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Gespräch mit Odilo Noti:
Der Papst ist nie ein universitärer Befreiungstheologe gewesen. Doch der frühere Kardinal von Buenos Aires zählt gleichwohl zum befreiungstheologisch inspirierten Stamm der Pastoralverantwortlichen mit sozialer Sensibilität für die Randständigen. Jüngste Versuche, von einer "Theologie des Volkes" im Gegensatz zur Theologie der Befreiung zu sprechen, hält der Walliser Theologe Odilo Noti für verwirrend. Für den Lateinamerikakenner ist klar: "Theologische Gegensätze sind vor dem Hintergrund der damaligen Zeit der 70er Jahre zu sehen, heute aber zu relativieren."
Interview: Wolf Südbeck-Baur
In den letzten Jahren ist es still um die Befreiungstheologie geworden. Mit der Wahl von Jorge Bergoglio zum Papst wird nun verstärkt von der „Theologie des Volkes“ gesprochen. Um was geht es dabei?
Odilo Noti: In der Befreiungstheologie hat das Volk von Beginn an eine zentrale Rolle gespielt und ist zu verstehen als ein Klassenbegriff, der die Armen, die Unterschicht, die Randständigen bezeichnet. Selbstverständlich gibt es in einem Kontinent wie Lateinamerika regional unterschiedliche Akzente, die in Argentinien mit den Namen Lucio Gera, dem evangelische Theologen Miguel Bonino und dem Jesuiten Juan Luis Segundo verknüpft sind. Bei diesem Befreiungstheologen der ersten Stunde hat Jorge Bergoglio studiert. Dabei hat die Reflexion auf die Rolle des Volkes stets eine wichtige Rolle gespielt, die unter anderem vor dem Hintergrund der peronistischen Tradition zu verstehen ist.
Welchen Einfluss hat diese peronistischeTradition, die auf den argentinischen Präsidenten Peron (1946-1955) zurückgeht?
Noti:Peron war der erste Politiker in der Geschichte Argentiniens, der die kleinen Leute zumindest ein Stück weit in den Blick nahm. Gleichwohl darf man gewisse populistische Aspekte im Kampf um die Macht im damaligen Argentinien nicht übersehen. Perons Gegner, die Militärgeneräle, putschten ihn 1955 aus dem Amt.
Hat die „Theologie des Volkes“ die Befreiungstheologie verdrängt?
Noti: Das ist eine Scheinfrage, die zu unnötiger Verwirrung führt. Um es klar zu sagen: es gibt keine Theologie des Volkes, die im Gegensatz zur Befreiungstheologie steht. Der Chilene Fernando Castillo hat bereits in den 70er Jahren mit seinem Buch "Theologie aus der Praxis des Volkes" einen richtungsweisenden Beitrag zur Befreiungstheologie erarbeitet. Damit kommt der in meinen Augen entscheidende Akzent zum Ausdruck: An erster Stelle stand immer die Praxis, das Leben der Randständigen, der Unterdrückten, eben des Volkes. Die Theologie hat sich durchaus in einer gewissen Demut als nachgelagerten zweiten Schritt verstanden. In diesem Sinn möchte ich davor warnen, ein grosses neues Thema mit der gelegentlichen Rede von einer Theologie des Volkes als Gegensatz zur Befreiungstheologie zu sehen.
Ist die Theologie des Volkes also eine Spielart der Theologie der Befreiung?
Noti: In den 70er Jahren sprach man von der Theologie der Befreiung, um ihren grundlegenden Ansatz, nämlich den Versuch, Herrschaft oder Strukturen der Sünde durch die Praxis der Befreiung zu überwinden. Die Theologie des Volkes war etwa beim Argentinier Juan Scannone eine Variante, die bei der Kultur und Volksreligiosität ansetzte. Die klassische Befreiungstheologie eines Gustavo Gutiérrez oder eines Leonardo Boff setzte demgegenüber stärker, aber nicht ausschliesslich bei der sozialen Realität an. Diese Gegensätze sind vor dem Hintergrund der Konjunktur der damaligen Zeit zu verstehen, heute aber sind sie zu relativieren.
Können Sie das näher erläutern?
Noti: Damals war es durchaus richtig, dass die Befreiungstheologen ihren methodologischen Grundansatz hochhielten, wonach wie gesagt die Praxis des Volkes Ausgangspunkt ist und danach erst der zweite Schritt, die theologische Reflexion, folgt. Es war damals richtig und wichtig, sich mit diesem Grundmuster gegen Spaltungsversuche zu wehren. Heute hingegen ist die Vielfältigkeit, die Pluralität theologischer Ansätze auch befreiungstheologischer Provenienz kein Grund mehr für theologische Grabenkämpfe. Darum gibt es auch keine spezielle Krise der Befreiungstheologie. Zu Zeiten von Johannes-Paul II. und Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation sah das freilich anders aus. Da war die Befreiungstheologie kirchlicher Verfolgung ausgesetzt.
Jorge Bergoglio, Papst Franziskus, trat mit 22 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde ausgebildet, seinen Weg über die mächtigen Kreise und nicht über die kleinen Leute zu machen. Gleichwohl hat der heute 76-Jährige stets die sozialpolitische Perspektive betont. Ist das als Befreiungstheologie zu klassifizieren?
Noti: Entscheidend ist, was man unter Befreiungstheologie versteht. Jorge Bergoglio war nie ein universitärer Theologe, obwohl er auch Lehraufträge an theologischen Seminaren wahrgenommen hat. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine treffende Metapher von Leonardo und Clodovis Boff verweisen. Sie vergleichen die Befreiungstheologie mit einem Baum, der getragen wird von einem vielfältigen Wurzelwerk, ohne das er nicht existieren und wachsen könnte. Dieses Wurzelwerk haben die Gebrüder Boff gleichgesetzt mit dem Volk, mit den Basisgemeinden, mit der Praxis des Glaubens im Alltag. Eine zweite Dimension dieser Metapher bezieht sich auf den Stamm des Baumes. Das sind die pastoral Verantwortlichen, die Pastoralträger, die inspiriert durch das Evangelium und die Bibellektüre des Volkes zum Beispiel Lehrschreiben, Hirtenbriefe oder Stellungnahmen zu politischen Fragen veröffentlichen. Die dritte Dimension bezieht sich auf das Geäst, das der Befreiungstheologie als theoretische oder universitäre Praxis entspricht. Volk, Pastoralverantwortliche und Befreiungstheologen hängen zusammen, kritisieren und bereichern sich gegenseitig.
Wo in dieser Baummetapher siedeln Sie den früheren Kardinal von Buenos Aires an?
Noti: Jorge Bergoglio gehört ohne Zweifel zum Stamm der Pastoralverantwortlichen, auch wenn er sich nie als Befreiungstheologe geäussert hat. Klar ist aber, dass Franziskus eine soziale Sensibilität hat. Man muss einfach sehen, dass dieser Papst nicht aus den Bergen oder vom Land kommt, sondern geprägt ist von seinen pastoralen Erfahrungen in den argentinischen Metropolen Cordoba und Buenos Aires. Er kennt die Realität und Lebensbedingungen der armen und einfachen Leute.
Wie beurteilen Sie als Kenner Lateinamerikas die heutige Situation der argentinischen Kirche?
Noti: Das Land hat im letzten Jahrhundert sechs Diktaturen erlebt. Mit dem Ende der Militärdiktatur 1983 hat auch in Argentinien eine Demokratisierung und damit einhergehend eine langsame Säkularisierung der Gesellschaft eingesetzt. Zeitgleich mit dieser Entwicklung läuft nicht nur in Argentinien, sondern in ganz Lateinamerika eine Phase der Pluralisierung von Kirche und Religion ab. Ein Stück weit ist damit auch ein Verlust kirchlicher Gläubigkeit verbunden. Hier liegt für mich ein weiterer Grund dafür, die Unterschiede zwischen den Theologien, die im Gegensatz zu den 80er Jahren heute kaum mehr eine Rolle spielen, nicht allzu stark zu gewichten.
Wird das historische Faktum des ersten Papstes aus Lateinamerika in Sachen globaler Gerechtigkeit etwas bewegen?
Noti: Ja, davon gehe ich aus. Allein die Tatsache, dass der Papst aus der Dritten Welt kommt und ein Vertreter der Peripherie ist, wird das Thema der Verteilungsgerechtigkeit in den Vordergrund rücken, zumal Franziskus die Lebensrealität der Armen wirklich kennt. Er ist kein Mann aus einem geschlossenen ideologischen Biotop, das es mit einem erzkonservativen Katholizismus in Argentinien auch gibt. Das Pontifikat wird keine einfache, aber eine faszinierende Zeit, in der wir sehen werden, wie ich hoffe, dass sich der Katholizismus des Südens mehr institutionellen Raum in der Kirche verschaffen kann. Andere Themen werden auf der Agenda stehen. So wird die Frage der globalen Gerechtigkeit in einer eindringlichen Art und Weise neu auf der kirchlichen Weltagenda stehen. Gleiches kann ich mir auch für das Thema bzw. das Recht auf Migration vorstellen. Das kann für uns, angesichts der gegenwärtigen asylpolitischen Debatten, durchaus herausfordernd werden, weil der Katholizismus des Südens stärker auf globale Institutionen wie die UNO setzt. Damit einhergehen wird eine kritischere Haltung gegenüber der Rolle der USA. Das wird das soziale Gesicht des Katholizismus prägen.
Odilo Noti ist promovierter Theologe und leitet den Bereich Kommunikation der Caritas Schweiz. Als Mitbegründer der Edition Exodus hat der 60-Jährige wesentlichen Anteil am befreiungstheologisch ausgerichteten Verlagsprogramm. Viele Exodus-Bücher - zu den Autoren zählen Befreiungstheologen wie zum Beispiel Enrique Dussel und Franz Hinkelammert oder Michel Clèvenot - wurden von Noti lektoriert.