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Kurz, Kees macht uns das Thema 'altägyptische Religion' auf unerwartete Weise plausibel. 'Religion' erscheint als das tragende Gerüst der altägyptischen Verfassung, ein Gerüst, das auf physisch repräsentierten Göttersystemen und ihrer semantischen Eigenschaften bezüglich bestimmter Territorien ruht. Es ist deutlich - und wesentlich - auch Teil der altägyptischen Sachkultur und weist auf eine Entwicklung hin, die von vordynastisch-lokalen Dorf- und Gauverfassungen zu staatstragenden imperialen Systemen führt.
Äusserlich sind enge Zusammenhänge gegeben. Das Alte Testament datiert sich mit seiner Schlüsselfigur im Rahmen des Neuen Reiches. Es ist eng mit den politischen Bedingungen jener Welt verbunden (ägyptische Gefangenschaft der Hebräer). Moses Leben und das in seinen fünf Büchern Beschriebene spielt um die Mitte des 13. Jhdts., in der Zeit der Ramessiden. Auch ist sein Name vom Ägyptischen abgeleitet (wie Thut- moses). Ein weiterer wichtiger Punkt: Mose hatte seine Schulung in der pharaonischen Administration erhalten. Wir werden im Folgenden diese enge Kontaktzone in den Vordergrund stellen.
Mose als Staatsgründer, Reichsgründer! Das Motiv ist gegeben: die Hebräer wurden von den Ägyptern bedrängt. Mose führte sie hinaus aus Ägypten und zugleich an einen neuen Ort, zu ihrem künftigen Staat. Diese meist gehörte Begründung sieht allerdings darüber hinweg, dass dieser Prozess auch eine recht bestimmte Form zeigt, die zu erörtern sich lohnt.
Synchrone Elemente
Wir haben eine polytheistische Theokratie, die auf drei Schichten die territoriale Kontrolle definiert. Die vertikalen Hierarchien werden über Göttergenealogien dargestellt. Diese leiten sich alle letztlich aus Ursituationen, aus Gründungen ab, beziehen daraus ihre Legitimation.
Nun sind aber diese Göttersysteme nicht abstrakt. Sie lassen sich als physisch repräsentiertes semantisches System betrachten. Die spezifisch charakterisierten Götterfiguren und ihre Tempel sind topologisch gebunden, befinden sich im ontologisch höchstwertigen Kern von Siedlungsräumen, stehen für das entsprechende Territorium, das sie schützen. Und auch dieses semantische System begründet sich von Ursprünglichem her, von 'Urhügeln', von Göttern an 'erhobener Stätte'. <9> Dieses objektive System stützt ein soziales in drei Schichten: Volk, Adel und Führung, wobei hier Führung sowohl für König wie auch für Dorfchef und Gaufürst steht. Die unteren Ebenen haben ihre Autonomie bewahrt. Die Einheiten sind analog strukturiert. Die soziale Legitimation geht - prinzipiell schriftlos - über den Kult. Neben den relativ spät monumentalisierten Götterfiguren und Tempeln hat der Kult die vordynastische Zyklik der Auflösung und Reinstitution des semantischen Instrumentariums bewahrt (Opfer, Schmuck, Reise der Götterfiguren usw.). Da diese Zyklik der entsprechenden Kulte wiederum auf die Gründung zurückführt, legitimiert sie analog auf Orts-, Gau- und Reichsebene den Dorfchef, Gaufürsten und Reichskönig auf analoge Weise als entsprechender Territorialgründer. Daraus versteht sich die Personalunion von Territorialherrschaft, Rechtsprechung und oberstem Priester. Der Adel steht primär der Gründerlinie nahe, übernimmt aber zusehends die mit der Ausdehnung der Territorien anfallenden, vom König delegierten Verwaltungs- und Machtfunktionen. Das Volk ist in dieser Struktur nur Inhalt des Territoriums, hat aber meist ein Interesse an der Erhaltung der betreffenden Territorialität. Es ist primär der Gottheit, dann aber auch der sozialen Führung untertan, unterhält durch Teilnahme an den Kulten und durch Opfer und Zuwendungen die Kultanlage. Die Gesetzgebung orientiert sich an der Kulttradition, ist sakraler Art, wird von der Führung - auch im eigenen Interesse - statuiert, interpretiert und kontrolliert.
Diachronische Elemente
Obschon sich die Göttersysteme und Kulte über grosse Zeiträume beträchtlich wandeln können (Monumentalisierung, Anthropomorphisierung), der Bezug auf eine Ursetzung als Legitimation erhält sich durch alle Veränderungen hindurch. Die Mythisierung ergibt sich Im fortgeschrittenen Stadium aus dem Umstand, dass die frühen Bedingungen solcher Gründungen mit ihren in der Regel recht realistischen Begriffen wie 'Urhügel', 'Erderhebung" usw. aus der entwickelten Spätsicht nicht mehr verstanden werden. Diese Urbegriffe in den äItesten Schichten deuten andersrum darauf hin, dass das territorial-semantische Element grosse Kontinuität aufweist und dass die territoriale Komponente seit den Anfängen zum Wesentlichsten dieser Kulte gehörte. Die Göttergenealogien, etwa der zahlreichen Gautempel, wären somit nicht einfach als 'reizvolle Geschichten', 'irrationale Legenden' oder gar 'Glaubensinhalte' zu verstehen, sie waren vielmehr politisch von eminenter Bedeutung, regelten das Machtgefüge in den Gauen und ihr Verhältnis zum Reich. Erlitt der König Machteinbussen, so betonten die Gaufürsten die Autonomie ihrer eigenen Göttergenealogien. Ob in einem Dorf, in einer Gaustadt, oder im Reich, man kannte genau die Bedeutung der Tempel, die Namen ihrer Götter, ihre territoriale Reichweite, die ihnen zugeordneten Kulte und Feste in denen sich die Ansprüche der damit verbundenen sozialen Eliten manifestierten.