Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03445.jsonl.gz/2318

Was wissen wir über diesen Helden, den uns die Geschichte nur in groben Zügen skizziert? Was hat sich wirklich abgespielt und was sagen die historischen Dokumente dazu?
Ein Ausflug ins ferne Mittelalter zu den Ursprüngen von Tells Ruhm.
Wer ist Tell? Der Legende nach stammte Wilhelm Tell aus Bürglen, einem Dorf im Kanton Uri. Er soll ein guter Jäger, ehrenwerter Familienvater und ausgezeichneter Schütze gewesen sein. Mehr über seinen Charakter, seine Familie und sein Leben erzählt uns die Legende nicht.
Bekannt sind nur seine Taten: Am 18. November 1307 begibt sich Wilhelm Tell nach Altdorf, dem Hauptort des Kantons Uri. Dort überquert er den Dorfplatz, ohne sich um den kaiserlichen Hut, der auf einem Stab befestigt ist, zu kümmern.
In der Tat hatte der Landvogt Gessler (der lokale Verwalter der Habsburger) einige Monate zuvor auf dem Platz einen Hut aufgehängt und von jedem Passanten verlangt, diesem Symbol der kaiserlichen Autorität seine Reverenz zu erweisen. Wer den Hut nicht grüsste, riskierte die Todesstrafe oder die Beschlagnahmung von Hab und Gut.
Der Apfelschuss
Doch Wilhelm Tell denkt nicht daran, sich vor dem Hut zu verbeugen. Und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf. Am nächsten Tag wird er auf den Platz zitiert, wo er sich in aller Öffentlichkeit rechtfertigen muss.
Gessler verspricht, Tell am Leben zu lassen, wenn er mit seiner Armbrust den Apfel auf dem Kopf seines Söhnchens Walter trifft. Der Apfelschuss gelingt, doch hat Tell für den Fall, dass etwas schief geht, einen zweiten Pfeil unter seiner Jacke versteckt, um Gessler zu töten. Tell wird verhaftet und auf ein Schiff gebracht, das ihn zum Gefängnis bringen soll.
Als auf dem See ein Sturm losbricht, wird Tell losgebunden und ans Ruder gesetzt. Am Ufer angekommen, rettet er sich mit einem Sprung und versetzt dem Boot einen kräftigen Stoss auf den See hinaus.
Am dritten Tag versteckt sich Tell hinter einem Baum an der "Hohlen Gasse", die vom Gotthard nach Zürich führt, und tötet Gessler. So weit so gut.
Dann verschwindet Tell von der Bildfläche. Der Kampf um die Unabhängigkeit der Eidgenossen geht weiter, aber ohne den Schützen aus Bürglen. Können sich die Spuren eines derart verdienten und beherzten Mannes einfach so verlieren? Oder muss die Geschichte dieses Ende nehmen, weil die Tellfigur von A bis Z erfunden ist?
Was hat sich wirklich abgespielt?
Vom habsburgischen Wien bis zu den abgelegensten Pfarrarchiven im hintersten Bergtal von Uri haben Historiker alles unternommen, um Beweise oder Gegenbeweise für die Existenz Tells zu finden.
Auf der Suche nach seinem Namen haben die Experten Hunderte von Verzeichnissen aus dem Mittelalter durchgekämmt – ohne Resultat. Vermutlich hiess der Mann gar nicht Tell. In Anbetracht der zeitlichen Distanz und des damals weit verbreiteten Analphabetismus wäre eine "orthographische Verschiebung" durchaus möglich.
So gab es im Landadel von Uri eine Familie namens "vom Thal". 1300 hiess das Familienoberhaupt allerdings Conrad und nicht Wilhelm – und Conrad zahlte pünktlich seinen Zehnten. Ob ein Verwandter Tell hiess, ist nicht bekannt.
Der Kern der Geschichte
Der Nationalheld scheint also eher dem Reich der Legende zuzugehören als den historischen Tatsachen. Als Figur, die geschickt mit der Gründung der alten Eidgenossenschaft verbunden wird, erfüllt er vor allem eine symbolische Aufgabe.
Die Tatsache, dass auch in anderen Regionen Europas vergleichbare Figuren den Apfeltest bestanden, weist auf eine dramaturgische Weiterentwicklung hin. Sie dient dazu, tatsächliche Begebenheiten dank Eigenschaften wie Treffsicherheit, Leidenschaft und – in gewissen Fällen – Menschlichkeit fassbarer zu machen.
Wilhelm Tell steht für ein Volk, das Herrschaft anerkennt, sich aber mit aller Kraft dagegen auflehnt, wenn sie despotische Züge annimmt: ein braver Bauer, der sich bei Bedarf in einen Helden verwandelt.
Diese Persönlichkeit hat nichts Magisches und könnte deshalb sehr wohl existiert haben. Doch vielleicht ist die Frage an sich falsch. Jeder kann sich Tell nach eigenem Gutdünken ausmalen. Ein Spiel, das seit 700 Jahren bestens funktioniert.
swissinfo, Daniele Papacella
(Übertragung aus dem Französischen: Maya Im Hof)
In Kürze
Seit Jahrhunderten suchen Historiker und interessierte Laien nach Beweisen für die Existenz – oder die Nicht-Existenz - von Wilhelm Tell. Leider ohne Erfolg.
Die einen sind überzeugt, dass Tell eine historische Persönlichkeit war. Andere verweisen ihn ins Reich der Phantasie. Manche bezeichnen ihn als Nachfolger skandinavischer Vorbilder, und schliesslich gibt es jene, die ihn als fiktive Person sehen, die eine Reihe historischer Tatsachen in sich vereint.
Eine verlässliche Antwort gibt es nicht. Sicher ist nur, dass der Mythos lebt und dass er die Welt erobert hat.