Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/2881

Die «Kritik der reinen Vernunft» ist das bedeutendste philosophische Werk deutscher Sprache. Sie hat das Selbstverständnis und die institutionelle Verfassung der Philosophie geprägt wie keine andere Schrift. Dass Philosophie heutzutage als eine Wissenschaft betrieben wird, die sich sowohl von den Einzelwissenschaften als auch von den belles lettres unterscheidet, haben wir Kant zu verdanken. Vor Kant umfasste sie ganz selbstverständlich die Naturwissenschaften und im englischsprachigen Raum heissen einige Physiklehrstühle noch immer «chair of natural philosophy». Nach Kant wird die Philosophie zu einem Fach, das entweder über oder unter den Einzelwissenschaften steht, aber weder sie umfasst noch in ihnen aufgeht. Lange galt sie als die Richterin, vor der sich alle anderen Fächer und Kulturbereiche zu verantworten hatten. In jüngster Zeit betrachten sie viele eher als eine Magd der Natur- oder Geisteswissenschaften, die deren begriffliche und methodologische Grundsatzprobleme behandelt. Beide Bilder gehen auf Kant zurück, und die von ihm initiierte Eigenständigkeit und Professionalisierung bestimmt die Philosophie noch immer.
Das 18. Jahrhundert wurde durch den Versuch der Aufklärung bestimmt, alle menschlichen Angelegenheiten nach den Gesichtspunkten der Vernunft neu zu beurteilen und einzurichten, statt sich religiösen Dogmen und weltlichen Autoritäten anzuvertrauen. Kants «Kritik der reinen Vernunft» widmet sich der Aufgabe, die Vernunft selbst auf ihre Tauglichkeit für dieses heroische Unterfangen zu überprüfen. Sie ist eine Kritik nicht im Sinne einer Ablehnung, sondern im Sinne der Überprüfung eines menschlichen Erkenntnisvermögens, die dessen Reichweite und Grenzen auslotet. Die Vernunft ist dabei sowohl Gegenstand als auch Subjekt der Prüfung, da es keine ihr übergeordnete Erkenntnisinstanz geben kann.
Dabei handelt es sich um die reine Vernunft, weil es Kant in erster Linie um die Möglichkeit einer von der Erfahrung unabhängigen Erkenntnis geht. Im Gegensatz zu Locke und aufgrund der triumphalen Erfolge der Newtonschen Mechanik hält er die Möglichkeit empirischer Erkenntnis für unproblematisch. Kants Gegner ist weder der Cartesianische Wahnwitzige, der an der Existenz materieller Gegenstände zweifelt, noch der Humesche Neurotiker, der sich nicht darauf verlassen will, dass auch morgen wieder die Sonne aufgehen wird. Es handelt sich vielmehr um den viel einsichtigeren Skeptiker, der an der Metaphysik zweifelt. Diese galt zwar seit Aristoteles als die Königin der Wissenschaften, auf die sich auch die Aufklärung letztlich berufen muss. Aber anstatt wie Mathematik und Naturwissenschaften auf allgemein anerkannte Erfolge verweisen zu können, ist sie nur ein «Kampfplatz» fruchtloser Streitigkeiten. Kant versucht der Metaphysik «den sicheren Gang einer Wissenschaft» zu weisen, indem er ihre Möglichkeit zunächst einmal «kritisch» überprüft.
Rechtfertigen ohne die Erfahrung
Metaphysische Erkenntnisse müssten, so zeigt Kant, sowohl a priori sein, d.h. von der Erfahrung unabhängig, als auch «synthetisch», d.h. Einsichten in die Wirklichkeit liefern und nicht, wie die analytischen Sätze nach der Art «Alle Junggesellen sind unverheiratet», nur die Verhältnisse zwischen Begriffen explizieren. Bereits Kants Unterscheidung zwischen apriorischen und empirischen (a posteriori) Erkenntnissen stellt einen Durchbruch dar. Er vermeidet damit nämlich Debatten wie die zwischen seinen empiristischen und rationalistischen Vorgängern, die sich heutzutage in der Auseinandersetzung nature versus nurture fortsetzen. Welche Rolle angeborene Strukturen beim Erwerb von Wissen spielen ist eine Frage für die empirische Psychologie. Für die Philosophie kommt es darauf an, dass wir bestimmte Urteile ohne Bezug auf Erfahrung rechtfertigen können. Obwohl ich mir ohne Unterweisung den Satz des Pythagoras nie angeeignet hätte, lässt sich dieser doch ohne Rückgriff auf Beobachtungen und Experimente «aus reiner Vernunft» beweisen.
Noch bahnbrechender ist Kants Einsicht, dass das von der Metaphysik beanspruchte synthetische Wissen a priori ein Rätsel aufgibt. Wenn die Erfahrung unser einziger Zugang zur Wirklichkeit ist – und jede andere Annahme scheint auf Spiritismus hinauszulaufen – wie kann ein Urteil dann sowohl inhaltlich etwas über die Welt aussagen als auch von der Erfahrung unabhängig sein? Der Versuch, die…