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Alfredo Di Stéfano, das Fussballgenie, das nach verwerteten Penaltys nicht jubelte.
Im Juli, während viele von uns in den Ferien weilten und während diese Rubrik pausierte, ist in Madrid ein alter Mann beim Spazieren auf der Strasse zusammengebrochen. Der Mann hatte ein schwaches Herz. Er wurde bewusstlos ins Spital eingeliefert und verstarb wenige Tage später im Alter von 88 Jahren.
Der alte Mann hiess Alfredo Di Stéfano. Er war am 5. Juli 1926 in Buenos Aires zur Welt gekommen. Di Stéfano soll nichts weniger als der beste Fussballer aller Zeiten gewesen sein. Dies behaupten jedenfalls diejenigen, die ihn selbst noch spielen gesehen haben. Wir Nachgeborenen können diese Behauptung kaum verifizieren. Denn anders als von Pelé, George Best, Cruyff, Maradona, Zidane oder Messi gibt es von Alfredo Di Stéfanos grössten Taten nur wenige Filmaufnahmen.
Di Stéfano hatte seine Karriere in seiner Geburtsstadt Buenos Aires bei River Plate begonnen, spielte später einige Jahre bei den Millonarios in Bogotá, erlebte seine grösste Zeit von 1953 bis 1964 bei Real Madrid und beendete seine Spielerlaufbahn schliesslich 1966 im Alter von vierzig Jahren bei Espanyol Barcelona.
Die Anzahl gewonnener Titel und erzielter Tore eines Fussballstars lässt sich in Lexika nachlesen. Was viel schwieriger fassbar ist als alle statistischen Werte, ist die Magie, die von einem einzelnen Spieler ausgehen kann. Im Fall von Alfredo Di Stéfano muss diese Magie alles überstrahlt haben, was vorher und nachher zu sehen war. Nach seinem Tod waren alle spanischen Zeitungen randvoll von Geschichten über den Ballvirtuosen, der seiner Schnelligkeit wegen «Saeta Rubia» (blonder Pfeil) genannt wurde. Überall war von seiner unvergleichlichen Persönlichkeit, seinem Charisma und seiner Autorität die Rede.
Der blonde Pfeil habe auf dem Platz keine feste Position gehabt. Er sei einfach immer schon dort gewesen, wo der Ball hinkam. Di Stéfanos langjähriger Mitspieler Ferenc Puskas, seinerseits einer der Grössten des Weltfussballs, hat einmal gesagt, er verstehe nicht, warum moderne Stürmer immer dem Ball nachrennen. Er selbst habe dem Ball nie nachrennen müssen. Er habe nur den Fuss leicht anheben müssen, dann habe Di Stéfano ihm die Kugel zentimetergenau auf den Stiefel gezirkelt, und zwar so, dass das Leder an seinem Fuss geklebt habe.
Es wird auch kolportiert, Di Stéfano habe nach verwerteten Penaltys nie gejubelt. Stattdessen habe er sich jeweils beim Torwart entschuldigt, weil er es unerträglich fand, dass Penaltys so einfach zu verwerten sind.
Nach seiner Aktivlaufbahn war Alfredo Di Stéfano ein erfolgreicher Trainer, und zuletzt amtete er als Ehrenpräsident von Real Madrid. In Spanien, wo der blonde Pfeil mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte, wurden jedes seiner Interviews und jede seiner Äusserungen bis zuletzt mit beinahe religiöser Andacht aufgenommen. Legendär war sein vorgetäuschter Missmut an den zahlreichen Ehrungen und Preisverleihungen, die er über sich ergehen lassen durfte. «Meine Damen und Herren, so viel Ehre habe ich nicht verdient!», pflegte er zu sagen, «aber wenn es nicht anders geht, nehme ich das Lob halt entgegen.»
Der Umstand, dass Di Stéfano ein Star aus der Vor-TV-Zeit ist, bringt es mit sich, dass die meisten seiner Geniestreiche heute nur noch mündlich überliefert sind. Wir können seine Tore nicht jederzeit aus verschiedenen Kameraeinstellungen auf Youtube nachverfolgen. Das Andenken des blonden Pfeils beruht allein auf der Erinnerung und den Erzählungen derer, die ihn spielen sahen, und derer, die diese Erzählungen weitertragen. Die zahllosen Geschichten, die der Mann mit der hohen Stirn in den Rasen geschrieben hat, werden mit jeder Weitererzählung besser. Alfredo Di Stéfano ist längst im Himmel. Doch die Literatur über den blonden Pfeil möge hier unten immer weitergehen, von Generation zu Generation.
Pedro Lenz (49) kennt Di Stéfanos Fussballkunst auch nur vom Hörensagen, was seine Ehrfurcht vor dem argentinischen Genie nur noch verstärkt.