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die Essais
Es war 2008, als ich versucht habe, in drei Vorträgen das reiche Material meiner wiederholten Beschäftigungen mit
Zwinglis Schriften und den Ereignissen der Reformationszeit (1519 - 1531) in Zürich
zu Papier zu bringen.
Die Texte dieser drei Vorträge, leicht überarbeitet, stehen in den folgenden Seiten (jeder geteilt in zwei Stücke, weil es technisch nicht anders möglich war).
Die Essais stützen sich auf bekannte Literatur und längst edierte Texte. Die Verweise fehlen aber noch. Es wird die nächste Arbeit sein, die Belegstellen zu kontrolieren und anzugeben.
Ebenso wird eine Literaturliste in nächster Zeit angefügt werden.
(Da es sich um zeitaufwendige Arbeiten handelt, hängt die Realisierung zum Teil davon ab, ob es gelingt, einen Teil der Arbeitszeit zu finanzieren.)
Hier die ursprüngliche Fassung des Artikels, der die Beauftragten des Zürcher Kirchenrates zu korrigierenden Eingriffen provoziert hat:
Zwingli und die Juden
Mir sind keine neueren Arbeiten zum Thema Zwingli und die Juden bekannt. Sollte das zutreffen, so wäre das erstaunlich, da sich das Thema in der Biografie Zwinglis nahe legt und es besonders im 20.Jahrhundert aktuelle Anlässe genug gegeben hätte, das Thema aufzugreifen, nicht zuletzt auch im Rahmen des jüdisch-christlichen Dialogs.
(Noch erstaunlicher: Dieser Abschnitt wurde in der kirchlichen Veröffentlichung dieses Artikels gestrichen und ein nivellierender Artikel in Durchschnittstheologie angehängt. Ich frage mich warum. Siehe www.zwingli.ch/ Lexikon/Juden.)
Zur Zeit der Reformation waren die Juden offenbar kein Diskussionsthema. Zwingli hat sich nie direkt mit dem Thema Judentum auseinandergesetzt. Es gibt von ihm keine Abhandlung oder Stellungnahme zum Judentum. Die Bedeutung der Juden und des jüdischen Denkens in Zwinglis Theologie müssen wir deshalb aus verstreuten Bemerkungen und Indizien zusammensuchen und den Versuch einer Rekonstruktion wagen.
1
An vielen Stellen erwähnt Zwingli die Juden, weil sie in Bibelstellen vorkommen. Er übernimmt jeweils die Tendenz der Bibelverse. Sprechen diese von Strafe und Verwerfung der Juden, übernimmt er auch diese Begriffe. Zwei Präzisierungen sind aber nötig, um diese Begriffe in Zwinglis Sinn zu verstehen. Strafe und Verwerfung bedeuten keine endgültigen Urteile. Sie stellen vielmehr Massnahmen Gottes auf dem Weg zum Heil dar. Zwingli versteht sie als biblische Interpretation der Lebensbedingungen der Juden bis ins 16.Jahrhundert. Er kann in diesem Zusammenhang darauf verweisen, dass die Bezeichnung "Jude" als Schimpfname gebräuchlich war. Fast immer folgt auf einige erläuternde Sätze sofort die Anwendung auf die christliche Kirche. Denn nach Zwinglis Meinung ist die christliche Kirche nicht besser als die Juden in jenen Zeiten, als Gott Strafen über sie verhängte. Es wird rasch deutlich: an diesen Stellen geht es Zwingli um Kirche und Christenheit, nicht um oder gar gegen die Juden. Die Sätze der Propheten sind nicht wie in der ursprünglichen Situation gegen Israel gerichtet, sondern werden übertragen und als innere Kritik des Judentums verstanden – wireken somit als Vorbild für die innere theologische Kritik in der christlichen Kirche, sind also Kirchenkritik.
2
Luther ging offenbar ganz traditionell davon aus, dass die Kirche das Judentum als auserwähltes Volk ersetzt habe. Zwingli ist dieser Tradition nicht gefolgt. Wir stellen die These auf, dass Zwingli in seinem Denken die Juden nicht preisgeben konnte, ohne zugleich Gott selbst, so, wie er es verstand, preiszugeben. Es ist vor allem die Wirksamkeit der Worte Gottes, die keiner Änderung oder Täuschung unterliegen können. Deshalb konnte auch der Bund Gottes mit den Menschen in der Schöpfung nicht gebrochen und nicht ersetzt werden, da sonst Gottes Wort unwirksam geworden wäre und Gott sich getäuscht hätte. Gott als der in Allem absolut Wirkende und absolut Zuverlässige macht die Erwählung nicht rückgängig. Deshalb zeigen die hebräischen Texte denselben Gott wie das Neue Testament, das als Neuerung nur den Einbezug der Heiden bringt, abgesehen von der Wirkung des Christus, die aber für alle Menschen seit Beginn der Welt gilt (dies war wohl ein Teil des Hintergrundes, der zum Bruch mit Luther führte. Wichtig wurde die Diskussion der Rolle des Gesetzes).
3
Zwingli ist dem Judentum im Laufe seines Leben verschiedentlich begegnet. Es gibt Indizien dafür, dass diese Begegnungen nicht ohne Folgen blieben. In den Werken G.Pico della Mirandola's konnte er Skizzen kabbalistischen Denkens finden. Zwingli hat die Werke dieses italienischen Philosophen (1504 in Strassburg erschienen) erworben und sie intensiv studiert. Dort konnte er auch die These finden, dass das Christentum nur aus dem Judentum verstanden werden könne. Mit Hilfe dieses Prinzips begründete er die Kindertaufe aus der Beschneidung und das Abendmahl aus dem Pessach. (In der Abendmahlsliturgie verwendet Zwingli den Psalm 113 als Dankgebet - in der Pessah-Liturgie kommt derselbe Psalm, zusammen mit Psalm 114, auch vor.) Es ist hier daran zu erinnern, dass das Verständnis der Taufe Zwingli in Gegensatz zu den Täufern setzte, das des Abendmahls ihn von Luther trennte. Beide Konflikte waren nicht lösbar, weil Zwingli an der Schlüssigkeit seiner alttestamentlichen (d.h. jüdischen) Argumente festhielt, was weder Luther noch die Täufer akzeptieren konnten. So könnte die Haltung gegenüber dem Judentum eine wesentliche Rolle in diesen Konflikten gespielt haben, auch wenn es von den Kontrahenten selbst nicht erkannt wurde. Dass Zwingli nicht nachgeben wollte, lag, wie es die Bemerkungen oben nahe legen, am Gottesverständnis; dieses konnte Zwingli nicht aufgeben, weil es der Kern seiner Theologie war: Der eine Bund Gottes mit den Menschen, mit Abraham, Noah, Adam, geplant von Gott von Anfang an in Christus. Der Wille Gotte entfaltet sich im Laufe der Geschichte und ist doch immer derselbe.
4
Eine weitere Begegnung mit jüdischem Denken ergab sich aus dem Erlernen der hebräischen Sprache. Obwohl dieses Lernen Zwingli Mühe machte, blieb er doch sehr lange mit dem Hebräischen beschäftigt. Bekannt ist, dass während einiger Zeit ein Jude aus Winterthur täglich nach Zürich zu Zwingli kam, um sich mit ihm "flyssig" zu besprechen. Zwingli spielte die Bedeutung dieser Besprechungen herunter - es war wohl nicht ratsam, zu den vielfältigen Vorwürfen der Ketzerei auch noch den Vorwurf judaisierender Theologie auf sich zu ziehen. Es ist aber nicht anzunehmen, dass das Erklären hebräischer Wörter und Grammatik ohne die Diskussion jüdischer Interpretationen vor sich gehen konnte.
5
Auffällig ist dann die Anstellung des Griechisch- und Hebräisch-Lektors, den Zwingli offenbar sehr gewünscht hatte. Griechisch konnte er selbst gut; somit war das Notwendige wohl das Hebräische. Konrad Pellikan übertrug später rabbinische Literatur ins Lateinische.