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HELVETIA SCI
Faktencheck des EU-Naturzustandsberichts
Artikel veröffentlicht in Nature Conservation von der Europäischen Föderation für die Jagd und Erhaltung der Wildfauna (FACE).
Brüssel, 17. Februar 2021 - Die Jagd wird in zunehmendem Maße als hochrangige Belastung und Triebkraft für denArtenverlust und die Verschlechterung von Habitaten bezeichnet. Diese Annahme gründet sich auf den aktuellen EU-Naturzustandsbericht, der Daten irreführend darstellt undin Infografiken in Titeln und Bildern auf Jäger verweist.
Zum Glück sind die in dem Bericht vermeldeten Quelldaten leicht zugänglich und zeigen bei genauerer Betrachtung der Zahlen ein ganz anderes Bild. Demnach macht die Jagd nur 0,66 % aller gemeldeten hochrangigen Belastungen aus.Mit anderen Worten: die Mitgliedstaaten gabendie Jagd in weniger als 1 % als hochrangige Belastung für Arten und Lebensräumean.
Der Anteil der Jagd im Verhältnis zu allen von den Mitgliedstaaten gemeldeten Belastungen variiert je nach den ausgewählten Elementen.Dabei sind nachstehende Kategorien sehr aufschlussreich:
Die Jagd als Belastung für Lebensräume: 0,05% der für Lebensräume gemeldeten Belastungen.
Von insgesamt 5.596 Berichten über hochrangigeBelastungen fürLebensräumebeziehen sich nur 3 Berichte von Mitgliedsstaaten aufLebensräume, die durch die Jagd unter Druck stehen.
Die Jagd als Belastung für andere Arten als Vögel: 0,17 % der gemeldeten Belastungen für andere Arten als Vögel.
Die Liste der Arten, für die die Jagd als hochrangigeBelastung gemeldet wird, wirft eine Reihe von Fragen auf: so gehören z.B. der Atlantische Lachs (Salmo salar) und der Große Bärenkrebs(Scyllarides latus) zu den 12 anderen Arten als Vögeln, für die die "Jagd" als hochrangige Belastung gemeldet werden.
Die Jagd als Belastung für Vögel: 2,58 % der für Vögel gemeldeten Belastungen.
Eine der wesentlichen Gründe für den Fokus der Medien auf die Jagd sind die von den EU-Behörden in dem aktuellen Naturzustandsbericht verwendeten Infografiken, die Bildervon Jägern im Zusammenhang mit hochrangigen Belastungen für die Natur zeigen.
In den von den Mitgliedsstaaten ermitteltenDaten sind die Belastungen und Bedrohungen für die Natur in zwei hierarchischen Ebenengegliedert, wobei sich dieLand-und Forstwirtschaft bzw. derKlimawandel auf der ersten Ebeneund die Jagd eine von vielen Unterkategorien unter Ausbeutung von Artenbefindet.
Es ist zwar nicht ganz deutlich, wie der Prozentsatzvon 18 % in Zusammenhang mit „illegalem Töten undder Jagd“ zustande kommt, aber die Daten zeigen, dass die Jagd bei Vögeln insgesamt nur 2,58 % ausmacht.
Problematisch ist diese Infografik aus zwei Gründen. Zum einen könnte man sie so verstehen, dass die Belastungen durchdas illegaleTötenunddie Jagd(18 %gemäß obigerInfografik) viel höher sind als z. B.durchdie Forstwirtschaft (11 %). Prozentzahlen innerhalb einer Unterkategorie sollten nicht neben den Prozentzahlen der Hauptkategorien dargestellt werden. Zweitens ist es inakzeptabel, die Jagd und das illegale Töten in einer Gruppe zusammenzufassen. Die Jagdist die gesetzlich geregelte Verfolgung von Wild, während das illegale Töten getrennt davon als kriminelles Handelnwerden muss, für das es keinerlei Toleranz geben darf (siehe Link).
Der Naturzustandsbericht stellt richtigerweise fest, dass die Jagdnach dem illegalen Töten die zweithäufigste gemeldete Belastung für überwinternde und durchziehende Vögel in der EU ist. Wenn man allerdings sämtliche Belastungen für überwinternde und durchziehende Vögel betrachtet, macht die Jagd nur 6,67 % aus.
Es gibt eine Liste von 86 Arten (aus Anhang IundIIsowie nicht in Anhängen erfasste Vögel), für die die Jagd als hochrangigeBelastung gemeldet wurde.Am häufigsten wurden Arten mit einem sicheren Populationsstatus und zunehmenden oder stabilen Trendsgemeldet, wobeidie Graugans (Anser anser) an der Spitze dieser Liste, dicht gefolgt vom Großen Kormoran (Phalacrocorax carbo sinensis),steht.
Dies steht allerdings in direktem Widerspruch zu den Leitlinien zur Berichterstattung der Europäischen Kommission, in denen die Mitgliedstaaten angewiesen wurden, keine hohen Belastungen für Arten zu melden, die einen sicheren Populationsstatus undzunehmendeoder stabile Trends aufweisen. Wenn sich die Mitgliedstaaten daran gehalten hätten, wäre das Ergebnis eindeutig anders und der relative Anteil der Jagd geringer.
Eine gute Naturschutzpolitik sollte sich auf Fakten stützen. Der Naturzustandsbericht ist ein wichtiger Meilenstein und liefert eine Fülle von Informationen für die Umsetzung der Vogel-und Habitat-Richtlinien und der neuen Biodiversitätsstrategie. Diese Informationen sollten daher objektiv genutzt werden, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen oderpolitische Interessen voranzubringen.
Leider wurden solche Missverständnisse bereits von den Medien aufgegriffen und in laufenden Dialogen verwendet.Wenn Politikern gesagt wird, die Jagd sei eine Bedrohung für die Artenvielfalt, ist es verständlich, wenn diese aktiv werden, um sie zu beschränken. Exemplarisch hierfür sind die aktuellen Vorschläge der Europäischen Kommissionfür „streng geschützte Gebiete“, die bei vielen Interessenvertretern und Europaabgeordneten Gegenreaktionen ausgelöst haben (siehe auch Link).
Zu dem unklaren Bild, dass in einigen Kommunikationen (siehe auch Link, Link & Link), vermittelt wurde, stellte FACE-Generalsekretär Dr. David Scallan fest: "Wir freuen uns darüber, die ungenauen Äußerungen klarzustellen und hoffen nun auf eine ausgewogene Berichterstattung. Daten sollten erst einmal gründlich angeschaut werden, bevor man eine Schlagzeile macht, und dies gilt auch für die EU-Behörden. Naturschutz funktioniert, wenn Menschen ihn unterstützen, also sollten wir uns darauf konzentrieren, mit den wichtigen Interessengruppen zusammenzuarbeiten, die die Möglichkeit haben, die Natur vor Ort zu erhalten."
Nach den Vorgaben der Naturschutzrichtlinien (d. h. derVogel-und Habitat-Richtlinien) müssen die Mitgliedstaaten über die ihrer Meinung nach wichtigsten Ursachen für den Verlust von Arten und die Verschlechterung von Lebensräumen berichten. Die Mitgliedstaaten berichten daher über Belastungen, d. h. über Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie sich im aktuellen Berichtszeitraum auf Lebensräume und Arten ausgewirkt haben, und über Bedrohungen, d. h. über Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie sich in den beiden folgenden Berichtszeiträumen wahrscheinlich auswirken werden. Diese Belastungen und Bedrohungen sind in zwei hierarchische Ebenen gegliedert, wobei die erste (Ebene 1) 15 übergreifende Kategorien umfasst (z. B. Landwirtschaft oder Entwicklung), während die zweite (Ebene 2) auf 203 Aktivitäten herausstellt, die als Belastungen/Bedrohungen gemeldet wurden. Gleichzeitig werden sie entsprechend ihrer relativen Bedeutung als "hoch" oder "mittel" eingestuft. Wir haben uns auf "hohe" Belastungen konzentriert, da die Ergebnisse für die gemeldeten Belastungen und Bedrohungen in den Kategorien weitgehend übereinstimmen (Naturzustandsbericht, 2020).