Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/1764

Amerika wird noch immer von weissen, alten Männern dominiert. Die Oscars sind da keine Ausnahme.
Ava DuVernays Bürgerrechtsdrama «Selma» fesselt, berührt, spricht unbequeme Wahrheiten an. Hauptdarsteller David Oyelowo verkörpert Martin Luther King Jr. nicht als einen selbstlosen Märtyrer, sondern als einen von Zweifeln getriebenen Menschen. Das machte den Film zu einem hoch gehandelten Kandidaten für die diesjährigen Oscar-Verleihungen. Jedoch erhielten weder Regisseurin DuVernay noch Schauspieler Oyelowo eine Nominierung. Überhaupt ist «Selma» nur in den Kategorien «Bester Film» und «Bester Song» nominiert.
DuVernay wäre die erste schwarze Frau mit einer Nominierung als beste Regisseurin gewesen. Wieso hingegen der norwegische Regisseur Morten Tyldom mit «The Imitation Game», einem Biopic über den Briten Alan Turing, bevorzugt wurde, ist vielen Kritikern schleierhaft. Zu Recht, denn während Tyldom still dem altbekannten Kassenschlager-Rezept folgt, schlägt DuVernay einen anderen Weg ein: Bereits die ersten fünf Minuten des Streifens sind eine emotionale Wucht. Die Zuschauer werden nicht geschont. David Oyelowo erweckt Reden von Martin Luther King zum Leben, die es nie gab. Denn die originalen Reden des Bürgerrechtlers durften im Film nicht verwendet werden – Steven Spielberg hatte sich die Filmrechte an dessen Schriften bereits 2009 gesichert.
Weisser wird es nicht
Seit Mitte Februar die Oscar-Nominierungen verkündet wurden, scheint die Debatte um die Vielfalt in der Preisverleihung kein Ende zu nehmen. Auf Twitter kursiert noch immer der Hashtag
#OscarsSoWhite. Und für die nationalen Medien waren die News von den Academy Awards zeitgleich mit den landesweiten Protesten gegen rassistische Polizeigewalt nach der Erschiessung eines schwarzen Jungen durch weisse Polizisten in Ferguson, Missouri, ein Geschenk.
Grund für den Wirbel im sonnigen L.A. ist, dass alle für einen Oscar nominierten Schauspielerinnen und Schauspieler weiss und in den Kategorien «Regie» und «Drehbuch» ausschliesslich Männer nominiert sind. «Schwarze und Frauen zu erreichen, ist ein grosses Ziel», sagte Cheryl Boone Isaacs jüngst in einem Interview. Isaacs ist die erste schwarze Präsidentin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, der Institution, welche die Oscars vergibt. Ihr Wunsch nach grösserer kultureller Vielfalt wurde dieses Jahr jedoch nicht erreicht.
Klima und Saison
Dass in Hollywood nicht allein Talent zum Erfolg führt, ist allgemein bekannt. David Edelstein, Chef-Filmkritiker des «New York Magazine», klärt in einem Interview mit der «Huffington Post» auf: «Die Oscars sind gefixt. Also manipuliert. Vorbestimmt. Die Öffentlichkeit soll eingeweiht werden: Hollywood hat seine eigene «Campaign Season», während der Reden halten bedeutet, eine hübsche Schauspielerin an genug Partys auftauchen zu lassen, um die Wähler davon zu überzeugen, wie glaubhaft sie brav gespielt hat.» Laut Edelstein wurde die unbekannte französische Schauspielerin Marion Cotillard auf diese Weise zur Oscar-Preisträgerin. Edelstein schlägt daher vor, durch Gegen-Kampagnen für öffentliches Bewusstsein zu sorgen. «Genauso, wie wir verstehen, wie Politik funktioniert, oder uns in jungen Jahren beigebracht wird, der Werbung nicht zu trauen.»
Die amerikanischen Filmschaffenden leben nach ihrem eigenen Kalender. Neben der von Edelstein erwähnten «Campaign Season» gibt es noch die sogenannte «Award Season». Diese dauert jedes Jahr meistens von November bis Februar. Neben einer Reihe von anderen Preisverleihungen gelten vor allem die «Golden Globes» und die «Guild Awards» als Vorhersage für die Oscar-Nacht. Die Oscars werden als Höhepunkt der «Award Season» gehandelt und als höchste Auszeichnung angesehen. Denn es sind die bekanntesten Kollegen aus der Branche, die würdigen und gewürdigt werden.
Eine komplette Liste der Namen veröffentlicht die Academy nicht, und sogar innerhalb der Filmindustrie spekuliert man über die Identität der Menschen, die über Oscars und damit über ganze Karrieren entscheiden. Denn wie der Mathematiker Iain Pardoe und der Psychologe Dean Keith Simonton in ihrer Analyse der Academy Awards erklären, bringt ein Oscar, abgesehen von der Ehre, ihn zu erhalten, direkte praktische Folgen mit sich. Gewinner können höhere Gagen fordern und für Schauspieler verbessert sich die Qualität der Drehbücher, die ihren Agenten zugesandt werden. Bereits eine Nominierung kann den Umsatz eines Kinofilms um Millionen Dollar erhöhen. Nicht zuletzt, weil auch dieses Jahr wieder Milliarden von Zuschauern weltweit am 22. Februar auf das Dolby Theatre in Hollywood blicken und die Zeremonie gebannt mitverfolgen.
Weisser, alter Oscar
Einige Stimmen beschuldigen im Fall «Selma» die Produktionsfirma Paramount Pictures, nicht schnell genug Kopien des Films, sogenannte Screeners, an alle Academy-Mitglieder geliefert zu haben. Ausserdem soll bei Pressevorführungen nicht die finale Version des Films gezeigt worden sein. Dabei muss man beachten, dass bei den Oscars filmische Leistungen des Vorjahres geehrt werden. Produzenten bemühen sich also, die Filme noch vor Jahresende fertigzustellen, um für die nächsten Oscars in Betracht zu kommen. Das ist der Grund, weshalb jeweils im Winter eine riesige Ladung oscarreifer Filme auf das Publikum zukommt.
Aber auch die Academy selbst steht in der Kritik. Sie könne aufgrund rassistischer und sexistischer Einstellungen Leistungen nicht objektiv beurteilen. Ihre Demografie unterscheidet sich jedenfalls tatsächlich erheblich von jener normaler Kinobesucher. Nach einer Studie der Los Angeles Times aus dem Jahr 2012 sind von den circa 6’000 Mitgliedern 94 Prozen weiss und 77 Prozent männlich und sie haben ein durchschnittliches Alter von 63 Jahren. Das erstaunt kaum, wenn man bedenkt, dass eine Mitgliedschaft lebenslänglich gilt. Oscar-Preisträger Denzel Washington schlug vor, die Zusammensetzung der Academy durch eine Quotenregelung der allgemeinen Bevölkerung anzupassen.
Fehlende Vielfalt in Hollywood
Es ist jedoch zweifelhaft, ob eine durchmischtere Jury auch direkt vielfältigere Nominierungen mit sich bringt. Denn: Vor allem unter den Drehbuchautoren und Regisseuren fehlt es an Vielfalt. New-York-Times-Kolumnist Frank Bruni kommentiert gegenüber dem Nachrichtensender MSNBC: «Man kann nichts nominieren, was nicht gemacht wurde.» «Schwarze» Produktionen wie «12 Years A Slave» mit der als beste Nebendarstellerin prämierten Lupita Nyong’o sind Ausnahmen. Kathryn Bigelow ist mit «The Hurt Locker» seit 2010 die erste und einzige Frau mit einem Oscar für die beste Regie, weil schlicht zu wenige Frauen auf den Regiestühlen sitzen.
Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences enstand 1927 aus dem Gedanken heraus, eine Gruppe Filmschaffender zu gründen, welche die Filmindustrie repräsentiert. Das Problem ist nicht ein kleiner, elitärer Kreis alternder Filmrentner, der die Vielfalt in der Branche ignoriert. Das Problem ist, dass die Branche selbst nach wie vor als weisses Patriarchat funktioniert. Insofern repräsentiert die Academy Hollywood durchaus.
Erst wenn auch diese Minderheiten in Positionen gelangen, in denen sie ihre Geschichten erzählen können, werden mehr Schwarze, Latinos und Frauen die Nominierungslisten der Oscars zieren. Bis dahin versüssen Highlights wie Angelinas Bein, Jennifers Stolperer und Ellens Selfie den bitteren Beigeschmack der Oscar-Nacht. ◊