Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03358.jsonl.gz/3169

Mit dem Indiovolk der Panará, auch bekannt unter dem Namen Kreen-Akarore, nahm man offiziell im Jahr 1973 ersten Kontakt auf, bevor man daranging, die Trasse der Bundesstrasse “Cuiabá-Santarém“ zu konstruieren, welche das traditionelle Territorium dieser Indianer im Gebiet des Rio Peixoto Azevedo durchqueren würde. Der violente Zusammenstoss mit ihnen führte zum Tod von zwei Drittel ihrer Stammesmitglieder – durch übertragene Krankheiten und verschiedne Massaker.
Panará
|Andere Namen: Kreen-Akarore, Krenhakore, Krenakore, Índios Gigantes

Sprache: Familie Jê
Population: 374 (2008)
Region: Bundesstaaten Pará und Mato Grosso
|INHALTSVERZEICHNIS

Stammesbezeichnungen und Sprache
Geschichte ihres Erstkontakts
Der offizielle Erstkontakt
Am Rio Xingu in Mato Grosso
Rückkehr in die Heimat
Neue Zeiten
Gesellschaftliche Organisation
Verwandtschaften, Namensgebung
Kosmologie und Ritual
Produktive Aktivitäten
Quellenangaben
Eine allgemeine Unterscheidung, die von den Panará benutzt wird, besteht zwischen dem Wort “Panará“ (was “Leute“ oder “Menschliche Wesen“ bedeutet) und dem Wort “hĩ’pẽ“ (mit dem “der Andere“ gemeint ist), und mit “den Andern“ beziehen sie sich auch auf ihre unmittelbaren (zur Familie gehörigen) Nachbarn, den Kayapó. Sie sprechen einen Dialekt aus der Sprachfamilie “Jê“, der Unterfamilie “Jê Setentrional“, welche die Kayapó, die Suyá, die Apinayé und die Timbira-Sprachen einbegreift.
Anfang der 70er Jahre, als man die ersten offiziellen Kontakte zu den Panará aufnahm, wusste niemand, wie sie sich selbst benannten. Es waren die “Indios Gigantes“ (Riesen-Indianer) oder Krenacore, Kreen-Akrore, Kreen-Akarore, Krenhakore und Krenacarore – Varianten des Namens “kayapó kran iakarare“, was in etwa bedeutet: “Rund geschnittener Kopf“ – eine Referenz auf den traditionellen Rund-Haarschnitt, der die Panará kennzeichnet. In den reichlichen Geschichten jener Zeit fällt eine konstante Bemühung auf, ihre unbekannte Herkunft zu erklären. Sie “Riesen“ – “Weisse Indianer“ oder “Schwarze Indianer“ zu nennen, war eine Form der Identifizierung, um sie aus dem beunruhigenden Zustand absoluter Unbekanntheit herauszulösen. Die Übertreibung, sie als “Riesen“ zu bezeichnen, hatte verschiedene Gründe, die aber von den Brüdern Villas-Bôas nach einem Erstkontakt ausgeräumt wurden: Die Mehrheit der Panará waren von ihrer Statur her vergleichbar mit den anderen Stämmen der Region, wie den Kayapó oder den Xavante, zum Beispiel. Trotzdem beeindruckten ihre enormen Bögen und Keulen, die bis zu 1,80 m messen konnten – sie waren Grund genug zu der Annahme, dass solche Riesenwaffen nur von entsprechend übergrossen Männern gehandhabt werden könnten. Und die Kayapó, traditionelle Feinde der Panará, verbreiteten darüber hinaus den Ruf der “Índios gigantes“, um damit ihre siegreichen Kriegszüge gegen die Panará entsprechend aufzuwerten. Ein sichtbarer Grund für solchen Aberglauben nannte sich “Mengrire“ und war 2,06 m gross – ein Panará-Indianer, einst als kleines Kind aus seinem Dorf geraubt und von den Kayapó Metuktire aufgezogen. Er siedelte mit den Kayapó um in den “Parque Indígena do Xingu“, wo er Ende der 60er Jahre, im Alter von nur 38 Jahren starb – oder getötet wurde. “Mengrire“ war tatsächlich ein Gigant, aber er war auch der einzige seines Stammes, den man je von Wissenschaftlern untersuchen liess. Ausser diesem kuriosen Fall, berichtete Orlando Villas-Bôas, dass er anlässlich jenes Erstkontakts noch mindestens acht andere Panará von Übergrösse gesehen hätte. Aber sie starben alle durch die von Weissen übertragenen Krankheiten. Unter den erwachsenen Panará von heute, die am Fluss Peixoto de Azevedo bis 1973 gelebt haben, sind keine “Riesen“ mehr – aber wenn man sie fragt, dann erinnern sie sich lebhaft ihrer “Krieger-Riesen“, und man ist wieder versucht, ihre offensichtlich grenzenlosen Übertreibungen als Aberglauben abzutun.
Linguistische und ethno-historische Daten aus jüngster Zeit beweisen, dass die Panará der Region “Peixoto Azevedo/Oberlauf des Rio Iriri“ die letzten Nachfahren einer wesentlich grösseren Gruppe sind, die von den Historikern als “Cayapó do Sul“ beschrieben worden sind. Diese Gruppe bewohnte im 18. Jahrhundert ein riesengrosses Gebiet in Zentralbrasilien, zwischen dem Norden São Paulos, dem Dreieck von Minas Gerais und dem Süden von Goiás, bis zum Osten von Mato Grosso und dem Südwesten von Mato Grosso do Sul. Der intensive Abbau von Mineralien, der die kommerziellen Verbindungen zwischen São Paulo und Goiás belebte und mit den Wohngebieten dieser Indianer kollidierte, veranlasste die Regierungen der beiden Provinzen, sogenannte “Sertanistas“ (Waldläufer) unter Vertrag zu nehmen, um die Indianer von den gängigen Verbindungswegen fernzuhalten. Mit der Entdeckung von Gold in der Region des Rio Vermelho, in Goiás, durch den bekannten Bandeirante Bartolomeu Bueno da Silva im Jahr 1722, waren die Cayapó do Sul nunmehr konstanten Angriffen durch die expandierenden Goldschürfer-Fronten ausgesetzt. Viele blutige Konflikte entstanden zwischen diesen Indianern und den portugiesischen Kolonisten auf den Wegen zwischen Goiás und Cuiabá. Während der ersten Begegnungen – so berichtet ein Chronist aus dieser Epoche – wurden eintausend Cayapó im Verlauf von nur drei Monaten gefangen genommen – achttausend während der folgenden Kämpfe als Sklaven abtransportiert.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es für die Indianer noch schlimmer: Die zu ihrer Bekämpfung abkommandierten portugiesischen Fähnlein machten nunmehr keine Sklaven mehr, sondern beschränkten sich auf ihre Abschlachtung – besonders aller waffenfähigen Männer. Der Krieg gegen die Cayapó brachte den Indianern Tod und Zwangslager. Im 19. Jahrhundert führte die weisse Besetzung im Südwesten von Goiás zu einer erneuten Verschärfung der Konflikte mit den Indianern, wodurch die Cayapó do Sul praktisch ausgerottet wurden. Vereinzelte Grüppchen hielten sich noch eine Zeitlang im Dreieck von Minas Gerais, schliesslich wurden sie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als “verschwunden“ deklariert. Jene Stämme, welche im 18. und 19. Jahrhundert keine Zwangslager oder die “Assimilation“ akzeptiert hatten, waren gegen Westen und gegen Norden geflohen, in Richtung der geschlossenen Wälder im nördlichen Mato Grosso.
Die gegenwärtigen Panará besetzten bis zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts das Becken des Rio Peixoto de Azevedo, einem rechten Zufluss des Rio Teles Pires, der mit anderen den grossen Strom des Tapajós formt. Der ungewöhnliche Reichtum der Natur in diesem Gebiet veranlasste sie zum Bleiben. Die mündliche Überlieferung der Panará bestätigt, dass sie dermaleinst vom Osten her eingewandert sind, einer Savannen-Region, in der sich “wilde weisse Männer von brutalem Wesen niedergelassen hätten, die Feuerwaffen besassen und viele Vorfahren der Panará getötet hätten“. Und der Häuptling “Akè Panará“ erzählt: “Die Alten haben uns berichtet, dass in der damaligen Zeit die Weissen viele Panará mit Gewehren getötet haben. Sie kamen in unsere Dörfer und schossen sie alle tot. Aber es wurden auch viele von ihnen durch die Keulen unserer Vorfahren getötet, denn diese Weissen waren wild und böse“.
Der Kontakt zwischen den Panará und den Kayapó ist ebenfalls sehr alt. Wahrscheinlich der erste Kontakt zwischen beiden vollzog sich während einer ihrer regelmässigen Wanderungen gegen Norden der antiken Dorfgemeinschaft “Sonkànasan“, um zu fischen und um Schneckenhäuser zu sammeln, aus denen sie ihren Schmuck herstellten. Gustaf Verswijver, ein Anthropologe, der die Kayapó ausgiebig studiert hat, erzählt, dass die Panará den Kayapó-Stamm der “Mekragnoti“ im Jahr 1923 in einem Dorf zwischen dem Rio Jarina und dem Rio Iriri Novo angriff, nahe am Rio Xingu. Die Mekragnoti flohen an den Rio Curuá – zirka 200 km gegen Nordwesten – wo sie aber von den Panará erneut angegriffen wurden. Ein anderer Bericht desselben Autors besagt, dass die Mekragnoti im Jahr 1943 ein Dorf der Panará auf einem ihrer eigenen alten Dorfplätze entdeckten, zwischen dem Rio Jarina und dem Iriri Novo – innerhalb des gegenwärtigen Territoriums “Capoto“ des Kayapó-Stammes “Metuktire“.
Im Jahr 1968 überflogen die “Sertanistas“ Orlando und Cláudio Villas-Bôas das Wohngebiet der Panará, um einen Kontakt mit ihnen aufzubauen, bevor die geplante BR-163-Bundesstrasse den Wald der Region um den Rio Peixoto de Azevedo aufreissen würde. Sie brauchten noch fünf Jahre, bis es ihnen endlich gelang, sich den flüchtigen Panará zu nähern – am 4. Februar 1973 – denn die Indianer bauten Hütten und rissen sie wieder ab auf konstanter Flucht. Bereits vor diesem historischen Treffen hatten sporadische Kontakte mit den weissen Arbeitern der Strassenbau-Brigade einen Virus der Zivilisation auf das Volk der Panará übertragen: Zwischen 1973 und 75 hatte dieses Volk so viele Tote als Folge der eingefangenen Grippe und eines schlimmen Durchfalls zu beklagen, dass sie damals fast ausgerottet wurden. “Wir waren im Dorf“, erinnert sich der Häuptling Akè Panará, “und plötzlich fingen alle an zu sterben. Wer noch gehen konnte zog sich in den Wald zurück, aber dann starben dort noch mehr. Wir waren alle krank und schwach, deshalb konnten wir nicht einmal unsere Toten begraben. Sie verwesten auf dem Boden, wo sie lagen. Die Geier haben sie alle gefressen“.
Auf Grund dieser Tragödie verlegte ein Flugzeug der brasilianischen Luftwaffe 1975 die Überlebenden vom Rio Peixoto de Azevedo in den “Parque Indígena do Xingu“ – 250 km nach Westen. Die Panará kamen dort hungrig an, alle mit Malaria, vollkommen anämisch und voller Parasiten. Der Plan, sie am Xingu zu empfangen, bestand aus einem zu pflanzenden Maisfeld und der Konstruktion eines Gemeinschaftshauses innerhalb des Dorfes der Kayabi. Nachdem sie am FUNAI-Posten “Diauarum“ die Maschine verlassen hatten, wurden sie von einem Ärzte-Team der “Escola Paulista de Medicina“ untersucht, und dann auf den Weg zum Kayabi-Dorf gebracht. Nach Aussagen von Heelas, einem Anthropologen, der zu jener Zeit diese Gruppe studierte, waren “fast alle von Malaria, Grippe oder Lungenentzündung befallen – manche gleich alles zusammen – und im Verlauf der ersten zwei Monate in ihrer neuen Heimat starben noch mal fünf von ihnen, sodass insgesamt noch 74 Personen übrig blieben“.
Im März 1975 beschloss die Leitung des Parks, die Panará ins Dorf Kretire zu übersiedeln, ihrer ehemaligen Feinde, der Kayapó. Obwohl es in diesem Dorf mehr für sie zu essen gab, war die Situation doch äusserst gespannt und bedrückend. Ihr Gesundheitszustand war immer noch Besorgnis erregend, und verschiedene ihrer Frauen heirateten Kayapó-Männer. Nach einer schwierigen Verhandlung im Oktober 1975, verlegte man die Panará wieder – obwohl sie bei den Kayapó verschiedene Frauen und Kinder zurück liessen. Bis dato waren wieder fünf Personen von ihnen gestorben, der Rest bestand nun noch aus 69 Personen. Die verbrachten zirka einen Monat in der FUNAI-Station Diauarum, wo sie unter ärztlicher Aufsicht und Behandlung standen, dann verlegte man sie ins Dorf der “Suyá“ am Rio Suyá-Missu. Dort besserte sich ihre Gesundheit, sie fingen eine eigene Pflanzung an, das weniger opressive soziale Klima erlaubte ihnen die Entwicklung eigener Initiativen. Eine neue Stammesführung entstand, welche auch die Tänze, Lieder und traditionellen Rhyten wieder stimulierte. In der Trockenperiode von 1976 suchten sich die Panará dann einen Platz für die Konstruktion eines eigenen Dorfes – auf dem antiken Platz eines Dorfes der Kayabi – zwischen den Flüssen Suyá-Missu und Xingu. Und gegen Ende desselben Jahres zogen sie nach dort um.
Die Neugründung ihres ersten eigenen Dorfes am Xingu gab diesem vom Schicksal so geschlagenen Volk enormen Auftrieb. Deutlich zeigte sich von diesem Moment an auch ein Wachstum der Bevölkerung, eine kulturelle und gesellschaftliche Rekonstruktion war zu beobachten, und die Gruppe entwickelte insgesamt eine ungewöhnliche Aktivität, sich an die wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer neuen Heimat am Xingu anzupassen.
Die Panará vermehrten sich zusehends in ihrem neuen Dorf. Im September 1980 waren es 84 Personen (dabei hatte man allerdings auch diejenigen Panará mitgezählt, die mit anderen Gruppen lebten) und bis im Dezember 1982 waren sie auf 95 Personen angewachsen. Im August 1992 hatte die Gesamtbevölkerung 135 Individuen erreicht. Trotzdem wurden sie von den anderen Bewohnern des Indianer-Parks als politisch weniger bedeutend eingestuft als andere, zahlenmässig grössere Ethnien. Die ambientalen Konditionen am Xingu machten die Panará zunehmend unzufriedener. Sie waren es gewöhnt, eine diversifizierte Landwirtschaft zu betreiben, wesentlich vielseitiger als die anderen Volksstämme des Xingu. Bei ihnen war es Tradition, vier verschiedne Sorten von Kartoffeln zu pflanzen, fünf Sorten “Cará“ (Wurzelart), sechs Sorten Maniok, ausserdem “Mangarito“, “Abobora“ (Kürbis), “Cabaça“ (Flaschenkürbis), “Urucum“ (rote Pflanzenfarbe) und Baumwolle. Nach ihrem Urteil war nur ihre “schwarze Erde“ (kupa kyan) dafür geeignet, ihre gewohnten Feldprodukte hervorzubringen. Am Xingu hatte sich die Landwirtschaft der Panará nur sehr langsam entwickelt, denn sie hatten ihr Gebiet am Rio Peixoto ohne irgendeinen Steckling, pflanzlichen Ableger oder Samen verlassen. Wenigstens zwei Sorten von Süsskartoffeln und zwei der “Cará“ konnten sie nicht mehr zurück gewinnen.
Ihre Tatkraft auf der einen und die gegebenen Grenzen des “Parque Indígena do Xingu“ auf der anderen Seite führten unter den Panará zu wachsendem Verlangen, in ihr traditionelles Territorium zurückkehren zu wollen. Im Oktober 1991 bestiegen sechs Panará und sechs Weisse den Bus zu einer historischen Reise in Richtung des Rio Peixoto de Azevedo. Es war das erste Mal seit ihrer Umsiedelung 1983, dass Mitglieder des Panará-Stammes ihre angestammte Region besuchten. Die Gruppe erreichte den Ort Matupá, an der BR-163, im extremen Norden von Mato Grosso, und fingen an, sich in ihrem alten Territorium umzusehen. Das Tal des Rio Peixoto de Azevedo war in einem desolaten Zustand. Die Goldgräber und Farmer hatten den Wald abgeholzt, die Flüsse verschmutzt mit ihrem Abfall, besonders den nördlichen Arm. Viele kleinere Bäche waren zu Sümpfen verkommen. Weite Abschnitte des einst paradiesischen Azevedo waren nun von Algen überwuchert. Die Indianer konstatierten die Folgen der Waldrodung, der Viehwirtschaft und des Goldabbaus als chaotisch. Dortselbst beschlossen sie, sich unmittelbar mit den für die Strasse verantwortlichen Autoritäten zu treffen, die auch für die unkontrollierte Besetzung ihrer Ländereien verantwortlich war, um sie zur rede zu stellen.
Noch im Zusammenhang mit dieser Reise überflogen die Panará ihre ehemalige Heimat und stellten fest, dass von ihren acht Dörfern aus dem Jahr 1968 sechs von den Goldwäschern und anderen Siedlungsprojekten zerstört worden waren. Da hatten sie die Idee, eine Entschädigung für die Besetzung ihres Landes und die Zerstörung ihrer Dörfer einzufordern. Während desselben Fluges orteten sie auch ein Stück Land, in der Nähe der Serra do Cachimbo, bis an den Oberlauf des Rio Iriri, das noch vollkommen ursprünglich und vom dichten Regenwald bedeckt war – ein Teil, der noch nicht von den weissen Eindringlingen besetzt war.
Zurück am Xingu diskutierten sie lang und breit mit ihren Stammesangehörigen über das, was sie gesehen, schilderten ihnen vor allem auch die traditionelle Gegend, welche noch nicht besetzt war und kamen zu einem Konzens hinsichtlich ihrer Zukunft. Sie entschieden sich, einen grossen Teil ihres angestammten Territoriums zur Verfügung zu stellen, dessen legale Besitzer sie waren, um einen Konflikt mit den Weissen zu vermeiden, dafür aber beanspruchten sie jenes unbesetzte Territorium von zirka 500.000 Hektar am Oberlauf der Flüsse Iriri und Ipiranga, an der Grenze zwischen Pará und Mato Grosso – inklusive dem Stück, das der INCRA im Mato Grosso gehörte. Im März 1993 reichten die Panará ihre formelle Forderung zur Demarkation ihres neuen Lebensraumes beim zuständigen Ministerium ein.
In Brasília wurden die Panará, wie alle anderen Indianer auch, vom “Núcleo de Direitos Indigenas“ vertreten (eine der Organisationen, welche sich später in der CEDI – Ökumenisches Zentrum für Dokumentation und Information, zusammenschloss, um 1994 das “Instituto Sócioambiental“ zu gründen) – dort präsentierten sie im 8. Bezirk der Bundesjustiz eine “Erklärende Aktion“ gegen die Staatsregierung, gegen die FUNAI und gegen die INCRA. Forderten den permanenten Besitz des traditionellen Panará-Territoriums und seine exklusive Nutzung. Schliesslich bekamen sie ihr Land zurück.
Im November 1994 riefen die Panará alle Führer und Häuptlinge der im “Parque Indigena do Xingu“ angesiedelten Stämme zu einer Versammlung im Dorf am Rio Arraias zusammen. Dort beabsichtigten sie, ihnen ihren Plan der Rückkehr in ihr originales Territorium zu präsentieren. Es wurde ein historisches Meeting, das drei Tage dauerte. Viele illustre indianische Persönlichkeiten waren zugegen – wie zum Beispiel der Kayapó-Txukarramãe-Häuptling Raoní; sein Neffe und damaliger Direktor des Parks, Megaron; der Führer der Kayabi, Mairawe, Chef des Postens Diauarum der FUNAI; und die Häuptlinge der Kayabi Prepuri und Cuiabano. Cláudio und Orlando Villas-Bôas waren zwar eingeladen, konnten aber nicht erscheinen. Zum ersten Mal versammelte sich die gesamte Führerschaft des Xingu im Panará-Dorf.
Vier Panará-Häuptlinge, Akè, Teseya, Kôkriti und Krekõ, die vier Ältesten des Stammes, erklärten öffentlich und sehr energisch, dass sie beabsichtigten, ins Land ihrer Väter und Grossväter am Rio Peixoto de Azevedo zurückzukehren. Sie hoben hervor, dass der Xingu kein Panará-Land sei – dass ihr Land viel fruchtbarer und mit Wild und Fischen gesegnet sei. Neun Panará – Männer und Frauen – hielten Reden zugunsten der Rückkehr. Ein jüngerer Panará war dagegen. Und die grosse Mehrheit der eingeladenen Führer, die man zu sprechen aufforderte, unterstützte die Absicht der Panará, und viele, wie die Führer der Txikão, Suyá und Kayabi sprachen voller Sehnsucht von ihren einstmaligen Ländereien, die sie zurücklassen mussten, als man sie ins Gebiet des Xingu umsiedelte. Olympio Serra, der designierte Nachfolger der Brüder Villas-Bôas als Park-Direktor, erinnerte daran, dass die Originalidee der Schaffung des Parks eigentlich ein viel grösseres Territorium vorsah, welches im Falle seiner Verwirklichung die Stamm-Territorien von Panará, Txikão und Kayabi beschützt hätte, und damit die Umsiedelung dieser Gruppen unnötig gemacht hätte. Alles in allem besiegelte die Konferenz der Xingu-Führer im Dorf Arraias die Rückkehr der Panará zum Rio Peixoto de Azevedo.
Im Dezember 1994 beendete die FUNAI den Prozess zur Identifikation und Vermessung des Indianerterritoriums Panará. Im Verlauf der Jahre 1995 und 1996 zogen die Panará dann schrittweise um in ihr neues Dorf im angestammten Gebiet, das sie ebenso schrittweise aufbauten und „Nãs’potiti“ nannten – der Name für ihren Fluss Iriri. Im September 1996 gab es in diesem Dorf schon 75 Personen, elf Malocas (indianische Behausungen) einen Posten der FUNAI und eine primitive Landepiste. Diejenigen, welche am Xingu geblieben waren, dachten nur an ihre Heimkehr, mussten aber warten, bis die neu angelegten Felder am Rio Iriri bereit waren zur Ernte, um dann ein Gesamt von 183 Personen ernähren zu können.
Am 1. November 1996 erklärte der Justizminister die “Terra Indigena Panará“ zum definitiven Besitz dieses Volkes – mit 494.017 Hektar Land in den Distrikten von Guarantã (Mato Grosso) und Altamira (Pará). Derselbe Akt beauftragte die FUNAI, die offizielle Demarkation des Territoriums vorzunehmen und entsprechende Markierungen an dessen Grenzen sichtbar anzubringen. Die Regierung anerkannte offiziell und politisch die Rechte der Panará und die Grenzen ihres Territoriums. Der Präsident von Brasilien unterzeichnete ein Dekret, das die genannte Demarkation besiegelte – ausserdem wurde dieser Anspruch in den Notariaten von Guarantã und Altamira registriert, sowie im “Serviço do Patrimônio da União“ in Brasília.
Im August 2003 waren dann die Panará die Protagonisten eines einmaligen und noch nie dagewesenen Geschehens in der Geschichte des Landes: Die Justiz anerkannte das Recht eines Indianervolkes auf eine Entschädigung wegen “Moralischer Grausamkeit“ verursacht durch Aktionen des Staates. Diese Entschädigung für die Panará war das erfolgreiche Ende eines langen Gerichtsprozesses, der 1994 eingeleitet worden war. In jenem Jahr hatten die Indianer den Prozess mit einer “Ordentlichen Aktion zur Materiellen und Moralischen Wiedergutmachung“ beim 7. Bezirk des Bundesgerichtshofs in Brasília eingeleitet – gegen die Regierung und gegen die FUNAI. Diese Aktion wurde mit Unterstützung von Anthropologen und Advokaten in die Wege geleitet, die sich heute unter dem Dachverband der ISA gruppiert haben. Die Entschädigung selbst, welche etwas mehr als 1,2 Millionen Reais betrug, stand in direktem Zusammenhang mit dem durch die Bundesstrasse BR-163 (Cuiabá-Santarém) forcierte Umsiedelung der Panará aus ihrer traditionellen Heimat und den damit verbundenen Opfern.
Die erwachsenen Frauen tragen nicht mehr den traditionellen kurzen Haarschnitt mit zwei parallel verlaufenden, kahl geschorenen Linien auf dem Kopf – seit ihrem Aufenthalt am Xingu haben sie den Haarschnitt der Suyá-Frauen eingeführt: lange Haare mit Pony über der Stirn. Die Körperbemalung, der Federschmuck und ihre Musik haben ebenfalls Elemente der Kulturen vom Xingu aufgenommen, in erster Linie von den Kayapó, ihren nächsten Nachbarn.
Die Panará unterteilen ihre Dörfer unter Berücksichtigung der verschiedenen Clans, aus denen ihre Gesellschaft besteht, sie wahren eine direkte Relation zwischen Platzangebot und gesellschaftlicher Organisation. Vier Clans sind es, die exogam miteinander verkehren – jeder Panará gehört mütterlicherseits einem davon an. Wie bei den Clans der Bororo, steht den Panará-Clans ebenfalls ein fester Platz im Dorfrund zu. Diese Stammplätze reihen sich in ost-westlicher Richtung aneinander, werden entsprechend dem Tagesverlauf der Sonnen festgelegt.
Die Panará wohnen in einem Runddorf, ihre Behausungen stehen an der Peripherie eines Kreises. In seinem Zentrum befindet sich das Männerhaus, wie auch in anderen Dörfern der linguistischen Sprachfamilie “Jê“. Die Clan-Namen sind für Aussenstehende etwas kompliziert: Kwakyatantera (“die aus der Wurzel der Buriti-Palme”), Keatsôtantera (“die aus den Blättern der Buriti-Palme”), Kukrenôantera (“die ohne Haus”) und Kwôtsitantera (“die von der Rippe”). Mit diesen Namen bezeichnen sie auch die Himmelsrichtungen – oder besser: die Himmelsrichtungen werden bei den Panará mit diesen Namen belegt – man ersetzt dazu lediglich die Endung “-antera“, die das menschliche Kollektiv bezeichnet, durch “-pên“, eine Endung die für eine Örtlichkeit steht: Kwakyatpên (“Ort der Buriti-Wurzeln”) oder Kwatsopên (“Ort der Buriti-Blätter”). Um zu erfahren, zu welchem Clan eine bestimmte Person gehört, sollten wir fragen: “Woher kommst du“? (Yu pên kya- interrogativ/ adj. Ort/ possessiv). Im allgemeinen Sinn weist der Terminus “Panará“ auf die Zugehörigkeit zu einem grösseren Verwandtschaftsnetz hin, mit anderen Worten: die gesamte Gruppe lebt innerhalb von Subkategorien, die von den Clans bestimmt werden. Die Zugehörigkeit zum Clan sowie die Position der Häuser des Vaters und der Mutter, je nachdem, innerhalb des Dorfrunds, sind die Referenzen zur Erklärung der Relation und Position eines jeden Mitglieds in der Gesellschaft.
Jedes Stammesmitglied gehört zwei unterschiedlichen Gruppen an, dem Clan mütterlicherseits und dem des Vaters. Wie wir auch bei anderen Jê-Stämmen beobachten können, ist die einfachste Einheit der Familienkern (die Frau, der Mann und ihre Kinder), jeder von ihnen mit seinem eigenen Feuerplatz. Die Frau arbeitet auf dem Feld, pflanzt und erntet Nahrungsprodukte für die Familie, während der Mann auf die Jagd geht und Fisch fängt, mit derselben Absicht.
Die Clans sind exogam, das heisst, Personen desselben Clans heiraten nicht unter sich, ausserdem wird der Mann nach der Heirat im Haus seiner Schwiegereltern wohnen. Das bedeutet, dass die Männer in einem Haus geboren werden und in einem anderen ihre Familie gründen, während die Frauen in ihrem Geburtshaus ihr ganzes Leben lang bleiben.
Nach der Kernfamilie folgt die nächste geschlossene Einheit innerhalb der Panará-Gesellschaft, nämlich deren Verwandtschaft, repräsentiert von der Familie der Frau – die sich aus der Gruppe ihrer Schwestern, deren Töchter, Nichten, unverheirateten Männer und Kindern zusammensetzt. Die Einheit eines Clans setzt sich dann aus einigen dieser Untereinheiten zusammen und befindet sich an seinem angestammten Platz des Dorfzirkels.
Die Eigennamen der Panará werden von den Männern festgelegt. Es ist Sache des Vaters, einem Sohn seinen Namen zu geben, und Sache der Schwester des Vaters – oder einem anderen weiblichen Mitglied aus dem Clan des Vaters – einer Tochter ihren Namen zu geben. Die Männer geben ihren Söhnen ihre eigenen Namen, manchmal auch den eines Bruders oder eines anderen Verwandten. Jeder hat wenigstens zwei Namen, manche gar ein Dutzend. Jeder Name entspricht dem Namen eines Vorfahren – es waren auch die Vorfahren aus ihrer Mythologie, die allen Tieren, den Vögeln und den Fischen ihre Namen gegeben haben.
Obwohl es auch die Möglichkeit der Erfindung eines Namens gibt, erlaubt ihr System in der Regel ein solches Vorgehen nicht. Ein “wahrhaftiger, ehrenwerter Name“ ist einer von den Vorfahren – der “Suankyara“, denen „vor uns“. Die Palette der Panará-Namen erfasst eine ganze Liste aller möglichen Dinge ihrer Welt. So zum Beispiel: Tekyã bedeutet „kurzes Schienbein“, Kokoti, „Geschwulst“, Kyùti, „Tapir“, Pè’su, „Para-Nuss“, Nansô, „Maus“, Sampuyaka, „Fisch“, Sôkriti, „falsches Blatt“ oder „etwas, das wie ein Blatt aussieht“. Dieses umfangreiche Namenssystem bestätigt auch die Anpassung des Wissens ihrer Vorfahren an alles Existente, alle Namen aus der Mythologie ihrer Vorfahren befinden sich in ewiger Zirkulation durch die Lebensbereiche der verschiedenen Generationen.
Dies sind die grundsätzlichen Relationen, nach denen auch die verschiedenen Ereignisse im Dorfleben organisiert werden. Es ist Tradition, dass die Knaben bis zu ihrem 12. oder 13. Lebensjahr bei ihren Eltern wohnen – also im Geburtshaus der Mutter. Ab diesem Alter werden sie dann ins “Männerhaus“ verbracht, wo sie von nun an übernachten. Nach einigen Jahren im Männerhaus beginnt der Knabe ein festeres Verhältnis mit einem Mädchen und wird sich allmählich im Haus seiner zukünftigen Ehefrau eingewöhnen. So wird das Verhältnis des jungen Mannes mit seiner elterlichen Familie durch den Aufenthalt im Männerhaus beendet und, von da an, beginnt er mit dem Aufbau seiner eigenen Familie im Haus seiner Schwiegereltern, wo er auch seine Kinder aufziehen wird. Die Hochzeit gilt als vollzogen, wenn das erste Kind geboren wird.
Die Frauen sind nicht nur Clans-Mitglieder, sondern auch die absoluten Chefs der Haushalte, in denen sie mit ihrem Mann, den Töchtern und deren Männern, sowie deren Söhnen bis zum Reifealter leben. Wenn die monogame Ehe zuende geht – und das kann unter den Erwachsenen mehrmals im Leben geschehen – dann verlässt der Mann das Haus. Es ist durchaus üblich, dass sich Ehen auflösen und man vier bis fünfmal heiratet.
In diesem Fall, wie auch bei anderen Jê-Stämmen mit ihren verschiedenen Altersstufen, drückt man bei den Panará das “vollkommene Erwachsensein“ durch die Termini “Taputun“ – Alter und “Twatun“ – Alte aus, was bedeutet, dass diese Personen schon verheiratete Kinder haben, dass sie Grossvater und Grossmutter sind. Die Schwiegersöhne müssen für die Schwiegereltern arbeiten: ein Feld anlegen für ihre Frau und deren Anhang, Jagdbeute und Fisch für ihre eigene Familie, aber auch für diejenige ihrer Mutter mitbringen, und den Alten stets den Respekt zollen, der ihnen gebührt.
Die Jugend (piàntui, junges Mädchen, e piôntui, junger Mann) beschäftigen sich mit produktiver Arbeit: auf dem Feld, bei der Jagd, dem Fischfang und der Zubereitung des Essens. Die Alten kümmern sich um die Organisation und die Erhaltung der produktiven Aktivitäten mittels Vorträgen auf dem Dorfplatz oder im Männerhaus, ausserdem organisieren sie die rituellen Zeremonien. In diesen Dingen spielen die Männer eine bevorzugte Rolle, sie haben in den rituellen Aktivitäten das Sagen und auch bei formellen Ansprachen. Das kommt von der männlichen Verbindung bezüglich der Relationen mit der Aussenwelt, Kontakten ausserhalb der Panará-Gesellschaft, die sich traditionell in kriegerischen Auseinandersetzungen manifestierten. Der Einfluss der älteren Frauen jedoch, ist durchaus bedeutend bei allen Entscheidungen, welche das Dorf als Ganzes betreffen.
Das “Baumstamm-Rennen“ gehört zu den wichtigsten zeremoniellen Aktivitäten und wird anlässlich verschiedener Festivitäten zelebriert: zum Beispiel beim Pubertäts-Fest der Mädchen – nach Kriegszügen – oder einfach so aus Spass an der Sache. Dabei handelt es sich um die grösste öffentliche Demonstration von männlicher Kraft und Ausdauer. Mit diesem Wettkampf innerhalb des “Parque do Xingu“ wieder anzufangen, war der Schlüssel im Prozess eines gesellschaftlichen Neubeginns. Während vieler Jahre bauten die Panará am Xingu keine Männerhäuser mehr, weil sie keine Knaben hatten, wie sie sagten. Tatsächlich, erst nach ihrem letzten Umzug innerhalb des Parks, als sie sich in ihrem eigenen Dorf Arraias installieren durften, bauten sie zum ersten Mal wieder ein Männerhaus. Und es war kein Zufall, dass sie im gleichen Moment, in dem sie sich in der Lage fühlten, ein Männerhaus zu bauen, sich auch für die Rückkehr in ihre alte Heimat stark machten.
Es gibt viele Rituale, die alle im Einklang mit der entsprechenden Gelegenheit durchgeführt werden. Schon sehr früh werden die Ohren der Kinder durchbohrt – bei den Knaben durchbohrt man ausserdem die Lippen. Darüber hinaus werden Aderlässe durchgeführt, alle verbunden mit einem entsprechenden Ritual.
In der kosmologischen Ordnung der Panará sind Wälder, Flüsse, die Bäche und Seen nicht nur zu nutzende materielle Ressourcen, sondern auch die Basis für eine gesellschaftliche Ordnung. Jene mythologischen Vorfahren, welche den Panará und der Welt um sie herum ihre Namen gaben, waren Zwitterwesen – geschaffen als eine Kombination aus Tieren und Panará-Mensch. Die Toten, im Dorf der Toten, unter der Erde, schufen viele Tiere, die sie den Lebenden anboten – um sie aufzuziehen und dann zu töten – in rituellen Opfern und dazu bestimmt, die wechselseitigen Relationen zwischen den Clans zu beleben.
Die traditionelle Wirtschaft der Panará basierte, bevor sie zum Xingu übersiedelt wurden, auf einer extensiven, jedoch ökologisch ausgewogenen, Nutzung der natürlichen Ressourcen. Ihr zeremonielles System verlangte lange Jagdzüge, auf denen Gruppen von Männern über Wochen die Wälder durchstreiften, Tiere jagten und das Fleisch über dem Feuer dörrten, um es dann später als Vorrat ins Dorf zu bringen. In der Trockenzeit war es ausserdem üblich, dass sich die Dorfgemeinschaften in kleinere Gruppen auflösten, die zum Fischen gingen oder auf die Jagd, Früchte sammelten und dazu im Wald kampierten. Das Schneiden des “Taquara“-Schilfs, aus denen sie Pfeilschäfte herstellten, wurde ebenfalls innerhalb grosser Gruppen vorgenommen, die bis zu den besten Plätzen tagelang marschieren mussten – ausser den Pfeilschäften brachten sie in der Regel noch gesammelte Para-Nüsse von diesen Ausflügen mit in ihr Dorf.
Umgesiedelt vom Rio Peixoto de Azevedo zum Rio Xingu, fuhren die Panará zwar fort zu jagen, zu fischen, zu pflanzen und zu sammeln, aber die ökologischen Konditionen des Xingu-Gebiets, ganz anders als in ihrer Heimat, reduzierten die gewohnte Vielfalt ihres Nahrungsangebots gewaltig. Die Panará pflanzten dort Mais, Kartoffeln, Cará, verschiedene Sorten Bananen, Maniok, Kürbis und Erdnüsse. Auf den fruchtbareren Böden am Peixoto und Iriri tragen jene Bananen während des ganzen Jahres, während sie am Xingu jedes Jahr neu gepflanzt werden mussten. Die Schwere der Arbeit ohne Metallwerkzeuge wurde schliesslich durch die Aquise von Messern, Macheten und Äxten abgelöst. Die Faszination, die sie angesichts solcher Instrumente empfanden, verleitete die Panará 1961 den Engländer Richard Mason anzugreifen – die Luftwaffenbasis von Cachimbo 1967 zu überfallen und schliesslich den Kontakt mit dem Sertanista Cláudio Villas Bôas zu akzeptieren (1973). Messer und Keramikperlen waren die einzige Kriegsbeute, die sie von den erschlagenen Kayapó nach einem Kriegszug mitnahmen. Nach einem Kontakt mit den Weissen, die ihnen viele Äxte aus Stahl schenkten, warfen die Panará sofort ihre Steinäxte in den Fluss.
Dem Fischfang gehen sie sowohl in der Regen- als auch der Trockenperiode nach. Ihre Technik des Fischfangs ist unterschiedlich, je nach Wasserstand: “Timbó“ (Lianengift) bei niedrigem Wasser, Pfeil und Bogen bei hohem Wasserstand. Die Jagd ist die maskuline Aktivität mit dem höchsten Prestige. Tapir, Kapuzineraffe, Spinnenaffe, Agouti, Fasan, Truthahn und andere Hühnervögel schiesst man mit Pfeil und Bogen oder erschlägt sie mit der Keule. Vor allem die Kenntnis der Tiere, ihrer Gewohnheiten und des Ökosystems garantieren dem Jäger den Erfolg – mehr als Kraft oder Technologie. Als Sammler stehen bei den Panará die verschiedenen Honigsorten hoch im Kurs – sie essen den Honig roh, mischen ihn mit der Açaí-Frucht oder lösen ihn in Wasser auf. Früchte ihrer Wahl sind die wilde Papaya, die Cupuaçu, der wilde Kakao, die Caju, die Buriti-Palmfrucht, die Tucum, Macaúba, Inajá, Mangaba, Pequi und die wichtige Para-Nuss, welche sie zwischen November und Februar ernten, genau in dem Zeitabschnitt, in dem ihre Felder bestellt sind aber noch keine Frucht tragen.
Unter den Panará wird der gesamte lebenserhaltende Prozess durch ihre gesellschaftlichen Relationen organisiert. Die tägliche Arbeit einer jeden Kernfamilie – die Frau erntet Maniok und andere Feldprodukte, der Mann geht jagen oder fischen – gibt einem transzendenten rituellen Zyklus einen Inhalt, durch den die gesamte kollektive Arbeit, die sich in gegenseitigen Dienstleistungen ausdrückt, zwischen den einzelnen Clans mobilisiert wird. Einer der Höhepunkte kollektiver Zusammenarbeit ist die Zubereitung einer riesigen Menge Maniok oder Mais, die durch das Resultat einer ebenfalls kollektiven Jagd ergänzt wird, die Wochen dauern kann. Gegen Ende der Zeremonie bereiten dann alle zusammen einen immensen “Paparuto“ (Maniok- oder Maismasse, die mit Fleisch gefüllt und mit Bananenblättern umwickelt wird, um in einem Erdloch gegart zu werden). Keine jagdbaren Tiere mehr zu finden, bedeutet für sie über längere Zeit, den Verlust ihrer Sozialstruktur. Ebenfalls ist ihr Feld sowohl eine Fläche für materielle Arbeit als auch für gesellschaftliches Wohlbefinden. Damit hängt auch die geometrische Form ihrer Felder zusammen, über die jene ersten weissen Kontaktpersonen vor Staunen den Mund nicht mehr zubrachten. Die kreisrunde Anordnung der Felder, mit bestimmten Pflanzen an ihrer Peripherie, und ihre Linien bepflanzt mit Bananen oder Mais, die sich manchmal kreuzen, sind eine getreue Reproduktion des dörflichen Raumes – mit allen Gegensätzlichkeiten des Zentrums und der Peripherie. Eine ähnliche Aufteilung erfährt auch die Körperbemalung und die Haartracht – alles kreative Schaffen orientiert sich an ihrem Gesellschaftssystem. Das Wachsen des Mais und der Erdnuss sind temporäre Referenzen für die Riten der Ohren-Perfuration, der Unterlippe bei den Männern und des Aderlasses an den Oberschenkeln.
Die natürlichen Ressourcen sind der Schlüssel zum Verständnis ihres Problems, am Xingu zu leben. Von ihrer Sicht aus befanden sie sich nicht nur in einem fremden, sondern einem armen Gebiet. Im Indianerpark des Xingu gibt es weniger jagdbares Wild als am Peixoto de Azevedo, verschiedene Früchte, die für sie zu den bedeutenden Exemplaren ihres Sammelns gehörten – inklusive die Para-Nuss – existieren am Xingu nicht. Die Erde ist weniger fruchtbar, die Feldarbeit bringt weniger ein und das Feld trägt nur ein paar Mal. Solange sie am Xingu leben mussten, wurden die Panará nicht müde zu wiederholen, dass ihre Gesellschaft nur ein “Trugbild“ dessen sei, was sie einst gewesen am Rio Peixoto de Azevedo.
Das “Verbete Panará“ wurde von der Equipe der © “Enciclopédia dos Povos Indígenas do ISA“ erarbeitet und basiert auf der These des Anthropologen Stephan Schwartzman “The Panará of The Xingu National Park: the transformation of a society”, herausgegeben 1988 durch die Universität von Chicago. Eine andere Informationsquelle zu diesem Text war das Buch “Panará: a volta dos índios gigantes“ (…die Rückkehr der Riesenindianer“ der Journalisten © Ricardo Azambuja Arnt, Lúcio Flávio Pinto und Raimundo José Pinto.