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Am 8. Mai 1945, dem Ende des 2. Weltkriegs, wurden die verheerenden Zerstörungen und das Elend der Menschen offensichtlich. Die Texte von Wolfgang Borchert handeln von diesem Krieg und seinen Folgen – sie rütteln auch heute noch auf.
Draussen vor der Tür hat Wolfgang Borchert berühmt gemacht. Als Hörspiel konzipiert, wurde die Geschichte des Soldaten Beckmann auch als Theaterstück über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt als Symbol für die Verzweiflung dessen, der im Krieg geschunden und gedemütigt wurde und nun in das in Trümmern liegende Hamburg zurückkehrt. Als Symbol für die totale Sinnlosigkeit des Krieges und seiner zerstörerischen Folgen haben alle diejenigen das Stück verstanden, die den Krieg oder die Nachkriegsjahre noch erlebt haben. Borcherts Aufschrei wurde zum Symbol für alle, die überzeugt waren, es dürfe nie wieder Krieg geben.
Der Autor habe das Stück in wenigen Tagen niedergeschrieben, heisst es, er habe seine Wut noch loswerden wollen, bevor er am 20. November 1947 in Basel starb. Am Tag darauf wurde das Stück in Hamburg, Borcherts Heimatstadt uraufgeführt. Entsprechend der damals langsamen Nachrichtenübermittlung erhielten die Theaterbesucherinnen und -besucher, die Beteiligten und nicht zuletzt Borcherts Eltern die Todesnachricht erst am Premierenabend.
Wider Willen im Kriegsdienst
Die Unrast beim Schreiben, die unruhige Suche nach Möglichkeiten sich auszudrücken begleiteten Borchert wohl sein Leben lang. 1921 geboren, beendete er das Gymnasium nicht, begann eine Buchhändlerlehre, die er auch nicht abschloss, denn er wollte Schauspieler werden. Mit einer kleinen Theatertruppe aus Lüneburg zog er ca. ein Jahr durch Norddeutschland, dann wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Gezwungenermassen Soldat, versuchte er sich wo immer möglich zu wehren, was ihm nicht gelang. Stattdessen wurde er, schon verwundet, wegen kritischer Äusserungen zweimal ins Gefängnis gesteckt. Seiner Gesundheit war das nicht zuträglich, er erkrankte an Diphterie und an einer schweren Gelbsucht, die nie ganz ausheilte, sondern seine Leber schädigte. Freunde vermittelten ihm den Genesungsaufenthalt in Basel – zu spät.
Hamburg, Eilbeker Weg nach Bombenangriffen (zwischen August 1943 und 1945) / commons.wikimedia.org
Im Bewusstsein, nicht viel Zeit zu haben, schrieb Borchert kurze Geschichten, mehr Miniaturen oder Skizzen als ausgearbeitete Erzählungen, daneben hatte er seit seiner Jugend auch Gedichte geschrieben. Manche Texte, heisst es, habe er genauso schnell geschrieben, wie manch anderer sie las. Alle handeln vom Krieg und seinen Folgen, von der verzweifelten Lage der Menschen in den zertrümmerten Städten. Gerade diese Kurzgeschichten verdienen auch heute Beachtung. Hier zeigt sich Borcherts literarisches Talent am deutlichsten.
Menschlichkeit in kleinen Szenen
Das Brot erzählt von einer Frau, die nachts von einem Geräusch aufwacht und merkt, dass ihr Mann nicht mehr neben ihr liegt. Sie findet ihn in der Küche, Brotkrümel liegen dort auf dem Tisch. Sie merkt, dass er Hunger hatte und ein Stück Brot gegessen hat, obwohl sie davon nur wenig haben. Aber er gibt es nicht zu. Am nächsten Abend lügt sie: Sie sagt ihm, sie vertrüge das Brot am Abend nicht gut, er solle ruhig eine Scheibe mehr nehmen. – Die Liebe eines altgewordenen Paars in Zeiten des Hungers.
Oder Nachts schlafen die Ratten doch: Ein Mann mit Kaninchenfutter entdeckt einen Jungen, Jürgen, neben einer Ruine und kommt mit ihm ins Gespräch. Jürgen bewacht seinen unter dem Schutt begrabenen kleinen Bruder, damit dieser nicht von den Ratten gefressen wird. Wie kann der Mann dieses Kind trösten? Er verspricht ihm zurückzukommen und ihn abzuholen, denn nachts schlafen die Ratten doch. Vielleicht, verspricht er ihm, bringt er ihm ein Kaninchen mit.
Oder Die Hundeblume, eine Erzählung, die im Gefängnis spielt. Die Gefangenen gehen täglich auf dem Hof eine gewisse Zeit im Kreis. Ein Häftling entdeckt blühenden Löwenzahn und hat den unbezähmbaren Wunsch, eine Blume zu pflücken und in seine Zelle mitzunehmen. Er überlegt sich eine Strategie, wie er den Wärter überlisten kann. Am Tag, als er die Blume pflücken will, bricht ein Mithäftling vor ihm plötzlich zusammen und alles kommt anders. Aber es gelingt dem Gefangenen im Durcheinander, den Löwenzahn zu pflücken – ein winziges Symbol für Freiheit und Lebensfreude.
Die Komik im Tragischen
Hätte Borchert seine Gesundheit wiedererlangt und das Kriegselend überwunden, hätte er vielleicht sein komisches Talent ausleben können. Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels ist ein Beispiel dafür. Wie sich im Gespräch allmählich herausstellt, haben der Onkel und der Kellner im Gartenrestaurant beide eine zu kurze Zunge und können statt -s- nur -sch- sagen, das ist urkomisch und lustvoll erzählt. Der kleine, stets gehänselte Kellner ist mit diesem Sprachfehler geboren, der joviale, zuweilen aufbrausende Onkel hat im Krieg ein Bein verloren und durch eine Schussverletzung eine zu kurze Zunge. Hier befreit sich Mitleid durch Komik. Am wirkungsvollsten ist diese Erzählung, wenn man sie hört.
«Nie wieder Krieg» – Als wir in den 1950er und 60er Jahren Borcherts Texte lasen, waren wir überzeugt, dass es nach dem 2. Weltkrieg keinen Krieg mehr geben dürfte. Schon damals mussten wir erkennen, dass an vielen Orten weiterhin Kriege geführt wurden – bis heute. Nach 75 Jahren Frieden in Mitteleuropa dürfen wir nie vergessen, welches Leid Kriege verursachen, und genau das zeigt uns Wolfgang Borchert.
Meine Ausgabe von 1956 enthält ein Nachwort von Heinrich Böll, er schreibt: «Es ist viel vom ‹Aufschrei Wolfgang Borcherts› geschrieben worden, und die Bezeichnung ‹Aufschrei› wurde mit Gelassenheit geprägt. Gelassene Menschen ihrerseits schreien nicht – die Propheten der Müdigkeit werden nicht einmal von der Bitterkeit des Todes gerührt. Aber Kinder schreien, und es tönt in die Gelassenheit der Weltgeschichte hinein der Todesschrei Jesu Christi – »