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Keine Hochschule ohne Studierendenverwaltung: Seit Eröffnung des Eidgenössischen Polytechnikums im Jahr 1855 verlangt die Hochschule bei der Einschreibung ihrer Studierenden Informationen, die zum einen die Identifizierung der Person ermöglichen und die zum anderen belegen, dass sie die Zulassungsbedingungen erfüllt. Bis zum Austritt aus der ETH Zürich werden diese Informationen von der Studierendenadministration mit weiteren Daten angereichert, die den Studienfortschritt dokumentieren.
Sobald die Studierendenadministration nicht mehr auf diese von ihr erhobenen Daten zugreifen muss, verlangt das Bundesgesetz über die Archivierung deren Anbietung ans Hochschularchiv der ETH Zürich. So kommt es, dass diese (wie auch weitere Unterlagen von anderen Organen der ETH) im Hochschularchiv archiviert sind.
Das Hochschularchiv der ETH Zürich hat im Rahmen seines Fokusprojekts zur Erschliessung von Verwaltungsunterlagen der ETH «FErETH» die Erforschung der zentralen Serienakten der Studierendenadministration von 1855 bis 1970 möglich gemacht. Die grosse Menge der an der ETH erhobenen Informationen über Studierende bietet einerseits einen reichen Fundus für personenbezogene Fragestellungen. Andererseits dokumentiert die Art und Weise, wie die analoge Datenverwaltung zu verschiedenen Zeiten erfolgte, die historische Entwicklung im Umgang mit grossen Datenmengen im Vorcomputer-Zeitalter und illustriert technische und organisatorische Innovationen der Verwaltungsführung an der Hochschule. Nachfolgend ein kurzer Einblick, wie die ETH im ersten Jahrhundert ihres Bestehens die in der Studierendenadministration anfallenden «Big Data» managte und wie sie den Umgang damit rationalisierte.
Ab dem ersten Semester 1855, als das Eidgenössische Polytechnikum mit 68 Studierenden startete, führte die Studierendenverwaltung handschriftlich Schüler- und Zuhörerverzeichnisse. Pro Semester wurden darin die Personalien aller Studierenden, geordnet nach Abteilung, eingetragen. Gleichzeitig wurden bei jeder Person diejenigen Vorlesungen vermerkt, die sie zu besuchen plante und für die sie sogenanntes Kollegiengeld[1] bezahlte. Diese Verzeichnisse dienten einerseits zur Registrierung der immatrikulierten Studenten bzw. der nicht immatrikulierten Auditoren, und andererseits zur Erhebung von Studiengeldern.
Doppelseite aus dem ersten Schüler- und Zuhörerverzeichnis 1855/56 (ETH Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-2.1/01.01)
Als alleiniges Verwaltungsinstrument für die Studentenadministration genügten diese Verzeichnisse aber nicht lange. Trotzdem wurden sie in ähnlicher Form noch mehr als ein Jahrhundert lang fortgesetzt.
Schon von 1859 an wurde für jeden der damals knapp 300 immatrikulierten Studenten zusätzlich ein Dossier angelegt. Das Kernstück dieses Studentendossiers, an der ETH als Matrikel bezeichnet, bestand aus einem mehrseitigen vorgedruckten Formularbogen. Darauf wurden die vollständigen Personalien jeder immatrikulierten Person mit Geburtsdatum und Herkunftsort bzw. -land notiert, und zudem wurden Name und Adresse der Eltern sowie die absolvierte Vorbildung erhoben. Es wurde auch der Studienfortschritt nachgeführt, indem die Abteilung, alle besuchten Vorlesungen und schliesslich auch die Prüfungsresultate eingetragen wurden. Am Ende des Studiums wurde das Austrittsdatum vermerkt und der erreichte Studienabschluss sowie die Fächer und Noten des Abgangszeugnisses notiert. Die Zeugnisse, die man bei der Immatrikulation einreichte, wurden jeweils im Studentendossier abgelegt und spätestens bei Austritt wieder ausgehändigt. Sie sind deshalb heute in den Matrikeln nicht mehr vorhanden. Anmeldeformulare, allfällige Korrespondenz und Fotos, die zwischen die Formularbogen abgelegt wurden, blieben hingegen erhalten. Nachfolgend ein Beispiel aus den frühen 1920er Jahren.[2]
Beispiel eines Studentendossiers aus den früheren 1920ern (ETH Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/17100, Bodmer Helene).
Der Zugriff auf die chronologisch angelegten Studentendossiers war über eine Kartei rationalisiert. Der Vorteil der Kartei bestand darin, dass die losen Karteikarten eine dauerhafte alphabetische Ordnung und damit jederzeit ein schnelles Auffinden eines bestimmten Studentendossiers ermöglichten. Karten von neuimmatrikulierten Studenten konnten jederzeit an der «richtigen» Stelle eingefügt werden. Auch Karten ausgetretener Studenten konnten theoretisch aussortiert oder in eine andere Kartei überführt werden. Das Polytechnikum gehörte damit zu den Vorreitern des Karteisystems, das in der Schweiz im grossen Stil erst in der Rationalisierungswelle der 1920er Jahren zum Einsatz gelangte.
Die Karteikarten im Magazin des Hochschularchivs und die zum obigen Studentendossier zugehörige Karteikarte (ETH Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/2/1, Bodmer, Helene)
Neben den Schüler- und Hörerverzeichnissen sowie den Studentendossiers gab es im ersten Jahrhundert der Studierendenverwaltung an der ETH noch weitere serielle Unterlagen. Ab 1861 liess das Polytechnikum pro Semester ein Studierendenverzeichnis drucken, das publiziert wurde und damit öffentlich zugänglich war. Es wurde bis 1975 fortgeführt. Die im Hochschularchiv der ETH erhaltenen Exemplare tragen oft «Gebrauchsspuren» – sie wurden von der Studierendenadministration jeweils handschriftlich à jour gehalten. Parallel zur den Schülerverzeichnissen wurden ab 1876 für jedes Semester interne handschriftliche Wohnungslisten der Studierenden erstellt, die nach 1910 als maschinengeschriebene Adressverzeichnisse fortgesetzt wurden.
Titelblatt und Seite des gedruckten Adressverzeichnisses vom Schuljahr 1873/74, mit «Gebrauchsspuren» der Studierendenverwaltung (ETH Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-2.1/02.012)
Seite des Adressverzeichnisses vom Schuljahr 1911/12, mit «Gebrauchsspuren» der Studierendenverwaltung (ETH Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-2.1/05.02)
In den erwähnten Akten und Verzeichnissen sind die folgenden Informationen ersichtlich:
- wer an der ETH Zürich studierte
- welches die gewählte Fachrichtung war
- welche Semester absolviert wurden (und zusammengezählt daraus die Studiendauer)
- welche Vorlesungen bei welchen Dozierenden jemand belegte
- wie die Wohnadresse(n) zur Studienzeit lautete(n)
- wie die Wohnadresse der Eltern oder der gesetzlichen Vertreter lautete
- wann er oder sie mit welchem Studienerfolg von der Hochschule abging
Die grosse Menge der für einen langen Zeitraum vorhandenen Daten über ETH-Studierende birgt grosses Potential für biographische oder prosopographische Fragestellungen – und wartet darauf, von Interessierten erforscht und ausgewertet zu werden.
[1] Zusätzlich zu den Semestergebühren musste damals noch für jede einzelne Lehrveranstaltung ein Betrag bezahlt werden.