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Der Blockstrom im Val Cadlimo
VON VALENTIN BINGGELI, LANGENTHAL
Mit 2 Bildern ( 43/44 ) und 1 Kartenskizze Im folgenden sei kurz auf diese « Entdeckung » eingegangen und damit Aufruf und Bitte an die Alpinisten verbunden, solche und ähnliche Bildungen zu beachten und zu melden. Wandernde, fliessende Blockschuttmassen, wie im nachstehenden Abschnitt definiert und dargestellt, sind allgemein bekannt aus dem Hochgebirge; eigentliche Blockströme jedoch sind relativ selten. Aus dem Vorderrheingebiet sind uns gegenwärtig bloss deren drei bekannt; neben dem hier besprochenen derjenige des P. Cavradi und der heute noch « unpublike » im ValTermine. Deshalb schien es uns gerechtfertigt, auch hier diesen Beitrag zu bringen, der bereits in « Regio Basiliensis » VI/2, 1965 ( Hefte für jurassische und oberrheinische Landeskunde, Basel ), erschien.
Vor 15 Jahren publizierten die « Alpen » ( 1, 1951 ) den grundlegenden Artikel von Prof. Dr. H. Boesch, Zürich, « Beiträge zur Kenntnis der Blockströme ». Aus diesem zitieren wir als Einführung den allgemeinverständlichen, begriffsbestimmenden Überblick:
« Blockströme sind grosse Schuttmassen, welche sich gletscherähnlich kriechend fortbewegen. Sie sind aus vielen Hochgebirgen beschrieben worden und stellen ein besonderes Objekt der Hoch-gebirgsmorphologie dar. Ihre Ähnlichkeit mit Gletschern und ihre ( in vielen Fällen ) genetische Verknüpfung mit Gletschern haben dazu geführt, dass sie in der Literatur unter sehr verschiedenen Namen beschrieben werden ( Blockströme, Blockgletscher, rock glaciers, coulée de blocs usw. ); infolge ihrer Ähnlichkeit mit Moränen wurden sie oft als selbständige Objekte übersehen und als Moränen kartiert.
Besonders schön ausgebildete Blockströme finden sich im Schweizerischen Nationalpark im Unterengadin. Sie bildeten schon seit längerer Zeit ein besonderes Untersuchungsobjekt der wissenschaftlichen Parkkommission. Während vieler Jahre hatte E. Chaix sie periodisch untersucht; dabei stellte sich als Hauptproblem, die morphologisch klar erkennbare Fliessbewegung auch durch exakte Messungen zu belegen. Es gelang Chaix, die Bewegung durch eingemessene Punkte zu er- fassen, und er ermittelte eine mittlere Geschwindigkeit an der Oberfläche und im Stromstrich von ca. 100 cm pro Jahr. » ( Hans Boesch. ) Um eine derartige Bildung handelt es sich zweifellos auch bei dem bisher unbekannten Schuttstrom im Val Cadlimo, der eigentlichen Quellwurzel des Medelser Rheins, infolge der nördlichen Ausbiegung der Kantonsgrenze über die alpine Hauptwasserscheide aber auf Tessiner Boden gelegen.
Anlässlich morphologischer Kartierungsarbeiten für den Schweizerischen Landesatlas machten wir im Sommer 1964 diese schöne Entdeckung. Beim Aufstieg zum Passo Nalps von der Cadlimo-Hütte SAC her wies Kollege Peter Käser auf eine sonderbare Landschaftsform am Gegenhang hin. Sie liess sich bereits aus dieser Entfernung als Blockstrom deuten. Er liegt über der rechten Trog-flanke des vordem Val Cadlimo im Gipfelkar des Schenadüi ( 2746 m ), etwa 4 km südwestlich Santa Maria-Lukmanier Im August und Oktober 1964 folgten verschiedene Begehungen des fraglichen Gebiets der Ganoni di Schenadüi. Darüber sei in dieser vorläufig kleinen Mitteilung, vor allem anhand des Bildmaterials, kurz orientiert. Scheint uns doch hier ein besonders schöner und ausgeprägter Fall dieser morphologischen Erscheinung vorzuliegen, vergleichen wir mit den beschriebenen Blockströmen des Bündner Landes, aus denen der prachtvolle Strom des Val dell'Acqua hervorragt.
Der Cadlimo-Strom scheint in der Literatur bisher nicht erwähnt worden zu sein. Die Landeskarte der Schweiz 1:50 000, Blatt 266 Leventina, verzeichnet lediglich undeutliche Schuttmassen. Dagegen wurden im Siegfried-Atlas 1:50 000, Blatt 503, die Schuttmassen mit drei Längswällen und Stirnwall kartiert. Was die jüngere Blockstrom-Literatur betrifft, gab H. Boesch in den« Alpen » 1, 1951, einer weitern Öffentlichkeit in verdienstvoller Weise Aufschluss über das in der Tat allgemein interessierende Phänomen fliessender Blockmassen und publizierte das erwähnte, ganz einzigartige LT-Flugbild des Blockstroms im Val dell'Acqua ( Nationalpark ).
Unter Leitung des Genannten bearbeitete J. Domaradzki vor allem die Blockströme des Engadins ( « Die Blockströme im Kanton Graubünden », Diss. Universität Zürich 1951 ). H. Jäckli führt in seiner « Gegenwartsgeologie des bündnerischen Rheingebietes » ( Beiträge z. Geologie d. Schweiz, Geotechn. Serie 36, Bern 1957 ) aus dem Bündner Oberland den Blockstrom im kleinen Gipfelkar des P. Cavradi an.
« Leben und Umwelt » brachte in Heft 12, 1958, einen Artikel von R. Streiff-Becker, « Toteis und Blockströme », worin unter anderem die Seltenheit und die Gebundenheit an mergelige Gesteine diskutiert ist. Nun dürfte allerdings jene doch weitgehend eine vermeintliche sein, da diesen Erscheinungen lange Zeit zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde; für das Bündner Oberland und die Tessiner Alpen kennen und vermuten wir zumindest weitere, und für andere Gebiete dürfte die Zukunft ähnliche Resultate bringen. Zum zweiten liegen diese eben genannten bezeichnenderweise in der Gneisregion Gotthard—Adula. Und jedenfalls bilden Ortho- und Paragneise die Blockströme im Einzugsgebiet des Vorderrheins.
In der Umgebung des Cadlimo-Stroms stehen zur Hauptsache die Orthogneise des lukmanier-wärts abtauchenden Gotthardkristallins an, die nach unsern vorläufigen Beobachtungen auch den Blockstrom bilden. Da ohne Vegetationsbedeckung, unterscheidet er sich farblich wenig vom Hellgrau der rundgehöckerten Nachbarschaft. Die photographischen Aufnahmen belegen, dass sich der Blockstrom im Spätsommer und Herbst sehr günstig von den Schneefeldern abhebt. Diese wurden in der beigegebenen Skizze ( teilweise ) eingezeichnet, da mithin die Unterlage nur unsicher zu vermuten ist. Im Ursprungsgebiet des Stroms handelt es sich um den Rest des ehemaligen Firn-raums der Schenadüi-Lokalvergletscherung.
Die Gliederung des Blockstroms kommt vortrefflich in der Senkrechtaufnahme zur Geltung wie auch in der danach erstellten Skizze Ursprungsgebiet, Hauptfliesszone und Stauregion. Das Gesamtbild ähnelt einem Lava- oder Gletscherstrom. Die leicht asymmetrische, stirnwärts verbreiterte Zunge endet in einer scharf begrenzten, leicht konvexen Schuttwand von 20 bis 25 m Höhe.
Verglichen mit den Proportionen ( von Länge zu Breite ) der Blockströme im Nationalpark ( Quotient = 5 bis 10 ), ist der Cadlimo-Strom relativ breit ausgebildet im Verhältnis zur Länge: b = 450 m: 150 m; Quotient = 3 ). Nach der Typologie von Domaradzki handelt es sich um einen Kar-Blockstrom, der in unserm Falle aus einer obern Karetage herausfliesst. Trotz der schönen Zungenbildung kann von einem Gletscherbett, durch das der Strom gemäss der Typologie ( Gletscher-bett-Blockstrom ) seinen Weg nehmen würde, nicht eigentlich gesprochen werden.
Die Herkunft des Gesteinsmaterials erhellt aus Flugbild und Skizze deutlich: es sind die zur Karmulde leitenden Gipfelgrat-Runsen des Schenadüi. Die Hauptmenge an Schutt dürfte seinerzeit in einer Moräne am äussern Rand der obern Karetage, unterhalb des heutigen grossen Schneefeldes, abgelagert worden sein. Jedenfalls machen die Randwülste des Blockstroms den Anschein verzogener Moränenwälle. Aus der Höhenlage ist auf die Gletscherhochstände des letzten Jahrhunderts zu schliessen, womit auch eine ungefähre obere Altersgrenze des heutigen Blockstroms gegeben wäre.
Unterhalb des grossen Schneefeldes setzt der eigentliche Schuttstrom ein, dessen oberer, steiler Teil, bildlich gleichsam der Zungenansatz, mit längsverlaufenden Blockwällen die Zone der stärksten Gleitbewegung anzeigt. Die deutlichsten Fliess- und Staustrukturen aber weist der tiefere, flache Zungenendteil auf. Steigt man durch diese Steinwelt, erscheint die Stromoberfläche aus der Froschperspektive als ungeordnetes Trümmerfeld, die Blöcke, von Hunde- bis Gartenhausgrösse ( über 30 Kubikmeter ), wirr nach allen Seiten liegend, hängend, stehend, kippend. Die schönen, 3 bis 6 m hohen Wülste mit randwärts abgeknickten Enden lassen sich grösstenteils nur schwer erkennen.
Über dem nur noch schwach geneigten Untergrunde wurden die Blockmassen gestaut und in bogenförmige Wellen gelegt. Sie ziehen sich auf der rechten, östlichen Zungenseite auffällig nach vorn, was auf eine dortige höhere Fliessgeschwindigkeit schliessen lässt. In geringerem Masse trifft dasselbe für die äusserste linke Randzone zu. Über die Bewegungsgrössen kann noch nichts ausgesagt werden; zu vorläufigen Beobachtungen wurden zwei provisorische Messstellen fixiert. Im Sommer 1965 begannen wir sodann mit der genauen Einmessung von Strompunkten. In der Hauptsache wird es nun abzuklären gelten, ob der Strom zufolge der Verflachung seines Untergrundes und einer kleinen Gegensteigung vor der Stirn bereits ganz oder teilweise stationär ist.
In den Abbildungen tritt die markante, fast ideal geschwungene Stromlinienform der Stromstirn hervor. Zudem wird deutlich, dass unter einer grobblockigen oberen Masse eine solche feinern Materials den Grund bildet, was hinsichtlich des Bewegungsmechanismus wesentlich sein dürfte.
Am Zungenende tritt aus Schneeresten der Westseite ( kartiert in der beigegebenen Skizze ) ein ansehnliches Bächlein aus. Die Hauptfrage, ob es an der Entwässerung des Blockstroms beteiligt sei, muss vorerst eher verneint werden. Seiner Temperatur und Härte nach handelt es sich eher um Schmelzwasser der erwähnten Schneeflecken als um solches von Toteis oder einfach um Sickerwasser. Für jenes erweist sich die Temperatur als relativ hoch, für dieses würde bei Durchsickerung des feinen Grundmaterials eine höhere Härte entstehen.
Das Klischee der Flugaufnahme zu diesem Aufsatz verdanken wir der Redaktion von « Regis Basiliensis », Hefte für jurassische und oberrheinische Landeskunde, Basel.