Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03485.jsonl.gz/611

Von Komplementärwährungen lernen
In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelten sich in mehreren Ländern der Welt, in denen hohe Arbeitslosigkeit herrschte, lokale und regionale alternative Geldsysteme, die das staatliche Geld nicht ersetzen, sondern ergänzen. Es gibt seither auf der Erde schon über viertausend Komplementärwährungen. Eine besonders interessante Art von solchen Währungen besteht in Folgendem: Arbeitslose Menschen, die kein Geld, aber viel Zeit haben, bieten sich gegenseitig Dienstleistungen an und verrechnen diese über eine Verrechnungsstelle, die sie selbst dafür einrichten. Bernard A. Lietaer erzählt an einem Beispiel von Time Dollars, die 1986 gegründet wurden, wie so etwas funktioniert:
Joe sieht nicht mehr gut und kann daher nicht mehr Auto fahren. Er braucht aber ein Paar neue Spezialschuhe, die es nur am anderen Ende der Stadt gibt. Julia stellt sich für die einstündige Fahrt zur Verfügung und holt die neuen Schuhe ab. Sie erhält dafür ein Guthaben über eine Stunde, Joe dagegen ist mit einer Stunde im Soll… Julia kann ihr Guthaben für Kekse verwenden, die eine Nachbarin gebacken hat, während Joe sein Minus vielleicht durch Arbeit im Gemeinschaftsgarten wieder ausgleicht – oder durch eine andere Tätigkeit, die ihm sein schwaches Sehvermögen erlaubt. Wenn Joe eine Stunde in Julias Garten arbeitete, wäre das ein einfaches Tauschgeschäft. Doch Joe kann für den Ausgleich seines Kontos in einem anderen Garten arbeiten, und Julia kann ihr Guthaben für den Kauf von Janes Keksen verwenden… Joe und Julia brauchen für ihre Transaktion keine passenden Bedürfnisse und Angebote. Deswegen sind Time Dollars … echtes Geld: eine Vereinbarung in einer Gemeinschaft, etwas (in diesem Fall Arbeitsstunden) als Tauschmittel zu verwenden. Anders ausgedrückt, Joe und Julia haben Geld geschaffen.“ (Bernard Lietaer: Das Geld der Zukunft, München 1999, S. 312)
In England und Kanada werden solche Systeme LETS (Lokal Exchange Trading System) genannt, in Frankreich SEL (Système d’échange local). Die Tauschkreise benützen meistens Arbeitsstunden als Verrechnungseinheit und nennen diese z.B. Time-Dollars oder Green Dollars. In Japan sind, weil die Kranken- und Altenpflege unbezahlbar wurde, an vielen Orten Pflegewährungen entstanden. Die freiwillig geleistete Pflege wird ebenfalls in Arbeitsstunden verrechnet. Eine wichtige Verrechnungswährung verwendet der internationale Barter-Handel (englisch für Tausch-Handel), der in den letzten dreißig Jahren stark zugenommen hat und auch im nationalen Handel eine Rolle spielt. Warenlieferungen werden über eine Verrechnungsstelle verrechnet, ohne dass gesetzlich gültiges Geld verschoben wird. Zwar wird im internationalen Barter-Handel meistens der US-Dollar benützt, jedoch nur als Verrechnungseinheit und ohne dass der Dollar-Kreislauf davon betroffen ist. Etwa ein Viertel des Welthandels wird als Barter-Geschäfte abgewickelt.
Komplementärwährungen können ihre Aufgabe in Zukunft besonders dort entfalten, wo übergeordnete Währungs-, Finanz- oder Sicherungssysteme versagen und sich von aussen destabilisierende Einflüsse geltend machen.
Von den Komplementärwährungen können wir lernen, wie die Entstehung von Kaufgeld innerhalb einer Wirtschaft vonstatten geht und wo der Übergang vom Kaufgeld zum Leihgeld stattfindet. Dieser Geldentstehungsvorgang wird im folgenden Kapitel näher ausgeführt.