Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/1179

Als wir, immer noch bleich vor Entsetzen, ausstiegen, kamen Dutzende von anmutigen braunen Kindern aus dem Wald gelaufen, winkten mit Blumen und Bananenblättern und umringten uns lachend.
«...» «Herrlich!» hörte ich Knut an meiner Seite hingerissen flüstern.
«Sehen sie, diese Kinder - und das da und das...»
Ich folgte seinen Blicken und sah nun plötzlich, was mir zunächst entgangen war: Hier und da unter den anderen waren Grüppchen von Kindern, die blinzelten und die Augen in der hellen Sonne zusammenkniffen, und eines, ein älterer Junge, hatte sich sogar ein schwarzes Tuch über den Kopf gezogen. Knut hatte sie sofort erblickt, erkannt, seine farbenblinden Leidensgenossen - ebenso wie sie zweifellos wussten, wen sie vor sich hatten, kaum dass er ausgestiegen war und dort blinzelnd, mit dunklen Gläsern bewehrt, neben dem Flugzeug stand.
Obwohl Knut die wissenschaftliche Literatur kannte und auch schon gelegentlich Farbenblinde getroffen hatte, war er nicht im entferntesten auf das vorbereitet, was er empfand, als er sich nun von Menschen der eigenen Art umgeben sah, von Fremden am anderen Ende der Welt, mit denen er durch unmittelbare Verwandtschaft verbunden war. (S. 49f)»
Knut war beeindruckt von der Üppigkeit der Vegetation, die er sehr deutlich, vielleicht deutlicher als wir anderen, sah. Für uns, die wir Farben normal wahrnehmen können, war sie zunächst nur eine Konfusion von Grüntönen, während sie Knut als Polyphonie von Helligkeitsabstufungen, Schattierungen, Formen und Strukturen erschien, leicht zu erkennen und voneinander zu trennen.
Er berichtete James davon, der erklärte, ihm und allen anderen Farbenblinden der Insel gehe es genauso - keiner von ihnen habe Schwierigkeiten, die Pflanzen voneinander zu unterscheiden. Seiner Meinung nach half ihnen dabei die im Grunde einfarbige Beschaffenheit der Landschaft: Gut, ein paar rote Blüten und Früchte gebe es auf der Insel, die sie bei bestimmten Lichtverhältnissen unter Umständen übersähen - doch praktisch alles andere sei grün. (S. 51f)»
Wie für die anderen Farbenblinden von Pingelap waren auch für ihn Kindheit und Schule schwierig gewesen - helles Sonnenlicht liess ihn buchstäblich erblinden, und ohne ein dunkles Tuch über den Augen traute er sich kaum ins Freie. Wenn die anderen Kinder draussen tobten und spielten, konnte er sich nicht beteiligen. Seine Sehschärfe war sehr gering - um in den Schulbüchern lesen zu können, musste er sie ganz dicht, in sieben, acht Zentimeter Abstand vor die Augen halten.
Dennoch - er war überdurchschnittlich intelligent und begabt - lernte er früh lesen und las trotz seines Handikaps leidenschaftlich gern. (S. 63f)»
Eine ständig wieder kehrende Bedrängnis während meiner Kindheit, und auch später, war die Aufforderung, die Farben auf Schals, Krawatten, Plaids, Röcken, Schottentüchern und allen möglichen anderen bunten Kleidungsstücken zu benennen, weil die Menschen meine Unfähigkeit in dieser Hinsicht recht amüsant und unterhaltsam fanden. In jungen Jahren konnte ich mich solchen Situationen nicht entziehen. Aus reiner Notwehr prägte ich mir daher stets die Farben meiner eigenen Kleidung und der Gegenstände in meiner Umgebung ein und lernte schliesslich sogar einige 'Regeln' für 'richtige' Farbzusammenstellungen und die wahrscheinlichsten Farben verschiedener Dinge. (S. 92f)»