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Als ich mich frage, stolpert der Chevrolet über den Pass – 4437 M. ü. M. – und der Mönch neben mir macht plötzlich wilde Gesten, krächzt und krächzt tibetisch. Ich schaue ihn schweizerisch an und an und zucke mit den Schultern. «Lukas», frage ich, weil er Chinesisch kann, «was will der Alte?» Lukas versteht den Mönch aber nicht. Erst als der Mönch sein goldenes, bestrasssteintes iPhone aus seinen tiefroten Falten gräbt, wird es klar. Achso. Er will wohl ein Pass-Selfie mit uns. Keine Frage. Und während wir aus dem Chevrolet aussteigen, frage ich mich schon etwa drei Stunden, die wir vom Chevrolet durchgerüttelt sind. Wir stehen vor das 4437-M.-ü.-M.-Schild, der Mönch zwischen uns und wir posen chinesisch (starres Lächeln und obligates Victory-Zeichen). Und ich frage mich, als wir wieder einsteigen. Der Chevrolet rüttelt uns vom grauen, glattgestrichenen, chinesischen Himmel in das leere tibetische Tal hinunter. Ich frage mich. Der Mönch bietet uns etwas an, das aussieht wie Crunchy-Müsli-Flocken. Ich nehme eine Crunchy-Müsli-Flocke. Sie ist erst geschmackslos, dann schleimig, dann stinkt sie nach Yakschmalz. Lukas sagt, es sei Yakkäse. Keine Frage. Der Mönch bietet an und an und lächelt durch seine Zahnlücken. «Mach mal fätzigere Müsigg», sage ich zu Michi. Michi haut Calvin Harris rein. Und während Calvin und The Disciples fragen: «How deep is your love? Is it like nirvana? Hit me harder. Again. How deep is your love?» kracht der Chevrolet alle 10 Meter in ein Loch. Lukas sagt bei jedem dritten Loch: «Sorry.» Und ich schaue tief in das tibetische Nichts. Und ich frage mich. Was soll mir die Literatur hier?
Cédric Weidmann hat mich gefragt, ob ich nicht etwas fürs Reinreden schreiben tät. Und ich so: Klaro. So habe ich die letzten Stunden versucht, durch das zensierte chinesische Internet hindurch die letzte delirium-Ausgabe durchzulesen. Und wieder gemerkt. Die meisten literarischen Beiträge im delirium sind geschmacksloser als Yakkäse. Hinterlassen aber im Gegensatz zum Yakkäse einen bitteren Nachgeschmack. Und ihre Kritiken sind Selbstprofilierungsorgien von Nachwuchsakademikern. Cédric hat zu recht gemötzelt und gesagt: delirium sei vorerst die Zeitschrift gegen Kritik. delirium ist – glaube ich – momentan die Zeitschrift gegen sich selbst. Das ist für unsere Zeit, die die Postmoderne hinter sich gelassen hat, aber noch nichts Neues gefunden hat, ganz passend und nice. Man ist ja gegen ziemlich viel und für ziemlich wenig. Ich habe mich also gegen dieses ganze Dagegensein entschieden und mich gefragt, während ich durch das tibetische Nichts hindurchgechevrolet bin, für welche Literatur ich bin. Welche Literatur ich gerne lesen und dem delirium wünschen tät.
Ich möchte Literatur lesen, die zu mir spricht. (Fast hätte ich geschrieben: Literatur, die mich berührt. Cédric hätte mir dann aber in der Ausgabe No. 7 eine reingehauen und gesagt: «Dieses Dichberühren ist doch genau so ein konstruiertes Gefühl, gegen das man vorgehen muss. Welcher Buchstabe berührt dich denn wo genau, lieber Dominik? Das A in der Seele? Das Ü an der Leber?» Damit Cédric mir was Spannenderes in der Ausgabe No. 7 reinhauen kann, habe ich daher geschrieben: die zu mir spricht.)
Meistens spricht fremdsprachige Literatur eher zu mir, als schweizerische. Um das zu verstehen, muss ich zuerst das Zumirsprechen verstehen. Es ist natürlich ein gefährlich diffuser Vorgang. Er ist subjektiv, emotional und stimmungsbedingt. Das ist aber genau, was die Literatur meiner Meinung ausmacht. Wer einen Literaturbegriff mit klareren Qualitätsmerkmalen hat, sollte vielleicht nicht weiterlesen.
Die Literatur, die ich mir wünsche, sagt mir etwas über mein Amlebensein, mein Aufderweltsein. Welches Leben und welche Welt ist das? Ein höchst zwiespältiges Leben und eine äusserst zerrissene Welt. Das Leben in der Schweiz ist ein Kerzchen in einem türkisfarbenen Rechaudglas. Aussen tobt ein Sturm. Schaut man über den türkisfarbenen Glasrand und möchte sich dem Sturm aussetzen, ist der aber verdammt leise und sieht aus wie ein grauer, glattgestrichener chinesischer Himmel über einem leeren tibetischen Tal.
Die ideale Literatur würde sich ebenso dem Kerzchen wie auch dem Sturm zuwenden. Lukas Bärfuss wendet sich in 100 Tage dem Sturm in Ruanda zu: die Schweizer Entwicklungs-„hilfe“ (so seine Argumentation) hat den Völkermord mitentwickelt. Bärfuss’ präzise Recherche und selbstkritische Haltung hat mich zutiefst beeindruckt. Allerdings bleibt das sogenannt Literarische für mich auf der Strecke: der Text spricht nicht zu mir, die Figuren lassen mich kalt. Eine Doku oder eine Reportage hätten Ähnliches bewirkt, die Gattung Literatur ist nicht notwendig für das, was Bärfuss macht.
Ganz anders Christian Krachts 1979.
Krachts Figuren interessieren sich nicht für den Sturm der iranischen Revolution, in dem sie sich befinden. Der dümmliche Erzähler interessiert sich nur für das dümmliche Kerzchen seines innenarchitekturialen Daseins. Dieses detachment erzeugt eine Spannung und ist genau das, was zu mir spricht, was mir sagt: das bleiche Kerzchen unseres Daseins ist eigentlich ein Orkan. Im Grunde ist die Welt schrecklich, aber wir haben das Privileg, über das Grauen der Welt zu lesen und es schön zu finden. Das ist noch schrecklicher als die Schrecklichkeit der Welt. Und wie soll man damit umgehen, wenn man Schweizer ist und das Leben gleichsam eine Niedlichkeit wie auch eine Schrecklichkeit ist? Kracht gibt keine ernsthafte Antwort, er stellt aber mit seinem zynischen Ästhetizismus ernsthaft die Frage. 1979 ist ein dickflüssiges Glas Sirup, an dessen Boden man einen Abgrund ahnt. In der Lektüre ist man wie im Leben in diesem angenehmen Gläschen isoliert. Man fällt erst in den Abgrund, wenn man das Glas zu Ende getrunken hat: Alle zwei Wochen gab es eine Selbstkritik. Ich ging immer hin. Ich war ein guter Gefangener. Ich habe immer versucht, mich an die Regeln zu halten. Ich habe mich gebessert. Ich habe nie Menschenfleisch gegessen. Der Ausweg aus der Wohlstandsverwahrlosung ist die Selbstauflösung.
Lukas hält den Wagen an, wir steigen aus. Ein LKW steht kopfüber auf der Strasse, der Fahrer ist wohl eingeschlafen, das steile Bord hochgefahren und hat sich überschlagen. Vor uns sind vier, fünf Autos, der Unfall muss gerade erst geschehen sein. Es wird gehupt, die nachkommenden Autos haben keine Lust zu warten und versuchen, sich am LKW vorbeizupressen. Von beiden Seiten. Bald sind wir von hupenden Autos eingekesselt, die sich selber auch eingekesselt haben. Wir packen Cola und Salznüsschen aus, gehen das Bord hoch, wo auch der LKW hochgefahren ist und schauen hinunter. «Du solltest eine time-lapse davon machen», sagt Michi zu Lukas. Die Salznüsschen sind sehr salzig. Ich frage mich nicht mehr.
Dominik Holzer