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Siedlungsstruktur Entlebuch | Ältestes Zentrum des Dorfes Entlebuch ist der Pfarrkirchenhügel, der zur Entlen und zum Graben-lochbach steil abfällt und nach Osten von der Kantonsstrasse angeschnitten wird. Die Kantonsstrasse steigt von Norden bis zur Einmündung der Finsterwaldstrasse an und fällt dann nach Süden wieder kontinuierlich ab. An der höchsten Stelle steht die nach Westen ausgerichtete Pfarrkirche mit dem Friedhofareal. Das Wirtshaus Drei Königen bildete seit dem Mittelalter den nördlichen Dorfeingang und markierte den Platz bei der Einmündung der Bahnhofstrasse. Zwischen den beiden Strassen-einmündungen Bahnhofstrasse und Finsterwaldstrasse reihten sich die Häuser, in der Regel firstständig, entlang der Strasse. Das Ende zur Finsterwaldstrasse wurde vom Sigristenhaus markiert. Einem Dorfbrand um 1783 fielen vier Häuser der östlichen Zeile zum Opfer, welche aber wieder in etwa gleicher Lage aufgebaut wurden.
Mit der Eröffnung der Eisenbahn im Jahre 1875 begann eine Entwicklung die das Jahrhunderte kaum veränderte Dorf Entlebuch in neuen Richtungen erweiterte. Der Bahnhof zog Industrie an, was zum Bau von grossvolumigen Bauten auf dem Niveau der Entlen führte. Entlang der neu erstellten Bundesrat-Zemp-Strasse westlich der Kirche entstanden Wohnhäuser welche sich mit ihrer Stellung an der Topografie orientierten. Um 1912 wurde südwestlich der Kirche von den Architekten Helber und Theiler ein Schulhaus realisiert. Ende des 19. Jahrhunderts entstand oberhalb der alten Kantons-strasse, auf der Westseite der Glaubenbergstrasse, durch die gleichen Architekten der prägnante Bau der Biskuitfabrik. Auf der unteren Bodenmatt oberhalb des alten Marktplatzes wurde 1962 eine Schulanlage und das Gemeindezentrum erstellt. Seit den 70-iger/80-iger Jahren des letzten Jahrhunderts begann sich das Dorf entlang der Kantonsstrasse Richtung Norden und entlang der Finsterwaldstrasse nach Osten auszudehnen. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt. In jüngerer Zeit sind an der Strasse nach Bachwil Richtung Südosten und im Bereich Bodenmatt und Wilgut auf der Ostseite entlang des Hanges neue Quartiere entstanden. Das Alterswohnheim Bodenmatt wurde unmittelbar oberhalb der Schulanlage gebaut.
Rund um den heutigen Marktplatz ist nach dem Abbruch diverser Gebäude aus dem 18. Jahrhundert eine grosse Baulücke entstanden. Eine klare, nach Ordnungsprinzipien konzipierte Siedlungsstruktur ist an diesem Ort aktuell nur schwer ablesbar. Die alte Pfisterei an der südwestlichen Ecke der Einmündung Finsterwaldstrasse, ein für den Strassenraum wichtiges Gebäude, ist eines der wenigen noch übrig gebliebenen Gebäude aus dieser Zeit.
Noch heute bildet der Pfarrkirchenhügel mit Kirche und Friedhof sowie den westlich und östlich angeordneten Schulen das eigentliche Zentrum des Dorfes Entlebuch. Die prägenden Bauten reihen sich nach wie vor vom Wirtshaus Drei Könige bis zur Metzgerei entlang der Strasse auf und zeigen das typische Bild eines Strassendorfes. Entlebuch fehlt aktuell ein Freiraum, ein Platz welcher das Zentrum stärkt und belebt und die verschiedenen Ortsteile miteinander verbindet.
Eingliederung ins Ortsbild | Ein grosses viergeschossiges Bauvolumen schliesst die Lücke in der Strassenfront, bildet ein Gegenüber zum dominanten Kirchenensemble und der östlich angeordneten Schulanlage und definiert mit seiner Arkadenfassade den südlichen Rand des neuen Marktplatzes. Das neue Gebäude generiert wieder eine Ordnung und eine neue Hierarchie in der Siedlungsstruktur von Entlebuch, ohne den Massstab zu sprengen. Im Fussabdruck orientiert es sich an den grossmassstäblichen Bauten der Schule 1912, der Kirche, dem Schulhausareal 1962 und dem Alterswohnheim Bodenmatt in der West-Ost-Achse, betreffend Geschossigkeit und Höhe nimmt es Bezug zu den Voluminen in der näheren Umgebung. Die neue „Markthalle“ bildet das Zentrum der Bebauung und gibt dem Dorf Entlebuch neben der Kirche eine unverwechselbare Identität und eine neue Adresse.
Im rückwärtigen Bereich entsteht zwischen der „Markthalle“ und dem Schulhausareal ein Parkplatz für Kurzparkierer. Ein orthogonal zum Hauptvolumen angeordneter, ebenfalls viergeschossiger Baukörper schliesst den Marktplatz nach Osten ab.Zwei längliche, dreigeschossige Bauten folgen in ihrer Setzung dem Verlauf der Glaubenbergstrasse., Dabei definiert das obere Bauvolumen durch seine Nähe zur Strasse eine Torsituation. Auf dem Baufeld B sind die beiden viergeschossigen Neubauten orthogonal zur Biskuitfabrik und zum Martinshof angeordnet. Sie bilden das Gegenüber zur „Markthalle“ und lassen den Marktplatz über die Glaubenbergstrasse fliessen und diesen so grosszügiger erscheinen. Das westliche Gebäude übernimmt dabei mit seiner Stirnfassade die wichtige Stellung im Strassenraum seines Vorgängerbaus. Die Anordnung der Bauten definiert neu einen rückwärtigen kleinen Hof mit Parkierungsmöglichkeiten. Die neue Bebauung Marktplatz ergänzt einerseits die bestehende Siedlungsstruktur von Entlebuch auf dem Baufeld B und entlang der Glaubenbergstrasse wie selbstverständlich mit Bauten gleicher Körnung und definiert andererseits mit einem grossen, repräsentativen Bau ein neues Zentrum mit unverwechselbarer Identität.
Marktplatz | Der neue Markplatz liegt an der Einmündung der Glaubenbergstrasse in die Kantonstrasse und bildet so das Gegenstück zum Platz am nördlichen Ende des eigentlichen Dorfkerns, an der Einmündung der Bahnhofstrasse gegenüber dem Wirtshaus Drei Könige. Der Platz liegt an einer gut sichtbaren Stelle und wird zum Verbindungsglied verschiedener wichtiger Dorfteile. Durch sein Übergreifen von der „Markthalle“ über die Glaubenbergstrasse zur Bebauung auf dem Baufeld B wird diese einerseits an den Dorfkern angebunden und andererseits erhält der Marktplatz die gewünschte Grosszügigkeit und die für die städtebauliche Präsenz notwendigen Dimensionen. Der gut proportionierte Platz öffnet sich nach Westen zur Aussicht, verfügt über eine gute Besonnung und Aufenthaltsqualität und lässt sich für diverse Aktivitäten nutzen. Der an diesem Ort traditionelle Brunnen wird wieder neu erstellt, eine Linde markiert den Ort der Begegnung. Die Geschäfte im Erdgeschoss der beiden Gebäude auf dem Baubereich A orientieren sich zum Platz, Sitzplätze unter den Arkaden oder unter der Linde laden zum Verweilen ein und steigern die Attraktivität der beiden Geschäfte am Platz.
Mit dem Innenhof wird den Geschäften und Kunden ein zusätzlicher Platz mit einer eher introvertierten Aufenthaltsqualität angeboten. Marktplatz wie Innenhof können für diverse Anlässe genutzt werden. Bei Bedarf kann der oberirdische Parkplatz auf der Ostseite als Erweiterung bei Märkten, Kilbi, Festen etc. dienen.
Erschliessung | Die Erschliessung des motorisierten Verkehrs erfolgt über die Glaubenbergstrasse. Die Einführung einer Tempo 30 Zone vom östlichen Rand der Bebauung bis zur Einmündung in die Kantonsstrasse führt zu einer Verkehrsberuhigung, erhöht die Verkehrssicherheit und steigert die Aufenthaltsqualität der Aussenräume. Die Ein– und Ausfahrt der Tiefgarage des Baufeldes A mit insgesamt 91 Parkplätzen befindet sich auf der Ostseite des Gebäudes B. Um die Aufenthaltsqualität und die Verkehrssicherheit zu verbessern, wird ein Teil der geforderten oberirdischen Parkplätze bewusst im ersten Einstellenhallendeck mit direktem Zugang zum COOP angeboten. Diese öffentlichen Einstellhallenplätze sind vom privaten Bereich durch ein Tor abgeschlossen. Oberirdisch werden neben den Parkplätzen der Schule 20 Parkplätze zur Verfügung gestellt. Die Zufahrt zu einem Teil der Parkplätze der Schule ist neu organisiert um den Hauptzugang der Fussgänger zur Schule zu entflechten. Die Fussgängerverbindung zur Schule führt von der Kantonsstrasse über den Marktplatz. Nur ein kleiner Teil des Parkplatzverkehrs muss die Fussgängerverbindung queren. Die Anlieferung des COOP erfolgt über die Strasse zwischen Parkplatz „Markthalle“ und Gemeindehaus an die Nordseite. Die Ausfahrt erfolgt im Einbahnverkehr an der Ecke zur Metzgerei in die Kantonsstrasse. Die Erschliessung der beiden Parkplätze der Polizei und der Metzgerei erfolgen auf die gleiche Weise. Die Erweiterung der Tiefgarage entlang der Glaubenbergstrasse bedient die Gebäude C und D. Im zweiten Untergeschoss finden sich die Stellplätze der Wohnungen der Gebäude A und B. In allen Häusern gibt es grosszügige Velokeller.
Der Zugang zum Coop befindet sich an der nordöstlichen Ecke an der Kantonsstrasse. Über einen Lift oder eine Treppe erreicht der Kunde das Niveau des Marktplatzes, wo weitere Geschäfte angeordnet sind. Eine grosszügige Aussentreppe führt zum Seiteneingang des Innenhofs oder auf das Niveau des Marktplatzes. Der oberirdische Parkplatz im Osten ist ebenfalls über einen Zugang zum Innenhof erschlossen. Vom Innenhof sind Coiffeur, Bank, Post, Bäckerei und Café erreichbar. Die stirnseitig des Innenhofes angeordneten Treppenhäuser verbinden die Wohnungen mit Erdgeschoss und Tiefgarage. Das Treppenhaus des Gebäudes B dient zusätzlich als Verbindung der öffentlichen Tiefgaragenplätze zum Marktplatz. Die Ein– und Ausfahrt für eine untere Einstellhalle auf dem Baufeld B mit 20 Plätzen erfolgt ab der heutigen Zufahrt westlich des Gebäudes E. Eine kleine Einstellhalle für die Fahrzeuge der Spitex und die Bewohner des Hauses F mit 13 Stellplätzen wird zwischen den beiden Häusern erschlossen. Auf dem gleichen Weg sind die oberirdischen Parkplätze der Besucher und der Bewohner der Biskuitfabrik und des Martinshofes erreichbar. Die Einstellhallen sind direkt mit den Treppenhäusern verbunden.
Für die Velofahrer stehen in beiden Gebäuden grosszügige Velokeller zur Verfügung. Die Fuss-gängerverbindung zum Martinshof führt neu von Osten über den Aussenraum zum Gebäude F. Für das Dorf Entlebuch typisch, werden die Hauptzugänge der beiden Häuser vom Platz, über eine einseitige Treppe, welche die Höhendifferenz aufnimmt, erschlossen. Vom höheren Niveau sind die Zugänge rollstuhlgängig.
Typologie der Baukörper | Beim zentralen Bauvolumen mit quadratischem Fussabdruck handelt es sich um ein viergeschossiges Hofgebäude welches auf einem massiven Sockel steht, welcher die topografischen Niveau-unterschiede aufnimmt und den COOP sowie die unterirdischen Parkplätze beherbergt. Das überhohe Erdgeschoss nimmt die gewerblichen Nutzungen auf. Über seitliche Durchgänge von der Strassen– wie auch der Parkplatzseite ist der zentrale Innenhof erreichbar, welcher über weitere zwei Zugänge mit dem Marktplatz verbunden ist. Eine Arkade bildet die Adresse zum Platz. Die Treppenhäuser sind auf der Stirnseite des Innenhofes angeordnet. Um den Hof sind auf den drei Obergeschossen die Wohnungen situiert. Den Abschluss des Gebäudes bildet ein grosses Walmdach. Das nahezu quadratische Gebäude B ist gegliedert in ein überhohes Sockelgeschoss für Gewerbe und drei Obergeschosse mit Wohnnutzung. Die Erschliessung des Geschäftes erfolgt von der Platzseite, diejenige der Wohnungen von der Seite. Ein Zeltdach krönt das Gebäude. Bei den Gebäuden C + D handelt es sich um längliche dreigeschossige Zweispänner mit ausschliesslicher Wohnnutzung, deren Sockel die topografischen Niveauunterschiede aufnehmen. Die Zugänge sind zur Strasse angeordnet. Satteldächer ohne Dachaufbauten mit parallel zur Strasse verlaufendem First bilden das einfache Dach. Der als Dreispänner konzipierte längliche westliche Bau auf Baufeld B tritt zur alten Kantonsstrasse mit zwei Sockelgeschossen und drei Obergeschossen in Erscheinung. Der Zugang der Arztpraxis und der Wohnungen erfolgt von der Hofseite über eine für Entlebuch typische einseitige Aussentreppe.
Der östliche Zweispänner wird ebenso von der Glaubenbergstrasse erschlossen und nimmt mit dem Sockel den nahezu geschosshohen Niveausprung zum Hof auf. Beide Volumen sind mit einem Satteldach gedeckt. Allen Baukörpern ist die Gliederung in ein murales Sockelgeschoss mit zwei oder drei Obergeschossen und einem Abschluss mit einem einfachen Steildach gemeinsam. Die Richtung der Firstdächer, respektive die Dachformen reagieren auf den Standort und die Nachbarschaft der Gebäude, sowie deren Wichtigkeit innerhalb des Siedlungsgefüges. Die neue Bebauung nimmt so für das Dorf Entlebuch bekannte Themen auf und integriert sich massvoll in die bestehende Siedlungsstruktur.
Wohnungstypologie | Die Grundrisse der Wohnungen basieren auf der Konzeption von verschachtelten, in sich abgeschlossen Räumen, welche eine Raumvielfalt erzeugt die je nach Bedürfnis der Bewohner diverse unterschiedliche Nutzungen zulässt. Dies führt zu grosszügigen Grundrissen mit wenig Erschliessungsfläche. Wohn– oder Essraum bilden in der Regel das Zentrum der Wohnung, welchen eine Loggia zugeordnet ist, die mit Windschutzverglasungen als Wohnraumerweiterung dient. Alle Wohnungen sind in der Regel in der ganzen Tiefe des Baukörpers organisiert und so mindestens auf zwei verschiedene Seiten ausgerichtet, was Aussenraumbezüge mit unterschiedlichen Qualitäten zulässt. Die grösseren Wohnungen verfügen in der Regel über eine kleine und eine grosse Loggia. Diese dienen bei den strassenzugewandten Räumen als Lärmschutzmassnahme. Die Wohnungen sind so konzipiert, dass sich diese den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bewohner anpassen können. Daher können diese sowohl als Miet– wie auch als Eigentumswohnungen konzipiert werden.
Auf Grund ihrer Lage sind im Baufeld A die Wohnungen in den Gebäuden B, C + D als Eigentumswohnungen geeignet, die Wohnungen im Gebäude A für Mietwohnungen. Im Baufeld B eignen sich die Wohnungen des Gebäudes E für Eigentums– die Wohnungen des Gebäudes F für Mietwohnungen.
Material– und Konstruktionskonzept | Alle Bauten sollen in Massivbauweise erstellt werden, in der Materialisierung der Fassaden der Obergeschosse erfolgt eine Differenzierung der einzelnen Bauten. Anlehnend an die Charakteristik des Dorfes, besteht die neue Bebauung aus Gebäuden mit einer Holzfassade und aus Gebäuden mit einem muralen Ausdruck. Die Fassade der „Markthalle“ wird in Holz gehalten und verweist auf ein für Entlebuch traditionelles Baumaterial. Dem gegenüber erhalten alle zum Platz orientierten Gebäude eine Hülle mit einem grobkörnigen Verputz. Die Fassaden der Bauvolumen mit den reinen Wohnungsnutzungen entlang der Glaubenbergstrasse sind in Holz gehalten. Allen Gebäuden gemeinsam ist der für Entlebuch typische murale Sockel. Die rhythmische Anordnung immer gleicher Fensterformate nimmt einerseits Bezug zu ortsüblichen Themen, und verhilft andererseits, trotz unterschiedlicher Materialisierung zu einer Verwandtschaft der neuen Gebäude untereinander.
Die neuen Bauten spielen gezielt mit regionalen Bauelementen, wie Faltläden bei den Loggias oder den ortstypischen Dach– und Gebäudetypologien. Diese schaffen einen formalen Bezug zum Kontext. Die Neuinterpretation derselben verbinden die Bauten mit der Gegenwart und führen zu einer wohltuenden Auffrischung des Ortes. Die Fenster erscheinen auf den ersten Blick als typische Öffnungen, sind aber als französische Balkone konzipiert, was die Wohnqualität im Innenraum steigert. Analog der Bauten im Kernbereich von Entlebuch besitzen die neuen Gebäude einen speziell ausgebildeten Sockel, welcher die topografischen Unterschiede aufnimmt und die Massstäblichkeit und die Proportionen der Fassaden positiv beeinflusst. Die Dächer sind als Steildächer in einer Holzkonstruktion mit einer ortüblichen Ziegeleindeckung konzipiert.
In Zusammenarbeit mit A6 architekten, Buttisholz und Philipp Betschart Architektur, Luzern