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Ich möchte die Ausführungen der beiden Nationalrätinnen Frau Estermann und Frau Badran und auch den Artikel von Frau Duprat in Zeit-Fragen Nr. 9 vom 5. Mai 2020 um einige Gedanken erweitern.
Es zeigt sich jetzt in der Krise, dass sich die globalisierte Wirtschaftsunordnung mitsamt ihrer Wachstums- und Share-holder-value-Ideologie als ein nicht der Menschheitsfamilie dienendes System entpuppt. Das neoliberale Modell der deregulierten Finanz-, Güter- und Dienstleistungsmärkte, einhergehend mit der sogenannten Personenfreizügigkeit, entspringt der Ideologie des unbegrenzten Wachstums und vernachlässigt Ressourcenschonung sowie Klima- und Umweltschutz. Das immer «Mehr», einhergehend mit Kosteneinsparungen durch Verlagerungen von Produktionsstätten in Billig- und Billigstlohnländer und damit abhängigen Lieferketten, verhindert die Entfaltung weniger entwickelter Volkswirtschaften. Ebenso, wenn gewisse Länder als billige Rohstofflieferanten «unten» gehalten werden. Ähnlich sieht es aus beim Einsatz von Arbeitskräften wie Erntehelfern oder Pflegekräften, welche uns im Moment ausgehen. Sinnvoller ist es, Menschen ohne Arbeit im eigenen Land für diese Tätigkeiten zu qualifizieren und einzusetzen, anstelle diese anderen Ländern zu entziehen.
Ein neues sozialmarktwirtschaftliches Konzept, bei dem die eigentliche Bedarfsdeckung zu fairen Preisen und angemessenen Gewinnen im Vordergrund steht und die Märkte in Wirtschaftsräume mit ähnlichen Lebensbedingungen eingegrenzt sind, wäre ein Lösungsansatz. Mit anderen Worten, das, was in einem Wirtschaftsraum konsumiert wird, wird auch weitestgehend mit den dort ansässigen Arbeitskräften produziert. Dem Lohndumping mit Arbeitskräften aus Osteu-ropa oder noch ferneren Ländern wäre Einhalt geboten. Anstelle von «Land grabbing» grosser Konzerne und Freihandel wäre Regulierung, im Sinne der Förderung insbesondere kleinbäuerlicher Betriebe, die ihre Erzeugnisse auf regionalen Märkten anbieten, die bessere Lösung. Dies gilt nicht nur für Kontinente wie beispielsweise Afrika.
Das Klima und die Umwelt würden durch das Ausbleiben langer Transportwege, weniger privater (Reisen) und geschäftlicher Mobilität, einhergehend mit der Erstellung nachhaltiger, sinnvoller und ressourcenschonender Waren und Dienstleistungsangebote, anstelle von immer «mehr», besser geschützt. Wir erleben jetzt, wie sich die Natur nur innerhalb weniger Wochen durch den weltweiten Lockdown enorm erholt hat. Ein auf angemessene Verteilung innerhalb entwickelter Volkswirtschaften ausgerichtetes System anstelle der Wachstumsideologie wäre eine ressourcen-, umwelt-, klimaschonende und zugleich sozialverträgliche alternative Zukunftsvision. Gleichzeitig gilt es, die Schere zwischen Arm und Reich durch räumliche Abgrenzung zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern zu verringern. Die globalisierte, am profitablen Wachstum orientierte Weltwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten zu einer Kapitalakkumulation noch nie gekannten Ausmasses einiger geführt, wie beispielsweise bei Amazon, Google, Zalando oder facebook – um nur ein paar zu nennen. Auf der anderen Seite hungern über 800 Millionen Menschen weltweit. Dies entspricht 11 % der Weltbevölkerung.
Ähnlich äussern sich nun auch schon etablierte Politiker wie der deutsche Entwicklungsminister Müller (CSU): «Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus der letzten 30 Jahre muss aufhören.» Für ihn ist die Corona-Krise ein Weckruf an die Menschheit, mit Natur und Umwelt anders umzugehen (Quelle n-tv vom 3. Mai 2020).
Die Entgrenzung der Welt und der Egoismus einiger schaden nicht nur dem Klima und der Umwelt, sondern haben die Ungleichheiten nicht nur zwischen den Regionen der Welt, sondern auch innerhalb entwickelter Volkswirtschaften forciert. Die weltweite Mobilität und die offenen Märkte verbreiten nun auch noch Viren in Windeseile rund um den Globus und setzen uns ein STOP vor das Gesicht, im Sinne von: So nicht weiter!
Werner Voß, Wiehl (D)
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