Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03164.jsonl.gz/776

Jülich,
vormaliges Herzogtum in der preuß. Rheinprovinz, [* 2] auf dem linken Rheinufer, 4130 qkm (75 QM.) groß mit ca. 400,000 Einw. (s. »Geschichtskarte«), [* 3]
ward zu Anfang des Mittelalters als Pagus Juliacensis von Grafen beherrscht. Als erster derselben wird Gerhard in der ersten Hälfte des 11. Jahrh. genannt. Seit dem 12. Jahrh. gelangten dieselbe zum erblichen Besitz der Grafschaft und infolge des Verfalls des Herzogtums Niederlothringen, welchem sie untergeben waren, zur Reichsunmittelbarkeit. Wilhelm V. wurde vom Kaiser Ludwig dem Bayern [* 4] 1336 in seiner Reichsstandschaft bestätigt und zum erblichen Markgrafen, vom Kaiser Karl IV. 1356 zum Herzog ernannt.
Von seinen Söhnen erheiratete der eine, Gerhard, die Grafschaft Berg, der andre, Wilhelm VI., der dem Vater 1362 in J. nachfolgte, die Grafschaft Geldern. Nach Rainalds IV. Tod (1423) besetzten Adolf IX., Herzog von Berg, Urenkel Herzog Wilhelms V., und Johann, Herr von Heinsberg (durch seine Mutter Enkel des Herzogs Wilhelm V.), zufolge des Testaments Rainalds IV., wonach nach seinem Tod an Adolf ¾ und an Johann ¼ von J. fallen sollte, das Herzogtum. So ward Adolf Herzog von J. und Berg und Johann Herr von J. Des erstern Enkel Wilhelm VIII. (III. in Berg), der letzte männliche Sprößling dieses Fürstenhauses, setzte seine Tochter Marie, welche an den Sohn des Herzogs von Kleve, Johann den Friedfertigen, verheiratet war, zur Erbin seiner Länder ein, obgleich der Kaiser Friedrich III. 1485 die Nachfolge in J. und Berg dem Herzog Albrecht von Sachsen [* 5] versprochen und Kaiser Maximilian 1495 dies Versprechen erneuert hatte. Nach Wilhelms Tod (1511) folgte daher Johann der Friedfertige, sein Schwiegersohn, ungeachtet des Einspruchs Sachsens. Der Kaiser belehnte Johann, doch wurden Sachsen seine Ansprüche gewahrt. Als Johann 1521 auch als Herzog von Kleve zur Regierung gelangt war, wurden J. und Berg mit Kleve vereinigt.
Nach dem Aussterben dieses Fürstenhauses mit dem
Herzog
Johann
Wilhelm machten mehrere deutsche
Fürsten, besonders
Sachsen.,
Brandenburg
[* 6] und
Pfalz-Neuburg, auf seine Hinterlassenschaft Ansprüche, welcher Streit unter dem
Namen des
jülich-klevischen Erbfolgestreits bekannt ist. Das
Haus
Sachsen gründete seine Ansprüche an die
Erbschaft auf ein
kaiserliches
Versprechen, daß
Kleve,
im Fall der Mannesstamm des dortigen Fürstenhauses ausstürbe, an das
Haus
Sachsen fallen sollte.
Hiergegen erhoben sich nun die weiblichen Erben, denen Karl V. 1546 das Recht der Succession zugesprochen, drei Schwestern des Herzogs Johann Wilhelm und deren Nachkommen. Die älteste von diesen, Marie Eleonore, war an den blödsinnigen Herzog von Preußen, [* 7] Albert Friedrich von Brandenburg, vermählt gewesen und noch vor ihrem Bruder gestorben, hatte aber aus jener Ehe eine Tochter, Anna, hinterlassen, die an den Kurfürsten Johann Siegmund von Brandenburg verheiratet war und sich, dem Heiratsvertrag ihrer Mutter von 1573 gemäß, als Erbin der Ansprüche derselben betrachtete. Die zwei andern Schwestern derselben ¶
mehr
waren Anna, mit dem Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg, und Magdalena, mit dem Herzog Johann I. von Pfalz-Zweibrücken vermählt. Diese Erben standen einmütig wider Sachsen, machten sich aber die Erbschaft untereinander selbst wieder streitig. Sofort nach dem Tod Johann Wilhelms hatten sich Brandenburg und Pfalz-Neuburg in Besitz der Erbschaft gesetzt. Im Einverständnis mit Sachsen verlangte aber der Kaiser zunächst, bis nach erfolgter Ausgleichung der Sache, J., Kleve und Berg zu sequestrieren, und ließ sogleich den Erzherzog Leopold mit kaiserlichen, den Erzherzog Albrecht mit spanischen Truppen aus den Niederlanden in die Herzogtümer einrücken.
Ersterer überrumpelte und besetzte im Mai 1609 J. Dies veranlaßte Brandenburg und Pfalz-Neuburg, sich durch
den Rezeß von Dortmund
[* 9] zu gemeinschaftlicher Verteidigung ihres Rechts zu verbinden. Die protestantische Union und Heinrich IV.
von Frankreich sicherten, um eine Festsetzung des Hauses Habsburg am Niederrhein zu verhindern, ihre Hilfe zu, und schon rückten 1610 französische
und unierte Truppen in das
Jülichsche ein, als der plötzliche Tod Heinrichs IV. (14. Mai) und des Hauptes
der Union, des Kurfürsten Friedrich IV. (9. Sept.), den Ausbruch eines großen Kriegs verhinderte. Bloß J. wurde den Kaiserlichen
wieder entrissen. Der Kaiser erteilte allerdings Sachsen die Belehnung, doch blieben Brandenburg und Neuburg
[* 10] im
faktischen Besitz der Lande. Um nun dem Erbstreit zwischen diesen ein Ende zu machen, wünschte Philipp Ludwigs Sohn Wolfgang
Wilhelm von Pfalz-Neuburg durch eine Vermählung mit Johann Siegmunds Tochter die brandenburgischen Ansprüche mit den pfälzischen
zu vereinigen. Aber der Kurfürst wollte dies nicht zugestehen, und es kam bei einer persönlichen Begegnung
in Düsseldorf
[* 11] zu heftigen Auseinandersetzungen. Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm brach nun alle Verhandlungen ab, begab sich nach Bayern,
vermählte sich mit einer Tochter des Hauptes der Liga, des Herzogs Maximilian, und wurde 1613 katholisch, während Johann Siegmund
zur reformierten Kirche übertrat. Spanische
[* 12] und holländische Truppen rückten nun gleichzeitig ins Land,
jene für Pfalz, diese für Brandenburg. Indes die Furcht vor einem allgemeinen Krieg überwog, und so wurde ein Vertrag
zu Xanten über eine geteilte Verwaltung mit Vorbehalt des Kondominats vermittelt. Der Pfalzgraf erhielt J. und Berg, der Kurfürst
von Brandenburg Kleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein. Doch blieben die fremden Truppen im Lande; die Holländer
hielten die klevischen Festungen bis 1672 besetzt. Erst schloß der Große Kurfüst ^[richtig: Kurfürst] Friedrich
Wilhelm von Brandenburg mit dem Pfalzgrafen Philipp Wilhelm einen Erbvergleich auf Grund des Status quo, nach welchem ersterer Kleve
und die Grafschaften Mark und Ravensberg, der Pfalzgraf J. und Berg behalten und nach dem Aussterben des Mannesstamms
der einen Linie die andre erben sollte.
Dieser letztern Bestimmung wegen spielte die
jülichsche Erbfolgefrage noch einmal im 18. Jahrh.
in den europäischen Verträgen eine Rolle, als die Linie Pfalz-Neuburg dem Aussterben nahe war und Preußen sich wenigstens
die Nachfolge in Berg durch die Verträge Friedrich Wilhelms I. mit Karl VI. zu Wusterhausen (1726) und Berlin
[* 13] (1728) sichern wollte.
Österreich
[* 14] erkannte dieses gegen die Garantie der Pragmatischen Sanktion an, versprach aber gleichwohl in einem geheimen Vertrag 1738 der
Linie Pfalz-Sulzbach die Succession in beiden Herzogtümern.
Als Friedrich II. Schlesien [* 15] gewann, verzichtete er auf seine Ansprüche, und J. fiel daher 1742 an die pfalz-sulzbachische Linie, die später zu der Kurpfalz auch die bayrischen Lande erhielt. So blieb das Herzogtum J. im Besitz der Kurfürsten von Pfalz-Bayern, bis der Lüneviller Friede 1801 es an Frankreich gab, welches schon seit 1794 dasselbe besetzt hatte. Durch den Wiener Kongreß erhielt Preußen 1814 das Herzogtum, mit Ausnahme einiger Parzellen, welche zu der niederländischen Provinz Limburg [* 16] kamen. Es bildete mit den andern nördlichen Teilen der preußischen Besitzungen auf dem linken und rechten Rheinufer die Provinz J.-Kleve-Berg, die später zur preußischen Rheinprovinz geschlagen wurde. Jetzt bildet der Hauptkern des alten Herzogtums, 318 qkm (5 4/5 QM.) mit (1885) 41,802 Einw., einen Kreis [* 17] des preußischen Regierungsbezirks Aachen. [* 18]
Vgl. Ritter, Sachsen und der
Jülicher Erbfolgestreit (Münch.
1874);
Derselbe, Der
Jülicher Erbfolgekrieg 1610 und 1611 (das. 1878).