Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/1386

Die Launen der Nina Simone waren legendär und gefürchtet. Sie sei sehr schwierig gewesen, sagte nicht nur der kürzlich verstorbene Claude Nobs. Dieser Ruf, den die Soulsängerin Nina Simone in der Öffentlichkeit hatte, wurde fleissig reproduziert, in ihren letzten Lebensjahren war er vielleicht auch zutreffend.
Allerdings verdeckt er ihre wirkliche Bedeutung: diejenige als begnadete Pianistin und authentische Stimme, als Kämpferin für die Rechte der Schwarzen. Nina Simone war eine Frau, die – musikalisch und menschlich – in einer Reihe stand mit solch grossen Vorgängerinnen wie Bessie Smith und Billie Holiday und von deren Erfolg sich viele Nachfolgerinnen inspirieren liessen.
Beethoven und Gospel
Nina Simone wurde 1933 in North Carolina in eine Familie mit acht Kindern geboren. In der Zeit der Rassensegregation war sie als Frau und Schwarze doppelt diskriminiert. Dass sie klassischen Klavierunterricht mit Bach und Beethoven erhielt, muss als Zeichen ihres ausserordentlichen Talents gewertet werden. Ihre Ausbildung konnte sie dank einem Gönner an der Juilliard School in New York fortsetzen, den Abschluss allerdings erlangte sie nicht – wohl aus rassischen Gründen.
Das war allerdings nur der eine Teil ihrer Ausbildung. Der zweite – und ebenso wichtige – war derjenige in der Kirche. Der Gospel blieb Zeit ihres Lebens ein wichtiger Teil ihrer Kunst, wie auch der Blues. Die Gesellinnenzeit absolvierte Nina Simone als Cabaretsängerin und -Pianistin in Atlantic City, so dass sie bei ihren ersten Aufnahmen im Jahr 1957 als vollwertige Künstlerin da stand.
Stimme der Bürgerrechtsbewegung
«My Baby Just Cares For Me» wurde ihr erster Hit, das Arrangement mit der barockähnlichen Überleitung wurde zum Standard: Seither gibt es nur eine Art, diesen Song zu gestalten.
Die Rassenunruhen in Montgomery 1963 allerdings wurden für Nina Simone zum wirklichen Fanal, sie hatte ihre Berufung als Künstlerin gefunden. Seither ist Nina Simone die Stimme der Bürgerrechtsbewegung: Lieder wie «Mississippi Goodam» und «Young, Gifted and Black» wurden zu Hymnen ihres Volkes.
Rastlos und temperamentvoll
Das private Leben von Nina Simone gestaltete sich schwieriger als ihr berufliches. Sie floh aus ihren Beziehungen und suchte eine neue Heimat in Afrika und später in Europa. Ihr Temperament führte zu Schwierigkeiten mit den Plattenfirmen. 1993 erschien ihr letztes Album; 2002 starb Nina Simone nach langem Krebsleiden in ihrer neuen Heimat Südfrankreich.
Was von ihr bleibt, ist die Erinnerung an eine starke Persönlichkeit, an eine ausdrucksstarke Sängerin und an eine Frau, die allen Hindernissen zum Trotz konsequent ihren eigenen Weg ging.