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Auf dem Rückweg von unserem Kurzurlaub im Engadin nahmen wir den Weg über den Albulapass und entdeckten dort die gut getarnte Festung Albula. Da wir an diesem wunderschönen Tag aber zum Palpuognasee unterhalb des Albulapasses wollten und man sich für die Führungen anmelden muss, fuhren wir weiter. Für mich (Jörg) war aber klar, dass ich nächstes Wochenende wiederkomme, bevor die Führungen Mitte Oktober enden.
Bei der Festung Albula handelt es sich um eine militärhistorische Anlage aus dem Zweiten Weltkrieg mit Nutzung auch während des Kalten Krieges. Einige Schilder am Bunker und auf der gegenüberliegenden Seite der Strasse geben bereits rudimentäre Erklärungen zur strategischen Bedeutung und Tarnung der Festung ab.
Die Geröllhalde tarnt die Festung
Viel zu früh erreiche ich am nächsten Wochenende die Festung Albula. So habe ich ausreichend Zeit, um meine Fotodrohne auszupacken und Luftaufnahmen zu machen.
Das Gebäude links im Bild ist die Unterkunft für die Infanteristen, die das Gelände sichern sollten. Wenn man von der Passhöhe (rechts) kommt, ist es hinter einer Geröllmoräne versteckt. Die Bunkerbesatzung, immerhin 24 Mann, war im Bunker selbst untergebracht.
Der Bunker hat drei Eingänge. Der Eingang ganz links im folgenden Bild ist der Haupteingang. Die kleine Tür in der Mitte erlaubt den Zugang, wenn der Haupteingang durch Schnee nicht benutzbar ist. Die rechte Tür gehört dagegen zum Notausstieg aus der Geschützebene.
Ein Rudel Wölfe
Die Festung Albula hat den Beinamen «Wolf im Schafspelz». Und ein Wolf hat Zähne. Diese bestehen im Fall der Festung Albula aus einer Panzerabwehrkanone und einem schweren Maschinengewehr. Beide sind in einer mit Metallpanzerung voll verblendeten Schiessscharte eingebaut. Dadurch konnten angreifende Infanteristen weder mit Handgranaten noch mit Flammenwerfern die Bunkerbesatzung durch die Schiessscharten angreifen. Dies war eine der Lehren aus dem Ersten Weltkrieg, welche Schweizer Offiziere bei Besichtigungen der damals aktuellen französischen Maginot-Linie gezogen haben.
Neben der Panzerabwehrkanone und dem schweren Maschinengewehr befinden sich rechts und links an den Berghängen noch zwei Maschinengewehrstellungen.
Von den MG-Stellungen aus sollte die im Tal verteilte Infanterie unterstützt und der Bunker vor gegnerischen Infanterieangriffen geschützt werden. Dem Bunker selbst kam die Aufgabe zu, Fahrzeuge, insbesondere gepanzerte, auf der Passstrasse abzuwehren. Alle Passübergänge in der Schweiz wurden als strategisch wichtige Ziele geschützt.
Geschichte der Festung Albula
Der Bau der Bunkeranlage
Bereits in den 30er Jahren zeichneten sich die Vorboten eines erneuten Krieges am europäischen Horizont ab. Die Schweiz war eingeklemmt zwischen den beiden Bündnispartnern Deutschland und Italien. Sie musste befürchten, angegriffen und besetzt zu werden. Deshalb begann die Schweiz mit der Sicherung der Alpenpässe. Allein in Graubünden wurden fast 300 Befestigungen und Sprengwerke etabliert.
Im Rahmen des Gesamtkonzepts wurde auch die Festung Albula 1938 innerhalb von nur 4 ½ Monaten erstellt. Dreissig Arbeiter arbeiteten dazu im zwei Mal 12-Stunden Schichtbetrieb mit einfachsten Mitteln. Ein Notstromaggregat und zwei Lastwagen mit unter drei Tonnen Zuladung waren die einzigen maschinellen Hilfsmittel. Dennoch wurden in dieser kurzen Zeit 3.850 m3 Aushub, davon 1.100 m3 Permafrost, 1.300 m3 Beton und 167 Tonnen Armierungseisen bewegt. In heutiger Zeit ist diese Leistung unvorstellbar.
Heute weiss man übrigens, dass man den Bunker nicht in stabilen Permafrostboden gesetzt hatte, wie eigentlich gedacht. Als nach einigen Jahren der Bunker kippte, stellte man fest, dass die Festung Albula in einen Blockgletscher gebaut wurde. Diese bewegen sich zwar langsam, aber sie bewegen sich. Dadurch war die ursprünglich ausgeklügelte Versorgung mit Trinkwasser aus gesammeltem Regenwasser unterbrochen. Das Regenwasser lief nun nicht mehr in den Sammelbehälter.
Der «Kalte Krieg» in den Alpen
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann bald der «Kalte Krieg». Die Schweiz war besorgt, der Warschauer Pakt könnte einen Frontalangriff auf die NATO durch einen Angriff durch die Alpen unterstützen. Daher wurden die Festungsanlagen und Sprengwerke in Graubünden weiter erhalten und betrieben. Die Festungswerke wurden erst in den 90er Jahren ausgemustert.
Es ist eigentlich unvorstellbar, dass hunderttausende von Menschen und Touristen noch bis in die 2000er Jahre über aktive Sprengstoffpakete in Passstrassen und Brücken fuhren. Von Anbeginn der Sprengwerke bis zum Entfernen des letzten Sprengstoffpakets 2005 hat es aber nie einen Unfall gegeben.
Tipp: Wenn man von Norden Richtung Bergrün fährt, passiert man den Bergünerstein. Der Strassenabschnitt führt durch die senkrechte Felswand. Wenn ihr nach oben in die Felswand schaut, seht ihr eine lange Leiter hängen. Die hat nicht zufällig jemand vergessen. Mit ihr kann man den auf etwa 12 Meter Höhe befindlichen Eingang in die Sprengkavernen erreichen. Deren Sprengladungen ober- und unterhalb der Strasse hätten im Ernstfall den ganzen Strassenabschnitt für mindestens ein Jahr lang unpassierbar gemacht. So lange schätzte man, würde es dauern bis eine neue Strasse durch den Fels gegraben wäre.
Die Festung Albula heute
Bereits während des Kalten Krieges war die Festung Albula nicht mehr besetzt. Sie wurde jedoch bis in die 90er Jahre hinein voll ausgerüstet und kampfbereit gehalten. Dazu wurde sie von Berufsmilitärs des Festungswachtkorps wöchentlich kontrolliert und unterhalten. Die Festung Albula wurde später an den Verein Militärhistorischer Anlagen Albulatal verkauft. Dieser hat nach langer Vorbereitungszeit den Bunker renoviert und ausgerüstet. Mitglieder des Vereins führen auch durch die Festung.
Im Sommer 2020 hat der Verein begonnen die MG-Stellungen zu renovieren. Das Material wird in Rucksäcken mit einem Gewicht von 20 bis 30 kg nach oben getragen.
Gut zu wissen
Während einer Führung kann man die drei Ebenen der Bunkeranlage besichtigen. Man erfährt viele Anekdoten, so dass die Führungen auch für Nichtmilitärhistoriker interessant sind. Die Führungsdauer richtet sich nach Interesse der Gruppe. Normalerweise kann man auch die MG-Stellungen besichtigen. Wir verraten nicht mehr und hoffen, dass ihr neugierig geworden seid.
Die Führungen finden zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober statt. Zur Führung muss man sich vorher anmelden.
Tipp: Unter dem Stichwort «Mythos Festung Engadin» wurden 2020 die Türen vieler Festungen geöffnet und Wanderungen unternommen. Offensichtlich stiess das Angebot auf ein breites Interesse in der Öffentlichkeit, so dass für 2021 wieder ein Programm ausgearbeitet wird. Einen Besuch einer Militäranlage kann man ja mit anderen Ausflügen in Graubünden verbinden.