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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch VI.
9.
So muß man auch Simon den Magier beurteilen, den man eher mit dem Libyer vergleichen kann als mit einem wirklichen Gott1, der Mensch geworden ist. Wenn der Vergleich stimmt und wenn der Magier ein ähnliches Leiden durchgemacht hat wie Apsethos, so werden wir daran gehen, die Papageien des Simon umlernen zu lassen, daß Simon nicht Christus war, der steht, gestanden hat, stehen wird, sondern daß er ein Mensch war aus Samen, Frucht eines Weibes, vom Geblüte und von fleischlicher Begierde wie die übrigen gezeugt; daß sich dies so verhält, werden wir im Verlauf der Erzählung leicht erweisen. Simon deutet das Gesetz Mosis sinnlos und böswillig um: Wenn Moses sagt, daß „Gott ein verbrennendes und verzehrendes Feuer ist“2, so behauptet Simon unter falscher Übernahme des Wortes des Moses, Feuer sei das Prinzip des Alls, und bedenkt dabei nicht, daß von Gott nicht gesagt ist, er sei Feuer, sondern ein verbrennendes und verzehrendes Feuer, und zerreißt so nicht nur das Gesetz des Moses selbst, sondern holt auch noch den dunklen Heraklitus zu sich herüber. Simon sagt weiter, das Prinzip des Alls sei eine unendliche Kraft, mit folgenden Worten: „Dies ist das Buch der Offenbarung der Stimme und des Namens aus der Erkenntnis der großen unendlichen Kraft. Deswegen wird es versiegelt, verborgen, verhüllt werden und in dem Raume liegen, wo die Wurzel des Alls sich gründet.“ Er sagt, der Raum sei dieser Mensch, aus Geblüt erzeugt, und in ihm wohne die unendliche Kraft, die die Wurzel des Alls ist. Diese unendliche Kraft ist das Feuer; nach Simon ist es nicht etwas Einfaches; die meisten anderen, die behaupten, die vier Elemente seien einfach, sind auch der Ansicht, [S. 146] das Feuer sei einfach; er aber meint, das Feuer habe gewissermaßen eine zweifache Natur, und einen Teil dieser Doppelnatur nennt er den verborgenen, den anderen den in Erscheinung tretenden; das Verborgene sei in dem, was am Feuer in Erscheinung tritt, verborgen, und das in Erscheinung Tretende des Feuers stamme aus dem Verborgenen. Es ist das, was Aristoteles Kraft (Potenz) und Wirkung (Aktualität) nennt, oder Plato das Erkennbare und das Fühlbare. Das, was vom Feuer in Erscheinung tritt, schließt alles in sich, was immer einer an sichtbaren Dingen wahrnimmt oder vielleicht übersieht; das Verborgene schließt alles in sich, was einer als geistig erkennbar und sich der sinnlichen Wahrnehmung entziehend wahrnimmt oder was er, ohne es wahrzunehmen, übersieht. Abschließend kann man sagen: Die Schatzkammer für alles Bestehende, sinnlich oder geistig Wahrnehmbare, das Simon verborgen oder in Erscheinung tretend nennt, ist das überhimmlische Feuer; es ist gleich dem großen Baum, den Nabuchodonosor im Traum geschaut3 , von dem alles Fleisch ernährt wird. Simon glaubt, das, was am Feuer in Erscheinung tritt, sei der Stamm, die Äste, die Blätter und die ihn umgebende Rinde. All diese Bestandteile des großen Baumes werden von der alles verzehrenden Flamme des Feuers vernichtet. Die Frucht des Baumes aber wird, wenn sie ausgeprägt worden ist und ihre Gestalt erhalten hat, in den Speicher gelegt, nicht ins Feuer. Es entsteht nämlich die Frucht, damit sie in den Speicher gelegt werde, die Spreu aber, um dem Feuer übergeben zu werden4, und das ist der Stamm, der nicht um seiner selbst willen, sondern um der Frucht willen entstanden ist.
1: Miller.
2: Deut. 4, 24; 9, 3; Exod. 24, 17.
3: Dan. 4, 7— 9.
4: Matth. 3, 12; Luk. 3, 17.