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Am Anfang war die Schalte. Das soll hier nicht heissen, die biblische Schöpfung sei am Fernsehen übertragen worden, also mit einer Video-Schalte. Gemeint ist bloss der Ausdruck Schalte aus dem Fachjargon, den Moderatoren in die Umgangssprache eingeschleust und damit einen Anfang gemacht haben: Nach dem Muster von Schalte statt Schaltung tauchen vermehrt solche Wortbildungen auf – egal ob es um einen Vorgang geht (wie den des Schaltens) oder um dessen Ergebnis (wie den eingeblendeten TV-Beitrag). Auch ein dem Vorgang dienliches Gerät könnte es sein. In diesem Sinn steht Schalte im Idiotikon; ein Beispiel ist hier abgebildet.
Nach solchen Mustern wird aus der Ablösesumme, die eine Sportfirma (oft Verein genannt) für einen Transfer zahlt, die blosse Ablöse. Aus dem Berner Parteienbündnis RGM dringen Berichte über «Probleme in der Verkaufe» – immerhin treffender als «in der Kommunikation». Eine Vollbremse ist nicht etwa ein erfolgreicher Blutsauger, sondern der brüske Stopp eines Fahrzeugs. Eine Schmelze ist nicht mehr nur geschmolzenes (und allenfalls wieder erstarrtes) Material: Den Gletschern ist letztes Jahr eine Rekordschmelze widerfahren.
Unfromme Denkart fliesst in die Spreche
Lesen Sie etwas über die grassierende «Wir-gegen-die-Denke», so kommt Ihnen vielleicht Schiller in den Sinn: «… in gärend Drachengift hast du die Milch der frommen Denkart mir verwandelt.» So geisselt ein erstaunlich poetischer Tell in seinem grossen Monolog den Landvogt Gessler. Der Duden bezeichnet Denke als umgangssprachliche Form von Denkart. Im Band «Redewendungen» umschreibt er die besagte Milch als «freundliche Gesinnung» und lässt auch Denkungsart gelten. Dieses Wort rutscht zwar oft ins Zitat, passt aber weder ins Versmass noch zum Denken – oder wollen Sie der Denkung frönen?
Wes die Denke voll ist, des geht die Spreche über, wie in diesem Zeitungssatz: «Wenn man die extreme Rechte enttabuisiert, dann sickern ihre Spreche und ihre Inhumanität langsam ein in den Mainstream.» Spreche kennt der Duden nur in der Online-Ausgabe (umgangssprachlich für Sprechweise, wissenschaftlich für mündliche Form). Schreibe (umgangssprachlich für Geschriebenes; Schreibgerät; Schreibstil) gibt’s auch im gedruckten Band «Rechtschreibung». Die männliche Form Sprech kommt für sich allein bei Duden gar nicht vor, wohl aber Neusprech, die Übersetzung von George Orwells «newspeak» aus dem Roman «1984». In der Spreche realer Machthaber hat sich dieser verdrehende Neusprech gründlich eingenistet. Etwas harmloser sind mir in letzter Zeit begegnet: Sprechersprech, Bürosprech, jovialer Patrizier-Sprech.
Wo die Wende zum Turn wird
Manche Wortbildung à la Schalte gibt’s schon lang, etwa Schelte, Hacke oder Wende. So etwas ist für eine geschwollene Schreibe zu banal. Für Wende muss dann Turn her, wobei man weder ans Turnen (mit seinen Wenden) noch an einen Segeltörn (mit den seinen) denken soll, sondern ans englische «turn», also eben … Wende. So begrüsst ein Blatt, «dass die Berner Kulturförderung diesen gesellschaftspolitischen Turn der Kultur widerspiegelt», indem sie Produktionen zu aktuellen Themen unterstützt. Demnach hat «die Kultur» (erst) jetzt diesen Weg eingeschlagen, so wie sich mit einem «turn» in manchen Wissenschaftszweigen neue Sichtweisen durchsetzen. Hier mit gestriger Mode von einem Paradigmenwechsel zu reden, wäre nachgerade bieder.
Gelänge dem Journalismus ein schlichtsprachlicher Turn, so müsste er ihn anders benennen und auch allen Paradigmenkram wieder den Fachsprachen überlassen. Weniger oder nichts ist indes gegen Wörter einzuwenden, die sich selber erklären, wie Schalte, Spreche, Schreibe, Denke. Da wünsche ich mir sogar einige Neubildungen, zu Schalte etwa Walte. Das wäre dann die Art und Weise, wie Führungskräfte (schalten und) walten. So hätten gewisse Firmen Probleme mit ihrer Walte statt mit der Governance, und von den Regierungen dürfte man erst recht gute Walte verlangen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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