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Der John-Effekt
Achim H. Pollert (*) über eine nützliche und schädliche Kritik
Als John zu einem Linken wurde, war es allgemein üblich.
Soll heissen: Ohne dass er gross darüber nachgedacht hatte, ohne dass er ernsthaft eine Ueberzeugung entwickelt hätte, die irgendwie fundiert wäre. Auch wenn er altersmässig vielleicht schon ein wenig über das Alter hinaus war, wurde John halt links, ging zu Sit-ins, Teach-ins, Talk-ins, Happenings, Hearings, skandierte "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" und war aus Prinzip dagegen, solange es nur von oben kam.
Und, natürlich, solange er selber nicht so richtig zu "denen da oben" gehörte.
Daran war nichts Besonderes.
Wenigstens zu der Zeit nicht. Viele Genossen und Zeitgenossen von John wurden damals Linke, ohne sich gross Gedanken darüber zu machen. Sie liessen sich Haare und, wenn sie Männer waren, Bärte wachsen. Sie zogen Jeans an, deren Löcher sie nicht mehr flickten. Sie sassen zusammen und sangen "Age of Aquarius", "Born to be wild" und "The times, they are changing". Und wer Sprachen konnte und genug Geld hatte, der ging auch nach Paris oder Woodstock und übte sich dort im zivilen Ungehorsam.
John schloss sogar persönliche Bekanntschaft mit dem einen oder anderen prominenten Terroristen aus der Zeit. Und das wiederum liess ihn in seinem Leben so ein wenig vom Eishauch der Geschichte erahnen.
Insgesamt war John ein sympathischer Mensch, und das machte die Dinge beileibe nicht einfacher.
Sozialismus gelernt
Wer zweimal mit derselben pennt, so hiess es damals sehr zutreffen, gehört schon zum Establishment. Wie oft John mit wem gepennt hat, weiss ich nicht. Aber es ist natürlich so, dass John ganz unabhängig davon ebenfalls zunehmend zum Establishment gehörte.
Nach dem Politologie-Studium begann er, ein wenig zu unterrichten, war engagiert in Politik und Verbänden, hielt zum Teil flammende Reden zum einen oder anderen 1. Mai und schrieb auch immer sehr kritische Artikel und Bücher.
Nun hatte John natürlich nur den Sozialismus gelernt.
Der besagt ja bekanntlich, dass es auf der einen Seite den Arbeiter gibt, der mit seinem Schaffen die Werte erschafft. Dem gegenüber gibt es den Bourgois, der nichts schafft, jedoch den grössten Teil der vom Arbeiter geschaffenen Werte einstreicht, weil ihm das Kapital und die Produktionsmittel gehören.
Als Karl Marx dieses geschrieben, dachte er an Leute wie Werner Siemens, Friedrich Krupp oder Walter Boveri.
In diese Kapitalismus-Kerbe schlug auch John.
Unverändert über die Jahre und Jahrzehnte.
Immer mal wieder hatte er ein Amt. Immer mal wieder sass er bei der einen oder anderen Diskussion auf dem Podium. Er trat im Fernsehen auf und unterstützte politische Programme und Kandidaten. Solchermassen bald etwas bekannter als fortschrittlicher und kritischer Geist, wurde John wurde dann aber auch recht schnell Professor.
Und so dauerte es eben gar nicht lange, bis John selber auch zum Establishment gehörte.
Irgendwie.
Und während all dieser Zeit wetterte John laut gegen das Establishment. Und während all dieser Zeit tat John so, als wären die Establishment-Angehörigen alle auch Kapitalisten.
Bankpräsidenten, Versicherungsmanager, Reederei-Geschäftsführer, Chefärzte, Hoteldirektoren.
Ganz gleichgültig, dass die alle heute keine Eigentümer der betreffenden Unternehmen sind und somit selber als Angestellte dort schaffen, hackte John in seinen Publikationen auf diesen bösen Kapitalisten herum. Insbesondere in den Industrieländern des Nordens, die sich zu Lasten der armen Campesinos die Zivilisationskrankheiten an den Hals frassen.
Und bei diesen leitenden Angestellten - wie auch bei ihren Sympathisanten in der Oeffentlichkeit - bekam John zunächst einmal den Ruf des Nestbeschmutzers.
Zu viele fühlten sich wahrscheinlich als Kapitalisten beschimpft. Man denke nur an all die Vizedirektoren und Prokuristen, die Oberärzte und Assistenzprofessoren, die Schiffskapitäne und Versicherungssachbearbeiter, die sich da gleich mit beschimpft fühlten.
Aber, wie gesagt, John hatte nun einmal nichts anderes als den Sozialismus gelernt.
Und so war es mit seiner Kritik eben so, dass sie den einen oder anderen wesentlichen Mangel der diesseitigen Ordnung nicht traf. So herb Johns Kritik über die Jahre auch war, sie erinnerte mehr an die kindliche Unbedarftheit von Saint-Exupéry - und eigentlich gar nicht an echte fundierte Kritik, die Missstände aufdeckt und Verbesserungen vorschlägt.
Was hätte sein müssen...
Im Gegenteil: John verbog den einmal gelernten Sozialismus in immer neue Variationen und Aussagen, die dann mit der Zeit immer schräger wurden und immer weniger ernst genommen wurden.
Insbesondere als Politikwissenschaftler hätte John Gelegenheit zur Erkenntnis gehabt, dass sein Sozialismus als Beurteilungsinstrument für Missstände in der Wirtschaft wenig geeignet war. John hätte ein konstruktives Kritiksystem entwickeln können, das nicht an der Realität vorbeigeht, sondern das die konkreten Missstände anspricht.
Das hätte sein können.
Das hätte sein müssen.
Ob John allerdings genug Format und - vor allem - genug Intelligenz gehabt hätte, um solche konstruktive Kritik aus eigener Ansicht zu entwickeln... wer weiss.
Und so konnte es eben zu dem kommen, was hier der John-Effekt genannt wird. Der Schaden aus diesem John-Effekt war natürlich enorm. Nicht nur weil John alleine, sondern weil viele ihn verursachten.
Kritik, die unsinnig war.
Gequirlter Blödsinn.
Eigentlich nur zusammenhangloses Geschwafel.
Das Problem dabei war jedoch: Die eigentliche, die fundierte, die zutreffende Kritik blieb dabei einfach aus.
Da gab es riesige Wirtschaftskonglomerate, die über lange Zeiträume höchst stümpferhaft geführt wurden. Industriefirmen, die unnötige Personalbestände aufstockten. High-Tech-Unternehmen, die Innovation und Technologie böse schleifen liessen. Finanzkonzerne, die sich so taten, als müsste es zwangsläufig auf ewig so weitergehen.
Und dazwischen solche Leute wie John, die etwas erzählten vom Mehrwert, den die Kapitalisten auf Kosten der werktätigen Massen einstreichen.
So konnte es passieren
Nicht zuletzt dem John-Effekt zuzuschreiben war somit eben so manches, was wir im Laufe der Jahrzehnte in der Wirtschaft beobachten konnten. Murksende Firmen auf der einen Seite - und keine brauchbare Kritik dem gegenüber.
Und so erleben wir es eben, dass riesige Konzerne scheinbar von einem Tag auf den anderen in sich zusammenstürzen.
Zumindest solange wir dem John-Effekt nicht entgegenwirken.
Denn brauchbare, ernstzunehmende, "gute" Kritik hat in allererster Linie ein Merkmal: Sie ist zutreffend und fundiert.
(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Ghostwriter und Fachautor
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