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Unser grosser Schweizer Landesvater, Friedensstifter, Mittler und Mystiker Niklaus von Flüe – von uns liebevoll Bruder Klaus genannt – lebte von 1417 bis 1487 im Flüeli, oberhalb von Sachseln OW und in der Einsiedelei von Flüeli-Ranft. Das 15. Jahrhundert war eine äusserst turbulente Zeit, egal, aus welchem Gesichtswinkel man diesen Zeitabschnitt betrachtet. Gesellschaftspolitisch war die Alte Eidgenossenschaft sehr unruhig. Überall fanden kleinere und grössere Kriege mit Landeroberungen statt. Die wichtigsten sind: der Alte Zürichkrieg (1439–1450), an dem übrigens auch Bruder Klaus als Hauptmann teilnahm. Ferner verloren die Eidgenossen 1444 die Schlacht bei St. Jakob an der Birs gegen die Franzosen. 1448 besiegten die Freiburger in einem Gefecht bei Tafers Berner Truppen. Die grössten Schlachten lieferten sich die Acht Alten Orte in den Burgunderkriegen 1474–1477 gegen den Burgunder Herzog Karl den Kühnen. Er wurde in Grandson, Murten und Nancy besiegt.
Aus kirchlicher Sicht war das 15. Jahrhundert ebenfalls ein einschneidendes: 1415–1418 wurden im Konzil von Konstanz mehrere Päpste abgesetzt und Papst Martin V. als alleiniger Papst gewählt. Er sollte dringend Reformen der Kirche einleiten, die aber erst von seinem Nachfolger im Konzil von Basel 1431–1449 an die Hand genommen wurden.
Das Wetter war schuld
Schaut man sich noch Wetter, Witterung und Klima in diesem Jahrhundert an, dann gibt es doch einige mögliche Erklärungen für diese Turbulenzen. Im 15. Jahrhundert findet man nur wenige direkte Aufzeichnungen über Wetter, Witterung und Klima. Man muss sie am ehesten in Bibliotheken von Klöstern oder in Archiven von Städten und Dörfern suchen, sofern diese nicht durch Kriege zerstört wurden.
Heute kann man hingegen Warm- und Kaltzeiten mit physikalischen Methoden ermitteln. Dafür benützt man die Dendrochronologie, die Baumringmethode. Genauer ist die Isotopenbestimmung aus Sedimenten in Seen, zum Beispiel aus dem Gerzensee im Kanton Bern und dem Silvaplanersee im Graubünden, oder dann auch aus Eisbohrkernen von Gletschern (Arktis, Antarktis, Grönland etc.), mit der man ebenfalls zuverlässige Informationen gewinnt.
Hoffnungsvoller Start
Die Freiburgerin Chantal Camenisch hat in Bern beim international bekannten Professor emeritus für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte Christian Pfister doktoriert und dabei die sozialen und ökonomischen Auswirkungen von Wetter, Witterung und Klima in Europa im 15. Jahrhundert beschrieben. Das Jahrhundert begann erwartungsvoll, hatte sich doch das Leben in Europa gebessert, nachdem im 14. Jahrhundert Seuchen wie Cholera, Pest und Typhus die Bevölkerung stark dezimiert hatten.
Man hoffte wieder auf ein normales Leben mit Arbeit und Auskommen. Doch die zehn Jahre zwischen 1430 und 1440 wurden witterungsmässig zu den härtesten Jahren des letzten Jahrtausends. 1431 waren schon ab dem 20. November alle Flüsse und viele Seen in Mitteleuropa zugefroren, so zum Beispiel der Rhein, die Donau und der Bodensee. Andauernde Hochdrucklagen über Nordeuropa liessen aus Nordosten polare Kaltluft arktischen Ursprungs nach Mitteleuropa und bis zu den Alpen vorstossen.
Harte Winter
Diese kontinentalen Kaltluftmassen sind nicht nur äusserst kalt, sondern dazu noch sehr trocken, da sie nie über einem grossen See oder Meer Feuchtigkeit aufnehmen können. In diesen Kältewellen gab es also kaum Niederschläge in Form von Schnee. Damit war die ausgebrachte Saat nicht durch eine schützende Schneedecke isoliert und verfror grösstenteils. Die harten Winter in diesem Jahrzehnt dauerten meistens bis in die Monate März und teilweise April hinein. In den Sommermonaten erreichten viele Tiefdruck-Gebiete vom Atlantik her Mitteleuropa. Lang anhaltende Regenfälle liessen das Wachstum der noch verbleibenden Saat und Pflanzungen verfaulen. Anfänglich waren die Spei-cher noch vielerorts gefüllt, und man konnte Hungersnöte verhindern.
Weil sich aber diese Wetterabläufe Jahr für Jahr in fast in gleichem Rhythmus wiederholten, wurden die Vorräte aufgebraucht. Chantal Camenisch berichtet, wie die Getreidepreise in Europa massiv stiegen und damit Hungersnöte auslösten. Grosse Seen wie der Boden- und der Zürichsee waren in diesen zehn Jahren einige Male ganz (Seegfrörnen) oder dann grösstenteils zugefroren. Chronisten notierten, dass der Getreidemangel die Menschen zwang, Brot aus Gerste, Erbsen, Bohnen und Baumrinde herzustellen. Von 1437 bis 1440 kam es zur schwersten europäischen Hungersnot des 15. Jahrhunderts. Es brachen Krankheiten und Seuchen aus, und Tausende von Menschen und Tiere starben. In der Stadt Bern mit damals 5000 Einwohnern wurden vom August bis Dezember 1439 mehr als 1100 Todesfälle registriert. Nicht zuletzt waren auch diese katastrophalen Witterungsverhältnisse der Grund zu einer Getreidesperre zwischen Zürich und den Kantonen Schwyz und Glarus. Diese Getreidesperre im Hungerjahr 1438 brachte das Fass zum Überlaufen, und so brach der verlustreiche Alte Zürichkrieg aus.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts gibt es nur wenige Wetter-Aufzeichnungen, da sich die Wetterverhältnisse einigermassen beruhigten. Aber schon 1473, mittlerweile hatte sich Bruder Klaus 1469 für das Eremitenleben entschieden, machten grosse Hitze und Trockenheit den Menschen zu schaffen, bevor dann ab 1477 wieder Kälte und Nässe die Wetterabläufe bestimmten. Dazu dann im nächsten Beitrag des Wetterfroschs am 26. April mehr.
Mario Slongo ist ehemaliger DRS-Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».