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Rückfall in die Diktatur
Kim Seong-hee hat das Asian-Arts-Theaterzentrum in Gwangju aufgebaut, Teil eines imposanten neuen Kulturkomplexes in der südkoreanischen Provinzstadt. Es sollte zum Labor für Avantgarde-Theater für ganz Asien werden, mit besuchenden Künstlern, die für einige Monate hier Inszenierungen entwickeln. Das Projekt war ein Erbe von Präsident Roh Moo-hyun, der Korea zur wirtschaftlichen und kulturellen Drehscheibe Ostasiens machen wollte.
Doch schon vor der Eröffnung bedeutete man Kim Seong-hee, die als Kuratorin vorgesehen war, sie sollte zurücktreten, ihr Vertrag könne nicht verlängert werden. Hinter vorgehaltener Hand hiess es, das «Blaue Haus» stecke dahinter, der Sitz der nun suspendierten Staatspräsidentin Park Geun-hye. Gewiss wollten die Stadtväter von Gwangju lieber Unterhaltung als sperrige Avantgarde und Gesellschaftskritik. Aber was kümmerte die Präsidentin ein permanentes Theaterspektakel in der Provinz?
Gwangju ist der Geburtsort der südkoreanischen Demokratiebewegung. Im Mai 1980 erschoss die Armee hier über hundert – manchen Schätzungen zufolge: mehr als tausend – Demonstranten gegen die Diktatur. Das Massaker gilt als «Südkoreas Tiananmen». 2002 wurde Präsident Roh Moo-hyun, ein Menschenrechtsanwalt, mit den Stimmen der Jungen und der Gwangju-Generation gewählt. Doch Park Guen-hye, die Tochter des einstigen Militärdiktators Park Chung-hee, die in jener Zeit die Parlamentsfraktion der Konservativen führte, versuchte 2004 erfolglos, den progressiven Präsidenten wegen einer Lappalie zu stürzen. Seit sie selber Präsidentin ist, demontiert sie jede Erinnerung an ihn. Das Kulturzentrum von Gwangju ist eines der wenigen seiner Vermächtnisse, die sie verschonte.
«Ich bin stolz, auf dieser Liste zu sein»
Kim Seong-hee war nicht die einzige Kulturschaffende, die ihre Stelle verlor oder ein Stipendium mit dem geflüsterten Hinweis auf das Blaue Haus nicht erhielt. Gerüchte von der Existenz einer schwarzen Liste von Künstlern, die Park kritisiert hätten, kursierten schon länger. Sie bestätigten sich, als ein Komiker, den Park aus den USA zurückholen liess, um ihn zu ihrem Kulturbürokraten zu machen, sich verplapperte. Dennoch schockierte es die Südkoreaner, als die Liste im Zuge der Korruptionsermittlungen gegen Park öffentlich wurde: Sie enthält 9400 Namen. «Dass ich da drauf stehe, ist nicht verwunderlich», meint Kim Seong-hee. «Aber sie haben zum Beispiel auch einfach alle Kulturleute aufgelistet, die bei den letzten Wahlen Parks Widersacher Moon Jae-in unterstützten.» Dafür sitzen die letzten beiden Kulturminister nun in Untersuchungshaft. Sie dürften freilich auf Geheiss Parks gehandelt haben.
461 der 9400 Künstler, unter ihnen der bekannte Schriftsteller Hyun Ki-young, haben Klage gegen Park und ihre Helfer eingereicht. Sie fordern je symbolisch eine Million Won Schadenersatz, knapp 900 Franken. «Es geht nicht um das Geld, es geht darum, diesen Rückfall in die Diktatur in den Schlagzeilen zu halten», so Frau Kim. Und der Sonderstaatsanwalt habe, falls die Amtsenthebung Parks wegen Korruption wider Erwarten vor dem Verfassungsgericht scheitere, damit eine Joker-Karte in der Hand. Nein, selbst habe sie nicht geklagt: «Ich bin stolz, auf dieser Liste zu sein.»