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Die 1918 gegründete Suva ist die älteste Sozialversicherung der Schweiz. Sie zeichnet sich durch eine paritätische Organisationsform aus, die Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften und den Bund gleichermassen einbindet.
Die sozialstaatliche Unfallversicherung wird in der Schweiz überwiegend von der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva), einer autonomen, öffentlich-rechtlichen Anstalt, verwaltet. Die ersten Vorstösse für die Einrichtung einer staatlichen Kranken- und Unfallversicherung wurden in den 1880er Jahren diskutiert, angeregt durch die Bismarckschen Sozialstaatsgesetze. Die Umsetzung nahm mehrere Jahrzehnte in Anspruch. Eine erste Gesetzesvorlage, die neben der Unfall- auch eine obligatorische Krankenversicherung vorgesehen hätte, scheiterte 1900 in der Volksabstimmung. Die revidierte Gesetzesvorlage, beschränkt auf die Verstaatlichung der Unfallversicherung, wurde 1912 an der Urne gutgeheissen. Nach einer nochmaligen Verzögerung, bedingt durch den Ersten Weltkrieg, eröffnete die Suva 1918 ihren Betrieb.
Die Suva ist seit ihrer Gründung drittelsparitätisch organisiert. Im obersten Gremium, dem Verwaltungsrat, sind die Arbeitnehmerschaft mit 16 Sitzen, die Arbeitgeberschaft mit ebenfalls 16 Sitzen und die staatlichen Behörden mit 8 Sitzen vertreten. Dieses „Mitglieder-Parlament“ wird zwar vom Bundesrat gewählt, ansonsten handelt die Suva jedoch autonom. Die Geschäftsführung obliegt der Direktion. Die Anstalt ist in Abteilungen gegliedert, verantwortlich unter anderem für den medizinischen Bereich, mathematisch-statistische Aufgaben, die Unfallverhütung oder die Schadensabwicklung.
Die Gründung der Suva wurde von den privaten Versicherungsgesellschaften, denen ein Teil des Unfallversicherungsmarktes verlustig zu gehen drohte, heftig bekämpft. Auch in der Arbeitgeberschaft war die Suva nicht sonderlich beliebt. Viele Arbeitgeber sahen in ihr eine Zwangsversicherung und in der Präventionspolitik einen illegitimen Eingriff in die unternehmerische Autonomie. Die Suva verfolgte deshalb in der frühen Zwischenkriegszeit, unter der Direktion des ehemaligen Suva-Kritikers Alfred Tzaut, eine liberale, unternehmerfreundliche Politik. Während der Weltwirtschaftskrise und parallel zur Ausbreitung sozialpartnerschaftlicher Modelle gewannen die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften jedoch einen grösseren Einfluss auf die Suva. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete die Anstalt eine zentrale sozialpartnerschaftliche Einrichtung im schweizerischen Sozialstaat.
Der Versicherungsschutz beschränkte sich anfangs auf die industriellen und gewerblichen Berufe, die als besonders gefährlich galten. Seither wurde der Geltungsbereich der sozialstaatlichen Unfallversicherung schrittweise auf weitere Berufsgruppen ausgedehnt. Innovativ war 1918 der Einschluss aller Freizeitunfälle. Die Suva wollte juristische Konflikte um die Abgrenzung zwischen Freizeit- und Arbeitswegunfällen, die als Berufsunfälle galten, vermeiden. Anfangs standen die Berufsunfälle klar im Vordergrund. Mit zunehmender Arbeitssicherheit und dem Aufkommen der Freizeitgesellschaft kehrten sich die Verhältnisse um. Seit den 1980er Jahren sind Anzahl und Kosten der Freizeitunfälle grösser als jene der Berufsunfälle.
Seit der Zwischenkriegszeit investiert die Suva auch in Einrichtungen zur Unfallverhütung am Arbeitsplatz und in die Rehabilitation von Unfallinvaliden. Weil die Höhe der Versicherungsprämien branchenspezifisch berechnet wird, kamen Investitionen in die Unfallprävention auch den Unternehmen zugute; sie trugen zur Senkung der Heil- und Rentenkosten und damit indirekt der Prämienhöhe bei. Aus ähnlichen Überlegungen gründete die Suva verschiedene Rehabilitationseinrichtungen, so etwa 1928 die Bäderheilstätte Zum Schiff in Baden, 1974 die Rehabilitationsklinik in Bellikon und 1999 eine weitere Klinik in Sion.
1984 trat ein neues Unfallversicherungsgesetz (UVG) in Kraft, als Ersatz des KUVG von 1912. Es dehnte die obligatorische Unfallversicherung auf sämtliche Arbeitnehmende ab einem bestimmten Beschäftigungsgrad, einschliesslich des Dienstleistungssektors, aus. Zugleich wurde die Umsetzung des Versicherungsobligatoriums liberalisiert. Neu wurden auch kommerzielle Versicherungsunternehmen als Anbieter der obligatorischen Unfallversicherung zugelassen, allerdings nur für Branchen mit geringem Unfallrisiko. Die Suva verlor damit ihre bisherige Monopolstellung in der obligatorischen Versicherung, zunächst im Dienstleistungssektor und zunehmend auch im Industriebereich.
2006 setzten erneut Arbeiten für eine Reform des UVG ein. Die Gesetzesrevision entwickelte sich zu einem langjährigen Prozess, da unterschiedliche Interessen aufeinanderprallten. Die Privatversicherer und die Arbeitgeberverbände verlangten eine weitergehende Liberalisierung der Unfallversicherung und die Abschaffung des noch bestehenden Teilmonopols der Suva. Diese wiederum verlangte, mit ihren Wettbewerbern gleichgestellt zu werden und ebenfalls Zusatzversicherungen jenseits des UVG anbieten zu können. Eine erste Gesetzesvorlage des Bundesrats wurde 2011 vom Parlament abgewiesen. Darauf wurden die Dachverbände der Sozialpartner vom Bund aufgefordert, Vorschläge für eine neue Gesetzesvorlage auszuarbeiten. 2013 ging ein von den Sozialpartnern entwickelter und von den Versicherern unterstützter Kompromissvorschlag ein, bei dem die kontroversen Themen zu Fragen der Privatisierung und des Leistungsausbaus der Suva ausgeklammert blieben. Diese Reform war schliesslich erfolgreich. Die 2017 in Kraft getretene UVG-Revision sieht keine strukturellen Veränderungen, sondern verschiedene administrative Anpassungen vor. Der Bundesrat hob insbesondere die Schliessung von Deckungslücken als wichtige Neuerung hervor.
Literatur / Bibliographie / Bibliografia / References: Lengwiler, Martin (2006), Risikopolitik im Sozialstaat. Die schweizerische Unfallversicherung 1870-1970, Köln; 75 Jahre Suva (1993), Sonderausgabe Suva-Bulletin, Luzern. HLS / DHS / DSS: Suva; Website 100 Jahre Suva: https://www.suva.ch/de-ch/die-suva/100-jahre-suva
(12/2017)