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Herr Khanna, seit einigen Jahren macht in der Schweiz die Idee des Stadtstaats die Runde. Was halten Sie davon?
Da sind Sie in der Schweiz nicht die einzigen. Ich habe jüngst in London eine Debatte moderiert, in der sich britische Entscheidungsträger, Journalisten und Parlamentarier amused darüber stritten, ob London nach Vorbild neuzeitlicher Stadtstaaten wie Venedig, Florenz oder der Hansestädte positioniert werden kann. Es gab Leute an diesem Dinner, die offen forderten, London vom Rest des Landes zu entkoppeln. Nun, ich bin ein offenkundiger Befürworter der Idee, dass das Modell der Stadtstaaten auf die Weltbühne zurückkehren sollte. Diese Phantasie ist toll, die Diskussion ebenfalls, aber die Crux ist natürlich die praktische Umsetzung. Die Idee, dass London sich des Rests des Landes entledigen solle, ist albern. London ist Teil einer grösseren Einheit, von der es auch profitiert – genauso wie umgekehrt. Dasselbe gilt für Zürich oder Genf.
Absolut einverstanden, aber was taugt die Idee, sich die gesamte Schweiz als Stadtstaat vorzustellen?
Ein Stadtstaat ist weitgehend ein geplantes Gebilde, die Schweiz ein über Jahrhunderte gewachsenes. Das Konzept lässt sich also nicht eins zu eins auf die Confoederatio Helvetica übertragen. Ich würde darum für die Schweiz nicht von einem Stadtstaat sprechen, sondern eher von einer Ansammlung von «City Hubs», einer Verknotung von Orten mit verschiedenen Funktionen. Das wäre kein City State, sondern eher ein «Cities State», ein «Städtestaat» oder ein «städtischer Staat»…
Ein «Cities State»?
Das ist erst mal nur ein Begriff. Vielleicht dient er ja als Inspiration für die Schweizer Brandmaster in Zürich und Bern, die hier noch sehr zögerlich agieren – schweizerisch zurückhaltend eben! Es geht darum, die kollektive Stärke von Schweizer «Hubs» hervorzuheben. Die Schweiz bietet alles auf kleinstem Raum. Gstaad und St. Moritz sind Orte, wo man im Sommer und Winter eine gute Zeit haben kann, Zürich ist ein internationales Finanzzentrum, Basel Sitz der chemischen Industrie, Genf ein Zentrum der Finanzen und Diplomatie. Jeder Ort hat seine Stärke, die er zum Ganzen beitragen kann. Die Attraktivität eines solchen «Cities State» für moderne Kosmopoliten ist schier grenzenlos.
Sie kennen vor allem das mondäne Genf, das dynamische Zürich und das aufgetakelte Davos während des WEF. Was aber wäre Ihr Bild, wenn Sie einen Grossteil Ihrer Zeit in der Agglo-Schweiz verbringen müssten?
Ich kann mir nicht vorstellen, meine Hauptbasis in einer anderen Stadt als London, New York oder Singapur zu haben. Menschen gravitieren nach Kriterien der Arbeits- und Zeitmobilität dorthin, wo sie ihrer Arbeit am besten nachgehen können. Deswegen ist die Qualität der Infrastruktur so wichtig: sie ermöglicht, das Landleben mit modernen Karrieremöglichkeiten zu verbinden. Und die Schweiz ist hier ja weltweit top! Die Schönheit der Schweiz besteht mitunter darin, dass man in Zürich leben und innerhalb einer halben Stunde an einem ruhigen Ort am See sein kann oder in Genf leben und innerhalb einer Stunde in Chamonix sein kann. Man hat die Wahl, innerhalb eines Tages die intensiven Aspekte des Stadt- und auch des Landlebens erfahren zu können.
Wenn man mit dem Flugzeug in Zürich ankommt, wird man in einem futuristischen Untergrund-Glaszug mit Kuhglocken und Alpgesängen empfangen. Ist das nicht vielmehr ein Zeichen dafür, dass wir mit einem Widerspruch von Tradition und Moderne ringen?
Kühe, Käse, Schokolade, Skifahren und Bankgeheimnis. Alles schön und gut. Aber der Widerspruch zwischen Urbanität und Ländlichem ist konstruiert: Boris Johnson, der Bürgermeister Londons, pflegt mit Erfolg das Bild des Dorfes innerhalb der Stadt. Als Bewohner Londons weiss ich, was er meint: London ist eine Ansammlung von Dörfern. Eine grosse Stadt, die sich anfühlt wie ein Dorf. Wenn ich meine Tochter zur Schule bringe, sehe ich vom Schulplatz aus Schafe und Hühner. Und ich lebe mitten im…