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«Sir Duke» von Stevie Wonder Songs und ihre Geschichten
Schon sehr früh fällt er auf als grosses Talent, gesegnet mit aussergewöhlicher Musikalität und glanzvoller Stimme. Mit seinen Songs schuf Stevie Wonder eine ganz neue Musiksprache. Er führte den Synthesizer in den Soul ein und wurde auch politisch, getragen von seinem Glauben und unerschütterlichem Optimismus.
Von Urs Musfeld
Stevie Wonder, geboren 1950 als Stevland Hardaway Judkins in Saginaw im US-Bundesstaat Michigan, ist seit seiner Geburt blind. Eine zu hohe Sauerstoffkonzentration bei der Beatmung im Inkubator hat zur Ablösung der Netzhaut geführt. Stevland wächst mit fünf Geschwistern in den Slums von Detroit auf. Bereits als Neunjähriger spielt er Klavier, Mundharmonika und Schlagzeug. Zudem tritt er als Solo-Sänger in einer Baptistengemeinde auf.
Mit elf erhält er seinen ersten Vertrag bei der Detroiter Plattenfirma Motown. Gegründet 1959 von Berry Gordy, wird Motown zum erfolgreichsten Label des schwarzen Amerikas – eine Hitfabrik mit eigenem Studio, stilprägenden Musiker*innen und Weltstars. Allein der Chef Berry Gordy entscheidet, welcher Song veröffentlicht wird und welcher nicht. Er will mehr als nur gute Songs – er will schwarzen Soul an weisse Hörer*innen verkaufen, am besten millionenfach. Der unverkennbare Motown-Sound, oder wie die Firma ihn nennt: «The Sound Of Young America».
Unter dem Pseudonym Little Stevie Wonder erscheint 1962 das Debüt-Album «The Jazz Soul of Little Stevie». Ein Jahr später stürmt er mit der Live-LP «The 12 Year Old Genius» und der Single «Fingertips – Part 2» auf Platz eins der amerikanischen Charts. Aus Little Stevie wird Stevie Wonder.
Anfangs singt er mehrheitlich Coverversionen. Seinen eigenen Stil findet er Ende der 1960er-Jahre, als gegen den Vietnamkrieg protestiert wird und die Bürgerrechtsbewegung aktiv ist. 1971 handelt Wonder mit seiner Plattenfirma einen neuen Vertrag aus, der ihm höhere Lizenzanteile und völlige Kontrolle über seine Musik garantiert. Er komponiert, textet, produziert und spielt viele Instrumente selber.
Den gängigen Motown-Sound lässt er 1972 mit dem Album «Music Of My Mind» hinter sich. Wonder elektrifiziert den Soul und experimentiert mit Synthesizern. Es folgen weitere Meilensteine der klassischen Wonder Periode: «Talking Book» von 1972 (mit den Hits «You Are The Sunshine Of My Life» und «Superstition»), «Innervisions» von 1973 (mit «Living In The City» und «Higher Grounds») und schliesslich «Songs In The Key Of Life» von 1976.
Auf dem Doppel-Album «Songs In The Key Of Life» («Lieder in der Tonart des Lebens») zeigt Stevie Wonder seine ganze musikalische Bandbreite: Funk, Soul, Latin, Calypso, Jazz, Rock und Blues. Inhaltlich führt Wonder immer wieder sozialkritische Themen an: Er gibt eine Lektion in amerikanischer Geschichte, beklagt den Rassismus und zeigt die Armut und Hoffnungslosigkeit vieler Schwarzer auf. Seine Texte sind dabei zwar nicht zwangsläufig intellektuell, dafür von einer Dringlichkeit und Direktheit, die unter die Haut gehen. 21 Songs mit Schlüsselmomenten menschlicher Existenz: Freude und Schmerz, Liebe und Hass, Geburt und Tod, Sehnsucht nach Transzendenz.
«Isn’t She Lovely», eine Liebeserklärung an seine Tochter Aisha: «Ist sie nicht wunderschön? Ist sie nicht wunderbar? / Ist sie nicht kostbar, kaum eine Minute alt?». «I Wish», eine Ode an die Kindheit oder «Pastime Paradise», der Ratschlag, sich mehr mit dem Leben im Hier und Jetzt zu beschäftigen. Stevie Wonder kann sich auf seine Gabe verlassen, Text und Musik so ineinanderzufügen, dass sich das Schwere oft leichter anfühlt, als es ist, und das Leichte nie banal. Oder in seinen Worten: «Melodien sind wie Engel, die der Himmel schickt.»
Im Stück «Sir Duke» zollt er Duke Ellington Tribut und beschwört die universelle Kraft der Musik:
Music is a world within itself
With a language we all understand
With an equal opportunity
For all to sing, dance and clap their hands
Die Musik ist eine eigene Welt,
Mit einer Sprache, die wir alle verstehen.
Da kann jeder gleichermassen
Mitsingen, tanzen und mit den Händen klatschen.
But just because a record has a groove
Don’t make it in the groove
But you can tell right away at letter A
When the people start to move
Aber nur weil eine Platte eine Rille hat,
Hat sie noch lange keinen Groove.
Aber du erkennst es vom ersten Takt an,
Wenn die Leute anfangen sich zu bewegen.
They can feel it all over
Sie können es am ganzen Körper spüren
Ein kleiner Blick zurück, eine Referenz an verstorbene Jazzgrössen – auf eine Zeit, in denen der Jazz gleichbedeutend ist mit Unterhaltungsmusik – zum Beispiel in den 1930er- und 1940er-Jahren: Keine Minderheitenmusik, sondern die Popmusik von damals:
Music knows that it is and always will
Be one of the things that life just won’t quit
But here are some of music’s pioneers
That time will not allow us to forget now
Die Musik weiss, dass sie eine von den Dingen ist,
Die im Leben nie aufhören wird.
Und es gibt einige musikalische Pioniere,
Die die Zeit uns nicht vergessen lässt.
For there’s Basie, Miller, Satchmo
And the king of all, Sir Duke
And with a voice like Ella’s ringing out
There’s no way the band could lose
Denn es gibt Basie, Miller, Satchmo
Und den König von allen, Sir Duke!
Und mit einer Stimme in ihren Reihen wie jener von Ella
Kann eine Band nur gewinnen.
Count Basie, Glenn Miller, Louis «Satchmo» Armstrong, Ella Fitzgerald: Und über allem «Sir Duke», der Stevie Wonders Stil stark beeinflusst hat: Duke Ellington, Pianist, Orchesterchef, Arrangeur und der erste bedeutende Jazz-Komponist. Ellingtons Musik sprengte die bisherige Ausdruckskraft des Jazz. «Musik ist, wie ich lebe, warum ich lebe und die Musik bestimmt, wie sich die Menschen an mich erinnern werden.»
Über 100 Millionen verkaufte Alben und Singles, mehr als 30 Hits unter den ersten zehn Plätzen der US-Charts, 25 Grammys, ein Oscar für die Beste Filmmusik – mit dem Song «I Just Called To Say I Love You» (1985): Stevie Wonder zählt zu den erfolgreichsten Musikern aller Zeiten.
Seit den 1970er-Jahren engagiert sich der Sänger, Songschreiber, Produzent und Multi-Instrumentalist auch politisch: Wegen seines Protestes gegen die Apartheidspolitik in Südafrika landet er 1985 sogar im Gefängnis. Er erreicht, dass der Geburtstag von Martin Luther King ein nationaler US-Gedenktag wird. Er ist UN-Friedensbotschafter oder er tritt 2020 im Kampf gegen das Coronavirus an einem Online-Benefiz-Konzert auf. Bis heute gilt Stevie Wonder in der schwarzen US-amerikanischen Musikszene als Mentor und Vorbild.
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Urs Musfeld alias Musi
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/