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Ahmad (Ali Mosaffa) kehrt nach vier Jahren aus dem Iran nach Paris zurück, um die Scheidung mit Marie (Bérenice Bejo) zu vollziehen. Diese lebt mit ihren beiden Töchtern sowie ihrem neuen Freund Samir (Tahar Rahim) und dessen Sohn in einem Haus am Stadtrand. Maries ältere Tochter, die 16-jährige Lucie (Pauline Burlet), hat sich von ihrer Mutter entfremdet. Sie lehnt Maries Beziehung mit Samir ab, da dieser noch verheiratet ist und dessen Frau im Koma liegt. Samirs kleinem Sohn macht dies besonders zu schaffen, was sich durch ein aggressives und bockiges Verhalten äussert.
Kurz bevor sie die Scheidungspapiere unterzeichnen, eröffnet Marie Ahmad, dass sie von Samir schwanger sei und diesen zu heiraten gedenke. Nicht nur Ahmad hält dies für eine ganz und gar schlechte Idee. Dennoch geht er auf Maries Bitte ein, mit Lucie zu sprechen, denn mit seiner Ex-Stieftochter verbindet ihn ein Vertrauensverhältnis. Ehe er sich's versieht, findet sich Ahmad als Vermittler in einer verworrenen Situation wieder, in der auch ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit wieder zum Vorschein kommen. Als Lucie ihm ein Geheimnis verrät, droht das Pulverfass zu explodieren...
Sollte sich Asghar Farhadi nach dem phänomenalen Erfolg von A Separation irgendwie unter Druck gefühlt haben - zumindest ist nicht viel davon zu spüren. Denn eines vorneweg: Le passé ist ein würdiger Folgefilm. Gewiss, angesichts des Plots kann man mutmassen, dass es sich hier um eine Art A Separation 2 handelt. Wieder steht eine Scheidung am Ausgangspunkt der Handlung. Wieder werden unter anderem zwischenmenschliche Beziehungen und der Umgang mit Wahrheit und Lüge thematisiert. Und wieder lässt ein offenes Ende Spielraum für Diskussionen.
Auch zum Vorvorgänger ergeben sich Parallelen: Hier wie dort sind abwesende Figuren eigentlicher Dreh- und Angelpunkt der Handlung und somit die heimlichen Hauptdarsteller. War es bei About Elly die vermisste Elly, ist es hier Samirs Ehefrau, die im Koma liegt und damit das Leben aller Beteiligten verkompliziert. Hauptsächlich ihretwegen bleiben sie in der Vergangenheit stecken, anstatt mit dieser abzuschliessen und vorwärtszuschauen.
Dank der Stärke Farhadis, eine packende Geschichte zu erzählen, sind die Schwachpunkte des Filmes, die ihn letztendlich nicht zum zweiten Meisterwerk machen, nur wenig störend. Es ist dies beispielsweise eine etwas überfrachtete Handlung, die auf zu viele Protagonisten verteilt wird, was bei einigen von ihnen auf Kosten der Tiefe geht. Ebenfalls ist der von Ali Mosaffa verkörperte Hauptdarsteller Ahmad eine Spur zu sympathisch gezeichnet: Obwohl sicherlich auch er seine Mitschuld am früheren Scheitern seiner Beziehung trägt, werden die Schattenseiten seines Charakters höchstens angedeutet; er bleibt der Sympathieträger. Die Selbstlosigkeit, mit der er die vertrackte Situation zu lösen versucht, obwohl ihn doch keine familiäre Binde (mehr) dazu verpflichtet, ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr ganz nachvollziehbar.
All dies ist aber Klagen auf hohem Niveau. Denn Le passé bleibt ein bedrückend guter Film. Das ist nicht zuletzt dem tollen Schauspieler-Ensemble zu verdanken: Neben Mosaffa brilliert Bérenice Bejo in einer ungleich komplexeren Rolle als derjenigen der charmanten Peppy Miller in The Artist, mit der sie berühmt geworden ist. Aber auch Pauline Burlet zeigt eine sensible Darstellung des fragilen Teenagers Lucie. Eher etwas zu kurz kommt dagegen Tahar Rahim, wobei er aber zumindest in einer berührenden Szene mit seinem Filmsohn Elyes Aguis sein Können zeigen kann.
Farhadi vertraut seiner Geschichte und seinen Darstellern vollauf, so dass er bis zum Abspann auf jegliche Musik verzichten kann. Die braucht es nicht, denn die Emotionen sind auch so da - was insofern besonders respektabel ist, als Farhadi hier in einer Sprache gedreht hat, der er selbst nicht mächtig ist. Wenn auch die inhaltliche Vielschichtigkeit des erfolgreichen Vorgängers nicht mehr ganz erreicht werden kann, so ist Le passé doch wieder ein hervorragendes Drama und alles andere als passé.
Simon Eberhard [ebe]
Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.
Sehr interessante und vielschichtige Story, die einige Fragen aufwirft. Sehr überzeugend gespielt, immer packend und am Ende realistisch offen. Einziger Kritikpunkt ist die Charakterzeichnung der Hauptfigur Ahmad. Anstatt wie beim Rest der Figuren auch die Vergangenheit einzublenden und die Fehler auszuleuchten, wird Ahmad als Sympathieträger zu gut dargestellt und wirkt als einziger Teil des Films fiktiv.