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Konfrontiert mit der eigenen Vergänglichkeit, treibt Roger Federer die Lust am Rausch der Emotionen an.
Roger Federer wurde schon von Christina Fernandez de Kirchner, der damaligen Präsidentin Argentiniens, empfangen. Er hatte eine Audienz beim brasilianischen Volkshelden, dem ehemaligen Fussballer Pele. Oder sprach vor der UNO. Er fühlt sich auf dem roten Teppich genauso wohl wie auf dem Tennisplatz. Gestern besiegt Roger Federer (36) im Final der Swiss Indoors Basel Juan Martin Del Potro (29, ATP 19) mit 6:7, 6:4, 6:3. 2012 und 2013 war er dem Argentinier im Final unterlegen. Es ist sein achter Erfolg in Basel.
Diesmal überreicht ihm mit Fabian Cancellara ein zweifacher Rad-Olympiasieger den Pokal. Es folgen lobende Worte: Für den Gegner, für das berauschte Publikum, auch für die Organisatoren.
Dann verteilt Federer Medaillen an die Balljungen und Ballmädchen, denen er später im Bauch der Halle Pizza offeriert. Sieben der elf Turniere, die er in diesem Jahr bestritt, hat Federer gewonnen. Er hält nun bei 95 Titeln, nur Jimmy Connors (109) kommt auf noch mehr Turniersiege als er.
Nun könnte man meinen, das alles – die Pokale, die Ehrungen, die immer gleichen Reden – würde irgendwann Gewohnheit. Aber nicht für einen wie Federer. 19 Jahre nach seiner ersten Teilnahme scheint er unersättlich. Nur ist es heute weniger die Jagd nach Pokalen, die ihn antreibt. Sondern vielmehr der Rausch der Emotionen. Der Final ist kein Schaulaufen. Den ersten Satz verliert er nach einer 3:0-Führung im Tiebreak. Im dritten liegt er mit Break hinten. Es ist ein Kampf mit dem Gegner, aber auch einer mit sich selbst.
Federer hadert. Federer flucht. Federer schlägt mit dem Racket auf die Netzkante. «Hier in Basel möchte ich es speziell gut machen», erklärt er später. Einmal wird er in dieser Woche gefragt, ob er heute besser sei als vor ein paar Jahren. Die Rückhand sei besser, beim Aufschlag habe er mehr Power. «Und die Vorhand war schon immer meine Stärke», sagt er. Dass er sich täglich die Frage stellt, welchen Aspekt seines Spiels er noch verbessern kann, ist einer der Schlüssel seines Erfolgs.
Ein anderer ist die Erkenntnis, dass er nach zwei Jahrzehnten auf der Profi-Tour mehr Pausen braucht. «Sie helfen dem Körper, zu regenerieren, aber auch dem Kopf: Ich kann abschalten, Distanz gewinnen. Dann kommt die Vorfreude zurück, ich spüre wieder die Nervosität. Wenn man immer spielt, erlischt das Feuer, alles wird zur Normalität», sagt er im Sommer nach einer dreimonatigen Pause.
«Ich muss bei meiner Planung cleverer sein als früher. Ich wünschte, ich wäre nochmals 24. Aber ich muss solche Entscheidungen treffen. Für mich und für meine Familie.»
Gerne bemüht der Baselbieter das Bild, wonach er jetzt nur noch Teilzeit arbeite, um seine Laufbahn noch um drei bis vier Jahre verlängern zu können. «In diesem Pensum machen mir Training und Reisen nichts aus.»
Es ist auch als Konzession an die eigene Vergänglichkeit zu verstehen. Den eingeschlagenen Weg geht er mit bewundernswerter Konsequenz. Eine halbe Stunde nach dem Erfolg in Basel sagt er seine Teilnahme beim Masters-Turnier von Paris-Bercy ab. «Mein Körper verlangt nach einer Pause. Ich kann es fühlen. Ich weiss, man sieht das nicht auf dem Platz und nicht alle verstehen das. Es tut mir leid für Paris.» Damit ist die Chance, das Jahr als Nummer 1 der Welt zu beenden, nur noch verschwindend klein.
Der Rückstand auf Rafael Nadal beträgt 1470 Punkte, bei den World Tour Finals in London sind maximal 1500 Punkte zu gewinnen. Heisst: Nadal braucht nur noch einen Sieg. Das Dümmste, was ich tun könnte, wäre, es um jeden Preis zu wollen.» Wäre es sein Ziel gewesen, er hätte auf Basel verzichten und stattdessen in Paris spielen müssen.
Für den Unersättlichen waren die Emotionen des Heimturniers wichtiger. Neuerdings verabschiedet Federer sich immer seltener mit den Worten: «Bis im nächsten Jahr.» Man wisse nie, was passiere. Er wolle das Tennis geniessen, eintauchen in die Welt, die ihm alles bedeutet. Denn auch er weiss, dass seine Zeit abläuft. In Basel sagt er einmal: «Die Fans wünschen sich, dass ich bis 40 spiele. Aber irgendwann werde ich aufhören. Und vielleicht viel früher, als die meisten denken.»