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SNF-Forschungsprojekt: Prekäres Erzählen bei Robert Walser
Robert Walser ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Das Projekt „Prekäres Erzählen“ stellt den Aspekt des Erzählens im Werk Walsers ins Zentrum. Daraus wird eine Theorie des grenzwertigen „prekären Erzählens“ entwickelt, die an anderen Autoren (Kafka, Musil) erprobt und verfeinert wird.
Was heisst „erzählen“? Dafür sind in der Literatur, der Literaturwissenschaft, der Philosophie und in anderen Disziplinen viele Antworten gegeben worden. Aristoteles definiert es als etwas, das Anfang, Mitte und Ende hat. Diese Idee wird im Strukturalismus verfeinert zu einem Verständnis von Erzählung als ein in sich geschlossenes Ganzes, das aus auf spezifische Art und Weise verknüpften Sequenzen, sprich Handlungen, besteht. Daneben gibt es in der Literaturwissenschaft die Ansicht, das Erzählerische komme erst durch eine bestimmte Vermittlung zustande, die vom Erzähler gewährleistet würde. Ein jüngere, kognitivistische Richtung behauptet, dass Erzählung erst im Kopf des Lesers entsteht. All diesen Theorien ist gemeinsam, dass sie ein Erzählen, das sich gerade durch seine narrative Grenzwertigkeit auszeichnet, als in einem gewissen Sinn defizitär thematisieren müssen. Das Projekt „Prekäres Erzählen“ versucht dagegen, gerade die Grenzwertigkeit des Walserschen Erzählens als genuine Form der Narration zu begreifen, die das Erzählen selbst wiederum reflektiert. Dieses „prekäre Erzählen“ lässt sich charakterisieren als ein Erzählen, das sich weniger durch miteinander verknüpfte Ereignisse auszeichnet, als durch performativ konstruierte Ereignisse. Diese narrative Technik führt zu „Widersprüchen“ im Text und entlarvt durch ihren Konstruktionscharakter die Inszenierung von Erzählung. Wie sich diese Techniken adäquat theoretisieren lassen, steht im Zentrum der Dissertation.
Das Projekt hat wesentlich zwei Ziele. Zum einen soll ein präziser Begriff des prekären Erzählens erarbeitet werden, der in der Analyse und Interpretation von prekär erzählten bzw. erzählenden Texten zu einem klareren und differenzierteren Verstehen führt. Zum anderen sollen bei Robert Walser narratologische Aspekte beleuchtet werden, die bisher vergleichsweise wenig Beachtung fanden.