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Blaukappenlori
Vini australis
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Im südlichen Bereich des Pazifischen Ozeans liegen weit verstreut ungezählte kleine bis winzige Inseln. Manche dieser Eilande bilden mit anderen zusammen kleine Archipele, andere ragen völlig einsam aus den Weiten des Pazifiks auf. Zu letzteren gehört auch Niuafo'ou, die nördlichste Insel des Königreichs Tonga. Fast 600 Kilometer trennen Niuafo'ou von Tongas Hauptinsel Tongatapu, und immerhin rund 200 Kilometer beträgt die Distanz zu den nächstgelegenen (ebenfalls tongaischen) Inseln Niuatoputapu und Tafahi.
Wie fast alle Pazifikinseln verdankt Niuafo'ou seine Entstehung dem Vulkanismus. Es ist die Spitze eines 2000 Meter hohen Vulkans, der vor einer knappen Million Jahren aufgrund untermeerischer Eruptionen entstand. 55 Quadratkilometer beträgt die Gesamtfläche der kreisrunden, maximal 265 Meter hohen Insel. Davon entfällt ungefähr ein Drittel auf den zentralen Kratersee, der aus Regenwasser entstanden ist.
Etwa ein Viertel der Landfläche Niuafo'ous ist mit grauschwarzen Lavafeldern bedeckt, welche - da der Vulkan bis in jüngster Zeit aktiv war - weniger als hundertfünfzig Jahre alt sind und eine entsprechend dürftige Pflanzendecke tragen. Diese Lavabereiche befinden sich hauptsächlich im Westen und Süden der Insel. Der Osten und Norden gleichen hingegen einem überquellenden grünen Garten, denn das milde, tropisch-maritime Klima sorgt zusammen mit dem nährstoffreichen vulkanischen Untergrund für beste Pflanzenwuchsbedingungen.
Mit üppigem Tropenwald war Niuafo'ou vor der Ankunft des Menschen denn auch bewachsen gewesen. Man findet diese Vegetationsform noch an den steilen, unzugänglichen Kraterhängen sowie auf den drei kleinen Inselchen im Kratersee. In den flacheren Inselpartien hat der Mensch jedoch die natürliche Pflanzendecke durch verschiedene Nutz- und Zierpflanzen ersetzt. Weite Bereiche des kultivierten Lands sind mit Kokospalmen bestanden. Dazwischen finden sich verstreut die Gemüse- und Obstgärten der gut tausend auf Niuafo'ou wohnhaften Polynesier. Letztere leben in neun Dörfern im Norden und Osten Niuafo'ous und führen ein ruhiges, zeitloses Leben als Selbstversorger.
Eine polynesische Papageiensippe
Rätselhaft wird es immer bleiben, warum die Polynesier seinerzeit mit ihren tiefliegenden Doppelrumpf-Segelbooten zu ihren kühnen Fernfahrten in die blaue Unendlichkeit des Pazifiks aufbrachen. Es fehlte ihnen jegliches Wissen um das Vorhandensein von Inseln jenseits des Horizonts. Und dennoch taten sie es.
Ursprünglich aus dem südostasiatischen Raum stammend erreichten sie schon etwa um 1500 v.Chr. Fidschi, um 500 v.Chr. Tonga und Samoa, um 300 n.Chr. das heutige Französisch-Polynesien, um 400 n.Chr. Hawaii und um 900 n.Chr. Neuseeland. Zu einer Zeit, als sich die europäischen Seefahrer noch kaum aus der Sichtweite der Küsten herauswagten, navigierten sie traumwandlerisch über offene Meeresstrecken von oftmals mehreren tausend Kilometern. Und lange, bevor die Europäer überhaupt von der Existenz des Pazifiks wussten, hatten sie sich auf praktisch allen bewohnbaren Inseln dieses gigantischen Ozeans niedergelassen. Die Hochsee-Expeditionen der Polynesier gehören zweifellos zu den grössten Leistungen der Menschheit.
Der Mensch ist jedoch keineswegs das einzige Lebewesen, dem die aussergewöhnliche Entdeckung und Besiedlung der pazifischen Inselwelt gelungen ist. Jahrtausende, teils gar Jahrmillionen vor ihm hat es ein bemerkenswert breites Spektrum von tierlichen und pflanzlichen Geschöpfen geschafft, die kleinen Eilande durch die Luft oder über das Wasser zu erreichen und sich auf ihnen niederzulassen. Viele dieser Inselwesen haben sich in der Isolation eigenständig weiterentwickelt, so dass sie sich heute in Körperbau und Verhalten deutlich von ihren Verwandten auf dem Festland bzw. auf anderen Pazifikinseln unterscheiden. Sie sind zu sogenannten «endemischen» Arten geworden, die es einzig auf bestimmten Inseln oder Archipelen im Pazifik und nirgendwo sonst auf der Welt gibt.
Zu ihnen gehören die Maidloris (Gattung Vini
) aus der Familie der Papageien (Psittacidae), welche in fünf Arten über die Inselwelt des Südpazifiks verbreitet sind, vom Fidschi-Archipel im Westen bis zu den Pitcairn-Inseln im Osten. Auch auf Niuafo'ou ist eine Maidlori-Art heimisch, nämlich der Blaukappenlori (Vini australis)
. Von ihm soll hier berichtet werden.
Pfeilschnell unterwegs
Mit einer Länge von ungefähr 19 Zentimetern und einem Gewicht von etwa 50 Gramm ist der Blaukappenlori ein ziemlich kleiner Vogel. Nichtsdestotrotz tritt er auf den von ihm bewohnten Inseln recht augenfällig in Erscheinung. Im Gegensatz zu vielen anderen Landvogelarten der Pazifikinseln ist der zierliche Papagei nämlich viel im Luftraum über der dichten Pflanzendecke unterwegs. Das hat, wie wir noch sehen werden, mit seiner speziellen Ernährung zu tun. Immer wieder sieht man kleine Trupps von zwei bis sechs Blaukappenloris pfeilschnell vorüber fliegen, wobei das Schwirren ihrer kleinen Flügel und vor allem ihre schrillen Kontaktrufe deutlich zu vernehmen sind.
Der Blaukappenlori ist auf vielen Inseln des Tonga-Archipels heimisch. Zwar scheint er sich als Brutvogel nur auf hausrattenfreien Inseln halten zu können. Da er aber ein hervorragender Flieger ist, wechselt er häufig über das Meer von Insel zu Insel - manchmal bis zu zwanzig Kilometer weit, was für einen derart kleinen Vogel eine gewaltige Leistung ist. So tauchen Blaukappenloris beispielsweise regelmässig auf der Hauptinsel Tongatapu auf, obschon sie dort eigentlich seit über hundert Jahren «ausgestorben» sind.
Westlich Tongas kommt die Art im übrigen auf der zu Fidschi gehörenden Lau-Inselgruppe vor, nördlich Tongas auf den beiden abgeschiedenen Inseln Wallis und Futuna, einem französischen Überseeterritorium, nordöstlich Tongas auf den Inseln Westsamoas und Amerikanisch Samoas, und ganz im Osten auf der isolierten, mit Neuseeland assoziierten Insel Niue.
Auf Süssigkeiten spezialisiert
Der Blaukappenlori ernährt sich zur Hauptsache von Nektar und Pollen blütentragender Bäume und Sträucher. Er bevorzugt Arten, deren Blüten in dichten Dolden stehen, wie dies etwa beim Hortensienbaum (Sterculia fanaino)
und beim Putatbaum (Barringtonia asiatica)
der Fall ist. Eine wichtige Nahrungsquelle des zierlichen Papageis bildet aber auch die Kokospalme (Cocos nucifera)
, welche im Gegensatz zu vielen Baumarten jahreszeitlich unabhängig blüht, weshalb in einem bestimmten Gebiet das ganze Jahr über Kokosblüten zu finden sind.
Da der Blaukappenlori hinsichtlich seines Lebensraums recht flexibel ist und nicht nur natürliche Vegetationsformen wie Waldungen und Strauchdickichte besucht, sondern auch menschgemachte wie Pflanzungen und Gärten, hat er von den Aktivitäten des Menschen zweifellos zu profitieren vermocht: Grossflächige Kokosplantagen, vielfältige Obstgärten und blütenreiche Ziergärten erhöhen das Nahrungsangebot für einen auf Süssigkeiten spezialisierten Vogel erheblich und helfen über saisonale Versorgungsengpässe hinweg. Tatsächlich spielen heute vom Menschen eingebürgerte Ziergehölze wie der Korallenbaum (Erythrina sp.)
und der Eibischstrauch (Hibiscus tiliaceus)
nebst Fruchtbäumen wie Mango (Mangifera indica)
und Banane (Musa paradisiaca)
eine bedeutende Rolle im Speisezettel des Blaukappenloris. Dies umso mehr, als der kleine Papagei zwischendurch auch gern vom Fruchtfleisch weicher, süsser Früchte nascht.
Bei der Nahrungssuche erweist sich der Blaukappenlori als überaus aktiv, ja wirkt fast etwas nervös, wenn er von Baum zu Baum und von Blüte zu Blüte hastet. Nur selten macht er eine Pause, um sich zu putzen oder kurz auszuruhen. Wahrscheinlich fehlt ihm dazu schlicht die Zeit. Vom in Australien heimischen, nah verwandten Allfarblori (Trichoglossus haematodus)
wissen wir nämlich, dass er Tag für Tag rund 5000 Blütenbesuche tätigen muss, um seinen Energiebedarf ausreichend zu decken, und es ist anzunehmen, dass die Situation beim Blaukappenlori ähnlich ist.
Der tägliche «Langstrecken-Fressflug» der Blaukappenlori-Trupps dient im übrigen wohl nicht allein dem Besuch der gerade blühenden Bäume, sondern auch dem laufenden Überwachen des reproduktiven Zustands der übrigen Bäume. So haben die Vögel stets genaue Kenntnis über die zur Zeit Blüten tragenden Bäume innerhalb ihres Streifgebiets und können zielstrebig - mit hoher Geschwindigkeit und geradlinig - sie von einem Baum zum nächsten wechseln, auch wenn dieser weit ausserhalb der Sichtweite liegt.
Nestlinge mit dichtem Flaumpelz
Die Grundeinheit der Blaukappenlori-Gesellschaft ist das Paar. Bei den häufig zu beobachtenden engen Flugformationen von bis zu sechs Individuen dürfte es sich um Eltern mit ihren Jungen aus den letzten ein oder zwei Bruten handeln, während grössere Ansammlungen, wie sie gelegentlich in Nahrungsbäumen zu beobachten sind, wahrscheinlich aus zufällig zusammentreffenden Paaren und Trupps bestehen.
Wie die meisten Papageien sind die Blaukappenloris keine kunstvollen Nestbauer. Das Weibchen legt seine Eier in vorgefundene Baum- oder Asthöhlen, manchmal auch in hohle, verrottende Kokosnüsse, welche an Palmen hängengeblieben sind, unter Umständen sogar in Erdlöcher, die von anderen Tieren gegraben worden sind. Alle diese Bruthöhlen passen die kleinen Papageien zwar ihren Bedürfnissen an, indem sie sie weiter ausnagen bzw. ausgraben; Nistmaterial tragen sie jedoch keines ein.
Das Gelege besteht in der Regel aus zwei Eiern, welche in zweitägigem Abstand gelegt werden. Die Eier sind weiss, fast kreisrund und messen ungefähr 2,4 auf 2,7 Zentimeter. Männchen und Weibchen wechseln sich beim Bebrüten des Geleges ab, was für Papageien eher untypisch ist. Die Jungen schlüpfen nach einer Bebrütungszeit von etwa 24 Tagen aus ihren Eiern, und nach ungefähr 60 Tagen verlassen sie flugfähig ihre Nisthöhle.
Die Jungloris sind beim Schlüpfen wie die meisten Papageien nackt und blind. Die ersten, spärlichen, gelblichweissen Flaumfedern werden nach etwa zwei Wochen durch eine dichte, fast pelzartige Schicht grauen Flaums ersetzt. In dieser Phase öffnen sich die Augen der Nestlinge. Die ersten Federspitzen erscheinen im Alter von etwa drei Wochen. Im Alter von rund einem halben Jahr mausern die Jungvögel ihre Jugendkleid zum Erwachsenengefieder um. Wann sie in freier Wildbahn zum ersten Mal selbst zur Brut schreiten und wie alt sie werden können, ist bislang nicht bekannt.
Erzfeind Hausratte
Zwei Aussterbewellen haben die Tierwelt der südpazifischen Inseln erfasst. Mit der Ankunft der Polynesier vor zwei- bis dreitausend Jahren starben manche leichter erbeutbaren Arten aus, denn bevor Ackerbau und Kleinviehzucht die Ernährung der Ankömmlinge sicherten, waren diese stark auf das lokale Angebot an Wildtieren an Land und im Wasser angewiesen. Die Auswertung archäologischer Fundstätten hat gezeigt, dass mindestens die Hälfte der südpazifischen Vogelarten bald nach der Ankunft des Menschen ausstarb. Diejenigen, welche die Besiedlung durch die Polynesier überlebten, passten sich in der Folge den veränderten Lebensbedingungen an, ja sie profitierten teils sogar davon, da das Angebot an Blüten und Früchten nun erheblich reichhaltiger war.
Doch dann setzte ab dem 16. Jahrhundert, nachdem die Europäer in der Südsee aufgetaucht waren, eine zweite Aussterbewelle ein, die leider bis heute anhält und die zum Verschwinden vieler Bestände polynesischer Vogelarten geführt hat. Diese unerfreuliche Entwicklung scheint zu einem wesentlichen Teil auf die Hausratte (Rattus rattus)
, einer gewieften und kletterfreudigen Nestplünderin, zurückzuführen zu sein, die als blinder Passagier auf europäischen Schiffen ungezählte Inseln erreicht hat. Zu schaffen gemacht haben den Inselvögeln aber auch die vom Menschen eingebürgerten Katzen, Hunde und Schweine, ferner freigesetzte «exotische» Vogelarten wie etwa der Hirtenstar (Acridotheres tristis)
oder die Sumpfweihe (Circus approximans)
, welche als Nahrungswettstreiter, Nistplatzkonkurrenten und Fressfeinde in Erscheinung treten. Nicht zuletzt ist vielerorts ihr Lebensraum empfindlich geschmälert worden, dies vor allem durch die Zerstörung der natürlichen Pflanzendecke.
Von den fünf im polynesischen Raum heimischen Maidlori-Arten müssen heute der Rubinlori (Vini kuhlii)
und der Ultramarinlori (Vini ultramarina)
als «vom Aussterben bedroht» eingestuft werden, der Saphirlori (Vini peruviana)
und der Hendersonlori (Vini stepheni)
als «verletzlich». Am besten hat sich bislang der Blaukappenlori gehalten, obschon auch seine Bestände in der jüngeren Vergangenheit deutlich geschrumpft sind. Noch drängen sich keine konkreten Rettungsmassnahmen für den Blaukappenlori auf, wie sie etwa (in Form eines aufwendigen Neuansiedlungsprogramms) für das nur noch in einer letzten Restpopulation auf Niuafo'ou überlebende Niuafo'ou-Grossfuss-huhn (Megapodius pritschardii)
unabdingbar geworden sind. Damit sich aber die Situation des hübschen Kleinpapageis zukünftig nicht verschlimmert, muss unbedingt dafür gesorgt werden, dass die Hausratte keine Chance erhalten, Inseln wie Niuafo'ou, auf denen er noch in gesunden Beständen vorkommt, zu erreichen. Wichtig wäre es vor allem, einige davon (am besten unbewohnte) zu Schutzgebieten erklären, die nur selten und mit der gebotenen Vorsicht besucht werden dürfen.
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