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Illusionen faszinieren den Menschen schon immer. Am bekanntesten sind wohl die Illusionen von Zauberern und Zauberinnen, aber auch Künstler und Künstlerinnen haben sich lange mit Illusionen beschäftigt. Bahnbrechend waren die Werke des holländischen Graphikers M. C. Escher, der sich mit unmöglichen Figuren beschäftigte. Seine Werke zeigen auf, wie schnell wir uns durch perspektivische Tricks in die Irre führen lassen.
Die zauberhaften Neurowissenschaften
Neurowissenschaftler und Neurowissenschaftlerinnen haben entdeckt, dass sie Illusionen gezielt einsetzen können. In Experimenten rufen sie absichtlich Illusionen hervor, um die Funktionsweise unseres Gehirns und unserer Wahrnehmung besser zu verstehen. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte «Gummihand-Illusion», bei dem Menschen über eine geschickte Kombination von visuellen Stimuli und Berührungen glauben, dass eine Gummihand zum eigenen Körper gehört [1]. Ebenfalls beeindruckend ist die sogenannte Körpertausch-Illusion. V. I. Petkova und H. H. Ehrsson (2008) haben gezeigt, dass man sich in einen fremden Körper hineinversetzen und dabei sogar über die eigenen Handlungen täuschen kann [2].
Die Körpertausch-Illusion wird mit ganz einfachen Mitteln erzeugt. Eine Versuchsperson trägt eine Brille, in der sie die Aufzeichnungen einer Videokamera sieht, die sich auf dem Kopf einer Assistenzperson befindet. Die Versuchsperson «sieht» nun aus der Perspektive ihres Gegenübers, also auch deren Körperwahrnehmung. Sie sieht über die Brille beispielsweise die Hand ihres Gegenübers aus der Perspektive des Gegenübers, so als ob deren Hand ihre eigene wäre.
Im Experiment werden beide Personen dazu aufgefordert, ihre Hand auszustrecken und sich gegenseitig die Hände zu halten. Zudem werden sie auch wiederholt gebeten, sich die Hand zu drücken. Streckt die Versuchsperson nun die Hand aus, sieht sie nicht die eigene Hand von sich weg strecken, sondern jene der Assistenzperson. Durch die gleichzeitigen sensoriellen und visuellen Sinneseindrücke beginnt die Versuchsperson zu denken, sich im Körper der anderen Person zu befinden.Durch dieses Experiment konnte eine solch starke Illusion hervorgerufen werden, dass die Versuchspersonen meinten, sich selbst gegenüber zu stehen. «Ich habe mir selbst die Hand gegeben!», riefen mehrere Versuchspersonen spontan.
Jeder kennt sich selbst am besten
Gewissen Philosophen und Philosophinnen zufolge birgt diese Illusion eine schwerwiegende Konsequenz für unser Selbstbewusstsein. Wir meinen unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen mit Gewissheit zu kennen. Aber die Tatsache, dass wir uns über unsere eigenen Handlungen täuschen können, stellt das Wissen über uns selbst in Frage.
Was wir über uns selbst wissen und was wir über andere Personen wissen, unterscheidet sich. Auf die übliche Begrüssungsformel: «Guten Tag, wie geht es dir?» antworten wir jeweils reflexartig: «Gut, und dir?» Auch wenn diese Frage nur eine Formalität ist, bringt sie eine grundlegende Eigenschaft unseres Selbstbewusstseins zum Vorschein: Egal, ob man bei diesem rituellen Wortaustausch ganz ehrlich ist, man kennt die Antwort auf die Frage, die anderen verschlossen bleibt.
Natürlich könnten wir eine andere Person mustern und dem gesenkten Kopf und der starren Miene entnehmen, dass sie traurig ist. Bei dieser Beobachtung können wir uns aber täuschen. Über sich selbst weiss man jedoch ganz sicher, ob man glücklich oder traurig ist. In diesem Sinne haben wir einen privilegierten Zugang zu unseren Gefühlen, zu unserem Denken, Erinnern oder Sehen.
Über gewisse Dinge können wir uns auch gar nicht irren. Beispielsweise scheint es absurd zu sein, jemanden der gerade über Zahnschmerzen klagte zu fragen: «Bist du dir sicher, dass du es bist und nicht deine Tante, die Zahnschmerzen hat?» Wenn man einen Schmerz verspürt, weiss man mit Gewissheit, dass man es selbst ist, der diesen Schmerz verspürt. Als These formuliert: Wenn ich sage, dass ich ein Gefühl, einen Gedanken oder eine Empfindung habe, kann ich mich nicht über die Person irren, welche diese Empfindung hat. Oder einfacher: Wenn ich etwas empfinde, kann ich mit Gewissheit wissen, dass ich es bin, der etwas empfindet. Der Philosoph S. Shoemaker (1968) ist ein prominenter Vertreter einer derartigen These [3].
Nun stellt die Körpertausch-Illusion nicht direkt das Wissen über unsere mentalen Zustände, sondern über unsere Handlungen in Frage. Doch das Wissen über unsere Handlungen unterscheidet sich nicht wesentlich vom Wissen über Empfindungen. Man hat auch einen intimen Zugang zu seinen eigenen Handlungen, eine Art Wissen, welches anderen Personen verborgen bleibt, wenn man es nicht mitteilt. Wiederum ist es absurd zu fragen: «Bist du dir sicher, dass du einen Kaffee trinkst und nicht dein Onkel?» Insofern lässt sich Shoemakers These für unsere Handlungen erweitern: Wenn ich sage, dass ich etwas tue, kann ich mich nicht über die Person irren, welche jene Handlung ausführt.
Wissen wir also nicht, was wir tun?
So viel zur Theorie. Manche Philosophinnen und Philosophen dachten, dass es nicht nötig sei, diese These empirisch zu überprüfen. Doch 2011 haben T. Lane und C. Liang genau dies gemacht [4]. Sie vertreten die Ansicht, dass die Körpertausch-Illusion die These, dass wir uns nie über die Person unserer eigenen Handlungen irren können, widerlegt. Denn «Ich habe mir selbst die Hand gegeben!», zeigt offensichtlich, dass sich die Versuchspersonen über die Person irren, welche ihnen die Hand gegeben hat. Somit kann es nicht als absurd abgetan werden, dass wir uns bei unseren eigenen Handlungen in der Person irren.
Wie weitreichend sind nun die Konsequenzen der Körpertausch Illusion? Wenn ein Verstand ein Mal in die Irre geführt werden kann, wieso sollte er nicht immer dieser Ohnmacht ausgesetzt sein? Man könnte nun zur radikal skeptischen Haltung geneigt sein, dass man sich gar nichts mehr gewiss sein könnte.
Dazu reicht die Körpertausch-Illusion dann doch nicht aus. Dafür müsste man zeigen, dass wir unsere Handlungen nie der richtigen Person zuschreiben und das ist zum Glück nicht der Fall. In der alltäglichen Handlungszuschreibung liegt meist kein Irrtum vor – Sie dürfen sich also gewiss sein, dass Sie es sind, die gerade diesen Artikel gelesen haben.
Andreas Stoller besuchte als Gast die Sommerakademie der Schweizerischen Studienstiftung. Nach seinem Bachelorabschluss in Philosophie an der Universität Freiburg studiert er nun im Masterstudiengang Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne. Er interessiert sich für den Überschneidungsbereich zwischen Ökonomie und Philosophie.
Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «The body in mind: self-consciousness and embodied cognition» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von der wissenschaftlichen Ideenschmiede reatch – research and technology in switzerland. Der Artikel gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen der Schweizerischen Studienstiftung oder derjenigen von reatch.