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Weil wir bald umziehen, räume ich wieder mal mein Büchergestell auf. Was ich nie mehr lesen werde, bringe ich ins Brockenhaus. Diesmal entsorge ich meine kleine Abteilung mit philosophischen Büchern. Ich musste 53 werden, bis ich es mir eingestehen konnnte, aber jetzt weiss ich: Philosophie liegt mir nicht. Es ist denkbar, dass ich zu dumm dafür bin. Früher habe ich das verdrängt und mich ab und zu mit Marx, Kant, Benjamin oder Wittgenstein abgemüht. Ich wollte die Welt so beredt zutexten können wie meine drei Studienkumpels Benedikt, Severin und Bruno, allesamt Nebenfach-Philosophen. Aber mit 53 weiss man: Einen neuen Kopf bekommt man nicht – also setzt man den alten am besten für etwas ein, was einem liegt. Ich bin Journalistin und nebenbei eine Roman-Person. Das ist ok so.
Ich nahm den „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein in die Hände und wollte ihn in die grosse Papiertüte mit den Brockenhaus-Büchern legen. Aber dann zögerte ich doch. Ich meine: Es ist ein schönes Buch, und ich erinnere mich, wie ich damals beim Pendeln zu meiner ersten Arbeitsstelle in die Lektüre kniete.
Ich las nochmals den ersten Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“
Ich erschauerte. Was für ein atemberaubender Satz.
Klar, sofort begannen die Fragen zu sprudeln: Was bitte ist „die Welt“? Und was bedeutet „der Fall“? Nehmen wir zum Beispiel den Satz: „Meine Freundin Ela trägt einen roten Wintermantel.“ Ist es dann „der Fall“, dass Ela meine Freundin ist? Wie weiss ich überhaupt, wer meine Freundin ist? Wie definiere ich das Wort „Freundin“? Und ist es „der Fall“, dass sie einen roten Wintermantel trägt? Ja, da würden mir die meisten beipflichten, die sie im Winter gesehen haben. Aber was würde ein Farbenblinder zu einer solchen Behauptung sagen? Nun ja. Ich bin zu dumm für Philosophie. Aber eins weiss ich immer noch: „Die Welt ist alles was der Fall ist“ bleibt ein atemberaubender Satz. Ich meine, da behauptet einer, mir die Welt erklären zu können. Die ganze. In einem Buch. Damals, vor 25 Jahren, habe ich gar nicht begriffen, was für eine Ansage das ist. Ich will das Buch behalten, ich blättere darin. Ich lese weiter. Aber ungefähr auf Seite 3 kapituliere ich und bekomme Sehnsucht nach einem Roman.
Heute habe ich das Traktat doch ins Bücherbrocki gebracht. Ich will im Moment nicht die Welt erklärt bekommen. Ich will mit vertretbarem Aufwand umziehen können. Nötigenfalls kann ich den Text auch online lesen: Hier
10 Gedanken zu „Ein atemberaubender Satz“
Ich stehe im Gegenteil auf den letzten Satz des Tractatus: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
*Lach!!!* Ich wusste, dass jemand mit diesem Zitat kommen würde. Danke, dass Du es getan hast, Herr Schreibmann! Ich liebte dieses Zitat als ich jung war. Beide zusammen, der erste und der letzte, sind doch eigentlich grossartig.
Danke – mein Like geht auch an Dich! 🙂
wittgenstein ist großartig! sehr inspirierend und immer wieder gute gehirngymnastik.
Ja, das stimmt wahrscheinlich. Ich glaube, der Grund, weshalb ich diesen Beitrag überhaupt geschrieben habe ist der: Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das Richtige getan habe.
Ohne herablassend wirken zu wollen, sind in vielen Büchern oft der erste und letzte Satz entscheidend und den Rest kann man sich getrost sparen.
Ich lese selbst sehr gern und viel, aber vor Sachbüchern, die in die Tiefe gehen und nicht mit Buchhaltung/Bilanzierung zu tun haben, kapituliere ich.
Das hat mit viel Lesegewohnheiten zu tun. Mit 20, da wollte ich alles wissen. Da habe ich mich auch an solchen Werken versucht. Jetzt bleibe ich lieber bei meinen Romanen. Wenn wir nicht bald umziehen würden, würde ich ihn behalten und es vielleicht später nochmals versuchen.
Bitte nicht beredt zutexten 😉 Gut, dass das nicht geklappt hat. Sei lieb gegrüßt.
🙂
Das ist ja so ein wenig wie mit der 12-Ton- Musik! Interessant, dass das auch geht, aber versucht damit mal ne Party in Gang zu bringen!