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Nagelhäuser kennen wir von China. Einsame Gebäude auf plattgewalzten Landstrichen, die einer von oben verordneten, neuen Bebauung trotzen, heissen so. In China mag es so etwas geben, aber ein Nagelhaus in St.Gallen? Ihr erstes Bauwerk nannten Eva Lanter und Patrick Britt, die zusammen das Büro Batiments gegründet haben, New Nail House. Das Turmhaus steht an einer lärmbelasteten Ecke an der Wassergasse, die keine Gasse ist, sondern eine Einfallsstrasse, durch die der Individualverkehr vom Appenzellerland braust. Das Gebäude am Hang kragt mutig und etwas frech über seinen Sockel aus und schaut mit grossen Fenstern auf die Stadt und das gegenüberliegende Bürohaus, aus dem die Swisscom gerade erst ausgezogen ist. Mit sechs Wohnungen, jeweils einer pro Geschoss, ist sein Programm und seine Daseinsberechtigung aus Investorensicht nicht gross. Die Geschichte seiner Entstehung, die gelungene Architektur und die zu erhoffende Signalwirkung legen eine vertiefte Auseinandersetzung damit umso näher.
Das städtebauliche Konzept der Überbauung Haldenhof 1 auf dem Plateau, auf dem sich auch das New Nail House befindet, sieht eine repetitive Wohnüberbauung mit 10 Mehrfamilienhäusern vor: langgezogene Blöcke als Lärmriegel zur befahrenen Strasse hin, um 45 Grad gedrehte, sechs weitere Rechtecke in der zweiten Reihe. So auf jeden Fall sieht der Stand der Planung aus. Gebaut sind erst vier Einheiten im Nord-Osten des Areals, doch ihre repetitiven Fassaden verheissen wenig Vielfalt. Für die Überbauung müssten noch einige Häuser weichen. Der Besitzer der Liegenschaft Haldenstrasse 21/23 möchte seine Immobilie aber nicht verkaufen; er schnitt sich mit dem Ersatzneubau des Turmhauses selbst einen Teil vom Kuchen ab und vermietet heute sechs Neubauwohnungen.
Für eine abwechslungsreiche, zugängliche und lebendige Stadt
Zum Glück hörte er auf das junge Architektenpaar, das sich für die kleinteilige Parzellenstruktur starkmachte. Es betrachtete den Ersatzneubau des New Nail House und die zwei angrenzenden Gebäude als Ensemble. Dieses besteht aus einem Längsbau mit Giebeldach, und einem Annex, in dem sich einst eine Druckerei befand. Es beherbergt seit einem Umbau vor rund 10 Jahren die Wohnzimmer der Wohnungen im ehemaligen Langhaus, die von WGs bewohnt werden. Für den damaligen Umbau war Peter Lanter, Vater der Architektin und selbst Architekt, zuständig. Er war es, der Batiments an die Bauherrschaft vermittelte.
Trotz knallharten Kostendrucks, dem ein Haus mit derart kleinem Fussabdruck unterworfen ist, einer Ausführung durch eine Totalunternehmung, die nicht viel Spielraum für aufwendige Details hat, haben Lanter und Britt ihre Vorstellung von hochwertiger Architektur in die Realität umsetzen können. Genormten Ideen stellten sie sich mit gekonnten Interventionen entgehen. So ist der Massivbau mit Aussendämmung zwar konventionell gebaut, doch durch die Weiterführung des groben Putzes über die unterste Loftwohnung im Sockel (eine ursprüngliche Nutzung als Büro stellte sich als weniger rentabel heraus), bricht das Türmchen mit der architektonischen Vorstellung von «Sockel, Mittelbau, Krone». Dafür trägt der ebenfalls von Batiments umgebaute Annex nun eine Krone als Geländer auf dem Dach, die seine Wichtigkeit im Gebäudeensemble unterstreicht.
Der zurückgesetzte Sockel ist auch Tiefgarage und resultierte aus dem Baugesetz, da Platz für die geplante Autobahnzufahrt freigehalten werden muss. Ein halbrunder «Tropfen» aus verputzter Wärmedämmung hängt an der überstehenden Fassade gegen die Strasse, als ob Wasser kondensierte und einfror. Einen Nutzen hat diese Rundung nicht, aber sie bringt ein poetisches Moment an eine markante Stelle der Fassade und lässt genauer hinschauen.
Innenräume voller Identität dank Gestaltungsreichtum
Das Haus ist eine Wohltat im von Spekulation geprägten Baugeschäftsalltag. Es zeugt aber auch vom Engagement des Architekturbüros, das noch nicht im Modus ist, das eigene Werk zu zerlegen und der Kritikerin zu erzählen, was sie zu sehen und zu schreiben hat. Die Sorgfalt und der Wille, den eigenen Entwurf zu kontrollieren, haben Batiments schliesslich beim Bau ihres Erstlings schon bewiesen.
Die Adresse des Nagelhauses befindet an der Haldenstrasse, die sich wegen des abfallenden Geländes weiter oben am Hang befindet. Das neue Wohnhaus teilt den Zugang mit dem ehemaligen Druckereigebäude. Das Treppenhaus und ein Lift erschliessen die vier identischen Wohnungen im Obergeschoss, darunter liegt die Loftwohnung und zuoberst befindet sich eine kleinere Attikawohnung mit umso grösserer Terrasse. Ein offener Wohn-, Essraum mit Küchenzeile und vier grossen Fenstern schafft Grosszügigkeit in der engen Situation. Zwei Nasszellen und zwei Schlafräume befinden sich hinter weissen Türen. Ein Übergangsbereich in den Zimmern, wo noch derselbe Bodenbelag wie im Wohnzimmer liegt, nämlich grauer, gegossener Unterlagsboden, schafft eine stimmige Zonierung. Dahinter markiert ein einfaches Stäbchenparkett Wohnlichkeit. Der Unterlagsboden zieht sich auch ins Treppenhaus auf den Treppenpodest vor der Wohnung. Ein fixer Spiegel, ein eingelassener Fussabtreter und die Klingel zur Wohnung, die sich nicht neben der Türe, sondern näher bei Treppe und Lift befinden, vergrössern die Wohnung in den öffentlichen Bereich des Hauses und schaffen Identität. Etwas, das an diesem Ort mit der generischen Überbauung definitiv nicht vorzufinden wäre.
Bildnachweis
Hanspeter Schiess