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Ich bin der einzige weibliche Gast in Ihrer Bar. Ist das ein Zufall, oder trauen sich die Frauen nicht her?
Es kommen nicht viele. Für mich persönlich ist das schade, aber für uns Männer wohl ein Glück, dann ist zu Hause wenigstens eine nüchtern. Wenn beide trinken, hat man ein Problem. Im Ernst: Es ändert sich langsam. Einige Frauen trinken hier morgens Kaffee, aber sie gehen nie mit ihren Männern gemeinsam Bier trinken. Wir sardische Männer sind eifersüchtig. Wenn ich meine Frau betrunken in der Öffentlichkeit sähe, würde ich mich wie ein Versager fühlen.
Wie lange gibt es Ihre Bar schon?
Mein Vater hat sie 1970 übernommen. Damals tat sich hier sehr viel, es war eine kleine industrielle Revolution im Gang. In Arbatax wurde eine Papierfabrik gebaut, der Hafen in Tortolì vergrössert… Mein Vater hat für die Bar damals 500000 Lire bezahlt, vier Jahre später war sie zehn Millionen wert.
Das heisst, Sie sind jetzt reich?
Schön wär’s! Früher sassen die Leute von fünf bis neun Uhr abends in der Bar und haben getrunken. Es war schwierig, jemanden auf der Strasse anzutreffen, der nüchtern war. Heute fahren die Leute für das Geld lieber in die Ferien. Wir kommen über die Runden, aber einen Angestellten kann ich mir nicht leisten. Heute werde ich mindestens bis Mitternacht arbeiten. Für die Arbeit in der Bar muss man eigentlich Single sein. Ich aber habe drei kleine Kinder.
Was schenken Sie aus?
Hauptsächlich Bier, etwa 250 Gläser am Tag. Dazu kommt der eine oder andere Grappa, ausserdem Wasser, Eistee und Kaffee. Früher hat man hier nur Alkohol, vor allem Hochprozentiges, getrunken. Kaffee war als Bargetränk noch nicht so bekannt, man trank ihn zu Hause, gemahlen aus den gerösteten Früchten des Leccio, der Steineiche. Unsere Bar war die erste in der Gegend, die 1976 eine Kaffeemaschine eingebaut bekam.
Und worüber unterhalten Sie sich mit Ihren Gästen?
Zuletzt wurde viel über die Brücke in Genua gesprochen, über Migranten, die Krise. Sorge bereitet uns die Arbeitslosigkeit. Fabriken gibt es kaum noch, und wir sind unzufrieden, wie der Tourismus gehandhabt wird. Es wurden riesige Hotels gebaut, aber die Fähre nach Sardinien kostet bis zu 600 Euro. Dafür kann man in Tunesien komplett Urlaub machen!
Talana gehört zu einer Reihe von Dörfern auf Sardinien, in denen überdurchschnittlich viele Hundertjährige leben. Haben Sie Centenari unter Ihren Gästen?
Nein, aber ich habe so manchen Gast, der über 90 ist. Wir werden hier wohl alle ein wenig älter, weil vieles hausgemacht ist. Wir kaufen nicht in den grossen Supermärkten ein. Wir bauen eigenes Obst und Gemüse an, haben eigenes Fleisch, eigenen Wein. Und wir nehmen wenig Medikamente.
Was macht für Sie einen guten Barmann aus?
Du musst einfühlsam sein, um deine Gäste zu halten. Verlierst du in Talana fünf Kunden, bist du nach drei Tagen dreissig los, weil es sich herumspricht. Für die Gäste bist du der Psychologe. Sie erzählen dir so viel, dass du sie besser kennst als ihre eigenen Frauen. Irgendwann ist man der Freund von allen.