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Maria Wunderli – eine unterschätzte Wipkingerin
24. Juni 2020 von Martin Bürlimann
Online seit
24. Juni 2020
Printausgabe vom
25. Juni 2020
Die Wunderlistrasse ist dem Kavallerie-Major Paul Wunderli gewidmet. Seine Frau Maria, die gleichviel geleistet hatte wie er, hätte ebenso eine Namensnennung auf der Strassentafel verdient.
«Paul Wunderli lebte von 1852 bis 1885. Er war Eigentümer des Waidgutes und gab dem Wunderligut seinen Namen», steht in vielen Dokumenten über das Wunderligut. Das Waidgut, wie es einst hiess, war ein stolzer Hof und Landsitz. Über das Waidgut, dort wo heute das Pflegezentrum Käferberg steht, findet sich die erste urkundliche Erwähnung der Waid in einem Ratsbeschluss von 1663, als Frau Holzhalb, Gattin von Professor Holzhalb, ein Gesuch für den Bau eines Hauses mit Scheuer für den Lehenmann stellte.
Ausschnitt aus dem berühmten Stich von Heinrich Siegfried «Vue générale de Zurich» mit Wunderligut und Restaurant Waid
Das Waidgut umfasste 15 Jucharten Land in Wipkingen und 8 Jucharten in Höngg. Vor 1800 besass Gutsherr Kaspar Hirzel den Landsitz. Seine Töchter Elisabetha und Anna Hirzel verkauften die Waid im Jahre 1800 an Pfarrer Heinrich Ochsner aus Rafz für 18250 Pfund. Elisabetha und Anna Hirzel gingen als Wohltäterinnen und grosszügige Spenderinnen für Arme und Kranke in die Wipkinger Chronik ein.
Die eigentliche Geschichte des Waidguts beginnt mit Bäckermeister Schännis, der 1835 die erste Wirtschaft «Schännishalde» eröffnete. Jakob Mahler baute die Wirtschaft aus und erstellte einen Aussichtsplatz. Dann folgte 1877 der Höhepunkt und tragische Niedergang des Waidguts.
Das Ehepaar Paul und Maria Wunderli-von Muralt kauften 1877 als unternehmerische Pioniere das Waidgut. Paul Wunderli war Kavallerieoffizier, Maria stammte aus der Zürcher Familie von Muralt. Sie vergrösserten das Gut mit Zukauf von Wald und Wiesen. Im hinteren Teil gab es einen Tierpark mit Gämsen. Oberhalb des Waidguts, bei der heutigen Waldwiese hinter dem Jägerhaus in Höngg, baute er eine Reitanlage auf der Rossweid. Es war ein Springgarten mit Auslauf für die Pferde, neben einem prächtigen, weit herum bekannten Stall. An Sonntagen gab es Springreiten, Pferdewettkämpfe oder Schützenfeste und volkstümliche Veranstaltungen. Die Anlässe waren weit herum beliebt und stets gut besucht.
Oberhalb des Wunderliguts erstellten sie ein weiteres Gebäude als Restaurant, dort wo heute «Die Waid» steht. Sie bauten 1878 ein ehemaliges Wohnhaus um zu einer «Trinkhalle mit Buffet». Der Saal war prächtig geschmückt und eingerichtet. Wandgemälde zeigten die Kantonswappen mit Trachtenbildern und Sinnsprüchen.
Maria Wunderli führte die Lokalität. Es gab Musik und Tanz, volkstümliche Attraktionen, Theater und Gesang. Alle kamen: Ihr Restaurant war Ausflugsziel für Kutschenfahrten, Tagungsort und Vergnügungsplatz für «tout Zurich». Das Ehepaar teilte sich die Arbeit gleichwertig auf: Paul Wunderli kümmerte sich um den Pferdebetrieb, seine Frau führte den Restaurationsbetrieb, war Gastgeberin und organisierte die Anlässe.
In kürzester Zeit bauten die Wunderlis ihr Lebenswerk. Anfangs der 1880er-Jahre war das Waidgut der angesagteste Ort der ganzen Stadt. Es war vielleicht der einzige Ort der Schweiz, an dem gleichzeitig die Herrschaften ihre Hengste zum Galopp herführten, im Salon die Damen der Hochfinanz ihren Tee nippten, während hinter dem Stall das Dorfvolk ein Grümpelschiessen abhielt.
Im Wunderligut kam die bessere Gesellschaft mit dem Volk zusammen – was Ende des 19. Jahrhunderts die Ausnahme war. Das Ehepaar Paul Wunderli-von Muralt waren für die Besitzer von Pferdestallungen geschätzte Gastgeber, und beim Volk waren sie als Wirtsleute beliebt.
Maria Wunderli
Die Wunderlistrasse ist bemerkenswerterweise nicht an den Namen des Gutshofes geknüpft, sondern an deren Betreiber, Paul Wunderli-von Muralt. Ebenso bemerkenswert ist, dass die Ehefrau Maria auf der Tafel nicht erwähnt ist. Sie hat sicherlich den gleichwertigen Beitrag geleistet. Ihr Beitrag wurde zu wenig gewürdigt. In Dokumenten und Archiven fehlt ihr Name fast durchgehend.
1877, als der Meilener Industrielle und Kavalleriemajor Paul Heinrich Wunderli das Herrengut auf der Waid erwarb, zog ein junger Mann namens Gottlieb Büchi nach Wipkingen, das damals noch eine selbständige Gemeinde war. Gemäss Aufenthalterkontrolle der Gemeinde Wipkingen wohnte er bei Frau Keller im Berg und arbeitete als Knecht.
Er zog als Pferdeknecht im Haus Nr. 52 auf der Waid ein. Ab Mai 1878 wohnte im gleichen Haus der vierundvierzigjährige Taglöhner Karl Bänninger von Rorbas als niedergelassenen Kantonsbürger. Später wurde Karl Bänninger in der Gemeinde Wipkingen als Landwirt bezeichnet. Gottlieb Büchi seinerseits wird in den verschiedenen Verzeichnissen wechselweise als Knecht, Landwirt und Pferdeknecht geführt.
Später wohnten Gottlieb Büchi und Karl Bänninger im Haus Nummer 103 auf dem Waidgut. Dieses Haus war ursprünglich ein Stall mit Tenn und Kammer. 1866 wurde es mit einem Wohnteil ergänzt und ging 1877 ins Eigentum von Paul Wunderli über. Es wurde 1909 abgetragen.
Maria war die Schwester von Amalia von Muralt, der Frau von Paul Wunderlis älterem Bruder Johann Heinrich. Die Eltern der beiden Brüder waren von Meilen in die Gemeinde Enge umgezogen und bewohnten seit 1860 die Villa Rosau, neben dem heutigen Hotel Baur au Lac. Die Eltern ihrer Frauen wohnten im Muraltengut an der Seestrasse in der Enge.
Grosse Pläne – nicht mehr verwirklicht
Von Maria Wunderli stammte sicherlich auch ein wesentlicher Teil der Finanzen für den Kauf und die umfangreichen Investitionen auf der Waid. Sie war die Gastgeberin im Restaurant und leitete die touristischen Attraktionen auf der Waid. Ebenso war Maria an den Verhandlungen mit der Stadt bei den Umbauten und bei den Verkehrsprojekten beteiligt. Das Ehepaar Wunderli hatte Grosses vor. Es war die Zeit des englischen Tourismusbooms in der Schweiz. Sie bauten eine neue Strasse mit weniger Gefälle, damit die besser gestellten Gäste mit Droschken zur Waid hochkamen. Paul und Maria Wunderli verhandelten um 1880 mit der Stadt Zürich über eine Trambahn vom Bucheggplatz zur Waid. Sie planten ein von Pferden gezogenes «Schienentram», also ein Schienen-Kutschenbetrieb unter der Leitung der Zürcher Pferdebahn. Um 1880 liessen sie von Ingenieuren Pläne erstellen für eine Seilbahn von der Hönggerstrasse zum Käferberg an der Käferholzstrasse.
All das sollte ein jähes, tragisches Ende nehmen: Maria Wunderli und ihr Mann starben 1885 bei der Typhusepidemie. Sie hinterliessen drei kleine Waisen. Nach dem tragischen Tode des Ehepaars Wunderli ging das Gut an eine Erbengemeinschaft über. Gottlieb Büchi und Karl Bänninger wohnten weiterhin im Haus Nr. 103 und bewirtschafteten das Land.
Von Wipkingen übersiedelte Gottlieb Büchi, der 1888 die Tochter von Karl Bänninger geheiratet hatte, mit seiner Frau und zwei Kindern 1899 an die Seetrasse 201 in die Enge. Das Haus Seestrasse 201 ist das Nebengebäude des Muraltenguts, das von den Eltern der 1885 verstorbenen Maria Wunderli-von Muralt bewohnt wurde. Die Familie von Gottlieb Büchi lebte dort in Untermiete und war gemäss dem Eheschein seines Sohnes Gutsverwalter auf dem Muraltengut. Offenbar hatte er sich auf der Waid bewährt. Die grossen Projekte des Ehepaars Wunderli wurden nicht mehr realisiert. Ihr Tod sollte auch das Ende des Wunderliguts sein: Das Gebäude, Rossweid und Stallungen blieben leer, da sich kein Käufer und kein Mieter fand. Über zwanzig Jahre lang stand das Gut leer, nur die Magd lüftete das Haus im Frühling und im Herbst.
Quellen:
Walter Büchi, «Familiengeschichte Büchi», unveröffentlicht, Zürich.
Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Wipkingen – Vom Dorf zum Quartier», Wibichinga Verlag, 2006.
In der Wipkinger Zeitung vom Oktober 2016 fragten wir: «Wer war Maria Wunderli?» Auf der Strassentafel ist Paul Wunderli vermerkt, Besitzer des Waidguts. Seine Frau Maria hatte den gleichen Anteil an der unternehmerischen Leistung, aber ihr Name fehlt auf der Tafel. Walter Büchi, ein Leser der Wipkinger Zeitung, schrieb in seiner Familiengeschichte, dass Maria Wunderli aus der Familie von Muralt aus dem Muraltengut stammt. Sein Urgrossvater Gottlieb Büchi war bei Wunderlis Knecht und Landwirt. Nach dem Tod des Ehepaars Wunderli wurde er Gutsverwalter bei den Eltern von Maria im Muraltengut.
Die Besitzer des Waidguts:
1800–1811: Pfarrer Heinrich Ochsner
1811–1825 Melchior Nötzli
1827: J.J. Abegg
1827–1829: Nochmals Heinrich Ochsner
1829–1846: Hauptmann Emanuel von Schännis, Bäckermeister
1846–1877: Joh. Jakob Mahler
1877–1885: Ehepaar Paul und Maria Wunderli-von Muralt
1885–1907: Waid steht leer
Ab 1907: Stadt Zürich
Heute steht an dieser Stelle das Pflegezentrum Käferberg.