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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

17. Buch
3. Die dreifache Bedeutung der Prophetenaussprüche je nach ihrer Beziehung zum irdischen oder zum himmlischen Jerusalem oder zu beiden zugleich.
Wie nun jene göttlichen Offenbarungen, die an Abraham, Isaak und Jakob ergangen sind, und überhaupt alle bisherigen, prophetischen Vorbilder und Aussprüche in der Hl. Schrift, so beziehen sich auch die von der Zeit der Könige an ergangenen Weissagungen teils auf das leibliche Volk Abrahams, teils auf jenen Samen von ihm, in welchem gesegnet werden alle Völker, die durch den Neuen Bund berufen sind zu Miterben Christi im Besitz des ewigen Lebens und des himmlischen Reiches; teils also auf die Magd, die zur Knechtschaft gebiert, d. i. auf das irdische Jerusalem, das mit seinen Kindern dienstbar ist, teils auf die freie Stadt Gottes, d. i. das wahre, ewige Jerusalem im Himmel, dessen Kinder, die gottgemäß lebenden Menschen, auf Erden in der Fremde pilgern1 . Manche jedoch von diesen Weissagungen lassen eine Beziehung nach beiden Seiten hin erkennen, beziehen sich im eigentlichen Sinn auf die Magd, im übertragenen auf die Freie.
Als dreifacher Art stellen sich also die Aussprüche der Propheten dar: manche haben das irdische Jerusalem im Auge, andere das himmlische, wieder andere beide zumal. Beispiele sollen dies dartun. Der Prophet Nathan erhielt den Auftrag2 , dem König David eine schwere Sünde vorzuhalten und ihm das Unheil vorauszusagen, das daraufhin erfolgte. Kein Zweifel, derartige Aussprüche, die dazu bestimmt waren, zum Besten des zeitlichen Lebens etwas Künftiges zu wissen zu tun, hatten Bezug auf den irdischen Staat, gleichviel ob öffentlich, d. i. für die Wohlfahrt und das Beste des Volkes ergangen, oder einem einzelnen vermeint, indem er in seinen eigenen Angelegenheiten eines göttlichen Ausspruches teilhaft wurde. Dagegen wenn es heißt3 : „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund vollziehen, nicht gemäß dem Bunde, den ich ihren Vätern gesetzt habe an dem Tage, da ich ihre Hand ergriff, sie aus dem Land Ägypten zu führen; denn sie sind nicht treu geblieben meinem Bunde, und ich habe sie gehen lassen, spricht der Herr. Vielmehr dies ist der Bund, den ich dem Haus Israel festsetzen werde nach diesen Tagen, spricht der Herr: ich will meine Gesetze in ihr Inneres legen und in ihre Herzen schreiben; und ich will sie schauen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein“, so ist hier ohne Zweifel das himmlische Jerusalem geweissagt, dessen Lohn Gott ist und in dem es das höchste und einzige Gut ist, ihn zu besitzen und ihm anzugehören. Und endlich auf beide zumal bezieht es sich, wenn Jerusalem die Gottesstadt genannt und in ihr ein künftiges Gotteshaus geweissagt wird und diese Weissagung dem Anscheine nach mit der Erbauung jenes prächtigen Tempels durch den König Salomon in Erfüllung geht. Denn das trifft auf das irdische Jerusalem in geschichtlichem Sinne zu und war zugleich ein Vorbild des himmlischen Jerusalems. Dieser aus Doppelbeziehung gleichsam zusammengekneteten und vermischten Art von Weissagung kommt eine große Bedeutung zu in den alten kanonischen Büchern geschichtlichen Inhalts, und sie hat dem Scharfsinn der Schriftforscher bis zum heutigen Tag viel zu schaffen gemacht, die Untersuchung genauer, was die bei der leiblichen Nachkommenschaft Abrahams geschichtlich vorhergesagten und erfüllten Ereignisse, von denen die Schrift berichtet, in übertragenem Sinne bei der Nachkommenschaft Abrahams dem Glauben nach zu bedeuten haben und wie sie sich da erfüllen. Ja manche sind der Ansicht, daß gar alle Ereignisse, von denen in jenen Büchern Vorhersagung und Ausführung oder auch bloß die Ausführung ohne vorhergängige Weissagung berichtet wird, auf etwas hinwiesen, was in figürlichem Sinn auf den himmlischen Gottesstaat und seine auf Erden pilgernden Kinder zu beziehen sei. Und wenn dem wirklich so ist, dann wird man nicht von dreifacher, sondern nur von zweifacher Art der Prophetenaussprüche oder vielmehr all jener Schriften sprechen können, die unter dem Namen des Alten Testamentes gehen. Denn wenn alles, was dort über das irdische Jerusalem oder im Hinblick darauf gesagt ist und seine Erfüllung findet, zugleich einen allegorischen Sinn hat, der auf das himmlische Jerusalem zu beziehen ist, so gibt es nichts, was ausschließlich auf das irdische Jerusalem Bezug hätte; und also hätten wir nur zwei Arten, eine, die nur das freie Jerusalem, und eine, die das unfreie und das freie zumal beträfe. Ich jedoch bin der Meinung, daß dies zu weit gegangen ist. Mich dünkt, wie die Annahme stark in die Irre geht, es bedeute in dieser Art von Schrifttum der Bericht über Ereignisse weiter nichts, als daß sie sich eben in der Weise abgespielt hätten, so wäre allzu kühn auch wieder die Behauptung, daß darin gar alles allegorische Bedeutung habe4 . Deshalb habe ich von dreifacher, nicht von zweifacher Art dieser Berichte gesprochen. Denn das ist meine Ansicht, ohne daß ich jedoch einen Vorwurf erheben möchte gegen solche, die etwa imstande sind, jedem Berichte des Alten Testamentes über Ereignisse einen geistigen Sinn abzugewinnen, wofern nur in erster Linie an der geschichtlichen Wirklichkeit der Ereignisse festgehalten wird5 . Im übrigen wird bei den Stellen, die sich nicht mit bestimmten, von Menschen oder von Gott ausgehenden Ereignissen der Vergangenheit oder Zukunft in Beziehung setzen lassen, jeder Gläubige gern annehmen, daß sie nicht ohne Grund dastehen. Solche Stellen wird man nach Möglichkeit auf eine rein geistige Bedeutung zurückzuführen suchen oder doch die Berechtigung solcher Deutung, wenn man dazu selbst nicht imstande ist, willig anerkennen.
1: Vgl. oben XV 2.
2: 2 Kön. 12.
3: Jerem. 31, 31-33; Hebr. 8, 8-10.
4: Vgl. oben XVI 2, die Schlußsätze.
5: Vgl. oben XIII 21; XIV 11, 2. Absatz.