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Sechs Männer, sie tragen Burnus, Kopftücher und Stiefel. Schnee fällt. In den Händen haben sie hölzerne Geräte, die an Backschiesser, aber auch an Paddel erinnern. Sie hüpfen herum, versuchen einen Federball mit ihren Hölzern zu schlagen. Wenn’s nicht klappt, scharren sie fröhlich mit ihnen am Boden und bestäuben den Versager.
Ein ausgelassenes Spiel. Das Spielfeld ist begrenzt, es muss extra vorher von den Schneemassen befreit werden. Das neue Jahr wird gefeiert, auch das Spiel ist Teil der Festlichkeit, zu Ehren der Wegegötter. «Sehen, wie Bildung und Entertainment einander durchdringen. Show sich durchsetzt mit Anschauungsmaterial», beschrieb Frieda Grafe das Kino von Ulrike Ottinger.
Unter Schnee heisst der neue Film von Ulrike Ottinger, unter Schnee liegt die japanische Provinz Echigo mehr als die Hälfte des Jahres. Jeden Tag müssen in der Früh die Dächer befreit werden von den schweren, meterhohen Schneeschichten. Nur mit breiten Schneeschuhen kann man sich ausserhalb der Häuser bewegen. Der Film folgt Bokushi Suzukis berühmter Beschreibung des Schneelands, aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Eva Mattes spricht einen Kommentar, erläuternd und erzählend, immer mit der gleichen Neugier.
Zu Beginn des Films gibt es eine lange Einfahrt des Zuges in das Schneeland, in dem die gewohnten Perspektiven verrückt werden, der Blick ist nach oben gerichtet, über die Schneeberge zu Seiten der Gleise hinaus, und man ist ganz dicht dran, an den Wipfeln der Bäume, den Telegrafenleitungen und dem Himmel. Dazu werden einige der zweiundzwanzig Wörter für Schnee genannt, Päonienschnee, auch Blütenschneegestöber genannt, Reispuderschnee, der schnell und dicht fällt, erster Schnee oder Nummer-eins-Schnee, Schneeknödel für sehr grossen Hagel.
Abschluss und Neubeginn, die Zeremonien des Neujahrfests sind beides, und aus der Interferenz zwischen beiden schafft der Film ein Gefühl der Dauer, die Ahnung einer Ewigkeit. Zwei junge Männer stolpern durch die hohen Schneefelder, zwei Schauspieler in farbenprächtigen Kabuki-Kostümen, sie haben sich in ihrer eigenen Fiktion verirrt, in der es um eine lüsterne Füchsin geht und um das Spiel von Verlangen und Verführung, Überwältigung und Hingabe.
Man weiss aus vielen Filmen – und inzwischen auch Installationen –, wie sehr Ulrike Ottinger fasziniert ist von den Ritualen. Nicht ihrer religiösen oder mythischen Aura wegen, sondern ganz konkret, als Handhabung. «Die Ausrichtung auf das praktische Interesse», schreibt Walter Benjamin, «ist ein charakteristischer Zug bei vielen geborenen Erzählern.» Den Mythos geht man in Ottingers Filmen immer manuell an.
Wege sind im Schneeland ephemer, man muss sie sich selbst schaffen. Das erzwingt eine ganz neue Form der Topografie, und also auch ein anderes Verständnis von Kinematographie. Von einem filmischen Erzählen, das von Grund auf immer ethnologisch ist.
«Wenn ich einen neuen Film beginne», sagt Ottinger, «kommen die Inspiration, Inhalt und Stil von dem Ort, wo ich starte.» Seit vielen Jahren orientiert die geborene Erzählerin Ulrike Ottinger sich nach Osten – Osteuropa, die Mongolei, China, Korea, nun Japan. Am schönsten sind diese Filme, wenn sie sich der Fabrikation widmen, von Speisen und Getränken, von Beziehungen oder, in Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse, von Nachrichten und Zeitungen.
Im Schneeland wird Krepp gefertigt, weil im Winter, unterm Schnee, die Frauen Zeit haben und lange Kreppbahnen spinnen, in ungeheizten Räumen, denn die dünnen Flachsfäden würden brechen in der Wärme.
In langen Bahnen legt auch der Film seine verschiedenen Geschichten aus, glatt gestrichen, kühl. Gäbe man das feurige Pathos der Abenteuer dazu oder die leidenschaftliche Hitze des Melodrams, sie würden brechen.