Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03347.jsonl.gz/1209

t = 06:09:47 vmax = 42,80 km/h
Gegen 7:00 wurde ich munter und stand auf. Hier ein Auszug aus dem Tagebuch:
"Die als Tarp-Befestigung genutzten zwei roten Taschen und eine gelbe wurden in der Nacht gestohlen, des weiteren die Lenkertasche mit GPS-Logger(!) zum Kotzen!
Ich besitze noch: Weste, Regenjacke, Poly-T-Shirt & Unterhose [und Radlerhose]. Schlafsack, Isomatte, Unterlegplane, Tarp. Moskitonetz, Wasch- und Medizintasche. Fahrradgarage, Brot & Geselchtes aus Österreich. Tupperbüchse, eine gelbe [Pack]Tasche und den Packsack. Digicam, Beutel mit Äpfeln, Handtuch, Brustbeutel [mit Geld] Was ich am meisten vermissen werde: Portemonnaie [es waren nur ein paar Euromünzen, ätsch] mit EC-Karte; Akkus, [Speicher]Karten & Ladegeräte für Kamera; Werkzeug!; die Kleidung; Sonnenbrille"
Vorteile: Fahrrad leichter, keine Suche mehr nach einer Post. Gestern stand ich 17:54 vor einer Filiale in Hainburg, von der ein Gastwirt meinte, sie habe bis 18:00 geöffnet - das war aber nur bis 17:30 der Fall. Ich wollte außer dem abgebrochenen Fahrradständer die nicht mehr benötigten Karten und einige andere Sachen an mich verschicken.
Nach dem morgendlichen Schock klapperte ich die Kieswege ringsum ab in der Hoffnung, dass die Deppen die Sachen durchwühlt und als das erkannt hatten, was es für sie war: nutzloser Plunder. Es war aber nichts zu finden. Von einem Angler erbat ich mir ein paar Schluck zu Trinken - in der gestohlenen gelben Tasche war mein letztes Wasser. Ich fuhr noch einmal nach Cunovo, das ich gestern auf der Suche nach einem Schlafplatz zweimal durchquert hatte.
Hier sprach ich einen Mann an, der auf seinem Grundstück arbeitete. Er holte seine Mutter, mit der ich mich auf deutsch verständigen konnte und der ich mein Problem schilderte. Natürlich konnten sie mir nicht helfen, indem sie meine Sachen wiederbeschafften, aber ich hatte jemanden, dem ich mein Herz ausschütten konnte. Sie sagten, wenn ich zur Polizei gehen wolle, müsse ich zurück nach Bratislava fahren (13km). Ich bedankte und verabschiedete mich, während ich überlegte, ob ich zur Polizei oder weiter fahren sollte. Darüber vergaß ich ganz, dass ich kein Wasser mehr hatte, also fuhr ich zurück und bat darum, meine Flaschen aufzufüllen.
Diesmal dauerte es etwas länger: Der Mann rief eine Freundin von der Polizei an, die an ihrem PC eine Landkarte ausdruckte und vorbeibrachte, mit der ich zum zuständigen Pressburger Polizeirevier finden sollte. Als ich sagte, dass es mir am liebsten wäre, wenn ich meine Sachen zurück bekäme, meinte der Mann: "Keine Chance" - ich dachte genauso. Also fuhr ich weiter donauabwärts - wozu noch mehr Zeit sinnlos vergeuden? Ich hoffte, dass mir die hilfsbereiten Leute nicht böse wären wenn sie erführen, dass ich doch nicht zur Pressburger Polizei gefahren war.
Nachdem ich einige Kilometer rechts des Wassers geradelt war, kamen mir Zweifel, ob ich mich überhaupt auf der richtigen Seite der Donau befand- hier müsste doch bald Ungarn beginnen..? Eine Karte für die Gegend besaß ich ja nicht mehr. Ich kehrte um, denn sicher ist sicher, man sollte ja nicht aus purem Stolz weiterfahren, bis es nicht mehr weiter geht. Bei dem Museum am Anfang der Schüttinsel überzeugte ich mich nochmals, dass hier keine Möglichkeit bestand, das andere Ufer zu erreichen. Also fuhr ich wieder in die richtige Richtung.
Es war sengend heiß, die Luft flirrte auf dem Weg, die Sonne gleißte unerträglich und brannte auf der Haut. Ich versuchte, aus dem Handtuch einen Sonnenschutz für die Arme zu basteln, aber es war nicht groß genug. Dann zog ich das Regencape über und rollte es im Rücken hoch, damit ich nicht zu sehr schwitzte. Als Sonnenschutz funktionierte es ganz gut; ich hatte es die folgenden Tage noch öfter auf diese Art in Gebrauch. Notiz an mich selbst: Auch im heißesten Sommer luftige langärmelige helle Kleidung mitführen - und nicht klauen lassen. Während einer kleinen Pause telefonierte ich mit meiner Bank, um die EC- und Kreditkarte sperren zu lasen. Nach etwa 40 Kilometern machte ich Rast und ein Nickerchen auf einem schönen Rastplatz im Schatten eines Schutzdaches. Der Platz lag am Ostufer der Donau vor einer Schleusenanlage mit Brücke bei Gabčíkovo.
Im Halbschlaf vernahm ich, dass ein paar Leute mit Fahrrädern ankamen, jemand redete mit lauter Stimme, eine Frauenstimme sagte "Scht" - sie hatte mich wohl entdeckt. Es waren Helena, Francois und Gerard, die mit zwei Liegerädern reisten. Auf den Wimpeln an ihren Fahrrädern stand "Paris-Istanbul". Ich erzählte - natürlich auch vom Pech letzter Nacht, wir schauten uns die Strecke auf ihren Landkarten an; sie besaßen ebenfalls den bikeline-Führer. Wir hatten praktisch den gleichen Weg, sie planten aber, ungefähr am 10.08. in Istanbul zu sein und hatten sich Tagesetappen von 100 km vorgenommen. Aus dem bikeline Teil III fotografierte ich die Übersichtskarten bis Budapest ab - besser als gar keine Karte. Freundlicherweise luden sie mich zum Mittagessen ein, was ich gern annahm. Es gab Uncle Bens Reis mit einer Soße und Brot, zubereitet auf ihrem Campingkocher. Zum Nachtisch aßen wir Bananen mit Brot und Valdivia Ulmo-Honig, den ich von daheim mitgebracht hatte und der allen schmeckte.
Nach dem kurzen Abschied ging es weiter. Auf der Schleuse füllte ich meine Wasserflaschen in einer öffentlichen Toilette auf, feuchtete meinen "Hut" ordentlich an (hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren) und organisierte eine halbe Rolle Toilettenpapier. Davon besaß ich auch nichts mehr, am Morgen hatte ich es bereits sehr vermisst. In der nahe gelegenen Stadt Gabčíkovo wollte ich mir wieder Lebensmittel besorgen und zur Polizei gehen - letzteres eher aus Neugierde.
Den Wegweisern Richtung Polizei folgend, fuhr ich zweimal an dieser vorbei, ohne es zu merken und ging erst einmal Geld wechseln. Den Weg zur Bank erfragte ich bei einem englisch radebrechenden Italiener. In der Bank war der Angestellte gerade damit beschäftigt, auf der Leiter zu stehen und in die anscheinend defekte Klimaanlage zu schauen. Ich tauschte 20 EUR in rund 586 SKR und wurde über das Woher und Wohin befragt. Als der Angestellte und seine Kollegin beides hörten, riefen sie den älteren Sicherheitsmenschen herein, um ihn an der Neuigkeit teilhaben zu lassen.
Danach fand ich das Polizeigebäude - gut versteckt hinter ein paar Bäumen. Ich kam mir vor wie in einem Film: Die drei Polizisten saßen lässig und träge in ihrem kleinen verrauchten Kabuff; sprechen "nie angliski, nie deutsch - slovenska!". Einer der Beamten - der wohl am besten deutsch sprach - erbarmte sich meiner und fragte nach meinem Pass, den er gründlich studierte und dann, was, wo, wann gestohlen wurde. Ich zeigte auf der Digicam das Fahrrad mit den Taschen und den Platz, wo ich übernachtet hatte. Wiederholt wurden (Kunst?)Pausen eingelegt, wiederholt wurde gesagt, dass wir einen Dolmetscher brauchen. Mir wurde erklärt, dass die Polizei von Bratislava (Pressburg) zuständig sei, dass ich dorthin fahren müsse, den Fall schildern, dann würde der Tatort besichtigt, Spuren gesichert... Das Ganze wurde unter fortgesetztem Zigaretterauchen aufgeführt. Nachdem der Beamte mir letzteres zum wiederholten Mal ausführlich dargelegt hatte, fragte er "und nun?" oder etwas Sinngemäßes. Ich sagte, dass ich nicht nach Pressburg zurückfahren würde, da das zuviel Zeit und Aufwand erfordern würde ohne Aussicht auf Erfolg. Meine Neugier war gestillt, mein Bedarf an vertaner Zeit auch. Ich erhielt meinen Pass zurück und ging einkaufen.
Nach dem Neuarrangieren der übervollen Packtasche und des Packsacks und einer kleinen Mahlzeit aus einer Banane und Keksen ging es endlich weiter. Die ausgeschilderte Route, die meist auf der Dammkrone entlang führte, wurde nach einer Weile zu zwei gekieselten Fahrspuren, die sehr schlecht zu befahren waren. Ich holte die Franzosen wieder ein, die wegen der kleinen Laufräder und den Barrieren noch mehr mit der Strecke zu kämpfen hatten als ich. Sie wollten noch Komarno durchqueren, ehe sie Feierabend machten.
Fünf Kilometer südlich dieser Stadt fand ich einen idyllischen Platz zum Übernachten. Die Bäume gaben ringsum viel Raum, der Boden war schön eben und ein wenig geneigt - besser als jedes Bett. Die Wellen der Kähne, die unablässig vorüber fuhren, schlugen etwa zehn Meter vom Lager entfernt ans Ufer. Ich hoffte nur, dass während der Nacht kein Hochwasser auftreten würde.