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Als sie 14 war, fragte ihr Vater sie, ob sie versuchen wolle, in ein paar Jahren an den Olympischen Spielen in Vancouver an den Skicross-Wettkämpfen teilzunehmen. Fanny sagte ja. Da es keine Organisation gab, die sie hätte vorbereiten können, suchte ihr Vater aktiv nach einem Trainer und fand Guillaume Nantermod, den Boardercross-Weltmeister von 2001. Ab 2007 hat Guillaume keine Rennen mehr gefahren und sich nur noch Fannys Training gewidmet.
Fanny ist 16, als Guillaume ihr Trainer wird, und sie trainiert auch noch Ski alpin. Im Oktober fangen sie mit dem Skicross-Training an, einer Disziplin, von der Fanny noch kaum eine Ahnung hat. Die Rennen der ersten Saison sind für sie Trainingsläufe. Das Ergebnis dieser Saison ist gemischt, auf ein paar gute Resultate folgen Verletzungen und dann wieder Resultate, mit denen sie ihre erste Saison auf Platz 46 der Weltrangliste abschliesst.
Mit 17 macht Fanny ihre erste richtige, komplette Saison (2009/2010) mit den Olympischen Spielen, die im Februar 2010 stattfinden. Im Dezember 2009, nach den beiden ersten Rennen der Saison, hatte sie die Selektionskriterien für die Olympischen Spiele in Vancouver bereits erfüllt (4 Schweizer Mädchen wurden selektioniert). Nach den 3 Rennen war sie auf Platz 6 der Weltrangliste angelangt.
Im Januar 2010 nimmt Fanny an den X-Games teil und landet auf Platz 4. Für Fanny ist dieses Rennen mit seinem Schwierigkeitsgrad und der Länge der Rennstrecke ein hervorragendes Training für die Olympischen Spiele. Sie nimmt danach an den Olympischen Spielen teil und
erreicht den 7. Platz.
Ihre 3. Saison (Winter 10/11) verläuft gut und ohne Verletzungen. An den X-Games schafft es Fanny auf den 3. Platz und an den Weltmeisterschaften auf Platz 10. Am Ende dieser 3. Saison ist sie die Nummer 5 auf der Weltrangliste.
Am ersten Rennen der Wintersaison 11/12, im Dezember, hat Fanny einen Unfall und verletzt sich am Knie. Damit ist die Wintersaison für sie gelaufen. Sie nimmt das Training im April 2012 wieder auf. Ein Jahr lang verbindet sie Rehabilitation und intensives Training und kann schliesslich im Dezember 2012 wieder Rennen fahren. Die Trainingsläufe für die ersten Rennen sind schwierig. Fanny schafft es nicht, die ganzen Rennstrecken zu fahren, und verliert fast das Vertrauen. Aber dank ihrer guten psychischen Verfassung gelingt es ihr, sich wieder aufzufangen, und am nächsten Tag gewinnt sie die Qualifikationsläufe und die 3 ersten Rennen.
Am 10. März 2013 gewinnt Fanny die Weltmeisterschaffen in Voss (Norwegen) und die Weltcup-Gesamtwertung. Am Ende der Saison 2012/13 hat sie 4 Siege und zwei 3. Plätze errungen.
Ein paar Fragen an Fanny:Wie hoch ist das Durchschnittsalter der Frauen im Skicross ? Zu Beginn war sie die Jüngste. Heute sind 2 Fahrerinnen noch jünger, aber das Durchschnittsalter liegt bei 25 – 30 Jahren.
Wie viele Frauen sind dabei? Rund 40 – 50 Frauen. Im Augenblick hat das Schweizer Skicross-Team mehr Frauen als Männer, es sind 6 Frauen und 3 – 4 Männer.
Wie viele Paar Ski fährt sie in einer Saison? Etwa 8 Paar Ski. Sie hat auch noch Reservepaare, für den Fall, dass etwas zu Bruch geht. Fanny fährt Stöckli-Ski: Seit ihrem
7. Platz an den Olympischen Spielen in Vancouver wird sie von Stöckli gesponsert. Vorher, als sie noch keine Sponsoren hatte, zahlte sie ihre Ski selbst und hatte das Glück, von einem Sportgeschäft in Villars Ski geschenkt zu bekommen.
Woran denkt sie am Start Gate? Am Start Gate ist sie in ihrer eigenen Welt und achtet nicht auf die Frauen neben ihr. Sie schaut sich die Startlisten nicht einmal an und redet sich nur zu,dass sie vorn ist und gewinnt. Bei einem besonders wichtigen Rennen, bei dem sie noch mehr als sonst über sich hinauswachsen muss, denkt sie an ihre Mutter, die ihr zuschaut und das Rennen so intensiv miterlebt, dass Fanny fast Angst hat, sie werde umkippen.
Ihr Charakter: Fanny ist sehr positiv und hat einen enormen Willen. Sie hat einen sehr starken Charakter und weiss sehr genau, was sie will und was nicht. Routine mag sie nicht, sie ist nicht abergläubisch und trägt in den Rennen keine Glücksbringer. Die Knieverletzung von 2010 hat ihr viel gebracht. Sie ist durch sie gewachsen, konnte ihre Technik verbessern und ist geduldiger geworden. Als positive Kämpfernatur wusste sie, dass sie zurückkommen würde, um wieder ihr Niveau von vor dem Unfall zu erreichen.
Hat sie Angst? Manchmal schon, denn Frauen und Männer fahren im Skicross auf derselben Strecke. Aber wenn sie im Start Gate steht – selbst wenn sie weiss, dass keine Frau die Rennstrecke gemacht hat –, hat sie keine Angst, denn sie ist im Rennen. Die Tatsache, dass die Strecken für Männer und Frauen dieselben sind, ist sehr positiv, denn das zieht die Frauen nach vorn.
Anzahl Rennen während einer Saison: Durchschnittlich sind es 10. Skicross-Wettkämpfe dauern immer 4 Tage (2 Trainingstage, 1 Tag Qualifikation, 1 Tag Rennen). Das heisst, man muss an 10 Tagen pro Jahr Spitze sein. Aber schon die 3 Tage vor dem Rennen sind körperlich sehr anstrengend. Anders als beim Alpinskifahrer, der eine Abfahrt macht, muss der Skicross-Fahrer mehrere machen und sich deshalb schneller erholen.
Kann sie während des Trainings Pausen einlegen? Ja, Ende April-Mai. Fanny ruht sich wirklich aus und tut gar nichts. Anfangs Juni nimmt sie das physische Training wieder auf, mit 7 auf die Woche verteilten Trainingseinheiten pro Woche, damit sie auch Ruhetage einschieben kann, was ebenfalls sehr wichtig ist. Jedes Training dauert 2 Stunden. Ende Juli fängt Fanny wieder mit dem Skifahren an (Zermatt, Saas-Fee, Neuseeland, Österreich) und im Winter trainiert sie jeden Tag. Skicross ist wie eine andere Arbeit. Auch wenn es eine Leidenschaft ist, hat man trotzdem manchmal den Blues.
Hat sie auch Gelegenheit, ausserhalb des Trainings Ski zu fahren oder zu snöben? Ja, Fanny versucht jeden Winter ein bisschen zu snöben, aber am liebsten geht sie freeriden. Sie hat immer Freeride-Ski im Gepäck. Sobald sie irgendwo ist und es schneit, gönnt sie sich mit ihrem Trainer – ebenfalls ein angefressener Freerider –, einen Powder-Tag.
Hat sie noch Zeit für ihre Freunde? Ja, aber im Winter ist es schwieriger. Ihre Freunde kennen ihren Rhythmus und wissen, dass sie nicht immer auf Nachrichten reagiert, dafür aber nach der Saison immer wieder kommt. Aufladen kann sie am besten zuhause in Villars, mit Freunden und Familie.
Hat sie viele Verpflichtungen wegen ihrer Sponsoren? Nein, man muss nur dran denken, dass bei den Fotoshootings nichts vergessen wird und alles, was zu sehen sein soll, gut sichtbar ist. Die Zusammenarbeit mit den Sponsoren, das Marketing und die Werbung gehören auch zu den Dingen, die ihr an ihrer Tätigkeit gefallen.
Fühlt sie sich heute im Vergleich zu ihren ersten Jahren anders? Nein, sie hat sich nicht verändert, sie ist gewachsen. Sie ist in einer positiven Familie aufgewachsen, ist immer gut gelaunt und natürlich. Aber einige Frauen in ihrer Umgebung haben sich mit den Jahren schon verändert.
Hat sie im Skicross Freundschaften geschlossen? Ja, die 38-jährige französische Skifahrerin Ophélie David ist ihre beste Freundin. Sie war die Jüngste im Rennen, als sie im Skicross anfing, und sie hat das Gefühl, sie habe Glück gehabt, ganz am Anfang der SkicrossWettkämpfe dabei gewesen zu sein, weil sie die Disziplin damals „erschaffen“ konnten. Aus diesen „ersten Zeiten“ sind nur Fanny und Ophélie noch dabei. Fanny hat damals die Grundregeln gelernt: Fairplay, ohne miese Tricks. Einfach schön Ski fahren, mit dem Ziel, zu gewinnen, aber mit Fairplay.
Warum trainiert sie allein in ihrer privaten Struktur und nicht im Nationalteam? Das Nationalteam wurde aufgestellt, als Fanny schon in der Disziplin war und schon ihren Trainer hatte, denn als sie anfing, gab es in der Schweiz für diese Disziplin noch keine Struktur für den Nachwuchs. Sie sieht die anderen Schweizer Fahrerinnen nicht oft, aber da Skicross keine Einzelsportart ist, brauchen sie einander zum Trainieren, weil auch die Rennen immer zu Viert gefahren werden. Bei ihrem Einzeltraining trifft man sie vor allem in der Halfpipe oder im Snowpark und beim Riesenslalom an. Die übrigen Trainings macht sie mit den anderen Schweizer Fahrerinnen.
Warum hat sie sich für Skicross und nicht für Ski alpin entschieden? Seitdem ihr grosser Bruder Thibaud Freestyle gemacht hat, wollte sie das auch. Aber im Freestyle gibt es nicht genug Wettbewerb. Im Ski alpin gibt es Wettkämpfe, aber es ist zu sehr eine Einzelsportart. Im Skicross werden Freestyle und Tempo kombiniert, man gehört zu einer grossen Familie, und das Rennen gewinnt der erste, der unten ankommt – das ist purer Wettbewerb.
11.09.2014