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World Champions: J. J. Prüm
Manfred Prüm und Katharina Prüm sind beide Juristen – und begnadete Winzer.
© Andreas Durst
Philippa gibt einen glucksenden Laut von sich und greift nach dem Glas. Doch die Arme ihrer Eltern sind schneller als die kleinen Patschhände des sieben Monate alten Mädchens, das auf dem Schoss seines Vaters sitzt. Mit einer Prüm als Mutter und einem Steifensand aus der namhaften Wormser Dynastie von Winzern und Weinhändlern als Vater muss der Kleinen der Griff nach dem Riesling im Blut liegen – zumal im Glas eine Auslese aus der Wehlener Lage Sonnenuhr schwappt. Denn der Rebbau an den so privilegierten Steilhängen der Mittelmosel ist enger mit der Familie Prüm verknüpft, als es zwischen irgendeinem anderen deutschen Anbaugebiet und irgendeiner anderen Familie der Fall wäre. Die älteste Erwähnung eines Prüm in Wehlen datiert auf das Jahr 1156. Spätestens, als der Moselriesling in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode kam, wurde der Name der Familie zum Qualitätsversprechen.
Sebastian Alois Prüm (1794–1871) gilt dabei als der Wegbereiter des heutigen Ruhms. Von seinen 13 Kindern erreichten nur sechs das Erwachsenenalter – und ein einziges ging eine Ehe ein: sein Sohn Matthias (1835–1890). Dieser wiederum hatte vier Söhne und drei Töchter. So setzte sich nach Matthias Prüms Tod eine Kaskade von Erbteilungen in Gang, aus denen so namhafte Betriebe wie Studert-Prüm, Weins-Prüm, S. A. Prüm, Jos. Christoffel jr., Dr. Loosen und Pauly-Bergweiler hervorgingen. Und eben, mit der Sonderstellung als Betrieb des erstgeborenen Sohnes, das Weingut Johann Josef Prüm.
Es war 1911, als das Weingut Joh. Jos. Prüm formell gegründet wurde. Da der Namensträger bald darauf erkrankte, folgte ihm schon 1920 sein Sohn Sebastian Alois – einer übrigens von drei zeitgleich lebenden Prüms mit identischen Vornamen. Um sich von seinem Onkel und seinem Vetter zu unterscheiden, fügte Sebastian Alois seinem Namen denjenigen seiner Frau an: Prüm-Erz. Im Jahr 1969 übernahm schliesslich der Enkel von Johann Josef Prüm die Verantwortung auf dem Gut: der promovierte Jurist Manfred Prüm, Sohn des Ehepaars Prüm-Erz.
Vom Ruhm zum Kultstatus
Ohne die Verdienste der älteren Generationen zu schmälern, kann man wohl behaupten, dass die heutige Kultstellung des Weinguts Joh. Jos., genannt «Jay-jay», Prüm vor allem Manfred Prüms Verdienst ist. Vielleicht war es sogar ein Vorteil, dass Prüm als Quereinsteiger in die Umbruchphase des deutschen Weinbaus geriet: Denn er widersetzte sich mit grosser Unbekümmertheit allen Moden und fuhr fort, die Weine aus den Spitzenlagen in Zeltingen, Wehlen, Bernkastel und Graach so zu machen, wie sie das Gut schon immer produziert hatte: mit Sorgfalt im Weinberg, mit Präzision beim Leseregime und mit minimalem technischem Aufwand im Keller. Auch sah er keinen Grund zu einer Abkehr von der Gutspolitik, der Erzeugung von Versteigerungsweinen hohe Bedeutung zuzumessen. Populär war das nicht im Zeitgeist der Siebzigerjahre, der elitär klingende Begriffe wie «naturrein» oder «hochfeine Auslese» von den Etiketten verbannte und es vorzog, die Weinqualität über den Kamm des Oechslegrads zu scheren.
Erstmals in Frauenhand
«Wir benützen das Refraktometer zum Messen der Oechslegrade eigentlich nur ganz am Beginn des Herbsts, um einen Eindruck davon zu bekommen, wo wir überhaupt stehen», sagt Katharina Prüm, die stolze Mutter der kleinen Philippa und heutige Lenkerin des 20 Hektar grossen Familienguts. «Bei der Lese geht es um ganz andere Dinge. Um Entscheidungen wie: Was selektiert man wo? Geht man mit zwei oder drei Eimern in eine Parzelle? Nimmt man die Botrytis sofort – oder lässt man sie sich noch weiter entwickeln? Der Aussenbetriebsleiter und ich sind ständig unterwegs. Wenn er in die eine Ecke geht, gehe ich in die andere, und dann wird natürlich 37-mal am Tag der Wetterbericht nachgesehen …».
Katharina Prüm, im Erstberuf wie ihr Vater Doktor der Rechte, macht nicht den Eindruck, als würden sie solche Entscheidungen belasten. In der Tat haben die Weine, die sie im Jahr 2003 an der Seite ihres Vaters zu erzeugen begann und die sie inzwischen alleine verantwortet, den Ruf des Weinguts mit derselben spielerischen Leichtigkeit gewahrt, die auch beim Wein der Stil des Hauses ist. Als erste Frau an der Spitze des Weinguts hat sie gleichwohl nichts Gravierendes verändert. Wenn sich überhaupt ein Unterschied feststellen liesse, dann würde er vielleicht jene fast schon sprichwörtliche Hefenote betreffen, für die junge J.‑J.-Prüm-Weine früher berühmt waren. Ein Ton, der für alle, die ihren Flaschen genug Reifezeit gönnen, ohnehin nie von Belang war, denn er verliert sich mit der Zeit. In mancher Blindprobe mit jungen Weinen jedoch wurden die Prüm-Kelterungen als «böcksernd» gestraft.
Dabei war der «Prüm-Böckser» ohnehin eher ein Siegel unberührter Ursprünglichkeit als ein Weinfehler: Die Prüm’schen Keller nämlich liegen tief und sind kalt. Nach der alkoholischen Gärung bleibt ein gewisses Quantum fein verteilter Kohlensäure in Lösung. Entbindet sich dieses Gas beim Einschenken eines Jungweins, dann wirkt es wie ein Verstärker auf die Aromen der Hefe, die in spontan vergorenen Jungweinen reichlich vorhanden sind. So weit, so unspektakulär. Katharina Prüm rätselt selbst, warum diese Duftkomponente in der neueren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten ist – und vermutet die tendenziell etwas höheren Reifegrade der Trauben als Ursache.
Diskussionen und Kochkunst
Die Tradition zu wahren, das heisst natürlich dennoch nicht, in Routine zu erstarren. «Bei den Diskussionen zwischen Vater und Tochter kann es hoch hergehen, schliesslich sind sie beide Juristen», amüsiert sich Wilhelm Steifensand, der seit seiner Heirat mit Katharina Prüm die Rolle des neutralen Beobachters bei den Plädoyers am Familientisch einnimmt. Unumstösslich und nicht verhandelbar scheint indes die Tatsache, dass im Hause Prüm keine trockenen Weine erzeugt werden. Und warum sollten sie auch, wo doch selbst die Auslesen nach gebührender Reifezeit sensorisch fast all ihre Süsse einbüssen? Katharina Prüm bringt ein geschmortes Reh mit Winterwurzeln auf den Tisch, dazu fliesst eine 1983er Goldkapsel ins Glas: ein trockener edelsüsser Riesling mit Rotweinqualitäten. Eine Quadratur des Kreises, wie sie einem nur dort zu kosten vergönnt ist, wo legendäre Weinberge auf die verständigsten Winzer treffen.
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