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Zwischen Anerkennung und Missachtung (erd-zam)
Ausgangslage und Ziele
In Institutionen der Körperbehindertenfürsorge für Kinder und Jugendliche finden alle Massnahmen der Rehabilitation an einem Ort statt, was die Biographie und Sozialisationserfahrungen der Kinder und Jugendlichen nachhaltig prägt. In den relativ geschlossenen Systemen der Institutionen kann es auch auf Grund der grossen Vulnerabilität und Hilfsbedürftigkeit der Betroffenen zu Integritätsverletzung kommen. Betroffene berichten immer wieder über Erfahrungen in einem Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Zwang, Selbst- und Fremdbestimmung, Macht und Ohnmacht und teilweise auch von traumatischen Erlebnissen in der institutionalisierten Körperbehindertenfürsorge.
Auf wissenschaftlicher Ebene wurden Erfahrungen von betroffenen Menschen bislang wenig aufgearbeitet, es fehlen institutionsübergreifende Untersuchungen und ein entsprechender Diskurs zu Zwangsmassnahmen, Fremdbestimmung, Gewalt, Abhängigkeitserleben sowie Schutz und Fürsorge in Institutionen der Körperbehindertenfürsorge der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Ziel dieses Projektes ist es, diese Spannungsfelder zwischen Anerkennung und Missachtung aus Sicht der Betroffenen aufzuarbeiten und aus ihren Erfahrungen Erkenntnisse über anerkennungsfördernde Strukturen und Angebote für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen zu gewinnen.
Fragestellung
- Welche Erfahrungen der Anerkennung und Missachtung haben Kinder und Jugendliche mit Körper- und Mehrfachbehinderungen («Betroffene») in Institutionen der Körperbehindertenfürsorge zwischen 1950 und 2010 gemacht?
- Wie haben sich diese Erfahrungen (in subjektiver Deutung) auf die Biografien der Betroffenen ausgewirkt?
- Was sind zentrale Faktoren der Anerkennung und Missachtung und lassen sich diese als inter-subjektive Muster der Biografien deuten?
- In welchem Kontext der Körperbehindertenfürsorge können die Erfahrungen zeitgeschichtlich verortet werden?
- Welches Bewusstsein zu Anerkennung und Missachtung ist in Institutionen der Körperbehindertenfürsorge der Gegenwart (ab 2010) gegeben und mit welchen Massnahmen wird Anerkennung zukünftig gefördert und gesichert?
Methodisches Vorgehen
Die Studie ist von Grund auf partizipativ unter Einbezug der Stakeholder (Betroffene, Fachpersonen der Praxis, akademisch Forschende) in allen Phasen des Forschungsprozesses aufgebaut. Dies betrifft die Erhebung der zu analysierenden Daten durch Interviews mit Betroffenen, aber auch das Design der Studie, die Interpretation der Daten mit betroffenen Co-Forschenden sowie die Triangulierung von Ergebnissen mit Fachpersonen der Praxis. Auf Grund der starken partizipatorischen Ausrichtung des Projekts werden die methodischen Schritte nach Besprechung an Roundtable-Diskussionen unter Einbezug der Stakeholder möglicherweise angepasst und können noch nicht endgültig festgelegt werden.
Die Interviewpartnerinnen und -partner sind Personen aus zwei Sprachregionen (Deutschschweiz und Westschweiz) und drei Alterskohorten (Jahrgänge um 1950, 1970 und 1990). Als Interviewmethode wurden Narrative Interviews gewählt. Diese Methode soll vor einer Retraumatisierung schützen und das Erzählen von subjektiven Erinnerungen und Episoden fördern.
Die Interviews werden transkribiert und es wird eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt, bei welcher der Fokus auf den Erfahrungen und Beschreibungen von «Anerkennung und Missachtung» liegt. Die Ergebnisse der Interviews werden von den akademisch Forschenden mit Hilfe eines historischen Quellenkorpus in die zeitgeschichtlichen Theorien der Körperbehindertenfürsorge eingeordnet. Die Triangulierung der Ergebnisse der Interviews mit den Fachpersonen aus der Praxis erfolgt in Gruppen-Expert_innen Interviews für beide Sprachregionen, in welchen die Fachpersonen Stellung zu den Forschungserkenntnissen beziehen und Möglichkeiten für zukünftige Veränderungen generieren können.
Ergebnisse
Es wird erwartet, dass in den Interviews mit Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen eine breite Streuung von Erfahrungen im Spannungsfeld von Anerkennung und Missachtung sichtbar wird und sich zeitüberdauernde «Risiko- und Schutzfaktoren» in Bezug auf Anerkennung und Missachtung herauskristallisieren werden. Es wird zudem davon ausgegangen, dass sich Diskurse und Praxis zwischen der Deutsch- und Westschweiz unterschieden und sich dementsprechend verschieden auf die Betroffenen auswirkten. Des Weiteren wird erwartet, dass sich die Erfahrungen der Kohorte 1990 gegenüber den Vorkohorten deutlich zu Gunsten der Anerkennung veränderten. In Bezug auf die Praxis ist anzunehmen, dass die Fachpersonen konkrete Schlussfolgerungen für die Körperbehindertenfürsorge, auch mit Blick auf die Umsetzung der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, generieren können.