Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03202.jsonl.gz/109

Erste Masterclass Rilke vom 14.-17.8.2017
an der Fondation Rilke in Sierre
Geleitet von Prof. Dr. Christoph König (Universität Osnabrück)
An der ersten Masterclass Rilke in der Fondation Rilke (Sierre) nahmen neun Nachwuchswissenschaftler_innen der Germanistik, der Romanistik, der Komparatistik und der Philosophie aus sechs Ländern teil; sie kamen aus den USA, Japan, Finnland, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Seminare fanden in dem großzügigen Rahmen der Maison de Courten in Sierre, dem Sitz der Fondation Rilke, statt und wurden durch eine öffentliche Veranstaltung dort abgeschlossen: In Kurzvorträgen, die die Teilnehmer während der drei Tage – in thematischem und methodischem Bezug auf die Seminare und unter der Anleitung des Leiters der Masterclass, Prof. Dr. Christoph König – vorbereiteten, stellten alle ihre Arbeitsergebnisse vor. Die Resonanz auf diesen Abend war vorzüglich: Bernhard Böschenstein (Genf) saß im Publikum, hob das ungewöhnliche Niveau hervor und sprach von einem „Ereignis“.
Die Frage „Wie Rilke lesen?“ prägte die gemeinsame Arbeit und wurde an Rilkes späte Werke gestellt. Gedichte aus den ‚Duineser Elegien‘, den ‚Sonetten an Orpheus‘, wichtige Briefe Rilkes an Baladine Klossowska und Lou Andreas-Salomé sowie Doppelgedichte, die Rilke zugleich in deutscher und französischer Sprache schrieb (‚Handinneres‘ / ‚Paume‘), standen im Zentrum. Es ging um die Freiheit der poetischen Werke gegenüber ihren Voraussetzungen, um deren Interpretationsgeschichte in den letzten hundert Jahren und um Grundfragen zu deren Edition.
Die konkrete Arbeit ging von Lektüren aus, die der Leiter der Masterclass Rilke vorstellte. Diese Lektüren galten dem Prozess der Kreation in den Gedichten, der Arbeit am Sinn, oder anders gesagt: den Verfahren, mit denen das Gedicht ‚von einem Wort zum anderen‘ kommt. Zugleich trat zur Lektüre die Reflexion darüber, wie die Arbeit am Sinn nachvollzogen und verstanden werden kann. Ein Geflecht praktischer Prinzipien wurde sichtbar, die alle aufeinander angewiesen sind: So galt es, im Verstehen auf die ‚Notwendigkeit‘ in den Werken zu achten, auf deren ‚Autoreflexion‘, auf die ‚Idiomatik‘ im Sinn einer eigenen Dichtersprache Rilkes, die ‚Skepsis‘ in den Texten (angesichts der Unzugänglichkeit der Engel oder Orpheus), den ‚Rhythmus‘, und die ‚Tradition‘, in denen die Texte stehen. Mit diesen Prinzipien verbindet sich die ‚kritische Hermeneutik‘, eine moderne Form der Hermeneutik, in die die Masterclass Rilke zugleich mit der Lektüre von Rilkes Werken einführte.
Die Masterclass Rilke soll nach diesem großen Erfolg fortgeführt werden; die zweite Masterclass wird im August 2018 stattfinden und dem Thema ‚Celan liest Rilke‘ gewidmet sein.