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Stolperstein: «Askese»
Das Substantiv «Askese» ist vom altgriechischen Verb «askeín» abgeleitet, das üben bedeutet.
Das Wort «Askese» klingt wohl für viele heutige Ohren fremd und herb und wohl auch deswegen streng. Dieser Beiklang, der dem Wort anhaftet, hängt vermutlich mit dem Vorverständnis zusammen, das heute von Askese kursiert.
Wer das Wort vernimmt, denkt pointiert gesagt an etwas, das mit Einschränkung, mit Medizin und Lebensverneinung zu tun hat. Und mancher erinnert sich dabei, dass diese oder jene Person asketisch lebt, also Askese betreibt, und empfindet für diese Menschen einen Hauch von Bewunderung, flüstert sich aber gleichzeitig ein, dass ein solcher Lebensstil für ihn ohnehin unerreichbar sei.
Das Substantiv «Askese» ist vom altgriechischen Verb «askeín» abgeleitet, das üben bedeutet. Genau genommen ist also jemand, der Askese betreibt, eine Person, die übt.
Ebenso verhält es sich mit jemandem, der asketisch lebt: Es sind Frauen oder Männer, die unterwegs sind. Sie haben das Ziel noch nicht erreicht, sondern versuchen, ihm mit Übungen näherzukommen.
Bei diesen Übungen trainieren sie ihren Körper und Geist und möchten dadurch ihren Charakter schulen und festigen. Dies kann vor dem Hintergrund unterschiedlicher Motivationen und Weltanschauungen geschehen.
Jede Form von frei gewähltem Verzicht, frei gewählter Enthaltsamkeit, mit der ein übergeordnetes Ziel angestrebt wird, kann als Askese gelten. Leider kann asketisches Verhalten aus neurotischen Veranlagungen entstehen und zu selbstquälerischen Handlungen führen.
Im Laufe der Geschichte haben sich einzelne Christen und Vertreter östlicher Religionen nicht nur durch übertriebenes Fasten, zu viele Nachtwachen oder rigide Sexualmoral massiv beschädigt, sondern ihre Verzicht-Orgien auch noch mit destruktivem Machtgebaren kompensiert.
Umgekehrt ist uns angesichts der weltweiten Umweltzerstörung und des globalen Gefälles zwischen Arm und Reich bewusst, dass wir alle gewännen, wenn wir genügsamer und zumindest zeitweise asketischer lebten:
Für die nächste Reise nur einen Rollkoffer zu packen, sich in der nächsten Woche auf nur ein Gedicht zu konzentrieren und einen Mangel, eine Entbehrung oder ein Leiden nicht sogleich zu ersticken, sondern eine Weile durchzutragen und vor Gott zu bringen – das alles kann positive Askese, Lebenskunst und stärkender Verzicht um des Reiches Gottes willen zugleich sein.
Aber sicher, wir benötigen in diesem delikaten Gebiet kundige Ratgeberinnen und Ratgeber, die uns sagen, wo Askese destruktiv ist und wo sie unser Leben fördert.
Text: Franz-Xaver Hiestand SJ, Leiter des aki