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Ich stehe am Kochherd. Die Milch ist gerade lauwarm geworden. Brot und Butter stehen auf dem Tisch. Das Frühstück für die Kinder wäre bereit. Gerade will ich sie zu Tisch rufen, als ich Stimmen vernehme:
«Das Gelbe gehört mir.» – «Nein, das Gelbe ist meins!» – «Ich hab’s zuerst gehabt!!» – «Aber ich will es auch mal haben!!!» – Kurze Stille, dann lautes Schreien und Tränen.
Ich habe nicht mitbekommen, worum es heute Morgen im Kinderzimmer konkret gegangen ist. Aber das Muster ist immer wieder dasselbe: Ein Zwilling spielt mit etwas. Dem anderen Zwilling ist es langweilig. Sie sieht, womit die eine spielt. Das sieht interessant aus. Sie will es auch. Die eine will aber nicht teilen. So nimmt sich die andere einfach, worauf sie Anspruch zu haben glaubt. Und schon beginnt das Gerangel.
Augenblicklich schiessen mir eine Reihe von Fragen durch den Kopf: Was besitze ich? Was würde ich gerne besitzen? Macht mich das, was ich besitze glücklich? Was ist Glück? Kann man Glück für sich behalten? Gibt es Dinge, von denen ich froh wäre, wenn ich sie nicht besitzen würde? Worauf kann ich verzichten? Worauf kann ich nicht verzichten? Was bin ich bereit, zu teilen? Wie gehe ich mit dem um, was ich besitze? Wie gehe ich mit dem um, was anderen gehört? Ginge ich mit dem, was anderen gehört, anders um, wenn es mir gehören würde? Ginge ich mit dem, was mir gehört, anders um, wenn es jemand anderem gehören würde? Wie geht es mir, wenn ich merke, dass das, was ich besitze, jemand anderem fehlt? Wie geht es mir, wenn ich merke, dass das, was mir fehlt, jemand anderes besitzt? Gibt es Dinge, die niemand besitzen sollte? Wie gehe ich mit Dingen um, die mir gehören, obschon sie niemand besitzen sollte? Brauche ich das, was mir gehört, zu beschützen? Welche meiner Dinge sind gegen Diebstahl versichert? Welche meiner Dinge lassen sich nicht wirklich ersetzen, wenn sie mir gestohlen würden? Was würde ich gar nicht merken, wenn es mir gestohlen würde? Was kann mir gestohlen bleiben? Muss ich das, was andere haben, auch haben? Bin ich wer, auch wenn ich nichts habe? Ist es gerecht, wenn alle das Gleiche haben? Was mache ich, wenn mir langweilig ist? Gehe ich
einkaufen?
Ich hüte mich davor, ins Kinderzimmer zu gehen und einen Schlichtungsversuch zu unternehmen.
Eine Grossmutter hat mir mal gesagt: «Solange keine blutet, musst du nicht einschreiten.» Für die mit dem Streit verbundenen Fragen werden sie im Lauf des Lebens selbst Antworten finden.