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Identitätspolitik – Warum man rinks und lechts manchmal velwechsern kann
Lange Nacht der Philosophie, Zürich, 16.11.17
Dr. phil. Ulla Schmid
1. Identitätspolitik
Identitätspolitik ist eine Art Politik, die ihre Adressat_innen aufgrund ihrer Identität anspricht. Die Identität eines Menschen wird hier verstanden als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (community). Ausgangspunkt für Identitätspolitik sind demnach nicht gemeinsame Interessen, Weltanschauungen, politische Programme oder Parteizugehörigkeiten, sondern das, was die Adressat_innen eigentlich ausmacht, wie sie sind, d.h. ihre Identität. Akteur_innen der Identitätspolitik können Repräsentant_innen sein, die aus der Gruppe selbst stammen oder sich als Außenstehende für die Anliegen der Gruppe einsetzen. Die Gruppe und diejenigen, die sie vertreten (oder zu vertreten behaupten), sind das politische Subjekt von Identitätspolitik. Identitätspolitik versteht sich als Anwältin unterdrückter oder marginalisierter Gruppen. Es geht um die Aufhebung der Benachteiligung, die einer Gruppe aufgrund ihrer Identität und Individuen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe systematisch widerfährt. Es geht also um ihre rechtliche und kulturelle Gleichstellung, um ihre Freiheit, die eigene Identität nach ihrem Verständnis ausleben zu können, um ihre Selbstbestimmung als Gruppe oder Gemeinschaft. Im Kern ist Identitätspolitik ein emanzipatorisches Unterfangen, das reformerische bis revolutionäre Züge trägt, insofern es die Veränderung der Gesellschaft bezweckt.
Programmatisch geht es in Identitätspolitik um drei Dinge, erstens um die Definitionsmacht über Identität, d.h. Gruppen soll selber definieren können, was ihre Identität ausmacht. Zweitens geht es um die Ermächtigung von Gruppen, sich realpolitisch durchzusetzen. Anliegen der Identitätspolitik ist drittens, Unrecht, Marginalisierung oder Unterdrückung zu thematisieren, sie wiedergutzumachen, zu beseitigen oder zu verhindern.
Im Folgenden versuche ich mich an einer Strukturanalyse von Identitätspolitik und lasse mich von folgenden Fragen leiten: 1. Welche Rolle wird der Sprache in der Konstitution von Gruppenidentitäten beigemessen? 2. Was stellt die Einheit von Gruppen und ihren Identitäten her? 3. Welche Rolle spielt das Unterdrücktsein für Identität und Identitätspolitik? 4. Wie wird Unterdrückung festgestellt? 5. Wo ist der Umschlagspunkt von emanzipatorischer in identitäre Politik?
2. Sprachkritik als Herrschaftskritik
Die Herrschaftskritik von Identitätspolitik ist zu weiten Teilen eine Kritik an der Sprache, in der Identität verhandelt wird. Wie groß die Macht der Sprache ist, und wie sehr sie alle Lebens- und Denkbereiche durchdringt, möchte ich am Beispiel des Begriffs ‚Frau’ durchdeklinieren. Begriffe und Kategorien fassen Gruppen von Dingen oder Menschen zusammen und unterscheiden diese Gruppen voneinander und setzen sie in Verhältnisse zueinander – wie der Begriff ‚Frau’ eine Gruppe von Menschen – Frauen – zusammenfasst und sie zum Beispiel von Männern, Kindern oder Mädchen unterscheidet. Konnotationen und Assoziationen geben soziale Wertungen wieder – wie es die Begriffe ‚dämlich’ und ‚herrlich’ tun. Die grammatische Form, das grammatische Geschlecht kann ebenfalls Auskunft darüber geben, welchen gesellschaftlichen Status eine Gruppe von Menschen einnimmt – so suggeriert z.B. das Neutrum der Begriffe ‚Mädchen’ oder ‚Fräulein’ die Geschlechtslosigkeit unverheirateter Frauen als Abwesenheit weiblicher Sexualität und weiblichen Begehrens außerhalb der Ehe, ihre Verkleinerungsform zudem einen niederen Status. Herrschaftsverhältnisse werden durch institutionellen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch gefestigt, wie wenn auf Steuererklärungen von verheirateten Paaren der Ehemann Erstunterzeichner ist, die Ehefrau an zweiter – nachrangiger – Stelle unterzeichnet, und zwar ungeachtet dessen, wer in einer Ehe die Steuererklärung ausfüllt und wer wieviel zum ehelichen Einkommen beiträgt. Die Verwendung von männlich/weiblich als Analysekategorie z.B. bei Umfragen festigt das Verständnis des Begriffspaars Mann/Frau als unterschiedlich, wenn nicht gegensätzlich, und überhaupt die übergeordnete Kategorie des Geschlechts als binäre Angelegenheit, die umfassend in den beiden sich nicht überschneidenden Gruppen der Männer und Frauen aufgeht. Schließlich finden auch die Tätigkeitsbereiche, die für die herrschenden und beherrschten Gruppen ‚vorgesehen’ sind, ihren Niederschlag in der Sprache – bereits der Begriff ‚Herrschaft’ beinhaltet eine männliche Konnotation von Herrschaft, die Begriffe Hausfrau, Putzfrau oder Krankenschwester verweisen auf die traditionellen Wirkungsbereiche der Frau, nämlich das Haus, die Drecksarbeit und die Arbeit in der Pflege, auf die Zuständigkeit für das Mitmenschliche und Körperliche.
Mit Bourdieu gesprochen: Sprache verhält sich zu der Wirklichkeit, der sie entspringt und die sie abbildet, gleichermaßen als strukturiert und strukturierend, als hervorgebrachtes und hervorbringendes Element. Der Sprache kommen zwei gegenläufige und einander ergänzende Funktionen zu. Als Instrument des Denkens und Begreifens bestimmt Sprache die Art und Weise, wie Wirklichkeit gedacht, verstanden und wahrgenommen wird. Die Grenzen der Sprache bedeuten damit sowohl die Grenzen der Wirklichkeit als auch die Grenzen des Möglichen, dessen, was unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen überhaupt gedacht werden kann. Als Instrument des Beschreibens und Mitteilens dagegen bildet Sprache Wirklichkeit ab. Maßstab für die Wahrheit und Falschheit von Behauptungen und Urteilen ist die Wirklichkeit. Ein Satz ist wahr, wenn er die Wirklichkeit so darstellt, wie sie ist, so wie eine Abbildung die Abbildung eines Gegenstands ist, wenn sie diesen korrekt – wahrheitsgemäß – darstellt.
Fokussiert man auf die Abbildungsfunktion von Sprache, legt dies ein essentialistisches oder naturalistisches Verständnis von Identität nahe. Die Eigenschaften einer bestimmten Gruppe werden als natürliche oder im Wesen der Gruppe liegende Eigenschaften begriffen. Als Konsequenz würden Herrschaftsverhältnisse auf den natürlichen Eigenschaften der beteiligten Gruppen beruhen, deren gesellschaftlicher Status als Herrschende oder Beherrschte gewissermaßen in ihre Identität eingeschrieben ist (‚Frauen wollen ja gar keine Karriere machen’, ‚Indianer weinen nicht’).
Wer die Deutungshoheit über Begriffe hat, verfügt über die Macht zu bestimmen, wie es sich in Wirklichkeit verhält. Auf Identitätsbegriffe angewandt heißt das: Wer über die Deutungshoheit über Identitätsbegriffe verfügt, bestimmt über die Eigenschaften und den gesellschaftlichen Status der entsprechenden Gruppen, also auch darüber, welche Handlungs-, Verhaltens- und Erfahrungsmöglichkeiten ihnen offen stehen und welche Möglichkeiten es gibt, diese Gruppen zu denken und zu verstehen. Kurz: Deutungshoheit über Identitätsbegriffe zu haben heißt, über die Identität der Menschen, die darunter gefasst werden, zu verfügen. Selbstbestimmung wird in Identitätspolitik denn auch zentral als Deutungshoheit über den Begriff der eigenen Identität verstanden. Dabei liegt die Sichtweise zugrunde, dass Herrschaftsverhältnisse sich in Sprache zeitigen, in Sprache zum Ausdruck kommen und durch Sprache gefestigt werden.
3. Kritik der Identität als ‚natürlich’ oder ‚wesenhaft’
Der Ausgangspunkt für Identitätspolitik wird in diesem Zitat von Simone de Beauvoir auf den Punkt gebracht: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es.“ Hier werden die Vorstellungen, Zuschreibungen, Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten in Bezug auf Frauen als nicht-essentialistisch, nicht notwendig entlarvt und als historisch, als in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext entstanden aufgewiesen. Gleichzeitig wird angedeutet, dass ‚Frausein’ eine biografische Angelegenheit ist und in der Interaktion der einzelnen mit ihrer Umgebung entsteht. Gleiches gilt für andere Identitäten: Man kommt nicht als Schwarzer, Schwuler oder Schweizer zur Welt, sondern man wird es.
Eine Identität als Funktion gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen und als Brennpunkt bestehender Herrschaftsverhältnisse aufzuweisen bedeutet zunächst eine Erweiterung der Möglichkeiten zu handeln, sich zu verhalten, zu denken und wahrzunehmen. Es heißt, dass die Bedeutung des Identitätsbegriffs zur Disposition steht, dass die Bedeutung von Aussagen wie ‚Frauen sind so-und-so’ oder ‚Person x ist eine Frau’, und damit auch deren gesellschaftliche Implikationen, infrage steht, reflektiert und verändert werden kann. Der erste Schritt von Identitätspolitik besteht darin, Identität als Konstruktion aufzufassen.
4. Identität als Konstruktion
De Beauvoirs Satz, „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird es“, weist darauf hin, dass die Bedeutung des Begriffs ‚Frau’ sich nicht von selbst versteht, dass in diesem Sinne der Begriff ‚Frau’ „sozial konstruiert“ ist. Was der Satz ‚Person x ist eine Frau’ bedeutet, welche Konsequenzen er hat, was er alles über Person x aussagt, ist hier Gegenstand der Kritik. Sprachphilosophisch ausgedrückt: Dass sich der Begriff ‚Frau’ auf einen einheitlichen Gegenstand bezieht und wie dieser beschaffen ist, wird infragegestellt. Damit stehen auch die Bedingungen infrage, unter denen Sätze, in denen der Begriff ‚Frau’ vorkommt, wahr bzw. falsch sind, und wie man das feststellen kann.
Der zweite Schritt von Identitätspolitik besteht in der Dekonstruktion des Gegenstands von Identitätsbegriffen, d.h. der als Ausdruck von Fremdherrschaft verstandenen Identität. Identitätspolitik geht über die Aufweisung von Identitätsbegriffen als Konstruktion hinaus, sie verlangt nach der Negation der (herkömmlichen) Bedeutung der Begriffe als Voraussetzung für die Aufhebung der Unterdrückung. Das führt zu einer Leerstelle anstelle der bisherigen Bedeutung von Identität oder, durch Negation der bisherigen Bedeutung, zu einer negativen Formulierung dessen, was die Identität ausmacht. Was bspw. ‚Frausein’ heißt, ist unklar, klar ist nur, was es nicht heißt/heißen soll. Wenn der Begriff ‚Frau’ keine natürliche Entsprechung in der Wirklichkeit hat, entfällt aber augenscheinlich die Wirklichkeit als Maßstab dafür, ob und wann solche Sätze wahr bzw. falsch sind. An die Negation der Bedeutung eines Identitätsbegriffs – seine Dekonstruktion – schließt die Frage an, welchen positiven Gehalt der Begriff denn hat (was es ausmacht, eine Frau, ein Schwarzer, ein Schwuler, ein Schweizer usw. zu sein), und damit die Frage, unter welchen Bedingungen seine Anwendung richtig oder falsch ist.
5. Identität als Differenz
Die Forderung nach Selbstbestimmung geht einher mit der Reklamation der Definitionsmacht über die ‚eigene’ Identität. Am einfachsten scheint zunächst, die eigene Gruppenidentität und ihren Begriff in Abgrenzung von dem ‚Anderen’ zu definieren (anderen Gruppen oder deren Begriff der eigenen Identität). Die eigene Identität konstituiert sich dann als Differenz, als Nicht-Sein oder Nicht-So-Sein. Die bisherige Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Anderen bleibt intakt und wird gewissermaßen unter anderen Vorzeichen neu gedacht, inhaltlich wie auch wertend. Die Einheit der Gruppe, d.h. die Bestimmung, wer zu dieser Gruppe gehört und wer nicht, bleibt bestehen. Ihr konstitutives Merkmal ist das Anderssein: als Angehörige der eigenen Gruppe ist man anders als die Anderen, und anders als die Anderen denken, dass man ist.
Die Betonung des Unterschieds zwischen dem Eigenen und den Anderen verstärkt die Diskriminierung zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Gruppen bis hin zur grundsätzlichen Unmöglichkeit, sich zu verständigen oder zu verstehen. Denn die Selbstdefinition durch Abgrenzung bedeutet, die gewöhnlichen, als selbstverständlich erachteten Ansichten, Meinungen und Wertungen über das Eigene für falsch zu erklären. Der Begriff der eigenen Identität, der bislang ein Verständnis ermöglichte, wird für nichtig erklärt, ohne dass ein Ersatz und ein alternatives Verständnis ermöglicht würden. Wird den Anderen dazu noch die Möglichkeit das Eigene zu verstehen grundsätzlich abgesprochen, etwa weil sie als Angehörige der privilegierten Gruppe die Erfahrung des Unterdrücktseins gar nicht machen könnten, schwindet die Nachvollziehbarkeit des Eigenen und wächst die Entfremdung von den Anderen. Ist die Differenz zu den Anderen konstitutiv für die eigene Identität, müssen die Anderen als radikal anders gedacht werden. Wären sie es nicht, würden sich die Konturen der eigenen Identität aufweichen, würden die Gruppengrenzen durchlässig werden. Denkt man die Definition des Eigenen über die Differenz zu den Anderen zu Ende, führt sie zu einer unüberwindlichen Spaltung, die sich in Versuchen manifestiert, die eigene Identität vor dem Zugriff der Anderen zu schützen (wie es im Vorwurf der cultural appropriation zum Ausdruck kommt), oder als politischer Separatismus auftritt. Vernachlässigt wird dabei, dass es sich weder bei dem Eigenen noch bei dem Anderen um etwas Homogenes handelt. In Identitätspolitik werden Gruppen von Individuen verhandelt, die per se verschieden voneinander sind, untereinander aber mehr oder weniger Gemeinsamkeiten aufweisen können. Eine konsequente Separation ist nur möglich, wenn wenige Merkmale als diejenigen bestimmt werden, auf die es ankommt (dazu komme ich weiter unten). Die Inhomogenität der eigenen Gruppe hat das Potential, die Gruppe – vorzugsweise nach der Separation von den Anderen – zu sprengen, denn auch intern finden sich Gruppen, die mehr oder weniger miteinander gemein haben, mehr oder weniger ähnliche Interessen teilen, sich in einer mehr oder weniger privilegierten Position befinden. Die Bestimmung des Eigenen über die Differenz zum Anderen birgt das Potential der Desintegration der Gruppe bis hin zur Vereinzelung der Individuen.
Hier wird eine grundsätzliche Ambivalenz jeder Identitätspolitik sichtbar: Geht es ihr auf der einen Seite um die Gleichstellung einer bestimmten Gruppe, um das Verständlichmachen ihrer Anliegen und die Durchsetzung ihrer Interessen, wird auf der anderen Seite infragegestellt, dass eine Verständigung über diese Anliegen überhaupt möglich ist, und bezweifelt, dass diese in einer bestehenden Gesellschaft realisiert werden können. Geht es auf der einen Seite um die Einheit einer Gruppe, liefert andererseits die Bestimmung dieser Einheit über die Differenz zum Anderen keine positiven Fassung des eigenen Identitätsbegriffs und legt das Auseinanderdriften der Gruppe im Bemühen um ihren Zusammenhalt selber an.
6. Identität als Unterdrücktsein
Identität als Differenz gefasst liefert keine inhaltliche Bestimmung des Identitätsbegriffs. Eine positive Fassung des Inhalts müsste sich auf ein Merkmal gründen, das die Angehörigen der Gruppe auszeichnet, als Gruppe vereint und von den anderen abgrenzt. Dasjenige Merkmal, das beide Kriterien erfüllt, ist ihr Unterdrücktsein. Auch ohne eine inhaltliche Neubestimmung der eigenen Identität und ohne die Formulierung eigener Anliegen erlaubt das Selbstverständnis als Unterdrückte sowohl, die Einheit der eigenen Gruppe aufrechtzuerhalten, als auch, eine minimale politische Agenda – die Beseitigung des erlittenen Unrechts – zu formulieren.
Konsequenz ist eine Moralisierung der Politik. Sich als wesentlich unterdrückt zu verstehen, hat nur dann politische – praktische – Konsequenzen, wenn der Feststellung des eigenen Unterdrücktseins ein Aufforderungscharakter innewohnt. Unterdrücktsein muss als etwas gelten, das behoben werden muss. Die Feststellung des eigenen Unterdrücktseins hat die Funktion eines Appells, sie nimmt die anderen in die moralische Pflicht, politisch aktiv zu werden. Gleichzeitig wird die als unterdrückt verstandene Gruppe der Verantwortung für die Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen enthoben. Denn wenn es die gesellschaftlichen Strukturen sind, die die Unterdrückung hervorbringen, so befinden sich die Unterdrückten als Opfer der Verhältnisse nicht in der Position, strukturelle Veränderungen vorzunehmen. Unrechtleiden erweist sich als besser als Unrechttun, insofern es die Unrechtleidenden moralisch ins Recht setzt und daraus ein Imperativ für politisches Handeln – freilich an die Anderen gerichtet – entsteht.
Wird der Opferstatus auf diese Weise gewissermaßen in die eigene Identität eingeschrieben, heißt das aber auch, dass das eigene Unterdrücktsein nicht aufgehoben werden kann, wenn dessen Appellfunktion erhalten bleiben soll. Sich selbst als wesentlich unterdrückt zu verstehen, bildet nicht nur das bestehende Unterdrückungsverhältnis ab, sondern trägt ebenso zu seinem Fortbestand und seiner Festigung bei. Das eigene Unterdrücktsein wird unentbehrlich für die Einheit der Gruppe und muss daher aufrecht erhalten werden, um die Existenz des politischen Subjekts der eigenen Forderungen zu gewährleisten. Diese Bestimmung der Identität stellt Unterdrückungsverhältnisse auch und gerade auf der Ebene der Individuen her. Sie macht auch diejenigen Gruppenangehörigen zu Opfern der Verhältnisse, die sich nicht als solche beschreiben würden, und zwar sowohl in ihrem Selbstverständnis wie auch im Umgang mit anderen. Anstelle einer Ermächtigung, einer Stärkung der Individuen tritt ihre Entmündigung und Schwächung. Die Durchsetzung eigener Anliegen wird der Gönnerhaftigkeit und der moralischen Erpressbarkeit der Anderen überlassen.
Hier wird eine weitere Ambivalenz der Identitätspolitik sichtbar: Geht es ihr um Selbstermächtigung einer Gruppe von Individuen, so verhindert doch der für die Konstitution der Gruppe und ihr politische Gewicht unentbehrliche Opferstatus eine substantielle Emanzipation. Ein Verlassen der Position der Unterdrückten ist nur noch möglich zum Preis der Auflösung der Gruppeneinheit und der Aufgabe der politischen Durchsetzungskraft. Eine differenzierte Betrachtungsweise der Frage, ob und in welchem Sinne einem Individuum im Einzelfall Unrecht geschieht, wird auf diese Weise zumindest erschwert.
7. Wissen vom Unterdrücktsein
Wie und auf welcher Grundlage lässt sich überhaupt feststellen, dass eine bestimmte Gruppe unterdrückt bzw. systematisch benachteiligt wird? Welche Position und Erkenntnismethode erlauben Aussagen diesbezüglich? Entscheidend ist hier der Verweis auf die angebliche epistemische Besserstellung der Gruppenmitglieder. Aus der Zugehörigkeit zu einer unterdrückten Gruppe folgt in dieser Logik das Wissen, wie es ist, unterdrückt zu werden, und aus dieser Erfahrung des Unterdrücktseins folgt das Wissen, dass man unterdrückt wird. Die Erfahrung des Unterdrücktseins bildet damit die Grundlage für Behauptungen der Form ‚Person x wird als Frau unterdrückt’ und sorgt gleichzeitig für die Wahrheit des so behaupteten Sachverhalts. Denn was könnte die Wahrheit einer Behauptung besser garantieren als die Authentizität der zugrundeliegenden Erfahrung, dass es sich in Wirklichkeit so verhält, wie behauptet?
Angehörigen einer Identität wird unter Bezugnahme auf dieses ‚Erfahrungswissen’ gegenüber allen anderen ein privilegierter Zugang zum Sachverhalt des eigenen Unterdrücktseins zugesprochen. Dieser Zugang dient dazu, die eigene Behauptung zu legitimieren – nach dem Motto ‚Ich muss doch wissen, was ich fühle!’ Zugleich wird jedwede abweichende Sichtweise zur Beleidigung oder Verletzung der eigenen Gefühle und so delegitimiert. Die Feststellung des eigenen Unterdrücktseins obliegt also den Gruppenangehörigen, soweit sie die Erfahrung des Unterdrücktseins für sich reklamieren und so ihren moralischen Anspruch auf die Erfüllung ihrer Forderungen gleich miterheben.
Für die Anderen bedeutet das eine Einschränkung des Sag- und Denkbaren, den Ausschluss davon, Aussagen über die Gruppe zu machen, Wissen von ihr zu erlangen, und beurteilen zu können, ob Aussagen über sie wahr oder falsch sind. Im extremen, aber nicht unüblichen Fall wird den anderen nicht nur die Möglichkeit, sondern auch das Recht abgesprochen, sich zu Belangen der Gruppe zu äußern. Aussagen über die Identität der Gruppe werden als Interferieren mit der Selbstdefinition der Gruppe und als Verletzung der hierfür konstitutiven Gefühle verstanden. Der Identitätsbegriff selbst wird zum Tabu, dessen Bruch mit Formen sozialer Sanktionierung beantwortet wird, die an archaisch-religiöse Gemeinschaften erinnern – reichen sie doch von der Reklamierung eines verletzten Ehrgefühls (sprich: Identitätsgefühls) über die öffentliche Bloßstellung bis hin zur Verbannung des/der Tabubrechers_in aus dem öffentlichen Diskurs und der moralischen Gemeinschaft, was ihn/sie letztendlich mundtot macht, seine/ihre gesellschaftliche Existenz ausradiert.
Eine Feststellung wie die des eigenen Unterdrücktseins auf eine Erfahrung oder ein Gefühl zu gründen, ist jedoch aus verschiedenen Gründen eine ganz furchtbar schlechte Idee. Zum einen sind Erfahrung und Gefühl keine besonders zuverlässigen Garanten für die Konsistenz der Feststellung, insofern sie in Qualität, Intensität und Bewertung Schwankungen unterliegen. Was mich heute kränkt, kann mich morgen in Hochstimmung versetzen, was mir vor drei Jahren gleichgültig war, kann mir nachträglich als Unrecht, als Auszeichnung, als Freude oder was auch immer erscheinen. Zum anderen schließen Erfahrung und Gefühl als Erkenntnisgrundlage diejenigen aus, die nicht ebenfalls an den ausschlaggebenden Erfahrungen und Gefühlen teilhaben, unabhängig davon, ob sie selbst zu den Angehörigen der Identität oder zu den ‚Anderen’ gehören. Erfahrung und Gefühl taugen damit nicht als Zugang zum objektiven Sachverhalt des Unterdrücktseins oder als Garant dafür, dass er besteht. Denn sie sind genuin subjektiv. Wissen, Erkenntnis und ihre Begründung aber sind objektiv: Sie sind für andere zugänglich und nachvollziehbar. Gefühl und Erfahrung können zwar eine Indikatorfunktion übernehmen, dass an einer Situation etwas nicht stimmt, aber höchstens das ‚Wissen, wie es ist, unterdrückt zu werden’ generieren – was der Erfahrung und dem Gefühl, unterdrückt zu werden, gleichkommt.
Als Ausdruck eines Gefühls ist der Satz ‚wir werden unterdrückt’ in seiner Bedeutung derart variabel und unzugänglich, dass er aus dem Bereich von Sprache herausfällt, in dem seine Wahrheit und Falschheit beurteilt werden könnte. Seine Anwendung ist nicht etwa richtig, wenn und indem er wahr ist, sondern wenn und indem er denjenigen, die ihn äußern, angemessen erscheint. Die Bedeutung des Satzes ‚wir werden unterdrückt’ wird reduziert auf die Rolle eines Ausdrucksmediums für die Befindlichkeit der Gruppe. Als Beschreibung oder Abbildung der Wirklichkeit und als bedeutungsvoller Satz in diesem Sinne wird der Satz unbrauchbar, er gleicht einem inartikulierten Schrei. Wenn also jedeR für die Feststellung des eigenen Unterdrücktseins zuständig ist, entfällt die Pflicht, aber auch die Möglichkeit, sie zu begründen. Ein Wettbewerb der Opfer wird eröffnet, in dem diejenigen, die am lautesten schreien, die größten Chancen haben gehört zu werden und ihre politische Agenda realisiert zu sehen – seien sie in Wirklichkeit nun in irgendeinem Sinne unterdrückt oder eben nicht. Identitätspolitik führt durch Beharren auf dem Unterdrücktsein die Behauptung des Unterdrücktseins selbst ad absurdum.
8. Dilemma der Identitätspolitik
Die Identitätspolitik steht bzgl. der Definition einer Identität vor einem Dilemma. Belässt man es bei der Entsorgung der bisherigen Bedeutung eines Identitätsbegriffs, hat das zur Konsequenz, dass die Verwendung des Begriffs nicht mehr auf ihre Wahrheit und ihre Richtigkeit hin überprüft werden kann. Die Bedeutung des Begriffs wird beliebig, der Begriff anwendbar auf alle möglichen Situationen und Individuen. Alle Anwendungen sind gleichbedeutsam, alle gleichermaßen wahr. Die Einheit des Begriffs zerfällt und mit ihm die Einheit der Identität. Einen Identitätsbegriff inhaltsleer zu lassen, führt auf sprachlicher Ebene direkt in einen Relativismus. Auf gesellschaftspolitischer Ebene führt es zur Abschaffung des politischen Subjekts, das unter Rückgriff auf die infragestehende Gruppenidentität sich hätte konstituieren sollen.
Versucht man sich an einer positiven Bestimmung des Identitätsbegriffs, kommt als gemeinsames konstitutives Merkmal nur das Unterdrücktsein infrage. Das bedeutet, am Unterdrücktsein festzuhalten, es bedeutet, die Selbstentmächtigung der Selbstermächtigung vorzuziehen. Anstatt in die Emanzipation führt dieser Weg in eine selbstverschuldete Unmündigkeit. Die Opfer werden an der Reproduktion des eigenen Opferseins beteiligt.
9. Auflösung der Identität
Sollte man dann nicht auf die Einheit der Identität verzichten und die Bestimmung der je eigenen Identität den Individuen überlassen? Diese Position wird in Bezug auf Geschlecht von Judith Butler vertreten. Butler fasst nicht nur Geschlechtsidentität (gender), sondern Geschlechtlichkeit (sex) als ‚Konstruktion’ auf. Für Butler steht nicht primär die Bedeutung einer Geschlechtsidentität (was Frausein oder Mannsein je heißt) infrage, sondern die Kategorie ‚Geschlecht’ überhaupt. Kritisiert wird hier, dass die Unterscheidung Mann/Frau überhaupt gemacht wird und dass sie so gemacht wird, wie sie gemacht wird (nämlich als ‚binäre’ Unterscheidung zweier einander ausschließender und komplementierender Mengen von Individuen). Hier geht es nicht um die Frage, welche Bedeutung der Satz ‚Person x ist eine Frau’ nun hat oder haben sollte, sondern darum, dass der Satz ‚Person x ist eine Frau’ sinnlos ist. Denn als Konstruktion hat die Kategorie ‚Frau’ keine Entsprechung in der Wirklichkeit, ihre Existenz verdankt sich allein einer bestimmten Art der Einteilung von Wirklichkeit durch Sprache.
Genauer betrachtet handelt es sich hier um die Abschaffung eines ganzen Bereichs von Sprache. Sprachphilosophisch betrachtet ist diese Unternehmung in verschiedenen Hinsichten fragwürdig. Erstens: Kein Begriff kommt aus, ohne Unterscheidungen zu treffen, und ohne verschiedene Individuen zusammenzufassen und damit ihre Gemeinsamkeit zu betonen. Ohne Begriffe jedoch könnten wir noch nicht einmal mehr von Individuen sprechen – ein Individuum ohne Eigenschaften ist noch nicht einmal mehr ein Individuum. Ob einem Individuum Gewalt angetan wird, indem es unter einen Begriff gefasst wird, hängt davon ab, welche Konsequenzen das hat, d.h. welche Bedeutung der Begriff hat. Aber um diese Frage zu beantworten, brauchen wir gerade den Begriff.
Zweitens: Butlers Position führt dazu, dass die Bedeutung der Wörter, mit denen von und über Geschlecht geredet wird, absolut beliebig wird. Aber diese Position ist schlicht zu einfach gedacht. Als könne man einfach bestimmte sprachliche Ausdrücke aus dem Verkehr ziehen oder durch ihre Bedeutung kürzen und hätte damit die in ihnen ausgedrückten Phänomene eliminiert. Deutlich wird dieses Denken im Bestreben, eine möglichst neutrale Sprache für den Diskurs über Geschlecht zu finden, eine Sprache, die ohne Unterscheidungen auskommt. Eine Sprache soll also gefunden werden, die nicht nur nichts abbildet, sondern auch auf der Wirklichkeitsebene nichts bewirkt. Die absolute Beliebigkeit der Wörter für Geschlecht manifestiert sich in dem Belieben, mit dem jede und jeder Einzelne ihre oder seine Geschlechtsidentität benennen kann. Steht auf der einen Seite ein Diskurs, der sich in Worthülsen ergeht und gleichzeitig alles und nichts verhandelt, wird auf der anderen Seite nach Lust und Laune differenziert, werden immer neue Wörter für Sexualitäten erfunden – einziges Kriterium für ihre Anwendung ist ihre Authentizität, dass sie die Individualität des Individuums in sich aufheben und zum Ausdruck bringen. Begriffe verlieren ihre ordnende Funktion, ihre Bedeutung fällt dem allgemeinen Chaos anheim. Die Individuen wiederum verschwinden mit ihrem eigenen Begriff in die Bedeutungslosigkeit, ihre Individualität wird aufgehoben – wo ein Begriff nur noch auf ein Individuum zutrifft, ist dieses weder unterschiedlich noch gleich, seine Eigenheit ist nicht von Eigenschaftslosigkeit zu trennen.
Die Radikalität, die Butlers Position innewohnt, verunmöglicht eine Sprache von Geschlecht und Geschlechtlichkeit. Sie verunmöglicht damit die sprachliche Verständigung über Geschlechtlichkeit, die Voraussetzung für Reflexion und Auseinandersetzung ist. Sie verunmöglicht den politischen Diskurs über Geschlecht und Geschlechter, indem schließlich auch die Analysekategorien entfallen, mit denen Unrecht und Ungerechtigkeit, aber auch Recht und Gerechtigkeit bezüglich der Geschlechterverhältnisse gefasst und benannt wird. Sie führt letztlich den Geschlechterdiskurs in die politische und gesellschaftliche Irrelevanz.
10. Identität als Fetisch
Ich habe in meinem Vortrag versucht, die Struktur von Identitätspolitik und ihren Argumenten darzulegen. Ausgehend von einer Politik, die sich in ihrem Selbstverständnis auf Emanzipation und Solidarität der Individuen beruft, gelangt Identitätspolitik zu ihrer Entmündigung und Vereinzelung. Anstatt eine positives politische Agenda zu formulieren, verhält sie sich in Abgrenzung und Negation. Die Betonung liegt auf dem je Anderen, das Eigene bleibt Leerstelle. So erklärt sich die Fetischisierung von Identität und Opferstatus in der und durch die Identitätspolitik: Entscheidend ist im politischen Diskurs weniger, welche Fragen und Anliegen thematisiert werden, vielmehr geht es darum, wer etwas sagt, eine Frage oder ein Anliegen vorbringt. Nicht die Stärke des Arguments, nicht die Anschlussfähigkeit einer Position zählen, sondern der Grad der Unterdrückung und die Andersheit derjenigen, die die Position vertreten. Das Gefühl – als Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität sowie als epistemische Quelle für Urteile über den eigenen Opferstatus – übernimmt die Funktion des Arguments. In diesem Sinne wird die Politisierung des Privaten durch eine Privatisierung des Politischen ergänzt: Privates – nämlich der Umgang mit sich selbst, die Konstitution der eigenen Identität – wird in den Fokus der Politik gerückt, die Erkenntnisinstrumente und Methoden von Politik werden als Gefühl und Erfahrung subjektiviert. Damit einher geht eine radikale Vereinzelung der Individuen, die Verschiebung des politischen Fokus vom Was auf das Wer einer Äußerung. So leistet Identitätspolitik der Linken einen Bärendienst, denn Privatisierung und Individualisierung sind Elemente des Neoliberalismus (den man ja als Mutter aller Übel nebenbei auch noch zu bekämpfen vorgibt – apropos w/m). Es ist nicht die Verrohung der Sprache, sondern die Bedeutungslosigkeit und Beliebigkeit der Sprache, die eine politische Verständigung und damit letztlich die Realisierung eines jeden Anliegens verunmöglicht.
Politische Verständigung und so auch die Produktivität der politischen Auseinandersetzung bedarf der Rückbesinnung gerade auf die Macht der Sprache als beschreibendes und konstituierendes, als Wirklichkeit abbildendes und Wirklichkeit schaffendes Medium. Eine politische Willensbildung, die über die Ablehnung des eigenen Unwohlbefindens hinausgeht, bedarf meiner Meinung zunächst der Reflexion auf das Eigene und die Übernahme von Verantwortung für die eigenen Anliegen, die, wie Lukas in seinem Vortrag ausführt, immer auch historisch gewachsen sind. Zu ihrer Realisierung ist nicht nur die Konfrontation der anderen notwendig im Sinne eines Entweder-Oders, sondern die Wiedergewinnung der Sprache als der Ebene, auf der ein Vergleich mit den anderen überhaupt erst stattfinden kann. Ich möchte hier für Differenzierung statt Differenz plädieren, denn ich sehe die Gemeinsamkeit der Sprache wie auch der politischen Wirklichkeit nicht als Einschränkung, sondern als Voraussetzung für Selbstbestimmung, und diese als produktive Auseinandersetzung mit den anderen ebenso wie mit sich selbst. Für eine substantielle Emanzipation auf individueller wie kollektiver Ebene, für die Realisierung von Gleichstellung ist es m. E. notwendig, die gesellschaftlichen Strukturen und den eigenen Ort darin zu entmystifizieren und sich der Arbeit am konkret Politischen zuzuwenden. Das hieße, den Fokus von der Frage, wer man ist, wer hier spricht, auf die Fragen, was man will, was und wie man spricht zu verschieben – kurz: Den Streit der Identitäten zugunsten des Streites um die Sache zu verlassen.
Bibliographie
Patsy l’Amour laLove (Hrsg.), Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin: queerverlag 2017.
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1968.
Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005.
Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991.
Ian Hacking, The Social Construction of What? Cambridge (MA): Harvard University Press 2000.
Sally Haslanger, „Culture and Critique“, Vortrag an der 94th Joint Session of the Aristotelian Society and the Mind Association, 2017.