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Szagun, Gisela: Sprachentwicklung beim Kind.
Beltz, Basel. 1980. 6. überarbeitete Auflage 1996. ISNB 3-407-22062-6. 312 Seiten.
Die Autorin gibt zunächst einen Überblick über den hierarchischen Aufbau von Sätzen und zeigt dann, dass die Reihenfolge, in der Bedeutungskategorien und grammatikalische Strukturen erworben werden, bei allen Kindern ähnlich ist, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit verläuft. Zwar gibt es universelle Aspekte des Erwerbs grammatikalischer Strukturen, aber das Kind richtet seine Lernstrategie von Anfang an auf die spezifischen Besonderheiten „seiner" Sprache aus, beispielsweise Flexionen oder die Wortstellung. Als mit einem künstlichen neuronalen Netzwerk, das aus Fehlern lernen kann, das Erlernen des Imperfekts im Englischen simuliert werden konnte, wurde deutlich, dass die Häufigkeit von (korrekten) Hinweisreizen besonders wichtig ist.
Die Entstehung der Sprache hängt wesentlich zusammen mit der Objektpermanenz (das Wissen, dass Objekte unabhängig von der eigenen Wahrnehmung und Tätigkeit existieren). Diese wird in einer stufenweisen Entwicklung erworben, die mit etwa 18 Monaten abgeschlossen ist. Dadurch wird eine innere Repräsentation, ein Vorstellungsbild möglich, und das Wort ist ein mögliches Symbol dafür. Auf Piaget (der den Begriff geprägt hat) und dessen Theorie der Sensomotorik geht die Autorin ausführlich ein, und sie zeigt Zusammenhänge auf zwischen der sensomotorischen und der sprachlichen Entwicklung.
Kinder sprechen zuerst über Objekte und Personen in ihrer Umgebung, und zwar, ob sie „da" oder „nicht da" oder „wieder da" sind. Dann folgen Verben (in denen die Objekte bewegt werden) und Bezeichnungen, wo sich die Objekte jetzt befinden, Feststellungen, was das Kind hört oder sieht, Intentionen (was es tun möchte) und schliesslich die berühmten W-Fragen. Viele Kinder machen – wenn sie erkannt haben, dass alles einen Namen hat – einen sogenannten Vokabelspurt durch, während dem sie ihren Wortschatz mächtig erweitern.
Das Buch befasst sich weiter mit der Entwicklung der Wortbedeutung und der Bildung von Begriffen und Oberbegriffen. Der Sprachgebrauch wird durch das Denken strukturiert, aber Sprache hat eine Rückwirkung auf die Kognition.
Interessant – besonders im Blick auf das Eltern-Kind-Singen – sind die Ausführungen der Autorin zum Zusammenhang zwischen Kommunikation und Sprachentwicklung in der vorsprachlichen Phase. Sind z.B. Spiele zwischen Mutter und Kind mit Blickkontakt und abwechselndem Vokalisieren einfach biologisch bedingte Überlebensstrategien, sind sie nur Ausdruck von Gefühlen oder schon Vorläufer der Sprache? Erwirbt das Kind die Grammatik dadurch, dass die Mutter seine vorsprachlichen Äusserungen interpretiert und erweitert? Dienen die besonderen Intonationsmuster, in denen Erwachsene mit Säuglingen sprechen, bloss der Regulierung der Emotionen des Säuglings? Diese Fragen werden diskutiert; aber die Wissenschaft scheint noch keine eindeutigen Antworten zu haben.
Im letzten Kapitel kommen Sprachentwicklungsstörungen zur Sprache. Es scheint, dass diese meist mit Störungen in andern kognitiven Bereichen zusammenhängen.
Das Buch ist anspruchsvoll, aber es ist angenehm zu lesen. Hilfreich sind die Zusammenfassungen am Ende der Kapitel. Die Arbeit wird ergänzt durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Sach- und ein Personenverzeichnis. Die in dieser Besprechung geäusserten Gedanken erheben keinen Anspruch weder auf Vollständigkeit noch als Zusammenfassung der Kernaussagen; sie scheinen dem Rezensenten aber besonders wichtig zu sein.
Ernst Waldemar Weber.