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Der Mann gilt in der Branche als hoffnungsloser Fall. Und mit unverhohlenem Amusement beobachten deshalb die vielen Uhrmacher im Quartier, wie er an einem wunderschönen Sommertag in seinem besten Anzug über den Genfer Pont de l’Ile schreitet und bei der renommierten Uhrenmanufaktur Vacheron & Constantin anklopft. Niemand glaubt daran, dass der Mann länger im Gebäude bleiben wird. Ein Spinner und Fantast mit verschrobenen Ideen, die keinen ernsthaften Patron je interessieren werden.
Der Mann heisst Georges-Auguste Leschot, im Sack hat er ein Schreiben mit einem folgenschweren Auftrag: Leschot, so der Inhalt, ist ab sofort bei Vacheron & Constantin als Technischer Direktor angestellt. Explizit festgehalten ist im Vertrag eine Abmachung, die bald die gesamte Uhrenindustrie revolutionieren wird: Das Unternehmen beauftragt Georges-Auguste Leschot mit der «Entwicklung einer Maschine, die Uhrenteile machen kann».
Der Vertrag datiert vom 29. Juni 1839, aber erst im Rückblick wird die Bedeutung des Auftrages klar. Und zum Rückblick hat Vacheron Constantin derzeit allen Grund: Sie feiert ihr 250-jähriges Bestehen. Die Manufaktur ist die älteste Uhrenfirma der Welt mit ununterbrochener Geschichte. Und sie ist eine der edelsten Uhrenschmieden überhaupt: Die teuerste Uhr aller Zeiten wurde bei Vacheron Constantin gebaut, die flachste Uhr der Welt war lange eine Vacheron Constantin, Fürsten und Künstler orderten bei Vacheron Constantin, die kompliziertesten Uhren der Welt kamen von Vacheron Constantin – die genausten sowieso.
Zu verdanken hat die Manufaktur dies vorab jenem Mann, der an einem schönen Sommertag 1839 seinen Dienst bei Vacheron Constantin antrat und sich alsbald an die Arbeit machte. Georges-Auguste Leschot war ein Besessener, ein Daniel Düsentrieb der Zahnräder, ein genialer Erfinder, nicht weniger als der Henry Ford der Uhrenindustrie.
Bis anhin, muss man wissen, wurden Uhrenteile von verschiedenen Handwerkern, oft von Bauern in der Vallée de Joux, einzeln angefertigt. Viele von ihnen brachten es zwar zu einer verblüffenden Meisterschaft, ein Problem aber schafften auch die besten nicht aus der Welt: Die Teile waren nicht, wie man damals sagte, «mathematisch gleich» und folglich nicht auswechselbar. Ging etwa ein Zahnrad kaputt, musste man es einzeln ganz genau nachbauen, allfällige Unregelmässigkeit inklusive.
Georges-Auguste Leschot war eines Tages während der Feuervergoldung eine fertige Platine gesprungen. Um die anderen dazu passenden Teile doch noch verwenden zu können, presste er das defekte Stück kräftig auf ein dickes Blatt Papier, bis sich die Formen einprägten. Das brachte ihn auf die Idee, alle Teile einer Uhr nach einer Lehre zu machen – die Serienproduktion der Uhr war geboren.
Leschots Erfindung, der so genannte Pantograf, erlaubte es, Werkteile von einem Muster aus tausendfach zu kopieren, hundertfach exakt gleiche Stücke aus Stahl zu fräsen und Bohrlöcher an Serienteilen am stets gleichen Ort in der gleichen Grösse und mit identischer Tiefe anzubringen. «Was wir durch dieses Mittel erreicht haben, ist grossartig», freute sich Firmenchef Jacques Barthélémy Vacheron in einem Brief an seinen Partner – ein Meilenstein in Sachen Perfektion der Arbeit.
Ab 1860 war Vacheron & Constantin in der Lage, alle Einzelteile einer Uhr im eigenen Betrieb herzustellen – jeweils in Serie und «mathematisch gleich». Aus der Bude war damit ein Unternehmen geworden, das schneller und billiger produzierte als alle Konkurrenten und erst noch die beste Qualität bot. Mehr noch: Die Manufaktur hatte ein für die damalige Zeit überraschend modernes Ziel, das im Vertrag mit Georges-Auguste Leschot ebenfalls festgehalten war: Man wollte standardisierte Werke bauen, die man dann je nach Mode in diverse Gehäuse verschiedenen Stils einbauen konnte. Revolutionäre Technik, gepaart mit starkem Design: Das Konzept kann ein bisschen verwegen als Frühform der Swatch betrachtet werden.
Fast 150 Jahre später hält Hubert Hirner, Uhrmachermeister und Ausbildner bei Vacheron Constantin, ein winziges, flaches Stück Stahl in den Händen. Besucher, die Hubert Hirner in die hellen Ateliers von Vacheron Constantin im Genfer Vorort Plan-les-Ouates folgen, erhalten blütenweisse Arbeitsschürzen und müssen eine Art blaue Plastiksäcke über ihre Schuhe stülpen; die Räume, in denen allerhand tickende Meisterwerke entstehen, werden staubfrei gehalten.
Das Teil, das Hubert Hirner in den Händen hält, ist zehn Millimeter lang, sieht aus wie eine leicht gebogene Träne und dient, in eine Uhr eingebaut, zum schnellen Verstellen der Datumsanzeige. An diesem für Uhrmacher eher simplen Stück kann Hubert Hirner den exzessiven Aufwand zeigen, den Vacheron Constantin an jedem Teil einer Uhr betreibt.
Für den Prozess hat die französische Sprache das wunderschöne Wort «adoucir» parat – sanft machen, würde man auf Deutsch übersetzen. Zuerst wird die Oberseite mit einem Längsschliff versehen, satiniert, sagt der Fachmann dazu. Dann wird auch die Unterseite mit einem feinen Schleifpapier abgestrichen, anschliessend werden die Seiten «adouciert». Als wäre das nicht genug, werden zuletzt die Kanten vom «Angleur» in einem Winkel von 45 Grad abgeschliffen und poliert. Nötig ist diese aufwändige Handarbeit nicht, die Uhr würde auch funktionieren, wenn man das Teil roh belassen hätte.
Dieses Prozedere wird bei allen Stahlteilen einer Uhr befolgt, bei Komplikationen, bei den Komponenten eines Tourbillons, bei der Minutenrepetition, dem ewigen Kalender. Je feiner poliert wird, desto besser ist die Oberfläche eines Stücks vor Korrosion geschützt.
Für den Aufwand, lacht Hubert Hirner, vor allem aber auch für die Strenge, mit der Teile von Zulieferern kontrolliert werden, sei auch schon der Begriff «Vacheronitis» aufgekommen, eine Art krankhafte Obsession, alles in «höchster Vollendung» und in «allerfeinster Ausführung» machen zu wollen. François Constantin, einer der Väter der Manufaktur, hatte seinerzeit den kategorischen Imperativ der Firma erfunden: «Faire mieux si possible, ce qui est toujours possible» (etwa: Mach es besser, wenn es möglich ist, und es ist immer möglich)!
250 Jahre Vacheron Constantin. Das Lehrstück einer Erfolgsgeschichte. Und die abenteuerliche Saga eines Unternehmens, das immer wieder vor dem Aus stand, um in letzter Minute doch noch gerettet zu werden.
Den Anfang machte Jean-Marc Vacheron. Er gründete das Unternehmen am 17. September 1755. Seine Vorfahren waren als protestantische Weber ins damals wirtschaftlich boomende calvinistische Genf gekommen. Einige Vacherons blieben Weber, andere schlossen sich der «fabrique» an, so nannte man damals den losen Zusammenschluss von 36 Uhrenberufen, die in Ateliers von sechs bis zwölf Personen arbeiteten.
Für Jean-Marc Vacheron liefen die Geschäfte bald ganz gut, 1885 konnte er seinem Sohn Abraham ein Geschäft mit bestem Namen übergeben. Abraham, so heisst es in der Familienchronik, war zwar mehr an der Uhrmacherei als am eigentlichen Business interessiert, trotzdem fanden seine Stücke guten Absatz. Vor allem beim französischen Adel um König Ludwig XVI. waren die Uhren aus Genf beliebt.
Und genau da lag das Problem. Am 14. Juli 1789 stürmt das französische Volk in Paris die verhasste Bastille. Der Höhepunkt der Französischen Revolution stürzt Vacheron in die Krise, viele gute Kunden sind eben um einen Kopf kürzer gemacht worden. Auch die darauf folgende instabile Zeit der napoleonischen Kriege macht der Uhrenindustrie schwer zu schaffen. «Du fragst mich, wie es in Genf geht?», schreibt Jacques-Barthélémy Vacheron, der 1810 als 23-jähriger Enkel des Gründers die Geschäfte übernimmt, in einem Brief. «Es könnte nicht schlechter gehen. Die meisten Ateliers sind geschlossen.» Jacques-Barthélémy Vacheron gibt nicht auf, sucht auf Reisen mit Ross und Kutsche neue Kunden, und wie abenteuerlich das mitunter ist, zeigt ein Schreiben nach Genf. Freudig berichtet Jacques-Barthélémy Vacheron, seine Kutsche sei dieses Mal bei der Überquerung des Mont-
Cénin «nur zweimal umgekippt».
Man wurstelt sich durch, eine Zukunft scheint die Marke Vacheron jedoch nicht wirklich zu haben. Obwohl das Haus erstklassige Ware liefert, die der Patron von seinen Mitarbeitern mitunter mit unzimperlichen Worten einfordert: «Um Himmels willen meine Herren», schreibt Jacques-Barthélémy Vacheron aus Italien nach Genf, «haltet die Arbeiter kurz. Lasst nichts durchgehen auf allem, was unseren Namen trägt, wie auch immer die Ausreden lauten.»
Es ist ein kritischer Moment in der Firmengeschichte, und Ursache ist das klassische Schweizer Problem: Man fertigt zwar exquisite Waren und bietet beste Qualität, beim Verkauf hapert es allerdings.
Die grosse Wende bringt ein Mann, der 1819 als Partner ins Unternehmen geholt wird: François Constantin, eine Art Nicolas Hayek der industriellen Frühgeschichte. Constantin, Sohn eines Stoffhändlers, ist ein brillanter Verkäufer, ein Marketing-Genie, er ist stets auf Achse, und immer zieht er im richtigen Moment die richtige Uhr hervor. François Constantin lässt kein Geschäft anbrennen.
Einem Händler in Livorno überlässt er ein paar Uhren gegen einige Fässer zypriotischen Weins, per Brief gibt er seine Anweisungen nach Genf durch: «Man wird den Wein in kleine Flaschen füllen müssen, eine Reklame in der «Feuille d’Avis» platzieren, den Preis dabei etwas hoch ansetzen, damit man ihn notfalls billiger abgeben kann. Tut einfach euer Bestes!»
Vom 5. Juli 1819 stammt der berühmteste Brief von Constantin nach Genf: «Sie haben Recht, wenn Sie sich weigern, die Qualität zu senken. Ich bitte Sie im Gegenteil, die Qualität weiter zu perfektionieren. Dann, so sage ich Ihnen, werden wir stark sein.» Am Schluss seines Schreibens steht der Satz, der nach wie vor als Mantra jedem Mitarbeiter verordnet wird: «Mach es besser, wenn es möglich ist, und es ist immer möglich.»
250 Jahre Vacheron Constantin – im Grunde genommen ist die Manufaktur ein kleiner Fisch. 15 000 Uhren produziert Vacheron Constantin; IWC, zum Vergleich, schafft das Vierfache, Rolex baut im Jahr gar 700 000 Stück. Die kleine Schmiede macht allerdings immer wieder mit spektakulären Stücken von sich reden. Zum Beispiel mit der Kallista. Nur Claude-Daniel Proellochs, seit 1988 CEO von Vacheron Constantin, kennt angeblich den Namen des Kunden, der die Kallista gekauft hat. Fünf Millionen Dollar kostete das Stück – mehr wurde nie für eine neue Uhr bezahlt. 6000 Arbeitsstunden waren nötig, Gehäuse und Armband wurden aus einem ein Kilo schweren Block Massivgold herausgeschliffen. 118 Diamanten von 1,2 bis 4 Karat, sämtliche in Smaragdschliff, schmücken die Uhr, das ergibt ein Gesamtgewicht von 130 Karat.
Legendär ist auch die Taschenuhr, die 1929 von der Schweizer Kolonie in Ägypten König Fahd I. geschenkt worden ist. Das Stück ist in 18 Karat Gelbgold mit Silber-Zifferblatt ausgeführt – und vereint zwölf Komplikationen in sich. Darunter ein Schleppzeiger-Chronograph und eine wunderschöne Minutenrepetition: Auf Knopfdruck gibt sie akustisch die Stunden, Viertelstunden und Minuten an. Dreieinhalb Jahre wurde an dieser Preziose gearbeitet; das gute Stück, so ist in Erfahrung zu bringen, habe durchaus «ein kleines Vermögen» gekostet.
Das klingt ein bisschen lapidar. Aber eine Genfer Manufaktur macht eben lieber grosse Uhren als grosse Worte.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe: Wie bei Vacheron Constantin die Witwen das Zepter übernahmen, wie die Firma in den dreissiger Jahren fast Bankrott ging, wie ein Scheich die Manufaktur übernahm – und was das Unternehmen für die Zukunft vorhat.
Quellen: Deutsche Uhrmacher Zeitschrift, Mai 1950; Les maîtres des heures, Vacheron Constantin, 1955; Musée du patrimoine, Vacheron Constantin; Antiquorum, Journal Suisse d‘Horlogerie et de Bijouterie No. 9-10, 1956.
Die Firma in Zahlen
Vacheron Constantin gehört heute zur Richemont-Gruppe. Die Uhrenfirma zählt 170 Mitarbeiter in Plan-les-Ouates und 72 Mitarbeiter in der Vallée de Joux, wo Werke produziert werden. Die Firma baut insgesamt 15 000 Uhren pro Jahr.