Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03398.jsonl.gz/348

«Er kauft einen Eispickel und kürzt den Schaft. Er trainiert, indem er ihn in einen Holzpflock haut.» Ramón Mercader wird die Mordwaffe im August 1940 zum Einsatz bringen, er ist von Josef Stalin beauftragt. Da verbrachte Leo Trotzki bereits dreieinhalb Jahre im Exil in Mexiko-Stadt, vor Nazis und Stalinisten gleichermassen auf der Flucht.
Diese Exilzeit beschreibt der französische Schriftsteller Patrick Deville in seinem Roman «Viva». Trotzki gelangt nach Mexiko, weil sich der mexikanische Maler Diego Rivera beim damaligen Präsidenten für ihn einsetzte. Der russische Revolutionär landet im «blauen Haus» Frida Kahlos, der Ehefrau Riveras, selbst eine berühmte Malerin. In diesem Haus treffen einige zentrale Figuren der internationalen revolutionären Bewegung aufeinander, etwa auch die Fotografin Tina Modotti und ihr damaliger Mann, der Stalin-Anhänger Vittorio Vidali.
Deville zitiert im Roman aus zahlreichen Büchern und historischen Dokumenten. Etwa aus einem Brief von Frida Kahlo, der zeigt, wie der erbitterte Zwist zwischen den UnterstützerInnen Trotzkis und jenen Stalins bis nach Mexiko reicht: «Als Siqueiros ihn fragte: ‹Na, Diego wie geht’s?›, zog Diego sein Taschentuch hervor, spuckte hinein und steckte es wieder ein.» David Alfaro Siqueiros beteiligte sich an einem früheren Mordversuch an Trotzki. Aber er war auch ein wichtiger Vertreter des Muralismus, einer auf öffentliche Wandmalereien spezialisierten mexikanischen Kunstrichtung, die er gemeinsam mit Diego Rivera prägte.
Neben den politischen Spannungen erzählt Deville von herzzerreissenden Liebesgeschichten. Nochmals in den Worten Frida Kahlos, an Diego Rivera gerichtet: «Und auch wenn Du mich nicht genauso liebst, so liebst Du mich doch ein wenig, oder? Liebe mich ein kleines bisschen. Ich bete Dich an.» Dieser zeitlose Liebesschmerz bietet einen Kontrapunkt zu den unzähligen historischen Fakten, die durchaus einen Informationsoverkill auslösen können. Oder einen einfach, idealerweise mit Internetzugang für allfällige Nachforschungen, in andere Zeiten und Orte versetzen.