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Für Ihren freundlichen Bericht vom 14 crt.2, der mich in hohem Masse interessiert hat, sage ich Ihnen verbindlichen Dank und benutze gerne den Anlass, um darauf durch folgende Erklärungen zu antworten: Es ist selbstverständlich weder Herren Lardy noch mir eingefallen, auch nur anzudeuten, dass die Schweiz im Falle des Eingreifens Italiens in den Krieg nicht neutral bleiben, sondern sich auf die Seite der Zentralmächte stellen werde. Richtig ist dagegen, dass wir beide bei jedem Anlasse, der sich bietet, den Standpunkt vertreten, dass es den Interessen und deshalb auch den Wünschen der Schweiz am besten entsprechen würde, wenn Italien seine Neutralität beibehalten würde. Ich habe überall da, wo ich Veranlassung hatte, diesen Standpunkt zu vertreten, als Begründung beigefügt, dass ein Eingreifen Italiens einerseits die Gefahr einer freiwilligen oder unfreiwilligen Verletzung unserer Neutralität erhöhen und anderseits die Schwierigkeiten unserer Verproviantierung vermehren müssten. Soweit ich beobachten konnte, ist die Berechtigung dieses Standpunktes allerseits anerkannt worden.
Es ist möglich, dass die Befürchtungen des Herren Barrère wachgerufen worden sind durch eine unrichtige Auslegung der Erklärungen, die ich seinerzeit dem Vertreter des Giornale d'Italia gegeben habe und von welchen Sie Kenntnis haben. In jener Besprechung habe ich einerseits ganz deutlich erklärt, dass die Schweiz ihre Neutralität unbedingt aufrechterhalten werde, ich habe aber beigefügt, dass ein casus belli für uns auch dann eintreten könnte, wenn man uns von beteiligter Seite die Lebensmittelzufuhr unterbinden würde. Es ist möglich, dass Herr Barrère diese letzte Bemerkung missverstanden oder als eine Spitze gegen die Entente aufgefasst hat. Übrigens kann ich mit Befriedigung feststellen, dass gerade dieser Hinweis auf die Möglichkeit einer übermässigen Erschwerung unserer Verproviantierung allgemein Eindruck gemacht und dass man den darin zum Ausdruck gebrachten Standpunkt als durchaus richtig und legitim anerkannt hat.
Ich hoffe, die vorstehenden Erklärungen dienen zur Rechtfertigung unseres Verhaltens in der aufgeworfenen Frage, und ich bin überzeugt, dass Sie meine Ansicht teilen, nach welcher wir es zwar vermeiden sollen, ohne Not über die Haltung Italiens uns auszulassen, aber doch gegebenen Falles die Ansicht vertreten dürfen, dass die Schweiz ein Eingreifen Italiens in den Krieg aus eigenem Interesse nicht wünschen könne.
Da sich mir die Gelegenheit bietet, Ihnen durch Herrn Matter einen Bericht zukommen zu lassen, möchte ich mich gerne über eine andere wichtige Frage aussprechen, die mehr erörtert wird, als mir lieb ist, und die mir viel zu denken gibt. Es ist mir schon wiederholt und unlängst noch durch den hiesigen rumänischen Gesandten recht unverblümt gesagt worden, dass die Schweiz ihre Neutralität nicht bis zum Ende des Konfliktes aufrechterhalten könne, ohne ihren eigensten Interessen zu schaden. Gemeint ist damit die Möglichkeit einer Verbesserung und Erweiterung unserer volkswirtschaftlichen und politischen Stellung bei Anlass des Friedensschlusses. Man nimmt an, dass die Schweiz diesen Anlass benutzen müsse, um ihre «Grenze zu korrigieren» und um sich volkswirtschaftliche Vorteile zu sichern.
Dieses Ziel könne aber nur erreicht werden, wenn die Schweiz sich «rechtzeitig» einer Gruppe der kriegführenden Staaten anschliesse. Ich habe nicht nötig, zu betonen, dass dabei immer der Anschluss an die Mächte der Entente gemeint ist. Es hat mich nun sehr interessiert, aus Ihren Mitteilungen zu ersehen, wie sehr diese Mächte bestrebt sind, bisher neutrale Staaten in den Krieg hineinzuziehen, und ich bin überzeugt, dass allmählich aus den bisherigen Andeutungen bestimmtere Vorschläge oder Zumutungen herauswachsen werden. Diese Beobachtung stimmt überein mit einer Mitteilung, die einem meiner Mitarbeiter aus England zugekommen ist, und die erkennen lässt, dass man es in den Kreisen der Entente für unmöglich hält, den Krieg zu einem «guten» Ende zu führen, wenn nicht bisher neutrale Mächte zu Hilfe kommen.
Ich hätte Ihnen von diesen Ansichten gar nicht gesprochen, wenn ich nicht wüsste, dass man auch in schweizerischen Kreisen mancherorts ähnlich denkt, d.h. die Meinung vertritt, dass die Schweiz bei dem zu erwartenden Friedensschluss unbedingt mitwirken und Ansprüche erheben müsse, welche deren wirtschaftliche und politische Stellung und Unabhängigkeit für die Zukunft besser gewährleisten bzw. ermöglichen. Ich darf wohl, ohne indiskret zu sein, bemerken, dass z.B. Herr Nationalrat Frey diese Ansicht nachdrücklich vertritt. Es scheint mir nun selbstverständlich, dass die diplomatischen Vertreter der Schweiz im Auslande so frühzeitig als möglich unterrichtet sein sollten über die Gedanken, die sich der Bundesrat über diese Frage macht, denn es ist ganz unvermeidlich, dass dieses ganze Verhältnis gelegentlich im Gespräch mit Kollegen zur Sprache kommt.
Meine persönliche Ansicht geht, bessere Belehrung Vorbehalten, dahin, dass die Schweiz ein sehr gefährliches Spiel treiben würde, wenn sie sich in die internationalen Händel einmischen und dadurch den Standpunkt verlassen wollte, dass sie «weder wachsen noch schwinden» wolle. Die daraus erwachsenden Gefahren kämen m. E. von aussen und innen. Von aussen insofern, als wir uns naturgemäss der Gefahr aussetzen würden, bei der grossen Auseinandersetzung selbst liquidiert zu werden, und zwar im Falle des Obsiegens unserer eventuellen Bundesgenossen nicht minder als im Falle ihres Unterliegens. Wenn wir dagegen strikte an dem Standpunkte festhalten, dass wir nichts nehmen, aber auch nichts geben wollen, so scheint es mir viel wahrscheinlicher, dass man unser Gebiet allerseits als ein noli me tangere betrachten wird. Von innen würde uns eine sehr grosse Gefahr drohen, weil jeder Gebietszuwachs das bisherige Verhältnis der Nationalitäten im eigenen Lande verändern und dadurch Gefahren heraufbeschwören würde, die wir ahnen können nach allem, was wir in den letzten Monaten erlebt haben. Und endlich scheint mir jede, wenn auch nur indirekte Preisgabe der absoluten Neutralität deshalb gefährlich, weil wir dadurch Gegensätze im Lande, die ja schon latent sind, verschärfen würden.
So richtig der Gedanke an sich ist, dass die Schweiz den Kampf um ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit viel erfolgreicher führen könnte, wenn sie grösser und stärker wäre, so gefährlich scheint es mir doch, dieses Ziel anzustreben durch die Störung unserer bisherigen Grundsätze in den internationalen Beziehungen und durch eine Stellungnahme, die auf den Einsatz unserer Existenz hinausläuft. Meines Erachtens müssten wir uns selbst dann zweimal besinnen, wenn uns eine Gebietserweiterung als Prämie für unsere Neutralität geboten würde.
Es würde mich natürlich interessieren, gelegentlich zu vernehmen, ob sich die vorstehend entwickelten Ansichten mit den Ihrigen decken, und ob Sie es für richtig halten, wenn ich bei sich bietender Gelegenheit mich in diesem Sinne ausspreche, selbstverständlich ohne meinerseits die Initiative zu einer solchen Aussprache zu suchen.
Morgen wird hier die Kammertagung eröffnet und sieht man allgemein den Verhandlungen mit der grössten Spannung entgegen, weil anzunehmen ist, dass die Regierung schliesslich ihre Haltung im internationalen Konflikt doch von der Willensäusserung des Parlamentes wird abhängig machen. In den letzten Tagen schien die Stimmung eher in der Richtung der Intervention umzuschlagen, dagegen hoffe ich sehr, dass die Ereignisse auf dem östlichen Kriegsschauplatz, die inzwischen eingetreten sind, den Kriegshetzern einigen Wind aus den Segeln nehmen werden. Einen wichtigen Faktor in der Entschliessung der Regierung und des Monarchen wird doch die in Rom stark verbreitete Meinung bilden, dass der Krieg in seinem letzten Ende - sei er für Italien siegreich oder nicht - zu einer revolutionären Bewegung führen werde. Anlass zu Bedenken muss sicher auch die Tatsache bieten, dass Italien schlechterdings nicht in der Lage ist, die nötigen Geldmittel aus eigener Kraft zu beschaffen.
- 1
- Lettre (Copie): E 2200 Rom 4,1.B.↩
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