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Der dänische Fussballer Michael Nybrandt fährt mit dem Fahrrad durch Tibet. Eines Nachts träumt er, Tibet habe ein eigenes Fussballnationalteam. Der Traum verfolgt ihn. Zurück in Kopenhagen, absolviert Nybrandt einen Lehrgang an einer Wirtschaftsschule. Die Schule rät ihren StudentInnen: Geht Risiken ein, aber sucht stets den Ausgleich, zwischen Körper und Seele, zwischen Inhalt und Form. Nybrandt erinnert sich an seinen Traum. Über die tibetische Exilgemeinde sucht er Kontakt zu fussballinteressierten Kreisen. Am 30. Juni 2001 läuft das tibetische Nationalteam in Trikots des dänischen Sportartikelherstellers Hummel in Kopenhagen zum Länderspiel gegen Grönland auf. Tibet verliert vor fünftausend Zuschauern eins zu vier. Hummel verkauft darauf mehrere Tausend Tibettrikots.
Die Geschichte ist nachzulesen in Steve Menarys Buch «Outcasts! The Lands That FIFA Forgot». Menary hat für sein Werk eine Reise um den Globus angetreten, von Lappland bis Gibraltar und von Guernsey bis Tahiti. Auf über 200 Seiten berichtet er von Fussballteams, die sich vom Weltverband Fifa übergangen fühlen, von Verbänden, in denen sich die «Ausgestossenen» organisieren, und von Ölplattformen, die bei diesen Verbänden um Mitgliedschaft ersuchen.
Dabei lässt sich Menary stets von der Frage leiten, nach welchen Kriterien die Fifa ihre «Fussballfamilie» erweitert: Wenn die dänischen Färöer Fifa-Land sind, weshalb das dänische Grönland nicht? Wenn ein Land international vollständig anerkannt sein muss, was unterscheidet dann Fifa-Palästina von Nicht-Fifa-Tibet? Und womit erklärt die Fifa die Differenz zwischen den 192 von der Uno anerkannten Staaten und den 207 Fifa-Mitgliedsverbänden? Das Buch gibt aufschlussreiche Antworten, hat dank einer akribischen Sammlung von Zahlen und Fakten lexikalischen Wert und ist in seiner kuriosen Spitzfindigkeit nicht frei von Komik.
Im Kapitel über Tibet schreibt Menary auch vom Wild Cup auf St. Pauli, der im Frühling 2006 die Outcasts zu einer eigenen kleinen WM versammelte. Dank des besten tibetischen Spielers überhaupt, Dorjee Tsawa, habe das tibetische Nationalteam damals über eine starke Mannschaft verfügt. Der Schweizer Tsawa, als Profi bei St. Gallen, Zürich, Bellinzona, Xamax und Schaffhausen unter Vertrag und heute in der Nachwuchsarbeit des FCZ engagiert, spielte am Wild Cup sein erstes Länderspiel für Tibet. «Ich war damals schon für das Grönlandspiel aufgeboten, stand da aber mitten in der Saison und konnte nicht weg», erzählt er am Telefon. Die Spiele in Hamburg hat er trotz null Punkten und einem Torverhältnis von null zu zwölf in bester Erinnerung: «Wir waren ein zusammengewürfeltes Team, mein Bruder und ich, zwei Amateure aus Zürich, einer aus den USA, der Rest aus Indien und Nepal. Der Wild Cup war hervorragend organisiert. Der Moment, als sie unsere Hymne spielten, war sehr emotional. Ich will auf jeden Fall noch weitere Spiele für Tibet bestreiten.»
Wo immer Tibet als Nation Fussball spielt, setzt es Protestnoten der chinesischen Botschaft. Für Tsawas Teamkollegen Karma Samdup ein Hauptgrund, Tibets Nationalteam so oft wie möglich spielen zu lassen: «Mir gefällt die Vorstellung, dass sich Chinas Botschafter jedes Mal von neuem mit uns beschäftigen müssen», sagt er in «Outcasts!». Tsawa teilt diese Meinung: «Es ist besser, über den Sport auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen als nur zu demonstrieren. Deshalb unterstütze ich auch das Olympiateam von Tibet. Die wussten von Anfang an, dass sie keine Chance auf eine Teilnahme haben. Doch sie stehen in der Öffentlichkeit.» Tsawa macht sich denn auch keine Gedanken über allfällige Sanktionen der Fifa, die 2001 den dänischen Klubs mit Strafen drohte, sollten sie ihr Stadion für das Länderspiel zur Verfügung stellen. «Unsere vielen Staatenlosen, die den chinesischen Pass ablehnen und kaum irgendwo einreisen können», sagt er, «das ist das Problem.»
Steve Menary: «Outcasts! The Lands That FIFA Forgot». Know The Score Books Limited, Studley 2007.