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Beschreibung
Lukas Högl: Der Spaniolaturm zu Pontresina
Der mittelalterliche Burgturm steht am oberen Dorfrand von Pontresina, unweit der Kirche S. Maria. Bereits 1934 hatte die Gemeinde den Turm Konservierungsarbeiten veranlasst, die von Max Alioth, Architekt und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Burgenvereins geleitet wurden. Dabei wurde die verwitterte Mauerkrone teilweise um 1,5 m abgetragen und neu aufgemauert, während die übrigen Mauerflächen grossenteils unberührt blieben.
Meldungen über herabfallende Steine aus dem Mauerwerk des häufig aufgesuchten Baudenkmals veranlassten die Gemeinde 1991 eine erneute Sicherung des Bauwerks in Auftrag zu geben. Unter der Aufsicht von Bund und Kanton wickelte eine Arbeitsgruppe, bestehend aus dem Bauleiter Heinrich Bauder, dem spezialisierten Ingenieur Fredy Schneller und dem Bauforscher/Burgenkundler Lukas Högl die Planung und Durchführung der Konservierung 1992-1994.
Die sehr gründlichen Vorarbeiten technischer und archäologischer Art ermöglichten es, die baulichen Eingriffe auf das wirklich notwendige Minimum zu beschränken, damit die Baukosten tief zu halten und das Objekt so weitgehend wie möglich zu schonen, bei gleichzeitiger Klärung der Baugeschichte. Der Beitrag von Heinrich Bauder gibt einen ausführlichen Einblick in die denkmalpflegerischen Überlegungen und Massnahmen. Fredy Schneller richtet in seinem Beitrag zur Statik des Turmes den Blick auf die physikalischen und chemischen Vorgänge, denen ein gemörteltes Bruchsteinmauerwerk während Jahrhunderten ohne Dach ausgesetzt ist.
Wie der ausführliche Beitrag von Lukas Högl zeigt, ist die Erbauung des Turms dendrochronologisch ins Jahr 1210 datiert. Er umfasst vier Geschosse, von denen die beiden oberen wohnlich ausgestattet waren, und einen niedrigen Dachraum. Dem fünfeckigen Grundriss liegt ein Geviert zu Grunde, dessen Angriffsseite keilförmig als fünfte Ecke vorspringt. Die ungünstige strategische Lage auf einem sanften Geländevorsprung ist durch einen Halsgraben nur wenig verbessert worden. Nach der Aufstockung um ein bewohnbares fünftes Geschoss erlitt der Turm eine tiefgreifende Zerstörung durch Eroberung, Brandschatzung und Abbruch seiner talseitigen Hälfte.
1261 d erfolgte der Wiederaufbau über gleichem Grundriss, ergänzt durch ein 6. Geschoss, dessen Mauerkrone mit grossen Zinnen abschloss und mit einem Mörtelbänderverputz versehen war. Vermutlich gleichzeitig erhielt der Turm einen Mauerring, womit der neue Bau den Charakter eines Wehr- oder Wachtturmes erhielt. Für die Besatzung war ein einziger karg ausgestatteter Wohnraum im fünften Geschoss eingerichtet. Zahlreiche Einzelbeobachtungen zur Bautechnik, zum Verwenden des Gerüstes oder zum Vorgang des Mauerns und zur gleichzeitigen Verwendung zweier Mörtelsorten ergänzen die ausführliche Beschreibung. Wie akribisch die Bauforschung beobachtete, zeigt das Auffinden von Holzstiften für das Fixieren der Richtschnur beim Mauern.
Auf Grund des spezifischen Schadensbilds am Mauerwerk vermutet der Bauforscher, dass im vierten Geschoss ein hölzerner Innenausbau bestand, ob als geschlossene Kammer oder als Täferwand, ist nicht zu entscheiden. In einem eigenen Beitrag geht Lukas Högl dieser Frage vertieft nach, welche Innenausbau-Lösungen denn im 13. Jh. an Bündner Burgen bekannt sind und als Vergleich zum Befund vom Spaniolaturm dienen könnten.
In einem zweiten Exkurs werden Vergleichsbeispiele zum Mörtelbänderverputz am Turm von Pontresina diskutiert. Vermutlich kommt diese Zierform der Architektur aus dem Veltlin.
Der Burgenbruch scheint das konkret fassbare Ereignis einer Auseinandersetzung zwischen dem bischöflichen Landesherrn und seinen Vertrauten im Oberengadin, den Herren von Pontresina, zu sein. Anna-Maria Deplazes-Häfliger trägt die Fakten zu einer Familiengeschichte der Herren von Pontresina zusammen und bettet die Ereignisse in die Regionalgeschichte des 13. Jh. im Engadin ein. Im Jahre 1244 wurde Tobias von Pontresina das einflussreiche Kanzleramt durch das Lehensgericht wegen Verfehlung aberkannt und an Andreas Planta verliehen. Man darf vermuten, dass die Ausübung des Kanzleramtes durch die Herren von Pontresina ins 12. Jh. zurück reicht. Um 1200 waren sie wohl auf demm Höhepunkt ihres Ansehens und liessen 1210 den Wohnturm oberhalb des Dorfes auf Churer Lehensbesitz erbauen. Entgegen dem Urteilsspruch und trotz Burgenbruch (wohl nach 1244) konnten sich die Herren von Pontresina weiterhin halten, waren sie doch noch 1294 (wieder) Inhaber des Kanzleramtes; auch der Wiederaubau des Turmes um 1260 bestätigt diese Annahme. Die zahlreichen Verkäufe von Lehen an der Wende vom 13. zum 14. Jh. an die Herren von Planta signalisieren die Ablösung der Herren von Pontresina als führende Familie im Oberengadin durch die Planta.
Im Jahr 1458 erscheint der Turm in einem Vertrag zwischen den Leuten von Pontresina und dem Churer Bischof, der die Nutzung des Turmes zur Bedingung macht. Dieser scheint demnach damals noch in brauchbarem Zustand gewesen zu sein, während er 1573 als Ruine bezeichnet wird.
Der Name „Spaniolaturm“ taucht erst 1837 auf, während die früheren Erwähnungen nur vom Turm von Pontresina sprechen. Heinrich Boxler versucht in seinem Beitrag eine Erklärung für den Burgnamen zu finden. Sicher ist, dass in der Bezeichnung Spaniola das Wort Spanien steckt, ungeklärt ist jedoch bis heute der Grund dafür. Neben anderen Erklärungen steht an vorderster Stelle die Möglichkeit eines Zusammenhanges mit einer in Pontresina „bes-cha spaniola“ genannten Schafart.
Die zum Bau verwendeten Steine finden sich alle lokal, sei es im Moränenschutt des Berninagletschers, sei es im Bergsturzmaterial und Hangschutt. Wie der Beitrag des Geologen Eduard Sury zeigt, erfüllen diese Gesteine alle Anforderungen, welche an ein gutes, dauerhaftes Baumaterial gestellt werden. Zwischen dem ersten Bau von 1210 und dem Wiederaufbau von 1260 besteht ein wesentlicher Unterschied; der leicht grössere Anteil an Gneisen und Schiefern im jüngeren Bau korrespondiert mit der ausgeprägteren Gestaltung der Eckstein.