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Die Geschichte des Aufstiegs des Islams wird oft als blutiger Eroberungsfeldzug dargestellt. In «Die Wurzeln des Islam» zeichnet der Althistoriker Glen W. Bowersock hingegen ein gänzlich anderes Bild. Er beschreibt die spätantike Welt, in der der Islam im 7. Jahrhundert entstand, als multikulturelle, vielfältige und tolerante Welt. Doch handelt das Buch nicht vom Islam, von Mohammed oder von den Lehren im Koran, sondern vom religiösen Pluralismus, in dem der Prophet Mohammed seine neue Religion verortete.
Anders als Catherine Nixey (Text links) streicht Bowersock das meist friedliche Nebeneinander der Religionen hervor: «Paganismus und Christentum standen in einem sehr viel fruchtbareren Austausch, als man bisweilen denkt.» Dieselbe Politik verfolgten, so Bowersock, auch Mohammed und seine Nachfolger, die ersten Kalifen. Eine gewisse Toleranz legten die Muslime vor allem gegenüber Juden und Christen an den Tag. Die frühe Ausbreitung des Islams war friedlich, wobei die Kalifen die sozialen Strukturen in den eroberten Gebieten meist übernahmen. Auch Bowersock dokumentiert Fälle religiöser Intoleranz, Verfolgung und Zerstörung. Aber immer wieder betont er, wie im Umfeld des entstehenden Islams der religiöse Austausch stärker war als die Intoleranz: «Die islamischen Eroberungen waren also in keiner Weise zerstörerisch, sondern passten sich der bestehenden Kultur und Religion weitgehend an.»
Bowersock hat die ältere «triumphalistische» Darstellung des frühen Islams überzeugend korrigiert. Er schreibt dabei angenehm sachlich und verständlich. Doch deckt das Buch nur eine geringe Zeitspanne ab und lässt die spätere, blutige Expansion des Islams aus.
Glen W. Bowersock: «Die Wiege des Islam. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen». Aus dem Englischen von Rita Seuss. C.H. Beck, München 2019. 160 Seiten.