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Leider muss ich das grosse Lob, das ich Ulrike Leuschner und Marie-Luise Spieckermann als Herausgeberin der Gesammelten Schriften Mercks einerseits, als Verfasserin einer Einleitung zu Mercks frühen Übersetzungen aus dem Englischen andererseits, bei der Besprechung von Teilband 8.1 (Übersetzungen aus den Jahren 1762/63) gespendet habe, für diesen Band 8.2 etwas zurücknehmen. Er enthält nur eine einzige, dafür sehr umfangreiche Übersetzung, nämlich die von Thomas Shaws Travels, or Observations Relating to Several Parts of Barbary and the Levant, ursprünglich 1738 erschienen.
Was mir nun fehlt, sind weitere, vertiefte Informationen über diesen Thomas Shaw. Er ist im deutschen Sprachraum heute praktisch unbekannt. Das deutschsprachige Wikipedia kennt ihn gar nicht (nur einen Blues-Musiker gleichen Namens); selbst im englischsprachigen sind die Informationen karg. Da hätte ich mir von Herausgeberin oder Kommentatorin des 8. Bandes mehr gewünscht. Was ich auf die Schnelle herausfinden konnte, ist, dass Thomas Shaw (1694-1751), nachdem er (offenbar als Theologe) den Masters am Queen’s College, Oxford, erhalten und die Priesterweihe empfangen hatte, als Seelsorger in die Handelsniederlassung in Algier versetzt wurde. Er lebte und arbeitete im Mittelmeerraum von ca. 1719 bis 1733. Offenbar – aber genau diese Information fehlt mir – war er nicht als Missionar an der afrikanischen Mittelmeerküste. Thomas Shaw scheint über genügend Musse verfügt zu haben, die Küstenregion von Tunesien über Ägypten und das Heilige Land bis in den Libanon bereisen zu können.
Seine Motivation war dabei keineswegs Abenteuerlust, wie es runde 100 Jahre später bei Richard Burton der Fall war. Shaw verstand sich als Wissenschafter, der vor allem die Aussagen von Klassikern wie Plinius, aber auch der Bibel, mit der Realität verglich. Waren die Städte wirklich dort, wo sie gemäss den antiken Autoren standen? Können die Leute wirklich so gelebt haben, wie es in der Apostelgeschichte steht? Wie ist dieser oder jener Ausdruck in der Bibel konkret zu verstehen? Solche und ähnliche Fragen trieben ihn um. Er war damit zugleich ein Kind der alten, aristotelisch inspirierten Wissenschaftstradition, die nur den (persönlichen) Augenschein als Beweis für die Richtigkeit einer Aussage akzeptierte (was noch Galileo zu spüren bekam, stand doch eine astronomische Theorie, die die Erde nicht in den Mittelpunkt des Universums stellte, in frappantem Widerspruch zu jedwedem Augenschein!), andererseits macht sich bei ihm die aufkeimende Bibellektüre historisch-kritischer Art des 18. und 19. Jahrhunderts schon sehr bemerkbar.
Die Motivation Mercks wiederum, den umfangreichen Bericht zu übersetzen, lag wohl einerseits persönlich in Mercks immer grossem Interesse an Berichten aus fremden Ländern, andererseits in der Tatsache, dass das deutsche Publikum diese Übersetzung wirklich verlangte. Shaw stand im 18. Jahrhundert mit seinem Werk in der Wissenschaft in hohem Ansehen, eine deutsche Übersetzung füllte also eine Marktlücke. Beim Publikum war das Interesse an Berichten wie Shaws Travels eine Mischung aus wissenschaftlichem Interesse und aufkeimender Reiselust, der Lust am Exotischen, die nun immer mehr und immer besser durch Berichte, aber auch durch eigene Reisen, gestillt werden konnte.
Für heutige Verhältnisse ist Shaws Bericht allenfalls historisches Zeugnis einer wissenschaftlichen Einstellung, die irgendwo in der Mitte zwischen dem mittelalterlichen Verständnis von Wissenschaft und dem der Neuzeit steht, die auch noch fest an den Universalgelehrten glaubt. Als Reisebericht sind die Travels zu desorganisiert, zu trocken auch. Wir erfahren kaum etwas über Shaw, praktisch nichts über seine Reisegefährten. Der trockene Wissenschafter des 18. Jahrhunderts eben – genau das also, was das Publikum erwartete.