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Disney soll angeblich an einem neuen Filmuniversum arbeiten. Die Vorlage: einer der populärsten Mangas der letzten 30 Jahre. Doch die Fans sind gebrannte Kinder und entsprechend skeptisch.
Fans werden es schon anhand des Teaserbildes erkannt haben. Die Rede ist von «Dragon Ball». Und falls ihr jetzt verzweifelt nach einem Hinweis auf Satire sucht: Den gibt es nicht. Tatsächlich soll Disney laut Gerüchten grosse Pläne mit Son Goku und Co. haben.
Für alle, die jetzt nur Bahnhof verstehen, aber trotzdem neugierig geworden sind: «Dragon Ball» ist ein Manga, der erstmals 1984 veröffentlicht wurde. Bis 1995 erschienen über 8000 Seiten, die später in 42 ziemlich dicken Bänden zusammengefasst wurden. Bis 2012 konnten weltweit über 200 Millionen Exemplare verkauft werden.
Nebst dem Manga erschienen im Laufe der letzten 36 Jahre noch fünf Anime-Serien, 20 Anime-Filme und ganze 36 Videospiele – zuletzt am 17. Januar 2020. Gemessen an den Verkaufszahlen des Mangas ist «Dragon Ball» die zweiterfolgreichste Mangaserie hinter «One Piece». Nimmt man noch die Serien, Filme und Videospiele hinzu, dürfte «Dragon Ball» sogar noch erfolgreicher als «One Piece» sein. Egal, was zutrifft: Unter dem Strich ist «Dragon Ball» eine Kultmarke, die auch noch heute massenhafte neue Fans für sich gewinnt.
Da klingt es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass Disney sein Interesse an diesem Franchise bekundet haben soll. Es scheint schon eher verwunderlich, dass es überhaupt so lange gedauert hat, bis Hollywoods Schatten auf die Kultmarke fiel. Fans wissen es besser: Tatsächlich hat sich bereits vor fast 20 Jahren ein Hollywood-Studio die Rechte für eine Verfilmung an «Dragon Ball» gesichert.
Ab etwa 2003 wurde dann auch aktiv an einer Realverfilmung gearbeitet. Heute wissen wir, dass Hollywood seine liebe Mühe mit Anime-Adaptionen hat. Dennoch ging es bei «Dragon Ball» verhältnismässig zackig vorwärts, während die inzwischen erschienenen Anime-Adaptionen «Ghost in the Shell» (2017) und «Alita: Battle Angel» (2019) damals noch in der Produktionshölle steckten.
2009 erschien schliesslich das Ergebnis in Form von «Dragonball Evolution» (ja, das wurde so geschrieben), einem Film, der selbst dem beiläufigen Fan Schreikrämpfe bescherte. Das produzierende Studio hatte aus «Dragon Ball» einen völlig bekloppten USA-Teenie-Haudrauf-Film gemacht. Mit der Vorlage hatte der Film in etwa soviel gemein, wie Dosenravioli mit handgemachter, italienischer Pasta.
Der Film war dabei während der Produktionszeit regelrecht hingepfuscht worden. Viele talentierte Köpfe stiegen bereits während der Vorproduktion aus, da sie erahnten, wohin das Projekt unter der Management-Knute Hollywoods führen würde. Das Studio liess das Drehbuch unterdessen etliche Male umschreiben und kürzten das Budget angeblich von anfangs geplanten 100 Millionen Dollar auf unter 30 Millionen.
Einer dieser Talente war Stephen Chow, der selbst ein grosser «Dragon Ball»-Fan ist. Zwar war Chow formal noch als Produzent dabei, ansonsten widmete er sich aber anderen Projekten. Eines davon war unter anderem der 2004 erschienene «Kung Fu Hustle», dessen stilistische Elemente stark an «Dragon Ball» erinnern.
Das Resultat erschien 2009 und war eindeutig: Masslos enttäuschte Fans, grauenhafte Kritiken und ein finanzieller Flop für das Studio. Aus Sicht der Fans sicher ein Glück, denn so mussten sie die beiden weiteren Teile der geplanten Trilogie nicht über sich ergehen lassen.
Wie sehr das Projekt von der kreativen Seite her gelitten hatte, zeigte sich 2016. Damals wurde ein Entschuldigungsschreiben von Drehbuchautor Ben Ramsey veröffentlicht. Darin bezeichnete er «Dragonball Evolution» als kreativen Tiefpunkt seiner Karriere. Es sei grauenhaft, seinen Namen mit etwas in Verbindung bringen zu müssen, das weltweit geschmäht werde.
«Dragon Ball»-Schöpfer Akira Toriyama hingegen gab sich lange diplomatisch, wenn er nach seiner Meinung über die Verfilmung gefragt wurde. Er bezeichnete «Dragonball Evolution» unter anderem als alternative Interpretation seines Werkes. Erst im Laufe der Jahre äusserte er sich deutlicher. Er sagte unter anderem, dass man nicht auf seine kreativen Inputs gehört habe und ihn der Film regelrecht ankotze.
Inzwischen haben sich die Wogen etwas geglättet, «Dragonball Evolution» geriet rasch in Vergessenheit. Es schien nicht sehr wahrscheinlich, dass sich jemand so schnell wieder an eine Verfilmung des Mangas wagen würde. Doch dann kam das Jahr 2019. In diesem fand eine der grössten Übernahmen in der Geschichte Hollywoods statt: Disney kaufte für fast 72 Milliarden Dollar das Studio auf, welches die Realfilmlizenz für Dragon Ball hielt: 20th Century Fox.
Damit liegen die Rechte für eine Verfilmung theoretisch bei Disney, auch wenn der Konzern das bis heute weder bestätigt noch dementiert hat. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass Disney eine so wertvolle Lizenz ausschlägt. Entsprechend überrascht es nicht, dass nun regelmässig Meldungen auftauchen, wonach Disney an einer Umsetzung des Stoffes arbeiten soll.
Bereits Ende 2019 machten diverse Gerüchte die Runde, Disney arbeite an einer Filmumsetzung von «Dragon Ball». Der Konzern hoffe auf einen ähnlichen Erfolg wie beim «Marvel Cinematic Universe». Ob das wirklich stimmt, weiss aktuell wohl nur Disney selbst. Einer, der bei diesem Gerücht Öl ins Feuer goss, ist der Hollywood-Insider Daniel Richter. Er gilt als relativ verlässliche Quelle. Entsprechend nervös wurden die Fans, als Richter im Dezember auf Twitter schrieb:
Ob er die Gerüchte damit indirekt bestätigt hat oder nur spekulierte, liess Richter offen. Auch die Website «We Got This Covered» will von einem Insider erfahren haben, dass sich ein Film in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befindet. Das klingt natürlich alles sehr nach Wunschdenken. Kommt noch hinzu, dass betreffende Website nicht als sehr zuverlässig bezüglich Gerüchten gilt. Dennoch hat «We Got This Covered» in der Vergangenheit auch das eine oder andere Mal recht behalten.
Das Filmmagazin geht inzwischen sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass Disney auch an einer Live-Action-Serie über «Dragon Ball» arbeite. Zusammen mit den Filmen soll so ein grosses Cinematic Universe entstehen, das wohl vor allem Disney Plus vorantreiben soll. Inhaltlich werde sich die Geschichte um Vegeta, den Prinzen der Sajajins drehen.
Natürlich redet «We Got This Covered» auch hier von einer internen Quelle. Allerdings soll es sich um die gleiche Person handeln, die dem Filmmagazin schon die Gerüchte um die Marvel-Serien «She-Hulk» und «Ms. Marvel» gesteckt hatte. Wie wir wissen, hat Disney inzwischen bestätigt, dass diese beiden Serien tatsächlich gedreht werden.
Auch wenn diese Gerüchte um ein «Dragon Ball Cinematic Universe» wohl etwas weit hergeholt klingen: So absurd sind sie gar nicht. Disney hat bereits in den 90er-Jahren Anime-Luft geschnuppert, als man den Vertrieb für die Ghibli-Filme ausserhalb Japans übernahm. Der Oscar, den Ghibli für «Chihiros Reise ins Zauberland» gewann, hat das Studio auch Disney zu verdanken. Disney war es, das den Film in den USA in die Kinos brachte, um ihn ins Oscar-Rennen schicken zu können. Auch die teure Oscar-Kampagne, die nötig ist, um einen Film zu pushen, dürfte wohl der Mauskonzern finanziert haben.
Inzwischen hat Disney zwar den Vertrieb der Ghibli-Filme abgegeben, dürfte aber weiterhin an Animes interessiert sein. Erneut war es hierbei Netflix, das den etablierten Medienkonzernen erst zeigen musste, wie es geht. Netflix setzt seit rund drei Jahren verstärkt auf Animes. Alleine im letzten Jahr hat der Dienst dutzende Anime-Eigenproduktionen veröffentlicht.
Der Streaming-Primus hat erkannt, dass eine riesige Community existiert, die Animes konsumieren will – und zwar weltweit. Wie ein Manager von Netflix 2019 verriet, leben 90 Prozent der Zuschauer, die Animes konsumieren, ausserhalb Japans. Auch Live-Action-Adaptionen erfreuen sich – trotz häufiger Kritik der Fans – grosser Beliebtheit. So arbeitet Netflix aktuell an der Realserie-Umsetzung der Kultmangas «One Piece» und «Cowboy Bebop».
Animes sind damit ein globales Phänomen, das auch klassische Medienkonzerne nicht länger ignorieren und als Nischenprodukt abstempeln können. In diesem Kontext erscheint es dann gar nicht mehr so abwegig, dass Disney sich an einem «Dragon Ball Cinematic Universe» versucht. Zumal Disney über seine zweite Streaming-Plattform Hulu «Dragon Ball» in den USA schon als Stream anbietet.
Doch selbst wenn Disney tatsächlich an einem «Dragon Ball»-Universum arbeiten sollte, muss das noch gar nichts heissen. Vielleicht sieht der Mauskonzern auch ein, dass es schier unmöglich ist, den einzigartigen Charakter der «Dragon Ball»-Welt als Realfilm umzusetzen. Denn niemand – auch nicht Disney – dürfte Interesse an einem weiteren «Dragonball Evolution» haben.