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Mannequins im „Fachwerk der Kosmetik“, Eigenproduktionen aus den Schattenwirtschaften russischer Datschen im „Wolgograd Photo Index“ und Lagerbestände aus Kölner Geschäften in „Afroshop Input“, das sind drei divergierende Sujets aus den Werkgruppen des Fotografen Achim Riechers. Die Vielfalt der Sujets wird durch eine direkte und zugleich empfindliche Neugier für die Welt vor der Kamera getragen. Sie zeichnet Riechers Werk künstlerisch aus. In theoretischer Sicht begreife ich das fotografische Schaffen als eine Aneignung und Erweiterung historischer schriftstellerischer Vorbilder im Medienwechsel vom Text zur Fotografie. Als literarische Vorbilder zu nennen sind die Reisebeschreibungen Cooks, Forsters und Humboldts im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert und die ethnopoetischen Forschungen Hubert Fichtes im zwanzigsten Jahrhundert. Während bei den Erstgenannten die empirische Erfassung der Lebewesen der neuen Welten im Vordergrund steht, werden die Seelenlandschaften der Einwohner der Neuen Welt, ihre Riten und deren Symbole von Hubert Fichte in den Vordergrund gestellt und kontrastiv zu Erfahrungen in der ersten Welt montiert. Riechers macht sich diese Tradition als ein Fotograf zu eigen, der die Veränderungen der Bewusstseinsformen im Zeitalter des globalen Turbokapitalismus, in dem sich alte und neue Welten diskrepant durchdringen, erforscht. Er protokolliert in den Indizes visuell die hybride Zeichenflora, wie sie sich zum Beispiel zwischen den Indizien des Putinismus und einer Ikone aus der amerikanischen Traumfabrik auf den Märkten von Wolgograd bildet. Di Caprios Konterfeit taucht auf einem verschlossenen Marktstand auf, den Menschen unterhalten, die wochentags in selbstgebauten Hütten übernachten, um die Ernte in den Vorstadtgebieten, mit der sie sich ein zusätzliches Auskommen erwirtschaften, vor Plünderern zu bewachen. Das wirtschaftliche Agieren in den Nischen der Datschenkultur fängt Riechers mit dem Blick für global bedingte Konstraste ein, und zwar im Kontrast mit dem Portrait eines Schauspielers aus einer Welt, in der Stars Gagen in der Höhe der Bruttoinlandsprodukte kleinerer Staaten erhalten. Die Widersprüche der Globalisierung schaffen Konstellationen zwischen Menschen und ihren Zeichen, die einen so unübersichtlichen Dschungel bilden, dass Anleihen an naturwissenschaftlichen Praktiken notwendig sind. Riechers folgt deren methodischer Einsicht, dass die empirische Aufnahme und Verzeichnung des Neuen der theoretischen Verallgemeinerung und Systematik vorangehen muss. Deshalb legt der Künstler Indizes an. Er hütet sich davor, erzählend oder analytisch Zusammenhänge zu konstruieren, solange die empirische Aufgabe reich an neuen Formen und Widersprüchen ist, die erst einmal aufgenommen werden müssen.
Riechers künstlerische Einstellung hat besondere Stärken für die Lehre und Praxis in Studiengängen der Neuen Medien oder des Kommunikationsdesign, die künstlerischen und gestalterischen Ausdruck als Faktoren in einem gesellschaftlichen Prozess verstehen und vermitteln. Der Fotograf Riechers widmet sich den Menschen und den Dingen vor der Kamera, er benutzt in seinen Recherchen das Fremde nicht, um sein Selbst zu stilisieren. Das ist ein zentraler Unterschied zu der ethnopoetischen Konstruktion des Schriftstellers Hubert Fichte, der sich als Spiegel der Welt inszeniert. Riechers kann auf selbstbezügliche Konstruktionen verzichten. Er lenkt seine Energien auf die Welt vor der Kamera, indem er die Kommunikation mit den Menschen, ihren Objekten und Produktionen vor der Linse als Projekt versteht. In den Gegenden, die Riechers forschend durchstreift, sammelt er nicht nur, nimmt nicht nur Bilder von den anderen, sondern organisiert Workshops und Ausstellungen mit den Arbeiten der Menschen. Bei ihm erhalten lokale Zeichenproduzenten Unterrichtung und Aufmerksamkeit.
Riechers künstlerische Recherche und seine pädagogische Erfahrung bekennen sich damit konsequent zur Ethik des Dialogs. Das qualifiziert Riechers künstlerisch und pädagogisch besonders. Er begreift die Fotografie als Möglichkeit, die erlernten und studierten Werte des Subjektiven intersubjektiv-dialogisch im Sinne Vilém Flussers zu erweitern und zu vermitteln. Der Theoretiker der Neuen Medien Vilém Flusser räumte der Fotografie die Funktion der Pioniertechnik im gesamtgesellschaftlichen Prozess der Digitalisierung ein. Im Umbruch sind für ihn Vorstellungen von Kunst und Wissenschaft, davon ist auch die Relation von schöpferischen Subjekt und seinem Objekt betroffen. Das Werk von Achim Riechers verleiht Flusser Plausibilität und lässt die Folgen von dessen Thesen für die Praxis der Lehre und künstlerischen Forschung facettenreich erscheinen. Riechers ist ein Fotograf, dem es vorrangig um die Kommunikation der von ihm beobachteten schöpferischen Geste in sozialen Interaktionen zwischen Mensch, Technik und Wirtschaft geht.
Nils Röller
Siehe auch: Tuxamoon