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John Cowperthwaite war mitverantwortlich für den Aufstieg Hongkongs unter britischer Herrschaft. Bild: Keystone
«Wenn Leute eine inklusive Regierungsform wollen, dann müssen sie Komplexität und Langsamkeit in der Entscheidungsfindung als Preis dafür akzeptieren. Wenn sie eine schnelle und agile Regierung wollen, dann müssen sie Autoritarismus in Kauf nehmen.» Sir John James Cowperthwaite, Finanzsekretär von Hongkong von 1961 bis 1971, wollte ersteres. Und zwar aus Respekt vor den Menschen.
Sir John James Cowperthwaite
«Lassen Sie mich diese Budgetpräsentation mit einer philosophischen Vorrede beginnen. Kritiker bemängeln das diesjährige Budget – wie alle Budgets unter meiner Verantwortung. Sie sagen, Sozialausgaben und wirtschaftliche Entwicklungsprogramme fehlen darin. Was mich an dieser Kritik stört, ist ihre Vorstellung der Bevölkerung Hongkongs als kleine Kinder, deren Fleiss man belohnen und deren Kooperation man erkaufen muss. Ich weise diese paternalistische und letztlich kolonialistische Denkhaltung scharf zurück. Die Leute von Hongkong sind intelligent genug, das zu tun, was sie wollen und was ihnen dient. Ihre Freiheit ist ihr Handlungsgrund, nicht die Almosen des Staates.»
Cowperthwaite (1915-2006) war ein klassischer Liberaler. Seit seinem 22. Lebensjahr im Staatsdienst und ab dem Jahr 1945 in Hongkong hielt er es für seine Aufgabe, den Staat zu beschränken, aber in seinen Kernbereichen stark zu machen. Doch das Soziale, die Wirtschaft und die Kultur etwa hielt er nicht für Teile des Kernbereichs der Staatsaktivität. Demzufolge plädierte er hier für positive Nicht-Intervention.
Das Wunder von Hongkong
Die Zukunft des Kronlandes in Asien war am Ausgang des Zweiten Weltkriegs alles andere als klar. Die USA wollten die Ansammlung von Felsen, Schmugglern und Fischern den chinesischen Alliierten überlassen. Mit dem Zusammenbruch des Handels hatte Hongkong ohnehin nur wenige Perspektiven. Ebenfalls mangelte es an Infrastruktur.
Was aber einsetzte, war eine Serie glücklicher Zufälle. Nicht ganz ungeplant konnte die britische Marine Hongkong vor der chinesischen erreichen. Während die Kolonialverwaltung langsam darin war, sich selbst wieder aufzubauen, taten sich britische und lokal-chinesische Individuen zusammen. Sie bauten privatwirtschaftliche Infrastruktur auf. Sie kreierten auch ein eigenes Sozial-, Bildungs- und Kulturnetz und basierten es auf den lokal-chinesischen Hospital- und Tempelbruderschaften sowie auf den britischen Klubs.
Dass der Wiederaufbau Hongkongs praktisch insgesamt privat und trotz der politischen Wirrungen erfolgte, beeindruckte Cowperthwaite tief. Und er kam dadurch zur Einsicht: «Tiefe Steuern, keine oder nur wenige Regulierungen des Arbeitsmarktes, keine Staatsverschuldung und freier Handel sind die Säulen des Erfolgs Hongkongs.» An dieser Devise hielt er fest. Sein Leben lang.
Die Zerstörung Chinas
Als dann auch noch die kulturelle Revolution in China ausbrach und die Sozialdemokraten Oberhand in Grossbritannien bekamen, kam Cowperthwaite zu einer zweiten Einsicht: Politik hat ein enormes Schadenspotential. Demzufolge sah er es als seine Aufgabe, die Masse dessen, was politisiert werden kann, gering zu halten. Das bedeutete konkret, die Staatsaufgaben auf die Durchsetzung von Recht und Sicherheit zu beschränken. Alles andere, ob makroökonomische Statistiken über Aggregate oder aktive Diplomatie, hielt er bewusst zurück.
Doch die kulturelle Revolution wirkte sich auch in Hongkong aus: In der Verwaltung setzte Cowperthwaite durch, die Grenze für chinesische Flüchtlinge zu öffnen. Um der Vervielfachung der lokalen Bevölkerung Herr zu werden, setzte er auf eins: private Initiative. Und so brachte er auch die Aufhebung fast sämtlicher Raumplanungsvorschriften durch. Damit konnte der private Wohnungsbau florieren, und die typisch verdichtete Bauweise entstand. Dank dieser Liberalisierung ist heute Hongkong lediglich zu 40 Prozent bebaut. Der Rest ist Natur.
Natürlich musste der Finanzsekretär hier und da Konzessionen machen. Er akzeptierte ein Minimum an sozialem Wohnungsbau. Und er liess auch mit sozialen Auffangprogrammen abfedern. Er sah sogar ein, dass ein minimales Netz staatlicher Schulen zielführend sein kann – aber nur, wenn sie im Wettbewerb mit den Privaten stehen. Trotz aller Alltagspolitik blieb das Credo Cowperthwaites gleich: «Wer Geld vom Staat erhält, soll möglichst wenig erhalten und erst noch nur kurzfristig.»
Der Aufbau der Freiheit
Cowperthwaite wollte nicht als pro Wirtschaft gelten. Er kannte die Geschichte Hongkongs und fürchtete die Macht großer Kartelle. «Es ist nicht Sache einer Regierung, die eine Unternehmung oder die eine Branche zu bevorzugen. Es ist Sache der Regierung, den Wirtschaftsakteuren möglichst viel Freiheit zu sichern.» Deshalb glaubte er auch nicht an Konjunkturprogramme. «Es ist mir völlig rätselhaft, wie aus Staatsausgaben langfristiges und privates Wirtschaftswachstum entstehen soll. Ich glaube nur an die ökonomische Vernunft derer, die die Risiken selber tragen.»
Und damit erteilte er auch definitive Absagen an Industriepolitik, Rettung von Banken in Not, Innovationsförderung und dergleichen. Das sind alles nichtstaatliche Aufgaben. Als Cowperthwaite einmal im lokalen Parlament mit der Frage konfrontierte wurde, ob er eine Rezession gut finde, antwortete er: «Ein viel intelligenterer Mann (Joseph Schumpeter) als ich sagte einst, und ich bin mit ihm einverstanden: Eine Rezession ist für den Kapitalismus wie eine kalte Dusche an einem heissen Sommertag.»
Sir John Cowperthwaite war ein Liberaler, der nicht Bücher herausgab oder auf internationalen Konferenzen von den Vorzügen der Freiheit sprach. Er verstand sich als Staatsdiener. Aber der Staat, dem er seine Treue schwor, war einer, der individuelle Freiheit verteidigte. Und Cowperthwaite stand als Soldat an der Front dieser Verteidigung.
Literatur:
Stacey, Bill. Sir John Cowperthwaite: A Portrait in his own words. Hong Kong (2016).
Mehr als Helden: Menschen
Wer ist liberal? Gibt es nicht-westliche Erscheinungsformen des Liberalismus? Diese Sammlung von Portraits von Henrique Schneider zeigt die Diversität des breit verstandenen Liberalismus. Und er ist nicht nur abhängig vom kulturell-geschichtlichen Kontext. Zuerst erschienen die Portraits in: Henrique Schneider: Mehr als Helden: Menschen, Lichtschlag, 2017 (Link). Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Urhebers.