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Bald ist es ein Jahr her, seit die russische Armee die Ukraine überfiel. Die Folgen sind verheerend: Ganze Städte sind zerstört, Felder und Häuser vermint, Millionen sind geflohen. Der Krieg verändere aber nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa, sagt Ivan Krastev. Der Osten habe dabei einen Vorteil: «Wir wissen, dass sich alles ändern kann, alles.»
Der renommierte Politologe war 25, als sein Heimatland Bulgarien Anfang 1990 den Systemwechsel vollzog. «Der Kommunismus der 1980er Jahre war extrem stabil. Man mochte ihn nicht, aber man konnte sich darin einrichten.» Innerhalb von wenigen Monaten habe sich dann alles geändert. «Diese Erfahrung ist fundamental. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, alles ist möglich.»
Existenz von Polen in der Schwebe
Diese beiden Erfahrungen – 40 Jahre Diktatur und ein schneller Umsturz – hätten die Menschen Osteuropas geprägt. Jene, die von der Situation profitierten, aber auch jene, die darunter litten, ihre Jobs für immer verloren oder Jahre im Gefängnis verbracht hätten. Ohne diese Erfahrungen selbst gemacht zu haben, sei es für den Westen nicht möglich, den Osten zu verstehen, so Krastev.
Jahrelang warnten die Polen und die Balten den Westen vor Russland, doch der Westen hat sie nicht gehört.
Fünf der sechs Gründerstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG – der Vorläuferin der heutigen EU – waren ehemalige oder noch aktive Kolonialmächte. «Die Regierungen dieser Staaten waren es gewohnt, dass ihre Stimme Gewicht hat», sagt Krastev.
Über Ivan Krastev
Ivan Krastev wurde 1965 in Lukovit, Bulgarien geboren. Er ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Ausserdem ist Krastev Gründungsmitglied des European Council on Foreign Relations. 2020 erhielt er den Jean-Améry-Preis für europäische Essayistik.
Zu seinen Hauptpublikationen zählt das Buch «After Europe» zur Flüchtlingskrise 2015, der Essay «Europadämmerung» (2017) und das Buch «Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung» (2019). Krastev schreibt auch regelmässig Analysen für die internationale Ausgabe der «New York Times».
Osteuropa dagegen war weitgehend fremdbestimmt, nicht nur zu Sowjetzeiten, sondern schon vorher. Polen sei ein gutes Beispiel. Das mit fast 40 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Mitglied Osteuropas in der EU sei früher ein Spielball der Grossmächte gewesen.
Die Existenz Polens stand oft in der Schwebe. Die Nationalhymne beginnt mit der Zeile «Noch ist Polen nicht verloren». Krastev fragt: «Können Sie sich diesen Satz in der französischen Hymne vorstellen?»
Spätfolgen der rasanten Westernisierung
Weil die politischen Anführer Mittel- und Osteuropas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die «Rückkehr nach Europa» möglichst schnell vollziehen wollten, taten sie alles, um den Westen zu imitieren: Der Westen gab die Richtung vor, der Osten folgte. Aus westlicher Sicht sei das viele Jahre gut gegangen, so Krastev.
Doch auf diesem Weg hätten viele osteuropäische Staaten nicht nur die besten Leute verloren, weil diese in den Westen abwanderten, sondern oft auch ihre Identität. Das habe zu Ressentiments gegenüber Autoritäten und westlichen Prinzipien geführt.
Ukraine-Krieg führt zu neuer Kräfte-Neuordnung
Was die osteuropäischen Länder alle teilten, war die Angst vor dem grossen Nachbar im Osten. «Jahrelang warnten die Polen und die Balten den Westen vor Russland, doch der Westen hat sie nicht gehört», so Krastev. Das habe sich geändert. Der Krieg in der Ukraine führe zu einer Neuordnung der Kräfte innerhalb Europas und der EU.
Insbesondere die Rolle von Polen habe sich gewandelt. Das Nachbarland der Ukraine habe neben den USA und Grossbritannien den grössten Einfluss in Kiew, so Krastev.
Ausdruck dieses neuen Selbstvertrauens sei die am 1. September 2022 an Deutschland gerichtete Forderung nach Reparationen in der Höhe von 1,3 Billionen Euro für die erlittenen Verluste im Zweiten Weltkrieg. Exakt 83 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen. Zufall? Wohl kaum.