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5. Milena Moser: «Mehr als ein Leben» (23 Punkte)
Im Zentrum von «Mehr als ein Leben» steht Helen, die sich als Zehnjährige entscheiden muss, ob sie mit dem Vater oder der Mutter zusammenleben will. Milena Moser erzählt beide Versionen und lotet an Schauplätzen in der Schweiz und in San Francisco aus, welche Möglichkeiten ein Leben haben kann.
Sie schreibt, wie man es von ihr kennt: nahbar, unprätentiös, mit genauem Blick. Und stellt eine zentrale Frage: Wieweit ist man bereit, die Verantwortung für das eigene Glück selbst zu übernehmen?
Milena Moser schreibt auch in diesem Roman empathisch, fast zärtlich, über Menschen, die glauben, nicht zu genügen.
4. Michel Houellebecq: «Vernichten» (28 Punkte)
In seinem Roman lotet Michel Houellebecq die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe aus. Paul Raison, Berater im französischen Wirtschaftsministerium, und seine Frau Prudence sind seit über zehn Jahren getrennt, leben aber immer noch in der gemeinsamen Wohnung in Paris. Als Paul aus politischen Gründen von seiner Arbeit freigestellt wird, nähern er und Prudence sich einander wieder an: Ein zerbrechliches Glück vor dem Hintergrund einer Gesellschaft in einer nahen Zukunft, deren Wandel der Autor in gewohnter Treffsicherheit beschreibt.
Houellebecq war nie klarer, nie gedanklich brutaler, nie grösser als hier.
3. Abbas Khider: «Der Erinnerungsfälscher» (30 Punkte)
Der Schriftsteller Said Al-Wahid fliegt von Frankfurt überstürzt nach Bagdad, weil seine Mutter im Sterben liegt. Er kann den Flug in die Heimat nur unternehmen, weil er einen deutschen Pass hat. Während er unterwegs ist, erinnert er sich an die vierjährige Flucht aus dem Irak, die schwierige Ankunft in Deutschland und ein fortwährendes Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung. Aber stimmen Saids Erinnerungen? Für ihn sind sie nur erzählbar, wenn er sie erfindet. Eine existentielle Lebensgeschichte, die an die Menschlichkeit appelliert.
Khiders Roman ist politisch, philosophisch, literarisch und vor allem hochaktuell.
2. Joachim B. Schmidt: «Tell» (32 Punkte)
Aus dem überlieferten Original-Stoff über Wilhelm Tell baut Joachim B. Schmidt einen rasanten Kriminalroman. Tell ist ein hitzköpfiger, grobschlächtiger Bergbauer, der an einem Trauma leidet. Und der zierlich-elitäre Landvogt Gessler macht Fehler, weil er seinem Vollstrecker Harras zu grosse Entscheidungskompetenz überlässt.
Schmidt zeichnet seine Figuren als Menschen – nicht als Helden – und holt damit den Mythos vom Sockel.
Eine Tell-Geschichte mit viel Suspense und einem Showdown wie aus einem Tarantino-Film.
1. Yasmina Reza: «Serge» (44 Punkte)
Mit «Serge» hat Yasmina Reza eine Auseinandersetzung mit dem Unaussprechlichen geschrieben. Eine jüdische Familie aus Paris besucht Auschwitz, weil die Familie ihrer Grossmutter dort ermordet wurde. Aber über diesen Ort der Erinnerung, der eigentlich gar nicht mehr existiert, weil er zur Touristenattraktion geworden ist, legen sich die Lappalien und Zänkereien der Geschwister.
Yasmina Reza erzählt elegant und pointiert. Die wahre Erinnerung findet für sie nicht in Gedenkstätten, sondern in der Literatur statt.
Reza gelingt eine brillante jüdische Familiengroteske und ein tragikomischer Blick auf die Erinnerungskultur zu Auschwitz.
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