Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03365.jsonl.gz/2036

- Der brasilianische Bundesstaat Mato Grosso do Sul ist heute das Hauptanbaugebiet für Soja. Die Futterpflanze wird auch in der Schweizer Landwirtschaft verwendet.
- Früher war Mato Grosso do Sul aber das Land der Guarani-Kaiowà. Seit Jahrzehnten kämpfen die Ureinwohner darum, dass sie wenigstens einen Teil ihres angestammten Gebietes zurückerhalten.
- In der brasilianischen Politik finden die Guarani-Kaiowà kaum Gehör für ihre Anliegen. Einer ihrer Sprecher, Ladio Veron, war deshalb in den letzten Wochen in Europa.
- Im Europaparlament in Brüssel und auch in der Schweiz hat er um Unterstützung für sein Volk gebeten.
Ladio Veron lässt auf dem Bildschirm seines Smartphones eine Karte erscheinen. Sie zeigt den Bundesstaat Mato Grosso do Sul im Süden Brasiliens. Der ganze Süden davon, an der Grenze zu Paraguay, ist rot eingefärbt: «Das hier ist das ganze Gebiet der Guarani-Kaiowà. Hier in dieser Region gab es früher über 1000 Dorfgemeinschaften, die gibt es heute nicht mehr», sagt der mittelgrosse, schlanke Mann mit dem leicht angegrauten Haar:
Er schildert, wie die Regierung das ganze Gebiet in Gemeinden eingeteilt hat:
Sie haben unsere Dörfer zerstört, und die Agrarunternehmen haben das Land dann besetzt.
Ladio Veron ist 50 Jahre alt. Er hat eine Ausbildung als Lehrer und weiss sich in beiden Welten zu bewegen, in der brasilianischen Gesellschaft und bei seinem Volk, den Guarani-Kaiowà. Was er in wenigen Sätzen beschreibt, war ein Prozess, der sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt hat.
Die ersten Besitztitel verteilte die brasilianische Regierung bereits im 19. Jahrhundert an Farmer. Seither wurden Wälder gerodet. Heute weiden in Mato Grosso do Sul rund 20 Millionen Rinder, siebenmal mehr als es da Menschen gibt.
Profit auf Kosten der Ureinwohner
In den 1970er-Jahren verschärfte sich die Situation für die Guarani-Kaiowà weiter. Nun wurden grossflächig Mais, Zuckerrohr und Soja angebaut. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Fian vervierfachte sich die Ackerfläche in Mato Grosso do Sul seit 1980 auf über vier Millionen Hektaren, eine Fläche so gross wie die Schweiz.
Kampf um Land und die eigene Kultur
|Das Land, auf dem in Brasilien Soja wächst, gehörte einst verschiedenen Indianervölkern. Die Regierung nahm ihnen das Land weg und verteilte es an Farmer. Seit Jahrzehnten kämpfen zum Beispiel die Guarani-Kaiowà verzweifelt darum, dass sie wenigstens einen kleinen Teil ihres angestammten Gebietes zurückerhalten. Sie haben einige Farmen besetzt, es kommt immer wieder zu Gewalt, bei denen Indianer verletzt oder gar getötet werden. In der brasilianischen Politik finden die Guarani-Kaiowà kaum Gehör für ihre Anliegen. |
Wo blieben die Ureinwohner? Von den rund 45‘000 Guarani-Kaiowà sei ein Teil in die Städte gezogen, sagt Ladio Veron. Etwa 20'000 lebten auf kleinen Gebieten, die ihnen die Regierung zugewiesen habe. Auf diesen Terras Indigenas – so berichten Nichtregierungsorganisationen – gibt es wenig Arbeit.
Die Gebiete sind dicht bevölkert, es kommt oft zu Streit, Drogenkonsum ist verbreitet. Und es gibt zu wenig Boden, um wie früher in Gärten Mais, Maniok, Süsskartoffeln und Bohnen anzupflanzen. Jagen und Fischen – die beiden anderen Säulen der traditionellen Guarani-Wirtschaft – sind schon gar nicht mehr möglich.
Verfassungsmässige Rechte werden missachtet
Auf dem Bildschirm des Smartphones von Ladio Veron erscheint eine weitere Karte, mit kleinen grünen und roten Punkten auf der sonst weissen Fläche: «Diese Gebiete fordern wir von der Regierung zurück. Ethnologen haben diese Gebiete untersucht und festgestellt, dass früher hier Ureinwohner lebten», sagt er. Die Verfassung Brasiliens gebe ihnen ein Recht auf solche Schutzgebiete.
In der Tat. Die Verfassung Brasiliens von 1988 legt in Artikel 231 fest, dass für Indianer Schutzgebiete in ihrem traditionellen Territorium auszuscheiden sind genügend gross, damit sie wirtschaftlich überleben und die eigene Sprache, Religion und Kultur erhalten können.
Rund 700 Schutzgebiete für das ganze Land listet die Indianer-Behörde Funai auf ihrer Website auf. Erst bei etwa 450 davon ist der Prozess abgeschlossen. Sie befinden sich vor allem im Amazonas-Gebiet, das 1988 noch zu grossen Teilen relativ unberührt war. Bei den anderen 250 Schutzgebieten steckt das Verfahren fest, etwa weil vor Gericht Einsprachen erhoben wurden.
Im bereits stark entwickelten Bundesstaat Mato Grosso do Sul erweist sich die Ausscheidung von Schutzgebieten für Ureinwohner als besonders schwierig. Hier ist erst bei rund der Hälfte der 60 Schutzgebiete das Verfahren abgeschlossen. Man muss eine Entwicklung rückgängig machen, die lange vor der neuen Verfassung begonnen hat:
Der ganze Prozess zieht sich nun schon seit Jahren hin. Wir leben heute am Strassenrand, mit Blick auf unsere Schutzgebiete, deren Anspruch längst abgeklärt und von der Regierung genehmigt wurde.
So ist es auch im Schutzgebiet Taquara, dem Gebiet der Dorfgemeinschaft, der Ladio Veron als Häuptling vorsteht. 1999 legten die Behörden die Grenzen des Gebietes fest, 9700 Hektaren. Doch darauf befindet sich schon eine Farm, und deren Besitzer erhoben Einsprache vor Gericht.
Die Guarani-Kaiowà haben in ihrer Verzweiflung einen kleinen Teil des ihnen zugesprochenen Gebietes besetzt. Sie haben Zelte und Baracken aufgebaut und leben dort von Hilfsgütern, die ihnen wohltätige Organisationen zuschicken.
Die Lage sei sehr prekär, sagt Ladio Veron. Es gebe keine Arbeitsmöglichkeiten. Bis vor einem Jahr habe die Regierung unter den Familien Pakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln verteilt. Doch vor einem Jahr sei diese Hilfe gestrichen worden, seither lebe man so wie es eben gehe.
Nebst Taquara gibt es in Mato Grosso do Sul noch 45 solcher Retomadas, kleine Gebiete, welche die Ureinwohner – aus ihrer Sicht – wieder in Besitz genommen haben. Die Farmer und Agrarkonzerne, die als Besitzer eingetragen sind, versuchen immer wieder, die Ureinwohner zu vertreiben.
Bei solchen Konflikten kommt es oft zu Opfern. 137 Indianer seien im ganzen Land im Jahr 2015 bei Landkonflikten getötet worden, schreibt die katholische Bischofskonferenz. Marcos Veron – der Vater von Ladio – wurde 2003 bei einer solchen Auseinandersetzung getötet. Drei Angestellte der Farm wurden deshalb von einem Gericht in Sao Paulo verurteilt, der Besitzer der Farm, blieb von der Justiz bisher unbehelligt.
Auch ihm drohe man immer wieder mit dem Tod, sagt Ladio Veron:
Die Leute, die jetzt auf den Farmen sind, haben den Guarani-Kaiowà schon genug Leid angetan.
Der Besitzer von Taquara habe seinen Vater und vier seiner Brüder töten lassen. Dazu sei der Urwald abgeholzt, Boden und Flüsse seien mit Pestiziden vergiftet worden. Und fügt an: «Es ist Zeit, dass sie gehen, damit wir wieder auf diesem Land arbeiten und leben können».
Es sind nur etwa vier Prozent des Gebietes von Mato Grosso do Sul, das die Guarani-Kaiowà und andere indigene Völker von der Regierung zurückfordern. Der Agrarindustrie ist das immer noch zu viel. Im brasilianischen Parlament liegen diverse Gesetzesvorstösse, welche es noch schwieriger machen sollen, Schutzgebiete für die Indianer auszuscheiden.
Die Guarani-Kaiowà bräuchten Hilfe, sie bräuchten ein weltweites Netzwerk, sagt Ladio Veron. Deshalb sei er in Europa auf Tour.