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«Sonne der Gerechtigkeit»
Autor: Von OTHMAR KEEL
Wie hat sich das Ziegelrelief, das diese Titelseite dominiert, in die Weihnachtsausgabe einer Zeitung christlicher Tradition verirrt? Wie etwas Fremdes und Befremdendes blickt das maskenartige, bärtige Gesicht mit den erhobenen Augenbrauen, den Spuren weisser und roter Farbe in die Welt, die Weihnachten bedeutet: in Kerzenlicht, Tannennadelduft, verhalten feierlich-fröhliche Musik und Berge von glänzenden Geschenkpaketen, unter denen das neugeborene Christkind in seiner Krippe verloren zu gehen droht.Was will dieser Gast aus einer fremden Welt? Kommt er, um Rache für irgendwelche verdrängten Fehler und Untaten zu fordern? Nein, er erinnert nur daran, dass die Weihnacht wie jeder menschliche Brauch ihre Geschichte hat. Es waren nicht immer die gleichen Elemente, die ein intensives weihnächtliches «Well-Feeling» erzeugten.
Epiphanie
Versetzen wir uns in eine Welt zurück, in der ein Heer rechtloser Sklaven und Sklavinnen den Wohlstand garantierten und in prachtvollen Arenen in Gladiatorenspielen Menschen und Tiere zum Vergnügen des Publikums abgeschlachtet wurden, eine Welt, in der sich mancher König und mancher Kaiser, der diesen Betrieb in Gang hielt, sich als theós epiphanés als «(auf Erden) erschienener Gott» und als euergétes «Wohltäter» verehren und feiern liess (vgl. Lukas 22, 25).In dieser Welt erzeugte die Botschaft, Gott sei in einem Menschen auf Erden erschienen, der für sich keinen anderen Titel beanspruche als «der Mensch» (in der Sprache der Bibel: «der Sohn des Menschen»), ein tief empfundenes Glücksgefühl. Er sei, sagte er, nicht gekommen, um sich (von Sklaven und Sklavinnen) bedienen zu lassen, sondern um zu dienen, das Verlorene zu retten und den Hoffnungslosen Hoffnung zu schenken. Das Erscheinen, die Epiphanie, dieser neuen Art von Gott wurde zuerst im Osten des römischen Reiches am 6. Januar gefeiert.
Überwindung der Dunkelheit
Im Westen des römischen Reiches hat Weihnachten einen anderen Ursprung. Die immer kürzeren Tage und die immer längeren Nächte im November und Dezember haben in einer Welt mit sehr geringen Möglichkeiten künstlicher Beleuchtung noch tiefere Beklommenheit und seelische Schwere (Depressionen) ausgelöst, als das heute der Fall ist. Bei der geringen Kenntnis der Natur machte sich die Angst breit, die Sonne könnte sich endgültig von der Erde verabschieden und diese in bleibender Dunkelheit zurücklassen.Mit der physischen Nacht nahm die moralische zu. Verbrecher hatten in den langen Nächten leichteres Spiel. Wilde Tiere wagten sich in die Siedlungen vor. Als man nach der Wintersonnenwende merkte, dass die Sonne wieder an Kraft gewann, feierte man in Rom seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. am 25. Dezember den Natalis Solis Invicti, den «Geburtstag des unbesiegten Sonnengottes».
Christus als neue Sonne
Die Christinnen und Christen, die für ihr Wohlfühlen mehr als zunehmend längere Sonnenpräsenz brauchten, erinnerten sich an das Wort eines jüdischen Propheten, der denen, die nach Gerechtigkeit dürsten, versprochen hatte, eines Tages werde ihnen die «Sonne der Gerechtigkeit» aufgehen.Auf das Fest der Wiedergeburt der natürlichen Sonne setzten sie – gleichsam als zweiten Stock – das Fest der Geburt der «Sonne der Gerechtigkeit».Verus Sol «Wahre Sonne»,Sol Salutis «Sonne des Heils»,Sol Invictus «Unbesiegte Sonne» wurden zu gängigen Titeln für Jesus Christus. Nachdem im 4. Jahrhundert n. Chr. unter Kaiser Konstantin das Christentum eine erlaubte Religion geworden war, wurden in grosser Zahl Kirchen gebaut. Sie waren zu Ehren der neuen Sonne nach Osten ausgerichtet. In Predigten, Hymnen und im Kirchenbau spielte die christliche Sonnensymbolik eine grosse Rolle. In der Bildkunst wurde dieses Motiv jedoch auffallend selten verwendet.
Frühchristliches Weihnachtsbild
Das hier abgebildete Ziegelrelief, wahrscheinlich aus einer tunesischen Kirche aus der Zeit um 400 n. Chr., stellt eine grosse Seltenheit dar. Die runde, durch einen Kranz von Punkten betonte Form, der weisse, von roten Strahlen unterbrochene Nimbus bilden eindeutig die Sonne ab. Das Gesicht aber ist nicht das des Sonnengottes. Dieser wurde in der griechisch-römischen Antike konsequent bartlos dargestellt. Es ist das Gesicht Christi als wahre Sonne.Es sollte den Kirchengängern und -gängerinnen vergegenwärtigen, dass ihnen die «Sonne der Gerechtigkeit» aufgegangen ist und sie in ihrem Lichte wandeln können. Dieses Bewusstsein sollte ihnen Kraft geben und ein tiefes, nachhaltiges weihnachtliches Wohlfühlen vermitteln. In unserem Kirchengesangbuch ist das Lied «Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit» enthalten, allerdings nicht als Weihnachtslied. Wenn es sich dort fände, wo es eigentlich hingehört, wäre uns das Ziegelrelief vielleicht nicht so befremdlich erschienen.Othmar Keel ist emeritierter Professor für Bibelwissenschaften an der Universität Freiburg.Erklärung zur Abbildung auf Seite 2.