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Zusammen mit H. U. Müller habe ich am 6. Mai 2001 ein Podiumsgespräch bestritten mit dem Titel «Schreiben in psychischer Krise». Dabei überraschte mich der Gesprächsleiter Daniel Rothenbühler mit der Frage, ob ich als Journalist nicht interessiert wäre, persönlicher zu schreiben.
Ich kam ins spekulative Schwadronieren, behauptete, dass ich seinerzeit aus Niklaus Meienbergs Leiden gelernt hätte, dass in der Deutschschweiz vom journalistischen Schreiben kein Weg zum literarischen führe und dass ich fiktionales Schreiben nicht anstrebte, weil dieses wohl vor allem meine Beschränktheit dokumentieren würde (was heissen sollte: Jede denkbare Fiktion sagt über die Person, die sie erfindet, mehr, als über die Welt, die darin beschrieben wird).
Hingegen sei ich der Meinung, dass im Bereich des journalistischen Schreibens viel mehr möglich wäre, als heute gemacht werde; dass die JournalistInnen immer mehr mit WeitspringerInnen zu vergleichen seien, die gezwungen würden, ohne Anlauf zu springen. Kein Wunder, dass es heute keine journalistischen Achtmeter-Sätze, sondern nur noch normierte Hüpfer von einem Meter fünfzig bis zwei Metern gebe.
Notwendig wäre vor allem, sagte ich, dass die verengten Blickwinkel und die stark ritualisierte Sprach- und Themenbehandlung der Printmedien aufgebrochen würde – «Medienvielfalt» sei heute ein Euphemismus für eine bunte Medieneinfalt.
Auf die Nachfrage aus dem Publikum, welche Themen denn heute zum Beispiel in den Zeitungen keinen Platz fänden, antwortete ich: «Zum Beispiel eine ganzseitige Reportage über diese Veranstaltung hier.»[1] Es gehe um die exakte Ausleuchtung eines kleinen Stücks Welt. Dadurch werde – pars pro toto – mehr Welt sichtbar als beim schematischen Darüberhinwegreden aus der konventionellen Halbdistanz des gestressten Medienprofis. Ungefähr so.
Nach der Gesprächssequenz tat es mir leid, dass ich oberflächlich und ungefähr geblieben war, weil mir diese Argumente einer exakteren Darstellung würdig erschienen.
*
Im August 1797 schrieb Friedrich Hölderlin in einem Brief an Friedrich Schiller, er glaube, dass «in der historischen Entwiklung der Menschennatur die Idee vor dem Begriffe ist»[2]. Als ich heute Vormittag diesen Satz las, war mir sofort klar, dass er einerseits etwas mit der Sequenz am Podiumsgespräch, andererseits mit einem Zitat zu tun hatte, das ich zuvor beim Frühstück in der Rezension zu einer Fotoausstellung in Burgdorf gelesen hatte. Darin war aus einer Ausgabe des «Berner Volksfreunds» vom Februar 1839 folgendes zitiert: «Ein Herr Daguerre hat die Kunst erfunden, die Eindrücke des Lichts auf einer eigens dazu präparierten Metallplatte festzuhalten und so alle Gegenstände zu nötigen, von sich selbst ganz getreu in wenigen Minuten ein bleibendes Gemälde zu geben.»[3]
Beschrieben wird also das Verfahren einer Vorstufe der Fotografie, der sogenannten «Daguerrotypie» – freilich, und das ist in meinem Zusammenhang wichtig, bevor der Begriff «Daguerrotypie» überhaupt bekannt gewesen ist. Der Journalist schrieb zu einem Zeitpunkt, in dem eine Idee vermittelt werden musste, ohne dass für sie ein zusammenfassender Begriff vorhanden gewesen wäre.
Ob Hölderlin seine Formel «die Idee vor dem Begriffe» in meinem Beispiel korrekt angewendet sähe, weiss ich nicht. Mir auf jeden Fall wurde plötzlich klar, was ich an der Podiumsdiskussion hätte sagen wollen: Der Journalismus müsse weg kommen von seinen schematisierenden Begriffen, die von den öffentlichkeitssteuernden Interessengruppen immer mehr vorgekaut und vor-konnotiert werden. Journalismus müsse heute vermehrt heissen: Wieder hinter die Begriffe und zu den Ideen zu kommen; wie ein Kannitverstan[4] hartnäckig die Begriffe zu umgehen und quasi vor-begrifflich zu beschreiben, worum es gehe – nämlich um Beschreibungen statt Schubladisierungen.
Auf dem Podium habe ich von der «exakten Ausleuchtung eines kleinen Stücks Welt» gesprochen, eigentlich hätte ich präzisieren müssen, dass es um die exakte Ausleuchtung der Begriffe gehe, mit denen das kleine Stück Welt beschrieben werde. Insofern wäre der bewusste Schritt zurück zur «Idee vor dem Begriffe» eine ideologiekritische Verfremdung, die den Blick öffnen soll auf die Zurichtung des Begriffs, der für die Idee steht.
Eigentlich ist es so, dass man in den Zeitungen dauernd Sätze liest wie diesen: «Herr Daguerre hat die Kunst der Daguerrotypie erfunden.» Der einzige Grund, dass man solch tautologische Pseudoinformation akzeptiert, ist der, dass man nicht als Hohlkopf gelten will, als den man zweifellos gälte, wagte man es zu fragen: «Was ist das eigentlich genau, eine Daguerrotypie?»[5] Die Wahrheit ist: Nicht der fragende Kopf ist hohl, sondern sehr oft der schreibende, der so formuliert, weil ihn die Idee hinter dem Begriff nicht interessiert. JournalistInnen sind allzu oft auf eine verhängnisvolle Art leicht von Begriff: Sie können sofort, immer und überall über alles reden – aber gewöhnlich wissen sie nicht genau, was sie sagen.
[1] Tags darauf hatte ich wegen dieser Äusserung einen Schweissausbruch vor lauter Peinlichkeit, und zwar im Moment, als mir bewusst wurde, dass man mein Beispiel so verstehen kann, da meine einer, im Moment, wo er einmal im Zentrum stehe, müsse gleich eine ganze Zeitungsseite vollgeschrieben werden. Ich hatte – bilde ich mir ein – die Randständigkeit des Ereignisses im Auge, an dem man durch Vertiefung sehr wohl Grundsätzliches zeigen könnte (was ich aber so nicht ausgeführt habe).
[2] Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente hrsg. von D. E. Sattler. Band V. München (Luchterhand Literaturverlag) 2004, S. 226.
[3] Bund, 10.5.2001.
[4] Johann Peter Hebel: Werke Band 1. Frankfurt am Main (Insel Verlag) 1968, S. 51ff.
[5] Auch ich muss das selbstverständlich zuerst nachlesen (in «Bertelsmanns Taschenlexikon» [1992, Bd. 3, S. 170]): «Eine polierte, durch Joddämpfe lichtempfindlich gemachte Silberplatte wird in eine lichtdichte Kassette eingelegt u. diese in die Kamera eingesetzt; Belichtung bei Tageslicht bis zu 30 Minuten; Entwicklung im Dampf von erhitztem Quecksilber, das sich nur auf jenen Teilen der Jodsilberplatte niederschlägt, die Licht empfangen haben. [So entsteht] ein seitenverkehrtes Unikat als Positiv.»
(10./14.5.2001; 31.08.2017; 06.06.2018)