Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03440.jsonl.gz/828

Die Schmerzensreiche Jungfrau
Die Schmerzensreiche Jungfrau, die die Karfreitagsprozession abschliesst (nach ihr kommt nur noch die schwarze Flagge der Gemeinde) ist keine echte Statue, sondern eine Kombination aus verschiedenen Teilen: zueinander passende Beine und Rock, die unbearbeitete Büste, an der die Arme und der Kopf befestigt sind, bemalt wie die Hände und die Füsse. Die ganze Figur ist mit einem prunkvollen Mantel aus schwarzer Seide mit Silber- und Goldstickereien bedeckt. Zwei Kleider sind erhalten: die Werktagskleidung, in der die Statue das ganze Jahr über zu sehen ist und die Festkleidung; die heutige - die aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt - wurde anlässlich der zweiten Zweihundertjahrfeier im Jahre 1998 restauriert, wobei die Original-Stickereien aus vergoldetem Garn bewahrt, abgeschnitten und auf das neue Gewand aus schwarzer Seide aufgenäht wurden. Eine ähnliche Massnahme war bereits 1909 durchgeführt worden. Gemäss der traditionellen Bildersprache der Schmerzensreichen Muttergottes ist in ihrer Brust ein vergoldetes Herz zu sehen, das von sieben Schwertern durchbohrt ist, die den Sieben Schmerzen der Muttergottes entsprechen; diese gehen wiederum auf einen Passus aus dem Lukasevangelium zurück ("Und auch dir wird ein Schwert das Herz durchbohren").
Die Statue wird in den Dokumenten erst seit 1747 erwähnt, und erst ab 1775 wurde sie in der Nische aufgestellt, die eigens dafür in der Apsis der Kirche San Giovanni angefertigt wurde (das Datum ist unter dem Vorsprung der Nische selbst ausserhalb des Gebäudes noch erkennbar). Sie wurde auf einer reich verzierten “Trage” an der Prozession mitgeführt; diese stammt sicher aus dem 18. Jahrhundert, da sie in einer Liste aus dem Jahre 1783 zu Werken erwähnt wird, welche Bruder Antonio Maria Baroffio stiftete oder anfertigen liess. An den Ecken sind vier weinende Engel mit den Instrumenten der Passion (Zange und Hammer, Schwamm und Lanze) befestigt. Die grossen Blumensträusse, die immer zu Füssen der Muttergottes auf der Trage angebracht sind, sollen die Batterie für den Scheinwerfer verbergen, der sie während der Prozession erleuchtet.
Die Finger der rechten Hand der Statue sind so geschnitzt, dass es scheint, als würden sie etwas zart drücken; im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde das zarte Seidentaschentuch mit der Ährenkrone, die typisch für die Schmerzensmutter ist, durch sieben Ketten mit sieben Perlen ersetzt, in Erinnerung an ihre sieben Schmerzen. Die heutige besteht aus einer silbernen Filigranarbeit und lässt sich auf das frühe 20. Jahrhundert datieren. Die andere Hand wurde so geschnitzt, dass der Handteller in einer fragenden Geste an Gott nach oben deutet, doch sie wurde in die Vertikale "gedreht", um das Skapulier der Bruderschaft zu halten, zwei rechteckige Stoffstücke mit aufgeklebten Bildern und Stickereien, verbunden durch zwei lange parallele Bänder, um als Schultertuch (scapole = Schultern) getragen zu werden, mit einer Figur auf der Brust und einer auf dem Rücken. Um zu verhindern, dass es während der Prozession zu stark flattert, wurde es beschwert, verkleinert und so umgestaltet, dass beide verzierte Flächen auf einer Seite zu sehen sind.
Im Laufe der Jahre wurden der Statue verschiedene Schmuckstücke gestiftet, die vor allem historischen und als Devotionalien von Wert sind, daher sollen sie so gut wie möglich erhalten werden. Einige wurden umgeändert, um sie der Statue “anziehen” zu können, von der Silberkrone, die auch dazu diente, den Stift zu verbergen, der den schweren Umhang an dem leicht geneigten Kopf hält, bis zu den Armbändern, Ohrringen, Zierspangen und Ketten, die von den Frauen, die den Auftrag hatten, sie anzukleiden, mit viel Bedacht ausgewählt wurden.
Die Sieben Schmerzen der Jungfrau sind: die Prophezeiung des alten Simeon zum Kind Jesus, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, das Verlorengehen des kleinen Jesu im Tempel, die Begegnung von Maria und Jesus auf dem Kreuzwegs, Maria unter dem Kreuz, Maria, die den toten Jesus in den Armen hält und Maria an der Bestattung von Jesus.