Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03637.jsonl.gz/318

Am 30. November entscheidet das Stimmvolk über die "Verbandsbeschwerde"- Initiative. Diese will das Rekursrecht von Umweltverbänden gegen Bauvorhaben einschränken. Entstanden ist sie aus dem Streit um das Zürcher Fussball-Stadion Hardturm.
Schrecklich und furchtbar sei der Verkehrsstrom, der sich täglich über das Zürcher Hardturm-Quartier ergiesse, sagen die Anwohner: lange Autokolonnen von Osten in Richtung Westen, die viel Lärm und Dreck verursachen.
Dieses Quartier, eingeklemmt zwischen den Eisenbahn-Geleisen und dem Verlauf des Limmat-Flusses, gehörte einst zu den wichtigsten Industriezonen der Stadt. Zwar sind die Fabriken längst verschwunden, und dennoch hat sich die Lebensqualität zumindest der Bewohner in den nahen Siedlungen verschlechtert.
Seit einem halben Jahrhundert gleicht das Quartier einer konstanten Baustelle: Die Industriefabriken sind grossen Bürogebäuden gewichen. Aus den Quartierstrassen wurden wichtige Ausfall- und Transitstrassen zwischen dem Stadtzentrum und dem Westen: Die A1 ist die am stärksten befahrene Autobahn der Schweiz.
Wiederstand der Anwohner
"Seit über einem Jahrzehnt war man in der Politik übereingekommen, dass dieses Quartier so saniert werden muss, dass eine gewisse Bewohnbarkeit garantiert bleibt", sagt Katharina Prelicz. Die grüne Nationalrätin und Bewohnerin der Hardturmstrasse beklagt jedoch, dass dieser Konsens von dem Moment an wegfiel, als der Entscheid für den Bau eines neuen Hardturm-Stadions stand.
Im April 2002 präsentierte die Stadt ihr Projekt: Ausser dem Sportstadion selbst sollte unter den Tribünen auch ein Shopping Center entstehen, um die Rendite des Objekts zu heben. Im Stadion wären drei Matchs der Europa-Fussballmeisterschaften 2008 vorgesehen gewesen.
Das 400-Millionen-Franken-Projekt, zu einem grossen Teil von Credit Suisse finanziert, wurde im September 2003 vom Stimmvolk angenommen. Knapp einen Monat später lehnten sich die Quartierbewohner auf und rekurrierten.
"Als wir vom Umfang des Projekts erfuhren, begannen wir uns zu organisieren und Widerstand zu leisten", erklärt Prelicz. "Uns war klar, dass ein Shopping Center eine massive Erhöhung des Verkehrs während der ganzen Woche nach sich gezogen hätte, und nicht nur vor und nach den Austragungen der Fussball-Spiele", sagt die damals stark engagierte Prelicz.
Welle der Entrüstung
Ebenfalls eine Beschwerde eingereicht hatte der Verkehrsclub der Schweiz (VCS), der sich für Nachhaltigkeit einsetzt.
"Wir durchleuchten alle im Kanton Zurich lancierten Grossprojekte auf ihre Gesetzeskonformität hin", sagt der Verantwortliche für die Zürcher Sektion des VCS, Markus Knauss.
"Im Fall des Hardturm-Projekts kamen wir zum Schluss, dass es die Umweltgesetze verletzt hätte."
Das behördlich unterstützte Projekt hätte im Durchschnitt 9000 Durchfahrten pro Tag zur Folge gehabt. Das entspreche rund der Hälfte der täglichen Durchfahrten im Gotthard-Tunnel. "Dies hätte die Situation in Zürich noch verschlimmert, wo die Belastungs-Grenzwerte ohnehin regelmässig überschritten werden."
2004 entwickelte sich der Stadtzürcherische Hardturm-Disput zur nationalen Frage: Wegen der Aufschubwirkung der Beschwerde war es nämlich unmöglich geworden, das Stadion bis zu Beginn der Europa-Fussball-Meisterschaften 2008 neu zu bauen. Und Zürich riskierte, die Rechte der Durchführung der Spiele zu verlieren.
Dies führte zu einer Welle der Entrüstung gegen die Anwohner des Quartiers und gegen den VCS, an dessen Sitz Fenster eingeschlagen und die Wände versprayt wurden.
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt
In der Folge organisierte der Zürcher Freisinn eine Veranstaltung, um das Stadion zu retten und die "systematischen Rekurse der Umweltkreise" gegen Bauvorhaben zu verurteilen.
"Der Streit um das Hardturm-Projekt war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", sagt Doris Fiala, damals Präsidentin des Zürcher Freisinns, "nach zahlreichen anderen Bauprojekten, die ebenfalls von Umweltkreisen abgeblockt worden waren, wie zum Beispiel Eurogate."
Das 1,9-Milliarden-Franken-Projekt Eurogate, das eine grossflächige Überbauung und Nutzung des zentral gelegenen Gleisareals des Zürcher Hauptbahnhofs vorsah, hätte Tausende von Leuten beschäftigt.
2004 lancierte der Zürcher Freisinn, unterstützt von den Kantonalparteien in Graubünden und vom Wallis, eine Volksinitiative, um solche Beschwerden von Umweltkreisen gegen Bauvorhaben, die bereits von Volk und Parlament abgesegnet sind, künftig zu verbieten.
Zwei unvereinbare Sichtweisen
Über diese aus dem Hardturm-Zwist entstandene Volksinitiative wird nun am kommenden 30. November schweizweit abgestimmt. An diesem Beispiel zeigen sich die gegenteiligen Ansichten, was wirtschaftliche und was ökologische Entwicklung sein soll.
"Ich glaube, dass heute, im schwierig gewordenen wirtschaftlichen Umfeld, alle begriffen haben, dass es Sicherheiten für die Investoren geben muss", so Fiala. "Um Arbeitsplätze zu schaffen, müssen Investoren davon ausgehen können, dass grosse Bauprojekte durchführbar sind."
Bestimmt brauche es eine nachhaltige Entwicklung, aber sie dürfe nicht ausschliesslich ökologisch bezogen sein.
Markus Knauss hingegen meint: "Die Initiative zielt darauf hinaus, eine unabhängige Kontrolle dessen, was die Behörden und die Investoren im Umweltbereich tun, abzuschaffen."
Es gehe für die Zukunft des Landes nicht an, die Zielkonflikte zwischen Ökonomie und Ökologie weiterzuschreiben. Nur wenn man die Umweltgesetzgebung respektiere, könne sich die Schweiz auch langfristig nachhaltig entwickeln.
Noch heute ist also die Schlussrunde im Hardturm-Spiel offen: Die Bauarbeiten bleiben einstweilen durch private Rekurse blockiert. Doch auf der politischen Ebene dürfte das Spiel am 30. November abgepfiffen sein.
swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)
Chronologie
1929: Bau des Hardturm-Stadions, als Zentrum für die Zürcher Grasshopper.
2002: Die Stadt Zürich präsentiert ein Projekt für den Bau eines neuen multifunktionalen Stadions, das auch ein Einkaufszentrum und ein Hotel einschliesst.
2003: Im September sagen die Zürcher Ja zum Projekt und zur städtischen Beteiligung an der Finanzierung, die zu einem guten Teil von Credit Suisse übernommen wird. Im Oktober rekurrieren Anwohner und VCS gegen die Pläne zur Verkehrsführung beim Hardturm.
2004: Das Verwaltungsgericht gibt den Rekursen Recht, die die Anzahl der durchfahrenden Fahrzeuge limitieren möchten. Der VCS zieht sich darauf hin zurück. Die Stadt Zürich und die CS rekurrieren nun ihrerseits gegen diesen Entscheid vor dem Bundesgericht. Dieses gibt den Promotoren teilweise Recht.
2005: Die Stadt gibt grünes Licht für den Baubeginn. Die Arbeiten werden jedoch durch neue Rekurse blockiert, die von Anwohnerinnen und Anwohnern gegen das Bauprojekt eingereicht werden.
2007: Das alte Hardturm-Stadion wird definitiv geschlossen. Der Streit endet wiederum vor dem Bundesgericht.
2008: Dieses weist die Rekurse teils zurück. Im Juni während der Euro 08 werden die drei Zürich zugewiesenen Fussball-Spiele im neuen Stadion Letzigrund ausgestragen. Dieses war nach der erzwungenen Hardturm-Blockierung schnellestens ausgebaut worden.
Die Bauaktivitäten am neuen Hardturm sind weiterhin durch Anwohner-Rekurse gesperrt.