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Faktor 3: Nicht auffallen nach aussen (Anpassung)
Ich habe bislang festgestellt, dass die Ursache von Blockaden bei kognitiv begabten Kindern in nicht bewusst gemachten, zu hohen Erwartungen liegt. Die "Latte" wird so hoch gehängt, dass sie nicht erreicht wird. Daraus entwickelt sich die Gewohnheit, ob sich selbst enttäuscht und verzweifelt zu sein. Die Beeinflusser stabiliseren oder fördern dieses Verhalten durch Distanz (das Kind sich selbst überlassen), falsche Rücksichtnahme (Mitleid, Kleinreden von Erwartungen) oder durch Verstärkung der Erwartungen (Leistungsdruck).
Diese nicht erfüllten Erwartungen bauen inneren Druck im Kind auf. Dies verstärkt sich durch Passivität bzw. Tatenlosigkeit in der äusseren Welt. Selbst für kleine Verrichtungen oder Lernabläufe geht das Kind in die Verweigerung, nachdem es eine Zeit lang die Aufgaben auf halber Strecke liegen gelassen oder unvollständigt erledigt hatte. Damit verstärkt sich der Kreislauf: Die Erwartungen werden noch höher (oft auch durch die ungeduldig gewordene Umgebung), während die Umsetzung immer schwächer wird. Als Kompensation bietet sich die Betäubung durch virtuelle Reize oder Substanzen an.
Nun kommen wir zu einem dritten Faktor, der den Kreislauf nochmals verstärkt: Die Scham des Kindes gebietet diesem, sich nach aussen unauffällig zu verhalten. Begabungsspitzen müssen versteckt werden.
Versteckte Begabungsspitzen
Das Kind gesteht sich ungern ein, dass es gerne denkt, schreibt, rechnet, liest, programmiert, zeichnet, konstruiert. Es tut dies nur im Verborgenen des eigenen Zimmers oder in der eigenen Werkstatt. Sobald es das Gefühl hat, von aussen beobachtet oder kontrolliert zu werden, bricht es diese Tätigkeiten ab. Weshalb?
Es kommt Scham auf. Das Kind spürt, dass das Verhalten ungewöhnlich für die Kollegen gleichen Alters ist. Manchmal fallen auch Bemerkungen von Erwachsenen: "Ein Kind sollte doch … (dräussen Fussball spielen, mit anderen Kindern toben, einen Film anschauen, mit Freundinnen herumquatschen)". In dieser Form werden die Durchschnittswerte und das erwünschte Verhalten in Sekundenbruchteilen an das Kind herangetragen.
Durch das Du zum Ich
Der Mensch ist von Gott als Wesen konzipiert worden, das sich an anderen ausrichtet. Jeder Mensch ist von Geburt an in eine Gemeinschaft hineingestellt worden. Zuerst einmal ist das die Familiengemeinschaft, dann die Nachbarschaft, später die Schulklasse etc. An dieser Orientierung ist grundsätzlich nichts verkehrt, im Gegenteil: Der Mensch lernt an den Modellen alle Fähigkeiten und Verhaltensweisen, um als Erwachsener sich in seinem Umfeld zu behaupten, einen Beruf auszuüben und Nachkommen aufzuziehen. Soziologen nennen dies "Enkulturation".
Primärbindungslücken
Durch die Sünde wird dieser Anpassungsprozess verzerrt. Es schleichen sich dysfunktionale Muster ein. Das Kind lehnt die natürlichen Autoritäten (Eltern, Lehrer) ab, die Gott als seine Stellvertreter eingesetzt hat. Es beginnt sich in erster Linie an den Gleichaltrigen zu orientieren. Einzelne Bindungsforscher (wie Gordon Neufeld) haben die These entwickelt, dass sich das Kind infolge der Bindungslücken der Primärbindungen (Eltern), die sich sehr früh inhaltlich vom Kind abwenden, neu orientieren muss. Es richtet sich an Gleichaltrigen aus, welche jedoch noch nicht über die Erfahrung und den Weitblick der Erwachsenen verfügen. Dadurch werden sie oft und intensiv verletzt, was sich nach aussen oft durch gegenteiliges Verhalten (lautstarkes Reden, auffällige Bewegungen) abbildet. Innerlich ist dies jedoch Ausdruck von Bindungsunsicherheit.
Menschenfurcht ist ein Fallstrick
Als Theologe blicke ich nochmals aus einer anderen Warte auf die Situation. Die Bibel spricht von Menschenfurcht und nennt sie ein Fallstrick. Das heisst, der in Sünde gefallene Mensch neigt dazu, sich an den Erwartungen und Verhaltensweisen der Umgebung auszurichten. Es gibt ein bestimmtes Normverhalten, das ganz genau eingehalten werden muss. Das heisst, wenn die Kollegen nicht lange lesen, etwas konstruieren, komplizierte Fragen stellen, sich in eine Werkstatt zurückziehen oder sich mit älteren, erfahrenen Menschen abgeben, dann gilt dies als ungeschriebenes und im Abweichungsfall ausgesprochenes Gebot für das Kind. Das Handeln wird durch die Reaktion des Umfelds legitimiert. Wenn diese zustimmend nickt oder zumindest nichts dazu sagt, bewegt sich das eigene Handeln innerhalb des Rahmens der Erwartungen von anderen. (Man würde ja selbst ein schlechtes Gewissen oder ein unangenehmes Gefühl bekommen, wenn man aussergewöhnliche Leistungen anerkennen würde.)
Gottesfurcht ist ein Segen
Dies bedeutet jedoch für ein kognitiv begabtes Kind, dass es sich oft verstecken muss. Es darf seine Fähigkeiten nicht nach aussen zeigen. Es darf nicht auffallen, um keine negativen Rückmeldungen zu erhalten. Durch die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott richtet sich der innere "Kompass" eines Menschen neu aus. Es eicht sich erneut am richtigen Zentrum. Es sucht den Halt nicht bei anderen Menschen, sondern zeigt stets auf seinen Schöpfer. Dies bedeutet nicht, dass zu gewissen Zeiten andere "Magnetfelder" diese Ausrichtung wieder übersteuern würden. Grundsätzlich ist jedoch das Begehren da, sich auf den "Nordpol" des Seins auszurichten.
Anpassung an die Umgebung als Stolperstein für Fromme
Leider beobachte ich, dass die Menschenfurcht für fromme Menschen ein besonderer Stolperstein zu sein scheint. Man will unbedingt vom Umfeld geliebt und angenommen sein. Nur schon die Vermutung, dass ein bestimmtes Verhalten für andere anstössig oder irritierend sein könnte, lässt sie vor aussergewöhnlichen Handlungen zurückschrecken. Eltern und Rollenvorbilder, die selbst stark durch Menschenfurcht getrieben sind, impfen dieses Verhalten auch Kindern ein und ermutigen es so ungewollt dazu, die von Gott angelegten Begabungen nicht froh und mutig zu entwickeln.
Von Unternehmern lernen
Umgekehrt fragt es sich, von wem ein solches Kind gute Impulse bekommen kann. Natürlich sind hier – wie auch in den übrigen Fällen – zuerst die Eltern gefragt. Wenn sie selbst ihre Menschenfurcht ablegen, ihr Versagen vor dem Kind bekennen und anstreben, das Kind zu ermutigen und zu stützen, ist ein wichtiger Grundstein gelegt. Es ist mir aufgefallen, dass Unternehmer solche Kinder gerne bestätigen und auch beraten und unterstützen. Sie erkennen die zukünftigen Chancen einer solchen Entwicklung. Zudem gibt es Menschen, die selbst im Lauf der Zeit ausserordentliche Fähigkeiten entwickelt haben (und dafür oft viel von anderen Menschen einstecken mussten). Es ist anregend, solche Menschen in Familien einzuladen oder für Projekte beizuziehen.