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Identifikation
Signatur:
Ar 697
Entstehungszeitraum / Laufzeit:
Umfang:
5.4 m
Kontext
Abgebende Stelle
Integras, Rütistrasse 4, 8032 Zürich
Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben
Gegründet wurde der Verband unter dem Namen «Schweizerischer Hilfsverband für Schwererziehbare» (SHfS) im Jahr 1923 als Untergruppe des Dachverbandes «Schweizerische Vereinigung für Anormale» (Pro Infirmis). Vorangegangen war 1920 ein erster loser Zusammenschluss der Heime mit dem Namen «Kommission für sittlich Verwahrloste», ebenfalls unter der Schirmherrschaft der «Schweizerischen Vereinigung für Anormale». Neben der deutschschweizerischen Sektion, von der der Grossteil der abgelieferten Akten stammt, bestand auch eine welsche Sektion unter dem Namen «Association suisse en faveur des jeunes inadaptés» (ASJI), von der Vorstandsprotokolle erhalten sind. Diese begann ab 1926 eigene Veranstaltungen durchzuführen.
Das deutschschweizerische Zentralsekretariat des Verbandes befand sich bis 1925 in St. Gallen und wurde anschliessend im Büro der Stiftung Pro Infirmis in Zürich angesiedelt. Hauptsächlich aktiv war der Verband bei der Beschaffung von Subventionen für die angegliederten Heime sowie bei der Durchführung von Fortbildungskursen für Lehrpersonal von Erziehungsanstalten (bereits ab 1926). Vereinszweck… Der Verband bot anlässlich der Generalversammlung jährlich einen zweitägigen Weiterbildungskurs («Rigi-Tagungen») an sowie spezifische Fortbildungskurse für das Personal von Erziehungsheimen und gelegentliche Studienreisen ins Ausland. Der Verband baute sein Angebot im Laufe der Zeit kontinuierlich aus.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der zunehmenden gesellschaftlichen Kritik an der Heimerziehung im Nachklang der so genannten Heimkampagne 1970/71 kam es im Jahr 1972 zu einer grösseren Umstrukturierung inklusive Statutenrevision. Damit verbunden war die Umbenennung in «Schweizerischer Verband für erziehungsschwierige Jugendliche» (SVE). Die welsche Sektion ASJI löste sich im Jahr 1971 aufgrund schwächelnder Verbandsstrukturen auf. Ihr folgte die 1972 gegründete «Groupe romand en faveur des jeunes inadaptés» (GROJI) als eigenständiger Verband mit breiterer Agenda/Zielsetzung. Die GROJI schickte seit der Statutenrevision 1972 jeweils 5 Mitglieder in den gesamtschweizerischen Vorstand (fortan Vorstand und GV bilingue). Mit der Neuausrichtung vor dem Hintergrund der so genannten Heimkampagne begann der SVE auch gezielter, im Bereich Forschung aktiv zu werden. Ziel war eine Dokumentation laufender Forschungsprojekte im Bereich Heimerziehung/Sonderpädagogik/Schwer-Erziehbare. Daneben wurden aber auch gezielt Forschungsprojekte angerissen, die dem Verband bzw. der 1973 gegründeten Forschungskommission strategisch sinnvoll erschienen, insbesondere im Bereich Professionalisierung der Heimerziehung und Erziehungskonzepte. Dies geschah oftmals in Zusammenarbeit mit dem Pädagogischen Institut der Universität Zürich und der Schweizerischen Zentralstelle für Heimpädagogik (SZH). Auf Anregung des Pädagogischen Instituts der UZH kam es 1980 zur Gründung der Fachstelle Heimerziehung: Hauptaufgabe war, neben der Zugänglichmachung von neuesten Forschungsergebnisse für die Praxis, die Beratung von sozial- und heimpädagogischen Einrichtung und der Einsatz für bessere Rahmenbedingungen für das Heimwesen. Die Fachstelle wurde 1996, nicht zuletzt aufgrund persönlicher Konflikte zwischen der Leitung der Fachstelle und der Geschäftsleitung des Verbandes, aufgelöst.
In den 1970er Jahren setzte sich der Verband auch verstärkt für die Finanzierungssicherung der Heime für Schwererziehbare und straffällig gewordene Jugendliche ein. Vor dem Hintergrund der Verabschiedung des Bundesgesetzes über Bundesbeiträge für Strafvollzugs- und Erziehungsanstalten 1966 lobbyierte der Verband auf Bundesebene für eine sichere Subventionierung der Heime. Dazu erstellte er im Auftrag des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements in den frühen 1970er Jahren auch Expertisen über Heime und wertete Fragebögen des EJPS an die Heime aus. Besondere Bemühungen in der politischen Lobbyarbeit entwickelte der Verband rund um die Neuverteilung der Aufgaben zwischen Bund und Kanton und den nationalen Finanzausgleich (NFA) in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren und startete er eine Offensive bei Mitgliedern von National- und Ständerat. Zudem setzte sich der Verband neben dem Angebot eigener Weiterbildungskurse seit den 1980er Jahren auch gezielter für die Professionalisierung der Ausbildung im Bereich Sozial- und Sonderpädagogik ein. Dies blieb ein wichtiger Arbeitsbereich in den 1990er Jahren.
1988 erfolgte eine Strukturüberprüfung, bei der man sich entschied, feste Ressorts zugunsten von flexibleren ad hoc-Arbeitsgruppen aufzulösen, und die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden zu stärken. Bereits seit 1984 existierte auch eine Geschäftsleitung. 1990 bildete sich dann nochmals eine Arbeitsgruppe zum Thema «Grundsatzfragen», die sich der Gewichtung der Aufgaben des Verbands und der Abgrenzung zum VSA widmete. Ergebnis war 1992 ein neues Leitbild. Zudem war man um ein neues, modernes Image für Heime und verwandte Einrichtungen ebenso wie für den Verband selbst bemüht und baute die Expertise im Bereich PR und Marketing aus. Im Jahr 2000 erfolgte eine weitere Umbenennung des Verbandes in «INTEGRAS: Fachverband für Sozial- und Heimpädagogik».
Seit den frühen 2000er Jahren bemühte sich der Verein zudem, seine Lobbyarbeit weiter zu professionalisieren und seine Mitglieder gezielt dabei zu unterstützen. 2007 wurde zu diesem Zweck die Fachstelle für Kommunikation und Lobbying gegründet, die diverse Aufträge von Mitgliedern annahm. Auch die zunehmende historische Aufarbeitung des Heimwesens ging nicht spurlos am Verband vorbei: Ab 2010 bemühte sich der Verband aus eigener Initiative um die Aufarbeitung seiner Geschichte und bemühte sich um Drittmittel für ein Forschungsprojekt, das vom Historiker Wolfgang Hafner realisiert wurde (s. Publikationen). Zudem war Integras zwischen 2013 und 2017 am Runden Tisch des Bundesrates zur Aufarbeitung der Geschichte der Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und der Heimerziehung beteiligt.
Übernahmemodalitäten
Die Übernahme erfolgte am 20.01.2022 und wurde von Tanja Güntensperger und Gabriele E. Rauser betreut.
Inhalt und innere Ordnung
Form und Inhalt
Das Archiv des Verbandes umfasst Unterlagen der Verbandsführung seit der Gründungszeit des Vereins, wobei die Überlieferung bis in die 1950er Jahre eher lückenhaft ist. Zudem stammen die überlieferten Akten von der deutschschweizer Sektion des Verbandes. Unterlagen aus der Romandie sind eher zufällig überliefert. Der Archivbestand stammt vermutlich v.a. aus dem Zentralsekretariat des Verbandes, das bis in die 1980er Jahre beim Sekretariat von Pro Infirmis in Zürich angegliedert war. Die zentralen Akten der Verbandsführung und der entsprechenden Gremien sind fast lückenlos erhalten. Hinzu kommt das administrative Material des Zentralsekretariats und des jeweiligen Verbandspräsidenten, das etwa Korrespondenz, Buchhaltung, Mitgliedschaftsverwaltung, Kursangebot und die Protokolle diverser Arbeitsgruppen und Kommissionen umfasst. Im Laufe der Zeit, als sich die Verbandstätigkeit ausweitete, wurden immer mehr Arbeits- und Projektgruppen gebildet, deren Unterlagen ebenfalls Teil des Bestandes sind. Insbesondere für die Bereiche Forschung, Ausbildung, rechtliche Mitsprache und Finanzierung sind seit den 1980er Jahren viele Dossiers vorhanden. Zudem enthält der Bestand Publikationen aus der Handbibliothek des Verbandes, insbesondere Broschüren zu verschiedenen Anstalten (s- Aktenserie "Historisches Sammelgut").
Da kein übergeordneter Aktenplan vorhanden war und sich die Ordnungsprinzipien beim Aktenbildner im Verlauf der Zeit änderten, wurde für den Bestand, mit Ausnahme der Unterlagen zur Verbandsführung, eine eigene Ordnungsstruktur geschaffen, die sich an den oben genannten Schwerpunkten der Verbandstätigkeit orientiert.
Bewertung und Kassation
Kassiert wurden Buchhaltungsunterlagen, Dubletten und Mehrfachexemplare sowie die umfangreichen Vernehmlassungsunterlagen von Bundesbehörden. Auch klassische Dokumentationsbestände mit Publikationen von Dritten wurden kassiert.
Neuzugänge
Es werden keine Neuzugänge erwartet.
Zugangs- und Benutzungsbedingungen
Zugangsbestimmungen
Für den Bestand von Integras gilt grundsätzlich eine Schutzfrist von dreissig Jahren. Eine Einsichtnahme für wissenschaftliche Zwecke vor Ablauf der Schutzfrist ist möglich, sofern das schriftliche Einverständnis der Geschäftsstelle von Integras vorliegt.
Sprache/Schrift
Unterlagen vorwiegend in deutscher und französischer Sprache
Sachverwandte Unterlagen
Verwandte Verzeichnungseinheiten
Verzeichnungskontrolle
Informationen der Bearbeiter*in
Die Bearbeitung erfolgte in den Monaten Februar und März 2022 durch J. Grosse, M. Schuler und U. Kälin.