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Als Eric Favre diesen Februar in Melbourne in den Ferien war, spazierte er mit seiner Frau Anna-Maria an der Rod-Laver-Arena vorbei, an der Stanislaw Wawrinka am 26. Januar 2014 das Grand-Slam-Finale gewonnen hatte. Eric Favre fragte die Dame am Empfangsschalter, ob eine Besichtigung möglich sei, sie seien schliesslich Freunde der Familie Wawrinka und wohnten im selben Dorf in der Schweiz. Doch die Empfangsdame blieb hart. Dann, erzählt Eric Favre, habe er eine Idee gehabt. «Ich sagte der Frau: ‹Ich bin der Erfinder von Nespresso.› Sie machte grosse Augen und fragte: ‹Sie sind der Eric Favre?›» Favre lächelt spitzbübisch, als er diese Anekdote erzählt. «Minuten später bekamen wir eine Führung durch die Arena.»
Solche Szenen, sagt der 67jährige Ingenieur, würden sich in seinem Leben erst seit wenigen Jahren abspielen. Bekannt sei er vor allem in Asien; in Singapur würden ihn gar die Taxifahrer kennen. Hierzulande sei es noch nicht so weit. «Aber der Prophet hat es im eigenen Land ja immer am schwersten.» Dieses Manko versucht Favre zu beheben, indem er sich bei jeder Gelegenheit als Erfinder von Nespresso inszeniert, in Artikeln, Fernsehbeiträgen, Konferenzen. Die Unermüdlichkeit, mit der er dies tut, gründet vermutlich in der Urangst jedes Erfinders: im dunklen Kämmerchen vergessen zu gehen, während seine Erfindung die Welt erobert.
St-Barthélemy, wo Eric Favre geboren wurde und noch heute lebt, ist ein 750-Seelen-Dorf zwischen dem Neuenburgersee und dem Lac Léman. Inmitten von Kuhweiden liegt eine Werkstatt, in der früher die Sägerei von Eric Favres Vater untergebracht war. Inzwischen ist hier die Firma Monodor eingezogen, ein Familienbetrieb mit siebzehn Angestellten, mit dem Favre im Kapselmarkt mitmischt. Doch der Kapselgigant Nespresso, der jährlich über vier Milliarden Franken umsetzt, lässt für die Konkurrenz nicht viel Platz. Monodor beliefert mit ihren weiterentwickelten Maschinen und Kapseln die nahe Region und vergibt Produktionslizenzen an Kaffeehersteller im Ausland.
Eric Favre, 67 Jahre, grossgewachsen, empfängt den Besucher im feinen Anzug und führt ihn gleich auf den Dachboden des Monodor-Firmensitzes, wo er ein Museum zur Genese der Kaffeekapsel eingerichtet hat, mit Originalexponaten wie der ersten Kaffeekapsel und einem Nachbau des ersten Maschinenprototyps. Favre, der mit seiner runden Nase und den grossen Augen an eine gutmütige Comicfigur erinnert, erzählt routiniert seine Nespresso-Story: Wie er 1975 mit seiner Frau Anna-Maria in Rom war und sich fragte, wieso der Espresso dort besser schmecke als zu Hause. Wie er daheim in der Badewanne auf die geheime Zutat kam: die Luftzufuhr, gesteuert durch die Handgriffe der Baristi. Wie er auf die Idee einer Kaffeekapsel kam. «Ich wollte einen italienischen Espresso für Otto Normalverbraucher machen», sagt Eric Favre, «aber ich war damit zu früh.»
Im Monodor-Verkaufslokal im Erdgeschoss liegt ein Buch auf, das Eric Favre vor kurzem herausgegeben hat. «Unternehmerische Kreativität», heisst die Schrift. Geschrieben hat er sie Anfang der 1990er Jahre, als Nestlé ihn auf die Strasse gestellt hatte. Favre erzählt darin, wie er als junger Nestlé-Ingenieur seine Erfindung gegen den Widerstand der Vorgesetzten verwirklichte. Doch die Nestlé-Memoiren sind keine Abrechnung. Sie lesen sich vielmehr wie die Anleitung zum Guerrillakrieg gegen Firmenhierarchien.
Der Nestlé-Konzern, in den Favre 1975 eintrat, funktionierte ähnlich wie eine Armee. Die Generaldirektoren befahlen, die unteren Chargen führten aus. Von jungen Ingenieuren erwartete man keine erfinderischen Eskapaden. Nachdem Favre seinen Vorgesetzten den ersten Prototyp der Kaffeekapsel vorgeführt hatte, verboten sie ihm, weiter daran zu arbeiten. «Sie hatten Angst, dass das Produkt dem Nescafé Konkurrenz machen würde», schreibt Favre im Buch. Er scherte sich nicht um das Verbot und entwickelte sein Produkt heimlich weiter, nach Feierabend, an den Wochenenden, aber auch oft während der Arbeitszeit, die im Konzern offenbar viel Spielraum liess. «Ich war bei Nestlé oft schon nach drei Tagen mit dem Wochenpensum fertig», erinnert sich Favre.
Anfang der 1980er Jahre lernte Eric Favre Willi Bosshard kennen. Bosshard war Chef der Food-Sparte von Nestlé in Japan, die die Konzernzentrale in Vevey an der langen Leine hielt. Mit dem inoffiziellen Segen eines Generaldirektors lancierten die beiden eine frühe Nespresso-Version in Japan. Sie wollten die Maschinen den Tausenden französischen Restaurants in Tokyo verkaufen, die weder Geld noch Platz für eine italienische Kaffeemaschine hatten. Die ersten Tests verliefen erfolgreich. 1986 konnte Favre nach einer angedrohten Kündigung gar den Nestlé-CEO Helmut Maucher überzeugen, für Nespresso ein eigenständiges Unternehmen innerhalb des Konzerns zu gründen; ein Novum in der Konzerngeschichte.
Favre wurde CEO der Nespresso SA. In seiner Ungeduld warf er ein Produkt auf den Markt, das technisch nicht reif war. Die Pumpen der Maschinen waren fehleranfällig, statt Kaffee kam manchmal nur Wasser aus den Kapseln. Nespresso stiess weder in Japan noch in der Schweiz, dem zweiten Versuchsmarkt, auf Begeisterung. Trotzdem trieb Favre das Projekt voran und löste mit seiner Kopf-durch-die-Wand-Methode Ende der 1980er Jahre eine kleine Konzernkrise aus. Er zeichnete japanischen Ingenieuren der Firma Matushita, die Nespresso-Maschinen herstellen sollte, eine Skizze des Prototyps, den die Schweizer Firma Turmix entwickelt, aber nicht patentiert hatte.
Willi Bosshard erinnert sich, wie Favre sorgenvoll ins Nestlé-Büro in Tokyo kam und ihm anvertraute, er habe versehentlich vertrauliche Informationen weitergegeben. Die japanischen Ingenieure meldeten die Skizze flugs als eigenes Patent an. In dem Versuch, den Fehler wieder auszubügeln, macht Favre alles noch schlimmer. Während einer Zugfahrt von Lausanne nach Mailand sperrte der Nespresso-CEO zwei japanische Matushita-Ingenieure in ein Zugabteil ein und drängte sie auf französisch, einen Vertrag zur Rücknahme des Patents zu unterzeichnen. Tags darauf bekam Bosshard in Tokyo Besuch vom Matushita-Firmenanwalt, der sich über den Vorfall beschwerte.
Für Bosshard ist dieser Vorfall Favre-typisch. «Um zum Ziel zu kommen, war ihm jedes Mittel recht. Er agierte oft hinter unserem Rücken.» Auf die Frage, ob er loyal sei, lächelt Eric Favre heute. «Einige befolgten Befehle. Ich habe einen andern Weg gewählt. Aber ich sabotierte die Firma nicht. Im Gegenteil, ich wollte ein neues Produkt entwickeln.» Im Buch beschreibt Favre seine Taktik martialischer. Zum Beispiel: «Je mehr man seinen Chef zu einem Entscheid drängen kann, desto mehr Macht hat man anschliessend über ihn.»
Mit dieser Strategie richtete Favre einigen Kollateralschaden an. Wenn man mit ehemaligen Nestlé-Mitarbeitern über ihren früheren Kollegen spricht, hört man nicht nur Seufzer, sondern auch das eine oder andere Schimpfwort. Noch heute fühlen sich manche von ihm hintergangen. Denn Favre, sagen sie, übersehe in seiner Nespresso-Geschichte gern, dass die Erfindung auch Teamarbeit gewesen sei. Verbündete auf allen Hierarchiestufen halfen dem jungen Ingenieur; vom Techniker, der Laborarbeiten für ihn erledigte, bis zum Direktor, der ihm ein 30 000-Franken-Budget bewilligte.
Eric Favre, sagen die ehemaligen Kollegen zudem, sei ein guter Ingenieur gewesen, aber kein talentierter Geschäftsmann. Er habe immer das technisch perfekte Produkt im Auge gehabt anstatt Gewinnmargen und Kundenbedürfnisse. Weil Nespresso kommerziell nicht vom Fleck kam, stellte Nestlé Favre einen Mann fürs Geschäftliche zur Seite: Jean-Paul Gaillard, einen jungen Marketingmann, der von Philip Morris kam. «Eric Favre führte die Firma so chaotisch, dass nur er den Durchblick hatte», erinnert sich Gaillard. Er habe eine paranoide Angst gehabt, dass man ihm seine Erfindung stehlen würde. Die Furcht, um die eigene Erfindung betrogen zu werden, wird auch in Favres Buch spürbar: «Bei Nestlé konnte es vorkommen, dass der Erfinder eines Produkts zu der ersten Präsentation eingeladen wurde, aber zu der zweiten bereits nicht mehr.» Seine Gegenstrategie lässt sich verkürzt so formulieren: Schütze dein Wissen, dann behältst du deine Macht.
«So konnte ich nicht arbeiten», sagt Gaillard. 1989 stellte er die Nestlé-Spitze vor die Wahl: entweder er oder Favre. Nestlé entschied sich für Gaillard, und der führte Nespresso dann zum kommerziellen Erfolg. Er liess billigere Kapseln entwickeln, positionierte Nespresso aber im Luxussegment. Weil die Supermärkte keine Lust hatten, ganze Regale mit Kapseln aufzufüllen, gründete er den Nespresso-Club, der die Kapseln über das Telefon und später via Internet vertrieb.
Favre geriet derweil mit seinem ehemaligen Arbeitgeber aneinander. Denn seine letzte Erfindung aus der Nestlé-Zeit, eine verbesserte Kaffeekapsel, patentierte er auf seinen Namen. Nestlé klagte Favre an. Während der Ermittlungen zeigte sich, dass der Ingenieur die Grundsätze, die er in seinem Buch beschreibt, eingehalten hatte: Bei einer Hausdurchsuchung in St-Barthélemy fanden die Ermittler Dutzende von Bundesordnern mit Informationen über Nespresso. 2004 zog der Nestlé-CEO Peter Brabeck die Klage überraschend zurück. Laut Insidern tat er dies allein mit der Absicht, Jean-Paul Gaillard, der den Prozess für Nestlé angestrengt hatte und mit dem er zerstritten war, eins auszuwischen. Zudem habe Nestlé Favre drei Millionen Franken gezahlt, heisst es. Favre verneint dies: «Es war ein Gentlemen’s Agreement, ich habe kein Geld bekommen.» Nestlé gibt dazu keine Auskunft. Verglichen mit den Milliarden, die der Konzern bereits damals mit dem Kapselkaffee machte, wäre die Summe ohnehin ein Klacks gewesen.
Mittlerweile trat Eric Favre mit seiner eigenen Firma Monodor gegen seine eigene Erfindung an, die den Markt im Quasi-Monopol beherrschte. Anfangs liefen die Geschäfte gut; Monodor verkaufte Produktionslizenzen für die selbstentwickelten Maschinen sowie Kapseln an die Migros und den italienischen Espressogiganten Lavazza. Doch 2011 liefen die Patente ab, die Tantièmen versiegten. Versuche, mit der eigenen Marke Mocoffee den Markt zu erobern, scheiterten. Ein 2006 im Stil der Nespresso-Boutiquen eröffneter Showroom in der Zürcher Innenstadt verschwand bald wieder. Und auch der Versuch, China mit Teekapseln zu erobern, schlug fehl.
Im vergangenen Dezember verkauften die Favres Tpresso an eine Investorengruppe aus Zürich. «Es ist genau wie damals bei Nespresso: Wir sind zu früh», sagt Favre. «Wenn wir hundert Millionen hätten und zehn Jahre jünger wären, würden wir Tpresso nicht verkaufen.»
Kürzlich hat der Ingenieur angekündigt, er wolle sich langsam aus dem Berufsleben zurückziehen. Wobei ihm das niemand so richtig glauben mag. Tag und Nacht arbeitete er an Kapseln und Maschinen, für anderes blieb da wenig Platz. «Ich werde wohl ein bisschen mehr Golf spielen», sagt Favre zu seinen Ruhestandsplänen. Doch erst strukturiert er das Unternehmen neu. Er will die eigene Produktelinie Mocoffee verkaufen. In St-Barthélemy soll ein Innovationszentrum bleiben. «Wir wollen für Nespresso sein, was Samsung für Apple ist.» Die Umstrukturierung von Monodor ist auch deswegen notwendig, weil die familieninterne Übergabe nicht geklappt hat. Zwar sitzen neben dem Ehepaar Favre auch ihre drei Töchter im Verwaltungsrat. Doch keine wollte die operative Führung übernehmen. Die älteste Tochter Nicole war fünf Jahre lang CEO der Eigenmarke Mocoffee, wechselte dann aber zu einer Genfer Privatbank. Bekannte von Eric Favre sagen, es sei nicht einfach, mit ihm zu arbeiten. Nicole Favre sagt: «Er ist eine Persönlichkeit. Seine Meinung lässt sich nicht so leicht ändern.»
Nicole Favre betont aber, dass der Vater die Familie durchaus in die Firma einbezogen habe. «Er spielte weniger oft mit uns als andere Väter, aber dafür gab er uns seinen Unternehmergeist weiter.» Ihre Schwester, erzählt Nicole Favre, habe oft gesagt: «Wir haben halt noch zwei Brüder: Monodor und Nespresso.» Eric Favre lässt sich nur eine leise Enttäuschung über den Entscheid seiner Töchter anmerken. «Natürlich wäre es schön gewesen, wenn jemand das Steuer übernommen hätte, aber sie haben einen anderen Weg gewählt.»
Nun will der Nespresso-Erfinder den besagten Unternehmergeist eben an junge Ingenieure weitergeben. «Ich plane Vorträge und will an Konferenzen teilnehmen», sagt Favre. Er sei im Gespräch für eine Konferenz in Schanghai. Dass er sich bei diesen Gelegenheiten auch in seinem späten Ruhm sonnen kann, ist ein angenehmer Nebeneffekt. «Sogar Bundesrat Schneider-Ammann hat mein Buch gelesen», sagt er und präsentiert den Dankesbrief des Bundesrats. Favre habe lange darunter gelitten, sagen Bekannte, dass Nespresso erfolgreich wurde, als er schon nicht mehr bei Nestlé war.
Doch im März hat Favre nun auch von höchster Konzernstelle Lorbeeren erhalten. Peter Brabeck hat ihn an einer KMU-Konferenz erstmals öffentlich als Erfinder von Nespresso genannt. Auch wenn er von den Milliardenumsätzen wenig gesehen hat und die meisten Leute vermutlich immer noch eher George Clooney mit Nespresso verbinden als Eric Favre: seinen Platz in der Nespresso-Erfolgsstory hat er sich gesichert.
Dann erzählt Favre noch eine Anekdote aus den Australien-Ferien. Als er durch Melbourne spaziert sei, habe man ihn vor einer Lavazza-Blue-Boutique spontan um ein Bild gebeten. «Gleich in der Nähe davon sah ich eine Nespresso-Boutique», sagt er. «Ich war sehr stolz. Das ist mein Lebenswerk.»