Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/2086

29. April – 2. September 2018
Alberto Giacometti (1901 – 1966) und Francis Bacon (1909 – 1992) haben die Kunst des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt. In dieser Ausstellung werden beide Künstler einander gegenübergestellt. So unterschiedlich ihr Schaffen auf den ersten Blick erscheint, lassen sich doch erstaunliche Gemeinsamkeiten erkennen.
Für Bacon und Giacometti ist die menschliche Figur das wichtigste Motiv ihres künstlerischen Schaffens. Sie beschäftigen sich beide mit dem fragmentierten und deformierten Körper. Zudem widmen sie sich in beinahe obsessiver Weise in einer Vielzahl von Porträts der Darstellung menschlicher Individualität. Sowohl Bacon wie Giacometti bezeichneten sich als „Realisten“, jedoch steigern sie die Abstraktion der menschlichen Figur ins Extreme.
Giacometti und Bacon arbeiteten inmitten grosser Unordnung in ausserordentlich kleinen und überfüllten Ateliers. Diese beiden Zentren ihres Schaffens wurden eigens für die Ausstellung als multimediale Projektionen in Originalgrösse realisiert und machen das Arbeitsumfeld der Künstler erfahrbar. Die Ausstellung umfasst 100 Gemälde und Skulpturen aus bedeutenden Museen Europas und den USA sowie aus Privatsammlungen und wurde von der Fondation Beyeler in Kooperation mit der Fondation Giacometti, Paris organisiert. Aus dem von ihr verwalteten Nachlass stammen auch mehrheitlich die hier präsentierten Werke Giacomettis. Davon sind einige nur selten oder gar zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Kuratoren der Ausstellung sind Catherine Grenier, Michael Peppiatt und Ulf Küster.
#BeyelerBaconGiacometti
werke
Alberto Giacometti, L'homme qui marche II, 1960
Homme qui marche II ist Teil der ursprünglich für die Chase Manhattan Plaza in New York geplanten Figurengruppe. Giacometti zielte dabei auf einen Gegenentwurf zur natürlichen Darstellung eines Mannes, der über einen Platz schreitet: Mit ihren überlangen Beinen strebt die Figur in einem grossen Schritt nach vorne, die Arme am Körper anliegend, die beiden Füsse fest in der Sockelplatte verankert. Die Dynamik des schreitenden Mannes steht im Kontrast zur statischen Frontalität der Grande femme: Er versinnbildlicht das unermüdlich Suchende, so wie sich Giacometti in seinem gestaltenden Bemühen selbst verstand. Das Gehen wird dabei nicht als äussere Fortbewegung begriffen, sondern vielmehr als ein innerer Prozess. Auch in dieser Figur ist die Erfahrung von Nähe und Distanz erstaunlich; die Konturen des Gesichts oder des Körpers werden nicht deutlicher, je näher wir herantreten, im Gegenteil scheint sich die körperliche Erscheinung mit wachsender Distanz zu präzisieren.
Francis Bacon, Portrait of Michel Leiris, 1976
Der französische Ethnologe und Schriftsteller Michel Leiris war ein Freund von Giacometti und Bacon. Leiris’ Gesicht hat sich hier in einem Strudel aus leuchtenden Farben verformt, einzig das überproportional grosse linke Auge ist intakt geblieben. Für seine Porträts wählte Bacon bevorzugt Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld, die er nach Fotografien malte. Dabei vermischte sich die tatsächliche Gestalt der Modelle mit seiner Erinnerung an sie. «Realismus», schrieb er 1981 in einem Brief an Leiris, «ist für mich ein Versuch, die äussere Erscheinung zusammen mit der Ansammlung an Gefühlen, die sie in mir weckt, wiederzugeben. » Bacon war dementsprechend bei der Darstellung seiner Modelle nicht einzig an der direkten Nachahmung interessiert, er meinte: «Je offensichtlicher die Künstlichkeit des Gemäldes ist, das man macht, desto besser, und umso mehr hat das Bild die Möglichkeit, zu funktionieren und etwas zu zeigen».
Alberto Giacometti, Boule suspendue, 1930
Als Giacometti die Boule suspendue im April 1930 erstmals in der Galerie von Pierre Loeb in Paris ausstellte, begeisterte das rätselhafte Objekt vor allem die Surrealisten. Ihre Forderung, Kunst und Literatur aus dem Unterbewussten zu schaffen, sahen sie in diesem Werk auf überzeugende Weise umgesetzt. In einem käfigähnlichen Gehäuse liegt eine Art gipserner Halbmond. Über diesem schwebt eine an einem dünnen Faden befestigte und an ihrer Unterseite eingekerbte Kugel. Die potenzielle mechanische Bewegung und Reibung der beiden Objekte lösten unterschiedliche Deutungen aus; so erblickte man darin unter anderem den Ausdruck sexueller Fantasien. Giacometti schloss sich der Surrealisten-Gruppe nur für kurze Zeit an, bevor er sich ab 1935 wieder der Darstellung der menschlichen Figur zuwandte.
Francis Bacon, Self-Portrait, 1987
«Jeden Tag sehe ich im Spiegel den Tod am Werk.» Dieses Zitat von Jean Cocteau pflegte Bacon gerne aufzugreifen. Das Bild entstand im 79. Lebensjahr des Künstlers, fünf Jahre vor seinem Tod. Es ist eines seiner letzten Selbstporträts und zeigt ihn in nachdenklicher Stimmung. Bacons Gesicht ist – für ihn ungewöhnlich – kaum deformiert oder verdreht dargestellt und von einer beinahe jugendlichen Glätte. Einen Kontrast dazu bildet der müde Blick aus halb geöffneten Augen, der dem des Betrachters auszuweichen scheint. Die auf die Ölfarbe gesprühte rote und weisse Farbe bedeckt wie ein Schleier das Gesicht und verleiht dem Gemälde eine Ausstrahlung von grosser Ruhe.
Alberto Giacometti, Femme au chariot, um 1945
Giacometti, der ab 1922 in Paris lebte, war 1942 nach einem Aufenthalt in Genf gezwungen, die Kriegszeit in der Schweiz zu verbringen, da ihm das Einreisevisum nach Frankreich verwehrt wurde. Er wohnte und arbeitete in Genf und im Bergeller Elternhaus. Seine Skulpturen verkleinerten sich in dieser Zeit immer weiter, bis sie kaum noch zu erkennen waren. Einzige Ausnahme ist die Femme au chariot, die in Maloja entstanden ist. Die Gipsskulptur war ursprünglich im Atelier auf einem niedrigen Holzwagen platziert, der hier rekonstruiert worden ist. Laut Giacometti gibt Femme au chariot ein Erinnerungsbild von Isabel Rawsthorne wieder, so wie er seine Freundin Jahre zuvor in Paris auf dem Boulevard Saint-Michel von Weitem gesehen hatte. Beinahe in Lebensgrösse steht sie, die Arme eng am Körper anliegend, auf einem Sockel und blickt in die Ferne. Die Skulptur markiert einen wichtigen Wendepunkt in Giacomettis Arbeiten hin zu seinen schlanken, hoch aufgeschossenen Figuren der Nachkriegszeit.
Francis Bacon, Portrait of Isabel Rawsthorne Standing in a Street in Soho, 1967
Als Basis für dieses Gemälde diente eine Aufnahme John Deakins, der viele von Bacons Modellen im Auftrag des Künstlers fotografierte. Die Vorlage zeigt Isabel Rawsthorne vor einem Laden im Londoner Stadtteil Soho. Im Gemälde ist von der Strassenszene allerdings nur noch das Auto im Hintergrund geblieben. Stattdessen wird der Raum durch eine für Bacon typische, käfigartige Struktur und eine Art Arena gebildet. Letztere ist ein Vorgriff auf die Stierkampfgemälde wie Study for Bullfight No. 2 (Saal 7), denen sich Bacon zwei Jahre später widmete. Ein Stier wurde vom Künstler mit dynamisch-schwungvollen Pinselstrichen auch hier in den rechten Bildhintergrund gesetzt. Die dabei angewandte Malweise – weisse Schlieren auf schwarzem Grund – findet sich in Isabel Rawsthornes Kleid wieder.
Videos
360°
Multimediaraum
Multimediaraum
Spektakuläre Einblicke in die Ateliers der Künstler
Für Bacon und Giacometti waren ihre jeweils sehr kleinen und kargen Ateliers besondere Orte – Orte des Chaos, die grosse Kunst hervorbrachten. Einen faszinierenden Einblick in diesen Kosmos gewährt der Multimediaraum im letzten Saal, der eigens für die Ausstellung entwickelt wurde: Anhand historischer Fotografien werden die Ateliers der beiden Künstler rekonstruiert. Zwei raumfüllende Projektionen des Amsterdamer Kreativbüros «Part of a Bigger Plan» von Christian Borstlap vermitteln einen überraschenden Eindruck von den Ateliers, indem sie sie in Originalgrösse an den Wänden und am Boden erscheinen lassen.
Alberto Giacometti (1901–1966) bezog sein legendäres Pariser Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron 1926 und arbeitete dort 40 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod. Im Verlauf der etwa zweieinhalbminütigen Videoprojektion werden 37, aus verschiedenen Jahrzehnten stammende Fotografien von Giacomettis Atelier gezeigt. Aufgenommen wurden sie von berühmten Fotografen wie René Burri, Sabine Weiss, Robert Doisneau oder Ernst Scheidegger, die alle Giacometti an seinem Arbeitsort besuchten. Sie hielten dabei nicht nur seine Kunstwerke fest, sondern auch seine Modelle: Annette Giacometti, der japanische Philosophieprofessor Isaku Yanaihara, der Schriftsteller und Ethnologe Michel Leiris, aber auch Giacomettis Galerist Pierre Matisse sind in der Projektion zu sehen. Auf eine Ecke des Raums in den originalen Massen des Ateliers von 4,90 x 4,70 Metern projiziert, gewinnt der Besucher eine Vorstellung von der Bedeutung dieses – heute nicht mehr existierenden – Orts, der sowohl kreatives Zentrum als auch Anziehungspunkt für viele Persönlichkeiten war.
Francis Bacon (1909–1992) zog 1961 in die Reece Mews Nr. 7 im Londoner Stadtteil South Kensington, wo er sich sein Atelier über einem einstigen Pferdestall einrichtete. Diesen bescheidenen Raum, in den nur durch ein Dachfenster Tageslicht fiel, behielt der Künstler bis zu seinem Tod. Das überfüllte, für sein Chaos legendär gewordene Atelier war in mehreren Schichten mit Zeitungen, Büchern, zerknüllten und zerrissenen Fotografien, ausgeschnittenen Bildern und anderem Arbeitsmaterial bedeckt. Die scheinbar wahllos verstreuten Abbildungen lieferten Bacon zentrale Motive und dienten ihm als wichtige Inspirationsquellen für seine Gemälde. Die Videoprojektion zeigt die bemalten Wände und das herumliegende Material; die 4,80 x 8,90 Meter grosse Projektionsfläche entspricht dabei ebenfalls der Originalgrösse der realen Räumlichkeit. Der Film wurde unter Verwendung von 15 Aufnahmen des Fotografen Perry Ogden hergestellt, die das Atelier in seinem Originalzustand kurz nach dem Tod des Künstlers wiedergeben. Danach wurde es komplett abgebaut und in der Dublin City Gallery The Hugh Lane minutiös rekonstruiert, wo es bis heute besichtigt werden kann.
Den Projektionen sind die Stimmen Bacons und Giacomettis unterlegt, die über ihre Arbeit und ihre Ateliers sprechen. Giacomettis Tonspur stammt aus Archivaufnahmen von 1963, die Regisseur Jean-Marie Drot für seine Dokumentation Un homme parmi les hommes: Alberto Giacometti (1963) aufbereitet hat. Bacons Kommentare wurden einer BBC-Produktion von 1966 (Francis Bacon: Fragments of a Portrait) sowie einer Fernsehshow von 1985 des heutigen ITV London (The South Bank Show – Francis Bacon) entnommen.
Während Bacon nur sehr wenigen Leuten Zutritt zu seinem Atelier gewährte, empfing Giacometti unzählige Persönlichkeiten wie Jean Paul-Sartre, Michel Leiris oder Marlene Dietrich. Die Videoprojektionen machen die Atmosphäre in den Räumen und die Arbeitsweise der beiden Künstler unmittelbar erfahrbar und eröffnen so einen weiteren unerwarteten Blick auf ihr Schaffen. Beide Künstlerateliers können Sie auch auf ihrem Handy in einem 360-Grad-Film erleben und mit Freunden teilen – besuchen Sie: www.fondationbeyeler.ch/360