Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03185.jsonl.gz/2306

Soziale Sicherung: Eigennutz contra Solidarität?
Soziale Sicherung: Eigennutz contra Solidarität?
Eine der Kernfragen politischer und sozialer Theorie hat mit der Sorge um den Zusammenhalt und das Gedeihen der menschlichen Gesellschaft zu tun. Die Tatsache der Pluralität der Menschen mit ihren ungleichen Möglichkeiten und Befähigungen zur Selbstorganisation des Lebens, zugleich aber mit den gleichen Grundbedürfnissen schafft ein Geflecht von Abhängigkeit und Verantwortung, dessen Dynamik sich entweder auf grössere Polarisierung der Ungleichheit der Lebensbedingungen oder auf grössere Harmonie, auf grösseren sozialen Ausgleichs hin ausrichtet. Ob das Gesetz dieser Dynamik durch den Gegensatz – oder den scheinbaren Gegensatz oder die Vereinbarkeit, ja sogar Harmonie – von Eigennutz und Solidarität resp.sozialer Gerechtigkeit bestimmt werde, entscheidet auf massgebliche Weise über die Lebensqualität und die Entwicklungsmöglichkeiten der jeweils schwächeren Mitglieder der Gesellschaft. In der Realität zeigt sich dies auf vielfältige Weise – vom Schulwesen zur Regelung der Arbeitssicherung resp. Arbeitslosenversicherung zum ganzen Spektrum der Sozialversicherungen, zur Art und Weise der Fürsorgeleistungen Einheimischen und Fremden gegenüber, zu den Steueransätzen, deren Begründung und Erhebung, zur Verteilung der öffentlichen Finanzen (zum Beispiel soziale Sicherheit versus Militärausgaben versus Beiträge zur Entwicklungshilfe), zur Aussenwirtschaftspolitik etc.
Die theoretische Auseinandersetzung darüber hat nicht nur Nationalökonomen, sondern auch die grossen Philosophinnen dieses Jahrhunderts fasziniert, zum Beispiel Roas Luxemburg (bezüglich der Frage der Akkumulation des Kapitals – s. ihr Buch von 1912 – resp. der Verteilung des Mehrwerts), oder Simone Weil (bezüglich der Aufhebung von Entfremdung / “Entwurzelung” durch die prioritäre Respektierung und Erfüllung der je gleichen Grundbedürfnisse, s. L’Enracinement von 1943) oder Hannah Arendt (bezüglich der Befähigung zu einer gleichen Partizipation an den politischen Entscheiden zum Zweck der Verhinderung von Herrschaft, s. The Human Condition von 1958/ Vita activa von 11971). Hannah Arendt hat in diesem Zusammenhang die Theorien der zwei grössten Antagonisten, Adam Smith und Karl Marx, verglichen und hat festgestellt, dass bezüglich des Ziels, nämlich bezüglich der anszustrebenden und zu realisierenden gesellschaftlichen Rationalität des Zusammenlebens die liberale und die sozialistische Theorie sich in grosser gegenseitiger Nähe zueinenander befinden.
Der Theoretiker des Eigennutzes, Adam Smith, hat mit seiner 1759 erschienenen “Theory of moral sentiments” genau hundert Jahre vor dem Theoretiker des gesellschaftlichen Ausgleichs Karl Marx (dessen “Kritik der politischen Ökonomie” 1859 erschien) festgehalten, dass Gerechtigkeit im Interesse der gesamten Gesellschaft eine absolute Erfordernis ist, nicht Wohltätigkeit, sondern Grechtigkeit, nicht in der Gesinnung, sondern im Erfolg, messbar an der grösseren Ausgeglichenheit, Spannungsfreiheit und damit Produktivität der Gesellschaft – Gerechtigkeit mithin als Funktion des Eigennutzes.
Mir scheint, dass im heutigen Zeitpunkt grosser Komplexität und scheinbarer Unvereinbarkeit der Bedürfnisse unserer Gesellschaft, im Zeitpunkt scheinbaren unversöhnlichen Auseinanderdriftens der Gesellschaft in eine kleine Gruppe reicher und immer reicherer Privilegierter (betreffend Kapital, Effizienz und Freiheit), die ungefähr 2% der Gesamtbevölkerung ausmachen, und in die grosse Gruppe jener, die 98% ausmachen und ums Überleben kämpfen, die Frage der Vereinbarkeit von Eigennutz und Solidarität dringend neu gestellt werden müsste in Hinblick auf die Formulierung innovativer, emanzipatorischer Ansätze zur wirklichen Reduktion der zunehmend handlungslähmenden Komplexität. Dabei ist es unverzichtbar, denke ich, ein zentrales kapitalistisches Konstrukt in Frage zu stellen: den Warencharakter der Zeit. Mit anderen Worten: es geht um die Forderung einer Neudefinition des Wert des Zeit, resp. um die Aufhebung der Monetariserung der Zeit nach Kriterien des Markts – eine revolutionäre Forderung, die sowohl existenzphilosophisch wie ökonomisch aufs vernünftigste zu begründen ist.
Die Forderung selbst ergibt sich aus der Unerträglichkeit, dass die “Zeit” auf ungleiche Weise Wert besitzen soll; jene der Asylsuchenden und Flüchtlinge, der alten Menschen und der Kinder keinen, jene von ungelernten Arbeiterinnen und Arbeitern einen sehr geringen, jene von Generaldirektoren schweizerischer Grossbanken, zum Beispiel, oder von Marketingspezialisten internationaler Konzerne etc. einen schier unbezahlbaren Wert. Diese ungleiche Zeitwertung ist Ursache grösster Ungerechtigkeit, grössten Selbstwertverlustes und grösster Entfremdung, grösster Desintegration und Verlorenheit, eventuell Ursache von kollektiven Fanatisierungen und Gewalt.
Die erste Begründung der Forderung ist existenzphilosophisch: Sie beruht auf der gleichen Tatsache der ungleichen Befristetheit jeder Existenz und des gleichen Auftragsverhältnis des Subjekts zu dieser Frist in Hinblick auf Sinngebung. Diese erfüllt sich in der Erfüllung der verschiedenen Verhältnisse – im Verhältnis zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Natur und damit zur Arbeit, zur Transzendenz. Diese Verhältnisse sind gewissermassen Gestaltwerdung der Grundbedürfnisse und damit Ausdruck für die bestehende oder nicht bestehende Übereinstimmung von Grundbedürfnissen und tatsächlichen Rechten.
Die zweite Begründung der Forderung ist ökonomisch: Die Tatsache der schwindenden Arbeit, der zunehmenden Anonymisierung des Kapitals, der zunehmenden Herrschaft polarisierender Technologie sowohl im Bereich der Produktion wie der Kommunikation, der wachsenden Menge arbeitsloser und damit fürsorgeabhängiger, nur noch fremdbestimmter Menschen macht eine Korrektur der aus allen diesen Resultaten der Moderne erwachsenden Ungleichheit notwendig. Mein Vorschlag ist: die Reduktion der bezahlten Arbeitszeit für alle arbeitsfähigen Erwachsenen auf 30% der gesamten Zeit, die Einführung einer obligatorischen Sozialzeit von 30%, sodann die Verfügbarkeit der restlichen 40% für Spiel, Freundschaft, Weiterbildung etc – für Zwecke des – auch geistigen, emotionalen, persönlichkeitsdefinierten – Eigennutzes.
Das Modell ist zu diskutieren.