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Red.: Der Artikel entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Journalisten und Dokumentarfilmer Frank Garbely sowie dem selbstständigen Geografen und Altlastenexperten Martin Forter, der auch als Geschäftsführer der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz amtet.
Hier finden Sie den Hauptartikel.
Professor Daniel Hunkeler erwähnte Benzidin mit keinem Wort, trotzdem muss sein Bericht für die kantonale Dienstelle Umwelt Wallis (DUW) ein ziemlicher Schock gewesen sein. Auch für die Lonza, aber die wusste bereits Bescheid: Die Deponie war wieder undicht und damit wiederum eine riesige Bedrohung für das Grundwasser in der Umgebung. Die Analyseergebnisse von 2008/2009 zeigten das unmissverständlich.
In seiner Auswertung dieser Messergebnisse (siehe Hauptartikel) führte Professor Hunkeler «zusätzlich zu den bereits bekannten Stoffen» wenigstens ein halbes Dutzend weitere Schadstoffe auf, die das Grundwasser verschmutzten. Doch die waren nicht neu, sondern weitgehend identisch mit jenen, die der Hydrologe René Monod bereits Ende der 70er Jahre nachgewiesen hatte.
Zur Erinnerung: Monod hatte damals «eine schwerwiegende und massive Verschmutzung des Grundwassers in der Rottenebene» gefunden (1). Die Walliser Umweltschutzbehörden mussten in der Folge die Deponie Gamsenried zum Sanierungsfall erklären.
Deponie mit gigantischen Ausmassen
Die Sanierung erschien den damaligen Technikern als schier unlösbare Aufgabe. Grund: Die gigantischen Ausmasse der Deponie. Auf 200’000 m2 – eine Fläche so gross wie 20 Fussballfelder – liegen 1,5 Millionen Kubikmeter Industrie- und Chemiemüll, der sich streckenweise 17 Meter hoch türmt.
Zehn Jahre brauchte die Lonza, um ein Sanierungsprojekt für die kaputte Deponie zu präsentieren: eine sogenannte Grundwasserbarriere, die verhindern soll, dass verschmutztes Grundwasser in die Rotten-Ebene fliesst.
Die Lonza installierte rund ein Dutzend Pumpstationen, um a) die Strömung des Grundwassers unter der Deponie umzukehren und b) das verschmutzte Grundwasser am Deponierand abzusaugen. Danach wurde das Dreckwasser in den Lonza-Werken und der Kläranlage von Visp chemisch-biologisch behandelt und schliesslich in den Rotten geleitet.
Der Versuch, mit Barrieren Chemiemülldeponien von der Umwelt abzuschotten, war damals üblich. Ähnliches versuchte zum Beispiel die Basler chemische und pharmazeutische Industrie bei der Deponie in Bonfol (JU) – und scheiterte. Auch in Kölliken (AG) standen zuerst Barrieren zur Diskussion, wurden aber schliesslich aufgrund schlechter Erfahrungen verworfen.
Umweltschutzorganisationen sagten Scheitern voraus
Am 1. Dezember 1990 nahm die Lonza die Grundwasserbarrieren in Betrieb. Lonza und Umweltbehörden waren überzeugt, von nun an stellt die Deponie Gamsenried keine Bedrohung mehr für das Grundwasser dar. Nur die Oberwalliser Umweltschutzorganisationen trauten der Sache nicht. Gestützt auf ein Gutachten von Marcos Buser, ein erfahrener Experte im Bereich Entsorgung chemotoxischer Sonderabfälle, sagten sie ein Scheitern der Sanierung voraus.
Gutachter Buser sollte mit seiner Prognose recht behalten. Der Bericht Hunkeler und vor allem die Messergebnisse der CIMO von 2008 signalisierten, dass die bisherigen Sanierungsmassnahmen nicht ausreichten. Alles Grundwasser zu fassen und abzupumpen erweist sich meist als unmöglich. Das Grundwasser sucht seine eigenen Wege. Das zeigte sich auch im Wallis. Dass die Grundwasser-Barrieren bei der Deponie Gamsenried nicht funktionierten, darauf gab es bereits 2005 und 2006 erste Hinweise. Gemäss einem internen Dokument der Walliser Umweltbehörde hatten Grundwasseranalysen damals schon gezeigt, «dass sich weiterhin Schadstoffe aus der Deponie im Abstrom ausbreiten».
Grundwasserbarrieren waren ein Misserfolg
Diese Hinweise waren der unmittelbare Anlass, warum die CIMO im Jahre 2008 mit Messungen beauftragt wurde. Diese Messungen sollten klären, ob die Deponie Gamsenried tatsächlich wieder undicht war und das Grundwasser kontaminierte.
Der Lonza und der Walliser Umweltbehörde fiel es offensichtlich schwer, den Misserfolg mit den Grundwasserbarrieren einzugestehen. Erst am 24. August 2011 stufte die kantonale Umweltbehörde DUW die Deponie Gamsenried erneut als «verschmutzter, sanierungsbedürftiger Standort» ein – fast drei Jahre nach den CIMO-Messungen und rund 1 ½ Jahre nach dem Hunkeler-Bericht.
Da mehrere Schadstoffe die gesetzlich zugelassene Konzentration im Grundwasser «massiv überschritten», erklärte die Walliser Umweltbehörde DUW Gamsenried sogar zum dringlichen Sanierungsfall und verlangte von der Lonza ein «umfassendes Sanierungsprojekt für das ganze Areal der alten Deponie».
Vier Jahre später, im April 2015, kam Quecksilber hinzu. Auch dieses gefährliche Schwermetall verschmutzte das Grundwasser. «Die Beeinträchtigung des Grundwassers durch Schadstoffe, die aus der Deponie stammen, betrifft infolgedessen auch Quecksilber», stellte die DUW fest. Deshalb stufte sie am 12. Dezember 2015 die Deponie «auch in Bezug auf Quecksilber als sanierungsbedürftig ein».
Überhöhte Konzentrationen zahlreicher Substanzen
2018, weitere drei Jahre später, wurde auch das hochgefährliche Benzidin erneut festgestellt, – diesmal im Grundwasser unterhalb der Deponie, bis zum Werksareal der Lonza in Visp (2). Neben Benzidin wurden ebenfalls überhöhte Konzentrationen zahlreicher anderer Substanzen gemessen, die teils ebenso Krebs auslösen können wie zum Beispiel Anilin, Arsen, Benzol, o/p-Toluidin… Darum stufte die DUW die Deponie jetzt auch in Bezug auf Benzidin und diese anderen Schadstoffe als «sanierungsbedürftig» ein, wie dies die Walliser Umweltbehörde DUW der Lonza am 29. Mai 2018 mitteilte.
Noch immer ist nicht entschieden, wann und wie die Lonza die kaputte Deponie sanieren wird. Bis es so weit ist, spült sie nach wie vor Schadstoffe ins Grundwasser und in die Rotten-Ebene.
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Quellen:
- René Monod, Centre d’hydrologie souterraine: Dépôt des résidus chimiques de la Lonza, Bulle 1979.
- Pressemitteilung der Dienststelle Umwelt Wallis (DUW) vom 12. Oktober 2018.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Der Artikel entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Journalisten und Dokumentarfilmer Frank Garbely sowie dem selbstständigen Geografen und Altlastenexperten Martin Forter, der auch als Geschäftsführer der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz amtet.