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Die Entstehung des Sentenhofs
Die Wohn- und Ökonomiegebäude des neuen Sentenhofes kamen nach dem souveränen Willen des Klosters in den südlichen Lindenberg-Bereich des Boswiler Zwings zu liegen. Die dazugehörigen Güter, Matten und Wiesen lagen rittlings im Boswiler und Murianer Bann, in letzterem gegen ein Drittel, hauptsächlich abgetrennte Teilbereiche der uralten Klostergüter um die Höfe Langenmatt und Itenthal. Vollständig im Boswiler Bann lag die gegen vierzig Jucharten grosse, neu dem Sentenhof zugeschlagene «Firstmatte», welche noch 1486 an zwei Boswiler Bauern verliehen war. Schliesslich gehörte zum Sentenhof auch die «Untere Weid», ebenfalls etwa vierzig Jucharten, umfassend das bisherige Boswiler «Boland», durch den Sentenbach von der im Murianer Zwing liegenden «Vorderen Weid» getrennt. Das so aus altem Klosterbesitz und zugekauftem arrondierte Sentenhofareal wurde nun eingezäunt und aus dem Boswiler beziehungsweise Murianer Bann ausgezont. Damit endete auch «nach Jahrhunderten» der gemeinsame Weidgang der Boswiler und Langenmatter Bauern. Auch wenn man berücksichtigt, dass der Abt des Klosters den Boswilern das «Femmoos», das sie mit ihrem Vieh für Weide und Streue schon immer zu nutzen pflegten, nun als eigen abtrat, waren die Einbussen für die Boswiler Bauern ganz enorm. Der Sentenhof hat sich nach dem Bau von Ställen, Scheunen und einer Käserei rasch entwickelt. 1528 weideten bereits 33 Milchkühe und drei Stiere auf dem Sentenhofareal. Die Pflege des Viehbestandes war einem verheirateten Senn übertragen, der einen Untersenn und einen Handknaben anstellen durfte. Je nach saisonalem Arbeitsanfall, vor allem zur Heu- und Emdzeit, wurden bis zu zehn Tagelöhner angeheuert. Ein eigens angestellter «Senti-Zäuner» hatte natürlich gewachsene und künstliche Zäune und Abschrankungen jeder Art zu warten und auszubessern sowie die Wege und Stege in Stand zu stellen.
Von Anfang an war der Sentenhof ein reiner Milchwirtschaftsbetrieb. Die Butterherstellung schwankte jährlich zwischen 1500 und 2000 Kilogramm. Von den pro Jahr 365 produzierten unterschiedlich gewichtigen Käselaibern landeten sieben auf dem Tisch des Abtes und seiner Gäste, 26 assen die Mönche, ganze 255 pflegten die Dienstleute des Klosters in dessen verschiedenen Betrieben zu verzehren. Über siebzig Käselaibe erhielten Pfarrherren, andere Klöster und Amtleute des Klosters Muri zum Geschenk. Auch für Arme und Verkrüppelte, die an der Klosterpforte bettelten, fielen immer wieder einzelne Stücklein Sentenhofkäse ab. Mindestens bis zum Jahre 1771 , als mit dem Schongauer Martin Hübscher ein Lehensvertrag abgeschlossen wurde, blieb der Sentenhof ein reiner Milchwirtschaftsbetrieb. Gemäss dem mit dem Kloster vereinbarten Bebauungsplan musste der Lehenbauer zehn Jucharten Weiden aufbrechen und darauf Getreide ansäen sowie eine Jucharte Kartoffeln anpflanzen. Warum das Kloster schon nach knapp zehn Jahren zur alten Bewirtschaftungsweise zurückkehrte und auch keinen weiteren Pächter mehr verpflichtete, ist nicht bekannt. Die klosterfeindlichen Tendenzen der 1798 auch ins Freiamt einmarschierten französischen Besatzungstruppen werden zur Revolutionszeit den Sentenhof kaum geschont haben. Wie in der Umgebung wird auch hier geplündert und das Vieh weggetrieben worden sein, umso mehr die Besetzer, vor allem in Boswil und Umgebung, mit verzweifelter Gegenwehr der einheimischen Bevölkerung recht unfreundlich empfangen worden waren.
Nach der Klosteraufhebung im Jahre 1841 übernahm eine Aktiengesellschaft, welcher die drei Murianer Gastwirte von Adler, Löwen und Ochsen angehörten, den Sentenhof. Grosses Interesse für den stattlichen Hof zeigten aber schon bald Ludwig Brunner und Xaver Ineichen aus Rothenburg, die wegen ihrer liberalen Haltung im Kanton Luzern verfolgt wurden. Xaver Ineichen ist auf der Liegenschaft Thurm aufgewachsen und Ludwig Brunner auf der benachbarten Liegenschaft Kühschwand. Brunner und Ineichen beteiligten sich am ersten Freischarenzug vom 8. Dezember 1844 und führten den Zug bei der Emmenbrücke. Der Ansturm der Freischaren musste am gleichen Tag durch eine unglückliche Niederlage wieder aufgegeben werden und man zog sich nach Reinach im Aargau zurück, um sich der Gefangennahme zu entziehen. Die beiden Anführer mussten ihre Betriebe in Rothenburg Hals über Kopf verlassen. Zwei Versionen kursieren rund um die blitzartige Flucht aus dem luzernischen Rothenburg: Auf der einen Seite wird behauptet, dass sich die Flucht mit Ross und Wagen als zu langsam erwies, weshalb die beiden Flüchtenden auf die Pferde sprangen, die Zugseile durchschnitten und die Wagen stehen liessen; auf der andern Seite wird erzählt, dass die Pferde während vier Wochen angeschirrt im Stall standen, damit die beiden Verfolgten zu jeder Zeit abhauen konnten. In Zürich fanden die Flüchtenden Aufnahme bei Gleichgesinnten. Der geflüchtete Xaver Ineichen hat nachträglich bei Nacht und Nebel, heimlich von Muri kommend Rothenburg aufgesucht, und das Geheimfach im Thurm geleert und mehrere Wert und andere Schriften sowie Geld mitgenommen.
Im Jahre 1846 konnte dann der Sentenhof erworben werden. Am 6. März zogen Ludwig Brunner und Xaver Ineichen mit einer Postkutsche von Seins zur Vertragsunterzeichnung nach Aarau; in Muri stiegen die zwei Vertreter der bisherigen Aktiengesellschaft hinzu. In Aarau erfolgte die Vertragsunterzeichnung, wonach der Senkten hof mit einer Fläche von rund 300 Jucharten oder rund 113 Hektaren für 140000 Franken an Brunner und Ineichen überging. Zwei Jahre nach der Übernahme des Sentenhofes heirateten die beiden Inhaber am gleichen Tag; Xaver Ineichen die Brunner-Schwester Anna-Maria und Ludwig Brunner die Ineichen-Schwester Anna Maria Barbara.
Die Vorfahren der neuen Sentenhof-Inhaber Xaver Ineichen, geboren am 21. Dezember 1818, war der älteste Sohn von Ludwig und Kresentia Ineichen-Scherer. Vater Ineichen kaufte 1803 die Liegenschaft Thurm; das brachte ihm den Beinamen Thurmludi ein. Schon bald wurde im Thurmhof das Amtsgericht eingerichtet. Ludwig Ineichen war als liberaler Politiker eine bekannte und massgebende Persönlichkeit in der Gemeinde Rothenburg und im Kanton Luzern. Er war Gemeindeammann, Oberstleutnant und auch Amtsrath. Thurmludi starb im Untersuchungsgefängnis, wo er fälschlicherweise wegen Anstiftung zum Mord eingesperrt war. Ludwig Brunner, geboren am 23.Mai 1814, war der Sohn von Anton und Anna Maria Brunner-Büelmann, Kühschwand. Die wohlhabende Familie war sehr einflussreich im Kanton Luzern. Der Sohn Ludwig war ein engagierter Liberaler, der im Kanton Luzern zum Tode verurteilt worden war. Der Vater hat ihm deshalb ausserhalb des Kantons, mit dem Sentenhof, zu einem Hof verholfen. Die Mutter von Ludwig Brunner ist am 3. Januar 1859 auf dem Sentenhof gestorben und in Muri beerdigt worden.
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