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«Ich möchte das Image des SAC bei der Jugend verbessern»
An der Abgeordnetenversammlung Anfang September in Bern übergab Françoise Jaquet nach acht Jahren als Präsidentin des SAC das Zepter an Stefan Goerre. Wir haben mit beiden gesprochen.
«Die Alpen»: Erzählt uns von eurem letzten Gipfelerlebnis!
Françoise Jaquet (FJ): Seit meiner Knieoperation im Mai beschränken sich meine Bergsportaktivitäten auf einige Spaziergänge. Eine Skitour auf den Tödi hat mich im Frühling in die Schranken gewiesen. Nach der Besteigung des Gemsfairenstocks am Vortag waren die Schmerzen unerträglich geworden. Einige Tage später musste ich mich unters Messer legen. Aber jetzt geht es besser und besser.
Stefan Goerre (SG): Mein letzter Gipfel war der Bubikopf, eine kurze Klettertour in der Nähe von Solothurn. Ich war mit Daniel Marbacher unterwegs (Anm. d. Red.: dem Geschäftsführer des SAC). Eine halbe Stunde nachdem wir fertig abgeseilt hatten, gingen sintflutartige Regenfälle nieder. Wir hatten die Zeit gut ausgenützt.
Stefan, befürchtest du, dass du in den nächsten Jahren auf Bergtouren verzichten musst?
SG: Ich werde wahrscheinlich etwas zurückstecken müssen, aber ich denke, für einen amtierenden Präsidenten ist es wichtig, in den Bergen aktiv zu bleiben. Man muss wissen, wovon man spricht, und es ist eine gute Gelegenheit, um den SAC-Mitgliedern den Puls zu fühlen (Anm. d. Red.: Stefan ist von Beruf Kardiologe).
Françoise, du warst die erste Präsidentin in der Geschichte des SAC. Hast du den Eindruck, dass du anders behandelt wurdest, weil du eine Frau und noch dazu eine Westschweizerin bist?
FJ: Auf der menschlichen Ebene hatte ich immer gute Beziehungen mit den Personen, die ich traf. Wenn die Tatsache, dass ich eine Frau bin und noch dazu eine französischsprachige einen Einfluss hatte, dann einen positiven. Ich hoffe vor allem, dass ich Frauen, die noch zögern, ein Amt zu übernehmen, als Vorbild dienen konnte.
Stefan, du bist ein gebürtiger Bündner, lebst in Olten und sprichst Französisch und Italienisch. Wie erlebst du die Kultur der Mehrsprachigkeit und der Minderheiten im SAC?
SG: Wenn du in Graubünden aufwächst, bist du von Kindheit an an die Mehrsprachigkeit gewöhnt, denn der Kanton hat drei Amtssprachen. Deshalb war es mir auch möglich, Italienisch zu lernen. Ich möchte die französisch-, die italienisch- und die rätoromanischsprachigen Clubmitglieder ermutigen, sich in ihren Sektionen, aber auch im Zentralverband zu engagieren, um ein Gegengewicht zur deutschsprachigen Dominanz zu schaffen. Françoise hat den Weg gewiesen, nicht nur als Westschweizerin, sondern auch als Frau.
Françoise, wie hat deine Präsidentschaft deine Sicht auf den SAC und die Bergwelt verändert?
FJ: Meine Jahre als Präsidentin haben mich für die Bedürfnisse der Bergbevölkerung sensibilisiert. Gleichzeitig wurde ich mir des Einflusses des SAC besser bewusst, der beispielsweise in der Politik ein sehr gutes Image hat. Wenn wir um ein Treffen mit einem hohen Beamten, einer Bundesrätin oder einem Bundesrat bitten, erhalten wir fast immer eine positive Antwort. Ich denke, das ist für eine Organisation wie die unsere einzigartig in der Schweiz. Ich habe auch viel in verschiedenen Bereichen wie dem Umweltschutz oder dem freien Zugang zur Bergwelt gelernt. Die Position des SAC in dieser Hinsicht scheint mir unterstützenswert.
Es hat eine Zeit gegeben, da wurden im SAC lebhafte Debatten geführt, in denen es um Umweltfragen ging. Die Unterstützung des CO2-Gesetzes und der Gletscher-Initiative hingegen scheint für keine grosse Aufregung gesorgt zu haben?
FJ: Ich glaube, die Gesinnung der Menschen hat sich stark verändert. Wer heute in die Berge geht, sieht aus erster Hand, was dort geschieht, und ist eher bereit, Initiativen dieser Art zu unterstützen.
Gleichzeitig billigt der SAC Helikopterflüge zur Versorgung der Hütten?
SG: Ja, das ist ein Widerspruch, aber man muss die Realität akzeptieren: Einige Hütten können ohne Helikopter nicht bewirtschaftet werden. Wir müssen die Ziele Schritt für Schritt angehen. Wenn wir die CO2-Emissionen dort reduzieren, wo wir das bereits können, zum Beispiel indem wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge fahren, haben wir schon einen grossen ersten Schritt gemacht.
Sollte man auch die Beteiligung des SAC an der Organisation von internationalen Wettkämpfen hinterfragen, die mit vielen Fernreisen verbunden sind?
SG: Leistungssport bedeutet direkte Konfrontation, diese ist unweigerlich mit Reisen verbunden. Je höher das Niveau, desto grösser sind die Entfernungen. Wenn man schon nicht immer auf Flugreisen verzichten kann, so kann man sich doch auf wichtige Wettkämpfe beschränken, die Zahl der Begleitpersonen reduzieren und den Zug nehmen, um zu europäischen Wettkämpfen zu fahren.
FJ: Ich hatte vor der Pandemie erklärt, dass ich den SAC bei den Olympischen Spielen in Tokio aus ökologischen Gründen nicht vertreten würde. Schliesslich haben uns die gesundheitlichen Einschränkungen vielleicht den Weg gewiesen: Petra Klingler ist allein mit ihrem Trainer nach Japan gereist.
Der Leistungssport wurde 1994 in den SAC integriert. Sportklettern und Skitourenrennen sind inzwischen olympische Sportarten. Was antwortet ihr jenen, die immer noch der Meinung sind, dass der Leistungssport im SAC nichts verloren hat?
FJ: Als Sportverband ist der SAC bereits eine Ausnahme. Anderswo steht der Leistungssport im Vordergrund, und der Breitensport ist zweitrangig. Bei uns ist das Gegenteil der Fall.
SG: Der Leistungssport war schon immer eine Realität im Bergsport, er hat nur seine Form geändert. Der Wettlauf, den sich Whymper und Carrel 1865 am Matterhorn geliefert haben, ist dafür ein gutes Beispiel. In den Leistungssport zu investieren, bedeutet, in den Nachwuchs zu investieren. Denn der Leistungssport ist bei jungen Menschen beliebt. Er kann sie motivieren, mit dem Bergsport anzufangen und dem SAC beizutreten.
FJ: Seit in Frankreich ein eigener Verband für den Leistungssport gegründet wurde, ist der Verband für den Breitensport, die Fédération française des clubs alpins et de montagne (FFCAM), für junge Leute weniger attraktiv geworden. Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass der Leistungssport auch ein Schaufenster ist, dank dem wir von Swiss Olympic und von Sponsoren viel Geld erhalten.
Auch die Digitalisierung war in den letzten Jahren Gegenstand vieler Diskussionen. Sind wir auf dem richtigen Weg?
SG: Ich bin überzeugt, dass wir keine andere Wahl haben. Wenn wir dieses Feld anderen Institutionen überlassen, werden wir unsere Leaderposition in unserem eigenen Kompetenzbereich einbüssen.
FJ: Ich bin gleicher Meinung wie Stefan. Die Digitalisierung schreitet fort, mit oder ohne uns. Wir können es uns nicht leisten, auf sie zu verzichten. Die Position des SAC wird weiter gestärkt werden, wenn wir unsere App lancieren. Ich glaube, es lohnt sich, in die Digitalisierung zu investieren. Das ist eine notwendige Entwicklung.
Françoise, wenn du zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?
FJ: Zu Beginn meiner Präsidentschaft waren die Spannungen im Zusammenhang mit der Debatte über die Gebirgslandeplätze noch sehr ausgeprägt. Mir ging es darum, diese Kontroversen zu beruhigen, und ich glaube, mein Engagement wurde gewürdigt. Mir wurde anschliessend ein Führungsstil bescheinigt, der auf Konsens ausgelegt ist. Darauf bin ich sehr stolz.
Nun übergibst du dein Amt deinem Nachfolger. Was wünschst du ihm?
FJ: Dass ihm diese Aufgabe so viel Freude bereitet wie mir. Auch wenn es nicht immer einfach ist: Manchmal wird es einem einfach zu viel – zu viel im Privatleben, zu viel im Beruf, zu viel im SAC, dann verliert man den Mut. Aber die vielen positiven Erfahrungen wecken immer wieder die Lust weiterzumachen.
Stefan, wenn du eine gute Fee bitten könntest, dir im Zusammenhang mit dieser Präsidentschaft drei Wünsche zu erfüllen, welche wären das?
SG: Zunächst einmal, dass ich in der Lage sein werde, die Einheit innerhalb des SAC zu wahren. Ich hoffe, dass wir in den kommenden Jahren von internen Streitigkeiten verschont bleiben. Dies würde unseren Verband schwächen. Weiter möchte ich das Image des SAC bei der Jugend verbessern. Wir haben viele neue Mitglieder, das ist sehr erfreulich, aber der Anteil junger Menschen ist immer noch gering. Schliesslich wünsche ich mir, dass der Spirit im Zentralvorstand und in der Geschäftsstelle so gut bleibt, wie ich das in den letzten zwei Jahren erfahren und schätzen gelernt habe.
Und was wäre, wenn euch diese gute Fee einen alpinistischen Traum erfüllen könnte?
SG: Die Arête du Diable am Mont Blanc du Tacul.
FJ: Und für mich die Dent Blanche auf der Normalroute.