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Mit dem Austausch diplomatischer Noten in Belgrad (dodis.ch/48190) nahmen am 18. März 1946 die Schweiz und die Sowjetunion nach fast 30 Jahren Funkstille erstmals offizielle Beziehungen auf. Die Normalisierung des Verhältnisses zur neuen Supermacht im Osten war eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung der internationalen Beziehungen der Schweiz im beginnenden Kalten Krieg.
Beziehungslose Zeiten
Seit der Ausweisung einer diplomatischen Sowjetmission im November 1918 (dodis.ch/43740) hatten zwischen Bern und Moskau «beziehungslose Zeiten» geherrscht. Der Versuch, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Kontakte mit der UdSSR anzuknüpfen (dodis.ch/47861), wurde von den Sowjets auf Grund der «pro-faschistischen Politik» der Eidgenossenschaft, wie es in einer unverblümten diplomatischen Note vom Herbst 1944 heisst, brüsk zurückgewiesen (dodis.ch/47881, Original französisch). Als Folge des Affronts trat der schweizerische Aussenminister, Bundesrat Marcel Pilet-Golaz, von seinem Amt zurück (dodis.ch/47892).
Das Kriegsende und die sowjetischen Guthaben
Für den neuen Aussenminister Max Petitpierre hatte die Normalisierung des Verhältnisses zur Siegermacht im Osten höchste Priorität. Für dieses Ziel musste ein hoher Preis bezahlt werden. Im September und Oktober 1945 hob der Bundesrat die 1941 verhängte Sperre über sowjetische Guthaben bei der Nationalbank und den Privatbanken auf. «Immer den Blick auf die Wünschbarkeit der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen gerichtet» erachtete die Landesregierung diesen Schritt als «Vorleistung» an Moskau (dodis.ch/57). 20 Millionen Franken wurden ausbezahlt, ohne dass die eigenen sehr umfangreichen finanziellen Entschädigungsforderungen – über 1,5 Milliarden allein für Vertreibungen, Plünderungen und Enteignungen nach der Oktoberrevolution von 1917 (dodis.ch/51) – gestellt wurden.
Die Interniertenfrage und ein unmoralisches Angebot
Ausserdem standen bei Kriegsende Verhandlungen mit einer Militärdelegation um das Schicksal von rund 10'000 internierten sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern an, die aus dem Deutschen Reich in die Schweiz geflohen waren. Nicht alle von ihnen wollten in die Sowjetunion zurückkehren, darunter ein politischer Flüchtling und ein Deserteur. Nach völkerrechtlichen Kriterien hätten die beiden Russen nicht ausgeliefert werden dürfen. Moskau drängte jedoch auf einen Austausch mit fünf Schweizer Diplomaten, die von der UdSSR festgehalten wurden. In Bern fürchtete man, «die Verwerfung des russischen Vorschlages könnte die Bereitschaft der Sowjetunion, die diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz aufzunehmen, im ungünstigen Sinne beeinflussen» (dodis.ch/53). Im Dezember 1945 entschied sich die Landesregierung, dem sowjetischen Druck nachzugeben (dodis.ch/1340).
Helvetischer «Gang nach Canossa»
Die Einigung in der Interniertenfrage ebnete den Weg zu den Verhandlungen über eine Wiederaufnahme der Beziehungen mit der UdSSR. Diese wurden durch eine Initiative des schweizerischen Gesandten in Jugoslawien, Eduard Zellweger, mit der sowjetischen Botschaft in Belgrad eingeleitet. Wiederum stellten die Sowjets harte Forderungen. Sie verlangten vom Bundesrat eine Entschuldigung für dessen «antisowjetische Haltung» in der Vergangenheit. Petitpierre lehnte zunächst ab (dodis.ch/1921, Original französisch; vgl. auch dodis.ch/50). «Der Bundesrat bringt zum Ausdruck, dass er seine bisherige Haltung, soweit diese unfreundlich gegenüber der UdSSR war, geändert hat», lautete die Formel, auf die man sich schliesslich einigen konnte (dodis.ch/48190, Original französisch).
Normalisierung nach dem «Super-GAU»
Nach dem Notenaustausch vom 18. März 1946 entwickelten sich die Dinge rasch. Bereits Ende April 1946 konnte Hermann Flückiger als erster schweizerische Gesandter in Moskau seine Arbeit aufnehmen. Auch die Wirtschaftsbeziehungen kamen in Gang. Im März 1948 schlossen die Schweiz und die UdSSR in Moskau ein Handelsabkommen ab (dodis.ch/4021). Nichtsdestotrotz waren die Umstände, unter denen der Bundesrat die Beziehungen zur Sowjetunion normalisierte, traumatisierend für die Schweiz. Die weitgehenden Konzessionen und das demütigende Prozedere waren ein Super-GAU für die Schweizer Diplomatie, und zeitigten weitreichende Konsequenzen.