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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

15. Buch
16. Für die ersten Ehen galt ein anderes Recht als für die späteren
1 . Da nun das Menschengeschlecht nach der ersten Vereinigung zwischen dem aus Staub gebildeten Mann und seiner aus der Seite des Mannes genommenen Gattin der Verbindung von Männern und Frauen bedurfte, um sich durch Zeugung zu mehren, und keine anderen Menschen da waren als nur eben Kinder jenes ersten Paares, so nahmen die Männer ihre Schwestern zu Frauen; das erzwangen im grauen Altertum die Verhältnisse ebenso unausweichlich, wie es später die Religion für verwerflich erklärte. Man nahm jetzt mit vollem Recht Rücksicht auf die Liebe, und daher sollten die Menschen, für die ja die Eintracht nützlich und schicklich war, durch die Bande vielfältiger Verwandtschaftsverhältnisse aneinandergekettet werden; es sollte nicht ein einzelner in sich allein viele Verwandtschaftsverhältnisse vereinigen, sondern diese sollten sich einzeln über Einzelmenschen verteilen und so eine möglichst große Zahl von Menschen erfassen, um das genossenschaftliche Leben fester in Liebe aneinanderzuketten. Vater und Schwiegervater z. B. sind Bezeichnungen für zwei Verwandtschaftsverhältnisse. Und also erstreckt sich die Liebe über eine größere Zahl, wenn einer einen andern zum Schwiegervater hat als den Vater. Beides zugleich aber mußte der eine Adam seinen Söhnen wie seinen Töchtern sein, als sich die Brüder und Schwestern ehelich verbanden. So war auch Eva, sein Weib, ihren Kindern beiderlei Geschlechtes sowohl Schwiegermutter als auch Mutter; wären das zwei verschiedene Frauen gewesen, eine Mutter und eine Schwiegermutter, so würde sich vielfältiger das Band der genossenschaftlichen Liebe geknüpft haben. Schließlich vereinigte nun auch die Schwester, indem sie zugleich Gemahlin wurde, zwei Verwandtschaftsverhältnisse in sich; wären sie auf zwei Einzelpersonen verteilt worden, von denen die eine Schwester, die andere Frau ist, so würde sich die genossenschaftliche Beziehung an Zahl der in ihren Kreis gezogenen Menschen vermehrt haben. Aber hierzu gebrach es damals an aller Möglichkeit, da es keine anderen Menschen gab als Brüder und Schwestern vom ersten Menschenpaare her. Es mußte also, sobald es eben möglich war, so eingerichtet werden, daß aus der nun vorhandenen Auswahl Gemahlinnen, die nicht mehr Schwestern waren, heimgeführt wurden und nicht nur die Nötigung zur Schwesterheirat aufhörte, sondern diese selbst als ein Unrecht galt. Denn wenn auch noch die Enkel des ersten Menschenpaares, die nun schon Geschwisterkinder zu Frauen nehmen konnten, mit ihren Schwestern Ehen eingegangen hätten, so wären in einem Einzelmenschen schon nicht mehr bloß zwei, sondern drei Verwandtschaftsverhältnisse entstanden, von denen jedes auf einen andern hätte verteilt werden sollen, um die Liebe durch möglichste Ausdehnung der Verwandtschaft ineinanderzuflechten. Es wäre nämlich ein Einzelmensch seinen Kindern, nämlich dem ehelich verbundenen Geschwisterpaar, Vater, Schwiegervater und Oheim gewesen; und ebenso die Frau jenes Einzelmenschen den beiden Kindern Mutter, Tante und Schwiegermutter; und das eheliche Geschwisterpaar wäre zueinander nicht nur Geschwister und Eheleute, sondern auch Vetter und Base gewesen als Kinder von Geschwistern. Alle diese Verwandtschaftsverhältnisse aber, die den einen Menschen mit dreien verbinden, würden ihn mit neun verbinden, wenn jedes von ihnen auf einen andern ginge [Dies ist indes bei der Ehe von Geschwisterkindern, wovon doch nach dem Zusammenhang die Rede ist, nicht der Fall, vielmehr beschränkt sich hier das neunfache Verwandtschaftsverhältnis auf sechs Personen.]; es wären dann für den Einzelmenschen gesondert voneinander vorhanden eine Schwester, eine Gemahlin, eine Base, ein Vater, ein Oheim, ein Schwiegervater, eine Mutter, eine Tante, eine Schwiegermutter; und so würde sich, nicht eng zusammengezogen über ein paar Menschen, das Band der Vergesellschaftung weiter und vielfacher schlingen in zahlreichen Verwandtschaften.
Daran sehen wir denn, als das Menschengeschlecht wuchs und sich mehrte, auch die gottlosen Verehrer der vielen und falschen Götter festhalten, mit einer Zähigkeit, daß, selbst wenn schlechte Gesetze Ehen unter Geschwistern gestatteten, doch die gute Sitte lieber schon vor der Freiheit zurückschreckt und Schwestern zur Ehe zu nehmen, obwohl das in den ersten Zeiten des Menschengeschlechtes völlig freistand, so sehr verabscheut, als hätte es niemals freistehen können. Das Herkommen hat eben eine große Macht über das menschliche Gemüt, es anziehend oder abstoßend; und da in diesem Falle das Herkommen unmäßige Begier in Schranken hält, so gilt es mit Recht für frevelhaft, es umzustoßen oder zu verletzen. Denn wenn es schon unrecht ist, aus Habsucht die Ackergrenze zu verrücken, wieviel schlimmer dann, aus unreiner Lust die durch die Sitte geheiligte Grenze einzureißen! Bezüglich der Ehen unter Geschwisterkindern aber haben wir auch in unseren Tagen die Beobachtung gemacht, wie selten, im Hinblick auf den Verwandtschaftsgrad, der dem zwischen Geschwistern am nächsten steht, wirklich geschah, was gesetzlich doch immerhin freistand, da kein göttliches Gesetz es verwehrte und auch noch kein menschliches dagegen erlassen war2 . Indes auch vor einer erlaubten Tat schreckte man zurück wegen der großen Nähe einer unerlaubten, und was man mit dem Geschwisterkind tat, galt beinahe wie mit der Schwester getan; denn sie heißen in ihrem Verhältnis zueinander Geschwister wegen ihrer so nahen Blutsverwandtschaft und sind beinahe leibliche Geschwister. Es war jedoch bei den alten Vätern Gegenstand angelegentlicher Sorge, die Verwandtschaft, damit sie sich nicht allmählich im Laufe der Fortpflanzung verflüchtige und allzu weit ausdehne und so aufhöre, eine Verwandtschaft zu sein, durch ein neues Eheband wieder festzuknüpfen, ehe sie sich noch zu weit entfernt hatte, und die fliehende gleichsam zurückzurufen. Daher nahmen sie, auch nachdem der Erdkreis bevölkert war, zwar nicht Schwestern, die vom eigenen Vater oder der eigenen Mutter oder vom eigenen Elternpaar stammten, zu Frauen, aber sie liebten es doch, innerhalb ihres Stammes zu heiraten. Indes sind ohne Zweifel in unseren Zeiten Ehen auch unter Geschwisterkindern schicklicher verboten worden; nicht nur, gemäß unseren obigen Ausführungen, mit Rücksicht auf die Vervielfältigung der Verwandtschaften, damit sich nicht in einer Person zwei Verwandtschaftsgrade vereinigten, da doch zwei Personen daran teilhaben und so sich die Verwandten der Zahl nach mehren könnten, sondern auch weil sich innerhalb des Gebietes der menschlichen Scheu von Natur aus ein merkwürdiger und lobenswerter Zug findet, wonach man an eine Person, der man auf Grund der Verwandtschaft ehrerbietige Achtung schuldet, nicht mit unreiner, wenn auch der Zeugung dienender Lust herantritt, über die wir selbst die eheliche Züchtigkeit Scham empfinden sehen.
Die Verbindung von männlichen und weibliche» Wesen also ist, soweit das Menschengeschlecht in Betracht kommt, eine Art Keimzelle des Staates; jedoch der Weltstaat bedarf nur der Geburt, der himmlische dagegen auch der Wiedergeburt, um den Schaden von der Geburt her los zu werden. Ob es indes vor der Sündflut ein äußeres und sichtbares Zeichen der Wiedergeburt gab, wie die Beschneidung eines war, die nachmals dem Abraham aufgetragen ward3 , und welcher Art es war, falls es eines gab, darüber spricht sich die heilige Geschichte nicht aus. Wohl aber spricht sie ausdrücklich davon, daß jene ältesten Menschen Gott geopfert haben; das ist bei den zwei ersten Brüdern, wie erwähnt, der Fall gewesen, und ebenso wird von Noe berichtet4 , daß er Gott Opfer darbrachte, als er die Arche verlassen hatte. Was aber das Opfer als solches betrifft, so haben wir schon in früheren Büchern gesagt5 , daß die Dämonen, indem sie sich Göttlichkeit anmaßen und für Götter erachtet zu werden begehren, nur deshalb den Dienst des Opferns für sich heischen und an derlei Ehrenbezeugungen ihre Freude haben, weil sie wissen, daß das wahre Opfer dem wahren Gott allein gebühre.
1: Von diesem Kapitel sind mehrere Sätze als cap. un. qu. 1 C. XXV in das Gratianische Dekret übernommen worden als Begründung für das Verbot der Verwandtenehe.
2: Kaiser Theodosius [379—395] verbot durch ein Gesetz die Ehe zwischen Geschwisterkindern; L. I Cod. Theodos. [3, 12].
3: Gen. 17, 10 f.
4: Ebd. 8, 20.
5: Oben X 4—21.