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Wie kann ich Unterricht gestalten, in dem sich niemand langweilt und alle mitkommen?
Das Unterrichten sowie der Einbezug von Lernenden mit einer kognitiven Beeinträchtigung ist in der Praxis anspruchsvoll. Die Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit der Umsetzung inklusiven Unterrichts stellen, sind daher umfassend und vielfältig.
- Wie ermögliche ich Annette den Lerngegenstand zu erfassen?
- Welchen Lerngegenstand wähle ich für Beat aus? Welche Themen sind für ihn bedeutsam?
- Wie gelange ich zum Kern des Themas und präsentiere den Lerngegenstand so, dass alle – auch Chantal – einen Zugang finden können?
- Wie gestalte ich sowohl für Dario wie auch für Lukas passende Zugänge zum Lerngegenstand?
- Welches sind geeignete Arrangements, die das Lernen aller Kinder unterstützen?
Ausgangspunkt der Überlegungen zu den Impulsen inklusiven Unterrichts bildet die Frage:
„Wer lernt was, wozu, wie, mit wem?“
Diese Frage leitet durch diesen Text und es werden entsprechende Antworten aufgezeigt.
Welches sind relevante Themen und Lerngegenstände, mit denen sich Lernende mit individuell erschwerten Entwicklungs-, Lern- und Lebenssituationen auseinandersetzen sollen und wie schafft man Lernangebote, die diesen Gegebenheiten gerecht werden? Welches sind relevante Kompetenzen, die Lernende dabei erwerben sollen?
„Wer lernt was, wozu, wie, mit wem?“ erinnert an eine ‚klassische’ Forderung der Didaktik: „alle alles ganz und grundlegend lehren“ (Comenius). Dieser Forderung zuzustimmen ist einfach, ihre Umsetzung ist eine Herausforderung. Was heisst im Kontext inklusiver Didaktik alle alles ganz und grundlegend zu lehren, wenn die Voraussetzungen der Lernenden sehr unterschiedlich sind?
Gefragt sind dabei von der Seite der Unterrichtenden unter anderem Offenheit gegenüber den Lernenden, grundlegendes Wissen und Kenntnisse in Bezug auf Förderplanung, Methodik und Didaktik, sowie Kommunikation und Interaktion, Kreativität im Gestalten von geeigneten Lernumgebungen, Kooperation und immer wieder etwas Pragmatismus. In der Umsetzung jeglichen Unterrichts muss man als Lehrperson manchmal mit dem Machbaren und Möglichen – nicht immer nur mit dem Idealen – zufrieden sein.
Ausgehend von der Frage „Wer lernt was, wozu, wie, mit wem?“ wird beispielhaft aufgezeigt, wie Unterrichtssituationen im Hinblick auf die Passung für Schülerinnen und Schüler mit kognitiver Beeinträchtigung geplant und umgesetzt werden können. Als Orientierungsgrundlage für diesen Unterricht in heterogenen Gruppen haben wir ein ‚Didaktischen Modells inklusiven Unterrichts’ entwickelt, von dem ausgehend die spezifischen didaktischen Aufgaben Schulischer Heilpädagoginnen und Heilpädagogen beschrieben werden können .
Auf einen weiteren – gerade auch für inklusiven Unterricht – zentralen Aspekt des Unterrichtens weist Wanzenried (2008) hin. Er sieht Unterricht als Kunst:
„Unterrichten als Kunst ein Gleichgewicht zu finden: Absichtsvoll, vorausahnend, abwägend Zielen ihre Bedeutung geben. Sorgfältig und offen lassend planen, was inszeniert werden soll.“ (Wanzenried, 2008, 6)
Im Unterricht geht es um die Kunst ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Lernbedarf und den Lernbedürfnissen des Einzelnen und der Gruppe, des Lernenden mit und ohne Beeinträchtigung, zwischen den möglichen Lerngegenständen, zwischen unterschiedlichen Zugängen zu den Lernangeboten.
Es geht um die Kunst absichtsvoll, vorausahnend, abwägend Zielen ihre Bedeutung geben zu können. Das heisst, Entwicklungsthemen von Lernenden mit besonderem Förderbedarf zu bestimmen, Interessen zu berücksichtigen, bedeutsame Befähigungsschwerpunkte und Ziele auszuwählen, voraussahnend, was für die Lernenden in Zukunft von Bedeutung sein wird.
Die Kunst sorgfältig und offen lassend planen, was inszeniert werden soll. Das ist die Kunst der Planung und Umsetzung von Unterricht! In der Umsetzung gilt es, ausgehend von der Planung aber unter Berücksichtigung der momentanen Gegebenheiten in kürzester Zeit Entscheidungen zu treffen, die allen Lernenden die Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand ermöglichen, so dass Lernende darin enthaltene Lernmöglichkeiten ergreifen können.
Inklusiver Unterricht fordert von Unterrichtenden vieles ein. Die Heilpädagoginnen und Heilpädagogen sind ‚Anwälte’ jedes einzelnen Lernenden. Daraus ergeben sich in der Praxis immer wieder Spannungsfelder, z.B. zwischen Lernerwartungen und individuellen Lernvoraussetzungen, den Vorstellungen der Klassenlehrpersonen oder von Eltern und Vorstellungen der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, was wie gelernt werden soll. Eine wichtige Aufgabe der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen inmitten dieser Spannungsfelder ist die Entwicklung kreativer, manchmal auch ungewohnter, Ideen zur Gestaltung von Lernen ermöglichenden Unterrichtssituationen. Dies darum, weil allgemeingültige Rezepte nicht greifen, die Situation zu speziell ist, jeder einzelne Lernende einzigartig ist und sich anders verhält als andere Lernende.
Bei der Planung und Umsetzung von Unterricht ist die Orientierung an der Frage „Wer lernt was, wozu, wie, mit wem?“ Ausgangspunkt der Überlegungen. Diese Fragen im einzelnen immer wieder sorgfältig zu klären verhilft zu einer strukturierten Gestaltung von Unterricht und zu Sicherheit für alle Beteiligten. Diese Sicherheit ermöglicht es andererseits dann auch, in Situationen aus dem Moment heraus, da nie jedes Detail abschliessend geplant werden kann, mit der Offenheit für Unerwartetes passend zu handeln.
Das ‚Didaktische Modell inklusiven Unterrichts’ bezeichnet vier relevante didaktische Dimensionen und Aufgabenfelder für die heilpädagogische, unterrichtliche Tätigkeit:
- Wer? = Subjekt: Voraussetzungen erfassen und Bedeutsamkeiten klären
- Was? = Gegenstand: Lerngegenstände analysieren, auswählen, begründen und aufbereiten
- Wozu? = Bildungsperspektive und Ziele: Ziele im Rahmen der langfristigen Bildungsperspektive bestimmen, individualisieren und konkretisieren
- Wie, wo, mit wem? = Lernunterstützung: passende Zugänge schaffen, Lernen methodisch-didaktisch ermöglichen, Beziehungen und Interaktionen unterstützen gestalten, Lernorte und soziale Situationen passend wählen
In den drei folgenden Kapiteln wird aufgezeigt, wie die Frage „Wer lernt was, wozu, wie, wo, mit wem?“ entlang der didaktischen Dimensionen und Aufgabenfelder beantwortet werden kann. Es wird dargestellt, welches die Eckpfeiler professionelles Handelns der Schulischen Heilpädagogin oder des Schulischen Heilpädagogen sind, wie sich das ‚Didaktische Modell inklusiven Unterrichts’ in der Praxis anwenden lässt und welches die Grundlagen sind, damit Lernsituationen für Kinder und Jugendliche mit kognitiver Beeinträchtigung angemessen gestaltet werden können.
Es ist hilfreich den Fokus inklusiven Unterrichts auf Kinder und Jugendliche mit kognitiver Beeinträchtigung zu legen. Unterricht, der auch Lernende mit kognitiver Beeinträchtigung angemessen berücksichtigt, ist inklusiv, da er niemanden aufgrund seiner Fähigkeiten und Voraussetzungen vom Bildungsprozess ausschliesst.
Anmerkungen zu einzelnen Begriffen