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Annemarie Schwarzenbach: Das glückliche Tal, 1940
Annemarie Schwarzenbach fotografiert von Marianne Breslauer in Sils, 1938 ©Walter & Konrad Feilchenfeldt / Courtesy Fotostiftung
Das glückliche Tal
Wer die Reiseerzählung »Das glückliche Tal«, wohl der bekannteste Text der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, liest, wähnt sich zurückversetzt in eine vergangene Welt, als Beirut noch als das Paris des mittleren Ostens galt und Autoreisen von Zürich über Syrien nach Afghanistan zwar ein kühnes Unterfangen, aber immerhin im Bereich des Möglichen lagen. In den 1930er Jahren fuhr die Schriftstellerin und leidenschaftliche Autofahrerin gleich mehrmals nach Persien, das letzte Mal 1939 in einem Ford Cabrio, gemeinsam mit der Reiseschriftstellerin Ella Maillart.
In der autobiografischen Erzählung »Das glückliche Tal«, die 1935 auf einer Reise im persischen Hochland entstand, verarbeitet Schwarzenbach neben Reiseeindrücken auch ihre Flucht aus dem bürgerlichen Elternhaus und ihre Drogensucht.
Ausgangspunkt der Erzählung ist das Tal am Ufer des Lahr-Flusses im Nordiran, einer Hochebene oberhalb der Baumgrenze, an der »Grenze der Welt«, wohin sich die Ich-Erzählerin nach einer Malariaerkrankung in Teheran zurückzieht. Sie beschreibt das Leben der Nomaden am Fusse des Demawends, eines hochaufragenden, erloschenen Vulkanberges. Die poetischen Naturbeschreibungen durchbricht sie immer wieder mit Reflexionen über das Reisen. Sie beschreibt ihre radikale Ablehnung eines konventionellen Lebens und ihren Wunsch, in der Fremde alle Erinnerungen loszuwerden. Gleichzeitig problematisiert sie auch das Gefälle zwischen ihr, der gutbetuchten Europäerin, und den bettelarmen Menschen, denen sie begegnet. Wie im Fiebertraum mischt sich Vergangenes und Gegenwärtiges, Kindheitserinnerungen und Reiseerlebnisse. Wir erfahren von der Begegnung der Erzählerin mit einer jungen Türkin und einer tragischen Liebe. Obwohl das Reisen ihr die grösste persönliche Freiheit bedeutet, leidet die Erzählerin zunehmend an Heimweh.
Das glückliche Tal wird bald als etwas Bedrohliches empfunden und es bahnt sich eine »zweite Krankheit« an. Um ihre Zerrissenheit und Niedergeschlagenheit zu ertragen, gibt sich die Erzählerin ihrer Drogensucht hin, die sie als »magische Kraft« bezeichnet. Nach der traumhaften Begegnung mit einem Engel, der ihr Schwäche vorwirft und ihr anlastet, sie habe blind Zuflucht bei den Drogen gesucht, statt sich um ihre Mitmenschen zu kümmern, verlässt sie schliesslich das Tal. Sie wendet ihren Blick vom glücklichen Tal ab, als sie in der Ferne Karawanenglocken vernimmt.
Annemarie Schwarzenbachs Erzählung berührt noch heute zutiefst, vor allem vor dem Hintergrund der Biografie der Autorin, die, lesbisch und drogensüchtig, zeit ihres Lebens unter dem konservativen und hitlerfreundlichen Elternhaus litt. Ihr posthumer literarischer Ruhm ist untrennbar verbunden mit ihrem ebenso extravaganten wie tragischen Lebenswandel. Annemarie Schwarzenbach starb nur 34-jährig an einer Kopfverletzung nach einem Fahrradunfall im Engadin.
Annemarie Schwarzenbach: Das glückliche Tal. Kampa Verlag, 2022, 160 S., Fr. 17.50
- Lebensdaten: 1908 (Zürich) – 1942 (Sils)
- Lesetipps: »Flucht nach oben« (1999), »Alle Wege sind offen« (2000)
- Fussnoten: Annemarie Schwarzenbach verband eine enge Freundschaft mit Erika und Klaus Mann. Daher verkehrte sie in den 1930er-Jahren regelmässig im Hause Thomas Manns in München. #Reisen, Ausbruch, Identität