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«Sie nahmen das Land, ohne Arbeit zu geben. So gehen wir hin und verlangen unser Recht.» Diese Sätze aus dem Mund eines indischen Steinklopfers stehen am Beginn des Dokumentarfilms «Millions Can Walk», der diese Woche am Filmfestival Freiburg lief. Was der Mann mit «hingehen» meint, zeigen die Regisseure des Films, der Schweizer Christoph Schaub («Giulias Verschwinden») und der schweizerisch-indische Doppelbürger Kamal Musale, in den folgenden knapp 90 Minuten mit ebenso eindrücklichen wie farbintensiven Bildern.
Protest der Urbevölkerung
Im Oktober 2012 versammelten sich in Gwalior, einer Stadt in Zentralindien, rund 100 000 Menschen, um zu Fuss den 400 Kilometer langen Weg zur Hauptstadt Delhi in Angriff zu nehmen. «Jan Satyagraha» – «Marsch der Gerechtigkeit» – nennen sie ihren Protestmarsch. Sie sind mehrheitlich Angehörige der Adivasi, der indischen Urbevölkerung, die schon vor Jahrhunderten ins Bergland vertrieben wurde und in letzter Zeit zunehmend Opfer eines Landraubs war, der Folge des sich rasant ausbreitenden Bergbaus und der immer stärker industrialisierten Landwirtschaft ist.
Viele der rund 90 Millionen Adivasi, die heute noch über ganz Indien verteilt in ihrer angestammten Weise leben und meist Subsistenzwirtschaft betreiben, mussten ein weiteres Mal ihre Hütten und Äcker verlassen, um internationalen Grosskonzernen Platz zu machen. Die recht- und mittellosen Menschen wurden dabei vom Staat nicht entschädigt, sondern ihrem Schicksal überlassen, das fortan ein Leben in bitterer Armut als Steinklopfer oder Korbflechter vorsah.
Aufschlussreiches Bild
Damit dieser Zustand der rechtlichen Wehrlosigkeit ein Ende findet, wurde bereits 1991 die Nichtregierungsorganisation Ekta Parishad gegründet, die sich an Mahatma Gandhis Prinzipien des gewaltfreien Widerstands orientiert und als basisdemokratische Bewegung organisiert ist. Deren charismatischer Präsident Rajagopal P. V. ist die treibende Kraft hinter dem «Marsch der Gerechtigkeit», an dem sich schliesslich um die 2000 Organisationen beteiligten. Vom Geschehen auf dem Protestmarsch, den Motiven und Hoffnungen der Teilnehmenden und auch dem immensen logistischen Aufwand berichtet «Millions Can Walk» hautnah, so dass die Zuschauer sich manchmal mitten unter den Demonstranten wähnen.
Der Film schildert zudem mittels regelmässiger Abstecher zu den Wohnorten von Adivasi deren Lebensumstände auf sehr anschauliche Weise und lässt auch einen indischen Minister seine Sicht auf die Verhandlungen darlegen. Auch wenn die Sympathien auf Seiten der Demonstranten liegen, ergibt sich ein ausgewogenes, höchst interessantes und aufschlussreiches Bild dieses innerindischen, aber für die ganze Menschheit bedeutsamen Konflikts.
«Millions Can Walk» läuft ab 16. April in den Westschweizer Kinos. In der Deutschschweiz wurde der Film bereits gezeigt.
Dreharbeiten : Regisseur musste wieder heim
A nlässlich der Westschweizer Premiere von «Millions Can Walk» besuchte Regisseur Christoph Schaub das Filmfestival Freiburg und stellte sich im Anschluss an die Vorführung den Fragen der Filmwissenschaftlerin Jenny Billeter und des Publikums. Dabei erzählte er unter anderem auch von den erschwerten Umständen des Filmdrehs. Schaub war nämlich gezwungen, die Dreharbeiten von der Schweiz aus zu verfolgen, weil ihm am Flughafen Mumbai die Einreise nach Indien verweigert wurde. «Wie ein Asylbewerber in der Schweiz wurde ich vom Zöllner abgewiesen und musste mit derselben Maschine, mit der ich gekommen war, wieder in die Schweiz zurückkehren.» Er und die Produzentin des Films, Franziska Reck, hätten aber aufgrund der Wichtigkeit des Ereignisses beschlossen, den Film dennoch zu drehen. So wurde der in Mumbai lebende schweizerisch-indische Regisseur Kamal Musale eingespannt, um den Dreh vor Ort zu organisieren. Schaub blieb das Schneiden von nicht selbst gedrehtem Material – «eine Grenzerfahrung für einen Regisseur», wie er es formulierte. fa