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| Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)

Zweites Buch
XXII. Kapitel: Wie von ihm in einem Gesicht der Bau eines Klosters bei Terracina näher angegeben wird
Gregorius. Einmal wurde er von einem gläubigen Manne gebeten, er möchte auf seinem Landgut bei Terracina ein Kloster1 erbauen und Brüder dorthin senden. Er gab seine Einwilligung dazu, bestimmte die Brüder, setzte einen Abt über sie und ordnete auch an, wer der zweite nach diesem sein sollte. Als sie fortgingen, versprach er: „So gehet, ich komme an diesem [S. 84] und jenem Tage und zeige euch, wo ihr das Bethaus, wo das Refektorium für die Brüder, wo die Gastwohnungen oder was sonst notwendig ist, erbauen sollet.” Nach empfangenem Segen machten sie sich auf den Weg, und in sehnlicher Erwartung des bestimmten Tages richteten sie alles her, was für die etwaigen Begleiter des großen Vaters notwendig schien. In der Nacht aber, die dem versprochenen Tage vorherging, erschien Benedikt dem Diener Gottes, den er dort als Abt aufgestellt hatte, und seinem Prior im Traume und bezeichnete ihnen genau alle Stellen, wo sie etwas bauen sollten. Als beide vom Schlafe aufstanden, erzählten sie einander ihr Gesicht. Sie trauten jedoch diesem Gesicht nicht vollkommen und erwarteten den Mann Gottes, wie er zu kommen versprochen hatte. Als aber der Mann Gottes an dem bestimmten Tage nicht kam, begaben sie sich traurig zu ihm und sprachen: „Wir haben erwartet, Vater, daß du kommest, wie du es versprochen hattest, und daß du uns zeigest, wo wir die Gebäude errichten sollen, und du bist nicht gekommen.” Er aber sprach zu ihnen: „Warum, Brüder, warum saget ihr dieses? Bin ich etwa nicht gekommen, wie ich es versprochen habe?” Als sie ihn fragten: „Wann bist du gekommen?” erwiderte er: „Bin ich nicht euch beiden im Schlafe erschienen und habe ich euch nicht die einzelnen Stellen bezeichnet? Gehet, und wie ihr es im Traume gehört habt, so errichtet alle die Klostergebäude!” Da sie dies hörten, wunderten sie sich sehr, kehrten auf das Landgut zurück und erbauten alles, wie es ihnen geoffenbart worden war.
Petrus. Ich bitte, sage mir, auf welche Weise konnte es geschehen, daß er weit fortging und Schlafenden einen Bescheid gab, den sie im Traume hörten und verstanden?
Gregorius. Warum, Petrus, grübelst du über die Art und Weise nach und fängst an zu zweifeln? Es ist doch klar, daß der Geist beweglicher ist als der Körper. [S. 85] Auf das Zeugnis der Heiligen Schrift hin wissen wir gewiß, daß der Prophet in Judäa in die Luft gehoben und plötzlich mit dem Frühstück in Chaldäa niedergelassen wurde, wo er nämlich mit dem Frühstück einen andern Propheten erquickte, und dann sich plötzlich wieder in Judäa befand. Wenn Habakuk in einem Augenblick leiblich sich so weit entfernen und ein Frühstück überbringen konnte, was ist dann daran zu verwundern, wenn der Vater Benedikt es erlangte, im Geiste sich zu entfernen und den Brüdern im Schlaf das Nötige mitzuteilen, so daß, wie sich jener leiblich zur Speisung des Leibes entfernte, dieser im Geiste zur Einrichtung des geistlichen Lebens sich fortbegab?
Petrus. Deine Rede hat wie eine Hand, ich gestehe es, mir den Zweifel von der Seele genommen. Aber ich möchte gern auch wissen, wie dieser Mann im gewöhnlichen Umgang redete.
1: Das Kloster S. Stefani de Montanis