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Doktorand*in: Nele Solf
Betreuung: Ass. Prof. Der. Alexandra Portmann
Im letzten Jahrzehnt liess sich ein Anstieg recherchebasierter Theaterproduktionen beobachten. Oft die Gegenstände in den persönlichen Erfahrungen der Performer*innen verankert. In diesen Produktionen – irgendwo zwischen Dokumentartheater, Beichte und Lecture Performance – erzählen die Performe*innen Geschichten, von denen sie behaupteten, sie seine autobiografisch, also faktual. Im Verlauf der Stücke wird Faktualität durch verschiedene dramaturgische und inszenatorische Strategien plausibilisiert, nur um dann wieder subvertiert zu werden. Eine bizarre Behauptung, eine Unstimmigkeit, eine Eskalation sähen Zweifel und die klare Unterscheidung von Fakt und Fiktion, Autobiografie und Autofiktion löst sich auf und wird zum Vexierbild, zur Kippfigur. Die Literaturtheorie hat ein ausdifferenziertes Vokabular zur Beschreibung und Unterscheidung von Phänomenen der Fiktionalität und Faktualität entwickelt, während es der Theaterwissenschaft oft noch an den Begriffen dafür fehlt, besonders, wenn esum Probleme der Ambiguität geht. Während der Fiktionalitätsstatus in Produktionen des dramatischen Stadttheaters oft nicht infrage steht, ist es vielversprechend Fiktionalitätstheorien auf andere Theaterformen anzuwenden. Um konzise und methodisch über Fiktionalität in Theater und Performace zu sprechen ist es hilfreich, vertiefte Kenntnisse aus Theaterwissenschaft und Literaturwissenschaft, sowie aus der praktischen Arbeit am Theater zu verbinden.Ich habe Literaturwissenschaft mit einem Schwerpunkt in Fiktionalitätstheorie sowie Theaterwissenschaft und Dramaturgie studiert und als Theatermacher:in in Zürich gearbeitet und werde diese Hintergründe in meiner Untersuchung zusammenführen.Die oben genannten fktionalen Kippfiguren werden von den Künstler:innen bewusst und sorgfältig gestaltet. Postdramatische Theaterschaffende der Schweizer und Deutschen Freien Szene wie Boris Nikitin oder die Frauen und Männer des Kollektivs Markus&Markus konstruieren viele ihrer Werke rund um solche Ambiguitäten. In seinem Stück «Hamlet» nutzt Nikitin biografisches Material – eigenes und das des Perfomers Julian Meding – um eine sich steigernde Unsicherheit über die Verlässlichkeit der Geschichten, die Meding über sich erzählt, zu erzeugen. Im Nachfolgestück «Versuch über das Sterben» reflektiert Nikitin über «Hamlet», legt dar, wie er die Grenze zwischen Autobiografie und Autofiktion verwischt hat und wie diese Praxis in seiner eigenen Identität als homosexueller Mann wurzelt. In «Ibsen: Gespenster» begleitet das Kollektiv Markus&Markus eine Frau, die begleitete Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Im ganzen Stück werden dokumentarische Videoaufnahmen gezeigt, deren Wahrheitsgehalt zugleich immer wieder subtil in Frage gestellt wird. Das Stück kulminiert in einer Aufnahme, die anscheinend zeigt, wie die Frau stirbt. Mein Dissertationsprojekt basiert vorrangig auf dem Fiktionalitätskonzept des Narratologen Gérard Genette, ist aber auch anderer Fiktionalitätstheorien eingedenk. Genette definierte Fiktionalität und Faktualität als Erzählmodi, die durch verschiedene Konfigurationen von Identität und Differenz von Erzähler, Autor und Person geschieden sind. Auch wenn dieses Modell von Identität und Differenz nicht einfach übertragbar ist, kann es adaptiert werden, um Einsichten in Erzählmodi des Performancetheaters zu gewinnen. Mithilfe dieser Theorie wird das Dissertationsprojekt Theaterproduktionen aus der Schweizer und Deutschen Freien Szene untersuchen, um zu verstehen, wie, von wem und zu welchem Zweck dort dramaturgische und inszenatorische Strategien genutzt werden, um fiktionale Kippfiguren zu erzeugen.