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access_time veröffentlicht 09.09.2020
Welche ist Ihre bevorzugte Diagnose?
Prof. Dr. med. Reto Krapf
Kurz und bündig
Welche ist Ihre bevorzugte Diagnose?
09.09.2020
Eine 60-jährige Frau mit bekanntem Diabetes mellitus Typ 2, Hypertonie und Schizophrenie leidet seit einem Tag unter Erbrechen und Diarrhoe. Die Woche zuvor hatte sie Kopfschmerzen und etwas Husten, ähnlich wie ein Teil ihrer Familie. Ihre Medikation umfasst Aspirin®, Hydrochlorothiazid, ein Glipizid, Lisinop-ril und Risperidon. Am Hospitalisationstag erwacht sie um ein Uhr nachts, schreit um sich und ist danach angeblich lethargisch. Auf dem Notfall beträgt ihre Kör-pertemperatur 37,3 °C, der Blutzucker 3,3 mmol/l, nach Glukosezufuhr durch das Notfallteam dann 7,0 mmol/l, gefolgt von leichter klinischer Besserung. Klinisch ist eine persistierende linkseitige motorische Schwäche auffällig.
Die wahrscheinlichste Diagnose ist:
A) Akuter psychotischer Schub
B) Hypoglykämie-induziertes fokales neurologisches Defizit
C) Status migraenosus mit «Migraine accompanée»
D) Virale Enzephalitis, z.B. durch Enteroviren
E) COVID-19
Zwei Stunden nach Eintritt zeigt das Magnetresonanztomogramm eine kleine Diffusionsstörung in der rechtsseitigen Capsula interna. Der Nasopha-ryngealabstrich ist positiv auf SARS-CoV-2. Fünf Tage später entwickelt die Patientin Atemnot und Hypoxie sowie radiologisch bilaterale, fleckige Infiltrate vereinbar mit einem aktuen Atemnotsyndrom (ARDS). Eine leichte psychotische Episode durch den Krankheitsstress und als Teilfaktor die – allerdings marginale – Hypoglykämie sind möglich. Eine Liquorpunktion wurde nicht durchgeführt. Der Kleingefässinfarkt könnte Ausdruck einer viralen (SARS-CoV-2) Endothelialitis oder – kombiniert mit den vorbestehenden Risikofaktoren – einer mit COVID-19 assoziierten Hyperkoagulabilität sein.
Die Patientin ist sauerstoff-, aber nicht intubationsbedürftig. Sie entwickelt ein Delirium (Olanzapin und Quetiapin), kann aber deutlich gebessert nach 14 Tagen in die Rehabilitation mit Diagnose E (COVID-19) entlassen werden. Der Fall illustriert namentlich den Wert des niederschwelligen Testens auf SARS-CoV-2, insbesondere auch bei eher atypischen Initialsymptomen.
© Andranik Hakobyan | Dreamstime.com