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Sonnenuntergang
Yu Dafu
Aus dem Chinesischen von Christoph Lüscher
Qualifikationsübersetzung eingereicht am
Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich
Philosophische Fakultät I
Zürich, Mai 1999
Inhalt
Vorbemerkungen des Übersetzers *
Sonnenuntergang *
1. Biographie von Yu Dafu
Bei der Erstellung der nachfolgenden Biographie habe ich mich auf die umfangreiche Sammlung von Lebensdaten im Anhang von Yu Dafu (1990), auf Denton (1998), Rychmans (1963) und die Encyclopædia Britannica gestützt.
Yu Dafu wurde am 7. Dezember 1896 in Fuyang1 (Provinz Zhejiang) als dritter Sohn einer verarmten Grundbesitzerfamilie geboren. Sein Vater starb, als Yu Dafu das Alter von zwei Jahren erreicht hatte. Die Familie lebte in grosser Armut, dank des Fleisses und der Sparsamkeit der Mutter konnten dennoch alle drei Söhne in den Genuss einer höheren Schulbildung kommen. Nach einer klassischen Grundausbildung an verschiedenen Schulen in seiner Heimatprovinz folgte Yu Dafu 1913 seinem ältesten Bruder nach Japan, wo er nach Abschluss seiner Mittelschulausbildung zuerst Medizin, dann politische Wissenschaften an der Achten Hochschule von Nagoya und später an der Kaiserlichen Universität Tokio studierte. Während seines zehnjährigen Aufenthaltes in Japan entdeckte Yu Dafu die abendländische Literatur und las russische, deutsche, englische und französische Literaturwerke, sowie bekannte Bücher der Philosophie in grosser Zahl. In Japan erfuhr er auch, was es zu jener Zeit hiess, Chinese zu sein. Er fühlte sich durch den desolaten politischen und sozialen Zustand seines Heimatlandes und durch die Arroganz Japans gegenüber China gedemütigt. Diese Demütigung sollte später zu einer der Triebfedern seiner literarischen und politischen Aktivitäten werden. Sein relativ zügelloses Leben in Japan (er war Stammgast in zahlreichen Bars und Teehäusern) hielt ihn nicht davon ab, erste Versuche literarischen Schaffens zu unternehmen. Im Oktober des Jahres 1921 gipfelten diese in der Publikation seiner ersten Sammlung von Erzählungen, "Der Untergang" (Chenlun). Bereits im Juli dieses Jahres hatten Yu Dafu und Guo Moruo,2 die seit 1914 eine enge Freundschaft verband, zusammen mit anderen chinesischen Literaturschaffenden (u.a. Cheng Fangwu3) die Schöpfungsgesellschaft (Chuangzao She), eine der zwei bedeutendsten literarischen Vereinigungen der damaligen Zeit gegründet. 1922, nach seiner definitiven Rückkehr aus Japan, arbeitete Yu Dafu als Redaktor der "Vierteljahresschrift Schöpfung", der ersten Publikation der Schöpfungsgesellschaft - sein offizielles Leben als Literat hatte begonnen. Nebst seiner Arbeit für die Schöpfungsgesellschaft schrieb er Beiträge zu verschiedenen anderen literarischen Publikationen und verfasste zahlreiche Kurzgeschichten. Auch während einiger kurzer Anstellungen als Dozent in Anqing (Englisch), Beijing (Statistik) und Wuchang (Literatur) setzt er sein literarisches Schaffen und seine Arbeit für verschiedene literarische Publikationen fort. Ebenfalls in dieser Zeit schloss er Bekanntschaft mit Lu Xun.4 1926 fuhr er, vom revolutionären Enthusiasmus in Südchina angezogen, zusammen mit Guo Moruo nach Guangzhou und wurde Professor für Literatur an der Guangdong-Universität (später Sun Yatsen-Universität), auch weitere Mitglieder der Schöpfungsgesellschaft, sowie Lu Xun hatten dort Lehrstühle eingenommen. Bereits im November verliess Yu Dafu jedoch Guangzhou wieder, enttäuscht von der Realität der Revolution, deren Zeuge er geworden war. 1927, nach der Scheidung von seiner ersten Frau, mit der er 1920 auf Wunsch seiner Mutter eine arrangierte Ehe eingegangen war, vermählte er sich mit Wang Yingxia. Eine leidenschaftliche Liebe verband die beiden. Yu Dafus Kritik an den Zuständen, die er in Guangzhou beobachtet hatte, sowie seine Zweifel an den Aktivitäten Guomindang, löste einen Konflikt mit den kommunistisch orientierten Mitgliedern der Schöpfungsgesellschaft, insbesondere mit Guo Moruo und Cheng Fangwu aus, und führt schliesslich 1927 zum Bruch zwischen Yu Dafu und der Schöpfungsgesellschaft. In der Folge wurden seine Verbindungen zur Yusi-Gruppe um Lu Xun immer enger, er veröffentlichte mehrere Artikel in der Zeitschrift dieser Gruppe und redigierte mit Lu Xun zusammen die Monatsschriften "Strömung" (Benliu), sowie "Literatur und Kunst der Massen". 1930 wurde er auf einen Vorschlag von Lu Xun hin als Mitbegründer der Liga der linksgerichteten chinesischen Schriftsteller aufgestellt, zog sich aber kurz darauf wieder aus dieser Gruppe zurück, mit der Begründung, dass er als Abkömmling einer Kleinbürgerfamilie keine proletarische Literatur schreiben könne. Sein Engagement für den Widerstand gegen den japanischen Imperialismus nahm in dieser Zeit stetig zu. 1932-1936 lebte Yu Dafu in Hangzhou und war von dort aus weiterhin literarisch, aber auch politisch und propagandistisch aktiv. 1936 arbeitete er kurz für die Regierung der Provinz Fujian. 1937 trat er der Widerstandsbewegung gegen Japan bei und leistete Propagandaarbeit in Wuhan. Im Dezember des Jahres 1938 entschloss er sich, nach Singapur zu fahren, um effizienter Propagandaarbeit gegen die japanische Aggression betrieben zu können. 1939 wurde seine Entfremdung von Wang Yingxia offensichtlich, sie zog zu ihrem neuen Liebhaber, 1940 folgte die offizielle Scheidung. Die Flucht vor den japanischen Invasoren brachte Yu Dafu wenig später nach Singapur. 1942 musste er auch von dort wieder flüchten und gelangte nach Sumatra, wo er am 17. September 1945, kurz nach Ende des Krieges, durch die japanische Militärpolizei hingerichtet wurde. Vermutlich wollte diese verhindern, dass er sein Wissen über die japanischen Greueltaten in dieser Region publik mache.
2. Yu Dafu und die Literatur der 4. Mai-Bewegung
Yu Dafus Leben und Werk sind untrennbar mit der 4. Mai-Bewegung verknüpft. Diese Zeit des revolutionären kulturellen, politischen und sozialen Umbruchs, in der Kunstschaffende und Intellektuelle einen direkten Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen konnten, stellt einen der wichtigsten Wendepunkte auf Chinas Weg in die Moderne dar. In China wird Yu Dafu aber auch wegen seiner Aktivitäten während des Chinesisch-Japanischen Krieges als Volksheld verehrt.
Die Kurzgeschichten von Yu Dafu (vornehmlich diese gehören zu seinen wichtigsten literarischen Werken) tragen die charakteristischen Merkmale der während der 4. Mai-Bewegung entstandenen Literatur: sie brechen formal und inhaltlich mit den Klassikern, sind in der Umgangssprache ihres Autors (Baihua) geschrieben und orientieren sich teilweise an der abendländischen Literatur. Ebenfalls bedeutend ist die Konzentration auf das individuelle Schicksal der Protagonisten. Dennoch gehört Yu Dafu in gewisser Weise zu den Aussenseitern der 4. Mai-Bewegung: seine Protagonisten sind stets kränklich oder schwer krank, sie sind heruntergekommene Verlierertypen, die sich in introspektivem Selbstmitleid ergehen und von einer Depression in die nächste stürzen. Ihnen mangelt es vielleicht nicht am Willen, wohl aber an der Möglichkeit, mit revolutionärem Eifer und den neusten Ideologien bewaffnet den Weg in Chinas Zukunft mitzugehen, denn sie sind Suchende, die alles Alte verloren und noch nichts Neues gefunden haben, ihr Blick und ihre Äusserungen sind von Relativismus und Defätismus geprägt. Es sind vermutlich seine Affinitäten zu den Europäischen Romantikern und seine eigenen, teilweise erbärmlichen Lebensumstände, die es Yu Dafu ermöglicht haben, die Schattenseiten der schönen, neuen, individualistischen Welt, die sich damals in China ankündigte, zu antizipieren und in seinem literarischen Schaffen zum Ausdruck zu bringen.
3. Zum übersetzten Text
Der von mir übersetzte Text ist meines Wissens zwei Mal erschienen: erstmals am 16. September 1923 in der Ausgabe Nr. 19 der Wochenschrift Schöpfung (Chuangzao Zhoubao) und ein zweites Mal im Band 1 der "Gesammelten Werke von Yu Dafu", beide Male unter dem Titel "Luo Ri" (Sonnenuntergang). Anscheinend existieren bisher keine veröffentlichten Übersetzungen dieses Textes. In "Sonnenuntergang" klingen zahlreiche der Themen an, die Yu Dafu auch in anderen Kurzgeschichten der damaligen Zeit verarbeitet hat: Arbeitslosigkeit und armseliges Leben, das Gefühl der eigenen Nutzlosigkeit und das Gefühl der Verlorenheit, physische Krankheit und Depressivität, sowie romantisch getönte Männerfreundschaften. Dennoch wurde der Text bisher nie als "übersetzungswürdig" gewählt, was bei der grossen Zahl von Kurzgeschichten Yu Dafus, die immer noch auf eine Übertragung warten, nicht weiter verwunderlich erscheint.
Die Namen von Personen und Orten sind im Originaltext in mehreren Fällen mit einzelnen, lateinischen Buchstaben (z.B. "Y" oder "C") angegeben. Hierbei handelt es sich um eine Technik, die Yu Dafu vermutlich aus der Tradition des japanischen shishôsetsu übernommen hat. Es darf angenommen werden, dass die verwendeten Buchstaben in einem gewissen Zusammenhang zu real existierenden Personen und Orten stehen. So lassen sich zum Beispiel gewisse Parallelen zwischen der einen Hauptfigur, Y, und Yu Dafu selber ziehen (ich habe dies in zwei Fällen in der Übersetzung angemerkt). Es sei an dieser Stelle jedoch davon abgeraten, allzu direkte Zusammenhänge zwischen dem Autor des Textes und den darin beschriebenen Dingen anzunehmen, Yu Dafu hat selbst wiederholt auf das enge Zusammenspiel von Dichtung und Wahrheit in seinen Texten hingewiesen (Rusch 1994).
Was die Qualität meiner Übersetzung betrifft, werde ich nicht umhin kommen, anzumerken, dass meine Kenntnisse des Chinesischen überaus beschränkt sind (ich Studiere Sinologie im 2. Nebenfach am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich), dass ich aber dennoch nach bestem Wissen und Gewissen versucht habe, eine Übersetzung zu schaffen, die - möglichst nahe am Originaltext - eine sprachlich ansprechende Übertragung ins Deutsche darstellt.
4. Literatur
Cheng Po-chi (1959). "The Creation Society". Chinese Literature, 5, S. 156-159.
Denton, Kirk A. (1998): Yu Dafu. Syllabus zur Vorlesung, Internet: http://deall.ohio-state.edu/denton.2/ydf.htm.
Rusch Beate (1994). Kunst- und Literaturtheorie bei Yu Dafu. Dortmund: projekt verlag.
Rychmans, Pierre (1963). "Introduction a Yu Da-fu". France-Asie, 19, S. 773-779.
Yu Dafu (1990). Die Späte Lorbeerblüte. Beijing: Verlag für fremdsprachige Literatur.
Yu Dafu. "Luo Ri". Yu Dafu Wenji. Bd. 1, S. 260-270. HongKong: Huacheng Chubanshe.
Wörterbücher und Nachschlagewerke:
Chris Taylor et. al. (Hg. 1996). China. Hawthorn: Lonely Planet Publications.
Concise English-Chinese Chinese-English Dictionary (1992). Beijing: The Commercial Press, Oxford University Press.
Das Neue Chinesisch-Deutsche Wörterbuch (1993). Beijing: The Commercial Press.
Encyclopædia Britannica Online. Internet: http://www.eb.com.
Yu Dafu
Aus dem Chinesischen von Christoph Lüscher
1
Die Sonne wird bald hinter den Bergen verschwunden sein. Der klare Himmel des Frühherbstes glich den Augen einer Jungfrau. Je länger man ihn betrachtete, desto intensiver spürte man seine unermessliche Weite und seine ungetrübte Helligkeit. Auf dem Dach des Hochhauses der Firma W stehend konnte man sehen, wie sich ringsum die Dunstschwaden, einem Panorama gleich, aus der ganzen Stadt Shanghai erhoben, um sich im goldgelben Licht der untergehenden Sonne aufzulösen. Schaute man auf die Strasse zu seinen Füssen hinunter, konnte man zahllose Menschen erkennen, klein wie Ameisen, Wagen und Pferde, die sich an der Strassenkreuzung durcheinanderwanden. Dann und wann drang Lärm aus dem Geschäftsviertel herüber und ein schwacher, kühler Wind strich herauf. Eine Atmosphäre, die - man weiss nicht aus welchem Grund - die Menschen unweigerlich auf traurige und weinerliche Gedanken bringt.
Die beiden - Y und C - hatten die lärmige Menschenmenge verlassen und standen nun alleine auf dem höchsten Stockwerk des Daches. Dort stiegen die schalen Gefühle dieses frühherbstlichen Sonnenunterganges in ihnen auf. Weil es auf diesem Stockwerk keine Vergnügungseinrichtungen gab, gelangten nur wenige Besucher hierher. Ab und zu stiegen dennoch einige Männer und Frauen aus den unteren Stockwerken zu ihnen herauf. Sobald sie aber bemerkten, dass die beiden nicht leicht von ihrem Platz wegzubewegen waren, warfen sie ihnen erstaunte Blicke zu und gingen wieder, sie ganz ihrer Musse überlassend.
Dort stehend hörten die beiden das Ausklingen der chinesischen Musikinstrumente und das schallende Gelächter der Zuhörer aus der Vergnügungshalle im Stockwerk unter ihnen; dies liess ihr Gefühl der Einsamkeit noch unerträglicher werden. Als Folge einer sechsmonatigen Arbeitslosigkeit und einer langwierigen Krankheit hatte Y oft einen niedergeschlagenen Ausdruck im Gesicht. Der frühherbstliche Sonnenuntergang, die Dunstschwaden, die sich in alle vier Himmelsrichtungen erhoben und in die er von diesem hohen Ort aus starrte, machten ihm die Trostlosigkeit seines Schicksals bewusst - eine Träne rollte über seine Wange und er brachte kein Wort über die Lippen. Rechts von Y stand der junge C. Weil seine Sommerferien zu Ende waren, würde er in einigen Stunden nicht umhin kommen, Shanghai zu verlassen und mit dem Ozeandampfer nach N zu fahren, wo er die Mittelschule besuchte. Der Wind überstrich seine blassroten Wangen und seine Augen, klar wie ein Bergbach, waren in die Ferne gerichtet. In seinem Herzen spürte auch er die Vibrationen einer grenzenlosen Trostlosigkeit.
Nachdem sie noch eine Weile schweigend dagestanden hatten, ergriff C plötzlich die Hand von Y und sprach:
"Lass uns nach unten gehen. Wenn ich noch einen Moment länger hier stehenbleibe, fühle ich, wird mein Kopf wahrscheinlich zerspringen."
Y wandte sich zu C hin und sah, wie ihn dieser unter Tränen und mit einem wehmütig bittenden Ausdruck in den Augen anschaute. Aus dem Gesichtsausdruck von C las er plötzlich die Trostlosigkeit jenes Jungen, seine grenzenlose Liebenswürdigkeit. Er strich über das Gesicht von C und nahm ihn fest in die Arme.
2
Der Bruder von C war ungefähr im selben Alter wie Y. Im Sommer des letzten Jahres, kurz bevor er (der Bruder von C)5 nach Amerika abreisen wollte, war Y aus Japan zurückgekehrt.6 Zu jener Zeit wohnten C und sein Bruder nur ein paar Schritte von Ys Haus entfernt. Deshalb hatten Y, C und der Bruder von C oft Kontakt miteinander. C wurde seit dem ersten Mal da er Y begegnet war unbewusst, aber stark von diesem beeinflusst. Nachdem sein Bruder das Schiff nach Amerika bestiegen hatte, bestand er die Aufnahmeprüfungen der Mittelschule C in N. Als die Zeit gekommen war, sich von Y zu trennen, vergoss er jedoch viele Tränen. Y glaubte, dass C, fast noch ein Kind, die Einsamkeit fürchte. Deshalb suchte er ihn kurz vor dem Abschied mit vielen tröstenden Worten zu beruhigen. Durch die Beteuerungen von Y fühlte sich C jedoch nur noch schmerzlicher verletzt. Bei der Trennung klammerte er sich unversehens an die Kleider von Y und weinte.
Nachdem C nach N gegangen war, ging Y nach A,7 um ein halbes Jahr lang dort zu unterrichten. Ende des vergangenen Jahres wurde Y wegen der Missgunst eines Arbeitskollegen, der Rektor werden wollte, gekündigt, und er kam nach Shanghai zurück, um müssig herumzusitzen. Er wohnte in Shanghai, fand jedoch bis in den Sommerferien dieses Jahres keine angemessene Arbeit.
Zu jener Zeit hauste er in einem Dachzimmer, einem Rattenloch im Slum von Shanghai. Eines Morgens im Sommer lag er dort auf dem Bett und beschäftigte sich mit der grossen Frage: "Wie wird der heutige Tag wohl vorübergehen?" Da platzte plötzlich C in sein Zimmer. Y, aus seiner Hilflosigkeit gerettet, stürzte sich hastig in seinen zerschlissenen Mantel und ging mit C einen ganzen Tag herumstreunen - tatsächlich war C zurückgekommen, um hier die Sommerferien zu verbringen.
3
"Wie vertrödelt man einen langweiligen Tag?" Für den nun arbeitslosen Y war dies zu einer gehaltvollen Frage geworden. Als er am Ende des vergangenen Jahres nach Shanghai zurückgekehrt war, hatte er sein Gehalt aus A noch nicht aufgebraucht. Er brauchte also bloss Geld auszugeben, um seine Langeweile zu vertreiben. Den ganzen Tag fuhr er mit der Erstklass-Strassenbahn, mit einem geschäftig wirkenden Gesichtsausdruck, aber ohne in Wirklichkeit irgend etwas zu tun zu haben. Er fuhr oft ziellos mit der Strassenbahn umher, immer am vordersten Fenster sitzend, von wo aus er die Geschäftsstrassen der Innenstadt wie Wasser auf beiden Seiten vorbeifliessen sehen konnte. Manchmal, wenn er es satt hatte, die Geschäftsstrassen zu betrachten, wandte er seinen Blick den westlichen oder chinesischen Frauen in der Strassenbahn zu, ihren Taillen, Schultern, Brüsten, Rücken, Waden und Füssen. Nachdem einige Tage so vergangen waren, bemerkte er, dass einige Billetverkäufer und Kondukteure in den Strassenbahnen sein Gesicht zu erkennen begannen. Sobald er einstieg, schauten sie ihn mit einem seltsamen Blick an. Von da an wagte er es nicht mehr, die Strassenbahn zu nehmen und fuhr statt dessen mit der Rikscha. Doch weshalb sollten die Billetverkäufer und Kondukteure ihn auch erkennen? Dies war nur eine Einbildung, eine Auswirkung seiner Nervenschwäche, weiter nichts. Danach fuhr er während mehrerer Tage mit der Rikscha und liess sich einige Male grundlos zum Bahnhof bringen, als ob er dort von jemandem Abschied nehmen wollte. Manchmal mietete er mitten in der Nacht eine Rikscha und fuhr damit zum Huangpu-Ufer,8 wo die Schiffahrtsgesellschaften ihre Piers hatten. Dort stieg er auf die von Lichtern erhellten, mit lärmigen Reisenden gefüllten Schiffe, die zur Abfahrt bereit lagen. Nachdem wieder ein paar Tage vergangen waren, fürchtete er - wegen seiner überempfindlichen Nerven -, dass auch die Rikschafahrer ihn jetzt erkennen würden. Daher nahm er fortan überhaupt keine Strassenfahrzeuge mehr, sondern ging langsam zu Fuss. In Gedanken gab er seinen Unternehmungen ein paar schöne Namen. Erstere nannte er "flüchtige Betrachtungen", letztere nannte er "Wanderungen". Wenn er den Ort, wo sie stattfanden, zum Kriterium machte, konnte er die "Wanderungen" in "Stadtreisen" und "Vorstadtreisen" unterteilen. Wenn er die Aktivitäten, die er dabei entwickelte, zum Kriterium machte, konnte er die "Wanderungen" in "geschäftige Reisen ohne Anlass" und "Essensreisen" unterteilen. Die "geschäftigen Reisen ohne Anlass" bestanden für ihn darin, müssig herumzuriesen, dabei aber - um die Mitreisenden auf der Strasse zu täuschen - absichtlich überaus geschäftig zu wirken. Die "Essensreisen" bestanden für ihn darin, nachts, nachdem alle schon zu Bett gegangen waren, oder am Tag an einem entlegenen Ort, auf menschenleeren Strassen zu schlendern und zu essen. Im Sack Karamelbonbons, Erdnussbonbons, Mandarinen und dergleichen mehr.
Die Tage vergingen. Das Geld, das er am Kopfende seines Bettes aufbewahrte, ging langsam zur Neige. Die Wertsachen, die er auf sich trug, verschwanden ebenfalls Stück für Stück. Infolgedessen änderten sich auch die Zeiten und Orte seiner "Wanderungen". Er wagte es nicht mehr, tagsüber die lebhaften Strassen mit den Läden auf beiden Seiten zu besuchen, denn sobald er sich dort einen Augenblick umsah, spürte er, dass ihn jemand anschaute, als ob er ein kleiner Dieb oder ein Müssiggänger wäre. Dann warf er sich jeweils in die Brust, betrat einen Laden und kaufte, was ihm gerade in die Hände fiel. Erst wenn er dies getan hatte, fühlte er sich wieder ruhiger. Aus diesem Grund war es für ihn sehr gefährlich, sich die Läden anzuschauen, wenn er kein Geld hatte. Eines Tages, er war gerade dabei eine Strasse auf und ab zu gehen, warf ihm die Verkäuferin eines Tabakgeschäfts einen zufälligen Blick zu. Eilig betrat er jenes Geschäft und kaufte eine grosse Zahl von Zigarren, die er eigentlich gar nicht gerne rauchte. Zwei Monate nachdem er aus A nach Shanghai zurückgekehrt war, hatte er sein Geld bereits aufgebraucht. Deshalb unternahm er von nun an seine "Wanderungen" am Tag nur noch an entlegenen Orten. Erst abends, wenn alle anderen schliefen, wagte er sich auf die Strasse.
Nach einem halben Jahr hatte er alle seine Methoden, die Zeit zu vertrödeln, eine nach der anderen durchprobiert. Deshalb waren sein Geld und seine Wertsachen schon aufgebraucht, als der Sommer dieses Jahres anfing. Der mühseligste Gedanke, der ihn jeweils schon frühmorgens beim Aufstehen beschäftigte, war die Frage: "Wie vertrödle ich einen Tag wie den heutigen?"
4
Frühmorgens an jenem Tag, da er auf dem Bett liegend mit seinen Tagesplänen beschäftigt war, und der junge C plötzlich in sein Zimmer gestürzt kam, fühlte er sich sehr glücklich. Da nun C, den er so lange nicht mehr gesehen hatte, gekommen war, würde er heute nicht nur in den Tag hineinleben können, sondern von C auch viele Neuigkeiten über ihre gemeinsamen Freunde zu hören bekommen. Nachdem er nach Shanghai gekommen war, blieb Y wie vom Erdboden verschluckt. Seine Freunde wussten nicht, wo er wohnte, und er selber war zu faul, Briefe zu schreiben. "Wie geht es wohl dem Bruder von C?" und "Wie geht es wohl seinen Mitschülern und Freunden aus derselben Provinz in der Mittelschule C in N?" waren Dinge, die er zwar wissen wollte, aber unmöglich erfahren konnte. Wenn er einige seiner Wertsachen verpfändete und so zu etwas Geld kam, widmete er sich eiligst seinen "flüchtigen Betrachtungen" und seinen "Wanderungen", ohne sich die Zeit zu nehmen, an seine alten Freunde zu denken. Wenn er sein Geld aufgebraucht hatte, dachte er zwar an seine hart arbeitenden Freunde, da ihm aber nun das Geld für Briefpapier, Couverts und Marken fehlte, konnte er zwar umsonst an sie denken, jedoch keine Briefe mehr schreiben. Noch während er seine Kleider anzog - C war eben erst gekommen -, fragte er unaufhörlich: "Wie geht es Soundso, wie geht es Soundso?" Kaum war er mit dem Anziehen seiner Kleider fertig, drängte ihn C eiligst zum Gehen. Denn in dem Zimmer, klein wie eine Streichholzschachtel, gab es keine Stühle zum Sitzen. An allen vier Wänden waren unzählige westliche Bücher aufgeschichtet, die sich nicht verkaufen liessen. Im Zimmer hing ein fauliger Geruch, der von den alten Büchern ausging und kaum auszuhalten war.
Es war einer jener klaren und heissen Tage der ersten Juniwochen, als Y, abgezehrt und ausgemergelt, in Begleitung von C die Strasse betrat und in die gleissend helle Sonne blickte. Plötzlich wurde ihm schwindlig vor den Augen und er fiel zu Boden. C half ihm mühselig auf die Beine und wartete, bis er sich erholt hatte. Als sie weitergehen konnten, fragte er ihn:
"Wie konntest du nur in diese missliche Lage geraten?"
Y, die winzige Spur eines Lächelns auf den Lippen, schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. C wusste aufgrund dessen, was er in jenem Zimmer gesehen hatte und aufgrund von Ys skeletthafter Erscheinung schon längst, dass dieser unterernährt war. Aber aus Angst, Ys Traurigkeit noch weiter zu steigern, konnte er dies nicht unmittelbar aussprechen. Also gingen die beiden ein Stück weiter. Als sie bei einer Strassengabelung angekommen waren, stieg in C plötzlich der Wunsch auf, Y zu einem reichhaltigen Essen einzuladen. Sofort blieb er stehen und sagte zu ihm:
"Du, Y, ich bin eben von der Schule zurückgekommen und das Reisegeld, das sie mir zu Hause gegeben haben, ist noch nicht aufgebraucht. Heute lade ich Dich zum Essen ein und nach dem Essen gehen wir in die Oper. Lass uns einmal das Leben in vollen Zügen geniessen!"
Y starrte ihn einen Moment lang ausdruckslos an, auf seinem fahlgelben Gesicht erschien plötzlich ein rötlicher Schimmer. Wenn er Geld hatte, liebte er es normalerweise, damit um sich zu werfen. Besonders gerne amüsierte er sich dann jeweils zusammen mit seinen besten Freunden. Jetzt, da er sein Geld aufgebraucht hatte, würde er hingegen nicht umhin kommen, die Unterstützung dieses jungen Freundes zu akzeptieren. Aber die Familie seines kleinen Freundes war auch nicht begütert und Geld hatten sie auch nicht viel. Er zögerte einen Moment, wollte das Angebot annehmen, letztendlich brachte er es aber nicht übers Herz. Unbeweglich stand er drei, vier Minuten da und sagte schliesslich entschlossen:
"Gut, gut, lass uns einen Tag geniessen! Aber ich muss einem Freund noch ein Kleidungsstück zurückbringen, das ich bei mir zu Hause vergessen habe. Ich bitte Dich, hier auf mich zu warten, bis ich es zurückgebracht habe."
5
Y liess C im Baumschatten des Bürgersteigs an der Strassengabelung warten, lief eiligst in sein Zimmer zurück, nahm drei Sommeranzüge, die ihm seine Familie kürzlich geschickt hatte, brachte sie in ein nahe gelegenes Geschäft, das er oft besuchte, verpfändete sie für einige "Kuai"9 und lief schliesslich wieder zur Stelle zurück, wo C stand. Sein ganzes Gesicht war von öligem Schweiss überströmt, er atmete hastig und keuchend, sprach aber gleichzeitig zu C:
"Entschuldige, entschuldige, ich liess dich so lange warten."
Y und C fuhren mit der Strassenbahn in den Park P, wo sie zuerst einige Stunden umherschlenderten und später im Restaurant des Parks zwei Flaschen Bier, eine Flasche Limonade und einige Schalen mit Speisen zu sich nahmen. Y, satt und leicht beschwipst, gewann augenblicklich seine Vitalität zurück und begann, lauthals seinem Unmut Luft zu machen; vor C, der - gleich einem neugeborenen Küken - vom Lauf der Welt und von dem, was wirklich in der Gesellschaft geschah, keine Ahnung hatte. Auch wenn C die Worte von Y nicht verstand, nahm er doch sein zorniges Gesicht, das einmal blau, einmal rot anlief, seine blutunterlaufenen Augen und sein absichtlich verstelltes, lautes und gepresstes Lachen wahr und so fühlte auch er sich bald sehr niedergeschlagen. Nachdem Y seinem Unmut Luft gemacht hatte, ging er alleine zum Fenster, blieb dort einen Moment stehen, wischte sich mit einer Hand schweigend die Tränen aus den Augen, blickte stumm ins Sonnenlicht vor dem Fenster, auf die von der Sonne beleuchtete Grünanlage und auf die Ziegeldächer und Flussläufe, die das Sonnenlicht aus grosser Entfernung herüberspiegelten. Der Drang, das alles zu verfluchen, stieg in ihm auf. Ein Augenblick später - einige kühle Windstösse wehten herüber - verflog auch jener Drang wieder und sein Kopf wurde völlig leer. Es vergingen noch einige Minuten, bis er sein volles Bewusstsein und seine normale Verfassung wiedergewonnen hatte. Er spürte, dass seine Erregung nun abgeklungen war und ging alsbald zu seinem Sitzplatz zurück. C starrte immer noch mit wässrigen Augen und gesenktem Kopf ausdruckslos vor sich hin. Als Y den Trübsinn des jungen C bemerkte, begann er sich seinerseits traurig zu fühlen und rief ihn daher sehr sanft an:
"C! Was sitzt du so bedrückt da? Das ist mein Fehler, ich sollte dich nicht mit diesen langweiligen Gedanken belasten - komm, gehen wir nach unten! Gehen wir in die Oper!"
Y bezahlte das Essen und die Getränke, sie verliessen das Restaurant, bestiegen direkt ausserhalb des Parks eine Strassenbahn und fuhren zur Bühne K, um sich die Oper anzusehen.
6
Es war ein Samstag, im Opernhaus standen die Menschen dichtgedrängt, und die beiden sahen sich gezwungen, zwei Karten der teuersten Kategorie zu kaufen. Durch die Menschenmenge zwängten sie sich nach vorne. Die Tagesoper hatte schon lange begonnen, als Y und C ihre Plätze einnahmen. Dort sassen sie, eingeklemmt zwischen den Söhnen nobler Familien und den Frauen aus reichem Hause, die allesamt feine Seidenkleider trugen. Y wurde unvermittelt von einer bedrohlichen Angst erfasst, als ob er plötzlich in einen Raum geraten wäre, wo er nicht hingehört. Langsam seine Erregung unterdrückend, starrte er ein paar Minuten lang auf die Bühne. Y überkam ein starkes Gefühl der Einsamkeit, ununterbrochen zwang sich ihm ein Gedanke auf:
"Ah, in diesem unermesslichen Menschenmeer, wer ist da mein intimster Freund? Wer ist mein Beschützer? Rings um mich sitzen zwar unzählige junge Männer und Frauen, aber sie alle haben nichts mit mir zu tun. Ich fühle mich wie in einer gewaltigen Wüste!"
Auf der Bühne erklangen die schrillen Saiteninstrumente, der Lärm der Bronzegongs und Trommeln verstummte für einen Augenblick. Mit angestrengter Aufmerksamkeit blickte er auf die Bühne und sah, wie Liu Zhang,10 nachdem er eine anmutig traurige Koda zu Ende gesungen hatte, in der verlassenen Stadt tief aufseufzte und sich mit dem Ärmel die Augen trockenwischte. Da rollten auch ihm unbewusst und lautlos einige Tränen über die Wangen. Nachdem er "Qu Chengdu"11 zu Ende gehört hatte, fühlte sich Y, als ob die unerträgliche Leere um ihn herum auf ihn hereinbrechen wolle. Die Oper konnte seine Stimmung nicht verbessern, vielmehr fühlte er sich, je länger er zuhörte, desto betrübter und drängte daher C zum Verlassen des Opernhauses. C, der, anders als die anderen Jugendlichen, überaus sanftmütig war, folgte Y nach draussen, obwohl er die Oper über alles liebte.
An diesem Abend bummelten sie, ab- und zu etwas essend, bis spätnachts um ein Uhr. Erst dann trennten sie sich und C ging zurück zu einem Freund schlafen. Y schlich langsam und alleine in sein Vogelkäfig-Zimmer zurück.
7
Der Heimatort von C liegt am Ostufer des Huangpu. Zwei Tage nachdem er sich an jenem Abend von Y verabschiedet hatte, kehrte er für zwei Monate dorthin zurück. Während dieser zwei Monate ging es Y gesundheitlich schlecht und daher schrumpfte die Strecke, die er anlässlich seiner "Wanderungen" zurücklegte, Tag für Tag. Überdies war er meist erst in der Zeit nach zwei Uhr nachts unterwegs.
Gestern Morgen kam C schon früh ins Zimmer von Y und sprach:
"Schläfst du noch? Schlaf doch! Die Sommerferien sind zu Ende, ich bin heute aus meinem Heimatort zurückgekehrt und will morgen mit dem Schiff nach N fahren."
Y wechselte schlaftrunken einige Sätze mit C, döste aber gleich darauf wieder ein. Als er zum zweiten Mal wach wurde, realisierte er, dass C ihn von der Bettkante aus beim Schlafen beobachtete. Er öffnete die Augen, blickte in das lächelnde Gesicht von C und empfand unvermittelt ein Gefühl der Dankbarkeit und Zuneigung. Er setzte sich im Bett auf und klopfte C ein paarmal auf die Schulter. Er empfand zu C die Intimität einer Blutsverwandtschaft, war jedoch unfähig, ihm dies zu zeigen.
Obschon sich Y seit dem Beginn seiner Arbeitslosigkeit am Ende des letzten Jahres zunehmend von seinen Freunden entfremdet hatte, hoffte er insgeheim dennoch, dass einige von ihnen kommen würden, um seine Einsamkeit zu lindern. Später, nachdem er einige Male mit Freunden zusammen gewesen war, die es in der Gesellschaft ein bisschen zu etwas gebracht hatten, realisierte er, dass diese sich ihm gegenüber stets ein wenig vorsichtig und distanziert verhielten und er konnte gleichzeitig ein gewisses Gefühl der Antipathie gegen sie nicht unterdrücken. War er jedoch mit einem armseligen und arbeitslosen Freund zusammen, dann verschmolzen die traurigen Gefühle dieses Freundes und seine eigenen traurigen Gefühlen ineinander und verdoppelten die Traurigkeit beider. Deshalb zog er sich einfach in einen Winkel seines betrübten Geistes zurück und wollte nicht mehr mit der Aussenwelt in Kontakt treten. In dieser fast trostlos einsamen Gemütsverfassung kam ihm C, dem noch ein Hauch von kindlicher Unberührtheit anhaftete, gerade recht. Weder war C ihm gegenüber zwanghaft distanziert, noch hatte er jene Mutlosigkeit, die durch die Verarmung verursacht wurde. Daher fühlte sich Y, wenn er mit C zusammen war, jeweils wie in einer anderen Welt. Ferner hatte der kindliche C eine seltsame charakterliche Eigenart: genau wie ein zahmer Hund liess er sich jeweils nur widerwillig von Y trennen.
Gestern morgen, nachdem Y aufgestanden war, sich angezogen und das Gesicht gewaschen hatte, ging er nochmals mit C hinaus, um am Wusong-Ufer12 eine Zeitlang zu bummeln. Am Nachmittag kehrten sie nach Shanghai zurück und vertrödelten die Zeit bis Mitternacht in der Vergnügungshalle. Bevor sie sich danach an der Strassengabelung verabschiedeten, verabredete sich C wieder mit Y:
"Morgen früh komme ich dann nochmals zu dir!"
8
Die Sonne war nur noch wenige Meter von der östlichen Linie des Horizontes entfernt. Die Dunstschwaden aus der ganzen Stadt Shanghai, die man vom Dach der Firma W aus sehen konnte, hatten ihre Farbe verändert. Überall entstanden blassviolette Dunstschleier, die sich wie feine Gaze über die schmutzige Stadt legten und sie verschwommen und schön erscheinen liessen. Auf dem Dach, in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne standen Y und C - ein jeder in seine eigenen, traurigen Gedanken versunken - und starrten in die Ferne. Aus grosser Höhe sank ein sanfter Wind herab, blies durch ihre dünnen Kleider und stach ihnen ins Herz.
"Ach, es ist schon Herbst!"
Die beiden hatten dieses Gefühl fast gleichzeitig gehabt. Sie standen noch eine Weile schweigend da, C betrachtete das grosse, rote Sonnenrad, das nur noch knapp über dem Horizont langsam verblasste. Plötzlich warf er sich schutzsuchend an Ys Brust, ergriff fest seine Hand und sprach mit traurig zitternder Stimme:
"Ich... wenn ich diesmal gehe, weiss ich nicht, wann ich wieder mit dir zusammensein kann! Du... wirst du in den Winterferien noch in Shanghai sein?"
Y blieb einige Sekunden lang still und begann dann schleppend und mit einem schweren Tonfall, gleich dem leisen Schlagen auf einer mit Stoff bedeckten, grossen Trommel zu sprechen:
"Ich bin krank. Wenn du wieder nach Shanghai kommst, wer weiss, ob ich dann noch am Leben bin?"
"In diesem Fall reise ich heute nicht ab, ich will mit dir noch einen Tag verbringen."
"Und wenn wir noch zehn Tage miteinander verbringen ist es Dasselbe, du kennst doch das Sprichwort aus dem alten Buch? Es lautet: ,Auf Erden, wo gibt es da Festessen, die nicht zu Ende gehen?` Wir Menschen können letzten Endes keinen Widerstand gegen die Vorsehung des Schicksals leisten!"
Die Augen von C wurden plötzlich rot und wässrig, er drückte seinen Kopf an Ys Brust und rief wie ein unfolgsames, trotziges Kind immer wieder:
"Ich gehe nicht, ich gehe nicht, auf keinen Fall gehe ich, ..."
Y strich ihm sanft über die Schultern und tröstete ihn mit zitternder Stimme:
"Du steigst in das Schiff! Hast du heute nicht schon einige Stunden mehr mit mir verbracht? Ohne diese Warenladung wäre das Schiff bereits nachmittags um drei abgefahren. ... Gehen wir nach unten! Essen wir etwas süsses, ich begleite dich dann zum Schiff, jetzt ist es schon fast sieben Uhr."
C blieb hartnäckig und war nicht bereit, nach unten zu gehen. Wortreich ermutigte und tröstete ihn Y, bis sie schliesslich langsam vom höchsten Stockwerk des Daches der Firma W hinunterstiegen.
Die dunklen Schatten der Abenddämmerung krochen bereits aus allen Winkeln empor. Nachdem die beiden langsam die Treppe hinuntergegangen waren, herrschte auf diesem Stockwerk des Daches völlige Stille. Der Wind blies feinen Staub herauf. Die verschiedenen Geräuschfetzen, die vom Wind aus dem Geschäftsviertel herauf an diesen hohen Ort getragen wurden, nahmen ebenfalls eine weinerliche Tönung an, während sie um das menschenleere Dach strichen. Das Abendrot war verschwunden, nur einige elektrische Lampen erleuchteten die Finsternis des leeren Raumes. Es war die Zeit, in der Tag und Nacht aufeinanderstossen.
10. September 1923, Shanghai
Anmerkungen
1 Fuyang liegt ca. 20 Kilometer südwestlich der Stadt Hangzhou.
2 Guo Moruo (1892-1978), einer der wichtigsten und vielseitigsten Schriftsteller und Übersetzer des modernen China.
3 Cheng Fangwu (1897-1984), chinesischer Literaturkritiker und Schriftsteller.
4 Lu Xun (1881-1936), wird oft als "Vater der modernen chinesischen Literatur" bezeichnet.
5 Im Originaltext in Klammern.
6 Yu Dafu ist im Juli 1922 von seinem 10-jährigen Studienaufenthalt in Japan nach Shanghai zurückgekehrt (Yu Dafu 1990).
7 Yu Dafu hat im September 1922 seine Stelle als Direktor der Fachrichtung Englisch der Öffentlichen Fachschule für Rechts- und Staatswissenschaft Anhui in Anqing wiederaufgenommen, im April 1923 kehrte er dann nach Shanghai zurück, wo er die Redaktion der Zeitschriften der Schöpfungsgesellschaft übernahm (Yu Dafu 1990).
8 Der Huangpu durchfliesst den östlichen Teil der Stadt Shanghai und ist eine wichtige Schiffahrtsverbindung zum Meer.
9 Kuai, umgangssprachlich für Yuan, chinesische Währungseinheit.
10 Liu Zhang (?-219), Liu Zhang bat 211 Liu Bei (162-223) um militärische Hilfe, da er befürchtete, dass ihr ehemals gemeinsamer Freund Cao Cao sein Reich, das heutige Sichuan, einnehmen würde. Liu Bei sagte zu, wandte sich dann aber gegen Liu Zhang und eroberte dessen Reich (Rusch 1994).
11 Qu Chengdu bedeutet "Chengdu einnehmen", vermutlich handelte es sich beim gegebenen Stück um die Adaptation einer Episode aus der Zeit um 210 n. Chr. (siehe obige Fussnote).
12 Wusong, ein kleinerer "Stadtfluss" von Shanghai.

Author: Christoph Lüscher, Year: 1999
Institution: University of Zurich
Location: http://christophluescher.ch/old/Luori.html