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Als Emsy das nächste Mal aufwachte, stand die Sonne am Himmel. Er sah die Türe des Paketdienstes, wusste, dass dort drinnen seine Rettung war. Er versuchte wach zu bleiben und liess die Türe nicht aus den Augen. Es musste etwas passieren, es war noch zu früh für den Katzenhimmel.
Es war fast 11 Uhr, als sich die Türe öffnete. Nun sah er sie - seine Freundinnen. Sie setzten sich auf die Treppe am Eingang und zündeten sich eine dieser schrecklichen Zigaretten an, die Emsy normalerweise hasste, da ihm der Rauch immer in die Nase stieg. Doch jetzt liebte er diese Zigaretten, denn deswegen waren seine Frauen nach draussen gekommen. Er hörte sie diskutieren. Sie machten sich Sorgen um ihn. Sie sprachen von ihm, riefen immer wieder seinen Namen.
Jetzt! Jetzt! Jetzt oder nie! Emsy versucht aufrecht zu sitzen, was ihm mit seinen kaputten Beinen fast nicht gelang. Er schrie aus Leibeskräften in Richtung seiner Freundinnen. Aus seiner Kehle kam ein zartes Röcheln, kaum lauter als das Zirpen einer Grille.
Doch irgendwie hatte es etwas bewirkt. Sie schauten in seine Richtung und er sah die sorgenvollen Blicke. Sie diskutierten wieder miteinander. Es sah so aus, als berieten sie sich. Er hatte grässliche Angst, dass sie wieder reingingen ohne ihn gesehen zu haben.
Seine Kraftreserven schienen unerschöpflich. Er schleppte sich noch einen letzten Meter weiter, landete am Strassenrand. Er spürte die Sonnenstrahlen auf seinem Fell und wusste, dass dies endgültig die letzte Chance war. Seine Kraftreserven waren vollkommen erschöpft.
Emsy röchelte, versuchte noch ein letztes Mal um Hilfe zu schreien. Seine Stimme versagte, sein Puls schlug nur noch schwach. Jetzt war es vorbei, er war auf dem Weg zum Katzenhimmel. Gerade als er Abschied nahm von dieser Welt, als sein Geist schon auf dem Weg ins Jenseits war, hörte er einen kurzen schrillen Schrei. Mit halbgeöffneten und schmerzverzerrten Augen sah er sie, seine Freundinnen. Er hörte ihre Stimmen und die schnellen Schritte, die auf ihn zuliefen. Sie rannten direkt auf ihn zu. Seine Lebensgeister kehrten zurück. Er spürte ihre Hände, die ihn berührten, hörte ihre aufgeregten Stimmen. Er roch ihr Parfüm, das er so vermisst hatte. Den Nikotingeruch an ihren Fingern sog er ein, als sei es ein besonderer Duft. Was er bisher verabscheut hatte, bescherte ihm nun ein Glücksgefühl. Für einen kurzen Moment vergass er all den Schmerz, den er 60 Stunden lang ertragen hatte. Er war daheim, daheim bei seinen Freundinnen. Er wusste, nun würden sie sich seiner annehmen, nun würde alles gut werden.
Die vier Frauen standen unter Schock, als sie den halbtoten Emsy so liegen sahen. Sie entdeckten sofort, dass seine Hüfte vollkommen ausgekugelt war und sahen den freigelegten Knochen seines Hinterbeines. Der Pelz und das Fleisch am Bein waren weg, man sah die Sehnen und Muskeln. Ein grässlicher Anblick bot sich ihnen. Sie hatten furchtbare Angst, ihn aufzuheben, denn sie wussten, dass ihm das grosse Schmerzen bereiten würde.
Dennoch schnappten sie sich den kleinen tapferen Kater, der nun wieder vor Schmerz schrie, legten ihn in ein Kissen. Sie fuhren ihn ins Tierspital. Sie hatten den Eindruck, jede Ampel stünde auf Rot und der Vordermann fahre mit Absicht viel zu langsam. Die 15 Kilometer zum Tierspital waren viel zu lange, die Ortschaft schien länger als je zuvor. Unterwegs informierte man Tina, dass sie Emsy gefunden hätten. Es war eine hektische Fahrt und auch Emsys Freundinnen standen unter Stress. Sie waren hilflos und hatten grässliche Angst, Emsy auf dem Weg ins Spital zu verlieren.
Normalerweise hasste Emsy den Tierarzt, der ständig an ihm rumdrückte. Eigentlich mochte er den Duft der Praxis überhaupt nicht leiden, doch heute war ihm alles egal. Der Arzt schaute ihn sorgenvoll an und gab ihm etwas gegen die Schmerzen, damit er ihn überhaupt untersuchen konnte. Er legte ihn unter einen „Röntgenapparat“. Kurze Zeit später sah Emsy, dass der Arzt ein betrübtes Gesicht machte. Er schüttelte den Kopf und schaute zu ihm runter. Emsy kam nicht klar mit dieser Geste. Als er dann hörte, dass der Arzt Tina anrief, stellte er seine Ohren. Er wollte schliesslich wissen, was mit ihm los war.
Tina war froh, dass Emsy gefunden wurde, doch machte auch sie sich grosse Sorgen. Die Freunde aus dem Paketdienst hatten ihr Emsys Zustand beschrieben und sie wusste, dass Emsy schwer verletzt war. Sie erwartete den Anruf des Arztes. Womit sie allerdings überhaupt nicht rechnete, war die Nachricht, die sie bekam. Sie wusste, dass Emsy ein Kämpfer war und rechnete eigentlich überhaupt nicht damit, dass die Diagnose so schlimm war. Der Arzt sah keine Rettung für Emsy. Die eine Hüfthälfte war mehrfach gebrochen, das zweite Hinterbein ausgehängt. Das verletzte Hinterbein lag bis zum Knochen offen und der Verdacht lag nahe, dass hier eine schlimme Entzündung entstehen würde. Der Arzt bat Tina um ihre Zustimmung, Emsy von seinen Schmerzen zu erlösen. Er sah keine Möglichkeit, dem schwerverletzten Kater zu helfen.
Tinas Beine schwankten, als sie diese furchtbare Nachricht vernahm. Auf der einen Seite wollte sie ihrem pelzigen Freund keine unnötigen Schmerzen bereiten, auf der anderen Seite war sie überzeugt, dass er leben wollte. Er hatte sich 60 Stunden mit Höllenschmerzen über Wasser gehalten, hatte sich zu seinen Freundinnen geschleppt. Diese Katze hatte gezeigt, dass sie leben wollte und auf die Hilfe der Menschen angewiesen war. Emsy war noch nicht einmal vier Jahre alt und ein starker und gesunder Kerl. Nun sollte sie die Entscheidung über Leben und Tod fällen, welch grässliche Aufgabe!
Der Arzt wartete ungeduldig auf ihre Entscheidung, konnte ihr Zögern aber verstehen. Tina war hin- und hergerissen. Ihr Verstand sagte ihr, dass man dem Tier keine weiteren Schmerzen mehr zumuten sollte, ihr Herz schlug jedoch für ihren geliebten Emsy. Sie wusste einfach nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Sie war doch nicht Gott. Wie sollte sie über Leben und Tod entscheiden können? Warum hatte sie nur gesagt, sie allein wolle die Entscheidung treffen, falls es hart auf hart käme. Sie war keine Aerztin, hatte Emsys Wunden noch nicht mal gesehen und sollte nun so via Telefon entscheiden, ob Emsy leben oder sterben sollte. Tina stand zitternd im Büro, noch immer den Telefonhörer in der Hand. Nein, er war noch zu jung, er war ein Kämpfer, ein starker Kater. Er würde die Entscheidung selber treffen, wie er es bis anhin auch gemacht hatte. Es war sein Leben. Er würde schon zeigen, ob er noch Kraftreserven hätte, um wieder gesund zu werden. Tina wollte noch den Rat eines zweiten Arztes. Sie würde erst zur Todesspritze einwilligen, wenn auch dieser zum gleichen Urteil gekommen war.
Ein paar Ortschaften weiter gab es eine Spezial-Tierklinik, die auf chirurgische Eingriffe an Katzen und Hunden spezialisiert ist. Hier wurde Emsy zur zweiten Untersuchung hingebracht. Damit er die Reise gut überstehen würde und schmerzfrei blieb, gab man ihm eine leichte Betäubungsspritze. Er versank in einen wunderschönen Schlaf. Durch die Schmerzmittel gingen auch die Höllenqualen zurück und er konnte endlich wieder einmal ruhig schlafen.
Auf dem Weg zum TÜZ, so nannten sie die Spezialklinik, dachte Emsy über seine Abenteuer nach.