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Seltene Biographien von zwei Waisenkindern aus den 1890er-Jahren
Fritz und Ida Bützer wurden nach dem Tod des Vaters 1890 Vollwaisen. Dass ihre Geschichte dank den noch vorhandenen Dokumenten im Gemeindearchiv von Homberg-Teuffenthal nicht vernichtet wurden und uns 124 Jahre später noch zugänglich sind, ist eine Rarität. Sie zeigen einerseits die harte Lebensrealität der früh verstorbenen Eltern durch Krankheit und Unfall und andrerseits, dass es Heimatgemeinden gab, welche Waisen nicht blind und möglichst kostengünstig platzierten, sondern nach bestem Wissen die Sache regelten.
Familienhintergrund
Der Vater Johann Bützer wurde am 15. November 1839 geboren. Er war Müller und Bäcker in Wangen an der Aare. Er erlitt am 22. Dezember 1890 beim Brand seines Hauses schwerste Verbrennungen und eine Rauchvergiftung als er die Kinder rettete. Man rettete ihn bewusstlos aus der Brandstätte, aber 3 Tage später starb er. Er war in dritter Ehe verheiratet und hinterliess 4 unmündige Kinder. Die älteste Tochter war im Brandobjekt erstickt. Die dritte Frau, Lina Bützer-Kummer, welche er 1887 ehelichte, erwartete ein weiteres Kind. Sie schenkte ihm insgesamt 3 Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, wobei der jüngste Sohn, welcher im Januar 1891 geboren wurde, bereits im Mai desselben Jahres starb. Die 2. Ehefrau, geborene Gfeller, die Mutter von Fritz und Lina starb 1886 an der Schwindsucht. Die 1. Ehe Johann Bützers war kinderlos geblieben.
Aktenlage und Verhandlungsführung 1891 bis 1899
Zunächst ist es ein grosses Glück, dass die Akten im Archiv der Gemeinde Homberg-Teuffenthal noch vorhanden sind. Weiter hat Frau Schiffmann, welche im Gemeindesekretariat tätig ist in ihrer Freizeit die Dokumente, die noch in der alten deutschen Schrift verfasst sind studiert und in die heutige Sprache transkribiert. Die hinterlassenen Schriftstücke, welche die Jahre 1891 bis März 1899 umfassen, zeigen, dass der damalige Gemeinderat nach dem Todesfall des Johann Bützer sehr umsichtig vorgegangen ist, alle notwendigen Abklärungen (Erbberechtigte, amtliches Güterverzeichnis, bestehende Versicherungen) vorgenommen und die umfangreiche Korrespondenz mit den Gemeinden und Notaren in Wangen an der Aare, Herzogenbuchsee, Niederönz und Signau, den vier Versicherungsgesellschaften wegen den Lebensversicherungen, der Stiefmutter und den Verwandten (Grossmutter, Tante und Onkel) von Ida und Fritz Bützer verantwortungsbewusst getätigt hat. Immerhin dauerte es mehr als drei Jahre bis die Erbteilung nach dem Beschluss eines eingeforderten Schiedsgerichts vollzogen werden konnte und die betroffenen Parteien dies mit ihrer Unterschrift bestätigten. Auch für die durch den Brand beschädigte Liegenschaft in Wangen an der Aare konnte nicht sofort ein Käufer gefunden werden.
Fritz Bützer * 13. April 1885
ist der Sohn aus der 2. Ehe mit Anna Maria geborene Gfeller, die ja bereits 1886 starb. Nach dem Tod des Vaters, Johann Bützer im Dezember 1890 nimmt die Stiefmutter Fritz und Ida zusammen mit ihren leiblichen Kindern zu sich ins Elternhaus nach Niederönz. Fritz und Ida bekommen als Waisen C. Schiffmann als Vogt zugewiesen. Er ist zugleich Gemeindeschreiber der Heimatgemeinde des verstorbenen Vaters Teuffenthal. Da sich die Erbschafts- und Versicherungsangelegenheiten, sowie der Verkauf der Brandliegenschaft in Wangen kompliziert gestalten und einige Zeit in Anspruch nehmen, wird Fritz erst im September 1894 an den Pflegeplatz bei seinem Vormund C. Schiffmann gebracht. Gefeilscht wird auch über das jährliche Kostgeld. Nicht einfacher machten es die diversen involvierten Amtsstellen, sowie die Ansprüche der Stiefmutter bis eine Einigung zustande kam. 1896 versuchten sowohl die Tante, die Schwester der leiblichen Mutter, wie die Stiefmutter Fritz aus dem Pflegeplatz in Teuffenthal zu sich zu nehmen, um ihm den Sekundarschulbesuch in Langenthal beziehungsweise in Herzogenbuchsee zu ermöglichen. Im Herbst 1896 bewilligte der Gemeinderat die Übersiedlung zur Stiefmutter. Es fand ein neues Feilschen um das Kostgeld statt. Fritz schaffte aber den Übertritt in die Sekundarschule nicht und besuchte weiter die Primarschule in Niederönz. Zwei Jahre später im Herbst 1898 musste Fritz für ein weiteres Jahr bis zum Ende der Schulzeit zurück zu seinem Vormund C. Schiffmann nach Teuffenthal. Fritz wanderte später nach England aus, wurde dort ein erfolgreicher Geschäftsmann.
Ida Bützer * 4. August 1883
Ihre Mutter ist die 1886 verstorbene 2. Ehefrau des Johann Bützer, Lina Bützer-Gfeller. Nach dem Tod des Vaters 1890 nimmt die Stiefmutter Fritz und Ida zusammen mit ihren eigenen Kindern zu sich ins ehemalige Elternhaus nach Niederönz. Ida bekommt wie ihr Bruder als C. Schiffmann als Vogt (Vormund) der zugleich Gemeindeschreiber der Heimatgemeinde des verstorbenen Vaters in Teuffenthal ist. Da sich die Erbschafts- und Versicherungsangelegenheiten, sowie der Verkauf der Brandliegenschaft in Wangen kompliziert gestalten und einige Zeit in Anspruch nehmen, wird die 11-jährige Ida erst im September 1894 an den Pflegeplatz zu der Witwe Röthlisberger als Haushalthilfe nach Signau gebracht. Bei ihr soll sie auch die wichtigsten weiblichen Handarbeiten erlernen. Sie verbleibt dort aber nur bis im Mai 1895, weil es zu Klagen über die Pflegemutter kommt. Und weil die Stiefmutter inzwischen ebenfalls auf eine Haushalthilfe angewiesen ist, kehrt Ida auf deren Begehren im Einverständnis ihres Vormunds C. Schiffmann nach Niederönz zurück. Sie folgt später ihrem Bruder nach England und verheiratet sich dort.
Walter Zwahlen
Gemeindeverwaltung Homberg