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Sie haben einen erwachsenen Sohn, Nicolai, aus erster Ehe. Er ist heute 44 Jahre alt. Was ist das Wichtigste, das Sie ihm mitgegeben haben?
Ich habe gerade kürzlich mit ihm darüber geredet. Er sagt, das Wichtigste sei für ihn gewesen, dass seine persönliche Integrität immer unangetastet geblieben sei und er seine Persönlichkeit habe frei entfalten können. Da bin ich mit ihm gleicher Meinung. Ich habe nicht versucht, ihn nach meinen Vorstellungen zu erziehen.
Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Ihrem Sohn?
Wir haben eine enge, aber entspannte Beziehung. Wir sind beide eher introvertierte Menschen. Wir lieben es zusammenzusitzen, zu kochen und zu schweigen. Wir können stundenlang zusammen sein und keiner sagt ein Wort.
Welchen Erziehungsstil haben Sie vertreten, eher partnerschaftlich oder antiautoritär?
Als wir eine Familie gründeten, waren meine Frau und ich uns einig, dass wir das patriarchale Familienkonzept für uns nicht wollen. Ich war vielleicht der erste oder mindestens einer der wenigen Väter, der die Geburt des eigenen Kindes im Gebärsaal miterlebte. Das war eine sehr lehrreiche und prägende Erfahrung für mich! Sicher hatte meine Entscheidung, als Vater zu Hause zu bleiben, damit zu tun.
Sie sind zu Hause geblieben?
Als mein Sohn zehn Monate alt wurde, blieb ich tagsüber zu Hause bei ihm. Zwei Jahre lang. Meine Frau studierte damals noch und ging zur Universität. Sie kam gegen 15 Uhr nach Hause. Meine Arbeit in einem Kinderheim begann um 16 Uhr und dauerte bis 23 Uhr.
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Was war das für ein Kinderheim?
Dort wurden Kinder platziert – von der Gemeinde oder vom Staat – , die nicht mehr zu Hause bei den Eltern bleiben und auch keine Regelschule besuchen konnten. Sie waren zwischen 9 und 15 Jahre alt und blieben 8 bis 24 Monate.
Sie und Ihre damalige Frau haben Ihren Sohn gemeinsam erzogen. War das für Sie stimmig?
Zum damaligen Zeitpunkt war es stimmig. Aber ich war nie zufrieden mit meiner Vaterrolle.
«Ich war als Vater zornig und laut. Diese Jahre waren für mich sehr lehrreich – für meinen Sohn eher weniger, fürchte ich.»
Jesper Juul
Warum?
Ich war ein weicher, vielleicht sogar fauler Vater – in dem Sinne, dass ich viel weniger eingriff, als man das von Vätern erwartet hätte. Ich erkannte, dass Nicolai Dinge für sich selbst herausfand, wenn ich ein paar Minuten wartete. Oder ein paar Stunden. Oder Tage. Ohne meine Besserwisserei entstanden Konflikte gar nicht erst. Ich hatte allerdings auch Angst, dass ich Nicolai schaden könnte. Deshalb war ich sicher manchmal passiver, als ich es hätte sein sollen.
Inwiefern?
Mein Sohn war ein talentierter Badmintonspieler. Er trat auch bei Turnieren an. Doch plötzlich wollte er nicht mehr spielen, weil sein Trainer ihn zu sehr unter Druck setzte. Damals verstand ich seine Gründe. Heute glaube ich, ich hätte ihn stärker überzeugen sollen, weiterzumachen. Aber ich hatte eben Angst, den Druck, den er eh schon gespürt hatte, noch zu verstärken.
Wie haben Sie Ihren ganz persönlichen «Erziehungsstil» gefunden?
Wie alle Eltern: nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Also die Methode, bei der so lange zulässige Lösungsmöglichkeiten ausprobiert werden, bis die gewünschte Lösung gefunden wird. Oder sich die eigene Sicht auf das Ganze verändert hat. Fehlschläge gehören dazu. Was bei uns noch hinzukam, war der Wunsch, es besser zu machen als die Generation vor uns.
Gibt es etwas, das Sie heute als Vater anders machen würden?
Ich würde in den ersten Jahren weniger tyrannisch sein.
Wie meinen Sie das?
Wenn wir in den ersten drei bis vier Jahren mit unseren Dickköpfen aneinandergeraten sind, habe ich meinen Sohn hart am Arm gepackt. Ich war auch zornig und laut. Diese Jahre waren für mich sehr lehrreich – für Nicolai eher weniger, fürchte ich.
TEIL 2 DES GROSSEN EXKLUSIV-INTERVIEWS
Lesen Sie auch Teil 2 des grossen Interviews. Darin verrät Jesper Juul, warum Erziehung seiner Meinung nach nicht funktioniert und was sein grösster Wunsch ist.
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