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Markus Mäder, Staatssekretär für Sicherheitspolitik, spricht in einem Interview mit dem «Sonntagsblick» über Russland «als reale Bedrohung» für Europa und sagt: «Wir müssen uns auch in der Schweiz auf Kriege einstellen.» Zudem hat der Bundesrat in der Armeebotschaft und im sicherheitspolitischen Bericht einen ballistischen Angriff auf die Schweiz als «eher wahrscheinlich» eingestuft. Auch für Sicherheitsexperte Mauro Mantovani besteht die Gefahr, dass sich der Ukraine- und der Gaza-Krieg ausweiten könnten.
Mauro Mantovani
Sicherheitsexperte MILAK/ETH
Der promovierte Historiker ist seit 2009 Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie an der ETH. Er ist durch eine Reihe von Publikationen zur schweizerischen Sicherheitspolitik hervorgetreten. Zuvor arbeitete er unter anderem im Auslandnachrichtendienst (SND).
SRF News: Wie ernst ist die Bedrohungslage?
Mauro Mantovani: Die militärische Bedrohung ist für Westeuropa so hoch wie seit 1990 nicht mehr. Insofern ist die Lage durchaus ernst.
Die russische Bedrohung der Schweiz dürfte kurzfristig wohl eher im Luft- und Cyberraum bestehen als auf dem Boden.
Der Bundesrat stuft die Wahrscheinlichkeit eines ballistischen Angriffs auf die Schweiz neu als «eher wahrscheinlich» ein. Was bedeutet das genau?
Die Überlegung, die solchen Einschätzungen zugrunde liegt, geht dahin, dass Moskau versucht sein könnte, seine Bereitschaft und Fähigkeit zur Eskalation zu demonstrieren, ohne den Beistandsartikel der Nato auszulösen. Eine Option wäre somit ein Einsatz militärischer Mittel nahe an der Nato-Bündnisgrenze, aber gerade noch ausserhalb.
Braucht man diese Hochstufung auch, um die Grundlage für mehr finanzielle Unterstützung für die Armee zu schaffen?
Die Bedrohung ist real gestiegen. Es geht nicht um die Befriedigung von Partikularinteressen, sondern darum, einen Zustand der Sorglosigkeit zu beenden.
Durch welche Art von Krieg wäre die Schweiz am ehesten bedroht?
Die russische Bedrohung der Schweiz dürfte kurzfristig wohl eher im Luft- und Cyberraum bestehen als auf dem Boden.
Wie wahrscheinlich ist eine weitere Eskalation in Europa in den nächsten Jahren?
Ich beurteile sie als sehr wahrscheinlich, solange Putin an der Macht ist. Jeder Ausgang des Ukrainekrieges, von einem Sieg bis zu einer Niederlage, würde seine Aggressivität weiter steigern.
Es besteht die reale Gefahr, dass sich der Ukraine- und der Gaza-Krieg ausweiten.
Ukraine, Nahost, Taiwan, Nordkorea, Berg-Karabach, etc.: Es entsteht der Eindruck, dass weltweit derzeit besonders viele kriegerische Konflikte entflammt sind. Deckt sich das mit der Realität?
Die Anzahl und Intensität von militärischen Konflikten in Eurasien hat in den letzten Jahren messbar zugenommen, ebenso sind die weltweiten Rüstungsausgaben gestiegen. Die «Weltuntergangsuhr», die «Doomsday Clock», zeigt seit einem Jahr den höchsten Stand an: 90 Sekunden vor Mitternacht.
Das ist die «Doomsday Clock»
Die symbolische Uhr wurde von der Zeitschrift «Bulletin of the Atomic Scientists» («Berichtsblatt der Atomwissenschaftler») 1947 eingeführt. Die Uhr dient als Indikator für die Anfälligkeit der Welt für globale Katastrophen, die durch menschliche Technologien verursacht werden. Die Entscheidungen über die «Zeitangabe» trifft der BAS-Aufsichtsrat gemeinsam mit einem Sponsorenrat, dem aktuell neun Nobelpreisträger angehören.
Aufgrund von Kriegen, Klimaerwärmung und nuklearer Aufrüstung wird die Uhr seit Anfang 2023 von der Zeitschrift auf 90 Sekunden vor Mitternacht gestellt.
Viele Länder wie Russland, China, Iran oder Nordkorea rüsten stark auf und machen mit Drohgebärden auf sich aufmerksam. Besteht das Risiko eines Dritten Weltkriegs?
Es besteht die reale Gefahr, dass sich der Ukraine- und der Gaza-Krieg ausweiten. Von «Weltkrieg» würde ich aber erst sprechen, wenn auch amerikanische Truppen direkt in Kampfhandlungen eingreifen, was nicht so rasch geschehen dürfte.
Auch von atomarer Aufrüstung – etwa durch Russland im All – ist die Rede. Braucht Europa eigene Atomwaffen?
Sollte Donald Trump tatsächlich nochmals Präsident der USA werden, wäre die nukleare Garantie für Europa infrage gestellt. Im Hinblick darauf ist es angezeigt, dass sich Europa Gedanken zu einer eigenen nuklearen Abschreckung macht.
Das Gespräch führte Viviane Stadelmann.