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Somatische Belastungsstörung
Beschwerden ohne entsprechende Befunde sind für betroffene Patienten und uns ärzte immer wieder eine grosse Herausforderung. Solche Störungen wurden unter dem Begriff somatische Belastungsstörung (englisch: somatic symptom disorder) neu klassifiziert. Diese Bezeichnung ersetzt frühere Begriffe wie somatoforme Störung, dissoziative Störung, hypochondrische Störung, Neurasthenie und andere. Bis zu 30% der Patienten, welche den Hausarzt aufsuchen, haben „medizinisch nicht erklärbare“ körperliche Symptome. Viele verschwinden spontan nach kurzer Zeit wieder. Hilfreich ist eine einfache medizinische Abklärung und Besprechung und die damit verbundene Beruhigung, dass nichts Ernsthaftes vorliegt. Schwierig wird es, wenn die Symptome nicht verschwinden und weitere Abklärungen wie ausge-dehntes Labor, Untersuchungen in der Röhre (CT oder MRI), Konsultationen bei Spezialisten usw. keine Erklärung geben. Wenn Beschwerden mehr als 6 Monate dauern, im Alltag belastend und störend sind sowie übertriebene und anhaltende Gedanken über Symptome bleiben, mit Angst verbunden sind und einen hohen Zeit- und Energie-Aufwand beanspruchen, spricht man von somatischer Belastungsstörung. Ohne vollständige körperliche Untersuchung darf eine solche Diagnose nicht gestellt werden. Es erweist sich immer wieder als schwierig, auf weitere Untersuchungen zu verzichten und den Beschwerden einen Namen zu geben. Diese können so belastend sein, dass der Patient überzeugt ist, dass irgendwo eine Störung vorliegt, welche erkannt werden muss. Er wünscht deswegen weitere Untersuchungen oder wechselt den Arzt, weil er sich nicht ernst genommen fühlt. Dabei besteht die Gefahr, dass sich der Betroffene durch fortlaufende Untersuchungen bestätigt fühlt, dass er wirklich sehr krank ist.
Die somatische Belastungsstörung wird medizinisch noch schlecht verstan-den. Auslösend können Alltagsphänomene sein wie Nackenverspannung, Rückenschmerzen, Verstopfung oder Durchfall, eine Schlafstörung, Müdig-keit, Kopfdruck und andere, alles eigentlich Bagatellerkrankungen. Als Ursache für eine Verstärkung und Ausweitung solcher banaler Symptome wird eine zentrale Hypersensitivität vermutet. Leute mit früheren schweren Belastungen wie sexueller Gewalt, Misshandlung, Folter oder anderen Traumen sind anfälliger für solche Beschwerden. Keinesfalls kommen als Ursache Einbildung oder Simulation in Frage, was nach unserer Erfahrung sehr seltene Phänomene sind.
Im Folgenden besprechen wir eine Auswahl somatischer Störungen:
Beim Chronic Fatigue Syndrom handelt es sich um eine schwere Müdigkeit während mindestens 6 Monaten, welche durch Ruhe nicht bessert, mit Störung der Konzentration und des Gedächtnisses, Muskel- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und anderen Symptomen einhergeht. Unter Reizdarmsyndrom finden sich anhaltende Bauchschmerzen, Blähungen, Stuhlveränderungen wie Durchfall und/oder Verstopfung und Schleimabgang. Blutabgang passt nicht zum Reizdarm. Sehr belastend ist ein Fibromyalgiesyndrom. Dazu gehören lange anhaltende Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates an der Wirbelsäule, an beiden Körperseiten, und oberhalb sowie unterhalb der Taille, welche durch keine andere Krankheit erklärt werden können. Weitere Beispiele einer somatischen Belastungs-störung können Spannungskopfschmerzen, Unterleibschmerz, ein Fremd-körpergefühl im Hals, Brustschmerzen u.a. sein, welche länger als 6 Monate dauern und plagend sind. Schmerzen sind das häufigste Symptom der somatischen Belastungsstörung und können überall am Körper auftreten. Typisch dabei ist, dass die üblichen Schmerzmittel keine Wirkung zeigen.
Bei neu auftretenden Beschwerden, welche körperlich nicht erklärt werden können, brauchen wir gerne den Begriff funktionell. Das Innenleben unseres Körpers ist sehr komplex, ohne dass wir uns darum kümmern müssen, wird der Kreislauf aufrechterhalten, findet die Verdauung statt, wird Urin produziert, die Körpertemperatur auf ca 36.6 gehalten, usw. Es ist mehr als verständlich, dass diese Funktionen nicht immer ganz korrekt ablaufen, was wir in Form von Beschwerden merken können. Dabei verändert sich kein Laborwert, keine Kurve im EKG oder bei Nervenableitungen und kein Röntgenbild. Viele dieser Beschwerden verschwinden wieder spontan ohne, oder mit einfachen Massnahmen wie Sport, Entspannung oder alternativen Heilverfahren. Wenn solche Beschwerden über 6 Monate anhalten, können sie in eine somatische Belastungsstörung übergehen.
Die Behandlung einer somatischen Belastungsstörung ist schwierig und langwierig. Wichtig ist vorerst, dass der Patient diese Diagnose akzeptiert und nicht weiter herumstudiert, was noch dahinter stecken könnte und welche Untersuchungen noch möglich wären. An erster Stelle steht die Psychotherapie, wobei sich die kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungsformen am besten eignen. Die Schwierigkeit besteht oft darin, wirklich gute Therapeuten zu finden. Gut bewährt sich körperliche Aktivität, natürlich immer den Beschwerden angepasst, aber regelmässig und wenn möglich steigernd durchgeführt. Nicht an erster Stelle eingesetzt, aber oft unverzichtbar sind Psychopharmaka. Antidepressiva haben unter anderem auch eine schmerzmodulierende Wirkung, was sehr wertvoll sein kann. Es dauert aber 4-6 Wochen, bis die Wirkung eintritt. Zurückhaltend werden Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie starke Schmerzmittel eingesetzt, da bei oft geringer Wirkung schnell eine Abhängigkeit oder sogar Sucht entsteht. Bei der medikamentösen Behandlung solcher Schmerzen stehen Mittel, welche ursprünglich als Antiepileptika entwickelt wurden, an erster Stelle, wie z.B. Lyrica, Tegretol und Neurontin sowie deren Generika.
Wir hoffen, mit unseren Ausführungen etwas Licht hinter diese schwer verständlichen Krankheiten gebracht zu haben und bei Betroffenen der Leidensweg verkürzt werden kann.