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Die beiden belgischen Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne stellen in ihrem achten Spielfilm erneut junge Erwachsene ins Zentrum, die sich am Rand der postindustriellen Gesellschaft bewegen – diesmal auf dem Velo.
Eine Frau hilft einem dreizehnjährigen Jungen, sich aus einem Umfeld von Gewalt zu befreien – das ist die Ausgangsidee zum neuen Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Ort der Handlung von «Le Gamin au Vélo» – so der Titel des Films – ist die kleine ostbelgische Industriestadt Seraing, unweit von Lüttich (Liège).
Dort sind die Brüder Dardenne, 1951 beziehungsweise 1954 geboren, in einem behüteten, katholischen Milieu aufgewachsen, und dort haben sie seit Mitte der achtziger Jahre insgesamt acht Spielfilme realisiert, darunter «Rosetta» (1999), «Le Fils» (2002) und «L’Enfant» (2005). Zuvor hatten die Dardenne-Brüder in der aufkommenden Videobewegung der siebziger Jahre mehr als sechzig Dokumentarfilme über Arbeiterinnen, Migranten, Streiks, freie Radiosender sowie die belgische Résistance gedreht.
Kritik am Dokumentarischen
Rückblickend äussern sich die wallonischen Filmemacher allerdings skeptisch über ihre Versuche, eine vorgegebene Realität abzubilden. Denn durch jede Inszenierung werde diese Wirklichkeit «manipuliert». Ausgehend von dieser selbstkritischen Einschätzung wechselten sie ab Mitte der achtziger Jahre zu rein fiktionalen Stoffen, inspiriert von aktuellen Faits divers, etwa jenem über einen arbeitslosen Vater, der sein neugeborenes Kind verkauft: dramatisches Motiv von «L’Enfant», der 2005 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.
Heute zählen die Spielfilme der Dardenne-Brüder, in denen es immer wieder um junge Erwachsene am Rande der postindustriellen Gesellschaft geht – meistens von LaiendarstellerInnen gespielt –, zum grossen europäischen Autorenkino. Die eigene Produktionsgesellschaft ermöglicht ihnen künstlerische Freiheit.
Am Drehbuch zu «Le Gamin au Vélo» haben Jean-Pierre und Luc Dardenne ein Jahr lang gearbeitet, bevor sie per Inserat auf die Suche nach ihrem dreizehnjährigen Protagonisten gingen und schliesslich unter den an die hundert zum Casting eingeladenen Jungen den aussergewöhnlichen Thomas Doret (Cyril) entdeckten, einen eher kleingewachsenen blonden Gamin. Als Laie spielt er mit der belgischen Schauspielerin Cécile de France (Samantha) zusammen.
Cyril wohnt im Heim, sein Vater (Jérémie Rénier) ist nach unbekannt verzogen und hat – tief verschuldet – auch noch das geliebte Velo seines Sohnes veräussert. Im Büro des Heimleiters klammert sich Cyril – gross im Bild – an den Telefonhörer und versucht verzweifelt seinen Vater zu erreichen. Und schon ist er auf der Flucht über den Zaun, wo ihn die Erzieher gerade noch an den Füssen erwischen. Doch bei der nächsten Gelegenheit haut er ab, um seinen Vater zu finden. Aber was hilft ein Vater, der seinen Sohn nicht mehr sehen will? Auf seiner verzweifelten Odyssee trifft Cyril Samantha, die junge Coiffeuse aus dem Quartier. Und nachdem ihm diese sein Velo – sein wichtigstes Objekt und zentraler Gegenstand des Films – wiederbeschaffen kann, bahnt sich eine schwierige, aber für den Jungen existenzielle Beziehung zwischen ihnen an.
In langen mehr oder weniger bewegten Einstellungen folgt und verfolgt die Kamera (Alain Marcoen und Benoit Dervaux) Cyrils emotionale Odyssee und lässt ihn und sein Velo nicht aus dem Blick, auch wenn er es rennend und raufend wiedererobern muss. Mit dem Velofahren kämpft Cyril verbissen und stur gegen seine Marginalität, um sein physisches und psychisches Überleben.
Kampf um die innere Existenz
Es gehört zu den ästhetischen Strategien der Brüder Dardenne, dass sich die Kamera – meist aus der Hand und oft auf Augenhöhe des Protagonisten – dessen Bewegungen und dessen Tempo unterordnet. Eine äusserst beklemmende Szene spielt sich in der Küche ab, wo Cyrils Vater arbeitet. Dieser ist über das unerwartete Auftauchen seines Sohnes äusserst ungehalten und geht sowohl räumlich wie emotional auf Distanz, während Cyril, der jetzt nicht mehr der draufgängerische Junge ist, sondern wehrlos und unterwürfig die väterliche Zuneigung sucht, sich ihm immer wieder nähert. Ein Kind, das um seine innere Existenz kämpft und schliesslich nur dank Samanthas selbstlosem Engagement vor dem Untergang gerettet wird.
«Le Gamin au Vélo». Belgien 2011. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Ab 12. Januar in Deutschschweizer Kinos.