Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/547

Als der Oberste Gerichtshof in Texas das Gesuch um Wiedererwägung im Fall meines Brieffreunds James Allridge am 15. April dieses Jahres ablehnte, schrieb ich in mein Tagebuch: «Mir ist, als beginne heute der erste Tag vom Rest seines Lebens.» Kurze Zeit später wurde sein Hinrichtungstermin auf den 26. August festgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte James bereits 19 Jahre oder knapp die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht, 17 davon im Todestrakt. Wegen Raubmordes in einem Lebensmittelladen war der gelernte Schreiner und Mitbesitzer eines Restaurants 1985 für schuldig befunden und 1987 zum Tode verurteilt worden. Die Hinrichtung wurde schon zweimal aufgeschoben.
Ich wusste, dass ich mir zumuten kann, gegebenenfalls als eine der sechs vom Gericht zugelassenen Zeuginnen und Zeugen die Exekution mitzuverfolgen. Nach zehn Jahren gegenseitiger Anteilnahme konnte ich mir nicht vorstellen, James jetzt allein zu lassen.
Thema Sterben selten angesprochen
Allerdings habe ich in den Hunderten von Briefen das Thema Sterben – in diesem Fall die Hinrichtung durch die Spritze – eher selten angesprochen. Ich wollte bei James nie das Gefühl wecken, ich hätte die Hoffnung auf eine Urteilsumwandlung verloren. «Ich fühle noch immer nicht die leiseste Entmutigung», schrieb er am Tag vor der Hinrichtung.
Bei einer unsrer letzten Begegnungen mit Blickkontakt durch die Glasscheibe und über Telefon fragte ich ihn, ob er möchte, dass ich im Augenblick des Sterbens anwesend sei. Er nickte und sagte, von sich aus hätte er diesen Wunsch nie geäussert, um mich nicht unter Druck zu setzen. Im gleichen Atemzug beruhigte er mich, es werde sowieso nicht so weit kommen. Der Gedanke, in diesem Moment nicht bei ihm zu sein, war mir unerträglich.
Rückblickend wird mir bewusst, wie eine scheinbare Zufälligkeit dem Leben eine ungeahnte Richtung geben kann. So wie vor zehn Jahren, als ich zu Hause bei meinen Eltern im Magazin von Amnesty International blätterte und bei einem Artikel über die Todesstrafe hängen blieb. Das Interview mit dem Todeskandidaten James Allridge erschütterte mich. In diesem Fall standen nicht Verfahrensfehler, Geisteskrankheit oder die Schuldfrage zur Diskussion. James hatte den Mord von Anfang an gestanden.
Im Todestrakt resozialisiert
Bei der Verurteilung hatte die Geschworenenjury entschieden, James sei eine fortgesetzte Bedrohung für die Gesellschaft. Doch beim Erscheinen des Artikels zehn Jahre später war James nicht mehr derjenige, der unter dem Einfluss seines vorbestraften älteren Bruders Ronald diesen Überfall ausgeführt hatte. Der Bruder wurde 1995 hingerichtet. James ist für mich der Beweis dafür, dass man sich auch im Todestrakt aus eigener Kraft resozialisieren und entwickeln kann.
In diesem Interview beeindruckte mich James’ Überzeugung, es sei nicht wichtig, wie man sterbe, sondern wie man gelebt habe. Er schien dem Gefängnisalltag eine positive Seite abringen zu können. Ohne mir viel dabei zu überlegen, schrieb ich ihm einen kurzen Brief, es gebe auf der ganzen Welt Menschen wie ich, die die Todesstrafe verabscheuen. Das war der Beginn einer langen Freundschaft und meines heute auch beruflichen Engagements für die Menschenrechte. Nach dem Psychologiestudium arbeitete ich eineinhalb Jahre im Büro Bern von Amnesty International. Und mittlerweile bin ich bei «Peace Brigades International» aktiv, einer Organisation zum Schutz von Menschenrechtsverteidigern.
Trotz dem inneren Wandel von James und seinem künstlerischen Ausdruck in berührenden Zeichnungen und Gedichten – seine Kunstkarten wurden und werden weltweit verkauft – liess sich der Begnadigungsausschuss nach weiteren zehn Jah-ren nicht dazu bewegen, ihm eine zweite Chance zu geben, nämlich eine lebenslängliche Haftstrafe. Zweieinhalb Stunden vor der Hinrichtung kam die Hiobsbotschaft, ein weiterer Aufschub sei ausgeschlossen. Jetzt war James gezwungen, sich mit der Realität auseinander zu setzen und sich zu verabschieden von der Welt, der er noch so viel zu geben hatte.
Es ist unvorstellbar, wie schwer ihm das gefallen sein muss. Trotzdem bewies er Würde. Er bat die anwesenden Eltern des Opfers um Vergebung und sagte: «Verzeiht mir, dass ich eure Leben zerstört habe.» Zwei seiner Brüder waren ebenfalls anwesend. Sie und der Rest von James’ Familie sind auch Opfer dieser grausamen Strafe geworden. An uns alle gewandt, sagte er: «Ich gehe von euch, wie ich gekommen bin: in Liebe.»
Unvorstellbare Absurdität
Als Gegnerin der Todesstrafe war ich in einem Gewissenskonflikt: Diese Maschinerie ist von einer unvorstellbaren Absurdität. Zeugin einer Hinrichtung zu sein und dabei tatenlos zu bleiben, ist gegen meine Überzeugung. Doch das Bedürfnis, für James da zu sein, überwog in diesem Dilemma. Nach dem sinnlosen Tod will ich nun seinen letzten Wunsch erfüllen und von seinem Leben im Gefängnis erzählen, von seinem respektvollen und liebenswürdigen Umgang mit Mitgefangenen und Gefängnispersonal, von seiner unermüdlichen schöpferischen Kraft und seinem inneren Wandel.
Augenzeugin Christa Dold«Ein sinnloser Tod»
Lesezeit: 3 Minuten
Die 28-jährige Menschenrechtsaktivistin Christa Dold hat zehn Jahre lang ihren zum Tod verurteilten Brieffreund bis zu dessen Hinrichtung persönlich begleitet.
Von Edith Lier
Veröffentlicht am 09.11.2004
Veröffentlicht am 09.11.2004