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- 2011
- 2010
Hamburg, 1984: Patrick Güldenberg besucht mit seinen Eltern eine Vorstellung von „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. Er ist beeindruckt. Beim Auftritt der Figur mit dem politisch unkorrekten Namen „Neger-Joe“ verstecken sich die Kinder im Zuschauerraum instinktiv unter den Sitzen. Spätestens in dem Moment ist sich der Vierjährige sicher: Er will Schauspieler werden.
Im Alter von sieben Jahren ist das Ziel erreicht: Er steht auf der Bühne. Das Stück: „Urmel aus dem Eis“. „Man brauchte jemand, der in ein Ei aus Pappmaché passte, für das mein Rollenvorgänger zu gross geworden war“, sagt er, „und es darin eine halbe Stunde aushält.“ Man entschied sich für Patrick: Er wurde grün bemalt und war Urmel.
Später, mit zwölf Jahren, kam das Fernsehen dazu: eine feste Rolle in der Serie „Neues vom Süderhof“, 1999 dann der erste Kinofilm: „Sonnenallee“ in der Regie von Leander Haussmann, seine Filmographie ist bereits jetzt, mit Anfang 30, äusserst umfangreich.
Seit der Spielzeit 2009/10 ist Patrick Güldenberg nun Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. Nach Arbeiten u.a. am Thalia Theater Hamburg, am Hamburger Schauspielhaus oder am Nationaltheater Weimar (wo er „Hamlet“ war) entschied er sich erstmalig für ein Festengagement und spielte so unterschiedliche Rollen wie den seelenlosen Wirtschaftskriminellen Isidor Weidelich in „Martin Salander“, einen beflissen-anbiedernden Postdirektor in Gogols „Revisor“ oder beeindruckte in Lenz‘ „Der Hofmeister“ als rücksichtsloser Pätus.
Und dann sein Sir Andrew Aguecheek. „Was ihr wollt“ stellt 2010 seine erste Zusammenarbeit mit Barbara Frey dar. Patrick Güldenberg schafft eine Figur zwischen Grössenwahn, Profilneurose, Minderwert und Depression: „Ich wollte die Unvereinbarkeiten dieser Pole verdeutlichen“, erklärt er. „Seine Selbstwahrnehmung ist die eines Helden, nur leider ist er der einzige, der sich so sieht“. Das Resultat: eine ebenso Mitleid erregende wie umwerfend komische Figur.
Als man ihn an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo er von 1999–2003 Schauspiel studierte, als komödiantisches Talent bezeichnete, konnte er damit nichts anfangen. Heute geniesst er es, spielerisch mit Traurigkeit und Verzweiflung umzugehen, den Abgrund hinter dem Lachen und der Pointe aufzuspüren.
Und spielt wieder Komödie, Radikalkomödie: Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“. Patrick Güldenberg ist Herrmann Wurm, ein verkrüppelter, künstlerisch ambitionierter Volksbürger, der unter der Last seiner Mutter, unter einem rassistischen, sexistischen und brutalen Umfeld leidet – und daran teilhat.
Bei der Lektüre fand er das Stück „extrem komisch“, mittlerweile findet er es im wahrsten Sinne des Wortes „schrecklich komisch“. Das liege vor allem an der (sprach-)gewaltigen Kraft des Textes: Die Sprache hat keine Innerlichkeit, könne auch vom Schauspieler nicht mit Gefühl oder Befindlichkeit befrachtet werden, werde vielmehr wie ein Schutzschild oder eine Waffe vor sich hergetragen: „Die Sprache bei Schwab kennt weder Tabu noch Zensur“, sagt Patrick Güldenberg, „sie ist losgelöst von den Figuren. In ihr formuliert sich das Unbewusste ohne unseren zivilisatorischen Filter: ein aussergewöhnlicher Autor.“
Aussergewöhnlich auch die Besetzung der Kunigunde von Thurneck in Kleists „Käthchen von Heilbronn“ mit Patrick Güldenberg. Er sah im Rahmen des Konzepts von Regisseur Dušan David Pařízek die Chance, von einem Menschen zu erzählen, der sich in seiner Haut nicht wohlfühlt, tatsächlich aus ihr nicht heraus kann. „Die Figur ist ungreifbar“, sagt er, „nicht transsexuell, keine Alte, die sich über Schönheitsoperationen jung hält, kein Automat.“ Bei den Proben hat er sich vorgestellt, wie sich ein Mann, der in seinem eigenen Körper nicht zu Hause ist, zu Kleists Zeiten gefühlt haben mag. Entstanden ist eine melancholische, verführerische und in jedem Sinne schöne Figur, bei deren finalem Scheitern keine Häme im Publikum zu spüren war.
Patrick Güldenberg ist in Zürich angekommen. Dem Theater bleibt er treu, was künftige Filmprojekte nicht ausschliessen soll: Der Schauspieler ist Fan von Fernsehserien wie „True Blood“, „Twin Peaks“ oder der frühen Staffeln von „24“, Dominik Graf verehrt er und wünscht sich, eines Tages in einem seiner Filme mitzuwirken. Wunsch Nummer zwei: Dass das Publikum ins Theater strömt, um „Volksvernichtung“ zu sehen und es anders macht als der Autor selbst, der gesagt hat, dass er vor der Aufführung seines ersten Stücks „nur ein einziges Mal im Theater war – und das in der Pause“.