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Wohnquartier an der Peripherie
Erste Bebauungspläne für das bis weit ins 20. Jahrhundert landwirtschaftlich genutzte Tal im Osten der Stadt Luzern wurden bereits 1923 durch den Stadtrat genehmigt. Die Idee für eine Gartenstadt auf dem Würzenbachdelta blieb jedoch genauso auf dem Papier wie die amtlichen Bemühungen am Sonnenhang ein locker bebautes, von Höhenwegen und Grünzügen durchzogenes Quartier zu entwickeln. Die wenigen Festlegungen in der 1954 endlich bewilligten Bauordnung erinnern nur noch schwach an die zwei Jahre zuvor im Bebauungsplan der Architekten Emil Jauch und Walter H. Schaad eingeschriebene Absicht im Würzenbach ein attraktives und modernes Wohnquartier zu entwickeln.
Während sich in den späten 70er-Jahren zahlreiche Wohnbauten in rasantem Tempo vom See her an den steilen Südhang des Würzenbachtals drängten, haben die Gebrüder Lustenberger am Standort ihres Gutshofs in Vorderwürzenbach die Voraussetzungen für die Entwicklung eines Quartierzentrums gelegt. Als grösste der fünf Grundeigentümer im Tal stellten sie zentrale Parzellen zu attraktiven Konditionen für die Kirche, die Schule oder ein kleines Einkaufszentrum zur Verfügung. Architektonisch herausragende Einzelereignisse wie die Betonlandschaft der Katholischen Kirche von Walter M. Förderer oder die unkonventionellen Wohnbauten von Joseph Gasser blieben jedoch die Ausnahme. Serielle Zeilen prägen das Quartier, wobei die Gebäudedimensionen Talaufwärts wachsen, während sich die Platzverhältnisse laufend enger gestalten.
Vorderwürzenbach
Eigenständig und etwas sperrig thematisieren zwei bemerkenswerte Bauten ihre Stellung am Hangfuss auf unterschiedliche Weise. Das Wohn- und Geschäftshaus an der Würzenbachstrasse 17 schmiegt sich an den Hang und tritt trotz beachtlichem Bauvolumen nirgends als mächtiges Gebäude in Erscheinung. Während sich die vorgelagerte zweigeschossige Ladenpassage zum Quartier hin orientiert, sind die terrassierten Wohnungen über den auf die Schädrütistrasse gerichteten ebenerdigen Hof im vierten Obergeschoss erschlossen. Im Gegensatz dazu bilden die expressiven Betongebilde der St. Johanneskirche gleich nebenan ein verwinkeltes Wegsystem, das über Treppen und Plätze mitten durch die Anlage führt. Joseph Gasser und Walter M. Förderer gelingt es, durch die Einbettung ihrer Gebäude in die Topografie Orte von besonderer Qualität zu generieren. Sowohl das winkelförmige Terrassenwohnhaus mit vorgelagertem Einkaufszentrum als auch das Ensemble der Kirche St. Johannes definieren den öffentlichen Raum durch ihre räumliche Präsenz mit. Die Gebäude sind konstituierender Bestandteil des Quartiers.
Zwei Mehrfamilienhäuser von Joseph Gasser die in Form und Grundrisskonfiguration den aktuellen Architekturdiskurs aufnahmen trugen zum neuen Lebensgefühl im jungen Quartier am Stadtrand bei. An der Kreuzbuchstrasse 65 sind jeweils vier sogenannte Balkonwohnungen um das elliptische Treppenhaus angeordnet. Dimension und Konfiguration der Grundrisse weisen Einfamilienhausqualitäten auf. Im bereits erwähnten Terrassenhaus an der Schädrütistrasse beeindrucken die konsequent einseitig zur Sonne ausgerichteten Wohnungen mit den ebenfalls sehr grossen vorgelagerten Balkonen.
Apartmenthaus am Sonnenhang
Das neue Apartmenthaus an der Würzenbachmatte 6 ist über einen ebenen Vorplatz der sich in die Eingangshalle erweitert an die ansteigende Strasse angebunden und erhält somit einen angemessenen Ankunftsbereich. Die Eingangshalle mit zusätzlich möglichen Nutzungen für das Kollektiv, wir denken an gemeinschaftliche Feste, Kindergeburtstage, einen Billardtisch, aber auch an zusätzlich mietbare Büros oder Coworkingspaces, welche die Wohnsituation der Familien erweitern und ein stimmiges Zuhause bieten.
Mit der Querstellung des Gebäudes wird die nur durch das dreischenklige Nachbargebäude unterbrochene Gebäudezeile auf der südlichen Strassenseite weitergeführt. Die in der Höhe gestaffelte Gebäudevolumetrie und die kleinteilige Ausbildung der Gebäudeenden nimmt die Massstäblichkeit der Nachbarliegenschaften auf. Inspiriert vom eigenständigen, aus ihrer Zeit entwickelten Charakter der Wohnbauten von Mangiarotti und Morasutti (Condominio Via Quadronno, Mailand) und Sep Ruf (Wohnanlage mit Läden und Ateliers, Habsburgerplatz, München) stellt sich das Apartmenthaus an der Würzenbachmatte 6 in die Reihe eigenwilliger Einzelbauten in Voderwürzenbach. Ein feingliedriges Netz aus horizontalen Elementen mit integrierten Holzrolläden und vertikalen, dünnen und tragenden Metallstützen verleiht dem Gebäude eine heitere Leichtigkeit, welche im Zusammenspiel mit den Ästen der Bäume der durchgrünten Landschaft einen farblichen und strukturellen Dialog aufbaut.
Neben der Besonnung sämtlicher Wohnzimmer auf der Südseite prägt auch die Grundrisskonfiguration «von Fassade zu Fassade» oder hier in der Würzenbachmatte 6 «von Balkon zu Veranda» die Wohnungen. Wie das Haus K. von Lux Guyer wendet sich die Hauptseite der Talseite zu, während die Strassenseite mit dem Vorplatz einen adressbildenden, etwas persönlicheren Charakter erhält. In Anlehnung an das «Rebhaus» in Itschnach, ebenfalls von Lux Guyer, welches mit Schiebe- und Flügeltüren unterschiedliche Raumsituationen zu erzeugen vermag, soll z.B. der kurze Korridor zwischen Bad und Schlafzimmer dem Badzimmerraum zugeschlagen werden können. Von beiden Seiten individuell zugänglich, wird die Raumsituation so im täglichen Leben unterschiedlich nutzbar. (Siehe auch Möbilierungs- und Belegungsvariante 1:100).
Die Raumerweiterung findet durch grosse Veranden im Süden und in den beiden Kopfbauten ihren funktionalen Abschluss. Diese «Jahreszeitenzimmer» bieten in den Übergangszeiten von Frühling und Herbst sowie im Sommer eine willkommene zusätzlich nutzbare Fläche und schützen die Wohnzimmer vor der hochstehenden Sonne.
Freiraum
Das Appartementhaus liegt in einem sanften, sich von der Stadt Luzern nach Osten erstreckenden Taleinschnitt. Geprägt und begleitet wird die Situation des südorientierten Hanges im Quartier von zwei flankierenden, höher gelegenen Waldflächen im Norden und am Gegenhang im Süden. An der tiefsten Stelle mäandriert der Gewässerraum des Würzenbachs mit seinem Einzugsgebiet der umliegenden Landschaft, die sich bis zum höher liegenden Adligenswil im Osten erstreckt. Der Talbach, im kantonalen Gewässerplan auch Wildsau-Tobelbach genannt, fliesst beim Verkehrshaus der Schweiz unmittelbar angrenzend an das Strandbad Lido in den Vierwaldstättersee. Der fussläufige Würzenbachweg begleitet den Wasserraum im Taleinschnitt bis zum See. Das in die ansteigende Topografie eingebettete Gebäude liegt direkt an der Peripherie dieses natürlichen Verbindungstranges zwischen Adligenswil und den Gestaden am See, ist somit ideal fussläufig erschlossen und verbunden mit den attraktiven Orten der Stadt Luzern und profitiert freiräumlich von seiner gewachsenen Umgebung. Zwischen Würzenbachmatte und Würzenbachstrasse gelegen, liegt der Baukörper parallel zum mittig verlaufenden Gewässerraum und ordnet sich massstäblich in die Quartierstruktur ein. Es entsteht einerseits eine klare Adressierung am Strassenraum der Würzenbachmatte vis-à vis dem kraftvollen Bauwerk der katholischen Kirche und andererseits eine zweite Ausrichtung mit freier Partizipation am Naturraum des Taleinschnitts mit seinem bachbegleitenden natürlichen Gehölzsaum in Richtung Süden. Ein zum Strassenraum hin mural gefasster und begrünter Hof mit Plattenbelag eröffnet den grosszügigen Zugang zum Gebäude auf Erdgeschossniveau. Die Aussenwelt verbindet sich dabei als räumliche Einheit mit den flexiblen Nutzungen der Innenwelt und bietet eine attraktive Ankunftssituation. Die zum Würzenbach abfallende Hangsituation bildet mit einer naturnahen, extensiv genutzten Wiesenflora mit eingefügten Hochstaudenfluren den gut besonnten Landschaftsraum als Aussichtsfenster für die Bewohner gegen Süden. In das Gebäude integrierte, private Gartensitzplätze und Lauben profitieren vom unmittelbaren Bezug zum Naturraum. Eine sekundäre Durchwegung verbindet die Würzenbachmatte zum Würzenbachweg und dem Gewässeraum.
Freiräumlich sind die gebäudenahen Aussenräume kontrolliert und ökonomisch in das architektonische Konzept des Gebäudes eingebunden. Die Positionierung und Staffelung des Baukörpers ermöglicht als Mehrwert die weitere, visuelle Partizipation der Nutzer an der umgebenden, freiräumlichen Szenerie. Die fussläufige Verflechtung mit dem Würzenbachweg und dem Gewässerraum verbindet das Grundstück zum See.