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Weshalb hängen die Befreiung des Menschen von inneren und äusseren Zwängen mit der wirtschaftlichen Organisation zusammen? Der Mensch kann sich der Welt und sich selbst gegenüber nur befreien, wenn er sich in Bezug auf die Wirtschaft zu selbst verantwortetem Handeln durchringt. Das heisst, dass er über seine Arbeit und den Konsum in Zukunft lernen soll, die Wirkungen seines Handelns bewusst zu gestalten.
«Eine Assoziation ist ein Zusammenschluß von Konsumenten, Händlern und Produzenten mit dem Ziel,
die Preise so zu beeinflussen, daß alle Beteiligten damit auskommen können.»
von Matthias Wiesmann
- Produzenten-Händler-Konsum = Wertschöpfungskette? Mit «Konsumenten, Händlern, Produzenten» (allenfalls in umgekehrter Reihenfolge) ist die Wertschöpfungskette angedeutet. Bei «wörtlichen» Umsetzungen, wie sie in den letzten Jahrzehnten noch und noch zustande gekommen sind, tun sich einige KonsumentInnen mit einem Bauernhof zusammen und proklamieren eine Assoziation. (Auch ich habe bei einer solchen Gründung, der heute noch bestehenden Demeter-Assoziation Freiburg i.Br. vor fünfzig Jahren mitgemacht.) Dass der Handel bei solchen Projekten fehlt, wird in der Regel kaum als Mangel empfunden, weil man in der Regel sowieso nicht so recht einsehen kann, inwiefern Handel einen produktiven und nicht nur einen verteuernden Beitrag leistet. Solche Modelle wurden inzwischen von Solawis und CAS auch ausserhalb anthroposophischer Zusammenhänge mit Erfolg fortgesetzt. Immer steht im Zentrum die Landwirtschaft. (Die Bananen, die in den in der Demeter-Zeitschrift abgebildeten Solawi-Laden gelangen, dürften vom Solawi-Narrativ nicht ganz abgedeckt sein.) Von Assoziationen, die beispielsweise um einen Hersteller von Elektronik-Komponenten entstehen, ist nie die Rede. Das ist nicht nur Zufall. Es hat nicht nur damit zu tun, dass Landwirtschaft, wie kein anderer Wirtschaftszweig, das Gemüt anspricht. Es hat vielmehr damit zu tun, dass sich die wenigsten Menschen versuchen, ein Bild der realen Wirtschaft zu machen. Zu einem solchen Bild gelangt man nicht leichter als zu einem Bild des menschlichen Organismus, wie er von Steiner in «Seelenrätseln» dargestellt ist (und auf das er in den Kernpunkten Bezug nimmt). Auch dort ist es viel einfacher, reduktionistisch von Nerven-Sinnes System, Stoffwechsel-Gliedmassen-System und Rhythmischem System (bzw. oberes, mittleres, unteres System) zu sprechen, ohne weiter auf «Details» des Durchdringens des Einen im Anderen einzugehen. Zurück zum sozialen Organismus: Wenn wir die Entstehung eines Automobils ansehen, wo vielleicht 80% des Fahrzeugs nicht vom Autobauer, sondern von einer Kette von Vorproduzenten gefertigt werden: wo steckt da der Konsument, wo der Händler? Ist in Bezug auf einen Airbag der Endverbraucher der Konsument oder der Autobauer, der dieses Teil einkauft und einbaut? Und für den Zünder der Airbag: ist der Airbag-Hersteller der Konsument oder ist der Autokäufer Konsument von Airbag Zündern, ohne davon zu wissen. Auch der Händler weiss nichts davon. Die Wertschöpfungsketten (eigentlich müsste man von Wertschöpfungsnetzen sprechen, die Linearität suggerierende «Kette» ist bereits eine massive Vereinfachung) in der Wirtschaft sind derart komplex, dass «Zusammenschluss von Konsumenten, Händlern, Produzenten» geradezu irreführend vereinfachend ist. Dem sollte man möglichst nicht Vorschub leisten. Ich möchte damit nicht sagen, dass die Vereinfachung sachlich falsch ist. Für mich ist sie «nur» didaktisch irreführend oder falsch. Dass es viele Initiativen gibt, die sich im überschaubarsten Kontext eine Assoziation konstruieren (eben meist ohne Handel), ist verständlich. Trotz der einfachen Formulierung Assoziation = Produktion-Handel-Konsum waren «jene komplizierten Verhältnisse, welche die Internationalität des Wirtschaftslebens» ausmachen» Rudolf Steiner selbstverständlich bewusst. (Zitat aus GA 330, S. 207-208)
- Thema Organe
Die Diskussion und die Ausführungen Steiners zur damaligen Zeit waren stark von der Betriebsräte Thematik geprägt. Es handelte sich um eine Einrichtung, um die Steiner und die Dreigliederungsbewegung kämpfte und die durch das Betriebsrätegesetz unterlaufen wurde. In der Diskussion und den Ausführungen Steiners waren sie Einrichtungen, welche Assoziationen vorstellbar machten. Es ist sicher richtig, das zeitbedingte, aber heute vielleicht falsche Vorstellungen hervorrufende Stichwort der Räte nicht zu verwenden. Die Frage bleibt aber, welche Organe stattdessen notwendig sind, um Assoziationen funktionsfähig zu machen. Dabei ist es sicher sinnvoll, sich an das in den Kernpunkten angeführte Organismus-Denken (Mensch als dreigliedriger Organismus) zu halten und nach den notwendigen Organen zu fragen. Dabei ist wichtig, sich erstens an die Erkenntnis zu halten, dass Organe «Verdichtungen» von Prozessen sind und nicht die Prozesse von den Organen bewirkt werden. Zweitens ist wichtig festzuhalten, dass Organe zunächst wahrnehmende und erst danach regulierende oder unterstützende Funktion haben. Wenn wir uns in der Wirtschaft umsehen, treffen wir an verschiedensten Stellen auf derartige Organfunktionen. Bereits Branchenverbände, die keine stufenübergreifenden Funktionen haben, haben wichtige Wahrnehmungsfunktionen (Branchenstatistiken usw.), die sie ihren Mitgliedern zur Verfügung stellen. Im Buch Solidarwirtschaft habe ich «Acht Elemente und zwei Bedingungen der Zusammenarbeit» beschrieben, womit ich auch, aber nicht nur, stufenübergreifende Zusammenarbeit meinte (Unternehmensziele und Strategie, Information (Transparenz), Prozesse, Ressourcen, Risiko und Sicherheit, Preisbildung und Ertrag, Forschung und Entwicklung, Evaluation). Institutionalisiert werden sie von Organen wahrgenommen. Konkret schilderte ich dort auch das Beispiel der Initiative zu einer stufenübergreifenden Kommunikation in Bezug auf eine Preis-Frage (Preise für Couverture / Schokolade). Mir scheint es wichtiger, Assoziation am Charakteristikum «stufenübergreifende Prozesse» festzumachen, als sie mit «Zusammenarbeit von Produktion, Handel, Konsum» zu definieren. Dies auch deshalb, weil sich damit in der realen Wirtschaft eher Anknüpfungspunkte mit Entwicklungspotential finden lassen, d.h. Beispiele, die sich dann vielleicht auf weitere Stufen erweitern lassen.
- Thema Kartelle
Auch wenn das bei Steiner so nachzulesen ist, würde ich Kartelle (und Agenturen – was ist das?) nicht a priori negativ beurteilen. Kartelle haben in der Regel einen durch und durch rationalen Kern: die einzelnen Unternehmen (prominent zur Darstellung kam in den letzten Jahren das Beispiel eines Bau Kartells im Kanton Graubünden) wollen sich verständlicherweise nicht auf einen ruinösen Unterbieterwettbewerb einlassen. Sie kennen ihre gegenseitigen Stärken. Wenn Kartelle unter der Voraussetzung erlaubt würden, dass sie – inkl. Kalkulationen der Offerten – transparent gemacht würden, wäre vermutlich allen, inkl. Auftraggeber gedient. Angenommen, der Auftraggeber (im Beispiel der Kanton) würde am Verhandlungstisch der Kartellisten sitzen, dann könnte man bereits von einer Assoziation sprechen. Derartige Offenheit / Transparenz würde sich gesetzlich vorschreiben lassen.
- Produktion / Logistik
« … während in der Vergangenheit einzelne Unternehmen miteinander konkurrierten, stehen heutzutage die Supply Chains im Wettbewerb. Das Logistik-Management eines Unternehmens wird erweitert zum integralen Supply Chain Management: idealtypisch vom Lieferanten des Lieferanten bis zum Kunden des Kunden. … Dabei fallen gleichzeitig niedrigere Kosten an. und durch das Verteilen der Wertschöpfung auf mehrere Partner werden die Risiken auf den Märkten minimiert bzw. gestreut. … Des Weiteren ist es zur Vertrauensbildung unter Partnern nötig, die Stärken in der Verhandlungsposition nicht auszunützen. Dies bedeutet, dass sämtliche Absichten offen auf den Tisch gelegt
werden müssen. Die Ziele der Zusammenarbeit sollen für alle klar formuliert sein.» Solches muss man zur Kenntnis nehmen. Die Auffassung, stufenübergreifende Kooperation wäre eine anthroposophische Erfindung, wäre ignorant. Hier müsste man fast nur noch das Label «Assoziation» draufkleben.
NZZ-Artikel vom 19.11.2002 Das Logistik-Management sprengt Unternehmensgrenzen Vertrauensbildung als Voraussetzung zum Aufbau stabiler Lieferketten. Von Prof. Paul Schönsleben und Dr. Ralf Hieber dozieren am ETH-Zentrum für Unternehmenswissenschaften (BWI), Prof. Markus Bärtschi an der Fachhochschule beider Basel sowie am BWI in Zürich.
- Marketing
Im Unterschied zur Zeit vor 100 Jahren hat sich v.a. in der Konsumgüterwirtschaft das Marketing entwickelt. Marketing ist dasjenige Glied innerhalb der Wertschöpfungskette, das am stärksten stufenübergreifend denkt, sowohl bezüglich Produkteigenschaften wie Preis. Während die Konsumentenbedürfnisse heute vom Marketing wahrgenommen, interpretiert und in Produkte übersetzt werden, ohne dass Vertreter des Konsums dabei mitwirken (deshalb der schlechte Ruf in der marktkritischen Öffentlichkeit), wäre es naheliegend, zunächst die Idee des Marketing als assoziative Aufgabe zu verstehen, d.h. (unter Einbezug einer Konsumentenvertretung zu fragen, welche Produkte mit welchen Eigenschaften zu welchem Preis gewünscht sind. Anschliessend muss das Marketing klären (und mit den Vorlieferanten verhandeln), wie der Ertrag (Endpreis) auf die Glieder der Wertschöpfungskette verteilt werden kann. (In dieser Art funktioniert der Textilherstelle Remei (ursprünglich Garnhändler) – https://remei.ch/ – zusammen mit seinen Partnern auf vor- und nachgelagerten Stufen.) Kann der Zielpreis mit der aktuellen Struktur nicht realisiert werden, muss die Wertschöpfungskette kooperativ / assoziativ neu organisiert werden. Allenfalls können die Abklärungen auch zum Ergebnis haben, dass bestimmte Produkte nicht mehr hergestellt werden können.
- Produktion / Absatz
«Der Bio- und Demeter-Markt z. B. funktionieren fast modellhaft nach assoziativen Prinzipien, indem pro Produktekategorien runde Tische stattfinden. Diese erheben den Bedarf und planen die Produktion, geben ein Preisband an, zum Teil werden Lenkungsmassnahmen beschlossen etc. Da sitzen z. B. Vertreter_innen von Migros und Coop (die beiden grössten Detailhandelsunternehmen der Schweiz), lokale Verarbeitungspartner und eine Repräsentanz von eigenständigen Bauern und Bäuerinnen am selben Tisch. Diese runden Tische werden von Bio-Suisse und Demeter moderiert.»
- Konsumenten / Konsum
Ausser bei «Kleinstassoziationen», bei denen die Initiative sehr oft von KonsumentInnen ausgegangen ist, gehört die Einbindung des Konsum-Glieds zu den nirgendwo überzeugend beantworteten Fragen. Es ist vermutlich eine Sackgasse, wenn man in erster Linie an Endverbraucher von Alltags Konsumgütern denkt. Im «Logischen Supermarkt Vatter» richteten wir ein Gremium, genannt Ladenbeirat ein. Es meldeten sich vorwiegend ältere Menschen, die Interesse und Zeit hatten. Die Alleinerziehende Mutter fehlte selbstverständlich. Um die Möglichkeiten der Einbindung der Konsumseite zu erproben, wäre wohl eher auf Verbände zurückzugreifen, z.B. den Wirteverband als Konsumentenvertreter der Gastronomie. Im Unterschied zu den von Wohlwollen getragenen Konsumentenvertretern dürften die Verbands-/Branchenvertreter durchaus bereit sein, prononcierte Forderungen zu debattieren.
- Marktordnung
Oben (unter 1) habe ich geschrieben: Es ist das Ziel der Entwicklung assoziativen Handelns, Assoziationen zu etablieren, die eine Interessen-ausgleichende, ordnende Funktion in der Wirtschaft übernehmen können. Dazu andeutungsweise ein Beispiel:
Hier in Frauenfeld war ich, nachdem ich 2009 hierhergezogen war, Vorstandsmitglied einer Genossenschaft, die einen Bioladen führte. Die Perspektiven waren nicht sehr gut, der Laden zu klein, der Umsatz war rückläufig. Wir fanden keine Lösung. Später wurde der Laden liquidiert, die Genossenschaft aufgelöst. In den Jahren danach entstanden drei Initiativen: 1. Ein Lebensmittel-Laden als Erweiterung eines Blumen- und Pflanzenladens, «Filiale» einer sozialpädagogischen Einrichtung mit Gärtnerei. Qualität: teilweise bio. 2. Ein kleiner «Regio-Laden», Auftritt wie vor 30 Jahren. Qualität: teilweise bio. 3. Ein Unverpackt-Laden. Ich war noch nie in diesem Laden. Qualität wohl mehrheitlich bio. Der Regio-Laden hat inzwischen bereits wieder aufgegeben. Diese Entwicklung vor Augen musste ich im Nachhinein sagen, dass wir die Genossenschaft des Bioladens nicht hätten liquidieren sollen. Mit unserer Erfahrung hätten wir versuchen können, eine ordnende Funktion wahrzunehmen. Wir hätten die Laden-Initianten, falls gewünscht, beraten oder sie zu regelmässigem Austausch einladen können. In dieser Funktion hätten wir wohl am ehesten die Funktion «Konsum» vertreten.
Mit diesem Beispiel möchte ich unterstreichen, dass das Bemühen um Assoziation von jedem Schema à la «Konsum-Handel-Produktion» abrücken und unternehmens- und stufenübergreifende Kommunikation und Kooperation ganz allgemein anstreben muss.