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Eine gerade in letzter Zeit oft gestellte Frage lautet, ob Volkwirtschaften immer weiter wachsen können. An düsteren Prognosen eines versiegenden Wachstums fehlt es nicht. Der Deutsche Think-Tank Denkwerkzukunft beispielsweise hat die Wachstumsraten der EU6 und anderer industrialisierter Länder der letzten fünf Jahrzehnte (1960-2010) in die Zukunft extrapoliert und prognostiziert für die meisten Staaten ein jährliches Wachstum von weit unter einem Prozent in den kommenden Jahrzehnten.
Eine solche Trendextrapolation ergibt für die Schweiz die folgenden Wachstumsprognosen für die nächsten vier Dekaden:
- 2010-2020: 0,43%
- 2020-2030: 0,31%
- 2030-2040: 0,22%
- 2040-2050: 0,16%
Diese Resultate erstaunen nicht, erreichte doch das Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten westlichen Ländern historische Rekordmarken. Startet eine Trendberechnung genau auf diesen Höchstwerten, kann das Ergebnis nur das pessimistische Szenario eines abnehmenden Wachstums sein. Eine längerfristige Betrachtung tut daher not.
Unsere Abbildung zeigt die Entwicklung des realen BIP und des jährlichen BIP-Wachstums der Schweiz seit 1900. Im Durchschnitt betrug das jährliche Wachstum des BIP pro Kopf in den betrachteten 113 Jahren 2,3%. Spitzenwerte des Wachstums wie in den «Goldenen Zwanzigern» oder den 1960er-Jahren sind also nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Bis 1950 konnte man zwar teilweise sehr hohe Wachstumsraten von über 10% beobachten, aber auch die Rezessionen fielen entsprechend stark aus. Im Durchschnitt ergab sich in der Periode 1900 bis 1950 letztlich dann auch „nur“ ein jährliches Wachstum des BIP pro Kopf von rund 2%. Wie in allen industrialisierten Ländern ist auch in der Schweiz seit den 1970er-Jahren ein Rückgang des Trendwachstums zu beobachten. Dafür verlief aber die wirtschaftliche Entwicklung weniger volatil als in der Vergangenheit, sprich: Boom- und Rezessionsphasen fielen weniger heftig aus, der Wirtschaftsverlauf war stabiler. Die jüngste Wirtschaftskrise – die unsere Wahrnehmung stark prägt – nimmt sich im historischen Ver-gleich fast «wie ein Klacks» aus.
Eine längerfristige Betrachtung der Wachstumsentwicklung relativiert die sinistren Nullwachstums-Prognosen. Es gibt gute Gründe, weshalb kein komplettes Versiegen des Wachstums zu erwarten ist: Der langfristig wichtigste Wachstumstreiber in den Industrieländern ist der technische Fortschritt, und dieser lässt sich – wie die Geschichte zeigt – sicherlich nicht erzwingen, aber eben auch nicht unterbinden. Auch in Zukunft werden kleinere und grössere Innovationen getätigt werden, die in marktwirtschaftlich organisierten Ländern über kurz oder lang zu Wachstum führen – unabhängig davon, ob dieses Wachstum als gut, schlecht, zu hoch oder zu tief empfunden wird.
Ein ausführlicher Beitrag von Samuel Rutz und Gerhard Schwarz zum Thema «Wachstum» erscheint Ende Oktober in den Wirtschaftspolitischen Blättern.