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19.09.2019 21:06:06

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Die bodenlosen und bodenreichen Ragazer1500 - 1800
Ein Zeitbild über die bodenlosen und bodenreichen Ragazer
Wir müssen wissen, dass der Verkehr von Zürich nach Chur und über die Bündner Pässe nach Italien sehr lebhaft war. In Zürich, Chur und Chiavenna waren Niederlassungen der grossen Transportfirmen, welche die Weiterlieferung der Waren bis Mailand und Venedig übernahmen. Diese waren keine Fuhrhaltereien. Sie regelten und vereinfachten von ihren Zentralbüros bloss den sogenannten "Zug". Von Zürich bis Walenstadt kamen die Waren see- und linthwärts mit Transportschiffen (Nauen). In Walenstadt wurde aus dem schwimmenden wieder rollendes Transportgut. Bis Ragaz oder Trübbach hatten den Transport die Walenstadter in Händen. Von Ragaz bis Chur waren Pferdestellung und Geleit Monopol der Ragazer, erwirkt durch das Kloster. Dieses liess aber keinen Lehensmann zu. Es hiess von der Abtei herunter, die Lehensleute haben Grund und Boden und damit ihr Auskommen. An der "Sust" sollen sich nur die beteiligen, welche vom Bodenrecht ausgeschlossen waren. Es gab also bodenlose und bodenreiche Ragazer.
Mitten in dieser eher geldlosen Zeit gab es Fuhrleute, die nur mit und auf Geld arbeiteten. Sie bekamen täglich ihren Fuhrlohn. Daraus mussten sie leben und das Futter für ihre Pferde und Ochsen kaufen. Als sie in der Belieferung ausgegrenzt werden sollten, verordnete die Abtei, dass sie allein das Futter zu einem gerechten Preis liefere. Das Kloster schützte die Kleinen und Schwächeren, wo und wie es nur konnte. Und doch hatte dieses klösterliche Wohlwollen zu den "Bodenlosen" hin viel Streit gestiftet.
Der Lehensmann auf grossem Gute sah während des Jahres nur wenig
klingendes Geld. Schon damals gab es einige Wirtshäuser, zum Beispiel den Löwen und den Wilden Mann. Fuhrleute kehren bekanntlich gerne ein. Fast jeden Abend waren die wenigen Schenkstätten von den "Bodenlosen" in fröhlicher Zeche besetzt, denn sie arbeiteten auf bares Geld. Wenn das der dank dem Bodenlehen weit überlegenere Bürger sah und merkte, dass er sich mit einem schlechteren Wein begnügen musste, als jene von der "Schattenhalde", gab das Unfrieden im Dorf. Schon damals gab es Standesunterschiede.
Immer wieder wurde das Kloster bestürmt, es möge auch den Lehensleuten Fuhren geben. Dieses ging aber nicht von seiner Einstellung ab und der Ortsverwaltungsrat wich seinerseits einer Stellungnahme aus. Denn auch die "Bodenlosen" waren Abkömmlinge von Lehensleuten. Auch sie waren - wenn auch überzählige - Ortsbürger wie die anderen. Sie hatten gleiches Stimmrecht in der Gemeinde und hatten im Verwaltungsrat ihre Vertreter.
Wenn die Beschwerden zu hageldicht von Ragaz her kamen, zitierte das Mönchskapitel jeweils von beiden Seiten eine Abordnung ins Stift und liess sie eine Weile lang zanken und streiten. Dann legte der Abt ein väterliches Wort ein, lud die beiden Abordnungen zum gemeinsamen Essen ein und sparte nicht mit Speis und Trank. Meistens erlebte man es, dass die im Herkommen Streitenden eines Geistes im Frieden den Niklausenwald hinunter nach Hause gingen. Ortsbürgerlich verbunden stützten die bodenlosen Weiliger, Flamser, Ruchenberger und Silliser die bodenreichen Grossfelder, Unterrainer und Marauser. Was braucht es, schrieb im 18. Jahrhundert der Klosterchronist, dass unser Völklein glücklich ist? Ein geringes Mass an Lebensphilosophie, das andere gibt die Natur und den Rest das Kloster. Es lebte niemand unter der Herrschaft der Abtei, der darben musste. Jeder hatte sein Auskommen, keiner fiel dem andern zur Last.
Quelle
Ragazetta spezial 2 / Oktober 2004
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