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Wissenschaftliche Namenforschung, die auch Werdenberg am Rand mit einbezog, wurde schon im 19. Jh. von namhaften auswärtigen Forschern betrieben. Zu ihnen gehören etwa der Bayer Ludwig Steub (1812-1888), der Tiroler Christian Schneller (1831-1908), der Berner Albert Gatschet (1832-1907), der Schwabe Michael R. Buck (1832-1888), der Tiroler Josef Zösmair (1845-1928), der Vorarlberger Isidor Hopfner (1858-1937), der Südtiroler Karl von Ettmayer (1874-1938) und der Deutsche August Kübler (19./20. Jh.).
Auch bei uns regte sich das Interesse an den heimischen Namen schon damals: Im Jahre 1874 und dann nochmals 1907 hatte der Historische Verein des Kantons St.Gallen unter seinem Präsidenten Hermann Wartmann Anläufe zur Schaffung einer st.gallisch-appenzellischen Namensammlung unternommen, die dann allerdings wieder im Sand verliefen. Einzelne einheimische Autoren befassten sich in wissenschaftlichen Einzelstudien mit romanischen Ortsnamen des Kantons, unter ihnen Wilhelm Götzinger (1891) und Theodor Schlatter (1903/1913).
Um das Jahr 1954 fassten die jungen Sprachwissenschafter Gerold Hilty und Stefan Sonderegger den Plan, ein St.Galler Namenbuch zu schaffen - ein wissenschaftliches Werk zur Hebung und Deutung des ganzen Orts- und Flurnamenschatzes im Kanton St.Gallen. Sie taten dies «in der Überzeugung, dass ein solches Werk einen bedeutenden Beitrag zur Aufhellung der Geschichte - vor allem der Sprach- und Siedlungsgeschichte - jener Gegenden darstellen würde, die heute den Kanton St.Gallen bilden» (Hilty 1963, 289).
Eine «Kommission für das St.Galler Ortsnamenbuch» nahm die Arbeit auf. Im März 1957 wurde ein Werkplan verabschiedet; als zeitlicher Rahmen bis zum Vorliegen eines druckfertigen Manuskripts wurden sechs Jahre (!) vorgesehen. Stefan Sonderegger und Gerold Hilty, damals beide wissenschaftliche Assistenten an der Universität Zürich, beabsichtigten, einen beträchtlichen Teil ihrer Arbeitskraft in das Unternehmen zu investieren.
Ihre rasche wissenschaftliche Karriere verhinderte allerdings diesen Plan: beide wurden alsbald als Professoren an die Universität Zürich berufen. Immerhin konnten sie nun Studenten für eine Mitarbeit gewinnen. Es waren dies bei den Feldaufnahmen: Thomas Arnold Hammer, Eugen Nyffenegger, Bernhard Hertenstein, Hans Stricker und Valentin Vincenz. An der Erschliessung der historischen Quellen arbeiteten neben den oben Erwähnten auch Anna Zellweger, Josef Zimmermann, Alexander Tanner, Heinrich Boxler und Emil Luginbühl.
Schon zuvor (in der Mitte der 1950er Jahre) hatten, unabhängig von diesem Werkplan, zwei Studenten, Werner Camenisch und Kurt Schärer (Schüler von Prof. Konrad Huber, Universität Zürich), sich an die Erfassung des Namengutes der Bezirke Sargans und Werdenberg gemacht. Während Camenisch auf der Basis seiner Vorarbeiten dann die Dissertation Beiträge zur alträtoromanischen Lautlehre auf Grund romanischer Orts- und Flurnamen im Sarganserland (1962) publizierte, wandte sich Schärer nach umfangreicher, jedoch dann abgebrochener Sammeltätigkeit im Bezirk Werdenberg einer anderen Fachrichtung zu. Ihre Materialien konnten vom Namenbuchprojekt übernommen werden.
1962 wurde mit der Arbeit an einem St.Galler Namenbuch begonnen. Eugen Nyffenegger besorgte als erster Mitarbeiter die Feldaufnahmen in den Bezirken Gaster und See; Arnold Hammer führte ab 1965 die Aufnahmen im St.Galler Rheintal (Bezirke Ober- und Unterrheintal) durch.
Nachdem Hans Stricker ihm sein Interesse an der Namenforschung bekundet hatte, bot im Jahr 1965 Prof. Gerold Hilty seinem Schüler an, die Sammlung der Namen (im Feld und in den Archiven) in der Gemeinde Grabs zu übernehmen. Die Sammeltätigkeit fand dann hauptsächlich in den Semesterferien der Jahre 1965/66 statt, die Archivarbeit folgte 1968/69. Im Jahr 1970 reichte Hans Stricker die Namensammlung der Gemeinde Grabs bei Prof. Hilty als Lizentiatsarbeit ein.
Nach dem Abschluss des Studiums (Lizentiat) trat Hans Stricker auf Anfang 1971 in Chur eine halbzeitliche Stelle als Assistent am Institut des Dicziunari Rumantsch Grischun (DRG) an. Der Chefredaktor dieser Forschungsstelle, Dr. Andrea Schorta, der Altmeister der rätisch-bündnerischen Namenforschung, der ihn dorthin geholt hatte, schlug dem jungen Romanisten vor, neben der Ausarbeitung seiner geplanten Dissertation zu den romanischen Orts- und Flurnamen von Grabs auch an die Bearbeitung der (romanistisch als besonders interessant bekannten) Gemeinde Wartau zu gehen. So sammelte Hans Stricker hauptsächlich zwischen 1971 und 1973 (neben seiner Arbeit am Institut DRG) auch das Wartauer Namengut im Feld und in den Archiven.
Seit 1969 spannte sich auch Valentin Vincenz aktiv in die namenkundliche Arbeit ein. Er übernahm die Sammlung und Bearbeitung der Namen in den Gemeinden Buchs und Sevelen. Auch er reichte das Ergebnis im Wintersemester 1970/71 bei Prof. Gerold Hilty als Lizentiatsarbeit ein. Gleich danach begann er seine langjährige Lehrtätigkeit als Hauptlehrer (Romanist) an der Kantonsschule Sargans. Neben seinem Hauptberuf blieb er der St.Galler Namenforschung aber auch weiterhin verbunden durch die Bearbeitung der Gebiete von Gams bis Hirschensprung und von Vilters-Wangs.
Zuerst galt es ein Netz geeigneter einheimischer InformantInnen (Gewährsleute) für den Untersuchungsraum aufzubauen. Diese sollten mittels vorbereiteter Interviews oder auch spontan zu den Namen «ihres» Gebietes befragt werden. Je grossflächiger und vielgestaltiger eine Gemeinde ist, desto höher ist in der Regel auch die Zahl der befragten Gewährspersonen. Bei der Einteilung einer Gemeinde in Sammelgebiete geht man mit Vorteil von den natürlichen und nutzungsmässigen Gegebenheiten aus, also von der althergebrachten wirtschaftlichen Raumgliederung. Dementsprechend hält man sich für die einzelnen Teilgebiete (Alpen, Weiden, Bergwald, Allmend, Wies-, Reb- und Ackerland, Riedgebiete, Siedlungskerne, Dorfteile, usw.) eben an mehrere Informanten mit ihren besonderen Kompetenzbereichen: Bauern, Älpler, Förster, Waldarbeiter, Behördenmitglieder, Lehrer, Gemeindebeamte, usw.
Gespräch über Namen und Orte mit einem Buchser Ortskundigen (die Karte ist schon gedruckt). - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Massgebend für die Auswahl der – meist älteren – Informanten ist, dass diese mit dem vorgenommenen Gebiet samt den dort vorherrschenden traditionellen Wirtschaftsformen gänzlich vertraut sein müssen. Mit ihrem Wissen und ihren Erinnerungen lassen sie den Befrager nicht nur den Raum und dessen Namennetz kompetent überblicken, sondern darüber hinaus auch in ältere Realverhältnisse Einblick nehmen. Jede Gewährsperson muss die hergebrachte örtliche Mundart völlig sicher beherrschen - denn es sind die von ihr verwendeten Sprechformen, die vom Explorator phonetisch exakt notiert (teils auch auf Tonband festgehalten) und damit der wissenschaftlichen Verarbeitung zugrunde gelegt werden.
Manch eine Gewährsperson verfügt über ein waches Sprachverständnis und ist in der Lage, dem Befrager nützliche Beobachtungen zum Wandel von Mundart und Namenformen mitzuteilen («mein Grossvater sagte noch so ...»; «die heutigen Jungen sprechen diesen Namen so aus ...»). Von offenkundigem Vorteil ist es, wenn der Informant deutlich spricht, und ebenso nützlich ist ein gewisses Verständnis desselben für die besondere Gesprächssituation während der Aufnahme: Oft mag das ungewohnte, eingehende Abfragen, die Bitte um wiederholtes Vorsprechen eines Namens, das Insistieren des Befragers auf formalen Details (etwa der gebräuchlichen Ortspräpositionen) dem Laien wunderlich und wenig einsichtig erscheinen. Auch wird es ihn dann und wann irritieren, wenn der Befrager geistige Wechsel von Orten, Perspektiven und Themen vornimmt, die ihn in seinen eigenen Gedankengängen unterbrechen.
Hier muss auch der Befrager mit einfühlendem Verständnis und geduldigem Mitgehen das Seine zum Gelingen des Aufnahmegesprächs beitragen; daneben kommt er aber auch nicht darum herum, mit einer gewissen Beharrlichkeit den bisweilen (aus seiner Sicht) abschweifenden Gesprächsverlauf wieder auf den gewünschten Kurs zurückzubringen.
Von besonderem Nutzen - aber keineswegs die Regel - ist die Fähigkeit einer Gewährsperson (bei einer Aufnahme «am Stubentisch»), sich auch auf der Karte mit hinlänglicher Sicherheit zurechtzufinden; umgekehrt muss der Befrager draussen im Gelände jederzeit in der Lage sein, die vor Augen liegende Landschaft samt allen anvisierten Geländepunkten adäquat auf der Karte zu situieren; denn an ihm ist es ja, den ihm mitgeteilten örtlichen Geltungsbereich der aufgenommenen Namen dort nachzuzeichnen.
Der Befrager arbeitete also mit Karte, Namenblock und Tonbandgerät. Das Eintragen der Namen samt allen zu erfragenden Zusatzangaben auf den Karteikärtchen (bzw. nachmals im Computer) konnte dann erst im Büro geschehen, ebenso das Festhalten von Meereshöhe und Koordinaten, für das die Gewährsperson nicht mehr bemüht zu werden brauchte.
Es ist klar, dass die Abfrage, um spätere Nachfragen zu vermeiden, stets auf Anhieb möglichst umfassend geschehen muss; dies stellte an Befrager und Befragten gleichermassen hohe Anforderungen bezüglich Konzentration und Durchhaltekraft. Die oft tagelange intensive Zusammenarbeit zwischen Befrager und Gewährsperson mit den sicht- und messbaren, stetig wachsenden Ergebnissen schaffte aber oft auch ein Klima vertrauten Einvernehmens, eine Identifikation mit einer gemeinsam als wichtig empfundenen Aufgabe. Im Kompaktband des Werdenberger Namenbuches (S. 742f.) lassen sich noch weitere Ausführungen zu dieser Sammelphase nachlesen.
Ziel der Feldaufnahme ist die Erstellung einer verlässlichen Namensammlung in einem umschriebenen Raum, z. B. einer Gemeinde. Dabei ist möglichste Vollständigkeit anzustreben, denn nur so erhalten wir eine Datensammlung, welche sich mit optimalem Ertrag auswerten lässt; nur so sind gültige Aussagen möglich etwa hinsichtlich Verteilung und Frequenz von Namentypen; nur so sind die Voraussetzungen gegeben für alle Untersuchungen betreffend das Verhältnis der Namen untereinander.
Die Gewährsleute, die uns ihr Wissen weitergegeben haben, mögen im Werdenberger Namenbuch - sofern sie sein Erscheinen haben erleben dürfen - mit Genugtuung auch ihr Werk erblicken und sich daran freuen. Die allermeisten unserer damaligen Auskunftspersonen weilen allerdings nicht mehr unter uns. Wir behalten ihren Beitrag zum Werk in ehrendem Andenken; daher sollen auch ihre Namen hier festgehalten werden. In Wartau und Grabs folgt jeweils auf den Personennamen in Klammer die Angabe des bearbeiteten Gemeinderayons.
Gemeinde Wartau (Explorator: Hans Stricker)
Peter Adank, 1900-1989, Sticker, Oberschan (Oberschan, Schaner Berg, Schaner Alp)
Hansjakob Gabathuler, 1924-2006, Landwirt, Fontnas (Fontnas, Palfris)
Heinrich Gabathuler, 1897-1984, a. Landwirt, Fontnas (Fontnas, Palfris)
Jakob Gabathuler, 1914-1991, Ortsgemeindeschreiber, Förster, Azmoos (Azmoos, Waldgebiet, Walserberg, Elabria, Riet)
Oswald Gabathuler, 1907-1985, Landwirt, Malans (Malans, Malanser Holz, Elabria)
Christian Schlegel, 1898-1978, a. Landwirt, Trübbach (Trübbach, Walserberg, Palfris)
Hans Zogg, 1923-1996, Ortspräsident, Gretschins (Gretschins)
Heinrich Zogg, geb. 1897, a. Lehrer, Weite (Weite, Murris)
Daneben standen für gelegentliche Fragen weiter zur Verfügung:
Leonhard Gabathuler, 1900-1974, Mesmer, Azmoos
Mathias Gabathuler, 1891-1975, a. Baumeister, Oberschan
Ulrich Gabathuler, geb. 1924, Landwirt, Murris
Jakob Kuratli, 1899-1981, a. Lehrer, Azmoos
Heinrich Seifert, 1898-1973, Mesmer, Gretschins
Johann Jakob Tischhauser, 1899-1977, a. Ortspräsident, Malans
Elsbeth Tschudi-Müller, Hausfrau, 1906-1986, Murris
Gemeinde Sevelen (Explorator: Valentin Vincenz)
Georg Hagmann, 1898-1985, a. Ortsgemeindeschreiber, Glat, Sevelen
Burgula Hagmann, 1903-1993, Hausfrau, Sevelen
Johann Gähler, 1931-2002, Förster, Gadretschweg, Sevelen
Heinrich Seifert, 1895-1980, a. Fabrikarbeiter, Lokalhistoriker, Bergstrasse, Sevelen
Gemeinde Buchs (Explorator: Valentin Vincenz)
David Blumer, a. Ortsgemeindeschreiber (1957-1978), Buchs
Oswald Rhyner, sen., 1904-1973, Bauer, Wirt, Rhynerhus, Buchser Berg
Oswald Rhyner-Senn, jun., 1933-2000, Mechaniker, Röllweg, Buchs
Josef Buschauer, 1911-1992, Ofenbauer, Churerstrasse, Buchs
This Rothenberger, 1911-2000, Buchs
Lita Senn-Rohrer, 1878-1974, Wuhr, Buchs
Nachträgliche Rückfragen, Kontrollen:
Erich Meyer, 1926-2015, Unterstütlistrasse, Buchs
Gemeinde Grabs (Explorator: Hans Stricker)
Ueli Gantenbein, 1920-1966, Förster, Sand, Grabs (ganze Gemeinde)
Walter Stricker-Lippuner, 1914-2014, Schreiner, First, Grabs (Grabser Berg, Maienberge)
Agatha Stricker-Lippuner, 1910-1999, Hausfrau, First, Grabs (Dorf)
Andreas Stricker, 1900-1978, Landwirt, Senn, Forst, Grabs (Alp Plisen)
Emil Hanselmann, 1902-1983, Hirt, Altendorf/Buchs (Alp Isisiz)
Mathäus Vetsch, *1932, Landwirt, Stütli/Mattenhof, Grabs (Grabser Riet)
... und viele weitere spontan Befragte, deren Namen seinerzeit nicht notiert worden waren.
Gemeinde Gams (Explorator: Valentin Vincenz)
Josef Kurath, *1934, Gemeindeammann, Madrusa/Vorburg, Gams
Peter Schöb, *1931, Gemeinderatsschreiber, Simmi/Wide, Gams
Franz Kaiser,1926-1989, Ortsgemeindeschreiber, Underfelsbach, Gams
Hans Kramer-Schöb, *1939, Bankverwalter, Feld, Gams
Emma Dürr-Kaiser, *1926, Hausfrau, Gasenzen, Gams
Andreas Dürr-Kaiser, 1923-2004, Land- und Gastwirt, a. Nationalrat, Gasenzen, Gams
Nachträgliche Rückfragen, Kontrollen:
Fluri Vetsch, *1941, a. Abwart, Schützenhalde, Gams
Gemeinde Sennwald (Explorator: Valentin Vincenz)
Jakob Bernegger, 1917-1991, Elektriker, Gaditsch, Sax
Arnold Hanselmann, 1917-1994, Landwirt, Brunnen, Frümsen
Willi Leuener, 1911-2005, Geschäftsführer, Erlenstrasse, Sennwald
Werner Tinner, 1931-2006, Ingenieur, Haag (Präsident Ortsgemeinde Frümsen)
Ernst Gantenbein, 1920-2010, Aufseher, Gartis, Salez
Alfred Haltner, 1915-1991, Gaditsch, Sax
Nachträgliche Materialergänzungen, Kontrollen (ab 2002):
Michael Berger, *1971, Chemiker, Salez
Hansjörg Tinner, *1973, Chemielaborant, Haag
Hans Jakob Reich, *1952, Publizist, Salez
Werner Leuener, *1945, dipl. Ing. ETH, Salez
Auf das Befragen der Einheimischen folgte nun während Wochen und Monaten das geduldige Durchstöbern der historischen Quellen. Unser Weg führte in alle Gemeinde-, Ortsgemeinde-, Pfarr-, Korporations- und Privatarchive sowie in die historisch mit Werdenberg verbundenen Staatsarchive (Glarus, St.Gallen, Zürich, Luzern, Feldkirch). Die dort gehorteten Dokumente enthalten zahllose Nennungen von einheimischen Örtlichkeiten. Diese Quellen müssen systematisch erschlossen und ausgewertet werden. Der Namenforscher muss die Archivbestände möglichst in ihrer Gesamtheit überblicken, um dann aus der Fülle des Vorhandenen die Wahl der ihm dienenden Quellen treffen zu können.
Die in unseren Archiven ruhenden schriftlichen Hinterlassenschaften früherer Jahrhunderte bilden neben der Feldarbeit die zweite Hauptsäule der namenkundlichen Forschungsarbeit. Aus ihren Erträgen wurden die in den Namenartikeln präsentierten historischen Belegreihen (bis hinab zu der ältesten erreichbaren urkundlichen Form) aufgebaut. Dergestalt lässt sich die formale Entwicklung der Namen in die Vergangenheit zurückverfolgen - im Idealfall bis zurück in seine Entstehungszeit.
Urteil im Streit um die Nutzung von Püls (Grabser Riet) zwischen den Burgern von Werdenberg und "denen von Grabs". Pergamenturkunde von 1477. Archiv Grabs (Signatur: OBA Grabs, Urk. Nr. 2).
Das sogenannte «Burenstürbuoch» von Grabs (Seite 32), von 1663 im Archiv Grabs: "Jtem Hanss Zock in Leffersberg Sol Jerlich ...".
Eine Doppelseite (Seiten 50/51) im "Herren Stür Buoch" von 1663ff. von Grabs (Archiv Grabs, Signatur SA Grabs, HS). Hier kann verfolgt werden, wie mehrere Schreiber nacheinander ihre Einträge machten.
Augenschein und Spruch im Streit um den Unterhalt der Brücke in Guferen (Grabs), wohl um 1700 zu datieren. Dokument (Papier) ohne Jahr. Archiv Grabs (Signatur: OBA Grabs, Urk. Nr. 42).
Die in Band 8 der wissenschaftlichen Ausgabe (S. 193-223) aufgeführte Liste der verwerteten Einzeldokumente gibt einen Überblick über die Zahl der durchgearbeiteten Archive, über Umfang und Inhalt der im Namenbuch zitierten Quellen. Zu Beginn des 19. Jhs. wurde in der Regel mit dem «Helvetischen Kataster» von 1801 der Schlusspunkt gesetzt. Zwar hätte die Berücksichtigung noch jüngerer Quellen zweifellos die Erfassung noch weiterer (d. h. bis dorthin unbelegter und seither wieder abgegangener) Namen ermöglicht. Auf der anderen Seite hätte dies eine gewaltige Mehrarbeit bedeutet, weil die Archivalien des 19. und 20. Jhs. ja stark anschwellen; und für die etymologische Deutung hätte die Beschaffung von so jungen Belegen in den seltensten Fällen mehr einen Gewinn gebracht.
Am Schluss lagen nun – noch vor der allgemeinen Verbreitung der elektronischen Arbeitsmittel – für alle Gemeinden Karteikästen vor, in denen die Namen auf weissen und die historischen Belege auf blauen Kärtchen verzeichnet und alphabetisch geordnet waren.
Einige Karteikästen des Werdenberger Namenbuches. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Der Zettel mit dem Namen Averschnära (Grabs), um 1966. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Zettel mit urkundlichem Beleg von um 1620 zum Namen Averschnära (Grabs), um 1969. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Das wissenschaftliche Schrifttum stellt die dritte Säule dar, auf welcher ein Namenbuch basiert. Ihr Aufbau erfolgte nach Abschluss der Feld- und Archivaufnahmen, als die Deutungsarbeit in Sicht kam. Alle im bisherigen heimatkundlichen Schrifttum und in der Fachliteratur zu hiesigen Namen erscheinenden Deutungen und Kommentare galt es nun aufzusuchen und, in geraffter Form redigiert, zuhanden der späteren Namenartikel abzulegen. Gleich anschliessend folgte auch deren kritische Prüfung und Gewichtung: Unhaltbares war auszuscheiden, Fragliches abzuwägen und Richtiges zu bestätigen. Damit war der Informationshintergrund geschaffen, vor welchem nun die eigene Deutungsarbeit einsetzen konnte.
1981 wurde die Publikationsreihe St.Galler Namenbuch, Romanistische Reihe gegründet. Als Bände 1 und 2 erschienen die Arbeiten über die romanischen Orts- und Flurnamen von Grabs und von Wartau von Hans Stricker; im Jahr 1983 folgte als Band 3 die entsprechende Arbeit zu Buchs und Sevelen von Valentin Vincenz. Die Namensammlung in den Gemeinden Gams und Sennwald (sowie in der Rhode Lienz und der Gemeinde Rüthi) besorgte Valentin Vincenz zwischen 1984 und 1991; die Deutung der dortigen romanischen Namen folgte 1992 als Band 4.
Damit waren die romanischen Namen der Region Werdenbergs in einem ersten Durchgang (wenn auch nicht stets definitiv) bearbeitet. Die Deutungsarbeit an den deutschen Namen in unseren Gemeinden – zahlenmässig die grosse Mehrheit – war dagegen noch gar nicht in Angriff genommen.
Nun fehlten allerdings die Mitarbeiter. Leider standen keine jüngeren Kräfte bereit, die die Arbeit hätten weiterführen können, als die bisherigen Akteure nicht mehr abkömmlich waren. Valentin Vincenz war seit 1971 als Hauptlehrer an der Kantonsschule Sargans vollamtlich tätig, während Hans Stricker von 1974 bis 1984 als Redaktor am Institut DRG in Chur, ebenfalls vollzeitlich, arbeitete und darauf im Mai 1984 an die Universität Zürich wechselte. Ihnen war nun eine intensive Mitarbeit im Kanton St.Gallen einstweilen nicht mehr möglich, zumal beide noch in andere Namenforschungsprojekte eingebunden waren (Hans Stricker war seit 1981 mit der Schaffung eines Liechtensteiner Namenbuches beschäftigt, und Valentin Vincenz führte die Sammel- und Deutungsarbeit im Sarganserland weiter; 1993 veröffentlichte er als Band 5 der erwähnten Reihe seine Untersuchung der romanischen Namen von Vilters und Wangs). So begann in Werdenberg eine längere Zeit des faktischen Stillstands.
Auch in den übrigen Teilen des Kantons kamen aber seit längerem die Arbeiten am Namenbuch nicht recht voran. Das weit gespannte Projekt bestand aus zwei Werkteilen, die in der Praxis kaum miteinander verbunden waren. Die romanistische Abteilung, nominell geleitet von Prof. Gerold Hilty, war hauptsächlich im Bezirk Werdenberg aktiv. Die germanistische Abteilung unter der nominellen Leitung von Prof. Stefan Sonderegger wurde im Nordteil des Kantons von Dr. Bernhard Hertenstein vertreten.
Leider war eine dem Umfang des Projekts entsprechende personelle Dotierung nie erreicht worden, wie überhaupt die wahren Anforderungen des Unternehmens der Öffentlichkeit nicht bekannt waren. Die wenigen und fast nur nebenamtlichen Bearbeiter in den 1970er und frühen 1980er Jahren arbeiteten relativ isoliert; es mangelte an einer Führung, die sich über das Erteilen von allgemeinen Richtlinien hinaus auch mit den konkreten Details der vielgestaltigen Aufgaben hätte befassen und damit die Zeitplanung realistischer hätte einschätzen können.
In den frühen 1980er Jahren übernahm das kantonale Amt für Kultur die Federführung (administrative Planung und Koordination) im Projekt. Dies war begrüssenswert und auch nötig, genügte allein aber auch nicht, denn Mitarbeiterzahl und Zeitrahmen entsprachen der Grösse der Aufgabe nicht. Es wurden unrealistische Zeitplanungen dekretiert und verfrühte Publikationsankündigungen gemacht. Die vielbeschäftigten wissenschaftlichen Leiter waren dem Alltag der praktischen Namenbucharbeit zu weit entrückt, als dass sie rechtzeitig Gegensteuer hätten geben können - dort, wo Planung und Wirklichkeit am offensichtlichsten auseinanderklafften. So blieben auch den Mitarbeitern, die neue Ideen hätten einbringen wollen, die Hände gebunden.
Die psychologische Wirkung dieser Umstände und deren Folgen auf Öffentlichkeit, Politik und Mitarbeiter waren entsprechend ungünstig. Tragische Todesfälle von Mitarbeitenden (Dr. Bernhard Hertenstein, † 15.9.1988, Lucie Bolliger Ruiz, † 7.3.1988) taten ein Übriges. Mittlerweile hatte Hans Stricker seine Mitarbeit am Projekt eingestellt und konzentrierte sich auf die Weiterführung seines Liechtensteiner Namenbuches. Das St.Galler Projekt stand still.
Wie sollte es weitergehen? In kaum einer anderen Region des Kantons hatten die Vorarbeiten den Stand erreicht, wie er um 1985 in Werdenberg vorlag. Daher suchte Prof. Gerold Hilty nach Möglichkeiten, wenigstens hier in absehbarer Zeit zu einem Abschluss der Arbeiten, zu einem Bezirksband Werdenberg, zu kommen. Eine auswärtige Germanistin wurde engagiert, die die Grundlagenmaterialien übernahm und sich nun während einiger Jahre mit diesen beschäftigte. Ihre Aufgabe war nicht einfach, war sie doch mit dem Untersuchungsraum, mit Land und Leuten und mit dem übernommenen Namengut gänzlich unvertraut. Nach längerer Zeit wandte sie sich denn auch wieder einer anderen Aufgabe zu, ohne dass die Arbeit am Werdenberger Material auch nur annähernd vollendet gewesen wäre. Nach ihrem Ausscheiden trat erneut eine längere Pause ein, und der Kanton stellte nun seine Unterstützung des Projekts St.Galler Namenbuch ganz ein. Später sollte sich dann herausstellen, dass Teile der vielfach herumgereichten Werdenberger Materialien unterdessen verschollen waren.
Um 1993 fand sich in lic. phil. Peter Masüger nochmals ein Kandidat, der auf Anregung durch Prof. Gerold Hilty bereit war, sich nebenamtlich des verwaisten Werdenberger Materials anzunehmen. Doch war auch hier der Rahmen zu eng gezogen. Das bisher stets unterschätzte Unternehmen erwies sich endgültig als zu weitläufig und zu komplex, um ohne solide Verankerung, ohne Arbeitsstätte, ohne Kontinuität, ohne motivierende Gruppe bestehen zu können. So wandte sich auch Peter Masüger schliesslich wieder ganz seinem Hauptberuf zu. In der Werdenberger Namenforschung kam es wieder zum Stillstand.
Doch der Plan lebte weiter. Auf eine Initiative von Hans Stricker, die Sache auf anderer Basis neu zu beleben, erklärte zwar noch am 26. Februar 1999 die zuständige St.Galler Regierungsrätin brieflich, «dass Regierung und Grosser Rat sich mangels Resultate vom Projekt [St.Galler Namenbuch] trennten», und dass sie nicht auf neue Verhandlungen eintreten möchte. Dennoch wurden die Bemühungen fortgesetzt. Denn wenn irgendwo, dann müsste der Durchbruch im Bezirk Werdenberg gelingen. Auch das Sarganserland mit seinem starken romanischen Substrat sollte nicht aus den Augen verloren werden. So fand am 2. Juli 1999 im Regierungsgebäude in St.Gallen dann doch ein Treffen statt zwischen Regierungsrätin Katrin Hilber und dem Leiter des Amtes für Kultur, Dr. Walter Lendi, einerseits, sowie Prof. Gerold Hilty, Dr. Valentin Vincenz, Dr. Eugen Nyffenegger und Prof. Hans Stricker andererseits. Dabei ging es um die Frage, ob und wie die Namenforschung im Bezirk Werdenberg und im Sarganserland doch noch fortgeführt und abgeschlossen werden könnte. Noch hielt sich St.Gallen bedeckt.
Im September 1999 trat Gerold Hilty an Hans Stricker heran mit der Bitte, die Fortsetzung des Unternehmens in Werdenberg an die Hand zu nehmen. Peter Masüger stand für eine nochmalige Mitarbeit bereit, und nun sollte beim Schweizerischen Nationalfonds das Gesuch für einen dreijährigen Kredit eingereicht werden. Der Eingabetermin stand kurz bevor; die Ausgangslage war bereits abgesprochen, und es fehlte nur noch ein Hauptgesuchsteller, der sich hinter die Sache stellte. Um das Ganze nicht scheitern zu lassen, willigte Hans Stricker schliesslich ein, auch wenn für ihn auf der Hand lag, dass in drei Jahren das Projekt nicht fertiggestellt werden konnte - unter der Bedingung freier Hand in Organisation, Zeitrahmen und Werkstruktur.
Die Lage war sichtbar prekär. Die vor uns liegende Arbeit war weit grösser, als dies bisher dem Kanton offen dargelegt worden war, und das Misstrauen in St.Gallen gegenüber neuen Anläufen war nun offensichtlich. Wie sollte unter diesen Umständen die noch vor uns liegende lange Wegstrecke bewältigt werden? Wie konnten die wirklichen Anforderungen an ein solches Unternehmen kommuniziert, wie das Bild unseres Forschungszweiges vor Öffentlichkeit und Geldgebern realistischer und positiver dargestellt werden? Wie konnten mehr Mittel erschlossen werden, um auch weitere Arbeitskräfte in den Dienst des Werks stellen und die Ausarbeitungszeit entsprechend der tatsächlichen Lage zu verlängern?
Zunächst ging es uns darum, die namenkundliche Erforschung des Sarganserlandes, das uns besonders interessierte, in einen Gesamtplan mit einzubeziehen. Im Sommer 2000 trafen Gerold Hilty, Valentin Vincenz und Hans Stricker sich mit den Exponenten der «Sarganserländischen Talgemeinschaft», um auszuloten, ob vom Sarganserland her uns die Unterstützung zuteil würde, die es erlaubt hätte, Valentin Vincenz vorzeitig vom Schuldienst freizustellen und für die Namenforschung im Bezirk Sargans einzusetzen. Auch die kantonale Erziehungsdirektion war in diesem Zusammenhang also einzubeziehen. Eine gleichzeitige Arbeit in beiden Bezirken hätte über die fachlichen Synergien hinaus die Möglichkeit geboten, eine Infrastruktur für beide Unternehmen gemeinsam zu nutzen und eng zusammenzuarbeiten.
Die aus dem Sarganserland versprochenen Fürsprachen erwiesen sich leider als wirkungslos. Auch das Amt für Kultur war nicht für eine Ausdehnung der Arbeit ins Sarganserland zu gewinnen. Und schliesslich bot auch das Erziehungsdepartement zu einer vorzeitigen Entlassung von Valentin Vincenz aus dem Schuldienst nicht Hand. Damit scheiterte der Plan einer gemeinsamen Bearbeitung des ganzen altromanischen Südens unseres Kantons schon im voraus, und wir mussten wieder ganz zum Bezirk Werdenberg zurückkehren.
Am 1. Oktober 2000 trat Peter Masüger seine hauptamtliche Stelle am Projekt Werdenberger Namenbuch an. Der Projektleiter war da schon seit längerem intensiv mit der Planung der Arbeiten beschäftigt. Ab Mitte August 2001 war auch die Projektmitarbeiterin Barbara Stricker in Teilzeitverpflichtung fest dabei. In der ersten Werkphase war Valentin Vincenz ebenfalls mit einem kleinen Pensum (nach seinen zeitlichen Möglichkeiten als vollamtlicher Kantonsschullehrer) für das Namenbuchprojekt tätig.
Ich hatte mich mittlerweile auf die Suche nach weiteren finanziellen Mitteln gemacht. Auf mein Gesuch hin erklärte sich eine renommierte Liechtensteiner Stiftung bereit, an ein Werdenberger Namenbuch eine bedeutende Summe beizutragen - unter der Bedingung, dass ein Gesamtbudget zustande komme, an dem sich auch der Standortkanton beteilige. Sogleich ging ein Gesuch an das zuständige St.Galler Departement, worin die errechnete Summe für eine vorderhand vierjährige Laufzeit beantragt wurde. Am 8. Mai 2001 bewilligte der St.Galler Grosse Rat den angesuchten Betrag (mit einer leichten Abrundung). Verbunden mit der Bewilligung unseres Gesuches verlangte der Rat die Einsetzung einer Trägerschaft, die gegenüber den Subvenienten verantwortlich zeichnen sollte. Dies entsprach durchaus unseren eigenen Vorstellungen. (Siehe unten den Abschnitt «Der Verein Werdenberger Namenbuch».)
Peter Masüger, der neue Hauptmitarbeiter am Werdenberger Namenbuch, in seinem Büro in Weite SG, im Oktober 2001. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Die langjährige Projektmitarbeiterin Barbara Stricker im Büro in Weite SG, mit Hans Stricker, im Oktober 2001. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Valentin Vincenz und Hans Stricker im Namenbuchbüro in Weite SG, im Juni 2003. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Kurze Beratung unter KollegInnen. Büro Weite, 23. Oktober 2001. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Die Gesuche basierten auf der Annahme, dass die vorhandene Vorarbeit (digitale Erfassung der Werdenberger Originalkarteien) das Fundament unserer Weiterarbeit bilden würde, womit das Ganze sich in verhältnismässig kurzer Zeit sollte fertigstellen lassen. Nach der Übernahme dieser Materialien zeigte es sich allerdings, dass sie als Basis unserer eigenen Arbeit nicht taugten, waren sie doch methodisch ungenügend, inhaltlich nicht adäquat strukturiert, technisch überdies veraltet. Sie stellten keinen Bezug zur realen Kultur- und Sprachlandschaft her – es war eine reine Schreibtischunternehmung. So erwies sich gleich zu Beginn die Werkplanung als Illusion.
Die Lösung des Problems blieb allerdings uns allein überlassen: Wir mussten wieder vorne anfangen, auf unsere guten alten Karteien von anno dazumal zurückgreifen, sämtliche Daten neu digital erfassen, sie in neu entwickelte Strukturen einbetten und das Ganze auf aktuelle Datenträger speichern. Der damit verbundene Zeitverlust war nirgends vorgesehen und eingerechnet, aber in der gegebenen Situation unumgänglich. Darum kam auch diesen unseren Originalmaterialien erneut so hohe Bedeutung zu.
In diese Situation hinein trat nun noch der Befund, dass die zuvor vielfach herumgereichten Originalmaterialien gar nicht mehr alle greifbar waren. Was lange anscheinend nicht einmal bemerkt worden war, entwickelte sich rasch zu unserem Hauptproblem. Und wie die ernüchternden Erfahrungen der folgenden Monate zeigen sollten, war es nicht mehr möglich, das Verschollene noch vollständig hereinzuholen. Weil keine Übergabeprotokolle existierten, war nicht einmal klar, was noch alles zurückzufordern gewesen wäre. Dass Teile von Karteien blockweise fehlten, war schlimm genug. Noch schwerer aber wog der teilweise Verlust der Flurnamenkarten, also der originalen Übersichtspläne der Gemeinden im Massstab 1:10000, auf denen die Exploratoren anlässlich der Feldaufnahmen die Namengebiete detailliert eingezeichnet und durchnumeriert hatten. Diese lokalisierten Namenareale auf den Karten brauchten wir für die Ablesung der Koordinaten (soweit diese noch fehlten), für die Feststellung der Meereshöhen, für die Beschreibung der Örtlichkeiten sowie für das Studium des Namennetzes (des sprachlich-sachlichen Verhältnisses benachbarter Namenareale zueinander). Allein schon dafür, dann aber auch im Hinblick auf die endliche Datensicherung mussten diese Karten unbedingt rekonstruiert werden, Zeitdruck hin oder her – und diesmal wenn möglich in digitaler Form.
Vorhanden waren damals noch die handbearbeiteten Karten der Gemeinden Grabs, Buchs, Sevelen, Wartau; die erst- und die letztgenannte noch bei Hans Stricker im Original bzw. als grossformatige Kopie, die beiden anderen dank einer Kopierung im A4-Buchformat, die er privat anno 1972 für sich angefertigt hatte. Für die Gemeinden Gams und Sennwald waren die handbearbeiteten Namenkarten nicht mehr vorhanden. Dies war für uns in doppelter Hinsicht schlimm, zum einen, weil die auf den Originalkarten verzeichneten Daten nachträglich kaum mehr verlustfrei erhoben werden können, zum anderen, weil alle Neuerhebungen, die wir nun machen mussten, mit schweren Zeit- und Mittelverlusten verbunden waren.
All dies bewog den Projektleiter, alles daran zu setzen, dass die Flurnamenkarten nicht nur inhaltlich wiederhergestellt, sondern dann auch digital bearbeitet und im Druck publiziert würden. Dies war nun das erste Ziel unserer Tätigkeit. Das kantonale Vermessungsamt stellte uns in verdankenswerter Weise eine Software zur Verfügung, die uns erlaubte, die digitale Beschriftung der Namenkarten am Bildschirm selbst vorzunehmen. Und eine ehemalige Mitarbeiterin am Vermessungsamt, Frau Priska Michel, war uns auf privater Basis sehr grossherzig dabei behilflich, die für uns neue technische Dimension der Kartenbeschriftung in den Griff zu bekommen.
Detail aus der Original-Flurnamenkarte von 1966 (vorderer Grabser Berg: in der Mitte: der Bodenrangg). - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Derselbe Ausschnitt auf der gedruckten Flurnamenkarte. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Im Schäfli Frümsen am 15. November 2005: Peter Masüger nach der Präsentation der neuen Flurnamenkarte Sennwald. Ganz links hinten unsere Kartensachverständige Priska Michel (vormals beim Kantonalen Vermessungsamt).
In den Jahren 2003 bis 2008 erschienen nacheinander für alle sechs Gemeinden die Flurnamenkarten 1:10 000 samt je einem Begleitheft, in welchem sämtliche heute bekannten Namen des jeweiligen Gemeindegebiets aufgelistet, lokalisiert und mit ausführlicher Beschreibung der Örtlichkeiten versehen wurden. Heute sind diese Karten als lokale Informationsquellen in der Öffentlichkeit weit verbreitet und nicht mehr wegzudenken.
Auf Betreiben des Projektleiters und dank des Entgegenkommens von Migros Ostschweiz sowie der Kulturkommission Grabs konnten wir in Buchs beim Migrospärkli sowie in Grabs oberhalb des Rathauses die Flurnamenkarten der Region Werdenberg auf drei Tafeln vereinigt öffentlich aufstellen.
Die Flurnamenkarten auf dem Migros-Areal in Buchs, kritisch begutachtet am 2. März 2008 von einem betagten Grabser Gewährsmann, dem wir viel verdanken. Links Walter Stricker (1914-2014), Vater des Autors, rechts Bruder Walter. - Bild: Werdenberger Namenbuch.
Die Geländenamen sind im Laufe der Geschichte aus der Anschauungswelt der einheimischen Bevölkerung herausgewachsen. Sprachlich bilden sie einen Teil der lokalen Mundart, und sie enthalten viele archaische Elemente. Darum hat sich die Schreibung dieser Namen grundsätzlich nicht nach den für das Hochdeutsche geltenden Regeln zu richten. Häufig wäre eine solche Anlehnung auch gar nicht möglich, da mancher mundartliche Laut in der Schriftsprache keine Entsprechung hat und viele Namen sich gar nicht entsprechend zurechtbiegen liessen.
Ein Blick auf die alltagsüblichen Namenschreibungen zeigt, dass sie bisher das Problem einer adäquaten schriftlichen Wiedergabe noch nicht befriedigend gelöst haben: Einmal hat sich gar nicht für alle Namen überhaupt eine gebräuchliche Schreibform eingebürgert, und zum andern sind die herkömmlichen Schreibungen in sich selber stark uneinheitlich, teils schriftsprachlich beeinflusst oder von Schuldrill, zeitgebundenen Schreibtraditionen, Modeerscheinungen und volksetymologischen Umdeutungen geprägt.
Bei der Planung von Namenforschungsprojekten tritt jeweils rasch die Notwendigkeit einer Normierung der Namenschreibung in den Vordergrund. Normalerweise trifft man ja zunächst auf eine Vielfalt, ja, einen Wildwuchs von Schreibungen unterschiedlichster Qualität, welche ordnende Eingriffe dringend nötig erscheinen lassen. Dabei ist nach Möglichkeit das Zusammengehen mit den behördlichen Stellen (Gemeindeverwaltung, Vermessung, Grundbuch, Kartographie) zu suchen, um die notwendige Reform der Schreibungen nicht auf den wissenschaftlichen Gebrauch zu beschränken und damit an Verwaltung und Öffentlichkeit vorbeizuarbeiten.
Umgekehrt ist auch nicht unbekannt, wie schwierig es sein kann, auf diesem Gebiet Änderungen durchzusetzen, weil gegen die allgemeine Tendenz, an vertrauten Schreibungen ungeachtet ihrer Qualität festzuhalten, oft schwer anzukommen ist. Der Versuch, hier Koordination anzustreben, ist auf jeden Fall mit Aufwand verbunden - wenn der Dialog aber gelingt, dann allerdings ist der Nutzen für beide Seiten unverkennbar. Wir haben uns früh dafür entschieden, den Versuch zu wagen.
Die schriftliche Überlieferung neigt naturgemäss dazu, alte Formen und lautliche Entwicklungsstufen festzuhalten, denen gegenüber sich die Namen in der volkstümlichen Aussprache vielfach weiterentwickelt haben. Die Umdeutungen entstanden aus der allgemein verbreiteten Neigung, dunklen Namen durch Anlehnung an ähnlich lautendes, bekanntes Sprachgut einen «Sinn» zu geben, in der Meinung, die Namen müssten zurechtgeformt werden, um mundartliche Lautungen und Formen «verständlicher» zu machen und angemessen wiederzugeben. So entstanden sprachlich und inhaltlich verschobene Formen; vgl. etwa Dorfengraben (Grabs), urkundlich bezeugt als Gorfengraben (zum romanischen Familiennamen Gorf oder Corf (‚Rabe’), aber nun mit – irriger – Anlehnung an dt. Dorf); usw. In solchen, längst etablierten Fällen hat eine Rückbildung natürlich zu unterbleiben. Anders ist es in Fällen wie Wieden, Prapafier, Palfries statt richtig Widen, Prapafir, Palfris, oder Stüdtli, Bündt statt besser Stütli, Bünt. Hier ist ein berichtigender Eingriff durchaus am Platz.
Denn die Verhochdeutschung der Schreibformen verleitet namentlich Ortsfremde, aber immer mehr auch Einheimische, zu falscher Aussprache, und dies trägt dazu bei, dass bodenständige Formen entstellt werden und ihrerseits in Vergessenheit geraten. Diesen Nachteilen kann nur begegnet werden, wenn entsprechende Normen aufgestellt und befolgt werden. Diese zielen notgedrungen auf einen Kompromiss zwischen dem Hörbild der traditionellen Aussprache und den praktischen Möglichkeiten (und Grenzen) mundartnaher Schreibung. Eine gänzliche Übereinstimmung zwischen den zwei Ebenen ist nicht zu erreichen, und in manchen Einzelheiten kommt das gewählte Ergebnis ebenso sehr den praktischen Bedürfnissen und dem sprachlichen Taktgefühl entgegen wie strengen Prinzipien und wissenschaftlicher Folgerichtigkeit.
Auf der erwähnten Basis hat der Projektleiter zuhanden der Mitarbeiter am Werdenberger Namenbuch ein Kompendium «Redaktionelle Regeln» ausgearbeitet, das die Ausgangslage im Untersuchungsraum darlegt und ihnen die Orientierung bei den zahllosen Lemmatisierungsproblemen erleichtert hat.
Erst im Jahr 2007 war nun – nach gewissenhafter Vorbereitung – das Feld frei für den Beginn der eigentlichen Deutungsarbeit. Mittlerweile war das Korpus auf insgesamt über 12 700 Einheiten angewachsen. Von ihnen waren erst die - kaum ein Zehntel ausmachenden - romanischen Namen philologisch einigermassen vorbearbeitet. Da in dieser Werkphase der Projektleiter allein für diese Aufgabe zur Verfügung stand, sollte es nochmals zehn Jahre dauern, bis die Arbeit abgeschlossen war und die Bücher gedruckt vorlagen. Wer sich näher mit den Fragen um den Werdegang des Namenbuches, um Methoden und Ergebnisse der Namendeutung beschäftigen möchte, sei auf die Werkseinleitungen in Band 8 (S. 110ff., bzw. S. 163ff.) und in der Kompaktausgabe (S. 16f.) verwiesen.
Namen erklären heisst, ihre Überlieferung im geschichtlichen Kontext nachzuzeichnen, ihre formale Entwicklung zu untersuchen, ihre Grundbedeutung zu ermitteln und diese soweit möglich in einen sachlichen Zusammenhang mit der zugehörigen Örtlichkeit zu stellen. Mit anderen Worten: Antwort auf die Frage zu geben, warum einem Ort ein bestimmter Name zugeteilt wurde, und die Erkenntnisse zu bündeln, die sich aus der Analyse eines Namens ergeben haben.