Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03243.jsonl.gz/306

Wenn das Glauben eine unbewusste Seelentätigkeit (Psyche) ist, statt einer bewussten Tätigkeit des Geistes (Pneuma), kann man es sich nicht vornehmen, und auch nicht dazu angehalten werden, zu glauben, sondern man glaubt einfach automatisch.
Was bedeutet dann eigentlich: „Nur wer glaubt, wird selig?“
Klingt so, als ob das Glauben den Glaubenden überhaupt erst beseelt, wo er vorher, als er noch nicht glaubte, seelenlos war.
Wenn er sich dann noch begeistert für das, was er glaubt, dann bekommt der vormals Geistlose auch noch einen Geist verpasst und kann selber denken, dh stichhaltig begründen, warum es auch richtig ist, was er glaubt.
Zu guter Letzt braucht er zur Glückseligkeit nur noch einen Körper, von dessen Existenz er überzeugt werden muss („Ich glaube, dass ich existiere, also existiere ich!“), um auch tatsächlich spirituell (im Sinne einer Idee) handeln zu können, und fertig ist der Mensch.
Oder ist es eher umgekehrt, dass nur Derjenige, der sich Etwas vorstellen - also denken („glauben“ im Sinne von „meinen“) - kann, und bereits einen Geist besitzt, auch selig werden kann? Dann muss es heißen: „Menschen sind denkende Wesen. Ich denke, als so bin ich auch ein Mensch!“, wie es Descartes ursprünglich mit dem Existenznachweis des Menschen aufgrund des Vorhandenseins eines Geistes, der gerne mit Seele verwechselt wird, aber was Anderes IST, gemeint hat.
In diesem Falle würde der Seele nur noch die Funktion eines reinen Stimmungsträgers übrig bleiben, sodass „selig“ in Wirklichkeit „fröhlich“ bedeutet. („Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt! „)
Dann müsste es richtig übersetzt heißen: „Wer blind und damit zweifelsfrei glaubt, indem er widerspruchsfrei annimmt, was ihm ein Glaubwürdiger sagt, wird fröhlich!“
Wer allerdings Jemandem genauso bedenkenlos glaubt, wenn er ihm mit Höllenqualen nach dem Tode droht, wird eher ängstlich, was dann einer anderen Stimmung entspricht.
Noch eine weitere Modifikation, die das unbewusste, selige oder auch unselige Glauben zu einer bewussten Tätigkeit des Geistes macht, wäre das Umbenennen des wertneutralen Glaubens in das bewusst wertende Hoffen oder Befürchten.
Dann macht der Spruch wirklich Sinn: „Wer hofft, wird fröhlich!“ und wer befürchtet, wird ängstlich!“ So könnte man auch selber dafür sorgen, dass man fröhlich wird, indem man es sich vornimmt, und nicht erst wartete, bis Einen die Fröhlichkeit von selber übermannt.
Wer nicht weiß, wie er auf natürliche Weise fröhlich wird, indem er zB seine langwierigen Probleme löst, die ihn traurig gemacht haben, und dadurch automatisch fröhlich wird, kann seinen Körper auch mit irgendwelchen Rauschmitteln so betäuben, dass er die Schmerzen nicht mehr spürt, und sich damit künstlich in den Zustand der Fröhlichkeit versetzen, auch wenn gar kein Anlass zu Fröhlichkeit gegeben ist, weil das ungelöste Problem weiterhin besteht.
Hier wird die Seele lediglich als ein Teil des körperlichen Drüsensystems angesehen, welches auf chemischem Wege automatisch Körperstimmungen auslöst, sobald die Seele von Irgendwas irritiert wurde, um auszudrücken, was die Seele empfindet (und nicht etwa „fühlt“, weil das Gefühl eine Sache des Körpers ist, und nicht der Seele).
Die tatsächliche, nichtkörperliche Funktion de Seele als unbewusster Entscheidungsträger, der – wie man mittlerweile auch neurologisch und nicht nur psychologisch nachweisen kann - dem Geiste das bewusste, kreative Finden von neuen Problemlösungen überlässt, wenn die altbewährten aufgrund von geänderten Lebensbedingungen nicht mehr funktionieren, gerät damit allerdings aus dem Blickfeld.
Die Vorstellung, dass sich plötzlich zwei Seelen in einer Brust bzw im Gehirn um die Vorherrschaft zu streiten scheinen, wodurch das personifizierte Bauchgefühl hervorgerufen wird, welches lediglich den körperlichen Ausdruck einer schwierigen Entscheidung zwischen einer gewohnheitsbedingten, unbewussten (seelischen) und einem neu konzipierten, bewussten (geistigen) VORGEHENSWEISE darstellt, und nicht etwa einen Kampf zwischen einer eigenwilligen, unkooperativen Seele und einem genauso uneinsichtigem Geiste, die sich nicht auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen können.
Das Gegenteil der Unterbewertung einer Seelenfunktion wäre die Überbewertung, wo man den kompletten MENSCHEN gegen SEELE austauscht, und den Rest ignoriert.
Die falsche Annahme (von Anderen kritiklos übernommene Irrglaube), die Seele sei der nichtmaterielle HERR im Haus und nicht der Mensch, der sie als ein unveräußerlicher Bestandteil von ihm besitzt, ohne die er nicht existieren kann, und könne überdies auch ohne den Menschen leben und sich jederzeit einen neuen DIENER aussuchen, wenn ihm der alte nicht mehr gefällt, nachdem er ihn kaputtgewirtschaftet hat, ist nicht nur nicht beweisbar sondern auch biologisch völlig unsinnig.
Reizvoll an der Trennung zwischen Seele und Geist ist natürlich, dass man für alle seine dummen oder bösen Entscheidungen die böse Seele verantwortlich machen kann, sodass man selber immer als der Grundgütige im Geiste dasteht, oder aber umgekehrt den dummen Geist und seine angeblich sinnfreien Entscheidungen verantwortlich macht, um der Seele die wohlverdiente Ruhe zu verschaffen.
Setzt man dann noch SEELE mit MENSCH gleich, und denkt sich die Seele als unsterblich, in der Annahme, sie könne von der Materie unabhängig existieren, wird auch der Mensch unsterblich, was er ja schon immer sein wollte, weil er es in seiner geistigen Eitelkeit nicht erträgt, nach seinem Tode der völligen Bedeutungslosigkeit anheim zu fallen, sodass er nichtmal mehr im Gedächtnis seiner Nachfahren weiterlebt – so als hätte er niemals vorher existiert.
Statt die unangenehmen Seiten der Wirklichkeit kraft seines geistigen Willens jedoch komplett zu ignorieren, indem man sich dermaßen körperlich betäubt, dass man gar nix mehr mitbekommt, wäre es wesentlich konstruktiver, sein Seelenschiff über den Ozean, wo auch alle anderen Seelen unterwegs sind, so zu lenken, dass man mit anderen nicht zusammenstößt, sodass die auch so lange leben können, wie irgendmöglich, ohne vorzeitig im Chaos der Körperstimmungen sang und klanglos unterzugehen, nur weil ein Anderer nicht aufgepasst hat, denn nur so macht bewusste Psychonautik wirklich Sinn.