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Leichte Hand und bleierne Schwere
Saisoneröffnung des Aargauer Symphonie Orchesters mit dem Jubiläumskonzert
(Aargauer Zeitung, Walther Labhart, 12. September 2011)
Hatte Douglas Bostock früher seine starke Beziehung zur Musik seiner britischen Heimat sowie zur tschechischen und französischen Klangwelt akzentuiert zum Ausdruck gebracht, so frönte er nun beim Saisoneröffnungskonzert am Samstag erstmals ausgiebig seiner Liebe zu Japan. Nach einer allzu angespannten Wiedergabe der Ouvertüre zu Michail Glinkas Oper «Ruslan und Ludmila», deren Holzbläsereinlagen sich in ihrer Klangschönheit nicht voll entfalten konnten, gestaltete das ASO in europäischer Erstaufführung eine brandneue Komposition von Isao Matsushita mit viel Sorgfalt und Hingabe. «Tenku-no Inori: Totoki Inochini» (Gebet des Firmaments: Ode an das kostbare Leben) schrieb der 1951 geborene Komponist, der im Saal anwesend war, im Gedenken an die Opfer der Naturkatastrophe in Japan am 11. März dieses Jahres. Aus schwer begreiflichen Gründen reagierte das Publikum auf das sichtlich engagierte Dirigat und die Gegensätze von expressiv klagenden Orchestertutti und Schlagwerksoli von betörender Klangsüsse mit bescheidenem Applaus.
Holzschnitte als Anreger
Der als Sohn eines Armeniers und einer Amerikanerin in den USA geborene Komponisten Alan Hovhaness (1911–2000) hinterliess über 500 Kompositionen in mehr als siebzig Besetzungen. Da er sich seit 1940 besonders für Musik aus dem Nahen und Fernen Osten interessierte, liegen von ihm nebst Werken für Ch’in, Hichiriki, Koto, Ryuteki und Sho auch solche für westliche Instrumente vor, die den spezifischen Klang fernöstlicher Nationalinstrumente imitieren. Für diese Schaffensrichtung gab die 1964 für Xylofon und grosses Sinfonieorchester geschriebene Fantasie über japanische Holzschnitte op.211 ein schönes Beispiel. Hovhaness ersetzt darin die traditionelle Durchführungstechnik durch variierte Motivwiederholungen. Im Schlussteil vermochten diese, durch rhythmische Formeln belastet, trotz abwechslungsreicher Verkleidung kaum mehr zu faszinieren. Die zu Routine verführende leichte Hand des Komponisten wirkte sich ermüdend aus. Mit leichter Hand ganz anderer Art bewältigte der Schlagzeuger Pacal Iten seinen horrend schwierigen Solopart. Die verhaltene Sonorität in der Vorstellung des ersten Themas und erst recht die Virtuosität in Spielfiguren mit schnellen Tonwiederholungen rissen das Publikum endlich zu grossem Beifall hin. Verdient hatten ihn auch die tiefen Streicher, die schon zu Beginn des Werks mit Improvisationen über ein modales Begleitmotiv hervortraten.
Strahlender Glanz
Im Vollbesitz seiner nachschöpferischen Kräfte, diszipliniert und zugleich mit nie nachlassender Klangintensität zeigte sich das Orchester abschliessend in Tschaikowskys 5. Sinfonie op.64. Den Wechsel von der bleiernen Schwere des Kopfsatzes über beseelte Kantabilität und lichte Walzerklänge bis zum strahlenden Glanz im triumphalen Finale vollzog es überzeugend organisch und mit packender Bravour. Nationalrätin Esther Egger gratulierte den Ausführenden mit einer herzlichen Grussbotschaft.
In Anbetracht der Qualitäten des ASO ist es umso bedauerlicher, dass es das reichhaltige sinfonische Schaffen der Aargauer Komponisten nicht öfter berücksichtigt. Um seinem Namen vollauf gerecht werden zu können, wird es hoffentlich vermehrt entsprechende Werke etwa von Hermann Suter, Werner Wehrli, Walther Geiser, Peter Mieg, Robert Blum oder Ernst Widmer aufführen.