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Menschen tragen unterschiedliche Hüte. Sie wählen meist einen, der zu ihnen passt oder vielleicht einen, in dem sie mehr scheinen, als sie sind.
Einen Hut, den man an einen Haken gehängt hat, sollte man nicht verwechseln, auch sollte man im Leben nicht alles unter einen Hut bringen wollen. Die Verwechslung passierte einem Herrn, der sich damit eine Blamage einhandelte. Er hatte sich in der Via Nazionale di Roma einen Borsalino gekauft, einen eleganten, wie ihn manche Herren in Italien tragen. Unser Mann war sehr stolz auf seinen Borsalino. Freunde lachten, wenn sie ihn daherkommen sahen, er sehe darin wie ein Mafiaboss aus. Das störte ihn nicht. Er verstand Spass. Alles unter einen Hut bringen wollte er nicht. Er überliess dies gerne den mächtigen Herren, die nicht genug bekommen und mehr scheinen wollen, als sie sind.
Es gibt ja viele Arten von Hüten und Kopfbedeckungen für Männer. Allerdings bei Weitem keine so wunderbare Vielfalt von farbigen und interessanten Kopfbedeckungen, wie sie die Frauen tragen. Davon aber soll hier nicht gehandelt werden. Verschieben wir das modisch psychologische Phänomen und die Betrachtung über Frauenhüte auf später. Jede Art von Hut wie auch die Kleidung haben etwas mit der Selbsteinschätzung des Menschen zu tun. Sie sind ein Identitätsmerkmal. Nicht jeder Kopf eignet sich für einen Borsalino. Viele Köpfe wählen einen Filzhut der Firma Kayser, vielleicht mit breitem Rand, oder einen Schlapphut, wie ihn ein berühmter Walliser trägt. Es gibt Leute, die tragen eine Bergmütze im Stil des jungen Masaryk. Später, tschecholoswakischer Präsident geworden (1918 -1935), setzte er sich einen weichen, dem Borsalino nicht unähnlichen Hut mit hohem Rumpf auf. Bei Staatsempfängen trug er selbstverständlich einen Zylinder. In der arg durchdemokratisierten Welt von heute taugt ein Zylinder allenfalls noch für Fasnachtsanlässe. Die Masaryk Bergmütze sieht derjenigen von Helmut Schmidt ähnlich, nur hat sie noch eine Zierschleife unter dem Deckel. Ein Kenner weiss, hier steht ein Tscheche und dort ein Hanseate.
Wollte man eine Mütze nehmen, die einen besonderen Ausdruck der schweizerischen Demokratie darstellt, müsste es wohl die Dächlikappe sein. Nicht allein nur ein Schweizerkreuz ziert die Schirmmütze, sondern oft auch ein Signet, das als Markenzeichen auf besonders beliebte Berge wie auf den Pilatus, die Rigi, das Matterhorn, auf Ortschaften wie Brienz, Engelberg oder auf das Tell-Dorf Bürglen verweist. Wer da mit einem Borsalino herumspaziert, wirkt recht komisch.
Wer eine Schirmmütze trägt, will signalisieren, er wolle keineswegs alles unter einen Hut bringen. Er steht eher für eine einzelne Sache, für einen Ort, den er anderen vorzieht. Er ist zufrieden mit seinem Hobby, ist Fan eines Fussballclubs. Vielleicht trägt er die Mütze seines Arbeitgebers und drückt aus, dass er sich mit ihm und seiner Firma identifiziert. Die Mütze mit einem Signet hat zudem den Vorteil, dass man mit den Leuten leicht ins Gespräch kommt. Er, der sie trägt, ist also kein Raffer, nicht einer, der sich vor Geltungssucht hoch aufspielt. Es sei denn, er heisse Donald Trump.
Nun der Mann mit dem Borsalino, den er an der Via Nazionale di Roma gekauft hatte, blamierte sich. Einmal nämlich, als er in recht guter Stimmung ein wenig aufschneiden wollte, sagte er stolz, dass er den Hut in Rom gekauft habe. Er könne es beweisen. Nun sollte er den Kollegen den Beweis erbringen. Er nahm den Hut vom Kopf, drehte ihn auf die Innenseite und gab den Blick auf das lederne Band frei, das den Stoff schützt. Was lasen sie da? Der ehemalige Hutbesitzer wohnte in Bern. Sein Name und die Adresse standen an Stelle von Via Nazionale. „Du hast den geklaut!“ tönte es spöttisch. Verlegen erwiderte er: „Nein, der Herr hat ihn offenbar verwechselt. Als ich nach der Sitzung aus dem Saal kam, war dieser Hut, der in Form und Farbe meinem aufs Haar glich, noch am Haken. Ich setzte ihn ohne zu überlegen auf und ging auf die Strasse.“ Nach dieser Blossstellung vor den Kollegen plagte ihn das Gewissen. Er hätte ihn ja auch verwechselt haben können. Das liess sich nun nicht mehr rekonstruieren.
Diese Blamage trug der Herr, der den Borsalino in Rom gekauft hatte, mit sich herum, und sie erinnert ihn noch ein Vierteljahrhundert später, dass er 25 Jahre lang den falschen Hut getragen hatte. Was für eine Lehre zog er daraus? Stolziere nie mit einem falschen Hut durchs Leben. Und dazu rezitierte er, wenn er versucht war, etwas mehr zu scheinen, als er war, die Reime aus Goethes Faust: „Du bist am Ende – was du bist. / Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, / Setz deinen Fuss auf ellenhohe Socken, / Du bleibst doch immer, was du bist.“