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Moralurteile und Ekel sind verwandt
Menschen mit ungesunden Gewohnheiten werden moralisch verurteilt. Aus Ekel oder Schmerz? Ein Forscherteam der Uni Genf hat Probanden mit Magnetresonanz analysiert und kommt zum Schluss, dass ungesunde Gewohnheiten vom Hirn ähnlich wahrgenommen werden wie Gestank.
Olfaktorischer Ekel und Schmerz sind Grundemotionen, die uns das Überleben sichern: Wenn etwas schlecht riecht könnte es verdorben sein und es zu essen könnte krank machen. Gestank warnt davor. Ähnlich beim Schmerz: Er verhindert beispielsweise, dass wir auf einer heissen Herdplatte sitzen bleiben. Psychologen glauben, dass diese beiden Überlebensreflexe auch bei der Reaktion auf schlechte Verhaltensweisen anderer mitspielen.
«Diese Verbindungen wurden über Assoziationen zwischen Situationen und Empfindungen nachgewiesen», sagt Professor Corrado Corradi-Dell'Acqua, Forscher in der Abteilung für Psychologie der Uni Genf und Leiter der Studie.
«Wenn ich zum Beispiel etwas trinke, während ich einen Artikel über Korruption lese, der mein moralisches Urteilsvermögen anspricht, könnte ich feststellen, dass mein Getränk schlecht riecht und widerlich schmeckt.» Umgekehrt gelte: Gerüche können ein unangemessenes moralisches Urteilsvermögen hervorrufen. Wenn jemand schlecht riecht, neigen andere Menschen dazu, ihn für ungesund zu halten.
Das Trolley-Dilemma als Testaufgabe
Die Auslegeordnung von Corradi-Dell'Acquas Team war folgende: Probanden wurden schlechten Gerüchen und Schmerzen durch Hitze ausgesetzt und zwar in dem Masse, dass die entsprechenden Empfindungen gleich intensiv wahrgenommen wurden.
Danach wurden die Freiwilligen mit dem sogenannten Trolley-Problem konfrontiert: Angenommen, fünf Menschen können nur vor einem herannahenden Tram gerettet werden, indem sie einen sechsten von einer Brücke werfen, wodurch sein Körper eine Weiche umstellt, er aber ums Leben kommt. Intuitiv würden die meisten Menschen den einen opfern zur Rettung der anderen fünf. Aber ist das auch ethisch?
Die Reaktionen der Testpersonen auf dieses unbequeme Problem wurden mittels Hirn-Magnetresonanztomografie gemessen.
Bonus: Nervenbahnen identifiziert
Die Probanden nahmen als Reaktion auf die unangenehme Vorstellung Gerüche als übel wahr, entwickelten aber kein erhöhtes Schmerzempfinden durch Hitze; letzteres wurde aufgrund der elektrischen Leitfähigkeit der Haut beurteilt. Fazit also: Moralische Urteile sind mit dem Gefühl der Abscheu verbunden.
Die Forscher benötigten zur Unterscheidung von Ekel und Schmerz ein besonderes Verfahren, da die beiden Empfindungen im Hirn in einer ähnlichen Region lokalisiert sind. Dabei entdeckten sie – als unerwartetes Zusatzresultat – einen Biomarker im Hirn für olfaktorischen Ekel.
*Fachpublikationsnummer DOI: 10.1126/sciadv.aat4390Zurück zur Startseite