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Ausgangslage
Bildungspolitische Grundlagen
Im Kontext von PISA 2000 und 2003 wurden in den letzten 5 Jahren Massnahmen zur Leseförderung und zur Förderung von ICT und Medien in zahlreichen bildungspolitischen Strategien als Prioritäten ausgewiesen (s. Beilage 1, S. 1f):
- BR ZH, Entwicklung elektronischer Lehrmittel-Begleitprogramme vom 5.12.2000
- EDK, Aktionsplan «PISA 2000»-Folgemassnahmen vom 12.6.2003
- EDK-Ost, Konzept Projekt Sprachen vom 2.3.2005
- BR ZH, PISA-Folgemassnahmen vom 14.3.2005
- BR ZH, Bericht zur Sprachförderung vom 12.2.2007
- EDK, ICT-Strategie vom 7.3.2007
Projektverlauf
Von April 2002 bis Dezember 2003 wurden im Rahmen eines internen Forschungs- und Entwicklungsprojekts der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) die fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Grundlagen sowie die Demo-Version einer Lesetrainingssoftware für die Primarstufe entwickelt. Im Februar 2005 legte das Projektteam dem Lehrmittelsekretariat ein Exposé für die Realisierung einer solchen Software vor. Folgende Meilensteine waren für die bisherige Projektarbeit zentral:
- Am 20. Juni 2006 hat das Projektteam das Vorhaben der Kantonalen Lehrmittelkommission (KLK) vorgestellt. Die Kommission hat das Projektteam beauftragt, ein Feinkonzept mit Angaben zu Zeitplan, Projektorganisation und Kosten auszuarbeiten. Der Kostenrahmen wurde auf Fr. 500'000.- begrenzt.
- Am 31. Oktober 2006 sprach sich die KLK aufgrund der vorgelegten Kostenschätzung mit fünf Zustimmungen und vier Enthaltungen für die Realisierung des Projektes aus. Bewilligt wurde auch ein Zusatzkredit von Fr. 10'000.- für die Übersetzung der Anweisungstexte in 3 weitere Sprachen (Italienisch, Spanisch und Portugiesisch).
- Am 1. Dezember 2006 nahm das Projektteam die Entwicklungsarbeit auf.
- Am 5. Dezember 2006 wies die KLK dem Projekt den Status «Unterrichtshilfe» zu.
- Am 30. Januar 2007 hat die KLK das Projekt auf Antrag des Lehrmittelverlags erneut behandelt. Der Verlag begründete seinen Rückkommensantrag mit den offenen Fragen um die kantonsweite Implementierung der Informatik auf der Primarstufe und mit den als hoch beurteilten Investitionskosten. Die Kommission würde einen systematischen Aufbau des Software-Angebots und der entsprechenden Qualitätssicherung für die Primarstufe begrüssen. Mit sieben zu zwei Stimmen wies die Kommission der Software den Status «zugelassen» zu. Mit vier zu vier Stimmen und Präsidialentscheid beschloss sie, das Geschäft dem Bildungsrat vorzulegen (s. Beilage 5).
Erwägungen
Zielsetzung
Ziel dieses Projektes ist die Entwicklung einer Software für das individualisierende Lesetraining auf der Primarstufe. Theoretische Modelle und empirische Ergebnisse der Leseforschung weisen darauf hin, dass die Automatisierung von begrenzten, sogenannten hierarchieniedrigen Prozessen der Worterkennung und des lokalen Wort- und Satzverstehens eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau komplexer, sogenannter hierarchiehöherer Lesekompetenzen bildet (Just 2004, Holle 2006). Dem Erwerb von Leseflüssigkeit (fluency) als Brücke zwischen der Alphabetisierung und dem Lesen in komplexen Handlungssituationen wurde in der Deutschdidaktik bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt (Rosebrock 2006). Die Lesetrainings-Software soll die Lehrpersonen dabei unterstützen, diesen Aspekt der Lesekompetenz systematisch und wirksam zu fördern (s. Beilage 1, S. 3).
Der Computer hat als Lernwerkzeug für das automatisierende Training dank seiner interaktiven und multimedialen Fähigkeiten ein grosses Potenzial, das didaktisch besser ausgeschöpft werden kann. Durch die Entlastung im Bereich des Lesetrainings können sich Lehrpersonen besser auf die Förderung anspruchsvoller schriftsprachlicher Kompetenzen in komplexen Lese- und Schreibsituationen konzentrieren. Der Erfolg des deutschen Leseförderungsprojektes «Antolin» zeigt, dass Lehrpersonen heute bereit sind, geeignete Lernsoftwareangebote für die individualisierende Förderung zu nutzen. Allerdings ist das Angebot an didaktisch ausgereiften, praxisgerechten Produkten noch unzureichend (s. Beilage 1, S. 1). Es besteht Handlungsbedarf zur Optimierung der Leseförderung auf der Primarstufe.
Programmstruktur
Die Lesesoftware besteht aus einem Trainingsbereich mit einem breiten Übungsangebot zu fünf Lernfeldern und fünf Leistungsstufen (s. Beilage 1, S. 12), einem Selbsttestbereich, der den Kindern ermöglicht, die eigene Leistungsentwicklung mitzuverfolgen, und einem Animationsbereich mit Anregungen für vielfältige Lese- und Schreibaktivitäten in der realen Buch- und Medienwelt (s. Beilage 3, S. 1). Die Software arbeitet adaptiv. Das heisst, sie steuert die individuellen Lernprozesse so, dass die Kinder systematisch, ihrem Lernstand entsprechend und lernpsychologisch sinnvoll üben. Gleichzeitig bietet sie den Lernenden eine Vielzahl von Möglichkeiten, ihre Lernwege interaktiv zu beobachten und mitzubestimmen. Kinder auf den ersten zwei Leistungsstufen können sämtliche Instruktionen mündlich abrufen, damit sie nicht am Verständnis der Übungsaufgabe scheitern. Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache stehen diese mündlichen Anweisungen auch in Albanisch, Bosnisch/ Kroatisch/Serbisch, Türkisch, Portugiesisch, Spanisch oder Italienisch zur Verfügung.
Merkmale der Software im Überblick (s. Beilage 1, S. 3-7):
- klare lesedidaktische Konzeption (Lernbereiche, Leistungsstufen, Übungstypen)
- Ausrichtung auf Lesefertigkeiten (automatisierbare, hierarchieniedrige Prozesse)
- Brücken vom Lesetraining zum situierten Lesen und Schreiben (Leseanimation, s. Beilage 3, S. 5)
- Berücksichtigung lernpsychologischer Trainingsgrundsätze (Zieltransparenz, Selbsteinschätzung, Intensität, Feedback, Wiederholung, Progression, Hilfestellungen)
- adaptive Steuerung des Lernweges durch das Programm
- vielfältige Mitbestimmung des Lernweges durch die Kinder
- mündliche Anweisungen für Leseanfänger/innen (Leistungsstufen A und B)
- Unterstützung von DaZ-Kindern durch Anweisungen in sechs Migrationssprachen
- breites Leistungsspektrum (Klassen 2-4; schwächere Leser/innen bis Klasse 6)
- breites Textangebot für unterschiedliche Leseinteressen (Altersgruppe 8-11)
- sorgfältige Auswahl und Aufbereitung der verwendeten Texte (s. Beilage 3, S. 2-4)
- verbindliche, stufengerechte Typografie und freundliche, zurückhaltende Grafik
- vollständig modularer Aufbau der Software (Übungen, Texte oder Sprachen können jederzeit aktualisiert oder ergänzt werden)
- technische Realisierung als Flash-Programm (ermöglicht den Vertrieb über CD-ROM / Download oder als online-Service, gegebenfalls auch als Modul einer online- Lernumgebung)
Situierung
Die Lesetrainingsoftware verfolgt Lehrplanziele aus den Bereichen Sprache / Deutsch und Informatik (s. Beilage 1, S. 2). Sie steht im sprachsystematischen Bezugsrahmen des Lehrmittels «Sprachfenster» (Linguoskop). Auch im neuen Mittelstufen-Sprachlehrmittel «Sprachland» wird das Linguoskop als Bezugsrahmen eine zentrale Rolle spielen. Weil die Lesetrainingssoftware einen klar definierten Einsatzbereich hat und als elektronisches Medium ganz spezifische Möglichkeiten nutzt, sind Konflikte mit diesen Lehrmitteln nicht zu befürchten. Auch das aktuelle Mittelstufen-Sprachlehrmittel »Treffpunkt Sprache» wird durch die Lesetrainingssoftware
sehr gut ergänzt. Wie das neue Projekt "Multidingsda» ist auch die Lesetrainingssoftware ein ergänzendes Lernwerkzeug für das automatisierende Sprachtraining mit besonderen Funktionen zur Unterstützung von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache. Die beiden Projekte fokussieren aber verschiedene Kompetenzbereiche (Wortschatz bei Multidingsda, Lesefertigkeit bei der Lesetrainingssoftware) und richten sich an unterschiedliche
Altersgruppen (4- bis 8-jährige Kinder bei Multidingsda, 8- bis 12-jährige Schülerinnen und Schüler bei der Lesetrainingssoftware). Die Projekte ergänzen sich und eignen sich beide als Module einer zukünftigen online-Lehr- und Lernumgebung für sprachliches Lernen (s. Beilage 3).
Projektorganisation
Durch die interdisziplinäre Zusammensetzung des Projektteams und institutionelle Kooperationen soll die Qualität der Software während des ganzen Entwicklungsprozesses konsequent gesichert werden (vgl. Beilage 1, S. 9f.).
Zu Projektteam gehören:
- Dieter Isler, lic. phil. I, Dozent für Deutsch und Deutsch als Zweitsprache, PHZH
- René Fehr-Biscioni, Kulturingenieur ETH, Softwareentwickler
- Harriet Bünzli-Seiler, Primarlehrerin
- Christine Tresch, lic. phil I, Schweiz. Institut für Kinder- und Jugendmedien
- Prof. Dr. Hans-Peter Hutter, Institut für angewandte Informationstechnologie, Zürcher Hochschule Winterthur
- Prof. Cornelia Biffi, lic. phil. I, Dozentin für Medienbildung an der PHZH
Zeitplan
Die Herausgabe der Software ist auf Dezember 2008 geplant (s. Beilage 1, S. 23). Verzögerungen durch den Rückkommensantrag des Lehrmittelverlags bleiben vorbehalten.
Institutionelle Zusammenarbeit und Finanzierung
Die Gesamtkosten belaufen sich auf Fr. 499'670.- (s. Beilage 2, S. 3 und 7). Die PHZH, das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien, die Zürcher Hochschule Winterthur (Institut für angewandte Informationstechnologie) und der Sektor Interkulturelle Pädagogik des Volksschulamtes beteiligen sich mit personellen oder finanziellen Ressourcen an diesem Projekt. (s. Beilage 2, S. 9, 10). Der Betrag wird in die Globalbudgets eingestellt.
Einführung der Software
Für die Einführung der Software wird ein Einführungskonzept verfasst, das der Bildungsrat
genehmigt. Eine Partnerschaft mit der Interkantonalen Lehrmittelzentrale wird angestrebt.
Antrag
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Bildungsrat:
- Der Bildungsrat stimmt im Sinne der Erwägungen der Schaffung der Lesetrainingssoftware für die Primarstufe und deren Produktion durch den Lehrmittelverlag des Kantons Zürich und die Pädagogische Hochschule Zürich zu.
- Die Software erhält den Status «zugelassen».
- Das Lehrmittelsekretariat wird beauftragt, die Zusammenarbeit mit der Interkantonalen Lehrmittelzentrale zu suchen.
- Publikation in geeigneter Form im Schulblatt und im Internet.
- Mitteilung an die Schulsynode, die Lehrpersonalkonferenz der Volksschule, die Pädagogische Hochschule Zürich (5), die Interkantonale Lehrmittelzentrale, den Verband Zürcher Schulpräsidentinnen und -präsidenten, die Vereinigung der Schulleiterinnen und Schulleiter des Kantons Zürich, den Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband z.H. der Stufenorganisationen, den Verein SekZH, das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich, das Departement Schule und Sport Winterthur, den Verband Zürcher Privatschulen, die kantonale Lehrmittelkommission (10), Generalsekretariat, Bildungsplanung, Lehrmittelverlag, Volksschulamt.