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Als die Betschwester sich eine Auszeit gönnte, machte sie einen langen Spaziergang. Auf einer kleinen Bank sass ein siebenjähriges Kind. Die Betschwester setzte sich dazu. Sie versuchte, ein banales Gespräch mit dem Kind anzufangen, ohne viel Erfolg. Das Wetter, die Schule, die Freunde. Einsilbige Kurzantworten. Kein Wetter, erste Klasse, keine Freunde.
Das Kind begann die Betschwester zu interessieren. So machte sie, was sie am besten konnte, sie begann zu beten. Sie begann zu beten, dass sie die richtigen Fragen an das kleine Kind zu stellen imstande wäre.
Sag, Kind, sitzt du oft allein hier auf der Bank?
Ja.
Warum?
Ich denke nach.
Worüber?
Was ich alles falsch gemacht habe.
Was hast du denn falsch gemacht?
Das Kind gab eine erstaunliche Antwort.
Ich habe mich nicht im Griff.
Was meinst du damit?
Ich sage Dinge, die ich bereue.
Warum bereust du sie?
Weil ich denke, mein Mami wäre weniger krank, wenn ich mich besser kontrollieren könnte.
Es folgte eine lange Liste von Dingen, von denen das Kind dachte, dass sie seine Mutter krank gemacht hatten. Dingen, für die es sich schuldig fühlte, Worte von denen es dachte, wenn sie ihm nicht herausgerutscht wären, hätten alle weniger Probleme.
Aber Kind, wie kommst du dazu, solche Dinge zu denken in deinem Alter?
Ich weiss nicht, vielleicht weil ich alles falsch mache.
Ja, Kind, sprichst du manchmal mit dem lieben Gott?
Es zögerte.
…ja schon, aber ich glaube nicht, dass ich es richtig mache. Denn wenn ich es richtig machen würde, würden mir ja auch nicht solche Dinge passieren.
Liebes Kind, was machst du am liebsten und am besten?
Lesen.
In deinem Alter?
Ja, dann vergeht die Zeit und ich bin nicht allein.
Gehst du gern zur Schule?
Das Kind strahlte, ja sehr gern.
Gibt es etwas in der Schule, dass du gut machst?
Aufsätze schreiben.
Und sonst?
Sonst nichts. Nichts, Denn der Freundinnen-Club hat mich aus seinem Club geschmissen.
Warum?
Ich weiss nicht, wahrscheinlich habe ich etwas falsch gemacht.
Liebes Kind, so die Betschwester, ich bin ein Profi im Beten. Ich frag mal den lieben Gott um Rat. Sie fing an zu murmeln. Lange murmelte sie mit geschlossenen Augen.
Dann sagte sie:
Der liebe Gott meint, du habest die Gabe des Vertrauens nicht bekommen. Er meint, du denkest zuviel. Er meint, du seist nicht glücklich. Er meint, du seist krank im Kopf. Krank vor Zweifel. Er meint, er wisse nicht was tun. Er meint, du würdest ihm immer wieder begegnen, doch oft würde er dir nicht helfen. Dann würdest du noch mehr zweifeln. Bis du ganz verzweifelt wärest. Er sagt, du würdest ganz sicher in den Himmel kommen. Irgendwann. Doch bis dahin würdest du viel durchmachen müssen. Er meint, es tue ihm leid, doch für jemanden mit Zweifelsucht sei alles sehr kompliziert. Du würdest alles und jeden zu stark hinterfragen. Doch du würdest immer wissen, dass es Gott gibt. Jedoch würdest du nicht an ihn glauben. Denn sobald der Glaube mit ins Spiel käme, begänne der Zweifel. Er meint, du würdest nie eine super Beterin sein. Doch es gäbe Leute, die das für dich machen würden. Er meint, dass du krankhaft nachdenkst. Dass du wie kaum ein Anderer versuchest zu verstehen. Dabei überforderst du manchmal dich und die andern. Er meinte, für jemanden, der die Fähigkeit des naiven Glaubens nicht habe, sei es schwierig zu glauben. Er würde es auch gar nicht von dir verlangen.
Doch er würde dir raten, auf deine Gaben zu vertrauen. Denn Fragen, die du stellen würdest, wären zwar auf den ersten Blick dumm und bar jeden Wissens, jedoch träfen sie meistens den Kern der Sache. Dein Irrweg sei lang. Doch er schickt dir ganz viel Humor. Und lässt dir sagen, dass deine Fähigkeit, sehr intensive Gefühle zu haben, eine Schwäche sei. Jedoch hättest du auch die Fähigkeit, sehr intensiv zu spüren, zu sehen und zu lieben. Er würde dir drei Kinder schicken. Du würdest sie lieben über alles. Mehr noch als andere Mütter. Er würde dir selten zwar, aber immer wieder, Menschen schicken, mit denen du Dinge erlebst. Und anhand der Erlebnisse würdest du Dinge verstehen. Im Buddha-Tempel würdest du zweifeln an der Lehre des Karmas, also würdest du einen toten Hund auf der Strasse finden. Im Katechismus würdest du verzweifeln an dem Unterschied zwischen lässlichen und Todsünden. In der katholischen Kirche würdest du verzweifeln an der Rolle der Frau und des Papstes.
Doch deine Kinderseele würde jedes Lied, das in der Kirche – die du viele Jahre jeden Sonntag besuchtest – abspeichern. Und jenen Liedern würdest du spät in deinem Leben wiederbegegnen. Und strahlend sie noch auswendig wissen. Die Glaubenslehre überstiege deinen Verstand, doch die Messe würde dich durch ganz andere Kanäle als deinen Verstand führen.
Und da die meisten Gottesdiener in der katholischen Kirche Männer sind, würdest du solchen guten begegnen, einem neuen Papst, einem Priester und anderem mehr. Du würdest zurückfinden zu deiner Kirche und die Messe würde zu deiner Quelle werden. Und du würdest, anstatt zu beten, anfangen zu schreiben. Und das sei dein Gebet.
Das Kind schwieg. Es dachte nach.
Kannst du mir das aufschreiben? Dann kann ich es lesen.
Ja sicher, die Betschwester schrieb es auf ein zerknülltes Papier, das sie sorgsam glattstrich und dem Kind unter das Kopftuch stecke.
Das Kind fragte: meinst du nicht, ich sei zu dumm, dies zu verstehen.
Aber Kind, sagte die Betschwester: Zweifle doch nicht so sehr. Du magst Dinge anders tun als andere, aber das darfst du auch. Und wenn du eines nicht bist, dann dumm. Liebes Kind, vielleicht wirst du irgendwann einsehen, dass Dummheit in gewissen Dingen das Leben einfacher macht. Und es dir gestatten. Der liebe Gott lässt dir ausrichten, dass er damit sehr einverstanden ist.
So Kind. Nimm dein Papier und komm mit mir. Auf dem Nachhauseweg zeige ich dir meine Kapelle. Wenn du willst kannst du immer, wenn du zweifelnd verzweifelst dahin kommen. Immer wenn du Angst hast, etwas falsch gemacht zu haben.
Dann spreche ich mit dem lieben Gott und erzähle dir, was er dazu meint. Komm mit mir, Dummerchen. Zärtlich strich die Betschwester dem Kind über die Wange. Es ist alles viel einfacher, als du glaubst.