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Dieser Komponist passte nicht ins Weltbild der bolschewistischen Revolutionäre: Sergej Rachmaninow galt den Rebellen, die in Russland den kommunistischen Umsturz vorbereiteten, als Repräsentant der herrschenden Klasse. Das fing schon damit an, dass Rachmaninow aus altem russischem Landadel stammte. Gewiss, seine Familie war verarmt, nachdem 1861 die Frondienste abgeschafft worden waren und sie ihre Ländereien vollständig aufgeben musste. Aber Sergej, das vierte von sechs Kindern, hatte früh für Ersatz gesorgt, indem er 1902 seine wohlhabende Cousine Natalia Satina heiratete und mit ihr das Landgut Iwanowka bezog und bewirtschaftete. Kurzum: Er war selbst wieder zum Gutsherrn geworden. So etwas durfte nicht ungesühnt bleiben.
Iwanowka, gut 500 Kilometer südöstlich von Moskau gelegen, war für Rachmaninow der Ort, an dem er Kraft tanken konnte. Er liebte die Ruhe und die weite Landschaft mit ihren «grenzenlosen Weizen-, Roggen- und Haferfeldern», «den Duft nach Erde und den Aromen von allem, was wächst und blüht». Wenn er nicht als Pianist auf Konzertreise war, legte er selbst Hand an in der Landwirtschaft oder widmete sich der Pferdezucht. Vor allem fand er in Iwanowka die Inspiration zum Komponieren: Etliche seiner Préludes und Études, die ersten beiden Sinfonien, die ersten drei Klavierkonzerte, aber auch Die Glocken und Die Toteninsel brachte er dort zu Papier. Wenn er im Garten sass, die Natur um sich herum spürte, dann kam er auf die besten Ideen.
Im Frühjahr 1917 aber konnte Rachmaninow nicht mehr übersehen, dass sein Paradies ernsthaft bedroht war. Nicht nur die Arbeiter in den Städten, auch die Bauern auf dem Land begannen sich zu radikalisieren. Und natürlich richtete sich ihr Zorn gegen die Gutsbesitzer – etliche Gehöfte wurden niedergebrannt, sogar zu Pogromen kam es. Verängstigt entschloss sich Rachmaninow zur Abreise, suchte zunächst auf der Krim Zuflucht und kehrte im Herbst nach Moskau zurück, wo die Familie ebenfalls eine Wohnung besass. Dort arbeitete er gerade an der Revision seines Ersten Klavierkonzerts, als die Bolschewiki die Macht übernahmen. Die Konsequenzen bekam er sogleich zu spüren: Ein Teil seiner Wohnung wurde konfisziert, Rachmaninow musste im neugegründeten Hauskomitee mitwirken, und er wurde zu Nachtwachen eingeteilt, um Brandanschläge oder Plündereien zu unterbinden. Gravierender war allerdings, dass er keine Engagements mehr erhielt und nirgendwo auftreten konnte. Dadurch gerieten die Rachmaninows in massive finanzielle Schwierigkeiten.
Wie ein Geschenk des Himmels erschien ihm deshalb ein Telegramm aus Schweden, das er Ende November 1917 erhielt: mit der Einladung zu einem Konzertauftritt in Stockholm, die es ihm ermöglichte, das ersehnte Ausreisevisum zu erhalten. Rachmaninow kratzte sein letztes Geld zusammen, bestieg mitsamt Ehefrau und den beiden Töchtern den Zug nach Petrograd und reiste von dort weiter nach Helsinki. Am Heiligen Abend traf er in Stockholm ein – und begann ein neues Leben im Westen.
Sein künstlerischer Schwerpunkt freilich veränderte sich dramatisch: Hatte er sich zuvor in erster Linie als Komponist verstanden, so galt er nun vor allem als Klaviervirtuose. Wie eine nie endende Konzerttournee nahm sich Rachmaninows Dasein fortan aus. Unentwegt reiste er durch ganz Europa und Amerika, honoriert mit üppigen Gagen, die ihm einen fürstlichen Lebensstil ermöglichten: Rachmaninow engagierte eigenes Küchenpersonal, einen Chauffeur und einem Privatsekretär. Seine Anzüge liess er von einem der besten englischen Schneider anfertigen, und in schnelle Sportwagen investierte er ein Vermögen. Dennoch konnte ihn all das über den Verlust der Heimat nicht wirklich hinwegtrösten.
In zwei exakt gleichlange Hälften von jeweils 26 Jahren teilt sich die schöpferische Laufbahn Rachmaninows: 1891 vollendete er sein Opus 1, das Erste Klavierkonzert; im Exil aber, nach 1917, komponierte er nicht mehr als sechs Werke. Nur in Hertenstein am Vierwaldstättersee, wo er 1930 ein Ufergrundstück erwarb, sich eine geräumige Villa errichten liess und bis 1939 seine Sommermonate verbrachte, fand er noch einmal so etwas wie Frieden. Doch auch dieses Refugium gab Rachmaninow wieder auf, weil er die Kriegsgefahr fürchtete und lieber rechtzeitig die Flucht antreten wollte. Am 23. August 1939, einen Tag vor der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts, bestieg er einen der letzten Ozeandampfer, die vor Ausbruch der Kämpfe den Atlantik noch überquerten. Als die Wehrmacht am 1. September Polen überfiel, hatten die Rachmaninows auf Long Island bereits Quartier bezogen.
Was wäre aus ihm geworden, wenn die Macht und die Politik nicht so einschneidend in sein Leben eingegriffen hätten? Welche Werke hätte er der Musikwelt dann wohl noch beschert? Rachmaninow konnte nie mehr in seine Heimat zurückkehren, er starb 1943 in Beverly Hills. Sein geliebtes Landgut Iwanowka war noch 1917 geplündert und zerstört worden. Die schöne Parkanlage wurde für die Viehwirtschaft genutzt, und die Ruinen des Herrenhauses dienten bis in die 1960er Jahre als Müllkippe. Erst danach wurde das Anwesen sukzessive rekonstruiert, seit 1978 beherbergt es das Rachmaninow-Museum. Sergej Rachmaninow hat diese wundersame Auferstehung nicht mehr miterleben können.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Riccardo Chailly und das LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA eröffnen das Luzerner Sommer-Festival 2019 am 16. August mit Rachmaninows berühmten Drittem Klavierkonzert und seiner Dritten Sinfonie, entstanden am Vierwaldstättersee.
Und am 10. September dirigiert Sir Simon Rattle am Pult seines London Symphony Orchestra dann Rachmaninows Zweite Sinfonie.