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Zuwanderung im alten Kleinbasel

Herr L. / 12. März 2019:
Das Sujet der alten Garde der Alti Stainlemer ist gerade in aller Munde. Man fragt sich schon, wo Kleinbasel hingekommen ist mit der Zuwanderung. Heute hatte ich eine Diskussion mit einem Cliquenfreund, der meinte, es sei in Kleinbasel schon früher ähnlich gewesen. Das kann doch nicht sein!!! Was weiss man dazu?
Antwort von altbasel.ch:
Ich muss Ihrem Cliquenfreund recht geben, auch wenn sich die Verhältnisse aus der Vergangenheit nie fugenlos mit jenen der Gegenwart vergleichen lassen. Kleinbasel erlebte mit der wachsenden Industrialisierung eine Phase intensiver Zuwanderung. Wesentlichen Anteil daran hatte die hiesige Textilindustrie und die Chemische Industrie, die aus dem Färbereiwesen hervorgegangen war.
In Kleinbasel und seinen damaligen Aussenquartieren entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Fabrikationsstätten wie zum Beispiel jene der Färberei Schetty, die Vischersche Seidenbandfabrik oder die Clavelsche Anilinfarbenfabrik am Rheinufer. Diese Industriezweige benötigten Arbeitskräfte und dieser wachsende Bedarf wurde durch Zuwanderer gedeckt.
Die Entwicklung machte Basel-Stadt allgemein zum Kanton mit der höchsten Zuwanderungsquote der Schweiz. Im Jahr 1888 betrug sie 70,4%. Ein grosser Teil der neuen Einwohner kam aus dem benachbarten Grossherzogtum Baden. Die badischen Zuwanderer brachten auch ihren katholischen Glauben mit in das seit 1529 reformierte Basel, was zunehmend Konflikte schuf.
Zum einen benötigte Basel Zuwanderer als Arbeitskräfte. Zum anderen fürchteten einige Kreise eine schleichende Katholisierung. Einige katholische Pfarrherren befeuerten diese Stimmung mit undiplomatischen Predigten, die etwa Mischehen zwischen Reformierten und Katholiken (und die reformierte Fasnacht) verdammten. Man fürchtete die Entstehung einer Art Parallelgesellschaft.
Zuwanderung aus Italien und Elsass
Zur wachsenden katholischen Gemeinde stiessen auch die Italiener. Die Stadt wurde grösser und somit wurde mehr gebaut. Dadurch erfuhr auch das Baugewerbe einen Schub und brauchte Arbeitskräfte. In den 1890er Jahren kamen daher immer mehr Zuwanderer aus Italien nach Basel und fanden hier Arbeit auf dem Bau. Es entstanden eigentliche Italienerviertel, etwa im Matthäusquartier.
Eine Zuwanderungsbewegung die auch das Kleinbasel berührte setzte 1871 langsam ein. Sie betraf Leute aus dem benachbarten Elsass, das nach dem verlorenen Krieg 1870/71 dem Deutschen Reich unterstellt wurde. Gerade junge Männer mussten fürchten, dass sie unter den neuen Verhältnissen zum Dienst in der deutschen Armee, dem früheren Feind, gezwungen wurden.
Zum einen der Widerwille unter deutscher Herrschaft zu leben und zum anderen die Angst als Elsässer zum Armeedienst im deutschen Heer gezwngen zu werden, machte Basel als neue Heimat reizvoll. War man hier erst eingebürgert und somit Schweizer geworden, konnte man ohne Angst vor Verhaftung die Verwandten im Elsass besuchen oder dort Geschäften nachgehen.
Unbehagen und Ablehnung
Die Entwicklung der Zuwanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert lässt sich an einigen Zahlen ablesen. Kleinbasels Bevölkerung wies im Jahr 1847 einen Ausländeranteil von 25,5% auf. Bis 1870 stieg dieser Anteil auf 34,5% und erreichte 1910 einen Stand von 48,6%. Praktisch jede zweite Person der man in den Strassen von Kleinbasel begegnete stammte aus dem Ausland.
Zuweilen schlug das Unbehagen über die Zuwanderung in giftelnde Ablehung um, was anlässlich des Kurzbesuchs von Kaiser Wilhelm II. im September 1912 in Basel zu beobachten war. in einer Zeitung publizierte ein Basler Dichter sein Wehklagen darüber, dass es praktisch keine Schweizer mehr gäbe in seiner überfremdeten Stadt am Rheinknie in folgenden Zeilen:
"Als Kaiser Wilm nach Basel kam, traf er einen Schweizer an / Und fragte ihn: Mein lieber Mann, was fangt Ihr auch in Basel an? / Darauf gab der ihm dann Bescheid: Ich zeig' mich hier als Seltenheit! / Der Kaiser darauf: S'ist wirklich wahr, Stadt Basel ist der Schweizer bar. / Ich hülfe gern Euch, lieber Mann; sagt was hierin ich helfen kann? / Darauf sprach der Schweizer: Majestät; wenn ihr wieder heimwärts geht, / So nehmt, wenn's möglich ist, ich bitt, gleich alle Schwaben wieder mit!"
Als der Kaiser mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs tatsächlich alle Wehrpflichtigen (auch die Auslanddeutschen) unter die Waffen rief, fehlte in Kleinbasel plötzlich manch arbeitende Hand in Fabriken und manch offener Geldbeutel in den Läden. Die unfromme Bitte an den Kaiser von 1912 erweis sich 1914 als Fluch.
Beitrag erstellt 13.03.19
Quellen:
Sabine Braunschweig / Mertin Meier, "Der Aufbruch ins Industriezeitalter", in Leben in Kleinbasel 1392, 1892, 1992, Christoph Merian Verlag, Basel, 1992, ISBN 3-85616-051-5, Seiten 62 bis 79
Paul Hugger, Kleinhüningen - Von der Dorfidylle zum Alltag eines Basler Industriequartiers, Birkhäuser Verlag, Basel, 1984, ISBN 3-7643-1577-6, Seiten 35 bis 38
Willy Pfister, Die Einbürgerung der Ausländer in der Stadt Basel im 19. Jahrhundert, Quellen und Forschungen zur Basler Geschichte, Band 8, herausgegeben vom Staatsarchiv Basel-Stadt, Kommissionsverlag Friedrich Reinhardt AG, Basel, 1976, Seiten 88 bis 91 (Elsässer), 113 bis 116 (Deutsche Einwanderer und Schmähdedicht)
Regina Wecker, Beitrag "Bevölkerungsentwicklung, Bevölkerungspolitik und Entwicklung des städtischen Raumes", publiziert in Basel - Geschichte einer städtischen Gesellschaft, herausgegeben von Georg Kreis und Beat von Wartburg, Christoph Merian Verlag, Basel, 2000, ISBN 3-85616-127-9, Seiten 198 bis 205 (mit statistischen Zahlen)