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Neujahr, mittags um Viertel vor zwei. Im kleinen Pub im Zürcher Niederdorf sitzen zwei junge englische Paare, die Frauen trinken Alcopops, die Männer Lager. An der Bar stehen zwei junge Engländer, ebenfalls Lager. Am Ecktisch sitzt ein grauhaariger Engländer um die fünfzig, Lager, bei ihm eine jüngere osteuropäische Frau, Kaffee, mit ihrer kleinen Tochter, die etwas malt und nichts trinkt. Draussen regnet es. Der ältere Engländer wird sich im Verlauf der nächsten zwei Stunden sehr oft erheben und sich wieder setzen, gestikulieren und rüde Schimpfwörter von sich geben. Dazwischen wird er in Rekordtempo einen Teller Fish and Chips essen und mit dem letzten Bissen im Mund einen Kaffee bestellen. Und dann schnell eine rauchen. Auf vier im Lokal verteilten Bildschirmen pfeift der Schiedsrichter die erste von acht Neujahrspartien der Englischen Premierleague an: Liverpool–Bolton Wanderers. Bei Liverpool spielte einst der Schweizer Stéphane Henchoz an der Seite Sami Hyypiäs in der Innenverteidigung. Hyypiä durfte bleiben. Für Henchoz spielt jetzt Jamie Carragher.
In England werden auch dann Vollrunden gespielt, wenn der Rest der Welt seinen Kater ausschläft. Liverpool und Bolton sind meine zwei Teams auf der Insel. Liverpool seit dem Meistercupfinale 1984, als Torhüter Bruce Grobbelaar im Penaltyschiessen mit seinen «Spaghetti-Beinen» die Römer zum Wahnsinn trieb (was Grobbelaars Nachfolger Jerzy Dudek 2005 gegen die AC Milan erfolgreich kopierte). Auf einer Reise nach London durfte ich mir kurz darauf bei Marks and Spencer ein Liverpool-Trikot kaufen, das mir dank Umbros Stretch-Fasern heute noch passt.
Die Bolton Wanderers tragen «Wanderers» im Namen, weil sie zur Gründungszeit noch kein Stadion hatten und deshalb stets auf der Suche waren nach einem eignen Spielfeld. Bolton packte mich wegen ein paar Freunden, die dort wohnen und die ich seit fünfzehn Jahren regelmässig besuche. Bolton ist eine grosse Stadt, die niemand kennt und gemäss meinen Freunden auch niemand kennen muss. 2001 war ich kurz davor, die Wanderer zum ersten Mal live zu sehen, auswärts bei Crewe Alexandra. Wir verweilten kurz an Crewes Bahnhof, der damaligen «Station of the year», und dachten, was für eine lobenswerte Auszeichnung das doch sei – Bahnhof des Jahres –, und dass Winterthur diesen Preis wohl nie gewinnen würde. Dann machten wir uns bei strömendem Regen auf zum kleinen Stadion des alten Eisenbahnervereins. Es war niemand da, dafür alles sehr nass. Der unerhört seltene Fall war eingetreten, dass in England ein Spiel wegen Regens abgesagt wurde. Wir fanden auf dem Rückweg dann die Bolton Fans, ebenfalls vergebens angereist, dumme Lieder singend in einem Pub. Ich fühlte mich nicht sehr verbunden.
Zwei Jahre später war es so weit, das FA-Cup-Spiel gegen Sunderland im heimischen Reebok-Stadium, einem der frühesten Beispiele für den Verkauf des Stadionnamens zu kommerziellen Zwecken. Es war ein furchtbares Spiel für rund sechzig Franken mit kaum Heimfans, dafür eine rot-weisse Wand aus Sunderland, die bei jedem Pieps der vierzehn Bolton-Ultras sangen «What the fucking, what the fucking, what the fucking hell was that?» – eine Demütigung sondergleichen. Am Ende stand es 1:1, was im FA-Cup ein Wiederholungsspiel bedeutet. Die Leute hatten sechzig Franken bezahlt für eine sinnlose Partie. Es schien niemanden zu kümmern. Ich hielt trotz allem zu Bolton, dem traurigsten Verein aus der überflüssigsten Stadt.
Das Neujahrsspiel gegen Liverpool ist lange ein Graus, bis zur Pause hat Liverpool einmal aufs Tor geschossen, Bolton nie (laut Statistikeinblendung), bis dann nach einer Stunde Liverpool mit zwei Toren innert 60 Sekunden alles Vorherige vergessen macht. Zweimal leistet der im Pub sehr unbeliebte Holländer Kuyt grossartige Vorarbeit, zweimal vollenden Crouch und Gerrard volley. Die zwei Engländerinnen und fünf Engländer jubeln, die Osteuropäerin und ihre Tochter lachen. Als Kuyt noch ein drittes Tor schiesst, raunzt mich der ältere Engländer an: «Für welches Team bist du?» Ich spüre eine gewisse Unbehaglichkeit in mir aufkommen und eine plötzliche Unvereinbarkeit der zwei Herzen in meiner Brust. Und verrate mein Bolton, auch ohne zu lügen: «Liverpool». «Brillant», sagt der Mann, «I’m Jamie Carragher’s Dad.» Ich hatte zwei Stunden geschlafen und schaute kurz in mein zweites leeres Glas Guinness. Dann wieder zum Engländer. «Glaubst du mir nicht? Du kannst jeden fragen hier drin.» Alle nicken. Was er denn in Zürich mache, frage ich ihn. Sein Akzent ist die Hölle, doch es hat mit der Frau zu tun, so viel steht fest. Am 3. Januar fliege er heim, sagt er. Wohin heim, nach Liverpool? «Sicher, wohin denn sonst? Und übrigens: Ich bin Philly. Gib mir deine Adresse, und ich schicke dir was von meinem Sohn.» Zu Hause durchstöbere ich Jamie Carraghers Biografie. Vater Philly führte einst ein Pub in der Nähe der Liverpooler Docks. Vorbestraft, Knasterfahrung. Ein Bild finde ich nicht.
Anmerkung der Redaktion: Jamie Carragher, 28, ist englischer Nationalspieler und spielt seit seiner Jugend beim FC Liverpool.