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Über die Rolle von Anton Vidokle in der Kunstwelt zu sprechen, ist keine leichte Aufgabe. Operiert Vidokle im Feld der Kunst als sozialer Organisator, als Schöpfer und Verwalter privater Kunstinstitutionen? Ich glaube, dass das bereits die falsche Frage ist, weil jeder Künstler heute eine unabhängige institutionelle Infrastruktur schaffen muss, um an die grosse Tradition autonomer Kunst des 20. Jahrhunderts anschliessen zu können. Die Kritik an existierenden Kunstinstitutionen ist dabei eine relativ einfach zu erfüllende Aufgabe – die in den vergangenen Jahrzehnten auf vielfältige und überzeugende Weise erfüllt worden ist. Allerdings: die Institutionenkritik kann Kunstinstitutionen nicht verändern. Zugleich bringt sie den Künstler in eine wenig souveräne Situation, denn die künstlerischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts wollten den Künstler aus jeder Form der Unterwerfung unter die Kunstinstitutionen und den Kunstmarkt befreien. Warum also appellieren die Künstler am Ende der glorreichen Geschichte dieser Revolutionen – wenn auch kritisch – an diese Institutionen? Verglichen mit den Forderungen nach Autonomie und Souveränität, die zu Beginn dieser Revolutionen erhoben wurden, erscheint die heutige Institutionenkritik als ein Rückschritt. Um einen Schritt nach vorn zu machen, müssten die Künstler nach der langen Periode der Institutionenkritik nun ihre Souveränität und Autonomie zurückgewinnen – kurz: sie müssen sich endlich selbst institutionalisieren.
Haltung und Wahrheit
In unserer Zeit hat der Begriff der autonomen Kunst ein schlechtes Image. Die Rhetorik des Diskurses über zeitgenössische Kunst wird von der Kritik an der autonomen Kunst im Namen einer kritischen, sozialen oder politischen Kunst dominiert. Die Vertreter dieses Diskurses setzen offensichtlich autonome Kunst gleich mit Kunst, die das Publikum ästhetisch beglücken will, statt sich politisch zu engagieren. Doch autonome Kunst ist nicht gleichzusetzen mit Kunst, die einfach den Publikumsgeschmack befriedigen will. Das Gegenteil ist der Fall! Die Idee der autonomen Kunst wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt, um jeden «äusseren» Erfolg – jede Anerkennung durch Publikum, Kritik, Kunstinstitutionen oder Kunstmarkt – als für die «wahre» Bewertung des Kunstwerks irrelevant zu erklären. Das Ziel war, Kunst von der Diktatur des öffentlichen Geschmacks, von der Unterwerfung unter das ästhetische Urteil zu befreien.
Hierzu hat die Kunst zwei Möglichkeiten: den Anspruch auf innere Wahrheit oder den auf ethische Haltung zu erheben. Deshalb hat die Kunst, so sie denn autonom sein wollte, immer behauptet, wahr und/oder moralisch gut zu sein. Gut oder wahr zu sein wird von jeder Gesellschaft höher bewertet, als bloss geschmackvoll oder «oberflächlich» attraktiv zu sein. Wenn Kunst sich also auf die Wahrheit oder auf eine moralische Idee beruft, vermag sie eventuell den Publikumsgeschmack zu beherrschen, statt von ihm beherrscht zu werden. Autonome Kunst ist Kunst, die Wahrheit und Ethik über ästhetischen Genuss stellt. Autonome Kunst ist das direkte Gegenteil von nichtengagierter Kunst, die zur Befriedigung des ästhetischen Geschmacks gemacht wird – sei es massenkultureller Pop-Geschmack, elitärer Geschmack oder der Geschmack irgendeiner Institution.
Ganz offensichtlich appelliert genuin autonome Kunst nicht an ein breites Publikum. Die Vorliebe für die Wahrheit ist und bleibt ein Minderheitengeschmack. Zugleich wird Kunst niemals für eine Minderheit gemacht. Kunst ist keine spezialistische Tätigkeit wie Botanik oder Kardiologie. Kunst wird definitionsgemäss für alle gemacht. So scheint die Tradition der autonomen Kunst die radikal demokratische Natur der Kunst zu verraten, weswegen jeder, der mit Kunst zu tun hat, so sensibel auf den Vorwurf reagiert, Teil eines geschlossenen, elitären Zirkels zu sein – und die Öffnung dieses Zirkels für ein breiteres Publikum verlangt. Im grossen und ganzen reagiert das Kunstmilieu auf diese Situation mit politischem und ethischem Engagement für gute Zwecke. Und diese guten Zwecke sind fast immer diejenigen, die auch in der breiten Öffentlichkeit als solche gelten. Ein ungewöhnliches, exotisches politisches Engagement würde den Künstler noch weiter von der Gesellschaft als ganzer entfernen.…