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Franziskus - 100 Jahren Filmgeschichte
Seit einem ersten bewegenden Stummfilm im Jahr 1918 sind es gut 100 Jahre, in denen grosse Regisseure und Regisseurinnen immer wieder versuchten, die Geschichte von Franz - und zunehmend partnerschaftlich - auch Klara mit der jeweiligen Gegenwart ins Gespräch zu bringen. Wir stellen hier zwölf markante Meilensteine kurz vor.
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges würdigt ein früher Stummfilm die Lebenswege von Franziskus und Klara von Assisi. 1918 vollendet, verdankt sich „Frate Sole“ der Regie des Römers Ugo Falena(1875-1931) und von Mario Carlo Corsiaus Pistoia (1882-1954). Das Genre verlangt wortlos sprechende Szenen. Tatsächlich erzählt der Streifen das Leben der beiden Heiligen durch eine dichte Abfolge kurzer Episoden bereits damals in einer Zusammenschau. Der Film kombiniert seine Kurzszenen nicht zeitlich, sondern thematisch.
Das Cover zeigt die neu in den Handel gebrachte restaurierte Version.
Bis heute gilt „Francesco – giullare di Dio“ als Klassiker. Den schwarz-weiss-Film drehte der Römer Roberto Rossellini(1906-1977) mit dem noch jungen Federico Fellini (1920-1999) im Jahr 1950. Der neorealistische Film schildert eine Abfolge legendenhafter Episoden aus der Frühzeit der Brüder und stützt sich dabei vor allem auf den Sonnengesang, die Fioretti, und die Vita fratris Iuniperi.
Mehr zur geschichtlichen Einordnung dieses und weiterer Frankiszkusfilme: Dieter Berg, Franziskus. Der sanfte Rebell, Ditzingen - Stuttgart 2017, 234-236.
Ein erster grosser amerikanischer Film kommt 1961 in Kinos. „Francis of Assisi“ist ein Spätwerk des ungarisch-amerikanischen ErfolgsregisseursMichael Curtiz(1886-1962). In Budapest als Mihály Kertész Kaminer geboren, führte seine bewegte Karriere über Wien, Paris und Berlin 1926 in die USA, wo ihn die Warner Brothers unter Vertrag nahmen. Der zweitletzte von über 160 Filmen stützt sich auf den historischen Roman „Der fröhliche Bettler“ des Wahlschweizers Louis de Wohl. Dieter Berg sieht den Streifen „in der Tradition amerikanischer Kolossalfilme“, die„beeindruckende Monumentalszenen“ bombastisch ins Bild bringen, wobei die spirituellen Anliegen des Heiligen jedoch oft unklar bleiben (Berg 236-237). - Die filmische Darstellung der Friedensmission in Ägypten sprach Zuschauer im Kontext des Kalten Krieges an, der in einem zweigeteilten Europa und einer zerrissenen Welt durch Blockbildung, Stellvertreterkriege, Atomtests und nukleares Wettrüsten Ängste weckte und nach einem Brückenbau zwischen den verfeindeten Bündnissen rief.
Pier Paolo Pasolini(1922-1975) thematisiert in seiner komödienhaften Tierfabel „Uccellacci e Uccellini“ von 1966 die universale Friedenssendung der ersten Brüder sinnig, indem sich die Protagonisten in der Versöhnungsarbeit zwischen Falken und Spatzen üben. Der deutsche Filmtitel heisst denn auch «Große Vögel, kleine Vögel» und der englische «The Hawks and the Sparrows».
Im gleichen Jahr erscheint der erste von drei Franziskusfilmen, welche die Norditalienerin Liliana Cavani (*1933) im Laufe ihrer Erfolgskarriere dreht. Sie legt das Augenmerk derart auf die soziale und lokalpolitische Dimension, dass „Francesco d’Assisi“(1966) die Geschichte eines Aussteigers und Rebellen erzählt. Sensibel für aktuelle gesellschaftliche Spannungen, die zwei Jahre später in den 1968er-Unruhen offen ausbrechen werden, zeichnet die Regisseurin aus Modena eine fraternitas, die sich gesellschaftlich revolutionär erwies. Der Fokus bleibt dabei auf die Heimatregion des franziskanischen Aufbruchs
(Dieter Berg, Franziskus. Der sanfte Rebell, 239-241).
Die Szene oben zeigt Franz mit Rufino bei der sogenannten Nacktpredigt im Dom, eine Fioretto-Geschichte, die Cavani in ihren beiden folgenden Franziskusfilmen je neu aufnimmt.
Franco Zeffirelli(*1923) landete1972 den Filmhit „Fratello sole – sorella luna». Der Streifen flimmert bis heute in verschiedenen Sprachen über die Bildschirme der Welt, die deutsche Synchronisierung unter dem Titel „Bruder Sonne – Schwester Mond“. Auch der Florentiner Regisseur schildert primär die frühe Biografie des Poverello, vom Perugiakrieg bis zur Romreise mit den ersten Gefährten im Frühjahr 1209, und tut es mit einer stark sozialgeschichtlichen Brille. Dieter Berg stellt zu Recht fest, dass die romantische Schilderung der Berufungsgeschichte und der Entstehung der fraternitas in der „Tradition der Flower-Power-Bewegung“ der 1960er Jahre steht und mit „Hippie-Attitüden“ in blühenden Mohnwiesen den „gesellschaftlichen Aussteiger“ in seiner neuen „Freiheit“ und „Harmonie mit der Natur bzw. der Schöpfung“ feiert (Dieter Berg 241-243). Der Film spielt in und um Assisi und führt bis Rom, endet jedoch nach der ersten Begegnung mit Papst Innozenz III. Damit bleibt der päpstliche Auftrag an die Brüder, das Evangelium in der ganzen Welt zu verkünden, filmisch nicht mehr umgesetzt: die Erzählung bricht zehn Jahre vor der Friedensmission in Ägypten ab.
Ein zweiter Erfolgsfilm von Liliana Cavanischafft es dank des meisterhaften Hauptdarstellers Mickey Rourcke ebenfalls bis heute in deutschsprachige Fernsehkanäle. Der Kinohit „Francesco“(1989) lässt fünf frühe Gefährten und Klara in den 1240er-Jahren auf ihren Weg mit Franziskus zurückschauen. Die Regisseurin ergreift gleichsam Partei für die Drei Gefährten, Klara und Johannes von Perugia, die nach dem Generalkapitel vom Oktober 1244 in Genua Erinnerungen aufschreiben, welche in der offiziellen Biografie des Thomas von Celano fehlen oder aber zu ergänzen sind. Die Reihe der gesammelten Episoden reicht von der Jugend des Kaufmanns über seinen Perugiakrieg und die Sinnkrise durch den Bruch mit der Stadt zum neuen Leben am Rand der Gesellschaft. Klara gesellt sich gleichsam als solidarische Sozialarbeiterin dazu, teilt die Strapazen der frühen fraternitas und bleibt Franziskus bis zu seinem Tod liebend verbunden. Der Film bleibt auf Assisi und Mittelitalien fokussiert. Ereignisse ausserhalb dieses Blickfeldes und damit auch die Ägyptenmission mit der Sultanbegegnungwerden übergangen.
2002 entstand die Miniserie «Francesco» des Mailänders Michele Soavi für Canale 5. Mit Musik von De Angelis untermalt, schildert der 45-jährige Drehbuchautor und Regisseur die Jugend des Kaufmannssohnes in familiärer Geborgenheit bis zum einschneidenden Kriegszug gegen Perugia, dem die Zeit der Krise und des Bruches mit der Stadt folgt. Entstehung und Entwicklung der Bruderschaft werden kursorisch bis zum Tod des Gründers nachgezeichnet. Im zweiten Filmteil der Serie erinnert Soavi an die Expansion des jungen Ordens über Italien hinaus. Die Minderbrüder verstehen ihre evangelische Sendung auf dem Weg über die Alpen und nach Spanien bis ins Kalifat von Córdoba als Verkündigung des «messaggio di pace».
Fabrizio Costa(1954), derin seiner Ausbildungszeit noch Erfahrungen mit Pier Paolo Pasolini machte, machte sich einen Namen mit Fernsehserien zu religiösen Themen wie Fatima (1997), Maria (1999), Mutter Theresa von Kalkutta (2003) und Papst Paul VI. (2008). Die RAI produzierte mit ihm 2007 «Chiara e Francesco» in zwei Teilen und erreichte bei der TV-Ausstrahlung eine Einschaltquote von 30%. Der 200-minütige Film bietet eine Zusammenschau der Lebenswege von Franziskus und Klara. Dabei wird sowohl der Alters- wie der Standesunterschied der beiden deutlich. Obwohl der Regisseur sich vom Florentiner Mittelalter-Historiker Franco Cardini beraten ließ, zollt der Film mit Blick auf Klara der biografischen Parallelisierung grosse Tribute: Zeitsprünge, Anachronismen und vor allem ein krasses Zerrbild der Anfänge von San Damiano. Klaras von Beginn an streng klösterliches Leben orientiert sich unverkennbar am heutigen Klarissenkloster von Camerino, wo mit Erzbischof Francesco Gioia der zweite Berater des Films kurze Zeit Bischof war. Anerkennung verdient die enge Verflechtung von männlicher und weiblicher Form franziskanischer Berufung zur Christusnachfolge: Das apostelgleiche Wanderleben der Brüder und die sesshaft-kontemplative Lebensform der Schwestern werden zu Recht als eng verbündet geschildert. Die Stärken des Films liegen denn auch darin und im sozialgeschichtlichen Zeitbild Assisis.Anerkennung verdient auch die enge Verflechtung von männlicher und weiblicher Form franziskanischer Berufung zur Christusnachfolge: Das apostelgleiche Wanderleben der Brüder und die sesshaft-kontemplative Lebensform der Schwestern werden zu Recht als eng verbündet geschildert.
Im gleichen Jahr 2007 tritt Paolo Bianchinimit einem Film an die Öffentlichkeit, der Franziskus mit Kaiser Friedrich II. ins Gespräch bringt. Die Friedenssuche des Bruders aus Assisi wird damit direkt mit der Friedensstrategie des Staufers verbunden. «Der Tag, die Nacht. Dann die Morgendämmerung» heisst der Untertitel des Films. «Federico e Francesco – Il giorno, la notte. Poi l‘alba» handelt von einem fiktiven Zusammentreffen zwischen zwei Persönlichkeiten, die eine Abneigung gegen Religionskriege hegen und zugleich auf ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Glaubensgemeinschaften hinwirken. Der römische Drehbuchautor und Regisseur Bianchini drehte diesen Film im Alter von 76 Jahren. Franziskus wird als tiefsinniger Mystiker mit politischem Weitblick dargestellt. Der 93-minütige Film knüpft an eine spätmittelalterliche Überlieferung an, nach der sich der Staufer und Franziskus auf dessen Rückkehr aus dem Orient im Castello Svevo von Bari getroffen hätten. Der Film lebt von symbolreichen Szenenbildern und poetisch-dichten Gesprächen. Der Regisseur ist weniger historischer Rekonstruktion als der Botschaft ins Heute verpflichtet. Seit 2002 wirkt Paolo Bianchini als italienischer Unicef-Botschafter zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in Krisengebieten und Flüchtlingsströmen.
Ende 2014 überraschte Liliana Cavanidie Öffentlichkeit mit ihrem dritten Franziskus-Film. Die RAI strahlte eine zweiteilige Miniserie der inzwischen 81-jährigen Regisseurin aus, die ihr Werk italienisch schlicht «Francesco» betitelte. Vom Bayerischen Rundfunk mitproduziert, ist es seit 2016 in synchronisierter Fassung unter dem Titel «Sein Name war Franziskus» (2016) als DVD erhältlich. In der Originalversion füllt der epische Streifen 200 Minuten, in der deutschen Fassung drei Stunden. Das Alterswerk der betagten Erfolgsregisseurin greift eine ganze Reihe von Lieblingsszenen aus früheren Kinohits auf. Einige erinnern unverkennbar an ihren Film von 1966 und ihren Hit «Francesco» von 1989. Doch auch Szenen aus den Erfolgsfilmen von Franco Zeffirelli und Fabrizio Costa finden eine adaptierte Neuauflage.
Eine Stärke des Streifens liegt darin, dass er auch die Geschichte der Schwestern in San Damiano nachzeichnet. Klaras Gemeinschaft kommt erstmals in der Filmgeschichte als ein über lange Jahre offener und sozial engagierter Konvent ins Bild, der bis zur Ägyptenmission des Franziskus eng mit den Brüdern verbunden war und sich ab 1220 gegen strenge Klausurstrukturen der päpstlichem Nonnenpolitik zur Wehr setzen musste. Die enge Verschränkung von Klaras schwesterlicher und Franziskus‘ brüderlicher Geschichte folgt dem filmischen Vorbild von «Chiara e Francesco» und korrigiert zugleich dessen klischeehafte Klausurdarstellung im Licht der neueren Klaraforschung. Franziskus´ Kreuzzugsintervention in Ägypten wird mit der jüngsten Forschung als Friedensmission charakterisiert. Bei deren Darstellung steht ebenfalls erkennbar Fabrizio Costa Pate.
Setzen seit der Jahrtausendwende vor allem italienische Produktionen Meilensteine in der franziskanischen Filmgeschichte, sorgt im Sommer 2018 ein amerikanischer Film für einen neuen Massstab mit Blick auf Franziskus und den interreligiösen Dialog. Im Vorfeld des 800-Jahr-Jubiläums der Begegnung von Damiette bringen Alex Kronemer – Michael Wolfe ihren einstündigen Streifen «The Sultan and the Saint» in Umlauf. Der Titel deutet einen Perspektivenwechsel an. Zeichneten bisher Filme und Bücher die Begegnung im Nildelta aus christlicher Sicht nach, wirkten an diesem Werk auch verschiedene islamische Forscher und Stiftungen mit. Der Film beleuchtet die Biografien des nahezu gleichaltrigen Mystikers aus Assisi und des Sultans in einer Zusammenschau: Er zeichnet ihren jeweiligen Werdegang, ihre politische und religiöse Prägung nach, um dann die Begegnung im Frühherbst 1219 auszumalen und ihre Früchte zu schildern. Sowohl islamische wie christliche Fachleute - Historiker, Theologinnen und Religionswissenschaftler - kommentieren das dokumentierte Geschehen. Von christlicher Seite sind es vorwiegend Mitglieder des Franciscan Institutes der Universität St Bonaventure bei New York. «The Sultan and the Saint» produzierte die amerikanische Unity Productions Foundation (UPF) mit Beiträgen christlicher Institutionen und islamischer Stiftungen sowie privater Spender beider Religionen. Die 1999 gegründete UPF ist primär pädagogisch ausgerichtet und setzt sich das Ziel, durch Medienarbeit «Peace and Pluralism» zu fördern.
Und hier noch das Eingangsbild in ganzer Grösse:
100 Jahre Filmgeschichte zeigen, wie jedes Jahrzehnt mit neuen Fragestellungen und Interessen auf historische Personen, ihre Biografie und ihre Botschaft blickt. In den Filmen seit 2000 erhält die Friedensmission in Ägypten grosses Gewicht: Franziskus als Prophet des interreligiösen Dialogs. Das Bild aus dem dritten Franziskusfilm Cavanis (italienisch 2014, deutsch 2016) zeigt die Ankunft in Ägypten.