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Geschlechtsdimorphismus, also der geschlechtsbedingte Unterschied, ist ein weltweites Phänomen bei Mensch und Tier. Einer der augenscheinlichsten Unterschiede ist die Grösse. Der Hirsch ist grösser als das Reh, der Hahn grösser als das Huhn, jedoch ist die Blauwal-Kuh grösser als der Blauwal-Bulle. Bei den Menschen ist der Mann im Schnitt grösser als die Frau. Der durchschnittliche Schweizer Mann ist 178 cm gross, die Frau 165 cm, ein Grössenunterschied von 13 cm.1 Was hat es mit diesen scheinbar festen Regeln der Natur auf sich? Schon bei der ersten Untersuchung bei einer Schwangerschaft wird das neue Leben vermessen und im Verhältnis zu anderen Föten gesetzt. Anhand dieser Werte wird die Entwicklung des Ungeborenen überwacht. Kinder müssen bis in die Pubertät bei jeder ärztlichen Untersuchung die Prozedur des Wiegens und Messens über sich ergehen lassen. Sie werden mit einer Norm verglichen. Entsprechen sie dieser nicht, werden Massnahmen ergriffen.
Wachstum ist ein komplexer Vorgang, der nicht nur durch verschiedene Hormone, sondern auch durch exogene und genetische Faktoren beeinflusst wird. Die Genetik soll nur zu 5% für diese Variabilität verantwortlich sein.2 Mädchen wachsen früher und langsamer, Jungen später, dafür länger. Durch diese unterschiedliche hormonelle und ontogenetische Entwicklung entsteht eine Diskrepanz, die für den Grössenunterschied zwischen Frau und Mann verantwortlich ist.3 Diese Tatsache erklärt zwar den biologischen Vorgang, jedoch nicht die Ursache. Als noch die Jagd das menschliche Fortbestehen gesichert hat, wäre vermutlich ein höher gewachsener Mann, mit entsprechender Kraft um Tiere zu erlegen, im Vorteil gewesen. Betrachten wir aber heutige Jäger- und Sammlergruppen, fällt auf, dass eine erfolgreiche Jagd nicht mit der Körpergrösse zusammenhängt. Die San im südlichen Afrika beispielsweise, mit einer relativ geringen Körpergrösse, sind sehr erfolgreiche Jäger.
Eine Klärung dieses Widerspruchs scheint die sexuelle Selektion zu liefern. Bei polygamen Tierarten, also bei einem Männchen mit mehreren Weibchen, sind die Männchen meist viel grösser. Den Kampf um das Weibchen gewinnt bei Herdentieren der Stärkere und damit oft auch der Grössere, weil dieser meist mehr Muskelmasse hat. Bei fast allen monogamen Verbindungen, wie beispielsweise den Gibbons, fällt die Grössendiskrepanz zwischen den Geschlechtern kaum auf. Der Mensch musste dieser These zufolge bis vor nicht allzu langer Zeit um die Frau kämpfen und pflegte eine polygame Lebensart. Wieso hat sich aber die Körpergrösse dem monogamen Lebensstil der Menschen nicht angepasst? Eine Erklärung könnte die andauernde Bevorzugung grösserer Männer durch Frauen und kleineren Frauen durch Männer in der Partnerwahl sein.
Begünstigt wird der Grössenunterschied zusätzlich durch die unterschiedliche Ernährung der beiden Geschlechter. Weltweit sind Mädchen und Frauen meistens schlechter ernährt als Jungen und Männer. Dieses Phänomen wird geschlechtsspezifische Ernährungsdiskriminierung genannt. Studien zufolge leiden heute doppelt so häufig Frauen an Unterernährung als Männer und das Sterberisiko bei Mädchen ist doppelt so hoch wie bei Jungen. Davon sind in erster Linie ärmere Regionen der Erde betroffen. Dennoch zeichnet sich dieser Trend auch in den Industrienationen ab. Dieser gesellschaftlich organisierte Mangel ist für uns so selbstverständlich, dass wir ihn gar nicht bemerken. Vielleicht gibt es sie noch, die Familien in unserer Stadt, wo der Vater, das Oberhaupt der Familie, wie selbstverständlich das grösste Stück vom Sonntagsbraten bekommt? Dabei sind es gerade die Frauen, die, bedingt durch Menstruation, Schwangerschaft und Stillzeit, mehr Proteine und Eisen brauchen. Letztlich ist es so, dass Frauen auf Grund kultureller Faktoren ihr Wachstumspotenzial nicht gänzlich ausschöpfen und wir Menschen es möglicherweise selber in der Hand haben, wie gross oder klein wir im Verhältnis sind.