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Wie ist es möglich, dass ausgerechnet in New York ein sportlich erfolgloser Klub zum weltweit teuersten Hockeyunternehmen wird? Ganz einfach: indem die Vergangenheit zelebriert wird. Das könnten auch unsere Hockeyteams tun.
In 79 Jahren haben die New York Rangers gerade mal einen einzigen Stanley Cup geholt. Am 14. Juni 1994 im 7. Finalspiel gegen Vancouver (3:2).
Und doch sind die Rangers in New York Kult und wirtschaftlich erfolgreich wie weltweit kein anderes Hockeyunternehmen. Eine Geldmaschine, die jährlich rund 100 Millionen Dollar Gewinn ausspuckt, viermal mehr als der Liga-Durchschnitt. Das teuerste Hockey-Team des Universums mit einem Wert von 1,5 Milliarden Dollar. Der durchschnittliche Wert der NHL-Klubs beträgt rund 650 Millionen.
Eigentlich wollte ich «nur» das Spiel der Rangers gegen Carolina sehen. Vor allem wegen Nino Niederreiter, der jetzt mit Carolina die Liga rockt. Und mich hinterher mit ihm ein wenig unterhalten.
Aber das Spiel wird zur Nebensache. Die Rangers feiern vorher das 25-jährige Jubiläum ihres letzten Stanley-Cup-Siegs aus dem Jahre 1994. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Zum Glück war ich, wie üblich, gut zwei Stunden vorher da.
Es wird eine grandiose Show. Hühnerhaut. Die Emotionen überwältigen alle. Ab 18.00 Uhr werden die Helden von 1994 gefeiert. Die Arena ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Obwohl die Partie gegen Carolina erst um 20.00 Uhr beginnt.
Die Recken von 1994 schreiten, in einem Rangers-Dress natürlich, über einen roten Teppich in den Mittelkreis. Dort werden sie einzeln begrüsst und setzen sich nach und nach in einem Halbkreis. Auf dem Weg dorthin laufen sie durch ein Spalier von Fans.
Captain Mark Messier hält schliesslich die Ansprache. Es scheint fast, als müsse er mit den Tränen kämpfen, als er seine Rede hält. Der wohl charismatischste Leitwolf der Hockeygeschichte sagt, es habe damals keine Möglichkeit gegeben, dem Erwartungsdruck zu entkommen, endlich den ersten Stanley Cup seit 1940 zu gewinnen. «Ich habe nicht gewusst, dass der Madison Square Garden zwei Millionen Plätze hat. Seit 1994 haben mich mindestens zwei Millionen Menschen auf dieses Spiel angesprochen, die auch dabei waren …». Sie seien nicht eine Gruppe oder ein Team gewesen. «Wir waren eine Familie».
Nur einer lebt nicht mehr. Alexander Karpotsew hat sein Leben 2011 beim Absturz der Maschine mit dem Team von Jaroslawl verloren. Nun sind seine Frau und seine Tochter da. Brian Noonan fehlt auch. Er hatte an diesem Abend andere Verpflichtungen.
Und nun weiss ich, dass ich alt geworden bin. Ich habe diese Stars noch im Stadion gesehen. Mark Messier, Brian Leetch, Mike Richter, Esa Tikkanen, Glen Andersson, Adam Graves und Craig McTavish – und jetzt sind aus den Gladiatoren freundliche ältere Herren geworden. Einige schon grau.
Das Publikum ist hingerissen. Es ist, als würden die letzten 25 Jahre im Zeitraffer noch einmal an einem vorbeiziehen. Und ganz, ganz still wird es noch einmal, als vor dem Spiel, wie es der schöne Brauch ist, die Hymne gesungen wird. Beziehungsweise diesmal nicht gesungen wird.
Der Teppich ist ausgerollt. Das Scheinwerferlicht auf den Platz gerichtet. Aber niemand steht hinter dem Ständer mit dem Mikrofon. Die Hymne wird für einmal nicht live gesungen. Eingespielt wird John Amirante, der die Hymne damals am 14. Juni 1994 vor dem alles entscheidenden Spiel vorgetragen hat. Wie vor allen Partien zwischen 1980 und 2015. Er ist im April im Alter von 83 Jahren verstorben.
Die aktuellen Spieler der Rangers haben die ganze Zeremonie respektvoll von ihrer Spielerbank aus mitverfolgt. Sie verabschieden die Titanen von 1994 mit einem Händedruck.
Wahrlich, das ist wahre Sportkultur. So bekommt der Sport die soziale und politische Bedeutung, die ihm gebührt. Zur Würdigung der eigenen Geschichte und der alten Heroen gehört auch der Rückzug der Rückennummer. Die Leibchen hängen oben in der Arena, zusammen mit den Bannern, die von vergangenen Erfolgen künden.
Und was tun unsere Klubs? Hie und da werden ein paar Nummern zurückgezogen. Aber willkürlich, ohne Sinn und ohne Berücksichtigung der eigenen ruhmreichen Vergangenheit. Wessen Nummer ausgewählt wird, ist den Fans nicht ersichtlich. Die Selektion ist willkürlich und die Regeln dafür werden erst noch, wie beim SCB, nach Gutdünken, nach den Emotionen des Tages laufend verändert.
Es passt ins Bild, dass der SCB am 19. Januar eine wunderbare Idee, eine «Night of Champions» nicht noch besser umsetzt. Warum bloss eine viertelstündige Zeremonie für 100 Meisterspieler vor der Partie gegen Lugano? Warum nicht auch eine grosse Show schon ab 18.00 Uhr wie im Madison Square Garden? Warum nicht häufiger solche Events? Beispielsweise jetzt ein Jubiläum für die meisterlichen Titanen von 1989? Es gibt ja gerade in Bern viele meisterliche Jubiläen zu feiern. Mehr jedenfalls als im Madison Square Garden.
Mag sein, dass bei uns das Verständnis für solche Heldenverehrung fehlt. Aber warum eigentlich? Es gibt keine andere Stadt, in der Sportunternehmen ihre Geschichte, ihren Ruhm und ihre Giganten in unserem Land so gut feiern könnten wie Bern. Die Sporthauptstadt der Schweiz.
Der Brauch, die Heroen der Vergangenheit zu ehren, die eigene Geschichte zu zelebrieren, ist ja nicht bloss eine Frage des Respektes und der Sentimentalität. Er ist ein Teil des Sport-Geschäftes. Und je besser man das macht, desto lieblicher klingeln die Taler in der Kasse und desto geringer wird die Abhängigkeit von Erfolg und Misserfolg in der Gegenwart.
Das Spiel im Madison Square Garden haben die Rangers gegen Carolina übrigens 0:3 verloren. Nino Niederreiter spielt gut, trifft zwar nicht ins Tor, sorgt aber für viel Unruhe in der gegnerischen Zone.
Aber das Spielgeschehen interessierte die Zuschauer nicht mehr. Was ist denn schon eine solche Niederlage im Vergleich zum ewigen, unvergänglichen Ruhm von 1994?
Nichts.
Was wäre beispielsweise für den SCB ein Scheitern im Titelkampf 2019 im Vergleich zum ewigen Ruhm der meisterlichen Giganten von 1989?
Nichts.