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Ich weiss nicht genau, wie viele Fernsehsender ich mit meinem Swisscom-Abo empfangen kann; ein paar hundert werden es sein. Einer, der mich besonders interessiert, ist wahrscheinlich nicht dabei: NRK2, ein Programm des öffentlichrechtlichen norwegischen Fernsehens.
NRK2 gilt als Begründer eines ungewöhnlichen Genres, das dem Gegenteil dessen, was man gemeinhin unter Fernsehen versteht, ziemlich nahe kommt: Slow TV. Es begann 2009 bescheiden mit «Bergensbanen», der mit einer Kamera auf der Lokomotive gefilmten siebenstündigen Zugfahrt von Oslo nach Bergen – sie wurde ein Zuschauerhit. Ein richtiger Brocken war dann 2011 «Hurtigruten − Minutt for Minutt», die 134-Stunden-Liveübertragung einer Schiffsfahrt entlang der norwegischen Küste. 3 Millionen Norweger (Gesamtbevölkerung: 5 Millionen) sahen sich die Sendung zeitweise an, NRK2 erreichte einen durchschnittlichen Marktanteil von 36 Prozent.
Weiter ging es mit einem 18-Stünder über stromaufwärts schwimmende Lachse; und mit einer Nacht, in der die Kamera 8 Stunden lang ein Cheminée zeigte, in dem grosse Scheiter verbrannten. Das «Time Magazine» zitierte den vom Erfolg des Konzepts selber überraschten NRK-Produzenten, der zum Chef der Slow-TV-Projekte ernannt wurde: «The more wrong it gets, the more right it is.»
Was macht diese geballte Ladung televisonärer Langeweile so beliebt? Sind die Norweger nicht ganz bei Trost? Oder ein besonders meditativ veranlagtes Volk? Weltmeister der Entschleunigung? Es könnte daran liegen, spekulierte «Time», dass es in Norwegen, dank seines Öls eines der reichsten Länder der Welt, eine besonders ausgeprägte Sehnsucht nach dem Einfachen und Ursprünglichen gebe; jedenfalls würden selbst Städter und Intellektuelle der hypnotischen Kraft dieser Art von Reality TV erliegen.
Das «Wall Street Journal» brachte norwegische Professoren in Anschlag, um das Phänomen zu erklären: Einer diagnostizierte bei seinen Landsleuten eine Liebe zu «slow» und nannte die Sendungen eine «celebration of the Norwegian way of doing things»; ein anderer erkannte darin «a break from the crazy media world».
Wollen die Norweger also einfach mal in Ruhe gelassen werden, der hektischen Informationsgesellschaft entfliehen und sich laben an der ungeschnittenen, ungeschminkten Rohfassung der Realität? So einfach ist es nicht. Interessanterweise werden nämlich gerade diese Sendungen auf Facebook und Twitter besonders intensiv begleitet und kommentiert, wie ein dritter Professor sagte. Vielleicht muss man Action ab und zu so radikal vermeiden, damit erfahrbar wird, wie aufregend ihr Gegenteil sein kann. Mit Slow TV kann man den Fernseher abschalten, ohne ihn auszuschalten.
Die Ankündigung der nächsten Slow-TV-Übertragung hat NRK2 bereits eine Flut von Reaktionen eingetragen. Im kommenden Winter wird in Echtzeit vor der Kamera gestrickt.
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».