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Nr. 29, 11. Dezember 2009
Glossen von Arthur Häny
Der Sturm und die Stille
«Es war schon halb ein Uhr nachts», sagte sie morgens beim Tee, «und ich konnte noch immer nicht schlafen. Ein merkwürdiges Geräusch beunruhigte mich, das ich mir einfach nicht zu deuten vermochte. Es war ein Brummen, bald heller, bald dunkler. Das helle erinnerte an vorüberfahrende Autos – aber das geschieht glücklicherweise nur selten nach Mitternacht, und zudem haben wir da unten ja eine Einbahnstrasse. Das dunkle dagegen tönte wie Flugzeuge – aber trotz all unserem Zivilisationsgetöse, zu dieser Zeit lassen de uns meistens in Ruhe!
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Schliesslich stand ich auf und trat auf den Balkon hinaus. Aber was war das? Ein Sturm, der die Sträucher kämmte und die Bäume beugte! Auch mich selber packte er so, dass ich mich am Geländer festhalten musste. Der also hatte mich nicht schlafen lassen! Wirklich, wir leben auf einem unruhigen Stern»
«Und ich habe diesmal überhaupt nichts bemerkt», meinte er.
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Es stürmte jetzt immer noch. Sie tranken einen Thymian-Tee, den sie beide liebten, gleichsam als Aperitif zum neuen Tag, und blickten zum Fenster hinaus. Der Sturm jagte dünne Wolkenfetzen über einen hellen Himmel.
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«Bei einem solchen Unwetter», sagte sie, «muss ich immer an jenen Sturm in Bordighera denken, als wir vor langen Jahren dort Ferien machten. Das Meer war aufgewühlt, es überschäumte und brauste, es war ein Heulen und Toben rings um uns und schien kein Ende zu nehmen. Als ich mich bei einer Italienerin darüber beklagte, erklärte sie beschwichtigend: ‹nasce, cresce, muore!› Sie meinte damit: Am ersten Tag entstehe der Sturm, am zweiten wachse er, am dritten dann ‹sterbe› er.»
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«Ja, das ist auch mir in Erinnerung geblieben, diese knappe Formel: ‹nasce, cresce, muore!› Stürme sind kurzlebige Wüteriche; wir müssen sie überstehen.»
«Es ist eigentlich ungeheuerlich, was uns zugemutet wird an Warm- und Kaltfronten, die da kommen und gehen, an Hoch- und Tiefdruckgebieten», sagte sie. «Man ahnt ja gar nicht, was für Gewichte da auf einem lasten. Und der ständige Wechsel ist mir besonders beschwerlich.»
«Der kann einen ja wirklich nerven! Anderseits – es wäre auf die Dauer wohl noch beschwerlicher, wenn immer dasselbe Wetter herrschte.»
«Ja», meinte sie, «aber ich wünschte mir, dass die verschiedenen Phasen des Wetters länger dauerten.»
«Ich muss immer wieder an die Stelle im Neuen Testament denken», sagte er, «wo die Rede ist vom Sturm auf dem See Genezareth. Jesus war vor Müdigkeit eingeschlafen auf der Überfahrt, während der Wind immer wilder brauste und die Wellen schon ins Schiff hereinschlugen. Die Jünger verzweifelten, und in ihrer Angst weckten sie den Meister. ‹Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?› riefen sie. Er aber schalt ihren Kleinmut und beschwor die entfesselten Elemente – so souverän, dass sie in sich zusammensanken. ‹Und es entstand eine grosse Windstille›. Im altgriechischen Urtext des Neuen Testamentes heisst die Windstille galene.Der Ausdruck hängt etymologisch zusammen mit altgriechisch ‹gelãn›, was ‹lachen› oder auch ‹fröhlich sein›, schlimmstenfalls ‹spotten› bedeutet. Die Windstille ist der Ausdruck einer himmlischen Heiterkeit. Sie ist die Kehrseite des Sturms, der die Leidenschaften symbolisiert.»
«Ja, man kann sich kaum vorstellen, dass Jesus einen Sturm heraufbeschworen hätte. Das wäre eher das Werk von Dämonen gewesen. Aber den Sturm zu beruhigen, ihn aufzulösen – Stille, Frieden und Heiterkeit zu schaffen, das scheint mir göttlich zu sein.»
«Übrigens assoziierten auch die alten Griechen das Göttliche schon mit diesen Attributen der Stille. Ich erinnere mich an die schöne Stelle bei Homer, wo es vom Olymp heisst: Sie sagen, dort befinde sich für immer der unerschütterliche Sitz der Götter. Er wird nie von Winden geschüttelt oder vom Regen genetzt, auch fällt kein Schnee darauf, sondern wolkenlose Heitere breitet sich aus, und heller Glanz läuft darüber hin.› – Das trifft auf den geographischen Olymp in Griechenland sicher nicht zu, wohl aber auf den mythischen Olymp, auf dem die alten Götter wohnten. Wenn Homer den Olymp mit solch einer immerwährenden Heiterkeit umgab, dann hatte wohl auch er schon die Ahnung eines paradiesischen Friedens. Oder was meinst du?»
«Ja», sagte sie, «aber die Götter, die dort oben hausten, Zeus und Hera, Apollon, Athene, Aphrodite und wie sie alle hiessen – die schienen recht wenig von diesem Frieden begriffen zu haben. Denn sie lagen sich oft in den Haaren, sie entzweiten sich ob dem Krieg um Troja, gingen auf Liebesabenteuer aus, sogar mit Sterblichen, und frönten überhaupt allen Leidenschaften.»
«Diese Götter blieben weit hinter unserem Ideal der Göttlichkeit zurück – genau wie wir Menschen hinter dem der Menschlichkeit zurückbleiben. Die Windstille ist ihnen droben auf dem Olymp wahrscheinlich mit der Zeit zu langweilig geworden.»
«Wie auch uns Menschen! Wer hält schon die göttliche Stille aus? Man ruft nach ‹action›, man rennt von ‹Event› zu ‹Event›; jedermann schwatzt in ein Handy, und unsere Unterhaltungsindustrie bemüht sich erfolgreich, dass niemand zu sich selber kommt.»
«Ja», meinte er, «zu sich selber kommen… das wäre das Wesentliche, aber wie erreichen wir das? Man müsste, statt andauernd die Banalitäten des eigenen Alltags zu bereden, sich einmal ruhig umschauen und gewahr werden, was ist. Man müsste die unendlichen Schönheiten der Natur erkennen, die uns umgibt. Müsste auf sein eigenes Inneres horchen, statt mit tönenden Kapseln in den Ohren herumzulaufen. Innehalten im Alltagsbetrieb und die tieferen Schichten des Daseins entdecken – das könnten wir, wenn wir fähig wären zur Stille.»
Die Sonne war inzwischen höher gestiegen und schüttete jetzt ein weisses, blendendes Licht ins Zimmer. Der Wind heulte immer noch, aber schon etwas schwächer – wie ein Hund, der allmählich ermattet.
Arthur Häny