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Der vom US-Unternehmen Control Data Corporation hergestellte CDC 6600 kam am 14. Januar 1965 beim Cern an. CDC 6600 galt damals als der erste erfolgreiche und schnellste Supercomputer der Welt, wog 5,5 Tonnen und füllte einen ganzen Raum. "Es war die dritte gebaute Maschine. Die Produktion der ersten Modelle brauchte über ein Jahr", erinnert sich Hans Bodmer, der damals beim Cern arbeitete. Die ganze Anlage hatte über 8 Millionen Franken gekostet – 1965 eine horrende Summe.
"Serial 1 wurde an das University of California Radiation Laboratory in Livermore geliefert", erzählt er. Serial 2 wurde in Los Alamos in einem militärischen Forschungszentrum eingesetzt. Serial 3 dann im Cern, Serial 4 an der Universität New York. "Serial 5 oder 6 wurde von Boeing in Seattle gekauft." Eingesetzt wurde die CDC 6600 für hochkomplexe Berechnungen in der Forschung, an den Hochschulen und bei technischen Unternehmen. Im Cern löste der Supercomputer den 7060 von IBM ab, den er in der Verarbeitungskapazität um das Zehnfache übertraf. Nahe Genf wurde CDC 6600 unter anderem verwendet, um die 2 bis 3 Millionen Fotografien von Blasenkammerspuren und damit die Suche nach Elementarteilchen zu analysieren, die Cern-Experimente jedes Jahr produzierten.
Bodmer war damals 25 Jahre alt und bei CDC speziell für das Cern angestellt. Ein Jahr zuvor hatte er ein Inserat in einer Zürcher Zeitung entdeckt. "Das Unternehmen suchte Mitarbeiter für die Wartung der soeben verkauften und vom Cern bestellten CDC 6600. Gefragt waren Kenntnisse mit Transistoren-Computer, gute Englisch-Kenntnisse, die Bereitschaft, für ein Jahr nach Amerika ins Training zu gehen und dann als Wartungsingenieur im Cern zu arbeiten." Bodmer wurde zu einem Vorstellungsgespräch in Zürich eingeladen.
Hans Bodmer, circa 1965. Foto: Bodmer
Er habe aber keine Erfahrung mit Transistoren-Computer gehabt. "Aber wer hatte die zu jener Zeit denn schon?", fragt er rhetorisch. Bodmer hatte zuvor als Programmierer für mechanische Rechner bei Burrough in Zürich gearbeitet und als Servicetechniker für Bull in Paris und in der Schweiz. "Ich kannte die Lochkartenverarbeitungs-Maschinen und den Röhrenrechner Bull Gamma 3." Auch seine Englisch-Kenntnisse seien mehr als nur bescheiden gewesen – die Bereitschaft zu reisen und nachher in Genf zu arbeiten hingegen gross. "Ich dachte aber nicht an die Möglichkeit, diesen Job zu erhalten." Bodmer bekam ihn trotzdem.
Begegnungen mit Seymour Cray
Kurze Zeit später reiste er für seine neue Ausbildung in die USA nach Minneapolis. Und stand bald vor dem Supercomputer. "Als ich die Maschine zum ersten Mal sah, war mein erster Gedanke: Kannst du dieses Monster wirklich in den Griff bekommen?" Bodmer war beeindruckt vom "genialen Design, der Komplexität und den unzähligen technischen Raffinessen". Das Schwierigste während der Ausbildung seien aber nicht die technischen Herausforderungen gewesen, sondern das Anpassen an die Mentalität der Amerikaner und die Nachtarbeit. Das Schönste, das seien die Gespräche mit Seymour Cray gewesen. Der Computer-Pionier Cray war der Architekt des CDC 6600 und der "Thomas Edison der Supercomputer-Industrie", wie ihn der Astrophysiker und Informatiker Larry Smarr einmal nannte.
Zurück in der Schweiz war Hans Bodmer vor Ort, als die ersten Kisten mit den CDC-Teilen ankamen. "Die meisten Mitarbeitenden ahnten kaum, was da auf das Cern zukam." Innerhalb von drei Tagen wurde die Anlage installiert. "Dafür wurden spezialisierte Experten wie Mechaniker, Elektriker und Kühlanlagen-Techniker eingesetzt. Meine Aufgabe war die Wartung der Computerhardware. Darum war ich am Aufbau nicht direkt beteiligt. Ich musste Kaffee, Brote und Bier für die mitgereisten Amerikaner besorgen, da die kein Wort in einer Fremdsprache sprachen."
Der Supercomputer CDC 6600
CDC 6600 im Computer History Museum in Mountain View. Foto: Ik T / Lizenz CC BY 2.0
Die Anlage im Cern bestand aus der Mainframe, der System-Konsole CDC 6601, dem Diskdrive CDC 6603, den 16 Magnetband Einheiten CDC 606 und 626, dem Kartenleser CDC 405 und den 4 Zeilendrucker CDC 501. Weiteres dazu lässt sich auf der Website
des Cern erfahren.
Schon bald begann aber auch für Bodmer der Arbeitsalltag. "Wir arbeiteten im Schichtbetrieb", erzählt er. "Am Anfang der Schicht wurde der Bericht der Techniker gelesen, die zuvor am Gerät gearbeitet hatten. Dann folgten die üblichen Wartungsarbeiten wie das Säubern der Bandstation, das Reinigen der Lesedioden im Kartenleser und die Kontrolle der Farbbänder in den Drucker." Danach wurde auf das Auftreten von Störungen gewartet. "Falls es keine solche gab, wurden immer wieder die Schemen und der Ablauf der Testprogramme studiert."
Ein Baseballspiel auf dem Supercomputer
Doch Störungen gab es häufig. "Die grössten Probleme waren die Kernspeicher-Module, die Koordination der X-Register-Zuteilung und die verschiedenen Schaltgeschwindigkeiten der Transistoren. Zudem die unzähligen Abstürze des Operations-Systems." Behoben wurden die Hardwareprobleme durch die Arbeit mit einem Kathodenstrahl-Oszillator, "das tagelange Suchen mithilfe von Testprogrammen nach den fehlbaren Komponenten". Software-Probleme seien meistens durch die Analyse der "Post Memory Dumps" angegangen worden, ausserdem sei ein explizites Studium des Source Codes des OS benötigt worden.
Der "sehr teure" Wartungsvertrag des Cern mit CDC verlangte, dass Wartungstechniker 24 Stunden am Tag anwesend sein mussten. Da war auch mal Unterhaltung nötig. Die lieferte ein Spiel, Bodmer nennt es in seinem Buch "Mit dem Computer per DU" – gleichzeitig Autobiographie und eine Geschichte des Computers – "das vermutlich erste Game, das je für eine Von-Neumann-Maschine programmiert wurde": ein Baseballspiel, das auf der 6600-Betriebssteuerkonsole lief. Wer es programmiert hatte, weiss er nicht, aber es stachelte die Operateure, Programmierer und das Wartungspersonal zu unzähligen Wettkämpfen an. Man muss es sich als eine Art Pong-Vorläufer vorstellen: Über die Konsolen-Tastatur wurden zwei Strichmännchen gesteuert, Pitcher und Schlagmann mit einem kleinen Punkt als Baseball.
Vom Wartungstechniker zum Systemprogrammierer
Ansonsten aber empfand Hans Bodmer seine Arbeit bald als "monoton", und er liebte schon immer Veränderungen, wie er sagt. Dann kam die Chance, ins Team der Programmierer zu wechseln. Weitere Ausbildungen bei der Control Data Corporation folgten, und aus dem Wartungstechniker wurde ein Systemprogrammierer. "Die spannendste Aufgabe war, das bestehende OS für den aufkommenden Bedarf der Computer-Netzwerke vorzubereiten, und der direkte Zugriff auf die CPU durch die Anwendungs-Programmierer."
Einbau des Systems CDC 6500/6400 an der ETH Zürich am 19. Juni 1970. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Comet Photo AG / Com_L19-0358-0003 / CC BY-SA 4.0
In seiner neuen Funktion kam Bodmer auch in Kontakt mit einem weiteren grossen Schweizer CDC-Projekt an der ETH Zürich. Im Juni 1970 kündigte die 'NZZ' die Ankunft des "grössten Computersystems der Schweiz" an und zeigte sich schwer beeindruckt von der 90 Kisten umfassenden, rund 60 Tonnen schweren Fracht, die in Kloten landete. 30 Millionen Franken kostete das System, dessen Kernstück eine CDC 6400 und 6500 bildeten. Bodmer war diesmal nicht bei der Installation und Wartung dabei, wurde aber gerufen, um einen Softwarefehler zu beheben, der zu Problemen beim Restart der Computer führte.
Der Flop einer Schweizer Grossbank
CDC war zu Beginn der 1970er-Jahre auf dem Thron der Supercomputer und rechnete mit weiteren Grossprojekten in der Schweiz. Doch es kam anders. Für das Projekt Union Bank Information System Concept (UBISCO) sollte das Unternehmen der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft ein millionenschweres System liefern. Doch CDC habe der Bank einen "Papiertiger" verkauft, so Bodmer. Die Maschinen der CDC-6000-Serie seien für kommerzielle Anwendungen äusserst ungeeignet gewesen. Im Oktober 1974 stoppte die Bankgesellschaft das Projekt. Es kam zu einem Streit bis vor Bundesgericht, die Millionen flossen nie. Schon zuvor hatte Seymour Cray das Unternehmen CDC verlassen und 1972 mit Cray Research eine eigene Firma gegründet.
CDC zog sich aus dem Geschäft mit Supercomputern zurück. Hans Bodmer blieb noch bis Ende der 1970er-Jahre bei der Corporation. Dann sei bei ihm die Erkenntnis gereift, dass es mit CDC insbesondere in der Schweiz "den Bach runtergehe". Er wechselte zu Prime Computer (PR1ME), die nicht mit grossen Kisten, sondern Mini-Supercomputern auftrumpfetn, wo er unter anderem als Software-Manager Westschweiz arbeitete.
Blickt er zurück, so war für ihn die Zeit bei der Control Data Corporation schlicht eine goldene: "Das waren die glücklichen Jahre mit einem sehr speziellen IT-Phänomen."
Hans Bodmer
Der heute 83-jährige Hans Bodmer entdeckte nach seiner Pensionierung die Lust am Schreiben. Sein Sohn wies ihn darauf hin, dass Bodmer auch unzählige IT-Geschichten zu erzählen habe. Seither hat er meist im Eigenverlag unter anderem die Bücher "Mit dem Computer per DU" und "Die anderen Computer Geschichten" veröffentlicht.