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Umstrittenes Wahlergebnis als grösstes Risiko
Angesichts der Corona-Pandemie sind die US-Präsidentschaftswahlen 2020 mit viel Unsicherheit behaftet. Das grösste Risiko für die Finanzmärkte ist ein umstrittenes Wahlergebnis. Dieses hätte nach unserer Einschätzung eine erhöhte Volatilität zur Folge. Unsere Analyse der vier wichtigsten Szenarien zeigt: Ein Sieg der Demokraten, auch im US-Parlament, dürfte die Märkte kurzfristig am meisten beflügeln. In diesem Falls wäre das umfangreichste Corona-Hilfspaket zu erwarten.
Wir werfen einen Blick auf den Einfluss der Corona-Pandemie auf das Wahlergebnis, skizzieren die Auswirkungen von vier möglichen Wahlresultaten auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte und erläutern deren Wahrscheinlichkeit.
Umfragen der «Gallup Organization», einem der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitut in den USA, vom Oktober 2020 zeigen, dass die Wähler die Präsidentschaftskandidaten primär aufgrund der Themen Konjunkturbelebung, nationale Sicherheit und Bewältigung der Corona-Pandemie beurteilen. Besonders mit Trumps mangelhafter Bewältigung der Corona-Krise ist die Bevölkerung unzufrieden. Dies spiegelt sich in den Wahlumfragen wider. Mit dem Anstieg der Corona-Fälle stieg der Vorsprung von Herausforderer Biden.
Grafik 1: Corona-Pandemie hat hohe Priorität
Quellen: Baloise Asset Management, RealClear Politics, Bloomberg Finance L.P. per 20.10.2020
Die rote Linie zeigt, dass sich der Vorsprung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden mit dem Anstieg Neuinfektionen ausweitet. Im Schnitt weitet sich sein Vorsprung um 1 Prozentpunkt pro 10'000 neuer Corona-Fälle aus.
Wegen der Pandemie erreicht die Briefwahl Rekordwerte und der Aufwand für die Auszählung der Stimmen steigt. Deshalb dürfte das Ergebnis kaum schon am Folgetag der Wahl, am 4. November, feststehen. Falls das Resultat von einer Partei angefochten wird, könnte sich der Wahlausgang zusätzlich über mehrere Wochen hinziehen. Die Finanzmärkte würden darauf mit erhöhter Volatilität reagieren.
Zu einer Anfechtung des Wahlergebnisses kam es letztmals im Jahr 2000, bei den Kandidaten George W. Bush und Al Gore. Damals fällte das Oberste Gericht erst nach mehr als einem Monat den endgültigen Entscheid für George W. Bush. Der US-Aktienindex verlor währenddessen über 8% an Wert. Mehr dazu im aktuellen Marktbericht.
Neben der Wahl des Präsidenten ist für die Wirtschaft und die Finanzmärkte auch die Zusammensetzung des US-Kongresses ausschlaggebend. Denn je nachdem, wie diese aussieht, kann der gewählte Präsident sein Programm realisieren oder er wird ausgebremst. Aktuell liegt die Mehrheit des Senats in den Händen der Republikaner, während die Demokraten im Repräsentantenhaus das Ruder in der Hand haben. Die Grafik 2 zeigt die vier Szenarien und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte.
Grafik 2: Vier Szenarien und ihre Auswirkungen
Insgesamt erwarten wir die stärksten Marktbewegungen, falls eine Partei den Senat, das Repräsentantenhaus sowie das Weisse Haus für sich gewinnen kann. Für die Konjunktur und die Aktienmärkte bedeutet das kurzfristig eine positive Entwicklung. Falls das Corona-Hilfspaket kleiner ausfällt als erwartet, könnte sich die Enttäuschung der Anleger im Finanzmarkt auswirken. Ein Anstieg der Inflationserwartungen ist in beiden Szenarien zu erwarten. Längerfristig dürften höhere Steuern (blaue Welle) oder ein erhöhtes Handelsstreitrisiko (rote Welle) die Märkte belasten.
Wenn im Kongress beide Parteien Mehrheiten erreichen (entweder im Senat oder im Repräsentantenhaus), wie dies aktuell der Fall ist, ist es grundsätzlich schwierig für einen Präsidenten, das eigene Regierungsprogramm durchzusetzen. Die Folge sind langwierige Verhandlungen, wie jüngst das Gezerre um das zweite Corona-Hilfspaket zeigt. Die Auswirkungen auf die Konjunktur und die Finanzmärkte sind verhaltener und unklare: Das heisst, schwächeres Wirtschaftswachstum als in den Szenarien 1 und 3, sowie eine gedämpfte Inflationsdynamik.
Unabhängig vom Wahlergebnis erwarten wir, dass die US-Regierung ein weiteres Konjunkturpaket verabschieden wird, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Das umfangreichste Paket erwarten wir bei einem Sieg von Joe Biden und den Demokraten im Kongress (Szenario 1), was kurzfristig positiv für das Wirtschaftswachstum sowie die Aktienmärkte wäre und mittelfristig die Inflationserwartungen erhöhen würde.
Längerfristig plant Joe Biden eine Steuerreform mit unter anderem einer Erhöhung der Unternehmenssteurer von 21% auf 28%. Zusätzlich sollen von der Trump-Administration gelockerte regulatorische Vorschriften in der Finanzbranche und im Umweltschutz wieder verschärft werden. Diesen für das Wirtschaftswachstum längerfristig leicht negativen Auswirkungen soll durch massive Investitionen in Infrastruktur und saubere Energie im Umfang von 2 Billionen US-Dollar begegnet werden.
Bei einem Sieg von Donald Trump ist mit weiteren Lockerungen von regulatorischen Vorschriften in den Bereichen Umweltschutz, Finanzen und Steuerwesen zu rechnen (z. B. Senkung der Kapitalgewinnsteuern). Zudem dürften sich die Differenzen in der Handelspolitik eher zunehmen (z.B. mit China und der EU). Letzteres erhöht das Risiko von Marktturbulenzen als Folge von geopolitischen Spannungen, während die weiteren Deregulationen die Aktienmarktentwicklung insgesamt positiv beeinflussen würden.
Unabhängig vom Wahlausgang dürfte die Geldpolitik der US-Notenbank, Fed, weiterhin sehr expansiv bleiben. Die Fed hat erst kürzlich ihr Inflationsziel neu ausgerichtet, womit sie künftig auch Inflationsraten von über 2% tolerieren wird. Sie bekräftigt somit ihre aktuelle Tiefzinspolitik. Bei einer blauen oder roten Welle (Szenario 1 oder 3) sehen wir mittelfristig einen leicht stärkeren Anstieg der Inflation. Das heisst, in diesem Fall dürfte die Fed etwas schneller reagieren als in den anderen Szenarien.
Den Wahlumfragen zufolge liegt Joe Biden im Präsidentschaftsrennen vorn. Aufgrund des Wahlkampfs vom Jahr 2016 sind diese Prognosen jedoch mit Vorsicht zu geniessen: damals führte Hillary Clinton, was sich letztendlich als Trugschluss erwies. Im Vergleich zum damaligen Vorsprung Clintons ist der aktuelle Vorsprung Bidens auf Trump allerdings grösser und zeitlich konstanter (Grafik 3).
Das Rennen dürfte eng werden, denn in den sogenannten «Swing States» (z.B. Florida, Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Arizona und North Carolina) zeichnet sich keine klare Mehrheit ab. Ende Oktober führt Joe Biden auch in vielen «Swing States», aber nur knapp.
Grafik 3: Bidens Vorsprung ist grösser als derjenige von Clinton im Jahr 2016
Quellen: Baloise Asset Management, RealClear Politics, Bloomberg Finance L.P. per 21.10.2020
Zunehmend werden weltweit politische Wetten über diverse Wettplattformen abgegeben. Diese liefern für die traditionellen Umfragen ein zusätzliches Stimmungsbarometer. Der Online-Prognosemarkt «PredictIt» bietet Wetten zu politischen und finanziellen Ereignissen. Derzeit ermöglicht er eine Vielzahl von Wetten rund um die US-Präsidentschaftswahlen. Dabei zeichnet sich das Resultat einer blauen Welle ab (Szenario 1). Auch bei den Wettplattformen ist Joe Biden bereits seit längerem in Führung. Im Repräsentantenhaus haben die Demokraten bereits in der aktuellen Legislatur die Mehrheit. Dass sie den Senat für sich gewinnen könnten, galt lange als unwahrscheinlich, liegt jedoch derzeit bei 64% (Grafik4).
Grafik 4: Stimmungsbarometer spricht für Senats-Mehrheit der Demokraten
Quellen: Baloise Asset Management, PreditcIt, Bloomberg Finance L.P. per 21.10.2020
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