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Shai Maestro spielt die letzten Klänge auf seinem Klavier. Das Stück endet. Anstelle des erwarteten Applauses brechen Ben Wendel und die Band in Gelächter aus. Grund dafür ist die Herausforderung, welche sich die Band diesen Abend gestellt hat. Eine Herausforderung, die ursprünglich durch einen Witz begann. In 60 Minuten haben sie sich vorgenommen, ihr Album «High Heart» vollends zu spielen.
Eine Challenge, die durchaus möglich ist, da ihr Album in Spielzeit nur 45 Minuten dauert. Doch dieses wunderschöne Klavierstück, welches Maestro spielt, ist nicht aus dem neuen Album. Noch versuchen sie, ihre Herausforderung zu meistern, aber am Ende gelingt es ihnen nicht, alle acht Musikstücke zu spielen. Enttäuschte Gesichter sind jedoch nicht zu finden, denn obwohl sie ihre Challenge nicht erreichen werden können, so haben sie trotzdem ein fantastisches Konzert auf die Beine gestellt.
Der kanadische Musiker, Ben Wendel, ist nicht nur ein begabter Saxofonist, sondern auch ein Gründungsmitglied der Grammy-nominierten Band «Kneebody», welche vor allem durch ihr Album «Twelve Songs of Charles Ives» bekannt wurde. Ausserdem ist Wendel der Komponist der Filmmusik des 2009 erschienen Filmes «Brief Interviews with Hideous Men». Mit Micheal Mayo als Sänger, Shai Maestro am Klavier, Joe Sanders am Bass und Nate Woods am Schlagzeug und seinem fünften Album «High Hearts» erscheint er im «Musig im Pflegidach». Bereit mit dem Publikum, seine Musik zu teilen.
Er selbst würde sich nicht mehr als ein Jazzmusiker bezeichnen. «My music is a reflection of what I loved most listening to growing up. » («Meine Musik spiegelt das wider, was ich in meiner Kindheit am liebsten gehört habe.»). Wendel wuchs in den Entstehungsorten vieler verschiedener Musikrichtungen auf: Hip-Hop, Original EDM, Radio Head. Diese Musikrichtungen und die klassische Musik, die seine Mutter sang, prägen seine Musik und seine Kompositionen. «My music is a reflection of my upbringing.» («Meine Musik ist eine Widerspiegelung meiner Erziehung.»).
Micheal Mayo beginnt das erste Lied mit sanften Vokalen. Der Saal schweigt gespannt. Kurz darauf stosst Ben Wendel dazu. Es entsteht eine Echo-Dynamik zwischen Mayos Klängen und dem Saxofon. Wendel führt mit einer Abfolge von Tönen, die dann von dem Sänger aufgenommen und wiederholt werden. Schliesslich kommen Bass, Schlagzeug und Klavier dazu. Die einzelnen Instrumente beginnen miteinander zu einem Spiel aus Vokalen zu verschmelzen, bis man nicht mehr unterscheiden kann, was Gesang und was Instrument ist. Es sind nicht mehr einzelne Musiker mit ihren Noten, sie sind ein Instrument geworden. Die Band ist eins geworden. Sie hat sich zu einem einzigen Instrument geformt, welches eine gefühlvolle und energieerfüllte Musik erzeugt. Und obwohl die Zuschauer nicht selbst musizieren, so sind auch sie ein Teil dieses Erlebnisses.
Die Freundschaft, Anerkennung und Bewunderung sind nicht nur von den Gästen zu spüren, sondern auch innerhalb der Band. Während den Soli sind sie die grössten Fans des jeweils Spielenden und während den Pausen lachen und scherzen sie, als hätten sie vergessen, dass sie auf einer Bühne stehen. Noch bevor das Konzert begann, hörte man bereits das laute Gelächter der Musiker durch die Rückwand erklingen. Ein passender Beginn für den Abend.
Auf die Frage, wer sein wichtigstes Idol sei, nennt Ben Wendel, ohne zu zögern, seine Mutter. Dale Franzen war ihr ganzes Leben eine kreative Person. Sie konnte erfolgreich die Balance zwischen Arbeitswelt und Mutter-Sein halten. Ben Wendel bewundert ihre Kreativität und ihre Aktivität. «She’s always fearless, much more than me.» («Sie ist immer furchtlos, viel mehr als ich.»), meint Wendel. Für ihn ist seine Mutter seine grösste Inspiration.
«Alles in allem bin ich mit unserem heutigen Auftritt als Band wirklich zufrieden. Von meinem Teil bin ich jedoch nicht sehr überzeugt, aber meine Bandmitglieder haben das kompensiert», so der Leader le Fleming nach dem Konzert. Ein Zuschauer meinte allerdings: «Die Harmonie zwischen allen Vieren war phänomenal, von A bis Z!» Vermutlich braucht es dieses Anstreben nach Perfektion, um in dieser Liga spielen zu können. Der Bassist ist hart mit sich selbst.