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Die weit verbreitete Idee, das Chinesische habe „keine Grammatik”, hat eine lange europäische Vorgeschichte, die bis in die missionarslinguistischen Anfänge der westlichen Beschäftigung mit der chinesischen Sprache im 17. Jh. zurückreicht. Befördert durch die negative Wendung des europäischen Chinabildes im 18. Jh. und die damit einhergehende Konstruktion von China als einem „geschichtslosen”, in bürokratisch-despotischer Autonomie verharrendem „Anderen” zu den dynamisch aufstrebenden Nationalstaaten Europas, wandte sich der Blick von Sprachphilosophen wie Humboldt und Herder auf die chinesische Sprache, bald als Symptom, bald gar als Wurzel dieser postulierten Andersartigkeit.
Das von den in Europa eintreffenden Grammatiken der Chinamissionare vielfach erstaunt konstatierte Fehlen von Deklinationen und Konjugationen im Chinesischen wurde vor diesem geistesgeschichtlichen Hintergrund gerne in der Formel „Fehlende Flexion = fehlende Reflexion” (H. Roetz) hypostasiert, die bis heute weite Teile der akademischen Diskurse zum Chinesischen in- und ausserhalb der Sprachwissenschaft und Sinologie unterschwellig beeinflusst. Alle Errungenschaften „des Westens” – Logik und Philosophie, Rationalität und Aufklärung, Autonomie des Subjekts und Geschichtsbewusstsein, Tragik und Metaphysik u.v.a.m. – wurden China unter Verweis auf eine vermeintlich „defiziente”, weil flexionslose Sprachstruktur abgesprochen.
Schon im 18. Jh., nach Bekanntwerden der ersten Beschreibungen hochkomplexer morphologischer Strukturen in nordamerikanischen Indianersprachen, schwante jedoch einigen frühen Sprachtypologen wie Johann Christoph Adelung (1732-1806) in Europa, dass die simple Gleichung Flexion=Rationalität=Europa problematisch sein dürfte, was ihn freilich nicht daran hinderte, weiterhin die chinesische Sprachstruktur für die vermeintliche kulturelle Rückständigkeit des chinesischen Kaiserreiches verantwortlich zu machen: „Der Sinese hat sich durch seine steife Einsilbigkeit den Weg zu jeder höheren Kultur verschlossen, während die Sprache des Huronen und des Grönländers alles in sich trägt, um sich zur Sprache eines Voltaire oder sogar Plato zu erheben”. (Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde, 1806).
Ein Seitenzweig dieses Argumentationsweges ist die Vorstellung, chinesische Sätze hätten ganz unabhängig von der fehlenden Morphologie generell keinen „propositionalen Gehalt”, sondern seien quasi-imperativische Lautäusserungen, die stets nur an die Binnenmoral einer sozialen in-group appellierten, über nur Vorgestelltes oder gar Utopisches jedoch ebensowenig reden könnten, wie über subtile ontologische Unterscheidungen. Viele solcher Klischees über die Form- und Grammatiklosigkeit des Chinesischen haben ihren Ausgangspunkt in einer Verwechslung der Ebenen von Sprache und Schrift, denn die lineare Anordnung der stets in imaginären Quadraten gleichbleibender Grösse erscheinenden Schriftzeichen, die ganz überwiegend einzelne Silben repräsentieren, nährt offenbar den Eindruck, dass auch die durch die Schrift widergegebenen Worte stets einsilbig, die kleinsten bedeutungstragenden Elemente der Sprache unveränderlich sein müssen, obwohl bereits im chinesischen Frühmittelalter (3.-6. Jh. n.Chr.) mehr als die Hälfte der chinesischen Worte zweisilbige Komposita waren und es heute annähernd 90% sein dürften.
Wie viele der mit ihm genealogisch eng verwandten tibeto-burmanischen Sprachen verfügte das Altchinesische des ersten vorchristlichen Jahrtausends nach neueren Erkenntnissen noch über eine durchaus reichhaltige Wortbildungsmorphologie, bei der durch die Hinzufügung von ca. drei Dutzend Prä-, In- und Suffixen zu einer Wortwurzel sehr verschiedene grammatische Kategorien ausgedrückt werden konnten. So konnte man etwa aus einem transitiven Verb wie *pprat-s ‚jd. besiegen‘ durch Hinzufügung eines nasalen Präfixes ein intransitives, hier passivisches Verb *N-pprat-s ‚besiegt werden‘ ableiten; durch Anhängen eines Suffixes *-s liess sich eine vom Sprecher weg, auf andere ausgerichtete (exoaktive) Handlung markieren, so dass aus *N-kkruk ‚lernen‘ *N-kkruk-s ‚lehren‘ wird; und durch Einfügung eines Elementes *-r- war es möglich, einen Plural anzuzeigen: *s-lləj bedeutet ‚ausgeglichen, ebenbürtig sein‘, *s-r-lləj jedoch ‚Ebenbürtige, zur gleichen Kategorie gehörige‘.
Dieses umfängliche System von Ableitungsmorphemen muss bereits bei Einsetzen der chinesischen Schriftlichkeit in den Orakelknocheninschriften des 13. vorchristlichen Jahrhunderts teilweise im Aussterben begriffen gewesen sein, so dass man es heute nur noch bruchstückhaft rekonstruieren kann. Nur sehr wenige Affixe des geschilderten Typs leben in konservativen, meist geographisch peripher gelegenen, modernen chinesischen Dialekten fort.
Über die Gründe für diesen dramatischen Sprachwandel, der bis zur Konsolidierung des chinesischen Kaiserreiches in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zum weitgehenden Verlust der affigierenden Morphologie, zur Entstehung von wortunterscheidenden Konturtönen und zu vielen anderen für die modernen chinesischen Dialekte charakteristischen grammatischen Phänomenen führte, herrscht durchaus keine Einigkeit in der Forschung. Treibende Faktoren in diesem Prozess waren sicherlich der intensive Sprachkontakt sowohl zwischen den einzelnen, meist als „Dialekte” bezeichneten sinitischen Sprachen als auch zu einer Vielzahl von genealogisch unverwandten Nachbarsprachfamilien, von denen es mindestens ein Dutzend auf dem Territorium des heutigen China gab. Die in diesem Schmelztiegel entstehenden Sprachmischungen (Kreolisierungen) hatten schliesslich nur noch sehr reduzierte morphologische Systeme. Am Ende des umfassenden Restrukturierungsprozesses steht das Chinesische als eine tendenziell „isolierende” oder „analytische” Sprache da, d.h. als Sprachtyp, in der in der Regel ein unveränderlicher Wortstamm durch eine Silbe ausgedrückt wird, die jeweils mit einem Schriftzeichen geschrieben wird.
Das Schwergewicht der Grammatik liegt somit seit dem Mittelchinesischen (3.-11. Jh. n. Chr.) eindeutig im Bereich der Wortstellung (Syntax) und der mit ihr eng verzahnten Semantik. Wortbildungselemente beschränken sich auf einige durchaus produktive, vollsilbische Suffixe (z.B. -men für ‚Plural‘, -zi für Nomen, -de für Verbergänzungen (Komplemente), eine weitergehende Bildung von Flexionsparadigmen findet nicht statt.
Dass Kategorien, die in europäischen Sprachen mit Hilfe von Flexion ausgedrückt werden, etwa Zeitstufen eines Verbes, semantische Rollen eines Nomens in Bezug auf das Prädikat oder auch Numerus und Genus im Modernen Chinesischen seit der Mongolenzeit fast ausschliesslich durch Syntax und Lexik repräsentiert werden, trägt wesentlich zum Klischee der „Grammatiklosigkeit” des Chinesischen, insbesondere des sich seit der Mongolenzeit (13.-14. Jh.) konstituierenden Mandarin-Hochchinesischen bei.
Um eine Handlung in der Vergangenheit zu markieren, wird man im Chinesischen entweder eine „Perfektpartikel” (-le, -guo), also ein eigenständiges lexikalisches Element der ursprünglichen Bedeutung „abgeschlossen sein” mit grammatischer Funktion verwenden, oder etwa auf ein Vergangenheit implizierendes Adverb (‚gestern‘, ‚früher‘ usw.) zurückgreifen. Zwar wird im Normalfall nicht zwischen Ein- und Mehrzahl von Nomen unterschieden, will man das jedoch explizit tun, so stehen auch hierfür diverse lexikalische Mittel zur Verfügung, z.B. die Verdopplung des Nomens.
Chinesische Nomen haben zwar kein Genus, dafür sind sie bestimmten semantischen Nominalklassen zugeordnet, was dazu führt, dass man sie nur zählen kann, wenn man das jeweils korrekt klassifizierende „Zähleinheitswort” zum Nomen kennt, wobei die semantischen Bezüge zwischen solchen Klassifikatoren und den zugeordneten Nomen konventionalisiert, will meinen: für den Sprecher in ihrer Motivation nicht immer nachvollziehbar sind. Warum zählt man „drei [Tor] Unterricht” , „ein [Vehikel] Fahrrad”, „sechs [Kopf] Schwein”, „ein [greifbarer Gegenstand] Messer”, „eine [Weinrebe] Schlüsselbund” usw.? Warum werden Schlangen, Hosen und Nachrichten alle mit demselben Zähleinheitswort [Streifen] gezählt? Hier hat der historische Zufall sehr heftige Spuren in der Sprachgegenwart hinterlassen und das Abfragen von Klassenzeichen zu den korrespondieren Nomen gehört, wenig verwunderlich, zu den beliebtesten Prüfungsthemen im Sprachunterricht der Grundschulen.
Ein weiteres Merkmal, das den Eindruck der nach Europa schreibenden Chinamissionare verstärkt haben könnte, die von ihnen studierten Dialekte hätten „keine Grammatik”, mag darin zu suchen sein, dass das keine Personen beim Verb unterscheidende Chinesische, wie viele Sprachen mit in allen Personen ausgebauten Konjugationsparadigmen (amo, amas, amat usw.) eine Nullsubjektsprache ist, es also erlaubt, dass ein einmal in den Diskurs eingeführter Gegenstand in der Konversation mitgedacht werden und nicht mehr versprachlicht werden muss. Sobald klar ist, dass wir über Herrn Zhang reden, der in den Bus steigt, brauchen wir im nächsten Satz also nicht mehr auszuführen, dass er sich setzt; „___ setzt sich” reicht völlig. Eine Nennung des Subjektes käme hingegen einer sehr starken Betonung gleich. Auch bereits bekannte Objekte können allerdings ausgelassen werden, so dass man in der Tat manchmal sehr wenig versteht, wenn man nachträglich in eine Konversation einsteigt. War bereits davon die Rede, dass Herr Zhang im Bus Frau Li traf, reicht ein einfaches „winkt”, um auszudrücken, dass Herr Zhang ihr winkt.
Nun ist es aber selbst im Neuchinesischen durchaus nicht so, dass es überhaupt keine grammatikalisierten Wortbildungsstrategien mehr gibt, nur sind die wenigen verbliebenen morphologischen Prozesse für unsere europäischen Ohren vielleicht eher ungewöhnlich. So kann z.B. ein und dasselbe Verfahren der Verdoppelung eines Wortes sehr verschiedene Dinge ausdrücken und auf ganz unterschiedliche Wortarten angewendet werden: Verkleinerungs- und Koseformen (dù ‚Bauch‘ → dùdu ‚Bäuchlein‘), Quantifizierungen (rén ‚Mensch‘ → rénrén ‚alle Menschen / jeder Mensch‘), Momentaneität oder kurze Dauer von Verbalhandlungen (kàn ‚sehen‘ → kànkàn ‚mal gucken‘), Zeitdauer (kǎolǜ ‚überlegen‘ → kǎolǜkǎolǜ ‚gründlich überlegen‘), Intensität (yuán ‚rund‘ → yuányuán ‚kugelrund‘; xǔduō ‚recht viel‘ → xǔxǔduōduō ‚ziemlich viel‘, gānjìng ‚sauber‘ → gāngānjìngjìng ‚blitzblank‘) usw.
Träfe das landläufige Klischee von der fehlenden chinesischen Grammatik wirklich zu, müsste ein derart auf syntaktische Regeln und lexikalische Listen reduzierter Sprachtyp eigentlich auch sehr einfach zu lernen sein. Dass westliche Lernende des Chinesischen sich tatsächlich eher schwer beim Erlernen der chinesischen Sprache tun – nach Untersuchungen des Defense Language Institute der USA etwa 8-10 mal schwerer als beim Erlernen einer romanischen Sprache – liegt wohl u.a. daran, dass die Syntax so stark mit der Semantik verwoben ist und Regeln an der Schnittstelle dieser zwei Ebenen vielleicht schwieriger zu formulieren sind als für den Bereich der Wortbildung.
Eine Grammatik, die genau fixieren wollte, welche Typen von Konstruktionen mit welchen Worten in welcher Situation im Chinesischen korrekt sind, wird sehr schnell ziemlich kompliziert. Wenn man für ‚ver-lieren‘ shīdiào, wörtl. „verlieren-fallen“, für ‚ab-waschen‘ xǐdiào „waschen-fallen“ und für ‚aus-graben‘ wādiào „graben-fallen“ sagen kann, warum dann nicht für ‚ab-trocknen‘ *„trocknen-fallen“ und für ‚um-fallen‘ *„fallen-fallen“? Warum kann man, wörtlich gesprochen, ein „Telegramm schlagen“ (dǎ diànbào), ein „Telefonat schlagen“ (dǎ diànhuà) aber eine E-mail nur „(los)schicken“ (jì/fā diànzǐ yóujiàn)?
Die subtilen Gesetzmässigkeiten solcher Befunde zu beschreiben ist eine Aufgabe, die gerade erst ernsthaft in Angriff genommen worden ist. Und somit stimmt ein Klichschee über chinesische „Grammatiklosigkeit” tendenziell vielleicht schon: die einheimischen chinesischen Sprachwissenschaftler haben sich sehr für Phonologie, Schriftzeichenkunde und in gewissem Sinne auch für Semantik interessiert, die Syntax der eigenen Sprache jedoch nie genau beschrieben.
Kurzum: wenn man den Begriff „Grammatik” nicht auf Flexion reduziert, mangelt es im Chinesischen durchaus nicht an Strukturen und Regeln, nur sind diese oftmals in anderen grammatischen Teilsystemen verankert als in europäischen Sprachen. Obwohl auch hier die Unterschiede viel kleiner sind als zumeist angenommen und sicherlich nichts damit zu tun haben, dass das Chinesische zur Einsilbigkeit neigt. Wer das nicht glaubt, dem sei der Aufsatz „Gödel‘s Second Incompleteness Theorem Explained in Words of One Syllable” (Mind, vol. 103, no. 409, 1994) von George Boolos empfohlen. Und wer ein ganzes augenzwinkerndes Buch darüber lesen will, wo sich die scheinbar abwesende Grammatik des Chinesischen „versteckt”, der lerne am besten Holländisch, denn, wie Rint Sybesma sehr schön gezeigt hat: „Het Chinees en het Nederlands zijn eigenlijk hetzelfde“ (‚Das Chinesische und das Niederländische sind eigentlich dasselbe‘, Houten: Spectrum, 2009).