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Arktische Tiere stehen von vielen Seiten unter Druck. Neben den Auswirkungen des Klimawandels sorgen Verschmutzung, das Einwandern neuer Arten, der verstärkte Rohstoffabbau, Verkehr und nicht zuletzt auch Freizeitjäger dafür, dass sich die Zahlen der meisten Arten nach unten bewegen. Versuche, die Tiere schützen, umfassen neben den Massnahmen vor Ort auch Zuchtprogramme in Zoos und Tiergärten. Eine andere Form des Schutzes sehen vor allem Genetiker in der Weiterentwicklung des Klonens. Eine chinesische Firma hat nun zum ersten Mal ein polares Säugetier erfolgreich geklont: einen Arktischen Wolf.
Im Juni 2022 kam die kleine Arktische Wölfin «Maya» in Beijing zur Welt. Was normalerweise einfach eine schöne kleine Nachricht aus einem Zoo oder Tierpark wäre, hat viel grössere Bedeutung, denn «Maya» ist die erste Arktische Wölfin und das erste polare Säugetier überhaupt, dass per Klonverfahren in einem Labor zur Welt gekommen ist. Nachdem die Wölfin die ersten 100 Tage gesund überstanden hat, wurde das Tier bei einer Pressekonferenz in Beijing der Öffentlichkeit vorgestellt.
Verantwortlich für den Klonwolf ist die chinesische Firma Sinogene Biotechnology Co. in Beijing. Normalerweise klont die Firma Haustiere wie Katzen, Hunde und Pferde. Doch vor zwei Jahren habe man mit dem Harbin Polarpark eine Forschungszusammenarbeit vereinbart, um ein Projekt zum Schutz des bedrohten Arktischen Wolfes zu starten, so erklärt Mi Jidong, der Leiter der Firma, gegenüber der Nachrichtenplattform Global Times. Als Experten für das Klonen von Hunden sollte Sinogene aus den Hautzellen (Spenderzellen) einer im Polarpark lebenden Arktischen Wölfin, die ebenfalls «Maya» hiess, und den Eizellen einer Hündin einen Arktischen Wolf, das heisst, ein genetisches Abbild der Spenderin entwickeln. Nach zwei Jahren konnte das Forschungsteam am Ende 137 Embryonen klonen, von denen 85 in sieben weibliche Beagle eingepflanzt werden konnten. Von den 85 blieb am Ende ein Tier übrig, «Maya», welche am 10. Juni geboren wurde. Gegenwärtig lebt die kleine Wölfin noch bei ihrer Pflegemutter in den Labors von Sinogene. Wenn sie gross genug ist, soll «Maya» aber danach in den Harbin Polarpark gebracht werden, wo sie weiter aufgezogen wird, erklären Vertreter von Sinogene und dem Polarpark.
Für Sinogene ist die erfolgreiche Geburt und Aufzucht von «Maya» erst der Anfang. Man will nun mit staatlichen chinesischen Tierparks wie dem Beijing Wildlife Part noch weitere gefährdete Tierarten mittels Klonen vor dem Aussterben schützen. Konkrete Pläne sind jedoch noch nicht diskutiert worden. Für den Tierpark ist das Verfahren ein willkommener Zusatz, wenn andere Formen der Fortpflanzung von gefährdeten Arten in Tierparks keinen Erfolg bringen. Ausserdem wollen beide Partner eine Art Genbank für gefährdete Tierarten einrichten, ähnlich wie die Samenbanken für Pflanzen, von denen eine auf Svalbard steht. Damit soll unter anderem auch der von der chinesischen Regierung angeordnete nationale Fünf-Jahresplan für die Entwicklung Chinas weiter vorangetrieben werden.
Die Idee, polare Tiere mittels Klone besser zu schützen, ist nicht neu. Seit dem ersten erfolgreichen Klonen eines Säugetiers, dem berühmten Schaf «Dolly», wurde die Methode oft genannt. Für den Schutz von Eisbären wurde die Methode bereits diskutiert und sogar ausgestorbene Tiere wie Mammuts und Wollnashörner will man mit einer modifizierten Klonmethode wieder zum Leben erwecken. Doch die Methode hat auch viele Kritiker, die aus den verschiedenen Wissenschaftszweigen stammen. Genetiker und Zoologen warnen beispielsweise, dass immer noch nicht genügend Daten vorliegen, die eventuelle gesundheitliche oder verhaltenstechnische Langzeitfolgen zeigen. Auch Wissenschaftsethiker warnen davor, Klonen einfach als DIE Methode zum Schutz gefährdeter Arten zu betrachten. Sie weisen darauf hin, dass die meisten Arten durch die rücksichtslose Ausbeutung der Natur durch den Menschen erst überhaupt an den Punkt der Gefährdung gekommen sind und dass das Klonen als Freifahrtschein für die weitere Ausbeutung genutzt werden könnte. Andere gehen noch einen Schritt weiter und fragen, wo die Grenze gezogen werden soll, auch im Hinblick auf das Klonen von Menschen. Für «Maya» zumindest war das Klonen zwar erfolgreich. Doch ihre Zukunft ist so ungewiss, wie diejenige ihrer wilden Artgenossen in den Weiten der kanadischen Wildnis.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal