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Willi Dolder (1941) wuchs in Schaffhausen auf, erlernte den Beruf eines kaufmännischen Angestellten und wollte, wie er sagte, seit seiner Geburt nach Afrika um Tiere und Landschaften zu fotografieren. 1966 war es dann so weit: zusammen mit seinem Bruder Heinz und einem betagten VW-Bus reiste er für sechs Monate nach Ostafrika. 1969 erschien sein erstes Buch „Ruf der Tiere“ und 1971 hängte er seinen Brotberuf, Buchhalter in einem Zeitschriftenverlag, an den berühmten Nagel und schlug sich fortan und für die nächsten 50 Jahre als freischaffender Autor, Journalist, Reiseleiter und Fotograf durchs Leben. In dieser Zeit sind rund 70 Bücher entstanden und einige Hunderttausend Bilder. Nach wie vor reist er jedes Jahr nach Afrika, das seine zweite Heimat geworden ist.
Christian Heeb: Ich kenne Dich ja nun auch schon ein paar Jahre. Wir wohnten beide in den neunziger Jahren kurz in St. Gallen. Damals hast Du schon geklagt, dass die Verlage nichts mehr zahlen, während wir noch wie verrückt Aufträge erfüllten. Wie gut war das denn in den goldigen Zeiten? Stimmt es, dass etwa der Silva Verlag problemlos 60’000.- Sfr. zahlte für ein Buch?
Willi Dolder: Silva hat, verglichen mit anderen Verlagen, immer anständig bezahlt. Für Texte und Bilder haben wir, meine Frau Ursula und ich, im Allgemeinen Honorare um die 50’000 Sfr. erhalten. Damit konnte/n man/wir gut leben und unsere Reisen finanzieren. Es gab andere, deutsche Verlage, die entweder Pauschalhonorare offerierten oder aber eine prozentuale Beteiligung an den Verkäufen; diese lag üblicherweise bei 10% des Buchpreises und wurde einmal im Jahr ausbezahlt. Natürlich wurden nur die verkauften Exemplare abgerechnet. Wir haben uns fast immer für eine Pauschale entschieden. Für Bildbände lag diese, je nach Verlag und Erstauflage, zwischen 20’000.- und 30’000.- Sfr. bzw. DM. Später, in den Neunzigern, begannen die Verlage zu sparen und die Honorare zu drücken. Ich erinnere mich an einen grossen Verlag in München, der auf Bildbände spezialisiert war. Er bot mir für 50 „Spitzenbilder“ aus Afrika, wie er sich ausdrückte, 750.- DM, also 15.- DM pro Bild – und erwartete dafür die Exklusivrechte… Wir sind mit den Leuten nicht ins Geschäft gekommen!
Christian Heeb: Du hast zwar auf der ganzen Welt fotografiert aber eigentlich bist Du immer in Afrika unterwegs. Warum das?
Willi Dolder: Für Afrika habe ich ein Leben lang geschwärmt. Ich wollte, so weit ich zurück denken kann, die Tiere in den Savannen, Urwäldern und Wüsten fotografieren. Es zeigte sich allerdings, dass man mit Bildern afrikanischer Tiere keine Reichtümer anhäufen konnte. Da ich vom Verkauf meiner Bilder leben wollte, musste ich, wie man so schön sagt, diversifizieren, d.h. ich habe mich Themen zugewandt, die mit Tierfotografie wenig bis nichts zu tun hatten. So machten wir Reiseführer bzw. Kunst- und Kulturführer, aber auch sogenannte „Länderbände“, z.B. über Kenia, Jugoslawien und Indien einerseits und anderseits Bücher mit Titeln wie „Die schönsten Wildreservate der Welt“, „Naturschätze der Welt“, „Kreta und Zypern“, „Farbiges Europa“ und ein Buch mit dem Titel „1000 Bagger und andere Baumaschinen“! So kamen im Laufe der Zeit an die 70 Titel zusammen, die zum Teil beachtliche Auflagen – 100 000 und mehr Exemplare – erreichten.
Christian Heeb: War für Dich der Umstieg auf die digitale Fotografie schwer?
Willi Dolder: Nein, überhaupt nicht. Das einzige Problem waren in den Anfängen der digitalen Fotografie die Preise der Kameras, die in den ersten Jahren zwischen 3’000.- und 6’000.- Sfr. lagen. Und das bei Kameras, die Bilder mit einer Auflösung von 5 bis 6 MB lieferten. Ich habe, nachdem ich mir eine Digitalkamera gekauft hatte – es war 2002 oder 2003 – nie wieder eine einzige analoge Aufnahme gemacht. Wenn wir zu „analogen“ Zeiten mit 300 oder 400 Filmpatronen nach Afrika, Asien oder Australien reisten und oft mit dem Gewicht der Filme und mit den Zollbehöreden vieler Länder Probleme hatten, benötigten wir für die Digitalkameras gerade mal ein halbes Dutzend Speicherkarten, die in der Hosentasche Platz hatten. Das Grossartige an der digitalen Fotografie ist für mich aber die Möglichkeit, die Bilder selbst bearbeiten zu können. Zu Zeiten der analogen Fotografie konnte man Farbdias nur sehr beschränkt beeinflussen. Heute habe ich mit Adobe Lightroom oder Photoshop die Möglichkeit, die Bilder praktisch druckfertig herzustellen und Kunden zu liefern.
Christian Heeb: Welche Fotografen haben dich inspiriert, die du noch heute bewunderst?
Willi Dolder: Ich habe meine fotografischen Inspirationen nie bewusst von „auswärts“ geholt, sondern sie in meinem Kopf entwickelt und umgesetzt. Aber es gab und gibt natürlich Fotografen, deren Arbeiten ich gern und mit Genuss verfolgt habe. In meiner Jugend waren das unter anderen der deutsche Tierfotograf C.G. Schillings. Sein 1906 erschienenes Buch „Mit Blitzlicht und Büchse im Zauber des Eleléscho“ hat mich tief beeindruckt. Die Bücher von Artur Heye (1885-1947) habe ich mit roten Ohren gelesen und die Bilder staunend betrachtet. Ähnlich erging es mir mit den Büchern des italienischen Fotografen und Dokumentarfilmers Attilio Gatti (1896-1969), obwohl, wie man später erfuhr, ein Grossteil seiner Abenteuer seiner regen Fantasie entsprang.
In den vergangenen dreissig Jahren bin ich zahlreichen Fotografen begegnet, deren Bilder mich ansprechen, die mir gefallen und die ich immer wieder anschauen kann. Etwa jene von Emil Schulthess, Anselm Adams, David Muench, einer der besten Lanschaftsfotografen, die ich kenne. Dann Art Wolfe, Frans Lanting, Jim Brandenburg , Eliot Porter und Steve Winter, der die besten Aufnahmen wildlebender Grosskatzen – vor allem Tiger und Schneeleoparden – geschossen hat. Ich könnte ein weiteres Dutzend Fotografen aufzählen, die grossartige Bilder machen/gemacht haben – will es aber bei einem belassen, der einzigartig ist: Sebastiao Salgado, ein brasilianischer Fotograf, dessen schwarzweisse Bilder mich „umhauen“. Sein Werk „Genesis“, 2013 publiziert, ist atemberaubend schön und total zeitlos.
Christian Heeb: Gibt es Fotografen der heutigen Zeit denen Du folgst?
Willi Dolder: Nein, wie komme ich dazu?!
Christian Heeb: Du warst sehr erfolgreich und hattest/hast ein gutes Gespür fürs Geschäft. Was bereust Du und was würdest Du heute anders machen?
Willi Dolder: Non, je ne regrette rien! Was ich bedaure – aber das hat nichts mit mir selbst zu tun – ist, dass die Digitalfotografie nicht 20, 30 Jahre früher „erfunden“ wurde.
Christian Heeb: Existiert die Reise Fotografie überhaupt noch oder ist es nur noch eine Art Tourismus Fotografie?
Willi Dolder: Der Bedarf an Reisebildern ist immens – aber sie sind heute austauschbar. Jeder Amateur kann heute den Taj Mahal, die Viktoriafälle, die Gnuwanderung in der Serengeti, Machu Picchu oder die Chinesische Mauer fotografieren und auf einer der zahllosen Plattformen wie Instagram oder Flickr einstellen. Dieses Überangebot an Bildern hat zur Folge, dass die Honorare für Bilder in den Keller gerasselt sind und Beträge von 1.- oder 2.- € eher das Übliche sind als ungewöhnlich. Wer von Reisebildern leben möchte, tut gut daran, eine vermögende Frau zu heiraten!
Christian Heeb: Bist Du noch neugierig und macht das Fotografieren Spass oder ist es für Dich nur noch so eine Art Reflexhandlung?
Willi Dolder: Ja, ich bin noch neugierig, aber ich muss nicht alles Neue und Spannende fotografieren. Oder – schon fast eine Gotteslästerung – ich knipse mit dem Smartphone… Seit ich nicht mehr so extensiv fotografiere wie früher, habe ich mehr Zeit zum Geniessen.
Christian Heeb: Was rätst Du jungen Fotografen, die Reisefotografen werden wollen?
Willi Dolder: Ich war noch nie gut darin, Ratschläge zu erteilen. Belassen wir es bei einem: der junge Reisefotograf in spe sollte zuerst einen soliden Beruf erlernen. Reisefotografie ist ein knochenhartes Geschäft – und zudem nicht gerade billig. Ausserdem sollte man fähig sein, passende Texte zu den Bildern zu verfassen.
Christian Heeb: Gibts noch Träume, die nicht erfüllt wurden?
Willi Dolder: Nein. Allfällige Träume würde ich mir für ein anderes Leben aufsparen. Ich bin dankbar, dass ich 53 Jahre lang intensiv reisen konnte, nie krank war und auch nie unter die Räuber fiel. Ausserdem konnte ich in einer Zeit reisen und fotografieren, in der Bilder noch anständig bezahlt wurden und Bücher publizieren Spass machte und befriedigte. Ich möchte nicht mehr vor einer Karriere als Reisefotograf stehen. Eine Alternative zur Fotografie wäre für mich, filmische Naturdokumente herzustellen. Dazu müsste ich aber an die 50 Jahre jünger sein!
Christian Heeb: Vielen Dank!
© Fotos: Willi Dolder, <email-pii>
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