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Die Gründung des Alters- und Pflegeheims St. Elisabethen geht auf das Jahr 1903 zurück. Aber der älteste Bewohner, der im Elisabethenheim besucht werden kann, dürfte erstmals 1520 in den Kleinbasler Strassen getanzt haben. Wir sind aber noch ein wenig weiter in die Geschichte eingetaucht und sind vor allem dem Mythos Greif nachgegangen.
Von Beat Zeuggin und Armin Faes
Im Jahre 2016 tanzte der Vogel Gryff zum ersten Mal mit seinem neuen Kopf. Der Anfertigung ging eine intensive Recherche voraus. Vor allem Beat Zeuggin wollte ein bisschen mehr wissen über den Mythos Greif und hatte sich in die Geschichte vertieft. Hier sind seine interessanten geschichtlichen Funde:
Das Wesen Greif in Kürze
Der Greif erschien soweit wir wissen um 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung fast gleichzeitig in Ägypten und in Mesopotanien zum ersten Mal. In der ägyptischen Kunst die eine Vielzahl zusammengesetzter Tiergestalten hervorbrachte, besassen diese Greifen den Kopf eines Falken, eines Geiers oder eines anderen Raubvogels, der Rest war nach der Art eines Löwen gebildet. Als Bildsymbol repräsentierte der Greif am häufigsten den siegreichen Pharao, war Beschützer des Lebensbaums und Begleiter der Gottheiten. Schon in Ägypten lässt sich seine Beziehung zum Totenreich nachweisen, wie merkwürdigerweise auch in der römischen Kaiserzeit, wo er eine wichtige Rolle als Psychopompos (Seelengeleiter) einnahm. Der Greif war eine Kombination von verschiedenen Elementen mit gewaltigen, übernatürlichen Kräften. Er war Wächter des Guten, Bezwinger des Bösen und ebenso Beschützer der heiligen, unantastbaren Gräber. Es gab zwei Haupttypen des Greifen: Der Greif der klassischen Zeit besass in der Regel vier löwenartige Beine. Er wurde Opinicus genannt. Der Greif der moderneren nachklassischen Tradition (der als Modell für den neuen Vogel Gryff diente) hat vorne die Klauen eines Adlers und die Hinterbeine eines Löwen. Der lateinische Name war grypho, welcher auf das indogermanische Verbum zurück geht, aus dem sich das neuhochdeutsche Wort greifen ableitet. Der griechische Name gryps hängt mit dem Adjektiv gryphos zusammen, das hakig oder gekrümmt (Schnabel des Tiers) bedeutet.
Ca. 800 Jahre vor Chr.
… übernahmen die Griechen den Greifen, seit jener Zeit erschien er in der bildenden Kunst als Verzierungen, Töpferwaren, Keramiken, Siegel, Gemmen und Münzen. Wie in früheren Zeiten agierte der Greif meist als Wächterfigur, war Reittier der Götter, zog den Sonnenwagen des Apollos, drehte das Schicksalsrad der Gerechtigkeitsgöttin Nemesis und wurde dem Götterboten Hermes als Seelengeleiter zugeschrieben. Zudem wurde er auf Gräbern als Beschützer der Toten aufgemeisselt (Totenkult). Herodot, der Vater der Geschichte, erwähnte ihn bereits im 5. Jh. v. Chr. Zu gleicher Zeit trat er in das Licht der Literaturgeschichte bei Aischylos in den griechischen Tragödien (der gefesselte Prometheus). Späteren Generationen wurde das Wissen über Greifen hauptsächlich auf lateinisch durch drei römische Schriftsteller Plinus, Solinus und Vergil überliefert. In der nachfolgenden römischen religiösen Kunst besass der Greif die wichtige Funktion eines Seelengeleiters und flog die Verstorbenen in die Abgeschiedenheit des Jenseits. Augustus, der erste römische Kaiser, trug als Zeichen seiner Stärke und der Macht einen fliegenden Greif auf seiner vergoldeten Brustplatte. Zudem wurde die Figur zum Schutzpatron der römischen Legion. Bis zum Ende des römischen Reiches blieben die Greifen die Vögel des Apollon und des ewigen Lichts des Sol Invictus, der unbesiegbaren Sonne.
Der Greif im Mittelalter
Die heidnische Tradition von den Greifen starb in der westlichen lateinischen Christenwelt nach dem 5. Jahrhundert aus. Die westeuropäischen Völker wussten von Greifen dank der erhaltenen klassischen Skulpturen sowie von zwei kurzen Erwähnungen in der Bibel (was von der Kirche später als Fehlinterpretation erklärt wurde). Man hielt den Greifen für ein exotisch grosses, wildes, unbezwingbares und furchtbares Tier, ein Wunder, das Gott erschaffen hatte. Er vereinte sich in die Eigenschaften des Königs der Vögel und des Königs der Tiere. In der bildenden Kunst fand er Einzug als Wächter, wurde an Kirchen, Kathedralen und Palastdächer angebracht, schmückte Portale von Monumenten und Machtzentren. Auch Schriftsteller gaben die Informationen über ihn weiter, der heilige Isidor im 7. Jh., der eine umfängliche Enzyklopädie des gesamten Wissens aus den klassischen, frühchristlichen Autoren schrieb. Man schrieb dem Greifen spirituelle und magische Kräfte zu. Könige und Adelige benutzten den Mythos, um ihren Untertanen Angst einzujagen. Greifen begannen ihre Rolle in Seefahrergeschichten, Forschungs- und Reiseerzählungen zu spielen (z.B. Sindbad der Seefahrer und Alexander der Grosse). In der mittelalterlichen Symbolik galt der Greif als eine reale Kreatur der Tierwelt. Der heilige Thomas von Aquin, der Kirchenlehrer des 13. Jh., erklärte, dass Moses mit dem hochfliegenden Greif die Sünde des Hochmuts und die Grausamkeit der Mächtigen habe verdammen wollen. Zusehends wurde jedoch durch die Kirche dem Greif negative Bedeutung zugesprochen. Er stand für Habgier, Grausamkeit und wurde dem Teufel zugeordnet. In der göttlichen Komödie des Dantes Alighieri (grösstes literarisches Kunstwerk der Weltgeschichte) zog ein Greif den Triumphwagen im Garten Eden, der hier friedlich eingeschirrt im Dienst von Liebe und Gerechtigkeit steht. Dantes Greif wurde jahrhundertelang als Symbol Christi verstanden.
Ende des Mythos Greifen und Unsterblichkeit
Trotz der symbolischen Geschichten, die sich um den Greif rankten, gab es immer Einzelne, die seine wirkliche Existenz bezweifelten (z.B. Arrian, Historiker). Mitte des 13. Jh. stellte der gelehrte Theologe und wissbegierige Naturforscher Albertus Magnus fest, dass noch nie jemand aus eigener Anschauung einen Greifen entdeckt oder beschrieben habe. Die Europäer begannen die Welt zu erforschen, der Greif wurde zusehends der menschlichen Imagination zugewiesen. Forschungen und Beobachtungen von Kaufleuten, Mönchen, Kreuzfahrer, Pilger und andere Reisende (z.B. Marco Polo) führten zur Aufgabe des mittelalterlichen Weltbilds. Der Anfang vom Ende des Greifen lässt sich vielleicht exakter auf das Jahr 1518 datieren. Damals veröffentlichte ein polnischer Autor Mathias Michovius eine Beschreibung, dass in den nördlichen- und asiatischen Regionen Greifen nicht existieren. 1599 legte Aldrovanti eine Ornithologiae vor, wo der Greif in das Reich der Fabeln verwiesen wurde. Mit Plinus und A. Magnus meinte er, Greifen seien eine von Historikern weitergetragene Legende. 1646 publizierte in England Sir Thomas Braun sein Buch Pseudodoxia Epidemica (von verbreiteten Irrtümern), welches ein Kapitel über Greifen enthielt. Er schliesst, der Greif verdanke seinen Ursprung den ägyptischen Hieroglyphen und sei ein reines Phantasieprodukt. Er symbolisiere einen Wächter, seine Ohren zeigten Wachsamkeit an, seine Flügel Geschwindigkeit, seine löwenartige Gestalt Mut und Kühnheit, sein gekrümmter Schnabel Hütereigenschaft und Verlässlichkeit. Damit war der mythologische Tod des Greifen besiegelt. Dem zum Trotze konnte jedoch die Kraft der menschlichen Phantasie nicht gebändigt werden. Das markante Aussehen der Greifen lebt in der Vorstellungskraft weiter. Im 16. Jahrhundert erfand der Dichter Ariost den reitbaren Hippogreif, der bis zum heutigen Tag in Ritterepos, Abenteuergeschichten, Science-Fiction und Filmen (Harry Potter) unsere Imagination bereichert.
Mögliche Entstehung des Mythos Greifen
Beim Goldschürfen in den weiten Wüsten Zentralasiens (Skythen) wurden zahlreiche Funde von Fossilien des Protoceratops gemacht, eines in der Kreidezeit häufig vorkommenden Archosauriers der über einen grossen Schnabel und einen Körper verfügte, der entfernt an den eines Löwen erinnerte. Das Nackenschild könnte für Flügel gehalten worden sein. Vermutlich gelangten so Erzählungen über Greifen durch Händler und Reisende über die Karawanenstrasse aus Richtung China nach Westen.
Schlusswort zur Gestaltung des neuen Vogel Gryff Kopfes
Der neue Vogel Gryff ist aus freihand geschmiedetem Leichtmetall (Aluminium) und in alten bewährten Handwerkstechniken hergestellt. Die Masse sind dem alten Torsos annähernd entnommen, Höhe, Tiefe, Breite. Die Flügelform wurde jedoch neu in 3 D-Form und im goldenen Schnitt eines Adlers hergestellt (Körper 1/3, Flügel 2/3). Der Kopf wurde nach der klassischen Zeit (Römerfunde) gestaltet und entspricht so den Vorstellungen der eingesetzten Fachkommission. Der Körper, die Wächterohren und Flügel des Greifen sollen die angespannte Wachsamkeit wie die Wuchtigkeit der wilden Kreatur zum Ausdruck bringen.
Der älteste Bewohner steht im Elisabethenheim und heisst Vogel Gryff
Wer in Foyer des Elisabethenheims steht, bemerkt mit Staunen, dass dort der sogenannte «Ur-Vogel Gryff» steht. Er diente damals vor der definitiven Anfertigung des neuen Kopfes als Modell für die Formenstruktur und zur Festlegung der Grössenverhältnisse; die Flügel sind kaschiert und im Gerüst konnte menschliches Mass genommen werden. Mit anderen Worten: Im Elisabethenheim steht ein einmaliges Unikat, das vom Spiel der Drei Ehrengesellschaften als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Die Leiterin des Heims, Sylvia Gangl, freut sich natürlich, erwähnt aber auch mit Stolz, dass die Beziehungen zu den 3 E immer ausgezeichnet waren und sicherlich auch bleiben werden, denn das Elisabethenheim ist ein Alters- und Pflegeheim, das im Hirzbrunnen zuhause ist und viele Bewohnerinnen und Bewohner auch aus dem Quartier stammen.
Die Erschaffer des neuen Vogel Gryff-Kopfs
Es dürfte interessant sein zu wissen, dass der «alte» Vogel Gryff-Kopf seinerzeit vom 13. Januar 1948 bis zum 20. Januar 2015 «in Betrieb» war. Der neue Kopf wurde von Metallhandwerker Beat Zeuggin von Hand aus Aluminium getrieben. Alwin Probst, Präparator am Naturhistorischen Museum in Basel, war für die Bemalung des Kopfes verantwortlich und stand beratend aus Sicht der Tieranatomie zur Verfügung. Das Leder wurde von der Firma Emme Leder GmbH in Langnau geliefert und vom Autosattler Heinz Friedli aus Rüegsbach verarbeitet. Die Metallkonstruktion des Körpers und der Flügel entstand in Zusammenarbeit mit Beat Zeuggin und Markus Wattermann. Seitens der Drei Ehrengesellschaften waren Markus Freuler, Pascal Bossert, Thomas Kämmerle, Ruedi Kämmerle und Andreas Lehr im Projekt involviert. Geleitet wurde das Projekt vom ehemaligen Vogel Gryff Ruedi Bossert, der am 27. Dezember 2015 viel zu früh verstorben war. Die Finanzierung wurde durch zehn Künstler unterstützt, die zehn Vogel Gryff-Köpfe kreativ bemalten, und diese wurden dann im Merian Saal des Café Spitz versteigert.
Beat Zeuggin
Das Bisschen ich wurde 1947 geboren. Schulen in Basel und Fribourg. Es folgten 4 Lehren in Metall- und Haustechnik. Heirat mit einer glücklichen Kleinbaslerin, 2 Söhne. Viele Jahre bei der ständigen Feuerwache in Basel. Leidenschaften: Familie, Schmieden, Treiben, Zeichnen, Volkskunde und Mythologie. Seit 2010 im erfüllten Unruhestand.
Quellen und Literaturhinweise
Deutsches archelogisches Institut Olympia-Forschung: Von H. Volkmar Herrmann Verlag De Gruyter, Berlin
Untersuchung zur Bedeutung des Greifen: Von I. Flagge Sankt Augustin 1975
Schweizerische Volkskunde Masken und deren Ursprung: Unibibliothek Basel
Fantastic and Mythological Creatures from Historic Sources: Dover Publ. Inc. New York
Fabeltiere und andere mythische Wesen:
Von P. Armour ISBN 3-15-010429-7
Volkskunde Nachschlagewerk: Bibliothek Gewerbemuseum Basel
Vogel Gryff: Von Eugen A. Meier
Schweizerisches Idiotikon: Unibibliothek Basel
Fabelbücher des Mittelalters: Tübingen 1880
Andreas Lehr, Spielchef der
Drei Ehrengesellschaften
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