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Dem Samichlaus auf der Spur
Jedes Jahr um den 6. Dezember taucht er aus dem Nichts auf und verschwindet dann nach ein paar Tagen wieder spurlos - der Samichlaus. Alle von uns kennen ihn und haben meist irgendeine schöne Erinnerungen an ihn. Doch wer kennt ihn wirklich? Nach der Lektüre dieser Ausführungen hoffentlich einige mehr als zuvor.
Oberthurgau Um zu wissen, wer der Samichlaus tatsächlich ist, woher er kommt und für was er steht, ist ein Blick in die Geschichte des Brauchtums unabdingbar. Denn so schweizerisch sich Samichlaus und Schmutzli anhören, liegt ihr Ursprung doch ganz wo anders. Und zwar in Vorderasien, in der Stadt Patara in der heutigen Türkei. Doch seit der historische Nikolaus vor etwa 1700 Jahren das Licht der Welt erblickte, ist sein Ansehen nicht nur gewaltig gewachsen, sondern seine Verehrung hat auch verschiedenste Formen angenommen.
Um die Geschichte vom Samichlaus zu erzählen, ist ein Blick in die Archive der katholischen Kirche nötig. Denn obwohl der Samichlaus vielerorts schon weltliche Züge angenommen hat, ist die Herkunft von Nikolaus, der am Ursprung des Samichlaus steht, eindeutig in der Religionsgeschichte zu finden.
Die Grundzüge der Entstehungsgeschichte der Legende von Nikolaus sind die folgenden: Der historische Nikolaus wurde zwischen dem Jahr 280 und 286 in der Stadt Patara in der heutigen Türkei geboren und mit 19 Jahren zuerst zum Priester und dann wenig später zum Bischof von Myra geweiht. Der Überlieferung nach wurde er kurz nach der Bischofsernennung im Zuge der Christenverfolgung durch die Römer gefangen genommen und gefoltert. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, im Laufe seines Lebens viele gute Taten zu vollbringen. «Als seine Eltern an der Pest starben, erbte Nikolaus ihr Vermögen und verteilte es an Arme», heisst es im Ökumenischen Heiligenlexikon. Auch habe er viele junge Mädchen durch Geldspenden davor bewahrt, zur Prostitution gezwungen zu werden. Und er habe Seefahrer vor dem sicheren Tod bewahrt, indem er den Sturm stillte und das Schiff sicher in den Hafen führte.
Darum verwundert es nicht, dass Nikolaus, was wörtlich übersetzt «Sieger des Volkes» heisst, ein Heiliger und Patron von vielen Gruppen wurde. Er ist noch heute Patron der Gefangenen, Seefahrer, Pilger, Fischer, Bettler, Bierbrauer, Steinmetze, Bauern und vieler anderer Berufsgruppen.
Aus Nikolaus wird Samichlaus
Wieso bei uns aus dem Nikolaus der Samichlaus wurde, ist auf der Webseite des Schweizer Fernsehens zu erfahren: «In den meisten Deutschschweizer Dialekten wurde aus Klaus der Chlaus und Sankt-Ni verschmolz zu Sami, was zusammen Samichlaus ergibt.» Es gebe aber immer noch ganz viele familiäre Kurzformen der Bezeichnung, die von «Chlaus» über «Chlois», «Chläus», «Chläis» bis hin zu «Chlaas» reichen.
Und nicht nur der Samichlaus hat in verschiedenen Regionen verschiedene Bezeichnungen, sondern auch sein treuer Begleiter. In Deutschland heisst der Schmutzli «Knecht Ruprecht», in Frankreich «Père Fouettard», in Österreich «Krampus» und in Holland «Zwarte Piet».
Doch Nikolaus war wohl nicht seit jeher mit seinem Gehilfen unterwegs, bestimmt aber seit dem 16. Jahrhundert. Schmutzli, der Knecht, sollte damals den Gegenpol zum Bischof bilden. «Während Nikolaus als friedfertiger und mildtätiger Gabenbringer gutes Benehmen belohnte, strafte der düstere Begleiter unartige Kinder mit der Rute», heisst es auf der Webseite von katholisch.de.
Die Rolle des Schmutzlis als negativen Pol habe sich jedoch im Laufe der Geschichte mehr und mehr abgeschwächt, so dass aus dem Knecht erst ein Gehilfe und dann der Geschenke-Überbringer wurde.
Kein Samichlaus wie der andere
Obwohl es nur einen heiligen St. Nikolaus und somit ein Vorbild für alle Samichläuse gibt, zeichnet sich jeder Einzelne durch Besonderheiten aus. Nebst körperlichen Merkmalen gibt es vor allem bei der Wahl des Gewandes grosse Unterschiede. Denn während ein reformierter Samichlaus in rotem Gewand und mit einer Rute seiner Berufung nachgeht, ist sein katholisches Pendant in weissem Gewand und Bischofsstock unterwegs.
Wie viel Aufwand betrieben wird, um nicht nur in die Stiefel und das Gewand des Samichlaus zu schlüpfen, sondern auch die ganze Figur authentisch zu verkörpern, soll an anderer Stelle in dieser Zeitung beschrieben werden. Denn neugierige Kinderaugen sollen nicht neben den Fotos des Samichlaus jenes eines «halben» Schmutzlis sehen. Denn Sinn und Zweck dieses Artikels ist es keinesfalls, diesem Brauchtum Schaden in irgendeiner Form zuzufügen. Ganz im Gegenteil sogar! Diese Geschichte soll das Rampenlicht auf alle Samichläuse und Schmutzlis werfen, die Jahr für Jahr Tausende Kinder entzücken und so für wunderbare Erlebnisse und Erinnerungen sorgen. Samichläuse wie Karl Aepli, für den das Brauchtum viel mehr als ein Hobby wurde.
Samichlaus mit Herz & Seele
Karl Aepli aus Sitterdorf hat in einem Heft akribisch aufgelistet, wo und wann er als Samichlaus unterwegs war. Auf der ersten Seite steht auch noch eine Telefonnummer – eine sechsstellige! «Mein erster Einsatz war am 6. Dezember 1978 um halb sechs am Abend. Ich bin also jetzt im 45. Jahr», erzählt der passionierte Samichlaus. Die einzige Vorbereitung, die er damals gehabt habe, sei ein Schnuppertag als Schmutzli ein Tag zuvor gewesen. Und wohl auch das Theaterspielen mit dem Männerchor Sitterdorf habe ihn etwas auf die anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet.
Im Jahr 1978 hat Karl Aepli auch seine Lehre als «Obstverwerter» abgeschlossen und war somit selbst noch ein Jüngling. Wie schafft man es da, diese sagenumwobene Person zu verkörpern? «Der Bischof muss gross sein und katholische Werte verkörpern. Da ich grossgewachsen bin und auch Ministrant war, war für mich der Zusammenhang gegeben», erklärt Karl Aepli.
Zu fast jedem Eintrag in seinem «Samichlaus-Heft» weiss Karl Aepli etwas zu erzählen. Bei den Chlaus-Besuchen in den frühen 80er Jahren meint er oft, dass er jetzt die Kinder dieser Kinder als Samichlaus besuchen darf. Und er erzählt Geschichten, die ihn besonders gerührt, beeindruckt oder unterhalten haben. In den letzten vier Jahrzehnten ist der Sitterdorfer und Bischofszeller Samichlaus so in seine Rolle hereingewachsen, dass er für viele in der Region schlicht die Verkörperung des Brauchtums ist. Während 30 Jahren durfte er auf die Dienste von «Coiffeur Rolly» als seinen Schmutzli zählen, doch seit einigen Jahren ist dieser «nur» noch für das Schminken und Bart-Kleben zuständig. Die Suche nach einem neuen Schmutzli sei damals nicht einfach gewesen, denn nicht jeder eigne sich für die Rolle, erklärt der Samichlaus-Veteran: «Als Schmutzli und Samichlaus brauchst du ein gewisses Gespür. Denn wir müssen die Atmosphäre, die in der Stube herrscht, deuten können.» Deshalb seien die jeweils von den Eltern verfassten «Spickzettel» mit positiven und negativen Eigenschaften auch nur eine Orientierung, sagt Karl Aepli: «Ich wähle die Worte, die mir passen. Je nachdem bekräftige ich einen Punkt oder schwäche ihn ab.»
Professionelles Chlaus-Team
In Amriswil sieht die Situation etwas anders aus. Denn der Samichlaus und der Schmutzli können nicht nur auf ein Team von Helfer:innen zurückgreifen, sondern auch auf diverse Doppelgänger. «Wir sind rund 60 Leute, die beim 'Chlausen' mitmachen. Das Team reicht vom Samichlaus, über die Schminkerinnen und Fahrer, bis hin zur Küche, die gerade ein 3-Gang-Menu für das Team vorbereiten», erklärt Conny Lorandi, die zusammen mit ihrem Mann Bruno für die Organisation der Samichläuse des Vereins Kolping verantwortlich ist. Auch die berüchtigten Verbesserungsvorschläge sind bei den Kolping-Samichläusen professionalisiert worden: Während der Sitterdorfer Samichlaus erst vor der Haustür die «Spickzettel» ausgehändigt bekommt, wird in Amriswil bereits auf dem Anmeldungsformular angegeben, welches «Lob» und welcher «Tadel» auf jedes Kind wartet. So haben die Kläuse doch etwas Zeit, um sich auf ihre wichtige Aufgabe vorzubereiten. Und eine noch längere Vorbereitungszeit braucht jemand, der Samichlaus werden will, informiert Conny Lorandi: «Bei uns muss man zuerst zwei Jahre Schmutzli sein, bevor man Samichlaus werden kann.»
Lang lebe das Brauchtum!
Was die Amriswiler und Sitterdorfer Samichläuse gemeinsam haben, ist ihre Leidenschaft für das «Chlausen». «Wir sind alles eingefleischte Fans, die Freude am Brauchtum haben und es weitergeben wollen», erklärt Stefan Hungerbühler, einer der Amriswiler Schmutzlis. Und auch für Karl Aepli ist das Chlausen etwas Emotionales, eine Herzenssache: «Die Freude und das Strahlen in den Kinderaugen ist etwas Einmaliges. Als Samichlaus darfst du den Kindern zudem etwas weitergeben, das es nicht im Supermarkt zu kaufen gibt.»
Genau wegen solcher Samichläuse und Schmutzlis, sollte uns allen daran gelegen sein, dass dieses Brauchtum noch lange bestehen bleibt und weitergelebt wird. Denn wenn ein grosser Mann mit tiefer Stimme und langem weissem Bart unseren Kindern ein paar Besserungsvorschläge mit auf den Lebensweg gibt, dann merken schon die Kleinsten, dass in diesen Worten mehr Weisheit steckt, als wenn die gleichen Worte von uns Eltern ausgesprochen werden.
Von David A. Giger