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1884 erschienen, gilt dieser Roman als eines der Hauptwerke der literarischen Strömung der Dekadenz, die das französische Fin de siècle prägte. In seiner Vorrede, geschrieben zwanzig Jahre nach dem Roman weist Huysmans darauf hin, wie schon 1884 die Gruppe um Zola, die wir heute gemeinhin dem Naturalismus zurechnen, bzw. wie vor allem ihr Meister, Zola, sich des Bruchs bewusst war, den Huysmans mit dem Naturalismus vollzog.
Eigentlich passiert in diesem Roman wenig bis nichts. Des Esseintes, letzter Spross einer alten, hochadligen Familie, zieht sich aus ‘ennui’1) aus Paris zurück – nicht zu weit, sondern gerade so weit, dass da (genug nahe, um leicht erreichbar zu sein, genug weg, um weder Ohr noch Auge zu stören) noch eine Bahnstation ist, von der aus des Esseintes, wenn er es denn nur möchte, überall hin2) und somit auch zurück nach Paris fahren könnte.
In verschiedenen locker und unauffällig nach Themen angeordneten Kapiteln wird das ereignislose Leben von des Esseintes auf dem ‘Land’ beschrieben. Sämtliche Sinne des gar nicht so alten Mannes leiden an Überforderung, und es geht ihm immer schlechter dort draussen. Vor allem seine Verdauung bereitet dem guten Mann Beschwerden. Das kulminiert in einer Szene, bei der der heutige Leser nicht weiss, soll er lachen, soll er weinen – nämlich, wenn des Esseintes, damit er überhaupt etwas zu sich nehmen kann, sich eine nährende Lösung per Klistier zuführen lässt. Die Dekadenz des Romans zeigt sich wortwörtlich am langsamen Zerfall von dessen Protagonisten.
Natürlich hat Huysmans für seinen Protagonisten Vorbilder. Wann immer in der französischen Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bild eines hyperästhetischen Nichtstuers auftaucht, erscheint in den Kommentaren und in den Köpfen der Leser der Name Robert de Montesquious. Ich halte diesen Dandy allerdings nicht für das einzige Vorbild von des Esseintes; so sehe ich z.B. in der Tatsache, dass unser Held so demonstrativ aufs Land und doch nicht aufs Land zieht, in der Tatsache, dass er sich einen exklusiven und exotischen Kunstgeschmack leistet, auch Hinweise auf Edmond de Goncourt. Natürlich stimmen nicht alle Fakten überein (Gegen den Strich soll ja kein Enthüllungsroman sein!), aber auch Edmond de Goncourt und sein Bruder waren aus ‘ennui’ von Paris weggezogen, hatten sich vom Grossstadtlärm und der Grossstadtgeschäftigkeit abgestossen gefühlt, und 1884 lebte Edmond – mittlerweile allein – inmitten einer riesigen Sammlung japanischer Kunst. (Und wie wir aus seinen Tagebüchern wissen, waren ihm hypochondrische Anwandlungen alles andere als fremd…)
Des Esseintes wird allerdings von seinem Arzt praktisch dazu gezwungen, nach Paris zurückzukehren, damit er dort im Getümmel der Reize vergisst, jedem Wehwehchen lange und intensiv nachzugehen. Damit endet der Roman.
Joris-Karl Huysmans war sich schon 1884 des Bruchs mit naturalistischen Gepflogenheiten bewusst. In seiner Vorrede gibt er sich allerdings sehr überrascht, wie er (der mittlerweile Konvertierte) schon erste katholisierende Spuren in diesem Roman hinterlassen habe. Wenn er nicht einfach nur den Naiven markiert, ist das ein schlagendes Beispiel dafür, wie schlecht ein Autor u.U. das eigene Werk verstehen kann. Es sind nicht erste Spuren zu finden – es wimmelt von Anspielungen auf den allein seligmachenden katholischen Glauben.
Im Übrigen sind die Kapitel von sehr unterschiedlicher Qualität. So ist ein ganzes Kapitel der Bibliothek des Esseintes’ gewidmet. Auch hier beweist sich, dass unser Held einen sehr exklusiven Geschmack hat. Der grösste Teil seiner Bücher besteht aus alten Kirchenvätern, wobei des Esseintes hier ganz eindeutig die minderen und späteren bevorzugt – aus der Zeit eben, wo auch das Kirchenlatein schon dekadent war. (Und eigentlich schätzt er das Äusserliche der Bücher, kostbaren Einband und kostbares Papier, viel mehr als deren Inhalt.) An moderner Literatur mag er praktisch nur ein paar Franzosen, eine Handvoll ‘Dekadente’: Baudelaire, der für ihn das Gefühl seiner Zeit aufs Beste ausdrückt; wohl durch Baudelaires Übersetzung vermittelt den einzigen Nicht-Franzosen auf seiner Liste, Edgar Allan Poe; dann wird Paul Verlaine vielleicht noch höher geschätzt als Baudelaire. Zola wird erwähnt, findet aber wenig Gnade vor des Esseintes – selbst Edmond de Goncourts Romane scheinen ihm besser zu gefallen. Alles in allem aber können wir feststellen, dass in diesem Kapitel, das eigentlich der Bibliothek und dem literarischen Geschmack von des Esseintes gewidmet sein sollte, der Literaurkritiker Huysmans sich zu einem riesigen Exkurs verleiten lässt.
Muss man diesen Roman gelesen haben? Und sei es nur, um die französische Dekadenz des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verstehen? … Für letzteres mag Gegen den Strich hilfreich sein, notwendig ist er selbst dafür nicht. Ich bedaure nicht, Huysmans gelesen zu haben, werde aber wohl so schnell zu keinem weiteren Werk von ihm greifen.
1) Dieses Wort muss man fast auf Französisch belassen, weil nur im Französischen dem Wort ‘Langeweile’ der Beigeschmack des Hypochondrischen und der Misanthropie beigelegt werden können.
2) Tatsächlich gibt es einen Moment im Roman, wo des Esseintes als einziges Mittel zur Heilung seiner Krankheit eine Reise nach London ansieht. Das geht so weit, dass er sogar nach Paris fährt und in der Nähe des Bahnhofs, von wo die Züge nach London fahren, in eine Art englischen Pubs geht, dort – seit langem endlich wieder einmal – ein anständige und normale Mahlzeit zu sich nimmt. Er stellt sich vor, bereits in London zu sein, verzögert durch dieses sein Gedankenspiel die tatsächliche Abfahrt – und kehrt schliesslich in seinen Pariser Vorort zurück (nicht zuletzt auch deshalb, weil die wohltätige Wirkung des Reisens schon in Paris abgeflaut ist).