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Am 16. Februar ist Ernst Scheidegger im Alter von 93 Jahren in Zürich gestorben. Das Oeuvre dieses Fotografen, Gestalters, Lehrers, Verlegers, Künstlers ist so umfassend und sein langes Leben so reich, dass es im Rahmen dieses Nekrologs nur unzureichend beschrieben werden kann.
Ernst Scheidegger wurde 1923 in Rorschach geboren und als er vier Jahre alt ist, zieht seine Familie nach Zürich wo er auch die Schule besucht. 1939 absolviert er die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Zürich und lernt da, wie viele andere Schüler dieses berühmten Kurses, die Möglichkeiten der kreativen Auseinandersetzung zu schätzen. Gefördert wird er von Lehrern wie Walter Roshard oder Max Gubler.
Nach dem Vorkurs beginnt er eine Berufslehre als Dekorateur bei Jelmoli. Die Ausbildung wird aber durch den Militärdienst unterbrochen und während eines Aufenthalts im Engadin macht er die Bekanntschaft von Alberto Giacometti. Nach Abschluss der Lehre, wo er an der Gewerbeschule die Kurse von Rudolf Bircher, dem Gestalter des berühmten Swissair Erscheinungsbilds und späterem Leiter der Grafikklasse besucht, arbeitete er als Schaufensterdekorateur bei der Firma Schoop Textilien.
1945 bewirbt er sich für die Fotoklasse an der Kunstgewerbeschule Zürich und lernt bei Hans Finsler die Geheimnisse der Fotografie kennen. In diesem Kurs, aus dem eine ganze Reihe von berühmten Fotografen hervorgegangen sind, wurde Fotografie sehr breit interpretiert. So beschäftigten sich die Schüler neben der Technik der Fotografie auch mit Schrift, Typografie und Gestaltung. Unterrichtet wurde von Alfred Willimann und diese Ausbildung hat vermutlich Scheideggers vielseitiges Interesse für Fotografie, aber auch Gestaltung, Vermittlung und Kommunikation begründet.
1948 realisiert Scheidegger seine Abschlussarbeit und darin befasst er sich mit Experimenten des Dye-Transfer, einer innovativen Technik der Farbfotografie und dokumentiert dadurch sowohl sein Interesse an Innovation wie auch die vorausschauende Haltung der Fotoklasse von Hans Finsler.
Erste Erfahrungen im Berufsleben macht er als Assistent von Max Bill und im Studio von Werner Bischof für den er die Fotografien der berühmten Osteuropa Reportage vergrössert oder an der Realisierung des pionierhaften Buches „Japan“ mitarbeiten kann.
1949 zieht es ihn nach Paris wo er eine Anstellung als Ausstellungsgestalter für das Kulturprojekt des Marshall Planes annimmt. Danach arbeitet er für das Magazin „XXe Siècle“ für das er ein neues grafisches Konzept entwickelt und das sowohl Texte wie Fotografien von ihm publiziert. Die Tätigkeit als Gestalter für die Galerie Aimé Maeght, für die er Kataloge und Bücher gestaltete, bringt ihm in Kontakt mit namhaften Künstlern wie Georges Vantongerloo, Alberto Giacometti, Joan Miro oder Henri Laurens.
Von 1952 bis 1955 arbeitet Ernst Scheidegger für die Agentur Magnum in Paris. Er unternimmt Reisen in den Mittleren Osten, nach Indien und Asien. In diesem Kontext beginnt er, gefördert durch Robert Capa, mit dem Medium Film zu arbeiten. Die Zusammenarbeit mit Magnum bricht 1955 ab, als Bischof und Capa verstarben.
Danach arbeitet er an der Gründung des indischen „National Institute of Design“ in Ahmedabad mit und später als Dozent an der berühmten hfg ulm. In den 60er Jahren kehrt er nach Zürich zurück. Er wird von der NZZ als Bildredaktor engagiert, realisiert Filme für die Swissair und gründet 1964 seinen eigenen Verlag. Es folgt die Periode der Künstlerfilme die mit dem 25 Minuten Portrait von Giacometti beginnt und Dokumentarfilme und Publikationen über Max Bill oder Joan Miro.
1994 organisiert Pro Helvetia eine Ausstellung des fotografischen Oeuvres von Ernst Scheidegger. Diese Ausstellung wird im Kunsthaus Zürich wie auch im Ausland gezeigt. 1997 wird Heiner Spiess Partner des Verlages der ab dann Scheidegger & Spiess heisst.
Die Zeit ab dem Jahr 2000 ist geprägt von Ausstellungen und Ehrungen(Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres). Ernst Scheidegger ruhte sich nicht aus und war bis zu seinem Tod aktiv. Bis vor kurzem konnte man ihn in der Gegend des Heimplatzes sehen, wenn er mit seinem Hund unterwegs war.
Mit Ernst Scheidegger verliert die Schweiz aber auch die internationale Kunstwelt eine grosse Persönlichkeit.
Text: Peter Vetter
Quellen: Hans Finsler und die Schweizer Fotokultur; Herausgeber Thilo König und Martin Gasser; gta Verlag Zürich; 2006 sowie www.ernst-scheidegger-archiv-org.