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Jules Spinatschs Panoramen
Noch bis am Samstag ist im Centre de la Photographie in Genf eine Ausstellung von Jules Spinatsch zu sehen: Hingehen, staunen, Raum-Zeit-Panoramen sehen.
Jules Spinatsch zählt zu den wichtigen Schweizer Fotokünstlern. Noch bis zum nächsten Samstag ist im Centre de la Photographie in Genf (CPG) die erste Bestandsaufnahme seiner halbautomatischen Fotografie zu sehen – die umfangreiche Werkgruppe der ‹Surveillance Panoramas›, die er zwischen 2003 und 2018 geschaffen hat. Zunächst tüftelte er dafür mit einer Webcam-Technik, die er zusammen mit dem Ingenieur Reto Diethelm entwickelt hat. Nach 2012 begann Spinatsch eine computergesteuerte Spiegelreflexkamera selber zu programmieren. In regelmässigen Abständen hält die Kamera einem vorgegebenen Raster folgend nacheinander Einzelbilder fest – dabei werden über einen Zeitraum von einer bis zu 24 Stunden mehrere tausend Belichtungen registriert. Sie werden in chronologischer Reihenfolge zu einem grossen Panoramabild zusammengerechnet, welches den Bildraum kontinuierlich wiedergibt, die Ereignisse aber, die innerhalb der Zeitdauer stattfanden, nur fragmentarisch und zufällig abbildet. Denn ist der Prozess einmal gestartet, läuft das Aufnahmeprogramm von alleine ab.
15 Jahre Forschung
Die halbautomatische Fotografie von Jules Spinatsch ist eine fortlaufende Abfolge von manueller und automatisierter Bildherstellung. Seit seiner ersten Einzelausstellung im CPG 2003 mit dem Titel Temporary Discomfort gelang es ihm, künstlerisch auf eine fotografische Praxis zu reagieren, die sich später weit verbreitete – die automatisierte Überwachungsfotografie. Das erste Panorama, das 2003 während des World Economic Forums in Davos, dem Geburtsort des Fotografen, entstanden ist, ist ein neues Kapitel in der Geschichte der Dokumentarfotografie. Jules Spinatsch installierte drei computergesteuerte Kameras in der Nähe des Kongresszentrums. Zwei überwachten die Zugänge zum Kongresszentrum, eine dritte sollte einen Demonstrationszug aufnehmen. Dieser wurde jedoch vom schwarzen Block aufgehalten und so ist die Strasse im Panorama leer. Die Kamera an der Bibliothek übertrug während fünf Tagen täglich Bilder von Davos nach Zürich direkt in den Kunstraum Walcheturm, wo ein 20 Meter langes Panoramabild aus gesamthaft 1446 Bildern entstanden ist.
Vier Kapitel Fotografie
Die Ausstellung in Genf ist in vier Teile gegliedert. Der Eingangsbereich stellt das Rohmaterial vor: Einzelbilder aus verschiedenen Projekten, die als Poster gezeigt werden, losgelöst vom ursprünglichen Kontext. Die eine Seite des Erdgeschosses ist mit Arbeiten aus ‹Temporary Discomfort Chapter IV› bestückt. Weiter wird ‹Soft Valley› gezeigt, eine noch nie veröffentlichte Panorama Aufnahme von Davos. Im andern Teil des Erdgeschosses stellt Spinatsch neue Arbeiten vor: ‹Inside SAP› und ‹Panopticon JVA› - Aufnahmen aus dem Hauptquartier des Softwarekonzerns SAP und aus einem Gefängnis in Mannheim. Der Hauptsitz des Software-Hersteller und das Gefängnis basieren auf demselben architektonischen Grundriss: einem Panoptikum. Im ersten Stock des Museums ist eine breite Palette von Projekten aus der Zeitspanne 2005 bis 2012 in unterschiedlichen Formen zu sehen: ein überraschender Blick auf die grosse und umstrittene Genfer Überbauung in Snowdon Habitat. Die Installation ‹Asynchron I–III› rollt die Geschichte der Atomtechnologie auf, und ausserdem stellt der Künstler eine Bildserie aus dem Panorama des Toulouser Stadtparlaments aus. Ganz am Ende zeigt Jules Spinatsch den Besuchern noch eine fotografische Rauminstallation seines eigenen Ateliers.
Ein Buch
Zur Ausstellung wird es in zwei, drei Monaten ein Buch geben, das alle Arbeiten der Werkguppe von 2003 – 2018 zusammenfasst. Jules Spinatsch sagt stolz: «Vor allem das spiralförmige 720° Panorama ‹Vienna MMIX 10008/7000 – Cul de Sac› hat es so noch nicht gegeben, nicht als Raum wie jetzt in Genf und nicht als Bild im Buch». ‹Semiautomatic Photography› wird bei Spector Books erscheinen.
Jules Spinatsch: Semiautomatic Photography 2003 – 2020. Centre de la photographie Genève, Bâtiment d’Art Contemporain 28, rue des Bains, Genf: Bis zum 2. Februar 2019.