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Die Arbeit von Autor*innen beschränkt sich nicht aufs Schreiben und das gedruckte Buch ist nicht die einzige Möglichkeit, einen Text zu veröffentlichen. Publizieren heisst auch, um es mit den übersetzten Worten Lionel Ruffels zu sagen, »seine Präsenz im öffentlichen Raum zu vervielfachen« (aus dem Essay Brouhaha, Verdier, 2016), sei dies, indem ein Text im Internet zugänglich gemacht, im Museum ausgestellt oder laut auf einer Bühne gelesen wird. Immer öfter bringen Autor*innen ihre Texte heutzutage vor Publikum; das gilt auch für die Studierenden des Schweizerischen Literaturinstituts. Von ihren Vorlese-Erfahrungen und -Praktiken berichtet hier Narayana Sieber aus dem 2. Bachelor-Jahr.
Narayana, du hast dieses Semester an Daniel Mezgers Kurs «Vorlesen» teilgenommen. Kannst du erzählen, wie dieser Kurs ablief, was er beinhaltete und inwiefern er dein Vorlesen verändert hat?
Wir haben im Kurs von Daniel vor allem eigene Texte fokussiert. Er gab uns zu Beginn den Auftrag, einen eigenen Text mitzubringen, das Genre spielte keine Rolle. So hatten wir Prosa, Lyrik und ebenso Theatertexte dabei, was sehr gut war, da wir so auch von den anderen Beispielen lernen konnten. Im Unterricht standen dann jeweils eine Person und ihr Text für ungefähr zwanzig Minuten im Fokus. Zuerst las diese so, wie sie immer vorliest, ohne irgendwas speziell zu beachten. Daraufhin reagierte Daniel mit einem Input, der von Person zu Person individuell war. Ich hatte beispielsweise einen sehr persönlichen Text dabei, in dem ich die Ohnmacht des eigenen Handelns und die daraus resultierende Wut behandle. Da der Text sehr an mich geknüpft ist, hatte ich den Hang, emotional zu lesen. Das wollte Daniel verhindern, denn die Interpretation eines Textes liegt nicht bei der vortragenden, sondern bei der zuhörenden Person. Zudem liess ich durch meine Wut, die ja im Text Thema ist, bei langen Wörtern immer wieder mal ein paar Silben weg und wurde zusehends schneller, was die Verständlichkeit beeinträchtigte. So gab mir Daniel den Auftrag, meine Wut zu kanalisieren und der Schnelligkeit gegenzusteuern, indem ich nach jedem Satz oder nach jeder Sprechpause das Wort SCHEISSE einsetzte.
Das sah dann zum Beispiel so aus:
«Ich habe nur zusehen und hoffen können. Scheisse. Bin dagesessen, Scheisse, während du neben mir im Stuhl gehangen bist und leere Löcher in die Luft gestarrt hast. Scheisse. Stunden. Ich hatte keine Macht, deine Scheisse hinunterzuspülen, Scheisse, wusste nicht, wie ich dich retten kann. Scheisse. Tage. Scheisse. Wusste gar nichts mehr und – Monate. Scheisse. Die Löcher wurden grösser, Scheisse, während du kleiner geworden bist. Scheisse. Ich wurde unruhig. Scheisse. Du hast alles ausgestarrt und am meisten dich selbst. Scheisse. Hast dich ins absolute Nichts gestarrt. Scheisse. Bist verschwunden. Scheisse. Dein Zittern hat aufgehört, Scheisse, an seine Stelle zeichneten sich die Umrisse einer toten Hand. Scheisse.»
Andere Aufträge waren beispielsweise, nach jedem Satz mit der Faust auf den Tisch zu hauen, das Gesagte zur Verdeutlichung während des Sprechens mit Bildern an die Tafel zu zeichnen, keine einzige Pause zu machen oder mit Luftpfeilen in den Raum jeden einzelnen Satz bewusst zu positionieren. Darauf reagierte Daniel und der Text wurde mehrere Male vorgelesen, manchmal immer mit dem gleichen, manchmal mit ganz unterschiedlichen Inputs. Irgendwann wurden diese aufgehoben und die Person las ihren Text wieder ohne jegliche Vorsätze oder Zugaben vor. Die Unterschiede vom ersten zum letzten Mal Vorlesen waren oft immens, da durch die Übung sehr viel Sicherheit gewonnen wurde. Ich erlangte einen viel besseren und genaueren Zugang zum eigenen Text.
Die Arbeit von Autor*innen endet nicht, wenn ein Text geschrieben ist; häufig geht es im Anschluss darum, den Text vor Publikum zu bringen, insbesondere durch Vorlesen des Textes, etwa bei Treffen oder Festivals. Wie stehst du dazu? Welchen Platz räumst du dem Textvortrag in deiner literarischen Arbeit ein?
Für mich ist der Text als physisches Element schon sehr wichtig. Die Worte, die im Stillen zu Sätzen, Seiten und ganzen Texten verbunden wurden und etliche Male durchgelesen, gestrichen und wieder zusammengesetzt wurden, gewinnen eine ganz neue Kraft. Plötzlich werden sie laut ausgesprochen, plötzlich sind da Menschen, die diesen Text noch nie zuvor gehört haben und nun interessiert zuhören. Oft habe ich während des Schreibens sehr stark das Gefühl, es sei nicht interessant, was ich gerade schreibe. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass dies natürlich immer der Fall sein kann, dass dieses Gefühl aber oft auch daher kommt, dass das, was ich schreibe, mir schon sehr vertraut ist. Wenn ich Dinge aufschreibe, so habe ich mich in meinem Kopf meist schon hundert Male und auf jenste Weise mit diesen auseinandergesetzt. So erscheinen sie mir nicht mehr spannend. Die zuhörenden Menschen hingegen haben vielleicht noch nie einen Gedanken an diese Dinge gegeben, vielleicht auch schon, aber wahrscheinlich nicht auf meine Weise. Ein Text ist oft interessanter, als ich mir das vorstelle. Durch den Textvortrag erhält der Text irgendwie eine neue Dimension, es sind nun andere Menschen daran beteiligt, sie reagieren auf meine Worte, vielleicht lachen sie, vielleicht werden sie starr, vielleicht verstehen sie überhaupt nichts, vielleicht finden sie wirklich alles langweilig. Das gibt mir als schreibende Person ein neues Gefühl für den Text und ich kann mit diesem daran weiterarbeiten oder ihn lassen, wie er ist.
Im Rahmen des kantonalen Fachschaftstags Deutsch hast du zusammen mit einem Jazzmusiker kürzlich an einer Lesung mitgewirkt. Wie war das, deinen Text mit Musikbegleitung zu lesen? Wie hast du dich vor diesem Publikum, das du nicht kanntest, gefühlt?
Das war eine sehr schöne Erfahrung und ich habe mich willkommen gefühlt. Dass das nicht einfach irgendwelche Zuhörer*innen waren, die wegen ihres Tagesprogrammes in dieser Aula sassen und uns zuhören mussten, sondern dass das Deutschlehrer*innen waren, hat schon geholfen. So wusste ich, dass diese Menschen sich auf irgendeine Weise, wenn vielleicht auch im sehr theoretischen Sinne, mit Text und Sprache beschäftigen und einen Zugang zu dem haben, was ich tue. Die Zusammenarbeit mit der Musik war wirklich interessant und hat mein Vorlesen und auch die Kraft meiner Worte sehr beeinflusst. Durch die musikalische Gestaltung, mit Dynamik, Rhythmus und auch vielen Pausen, entstand in meinem Kopf ein stärkeres Bild meines Textes. Natürlich wurde durch die Musik der Text während der Lesung und noch dazu auf einer Bühne bereits ein erstes Mal interpretiert, nämlich durch den Musiker. Vielleicht könnte man auch sagen, der Text wurde bereits transformiert in etwas Neues, da er nicht mehr für sich alleine stand. Gewisse Sätze erlangten eine grössere Bedeutung, als ich ihnen vielleicht während des Schreibens beigemessen habe, weil die Musik gerade besonders laut oder überhaupt nicht da war. Diese Erfahrung war sehr intensiv. Da ich aber den Musiker als sensibel und sehr offen wahrgenommen habe, hat diese Interpretation für mich vollkommen gestimmt – ich habe mich von ihm aufgehoben und getragen gefühlt.
Wie bereitest du dich auf eine öffentliche Lesung vor? Überarbeitest du deinen Text, damit er beim Vorlesen besser klingt, oder lässt du ihn so, wie er ist?
Das ist sehr unterschiedlich und textabhängig. Wenn ich einen Prosatext habe, muss ich nur sehr wenig daran arbeiten, um ihn ins Mündliche zu übersetzen, da ich mir gewöhnt bin, Prosa zu lesen. Man hat ja in der Schule auch bloss gelesen und sich nichts dazu überlegt. Was ich seit dem Kurs bei Daniel mache, ist eine gewisse Distanz zum Text aufzubauen. Nicht emotional, aber stimmlich. Das heisst, ich übernehme nicht die Gefühle, die dem Text eingeschrieben sind, sondern ich beschreibe sie bloss laut. Der Rest liegt, wie schon gesagt, bei der zuhörenden Person. Es ist nicht meine Aufgabe, den Text fix und fertig interpretiert zu überliefern, denn wenn ich diesen emotional vorlese, nehme ich den Zuhörer*innen die Möglichkeit, eine eigene Emotion zu haben. Das macht alles sehr langweilig.
Wenn es aber ein lyrischer Text ist, ist das für mich eine grössere Herausforderung. Da muss ich sehr genau auf meine Stimme achten, denn Lyrik hat zum Beispiel keine klaren Satzenden. Zudem sind alle Wörter von der Betonung her gleichberechtigt. Das bereitet mir noch jetzt Mühe. Da Daniel aber sehr genau ist im Zuhören, war das Training mit ihm wirklich produktiv und hat mich weitergebracht.
Aber vor jeder Lesung drucke ich mir den Text ein paar Tage früher aus und trage ihn gefaltet in meiner Hosentasche, einfach, dass wir beieinander sind. Das gibt mir das Gefühl, dass ich vertraut damit bin, dass mir der Text nahe ist. Und ich kann ihn jeden Moment in meine Hände nehmen, vielleicht durchlesen, vielleicht bloss auf das Blatt schauen, ohne irgendwas zu lesen. Zudem schaue ich darauf, dass ich den Text nicht unnötig oft durchlese, denn das nimmt mir selber das Gefühl von Spannung und die brauche ich während einer Lesung. Also lese ich ihn vielleicht zwei Mal einem anderen Menschen vor, vielleicht noch einmal mir selber, aber dann lasse ich das. Mehr bringt mir persönlich nichts mehr. Dann warte ich auf die Lesung und trage den Text einfach weiter bei mir.
Ist es wahr, was man sagt: «Wenn man einmal auf der Bühne stand, will man nur noch eins: dorthin zurück»?
Ja, das hat wahrlich etwas. Das ist mir aber nicht neu, da ich als Jugendliche sehr viel Theater gespielt habe. Das Gefühl, immer auf die Bühne zurückzuwollen, kenne ich, seit ich dreizehn bin, und ich habe mich seither daran gewöhnt. Das macht eine Lesung oder ein Theaterspiel aber nicht weniger speziell oder aufregend. Im Moment spiele ich weniger, sondern schreibe und lese mehr. Und jedes Mal bin ich wieder sehr aufgeregt, wenn ich vor Menschen lese. Die Aufregung hat aber das gewisse Etwas, das die Lesung vom Lautlesen im eigenen Zimmer unterscheidet. Sie ist gewichtiger, grösser, ich fühle mich viel mehr im Moment. Und das strahlt auch auf das Publikum. Denn meine ganze Energie ist gebündelt und liegt in diesem Moment in meinem Text. Und wenn ich es wirklich fühle, so habe ich meist nur noch mich und meinen Text. Die Zuhörer*innen verschwinden, die Location verblasst, es ist alles egal. Wenn ich diesen Punkt erreiche, passieren auch keine Fehler mehr, da ich im Text drin bin und ihn nicht bloss vorlese. Am Ende des Vorlesens wird mir dann wieder bewusst, dass da Menschen sitzen und ihren Blick die ganze Zeit auf mich gerichtet haben. Auch das ein sehr schöner Moment.
Die Situation einer Lesung gibt dem Text etwas ganz Neues, das vorhin nicht da war. Und die Rückmeldungen und Gefühle, die mir im Nachhinein mitgeteilt oder gezeigt werden, sind ehrlich und sehr wichtig für mein kreatives Schaffen. Und meist geben sie mir auch einfach ein schönes Gefühl. Nach einer gelungenen Lesung erlebe ich ein paar Minuten, in denen die wohl immer präsenten Gefühle von Selbstzweifel und Hinterfragung meines Schreibens ganz wegfallen. Und das ist unglaublich wichtig.