Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/251

"Breaking Bad", "True Detective" und "House of Cards" haben international für Furore gesorgt und so überraschte es wenig, dass dieses Jahr das "Breaking Bad"-Spin-Off "Better Call Saul" um den schlitzohrigen Anwalt James McGill auf der Berlinale für gehörig Gesprächsstoff sorgte. Das horizontale Erzählen via Serie ist lange keine Randerscheinung mehr. Es ist endgültig im Mainstream angekommen!
Doch was ist eigentlich so neu am Serial?
Ältere Formate wie die beliebten Crime-Drama-Serien "Miami Vice", "Law & Order" oder auch "CSI: Miami" gehören zur Gattung der Procedurals. Sie folgen einem festgeschriebenen Verlauf: Ein Verbrechen wird begangen und unterschiedliche Serien-Figuren wie Polizisten, Anwälte oder Privat-Detektive klären innerhalb einer Folge den Fall auf.
Die Ausstrahlungsreihenfolge der einzelnen Episoden spielt somit keine Rolle, weil jede Episodenhandlung unabhängig vom Inhalt anderer Folgen funktioniert. Einerseits vereinfacht das die Programmplanung ungemein und ermöglicht den Zuschauern unregelmäßiges Zuschauen in Zeiten linearen Fernsehens. Andererseits können unendlich viele Folgen produziert werden, da es stets um eine leicht veränderte Variante des immer gleichen Verbrechens geht.
Auch beim prominenten Serien-Auftakt von "Better Call Saul" hätte dieses Erzählschema funktioniert. Ein Anwalt treibt pro Folge seinen Schabernack und schafft es am Ende, sich aus der Affäre zu ziehen. Die Dramedy hätte als klassiches Procedural ein Fall nach dem Anderen präsentiert und sich um schnelle Aufklärung bemüht. Doch nach aktuell 5 Folgen ist klar, Vince Gilligan und sein Autor Peter Gould drehen ein horizontal erzähltes Serial und konzentrieren sich somit mehr auf die Figuren als auf den einzelnen Fall.
Das Serial verfolgt Probleme (Der Fall des Serienkillers aus Louisiana in "True Detective"), Figuren-Schicksale (Der Auf- und Abstieg des Walter White in "Breaking Bad") und gesellschafts-politische Verstrickungen (Die Intrigen im Weißen Haus bei "House of Cards") über einen längeren Zeitraum und entwickelt die Persönlichkeit der Figuren Folge für Folge. Kurz: Spielfilme im Serienmantel. Diese großen Handlungsbögen können über mehrere Episoden, eine ganze Staffel oder sogar die Dauer einer gesamten Serie erzählt werden. Wesentlicher Bestandteil des Spannungsaufbaus ist der sogenannte Cliffhanger am Ende einer Folge (Ein möglichst spannendes Ereignis wird dargeboten, ohne entschlüsselt zu werden), der die Zuschauer zum Einschalten der nächsten Folge bewegen soll.
Doch wie verändert dies den Serienmarkt?
Verpasst man beim Serial eine Folge, ist man ganz schön aufgeschmissen. Und damit auch das lineare Fernsehen. Niemand schafft es, stets zum gleichen Zeitpunkt zu Hause zu sein. Eine Folge zu verpassen aber wäre verheerend, da wesentliche Zusammenhänge verloren gingen. Drohender Fingerzeig dieser Entwicklung war die Premium-Serie "Band of Brothers" von Produktions-Gigant Steven Spielberg. RTL schaffte es damals partout nicht, das Produkt vernünftig in seine Sende-Slots einzubauen. Letztendlich wurden die 10 Folgen der preisgekrönten HBO-Miniserie auf RTL2 ausgestrahlt.
Der Video-on-Demand-Service löst dieses Problem auf erschreckend einfache Weise: Möchte man die nächste Episode sehen, wird der jeweilige Bezahlservice genutzt, der alle Folgen in der richtigen Reihenfolge zur Verfügung stellt. Der Streaming-Anbieter Netflix erhebt dieses Prinzip zur Königs-Disziplin, indem er seine Eigenproduktionen wie "House of Cards" als komplette Staffel in einem Guss online stellt. Binge Watching (Serienkonsum in Marathon-Manier) leicht gemacht!
Aber auch Projekte wie die Anthologieserie "True Detective", bei der Autor Nic Pizzolatto die ganze Staffel vorab entwarf und Cary Fukunaga sie komplett in Eigenregie filmte, entstehen daraus. Autor und Regisseur können eine in sich geschlossene Geschichte planmäßig auserzählen. Und für diesen achtstündigen Plot bekommen sie medienwirksam zwei exzellente Schauspieler in Person von Matthew McConaughey und Woody Harrelson an die Seite gestellt. Ein kinoreifes Ensemble, das die große Stärke des Serien-Fernsehens ausnutzt: die Zeit.
Diese Zeit auf Seiten der Serien und die Unabhängigkeit auf Seiten der VoD-Services bilden ein unschlagbares Paket. Serials sind somit der neue Trumpf in der Hand der Video-on-Demand-Anbieter, da komplexe Geschichten die Spannung steigern und Serien-Nutzer diese möglichst unkompliziert (nur wenige Klicks) und qualitativ hochwertig (üblicherweise in HD) anschauen wollen, sich also langfristig an das Produkt binden. Daher sind es nicht mehr nur riesige Werbe-Kampagnen von Crowd-Pleasern wie "Better Call Saul" ("Griechenland? Es gibt noch andere Orte Geld verschwinden zu lassen!") und Festival-Weltpremieren, die das Serienangebot einem breiten Publikum zugänglich machen, sondern schlicht und einfach ihre wachsende Praktikabilität.
Steven Sowa
http://www.tvtoday.de