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Wie eine Skulptur steht die leicht geschwungene Betonwand in der Landschaft - wer die Bildlegende nicht liest, denkt unwillkürlich an Richard Serras «Tilted Arc», jenes im Jahr 1981 im Stadtraum New Yorks installierte Monument, das viele Kontroversen auslöste und schliesslich zerstört wurde. Bei der von der Berlinerin Andrea Künzig fotografierten Wand hingegen handelt es sich nicht um Kunst, sondern um ein Fragment der ominösen Mauer, die in einem Vorort Jerusalems israelisches und palästinensisches Gebiet voneinander trennt - und immer noch ihres Abrisses harrt.
In ihrem eben erschienenen Fotoband «Visions: Palestine» versammelt Andrea Künzig Bilder, die zwischen 1994 und 2004 entstanden sind und den Alltag in Israel und den palästinensischen Gebieten dokumentieren. So hält Künzig beispielsweise jenen historischen Moment von Arafats Ankunft in Gaza am 1. Juli 1994 fest. Oder sie zeigt eine Strassenszene an jenem Tag, als Nablus 1996 in die Selbstverwaltung entlassen wurde: Zum Fest blasen junge Palästinenser einen Ballon mit Arafats Antlitz auf. Auf einer anderen Aufnahme sehen wir eine festlich gekleidete israelische Siedlerfamilie an einer Bushaltestelle in Hebron (1994). Auch palästinensische Mädchen kennen - trotz aller Konflikte - vergnügliche Momente, zum Beispiel wenn sie an einem Jahrmarkt in Gaza-Stadt (1997) auf einem Fluggerät für Kinder ihre Runden drehen.
Andrea Künzigs Bilder sind unspektakulär, ohne Pathos - und halten doch eindringlich die verfahrene Situation in Palästina fest, die für die dort lebenden Menschen unhaltbar, aber dennoch zum Alltag geworden ist.