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Wie macht die Uhr? «Ticktack», sagen Kinder – und nie: «Tacktick». Der Grund dafür ist die sogenannte «Ablautdoppelung», ein uraltes Bauprinzip der deutschen Sprache.
Die Ablautdoppelung umfasst zwei Regeln. Die Doppelung (oder auch Reduplikation) besagt, dass sich Wörter durch einfache Silbenwiederholung bilden lassen. Der Vorgänger des Vorgängers ist der Vorvorgänger, die Mutter der Urgrossmutter die Ururgrossmutter. Das Prinzip ist so einfach, dass es jedem Kleinkind einleuchtet – der Hund ist ein «Wauwau», die Eltern «Papa» und «Mama».
Die zweite Regel hat mit dem sogenannten Ablaut zu tun, der Regel, dass sich starke Verben in indoeuropäischen Sprachen durch einen einfachen Vokalwechsel in die Vergangenheitsform bringen lassen – «ich schwimme» wird im Imperfekt zu «ich schwamm», «ich singe» zu «ich sang». Dieser Wechsel von i zu a entspricht jahrtausendealten Gesetzmässigkeiten, und bei der Ablautdoppelung ist er mit Abstand der häufigste: Krimskrams – und niemals umgekehrt, genau wie Flickflack, Mischmasch, Singsang, Zickzack, Hickhack, Krimskrams, oder Schnickschnack. Das ist auch im Englischen so, von i zu a oder i zu o: Mish-mash, chit-chat, oder Hip-hop und King Kong.
Die Ablautdoppelung folgt eisern den uralten indoeuropäischen Sprachregeln, die wir wissenschaftlich benennen können – oder auch nicht: Es sind Regeln, die wir alle kennen, auch ohne sie zu kennen.
Das Gedicht, das der römische Arzt und Autor Quintus Serenus zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. schrieb, ist viele, viele Verse lang. In 1115 formvollendeten Hexametern beschreibt es beliebte Heilmittel gegen Krankheiten aller Art. Kapitel 52 etwa behandelt die Malaria.
Einschreiben sollst du auf ein Blatt das so genannte Abracadabra und es öfter und unterhalb wiederholen, aber ziehe von dem Obersten ab, und mehr und mehr einzelne Elemente sollen den Figuren fehlen, die du jeweils wegnimmst; das Übrige sollst du gestalten, bis ein Kegel durch einen Buchstaben zur Enge geführt ist.
Das Erklärschema steht gleich daneben: Abrakadabra, soll man schreiben, danach Abrakadabr, dann Abrakadab, Abrakada, Abrakad – immer ein Laut weniger, bis hin zu einem letzten A. Dieses Schema, als Talisman um den Hals getragen, soll das Fieber vertreiben.
In der Antike war medizinische Hilfe öfter in Büchern zu finden als anderswo: Apotheken gab es nicht, Ärzte nur wenige, und die waren nicht immer gut ausgebildet. So wurde Serenus‘ Lehrgedicht bis ins späte Mittelalter eifrig gelesen und befolgt.
Anders als die Formel Hokuspokus aber ist Abrakadabra noch viel älter. Sie stammt, so nehmen Sprachforscher an, aus dem Aramäischen, wo sie «es vergeht wie das Wort» bedeutet. Klinischen Tests würde der Schwundzauber vermutlich nicht standhalten. Und dennoch: Wo Zaubern unterrichtet wird, steht Abrakadabra bis heute im Lehrplan. An der Zauberschule Hogwarts nämlich lernt Harry Potter, dass es einen Fluch gibt, der zaubereigesetzlich strengstens verboten ist: Avada Kedavra – der Fluch, der Lebewesen auf der Stelle tötet.
Akku ist Latein und kommt von accumulare, «anhäufen». Ohne Akkus wäre das moderne Leben undenkbar: Mobile Geräte brauchen Strom, und der will gespeichert sein. Und wehe, wir haben nicht genug davon dabei: Niemand verlässt mehr das Haus, wenn der Ladestand des Handys nicht noch mindestens 30 Prozent beträgt.
Das hätte sich vor gut 200 Jahren der Physikstudent Johann Wilhelm Ritter nie träumen lassen, als er sich für das Galvanisieren zu interessieren begann, jene kurz zuvor vom italienischen Arzt Luigi Galvani entdeckte Wirkung der Elektrizität, die einen abgetrennten Froschschenkel zucken liess. Der junge Ritter forschte und schrieb und schrieb und schrieb, und seiner frühromantischen Weitschweifigkeit ist es geschuldet, dass viele seiner Erfindungen in Vergessenheit geraten sind, darunter auch eine sogenannte «Ladungssäule», der erste Akku der Geschichte. 50 Jahre später, 1854, konstruierte der Arzt und Physiker Wilhelm Josef Sinsteden den ersten Bleiakku – und trat damit eine technische Revolution los. Schon um 1900 trieben Bleiakkus in Holzgehäusen Autos an, und selbst erste Telefonzentralen und Telegrafen wurden mit Batterien aus Zink-Kupfer- oder Zink-Kohle-Elementen betrieben. Zum Aufladen dienten mächtige Dynamos, die den nötigen Gleichstrom erzeugten und die ihrerseits von Leicht- oder Schwerölmotoren angetrieben wurden.
Die alte Bleibatterie startet heute noch unser Auto; im Handy dagegen kommen längst Lithium-Akkus zum Einsatz, die eine viel höhere Energiedichte aufweisen. Und so ist der Akku so etwas wie der Feuerstein des modernen Menschen: Ohne wird keinem mehr so richtig warm.
Die Unicef ist eins, und die GmbH ist auch eins: ein Abkürzungswort, ein so genanntes Akronym – von griechisch ákros, Spitze oder Gipfel, und ónyma, Name. Zugegeben: Das Wort klingt einigermassen abschreckend, aber das tun viele Akronyme schliesslich auch. Die sind, oder vielmehr waren, halbe Romane – wie zum Beispiel United Nations International Children’s Emergency Fund. Wollte man für ein Kinderhilfswerk dieses Namens Geld sammeln, wären die Spender längst über alle Berge, bevor man auch nur das Wort ausgesprochen hätte. Also verkürzt man es auf seine Initialen – und erhält «Unicef».
Akronyme können sperrig sein wie das UNHCR, das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen, oder schlank wie die UNO selbst. Sobald wir sie aber schreiben wollen, sind sie nur noch sperrig – dann nämlich stehen wir vor der Frage: Wie schreibt man das nun genau? Duden und neue deutsche Rechtschreibung sind da für einmal gar keine Hilfe, denn sie geben keine festen Regeln vor.
Und so schreiben sich Akronyme in aller Regel in Grossbuchstaben – und plärren dann lauthals aus jedem geschriebenen Text heraus. Daher hat sich die Regel eingebürgert, dass man Akronyme bis zu drei Buchstaben immer gross schreibt, mit mehr als drei Buchstaben dagegen – und sofern sie sprechbare Silben bilden – wie ein normales Substantiv. Im Klartext: Unicef schreibt sich demnach in kleinen, UNHCR dagegen in Grossbuchstaben. Aber eben: Wenn’s etwa um die GmbH geht, ist auch diese Regel nur von beschränkter Haftung – G gross, mb klein, H wieder gross.
Und um das Mass voll zu machen, gibt es da auch noch die Akronyme, die gar keine sind: Die Lieblingsabkürzung der Humoristen und der Scheidungsrichter ist Ehe, als Abkürzung für errare humanum est – auf gut Deutsch: irren ist menschlich.
Gleich schallet ein Alarmen;
Da wand ich mich zu ruck
Alß vil mich kond vmbgreiffen
Mit meinen augen beyd
Ich mörder sah durchstreiffen
Die Felder weit und breit,
dichtete Anfang des 17. Jahrhunderts der deutsche Jesuit Friedrich Spee. Seit jeher lebt der Mensch in Gruppen zusammen, und sobald Gefahr droht, ermöglicht der Alarm das Aufbieten aller Kräfte, um den Kampf aufzunehmen und die Gemeinschaft in Sicherheit zu bringen. Eine funktionierende Alarmorganisation war zu allen Zeiten wichtig – so wichtig, dass sie sogar eigene Berufe hervorbrachte: Der Torwächter im Mittelalter schlug Alarm, sobald sich Unbekannte vor der Stadtmauer zusammenrotteten, der Türmer läutete die Feuerglocke, wenn er einen Brand entdeckte, in Burgen und auf Berggipfeln hielten Wachen stets zwei Holzstösse bereit, um bei drohender Gefahr ein Hochwacht- oder Kreidfeuer zu entzünden – tagsüber mit feuchtem Holz, damit der Rauch weithin sichtbar blieb, nachts dagegen mit trockenen Scheitern, damit das Feuer möglichst hell aufloderte.
Heute alarmieren vor allem Apparate – von der automatischen Brandmeldeanlage über die Alarmanlage gegen Einbrecher bis hin zum Radio, dessen Wecker ebenfalls «Alarm» heisst. Letzteres ist eine ziemliche Verharmlosung: Das Wort stammt nämlich vom alten italienischen Weckruf all‘ arme! ab, auf Deutsch «zu den Waffen!»
Ein Alarm will unter allen Umständen wahrgenommen werden, und deshalb ist er vor allem eins: Laut, unerträglich laut. Es ist daher kein Zufall, dass vom mittelalterlichen «all‘ arme!» auch ein anderes, weit gebräuchlicheres Wort abstammt: der «Lärm».