Hamburger Polizei aus dem Jahre 1819
zeigte eine ähnliche Gesinnung: "... da das Umhertragen von
scandalösen Liedern, das Ausrufen und Absingen von Armesünder-Liedern und das
Aufhängen von Abbildungen grauser Mordscenen unsittlich ist und den bestehenden
Gesetzen zuwiderläuft..."
Normalerweise übte die Obrigkeit nur eine Zensur der Texte aus, mussten doch sämtliche Liederheftchen der Polizei vorgelegt werden und durften nur mit dem obrigkeitlichen Bewilligungsstempel versehen, verkauft werden. Alle Schilderungen von Verbrechen und Unglücksfällen sollten wahrhaft und wirklich geschehen sein. Lieder von Kaisern, Königen und Attentätern, von Wilddieben, Räubern und Fremdenlegionären, von Traualtar und Totenbahr, von Naturkatastrophen und wundersamen Rettungen waren es, die inmitten des bunten Gewimmels der Rummelplätze die Passanten fesselten. Die "Moritaten" waren also nicht nur Mordtaten, und ob das Wort eher vom Französischen "moralité" stammt (der obligaten Moralstrophe wegen) oder aus dem Rotwelsch "more" (Lärm, Schrecken, Furcht) abgeleitet wurden war, ist unklar.
Ein Leierkastenvorspiel, während dessen sich das Publikum einfand, eröffnete die Darbietung:
Menschen, höret die Geschichte,
Die erst kürzlich ist gescheh‘n,
Die ich treulich euch berichte,
Lasst uns dran ein Beispiel seh‘n.
Lasst uns redlich hier nur handeln,
Treu erfüllen uns‘re Pflicht,
Stets der Tugend Pfad nur wandeln,
Tugend gibt uns reines Licht.
Auf einem Podest oder "Bänkel" stehend, zeigten diese Bänkelsänger mit einem Stab auf die farbenprächtigen und eindrücklichen Bildertafeln im Hintergrund. Wildbewegte Szenen in greller und steifer Darstellung veranschaulichten das Geschehen, aber nicht folgerecht nacheinander, sondern durcheinander, so dass man gespannt auf die Erläuterung wartete.
Am Kopfende der Tafeln waren Titel zu lesen wie: "Die Hochzeit im Totengewölbe", "Das Erdbeben von Lissabon 1755", "Das Wiederfinden zweier Lebender auf dem Schlachtfelde von Larissa", "Das Totenschiff", "Die fünf Wunderkinder zu Versailles". Zwischen den einzelnen von der Frau gesungenen Liedstrophen berichtete der "Moritatur" in Prosa und am Ende ertönte dann gemeinsam die erbauliche und wichtige Moralstrophe. Es ist dies eine volkstümliche, selbstgerechte Moral, die das Publikum hören wollte: Aug um Auge, Zahn um Zahn. Doch wenn auch der Sünder lacht, die Gerechtigkeit doch wacht. Schliesslich wollte man sicher sein, dass Raub und Mord sich nicht "rentierten" und dass auch die "höheren Stände" ihre, wenn auch andersartigen Sorgen hatten, dass das kärgliche, doch sichere Zuhause besser sei, als den Gefahren der abenteuerlichen, aber verbrecherischen weiten Welt ausgesetzt zu sein. Die grundeinfache Vergeltungslehre wiegt Gut und Böse, Schuld und Sühne, Opfer und Lohn auf der handfesten Martwaage des volkstümlichen Moralempfindens ab. So wird die aus dem Lot gebrachte Weltordnung wie durch eine unheimliche Riesenhand des Schicksals wieder eingerenkt: Glück folgt auf Unglück, Jede gute Tat findet ihren Lohn. Leidenschaft endet nie gut. Reichtum wird meist nach Armut durch Erbschaft erworben. Den hartherzigen Vater trifft das verdiente Schicksal. Geduld, Treue und Entbehrungen machen sich später bezahlt.
Ein Hinweis auf die von dem Mann oder den Kindern feilgebotenen Textheftchen, der wichtigsten Einnahmequelle der Bänkelsänger, und ein Drehorgelnachspiel beschlossen die Vorstellung. Somit wurde die Moritat in vierfacher Weise dargeboten: Als Liedgesang, Prosabericht, bildliche Darstellung und gedruckte Wiedergabe, die ein Nachsingen der Verse daheim im stillen Kämmerlein ermöglichte. Diese Intensität der Darbietung ist kaum zu überbieten und wird von den Massenmedien der heutigen Zeit trotz des Schlagwortes Audiovision kaum erreicht. Der Geschmack der Masse hat sich nicht geändert, wohl aber die Mittel, ihn zu befriedigen. Andere Medien haben die Funktion der Moritat übernommen. Von aufopferungsvoller Treue und nicht enden wollender Liebe fristen ganze Romanserien ihr Leben und das ihrer Verleger. Von Mord, Raub und Totschlag, aber auch von wundersamen Fügungen und den Geschicken der höheren Stände berichtet heute die Boulevardpresse. Die moralische Empörung über ein Verbrechen dient zur Rechtfertigung dafür, das Verbrechen genüsslich nachzuerzählen. Das Publikum durfte und darf Laster ungestört geniessen. Zwar warnte schon der Bänkelsänger von der verderblichen Wirkung gewisser Romane: "Sie las Romane Tag und Nacht und das hat sie zu Fall gebracht".
Längst sind die Bänkelsänger samt Drehorgel und Moritatentafeln von den Rummelplätzen verschwunden. Sie konnten mit den dröhnenden Lautsprechern, den bewegten, lebensechten Bildern des Kinos nicht mehr konkurrieren. Nur wenige ihrer Requisiten erhielten sich in Museen. Selbst die einst massenhaft vertriebenen Texthefte wurden zu Raritäten, die oft nur dank der Aufbewahrung im einzigen Buch des Haushalts, der Bibel, überleben konnten.
Bänkelsänger können auf eine lange Ahnengalerie zurückblicken. Die Urform der Moritat ist die "Newe Zeittung" des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Avisensänger und Zeitungssinger trugen ihre oft sehr umfangreichen Balladen, von langen Zetteln ablesend, vor. Seit der Erfindung des Buchdrucks boten herumziehende Sänger diese Einblattdrucke mit den neuesten Ereignissen auf Messen und Märkten an. Grimmelshausen lässt seinen Sirnplizissimus einen Zeitungssinger werden. Im 18. und 19. Jahrhundert konnte auch das einfache Volk selbst lesen und deshalb veränderte sich das Geschäft der Bänkelsänger. Die bildungsstolzen Oberschichten hingegen distanzierten sich immer mehr von dieser Volkskunst, die jetzt ihre eigentliche Blüte erreichte. An den Biertischen von Studenten, Literaten und Beamten kamen ironische Parodien auf, wie "Eduard und Kunigunde", "Sabinchen" oder "Johann Jakob Seidelbast". Verulkungen, an die man heute zumeist denkt, wenn man vom Bänkelsang spricht.
Anfang des 20. Jahrhunderts liessen Brettl und Kabarett die satirischen Bänkelsängermoritaten in einer anderen Aufmachung wieder lebendig werden. Frank Wedekind trug den "Tantenmörder" zu seiner Laute vor, Klabund,
Ringelnatz, Grasshoff und Kästner sind dem Moritatenton verpflichtet, und Brecht lässt seine "Dreigroschenoper" durch Moritatensänger eröffnen, ganz im Stile der bekannten Schwarzweissmalerei:
... Denn die einen sind im Dunkeln,
und die andern sind im Licht,
und man siehet die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht.
Der Bänkelsänger auf dem Jahrmarkt konnte damals nicht ahnen, dass einmal die Moritat auf der Bühne landen und zur erheiternden Unterhaltung dienen würde. Er wollte nie belustigen, sondern rühren, erschüttern, erschrecken und bessern zugleich. Die Ironie lag ihm fern. Dem modernen Menschen scheint hingegen der Zugang nur noch von der komischen Seite her zu gelingen. Vielleicht würde sich dies ändern, wenn die Nachfolger der früheren Bänkelsänger wieder auf der Strasse singen dürften.
Peter Hunziker, Bänkelsänger