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Geboren 13.5.1925
Priesterweihe 29.3.1953
Südrhodesien (Simbabwe): Seelsorger und Betreuer von
Primarschulen: Zvishavane, Silveira, Mukaro 1956-1963
Seelsorger und Leiter von Missionsstationen:
Chiredzi, Moyo, Musande, Matibi, Zhombe 1964-1990
Immensee: Kontaktperson
zu Gönnerinnen und Gönnern 1990-1999
Kronbühl SG: Seelsorger 1999-2002
Immensee: Seelsorger 2003-2017
Verstorben 31.3.2017
«Der Eifer für Dein Haus hat mich verzehrt.» (Ps 69,10)
Das Bild, das vielen von uns im Gedächtnis bleiben wird vom verstorbenen Mitbruder Josef Keller ist: Er springt, schwarz gekleidet, mit 91 Jahren über den Hartplatz beim Gymnasium, den geschlossenen Regenschirm hochgerichtet in der Hand wie ein Stecken. Noch will er den Bus erreichen, fuchtelt mit dem Regenschirm und hofft, der Buschauffeur werde ihn noch sehen. Und so ist es. In letzter Sekunde erreicht er den Bus und dankt dem freundlichen Chauffeur. Josef auf Trab, irgendwohin auf eine Aushilfe, zu einem Krankenbesuch oder zu einer Familienfeier. Der Unermüdliche, mit Energie geladen bis ins hohe Alter.
Josef Keller wurde am Fatimatag, 13. Mai 1925 in Reussbühl geboren. Diesen speziellen Marientag erwähnte er sehr gerne. Er studierte an den Gymnasien Disentis und Immensee. 1953 wurde er zum Priester und Missionar geweiht und für den missionarischen Einsatz in Südrhodesien/Simbabwe bestimmt. Zuvor aber war er für zwei Jahre in der Schule in Rebstein tätig.
Josef entstammte aus einer sieben-köpfigen Sakristanen-Familie, und seine körperliche Gradlinigkeit erbte er von seinem Vater.
1955 kam der grosse Tag für ihn. Die Ausreise nach Südrhodesien/Simbabwe. Wie glücklich war sein Herz. Endlich nach Afrika. Schnell lernte er Shona und konnte bald in die Pastoralarbeit einsteigen. Seine Wirkungsplätze sind das städtische Zvishavane, dann Silveira, Mukaro, dann 11 Jahre Chiredzi im Lowveld, eine Pfarrei mit Schwarzen und Weissen, dann Moyo Musande, Matibi und Zhombe. Meistens war er Leiter dieser Missions-Stationen. 35 Jahre lang durfte er als Seelsorger, Missionar und Schulhausbaumeister dem Volk der Vakaranga und Amandabele dienen.
Wie haben die Mitbrüder in Zimbabwe Josef Keller erlebt?
Markus Isenegger gibt uns jetzt einen Einblick, wie er als Neuling Josef in Chiredzi erfahren hat. Er war drei Jahre lang mit ihm zusammen.
«Wenn in Südostafrika die Regenzeit beginnt, kann es heftig schütten. Die Erde quillt und wird teig. Auf den Naturstrassen verkehren kaum noch Fahrzeuge, die Bauern sind am Pflügen und Säen. An jenem Abend waren zwei Mitbrüder mit mir im Distrikthauptort Chiredzi (Rhodesien) beisammen. Draussen strömte es kräftig.
Mitbruder Toni Wey nahm das Buch von der Heiligen Theresia hervor, er hatte es schon seit langem lesen wollen. Nicht so Josef Keller, der um etliche Dienstjahre älter war. Ihn lockte nachts der Regen. Keller begeisterte mich – Neuling, wie ich war – wir bestiegen den Toyota. Joe wusste, an welchen Stellen die in Ortsnähe geteerten Ausfallstrassen überschwemmt sein würden. Wir fuhren gegen Süden, schon nach wenigen Kilometern gerieten wir in eine Delle, mit Wasser gefüllt. Keller mass mit dem Scheinwerfer und probierte: «Knöcheltief. Lasst uns nordwärts fahren zum Mukwasine-River!» Er meinte die betonierte Furt im Fluss. Ich machte grosse Augen. Dort angekommen, fuhr er behutsam die Böschung hinunter zur Betonrampe. Kaum war die Stossstange im Wasser, begann die Strömung an den Kotflügeln zu ruckeln. Mir schoss die Angst in die Brust. «Vielleicht noch zehn Zentimeter», sagte er; doch dann schlug er den Rückwärtsgang ein. Der Motor hustete. Wir zockelten noch fünfzehn Meter, und der Motor soff ab. Nacht und Regen. Mir war halbübel zwischen Unsinn und Faszination. «Jetzt mit Karacho zu Fuss auf das Ortszentrum zu!» Die beleuchtete Bierhalle… Als wir am Pfarrhaus ankamen, nass wie Ratten, war Toni noch am Lesen. Er wollte unsere Eskapaden kaum anhören, schluckte leer, versorgte das Buch und ging zu Bett.
Am Morgen musste der Toyota abgeschleppt werden und zwei Tage lang in der Shell-Garage zur Reparatur bleiben.
Wenn diese Schilderung vielleicht nicht bis ins Detail stimmt – es sind 45 Jahre her – zeigt sie doch die Stimmung, in der ich Joe Keller erlebte. Er war mein Lehrmeister während meines ersten, längeren Aufenthalts, ich sein Lehrling. Aus der Toyota-Episode greife ich jetzt einige Akzente heraus.
Joe lebte im Hier und Jetzt. Um ihn herum wurde mir nie langweilig. Es war immer etwas los. Er ging stets in Kontakt mit dem, was gerade passiert, war stets auf Achse oder im Sattel. Er besass ein Pferd von einem befreundeten Farmer, reiten konnte er bereits seit der Rekrutenschule, er war in der Kavallerie gewesen. In Chiredzi – ob beritten oder motorisiert – war er unterwegs, hielt an, sprach mit den Leuten.
Planen war kaum seine Stärke. Reflexionen und gescheite Bücher lagen ihm nicht. Er feierte viele Messen im Zentrum Chiredzi und rundum auf Aussenstationen im Zuckerrohrgebiet. Er predigte. Den theologischen Rucksack hatte er im Seminar Schöneck Beckenried gepackt, das war noch vor dem Konzil. Diesen Rucksack packte er später nicht mehr um.
Der erzieherische Eifer. Er dachte viel für andere. Joe war aufmerksam, ein guter Beobachter. Tierliebend war er. Ihm eignete das Flair für das Erziehen von Hunden, Katzen, bösen Buben, kleinen und grossen. Er konnte jähzornig sein. Ob seinen Erziehungen wage ich gar, ihm einen leichten Zug ins Sadistische zu unterstellen. Zumindest, wenn ich an jene Regennacht und an meine Ängste als Lehrling denke.
Keller war mutig. In der tiefschwarzen Nacht ausrücken, das entsprach ihm. Aber darüber hinaus beeindruckte er mich durch Zivilcourage. Er lebte ja in einem Gebiet mit gemischtrassiger Bevölkerung. Schwarze und Weisse kamen an denselben Postschalter, zahlten auf derselben Bank ein, benutzten dieselben Geschäfte. Dabei passierten tägliche Beleidigungen seitens der Weissen. Keller war hellhörig, wenn ihm so etwas widerfuhr, scheute er sich nicht, die Europäer zurechtzuweisen, selbst wenn er mit ihnen befreundet war.
Der populäre Mann. Keller war bereits in Chiredzi gewesen, als es erst bloss eine Häuserzeile an der Landstrasse gab. Allmählich wurde diese Region Lowveld agro-industriell erschlossen. Entsprechend kannte Joe Keller die Neuzuzüger, er kannte die meisten Weissen im Südosten. Und gewiss war er fast allen Schwarzen im Lowveld bekannt. Einst sagte mir ein Schulinspektor, der gewiss selbst weit herumgekommen war: «These days, Fr. Keller might be considered the most popular man of the Lowveld.»
1990 rief der damalige Generalrat Josef in die Schweiz zurück für das Kontaktteam. Seine neue Aufgabe bestand darin, Gönnerinnen und Gönner der Missionsgesellschaft zu besuchen. Seine Begabung, Kontakte zu schaffen, erleichterte ihm diese Tätigkeit sehr.
Neun Jahre verrichtete er diesen Dienst, verbunden mit sehr vielen Aushilfen in Pfarreien und privaten Gottesdiensten. Drei Jahre gehörte er auch zum Pfarreiteam von Kronbühl, Wittenbach und besuchte auch dort die Spender/innen in der Ostschweiz.
Wie haben die Leute Josef in seiner Tätigkeit hier in der Schweiz erlebt?
Josef war charmant, lebensfroh, spontan, verteilte gern Komplimente. Er sang gerne, schenkte vielen aufmunternde Worte, gab vielen Trost.
Er pflegte ein inneres Feuer für Simbabwe, erzählte viel von Afrika, Heiteres und Schlimmes. Von seinen Erlebnissen erzählte er noch letztes Jahr am 16. Oktober im «Radio Maria». In diesem Interview legte er ein Zeugnis ab, wie er den Schutz Gottes erlebte, mitten im Befreiungskrieg und wie die einfache Bevölkerung sich um sein Leben sorgte. Er sammelte viele Gaben für die Schwestern in Maria Chiedza und für das Kinderheim in Driefontein.
Josef war beharrlich und draufgängerisch. Was er im Kopf hatte, das musste durch. Hartnäckig bis verbissen kämpfte er dafür.
Als Seelsorger konnte er sehr einfühlsam sein und verständnisvoll: als Beichtvater, hier im Haus oder in Baldegg, am Achten jeden Monats war er auch Pilger- und Wallfahrtspfarrer oder gläubiger Beter bei Sterbebegleitung. Viele schätzten ihn gerade deswegen sehr.
Josef war ein pflichtbewusster Mensch, was die Vorgesetzten befahlen, war für ihn fast göttlicher Befehl. Viel Schalk und Fröhlichkeit strahlte er aus. Zeit seines Lebens blieb er einer der vier Keller-Lausbuben von Reussbühl. Mit seiner Familie pflegte er lebenslang guten Kontakt, taufte Kinder seiner Verwandten und verheiratete sie, besuchte Kranke, hat Verstorbene beerdigt. So auch seinen Bruder Alphons am 11. Februar dieses Jahres.
Von seiner Herkunft und der Missionsarbeit her war er geprägt, mit bescheidenen Mitteln auszukommen. Alles hat er aufbewahrt in seinem Zimmer, was man noch gebrauchen könnte, hunderte von alten Couverts und das Pfarrblatt von Reussbühl bis Jahrzehnte zurück.
Zunehmend spürte er die 90 Jahre: Er hatte grosse Mühe, die gesundheitlichen Einschränkungen anzunehmen. Seine Freiheitsliebe kannte kaum Grenzen, obwohl er immer mehr unsicher ging, weniger sah und hörte. Oft ist er auf eigene Faust abgehauen, hatte mehrere Stürze; einmal lag er sogar in Meggen zwischen Bahngeleise und Mauer, weil er einen abfahrenden Zug aufhalten wollte; aber seine Schutzengel bewahrten ihn.
Manchmal hatten wir den Eindruck, Josef stand unter Druck des Pauluswortes: «Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.» (1 Kor 9,16)
Vielleicht erklärt das seinen unglaublichen pastoralen Eifer und seine grosse Korrespondenz und die vielen Telefonate. In den letzten Wochen schwanden zusehends seine Kräfte; er hatte Schmerzen, Fieber, konnte nicht mehr essen und trinken. Seine letzten Worte waren: «Hei gaa!»
Wir danken Josef für all das, was er uns menschlich und geistlich geschenkt hat. Ausgereift durfte er zum Schöpfer des Lebens zurückkehren. Möge er ihm seinen Einsatz als Priester und Missionar reichlich belohnen und ihm die österliche Freude schenken.
Und wir sagen: «Ciao Joe, you are the most popular man of the Lowveld.»
Josef Christen mit Markus Isenegger