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Wer hat das Abseilen erfunden? Die Frage kann einen Alpinhistoriker umtreiben. War’s Hans Dülfer mit dem Dülfersitz, John Tyndall am Matterhorn oder gar Jules Verne – zumindest science-fiktiv? Wann hat wer zum ersten Mal eine Abalakow-Eissanduhr gepickelt? Und so weiter. Beinahe umfassende Antworten gibt das besprochene Buch – mit kleinen Korrekturen in dieser Besprechung.
„Ein an der Mündung befestigtes Seil konnte wohl hinreichend stützen, aber wie sollte man es los machen, wenn man unten war? Dafür gab’s ein einfaches Mittel, welches mein Oheim in Anwendung brachte. Er nahm ein zolldickes, vierhundert Fuß langes Seil, und ließ es erst zur Hälfte hinab, dann schlang er es um einen vorspringenden Lavablock, und warf die andere Hälfte nach. Nun konnte jeder von uns, indem er die beiden Hälften des Seiles in die Hand faßte, sich beim Hinabsteigen dadurch unterstützen; war man aber in der Tiefe von zweihundert Fuß angelangt, so war es höchst leicht, indem man das eine Ende los machte, das ganze Seil hinabzuziehen. Dieses Verfahren konnte man so oft wiederholen, als es beliebte und erforderlich war.“
Beschrieb hier der berühmte französische Romancier Jules Verne als Erster die Technik des Abseilens am Doppelseil? C’est bien possible! Irgendwie mussten die Abenteurer bei ihrer Reise zum Mittelpunkt der Erde durch den Vulkanschlot des Snäfellsjökull (1446 m) in die Tiefe gelangen. „Voyage au centre de la terre“ erschien 1864, die Szene findet sich im 17. Kapitel. Beim Bergsteigen war diese elegante Abstiegstechnik damals noch nicht bekannt. Edward Whymper jedenfalls brauchte am 19. Juli 1862 bei seinem vierten Anlauf, das Matterhorn zu erobern, eine andere: „Um 5 Uhr nachmittags verließ ich das Zelt wieder und glaubte schon in Breuil zu sein“, schreibt er in „Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen“, die 1871 herauskamen. „Seil und Haken hatten gute Dienste geleistet und mir über alle Schwierigkeiten hinweggeholfen. Im Schornstein konnte ich mich freilich nur so hinunterlassen, dass ich eine Knotenschlinge machte und das Seil dann abschnitt. Dieses Stück musste ich zurücklassen.“ Anders eben die Helden im isländischen Vulkan: Wenn man es richtig macht, lässt sich das Seil immer wieder abziehen, bis man ganz unten ist.
Jules Verne als Erfinder des Abseilens am Doppelseil findet sich im gross angelegten und grossartig illustrierten Werk von Gilles Modica: „Alpinisme – la saga des inventions“, erschienen bei den Éditions du Mont-Blanc von Catherine Destivelle. Die französische Klettererin und Alpinistin, die mit ihren Touren selbst ein paar Seiten der Geschichte des Alpinismus schrieb (beispielsweise erste Winterdurchstiege der Nordwände von Eiger und Matterhorn durch eine Frau), verfasste das kluge Vorwort. Und ist natürlich auf einigen Fotos zu sehen, so als Dreizehnjährige beim Bouldern in Bergschuhen und Kniesocken, Shorts und Wollpullover. Chouette! Zudem perfekt passend ins Kapitel „En chassures et chaussons“. Die andern neun behandeln Seil und Pickel, Steigeisen und andere Eisenwaren, Rucksäcke und Garderobe. Einfach das ganze Material, das Bergsportler in Laufe der Zeit entwickelten und brauchten. Eine höchst spannende Ausrüstungsgeschichte des Alpinismus, geschickt verknotet mit der Besteigungsgeschichte, etwas französisch-lastig, mais bien sûr, mit ein paar falschen Seilhandhabungen und einer etwas schwachen Bibliographie – auch das kann vorkommen.
So schreibt Modica, dass der Chamonix-Führer Jean Charlet-Straton, Erstbesteiger des Petit Dru, beim Soloversuch 1876 das Abseilen am Doppelseil in einer realen Situation als Erster angewendet habe. Aber was machten John Tyndall und seine Führer Jean-Joseph und Jean-Pierre Maquignaz am 28. Juli 1868 bei der ersten Überschreitung des Matterhorns? Beim Abstieg über den Hörnligrat legten sie ihr zweites Seil um Felsvorsprünge, „liessen uns dann daran, so weit es reichte, hinunter, und machten es nachher, oft mit grosser Mühe, durch vieles Ziehen wieder los.“ Ob Tyndall Jules Verne im Original gelesen hat? Pourquoi pas!
Gilles Modica: Alpinisme – la saga des inventions. Préface de Catherine Destivelle. Les Éditions du Mont-Blanc, Les Houches 2013, Euro 39.-, http://leseditionsdumontblanc.com.
«Die Reise zum Mittelpunkt der Erde» gibt es digital bei http://gutenberg.spiegel.de