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Fantasy in ihren Kinderschuhen…
Henry John Newbolt (1862-1938) ist hierzulande wohl eher ein Insider-Tipp. In seiner Heimat England war er einige Zeit recht bekannt für patriotische Gedichte, die er an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verfasst hatte, und für die er sich später offenbar schämte.
Dabei hat Newbolt (zusammen mit William Morris, der mehr geschrieben hat als nur jene sozialistische Utopie, für die man ihn heute kennt) die moderne Fantasy aus der Taufe gehoben. Beide gehörten zu den ersten, die die romantischen Pfade der Phantastik verliessen, wo phantastische Elemente immer in eine mehr oder minder bestimmte reale Welt und reale Zeit eingebettet worden waren – vorzugsweise, was die englischen Autoren betraf, ins Mittelalter und an den Artus-Hof. Newbolt und Morris erfanden für ihre Fantasy völlig fiktive Welten, mit eigener Geografie, z.T. eigenen physikalischen oder sozialen Gesetzen. Sie wurden damit wegbereitend für die grosse epische Fantasy, wie sie Tolkien dann bekannt gemacht hat.
Aladore (erschienen 1914) erzählt die Geschichte von Sir Ywain. Der trägt nur noch den Namen eines der Ritter von der Tafelrunde, hat aber ansonsten nichts mit ihm zu tun. Sir Ywain verlässt das Land, das er regiert, weil er des Regierens und Verwaltens müde ist. Er trifft auf seiner Reise verschiedene Gestalten, u.a. auch eine geheimnisvolle junge Frau, Aithne, in die er sich verliebt. Somit wird aus seiner Reise ins Unbekannte sehr rasch eine Queste, die das Ziel hat, diese junge Frau endgültig zu finden. Bunyans Pilgrim’s Progress from This World to That Which Is to Come hat in seinen Allegorien sicher Stoff geliefert für Newbolt. Denn eine allegorisch zu verstehende Reise unternimmt auch Sir Ywain. Schon bald findet er heraus, dass Lady Aithne in einer Stadt namens Aladore wohnt, manchmal aber auch in einer namens Paladore. Während Sir Ywain Paladore relativ einfach findet, hat er Mühe, nach Aladore zu gelangen, obwohl Aithne sie ihm immer wieder zeigt. Es stellt sich heraus, dass Aladore eine Art Paradies ist und eigentlich nur im Traum (und im Tod?) zu erreichen. Jedenfalls ist das Liebespärchen zum Schluss des Romans, nachdem eine Entscheidungsschlacht um Paladore stattgefunden hat, verschwunden, und beim Grab, das man zeigt, ist es ungewiss, ob es das der beiden Turteltäubchen ist.
Neben Bunyans Pilgrim’s Progress gehören offenbar auch irisch-keltische Mythen und Sagen zu Newbolts Quellen: Aithne ist die Tochter einer keltischen Fee und eines Menschen – so also Teil beider Welten, Aladore und Paladore.
Tolkien hat sich mehr bei Morris bedient als bei Newbolt. Schon näher steht Newbolt dafür C. S. Lewis, bei dem Einteilung der Welt in Gut und Böse in ähnlich mystisch-mythisches Gewand gekleidet ist. Das Traummotiv haben wiederum zwei andere grosse Fantasy-Autoren aufgenommen: Lord Dunsany und H. P. Lovecraft. Bei letzterem heisst die Traumstadt Kadath und der Weg dorthin ist nicht mit den bei Newbolt üblichen Schlachten und Kämpfen verbunden, sondern mit einem übernatürlichen Horror. Dafür wird sich der Protagonist bei Lovecraft allerdings auch seines Traums als Traum bewusst, entschliesst sich zu erwachen – und findet sein Kadath in Boston wieder (Lovecrafts Heimatstadt).
Eine getragene, quasi-biblische Sprache verhilft dem Roman von Newbolt zusätzlich zu einer traumartigen Atmosphäre. Wer nicht von der Fantasy des 21. Jahrhunderts, mit siebenteiligen Serien, bei denen jedes Buch 800 Seiten umfasst, in denen gemetzelt und gemordet, gefickt, gevögelt und vergewaltigt wird, was das Zeug hält oder eben nicht hält – wer also nicht davon komplett verdorben ist, wird in diesem ruhigen Buch ein kleines Juwel finden. (Wobei ich die Betonung auf „klein“ legen möchte, ganz grosse Fantasy ist das denn doch nicht – noch nicht, literaturgeschichtlich gesehen.)