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Sinkt jetzt die Lebenserwartung?
Sinkt jetzt die Lebenserwartung?
Hans Baumann 27. März 2020
Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg in den meisten Ländern in den letzten 40 Jahren deutlich an, in der Schweiz bei den Männern um fast zehn Jahre auf 81.7 Jahre, bei den Frauen um gut sechs Jahre auf 83. 6 Jahre. In der Regel gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen eines Landes und der Lebenserwartung. Wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt, steigt auch die Lebenserwartung und umgekehrt. Dass ist zwar oft so, weil mit der Zunahme des Volkseinkommens meist auch die Armut abnimmt und die Gesundheitsversorgung verbessert wird, aber nicht immer. Dies zeigt der Vergleich der Schweiz mit den USA. In beiden Ländern ist das Pro-Kopf-Einkommen in den letzten Jahren gestiegen, in den USA sogar stärker als in der Schweiz. In den USA ist aber die Lebenserwartung von Frauen und Männern in den letzten Jahren gesunken.
(Quelle: Bundesamt für Statistik, National Center for Health Statistics, USA)
DROGENTOTE. Als Hauptgrund für die zunehmende Sterblichkeit in den USA wurde der Missbrauch von opiathaltigen Schmerzmitteln ausgemacht, der in den 2000er Jahren stark zugenommen und heute gegen 70’000 Drogentote pro Jahr zur Folge hat. Hinzu kommen andere Faktoren: Der ungesunde Lebensstil mit Übergewicht, Diabetes etc., was vor allem bei der ärmeren Bevölkerung verbreitet ist, an denen der wirtschaftliche Aufschwung weitgehend vorbei gegangen ist. Die letzteren Faktoren sind auch der Grund, warum die Lebenserwartung in den USA generell tiefer ist als in der Schweiz. Entscheidend für die Lebenserwartung ist auch die Qualität des Gesundheitssystems und der sozialen Absicherung bei Krankheit.
Im letzten Jahrhundert war es die Spanische Grippe, die für einem vorübergehenden Einbruch der Lebenserwartung verantwortlich war. Im Herbst 1918 verdoppelte sich die Sterblichkeit in der Schweiz und stieg auf über 10’000 Tote monatlich. Insgesamt fielen der Spanischen Grippe rund 25’000 Personen zum Opfer. Als Folge davon sank die Lebenserwartung von 55.4 auf 46.3 Jahre und erreichte erst 1920 wieder das Niveau der Jahre vor der Grippe-Pandemie, um dann wieder stetig anzusteigen.
SOLIDARISCHE LÖSUNGEN. Mit der Corona-Krise könnte sich dies jetzt wiederholen, wenn auch hoffentlich nicht im gleichen Ausmass. Es hängt wesentlich davon ab, wie schnell der Anstieg der Infektionen eingeschränkt wird, wann die Fallzahlen wieder abnehmen und ob wir im nächsten Winter erneut vor der gleichen Situation stehen. Sicher ist zudem ein Rückkoppelungseffekt: Die jetzige Einschränkung der Wirtschaftstätigkeit senkt die Einkommen und verursacht Arbeitslosigkeit, was zu einer Zunahme der Armut mit all ihren Folgen führen kann. Je länger anhaltend die Wirtschaftskrise ist, desto höher wird die Sterblichkeit sein und desto eher handelt es sich nicht nur um einen vorübergehenden Knick sondern um einen Trendbruch bei der Lebenserwartung. Gefragt sind deshalb nicht nur gesundheitspolitische Massnahmen, sondern auch eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die solidarische Lösungen aus der Krise aufzeigt, so dass längerfristige Folgen vermieden werden können.