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Wild und schön
An manchen Tagen scheint La Gomera unterzugehen. Dann tobt ein wütender Sturm und immer wieder fegen Regenschauer übers Meer und die Insel. Die Palmen biegen sich in alle Richtungen und lassen Federn. Man spürt die Kraft der Elemente und bekommt plötzlich eine Ahnung davon, wie diese Insel über Jahrmillionen von eben diesen Kräften erschaffen und geformt wurde. Wenn mir an der Playa del Inglès der Wind um die Ohren pfeift, stelle ich mir vor, wie vor Urzeiten Vulkane Feuer spieen, Wind und Regen das Lavagestein auswuschen und das Meer und die Wellen es zu feinen, schwarzen Sand zermahlten.
an der wilden Playa del Inglès…
…einer meiner Lieblingsorte auf La Gomera
Nebelschwaden über La Fortaleza
Diesen Blogbeitrag widme ich der wilden Schönheit La Gomeras. Darin möchte ich auch ein paar Informationen und Zahlen über die Insel zusammentragen.
Klein aber fein
Mit einer Fläche von 373 km2 ist La Gomera die zweitkleinste der Kanarischen Inseln. Sie liegt im Westteil des Archipels, das sieben Inseln umfasst. Die afrikanische Küste ist 400 km entfernt und die höchste Erhebung, der Alto de Garajonay, liegt 1487 Meter über Meer. Rund 10 Prozent der Inseloberfläche wird vom gleichnamigen Nationalpark besetzt.
Blick vom Boot aus Richtung Valle Gran Rey
Columbus, Liebschaften und Bananen
1402 wurde La Gomera von Kastilien durch einen Titel des Papstes offiziell in Besitz genommen. Allerdings wurden die Ureinwohner, die vermutlich von den Berbern abstammen, erst 1445 unterworfen. Bis Ende des 15.Jahrhunderts kam es immer wieder zu Aufständen, bis Spanien schliesslich die Macht errang.
Der Hafen von San Sebastian wurde eine wichtige Station für Überfahrten nach und von Amerika. Christoph Columbus ankerte hier dreimal. Ihm wird eine Liebschaft nachgesagt mit der äusserst attraktiven Beatriz de Bobadilla, ehemals Hofdame am kastilischen Hof. Ihr Name „La Cazadora“ (Jägerin) lassen erotische Eroberungen vermuten. Jedenfalls arrangierte Königin Isabella I. höchstpersönlich Beatriz` Hochzeit mit dem Grafen Peraza el Joven. Dadurch war sie weit genug weg von König Ferdinand, der angeblich ein Auge auf sie geworfen hatte.
Zu dieser Zeit litt die Urbevölkerung, auch Guanchen genannt, unter der grausamen Herrschaft der Perazas. Die Inselbewohner mussten noch lange Zeit danach unter der Feudalherrschaft leben.
Beim Export spielten anfangs Zuckerrohr und der purpurne Farbstoff Orseille eine Hauptrolle. Die Händler kamen aber auch zum Sklavenfang auf die Insel. Später wurden Bananen angebaut. Allerdings ist der Bananenexport seit dem Jahr 2000 massiv zurückgegangen. Heute werden nur noch circa 5600 Tonnen pro Jahr ausgeführt.
Seit 1982 bilden die Kanaren innerhalb Spaniens eine autonome Gemeinschaft, die ein Parlament mit 60 Abgeordneten wählt, vier davon werden von La Gomera gestellt. Der Inselrat (Cabildo Insular) befasst sich u.a. mit dem Strassenbau, dem Gesundheits- und Kulturwesen sowie dem Naturschutz.
Little Germany
In den 1960er-Jahren entdeckten die Hippies die Insel und legten damit den Grundstein für den Tourismus. Am südlichen Ende von Valle Gran Rey liegt die Playa de las Arenas. Sie wurde von den Einheimischen „Schweinebucht“ genannt, weil sie die ersten Hardcore-Aussteiger, die sich hier in der Felswand einnisteten, für Schweine hielten. In Valle Gran Rey trifft man auch heute noch auf Hippies. Sie haben z.B. das abendliche Sonnenuntergangsritual mit Trommeln und Feuershows an der Playa bewahrt und verleihen dem Gesamtbild heute noch einen speziellen Touch.
Im Gegensatz zu Teneriffa oder Gran Canaria zählt man auf Gomera relativ wenig Gästebetten (circa 5500). Der Grossteil steht in Ferienwohnungen zur Verfügung. Hotelburgen wie z.B. in Los Cristianos auf Teneriffa findet man hier keine.
Heute leben auf La Gomera circa 23 000 Einwohner, wovon die meisten in der Hauptstadt San Sebastian wohnen, gefolgt von Valle Gran Rey. Etwa 20 Prozent der Bewohner sind Ausländer, davon rund 660 Deutsche. Manchmal spürt man eine verhaltene Kluft zwischen Einheimischen und Ausländern. Weil aber letztere mit ihrem Unternehmergeist einen wesentlichen Einfluss auf die wirtschaftliche Situation der Insel ausüben, pflegen beide Seiten gegenseitigen Respekt im täglichen Zusammenleben.
Ein Kind des Meeres
4000 Meter unter dem Meeresspiegel drang vor Urzeiten flüssiges Magma an den tektonischen Bruchlinien des Mittelatlantischen Rückens aus dem Erdinneren empor, bauten allmählich gewaltige Vulkankegel auf und wuchsen schliesslich über die Meeresoberfläche hinaus. Die Forscher datieren den geologischen Grundstock der Insel auf circa 20 Millionen Jahre. La Gomera stieg spätestens vor 10 Millionen Jahren über die Meeresoberfläche hinaus und vergrösserte sich danach durch weitere Vulkanausbrüche. Die jüngsten Gesteine sind 2,8 Millionen Jahre alt. Danach scheint es – im Vergleich zu anderen kanarischen Inseln – keine Ausbrüche mehr gegeben zu haben.
an den Felswänden lassen sich die Magmaschichten erkennen
Erosionskräfte hatten nach dem letzten Ausbruch bis heute viel Zeit, eine stark zerfurchte, unwegsame Landschaft zu formen. Die Vulkankegel wurden Schicht für Schicht abgetragen. Zurück geblieben sind bizarre Felsformationen, die sogenannten roques. Die vergangenen, regenreicheren Jahrtausende haben mit reissenden Bächen und Flüssen tiefe Schluchten (barrancos) in die Landschaft gegraben, die von breiten Bergrücken (lomos, tablados) umrahmt werden.
tiefe Schluchten, umgeben von breiten Bergrücken
Launisch frühlingshaft
Die südliche Lage mitten im Atlantik beschert La Gomera ein ganzjährig ausgeglichenes Klima mit zeitweise launischen Wetterlagen. An der Küste gibt es keine extremen Temperaturschwankungen, aber in der Höhe kann es empfindlich kalt sein. Der Norden der Insel ist kühler und feuchter, was sich in einer üppigen grünen Vegetation äussert. Dezember bis Februar gelten als die kältesten Monate, in denen auch Winterstürme wüten. Im vergangenen Winter (2013/14) schneite es sogar auf dem höchsten Punkt der Insel – ein äusserst seltenes Ereignis. Da hier niemand über Schneeketten verfügt und viele Sommerreifen kaum oder gar kein Profil besitzen, musste die Carretera dorsal gesperrt werden.
Winde gehören zur Insel wie das Amen im Gebet. Der Passatwind aus Nordost bringt stabiles Wetter, hoher Wellengang und häufiger Regen im Lorbeerwald. Der Saharawind Calima aus Südost beschert heisses und sonniges Wetter auf der ganzen Insel und verdüstert den Himmel mit feinem, rötlichen Staub aus Afrika. Wenn Westwinde über die Insel fegen, dann ist unbeständiges Wetter angesagt und das Meer ist häufig aufgewühlt.
Märchenwald
Von allen kanarischen Inseln besitzt Gomera den natürlichsten Lorbeerwald. Allerdings täuscht die Idylle, da der Wald bis vor nicht allzu langer Zeit von den Einheimischen intensiv genutzt wurde. Sie bauten Häuser damit, stellten Möbel und Werkzeuge her und gewannen Brennmaterial in Form von Holz oder Holzkohle. Einige Flächen wurden zudem zu Ackerland umfunktioniert.
Nichtsdestotrotz übt der Nebelwald eine unwiderstehliche Faszination auf Betrachter und Wanderer aus. Wenn man unter den moosbehangenen Bäumen durchläuft, würde es einen nicht wundern, wenn plötzlich Gnome und Zwerge aus dem Gebüsch hüpften.
Obwohl aus langer Sicht ein Waldbrand durchaus positive Effekte auf die nachwachsende Natur hat, tut der Anblick des 2012 grossflächig abgebrannten Waldes weh. Inzwischen regt sich aber wieder das Grün und die Natur schafft kontrastreiche Anblicke.
unter den verkohlten Bäumen spriesst neues Leben
Dem deutschen Botaniker Günther Kunkel ist es zu verdanken, dass 1981 der Parque National de Garajonay gegründet wurde. Um den Namen rankt sich eine herzzerreissende Legende. Gara, die Tochter eines wohlhabenden Viehbesitzers, und Jonay, ein Hirtenjüngling aus Teneriffa, verliebten sich unsterblich. Diese Liebe wurde jedoch von den Eltern nicht gut geheissen. Sie trafen sich heimlich. Gara wurde schwanger. Der Vater geriet ausser sich und das Liebespaar flüchtete auf einen Felsen auf dem höchsten Punkt der Insel. Als der väterliche Suchtrupp näher rückte, sprang das verzweifelte Paar in inniger Umarmung in den Tod.
Blütenduft und Vogeltanz
Auf La Gomera trifft man einige endemische Pflanzen- und Tierarten an, wie zum Beispiel die lange Zeit für ausgestorben geglaubte Gomera-Rieseneidechse (Gallotia bravoana). 1999 fanden Biologen in einem unzugänglichen Felsgebiet in Valle Gran Rey einige Exemplare. Sie stehen seither unter Schutz.
dieser vorwitzige Vogel hat es auf mein Pausenbrot abgesehen
Die farbenfrohe und duftende Artenvielfalt der Gomerischen Pflanzenwelt lässt kein Auge und keine Nase unberührt. Im Moment erfreuen u.a. blühende Franjipani-Bäume Herz und Riechnerven.
Sonne pur
Jeden Abend zaubern Wolken und Sonne atemberaubende Kunstwerke an den Horizont, die Sehnsüchte wachrütteln. Dann sitzen die Menschen auf den Mauern an der Playa, lauschen den Trommelklängen, knipsen Fotos, trinken ein Feierabendbier und staunen über das Spektakel am Himmel.
*** ende ***
© Fotos und Text: Barbara Sorino
Zahlen und einige Informationen habe ich folgender Quelle entnommen: La Gomera, Dumont Reise-Taschenbuch, Susanne Lipps und Oliver Breda, 2.aktualisierte Ausgabe 2013, ISBN 978-3-7701-7334-1