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Wissenschaft
Eine Influenzainfektion könnte eine gleichzeitige SARS-CoV-2-Infektion hemmen, wie das Science Media Center Deutschland ausführt.
Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus den USA in einer Studie im „Journal of Virology“, die am 12.07.2022 veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle). Anhand von kultivierten Zellen und in einem Hamstermodell fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heraus, dass das Influenza-A-Virus die Vermehrung von SARS-CoV-2 in der Lunge beeinträchtigt – und dies auch noch mehr als eine Woche nach der Influenzainfektion.Den Goldhamstern wurden die beiden Viren gleichzeitig verabreicht, die Tiere anschließend regelmäßig untersucht.
Die Forscher führten auch Experimente durch, bei denen sie die Tiere zunächst mit einem der beiden Viren und drei Tage später mit dem anderen Virus infizierten. Bei den koinfizierten Hamstern waren die SARS-CoV-2-Lungentiter zum Teil niedriger als bei Tieren, die nur mit dem Coronavirus infiziert waren.
Wurden die Hamster dagegen zuerst mit SARS-CoV-2 infiziert, so hatte diese Infektion offenbar keinen Einfluss auf die Vervielfältigung der später eingebrachten Influenzaviren.Die verminderte Replikation der Coronaviren nach einer Infektion mit dem Grippeerreger korrelierte laut den Autoren mit höheren Interferon-Spiegeln. Diese Botenstoffe kurbeln in Zellen die Produktion antiviraler Proteine an.
Interferone seien Teil der angeborenen Immunabwehr gegen fremde Organismen und Stoffe. Insgesamt sei die Reaktion des Wirts auf beide Viren vergleichbar mit der auf eine SARS-CoV-2-Infektion allein, hieß es.Die Studie könnte den Forschenden zufolge als Beispiel dafür dienen, wie eine Immunreaktion auf etwas Unverwandtes einen Schutz gegen SARS-CoV-2 bieten könnte.
Zusammengenommen deuteten die Daten darauf hin, dass eine Koinfektion von SARS-CoV-2 und Influenza wahrscheinlich nicht zu einer schwereren Erkrankung führt. Bisherige Studien wie jüngst im Fachjournal „The Lancet“ erschienen zeigten bei Koinfektionen mit beiden Erregern eher erhöhte Sterblichkeitsraten [I].„Das beschriebene Phänomen, dass ein Virus offenbar zu verhindern versucht, dass ein zweites (anderes) Virus in die Zelle eintreten kann, sei schon viele Jahrzehnte bekannt und werde als virale Interferenz bezeichnet.
Dieser Begriff sei auch gleichzeitig Namensgeber für die dabei wirksamen Enzyme, nämlich die Interferone.“„Das hier gezeigte Tiermodell sei sicher näher am Menschen als das Zellkulturmodell, aber auch im Tiermodell sei kritisch anzumerken, dass das Immunsystem dem des Menschen ähnlich, aber nicht gleichzusetzen ist. Zudem seien die Tiere ‚naiv‘, das heißt, sie haben bis zum Experiment noch keinen Kontakt mit Influenza oder SARS-CoV-2 gehabt.
Der erwachsene Mensch habe aber bereits jahrzehntelange Erfahrung mit Influenzaviren, und auch gegen SARS-CoV-2 haben wir mittlerweile ein buntes Bild von ‚weder geimpft noch genesen‘ bis zu ‚mehrfach geimpft/geboostert plus ein-/zweimal genesen‘. Diese immunologische Vorerfahrung habe erheblichen Einfluss auf den Infektionsverlauf von beiden Viren.“„Das Influenzavirus sei bekanntermaßen ein Virus, das in der infizierten Zelle eine starke Interferon-Antwort erzeugt.
Von daher sei es plausibel, dass SARS-CoV-2 in seiner Replikation gebremst wird. Die Autoren schreiben auch bereits im Abstract: ‚The latter phenotype correlates with increased levels of IFN-I/-III‘.
Umgekehrt scheint bei der Reihenfolge erst SARS-CoV-2-Infektion und dann Influenzainfektion dieser Effekt auszubleiben, vermutlich, weil SARS-CoV-2 eine schwächere oder andere angeborene Immunantwort erzeugt.“Auf die Frage, wie wahrscheinlich eine Koinfektion mit den beiden verwendeten Virusstämmen USA-WA1/2020 (SARS-CoV-2) und H1N1-A/California/04/2009 (Influenza) sei und was sich anhand der Ergebnisse über Koinfektionen mit neueren Virusvarianten sagen lässt: „Es gibt bisher dazu wenig Daten, nicht zuletzt, weil durch die Corona-Schutzmaßnahmen die anderen respiratorischen Erreger in ihrer Inzidenz gegen null tendieren. Eine Arbeit aus Großbritannien habe bei rund 7000 SARS-CoV-2-Infektionen in 8,4 Prozent der Fälle Koinfektionen mit Influenza, RSV und Adenoviren gefunden, bei der Influenza waren es 3,2 Prozent.
Für Influenza und Adenoviren fanden sie eine mäßig erhöhte Häufigkeit für Beatmung und Mortalität [1]. Von daher widersprechen diese Daten den Ergebnissen der nun vorliegenden Publikation.
Wie häufig Koinfektionen sind, wenn beide Viren auf hohem Niveau zirkulieren, sei spekulativ. Dass die Autoren mit Laborstämmen arbeiten, sei absolut üblich und mit Vorsicht seien diese Ergebnisse dann auch auf die aktuellen Varianten übertragbar.“Auf die Frage, wie Koinfektionen mit Influenza A und SARS-CoV-2 insbesondere bei älteren und/oder immungeschwächten Menschen zu bewerten sind: „Beide Infektionen können bei den Risikogruppen zu schwerwiegenden Komplikationen und Tod führen.
Von daher sollte man sich vor beiden Infektionen schützen und nicht daraufsetzen, dass die beiden Viren sich gegenseitig neutralisieren. In Vorbereitung auf den Herbst/Winter sollte man sich beide Impfungen, Influenza plus SARS-CoV-2, geben lassen.“Auf die Frage, welche Infektionswellen mit Blick auf die bereits derzeit grassierende Sommerwelle mit vielen respiratorischen Viren für den Herbst/Winter zu erwarten sind: „Es gibt eine alte Weisheit bei den Virologen: Nichts sei schwerer vorherzusagen als die nächste Influenzawelle.
Es sei richtig, dass wir zurzeit ungewöhnlicherweise einige Influenzainfektionen sehen, das sei aber nicht vergleichbar mit einer richtigen Welle, wie wir sie aus früheren Jahren kennen. Influenza, RSV, Adenoviren und so weiter seien für die Jahreszeit auf erhöhtem Niveau, aber wir haben keine echte ‚Welle‘.“„Viele Studien, die sich mit Koinfektionen von Influenza und SARS-CoV-2 beschäftigen, zeigen höhere Mortalitäten, wenn man sich koinfiziert.
Die aktuelle Studie kommt anhand eines Hamstermodells zu einem anderen Schluss, nämlich dass eine Influenzainfektion eine SARS-CoV-2-Infektion positiv beeinflusst in dem Sinne, dass die SARS-Infektion schwächer abläuft. Besonders interessant sei auch, dass selbst nach einer beendeten Influenzainfektion dieser Effekt auf eine folgende SARS-Infektion noch zu beobachten ist.
Die Grippe versetzt den Organismus des Hamsters quasi in einen antiviralen Status, bei dem nach der Infektion Interferon-stimulierte Gene hochreguliert werden. Für diesen antiviralen Status braucht es noch keine Antikörper.
Es sei die natürliche Abwehrreaktion des Körpers auf fremde Organismen oder Stoffe. Diese native Immunantwort hemmt nach den Ergebnissen dieser Studie offenbar SARS-CoV-2 stärker, als es bei Influenza der Fall ist.
Es sei bekannt, dass Influenzaviren Proteine kodieren, die die zelluläre Immunantwort sehr effizient unterdrücken.“„Nun lasse dieses Hamstermodell aber keine allgemeingültigen Schlüsse für die reale klinische Situation zu. Menschen seien keine Hamster.
Ich würde mich nicht anhand von Hamsterdaten darauf verlassen, dass Koinfektionen mit Influenza und SARS-CoV-2 vergleichsweise harmlos verlaufen – obwohl die Studie gute Daten präsentiert und das Autorenteam auch renommiert ist. Für grundlegende Aussagen zu Koinfektionen braucht es pro- und retrospektive Studien an Menschen, die aber gar nicht so einfach durchzuführen sind.
Denn die Menge jener, die zu einer bestimmten Zeit koinfiziert sind, und im besten Fall auch noch in der richtigen Reihenfolge, sei nicht sehr groß. Und es gibt noch eine Reihe weiterer Einflussfaktoren, die man beachten muss, wenn solche Studien konzipiert werden.
Zum Beispiel: Wie sei der Impfstatus der Studienteilnehmer? Mit welchem Influenzavirus wurden sie infiziert? Und das Gleiche gilt auch für die verschiedenen Varianten von SARS-CoV-2.“„Die Studienautoren verwenden für ihre Untersuchungen zwei ältere Virusvarianten: USA-WA1/2020 für SARS-CoV-2 und das pandemische Grippevirus von 2009: H1N1-A/California/04/2009. Neuere Virusvarianten könnten einen anderen, womöglich pathogeneren Effekt haben, wenn man mit beiden Erregern infiziert ist. Insbesondere zwischen der Wuhan- und der Delta-Variante von SARS-CoV-2 könnte ich mir deutliche Unterschiede vorstellen.“Auf die Frage, welche Infektionswellen mit Blick auf die bereits derzeit grassierende Sommerwelle mit vielen respiratorischen Viren für den Herbst/Winter zu erwarten sind: „Es sei wirklich sehr erstaunlich, dass wir in diesem Sommer schon so viele Infektionen haben.
Für Omikron zeigt das vor allem, dass wir vor dem Sommer offenbar schon einen sehr großen Background an Infektionen hatten, die sich nun fortsetzen. Ich würde aufgrund der derzeitigen Infektionswellen keine Entwarnung für den Herbst und Winter geben.
In der kälteren Jahreszeit halten wir uns zunehmend wieder in Räumen auf, wodurch die Infektionsgefahr deutlich steigt. Es sei daher wichtig, dass wir für den Herbst und Winter wieder einen breiten Impfschutz aufbauen – gegen SARS-CoV-2, aber auch gegen Influenza.
So minimieren wir ziemlich sicher die Gefahr von möglichen Koinfektionen vor allem für Ältere. Als Auffrischungsimpfung sollte man gegen Omikron zum Beispiel auf einen der bald verfügbaren angepassten Impfstoffe von Moderna oder Biontech/Pfizer setzen.
Diese beruhen zwar auf der fast schon vollständig verdrängten Virusvariante BA.1, aber Impfstoffe basierend auf neueren Varianten werde es zeitnah wahrscheinlich nicht geben.“Oishi K et al. (2022): The Host Response to Influenza A Virus Interferes with SARSCoV-2 Replication during Coinfection.
Journal of Virology. DOI: 10.1128/jvi.00765-22.[1] Swets MC et al.
(2022): SARS-CoV-2 co-infection with influenza viruses, respiratory syncytial virus, or adenoviruses. The Lancet.
DOI: 10.1016/S0140-6736(22)00383-X.[I] Swets MC et al. (2022): SARS-CoV-2 co-infection with influenza viruses, respiratory syncytial virus, or adenoviruses.
The Lancet. DOI: 10.1016/S0140-6736(22)00383-X..
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