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Classement thématique série 1848–1945:
II. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ETATS
II.14 RUSSIE
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Ich beehre mich, Ihnen mein Telegramm von heute (Nr. 51)2 zu bestätigen, mit welchem ich Ihnen von dem Ergebnis meiner Unterredung mit Mr. O’Grady in Kürze Kenntnis gab.
Mr. O’Grady macht einen guten Eindruck. Er ist Irländer von Geburt, und seine Art zu sprechen lässt zeitweise nach irischer Art die gewünschte Klarheit vermissen. Es ist nicht immer leicht zu verstehen, was er sagen will. Immerhin war ich von meiner Unterredung mit ihm befriedigt.
Ich wiederhole hier die in meinem Telegramm bereits angegebenen einzelnen Punkte, die bei der Rapatriierung der Russen in der Schweiz und der Schweizer in Russland ins Auge zu fassen wären:
1. Litvinoff ist damit einverstanden, dass die «gegenseitige Repatriierung» bei der erstmöglichen Gelegenheit in Angriff genommen wird. Irgendwelche Bedingungen kann er jedoch hiebei nicht eingehen. Unter Bedingungen versteht er, soviel ich den Äusserungen O’Grady’s entnommen habe, spezielle Abmachungen betreffend Anzahl und etwa auch Gesinnung der zu Rapatriierenden; ausserdem vielleicht Bedingungen, welche die Soviet-Regierung zu irgendwelchen Vergünstigungen oder Konzessionen, die Schweizern oder schweizerischen Interessen zugestanden werden könnten, verpflichten sollten. Hiedurch will Litvinoff, wie es scheint, hauptsächlich gewisse Einwirkungen der Entente auf die schweizerische Regierung vermeiden; er scheint nämlich den Verdacht zu haben, dass der Oberste Rat auf die schweizerische Regierung einwirken könnte, um in Verbindung mit der Rapatriierung der russischen Soviets gewisse Konzessionen zu erzwingen. Eine solche Befürchtung ist natürlich ganz unbegründet.
2. Die gegenseitige Rapatriierung würde in beiden Ländern zu gleicher Zeit beginnen. Die Schweizer würden von Russland abreisen können, sobald die russische Regierung den Beweis hat, dass den Russen in der Schweiz keinerlei Schwierigkeiten und alle wünschbaren Erleichterungen gemacht werden. Am ehesten werden die Russen von der Schweiz aus in einen belgischen oder holländischen Hafen transportiert, von wo aus sie nach Russland zurückkehren. Da die Belgier und Holländer mit den Soviets ein gleiches Abkommen treffen wie wir, so könnten wir uns eventuell mit den einen oder den anderen in Verbindung setzen, um gemeinsame Rücktransporte der Russen zu bewerkstelligen.
Wie bereits gemeldet, übernimmt die englische Regierung gerne die Aufgabe, die Auswechselung per Meer nach Kräften zu erleichtern, das heisst, wenn ihre Mitwirkung erwünscht und von Nutzen ist. Wenn wir uns also mit den Belgiern oder Holländern verständigen können, ohne dass eine Mithilfe für den Transport von England nötig erscheint, so ist man hier gerne bereit, auf eine solche Mitwirkung zu verzichten.
3. Die Schweizer würden via Finnland und wahrscheinlich Schweden und Dänemark, oder Dänemark direkt je nachdem, zurücktransportiert werden. O’Grady nimmt an, dass sich die schweizerische Regierung in diesem Falle wohl am besten mit der dänischen Regierung verständigt, da ein Rücktransport via Kopenhagen wahrscheinlich das Einfachste sein wird. Die Russen ihrerseits werden auf der Heimreise nicht durch Finnland passieren, da die finnische Regierung dagegen Einwendung erhebt, sondern sie werden im baltischen Meere irgendwo an der russischen Küste ausgeschifft werden und von dort ins Innere des Landes weiter transportiert.
4. Mr. O’Grady sprach mir von einer Nahrungsmittel-, Kleider- und Medikamentensendung. Die anderen Länder, wie Italien, Belgien, Holland, auch England, senden, wie es scheint, diese Produkte an ihre Landsleute in Russland, um deren nötigsten Bedarf zu decken. Diese sämtlichen Sendungen sollen zusammen verladen und nach Russland verbracht werden. Nun ist aber bis zur Abreise O’Grady’s von Kopenhagen (ungefähr 20. Februar) eine solche Sendung von der Schweiz nicht eingetroffen, was, wie er sagte, unseren Konsul beunruhigt. Ob das Schiff, das diese Sendung nach Russland verbringen soll, die schweizerische Sendung abwartet oder ob eine solche Sendung von uns überhaupt in Aussicht genommen ist, ist mir nicht bekannt. Zu bemerken ist, dass Litvinoff die Erlaubnis erhalten hat, für seine eigenen Leute einen ebenso grossen Betrag an gleichartigen Produkten einzuführen. Wenn also die obengenannten Länder ihre Kollektivsendung abschliessen, so muss dem Herrn Litvinoff die Tonnenzahl der Sendung mitgeteilt werden, damit er seine eigene Sendung darnach einrichten kann. Unser Konsul in Kopenhagen sollte also, wenn eine schweizerische Sendung in Aussicht genommen oder bereits abgegangen ist, in die Lage versetzt werden, von dem Umfang dieser Sendung gegebenenorts Kenntnis zu geben.
5. Mr. O’Grady meint, dass unter allen Umständen die britischen Staatsangehörigen Russland zuerst verlassen werden. Eine Ordnung für die übrigen Länder ist nicht in Aussicht genommen. Diejenigen, die am ersten bereit sind, werden, soviel ich verstehen konnte, am ersten abreisen. Laut der mir gewordenen Auskunft, werden die Engländer den Transport ihrer Leute mit Umsicht und in praktischster Weise organisieren. Die nachfolgenden Transporte unserer Schweizer könne dann von den bereits getroffenen Anordnungen profitieren und die schon vorhandene Organisation benützen.
Über seine Verhandlungen sprach sich O’Grady mit grosser Befriedigung aus und scheint davon überzeugt zu sein, dass er seine Sache sehr gut gemacht hat. Ich glaubte richtig zu tun, ihm meinen Dank dafür auszusprechen, dass er sich auch für unsere Landsleute verwendet hatte. Von Litvinoff sagt O’Grady, dass er anfangs sozusagen unnahbar gewesen sei und dass er das grösste Misstrauen gegen alles, was irgendwie mit einer westlichen Regierung in Zusammenhang steht, gezeigt hat. Jedoch gelang es O’Grady, ihn zu überzeugen, dass die Verhandlungen erst gemeint seien, und bei Abschluss habe er den Eindruck gehabt, dass mit den Leuten erfolgreiche Besprechungen nicht ausgeschlossen sind, wenn man sie richtig angreift. O’Grady ist kein Bolschewiki; er ist ein normaler Sozialist, weder gemässigt noch extrem. Einige Leute behaupten, er sei selber englischerseits nicht die ausschlaggebende Persönlichkeit gewesen, sondern dass diese Rolle einem gewissen Herrn Nathan, Jude, zugefallen sei, der wegen seiner mehr extremen Tendenz es für gut gehalten habe, sich etwas hinter O’Grady zu verstecken. O’Grady hält die neu eingeleitete Politik gegenüber Russland, welche die Möglichkeit der Wiedereröffnung von Handelsverbindungen in Aussicht stellt, für geeignet, weniger verzweifelte Verhältnisse herbeizuführen und mit der Zeit die Lage in Russland wieder erträglich zu gestalten. Er sagt, er sei sicher, dass, wenn die englische Regierung ihm gestatten würde, weiterhin mit Litvinoff zu verhandeln, er ohne Zweifel nützliche Arbeit leisten könnte. Ob dies jedoch in der Absicht der Regierung liegt, weiss er vorläufig nicht. Nach seiner Meinung ist die Ansicht des höchsten Rates, Russland durch die Möglichkeit einer ökonomischen Hilfe wieder lebensfähig zu machen, richtig. Sobald sich Russland wieder auf eine gewisse Stufe der «Zivilisation» wird heraufgearbeitet haben, so wird es auch möglich sein, nach und nach normale Beziehungen mit ihm in Gang zu bringen. Es wird sich dann auch eine Form der innern Verwaltung Russlands von selbst herausbilden, die es den anderen Regierungen ermöglichen wird, das Land wieder in die Gemeinschaft der Völker einzulassen.
Von der Mentalität der jetzigen Diktatoren des russischen Reiches sprechend, hob O’Grady immer wieder hervor, dass sie ihr tiefeingewürzeltes Misstrauen gegenüber Westeuropa nicht verbergen können. Übrigens scheint er sich im Klaren darüber zu sein, dass diese jüdischen Diktatoren keine aufrichtigen Leute sind und in der Wahl ihrer Mittel keine Skrupel haben. Ich verhehlte nicht, dass auch wir mit der in die Schweiz eingelassenen Soviet-Mission meist schlechte Erfahrungen gemacht haben. [...]3
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