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Barocke Baukunst ist Teil einer umfassenden Gesamtperiode der abendländischen Baukultur, die 1420 in Florenz beginnt und mit dem akademischen Klassizismus am Anfang des 19. Jahrhunderts endet. Römische Baukunst, aufbauend auf den Grundlagen der Antike, ist in dieser Periode der Rohstoff architektonischer Gestaltung.
Barocke Baukunst beginnt dort, wo der klassische Kanon der Renaissance zugunsten der Freiheit von Raumschöpfungen aufgehoben wird. Ihre Vorstufe bildet der Manierismus, eine Spätform der Renaissance, die in Italien und selbst nördlich der Alpen von 1530 bis 1620 stilbestimmend ist. Herausragendes und schon in den Barock weisendes Werk dieser Periode ist die Kuppel von St. Peter in Rom, deren Entwurf vielleicht noch von Michelangelo stammt. Auch die römische Jesuitenkirche Il Gesù, die von Vignola 1568 begonnen wird, ist noch ein klassischer Bau des Manierismus.[1]Ihre Synthese von Zentral- und Langbau wird später zum Muster vieler barocken Sakralbauten.
Bernini und Borromini
Der Beginn des Barocks in der Baukunst kann mit dem 1606 begonnenen Neubau des Langhauses und der Fassade von St. Peter in Rom durch Carlo Maderno (1556–1626) angesetzt werden. Als erstes nicht mehr dem Renaissancekanon verschriebenes Profanbauwerk gilt der Palazzo Barberini in Rom, der durch Maderno im Jahre 1626 begonnen und durch Gianlorenzo Bernini (1598–1680) und Francesco Borromini (1599–1667) vollendet wird. Damit sind die Namen der wichtigsten Baumeister des römischen Barock genannt. Bernini setzt mit dem Altartabernakel im Petersdom 1625 einen ersten Höhepunkt in der betonten Abkehr von der Renaissance. Er wird zum grossen klassischen Barockarchitekten. Sein römischer Konkurrent Borromini beginnt 1633 mit der gleichen Unbekümmertheit gegenüber Renaissancedogmen die Kirche San Carlo alle Quattro Fontane, eine der genialsten Raumkompositionen des Jahrhunderts. Aber erst durch Borrominis Schüler, vor allem dem Turiner Guarino Guarini, findet seine Architektur im Norden der Alpen eine einmalige und grosse Verbreitung und wird zum Kennzeichen des süddeutschen Barocks.
Bernini und Frankreich
Bis zum Tod Berninis 1680 ist Rom das eigentliche barocke Architekturzentrum. Bernini bleibt unangefochten der massgebende Architekt. Sein Schüler Carlo Fontana (1634–1714) ist Lehrer vieler grossen Barockbaumeister wie dem Schweden Nicodemus Tessin, dem Schotten James Gibbs und wahrscheinlich auch der beiden ersten deutschstämmigen Hofarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656–1723) und Johann Lucas von Hildebrandt (1668–1745). Auch Frankreich übernimmt vorerst die neuen Einflüsse aus Rom, entwickelt aber dann eine eigene barocke Architekturrichtung mit starker Rückbesinnung auf die Klassik. Bernini kann zwar einen Entwurf für den neuen Louvre liefern, französische Barock-Klassizisten werden ihm aber vorgezogen. Eine 1671 durch Colbert gegründete Architekturakademie festigt die klassische Tendenz. England und die protestantischen Länder des Nordens folgen dem Weg Frankreichs. Die barocken Bauten dieser Länder bleiben immer akademisch kühl.
München
Nach dem Schema von Il Gesù wird 1582 wird mit der Jesuitenkirche St. Michael in München begonnen. Eine gewaltige Tonne wölbt das Längsschiff. Anstelle der Seitenschiffe sind nach dem Schema von Il Gesù Kapellen und ein angedeutetes Querschiff zu finden. Allerdings sind die Kapellen zweigeschossig, schneiden sogar in das Tonnengewölbe ein. Der Renaissanceraum ist hell und weist in seiner Haltung in den kommenden Barock, mehr als sein römisches Vorbild.
Neuburg und Dillingen
Die ersten barocken Bauwerke nördlich der Alpen entstehen gleichzeitig mit den römischen Bauten von Bernini und Borromini. Italienisch sprechende Baumeister aus dem Gebiet der oberitalienischen Seen und aus dem Misox führen, vielleicht unter Mitwirkung der Augsburger Künstlerarchitekten Joseph Heintz, Johann Mathias Kager und Elias Holl zwei wichtige Bauwerke aus. Noch ist die Architektur der 1607 begonnenen Hofkirche von Neuburg an der Donau wie die Münchner Jesuitenkirche dem Manierismus verpflichtet. Die lichte Freipfeilerhalle mit Emporen ist eine gelungene Verbindung von italienischer Baukunst mit der spätgotischen Tradition der deutschen Hallenkirchen und stellt die Innenräume zeitgleicher römischer Kirchen wörtlich in den Schatten.
Fast gleichzeitig, 1610–1617, baut Hans Alberthal die Jesuitenkirche von Dillingen, eine reine Wandpfeilerkirche. Dillingen ist der erste barocke Kirchenraum nördlich der Alpen. Hier ist der Jesuit und Mathematiker Christoph Scheiner (1573–1650) wahrscheinlich eigentlicher Entwerfer, trotz der Beteiligung der schon in Neuburg genannten Augsburger Künstlerarchitekten.
Italiens Beitrag nach dem Dreissigjährigen Krieg
Es sind fast ausschliesslich Baumeister, Stuckateure und Freskanten aus dem Süden, die vorerst in den österreichischen Ländern und in Böhmen, dann auch im Westen die neuen Residenzen, Klöster und Kirchen bauen. Sie stammen, wie schon vor dem Krieg, aus dem Val d’Intelvi, dem Tessin oder dem Misox und prägen Residenzstädte wie Prag, Salzburg, Passau und München. Der dank dieser Wanderkünstler stattfindende Kulturaustausch ist von unermesslichem Wert. Ohne ihn wären weder die Wessobrunner Stuckateure noch die Vorarlberger Baumeister so schnell zu den Konkurrenten der «Italiener» geworden. Von den Vorarlbergern ist bekannt, dass sie in ihrer winterlichen Ausbildung auch die italienischen Architekturtraktate des 16. und 17. Jahrhunderts studieren, die Drucke kopieren und neu interpretieren. Noch fruchtbarer wird aber in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der Studienaufenthalt und die Ausbildung deutscher Künstler in Italien. Es sind nebst den Malern wie Storer, Asper, Schönfeld, Stevens von Steinfels und Schor auch Baumeister. Der Bernini-Schüler Carlo Fontana (1634–1714) ist Lehrer vieler grossen Barockbaumeister wie dem Schweden Nicodemus Tessin, dem Schotten James Gibbs und auch der ersten deutschstämmigen Hofarchitekten. Auch die beiden Baumeister Bernhard Fischer von Erlach (1656–1723) und Johann Lucas von Hildebrandt (1668–1745) studieren in Rom. Nach ihrer Rückkehr treten sie in Salzburg, Wien und Prag an die Stelle der «Italiener».
Guarini und der süddeutsche Spätbarock
Die bewegte und kurvierte Architektur Borrominis findet in Rom kaum Nachfolger. Weiterhin ist der klassische Barock Berninis massgebend. Erst der Theatinerpater Guarino Guarini (1624–1683) sorgt mit seinen Werken – das bekannteste ist die 1666 begonnene Kirche San Lorenzo in Turin – aber auch mit seiner Reisetätigkeit für die Verbreitung der Nachfolge Borrominis im Norden, vor allem in Prag. Borromini und Guarini sind die Väter des Spätbarocks in Böhmen, Österreich und Süddeutschland. Ihre Architektur fasst in Wien und Prag um 1700 fast gleichzeitig Fuss. Die Baumeister Dientzenhofer öffnen den Weg nach Westen.
[1] In der Kunstgeschichte wird dieser Bau vielfach als barockes Bauwerk bezeichnet, weil das Raumschema von Il Gesù im Barock mehrfach übernommen wird. Dies führt zu den Fehlschlüssen, dem ausgeprägten Manieristen Vignola einen frühen Barockbau zuzuschreiben. Ich folge hier Nikolaus Pevsner, dem grossen Kenner der europäischen Architekturgeschichte.
Vergleiche dazu die Pläne der Kirche Il Gesù.
|Jesuitenkirche Il Gesù in Rom, 1568 von Vignola begonnen.

Quelle: Ricci, Baukunst der Hoch- und Spätrenaissance in Italien.
|Gianlorenzo Bernini 1623.

Selbstporträt.
Quelle: Wikipedia
|Francesco Borromini, vor 1633. Quelle: Ausstellungskatalog.|
|Altartabernakel (Baldachin) im Petersdom, Bernini 1625.

Quelle: Vignola1640.
|Grundriss San Carlo alle Quattro Fontane, 1633 von Borromini. Quelle: Wikipedia.|
|St. Michael in München, Nordwand. 1582–1597, von Friedrich Sustris.||Jesuitenkirche Dillingen (Studienkirche), 1610–1617, Wandpfeiler der Nordwand.|
|Der Dom von Salzburg, 1614–150;1628 von Santino Solari.

Grundriss (oben). Quelle: Schallhammer 1859.
Vedute von Franz Anton Danreiter, aus: «Die saltzburgische Kirchenprospect», Augsburg um 1740.
|Turin, Kuppel der Kirche San Lorenzo, 1666 von Guarino Guarini.|