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Außerkörperlich durch die Löcher des Netzes fliegen
2. Kapitel
Werner Zurfluh
|Erstmals veröffentlicht in: Der Wissenschaftler und das Irrationale - Bd. 1: Beiträge aus Ethnologie und Anthropologie, Hg. Hans Peter Duerr, Frankfurt a.M.: Syndikat, 1981:473-504. 2.Aufl. 1996 im HTML-Format, teilweise ergänzt.|
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2. Kapitel:
Die soziale Relevanz des Traumes
Die psychoanalytische
Theorie behauptet keineswegs, daß es prinzipiell kein Träumen
ohne Traumentstellung und ohne Traumzensur gibt. Nur müßten dafür
ganz bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Die Möglichkeit des
nichtentstellten Träumens hatte Sigmund Freud 1932 in "Meine Berührung
mit Josef Popper-Lynkeus" (Anm.6)
anerkannt! Im kurzen Artikel zum zehnjährigen
Todestag des Sozialreformers würdigte Freud noch einmal die Tatsache, daß
Popper-Lynkeus die Ursache der Traumentstellung unabhängig von seiner
eigenen Theorie der Traumzensur gefunden hatte. Schon 1909 hatte Sigmund Freud
in der zweiten Auflage der "Traumdeutung"
(Anm.7)
darauf hingewiesen - und es nochmals deutlich 1923 im Artikel "Josef
Popper-Lynkeus und die Theorie des Traumes" (Anm.8) ausgeführt.
Aber in der Würdigung von 1932 findet sich zusätzlich noch ein
interessanter Hinweis. Es sei nämlich durchaus möglich, ohne
Traumentstellung zu träumen. Wenn es nicht zur Traumzensur komme, dann sei
auch im Alltag nicht verdrängt worden, erklärte Freud - und schloß
sich damit der Erklärung von Popper-Lynkeus an. Freud bedauerte es, dessen
Ansichten über die Rechte des Individuums nicht mit vertreten zu können,
weil seiner Auffassung nach "weder das Verhalten der Natur noch die
Zielsetzungen der menschlichen Gesellschaft ihren Anspruch voll rechtfertigen"
(Anm.9).
Die "Zielsetzungen der menschlichen Gesellschaft" führen tatsächlich zur Traumentstellung, das habe ich in den Zeiten höchster Beanspruchung an der Universität am eigenen Leibe erfahren. Es fragt sich nur, welche Konsequenzen aus dieser Einsicht zu ziehen sind, zumal es sich nicht übersehen läßt, daß ohne Einbezug des Alltags keine Traumkohärenz möglich ist. Wird diese Tatsache berücksichtigt, steht man vor der Entscheidung, welcher Art des Träumens der Vorzug zu geben ist. Ob man sich für das kohärente Träumen entscheidet, hängt davon ab, welcher Stellenwert den individuellen Bedürfnissen und Erfahrungen gegenüber den gesellschaftlichen Forderungen zugesprochen wird.
Frederik Willem van Eeden entschied sich im Gegensatz zu Freud wie Popper-Lynkeus für die Harmonisierung des Traumlebens und damit für die Sozialreform. Er gab seine psychotherapeutische Praxis auf und gründete 1898 die produktive Kooperation "Walden" (Anm.10). Van Eeden war nicht nur ein kohärenter, sondern auch ein luzider Träumer, d.h. er verfügte über die Erfahrung der Außerkörperlichkeit. Der Holländer versuchte vergeblich - und wohl auch mit falschen Mitteln -, mit seinen Ansichten bei den Psychologen Gehör zu finden. Weder sein Vortrag am IVe Congrès International de Psychologie im Jahre 1900 noch seine exzellente Traumstudie von 1913 wurden beachtet. (Anm.11) Dem Projekt "Walden", durch das er seine Ideen mit denen von Henry-David Thoreau verbinden und verwirklichen wollte, war der Erfolg versagt. Er hatte das Beharrungsvermögen des gesellschaftlichen Paradigmas genauso unterschätzt wie das der wissenschaftlichen Meinung. Van Eedens Versuch scheiterte mit der Kollektivierung, weil die daran beteiligten Individuen seinen Paradigmenwechsel nicht mitvollzogen hatten - es blieb bei altem Wein in neuen Schläuchen.
Die kohärenten Träume und besonders die außerkörperlichen Erlebnisformen schließen mit der Notwendigkeit des Verzichts auf Verdrängungen automatisch eine bewußtere und eingehendere Auseinandersetzung mit der Alltagswirklichkeit mit ein - auf persönlich-individueller wie auf sozial-kollektiver Ebene. Eine fortlaufende Abstimmung von individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Forderungen ist für eine durchgehende Harmonisierung unumgänglich. Wer sich nicht abkapseln und ebenso den nächtlichen Bereich nicht ausklammern will, hat sich intensiv um beides, den Alltag und die Traumwelt, zu kümmern. Die Steigerung der Fähigkeit, sich an seine Träume zu erinnern, und die Bereitschaft, selbst das geringste Traumfragment als wertvoll zu betrachten, steht am Anfang aller Bemühungen. Die eigenen Träume sind zuerst einmal ganz persönliche Erlebnisse, denn sie gehen meistens von der momentanen Situation des Träumers aus. Deshalb ist es sinnvoll, in jedem Fall mit der Steigerung der Erinnerungsfähigkeit zu beginnen. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Zeitpunkt dafür gewählt wird, denn Träume geschehen jede Nacht so sicher wie irgendwelche körperlichen Bedürfnisse tagsüber. Die Beachtung des nächtlichen Traumgeschehens hat den Vorteil, daß dabei Dinge berücksichtigt werden, die einen direkten Bezug zum Träumer haben. Nimmt man sie als Ausgangspunkt der Betrachtungen, dann stellen sie das Zentrum aller Informationen dar, die gesammelt und beigezogen werden, um die Trauminhalte besser zu verstehen. Das gleiche gilt für die Erfahrungen, die im Alltag gemacht werden. So kommt es zu einer automatischen Informationsstrukturierung, in deren Mittelpunkt immer der betreffende Mensch steht. Jeder weitere Wissenserwerb geht von ihm aus, ist direkt oder indirekt auf seine Situation bezogen und nicht von außen aufgezwungen. Es kommt zu keiner Anhäufung von Information, die reiner Selbstzweck ist oder lediglich dazu dient, irgendwelche Prüfungen zu absolvieren. Daß auch die sozialen Belange berücksichtigt werden müssen, ist wegen der Abhängigkeit der Traumkohärenz vom Alltag selbstverständlich. Werden die Träume unter Mitberücksichtigung sozialer Belange beachtet, kommt es weder zur Dominanz des Subjekts, zum Egotrip, noch zur Bestimmung der persönlichen Entwicklung allein durch die Gesellschaft. Da kein einziges Lehrsystem existiert, das außer den Bedürfnissen und Voraussetzungen seines Begründers noch den Erfordernissen eines anderen Menschen voll gerecht werden könnte, sollte niemand gezwungen werden, irgendein Lehrsystem zu absolvieren oder jemandes Schüler zu sein.
Träume gehören zur seelischen Hygiene wie der Gang auf die Toilette zur körperlichen. Die Beobachtung der körperlichen Ausscheidungen erlaubt es bekanntlich, Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Körpers zu ziehen und entsprechende Maßnahmen zu dessen Harmonisierung zu ergreifen. Dasselbe läßt sich von den Träumen für den psychischen Bereich sagen. Eine Mißachtung des Traumgeschehens führt dazu, daß es zu unzusammenhängenden, absurden Fragmenten zerfällt und schließlich ganz aus dem Bewußtsein schwindet. Unter diesen Umständen dürfte es schwierig sein, jemals zeitlich ausgedehnte Außerkörperlichkeit zu erfahren. Wo dies dennoch der Fall ist, ist oft unterwegs irgendein Entwicklungsschritt ausgelassen und vergessen worden. Die dadurch "außerordentlich" gewordene Erfahrung ist nur schwer oder überhaupt nicht in die tagtägliche Wirklichkeit einzubetten. Die Trennung von außerkörperlichem Erlebnis und Alltagswirklichkeit führt schließlich in die Sackgasse der Beziehungslosigkeit. Der Körper wird zum Gefängnis der Seele und die Erde zum hoffnungslosen Jammertal.
Die Auseinandersetzung mit den Träumen kann in irgendeiner Form geschehen - aber sie verlangt stets einigen zeitlichen Aufwand. Wenn ich heute in der Lage bin, pro Tag mehrere Stunden für das Aufschreiben und Bearbeiten der nächtlichen Ereignisse aufzuwenden, so verdanke ich das einerseits der Möglichkeit, mit einem Teilpensum als Biologielehrer tätig zu sein, und andererseits meiner Frau. Sie hilft mitverdienen und ist wie unsere beiden Kinder bereit, gewisse Einschränkungen des Lebensstandards in Kauf zu nehmen. So sind von der individuellen, familiären und gesellschaftlichen Seite die Voraussetzungen dafür geschaffen, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen und dennoch nicht einfach "Aussteiger" sein zu müssen. Und doch gibt es bei aller Bereitschaft viele Schwierigkeiten.
Es gibt "einen kaum zu durchbrechenden Gewaltverbund herrschaftlicher und ökonomischer Unterdrückung, gekoppelt mit der Gewalt des konformen, durch Gewohnheit fixierten Handelns." (Anm.12) Letzteres nennt Hans Saner "ethologische Gewalt" sie dürfte als eine Form der strukturellen Gewalt und damit der Vielfalt der Sachzwänge am schwierigsten zu überwinden sein, da sie immer ganz persönlich betrifft. Es ist erstaunlich, welche kumulative Wirkung von den verschiedenen Gewaltformen ausgeht, wenn es darum geht, den Schlaf mit all seinen Erlebnismöglichkeiten zu verdrängen, zu beeinflussen und - wenn eben trotz allem etwas erinnert wird - konformistisch zu deuten. Diese Entfremdung wird systematisch durchgeführt und im großen und ganzen von der Psychologie unterstützt. Die Gewohnheit läßt die Traumentstellung als normal erscheinen und faßt Außerkörperlichkeit als außergewöhnlich, paranormal oder irrational auf. Daß dieses Phänomen eine normale menschliche Erlebnismöglichkeit sein oder sich darin gar ein neuer evolutiver Schritt ausdrücken könnte, muß jenseits des Vorstellungsvermögens innerhalb des gängigen Paradigmas liegen. .
Anmerkungen
Anm 6: Freud GW XVI: 261-266. Abgedruckt in:
Popper-Lynkeus (1909) 1980:456-462. Die Kenntnis dieses
Artikels verdanke ich einem freundlichen Hinweis von Christoph Roos!
Und hier ist Sigmund Freuds Artikel Meine Berührung mit Josef Popper-Lynkeus : »Es war im Winter 1899, daß mein Buch "Die Traumdeutung", ins neue Jahrhundert vordatiert, endlich vor mir lag. Dieses Werk war das Ergebnis einer vier- bis fünfjährigen Arbeit, auf nicht gewöhnliche Art entstanden. ... Am Ende wurde es ein Stück meiner Technik, daß ich die Kranken aufforderte, mir kritiklos mitzuteilen, was immer durch ihren Sinn ging, auch solche Einfälle, deren Berechtigung sie nicht verstanden, deren Mitteilung ihnen peinlich war.
Wenn sie meinem Verlangen nachgaben, erzählten sie mir auch ihre Träume, als ob diese von derselben Art wären, wie ihre anderen Gedanken. Es war ein deutlicher Wink, diese Träume zu werten wie andere verständliche Produktionen. Aber sie waren nicht verständlich, sondern fremdartig, verworren, absurd, wie eben Träume sind und weshalb sie von der Wissenschaft als sinn- und zwecklose Zuckungen am Seelenorgan verurteilt wurden. Wenn meine Patienten recht hatten, die ja nur den Jahrtausende alten Glauben der unwissenschaftlichen Menschheit zu wiederholen schienen, so stand ich vor der Aufgabe einer "Traumdeutung", die vor der Kritik der Wissenschaft bestehen konnte.
Zunächst verstand ich natürlich von den Träumen meiner Patienten nicht mehr als die Träumer selbst. Indem ich aber auf diese Träume und besonders auf meine eigenen das Verfahren anwendete, dessen ich mich schon beim Studium anderer abnormer psychischer Bildungen bedient hatte, gelang es mir, die meisten der Fragen zu beantworten, die eine Traumdeutung aufwerfen konnte. Es gab da viel zu fragen: wovon träumt man? warum träumt man überhaupt? woher rühren all die merkwürdigen Eigenheiten, die den Traum vom wachen Denken unterscheiden? und dergleichen mehr. Einige der Antworten waren leicht zu geben, erwiesen sich auch als Bestätigung von früher geäußerten Ansichten, andere erforderten durchaus neue Annahmen über den Aufbau und die Arbeitsweise unseres seelischen Apparats. Man träumte von dem, was die Seele während des wachen Tages bewegt hatte; man träumte, um die Regungen, die den Schlaf stören wollten, zu besänftigen und den Schlaf fortsetzen zu können. Aber warum konnte der Traum so fremdartig erscheinen, so verworren unsinnig, so offenbar gegensätzlich gegen den Inhalt des wachen Denkens, wenn er sich doch mit dem nämlichen Stoff' beschäftigte? Sicherlich war der Traum nur der Ersatz einer vernünftigen Gedankentätigkeit und ließ sich deuten, d. h. in eine solche übersetzen, aber was nach Erklärung verlangte, war die Tatsache der Entstellung, die die Traumarbeit an dem vernünftigen und verständlichen Material vorgenommen hatte.
Die Traumentstellung war das tiefste und schwierigste Problem des Traumlebens. Und zu ihrer Aufklärung ergab sich folgendes, was den Traum in eine Reihe stellte mit anderen psychopathologischen Bildungen, ihn gleichsam als die normale Psychose des Menschen entlarvte. Unsere Seele, jenes kostbare Instrument, mittels dessen wir uns im Leben behaupten, ist nämlich keine in sich friedlich geschlossene Einheit, sondern eher einem modernen Staat vergleichbar, in dem eine genuß- und zerstörungssüchtige Maße durch die Gewalt einer besonnenen Oberschicht niedergehalten werden muß. Alles, was sich in unserem Seelenleben tummelt und was sich in unseren Gedanken Ausdruck schafft, ist Abkömmling und Vertretung der mannigfachen Triebe, die uns in unserer leiblichen Konstitution gegeben sind; aber nicht alle diese Triebe sind gleich lenkbar und erziehbar, sich den Anforderungen der Außenwelt und der menschlichen Gemeinschaft zu fügen. Manche von ihnen haben ihren ursprünglich unbändigen Charakter bewahrt; wenn wir sie gewähren ließen, würden sie uns unfehlbar ins Verderben stürzen. Wir haben darum, durch Schaden klug gemacht, in unserer Seele Organisationen entwickelt, die sich der direkten Triebäußerung als Hemmungen entgegenstellen. Was als Wunschregung aus den Quellen der Triebkräfte auftaucht, muß sich die Prüfung durch unsere obersten seelischen Instanzen gefallen lassen und wird, wenn es nicht besteht, verworfen und vom Einfluß auf unsere Motilität, also von der Ausführung abgehalten. Ja, oft genug wird diesen Wünschen selbst der Zutritt zum Bewußtsein verweigert, dem regelmäßig selbst die Existenz der gefährlichen Triebquellen fremd ist. Wir sagen dann, diese Regungen seien für das Bewußtsein verdrängt und nur im Unbewußten vorhanden. Gelingt es dem Verdrängten, irgendwo durchzudringen, zum Bewußtsein oder zur Motilität oder zu beiden, dann sind wir eben nicht mehr normal. Dann entwickeln wir die ganze Reihe neurotischer und psychotischer Symptome. Das Aufrechthalten der notwendig gewordenen Hemmungen und Verdrängungen kostet unser Seelenleben einen großen Kräfteaufwand, von dem es sich gerne ausruht. Der nächtliche Schlafzustand scheint dafür eine gute Gelegenheit zu sein, weil er ja die Einstellung unserer motorischen Leistungen mit sich bringt. Die Situation erscheint ungefährlich, also ermäßigen wir die Strenge unserer inneren Polizeigewalten. Wir ziehen sie nicht ganz ein, denn man kann es nicht wissen, das Unbewußte schläft vielleicht niemals. Und nun tut der Nachlaß des auf ihm lastenden Drucks seine Wirkung. Aus dem verdrängten Unbewußten erheben sich Wünsche, die im Schlaf wenigstens den Zugang zum Bewußtsein frei finden würden. Wenn wir sie erfahren könnten, würden wir entsetzt sein über ihren Inhalt, ihre Maßlosigkeit, ja ihre bloße Möglichkeit. Doch das geschieht nur selten, worauf' wir dann eiligst unter Angst erwachen. In der Regel erfährt unser Bewußtsein den Traum nicht so, wie er wirklich gelautet hat. Die hemmenden Mächte, die Traumzensur, wie wir sie nennen wollen, werden zwar nicht voll wach, aber sie haben auch nicht ganz geschlafen. Sie haben den Traum beeinflußt, während er um seinen Ausdruck in Worten und Bildern rang, haben das Anstößigste beseitigt, anderes bis zur Unkenntlichkeit abgeändert, echte Zusammenhänge aufgelöst, falsche Verknüpfungen eingeführt, bis aus der ehrlichen, aber brutalen Wunschphantasie des Traumes der manifeste, von uns erinnerte Traum geworden ist, mehr oder weniger verworren, fast immer fremdartig und unverständlich. Der Traum, die Traumentstellung, ist also der Ausdruck eines Kompromisses, das Zeugnis des Konflikts zwischen den miteinander unverträglichen Regungen und Bestrebungen unseres Seelenlebens. Und vergessen wir es nicht, derselbe Vorgang, das nämliche Kräftespiel, das uns den Traum des normalen Schläfers erklärt, gibt uns den Schlüssel zum Verständnis aller neurotischen und psychotischen Phänomene.
Ich bitte um Entschuldigung dafür, daß ich bisher so viel von mir und meiner Arbeit an den Traumproblemen gehandelt habe; es war notwendige Voraussetzung des Folgenden. Meine Erklärung der Traumentstellung schien mir neu zu sein, ich hatte nirgends etwas ähnliches gefunden. Jahre später (ich kann nicht mehr sagen, wann) gerieten "Die Phantasien eines Realisten" von Josef Popper-Lynkeus in meine Hand. Eine der darin enthaltenen Geschichten hieß "Träumen wie Wachen", sie mußte mein stärkstes Interesse erwecken. Ein Mann war in ihr beschrieben, der von sich rühmen konnte, daß er nie etwas Unsinniges geträumt hatte. Seine Träume mochten phantastisch sein wie die Märchen, aber sie standen mit der wachen Welt nicht so in Widerspruch, daß man mit Bestimmtheit hätte sagen können, "sie seien unmöglich oder an und für sich absurd". Das hieß in meine Ausdrucksweise übersetzt, bei diesem Manne kam keine Traumentstellung zustande, und wenn man den Grund ihres Ausbleibens erfuhr, hatte man auch den Grund ihrer Entstehung erkannt. Popper gibt seinem Manne volle Einsicht in die Begründung seiner Eigentümlichkeit. Er läßt ihn sagen: "In meinem Denken wie in meinen Gefühlen herrscht Ordnung und Harmonie, auch kämpfen die beiden nie miteinander ... Ich bin eins, ungeteilt, die Anderen sind geteilt und ihre zwei Teile: Wachen und Träumen führen beinahe immerfort Krieg miteinander". Und weiter über die Deutung der Träume: "Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksamkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. - Warum es meistens nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas Unkeusches eigener Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen, die schwer auszudrücken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grund durchaus nicht so; ja es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt".
Dies war aber unter Verzicht auf psychologische Terminologie dieselbe Erklärung der Traumentstellung, die ich aus meinen Arbeiten über den Traum entnommen hatte. Die Entstellung war ein Kompromiß, etwas seiner Natur nach Unaufrichtiges, das Ergebnis eines Konflikts zwischen Denken und Fühlen, oder, wie ich gesagt hatte, zwischen Bewußtem und Verdrängtem. Wo ein solcher Konflikt nicht bestand, nicht verdrängt zu werden brauchte, konnten die Träume auch nicht fremdartig und unsinnig werden. In dem Mann, der nicht anders träumte als er im Wachen dachte, hatte Popper jene innere Harmonie walten lassen, die in einem Staatskörper herzustellen sein Ziel als Sozialreformer war. Und wenn die Wissenschaft uns sagt, daß ein solcher Mensch, ganz ohne Arg und Falsch und ohne alle Verdrängungen, nicht vorkommt oder nicht lebensfähig ist, so ließ sich doch erraten, daß, soweit eine Annäherung an diesen Idealzustand möglich ist, sie in Poppers eigener Person ihre Verwirklichung gefunden hatte.
Von dem Zusammentreffen mit seiner Weisheit überwältigt, begann ich nun alle seine Schriften zu lesen, die über Voltaire, über Religion, Krieg, Allgemeine Nährpflicht u. a., bis sich das Bild des schlichten großen Mannes, der ein Denker und Kritiker, zugleich ein gütiger Menschenfreund und Reformer war, klar vor meinem Blick aufbaute. Ich sann viel über die Rechte des Individuums, für die er eintrat, und die ich so gerne mit vertreten hätte, störte mich nicht die Erwägung, daß weder das Verhalten der Natur noch die Zielsetzungen der menschlichen Gesellschaft ihren Anspruch voll rechtfertigen. Eine besondere Sympathie zog mich zu ihm hin, da offenbar auch er die Bitterkeit des jüdischen Lebens und die Hohlheit der gegenwärtigen Kulturideale schmerzlich empfunden. Doch habe ich ihn selbst nie gesehen. Er wußte von mir durch gemeinsame Bekannte und einmal hatte ich einen Brief von ihm zu beantworten, der eine Auskunft verlangte. Aber ich habe ihn nicht aufgesucht. Meine Neuerungen in der Psychologie hatten mich den Zeitgenossen, besonders den älteren unter ihnen, entfremdet; oft genug, wenn ich mich einem Manne näherte, den ich aus der Entfernung geehrt hatte, fand ich mich wie abgewiesen durch seine Verständnislosigkeit für das, was mir zum Lebensinhalt geworden war. Josef Popper kam doch von der Physik, er war ein Freund von Ernst Mach gewesen; ich wollte mir den erfreulichen Eindruck unserer Übereinstimmung über das Problem der Traumentstellung nicht stören lassen. So kam es, daß ich den Besuch bei ihm aufschob, bis es zu spät wurde und ich nur noch in unserem Rathauspark seine Büste begrüßen konnte.«
Anm.6 Ende - zurück zum Text
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Anm 7: Vgl. Freud GW II/III:99 »Bei weitem erfreulicher war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt ... Ich muß also in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter dem Titel "Phantasien eines Realisten" von Lynkeus veröffentlicht worden.« Vgl. auch S.314 Anm.1: »Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück jener Erzählung "Träumen wie Wachen" aus den "Phantasien eines Realisten" von Lynkeus (...) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner Lehre wiederfinde.« Es ist im Zusammenhang mit dem Problem der Traumentstellung bzw. der Außerkörperlichkeit und der Bewußtseinskontinuität sehr wichtig, auf das wie in dem "Träumen wie Wachen" zu achten!
Anm.7 Ende - zurück zum Text
Anm 8: Vgl. Freud GW XIII: 357-359.
Anm.8 Ende - zurück zum Text
Anm 9: Zit.nach Freud GW XVI: 265.
Vgl. den Text von Sigmund Freud in Anmerkung 6 !!!
Anm.9 Ende - zurück zum Text
Anm 10: 1901 trat van Eeden der Arbeiterbewegung bei und gründete den Verein "Gemeinschaftlicher Grundbesitz", der bis 1913 bestand. Van Eeden kam auch der Aufforderung nach, die Streikleitung in Amersfoort beim Holländischen Eisenbahnerstreik vom 6. April 1903 zu übernehmen. Über die Zeit zwischen 1901 bis 1913 vgl. van Eeden (1912) 1913:100-143.
Anm.10 Ende - zurück zum Text
Anm 11: Van Eeden in: IVe Congrès International de Psychologie 1901:122-131, und in: Proceedings of the Society for Psychical Research 26/1913: 431-461.
Anm.11 Ende - zurück zum Text
Anm 12: Billerbeck 1979:37.
Anm.12 Ende - zurück zum Text
Literaturverzeichnis
Billerbeck, Ewald: Macht und Gewalt - Zum Vortrag von Hans Saner über
die drohende "Auspowerung der Welt" in: Basler Zeitung Nr.256
1.11.1979:37.
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Freud, Sigmund: Die Traumdeutung in: GW II/III. Frankfurt am Main: Fischer, (1900/01) 4.Aufl. 1968.
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Freud, Sigmund: Josef Popper-Lynkeus und die Theorie des Traumes. 1923. In; GW XIII: 357-359.
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Freud, Sigmund: Meine Berührung mit Josef Popper-Lynkeus. 1932. In: GW XVI: 261-266.
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Green, Celia Elizabeth: Out-of-the-Body Experiences. London 1968.
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Popper-Lynkeus, Josef: Phantasien eines Realisten. Düsseldorf : Erb (2. Aufl. 1900) (Der Druck vom Erb-Verlag folgt der Ausgabe von 1909) 1980.
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Tart, Charles T. ed.: Altered States of Consciousness. A Book of Readings. New York 1969.
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Van Eeden, Frederik Willem: Quelques observations sur les phénomenes dits spiritiques in: IVe Congrès International de Psychologie. Paris 1901: 122-131.
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Van Eeden, F.W.: A Study of Dreams in: Proceedings of the Society for Psychical Research 26/1913 :431- 461. Printed in: Tart 1969: 145-158.
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Van Eeden, F.W.: Glückliche Menschheit. Aus dem Englischen von J.Sotteck. (1912 Happy Humanity) Berlin 1913.
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Konvertierung zu HTML März 1996, März 2000
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