Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/1743

Warum wir in der Labradorzucht nicht weiterkommenGedanken zu Zuchtstrategien und dem Umgang mit "Hintergrundwissen" - oder wie meine MitzüchterInnen "Black Boxes" erschaffen
Als ich im Jahre 1991 meinen A-Wurf gross gezogen habe, hatte ich bei Weitem nicht die Auswahl an Deckrüden aus Arbeitslinien, wie ich sie heute habe.
Nur stellt sich mir mittlerweile die Frage, ob ich tatsächlich eine so breite Auswahl an Deckrüden habe, wie die Liste der Namen es suggeriert?
Namen gibt es viele, DNA-Resultate auch - ja, es gibt sogar Deckrüden, die eine ganze Reihe von Working Test Resultaten bis hin zur Siegerklasse aufweisen, und solche, die eine ganz Palette an Jagdgebrauchshundeprüfungen bestanden haben, nur leider keine Field Trials à l'anglaise!
Wo sind die Deckrüden in erreichbarer Nähe (bis zu 1’000km), welche die ursprünglichen Qualitäten des Retrievers wirklich unter Beweis gestellt haben, nämlich, dass sie in einem Treiben (nicht nur einem BLP- oder RGP-Treiben!) ruhig dasitzen ohne zu fiepen, dass sie ein weiches Maul haben (an kaltem Wild nicht wirklich zu überprüfen, ausser der Hund ist so hartmäulig, dass er sogar eine aufgetaute Ente knackt!), dass sie Geländehart sind (auch in Brennnesseln gehen!), dass sie leichtführig sind, dass sie ein gutes Grundwesen haben (kein Schwanzklemmer, keine Nervosität, keine Hyperaktivität, kein übermässiges Misstrauen gegenüber Fremdpersonen), dass sie nicht bereits bevor es losgeht herumhecheln und beinahe auf den Zehenspitzen gehen an einem Working Test...
Ja, und dann sollten sie auch noch gesund sein und nach Labrador aussehen...
Ich schaue mir die Liste der Deckrüden an und es bleiben nur eine Handvoll übrig, die überhaupt in Frage kommen könnten, weil sie selbst oder wenigsten ihre Elterntiere Field Trials (à l’anglaise) bestritten und bestanden haben, und vor allem, weil sie nicht allzu eng mit meinen eigenen Hündinnen verwandt sind.
So habe ich also diese paar wenigen Rüden, die ich mir genauer ansehe: phänotypische Gesundheitsdaten, dann die Suche nach Geschwistern, die Suche nach Gesundheitsdaten der Elterntiere und deren Geschwistern, Grosseltern und deren Geschwistern, bereits vorhandene Nachkommen des eventuellen Deckrüden, Nachkommen der Vorfahren... und so vergehen die Stunden im Flug – und am Ende stehe ich vor einer Ahnentafel, von der ich sagen kann: ich kann es wagen, aber nur mit der einen Hündin, weil meine andere Hündin möglicherweise eine Schwäche in ihrer Ahnentafel hat, die ich verdoppeln würde.
ABER: leider bin ich auf die verfügbaren Informationen angewiesen und die, so habe ich feststellen müssen, werden so dargeboten, dass sie ein möglichst gutes Bild einer Zucht und der Nachzucht abgeben. Wenn ich die verschiedenen Webauftritte von Labrador ZüchterInnen ansehe, so kann ich nicht umhin zu fragen, weshalb sowohl bei den eigenen Würfen, als auch beim entsprechenden Deckrüden nicht nur bestimmte Resultate fehlen, sondern sogar ganze Würfe "vergessen" werden... warum wird nicht publiziert, dass aus gewissen Rüden, die selbst phänotypisch perfekt sind, einige Nachkommen ED-operiert sind?
Wem würde es weh tun, wenn wir alle als ZüchterInnen einander solch traurige Erfahrungen ersparen könnten? Warum steht auf einer Homepage, der Hund sei HD-geröntgt, aber nicht beurteilt? Das stimmt zwar durchaus, aber es würde vielleicht etwas weniger gut aussehen, wenn dazugefügt worden wäre, dass dieser Hund eine TPO-Operation (triple pelvis osteotomy = dreifache Beckenosteotomie = HD- Operation) hinter sich hat...
Warum kann man nicht offen dazu stehen, dass man in einem Wurf eine D- oder sogar eine E-Hüfte hat?
Wem machen solche ZüchterInnen etwas vor?
Dann wird ein Wurfgeschwister dieses Hundes in der Zucht eingesetzt und der unbedarfte, gutgläubige Züchter, der sich an den vorhandenen Auswertungen orientiert, fällt eineinhalb Jahre später aus allen Wolken, wenn in seinem Wurf unerwartet eine schlechte Hüfte herauskommt!
Noch schlimmer sind die unter den Teppich gekehrten ED-Fälle, da diese Hunde häufig bereits unter einem Jahr wegen Lahmheit untersucht und zum Teil arthroskopiert wurden. Diese ED-operierten Hunde sind es, die mir am meisten Angst machen, denn niemand redet von ihnen. Sie gelten einfach als "nicht ausgewertet", aber die Gene, die in der Familie vorhanden sind, werden leider durch phänotypisch gesunde Wurfgeschwister genotypisch weiter getragen.
Es reicht nicht, wenn wir nur gerade 4 von 8 Auswertungen vorliegen haben! Um ein wirklich aussagekräftiges Bild eines Vererbers zu erhalten müssten wir ALLE Wurfgeschwister vorliegen haben, denn der letzte Hund des Wurfes könnte noch schlechte Hüften oder schlechte Ellbogen haben. Es gibt Würfe, wo 5 von 6 Geschwistern A-Hüften haben, der sechste Hund aber hat eine D-Hüfte! Wem mache ich dann etwas vor, wenn ich nur die 5 A-Hüften veröffentliche?
ZüchterInnen, die behaupten, bei ihnen sei alles in bester Ordnung und sie hätten noch nie ein HD- oder ED-Problem gehabt, wenn die Nachzucht nicht geröntgt ist, machen sich und den WelpenkäuferInnen etwas vor – nur wenn ALLE Resultate vorliegen, dürfte so eine Aussage gemacht werden!
Was ziehe ich daraus für Schlüsse: wohl ganz einfach, dass die fehlenden Resultate eine enorm grosse Aussagekraft besitzen! Also stehe ich mit meinen Nachforschungen und meinen Sammlungen von Resultaten mit grossen "Black Boxes" da; "Black Boxes", die möglicherweise genau die Informationen beinhalten, die ich so dringend brauchen würde um mit meinen Zuchtbemühungen einen Schritt weiter zu kommen.
Aus diesem Grunde kann ich nur lächeln, wenn jemand mir sagt, dass er zwar sehr gerne einen Rüden aus meinem L-Wurf als Deckrüden benutzen würde, aber leider seien zwei Wurfgeschwister Schulter-OCD-operiert, was eben offen auf meiner Homepage nachzulesen ist. Nun wird wohl ein Deckrüde benutzt, der selbst keine Auswertung der Schulter hat und natürlich auch keiner im Wurf auf Schulter-OCD untersucht ist; von den Elterntieren des Wurfes nicht zu reden. Der betreffende Züchter stellt sich auf den Standpunkt, dass man ihm im Falle des Auftretens einer Schulter-OCD in seinem Wurf wenigstens nicht den Vorwurf machen könnte, er hätte es ja gewusst. Das ist auch eine Zuchtstrategie. (Nebenbei bemerkt gibt es in unseren Verbänden ZüchterInnen, die mit schulteroperierten Hunden züchten... (ist ja nicht Zuchtvorschrift die Schultern zu röntgen) ... noch eine "Black Box".
Wie sollen wir als ZüchterInnen überhaupt aus dem Teufelskreis der immer wiederkehrenden ED-Fälle oder schwerer HD-Fälle, von den Schulter-OCD-Fällen gar nicht zu reden, herauskommen, wenn wir, um uns nicht im Kreis zu drehen, was die Inzucht angeht, neue Linien suchen, und sich vor uns so unendlich viele "Black Boxes" auftürmen?
Wenn ich mir vorstelle, wie viel weiter wir in der Zucht wären, wenn ALLE ZÜCHTERINNEN UND ZÜCHTER OFFEN MIT DEN PROBLEMEN UMGEHEN WÜRDEN, wie viel Leid wir als ZüchterInnen dadurch uns selbst und manchem Welpenkäufer hätten ersparen können oder ersparen könnten, dann werde ich auf der einen Seite wütend, auf der anderen Seite macht es mich aber auch sehr, sehr traurig.
Was tu ich, wenn ich beim ausgewählten Deckrüden nicht einmal weiss, wie viele Welpen in seinem Wurf waren, geschweige denn, wie viele ausgewertet sind? Wenn ich wunderbare Linien sehe und mir der Rüde sehr gut gefällt, weil er alle die von mir gesuchten Eigenschaften aufweist und selbst perfekte Gelenksauswertungen (sogar die Schultern!) hat, aber ich weiss beinahe nichts über seine Wurfgeschwister, über die Elterntiere und deren Geschwister, weil da keine Auswertungen vorliegen, oder mindestens offiziell nichts bekannt ist?
Leider kann ich nicht so unbedarft sein, wie es einige NeuzüchterInnen sind, die meinen, wenn die Wiese schön grün sei, sei darunter ein guter Boden, wenn sie ein Haus bauen wollen – leider habe ich gelernt, nachzufragen, zu sammeln, zusammen zu stellen... und so stehe ich am Ende da mit meiner ganzen Datensammlung und meinem Wissen um den schlechten HD-Vererber im Hintergrund, um die Urgrossmutter, die HC hatte usw.
So sehr ich versuche, das Risiko zu minimieren, indem ich alle verfügbaren Daten zusammentrage und so versuche ein Bild des Genotyps, nicht nur des Phänotyps des Deckrüden zu erhalten, so wenig können wir dann abschätzen, was die vielen "Black Boxes" im Hintergrund für einen Einfluss haben werden...
Ich gehe als Züchterin offen mit den vorhandenen Daten um und erhalte eine Mitteilung, die so beginnt:
Wenn man es schon nötig hat andere Rüden schlecht zu machen und seine eigenen Linien (in denen genug zu finden ist) zu "Lobhudeln",
sollte gerade einer so zur Selbstdarstellung neigende, vermeindliche "Englandkennerin" wissen,... (wörtliches Zitat)
Geht es um "schlecht machen", wenn man bereits aus den veröffentlichten Daten herauslesen kann, dass es sich bei einem Rüden oder einer Hündin um Vererber handelt, die wohl besser nicht auf eine schwache Hüftlinie oder Ellbogenlinie verwendet werden sollten? Geht es darum einen Rüden oder eine Zuchthündin schlecht zu machen, wenn offen mit Nachzuchtresultaten umgegangen wird?
Warum müssen Andeutungen und Unterstellungen gemacht werden, wie "in denen genug zu finden ist". Wäre es nicht angebrachter an dieser Stelle offen zu schreiben, was es ist, was "zu finden" ist in diesen "meinen Linien"? Ich hatte gemeint, selbstkritisch und offen genug zu sein, um Informationen, die mich züchterisch weiterbringen, aufzunehmen und zu verwenden. (NB. Interessanterweise hat die schreibende Person nicht weniger als 5 Würfe gezogen mit einer Hündin mit Grossvater Conneywarren Spike und Grossmutter Haredale Cinta. Sind das jetzt "meine Linien" oder "seine/ihre Linien"?)
Was ist mit "meinen Linien" gemeint? Was sind denn dann die Linien der anderen ZüchterInnen? Betrachten wir die Zucht in Deutschland, Österreich und der Schweiz, so finden wir mittlerweile folgende Namen fast in allen Ahnentafeln: Tibea Tosh (Vater des A-Wurfes vom Keien Fenn), Lafayette Tolley (Vater von Saxthorpe Buzzard of Brindlebay und Loughbrook Goldcharm of Lafayette), Brindlebay Brigg, Aughacasla Sam of Drakeshead (Vater von Craighorn Bracken & Conneywarren Spike und Grossvater von Starcreek Efinegan & Starcreek Eager), Garendon Captain und sein Wurfbruder, Garendon Chubb, etc.
Drehen wir uns nicht im Kreise? Haben wir nicht bald alle mehr oder weniger die gleichen Linien in unseren Ahnentafeln?
... Und dann will ich aus diesen Linien hinaus um die Genvielfalt zu wahren und ich stehe vor diesen vielen "Black Boxes", vor diesen unendlich vielen Fragezeichen, was sich wohl für ein Genotyp hinter meinem Phänotypen verbergen könnte. Ich sehe den Datenberg und muss letztlich eine "Bauchentscheidung" treffen, denn ich möchte weiterhin Labrador Retriever züchten, nicht nur Hüften oder Ellbogen oder prcd-PRA clear, CNM-clear, EIC-clear, RS/OSD-clear – und vielleicht noch weitere Gentests, die bald auf den Markt kommen werden.
Verena Ommerli, Februar 2010