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Liest man den Namen dieses Krautes in Pinyin, also in der Umschrift, könnte man meinen, es handle sich hier um ein besonders ausgewogenes Kraut, weil es sogar den Namen der beiden chinesischen Grundprinzipien Yin und Yang enthält, welche die gegensätzlichen Aspekte in der Natur, also zum Beispiel Tag und Nacht, heiss und kalt, oben und unten, Mann und Frau etc. repräsentiert. Dem ist aber ganz und gar nicht so. In der chinesischen Sprache gibt es nur 400 Silben und mit denen müssen die Tausende von Wörtern gebildet werden, die eine Sprache kennt. Da jede Silbe in vier verschiedenen Tonfällen gesprochen werden kann, ergibt dies schon 1600 Silben. Die Tonfallzeichen werden leider in der Pinyin-Umschrift selten dargestellt, sonst würde man vielleicht merken, dass Yin und Yang, das Paar der Gegensätze, in der ersten Silbe ein anderes Tonfallzeichen hat als Yin und Yang in unserem Kraut. Die zweite Silbe hat zwar das gleiche Tonfallzeichen, aber endgültig klärt sich die Angelegenheit, wenn man die chinesischen Schriftzeichen betrachtet, denn die unterscheiden sich voneinander völlig. So ist das eben mit der chinesischen Sprache: für gleich gesprochene Silben existieren unter Umständen Dutzende von verschiedenen Schriftzeichen. Das macht die Schwierigkeit aus, die wir empfinden, wenn wir Chinesisch lernen wollen. Die Grammatik ist denkbar einfach: keine Deklination, also keine Fälle und auch keine Konjugation von Verben!
Also kein harmonisch ausbalanciertes Kraut im Sinne des aus der chinesischen Philosophie bekannten Grundprinzips Yin und Yang. Nein – ganz im Gegenteil! Der Unterschied könnte kaum grösser sein. Die Silben Yin und Yang in Yin Yang Huo stehen für extreme Einseitigkeit, nämlich für ungestüme (männliche) Begierde. Yang heisst nämlich Ziege, bzw. Ziegenbock und Yin bedeutet hier zügellos, hemmungslos. Die Silbe kommt auch in Begriffen für Pornographie, Seitensprung bzw. (amtlich) ausserehelicher Geschlechtsverkehr vor. Damit ist eigentlich alles gesagt: Epimedium ist pflanzliches Viagra. So wird es angepriesen. Doch auch diese Aussage muss hinterfragt werden. Viagra ist ja nicht eigentlich ein Potenzmittel im Sinne eines die Libido, das sexuelle Begehren steigernden Mittels. Viagra hilft nur der Mechanik beim Geschlechtsakt. Die Lust dazu muss anderswoher kommen. Schon eher könnte man Epimedium als pflanzliches Testosteron bezeichnen.
Tatsächlich beschreiben die Chinesen Epimedium als Mittel gegen Impotenz. Es gibt klassische chinesische Rezepturen gegen dieses Problem, welche Epimedium und ähnlich wirkende Kräuter in sich vereinen.
Die chinesische Medizin hält allerdings nicht viel von Rezepturen, welche nur gerade einem einzigen Prinzip huldigen. Vielmehr wird auf Ausgewogenheit in allen Dingen der Natur und der menschlichen Funktionen geachtet. Ein übermässiger Sexdrive wird als krankhaft betrachtet und er schadet gemäss den Ansichten der chinesischen Medizin auf die Dauer dem Körper. Ruhephasen sind genau so wichtig. Der Körper muss sich regenerieren können.
Impotenz als Symptom kann gemäss der TCM viele Ursachen haben und sie geht je nach Syndrommustern mit vielen unterschiedlichen Begleitsymptomen einher. Das spezielle Muster, das bei Impotenz gemäss der TCM vorliegt, sollte also anhand weiterer Symptome, die zu erfragen sind und nach denen es zu suchen gilt, herauskristallisiert werden. Dabei sehen wir, dass Epimedium für viele weitere Zustände indiziert ist: es wird auch bei (chronischen) Rückenbeschwerden gegeben, bei Vergesslichkeit, bei Miktionsbeschwerden, also bei Schwierigkeiten, Wasser lösen zu können, bei Nykturie, also dann, wenn man/frau nachts öfters aufstehen und Wasser lösen muss, bei Muskelkrämpfen, bei Parästhesien (Gefühlsstörungen) in den Extremitäten, bei gewissen Zyklusunregelmässigkeiten der Frau, bei Infertilität. Man sieht, Epimedium ist nicht einfach ein Potenzmittel für Männer. Es findet ebenso Anwendung bei Frauen. Das kommt daher, dass jedes chinesische Mittel eine Funktion im Rahmen der Syndromdifferenzierung der TCM hat und Epimedium gehört zur Klasse der tonisierenden Mittel und in dieser im Speziellen zu denen, welche das Yang der Niere stärken, das Lebensfeuer unterhalten und nähren und zu denen, welche Wind und Feuchtigkeit austreiben. Wann immer eine dieser Funktionen, welche sich in der oben beschriebenen Vielzahl von Symptomen zeigen kann, gestört ist, hat Epimedium seine Berechtigung.
Eine Leitsubstanz von Epimedium ist Icariin, ein prenyliertes, diglykosiliertes Flavonoid. Wer Chinesisch zu lesen versteht, findet in der wissenschaftlichen Fachliteratur mehrere Dutzend Artikel zu diesem Stoff. Unter anderem zeigt er folgende Wirkungen:
Icariin induziert die Sekretion der Interleukine 2,3 und 6. Interleukine sind körpereigene Botenstoffe der Zellen des Immunsystems, über welche diese miteinander kommunizieren und deren Wachstum fördern oder hemmen. Mit andern Flavonoiden aus derselben Pflanze fördert Icariin die Hirndurchblutung und wirkt gefässerweiternd. An Lungentumorzellen induziert es die Apoptose, also den Zelltod. Bei gewissen Leukämieformen hat es ebenfalls eine positive Wirkung. Schliesslich wird die Hormonsekretion an Ovar und Nebennieren angeregt. Auf das Knochenwachstum hat Icariin einen Einfluss, indem es das Streckwachstum der Osteozyten über den TGF2-beta (Transforming Growth Factor II beta) stimuliert.