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Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung erschwert nicht nur das schulische bzw. berufliche Vorankommen, sondern wirkt sich in vielen Fällen auch negativ auf das Sozialleben der Betroffenen aus. Im Artikel werfen wir einen Blick in die Forschung und erklären, mit welchen Gefühlsausdrücken Betroffene am meisten Schwierigkeiten haben und was Unterschiede im Gehirn damit zu tun haben könnten.
Wie wirkt sich eine ADS / ADHS auf das Sozialleben aus?
Menschen mit vorwiegend unaufmerksamem Erscheinungsbild (ADS) haben häufig Mühe, längeren Gesprächen zu folgen („Du hörst mir gar nie richtig zu!“), sich an Absprachen zu erinnern und Termine einzuhalten („Du hattest doch versprochen…!“) und Haushaltspflichten nachzukommen („Schon wieder eine Mahnung… wieso machst du immer alles auf den letzten Drücker?!“).
Betroffenen mit hyperaktiv-impulsiven Symptomen gelingt es in vielen Momenten nicht, sich an wichtige soziale Regeln zu halten („Kannst du die anderen auch `mal zu Wort kommen lassen?). Oftmals fühlen sie sich innerlich angespannt und unruhig und leiden unter Gefühlsschwankungen, an denen sich nicht selten Konflikte entzünden („Musst du immer so ausrasten? … „Jetzt tut es dir auf einmal wieder leid, ja?“).
Die Forschung zeigt, dass ADHS-betroffene Kinder bereits in jungen Jahren schwerer Anschluss finden und häufiger ausgeschlossen oder gehänselt werden (Bagwell, Molina, Pelham & Hoza, 2001; Unnever & Cornell, 2003). Sie verbringen außerhalb der Schulzeit weniger Zeit mit Freunden und führen instabilere Freundschaften (Marton, Wiener, Rogers & Moore, 2012).
Befragt man ADHS-Betroffene im Erwachsenenalter, so erklären sie sich insgesamt unzufriedener mit der Partnerschaft und nehmen größere Familienprobleme wahr als Nicht-Betroffene (Eakin et al., 2004).
Gefühle bei anderen wahrnehmen und zuordnen können - ein Schlüssel?
Mehrere Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass ADHS-Betroffene im sozialen Bereich auch deshalb mit mehr Herausforderungen zu kämpfen haben, weil sie Gesichtsausdrücke schlechter wahrnehmen und einschätzen können.
So legte die Forschergruppe Pelc und Kollegen (2006) Kindern mit und ohne ADHS beispielsweise Fotos vor, auf denen Menschen mit ärgerlichem, glücklichem, traurigem und angeekeltem Gesichtsausdruck abgebildet waren. Beide Gruppen von Kindern konnten die glücklichen und angeekelten Gesichtsausdrücke gleich gut zuordnen. Traurigkeit und Wut / Ärger wurden von den ADHS-betroffenen Kindern jedoch deutlich schlechter korrekt erkannt als von der Kontrollgruppe. Auch andere Wissenschaftler/innen konnten nachweisen, dass ADHS-betroffene Kinder zwar positive Emotionen bei anderen Menschen ähnlich gut erkennen wie ihre Gleichaltrigen, bei unangenehmen Gefühlsausdrücken jedoch deutlich mehr Mühe haben (siehe dazu: Kats-Gold et al., 2007; Williams et al., 2008; Cadesky et al., 2000).
Woran könnte das liegen?
Eine japanische Forschergruppe (Ichikawa et al., 2014) wollte dieser Frage auf den Grund gehen. Dazu luden sie Kinder mit und ohne ADHS in ihr Labor ein uns maßen deren Hirnaktivität, während sie Bilder von glücklichen bzw. wütenden Gesichtsausdrücken vorgeführt bekamen. Hirnbereiche, die stark an der Emotionserkennung beteiligt sind, zeigten bei Kindern mit ADHS eine signifikante Reaktion, wenn sie die glücklichen Gesichter ansahen. Legte man ihnen die wütenden Gesichter vor, blieb diese Aktivierung aus. Kontrollkinder zeigten im Durchschnitt hingegen eine signifikante Reaktion sowohl auf die positiven als auch die negativen Gefühlsausdrücke.
Dieser Befund deutet darauf hin, dass das Gehirn ADHS-betroffener Kinder negative Gefühle bei anderen schlechter "lesen" kann und weniger dadurch aktiviert wird. Dies könnte auch ein Grund dafür sein, dass -wie viele Eltern uns erzählen- ihr Kind oft nicht spürt, wenn es die Grenzen anderer verletzt und etwa das Geschwisterkind weiter triezt, obwohl dieses bereits deutlich zeigt, dass es verärgert ist. Oder warum diese Kinder oft aus allen Wolken fallen, wenn sich andere vermeintlich "aus heiterem Himmel" von ihnen abwenden.
Die Erkennung von Gefühlen unterstützen
Möchten wir ADHS-betroffene Kinder im sozialen Bereich unterstützen, können wir uns diese Erkenntnisse zunutze machen. Als Eltern oder Lehrpersonen können wir immer wieder bewusst Abstand nehmen von Gedanken wie "Sag mal, will der mich eigentlich absichtlich ärgern?! Das kann doch nicht sein, dass er das nicht merkt?!", die man nicht selten in sich hineinfrisst, bis man irgendwann im ungünstigsten Fall die Fassung verliert, weil das Kind einfach weitermacht. Stattdessen können wir unsere Gefühle frühzeitig klar kommunizieren: "Es macht mich wütend, wenn du das tust, weil... Ich wünsche mir von dir / Ich erwarte, dass du..." und dem Kind mit Wärme und Wertschätzung begegnen, wenn es versucht, darauf zu reagieren. Ein kleines Lächeln und ein "Danke" genügt bereits.
Gleichzeitig können wir ADHS-Betroffenen dabei helfen, die Gefühle anderer besser zu lesen, indem wir hier und da als "Übersetzer/in" fungieren: "Schau, das Kind dreht sich weg, ich glaube, es wird ihm gerade ein bisschen zu viel" oder "Hast du gesehen, wie sich Dominik gefreut hat, als du ihm etwas von deinen Gummibärchen abgegeben hast?"
Darüber hinaus ist es wertvoll, wenn wir Kindern dabei helfen, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu beeinflussen. Wie Eltern ihre Kinder im Umgang mit der eigenen Wut stärken können, erklären wir im Artikel "Du gehst jetzt raus, bis du dich beruhigt hast!" - wie sinnvoll sind Auszeiten?
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Und das sind wir
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich.