Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03425.jsonl.gz/499

Nach der Geburt vertauscht
1953 wurde ein Junge in einem Krankenhaus im Bezirk Sumida in der japanischen Hauptstadt Tokio geboren. Er wuchs als Jüngster mit zwei weiteren Geschwistern auf. Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war. Die staatliche Fürsorge hielt die alleinerziehende Mutter und ihre Kinder über Wasser.
Zu viert lebten sie in einer engen, kleinen Wohnung. Auf Fernsehen oder andere technische Fortschritte jener Zeit mussten sie verzichten. Trotz allem liebte er seine Mutter. «Wir waren arm, aber sie hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles für uns getan. Ich bin ihr dafür sehr dankbar», sollte er später der Tokyo Shimbun sagen.
Der Junge wurde allmählich erwachsen. Nach der Mittelschule, mit rund 16 Jahren, war mangels Geld Schluss mit der Ausbildung. In einer kleinen Fabrik fand er einen Job. Mit dem Ersparten leistete er sich eine Weiterbildung an einer Technikschule, für die Universität reichte es jedoch nicht. Als Lastwagenfahrer für einen Lieferdienst verdiente er seinen Lebensunterhalt.
Heute ist der Mann 60 Jahre alt. Inzwischen musste er erfahren, dass sein Leben ganz anders verlaufen wäre, hätte das Personal im Krankenhaus 13 Minuten nach seiner Geburt keinen folgenreichen Fehler begangen.
Der fatale Irrtum
Kurz nachdem er, neugeboren, von einer Krankenschwester gewaschen, gewogen und gemessen wurde, kam es zur Verwechslung mit einem anderen Baby, das ebenfalls erst gerade das Licht der Welt erblickt hatte. So kam es, dass er den falschen Eltern zugewiesen wurde. Sein Leben nahm damit die fatale Wende.
Seine biologischen Eltern zogen derweil das andere Baby gross, das eigentlich das Kind der armen Familie war. Für ihn, den zweiten in diese Geschichte involvierten Mann, war die Verwechslung zumindest finanziell ein Glücksfall.
Er wuchs als Erstgeborener wohl behütet, zusammen mit drei Brüdern in einer vermögenden Familie auf. Alle besuchten sie eine Privatschule und später die Universität. Sorgen musste er sich im Leben keine machen.
Einzig die Tatsache, dass er seinen jüngeren Brüder vom Aussehen her überhaupt nicht ähnlich sah, sorgte regelmässig für Verwunderung. Immer wieder musste er sich deswegen Sprüchen anhören, von Nachbarn und von der Mutter. Es vergingen jedoch Jahrzehnte bis die jüngeren Brüder der Sache ernsthaft nachgingen. 2009 bestätigte ein DNA-Test die Verwechslung von 1953. Eine Untersuchung in den Akten des Krankenhauses half, den Fall vollständig aufzuklären.
Vom Jüngsten zum Erstgeborenen
So kam es fast 60 Jahre nach dem Fehler zur ungewöhnlichen Familienzusammenführung. Der Mann, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, lernte seine richtigen Brüder kennen. Nun ist er plötzlich der Erstgeborene einer Familie, die er bis vor ein paar Jahren nicht einmal kannte.
Mit seinen biologischen Eltern konnte er jedoch nie sprechen, sie verstarben bereits vor der Aufklärung des Irrtums. «Wenn ich die Geschichten von meinen Eltern höre, dann empfinde ich den Wunsch, dass ich bei ihnen gross geworden wäre», sagte er an einer Pressekonferenz laut FNN News. «Ich wünschte, man könnte die Zeit zurückdrehen.» Er fordert heute, dass sich das Krankenhaus offiziell entschuldigt.
Finanzielle Entschädigung
Das Gericht in Tokio hat ihm und seinen biologischen Brüdern zumindest eine Wiedergutmachung zugesprochen. 38 Millionen Yen (275’000 Euro) muss das Krankenhaus der Familie bezahlen.
«Es muss ein enormer Schmerz und Schlag sein, den Kontakt mit seinen wahren Eltern für immer zu verlieren», begründete das Gericht das Urteil. Er habe durch die Verwechslung klare Nachteile im späteren Leben erlitten.
Um die verlorene Zeit nachzuholen, treffen sich die neu zusammengekommenen Brüder inzwischen regelmässig. Auch der Nachtrag im Familienregister ist seit diesem Jahr vollzogen.
Der zweite Betroffenen in der Geschichte hat sich noch nicht öffentlich geäussert. Doch für den Mann, der in armen Verhältnissen aufwachsen musste, ist klar: «Wir sind beides Opfer. Ich hege keinen Groll ihn.»
Folgen Sie Jan Knüsel und Asienspiegel auf YouTube, Instagram und Facebook:
JAPAN RAIL PASS HIER BESTELLEN
- Neu können Sie den JR-Pass bei asienspiegel.ch kaufen.
- Alle essentiellen JR-Pass-Infos gibt es » in diesem Artikel.
- keine Versandkosten (weder für CH noch DE).
UNTERSTÜTZEN SIE DEN ASIENSPIEGEL
Sponsoring-Beiträge vieler treuer Leser ermöglichen diesen Blog, den Jan Knüsel seit 2009 täglich schreibt. Ohne diese Grosszügigkeit würde es diesen Blog nicht geben. Arigatō gozaimasu!
- Zahlungsmittel: Master, Visa, PayPal
- Für Einzahlungsschein hier klicken.