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Elf Tage hielt die Saga um Novak Djokovics Visum in Australien das Land und den Sport in Atem. Am Sonntagabend wurde der beste Tennisspieler der Gegenwart abgeschoben. Der 34-Jährige zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung des Bundesgerichts, bat aber darum, dass der Fokus nun auf dem Tennis und den Australian Open liegen solle, dem Turnier, das er neun Mal gewonnen hat. Es ist ein frommer Wunsch. Der Fall wirft einen Schatten über das Turnier. Und er spaltet die Tenniswelt in zwei Lager.
Miomir Kecmanovic, auf den Djokovic in Melbourne in der ersten Runde getroffen wäre, widmete den Sieg seinem Landsmann. Die Ausweisung bezeichnete er als einen «Blödsinn», Djokovic habe diese Behandlung nicht verdient. «Doch wir Serben sind uns Ungerechtigkeit gewöhnt.» Kecmanovic fügte an, die im Turnier verbliebenen Serben würden sich «auf eine Art für Novak rächen» wollen. «Denn er hat viel für uns getan.»
Djokovic ist Co-Präsident und Gründer der Professional Tennis Players Association (PTPA), einer 2020 gegründeten Vereinigung männlicher und weiblicher Tennisspieler, die angibt, die Interessen der Einzelspieler in den Top 500 und Doppelspieler in den Top 200 der Weltrangliste zu vertreten. Entsprechend wohlwollend äusserte sich die Französin Alizé Cornet: «Ich weiss zu wenig über den Fall, um die Situation beurteilen zu können. Aber was ich weiss, ist, dass Novak immer der Erste ist, der sich für die Spieler einsetzt. Aber niemand setzte sich für ihn ein. Sei stark, Novak.»
Das bemängelt auch der Serbe Dusan Lajovic: «Viele der Topspieler haben ihn nicht unterstützt. Vielleicht, weil Novak einer der Favoriten auf den Titel war und sie sich dachten, mit ihm sei ein Hindernis weniger dabei.»
Nun ist es nicht so, dass jene, die sich doch zum Fall Djokovic äusserten, das ausschliesslich positiv taten oder einfach schweigen würden.
Stefanos Tsitsipas, der sich noch im Herbst skeptisch gegenüber einer Impfung geäussert hatte, sich diese dann aber angesichts der Spielregeln in Australien doch noch verabreichen liess, fand klare Worte: «Er spielt nach seinen eigenen Regeln. Er hat etwas getan, was andere nicht wagten. Keiner dachte, er könne ungeimpft nach Australien kommen.» Es versucht zu haben, brauche viel Wagemut. Indem sich Djokovic nicht an die Regeln gehalten habe, «lässt er uns aussehen, als seien wir alle Dummköpfe».
Auch Marton Fucsovics fand klare Worte. «Die Gesundheit der Menschen steht an erster Stelle», sagte der letztjährige Wimbledon-Viertelfinalist aus Ungarn. «Und es gibt Regeln, die schon vor Monaten festgelegt wurden, nämlich dass sich jeder impfen lassen muss, was Djokovic nicht getan hat. Unter diesem Gesichtspunkt finde ich, dass er kein Recht hat, hier zu sein.»
Von den Weltbesten ergriff nur einer Partei für Djokovic: Alexander Zverev, der den Serben an der Spitze der Weltrangliste ablösen könnte, wenn er in Melbourne seinen ersten Grand-Slam-Titel gewinnt. Der Deutsche sagte: «Es ist nicht fair für eine Person, hierherzukommen und nicht spielen zu können.» Und es sei auch nicht fair, wie über Djokovic gesprochen werde.
Er meinte damit nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Gespräche in der Umkleidekabine, wo ein Klima des gegenseitigen Misstrauens herrscht. Dusan Lajovic sagte, jene, mit denen er sich unterhalten habe, hätten sich klar auf die Seite Djokovics geschlagen, das aber einfach nicht öffentlich getan. Laslo Djere warf ein: «Ja, nicht alle unterstützen Nole.» Er habe einigen Unterhaltungen gelauscht, «auf Englisch oder Spanisch».
Wen er damit meinte, war klar: Rafael Nadal. Der Spanier vertritt in Bezug auf die Pandemie eine völlig gegensätzliche Meinung als sein langjähriger Rivale. Millionen Menschen seien gestorben, die Welt habe genug gelitten. «Mit vielen Dingen, die Novak in den letzten Monaten getan hat, bin ich nicht einverstanden. Ich bin von der Impfung überzeugt. Sie ist die einzige Möglichkeit, die Pandemie hinter uns zu lassen. Das sagen die Leute, die sich mit Medizin auskennen.» Es stehe Djokovic natürlich frei, sich gegen eine Impfung zu entscheiden. Aber er müsse die Konsequenzen tragen.
Eine erste Konsequenz war die Abschiebung aus Australien, die mit einer dreijährigen Einreisesperre einhergeht und Fragen zu seiner Zukunft aufwirft. Eine Zweite ist, dass sich die Sportler auf die eine oder andere Seite schlagen. Die Folge ist ein Klima des gegenseitigen Misstrauens. Für den Tenniszirkus wird der Fall zur grossen Zerreissprobe. (aargauerzeitung.ch)