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Etwas schüchtern aber mit einem höflichen Lächeln schüttelt mir der 16-jährige Mustafa die Hand. Er legt seine olivgrüne Jacke um den Stuhl und setzt sich hin. Sein Deutsch ist gut. Er könne sogar schon etwas Schweizerdeutsch: «Guete Abe». Auf die Frage, über was er im Deutschkurs von Femint (Famme international), denn er jeden zweiten Dienstag besucht, geredet hat, meint er lachend, er habe nicht viel geredet, es sei zu einfach gewesen.
Was hast du in Afghanistan für eine Ausbildung gemacht?
In Afghanistan hätte ich gerne eine Ausbildung zum Piloten gemacht. Aber mit vierzehn Jahren musste ich flüchten. Mein Vater hat 4.5 Jahre mit der USA zusammengearbeitet. Er war Fahrer. Er hat drei Zertifikate von Amerika. Mein Vater wurde von den Taliban getötet. Deswegen war ich nicht sicher in Afghanistan.
Bist du alleine geflüchtet?
Ja, meine drei Schwestern sind verheiratet und deshalb in Afghanistan geblieben. Ich bin über die Balkanroute geflüchtet. Die Fahrt über das Mittelmeer nach Griechenland hat mir am meisten Angst gemacht. Es hat alles sehr lange gedauert. Das war am schlimmsten. Als ich in Österreich ankam, wollte ich in die Schweiz.
Wie fühlst du dich in der Schweiz?
Die Leute sind nett und freundlich. Es herrscht Frieden. Ich fühle mich sicher.
Wie lange bist du schon in der Schweiz?
Jetzt bin ich seit einem Jahr und drei Monaten in der Schweiz. Ich wohne im Flüchtlingsheim in Laax. Vorher war ich im Erstaufnahmezentrum Foral in Chur. Ich warte noch auf mein zweites Interview.
Wie sieht dein Leben aus in der Schweiz?
Am Montag und Dienstag habe ich Deutschunterricht. Er beginnt um 09:15 Uhr. Nachher habe ich Unterricht zum Thema «Leben in der Schweiz». Ich lerne dort, wie man einkauft, wie man zum Bahnhof geht. Mein Lehrer hat mir gesagt, dass man in der Schweiz für eine Woche einkauft. In Afghanistan kauft man für einen Monat ein. Am Mittwoch und Donnerstag nehme ich an einem Gastroprojekt teil. Ich muss um 07:00 Uhr aufstehen und dann aufs Postauto von Laax nach Chur. Im Gastrokurs kochen wir in einem Team von elf Personen im Erstaufnahmezentrum Foral. Mir gefällt das Kochen. Manchmal koche ich, manchmal räume ich auf, manchmal muss ich etwas ausdrucken. Es ist immer etwas anderes. Mein Chef sagt mir, was ich machen muss. Von 12:30 bis 13:30 Uhr servieren wir das Essen. Dann gibt es 30 min Pause. Danach waschen wir ab. Alle Gläser mit der Maschine. Die Pfannen von Hand, weil sie zu gross sind für die Maschine. Lacht. Danach sagt der Lehrer, was wir gut gemacht haben und was nicht. Ich möchte gerne Lammfleisch kochen, weil wir das in Afghanistan essen.
Was sagt er denn so?
Manchmal schimpft er, weil wir vier statt zwei Esslöffel Pfeffer oder Esslöffel statt Kaffeelöffel genommen haben. Aber jetzt ist es besser. Um 16:00 Uhr ist der Gastrokurs fertig und ich gehe nach Hause. Am Abend koche ich im Heim in Laax Abendessen. Ich lebe zusammen mit vier jungen Männern aus Afghanistan in einem Zimmer. Am Abend lerne ich Deutsch. Um 22:00 Uhr ist Nachtruhe dann schlafe ich. Am Freitag habe ich frei.
Was machst du dann?
Ich schlafe. Er lacht.
Lange?
Nein, nicht lange. Bis 09:00 oder 10:00 Uhr.
Und am Wochenende?
Am Samstag muss ich arbeiten. Ich arbeite im Riders Palace von 21:00 bis 06:00 Uhr. Das ist ein Nachtclub. Ich arbeite als Allrounder in der Baar. Ich werfe die alten Flaschen weg, und fülle den Kühlschrank auf. Am Anfang war ich sehr müde. Jetzt gefällt es mir. Ein anderer aus Afghanistan putzt die Toiletten dort. Im Club kann ich gut Deutsch mit den Leuten reden. Manchmal arbeite ich am Sonntag von 09.00 bis 16.00 Uhr im Signina Hotel. Dort reinige ich die Böden und putze.
Verdienst du Geld bei der Arbeit?
Ja, pro Stunde verdiene ich 19.80 CHF. Aber ich muss meine Krankenkasse selber zahlen und Unterhalt im Flüchtlingsheim in Laax.
Und wie sah dein Leben in Afghanistan aus?
Am Vormittag ging ich in die Schule. Am Nachmittag habe ich seit ich dreizehn bin in einem Kiosk gearbeitet und habe Tee verkauft, um Geld zu verdienen. Mein Vater hat mir geholfen den Job zu finden. Der Kiosk wurde aber zerstört von den Taliban. Ich habe viel Fussball gespielt in einer Mannschaft. Mit zwölf habe ich angefangen. Jeden Nachmittag von 15:00 bis 18:00 Uhr. Meine Mutter hat mir gesagt ich soll nicht so viel Fussball spielen und für die Schule lernen. Er lächelt verschmitzt. Ich war Mittelfeld Spieler.
Meine Lieblingsmannschaft ist Barcelona und mein Lieblingsspieler ist Lionel Messie. Meine Mutter war Hausfrau. Früher haben wir alle zusammen gewohnt. Nach der Hochzeit sind meine drei Schwestern ausgezogen.
Was sind deine Ziele für die Zukunft?
Ich weiss noch nicht, ob ich in der Schweiz bleibe. Als Beruf möchte ich gerne Pilot werden für eine Fluggesellschaft wie Swiss.
Wieso möchtest du Pilot werden?
Er überlegt kurz, schaut auf seine weissen Sneaker und zuckt mit den Schultern.
Bist du denn schon einmal geflogen?
Nein, ich bin noch nie geflogen. Mustafa bewegt seine Daumen, als würde er eine Konsole bedienen und lacht. Nur mit ferngesteuerten Flugzeugen.