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So, nun ist sie vorbei, die Herbsttagung für dieses Jahr. Nachdem es gestern schon sehr dicht war, ging es heute direkt weiter. Während gestern vor allem Medienkompetenz und Medienbildung im Vordergrund standen, wurden heute media literacy, Mediendidaktik und Medienerziehung näher betrachtet.
Theo Hug und Silke Grafe haben sich vor allem mit dem Begriff der media literacy in Auseinandersetzung zum deutschen Sprachgebrauch von Medienkompetenz und Medienbildung beschäftigt. Spannend waren dabei die unterschiedlichen Diskurse von media literacy, die Grafe nachwies:
- media literacy als ‚empowerment‘ (meist bezeichnet als media literacy education)
- media literacy als critical literacy‘ ( meist bezeichnet als media education)
- media literacy als ’new literacy‘
- media literacy als ‚visual literacy‘
- media literacy als ‚protection‘  oder health literacy, bei der vor allem bewahrpädagogische Grundannahmen im Vordergrund stehen.
Diese fünf Diskursstränge zeigen, dass media literacy nicht gleich media literacy ist und hilft, das Konzept differenzierter zu betrachten, auch wenn es in einem zweiten Schritt notwendig sein wird, auch die unterschiedlichen Traditionen und (politischen, sozialen und gesellschaftlichen) Systeme der USA und Deutschlands differenzierter zu betrachten und in eine Analyse aufzunehmen.
Nach einer Pause wurde vor allem der Begriff der Mediendidaktik unter die Lupe genommen. Eingeführt wurde dieser Teil von Gerhard Tulodziecki, der einen historischen Blick auf die Diskursstränge warf und der Frage nachging, wann denn einzelne Begriffe in der wissenschaftlichen Diskussion auftauchten, denn wie an der ein oder anderen Stelle schon zu lesen war, steht in der Habilitationsschrift von Baacke nirgends der Begriff Medienkompetenz. Seiner Meinung nach waren die ersten, die diesen Begriff verwendeten, interessanterweise die Zürcher Medienwissenschaftler Saxer und Bonfadelli, die Medienkompetenz als Möglichkeit sahen, Wissensklüfte zu erklären. Auch andere Begriffe hatten durchaus ihre Traditionen: in den 60er ging es vor allem um Mediendidaktik und Medienpädagogik, in den 1970er um Mediendidaktik, in den 1980ern um Medienerziehung, die 90er Jahre standen ganz im Zeichen der Medienkompetenz, während seit ungefähr 2000 vor allem Medienbildung diskutiert wird. Interessanterweise wurde Medienbildung schon 1994 zum ersten Mal in einem Manual der Lehrerbildung in NRW erwähnt.
Michael Kerres ging nochmals auf die Handlungs- und Gestaltungsorientierung und damit auf die Gestaltung lernförderlicher Umwelten ein, denen im Rahmen ubiquitärer und pervasiver Medien immer mehr Bedeutung zukommt. Somit geht es vor allem um die Gestaltung lernförderlicher Umwelten mit und in Medien.
Für die stärksten Diskussionen hat (wie zu erwarten war) der Beitrag von Dominik Petko zum empirischen Perspektivenwechsel, in dem er für eine stärkeren Einbezug praxisorientierter Forschung wie z.B. dem Design-Based-Research Ansatz oder experimenteller Methoden plädierte. Forschung in der Medienpädagogik sollte sich weniger an den Forschungsmethoden der Nachbardisziplinen (Kommunikationswissenschaft, Medienpsychologie oder -soziologie) bedienen, sondern vor allem mit und über Praxis geschehen. Es gibt ein grosses Wissen in der Medienpädagogik über Zielgruppen, aber wenig Wissen über medienpädagogische Praxis; dem gilt es entgegenzuwirken. Nur mit an der Praxis orientierter Forschung könne man den „Pirouetten in dünner Luft“, die die Theoretiker drehen, entgegenwirken und auch handlungswirksam werden. Dennoch wurde auch vor methodischen Engführungen gewarnt und die Frage nach der Zweckfreiheit von Wissenschaft gestellt. Ebenso wurde kritisch die Auswirkungen von Professurbesetzungen und Forschungsmethoden dargestellt – ein Thema, das uns ja nicht unbekannt ist 😉
Das Anliegen der Praxis wurde von einigen Teilnehmenden explizit gefordert und war nicht immer klar ersichtlich (und konnte es m.E. auch nicht sein). Denn Begriffsarbeit wirkt nicht direkt im Feld; dennoch ist sie wichtig, um einen gemeinsamen Gegenstand zu haben. An der Tagung wurde interessanterweise immer wieder eine Unterscheidung gemacht zwischen „innen“ und „aussen“, zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft. Einige Begriffe und Begriffsdiskussionen sind vor allem in der Wissenschaft wichtig, wie man es in der Öffentlichkeit nenne (ob z.B. Medienkompetenz oder Medienbildung), sei recht egal, hauptsache, die Projekte werden gefördert, so eine etwas lapidare Zusammenfassung des Grundtenors. Ich bin nicht sicher, ob dies so einfach ist, denn immerhin bilden Begriffe auch Wirklichkeiten ab. Ich stimme allerdings zu, dass die Öffentlichkeit vielleicht nicht die Tiefe der Konzeptdarlegungen braucht.
Summa summarum: Was bleibt von der Tagung, neben ganz vielen spannenden Gesprächen mit alten und neuen Bekannten? Zuerst einmal ein Lob an die Tagungsorganisation, die es mit diesem spannenden Format geschafft hat, dass sich alle Tagungsteilnehmenden mit den Begriffen auseinandersetzten. Durch das vorgängige Lesen der Papiere bekam der Input und dann vor allem die Diskussion einen ganz anderen Stellenwert. Während man auf anderen Tagungen im Vorfeld nicht weiss, was einen erwartet und man auch an vielen verschiedenen Themen denkt, hat diese Tagung die intensive Auseinandersetzung mit den Leitbegriffen gefördert und angeregt. Ebenso wurde in der gemeinsamen Betrachtung von Begriffen sehr schön deutlich, wie Wissenschaft funktioniert, und welche Positionen im Raum sind. So wurde Wissenschaft sichtbar.
Zum Nachdenken komme ich über verschiedene Dinge. Zum einen, ob es wirklich die Diskussion um Begriffe oder nicht eher um Konzepte war. Denn ich denke, dass die Bezeichnung „Begriff“ zwar nie falsch sein kann, eigentlich an dieser Tagung aber unterschiedliche Konzepte bzw. Konzeptionen des Lebens und Lernens mit und in Medien diskutiert wurden. Weiterhin wurde mir nochmals klar, wie sehr sich Wissenschaft nicht nur über ihre zugrunde liegende Begriffe und Konzepte definiert, sondern sich auch über ihre Methoden und die Methodologie konstituiert (wie man spätestens in der Diskussion um die Forschung gesehen hat, die Dominik angeregt hat). Methoden sind nicht nur Hilfsmittel, um Erkenntnisse zu gewinnen, sondern können auch als Ausdruck eines Weltbildes gesehen werden. Und somit ist es für eine Disziplin, zumindest in ihrer Manifestation wichtig, welche Methoden eingesetzt werden. Das Thema der Methodologie schien an mehreren Stellen durch, vom Doktorandenforum über die Diskussionen bis zur Konzentration in Dominiks Beitrag. Ich denke, es lohnt sich, hier weiter dran zu bleiben – schauen wir mal, was sich realisieren lässt 🙂
Nachtrag