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Wie der Gelehrte Paracelsus (1493–1541) sein Leben lang durch Europa reiste und zu einem der berühmtesten Ärzte überhaupt wurde.
Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim wurde um 1493 in Einsiedeln in eine Familie des schwäbischen Niederadels hineingeboren. Seine Erziehung genoss er in unmittelbarer Nähe eines Zentrums des Wissens, wodurch sein Schicksal bereits früh besiegelt wurde. Da seine Mutter gestorben war, verbrachte er seine ersten Jahre vor allem damit, seinen Vater, Wilhelm Bombastus, bei dessen Experimenten zu beobachten. Diese fanden im hinteren Teil seiner Werkstatt zwischen seinen Destillierapparaten, Retorten und dem Athanor statt. Schon bald war dem kleinen Philippus die Wissenschaft zur zweiten Natur geworden.
Diese offensichtliche Neigung entging auch seinem Vater nicht. 1502 verliess sein hochgelehrter Vater die Region Schwyz, folgte seiner Leidenschaft für Chemie und Medizin und ging nach Kärnten. Seinen Sohn nahm er mit, um ihn sieben Jahre lang an den Humanismus, die Alchemie sowie die Pflanzenheilkunde heranzuführen. Für den kleinen Buben war dies die erste Etappe in einem Leben als Wanderer.
Als der Wissenschaftslehrling in die Schweiz zurückkehrte, folgte er, nun sechzehn Jahre alt, den Spuren seines Vaters, indem er bei Geistlichen oder auch Ingenieuren der Schwyzer Eisen-, Blei- und Kupferminen in die Lehre ging. Aufgrund seiner Begabung wurde er an die Universität Basel empfohlen. Er trat ein und so begann eine akademische «Tournee», die ihn nach Wien und später nach Ferrara führen sollte.
Mit 22 Jahren, im Jahr 1516, erlangte Philipp den Doktor der Medizin, wobei er ganz dem damaligen Brauch folgte und den Zunamen «Paracelsus» wählte, um seinen akademischen Status in aller Augen zu bekräftigen. So war der junge Mediziner in die Welt entlassen und entschied sich, Norditalien zu verlassen – in jener Zeit nicht die friedlichste Gegend Europas.
Den Kopf übervoll mit Wissen und neugierig auf das Können seiner Berufskollegen ging er zunächst nach Paris und Montpellier. Bis 1524 durchstreifte er Europa, liess sich von seinen Interessen nach Lissabon, Oxford und in die Niederlande führen. Dort wurde er 1519 Barbier-Chirurg im Militär. Dann ging er als Arzt zu den dänischen Truppen und stellte bei der Belagerung von Stockholm 1520 seine Talente in den Dienst der verwundeten Soldaten. Dabei testete er die therapeutische Wirkung von Arsen, Schwefel und Kupfer.
Im Folgejahr ging er in Richtung der Territorien Italiens, stattete auf seinem Weg dem slowakischen Erzgebirge einen Besuch ab, um dort Gold- und Silberproben zu erlangen, und gelangte schliesslich nach Venedig. Da eine Schlacht die ergiebigste Lernumgebung für einen Arzt war, meldete er sich erneut als Feldchirurg bei den Truppen der Republik Venedig, die dann an der Seite von Franz I. gegen die Habsburger im x-ten italienischen Krieg kämpften.
Die Dogenstadt, Treffpunkt der Kulturen, seit Jahrhunderten ein Ort der Verdammnis und des verbotenen Wissens, das Vorzimmer des fernen und mystifizierten Orients, hatte zweifellos eine inspirierende Wirkung auf Paracelsus, der bis 1525 dort blieb. In diesem Jahr machte er sich, noch immer vom Wissensdurst getrieben, wieder auf den Weg: Er reiste nach Salzburg und wurde dann, kurz vor Weihnachten 1526, Bürger von Strassburg. Im Schatten der Kathedrale schrieb er sein erstes Handbuch der Medizin mit dem Thema medizinische Alchemie: die Neun Bücher Archidoxis. Danach kehrte er in die Slowakei zurück, um dort neue Substanzen für seine Experimente zusammenzutragen.
Als er sich im Elsass aufhielt, rettete er einen Freund von Erasmus, der auf der Durchreise in Strassburg war. Es war ein kleines medizinisches Wunder und die Geschichte verbreitete sich schnell in den rheinischen Humanistenkreisen. Im darauffolgenden Jahr wurde Paracelsus, dessen Ruhm ihm vorauseilte, zum Stadtarzt von Basel und Professor an der Universität ernannt. Er war so impulsiv und von seiner intellektuellen Überlegenheit überzeugt, dass er die vorherrschende Lehrmeinung untergrub und sich viele Feinde machte, indem er Hippokrates und Galenos in Frage stellte, die in den Augen seiner Berufskollegen über jeden Zweifel erhaben waren. Er ging sogar so weit, den Kanon der Medizin von Avicenna während der Feier zum Johannistag in aller Öffentlichkeit zu verbrennen.
Über das, was andere über ihn sagten, spottete er über alle Massen, und so plädierte der Schweizer Arzt dafür, Experimente am menschlichen Körper durchzuführen – zulasten der spekulativen Medizin. So schürte er die Abneigung und die Furcht seiner Mitbürger noch weiter. Seine Karriere in Basel war durch seinen Charakter und seine Studien der angewandten Anatomie ramponiert. Dass Paracelsus nun noch auf Schweizerdeutsch statt Latein dozierte, war ihr Ende.
Er wurde aus der Stadt gejagt, war wieder einfacher wandernder Gelehrter und machte sich erneut auf in die Welt, reiste von Stadt zu Stadt, kam nach Colmar, Esslingen, Nürnberg und schliesslich St. Gallen und Appenzell, wo er eines seiner grössten Werke schrieb: Das Buch Paragranum. Liber quatuor columnarum artis medicae.
Danach führten ihn seine Fahrten nach Ulm, Augsburg, München und Sterzing, wo er eine Pestepidemie eindämmte. In diesen Jahren schrieb er viele Handbücher und Studien über sämtliche Themen, die seine Neugier zu wecken vermochten. So widmete er sich auch der Syphilis, okkulten Künsten, der Astronomie und der Astrologie, der Chirurgie, Thermalbädern und den Krankheiten von Minenarbeitern. Von Letzteren beschrieb er die Lungenerkrankungen und empfahl präventive Massnahmen, wodurch er zu einem Pionier der Arbeitsmedizin wurde.
Im April 1541 lud der Fürstbischof Ernst von Bayern Paracelsus nach Salzburg ein, da er den Gelehrten treffen und ihn über die okkulten Künste referieren hören wollte. Diese und das Alphabet der Magie, das Paracelsus erfunden hatte, um die Namen von Schutzengeln auf Talismanen einzugravieren, waren eine Marotte des Kirchenprinzen. Paracelsus starb am 24. September 1541 mit 48 Jahren in der österreichischen Kleinstadt, fünf Monate nach seiner Ankunft, erschöpft von einem Leben des Herumwanderns, das er vor allem im Labor inmitten der Quecksilberdämpfe verbracht hatte.
Seine wissenschaftlichen Errungenschaften überdauerten die Zeit und waren umso mehr von Erfolg gekrönt, als die Sorbonne die Thesen des Schweizer Arztes 1578 verbot.