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Mitglied SVOT/APO/ISPO/INTERBOR
26. September 1926 – 1. Januar 2021
(Reto Weder und Daniel Hueskes)
Nach einem langen und erfüllten Leben gedenken wir Jean-Pierre Botta. Er war ein aussergewöhnlicher Berufsmann, ein Autor, Erfinder, ein Familienmensch und einfach eine unglaublich liebenswerte Persönlichkeit. Er war verheiratet mit Trudi, zwei Söhne und drei Töchter machten die Familie perfekt.
Geboren und aufgewachsen in Biel im Kanton Bern, fasste er früh den Entschluss, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. Dieser war aus dem Tessin nach Biel gekommen, hatte zuerst eine Lehre als Schmied gemacht und erst später zur Orthopädie gewechselt. Am 1. September 1932 eröffnete Hans Botta seine eigene orthopädische Werkstatt, die später, ab 1942 seine beiden Söhne Jean-Pierre und Bertrand weiterführten.
Von 1942 bis 1946 absolvierte Jean-Pierre – oder Pierre, wie wir ihn alle nannten – seine Lehre zum Orthopädiemechaniker. Die Kriegsjahre von 1939 bis 1944 waren voller Ungewissheit und Entbehrungen. In der Nachkriegszeit verbesserten sich die wirtschaftlichen Möglichkeiten rasant. Der Familienbetrieb wurde grösser und man zügelte 1945 von der Waffengasse in die eigene Liegenschaft an der Karl-Neuhaus-Strasse in Biel. 1948 beteiligte sich Pierre unter der Leitung von Prof. Nicod an einer Rotkreuz-Mission in Frankreich, Algerien und Marokko. Mit Fachkräften aus dem damaligen Jugoslawien konnte dort sogar eine Werkstatt aufgebaut werden. Aus diesen Einsätzen ergab sich ein Grossauftrag vom Schweizerischen Roten Kreuz. 120 Prothesen sollten allein von der Firma Botta für die unzähligen Opfer des langen Krieges hergestellt werden. Dieser Herausforderung stellte sich Pierre mit Überzeugung. Es mussten rationelle Arbeitsgänge gefunden werden, denn für eine Unterschenkelprothese bekamen sie 350 Franken und für eine Oberschenkelprothese 500 Franken. Das war auch zur damaligen Zeit sehr bescheiden. Aber es war Arbeit und mit Geschick gelang es dem Familienbetrieb, sich in der ganzen Schweiz als renommierte Spezialisten bekannt zu machen.
1953 hielt Pierre seinen ersten grossen Vortrag in Lausanne. Thema: «Prothesen für alte Menschen.» Mit grosser Anstrengung und viel Fleiss entwickelte sich der Betrieb in wenigen Jahren zu einer Werkstatt, welche auch weit über die Grenzen hinaus bekannt war. Dieser Erfolg gründete einerseits auf der harten Arbeit, andererseits aber auch auf der Persönlichkeit Pierres. Seine vielen Vorträge an diversen Kongressen unterstützten seinen Drang und sein Wille, anderen Menschen zu helfen und für jeden Patienten das perfekte Hilfsmittel zu entwickeln.
1968 begann für Pierre eine prägende berufliche Zeit. Er lernte Prof. Dr. René Baumgartner kennen und es entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft. Die manchmal bahnbrechenden Entwicklungen wurden über Jahre an unzähligen Kongressen weltweit vorgetragen. Er war immer bereit sein Wissen und seine Erfahrungen an uns Kollegen weiterzugeben. Eine grosse Entwicklung im Speziellen hat ihn über lange Zeit beschäftigt und schlussendlich zu grossem Erfolg geführt. Es war die signifikante Verbesserung der Knieexartikulationsprothese, in Kombination mit einer neuen Amputations-Technik, die er zusammen mit Prof. Dr. med. René Baumgartner realisierte. Diese damals durchschlagende Innovation findet man auch in seinem Buch Amputation und Prothesenversorgung, welches er zusammen mit Co-Autor Baumgartner 1989 veröffentlichte. Die Auszeichnungen wie der «Karl Rabl Preis» und die «Homann Plakette» bestätigen dies Engagement.
Pierre amtete immer nur als Vize-Präsident bei der APO, vom SVOT und bei der Interbor. Er wollte nie Präsident sein, er suchte keine Titel! Er war viele Jahre als Übersetzer bei der APO tätig und wurde dort 1994 zum Ehrenmitglied ernannt.
Gern versuche ich der Leserschaft zu beschreiben, wie ich Pierre privat erlebte. Er hatte eine sehr grosse Empathie für alle Menschen, welche irgendwie benachteiligt waren. Das bekamen seine Patienten, die von ihm behandelt und betreut wurden, sofort zu spüren. Er hörte ihnen aufmerksam zu, er nahm ihre Wünsche wahr und konnte ihnen viel vom Schmerz abnehmen nur schon durch seine Hingabe und sein Feingefühl. Das Vertrauen seiner Patienten in sein Geschick, orthopädische Hilfsmittel herzustellen, war überwältigend. Pierre hat das christliche Gedankengut gelebt. Er war ein Künstler mit seinen Händen, seine Prothesen waren die schönsten. Er war ein Perfektionist, nicht nur in Bezug auf Passform und Anatomie, sondern auch die Farbe musste einwandfrei sein. Mit Spraydosen stellte er dann mit viel Talent und Können die Farbe der Haut nach, bis sie komplett übereinstimmte. Viele Orthopädie-Betriebe in der Schweiz versuchten sich diese Technik ebenfalls anzueignen. Auch im Ausland wurde man auf Pierres Arbeitsweise aufmerksam und einige reisten sogar nach Biel, um dem talentierten Tüftler über die Schulter zu schauen.
Einmal in Kanada engagierte er mich als Übersetzer, da die Vorträge nur auf Englisch präsentiert werden durften. Das war für uns beide ein Erlebnis, über das wir uns noch Jahre später amüsierten. Unvergesslich bleibt mir auch diese Erinnerung an Kanada, wo wir in Ermangelung freier Hotelzimmer zu viert einquartiert wurden: Pierre und Trudi sowie meine Frau und ich. Pierre nahm es mit Humor. Sein Lieblingsmaterial war Holz, er war begeistert von den mächtigen Bäumen auf dem Weg zur Stinson Ranch in Californien und fragte: wieviele Prothesenschäfte könnte ich wohl aus einem solchen Baum machen?
Pierre war ein Pionier, ein lieber Freund, Berater und Mentor für mich. Er war lebensfroh und sprühte vor Energie. Sein tiefer Glaube an Gott, die Liebe zur Natur und in die Menschen haben mich stark beeindruckt und geprägt. Ich schätze mich glücklich, ihn gekannt zu haben, und dass ich mit ihm so viel Schönes erleben durfte.
Heute führen seine beiden Söhne den Betrieb ganz im Sinne vom Vater. Neben der Trauer bleibt die Gewissheit, dass sein Vermächtnis weiterlebt. Und ich bin mir sicher, dass er darüber unendlich stolz ist.
Pierre wird allen, die ihn gekannt haben, fehlen. Und ich schliesse mich von ganzem Herzen den Worten aus seiner Todesanzeige an:
Nun lassen wir ihn los, traurig und zugleich erfüllt mit Liebe und Dankbarkeit.
In Liebe und grosser Verbundenheit im Namen deiner Freunde und Berufskollegen
Reto und Daniel
Im Januar 2021
Die Anfänge von Botta Orthopädie
Die Botta Orthopädie AG blickt als Familienunternehmen seit 1932 auf eine eindrückliche Firmengeschichte zurück. Es war 1932, als der Grossvater der jetzigen Geschäftsführer, Hans Botta, ein kleines Atelier für Orthopädie-Technik gründete. Er war gelernter Landwirt und Werkzeugmacher, beobachtete aber viel Elend und Not während und nach dem Krieg. Sein Antrieb war, mit innovativer Technik den Menschen zu helfen und liess ihn erste Prothesen konstruieren. mehr...
26. September 1926 – 1. Januar 2021