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São Paulo liegt ausserhalb meines Zimmerfensters, das ich stets geschlossen halte – ebenso die Vorhänge. Ich lebe mit meiner Katze Valentina, sie ist Paulistanerin. Ich bin aus Campinas. Wir sind auf der Suche nach einem passenden Appartement. Wir brauchen mehr Platz und einen Balkon. Es ist bereits beschlossene Sache, dass es im Zentrum sein soll – und im ersten Stock.
Valentina liebt es, sich am Fenster zur Schau zu stellen. In einem der oberen Stockwerke würde sie niemand sehen. Im Zentrum, weil wir diese schmuddelige Unordnung mögen, all die Verrückten und diese anheimelnde Dekadenz.
Wir pflegen nicht auszugehen. Ich gehe manchmal weg um Lebensmittel einzukaufen, immer in unserem Viertel. Und ich komme immer schnell wieder zurück. Ich erinnere mich an einen aussergewöhnlichen Tag, an dem wir uns bis zur Bäckerei an der Ecke vorwagten. Ich bestellte einen grossen Kaffee und Valentina einen „Açaí na tigela“ (Açaí–Palmfrucht im Mixer geschlagen). Alles, was wir zum Leben brauchen, finden wir in dieser Bäckerei.
„Iracema Pães e Doces“ (Iracema Brot und Süssigkeiten) steht auf dem Schild über dem Eingang. Eine Indianerin mit Pfeil und Bogen einem Mini–Rock aus bunten Federn. Mir gefällt die „Iracema“. Ich habe ein paar interessante Geschichten gesammelt von Kunden, die mich ignorierten und ungestört fortfuhren mit ihren Schwätzchen, an denen ich nicht teilnehmen muss, um sie anzuhören. Der Verkäufer am Tresen nennt mich „Gatinha“ (Kätzchen) und jetzt sind wir Freunde. Der Gemüsehändler nennt mich „Prinzessin“ und der Apotheker „Kindchen“. Auch mein Ego ist zufrieden mit dem, was ihm unser Viertel bietet. Ja, das sind eben die Vorteile, wenn man im Zentrum wohnt.
„Iracema“ beliefert mich mit Wasser, Alkohol und Schokolade. Die besten Männer von São Paulo findet man ebenfalls in den Bäckereien. Einmal fand ich dort einen Armenier, der surfte. Hat mich besonders beeindruckt. Wir haben E–Mails gewechselt. Er wusste, dass ich auch die richtige Post zu benutzen pflegte und nahm sich die Freiheit, mir ein paar Postkarten anzuvertrauen, damit ich sie abschicke. Gab mir auch das Geld für die Briefmarken. Fühlte mich geehrt durch sein Vertrauen. Ein anderer, der bei „Iracema“ eine Guaraná ohne Eis bestellte, sagte, er sei „Video–Maker“ – aber ich glaubte ihm nicht. Gab meinerseits zurück, dass ich Maniküre sei, und er glaubte mir sofort. Wollte dann ein Video von meiner Arbeit machen, aber ich sagte nein. Als er weiter darauf bestand, sagte ich ihm die Wahrheit – dass ich „Depiladora“ (Enthaarungs–Spezialistin) sei. Er fand das alles furchtbar sexy und ich verlor das Interesse. Der dritte war mein Friseur – aber wir tauschten lediglich unsere Visitenkarten.
Valentina unterhält sich mit niemand – ist eine Frage ihrer persönlichen Introvertiertheit. Es hat gedauert, bis ich mich entschlossen habe, sie zu kastrieren. Alle vierzehn Tage wurde sie rollig und machte jedes Mal einen furchtbaren Skandal. Dadurch lernte ich meinen vorderen Nachbarn kennen, einen blinden Mann und seine Begleiterin. Sie fragten, ob ich Hilfe bräuchte. Das fand ich zwar nett, fragte mich aber, was sie damit wohl gemeint haben könnten. Schliesslich nahm ich ihr die Gebärmutter und die Eierstöcke heraus – das heisst: diese Operation wurde natürlich von einem Tierarzt erledigt – aber der befindet sich in einem anderen Stadtteil.
Dauernd stolpere ich über Blinde in unserem Viertel. Wir haben gleich nebenan einen Verlag für Blindenschrift. Das Gebäude haben sie schön restauriert, es ist hell beleuchtet, mit einem Namen aus goldenen Buchstaben und Plastik–Bäumen auf dem Trottoir. Neben dem Verlag steht ein klotziges, rechteckiges Gebäude, aus dem tagsüber und oft auch während der Nachtstunden ein unheimlicher Gesang schallt – er bricht sich an der Front des gegenüberliegenden Gebäudes und rollt, wie eine Billardkugel, zu meinem Fenster herein. Ich ziehe es vor, keine Kenntnis von dem zu nehmen, was die so hinter diesen verschlossenen Portalen aus Aluminium treiben – hab‘ ein bisschen Angst. Aber eine verantwortungsbewusste Religion oder sonst eine seriöse Vereinigung ist das bestimmt nicht. Die armen Blinden, lieber Gott, sind blind aber nicht taub! Hab‘ einen Moment über diesen Satz nachgedacht und fand ihn gelungen, nur einen Moment lang. Aber dann, nach längerem Nachdenken…
Du lieber Gott, Valentina macht sich sicher schon Sorgen. Und rasch springe ich nach Hause zurück. Sie liegt im Fensterkreuz und gähnt – und São Paulo, da draussen vor dem Fenster, sieht aus wie immer.