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von Sandro Danilo Spadini
Filmbiografien sind zwar seit Längerem schwer en vogue. Doch an die ganz Grossen wagen sich Hollywood und Co. dann doch nicht ran. Das ultimative Elvis-Biopic etwa fehlt nach wie vor ebenso wie das ultimative JFK-Biopic, das ultimative Marilyn-Biopic – oder auch der ultimative Beatles-Film. Wer sich cineastisch mit diesen Heiligtümern der jüngeren Zeitgeschichte befasst, der begnügt sich mit Singulärem aus deren Leben. So gab es, was die Fab Four angeht, einst mit «Backbeat» einen Film über den fast vergessenen und früh verstorbenen fünften Beatle Stu Sutcliffe. Oder unlängst die erhellende Doku «The U.S. vs. John Lennon» über die Zeit des ersten Beatle als Friedensaktivist. Oder dann das fade Drama «Chapter 27» über die Ermordung Lennons. Und so gibt es jetzt «Nowhere Boy»: einen intimen Blick auf die Jugendjahre des vor 70 Jahren geborenen und vor 30 Jahren getöteten John Lennon, des Beatle, den die Filmwelt offenkundig am meisten interessiert.
Lost in Liverpool
Der von der englischen Foto- und Konzeptkünstler Sam Taylor-Wood gefertigte Streifen ist freilich so angelegt, dass er auch von Belang wäre, wenn die Hauptfigur keinen solch klingenden Namen trüge. Und in der Tat sind Lennons Jugendjahre gleichsam filmreif. Denn es sind schwierige Verhältnisse, in denen er Ende der Fünfzigerjahre in Liverpool seine Teenager-Phase erlebt. Wie Taylor-Wood bei ihrem Kinodebüt sensibel und nie sensationslüstern schildet, ist der 16-jährige John (formidabel verkörpert von Aaron Johnson) hin und her gerissen zwischen zwei Frauen: der lebensunfrohen, aber verlässlichen und fürsorglichen Tante Mimi (Kristin Scott Thomas), bei der er aufwuchs, und der meist abwesenden Mutter Julia (Anne-Marie Duff), einem mental angeschlagenen Freigeist, der selbst noch ein halbes Kind ist. Ausgangspunkt des Films und Initialzündung des Quasi-Dreiecksdramas ist der Tod des geliebten Onkels (David Threlfall). Auf dessen Beerdigung kommt es zum flüchtigen Wiedersehen mit Julia, das rasch in eine neuerliche Annäherung mündet: in eine Achterbahn-Beziehung, die ebenfalls eine flüchtige bleiben wird und mehr eine kumpelhafte ist, zumal anders als bei Mimi bei Mama gesoffen und geblödelt werden darf. Nicht zuletzt teilt Julia Johns Musikleidenschaft. John wird ihr später, als er berühmt ist, den Beatles-Song «Julia» schreiben und noch später, als Solokünstler, auch «Mother». Doch das ist hier nicht zu sehen, denn hier geht es nicht um den berühmten John Lennon, sondern bloss um einen verwirrten und bisweilen verirrten Jungen aus Liverpool.
Sarkastischer Träumer
Dieser Junge hat in Ansätzen aber schon jene Züge, welche die spätere Ikone auszeichnen werden. Der 16-jährige John ist ein Hallodri, der die Mädchen mag und die Lehrer plagt. Ein aufgeblasener Schnösel, der mit schneidendem Sarkasmus seine Mitmenschen brutal verletzen kann. Und ein Träumer ist er, ein Träumer von Ruhm, aber auch ein Träumer von Albträumen. Schön ausgearbeitet ist zudem, wie er und der in der Filmmitte auftauchende Paul McCartney (Thomas Brodie Sangster) schon früh nicht nur harmonieren, sondern auch in Konkurrenz zueinander stehen. Und wenn dann auch noch George Harrison die Bühne betritt, scheint sich «Nowhere Boy» vom Familiendrama zur Schöpfungsgeschichte der grössten Popband aller Zeiten zu entwickeln. Bald wird jedoch klar, dass sich Taylor-Wood nicht so sehr für die grosse, weite Rock-‘n‘-Roll-Welt interessiert als vielmehr für den in manch farbenprächtiger und lichtdurchfluteter Einstellung eingefangenen kleinen Liverpooler Arbeiterklasse-Kosmos der ausklingenden Fünfziger. So degradiert sie Paul und George bald wieder zur Dekoration und wendet sich abermals Julia und Mimi zu. Dieser und andere Übergänge in dem vielschichtig angelegten Werk könnten wohl stimmiger sein; und die eine oder andere Länge hätte sich gewiss vermeiden lassen. Gleichwohl ist Taylor-Wood ein von einem tollen Ensemble getragenes Drama von grosser Zärtlichkeit geglückt, in dessen Zentrum ein musikbegeisterter Junge steht, der zufällig John Lennon heisst.