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Susan Barton
Dr. Susan Barton forscht am International Centre for Sports History and Culture der De Montfort University in Leicester. Ihr Spezialgebiet umfasst unter anderem die Entwicklung der Freizeit- und Tourismusindustrie in der Schweiz
SRF: Wie muss man sich Europa im 19. Jahrhundert vorstellen?
Susan Barton: England war damals das am stärksten industrialisierte Land der Welt und wohl auch das wohlhabendste. Die Schweiz dagegen war ein Entwicklungsland, in den Bergregionen vergleichsweise zurückgeblieben, da es kein Kommunikationsnetz gab und nur spärliche Infrastruktur. Die Leute dort hatten kaum Berührungspunkte mit dem Rest der Welt.
Eine Reise, die früher Tage oder Wochen dauerte, konnte so an einem einzigen Tag gemacht werden.
Auf der anderen Seite machte es der Eisenbahnbau möglich, von England aus sehr schnell bis nach Genf zu fahren: In England nahm man den Zug nach London, von dort zum Kanalhafen, fuhr dann auf dem Seeweg nach Frankreich und wieder auf Schienen nach Paris, wo es eine Direktverbindung nach Genf gab. Eine Reise, die früher Tage oder Wochen dauerte, konnte so an einem einzigen Tag gemacht werden.
Was für ein Bild hatte man damals in England von der Schweiz?
Das war geprägt von ausdrucksstarken Gemälden aus der Romantik, welche die Schweiz als ziemlich wildes Land darstellten. Und man las die Berichte der Bergsteiger, die zu einem grundsätzlichen Gesinnungswandel beitrugen: Berge galten nicht mehr als bedrohlich oder gefährlich, sondern als wunderschöne Sehenswürdigkeit.
Wie muss man sich eine Alpenreise zu der Zeit vorstellen?
Eine Alpenreise war doch etwas abenteuerlicher als eine Fahrt nach Genf. Nach Genf konnte man einfach den Zug nehmen, aber auf die Alpen ging es nur per Maultier oder zu Fuss. Viele Orte in den touristisch interessanten Bergregionen waren noch nicht mit Strassen erschlossen. Das änderte sich in den 1860er Jahren, was den Beginn der regen Reiseaktivitäten zu jener Zeit erklärt.
Grindelwald zum Beispiel verfügte ab den frühen 1860ern über eine Strasse. Von dort aus konnte man ein Pferd oder eine Kutsche nehmen.
Aus dieser Zeit stammen auch die Klischees vom Alpenland Schweiz...
Das «goldene Zeitalter des Alpinismus» hat ein romatisches Bild der Schweiz gezeichnet, als Ort voller Abenteuer, wie in den Berichten beschrieben, die die Bergsteiger nach Hause schickten und veröffentlichten.
Das Matterhorn-Unglück 1865 machte weltweit Schlagzeilen – Menschen aus der ganzen Welt reisten nach Zermatt, um dieses Matterhorn einmal mit eigenen Augen zu sehen. Das hat eine neue Ära im Schweizer Tourismus eingeläutet.
Mit weitreichenden Folgen.
Der grösste Unterschied zu früher ist, dass junge Schweizer nicht mehr in die Fremde ziehen mussten, um ihr Glück zu machen. Der Tourismus schuf in den Bergregionen Jobs, die den Leuten ein Auskommen vor Ort ermöglichten. Das war ein grosser Fortschritt für die Lebensqualität der Menschen, da so keine Familien mehr auseinandergerissen wurden.
Hotels wurden meist nach englischen Standards gebaut.
Eine weitere Auswirkung des Tourismus ist der kulturelle und technische Austausch. Hotels wurden zum Beispiel meist nach englischen Standards gebaut. Im 19. Jahrhundert kam ein Viertel aller Touristen aus England, und Reisende aus diesem wohlhabenden Land waren für gewöhnlich ebenfalls recht wohlhabend. Also tat man alles, um diese gern gesehenen Gäste ins Haus zu holen.