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Dass die Internationale Entwicklungszusammenarbeit auf ihre Wirkungen hin überprüft werden muss, ist unbestritten. Die Diskussion beginnt bei den Massstäben, die man dabei ansetzt. Implizit oder explizit haben alle, die solche Wirkungen analysieren, eine Theorie bezüglich einer guten sozioökonomischen Entwicklung. Doch welche Ziele soll die Entwicklungszusammenarbeit verfolgen, welche Wirkungen muss sie erreichen?
Ich fasse den Entwicklungsbegriff bewusst weit und verstehe darunter den Kulturwandel, den eine Gesellschaft anstrebt. Aus sozialethischer Sicht spielt dabei ohne Zweifel die Überwindung von Armut eine wesentliche Rolle. Denn Armut ist Ausdruck einer verfehlten Sozial- und Wirtschaftspolitik. Afrikanische Sozialethiker sehen die Sache freilich umfassender. Armut ist nicht nur eine Frage des fehlenden Geldes. Die Armen werden ärmer, wenn sie ihre Gemeinschaft und Beziehungsnetze verlieren.
Soziale und wirtschaftliche Integration der Armen statt Gewinnmaximierung
Hier muss die Entwicklungszusammenarbeit ansetzen. Für sie steht nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund, sondern die soziale und wirtschaftliche Integration der Armen und ganz Armen. Die Wirkung, die NGOs mit der Entwicklungszusammenarbeit anstreben, ist nicht das ökonomische Wachstum. Sie suchen Mittel und Wege, um die Lücke zu schliessen, die zwischen der erfolgreichen Ökonomie und denen, die aus dem ökonomischen System herausgefallen sind, klafft und weiter aufgeht. Sie setzt an der Schnittstelle zwischen der formellen und der informellen Ökonomie an. Die Entwicklungszusammenarbeit strebt an, dass die Ausgeschlossenen einen Zugang zum Recht auf Bildung, Recht auf Freiheiten, Recht auf soziale Sicherheit, Recht auf Migration haben. Sie arbeitet primär mit den Armen und der lokalen Bevölkerung zusammen und hat eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel.
Der Gewinn ist ein legitimes Ziel jeder marktwirtschaftlichen Tätigkeit. Im Arbeitsfeld der Ernährungssicherung ist er ein nützliches Mittel, um einen umfassenderen Zweck zu erreichen: jeden Menschen in seiner Würde und seinen Rechten zu respektieren und den Raum zu geben, damit er in seiner sozialen und ökologischen Umwelt Heimat findet.
Caritas Schweiz arbeitet im Sahel und in Ostafrika mit verschiedenen lokalen Organisationen zusammen, die landwirtschaftliche Produkte wie etwa Erdnüssen, Zwiebeln oder Karité-Nüsse fördern. Insbesondere verfolgen wir das Ziel, vor allem mit den Armen und ganz Armen zusammenzuarbeiten und mit diesen Produkten eine Wertschöpfung zu erreichen. Die Produktionen mögen aus ökonomischer Sicht wenig profitabel scheinen, doch ist es im Hinblick auf die globale Nachhaltigkeit das viel grössere Problem, Menschen auszuschliessen. Sie sollen in der formellen Ökonomie eine Rolle erhalten und mit ihrem Beitrag zur Gesellschaft zum Zug kommen. Vergessen wir dabei nicht, dass die grössten Investoren weltweit an keiner Börse gehandelt werden. Es sind die lokalen Produzenten und Kleinproduzentinnen, die rund 70% unseres globalen Nahrungsbedarfs erarbeiten. Ihre Einbindung in den formellen Markt stärkt das gesellschaftliche Gleichgewicht und trägt zu einem integrativen Wirtschaften bei, vorausgesetzt, dass soziale und ökologische Standards eingehalten werden.
Wir müssen uns dabei einen Widerspruch vor Augen führen, der im ökonomischen Entwicklungsverständnis gerne ausgeblendet wird. Die ökonomische Vernunft zielt darauf ab, Ressourcen wirtschaftlich optimal zu verwerten und sich auf dem globalen Markt zu behaupten. Gleichzeitig muss, wer für ein Land Verantwortung trägt, dafür sorgen, dass Ressourcen im nationalen Rahmen so verteilt und eingesetzt sind, dass alle wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben erfüllt werden können: Produktion von Ressourcen, wirtschaftliche und politische Sicherheit, Erziehung und Bildung, soziale Verteilung des nationalen Einkommens.
Wären alle diese genannten Aufgaben global organisiert oder wäre jeder Staat eigenständig für alle Aufgaben zuständig, so böte sich ein anderes Bild. Wenn aber – wie es heute der Fall ist – alle Ressourcen global genutzt werden, müsste der Ertrag aus dem globalen Wirtschaften nicht nur für die Bedürfnisse der reichen Länder investiert werden, sondern auch in die Einkommen, die Sicherheit und die Bildung, in das Gesundheitswesen und in die Sorge für die Umwelt der armen Länder. Die globale Ungleichheit beruht auf diesem Widerspruch. Ein ökonomistisches Wirtschaftsmodell müsste folgerichtig durch ein integratives Verständnis von Ökonomie abgelöst werden.
Wirkung der Entwicklungszusammenarbeit
Die Privatwirtschaft ist prioritär daran interessiert, mit der globalisierten Ressourcenverwertung hohe Gewinne zu erzielen. Die Entwicklungszusammenarbeit zielt dagegen auf die anderen gesellschaftlichen Schlüsselaufgaben ab: die Verteilung und Nutzung der Ressourcen zum Wohle aller sowie die soziale und politische Sicherheit. Damit wird klar, dass die Frage nach der Wirkung der Entwicklungszusammenarbeit umfassender gestellt werden muss. Ihr Ziel muss sein, dass jede Gesellschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten den von ihr intendierten Kulturwandel anstreben kann. Bei diesen Veränderungsprozessen ist das Prinzip der Überwindung von Ungleichheit (und die Bekämpfung der Armut) nur eines von vielen Kriterien.
Man wird einwenden, dass die Armut offensichtlich mit Entwicklungszusammenarbeit nicht überwunden wird, da weltweit immer noch 700 Millionen Menschen arm sind. Ich widerspreche diesem allzu einfachen Gedankengang. Das globale Wirtschaftssystem reisst nachweislich immer tiefere Gräben auf. Zu meinen, die Entwicklungszusammenarbeit müsste diese Kluft schliessen können, wäre verkehrt. Stellen wir einen 20-fachen Millionär 1000 Armen gegenüber, die dank unserer Arbeit 20 Franken statt 10 Franken verdienen. Die 1000 Armen haben ihr Einkommen verdoppelt. Aber der Millionär wird einwenden: «Früher verdienten sie ein halbes Millionstel meines Vermögens, heute einen Millionstel, wo ist da der messbare Fortschritt?» Natürlich genügt das nicht, selbstverständlich machen wir weiter, und ich freue mich, wenn der Millionär tatsächlich einsieht, dass die bestehende globale Verteilung inakzeptabel ist. Aber immerhin: Nur schon so haben die 1000 Armen wieder eine gewisse Perspektive bekommen, ihre Kinder können nun vielleicht in die Schule gehen und ihnen wird geholfen, wenn sie krank werden. Ist denn nicht schon das ein augenfälliger Fortschritt, wenn Menschen aus der Verelendung herauskommen und ihre Umwelt dazu?
Bild: Tschad. Gilbert Alessem beim Bewässern seiner Felder. (c) Alexandra Wey