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Johann Sebastian Bach war nicht nur einer der grössten Komponisten, er war auch einer der fleissigsten. Soviel er auch schrieb, die Qualität seiner Stücke verrät stets den Meister. Aber darf ein Meister bei sich selbst abschreiben? Kann aus Musik, die für ein prunkvolles Fest bei Hofe komponiert wurde, eine heilige Weihnachtskomposition werden? Fragen, die sich die Bach-Fans und Wiederentdecker im 19. Jahrhundert nicht ohne peinliche Überraschung stellen mussten.
Solche Fragen kamen allerdings erst lange nach seinem Tod auf. J. S. Bach hatet sein Weihnachtsoratorium als Reihe von sechs Kantaten komponiert, für die Feiertage vom Weihnachts- bis zum Dreikönigstag 1734/35. Er selbst hatte das Werk nie zusammenhängend «uraufgeführt» oder je im Konzert gespielt. Die Kantaten erklangen zur Jahreswende am jeweiligen Feiertag zum Gottesdienst in einer der beiden Leipziger Hauptkirchen, der Thomaskirche oder St. Nikolai.
Peinliche Überraschung für die Biografen
Erst um 1850, nachdem J.S. Bachs grosse Passionen von Felix Mendelssohn und seinen Zeitgenossen wieder aus der Versenkung geholt worden waren, wagte die Berliner Singakademie auch an das Weihnachtsoratorium. Das Werk war über Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel in ihre Notenbibliothek gelangt.
Schon bald stellten Bach-Forscher fest, dass die Musik zum triumphalen Eingangschor «Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage» identisch ist mit einem Stück, das einen ganz anderen Text vertont: «Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten». Dieser Text ist im Original-Manuskript sogar durchgestrichen und durch das «Jauchzet…» überschrieben.
Im Barock gängige Praxis: die Parodie
Bach «parodiert» damit eine eigene Komposition. Bei dieser früheren Kantate handelt es sich nicht einmal um ein geistliches Werk.
Es ist eine Gratulations-Musik für Maria Josepha, die Fürstin von Sachsen und Königin von Polen. Sie hatte am 8. Dezember 1733 Geburtstag gefeiert, also über ein Jahr früher, als Bach seine Weihnachtskantaten in Leipzig zu Gehör brachte.
Für den Bach-Biographen Philipp Spitta war diese im Barock durchaus gängige Praxis noch um 1880 eine einigermassen peinliche Überraschung. Er rettete sich in die Behauptung, dass Bach gar nichts «Ungeistliches» komponieren konnte. Spitta schreibt: «Seine weltlichen Gelegenheitswerke waren vielmehr unweltlich, und (…) der Componist gab sie ihrer eigentlichen Heimat zurück, wenn er sie zu Kirchenmusiken umwandelte.»
Musikalische Konfettiparade
Was aber passiert in den ersten Takten des Eingangschores? Die Pauken eröffnen das Stück, entsprechend der Aufforderung «tönet», die Trompeten reagieren ebenso auf das «erschallet». Und dann lösen Geigen und hohe Bläser eine wahre Konfettiparade im ganzen Orchester aus, als Gratulationsmusik.
Dass Bach diese Idee nicht in seinem Notenschrank verstauben oder auf dem Müllhaufen eines Adelsfestes vergammeln lassen wollte, liegt auf der Hand. Ein Instrumentalkonzert konnte man immer wieder brauchen.
Aber eine so eng definierte Musik wie eine Geburtstagskantate wäre unrettbar verloren. Und in Dresden wäre ein «Recyling» bei Hofe kaum goutiert worden.
So gab Bach seinem Textdichter Picander den Auftrag, einen passenden Text für das Geburtsfest Christi zu entwerfen. Und fügte den neuen Text gleich mit eigener Hand in seine Partitur ein, wobei er den alten durchstrich.
Dass für die Nachwelt seine Musik damit zum «Engelskonzert» würde, dürfte ihn kaum gekümmert haben – Bach hatte viel zu tun. Sehr viel. Und er dachte durchaus praktisch.
Fürstlicher Prunk für den Himmelskönig
Dazu kommt der Umstand, dass Bach selbst in einer Gesellschaft lebte, in der die Fürstenherrschaft als «gottgegeben» völlig unangefochten war. Die Inszenierung profaner und sakraler Macht erfolgte mit verwandter Legitimation und folglich auch in durchaus ähnlichen Formen. Und der 1733 verstorbene Landesherr August der Starke gehört zu den prunkliebendsten Fürsten Europas in der Zeit des Absolutismus.
Seine Huldigungskantaten hatten übrigens handfeste praktische Gründe. Einige Verwandte und wichtige Kollegen Bachs waren in Dresden am kunstliebenden Hof der sächsischen Kurfürsten und polnischen Könige angestellt. Und Bach selbst erhoffte sich den Titel eines Hofkomponisten. Denn damit konnte er bei Problemen in Leipzig – die hatte er durchaus mit den städtischen und kirchlichen Behörden – mit grösserer Autorität auftreten. Den «chursächsischen Hofcompositeur» hat er später auch erhalten.
Buchhinweise
Konrad Küster (Hg.): Das Bach-Handbuch, Bärenreiter / Metzler, 1999. Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten, EVA / Carus-Verlag, 2006