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An der Abteilung für Sportmedizin des Tierspitals der Universität Zürich werden immer häufiger Pferde mit Leistungsschwäche, Rittigkeitsproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten vorgestellt - sehr oft sind dies Symptome von Rückenproblemen.
Um diesen Erfahrungswert wissenschaftlich zu untermauern, initiierte Prof. Dr. med. vet. Michael Weishaupt eine gross angelegte Studie zur Rückengesundheit der Schweizer Reitpferdepopulation, die u.a. von der Stiftung ProPferd und vom SVPS unterstützt wurde. Am Symposium PFERDE, das vom 8. bis 10. November 2019 im Tierspital Zürich stattfand, wurden nun die ersten Ergebnisse präsentiert.
Dr. med. vet. Selma Latif vermittelte die wissenschaftlichen Erkenntnisse so, dass sie für jeden verständlich waren. (Foto: A. Heimgartner)
Den Kern der Studie bilden die 248 Pferd-Reiter-Paare, die sich für die Untersuchungen freiwillig zur Verfügung gestellt haben. Grundvoraussetzung war, dass die Reiterinnen und Reiter sowohl sich selbst als auch ihr Reitpferd als beschwerdefrei und gesund beurteilten.
Einflussfaktoren für Rückenbeschwerden
Dass es nicht einen einzelnen Auslöser für Rückenschmerzen gibt, ist bekannt. Welche konkreten Zusammenhänge zwischen den Einflussfaktoren wie dem Sattel, der Reiterin bzw. dem Reiter selbst und der Reitweise bestehen, war Gegenstand dieser Studie. So wurden nicht nur alle Pferde einer orthopädischen und chiropraktorischen Untersuchung unterzogen und ein Teil davon mittels Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen beurteilt, sondern es wurden auch die Sättel kontrolliert und die Reiterfitness auf die Probe gestellt.
Wer war dabei?
Die Studienpferde waren fünf- bis achtzehnjährig, davon 59% Wallache, 38% Stuten und 4% Hengste, mehrheitlich Warmblüter (64%). Knapp ein Drittel dieser Pferde wird in Einzelboxen ohne Auslaufbereich gehalten, jedoch leben 45% der Studienpferde in Auslaufboxen.
Das Durchschnittsalter der Reiterinnen und Reiter betrug 37 Jahre, 93% waren Frauen, 54% verstanden sich als ambitionierte Sportreiterinnen bzw. -reiter. Die durchschnittliche Reiterfahrung belief sich auf 25 Jahre.
Rückenschmerzen mindern nicht zwingend die Leistung
Dr. med. vet. Selma Latif, Tierärztin mit Spezialisierung in Sportmedizin und Rehabilitation von Pferden, manuelle Therapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Sportmedizin an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich, erläuterte, dass ein Drittel der Studienpferde, die ja von ihren Besitzerinnen und Besitzern als gesund eingestuft wurden, beim Abtasten des Rückens mittel- bis hochgradig schmerzempfindlich reagierten. Dies bedeutet, so Latif, dass die ungebrochene Leistungsbereitschaft beim Reiten allein noch keine Sicherheit gibt, dass das Pferd tatsächlich schmerzfrei ist. Im Rahmen der Studie wurden hingegen auffällige Verhaltensweisen beim Putzen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Rückenschmerzen in Verbindung gebracht. Auch warnte die Veterinärmedizinerin vor Fehlinterpretationen: Macht ein Pferd nach dem Hindernis wirklich Freudensprünge? Ist es tatsächlich unerzogen, wenn es mit Unwillen auf meine Reiterhilfen reagiert? Oder ist das eine wie das andere vielleicht doch eine Schmerzäusserung?
Umgekehrt geben manche Rückenpatienten unter der Reiterin bzw. dem Reiter Hinweise auf ihre Schmerzen, nicht jedoch an der Longe oder im Stand. Deshalb empfiehlt das Studienteam, auffällige Pferde immer ganzheitlich abzuklären - im Stand und in der Bewegung, mit und ohne Reiter, vom Beschlag bis zum Sattel. Verdeutlicht wurde diese Herangehensweise nicht zuletzt mit dem Hinweis, dass eine Schmerztherapie allein keine nachhaltige Heilung bringt, sondern eben alle Einflussfaktoren optimiert und neue, gesunde Bewegungsabläufe unter der Reiterin bzw. dem Reiter erlernt werden müssen, um das Pferd langfristig gesund zu erhalten.
Prof. Dr. med. vet. Michael Weishaupt beantwortete gerne individuelle Fragen der Symposiumsteilnehmer. (Foto: A. Heimgartner)
Bildgebende Verfahren bei Rückenproblemen
Untersuchungsmethoden wie Röntgenbilder oder Ultraschall sind wichtige Bestandteile einer umfassenden Abklärung von Rückenbeschwerden beim Pferd, wie Prof. Dr. med. vet. Stefanie Ohlerth erläuterte. Beim Röntgen werden die knöchernen Strukturen wie Wirbelkörper und -gelenke oder Dornfortsätze dargestellt, mit dem Ultraschall die Wirbelgelenke und die Weichteile des Rückens wie Muskeln und Bänder. Aufgrund der Grösse des Pferdes können in der Röntgen- und der Ultraschalluntersuchung jedoch nicht alle Bereiche des Rückens vollständig dargestellt werden. Im Rahmen der Rückenstudie wurden 71 Pferde den bildgebenden Untersuchungen unterzogen.
Die ersten Auswertungen legen nahe, dass Warmblüter stärker von Rückenproblemen betroffen sind als andere, kleinere Pferde. Auch müssen Befunde in bildgebenden Verfahren (noch) nicht zwingend Auswirkungen auf die Leistung oder das Gangbild des Pferdes haben. Die Röntgenuntersuchung ergab bei 45% der allesamt als leistungsbereit und reitgesund eingestuften Studienpferde leicht- bis hochgradige Veränderungen an den Dornfortsätzen, die auch die Rückenbeweglichkeit einschränkten. Leicht- bis hochgradige arthrotische Veränderungen an den Wirbelgelenken wurden bei 52% im unteren Hals und bei 38% der Pferde in der Sattellage und Lende gesehen. Die Ultraschallbilder zeigten mindestens leichtgradige Veränderungen im Bereich der Iliosakralgelenke bei 32%. Insgesamt waren die hochgradigen Veränderungen eher selten.
Die Ergebnisse der bildgebenden Untersuchungen werden nun weiter aufgearbeitet, um Zusammenhänge zu Auffälligkeiten bei der orthopädischen und chiropraktorischen Untersuchung herzustellen.
Schnittstelle Sattel
Aus dem Fragebogen, den die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer ausfüllten, geht hervor, dass rund die Hälfte ihren Sattel nicht regelmässig kontrollieren lässt, wobei ebenfalls 50% angaben, dass der Sattel ihrer Einschätzung zufolge ideal passen würde. Weitere 46% beantworteten die Frage, ob die Passform ihres Sattels für ihr Pferd ideal sei, immerhin auch noch mit der Aussage: «trifft eher zu». Die manuelle Untersuchung der Sättel im Rahmen der Studie ergab jedoch, dass nur gerade 10% der Sättel perfekt passten, wobei auch kleine Unregelmässigkeiten in der Polsterung oder leichte Asymmetrien in die Wertung einbezogen wurden.
Wie Sattlermeister Urban Truniger am Symposium erläuterte, sind die Variablen, die den Satteldruck und die Passform beeinflussen, äusserst vielfältig und komplex. Sie variieren vom Aufbau des Sattels selbst, wie der Wahl des Sattelbaums, der Aufhängung der Gurtstrippen oder dem Füllmaterial der Sattelkissen, über die Sattelunterlage bis hin zum Niveau des Reiters selbst. So haben elektronische Satteldruckmessungen beispielsweise beim gleichen Pferd mit gleichem Sattel, aber anderem Reiter ein unterschiedliches Druckbild ergeben. Als weitere Negativfaktoren bezüglich Satteldruck wurde ein zu tiefer Sitz, zu grosse Pauschen und eine für den Reiter zu kleine Sitzfläche genannt.
Grundsätzlich empfahlen die Experten, den Sattel mindestens jährlich von einem Fachmann überprüfen zu lassen, bei Pferden in Entwicklung - d.h. bei plötzlich intensiverem oder weniger intensiven Training - noch öfter. Truniger wies zudem darauf hin, dass bei Pferden mit Rückenproblematik eine enge Zusammenarbeit von Sattler, Physiotherapeut, Reitlehrer und Tierarzt unumgänglich sei. Auch Dr. med. vet. Selma Latif gab zu bedenken, dass ein Sattel nicht auf eine Fehlhaltung des Pferdes angepasst werden darf, sondern das Pferd nach Möglichkeit zuerst ohne Reitergewicht umtrainiert werden sollte, um sich schliesslich auch unter dem Sattel gesund bewegen zu können.
Lahmheiten schlecht erkannt
Aktuelle internationale Studien legen nahe, dass Pferdebesitzer und -trainer oft nicht in der Lage sind, Lahmheiten oder Unregelmässigkeiten im Gangbild zu erkennen. Prof. Dr. med. vet. Michael Weishaupt erläuterte am Symposium, dass dies im Rahmen der Schweizer Rückenstudie bestätigt wurde: Von den Studienpferden, die von ihren Reiterinnen und Reitern allesamt als reitgesund und beschwerdefrei eingestuft wurden, zeigten gemäss tierärztlichem Augenschein bis zu 50% geringgradige Lahmheiten beim Vortraben.
Ein Ausschnitt von 69 Pferden wurde zusätzlich einer Lahmheitsuntersuchung auf dem Laufband unterzogen, bei der die Bewegungen des Pferdes und die Belastung der einzelnen Gliedmassen elektronisch gemessen wurden. Bei rund 35% dieser Pferde wurden leichtgradige Lahmheiten bzw. Bewegungsasymmetrien festgestellt. Dabei betrug die mittlere Belastungsdifferenz zwischen linker und rechter Gliedmasse eines Beinpaars 3,65% des Körpergewichts; das sind bei einem 500 kg schweren Pferd rund 18 kg.
Inwiefern diese Asymmetrien im Gangbild im Zusammenhang mit der orthopädischen Gesundheit des Pferdes stehen bzw. bis zu einem gewissen Grad normal sind, wird nun in weiteren Arbeiten analysiert
Übungen für einen besseren Sitz mit Susanne von Dietze. (Foto: A. Heimgartner)
Einflussfaktor Reiter
Wie komplex ein guter Reitersitz ist, erläuterte die Dressurrichterin und Krankengymnastin Susanne von Dietze eindrücklich in ihrem Referat. Wie beim Pferd kommt auch beim Reiter der positiven Körperspannung mit einer angepassten Mobilität und Stabilität eine enorme Bedeutung zu.
Dr. Christoph Bauer vom Institut für Physiotherapie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) nahm diese Thematik auf und erklärte, dass bisher kaum Daten zu den Anforderungen und Leistungsparametern von Reiterinnen und Reitern vorhanden seien. Somit gelte die Rückenstudie in diesem Bereich als Beobachtungsstudie, die einen ersten Überblick über die Sachlage liefere.
Im Rahmen der Studie wurden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einem einstündigen Test unterzogen, bei dem in einer Reihe von Untersuchungen Ausdauer, Balance, Beweglichkeit, Kraft, Schnelligkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Symmetrie analysiert wurden. Diese Daten wurden mit der Notengebung der Dressurrichter beim Reittest der Studie verglichen, um Rückschlüsse auf die Reitperformance zu ziehen. Dabei ergab sich folgendes Bild: Gute Ausdauer, Kraft und Reaktionsgeschwindigkeit beeinflussen die Reitperformance positiv, während Reiterinnen und Reiter mit grösserer Beweglichkeit im Reittest tendenziell schlechter benotet wurden.
Diese Studienergebnisse sind jedoch erst der Anfang, und weitere Arbeiten sind notwendig, um diese Interpretation der Daten zu erhärten oder zu widerlegen, um im Bereich der sportwissenschaftlichen Beurteilung und Förderung des Reitsports weiterzukommen.
Blick in die Zukunft
Das Symposium PFERDE 2019 hat vor allem eines gezeigt: Die ersten Ergebnisse der Rückenstudie sind erst der Anfang. Eine tiefergreifende Analyse der Daten und ergänzende Forschungsarbeiten werden nötig sein, um die Gesundheit und das Wohlergehen der Reitpferde noch besser zu verstehen und proaktiv zu optimieren sowie die Reiterinnen und Reiter als Sportler gezielter zu fördern.
Cornelia Heimgartner
Die Initiantin und Organisatorin des Symposiums, Corinne Hauser, und der Präsident des Vereins Pro Pferd, Lucas Anderes, führten die dreitägige Veranstaltung zum Erfolg. (Foto: A. Heimgartner)