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Dr. med., Mitglied der Redaktion
Mischwesen wie Sphinxe oder Kentauren sind allen bekannt. Chimaira war ein feuerspeiendes Ungeheuer mit dem Haupt eines Löwen, einer Ziege und einer Kobra. Im Labor versteht man darunter Lebewesen, die Körperzellen der gleichen oder einer anderen Spezies enthalten. Dazu gehören temporär auch Menschen nach einer Bluttransfusion oder Schwangere mit den Zellen eines Fetus im Körper. Die Xenotransplantation erzeugt seit Jahren Chimären. Tieren eingepflanzte menschliche Gene ermöglichen die Produktion von Medikamenten wie Insulin oder Blutverdünner. Hybride gibt auch in der Natur, Lebewesen, die aus der Verschmelzung von Keimzellen verschiedener Spezies hervorgegangen sind, etwa Maultiere aus einer Kreuzung männlicher Esel mit weiblichen Pferden.
Seit den 1990er Jahren wird in der Literatur- und Kulturtheorie über eine trans-humanistische, post-anthropozentrische Wende nachgedacht. Biowissenschaften und Informatik erhalten in der ausgebeuteten Welt eine zentrale Bedeutung. Der Mensch lebt vernetzt in einem Kollektiv aus anderen Subjekten und Objekten, mit Robotern, mit smarten Umgebungen, künstlicher Natur und künstlicher Intelligenz. Die kalifornische Professorin Donna Haraway wurde damals mit ihrem Manifest für Cyborgs bekannt. Sienannte ihren Text den ironischen Traum einer gemeinsamen Sprache für Frauen im integrierten Schaltkreis. Hybride aus Maschinen und Organismen als Abbild einer gesellschaftlichen und körperlichen Realität, Geschöpfe einer Post-Gender-Welt, in der die Grenze zwischen Tier und Mensch durchbrochen ist. Ein Cyborgmythos, der wie die Geschöpfe der Antike, von überschrittenen Grenzen, machtvollen Verschmelzungen und gefährlichen Möglichkeiten handelt. Nach Haraway leben wir im Übergang von einer organischen Industriegesellschaft in ein polymorphes Informationssystem. Was wir erleben ist die Übersetzung der Welt in ein Kodierungsproblem. Nichts ist unberührbar, jede beliebige Komponente, so auch Organismen, kann mit jeder anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Code konstruiert werden kann. Eine Transformation innerhalb unseres formalisierten Wissens über Maschinen und Organismen, das keine grundlegende ontologische Unterscheidung mehr zulässt. Die Cyborg-Metaphorik der 1990er suchte nach einem Ausweg aus dem Labyrinth der Dualismen wie öffentlich/privat oder Natur/Kultur oder männlich/weiblich.
Über 20 Jahre später hat Donna Haraway mit ihrem Buch «Unruhig bleiben» nachgelegt. Der Mensch war gestern, so ihre These. Um auf der Erde überleben zu können braucht es andere Formen der Verwandtschaft. Wir würden nicht als Individuen überleben, sondern nur als Symbionten, als Mit-Werden mit anderen Arten. Wie sie sich das vorstellt erzählt sie unter anderem in utopischen Geschichten, die Menschen über mehrere Generationen als Träger von Erbmaterial bedrohter Tierarten schildern. Ein radikales Denken von Verwandlungen und Fluchten. Ein anstrengend zu lesendes, wildes Buch, in dem der Begriff human nicht von homo, sondern von humus abgeleitet wird. Wir sind wieder einmal nur Kompost. Eine halluzinatorische, beunruhigende Reise durch das Universum der Möglichkeiten. Der Untertitel lautet: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Das mag entlarvend sein, denn der Chthulhu-Mythos ist eine Schöpfung des Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890–1936). Er zählt zu den bedeutendsten Autoren phantastischer Horrorliteratur. Sein Einfluss auf die Fantasy-, Horror und SF-Literatur der letzten Jahrzehnte ist stetig gewachsen und scheint weiter zuzunehmen. Er war ein überzeugter Rassist und Antisemit dessen übelriechende Schleimmonster die Menschen bedrohen. Alle Geschichten beschwören ritualhaft die Angst vor einer Invasion dieser aussermenschlichen, sprich: nicht-angelsächsischen Welt. Wie Haraway in einem kommenden Chthuluzän Erlösung finden will bleibt ihr Geheimnis.
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Literatur
Unruhig bleiben, Donna J. Haraway, Frankfurt am Main, Campus Verlag 2018
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