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Francisco Herrera bestellt sein Getränk nach wie vor auf Englisch. Überlebens-Tschechisch, die wichtigsten paar Wörter, das sei alles, was er nach gut drei Jahren in Prag spreche, sagt der 35-jährige Spanier. Er ist letztlich wegen zwei Zahlen hier. Die eine ist zwei Prozent – so tief ist die Arbeitslosenquote in Prag.
Die andere ist 22 Prozent – die Arbeitslosenquote in seiner südspanischen Heimat. Als er das Betriebswirtschaftsstudium fertig hatte, war für ihn klar: Zuhause würde er keine gute Stelle finden.
«So habe ich begonnen zu recherchieren, welche europäische Stadt mir punkto Arbeitsmöglichkeiten, Sicherheit und Lebenskosten am meisten bietet», erzählt er. «Ich kam zum Schluss, dass Prag meinen Bedürfnissen am besten entspricht.» Deutschland, die Niederlande oder die Schweiz – alles Länder, in denen er mehr verdienen würde – schloss Herrera aus.
Es herrscht Fachkräftemangel
Dort wäre es ohne Sprachkenntnisse viel schwieriger gewesen, einen Job zu finden, als hier in Tschechien, ist er sicher. «Ich hatte ein Jobinterview per Skype. Die Firma stellte mich sofort ein. Und so hatte ich bereits einen Job als Buchhalter, als ich nach Prag zog.» Was es Herrera leicht gemacht hat, in Tschechien einen Job zu finden, sind die fehlenden Arbeitskräfte.
Eine Firma, die ich kenne, suchte in Griechenland Maschinenbauer. Aber den arbeitslosen Griechen war der tschechische Winter zu kalt.
Das sei das grösste Problem, sagt Radek Spicar. Der Unternehmer stellt Katzen- und Hundefutter her und ist Vizepräsident des Industrieverbands. «Die tschechischen Firmen können das Wachstum nicht richtig nutzen. Viele können ihre Lieferverträge nicht einhalten, weil sie nicht genug Leute haben.»
Tiefe Löhne schrecken ab
Zwar wandern seit sechs Jahren etwas mehr Menschen nach Tschechien ein als aus. Aber bei einem Ausländeranteil von nur fünf Prozent ist es für tschechische Firmen dennoch schwierig, geeignetes Personal zu finden. Immer mehr Unternehmen versuchen daher, in Südeuropa, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, Leute anzuwerben. Aber sie erhalten oft einen Korb.
«Eine Firma, die ich kenne, suchte in Griechenland Maschinenbauer», so Spicar. «Aber den arbeitslosen Griechen war der tschechische Winter zu kalt.» Ein weiterer Grund für die Absagen dürften die tiefen Löhne sein: Sie sind in Tschechien nicht halb so hoch wie in Deutschland. «Unser Problem ist, dass wir noch immer eine Billigökonomie sind», so der Unternehmer.
Die meisten Firmen in Tschechien seien nur Zulieferer. Und weil die grossen Gewinne bei den Konzernen im Ausland blieben, seien die Löhne vergleichsweise tief. Um auf weniger Personal angewiesen zu sein, investieren tschechische Unternehmen derzeit viel in Roboter.
Keine Mentalitätsunterschiede
Für Spicar ist das ein positiver Nebeneffekt des Arbeitskräftemangels: «Wir müssen bei der Digitalisierung und Automatisierung vorwärts machen, ansonsten gerät Tschechiens Wirtschaft in Schwierigkeiten», ist er überzeugt.
Ein Vorteil von Robotern sei zudem, dass sie keine Mentalitätsunterschiede kennen würden. Denn die Arbeitsdisziplin sei bei Arbeitskräften aus Südeuropa ein Problem, glaubt Spicar.
Es heisst immer, wir Spanier arbeiten wenig, kämen immer zu spät. Dabei sind wir fleissiger als die Leute von hier.
Der Zuwanderer Herrera kann das nicht mehr hören: «Es heisst immer, wir Spanier arbeiten wenig, kämen immer zu spät. Dabei sind wir fleissiger als die Leute von hier.» Die Tschechen wiederum empfindet er als kalt und unfreundlich. Und doch ist er froh um die Möglichkeit, in Tschechien zu arbeiten, und der tschechische Arbeitgeber ist froh um den spanischen Buchhalter.