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Bücherräumereien (XXIV): Eine junge Saat
«Die junge Saat» hiess 1917 eine Monatsbeilage der in Zürich erscheinenden «Freien Jugend» für die Arbeiterkinder, und da vertraute man noch auf die vorwärtsdrängende Kraft der Geschichte wie der Natur. Alle vier Jahrgänge, die unter diesem Namen erschienen sind, liegen gebunden im bücherraum f vor, in einem schwarz-rot marmorierten Kartoneinband. Der Band stammt noch aus den Beständen von Gretlers Panoptikum, aus dem uns freundlicherweise ein paar Trouvaillen überlassen worden sind.
Die Nummer 1 der «Jungen Saat» erschien am 1. Juli 1917, eingeleitet von einem Brief an «Meine jungen Freunde». Darin wird von einer Wanderung der Zürcher Arbeiterjugendgruppe berichtet, mit Spielen und Geschichtenerzählen, wobei einige Kinder gefragt hätten, wie denn diese Erzählungen auch Kinder in anderen Schweizer Städten hören könnten: Und das Resultat sei eben diese eigene Zeitung für die Kinder. Die enthält tatsächlich Geschichten und Märchen und Anekdoten, vom Eulenspiegel und von den Gebrüdern Grimm, aber auch kindertaugliche Texte von Goethe bis Meinrad Lienert. Als politisch im eigentlichen Sinn lässt sich in den ersten Nummern vor allem ein Porträt über Harriet Tubman, die «Sklavenbefreierin», bezeichnen.
Auf der abschliessenden Seite 8 werden jeweils «Spiel und Scherz» geboten. Da findet sich, in einer späteren Ausgabe, ein Spiel im Freien, das «Der Jakobiner» heisst. Dabei soll auf eine Stange eine Jakobinermütze gesteckt werden, die Kinder stellen sich im Kreis darum herum auf und singen ein Lied über die tollen Jakobiner. Dabei geht ein – natürlich roter – Plumpsack um, und wenn das Lied aufhört, muss jener in die Mitte und sich die Mütze aufsetzen, der den Plumpsack gerade hält. Danach versucht er, mit dem Plumpsack ein anderes Kind zu treffen, dem er die Mütze anhängen kann, was die Identifikation mit dem Jakobinertum etwas abschwächt, wobei man umgekehrt darin auch das direktdemokratische Prinzip der Ämterrotation sehen könnte.
Der Verantwortliche für die Beilage wird nicht genannt, aber es kann sich nur um einen handeln: Willi Münzenberg. Der hatte auf den 1. August 1912 die Leitung der «Freien Jugend» übernommen. In seinem 1930 publizierten Buch «Die Dritte Front» über «15 Jahre proletarischer Jugendbewegung» listet er, etwas eitel, den Erfolg auf: Von 40´000 im Jahr verkauften Exemplaren der Monatszeitung hat er sie drei Jahre später auf 60´000 Exemplare gesteigert, und, nachdem sie zu zweiwöchentlichem Erscheinen gewechselt hat, wird für 1917 eine Jahresauflage von 185`000 Exemplaren erreicht, also eine Auflage von 7500 Exemplaren pro Nummer. Kurz vermerkt er in einem Satz auch, dass 1917 eine neue Kinderbeilage mit einer Auflage von 3000 gegründet worden sei.
In der Nummer 7 vom Januar 1918 löst niemand anderer als Emil Oprecht die bisherige Anonymität auf: «Unser lieber Genosse Münzenberg ist von bösen Menschen daran gehindert, die Zeitung selbst zu machen.» Der liebe Genosse sass zu dieser Zeit in der Polizeikaserne in Zürich ein, da er nach den blutigen Auseinandersetzungen vom 16. und 17. November 1917 wegen Aufruhrs zur Gewalt verhaftet worden war. Mit dieser Nummer 7 wird auch ein ordentliches Impressum eingeführt: Oprecht figuriert als Redaktor, Administration und Verlag erledigt Emil Arnold. Nun liegt dem Sammelband im bücherraum f eine handschriftliche Notiz von Roland Gretler bei: Münzenberg habe 1918 das Pseudonym E. Arnold verwendet. Allerdings gab es auch einen realen Emil Arnold, der mit Münzenberg im Jugendverband zusammenarbeitete und später zur KPS stiess – also müsste man nicht von einem Pseudonym sprechen, sondern von einem zur Tarnung verwendeten realen Namen, unter dem Münzenberg aus der Untersuchungshaft heraus die Zeitung weiter redigierte. Im Mai 1918 kurzfristig entlassen, wurde er kurz darauf erneut verhaftet und im November aus der Schweiz ausgewiesen.
Tatsächlich taucht der reale oder fiktiv-reale Emil Arnold ab Juli 1918 im Impressum nicht mehr auf. Ab diesem Zeitpunkt wird die Zeitung von einer neuen Trägerschaft herausgegeben, vom Schweizerischen Sozialdemokratischen Schulverein; in einer Ankündigung in der Nummer wird allerdings vom «sozialistischen Schulverein» gesprochen.
In der «Jungen Saat» findet sich zu dieser Zeit eine Geschichte «Wie Münchhausen in einer Kanone schlief», erzählt von einem C. Hering. Es handelt sich um eine Geschichte, die Hering sicherlich von Gottfried August Bürgers Version der Münchhausen-Geschichten übernommen hat. Münchhausen, der sich in einer Kanone zum Schlaf gebettet hat, wird über die Themse geschossen und landet auf einem Heuhaufen, er wird erst nach Monaten geweckt, als der Bauer sein Heu verkaufen will. Der Herr Hering bricht die Anekdote an dieser Stelle ab und verschenkt damit gerade eine klassenkämpferische Pointe. Bei Bürger fällt der geweckte Münchhausen nämlich auf den Bauer und tötet diesen, den aber niemand betrauert, da er ein übler Geschäftemacher gewesen sei. In Rudolf Erich Raspes ursprünglicher Erzählung wird der Bauer in die Nähe mit dem im entsprechenden Londoner Hafen damals betriebenen Sklavenhandel gerückt, während Bürger bei der Übersetzung ins Deutsche ein antisemitischer Lapsus unterläuft, da der habgierige Bauer zu einem «abscheulichen Juden» wird.
Zuvor schon ist in der «Jungen Saat» eine kleine Geschichte abgedruckt worden, «Das Posthorn». Womit wir endlich beim Titel dieser Erörterungen gelandet wären. Dabei handelt es sich um die Episode aus dem Münchhausen, in der die während eines Tags geblasenen, doch in der Eiseskälte eingefrorenen Töne eines Posthorns abends in der Kneipe auftauen, wodurch aus dem Horn ohne menschliches Zutun ein buntes Potpourri an Liedern erklingt. Charakterisiert wird die Geschichte als «Märchen seit Grimm». Unzweifelhaft stammt aber auch diese Episode aus dem Bürger´schen Münchhausen. Nun hat der Literatur- und Musikwissenschaftler Frieder von Ammon in einem soeben erschienenen, sehr empfehlenswerten Sammelband zum Phänomen Münchhausen gezeigt, dass in den verschiedenen Fassungen des Münchhausen all die Jahre hindurch jeweils aktuelle Gassenhauer genannt werden. Auch in der «Jungen Saat» werden ein paar Liedtitel angeführt, darunter «Du, Du liegst mir am Herzen» – worauf also R., der ich meinen Fund zeigte, sogleich zu summen begann, da sie die Melodie samt Text aus ihrer Jugend kannte (zugegeben, nur die erste Strophe). Tatsächlich soll es sich laut Wikipedia um ein Volkslied von etwa 1830 handeln; wie das in ein Schweizer Bergtal gelangt ist, muss hier unaufgelöst bleiben.
Item, daneben werden andere Titel genannt, etwa «Schier dreissig Jahre bist Du alt» – ein Soldatenlied von Karl von Holtei aus dem Jahr 1827, auch bekannt als «Mantellied», in dem die Freundschaft eines Soldaten mit und Abhängigkeit von seinem Wintermantel beschrieben wird, dem ich frivolerweise eine homoerotische Komponente unterschieben würde. Daneben gibt es noch «Mädel ruck ruck ruck», wobei das «ruck ruck ruck» einigermassen harmlos mit «zur Seite» fortgesetzt wird. «Das Lied gehört», verrät uns die unverwüstliche Wikipedia «zu den Klassikern der Stimmungslieder und war bereits Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Im Jahr 1836 ergänzte Heinrich Wagner (1783-1863) die bereits vorhandene erste Strophe um zwei weitere. Die Melodie stammt von einer älteren Volksweise, die Friedrich Silcher (1789-1860) überarbeitete.»
Die vorliegenden Ausgaben der «Jungen Saat» sind im Übrigen mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, mit Werturteilen und Korrekturen ebenso wie mit Anmerkungen zum Vorlesen. Als lokalgeschichtliches Aperçu sei zudem der Brief einer Sonntagsschülerin aus Oerlikon erwähnt, die sich darüber gefreut hat, bei einer Wanderung mit Kameradinnen und Kameraden aus dem weit entfernten Zürich gespielt haben zu können.
Ab Juli 1921 hiess die Zeitschrift dann «Der junge Genosse» – ob die junge Saat aufgegangen war, steht auf anderen Blättern.
«Die junge Saat» befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek im bücherraum f in der Abteilung DC.4