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| Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Elfte Homilie [Kap. IV, Vers 4-16]
1.
Vers 4: Ein Leib und ein Geist, sowie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung euerer Berufung.
V.5: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
V.6: ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alles und in allen.
V.7: Einem jeden aber aus uns wurde die Gnade gegeben nach dem Maße des Geschenkes Christi."
Paulus verlangt von uns nicht die alltägliche Liebe, sondern eine solche, die uns fest zusammenkittet und unzertrennlich miteinander verbindet, die eine so große und so innige Vereinigung bewirkt, wie sie zwischen den Gliedern des Leibes besteht. Nur eine solche Liebe bringt Großes und Herrliches zustande. Deshalb sagt er: "Ein Leib"; in dieser Bezeichnung faßt er alles zusammen: Mitleid und Neidlosigkeit beim Glücke anderer und Mitfreude. "Und ein Geist", fügt er treffend bei, um anzudeuten, daß der eine Leib den einen Geist zur Folge haben müsse; oder daß man nicht ein Leib sein könne, ohne zugleich ein Geist zu sein, wie z. B. wenn jemand auch mit den Häretikern liebäugeln wollte; oder um die Epheser damit zu beschämen und zur Eintracht zu ermahnen, indem er ihnen gleichsam zu verstehen gibt: Da ihr einen Geist empfangen habt und aus einer Quelle getränkt worden seid, dürft ihr nicht uneinig sein; oder er versteht unter Geist hier den guten Willen. - Sodann fährt er fort: "Sowie ihr berufen seid zu einer Hoffnung euerer Berufung." D.h. Gott hat euch zu der gleichen Seligkeit berufen; er hat nicht dem einen mehr verliehen als dem andern; allen hat er Unsterblichkeit, allen ewiges Leben, allen unvergängliche Herrschaft geschenkt, alle zu Brüdern, alle zu Erben gemacht; allen hat er ein gemeinschaftliches Haupt gegeben, alle hat er mitauferweckt und mitversetzt [in den Himmel]. Da ihr also in den geistigen Dingen so ganz gleichberechtigt seid, warum überhebt ihr euch? Weil der und der reich, dieser und jener mächtig ist? Wäre das nicht zum Lachen? Denn sage mir: Wenn der Kaiser einmal zehn Personen nähme, alle in Purpur kleidete und auf den kaiserlichen Thron setzte und allen denselben Rang gewährte, würde wohl eine von diesen es wagen, der anderen gegenüber sich mit größerem Reichtum und ansehnlicherer Stellung zu brüsten? Gewiß nicht. Und noch habe ich nicht alles gesagt. Denn der Abstand im Himmel ist minder groß als der hienieden.
"Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe." Sieh da die Hoffnung der Berufung! "Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alles und in uns allen." Du rufst doch nicht etwa einen Größeren an, jener einen Geringeren? Du bist doch nicht etwa durch den Glauben gerettet worden, jener durch die Werke? Dir ist doch nicht etwa Sündennachlaß geworden durch die Taufe, jenem aber nicht? Das sei ferne! "Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alles und in uns allen." - "Der da ist über allen", d. h. höher als alle: "und durch alles", d. h. der da vorsieht und waltet; "und in uns allen", d. h. der in allen wohnt. Nun kommt dies aber nach sonstigen Äußerungen des Apostels1 dem Sohne zu; wenn es also ein Geringer sein beinhalte, hätte er es hier nicht vom Vater ausgesagt.
"Einem jeden aber aus uns wurde die Gnade gegeben." Wie? fragt man; woher dann die Verschiedenheit der Gnadengaben? Denn diese Tatsache verleitete seit jeher die Epheser wie nicht minder die Korinther und viele andere einerseits zu Anmaßung, anderseits zu Verdrossenheit und Mißgunst. Deshalb nimmt der Apostel allerorts das Beispiel vom Leibe zu Hilfe; deshalb hat er dasselbe auch hier angewendet, weil er der Verschiedenheit der Gnadengaben Erwähnung tun wollte. Genauer führt er es im Briefe an die Korinther2 aus, weil dort auch dieses Übel am meisten herrschte; hier dagegen an unserer Stelle hat er es nur angedeutet. Beachte, was er spricht! Er sagt nicht: Nach dem Glauben eines jeden, um nicht jene kleinmütig zu machen, welche keine großen Gnadengabe teilhaftig geworden sind, sondern was? "Nach dem Maße des Geschenkes Christi." Das Hauptsächlichste, will er sagen, ist, Gemeingut aller: die Taufe, das Heil durch den Glauben, das Glück, Gott zum Vater zu haben, alle teilhaftig zu sein desselben Geistes. Wenn aber dieser und jener ein Mehr von Gnadengaben besitzt, so betrübe dich nicht! Denn er hat auch mehr zu leisten. Der die fünf Talente erhalten hatte, von dem wurden fünf weitere verlangt; der aber die zwei, brachte nur zwei weitere dazu und empfing doch keinen geringeren Lohn als jener. Deswegen tröstet er hier den Zuhörer aus dem nämlichen Grunde: "Für die Vollendung der Heiligen", sagt er, "für die Verrichtung des Dienstes, zur Erbauung des Leibes Christi"3 . Deshalb sagt er auch von sich selbst: "Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!"4 . Also, er hat die Gnadengabe des Apostelamtes erhalten. Aber deshalb wehe ihm, weil er sie erhalten; du dagegen bist dieser Gefahr überhoben. - "Nach dem Maße." Was heißt: "Nach dem Maße?" Das heißt: nicht nach unserem Verdienste; denn sonst hätte keiner erhalten, was er wirklich erhalten hat; sondern als Geschenk haben wir alle es empfangen.
1: vgl.1 Kor 8,6;Phil 2,9;Kol 1,16 f.; Röm 1,2
2: 1 Kor 12-14
3: Eph 4,12
4: 1 Kor 9,16