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Szenen aus dem zerrütteten Irak und Menschen auf der Flucht beschreibt Hassan Blasim schonungslos in seinem Erzählband.
Über den Irak und die angrenzenden Kriegsgebiete erfahren wir in den Medien Nachrichten mit Bildern, es gibt ausführliche Reportagen in geschriebener oder filmischer Form, und wir meinen, wir wären über die Lage dort informiert – doch all das ist nicht zu vergleichen mit einem literarischen Ansatz, in dem die Realitäten des Alltags in Erzählungen verwandelt werden. Was nüchtern trocken berichtet wird, erschreckt durch die Tatsachen, die hinter den Worten stehen. Hassan Blasim spitzt die vermeintlich objektive Medienberichterstattung weiter zu, er bedient sich der Sprache in allen Formen der Verfremdung: der schwarzen Ironie, der Satire, er arbeitet die Absurdität einzelner Vorkommnisse heraus und verwandelt sie ins Surreale.
Hassan Blasim © Katja Bohm
Wie anders kann man Unterdrückung, Krieg und Flucht darstellen, wird sich der Autor gefragt haben. Das schier unmöglich zu Ertragende ins Verrückte steigern und an anderer Stelle knallhart schildern, was er erlebt oder von anderen erfahren hat.
Beides tut Hassan Blasim in seinen Erzählungen «Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak».
Die erste Geschichte erzählt von einem Erinnerungssender, der nach dem Sturz des Diktators eingerichtet wurde und den Menschen Gelegenheit geben sollte, Erlebtes zu erzählen. Dort erzählen Menschen ihre Geschichte, die einen Stein zum Weinen bringen könnte, wie eine alte Frau sich ausdrückt. – Eine bissig-ironische Geschichte handelt von den Toten des Krieges zwischen Iran und Irak in den Jahren 1980 – 1988. – Blasim schreibt über die Jahre des Krieges der USA gegen Saddam Hussein und über die anschliessende Besatzung. – Er erzählt von einem Wolf und einer unheimlichen Frau mitten in der Grossstadt. – Andere Geschichten beschreiben das Schicksal von Flüchtlingen in Europa in immer neuen Situationen. Es geht um den Amtsschimmel, um Flucht und die Suche nach Obdach, die Qualen der Märsche und die Unvorhersehbarkeit im Leben eines Flüchtlings.
Hassan Blasim wurde 1973 in Bagdad geboren und studierte dort an der Filmhochschule. Schon 1998 zog er weg in den kurdischen Teil des Irak, weil er sich in Bagdad nicht sicher fühlte. Auch aus Angst um seine Familie drehte er seine Filme unter einem Pseudonym. Im englischsprachigen Raum wurde er mit dem Spielfilm «Wounded Camera» bekannt. 2004 flüchtete er nach Finnland, wo er einige Kurzfilme drehte und wo er heute noch lebt. Die vorliegende Sammlung seiner Kurzgeschichten erschien schon 2009 auf Englisch. Weitere Erzählungen erhielten einen britischen Literaturpreis, sind jedoch nicht auf Deutsch übersetzt.
Der Autor schreibt in schneidend klarer Sprache. So wirken die Geschichten in der Übersetzung von Hartmut Fähndrich, der sich in seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit arabischer Literatur und durch seine Übersetzungen grosse Verdienste erworben hat. Er hat dafür 2016 den Spezialpreis Übersetzung des Schweizer Grand Prix Literatur erhalten.
Was bleibt nach der Lektüre dieser Geschichten? Wirkt die Lektüre abstumpfend oder kann das Buch dazu dienen, Empathie für die geschundenen Menschen zu entwickeln? Erinnern wir uns an die 1960-70er Jahre, an die Stürme der Entrüstung, die der Vietnamkrieg und seine Folgen auslösten. Oder an das Ende des Zweiten Weltkriegs, als Europa davon überzeugt war, dass es nie wieder Krieg geben dürfe. In den 1960er Jahren begannen die Kriegsgegner mit den Friedensmärschen, den Ostermärschen. Sollten wir nicht wieder laut «Nie wieder Krieg! Nie wieder Diktatur!» fordern? Das wäre wohl der Sinn dieses Buches.
Angaben zum Buch:
Hassan Blasim, Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak.
Aus dem Arabischen übersetzt von Hartmut Fähndrich
2015 Verlag Antje Kunstmann; 256 Seiten;
ISBN 978-3-95614-058-7
auch als e-book erhältlich
Dieses Buch ist in der Reihe «Der Andere Literaturclub» erschienen, einem Projekt von artlink, Büro für Kulturkooperation, das mit litprom verbunden ist. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.