Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/1527

1798, in den Wirren der helvetischen Republik, retteten die Verantwortlichen der Zinskommission Leu ihre Gelder vor dem Zugriff der Franzosen, die weiträumig ganze Staatskassen plünderten, indem sie die private Leu & Cie gründeten.
Damit änderte auch das Geschäftsmodell. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Leu die führende Hypothekarbank im Kanton Zürich. 1854 wurde sie zudem eine Aktiengesellschaft und bekam zunehmend Konkurrenz, zum Beispiel von der Schweizerischen Volksbank, die wie Leu später auch einmal Teil des Eroberungszuges der Credit-Suisse werden sollte.
Die Zürcher Kantonalbank löste dann Leu als staatsnahes Geldinstitut ab. Mit ihrer Gründung 1870 verkaufte der Staat sein bis dahin beträchtliches Aktienpaket von Leu und engagierte sich entsprechend bei der ZKB. Leu wurde daraufhin von einer spezialisierten Hypothekarbank zur Universalbank, und zwar einer, die bis zum ersten Weltkrieg in der vordersten Liga auch mit einer SKA mithalten konnte.
Der Krieg von 1914 und der Währungszusammenbruch in Deutschland traf Leu stärker als andere, weil die Bank beim Kriegsverlierer stärker investiert hatten als die Konkurrenten. Sie wurde gar zu einem Sanierungsfall, 1920 drohte eine nötige Fusion – mit der SBG, der Schweizerischen Bankgesellschaft.
Die konnte dann doch noch knapp abgewendet werden. Mitverschuldet war die Krise allerdings auch, weil Leu es verpasste, wie seine erfolgreicheren Konkurrenten ein ausgedehntes Filialnetz aufzubauen.
Weit mehr als andere Banken in der Schweiz war Leu auch in den 1930er Jahren von der nationalsozialistischen Diktatur betroffen, weil das Geldinstitut viel Geld aus Deutschland auf ihren Sparkonten liegen hatte.
Mit der unter Terror erzwungenen Rückführung von Geldern nach Deutschland unterstützte die Bank die Enteignung jüdischer Bürger während des Naziregimes, rettete so unter Umständen aber auch Leben, weil sich einige damit doch noch ihre Flucht erkaufen konnten.
Der Neuanfang nach dem Krieg entwickelte sich positiv wie für alle Schweizer Banken, auch wenn die Bank Leu nicht mehr zur obersten Liga der nunmehr drei Grossbanken gehörte.
Leu wurde 1990 zum ersten Opfer einer Konzentrationsbewegung, die durch die damalige CS Holding, der Vorläuferin der Credit Suisse und Nachfolgerin der SKA, eingeläutet wurde. Es war ein Tod auf Raten, der 2007 mit der Zusammenlegung von Leu und der Clariden Bank als Business Unit 20 unter dem Dach der CS Group nochmals eine kurze Zwischenstation machte.
Auch wenn es von offizieller Seite anders tönte. 2005 liess man eine schöne 250-Jahre Jubiläumsschrift für Leu erstellen, in der Walter Berchtold, „de schön Wädi“ und damaliger Chef des Privatbankings der Credit-Suisse, im Vorwort die Bank Leu wörtlich zum „zweiten Vierteljahrtausend“ begrüsste und, offenbar um deren Arbeitsmoral anzuspornen, den Gründervater Johann Jakob Leu zitierte: „Selbst im Schlaf bin ich wach.“
Ob er damals schon ahnte, dass der „Big Sleep“ nahte?
Tatsächlich genoss die Business Unit 20 weiterhin das Leu-Privileg von 1990, die vertraglich zugesicherte Eigenständigkeit, die sie auch weiterhin für einen unabhängigen Auftritt am Markt nutzte.
Und die Zuversicht war nicht unberechtigt, so dachten wir, denn 2008 machten uns die Projektleiter von Leu Beine, das Securities Lending & Borrowing-System mit dem dazugehörenden Collateral Management termingerecht für das mittlerweile in Dübendorf beheimatete Leu-Trading bereitzuhaben.
Ein extern teuer eingekauftes Produkt, das wir „customizen“ und jeden Tag mit aufwendig extrahierten Daten füttern mussten. Auch ein Realtime-Austausch mit dem CS-System war nötig.
Es entstand eine komplexe IT-Landschaft, die uns einige schlaflose Nächte bescherte, bis wir 2009 die Einführung in der Urania Sternwarte feiern konnten.
2013 ist es soweit. Das letzte der 39 Programme, das von unserem kleinen IT-Team betreut wird, ist von der Business Unit 20 befreit und kann in die Produktion. Wir sind konsterniert, nicht nur, weil damit die Bank Leu, die älteste Bank von Zürich, aufgehört hat zu existieren, sondern weil wir sie erst fünf Jahre vorher mit einer neuen, aufwendigen Trading-Applikation haben ausstatten müssen.
Der Tod von Leu datiert exakt auf den 1. April 2012, versinnbildlicht durch die Anzeige auf dem CS Intranet, mit der man alte Einrichtungs- und Kunstgegenstände verhökern wollte. Das prächtige Haus an der Bahnhofstrasse wurde kurzzeitig zum nobelsten Brockenhaus der Stadt.
Und damit sind wir wieder am Anfang, aber noch nicht am Ende unserer Story. Was noch fehlt: die Geheimnisse des Leu Archivs aus der halbstaatlichen Periode zwischen 1755 und 1798, das von der CS ans Staatsarchiv ging und damit öffentlich wurde.