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Heute idyllisch – früher eine Randexistenz
Eingebettet in die Moränenlandschaft des Rietenbergs liegt nordöstlich von Ammerswil die kleine Baugruppe Büel.
1775 hatte Marx Senn gegen den erklärten Willen der Gemeinde eine bescheidene Behausung errichtet, von wo sich die Familie in der Folge kontinuierlich ausbreitete. So entstand eine lockere Ansammlung von Gebäuden, die sich abseits der grossen Verkehrsstränge unauffällig in die umgebende Kulturlandschaft einfügen.
Auf kleiner Grundfläche von 7,50 x 9,50 m erhebt sich ein kompakter zweigeschossiger Baukörper unter allseits abgewalmtem Dach. Von der ortsüblichen Tradition des traufbetonten Vielzweckbaus abweichend, erscheint das Gebäude als freistehendes Wohnhaus mit stirnseitiger Stubenfront. Der Dachaufbau basiert auf dem Hochstudprinzip, doch begnügte man sich aufgrund der geringen Gebäudegrösse mit einer reduzierten Variante. Für seine geringen Abmessungen verfügt das Häuschen über zwei erstaunlich grosse Kellerräume. Dabei soll der südöstliche früher ein Webkeller gewesen sein. Von seiner äusseren Erscheinung und der bescheidenen Dimensionierung gibt sich das Strohdachhäuschen auf dem Büel unzweifelhaft als Taglöhnerbehausung zu erkennen.
Heute, in einer Welt der unbeschränkten Mobilität, mag die abgelegene Situation am Waldrand als idyllisch empfunden werden. Den früheren Bewohnern dürfte sie zum Nachteil gereicht haben, blieben sie doch von der dörflichen Nutzungsgemeinschaft weitgehend ausgeschlossen.
1774 ersuchte dann Marx Senn die Gemeinde um Verleihung eines Feuerstattrechts, um «ein Haus auf dieses sein Erdreich zu bauwen». Da sein Ansinnen abschlägig beantwortet wurde, gelangte er in zweiter Instanz an den Rat der Stadt Bern, der ihm schliesslich eine Baubewilligung erteilte. Aus den Akten geht hervor, dass Marx Senn sein Häuschen, dem anhaltenden Widerstand der Gemeinde zum Trotz, 1775 tatsächlich erstellt hat. Mit grosser Wahrscheinlichkeit war dem Wohngebäude von Anfang an eine freistehende Ökonomie beigegeben.
1791, als Marx Senn «Haus, Scheuerung, Hausrath, Schiff und Geschirr, Wagen, Pflug und Eggen», die aus einer Kuh, einem Stier und einem Wucherstier bestehende «Lebwaar» (Viehhabe) nebst Futter und Stroh seinem jüngeren Sohn Johannes vermachte. Zum Grundstück gehörten damals sechs Jucharten Ackerund Mattland, darin eingerechnet der Hausund Hofplatz, ein nicht näher bezeichneter Rebacker und eine «Griengrube», ferner ein Mannwerk Mattland, das früher Ackerland gewesen war. Im Gegenrecht hatte Johann Senn seinem Vater und seiner Stiefmutter «Speis, Trank und nöthige Kleidung samt Herberg, ohne Entgelt» zu gewähren, und er musste sie «in gesunden und kranken Tagen erhalten und nöthige Hilfe leisten».
Eine Besitzstandsänderung ist für das Jahr 1834 fassbar, als die Güter Johann Senns (des älteren) auf die beiden Söhne Jakob und Samuel Senn übergingen. Jakob Senn erhielt dabei das «Stammhaus» und die Hälfte der gemeinschaftlich genutzten Scheune zugesprochen. Die andere Hälfte der Ökonomie ging an Samuel Senn, für den kurz zuvor in der Nähe ein neues, steinernes Wohnhaus mit Ziegeldach errichtet worden Die beschriebenen Verhältnisse hatten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand.
1874 musste Jakob Senn das «Stammhaus» mitsamt dem Anteil Scheune veräussern, angeblich wegen familiärer Schicksalsschläge und einer zu hohen Schuldenlast. Neuer Eigentümer wurde Kaspar Märki aus Mandach, dessen Nachkommen die Liegenschaft bis in die 1950er Jahre behalten sollten.
1884 erfolgte die Liquidierung der freistehenden Strohdachscheune, der Überlieferung gemäss nach einem grösseren Brandfall. So erhielt das bisher freistehende Wohnhaus des Samuel Senn einen Scheunentrakt angebaut. Kurze Zeit später fügte man auch dem «Stammhaus» eine eigene Ökonomie bei, die als ziegelgedeckter Kreuzfirstanbau westseitig an das Strohdachhäuschen zu stehen kam.
1971 wurden anlässlich umfassender Restaurierungsarbeiten die ursprünglichen Verhältnisse des freistehenden Wohngebäudes durch die Brüder Lüem wiederhergestellt. Das Hausinnere zeigt weitgehend noch die ursprünglichen Raumverhältnisse. Da sich im Obergeschoss die russgeschwärzte Diele über beide Räume hinweg erstreckt, liegt die Vermutung nahe, dass die offene Rauchküche vormals die gesamte Fläche eingenommen hat.
1982 ging das Strohdachhaus in den Besitz von Louis Mäder über, welcher das Haus bis 2010 besass.
2007 konnte Daniel Lüem das Strohhäuschen mieten und drei Jahre später kaufen. Seither dürfen wir dieses kleine Paradies u nser Eigen nennen.
Quellangabe: Die Beschreibungen sind auszugsweise dem Buch «Die Bauernhäuser des Kantons Aargau»,
Pius Räber, Band 2, Fricktal und Berner Aargau, Basel 2002 (Die Bauernhäuser der Schweiz, Band 23), Baden 2002, entnommen. Erhältlich
in jeder Buchhandlung oder unter www.hierundjetzt.ch