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Stell dir mal vor du sitzt in einem vollen Fussballstadion und die Landeshymnen der beiden Mannschaften werden gespielt. Und beide Hymnen tönen genau gleich. Unvorstellbar?
Von den Engländern abgekupfert
Nicht in der Schweiz. Denn genau das passiert im Zürcher Hardturm-Stadion am 28. Mai 1952 vor dem Fussball-Länderspiel zwischen der Schweiz und England. Bis 1961 nämlich hatten beide Länder das gleiche Lied zur Hymne. In der Schweiz hiess es «Rufst du, mein Vaterland», während es für die Briten «God Save the King/Queen» war, respektive noch immer ist.
Die Schweizer hatten die Melodie nämlich den Engländern abgekupfert. Den Text dazu hatte damals Johann Rudolf Wyss 1811 verfasst. Erstaunt waren zumindest die Schweizer Zuschauer 1952 im Hardturm-Stadion also wahrscheinlich nicht, wohl aber etwas peinlich berührt ob der Dreistigkeit der Vorfahren, die sich nicht um eine eigene Melodie bemüht hatten.
«Schweizerpsalm» wurde von einem Mönch komponiert
Dabei hätte die Schweiz bereits 1840 eine eigene Hymne gehabt. Damals komponierte nämlich der Mönch Alberich Zwyssig des Klosters Wettingen eine Melodie ein zum Text von Leonhard Widmer und nannte es «Schweizerpsalm». Das Lied wurde in alle vier Landessprachen übersetzt und war beim Schweizer Volk so beliebt, dass es den Psalm als Nationalhymne einführen wollten. Der damalige Bundesrat jedoch lehnte dies ab, unter der Begründung, dass bereits die Hymne «Rufst du mein Vaterland» existiere. Nur leider ist das bis heute ja auch die Hymne der Engländer. Was die damaligen Landesväter aber nicht zu stören schien.
Erst mehr als 100 Jahre später, nämlich 1961, entschied der Bundesrat, der sogenannte «Schweizerpsalm» sei die provisorische Landeshymne. Er reagierte damit auf die immer häufiger gewordene Verwechslung zwischen der britischen und der schweizerischen Hymne. Vor allem bei internationalen Sportanlässen.
Schweiz hat erst seit 1981 eigene Hymne
1965, nach dreijähriger Probezeit, konnten sich die Kantone in der Schweiz zur provisorischen Landeshymne vernehmen lassen, und sie taten es in typisch schweizerischer Manier. 12 waren für den «Schweizerpsalm», 6 dagegen, und 7 votierten für die Verlängerung des Provisoriums. Ein klassischer Nullentscheid. Die darauffolgende Suche nach einer neuen Hymne führte jedoch zu keinem Resultat. Es dauerte fast nochmals 20 Jahre, bis der Bundesrat dieser Peinlichkeit schliesslich ein Ende setzte und 1981 den «Schweizerpsalm» eigenmächtig zur offiziellen Landeshymne erklärte.
Bemühung um Modernisierung verlief im Sand
Wirklich glücklich sind die Schweizer aber auch heute nicht mit ihrer Hymne. Für viele wirkt sie antiquiert und deprimierend. Entsprechend kennen die meisten Schweizer den Text entweder gar nicht oder mit Müh und Not die erste Strophe. Wohl niemand in diesem Land kann alle 4! Strophen auswendig. Ertönt der «Schweizerpsalm» an einem internationalen Anlass, summen darum die meisten aus Anstand mit. Zwar gab es 2004 eine politische Bemühung der Nationalrätin Margret Kiener Nellen, die Hymne zu modernisieren und der Zeit anzupassen, doch der Vorstoss versumpfte irgendwo in den politischen Mühlen Berns.
Singt und feiert am 1. August
Nun steht der Geburtstag der Schweiz vor der Tür. Am 1. August feiert die Eidgenossenschaft nämlich ihren Nationalfeiertag. Der perfekte Anlass, um den «Schweizerpsalm» zu singen. Vielleicht bist du ja an eine private Grillparty eingeladen oder nimmst an einer offiziellen Feier teil. Damit du, nicht wie die meisten Schweizer, einfach nur mitsummen musst, haben wir dir alle vier Strophen zusammengestellt. Und die Melodie dazu findest du hier.
Und falls du jetzt erstaunt bist, dass der Text nicht auf Schweizer- sondern auf Hochdeutsch ist, dann melde dich doch einfach für unseren Online-Schweizerdeutschkurs an. Dort lernst du richtigen Dialekt!
Der „Schweizerpsalm“
Erste Strophe
Trittst im Morgenrot daher,
Seh’ ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
Zweite Strophe
Kommst im Abendglühn daher,
Find’ ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt,
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
Dritte Strophe
Ziehst im Nebelflor daher,
Such’ ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
Vierte Strophe
Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Ja, die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.