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Dieser Rezipient hatte die Pflicht und Schuldigkeit, sich in der Feiertagszeit ein Stück anzusehen, das in der örtlichen Kirche zu Weihnachten gegeben wurde. Das Lustspiel, das als Epos angelegt war (es wurde auf Flugblättern marktschreierisch als «die grösste Geschichte aller Zeiten» angekündigt), kam dann nicht über das Niveau einer gut gemeinten Schüleraufführung hinaus.
Dass der «Weihnachtsgeschichte» kein Erfolg beschieden war, zeigte sich allein daran, dass das Stück sofort nach seiner Premiere abgesetzt wurde, offenbar um dem Publikum weitere Aufführungen zu ersparen. Am Plot um eine Familie, die ein Kind in einem Stall auf die Welt bringt, wäre an sich nichts auszusetzen. Nein, an der Vorlage liegt es nicht, dass die Aufführung des Stücks zu einer so lieblosen Angelegenheit wurde. Die Regisseurin - sie gehört dem Lehrkörper der Schule an - verstand es nicht, ihre Schauspieler richtig an den Kern ihrer Figuren heranzuführen.
So hat etwa Luca (7jährig) den vielschichtig angelegten Part des Josef nicht wirklich verinnerlicht. Zu keinem Zeitpunkt gelang es Luca, das Dilemma des einfachen Zimmermanns ganz auszudrücken, dessen Frau das Kind eines anderen zur Welt bringt. Als ausgesprochene Fehlbesetzung erwies sich Susanne (6jährig) in der Hauptrolle der Maria; eine Rolle, die nach weit mehr Subtilität verlangt hätte als Susanne zu geben imstande war. Selbst während des Moments der Geburt, dem dramaturgischen Höhepunkt in der Mitte des 2. Akts, vermochte die Maria-Darstellerin nicht zu überzeugen (wobei sie, das will der Schreibende der Fairness halber erwähnen, von der Requisite auch unzureichend unterstützt war, trug sie doch als Kindlein lediglich ein Kissen über dem Bauch).
Verpasste Chancen
Die Regisseurin, wie schon erwähnt von der Schule eigens für diese Inszenierung mit beschränkten Mitteln abgestellt, konnte dem Stoff nichts abgewinnen, der in den Händen einer fähigeren Regie durchaus eine spannende Auseinandersetzung in der Streitfrage um die Heimgeburt hätte werden können. So jedoch muss sich diese Regisseurin vorwerfen lassen, selbst die Möglichkeit, die Asylfrage kritisch zu beleuchten, verschenkt zu haben: der melodramatische Moment, in dem das Ehepaar an der Herberge abgewiesen wird, wurde in dieser lustlosen Inszenierung der verpassten Chancen einfach verschenkt. Genauso wirkte der Dialog des 7jährigen Thomas in der Rolle des König Herodes nur aufgesagt statt tief empfunden. Obwohl gerade der Herodes viel Fleisch am Knochen hatte, versagte Thomas kläglich in der Aufgabe, die abgrundtiefe Bösartigkeit dieses Monarchen glaubwürdig herauszuarbeiten.
Die Komparserie stellte eine Gruppe von Landarbeitern mit Schafzucht dar, was allerdings der kritischen Betrachtung dieses Rezipienten nicht standhält, war es doch dem Genuss des Stücks eher abträglich, dass die 5jährigen Kleindarsteller so hilflos choreographiert waren, dass sie sich gegenseitig auf die Füsse traten.
Eindrücklich gegebener Esel
So blieb es bei wenigen Glanzlichtern, die nicht unerwähnt bleiben sollen: In einer stummen Rolle brillierte der kleine Klaus (5jährig) als Esel. Akzente setzte die 6jährige Elisabeth als Engel Gabriel; von ihr erwarten wir, an den örtlichen Schulbühnen künftig noch zu hören.
Der Kurzauftritt der drei Könige, die dem Neugeborenen huldigen, was ein wichtiger Plotpoint zu Anfang des 3. Akts hätte sein sollen, wurde dann unglücklicherweise von der Peinlichkeit überschattet, dass just in diesem Augenblick der «Stern von Bethlehem», der über der Krippe leuchten sollte, sich als simples Papierrequisit herausstellte, das nicht professionell angebracht war (Dekorationen: Raphael, 7). Selbst ein letzter Achtungserfolg blieb der glücklosen Regie versagt, als auch noch das Orchester, bestehend aus 6jährigen Flötenspielern, hoffnungslos aus dem Takt geriet.
Das Publikum spendete trotz dieser kolossalen Unzulänglichkeiten höflichen Applaus, was sicher der für Premierenaufführungen üblichen Tatsache geschuldet war, dass zahlreiche der Anwesenden mit den Schauspielern bekannt waren.