Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/2431

Roberto Blanco: «Man hat oft versucht, mir die Tür zuzuschlagen»
Jazz statt Schlager: Der deutsche Sänger Roberto Blanco tritt am Sonntag am Festival da Jazz in St. Moritz auf. Begleitet wird Blanco von der Dani Felber Big Band.
Von Reinhold Hönle
Roberto Blanco wurde 1937 in Tunis als Sohn kubanischer Eltern geboren und wuchs in Beirut und Madrid auf. 1956 kam er nach Deutschland und begann sich als Sänger und Schauspieler zu etablieren. Der Durchbruch gelang ihm, als er mit «Heute so, morgen so» vor Paola und France Gall den Deutschen Schlager-Wettbewerb 1969 gewann. Es folgten in den Siebzigerjahren Gassenhauer wie «Ein bisschen Spass muss sein», «Der Puppenspieler von Mexiko» und «Ich komm’ zurück nach Awarillo» und eigene Fernsehshows.
Beim Auftritt mit dem Thurgauer Dani Felber und seiner Big Band am Festival da Jazz in St. Moritz swingt Blanco ausnahmsweise.
Herr Blanco, Sie sind als Schlagersänger prominent geworden. Was bedeutet Ihnen der Jazz?
Ich bin ein Sänger, der auch Schlager singt. Ich hatte schon immer einen sehr breiten musikalischen Horizont. Ich hätte auch Opernsänger werden können. Ich verstehe mich jedoch als Entertainer. Bei meinen Auftritten rund um den Globus habe ich schon früh Swing- und Jazz-Klassiker aus dem Repertoire von Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. interpretiert.
Weshalb haben Sie erst 2013 Ihr erstes Jazzalbum «Swinging New York» aufgenommen?
Ich wollte es schon lange, aber meine deutschen Plattenfirmen winkten ab. «Wenn wir Jazz wollen, dann die Originale!» Erst als ich in New York mit einer super Big Band und einem tollen Arrangeur in einem Spitzen-Studio selbst eine CD produzierte, zollten sie mir Respekt. Die Radios haben davon trotzdem nichts gespielt.
Weil es nicht in die «Schublade Roberto Blanco» passte?
Als Robbie Williams swingte, hat das für Furore gesorgt, obwohl er Popsänger war. Hallo? Ich bin auch nicht mit «Ein bisschen Spass muss sein» geboren worden. Ich habe mit den grossen Orchestern von Kurt Edelhagen, Max Greger, Paul Kuhn und Hazy Osterwald gesungen. Ich bin gesund und habe immer noch eine gute Stimme. Mehr gibt es nicht zu sagen.
Wie hat sich Ihre aktuelle Zusammenarbeit mit dem international erfolgreichen Big Band Leader Dani Felber entwickelt?
Wir kennen uns, seitdem wir vor zehn Jahren bei der grossen Abschiedsparty von Radio Beromünster einen gemeinsamen Auftritt hatten. Später sind wir uns in Liechtenstein auf einem roten Teppich wiederbegegnet. Dani fragte mich, wo ich lebe. Als ich «in Ermatingen im Kanton Thurgau» antwortete, glaubte er, ich wolle ihn auf den Arm nehmen, da er kurz zuvor zurück in seine Heimatgemeinde gezogen war. Und zwar in eine Villa am Bodensee, die ich beim Vorbeifahren immer bewundert hatte (lacht).
Felber hat sie auf der Suche nach einem Probelokal gefunden und in einen Club mit privaten und öffentlichen Anlässen verwandelt. Sind Sie dort schon aufgetreten?
Nur als Gast, aber wir haben schon eine gemeinsame Show in Berlin gemacht und eine in St. Moritz, wohin wir beim Festival da Jazz zurückkehren.
Hat es bei Ihrem Auftritt im «Dracula Club» nicht fast mehr Leute auf der Bühne als im Publikum?
Ich finde die Idee gut, dass wir auf engem Raum spielen und eine intime Atmosphäre entsteht. Ausserdem weiss ich von Auftritten im «Kulm» und «Palace», dass St. Moritz ein tolles Publikum hat.
Wie gut kannten Sie «Dracula Club»-Gründer Gunter Sachs?
Das wäre eine längere Geschichte.
Erzählen Sie bitte!
Ich war 17 und besuchte in den Ferien meinen Vater, der mit seiner grossen südamerikanischen Show in Lausanne gastierte. Als ich die Probe beobachtete, bemerkte die Chefin des Clubs, dass ich Rhythmus im Blut habe, und bat mich, ihr Kostproben meines Talents zu geben. Meine Version der damaligen Hits «Only You» und «See You Later Aligator» gefielen ihr so gut, dass sie ihre Tochter hiess, mit mir einen dunkelblauen Anzug, Krawatte und ein weisses Hemd für den abendlichen Gastauftritt zu kaufen.
Wann kam der legendäre Playboy ins Spiel?
Nachdem ich viel Beifall erhalten hatte, konnte ich einen Monat lang allabendlich 100 Franken verdienen – viel Geld für jemand wie mich. Ich habe mir damit auch eine schöne Uhr geleistet und bin in jenem Geschäft Gunter Sachs begegnet, der oft im Publikum sass. Er lud mich zum Frühstück und zu einer Ausfahrt mit seinem Flügeltüren-Mercedes ein. Nach und nach lernte ich die ganze Familie kennen. Mit Sohn Rolf habe ich regelmässig Tennis gespielt. Eine Woche, bevor Gunter aus dem Leben schied, sind wir uns noch im «Bayerischen Hof» in München in die Arme gelaufen, wo er lachend zu mir sagte: «Du bist mein ältester Freund. Ich kenne dich sogar länger als meinen Sekretär.»
Was freut Sie besonders, wenn Sie an die Siebzigerjahre denken, als Sie die grössten Hits «Ein bisschen Spass muss sein» und «Der Puppenspieler von Mexiko» landeten sowie die TV-Shows «Heute so, morgen so» und «Roberto Blanco Show» moderierten?
Ich hatte 49,4 Prozent Marktanteil und 17,5 Millionen Zuschauer. Früher haben die Leute noch fern geschaut (lacht). Danach war der Kalender immer voll.
«Ich habe Arbeit nie gescheut und liebte dieses Tempo.»
War dieser Erfolg nicht auch ein Riesenstress?
Nein, ich habe Arbeit nie gescheut und liebte dieses Tempo.
Sie mussten aber auch viel Kritik einstecken.
Man hat oft versucht, mir die Tür zuzuschlagen. Man behauptete, ich sei pädophil oder sonst was. Doch ich bin dem Rat von Josephine Baker gefolgt, in deren Show ich meine Karriere als Sänger begonnen habe. Sie gab mir auf den Weg: «Bleib wie du bist und verteidige deine Art, deine Persönlichkeit. Es sind nicht die Medien, die einen Künstler tragen, sondern das Publikum.»
Was hat Sie in den Thurgau geführt?
Ich habe mit meiner ersten Frau bis zur Scheidung in Italien, Spanien und Deutschland gelebt. Als ich Luzandra, meine zweite Frau, kennenlernte, zogen wir für einen gemeinsamen Neuanfang zuerst ins Salzburger Land und nach Genf, wo ein Teil meiner Familie lebt. Das war aber unpraktisch, da meine Auftritte vor allem in Deutschland sind. Als wir mal für die Schlagersendung «Hello Again» nach Kreuzlingen reisten, gefiel uns diese Gegend so gut, dass wir uns ein Haus mit Seeblick suchten und in Ermatingen fanden. Schön! Und steuergünstig, ich gebs zu (lacht).
Was erwartet Ihre Fans bei Ihrem Auftritt in St. Moritz, «nur» Jazz oder ein bisschen mehr?
Bei unserem Auftritt in Berlin habe ich Swing, Jazz und Latin Jazz gesungen. Und plötzlich forderten die Leute «Ein bisschen Spass muss sein». Natürlich habe ich das Lied für sie gesungen. Weshalb hätte ich es nicht tun sollen?
Roberto Blanco live: Sonntag, 7. Juli, 21 Uhr, «Dracula Club», Festival da Jazz, St. Moritz.
Musikgrössen beehren St. Moritz
Das Festival da Jazz in St. Moritz startet morgen Donnerstag, 4. Juli, um 17 Uhr mit einem Auftritt der Peter Lenzin Band auf der Terrasse des Hotels «Hauser». Danach stehen bis Anfang August zahlreiche Höhepunkte auf dem Programm. Etwa das Konzert von Marla Glen am Freitag, 5. Juli. Chick Corea wird am Mittwoch, 10. Juli, auf der Bühne des «Dracula Clubs» stehen. Seinen Hit «A Need A Dollar» gibt Aloe Blacc am Freitag, 12. Juli, zum Besten. Im Taiswald bei Pontresina spielt dann am Samstag, 13. Juli, der Jazzakkordeonist Richard Galliano. Weitere grosse Namen sind beispielsweise Nigel Kennedy, Othella Dallas, Gilberto Gil, Helge Schneider und Goran Bregovic. Detaillierte Infos finden sich im Internet unter www.festivaldajazz.ch. (red)