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Ein neuer Untersuchungsansatz der Adipositas ist die Selfish-Brain Theorie:
Energiebeschaffung des Gehirns
Das Gehirn kann die Deckung seines Energiebedarfs (vor allem dem in den zerebralen Hemisphären) durch Allokation (Zuteilung) oder Nahrungsaufnahme erreichen. Das entsprechende Signal an die untergeordneten Regulationssysteme geht in jedem Fall von den zerebralen Hemisphären aus. Der phylogenetisch jüngste Teil des Gehirns zeichnet sich bei diesen Vorgängen durch hohe Plastizität und Lernfähigkeit aus. Es kann seine Regelprozesse immer wieder neu gestalten, indem es Rückmeldungen aus der Peripherie verarbeitet, die erzielten Resultate einzelner Regelkreise und Verhaltensweisen in Erinnerung behält und mögliche Engpässe antizipiert.
Kompliziert wird die Energie-Beschaffung des Gehirns durch drei Faktoren. Erstens fordert das Gehirn Energie bei Bedarf an. Es kann Energie nur in sehr begrenzter Form speichern. Deshalb spricht Peters von einem „Energy-on-demand“-System. Zweitens ist das Gehirn fast ausschließlich auf Glucose als ATP-Substrat angewiesen. Laktat und Betahydroxybuttersäure kommen auch als Substrate in Frage, doch meist nur unter besonderen Bedingungen – etwa bei höchster Anspannung oder Mangelernährung. Drittens wird das Gehirn durch die Blut-Hirn-Schranke von der restlichen Zirkulation im Körper abgegrenzt. Der Blutzucker muss durch einen besonderen, insulinunabhängigen Transporter dorthin gebracht werden.
Gesundes und krankes Gehirn: Energieversorgung durch Allokation oder Nahrungsaufnahme [Bearbeiten]
Die Allokation (Zuteilung) ist die Art und Weise, wie ein ‚gesundes’ Gehirn bei akutem Bedarf seine Energieversorgung sichert. Es zieht Blutzucker von der Peripherie ab und leitet ihn zur Blut-Hirn-Schranke. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Stresssystem, dessen Nervenbahnen direkt zu den Organen (Herz, Muskel, Fettgewebe, Leber, Bauchspeicheldrüse, etc.) reichen und das mit seinen Stresshormonen Adrenalin und Cortisol indirekt über den Blutweg auf die Organe einwirkt. Dieses System sorgt dafür, dass der Glucose-Transport zum Gehirn befördert, die Glucose-Aufnahme durch Muskulatur und Fettgewebe aber eingeschränkt wird. Um das zu erreichen, wird die Ausschüttung von Insulin und dessen Wirkung auf die Organe gestoppt.
Problematisch ist die akute Energieversorgung des Gehirns durch Nahrungsaufnahme. Im Notfall wird diese nur dann aktiviert, wenn die Allokation nicht gelingt, und muss als Anzeichen für eine Erkrankung gesehen werden. Das Gehirn kann in diesem Fall die notwendige Energie nicht aus dem Körper anfordern, sondern nur aus der Umwelt direkt beziehen. Die Ursachen für diese Störung sind in den Kontrollzentren des Gehirns wie Hippocampus, Amygdala, Hypothalamus zu suchen. Es können dort mechanische Defekte (Tumore, Verletzungen) vorliegen, Gen-Defekte (fehlende Brain-derived neurotrophic factor (BDNF)-Rezeptoren oder Leptin-Rezeptoren), eine Malprogrammierung (posttraumatische Belastungsstörung, Konditionierung von Essverhalten, Werbung für Süßigkeiten) oder Falsch-Signale durch Antidepressiva, Drogen, Alkohol, Pestizide, Süßstoffe oder Viren.
Diese Störungen können verschiedene Verhaltensformen negativ beeinflussen:
* Ernährungsverhalten (Essen, Trinken)
* Soziales Verhalten (z. B. Umgang mit Konflikten, Sexualität)
* Verhalten bei der Nahrungsbeschaffung (Bewegungs-, Orientierungsvermögen)
Die Folge können Erkrankungen sein. Die Selfish-Brain-Forschergruppe hat sich vor allem auf die Erklärung von Adipositas fokussiert.
Unabhängig von der Art der Energieversorgung gilt: Das Gehirn hört nicht auf, selbstsüchtig zu sein. Peters unterscheidet deshalb das gesunde vom erkrankten Gehirn durch seine Fähigkeit, auch unter widrigen Bedingungen seinen Energiehaushalt durch Anforderung aus dem Körper zu bestreiten. Er stellt das „selfish brain with high fitness“, das selbst in Zeiten knapper Nahrungsmittel und auf Kosten der Körpermasse die körpereigenen Energiereserven anzapfen kann, dem „selfish brain with low fitness“ gegenüber, das dies nicht in ausreichendem Maße kann, sondern zusätzliche Nahrung aufnehmen und die Entstehung von Adipositas (Fettleibigkeit) in Kauf nehmen muss.
Adipositas – ein ‚Stau in der Lieferkette’ [Bearbeiten]
Die Selfish-Brain-Theorie wird als ein neuer Ansatz zum Verständnis von Adipositas (Fettleibigkeit) aufgefasst [8], [9]. Als Ursache werden, wie oben beschrieben, Störungen in den Kontrollzentren des Gehirns wie Hippocampus, Amygdala und Hypothalamus angesehen.
Welche Form der Störung auch vorliegt – sie bewirkt, dass die Energiebeschaffung für das Gehirn weniger durch Allokation, als vielmehr durch Nahrungsaufnahme erfolgt, obwohl die Muskeln keinen Energiemehrbedarf haben. Stellt man sich die Energieversorgung des menschlichen Organismus als Lieferkette vor, die von der Außenwelt mit ihren Angeboten und Möglichkeiten der Nahrungsaufnahme über den Körper bis zum Gehirn als Endverbraucher und Kontrollorgan verläuft, dann wird Adipositas durch einen Stau in der Lieferkette verursacht. Dieser ist gekennzeichnet durch eine überproportionale Akkumulation von Energie im Fettgewebe oder im Blut. Ein Allokationsversagen äußert sich in einer Schwächung des sympathischen Nervensystems (SNS). Die Folge ist, dass die für das Gehirn bestimmte Energie überwiegend aus dem Blut in die Seitenspeicher läuft, d.h. ins Fettgewebe und die Muskulatur. Da das Gehirn weiterhin Energie aus dem Blut abzieht, sinkt der Blutglucosegehalt ab. Das Gehirn detektiert diesen Abfall. Um dieses Defizit auszugleichen, gibt es den Befehl zu akuter Nahrungsaufnahme. Der Akkumulationsprozess eskaliert, die Seitenspeicher werden immer weiter aufgefüllt. Das Krankheitsbild der Adipositas stellt sich ein. Dieses wird in vielen Fällen von einem Zeitpunkt an, der von der persönlichen Disposition der betroffenen Person abhängt, vom Krankheitsbild der Diabetes mellitus überlagert. Denn können Fett und Muskulatur keine Energie mehr aufnehmen, staut sich diese im Blut, was sich als Hyperglykämie (Überzuckerung) bemerkbar macht.
Wow, wenn sich diese Theorie bestätigt haben Milliarden Menschen auf der Welt schon einmal über einen Menschen gelacht, dessen Krankheit nicht weniger tragisch als ein Gehirntumor ist.