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Da der grössere Teil des Zielpublikums bereits mindestens zwei Ausgaben von The Blue Max im Regal stehen haben dürfte und schon die vorgängige CD von Legacy – die sich immerhin seit 1995 auf dem Markt behauptet – den nahezu kompletten Score enthält, mag sich manch einer fragen, warum Intrada ausgerechnet diesen Titel erneut aufgelegt hat.
Nun, es gibt schon eine Rechtfertigung für diese Wiederveröffentlichung, und ich spreche hier nicht primär von der Sequenzierung – die den einstigen Intentionen des Komponisten entspricht – oder dem minimalen zusätzlichen Material (hervorgehoben seien hier Love Theme From The Blue Max, seit dem ursprünglichen LP-Programm nie mehr mit Streicher-Intro präsentiert, sowie Finale To Part 2), sondern vom gehörig aufpolierten Klang. Damit wird endlich die Achillesferse sämtlicher bisheriger LP- und CD-Ausgaben ausgemerzt, und da die 2500 Exemplare dieser Edition im Nu verflogen sind, handelte es sich hierbei zweifellos um ein gewichtiges Kaufargument.
The Blue Max thematisiert die unheilvolle Allianz von Bessessenheit und Krieg anhand von Bruno Stachel (George Peppard in einer seiner besten Rollen), der als Pilot zwar den dreckigen Schützengräben entfliehen kann, nicht aber seiner sozialen Abstammung. Und da er in seinem krankhaften Ehrgeiz zudem dauernd gegen den Ehrenkodex der vornehmlich von Aristokraten besetzten Kampfstaffeln verstösst, verwehrt man ihm die ersehnte Anerkennung selbst nach Erhalt des «Ordre pour le Merite» (im Volksmund «Blauer Max» genannt und höchste Auszeichnung für deutsche Flieger im Ersten Weltkrieg).
Mit wuchtigen Klängen die Brutalität des Krieges und ungemein effektvoll die Elemente Luft und Feuer wiedergebend, verwendet Jerry Goldsmith ein bis zu hundert Mann starkes Orchester. Daneben trimmt er sein Hauptthema auf die Emotionen Stachels, um damit die Psyche des kaltblütigen Piloten zu analysieren. Verströmt das Thema während der Flugszenen Gefühle von Macht und Freiheit, kommen am Boden Selbstzweifel, Isolation und – in einem kleinen, wiederkehrenden Walzer – Charme und Überheblichkeit zum Tragen. Und da die Beziehung Stachels zur blaublütigen Gattin des Luftwaffengenerals nur als weitere Trophäe seiner Selbstbestätigung dient, wirkt vor allem das Soloklavier im Liebesthema berechnend und distanziert.
Es ist äusserst bedauerlich, dass mit The Attack, The Bridge und Retreat ausgerechnet drei zentrale Actionstücke des Scores im Film verstümmelt auftauchen, von den ersten beiden blieben gar nur Fragmente übrig. Dies ist um so schwerer zu begreifen, als dass es sich bei The Attack um die musikalische Umsetzung eines Luftkampfes handelt, wie man sie sich perfekter kaum vorstellen kann. Etwas besser kommt Retreat weg, das im Film auseinandergerissen und damit seines dramatischen Aufbaus beraubt wird. Hier hat ein zweites wichtiges Motiv – man könnte es Schicksalsthema nennen – seinen grossen Auftritt. Der absurde Mechanismus der Massenvernichtung bewegt sich in Form einer Passacaglia von gewaltiger Steigerung, die in einem wahren Blutrausch endet. Es ist dies einer der unvergesslichsten Einzeltracks von Goldsmith überhaupt.
Ohne Übertreibung darf man The Blue Max als Meilenstein Goldsmiths im Speziellen und der Filmmusik im Allgemeinen bezeichnen. Über seine Funktion im Film hinaus geht der Score schon fast als Tongedicht über den Aufstieg und Fall eines Antihelden durch, denn er besitzt dermassen viel Substanz, dass er die Bilder nicht braucht, um als eigenständiges Werk zu bestehen. Es ist eine Musik, die sich ihre Faszination über die Jahre hinweg bewahrt hat und wohl noch so manchen künftigen Filmmusikfan begeistern wird.
Selbst wenn es nicht nur für letztere schwierig sein dürfte, irgendwo in den Tiefen des World Wide Web noch ein günstiges Intrada-Exemplar zu finden, so gilt doch auch eine klare Empfehlung für eingangs erwähnte Legacy-CD. Obwohl deren Klang flacher und muffiger ist, war das wohl noch für niemanden je der Grund, dieser Musik nicht mit Haut und Haaren zu verfallen.
Andi, 14.2.2010