Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/610

«Eine europäische Frau» ist ein Buch von und über Gunilla Palmstierna-Weiss. Es ist auch ein Buch über den Schriftsteller Peter Weiss, mit dem sie dreissig Jahre lang zusammengelebt hat. Aber das ist es erst in zweiter Hinsicht. Denn hier spricht eine weltgewandte Frau in ihrem eigenen Namen, vielfältig tätig und vielfältig vernetzt, als Keramikerin, Bühnenbildnerin, kulturpolitische Aktivistin.
Ihre Kindheit und Jugend waren abenteuerlich, mit einer hochbegabten, labilen Mutter, einem abwesenden Vater und einem abweisenden Stiefvater, von Stockholm nach Wien, Rotterdam und zurück nach Stockholm. Ein Leben in der niedrigen schwedischen Aristokratie sowie in der holländischen und französischen Haute Bourgeoisie, soziale Milieus, die durchsetzt waren von Snobismus und Klassendünkel und erschüttert von gelegentlichen Eheskandalen.
1946, mit achtzehn, ist sie eigenständig, nach dem frühen Tod der Mutter vom Stiefvater aus der Wohnung geworfen. Sie macht eine Ausbildung als Keramikerin, geht eine frühe Ehe ein, muss sich als Frau selbst in der relativ aufgeschlossenen schwedischen Gesellschaft zäh einen Platz erkämpfen. In ihren autobiografischen Aufzeichnungen, die vor wenigen Wochen, kurz vor ihrem Tod, auf Deutsch erschienen sind, beschreibt sie das direkt, zupackend, mit etlichem Sarkasmus.
Produktive Arbeitsgemeinschaft
Sie eröffnet mit Kolleginnen eine eigene Keramikmanufaktur, erhält öffentliche Aufträge für Steinreliefs. Daneben lebt sie ab 1952 mit dem Schriftsteller Peter Weiss (1916–1982) zusammen. In den fünfziger Jahren bildet sich eine Stockholmer Szene, sie dreht sich vor allem um Kunst und Theater, auch um Erotik. Im Buch wird Stockholm als ein europäisches Zentrum für Kunst, Film, Musik, Tanz und Happenings geschildert und namentlich als eine Drehscheibe für die Einführung US-amerikanischer Kunst auf dem europäischen Kontinent.
In den sechziger Jahren bildet das Paar eine ungemein produktive Arbeitsgemeinschaft. Gunilla Palmstierna-Weiss entwirft, teils in Schweden, teils in Deutschland, Bühnenbild und Kostüme für viele der Stücke von Peter Weiss, den «Marat/Sade», die «Ermittlung», den «Lusitanischen Popanz», den «Viet-Nam-Diskurs», «Trotzki im Exil» und «Hölderlin».
Ihre Arbeit vergegenwärtigt sie im Buch in geradezu glühenden Bildern, mit aufschlussreichen Erläuterungen von Konzepten und Arbeitsprozessen, von Materialien und Techniken, von Räumen und Farben und Rhythmen. Es gibt bewundernd-sarkastische Anekdoten zu Regisseuren, etwa zu Peter Brook, dessen private Vorhänge sie zu Kostümen zuschneidet, oder zum cholerischen Ingmar Bergman und zur Zusammenarbeit mit Bühnenarbeitern – ja, der Theaterbetrieb ist damals fast ausschliesslich eine Männerdomäne.
Mit Peter Weiss teilte sie auch das politische Engagement, vor allem gegen den US-Krieg in Vietnam. Sie hat 1967 in Stockholm das Russell-Tribunal gegen die US-Kriegsverbrechen mitorganisiert, auch eine lange Reise nach Nordvietnam unternommen, eine Broschüre darüber veröffentlicht. Mit einer internationalen Delegation besucht sie Kuba. Mit dabei waren etwa Marguerite Duras, «eine sehr ernste Dame, die meist für sich allein blieb», der «elegante und recht überhebliche Schriftsteller Jorge Semprún», Eva Forest-Sastre, Mitglied der baskischen ETA, und Rossana Rossanda, damals noch im ZK der KPI. Zuweilen wurde sie bloss als Anhängsel von Peter Weiss betrachtet. Dagegen hat sie sich zu wehren gewusst; auch in Kuba erklärte sie den Genossen, was Frauenemanzipation in West und Ost und Süd heissen sollte.
Das gemeinsame Erbe wahren
Es ist ein kosmopolitisches Leben. In Stockholm beherbergt das Paar Vertreter der deutschen Schriftsteller:innenvereinigung Gruppe 47, später Mitglieder des Russell-Tribunals, den Schwarzen US-Aktivisten Stokely Carmichael oder den Westberliner Kabarettisten Wolfgang Neuss und den DDR-Filmer Konrad Wolf; ihrerseits wohnen sie beim Regisseur Peter Brook in London oder beim marxistischen Ökonomen Ernest Mandel in Brüssel.
Peter Weiss starb 1982; zuvor hatte es eine Entfremdung, Trennungsabsichten gegeben, durch die späte Geburt einer Tochter aber eine neue Beziehung. Gunilla Palmstierna-Weiss hat, bis ums Jahr 2000, weiter Bühnenbilder und Kostüme geschaffen, häufig für Inszenierungen von Ingmar Bergman; sie ist auch als bildende Künstlerin tätig geblieben. In den letzten Jahren hat sie zudem das Erbe von Peter Weiss gepflegt, seine Gemälde und Manuskripte verwaltet, aber auch ideell das gemeinsame Erbe zu wahren versucht. Bis ins hohe Alter ist sie politisch rege geblieben; nach dem jüngsten Wahlerfolg der rechtsextremen Schwedendemokraten hat sie laut ihrem deutschen Verleger gemeint, sie sei sich nicht sicher, ob sie Schweden noch als ihre Heimat betrachten könne.
Autobiografien sind subjektive Rückblicke. Insgesamt aber liegt mit diesem Buch ein bemerkenswertes Dokument zur Sozial- und Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor.
Gunilla Palmstierna-Weiss: «Eine europäische Frau». Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg. Verbrecher Verlag. Berlin 2022. 600 Seiten. 55 Franken.