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Jonas Thiel kauert vor dem Wandtresor und hantiert an kleinen, weissen Metallknöpfen auf der Tresor-Aussenwand. In einem bestimmten Rhythmus schiebt er sie nach links, nach rechts, dann hinauf und hinunter. «Es hat eine Weile gebraucht, um den Mechanismus herauszufinden», sagt Thiel, der seit mehr als 20 Jahren als Mieter in der städtischen Villa Winkelwiese in der Nähe des Kunsthauses wohnt.
Mittlerweile kennt Thiel die richtige Kombination mit den Schiebeknöpfen. Doch das reicht nicht, um den massiven Stahltresor in der Kellerwand zu öffnen. Es öffnet sich lediglich eine Klappe. Dahinter taucht das Tresorschloss in Form eines umgekehrten S auf. «Der Schlüssel dazu ist seit Jahrzehnten verschollen», sagt Thiel, «darum weiss niemand, was sich im Safe befindet.»
Der Schlüssel fehlt: Das Schloss des Panzerschranks in der Villa Winkelwiese.
SKA-Bankier baute die Villa
Der Panzerschrank in der Kellermauer stammt von Ernst Gross (1870–1952), seinerzeit Direktor der Schweizerischen Kreditanstalt, der heutigen Credit Suisse. Der Bankier liess die Villa Winkelwiese 10 im Jahr 1932 erbauen. «Gross hat den Tresorschlüssel mitgenommen, und nach seinem Tod ging er verloren», vermutet Thiel. Seither konnte niemand mehr den Wandsafe öffnen. Nicht einmal dem ehemaligen Zürcher Stadtpräsidenten («Stapi») Emil Landolt (1895–1995) sei dies gelungen, sagt er. Das habe ihm Landolts Frau in den 90er-Jahren erzählt.
Die Landolts wohnten seit 1959 in der Villa Winkelwiese, die seither im Volksmund auch «Stapi-Villa» genannt wird. Die Stadt kaufte das Wohnhaus mit Park 1974 für 3,9 Millionen Franken, die Landolts erhielten lebenslanges Wohnrecht. 2005 wollte die Stadt die Villa im Baurecht an den Unternehmer Frank Binder abgeben, der einen Neubau plante. Die Pläne waren höchst umstritten. 2016 zog sich Binder zurück, das Areal fiel wieder an die Stadt zurück. Derzeit wohnt eine WG mit 13 Personen in der Villa.
Soll der Wandtresor nur von einem anderen Panzerschrank ablenken?
Doch was verbirgt sich im verschlossenen Wandtresor? Hat der frühere Bankdirektor dort Wertschriften gebunkert? Gold? Schmuck? Private Briefe? Ist er einfach leer? Oder handelt es sich um einen Fake-Tresor: eine Attrappe, die Einbrecher von einem weiteren Tresor in der Villa ablenken sollte?
Begehbarer Tresor neben dem Weinkeller
Tatsächlich gibt es noch einen mehrere Kubikmeter grossen, begehbaren Panzerschrank – hinter einer Wandverkleidung neben der Treppe zum Weinkeller. Zu diesem Tresor haben die heutigen Villabewohner Zugang. Sie nutzen dem muffig riechenden Raum hinter einer zwanzig Zentimeter dicken Stahltür als Abstellkammer.
Türe wie im Luftschutzbunker: In der Villa Winkelwiese gibt es auch noch einen begehbaren Tresor.
«Gross wusste, dass die Wirtschaftskrise kommt, und hat dort wohl Wertsachen und Bargeld vor Einbrechern versteckt», vermutet Thiel. Auch sonst war der Bankier sehr auf Sicherheit bedacht. Davon zeugen die vergitterten Fenster im Souterrain der Villa Winkelwiese. «Wie ein Hochsicherheitstrakt», sagt er.
Mit der Trennscheibe vor Ort
Nach «Stapi» Landolt versuchten noch manch andere Villabewohnerinnen und -bewohner, das Tresorgeheimnis zu lüften. «Jeder, der neu einzieht, versucht sich an dem Tresor», sagt Thiel. Einmal habe ein Neumieter sogar mit der Trennscheibe anrücken wollen.
Zwei Schlosser und ein Schlüsseldienst seien ebenfalls schon vor Ort gewesen, hätten aber ebenfalls vor dem Stahlkoloss in der Wand kapitulieren müssen. Der Mitarbeiter des Schlüsseldiensts meinte nur, derart alte Schlüssel könne man heute nicht mehr herstellen.
Doch Thiel gibt sich keinen Illusionen hin: «Würde ein Spezialist mit der Trennscheibe oder noch brachialeren Methoden zu Werke gehen, liesse sich der Safe wohl öffnen.» Aber womöglich verberge sich hinter der ersten Tür noch eine weitere oder eine Stahlbox mit einem separaten Schloss.
Stadt will Geheimnis bewahren
Auch die Stadt Zürich tappt bezüglich des Tresors im Dunkeln. «Liegenschaften Stadt Zürich als Eigentümerin-Vertreterin weiss nicht, was sich im Tresor befindet», sagt Sprecher Kuno Gurtner. Es sei aber weiterhin nicht geplant, den Safe öffnen zu lassen. «Wir belassen der Villa dieses Geheimnis», sagt er. Als Baurechtsnehmer Frank Binder vor einigen Jahren die Villa durch einen Neubau ersetzen wollte, hätte man sich wohl entscheiden müssen, ob man den Tresor nicht doch zu öffnen versucht. «Mit dem Rückzug von Herrn Binder wurde dieser Entscheid dann hinfällig», so Gurtner.
Jonas Thiel freut es, dass das Tresorgeheimnis erhalten bleibt. Anders als im Thurgau, wo letzte Woche ein angeblich unknackbarer Tresor für Schlagzeilen sorgte. Einem Schweisser gelang es schliesslich, den Panzerschrank doch noch zu öffnen – er war leer, wie «20 Minuten» und der «Landbote» berichteten.
«Es ist doch gut, wenn es in einer Stadt wie Zürich auch noch etwas Unentdecktes gibt», sagt Thiel. Er weist auf weitere Besonderheiten aus den 1930er-Jahren im Untergrund der Villa Winkelwiese hin. So etwa auf einen bis heute funktionstüchtigen, mit einem Elektromotor betriebenen Kettenaufzug, mit dem sich Fenster im Parterre automatisch anheben lassen.
Künftige Nutzung offen
Wie es an der Winkelwiese weitergeht, ist derzeit offen. Ein Entscheid über die künftige Nutzung der Villa, in den die Quartierbevölkerung miteinbezogen werden soll, ist noch nicht gefallen, wie Kuno Gurtner sagt. Wann es so weit sein wird, ist unklar. Jonas Thiel und die anderen Bewohnerinnen und Bewohner können noch mindestens bis zum 30. September 2021 bleiben. Und am Safe herumtüfteln.