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«Die Vergangenheit ist ein fremdes Land; dort gelten andere Regeln.» Dieses berühmte Zitat von L.P. Hartley entspricht bis zu einem gewissen Punkt der Wahrheit, aber Dinge, die seit Menschengedenken geschehen sind, sind nicht wirklich fremd oder vergangen. Denken wir an all die Personen, welche in einer Schweiz aufgewachsen sind, in der es für Frauen völlig normal war, nicht abzustimmen, nicht über ihr eigenes Geld bestimmen zu können oder im öffentlichen Leben sichtbar zu sein.
Mein Roman «Der Tag, an dem die Männer Nein sagten», spielt sich am 1. Februar 1959 ab – an dem Tag, an dem die Männer eine Abstimmung über das Frauenstimmrecht abgelehnt haben. Das Parlament hatte im Jahr 1958 der längst fälligen Einführung des Frauenstimmrechts bereits zugestimmt, aber es brauchte auch die Zustimmung des Schweizer Stimmvolkes. Entgegen dem Willen des Parlaments scheiterte die Abstimmung mit 66.9% Nein-Stimmen.
Ich wohne seit 2003 in der Schweiz und in meiner Tätigkeit als Journalistin haben sich mir gegenüber viele ältere Leute – Frauen und Männer – betreffend ihrer Erfahrungen mit Ausgrenzung in dieser Ära geöffnet. Nun ist mein Interesse aber nicht nur beruflicher Art. Ich diskutiere diese Themen immer wieder gerne in meinem Privatleben mit Freunden und Familie. Einmal hat mich eine Frau auf der Strasse angehalten, um meine Zwillingsmädchen zu bewundern. Schnell waren wir in ein Gespräch verwickelt. Sie hat mir gesagt, sie sei auch ein Zwilling, in den fünfziger Jahren geboren. Ihre Eltern hatten sie als Baby in ein Kinderheim gesandt, weil ihre Mutter es nicht bewältigen konnte, sich um zwei Säuglinge zu kümmern. Die Frau hat sich immer gefragt: «Wieso ich und nicht meine Schwester?». In ihrem Fall war Armut wahrscheinlich die Antwort darauf, aber viele andere Menschen haben wegen starrem Denken und systematischer Diskriminierung gelitten.
Mein Roman ist zum Teil von der Schweizer Feministinnen-Ikone Iris von Roten inspiriert, die 1958 mit ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» eine detaillierte Analyse der Schweizer Gesellschaft der 1950er-Jahre vorlegte. Als ich ihre Texte übersetzt habe, hat es mir geholfen, mich in die Lebensbedingungen meiner vier Hauptcharaktere hineinzuversetzen – eine Bauernfrau, ein «Bürofräulein», eine alleinerziehende Mutter Jenischer Abstammung und eine gebildete Berufsfrau. Anscheinend wird die französische Übersetzung von Frauen im Laufgitter nächstes Jahr erscheinen. Endlich!
Wenn wir über die Vergangenheit sprechen, ist es wichtig, Frauen nicht auf ihre Opferrolle zu reduzieren. Genau wie wir, konnten die Frauen von damals lieb oder egoistisch sein, realistisch oder idealistisch. Sie hatten Spass, hatten Liebesaffären und ihnen gefiel es, Mutter zu sein. Auch mir gefiel es, mich in ihre Situation hineinzuversetzen.
Da wir uns dem 50-jährigen Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz nähern, ist es bedeutsam, sich zu überlegen, was es für Frauen hiess, so lange politisch ausgeschlossen zu sein. Geschichten erzählen ist eine wundervolle Art um bei Menschen Empathie und Verständnis für die damalige Situation von Frauen zu wecken. Aus diesem Grunde freue ich mich, dass mein Roman sowohl auf Französisch, Deutsch und Italienisch, als auch auf Englisch publiziert wird. Dies vor allem, um Schweizer Leserinnen und Leser zu erreichen. Um mehr über das Projekt zu erfahren und es zu unterstützen, können Sie einen Blick auf das Crowdfunding werfen, welches noch bis zum 22. Dezember andauert.
In meinem Sachbuch über die Schweiz, The Naked Swiss (Die wahre Schweiz / La Suisse mise à nu), habe ich ein Kapital der Situation der Frauen in der Schweiz gewidmet. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass nicht mehr so stark zwischen sogenannter Männer- und Frauensache unterschieden wird, wodurch Frauen und Männer ihre Horizonte auf erfüllende Art und Weise erweitern können. Die Schweiz darf in dieser Hinsicht jedoch sicher noch innovativer und genderkompetenter werden.
Über Clare O‘ Dea:
Bevor Clare O’Dea als Autorin mit «The Naked Swiss: A Nation Behind 10 Myths» (Die wahre Schweiz: Ein Volk und seine 10 Mythen / La Suisse mise à nu: Un peuple et ses 10 Myths) durchstartete, war sie zehn Jahren lang Journalistin bei der SRG SSR (swissinfo.ch). Die irische Doppelbürgerin und ehemalige Irish Times Journalistin wohnt auf der Sprachgrenze im Kanton Freiburg. «Der Tag, an dem die Männer Nein sagten» ist ihr erster Roman.