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25. Juli 1908: Es ist eine bescheidene Zeit, welche der Brite Wyndham Halswelle im Final des 400-Meter-Finals an den Olympischen Spielen in London aufstellt. Doch locker und zufrieden läuft der 25-jährige Schotte ins Ziel ein. Die Goldmedaille ist ihm sicher – denn ausser ihm ist niemand gestartet.
Am 23. Juli stehen an den Olympischen Spielen drei Amerikaner und ein Brite im Final des 400-Meter-Laufs. Wegen des olympischen Rekordes von 48,4 Sekunden, welchen der Schotte Wyndham Halswelle in der Qualifikation aufgestellt hat, ist der 25-Jährige Favorit auf die Goldmedaille. Doch die Amerikaner John Carpenter, William Robbins und John B. Taylor unternehmen alles, um einen Heimsieg der Briten zu verhindern.
Carpenter startet auf der Innenbahn, Halswelle, Robbins und Taylor in dieser Reihenfolge neben ihm. In der zweiten Kurve übernimmt der 23-jährige Amerikaner die Spitze, mit Halswelle an seiner Schulter. Doch dann beginnt er sich immer weiter nach aussen zu bewegen, mit dem Ziel, dem Briten den Weg abzuschneiden. Er drängt ihn weit in die Aussenbahn ab und berührt ihn sogar leicht mit dem Ellbogen – ein Überholmanöver ist unmöglich. Genug für die britischen Offiziellen: Dr. Arthur Roscoe Badger, Richter des Finals, bricht das Rennen ab. Carpenter erreicht das Ziel mit einer Zeit von 48,4 Sekunden, Halswelle stoppt schon früher.
Gross ist Carpenters Schrecken, als die Jury mitteilt, den «Sieger» zu disqualifizieren und das Rennen zu wiederholen. Denn für ihn war dieser Kampf um Platz 1 in der Kurve nichts Besonderes, ist doch laut Regeln das «Blocken» des Gegners erlaubt – in Amerika. Weil die Spiele in London stattfinden, gelten die strikteren britischen Regeln ohne «Blocken».
Das Rennen wird zwei Tage später, am 25. Juli, neu angesetzt. Ohne den disqualifizierten Carpenter – und ohne die beiden anderen Amerikanern. Halswelle tritt alleine zum Wiederholungslauf an, da die weiteren Finalisten Robbins und Taylor als Zeichen der Solidarität zu ihrem Kollegen verzichten. Und in logischer Konsequenz gewinnt der Brite den bis heute einzigen Solofinal an Olympischen Spielen. Alleine, mit einer Zeit von 50 Sekunden.
Die Aufregung in der amerikanischen und britischen Presse ist gross. Doch verstärken Bilder der Fussabdrücke auf der Rennstrecke den Jury-Entscheid. Die Amerikaner unterliegen dem britischen Regelwerk – auch wenn Carpenter damit nicht einverstanden ist.
«In der zweiten Kurve überholte ich Robbins, Halswelle war direkt hinter mir. Wegen meines grossen Schrittes konnte ich die Innenbahn nicht halten, doch liess ich ihm auf der Aussenbahn genug Platz», wird Carpenter in der «Daily Mail» zitiert. «Die letzten Meter rannte ich wieder schnurstracks geradeaus, Halswelle hätte mich locker innen überholen können, wenn es nötig gewesen wäre.»
Halswelle ist natürlich anderer Meinung, auch wenn er dem Amerikaner keine bösen Absichten unterstellt: «Ich wartete mit Überholen bis zur letzten Kurve. Doch dann drängte er mich zur Seite. Innen überholen war unmöglich, zu klein war der Abstand zwischen uns.»
So bleibt dem Schotten die Goldmedaille, was sogleich der letzte grosse Triumph seiner Karriere bleiben soll. Halswelle bestreitet nur noch ein Rennen, bevor er im Ersten Weltkrieg in der Schlacht von Neuve-Chapelle von Scharfschützen getötet wird. Was bleibt ist die Erinnerung an den einzigen Solofinal der Geschichte. Und vier Jahre später werden aufgrund des Ereignisses in Stockholm fixe Bahnen im Sprint eingeführt, womit das «Blocken» nicht mehr möglich ist.