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Erst nach dem 15. Jahrh. macht sich wieder das Bedürfnis geltend, die eigne und die fremde Lage kennen
zu lernen, welchem in Frankreich unter Sully durch Schaffung einer Art statistischenBüreaus genügt wurde. Die wissenschaftliche
Behandlung der S. nahm ihren Anfang in der Mitte des 17. Jahrh. In Deutschland
[* 7] entwickelte sich zuerst die
beschreibende Schule der S., welche dieselbe in dem oben genannten Sinn auffaßte. Als Schöpfer derselben gilt H. Conring (1606-81,
s. d.), welcher
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1660 den üblichen Universitätsvorlesungen eine neue, aus Geographie, Geschichte und Politik abgesonderte Disziplin als Notitia
rerum publicarum hinzufügte, in welcher er die Staatszustände zusammenhängend darstellte. Achenwall (1719-72), ein fleißiger
Sammler, stellt den Begriff genauer fest und führt auch die Bezeichnung S. als Kenntnis der Staatsmerkwürdigkeiten ein.
Auf gleichem Boden steht sein SchülerSchlözer (1735-1809), welcher der damaligen Heimlichkeit in Staatssachen
gegenüber mit einem gewissen Freimut die politischen Ereignisse zum Gegenstand der Besprechung in Vorlesungen machte.
Von ihm stammt die bekannte Definition: »S. ist stillstehende Geschichte, Geschichte ist fortlaufende
S.« Gegenüber der ethnographischen Methode der S., welche jedes Volk für sich behandelte, führte Büsching
(1724-93) die vergleichende Methode ein, indem er bei sachlicher Gliederung des Stoffes zwischen den entsprechenden Zuständen
verschiedener Länder eine Parallele
[* 9] zog. Bald machte sich das Bedürfnis geltend, die gesammelten Zahlen der S. übersichtlich
in Tabellenform zu ordnen und dieselben auch durch graphische Darstellung zu veranschaulichen (Crome, 1782).
Dies führte zu einem lebhaften Streit zwischen der GöttingerSchule (Anhänger Schlözers) auf der einen und den von denselben
so betitelten Linear- oder Tabellarstatistikern auf der andern Seite.
Der Kampf war insofern ein verfehlter, als für statistischeDarstellungen weder die Größenangabe (Zahl) noch der Wortausdruck
entbehrt werden kann. Von jeher waren die Ansichten über das Gebiet der S. geteilt gewesen. Die einen
beschränkten es auf den Staat und staatliche Verhältnisse (Staatsverfassung, Darstellung der Staatskräfte), andre dehnten
es auf alle gesellschaftliche Thatsachen (faits sociaux) aus, wieder andre überhaupt auf alle Erscheinungen, an denen ein
Dasein, Entstehen und Vergehen wahrnehmbar sei (also auch Naturerscheinungen).
Verlangten die einen, daß die S. sich nur auf Schilderung der Erscheinungen der Gegenwart beschränken solle, daß jedes
statistischeDatum neu sein müsse, da sich die Vergangenheit nicht beobachten lasse, so gingen sie zum Teil selbst wieder
von dieser Forderung ab, indem sie auch Einsicht in die Zustände bieten, den jetzigen Zustand aus dem
frühern begreiflich machen wollten (pragmatische S. nach Achenwall). Man verwechselte hierbei die einfache Beobachtung, Erhebung
und Aufzeichnung des statistischenMaterials mit der wissenschaftlichen Verarbeitung desselben.
Die Beobachtung kann nur die Gegenwart erfassen, die Zusammenstellung der durch eigne oder (meist) fremde Beobachtung gewonnenen
Ergebnisse erstreckt sich bereits auf die Vergangenheit, und für die wissenschaftliche Verwertung kann
es ganz gleichgültig sein, welcher Zeit das Material angehört. Eine weitere Streitfrage war früher die, ob die S. sich
auf solche Thatsachen zu beschränken habe, welche sich durch Zahlen wiedergeben lassen (nach M. de Jonnés: faits sociaux,
exprimés par des termes numériques). Die moderne S. befaßt sich allerdings vorzüglich mit Größen
und deren Vergleichung, auch erblickt das gewöhnliche Leben allgemein in der S. eine Wissenschaft, welche es mit Zahlen und
zwar mit Massen von Zahlen zu thun hat, wobei freilich nicht zu übersehen, daß Größenangaben in allen Gebieten der
Natur und des gesellschaftlichen Lebens möglich sind.
Letztere begann sich bald von der erstern abzuzweigen, ohne daß jedoch, sofern nicht unter der politischen Arithmetik lediglich
die Zins- und Arbitragerechnung verstanden wird, eine scharfe Scheidung überhaupt möglich ist. Nachdem
Graunt (1660), dann Pettey, Halley, Kerseboom, Deparcieux sich mit Berechnung der Sterblichkeit und mit Aufstellung von Sterblichkeitstafeln
befaßt hatten, gab Süßmilch (1707-67) in seiner »Göttlichen Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts«
(1742) überhaupt dem GedankenAusdruck, daß im gesellschaftlichen Leben gewisse Regelmäßigkeiten beobachtet
werden könnten, welche freilich nicht in einzelnen, sondern in einer großen Zahl von Fällen hervortreten.
DiesenGedanken verfolgte Quételet weiter, und es wird jetzt an Stelle der frühern einfachen Beschreibung die S. zu einer Wissenschaft
der umfassenden Durchzählung verwandter Fälle und Vorgänge, um aus derselben Regelmäßigkeiten und
Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Dieselbe erstreckt sich auf alle diejenigen Gebiete, auf welchen im einzelnen eine bunte
individuelle Mannigfaltigkeit in Erscheinung tritt, während durchschlagende Ursachen und Beweggründe erst aus einer großen
Zahl von Fällen erkennbar sind. So kann in wenigen Familien eine verhältnismäßig große Zahl von Totgeburten eintreten,
während in andern gar keine vorkommt.
Faßt man aber eine große Zahl zusammen, so nähert man sich einer Mittelzahl (Prozent), von welcher die zu einer andern
Zeit oder in einem andern Gebiet für große Zahlen gewonnenen Ergebnisse nur wenig abweichen werden. Voraussetzung hierfür
ist, daß die verglichenen Zustände nicht wesentlich voneinander verschieden sind. Solche durchschlagende
Einflüsse, mögen sie nun das Bestreben haben, einen Zustand der Beharrung zu bewirken oder Veränderungen zu veranlassen,
können nicht allein da festgestellt werden, wo der menschliche Wille keine Rolle spielt, sondern auch in der Welt der sittlichen
Thatsachen, in welcher ebenfalls nachgewiesen werden kann, daß bei aller Freiheit des Willens die menschlichen
Handlungen doch wesentlich durch Naturumgebung, gesellschaftliche Verhältnisse, Erziehung etc. beeinflußt werden, indem je
nach gegebenen äußern Verhältnissen solche Handlungen eben als die vernünftigen erscheinen.
Meist sind die Büreaus Zentralstellen, welchen in mehreren Ländern für Beratungen über die Art der auszuführenden Arbeiten
noch eigne aus Mitgliedern verschiedener Verwaltungszweige, Volksvertretern und Theoretikern bestehende statistische Zentralkommissionen
beigegeben sind. Seit neuerer Zeit haben auch die meisten Großstädte eigne statistischeBüreaus errichtet.
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts wurden die Arbeiten der statistischenBüreaus ziemlich geheim gehalten; seitdem hat
man überall mit regelmäßigen amtlichen statistischen Veröffentlichungen in Form von Zeitschriften, Jahrbüchern etc. begonnen,
neben welchen als private Unternehmungen das »Journal of the Statistical Society« (London)
[* 28] und das »Journal de la
Société de statistique« (Paris)
[* 29] zu nennen sind.