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Autor
Patrik Ettinger ist Stv. Präsident des fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich.
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Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich hat in einer empirischen Studie die Qualität der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz unter die Lupe genommen. Untersucht wurde von 2009 bis 2017 die Berichterstattung in 18 Zeitungen aus drei Sprachregionen. Ein erster Einblick in die Studienergebnisse.
Wer die Qualität der Medienberichterstattung untersuchen will, muss zuerst deutlich machen, woran sich diese Qualität bemisst. Die nachstehenden sechs Anforderungen orientieren sich am Öffentlichkeitsverständnis der Aufklärung, das nicht nur die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Medienqualität, sondern auch das journalistische Selbstverständnis und die journalistische Berufsethik prägte. Die Berichterstattung über Muslime, wie über Minderheiten generell, soll:
Zwei Faktoren prägen primär die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz (vgl. Darstellung 1): Zum einen die intensive Berichterstattung über (Gewalt-)Ereignisse im europäischen Umfeld der Schweiz; zum anderen die politischen Kampagnen im Kontext von Volksinitiativen. Letzteres zeigt sich in der letzten Phase des Abstimmungskampfes um die Minarett-Initiative und in den Monaten nach ihrer Annahme. In dieser Phase erhält das Thema «Muslime in der Schweiz» eine nie zuvor und auch bisher nicht wieder erreichte Aufmerksamkeit. Die Bedeutung direktdemokratischer Instrumente für die Thematisierung und Problematisierung von Muslimen in der Schweiz zeigt sich auch an der Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot im Tessin, über die 2013 abgestimmt wurde. Der Einfluss der intensiven Berichterstattung über Anschläge von Islamisten im Ausland auf die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz manifestiert sich anhand des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo, den Anschlägen in Paris und Brüssel usw. Nach diesen Anschlägen, die als Schlüsselereignisse fungieren, steigt jeweils die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz deutlich an; entsprechend sind die Jahre 2015 und 2016 durch eine Intensivierung der Berichterstattung gekennzeichnet, ohne dass jedoch das Niveau von 2009 erreicht würde. Innerarabische resp. innermuslimische Spannungen wie z.B. die Demonstrationen und Umstürze in Ägypten 2011 und 2013 werden zwar ebenfalls ausführlich berichtet, wirken sich aber nicht auf die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz aus.
Als ersten Qualitätsanspruch haben wir eingangs die Vermeidung einer thematisch einseitigen Berichterstattung genannt. Die empirische Untersuchung zeigt nun, dass grundsätzlich unterschiedliche Aspekte der vielfältigen Lebenswelt muslimischer Minderheiten in der Schweiz zum Gegenstand der Medienberichterstattung werden. Hierzu gehören Themen wie die Diskriminierung der muslimischen Minderheit (9 % der Berichterstattung), des Aufbaus und des Wirkens muslimischer Organisationen (7 %) sowie der Integration der muslimischen Minderheit in der Schweiz, die wir als «gelingende» (2 %) und «gefährdete Integration» (7 %) differenziert erfasst haben. Allerdings dominieren – verursacht durch die Orientierung an Nachrichtenwerten wie Konflikt, Skandal oder Negativismus, durch die Bedeutung der Terroranschläge als Schlüsselereignisse und durch die Kampagnentätigkeit politischer Akteure – zwei Themenfelder: Einerseits die Auseinandersetzung mit als religiös interpretierten Symbolen im öffentlichen Raum («Sichtbarkeit»), und andererseits die Radikalisierung muslimischer Akteure in der Schweiz resp. die damit einhergehende Terrorgefahr. Über den gesamten Untersuchungszeitraum betrachtet, entfallen auf das Thema «Sichtbarkeit» 25 %, auf «Radikalisierung» 21 % und auf das häufig verknüpfte Thema «Terror» 7 % der analysierten Beiträge über Muslime in der Schweiz. Umgekehrt wird der Alltag der Muslime in der Schweiz kaum je ein zum Thema (2 %), gerade auch weil es diesem Thema an Nachrichtenwert fehlt.
Betrachten wir die thematische Vielfalt im Zeitverlauf, d.h. bezogen auf die einzelnen Untersuchungsjahre, dann werden jedoch in einzelnen Jahren weit stärkere thematische Verdichtungen und eine Entwicklung seit 2014 deutlich, die die Gefahr einer Vereinseitigung in sich bergen (vgl. Darstellung 2). Die Thematisierung religiöser Symbole im öffentlichen Raum, die stark der politischen Agenda (d.h. Initiativen, parlamentarischen Vorstösse usw.) folgt, nimmt 2009 40 % der Berichterstattung ein und 2013 sogar 46 %.
Seit 2015 wird unter dem Eindruck der Anschläge in Europa die zuvor schon breit thematisierte Frage der Radikalisierung von Teilen der muslimischen Minderheit zum dominanten Thema der Berichterstattung. Wenn wir hier das eng verknüpfte Thema der Terrorbedrohung noch hinzuzählen, so nimmt dieser spezifische Fokus auf Radikalisierung und Terror 2014 bereits 37 % der Berichterstattung ein und steigert sich bis 2017 kontinuierlich auf 54 %. Im ersten Halbjahr 2017 war also mehr als jeder zweite Beitrag zu Muslimen in der Schweiz dem Thema Radikalisierung resp. Terrorismus gewidmet.
Der Anteil der Beiträge, deren Tonalität Distanz gegenüber Muslimen in der Schweiz erzeugt, wächst relativ kontinuierlich zwischen 2009 und 2017 von 22 % auf 69 %. Muslime in der Schweiz werden also zunehmend in der Berichterstattung problematisiert. Ein Teil dieser Entwicklung lässt sich durch die verstärkte Thematisierung von «Radikalisierung» und «Terrorbedrohung» erklären. Allerdings zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Sprachregionen und den Medientiteln. In der italienisch- und französischsprachigen Schweiz ist der Anteil der Distanz erzeugenden Berichterstattung mit 28 % resp. 31 % der gesamten Berichterstattung nicht nur deutlich geringer als in der Deutschschweiz (46 %), sondern die Zunahme erfolgt auch später und weniger stark. Dieser Befund bestätigt sich auch im direkten Vergleich der jeweiligen Ausgaben von 20 Minuten in den drei Sprachregionen. Und im Vergleich der Medientitel zeigt sich, dass neben der Weltwoche (84 % Distanz erzeugende Beiträge) vor allem die Berichterstattung der Boulevardtitel wie SonntagsBlick (63 %) und Blick (59 %) aber auch der SonntagsZeitung (61 %) überdurchschnittlich häufig einen Distanz erzeugenden Tenor aufweist. Umgekehrt ist die Berichterstattung in der NZZ deutlich unterdurchschnittlich durch Distanz erzeugende Beiträge geprägt. Der entsprechende Wert liegt wie jener von Le Temps bei 31 %. Die Unterschiede erklären sich zum einen durch die bei den Boulevardtiteln ausgeprägteren Medienlogiken wie Negativität oder Skandalisierung und zum anderen – im Falle der Weltwoche – durch die weltanschauliche Positionierung des Blattes. Allerdings weist die Basler Zeitung, die sich weltanschaulich ähnlich wie die Weltwoche positioniert, keinen überdurchschnittlichen Wert auf.
Eine zunehmende Problematisierung von Muslimen in der Schweiz ist vor allem dann problematisch, wenn sie pauschalisierend erfolgt. Deshalb wurde in der Studie erfasst, in welchem Ausmass die Berichterstattung pauschalisierend ist – um dann in einem weiteren Schritt zu prüfen, ob diese pauschalisierende Berichterstattung mit Distanz oder Empathie erzeugenden Aussagen einhergeht. Eine ältere Studie (Ettinger/Imhof 2010) zeigt für die Phase von 2004 bis 2009 eine Zunahme von Beiträgen mit Pauschalisierungen in der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz. Dieser Trend bestätigt sich für den Untersuchungszeitraum seit 2009 nicht. Nachdem 2009 noch 33 % der Beiträge prominent pauschalisierende Aussagen über Muslime enthielten, sinkt dieser Anteil schon 2010 auf 22% und bleibt auf einem durchschnittlichen Wert von 21% weitgehend stabil. Dagegen steigt der Anteil der Beiträge, in denen muslimische Individuen oder Organisationen spezifisch thematisiert werden, die also nicht pauschalisierend sind.
Dieser Befund erklärt sich vor allem aus dem Umstand, dass die Themen «Radikalisierung» und «Terror» in Bezug auf wenige, spezifische Personen und Organisationen diskutiert werden. Dabei wird in der Regel erwähnt, dass es sich um eine (kleine) Minderheit innerhalb der Muslime in der Schweiz handelt. Der Grad der Pauschalisierung ist in diesen beiden Themenfeldern mit 9% resp. 13% deutlich unterdurchschnittlich. Umgekehrt ist der Grad der Pauschalisierung in der Berichterstattung in Jahren mit Abstimmungen höher. Und überdurchschnittlich häufig wird in der Berichterstattung zu den Themen «Ausübung der Religion» (35%), «Diskriminierung» (33%) und «nicht-mögliche Integration» (30%) pauschalisiert. Der hohe Anteil pauschalisierender Aussagen in der Berichterstattung über Abstimmungen erklärt sich durch die Kampagnentätigkeit politischer Akteure. Die ebenfalls intensive Verwendung von Pauschalisierungen im Themenfeld «Ausübung der Religion» verweist darauf, dass auch gewisse muslimische Akteure im Kampf um die Deutungshoheit pauschalisierend von «dem Islam» sprechen und damit ebenso die Vielfalt der Ausprägungen innerhalb des Islams ignorieren.
Die Verbindung von Pauschalisierungen mit Distanz erzeugenden Aussagen findet sich in 8% der Beiträge. Im Zeitverlauf tritt diese problematische Kombination besonders häufig in den Jahren 2009/10 im Kontext der Diskussion um die Minarettinitiative und 2014/15 im Kontext der Diskussion um die Radikalisierungs- und Terrorgefahr auf. Generell ist aber eine leichte Abnahme festzustellen, wobei dieser Trend statistisch allerdings nicht signifikant ist. Besonders häufig werden pauschalisierende und Distanz erzeugenden Aussagen in der Berichterstattung zu den Themen «gefährdete Integration» (21 %), «Terror» (10 %) und «Radikalisierung» (8 %) verwendet. Mit Blick auf die Unterschiede zwischen den einzelnen Medientiteln fällt vor allem die Weltwoche (48 %) auf; häufiger findet sich eine Distanz erzeugende Pauschalisierung in der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz auch in den Boulevardzeitungen SonntagsBlick (24 %) und Blick (11 %). Umgekehrt weist die NZZ in nur 4% ihrer Berichterstattung diese Kombination auf.
Um den Anteil der Berichterstattung zu erfassen, die Hintergrundinformation vermittelt, orientieren wir uns an der basalen Unterscheidung von episodischem und thematischem framing der Berichterstattung, die der amerikanische Politologe nach Shanto Iyengar (1991) eingeführt hat. Episodisches framing orientiert sich an den unmittelbaren Ereignissen, thematisches framing ordnet diese in grössere gesellschaftliche Zusammenhänge ein. Die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz ist überwiegend durch ein episodisches framing gekennzeichnet (84 %); wobei dieser Wert im Vergleich mit anderen Themenfeldern nicht auffällig ist. Allerdings zeigen sich auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Printmedien der deutschsprachigen Schweiz (10 % thematisch) und der französisch- (25 %) und der italienischsprachigen (27 %) Schweiz. Zudem bedeutet die Vermittlung von Hintergrundinformationen noch nicht, dass damit auch die Vielfalt der durch einen Medientitel vermittelten Argumente erhöht wird. Dies zeigt sich deutlich im Vergleich der Weltwoche und von Le Temps, die eine ausgeprägt thematische Berichterstattung pflegen. Während unter den 40 % thematischen Beiträgen in der Weltwoche 38 % monokausal sind, d.h. die Hintergrundinformation auf einen Argumentationsstrang resp. eine These hin orientieren, sind die Hälfte der insgesamt 32 % Beiträge in Le Temps, die Hintergrundinformationen vermitteln, polikausal, d.h. in ihnen werden divergierende Argumente diskutiert und unterschiedliche Ursachen für Problemlagen eruiert.
Die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz ist nur zu einem geringen Grad emotionalisiert (7 %). Allerdings gibt es grosse Unterschiede zwischen den Medientiteln und –typen. Wieder sind es vor allem die Boulevardmedien, die einen emotionalisierenden Berichterstattungsstil pflegen (Blick 20 %, Le Matin 18 %, Blick am Abend 25 %, SonntagsBlick 34 %). Stark emotionalisiert ist auch die Berichterstattung über Muslime in der Schweiz in der Weltwoche (24 %). In Bezug auf den thematischen Kontext sind die Beiträge zur «gefährdeten Integration» am stärksten emotionalisiert (13 %); in der Berichterstattung zum «Alltag von Muslimen», in der Emotionalisierung auch helfen könnte, Empathie zu erzeugen, finden sich hingegen keine emotionalisierten Beiträge.
Link zu der Studie Qualität der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz (2018)