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Diana Nabiruma spricht nicht gerne über sich selbst. Es gehe ihr um die Sache, sagt sie. Die Sache, das ist der Bau der voraussichtlich längsten beheizten Ölpipeline der Welt. Sie soll sich durch weite Teile von Nabirumas Heimatland Uganda und durch den Nachbarstaat Tansania ziehen. 1443 Kilometer lang soll sie werden und täglich bis zu 230 000 Barrel Öl transportieren. Ein Grossprojekt, von dem Ugandas Regierung sagt, es solle dem Land aus der Armut helfen – und durch das Kritiker:innen eine Zerstörung ihres Lebensraums fürchten. Diana Nabiruma ist eine von ihnen.
Ende April sitzt Nabiruma (37), dunkle Jacke, die Haare hochgebunden, in einer Hotellobby der Zürcher Altstadt. Sie ist Sprecherin des Africa Institute for Energy Governance (Afiego), einer Organisation, die sich in Uganda für Personen einsetzt, die von Umweltzerstörung betroffen sind. Am Abend wird sie an der Universität Zürich einen Vortrag halten, der von ihrem Kampf erzählt. Sie will damit Bewusstsein für das Pipelineprojekt schaffen, das aus mehreren Gründen hochproblematisch sei: «Wegen seines potenziellen Einflusses auf das Klima, auf die Biodiversität und auf die Lebensgrundlage vieler Menschen.»
Mit fünfzig Grad an die Küste
2006 wurden im Westen Ugandas Ölvorkommen ausgemacht: im Albertsee, an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Der französische Konzern Total Energies und die chinesische China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) sicherten sich grosse Teile der Bohrrechte. Fünfzehn Prozent hält die staatliche Uganda National Oil Company. Um das Öl aus dem Binnenland für den Weltmarkt verschiffen zu können, einigten sich Uganda, Tansania, Total und CNOOC auf den Bau der East African Crude Oil Pipeline (EACOP). Sie soll den Rohstoff ab 2025 vom Albertsee bis an die Küste Tansanias pumpen. Die Mehrheit der Anteile hält Total. Um das zähflüssige Öl leichter transportieren zu können, wird es durchgehend auf fünfzig Grad Celsius erwärmt. Die Kosten des gesamten Vorhabens: zehn Milliarden US-Dollar.
Die geplante Pipeline
Uganda zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Total und die Regierung von Präsident Yoweri Museveni versprechen wirtschaftlichen Aufschwung: einen Weg aus der Energiearmut, Gewinne durch den Ölverkauf, die Schaffung von Zehntausenden Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen, einen Ausbau der Infrastruktur und Transfer von Wissen.
Auf der anderen Seite prangern Kritiker:innen wie Nabiruma die Schattenseiten an: den Einfluss auf den Lebensraum zahlreicher Tiere und Menschen und auf den Klimawandel. «Uganda zählt bereits zu den am stärksten betroffenen Ländern», sagt Nabiruma. Ein Bericht des US-amerikanischen Climate Accountability Institute schätzt die durch das Projekt verursachten Emissionen zu Höchstzeiten auf bis zu 34 Millionen Tonnen CO₂ im Jahr – weit mehr, als Uganda und Tansania derzeit gemeinsam ausstossen.
Heikel ist auch, dass eines der beiden Hauptfördergebiete zum Teil im Murchison Falls National Park liegt, dem grössten Naturschutzgebiet des Landes. Es ist die Heimat von Elefanten, Giraffen, Löwen, seltenen Vogelarten – und eine wichtige Tourismusattraktion. Strassenbauarbeiten sind dort bereits im Gang. Total beteuert zwar, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten: etwa indem es die Geräuschbelästigung minimiere oder grosse Infrastruktur nur ausserhalb des Parks positioniere. Umweltschützer:innen halten das für ungenügend.
Drohungen und Festnahmen
Sie warnen auch vor möglichen Lecks in der Pipeline, wodurch wichtige Wasserressourcen bedroht wären – wie jene des Victoriasees, auf den rund vierzig Millionen Menschen angewiesen sind. Hinzu kommen Enteignungen und Umsiedlungen. Mehr als 100 000 Personen sind laut NGOs betroffen. Viele klagen über zu geringe Entschädigungszahlungen oder darüber, dass diese jahrelang auf sich warten liessen. Afiego hilft ihnen, ihre Rechte geltend zu machen. Durch Petitionen, Medienkampagnen oder auch vor Gericht.
In Uganda, wo Präsident Museveni seit 37 Jahren immer autoritärer regiert und die Zivilgesellschaft zunehmend in die Mangel genommen wird, ist das kein einfaches Unterfangen. «Unsere Mitarbeiter wurden mehrmals festgenommen», sagt Nabiruma. Im August 2021 versuchte die Regierung, Afiego zu schliessen. «Wir erhalten Drohungen, und es werden Lügen über uns verbreitet, damit Dorfgemeinden nicht mehr mit uns arbeiten», fährt Nabiruma fort. Doch die Unterstützung, die ihre Organisation erhalte, sporne sie an. Dazu zählt der Right Livelihood Award, besser bekannt als alternativer Nobelpreis, mit dem Afiego 2022 ausgezeichnet wurde.
Appelle an Banken
Vergangenen Herbst bezog auch das EU-Parlament Stellung. Es forderte in einer Resolution maximalen Druck auf die Regierungen von Uganda und Tansania, um auf die Ölbohrungen am Albertsee zu verzichten – und erzürnte damit Präsident Museveni. Dieser beklagte Europas «schamlose Doppelmoral». Afrika, das im Vergleich zum Globalen Norden kaum zum Klimawandel beiträgt, sei vom Westen jahrelang gedrängt worden, auf fossile Energien zu verzichten. Selbst hätten westliche Staaten aber schnell wieder auf Kohlekraft gesetzt, als sie mit dem Krieg gegen die Ukraine Alternativen zum russischen Gas hätten finden müssen, kritisierte er vergangenen Dezember.
Diana Nabiruma überzeugt das Argument nicht: «Nur weil unser Nachbar sein Haus in Brand setzt, sollen wir etwa dasselbe tun?» Auch das Versprechen von wirtschaftlichem Aufschwung sieht sie skeptisch. Einerseits weil durch das Projekt langfristig nur Hunderte bis wenige Tausend Stellen geschaffen würden – was auch Zahlen von Total nahelegen. Andererseits gefährde dieses zahlreiche Jobs in der Landwirtschaft, der Fischerei oder im Tourismus – Sektoren, die einen grossen Teil der Bevölkerung beschäftigten und bereits durch den Klimawandel bedroht seien. «Wir sollten diese Stellen bewahren und in erneuerbare Energien investieren», sagt sie. Und sie verweist auf Länder wie Nigeria, wo der Ölreichtum der Bevölkerung keinen Wohlstand brachte, sondern Korruption, Armut und Misswirtschaft befeuerte.
Die Regierungen von Uganda und Tansania lassen sich allerdings nicht beirren. Anfang Jahr haben sie den Bau der Pipeline genehmigt. Ihre Gegner:innen hoffen dennoch, diesen verhindern zu können. Sie appellieren an Banken und Versicherer, das Projekt nicht zu finanzieren. 45 Finanzinstitute hätten bisher zugesagt. Diana Nabiruma hält einen Sieg noch für möglich. «Aber auch wenn das nicht gelingt, haben wir ein Signal gesandt», sagt sie, «an Ölkonzerne, die Afrika als ihren Spielplatz ansehen und denken, dass sie hier mit wenig Widerstand rechnen müssen.» Sie hofft, dadurch auch Menschen in anderen Teilen des Kontinents zu inspirieren.