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Mein lieber Rappard,
In der Beilage übermittle ich Ihnen die Antwort Mr. Castles auf Ihren Brief und will die Gelegenheit benützen, Ihnen ganz kurz über meine Tätigkeit seit meinem letzten Schreiben vom 25. März2 zu berichten.
Mittlerweile sind wieder viele sorgenvolle Stunden dahingegangen, ohne dass ich in allen meinen Bemühungen soweit vorwärts gekommen bin, wie ich es gewünscht hätte. Die Schiffssituation ist eben einfach ungeheuer gespannt, in der Hauptsache der Militärlage wegen. Ich tue, was ich kann, laufe jedem Schiff persönlich nach, aber man kann vernünftigerweise von den Vereinigten Staaten angesichts einer solchen schwierigen Kriegslage nicht das Unmögliche verlangen; hoffentlich hält man jetzt das Versprechen, mir für April, Mai und Juni im Minimum 30000 Tonnen abzugeben. Aber nun ist wieder die unglückliche Lage des deutschen Sauf-conduit3 dazwischengekommen.
Die Vereinigten Staaten haben die holländischen Schiffe requiriert, sie haben von Japan mehrere hunderttausend Tonnen Schiffe bekommen, Norwegen hat ihnen einen grossen Teil seiner Seglerflotte abgetreten; aber alles das scheint zu verdunsten wie ein Tropfen Wasser auf einem heissen Stein. Die Getreidevorräte werden allmählich hier so knapp, dass nichts anderes übrigbleibt, als einen grossen Teil der Tonnage zur Herbeiholung von südamerikanischem und australischem Weizen zu verwenden, was natürlich eine weitere grosse Inanspruchnahme von Schiffen erfordert. Wenn endlich einmal das Schiffsbauprogramm Amerikas ganz im Schwünge ist, so sollte die Situation dann ja doch etwas besser werden. Vor Ende des Jahres darf man aber hierauf keine allzu grossen Hoffnungen setzen.
Um so bedauerlicher ist es, dass man in der Schweiz der Transportfrage zwar wohl grosse Aufmerksamkeit schenkt, aber nicht energisch genug entsprechende Massnahmen ergreift. Man schiebt alle Verantwortlichkeit auf die Vereinigten Staaten und handelt selbst zuwenig. Ich habe kürzlich mit einem Sachverständigen der englischen Botschaft den Fragenkomplex durchgesprochen und daraufhin in einem langen Kabel verschiedene Vorschläge für Lösungen gemacht, von denen mir in der Hauptsache drei als die erfolgreichsten erscheinen: dauernde Charterung holländischer Schiffe, von denen Holland noch einen grösseren Überschuss besitzt, das gleiche mit spanischen Schiffen, und sodann die Verwirklichung eines bald ein Jahr alten Projektes, in spanischen Häfen internierte deutsche und österreichische Schiffe zu kaufen oder zu chartern. Über die Geschichte dieses letztem Projektes kann ich mir nicht vorenthalten, Ihnen einige streng vertrauliche Bemerkungen zu machen, aus denen einesteils hervorgeht, wie kleinlich und wenig wohlwollend Englands Haltung ist, andernteils, mit wie wenig Energie man in Bern die Verwirklichung solcher Projekte durchkämpft.
Auf meine kürzliche Kabelanfrage über die Stagnierung dieses Projektes erhielt ich von Bern die Anwort, dass dasselbe an der Haltung Englands gescheitert sei, und zwar aus folgenden Gründen:
Zwar hat England grundsätzlich seine Zustimmung gegeben; als es aber zur Beratung der Charterbedingungen kam (wie aus dem Kabel hervorgeht, handelte es sich offenbar nur um Charter, nicht um Kauf), erklärte England, dass es die Zahlung so hoher Charterraten nicht zulassen könne. Es war ganz damit einverstanden, dass die Schweiz die jetzigen hohen Kriegscharterpreise zahle, verlangte aber, dass man davon einen Teil, ungefähr im Ausmass der früheren normalen Charterraten, an die Deutschen bezahle, und den Rest wolle es gnädigst selber entgegennehmen. Und zwar verlangte es nicht weniger als Fr. 100.- pro Tonne und Monat allein für sich, während wir zum Beispiel für die von den Vereinigten Staaten gecharterten amerikanischen Getreideschiffe $ 8.50 bezahlen. Das ist meines Erachtens nicht nur eine fürchterlich kleinliche Bedingung, sondern grenzt direkt an Seeräuberei. Aber nun kommt das Schönste. Bern lehnte selbstverständlich das englische Ansinnen mit Recht ab. Die Verhandlungen wurden daraufhin eingestellt, und damit war die Sache bis auf weiteres begraben. Im März ist dann ein neuer schüchterner Versuch gemacht worden, England schien aber wieder nicht nachgeben zu wollen. Was mich dabei empört, ist, dass die Schweiz sich nicht sofort an die ändern Regierungen der Entente wandte und den schmutzigen Vorschlag Englands an den Pranger stellte.
So blieb ich über die ganze Sache nicht weiter orientiert bis auf meine direkte Anfrage, und Sie hätten sehen sollen, wie sich hierüber nicht nur das State Departement, sondern auch Tardieu und Lord Reading empörten, die beiden letzteren natürlich nur durch die Blume. Nun sind auf meine Vorstellungen hin die Verhandlungen mit den Alliierten neuerdings aufgenommen worden und das Staatsdepartement, sowie Tardieu im Namen der französischen Regierung, haben mir erklärt, dass die Vereinigten Staaten und Frankreich der Verwirklichung des Projektes das grösste Interesse entgegenbringen und auch England entsprechend beeinflussen wollen. Im übrigen ist auch Lord Reading und Sir Richard Crawford, der englische Handelskommissär, ganz dafür eingenommen. Aber, mein Gott, wann werden endlich die Detailvorschläge der Schweiz kommen, die ich seit einigen Wochen schon verlangt habe? Derartige Erfahrungen über Inaktivität daheim wirken ungeheuer entmutigend.
Ich trage mich denn auch mehr und mehr mit dem Gedanken, über den Sommer für einige Wochen nach der Schweiz zu kommen und die Dinge dort etwas zu poussieren. Ich spüre in meinem ganzen Korrespondenzverkehr mit Bern manchmal eine gewisse Desorganisation heraus, an der offenbar unser Regierungsapparat krankt. Und ausserdem scheint mir auch manchmal eine gewisse Leisetreterei gegenüber den Kriegführenden, ein gewisser Mangel an Kraft und Stolz der Überzeugung vorhanden zu sein. Aber ich will keine allzu herben Urteile fällen und ich kann ja auch in vielem nicht ganz so gründlich durchsehen. Wann kommt der Friede, der mich von meiner hiesigen Verantwortlichkeit, die mir manchmal fast zu schwer wird, erlöst?
Vielen Dank für Ihre letzten Zeilen, die mich wieder sehr gefreut haben. Betreffend Whitehouse scheint ein Missverständnis zu bestehen, das meine Frau, glaube ich, in ihrem letzten Brief aufgeklärt hat. Er sprach auf der Gesandtschaft vor, als ich in New York war. Kurz nach meiner Rückkehr erhielt ich dann einen Brief von ihm aus New York, in welchem er mir mitteilte, dass er auf der Abreise begriffen sei und es ihm deshalb nicht mehr möglich gewesen wäre, nach Washington zu kommen. Daraufhin schrieb ich ihm umgehend nach Bern (der Brief hätte ihn nicht mehr in New York erreicht), gab meinem Bedauern darüber Ausdruck, dass ich von Washington weg war, als er vorsprach, und sprach die Hoffnung aus, ihn später einmal hier begrüssen zu können. Von einer Weigerung, ihn zu sehen, kann also nicht die Rede sein.
Der Kreis unserer persönlichen Beziehungen dehnt sich von Tag zu Tag weiter aus. Überall kommt man uns mit grosser Freundschaft entgegen. Ich bin gestern von einem kurzen Besuch in New York zurückgekehrt, bei welcher Gelegenheit ich zwei wertvolle Anlässe vereinigen konnte: Ein grosses, zu meinen Ehren von Mr. J. G. White im Metropolitan Club gegebenes Dinner, an welchem etwa 50 Spitzen der New Yorker Industrie-, Finanz-und Handelskreise teilnahmen (u.a. der man der Steel Corporation, Judge Gary, der berühmte Rechtsgelehrte Moore, der frühere amerikanische Botschafter in der Türkei Morgenthau) und welches sehr anregend verlief. Und kurz vorher eine einstündige, sehr interessante Unterredung mit Colonel House, welchen ich sehr schätzen gelernt habe. Sein Schwiegersohn Auchincloss, einer der nettesten Menschen, die ich hier kennengelernt habe, teilte mir kürzlich mit, dass Colonel House mich gerne hie und da sehen möchte, und arrangierte sofort diese Zusammenkunft. Colonel House bat mich, wenn immer ich nach New York komme, ihn aufzusuchen; das nächste Mal will er mich zum Lunch erwarten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie gross meine Freude über diese Bekanntschaft ist und wie wertvoll sie vielleicht für die weitere Zukunft noch werden kann.
Über das, was mir Colonel House alles gesagt hat, will ich Ihnen lieber mündlich berichten. Es zeigt Ihnen wenigstens, dass wir die Schweizerflagge hier immer weiter in gutem Ansehen halten.
Mit den Castles kommen wir in letzter Zeit wieder etwas mehr zusammen; sie sind uns beide sehr liebe und wirkliche Freunde geworden. Besonders gut befreundet haben wir uns auch mit Fritjof Nansen und seiner Tochter. Leider verreist er nächste Woche wieder nach Hause, nachdem er den norwegischen Wirtschaftsvertrag nach neunmonatiger Tätigkeit glücklich unter Dach und Fach gebracht hat. Wir verlieren ihn sehr ungern.
Damit für heute Schluss, demnächst wieder mehr. Vielleicht komme ich ja einmal plötzlich in Genf vorbei, um Ihnen die Hand zu drücken, wer weiss.
Mit herzlichsten Grüssen Ihr stets getreuer Freund.
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