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Jacques Chirac starb am Donnerstag im Alter von 86 Jahren. Die Beziehungen des französischen Präsidenten zur Schweiz waren während seiner Amtszeit von 1995 bis 2007 nicht immer unbelastet. Meinungsverschiedenheiten über den Champagner verhinderten den Abschluss eines bilateralen Abkommens. Später führten Grenzfragen zu Differenzen. Gleichwohl stuft alt Bundesrat Adolf Ogi gegenüber SRF das Verhältnis zu Jacques Chirac als sehr herzlich ein.
Adolf Ogi
Alt Bundesrat
Adolf Ogi wurde 1942 geboren. Für die SVP wurde er 1979 in den Nationalrat und 1987 in den Bundesrat gewählt. Zweimal amtete Ogi als Bundespräsident der Schweiz, 1993 und 2000. Im Dezember 2000 trat er nach 13 Jahren als Bundesrat zurück. Danach war er von 2001 bis 2007 UNO-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden.
SRF News: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Tod von Jacques Chirac erfuhren?
Adolf Ogi: Die Schweiz hat einen Freund verloren. Einer, der Verständnis hatte. Während seiner Amtszeit hat er uns verstanden und respektiert. Er wusste, dass die Schweiz ein verlässlicher Partner ist. Man konnte immer auf ihn zählen, wenn man ihn gebraucht hat.
Inwiefern war er ein Freund der Schweiz?
Ich kann Ihnen drei Geschichten erzählen. Einst rief er mich an einem Samstag an. Ich war damals Chef des VBS (Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport) und wir hatten die Absicht, zwölf Superpuma-Helikopter aus Frankreich zu kaufen. Wir telefonierten und er sagte: «Monsieur le Président», es war immer sehr formell, «bien sûr vous allez acheter nos super pumas». Ich erwiderte, es sei noch nichts entschieden. Wir hätten zuerst ein paar Punkte miteinander zu besprechen. Ich habe mir alle Probleme mit Frankreich auflisten lassen, bin dann nach Paris gereist und konnte sie mit ihm Punkt für Punkt durchsprechen. Er hatte für jeden einzelnen Verständnis.
Jacques Chirac bat mich, ihm ein Bier zu bringen.
Im Februar 1999 bei der Beerdigung von König Hussein von Jordanien, während einer Wartezeit, bat mich Chirac, ihm ein Bier zu bringen. Nicht etwa Wein, wie man von einem Franzosen erwarten könnte. Es war auch sehr ungewöhnlich, dass er mich duzte. Er war wie gesagt sehr formell. Danach ist es auch nie mehr vorgekommen.
Und was ist Ihre dritte Erinnerung?
2000 war ich Bundespräsident. Damals hat uns die EU zum Gipfel nach Frankreich eingeladen. Frankreich hatte das Präsidium inne und lud uns als Nicht-Mitglied ein. Wir haben uns im Bundesrat recht schwer getan damit. Schliesslich sind wir kein Mitglied. Aber wir sind Nachbarn und wir haben eine nationale Sprache: Französisch.
Jacques Chirac wusste unsere Erfahrungen mit verschieden Kulturen zu würdigen.
Der Bundesrat hat dann entschieden: Wir nehmen diese Einladung an und Bundespräsident Ogi geht zum Gipfel nach Nizza. Das EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten) hat mir einen Text vorbereitet. Zum Schluss übergab mir Chirac das Wort. Ich habe den Text vom EDA, der 20-mal abgeändert wurde, auf die Seite gelegt. Ohne Papier, als Français-Fédéral aus Kandersteg, habe ich denen die Geschichte der Schweiz, die Neutralität, die Subsidiarität und die direkte Demokratie erklärt. Niemand stand auf, niemand ging hinaus.
Alle haben Ihnen zugehört.
Alle haben zugehört und am Schluss hat einer gesagt: «Da müssen wir ja fast der Schweiz beitreten.» Chirac lächelte, das habe ich gesehen. Aber sie haben verstanden, was die Schweiz ist, was ihre Bedeutung ist. Sie haben auch verstanden, dass die Schweiz im Umgang mit vier Kulturen, vier Sprachen und 26 Kantonen sehr viel Erfahrung hat. Und das hat Jacques Chirac zu würdigen gewusst.
Wenn man das Eis gebrochen hatte, dann war Chirac sehr liebenswürdig.
Das war der Grund, warum wir immer Respekt von den Franzosen bekamen. Zuvor von François Mitterand, dann von Herrn Chirac und anschliessend hat es ein bisschen abgenommen (bei Nicolas Sarkozy; Anmerkung der Redaktion).
Wie bleibt Ihnen Chirac als Person in Erinnerung?
Er war ein distinguierter Franzose. Man musste bei ihm erst das Eis brechen. Wenn man dieses aber gebrochen hatte, dann war er sehr liebenswürdig. Und er hatte viel Verständnis für seinen Nachbarn Schweiz.
Das Gespräch führte Noemi Bertet.