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20. Mai 2020
09:00
Früher nisteten die Uferschwalben – der Name sagt es – im Uferbereich frei fliessender Flüsse. Doch diese Lebensräume gingen durch Flusskorrektionen verloren. Es existieren fast keine Brutbiotope mehr in natürlichen Steilwänden. Entsprechend hat die Zahl der Vögel abgenommen. Laut der Vogelwarte Sempach und dem Schweizer Vogelschutz wurden zwischen 1993 und 1996 schweizweit 5500 bis 6500 Brutpaare in 131 Kolonien gezählt, jetzt wird der Bestand noch auf 2300 bis 3000 Paare geschätzt. Deshalb steht die Uferschwalbe auf der roten Liste verletzlicher Arten und ist geschützt.
Kiesgruben als Rettung
Die Pionierart profitiert heute vom Kiesabbau – ohne Kiesgruben gäbe es die Uferschwalben in unserer Gegend kaum mehr. Sie bevorzugen Gruben, in denen ein Abbau stattfindet. Am liebsten sind ihnen mindestens drei Meter hohe, nach Süden oder Osten ausgerichtete sandige Steilwände, die freie An- und Abflugmöglichkeiten bieten und vor Nesträubern wie Fuchs oder Marder geschützt sind. Die Vogelpaare graben armlange Röhren in die Wände und polstern am Ende eine Brutkammer mit Halmen und Federn aus. Ein- bis zweimal im Jahr brüten beide Eltern ein Gelege mit fünf bis sechs Eiern aus. Die Jungen schlüpfen nach zwei Wochen und verlassen die Bruthöhle nach drei Wochen.
Die Uferschwalben sind mit etwa 12 Zentimetern Länge und 14 Gramm Körpergewicht die kleinste europäische Schwalbenart. Als wendige Flieger erreichen sie bis zu 50 Stundenkilometer und ernähren sich von kleinen Fluginsekten. Sie haben eine erdbraune Oberseite, eine weisse Unterseite und ein braunes Brustband, einen kurzen, leicht gegabelten Schwanz und einen flachen Schnabel. Die zierlichen Singvögel sind gesellig und geschwätzig. Ihre häufigsten Rufe sind ein «Tschrd» oder «Tschrrip», die von den eigenen Partnern und Jungen in der Kolonie individuell erkannt werden
Noch 14 Kolonien im Aargau
Nach Auskunft der Uferschwalben-spezialistin Françoise Schmit, die im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) für Ausgleichs- und Naturschutzmassnahmen auf Materialabbauplätzen zuständig ist, existierten 2019 im Aargau 14 Uferschwalbenkolonien mit 2059 Brutröhren. Sie verteilten sich schwerpunktmässig entlang den grossen Flüssen mit den meisten Kiesabbaubetrieben. Aber die Bestände schwankten in den letzten 25 Jahren zwischen 9 und 24 Kolonien. Dass es im Aargau mehr Uferschwalben als 1994 gibt, ist einem Förderungsprogramm von BirdLife Schweiz, an dem Françoise Schmit mitwirkte, sowie der Unterstützung von Kanton und Kiesgrubenbetreibern zuzuschreiben.
Geeignete Gruben sind jedoch inzwischen rar geworden. Die Erhaltung einer einzigen Kieswand kann für die lokale Population entscheidend sein. Als Ersatz für solche fehlenden Habitate wurden an sieben aargauischen Standorten Sandschüttungen mit Steilwänden angelegt. BirdLife betont, dass die Kiesgrubenbetreiber einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Uferschwalben leisteten, indem sie Brutwände schaffen und an diesen Stellen vom März, wenn die Zugvögel aus ihrem afrikanischen Winterquartier zurückkehren, bis zu deren Abflug gegen Ende August auf den Kiesabbau verzichten.
Habitat bei Birmenstorf
Am nördlichen Rand des 11 Hektaren grossen, nahe der Reuss bei Birmenstorf gelegenen Kiesgrubenareals Niderhard, das die Merz Gruppe aus Gebenstorf betreibt, lebt eine mittelgrosse Uferschwalben-Kolonie. Die Vögel haben rund 100 Brutröhren in einen Sandstreifen mitten in der fast 20 Meter hohen Steilwand zum Teil übereinander gebaut – ähnlich einer zweistöckigen Siedlung. Die nach Süden exponierte, mit Morgensonne verwöhnte «Wohnlage» gefällt den Vögeln anscheinend – jedenfalls verzichteten sie dieses Frühjahr auf eine Züglete.
Rückkehr an alten Standort
Dominik Suter, Produktionsleiter bei der Merz Gruppe, sagt dazu: «Uns verpflichteten Auflagen, die senkrechte Kieswand am nördlichen Grubenrand nach dem beendeten Materialabbau in dieser Ecke in eine Steilböschung umzuwandeln. Für die Planierungsarbeit mit schwerem Gerät warteten wir letzten Herbst den Abflug der Schwalben in das Winterquartier ab. Weil die leichte Abflachung die bisherigen Bruthöhlen tangierte, reservierten wir vis-à-vis eine neue Kieswand als Brutstätte. Aber die Vögel kehrten dieses Frühjahr an den alten Standort zurück und erneuerten dort ihre Bruthöhlen.»
Friedliches Nebeneinander
Der Kiesabbau scheint die Vögel nicht zu stören. «Sie fliegen oft zwitschernd im Schwarm und mit Karacho auf die Kieswand zu und schlüpfen sekundenschnell in ihre Höhlen», bestätigt Dominik Suter. Behindern sie den Betrieb nicht? «Natürlich müssen wir ihren Aufenthalt in unsere Planung einbeziehen, aber wenn wir frühzeitig wissen, was passiert, kommen wir gut miteinander aus», lacht der Betriebsleiter. Fachpersonen des Kantons beraten die Merz-Leute, und ehrenamtliche Mitarbeitende zählen die Schwalbenbestände.
Die Uferschwalbenkolonie ist nicht das einzige Naturschutzprojekt auf dem Kiesgrubenareal. Eine aufgefüllte Grubenfläche hat Biotopcharakter mit Wassertümpeln, Schilfbeständen, Unken, Fröschen und Kröten. Und auf einem bedeutenden Teil des sorgfältig rekultivierten Kiesgrubengebiets Niderhard betreibt die Birmenstorfer Firma Rey bereits wieder, wie früher, Gemüseanbau.