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Für den Monte Verità bedeuteten die "Naturmenschen" gleichermassen Attraktion wie Abschreckung. Die erste selbständige Veröffentlichung über ihn, die 1904 erschien, geschrieben von Adolf Grohmann aufgrund von eigenen Besuchen und einem Briefwechsel mit den Bewohnern und Bewohnerinnen des Monte Verità, trägt den Titel Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin.
Im November 1906 erschien in der Zeitschrift Gesundheit folgender Hinweis:
Der Leiter und Besitzer der Naturheilanstalt Monte Verita bei Ascona, Herr Henri Adenkown-Hofmann [sic!], gibt zur Eröffnung seiner Winterkursaison bekannt, daß die vielen Zeitungsberichte über eine Kolonie Vegetarier oder Naturmenschen am Monte Verita oder dessen Umgebung am Lagio Maggiore auf einem Irrtume beruhen, jedenfalls mit seiner Heilanstalt nicht zu tun haben, die allein den Namen Monte Verita trägt. Diese Berichte und Plaudereien befassen sich oft mit einigen wenigen zerstreut lebenden Deutschen, die in Tracht und Lebensgewohnheiten recht rückständig sind und fälschlich Vegetarier genannt werden. Mit dem Monte Verita stehen diese Menschen in keinem Verkehre. Der Monte Verita ist durchaus modern best eingerichtet und für den Winterkurbetrieb neu eröffnet.
1909 erschien in derselben Zeitschrift in Fortsetzungen Eine Schweizerreise im Naturkostüm, unternommen von ihrem Begründer und Redakteur Theodor Stern zwei Jahre davor. Darin bestätigt er: "Ascona besitzt für Naturmenschen und Vegetarier eine besondere Anziehungskraft und die ganze Gegend wimmelt von dieser Menschenklasse, von denen sich manche ständig hier niedergelassen haben." ((Gesundheit, 10. Jahrg., 17. August 1909, Nr. 16, S. 194f.))
Ikonographische Vorbilder
Lukas Cranach: Familie der Naturmenschen,
um 1528. Privatsammlung.
Die Naturmenschenfamilie Kochner
aus Hamburg auf dem Spaziergang.
Ikonographische Vorbilder für den "Naturmenschen" stellen Bilder wie Lukas Cranachs "Familie der Naturmenschen", die auch als "Familie antiker Halbgötter oder der Urmenschen" bezeichnet wird, und "Das Goldene Zeitalter" aus dem 16. Jahrhundert dar. Ähnlich wie bei vielen Ansätzen der Lebensreform schwingt auch hier einerseits durch die Rückwendung zu einer Vorzeit paradiesischer Unschuld, andererseits durch den Hintergrund humanistischer Aufklärung, durch Vorstellungen vom ursprünglichen Leben, überlagert vom Bildungsgut antiker Mythen, und ihre künstlerische Formulierung mit gelehrten Metaphern und Verweisen die ebenso liebenswert weltfremde wie vor allem auch widersprüchliche Mischung jeder rückwärtsgerichteten Utopie mit.
Lukas Cranach: Das Goldene Zeitalter,
um 1530.
Eurythmie auf dem Monte Verità.
Massenaufmarsch der Naturmenschen
|[caption id="attachment_220" align="alignleft" width="300" caption="Gartenarbeit beim Lichtluftbaden im Männerpark."][/caption]||[caption id="attachment_222" align="alignright" width="273" caption="Fidus: Spatenwacht."][/caption]|
Gustaf Nagel
Gustaf Nagel war nicht nur die exemplarische Verkörperung der für die Lebensreform bedeutungsvollen Figur des "Naturmenschen“, sondern verhalf dieser auch zu ihrer Popularität. So berichtet Ida Hofmann vom Besuch der Bayreuther Festpiele im August 1904:
Die Stimmung in welcher ich mich dem langersehnten Ziele, dem freier Kunst bestimmt gewesesenen Boden nähere, ist begreiflich gehoben. Das rege Getriebe am Bahnhof, Verkäufer von allerhand Festprogrammen mit ihrem anpreisenden Geschrei stimmen schlecht dazu. Rufe von „Gustaf Nagel“, die Henri gelten, werden dazwischen hörbar. Herr Hager, der rührige Vorstand des Lichtluftbades Bayreuth, führt uns zu dem für unsere nächtliche Unterkunft freigestellten Luftbad und um ½ 4 befinden wir uns unter der vielköpfigen Menge, welche sich vor dem Beginn der Aufführungen und in den Zwischenakten auf dem Festhügel bewegt. Ein flüchtiger Blick auf ihn genügt, um zu erkennen, dass Bayreuth den meisten Besuchern als Modesache gilt. Man bemerkt grossen Luxus der Toilette, insbesondere die Hüte der Damen weisen geradezu Momumentalbauten auf.Der "Naturmensch“, wie Gustaf Nagel oder auch Gusto Gräser ihn „kultivierten“, war sowohl ein Sonderling wie auch Verkünder und Vorbild eines einfachen, ursprünglichen Lebens und allein schon durch seine Erscheinung eine Art Heiliger, ein edler Wilder unter umgekehrten Vorzeichen, nämlich Austeiger aus dem bürgerlichen oder grossbürgerlichen Leben. Die Wandlung, die der "Naturmensch" und seine Idylle vom Beginn des 20. Jarhunderts bis zur "Spatenwacht" von Fidus (vgl. Uralt-arische Bodenbetreuung) durchgemacht hat, ist offensichtlich: Der "Naturmensch" ist zur mehr oder weniger gleichgestalteten und vollkommen gleichgeschalteten, austauschbaren Figur geworden. Die geometrisch konstruierte Ornamentik der Komposition, ihre strenge Symmetrie und die ins Unendliche fortgesetzte Formation der Spatenwächter erinnert unweigerlich an die Choreographie der Massenaufmärsche der Nationalsozialisten. Aus der friedlichen Gartenarbeit, wie sie eine Karte des Monte Verità zeigt, ist die ebenso heroische wie letzlich absurde Verteidigung des Bodens gegen einen imaginären Feind geworden: Dieser wird auf dem Bild nicht gezeigt beziehungsweise scheint durch die direkte Konfrontation der Betrachter oder die Betrachterin des Bildes zu sein. Oder auf einer anderen Ebene: Die gezeichnete Propagandatruppe steht bedrohlich oder zumindest abwehrend der realen Welt gegenüber. Auch wenn Fidus das wohl kaum so gemeint haben mag. Eurythmie auf dem Monte Verità (ganz links Henri Oedenkoven, rechts von ihm Ida Hofmann). *Lukas Cranach: Das Goldene Zeitalter, um 1530. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München.*
- Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Referate und Skizzen, Verlag von Carl Marhold, Halle a. S. 1904. Auch herausgegeben als Faksimile und mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Hanspeter Manz, Ascona 1997.
- Gesundheit, 7. Jahrg., 17. November 1906, Nr. 25, S. 328.
- Hofmann, Monte Verità, S. 82 f.