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Das Corona-Virus ist hoch ansteckend. Wenn sich Menschen räumlich nahe kommen, ist die Wahrscheinlichkeit der Übertragung von Infizierten auf Nichtinfizierte hoch.
Es gibt gegen die Ausbreitung oder mindestens für deren Verzögerung zwei Wege: Bei Methode A versucht man, infizierte Personen von Nichtinfizierten fern zu halten. Unter den Nichtinfizierten müssen vor allem diejenigen geschützt werden, welche bei einer Infektion sterben oder stark leiden.
Methode B besteht darin, alle Menschen, ob Coronaträger (ich verwende das generische Maskulinum) oder nicht, davon abzuhalten, sich räumlich nahe zu kommen.
Der Bundesrat hat sich unter der Federführung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) für die Methode B entschieden. Offensichtlich hat der Bundesrat die Methode A nie geprüft und damit keinen Vergleich der Vor- und Nachteile der beiden Methoden in Betracht gezogen.
Das ist für jeden, der einmal die Offiziersschule oder einen Managementkurs besucht hat, unverständlich. Frau Bundespräsidentin Sommaruga schreibt in ihrem offenen Brief an die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger „nur so können wir Ansteckungen vermeiden und die Verbreitung des Corona-Virus verlangsamen“.
Mit Verlaub, das stimmt nicht. Tatsache ist, dass man keine anderen Wege geprüft hat, zum Beispiel Methode A. Der Bundesrat findet seine Methode offensichtlich „alternativlos“.
Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nebenwirkungen ihrer Therapie hat unsere Landesregierung nicht in Betracht gezogen. Swissmedic würde selbst ein einfaches Schmerzmittel niemals zulassen ohne Beipackzettel, der die Nebenwirkungen beschreibt.
Aber der „Ruck“, den die Bundespräsidentin dem Land verordnet hat, ist halt kein Schmerzmittel, und dessen Nebenwirkungen scheinen unsere Landesmütter und -väter wenig zu interessieren.
Um die Möglichkeiten der Methode A, infizierte Personen von Nichtinfizierten fern zu halten, zu beurteilen, müssen wir uns ein paar Eigenheiten der Corona-Virus Epidemie in Erinnerung rufen:
Die Inkubationszeit, die Zeit von der Ansteckung bis zum Beginn der Erkrankung, liegt zwischen 1 bis 14 Tagen.
Die Reproduktionsrate, die Anzahl der Zweitinfektionen, die von einem Fall ausgehen liegt zwischen 2,4 und 3,3.
Der Manifestations-Index beschreibt den Anteil der Infizierten, die auch tatsächlich erkranken. Er liegt je nach Alter im Bereich von 50% bis 80%.
Leichterkrankte realisieren häufig gar nicht, dass sie infiziert sind.
Am Leben gefährdet sind gemäss einer neuen Studie aus Italien vor allem ältere Menschen: von 2003 untersuchten Todesfällen betrafen 88 Prozent Menschen über 70 Jahre. Rund die Hälfte litt bereits vor der Ansteckung an drei oder mehr chronischen Erkrankungen.
Bei dieser Sachlage braucht man kein Hochschulstudium, um herauszufinden, wie eine Methode A aussehen könnte. Nötig ist vor allem eine frühzeitige Erkennung von Virenträgern. Und das heisst „testen, testen, testen„.
Spätestens seit vor 4 Wochen der erste Fall im Tessin auftrat, verlangten Experten genau dies: Dr. Andreas Widmer vom Unispital Basel forderte beispielsweise: „Zentral sind nun schnelle Tests“.
Haben wir vom Bundesrat oder dem BAG je etwas über die Teststrategie gehört? Wahrscheinlich nicht, aber sehr viel vom „social distancing“. Das kann man als „räumliches Distanzhalten“ übersetzen, aber auch als „soziale Entfremdung“.
Der Corona-Verantwortliche im BAG findet das toll und stellt dem Bundesrat ein positives Zeugnis aus: Er betreibe eine „gute und weitsichtige Politik“. So tönt eine Qualifikation von unten nach oben. Kunststück.
Nur so viel zu den gesellschaftlichen Nebenwirkungen der bundesrätlichen Strategie. Zu den ganz groben Nebenwirkungen gehören die wirtschaftlichen Konsequenzen.
Die Wirtschaft der Schweiz steht weitgehend still. Die Bundespräsidentin verspricht „wir kümmern uns um Betriebe und Arbeitsplätze. Der Bundesrat hilft Unternehmen, Angestellten und Freischaffenden, die um ihre Existenz kämpfen.“ Tönt doch ganz nett.
Immerhin, die Wirtschaft bekommt mehr Geld: Mit 32 Milliarden Franken beschliesst der Bundesrat das grösste Konjunkturpaket der Schweizer Geschichte. Insgesamt stehen vom Bund rund 42 Milliarden Franken zur Verfügung.
Die Idee der neuesten Geldzusage ist, der Wirtschaft Liquidität zuzuführen. Wenn eine Firma mangels Liquidität die Rechnungen nicht bezahlen kann, dann erhält der Lieferant das Geld nicht und kann seinerseits seine Rechnungen nicht bezahlen.
Damit hätten wir neben der Corona-Epidemie auch eine Liquiditäts-Epidemie. Das wäre das Allerletzte für die Schweiz. Immerhin, dank sorgfältigem Finanzgebaren kann sich die Schweiz dies im Gegensatz zu vielen anderen Ländern leisten.
Aber bezahlen tun es am Schluss natürlich trotzdem die Konsumenten und die Firmen. Die bundesrätliche Methode des Geldverteilens ist richtig. Die Banken geben ihren Kunden Kredit, und der Bund garantiert den Banken diese Überbrückungskredite. Das dürfte funktionieren.
Die Nebenwirkungen in Form der wirtschaftlichen Schäden der vom Bundesrat verfolgten Methode B dürfte ein Mehrfaches dieser Überbrückungskredite ausmachen. Nachdem sich der Bundesrat geweigert hat, die Kosten und Nebenwirkungen seiner Politik vorab abzuschätzen, wird er es wohl auch im Nachhinein nicht tun.
Und ob dem bundespräsidialen „Ruck“ in Bevölkerung und Wirtschaft allenfalls auch ein Ruck personeller Art im Bundeshaus und der Verwaltung folgen wird, scheint auch eher unwahrscheinlich.