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I'm Not There.
Todd Haynes, USA, 2007o
Six actors portray six personas of music legend Bob Dylan in scenes depicting various stages of his life, chronicling his rise from unknown folksinger to international icon and revealing how Dylan constantly reinvented himself.
Galleryo
Sechs Möglichkeiten, sich Bob Dylan zu nähern: Todd Haynes hat mit "I'm Not There" ein berauschendes Kinowunder zwischen Experiment und Mainstream kreiert.
Am 11. November 2007 starb Jeffrey Owen Jones, Professor für Film am Rochester Institute for Technology, im Alter von 63 Jahren an Lungenkrebs. Jeffrey Owen Jones war der Mr. Jones aus Bob Dylans Song "Ballad of a Thin Man", jenes Zerrbild eines Intellektuellen, das den Kontakt zu den Zeitläuften verloren hat und fassungslos vor den Trümmern seines so vergeblich angehäuften Wissens steht: "Something is happening, and you don't know what it is, do you, Mr. Jones?"
Etwas geht hier also vor, doch er weiß nicht was, dieser Mr. Jones, der Dylan 1965 in Newport interviewte: "Es erfüllt mich mit perversem Stolz, meinen Namen in diesem Lied zu hören - mit jener Art Stolz, die vielleicht ein Gauner empfindet, der seinen Namen in der Zeitung liest."
Zur Strafe in die Bilderhölle
In Todd Haynes' Film "I'm Not There" inkarniert Bruce Greenwood Mr. Jones, auch wenn er im Film mit Vornamen Keenan heißt und einen britischen Fernsehfeuilletonisten gibt: Der aus jeder Pore Überlegenheit atmende Oberschichtbrite zerbricht an seinem amphetaminbefeuerten Gegenüber Jude alias Cate Blanchett und wird als Strafe für sein Nicht-Verstehen der Welt in eine Art Buñuelsche Bilderhölle katapultiert.
Oder war es eine Fellinische Bilderhölle? Man verliert so leicht den Überblick während dieser 135 Minuten voller Zitate und Dylan-Darsteller (sechs, wie allgemein bekannt): Eigentlich, so möchte man meinen, handelt es sich in dieser Sequenz in erster Linie um eine Hommage an D.A. Pennebakers Quasi-Dokumentation "Don't Look Back", aber Regisseur Todd Haynes verneint jede Ähnlichkeit mit der Cinéma-vérité-Ästhetik Pennebakers, und, ja, er hat natürlich recht: Das Schwarz-Weiß, das grobkörnige Filmmaterial, die Inszenierung, all dies ist auf eine ebenso vertrackte Art gleichzeitig richtig wie verkehrt wie Pennebaker wie Fellini: "Something is happening..."
Meist wird geritten
Am 11. November 2007 verstarb also Jeffrey Owen Jones, der nach einer kurzen Karriere als Leichtathlet mit einem Fulbright-Stipendium nach Uruguay ging und später in Spanien Experimentalfilme drehte, um schließlich doch an einem amerikanischen College Spanisch zu unterrichten. Seine Schwester über den Dylan-Zwischenfall: "Das ist ja nichts, worauf man stolz sein könnte. Dabei war mein Bruder eine Seele von einem Menschen, spielte selbst Mundharmonika und fuhr sogar einen VW-Bus."
Irgendwann fährt das Hippie-Vehikel von VW sicherlich auch durch Todd Haynes' Film, vermutlich während jener in warme Farben, aber erkaltete Gefühle getauchten Siebziger-Jahre-Sequenzen, in denen entweder Heath Ledger ein schauspielerndes Dylan-Alter-Ego gibt oder Christian Bale erst den alkoholkranken Kerouac/Dylan, dann den maladen Prediger. Aber meist wird eher geritten (Richard Gere) oder auf Güterzüge gesprungen (wieder Richard Gere, aber auch Marcus Carl Franklin), dann natürlich Motorrad gefahren (Heath Ledger und die wunderbare Charlotte Gainsbourg, natürlich auf einer Triumph).
Oder man wird vom Wal verschluckt wie einst Jonas, auch so ein Prophet, dem nur widerwillig zugehört wurde (der kleine Franklin wieder). Dazwischen sitzt Cate Blanchett in britischen Taxis und zuckt und ruckt und muckt und spuckt, dass nach der "Coppa Volpi" in Venedig und dem "Golden Globe" nun auch der Oscar möglich schien - und dann doch nicht.
Balance zwischen Experiment und Mainstream
Am 11. November 2007 starb jedenfalls Jeffrey Owen Jones an Lungenkrebs, der später Redakteur bei der amerikanischen "Psychologie Heute" wurde, schließlich Bildungsfernsehen machte, wofür er 1997 einen Emmy erhielt. Über Dylan sagte er, es sei verblüffend für ihn, wie genau der Sänger ihn seinerzeit analysiert habe. "Er hatte völlig recht: Damals geschah etwas in Newport, und ich hatte keinen Schimmer, was das war."
Todd Haynes zeigt in "I'm Not There" zur Musik von Bob Dylan sechs biographische Möglichkeiten, Lebensvarianten, gut erfunden, schön gefilmt und geschnitten, lose miteinander verwoben, die alle Teil der Dylanschen Biographie sein könnten, es aber nicht sind. Wenn schon, so entspringen viele Details oder Personen Dylans Liedern - besonders die spätwesternhafte Richard-Gere-Sequenz ist quasi die Verfilmung des "Basement Tapes"-Covers und der Songs auf dieser Doppel-LP - und manchmal scheinen wir eher in die visuelle Fassung einiger Seiten Greil Marcus und seiner Visionen eines "alten, unheimlichen Amerikas" geraten zu sein als in eine Filmbiographie über Robert A. Zimmerman.
Und doch: Dylanologen - so nennt man die bis zur Selbstparodie kenntnisreichen Dylan-Experten - können sich in diesen um Ausdeutung geradezu bettelnden Film versenken und munter mit Detailwissen spritzen; Cineasten können die Filmverweise auf Jahre hinaus in ihren Blogs analysieren, Amerikanisten eine Kultur in der Krise sezieren, aber - und dies ist Haynes' größte Leistung - man kann einfach ins Kino gehen und einem kleinen Wunder beiwohnen: Diese Balance zwischen Experiment und Mainstream. Zwischen Eigensinn und Mitteilungsbedürfnis. Diese Bilder.
Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man dieses und jenes nicht versteht, wenn man sich zwischendrin kurz langweilt und wegdriftet. Der Film tut dies ja auch. Und ist dann gleich wieder für einen da. Zeigt einem das Gesicht von Charlotte Gainsbourg. Ein Strauß, eine Giraffe laufen durchs Bild. Für Sekunden albern die Beatles in Richard-Lester-Manier durch den Hintergrund. Jim James von My Morning Jacket singt "Goin' to Acapulco" mit solcher Inbrunst, dass einem die Tränen einschießen.
Hier rumpelt Heath Ledger mit dem Motorrad gegen eine Scheunenwand: Wie gerne hätte man ihn alt werden sehen. Und wenn David Cross als Allen Ginsberg auf einem Golfwägelchen neben Dylans Taxi herfährt oder auf dem Friedhof Faxen macht, darf sogar gelacht werden: nicht kennerhaft (haha: lauter "Renaldo & Clara"-Anspielungen), sondern von Herzen. Und man lacht nicht über den Film - wie geschehen bei Dylans letztem Schauspielversuch "Masked & Anonymous". Hier lächelt man nur über Todd Haynes' weise Entscheidung, sein Dylan-Enigma nicht linear, sondern im Godardschen Kuddelmuddelstil zu erzählen.
Keine Ahnung, was läuft
Wir leben alle viele Leben, scheint uns Todd Haynes unterm Strich sagen zu wollen, und wir alle haben die halbe Zeit keine Ahnung, was eigentlich läuft. Außer vielleicht Mr. Jones: Dieser weigerte sich, den bei ihm diagnostizierten Krebs behandeln zu lassen, weil er die letzten Tage seines Lebens gern mit seiner Frau und seinem Kind und nicht auf einer Intensivstation verbringen wollte. Noch fünf Tage vor seinem Tod hielt er an seinem College eine Vorlesung. Sein Bruder: "Dieser Dylan-Song war jetzt keine große Sache für ihn. Es hat ihn eher amüsiert."
Dylans christliche Periode Ende der Siebziger wird gerne belächelt. Dabei arbeitete sich der unbarmherzige und übellaunige Prediger mit seherischer Qualität an den Auswüchsen des Neoliberalismus ab.
Eine Zeile genügte im Jahr 1979, um die Fangemeinde des Sängers Bob Dylan nachhaltig zu entzweien. "Ya either got faith or ya got unbelief and there ain't no neutral ground." Auf deutsch: "Entweder du bist gläubig, oder du bist ein Ungläubiger / Es gibt keine Neutralität dazwischen." Das Lied hieß "Precious Angel", und die Botschaft war eindeutig: Du musst an etwas glauben, also an Jesus Christus oder an Gott. Sogar der Glaube an den Teufel sei der Ungläubigkeit bedingungslos vorzuziehen. Sagt Bob.
Da war der Sänger zum heiligen Krieger geworden, ein Kreuzritter des Christentums, ein Racheengel für deine Sünden, wobei die größte Sünde laut Reverend Dylan darin bestand zu glauben, dass es möglich sei, sich elegant-abwägend und ohne Blessuren aus der Affäre ziehen zu können.
Spiritualität, Globalisierung - interessant ist heute, woran sich Dylan damals abgearbeitet hat
Dylans Nase ist dicht. Sein Gesang ist gepresst. Niemand weiß, wie viel Kokain durch die heiligen Nasenflügel gezogen worden war auf der vorangegangenen Welttournee im Jahr 1978, als Bob Dylan seine Protest- und Bürgerrechtslieder, aber auch seine späteren, zutiefst fragilen Balladen von Verletzlichkeit und innerer Einkehr mit Bigband-Arrangements zu einer bisweilen ins Groteske gezogenen Seventies-Show aufgeblasen hatte. Spötter verhöhnten diese mit dem aufgedonnerten Doppelalbum "Live at Budokan" dokumentierte Tour als "Alimente"-Kollekte — sah sich der Sänger doch mit einer äußerst kostspieligen Scheidung von seiner langjährigen Frau Sara Lowndes ein Jahr zuvor konfrontiert. Das Internet ist voller kleiner und großer Geschichten um sexuelle Affären, Drogenexzesse und sonstige Ausschweifungen, auch wenn der notorisch wortkarge Sänger sich zu diesen nie geäußert hat. Gleichwohl schien sich die alte Weise vom geläuterten Sünder zu bestätigen: dass derjenige am lautesten die Reinheit predigt, der zuvor am schlimmsten gewütet hatte.
Als Bob Dylan vom 2. bis 15. November 1979 insgesamt zwölf Konzerte im Fox Warfield Theatre in San Francisco gibt, um das neue Album "Slow Train Coming" mit ausschließlich christlichen Liedern zu promoten, predigt der Sänger geradezu penetrant von der Bühne herab zu seinen Fans. Die müssen doppelt schlucken: Einerseits spielt Dylan ohne Vorwarnung schwarze, pumpende Gospelmusik mit einer packenden Rockband, mit Orgel und Klavier, mit Gospelchor und endlosen Belehrungen zwischen den Songs. Andererseits spielt er nichts anderes als das — also nicht einen einzigen Song, mit dem er berühmt geworden war, kein Lied, das seinen Status als linksliberales, vereinendes Gewissen der Nation einst im kollektiven Bewusstsein der USA verankert hatte, keine seiner meisterhaft-lyrischen Balladen. Nicht wenige Besucher der Konzerte von 1979 begannen sich die aufgeblähten Arrangements vom Jahr zuvor zurückzuwünschen, während die Kritiker auf Dylans permanenten Wandel verwiesen, den neuesten Winkelzug aber als endgültige Sackgasse schmähten.
Heute, fast vier Jahrzehnte später, ist zumindest Dylans Welt nicht mehr in Schwarz und Weiß, in Gläubige und Ungläubige geteilt. Davon berichtet "Trouble No More", eine üppige neue 8-CD-Box mit dickem Fotobuch und einer Bonus-Doku-DVD über Dylans Gospeljahre. Kurz zusammengefasst kommt diese Box einer Ehrenrettung jener umstrittenen Periode gleich.
Auf sechs Live-CDs aus den Jahren 1979-81 - so lange regierte Jesus im Reiche Dylan - kann sich selbst der größte Zweifler heute davon überzeugen, dass der Sänger damals nicht nur seine schneidende Stimme wiedergefunden hatte, sondern auch die Musik in diesen Jahren elektrisierend, pulsierend, intensiv und berauscht war, auch wenn die Droge der Stunde auf den Namen Jesus hörte. Auf den restlichen zwei CDs sind Outtakes, alternative Versionen und nie zuvor veröffentlichte Songs versammelt, von denen einige wenige als sensationell zu bewerten sind, während der predigende, schlecht gelaunte und zudem verschnupfte Tonfall in einigen der anderen Songs ans Unerträgliche heranreicht.
Ein Land, das seine industrielle Identität verliert
Die wahre Lehre, die "Trouble No More" (Sony) für den offenen Hörer bereithält, liegt ohnehin ganz woanders, also eben nicht in der Frage, ob der bis heute weit verbreitete Konsens gerechtfertigt ist, dass Dylans Gospeljahre herablassend als Ausrutscher zu bewerten seien. Viel interessanter sind die unbequemen Konfliktlinien, an denen sich Dylan jenseits des Sermons abgearbeitet hat. Eine tief liegende Skepsis gegenüber den (beginnenden) Auswüchsen des Neoliberalismus und der Globalisierung einerseits sowie der damit einhergehende zunehmende Verlust von Spiritualität andererseits - das sind die großen Fragen, die der Lyriker Dylan in seinen Songtexten stellt, lange bevor er für den Gesamtkörper seiner Lyrics im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis verliehen bekam.
In dem Song "Slow Train Coming" - dessen Entstehungsgeschichte mit sage und schreibe sechs Versionen auf "Trouble No More" beispielhaft für die beharrliche musikalische Arbeitsweise in das Zentrum der Narration gestellt wird - singt Bob Dylan die Zeilen: "All that foreign oil controlling American soil / ... / Deciding America's future from Amsterdam to Paris." ("Fremdes Erdöl kontrolliert Amerika / ... / Dessen Zukunft an den Börsen von Amsterdam und Paris entschieden wird.") Man meint fast, Donald Trump predigen zu hören, gleichwohl erinnern wir uns: Diese Zeilen stammen aus dem Jahr 1979, sie weisen also trotz aller Belehrung ein seherisches, diagnostisches Element auf, das die große Erzählung Amerikas als Land, das seine industrielle Identität verlieren wird, spiegelt.
Der unbarmherzige, übellaunige Evangelist Dylan hat auf diesen Verlust von Identität, Spiritualität, Überschaubarkeit und das Verschwinden von menschlichen Dimensionen eine zunächst eindimensionale, religiöse Antwort. Die Analyse indes, den Verweis auf eine tiefe und gefährliche Krise der Spiritualität, haben zeitgleich auch andere Mahner formuliert und in ihrer Kunst thematisiert. Als prägnantestes Beispiel hierfür wäre der russische Filmregisseur Andrej Tarkowski zu nennen, der wie Bob Dylan das weite Themenfeld spiritueller Entwurzelung, des Verlusts von Traditionen und Heimat sowie der Kunst als möglicherweise rettender Erzählung in Filmen wie "Stalker" (1979) und "Nostalghia" (1983) studierte und in ebenso poetische wie starke Bilder wandelte.
Dylan wich schrittweise von seiner extrem dogmatischen Bibelauslegung in den Folgejahren nach 1979 zurück, als er mit den Alben "Saved" und "Shot of Love" die Beschäftigung mit Gott zunächst zwar vertiefte, um sie aber schließlich in eine zugänglichere Spiritualität zu verwandeln, in der auch seine Lyrik wieder an Zärtlichkeit und Kraft zulegte.
Allerdings bleibt die eine Frage, an der sich einst die Geister schieden, bis heute unbeantwortet: Gibt es nicht vielleicht doch so etwas wie einen "neutral ground", eine Art gnostisches Zwischengeschoss, in welchem die Frage nach dem schleichenden Verlust der Spiritualität in der westlichen Welt konstruktiv und erkenntnisstiftend verhandelt und besprochen werden kann? Kein Interviewer hat Bob Dylan je die Frage gestellt, wie er zu Andrej Tarkowskis Idee der Poesie als letzten Rettungsanker des entwurzelten Menschen steht. In seiner gescheiten Literaturnobelpreisrede verwies Bob Dylan lediglich auf Melville, Homer und Remarque, um in der Schlussfolgerung den Lyriker (also sich selbst) zu beschreiben als jemanden, der bloß ein Medium sei, durch den die Muse singe. Was aber bedeutet das im Rückblick für die Unerbittlichkeit seiner christlichen Jahre? Unter diesem Blickwinkel kann man tatsächlich viel Bereicherndes in den voller Inbrunst gesungenen Liedern jener Zeit finden, wie sie jetzt umfassend in "Trouble No More" dokumentiert sind.
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