Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03509.jsonl.gz/1589

Ungewollte sowie körperlich- oder geistig benachteiligte Menschen haben in diesem Teil der Welt keine Existenzmöglichkeiten und können in keiner Weise auf die Hilfe von staatlichen Instanzen hoffen, da die notwendigen Ressourcen schlicht fehlen. Heute hatte ich das Privileg, in den Slums von Nairobi eine Dame (Eveline) kennen lernen zu dürfen welche sich um das Wohl der Waisen- bzw. ausgestossenen Kinder in den Slums bemüht. Eveline ist in den Slums von Nairobi aufgewachsen und lebt auch noch heute mit ihren 48 Kindern in denselben Unterkünften. Es ist nicht so, dass Eveline die Möglichkeit hätte, eine Art Kindertagesstädte oder Kinderheim zu führen, aus welchem sie sich nach Feierabend wieder zurückziehen kann. Dazu fehlen schlichtweg die Infrastrukturen und die finanziellen Mittel. Eveline sieht sich selbst als die Mutter jedes der Kinder welchen sie sich annimmt und zieht diese mit allen verfügbaren Mitteln gross. Ihr jüngster Sohn ist gerade Mal einige wenige Monate alt. Er wurde kurz nach der Geburt am Fluss, welcher durch die Slums von Nairobi führt, ausgesetzt wo er von jemandem gefunden wurde der Eveline hinzugezogen hat. Die ältesten Kinder von Eveline sind bald 20 jährig und haben durch die Unterstützung von NGO’s die Möglichkeit zur Schule zu gehen bzw. eine berufliche Existenz aufzubauen. Leider sind diese Mittel sehr begrenzt, sodass nicht alle der Kinder die Möglichkeit haben zur Schule zu gehen. Die Familie lebt als soziale Gemeinschaft in einem Wellblech- Konstrukt in welchem sich Schlafräume, eine simple Küche und ein Wohnraum befinden. Bedingt dadurch, dass Eveline bereits in den Slums aufgewachsen ist und dadurch einen erheblichen Einfluss hat, verfügt der Lebensraum dieser Familie über den Luxus eines Fernsehers und elektrischem Licht. Das neue Dach des Wohnkomplexes, welches nebst dicht auch standsicher ist, verdankt die Familie einem Absolventen der Hochschule für Architektur in Nairobi, welcher dieses im Namen eines NGO’s unentgeltlich errichtet hat.
Aufgrund dessen, das Eveline sich um die Kinder kümmert welche noch nicht zur Schule gehen hat sie nicht die Möglichkeit einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen bzw. ein regelmässiges Einkommen zu erwirtschaften. Die Familie lebt mit den Mitteln welche durch deren Umfeld in den Slums zur Verfügung gestellt werden (z.B. Nahrungsmittel, Möbel, Alltagsgegenstände) und erwirtschaftet sich ein geringes Einkommen durch die Erbringung von Gelegenheitsdienstleistungen innerhalb der Slums (z.B. Wäsche waschen oder Kochen für die ganze Nachbarschaft, Warentransporte etc.), welche von den Kindern erbracht werden wenn sie nicht in der Schule sind. Die Gesellschaft welche Eveline aufgebaut hat kann nur funktionieren, wenn jedes der Kinder sich am Existenzkampf beteiligt und bestimmte Kompromisse in Kauf nimmt (z.B. nicht zur Schule gehen zu können). Die Details aus dem Alltag und wie diese Gesellschaft funktioniert durfte ich einerseits von den Kindern erfahren, welche mich rumgeführt haben, und andererseits von Eveline selbst. Trotz dessen, dass Eveline und Ihre Familie am existenziellen Minimum leben war es für Eveline selbstverständlich, mich zum Tee einzuladen um ihren Lebensstil mit mir zu teilen. Da ich leider keine Schokolade mehr hatte, habe ich mich dazu entschlossen mich mit 2000 kenianischen Schilling (aktuell 19.68 CHF) bei Eveline zu revanchieren. Nun der Vergleich: 19.68 CHF entsprechen ungefähr der Summe dessen, was jede(r) von uns bei einem Besuch bei McDonald’s ausgibt oder ungefähr 2.2 Pack Zigaretten. Für Eveline bedeuten diese 2000 Schilling, dass sie und alle ihre Kinder für über eine Woche mit Ugali (Grundnahrungsmittel in Kenya) versorgt sind (2000 Schilling = 48 Kilogramm Ugali) oder dass damit der Gasbedarf für den Wohnkomplex über 3 Monate lang gedeckt werden kann. Unglücklicherweise habe ich durch mehrere lokale NGO’s sowie durch betroffene wie Eveline erfahren müssen, dass finanzielle Spenden welche an Organisationen getätigt werden nur zu kleinsten Teilen bei den beabsichtigten Empfängern ankommen (dafür gibt es vielerlei Gründe, die wesentlichsten sind aber die Klassiker wie Prozess- und Verarbeitungskosten oder die Korruption). Es gibt also wohl nur einen Weg sicher zu gehen, dass die Unterstützung auch an dem beabsichtigten Ziel ankommt: Begeben Sie sich selbst vor Ort, erleben Sie die Atmosphäre und die Gemeinschaft in den Slums und sehen Sie selbst zu, wie viel selbst Kleinigkeiten im Gegenwert von rund zwei Pack Zigaretten für diese Menschen bedeuten.