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Sträuli Hans Dr. iur. , Oberrichter, Stadtpräsident, 1862-1938
Dr. Sträuli machte sich als Jurist und Richter einerseits und als Stadtpräsident von Winterthur (1911-1930) und Nationalrat (1911-1934) andererseits von sich reden. Einen Namen machte er sich auch mit dem Kommentare über Gerichtsverfassungsgesetz, Zivilprozessordnung und Strafprozessordnung. Diese Werke hielt er bis kurz vor seinem Tod immer à jour.
Hans Sträuli wurde am 31. Juli 1862 als Sohn des Heinrich Emil Sträuli (1834-1894), Obergerichtspräsident und der Anna Ganzoni (1833-1867) von Celerina geboren. Im Alter von fünf Jahren verlor er seine Mutter. Aus diesem schweren Ereignis leitete man später seine zurückhaltende Art ab. Nach dem Besuch der Volks- und Kantonsschule in Winterthur erlangte er 1881 die Maturität. Anschliessend studierte er Jura an den Universitäten von Zürich, Strassburg, Berlin und Heidelberg. Mit der Dissertation über das Retentionsrecht (Zurückbehaltungsrecht) erlangte er 1885 die iuristische Doktorwürde der Universität Zürich. Zur sprachlichen Weiterbildung weilte er zunächst in der Romandie, anschliessend in Paris und London. Als Mitglied der Demokratischen Partei wurde er 1884 Kantonsrat. Dieses Mandat übte er bis 1919 aus. 1904 präsidierte er diesen Rat. Von 1887 bis 1897 war er im Anwaltsbüro Knüsli tätig. 1888 bis 1897 war er Mitglied der Bezirksschulpflege, die er ab 1891 leitete. Von 1892 bis 1911, 1898 Präsident, gehörte er dem Gemeindeausschuss (Parlament) an. Von 1897 bis 1911 gehörte er dem Obergericht des Kantons Zürich an. Dabei war er 1898 bis 1908 Schwurgerichtspräsident und 1906 bis 1909 Obergerichtspräsident. 1902 erfolgte eine Wahl ins Bundesgericht, welche er aber wegen seiner Verbundenheit mit Winterthur ablehnte.
1911 kam ein grosser Wendepunkt im Leben Sträulis. Winterthurs Stadt Oberhaupt, Oberst Rudolf Geilinger, erlag im Alter von 62 Jahren unerwartet einem Schlaganfall, als er im Zug von Zürich nach Winterthur zurückkehrte. Dieser hatte es verstanden in seiner 32-jährigen Amtszeit die Schäden der Nationalbahnkrise zu überwinden und das Aufblühen der Industriestadt zu fördern. Als sein Nachfolger kam sofort Dr. Sträuli ins Gerede. Nur schweren Herzens liess er sich dazu überreden, fiel ihm doch der Abschied vom Obergericht sehr schwer. Im Alter von 49 Jahren wurde er am 5. März 1911 zum Stadtpräsidenten und gleichzeitig zum Nationalrat (bis 1934) gewählt. Er nahm die Zügel sofort und energisch in die Hand und führte die Stadt durch den 1. Weltkrieg und die Krisenjahre. Emanuel Dejung schrieb 1941 für das Zürcher Taschenbuch über jene Zeit: Wenn man in jenen Zeiten oft keinen Ausweg mehr fand, konnte man getrost seinen Weg nach dem Stadthaus lenken, in der Gewissheit, beim Stadtpräsidenten und seinen Helfern seine Sorgen abladen zu können. Die Fürsorgekosten erreichten in den Kriegjahren allein die Höhe von Fr. 1'065'000.00. Dazu kamen viele Auslagen, die sich aus den ungewöhnlichen Umständen ergaben. So stieg die städtische Schuld von 3,7 Millionen im Jahre 1913 bis zum Kriegsende auf 6,7 Millionen an. Es musste den haushälterischen Sinn Dr. Sträulis schwer ankommen sein, immer neue unvorhergesehene Ausgaben zu beschliessen. Hatte er doch in seiner Jugend die Katastrophe der Nationalbahn miterlebt, aus welcher Zeit her ihm Beschränkung und Sparsamkeit, kluges Abwägen in den Ausgaben immer von besonderen Wichtigkeit waren.“
Sträuli war als Mann des Rechts auch im eidgenössischen Parlament angesehen. Er präsidierte dieses Gremium 1930 und leitete u.a. längere Zeit die Kommission zur Revision des Obligationenrechts. Als Bundesrat Forrer 1917 seinen Rücktritt erklärte, trat man für die Nachfolge an Hans Sträuli heran. Er verzichtete auf diese Berufung, er wollte Stadtpräsident von Winterthur bleiben. Er nahm somit die Herausforderung an, die schwierigen Zeiten des Novembersturmes und des Generalstreikes zu bewältigen. Er war bei den Linksparteien geschätzt, wenn auch seine bedächtige Art nicht immer allen zusagte. Aber gerade diese Wesensart kam zum Tragen, als er wiederholt den Einmarsch von Truppen in die Stadt ablehnte. Er beruhigte die Bürgerschaft auf seine eigene Art und verhandelte selber mit der Streikleitung, die alle Tumulte zu verhindern versprach. Es war somit sein Verdienst, dass damals Unruhen der Stadt der Arbeit erspart blieben. Ein nächster Kraftakt kam Stadtpräsident Sträuli 1922 mit der Eingemeindung der Vororte auf ihn zu. Der Übergang zur Grossgemeinde gelang gut, weil mit viel Geschick vorgegangen wurde. Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot waren die gravierenderen Probleme jener Zeit. Strassen und Schulhäuser mussten vor allem in den neuen Stadtteilen gebaut werden, hatten doch diese zuvor ganz einfach die Mittel dazu nicht. 1929 wusste Sträuli einen Lohnkonflikt in der Maschinenindustrie mit einem geschickten und von beiden Seiten anerkannten Ausgleich zu lösen. Im Mai 1930 trat Stadtpräsident Dr. Hans Sträuli nach 19 Amtsjahren zurück.
Seit frühen Jahren hatte Sträuli an Kommentaren zur Zürcher Rechtspflege (Gerichtsverfassungsgesetz, Zivilprozessordnung und Strafprozessordnung) gearbeitet. Nun beschäftigte er sich mit Neuauflagen dieser Werke. Weiter stand er der Öffentlichkeit und Wirtschaft zur Verfügung als Mitglied der Kommission für das Kraftwerk Rheinau und Verwaltungsrat der Volksbank und anderes mehr. Nach seinem Rücktritt aus dem Nationalrat 1934 bedrückte ihn eine Alterskrankheit sehr. Der gesellige Mensch zog sich zurück und begann Menschen zu meiden. Am Pfingstmontag, 6. Juni 1938 verschied Hans Sträuli im Alter von 76 Jahren.
Verwandte Einträge
- Sträuli-Brändli Johannes, Fabrikant, Gründer der Sträuli AG, 1803-1870
- Sträuli-Ganzoni Emil, Dr. iur. Obergerichtspräsident, 1834-1894
- Sträuli-Hauser Jean , 1838-1900 Fabrikant
- Sträuli-Haggenmacher Carl, Seifenfabrikant 1839-1913
- Sträuli-Knüsli Werner , Kaufmann, 1845-1913
- Sträuli-Knüsli Ida, Präsidentin des Frauenbundes, 1847-1918
- Sträuli Robert, Architekt 1898-1986
- Sträuli AG, Seifenfabrik
- Villa Sträuli, Kultursalon und Artist-in-Residence