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Die wirklich unübersetzbaren Wörter sind viel seltener als wir meinen... In manchen Fällen können Wörter zwar übersetzt werden, aber etwas geht verloren: eine Nuance, die das Wort in der Ausgangssprache irgendwie einzigartig macht. Manchmal hingegen kann die Bedeutung eines Wortes nur durch mehr oder weniger umständliche Beschreibungen wiedergegeben werden; in diesem Falle kommen wir dem Begriff «Unübersetzbarkeit» ziemlich nah.
Aber schauen wir uns einige deutsche Wörter an, die häufig in den Listen der vermeintlich "unübersetzbaren" erwähnt werden. Online hat es sehr viele solcher Listen und einige Bücher über unübersetzbare Wörter sind im Moment auf dem Markt. Ein schönes Beispiel dafür ist: «Lost in Translation» von Ella Frances Sanders (Dumont Verlag, 2018, aus dem Englischen übersetzt). Dort werden folgende deutsche Wörter als «unübersetzbar» eingestuft: Kummerspeck, Kabelsalat, Waldeinsamkeit, Warmduscher und Drachenfutter. Fällt euch etwas auf? Ja, genau, es sind alle Komposita, d.h. Wörter, die aus der Zusammensetzung von zwei anderen Wörtern (alle Substantive plus ein Adjektiv) entstanden sind. Wenn wir aber alle Komposita berücksichtigen, sollte es im Deutschen von unübersetzbaren Wörtern regelrecht wimmeln… Aber es ist nicht so einfach: es gibt ein Unterschied zwischen Komposita, die eine blosse Verbindung zwischen zwei Wörtern darstellen - zum Beispiel «Schulhof» - und Wörter, die eine eigenständige Bedeutungseinheit bilden, wie «Geisterfahrer» (siehe unten), das dazu noch eine halbe Metapher ist. In diesem Sinne ist Waldeinsamkeit keine originelle Wortschöpfung; die Verbindung zwischen Wald und Einsamkeit erschafft keinen «Mehrwert», es geht bloss um das Gefühl der Abgeschiedenheit, das man im Wald spüren kann. Wenn wir Waldeinsamkeit ins Französische (F), Spanische (E) und Italienische (I) übersetzen, können wir ruhig die Standardregel für die Übersetzung von Komposita anwenden: das zweite Wort kommt zuerst, dann eine Präposition und zuletzt das erste Wort.
F: la solitude des bois
E : la soledad de los bosques
I : la solitudine dei boschi
Warmduscher und Drachenfutter sind hingegen originelle Erfindungen, weil sie Metaphern sind, deren Bedeutung nicht offensichtlich ist. Im ersten Fall kann man eher erahnen, dass Menschen, die warm duschen keine Helden sind (Duden sagt dazu sogar «Feiglinge»…), im zweiten Fall ist die Sache viel rätselhafter. «Lost in Translation» gibt als Erklärung für Drachenfutter: «Das Geschenk eines Ehemannes an seine Frau, wenn er etwas wiedergutmachen will.». Online findet man auch die Erklärung: «Geschenke für die Schwiegermutter»… Duden hingegen ignoriert dieses Wort, das anscheinend eher in der Schweiz benutzt wird (aber auch nicht besonders oft). Es gibt dafür in keiner mir bekannten Sprache irgendwelche Entsprechung (und ich wage zu behaupten, dass sie auch nicht vermisst wird…).
Warmduscher wird im Spanischen und Italienischen einfach zu «Weichlinge».
E : el blandengue
I: il rammollito
Auf Französisch sagt man: une petite nature. In einem anderen Kontext bedeutet dieser Ausdruck einfach und wertfrei «hochsensibel» oder «von zarter Gesundheit».
Für Kabelsalat haben wir Übersetzungen, die «Kabelgewirr» entsprechen.
F : l’enchevêtrement de câbles
E: la maraña de cables
I: il groviglio di cavi
Hier noch einige deutsche Wörter, die als mehr oder weniger schwer übersetzbar gelten:
Geborgenheit
Die Geborgenheit ist ein Zustand, wo der Mensch Wärme, Schutz und Gemütlichkeit empfindet. Seltsamerweise kennen die romanischen Sprachen keine Entsprechung dafür, was ziemlich befremdend ist… Dieses Wort kann nur sehr ungenau übersetzt werden:
F : la sensation de sécurité et de protection
E: el sentimiento de seguridad
I: la sensazione di protezione in un luogo accogliente
Scheinheilig
Auch hier haben wir zwar Übersetzungen, aber sie gehen in Richtung "Heuchler" oder "Frömmler", was nicht 100% die Nuance von "scheinheilig" wiedergibt. Das Englische hingegen liefert mit dem Wort "sanctimonious" eine ziemlich genaue Entsprechung.
F: hypocrite / bigot
E: hipócrita / santurrón
I: ipocrita / bigotto
Fingerspitzengefühl
Diese Mischung aus Feingefühl, Einfühlungsvermögen und Diplomatie hat in Wirklichkeit genaue Übersetzungen, aber nur das Französische kennt ein Wort dafür; im Spanischen und Italienischen bezeichnet das Wort tacto/tatto auch den Tastsinn.
F: le doigté
E: el tacto
I: il tatto
Fremdschämen
Es ist die Scham, die wir stellvertretend empfinden, wenn wir zusehen, wie andere Menschen sich peinlich benehmen. Das Spanische kennt eine genaue Übersetzung: la vergüenza ajena. Italienisch und Französisch müssen sich mit Beschreibungen begnügen.
F: éprouver de la honte pour quelqu'un
I: provare imbarazzo per qualcuno
Dunkelziffer
Es ist eine offiziell nicht bekannt gewordene Zahl, die Vorkommnisse oder Menschen betreffen kann. Normalerweise liegt diese tatsächliche Zahl höher als die offiziell bekannte. Die Übersetzungen sind Umschreibungen.
F : l'estimation officieuse / le nombre de cas non recensés
E: la cifra no registrada / los casos no denunciados
I : le cifre non ufficiali
Fernweh
Die Sehnsucht nach dem «Zuhause», das Heimweh, kennen die meisten Sprachen. Das Deutsche hat auch das gegenteilige Gefühl: die Sehnsucht aufzubrechen und die grosse Welt zu erkunden. Das Englische kennt den lustigen Ausdruck itchy feet (juckende Füsse). Italienisch, Französisch und Spanisch kennen keinen Ausdruck dafür, nicht einmal eine Metapher.
F: la nostalgie des pays lointains
E : la añoranza de países lejanos
I: la nostalgia dei paesi lontani
Das Wort Nostalgie kommt aus dem Griechischen: “nostos” (Rückkehr) und algia (Schmerz), es ist also die Sehnsucht nach der Rückkehr; sie ist deshalb fehl am Platz, wenn es um Orte geht, die man nie besucht hat… Das Spanische ist korrekter, weil la añoranza die Sehnsucht tout court bezeichnet.
Dornröschenschlaf
Während Dornröschen schläft, steht die Welt ringsum still, nichts tut sich. Duden sagt dazu: "Untätiges verträumtes Dasein". Es ist auch ein Zustand der Stagnation, wie ein Winterschlaf, der länger als geplant dauert.
F : une longue torpeur
E: un estado de sopor
I: un lungo letargo
Torschlusspanik
Das ist ein wirklich sehr deutsches Wort. Die Metapher des Tors, das sich schliesst und einen draussen lässt, ist sehr kafkaesk. Das Englische kennt auch ein schönes Bild für diese Angst, den letzten Zug zu verpassen, einsam zu altern und ein unerfülltes Dasein zu fristen: fear of being left on the shelf (Angst davor, auf dem Regal liegengelassen zu werden, also nicht «gekauft» oder «abgeholt» zu werden…). Das Spanische ist in der Hinsicht sehr poetisch: la angustia de quedarse a la luna de Valencia (wörtlich: Die Angst, unter dem Mond Valencias zu bleiben). Die Bedeutung bezieht sich anscheinend darauf, dass Valencia im Mittelalter eine befestigte Stadt war. Die Mauer hatten Türen, die nachts nach der Ausgangssperre geschlossen wurden. Die Nachzügler, die nach der Schliessung ankamen, mussten den Rest der Nacht im Freien unter dem Mond verbringen. Erstaunlicherweise enthält diese Erklärung das gleiche Bild wie im Deutschen… Französisch und Italienisch begnügen sich mit Beschreibungen.
F : la peur de perdre des occasions dans la vie
I : la paura di perdere occasioni nella vita
Erbsenzähler
F: le coupeur de cheveux (jemand, der sogar Haare spalten kann…)E: quisquilloso (kleinlich) / cuenta habichuelas (fast genaue Entsprechung des Deutschen; hier sind es kleine Bohnen, die anstelle von Erbsen gezählt werden)
I: pignolo (kleinlich)
Geisterfahrer
F: le conducteur à contresens
E: el conductor en sentido contrario / conductor kamikaze
I: l’automobilista in contromano
Trittbrettfahrer
F : quelqu'un qui prend le train en marche (jemand, der auf den laufenden Zug steigt)
E : el aprovechado (der Profiteur)
I : il profittatore / uno che sale sul treno in marcia
Und jetzt kommen wir wieder zum Kummerspeck… Er hat nur umschreibende Entsprechungen.
F: le lard fait à cause des soucis
E: los kilos ganados en periodo de aflicción
I: il grasso accumulato per i dispiaceri