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Der Swiss Club Tell in San Francisco feiert 100 Jahre. Das aufwändig erbaute Clubhaus ist längst verkauft, der Nachwuchs fehlt. Den Pionieren von einst bleibt die Nostalgie.
Die Edgewood Avenue ist ein schmales Strässchen, das sich steil durch die Hügel schlängelt. Mill Valley, ein kleines Städtchen mit europäischem Charme – rund 23 Kilometer nördlich von San Francisco, jenseits der berühmten Golden Gate Bridge: Eine dichte Vegetation mit Wäldern, Bächen und Naturstrassen kennzeichnet das Berggebiet, das heute weitgehend unter Naturschutz steht.
Über allem thront der 784 Meter hohe Mount Tamalpais, Wahrzeichen dieses Bezirks, der auch wegen seinen berühmten Mammutbäumen bekannt ist.
Schweizer Einwanderer:innen kamen bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts in diesen Teil Kaliforniens. Da die bergige Landschaft ihrer alten Heimat ein wenig ähnelte, fiel allfälliges Heimweh etwas milder aus. "Nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Strom von Migranten aus Europa deutlich zu. Viele Schweizer:innen kamen nach San Francisco, in die Bay Area von Marin County", sagt Frank Dommen, Sekretär des Swiss Club TellExterner Link.
15 Schweizer Vereine
Tatsächlich haben sich in dieser Gegend sehr viele Schweizerinnen und Schweizern niedergelassen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte man mehr als 15 Schweizer Vereine. "Bevor das Fernsehen erfunden wurde, stellten die Vereinsaktivitäten den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens dar", sagt Dommen.
Swiss-Club-Tell-Präsidentin Trudy May-Moesch sagt: "Es war damals alles andere als einfach, aus einem anderen Land zu kommen und einen Job zu finden. Und wer nicht gut oder mit einem Akzent Englisch sprach, konnte auch diskriminiert werden." Für viele Schweizer Auswanderer:innen lag es daher auf der Hand, sich mit den eigenen Landsleuten zu treffen.
Sie kauften ein Grundstück
Die vielen Schweizer Vereine hatten eine Dachvereinigung – die United Swiss Society of Northern CaliforniaExterner Link. Und diese sucht um 1919 nach einem idealen Standort für den Bau eines Schweizer Hauses. Doch die Meinungen, wo das Swiss House hinkommen sollte, gingen stark auseinander. Einige plädierten für die Stadt San Francisco, andere wollten einen Ort, welcher der Schweiz landschaftlich mehr ähnelte. Man konnte sich nicht einigen. Da taten sich ein paar Schweizer zusammen und beschlossen, ein Grundstück in der Umgebung des Mount Tamalpais zu erwerben.
Damals hatte die Edgewood Avenue noch nicht einmal diesen Namen. Das heutige Strässchen war ein steiler, unbefestigter Waldweg, zu Fuss nur unter grossen Anstrengungen zu bewältigen. Doch der Weg weckte Erinnerungen an die Alpen.
Über 100 Jahre später, an einem verregneten Septemberabend 2021, treffen sich die heutigen Mitglieder des Swiss Club Tell in Sausalito an der San Francisco Bay, um das Jubiläum ihres Klubs zu feiern. Das Fest musste 2020 wegen der Pandemie verschoben werden.
Vereinssekretär Frank Dommen ist sichtlich berührt. Er verwebt in seiner Ansprache Meilensteine der Klubgeschichte, Anekdoten und Erinnerungen. Der Grossteil der Ausführungen stammt aus einem RückblickExterner Link, welche der im letzten August verstorbene Ex-Präsident John "Hans" R. Felder zusammengetragen hatte. Die versammelten Schweizerinnen und Schweizer, viele mit weissen Haaren, lachen und applaudieren bei einigen Episoden, obwohl sie schon lange zurückliegen.
Mit der Fähre und zu Fuss
Man sieht durch die Fenster des Saales, wie Boote durch die Bucht von San Francisco fahren, während in der Ferne die Skyline dieser Grossstadt aufleuchtet. "Die Golden Gate Bridge wurde erst 1937 in Betrieb genommen. Die Vereinsmitglieder fuhren anfänglich mit der Fähre nach Sausalito, um ihre Reise von dort zu Fuss oder mit dem Auto fortzusetzen", erzählt Dommen.
1920 musste anstelle des Waldwegs zunächst eine bessere Strasse angelegt werden. "Die Männer nahmen Hacke und Schaufel und machten sich an die Arbeit", erzählt Dommen. Erst viel später, als das Terrain der Bezirksverwaltung unterstellt war, wurde die Strasse asphaltiert.
Sie bauten ein Haus
Als die Strasse fertig war, suchte man nach einer einfacheren Möglichkeit, um das Material für den Bau des Klubhauses zu transportieren. Die Lösung lag im Bau einer eigenen Standseilbahn. Die erste kleine Hütte rutschte nach heftigen Regenfällen den Berg hinunter. Ein Traum wurde zerstört. "Das war ein grosser Verlust. Aber dank des Pioniergeistes und des Durchhaltevermögens der damaligen Mitglieder wurde ein neues, grösseres Klubhaus erstellt – und dieses hat bis heute gehalten", erinnert sich Dommen.
Dann kam die Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren. Dem Verein kam dadurch eine ganz neue Bedeutung zu. Viele verloren ihren Job und ihre Wohnung. Das Klubhaus wurde zu einer Anlaufstelle für Personen, die in Schwierigkeiten geraten waren. Die Schweizer:innen halfen sich: Einige bereiteten Mahlzeiten vor, andere hielten das Haus instand, andere wiederum kümmerten sich um den Garten oder den Unterhalt der Zugangsstrasse.
Das Klubhaus wurde dann später zu einem wichtigen Bezugspunkt für die Schweizer Community: "In den 1950er Jahren gab es mindestens einmal im Monat eine grosse Veranstaltung: Karneval, Maifest, sogar ein Schwingfest.
Bis zu 250 Personen nahmen an den Veranstaltungen teil. Wir haben gespielt, getanzt und gejodelt, bis die Nachbarn uns sagten, wir sollten aufhören, aber wir haben bis zum Morgengrauen durchgemacht", sagt Dommen während seiner Rede an der Jubiläumsveranstaltung.
Viele Liebesgeschichten begannen in der bergigen Umgebung des Marin County, und viele Hochzeiten wurden im Vereinshaus gefeiert.
"Wir hatten Spass, wir waren frei"
"Ich bin in dieser Berggegend aufgewachsen", erinnert sich Trudy May-Moesch. "Wir wohnten in San Francisco, aber wir waren oft am Wochenende im Schweizer Club Tell. Mein Vater war in den 1940er Jahren aus dem Aargau emigriert. Er war eine Zeit lang auch Vereinspräsident, verbrachte viel Zeit dort. Er half, wo es nötig war, führte Reparaturen durch", sagt sie.
"Meine Mutter kam gleich nach dem Krieg aus Büttikon nach San Francisco und kochte für all die Leute, die abends zum Essen auf die Hütte kamen. Wir Kinder hatten viel Spass, wir waren frei, wir spielten im Wald."
Es gab dann eine Zeit, als vermehrt jüngere Mitglieder gewonnen werden konnten. Das Interesse am Verein wuchs. Dies spiegelte sich auch in der Küche und dem Speiseplan. Neben Bratwurst und Schüblig gab es neue und innovative Gerichte, was wiederum neue Leute anlockte. Einige der umliegenden Chalets wurden renoviert und vermietet, was Einnahmen brachte.
Aber der Unterhalt des Vereinshauses mit der Zeit zu teuer. Denn die Zahl der Mitglieder war schliesslich rückläufig. 1997 fassten die Mitglieder den Entscheid, das Vereinshaus zu verkaufen." Mit dem Erlös aus dem Verkauf haben wir den Fortbestand des Vereins gesichert", sagt Sekretär Dommen.
Und fügt an: "Wir schaffen es immer noch, uns zu treffen: Wir hören Schweizer Musik, spielen Jass, gehen wandern. Und heute sind wir stolz darauf, 100 Jahre dieser gemeinsamen Geschichte zu feiern, oder besser gesagt 101 Jahre."
Die grösste Herausforderung besteht laut Dommen darin, neue Mitglieder zu rekrutieren. "Wir geben uns viel Mühe, aber die neuen Schweizerinnen und Schweizer, die in unsere Gegend kommen, haben nicht mehr die Bedürfnisse, die wir damals hatten", sagt Präsidentin Trudy May-Moesch.
Die Neuankömmlinge weilten vielleicht nur für ein paar Jahre im Raum San Francisco und könnten nach Hause reisen, wann immer sie wollten. "Früher war der Klub ein Ersatz für die Heimat, denn viele kamen nach der Emigration nie mehr in die Schweiz zurück."
Die Zukunft des Swiss Club Tell ist ungewiss. "Ich wünsche mir, dass der Verein so lange wie möglich weiter existieren kann", sagt Trudy May-Moesch. "Wir haben nach wie vor Lust, gemeinsam unsere Volksmusik zu hören und Trachten zu tragen. Diese Dinge sind vielleicht in der Schweiz nicht mehr so wichtig, wo sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat, aber für uns Auslandschweizer sind sie Teil unserer Identität."
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