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Autopoiesis, Unjekte und konditionierte Co-Produktion
Soziale und psychische Systeme, so der Lehrsatz, sind autopoietische Systeme. Der Lehrsatz verschweigt, dass Systeme keine Objekte sind, denen Eigenschaften angesonnen werden können. Sie sind keine aristotelischen Substanzen, sie sind auch nicht Subjekte, die als Objekte von anderen Subjekten beobachtet werden können, die selbst Objekte für andere Beobachtungsobjekte sind. Sie sind weder Subjekte noch Objekte, sie sind ein WederNoch. Man könnte sie Un-jekte nennen und würde sich damit nicht im mindesten von einer Systemtheorie entfernen, die das System von allem Anfang an (und wieder in der Bielefelder Schule) als Differenz bestimmt:.
Das System ist die System/Umwelt-Differenz. Es lässt sich deshalb formal bezeichnen durch den Schied, die Barre, das “/“ des Unter-schieds, und eine der wesentlichen Folgen dieser Annahme war und ist, dass keine Systemreferenz durchgehalten werden kann, die das System als Objekt begreift, aber auch keine Referenz, die die Umwelt als weiteres Objekt nimmt oder Systeme in Umwelt nun als weitere Objekte, die sich auf ein Subjektssystem beziehen.
Die Anweisung ist streng: Nimm das System als Differenz, bezeichne den Unterschied des Systems, und kalkuliere ein dass du dann in die Probleme nicht-aristotelischer Logik und in die Probleme nicht-cartesischer Arrangement gerätst. Die Anweisung ist ferner, dass die Beobachtung solcher Arrangements von Beobachtern durchgeführt wird,die sich selbst fixieren müssen als ein Arrangement desselben Typs, was bedeutet, dass die Beobachtung in einer Sprache stattfindet, die ein technisiertes Medium ist, mithin eine cartesische Simplifikation.
Wir entnehmen diesem vertrackten Verhältnis die Einsicht, dass auch Autopoiesis an die ökologische Differenz gebunden, also alles andere als eine Eigenschaft des psychischen oder des sozialen Systems ist. Sie kann nichts anderes sein als konditionierte Co-Produktion.
Sie ist in gewisser Weise janus-förmig, oder auch: Sie ist wie das System selbst keine Einseitenform. Daraus folgt selbstverständlich auch, dass Autopoiesis so wenig wie das System (oder irgendein Phänomen, das in diesem Kontext diskutiert werden könnte) ein Objekt ist, und dies bedeutet definitiv, dass sie wie die anderen Un-jekte (System, strukturelle Koppelung, Umwelt etc.) sich empirischer Direktbeobachtung entzieht.
Weder das System noch die Umwelt, weder strukturelle Kopplung noch Autopoiesis selbst sind – Gegenstände. Sie sind aber auch keine Artefakte (denn auch dann wären sie Objekte gleichsam zweiter Ordnung), sie sind, strictissime, arbeitende Unterschiede, beobachtet durch einen Unterscheider, der gleichfalls nur als arbeitender Unterschied, als betriebene Differenz konzipiert ist.
Die Besonderheit dieses Betreibens, dieser Arbeit ist offenbar, dass sie sich im Medium Sinn vollzieht, in der, wie man vielleicht sagen könnte, Projektivität von Sinn, in der Projektion von Oberflächen. Sie führen immer Sichten vor und nicht Nicht-Sichten, sie zeigen etwas, sie bedeuten etwas im Webewerk von Sinnverweisungen, sie besagen etwas für etwas.
Für einen Beobachter heißt das: ihm begegnen Systeme (und er sich selbst ebenfalls) immer nur als Konnexität von Projektionen, als Sinnverweisungsschläge, die auf Sinnverweisungsschläge verweisen – und nie als Nicht-Sinn oder Nicht-Bedeutung. Der Sinn verdeckt dabei seine Operation, nicht den Projektor. Und da sind für Sinnsysteme ein universales (nicht negierensbares) Medium ist, fehlt es an der Möglichkeit, ein Dahinter des Sinns, einen Nichtsinn zu kommunizieren bzw.zu erleben.
Boe: Webewerk - Gewirk - wirken: tätig sein, nützlich sein; etwas schaffen, vollbringen, machen, herstellen, produzieren; sich einsetzen, sich engagieren, siehe Einsatz, Engagement, Einfluss haben oder ausüben, eine Wirkung abgeben oder erzeugen, Wirksamkeit besitzen, eine Wirkung haben, jemanden beeindrucken.
Nichts hindert mithin daran, das System (diese Differenz) als die konditionierte Co-Produktion von Projektionen aufzufassen, deren Verkettung (chaining) in irgendeiner Form Beobachter generiert, die aus der Analyse nicht wegzudenken sind, weil Sinn als Medium jemanden/etwas voraussetzt, der dem Medium Formen abgewinnt: als Epiphanien eines bestimmten (und sofort wieder auflösbaren) Sinns. Diese Beobachter nutzen Sinn, sie sind in genauen Sinn randvoll mit Sinn aufgefüllt. Sie haben keinen Spalt, durch den ohne Sinn auf Nicht-Sinn geblickt werden könnte. Nur aus den Augenwinkeln können sie in der Weise (hoch kommentarbedürftigen Sinnes) die Möglichkeit von Nicht-Sinn in der Form von Sinn andeuten. Solche Beobachter sind eingerichtet im Hause der Bedeutung, der Projektion. Sie sind Sinnverkettungsmaschinen.
Peter Fuchs