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Christine Blanken war tüchtig und präsentiert einen ersten, großen Erfolg ihrer Arbeit. Auf der Suche nach Bach-Kantatendichter unter Bachs Privatschülern präsentiert sie den Leipziger Studenten Christoph Birkmann (1703-1771). Dieser studierte von 1724 bis 1727 Theologie und Mathematik an der Universität Leipzig. Während dieser Zeit wirkte er nachweislich als Musiker an Bachs Kantatenaufführungen mit. Aber damit nicht genug! Blanken fand in der Nürnberger Stadtbibliothek einen Band mit Kantatendichtungen Birkmanns unter dem Titel "Gott-geheiligte Sabbaths-Zehnden". Laut Vorwort behauptet Birkmann, die Verse weitgehend selbst verfasst zu haben.
Der Band enthält die Texte zu mehr als 30 Bach-Kantaten; unter ihnen so berühmte Solo-Kantaten wie BWV 56 "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" und BWV 82 "Ich habe genug". Außerdem ist in dem Buch der Text zur zweiten Fassung der Johannes-Passion (1725) abgedruckt.
Den Direktor des Leipziger Bach-Archivs, Peter Wollny, überrascht der Fund nicht wirklich. Man habe nach Birkmanns Nachlass gezielt gesucht, denn "Bachs Clavier-, Orgel- und Kompositionsschüler wussten all das, was wir heute gern über Bach wissen würden. Schließlich gehörten die (Privat-)Schüler Bachs zu dessen engsten Umkreis und waren mit seinen Unterrichtsprinzipien, seiner Persönlichkeit und der Aufführungspraxis seiner Werke bestens vertraut".
Ich bin sehr gespannt, was Dr. Christine Blanken noch ans Tageslicht bringen wird. Neue, bisher unentdeckte Dokumente zu Bachs Wirken, nicht nur als Thomaskantor, werden dringend benötigt, um Licht in das Dunkel zu bringen.
ich habe mit Interesse die englische Publikation von Fr. Dr. Blanken gelesen und andere Quellen.
Mich interessiert Deine Meinung zu folgendem:
Christoph Birkmann (Bürkmann) gibt im Vorwort zu "Gott-geheiligte Sabbaths-Zehnden" an, die Kantaten stammen von ihm. Auf Seite 12 des Blanken.pdf steht: As the list above shows, at least 18 of the 30 cantata texts in the Sabbaths - Zehnden were not written by Birkmann. 18 von 30 Kantatentexten können nachweislich nicht von Birkmann stammen, da diese schon vorher von anderen veröffentlicht wurden bevor Birkmann in Leipzig war.
Ich frage mich, welche Sicherheit wir dann haben, dass der Rest wirklich von Birkmann stammt und keine bloße Behauptung ist. Seltsam kam mir vor, dass Birkmann nirgends Bach erwähnt hat. Yo, wenn Du mehr herausgefunden hättest, wäre ich Dir dankbar für weitere Infos.
Leider habe ich keine Kopie der „Gott-geheiligten Sabbaths-Zehnden“ vorliegen. Aus den Mitteilungen des Bach-Archivs geht hervor, dass
„Birkmann kurz nach seiner Berufung als Diakon an die St. Sebald Kirche in Nürnberg einen Jahrgang mit Kantatendichtungen herausgab: die »Gott-geheiligten Sabbaths-Zehnden«, und behauptet im Vorwort, die Verse weitgehend selbst verfasst zu haben.“
Christine Blanken schreibt dazu, dass in dem Dokument 71 Kantatentexte für das ganze Kirchenjahr einschließlich aller Feier- und Festtage enthalten sind. Sie hat durch ihre Arbeit nachzuweisen versucht, in wieweit die Texte nachprüfbar von Birkmann sind. Als sicher können die Texte zu BWV 49, 52, 55, 56, 58, 82, 98 und 169 gelten, die zwischen dem 20.10.1726 und 02.02.1727 in Leipzig zur Aufführung gelangten. Bis heute konnte kein anderer Autor als Birkmann für die Libretti nachgewiesen werden. Ebenfalls sicher ist, dass 18 Libretti anderen Textdichtern zugeordnet werden konnten.
Bei den vorgelegten Untersuchungen Blankens handelt es sich um einen vorläufigen Bericht zum Thema Birkmann. Andere Librettisten aus der Gruppe der Privatschüler sollen folgen. Das Endergebnis soll Ende 2017 vorliegen.
Du schreibst, dass du in den Sabbath-Zehnden keinen Hinweis auf JSB finden konntest. Auf Seite 1 in Blankens Bericht heißt es, zitiert aus Birkmanns Buch:
Even so, I did not give up music entirely. I diligently followed the great composer Mr Bach and his choir, and in winter joined in with the collegia musica (Collegium Musicum), and this gave me an opportunity to continue assisting many students with the help of the Italian [welsch] language.
Dafür, daß ich dieses Forschungsergebnis für eine kleine Sensation halte, ist das Echo in der deutschen Presse sehr verhalten bis nicht vorhanden, was für mich heißt, Kultur rangiert eindeutig hinter Sensationsgier und Berichten von der Flüchtlingsfront. Eine Schande!
danke für die Hinweise. Beim nochmaligem Lesen der Dokumente habe ich versucht die Indizienkette von Fr.Dr. Blanken nochmal nachzuvollziehen.
Wenn ich mich nicht irre, gibt es 2 Hauptindizien:
1. Das "I"-Argument, eine besondere stilistische Form der Reflexion, die man sonst nicht in anderen Kantaten antrifft. Dieses weist auf eine einzige Person hin und deren stilistische Eigenart.
2. Das Kreuzstab- Argument. Da Birkmann sich aufgrund mathematischer Studien genau diesem Thema (nautischer Messstab) gewidmet hat.
Der Kreuzstab (Ferula) scheint eine rein römisch-katholische Insignie (dem Papst vorbehalten, der Bischofsstab ist ein Krummstock) zu sein. Ganz schlau geworden daraus, bin ich bis jetzt noch nicht. Was "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" zu bedeuten hat, wirft bei mir nur Fragen auf, was das in lutherischem Sinn zu bedeuten hat?
Diese Argumente 1 und 2 erhöhen die Wahrscheinlichkeit für die Urheberschaft, würden jedoch, wenn man so will, als Indizienkette, juristisch nicht ausreichen eine Täterschaft nachzuweisen. Für viele andere im Umfeld Bachs, würde das auch zutreffen. In dubio pro reo, gibt es hier nicht.
Beunruhigend für mich ist deshalb der Umstand, dass Wikipedia- Einträge zu den in Frage kommenden Kantatentexten, zeitgleich mit dem Erscheinen des Blanken-Dokuments geändert wurden nach Urheber Birkmann, siehe dort die Versionsgeschichte. Für einen vorläufigen Bericht werden dort schon endgültige Kriterien geschaffen!
Allgemein nimmt man bei historischer Forschung eine endgültige Beweislage erst an, wenn es zu den Hypothesen, so bezeichnet Blanken selbst das Ergebnis ihrer Untersuchung, weitere externe Verweisquellen gefunden werden oder ein direkter Beweis. Hier ist Blanken soweit seriös, dass sie das Ergebnis eine Hypothese nennt.
Dass Bach nicht von Birkmann genannt wird, meinte ich mit Bezug auf die Texte. Birkmann hätte ja schreiben können: Die Texte habe ich für Bach geschrieben. Besonders, wegen der kompletten Erscheinung eines ganzen Jahrgangs, erwartet man so etwas. Gerade bei Bach, der wahllos Textaufträge vergeben hat (Zitat Yo), triff man innerhalb eines Jahrgangs immer wieder auf unterschiedliche Autoren. Dieses kam auch Blanken wahrscheinlich seltsam vor, worauf sie treffender Weise auf verschiedene Texte gestoßen ist, die nicht von Birkmann stammen konnten. Fest steht aber, Birkmann muss diese Texte komplett für den eigenen Gebrauch kopiert haben. Nimmt man aber deshalb an, da es von BWV 847 eine Kopie von C.P.E. Bach gibt, er sei der Autor? Eher nein.
Fazit für mich ist, der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen. Ich werde abwarten, bis es neue Argumente dazu gibt.