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Classement thématique série 1848–1945:
III. AFFAIRE DE NEUCHÂTEL
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Mein verehrter Herr und Freund,
Heute besuchte mich ganz unerwartet Keller und gleich merkte ich, dass irgend eine Absicht ihn zu mir führte. Ich will Ihnen daher unser Gespräch mittheilen, muss jedoch vorausschicken, dass ich K seit einem Jahr nicht mehr gesehen und mir auch vorgenommen hatte, über Politik und besonders über unsere Schweizer Verhältnisse so wenig wie möglich mit ihm zu sprechen und in meinen Äusserungen die grösste Vorsicht obwalten zu lassen.2
K nahm meine Reise in die Schweiz zum Vorwand, um sich zu erkundigen, wie es in der Schweiz aussähe, was man von der Neuchateller Geschichte dächte, wegen welcher die Sachen in Berlin zur Zeit misslich für die Schweiz stühnden, ob man in Bern nicht daran dächte, die Sache auf irgend eine Weise zu ordnen, ehe und bevor das Recht des Stärkern sich würde geltend machen.
Ich antwortete ihm auf die erste Frage, ich hätte die Zustände bey uns sehr befriedigend gefunden, der neue Bund consolidirte sich mit jedem Tage mehr, alle vernünftigen Leute wären dafür. Die Wühler und Rothen hätten nirgends Credit, jeden Einfluss verloren und die Réactionairs vermöchten keinen Einfluss zu gewinnen; bedauerlich wären nur die falschen diplomatischen Berichte, die dem Auslande ohne Zweifel absichtlich über unsere Verhältnisse erstattet würden. Was Neuenburg anbelangt, so scheine man die Sache ruhig gehen lassen zu wollen, schweizerischer Seits hätte man die Frage vor einem Jahr behandeln wollen, es wäre aber keine Antwort erfolgt, zur Stunde der diplomatische Verkehr zwischen Preussen und der Schweiz quasi abgebrochen. Besorgt wäre man nicht im geringsten. In Neuenburg selbst könnte manches besser seyn und man billigte nicht alles, was die Regierung thäte; aber es wäre ausser Zweifel, dass die vernünftig liberale Parthey täglich an Terrain gewänne, dass diese Parthey, wie ich die Sache beurtheilte, 2 /3 der gesammten wohlhabenden Bevölkerung ausmachte, und dass dieselbe von Preussen durchaus nichts mehr wissen, sondern à tout prix schweizerisch seyn wollte, und dass ich die rothe auf 1/6 und die reactionaire preussische Parthey auch auf 1/6 der Bevölkerung anschlüge. Ich fügte noch hinzu, dass da von einer reprise de possession doch keine Rede mehr seyn könnte, die conservativ-liberale Parthey in der Schweiz immer gedacht hätte, der König würde zu einer Ausgleichung gerne die Hand bieten, dadurch sich in der Schweiz wieder Freunde machen, seiner Regierung wieder einigen Einfluss verschaffen, den sie durchaus verloren hätte, was dem preussischen Cabinet gerade in dieser Zeit um so weniger gleichgültig seyn könnte, als nun die Zoll- und Handelsfragen zur Sprache kommen würden, wo es ja im eigenen preussischen Interesse läge, die Schweiz für sich, aber nicht gegen sich zu haben.
Eine Ausgleichung der Neuenburger Frage würde nach meiner Meinung der radicalen Parthey in der Schweiz einen gewaltigen Stoss versetzen, den Bundesrath noch populärer machen und wahrscheinlich auch binnen kurzer Zeit in Neuenburg selbst ein gemässigteres Regiment herbey führen.
Das sind ungefähr die Worte, die ich K gegenüber brauchte. Halb im Scherz fügte ich noch hinzu:
«Du bist doch jetzt beim König und bey Manteufel sehr gut angeschrieben, und wenn noch etwas Schweizerblut in deinen Adern flösse, so solltest du in diesem Sinne wirken.»
K antwortete mir hierauf: «Ich habe in der Sache mehr gethan, als man in Bern zu glauben scheint, und wenn man 1849 deinen und meinen Rath befolgt hätte, so wäre alles in Ordnung. Glaubst du», fuhr er plötzlich fort, «der Bundesrath würde sich zu einer Satisfaction für den König hergeben und zu welcher, für den Fall, dass letzterer sich entschlösse, grossmüthig!!! zu seyn und die Emancipation zu sanctioniren.» Ich erwiederte ihm hierauf, dass, wenn man dem Bundesrath die erforderlichen Garantien gäbe, dass eine die königliche Sanction in Berlin nachsuchende schweizerische Deputation gut empfangen und die Sanction erhalten würde, meine Meinung dahin ginge, dass der Bundesrath sich wohl zu einer solchen Absendung entschliessen würde. Würde man einwilligen, fuhr K fort, dass der Canton Neuchâtel sich eine andere Verfassung geben müsste. Gewiss nicht, war meine Erwiederung, die Mängel der gegenwärtigen Neuchateller Verfassung werden sich von selbst heraussteilen, man wird denselben abhelfen, besonders wenn die gemässigte schweizerische Parthey ans Ruder kommen sollte, aber nimmermehr wird man dem König von Preussen irgend einen Einfluss auf die Verfassung einräumen wollen. Ich werde wieder mit Manteufel sprechen, sagte K, und damit endigte unser Gespräch.
Von diesen meinen, wenn schon sehr vertraulichen Mittheilungen ermächtige ich Sie, wenn Sie es für gut finden, Herrn Bundespräsident Kenntnis nehmen zu lassen. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass K nicht ohne Absicht das Gespräch auf dieses Capitel gebracht hat und höchst sonderbar kam es mir vor, dass er am Anfang unserer Unterredung von Wiederbesitznehmen, vom Recht des Stärkern, u.s.w., sprach und dann so einlenkte und milde wurde.
Sonst nichts Neues aus unsern Gegenden. Die Messe ist sehr schlecht, die Witterung noch schlechter. Das Getreide hat hier 15 bis 20% aufgeschlagen. Kartoffeln noch mehr. Im Handel fürchtet man eine Krisis; das alles sind eben keine erfreulichen Aussichten für die Zukunft.
[...]
P. S. Wie steht es denn mit der Berliner Mission? Mir scheint denn doch, dass mein letztes Schreiben an den Bundesrath3 wenigstens eine Antwort verdient hätte. Das Gegentheil hat mich sehr verdrossen, das darf ich Ihnen privatim wohl sagen.
- 1
- J.I.20.↩
- 2
- F. L. Keller était en relations épistolaires avec Furrer. Cf. par exemple sa lettre du 15 avril 184Non reproduite.↩
- 3
- Sa lettre du 10 septembre, à laquelle le Conseil fédéral répondra le 6 octobre à la suite d’un rapport du Département du Commerce et des Péages du 24 septembre 1851. (E 1004 1/9, no 3586).↩