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„Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14,11).
Brüder und Schwestern im Herrn,
nehmen wir diese Belehrung unseres Herrn zur Grundlage dieser Feier und dieser Betrachtung. Nehmen wir sie zur Grundlage unserer Überlegungen zu diesem Tag der Barmherzigkeit.
Im ganzen Zusammenhang der Darstellung des heutigen Evangeliums geht es bei dieser Belehrung des Herrn in erster Linie um die Selbsterkenntnis. Es geht um die Frage: Wer bin ich? Sie ist entscheidend im Hinblick auf das Verständnis von Gottes Barmherzigkeit.
In verschiedenen Zusammenhängen, vor allem in der Diskussion der vergangenen Monate rund um das Thema Ehe und Familie, habe ich schon die Äußerung gehört: „Ich will nicht Barmherzigkeit, ich will Anerkennung“. Auf das klassische Beispiel von Gottes barmherzigem Walten angewendet, auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn übertragen, würde das bedeuten: Der verlorene Sohn betrachtet seine verkehrte Lebensweise als in Ordnung. Er bekennt nicht: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“ (Lk 15,21). Der verlorene Sohn fordert den Vater auf: „Ich verlange, dass der Himmel und du meine Lebensweise anerkennt; ich bin es auch so wert, dein Sohn zu sein“. Das wäre das Gegenteil von dem, was wir im heutigen Evangelium gehört haben: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14,11). Im Hinblick auf die Barmherzigkeit formuliert: „Wer seine Sünden bekennt, erfährt Barmherzigkeit; wer seine Sünden nicht bekennt, verwirkt die Barmherzigkeit“. Wer so redet, wer so vor Gott hintritt, der verschließt sich Gottes Barmherzigkeit. Es fehlt ihm an Selbsterkenntnis. Es trifft zu, was wir in der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach gehört haben: „Für die Wunde des Übermütigen gibt es keine Heilung, denn ein giftiges Kraut hat in ihm seine Wurzeln.“ (Sir 3,28).
Eine vertiefte Selbsterkenntnis führt uns zu einer anderen Haltung Gott gegenüber, zur Haltung eben des verlorenen Sohnes. Denn die vertiefte Selbsterkenntnis führt uns zur richtigen Einschätzung unseres Wesens: Wir sind immer Menschen, die der Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Wir sind immer Menschen, die der Hilfe der Gnade bedürfen, weil wir von der Sünde geprägt sind. Wir versagen, weil wir Sünder sind. Wir sind Sünder, weil wir in jene menschliche Gemeinschaft hineingeboren sind, die sich von Anfang an gegen Gott und Gottes Willen gestellt hat. Ohne die Gnade kommen wir aus unserer Verstrickung in das Böse nicht heraus. Die Barmherzigkeit ist jene Zuwendung Gottes zum Menschen, die ihn von Sünde und Schuld befreit, die ihm einen Ehrenplatz im Reich Gottes zuweist.
Wir sind für den Empfang der Barmherzigkeit offen, wenn wir wie der verlorene Sohn Gott mit den Worten begegnen: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“ (Lk 15,21). Es gibt ja, außer Maria, der jungfräulichen Gottesmutter, keinen Menschen, welcher sagen könnte, ich bin so vollkommen und lauter, dass ich der Barmherzigkeit Gottes nicht bedarf.
Das Jahr der Barmherzigkeit hat eine besondere Beziehung zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit (Weißer Sonntag). Der Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit hat seinerseits eine Beziehung zur Botin der göttlichen Barmherzigkeit, zur heiligen Maria Faustyna Kowalska. Auf ihre Visionen hin hat der Heilige Vater den Barmherzigkeitssonntag eingeführt. Maria Faustyna starb im Rufe der Heiligkeit am 5. Oktober 1938. Am 18. April 1993 wurde sie von Papst Johannes Paul II selig, am 30. April 2000 vom selben Nachfolger Petri heilig gesprochen.
Das Jahr der Barmherzigkeit darf nicht vorbeigehen, ohne dass wir uns in das geistliche Testament dieser Heiligen, in ihr Tagebuch vertiefen. Darin hält sie ihre Visionen und Offenbarungen fest. Aufs ganze gesehen ist ihr Tagebuch nichts anderes als ein Hohes Lied auf die Barmherzigkeit Gottes. Es hilft uns, die Barmherzigkeit Gottes richtig zu verstehen.
Hören wir uns die folgenden Worte unseres Herrn an. Sie erschließen uns in wenigen Zeilen die zuverlässige Deutung von Gottes Barmherzigkeit. Sie sind eine Hilfe für unsere Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung. Der Herr spricht Maria Faustyna so an: „Schreibe: Ich bin dreimal heilig und verabscheue die kleinste Sünde. Ich kann eine Seele nicht lieben, die mit der Sünde befleckt ist, aber sobald sie bereut, sind Meiner Großzügigkeit ihr gegenüber keine Grenzen gesetzt. Meine Barmherzigkeit umfängt und rechtfertigt sie. Mit Meiner Barmherzigkeit verfolge Ich die Sünder auf all ihren Wegen und wenn sie zu Mir zurückkehren, freut sich Mein Herz. Die Bitterkeit, mit der sie Mein Herz getränkt haben, vergesse ich und freue Mich über ihre Rückkehr. Sage den Sündern, dass keiner vor Meiner Hand entflieht. Wenn sie vor Meinem barmherzigen Herzen fliehen, fallen sie in Meine gerechten Hände. Sage den Sündern, dass Ich stets auf sie warte, dass Ich am Pulsschlag ihres Herzens höre, wann es für Mich zu schlagen beginnt. Schreibe, dass Ich durch Gewissensbisse zu ihnen spreche, durch Misserfolg und Leiden, durch Gewitter und Blitze, durch die Stimme der Kirche; wenn sie aber alle Meine Gnaden zunichte werden lassen, beginne Ich zu zürnen und überlasse sie sich selbst und gebe, was sie begehren“ (Tagebuch 509, Nr. 1728).
Versuchen wir diese Worte in den Zusammenhang der heutigen Unterweisung unseres Herrn zu stellen: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14,11). Sie helfen uns, Gottes Barmherzigkeit richtig zu verstehen, ihren Ernst, ihren Anspruch. Wir werden uns inne, dass Gottes Barmherzigkeit nicht ein Freipass ist für ein Leben an Gottes Geboten und Weisungen vorbei, sondern ein Ruf zur Umkehr und zur Erneuerung unseres Lebens. Lassen wir diese Gnade nicht ungenutzt an uns vorbeigehen, und helfen wir auch unseren Mitmenschen, diese Gnade zu entdecken und anzunehmen. Amen.