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Schon Ende der Achtzigerjahre warnte der Klimaforscher James E. Hanson die US-amerikanische Regierung vor den Gefahren eines menschgemachten Klimawandels. Er hatte ein Klimamodell entwickelt, das voraussagte, dass die Temperatur auf der Erde infolge des erhöhten CO₂-Gehalts der Atmosphäre ansteigen wird.
Damit erregte er grosses Aufsehen. 1988 gründete die Uno den Weltklimarat IPCC. Auch die amerikanische Regierung war alarmiert, und die sonst für knallharte Wirtschaftspolitik bekannte britische Premierministerin Margaret Thatcher sagte: «Es ist offensichtlich, der Schaden ist da. Wir können nicht untätig bleiben.»
Spezialsendung «Klima vor dem Kollaps» von 1988
Vier Jahre später fand in Rio de Janeiro die erste Weltklimakonferenz statt. Die dort verabschiedete Klimakonvention unterschrieben 197 Nationen. Sie verpflichteten sich, Massnahmen gegen den Ausstoss von Treibhausgasen zu ergreifen, um die Erderwärmung zu stoppen. Fünf Jahre später 1997 folgte das Abkommen von Kyoto, welches völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoss von Treibhausgasen in den Industrieländern festlegte.
Und dann geschah – wenig.
Beziehungsweise, hinter den Kulissen geschah sehr viel. Unter der Führung des Amerikanischen Petroleum Instituts API fand Anfang 1998 ein Treffen statt. Dessen Schlussdokument dem dänischen Regisseur Mads Ellesoe bei den Recherchen zu einem aufwühlenden Dokumentarfilm als Grundlage diente. Was in diesem Dokument steht, ist zum Gruseln.
Die Erdölindustrie legte in dem Papier ihre Strategie fest, wie sie den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern verhindern will. Im Dokument steht: «Wir sind dann am Ziel, wenn die Durchschnittsamerikaner verstehen, dass die Klimawissenschaft mit Unsicherheit verbunden ist und diese Unsicherheit zum allgemein akzeptierten Standpunkt wird.»
Diese Strategie lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Zweifel streuen.
Die Ölkonzerne Exxon, Shell und BP engagierten Lobbyisten. Diese verstanden zwar nichts von Klima und Wissenschaft – das geben einige von ihnen in dem Dokumentarfilm, der gegenwärtig auf Arte zu sehen ist, freimütig zu. Dafür verstanden sie umso mehr von Kommunikation. Sie traten in Fernsehsendungen auf und zogen die Erkenntnisse der Klimaforschung in Zweifel, beziehungsweise sie hatten irgendwelche Studien zur Hand, die die etablierte Klimaforschung infrage stellen. Angefertigt waren diese Studien von Wissenschaftlern, die die Erdöllobby bezahlte.
Die Industrie sponserte – oder tut es noch bis heute – auch klimaskeptische Organisationen wie CFACT oder das CATO Institut sowie Hochschulen oder deren Energie- und Klimaforschung: zum Beispiel in Harvard, Stanford und Berkeley. Die angefragten Hochschulen wollen in dem Dokumentarfilm keine Stellung nehmen.
Die Argumentation der Lobbyisten und gekauften Wissenschaftler ist ziemlich raffiniert. Sie behaupten nicht plump, die Resultate der Klimaforscher wie James Hanson seien falsch. Sie sagen, «wir nehmen das Problem ernst», und finanzieren Studien, die logischerweise zu «alternativen» Resultaten kommen. Dass diese Studien in den seltensten Fällen in guten wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert werden, damit also nicht den wissenschaftlichen Standards entsprechen, scheint den Medien, die sie zitieren, nicht aufzufallen. Oder sie ignorieren es absichtlich, weil die Lobby nämlich auch die Medien beeinflusst.
In Tat und Wahrheit herrscht in der Wissenschaft Einigkeit über die Gründe des Klimawandels. Das ist nicht etwa eine neue Verschwörungstheorie, sondern der Befund der Wissenschafts-Historikerin Naomi Oreskes der Harvard University.
Dabei wusste die Erdölindustrie sehr genau, was sie tut. Denn schon in den Siebzigerjahren publizierten Wissenschaftler von Exxon eine Hochrechnung, die zeigt, dass das bei der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle freigesetzte Kohlendioxid zur Erwärmung der Erdatmosphäre führen wird.
Das In-Zweifel-Ziehen war überaus effektiv. Noch heute gibt es viele Menschen insbesondere auch Politiker, die glauben, der Klimawandel sei ein Hype, oder eine Lüge. Mit derselben Methode wurde schon gegen den wissenschaftlichen Befund des Ozonlochs gekämpft. Erfunden hatte sie die Tabakindustrie. Diese hatte auf die gleiche Art jahrzehntelang gegen den wissenschaftlichen Befund angekämpft, dass Tabakrauchen Lungenkrebs verursacht: Finanzierung gesteuerter Forschung, gekaufte Studien, redegewandte Lobbyisten. Einer dieser Tabak-Lobbyisten tritt in der Arte-Dokumentation übrigens auch als Klima-Lobbyist auf.
Den Widerstand gegen die Klimawissenschaft professionell aufzubauen, dauerte ein Weilchen. Darum haben die ersten Klimakonferenzen und -abkommen noch recht wenig Widerstand bewirkt. Aber nach dem Treffen am API kam die Maschinerie in Gang. Und seither wird der Klimaschutz Jahr für Jahr verschleppt. Dies bis heute.
Das Phänomen gibt es auch in der Schweiz. Bei uns sitzen die Lobbyisten im Dienst der Erdölindustrie auch im Parlament. Nur ein Beispiel ist Albert Rösti, Nationalrat, ehemaliger SVP-Präsident und Präsident von Swissoil, dem Dachverband der Brennstoffhändler in der Schweiz. Er leugnet heute zwar nicht mehr die Erderwärmung, meint aber, dass eine Reduktion des CO₂-Ausstosses das falsche Mittel zu deren Bekämpfung sei. Einschlägige Medien zitieren weiterhin untaugliche Studien, wie ich im Fall der Basler Zeitung in einem der letzten Faktisten gezeigt habe.
Und SVP-Nationalrat Roger Köppel wettert in seinem Weltwoche daily ununterbrochen gegen alles, was nach Klimapolitik aussieht und zweifelt auf Twitter auch ungeniert die Existenz des Klimawandels an.
Wie Lobbyismus die freie Sicht selbst von gescheiten Leuten einschränken kann, zeigt auch der Auftritt von Roland Bilang im SRF Club vom 25. Mai dieses Jahres. Bilang ist Geschäftsführer von Avenergy, früher bekannt unter dem Namen Erdölvereinigung, und hat als Doktor der Biologie Ende der Neunzigerjahre bei der Abstimmung über die Genschutzinitiative für die Wissenschaft gekämpft. Diese ignoriert er heute im Dienst der Erdöllobby.