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«Zu Zürich starb vil volks»
Seuchen in der Limmatstadt seit dem Mittelalter
Das als Titel gewählte Zitat stammt vom Zürcher Reformator Heinrich Bullinger (Abb. 1), der diesen Satz Ende 1564 seinem Tagebuch anvertraute, nachdem die Pest seine Ehefrau und seine Tochter dahingerafft hatte. Am 15. September 1564 erkrankte er selber daran wie bekanntlich 1519 schon sein Vorgänger Huldrych Zwingli. Beide überlebten die Seuche, wobei Bullinger in seinem Diarium Einblicke in die damaligen Behandlungsweisen gibt, zu einer Zeit, als den Ärzten noch keine ausgefeilten Narkosemittel zur Verfügung standen. Am 15. September wurde ihm eine grosse Pestbeule unterhalb des Knies ausgebrannt und am 4. Dezember eine weitere aufgeschnitten. Einer der behandelnden Ärzte war Conrad Gessner, der ein Jahr später selber der Pest erlag. Auch der Churer Pfarrer Johannes Fabricius Montanus fürchtete um Bullingers Leben und schrieb in einem Brief vom 25. September 1564, der in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt wird, an Gessner: «Wenn Bullinger stirbt, stirbt das Licht der Zürcher Kirche.»
Für Stadt und Kanton Zürich sind mindestens 23 Pestzüge überliefert, wobei es sicher mehr waren, und zwar für die Jahre 1349, 1401 (Vertreibung der Juden aus Zürich), 1410, 1427, 1434 (28’000 Tote), 1439 (33’000 Tote), 1445, 1450, 1481, 1493, 1502 (23’800 Tote), 1519 (23’000 Tote), 1541, 1564 und 1565 (zusammen 33’350 Tote), 1575 (12’000 Tote), 1582 (22’250 Tote), 1586 (13’300 Tote), 1596 (8’000 Tote), 1611 (51’200 Tote), 1629, 1635 (14’520 Tote) und 1668. Insgesamt waren schätzungsweise eine Viertelmillion Opfer zu beklagen (Abb. 2). Von 1720 bis 1722 brach die Pest abermals in Südfrankreich aus. Es herrschte grosse Angst, dass sie ihren Weg wieder in die Limmatstadt nehmen könnte, weshalb eine spezielle Kommission ins Leben gerufen wurde, der der Arzt und Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer angehörte, der im Lauf der Jahre auch verschiedene Funktionen in der 1629 gegründeten Stadtbibliothek wahrnahm. Noch immer tappte man bezüglich der Übertragung der Krankheit im Dunkeln, denn das Pest-Bakterium Yersinia pestis wurde erst 1894 durch den Schweizer Alexandre Yersin entdeckt. Bekannt war aber bereits, dass sich die Isolation der Kranken, das Beräuchern der Briefe und ein Quarantänelager für Waren als nützlich bei der Bekämpfung der Seuche erwiesen. 1722 verbot der Rat zudem den Besuch des Pfingstmarktes in Zurzach, um den Kontakt mit infizierten Personen einzudämmen (Abb. 3). Schliesslich blieben Stadt und Kanton dieses Mal wie auch in den folgenden Jahrhunderten vor einem Wiederausbruch der Epidemie verschont. Lange dachten die Medizinhistoriker, dass dies das letzte Aufflackern der Pest in Europa war, doch konnten Forscher 2019 nachweisen, dass auch zwischen 1899 und 1947 1’692 Pestfälle mit 457 Todesopfern zu beklagen waren. Infolge der Einführung flächendeckender und verbesserter Hygienemassnahmen sowie durch die starke Dezimierung der Nagetier- und vor allem der Ratten-Populationen in den Städten, ist die Krankheit in den letzten Jahrzehnten aus Europa verschwunden.
Neben der Pest waren es verschiedene weitere Epidemien, die Zürich über die Jahrhunderte heimsuchten, wie etwa Diphterie, Keuchhusten, Lepra, Masern, Pocken, Ruhr, Typhus und andere mehr. Neben der Pest forderten die Pocken am meisten Todesopfer in Europa. In Zürich ist eine erste Pocken-Welle für 1799 belegt. Im Lauf des 19. Jahrhunderts fasste die Krankheit ausser 1823, 1882 und 1898 jedes Jahr Fuss. Auf dem Gebiet der heutigen Stadt Zürich waren die Pockenjahre 1864/65 und 1886 die schlimmsten mit 333 bzw. 349 Erkrankten und 50 bzw. 129 Toten. Das machte einen Kranken auf 200 bzw. 239 Einwohner aus, womit Zürich im Vergleich etwa zu Berlin gut abschnitt, denn dort kam ein Fall auf 48 Einwohner. 1921 bis 1925 kam es zu einer letzten Pocken-Epidemie in der Schweiz mit 5’560 Krankheits- und 15 Todesfällen. Im April 1923 wurde das geltende Epidemie-Gesetz angepasst, so dass – nicht ohne Widerstände – ein Impfobligatorium angeordnet werden konnte. Der Impfung ist es zu verdanken, dass die Krankheit seit 1980 als ausgerottet gilt.
Aufgrund schlechter hygienischer Zustände, vor allem im Niederdorf und in den Arbeiterquartieren, konnte sich auch die durch Salmonellen verursachte Infektionskrankheit Typhus wiederholt verbreiten. Während sie 1853 unter den rund 250’000 Einwohnern im Kanton Zürich 219 Personen befiel und 28 davon starben, kletterte die Zahl der Erkrankten 1884 sogar auf rund 1’600 Fälle mit 150 Todesopfern (Abb. 4). Dank der Modernisierung der Wasserversorgung, des medizinischen Fortschritts und dem Einsatz von Antibiotika verschwand auch der Typhus aus dem Kanton Zürich. Seit 1987 starb in der Schweiz niemand mehr daran.
Dem Corona-Virus am nächsten stand das Influenza-Virus, das 1918 die berühmtberüchtigte Spanische Grippe verursachte, die das Gesundheitssystem in der Schweiz zum Kollabieren brachte (Abb. 5). Die Eidgenossenschaft war auf eine derartige Pandemie schlecht vorbereitet, obschon sich bereits 1889 bis 1895 ein grosser Teil der Bevölkerung mit der Russischen Grippe infiziert hatte. Auch alle Bundesräte erkrankten daran, und allein in Zürich forderte sie Hunderte von Leben. Die Regierung handelte beim Auftreten der Spanischen Grippe aus Angst vor wirtschaftlichen Schäden zögerlich, was nach der ersten Welle im Sommer 1918 zu einer zweiten im Herbst führte, die weit gefährlicher war. Obschon Schulen, Kirchen und Märkte geschlossen wurden, waren in der Schweiz 24’449 Todesopfer zu beklagen, was 0,62% der Bevölkerung entsprach. Weltweit erlagen zwischen 20 und 100 Millionen Menschen dem Virus. Zum Vergleich: Der 1. Weltkrieg kostete schätzungsweise 17 Millionen Menschenleben. Trotz der bedrohlichen Situation sah man sich in der noch jungen Zentralbibliothek Zürich nicht veranlasst, besondere Massnahmen zu treffen. Das Protokoll der Konferenz der Bibliothekare vermerkt unter dem 5. Oktober 1918: «Eine Vorlage für ärtzlichen Attest für die Benutzer der ZBZ, die in Sanatorien wohnen, dass ihre Zulassung für andere Benutzer nicht gesundheitsschädlich [ist], wird genehmigt, und soll bei entsprechenden Gesuchen jeweilen zur Anwendung kommen.» Und unter dem 26. Oktober 1918 wird festgehalten: «Dank der genügenden Räume für Katalogbenutzung und Ausleihe liegt für eine Schliessung dieser Abteilungen wegen Grippegefahr kein Grund vor.» Die beiden Punkte können im weiteren Sinn mit der Zertifikatspflicht und den Abstandsregeln während der gegenwärtigen Corona-Pandemie verglichen werden.
Ebenfalls gut dokumentiert sind die Cholera-Pandemien in Zürich, die im 19. Jahrhundert vor allem in der Stadt ihre Tribute forderten. Die beiden ersten von 1826–1837 und 1840 hinterliessen in Zürich keine Spuren. Die dritte Cholera-Seuche manifestierte sich Mitte August 1854 in der damaligen Eidgenossenschaft, und zwar zuerst in Aarau mit 89 Toten. Im September griff sie auf die Stadt Zürich über. Von den 48’802 Einwohnern erkrankten 215, wovon 114 starben. Infolge Abwesenheit von Professor Lebert, Direktor der medizinischen Abteilung des Kantonsspitals, lag die ganze Last auf dem erst 23jährigen Assistenten Carl Wegelin. Aus dem Briefwechsel mit seiner Mutter vom September 1855 geht die Zunahme der Fälle und die Desinformation durch die Medien sehr schön hervor: «Ich bin gut versorgt, brauche jetzt allerdings etwas mehr Geld, da ich nur guten Rotwein trinke, was zur Gesundheit notwendig ist. Die hiesige Epidemie will indessen gar nichts heissen; denn so lange in einer Stadt wie Zürich nicht täglich mindestens 12 Personen sterben, ist die Sache nicht erwähnenswert. Indessen ist hier alles auf ein stärkeres Auftreten gerüstet.» Das scheint auch nötig gewesen zu sein, denn die Opferzahlen stiegen plötzlich an und versetzten den noch unerfahrenen Wegelin in Unruhe: «Es scheinen Dich namentlich die vielen von mir gelieferten Toten erschreckt zu haben; allein bin ich jetzt erst recht froh, dass ich es Dir mitgeteilt habe. Denn da Du nun das erste wahrheitsgetreue Bulletin der Neuen Zürcher Zeitung plötzlich lesen wirst, so würdest du sicher vor Schrecken in Ohnmacht fallen. Die Zeitungen haben bisher gelogen wie gedruckt, trotzdem dass ich jeden Morgen und Abend genauen amtlichen Rapport abstatte. Es sind nämlich bis jetzt in Zürich vom 1. bis 14. September 99 Fälle vorgekommen, von denen 48 starben. Unter diesen wurden 44 von mir behandelt, von denen 22 starben. In Behandlung habe ich heute noch 18. Sei nur nicht ängstlich; wer sich ordentlich schont und vernünftigen und heiteren Gemütes ist, wird am wenigsten davon befallen. Eines solchen Lebenswandels befleisse ich mich auch und habe nicht die geringste Furcht mehr; es ist mir gerade, wie wenn die Cholera schon längst in Zürich einheimisch wäre wie das Nervenfieber und bin daher stets guter Dinge.»
Während die Zürcher Bevölkerung die Cholera-Pandemie von 1855 relativ gelassen weggesteckt hatte, war sie über die nächste von 1867 beunruhigt und reagierte zum Teil panikartig. Gewisse Landgemeinden verboten ihren Bürgern, in die Stadt zu fahren, wo die Seuche am meisten wütete und deutlich mehr Opfer forderte als zwölf Jahre zuvor. 684 Personen erkrankten in der Stadt Zürich daran, von denen 481 ablebten. Das entspricht etwa 1% der städtischen Bevölkerung, was prozentual rund dreimal mehr Tote ausmacht als die, die im Zusammenhang mit Corona auf Stadtgebiet gestorben sind. Es war eine nennenswerte Zahl, die beerdigt werden musste, weshalb Moritz Heidenheim, anglikanischer Kaplan der englischen Gemeinde in Zürich, am 28. September 1867 eine kurze Abhandlung publizierte (Abb. 6), in der er die Machtlosigkeit der Zeitgenossen gegenüber der Katastrophe zum Ausdruck bringt: «Not only those whose age, according to the laws of nature, brings them near the grave, have been carried away, but even such, who are in the enjoyment and vigour of youth have been and still are summoned to another world. … Our scientific attainments cannot protect us from the effects of such a calamity, for up to this present hour all such researches have failed to discover the real cause of the disease or its effectual remedy.» Heidenheim, der jüdisch aufgewachsen war, schenkte später der Stadtbibliothek eine wertvolle Sammlung an alten hebräischen Handschriften und Drucken.
Immerhin förderten die Not und das Leid in der Bevölkerung den sozialen Zusammenhalt und führten zur Gründung verschiedener sozialer Einrichtungen wie Absonderungs- und Evakuationshäusern, Suppenküchen oder medizinischen und pharmazeutischen Gratisleistungen. Ein Journalist des Republikaners vermochte der zweiten Cholera-Pandemie sogar etwas Positives abzugewinnen: «Ein Gutes hatte diese Prüfung immerhin. Abgesehen von dem Umstand, dass die Cholera den Menschen so recht ihre Ohnmacht vor Augen führte, hat sie die Aufopferungsfähigkeit und Liebesthätigkeit der sämtlichen Klassen der Bevölkerung an’s Licht gebracht. Den Behörden gab sie Gelegenheit, die Vorsorge überall hin walten zu lassen, der Polizei, sich in anerkennenswerthem Masse nützlich zu machen und einer erheblichen Anzahl von Privaten den Anlass, ihren leidenden Mitmenschen mit Rath und That beizustehen. Die Cholera hat gezeigt, dass Zürich an sozialen Schäden und an Gebrechen in sanitarischer Beziehung leidet, sie hat aber auch dem Willen gerufen, diese Schäden möglichst zu heilen.» Es bleibt zu wünschen, dass auch die zwei Jahre Corona-Pandemie von 2020 bis 2022 derartige positive Spuren hinterlassen werden.
Dr. Urs Leu
Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara