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[Jochen Brandtstädter: Entwicklung - Intentionalität -
Handeln. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart, Berlin, Köln 2001
John R. Searle: Intentionalität. Suhrkamp. Frankfurt 1991]
|Definition Intention: Absicht, Bestreben, Vorhaben

Richtung des Denkens oder Wollens, der Antriebe (Motive) und des Fühlens auf etwas.
Beispiele für intentionale Zustände: Überzeugungen, Befürchtungen, Hoffnung, Wunsch, Liebe, Hass, Abneigung, Gefallen, Missfallen, Zweifel, Sich-etwas-Fragen, Freude, Hochstimmung, Niedergeschlagenheit, Unruhe, Stolz, Reue, Kummer, Gram, Schuld, Jubel, Verärgerung, Verblüffung, Versöhnlichkeit, Feindseligkeit, Erwartung, Wut, Bewunderung, Verachtung, Respekt, Entrüstung, Absicht, das Wollen, Sich-etwas-Vorstellen, Scham, Begierde, Ekel, Panik, Vergnügen, Abscheu, Belustigung und Enttäuschung.
Die Liste stammt zwar von Searle, zeigt aber um so mehr eine unklare Trennung zwischen Motiv (dem, was in Bewegung setzt) und der zielorientierten Intention (Handlungs-Absicht), die bereits als Folge der Motivation betrachtet werden könnte.
Einer der der wichtigsten Faktoren die Intentionen setzen dürfte das Interesse sein, da diese persönliches Streben gleich fokussieren.

Lebensaufgaben stehen zwischen Lebensthemen und konkreten Aktivitäten
Intentionalität beschreibt die Orientierung auf einen Zweck, ein Ziel hin, also Finalität, die causa finalis, nicht Kausalität, ist also das, worin sich Handlung von Reflex unterscheidet. Intentionalität kann begründet werden durch Erwartungen, Wünsche, Meinungen, Emotionen etc. Handlung ist intentional, zurechenbar, durch Wahlfreiheit (Will-Kür) und Reflexivität bestimmt - wobei die Reflexion die Freiheit immer beeinflusst, und oft beengt. Noch deutlicher wird diese Begrenzung der Freiheit wenn wir zwischen Akt und Handlung unterscheiden, denn der Akt ist durch soziale Regeln konstituiert, also festgelegt, fast so eng und präzise wie ein Verwaltungsakt oder Akte von Polizei und Gericht, die eben nicht mehr frei sind, keine Kür erlauben auf Grund eines individuellen Willens (= Will-Kür), sondern vorherbestimmte Reaktionen und Aktionen unter bestimmten Bedingungen abzulaufen haben (was heute bei den meisten Jobs ebenso der Fall ist).
Ein verantwortlich handelndes Subjekt ist man insoweit, als man seinen primären Intentionsbildungen und Handlungstendenzen nicht ausgeliefert ist, sondern sich von ihnen distanzieren oder mit ihnen identifizieren kann. [S. 131]
Selbstregulierende Kompetenzen sind dadurch hochrangige Sozialisationsziele. Eine äusserst wichtige, da determinative, bestimmende Funktion übt hier die Kultur aus. Sie regelt Verhalten durch Normen und Institutionen, durch Lern- und Motivationsprozesse, aber auch durch Strafen, die allerdings nie an erster Stelle stehen sollten. Diese Prozesse lassen es dem Individuum als vorteilhaft erscheinen, sich diesen normativen soziokulturellen Erwartungen anzupassen, sich daran zu assimilieren. Umgekehrt wirkt die Selbstgestaltung des Individuums aber auch wieder auf die Kultur ein. Kultur und Psyche gestalten sich gegenseitig.
Kulturelle Normen, meist mit Sanktionsmöglichkeiten ausgestattet, stabilisieren Verhaltens- und Denkmuster, die zur Sicherung kultureller Kontinuität und der sie tragenden Strukturen, Institutionen und Machtverteilungen beitragen. Starre Normenstrukturen können freilich die adaptive Flexibilität von Systemen, deren Bestand von variablen und nicht durchweg kalkulierbaren Bedingungen abhängt, beeinträchtigen. Daher können auch Normverletzungen systemerhaltende Funktionalwerte haben. [S. 39] So wird oft das Verbrechen von Gestern zur Moral von Heute. (Durkheim 1895) - oder umgekehrt.
Kultur erzeugt einen Erwartungsrahmen dessen, was als üblich oder angemessen zu betrachten sei, was sich allerdings gerne zu Stereotypen zementiert.
It is culture, not biology, that shapes human life and the human mind
[J.S. Bruner 1990]
Intentionale Gehalte (sei tüchtig, fleissig, stolz - gerecht, fair, tolerant, besonnen) werden dem Kind von Eltern und Schulen aufgeprägt durch Strukturierung der Handlungs- und Erfahrungsfelder.
Moralische Normen, du sollst (sein) - du sollst nicht (sein) lassen sich aber meist nur schwer durchsetzen:
Für den Ueberzeugungswert solcher Botschaften ist es entscheidend, inwieweit sie für das Individuum mit attraktiven Lebens- und Selbstentwürfen verbunden und argumentativ einsichtig gemacht werden können; dies hängt wesentlich auch vom weitern sozialen und kulturellen Kontext und den vorherrschenden Vorstellungen von gelingendem Leben und "optimaler Entwicklung" ab. [S. 77]
Der Vorherrschaft einer überlieferten Kultur entgegen steht hier also das Individuum mit seinen persönlichen Wünschen, Meinungen, Erwartungen, Vorstellungen über sein Leben - also Zielen:
Ein Mensch und seine Identität lassen sich als ein Leben auffassen, das intentional gestaltet und insofern auch nach einem Plan gelebt wurde.
John Rawls
Hier kommt nun also ein weiteres Element mit ins Spiel, das nebst der Kultur die Entwicklungsfreiheit begrenzt: Der eigene Plan, Lebensplan, der auf selbst gewählten Zielen beruht und mehr oder wenig zielstrebig und zielorientiert - intentional - verfolgt wird.
Der Mensch ist unter allen empfindenden Mitgeschöpfen der Erde das meist perfektible Wesen, dasjenige, was bey seiner Geburt am wenigsten von dem ist, was es werden kann, und die grösste Auswickelung annimmt. Es ist das vielseitigste, das beugsamste Wesen, das am mannigfaltigsten modifiziert werden kann, seinem ausgedehnten Wirkungskrais, zu dem es bestimmt ist, gemäss. Am schwächsten zu einer Form allein bestimmt kann es die mehresten annehmen. [Tetens 1777]
Der Mensch ist das Wesen, das in die Zukunft entflieht.
J.P. Sartre
Den Gegenpol dazu hat Arnold Gehlen in "Der Mensch" als <Mängelwesen> formuliert: Der Mensch ist zuallererst ein "Mängelwesen", charakterisierbar durch Unangepasstheiten, Unspezialisiertheiten, Organ-Primitivismen (z.B. das fehlende Haarkleid), durch fehlende Angriffsorgane und Fluchtspezialisierungen - eben durch einen lebensgefährlichen Mangel an echten Instinkten. Er ist ein weltoffenes, und darum notwendig "handelndes Wesen, dass auf Entlastungen angewiesen, deshalb auch sprach- und symbolisierungsfähig ist und von seiner reagiblen Welt- und Selbst-Produktivität abhängt. Selbstzucht, Erziehung, Züchtigung als In-Form-Kommen und In-Form-Bleiben gehören für Gehlen zu den menschlichen Existenzbedingungen. Zudem ist er auf die Zukunft hin orientiert. Er ist, laut Thomas Hobbes, das Wesen, das schon der künftige Hunger hungrig macht. [Walter Ehrhart; Herbert Jaumann: Jahrhundertbücher. Grosse Theorien von Freud bis Luhmann. Beck. München. 2007. S, 152]
Vielseitig, beugsam, modifizierbar = anpassungsfähig. Hier zeigt sich der Hauptgrund für die Dominanz des Überaffen in der Welt: Er hat gelernt, seine natürlichen Schwächen durch technische Hilfsmittel (Krücken?) zu überwinden. Wie zweideutig diese Fähigkeit sein kann, zeigt gerade der Begriff der Anpassung, die zwar immer gefordert wird (von Schwächern, im Wettbewerb unterlegenen, Fremden, Aussenseitern) - aber eigentlich selbst als unmoralisch gilt. Anpasser, Stehaufmännchen, Wetterfahne, Opportunist sind ja nicht gerade lobende Ausdrücke. Seltsamerweise scheint aber eben die von den Nazis so gelobte Überlegenheit der arischen Rasse auf präzise dieser Fähigkeit zum Opportunismus zu beruhen.
Der Mensch ist das handelnde Wesen. Er ist ... 'nicht festgestellt', d.h. er ist sich selbst noch Aufgabe ... und gerade insofern er sich selbst noch Aufgabe ist, nimmt er auch zu sich selbst Stellung und 'macht sich zu etwas' ...
Selbstzucht, Erziehung, Züchtigung als In-Form-Kommen und In-Form-Bleiben gehören zu den Existenzbedingungen eines nichtfestgestellten Wesens.
Sofern der Mensch auf sich selbst gestellt eine solche lebensnotwendige Aufgabe auch verpassen kann, ist er das gefährdete oder riskierte Wesen, mit einer konstitutionellen Chance, zu verunglücken
Gehlen 1971
Als Mittel das ihm zur Verfügung stehen gilt vor allem das Selbstmanagement, mittels Reiz- und Umweltkontrolle, Fokussierung auf Ziele, Emotions- und Motivationskontrolle - welche konkurrierende Ziele neutralisieren und die Handlungsorientierung aufrecht erhalten. Die Fähigkeit, Handlungsvorsätze und Pläne gegenüber Ablenkungen und konkurrierenden Handlungstendenzen aufrechtzuerhalten, wird traditionell mit Tugendbegriffen wie Willenskraft, Selbstbeherrschung oder Ichstärke ausgezeichnet. Aber auch hier zeigt sich deutlich, dass Werte immer das Resultat einer Optimierungsfunktion darstellen, bei einseitigen Maximalforderungen also meist in die Irre gehen. (s. Wertekompass)
Intentionen erzeugen, ebenso wie die Fokussierung durch kulturelle Normen eine selektive und gerichtete Kognition durch Fokussierung der Aufmerksamkeit. Sie verstärken dadurch noch die Fokussierung die auf individuellen Interessen basiert:
Die Abschirmung gesetzter Intentionen gegen konkurrierende Handlungstendenzen ist ein Vorgang, der mit einer oft hinlänglichen Effizienz automatisch und anstrengungsfrei abläuft. In Phasen der Entscheidungsvorbereitung, etwa wenn es darum geht, sich zwischen alternativen Zielen, Plänen oder Lebenswegen zu entscheiden, ist das kognitive System auf eine breitgefächerte, holistische Erfassung aller relevanten Nutzen- und Kostengesichtspunkte eingestellt.
Sobald dagegen eine Entscheidung getroffen, ein Entschluss gefasst und eine Aktion eingeleitet ist, verändert sich die Informationsverarbeitung in einer Weise, die die Durchsetzung der Handlung unterstützt: Die Attraktionsvalenzen konkurrierender Ziele werden neutralisiert, die Aufmerksamkeit wird auf Situationsaspekte fokussiert, die für die erfolgreiche Durchführung relevant sind, und es werden Kognition und Argumentate in erhöhtem Masse verfügbar, die die Durchführung stützen und die Entschlussbildung bekräftigen. [S. 114]
Die Selbsteffizienz verlangt die Ausschöpfung von Entwicklungs- und Handlungsreserven, deren maximale und optimale Nutzung. Und hier geraten wir heute massiv in die Bredouille, da Effizienz sich in Zeit und Geld ausdrückt, also auch hier die Entwicklung der Intentionen auf Wirtschaftlichkeit und Marktfähigkeit ausrichtet. Auch der Terminus Selbstkultivierung erlöst uns nicht mehr daraus, da nur noch als Kultur gilt, wofür bezahlt wird. Dieses Umfeld ist für das zentrale Anliegen der Philosophie, also Weisheit, kein günstiges Umfeld, denn Weisheit wird obsolet, wo Entwicklungsideale an (wirtschaftlicher) Effizienz gemessen werden.

Handlungsstrukturen - Wirkungsstrukturen - also auch Denkstrukturen - sind abhängig vom persönlichen Lebensplan (der "policy"), die über Werte und Orientierungen bestimmt.
[Micheal E. Bratman: Structures of Agency. Oxford University Press. 2007]
Wir sind zweckorientierte "Agenten" (primär unserer selbst), mit der Bedeutung von "Wirkende", Handelnde. Wir denken über unsere Motive nach, sind also reflexiv.
Wir bilden Pläne und formulieren Handlungsrichtlinien (für engl. <policies>, wofür das Deutsche keine wirkliche Entsprechung hat, da der Begriff "Sachpolitik" hier wiederum etwas zu Fachpolitisch besetzt ist) um unsere Aktivitäten über die Zeit hinweg zu organisieren. Wir sehen uns selbst als Agenten die über den Zeitenlauf hinweg authentisch bleiben (s. auch Identität), die zeitlich begrenzte Aktivitäten und Projekte starten, entwickeln und vollenden.
Nach der Planungstheorie sind Intentionen charakteristische Elemente grösserer Teilpläne von Handlungen und diese Pläne spielen grundlegende Rollen in der Koordination und Organisation zu gewissen Zeiten und über die Dauer der Zeit hinweg.
Stabilität der Intention ist Grundlage der persönlichen policy der Entwicklung - in einem Rahmen der auf Flexibilität setzt, muss diese Stabilität entweder untergehen - oder Rationalität durch Schlauheit ersetzt werden.
Ziele (causae finalis) und Pläne sind ein herausragendes Merkmal des Menschen, sie beruhen auf bewusstem Denken und Entscheiden, der Reflexivität von Intentionen (Gilbert Harman), dürften also bei Tieren (von Pflanzen gar nicht zu sprechen) nicht vorhanden sein.
Ideale helfen bei der Selbstorganisation über die Zeit hinweg.
Meist basieren sie allerdings auf Personen, die zu
Idolen werden, und bei denen
sich menschliches oft als all zu menschliches entpuppt. Die persönlichen
Vorbilder sind also meist nicht sehr dauerhaft (nachhaltig), und dies ist
präzise ein Grund, warum sich der Mensch Gott geschaffen hat.
Liam Murphy Monahan, B.A., M.A.: MEETING ANSCOMBE'S DEMAND: TOWARD A MORAL PSYCHOLOGY OF CHARACTER Dissertation
Effektives selbstregulatives und selbstkorrektives Handeln setzt Wissen voraus. Damit zielbezogene Handlungsintentionen überhaupt ausgeführt werden können, müssen nicht nur die Zielzustände selbst, sondern auch die Wege (Mittel, Zwischenziele), die zu diesen Zielzuständen führen, hinreichend spezifisch und genau präsent sein. [S. 54]
Kontrollstrukturen dabei sind:
Kontingenz (Umfeld, Kontext) Insbesondere die Abstimmung, Koordinierung der Lebensentwürfe, Entwicklungsziele, Lebenspläne mit Bedürfnissen anderer Personen ist für Qualität und Stabilität von Partnerschaften von entscheidender Bedeutung.
Effizienz (Wirksamkeit)
Erwartungen (Wie erfolgreich jemand in einer seiner vielen Rollen ist, wird durch die Rollenerwartungen definiert - also meist von aussen.)
Das eigene Leben ist ein Plan, der in der Gegenwart immer kurzfristiger wird, ja unplanbar. Die heutige Arbeitswelt erlaubt mehr Individualismus, erschwert aber stabile Identifikation, verlangt geschmeidige Anpassung an oft widersprüchliche Identitäten und Rollen, was zur komponentiellen Identität (Berger) führt. Eine Wirtschaft, die zur multiplen Persönlichkeit zwingt führt nicht bloss zum Verlust der Identität, sondern eigentlich in eine kollektive Psychose, präziser Schizoidie:
Planung im Kontext veränderlicher, komplexer, partiell intransparenter Lebensumstände heisst, sich auf das Unplanbare und Unkontrollierbare einzustellen. Es ist also nicht allein die Rationalität des verfolgten Planes von Bedeutung, sonder die Bereitschaft, seine Lebenspläne neuen Erfordernissen, Erkenntnissen und Einsichten flexibel anzupassen. Lebenspläne umfassen so meist mehrere Komponenten.
So begründet sich auch die international äusserst tiefe Quote des Hauseigentum in der Schweiz nicht durch weit verbreitete Armut, sondern durch die hohe Flexibilität heimatloser Arbeitsmarktanpasser: Allzeit bereit für den Wechsel von Arbeit, Ausbildung und Arbeitsplatz.
Handlungsabläufe bestehen nach J.S. Brunner (1990) aus vier Komponenten: Dem Akteuer, dem Ziel, dem Kontext - "plus trouble".
Lebenskrisen: Die schwersten Brüche in der Lebensgestaltung werden verursacht durch Scheidung, Tod Erkrankungen, familiäre Konflikte, Wirtschaftskrisen, politische Umbrüche - sechser im Lotto.
Eine eher seltsame Erkenntnis Brandtstädters, da introvertierte Manager doch eher die Ausnahme sein dürften: Nach eigenen längsschnittlichen Beobachtungen zeigt beispielsweise das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion in logistischen Regressionsanalysen einen zwar schwachen aber statistisch bedeutsamen Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit, später von beruflichen und finanziellen Problemen betroffen zu werden, während emotionale Labilität spätere Konflikte im familiären Bereich prädiziert. [S. 125]
Kind: Bedürfnisbefriedigung primär
Jugendliche und Erwachsene: schöpferische Expansion und Aufrechterhaltung der inneren Ordnung
Alter: Regression auf Bedürfnisbefriedigung oder Weiterführung bestehender Tendenzen
Am Anfang motiviert das Ziel, die zu erwartenden Fortschritte - am Ende das Erreichte ... was allerdings auch zu Sinnverlust führen kann (Pensions-Choller), falls nicht neue Felder eröffnet werden. Im Alter werden Erfahrungen obsolet, ihr Gebrauchswert 0 oder gar negativ, d.h. störend. Allerdings verfallen Lebens- und Sinnentwürfe eh immer schneller - wodurch die Nachfrage nach Sinnentwürfen steigt, aus denen keine Entwurzelung mehr möglich ist (Religion!)
Wenn sich der Mensch nicht mehr entwickelt, ist er tot, oder kurz davor. Das Selbe gilt für die Gesellschaft. Hat sie alles was zu tun und zu lassen ist mit Gesetzen geregelt, fällt sie in die Totenstarre.
Nur der Mensch bleibt bis in sein Alter ein Werdender
Konrad Lorenz 1954

Das Schema von Piaget mit Assimilation, Adaptation und Akkommodation ist
sehr beliebt, wird aber sehr verwirrend, wenn auch unterschiedliche
Zusammenhänge verwendet. Bei Piaget, also dem Original und Urheber dieser
Nomenklatur, bedeuten:
Assimilation ist die Übernahme, das Imitieren, Kopieren - Akkommodation aber strukturänderndes Lernen. (Die Assimilation von Ausländern unter der Perspektive also eher ein Witz, allerdings ein schlechter, der ihre Identität zerstört.)
Akkommodation ist also bei Brandstädter in einer ganz anderen Bedeutung verwendet! Also immer Vorsicht mit den Ausdrücken. Es ist wichtig, die interagierenden Systeme eben so klar zu definieren wie die Richtung der Anpassung, wer oder was passt sich wem an? s.u.
Ist ein Lebensplan gefasst, so geht es auch hier wie mit allen Plänen: Er wehrt sich so gut er kann gegen Veränderungen. Stimmt er nicht mehr mit der Umgebung, dem Kontext überein, stehen ihm drei Möglichkeiten offen:
Assimilation:
Anpassung der Behauptung oder Theorie oder des Plans an System = Assimilation. Das eigene Konzept wird an die Umwelt angepasst, vor allem durch kompensatorische Aktivitäten: Geben und Nehmen (Tauschen), Gewinn und Verlust. Herstellung von Ausgleich zwischen Gewichten und Gegengewichten: Gerechtigkeit, Stabilität, Ausgewogenheit, Harmonie
Akkommodation (s. Bemerkung rechts):
= Anpassung des der Realität an das System, den Plan, die Behauptung = Die Theorie/der Plan/das Gesetz/... hat immer recht. Sollte es einmal nicht so sein, um so schlimmer für die Fakten. Jedes Statement kann als wahr beibehalten werden, wenn im System ausreichend drastische Änderungen vorgenommen werden. Diese Notwendigkeit, "den guten Menschen" erst züchten zu müssen, also unrealistisch zu sein, wurde dem Kommunismus vorgeworfen. Dass sich aber die Mehrheit der Erdenbürger heute dem Unterwerfen müssen, was Wirtschaftstheoretiker, noch mehr aber Banken und Investoren als "richtiges System" propagieren, ist der heutige Zustand.
Abwehr (denial/Immunisation/Verleugnung der
Diskrepanz):
Unabhängigkeit von System und Behauptung = Immunisation: Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun, kein Zusammenhang! Das beliebteste, wenn auch unwirksamste Mittel: Alle andern liegen falsch, ich hab recht - bewirkt eine Immunisierung gegen Kritik, eine Abgrenzung des Selbst gegen Fremde. Evidenz wird diskreditiert, sehr gerne durch Diskreditierung der Kritiker. Wirklichkeitsverkennung wird dysfunktional oder hat gar üble Folgen, wo dadurch Möglichkeiten der Problemlösung verpasst werden. Widersprüche und Kritik sind immer Anstoss zum Denken, zur Veränderung, zur Therapie. Wird Kritik und Widerspruch einfach verleugnet, ist das betreffende System bereits in einem Zustand der Verkalkung wie bei vielen religiösen oder politischen Sekten und andern Fundamentalismen, wozu auch und gerade wirtschaftliche Konzepte gehören, also der Neo-Liberalismus genau so wie der Kommunismus..
We all begin with the natural equipment to live a thousand kinds of life but end in the end having lived only one.
Clifford Geertz 1973

Direction of fit - die Richtung der Anpassung:
Nach Velleman repräsentiert das Konzept der <Richtung der Anpassung> (direction of fit) es in der Philosophie des Geistes zwei unterschiedliche mentale Zustände:
Facta (sing: factum, existierende Zustände, Fakten) sind Zustände mit einer Geist-zu-Welt Ausrichtung der Passung. Beispiele dafür sind Glaube, Wahrnehmung, Hypothesen und Fantasien. Bei Divergenzen zwischen dem Geist und der Realität liegt der Geist falsch und müsste sich Anpassen - an die Realität. Dem verweigern sich Fundamentalisten.
Facienda (sing: faciendum, Zustände die noch nicht existieren, die herzustellen, zu "machen" sind) sind Zustände mit einer Welt-zu-Geist-Ausrichtung der Passung. Hierzu gehören nun gerade die Intentionen und Wünsche (wie auch Utopien - die ja meist nicht reine Fantasien sind!). Bei einer Differenz zwischen dem geistigen Zustand und der Welt ist hier die Welt falsch konstruiert und sollte möglicherweise angepasst werden.
Anpassung (fit) - von Darwin zu dem treibenden Agens der Evolution gemacht, allerdings kostete diese Art von Anpassungen eben das Leben. Auch heute müsste die Frage immer gestellt werden, wo die Forderung auftaucht: Man muss sich halt anpassen: Wer bezahlt die Kosten der Anpassung? Wie hoch sind sie? Ein schönes, na ja "schönes", Beispiel ist hier gerade die Ausbildung, die als wichtigster De-Selektionsfaktor heute gilt. Mehr Ausbildung, längere Ausbildung (ab 3 Jahren!), härtere (autoritärere) Ausbildung - also Unterwerfung werden gefordert - obwohl die Gesellschaft dadurch verdummt (s. Die Weisheit der Vielen). Interessanterweise werden den oberen Gesellschaftsschichten (Kader) die Kosten für zielgerichtete und daher ertragreiche Weiterbildung erstattet - während dem die unteren Schichten sich aufs Geratewohl ihre Kurse aussuchen - und diese selbst bezahlen.
Der Lebensplan und seine problematische Durchführung wirft nun doch einige Probleme auf, die weit über das hinaus gehen, womit sich Wissenschaft, ja sogar Philosophie heute beschäftigen, denn hinter dem Lebensplan steckt doch eigentlich der Sinn des Lebens. Dieser ändert sich mit den Zeiten. Reichte in der Urzeit das Überleben als Sinn, folgte bei erwachendem Bewusstsein schon die Frage nach dem Danach, das dann zum Sinn wurde, der also von der Religion gesteckt wurde.
In der Neuzeit begriff sich der Mensch verstärkt über seine Funktion in der Welt, primär den Beruf, und diese wurde ihm zum Sinn, also vor allem durch den Beruf, der als Berufung gesehen wurde. Mit der zunehmenden Produktion und Bedeutung materieller Güter, wurde Gelderwerb als solcher, also eigentlich der Erwerb eines Mittels, selbst zum Lebenszweck. Daran hat auch eine kurze Periode von esotherischem new age nichts geändert, im Gegenteil. Geld regelt alles. Kultur schafft Geld - Geld schafft "Kultur". Geld herrscht universell. Geld schaffen ist der Sinn der Existenz.
Anpassung bedeutet Aufwand, verursacht also Kosten. Bei der darwinschen Anpassung durch survival of the fittest, das Überleben des Passendsten, kostet sie den weniger angepassten sogar das Leben. In der modernen Form der <Leistungsgesellschaft> kostet sie diejenigen, die nicht passend geformt und ausgerüstet sind, Existenz und Würde. Das Selektionssystem stellt sich hier also über das Individuum. Dennoch sollte "Anpassung" nicht einfach geheiligt werden, denn, in ein Scheisssystem passen eben am besten Scheisser. Die <direction of fit> ist also unbedingt im Auge zu behalten bei der Frage: Wer macht Form? Wer ist der Bäcker - wer der Teig? Wer kriegt das Brot?
Ausblick:
Multikulturelle Ordnung (Postpostmoderne): Multiple Steuerung über Natur, Geld und Geist. Kultur als An- und Einpassung in die Natur, bei gleichzeitigem Streben nach "höheren" Werten, nach geistiger Entfaltung. Geist herrscht. Die Herrschaft des Geldes muss also in jeder Form, als Herrschaft des Kapitals, als Plutokratie, als Zwangsmaschinerie, beendet werden.
|Definition Sinn:

[Die 5 Sinne: Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen]
Die Bedeutung, bzw. der Wert einer Sache, eines Vorgangs, eines Erlebnisses für jemanden oder etwas - das Interesse an etwas oder jemand. Sinnvolles Handeln strebt einem Ziel zu, das selbst einen Wert darstellt.
Der Sinn wird einer Sache oder einem Prozess vom Menschen zugeschrieben und kann nicht anhand der Sache oder des Prozess selbst analysiert werden. Sinn ist also DIE Intention und Motivation per se. Sinn ist der Urtrieb - weshalb Sinnlosigkeit, obwohl der Absurdität des Lebens immanent, der häufigste Grund für Selbstmord sein dürfte. Der Sinn ist der Odem des Lebens - Sinnlosigkeit sein Grab. (Also Vorsicht mit weiterer Förderung sinnloser Verhaltensmuster durch die Wirtschaft. s. Wettbewerb, Aus-Bildung früher, schneller, härter ...
Eine wichtige Instanz der Sinngebung ist die Kultur, die zumeist aus der lokalen Gesellschaft erwächst und in ihr tradiert wird. Mit der Auflösung des Lokalen durch die Globalisierung werden Werte multikulturell und die Relativität des Sinnes deutlich, was zu reaktionären Bewegungen führt - statt zur Anerkennung der Tatsache, dass unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Sinnkonzepte pflegen und fördern, und dass dies möglich sein muss, weil es ohne Freiheit über Ziele und Mittel kaum Entwicklung geben kann.
Sinn wird ergründet durch Verstehen. Wer andere verstehen lernt, lernt auch Toleranz mit andern Werten und Zielen.

Definition Ziel (gr. telos):

Kategorien persönlicher Ziele:
wikipedia

Definition Zweck (engl. purpose):

Nach Meyers Grossem Taschenlexikon von 2003 Gleichbedeutend mit Zweck. Diese Gleichsetzung ist möglich, aber nicht zwingend, denn meist ist der Zweck bloss ein kausales Zwischenziel auf dem Weg zu einem erwünschten zukünftigen Vorgang oder Zustand. Dem Zweck, als antizipierter (vorweggenommener) Vorstellung der Wirkung unseres Handelns werden nach Wundt alle Mittel zu- und untergeordnet (wobei aber der Zweck selten alle Mittel heiligt ..). Zwecke und Ziele werden nur als rational und zweckmässig erachtet, falls das Eingreifen in das kausale Naturgeschehen für realisierbar gehalten wird.
Die Intentionalität des Lebensplanes (Lebensprojektes/Lebenszieles) strebt nach dem Sinn des Lebens, wäre (war) also eine der bedeutsamsten philosophischen Fragen.
Der Sinn des Lebens ist das Überleben des Individuums - das gilt für Tiere und die meisten Menschen prioritär - wird allerdings bereits relativiert durch:
Der Sinn des Lebens ist das Überleben der Familie, der Gruppe, des Stammes, der Gemeinschaft, des Dorfes, der Stadt, des Landes ... der Menschheit.
Der Sinn des Lebens ist das gute Leben, das angenehme, oder zumindest nicht schmerzhafte, leidende Leben wobei es, im Gegensatz zu Nr. 1 bereits viele Ausnahmen gibt wie religiöses und wirtschaftliches Mönchstum und Klosterwesen.
Davon leben Köche, die Unterhaltungsindustrie, Medizin und Pharma ...
Der Sinn des Lebens ist die Entwicklung, des Selbst, der Familie, des Dorfes etc.
Und eigentlich erst hier kommen wir in den Bereich, in dem der Sinn des Lebens meist angesiedelt wird: Das ewige Leben, das Werk, die Wirkung, der Einfluss, die soziale Stellung, die Verantwortung, der Reichtum etcetc. Hierher gehört die Einheit mit dem Ewigen, mit Gott genau so wie das Streben nach Weltherrschaft und andere Absurditäten.
Moralisches Leben, gesetzestreues Leben, produktives Leben, Kinder, Haus, Ruhm und Ehre, Wissen, Geld, Reichtum, Musse, Nützlichkeit, Markttauglichkeit ...
Alfred Adler in seinem Spätwerk Der Sinn des Lebens seine philosophische Grundposition dar. Der Sinn des Lebens sei ein entwickeltes Gemeinschaftsgefühl zur Lösung der Lebensfragen, ein Vollkommenheitsstreben zu einer idealen Gesellschaft. Die gegenwärtige Priorität des Wettbewerbs (mit höchst ungleich langen Spiessen) steht diesem Ziel eindeutig diametral gegenüber, da sie präzise das Gegenteil anstrebt..
....
Martin Herzog, Basel, 7.3.08