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mein & aber
Miranda, Abdi & Co.
Beat Wälti
Dozent für Mathematikdidaktik an der PHBern
Im Klassenzimmer sitzen 18 Teenies aus 12 Ethnien und mit 11 Muttersprachen, die Lehrperson und – für diese eine Lektion – ich, der Beobachter. Die Wort- und Sprachfetzen, die mich erreichen, klingen oft holprig, akzentbeladen. Die Stimmung ist aufgeräumt; die Schatten der Vergangenheit, die hier viele begleiten, reichen nicht bis ins Klassenzimmer. In der Mathematiklektion geht’s um Flächen- und Volumenmasse. Es wird diskutiert, korrigiert, ergänzt, nachgefragt. In der Mitte des Geschehens sitzt mit stoischer Miene der fünfzehnjährige Abdi. Die Kameradinnen und Kameraden kümmern sich nicht gross um ihn. Miranda, die Pultnachbarin, kritzelt etwas in sein Heft und markiert mit Leuchtstift ein paar Buchstaben.
Ich setze mich auf den Stuhl neben Abdi, während die andern Lernenden nach Referenzgrössen für 1m2 oder 1 dm3 suchen und sich überlegen, wie viel Farbe man für den Anstrich dieses Schulzimmers brauchen würde. «Wie lange bist du schon in der Schweiz?» «Ich bin seit 4 Wochen in der Schweiz» tönt es grammatikalisch einwandfrei zurück. Man merkt, dass ihm beigebracht wurde, immer ganze Sätze zu bilden. «Verstehst du, was du jetzt tun sollst?» frage ich.
Schicksal hin oder her, Miranda und Abdi scheinen solidarisch im Bestreben, das Beste aus der Situation zu machen.
«Manchmal, ich verstehe schon ein bisschen Deutsch». Allerdings verrät der Blick in sein Heft, dass er vorzugsweise Rechnungen löst, die mit wenig Sprache auskommen. Immerhin steht bei Referenzgrösse für 1 ha «Fussball» – und daneben das flüchtig hingeworfene Wort von Miranda: «feld». Daneben in der gleichen Schrift «1 ha = 100 m • 100 m» Und nun sitzen sie nebeneinander, Miranda aus der Herzegowina und Abdi aus Syrien. Schicksal hin oder her, die zwei scheinen solidarisch im Bestreben, das Beste aus der Situation zu machen. «Gehst du gerne hier zur Schule?» Meine Frage klingt etwas hilflos. «Alle sind sehr nett». Der Ausdruck von Abdis Augen will nicht ganz zu seinen Worten passen. Der Junge beugt sich wieder über sein Heft, Miranda kritzelt eine weitere Ergänzung hinein.
Die 3 Schweizer Sprösslinge in der Klasse haben sich daran gewöhnt, dass die vielen von weit her Zugezogenen nun selbstverständlicher Teil ihrer schulischen Heimat sind. Wird das auch in einigen Jahren noch gelten? Wie werden sie sich dereinst politisch positionieren? Wie werden sich ihre Erfahrungen auf ihre Haltungen und Entscheidungen auswirken?