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Hier eine Geschichte der amerikanischen Therapeutin Rachael Naomi Remen:
In meine Praxis kam ein Mann mit Knochenkrebs. Um sein Leben zu retten, wurde sein Bein von der Hüfte ab amputiert. Er war 24 Jahre alt, als ich mit ihm zu arbeiten begann, und voller Ärger und Bitterkeit. Er empfand grosse Ungerechtigkeit und tiefsitzenden Hass gegenüber allen Gesunden, weil es ihm so unfair schien, dass er diesen schrecklichen Verlust so früh im Leben erleiden musste.
Mit Hilfe von Malen, Visualisieren und Tiefenpsychologie arbeitete ich mich mit diesem Mann durch seinen Kummer und seine Wut hindurch. Nach über zwei Jahren stellte sich ein durchgreifender Wandel ein. Er begann, «aus sich selbst herauszugehen». Später begann er, andere Leute zu besuchen, die schwere körperliche Verluste erlitten hatten, und er erzählte mir von diesen Besuchen die wundervollsten Geschichten.
Einmal war er bei einer jungen Frau zu Gast, die ungefähr in seinem Alter war. Es war ein heisser Tag in Palo Alto, und er trug Jogging-Shorts, so dass seine Beinprothese zu sehen war, als er in ihr Zimmer im Hospital kam. Die Frau war zutiefst deprimiert, weil sie beide Brüste verloren hatte, und sah ihn nicht einmal an, blieb völlig teilnahmslos. Die Krankenschwestern hatten das Radio angelassen, wohl um sie aufzumuntern. Verzweifelt bemüht, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schnallte er sich das Bein ab, um sodann auf einem Bein im Zimmer umherzutanzen, wobei er zur Musik mit den Fingern schnipste. Sie sah ihn entgeistert an, brach dann in ein schallendes Lachen aus und sagte: «Mensch, wenn Sie tanzen können, kann ich singen.»
Ein Jahr danach setzten wir uns zusammen, um Rückschau über unsere gemeinsame Arbeit zu halten. Er sagte, was für ihn bedeutsam war, und ich fügte das hinzu, was ich in unserem Prozess für bedeutsam hielt. Als wir über unsere zwei Jahre Arbeit zurückblickten und ich seine Akte öffnete, kamen mehrere Zeichnungen zum Vorschein, die er anfangs gemacht hatte. Ich gab sie ihm. Er sah sie an und sagte: «Ach, schau dir das an.» Er zeigte mir eine seiner ersten Zeichnungen, als ich vorgeschlagen hatte, ein Bild seines Körpers zu malen. Er hatte damals eine Vase gemalt, durch die ein tiefer schwarzer Sprung verlief. Das war das Bild für seinen Körper und er hatte den Riss mit einem schwarzen Stift immer wieder übermalt, mit wutknirschenden Zähnen. Es war sehr schmerzhaft, weil es ihm schien, dass diese Vase niemals wieder als Vase funktionieren könne. Sie würde niemals Wasser halten können.
Nun, einige Jahre danach kam er zu diesem Bild, sah es und sagte: «Oh, es ist noch nicht fertig.» Und ich reichte ihm die Schachtel Malstifte hin: «Warum machst du es nicht fertig?» Er wählte einen gelben Stift und während er mit dem Finger auf den Riss zeigte, sagte er: «Siehst du, hier – wo der Bruch ist – hier kommt das Licht durch.» Mit dem gelben Stift malte er, wie das Licht durch den Bruch in seinem Körper ausströmte. An unseren Bruchstellen können wir stark werden.