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In «The Production of Culture» (2004) hat sich der amerikanische Soziologe Richard Peterson mit der Frage befasst, wie wir unseren kulturellen Interessen nachgehen. In diesem Zusammenhang stellte er das vorherrschende Modell des französischen Soziologen Pierre Bourdieu in Frage.* Bourdieu baute seine Analyse auf einer homologen Schichtung der sozialen Gruppen, der Geschmacksrichtungen und der Kulturthemen auf, klassifiziert nach einem Legitimitätsgradienten. Peterson hingegen zeigt überzeugend, dass sich die grossen Kulturliebhaber tendenziell wie Allesfresser verhalten und dass sie nicht nur gehobene Kultur konsumieren, sondern sehr unterschiedliche Verhaltensweisen kombinieren.
Die Veranstaltungsform des Festivals entspricht voll und ganz dieser Definition, da sie die üblichen Grenzen zwischen gesellschaftlicher Gruppierungen, bestimmten Geschmackspräferenzen und Kulturformen niederreisst. Das zeitgenössische Publikum schätzt Kombinationen in den Bereichen Kultur und Kunst, die vom Spannungsverhältnis zwischen unterschiedlichen Kunstgattungen und Stilarten profitieren. Das Festival erzeugt Widerspruch, Buntheit und Mehrtönigkeit.
Am Festival von Avignon für Theater, Tanz und Gesang zeigt sich etwa klar, welche Eigendynamik eine grosse Veranstaltung auf das Verhalten und die Erwartungen des Publikums haben kann. Festivals können zu Veränderungen und in gewissen Fällen sogar zu einer Erneuerung des Publikums führen. Denn Theater in grossen Städten können durch die Anwesenheit sogenannter «hochangesehener Persönlichkeiten des Kulturbereichs» auf das breite Publikum einschüchternd wirken. Eine der Besonderheiten des Publikums in Avignon hingegen ist die Tatsache, dass nur wenige dieser «urbanen Kulturexperten» zum Publikum zählen.
Abgesehen vom Aspekt des «Allesfressers», der für den zeitgenössischen Zuschauer bestimmend ist, wäre darauf hinzuweisen, dass die Festivals eine Intensivierung des Kulturbetriebs ermöglichen. Die heutigen Festivals sind vielfach mit einer Fülle kultureller Angebote verbunden: Vorstellungen rund um die Uhr, Debatten sowie Veranstaltungen für die Medienschaffenden. Damit wird der Eindruck eines umfassenden Kulturangebots vermittelt. Die Zuschauer sprechen vielfach davon, dass sie «Kultur tanken», «sich mit Musik vollaufen lassen» oder «einen Kulturvorrat für den Winter anlegen». Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie sich ausschliesslich auf die kurzen und intensiven Momente der Festivals konzentrieren; sie nehmen auch während des Jahres kulturelle Angebote in Anspruch. Der wichtigste Punkt ist, dass sich diese Form des intensiven Konsums tendenziell zur «guten Form» der Inanspruchnahme von Kulturangeboten entwickelt.
Die meisten Festivals bevorzugen das Konzept eines befriedeten und sogar «abgesicherten» Raums, wo man sich wohl fühlt – in vielen Fällen sogar wohler als im normalen Kulturbetrieb. Die Zuschauer wünschen sich indessen auch bei den Festivals eine Inszenierung von Kunst und Kultur, die auf der gleichzeitigen Anwesenheit der Kulturschaffenden und des Publikums beruht und so im öffentlichen Raum ganz neue Formen des Austausches ermöglicht. Am Festival d’Avignon etwa ist, vielfach im Rahmen von Auseinandersetzungen oder zumindest polemischer Diskussionen, eine spezielle Art der Verknüpfung von Kultur und Politik sowie von Theater und service public entstanden. Auseinandersetzungen sind in Avignon somit die Norm.
Festivals bringen die zeitgenössische Kultur in Form von events zum Ausdruck und bieten in einer zunehmend virtuellen Welt eine greifbare Wirklichkeit. Das Publikum erwartet von den Festivals Momente, die intensiver sind als das normale Dasein und die ihm die Möglichkeit bieten, die allesfresserischen und teilweise unersättlichen Seiten des zeitgenössischen Kulturliebhabers auszuleben: der hinterste und letzte Krümel vom Kulturbuffet will abgeräumt werden.
*Pierre Bourdieu: «Distinction», 1979