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Demoflyer, Zürich, 21.6.2014
Der […] Begriff „gentrification“ wurde 1964 von der britischen Stadtsoziologin Ruth Glass zur Kennzeichnung des Sachverhalts verwendet, dass Mittelschichtfamilien in den ursprünglich vor allem von Arbeitern bewohnten Londoner Stadtteil Islington zugezogen waren und den Stadtteil dadurch in seiner sozialen Struktur signifikant verändert hatten. Sie sah dabei eine Analogie zu Vorgängen im 18. Jahrhundert, als Teile des niederen Adels (Gentry) vom Rand der Städte zurück in die Zentren zogen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung)
Das Phänomen der Gentrifizierung ist also nicht vollkommen neu. Der seit den 1990er Jahren in vielen Städten zu beobachtende Prozess lässt sich zusammenfassend so beschreiben: „Pioniere“ werten preisgünstige ältere Stadtteile oder ehemalige Industrieareale in Innenstadtnähe auf und verhelfen ihnen zu neuer Lebendigkeit. Mit bescheidenen Mitteln eröffnen sie alternative Betriebe wie Cafés und Bars, Kulturtreffs und Konzertlokale, Läden und kleinere Werkstätten. Den Pionieren folgen nach einer gewissen Zeit die sogenannten „Gentrifier“, welche den attraktiv gewordenen Stadtraum als Bühne zur Selbstdarstellung und als Revier für Konsummöglichkeiten abseits vom Mainstream nutzen. Dadurch werden Investoren und Immobiliengesellschaften auf den städtischen Standort aufmerksam und werten den Stadtteil weiter auf, indem sie Häuser sanieren und hochwertigen Wohnraum erstellen. Dies lockt eine einkommensstarke Bewohnerschaft und Klientel in die jeweiligen Quartiere, was die Eröffnung von hochpreisigen Geschäften sowie die Ansiedlung multinationaler Firmen nach sich zieht. In der Folge wird das Quartier zum „Trendquartier“, was die Mietpreise in die Höhe treibt. Grosse Teile der alteingesessenen Bewohner/innen und der Pioniere können sich das Leben in dem Stadtteil nicht mehr leisten und müssen schliesslich wegziehen.
Gegen diese aggressive Form der Aufwertung unter kommerziellen Vorzeichen, die zur Verdrängung breiter Bevölkerungssegmente aus ganzen Stadtteilen führt, wenden sich seit den 1990er Jahren zahlreiche Protestbewegungen. Im gleichen Zusammenhang stehen das Aufbegehren gegen Wohnungsnot (Dossier 94.0 *W Wohnungsmarkt) und die – oft illegale – Besetzung noch leerstehender Liegenschaften bzw. der Widerstand gegen die erzwungene Räumung derselben (Dossier 94.5 *21 Häuserkampf, Hausbesetzungen). Der aktivistische Einspruch richtet sich dabei auch gegen die zunehmende Privatisierung von öffentlichem Raum, gegen vermehrte Kontrolle und die Wegweisung unliebsamer Personen durch die Polizei zum Schutz einer für Konsumenten hergerichteten urbanen Wohlfühlumgebung.
In Zürich weisen vor allem die Stadtkreise 4 und 5 (Aussersihl) sowie im Kreis 8 das Seefeld Merkmale von Gentrifizierung auf, aber auch andere Schweizer Städte (z.B. das Lorraine-Quartier in Bern) und insbesondere Stadtbezirke in internationalen Metropolen wie Berlin, London, Istanbul, Chicago oder Mexico Stadt sind von umwälzenden Gentrifizierungsprozessen betroffen.
Die in der Dokumentation des Sozialarchivs vorhandenen Broschüren und Flugschriften zum Thema „Gentrifizierung“ wurden nun in einem neuen Sonderdossier 94.8 *G Gentrifizierung, Stadtteilaufwertung zusammengefasst, um den Benutzenden einen direkten Zugang zu ermöglichen. Dokumente zu den allgemeineren Themen Städtebau, Stadtentwicklung, Urbanität sind wie bisher im Dossier 94.8 zu finden.
Ulrike Schelling und Rahel Wagner (Praktikantin)
Weiteres Material zum Thema „Gentrifizierung“ im Sozialarchiv:
Bibliothek:
- 95951 Jörg Blasius: Gentrification und Lebensstile. Eine empirische Untersuchung. Wiesbaden, 1993.
- 95952 Monika Alisch: Frauen und Gentrification. Der Einfluss von Frauen auf die Konkurrenz um den innerstädtischen Wohnraum. Wiesbaden, 1993.
- 98080 Wilhelm Falk: Städtische Quartiere und Aufwertung. Wo ist Gentrification möglich? Basel, 1994.
- 103667 StadtRat: Umkämpfte Räume. Hamburg, 1998.
- 116832 Tomas Stahel: Wo-Wo-Wonige. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. Zürich, 2006.
- 122952 Andrej Holm: Wir bleiben alle! Gentrifizierung – städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung. Münster, 2010.
- 123313 Christoph Twickel: Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle. Hamburg, 2010.
- 124694 Thomas Dörfler: Gentrification in Prenzlauer Berg? Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989. Bielefeld, 2010.
- 126101 Maren Harnack: Rückkehr der Wohnmaschinen. Sozialer Wohnungsbau und Gentrifizierung in London. Bielefeld, 2012.
- 129442 Katharina Bröcker: Metropolen im Wandel. Gentrification in Berlin und Paris. Darmstadt, 2013.
- 130453 Florian J. Huber: Stadtviertel im Gentrifizierungsprozess. Aufwertung und Verdrängung in Wien, Chicago und Mexico Stadt. Wien, 2013.
- [erwartet] Gentrifizierung. Theorien und Forschungsergebnisse. Leverkusen, 2015.
Archiv:
- Ar 455 Dokumentation Wo-Wo-Wonige. Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. 1971-2006.
- Ar 539.10.9a Publikationen zur Entwicklung Zürich-West. 1993-2013.
Archiv Bild + Ton:
- F 5038 Wo-Wo-Wonige!: Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968
Pin des Netzwerks der Sans-Papiers-Kollektive, um 2000 (Signatur: F Ob-0003-175)
Seit den späten 1980er Jahren wurden das schweizerische Asyl- und Ausländergesetz mehrfach verschärft, die Initiativen und Abstimmungen zu Migrationsgesetzen folgten einander auf dem Fuss. In den späten 1990er Jahren begann sich eine Gegenbewegung zu formieren, welche mit dem Claim „kein mensch ist illegal“ den (partei)politisch geprägten Gesetzesdiskussionen das Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit entgegenhielt. Der Status der „Papierlosigkeit“ – ein umstrittenes, im Asylverfahren oft erschwerendes Handicap – wurde von ihr als Stigmatisierung der Grenzregime Europas und der Schweiz interpretiert und gab einer heterogen zusammengesetzten Solidaritätsbewegung ihren Namen. Im entstehenden Netzwerk verschiedener Kollektive waren und sind sowohl direkt Betroffene als auch verschiedenste politisch engagierte Personenkreise vertreten – von kirchennahen Organisationen bis zu Exponenten aus der Hausbesetzerszene. In Konsequenz der ernüchternden Abstimmungsergebnisse zum Asyl- und Ausländergesetz vom 24.9.2006 und der damit erschwerten Lebensbedingungen von Papierlosen trat die Zürcher Sans-Papiers-Bewegung im Winter 2008/09 mit der Besetzung der Predigerkirche bzw. der Kirche St. Jakob medienwirksam in Erscheinung – allerdings ohne Erfolg für eine kollektive Regelung des Aufenthaltsstatus. Die Forderung nach „kollektiver Legalisierung“ wurde nach 2008 von einer erneuerten „Bleiberechtsbewegung“ in ein „bleiberecht für alle“ umformuliert.
Klassifikationen, die zur thematischen Erschliessung von Dokumentationsbeständen dienen, sind konservative Instrumente. Neue Phänomene werden vorerst in bereits bekannte und erprobte Kategorien einsortiert, vieles verschwindet ja auch so schnell wieder, wie es aufgetaucht ist.
Seit die Sans-Papiers-Bewegung mit ihrer Kritik an der behördlichen Politik der Einzelfallverfahren („Härtefallregelung“, ab 2001) und mit ihrer Forderung der „kollektiven Regularisierung“ an die Öffentlichkeit getreten ist, sind nun aber bald zwanzig Jahre vergangen. Inzwischen haben sich institutionalisierte und professionalisierte Organisationsformen herausgebildet wie die Sans-Papiers-Anlaufstellen (z.B. die SPAZ in Zürich, ab 2005) oder die Autonome Schule Zürich (ASZ), es wurden nationale Kampagnen organisiert („Keine Hausarbeiterin ist illegal“, 2012 bis 2014) und Bücher zum Thema verfasst („Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung“, Zürich 2012). Die Thematik ist sowohl in den Medien als auch in der wissenschaftlichen Forschung angekommen. Die Tatsache, dass nicht zuletzt die vielen weiblichen Sans-Papiers-Arbeitskräfte relevant sind für das Funktionieren der schweizerischen Wirtschaft, indem sie – fast unsichtbar und dementsprechend ungeregelt – in zahlreichen Privathaushalten traditionelle Frauenarbeit erledigen, hat nicht zuletzt auch die Gewerkschaften zu interessieren begonnen („Sans-Papiers – du hast Rechte!“, 2012). Eine befriedigende Praxis für die Regelung des Aufenthaltsstatus‘ von Sans-Papiers ist allerdings noch immer nicht in Sicht, die Diskussion wird weitergehen.
Höchste Zeit für die Abteilung Dokumentation im Sozialarchiv, den Benutzenden mit dem neu eröffneten Sonderdossier „22.5 *1 Sans-Papiers“ einen direkten, bequemen Zugang zu den Broschüren und Flugblättern zum Thema zu verschaffen.
Weiteres Material zu „Sans-Papiers“ im Sozialarchiv:
Bibliothek:
- D 5878: Informationsbulletin der Zürcher Sans-Papiers-Anlaufstelle
- K 1132: Jahresbericht der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich
- K 1115: Jahresbericht des Vereins Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers
- K 1140: Jahresbericht des Vereins „Hausarbeit aufwerten – Sans-Papiers regularisieren“
- 128823: Neva Löw: Wir leben hier und wir bleiben hier! Die Sans Papiers im Kampf um ihre Rechte. Münster, 2013.
- 128224: Pierre-Alain Niklaus: Nicht gerufen und doch gefragt. Sans-Papiers in Schweizer Haushalten. Basel, 2013.
- 126717: Alex Knoll, Sarah Schilliger, Bea Schwager: Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung. Zürich, 2012.
- Gr 12782: Sans-Papiers in der Schweiz. Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen EKM. Bern-Wabern, 2011.
- Gr 12773: Eva-Marie Prim: Sans-Papiers in der Schweiz. Bedeutung eines Aufenthalts ohne Bewilligung und die daraus resultierenden Aufgaben für die Soziale Arbeit. Zürich (Bachelorarbeit), 2011.
- Gr 12625: Denise Efionayi-Mäder, Silvia Schönenberger, Ilka Steiner: Leben als Sans-Papiers in der Schweiz. Entwicklungen 2000-2010. Bern-Wabern (Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen EKM), 2010.
- Gr 12228: Andrea Traber: Illegal – aber nicht egal! Eine Analyse zur aktuellen Lebenssituation der Sans-Papiers in der Schweiz. Zürich, 2008.
Archiv:
- Ar 86.60.2: Gruppe Schweiz Philippinen GSP:
Migration: Mappe 1: Arbeitsgemeinschaft „Sans-Papiers“ 1997-1998
- Ar 476.21.13: Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich GBKZ:
Kampagne Sans-Papiers 1999-2001
Ende 2006 hat das Schweizerische Sozialarchiv die Zeitungsausschnittsammlung auf Papier eingestellt. Neuere Presseinformationen werden seither mit dem Eigenprodukt "PresseDox" elektronisch zur Verfügung gestellt. Innerhalb der traditionellen Zeitungsausschnittsammlung des Sozialarchivs, die den Zeitraum von 1943 bis 2006 abdeckt, nehmen die biografischen Artikel eine Sonderstellung ein. Sie sind unter der Signatur SozArch ZA 04.9 in alphabetischer Ordnung abgelegt. Insgesamt umfasst die Serie 172 Archivschachteln. Bis vor kurzem waren keine Detailangaben zu den behandelten Personen verfügbar. Die Schachteln waren lediglich nach Buchstabenkombinationen grob verzeichnet.
In den letzten drei Jahren wurden die biografischen Zeitungsausschnitte systematisch erfasst und beschrieben. Die Sammlung umfasst rund 30’000 Artikel zu 5’670 Personen. Für mehr als die Hälfte dieser Personen ist lediglich ein einziger Artikel, meist ein Nachruf oder ein Zeitungsbericht zu einem Jubiläum oder zu einem anderen persönlichen Meilenstein wie Pensionierung, Rücktritt oder Ehrung vorhanden. Für sieben Personen, sämtlich Männer, wurden mehr als 100 Zeitungsausschnitte gesammelt: zu W.I. Lenin, Max Frisch, Niklaus Meienberg, Paul Grüninger, Friedrich Dürrenmatt, Jean Ziegler und Adolf Hitler. Die am besten dokumentierten Frauen sind Rosa Luxemburg (76 Artikel), Elisabeth Kopp (65), Anne Frank (52), Hannah Arendt (45) und Käthe Kollwitz (43).
Der spezielle Wert der biografischen Zeitungsausschnittsammlung besteht zum einen darin, dass viele weniger bekannte Aktivistinnen und Aktivisten sozialer Bewegungen dokumentiert sind: Gewerkschaftsfunktionäre, Frauenrechtlerinnen, Lokalpolitiker, Umwelt- und Menschenrechtsaktivistinnen etc. Andere Personen standen infolge eines aussergewöhnlichen Ereignisses oder eines Skandals meist nur für kurze Zeit im Fokus des öffentlichen Interesses. Eine weitere Eigenart der Sammlung betrifft die Quellenauswahl. So wurden neben den Leitmedien auch die schweizerische Gewerkschaftspresse und die sozialdemokratischen Tageszeitungen umfassend ausgewertet.
Für die Benutzerinnen und Benutzer des Sozialarchivs ist die nun abgeschlossene inhaltliche Beschreibung der biografischen Zeitungsausschnitte ein grosser Gewinn. Es ist vorgesehen, die Personenliste im Verlauf der nächsten Monate in die integrierte Suchfunktion des Sozialarchivs einzubinden und auch online zur Verfügung zu stellen.
"Hammer oder Amboss?": Eine Broschüre von Friedrich Schneider zur Lage der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz aus dem Jahr 1940. (Signatur: KS 335/224c-34)
Nachdem im Spätsommer 2012 die neue Datenbank "Sachdokumentation" in Betrieb genommen wurde, steht jetzt das direkt damit verbundene Projekt "Detailerfassung des 335er-Bestandes" kurz vor seinem Abschluss. Bei den sogenannten "335ern" handelt es sich um den Sonderkatalog "Sozialismus", eine einmalige Sammlung von Quellen und Publikationen zur Geschichte des Sozialismus vorwiegend in der Schweiz.
Der Bestand war bis 2012 mit Karteikarten erschlossen, die teilweise unvollständige Angaben enthielten. Ausserdem war er im Gegensatz zu allen anderen Beständen der Sachdokumentation nach dem Provinienzprinzip (Ordnung nach Herkunft) geordnet. Dies führte dazu, dass bei den Sachthemen die Positionen der linken Parteien und Gruppierungen zum Teil fehlten. Beispielsweise waren alle Dokumente der "Revolutionären Marxistischen Liga" (RML), einer Partei, die im Nachgang zu 1968 in der Schweiz entstanden war, bisher im Dossier der Partei abgelegt. Durch die Neuzuordnung zu den Sachthemen (Pertinenzprinzip) konnten nun u.a. die Themen Atomkraft, Stadtentwicklung, Universitätspolitik und Wahlen (eidgenössisch, kantonal und kommunal) durch die Broschüren und Flugschriften der RML komplettiert werden.
Im Rahmen des Teilprojekts "Detailerfassung des 335er-Bestandes" sollten zum einen diese Inkonsistenzen behoben und zum anderen all diese Dokumente und Flugschriften in der Datenbank "Sachdokumentation" zugänglich gemacht werden. Mit dem Projektabschluss per Ende Juni 2014 sind so nun umfassende Online-Recherchen nach Themen, aber auch nach Titeln und Autoren möglich geworden.
Neuerungen und Vorteile für die Benutzung
- Die sichtbarste Änderung betrifft den Kleinschriftenkatalog im Lesesaal, der dank der Online-Recherche obsolet geworden ist.
- Durch die thematische Neuzuordnung von "335er"-Dokumenten nach Pertinenzprinzip sind nun "alle" politischen Positionen zu einem Thema im betreffenden Dossier vertreten. Viele Dossiers konnten so substanziell ergänzt werden.
- Die Recherche nach "Paul Pflüger", dem Gründer des Sozialarchivs, listet zum einen die Schachtel 335/233 mit den darin enthaltenen Broschüren auf. Das Resultat zeigt aber zum anderen auch alle anderen Broschüren von Paul Pflüger, die thematisch den unterschiedlichsten Dossiers zugeordnet sind. Dadurch ergeben sich Hinweise für weiterführende Recherchen.
- Die Dokumente zur 1968er-Bewegung in der Schweiz werden sehr oft nachgefragt. Aus konservatorischen Gründen wurden sie eingescannt und sind nun neu online konsultierbar (als PDF).
Fazit: Durch die Detailerschliessung der Einzeldokumente ("335er") in der Datenbank "Sachdokumentation" haben sich die Suchmöglichkeiten erweitert – und sie liefern optimierte Rechercheergebnisse.
> www.sachdokumentation.ch
Argumentarium für die Alpeninitiative "zum Schutze des Alpengebietes vor dem Transitverkehr" (Signatur: QS 98.0 *Alp)
Die Erwerbung in der Dokumentation des Sozialarchivs erfolgt zeitnah. So wurden in den letzten Wochen u.a. die Dokumente zu den drei Vorlagen der eidgenössischen Abstimmungen vom 9. Februar 2014 gesammelt und erschlossen: zur "FABI"-Vorlage, zur Volksinitiative "Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache" sowie zur Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung".
Im Vorfeld von Abstimmungen formieren sich Parteien, Verbände und NGOs und formulieren ihre Standpunkte. Es wird Propagandamaterial gedruckt und Pro- und Kontra-Allianzen schalten ihre Kampagnen-Websites auf. Bevor es ums Abstimmen selber geht, werden via Facebook und Twitter Befürworterinnen und Gegner in den Abstimmungskampf eingebunden, um als Multiplikatoren weitere Wählerinnen zu mobilisieren. – Kurz: Im Vorfeld von Abstimmungen laufen die gesellschaftlichen und politischen Diskussionen auf Hochtouren, Argumente und Gegenargumente für eine Vorlage werden verbal und oft auch visuell als pointierte Positionen auf den Markt der Meinungen geworfen.
Da sich in Abstimmungsvorlagen gewissermassen auch die offenen Fragen und zu lösenden Probleme der schweizerischen Gesellschaft kristallisieren, werden sie in der Datenbank Sachdokumentation als Zusatz-Informationen auf Schachtelebene separat ausgewiesen. Erfasst werden sie mit ihrem offiziellen Namen und/oder mit ihrer gängigen Nennung. Zusätzlich ist der Abstimmungstermin sowie bei Volksinitiativen das Datum des Sammelbeginns angegeben. Wer sich also angesichts der Vorlagen vom Februar 2014 rasch einen Überblick über die vergangenen Abstimmungen zum Thema Einwanderung verschaffen möchte, wird im Dossier 02.3 C (Einwanderung, Ausländerfrage) fündig: Hier erscheinen die sechs Überfremdungsinitiativen, die Mitenand-Initiative und die 18-Prozent-Initiative. Den Verweisen folgend findet man zudem in den Dossiers 22.5 (Ausländerrecht) und 22.9 (Asylrecht) weitere sachverwandte Abstimmungen. Wer sich vor dem Hintergrund der FABI-Abstimmung für die politische Aushandlung von Verkehrsfragen in der Vergangenheit interessiert, setzt eine Suchanfrage mit den beiden Begriffen "abstimmung verkehr" ab und ist erstaunt, wie häufig sich die Bevölkerung schon zu Verkehrsfragen äussern durfte oder musste. Und wer wissen will, wie die Kontroversen in früheren Abstimmungen zum Schwangerschaftsabbruch verliefen, ruft mit der Suchanfrage "schwangerschaftsabbruch abstimmung" direkt sämtliche Schachteln auf, in denen Material dazu zu finden ist.
Bis zum Jahr 2006 waren die eidgenössischen Abstimmungen in der Datenbank Sachdokumentation für die Schachteln mit Zeitungsausschnitten und mit Broschüren/Flugschriften bereits erfasst. Nun wurden sie auch noch für die folgenden Jahre nachgewiesen, bis und mit den Abstimmungen vom 9. Februar 2014. Ab sofort werden sie laufend, parallel zur Erschliessung der Abstimmungsdokumente, in der Datenbank aufgenommen. Allerdings nur für die Schachteln mit Broschüren/Flugschriften. Für die Recherche nach Abstimmungsdebatten in der Schweizer Presse steht für die Zeit nach 2006 als Äquivalent zu den Zeitungsausschnitten auf Papier im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs die Pressedokumentation "PresseDox" zur Verfügung.
Das Portal für sämtliche Bestände der Dokumentation von den 1830er Jahren bis heute
Die Datenbank "Sachdokumentation" bietet ein gemeinsames Dach für sämtliche Bestände der Dokumentation: für die Sammlung mit Zeitungsausschnitten (1943 bis 2006) und für die Sammlung mit Broschüren/Flugschriften (von den 1830er Jahren bis heute). Bei der Suche nach Dossiers zu einem bestimmten Thema sind dank des direkten Zugriffs auf die dazugehörigen Schachteln sowie auf die detailliert erfassten Broschüren/Flugschriften genauere Informationen zu den jeweiligen Schachtelinhalten verfügbar. Zudem können sich die Benutzenden aufgrund der Schachtelanzeige eine Vorstellung über den Umfang eines Dossiers machen. Neu ist damit eine umfassende Online-Recherche nach Broschüren, Flugschriften und Zeitungsausschnitten zu rund 1’200 Sachthemen möglich!
Das Bestellen ist ebenfalls einfacher geworden. Aus einem Dossier können gezielt die Schachteln aus dem fraglichen Zeitraum oder mit dem gewünschten Inhalt ausgewählt und online bestellt werden. Für einzeln in NEBIS katalogisierte Dokumente führt ein Link direkt in den NEBIS-Katalog, wo man die Broschüren – wie gewohnt – auch einzeln bestellen kann.
Das Wichtigste im Überblick:
- Zu rund 1’200 Sachthemen gibt es Dossiers. Ein Dossier umfasst mehrere Schachteln, die zeitlich voneinander abgegrenzt und zum Teil inhaltlich näher beschrieben sind. Die Schachteln können online bestellt und im Lesesaal eingesehen werden.
- Einzeldokumente sind für die Hauptsammelgebiete des Sozialarchivs erfasst, zum Teil im NEBIS-Katalog, zum Teil in der Datenbank selbst (diese Detailerschliessung ist noch im Gang). Die in NEBIS katalogisierten Dokumente können auch einzeln bestellt werden.
- Ein Einstieg über die systematische "Gliederung nach Hauptgruppen" ermöglicht das Navigieren durch den hierarchisch aufgebauten Themenbaum bis zum gewünschten Dossier.
- Die "Suche nach Begriffen" durchsucht sämtliche Felder der Datenbank: Dossiers, Schachteln sowie Einzeldokumente. (Ein Leerschlag zwischen zwei Begriffen bewirkt die voreingestellte Verknüpfung AND.) Als Resultat erscheint eine Liste mit allen Dossiers, Schachteln und Einzeldokumenten, in denen der gesuchte Begriff vorkommt.
- Die "Suche nach Notation" entspricht einer Expertensuche: es kann damit entweder eine bestimmte Stelle im Themenbaum angesteuert oder systematisch ein ganz spezifisches Dossier aufgerufen werden.
- Die eidgenössischen Volksabstimmungen (vorerst bis 2006) sind auf Schachtelebene erfasst. Man kann demnach gezielt die Broschüren/Flugschriften sowie die Zeitungsausschnitte zu einer Abstimmungsdebatte suchen und bestellen.
Mit dem Online-Zugriff auf die Sachdokumentation ist nun eine profunde Recherche und eine präzise Bestellung – wie bereits bei den Büchern und Zeitschriften – jederzeit und von überall her möglich. Damit steht den Benutzenden endlich auch für die wertvollen Bestände der Dokumentation ein zeitgemässes Rechercheinstrument zur Verfügung.
> www.sachdokumentation.ch
"Ich mach da nicht mehr mit!" (1994)
20 Jahre Zivildienst
Nach jahrzehntelangen Debatten und nur ein Jahr nach der sog. Barras-Reform (Militärstrafgesetz-Revision) stimmte die Schweizer Bevölkerung am 17. Mai 1992 mit grosser Mehrheit der Einführung eines zivilen Ersatzdienstes zu. Noch 1977 war der aufgrund der "Münchensteiner Initiative" zur Abstimmung gebrachte Vorschlag des Bundesrates für einen gleichwertigen Ersatzdienst an der Urne verworfen worden – ebenso wie die "Tatbeweis-Initiative", über die 1984 abgestimmt wurde.
Welches Schicksal drohte Militärdienstverweigerern früher? Worum genau wurde bei der Einrichtung eines Zivildienstes so lange gerungen? Wer kämpfte gegen wen? Und welche Rolle spielte die Kirche? – Fragen, auf die bereits eine einfache Recherche in den Dokumentationsbeständen des Sozialarchivs aufschlussreiche Antworten liefert. Geschichtsforschung, leicht gemacht!
> Mehr Beispiele
Die Kleinschriftensammlung (rund 160‘000 Broschüren, Flugblätter, Streitschriften, Pamphlete etc. von den 1830er Jahren bis heute) und die Pressedokumentation (rund 1.7 Millionen Zeitungsartikel von 1943 bis 2006) zählen zu den grössten Schätzen des Sozialarchivs. Zu den verschiedensten Themen stehen Ihnen kompakte Sachdossiers zur Verfügung. Die vielfältigen Dokumente widerspiegeln die kontroversen Meinungen zu einem Thema. Die Broschüren und Flugschriften besitzen hohen Quellenwert für die Forschung und eröffnen neue Blickwinkel auf historische Ereignisse.
Gerne unterstützen wir Sie auch vor Ort bei Ihren Recherchen in den Beständen der Dokumentation.
"Zum Beispiel Bananen": Bananenaktion, Frauenfeld, Mai 1977
"Fair Trade" steht für den gerechten Handel mit Erzeugnissen aus Entwicklungsländern. Gegründet wurden die ersten Fair-Trade-Organisationen in den 1940er Jahren im Norden der USA. In der Schweiz machten ab den 1970er Jahren die "Bananenfrauen" rund um die Frauenfelder Pfarrfrau Ursula Brunner von sich reden. Sie bereisten Nicaragua und weitere lateinamerikanische Länder und machten auf die Probleme des Welthandels und insbesondere auf die Missstände im Bananenanbau aufmerksam. So setzten sie sich vehement für einen fairen Bananenpreis ein. Unter dem Motto "Warum ist eine Banane billiger als ein Apfel?" forderten sie Migros und Coop auf, einen Aufpreis auf Bananen zu verlangen, der den Produzenten zugutekommen sollte. Dafür war die Zeit allerdings noch nicht reif.
1977 entstand in der Schweiz die Claro Fair Trade AG, die bald weit über hundert eigene Läden für faire Produkte betrieb. Sie unterstützte auch Kampagnen wie "Jute statt Plastik" oder "Nica statt Chiquita". Einen weiteren Aufschwung erlebte der Faire Handel seit der ersten Hälfte der 1990er Jahre mit dem Fair-Trade-Label "Max Havelaar". Eine Fülle zertifizierter Produkte – vom Kaffee bis zur Ananas, vom Zucker bis zur Rose – ist so aus der Nische der Weltläden in die Migros- und Coop-Regale gelangt.
Die Geschichte des fairen Handels in der Schweiz ist in unseren Broschüren-/Flugblatt-Dossiers vielfältig und bunt dokumentiert. Diese reichen Schätze wurden nun neu geordnet: Es galt, den wirtschaftlichen Nord-Süd-Dialog klar abzugrenzen von der Entwicklungshilfe im engeren Sinne (Projekte in Entwicklungsländern):
Im Thema Nord-Süd-Dialog sind neben den Organisationen des Fairen Handels auch internationale Organisationen wie die UNCTAD und die Institutionen von Bretton Woods (IWF, Weltbank) vertreten. Ebenfalls in den wirtschaftlichen Kontext gehören Kampagnen wie "Entwicklung braucht Entschuldung" oder "Recht auf Nahrung" – und natürlich die heutigen Nachfolger von "Jute statt Plastik": "Let‘s wear fair", "Fair unterwegs" oder "Faire Computer".
Die Dossiers zur Entwicklungshilfe und -politik umfassen die technische Zusammenarbeit und die humanitäre Hilfe der Schweiz. HEKS, Alliance Sud, Helvetas, Brot für alle, swisscontact: das sind nur einige von vielen Hilfsorganisationen, deren Projekte hier dokumentiert sind. Auf internationaler Ebene seien die UNO-Entwicklungsziele und die Mikrokredite erwähnt.
Zu Beginn der 1970er Jahre wurde der Umweltschutz in der Schweiz zum Thema. Doch erst ein gutes Jahrzehnt später konnten sich die vielen heterogenen Gruppierungen, auf deren Fahnen "Umwelt" stand, mit der neu formierten Grünen Partei mehr politisches Gehör verschaffen.
In den 1980er und 1990er Jahren wurde dem Thema mehr und mehr Aufmerksamkeit geschenkt, und es kamen stets neue Facetten hinzu. In unseren Broschüren-/Flugblatt-Dossiers schlug sich das schon früh in Unterteilungen nieder, die den damaligen politischen Kernpunkten entsprachen. So entstanden etwa Dossiers zum Gewässerschutz, zur Abfallbewirtschaftung oder zur Luftreinhaltung. Daneben gab es Dossiers mit dem schönen Titel "Umweltschutz allgemein", die zunehmend ein Sammelsurium neuerer Themen enthielten. Dieser Bestand wurde neu gesichtet und präsentiert sich frisch geordnet und in drei Themen gegliedert: Ökologie, Umweltpolitik und Klimawandel. Dank dieser profilierten Neueinteilung gestaltet sich die Suche nach einem spezifischen Inhalt nun einfach und effizient. Suchte man früher umweltpolitische Dokumente, konnte es schnell passieren, dass aus einer geschätzten Viertelstunde Recherchezeit mehr als eine Stunde wurde. Mit der Neueinteilung kommen umweltpolitisch Interessierte nun auf direktestem Weg auf ihre Kosten. Eine Znünipause reicht aus, um sich mittels der Quellensammlung des Sozialarchivs auf den neusten umweltpolitischen Stand zu bringen.
Doch nicht nur Umweltpolitik bieten die Dossiers, sondern auch alle Klimagipfel von Rio über Kyoto bis Kopenhagen sind bestens repräsentiert. Daneben widerspiegeln die Dokumente auch die Umwelterziehung im Wandel der Zeit: Wurde 1976 den Haushalten noch einfach eine Broschüre zugeschickt, wie Herr und Frau Schweizer zu Hause Umweltschutz betreiben sollten, so scheut der Zürcher Stadtrat seit Beginn des neuen Jahrtausends keinen Aufwand mehr: Jahr für Jahr stellt er Umwelttage auf die Beine, um die Bevölkerung umwelterzieherisch auf den richtigen Weg zu leiten. In der Broschüre von anno dazumal fand etwa das Thema Schädlingsbekämpfung auf einer halben Seite Platz: "Schneckenkörner vergiften Igel und Vögel. Ein eingegrabener Yoghurtbecher mit Bier gefüllt, lockt Schnecken an, ohne andere Tiere zu gefährden", wurde da kurz und bündig gelehrt. Rund vierzig Jahre später, an den Zürcher Umwelttagen 2009, gab es eine sechsstündige Veranstaltung zum Thema Schädlinge.
Die Umwelt hat die Menschen schon vor vierzig Jahren beschäftigt und wird seit einigen Jahren kontinuierlich immer weiter oben auf der politischen Agenda platziert. Kein Zweifel: das Thema verdient es auch in Zukunft, dokumentarisch umfassend begleitet zu werden.