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Grabräuber
Die Wärmebildkamera zeigte eine eindeutige Tendenz. Das letzte Drittel der Wand leuchtete auf dem Bild in einem satten orangerot, im Gegensatz zu dem grün und blau von den übrigen Wänden.
«Ich wusste es», rief Brandon, sprang in die Luft und ging zu der Wand zurück.
Vorsichtig tastete er mit seinen Handschuhen über die Malereien. Hinter dieser Darstellung mit den unzähligen Menschen, die auf etwas zugingen, das ausserhalb des Bildes verborgen war, befand sich ein weiterer Raum. Bestimmt wurde das Bild dort fortgeführt. Unvollständige Bilder ergaben keinen Sinn, es sei denn, sie wären abgeblättert oder verfallen. Doch diese Grabkammer hier war so gut erhalten wie kaum eine andere, die Brandon gesehen hatte.
«Äh, Boss?», meldete sich der junge Mann hinter dem PC bei der Kamera. Jason.
Brandon wandte sich um.
«Sollten wir das nicht melden? Ich meine, ist es klug, weiterzumachen bevor …»
Brandon legte einen Finger auf die Lippen. «Pst. Ich möchte das genauer wissen, bevor ich etwas melde. Das hier ist zu wichtig. Wir müssen mit Bedacht vorgehen.»
Der Dritte im Bunde, ein Mann in Brandons Alter, der ebenfalls eine Brille trug und den alle nur beim Spitznamen «Silly» kannten, warf zuerst Jason und dann Brandon einen fragenden Blick zu.
«Kommt schon, Leute», sagte Brandon. «Findet ihr es nicht auch besser, wenn wir etwas Richtiges melden können? Einen echten Durchbruch? Sonst gibt uns der Chef nur wieder eins auf die Mütze, weil wir ihm zu ineffizient sind.»
Silly nickte zuerst nachdenklich, stimmte dann aber zu.
«Na, gut», sagte Jason. «Was haben wir jetzt vor?»
«Wir suchen nach einem Durchgang», erklärte Brandon. «Alles abtasten. Vorsichtig und genau.»
Jason und Silly sahen sich erneut an, aber Brandon ignorierte sie und wandte sich wieder der Wand mit dem Hohlraum dahinter zu. Hier musste irgendwo ein Hebel sein! Brandon untersuchte die Malereien akribisch auf aussergewöhnliche Unebenheiten oder Farbveränderungen und tastete weiter darüber, doch es schien, als hätte man … Brandon hielt inne. Nein, das durfte nicht sein! Bitte, bitte nicht! Wenn sie den Durchgang zugemauert hatten, hätte er keine andere Wahl gehabt, als zurück zu seiner Delegation zu gehen, zu berichten und zu riskieren, dass jemand anders die Credits für diese Entdeckung bekam. Das würde er auf keinen Fall zulassen.
«Hier ist etwas», meldete sich Silly. Er kauerte in einer Ecke über einer Art Buckel.
Brandon gesellte sich zu ihm. Er ging in die Hocke und tastete nach dem Ding, doch es passierte nichts. Er warf einen Blick zur Wand zurück. «Es ist sehr weit weg.»
«Ja, aber vielleicht ist es doch etwas», entgegnete Silly.
Daran zweifelte Brandon, weshalb er aufstand, um sich weiter umzusehen. Vielleicht hatten sie irgendetwas übergangen, irgendetwas, das sie für gewöhnlich gehalten hatte. Brandon ging um den Stein herum, der den Sarg bildete, und tastete diesen ebenfalls ab. Die Inschrift auf der Tafel war gewöhnlich, doch Brandon fuhr trotzdem mit den Fingern darüber. Nichts passierte.
«Kommen Sie, Boss, das ist doch hoffnungslos», murrte Jason.
«Noch eine Runde», sagte Brandon. «Ich will ganz sicher gehen.»
Er ging zurück zu der einen Wand und tastete am Rand des Bildes entlang. Es war schon seltsam, wie abrupt es aufhörte. Der Arm der einen Figur endete einfach in der Ecke, Hand gab es keine. Brandon legte zwei Finger auf die Stelle, mehr, weil es ihn faszinierte, als weil er glaubte, dort könnte die Lösung sein, und in diesem Moment passierte etwas.
Ein Donnern erschütterte die Grabkammer. Sand und Staub rieselte von der Decke. Silly hob langsam den Kopf, während Jason erschrocken aufschrie. «Was ist das?», fragte der Jüngere.
Brandon sah sich um. Das war interessant, sehr interessant. Hinter ihm grollte es und als er sich umdrehte, machte er einen Satz zurück. Die Wand bewegte sich nach innen. Dahinter offenbarte sich ein dunkler Hohlraum.
«Ha!» Brandon sprang erneut auf vor Freude. «Ich wusste es! Was habe ich euch gesagt, Leute? Wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft!»
Jasons Mund klappte auf. Brandon konnte es ihm nicht verdenken, er war selbst aus dem Häuschen. Doch Silly reagierte kaum. Er starrte nur schockiert an Brandon vorbei und deutete sehr langsam und schwerfällig auf den Durchgang.
Brandon drehte sich wieder um. Er erschrak ein wenig und taumelte zurück. «Was … Was …?» Das kam unerwartet.
Im Durchgang stand eine Frau in einem sehr leichten, flatternden Unterkleid. Ihre Haut war nicht nur blass, sondern praktisch weiss und das nicht von Schminke. Ihr Haar war ebenso weiss, doch sie war nicht alt. Sie konnte nicht über fünfundzwanzig sein, vielleicht dreissig, wenn sie sich sehr gut gehalten hatte.
«We … Wer …» Brandon brachte kaum ein Wort heraus.
Das Leuchten, das die Frau umgab, blendete ihn und irgendwie machte sie ihm Angst, so still wie sie da stand. Fast so still wie die Statuen in der ersten Kammer, die furchtbar weit zurückzuliegen schien.
«Wer wagt es, meinen Schlaf zu stören?», donnerte ihre Stimme durch den Raum.
Erneut erzitterten die Wände. Brandon stolperte und fiel rücklings gegen den steinernen Sarg. Als die Frau gesprochen hatte, hatte er glänzend weisse Zähne erkannt. Spitze Zähne. Er hatte so etwas schon einmal gesehen und zwar in einem Horrorfilm von Francis Ford Coppola.
«Du bist nicht … Da, das …»
Die Frau trat aus dem Durchgang auf Brandon zu. Er drehte sich um auf der Suche nach Silly und Jason, doch die beiden waren verschwunden.
Die Frau beugte sich gemählich über ihn. «Du hättest auf sie hören sollen», sagte sie.
ist fasziniert von Geschichten über menschliche Gefühle. Das Genre spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist ihr nur, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird: Von den Abgründen bis zu den Höhenflügen.