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Eine Suste auf Hohen Rätien ?
Hintergründe zu einer Hypothese
Vorauszuschicken ist, dass sich keine dieser hier gemachten Aussagen beim gegenwärtigen Stand der Forschung verifizieren oder falsifizieren lässt. Sie werden deshalb nur als Diskussionsbasis postuliert in der Hoffnung, dass weitere Hinweise die hier geäusserten Vermutungen mit der Zeit bestätigen oder deren Wahrscheinlichkeit stützen - oder klar widerlegen können.
Allerdings sei darauf hingewiesen, dass auch die bisherige - von vielen Autoren von Burgenbüchern kolporierte - Version einer Adelsburg nicht auf sichereren Füssen steht.
O. Clavadetscher (Burgenbuch Graubünden) nimmt ebenfalls an, dass die eigentliche Adelsburg der Miles von Rialt auf der Niederrealt (bei Realta) zu suchen ist und Hohen Rätien ein Rätsel bleibt.
Meine These möchte einen Beitrag zur Lösung des Rätsels leisten mit der Aussage, dass der Hoch Rialt noch im ersten Millennium und bis ins Hochmittelalter eine Sust war, ein Umschlagsplatz für Ware und eine Wechselstation für Transporttiere.
1. Lage von Hohen Rätien
Aussage:
Wo, wenn nicht auf Hohen Rätien, war die ursprüngliche Suste nördlich der Viamala?
Begründung:
Von Thusis heisst es, dass kurz vor dem Zusammenbruch des alpenquerenden Transitverkehrs (Eröffnung der Gotthardbahn 1882) im Dorf mehr als 400 Pferde eingestallt waren, welche dem Warentransport durch die Viamala dienten. Dies zeigt welch enorme Bedeutung das Transportwesen über Splügen und San Bernadino-Pass für unser Gebiet hatte.
Der Holländische Maler Jan Hackert dokumentierte Ende des 18. Jh. die heikelsten Passagen einer Viamala-Querung mit Zeichnungen, die einen noch heute den Atem stocken und das Blut gefrieren lassen. Aufgehängt zwischen Himmel und Hölle, hoch über dem finstern Abgrund der Schlucht verlief der schmale Pfad dem Felsen entlang. An manchen Stellen war er so schmal, dass sich keine zwei Personen kreuzen konnten. Wer nicht absolut schwindelfrei und nervenstark war, der musste hier seine schlimmsten Minuten der eh schon anspruchsvollen Reise erleben. Machen wir uns aber bewusst, dass dies die Schilderung einer Wegverbindung ist, BEVOR sie im Jahre 1473 von der Rodgemeinschaft ausgebaut und sicher gemacht wurde (!!)
Wie mag ein Viamala-Weg VOR diesem Ausbau ausgesehen haben als er noch auf der rechten Schluchtseite verlief? Es lässt sich nur erahnen, was für halsbrecherische und lebensgefährliche Passagen den Durchreisenden hier erwarteten!
Ohne ortskundige Begleitung war an eine Viamala-Durchquerung nicht zu denken und mit normalen Pferden liessen sich hier keine Waren transportieren. Nur Spezialisten, d.h. trittsichere Maultiere, welche jeden Stein kannten und jede gefährliche Passage schon von kleinauf kannten und x-mal begangen hatten, kamen für den Einsatz auf diesem Wegabschnitt in Frage.
Wo fand der Umlad und der Pferdewechsel statt? Bis Hohen Rätien war von Norden her ein Zugang auch mit normalen Packpferden problemlos möglich. Von hier an war der Einsatz von Spezialisten (Mann und Tier) aber unerlässlich.
2. Typus des Gesamtanlage
Aussage:
Die Gesamtanlage von Hohen Rätien ist keine typische "Burg" und schon gar keine Wehranlage, auch wenn einige Elemente an eine Burg denken lassen überwiegen die Hinweise, welche in eine andere Richtung deuten.
Begründung:
Die gesamte Anlage von Hohen Rätien zeichnet sich dadurch aus, dass sie kaum zu Verteidigungszwecken gebaut wurde. Weder war die Umfassungsmauer mächtig genug um entschlossene Angreifer abwehren zu können, noch sind am Burghügel irgendwelche Vorwerke auszumachen und die grosse Wiese im Westen der Anlage ist von Süden her sogar ohne jegliche Annäherungshindernisse problemlos zu erreichen.
Einzig die Innere Burg um den Hoch Rialt weist Überreste von Zwingermauern auf - allerdings scheinen auch diese nicht sehr wehrhaft gewesen zu sein.
Als Schutz des Warenlagers vor Diebstahl jedoch machen sie durchaus Sinn.
3. Architektur
Aussage:
Der Hoch Rialt war nie als Adelsburg konzipiert und hat nie als solche gedient.
Begründung:
Am Hoch Rialt sind eigentlich keinerlei Hinweise auf eine Adelsburg zu erkennen, denn der Turm ist weder in seinen Ausmassen noch in seinem Raumprogramm sehr repräsentativ. Die bloss minimale Mauerdicke schon an der Basis, der ebenerdige Eingang, aber auch die nur spärlich vorhandenen Lichtöffnungen und die offensichtlich fehlende weitere Raumeinteilung (nur 1 Saal pro Stockwerk) machen die Benutzung des Turmes als Wohnraum für eine Burgfamilie wenig wahrscheinlich. Eine Wohnburg (Adelsburg) musste einen minimalen Bedarf an verschiedenen Wirtschaftsräumen bieten (Küche, Vorratsräume, (getrennte) Aufenthaltsräume u.a.m.) und musste zudem gewissen Standards an Wehrhaftigkeit genügen, um repräsentative Zwecke zu erfüllen. All dies ist beim Hoch Rialt nicht zu erkennen.
In einer ersten Bauphase bestand das Gebäude erst aus einem einfachen zweistöckigen Steinhaus mit einem nach west und ost abfallenden Satteldach, das noch heute als Baulinie in der Nord- und Südfassade zu erkennen ist. Das Haus wurde in der ersten Hälfte des 13. Jh. um 2 Stockwerke zu dem noch heute imposanten Turm erhöht.
Dieses erste Gebäude lässt viel eher an eine Suste, denn an ein Wohnhaus denken:
Im Erdgeschoss ein ebenerdiger Eingang (!!) als Zugang zur Zisterne.
4. Zisterne
Aussage:
Die Zisterne im Hoch Rialt diente der Versorgung der Saumtiere mit Trinkwasser. Deshalb führt auch eine ebenerdige Türe in den Hoch Rialt, damit das Wasser auf einfache Art in grossen Mengen herausgegeben werden konnte.
Begründung:
Die Zisterne im Hoch Rialt bot genug Raum für ca. 30'000 l gesammeltes Regenwasser, welches in der Dachtraufe über eine Öffnung auf der Südseite des Turmes eingeleitet wurde. (Der Einlass ist im Mauerwerk noch gut sichtbar)
Da auf dem Maiensäss St. Johann in nächster Nähe eine Quelle sauberes Wasser lieferte, welches zum täglichen Gebrauch hochgetragen werden konnte, stellt sich die Frage "Wer könnte einen solch hohen Bedarf an Zisternenwasser gehabt haben?" Weder eine Adelsfamilie noch der Pfarrer von Hohen Rätien mit seiner Haushälterin kommen als Konsumenten von solchen Quantitäten an Wasser in Frage.
Wohl aber die ankommenden Packpferde und Maultiere, für die man die grossen Mengen Wasser über den leichten Zugang durch den ebenerdigen Eingang abgeben konnte.
5. Warum ein aufwändiges Steinhaus, wenn doch ein einfacher Holzbau auch genügt hätte?
Aussage:
Gerade der Steinbau belegt die Qualität einer vertrauenswürdigen Suste.
Begründung:
Susten und Transportrechte waren wichtige, handelbare Güter und daher von hohem Wert. Bei Susten waren Qualität gefragt: Qualität der Sicherheit von Diebstahl, Feuer und anderen Einwirkungen. Ein gute Suste bot daher sichere Warenlager, welche geschützt waren und kontrolliert wurden. Zudem Verpflegung und Unterkunft für Tier und Mensch.
6. Wozu dienten die Zwingermauern rund um den Hoch Rialt?
Aussage:
Sie sind ein Schutz des Handelszentrum und seiner Güter von den anderen Benützern des Burgplateaus (Kirchgänger, Pilger etc.)
Begründung:
Das Gelände von Hohen Rätien wurde auch vom Bischof und der Kirche beansprucht. Hier kamen auch Pilger und anderes Volk vorbei, die allerdings eine vom Handelsbetrieb getrennte Unterkunft in einer Herberge östliche der Kirche benützten, und bei Gottesdiensten und anderen kirchlichen Feiern war die ganze Talbevölkerung auf dem Gelände anzutreffen.
Es war daher ratsam, die Handelsgüter gut zu schützen. Dazu mögen die Zwingermauern gedient haben, welche auch einen kontrollierten Zugang zum inneren Bereich ermöglichten. Ich rechne damit, dass Hohen Rätien zwei Zugänge hatte: einen direkten am Eckturm vorbei über die Wiese direkt zum Zugangstor an der SO-Ecke der Zwingermauern sowie einen Zugang zur Kirche und Herberge dort, wo der heutige Weg die Burg betritt.
Auf der Südseite des Hoch Rialt weisen die Zwingermauern Spuren von möglichen Pforten auf (Mauervorsprünge als Türanschläge). Ich stelle mir vor, dass diese Zwinger als offene Stallungen dienten, wo die Packtiere fürs Be- und Entladen angebunden werden konnten.