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In der Schweiz, wo die Mehrheit der Bevölkerung deutschsprachig ist, verkörpert der Kanton Freiburg mit einer Französisch sprechenden Mehrheit und einer Deutsch sprechenden Minderheit das Gegenteil. Im alten Freiburg entstand das "Bolze", eine Mischung aus Französisch und Deutsch.
Dialog auf dem Markt: "Salut ça va? I wetti gär a bitz Schwiinigs, a blätz épaule (Ich möchte gern ein Stück Schweinefleisch, ein Stück Schulter)."
Die Metzgersfrau schneidet das Fleisch, da unterbricht sie die Kundin: "Nei, dasch zvüu (nein, das ist zuviel), tu me connais (du kennst mich doch). Et pis Sylvia comment ça va? (und wie geht es Sylvia?) Geht es besser?"
Einmal Französisch, einmal Deutsch, nahtlos reiht sich Wort an Wort – so tönt das "Bolze". Claudine Brohy, Soziolinguistin der Universität Freiburg erklärt: "In der Stadt spricht man Französisch, doch auch Schweizerdeutsch, insbesondere "Senslerdütsch" (Dialekt aus dem Sensebezirk) und manchmal auch das Bolze, früher vor allem in der Altstadt. Je nach Gesprächspartner spreche ich entweder Senslerdütsch, Französisch oder das Bolze."
In einer Französisch sprechenden Familie aufgewachsen, besuchte Claudine Brohy die deutschsprachige Schule, was eher ungewöhnlich ist, denn in Freiburg sind es meist die Deutschschweizer, die zweisprachig sind.
Ein Blick auf die Karte genügt und man erkennt sofort, dass die Sprache eng mit der Topographie der Stadt verbunden ist. Auf der Höhe des linken Saane-Ufers erhebt sich die moderne neue Stadt, la "Haute", wo man mehrheitlich Französisch spricht.
Auf halber Höhe befindet sich ein Zwischenquartier, und ganz unten ist die "Basse-Ville", das ehemalige Armenquartier, wo hauptsächlich am rechten Ufer Deutsch gesprochen wurde.
Ein früher Schmelztiegel
Im 19. Jahrhundert und noch bis in die 1940er-Jahre mussten viele Bauern den deutschsprachigen Sensebezirk verlassen, weil sie kein Auskommen mehr hatten. Sie zogen in die Stadt und siedelten sich vor allem in der Basse-Ville an.
Freiburg bot sich nämlich als idealer Zufluchtsort an, denn man wollte weder zu den Protestanten im Norden noch zu den Romands im Süden.
Die Wohnverhältnisse waren eng, und das Leben der vielen Deutsch und Französisch sprechenden Kinder spielte sich meist auf der Strasse ab. Die Sprachen vermischten sich, und es entstand allmählich ein gemeinsames Idiom.
Sprache, Dialekt, Slang?
"Dieses spontane Formulieren ist schwierig zu fassen, meint Claudine Brohy. Jeder definiert Bolze ein bisschen anders, das ist sehr subjektiv. Viele empfinden Bolze als eine Sprache oder gar als Identität, andere eher als Dialekt oder bloss als Akzent ('axang')."
"Das Bolze ist eine Geisteshaltung, entstanden in einem Schmelztiegel aus deutscher und französischer Kultur, aus Stadt und Land, geprägt von rebellischen Querköpfen, die sich gegen die Obrigkeit und alles Autoritäre auflehnten. Es war wie Neapel in Kleinformat", ergänzt Roland Vonlanthen.
Der Familientherapeut wurde 1952 in der Basse-Ville geboren. "Zu Hause und in der Schule sprachen wir Schweizerdeutsch, auf der Strasse das Bolze. Man bediente sich beider Sprachen und wählte das passende Wort, um das zu sagen, was gesagt sein musste", so Roland Vonlanthen weiter.
Ein wichtiger Bestandteil der Identität
Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht – es gibt ein deutsches und ein französisches Bolze. "Die Ursprungssprache leiht sich Wörter aus der andern Sprache, präzisiert Claudine Brohy. Das deutsche Bolze ist kreativer, weil die Deutschsprachigen öfters zweisprachig sind. Sie verdeutschen ein französisches Wort und sagen 'patiniere' für 'patiner', sie können aber auch sagen : 'i gange ga patiner'."
Das französische Bolze hingegen sei etwas weniger reich und beschränke sich auf Formulierungen wie: "le vatre a schlagué le chatz avec un steckr" (der Vater hat die Katze mit einem Stecken geschlagen.), so Brohy.
Die identitätsstiftende Ausstrahlung des Bolze sei so stark, dass sich um die Gemeinschaft Leute scharten, die eigentlich kein Bolze sprechen würden, sich aber so fühlten.
"Nicht nur sprachlich trennt ein Graben das Bolze vom Rest der Stadt, sondern auch geographisch, kulturell und sozial", sagt Claudine Brohy weiter. "Weil es eine Sprache der Armen war, wurden die Leute von den besser situierten, französisch sprechenden Bewohnern der Oberstadt stigmatisiert. Noch bis in die 1950er-Jahre war die Basse-Ville von Freiburg eine der ärmsten Regionen der Schweiz, voller Not und Leiden, mit hohen Geburtenraten, Alkoholismus, Promiskuität und Verelendung."
Bis 1968 war es unmöglich, im angesehenen Collège St-Michel eine Matura auf Deutsch abzulegen. "Die Prüfung in Französisch war Synonym für sozialen Aufstieg. Ende der 1950er-Jahre begannen die deutschsprachigen Einwohner (bei Verwaltung, Politik und Schule) ihre Rechte einzufordern. Die sprachliche Diskriminierung dauerte bis ungefähr Anfang der 1970er-Jahre", betont Claudine Brohy.
Die "Bolzekultur" als lokales Kuriosum
Der berühmteste Vertreter der Bolze-Kultur ist der Autorennfahrer Jo Siffert (gestorben 1971). Anfangs nannte man ihn "Sepp", später wurde daraus "Joseph" und schliesslich war er "Jo".
Sein Aufstieg fand in drei Etappen statt: vom Bolze über Französisch zu Englisch. Doch Bauer bleibt immer Bauer, wie ein Sprichwort sagt. Am Radio erzählte er, der Spitzenfahrer der Formel 1, mit Deutschfreiburger Akzent und in holprigem Französisch, wie er sich "plötzlich Seite an Seite côte à côte, face à face mit Jacky Ickx wiederfand"...
In den 1970er-Jahren wurde die Basse-Ville renoviert. Aus den Hausgemeinschaften mit zwölf Kindern entstanden Wohnungen für besser Verdienende. Es gibt heute eine Buslinie, einen Arzt und sogar einen Bankomaten.
Die "Bolze-Kultur" wurde praktisch zum lokalen Kuriosum. Wissenschaftliche Forschungen und Bücher gibt es zuhauf. Der Film "Ruelle des Bolze" von Jean-Theo Aeby wurde 2009 zum Volltreffer. Die Bolze-Fasnacht, das wichtigste Ereignis des Jahres, zieht immer mehr Neugierige an, etwas, das vor dreissig Jahren undenkbar gewesen wäre.
"Trotz Befürchtungen einer Germanisierung ist die Zahl der deutsch Sprechenden in der Stadt rückläufig. Aktuell sind es 21,2 %. Die Zweisprachigkeit wird zwar geschätzt , aber man könnte zweifelsohne mehr machen", stellt Claudine Brohy fest.
Das Bolze?
Ein Geheimnis. Das Wort entwickelte sich im 19. Jahrhundert, doch der Ursprung ist nicht geklärt.
Zwei Thesen. Eine These besagt, dass das Wort vom Familiennamen "Bolz(e)" stammen könnte. Die zweite These geht davon aus, dass es sich um eine Ableitung der Nachsilbe "-bold" für die Charakterisierung von Personen handeln könnte: "Witzbold" , "Trunkenbold".
Mehrdeutig. Für die Freiburger hat der Ausdruck mehrere Bedeutungen: eine Sprache, ein Akzent, eine sozioökonomische Identität, eine Geisteshaltung.
Zweisprachigkeit
Viersprachigkeit. 63% der Schweizer Bevölkerung sprechen Deutsch, 20% Französisch und 6% Italienisch, 35'000 Personen sprechen Rätoromanisch – die vierte Landessprache.
Drei Kantone. Es gibt drei zweisprachige Kantone: Bern, Freiburg, Wallis und einen dreisprachigen Kanton: Graubünden.
Saane. Im Kanton Freiburg gilt die Saane als symbolische Sprachgrenze zwischen der Romandie im Westen und der Deutschschweiz im Osten.
Kanton Freiburg. Im Jahr 2000 war Freiburg (240'000 Einwohner) zu 63% französischsprachig und zu 29% deutschsprachig (vor allem im Sensebezirk, am Murtensee und entlang der Saane).
Daten
Eidgenossenschaft. 1481: Freiburg tritt der Eidgenossenschaft bei (damals vollständig deutschsprachig). Man musste zeigen, dass man gewillt war, Deutsch zu sprechen, um aufgenommen zu werden.
Konservative. Die freiburgischen Freikorps dienten dem französischen König, dann kam die Französische Revolution, gefolgt von der Restauration unter der Führung von Deutschsprachigen. Im kollektiven Unterbewusstsein blieb folglich Deutsch mit dem Ancien Régime verbunden, während das Französisch die moderne Demokratie symbolisierte.
Sensebezirk. Bis 1848 war der heutige Sensebezirk zusammen mit dem Saanebezirk ein einziger Bezirk mit Freiburg als Hauptort.
Politik und Religion. Die deutschsprachigen Freiburger sind im Kanton und der Gemeinde in der Minderheit, auf nationaler Ebene gehören sie jedoch zur Mehrheit. Dies hat einen Einfluss auf die Diskussion des Zusammenlebens im eigenen Kanton.
(Übertragen aus dem Französischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch