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Paul Sacher, der Schweizer Dirigent, Mäzen, Anreger und Sammler, wäre am 28. April 100-jährig geworden.
Wie nur ganz wenige Musiker war der in Basel geborene und 1999 dort verstorbene Sacher eine ebenso vielseitig begabte wie engagierte Jahrhundertgestalt.
Mit über 200 Kompositionsaufträgen an herausragende Musiker des 20. Jahrhunderts schrieb der Gründer und Leiter mehrerer Orchester ein bedeutendes Stück moderner Musikgeschichte.
Nach dem Basler Kammerorchester (1926), der Schola Cantorum Basiliensis (1933), dem Collegium Musicum Zürich (1941) und dem Basler Schlagzeug-Ensemble (1968) rief der Musiker 1973 die Paul Sacher Stiftung (Basel) ins Leben.
Aussergewöhnliche Anfänge
Als Sohn eines Spediteurs und einer Bäuerin am 28. April 1906 zur Welt gekommen, begann Paul Sacher sechsjährig mit dem Violinunterricht. Nach der Maturität studierte er Musikwissenschaft.
Der von Felix Weingartner ausgebildete Dirigent begann sich schon 1927 mit der Uraufführung einer Komposition von Rudolf Moser im ersten Konzert des frisch gegründeten Basler Kammerorchesters für zeitgenössische Musik einzusetzen.
Grösseres Repertoire durch Aufträge
Seinen ersten Kompositionsauftrag erteilte Paul Sacher 1928 dem Schweizer Musiker Conrad Beck. Bemühte sich der Dirigent anfänglich um die Erweiterung des geringen Repertoires für Kammerorchester, so dienten seine vielen Werkbestellungen bald der Förderung bedeutender Komponisten.
1930 fand die erste Begegnung mit Igor Strawinsky statt, den der Mozart-Verehrer Sacher für den bedeutendsten Komponisten seiner Zeit hielt. Fortan bestimmte der durch Strawinsky repräsentierte Neoklassizismus die Förderungspolitik Sachers.
Harmonie von Geld und Geist
Als er 1934 die Bildhauerin Maja Hoffmann-Stehlin heiratete, die Witwe von Emanuel Hoffmann (Sohn des Pharmafirmen-Gründers Fritz Hoffmann-La Roche), wurde Paul Sacher über Nacht Multimilliardär und damit einer der reichsten Männer der Schweiz.
Das Paar liess sich 1935 auf dem Schönenberg bei Pratteln nieder und begann freundschaftliche Beziehungen zu damals schon berühmten Malern, Bildhauern und Musikern zu pflegen.
Aus den guten Beziehungen zu Hans Arp, Béla Bartók, Georges Braque, Alberto Giacometti, Arthur Honegger, Frank Martin, Bohuslav Martinu, Igor Strawinsky und später zu Jean Tinguely resultierten Werkankäufe und Kompositionsaufträge, die manches Meisterwerk einschlossen.
Wichtige Positionen
Schon 1931 als Vorstandsmitglied des Schweizerischen Tonkünstlervereins (STV) tätig, amtierte Paul Sacher von 1946 bis 1955 als dessen Präsident. Sein Einfluss auf den Verein war so gross, dass der Kompositionspreis dieses Vereins häufig "Sacher-Preis" genannt wurde.
Der 1938 in den Verwaltungsrat von La Roche gewählte Musiker wurde 1944 Mitglied des Stiftungsrates der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und 1954 Leiter der Musik-Akademie der Stadt Basel.
Wer hat, dem wird gegeben
Seit Paul Sacher 1951 den Ehrendoktortitel der Universität Basel erhielt, hagelte es internationale Auszeichnungen und Preise im Leben des mit Finanzen, Freundschaften und kostbaren Musikerautografen verwöhnten Dirigenten und Sammlers.
Auf die Salzburger Mozart-Medaille (1956) folgten die Hans Georg Nägeli-Medaille in Zürich (1966), der Kunstpreis der Stadt Basel (1972) und die Ernennung zum "Officier de la Légion d'Honneur" in Paris (1985).
Bleibende Verdienste
Während der Glanz vieler Goldmedaillen bald verblichen sein dürfte, bleiben zahlreiche Meisterwerke, die in Sachers Auftrag entstanden und unter seiner Leitung uraufgeführt worden sind.
Mit seinem gut in Musik umsetzbaren Namen (eS-A-C-H-E-Re) verbunden sind so gewichtige Kompositionen wie Bartóks "Divertimento" und "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta", Strawinskys "Concerto in D", etliche Werke von Willy Burkhard, Honegger, Martin, Martinu und von Dutzenden weiterer Komponisten.
swissinfo und Walter Labhart, sfd
In Kürze
Paul Sacher war eine prägende Figur der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts. Zu seinem 100. Geburtstag sind diverse Anlässe geplant.
An einem Festkonzert spielen am 28. April das Ensemble InterContemporain, Anne-Sophie Mutter (Violine) und Pierre Boulez (Leitung) im Stadtcasino Basel Werke von Boulez, Rihm und Varèse.
In der Ausstellung "Edgard Varèse. Komponist, Klangforscher, Visionär" im Museum Tinguely in Basel zeigt die Paul Sacher Stiftung vom 28. April bis 27. August 2006 erstmals ausgewählte Dokumente aus dem bisher nicht zugänglichen Nachlass des Komponisten Varèse.
Fakten
Paul Sacher wird am 28. April 1906 in Basel geboren.
1926 gründet er das Basler Kammerorchester (BKO).
1934 heiratet Sacher Maja Hoffmann-Stehlin.
1973 gründet er die Paul Sacher Stiftung, die 1983 den Nachlass von Igor Strawinsky erwirbt.
1987 leitet er das letzte Konzert mit dem BKO und dem Kammerchor, die nach 60 bzw. 58 Jahren Konzerttätigkeit unter seiner Leitung aufgelöst werden.
Paul Sacher stirbt am 26. Mai 1999 in Basel.