Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/1367

Amicitiae - Patriae - Litteris
Erstes Aufkommen
Die ersten Verbindungen entstanden im 18. Jahrhundert in Deutschland. Der Durchbruch kam aber im deutschen Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich, als die Studenten allgemeine Burschenschaften gründeten. Die Erinnerung an die Reformation fand auch bei den Studenten in der Schweiz Anklang. Am am 23. Oktober 1818 luden Zürcher Studenten ihre Berner Kommilitonen ein, um gemeinsam die 300. Wiederkehr des Tages, an dem Zwingli 1518 das erste Mal das Evangelium verkündet hatte, zu begehen. Hierzu wollte man an die Todesstätte Zwinglis in den Sihlwald wallfahren.
Die Geschichte des Schweizerischen Zofingervereins (kurz: „Zofingia“) ist eng verknüpft mit jener der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Wie es zur Gründung dieses ersten
gesamtschweizerischen Studentenverbandes kommen konnte, lässt sich nur aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse verstehen, wie sie in der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschten.
Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft über die Eidgenossenschaft wurden im
Bundesvertrag von 1815, der Verfassung der Restauration, die alten staatenbundlichen
Verhältnisse weitgehend wiederhergestellt; in vielen Kantonen kehrte die Aristokratie an die Macht zurück. Die französische Revolution hatte aber auch in der Schweiz Wesentliches bewirkt: Das Nationalbewusstsein war erwacht; liberale Ideen fanden gerade unter der studentischen Jugend Anklang.
Nachdem bereits im Jahr 1818 erste Kontakte im Sihlwald stattgefunden hatten, trafen sich am 21. Juli 1819 Zürcher und Berner Studierende, um diese neuen Ideen zu diskutieren. Das Städtchen Zofingen, auf halbem Weg zwischen Bern und Zürich, im liberalen Kanton Aargau gelegen, war ihr Versammlungsort. Begeisterte Reden wurden gehalten: für einen Schweizerischen Nationalstaat und gegen den Partikularismus der Kantone, für freiheitliche Ideen und gegen den Konservatismus. Als man am 24. Juli auseinanderging, hatte man beschlossen, in einem Jahr am gleichen Ort zusammenzutreffen.
Ende Juli 1820 nahem am Treffen in Zofingen bereits Studierende aus vier Städten teil:
Auch aus Luzern und Lausanne hatten sich Vertreter eingefunden. Dieses zweite Centralfest war von entscheidender Bedeutung dafür, wie sich der Zofingerverein in Zukunft präsentieren sollte. Mit Luzern stiess die erste Sektion aus einem katholischen Kanton zur Zofingia, durch die Beteiligung der Lausanner wurde die Sprachgrenze überschritten.
Damit war die Basis geschaffen, die breit genug war, um die Bildung eines Vereins von „sämtlichen schweizerischen Studierenden“ zu ermöglichen (Nichtstudierende waren als Vollmitglieder ausgeschlossen). In den nächsten Jahren stiessen zahlreiche weitere Sektionen zum Zofingerverein. – Das Hauptziel der Zofinger aber war die Errichtung eines Schweizerischen Bundesstaates.
Die Zofingia erregte aufgrund ihrer „revolutionären“ Ideen und der interkantonalen und
überkonfessionellen Zusammensetzung im In- und Ausland grosses Aufsehen. Bis im Jahr 1848 die Gründung des Schweizerischen Bundesstaates Tatsache wurde und der
Schweizerische Zofingerverein somit zum staatstragenden studentischen Verband
avancierte, wurden vorab in den katholisch-konservativ regierten Kantonen viele Sektionen verboten oder unterdrückt.
Das Ziel, alle Studierenden der Schweiz zu versammeln, gelang der Zofingia nicht: 1832
spaltete sich ihr politisch radikaler Flügel (vorab die Sektionen Zürich und Luzern) ab und gründeten die Schweizer Studentenverbindung Helvetia. 1841 konstituierte sich der
Schweizerische Studentenverein (StV) als Sammelbecken der katholisch-konservativen
Studierenden.
Das Hauptziel des Zofingervereins jedoch wurde 1848 unter massgeblicher Beteiligung der Zofinger erreicht: Durch Annahme der neuen freiheitlichen Bundesverfassung erfolgte die Gründung eines föderalistischen, demokratischen Schweizerischen Bundesstaates.
Auf dem politischen Parkett erlebte der Zofingerverein zwischen 1848 und 1874 seine
Hochblüte. Einerseits waren Alte Zofinger bei der Entstehung der Schweizer Bundesverfassung mitbestimmend, andererseits konnte die vereinigte Bundesversammlung bis 1874 als eigentliches „Zofingerparlament“ bezeichnet werden.
Von Anfang weg war die Zofingia mehrheitlich gegen die Mensur einstellt. Dennoch wurde oft gefochten, so auch in Bern. Die Mensurfrage erregte die Gemüter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So beschloss die Festversammlung 1863 das Verbot des Gebrauchs des Schlägers, sowohl für das Duell als auch zu repräsentativen Zwecken. Doch das Verbot konnte sich nicht durchsetzen, vor allem nicht in Zürich und Bern. Deshalb erhielt 1883 die Sektion Zürich eine Ausnahmestellung, die erst 1903 durch eine Urabstimmung aufgehoben wurde, was die Konstituierung der Neuzofingia Zürich bedeutete.
Nach all den Streitigkeiten und Zerreissproben folgte ab 1880 für die Zofingia eine Zeit der Blüte unter der noch heute gültigen Devise Patriae - Amicitiae - Litteris (Vaterland - Freundschaft - Wissenschaft). Die Freundschaft steht dabei heutzutage sicher an erster Stelle! Aber erst nach 1945 wird "Nous l'avions batie la blanche maison" offizieller Farbencantus. Vorher war es, vor allem in den deutschschweizerischen Sektionen, das Lied "Wie ist der Bursch sich selbst bewusst".
In der Zofingia waren im Laufe der 182-jährigen Geschichte zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aktiv. So zum Beispiel das Gründungsmitglied Jeremias Gotthelf, später zahlreiche Bundesräte, National- und Ständeräte. Am Centralfest 1945 waren unter anderem General Guisan und die Bundesräte von Steiger und Petitpierre anwesend. Auch heute sind hohe Wirtschaftskapitäne, Politiker und andere Persönlichkeiten Zofinger.