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Die Quantenmechanik wird zunehmend zu einem Alltagsgut: Da gibt es zum Beispiel das neulich bekannt gewordene und wahrscheinlich irgendwann wirtschaftlich nutzbare Teleportations-Experiment mit einem Quantennetzwerk auf dem Qinghai-See in Tibet, mit dem nachgewiesen werden konnte, dass ein bestimmter Quanteneffekt zu einer absolut sicheren Übertragungsmethode von Informationen führt:
Zwei gekoppelte Quanten können auch über grosse Distanz praktisch ohne zeitliche Verzögerung teleportiert werden. Dabei „spürt“ ein Teilchen sofort, wenn sein gekoppelter (aber weit entfernter) Partner einer Manipulation unterzogen wird. So ist es unmöglich, Information auszuspionieren, ohne dass dies unverzüglich entdeckt wird. Wenn dieses und weitere Experimente dazu führen, dass Quantenmechanik tatsächlich wirtschaftlich genutzt werden kann, freut das sicher verschiedene Industriezweige sowie Geheimdienste, die Diplomatie und das Militär.
Noch viel direkter in das Alltagsdenken greifen aber heute all jene pseudowissenschaftlichen Behauptungen, nach denen Quanteneffekte unsere Psyche durch Bewusstseinsarbeit beeinflussen sollen.
Und es tönt, als ob jetzt die Quantenmechanik dafür herhalten muss, um zahlreiche spirituelle bis esoterische Theorien "wissenschaftlich" zu untermauern (ich denke da z.B. an Phänomene, die
mit Gedankenübertragung über grosse Distanzen zu tun haben).
Auch das von Rupert Sheldrake postulierte "morphogenetische Feld" wird damit auch in Zusammenhang gebracht - genauso, wie das sogenannte "Gesetz der Anziehung" oder "Law of Attraction", das vor einiger Zeit über den Film "The Secret" und über zugehörige Publikationen bekannt geworden ist. Gemäss dieser Theorie sollen sogenannte "Wünsche an das Universum" über eine Art "Feld" wirken (und erfüllt werden), das mit Quantenmechanik in Zusammenhang gebracht wird. Die Fantasie geht dann sogar so weit, dass mit dem "Gesetz der Anziehung" wegen der Quantenmechanik jeder sein Leben nach seinen Wünschen und Vorstellungen gestalten könne.
Und dann gibt es seit geraumer Zeit auch die sog. Quantenheilung, wie sie in letzter Zeit in der Schweiz z.B. durch eine grossangelegte Kampagne namens "Matrix Life" angepriesen wurde. In der Eigenwerbung von "Matrix Life" heisst es: "In dem sich der Mensch der Wahrnehmung bewusst wird, baut sich ein kohärentes (=gleichmässig schwingendes) Feld auf. Dieses kohärente Feld wird als Nullpunktfeld bezeichnet und verändert die umliegenden inkohärenten Felder durch das Bewusstsein." Ich war per Zufall vor kurzem an einer Veranstaltung im Volkshaus und sah im benachbarten Saal mit Erstaunen den regen Zulauf, den eine Informationsveranstaltung zu "Matrix Life" erhielte.
Und nun das: es wird doch tatsächlich erforscht, wie in Zukunft auch Quantensex möglich sein wird. Stellen Sie sich vor: über das Quantenfeld sind gleichzeitige und synchrone sexuelle Empfindungen bei geografisch weit entfernten Partnern möglich, ohne dass dabei irgend eines der bekannten Kommunikationsmittel beigezogen werden muss (etwa Handy, Video-Kommunikation, Cybersex-Anzug mit sensomotorischer Apparatur oder was auch immer). Quantensex - das ist die Zukunft: keine sexuell übertragbaren Krankheiten mehr, keine Virenübertragung beim Küssen, keine unausgesprochenen und unerfüllten Wünsche, kein Ausziehen, keine Einstimmung, kein "weiss ich was alles" usw. Vielmehr macht es Quantensex möglich, auch über riesige Distanzen unmittelbar und voll eine gemeinsame erfüllte Vereinigung zu erleben. Dies danke den gekoppelten Quanten, die bei beiden unmittelbar dasselbe Erlebnis ermöglichen. Unglaublich, nicht?
Und was bringt uns die weitere Zukunft mit der Quantenwelt? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt ;-)
Wer sich durch diese Glosse in seinen spirituellen Gefühlen verletzt fühlt, der möge mir verzeihen. Ich stehe zu meiner Meinung, achte aber sehr wohl entgegenlautende Meinungen, sofern sie nicht in eine lebensfeindliche Richtung führen. Ich habe ein grosses Verständnis dafür, dass wir Menschen immer wieder zu Theorien greifen, die uns helfen, durch ein Leben zu gehen, das immer wieder durch Unvorhersehbarkeiten, unverständliche Wirkungen, nicht bewältigbare Komplexitäten, Schicksalsschläge, unfassbare innere und äussere Bedrohungen usw. geprägt ist. Und tatsächlich ist das, was wir bewusst wahrnehmen, gedanklich verarbeiten und mit Absicht handeln, nur ein äusserst geringer Teil dessen, was in und zwischen uns Menschen geschieht. Ebenso wird es mit grosser Wahrscheinlichkeit immer ein Rätsel bleiben, wie in uns bewusstes Wahrnehmen, Denken und Handeln entsteht und wirkt.
Vieles, was in und zwischen uns wirkt, ist und bleibt wohl für immer unerkannt. Auch die durchdachtesten systemischen Ansätze können nur einen Bruchteil dieser Funktionen und Wirkungen wahrnehmbar machen. Weil wir Menschen diese unsichtbar entstehenden Wirkungen nicht erklären und greifbar machen können, ziehen es viele vor, dafür selbst die waghalsigsten Erklärungen und Theorien herbeizuziehen, wenn sie uns nur glauben machen, wir könnten damit verstehen, was schlicht nicht verstehbar ist (und bleibt). Dieses Unverstehbare, das auf einer schier unfassbaren dicht- und hochvernetzten Komplexität in und zwischen uns basiert, löst in mir grösste Hochachtung und Demut aus. Deshalb habe ich auch das im vorherigen Abschnitt erwähnte grosse Verständnis für viele Erklärungsversuche. Trotzdem sei mir erlaubt, für einmal in einer Glosse ein theoretisches Konstrukt ad absurdum zu führen.