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Das Gedankenexperiment
Lisa hat eine neue Freundin, sie heisst Yula und ist vor kurzem von weit her mit ihrer Familie angekommen. Yula spielt am liebsten ein Spiel, das sie Schrumm-Bing nennt und von dem Lisa noch nie etwas gehört hat. Yula möchte mit Lisa Schrumm-Bing spielen und erklärt ihr, wie das Spiel geht. Dazu legt sie einen Haufen Sachen auf dem Boden zusammen, die für Lisa alle ganz verschieden sind und nicht zusammen passen, die Yula aber anscheinend ganz sorgfältig auswählt: blaue Legosteine, eine Zahnbürste, einen Fünf-Liber, viele Wassergläser, eine Handvoll Blumenerde, usw. Nun soll Lisa drei Sachen auswählen, die sie "lopa" findet. Lisa weiss nicht, was "lopa" bedeutet, und wenn Yula es erklären will, verwendet sie noch viele weitere Wörter, ("lopa" ist, wenn etwas "mügübü" kann und für "irigopitsch" taugt), die Lisa aber auch nicht versteht. Lisa sagt deshalb, Yula soll anfangen, und Yula nimmt drei Sachen und sagt: Schau, die sind lopa! Lisa hat keine Ahnung, was die drei Sachen gemeinsam haben könnten, sagt es aber nicht. Dann nimmt sie einfach irgendwelche drei Gegenstände und hält sie Yula hin. Die staunt: "Wow, das hast du ja genial gemacht, das ist ja lopalopa. Du hast gewonnen!" Lisa ist völlig verwirrt, aber sie freut sich, dass Yula sich freut.
Am nächsten Tag spielen sie wieder Schrumm-Bing, diesmal wählt Lisa die Sachen aus, die sie am Boden ausbreitet; diesmal gewinnt Yula, und beide haben sehr viel Spass.
Verstehen sie, was sie spielen? Verstehen sie sich beim Spielen? Verstehen sie ihr Spiel? Verstehen sie sich?
Kommentar von Dr. Carina Pape
Wie so oft in der Philosophie müssen wir zunächst weitere Fragen stellen, bevor wir die Fragen (vielleicht) beantworten können, ob Lisa und Yula verstehen, was sie spielen oder ob sie sich beim Spielen verstehen: Was bedeutet „verstehen“? Was ist ein „Spiel“? Und welche Rolle spielt dabei die Sprache?
Um einander sprachlich verstehen zu können, scheint es notwendig zu sein, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Wer die Regeln der jeweiligen Sprache kennt, kann sie anwenden und mit anderen in „Sprachspielen“ nutzen. Das sind nicht nur Sprachen wie Englisch oder Deutsch, sondern auch Jugend- oder Fachsprachen. Dass Yula Wörter verwendet, die Lisa nicht kennt, scheint das Verstehen zu erschweren oder sogar unmöglich zu machen.
Der Begriff „Sprachspiel“ stammt von Ludwig Wittgenstein. Sprachspiele sind ihm zufolge alle sprachlichen Äußerungen in einem sozialen Kontext, sei es in einer philosophische Diskussion oder in einem Spiel zwischen Kindern wie dem von Lisa und Yula. Sprachspielen liegen bestimmte Regeln zugrunde. So wie die Figuren oder Karten eines Spiels nach bestimmten Regeln benutzt werden, werden auch Begriffe benutzt. Das klingt nun so, als ob wir die meisten Fragen verneinen müssten, da Lisa die Ausdrücke nicht kennt, die die Regeln des Spiels beschreiben. Lisa soll gezielt drei Sachen auswählen, die sie „lopa“ findet, ihr Versuch „lopa“ durch weitere Umschreibungen („mügübü“, „irigopitsch“) oder durch Beobachtung von Yulas Auswahl zu verstehen, scheitert. Sie wählt die Sachen zufällig aus, obwohl die Regel lautet, auszuwählen, was „lopa“ ist. Da es Lisa nicht möglich ist, die Regeln anzuwenden, scheint nicht nur das Sprachspiel zwischen beiden missglückt, sondern auch das Spiel Schrumm-Bing. Es ist ein bisschen so, als würde Yula ein Strategiespiel spielen (Schrumm-Bing), bei dem bewusste Entscheidungen gefällt werden, und Lisa ein Glücksspiel, bei dem allein der Zufall entscheidet.
Nun hat Wittgenstein allerdings auch gezeigt, dass wir uns mitunter auch dann nicht verstehen, wenn wir eine gemeinsame Sprache sprechen. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: manchmal wissen wir selbst nicht, was wir sagen. Wittgenstein macht darauf aufmerksam, dass es gar nicht so einfach ist, allein schon den Begriff „Spiel“ eindeutig zu bestimmen. In § 66 der Philosophischen Untersuchungen vergleicht er verschiedene Spiele miteinander, „Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele“, und kommt zu dem Ergebnis, dass es keine Definition von „Spiel“ gibt, die auf alle zutrifft. Gewinnen und Verlieren, Konkurrenz der Spielenden, Geschick und Glück oder das Element der Unterhaltung treffen ganz unterschiedlich zu. Und offensichtlich kann dasselbe Spiel, zum Beispiel Schach, für eine Person sehr unterhaltsam sein, für eine andere völlig langweilig. Und welche Rolle Geschick und Glück beim Tennisspiel spielen, ist keineswegs eindeutig.
Da stellt sich eine weitere Frage: Verstehen wir eigentlich, was wir selbst sagen, wenn wir von einem „Spiel“ sprechen? Und sprechen wir von derselben Sache, wenn einige von uns Tennis langweilig finden und die anderen äußerst unterhaltsam?
Wenn wir das Spiel Schrumm-Bing aufgrund eines bestimmten einzuhaltenden Regelwerks und als Geschicklichkeitsspiel verstehen, dann können wir die Anfangsfragen verneinen, da Lisa die dafür nötigen Begriffe nicht versteht. Wenn wir aber Schrumm-Bing als Spiel anhand seines Unterhaltungswerts bestimmen, dann können wir die Fragen bejahen, denn Lisa und Yula haben beide Spaß daran. Ob sie sich verstehen, hängt letztlich auch davon ab, wie wir „verstehen“ verstehen – ob auf sprachlicher Ebene (Vokabeln) oder auf sozialer Ebene (Spaß).