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Dieses Kapitel stellt einige Personen vor, die das Aargauer Schulwesen mitgeprägt haben.
Neben der Gründung von Institutionen investierten Privatpersonen viel Zeit und Geld in den Aufbau und die Entwicklung des Schulwesens: durch das Verfassen von schulpolitischen oder pädagogischen Schriften oder Empfehlungen, im täglichen Unterricht oder durch die Wahrnehmung von politischen Mandaten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren viele Stellen im Schulwesen wie die Inspektoren oder die Bezirksschulräte unbezahlt.
Die Hartnäckige: Josephine Stadlin (1806-1875)
Josephine Stadlin, Elisabeth Flühmann und Lisette Ruepp stehen stellvertretend für die zahlreichen Frauen, die sich politisch und pädagogisch für den Unterricht und die Ausbildung von Frauen und Mädchen eingesetzt haben.
Zehnder-Stadlin publizierte ab 1845 die Zeitschrift "Die Erzieherin" und rief den "Verein Schweizerischer Erzieherinnen" ins Leben. Zu ihren engsten Freunden zählte der gleichaltrige Augustin Keller, auf dessen Aufforderung sie nach Aarau kam.
Portrait Josephine Stadlin
Josephine Zehnder-Stadlin, gebürtige Zugerin und Nichte vom "Muetterli" Lisette Ruepp-Uttinger, wuchs in einem aufklärerisch-erzieherischen Umfeld auf. Nach autodidaktischem Studium unterrichtete sie in ihrem Elternhaus eine wachsende Schar Schülerinnen in verschiedenen Fächern. Von 1831 bis 1834 liess sie sich am Töchterinstitut von Rosette Niederer-Kasthofer in Yverdon zur Lehrerin ausbilden und unterrichtete dort selbst jüngere Töchter. 1834 kam sie nach Aarau, um am Töchterinstitut eine Lehrtätigkeit aufzunehmen.
Schwierigkeiten betreffend den Ausbau des Instituts brachten die begabte und engagierte Pädagogin 1839 jedoch dazu, Aarau zu verlassen und in Olsberg die Herausforderung anzunehmen, selbständig eine kantonale Bildungsanstalt für Lehrerinnen zu errichten.
Nach zahlreichen Rückschlägen und Streitigkeiten musste sie das Projekt 1841 jedoch aufgeben und zog nach Zürich, wo sie ihr Pläne verwirklichen konnte.
Zehnder-Stadlin publizierte ab 1845 die Zeitschrift "Die Erzieherin" und rief den "Verein Schweizerischer Erzieherinnen" ins Leben. Zu ihren engsten Freunden zählte der gleichaltrige Augustin Keller, auf dessen Aufforderung sie nach Aarau kam.
Literatur
Zehnder-Stadlin, Josephine. Die Bildungsanstalt für Töchter in Olsberg bei Rheinfelden, Kanton Aargau. Aarau 1839.
Joris, Elisabeth. Liberal und eigensinnig: Die Pädagogin Josephin Stadlin - die Homöopathin Emilie Paravicini-Blumer: Handlungsspielräume von Bildungsbürgerinnen im 19. Jahrhundert. Zürich 2011.
Leimgruber, Yvonne. In pädagogischer Mission: Die Pädagogin Rosette Niederer-Kasthofer (1779-1857) und ihr Wirken für ein "frauengerechtes" Leben in Familie und Gesellschaft. Bad Heilbrunn 2006.
Leimgruber, Yvonne et al. Pädagoge - Politiker - Kirchenreformer: Augustin Keller (1805-1883) und seine Zeit. Baden 2005.
Kretz, Franz. Schritte aus dem Haus. Anfänge und Jugendzeit der Lehrerinnen-Bildung in Aarau. Aarau 1994.
Der Volkserzieher: Heinrich Zschokke (1771-1848)
In Aarau gab Heinrich Zschokke den Anstoss für die Gründung einer Taubstummenanstalt.
Heinrich Zschokke hat den jungen Kanton Aargau als Staatsmann, Publizist, Schriftsteller und Erzieher massgeblich geprägt und hier seine Visionen realisieren können. Die Bildung des Volkes im aufklärerischen Sinne war ihm ein besonderes Anliegen. Er setzte sich stark für die Verbesserung des Schulwesens im Kanton Aargau ein und war massgeblich am neuen Schulgesetz von 1835 beteiligt. Eine wichtige Pionierleistung Zschokkes war zudem die Errichtung der ersten Taubstummenanstalt in Aarau 1836.
Portrait Heinrich Zschokke
Johann Heinrich Daniel Zschokke wurde am 22. März 1771 in Magdeburg als Sohn eines Tuchhändlers geboren. Schon früh fiel der Wissensdurst des jungen Heinrich auf. Nach dem Gymnasium unterrichtete er schon als 17-Jähriger in Schwerin als Hauslehrer, gab mit den "Mecklenburgischen Monatsblättern" eine eigene Zeitung heraus und schloss sich schliesslich einer Wanderbühne an. Sein literarisches Schaffen erregte bald das Interesse eines breiten Publikums. Ab 1790 studierte Zschokke an der Universität in Frankfurt an der Oder Theologie und Philosophie und promovierte 1792 in den schönen Künsten. 1795 und 1796 bereiste er die Schweiz und Frankreich, liess sich darauf in Graubünden nieder und übernahm die Leitung der Erziehungsanstalt Reichenau.
Nachdem 1798 die Helvetische Republik ausgerufen wurde, schloss Zschokke sich den "Patrioten" an und musste wegen seiner politischen Haltung aus Graubünden fliehen. Fortan lebte er in Aarau. Hier bekleidete Zschokke verschiedene Ämter für die Helvetische Republik. Er wurde Leiter des Büros für Nationalkultur und Regierungskommissar in den Kantonen Waldstätten und Tessin. Als Regierungsstatthalter ging er 1801 nach Basel. 1804 wurde Zschokke im Aargau zum Oberforst- und Bergrat ernannt, 1815 wählte ihn das Volk in den Grossen Rat. 1830/31 war er Mitglied der Verfassungskommission. Als Tagsatzungsabgeordneter vertrat er mehrmals den Kanton Aargau. Neben diesen Ämtern betätigte er sich weiterhin als Publizist ("Der Schweizerbote"), Schriftsteller und Naturforscher. Zudem war er Gründer und Mitglied der Gesellschaft für vaterländische Kultur. Mit seiner Frau, der Pfarrerstochter Nanny Nüsperli, hatte er zwölf Söhne und eine Tochter.
Heinrich Zschokke hat den jungen Kanton Aargau als Staatsmann, Publizist, Schriftsteller und Erzieher massgeblich geprägt und hier seine Visionen realisieren können. Die Bildung des Volkes im aufklärerischen Sinne war ihm ein besonderes Anliegen. Er setzte sich stark für die Verbesserung des Schulwesens im Kanton Aargau ein und war massgeblich am neuen Schulgesetz von 1835 beteiligt. Eine wichtige Pionierleistung Zschokkes war zudem die Errichtung der ersten Taubstummenanstalt in Aarau 1836.
Quellen
StAAG NL.A-0196, Heinrich Zschokke
StAAG NL.A-0195, Familie Zschokke
StAAG NL.A-0227, Lehrverein Aarau (1823-1830)
Literatur
Ort, Werner. Der modernen Schweiz entgegen. Heinrich Zschokke prägt den Aargau. Hrsg. von der Heinrich-Zschokke-Gesellschaft. Baden 2003.
Schaffroth, Paul. Heinrich Zschokke als Politiker und Publizist während der Restauration und Regeneration. Aarau 1950
Zschokke, Heinrich. Eine Selbstschau. Aarau 1842.
Der Schulmeister: Augustin Keller (1805-1883)
Augustin Keller lag als Seminardirektor in Wettingen die Förderung der Didaktik und die Ausbildung von neuen und die Weiterbildung von bisherigen Lehrern sehr am Herzen.
Eigenhändige von Augustin Keller verfasste Sentenz unter seinem Porträt:
«Die Erziehung des Volkes soll nicht die listige Schlange am Baume der Erkenntniß sein, welche es um seine Unschuld und das Glükk seines Paradieses bringt, sondern vielmehr ein Baum des Lebens, an dessen Stamme ihm durch das Licht der Wahrheit die Erlösung wird.»
Portrait Augustin Keller
Augustin Keller wurde am 10. November 1805 in Sarmenstorf geboren. Nach dem Abschluss an der Aarauer Kantonsschule studierte er in Breslau und war Lehrer am Gymnasium in Luzern. 1834 wählte ihn der Regierungsrat zum Direktor des Lehrerseminars. Keller trat 1856 als Vorsteher des Lehrerseminars zurück.
1835 wurde Keller als Grossrat gewählt. Kellers Rücktritt aus dem Grossen Rat erfolgte 1852. 1856 wurde er in die Regierung gewählt. Daneben war er als Nationalrat (1854-1866 als Ständerat (1848/1849, 1866-1881) sowie als Tagsatzungsdelegierter auf schweizerischer Ebene aktiv. Keller starb am 8. Januar 1883 in Lenzburg.
Keller war die Volksbildung ein grosses Anliegen. Seine Verdienste um das Schulwesen sind insbesondere um die Lehrerausbildung sind heute unbestritten. Keller trat jedoch auch als starker Kritiker der katholischen Kirche auf und stellte 1841 erfolgreich den Antrag, die aargauischen Klöster aufzuheben. Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869-1870) engagierte sich Keller für die Schaffung einer Nationalkirche.
Literartur
Leimgruber, Yvonne (Hg.) et al. Pädagoge - Politiker - Kirchenreformer. Augustin Keller (1805-1883) und seine Zeit (Beiträge zur Aargauer Geschichte; Bd.14). Baden 2005.
Der Pädagoge: Arthur Frey (1879-1959)
Kellers Nachfolger als Seminardirektor, der 1923 gewählte Arthur Frey, beschäftigte sich wie Keller intensiv mit didaktischen Fragen.
Freys erzieherische Grundsätze stützten sich jedoch nicht nur auf Theorien - sie waren direkt aus dem Leben gegriffen. Er schöpfte aus seiner jahrelangen Erfahrung als Lehrer und erinnerte sich oft an die eigene Schul- und Seminarzeit.
Portrait Arthur Frey
Arthur Frey (1879-1959) von Gontenschwil/Aarau besuchte von 1895 bis 1899 das Lehrerseminar Wettingen. Nach einer kurzen Lehrtätigkeit in Oberkulm entschloss er sich zum Studium der Geisteswissenschaften und studierte zwischen 1901 und 1903 in München, Paris und Basel. Nach seiner Rückkehr in den Kanton Aargau folgte eine längere Lehrtätigkeit als Bezirks- und Mittelschullehrer in Kölliken und Aarau.
Ab 1920 war Arthur Frey als Hauptlehrer am Lehrerseminar Wettingen tätig, wo er Deutsch, Geschichte und Religion unterrichtete. 1923 wurde er vom Regierungsrat zum neuen Seminardirektor gewählt und blieb bis 1947 in seinem Amt. Er verfasste zahlreiche Sprach- und Lesebücher für die Aargauer Volksschule und publizierte pädagogische Schriften. Unter anderem schrieb er auch für das Feuilleton des Aargauer Tagblattes und die National-Zeitung. In seiner "Pädagogischen Ecke" der National-Zeitung beriet er Eltern in Erziehungs- und Bildungsfragen, wobei der Einfluss Heinrich Pestalozzis unverkennbar bleibt.
Freys erzieherische Grundsätze stützten sich jedoch nicht nur auf Theorien - sie waren direkt aus dem Leben gegriffen. Er schöpfte aus seiner jahrelangen Erfahrung als Lehrer und erinnerte sich oft an die eigene Schul- und Seminarzeit. So beschreibt er in seiner Biographie seine erste Anstellung in Oberkulm: "In der Schule bestand ich mit meinen 70-80 Schülern gelobte Examen. Aber recht froh konnte ich meiner Arbeit nicht werden. Es fehlte mir die Ehrfurcht vor dem Gottesfunken, der in jedes Kindes Seele gelegt ist. Ich stand ganz im Banne des öden didaktischen Materialismus jener Zeit, wertete die Kinder fast nur ihren intellektuellen Anlagen und Leistungen. Ich lehrte eifrig, lobte gelegentlich, strafte viel, leider auch körperlich - und ich liebte zu wenig.
Wie wenig begriff ich es in meinem Junglehrerhochmut, als mir ein lebenserfahrener Bauer einmal riet: 'Streng sein, ja: die Kinder sollen etwas lernen, sollen zu rechten Menschen erzogen werden. Aber gut sein zu ihnen! Es kommt manches aus trüben Verhältnissen; da soll ihm die Schule nicht täglich eine Sorge sein, auch wenn es arm ist an geistigen Gaben.'" (Aus meinem Leben, S. 10-11)
Quelle
StAAG NL.A-0049, Arthur Frey (1879-1959)
Literatur
Frey, Arthur. Pädagogische Besinnung. Mit einem Vorwort von Seminardirektor G. Chevallaz. Zürich 1944.
Frey, Arthur. Aus meinem Leben. Hrsg. von seinen Freunden. Aarau 1959.
Personen wie Zschokke und Keller wirkten aber nicht nur als Pädagogen. Als Publizist resp. als Politiker nutzten sie ihren Einfluss, um die Schullandschaft nach ihren Vorstellungen mit zu gestalten. So brachte der 1835 in den Grossen Rat gewählte Augustin Keller sein pädagogisches Fachwissen in die Beratung des Schulgesetzes vom 8. April 1835 ein.
Der Menschenfreund: Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)
Menschen beeinflussten das Schulwesen jedoch nicht nur als Gründer von Anstalten oder als Politiker. Die pädagogischen Schriften von Heinrich Pestalozzi über die Elementarschule und seine landwirtschaftliche Armenschule wie auch "Das Goldmacherdorf" von Heinrich Zschokke fanden grosse Beachtung. Pestalozzis Ideen beeinflussten nicht zuletzt den Aufbau von Institutionen.
Portrait Johann Heinrich Pestalozzi
Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Januar 1746 in Zürich geboren und studierte an der dortigen Akademie Theologie. Da er aus politischen Gründen keine Anstellung als Pfarrer finden konnte machte er eine Landwirtschaftlehre.
Von 1769 bis 1772 betrieb er auf dem Neuhof in Birr einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb, den er 1772-1780 als Armenerziehungsanstalt weiterführte. Nach dem finanziellen Zusammenbruch dieses Unternehmens betätigte er sich als Schriftsteller. Bekannt wurde er in der Helvetik als politischer Publizist und nach dem Aufstand in Nidwalden als Betreuer von Waisenkindern in Stans. Er erwarb sich den Ruf eines Musterpädagogen.
Nach der Schaffung von weiteren Armenerziehungsanstalten in Burgdorf, Münchenbuchsee und Yverdon kehrte er 1825 auf den Neuhof in Birr zurück, wo er 1827 starb. Zu seinem hundertsten Geburtstag 1846 wurde ihm in Birr ein Denkmal errichtet.