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ANDREAS VESALIUS
DE HUMANI CORPORIS FABRICA LIBRI SEPTEM, 2. AUFLAGE, 1555
EINE NEUE ANATOMIE
Das Werk "De Humani Corporis Fabrica" erschien erstmals 1543. Der Titel umschreibt die Anatomie als Bauwerk des menschlichen Körpers. Der Zusatz "Libri Septem" weist auf sieben Buchteile hin, die mit zahlreichen Kupferstichen illustriert wurden.
Vesalius verfasste die Fabrica mit erst 28 Jahren, nachdem er seine Thesen und Befunde viele Jahre lang mit seinen Studenten diskutiert hatte.
Es ist ein Lehrbuch, das aus der praktischen anatomischen Lehre heraus entstanden ist.
Das Werk regte zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung an. Die bisherigen Lehren, vor allem von Galen, mussten überdacht werden, was teilweise zu gehässigen Reaktionen von angesehenen Anatomen führte. Unter ihnen befanden sich auch geschätzte Lehrer von Vesalius.
1555 erschien die Fabrica in einer zweiten, überarbeiteten Auflage. Inzwischen hatte Vesalius viele Leichname seziert - anatomische Sektionen wurden bereits im Spätmittelalter offiziell zugelassen - und sich neues Wissen angeeignet. Er korrigierte einige Ungenauigkeiten oder Fehlaussagen, etwa Erkenntnisse über den weiblichen Körper und die Schwangerschaft. In der vorliegenden Auflage ist die Distanz zur Galenschen Schule spürbar gewachsen.
KUNST IN BILD UND SCHRIFT
Vesalius Fabrica darf als das berühmteste medizinische Werk bezeichnet werden. Es wurde breit wahrgenommen und führte zu einem Umbruch in der Anatomie. Mit dazu beigetragen hatte neben den sorgfältigen Ausführungen, der klaren Systematik und der Vollständigkeit auch die professionelle, ausgesprochen aufwendige Bebilderung.
Bereits vor Vesalius waren mehrere anatomische illustrierte Abhandlungen und Sektionsanleitungen publiziert worden. Die Detailtreue von Vesalius Ausführungen und Illustrationen jedoch waren in diesem Grad bisher unbekannt.
Die Fabrica begründete eine künstlerische Darstellung von präparierten Körpern, welche die Anatomieatlanten über mehrere Jahrhunderte hindurch prägte. Die Schriftsetzung der zweiten Auflage 1555 wurde nach dem Entwurf von Claude Garamond durchgeführt, dessen Name in seiner heute weit verbreiteten Schrift weiterlebt.
EIN STREITBARER GELEHRTER
Andreas Vesalius wurde 1514 als Sohn des Hofapothekers von Karl V. in Brüssel geboren. Er besuchte die Universität in Leuven, um Philosophie und Sprachen zu studieren. Nach vier Jahren setzte er seine Studien in Paris fort, jedoch in der Medizin. Wegen kriegerischen Auseinandersetzungen kehrte er nach Leuven zurück, schrieb seine Doktorarbeit und wurde nach Padua auf eine Professur für Chirurgie und Anatomie berufen.
1538 publizierte er die "Tabulae anatomicae sex", an denen Jan Stephan van Calcar, ein Tizian-Schüler, mitgewirkt hatte.
1540 trug Vesalius in Bologna eine öffentliche Disputation über anatomische Fragen aus. In dieser Zeit arbeitete er bereits an der Fabrica. Er beschaffte sich Leichen, die er präparierte, und schrieb, zeichnete und diskutierte mit Fachleuten.
1542 gelangten die fertigen Druckstöcke zum international bekannten Buchdrucker Johannes Oporinus nach Basel. Nach Erscheinen der Fabrica 1543 wurde Vesalius Leibarzt von Karl V., dem er das Werk gewidmet hatte. Vesalius reiste von Universität zu Universität, verteidigte seine Fabrica und sezierte öffentlich.
In dieser Zeit heiratete er auch und bekam eine Tochter. Während einiger Jahre arbeitete er an der Neuauflage, die 1555 erschien. Danach zog er nach Spanien, wo er königlicher Leibarzt von Philipp II wurde. 1564 begab er sich auf eine Pilgerreise nach Jerusalem. Auf dem Rückweg erlitt er, offenbar schwer erkrankt, Schiffbruch und starb auf der griechischen Insel Zakynthos.
AUTOPSIEN AN HINGERICHTETEN
Andreas Vesalius lebte im Zeitalter des Humanismus. Gelehrte suchten nach mittelalterlichen Abschriften, fanden aber auch Fehler und übersetzten neu. Die Fabrica etwa benennt Irrtümer Galens, bezieht sich aber weitgehend auf dessen Anatomie. Im Gegensatz zu Paracelsus, der Galens Werke öffentlich verbrannte, setzte sich Vesalius kritisch damit auseinander.
Die Wahrnehmung der Welt erlebte in der Renaissance tiefe Erschütterungen. Die Erde war nicht mehr der Mittelpunkt des Universums, die christliche Kirche spaltete sich, Gottes Werk wurde zur erforschbaren Natur. Vesalius Leben und Werk fallen in eine Zeit der Neuorientierung, die aber auch von Inquisition, Magie und tiefer Religiosität durchdrungen war. Es durften ausschliesslich Hingerichtete aufgeschnitten und zergliedert werden - damit war es schwierig an tote Körper zu kommen.
Zu Vesalius Zeit dozierten die Anatomen während der Leichenöffnung aus antiken und mittelalterlichen Schriften, und ein Präparator zeigte auf die Körperteile. Vesalius plädierte für ein neues Verfahren, die Autopsie, die Beobachtung mit den eigenen Augen. Die öffentlichen Sektionen fanden zu Vesalius Lebzeiten in oder neben Kirchen statt. Ab dem späten 16. Jahrhundert bauten manche Universitäten dafür eigene Anatomische Theater, die sich in vielen Darstellungen wiederfinden.