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Amputation im Wandel der Zeit
Die Amputation einer Gliedmasse ist einer der schwerwiegendsten Eingriffe der Chirurgie. Daran hat sich in den vergangen Jahrtausenden nichts geändert. Der Fortschritt hat vieles verbessern können. Auch auf dem Gebiet der Prothetik.
Die Amputation von Gliedmassen ist nach der Schädeltrepanation und der Beschneidung der älteste chirurgische Eingriff. Prothesen wurden nachweislich bereits von den alten Ägyptern verwendet. Seit den ersten nachweislichen Amputationen ist die Entwicklung der Medizin weit fortgeschritten. Die Amputation hat jedoch nichts von ihrer Grausamkeit verloren und Prothesen können fehlende Gliedmassen nach wie vor nicht lückenlos ersetzen.
Die Steinzeit der Amputation
Die ersten Nachweise von Amputationen stammen vermutlich aus der Mittelsteinzeit (8000 – 6000 vor Christus). Forscher entdeckten Höhlenmalereien mit bildlichen Darstellungen von Amputationen von Fingern. Nicht bekannt ist jedoch, ob die Amputation aus medizinischen oder aus rituellen Gründen stattfand.
Diese Frage kann aufgrund eines Fundes aus dem alten Ägypten eindeutig beantwortet werden. Professor Doktor Andreas G. Nierlich, Wissenschaftler am Pathologischen Institut der Ludwig Maximilian Universität in München, stellte 2001 fest, dass eine schwere Arteriosklerose bereits vor 3000 Jahren der Grund für die Amputation einer grossen Zehe war.
Nierlich stiess bei Ausgrabungen auf die Mumie einer fünfzig bis sechzig Jahre alten Ägypterin, die zwischen 1065 und 650 vor Christus gelebt haben muss.
An der Stelle der grossen Zehe befindet sich eine kunstvoll geschnitzte Holzprothese, die die Zehe einschliesslich Nagel exakt nachbildet. „Dass die Operation schon zu Lebzeiten der Frau stattgefunden haben muss, erkennt man daran, dass sich über der Amputationsstelle eine intakte Lage an Bindegewebe und Haut befindet“, erklärt der Pathologe in einem Artikel der Medical Tribune vom 25. Mai 2001.
Ebenso lassen Gebrauchsspuren an der Holzzehe auf die Benutzung der Prothese folgern. „Es kann ausgeschlossen werden, dass die Prothese – wie damals für das Leben nach dem Tod üblich - zur Vervollständigung der Mumie erst nach dem Ableben hinzugefügt wurde“, sagt Nierlich im Artikel der Medical Tribune.
Aulus Cornelius Celsus (25 vor Christus bis 50 nach Christus) verfasste im 1. Jahrhundert nach Christus die ersten Beschreibungen der heute noch gültigen chirurgischen Grundlagen der Amputation: „Wir führen daher mit einem Messer einen Schnitt bis auf den Knochen zwischen dem gesunden und dem kranken Gewebe… wobei zu achten ist, dass eher ein Stück gesundes Gewebe mit weggeschnitten wird, als dass ein Stück krankes Gewebe stehen bleibt…“.
Dieses Wissen aus dem 1. Jahrhundert vor Christus ging verloren. Bis ins Mittelalter durchtrennten die Chirurgen die Gliedmassen dort, wo es durch den „Brand“ keine Durchblutung des Gewebes mehr gab. So konnten zwar starke Blutungen vermieden werden, der meist tödliche Wundbrand aber nicht beherrscht werden. Später versuchten Chirurgen die Blutungen vorwiegend mithilfe von Glüheisen oder ätzenden Arzneimitteln zu stillen. Kurz auf den Stumpf gedrückt, schlossen sie dort die Gefässe.
Fortschrittliche Pionierarbeit
Mitte des 16. Jahrhunderts führte der französische Chirurg Ambroise Paré als erster Amputationen mit Arterienligaturen durch. Sie lösten die vorher gebräuchliche Kauterisierung, das sogenannte Ausbrennen der Wunde, ab. Bei der Arterienligatur wurden Arterien und Venen systematisch mit einem Seidenfaden unterbunden.
Bis ins 19. Jahrhundert wurden Amputationen vorwiegend aufgrund von Kriegsverletzungen, Seuchen wie Lepra und Tuberkulose, Erfrierungen, Tierbissen und Wundbrand vorgenommen. Wegen der postoperativen Infektionen betrug die Sterblichkeitsrate bis zu vierzig Prozent.
Der Oberstfeldarzt Napoleons, Dominique Jean Larrey (1766–1842) trug viel zur Weiterentwicklung der Amputationstechnik bei. Er erkannte, dass seine Erfolgsquote bei Amputationen grösser war, wenn er direkt auf dem Schlachtfeld amputierte, noch bevor eine Infektion der Wunde eingesetzt hatte.
In England brachte Robert Liston (1794–1847) die Amputationstechnik weit voran. Die Messer des kräftigen Mannes waren so konstruiert, dass er mit einem einzigen Rundumschnitt Haut, Sehnen und Muskulatur bis zum Knochen durchtrennen konnte. Die Haut wurde mit der sogenannten „tour de main“-Handbewegung, die Muskeln und das tiefer liegende Gewebe mit der „tour de force“-Kraftbewegung, durchschnitten. Der Chirurg nahm das Messer derart in die Hand, dass er mit einem Mal um das ganze Glied herumschneiden konnte.
Am 21. Dezember 1846 führte Liston die erste Amputation unter zur Hilfenahme der Narkose durch. Bis dahin konnte ein Chirurg den grauenhaften Schmerzen beim Schneiden und Sägen nur durch Schnelligkeit bei der Operation entgegenwirken.
Vom der eisernen zur denkenden Hand
Eine gute Prothesenversorgung war zwar bis Ende des 19. Jahrhunderts auf Grund der hohen Sterblichkeitsrate nebensächlich. Die Konstruktion von Ersatzgliedern ist jedoch bereits seit der Antike überliefert.
Die eiserne Hand des Götz von Berlichingen (1480 – 1562) ist das bekannteste Beispiel. Götz von Berlichingen liess 1504 eine für damalige Zeiten sensationelle Prothese anfertigen. Die Finger der Prothese konnten mittels Zahnrädchen in bestimmten Stellungen fixiert werden. So konnte der fränkische Reichsritter sein Schwert fest greifen und damit kämpfen.
Der berühmt berüchtigte Pirat Barbarossa Horuk liess sich seine verlorene Hand durch eine eiserne Hakenprothese ersetzen. Diese starren Prothesen konnten bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts allerdings nur mit der gesunden Hand bewegt werden.
1812 kam der Berliner Zahnarzt und Chirurgietechniker Peter Baliff die Idee, die noch vorhandene Kraft des amputierten Arms zu nutzen, um die Prothese bewegen zu können. Er befestigte Seilzüge um Ellenbogen und Schulter, wodurch die Finger der Prothese bewegt werden konnten. Allerdings musste sich der Prothesenträger dabei sehr verrenken, um seine künstliche Hand zu bewegen.
Fehlende Beine wurden bis ins 20. Jahrhundert durch Holzkonstruktionen ersetzt. Oberschenkel wurden mit Holzbeinen versorgt, die an den Oberschenkelstumpf geschnallt wurden. Unterschenkelamputierte winkelten ihren Stumpf nach hinten ab und knieten auf einem Stelzbein, das um den Unterschenkelstumpf geschnallt wurde.
Entwicklung durch Weltkriegsopfer
Durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts verloren viele Soldaten Arme und Beine. Die zahlreichen Opfer trieben die Entwicklung der Prothesen voran.
Der deutsche Chirurg Ferdinand Sauerbruch (1875 – 1951) revolutionierte 1916 die Armprothetik. Bei seinem Sauerbruch-Arm wurde durch den Oberarmmuskel ein Hauttunnel gelegt, durch den ein Elfenbeinstift geschoben wurde. Durch Anspannen des Muskels hob sich der Stift und die Hand schloss sich und griff zu.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden erstmals Elektromotoren benutzt, um die Finger der Hand zu schliessen. Seit Ende der 1960er Jahre haben sich myoelektrische Systeme durchgesetzt. Elektroden auf der Haut messen die elektrischen Impulse, die der Armmuskel erzeugt, wenn er angespannt wird. Diese Impulse werden über die Elektronik an die Motoren weitergeleitet und bewegen die Finger.
High-Tech-Prothesen ermöglichen heute, was vor einigen Jahren noch unmöglich schien. Mithilfe spezieller Handprothese kann sogar gefühlt werden.
Auch im Bereich der Beinprothetik ist die Zeit der Holzbeine lange passé. In den vergangenen Jahren hat die Feinmechanik enorme Fortschritte gemacht. Heute arbeiten Forscher auch in der Beinprothetik daran, Ersatzteile direkt an das Nervensystem anzuschliessen.
Trotz dieser enormen Fortschritte im Bereich der Chirurgie und der Prothetik war, ist und bleibt eine Amputation ein traumatisches Erlebnis. Hilfsmittel tragen dazu bei, die Funktion des verlorenen Körperteils zu ersetzen. Ob sie jemals zu einem voll funktionsfähigen Teil des Körpers werden, entscheidet die Zukunft.
Text: MHA - 1/2011
Fotos: Technisches Museum Wien, Landschaftsverband Westfalen - Lippe,
Greta Schüttemeyer, Westfälisches Museumsamt, Landschaftsverband
Westfalen-Lippe