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Als ich in Bergamo ankam suchte ich möglichst rasch den Ausgang aus dem sehr stereotypen FS-Bahnhof (allerdings auch hier mit sehr alten, historischen Gebäuden), um einen ersten neugierigen Blick auf den Bahnhofplatz und Richtung Oberstadt zu werfen. Sehr rasch erkannte ich die beiden Bahnhöfe der längst geschlossenen Nebenstrecken ins Valle Brembana und ins Valle Seriana. Die normalspurige, mit Dampfloks, nach dem 2. Weltkrieg mit Dieseltriebwagen betriebene Bahn ins Valle Seriana ist älter, wie auch ihr kleinerer, streng neoklassizistischer Bahnhof neben dem üppigen Jugendstilgebäude der Bahn ins Brembanatal verrät: Am 21. April 1884 wurde Bergamo – Albino eröffnet, am 23. August 1884 folgte Albino – Vertova, am 6. Juni 1885 der Endabschnitt bis Ponte Selva. Die Bahn wurde damals von der belgischen Gesellschaft Compagnie Generale des Chemins de Fer Economiques gebaut und betrieben. Später ging sie in die Società Anonima della Ferrovia Valle Seriana (FVS) über, welche 1911 die 7 km lange Seitenstrecke ab einem Abzweigpunkt zwischen Ponte Nossa und Ponte Selva nach Clusone baute, worauf der Ast bis Ponte Selva nur noch für den Güterverkehr erhalten blieb und schon 1949 völlig geschlossen wurde. 1965 wurde die FVS in die Società Autoferrovie Bergamo überführt, deren schöner Name alles aussagt: Am 31. August 1967 wurde die 33 km lange Linie Bergamo – Clusone geschlossen. Das neuere Rollmaterial ging an die damalige Ferrovia Centrale Umbra in Perugia. Von der späteren Teilwiedergeburt der Strecke Bergamo – Albino sprechen wir später. Die Daten sind übrigens der Seite
http://it.wikipedia.org/wiki/Ferrovia_della_Valle_Seriana “ abgekupfert“. Interessant (mit histori-schen Bildern) ist auch die Seite:
http://www.ferrovieabbandonate.it/immagini.php?table=dismessa&type=list&first=&id=74
Was im Übrigen wenig bekannt ist: Von 1912 – 1953 existierte nebst der FVS auch eine meterspurige, mit 600 V Gleichstrom elektrifizierte Überlandtramlinie Bergamo – Albino, betrieben von der Società Tranvie Elettriche Intercomunali. Sie verkehrte also parallel zur FVS, machte somit im Vorortsgebiet von Bergamo und dem unteren Valle Seriana die “Feinverteilung”.
Noch ein paar Worte zur einstigen, ebenfalls normalspurigen Bahn ins Valle Brembana. Der erste, 30 km lange Abschnitt wurde 1906 von Bergamo nach San Pellegrino eröffnet. Zu diesem Zweck entstand in Bergamo neben dem FVS-Bahnhof das erwähnte, stolze Jugendstil-Bahnhofgebäude. Die Abzweigung von der FVS geschah aber erst in der Station Bergamo San Fermo. 1926 wurde die Bahn 11 km weit bis nach Piazza Brembana verlängert. Schon von Beginn an war die Ferrovia della Valle Brembana (FVB) mit 6000 V Wechselstrom 25 Hz elektrifiziert. Nebst dem touristischen herrschte auch reger Güterverkehr mit nicht weniger als 54 Anschlussgleisen! Schon seit den 1950-er Jahren wurde aber zusehends parallel zur Bahn ein Autobusbetrieb aufgezogen; 1964 fuhren nur noch 6 Zugpaare gegenüber 20 Autobus-Kurspaaren; am 17. März 1966 wurde auch die FVB geschlossen.
Diese Daten entstammen der Seite: http://it.wikipedia.org/wiki/Ferrovia_della_Valle_Brembana
Verblüffende und nachdenklich stimmende Aufnahmen von der Strecke findet man ferner auf der Seite:
http://www.ferrovieabbandonate.it/immagini.php?table=dismessa&type=list&first=&id=75
Kommen wir aber zur Renaissance des Vorortstrams: 1993 beschloss das italienische Parlament ein Gesetz, wonach das Gelände der früheren FVS und FCB der Provinz Bergamo übertragen wurden um dort ein modernes Regionalbahnnetz zu erstellen. Am 20. Juli 2000 gründeten Stadt und Provinz Bergamo die Società Tramvie Elettriche Bergamasche (TEB), um die neue, normalspurige Tramlinie T1 Bergamo – Albino auf dem Trassee der ehemaligen FVS zu projektieren. Am 24. April 2009 wurde der erste Abschnitt Bergamo - Alzano Centro eingeweiht und am folgenden Tag in Betrieb genommen; am 10. Juni des gleichen Jahres folgte die Eröffnung bis Albino, wo das Tram im ehemaligen FVS-Bahnhof an drei Prellböcken endet, dahinter ein Bach und auf der andern Seite ein Autobusparkplatz. Es bestehen noch Projekte für zwei weitere Linien, darunter die Linie T2 von Bergamo nach Villa d’Almè, auf 9 km der früheren Bahn ins Valle Brembana.
Die 12,5 km lange Strecke Bergamo – Albino ist durchgehend doppelspurig auf Eigentrassee geführt; 35% der Strecke sind als Rasengleis verlegt. Die Linie T1 beginnt in Bergamo an einem zweigleisigen, restaurierten Bahnsteig des FVS-Bahnhofs und benützt dann bis San Fermo die ehemalige Gemeinschaftslinie FVS/FVB mit dem interessanten, in einem Einschnitt gelegenen Bahnhof Bergamo Borgo Palazzo. Die gesamte Strecke bis Albino führt durch ein grösstenteils dicht bebautes oder zersiedeltes Vorortsgebiet mit Wohnüberbauungen, Dörfern sowie vielen alten und neuen Industrieanlagen und Gewerbebauten. Die mit 750 V Gleichstrom elektrifizierte Linie bedient 17 Haltestellen, wo jeweils an elektronischen Tafeln die Zeit bis zur nächsten (effektiven) Abfahrt angezeigt wird. Alle Haltestellen sind mit Billettautomaten ausgerüstet, es herrscht ein Zonentarif (zB. Bergamo – Albino 5 und mehr Zonen, Billett gültig 2 Std.) und die Billette müssen an Entwertern im Wageninnern abgestempelt werden. In Betrieb stehen 14 fünfteilige Niederflur-Gelenktriebwagen, gebaut von Ansaldo und Breda. Das Aussendesign stammt von Pininfarina, das Innendesign von der Modeschöpferin „Krizia“, der 1933 in Bergamo geborenen Marluccia Mandelli, wegweisend beim italienischen „prêt à porter“. Die grosse Depotwerkstätte befindet sich zwischen Torre Boldone und Ranica. Vereinzelt sind unterwegs auch noch bauliche Zeugen der 1967 stillgelegten FVS zu sehen, zwei Bahnwärterhäuschen zwischen Bergamo und Bergamo San Fermo, ferner die ehemaligen Stationsgebäude in Negrisoli, Alzano Centro (früher „Alzano Lombardo“), Nembro und Albino. An traurige, neuere Geschichte erinnert gleich an der Station Alzano Centro die Piazza Caduti di Nassiriya, nämlich an das Attentat vom 19. November 2003 gegen das italienische Hauptquartier im Irak.
Verlieren wir aber noch ein paar Worte zur Stadt Bergamo: Vom Bahnhof aus führt eine belebte Geschäftsstrasse zur Porta Nuova, deren beide Pavillons 1837 erbaut wurden. Dahinter gelangen wir ins Wirkungsfeld von Mussolinis Hofarchitekten Marcello Piacentini (1881-1960) und dessen Mitarbeiterstab. Von Piacentini stammen die „Torre dei Caduti“ (1924 in Anwesenheit Mussolinis eingeweiht) und auf der andern Strassenseite die „Fiera“ mit dem nach seinem Projekt gebauten Justizpalast (1927). Etwas weiter aufwärts folgt die Hauptpost, 1932 erbaut von Angiolo Mazzoni (1894-1979), der zu jener Zeit viele Bahnhöfe, Postämter und andere öffentliche Gebäude Italiens projektierte. Zu seinen Werken gehören beispielsweise die Bahnhöfe von Bozen, Trento, Siena, Venezia Santa Lucia, Reggio Emilia und Messina und die Hauptpostämter in Gorizia, Grosseto, La Spezia und eben Bergamo.
Die Standseilbahn - siehe http://www.trasportipubblici.info/funibergalta.htm - führt in die Oberstadt, in eine völlig andere Welt mit engen Gassen, Kopfsteinpflaster, kleinen Spezialitätengeschäften und einzigartigen Kunstdenkmälern. Der Kontrast zur Unterstadt ist absolut verblüffend und faszinierend. Bergamo ist aber auch kulinarisch völlig verführerisch, wie die Auslagen vieler Geschäfte und auch die Menükarten der Restaurants beweisen. Hier verweisen wir aber auf die touristischen Homepages und Fotosammlungen, zB. http://de.wikipedia.org/wiki/Bergamo
Noch ein paar Worte zum Ausflug nach Rovato und Brescia: Seit 13. Juni 2010 ist die Strecke Rovato – Bornato (–Iseo – Edolo) wieder für den Personenverkehr geöffnet. Sie war 1973, nach andern Quellen 1975 für den Personenverkehr stillgelegt worden; bis 1956 führte sie weiter bis nach Soresina und Cremona. In Rovato steht noch das alte Aufnahmegebäude der Società Nazionale Ferrovie e Tramvie SNFT von 1911, eine merkwürdige Mischung aus Kopf- und doch Durch-gangsbahnhof. In Seitenbahnhof von Brescia begegnete ich den beiden Pesa-Triebwagen ATR 220 024 und 025 aus Polen (baugleich wie die Triebwagen für die Ferrovia del Sud Est), die im April 2009 in Betrieb kamen und vor allem für längere Zugläufe, bspw. Brescia – Breno und Edolo eingesetzt werden. Bekanntlich stehen seit letztem Jahr auch die von TRENORD bestellten 8 Diesel-GTW 2/6 (ATR 115.001-008) im Einsatz. Der erste GTW war am 13. Juni 2011 noch in hellgrün-bunter LeNord-Lackierung der Presse vorgestellt worden. Inzwischen erhielten alle GTW im Valle Camonica die dezentere TRENORD-Lackierung. Die Pesa-Triebwagen sind noch hellgrün.
Bergamo ist eine Reise wert, und der Ausflug lässt sich auch mit einem Besuch in Brescia, mit der Bahn nach Edolo und/oder mit einer Fahrt über die Berninabahn. In der Nähe – an der Strecke nach Rovato – Brescia – zweigt auch die Touristenbahn Palazzolo s/O – Paratico Sarnico ab. http://www.rivadisolto.org/navigazione/trenoblu.htm . Neu ist in der Lombardei das Angebot „Io Viaggio“: http://www.trenord.it/it/biglietti-e-abbonamenti/io-viaggio/ovunque-in-lombardia.aspx Das Problem ist aber noch der Bezug dieser Fahrausweise ausserhalb Italiens…
Die Bildauswahl vermittelt vor allem Schnappschüsse und gibt vielleicht Lust, dies selber mal anzuschauen und noch bessere Bilder zu machen.