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Stark vereinfacht ist Angewandte Ethik derjenige Teil der praktischen Philosophie, der Theorien der normativen Ethik auf unterschiedliche Bereiche des menschlichen Handelns und Zusammenlebens anwendet. Sie befasst sich mit den spezifischen ethischen Fragen verschiedener Berufsfelder und Gesellschaftsbereiche sowie mit ethischen Herausforderungen aus der nationalen und internationalen Politik.
Die heutige Angewandte Ethik entstand in den 1970er-Jahren, weil technologische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen neue ethische Herausforderungen mit sich brachten (1.). Diese Herausforderungen führten zur Entwicklung verschiedener Bereichsethiken: Medizinethik, Wirtschaftsethik, Umweltethik und die Ethik des Politischen (2.). Da die Anwendung normativer Ethik-Theorien auf spezifische Einzelfälle nicht immer leicht ist, finden sich in der Angewandten Ethik verschiedene Methoden zur Analyse ethischer Herausforderungen (3.).
1. Geschichte und Motiv der Angewandten Ethik
Grundsätzlich kann man zwischen deskriptiver und normativer Ethik unterscheiden. Der deskriptiven Ethik geht es darum, empirisch zu erfassen, nach welchen Werten und Normen das Zusammenleben in verschiedenen Gemeinschaften funktioniert. Die normative Ethik befasst sich demgegenüber mit der Frage, wie das Zusammenleben oder andere Herausforderungen idealerweise geregelt werden sollen. Es geht der normativen Ethik also nicht um Tatsachenaussagen, sondern um Sollens-Aussagen.
Die praktische Philosophie und die normative Ethik haben eine lange Tradition, die bis in die griechische Antike zurück reicht. Die Angewandte Ethik ist im Vergleich dazu eine junge Disziplin. Sie entstand in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund neuer Möglichkeiten in der Forschung, der Technik und insbesondere der Medizin. Diese führten nicht nur zu weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen, sondern auch zu neuen ethischen Herausforderungen. Bevor es möglich war, Hirntote am Leben zu erhalten, stellte sich die ethische Frage nicht, wie lange die dazu benötigten Maschinen laufen dürfen. Das gilt auch bezüglich der Umweltverschmutzung und des Artensterbens. Bevor diese Herausforderungen nicht bekannt waren, konnten die entsprechenden ethischen Fragen gar nicht entstehen.
Die Bearbeitung dieser Fragen setzt aber nicht nur ethisches, sondern auch darüber hinausgehendes Fachwissen voraus. Die Notwendigkeit eines solchen Spezialistentums führte zur Ausbildung verschiedener Bereichs- oder Bindestrich-Ethiken. Diese Bereichsethiken haben zwar nicht grundsätzlich voneinander unabhängige, aber trotzdem eigene Schwerpunkte, Theorien und Traditionen.
2. Bereiche der Angewandten Ethik
Frühe Bereichsethiken waren die Medizin-Ethik und die Umwelt-Ethik. Es entwickelte sich eine Wirtschafts- und eine Tier-Ethik, es gibt eine für Ingenieure relevante Technik-Ethik oder eine Medien-Ethik. Zwischenzeitlich sind diese sogenannten Binderstrich-Ethiken so zahlreich und spezialisiert, dass im Folgenden nur auf die wichtigsten und allgemeinsten Bereiche der Angewandten Ethik eingegangen werden kann.
Medizinethik: Die Medizinethik befasst sich mit ethischen Herausforderungen im Bereich der Humanmedizin. Dies umfasst ethische Fragestellungen am Lebensende wie die bereits erwähnte Herausforderung des Hirntodes. Mit Blick auf den Lebensanfang sind Fragen rund um Schwangerschaft und frühkindliches Leben relevant. Doch auch Überlegungen zur Rationierung oder der Verteilung von Organen gehören zur Medizinethik.
Umweltethik: Die Umweltethik setzt sich primär, aber nicht ausschliesslich mit der nicht-menschlichen Umwelt auseinander. Eine zentrale Fragestellung ist, wie und ob wir die Natur, Biotope, Tierarten oder sogar einzelne Tiere in unseren moralischen Überlegungen berücksichtigen müssen. Gleichzeitig gehört zur Umweltethik auch die Frage, was und wieviel wir zukünftigen Generationen schulden. Nachhaltigkeit ist hier das Stichwort.
Wirtschaftsethik: Der Wirtschaftsethik geht es um alle ethischen Herausforderungen im Bereich der Wirtschaft. Wichtig ist die Frage geworden, wie weitreichend die Verpflichtungen von Unternehmen sind. Dies betrifft zum Beispiel die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen und Umweltstandards in Zulieferbetrieben. Doch auch Themen wie verantwortungsvolle Investitionen, Lohngerechtigkeit oder Korruption gehören zur Wirtschaftsethik.
Ethik des Politischen: Dieser Bereich der Angewandten Ethik hat starke Überschneidungen mit der Politischen Philosophie. Die Ethik des Politischen umfasst alle ethischen Herausforderungen, die die nationale oder internationale Politik betreffen, aber nicht klar in einen der drei erstgenannten Bereiche der Angewandten Ethik fallen. Dazu gehören insbesondere die Herausforderungen der globalen Armut und ethische Fragen der Migration.
Wie der Bereich der Ethik des Politischen zeigt, ist die Abgrenzung der verschiedenen Bereiche der Angewandten Ethik voneinander nicht immer eindeutig. Die meisten Fragen der Angewandten Ethik betreffen die nationale und internationale Politik. Die weltweite, preisgünstige Gesundheitsversorgung betrifft nicht nur die Medizinethik. Sie betrifft auch Fragen der globalen Armut als Teil der Ethik des Politischen und die Wirtschaftsethik mit Blick auf Pharmaunternehmen als Wirtschaftsakteure.
3. Methoden der Angewandten Ethik
Die in der langen Tradition der praktischen Philosophie entwickelten vier klassischen normativen Theorien der Ethik (Deontologie, Konsequentialismus, Tugendethik, Vertragstheorie) haben unter anderem eine grosse Schwierigkeit. Es ist nicht immer klar, wie man sie auf spezifische Einzelfälle in bestimmten Situationen überträgt. Denn die Grundsätze dieser Theorien sind häufig zu abstrakt und allgemein für den konkreten Anwendungsfall in einem spezifischen Bereich des menschlichen Handelns und Zusammenlebens.
Insbesondere in der Medizinethik, aber auch in anderen Bereichen der Angewandten Ethik entstand deshalb eine Auseinandersetzung darüber, ob und wie normative Ethik-Theorien auf Einzelfälle angewandt werden können. Einige behaupten, dies sei möglich (Top-Down-Ansätze). Andere vertreten die Meinung, dass es vielmehr auf die genaue Analyse und den Vergleich von Einzelfällen ankommt. Denn nur dieser Vergleich erlaube, mit Blick auf widerkehrende Situationen Regeln zu entwickeln (Bottom-Up-Ansätze). Neben diesen beiden Ansätzen gibt es zudem die Methode des Überlegungsgleichgewichts. Diese Methode stellt eine Mittelposition zwischen den ersten beiden dar und fordert, dass eine Ethik-Theorie mit unseren alltäglichen Moralauffassungen so lange abgewogen werden muss, bis beide miteinander übereinstimmen.
Einführungstext von Ivo Wallimann-Helmer, Studien- und Geschäftsleiter der Advanced Studies in Applied Ethics, Ethik-Zentrum der Universität Zürich