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Europäische Sumpfschildkröte
Emys orbicularis
© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Kriechtierwelt Europas ist, obschon einzigartig und faszinierend, ziemlich artenarm im Vergleich zu jener in tropischen und subtropischen Erdregionen. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass die wechselwarmen Kriechtiere ihren hohen Bedarf an Sonnenwärme im gemässigten Europa nur schwer zu decken vermögen. Immerhin zählen aber zur Binnenfauna Europas sechs verschiedene Mitglieder der Ordnung der Schildkröten (Chelonia), nämlich drei Landschildkröten aus der Familie Testudinidae und drei Sumpfschildkröten aus der Familie Emydidae.
Bei den drei Landschildkröten handelt es sich um 1. die als Heimtier wohlbekannte, bis 20 Zentimeter lange Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni)
, deren Heimat das ganze südliche Europa ist, 2. die bis 35 Zentimeter lange Breitrandschildkröte (Testudo marginata)
, welche in Griechenland und Albanien sowie (vom Menschen eingeführt) auf Sardinien vorkommt; 3. die bis 30 Zentimeter lange Maurische Landschildkröte (Testudo graeca)
, welche schwergewichtig in Nordafrika und im Nahen Osten heimisch ist, jedoch auch im südöstlichen und südwestlichen Europa auftritt.
Bei den drei Sumpfschildkröten handelt es sich um 1. die bis 20 Zentimeter lange Kaspische Wasserschildkröte (Mauremys caspica)
, welche im ganzen Südosteuropa und im westlichen Vorderasien sowie auf Kreta und verschiedenen anderen Mittelmeerinseln vorkommt; 2. die ebenfalls bis 20 Zentimeter lange Spanische Wasserschildkröte (Mauremys leprosa)
, welche auf der Iberischen Halbinsel und in Nordwestafrika zu Hause ist (und wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Kaspischen Wasserschildkröte manchmal als Unterart derselben angesehen wird); 3. die bis 30 Zentimeter lange Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)
, welche im zentralen und südlichen Europa sowie in Nordwestafrika und im Nahen Osten zwar weitverbreitet, jedoch in ihrem Bestand überall stark rückläufig ist. Von ihr soll auf diesen Seiten die Rede sein.
Amerikanische Verwandtschaft
Die Familie der Sumpfschildkröten hat eine eigenartige, das heisst für tierliche Verwandtschaftsgruppen sonst unübliche Verbreitung, denn sie weist zwei geografisch weit auseinanderliegende Zentren der Artenvielfalt auf. Das eine Zentrum befindet sich im östlichen Nordamerika, das andere im südöstlichen Asien. Diese beiden Regionen werden von zwei separaten Sumpfschildkröten-Unterfamilien bewohnt: den Emydinae in Nordamerika und den Batagurinae in Südostasien. Interessanterweise finden sich in Europa Vertreter beider Sippen: Die Kaspische Wasserschildkröte und die Spanische Wasserschildkröte sind die am weitesten westlich vorkommenden Vertreter der Batagurinae, während die Europäische Sumpfschildkröte das einzige Mitglied der Emydinae ist, das ausserhalb Amerikas lebt. Die Europäische Sumpfschildkröte ist somit näher verwandt mit der Amerikanischen Sumpfschildkröte (Emydoidea blandigii)
, der als Heimtier beliebten Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans)
und anderen amerikanischen Sumpfschildkröten als mit den beiden europäischen Wasserschildkröten.
Die Europäische Sumpfschildkröte ist ein mittelgrosses Mitglied der Sumpfschildkröten-Familie. Erwachsene Tiere weisen gewöhnlich eine Panzerlänge von weniger als 25 Zentimetern auf, können in Ausnahmefällen aber auch bis 30 Zentimeter messen.
Wie bei den nordamerikanischen Dosenschildkröten (Terrapene spp.)
, den südostasiatischen Scharnierschildkröten (Cuora spp.)
und anderen Sumpfschildkröten weist der Bauchpanzer der Europäischen Sumpfschildkröte in der Mitte ein Quergelenk aus Bindegewebe auf. Dieses befähigt sie dazu, bei Gefahr - und natürlich nach erfolgtem Zurückziehen des Kopfes und der Gliedmassen - den «Vorderlappen» und den «Hinterlappen» des Bauchpanzers hochzuklappen und dadurch die Öffnungen seines Panzers zu verschliessen. Bei den erwachsenen Individuen der Europäischen Sumpfschildkröte ist dieses «Scharnier» allerdings nicht mehr sonderlich elastisch, so dass kein wirklich fester Verschluss der beiden Panzeröffnungen möglich ist. Dennoch dürfte diese Einrichtung einen gewissen zusätzlichen Schutz gegen Essfeinde vermitteln.
Wasserliebende Beutegreiferin
Stillere stehende oder langsam fliessende Gewässer mit dichter Ufervegetation und überhängenden Ästen sowie geeigneten Stellen zum Sonnenbaden sind der bevorzugte Lebensraum der Europäischen Sumpfschildkröte. Hier führt sie ein sehr heimliches Leben, und nur wer viel Geduld aufbringt, kann das scheue und wachsame Kriechtier etwa bei einem Sonnenbad beobachten. Nichts entgeht der Aufmerksamkeit der Europäischen Sumpfschildkröte, und bei der geringsten Störung taucht sie lautlos unter. Auch ihr Auftauchen ist nur schwer wahrzunehmen, denn stets hebt sie zunächst nur vorsichtig ihre Kopfspitze aus dem Wasser, um die Lage zu prüfen.
Die Europäische Sumpfschildkröte ernährt sich fast ausschliesslich von tierlicher Kost und verspeist sozusagen alles, was ihr über den Weg läuft und sie zu überwältigen vermag. Dazu gehören Kaulquappen, kleine Frösche, Molche, Wasserschnecken und Krebschen nebst einer Vielzahl von Wasserinsekten und deren Larven. Tote oder sterbende Fische verspeist sie ebenfalls, doch gelingt es ihr kaum je, einen gesunden Fisch zu erjagen, weshalb sie keineswegs als «Fischereischädling» zu bezeichnen ist, wie dies immer wieder geschieht. Im allgemeinen geht sie im Wasser auf Beutefang; mitunter ist sie aber auch an Land unterwegs und erlegt dort vor allem Regenwürmer, Schnecken und andere wirbellose Kleintiere.
In manchen Teilen des Verbreitungsgebiets der Europäischen Sumpfschildkröte können die Winter lang und hart sein. Wie praktisch alle europäischen Kriechtiere weicht sie dieser lebensfeindlichen Jahreszeit aus, indem sie sich an einem frostsicheren Ort - meistens im Bodenschlamm ihres Heimatgewässers - vergräbt und dort in Winterstarre auf bessere Zeiten wartet. Um möglichst wenig Energie zu verbrauchen, sind dann alle ihre Körperfunktionen auf ein Minimum herabgesetzt. Selbst unter einer dicken Eisdecke vermag sie in diesem Zustand zu überleben, denn ihr stark verminderter Sauerstoffbedarf wird mit Hilfe der Hautatmung ausreichend gedeckt.
Keine elterliche Brutfürsorge
Im zentralen Europa dauert der Winterschlaf der Europäischen Sumpfschildkröte meistens von Oktober bis März oder April. Ist sie im Frühjahr aus ihrem Winterquartier hervorgekrochen, beginnt alsbald die Paarungszeit. Wie bei den meisten Schildkröten verlaufen die Begegnungen zwischen Männchen und Weibchen zum Zweck der Fortpflanzung ziemlich «unromantisch» - zumindest aus menschlicher Sicht beurteilt. Das Männchen läuft dem Weibchen unablässig hinterher und schnappt nach dessen Beinen, um es zum Stehenbleiben zu veranlassen. Zwischendurch «rammt» es das Weibchen auch mit voller Kraft oder schiebt es über den Boden. Dieses stürmische und grob anmutende «Paarungsvorspiel» macht durchaus Sinn: Das Weibchen erhält nämlich hierdurch die Gelegenheit, Kraft und Ausdauer des «Freiers» zu überprüfen, und kann so auf einfache Weise ein gesundes, starkes Männchen als Vater für seinen Nachwuchs auswählen.
Etwa einen Monat nach der Paarung, zumeist in der ersten Junihälfte, legt das Weibchen seine walzenförmigen, etwa 2,5 Zentimeter langen und 1,5 Zentimeter breiten Eier ab, wobei die Gelegegrösse je nach Alter und Grösse des Weibchens zwischen 3 und 16 Eiern schwankt. Seine Eier lässt das Weibchen in eine etwa 10 Zentimeter tiefe Grube fallen, die es vorgängig in Gewässernähe an einer sonnigen Stelle im sandigen Boden mit Hilfe seiner Hinterbeine gegraben hat. Danach deckt es das Gelege sorgfältig mit Erde zu - und überlässt das Ausbrüten der Sonne. Weitere elterliche Pflichten übernimmt es keine.
Für ihre gedeihliche Entwicklung benötigen die Schildkrötenkeimlinge verhältnismässig viel Wärme. Dies ist der entscheidende Faktor, der die Verbreitung der Europäischen Sumpfschildkröte gegen Norden begrenzt. Tatsächlich sind erwachsene Individuen durchaus in der Lage, beispielsweise im südlichen England in freier Wildbahn zu überleben. Die Sommer sind dort aber in der Regel nicht warm genug, um die Keimlinge in den Eiern heranwachsen zu lassen. Selbst in Teilen des heutigen Verbreitungsgebiets im zentralen Europa kann es geschehen, dass in besonders kühlen Sommern keine erfolgreiche Nachzucht stattfindet.
Die Schildkrötenbabys schlüpfen in den wärmeren Bereichen des Verbreitungsgebiets im allgemeinen nach rund drei Monaten aus den Eiern. Ihr Panzer weist zu diesem Zeitpunkt eine Länge von nur 2,5 Zentimetern auf, das Gewicht liegt bei ungefähr 5 Gramm - und dennoch können die Schildkrötchen vom ersten Tag an für sich selbst sorgen. Nach dem Schlüpfen graben sie sich an die Erdoberfläche hoch und suchen unverzüglich das nahe Wasser auf. Dort zeigen sie einen enormen Appetit und verschlingen gierig, was immer sie zu erhaschen vermögen. So legen sie in der kurzen Zeit, die ihnen bis zum Winteranfang bleibt, möglichst viel Gewicht zu, um für den entbehrungsreichen Winterschlaf gerüstet zu sein.
In den kälteren Gebieten des Verbreitungsgebiets schlüpfen die jungen Europäischen Sumpfschildkröten gewöhnlich so spät im Herbst aus ihren Eiern, dass es sich für sie nicht mehr lohnt, sich freizugraben. Sie überwintern gleich im Nest und können kurzfristig Temperaturen von bis zu minus 6° Celsius überstehen. Im Frühling erscheinen sie dann gleichzeitig mit den erwachsenen Individuen.
Die jungen Europäischen Sumpfschildkröten sind keine «schnellen Brüter»: Sie benötigen mehrere Jahre, bis sie geschlechtsreif sind und ihrerseits für Nachwuchs sorgen können. Dafür haben sie wie die meisten Schildkröten eine sehr hohe Lebenserwartung (ein Individuum in Menschenobhut hat nachweislich ein Alter von 75 Jahren erreicht), und sie bleiben bis an ihr Lebensende fruchtbar.
Heimtier, Fischräuber und Fastenspeise
Die Europäische Sumpfschildkröte ist im Mittelmeerraum weit verbreitet: In Nordwestafrika kommt sie im nördlichen Tunesien, Algerien und Marokko vor. Sodann findet man sie in weiten Bereichen der Iberischen Halbinsel, in den tieferen Lagen Südfrankreichs, auf Korsika und Sardinien, in Italien und auf Sizilien, fast überall auf der Balkanhalbinsel, in Ungarn, Rumänien und den südlichen Teilen der ehemaligen Sowjetrepubliken (ostwärts bis zum Aralsee), in der Türkei, im Nordiran, auf Zypern und gemäss unbestätigten Berichten auch im südlichen Libanon und nördlichen Israel. Ausserdem kann man ihr nördlich der Alpen und Karpaten im östlichen Österreich, im östlichen Deutschland und im östlichen Tschechien sowie in Polen und in der Slowakei begegnen.
Obschon die Europäische Sumpfschildkröte dermassen weit verbreitet ist, muss sie heute leider als gefährdet eingestuft werden, da ihre Bestände seit längerer Zeit in den meisten Regionen stark rückläufig sind. Die direkte Verfolgung durch den Menschen mag hierbei zumindest örtlich eine gewisse Rolle spielen: Mancherorts werden die wasserliebenden Schildkröten für den Heimtiermarkt gefangen, als vermeintliche Fischräuber ausgemerzt oder für den menschlichen Verzehr gejagt. Letzteres geschieht insbesondere während der christlichen Fastenzeit, denn das schmackhafte Fleisch der Europäischen Sumpfschildkröte wird von der römisch-katholischen wie auch der griechisch-orthodoxen Obrigkeit als «Fisch» und nicht als «Fleisch» eingestuft, darf also auch während der Fastenzeit verspeist werden.
Weit stärker hat der Europäischen Sumpfschildkröte allerdings die Vernichtung ihrer Lebensräume auf breiter Front zugesetzt. Zum einen werden Teiche, Tümpel, Sümpfe, Moore, Verlandungszonen und andere Feuchtgebiete vom Menschen von alters her als wertloses «Unland» betrachtet und nach Möglichkeit trockengelegt, das heisst zu land- oder forstwirtschaftlicher Nutzfläche umgewandelt. Zum anderen hat die Abzweigung grosser Wassermengen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen und den häuslichen Gebrauch vielerorts zu einem erheblichen Absinken des Grundwasserspiegels geführt - und dadurch ebenfalls zur Trockenlegung zahlloser Feuchtgebiete. Des weiteren wurden und werden Flüsse und Bäche zwecks Landgewinnung ausgebaggert, begradigt und kanalisiert - und so von reichhaltigen Lebensräumen in sterile Wasserläufe verwandelt, wo die Europäische Sumpfschildkröte keinen Platz zum Leben mehr findet. Und nicht zuletzt ist durch die zunehmende Befrachtung der Gewässer mit Chemikalien aller Art aus Haushalt, Gewerbe und Industrie mancherorts die Kleintierfauna dermassen geschädigt worden, dass die Europäische Sumpfschildkröte ihre Nahrungsgrundlage verloren hat.
Auch auf dem Balkan stark bedrängt
Die fortschreitende Kultivierung und Industrialisierung der Landschaft hat dazu geführt, dass die Europäische Sumpfschildkröte im Lauf der letzten zwei Jahrhunderte im zentralen und nördlichen Frankreich, in Deutschland westlich der Elbe und in der Schweiz vollständig ausgestorben ist. Zwar finden sich in diesen Ländern noch hier und dort einzelne Kolonien, doch sind diese nicht tatsächlich «bodenständig», sondern wurden künstlich angesiedelt.
Längst leidet die Europäische Sumpfschildkröte aber nicht allein im hochindustrialisierten Mitteleuropa unter dieser unheilvollen Entwicklung, sondern zusehends auch in ihrem restlichen Artverbreitungsgebiet. Fast überall ist heute eine fortschreitende Ausdünnung der Bestände festzustellen, und deshalb ist die Europaeische Sumpfschildkroete in verschiedenen Mittelmeerländern unter gesetzlichen Schutz gestellt worden. So auch in Slowenien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, wo sie als «vom Aussterben bedroht» klassifiziert wird und deshalb ganzjährigen Schutz vor Jagd und Fang geniesst.
Solcher Artenschutz ist sicher ein wichtiger erster Schritt hin zur Sicherung des Fortbestands der Europäischen Sumpfschildkröte. Ohne massive Anstrengungen zur Erhaltung der noch verbleibenden naturnahen Nass- und Feuchtgebiete wird das schleichende Verschwinden dieser hübschen Schildkrötenart jedoch nicht aufzuhalten sein. Höchste Dringlichkeit muss deshalb dem Schutz ihrer schwindenden Lebensräume zukommen.
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