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Birsfelden zu Basel?Veröffentlicht am 3.6.2020, zuletzt geändert am 3.10.2023 #Moderne und Neuzeit
Wo beginnt die Stadt, wo hört sie auf? Das mag eine theoretische Frage sein. Speziell im Raum Basel ist es auch eine soziale und politische Frage. Die Stadt ist ringsum eingegrenzt und wächst dennoch unaufhörlich – auch über ihre politischen Grenzen hinaus. Ausgehend von der Stadt kann man sich fragen, in welchem Verhältnis die Stadt zu ihrem Umfeld steht. Es gibt aber auch den Blick aus entgegengesetzter Richtung: den Blick von den sogenannten Vororten auf die Stadt. Daran erinnert der provokative Vorschlag aus dem Jahr 1887 das zum Kanton Basel-Landschaft gehörende Birsfelden an die Stadt Basel anzuschliessen.
Eine “kleine Wiedervereinigung”
Der Vorschlag fiel in eine Zeit, in der europaweit viele Orte “eingemeindet” wurden. In Zürich wurden 1893 elf Gemeinden der Stadt zugeschlagen. 1887 forderte der in Arlesheim wohnhafte Obergerichtsschreiber Emil Richard nicht für seine eigene Gemeinde, aber für Birsfelden, Binningen und Neu-Allschwil mit einem publizistischen Fanfarenstoss die “Verschmelzung” mit Basel-Stadt (vgl. Basler Nachrichten Nr. 354-357 vom 26.-30. Dezember 1887).
Es ist kein Zufall, dass der erste Vorschlag für “eine kleine Wiedervereinigung” Birsfelden galt. Schon in seinen weit zurückliegenden Anfängen zeigte sich Birsfelden eher als “kleiner Stadt-Satellit”: Es bestand einzig aus einem vom Stadtkloster St. Alban auf freiem Feld gegründeten Hof. Die Verbindung zur Stadt war lose, zeigt sich aber im 1384 erbauten Steg über die Birs.
Lange Zeit gab es nur dieses “Birsfeld”. Die Gemeinde Birsfelden entstand erst 1875 mit der Abspaltung von der Gemeinde Muttenz. Das zunächst über viele Jahre ungenutzte Gebiet am rechten Ufer der Birs füllte sich im 19. Jahrhundert dann rasch mit Zuzüger*innen; angezogen von der nahen Stadt. Die Bevölkerung von Birsfelden aber war arm – und entsprechend war es auch die Gemeinde. Insbesondere die Kosten für den Schulbetrieb machten ihr schwer zu schaffen.
Wenig Freude in Stadt und Land
Der Vorstoss eines Übertritts der Gemeinde Birsfelden zu Basel stiess im Landkanton indes auf wenig Gegenliebe. Landschreiber Tanner bemerkte: “Nie und nimmer wird der Kanton um einiger Tausend Franken willen die ihm angerathene Operation und sich einer Amputation in dem vorgeschlagenen Umfange freiwillig unterziehen. Das wäre eine Selbstverstümmelung, das wäre der reinste politische Selbstmord”. Wohl sei es den vielen aus der Schweiz und dem Ausland in Stadtnähe Zugezogenen egal, ob sie “Untertanen des einen oder anderen Kantons” seien. Die Einheimischen dagegen, die 1833 “Gut und Blut” für die Selbständigkeit des Kantons Basel-Landschaft eingesetzt haben, wären nie bereit, auch nur “einen Quadratfuss Land” abzutreten.
Auch in der Stadt gab es ablehnende Reaktionen. Der Basler Historiker Jacob Burckhardt warf dem Landkanton vor, er wolle Vorortsgemeinden “abschieben”. Das sei, “wie wenn da, wo der Mantel unten herum in Fetzen geht, man ihn ringsum abschneidet, damit der Rest wieder etwas vorstellt”. Als man in den 1930er-Jahren ein ähnliches Szenario diskutierte, lehnte Albert Oeri, der liberalkonservative Chefredaktor der “Basler Nachrichten”, das “Losschränzen” von stadtnahem Landschaftsgebiet ebenfalls ab. Seiner Meinung nach würde dadurch bloss eine “unnatürliche Grenze” durch eine andere ersetzt. Wobei Oeri grundsätzlich gegen jegliche Offensive hin zu einer “Grossgemeinde Basel” war.
Entlang der Grenzen
Die Eingemeindung von Vororten ist in Basel ein Ding der Unmöglichkeit. Das gilt für Grenzach oder Weil am Rhein oder Saint-Louis oder Huningue aufgrund der nationalen Grenzen und für die basellandschaftlichen Vororte aufgrund der kantonalen Grenzen. Im Falle der kantonalen Grenzen ist das Ganze eng mit der übergeordneten Frage einer Wiedervereinigung von Basel-Stadt und Basel-Landschaft zu einem Kanton verknüpft; damals wie heute. Selbst die Baselbieter Wiedervereinigungsfreunde von 1887 hätten keine Vororte an die Stadt verlieren wollen, weil dies auf dem Land die Zahl der Befürworter einer Wiedervereinigung reduziert hätte. Und letztlich war der damalige Vorschlag eines Übertritts Birsfeldens zur Stadt vor allem eine Drohung mit dem Ziel, vom Kanton Basel-Landschaft endlich mehr Beiträge an die Gemeindekosten erhalten.
In Basel-Stadt taucht die Eingemeindungsidee von Zeit zu Zeit wieder auf. Alt-Regierungspräsident Guy Morin verkündete im Januar 2013, dass bis 2050 in einem wiedervereinigten Basel “ein Kranz von 10 Vororten oder mehr” in die Stadtgemeinde eingemeindet würden. Inzwischen haben sich jedoch die stadtnahen Baselbieter Gemeinden zu Regionalkonferenzen zusammengeschlossen. Eine von ihnen heisst Birsstadt und umfasst zehn Gemeinden. Davon haben nur zwei, Birsfelden und Münchenstein, gemeinsame Grenzen mit der Kernstadt.
Quellen
Literatur
Kreis, Georg, Am Rande der Stadt. Aus der Geschichte der Basler Agglomerationsproblematik seit 1887. Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft, Bd. 107 (Liestal 2019).
Abbildungen
Stich Emanuel Büchel Birskopfsteg um 1833 [Bild beschnitten]: Staatsarchiv Basel-Stadt, BILD Falk. A 287.
Birskopfsteg mit Blick auf das “Birschöpfli”: Sabina Lutz, 2020.
Birskopfsteg Nahaufnahme: Sabina Lutz, 2020.
Autor
Georg Kreis ist emeritierter Professor für Geschichte der Universität Basel und hat stets internationale, nationale und lokale Geschichte miteinander zu verbinden versucht. So war es für ihn eine Selbstverständlichkeit in seiner Zeit als Leiter des Europainstituts mit Blick auf das bevorstehende Bundesbeitritt-Jubiläum von 2001 zusammen mit Beat von Wartburg unter dem Titel “Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft” eine provisorische Basler Geschichte herauszugeben. Er ist Mitglied des Vereins Basler Geschichte.