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König Drosselbart
Es war einmal ein König, der hatte schon seit einiger Zeit grossen Kummer mit seiner Tochter, Prinzessin Viola. Nichts konnte sie zufrieden stellen, niemand konnte es ihr recht machen. Nur Fidibus wusste, wieso Prinzessin Viola dermassen unzufrieden war. Eines Tages beschloss der König, einige Prinzen als Heiratskandidaten für seine Tocher einzuladen. Doch Viola hatte an jedem etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick, der andere zu dünn, einer hatte eine zu kurze Nase, wieder ein anderer zu blaue Augen und so weiter und so fort. Der König verlor die Geduld. Er wurde wütend, weil seine Tochter alle Leute immer wieder verspottete. So sagte er: "Wenn du dich nicht endlich für einen Prinzen entscheiden kannst, dann wirst du den ersten Mann, der vorbei kommt heiraten, selbst wenn es ein Bettler sein sollte." Doch sie machte sich nur lustig und änderte sich auch beim nächsten Prinzentreffen kein bisschen. Wiederum war sie unzufrieden, verspottete alle mit den schlimmsten Schimpfwörtern und lachte sie grundlos aus. Sogar bei König Michael, der von weit her angereist war, meinte sie nur, der sehe ja mit seinem Kinn wie eine Drossel aus und nannte ihn König Drosselbart.
So geschah es, dass sie mit dem ersten Mann, der an das Schlosstor klopfte, weggehen musste und das war ein Bettler. Es wurde eine sehr harte Zeit für sie. Vorbei mit dem schönen Leben und dem Überfluss. Zusammen mit dem Bettler verbrachte sie die Tage in seiner Hütte tief im Wald. Es war ein sehr einfaches Leben. Kalt war die Hütte und feucht. Kaum genug zum Essen und den ganzen Tag arbeiten, von morgens früh bis abends spät. So sehr sie sich anfangs sträubte, so sehr sie sich zuerst weigerte, auch nur die kleinste Arbeit zu übernehmen und für den Bettler nur Spott und Verachtung übrig hatte, so änderte sie sich doch mit der Zeit. Sie bekam Mitleid mit dem armen, kranken Bettler und half ihm bei seinen Arbeiten. Sie lernte auf andere Leute einzugehen, sie begann sogar ihren Bettler zu lieben.
Als der Tag kam, da sie wie alle Leute in der Umgebung auf`s Schloss eingeladen wurde, sah sie ihren Vater und das Hofpersonal nach langer Zeit zum ersten Mal wieder. Sie war nicht mehr zu erkennen. Aus der stets übelgelaunten Prinzessin war eine zufriedene und fröhliche junge Frau geworden.
Kein Wunder hielt König Michael um die Hand dieser schönen Prinzessin an und legte ihr sein riesieges Reich zu Füssen. Doch Prinzessin Viola wiederstand dem Angebot und erzählte bescheiden, dass sie bei ihrem lieben Bettelmann bleiben wolle und bei keinem anderen Mann. Darauf verliess König Michael den Saal. Kurze Zeit später trat der Bettler ein und gab sich als König Michael zu erkennen. Beide fielen sich in die Arme und auf dem Schloss gab es ein riesiges Fest. Alle freuten sich über dieses glückliche Ende. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
(Freie Fassung nach Grimm von R. Münzel)