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Der auf dem Pariser Automobilsalon 1950 vorgestellte Alfa Romeo 1900 wies gleich mehrere Premieren auf. Zum ersten Mal bildete die strukturelle Basis eines Alfa Romeo nicht ein Leiterrahmen-Chassis, sondern eine selbsttragende Karosserie. Noch nie zuvor hatte ein Alfa Romeo serienmässig das Steuer auf der linken Seite angebracht gehabt. Als Antriebsquelle diente ein vergleichsweise kleiner 1,9-Liter-Motor mit nur vier Zylindern. Diese Maschine war allerdings ein feines Stück: Zwei obenliegende, von einer Kette angetriebene Nockenwellen betätigten zwei Ventile pro Zylinder, die Brennräume hatten Halbkugelform. Der Zylinderkopf war aus Aluminium, der Block aus Eisen gegossen. Mit einem Solex-Fallstromvergaser kam die Maschine 90 bhp (wohl etwa 80 echte PS) bei 4800/min; gegen Aufpreis gab es aber einen Weber-Doppelvergaser, dann waren es 93 bhp (82 PS) bei 5400/min, die dann für sportliche Fahrleistungen sorgten. Auch das Fahrwerk zeugte von der Erfahrung von Alfa Romeo im Sportwagenbau. Die Vorderachse wurde an doppelten Dreiecksquerlenkern geführt; Schraubenfedern und Teleskopstossdämpfer waren für Limousinen zu jener Zeit noch keineswegs selbstverständlich. Die in Zusammenarbeit mit Touring entwickelte Basis-Karosserie war dem Zeitgeist entsprechend funktionell gehalten. Vier Türen waren Standard, bis zu sechs Erwachsene durften auf den beiden durchgehenden Sitzbänken Platz nehmen. Wohl noch tiefgreifender als die technische Revolution waren für Alfa Romeo aber die Fortschritte auf der Produktionsseite. Das Werk in Portello erlebte zum ersten Mal so etwas wie eine Fliessbandfertigung. Dauerte der Zusammenbau eines 6C 2500 noch rund 250 Stunden, schraubten die Arbeiter einen Alfa Romeo 1900 in maximal 100 Stunden zusammen. Statt bisher deutlich weniger als dreihundert Autos pro Jahr verliessen nun mehr als 2000 Neuwagen jährlich die Hallen – Alfa Romeo war auf dem Weg zum Grossserienhersteller.
Vor dem 2. Weltkrieg waren viele der Alfa Romeo von den bekannten italienischen Carrozzerie eingekleidet worden, sie eigneten sich bestens für alle Arten von Aufbauten, das Geschäft lief bestens für beide Seiten. Auch nach dem Krieg war es noch ein buntes Treiben, der 6C 2500 war eine gute Basis für all die Designer, doch die Geschäfte liefen immer zäher, auch den reichen Kunden mit gutem Geschmack wurde es zu mühsam, sich noch um Einzelanfertigungen zu kümmern, die nicht nur teuer waren, sondern halt auch viel Zeit beanspruchten, bis sie dann endlich genau nach den Kundenwünschen fertiggestellt waren. Auch die bekanntesten italienischen Namen, Touring, Bertone, Pininfarina, Zagato, verlegten sich immer mehr auf Kleinserien, die sie selber oder im Auftrag der Hersteller produzierten. Doch dieses Geschäft war ebenfalls schwierig, weil die Hersteller das Geld der Kunden lieber selber haben wollten, immer weniger nur simple Chassis mit Motor anboten, die sich noch einkleiden liessen. Alfa sagte ausdrücklich, dass die 1900C Sprint (für den kurzen Radstand) ganz speziell für die Carrozziere vom Band rollten; die Mailänder selber vergaben einen offiziellen Auftrag an Touring für ein Coupé sowie an Pininfarina für ein Cabrio.
Die vielleicht schönsten Alfa Romeo 1900 stammten aber von Zagato. Es entstanden zwischen 1954 und 1958 insgesamt 39 Coupé und (wahrscheinlich) zwei Spider, wobei sich praktisch alle Fahrzeuge in Details voneinander unterschieden. Der Alfa Romeo 1900 SSZ ist mehr oder weniger ein Rennwagen, die Karosse wird aus Alu gefertigt, die Seitenscheiben aus Plastik, überhaupt wird stark auf das Gewicht geachtet (950 Kilo waren das Resultat). Ein sehr schönes Fahrzeug - und entsprechend gesucht sowie: teuer. Unter einer Million Franken läuft da gar nichts.
(Unter http://radical-mag.com/2018/08/21/alfa-romeo-1900/ gibt es eine sehr ausführliche Geschichte der Alfa Romeo 1900 mit fast 400 Bildern - unbedingt lesenswert.)
Photos: ©Courtesy of RM Sotheby's.