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Die Thematik von Harold Pinters Kurzdrama ‚Eine Art Alaska’ findet ihren Ursprung in der ‚Encephalitis lethargica’, auch Europäische Schlafkrankheit genannt. Diese war eine Erkrankung, welche anfangs des 20.Jahrhunderts in Europa grassierte und rund 5 Millionen Menschen das Leben kostete. Der Krankheitserreger löste Gehirnentzündung, Lethargie, unkontrollierte Schlafanfälle und temporäre, der Parkinson-Krankheit ähnliche Störungen aus.
Zwischen 1917 und 1927 scheint es eine besondere Häufung von Encephalitis-lethargica-Fällen gegeben zu haben. Die Überlebenden dieser Epidemie dämmerten in einem sonderbaren Schlafzustand dahin.
Ab 1969 wurde mt der Behandlung von Patienten mit postenzephalitischem Syndrom mit dem Medikament L-DOPA (eine Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, begonnen. Deren Wirkung beschrieb der Neurologe Oliver Sacks in seinem populärwissenschaftlichen Bestseller Awakenings (Zeit des Erwachens), der später unter diesem Titel auch erfolgreich verfilmt wurde.
In Pinters Kurzdrama ‚Eine Art Alaska’ finden wir Deborah vor, die seit 29 Jahren in ihrem eigenen Körper gefangen ist. Ihr Leibarzt Hornby, der die ganze Zeit an ihrem Bett gewacht hat, hat endlich ein Mittel gefunden, welches sie aus ihrer Erstarrung erlöst. Deborah erwacht zwar, kann sich aber nicht erinnern, wer dieser Hornby ist, noch, warum ihre angebliche Schwester Pauline plötzlich so alt aussieht. Sie befindet sich immer noch in ihrer kindlichen Welt und begreift nicht, was mit ihr los ist.
Während Deborah sich ihre Situation begreiflich zu machen versucht, zeichnet sich zwischen Hornby und Pauline ein zwischenmenschliches Drama ab. Beide, miteinander verheiratet, wachen seit 29 Jahren am Bett einer Frau und stecken ihr eigenes Leben massiv zurück. Beide opfern ihr ganzes Leben dem Moment des Erwachen eines geliebten Menschen, welches sich anders abspielt als erwartet. Ihre Hoffnungen, die ‚alte’ Deborah wieder unter sich zu haben, erfüllen sich nicht. Auch weiss man nicht mehr so recht, warum der Arzt mit Pauline verheiratet ist: Pauline wegen, um der Kranken nahe zu sein, um wissenschaftliche Experimente durchzuführen?
Das Drama ‚Eine Art Alaska’ spielt in der Gegenwart und beschreibt das Aufwachen Deborahs aus ihrem 29jährigen Schlafzustand. Der zweite, eigentlich vorangehende Teil dieses Zustands bleibt dem Leser vorenthalten respektive erschliesst sich ihm nur anhand des Gesprächs zwischen Deborah und dem anwesenden Arzt und ihrer Schwester. Diese zwei Welten – Wachwelt (Gegenwart) und Schlafwelt (Vergangenheit) – bilden die strukturelle Grundlage für die künstlerische Umsetzung.
Während die Wachwelt das eigentliche Sprechtheater Pinter’s beinhaltet, kreiert der Klangkünstler Marcel Saegesser in seiner Komposition ‚Versumpft’ die Welt der Schlafenden Deborah, welche dem Zuschauer anhand raffinierter Raum-Klang-Installationen in eine andere, sinnliche Atmosphäre vermittelt. In dieser verhalten sich die Figuren so, wie Deborah sie aus der anderen Welt wahrgenommen haben könnte.
Florian Rexer verpackt die Elemente von Saegesser und Pinter in eine für den Zuschauer verständliche Geschichte. So führt uns der Arzt Hornby am Anfang des Abends in die Thematik der Schlafkrankheit ein und beschreibt die Forschungen, die er in den vergangenen 29 Jahren betrieben hat. Mit diesen Informationen taucht das Publikum ein in die Atmosphäre von ‚Versumpft’, wo es die Jahre an Deborah vorbeiziehen sieht. 29 Jahre werden komponiert und dargestellt, bis dem Arzt das Medikament zur Verfügung steht, mit welchem er Deborah aus dem Schlaf holen kann. Das Kurzdrama hält die Zeit an. Wir werden Zeugen eines seltenen und berührenden Ereignisses, auf welches der Arzt und die Schwester ihr ganzes Leben gewartet haben. Als Deborah am Ende des Dramas wieder einschläft, entführt sie uns in ihre Vergangenheit. Die Elemente von ‚Versumpft I’ und ‚Eine Art Alaska’ vermischen sich in ‚Versumpft II’ zu einer kindlichen Welt und bilden so einen versöhnlichen und befreienden Abschluss des eher schweren Themas der Schlafkrankheit.