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Bei der heutigen Durchsicht der Zeitungen stosse ich auf einen interessanten Leserbrief von Reto Crüzer aus Scuol, der in Prozenten aus den letzten Nationalratswahlen ableitet, welche Partei auf wie viele Sitze in der Bündner Regierung Anspruch hätte. Interessant auch deshalb, weil der Autor dieses Leserbriefs wichtige Merkmale eines Kandidaten aufzeigt. Ich erwähne hier die männliche Form (Kandidat), weil am 10. Juni 18 ausschliesslich Männer für einen Sitz in der Bündner Regierung kandidieren. Wo sind die Frauen?
Am 8. März, dem internationalen Tag der Frau, sind die Frauenbewegungen mit den politischen Parteien hart ins Gericht gegangen. So wurde den Parteien unterstellt, dass Männer bei der Bekleidung politischer Ämter den Vorrang geniessen. Das ist zumindest bei den Grünliberalen nicht der Fall. Bei der Suche nach einer Kandidatin für die bevorstehenden Regierungsratswahlen hat die GLP Graubünden leider keine Frau gefunden, obschon verschiedene Frauen angefragt wurden. Immerhin kandidierte die GLP an den Churer Stadtratswahlen mit einer Frau, leider erfolglos.
Kommen wir zurück auf das Anforderungsprofil, welches ein Regierungsratskandidat erfüllen sollte. Reto Crüzer erwähnt Faktoren wie Ausbildung, Leistungsausweis, Führungsstärke, überparteiliche Zusammenarbeit, Kenntnisse der regionalen Vielfalt und Menschlichkeit. Was verstehen wir unter Menschlichkeit? Für mich steht hier in erster Linie die Ehrlichkeit, die Glaubwürdigkeit und Authentizität im Vordergrund. Wir erleben zu oft, dass Kandidaten im Wahlkampf Versprechungen abgeben, die sie in ihrer Regierungsfunktion nicht halten oder nicht halten können. Und das ist nicht nur bei den Regierungsratswahlen der Fall.
Barak Obama hat neben vielen Versprechen, die er in seiner Amtszeit erfüllt hat, versprochen, das menschenunwürdige Gefängnislager auf Guantanamo zu schliessen. Die Komplexität hat er dabei unterschätzt und vor allem die Tatsache, dass kein Land diese Häftlinge aufnehmen wollte. Von seinem Nachfolger und dessen ungehaltenen Versprechen ist erst gar nicht zu sprechen.
Zurückkommend auf das Anforderungsprofil eines Regierungsrates spielt neben der Bekanntheit auch der Leistungsausweis eine wichtige Rolle. Nun sind aber die Parteien ehrenamtliche Gremien, in denen ein Kandidat sich hocharbeiten und zum Teil auch hochdienen muss. Aus diesem Grund zählt in manchen Parteien das ehrenamtliche Engagement und das loyale Verfechten der Parteidoktrin mehr als der Leistungsausweis eines Kandidaten.
Ebenso geht oft die Belastbarkeit und die Fähigkeit des Umgangs mit Widerständen vergessen, denn ein Departement von mehreren hundert Mitarbeitern zu führen ist eine Herausforderung, der ein Kandidat gewachsen sein muss. Wenn ich auf die politischen Köpfe zurückblicke, welche die Geschichte unseres Kantons geprägt haben, so waren einige Politiker darunter, die dieser Aufgabe leider nicht gewachsen waren.
Aus diesem Grund bin ich der festen Überzeugung, dass ein Durchlaufen eines Assessments für jeden Kandidaten gut wäre und Pflicht sein sollte. In einem Assessment wird ein Kandidat auf „Herz und Nieren“ durchleuchtet. Mängel, Führungsschwäche und fehlende Belastbarkeit werden dabei schonungslos aufgedeckt. Eine unabhängige Jury sollte aufgrund der Resultate entscheiden, ob ein Kandidat über die Fähigkeiten verfügt, ein Departement führen zu können. Erst danach sollte er in den Wahlkampf geschickt werden.
(Bild: GRHeute)