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*20. August 1863 in Lübeck | † 26. Juni 1923 in Arlesheim
Hermann Linde wuchs in Lübeck als zweiter Sohn des Apothekers und angesehenen Fotografen und Malers Hermann Linde sen. (1831 – 1918) auf und besuchte dort das Katharineum. Seine Brüder – insgesamt hatte er fünf Brüder und zwei Schestern – waren unter anderem der Augenarzt und Kunstsammler Max Linde, bekannt als Förderer von Edvard Munch, und der Maler Walther Heinrich Eduard Linde (bekannt als Heinrich Eduard Linde-Walther).
Hermann Linde studierte bis 1889 an den Akademien in Dresden und Weimar. Im Jahr 1890 führte ihn eine Studienreise nach Sizilien, Ägypten und Tunesien. Während der Jahre 1892 bis 1895 arbeitete er als freier Maler in Indien. – Bekannt ist Hermann Linde heute vor allem durch seine Orientgemälde und Lübecker Stadtansichten.
Im Jahr 1910 schloss sich Hermann Linde nach einer Begegnung mit Rudolf Steiner der anthroposophischen Bewegung an. Rudolf Steiner beauftragte ihn mit der Innenausmalung des ersten Goetheanums. Hermann Linde fertigte Skizzen zu seinem Zyklus über Goethes Märchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie. Von Rudolf Steiner, der die Arbeit Hermann Lindes mit regem Interesse verfolgte und zum Teil bis in die Einzelheiten mit ihm besprach, rührt vor allem die Anregung, das Märchen in einer Zusammenschau mit den Motiven des Mysteriendramas «Die Pforte der Einweihung» zu gestalten. s. auch Text weiter unten.
Zur Entstehungsgeschichte des Bildes «Einzug in Jerusalem»
Hermann Linde verbrachte zu Studienzwecken drei Jahre in Indien. Mitte Dezember 1893 erlitt er einen Unfall mit Knieverletzung. (s. Tagebuchnotizen auf dieser Seite) Er beschäftigte sich in dieser Zeit der Krankheit innerlich ganz stark mit Motiven aus dem neuen Testament, bis sie gleichsam wie imaginative Bilder lebendig vor ihm standen.Er wünschte sich, in Palästina leben zu können, um Bilder zu malen.
In einer grossen Aquarellskizze zum Palmsonntagseinzug Christi in Jerusalem, die sich in Privatbesitz in Berlin befindet, ragt die ruhige lichte Gestalt Christi auf dem Esel aus dem Volksgewühl heraus, in dem orientalisches Leben und Treiben eingefangen ist. – Diese Skizze diente als Studie für das eigentliche grosse Bild, welches sich zuletzt im Besitz des Diakonissehauses Riehen bei Basel befand und seit Ende 2013 im Archiv Oling-Jellinek.ch besichtigt werden kann.
Am 1. Mai 1895 begann seine Heimreise, am 3. Juni 1895 traf er Zuhause in Lübeck ein.
„Während seiner letzten Entwicklungsperiode in Etzenhausen bei München und in Arlesheim bei Basel flossen diese beiden Strömungen zusammen und befähigten ihn zu den grössten monumentalen Schöpfungen. Leider sind seine Fresken in der Kuppel des Goetheanums dem Feuer zum Opfer gefallen; aber sein gewaltiges Gemälde „Christi Einzug in Jerusalem“ und der herrliche Bilderzyklus zu Goethes „Märchen" sind glücklicherweise erhalten geblieben und zeigen ihn auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung. In dem erstgenannten Werke, an dem er Jahre hindurch arbeitete, haben die zahllosen Figuren in Gesicht und Haltung die alte Frische und packende Lebenswahrheit. Dabei sind die Menschen und ihre ganze Umgebung so echt orientalisch, wie es nur einem mit dem Orient ganz Vertrauten gelingen kann. Der ganze Vorgang ist, namentlich in der Person Christi, durchweht von einer warmen innerlichen Religiosität. So laufen hier die Fäden seiner künstlerischen Entwicklung zusammen. Wir haben eine bis zum Schluss stetig aufsteigende Künstlerlaufbahn vor uns. Wir sehen, wie er sich immer höhere Aufgaben stellt und sie in steter Arbeit bewältigt."
Quelle: „Von Lübecks Türmen“, Nachruf, 14.7.1923
17 Skizzen und Studien aus den Jahren 1890 bis 1894 (Archivnummern 960 - 976)
ORIGINALAUFNAHMEN DER 12 GROSSEN TAFELN VON HERMANN LINDE, ABGEBILDET IM BUCH «HERMANN LINDE IMAGINATION» ERSCHIENEN IM VERLAG WALTER KELLER, 1988
ENTSTEHUNG DER 12 GROSSEN BILDTAFELN FÜR «DAS MÄRCHEN VON DER GRÜNEN SCHLANGE UND DER SCHÖNEN LILIE» VON J.W. GOETHE / MYSTERIENDRAMA «DIE PFORTE DER EINWEIHUNG» RUDOLF STEINER
Den Auftrag dazu erteilte Frau Geheimrat Helene Röchling 1916. Die Wahl der Motive geht auf Anregungen Rudolf Steiners zurück. Mit der Ausführung begann Hermann Linde dann 1919. Die großen Bildtafeln waren für den Versammlungsraum des Zweiges in Mannheim bestimmt. Bedingt durch die Kriegsverhältnisse gelangten die Bilder jedoch nie nach Mannheim.
"Diese Bilder im Format zwischen 147 mal 89 und 97 mal 88 Zentimeter sind in einer Ei-Tempera-Technik mit Pflanzenfarben gemalt, deren Verdichtung eine starke Leuchtkraft erzielt. Die einzelnen Arbeitsschritte sind aus den Skizzenbüchern und großen Vorzeichnungen exakt zu ermitteln. Zunächst fertigte Linde eine Zeichnung von der Aufteilung der Wände des Raumes an, in dem die Bilder hängen sollten (Versammlungsraum in Mannheim). Dann legte er in Zusammenarbeit mit Steiner die zwölf Motive thematisch fest, sechs aus jeder der beiden genannten Dichtungen, die hinsichtlich der Figuren eine grundsätzliche und gewollte Ähnlichkeit aufweisen. Anschließend entwarf Linde winzige Zeichnungen (zum Beispiel 6 mal 10 Zentimeter), die die Gesamtkomposition darstellen. Eine Gesamtkomposition zu entwerfen, fiel ihm stets leicht.
Schon in Indien schrieb er über sein großes Prozessionsgemälde, daß ihm die Komposition leichtfiel. Dafür brauchte er nur wenig Zeit. Die Schwierigkeit steckte für ihn auch in Domach, rund ein Vierteljahrhundert später, im Detail. Sollte die weise und hilfreiche grüne Schlange menschenähnlich aussehen, sollte sie bloß Reptil sein oder eine Mischung aus beidem."
Quelle: Bessau Elisabeth, Der Maler Hermann Linde, Zeitschrift Amperland Jahrg. 32 (1996) S. 237 - 242
ORIGINALAUFNAHMEN DER 12 KLEINEREN BILDER, ERSCHIENEN ALS MAPPE IM ZBINDEN VERLAG, 1972
"Die malerische Aufgabe stand jeweils ganz im Zentrum seiner innersten Interessen. Um so größer war der Schock, als durch den Brand, dem das erste Goetheanum am 31. Dezember 1922 zum Opfer fiel, fast sein gesamtes künstlerisches Werk der Jahre 1909-1917 vernichtet war. Es waren die Kuppelmalereien und die Kulissen, die er für die Aufführungen in München geschaffen hatte. Nur die zwölf großen Tafeln zu Goethes »Märchen von der grünen Schlange« und zu Rudolf Steiners Drama »Die Pforte der Einweihung« überdauerten bis heute. Wenn wir die Zerstörung seiner Werke einerseits, seine Sensibilität und von Jugend an zarte Konstitution andererseits berücksichtigen, dann können wir verstehen, daß ein knappes halbesJahr später sein Herz versagte. In den ersten fünf Monaten nach dem Brand malte er als Spende für den Wiederaufbaufonds des Goetheanums noch einmal die zwölf Motive seines großen Tafelwerkes der Jahre 1917-1921, dieses Mal in Pastell."
Quelle: Bessau Elisabeth, Der Maler Hermann Linde, Zeitschrift Amperland Jahrg. 32 (1996) S. 237 - 242
HERMANN LINDE, «BRUDER MARKUS»
Das grossformatige Bild «Die Langar-Prozession»- ein 4m hohes und 6m breites Ölgemälde - brachte ihm die goldene Medaille des Vizekönigs von Indien ein, die ihm in Simla, der ehemaligen Sommerresidenz der Kronkolonie Britisch-Indien, überreicht wurde, wodurch sein Name weitherum bekannt wurde. Hermann Linde hatte an diesem grossen Bild viereinhalb Monate gearbeitet. «Viele Skizzen vor Ort waren dazu nötig. Alles sollte der Natur entsprechen, «naturwahr» sein. So schrieb Hermann Linde am 23. Juli 1893 voller Begeisterung:‘Es wird ein Bild voller Leben mit hunderten von Figuren, im Vordergrund alte Krieger mit vorsintflutlichen Waffen, … dazwischen berittene Lanzenreiter. Hinter diesen ein Vasall des Nizams auf einem buntbemalten Elefanten, gefolgt von …. Kamelreitern und Soldaten. Im Hintergrund zieht der Zug durch einen Torbogen, durch den die Strasse mit anderen Elefanten sichtbar ist. Zu beiden Seiten des Zuges eine grosse Menschenmenge’» (Elisabeth Boser, aus der Dokumentation zur Ausstellung «Lebensbilder aus 10 Jahrhunderten» in Dachau, 1999).
Das grosse Gemälde wurde u.a. 1898 in der Katharinenkirche in Lübeck ausgestellt. Als Verkaufspreis war damals 8'000 Mark ausgeschrieben.
Linde selbst beschreibt das Erlebnis in seinem Tagebuch sachlich und doch eindrücklich:
8.7.1893 war eben mit Skinner in der Stadt. Plätze angesehen für die Langar-Prozession. Im Nizams Palast Sir S. Jung, Erzieher des jungen Nizams, kennen gelernt, ein gebildeter Mann. [Nizam war der Titel der islamischen Herrscher des Fürstenstaats Hyderabad in Indien], Palast geschmacklos.
14.7. Man muss hier warten lernen. Zum Nizam zu kommen, ist fast unmöglich. Modelle sind nicht zu bekommen, warte seit 2 Tagen auf eine arab. Tänzerin, keiner von den Engländern, die ich besucht, lässt sich blicken; jeder verspricht alles Mögliche, nur keiner denkt ans Wort halten.
16. 7. Theaterbesuch, wilde Szenen mit englischen Offizieren und Soldaten, Angst vor Prügelei.
21.7. vorgestern war die Langar-Prozession. Sah sie vom Palais des Kriegsministers; übertrifft alle Erwartungen, Hunderte von bunt bemalten Elefanten, Tausende von wundervollen Pferden, oft bunt bemalt, oft halb vergoldet; jeder Navob mit seiner Armee verrotteter Krieger mit vorsintflutlichen Waffen; alles singend und tanzend ihren Salut gebend. Reguläre Truppen gut; interessant die Bullokabatterien und Kamelbrigaden. Der Zug dauerte 4 ½ Stunden. Habe einige Ölskizzen gemacht, eignet sich für ein grosses Bild. Der Zug könnte durch einen Torweg in den Hof des Palais ziehen, an der Lage des Kriegsministers (Peschkart) vorbei und rechts durch ein Tor hinaus. Gestern Abend die Prozession des Nizams am Tempel. Spät abends bei Fackelbeleuchtung; grossartiger Effekt. Sah es von den …aus. In den Strassen viele Umzüge von Verkleideten; es ist der reine Karneval. Wir haben …. Elefanten und Soldaten zum Malen bekommen.
22.7.Möchte einen Tischler haben, um meine Rahmen zu machen, ist aber unmöglich; alles amüsiert sich diese 8 Tage. (Umzüge, Bakschisch) Fips [sein zahmer Affe] ist mir ausgerissen.
10.8. seit langer Zeit graues Wetter, komme daher mit den Skizzen zur Langar-Prozession langsam aus der Stelle. Habe jetzt die richtigen Modelle; Afrikanische Sidis, eine höchst wilde Bande, Modellgelder horrend, an einem Nachmittag 45 Rs bezahlt.
14.8. Skizzen zum Langar-Bild ziemlich fertig; heute Leinwand aufgespannt; Keilrahmen muss verstärkt werden. (Kämpfe zwischen Mohammedanern und Hindus, viele Tote)
2.9. es regnet wieder den ganzen Tag, komme daher nicht zum Malen. Vergeblicher Versuch einen Elefanten zum Langar-Bild zu bekommen.(…)
Bis jetzt noch keine Aussicht, etwas zu verdienen, mein Geld geht zur Neige. F. sagte, der Minister wolle eine Copie des Langar-Bildes bestellen. Ob das wahr wird?
10.9. Bin genau so weit wie vor 3 Monaten, kenne noch keinen der reichen Nawabs, den Nizam. Das Langar-Bild kommt auch nicht weiter; es regnet täglich. Die Unzuverlässigkeit aller hier verleidet mir den Aufenthalt und man darf keinem die Wahrheit sagen.
13.9. war gestern im Palast; Abid gesehen, er sagte, dass keine Aussicht wäre, etwas an den Nizam zu verkaufen oder dessen Portrait zu malen.
30.9. Stecke mit dem Bild jetzt etwas fest; die Volksgruppen im Vordergrund sind schwach und die Verteilung von Hell und Dunkel nicht gut. Wenn ich nur erst Elefanten hätte. Es scheint mir jetzt wirklich, als ob ich keinen zum Modell bekommen kann. (…) Von Aufträgen noch keine Spur.
1.10. Weitere Versuche, einen Elefanten zu bekommen. Ich soll warten, das tue ich schon seit 2 Monaten.
25.12. Entzündetes Knie. Ausstellung – niemand kommt!! Sogar die Leute mit geschenkten Billets kommen nicht! Knie nicht besser, Arzt hat es gründlich verpfuscht.
1.1.1894, einige Besucher in die Ausstellung gekommen.
6.1. ein Minister hat 2 Gemälde von der Ausstellung gekauft und 2 bestellt.
16.1. Der Nizam hat den Wunsch ausgesprochen meine Bilder zu sehen; in die Ausstellung zu kommen, war zu viel Mühe für ihn, so hatte ich sie 2 Meilen weit mit 30 Kulis zu transportieren in sein Palais in Goleonda. Hatte alles in einem grossen Pavillon arrangiert, doch die Arbeit, die 30 Schritte von seinem Zimmer dorthin zu gehen, war auch zu gross, es musste alles in die nächste Halle geschleppt werden. Das grosse Bild musste vollständig aus dem Rahmen und vom Keil …. genommen werden, da die Türen zu klein waren, um es dorthin zu bringen. Doch auch dort kam der Nizam nicht hin, er hatte heute keine Lust sie anzusehen, ich bin unverrichteter Dinge zurückgekommen, soll morgen wiederkommen. (Knieprobleme).
18.1. War gestern wieder umsonst in Goleonda; 3 Stunden gewartet, den Nizam nicht gesprochen, er hatte Conferenz mit dem Minister. Heute Nachricht, die Bilder zurückzuholen. Es sind nur 2 kleine à Rs 600 gekauft.
11.8. Komme zurück von der Town Hall, war Juror für die diesjährige Ausstellung, zusammen mit… ; letzterer versteht so viel von Bildern wie ich von Musik. Es sind viele gute Amateurbilder ausgestellt, aber auch viel Schund. Mir hat man die goldene Medaille gegeben. Das grosse Bild macht sich gut, ich habe es noch bedeutend aufgemuntert.
Zeitungsausschnitt eingeklebt: Herr Linde, who wins the Viceroy’s Prize at the Simla Exhibition for the best picture of the year, is an artist who has been staying at Simla this season. The subject of the painting is the well-known Lanar Procession of Hydarabad. (Pinoeer).
29.8. (...) Ausstellung in Simla geschlossen, ich habe nichts verkauft. Der Vizekönig hat kein einziges Bild gekauft, obwohl er Protector der Ausstellung ist, man spricht viel darüber. Ich habe gute Kritiken in allen Zeitungen; versuche noch einmal, das Langarbild an den Nizam zu verkaufen.
16.11. viel gereist. Meine Mittel sind augenblicklich alle; ich habe grosse Lust nach Europa zu fahren, habe Indien sehr satt.
19.11.Sturz vom Pferd.
28.11. Noch einige Aufträge erhalten.
1895 Patiala
13.3. Seit 8 Tagen habe ich das Langarbild hier, habe schon bedeutend daran geändändert, es sind hauptsächlich noch farbige Flecke hineinzubringen.
19.3. Heute hat sich der Maharahja herabgelasse, das Langarbild anzusehen; es scheint ihm wenig imponiert zu haben. Werde es nun packen; es wird nichts mehr danach kommen, auch nicht in Europa, die Farben sind erschreckend nachgedunkelt, das Weiss verschwindet fast ganz und macht das Bild grau und farblos aussehend; ich kann mir keinen Grund dafür angeben.
23.3. Langarbild gepackt, bin noch unschlüssig, wohin es schicken.
Abreise, Ende April 1895
26.4. Bin seit einer Woche in London, um das Langarbild aufzuhängen. Indische Ausstellung.
Langarbild hängts schlecht. Zu hoch, die lackierten Stellen blenden. Es ist in der Farbe schwach. Habe 500 Pf. verlangt.
30.8. Gebe mich immer mehr der Idee hin, Bibelhistorische Bilder zu malen. Werde vorläufig beim Alten Testament bleiben. Kain vor dem Brudermord, David als Hirtenknabe, Ruth etc.
Hoffe, im Frühjahr nach Palästina zu kommen.