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In Zürich verdient man im Durchschnitt mehr als in der übrigen Schweiz – gleichzeitig zahlt man aber mehr Miete, und auch Konsumgüter wie eine Tasse Kaffee sind teurer. Es stellt sich somit die Frage: Werden die Lohndifferenzen zwischen den Grossregionen durch unterschiedliche Preisniveaus kompensiert?
Um eine Antwort darauf zu finden, müssen die regionalen Durchschnittslöhne ökonometrisch bereinigt werden. Unsere Schätzung (siehe Kasten 1) zeigt, dass in der Schweiz wohnhafte Arbeitnehmer im Tessin mit –13,2 Prozent deutlich und in den Grossregionen Ostschweiz (–6,6%), Espace Mittelland (–5,7%), Zentralschweiz (–3,3%) und Nordwestschweiz (–3%) immer noch klar weniger verdienen als in Zürich, während sich die Löhne in der Genferseeregion (–1,5%) fast auf Zürcher Niveau befinden.
Preise in der Ostschweiz am tiefsten
Da in der Schweiz keine Indikatoren für das allgemeine Preisniveau auf regionaler Ebene existieren, haben wir einen synthetischen Preisindex für die sieben Grossregionen – mit Zürich als Referenz – erstellt (siehe Kasten 2). Für ungefähr die Hälfte der typischen Haushaltausgaben können wir die Preise aufgrund von vorhandenen statistischen Angaben schätzen (siehe Tabelle 1). Bildet man für einzelne dieser Kategorien einen regionalen Index, ergeben sich wesentliche Preisunterschiede. So sind die Mieten in allen anderen Grossregionen rund ein Fünftel tiefer als in Zürich, und die Preise von Lebensmitteln und nicht alkoholischen Getränken sind in Zürich immer noch rund 12 Prozent höher als im Rest der Schweiz.
In den verwendeten drei Szenarien (siehe Kasten 2) weist Zürich höhere Preise auf als die anderen Grossregionen. Die Gruppe mit der Zentralschweiz, der Genferseeregion und der Nordwestschweiz weist im mittleren Szenario 4 bis 6 Prozent tiefere und die Gruppe mit dem Tessin, dem Espace Mittelland und der Ostschweiz rund 10 Prozent tiefere Preise auf.
Tabelle 1: Wie sich der Preisindex zusammensetzt

Direkte Erhebung

Anteil der Ausgaben

Erläuterungen
|Nahrungsmittel und Getränkea, Treibstoffe und Schmiermittela||16,8%||Regionale Konsumausgaben geteilt durch die konsumierte Menge|
|Gesundheitsausgaben, Nachrichtenübermittlungb||8,2%||Gleiche Preise für alle Regionen|
|Nettomiete/Hypothekarzinsenc||20,0%||Regionale Durchschnittsmiete für 3- bis 4-Zimmer-Wohnungen|
|Elektrizitätd||1,4%||Daten zu den regionalen Preisen aus den Elcom-Erhebungen|

Szenarien

Anteil der Ausgaben

Szenario 1

Szenario 2

Szenario 3
|Beherbergung Nebenkosten, Hauptwohnsitz Reparaturen und Unterhalt||15,3%||Gleiche Preise für alle Regionen||Regionale Preise proportional zu den regionalen Nettomieten||Regionale Preise proportional zu den regionalen Nettomieten|
|Bekleidung und Schuhe, Möbel und laufende Ausgaben, Verkehr (ausser Treibstoffe), Schule und Ausbildung||21,0%||Gleiche Preise für alle Regionen|
|Brennstoffe und Wärme||1,0%||Preise proportional zu den Elektrizitätskosten|
|Unterhaltung, Erholung, Kultur, andere Waren und Dienstleistungen||16,3%||Regionale Preise proportional zum Teilindex der direkt beobachtbaren Kategorien aus der direkten Erhebung|
Anmerkung: Für die in der Tabelle 1 aufgeführten Szenarien 1 bis 3 wurden die Werte des regionalen Preisindex berechnet, wie sie in Tabelle 2 dargestellt sind (siehe Kasten 2).
aBFS (2011)
bCrivelli et al. (2007), Schleiniger (2014)
cBFS (2013)
dElcom (2010), Kantonaler Durchschnittspreis
Tabelle 2: Der regionale Preisindex für die Grossregionen in drei Szenarien
|Zürich||Zentralschweiz||Genferseeregion||Nordwestschweiz||Tessin||Espace Mittelland||Ostschweiz|
|Szenario 1||100||97,8||97,3||96,8||95,2||94,9||94,8|
|Szenario 2||100||95,7||95,0||93,9||91,1||89,9||89,7|
|Szenario 3||100||92,1||90,2||89,6||83,7||81,6||82,2|
Eigene Berechnung; BFS (2011) / Die Volkswirtschaft
Wenn wir nun den nominalen Lohnindex mit dem wahrscheinlichsten Szenario 2 vergleichen, fällt das Resultat überraschend klar aus: In allen Grossregionen – ausser im Tessin – werden die nominalen Lohnunterschiede durch Preisunterschiede im Vergleich mit Zürich deutlich überkompensiert (siehe Abbildung 1). Die hohen Preise in Zürich machen die Lohnvorteile zunichte. So beträgt die Kaufkraftdifferenz für das Espace Mittelland 4,4 Prozent, für die Ostschweiz 3,7 Prozent, für die Genferseeregion 3,5 Prozent, für die Nordwestschweiz 3,1 Prozent und für die Zentralschweiz 1 Prozent. Nur für das Tessin (–4,2%) fällt die Differenz negativ aus.
Zürich profitiert von tieferen Steuern
Während diese Resultate ein eindeutiges Indiz dafür abgeben, dass nominale Lohnunterschiede durch Unterschiede in den Lebenshaltungskosten kompensiert werden, ist beispielsweise die Kaufkraftdifferenz von 3 bis 4 Prozent zwischen Zürich und den Nachbarregionen erklärungsbedürftig. Die von uns verwendeten Bruttonominallöhne berücksichtigen die regional bzw. kantonal unterschiedliche Belastung mit Steuern und Abgaben nicht. Zum Vergleich mit den obigen Resultaten haben wir deshalb einen regionalen Index mit Basis Zürich des durchschnittlich verfügbaren Einkommens der Grossregionen gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) gebildet und wiederum mit dem regionalen Preisindex verglichen.
Betrachtet man das verfügbare Einkommen nach Abzug der Steuern, so ergibt sich – auch hier mit Bezug auf das Szenario 2 – ein anderes Bild: Während die Kaufkraft in der Zentralschweiz (+2,3%) dank tiefen Steuern sogar steigt, fallen die übrigen Grossregionen gegenüber Zürich nun zurück (siehe Abbildung 2). Bei der Ostschweiz (–2,7%) und bei der Nordwestschweiz (–2,9%) verwandelt sich der Vorteil in einen leichten Nachteil. Mit je rund –6 Prozent ist die Kaufkraft im Espace Mittelland und in der Genferseeregion eindeutig negativ. Das Schlusslicht bildet erneut das Tessin mit –9,1 Prozent.
Abb. 1: Lohndifferenzen und Preisniveaus im Vergleich zu Zürich
Abb. 2: Verfügbare Einkommen und Preisniveaus im Vergleich zu Zürich
Quellen: Preisindex aus Tabelle 2 (Szenario 2); Lohndifferenzen eigene Schätzungen mit BFS-Daten (LSE 2008, 2010, 2012); verfügbares Einkommen aus HABE 2009–2011./ Die Volkswirtschaft
Wir folgern aus unseren Schätzungen: Wenn man die Wohlstandsdisparitäten in der Schweiz betrachten will, macht es Sinn, diese mit der Kaufkraft zu messen. Selbstverständlich handelt es sich hier um einen Versuch, welcher mit einigen Problemen behaftet ist. So konnten wir uns für die Berechnung des regionalen Preisindex lediglich auf verfügbare Preise für die Hälfte des Warenkorbes stützen, während wir uns für den Rest mit Szenarien behelfen mussten. Zweitens befriedigt die Betrachtung auf Ebene der Grossregionen insofern nicht, als diese in sich heterogen sind, was Preise und Löhne betrifft. Trotzdem glauben wir, mit unserer Untersuchung einen Beitrag zur Diskussion der Wohlfahrtsunterschiede zu leisten, und hoffen, damit eine nützliche Debatte – und vielleicht sogar eine Initiative auf der Ebene der öffentlichen Statistik – anzustossen.