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Längst ist die Idee der modernen Olympischen Spiele im Nebel der Geschichte entschwunden. Baron Pierre de Coubertin war tief in seiner Seele wohl ein Romantiker. Es ging ihm einerseits um die Wiederbelebung des antiken Sportspektakels und andererseits um die Völkerverständigung. Unter dem Pseudonym «Georges Hohrod und Martin Eschbach» verfasste er zudem eine Ode an den Sport und wurde damit der erste Olympiasieger in der Disziplin Literatur. Der Chronist bedauert, dass es diese Disziplin seit 1948 nicht mehr gibt.
1896 sind die ersten Spiele in Athen ausgetragen worden. Ihre politische Unschuld haben sie 1936 in Berlin verloren. Die damalige deutsche Regierung erkannte den propagandistischen Wert. Mit einer bombastischen Inszenierung wurde die Welt über den wahren Charakter des Regimes getäuscht. Und 1987 verloren die Olympische Idee auch noch ihre sonstige Unschuld: Das Amateur-Statut wurde aufgehoben. Seither sind Profis in allen Sportarten zugelassen. Aus den Spielen ist inzwischen ein globales Milliardengeschäft geworden.
Die Geschichte der Missbräuche der olympischen Idee ist lang. Sie wird in erster Linie geprägt durch allerlei Boykotte. Denn dafür sind sie perfekt geeignet. Mit einem Boykott lässt sich Empörung in die ganze Welt transportieren. Aber es geht ja nur um Sport. Auf allen Ebenen werden weiterhin Geschäfte gemacht.
Die wichtigsten Boykotte haben die Sommerspiele von 1956, 1964, 1976, 1980, 1984 und 1988 betroffen. Mal ging es um den Protest gegen die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch die Sowjets (Melbourne 1956), später um den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan (Moskau 1980), den Gegenboykott der Sowjets bei den Spielen in Los Angeles (1984) oder um die Empörung über ein Rugby-Spiel mit dem damals völlig isolierten Südafrika (Montréal 1976). Die Schweiz hat sich am Boykott der Spiele von 1956 angeschlossen. 1980 verzichteten einzelne helvetische Sportverbände auf eine Teilnahme.
Und nun also Peking 2022. Zum ersten Mal sind Winterspiele von einem richtigen Boykottspektakel betroffen. Interessant dabei: nur die Politikerinnen und Politiker wollen nicht anreisen (Stand heute: jene aus den USA und Australien). Die Athletinnen und Athleten dürfen hingegen schon und ihr Training und ihre Ausbildung wird zum schönen Teil aus öffentlichen Geldern der jeweiligen Länder finanziert. Das ist der Gipfel der Heuchelei. Der Bär soll gründlich gewaschen, aber dabei nicht nass gemacht werden. Die Auswirkungen dieses Boykottes werden sein wie bei allen bisherigen solchen Aktionen: gleich null. Die Sowjets sind 1956 wegen des Olympiaboykotts nicht aus Ungarn abgezogen und sie haben sich 1980 nicht aus Afghanistan zurückgezogen.
Die Heuchelei rund um Peking 2022 ist die schlimmste der Sportgeschichte. Es ist ein Boykott der Politikerinnen und Politiker, die wieder einmal der Versuchung nicht widerstehen können, sich auf Kosten des Sportes billig in Szene zu setzen. Die Welt wird es nicht kümmern, wenn die VIPs bei der Eröffnung der Spiele im Februar 2022 nicht auf den Tribünen sitzen. Sicherheitskosten und Steuergelder können gespart werden, weil ja die Damen und Herren auf Staatskosten zu reisen und zu speisen pflegen.
China ist eine wirtschaftliche Weltmacht. Sozusagen die Fabrik der Welt. Geschäfte machen mit China: ja, gerne und wenn möglich noch mehr. Menschenrechte? Ja, die sind uns eigentlich wichtig, aber natürlich dann nicht, wenn wir Geschäfte machen dürfen. Mit ein bisschen olympischer Boykottfolklore lässt sich das schlechte Gewissen vorzüglich beruhigen.
Aber die Heuchelei ist auch noch aus einem anderen Grund unerträglich. Mehr und mehr wollen die demokratischen Staaten die Spiele nicht mehr durchführen. Dort, wo das Volk mitreden darf, werden sehr oft wegen der enormen Kosten schon die Bewerbungen gestoppt. Zuletzt beispielsweise in Deutschland. Aber auch in der Schweiz.
Also wird die Durchführung noch so gerne autoritär regierten Staaten überlassen. Dort spielen Kosten keine Rolle. Wladimir Putins Russland hat die Spiele 2014 durchgeführt, China das olympische Spektakel im Sommer 2008 übernommen und führt es im nächsten Februar nun im Winter erneut in Peking durch.
Was für eine Heuchelei: Liebe Chinesen, schön, dass ihr uns die Spiele finanziert. Aber ein wenig seid ihr halt schön böse und darüber sind wir ungehalten. Aber nicht richtig. Wir schicken natürlich alle unsere Heldinnen und Helden zu euch, wir übertragen alle Wettkämpfe aus eurem Land in alle unsere Stuben, wir jubeln und leiden mit unseren Stars, die bei euch zu Gast sind, wir hoffen sehr, dass ihr gute Gastgeber seid und die Organisation tipptopp klappt. Und danke, dass ihr uns eine Bühne bietet, um mit ein bisschen Boykottfolklore unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Wir kommen dann schon wieder, wenn wir für unsere Volkswirtschaften Milliardenaufträge brauchen.
Wo waren die politischen Boykotteurinnen und Boykotteure, als die Spiele nach Peking vergeben worden sind? Ganz einfach: bei der Vergabe war die Medienaufmerksamkeit zu gering, um sich mit Protesten in Szene setzen zu können.
Es gehört zu den Tragödien der Weltgeschichte, dass Sanktionen und Boykotte noch nie Machthaber und Eliten zum Umdenken gebracht haben. Die Rechnung bezahlten schon immer die kleinen Leute. Bei den Olympischen Spielen sind es die Athletinnen und Athleten.
Was für ein tragischer Irrtum: die Olympischen Spiele sind getragen von der Idee des Friedens und der Völkerverständigung. Es ist zwar nicht mehr so, dass während der Spiele auf der ganzen Welt die Waffen ruhen wie zu den Zeiten der Spiele in der Antike. Aber immerhin gibt es zwei Wochen lang friedliche Wettkämpfe zwischen Athletinnen und Athleten, schöne Geschichten und schöne Bilder dominieren die Medien.
Die Meinung der Welt über China wird sich wegen der Spiele in Peking nicht ändern und China wird seine Meinung über die Welt nicht ändern. Boykott hin oder her.
P.S. Es gibt ein sinnvolles politisches Engagement für alle unsere Politikerinnen und Politiker, die nicht zu den Spielen nach Peking reisen wollen: setzt euch dafür ein, dass die Milliardengewinne des IOC am Hauptsitz in Lausanne endlich ordentlich besteuert werden. Es ist ja dann egal, wenn ihr vom IOC keine VIP-Einladung mehr bekommt.