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Es war nach Mitternacht, an jenem Sommerabend im Jahr 1825, als die Wiener Gendarmerie einen Clochard verhaftete. Der verstaubte Kerl in abgetretenen Schuhen behauptete steif und fest, Beethoven zu sein. Doch so billig liess sich die wackere Gendarmerie nicht abspeisen – erst recht nicht, wenn Beethovens Ehre in den Dreck gezogen wurde: «A Lump sind Sie – so sieht Beethoven nit aus», stellte man klar. Und die Sache wäre speditiv abgehakt gewesen, hätte sich nicht herausgestellt, dass der Lump tatsächlich Beethoven war.
Die Kleidung des Komponisten barg Potenzial gegen oben. Nicht so seine Musik. Mit ihr griff er nach höchsten Höhen. Ob Götterfunken, «Eroica» oder «Pathétique» – Beethoven beschwor in seinen Werken Götter, er schmiedete das Schicksal in vier hämmernde Töne und widmete seine Kompositionen Herzögen wie Fürsten – oder gleich Napoleon. Der Mann wusste, wer er war. Und liess es auch alle anderen wissen. «Schafskopf», wetterte er über einen musikalisch ungeschickten Grafen, schliesslich tanzte der Adel ohnehin nach seiner Pfeife – oder gleich nach seinem gesamten Sinfonieorchester. Freier als Beethoven war keiner. Das machte ihn gross, ja: gigantisch.
So gigantisch, dass viele den Komponisten vor den eigenen Karren spannen wollten. Schon das deutsche Kaiserreich ernannte ihn 1914 (nebst Goethe und Bismarck) zu seinem «Führer». Auch die Nationalsozialisten versuchten, mit Beethovens Musik – und noch mehr mit seinen Texten – ihre Ideologie zu weihen. Wer es kolossal wollte, griff zu Beethoven. Selbst das ZDF, das 1963 die TV-Geschichte mit dem Violinkonzert des Wahlwieners betrat. «Die emotionale Wirkung der Musik wurde und wird sehr oft für politische Aussagen missbraucht», erklärt Christian Weidmann, Intendant des Argovia Philharmonic. Wo immer es um Weihe und Grösse ging, war Beethoven der sicherste Wert.
Nur nicht in der Schweiz. Hier waren grossmächtige Gedanken schon immer inmitten grasender Kühe versickert; auch imperiale Ideen schrumpften quasi naturgegeben angesichts der Viertausender; von den Sinfonieorchestern gar nicht erst zu sprechen. Während europäische Metropolen im 19. Jahrhundert mit den Berliner oder Wiener Philharmonikern ihre orchestralen Schlachtrosse schirrten, schirrte man hierzulande lieber leistungsfähiges Zugvieh vor den Pflug. Tatsächlich existierten in der Schweiz bis Anfang 20. Jahrhundert nur vereinzelt professionelle Orchester (etwa die Tonhalle oder das Basler Sinfonieorchester). Wen kümmerten da schon komponierende «Genies», die sich mit Leib und Leben «tönend bewegten Formen» verschrieben hatten?
Lange Beethoven-los
Bis heute ist nicht Beethoven, sondern Bezzola (Komponist der Klangschwaden als Füller zwischen einzelnen SRF-Beiträgen) der meistgespielte Schweizer Komponist. Neuerdings muss Martin Bezzola sich aber warm anziehen. Denn so unerwartet wie einst über Wiens staubige Strassen, so unerwartet ist Beethoven Ende der 1990er-Jahre mitten auf die Schweizer Konzertbühnen spaziert.
Türöffner spielte das Billig-CD-Label «Arte Nova». Bei diesem spielte die Zürcher Tonhalle ab 1997 sämtliche Sinfonien des Grossmeisters ein. Warum gerade Beethoven? Michael Schneider, Geschäftsführer des Künstlerhauses Boswil, meint: «Beethovens Sinfonien gehören zum innersten Kern dessen, was ein Orchester spielen muss; um sich daran zu messen und zu entwickeln. Zudem ist Beethoven populär. Mit ihm lassen sich Konzerte verkaufen.»
Helvetischer Beethoven hüpft
Ob Chefdirigent David Zinman Geld oder Geist im Kopf hatte, als er sich daranmachte, den «Zürcher Beethoven» zu erarbeiten? Jedenfalls stützte er sich dabei auf die Erkenntnisse historisch-authentischer Interpretation, jedoch ohne Dogmen. Es war die Geburtsstunde eines Beethoven, wie man ihn noch nie gehört hatte: schlank, sportiv und schnell. Der Koloss wurde in Zürich beinahe zum Knaben. Die Verjüngung lag auch an den originalen (und umstritten schnellen!) Metronom-Werten. Die Kritik jubelte, was wiederum weiteres Beethovenfieber entfachte. Der Götterfunken stob nun gesamtschweizerisch: In Basel machte sich das Kammerorchester Basel unter Giovanni Antonini ebenfalls an sämtliche Sinfonien – hier sogar ganz und gar historisch authentisch und konsequent kammermusikalisch.
Und die Schweizer Frischluft schien Ludwig zu bekommen. Im basisdemokratischen Land, in dem Bauern so viel galten wie Könige, durfte sogar er von seinem Marmorsockel steigen, mehr noch: hüpfen. Vielleicht, weil er keine vorbelastete politische Geschichte hatte und zudem die prägende Tradition mit übermächtigen Dirigenten à la Furtwängler oder Toscanini fehlte. Jedenfalls ging man hierzulande mit dem Hünen der hehren Sinfonik unverkrampfter, kritischer und auch mal kumpelhafter um. Fast wie einst seine Zeitgenossen, meint Christian Weidmann: «Sie sahen in Beethoven ihresgleichen. Man begegnete ihm im Wirtshaus, hörte ihn am Klavier oder sah ihn seine neuste Symphonie dirigieren.»
Für den Intendanten wäre unsere heutige Zeit leerer ohne beispielsweise das berühmte «ta-ta-ta-taa» der Schicksalssinfonie. Kein Wunder, dass auch «sein» Orchester, Argovia Philharmonic, seit der aktuellen Saison Ludwigs «alle Neune» in Angriff nimmt. Dabei will der Intendant die einstige Nähe nicht vergessen. Nähe wiederum steht am Künstlerhaus Boswil von vornherein ausser Frage: Hier und in Muri kann man dieses Wochenende in die Welt sämtlicher Klaviertrios von Beethoven eintauchen. Denn: «Wie in den Sinfonien hat Beethoven auch im Bereich der Klaviermusik, des Streichquartetts und eben des Klaviertrios neue Massstäbe gesetzt», weiss der künstlerische Leiter Michael Schneider. Und wenn auch noch Oliver Schnyder mit dem Luzerner Sinfonieorchester sämtliche Klavierkonzerte spielt, scheint das beinahe zum helvetischen Alltag zu gehören. Neuerdings sind die Schweizer ein einig Volk von Beethoven-Brüdern. Eine Wahlverwandtschaft, die durchaus in einem gemeinsamen Wesenszug der Schweizer mit Beethoven wurzelt, weiss Christian Weidmann: «Beethovens kompositorischen Einfälle waren nicht Genie-Streiche wie bei Mozart, sondern oft ein Willensakt – wie auch die Schweiz eine Willensnation ist.»