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© Tages Anzeiger; 5.11.2003
Rubrik: Gesellschaft
BABYS AUF BESTELLUNG
Nach der Quotenfrau und dem Quotenmann kommt nun das Quotenkind. Eltern lassen das Geschlecht ihres Kindes mit einer Maschine vorbestimmen, die Chromosomen aussortiert.
von Sabine Windlin
Nicole, 35, hat ein Mädchen und würde sich freuen über ein zweites. Lea, 33, hat einen Jungen und möchte jetzt gerne ein Mädchen. Priska, 34, hat ein Mädchen und wäre glücklich, auch einen Jungen zu haben.
Dass sich Mutter Natur nicht um die elterlichen Präferenzen beim Kindsgeschlecht kümmert, wissen die hoffnungsfrohen Frauen. Sie lassen sich überraschen. Die Wahrscheinlichkeit, ein Mädchen oder einen Knaben zu zeugen, sind praktisch gleich gross.
Nicht so am Genetics and I.V.F. Institute der amerikanischen Fruchtbarkeitsklinik Fairfax. Dort dürfen Eltern selber über ein Baby in Hellblau oder Rosa entscheiden - dank einer Wundermaschine namens Microsort. Sie separiert zuverlässig Samenzellen mit dem X-Chromosom (dem Garanten für weibliche Embryos) von Samenzellen mit dem Y-Chromosom (dem Garanten für männliche Embryos).
Möglich ist dies, weil das weibliche Geschlechtschromosom dreimal mehr DNS enthält als das männliche. Mit einer fluoreszierenden Substanz eingefärbt, leuchten so die Mädchen zeugenden Samen unter dem Laserstrahl heller und lassen sich in unterschiedliche Röhrchen leiten. Die Schwangerschaft erfolgt dann über künstliche Befruchtung oder Insemination. Bevor Amerikas Gesundheitsbehörde FDA ihre Anwendung an Menschen erlaubte, wurde das Verfahren zuvor während zehn Jahren in der Viehzucht getestet. 400 Zuchttiere kamen so schon zur Welt.
Obwohl bis heute niemand einschätzen kann, inwieweit die Laserstrahlen bei der Spermaselektion gesundheitliche Risiken für Mutter oder Kind bergen, erfreut sich Microsort in den USA grosser Beliebtheit. Sechs Monate Wartefrist sind üblich, um an der Klinik in Fairfax (Virginia) oder Gaithersburg (Maryland) behandelt zu werden. Die Prozedur kostet umgerechnet 3200 Dollar. Da durchschnittlich aber drei Versuche bis zur gewünschten Schwangerschaft nötig sind, kann das Wunschbaby schnell mal 10 000 Dollar kosten.
Ansonsten müssen die Eltern für die Teilnahme an Microsort nur wenige Kriterien erfüllen. Erstens muss das Paar verheiratet sein und schon mindestens ein Kind haben. Zweitens muss das gewünschte Geschlecht in der expandierenden Familie in der Minderzahl sein. Wer ein Mädchen hat, visiert also einen Jungen an, wer einen Jungen hat, ein Mädchen.
Der Ausgleich der Geschlechterbilanz innerhalb der Familie läuft darum unter dem harmonisch-harmlos klingenden Motto «Family Balancing» und berücksichtigt den vor allem in industrialisierten Ländern ausgeprägten Wunsch nach einem ausgeglichenen Tochter-Sohn-Verhältnis. Vater-Mutter-Junge-Mädchen lautet die Zauberformel für die perfekte Kleinfamilie. Ein Pärchen will man haben.
Dafür hat auch der Ethikausschuss der amerikanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin Verständnis und gab in einem vor zwei Jahren publizierten Report «Fertility and Sterility» seinen Segen für die Geschlechtsselektion. Sie würde, heisst es dort, für Eltern eine spürbare Balance innerhalb des Familienlebens bewirken und hätte überdies einen positiven Effekt auf die Kinder in sozialer und psychologischer Hinsicht. Jungen lernten den Umgang mit Mädchen und umgekehrt. Mit keinem Wort gehen die Ethiker in ihrem Report auf mögliche Missbräuche des Microsort-Verfahrens ein. «Jede Technik kann missbraucht werden», lautet die Floskel lediglich. «Das verbietet aber nicht von vornherein, sie anzuwenden.»
Was sich die USA noch zumuten, könnte in manchem Entwicklungsland auf lange Sicht das labile Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern stören. Die Spermienselektion, warnen Soziologen und Demografen, könnte etwa in Asien dazu eingesetzt werden, Mädchen zeugende Spermien gar nicht erst zu befruchten. Mobile Ultraschallärzte reisen schon jetzt durch indische Dörfer und treiben auf Wunsch der Schwangeren weibliche Föten ab. Die ökonomisch bedingte Knabenpräferenz brachte Ende der Neunzigerjahre auch den englischen Mediziner Paul Rainsbury auf ein kommerziell interessantes Angebot. Er propagierte in Saudiarabien sein «Mail-Boy-Projekt», bei dem er durch In-vitro-Fertilisation konsequent nur männliche Embryonen transferierte. Dies sei, argumentierte der Arzt, weitaus humaner als die Tötung und Aussetzung von Mädchen, wie sie in China üblich sei.
Doch im Falle der USA basiert die Vorherbestimmung des Kindsgeschlechts auf einem Wunschdenken, auf einer «Einkaufsmentalität», wie der Schweizer Fortpflanzungsarzt Michael Singer sagt. «Eine medizinische Leistung wird für ein nicht medizinisches Problem angewendet, ähnlich wie bei der Schönheitschirurgie», so Singer. Die amerikanischen Medien berichten jedenfalls sehr euphorisch über das Thema Sexselektion und zitieren zahlreiche Eltern, der sie zum ultimativen Familienglück verholfen hat.
«Ich dachte einfach, es wäre schön für die beiden Jungen, eine Schwester zu haben», so Monique Collins in einem Report der «New York Times». Collins brachte am 13. August 1996 das erste Quotenbaby zur Welt. Sie selber habe natürlich auch ein Mädchen gewollt, «mit dem ich einkaufen gehen kann, das mit Barbies spielt und sich später die Fingernägel rot lackiert». Andy Frielingsdorf, glücklicher Vater seines «Daddy's Girl», erinnert sich: «Wir wollten nach dem Jungen vor allem ein zweites gesundes Baby. Aber dann erfuhren wir, dass wir ein gesundes Mädchen haben können. Um so besser!» Jetzt wünschen sie sich für die Tochter noch eine Schwester.
«Durch solche Angebote», kritisiert der Schaffhauser Reproduktionsmediziner Peter Fehr, «wird ein Anspruchsverhalten gefördert.» Der Anspruch, ein Kind eines bestimmten Geschlechts zu haben. Die Fortpflanzungsmedizin verkomme zum Supermarkt, Family Balancing sei ein Auswuchs davon. Das Geschlecht, sagt auch die Weltgesundheitsorganisation in Genf, sei keine Krankheit. IVF-Spezialist Fehr führt in seiner Praxis jedes Jahr gegen 700 künstliche Befruchtungen durch und erlebt ab und zu, dass ihm Paare beim Gespräch gleichzeitig ihre Geschlechtspräferenzen mitteilen; in der Hoffnung, der Arzt werde nur jene Embryonen transferieren, die das gewünschte Geschlecht vorweisen.
Doch erstens ist zu diesem Zeitpunkt das Geschlecht noch nicht erkennbar, und zweitens verbietet das seit 2001 geltende Schweizerische Fortpflanzungsmedizin-Gesetz die Präimplantationsdiagnostik. Die Bestimmung beziehungsweise Auswahl des Geschlechts ist nur erlaubt, «wenn die Gefahr besteht, dass schwere, unheilbare Krankheiten auf die Nachkommen übertragen werden». In einem solchen Fall, so Dorothea Wunder, Leiterin in der IVF-Abteilung am Frauenspital Bern, sei die Spermienselektion mit Microsort aber völlig ungeeignet, weil die Trefferquote zu gering sei.
Tatsächlich kursieren über die Erfolgschancen des Microsort-Verfahrens verschiedene Zahlen. Glaubt man der Klinikleitung in Fairfax, liegt die Erfolgschance bei über 90 Prozent. Glaubt man der Gesundheitsbehörde, gelingen Töchter mit einer Trefferquote von 93 Prozent. Die Aussichten auf den ersehnten Sohn liegen bei 73 Prozent. Zu «bösen» Überraschungen kann es also gleichwohl kommen. Karen Warren, eine 29-jährige Mutter von drei Söhnen, ist sich dessen voll bewusst. Sie wartet, bis sie mit dem sehnlichst gewünschten Mädchen schwanger wird. «Wenn es nicht funktioniert und ich wieder einen Sohn bekomme, ist das auch okay. Aber immerhin weiss ich dann: Ich habe alles versucht.»
Dabei wurde das Microsort-Verfahren ursprünglich gar nicht für den richtigen Sex-Mix in gut betuchten Kleinfamilien entwickelt. Es sollte Eltern, die eine mit dem X-Chromosom verbundene Erbkrankheit - wie etwa Muskeldystrophie oder Hämophilie - in sich trugen, zu einem gesunden Kind verhelfen. Nur wenn also die Gefahr einer Erbkrankheit bestand, die von fehlerhaften Genen auf einem Geschlechtschromosom ausging, kam Microsort zu Anwendung. Mittlerweile nehmen kerngesunde Eltern die Sexselektion in Anspruch. Von den bisher 380 geborenen Microsort-Babys lag nur bei jedem dritten eine medizinische Indikation vor. Auf dem Anmeldeformular der Klinik in Fairfax braucht man lediglich anzukreuzen: «Genetical Disease» oder «Family Balancing.»
Auch europäische Paare dürfen profitieren. Der belgische Fortpflanzungsarzt Frank Comhaire verhalf, wie erst kürzlich bekannt wurde, im Februar dieses Jahres einem südeuropäischen Paar zum gewünschten Mädchen. Der Arzt schickte das tiefgekühlte Ejakulat des Mannes zur Sortierung nach Amerika und liess den sortierten Samen anschliessend mit der Eizelle verschmelzen. Zur Welt kam das erste Microsort-Mädchen Europas.
Und wann kommt das erste Quotenbaby in der Schweiz zur Welt? «Nicht heute und nicht morgen», beruhigt der Fortpflanzungsmediziner Michael Singer. «Der Respekt vor dem Mysterium Fortpflanzung ist hier zu Lande ziemlich gross.» Doch in absehbarer Zeit, glaubt Singer, wird die heute verbotene Präimplantationsdiagnostik auch in der Schweiz Realität. Dabei werden nicht nur Samenzellen vorsortiert, sondern die im Reagenzglas erzeugten Embryonen vor der Einpflanzung auf ein gesundes Erbgut kontrolliert. Durch diese Analyse würde dann die Information des Geschlechts gleichzeitig mitgeliefert - «gratis» sozusagen, und bis zur Geschlechtsselektion wäre es nur ein kleiner Schritt.
ENDE LAUFTEXT
Interview mit dem Soziologen Karsten Hank von der Universität Mannheim. Er hat die Geschlechtspräferenzen in 17 europäischen Ländern erforscht.
Herr Hank, Sie haben die Geschlechtspräferenzen in Europa erforscht und analysiert. Wer ist beliebter, Jungen oder Mädchen?
Eltern wünschen sich als erstes Kind genauso Mädchen wie Jungen. Es spielt keine grosse Rolle. Die Geschlechtspräferenz zeigt sich erst deutlicher beim zweiten Kind. Da möchten Eltern, die bereits einen Jungen haben, häufig ein Mädchen und umgekehrt. Dieser Wunsch nach Family Balancing ist ziemlich ausgeprägt in Europa, auch in der Schweiz.
Was haben Sie sonst noch rausgefunden?
Dass das Geschlecht des Erstgeborenen relevant sein kann im Bezug auf das weitere Gebärverhalten. Wenn zuerst ein Mädchen da ist, ist der Wunsch nach einem zweiten Kind allgemein grösser. Eltern, die einen Jungen haben, wünschen sich weniger stark ein zweites Kind.
Weil sie schon so entnervt sind?
Wir interpretieren es anders. Vermutlich liegt eine leichte Präferenz nach Jungen vor. In den USA wünschen sich vor allem jene Eltern ein drittes Kind, die bereits zwei Mädchen oder zwei Jungen haben, in der Hoffnung, das dritte möge das noch nicht repräsentierte Geschlecht haben.
Die Toleranz punkto Geschlecht nimmt also ab, je mehr Kinder da sind?
Nach drei Jungen ist der Wunsch nach einem Mädchen vielleicht verständlich. Aber die Chance, ein Mädchen zu bekommen, steigt ja nicht, nur weil schon drei Jungen da sind. Über das Geschlecht des Babys sollte man sich darum am besten gar keine Vorstellung machen.
Woher kommt dieses Bedürfnis nach einer ausgeglichenen Geschlechterbilanz innerhalb der Familie?
Mädchen und Jungen stiften unterschiedlichen Nutzen, um es in der Sprache der Ökonomen auszudrücken. Banal gesagt: Mit einem Jungen kann man eher Fussball spielen oder angeln. Mit einem Mädchen geht man eher Schlittschuhlaufen oder backt Kuchen. Gleichzeitig scheint es ein Bedürfnis danach zu geben, innerhalb der Familie einen Geschlechtsgenossen zu haben.
In Tschechien, Portugal und Litauen stellten Sie eine leichte Präferenz für Mädchen fest. Warum?
Das können wir noch nicht schlüssig erklären. Wir vermuten jedoch, dass hier der jeweilige soziokulturelle Kontext eine Rolle spielt.
Was halten Sie davon, wenn Eltern das Geschlecht ihres Kinds von Ärzten vorausbestimmen lassen?
Ethisch möchte ich das nicht bewerten. Mich persönlich interessiert es jedenfalls nicht. Sollte ich einmal Kinder haben, möchte ich nur, dass sie gesund sind.