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Steiniger Weg zum ersten Hochhaus der Schweiz
Gefäss:
Zehn Jahre lang zeichneten Schweizer Architekten Hochhäuser, bis das erste in Lausanne 1932 gebaut wurde. Nebst Konstruktions- und Gestaltungsproblemen stellte sich die Frage, wie ein Hochhaus in einen städtischen Kontext eingefügt wird. Die Frage ist aktueller den je.
Die Schweiz ist gewiss nicht die Wiege des Hochhauses. Der Blick geht nach Amerika. In der Folge der Chicago School schossen zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in New York die Bauten in die Höhe. Das Flatiron Building von 1902 mit 20 Geschossen wurde nach kurzer Zeit von viel höheren Wolkenkratzern in den Schatten gestellt. Das Woolworth Building (1911–13) war vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Höhepunkt der himmelstürmenden Bautechnik. In Europa manifestierte sich das Interesse für das Hochhaus in Architekturfantasien um 1910.
Otto Kohtz schlug 1909 für Marburg ein Monumentalgebäude vor, und Bruno Schmitz reichte im Wettbewerb für Gross-Berlin 1909 ein rundes Hochhaus am Potsdamerplatz ein. Der französische Stadtplaner Eugène Hénard zeichnete 1910 Paris mit vielen Türmen und nannte es die Stadt der Zukunft.1 1914 erschienen die futuristischen Zeichnungen von Antonio Sant’Elia, und in Deutschland kündete sich durch das Manifest «Glasarchitektur» von Paul Scherbart der Expressionismus an. Beiden Bewegungen war das Hochhaus zentrales Motiv. In Wien flankiert Adolf Loos 1916 seinen Entwurf für das Kaiser-Franz-Joseph-Monument mit ausgesprochen kargen, 17-geschossigen Türmen.2 All diese Visionen blieben Papier. In Deutschland wurden zwar während des Ersten Weltkriegs noch einige Türme realisiert, so auch der Turm des Bahnhofs in Stuttgart (Rohbau 1916, Architekten: Bonatz und Scholer). Doch schon der Badische Bahnhof in Basel wies einen Turm auf. Karl Moser baute ihn 1914, kurz vor der Ernennung zum ETH-Professor. Richtig los ging’s erst nach dem Krieg. Bekannt sind die Hochhausprojekte von Max Berg für Breslau und jene von Mies van der Rohe für die Berliner Friedrichstrasse. Das Hochhausfieber erreichte aber erst 1921 seine kritische Phase, als in Deutschland der Ausnahmenerlass für Hochhäuser gesprochen wurde. So kam Berlin 1924 zum Borsig-Turm, Hamburg 1925 zum Hochhaus am Hansaring und so weiter. Der internationale Wettbewerb der Chicago Tribüne steigerte 1922 das Fieber zusätzlich. Auch Visionen Le Corbusiers (Ville contemporaine 1922, Plan voisin 1925) dürfen als Propaganda fürs Hochhaus verstanden werden. Schweizer Architekten konnten anfänglich nur im Ausland diesen Grossstadttaumel miterleben. So ging Werner M. Moser nach Amerika. Im Büro von F. L. Wright zeichnete er 1924 ein Projekt für die International Life Insurance in Chicago.3 Otto Rudolf Salvisberg zog nach Berlin. Im Wettbewerb für den Tempelhof erhielt er mit einem 11-geschossigen Hochhaus den zweiten Preis. Die Zeitschrift «Das Werk» informierte 1925 voller Stolz über diesen Auslanderfolg. Auch in anderen «Werk»-Nummern wurde das Hochhaus zum viel diskutierten Thema.4
Studentenarbeiten als Vorreiter
Die Architekturstudenten an der ETH in Zürich waren zwischen 1915 und 1928 in der glücklichen Lage, mit Karl Moser einen Professor zu haben, der sich neuen Tendenzen nicht verschloss. So wagte es doch der Bündner Student G. U. Könz 1921 in seiner Diplomaufgabe, einen Turm neben eine Markthalle ins Zentrum Wiedikons zu stellen. Die Gestaltung verrät die Inspirationsquelle. Es ist eine Anlehnung an den Stuttgarter Bahnhofsturm. Der Zürcher Stadtbaumeister Herter reagierte prompt in der Schweizerischen Bauzeitung mit dem Vorwurf, dass die Diplomarbeiten die Vorstadt zu grossstädtisch behandeln, und verlangte mehr Praxis in der Architektenausbildung.5 Vergeblich: Weitere Hochhausprojekte wurden in den Diplomklassen von Moser ausgebrütet. Karl Mossdorf zeichnete 1923 ein Hochhaus nach deutscher, expressionistischer Art (Abbildung 2, folgende Seite). Auch Hans Hugo Naef gab 1924 seinem Hallenbadprojekt mit einem frechen Eckhochhaus den nötigen Pfiff. 1925 schlug der Student Alexis Letta in seiner Diplomarbeit für den Bahnhof Cornavin in Genf einen seitlichen Turm vor.6
Bahnhöfe: die inneren Stadttore
Die Diplomaufgabe des Bahnhofs Cornavin war nicht aus der Luft gegriffen, fand doch im selben Jahr der Wettbewerb statt. Karl Mosers Projekt mit seitlichem Turm wurde durch Ankauf belohnt. Moser reagierte auf die asymmetrische Situation des Platzes. Nach allgemein unbefriedigenden Resultaten entschloss sich aber die SBB 1926, einen zweiten Wettbewerb durchzuführen. Diesmal war es Maurice Braillard, der sich mit einem Turmprojekt eine Chance erhoffte. Doch weit gefehlt. Die Jury begünstigte klassische Lösungen.7
Auch in Biel war 1925 der Bahnhof in einem Wettbewerb betroffen. Nachdem er an einen neuen Standort verlegt wurde, musste ein Bebauungsplan für das vorgelagerte Areal gefunden werden. Den ersten Rang erhielt Alphonse Laverrière aus Lausanne mit einem Projekt, das den Bahnhofplatz mit zwei Ecktürmen symmetrisch einrahmt(Abb. 3, rechts).8 Nach mehreren, zum Teil modernistischen Skizzen wählte Laverrière einen eher klassischen Ausdruck für seine zwei Hochhäuser.9 Doch nicht in Biel, sondern in Lausanne sollte sein Traum vom Hochhaus sieben Jahre später Wirklichkeit werden.
In Genf gab Maurice Braillard nach dem Misserfolg beim Bahnhofwettbewerb nicht auf: Für die angrenzende Überbauung Terreaux du Temple schlug er 1927 wieder ein Hochhaus vor. Es wäre der Blickfang beim Verlassen des Bahnhofs gewesen. Doch auch dieses Projekt landete in der Schublade.10
Auch Zürich blieb von Bahnhofprojekten nicht verschont. Im Nachlass von Werner M. Moser lag ein Entwurf von 1928 eines neuen Zürcher Bahnhofs, der mit einem 11-geschossigen Scheibenhochhaus überbrückt wird (Abb. 4, rechte Seite oben).11 Die Grossstadt-Faszination zeigt sich auch 1932 in einer Vision von 0. Doelker, die in der Zürcher Illustrierten unter dem Titel «Das Bahnhofwunder von Zürich» publiziert wurde.12 Türme umrahmen den erweiterten Bahnhofplatz. Sie bedeuten die neuen Eingangstore zur Stadt.
Völkerbundspalast: vertikale Symbole
Der Wettbewerb für den Völkerbundspalast 1927 konfrontierte die Teilnehmer mit dem Problem der Repräsentation. Entweder weist der Bau als Ganzes auf die besondere Bedeutung hin, oder ein speziell ausgeführter Bauteil übernimmt als Symbol diese Aufgabe. Bei beiden Varianten bietet sich ein vertikaler Akzent als mögliche Lösung an. Der schwedische Architekt Erik Josephson packt das ganze Programm in einen gigantischen babylonischen Turm. Nicht weniger spektakulär sind die beiden Hochhausscheiben neben dem Saalbau der Schweizer Hannes Meyer und Hans Wittwer (Abb. 5, rechte Seite unten). Für Emil Fahrenkamp und für Alfred Fischer aus Deutschland genügt ein vertikales Bauglied, das sich über eine niedrige Komposition mit Höfen erhebt. Ähnlich, aber forcierter, verhält sich der Schweizer Hans Hugo Hannibal Naef, von dem wir schon ein Hochhausprojekt aus der Studentenzeit kennen. Die Vielfältigkeit der Lösungen überforderte die Jury. Sie verteilte die Preissumme, ohne einen Gewinner zu küren.13
Brückenköpfe
Brückenkopfsituationen sind prädestiniert für Hochhäuser: Wie bei Bahnhöfen treffen sich auch hier städtebauliche Anliegen mit der wirtschaftlichen Nachfrage wegen der Bündelung der Verkehrsströme. Beim Ideenwettbewerb Stampfenbachareal in Zürich stand 1927 der Städtebau jedoch im Vordergrund. Der Kreis 6 sollte mit den Bauten der kantonalen Verwaltung einen neuen Eingang bekommen. Alle drei Preisträger setzten ein vertikales Zeichen.14 Martin Risch zeigte mit dem Quadratischen Eckturm direkt an der Walchebrücke am meisten Mut. Das Ecktürmchen von Stadtbaumeister Herter war im Vergleich dazu zimperlich. Noch mehr Zurückhaltung übten die Gebrüder Pfister mit einem in die zweite Baulinie zurückversetzten niedrigen Turm, was schliesslich mit dem Bauauftrag belohnt wurde.
An der Sihlporte drängten wohl wirtschaftliche Überlegungen zum Hochhausbau. Verschiedene Projekte (zum Beispiel von Moser, Otto Streicher, Otto Dürr) bewegten sich mit neun bis elf Etagen im Grenzbereich zwischen höherem Geschäftshaus und Hochhaus. Einzig die Studie von William Dunkel übertrifft alle Erwartungen (Abb. 6, folgende Seite).15 Sein Projekt mit
21 Geschossen und abgerundeter Fassade baut sich mit fast drohender Gebärde in der Blickachse der Brücke auf. William Dunkel, der 1929 an die ETH berufen wurde, war aber kein realitätsfremder Idealist, er hatte Erfahrung im Hochhausbau. In Düsseldorf baute er 1928 die Siedlung Rainpark mit zwei 11-geschossigen Wohnhochhäusern.
Auch in Bern wurde 1930 ein Brückenkopf in einem Wettbewerb behandelt. Es ging um die Stadtseite der Lorrainebrücke. Mehrere Hochhausprojekte wurden eingereicht. Die Gebrüder Keller formulierten den Brückenkopf mit zwei flankierenden Türmen am radikalsten.16
Ecktürme: städtische Marksteine
In der speziellen Auszeichnung von Blockrandecken klingt der Städtebau des 19. Jahrhunderts noch nach. Wachsen aber Ecktürmchen oder Erker zu eigentlichen Hochhäusern aus, entsteht ein neuartiger Zwitter. Unten formt der Blockrand den Strassenraum, oben wird der Turm zum stadtprägenden Monument. Im Wettbewerb für das SUVA-Haus in Bern 1930 tauchte eine solche Lösung auf: Während Otto Rudolf Salvisberg mit einem Rundbau (1. Rang, 1932 ausgeführt) die Ecke vermeidet, akzentuiert sie Hans Weiss mit einem turmartigen Erker (4. Rang).17 Er hierarchisiert die Strassenzüge, und der Turm erscheint als Fortsetzung der mittelalterlichen Stadttürme entlang der Ost-West-Achse. Die Stadttorsituation wird durch die doppelte Perspektive suggeriert (Abb. 7, unten). Eine ähnliche Lösung kopiert dann Salvisberg 1931 mit dem Hotelprojekt am Zentralbahnhof in Basel. Die Chancen für die Realisation eines Hochhauses standen in Basel günstig, da Basel als erste Schweizer Stadt am 11. Februar 1930 eine Hochhausverordnung erhielt.18 Aber es kam nicht so weit.
Das gute Echo in der Presse ermutigte Hans Weiss 1930, nach dem SUVA-Wettbewerb nochmals mit einem Hochhausprojekt anzutreten. Für seine Blockrandbebauung an der Wylerstrasse in Bern sah er ein Eckhochhaus vor (Abb. 8, rechte Seite oben). Aus Angst vor Spekulation verweigerten ihm die Behörden aber die Ausnahmebewilligung. Situation und Ausdruck erinnern übrigens stark an das Projekt von Maurice Braillard für die Siedlung Montchoisy in Genf.19 Das Eckhochhaus am Square D konnte Braillard jedoch auch nicht ausführen.
Ein besonders ausgefallener Eckturm mit sehr spezieller Nutzung kam ebenfalls nicht zustande: In Zürich sollte 1928 an der Ecke Uraniastrasse/St. Annagasse ein 38 Meter hohes polygonales Parkhaus im Anschluss an das Kino Scala entstehen.20
Die Suche nach dem Hochhaustyp
Das Hochhaus verstanden die Architekten anfänglich meistens als Turm, der an einer bestimmten Stelle aus der Blockrandbebauung herauswuchs. Ein längliches Hochhaus, das seine hohe Längsfassade dem öffentlichen Raum zuwendet, war im Stadtkontext schwer vorstellbar. Ansätze in diese Richtung zeigte 1931 der Wettbewerb für das Gewerkschaftshaus am Helvetiaplatz in Zürich.21 Das nicht prämierte Projekt der Architekten Hubacher und Steiger bildete mit seinen neun Geschossen eine lange Platzwand, die höher als die umgebenden Bauten war. Schon 1930 versuchte es Rudolf Steiger mit einem länglichen Bautyp. Im Wettbewerb für die chirurgische Klinik in Zürich erhielt er mit einem 11-geschossigen Bettenhochhaus den vierten Preis.22 Aussicht und Sonne waren gute Gründe für diese Lösung. Für die Entwicklung eines Hochhaustyps, der seiner inneren Logik gehorchte, war Le Corbusiers Projekt für die Rentenanstalt 1933 von grosser Bedeutung.23 Die Hochhausscheibe mit der leicht geknickten Längsfassade (type lentille) wird später oftmals kopiert. Sie kommt am besten allein stehend zur Geltung und eignet sich weniger für geschlossene Stadtstrukturen.
Hochhausreihen
Wie sehr quadratische Türme im Dienste städtebaulicher Ideen stehen und weniger Ausdruck einer Typologie sind, zeigen die Projekte von Maurice Braillard für Genf.24 In die Cité Moillebeau begleitet er 1927 die Mittelachse mit quadratischen Türmen: Trotz enormen Abständen täuscht die Perspektive einen linearen, gefassten Aussenraum vor. Im ersten Projekt für die Rive droite 1929 glaubt er einen grossen Platz radial mit Türmen fassen zu müssen. in der zweiten Version 1931 besinnt er sich auf das Schema von Moillebeau zurück. Le Corbusier griff 1932 in die Diskussion um das rechte Ufer mit einem Gegenprojekt ein.25 Seine Hochhäuser mit Y-förmigem Grundriss bilden dabei eine neue Front entlang der Rhone.
An einem See stellt sich die Frage über das Aussehen der Stadtfront noch dringlicher. So wurde 1926 in Zürich ein Wettbewerb über die Seeufergestaltung durchgeführt.26 Es ging um Städtebau und nicht um Gartengestaltung. Die Architekten Kaczorowski und Hohloch fassten den Bürkliplatz mit zwei Türmen. Die aufgesetzten Erker erinnern an Leuchttürme und verpassen dem Platz einen Hauch von Hafenatmosphäre. Die Jury sah aber in der räumlichen Tiefenwirkung eine Konkurrenz zum Limmat-Flussraum. Dieser sollte 1933 selbst Thema einer Neugestaltung werden. Karl Moser erhielt den Auftrag, einen Bebauungsplan fürs Niederdorf auszuarbeiten (Abb. 9, folgende Seite). Sein Vorschlag war radikal: Rechtsufrig reihten sich 13-geschossige Bauten, linksufrig setzte ein 21-geschossiges Hochhaus einen Kontrapunkt(27).
Die ersten ausgeführten Hochhäuser
Vor dem Bau der ersten wirklichen Hochhäuser tastete man sich in der Schweiz mit 9-geschossigen Bauten an das Problem heran. Am Aeschenplatz in Basel errichteten die Gebrüder Ernst und Paul Vischer 1929/30 ein Gebäude für die Basler Lebensversicherung.28 Dem 8-geschossigen, quadratischen Eckturm setzten sie noch eine Laterne auf. In Winterthur baute Lebrecht Völki 1929–31 für die Winterthur-Unfallversicherung ein Verwaltungsgebäude mit Turm.29 Hier ist das Vorbild des Stuttgarter Bahnhofs wieder zu erkennen. In Biel konnte Eduard Lanz 1929–32 das Volkshaus bauen. Das seitliche Treppenhaus gibt der Fassade einen dynamischen, vertikalen Akzent. Zur gleichen Zeit stellten die Freiburger Architekten Denervaud und Schaller einen 10-geschossigen Wohnturm in den Hof einer Randbebauung, ohne dass er im Stadtbild als Hochhaus in Erscheinung trat.30
Umso markanter fällt der Turm des Kirchgemeindehauses Wipkingen der Architekten Vogelsanger und Maurer auf (1930–32). Obwohl nur 9-geschossig, ist er von weitem sichtbar, was nicht zuletzt der Brückenkopfsituation und dem ansteigenden Gelände zu verdanken ist. Mit dem expressionistischen, runden Ecktürmchen wurde der Bau zum vertikalen Zeichen über dem Limmattal.31
All diese Bauten sind zwar hoch, aber zu wenig hoch, um im internationalen Massstab als Hochhäuser zu gelten. Erst das Hochhaus Bel-Air Métropole in Lausanne hält dem Vergleich stand und kann somit als erstes Hochhaus der Schweiz bezeichnet werden (Abb.1 auf Seite 10). Es entstand unter der Federführung von Alphonse Laverrière. Erste Studien reichen ins Jahr 1929 zurück. Baubeginn war im März 1931, die Vollendung im Juli 1932. Der Mittelteil des symmetrischen Gebäudes schiesst beim Place Bel-Air gleich nach dem Grand Pont mit 16 Geschossen in die Höhe. Es ist ein steinverkleideter Stahlskelettbau, wie es in Amerika lange üblich war.32
Spätere Hochhausexperimente in anderen Schweizer Städten wirken fast wieder lächerlich. Der Walcheturm der kantonalen Verwaltung, von den Gebrüdern Pfister 1933–35 erbaut, wirkt mit seinen zehn Geschossen plump und ist mit seinem Zeltdach geradezu eine Karikatur.33 Der Tour de Rive in Genf, 1934–38 vom Atelier d’architectes (Vincent, Schwertz, Lesemann, Saugey) realisiert, erscheint hingegen als erste moderne Fassung eines Wohnhochhauses in der Schweiz.34 Die breiten Fenster, die offenen Eckloggien und der abgelöste Dachrand verraten nun endlich die moderne Bauweise, die beim Bel-Air Métropole noch hinter einem klassizistisch anmutenden Steinmantel versteckt wird.
Das Gestaltungsproblem
Die Begeisterung für das Hochhaus Bel-Air Métropole hielt sich in Grenzen. C. F. Ramuz schrieb schon 1930, nach Einsicht der Pläne, dass der Turm ihm ältlich und mit Reminiszenzen vollbekleckst erschienen sei.35 Peter Meyer machte im «Werk» 1933, im Anschluss an den Bericht über das Bel-Air Métropole, in seinem Artikel über das Hochhaus von William Lescaze in Philadelphia einen bissigen Querverweis: «... Man behandelte Hochhäuser wie masslos in die Höhe gezogene Palastbauten...».36 Gemeint war unter anderem das Bel-Air Métropole. Das Hochhaus von Lescaze war für Meyer die vorbildliche, moderne Lösung. In Europa war das Gestaltungsproblem noch ungelöst. Vorschläge aus der Ecke des deutschen Expressionismus machten zuerst Anleihen bei der Gotik (zum Beispiel Verti-kalrippen bei Fritz Höger), bevor Mendelsohn eine dynamische Lichtarchitektur hervorbrachte. Runde Glaserker wurden in der Folge als dynamisch wirkende Elemente auch an Hochhäuser geklebt (siehe SUVA-Haus-Projekt von Weiss, oder Kirchgemeindehaus Wipkingen von Vogelsanger und Maurer). Auch die windigen Eckbalkone haben eine expressionistische Note. Sie akzentuieren die scharfe Eckkante, ohne dass sie wirklich nutzbar sind.
Architekten mit Hang zum Expressionismus wählten die Perspektive als Darstellungsform, um ihrem Projekt mehr Ausdrucksstarke zu verleihen. Daneben gab es eine Architektengruppe, die sich vorzugsweise der Axonometrie bediente. Der Baukörper wird von oben betrachtet und als Gitterstruktur oder als horizontale Schichtung der Geschosse gezeichnet. Rationell und konstruktiv soll diese Architektur sein. Wichtiger Vertreter dieser Richtung war der Architekt Hannes Meyer, der 1924 bis 1928 Mitherausgeber der Zeitschrift «ABC-Beiträge zum Bauen» war. Werner M. Moser und Alberto Sartoris standen dieser Auffassung nahe. Sartoris zeichnete unter anderem eine Axonometrie einer Kathedrale mit 12-geschossigem Büroteil für Fribourg.37 Keines der rationalistischen Hochhausprojekte wurde gebaut. Aber auch stark expressive Projekte hatten in der Schweiz wenig Chancen. Die gebaute Realität sieht nüchtern aus: Quadratischer Turm mit langweiliger Lochfassade (Walcheturm, Winterthur-Versicherung, Turmhaus in Basel). Das expressionistische Ecktürmchen am kargen Kirchgemeindehaus in Wipkingen ist schon ein erstaunlicher Zusatz.
Das städtebauliche Problem
Innerstädtisch spielt das Massstabsproblem eine zentrale Rolle. Einerseits soll die volle Höhe gut zur Geltung kommen, andererseits soll die Einbindung in die bestehende Bebauung auf elegante Weise erfolgen. Deshalb besitzen wohl alle realisierten «Hochhäuser» einen niedrigen Flügel, der den Anschluss ans bestehende Stadtgefüge meistert. Das Hochhaus durfte nicht frei stehend in der Stadt stehen. Mit dem vermittelnden Seitenflügel ist das Hochhaus um 1930 ein interessanter Zwitter. Immerhin kommen alle Türme am Boden an und werden nicht bloss als Aufsätze behandelt, was ja auch denkbar wäre.
Schattenwurf und Bodenspekulation sind oft Gründe, mit denen Behörden ein Hochhaus ablehnen. Bei grossen Parzellen fällt der Schatten manchmal aufs eigene Gelände, was Nachbarn die Einsprache verunmöglicht. Die hygienischen Auflagen bleiben indes. Die Bodenspekulation ist jedoch meist ein vorgeschobenes, falsches Ablehnungsargument. Die Bodenpreise würden ja erst dann in die Höhe schnellen, wenn in einem Gebiet mit erhöhter Nachfrage alle gleichberechtigt in die Höhe bauen dürften. Da Europa keine amerikanischen Verhältnisse wünscht38, wird das Hochhaus als Ausnahme behandelt. Wer aber erhält den Vorzug? Welche Nutzung hat Anrecht auf ein vertikales Symbol in der Stadtsilhouette? Wohnhochhäuser an exponierten Stellen kamen wohl kaum in Frage, hingegen hatten öffentliche (Staat und Kirche) sowie halböffentliche Institutionen (Versicherungen) eine Chance. Im Fall des Lausanner Hochhauses war es jedoch der listige Nutzungsmix, der eine Öffentlichkeit vortäuschte: Kino, Dancing, Restaurants, Bars, 50 Büros und 100 Wohnungen – es sollte eine Stadt in der Stadt sein, allen zugänglich.
Veränderte Situation nach 1945
Die vom CIAM proklamierte Idee der modernen Stadt setzte sich in den Köpfen der Architekten fest, und mit einiger Hartnäckigkeit wurde nach dem Krieg ihre Umsetzung in die Realität angegangen. Punkthochhäuser am Stadtrand (Letzigraben) und Satellitenstädte mit aufgereihten Scheibenhochhäusern (Tscharnergut in Bern) entstanden. Das frei stehende Wohnhochhaus wird zum möglichen Bautyp innerhalb einer Arealüberbauung mit fixer Ausnutzungsziffer. Es bedeutet nicht mehr Zentrumsverdichtung wie die Hochhäuser der Grossstädte.39 Vereinzelt wurde zwar das frei stehende Hochhaus auch in Schweizer Stadtzentren eingepflanzt (zum Beispiel das Hochhaus zur Schanze 1955). Da es aber der Idee einer offenen, parkähnlichen Stadt entspringt, zerreisst es oft das geschlossene Stadtgewebe. Wir haben uns an die Löcher gewöhnt. Doch das neu erwachte Verlangen nach einer verdichteten Stadt, als Reaktion auf die trostlose Weite der Satellitenstädte, lenkt vielleicht unseren Blick wieder auf frühe Hochhausprojekte, die besser im Stadtgewebe eingebunden waren. Denn eine Frage beschäftigt uns insgeheim: Könnte mit Hochhäusern, die eng mit dem Stadtgewebe verflochten sind, nicht doch die dreidimensionale Stadt der Zukunft entstehen?40 Ein Rückblick schadet nichts. (Robert Walker)
Zum Autor: Robert Walker, dipl. Architekt ETH und Architekturhistoriker, arbeitet bei der Denkmalpflege des Kantons Bern und unterrichtet an der Hochschule für Technik und Architektur in Freiburg. Seine Abschlussarbeit des Nachdiplomstudiums am Institut gta der ETH Zürich handelte von zwei Türmen und zwei Hochhausprojekten um 1930 des Berner Architekten Hans Weiss. Diese Arbeit gab den Anstoss, mehr über die Anfangszeit des Schweizer Hochhausfiebers herauszufinden. Die Nachforschungen wurden im Baudoc-Bulletin (Februar 2002) publiziert und erschienen später auf «bauforschungonline.ch».