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Der Künstler Erik Bünger hat in seiner Arbeit “Variations on a theme by Casey & Finch” eine “hängende” CD zum Anlass einer Komposition genommen. Die durch das Hängen entstandene Variation des Songs “That’s the way” notierte Bünger als Partitur, die schliesslich von einer neun-köpfigen Band nachgespielt wurde:
Obwohl man von einem “Hängenbleiben” der CD spricht, das Stück also nicht seinen ursprünglich vom Komponisten vorgesehenen Verlauf nehmen kann, kommt es keineswegs zu einem “Stillstehen” der Musik – das Stück schreitet fort, wenn auch in einem anderen Tempo. Nein, ich korrigiere mich: Zu sagen, das Stück würde mit einer geringeren Geschwindigkeit laufen, wäre ebenfalls falsch, auch wenn es zu einem Aufreissen des zeitlichen Rasters kommt und man effektiv deutlich mehr Zeit für das Anhören des hängenden Songs benötigt als für die flüssig laufende Variante, obwohl es sich bei den beiden Abspielversionen um dasselbe Material, ja sogar ein und dieselbe Aufnahme handelt…
Nun, die “Störung” äussert sich wohl vielmehr in einer Neuanordnung des musikalischen Materials durch Wiederholung einzelner Fragmente. Ungewollt bekommen diese Parts eine ganz neue Bedeutung, insbesondere in nachgespielter Fassung des transkribierten “Fehlers”. Einzelne Fragmente, ja teils sogar nur einzelne Töne und Klänge, die in der ursprünglichen Version des Stücks nur eine Nebenrolle gespielt zu haben scheinen, werden in der “Hänger-Fassung” plötzlich wichtig, ja zu zentralen neuen “Themen”. Die Störung wird zum musikalischen Leitmotiv.
Erik Büngers Arbeit stellt ausserdem ganze neue Fragen an die Materialität. Das, was an musikalischer Information auf der CD eingeschrieben war, entspricht nicht dem, was die Ohren von der fehlerhaft abspielenden CD wahrnehmen. Es ist, als würde ein Musiker die vor ihm liegenden Noten falsch wiedergeben. Die CD improvisiert eine Variation über ein ihr gegebenes musikalisches Thema. Das Medium CD emanzipiert sich hier zum neuen Musiker und komponiert aus einer Störung eine Variation über das ihm eingschriebene Stück.
30.Oct.2011 Magie und Aufklärung // Zum Ende ein Blick nach vorne auf die Geschichte der Sprechmaschine
„On Birds and Wires. Stimmen unter Strom“. Drei Tage lang ging es beim Shift Festival um die verfremdete, veränderte, die körperlose Stimme. Am Sonntag, kurz vor Ende des Festivals, liefert Brigitte Felderer im Schaulager noch mal einen historischen Blick auf die Stimme. Aber es war ein Blick zurück in die Zukunft der Medienwissenschaft. Der Blick wurde auf die Inszenierungsgeschichte der Sprechmaschine und Wolfgang von Kempelens Überlegungen wie auch Modelle gerichtet. Schön war nicht nur einen Eindruck von den frühsten Sprechmaschinen 150 Jahre vor dem Vocoder zu bekommen. Interessant gerade auch für die Bedeutung der körperlosen Sprechmaschine von Anbeginn bis heute ist die Einbindung der Maschine in den Kontext von Magie und Aufklärung. Felderer war es wichtig die Sprechmaschine gesellschafts-historisch zu verorten. Dabei scheint die Sprechmaschine zu Kempelens Zeiten (wir vermuten auch heute) zugleich die Bereiche der „freundliche Täuschung als auch der Wissenschaft“ zu berühren. Die Sprechmaschine faszinierte die Menschen. „Die unsichtbaren Mädchen“ lockten damals viele Besucher an, die von der Magie der körperlosen Stimmen beeindruckt waren. Aber: auch heute hat die körperlose und entfremdete Stimme natürlich nichts an Faszination eingebüßt. Mit Blick auf elektronische Musik und Hip Hop scheint die entfremdete Stimme in besonderer Weise das Thema Magie zu bestimmen. Körperlose Stimmen in Apples neuem iPhone, in Science Fiction Filmen oder eben bei Kraftwerk scheinen möglicherweise auf eine magische Zukunft verweisen zu wollen.
Was Felderer also deutlich gemacht hat, ist die Beziehung zwischen der Magie und der Sprechmaschine, die, auch wenn es bei ihr eher eine historische Betrachtung war, in keiner Weise an Relevanz verloren hat. Die Maschinen konnten natürlich nie wirklich sprechen und häufig wurde der Betrachter getäuscht. Und trotzdem lassen uns diese „produktiven Verwirrungen“ zwischen Magie und Technik, von denen Felderer spricht, über das Gegebene hinaus denken und die Möglichkeiten erkunden, was vielleicht noch sein wird. Und natürlich haben sie unsere Ohren für die Stimme, die mehr als das Ergebnis eines Organs ist, geschärft. Das haben wir den Sprechmaschinen zu verdanken. Zum Glück.
Als Stimme im Kopf nehmen wir Gedanken vielleicht wahr. Mittels der dem Körper entströmenden Stimme tauschen wir sie mit anderen aus. In der Installation „The…“ (Projekt: Kasia Molga & Brendan Oliver, Ausführung: V2_Lab) ist die Stimme als vermittelnde Instanz hingegen ausgeschaltet; die Arbeit verspricht eine Steuerung von Gedanken allein durch den Schatten, den der Betrachter auf eine Wand wirft. Auf dieselbe Fläche werden Wörter, Phrasen, Sätze projiziert, die in Echtzeit aus Twitter, einer Art globalen Gedankenpool, selektiert werden. Mit Sensoren für Körperform ausgestattete Kameras erlauben es, den Strom an Sprachfetzen auf die Bewegungen des Schattens abzustimmen, und ermöglichen so ein interaktives Gedankenspiel: Da kann man Gedanken fassen oder fliessen lassen, von sich weisen oder in einem Bogen zu einem anderen Schattenmenschen übertragen.
Ähnliches haben wir mit unserem Blog versucht. Und wenn uns die richtigen Worte auch manchmal nicht zur Hand waren, so hoffen wir doch, als leise Stimme im Gewirr dieses Festivals von Zeit zu Zeit Gehör gefunden zu haben.
Im Rahmen der “Shift @ Schaulager”-Vorträge sprach heute Friedrich Tietjen “Zur Bildlichkeit des Sprechens”. Wir haben den Vortrag inklusive Fragen aufgenommen: Shift 2011 Tietjen Lecture
Die Installation von Selina Frölicher und Micha Bietenhader “300 Hz bis 3.4 kHz (2011)” für sich alleine ist schon eine schöne Arbeit zum Thema “Stimme/Störung”. Einige Duzend nackte Lautsprecher jeglicher Form hängen in einem Container und geben im unterschiedlichen Rhythmus Geräusche ab. Was wir dort hören sind die Störgeräusche, die in unserer Telefonkommunikation ausgesondert und gefiltert werden. Spannend ist nun, dass der Vocoder, die Nachrichtenverschlüsselungsmaschine, als die technische Grundlage für weitere Forschung in der Telefonkommunikation anzusehen ist. Wie man Gespräche störfrei und datenarm übertragen kann, wurde maßgeblich durch die Erfahrungen aus der Vocodertechnik übernommen. Wir sind also nicht überrascht Dave Tompkins zwischen all diesen Störgeräuschen zu finden, hat er sich doch ausgiebig mit der Geschichte des Vocoder und dem Einfluss des Vocoders auf Popmusik und Hip Hop beschäftigt.
Wie wir da so mit Tompkins in dem Container standen und uns die Maschinengewehr Salven um den Kopf flogen (ja, die Assoziation der Störgeräusche als Kriegsimpressionen war nicht zu leugnen) wurde uns noch mal klar, dass sowohl Kittler als auch Tomkins in dieser Tradition recht behalten haben. Man mag es gut oder schlecht finden, aber die Kriegstechnologien (und eben auch die Kryptologie) kann in der Medienwissenschaft nicht ignoriert werden und ist auch jetzt präsent. So eindeutig und klar wurde dieser Umstand an diesem Woche Ende nirgendwo deutlicher als mit Tompkins im Störfeuer.
Er sieht gefährlicher aus, als er ist…
DANKE für die Hilfe, Verpflegung und anregende Kritik!
Die Installation besteht lediglich aus einem Röhrenmonitor, die gezeigte Videoarbeit besteht jedoch aus zwei unterschiedlichen Ebenen und ist in ihrer Form wesentlich komplexer. Der Künstler Seth Price verwendete dafür Zusammenschnitte aus US-Militär-Trainingsaufnahmen. Auf die Tonspuren der Videos verzichtete er jedoch ganz. Die zusammengeschnittenen Aufnahmen bieten einen hinreichenden Einblick in die US-Waffentechnik und wirken wie eine Propaganda des Militärs. Dies ist kein Zufall, da das Videomaterial im Zusammenhang mit der Aufrüstung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden ist.
Price hat über die Aufnahmen eine eigene, experimentelle Tonspur gelegt. Sie steht in Spannung, bzw. in Konkurrenz mit dem visuellen Material. Die Audioaufnahmen können am besten als Stimmengewirr beschrieben werden. Sie sind unruhig, fast schon geisterhaft und schweben im Raum. Sie sind nicht klar erkenn-, oder unterscheidbar, aber sie schaffen eine bedrückende Stimmung. Ihre einnehmende und unheimliche Kraft wird durch die Installation in einem dunklen Frachtcontainer noch zusätzlich verstärkt.
Das visuelle und auditiv Element dieser Arbeit fliesst ineinander ein, durchdringt sich gegenseitig und lässt so einen ganz anderen Kontext entstehen. Aus den kühnen, kampferprobten Soldaten werden zweifelnde, vielleicht sogar schon ängstliche Menschen. Sie werden real, ihr Inneres wird wahrnehmbar, bzw. nach Aussen gekehrt.
Es scheint die richtige, wahre Seite des Krieges zu sein, dies wird erst durch die Stimmen erreicht. Ein erschreckend reales und aktuelles Bild des Krieges entsteht…
Vor seinem Auftritt kann man Tim Exile, Software-Entwickler, Musiker und Zeremonienmeister eigene Sounds und Stimmen-Aufnahmen schicken, die er dann bei seinem Konzert einbindet. So schreibt er über Twitter: “If you’re coming down to
@shiftfestival in Basel tonight send me a sound beforehand at http://timexile.tv. I’ll use it in the show!” Das ist ganz spannend. So bietet der Technikbegeisterte Exile unter anderem auch einen Audio-Effekt-Plugin “The Mouth” entwickelt, dass jedem die Möglichkeit seine eigen Stimme zu verfremden und in neuen musikalischen Kontexten als Instrument zu nutzen.
Für eine Festival wie das Shift ist der Grad an medientechnischer Interaktion zwischen Musiker, Medium und Betrachter natürlich ein feines Beispiel, verdeutlicht es doch, dass Medium und Nutzung unzertrennlich sind und Medienkunst deswegen nicht im Aktionslosen White Cube oder auf der auf Rezeption begrenzten Bühne stattfinden soll.
Tim Exile ist dabei aber weniger Anhänger der Musique conrète wie es zum Beispiel Matthew Herbert ist. Auch Exile kommt es zu einem gewissen GRad auf die Zufälle an, mit denen die User von timexile.tv ihr vor und während des Auftritts überraschen. Nur geht es zum einen eben nicht um das Sammeln von Ursprungsgeräuschen oder eine „Emanzipation des Geräuschs zum musikalisch gestaltungswürdigen Objekt“. Das, was bei Exile ankommt sind schon Tracks, Stimmaufzeichnung und Sounds. Zum anderen scheint die Technik den eingereichten Tracks ihre Zufälligkeit zu nehmen. Die Tracks werden von Exiles Maschinen zerlegt und zum formbaren Spielball, ohne dass sich dabei scheinbar Schwierigkeiten ergeben.
Auf der Bühne ist Exile dann auch ein grandioser, wenn auch gewöhnungsbeddürftiger DJ/Musiker, der nicht nur über die Technik mit den Zuschauern kommuniziert sondern auch sprachlich. Es ist mehr Show als Performance. Und es ist folglich nicht überraschend, dass seine Technik nur Mittel ist um die Show zu unterstützen, sich aber nicht selber mit in die Musik einbringt. Aber das passt. Guter Abend mit vielen Stimmen unter Strom!
Und hier kann man sich Tim Exile auch noch mal anschauen:
Tim, Samstag, ISMAR@Shift.
Julia, Samstag, Workshop in der Austellungshalle.
Willi, Chef de Service, Samstag, im Restaurant.
3 Anonyme, Samstag, Austellungshalle