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2013 jährt sich die Schlacht von Stalingrad zum 70. Mal. Zu den eindrücklichsten Zeugnissen dieser schrecklichen Schlacht, bei der über 700 000 Menschen zu Tod kamen, gehören zwei Romane des russischen Schriftstellers Wassili Grossman.
Zweimal tausend Seiten: „Wende an der Wolga“ und „Leben und Schicksal“. Der erste Titel erschien bereits 1958 erstmals in deutscher Sprache im Dietz-Verlag in Ostberlin. Es wird dem Frühwerk des Autors zugerechnet, die meisten Figuren des zweiten Werkes „Leben und Schicksal“ werden hier bereits eingeführt.
Grossman lebte von 1905 bis 1964. Er war Jude und stammte ursprünglich Berditschew, das in der heutigen Ukraine liegt. Man zählt ihn aber heute nicht zu den ukrainischen, sondern zu den russischen Schriftstellern. Das mag damit zusammenhängen, dass Moskau sein Lebensschwerpunkt war. Grossman war ursprünglich Ingenieur, widmete sich aber 1930 ausschliesslich dem Schreiben. Er wurde von Autoren wie Maxim Gorki und Michail Bulgakow gefördert.
Wassili Grossmans Spätwerk „Leben und Schicksal“ durfte in der Sowjetunion nicht erscheinen. Mehr noch: Sämtliche Kopien wurden vom KGB beschlagnahmt. Offenbar gelang es dem Geheimdienst nicht, alle Kopien aufzuspüren. Eine Kopie auf Mikrofilm fand 20 Jahre später den Weg in den Westen und wurde 1980 beim Verlag „Edition Age de l’homme“ in Lausanne gedruckt.
Verantwortlich für diese Publikation war der Exilserbe Vladimir Dimitrijević, der 2011 bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Verleger hat wiederholt den Verdacht geäussert, dass der Schmuggel des Manuskripts möglicherweise vom KGB initiiert oder zumindest begleitet worden war. Man kann spekulieren, ob dies ein Versuch war, das Ansehen der Sowjetunion im Ausland zu heben. Der Verleger hatte zeitlebens grosse Verdienste um die Förderung der Literatur aus dem slawischen Raum. Leider neigte er zu einem unreflektierten serbischen Nationalismus.
(Links die russische Erstausgabe von 1980, rechts die deutsche Erstausgabe von 2005)
Wie auch immer: Literaturspezialisten zählen „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman zu den wichtigsten Werken der russischen Literatur des 20.Jahrhunderts. Er dokumentiert den dreifachen Horror in beeindruckender Weise. Gemeint sind damit der Weltkrieg, der Stalinismus und der Holocaust. Seine Erkenntnisse und Erfahrungen gewann Grossman nämlich als Kriegsberichterstatter für die russische Armeezeitung „Roter Stern“. Er begleitete die Truppen während des ganzen Krieges also von 1941 bis 1945 und gehörte zu den Truppen, die 1945 das Konzentrationslager von Auschwitz befreiten. Sein Zeugnis zählt heute noch zu den wichtigsten Schilderungen des Schreckens von Auschwitz.
„Leben und Schicksal“ hat eine weitere, sehr persönliche Dimension. Gemeint ist die Erinnerung an seine Mutter, die kurz nach Beginn des Russlandkrieges 1941 von Nazi-Verbänden bei einem Massaker in Berditschew ermordet wurde. Grossman machte sich zeitlebens Vorwürfe dafür, dass er sie nicht rechzeitig nach Moskau geholt hatte.
Der Schweizer Journalist Ulrich M. Schmid schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung 2008 dazu: „Der Jahrestag des Massakers war für Grossman jeweils ein wichtiges Datum, an dem er in einen intensiven Dialog mit seiner Mutter trat. 1950 und 1961 schrieb er am Todestag lange Briefe an die Ermordete: «Dein furchtbares Schicksal ist das Schicksal des Menschen in unmenschlicher Zeit. Mein Leben lang habe ich mir den Glauben bewahrt, dass ich alles, was in mir gut und ehrlich ist, von Dir habe – wie auch meine Liebe.» Die prominente Verwendung der beiden Titelwörter «Leben» und «Schicksal» in diesem Dokument lässt den Schluss zu, dass letztlich Grossmans ganze literarische Arbeit nach dem Krieg ein überdimensionierter Brief an die Mutter war. Nicht zufällig wird «Leben und Schicksal» mit einer Widmung an die Mutter eingeleitet. Grossman suchte in dieser schriftlichen Selbsttherapie nicht eine Entschuldigung, aber doch eine Erklärung für sein eigenes Verhalten.
Der Zweite Weltkrieg hat in der Sowjetunion die unvorstellbare Zahl von 20 Millionen Opfern gefordert. Der Jahrestag von Stalingrad ist auch ein Gedenktag für diese Opfer. In den letzten Jahren sind viele Werke von Wassili Grossman auf Deutsch zugänglich gemacht worden. Sie sind ein Beitrag zu diesem Gedenken.
Wikipedia-Eintrag zu Wassili Grossman mit Hinweisen zu verschiedenen Würdigungen, darunter auch zum zitierten NZZ Artikel von Ulrich M.Schmid.
„Wende an der Wolga“ ist nur antiquarisch erhältlich. Die Romane von Grossman sind bei List erschienen.
Sternenjäger vom 7.April 2007 „Als embedded Journalist in Stalingrad“