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Der zweite Roman Otto F. Walters, Herr Tourel, erschien 1962. 2008 hat ihn der Herausgeber der Reihe «Kollektion Nagel & Kimche», Peter von Matt, dem Publikum wieder in einer Neuauflage zugänglich gemacht. Diese Neuauflage habe ich auch gelesen.
Nachdem Walters Erstling, Der Stumme, drei Jahre zuvor bei seinem Erscheinen Furore gemacht hatte, war 1962 dem Nachfolger weniger Fortüne beschieden. Weder Publikum noch Kritik konnten mit dem Roman viel anfangen. Der Grund war wohl, dass sich Walters Roman nicht in die Tradition der (wie ich sie salopp nennen möchte) „Landi-Mentalität“ einreihen liess, in die Tradition der konservativen, Werte zu erhalten versuchenden Schweiz also, die im Grunde genommen 1962 im breiten Publikum noch immer Ton angebend und beliebt war. Aber auch der „progressiven“, die Schweiz kritisch beäugenden „Schule“ liess er sich nicht zurechnen, der „Schule“ von Romanen, die die mehr oder minder an Brecht geschulten Frisch, Dürrenmatt & Co. publizierten.
Der Roman erzählt die Geschichte des Herrn Tourel. Besser gesagt: Herr Tourel erzählt seine Geschichte. Besser gesagt: Herr Tourel erzählt von ein paar Tagen in seinem Leben. In diese paar Tage (sie bilden auch die „Kapitel“-Überschriften: 9. Juni, 11. Juni, 12. Juni, und dann: Vormittag, Mittag, Nachmittag – beinhalten also ein zunehmende Be- oder Entschleunigung) wickelt Herr Tourel dann Erinnerungen ein an frühere Tage, ziemlich genau ein Jahr vor seinem aktuellen Aufenthalt in Jammers, wo er sich ebenfalls schon dort aufgehalten hatte. Jammers ist der Name eines fiktiven Dorfs am solothurnischen Jura-Südfuss, dessen reelles Vorbild wohl am ehesten in Holderbank zu suchen ist, denn auch Holderbank liegt am solothurnischen Jura-Südfuss, und auch in Holderbank befindet sich ein grosses Zementwerk. Oder zumindest befand sich dort dort eines im Jahr 1961, dem Jahr, in dem der Roman entstand, dem Jahr, in dem der Roman offenbar auch spielt. Holderbank liegt auch in der Nähe von Walters Heimatstadt Olten, und Tourels Ausflüge in den französischsprachigen Jura sind von dort aus problemlos möglich. In Tourels Erinnerungen ist noch mindestens eine weitere Stimme verhanden, die von Beth, alias der Contessa. So wird eine junge Einwohnerin von Jammers genannt, die zusammen mit ihrem Onkel ein kleines Geschäft führt, wo Bier und Benzin verkauft wird. Beth erzählt ihre Geschichte, ihre Sicht der Dinge, fast atemlos, oft abgerissen, ohne Punkt und Komma – eine an den „Stream of Consciousness“ angelehnte Schreibweise.
Tourel, so sagt er, erzählt seine Geschichte den Mardern des Boothauses, in dem er aktuell lebt. Schon nach wenigen Seiten wird dem Leser klar, dass Tourel nicht alles erzählt – oder nicht alles so erzählt, wie es sich wirklich zugetragen hat. Und dennoch schreibt er seine Geschichte auch nieder, weil er sich rechtfertigen will, sagt er. Rechtfertigen gegenüber den Gerüchten, die ihm die Schuld an Beths Tod gäben – Gerüchten, die wir nur kennen, weil Tourel sie selber in die Welt setzt. Tourel erzählt seine Geschichte auch Albert, seinem besten Freund – von dem er dann am Ende der Aufzeichnungen plötzlich behaupten wird, dass er nur eine Erfindung von ihm sei. Letzten Endes zieht Tourel, zieht sein Erfinder Walter, dem Leser jeden sicheren Boden unter den Füssen weg.
Peter von Matt im Nachwort meiner Ausgabe spricht es an: Herr Tourel könnte als (experimenteller) Kriminalroman gelesen werden – somit (das sagt von Matt nicht) auf Doderers Ein Mord den jeder begeht hinweisend. Doch im Grunde genommen, das sagt auch von Matt, entzieht sich der Roman jeder Klassifizierung. Die Ausgangslage würde auch auf einen Schelmenroman hindeuten, aber Herr Tourel ist kein Schelm. Er ist ein Kleinganove, aber ohne den Charme eines Till Eulenspiegel bzw. die ideologische Rechtfertigung eines Franz Biberkopf. Tourel ist von Beruf Fotograf. Und wohl lässt sich Tourels Art zu fotografieren, die er so präzise beschreibt, wie nichts anderes im Roman, in der Geschichte der Fotografie sehr genau einordnen. Wohl ist die Art, wie Tourel einen Kieselstein präpariert, um ein Bild zu erhalten, das so realitätsgetreu ist, dass es die Realität übertrifft, zur meist zitierten Stelle des Romans geworden, weil sie eine künstlerische Vorgehensweise auf meisterhafte Weise identifiziert. Aber der Roman ist auch kein Künstlerroman. Der Jura-Südfuss ist Tourels wie Walters Heimat, aber Herr Tourel ist kein Heimatroman. Der Zementstaub vom nahe gelegenen Zementwerk hüllt die Atmosphäre von Jammers in einen steten Schleier – was auch Tourel daran hindert ein gestochen scharfes Bild vom Dorf zu liefern. Wohl stachelt er deshalb die Arbeiter zu einer Revolte, zu einem Streik auf. Als es aber konkret und ernst wird, verschwindet er und entzieht sich so den Konsequenzen. (Und zugleich den Konsequenzen der Tatsache, dass er Beth, die ihm Modell stand, verführt und geschwängert hat.) Wir haben dennoch keinen (sozialistischen) Arbeiterroman vor uns. Es ist nicht einmal ein Liebesroman. Wir haben aber – und das ist wichtig! – keine irgendwie misslungene Mischung vor uns. Der Roman entzieht sich jeder Klassifizierung. Er tut das gut und er tut gut daran.
50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, 20 Jahre nach dem Tod seines Autors stellt sich mir die Frage: Hat dieser Roman seinerzeit die Abwendung von Publikum und Literaturkritik zu Recht erlitten? Ich gebe zu, nach etwa 50 Seiten war ich selber drauf und dran, das Werk beiseite zu legen. Die Vielzahl der Stimmen verwirrte mich, und ich konnte kein Ziel erkennen, auf das der Autor zusteuern würde. Ich las dennoch zu Ende, dann fing ich an zurückzublättern, diesen und jenen Teil noch einmal zu lesen. Der Roman fasziniert mich sprachlich wie inhaltlich mittlerweile sehr. Aber ich gebe zu, er beunruhigt und verstört mich auch. Je länger ich über ihn nachdenke, um so mehr bin ich überzeugt, dass wir hier nicht nur einen der grossen Romane der Schweizer Nachkriegsliteratur vor uns haben, nicht nur einen der grossen deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, sondern einen Roman, der es verdiente, in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen zu werden. Leider aber ist er zu wenig intellektuell, um den Kritikern den hochgelahrten Nervenkitzel eines Joyce oder eines Eco offerieren zu können, und zu komplex, um dem sinnenfälligen Zauber des magischen Realismus der Südamerikaner die Stirne bieten zu können. Herr Tourel wird, trotz von Matts Bemühungen, wohl ein Geheimtipp bleiben – wie die Werke von Wense oder Thelen.