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Geschichte
Lernen aus Kriegsniederlagen?
Der jüngst verstorbene Historiker Reinhard Koselleck hat die These aufgestellt, dass die weiterreichenden Einsichten in die Geschichte nicht von den Siegern, sondern von den Besiegten stammen, da sie in größerer Erklärungsnot seien. Diese These stand nun auf dem Prüfstand. Der vorliegende Sammelband präsentiert 24 ausgewählte Beiträge aus zwei gemeinsamen Tagungen der Regensburger Forschungsgruppe "Krieg im Mittelalter", des Tübinger Sonderforschungsbereichs "Kriegserfahrungen" und des Giessener Sonderforschungsbereichs "Erinnerungskulturen", die im Oktober 2002 und im April 2003 stattfanden. Sie spannen einen Bogen vom frühen Mittelalter bis zum 11. September 2001.
Der interdisziplinäre Ansatz spiegelt sich - nach einer Einführung - in der Gliederung des Bandes in fünf Teile wieder. Im ersten werden historiographische und literarische Verarbeitungen vorgestellt: die Rezeption des Rolandsliedes durch den Deutschen Orden, literarische Muster von Niederlagen in den deutschsprachigen Romanen des 15./16. Jahrhunderts, die Debatte um die Volksgeschichte in Deutschland und das Deutungsmodell des "deutschen Sonderwegs".
Im zweiten Teil werden Lernprozesse und politische Instrumentalisierungen untersucht. Die Texte behandeln die Schlacht bei Sempach (1386) im Gedächtnis des Hauses Habsburg, die militärische Delegitimierung als Mittel sozialer Disziplinierung nach der Schlacht von Azincourt (1415), die Umdeutung der Niederlage des Russlandfeldzuges 1812 in einen nationalen Sieg, die österreichische Niederlage von 1866 als retrospektiver Sieg, das Totengedenken Tübinger und Cambridger Studenten, die Grenzdiskussionen in Deutschland, die Erfahrungen sowjetischer Offiziere im Ersten Weltkrieg und der Mythos der polnischen Heimatarmee.
Religiöse Deutungsmuster stehen im Mittelpunkt des dritten Teiles. Die Themen sind hier die "Große Revanche" in populäre Weissagungen des mittelalterlichen Orients und Okzidents, die Reichsstadt Rottweil im Dreißigjährigen Krieg, die Frage nach einer katholischen Niederlage 1648 und inwieweit die Niederlage gegen die Französische Revolution als "Strafe Gottes" gesehen wurde.
Teil vier beinhaltet Diskurse um Geschlecht und Ehre anhand der Darstellung von Flucht und Exil Luise von Preußens zwischen 1870 und 1933, der Bedeutung der Ehre im Amerikanischen Bürgerkrieg und der Symbolik der Figur des Kriegsinvaliden in der Weimarer Republik.
Schlussendlich im fünften und letzten Teil werden mediale Bearbeitungen thematisiert. Am Bespiel des Schmalkaldischen Krieges (1547-1552) wird die Konstruktion von Niederlagen in den frühneuzeitlichen Massenmedien dargestellt. Es folgen Artikel über die bildpublizistische Verarbeitung der Revolutionsniederlagen in Frankreich 1793-1871, Kriegsniederlagen in der Militärmalerei des 19. Jahrhunderts und die "Helden" des Ersten Weltkrieges in der bildenden Kunst. Der letzte Beitrag fragt nach der Niederlage des 11. September 2001 und schildert die Entstehung eines globalen Erinnerungsorts.
Zwar ist die Herangehensweise der einzelnen Autoren der Beiträge an das Thema ihren verschiedenen Disziplinen entsprechend unterschiedlich, sie führen aber insgesamt zu dem Ergebnis, dass nicht die Niederlage allein, sondern der Umgang der Gesellschaft mit der Niederlage einen Erfahrungsgewinn bedeuten kann. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, zeigen die Beiträge in ihrer eindrucksvollen Vielfalt. Die Texte sind überwiegend gut zu lesen. Da sie Tagungsbeiträge der Forschung sind, besitzen sie einen umfangreichen Fußnotenapparat. Den Artikeln über die medialen Bearbeitungen sind eine Anzahl anschaulicher schwarz-weiß Abbildungen beigefügt. Kurzbiographien der Autoren runden den interessanten und lesenswerten Sammelband ab.