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Kurz nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion fuhren Sabine Gisiger und Marcel Zwingli nach Moskau, um sich von der nun Geschichte gewordenen kommunistischen Ara ein Bild zu machen. Ihre Informantinnen sind sechs Frauen aus vier Generationen. Alexandra Konstantinova (1892-1994) hat die Oktoberrevolution als junge Mutter miterlebt: vom Fenster ihrer Wohnung aus. Ihre Urenkelin Anastasija Nikolaevna (geb. 1985) kommentiert den Putsch von 1991 aus ähnlicher Perspektive wie ihre Urgroßmutter den damaligen Umsturz: aus allernächster Nähe und doch als Unbeteiligte. Das Leben der Frauen spielte sich größtenteils weit weg von der großen Politik ab und wurde doch immer wieder massiv von ihr in Mitleidenschaft gezogen.
Die beiden Schwestern Nadjeschda (geb. 1919) und Nina Varfolomeevna (geb. 1921) könnten nicht unterschiedlicher sein. Die expressive Nadjeschda war Schauspielerin, bis sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes das Theater verlassen mußte. Die eher scheue und bescheidene Nina verlor ihren ersten Verlobten im Krieg. Auch ihre zweite Liebe starb kurz vor der Hochzeit. Schließlich heiratete sie einen ehemaligen Schulkameraden und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Buchhalterin im Außenhandelsministerium. Zusammen mit Nadjeschda sorgte sie für die Mutter Alexandra.
»Motor nasch (>unser Motor<) dreht und dreht«, sagt Nadjeschda nach dem Tod ihrer Mutter. »Unser Leben vergeht in Nebensächlichkeiten, dabei wäre es wichtig gewesen, sich hinzusetzen und ihr (der Mutter) einfach zuzuhören. Aber das ist jetzt nicht mehr möglich.«
Jelena Inokentjevna (geb. 1943), die Nichte der beiden, wuchs - wie die anderen - in der Kommunalwohnung an der Lebjaschki-Gasse auf und ist Schauspielerin. Nach dem Bruch ihrer Ehe 1975 sorgte sie alleine für ihre Tochter Warwara Leonidova (geb. 1968). Diese ist die erste, die sich nicht mehr nur an den Koordinaten des sowjetischen Systems orientiert. Zwar war sie in den siebziger Jahren auch Teil der Pionierjugend, doch Stolz und Liebe zur Partei wollten sich nicht in gebührendem Maß einstellen. In der Zeit Gorbatschows begann sie ein Englischstudium an der Moskauer Universität und arbeitete später für die Moskauer Niederlassung einer indischen Handelsfirma.
Die sechs Frauen erzählen mit ihrem Leben die Geschichte der Sowjetunion. Als zeitliches Raster dienen Archivaufnahmen der offiziellen Geschichte in chronologischer Folge. Die weibliche Genealogie kontrastiert dabei scharf zu den überaus männerdominierten Bildern von Parteitagen, offiziellen Feiern und Krieg. Die Frauen werden in ihrer Umgebung gezeigt, meist in dem Herzstück der Familie, der Wohnung an der Lebjaschki-Gasse. Die Regisseurin und der Regisseur erlagen dabei nicht der Versuchung, mangels visueller Belege die Frauen bei ihren alltäglichen Verrichtungen abzufilmen. Nur gelegentlich begleiten wir eine der Frauen bei ihren Gängen durch die Stadt. Meist jedoch ruht die Kamera auf der erzählenden Person, wobei den Schauspielerinnen ihr inszenatorisches Können zugute kommt. Nadjeschda verfügt zudem über eine Menge photographischer Dokumente. Dies ist kein Zufall, bildete das Theater doch eine Art Schnittstelle zwischen Politik und Alltag und war bis zur Zeit der Glasnost der einzige Ort, wo neue und / oder subversive Ideen öffentlich formuliert werden konnten.
Trotz der selbstauferlegten visuellen Beschränkungen ist der Film optisch und inhaltlich abwechslungsreich, nicht zuletzt dank der erzählerischen Frische der Porträtierten. Die leitmotivische Kontrastierung von offizieller und »privater« Geschichte erhält die Spannung aufrecht. Obwohl die Familie keineswegs durchschnittlich oder repräsentativ ist, wird ein Stück Alltag sichtbar, den viele Sowjetbürgerinnen teilten.