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Neurobiologisch bestehen Unterfunktionen in verschiedenen Bereichen des Gehirns, dabei vorwiegend im Stirnhirn. Ausserdem besteht ein Mangel an Botenstoffen. Der Schweregrad des Betroffenseins ist individuell sehr unterschiedlich.
Das Stirnhirn regelt sehr wichtige Funktionen, wie:
- die selektive Aufmerksamkeit.
- das Ausblenden und Filtern von aktuell unwichtigen Informationen.
- das Abschätzen von Handlungsfolgen.
- sich Prioritäten setzen und einhalten können.
- eine unangenehme Arbeit zu beginnen und auch zu beenden.
- seine Impulse zu steuern und zu unterdrücken.
- abwarten zu können.
- über ein reales Zeitgefühl zu verfügen.
Das alles sind Symptome, die jeder AD(H)S´ler mit Sicherheit kennt.
Die Schwere des Bertoffenseins ist sowohl von der genetischen Veranlagung als auch von der sozialen Belastung abhängig. Beides sind Faktoren, die das Selbstwertgefühl in der Kindheit prägen.
Denn das Selbstwertgefühl entwickelt sich aus:
- der Schwere der genetischen Beeinträchtigung.
- aus den täglich gemachten Erfahrungen.
- der Anerkennung und Akzeptanz des sozialen Umfeldes, besonders der Eltern, der Mitschüler und wichtiger Autoritätspersonen, wie z. B. Lehrer, Trainer usw.
- der gespürten Fähigkeit, Denken und Handeln anderer beeinflussen zu können.
- dem Gefühl, von anderen akzeptiert, geschätzt und gebraucht zu werden.
- der Gewissheit, Anforderungen bewältigen und Aufgaben erfolgreich lösen zu können.
Vorwiegend AD(H)S bedingte Lernprobleme verhindern oft die positive Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls und einer altersentsprechend entwickelten sozialen Kompetenz.
Hauptursachen für AD(H)S-bedingte Lernprobleme sind:
- die Reizüberflutung des Gehirns mit Überlastung des Arbeitsspeichers.
- unzureichende Ausbildung von Lern- und Gedächtnisbahnen, begünstigt durch Mangel an kognitiver und motorischer Frühförderung oder zu später Behandlung.
- die Zentren im Langzeitgedächtnis erhalten folglich zu wenig spezielle Informationen.
- abgespeichertes Wissen und gewünschtes Verhalten kann nicht schnell und exakt genug abgerufen werden.
- die zu grosse Stressempfindlichkeit und negativer Dauerstress blockieren ein situationsgerechtes Denken und Handeln.
Aus all diesen Punkten – und sie sind lange nicht vollzählig benannt – ergibt sich:
AD(H)S ist mehr als eine Diagnose, es ist ein neurobiologisch und psychosozial geprägtes Bündel vieler Symptome, die auch nur multimodal, lösungsorientiert und persönlichkeitszentriert individuell behandelt werden können und das manchmal lebenslänglich. Ein ausgeprägtes AD(H)S heilt nicht aus; es ändert nur seine Symptome und diese können sich wesentlich verbessern – und das sogar zum Vorteil der Betroffenen – aber leider auch verschlechtern. Das Prinzip meiner (? Unserer oder der) AD(H)S-Therapie war immer: „Nicht seine Mängel zu verwalten, sondern sein Gehirn zu trainieren.“ Durch wiederholtes Üben dicke Lernbahnen aufbauen, so können sich Lernen und gewünschtes Verhalten automatisieren.
Diese Art der Therapie erfordert unter anderem:
- für sich klare und verlässlich Strukturen schaffen.
- Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen.
- einen entsprechenden Therapeuten oder einen Coach finden, um – wenn erforderlich – bei Konflikten emotionale Zuwendung zu bekommen.
- mittels Vorsätzen für erreichbare Ziele und Erfolge sorgen.
- einen kontinuierlichen intensiven Lernstil mit vielen Wiederholungen praktizieren.
- Reizüberflutung vermeiden und für ausreichend Bewegung sorgen.
- einen Terminkalender führen mit täglichen Aufgaben, deren positives Gelingen reflektieren und sich loben lernen.
Ein weiterer, wichtiger Therapiebaustein betrifft das Training der sozialen Kompetenz
Hierfür möchte ich auch einige Beispiele nennen, die aber jeder für sich abändern kann:
- sich entscheiden und angemessen behaupten lernen, nicht gleich nachgeben und sich unterordnen.
- soziale Reize und Signale richtig deuten.
- blockierende Ängste unterbrechen.
- Aufbau positiver Aktivitäten, Selbstabwertung vermeiden.
- Training der Problem- und Konfliktlösung.
- Affekt- und Ärgerkontrolle üben.
- Kommunikationstraining.
Rituale schaffen, ein weiter wichtiger Therapiebaustein bei ADHS
Rituale sind Fixpunkte, die Gedanken ausrichten und Halt geben. Durch ihre ständige Wiederholung automatisieren Rituale bewusst gewollte Handlungen. Sie helfen bei innerer Verunsicherung und schaffen Erfolgserlebnisse, weil sie das Belohnungssystem aktivieren, was dann „Glückshormone“ ausschüttet. Rituale sollten ein wichtiger Bestandteil im Familienalltag sein, und das nicht nur bei AD(H)S-Betroffenen.
Weitere Kraftquellen für jeden Familienalltag, nicht nur für AD(H)S-Familien sind:
- eine feste und klare Rollenverteilung in der Familie.
- gegenseitiger Respekt, keine Abwertung dulden.
- klar definierte Regeln, die für alle Familienmitglieder gelten.
- positive Resonanz und Lob verteilen.
- für Ruhe sorgen mit Gelegenheit zum Rückzug.
- Erziehen durch Vorbildwirkung.
- selbständigkeit fördern und Aufgaben delegieren.
- konsequentes Handeln.
- über Bedürfnisse und Gefühle gemeinsam sprechen.
Je nach Schwere des Betroffenseins ist eine ergänzende Therapie mit Stimulanzien erforderlich in Verbindung mit lern- und verhaltenstherapeutischen Strategien. Diese Therapie setzt eine aktive Mitarbeit voraus.
Wie wirken Stimulanzien bei ADHS
Stimulanzien gleichen die Unterfunktionen in den einzelnen Hirnbereichen aus sowie die Defizite der Botenstoffe aus. Damit können durch Üben Konzentration, Daueraufmerksamkeit und Impulssteuerung verbessert werden. Lernbahnen können sich besser entwickeln, sie ermöglichen eine Automatisierung des Lernens und der Verhaltenssteuerung. Erst fest angelegte Lernbahnen ermöglichen, dass sich die Gedanken besser und schneller aufgabenorientiert ausrichten können und dass Gelerntes im Langzeitgedächtnis an der richtigen Stelle platziert und abgespeichert wird. Erst dann ist es schnell und korrekt genug wieder abrufbar. Die gespürten Lernerfolge erzeugen die nötige Motivation zur Weiterführung einer erfolgreichen AD(H)S-Therapie. Deren Hauptziel ist ein gutes Selbstwertgefühl mit Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und eine altersentsprechend entwickelte soziale Kompetenz.
Ich (wir können?) kann nur allen AD(H)S-Betroffenen dringend empfehlen, sich gründlich mit der AD(H)S-Problematik zu befassen, denn AD(H)S bedeutet nicht gleich Krankheit, sondern ein Mensch mit AD(H)S verfügt über viele besondere Fähigkeiten. Derer muss er sich nur bedienen können. Wenn das nicht möglich ist, sollte sich jeder Betroffene therapeutische Hilfe holen. Heute muss niemand mehr sagen: «hätte ich vom AD(H)S früher etwas gewusst, hätte ich nicht so leiden müssen.»
Dr. Helga Simchen