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Wurde V. bis Ende des 19. Jh. vorwiegend auf bäuerl. und dörfl. Gemeinschaften bezogen und von der höf. bzw. gehobenen bürgerl. Musik abgegrenzt, war sie zu Beginn des 21. Jh. eine populäre Stilrichtung mit einem regionalen, nationalen oder alpenländ. Image. Im engeren Sinn umfasst sie Lärmbräuche zur Winter-, Frühjahrs- und Osterzeit (Glocken- und Viehgeläute, Carillons, Ratschen und Klappern), instrumentales Solospiel (z.B. Alphorn, Hackbrett, Zither, Maultrommel, Handharmonika) sowie instrumentale Volks- und Tanzmusik und deren Ensembles in wechselnder Besetzung. Wie die Geschichte des Volkslieds wurde auch diejenige der V. und des populären Tanzes durch Einflüsse aus den Nachbarländern mitgeprägt. Ab dem 19. Jh. wurde die V. zunehmend als Ausdrucksmittel schweiz. Eigenart und uralter Traditionen empfunden und diente der nationalen Identitätsstiftung: Das Bild des freien, jodelnden und Alphorn blasenden Hirten (Alpen) wurde ins Repertoire der nationalen Selbstdarstellung aufgenommen, auch wenn sich diese Vorstellung als Mythos erwies.
Zu den ältesten Trägern der traditionellen V. in der Schweiz gehören die fahrenden Spielleute, Stadtpfeifer, Turmbläser sowie die Trommler und Pfeifer, zu deren Weisen in Friedenszeiten gelegentlich auch getanzt wurde. In Graubünden, an Landsgemeinden und im Wallis ertönen zuweilen Märsche, die auf die Söldnerzeit zurückgehen. Trummler und Pfyffer waren v.a. in den ital. Feldzügen des 16. Jh. und bei den in fremden Diensten stehenden Regimentern des 16. bis 18. Jh. beliebt. Auch der Dudelsack war einst ein Heeresinstrument, das um 1610 aus Frankreich in die Westschweiz gelangt war und Ende des 18. Jh. im Tessin als zampogna bezeugt ist. Frühe Darstellungen bestehen auch für die Schalmei und cornemuse, die zusammen mit der Drehleier, dem Dudelsack und der Einhandtrommel auf dem "Totentanz" (1516-19) des Niklaus Manuel zu sehen sind. Ab dem 16. Jh. dürften Schalmei und Hackbrett, später auch Violine und Hackbrett, eine erste Grundlage für die Appenzeller, Toggenburger und Walliser Streichmusik des 19. Jh. gebildet haben.
Vor 1700 handelte es sich bei den Tänzen meist um gesungene Reigen- und Kreistänze, etwa die branle simple oder die coraules in Freiburg. Für Chur sind um 1765 28 Tänze vom Typ der contredanse allemande belegt. Ab 1800 wurden diese Gruppentänze durch mod. Paartänze abgelöst, die sich v.a. von Paris aus über ganz Europa verbreiteten und ihre volkstüml. Ausprägung durch lokale Überlieferungstraditionen erlangten. Zu ihnen zählen die unterschiedlichsten Genres, so die geradtaktigen Tänze Schottisch, Polka, Rheinländer, Marsch und Galopp sowie die ungeradtaktigen Tänze Walzer, Ländler, Polonaise und Mazurka.
Neben der Streichmusik in der Besetzung von einer bis zwei Geigen, Hackbrett und Bass, die als Tafelmusik, beim Sennenball oder zum Tanz bei den Alpstubeten aufspielte (Feste), entwickelten sich neuere Formen der sog. Holzmusik. Dabei wurden die Geigen durch Holzblasinstrumente (Klarinetten, Schwegelpfeifen) ersetzt oder mit ihnen kombiniert. Das Aufkommen der ersten Blechblasinstrumente um 1820 führte zur Gründung versch. Blas- und Feldmusikvereinigungen (Musikvereine). Viele Dorfmusiken formierten sich je nach Anzahl der vorhandenen Blasinstrumente zur sog. Vierer-, Sechser- oder Neunermusig. Im Tessin wurde die Blasmusikkapelle als bandella (z.B. Klarinette, Trompete, Posaune, Baritonhorn, Flügelhorn und Tuba) bekannt und liess sich oft von einer grossen Trommel begleiten.
Historisch überlieferte Tanzmelodien sind die voèyerie im Jura, die rondes von Estavayer oder der Alewander (Appenzell, Innerschweiz, Graubünden). Bei Letzterem handelt es sich um einen geradtaktigen Tanz des 16. bis 18. Jh., der sich von dem dt. Tanz, der allemande, herleitet. Die in der Westschweiz übliche montferrine stammt vermutlich aus Norditalien und gelangte über Frankreich ins Rhonetal. Für das Maggiatal im 18. Jh. sind Tanzgeiger bezeugt, die zu einem Hasentanz (caccia-lepri) sowie zu einem Drescher- und Hirsetanz (balà l panigh) aufspielten. Zahlreiche der alten Tänze wurden von der Schweiz. Trachtenvereinigung wieder aufgegriffen. Zu den bekanntesten Figurentänzen zählen das appenzell. Buuchryberli (dem Stepptanz ähnlich), die Langüs im Wallis, die Langmus in Zug, die Berner Lüderepolka, der Emmentaler Mistträppeler (Mazurka) und der Innerschweizer Vögeli-Schottisch.
Autorin/Autor: Max Peter Baumann
Die V. des 20. Jh. zeichnet sich durch grosse Veränderungen in der 1. und einen Stillstand in der 2. Hälfte des Jahrhunderts aus. Gegen Ende des 19. Jh. hielt die Handorgel (Akkordeon und Schwyzerörgeli), die in der häusl. Laienmusik während Jahrzehnten verbreitet gewesen war, in den professionellen Tanzkapellen Einzug und verdrängte die Streicher und Blechbläser. Zu Beginn des 20. Jh. begann die ländl. Tanzmusik (Burämusigen), die neu als "Ländlermusik" bezeichnet wurde, sich auch in den Städten als Tanz- und Unterhaltungsmusik durchzusetzen. Durch Einflüsse des damals in den Städten ebenfalls populären Jazz entstand Ende der 1920er Jahre die neue Gattung des sog. Ländler-Fox. Gegen die Mitte des 20. Jh. setzte sich die Standardbesetzung mit einer bis zwei Klarinetten, einer bis zwei Handorgeln und Kontrabass durch, nicht zuletzt dank der Verbreitung durch das Radio, das diese technisch einfach zu produzierende Besetzung gern und oft ausstrahlte.
Die Gründung der ersten Jodlerklubs um die Wende zum 20. Jh. im Umfeld der Turnvereine und die Einführung des Jodelchorlieds (ein vierstimmiger Männerchorsatz mit Jodelrefrain) etablierten das Jodeln, das vorher als typ. Tiroler Spezialität bekannt war, als nationale Gesangskultur (Jodel). In den 1920er Jahren gelang es der Schweiz. Jodlervereinigung, das beinahe verschwundene Alphorn durch gezielte Förderung wieder populär zu machen.
Ab den 1950er Jahren beschränkten sich die Träger der V. darauf, ihre Musik möglichst unverändert weiterzupflegen, und wurden dabei vom Schweizer Fernsehen nach Kräften unterstützt. Weite Teile der Bevölkerung verloren in der Folge das Interesse an der V., weil sie diese als stereotyp empfanden. Daran änderte auch ein kurzes Revival durch die Folkbewegung der 1970er Jahre nichts. Hingegen erfreut sich seit den 1980er Jahren der volkstüml. Schlager, eine medial vermittelte Mischform von Schlagermelodien und volkstüml. Elementen, grosser Beliebtheit. Zu Beginn des 21. Jh. nahm das Interesse, ausgelöst durch den Boom der Worldmusic, an der einheim. V. wieder zu.
Autorin/Autor: Dieter Ringli