Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03426.jsonl.gz/749

Ich treffe mich zu einem Zoom-Gespräch mit Diego. Er ist Student an der Universität Basel und wurde zu Beginn der Quarantäne-Massnahmen vom Amt für Militär und Bevölkerungsschutz aufgeboten, mit Marschbefehl. Dienst im Zivilschutz stand an, der Feind: COVID-19. Das sollte aber das gleichzeitige beginnende Frühjahrssemester nicht aufhalten. Ein Rückblick.
In der Schweiz hat man drei Dienstmöglichkeiten: erstens die Armee, zweitens den schweizerischen Bevölkerungsschutz, auch Zivilschutz genannt, und drittens den Zivildienst. In der Aushebung wurde Diego damals in den Zivilschutz umgeteilt, eine Neurodermitis-Erkrankung hatte den Dienst an der Waffe verhindert.
Dort machte er eine Betreuerausbildung und wurde dann, passend zum damaligen Studienwunsch Medizin, in den Sanitätsdienst beordert. Eine Entwicklung, die ihn auch heute, sechs Jahre später, immer wieder einholen kann. Seit seinem 20. Lebensjahr steht er in Extremfällen auf der Matte. Im aktuellen Fall wegen des Sars-CoV-2-Virus.
Wenn es um Kurzzeitereignisse, wie zum Beispiel ein Zugunglück geht, dann ist Diego oft nur tageweise gefordert. Bei einem Langzeitereignis wie der COVID-19-Pandemie war sofort klar, es könnte länger dauern. Für Diego hiess das: Schichtdienst beim Zivilschutz und parallel Uni. Wie das geht, beziehungsweise ob das überhaupt geht, das verrät er in diesem Interview:
Wie hast du die Anfänge der COVID-19-Pandemie erlebt?
Oh, das war filmreif. Ich war in New York über Fasnacht. Am 29. Februar sind wir geflogen und am 11. März sind wir zurückgekommen. Dort drehte sich noch alles um den Super Tuesday und die Vorwahlen und nicht das Coronavirus in China oder Europa. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir aber auch schon, dass die Fasnacht nicht stattfinden wird und dass in Norditalien die Krankheit so langsam richtig ins Rodeln gerät.
Der erste grosse Lockdown in Europa war angekündigt, die Todeszahlen überall im Internet und meine Mutter machte sich erste Sorgen, ob wir überhaupt zurückkommen würden. Ich habe mir diesbezüglich hingegen noch gar keine Gedanken gemacht und die Situation da noch relativ locker genommen. Mir war gar nicht bewusst, was genau abgeht.
Am Mittwoch, den 04. März, habe ich dann eine E-Mail von meinem Kommandanten bekommen: «Heute Abend findet eine obligatorische Informationsveranstaltung statt», im Anhang das Aufgebot. Ich habe dann auch direkt meinen Kommandanten kontaktiert: «Das geht nicht, ich bin in Amerika.» Schliesslich hätte ich nur ein paar Stunden Zeit gehabt. Von meinem Oberleutnant bekam ich dann nachträglich eine Zusammenfassung der Lage zugeschickt – wir würden ziemlich sicher als Sanitätszug eingesetzt werden.
Als wir schliesslich zurückfliegen wollten, wurde dann unser Flug storniert. Wir konnten plötzlich nicht mehr nach Hause. Drei lange Stunden später war dann klar: Unser Flug war mit einem zweiten Flug zusammengelegt worden. Wir konnten also doch fliegen, die Fluggesellschaft hatte uns einfach drei Stunden warten lassen und in der Zwischenzeit die Zusammenlegung organisiert, das war am Donnerstag, den 11. März. Am Sonntag, den 15., hatte der Kanton Baselland dann den Notstand ausgerufen und noch am selben Abend war mein Kommandant am Telefon: «Kannst du morgen kommen?» Mit dem Start des offiziellen Lockdowns am 16. März wurde ich also eingezogen.
In meiner Kompanie kommt noch die Besonderheit hinzu, dass sie dem Kanton unterstellt ist. Normalerweise ist der Zivilschutz der Gemeinde oder einem Verbund von Gemeinden unterstellt. Für uns heisst das, dass wir bei grösseren Ereignissen im ganzen Kanton, sei das jetzt der Einsturz eines Mehrfamilienhauses oder eine Massenkarambolage auf der Autobahn, zum Einsatz kommen. Sobald der Kanton mehr Ressourcen braucht, die nicht von den Blaulichtorganisationen abgedeckt werden können, sprich Feuerwehr, Rettung oder Polizei, kommen wir in den Einsatz. Mit unserer Arbeit decken wir die Bereiche Logistik, ABC-Wehr, also Austritt atomarer, biologischer und chemischer Stoffe, Kulturgüterschutz, Sanitätszug und einige andere Bereiche ab.
Wie hat dieser Einsatz dann für dich angefangen?
Als ich am Montag eingezogen wurde, habe ich gleich 14 Stunden gearbeitet. Das ging dann eine Woche lang so weiter, immer zwischen 10 und 14 Stunden. Erst nach dieser Woche hatte sich dann langsam der Schichtbetrieb eingestellt. Zwar waren erst einmal alle aus der Kompanie obligiert, aber bis alle Arbeitszeiten geregelt sind, das dauert. Beim Zivilschutz werden im Vergleich zum Militär die Einsatzmöglichkeiten der Soldaten stärker an die individuellen Fähigkeiten, Vorkenntnisse und Umstände angepasst.
Und da warst du als Student dann in besonderem Masse gefordert?
Genau, mein Kommandant wusste ja, dass ich Student bin und keine Präsenzpflicht an der Uni mehr herrscht. Deshalb wurde ich auch gleich eingezogen, als ich mich freiwillig meldete und so in eine Leitungsposition befördert. Da war ich dann schon anders involviert wie andere Soldaten, die nur gewisse Schichten zu erfüllen hatten. In der Zwischenzeit war ich sieben Tage die Woche vor Ort und habe neue Soldaten eingeleitet.
Mein Dienst war an unsere mobile Einheit angeknüpft, welche im Auftrag des Kantons Abstriche von infizierten Fällen genommen hat. Ich musste die ganzen Patienten registrieren, in verschiedene Systeme eintragen, die Identifikationsnummer zuordnen und zusätzlich musset ich die effizientesten Routen für die laufenden Einsätze planen. Nach drei bis vier Wochen haben wir dann zusätzlich noch die Leitung der Transportzentrale übernommen. Da haben wir Meldungen von Institutionen aufgenommen, welche einen Engpass an medizinischen Gütern haben und die Auslieferung organisiert.
Wie war denn die Situation mit den medizinischen Gütern im Allgemeinen?
Die Ressourcen sind schon extrem gefragt gewesen. Nach den ersten Wochen kamen Gefahrenguttransporte bei uns an, welche Ethanol angeliefert haben, sodass wir unser eigenes Desinfektionsmittel herstellen konnten. Es kam soweit, dass grössere Alkoholbrennereien uns mit eigenem Ethanol beliefert hat. Und Masken wurden gebraucht, Masken ohne Ende.
Und wie hat sich der Einsatz in deinem Studium bemerkbar gemacht?
Am Anfang wussten wir nicht, wie lange alles gehen wird. In den ersten eineinhalb Wochen war nicht absehbar, dass die Fallzahl doch schneller wieder abnimmt – wir waren von mehr ausgegangen. Für mich war nach der ersten Woche, in der ich auch versucht hatte, alles noch zuhause nachzuarbeiten, klar, dass ich nach einer 14-Stunden-Schicht nicht noch stundenlang am Computer den Stoff nacharbeiten kann. Zusätzlich war ich am Anfang ja auch noch voll im Jetlag.
Das muss sich doch alles sehr surreal angefühlt haben?
Das war so surreal, wie in einem Film. Zwei Tage nach unserer Ankunft hat Donald Trump dann auch die Grenzen geschlossen. Die ersten Instagram-Nachrichten sprachen da noch von lediglich 8 Infizierten in NewYork, das ging binnen einer Woche dann aber steil nach oben. Im Dienst hatte ich die Zahlen täglich vor Augen und das war schon eindrücklich, wie unsere anfänglich höheren Zahlen nach und nach von anderen Ländern überholt wurden.
Wie ging das an der Uni dann weiter?
In den ersten zwei Tagen nach meinem Einzug hatte ich schon mit den Gedanken gespielt, ein Urlaubssemester einzulegen. Nach der ersten Woche habe ich dem Dekanat und der Covid-19-Taskforce dann eine E-Mail geschrieben: «Ich bin im Dienst und komme nicht über die Runden. Parallel läuft das nicht». Die haben sofort geschrieben, dass das überhaupt kein Problem sei. Ich soll doch die Professoren anschreiben und das Dekanat immer in den CC nehmen.
Das habe ich dann auch gemacht. Bis ich dann von allen Professoren eine Antwort bekommen habe, waren schon zwei Wochen um und nach diesen zwei Wochen stabilisierten sich die Fallzahlen schon langsam wieder. Baselland hatte zu diesem Zeitpunkt zwei grosse Testzentren eröffnet und unsere Testungen beliefen sich dann nur noch auf die Personen, welche diese nicht selbstständig erreichen konnten.
Wir haben uns primär auf das Klientel Gefängnis, Altersheim, Behindertenheim und immobile Personen konzentriert. Da dachte ich mir: «Okay, eigentlich sollte das mit der Uni so machbar sein». Davor hatte ich einen Zweihundert-Prozent-Job, jetzt ist es Einhundert-Prozent-Job. Ausserdem hatte ich das Pensum auf insgesamt 16 Kreditpunkte reduziert.
Die Dozierenden hatten auch gemeint, dass das alles kein Problem sei. Ich solle mich melden, wenn der Dienst um ist. Zwei Dozenten hatten sogar die Themen für mich so angepasst, dass ich die Hausarbeiten inhaltlich über meinen Einsatz schreiben konnte. Da hatten es andere Soldaten schwerer, wenn zum Beispiel der Arbeitgeber dem Einsatz widersprochen hatte.
Ich habe dann aber auch nochmals an meine Dozierenden zurückgemeldet, dass ich bis Juni eventuell überhaupt keine Möglichkeit habe, einen Strich zu tun. Der Konsens war, ich solle mich melden, wenn ich wieder die Zeit habe. Die Hausarbeiten zu meinem Einsatz selbst habe ich natürlich trotzdem parallel bearbeitet, aber den Rest muss ich jetzt gebündelt nachholen.
Nächste Woche habe ich noch zwei Prüfungen, in diese durfte ich mich jetzt noch nachträglich einschreiben, als ich abschätze konnte, dass ich mir das zeitlich zutraue. Für alle anderen Leistungsnachweise habe ich bis zum 31.07. Zeit. Vor einem Monat – das schätze ich sehr – hatte mir das Dekanat auch nochmals geschrieben, ob sie mich denn noch irgendwie unterstützen könnten. Für dieses Interesse und die Unterstützung war ich wirklich sehr dankbar.
Und wie ist die Situation jetzt im Moment für dich?
Du bist so schnell in diesem Film drin und funktionierst eigentlich nur noch. Jetzt wieder an der Uni anzukommen und meinen Kopf wieder auf einem bestimmten Konzentrationsniveau und auf einem bestimmten akademischen Niveau anzustrengen, das bedeutet gerade mehr Mühe für mich. Ich war so in einer anderen Maschinerie drin, in welcher man Befehle bekommt und ausführt, dass sich das eigenverantwortliche Studieren sich jetzt erst wieder einpendeln muss.
An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Diego für das interessante Interview und natürlich auch für seinen wertvollen Einsatz im Rahmen der Pandemie!
Wenn du jetzt noch erfahren möchtest, wie Medizinstudierende aus Basel die Spitäler in Zeiten von COVID-19 unterstützen, dann ist der Artikel von Josefin genau das richtige für dich.