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Crash-Kurs in Wissenschaftstheorie
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- Erstellt: Mittwoch, 24. Oktober 2018 16:26
Die erwähnte Erkenntnisfrage hat unzählige Philosophen beschäftigt (Stichwörter: Subjektivismus, Transzendentaler Idealismus, Empiriokritizismus, Solipsismus). Nur wenige haben den logischen Bruch in der eben erwähnten erkenntniskritischen Argumentation bemerkt. W.I. Lenin, der sich erkenntnistheoretisch stark auf Friedrich Engels abstützt, schreibt Anfang des letzten Jahrhunderts:
«Die Körper, sagt man uns, seien Empfindungskomplexe; darüber hinauszugehen, versichert uns Mach [Sinnesphysiologe und Philosoph der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts] die Empfindungen für das Resultat der Wirkung der Körper auf unsere Sinnesorgane zu halten, sei Metaphysik, eine müssige, überflüssige Annahme usw. – ganz nach Berkley. Das Gehirn ist aber ein Körper. Also ist das Gehirn auch nicht mehr als ein Empfindungskomplex. So ergibt sich, dass ich (ich bin aber auch nichts anderes als ein Empfindungskomplex) mittels eines Empfindungskomplexes andere Empfindungskomplexe empfinde. Eine entzückende Philosophie!» (W.I Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Berlin 1970, S. 35) Lenin folgert mit Engels, dass der Naive Realismus, d.h. die alltägliche Überzeugung, dass das, was ich wahrnehme, auch in der Realität so existiere, die wahre materialistische Erkenntnistheorie sei.
Ein Vierteljahrhundert früher nimmt Rudolf Steiner in seiner 1892 publizierten Dissertation («Wahrheit und Wissenschaft») mit einer, was die logische Struktur der Kritik betrifft, analogen Argumentation gewissermassen den gegenüberliegenden Ausgang aus dem Erkenntnisdilemma:
«Das Skelett des angestellten Gedankengangs ist folgendes: Wenn eine Aussenwelt existiert, so wird sie von uns nicht als solche wahrgenommen, sondern durch unsere Organisation in eine Vorstellungswelt umgewandelt. Wir haben es hier mit einer Voraussetzung zu tun, die konsequent verfolgt, sich selbst aufhebt. .... Der transzendentale Idealismus erweist seine Richtigkeit, indem er mit den Mitteln des naiven Realismus, dessen Widerlegung er anstrebt, operiert. Er ist berechtigt, wenn der naive Realismus falsch ist; aber die Falschheit wird nur mit Hilfe der falschen Ansicht selbst bewiesen.» (Rudolf Steiner: Wahrheit und Wissenschaft / Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, Stuttgart 1961, S. 134)
Durch die Wahrnehmung Gegebenes und Bewusstsein sind zunächst tatsächlich getrennt. Doch das im Denken tätige Bewusstsein bringt Wahrnehmung und Begriff zusammen und kommt im Erkenntnisakt zur vollen Wirklichkeit (vgl. a.a.O S. 153). Ist der Begriff (zum Beispiel des Dreiecks) einmal gebildet, können wir das Denken als sehr mächtig erleben. Denn der vom Denken gebildete Begriff erlaubt es, unendlich viele Dreiecke zu bilden: denkend lässt sich jede Ecke beliebig verschieben – nicht nur in der Ebene, sondern auch im Raum (nach vorne oder nach hinten kippend). Das gleichseitige oder das rechtwinklige Dreieck sind lediglich Spezialfälle (man kann sie im Unterschied zum Begriff Vorstellungen nennen), bei denen wir gerne hängen bleiben. Wenn man ein Kind auffordert, ein Dreieck zu zeichnen, dann wird es mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Gleichseitiges zu Papier bringen.
Mit der individuellen, denkenden Verarbeitung ist allerdings das Problem der Intersubjektivität, nach der Wissenschaft verlangt, nicht gelöst – allerdings angesichts der empiriokritizistischen Kritik grundsätzlich auch nicht lösbar. Deshalb wurde ein weiterer Ausgang aus dem Dilemma im Positivismus bzw. in der Illusion gesucht, mit elementaren Aussagen, je nach Autor bezeichnet als Beobachtungssatz (Schlick), Protokollsatz (Neurath), Beobachtungssatz (Carnap) oder Basissatz (Popper), Intersubjektivität herstellen zu können. Es war unter anderem dieses Bestreben, das denjenigen Erkenntnissen Vorrang brachten, die auf Zählen und Messen beruhten. Denn über das, was gezählt und gemessen werden kann, scheint am ehesten Einigkeit zu erzielen zu sein. Inwiefern Gezähltes und Gemessenes die Wirklichkeit über korrelierte Einzelbeziehungen hinaus wiedergibt, ist allerdings mehr als fraglich. Die immer offensichtlichere ökologische Katastrophe, auf die sich die Welt zubewegt, ist sicher nicht nur einem Profitstreben des Kapitals, sondern mindestens ebenso der für unmittelbare kommerzielle Verwertung geeigneten, messenden Wissenschaftsmethode, die qualitative Aspekte ausblendet, anzulasten.
Marxistisch orientierte Sozialwissenschafter sehen das Problem der Intersubjektivität und damit der Wertfreiheit allerdings nicht in der «Technik» des Erkenntnisvorgangs, sondern vorgelagert im Interesse, das dem Erkenntnisvorgang zugrunde liegt. Für den Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas spielt deshalb die Verlagerung in den sozialen Vorgang, den Diskurs, eine besondere Rolle. Hier soll sich das bessere Argument herausschälen.
Während sich der Positivismus vor allem mit der Wahrnehmungsseite beschäftigt, erfordert das oben dargestellte Beispiel des Dreiecks ein Üben des Denkens. Bereits die Beweglichkeit, beliebige Dreiecke im Raum zu denken, bedarf einiger Übung. (Man kann dieses Üben durchaus als Meditation bezeichnen.) Unendlich viel anspruchsvoller ist die Beweglichkeit, die Goethe auf der Grundlage seiner botanischen Studien mit dem erworben hat, was er als Urpflanze bezeichnete. In der Schilderung seiner italienischen Reise beschreibt er unter dem Datum des 17. Aprils 1787, wie er den botanischen Garten in Palermo besuchte und damit rechnete, die Urpflanze entdecken zu können. Was Schiller als «Idee» bezeichnete, war für Goethe eine geistige Realität, die ihm erlaubte, jede mögliche Pflanze, also auch noch nicht oder nicht mehr existierende zu denken.
Selbstverständlich hat die Entwicklung einer solchen geistigen Realität oder Idee eine jahrelange «enthaltsame» Beobachtung unzähliger Pflanzen und ihrer Entwicklung vom Keim bis zum Fruchtstadium zur Voraussetzung. «Enthaltsam» nenne ich sie deshalb, weil die ganzheitliche Wahrnehmung dann gestört werden kann, wenn vorschnelle Theorien zum Beispiel funktionaler oder kausaler Art, wie sie dem Darwinismus eigen sind, sich einmischen. Heute wird dieser Forschungsansatz als Goetheanismus bezeichnet. Andreas Suchantke beschrieb ihn im Jahrbuch für Goetheanismus 2007 (Niefern-Öschelbronn 2007, S9) mit drei Schritten (hier gekürzt)
- Die Wahrnehmung ist ganz auf das Objekt konzentriert und vollzieht alle Formbewegungen und -gestaltungen mit, ohne jegliche Interpretation, aber so, dass alles Wahrgenommene so exakt wie möglich im Gedächtnis bewahrt wird.
- In einer zweiten Phase werden die Erfahrungen auf die Stufe begrifflicher Benennung emporgehoben.
- Auf einer weiteren Ebene wird im meditativen Umgang immer wieder auf den bildhaften Sinneserfahrungen verweilt und die an ihnen erlebten Bildbewegungen neuerlich mit vollzogen. Das hat in begrifflich klarer und dem Objekt angemessener Weise so durchgeführt zu werden, dass kein anschliessend starres Konzept am Ende steht, sondern ein bewegliucher, das heisst neuen und erweiternden, ja möglicherweise völlig verändernden Erfahrungen offener Begriff.
Dieser Erkenntnisansatz fördert nicht kausale Zusammenhänge zu Tage und führt auch nicht zu funktionalen Erkenntnissen, die mehr oder weniger unmittelbar technologische verwertet werden können. Sie führt hingegen zu Gestaltbeschreibungen, die Ganzheiten im Auge behalten. Gestalt wird zu einem zentralen Begriff, wobei die Zeitgestalt ebenso wichtig sein kann wie die Gestalt im Raum. (Zeitgestalt: zum Beispiel das für ein Lebewesen typische Verhältnis von Herz- und Lungenrythmus – beim Menschen 4:1).
Es ist gerade die Ganzheitlichkeit der Erkenntnisse, die zwar nicht zu unmittelbar technologisch verwertbaren Einzelerkenntnissen führt. Doch inzwischen ist vielfach deutlich geworden, dass Einzelerkenntnisse und ihre technologischen Verwertungen das Gleichgewicht der natürlichen Zusammenhänge empfindlich stören können. Die sogenannten Pflanzenschutzmittel können zwar Erntemengen mittelfristig erhöhen. Sie bringen aber natürliche Zusammenhänge durcheinander beziehungsweise vernichten die Biodiversität.
Deshalb spricht man inzwischen zum Beispiel vom notwendigen Denken in Kreisläufen, was einer Annäherung an die goetheanistische Ganzheitsbetrachtung entsprechen kann. Hier stösst man unversehens auf die «Nützlichkeit» dieses Erkenntniskonzepts – zum Beispiel: Zahlreichen Flüssen hätte man im 19. Jahrhundert kein so enges Korsett von Begradigungen und Dämmen verpasst, wenn man die Fliessbewegung des Wassers ganzheitlich betrachtet und ernst genommen hätte. Heute werden Korrekturen des 19. Jahrhunderts mit «Renaturalisierungen» und hohem finanziellem Einsatz ein Stück weit wieder rückgängig gemacht.
Gestalt und Polarität
«Polarität» ist ein Gestalt-Merkmal, das in goetheanistischen Betrachtungen immer wieder beschrieben wird – zum Beispiel: Kleinen, sinneswachen Nagetieren (Maus, Eichhörnchen, Marder, Biber usw.) stehen grosse, eher schwerfällige und sinnesschwache Tiere gegenüber (z.B. die Kuh). Die Nahrung der beiden polaren Gruppen ist entsprechend typisch: Die Nager suchen hochwertige, fetthaltige Nahrung wie Nüsse, Samen usw., die Kuh erbringt eine grosse Verdauungsleistungen mit ihren mehrfachen Mägen, die es ihr erlaubt, zellulosehaltige Fasern zu verdauen. Entsprechen sind die Gebisse typisch gestaltet: Nager mit Nagezähnen (vorn), die Kuh mit Backenzähnen (Molare, hinten). In der Mitte zwischen diesen polaren Gruppen finden sich die Raubtiere – mittlere Grösse, mit Eckzähnen ausgerüstet. Mit sehr vielen weiteren Details stellt Wolfgang Schad diese Typologie dar (Wolfgang Schad: Säugetiere und Mensch. Ihre Gestaltbiologie in Raum und Zeit. Mit Beiträgen von Heinricht Bettscheider und Albrecht Schad. Stuttgart 2012).
Typologien finden sich auch in den Sozialwissenschaften. Vor allem Max Weber wurde mit gesellschaftlichen (makrosozialen) Typologien bekannt. Aber auch im mesosozialen Bereich sind Typologien immer wieder erhellend für Prozesse, Konfliktentstehung und Entwicklung. Die Soziologen Popitz, Bahrdt, Jüres und Kesting untersuchten die typologisch unterschiedlichen Arbeitsprozesse «mit» und «an» Maschinen in der Hüttenindustrie (nach dem 2. Weltkrieg). Das NPI-Beratungsinstitut, vor allem Lex Bos, unterschied verschiedene Organisationstypen (professionelle, Dienstleistungs- und industrielle Organisation) – und so weiter.