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Bilder anschauen ist eine Sache, Bilder beurteilen ist eine andere.
Bei Martin Zurmühle lernte ich mal, dass man möglichst viele Bilder von anderen Fotografinnen und Fotografen beurteilen soll um sich in der eigenen Fotografie weiter zu entwickeln.
Denn für eine Bilderbeurteilung wird man umgehend mit der Frage konfrontiert; warum gefällt mir ein Bild oder eben nicht.
Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Formen der Bildbeurteilung:
„Die emotionale Bildbeurteilung“ und die „qualifizierte Bildbeurteilung“
Die emotionale Bildbeurteilung macht eigentlich jede Person, die ein Bild betrachtet und sich eine Meinung über das Bild macht.
Eine qualifizierte Beurteilung machen Leute die sich sehr gut in der Fotografie und allgemein der Kunst auskennen.
Emotionale Bildbeurteilung
Bei dieser Form kann ein Urteil zum Beispiel sein; „mir gefällt das Bild sehr gut“ oder „das ist aber ein romantisches Foto“ oder „dieses Bild gefällt mir gar nicht“ usw.
Auch die Aussage; „mit diesem Bild kann ich nichts anfangen“ ist ein persönliches Urteil.
Etwas detaillierter, aber immer noch auf emotionaler Basis sind Aussagen wie; „diese knalligen Farben sind einfach wunderschön“, „dieses Büsi ist so süss“, „diese Frau sieht sehr hübsch aus“ usw.
Bei einer emotionalen Bildbeurteilung kann man eigentlich alles festhalten, was einem beeindruckt oder auch abstösst. Es geht um das persönliche Empfinden jedes einzelnen Betrachters.
Diese Form der Bildbeurteilung geht weniger auf Bildgestaltung, Aussagekraft oder Bildgeschichte etc. ein sondern drückt spontan den Eindruck des Bildes auf den Betrachter aus.
Bei einer emotionalen Bildbeurteilung kann man eigentlich nichts falsch machen, wenn man ein paar Regeln beachtet.
– Keine Vorwürfe an den Fotografen wie; „Du hast viel zu viel …“, Dein Schärfepunkt ist am falschen …“, „die Belichtung ist nicht korrekt“, „das Bild ist überbelichtet“ usw.
Besser sagt man; „ich finde das Bild ist …“, „für mich ist die Aufnahme eher zu hell“, „wie würde das Bild mit zwei Blenden weniger belichtet wohl wirken“ usw.
– Keinen Bezug auf fotografische Regeln nehmen wie; „das Bild ist zu mittig“, „Du hast den goldenen Schnitt nicht beachtet“ usw.
Man kann ja sagen; „mir wirkt das Bild sehr mittig“, „wie würde hier wohl der goldene Schnitt wirken?“ usw.
– Die allerwichtigste Regel überhaupt gilt bei Menschenfotografie jeglicher Art. Niemals wird das Aussehen und die Ausstrahlung des Models kritisiert! Damit kann man Menschen sehr verletzten.
Bekommt man zu einem Bild solche Anmerkungen, wird diese gelöscht. Wenn das nicht geht wird das Bild wieder entfernt.
Qualifizierte Bildbeurteilung
Diese Form der Beurteilung ist den Personen vorbehalten die sehr viel Erfahrung in der Fotografie, Gestaltung, Kunst und ähnlichen Gebieten haben. Man gibt ein Feedback zu einem Bild, welches z.B. auf technischen Grundlagen, Gestaltungsregeln usw. basieret. Das bedeutet nicht, dass Hobbyfotografinnen und Hobbyfotografen keine qualifizierte Meinung haben können. Im Gegenteil, es gibt ganz viele spezialisierte Leute die ungeheuer grosses Wissen in einem Fachgebiet wie z.B. HDR, Panorama, Makro, Akt oder was auch immer, haben.
Bei dieser Form der Bildbeurteilung ist sehr wichtig, dass die Betrachter ihr Urteil mit dem eigenem Fachwissen begründen können. Diese Personen kennen Regeln wie z.B. den Goldenen Schnitt um die Regel dann bewusst wieder zu brechen. Ein Horizont sollte in der Regel nicht mittig platziert werden, doch unter gewissen Umständen eben trotzdem. Personen die eine qualifizierte Bildbeurteilung abgeben können, wissen wie man mit dem Wissen der Fotografie umgehen soll.
Ein Makrofotograf kann auch ein Aktbild qualifiziert beurteilen, obwohl ihm die Aktfotografie nichts sagt. Der Sportfotograf kann ein Landschaftsbild beurteilen, auch wenn er selbst nie Landschaften fotografiert.
Bitte beurteile mein Foto, aber nur positiv!
In den letzten 10 Jahren hat sich die Kultur der Bildbeurteilung, wie auch in der Kritikfähigkeit massiv verändert.
Ganz besonders stellte ich diese Veränderung bei der grössten Bildercommunity in Europa fest.
Es gibt eine Gruppe von Fotografen die nach dem Motto handeln: Ich gebe Dir eine gute Kritik ab und Du gibst mir eine gute Bewertung zurück.
Da findet man z.B. verschwommene Büsi Föteli die über 50 positive Kommentare erhalten.
Dann gibt es die notorischen Nörgler die fast überall irgendetwas kritisieren. Diese Feedbacks beleidigen oft die Fotografen zu Unrecht mit inkompetenten oder unnötigen Anmerkungen. Sieht man sich mal die Bilder solcher Nörgler an, stellt man oft fest, dass sie selbst nur wenige Beurteilungen erhalten oder dann halt eher kritische Bemerkungen unter deren Bilder stehen. Die Qualität der Bilder liegt dabei eher im unteren Knipsersegment.
Spannend ist auch der „Germanistische“ Bildbeurteiler. Hier geht es darum lückenlos alle Schreibfehler aufzudecken. Oder dann wird beanstandet, dass das Bild einen englischen Titel enthält.
In der Folge werden reihenweise Kommentare ausgelöst die sich dann um alles, nur nicht mehr um das Bild drehen.
Folgenden Text schrieb vor wenigen Tagen ein Herr unter einem Bericht. Es ging zwar nicht um eine Bildbeurteilung, ist aber sehr Exemplarisch für diese Leute:
Zitat: „Es gibt also Tele`s zum testen , Zitat Ende.
ich finde es ausgesprochen peinlich, dass Sie in diesem einen Satz gleich mehrere Fehler einbauen. Erstens heißt es Teles und nicht Tele`s (Pluralbildung mit Apostroph gibt es nur in Holland), zweitens ist es kein Apostroph sondern ein Accent, und drittens wird zum Testen groß geschrieben. Setzen, sechs !“ Zitat Ende
Folgender Bildbeurteiler liebe ich ganz besonders, weil ich mich selbst mit dieser Art von Fotografie beschäftige. Es ist der Blümchenmakro Fotograf der Aktbilder beurteilt.
Sorry, aber das ist der Hammer. Da äussert sich Jemand, der selber ausnahmslos Fotos von Blumenmakros präsentiert, wie schlecht die Lichtführung sei oder dass die Bildgestaltung unruhig ist usw. Notabene unter einem Aktfoto das in einen internationalen Fotowettbewerb den ersten Preis gewonnen hat.
Der Beurteilte
Auf der Gegenseite bürgert es sich ein, dass Leute die mit einer Beurteilung nicht einverstanden sind, sich vehement gegen das Feedback verteidigen. Oder wenn möglich, löschen Sie den Kommentar und sperren die Person welche die Beurteilung macht um weitere Kommentare zu unterbinden.
Hier wäre etwas mehr Distanz von Vorteil. Vielleicht hat das Feedback ja etwas Wahres daran und man könnte sich das nächste Mal dadurch verbessern?
Fazit: Bitte beurteile mein Foto, aber nur auf emotionaler Ebene, wenn Dir das nötige Fachwissen zu einer qualifizierten Beurteilung fehlt
Bei digitalliving.ch und anderen Plattformen wo man Bilder hochladen kann, gibt es immer mehr nur noch einen „Gefällt mir“ Button. Eine negative Beurteilung oder eine Skala von 1 – 10 ist nicht mehr erwünscht.
Das ist sehr schade. Trotz Milliarden von neuen Fotos die Jährlich auftauchen leben die Bilder vom Betrachter und dessen Empfinden und Rückmeldung.
Über ein Feedback freut sich jede Fotografin und jeder Fotograf. Also schreibt Eure Emotionen die ihr zum Bild habt. Lasst dabei Vorwürfe und rechthaberische Inhalte weg. Schreibt technische Anmerkungen als Frage oder deklariert diese als Eure persönliche Meinung. Man kann ein Bild auch kritisch beurteilen ohne Personen damit zu verletzen.
Probiert es aus. Viel Spass und Erfolg.