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Le Conseil, Brüssel
Brüssel als pragmatischer Zufall
Die Kapitale des Königreichs Belgien wird die De-facto-Hauptstadt der EU genannt, de jure gibt es keine. Weshalb das so ist, erklärt sich aus dem Werdegang der Organisation. Er begann 1951 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz (EGKS), oft auch Montanunion genannt. Dieser Organisation entstammen alle im ersten Abschnitt genannten Institutionen – abzüglich des Europarats, der mit der EU direkt nichts zu tun hat, dem EGKS-Parlament in Strassburg aber in den ersten Jahren der Existenz dieser Versammlung Gastrecht gewährte. Erst mit den Römer-Verträgen von 1957 schlug die Stunde des Standorts Brüssel. Die Kommissionen der Organisation hatten sich bisher in der Villa Vauban in Luxemburg oder im Château de Val Duchesse an der südöstlichen Peripherie Brüssels getroffen, der Rat tagte gerade dort, wo es sein jeweiliger Präsident wünschte. Fortan bestand ein reger Bedarf an Büros und Sitzungsräumen für die wachsende, sich in diverse Themenorganisationen und Institutionen verzweigende Gemeinschaft. Brüssel bot sich als Standort an.
Vorerst zögerlich begann die Regierung Belgiens, grosse Quantitäten an Büroräumen für das europäische Personal zur Verfügung zu stellen. Die sechs «alten» Mitgliedstaaten setzten eine Expertenkommission ein, die sich mit der Standortfrage auseinandersetzte und Brüssel für angemessen befand. Das Zusammentreffen des lateinischen mit dem germanischen Europa war einer der Faktoren, der für sie neben vielen anderen bedeutend war. Die meisten Länder waren mit der Wahl aber nicht einverstanden. Es gab parallel zu sich vollendenden Tatsachen Streit.
Verschleierungen
Der Vertrag von Brüssel regelte 1965 endgültig die (hier stark vereinfacht wiedergegebene) «Sitzordnung» der europäischen Institutionen: Parlament in Strassburg, Gerichtshof in Luxemburg, Kommission und Rat in Brüssel. In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren entstanden die ersten direkt für die EU-Vorgänger-Organisationen geplanten grossen Solitär-Bauwerke: Le Charlemagne, benannt nach Karl dem Grossen, und Le Berlaymont, dessen Name an das Frauenkloster erinnert, das ihm weichen musste. Es ergab sich eine Konzentration der Organisationsbauten im Quartier Léopold. Diese Stadterweiterung südöstlich des historischen Zentrums wurde im 19. Jahrhundert von der Société civile pour l’Agrandissement et l’Embellissement de Bruxelles vorangetrieben und vor allem mit Hôtels, also Stadtresidenzen der Adels und des reichen Bürgertums, bebaut. Die Ausdehnung des Europa-Quartiers, dem die Flamen Europese Wijk sagen, erfolgte unkoordiniert und ohne städtebauliche Ziele, vorrangig dirigiert von der Spekulation. Diese für die ganze Stadt typische Entwicklung hat unter dem Begriff «Bruxellisation» beziehungsweise «Verbrusseling» Einzug ins belgische Vokabular gefunden. So wenig wie der Städtebau konnte die Architektur der EU prägnante Erkennungsmerkmale liefern – kein Wunder angesichts ihrer Pragmatik in ideologischer und organisatorischer Hinsicht wie auch bei der Konsensfindung. Doch die Organisation ist gross, und sie will irgendwie auch mächtig sein.
Spätestens seit dem 1992 unterzeichneten Maastrichter Vertrag sollte die EU durch ihre Bauten etwas Konkretes, Einendes repräsentieren. Das erzeugt Widersprüche, mit denen die Organisation seit Jahrzehnten hadert. So versucht die EU, ihre Bauten klein und antimonumental zu machen. Die verwendeten Mittel sind Vorhangfassaden, enge Raster, feine Lamellen, Befestigungselemente – ein Fassadenvokabular, das bis zur Jahrtausendwende unter Hightech geläufig war. Es herrscht eine ausgeprägte Horizontalität, insbesondere beim vierflügeligen Berlaymont; seine gesimsartigen Geschossbänder wurden bei der jüngsten Sanierung durch eine Blendenschraffur ersetzt, die dem verwinkelten Koloss bisweilen den Charakter einer Industrie- oder Infrastruktur-Anlage verleiht. Anstatt mit der Architektur aussagekräftig Präsenz zu markieren, versucht man sich über eine Verschleierung dafür zu entschuldigen, dass man überhaupt da ist.
Positionierung im Bestand
Das neue EU Gebäude, von dem in diesem Beitrag die Rede ist, hat noch keinen Namen. Es soll hier deshalb der Einfachheit halber «Le Conseil» genannt werden. Denn es dient dem Europäischen Rat. Das ist das Gremium der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union. Mindestens zweimal pro Halbjahr findet es sich zu einem Treffen ein. Bisheriger Sitz war das Justus-Lipsius-Gebäude, fertiggestellt 1995.
Es ist das erste Bauwerk der Gemeinschaft, das Brüssel mit dem Anflug einer Monumentalordnung seine Aufwartung macht; seiner Glasfassade sind mit poliertem Naturstein verblendete Pfeiler und Architrave vorgelagert. Das in die Blockstruktur des Quartiers integrierte Gebäude befindet sich bei der Einmündung der Rue de la Loi in den Rond Point Robert Schuman. Direkt gegenüber steht Le Berlaymont, daneben Le Charlemagne. Die drei Gebäude bilden den Kern des EU-Regierungsviertels, die Rue de la Loi, die jenseits des Kreisels in die Zentralachse von Brüssels Jubel-Park übergeht, hat sich zum Boulevard der EU-Institutionen entwickelt. (Der Park erinnert an strikt belgischen Jubel und wurde 1880 anlässlich des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit des im europäischen Vergleich jungen Königreiches angelegt).
Le Conseil trägt der Tatsache Rechnung, dass das Justus- Lipsius-Gebäude vor der EU-Erweiterung von 2004 geplant und realisiert wurde. Dem Rat erwuchs dadurch Platznot. Die Regierung Belgiens reagierte auf diesen Missstand, indem sie ihm den Block A des riesigen Wohnkomplexes Résidence Palace anbot. Er steht direkt neben dem Justus-Lipsius-Gebäude bei der Rue de la Loi. Die Résidence Palace wurde in den 1920er-Jahren nach Plänen des aus der Schweiz herbeigeholten ETH-Absolventen Michel Polak realisiert; ein Investor hatte erkannt, dass die Bevölkerungsschichten, die bisher in Stadtresidenzen wohnten, reif waren für Luxus-Appartements. Der riesige, opulente Neo-Renaissance-/Art-déco-Komplex gehört zur Geschichte Brüssels und gilt als erhaltenswert – wobei ein Teil von ihm dem Justus-Lipsius-Gebäude zu weichen hatte. Auch wenn nach dem Zweiten Weltkrieg Büros belgischer Ministerialbehörden einzogen, sieht das deutsche Online-Publikationsorgan BauNetz das Denkmal unter dem nun realisierten «demokratischen Überbau» für den Europäischen Rat als Zeugnis eines «dunklen Kapitels der belgischen Geschichte»: der Ausbeutung der Kolonie im Kongo. Erst diese habe den Reichtum der Bewohnerinnen und Bewohner hervorgebracht. Wenn das einer verbrüsselten Europa-Architektur keinen Vorschub leistet!
Wo sind wir hier?
Es wurde entschieden, dass Le Conseil die vierteljährlichen Sitzungen des Europäischen Rates und die vierzehntäglichen des Rats der Europäischen Union (auch bekannt als Ministerrat) beherbergen soll neben anderen wichtigen Konferenzen, dem Büro des Ratspräsidenten, dem Generalpräsidenten des Ministerrates, der Delegierten der Mitgliedsländern und der Mitglieder der Presse. 25 Entwurf-Teams beteiligten sich am 2004 ausgeschriebenen Architektur-Wettbewerb. Der Entwurf des belgischen Büros Philippe Samyn and Partners mit Studio Valle Progettazioni und Buro Happold gingen im folgenden Jahr als Sieger hervor.
Das 2016 fertiggestellte Projekt füllt den sich zur der Rue de la Loi und zum Justus-Lipsius-Gebäude hin öffnenden Winkel des Bestandsbaus und verdichtet die Parzelle zu einem geschlossenen Block, über dem ein leichtes Dach schwebt. Die Ergänzung besteht im Wesentlichen aus einer Doppelfassade und einem frei stehenden, vasenförmigen Einbau, der sich vom Untergrund bis ins zwölfte Geschoss des geringfügig aufgestockten Bestandsbaus erhebt. Die äussere Schicht der Doppelfassade ist mit einem «harmonisierten Patchwork alter gebrauchter Eichenfenster aus verschiedenen europäischen Länder», wie es die Architekten beschreiben, bedeutungsschwanger. Die Symbolik ergibt sich nicht aus der europäischen Geistesgeschichte, sondern aus einer individuellen Idee. Deshalb lässt sie sich frei interpretieren. Unübersehbar setzt sie den Drang zur Kleinteiligkeit in der EU-Architektur fort. Man kann sie als Mahnmal sehen, das an die Brüchigkeit des politischen Konstrukts erinnert. Deshalb wird es interessant sein zu erfahren, wie sich diese Hülle über die Jahre entwickelt und bewährt.
Hinter dem kleinteiligen Fenster-Schleier steht der Vasenkörper, der nachts bestrahlt wird und dann an ein gigantisches Ei erinnert – Monumentalität in der Vitrine. Gebrütet wird in der Grossskulptur auf neun Geschossen. Der Vergleich mit einem Inkubator ist angemessen; der Körper wirkt introvertiert, üppige Materialien sowie ein erlesenes Farb- und Kunstlichtkonzept sorgen unabhängig von Wetter und Jahreszeit für ein konstantes Ambiente. Und Brüssel ist weit, weit weg.