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Mit Band I der Kleinen Schriften – also im Großen und Ganzen jener Texte, die es nicht zu eigenem eigenen Buch geschafft haben (eine Ausnahme finden wir) – gewinnt Jacobi an Profil für den heutigen Leser. Während die ersten drei Bände der kritischen Werkausgabe seine philosophischen Auseinandersetzungen mit dem Spinozismus einerseits, dem transzendentalen Idealismus andererseits beinhalten (aber immer mit Ausprägungen dessen, was Jacobi als Formen des Atheismus begreift), finden wir hier die kleineren Schriften aus der Zeit vor dem Erscheinen des Spinoza-Briefes an Mendelssohn, mit dem diese Auseinandersetzungen begannen.
Die hier versammelten Texte sind seriös, kenntnis- und umfangreich aufbereitet wie schon in den ersten drei Bänden, zum ersten Mal aber braucht auch der ‘Gelegenheitsleser’ den kritischen Apparat wirklich mit seinen Kommentaren zur Entstehungsgeschichte. Ohne diesen Apparat – vor allem die den Bemerkungen zu den einzelnen Texten voran gestellte Einleitung Über Jacobis Mitwirkung am Deutschen bzw. Teutschen Merkur bliebe so einiges unverständlich. Dieser Text fasst kurz die Geschichte der einstmaligen Freundschaft, nachmaligen Gegnerschaft von Wieland und Jacobi zusammen. Ohne Jacobis Mitwirkung hätte es die heute vor allem Wieland zugeschriebene Zeitschrift nicht gegeben; er steuerte einige Texte bei, und es war auch Jacobi, der den nachmaligen Star-Kritiker Merck auftrieb.
Zu den wichtigeren Texten der Kleinen Schriften I gehören:
- Ein auf Französisch geschriebenes Vorwort zu einer französischen Übersetzung von ein paar Werken seines Bruder Johann Georg. (Anonym erschienen; ‘Fritz’ Jacobi erwähnt mit keinem Wort, dass auch die Übersetzung von ihm stammt.)
- Eine (ziemlich wirre) Betrachtung über die von Herrn Herder in seiner Abhandlung vom Ursprung der Sprache vorgelegte genetische Erklärung der thierischen Kunstfertigkeiten und Kunsttriebe, in denen Jacobi sich in weiteren Erläuterungen zu einer nur am Rande von Herders Aufsatz gestreiften Frage verliert.
- Zwei Texte (Rezensionen für den Teutschen Merkur) zu Übersetzungen aus dem Chinesischen (u.a. Sun-Tsu) und einem Bericht über China (und Ägypten) von einem Mann, der nie in China gewesen war, aber die chinesische Künste und Philosophen (u.a. Konfuzius) gewaltig herunter machte. Diese Texte führten zu den ersten Rissen in Jacobis Freundschaft zu Wieland, war doch fremdenfeindliche Ton des Originals, den Jacobi unreflektiert in seine Rezension einfließen ließ, dem Herausgeber einigermaßen zuwider, der lieber einen unvoreingenommenen Bericht aus erster Hand gehabt hätte.
- Eine kurze, lobende Rezension eines heute unbekannten Werks von Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling, mit dem Fritz Jacobi und sein Bruder sich damals angefreundet hatten (ebenfalls für den Teutschen Merkur).
- Unter dem Titel Fragment einer Reise nach Spanien eine Übersetzung eines Textes von Beaumarchais, der über eine Begegnung mit einem spanischen Hochstapler namens Clavijo berichtet. Jacobi machte aus dem Clavijo einen Clavico. Goethe, der ebenfalls 1774 auf Beaumarchais’ Text aufmerksam geworden war, würde den Helden seines Dramas Clavigo nennen…
- An Mariane, eine erst viel später veröffentlichte nicht sehr positive Charakterstudie der Sophie von La Roche (die Wieland ausnehmend gefiel!).
- Briefe des Königs von Preußen [gemeint ist Friedrich der Große] an d’Alembert, in denen sich Friedrich so ganz als der mitfühlende Freund darstellt. Er hatte damit offenbar bei Jacobi einen Stein im Brett, der auf der andern Seite d’Alembert nicht mochte. (Viele solche Dinge gehen bei Jacobi übers Gefühl – auch sein Bruch mit Wieland war eine solche Sache des Gefühls.)
- Zwei politische Rhapsodien zeigen Jacobis Versuch auf, die deutschen Staaten vom Freihandel zu überzeugen, da nur dieser eine gesunde Volkswirtschaft garantieren könne.
- Es folgt Über Recht und Gewalt, oder philosophische Erwägung eines Aufsatzes von dem Herrn Hofrath Wieland, über das göttliche Recht der Obrigkeit, das nicht nur den endgültigen Bruch mit Wieland markierte, sondern auch Jacobis aufklärerisch-liberale Gesinnung offen legt. Eine Gesinnung, die mir, ehrlich gesagt, besser gefällt und die ‘moderner’ ist, als was Wieland zu dem Thema verfasste. Wo dieser nämlich noch rechtfertigt, dass die Fürsten ihre Gewalt über ihre Untertanen als von Gott verliehen betrachteten, hielt jener dagegen, dass diese „von Gott verliehene Gewalt“ nichts als einfach nur Gewalt war – ein Missbrauch des Rechts des Stärkeren, das jeder Räuber geltend machen könne. Jacobi wird das Thema kurze Zeit später in Etwas das Leßing gesagt hat wieder aufnehmen (das einzige der in diesem Band versammelten Werke, das als separates Buch erschienen ist) und in Gedanken Verschiedener bei Gelegenheit einer merkwürdigen Schrift dieses sein Etwas nochmals vertiefen. (Einer der Verschiedenen war übrigens Hamann.)
- Mit der kleinen Vignette An Voss. In einer Bibliothek, worin alle deutschen Kritiken befindlich waren versucht Jacobi, sich auf Voss’ Seite in den Streit einzumischen, den dieser mit Lichtenberg über die Aussprache des griechischen ‘ή’ austrug. Jacobi war das Thema wichtiger, als die eine Veröffentlichung dazu vermuten ließe. In den editorischen Bemerkungen werden Briefe zitiert – vor allem an Georg Forster –, in denen Jacobi versucht, weitere Personen in den Streit hinein zu ziehen. (Forster, nebenbei, lehnte das rundheraus ab – non sua res agitur.)
- Den Abschluss macht eine Rezension (mit übersetzten Auszügen) von Mirabeaus Streitschrift über die Lettres de cachet, abermals eine aufklärerische, schon beinahe revolutionäre Schrift.
Ein bunter Blumenstrauss also – aber in den meisten Fällen lesenswert. Lesenswerter auf jeden Fall als die Auseinandersetzungen mit Fichte und Schelling.
Friedrich Heinrich Jacobi: Kleine Schriften I. 1771-1783. Unter Mitarbeit von Mark-Georg Dehrmann herausgegeben von Catia Goretzki und Walter Jaeschke. (= ders.: Werke. Gesamtausgabe . Herausgegeben von Klaus Hammacher und Walter Jaeschke, Band 4,1 und 4,2). Hamburg: Meiner / Stuttgart-Bad Cannstadt: frommann-holzboog, 2006

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