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Ähnlich wie Wolfgang Amadeus Mozart zeitlebens und mehr noch in der Nachwelt als genialisches Wunderkind verklärt, verehrt und verkannt wurde, so wurde Anton Bruckner als ein frömmelnder Kirchenkomponist stilisiert, als – wie Felix Diergarten schreibt – "Sonderling" vorgestellt, der mit seinem "Katholizismus aus Zeit und Welt" gefallen zu sein scheint. In der neu publizierten, konzisen Studie über das geistliche Werk Bruckners erschließt der Musikwissenschaftler den Facettenreichtum der Kompositionen und korrigiert bestehende Einseitigkeiten in der vorherrschenden Wahrnehmung. Souverän entsorgt Diergarten die Klischees über Bruckner und öffnet Ausblicke auf dessen facettenreiches Schaffen.
Anton Bruckner sei ein "Unbekannter", der in "sehr unterschiedlichen Lebenswelten" gelebt habe und dessen Musik für verschiedene Kontexte entstanden sei, nämlich "für die Dorfkirche, für die große Stiftsbasilika, den Bischofsdom, für eine Dombaustelle, für die Hofkapelle, für zahllose kleine Anlässe des Alltags und für den Konzertsaal der Weltstadt": "Jeder dieser Orte hat Spuren in Bruckners Werken hinterlassen, in der Auswahl der Texte, in der Besetzung, hinsichtlich Anspruch und Umfang und natürlich auch im Stil." In seiner ersten Lebenshälfte deutete nichts darauf hin, dass Bruckner eine Sinfonie komponieren oder gar als "einer der größten Sinfoniker nach Beethoven in die Geschichte eingehen sollte". Erst mit 44 Jahren, im Jahr 1868, fand die Uraufführung seiner ersten Sinfonie statt. Er gab die Stelle als Domorganist auf, wurde in Wien Professor am Konservatorium und widmete sich in der knapp bemessenen freien Zeit dem Komponieren: "Messen schrieb Bruckner in Wien nicht mehr, und Kirchenmusik entstand nur noch vereinzelt auf Bestellung und zu gegebenen Anlässen. … Aufgewachsen bei der Kirchenmusik und jahrelang in ihrem Dienst, kann man Bruckner in seiner zweiten Lebenshälfte nicht mehr als Kirchenkomponisten bezeichnen."
Diergarten beschreibt, dass Bruckner von der Musik des österreichischen Kirchenbarock geprägt gewesen sei, insbesondere von Johann Joseph Fux' und Antonio Caldaras Werken. Die Kirchenmusik nahm, trotz lehramtlicher Kritik, Elemente des klassischen und frühromantischen Stils auf. Die theologische Frage, "ob geistliche Musik auch die Mittel der zeitgenössischen Kunstmusik verwenden dürfe", blieb, wurde "gebetsmühlenartig" von Päpsten und Bischöfen wiederholt, was, so schreibt Diergarten lapidar, deutlich mache, dass sich die kirchlichen Weisungen "nicht durchsetzen" ließen. Die Fiktion einer "wahren Kirchenmusik" wurde verbreitet, als ob es ein "goldenes Zeitalter der Kirchenmusik zur Zeit Palestrinas" gegeben hätte, "als Kunst, Leben und Gottesdienst eine scheinbar harmonische Einheit bildeten".
Anton Bruckner konzentrierte sich als Kirchenkomponist auf die gleichbleibenden Texte der Messfeier, vom Kyrie bis zum Agnus Dei, aber er widmete sich auch dem Introitus, dem Proprium, dem Graduale und dem Offertorium. Er wusste von innen her, dass er zur höheren Ehre Gottes komponierte: "Mit der päpstlichen Forderung, der Sinn der Worte solle den Zuhörern eingeflößt und die Seele der Gläubigen zur Liebe der göttlichen Dinge angespornt werden, durfte sich auch Bruckner im Einklang fühlen." Der Komponist war ein "religiöser Mensch" und Beter, aber Diergarten mahnt zur Vorsicht, von biografischen Tatsachen auf die Form der Frömmigkeit und deren Einfluss auf die geistlichen Werke mit absoluter Gewissheit zu schließen: "Dass Bruckner viel Zeit auf das Gebet verwendete, ist klar belegt; andererseits geht hieraus zunächst einmal nur Bruckners Teilhabe an in seiner Zeit weitverbreiteten Frömmigkeitspraktiken hervor, deren skrupulöses Zählen von einem gewissen Leistungsdenken geprägt ist." In seiner kleinen Bibliothek fand sich keine theologische Literatur, nur ein volkstümlicher Katechismus. Ob er die Bibel gelesen hat, ist unklar, vielleicht auch unwahrscheinlich. Manche seiner Notizen über Gottesdienstbesuche und Rituale läsen sich, so Diergarten, eher wie "Zeugnisse von Rigorismus, ja Zwanghaftigkeit". Aber seine Zeitgenossen erinnerten sich, "dass Bruckner beim Angelusläuten den Unterricht zum Gebet unterbrach und auch daran, wie sehr ihn Glaubensdinge bewegten". Berechtigterweise aber übt Diergarten hier eine gewisse Zurückhaltung. Das geistliche Innenleben und religiöse Empfinden bleiben verborgen. So formuliert er nüchtern: "Bruckners Vorstellungskraft und Sprache waren von religiösen Bildern geprägt; und je mehr Bruckner das kompositorische Handwerk beherrschte, desto eindrucksvoller gelang es ihm, die liturgischen Texte in kräftige musikalische Bilder zu übersetzen." Er versuchte, den "Sinn der Worte" – ohne Theologe zu sein – "musikalisch hörbar zu machen", ohne einem "konservativen Musikgeschmack" zu folgen, was durchaus den Wünschen des Hofes in Wien entgegenstand.
Deutlich und erhellend mit Blick auf Bruckner stellt Diergarten fest: "Vom Leben zum Kunstwerk führt kein direkter Weg: Ein zerknirschtes Kyrie braucht keinen zerknirschten Komponisten, ein weihevolles Benedictus keine persönliche Erleuchtung, denn der »Sinn der Worte« und deren Vertonung war keine persönliche Angelegenheit; jeder konnte das Notwendige in der Kirchenmusikordnung nachlesen. Aber die Dokumente belegen, dass Bruckner sein eigenes Dasein vor dem Hintergrund der christlichen Heilsgeschichte erlebte und stilisierte."
Felix Diergarten stellt in seiner lesenswerten, reichhaltigen und präzisen Studie den Komponisten Anton Bruckner vor – und wahrt eine vornehme Distanz, denn er stilisiert den Musiker weder als den künstlerischen Botschafter einer biederen katholischen Frömmigkeit noch leugnet er die religiösen Momente seines Lebens. Dessen geistliche Werke können ohne schwerblütige Grübeleien und zudringliche biographische Deutungen mit Gewinn auch heute vernommen werden. Dieses schmale Buch bezeugt die Vielfalt und den musikalischen wie geistlichen Reichtum des Schaffens von Anton Bruckner. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte Diergartens Band unbedingt lesen.