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Fabian Cancellara: «Dass ich ins Ziel kam, war heute mein schönster Sieg.»
Für Fabian Cancellara wurde das olympische Zeitfahren zu einem bitteren Leidensweg. Der Goldmedaillengewinner von Peking erreichte mit Schmerzen in der Schulter nur den 7. Platz. Im Interview blickt der Berner auf das Rennen zurück.
Die Bilder sprachen Bände: Wiggins, der wartete, bis Cancellara im Ziel war, genoss den Jubel seiner Landsleute. Cancellara sass derweil am Boden, mühte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht aus dem Renndress und in die Rennkleidung. Der fatale Sturz im Strassenrennen vom Samstag zeigte noch immer Auswirkungen.
Nach 7 km des über 44,5 km führenden Zeitfahrens wies Cancellara nur einen geringfügigen Rückstand auf Bradley Wiggins auf. Nach 18,4 km lag der Berner mit 31 Sekunden Rückstand noch an vierter Stelle. Danach wurde der Rückstand des zweifachen Familienvaters kontinuierlich grösser. Ab der Hälfte der Distanz fiel Cancellara deutlich zurück, möglicherweise auch deshalb, weil die Informationen aus dem Teamwagen ihm die Unmöglichkeit seines Unterfangens aufzeigten, wenigstens eine Klassierung auf dem Podest zu schaffen.
Es ehrt 'Spartacus', dass er sich als «harter Mann» bestätigen und seine zweite Chance in London wahrnehmen wollte. «Die Klassierung spielt keine grosse Rolle. Wichtig war für mich, bei den Olympischen Spielen zu starten», so Cancellara, «nur schon meiner Familie und all den Leuten zuliebe, die hinter mir stehen.» Die 2:14 Minuten Differenz im Ziel zu Wiggins widerspiegeln das Leistungsvermögen Cancellaras bei guter Gesundheit in keiner Art und Weise. Das olympische Diplom für den 7. Platz stellt letztlich einen schwachen Trost dar und wird dem grossen Aufwand nicht gerecht, den Cancellara betrieben hatte, um nach dem vierfachen Bruch des rechten Schlüsselbeins Anfang April in der Flandern-Rundfahrt noch einmal in Form zu kommen.
Im Interview blickt Cancellara auf das Rennen zurück:
Fabian Cancellara, es ging nicht so, wie es sollte...
«Es lief schon am Samstag (mit dem Sturz im Strassenrennen - Red.) nicht so, wie es sollte. Ich wusste um mein Handicap und dass es eine schwierige Aufgabe werden würde. Ich wusste, was vor, während und unter Umständen auch nach dem Rennen auf mich zukommen würde. Statt einem Podium wurde es nun halt sonst ein Platz irgendwo auf der Rangliste.»
Weshalb sind Sie trotzdem gestartet?
«Es sind immerhin die Olympischen Spiele und damit das Grösste, was es im Sport gibt. Dass ich trotz der Verletzung gestartet bin, macht mich am meisten stolz und gibt mir auch Genugtuung. Ich hätte nach dem Sturz auch einfach beschliessen können, heim zur Familie zu gehen und da einen schönen Grillabend mit Freunden zu veranstalten. Aber ich habe mich ja nicht auf das vorbereitet, sondern eben auf Olympia. Das habe ich mit meinem Start respektiert. Für mich wäre die Enttäuschung grösser gewesen, wenn ich nach dem Sturz einfach nach Hause gegangen wäre. Ich wollte mich dieser Situation stellen und starten.»
Nun wurden Sie nur Siebter.
«Ich habe 100 Prozent gegeben. Deshalb spielt es keine Rolle, ob ich am Ende Siebter, Sechster oder Vierter geworden bin. Dass ich ins Ziel kam, war heute mein schönster Sieg. Natürlich werde ich an anderem gemessen als an einem siebten Platz. Aber diese Rangierung ist in meiner Situation nicht zu unterschätzen. Die Crew und ich haben heute das Maximum herausgeholt. Mit diesem Handicap konnte es nicht zum Olympiasieg oder einer Medaille reichen.»
Wie war es mit den Schmerzen?
«Nach der ersten Linkskurve wusste ich genau, was auf mich zukommt. Doch eigentlich habe ich es schon die ganzen letzten Tage gewusst. Ich war mental darauf vorbereitet. Ansonsten habe ich versucht, mich so normal wie möglich vorzubereiten.»
Konnten Sie die gewünschte Position auf dem Rennvelo einnehmen?
«Am Lenker konnten wir schon einiges machen. Und wenn ich es mit der Situation am Samstagabend vergleiche, dann ging es am Mittwoch schon um einiges besser. Aber um die richtige Position die ganze Zeit zu halten, muss alles stabil sein. Man muss den Druck auf beide Schultern gleich verteilen können. Bei mir wurde es während des Rennens instabil. Ich fuhr einseitig belastet. Auch der Asphalt, der sehr rau und deshalb für mich nicht ideal war, führte dazu, dass ich mich unwohl fühlte. Dadurch war ich auch nicht in meinem Rhythmus und konnte nicht die geforderte Leistung abrufen.»
Ist die WM Mitte September in Holland ein Thema für Sie?
«Im Moment gibt es für mich nur ein Thema. Ich will heim zu meiner Familie. Mit ihr will ich die kommende Zeit geniessen und ich will so richtig abschalten. Die letzten Wochen und Monate waren sehr intensiv und natürlich ist eine Enttäuschung vorhanden. Das Ganze wird sicher auch mental Spuren hinterlassen. Ich habe mir mehr vorgenommen. Doch nun freue ich mich riesig, zurück zur Familie gehen zu können. Hoffentlich ist das Wetter gut, dann werden diese gemeinsamen Tage noch schöner.» (Text: Si/Swiss Olympic)