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cash: Herr Rüttimann, die Notenbank Argentiniens hat am Freitag den Leitzins auf fast schon absurd anmutende 40 Prozent erhöht. Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Heinz Rüttimann: So etwas geschieht, wenn die Währung in einem Land in kurzer Zeit massiv an Wert verliert. Dann gibt es nur ein Mittel, und zwar starke Zinserhöhungen. Damit werden Spekulanten, die gegen eine Währung wetten, aus dem Markt getrieben. Das gab es in der Vergangenheit schon mehrmals.
Wie geriet Argentinien in diese Situation?
Durch einen Exportüberschuss, sprich wenn mehr exportiert als importiert wird, entstehen Währungsreserven. Wenn nun die Währung gestützt werden soll, braucht man diese Reserven auf. Je weniger ein Land aber davon hat, desto mehr sind andere Marktteilnehmer der Meinung, dass diese Stützung nicht nachhaltig ist. Irgendeinmal sind die Währungsreserven so klein, dass eine Stützung tatsächlich nicht mehr möglich ist. Dann schwächt sich entweder die Währung massiv ab. Oder die Leitzinsen werden, wie im Falle Argentiniens, stark angehoben, um so wieder ausländisches Kapital anzuziehen.
Droht nun der nächste Staatsbankrott Argentiniens?
Wenn die Zinsen so massiv angehoben werden, hat dies natürlich einen negativen Einfluss auf das Konsumverhalten, auf die Investitionstätigkeit, auf allgemeine Zinszahlungen und das Wirtschaftswachstum. Aber einen Staatsbankrott erachte ich derzeit trotzdem als wenig wahrscheinlich.
Es gab in der Vergangenheit einige Beispiele von Krisen einzelner Länder, die dann auf viele umliegende Länder überschwappte. Etwa die Asienkrise 1997 oder die Lateinamerikakrise in den 1980ern. Sehen Sie derzeit die Gefahr eines Flächenbrandes, ausgelöst durch Argentinien?
Gerade bei der Lateinamerikakrise war es die Anbindung an den US-Dollar, welche die eigentliche Krise auslöste. Viel ausländisches Kapital wurde damals in Dollar aufgenommen. Als man die Anbindung an den US-Dollar nicht mehr halten konnte, führte dies zu einer massiven Abwertung der eigenen Währung. Dies wiederum führte zu einer höheren Dollarverschuldung. Seit ungefähr 8 Jahren haben Schwellenländer aber mehrheitlich freie Währungen und weniger Dollarschulden. Ausserdem ist das globale Bild noch zu stark, als dass jetzt ein grosses Risiko eines Flächenbrandes bestünde.
Viele Schwellenländer sind aber noch immer in Dollar verschuldet. Wird eine anhaltende Dollaraufwertung aufgrund von weiteren US-Zinserhöhungen diese Länder vor grössere Probleme stellen?
Am meisten unter Druck kommen diejenigen Schwellenländer, die ein sogenanntes Zwillingsdefizit aufweisen. Sie haben sowohl eine Staatsverschuldung als auch ein Leistungsbilanzdefizit (Anm. der Redaktion: Die Importe übersteigen die Exporte). Sie müssen bei höheren US-Zinsen weiterhin attraktiv bleiben, da sie sich in Dollar refinanziert haben und die Investoren weiterhin motivieren wollen, im Land zu investieren.
An welche Länder denken Sie konkret, wenn Sie von Zwillingsdefiziten sprechen?
Argentinien, Türkei, Südafrika und Ägypten. Aber diese Länder sind schon seit Jahren in dieser ungünstigen Defizit-Situation, es ist also nichts neues. Neu ist aber der Druck auf diese Länder durch den US-Zinsanstieg.
Liegt das Schicksal der Schwellenländer schlussendlich in den Händen der US-Notenbank Fed?
Auf die eben erwähnten vier Länder trifft dies tatsächlich zu. Aber andere Nationen mit einem Leistungsbilanzüberschuss, die nicht auf ausländisches Kapital angewiesen sind, werden durch den US-Zinsanstieg viel weniger belastet. Zusätzlich geschützt sind Volkswirtschaften mit hohen Währungsreserven und mit einem ausgeglichenen Finanzbudget.
Nimmt die US-Notenbank in ihrer Zinspolitik Rücksicht auf Länder mit einem Zwillingsdefizit?
Ich habe nicht den Eindruck, dass die USA dies tut. Diese Länder sind im Gesamtkontext schlicht zu wenig relevant. Aber wenn die USA zum Beispiel die Leitzinsen über die nächste Monate um viermal 25 Basispunkte anheben wird, kommt auch sie bald einmal an ein natürliches Limit.
Wie meinen Sie das?
Wenn die Zinsdifferenz gegenüber Europa und Japan deutlich grösser wird, fliesst mehr Geld in die USA. Das macht wiederum den Dollar stärker und schadet der US-Exportwirtschaft sowie der ganzen amerikanischen Wirtschaft. Die USA geht den Weg des Zinsanstiegs daher behutsam an und meidet zu schnelle Anhebungen. Das hilft gleichzeitig Schwellenländern, einen Schock zu vermeiden.
Investoren haben in diesem Monat fast schon panisch Schwellenländer-Papiere abgestossen. Wieso?
Schwellenländer haben sich in den letzten zwei Jahren wirtschaftlich langsam wieder erholt, daher nahmen in der Vergangenheit auch die Zuflüsse stark zu. Derzeit findet jedoch eine Konsolidierung statt. Die Rendite von US-Treasuries um 3 Prozent stellt ein Scheidepunkt dar, der automatisch zu Unsicherheiten führt. Anleger wissen nicht genau, ob die Rendite gar auf 3,3 Prozent oder mehr ansteigen wird.
Und wenn Rendite von US-Treasuries tatsächlich auf 3,3 Prozent steigen sollte?
Dann gerieten Schwellenländer definitiv unter Druck, da die Attraktivität von Investments im Dollarraum anstiege.
Was raten Sie Anlegern in Bezug auf Schwellenland-Investments?
Bei den Aktien sind wir bei globalen Schwellenländern nach wie vor übergewichtet. Einerseits aufgrund des Gewinnzyklus, der weniger weit vorangeschritten ist als in den entwickelten Ländern. Andererseits sind die Emerging Markets nach wie vor attraktiv bewertet. Bondseitig empfehlen wir Investments in Anleihen in US-Dollar und nicht in lokalen Währungen.
Welche Schwellenländer haben das grösste Potenzial am Aktienmarkt?
Wir sind nach wie vor positiv gestimmt für Brasilien. Auch bei den Aktienmärkten in China, Südkorea, Indien sowie in kleineren Märkten wie Malaysia und Philippinen orten wir noch Potenzial.
Wie lange kann der Aufschwung der Schwellenländer noch andauern?
Das hängt zu einem grossen Teil davon ab, wie es an den entwickelten Märkten weitergeht. In den USA haben wir eine Expansion seit neun Jahren, in Europa seit vier Jahren. Schwellenländer hingegen befanden sich von 2011 bis 2016 noch in einem Bärenmarkt und sind nun erst im dritten Expansionsjahr. Die tonangebende Volkswirtschaft wird aber die USA bleiben. Ich gehe davon aus, dass der Aufschwung in den Schwellenländern noch 12 bis 24 Monate andauern kann.