Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/452

Es klingt nach einer Wette, die zwei oder drei Philologen mit einander eingegangen sind, irgendwann am frühen Morgen, in nicht mehr ganz nüchternem Zustand in einer Bar in der Berner Altstadt (denn in Bern wird die kritische Alexander-von-Humboldt-Ausgabe betreut). Der erste Philologe könnte ungefähr gesagt haben: „Wetten, dass es möglich ist, in den rund 70 Jahren, die Alexander von Humboldt publiziert hat, in jedem Jahr mindestens einen Artikel zu finden?“ Worauf der zweite: „Das ist zu einfach. Es müssten auch Artikel sein, die das ganze Spektrum abdecken, alle Wissensgebiete, mit denen sich Humboldt beschäftigt hat.“ Was der dritte (oder der erste?) übertrumpft: „Ja, und jeder Artikel müsste an einem andern Ort auf diesem Planeten erschienen sein!“
Ich will den beiden Herausgebern des vorliegenden Buchs nicht unterstellen, dass dieses Buch nun die Folge einer solchen Schnapsidee sei. Aber genau diese Bedingungen erfüllen die Texte, die im hier versammelt sind – wie es der Untertitel sagt: 70 Texte, 70 Orte, 70 Jahre. 1789-1859. (Den mathematisch etwas Gewiefteren wird es auffallen, dass es mit dem Untertitel nicht so ganz seine Richtigkeit haben kann: Wenn der erste Text 1789 und der letzte 1859 erschienen sind, müssen es 71 Texte sein. Was es auch sind, und was die Herausgeber auch zugeben.)
Humboldts publizistische Tätigkeit war stupend. Es ist, als ob sein Leben nur aus Reisen und Schreiben bestanden hätte. Und dabei sind seine beiden großen Werke, die für die er schon zu Lebzeiten berühmt werden und bis heute berühmt bleiben sollte, unvollendet geblieben. Weder die Beschreibung der Südamerika-Reise (Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent: fait en 1799, 1800, 1801, 1803 et 1804) noch sein Alterswerk Kosmos (dessen Titel für dieses Buch Pate stand), erschienen zwischen 1845 und 1862, also teilweise postum, hat er je beendet.
70 Jahre publizistischer Tätigkeit: Da kommt so einiges zusammen. Es fängt de facto an mit einem Artikel des frisch gebackenen Bergbau-Ingenieurs zum Wasser im Basalt, wo sich Alexander von Humboldt noch dem in Deutschland traditionellen Neptunismus verpflichtet fühlt (er wird sich in späteren Schriften zum Vulkanismus bekennen), geht über Schriften zu praktisch jedem Gebiet der Naturwissenschaften, und endet mit dem Hilferuf des beinahe 90-Jährigen, der darum bittet, dass man ihn doch in Ruhe lassen solle, weil er noch so viele Arbeiten zu Ende zu schreiben habe. Da ist die Beschreibung seiner Besteigung des Chimborazo im heutigen Ecuador (die in der Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent: fait en 1799, 1800, 1801, 1803 et 1804 fehlt, weil er dort schlicht nie bis in die Anden vorgestoßen ist), und in der er sich rühmt, der Europäer zu sein, der bisher am höchsten gestiegen ist, da er de Saussures bisherigen, in den Alpen aufgestellten Höhenrekord gebrochen hat. Da sind auch Texte über seine Reise nach Russland (davon aber weniger als über Südamerika). Alexander von Humboldt hat sich zu Sklaverei und Kannibalismus ebenso geäußert, wie zum Panama-Kanal und der Juden-Emanzipation in Preußen.
Natürlich darf in so einer Sammlung auch seine kleine pädagogisch-naturwissenschaftliche Fiktion Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung aus dem 5. Teil der Horen von 1795 nicht fehlen (die ich somit – nach dem Nachdruck der Horen, den ich hier des Langen und des Breiten besprochen habe (man klicke auf das entsprechende Schlagwort), und dem Abdruck in Humboldts Ansichten zur Natur von 1826, die ich in der sog. Darmstädter Ausgabe von Humboldts Werken gelesen habe, zum dritten Mal besitze). Auch andere Texte, nebenbei, sind “recycelte” Ware: Vor allem aus seiner großen Reisebeschreibung hat er immer wieder Ausschnitte in Zeitungen und Zeitschriften abdrucken lassen.
Wer lange lebt, wird auch erleben, dass Bekannte und Freunde im Umfeld sterben. So finden wir einen Nachruf auf den Bruder Wilhelm (in Briefform) und auf den langjährigen Reisegefährten in Südamerika, Aimé Bonpland.
Last but not least die Publikationsorte. Alexander von Humboldts Texte wurden über den ganzen Globus verstreut veröffentlicht. Wir finden Indien ebenso wie Australien, Nord- und Südamerika ebenso wie Europa. Nur der afrikanische Kontinent fehlt gänzlich. Humboldt war zu seiner Zeit ein weltberühmter Mann, ein Pop-Star der Naturwissenschaft. (Einen Bruchteil der in diesem Buch angeführten Publikationsorte findet man in den Schlagwörtern.)
Alles in allem eine interessante Lektüre – faszinierend vor allem durch die im Hintergrund stehende „Wette“ …
Alexander von Humboldt: Der Andere Kosmos. 70 Texte, 70 Orte, 70 Jahre. 1789-1859. Herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich. München: dtv, 2019. [Es handelt sich aber hier um kein Taschenbuch, sondern um eine recht große Ausgabe in Leinen mit Fadenheftung, gedruckt auf jenem dünnen Papier, das man umgangssprachlich „Bibeldruckpapier“ nennt.]

Zum Hören: