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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

FÜNFTES BUCH. Die Argumente der Häretiker werden dargestellt und widerlegt. Da sie glauben, es gebe in Gott nur substanzielles Sein, nehmen sie an, daß Zeugen und Gezeugtwerden, Gezeugtsein und Ungezeugtsein sich auf die Substanz bezieht und demgemäß eine Substanzverschiedenheit im Gefolge hat. Augustinus weist demgegenüber nach, daß es in Gott außer dem substanziellen auch ein relatives Sein gibt. Da die Personen nur relativ voneinander verschieden sind, Personenunterschiede Relationen besagen, besteht trotz der Unterschiede zwischen den Personen Substanzeinheit.
14. Kapitel. Vater und Sohn sind ein Prinzip des Heiligen Geistes,
15. Innerhalb der Dreieinigkeit selber jedoch ist, wenn der Zeugende Urgrund des Gezeugten ist, der Vater Urgrund des Sohnes, weil er ihn zeugte. Ob aber der Vater deshalb, weil es vom Heiligen Geiste heißt: "Er geht vom Vater aus",1 auch Urgrund des Heiligen Geistes ist, das ist keine leichte Frage. Wenn er es ist, dann ist er nicht nur Urgrund einer Wirklichkeit, die er zeugt oder schafft, sondern auch einer solchen, die er schenkt. Von hier aus fällt auch Licht, soweit das möglich ist, auf die viele beunruhigende Frage, warum nicht auch der Heilige Geist Sohn ist, da er doch auch vom Vater ausgeht, wie im Evangelium zu lesen ist.2 Der Heilige Geist ging nämlich vom Vater aus, nicht als einer, der geboren wurde, sondern als einer, der geschenkt wurde. Deshalb heißt er nicht Sohn. Er ist ja nicht geboren wie der Eingeborene, nicht durch die Gnade zu einem Sohne Gottes geschaffen und wiedergeboren worden wie wir. Was nämlich vom Vater geboren ist, besagt nur eine Beziehung zum Vater. Deshalb spricht man nur vom Sohne des Vaters, nicht auch von unserem Sohne. Was aber geschenkt wurde, das hat eine Beziehung sowohl zum Schenker als auch zum Beschenkten. Deshalb heißt der Heilige Geist nicht nur der Geist des Vaters und Sohnes, die ihn schenkten, sondern auch unser Geist, da wir ihn empfingen, sowie man vom Heil des Herrn redet,3 weil es der Herr gab, und auch von unserem Heile, weil [S. 208] wir es empfingen. Der Heilige Geist ist also sowohl der Geist Gottes, der ihn schenkte, als auch unser Geist, da wir ihn empfingen. Nicht jener unser Geist, der zu unserem Sein gehört — der Geist, der im Menschen ist, gehört ja zum Menschen —, sondern in anderer Weise ist dieser Geist unser. In ihr beten wir: "Unser tägliches Brot gib uns heute."4 Wir haben freilich auch jenen Geist, der zum menschlichen Sein gehört, empfangen. Die Schrift sagt ja: "Was hast du, das du nicht empfangen hättest?"5 Aber etwas anderes ist es, was wir empfangen haben, um zu sein, etwas anderes, was wir empfangen haben, um heilig zu sein. Auch von Johannes steht geschrieben, daß er im Geiste und in der Kraft des Elias komme.6 Geist des Elias heißt der Heilige Geist, den Elias schon empfangen hatte. Ähnlich muß man auch das Wort verstehen, das der Herr zu Moses sprach: "Ich nehme von deinem Geiste und gebe ihnen davon."7 Das will sagen: Ich gebe ihnen von dem Heiligen Geiste, den ich dir schon gegeben habe. Wenn also das Geschenk den Schenker zum Urgrund hat, weil dieser nicht anderswoher nimmt, was von ihm hervorgeht, dann muß man gestehen, daß Vater und Sohn der Urgrund des Heiligen Geistes sind; nicht zwei Urgründe, sondern wie Vater und Sohn ein Gott sind und in bezug auf die Schöpfung ein Schöpfer und ein Herr, so sind sie in bezug auf den Heiligen Geist ein Urgrund. In bezug auf die Schöpfung aber sind Vater, Sohn und Heiliger Geist zusammen ein Urgrund, wie sie ein Schöpfer und ein Gott sind.
1: Joh. 15, 26.
2: Joh. 15, 26.
3: Ps. 3, 9.
4: Matth. 6, 11.
5: 1 Kor. 4, 7.
6: Luk. 1, 17.
7: Num. 11, 17.