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Denkt man an Schweizer in päpstlichen Diensten, so kommt einem gleich die Schweizergarde in Rom in den Sinn. Im 19. Jahrhundert gab es aber auch noch eine päpstliche Fremdenlegion. Ein Rückblick auf ein vergessenes Kapitel zugerischer Reisläuferei.
Museum Burg Zug
Als am 20. September 1870 piemontesische Truppen neben der Porta Pia mit Artillerie eine Bresche in die Stadtmauer Roms schossen, läutete dies das Ende des alten Kirchenstaates ein. Wenig später war Rom besetzt und die weltliche Herrschaft des Papstes endgültig beendet.
Damit endete zugleich der lange und heftig umkämpfte italienische Unabhängigkeits- und Einigungsprozess (Risorgimento). Im Oktober 1870 proklamierte König Vittorio Emanuele II. – bis anhin König von Sardinien-Piemont – als neuer Regent von Italien die Vereinigung Italiens mit dem Kirchenstaat. Papst Pius IX. musste sich in den Vatikan zurückziehen und bezeichnete sich fortan als «Gefangenen im Vatikan».
Ein Porträt und ein Orden in der historischen Sammlung des Museums Burg Zug zeugen von dieser geschichtsträchtigen Epoche. Das Gemälde zeigt den Zuger Karl (Carl) Keiser in der Uniform des I. päpstlichen Fremdenregiments. Eine päpstliche Fremdenlegion, wie ist das einzuordnen?
Im alten Kirchenstaat war der Papst nicht nur religiöses Oberhaupt, sondern auch weltlicher Herrscher. Der Kirchenstaat umfasste Mitte des 19. Jahrhunderts elf Provinzen von Benevento im Süden über Rom bis nach Ancona, Ravenna, Bologna und Ferrara – ein Gebiet von der ungefähren Grösse der heutigen Schweiz.
Im Zuge der französischen Julirevolution von 1830 kam es auch in Italien zu Aufständen und einer revolutionären Bewegung. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Kirchenstaat hatte Papst Gregor XVI. deshalb eine eigene kleine Armee aufstellen lassen.
Diese wurde im Laufe der Zeit mehrmals umformiert und bestand neben italienischer Linieninfanterie, leichter Infanterie, multinationalen Freiwilligenverbänden (u. a. franco-belgisch-holländische Zuaven), Kavallerie und Artillerie aus zwei Fremdenregimenten als Kerntruppe. Diese wurden im Volksmund Reggimenti Svizzeri – Schweizerregimenter – genannt, da deren Offiziere und der grösste Teil der Unteroffiziere und Mannschaften Schweizer waren.
Karl Keiser (1838–1890) war einer dieser Schweizer, die es nach seiner Ausbildung zum Buchdrucker in die klassische Militärtradition der Fremdendienste trieb. Dies in einer Zeit, in der dem Söldnertum mit dem Verbot von 1859 juristisch ein Riegel geschoben wurde und es auch nicht mehr die soziale Bedeutung früherer Tage besass.
Über die Gründe Karls können wir mangels Quellen nur spekulieren: War es jugendliche Abenteuerlust? Die Keisers waren jedenfalls keine traditionelle Solddienstfamilie, sondern als Zinngiesser oder Ofenbauer bekannt. Im 19. Jahrhundert stiegen die Keisers kantonal und national in höchste politische Ämter auf. Karls Vater, Kaspar Keiser, war unter anderem Ständerat und Stadtrat, amtete als Oberrichter, arbeitete als Stadtarzt und gründete 1845 mit seinen Brüdern die katholisch-konservative «Neue Zuger Zeitung».
Im Falle Karls dürften seine Brüder Vorbilder für den Dienst in der Fremde gewesen sein: Der älteste Bruder, August Keiser, war nach dem Staatsexamen als Militärarzt (médecin-aide-major) in das päpstliche I. Fremdenregiment eingetreten, ein anderer Bruder war Regimentsgeistlicher in neapolitanischen Diensten. Karl selbst trat gemäss Annuario Militare Pontificio im Jahr 1852 als 14-jähriger Unterleutnant in dasselbe Fremdenregiment ein wie sein Bruder August.
Auf dem Gemälde ist Karl als junger Offizier dargestellt. In der rechten Hand hält er eine Feluca (Zweispitz) mit Gradabzeichen. Als Leutnant nahm Karl an den Kämpfen im Rahmen der italienischen Unabhängigkeitskriege teil, so etwa bei der Niederschlagung eines Aufstandes in Perugia 1859 und an der Schlacht von Castelfidardo 1860. Dort, wo die päpstliche Armee eine herbe Niederlage erlitt und Keiser in piemontesische Kriegsgefangenschaft geriet. Im Jahr 1867 beteiligte er sich – nun als Kompaniekommandant im neu formierten Fremden-Jägerbataillon – an der Schlacht bei Mentana gegen Garibaldis Freiwilligenverbände.
Das Porträt zeigt zwei päpstliche Auszeichnungen: die Medaglia Pro Petri Sede (auch Medaglia di Castelfidardo genannt, im Gedenken an den Feldzug von 1860) und das Ritterkreuz des Silvesterordens. Es ist ein seltener Glücksfall, dass das Museum neben dem Porträt auch einen der beiden Orden in die Sammlung erhalten hat.
Allerdings scheint dieses Gemälde zu einem frühen Zeitpunkt entstanden zu sein. Im Annuario sind nämlich zwei weitere Auszeichnungen verzeichnet: das Ritterkreuz des Gregoriusordens und das Mentana-Kreuz (Crux Fidei et Virtuti, im Gedenken an die Schlacht bei Mentana 1867). Dank diesen Auszeichnungen lässt sich das Porträt in die Jahre zwischen 1860 und 1867 datieren.
Nach dem Zusammenbruch des Kirchenstaats und der Auflösung seiner Armee im Jahr 1870 kehrte Karl in die Schweiz zurück, wo er sich eine neue Beschäftigung suchen musste. Anders als viele ehemalige Solddienstoffiziere suchte Karl offenbar keine Anstellung als Instruktor in der Schweizer Armee.
Einige Zeit leitete er den «Urnerhof» in Flüelen. 1875 eröffnete er in Luzern eine Weinhandlung, die sich scheinbar dank «seiner Geschäftstüchtigkeit und Leutseligkeit bald eines bedeutenden Zuspruchs erfreute». Als kriegserfahrenen Offizier ernannte ihn der Luzerner Regierungsrat zudem zum Kommandanten eines Landwehrbataillons.