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Seit Ende der 1950er-Jahre war die Schweiz im Rahmen der internationalen Weltraumforschung sehr aktiv. Man war sich damals bewusst, dass sich die Aktivitäten teilweise am Rande der schweizerischen Neutralitätspolitik bewegten. Sie dienten aber den Interessen der Schweiz als Forschungs- und Industriestandort.
"(…) Die erste Landung eines Menschen auf einem anderen Himmelskörper ehrt das Können, den Mut und den Unternehmungsgeist Ihrer grossen Nation. Dieser Erfolg wird ein Markstein im unablässigen Streben des Menschen, die Kräfte des Weltalls zu erforschen und zu beherrschen. Die wissenschaftlichen Kreise der Schweiz haben die Entwicklung dieses Vorhabens mit umso grösserem Interesse verfolgt, als der Universität Bern die aussergewöhnliche Gelegenheit geboten wurde, sich an den wissenschaftlichen Experimenten zu beteiligen, die auf dem Mond durchgeführt wurden.
Möge mit Apollo 11 eine neue Epoche der Zusammenarbeit im Weltraum für das Wohlergehen aller Völker beginnen."
Telegramm externer Linkdes Schweizer Bundespräsidenten Ludwig van Moos an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, 21. Juli 1969Infobox Ende
50 Jahre nach der ersten Mondlandung erinnert sich die Schweiz in diesen Tagen auch an den Beitrag der Universität Bern zur Mission von Apollo 11. Das Sonnenwindsegel, das die beiden Astronauten auf dem Mond noch vor der amerikanischen Flagge entrollten, war das einzige nicht-amerikanische Experiment auf der historischen Mission.
Dass es so weit kam, war günstigen Umständen zu verdanken. Doch diese Beteiligung an Apollo 11 spiegelte zugleich das hohe Niveau der Schweizer Forschung wider.
"Die Schweiz war damals sehr aktiv in der Weltraumforschung und es gab eine enge Zusammenarbeit auf europäischer Ebene", sagt Franziska Ruchti, Mitarbeiterin der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis)externer Link.
Ein kleines Land braucht Partner
Sputnik 1, der erste Erdsatellit, den die Sowjetunion 1957 ins All schickte, und die Gründung der NASA im darauf folgenden Jahr hatten dazu geführt, dass sich die europäischen Staaten Ende der 1950er-Jahre fragten, ob sie in diesem Rennen um die Eroberung des Weltraums eine eigene Rolle einnehmen sollten.
Auf Einladung des Schweizer Aussenministers Max Petitpierre trafen sich Ende 1960 am Hauptsitz des CERN in Meyrin bei Genf Delegierte aus verschiedenen westeuropäischen Ländern, um eine Zusammenarbeit in der Weltraumforschungexterner Link aufzugleisen.
Die Konferenz, an der sowohl Wissenschaftler als auch Regierungsvertreter teilnahmen, gab den entscheidenden Impuls zur Gründung der Europäischen Weltraumforschungsorganisationexterner Link (ESRO). Zu den Gründerstaaten gehörte auch die Schweiz.
"Vielleicht war es die Bescheidenheit 'de la Suisse comme petit pays' ('der Schweiz als kleines Land'), die uns von vornherein erkennen liess, dass wir auf eigenen Beinen niemals in den Weltraum vordringen können", sagte der Schweizer Diplomat Jakob Burkhardt 1964 an einer Botschafterkonferenzexterner Link zur Beteiligung der Schweiz an der ESRO.
Burkhardt war damals Leiter der Abteilung Internationale Organisationen im Eidgenössischen Politischen Departement (EPD), dem heutigen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Weit gefasste Neutralität
Der hohe Diplomat war sich durchaus bewusst, dass die Zusammenarbeit bei der Weltraumforschung, insbesondere mit Nato-Mitgliedsstaaten, auf Grund ihrer militärischen Bedeutung als unvereinbar mit der Schweizerischen Neutralität erscheinen konnte.
Doch er stellte sogleich klar, dass andere Aspekte wichtiger waren: "Wir müssen und dürfen diese Politik nicht so eng fassen, dass sie uns daran hindert, unsere wissenschaftlichen Interessen international zu verfolgen."
Einige Jahre später hatte Emanuel Diez, dem Chef der Rechtsdienste im damaligen Aussendepartement, "zahlreiche neutralpolitische Bedenken" zur Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA in den Apollo-Folgeprogrammen.
Aber auch Diez relativierte seine Vorbehalte sogleich wieder selbst: "In Anbetracht des bedeutenden, um nicht zu sagen lebenswichtigen Interesses der Schweiz an einer internationalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Raumfahrt, lässt es sich verantworten, dass die Schweiz auf Zusehen hin an den Besprechungen weiterhin teilnimmt."
Wissenschaftliche und industrielle Interessen
"Genauso wie die Kernenergie-Forschung brachte auch die Weltraumforschung das Politische Departement dazu, sich mit wissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen, die zuvor keinerlei Rolle spielten", hält Ruchti fest.
In seiner Rede von 1964 bezeichnete Jakob Burkhardexterner Linkt die erste Genfer Atomkonferenz zur zivilen und friedlichen Kernenergienutzung von 1955externer Link als Schlüsselmoment, der zu einem Umdenken im Politischen Departement führte. In der wissenschaftlichen Forschung wurden diplomatische Aspekte erkannt.
Genauso wichtig wie die diplomatischen waren aber auch die industriellen Interessen. Waffen- und metallverarbeitende Firmen verfügten genau über das Knowhow, das es brauchte, um in der Weltraumforschung dabei zu sein. Und natürlich waren diese Unternehmen an möglichen Aufträgen interessiert.
Die Beteiligung der Schweiz an der Europäischen Weltraumforschungsorganisation ESRO verlief, zumindest anfänglich, vor allem zu Gunsten der Industrie, wie man einer Anmerkung der EPD aus dem Jahr 1970 entnehmen kann. Die Rüstungsfirma Contraves, Teil der Oerlikon-Bührle-Gruppe, nahm beim Bau der beiden ersten europäischen Satelliten (ESRO IA und IB) eine führende Rolle ein.
Von der ESRO zur ESA
Die helvetischen Industrie-Vertreter hofften auch auf eine Teilnahme der Schweiz an der 1962 gegründeten "European Launcher Development Organisation" (ELDO). Diese hatte zum Ziel, eine europäische Trägerrakete zu entwickeln. Da sich die Industrie aber nicht an den Kosten beteiligen wollte, plädierte der Bund für den Status eines Beobachtersexterner Link.
Als im Jahr 1975 dann ESRO und ELDO zur neuen Europäischen Weltraumorganisation (ESA) fusionierten, zögerte die Schweiz keinen Moment, der neuen Körperschaft beizutreten.
Dazu liegt auch eine Begründung vor. "Die Schweizer Mitgliedschaft in der ESRO hat die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt (…). Eine Anzahl Schweizer arbeitet in der Organisation zum Teil an leitender Stelle mit. Die Schweizer Industrie hat den ihr zustehenden Anteil an den ESRO-Industrieaufträgen zugesprochen bekommen", schrieb das EPD an die diplomatischen Vertretungen in Bezug auf den Beitritt zur ESA.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der ESRO und später in der ESA war jedoch für die Schweiz auch unter rein diplomatischen Gesichtspunkten wichtig.
"Die Beteiligung der Schweiz an europäischen Organisationen für die Weltraumforschung war ein hervorragendes Beispiel für eine effiziente europäische Integration ausserhalb der Europäischen Gemeinschaft", hält Dodis-Direktor Sacha Zala fest.
Auch innerhalb der neuen Europäischen Weltraumorganisation konnte sich die Schweiz eine wichtige Position zu erarbeiten. Das Unternehmen Oerlikon Space (später RUAG Space) stellte Schutzhüllen für die erfolgreichen Weltraumraketen Ariane her.
Und der Claude Nicollier wurde für das Programm Spacelabexterner Link ausgewählt – als bis heutige einziger Astronaut der Schweiz. So konnte auch die Schweiz endlich einen Fuss in den Weltraum setzen.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)