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Eine Idee im Gepäck
1919 reiste der damals 21-jährige Milton Ray Hartmann auf einem Segelschiff in die USA. Im Gepäck hatte er touristische Werbefilme zum Vorführen und zum Verkaufen. Darunter auch erste Alpen-Luftaufnahmen des Flugpioniers Walter Mittelholzer. Im Auftrag seines Vaters, dem damaligen Tourismusdirektor des Tourismusvereins Berner Oberland, wollte er mit dem Filmmaterial jenseits des Atlantiks für die Region werben.
Sein Angebot stiess in den USA auf wenig Interesse. Dafür taten sich neue Wege auf. In New York lernte Milton Ray Hartmann den Filmunternehmer Charles Urban kennen. Der hatte 1906 zusammen mit dem Erfinder George Albert Smith «Kinemacolor» auf den Markt gebracht, ein erstes Verfahren um Filme in Farbe zu drehen. Mit tragbaren Projektoren organisierte der umtriebige Urban Filmabende an Orten, die noch kein Kino hatten.
Charles Urban hatte seine Vorstellungen, was der Film für die Bildung bedeuten würde, 1907 in Buchform publiziert: The Cinematograph in Science, Education and Matters of State. Einer der Kernsätze in seinem Plädoyer lautete: «The great importance of educating through the agency of the eye, as well as through the ear, is now fully acknowledged and established.» Stoff, der den jungen Schweizer Besucher inspirierte, wie in Hartmanns Memoiren zu lesen ist: «Herr Urban machte mich auch mit dem schwedischen Ingenieur, Herrn Hallberg, bekannt, der gerade die ersten tragbaren Kofferkinoapparate konstruiert und mit grossem Erfolg in den Handel gebracht hatte. In der Erkenntnis, dass bei den wenigen Kinos, die es damals in der Schweiz gab, keine grossen Möglichkeiten für die Verbreitung der Movie Chat bestanden, schien es mir zweckmässig, selbst Vorführungen damit zu veranstalten, und so übernahm ich auch die Vertretung für die Hallberg-Apparate und wurde damit Importeur der ersten Kofferkinoapparate in der Schweiz und möglicherweise auch in ganz Europa.»
Statt mit Kaufverträgen kehrte Milton mit dokumentarischen Kurzfilmen, portablen Filmprojektoren und der Idee, den «guten» Film in der Schweiz zu verbreiten, heim. Er war überzeugt, dass das neue Medium Film für die Bildung nachhaltigen Nutzen hat. Die Geschichte nahm ihren Lauf: 100 Jahre im Zeitraffer.
Der Film geht in die Schule
Am 14. Juni 1921 gründete Milton Ray Hartmann die Genossenschaft Schweizer Schul- und Volkskino (SSVK) – und legt damit das Fundament für die Erschliessung neuer Technologien in der Bildung. Rasche technische Neuerungen haben die Genossenschaft immer wieder an ihre finanziellen Grenzen gedrängt. Dem 35-Millmeter-Format folgten 1923 kurz aufeinander die neuen Formate in 16 und 9,5 Millimetern, 1932 die Filmbreite von 8 Millimetern und 1965 schliesslich das Super-8-Format. Parallel zu diesem Wettlauf der analogen Technologien keimte das digitale Zeitalter. 1958 bauten Jack Kilby und Robert Noice unabhängig voneinander die ersten integrierten Schaltkreise.
« Bis ins hinterste Bergdörfchen dehnte [das SSVK] seine namentlich für die Schuljugend willkommenen Vorführungen mit Autos und Apparaten aus. »
Neue Zürcher Zeitung NZZ am 5. Oktober 1930 in einer Würdigung der ersten 10 Jahre des Schweizer Schul- und Volkskinos (SSVK).
Das Vermächtnis sichern
Die dauernde prekäre Finanzlage des SSVK liess in Milton Ray Hartmann den Entschluss reifen, persönlich einen Beitrag zur Förderung des guten Films zu leisten. Zu seinem 60. Geburtstag gründete er 1958 die «Stiftung zur Förderung des Kultur-, Dokumentar- und Unterrichtsfilms». Damit wollte er seiner inzwischen bald 40-jährigen Genossenschaft und ähnlichen gemeinnützigen Organisationen im öffentlichen Interesse eine dauerhafte Finanzierung sichern.
Diesen Zweck hat die Stiftung im Zug des technologischen und gesellschaftlichen Wandels aufrechterhalten und laufend den veränderten Bedingungen angepasst. Heute unterstützt die Milton Ray Hartmann-Stiftung innovative Digitalisierungsprojekte in Schule und Unterricht.
Jubiläumsjahr 2021
Neue Technologien und neue Medien für Schule und Unterricht nutzen: dieser Gedanke leitet uns seit hundert Jahren. Mit den Aktivitäten rund um Centanni haben wir diese Geschichte im Jubiläumsjahr fortgeschrieben. Vom Kofferkino zum digitalen Alltag. Mehr zum Jubiläumsjahr im Jahresbericht.
Genesis der Fachagentur
Ende der 1980er Jahre nahm das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA, heute SBFI) mit der Genossenschaft Verhandlungen für die Gründung einer Fachstelle Informatik im Bereich Bildung auf. So entstand 1989 die Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen (SFIB). Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) wurde kurz darauf eine weitere Partnerin. 2003 folgte der Schweizerische Bildungsserver (SBS) als nationale Informations-, Lern- und Arbeitsplattform.
Per 1. Januar 2017 überführten die EDK und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) den SBS und die SFIB in die Schweizer Fachagentur für ICT und Bildung unter der damals bereits etablierten Marke educa.ch.
Seit dem 1. Januar 2021 arbeitet die Fachagentur als öffentlich-rechtliche Institution mit einem rundum erneuerten Auftritt. Am 14. Juni 2021, dem Gründungstag, wurden die formellen Schritte zur Auflösung der Genossenschaft und zum künftigen Verhältnis zwischen der Fachagentur und der Milton Ray Hartmann-Stiftung vollzogen. Die Jubiläumsfeier mit dem Bühnenstück «Kofferkino» besiegelte den Übergang in die neue Konstellation.
Unverändert ist die ausgeprägte Bereitschaft, Vertrautes zu hinterfragen und Unbekanntes zu wagen. Mut zum Ungewissen, Vorstellungskraft und Gestaltungswille sind Grundvoraussetzungen dafür. Ihnen sind alle Mitarbeitenden von Educa verpflichtet.