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6. Der Bergsurz von Biasca
In der langen Unglückschronik Biascas nehmen der Bergsturz von 1513 und der zwei Jahre später erfolgte Ausbruch des durch ihn bedingten Stausees die markantesten Stellen ein. Biasca litt oft unter den Überschwemmungen von Ticino und Brenno. Krieg, Pest und menschlicher Wahn schlugen ihm manche schwere Wunde. Aber die durch ihr plötzliches Auftreten schreckenden Naturereignisse des Bergsturzes und Brennoausbruches hinterliessen tiefere Eindrücke, und deutliche Spuren geben heute noch von ihnen Kunde.
Der Beschreibung des Bergsturzes und seiner Folgen sei eine Betrachtung über die Lage des alten Biasca vorausgeschickt.
Ursprünglich lag dieses unzweifelhaft an der Strassengabel Lukmanier-Gotthard. Derartige Stellen rufen Ansiedelungen hervor. In der Nähe der Strassengabel lagen die Stiftskirche, die Burg, wohl auch die Zollstätte, die Waren-niederlage der Transportgenossenschaft ( Sosta ) und daher gewiss auch die Häuser der Dienstleute und die Herberge. Und um diese gruppierten sich die übrigen Häuser der Niedergelassenen. Die Tatsache, dass der Landsgemeindeplatz im Pedemonte draussen lag, unterstützt diese Annahme ebenfalls. Dieses alte Biasca, das also an derselben Stelle stand wie das heutige, war nicht das Biasca, das dem Bergsturz zum Opfer fiel. Betroffen wurde der neue Dorfteil, der weiter nördlich, am Eingange der Val Blenio entstanden war, dort, wo sich heute der Schuttkegel der Buzza ausbreitet. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser neue Dorfteil den alten an Grosse übertraf. So war es ja auch mit der dortigen Kirche San Filippo-San Giacomo, die der alten Stiftskirche den Rang abgelaufen hatte.
Die Entstehung des neuen Dorfteiles lässt sich leicht verstehen, wenn man in Betracht zieht, wie die Gegend bei der Strassengabel von den Überschwemmungen des Brenno, Ticino und der vom Monte di Biasca herabkommenden Wildbäche oft mitgenommen wurde. Heute, in der Zeit, über die man soviel schimpft, dämmen Mauern und Wälle diese ungestümen Gewässer sorglich ein, und es wird einem nicht ohne weiteres plausibel, wie schlimm die Lage des alten Biasca war. Der Ungläubige bekehrt sich vielleicht, wenn er die Casa Pellanda näher ansieht, wo bei Kellerlucken und Tor besondere Vorrichtungen angebracht sind, um sich vor dem eindringenden Wasser zu schützen ( siehe Seite 65 ).
Um den ewigen Wasserkalamitäten zu entgehen, hatte man sich weiter nördlich anzusiedeln begonnen, und zwar zweifellos auf einem alten Schuttkegel des Pizzo Magno, also auf einem Vorläufer der heutigen Buzza. Dergleichen Erhebungen des Talbodens hat sich ja manches Tessiner Dörflein zunutze gezogen, um sich der Willkür der Flüsse und Bäche zu entziehen. Gorduno, Arbedo, Claro sind typische Beispiele dafür. Dass der Schuttkegel am Fusse des Pizzo Magno Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 57. Jahrg.,.
eine Warnung vor diesem Berge bedeutete, erkannte man damals noch nicht. Ist man ja auch heute noch unglaublich kurz von Gedächtnis in solchen Sachen; ich erinnere nur an die Erstellung der eidgenössischen Munitionsfabrik Altdorf beidseitig des Schächenbaches und die Vergrösserung von Davos in die lawinengefährliche Gegend hinein.
In der ersten Zeit der eidgenössischen Herrschaft wurde der neue Dorfteil durch einen riesigen Felssturz des Pizzo Magno zerstört. Es war im September des Jahres 1513. Die Katastrophe brach nicht plötzlich herein, sondern sie kündigte sich durch Steinschlag und kleine Felsbrüche an, so dass niemand umkam und die Biaskesen alles ihr bewegliches Gut in Sicherheit bringen konnten. Doch war der Schaden auch so noch ungeheuer gross. Nicht nur die Häuser gingen verloren, sondern auch viel bebautes Land, und die Aufzeichnungen aus jener Zeit beklagen besonders noch den Verlust der grossen Weiden von Sambugeda und Laganio, die offenbar Allmendland waren. Damit nicht genug. Hinter dem Schuttkegel des Bergsturzes, der die Felstrümmer bis an den jenseitigen Talhang hinaufgeschleudert hatte, staute sich derBrenno, und allmählich bildete sich ein See, der bis nach Malvaglia hinein gereicht haben soll. Noch ist die Volkserinnerung an jene Zeiten nicht erloschen. Man erzählt, wie vordem die Katzen auf den Pergole bis nach Malvaglia hinein spazieren konnten und dass nach dem Unglück der Stausee so hoch wuchs, dass nur noch die Spitze des Campanile von Malvaglia aus dem Wasser herausschaute. Eben darum wachse auf dem Glockenturme zu alleroberst ein Bäumchen. In den Wegspuren, die sich über der Talsohle an den Berghängen hinziehen, erblicken die Bauern noch die Wege, auf denen sich zur Zeit des Stausees der Verkehr mit der Val Blenio abwickelte. Die Volkserinnerung übertreibt gern, aber es liegt ihr hier etwas Wahres zugrunde. Wie immer, war man mit einer Erklärung der Ursache dieses Unglückes sofort bei der Hand. Man fand darin einen Fingerzeig Gottes, denn die Biaskesen sollen schlimme Leute gewesen sein, so etwa wie jene, die seinerzeit in Sodom und Gomorrha wohnhaft waren. Freuen wir uns darüber, dass Biasca heute braver geworden ist. Dann aber erzählen die Chronisten auch, dass der Bergsturz durch ein Erdbeben hervorgerufen worden sei. Durch das nämliche Beben, durch das drüben im Calancatal das Dorf Campo Bargino verschüttet worden sei, und unsere Geologen weisen diese Nachricht nicht von der Hand. Nicht ganz im Einklang damit steht aber die erwähnte Tatsache, dass sich der Bergsturz durch Vorzeichen ankündigte.Viel-leicht haben auch grosse Regengüsse, wie sie im Tessin im Herbst typisch sind und wie man sie kürzlich ( 1920 ) wieder erlebte, das Losbrechen der Gesteinsmassen verursachta3 ).
Mit Bangen betrachteten die Biaskesen und mit ihnen die Leute der untern Val Blenio und der Riviera den Stausee hinter Biasca. Man sann danach, ihm einen allmählichen Abfluss zu verschaffen, um die überschwemmten Felder trocken legen zu können und um Biasca und die Riviera vor einem plötzlichen Durchbruch zu bewahren. Sicher hätte der Tessin damals schon Ingenieure hervorgebracht, die der Aufgabe gewachsen gewesen wären, wenn die Regierung der Urkantone die Gegend nicht ihrem Schicksale überlassen hätte. Ohnmächtig standen die Bauern der drohenden Katastrophe gegenüber und suchten schliesslich Hilfe beim Übernatürlichen. Der Chronist Ballarmi erzählt, dass « certi maghi dell' Armenia » am Werk waren, und er stellt gewissermassen den plötzlichen Durchbruch, der am 20. Mai 1515 erfolgte, als eine Strafe dafür hin, dass man zu solchen unchristlichen Mitteln Zuflucht genommen hatte. Naheliegend ist es, anzunehmen, dass der Stausee infolge der Schneeschmelze stark angewachsen war und der mit grosser Gewalt abströmende Überlauf den Schuttdamm unterwühlte und dadurch die Überlaufstelle plötzlich stark erweiterte, die dann durch die nachdrängenden Wassermasseri bis auf den Grund des Stausees erweitert wurde.
Der Stausee entleerte sich mit fürchterlicher Gewalt ins Tessintal hinaus und richtete bis zum Langensee hinab ungeheure Verwüstungen an. Viele Leute kamen um, Häuser und Brücken wurden weggerissen, Wiesen und Äcker wurden mit Schutt überdeckt oder versandet. Auch die « Murata » bei Bellinzona, die mächtige Talsperre, welche sich vom Castello San Michele zum Ticino hinüberzog, wurde zu einem grossen Teil niedergerissen und mit ihr die dortige Ticinobrücke, « il ponte della Torretta », die 28 Jahre vorher der Herzog Lodovico il Moro hatte erbauen lassen und die weitherum als Kunstwerk bewundert wurde.
Auch unsere alten Schweizer Chronisten erzählen von diesen gewaltigen Naturereignissen. Stumpf berichtet, dass 1512 bei Biasca zwei Berge zusammenstürzten und weiter « Etlich dörffer stundend im wasser, dass man dauon nit mer dann die spitz des kirchenturns sach ». Den Ausbruch verlegt er auf 1515 und bemerkt, es seien dadurch 600 Menschen « verführt » worden. Die gewaltige Entladung machte sich nicht nur längs des Ticino, sondern sogar auf dem Langensee bemerkbar, denn Stumpf schreibt hierüber: « Hat mit seine gechen un grausamen eynfal den Langensee also erzürnt un wütig gemacht, dass gemeinlich alle schiff-leut und vischer so derselben stund darauff warend sich verdarbens hatten verwegen. Aber dem gebrochenen berg ist nichts zertrauwen dann er ryset ond reret noch ymerdar herab, dass man sich noch mer fais besorgen müss. » Rudolf Senser, ein Gesandter Berns, schilderte als Augenzeuge in einem Berichte an seine Regierung die Verheerungen in bewegten Worten: Missif an ein stat Bern.
Gnädigen hern! Nach dem und ich iezt mit andren boten ubern Gothart kommen, ist uns ein ungehorte sach begegnet, darob wir übel erschrocken sind, und anfänglich so ist es also ergangen, dass der sew im Bolenztertal, der sich ein ganz jar mit flu essendem wasser gefalet hat, ist gächlingen ussbrochen und hat ein unsäglichen schaden getan, und nämlich, dass der wirt bim klösterlin selb drizechend ist bliben, und das dorf Abläsch ( Biasca ) gar hinweg, dass man weder acker / noch ( 559 ) maten me sieht; denn es ist alles verschitt mit grossen fluen, und ist das tal durch nider ganz ze schiteren gangen biss gon Bellitz, und der boden vor Bellitz ist mit fluen verschitt, dass kein nutzung da zu erwarten, und ist die letze uf den grund bis an ein kleinen teil an der stat hinweg, und ist das Wasser über die letze in d'stat gangen bis uf den plaz in al keller und stuben, dass da in kelleren und stuben fisch gefangen sind und vil win ussgerunnen; und sind in dem tal ob hundert personen und ob 20 Tütscher knechten ertrunken, und hat das wasser on 400 hüser uf dem boden hinweggefuert, dass weder stein noch holz beliben sind. Und ist so übel gangen, dass ich 's nit kan schriben, dan es ist unglob-lich, wer es nit gesicht etc. Datum zu Bellitz uf Mitwochen in Pfingsten, was der 30. tag Mey im 15. jar.Rudolf Senser, venner zu Bern, verordneter bot ( Original nicht mehr vorhanden.mit andren orten gon Meyland.
Aus diesem Berichte ergibt sich, dass die unglücklichen Biaskesen, die ihr Gut mit knapper Not vor dem Bergsturz gerettet hatten, nunmehr fast alles ein-büssten. Es blieb ihnen fast nichts mehr als die Maiensässen und Alpen, denn die ganze Talebene von Ponte bis an den Fuss des Monte di Biasca war verheert. Der alte Dorfteil, der vom Bergsturze nicht berührt worden war, wurde diesmal betroffen. Fast erscheint es einem unglaublich, dass die Leute die gefährdete Gegend nicht verliessen und sich anderswo anzusiedeln begannen. Ein Verhalten, das sich nur durch die günstige Verkehrslage Biascas erklären lässt. Der Hauptverdienst, die Säumerei, bestand eben weiter. Nur die Landvögte verliessen Biasca und wählten nun Osogna als Amtssitz. Auch die Domherren fanden es für angenehmer, die Pfründe von Biasca an sicherer Stelle zu verzehren, aber dabei blieb es nicht24 ).
Der plötzliche Ausbruch des Stausees kam nur den Leuten von Malvaglia und Semione gelegen. Sie sahen ihre Wiesen und Äcker plötzlich befreit, und da das Unglück für sie ein Glück bedeutete, so entstand unter den Geschädigten eine heftige Erbitterung gegen die Bleniesen. Sie wurden als die Urheber des Unglücks bezeichnet, und ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten durch unnatürliche Künste ( die vorerwähnten Armenier ) sich des Stausees zu entledigen gesucht. Die Bleniesen waren ihres Lebens nicht mehr sicher, wenn sie in die Riviera hinaustraten, und mussten schliesslich den Schutz der Urkantone anrufen, um sich der fortwährenden Verfolgungen erwehren zu können.
Noch weitern Schaden hatte der Bergsturz und Ausbruch des Sees im Gefolge. Die zerstörte Torrettabrücke wurde unter dem erbärmlichen Regiment der Landvögte nicht wieder aufgebaut. Man begnügte sich, bei Monte Carasso eine notdürftige Schiffbrücke zu erstellen, die aber, wie es scheint, wenig Zutrauen genoss und wohl öfters gar nicht vorhanden war. Karl Victor von Bonstetten, der den Tessin in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bereiste, erzählt: « Nahe bei Bellinzona mussten wir über den Ticino fahren. Da das Schiffchen bei 30 Schritten nicht an das Ufer konnte gebracht werden, ward die ganze Gesellschaft von dem Schiff mann durch das Wasser getragen » Mangels dieser Brücke wandte sich der Verkehr von Bellinzona zum Langensee statt über Locamo nun Magadino zu. Hierüber erzählt Bonstetten weiter: « Locamo war der Stapelplatz aller Waren, die von der Wasserstrasse die Alpenstrasse betreten sollten. Durch den Verfall der Brücke bei Bellinzona ist Locamo von der Welt abgeschnitten und vergessen... » Der Nichtwiederaufbau der Torrettabrücke und die Austreibung der evangelischen Bürgerschaft im Jahre 1555 brachten Locarnos Handel und Industrie fast zum völligen Stillstande.
Die heutige Brücke verdankt ihre Entstehung der Tatkraft des jungen Kantons Tessin, der im ersten Jahrzehnt seines Bestehens nach fast dreihundert-jähriger Unterbrechung die Brücke 1813 nach den Plänen des Tessiners Pocobelli wieder erstellen liess.
Nach den Verheerungen von 1515 suchten sich die schwer mitgenommenen Biaskesen, deren Zahl auf 400 herabgesunken war, unter dem Wenigen, das verschont geblieben war, ihren Grundbesitz hervor. Wie zumeist in solchen Fällen, war der Schaden doch nicht so ungeheuer gross, wie es anfänglich geschienen hatte. Aus den von Schutt und Schlamm überdeckten Feldern entstand allmählich wieder Kulturland. Die ganze Talebene zwischen dem Monte di Biasca, dem Brenno und dem Ticino, die heute ein buntscheckiger Teppich von Wiesen und Äckern überzieht, deckten damals wohl zum grössten Teil graue Rinnsale der Überflutung. Auf ihnen grünt der heutige Boden. Aber es bedurfte rühriger Arme, und erst nach Jahrzehnten hartnäckiger Arbeit hatte sich der Biaskese seinen Grund und Boden zurückerobern können.
1616 berichtet die Chronik des Bündners Johansen Guler von Weineck:
« Nach und nach aber hat man sie ( die verwüsteten Felder ) grösten theils wieder erreutet und verbauwen. Die überschwemten dörffer dess Palenserthals sind durch diesen Ausbruch wiederumb an tag kommen und ertrocknet. » Mit Recht betrachtete der Biaskese den mit soviel Mühe wiedergewonnenen Boden als sein eigen, und er dachte nicht daran, hierfür der Kirche den Zehnten zu entrichten, der auf den alten, verschütteten Grundstücken haftete. Auch die Domherren der Stiftskirche scheinen das für recht und billig gehalten zu haben und drängten nicht. So vergingen viele Jahre. Da plötzlich, 60 Jahre nach der Katastrophe, erhob die in der Gegenreformation neuerstarkte Kirche ihre Hand. In einem Monitorio vom Jahre 1571 wurde im Auftrag des Kardinals Carlo Borromeo allen denjenigen mit grosser Strafe gedroht, welche sich dem Zehnten entzogen hatten. Die Furcht vor öffentlicher Exkommunikation wirkte. Im Hintergrunde drohte ja noch Schlimmeres, die Verdächtigung als Ketzer und die Inquisition. Bald konnte der Kardinal dem Vikar der Riviera dazu gratulieren, dass nun alle Biaskesen ihre Angaben über den Zehnten gemacht und diesen anerkannt hatten. Gleichzeitig mahnte aber der Kardinal den Vikar eindringlich, dafür Sorge zu tragen, dass die Kirche im Austausch der Grundstücke nicht zu kurz komme und dass ihr an Stelle der verschütteten Wiesen und Äcker ertragreiches Land zugeteilt werde. Die Kirche hatte also ob all dem überirdischen Sinnen, das damals die Geister beschäftigte, die eigene leibliche Wohlfahrt keineswegs vergessen. Aber man wird nicht behaupten wollen, dass das hier auf einwandfreie Weise geschehen ist.
Begeben wir uns nun auf die Stätte, die soviel Unheil über den Flecken Biasca gebracht hat. Die Lukmanierstrasse führt zu ihr hinaus. Mit dem Verlassen der letzten Häuserreihen betritt man schon die Anschwellung des gewaltigen Schutthügels. Von Steinmäuerchen sorglich umhegte Wiesen und Vignien mit auffallend niedern Pergole breiten sich aus, dann folgt die blockdurchsäte Wildnis der Buzza oder, wie der Biaskese meistens sagt, der « Ganna grossa ». Zwischen den Blöcken und dem Gestrüpp spriesst mageres Gras und weiden die Ziegen. An heissen Sommertagen sieht man da Vipern sich auf den Steinen sonnen, und zahlreiche Eidechsen tun dasselbe und blinzeln den Wanderer vorsichtig an. Mit dem Weiterwandern dringt der Blick allmählich in die Schlucht hinein, durch die der Bergsturz niedergegangen ist. Durch die Schlucht hinauf sieht man die bis heute kahl gebliebene Abrissstelle, nackte, zur Umgebung hell abstechende Felsen. Über ihr thront scharf zugespitzt der Pizzo Magno. Früher soll er Crenone geheissen haben. Der topographische Atlas, in welchem übrigens die Abrissstelle und die Buzza sehr gut wiedergegeben sind, verlegt den Namen Crenone nur auf die Abrissstelle.
Bei den Einheimischen ist diese Benennung nicht bekannt oder nichtmehr üblich. Vielleicht hat sie sich aber in « Sass Carnon » erhalten. So heisst man die Maiensässe zu oberst auf dem Scheitel des Schuttkegels, am rechten Ufer der Schlucht.
Sass Carnon bietet neben einem recht hübschen Ausblick noch eine recht instruktive Ansicht des Schuttkegels. Ein grobblockiger Schuttwall, der bis jetzt der Vegetation getrotzt hat, senkt sich von dort zum Brenno ab, und nebenan reihen sich fächerartig mehrere Rinnen, welche die Wildwasser der Schlucht in den Schutt eingefressen haben. Die tiefste derselben nimmt den kürzesten Weg auf den Brenno zu. Während links davon, also gegen Biasca hin, den Schuttkegel zu einem grossen Teil Weide, kultiviertes Land und sogar ein kleiner Wald decken, ist die Malvaglieserseite noch rauh und steinig, eine dürftige Weide für Ziegen.
Nach oberflächlicher Berechnung misst der Schuttkegel, der etwa 150 m hoch und 600 m lang und breit ist, 12—13 Millionen Kubikmeter. Diese Masse wird nicht allein anno 1513 heruntergestürzt sein. Ein beträchtlicher Teil von ihr wird schon etliche Jahrhunderte vorher sich hier ausgebreitet haben, was nicht ausschliesst, dass der bekannte Bergsturz doch noch sehr gross war. Er verschüttete nicht nur den bessern Teil des Fleckens, sondern auch von den ertrag-reichsten Wiesen und Äckern.
Die Lukmanierstrasse weiter taleinwärts verfolgend, gelangt man an eine Stelle, wo Strasse und Bahnlinie dicht an den Brenno herantreten. Das ist die Durchbruchstelle von 1515. Im Hintergrunde erblickt man die Überreste einer grossen Strassenbrücke, ein Anzeichen dafür, dass auch in späterer Zeit diese Gegend noch Schauplatz wilder Naturgewalten war. Der obere Rand des Schuttkegels mag bei der Durchbruchstelle am linken Ufer schätzungsweise etwa 50 m über dem Flussbette liegen. Aber diese Höhe kann kaum die ursprüngliche sein. Gegenüber am rechten Ufer weisen deutliche Spuren auf eine erheblichere Höhe, so dass man als sicher annehmen darf, dass der Damm, mit dem der Bergsturz dem Brenno den Weg verlegte, bis 70 m über dem heutigen Flussbette lag. Das bedingte eine Stauung des Flusses, die bis nach Malvaglia Rongie hinein alles unter Wasser setzte. Ein Stausee von etwa 100 Millionen Kubikmeter Inhalt. Es wundert mich, dass Elektrohydrauliker auf ihrer steten Suche nach neuen Kraftquellen noch nicht darauf gekommen sind, den Vorgang von 1513 künstlich zu rekonstruieren. Beim heutigen Stande der Technik wäre ein solches Unternehmen weniger gewagt als bei den Zauberkünsten der unglückseligen « Maghi d' Armenia ». Die Schwierigkeit dürfte im Abdichten des Staudammes liegen 25 ).
Weiter wandernd, gelangen wir an den vorerwähnten Trümmern einer Brücke vorbei. Noch steht ein stattlicher Pfeiler und lässt erkennen, dass hier eine grosse Strassenbrücke der Wut des Brenno zum Opfer gefallen ist. Das war am 23. September 1868, als eine gewaltige Wassernot die Tessintäler heimsuchte. Nach langer Trockenheit ( siehe Kapitel 10 ) ging in jenem Jahre einer der unglaublich ergiebigen Herbstregen nieder, die für den Tessin eine Eigentümlichkeit sind. Die ungeheuren Regenmengen lockerten am Steilhang ob Loderio, dem zu Biasca gehörenden Weiler, den man bei weiterm Vordringen ins Tal bald zur Linken gewahrt, Schuttmassen. Diese stürzten schliesslich ab ( 4. Oktober ) und begruben die Hälfte der Häuser und Ställe. Noch ragt heute der Glockenstuhl eines Kirchleins als Zeuge dieses Unglücks aus dem Schuttstrom heraus. In Biasca war man in grosser Aufregung, als der Sturz niederging. Man läutete so heftig Sturm, dass in der Stiftskirche die Glocke zersprang. Nicht ohne Grund befürchteten die Biaskesen eine Wiederholung der Katastrophe von 1515. Denn die Schuttmassen erreichten den Brenno und stauten ihn. Doch dauerte das zum Glück nur einige Stunden. Der Fluss war so angeschwollen, dass er sich bald befreite. Mit Wucht brach er aus und riss dabei ein Stück der Poststrasse und die Brücke weg.
Bald zweigt nun eine Strasse ab, die über die neue Brennobrücke am Weiler Loderio vorbei über Semione Ludiano in die Val Blenio hineinführt. Der Brenno fliesst von hier ab regellos in einem breiten Bette durch eine weite, flache Ebene, die sich bis nach Malvaglia hineinzieht und aus der die beidseitigen Berghänge steil ansteigen. Das ist die Gegend, die der schon mehrfach erwähnte Stausee bedeckte. Wo heute Steine und Gestrüpp und sumpfige Wiesen eine Wildnis bilden, lag einst gutes Land. Hier breitete sich die grosse Weide Sambugeda aus, von der in den Urkunden die Rede ist. Sie reichte bis zur Leggiuna, und seltsamerweise gehört heute der Boden, auf dem sie lag, zu Malvaglia. In der Val Bavona drüben steht an einer ähnlichen Stelle, wo ebenfalls Wasser und Felssturz eine Wüstenei erzeugten, ein Kreuz und darunter die Inschrift: « 0 Gesù Christo qui fu bella campagna ». Auch hier möchte man beim Anblick dieser Einöde die nämlichen Worte ausrufen.
Für Wassernot, Erdschlipfe und Felsstürze ist der September im Tessin der kritische Monat. Unglaubliche Regenmengen fallen da oft in kürzester Frist. Kein Wald, keine Dämme, nichts vermag da noch zu helfen, wenn einmal diese Sintflut im Flusse ist. Man hat oft die unsinnigen Abholzungen, die früher im Tessin vorgenommen wurden, mit den Wasserschäden in Verbindung gebracht. Ganz unbestreitbar haben diese eine grosse Mitschuld, aber die eigentliche Ursache liegt in den Sturzregen. Schon vor vielen Jahrhunderten, wo für das Abholzen im grossen der Bedarf und die technischen Mittel fehlten und wohl kaum die Dichtigkeit der Bevölkerung dazu drängte, die Alpweiden durch Niederbrennen von Wald zu erweitern, gab es grosse Wasserschäden, Erdschlipfe, Felsbrüche und Überschwemmungen.
Noch einige Bemerkungen zu der Bezeichnung « Buzza », mit der der topographische Atlas den Schuttkegel des Bergsturzes von 1513 benennt. Wenn auch die altansässigen Biaskesen den Schuttkegel meistens als « la ganna grossa » ( die grosse Gand ) bezeichnen, so hat sich heute auch die im topographischen Atlas angeführte Bezeichnung eingebürgert. Trotzdem handelt es sich wahrscheinlich um eine Namensverschiebung. Streng genommen, hat auch der Schuttkegel eine zwar eng begrenzte Stelle, welche die Einheimischen « la buzza » nennen. Das ist das Bett des Baches, der aus der Crenoneschlucht herabkommt, speziell vielleicht die Stelle, wo dieser Bach die Lukmanierstrasse kreuzt. Es führt dort keine Brücke über den Bach, der übrigens auch meist ein unschuldiges Wässerlein ist. Aber bei Sturzregen wächst er gewaltig an und überdeckt dann die Strasse mit Schutt. Der Tessiner Bauer sagt dann von einem Bache « fa buzza », der Urner sagt s'rüffnät, während wir für diesen Vorgang in der Schriftsprache keinen Ausdruck haben. Schon Franscini erwähnt, dass man in seiner Heimat das Überschwemmungsgebiet eines Baches oder Flusses, sofern es aus Sand und Geröll besteht, als « Buzza » bezeichne. Es liegt nun nahe, anzunehmen, dass sich ursprünglich das Wort « Buzza » auf den Ausbruch des Stausees von 1515 bezog, eventuell auf dessen Verwüstungsspuren, oder dann, was weniger wahrscheinlich ist, nur auf die immer noch so lautende Stelle des Crenonebaches.
Auffälligerweise haben auch wir in den deutschschweizerischen Berggegenden manche Örtlichkeit, die eine mit « Buzza » sehr ähnlich klingende Bezeichnung trägt. Da gibt es Butzenalp, Mettenerbutzli, Geissbützistock usw. Ob nun diese Bezeichnungen zur « Buzza » in irgendeinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen oder nicht, darüber mögen sich die Fachgelehrten aussprechen.
Das Datum des Bergsturzes, sowie des Ausbruches wird von den Chronisten seltsamerweise verschieden angegeben. Nach gründlicher Durchsicht der mir zur Verfügung stehenden Literatur kam ich zur Überzeugung, dass der Bergsturz im Jahre 1513 niederging und der Stausee zwei Jahre darauf ausbrach. Ich fand dann meine Auffassung in Biasca bestätigt, wo man diese Daten als die richtigen betrachtet.
Die Verschiedenheit in der Angabe der Daten beruht höchst wahrscheinlich darauf, dass Felsstürze zu mehreren, vielleicht viele Monate auseinanderliegenden Zeitpunkten vorkamen. Der Chronist Stumpf erzählt ja, dass der Berg immerdar noch « ryset und reret ». Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass schon 1512 ein grosser Sturz niederging. Aber höchst wahrscheinlich war es erst der Sturz vom September 1513, der dem Brenno den Weg verlegte und damit Anlass zu der grossen Wasserkatastrophe gab. Ist man hierüber auf mehr oder minder begründete Annahmen angewiesen, so weiss man dagegen aus dem Bericht des Augenzeugen Senser genau, dass der Ausbruch 1515 erfolgte. An diesem Datum ist nichts zu ändern, auch wenn Senser sagt, dass der See nur ein Jahr bestanden habe. Ausgeschlossen ist es nicht, dass der Stausee infolge eines Nachsturzes im Jahre 1514 sich noch weiter vergrösserte und in dieser Ausdehnung nur ein Jahr lang die Gegend bedrohte. Die meisten Berichte geben aber dem See eine Existenz von zwei Jahren, und so kam es wohl, dass man nach dem Datum eines Felssturzes, der sich vielleicht 1512 zutrug, den Ausbruch des Sees auf 1514 festlegte. Stumpf datiert den Bergsturz auf 1512, den Ausbruch aber richtig auf 1515. In Leus helvetischem Lexikon finden sich 1512 und 1514, und von hier aus hat sich die unrichtige Datierung wahrscheinlich verbreitet.