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Ein gewisses Mass an Nervosität gehört zu einer Prüfung. Dadurch werden zusätzliche Ressourcen frei gemacht, die ein besseres Resultat ermöglichen. Wenn allerdings aus dem Lampenfieber Prüfungsangst wird, droht eine Leistungseinbusse oder gar eine Blockade.
Ihre Angst ist so übergross, weil Sie einen allfälligen Misserfolg mit einer Katastrophe gleichsetzen. Sie schreiben, Sie dürften nicht daran denken, was wäre, wenn es schiefginge. Auch wenn es Ihnen paradox vorkommt, empfehle ich, genau das zu tun: Sie sollten sich mit einem möglichen Scheitern befassen.
Denken Sie mutig das Szenario des Misserfolgs durch: Was wäre, wenn Sie die Prüfung nicht bestehen würden? Hätten Sie eine zweite Chance? Wenn nicht, was würden Sie dann tun? Gäbe es finanzielle oder emotionale Probleme? Wie könnten Sie diese lösen? Wenn Sie so vorgehen, werden Sie mit Erleichterung feststellen, dass die Welt nicht untergehen würde, falls Sie zurückgewiesen würden. Diese Erkenntnis wird psychischen Druck abbauen, Ihre Angst vor dem Versagen mildern und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Sie die Prüfung bestehen.
Die zwei Seiten der Glücksgöttin
Der römische Philosoph Seneca (etwa 1 bis 65 n. Chr.) hat sich eingehend mit dem Thema Misserfolg beschäftigt. Grundsätzlich, so meinte er, müssen wir davon ausgehen, dass unsere Wünsche und die unnachgiebige Realität oft in Widerspruch zueinander stehen. Wir verlieren manchmal, was wir lieben, wir scheitern manchmal an einer Aufgabe, wir können erkranken, die Stelle verlieren. Wir geraten mal unter Druck, werden gekränkt oder verletzt. Seneca hielt es für weise, diese unvermeidlichen Frustrationen nicht durch falsche Reaktionen wie Wut, Selbstmitleid, Angst, Bitterkeit, Selbstgerechtigkeit und Schuldzuweisungen zu verstärken.
In der Tat fällt es uns schwer, Misserfolge oder Schicksalsschläge gelassen hinzunehmen. Wir hadern mit der Vorsehung, finden den Lauf der Dinge ungerecht, machen andern oder uns selbst Vorwürfe. Wir gehen eben, meint Seneca, von falschen Vorstellungen aus: Das Leben ist nicht gerecht, etwa in dem Sinn, dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft würden. Es ist auch nicht vorgesehen, dass uns alles gelingt oder dass uns kein Leid widerfährt. Auf einer römischen Münze war die Glücksgöttin Fortuna abgebildet. Auf der einen Seite mit einem Füllhorn, das Glück ausschüttet, auf der andern Seite aber mit einem Ruder. Das sollte die Römer daran erinnern, dass Fortuna eben auch das Ruder jäh herumreissen und uns ins Unglück stürzen kann.
Die deutsche Philosophin Ute Lauterbach hat ein Buch zum selben Thema geschrieben. Ihr Motto: «Wer lässig scheitern kann, hat mehr vom Leben.» Sie zeigt auf, dass uns Druck und Versagensängste umso sicherer quälen, je perfekter wir sein wollen. Je höher wir die Messlatte hängen, umso heftiger müssen wir den Misserfolg fürchten. Sie empfiehlt deshalb eine «fehlerfrohe Grundhaltung» und ein Kultivieren der Bereitschaft, zu scheitern. Wenn uns das gelänge, würden wir Entspannung und Freude in unser Leben einladen.
Buchtipp
Ute Lauterbach: «Lässig scheitern. Das Erfolgsprogramm für Lebenskünstler»; Kösel, 2007, 96 Seiten, Fr. 25.40