Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/2923

Appenzeller Zeitung, Herisau, 26.9.2000 (www.appon.ch)
«Lobe den Herren, den mächtigen...»
Konzert der Bach-Kantorei in der evangelischen Kirche Teufen
Drei Kantaten und das Magnificat von J. S. Bach wurden am Samstagabend von der Bachkantorei, dem Ensemble ad fontes und einem hervorragenden Soloquintett unter der Leitung von Wilfried Schnetzler aufgeführt.
Peter E. Schaufelberger
Teufen. Die festliche Choralkantate «Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren», BWV 137, stand am Anfang des Konzerts, mit dem die Bachkantorei ihrem Namenspatron zum 250. Todestag huldigte; das ebenso festliche «Magnificat», BWV 243, in der überarbeiteten D-Dur-Fassung von 1733 (erste Fassung 1723) beschloss das Programm. Dazwischen erklangen die Solokantate «Geist und Seele wird verwirret», BWV 35, und die Choralkantate «Jesu, der du meine Seele», BWV 78.
Vier Werke, alle für den Gottesdienst an bestimmten Tagen des Kirchenjahres geschrieben - und doch in ihrer Anlage, in Besetzung und Charakter grundverschieden. Knapp und konzentriert das Got- teslob der ersten Kantate, in der sich die Choralweise durch alle fünf Strophen durchzieht: jubelnd in den beiden Ecksätzen des Chores mit drei Trompeten und Pauken, von der Solovioline umspielt das Altsolo der ersten Arie, versteckt im Duett von Sopran und Bass, der Solotrompete zugewiesen in der Tenorarie. Setzte der Chor anfänglich noch etwas zögerlich ein, so liess das Orchester ad fontes schon hier seine besonderen Qualitäten erkennen: einen wundervoll harmonischen chorischen Klang, ohne dass die einzelnen Stimmen und vor allem die Melodieführungen überdeckt würden; strahlende, dennoch in den Gesamtklang eingebettete Trompeten, weich, fast sanft tönende Oboen, denen sich in der dritten Kantate und im Magnificat die runde Fülle der beiden Traversflöten zugesellte.
Solistische Orgel
Zwei instrumentale Sätze leiten die beiden Teile der Solokantate «Geist und Seele wird verwirret» ein - eigentliche Orgelkonzerte im Kleinen, deren Solopart Markus Märkl am Orgelpositiv zurückhaltend und doch prägnant interpretierte. Bemerkenswert und charakteristisch für das hier sparsamer besetzte Ensemble: Die Betonung des gleichsam drehenden Dreierrhythmus' in der zweiten Sinfonia hatte nichts Mechanisches, sondern blieb reine musikalische (und musikantische) Akzentuierung. Counter-Tenor Christopher Robson sang die Altpartien mit grosser Beweglichkeit, schlicht in den beiden Rezitativen, die Arien sorgfältig ausdeutend, unverkrampft und präzis im reichen Figurenwerk der zweiten Arie. Eindrücklich auch das Duett «Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten» in der folgenden Kantate «Jesu, der du meine Seele», in dem Robson und die Sopranistin Dorothea Frey die lautmalerischen Motive mit beinah schwebender Leichtigkeit gestalteten. In dieser Kantate traten auch Hermann Oswald, Tenor, und Wolf Matthias Friedrich, Bass, in ausgedehnteren Solopartien hervor, Oswald mit hell timbrierter, unangestrengt geführter Stimme von schöner Ausgewogenheit in den einzelnen Registern, Friedrich mit einem kernigen Bassbariton. Hervorragend vor allem die expressive Gestaltung des Rezitativs «Die Wunden, Nägel, Kron und Grab» mit seinen abrupten Tempowechseln und des Zwiegesprächs mit der Solo-Oboe in der folgenden Arie. Verinnerlicht, doch ausdrucksstark interpretierte Dorothea Frey die Arie «Quia respexit» im abschliessenden «Magnificat», hier im Wechselgespräch mit der dunkel gefärbten Oboe d'amore, während das tänzerisch hüpfende «Et exultavit» von Nadja Schnetzler mit fast instrumental geführter Stimme gesungen wurde.
Ausgezeichneter Chor
In der zweiten Choralkantate, vor allem aber im Magnificat konnten sich auch die Qualitäten des Chors - dem allerdings noch einige Männerstimmen zu wünschen wären - voll entfalten. Durchsichtigkeit bei aller Klangfülle, präzise und sichere Einsätze - besonders eindrücklich etwa in der kurzen Fuge «Sicut locutus est» oder in den volltönenden «Gloria»-Rufen - und dazu eine bemerkenswerte Beweglichkeit zeichnen die Sängergemeinschaft aus. Und immer wieder, im Orchester, in den Soli, im Chor, kleine interpretatorische Glanzlichter: die ineinander verwobenen hohen Solostimmen im Terzett «Suscepit Israel», getragen von den beiden unisono geführten Oboen und der Bassgruppe aus Celli und Orgelpositiv; die energisch abgerissenen Schlusstöne des «Deposuit»-Motivs als Ausdruck der Unerbittlichkeit Gottes, der die Mächtigen von ihrem Thron stösst; das schwer-leicht wiegende Ausspielen der Traversflöten in der Altarie «Esurientes implevit». Details aus der Fülle der von Wilfried Schnetzler durchgestalteten, auslotenden Interpretation, orientiert zwar an historischen Spielweisen, vor allem aber darauf ausgerichtet, diese Musik in ihrer Tiefe, ihrem Reichtum und ihrem weiten Atem wiederzugeben.