Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03153.jsonl.gz/1007

31. Juli 2012 / Kommentare (6)
Die Zeichen stehen überdeutlich an der Wand: Nach gut 200-jährigem Aufschwung ist die Industriegesellschaft, die ich Ökonomie 2.0 nenne, in ihre Endphase eingetreten. Die Staaten der westlichen Welt, auch die Schweiz, sind sozial zerrissen. Auf der einen Seite existieren die Ansprüche weniger sehr reicher Familien und Einzelpersonen, die seit mehr als einer Generation die Gewinnoptimierung auf die Spitze getrieben haben, auf der anderen Seite haben die Angehörigen des Mittelstands Angst, ihren Lebensstandard nicht länger halten zu können.
Dies ist nicht einmal in der reichen Schweiz gesichert. Sehr rasch wächst auch die Gruppe jener Menschen, meist Zuwanderer, die ausserhalb der Gesellschaft leben, deren Ansprüche sich in zunehmend gewalttätigeren sozialen Auseinandersetzungen zeigen.
Entweder sind die Staaten des Westens in der Lage, eine notwendige Transformation in die Wege zu leiten, oder es droht die Anarchie. Sie drückt sich heute schon darin aus, dass einzelne Staaten keine echte politische Führung mehr haben (Belgien) oder über Notregierungen handeln (Griechenland, Portugal) oder keine handlungsfähige regierende Koalitionen besitzen (USA, Deutschland).
Überall nimmt der offene und verdeckte Druck auf die Mittelklasse zu. Die breite Masse der Menschen befürchtet, bisher als sicher geltende Leistungen staatlicher und halbstaatlicher Verwaltungen entweder abzuschreiben oder verstärkt selbst zu finanzieren. Auch das bislang probate Rezept der militärischen Unterdrückung unzufriedener Völker wird nicht länger für sozialen Frieden sorgen können – das hat uns der Arabische Frühling eindrücklich vor Augen geführt.
Die Wirtschaft muss ein Systemupdate erfahren. Das kapitalistische System ist in einer grossen Krise, weil es den Weg zu seiner Erneuerung noch nicht gefunden hat. Die Ökonomie 3.0 ist ein gangbarer Weg, den Ausweg aus der Wachstumsfalle zu finden.
In der Ökonomie 1.0 dreht sich die wirtschaftliche Wertschöpfung um die Verbesserung des physischen Wohlstands. In der Ökonomie 2.0 dreht sich die Wertschöpfung um die Beseitigung von Knappheiten und die Erhöhung des materiellen Wohlstands. In der Ökonomie 3.0 muss die Wertschöpfung der Bewältigung von Überfluss und der Steigerung des immateriellen Wohlstands, der Lebensqualität, dienen.
Schon in der Ökonomie 1.0 war die Schweiz vor 500 Jahren sehr erfolgreich, weil sie zusätzlich ihre Jugend in fremde Heere exportierte und damit Armut abbaute. Die Pass-Übergänge waren zollpflichtig und wiesen bereits in die Ökonomie 2.0, die mit dem Beginn der Industrialisierung zu einem Siegeszug der Schweiz führte, der erst heute abklingt. Vielerorts ist das Ende der Fahnenstange schon erreicht, sei es durch Ausgliederung der IT-Bereiche nach Indien, Ungarn oder Polen oder durch die Übernahme ausländischer Produktionsbetriebe, die rascher wachsen als die alten Schweizer Standorte.
Das System Schweiz als Teil westlichen Fortschrittsdenkens seit der Aufklärung wird der Krise so wenig entgehen wie unsere Nachbarstaaten. Wer angesichts einer gleichzeitig ablaufenden Geld-, Finanz-, Sozial- und Wachstumskrise meint, mit Symptom-Bekämpfung neues Wachstum auszulösen, wird nur neue Schulden auftürmen, die bei aufkommender Inflation schlimmer als jeder Tsunami zusammenbrechen werden.
Weil die moderne Ökonomie untrennbar mit dem Politischen und Ökonomischen verbunden ist, entspricht die Ökonomie 3.0 einem neuen Gesellschaftsmodell – und nicht nur einem neuen Wirtschaftsmodell. Die Ökonomie 3.0 anerkennt die Zusammenarbeit in gegenseitiger Achtung von Staat und Privatpersonen wie von Wirtschaft, Staat und Volk. Anstelle der Entscheide weniger Personen werden ökonomische Prozesse dezentralisiert und demokratisiert, um so wieder jene breite Basis der Zustimmung und des Engagements auszulösen, die heute verloren gegangen ist.
Die Ökonomie 3.0 soll national und global den Aufschwung für alle wieder möglich machen. Sie ist keine Fata Morgana, sondern eine Notwendigkeit, deren Dringlichkeit mit jedem Krisentag, den die Welt erlebt, offensichtlicher wird. Die Schweiz hat die grosse Chance, dies der Welt vorzuleben, wie sie es mit Demokratie, Neutralität und sozialen Werken von Weltgeltung schon früher getan hat. Mit der modernsten Ökonomie der Gegenwart tritt aktive Mitgestaltung an die Stelle resignativer Hinnahme des Unumgänglichen. Wir haben es in der Hand, das Richtige zu tun. Die Zeit dafür ist reif.
Fiechters neues Buch “Die Wirtschaft sind wir!” ist Stämpfli Verlag erschienen.