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Ich sehe etwa 400 Filme pro Jahr, zwei Drittel davon im Kino, und werde deswegen von Freunden immer wieder gefragt, ob mir das Filmschauen nie verleide. Nein, lautet meine Antwort, im Gegenteil: «L'appétit vient en mangeant.»
Je mehr man über einen Regisseur oder eine Regisseurin weiss, desto grösser wird der Filmgenuss, weil man mit der Zeit eine Handschrift in einem Œuvre ausmachen und thematische Parallelen finden kann. Als Cinephiler ist man vom Wesen her einem Sammler verwandt: Man möchte möglichst alle Titel eines bestimmten Autors gesehen haben.
In Cannes sehe ich jeweils drei bis fünf Filme am Tag. Müsste ich nicht zwischendurch Artikel schreiben, könnte ich wohl auch noch einen sechsten schauen. Es gibt für mich allerdings ein Tabu: Spätvorstellungen um 22 oder 23 Uhr besuche ich nie, weil ich da oft einschlafe.
Gestern habe ich eine Ausnahme gemacht und mir vor Mitternacht noch «Western» (meine Wertung: 9/10) der deutschen Regisseurin Valeska Grisebach (*1969) angeschaut, der in der «Sektion Un Certain Regard» läuft (auf so einen Namen kommen nur Franzosen).
Aus zwei Gründen wollte ich den Film sehen: Erstens nahm es mich als Western-Fan wunder, wie eine Frau das Genre anpackt, und zweitens wurde der Film von Maren Ade produziert, die uns letztes Jahr mit «Toni Erdmann» den besten deutschen Film seit 30 Jahren beschert hatte.
Ade war dann auch da - zusammen mit dem Schweizer Michel Merkt, der ebenfalls als Produzent fungiert und allmählich zu einem Star seines Faches avanciert. Er hatte letztes Jahr gleich sechs Titel hier in Cannes und ist nun Mitglied jener Jury, die den Preis für das beste Erstlingswerk vergibt.
«Western» ist ein wunderbarer Film. Grisebach erzählt von ostdeutschen Büezern, die als Saisonniers in Bulgarien arbeiten, wo sie in der abgelegenen Natur ein Wasserwerk bauen sollen. Das Projekt ist zeitlich in Verzug und wird dadurch kompromittiert, dass es während des heissen Sommers an Wasser mangelt.
Zudem spüren die Kerle die Hormone und machen immer wieder bulgarische Frauen an, weshalb es zu Konflikten mit Männern des nahe gelegenen Dorfes und der lokalen Mafia kommt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des drahtig-muskulösen Mainhard (Mainhard Neumann), der aussieht wie Bruno Ganz vor 35 Jahren.
«Western» ist ein Film, wie er in der Schweiz wohl nie entstehen könnte: Reich an Stimmungen und schrägen Figuren, arm an dramaturgischer Handlungen. Die meisten Figuren werden von Laien verkörpert.
Es ist eine Comédie humaine mit westernartigen Showdowns. Die Regisseurin reflektiert nicht nur Mannsbilder, sie beleuchtet auch die Verständigungsprobleme in Europa, für einmal unter verkehrten Vorzeichen: Die Osteuropäer, die sonst oft die Migranten in westlichen Filmen geben, sind bei sich, die Westler zu Gast.
Und ich meine, langsam einem Trend auf der Spur zu sein: Kaum drehen deutsche Regisseurinnen im Osten, werden ihre Filme richtig gut. Erst Maren Ade in Rumänien, nun ihre Kollegin Grisebach in Bulgarien.
Heute morgen nahm ich an einem Screening der peinlichen Art teil: In der Salle Lumière wurde «Okja» des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon Ho gezeigt. Es ist die erste von zwei Netflix-Produktionen im Rennen um die Goldene Palme.
Und den Ewiggestrigen auf den billigen Plätzen im Balkon kam nichts Dümmeres in den Sinn, als beim Netflix-Logo zu pfeifen und zu buhen.
Peinlich ist das, weil Netflix nicht etwa der Totengräber der Filmkultur ist, wie manche Verleiher und Kinobesitzer behaupten, sondern ein grosszügiger Förderer von Filmkultur - mehr dazu dann in der nächsten «NZZ am Sonntag.»
Peinlich war die Vorstellung auch, weil der Vorhang nicht ganz hochgezogen wurde und rund einen Fünftel des Bildes verdeckte. Die Folge: Das Publikum buhte und klatschte. Doch die Organisatoren erlösten uns erst nach 10 Minuten und starteten den Film dann ein zweites Mal - diesmal mit dem vollen Bild auf der Leinwand.
Unglaublich, dass am wichtigsten Filmfestival der Welt ein solcher Lapsus passiert. Der Operateur müsste einmal einen Kurs im Winterthurer Kino Loge nehmen. Dort habe ich während des Studiums als Aushilfsoperateur gearbeitet. So etwas wäre uns nie passiert! Aber vielleicht war es ja gar kein Lapsus.
Ein Filmkritiker aus Paris versicherte mir beim Verlassen der Salle Lumière, die Panne sei hundertprozentig eine Sabotageaktion gegen Netflix der französischen Kinobetreiber gewesen, die ja gegen die Aufnahme von Filmen des Streaming-Giganten protestiert hatten.
Und der Film? «Okja» ist amüsant und kurzweilig. Tilda Swinton verkörpert in einer Doppelrolle Schwestern, die ein amerikanisches Biotech-Unternehmen leiten. Sie züchten genmanipulierte Riesenschweine und veranstalten dann eine vom exzentrischen Johnny Wilcox (Jake Gyllenhaal) moderierte TV-Show, in der das beste Super-Vieh gekürt werden soll.
Eine Gruppe von Tierschützern um Jay (Paul Dano) will ihnen das Handwerk legen. Der von Brad Pitt produzierte Film schlägt ein flottes Erzähltempo hat, hat E.-T.-hafte Jö-Momente und eine zeitgeistige ökologische Botschaft: Quält Tiere nicht, und esst kein Fleisch. Ein guter Hollywood-Ersatz und ein Farbtupfer im Programm.