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Man sagt, dass Frauen den Männern in Sachen Multi-Tasking überlegen sind – als man zu diesem Schluss kam, hat man aber wohl nicht mit Shimon gerechnet: Dem Mädchen für alles mit Vollbart aus Jerusalem.
Auf der Suche nach einem Mobiltelefon für mich haben wir den Markt in Jerusalem bis in seine letzten Winkel kennengelernt. Und dabei sind wir auf Shimon gestossen.
In einem winzigen Laden, der vom Boden bis zur Decke vollgestellt war mit allerlei Möglichem und Unmöglichem, fragte mein Freund Omri den Verkäufer, ob es hier Mobiltelefone gäbe. Dieser verneinte, doch ein grosser, scheinbar den halben Laden einnehmender Mann, griff in seine Manteltasche und holte aus deren Tiefen sein eigenes Telefon heraus, das er mir anbot. Das war Shimon.
Während ich mir das Angebot noch überlegte, ergriff Shimon die Gelegenheit, uns alles und nichts zu predigen und nötigte Omri, von der Weinflasche zu trinken, die er ebenfalls aus der Manteltasche (welche der Tasche von Mary Poppins in nichts nachzustehen schien) zog. Während Omri trank, legte der Mann ihm die Hand auf den Kopf und sprach den jüdischen Segen für Wein. Damit ich nicht zu kurz kam, kaufte er eine ganze Kaugummipackung, um mir einen einzigen davon geben zu können.
Ist die TagesWoche antisemitisch oder antiarabisch?
Letztendlich kamen wir ins Geschäft, und am Ende fragte ich ihn, ob ich ein Foto von ihm machen und ihm einige Fragen stellen dürfe für den Blog – einen solch bunten Vogel trifft man schliesslich selbst auf dem verrückten Jerusalemer Markt nicht alle Tage. Er wollte wissen, ob die Zeitung, für die ich schreibe, antisemitisch oder antiarabisch ist. Als ich erwiderte, dass sie «anti-gar nichts» ist, war er zufrieden und liess sich gerne fotografieren – nicht aber ohne vorher seinen Bart mit grosser Sorgfalt zu bürsten.
«Was machst du den ganzen Tag lang?»
«Diamanten verkaufen.»
Daraufhin zog er etwa fünfzehn kleine Schmuckkistchen aus der Manteltasche und zeigte uns seine Diamanten. Auf weitere Fragen meinerseits meinte er nur erstaunt: «Reicht es denn nicht, dass ich Diamantenverkäufer bin?», und liess es dabei bewenden. Ganz zufrieden war ich damit nicht, musste aber dennoch zugeben: Einen Diamantenverkäufer habe ich tatsächlich noch nie einfach so auf der Strasse getroffen.
Als wir schliesslich gingen – ich mit einem neuen alten Telefon in der Tasche – siegte wohl doch seine Eitelkeit und er rief mir über die Strasse hinweg zu:
«Aber schreib noch, dass ich ein Rabbi bin in einer Gruppierung mit 13’000 Betenden!»
Ein Rabbi, der Diamanten und Mobiltelefone verkauft, stets eine Weinflasche mit dem passenden Segen dabeihat und mit gutgemeinten Ratschlägen für jeden Lebensbereich sowie Auslagen für Kaugummis nicht spart – ich glaube, wenn ich das nächste Mal etwas brauche, rufe ich einfach Shimon an. Seine Nummer hat er nämlich unter VIP auf dem Telefon, das er mir überliess, gespeichert.