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Verkannte Visionäre: Wie «Dr. Goudron» ein Mittel gegen Staub erfand
Visionäre erkennen Möglichkeiten, an die andere noch nicht zu denken wagen. Ihre Lösungsansätze gelten als verwegen, die Leistungen werden oft erst viel später erkannt oder neu interpretiert. Wie der Arzt Ernest Guglielminetti die Strassenteerung erfand, lässt sich in einem Buch mit Biografien aussergewöhnlicher Persönlichkeiten nachlesen.
Quelle: Keystone / Photopress-Archiv
Es ist die Geburtsstunde der Strassenteerung. Am 13. März 1902 lässt Ernest Guglielminetti vor dem Ozeanografischen Museum in Monte Carlo 40 Meter Strasse mit Teer bestreichen. Der Versuch wird schnell zur Methode.
«Seit Autos über unsere Corniche rasen, atmen wir Staub von früh bis spät», kommentiert der monegas-sische Regent Albert I im März 1902 die negativen Begleiterscheinungen des an-gehenden Automobilzeitalters anlässlich einer Veranstaltung der Medizinischen Gesellschaft. Die wissenschaftliche Forschung in unwirtlichen menschenleeren Höhenregionen sei zwar gut und recht, doch sei es wünschenswert, wenn er den Erfindergeist auch auf die unmittelbare Umgebung richten könnte, äussert sich der Fürst gegenüber Ernest Guglielminetti, der über das Thema Höhenkrankheit referierte.
Auf dem Forschungsgebiet erlangt dieser internationale Anerkennung, seine Expertise ist gefragt. Er ist Mitglied einer Expedition, welche den Bau eines Observatoriums auf dem Mont Blanc abklären soll. Für die Schweizer Regierung verfasst er damals ein physiologisches Gutachten, das Bedingung ist für den Bau der Bahn aufs Jungfraujoch. Mit Ballonpionier Eduard Spelterini schwebt er für wissenschaftliche Studien auf eine Höhe von 6000 Metern, entwickelt auf Basis der dabei gewonnenen Erkenntnisse ein Atemgerät.
Als Kolonialarzt in Übersee tätig
Eines der dringlichen Probleme, die einer Lösung harren, ist damals die Staubentwicklung infolge des rasch zunehmenden Strassenverkehrs. Denn Staub sieht Guglielminetti als mögliche Ursache für die Übertragung von Krankheitskeimen, wie er in Indonesien und in Borneo feststellen konnte, wo er nach dem Studium als Kolonialarzt tätig ist. Er bereiste auch Indien und Java, sein Entdeckerdrang führte ihn auf Vulkane.
In seiner Geburtsstadt Brig will er nach seiner Rückkehr 1890 als Arzt wirken. Weil dort aber bereits zwei Praxen existieren, zieht es ihn zuerst nach Montreux und dann nach Monte Carlo. Er teilte die Sorge des Fürsten, interpretiert dessen Anregung als Auftrag. Die Ausgangslage für die Entwicklung einer Lösung gegen die negativen Folgen des Strassenverkehrs, für die Guglielminetti als «Dr. Goudron» in die Geschichte eingehen sollte, schildert Helmut Stalder in seinem Buch «Verkannte Visionäre – 25 Schweizer Lebensgeschichten».
Mit dem Tempo kommt der Staub
Elektrische und dampfbetriebene Motorkutschen sind im vorletzten Jahrhundert die ersten Vorläufer des Automobilzeitalters. Der Explosionsmotor setzt eine rasante Entwicklung in Gang. Bessere Motoren ermöglichen bald schon höhere Tempi. Das Automobil wird Symbol des Fortschritts, gewinnt damals rasch an Akzeptanz. Wer es sich leisten kann, kauft sich ein Automobil. In Monaco, schon zu dieser Zeit ein Hort des Adels und der Haute volée, gehören Autos bald zum Strassenbild – wie der Staub.
Denn mit dem technischen Fortschritt bei den Automobilen kann der Strassenbau zu Beginn nicht mithalten. Strassen sind damals bessere Fuhrwege, im Idealfall bestehend aus mehreren Lagen von verdichtetem Schotter und Splitt. Bei höherem Tempo entsteht zwischen Fahrbahn und Chassis ein Unterdruck, sodass Sandpartikel aus der Strassenoberfläche gerissen werden. Autos ziehen in jener Zeit riesige Staubwolken hinter sich her, ein Problem, das sich bei Pferdekutschen bisher nicht stellte. Das Befeuchten von Fahrbahnen an der sonnigen Riviera zeitigt ebenso wenig nachhaltige Wirkung gegen den Staub wie Versuche mit öligen Bindemitteln.