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Adiós Bolivia – Glencore ist dann doch mal weg
Timo Kollbrunner, 5.November 2021
Ich erinnere mich noch lebhaft, wo ich vor dreizehn Monaten steckte: In einem engen, feuchten, dunklen, stickigen und schlecht gesicherten Tunnel, 4200 Meter über Meer. Ich war in das bolivianische Hochland gereist, um zu dokumentieren, unter welch halsbrecherischen Bedingungen Kooperativen in der von der Glencore-Tochterfirma Illapa betriebenen Mine Porco Zink abbauen. Diese selbstorganisierten Zusammenschlüsse von hunderten Minenarbeitern dringen an jene Stellen der Mine vor, wo sich der maschinelle Abbau für Glencore nicht mehr lohnt – und verkaufen dann das von ihnen geförderte Erz zum Grossteil wiederum an eine Glencore-Tochterfirma namens San Lucas.
Glencore stritt damals jede Verantwortung für die Arbeitsbedingungen bei den Kooperativen ab und behauptete, die Abnahmeverträge mit diesen unterlägen einer sorgfältigen Prüfung gemäss der konzerneigenen «Supplier Standards», die von den Zulieferern unter anderem eine Nulltoleranz gegenüber Kinderarbeit und die Bereitstellung «angemessener persönlicher Schutzausrüstung» verlangen. Wie sich dies mit den Dutzenden offensichtlich Minderjährigen vereinbaren lässt, die sich jeden Morgen in billigen Plastikhelmen aufmachen, in der Mine zu schuften – wir wissen es bis heute nicht. Glencore blies damals sowohl juristisch (ohne Erfolg) wie mit Inseraten und in Chefredaktionsbüros zur Offensive, so dass schliesslich keiner der namhaften Medientitel den Mut hatte, drei Wochen vor der Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative über die von uns aufgedeckten Missstände zu berichten.
Während der Recherche im bolivianischen Altiplano hatte ich mehrmals ein Gerücht gehört, auf das ich im Text damals gar nicht einging: Glencore werde sich bald aus Porco verabschieden. Die Tochterfirma Illapa erschliesse nämlich gar keine neuen Minenareale mehr, obwohl sie dazu gemäss dem mit der staatlichen Minengesellschaft Comibol abgeschlossenen Vertrag verpflichtet wäre. Ich stellte Glencore die Frage, ob da was dran sei. Die Antwort von Anna Krutikov, der Verantwortlichen für nachhaltige Entwicklung, war dezidiert:
Die Glencore-Tochterfirma Illapa habe «keine Pläne, den Betrieb in Porco einzustellen». Schliesslich habe das Unternehmen «Millionen von Dollar» in die «Modernisierung des Abraumlagers, die Mechanisierung der Mine und die Verbesserung der Sicherheitsbedingungen» investiert, schrieb sie mir im Oktober 2020.
Ziemlich genau ein Jahr später, am 12. Oktober 2021, teilte Glencore mit, dass man sich mit der kanadischen Santa Cruz Silver Mining über einen Verkauf der bolivianischen Zinkunternehmen einig geworden sei – für 110 Millionen US-Dollar. Wie ist es zu dieser Kehrtwende gekommen? Auf erneute Nachfrage schreibt Anna Krutikov, dies sei «weder eine schnelle noch eine leichtfertig getroffene Entscheidung» gewesen. Vielmehr habe man «zu Beginn dieses Jahres» eine «strategische Überprüfung» des Firmenportfolios vorgenommen, «mit dem Ziel, uns auf grössere, skalierbare Aktivitäten konzentrieren zu können». Der Verkauf der «Assets» in Bolivien sei eine Konsequenz dieser Überprüfung.
Nun wurde in Fachkreisen allerdings bereits Anfang März berichtet, Glencore habe die Bank of Montreal damit beauftragt, Käufer für seine Zink- und Silberminen in Argentinien, Bolivien und Peru zu suchen. Das heisst: Entweder ist Glencore in Sachen «strategischer Überprüfung des Portfolios» wirklich unglaublich schnell. Oder aber die Beteuerung vor einem Jahr, man habe keinerlei Pläne, den Betrieb in Bolivien einzustellen, war schlicht eine kalkulierte Falschaussage.
Doch was sagen die Menschen vor Ort dazu, dass Glencore sich nun tatsächlich (und wortwörtlich) aus dem Staub macht?
Auch Ricardo Lugo, bis vor Kurzem Gewerkschaftsvertreter der Angestellten von Illapa und mit dem Bürgermeister nicht verwandt, reagiert unaufgeregt. «Todo cambio es para mejorar», sagt er, jedem Wechsel wohne zumindest die Möglichkeit für Verbesserungen inne. Im Dezember werde sich die Belegschaft mit den neuen kanadischen Besitzern treffen, sagt er, und skizziert dann gleich die Forderungen, auf die sich diese gefasst machen können: Eine Erhöhung der 2016 empfindlich gekürzten Löhne. Keine Entlassungen. Und eine Garantie, dass das Gesundheitszentrum für die Arbeiter*innen und ihre Familien weiter betrieben werde. Es gebe nämlich Gerüchte, dass der Weiterbetrieb des Gesundheitspostens in Porco – einer von zweien, für die Glencore verantwortlich war – gefährdet sei.
Auf unsere Frage, ob Santa Cruz Silver Mining die Gesundheitszentren weiterführen werde, liefert die Glencore-Sprecherin ein Anschauungsbeispiel in Sachen Corporate Speech. Der Käufer sei «bestrebt, die gleichen hohen Standards für den Betrieb und die Interaktion mit den Gemeinschaften beizubehalten, den wir hatten. Das beinhaltet auch die in Ihrer Frage erwähnten Aspekte». Was auch immer das heisst. Und in Bezug auf die prekären Arbeitsbedingungen bei den Kooperativen schreibt sie, San Lucas werde «konstruktiv mit seinen Partnern, die sein Engagement für verantwortungsvolle Geschäftspraktiken teilen, zusammenarbeiten».
Wie man minderjährige Mineure mit verantwortungsvollen Geschäftspraktiken zusammenbringt – das ist nun nicht mehr das Problem von Glencore.
Fredy Lugo, der Ex-Bürgermeister, wird den Zuger Rohstoffriesen nicht vermissen. Glencore habe in Porco zwar das Salär von ein paar Lehrer*innen an der Schule bezahlt und ein, zwei kleine Bauwerke finanziert, «aber das wars dann auch. Sie haben unsere Bodenschätze abgetragen, und jetzt gehen sie. Was wird nun aus Porco? Das macht mir Sorgen.»
Einen Tag, nachdem ich die Glencore-Antworten erhalten habe, präsentiert der Konzern auf Twitter seine Quartalszahlen: Über 850’000 Tonnen Zink habe man im laufenden Jahr bereits produziert, rapportiert er, und fügt stolz an: «Wir produzieren das Zink, das zum Bau der Infrastruktur von morgen beiträgt.» Wo diese Infrastruktur dereinst gebaut werden wird? In Porco wohl nicht.
«Stell Dir vor, dass Du auch der Andere bist.» – Yogi Bhajan
Timo Kollbrunner recherchiert für Public Eye, unter welchen Bedingungen Kleider hergestellt, Pestizide ausgebracht oder Erze abgetragen werden. Wenn er die betroffenen Konzerne mit seinen Erkenntnissen konfrontiert, hat er sich zuweilen mit den wunderlichsten Blüten der Corporate Communication auseinanderzusetzen. Ab und zu fragt er sich, wie es wohl so ist, in der PR-Abteilung eines solchen Unternehmens zu arbeiten.
Unsere Fachleute kommentieren und analysieren, was ihnen unter den Nägeln brennt: Erstaunliches, Empörendes und manchmal auch Erfreuliches aus der Welt der globalen Grosskonzerne und der Wirtschaftspolitik. Aus dem Innern einer journalistisch arbeitenden NGO und stets mit der Rolle der Schweiz im Blick.