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Der Roman “Bäume fliehen nicht”, beschreibt die Reise eines älteren Mannes in den Osten von Europa. Im ehemaligen Deutschland hatte der Mann seine Kindheit verbracht. Jetzt reist er von der Schweiz zurück, um “Lücken zu füllen”. Lücken, die sich in seine Kindheitserinnerungen eingeschlichen haben, verursacht durch den zweiten Weltkrieg. Begleitet wird er dabei von Bea, seiner Frau. Gemeinsam reisen sie durch Polen. Vom ehemaligen Danzig bis Braniewo, und weiter nach Russland bis sie dort in Lesnoje ankommen und von dort wieder zurück nach Polen kehren. In Danzig besucht er den Hauptbahnhof, dessen Bombardierung er als Zwölfjähriger miterlebt hat. Er besucht das “Haus am Wald” in Gurjevsk (Russland), wo er die meiste Zeit seiner Kindheit verbrachte, bevor er mit seiner Familie nach Danzig fliehen musste.
Landschaften
Im Verlauf des Romans erfährt die Leserin und der Leser immer mehr über die Lebensgeschichte des alternden Mannes Jürgen Ramm. Über die Umstände seiner Flucht, die ihn vom heutigen Russland nach Berlin gebracht hat, den Tod seines Vaters und denjenigen seiner Mutter sowie der gesamten Verwandtschaft und seiner Geschwister. Übrig blieben er und ein Bruder, der nichts von der Vergangenheit wissen will. Jürgen hingegen will zumindest noch einmal die Landschaften seiner in Erinnerung gebliebenen Heimat sehen.
Granatsplitter sammeln
Verena Stössinger schreibt in kurzen, einfachen Sätzen. Die Schilderungen ihrer Hauptperson über den Krieg bleiben deshalb sachlich und nüchtern. Dieser Sprachstil berührt Keine Ironie oder Verbitterung, die es dem Leser oder der Leserin ermöglichen würde, eine Barriere zwischen sich und der Erzählung zu errichten. Vor allem die kindlichen Erinnerungsbrocken über den Krieg verstärken die Betroffenheit: “Und er erinnert sich, wie aufregend sie die ersten Bombentrichter fanden, die sie sahen – den Einschlag in einem Garten in der Nachbarschaft etwa, da lagen nachher die Mohrrüben auf dem Dach’, darüber haben sie nur gelacht -, und sie beschauten sich die Uniformierten, denen sie begegneten, zählten die Sterne auf ihren Achselklappen und sammelten Granatsplitter und schauten, wer den grössten hatte.”
Langatmigkeit
Während der Erzählungen gibt es immer wieder Abschnitte, die reine Fragestellungen enthalten: “Was macht ein Leben aus? Wer ist man, wenn man so wenig von sich weiss wie er?” Diese Fragen erstrecken sich zum Teil über ganze Seiten, was das Lesen langatmig macht. Man könnte es als Stilmittel bezeichnen, welches die inneren Kämpfe der Hauptperson versinnbildlicht. Aber die gestellten Fragen sind bereits in den deskriptiven Schilderungen der Hauptperson enthalten. Deshalb wird die Geschichte in die Länge gezogen und die ansonsten treffsichere Sprache relativiert.
“Bäume fliehen nicht” ist ein sprachlich exzellenter Roman, der zum Schluss etwas langatmig daherkommt. Aber als Ausgleich enthält der Beginn frische und treffende Sprachbilder. Auch wenn die Thematik vermeintlich nur ältere Leute anspricht, ist der Roman auch jüngeren Lesern, die sich für authentische Geschichten begeistern, zu empfehlen.