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Die Kinder wollen mich an die Weltmeisterschaft schicken. Am Donnerstag wars. Ich sagte irgendwas von «Ich geh jetzt dann an die WM …», weiss gar nicht mehr, womit ich grad bluffen wollte, mit einem wohlriechenden Apfelkuchen, vielleicht, oder dem frisch geölten Nussbaumtisch; jedenfalls hatte ich dazu mein Handy im Anschlag, weil ich noch eine Kurznachricht am Tippen war, was bei mir nie nur kurz geht. Ich also: «Ich geh jetzt dann an die WM …» Anna Luna und Hans, unisono: «… im langsam SMS-eln!»
Wie hätte ich ihnen böse sein wollen? Denn das Vorlaute haben sie vermutlich von mir. Und damit, von irgendwelchen Meisterschaften zu erzählen, fing einst meine Mutter an. (Sie wiederum hatte es, glaube ich, von ihrem Vater.) Es muss im Jahr 1969 gewesen sein; wir waren drunten in Monterosso al mare mit einem Boot so weit aufs Meer hinausgerudert, dass ich Pfüderi vor Angst fast starb, worauf Mutter sagte, sie hätte im Fall an den Berner Meisterschaften im Rettungsschwimmen mal die Bronzemedaille gewonnen, ich müsse mir keine Sorgen machen. Was mich umgehend beruhigte. Ich habe sie später nie gefragt, aber ich glaube, sie log. Allerdings log sie gut. Also erzählte dann auch ich, wann immer es eines unserer Kinder zu beschwichtigen galt, von früheren Erfolgen: von meiner Silbermedaille an den Meisterschaften der Skipatrouilleure, wenn meinem Sohn auf der schwarzen Piste bang wurde; von meiner gelungenen Notlandung auf dem Pazifik, wenn Anna Luna im Flugzeug zitterte. Von meinem Triumph an den Bergrettungsmeistersch… Nur kamen meine Kinder mir rasch auf die Schliche, und seither bringen sie es ironisch und in allen Variationen: «Vati, warst du nicht mal auf dem Podest an den kantonal-bernischen Meisterschaften im Gratin-völlig-Versalzen?» Ich: «Was heisst bernisch? Schweizerisch-liechtensteinisch! Anno 1984. Bronze!» Und nun wollen sie mich also an die WM im langsam SMS-eln schicken.
Ich lahmer Oldie ernte Hohn und Spott.
Meinen eigenen Kindern darf ich lahmer Oldie ja schon gar nicht beim Eintippen zuschauen, mir würde schwindlig. Letzthin bei einem Zugshalt in Genua aber stieg eine junge Frau zu und begann, ihrem Schatz draussen auf dem Perron Zeichen zu geben. Sie schneidet Grimassen, winkt und kichert. «Früher konnte man halt die Fenster noch öffnen», raune ich. Sie schaut mich erstaunt an. Muss sehr jung sein. «Doch, doch! Wenn wir früher nach Monterosso in die Ferien fuhren, kamen hier in Genova Porta Principe immer fliegende Händler ans Fenster, verkauften Süssigkeiten, Getränke, Puppen und Spielzeugautos.» Ich gerate ins Schwadronieren. Doch ich glaube, sie hört mir nicht mehr zu. Hat ihr Smartphone gezückt und SMS-elt ihrem Freund draussen vor dem Fenster in einem Affenzahn Liebesbekenntnisse, er ebenso flink zurück, und ich verstehe ob diesen jungen Menschen nur noch … Bahnhof.
Daheim werde ich wegen meiner Zögerlichkeit drangenommen. Beantworte ich eine Frage nicht sofort, fällt mir ein … Dings, ähm … Name nicht grad ein, immerzu ernte ich von den geschwinden Kindern Hohn und Spott. «Hallo, Vati! Halloooo! Geits mit studiere?» Welch Trost, dass es noch einen Menschen gibt, der mich — mich! — viel zu hastig, zu rasant und hektisch findet: meine Mutter. Jesses, Sie sollten mal sehen, wie uuuunglaaaublich langsam die SMS-elt!
Bänz Friedli live: 9. 12. Thun, «Alte Oele»
Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.
Die
Hausmann-Hörkolumne
, gelesen von Bänz Friedli (MP3)
Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli