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Robert Frank, der epochale Fotograf mit Schweizer Wurzeln, verliess seine Heimat mit 22 Jahren.Dieser Inhalt wurde am 16. September 2005 - 17:49 publiziert
Der Schritt vom Zürcher Tiefenbrunnen zum Times Square in New York hatte enorme biografische und künstlerische Folgen.
Die Schweiz-Erfahrung des jungen Robert Frank nahm 1947 ein abruptes Ende. Der Fotograf, Sohn einer Baslerin und eines deutschen Juden aus Frankfurt, emigrierte in die USA.
Im kleinformatigen Zürich der Nachkriegszeit fotografierte Robert Frank den Traubenverkauf; am Times Square in New York schlug dem jungen Mann das pralle Leben entgegen, aus dem er mit seiner Leica im Lauf der Zeit instinktiv ein traurig-süsses Gedicht in Bildern zog.
Lieber subjektiv statt objektiv
Robert Frank fand Arbeit in New York. Er knipste für Harper's Bazaar. Unterwegs in Peru und Bolivien (1948) schuf er Bilder über das Leben der Indianer; Bilder, deren Intensität auf der Achse der Zeit bis heute zu uns sprechen.
Robert Frank mied das Spektakuläre, ging locker mit der Kamera um, wie er in seinem Tagebuch notierte und er vermied "Korrektes zu machen", richtete die Linse nur auf das, was er subjektiv als "gut" befand.
Misserfolg in der Schweiz-Resonanz in Amerika
Robert Frank ist ein Pendler. 1949 besuchte er auf einer Europareise erneut auch die Schweiz, fotografierte die Landsgemeinde von Hundwil – und blieb auf den Bildern sitzen.
Der emigrierte Aussenseiter lieferte mit seinen Bildabfolgen visuelle Muster und Resonanzen, die von den helvetischen Bildredaktoren jener Zeit nicht verstanden wurden.
Im folgenden Jahrzehnt entwickelt Robert Frank seine nicht imitierbare Fotosprache, fotografierte in Spanien, Frankreich und in England.
Er begab sich mit der Kamera aufs dünne Eis und es gelang ihm, zwar auf der Seite der Poesie zu bleiben, ohne fotografisch in den Kitsch abzugleiten.
In den Jahren 1955/1956 reiste Robert Frank als Stipendiat der Guggenheim-Stiftung durch Amerika, "verschoss" 500 Rollen Film. Dabei machte er im Kalten Krieg in den Eingeweiden der angeschlagenen Supermacht unliebsame Bekanntschaft mit dem McCarthismus:
Der Kalte Krieg in Little Rock
Als er unrasiert mit seinem Ford in Little Rock, Arkansas aufkreuzte, hielten ihn die Polizisten für einen Spion. Er wurde verhaftet, verhört, an den FBI überstellt und nach drei Tagen mangels Beweisen wieder frei gelassen.
Die Reise durch Amerika erwies sich als kreativer Wendepunkt für Robert Frank. Robert Delpire veröffentlichte im Jahr 1958 "Les Americains" in Paris. Ein Jahr später kam diese fotografische Gesamtschau von Amerika aus der Sicht des Aussenseiters auch in den USA als Fotoband (The Americans) auf den Markt. Robert Frank wurde zum Star. Er traf mit seiner visuellen Poesie des täglichen Lebens den (Seh)Nerv seiner Zeit.
Frank nimmt viele Tendenzen vorweg
Frank wandte sich später zeitweilig von der Bildkamera ab, explorierte die Möglichkeiten der bewegten Bilder, schuf Dokumentar- und Fiction-Kino. Der Fotograf mit Schweizer Wurzeln nahm in den sechziger Jahren Entwicklungen in Kunst, Film, Werbung und Video vorweg, welche die achtziger und neunziger Jahre prägten.
Robert Frank hat auch der zeitgenössischen Kontroverse über die Zerstörungskraft der Authentizität durch die manipulativen Möglichkeiten der Digitalfotografie vorgegriffen.
Er spielt virtuos mit der Manipulierbarkeit des Bildes, und hat mit seinem Exkurs in die Bildwelt der Polaroid-Technologie Zeichen gesetzt.
Der Band "Polaroids" von Walker Evans zeigt, wie die Schnellbilder von Robert Frank nicht durch Technik sondern durch das Sehvermögen des Fotografen ihre Resonanz entwickeln.
Kein Prophet im eigenen Land
Fast alles, wofür Robert Frank heute im Universum der Fotografie weltberühmt und bekannt ist, entstand ausserhalb der Schweiz. Damit teilt er ein Schicksal mit einer Reihe weiterer Fotokünstler, die im eigenen Land keine Propheten geworden sind.
Zu ihnen zählten Michael von Graffenried, René Burri, Michel Compte und viele andere.
Erwin Dettling, Zürich
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