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Heute vor 400 Jahren begann die Sklaverei in Amerika. Am 20. August 1619 erreichten die ersten afrikanischen Sklaven die britische Kolonie Jamestown in Virginia.
Die Folgen sind bis heute spürbar. Sie haben auch Spuren in unserem Sprachgebrauch hinterlassen. Wie die Bezeichnung von «schwarzen» und «weissen» Menschen entstanden ist und wie uns diese Kategorisierung bis heute prägt, weiss der Historiker Harald Fischer-Tiné.
Harald Fischer-Tiné
Geschichtsprofessor
Harald Fischer-Tiné ist Inhaber der Professur Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich. Seine Forschungsinteressen sind Transnationale- und Globalgeschichte, Wissensgeschichte, Geschichte von Kolonialismus und Imperialismus.
SRF: Hellhäutige Menschen als «weiss» zu bezeichnen, wirkt auf viele natürlich. Wahrscheinlich vor allem auf die meisten weissen Menschen. Was hat der Begriff «weiss» mit Sklaverei zu tun?
Harald Fischer-Tiné: Man kann das historisch zurückverfolgen in die Zeit des Kolonialismus. Vor allem im Kontext der Plantagenkolonien, wo man auf die Ausbeutung von Sklaven angewiesen war, gab es die ersten massiven Versuche, diese Weissheit zu definieren und zu kodifizierten.
Wie wurde diese Weissheit definiert?
Da spielten zwei Dinge eine Rolle. Die meisten Plantagenbesitzer hielten sich für gute Christenmenschen. Dass man diese Art von Gewalt und Ausbeutung gegenüber Sklaven ausübte, brauchte eine gewisse Rechtfertigung.
Wenn Sie diese Farbkodierung heranziehen, die ihnen hilft zu erklären, dass das minderwertige Menschen oder Lebewesen an der Schwelle zwischen Affe und Mensch sind, ist diese Gewalt moralisch eher zu rechtfertigen.
Es geht selten um schwarz-weiss. Es geht häufiger um weiss und nicht-weiss.
Und da wäre die politische und wirtschaftliche Konkurrenzsituation: Im 17. und 18. Jahrhundert kamen immer mehr farbige oder nicht weisse ehemalige Sklaven selber zu Reichtum, gelangten zu Bildung und konvertierten zum Christentum.
Das hatte zur Folge, dass alle anderen Ausschlusskriterien, welche die europäischen Plantagenbesitzer absetzten, nicht mehr funktionierten. Im Zuge dessen gewann diese Farbkodierung eine immer stärkere Bedeutung.
Welche der Kategorien wurde zuerst ausdifferenziert?
Es ging selten um «schwarz-weiss». Es ging häufiger um «weiss» und «nicht-weiss». In fast allen diesen Systemen, vor allem in diesen Plantagen, gab es den Begriff der «farbigen Kreolen», «Mestizen» und «Gens de couleur».
Es sind gerade Leute dieser Zwischenkategorien, die das Wahlrecht besassen, die selber Plantagen oder sogar Sklaven besassen und damit zur Konkurrenz wurden.
Wie fest umrissen war die Kategorie des Weissen? Gab es eine konkrete Definition?
Die war sehr beliebig. Am Anfang spielte es keine Rolle. Da waren es Bildung oder Religionszugehörigkeit, die ausreichten, um Abstand zu schaffen.
Je ähnlicher, je bedrohlicher diese Zwischenkategorien der Farbigen wurden, desto stärker bemühte man sich, die klare Definition herzustellen. Aber auch die haben sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert.
Die Farbcodes besitzen immer noch grosse Wirkkraft.
Die einzige Konstante dieser Kategorie des Weiss-Seins ist also: Man will die Menschen ausschliessen, die einem nicht passen.
Genau. Es geht letztlich um das Wahren von Privilegien. Diejenigen, die bedrohlich sind, werden ausgegrenzt.
Wie sehr prägt diese Bezeichnung von den weissen Menschen bis heute unser Denken?
Die Farbcodes besitzen immer noch grosse Wirkkraft. Zum einen politisch: Noch immer glauben viele Menschen an die White Supremacy – diesen arischen Mythos einer überlegenen weissen Rasse – und versuchen daraus politisches Kapital zu schlagen.
Zum anderen kulturell, wenn etwa im klassischen Theater Rollen mit farbigen Schauspielern besetzt werden und man im Kopf hatte, dass etwa Faust natürlich ein weisser Mann sein müsste.
Das Gespräch führte Katharina Brierley.
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