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Der ramponierte Elfenbeinturm
Heisst es heute von jemandem, er lebe im Elfenbeinturm, so ist der Fall ziemlich klar: Da führt jemand eine abgehobene Existenz, verbohrt sich, losgelöst von den Realitäten des Alltags, in ein Spezialfach, das niemand versteht und keinen erkennbaren Nutzen bringt. In Elfenbeintürmen vermutet man auch jene Hohepriester erhabener Künste, deren Ergüsse in unzugängliche Sphären entschweben. Kurz, der Wohnort Elfenbeinturm ist übel beleumdet.
Doch warum eigentlich ein Turm? Und erst noch aus Elfenbein? Die Redensart ist dermassen allgemein gebräuchlich, dass niemand so fragt. Man glaubt ja zu wissen, was gemeint ist.
Seinen Ursprung hat der Begriff des Elfenbeinturms in der Bibel, genauer: im Hohenlied, das als sinnenfrohe Liebeslyrik den Weg ins Alte Testament gefunden hat. Dort wird die Schönheit einer Geliebten gepriesen, ihr ganzer Körper wird besungen, und vom Hals heisst es, er sei wie ein elfenbeinerner Turm.
Offensichtlich begann die Karriere des Begriffs «Elfenbeinturm» auf einem Niveau höchster Wertschätzung. Das gilt auch für dessen Verwendung in der Lauretanischen Litanei. Hier wird Maria mit der Anrufung «du elfenbeinerner Turm» verehrt. Das allegorische Attribut nimmt selbstverständlich Bezug auf die alttestamentliche Stelle. Zugleich verweist es auf die Bedeutung des weissen Elfenbeins als Symbol der Reinheit.
Als der im 19. Jahrhundert höchst einflussreiche Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve das Wort «Elfenbeinturm» erneut aufgriff, war von negativem Beigeschmack noch immer nichts zu spüren. Es bezeichnete die unabhängige Position eines Autors, der allein seiner literarischen Eingebung folgt. Hier also taucht das Motiv eines Eremitentums, einer Abgeschiedenheit von der «normalen» Welt auf.
Der pejorative Dreh kam mit der Studentenbewegung der späten Sechziger. Wenn sie vom Elfenbeinturm sprach, so brandmarkte sie damit eine in ihren Augen gesellschaftlich irrelevante, schmarotzende, in schlechter Weise elitäre akademische Lehrtätigkeit. Mit solchen Elfenbeintürmen gedachte sie gründlich aufzuräumen.
Vor diesem Hintergrund gab der nunmehrige Nobelpreisträger Peter Handke als junger Dichter 1972 einen Essayband heraus mit dem trotzigen Titel «Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms». Er signalisierte so eine literarische Rebellion, die zwar den selbstgewissen Impuls der 68er-Bewegung aufnahm, aber augenscheinlich exakt in die Gegenrichtung wies.