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Was für ein Aufwand! Was für ein Wagnis! Die Verfilmung von David Mitchells Bestseller «Cloud Atlas» schreit förmlich nach derlei Ausrufezeichen. Mit einem Budget von über 100 Millionen US-Dollar wird der in den Studios in Potsdam-Babelsberg gedrehte Streifen als teuerste deutsche Produktion aller Zeiten beworben. Die sechs mit Weltstars wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant, Susan Sarandon und Ben Whishaw besetzten Episoden, die darin erzählt werden, umspannen einen Zeitraum von fast fünfhundert Jahren. Auf den ersten Blick sind es völlig unterschiedliche Geschichten, die das aus Tom Tykwer sowie Lana und Andrew Wachowski bestehende Regiegespann hier unter einen Hut zu bringen versucht.
Angefangen von der Entdeckungsreise des amerikanischen Anwalts Adam Ewing, der im neunzehnten Jahrhundert auf einem Schiff in die Hände eines intriganten Arztes gerät, der ihn vergiftet, um an sein Gold zu kommen. Über eine Journalistin, die in den siebziger Jahren herausfindet, dass Vertreter der Ölindustrie einen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk provozieren wollen. Einen schwulen Komponisten, der sich von seinem Mentor seines grössten Werkes, des «Wolkenatlas-Sextettes», beraubt fühlt. Und einen windigen Verleger, der von seinem noch viel windigeren Bruder in ein Altenheim abgeschoben wird, das eher einem Gefängnis gleicht. Bis hin zur geklonten Serviererin Sonmi, die sich im Jahr 2144 einer Untergrundbewegung anschliesst, als sie herausfindet, was mit ihresgleichen nach Ende der zwölfjährigen Dienstzeit geschieht. Und zuletzt einem postapokalyptischen Ziegenhirten, der 2346 gemeinsam mit einer Abgesandten eines feindlich gesonnenen Volkes seinen Stamm zu retten versucht.
Abenteuerstreifen, Liebestragödie, Politthriller, Komödie, Science-Fiction und Endzeitdrama: all das wollen Tykwer und die Wachowski-Geschwister in einen Film packen. Und erstaunlicherweise gelingt ihnen das auch noch. Drohen einen die vielen parallel montierten Handlungsstränge anfangs noch zu überfordern, fügen sie sich dank der hervorragend getimten, dynamischen Montage Alexander Berners bald zu einer stimmigen Gesamteinheit. «All is connected» im narrativen Universum von Cloud Atlas; und so unterschiedlich die Handschriften Tykwers und der Wachowskis zunächst auch scheinen – sinnlich-opulentes Kino hier, rasante Spezialeffekt-Action dort –, lassen sich ihre jeweiligen Episoden thematisch doch jeweils unter eben dieses Motto stellen. Wem das nun zu esoterisch klingt, dem eröffnet die knappe Rahmenhandlung, in der ein Geschichtenerzähler den Erzählreigen eröffnet und schliesst, noch eine andere Deutungsweise.
Das, was die sechs Episoden neben netten Spielereien wie den vielen Mehrfachbesetzungen, einer frappierenden Maske oder dem schwelgerischen Score vor allem gemein haben, ist, dass es sich bei ihnen im Kern um ein und dieselbe Geschichte handelt. Jede Episode erzählt davon, wie Menschen in ihrem gemeinsamen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit soziale Grenzen überwinden: der weisse Akademiker und der Sklave, das schwule Liebespaar, der Klon und der Mensch, die Angehörigen zweier verfeindeter Stämme. Auch Romeo und Julia hätten da noch hineingepasst. Es sind eben immer wieder die gleichen Geschichten, die sich die (modernen) Menschen erzählen, die sie bewegen, die sie antreiben, ihnen Mut machen. Das zumindest behaupten Tykwer und die Wachowski in ihrer überbordenden, rauschhaften, überwältigenden und manchmal auch anstrengenden, melodramatischen, märchenhaften Kinozeitreise. Und (fast) drei schöne, unterhaltsame, berührende und actiongeladene Kinostunden lang mag man ihnen das gerne glauben.