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Der Boden des Gemeinschaftsraums in der Autonomen Schule Zürich ist zugestellt von gefüllten Papiersäcken und Kisten mit Zwiebeln und Kartoffeln. Mittendrin steht Amine Conde, schwarze Hornbrille, hellblaues Hemd, weisse Turnschuhe. Er überprüft nochmals den Inhalt der Tragtaschen: vier Kartoffeln, vier Zwiebeln, ein Liter Öl, 500 Gramm Spaghetti, 7,5 Deziliter Tomatensauce, ein Kilo Mehl und ein Kilo Reis. Der 22-Jährige hat eine improvisierte Gassenküche für Obdachlose, Sans-Papiers und mittellose Familien eingerichtet. Es ist 11.30 Uhr, in einer halben Stunde treffen die Ersten ein, um sich gratis Essen zu holen.
Amine Conde weiss, wie sich Hunger anfühlt. Mit 16 Jahren flüchtete er aus seiner Heimat Guinea. Drei Monate verbrachte er in Marokkos Wäldern, dann versuchte er wie Tausende Flüchtlinge aus Schwarzafrika, in die spanische Exklave Melilla zu gelangen. «Ich musste betteln, um etwas zu essen zu bekommen. Das war eine der schlimmsten Erfahrungen in meinem Leben.»
In die Freiwilligenarbeit gestürzt
Inzwischen lebt er seit über fünf Jahren in der Schweiz. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt, zurzeit läuft ein Härtefallgesuch. Zwei angebotene Lehrstellen durfte er nicht annehmen. «Um nicht nur daheim zu sitzen, habe ich mich in die Freiwilligenarbeit gestürzt.» Und als wegen der Coronakrise fast alle Gassenküchen schliessen mussten, handelte er sofort. «Ich konnte eine Nacht nicht schlafen, die Erinnerung an den Hunger und die Vorstellung, dass hier Familien davon betroffen sind, liess mich einfach nicht los.»
Es ist 11.45 Uhr. Vor der Tür steht bereits die erste Frau und wartet auf die Essensabgabe. Sie muss sich noch gedulden. An den Wänden und Türen hängen Schilder: «Bitte halten Sie zwei Meter Abstand!» Im Aufenthaltsraum instruiert Conde die freiwilligen Helfer, zwei Frauen und einen Mann, und reicht ihnen eine Box mit Masken. «Immer nur eine Person oder eine Familie darf reinkommen. Hier nimmt sie eine Papiertasche mit Grundnahrungsmitteln. Da kann sie ein Brot und einen Apfel einpacken. Eistee hats genug, davon könnt ihr auch zwei mitgeben.» Auch Kisten mit vorgekochtem Reis und Spaghetti mit Sauce stehen bereit. «Davon darf sich jeder so viel nehmen, wie er will.»
Für Menschen, die überhaupt kein Geld haben, hält er zwei Taschen voller Hygieneartikel bereit. Im Sack für die Männer sind Desinfektionsmittel, Zahnpasta, Shampoo und Hautcreme. Für Frauen gibts zusätzlich Damenbinden. «Eine Packung mit Nacht- und eine mit Tagesbinden», erklärt Conde. Auch Shampoo erhalten die Frauen ein anderes. Es sei für Haare und Haut – und rieche gut, sagt er im singenden Deutsch mit westafrikanischfranzösischem Akzent.
Mit vorgekochten Mahlzeiten begann Condes Essensverteilung. Diese waren von Kinderbetreuungsstätten bereits bezahlt, wurden aber nicht mehr benötigt. «Da sah ich zum ersten Mal, wie viele Menschen heutzutage auf unser Essen angewiesen sind», sagt Amine Conde. Auf Facebook rief er zu mehr Sachspenden auf, verhandelte mit verschiedenen Geschäften und Organisationen und sammelte Geld. Damit kauft er weitere Lebensmittel ein: Mehl, Reis, Spaghetti, aber auch Toilettenartikel. «Wir haben viele Geldspenden bekommen. Das reicht noch für eine ganze Weile», sagt Conde.
2000 Portionen pro Woche
Inzwischen verteilen er und seine Helferinnen und Helfer ungefähr 2000 Portionen Essen pro Woche, neben der Autonomen Schule Zürich auch anderswo in der Stadt und dazu direkt an Menschen in Asylunterkünften in den Kantonen Zürich, Solothurn und Aargau. Die Nachfrage ist so gross, dass Interessierte erst anrufen oder eine SMS senden müssen. «So haben wir einen besseren Überblick, wie viele kommen», sagt eine Helferin.
Mittlerweile ist es 12.30 Uhr. Draussen wird die Schlange immer länger, Wartende halten Abstand, eine Helferin sprüht ihnen Desinfektionsmittel auf die Hände. Zwischen den Freiwilligen kommt es zu Diskussionen: Ein junger Mann, vielleicht Student, taucht auf und möchte nur zwei Äpfel und einen Eistee. «Ich glaube nicht, dass der es wirklich nötig hat», meint einer der Helfer. Seine Kollegin antwortet: «Man weiss ja nicht, welche Geschichte dahintersteckt.» Conde stellt klar: «Wir fragen nicht nach. Jeder, der hierherkommt, bekommt Essen.»
Es ist nicht das letzte Mal, dass die Freiwilligen irritiert sind. Wenig später packt ein Mann mittleren Alters in einem Anzug Essen ein und steigt hinter dem Haus in einen Sportwagen. Und eine Frau wird zum zweiten Mal reinkommen, jetzt mit einem Schleier vor dem Gesicht. «Das macht mich traurig und kostet Energie», sagt Conde.
Um 13.30 Uhr wird Mehl und Reis knapp
Bereits um 13.30 Uhr sind fast alle der knapp hundert Tragtaschen mit Grundnahrungsmitteln weg. Die Helfer stellen neue zusammen, aber es gibt nicht mehr genügend Mehl und Reis. Conde ruft beim Lieferanten an und versucht, den Chef zu überreden, die Bestellung vom nächsten Tag bereits heute auszuliefern. Es klappt nicht. Doch schon hat er eine andere Lösung: Nach einem kurzen Telefonat taucht eine Freiwillige auf, die beiden fahren in einen Laden. «Dann bezahle ich die Lebensmittel halt gleich vor Ort», sagt er.
«Amine ist einer, der jede Gelegenheit nutzt. Ein Opportunist im besten Sinn», sagt Falk Daubner, ein langjähriger Freund aus Zürich. Wo es etwas zu helfen gibt, packe er an; wo es etwas zu lernen gibt, ergreife er sogleich die Chance. Conde hilft in der Administration der Autonomen Schule mit, organisiert Spielabende für Asylsuchende und Zürcher und macht in Theater- und Musikprojekten mit. So hat er sich ein riesiges Netzwerk aufgebaut, mit Freunden in der ganzen Schweiz.
Die waren es auch, die das Schulgeld für die Privatschule gesammelt haben, an der er den Sekundarschulabschluss nachholt. Ob er die Abschlussprüfung mit seinem Aufenthaltsstatus im Oktober wirklich schreiben darf, weiss er noch nicht. Und was, wenn sein Härtefallgesuch abgelehnt wird? Conde zuckt mit den Schultern. «Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, die Schweiz zu verlassen. Ich fühle mich hier zu Hause.»
Er schaut auf die Kisten mit Reis, Mehl und Öl, die er gerade eingekauft hat und die von vielen bereits dringend erwartet werden. «Schliesslich habe ich hier etwas zu tun.»