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Seit die argentinische Drehbuchautorin Lucía Puenzo die Novelle «Cinismo» von Sergio Bizzio gelesen hatte, musste sie über das behandelte Thema nachdenken. Die Geschichte erzählt vom Erwachen der Sexualität eines jungen Mädchens, bei dem die Ärzte eine «genitale Zweideutigkeit» diagnostizieren. Als Puenzo dann mit dem Schreiben des Drehbuchs für «XXY» begann, sei sie sehr überrascht gewesen, dass es so gut wie keine Geschichten über dieses Thema gab, das höchstens in dokumentarischer Weise unter einem persönlichen oder medizinischen Gesichtspunkt, jedoch nie in fiktionalen Werken behandelt wird.
Die Hauptfigur im Regiedebüt von Puenzo ist die 15-jährige Alex (Inés Efron), die sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsteile vorweist. Sie ist Junge und Mädchen, also eine Person, die umgangssprachlich als Hermaphrodit oder Zwitter bezeichnet wird. Die Eltern von Alex sind mit ihr aus Buenos Aires nach Uruguay gezogen, weg vom Geschwätz und den Urteilen der Leute. Aber auch an diesem einsamen, hauptsächlich von Fischern bevölkerten Küstenstreifen sehen sie sich schnell der gleichen Intoleranz gegenüber.
Alex möchte für den Moment einfach, dass die Dinge so wie jetzt bleiben. Sie fängt langsam an zu rebellieren, setzt die Medikamente ab (Corticoide gegen die Bildung von maskulinen Körpermerkmalen) und schlägt ihrem Freund aus unbekannten Gründen die Nase ein. Ihr Körper überfordert sie zunehmend. Da lädt die Mutter einen befreundeten Chirurgen mit seiner Familie zu Besuch ein. Er soll den Vater (Ricardo Darín) und die Tochter zu einer Operation überreden.
Die junge argentinische Regisseurin hat für ihren Debütfilm «XXY» 2007 in Cannes den Grossen Preis der Semaine de la Critique und 2008 am Pink Apple den Publikumspreis gewonnen. Sie nähert sich den Figuren sehr behutsam an und zeichnet die Konflikte angenehm unspektakulär. Das Heranwachsen und die Selbstfindung der Hauptfigur und ihrer Eltern wird in stillen Bildern und reduzierten Dialogen geschildert. Durch die Ausstrahlung der Hauptdarsteller fällt der Zugang zu der ungewöhnlichen Protagonistin sehr einfach.
Nicht nur das Thema des Films, auch ein Hinweis im Presseheft ist eher ungewöhnlich. Darin wird nämlich darauf hingewiesen, dass «XXY» ein medizinisch problematischer Filmtitel sei und im Namen von Betroffenen und ihrer Organisationen an die Verantwortung der Medien appelliert. Die Protagonistin im Film sei nämlich mit dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS) geboren worden und nicht, wie der Filmtitel fälschlicherweise suggeriert, mit dem Klinefelter Syndrom. Da mir ausreichend Platz zur Verfügung steht, folgt hier die mitgelieferte Definition:
Klinefelter Syndrom (XXY)
Bei Klinefelter kommt unter anderem der Chromosomensatz XXY vor. Kinder mit Klinefelter werden als Knaben geboren, sind jedoch aufgrund einer reduzierten Testosteronproduktion nicht zeugungsfähig. In der Pubertät wird der bestehende Hormonmangel durch die Zugabe von Hormonpräparaten ausgeglichen. Bei Menschen mit Klinefelter liegen normale männliche Genitalien vor. Es werden somit keine genitalen Zwangsoperationen durchgeführt.
Adrenogenitales Syndrom (AGS)
Menschen mit AGS haben einen weiblichen Chromosomensatz (XX), Eierstöcke und Gebärmutter. Das äussere Genital vermännlicht jedoch bereits im Mutterleib aufgrund einer Überproduktion von Testosteron in der Nebennierenrinde. Kinder mit AGS werden in der Regel leider immer noch massiv an ihrem Genital zwangsoperiert, was auch im Film «XXY» thematisiert wird. Weitere Infos finden sich bei Zwischengeschlecht.info und Verein Klinefelter-Syndrom Schweiz.
Fazit: «XXY» ist eine wunderbar einfühlsame Auseinandersetzung mit dem schwierigen Reifungsprozess einer sozial ausgegrenzten Jugendlichen.
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