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Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden
Die Zivilstandslandschaft in Zürich
Im weissen Kleid den Gang zum Altar zu beschreiten, war lange Zeit der Traum vieler Frauen. Heiraten und eine Familie zu gründen standen hoch im Kurs. Das ist aber nicht mehr so: Neueste Erhebungen der Statistik Stadt Zürich zeigen, dass Erwachsene im heiratsfähigen Alter seltener heiraten, während Scheidungen zunehmen — auch im Rest der Schweiz zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Diese Entwicklung spiegelt sich insbesondere bei Frauen wider. Sie fokussieren sich heutzutage erst auf ihre Karriere und sind dementsprechend länger ledig.
Heiraten – ein religiöser Akt?
Schlossen 1990 noch rund 46.000 Personen den Bund der Ehe in der Schweiz, waren es 2016 nur 42.000; trotz stetig wachsender Bevölkerungszahlen. Menschen aus Ländern mit vorwiegend römisch-katholischer Konfessionszugehörigkeit wie Portugal und Spanien sowie der muslimisch geprägten Türkei sind eher verheiratet. Dass Individuen aus diesen Ländern häufiger verheiratet sind, kann folgende Gründe haben: Zum einen stammen diese Personen aus Staaten in denen der Religion ein hoher Stellenwert zukommt. Andererseits ist in Ländern wie dem weithin buddhistischen Indien und dem grösstenteils hinduistisch geprägten Sri Lanka, die vergleichsweise stark präsent unter den Verheirateten sind, die arrangierte Ehe auch heutzutage noch verbreitet. So werden laut Recherchen der ZEIT 80 bis 90 Prozent der Ehen innerhalb der tamilischen Gemeinschaft in der Schweiz von den Eltern in die Wege geleitet. Der Anteil an Verheirateten bei den indischstämmigen Mitbürgern betrug 2016 ganze 70,6 Prozentpunkte, bei den aus Sri-Lanka stammenden Personen waren 82,6 Prozentpunkte verheiratet. Unter den hierzulande Geborenen belief sich der Anteil Verheirateter auf 31,1 Prozentpunkte.
Getrennte Wege
Religiös homogene Länder weisen niedrigere Scheidungsraten auf. Bei Angehörigen des katholischen Glaubens ist das auf die fehlende Legitimation der Scheidung durch Gott zurückzuführen, so heisst es im Neuen Testament der Bibel: «Den Verheirateten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, dass eine Frau sich nicht vom Mann scheiden lassen soll.» (1. Korinther 7,10) Zudem gibt es in den ohnehin religiös heterogenen Staaten mit weniger Verheirateten und auch hierzulande eine steigende Tendenz der Konfessionslosigkeit (23 Prozent). Der Anteil Konfessionsloser in der Stadt Zürich übersteigt diesen Wert mit 33,5 Prozent sogar. Die Zahl der Geschiedenen erhöht sich ebenso Jahr für Jahr und summierte sich 2016 auf 17.000 schweizweit.
Eingetragene Partnerschaft als Alternativmodell zur Ehe
2007 trat nach einer vorhergehenden Volksabstimmung das sogenannte Partnerschaftsgesetz in der Schweiz in Kraft, was gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit der staatlichen Anerkennung ihrer Beziehung bietet. Diese Chance nehmen homosexuelle Liierte wahr, wenn auch im kleinen Rahmen. Überraschenderweise zeigt sich, dass sich das Gesetz vor allem bei Mitbürgern, die aus Brasilien, einem überwiegend römisch-katholischen Land, stammen, Beliebtheit erfreute. Im Jahr des Inkrafttretens nahmen 62 Personen, was 2,5 Prozentpunkten entspricht, die staatliche Anerkennung ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung wahr; Tendenz steigend. In Brasilien selbst sind gleichgeschlechtliche Ehen bundesweit erst seit 2013 von Rechts wegen möglich. Bei den Einheimischen gab es 2007 mit 409 eingetragenen Partnerschaften zwar vergleichsweise mehr, die vom neuen Gesetz profitierten. Der Anteil beträgt dabei jedoch nur 0,2 Prozentpunkte.
Erst Karriere, dann Familie
Das Leben ist schnelllebiger geworden. Die «heute hier, morgen dort»-Mentalität ist in vielen Köpfen verwurzelt. Für den neuen Job in eine andere Stadt oder gar in ein anderes Land zu ziehen, ist heute keine Seltenheit mehr, um die Karriereleiter immer höher zu klettern. Dieses Denken geht zu Lasten der eigenen Beziehung. Familienplanung und Sesshaftwerden müssen dabei hintenanstehen. Auch sind Frauen weitaus emanzipierter als noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts, als es nach wie vor üblich war, dass die Frau sich um Haus und Kinder sorgte, der Mann arbeiten ging und das Geld verdiente. Der Anteil lediger Damen ist umso höher, je jünger sie sind. Betrug der Anteil Lediger in der Altersgruppe der 20- bis 24-jährigen Frauen im Jahr 1993 noch 79,77 Prozentpunkte, stieg er 2016 auf 93,01 Prozentpunkte. Trotz eines geringeren Anteils Lediger bei den 30- bis 34-Jährigen, verzeichnete diese Altersklasse beim weiblichen Geschlecht über die Zeit den markantesten Anstieg, nämlich um 24,21 Prozentpunkte. Denn Frauen können nun studieren, arbeiten, hohe Positionen im Berufsleben besetzen, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und unabhängig von Männern ihr Leben gestalten; kurz gesagt: sich karrieretechnisch entfalten. Zudem gibt es eine deutlich stärkere Zunahme als bei den gleichaltrigen Herren. 1993 waren bereits 91,29 Prozentpunkte der 20- bis 24-Jährigen ledig, was sich auf 97,49 Prozentpunkte im Jahr 2016 steigerte.
Höherer Anteil lediger Männer im Alter
Bei den Ledigen ab 50 ändern sich die Konstellationen. In diesem Alter beginnt das Verhältnis sich leicht umzukehren, sodass Männer über die Zeit betrachtet einen stärker steigenden Anteil Lediger aufweisen als Frauen derselben Altersgruppen. Zwar übersteigen die Anteile lediger Damen ab 50 die der ledigen Herren im Jahr 1993, was sich jedoch bis 2016 wieder ins Gegenteil verkehrt. In der Altersklasse der 50- bis 54-Jährigen erhöht sich der Anteil lediger Männer von 1993 bis 2016 um 12,46 Prozentpunkte, während der Anstieg bei den Frauen im selben Zeitraum 7,56 Prozentpunkte beträgt. Auch in den höheren Altersklassen lässt sich diese Zunahme beobachten. Es gibt verhältnismässig ansteigend mehr Ledige, wohingegen der Anteil Verheirateter gleichzeitig sinkt.
Gesellschaftlicher Wandel
Heutzutage heiraten Paare später und bis auf wenige Ausnahmen seltener als früher; sei es aus Gründen der Überzeugung oder der Konfessionslosigkeit wegen. Aufgrund des gesellschaftlichen Wandels und der weit fortgeschrittenen Emanzipation der Frau, ergreift das vormals «schwache Geschlecht» seine Chancen und macht Karriere bevor sie sich um Familienplanung und Ähnliches kümmern. Frauen bleiben heutzutage folglich länger ledig und binden sich erst spät. Ob der Trend der steigenden Scheidungsraten respektive rückgängigen Heiratsraten von Dauer ist und wie sich die Zivilstandslandschaft in Zukunft verändert, wird die Zeit zeigen.
Informationen zum Blogbeitrag:
Autorin: Lisa Horrer (<email-pii>)
Matrikelnummer: 17-726-126
Seminar: Politischer Datenjournalismus, Herbstsemester 2017
Dozierende: Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Alexandra Kohler, Dr. Bruno Wüest
Abgabedatum: 17.12.2017
Wortzahl: 813, exklusive Lead
Daten:
Im Rahmen des Kurses «Politischer Datenjournalismus» am Politischen Institut der Universität Zürich stellte die Statistik Stadt Zürich Datensätze zur Verfügung. Der hier verwendete Datensatz deckt die Jahre 1993 bis 2016 ab. Die Erhebung beinhaltet Daten zu den 20 am stärksten vertretenen Geburtsländern unter den Befragten, alle übrigen Nationen wurden unter den jeweiligen Kontinenten zusammengefasst.
Da im vorliegenden Beitrag die verschiedenen Zivilstände betrachtet werden sollten, wurden beim ersten Plot alle Altersgruppen bis zum 20. Lebensjahr herausgefiltert. Die Analyse bezieht sich jedoch nur auf Herkunftsländern mit mindestens 400 Observationen pro Jahr, um aussagekräftige Informationen liefern zu können. Des Weiteren wurden einzelne Länder mit ähnlicher geografischer Lage oder in denen bestimmte Konfessionen vorherrschend sind, exemplarisch ausgewählt.
Obwohl die jeweiligen Daten für die Altersgruppen von 0 bis einschliesslich 100 und älter vorhanden waren, wurden beim zweiten Plot lediglich die 20- bis 64-Jährigen betrachtet, da für diese Analyse Berufstätige von besonderem Interesse waren. Innerhalb dieser Altersklassen ist davon auszugehen, dass der Grossteil einer Arbeit nachgeht.
Die stark abweichenden Ergebnisse in den einzelnen Plots in den Jahren 2001 und 2006 sind auf viele «Unzuteilbare» zurückzuführen, was laut der Fachspezialistin Datenmanagement der Statistik Stadt Zürich, durch die fehlenden Geburtsländer bedingt ist und wurden daher nicht näher beleuchtet.
Quellen:
Bundesamt für Statistik (2017): Heiraten nach Zivilstand, Staatsangehörigkeit und Konfession, 1960-2016. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/heiraten-eingetragene-partnerschaften-scheidungen/heiratshaeufigkeit.assetdetail.2901723.html, Stand: 12.12.2017
Bundesamt für Statistik (2017): Religionen. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/sprachen-religionen/religionen.html, Stand: 12.12.2017
Bundesamt für Statistik (2017): Scheidungen nach Kanton, 1970-2016. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/heiraten-eingetragene-partnerschaften-scheidungen/scheidungshaeufigkeit.assetdetail.2902111.html, Stand: 12.12.2017
Der Bundesrat (2005): Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20022194/index.html, Stand: 01.07.2013
DIE ZEIT (2010): Liebe ist Kopfsache. http://www.zeit.de/2010/32/CH-Tamilenhochzeit/komplettansicht, Stand: 12.12.2017
Schweizerische Bundeskanzlei (2017): Volksabstimmung vom 05.06.2005. https://www.admin.ch/ch/d/pore/va/20050605/index.html, Stand: 12.12.2017
Stadt Zürich Präsidialdepartement: Religion. https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/statistik/themen/bevoelkerung/religion/religion.html, Stand: 12.12.2017
Weltbank (2017): Population total, Switzerland. https://data.worldbank.org/indicator/SP.POP.TOTL?locations=CH, Stand: 12.12.2017
Bildquelle:
Depositphotos, Urheberrecht: jutar (Yulia Tarasova), Datei-ID: 73296955, Man making proposal with the ring to his girlfriend. www.depositphotos.com, Stand 15.12.2017