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Michaela Schröder über Begegnungen und Vielfalt. (Foto: Studio Perspektiv)
Michaela Schröder über Begegnungen und Vielfalt. (Foto: Studio Perspektiv)
Denken ohne Geländer – so nannte die Philosophin und politische Denkerin Hannah Arendt ihre Art, sich dem wahrhaft freien Denken zu nähern. Dieses „ohne Geländer“ hat mich sehr fasziniert. Kann es überhaupt funktionieren, ohne Hilfestellungen, ohne Leitplanken, ohne Vorurteile zu denken und zu handeln? Und wie könnte dieser Begriff uns sogar dabei helfen, uns in einer pluralistischen Gesellschaft zu begegnen und gegebenenfalls sogar mehr Verständnis füreinander zu entwickeln? Das möchte ich nach-folgend anhand eines konkreten Beispiels durchdenken: Könnte uns das Kopftuch dabei helfen, das Geländer loszulassen?
Letztes Jahr habe ich eine Frau kennen-gelernt; sie überlegte, sich selbständig zu machen. Sie lebt seit einigen Jahren in der Schweiz, sie ist orthodoxe Christin und trägt ein Kopftuch. In einem unserer Gespräche erzählte sie mir, dass sie Bedenken habe, ob ihr Kopftuch ein Hindernis für ihre Selbständigkeit sein könne. Würde man ihr vertrauen, würde man sie als beruflich kompetente Frau ansehen, oder würde man primär ihr Kopftuch sehen? Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich überaus überrascht war. Dass die junge Frau vielleicht Schwierigkeiten haben könnte, weil sie nicht aus der Schweiz stammt – diese Bedenken (die sie übrigens gar nicht geäussert hat) hätte ich als Ausländerin gut nachvollziehen können.
Ich habe ihr Kopftuch nicht gesehen. Aber das Kopftuch, das Kopftuch habe ich bei ihr schlicht und ergreifend nicht gesehen. Ich habe es zwar wahrgenommen, gleichzeitig hat es für mich keine symbolische Bedeutung und es ist nicht kontextuell aufgeladen; darum bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es als Stigma gewertet werden könnte..
Die einen verstehen es als Zeichen ihres Glaubens, für andere mag es ein Hinweis auf Islamismus oder Fundamentalismus sein; für die einen ist es vielleicht ein Stück Heimat und kulturelle Zugehörigkeit, für andere ist es ein Zeichen für die patriarchale Unterdrückung der Frau durch den Mann; und wieder andere, wie in meinem Fall, messen ihm keinerlei Bedeutung bei. Das mag dann wiederum als fehlendes Feingefühl oder Ignoranz ausgelegt werden.
Ein jeder und eine jede von uns hat gewisse Stereotype und Rollenbilder verinnerlicht, die patriarchale Ursuppe haben wir von Kindesbeinen an internalisiert. Und selbst die Landschaften, die uns umgeben, prägen uns in der Wahrnehmung und Einordnung der Welt. Wir alle haben Wissen angesammelt, Erfahrungen gemacht, wir haben Werte und Präferenzen. Und all dem ergeben sich wiederum unsere Verhaltensmuster, Denkweisen und unsere Sicht der Welt.
So weit, so gut. In der besten aller Welten würden wir friedlich nebeneinander existieren; Vielfalt, kontroverse Meinungen und unterschiedliche Symbole würden keine Herausforderung darstellen. In der Realität leben wir jedoch nicht ganz so friedfertig und behaglich neben-einander und miteinander. Manchmal haben wir Mühe mit dem, was anders oder fremd ist, und manchmal haben wir vielleicht auch Angst vor dem Unbe-kannten und vor Veränderungen.
Anerkennen der Vielfalt. Wie könnte uns das „Denken ohne Geländer“ hier nun weiterhelfen?
Und wir können anerkennen, dass unser Gegenüber, andere Mitmenschen und Gruppierungen ebenfalls ihre Geländer, Leuchttürme und Hilfslinien haben. Diese müssen nicht zwangsläufig mit den unseren übereinstimmen, geschweige denn in dieselbe Richtung weisen. In einem ersten Schritt könnten wir also die grosse Vielfalt an Menschen, Meinungen und Werten anerkennen. Das bedeutet nicht, dass wir inhaltlich übereinstimmen müssen. Es bedeutet jedoch, dass ich “den Anderen” ihre Identität und ihre Sicht auf die Welt in einem ersten Schritt zugestehe, ohne mich dabei selber verlassen zu müssen.
Finger weg von der Deutungshoheit. Gehen wir nun einen Schritt weiter. Es liegt oft in unserem Interesse, unsere Gegenüber von der eigenen Meinung und den eigenen Werten zu überzeugen. Das ist menschlich und das ist auch rational. Manchmal tendieren wir dabei jedoch dazu, uns die alleinige Deutungshoheit zu verleihen. „Ich weiss, wie du dich fühlst; ich weiss, was gut für euch ist; ich weiss, wie die Leute ticken; ich kenne die Wahrheit …“ Puh, da wird es dann schon schwieriger.
Fragen Sie einfach einmal drei Menschen, die dasselbe Buch gelesen haben. Alle drei haben dieselben Buchstaben und Wörter gelesen, jeder und jede wird dabei jedoch sehr persönliche Empfindungen, Gedankengänge und Sinnzusammenhänge erlebt haben. Über die Wahrheit sollten wir darum vermutlich besser nicht streiten, wir könnten jedoch verhandeln, auf welche Werte und Verhaltensweisen wir uns einigen und wie wir gemeinsam leben können und wollen.
Freiheit von Angst. Okay, versuchen wir einen letzten Schritt. Wie könnten wir es also in einer Welt der Vielfalt schaffen, möglichst frei zu denken und zu handeln?
Zudem klammern wir uns damit ja auch wieder ganz stark an die eigenen Leitlinien. Und just diese wollten wir für einen Moment doch mal beiseite schieben. Wie wäre es stattdessen, den eigenen Gedanken- und Erlebensraum zu öffnen, und sich mit einem beherzten Schritt auf fremde Geländer zu wagen? Wir können versuchen, in den Kontext anderer Menschen einzutauchen und so wahrhaft zu erfahren, was sie bewegt. Und wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist. Im besten Fall erwächst daraus nicht nur grösseres gegenseitiges Verständnis, sondern es entsteht auch eine neue Freiheit.
Und wenn wir die haben, dann benötigen wir irgendwann vielleicht auch keine Geländer mehr, um uns zu begegnen.
Rubrik
Ausgabe
ahoi! gmbh
Gründung
2015
Sitz
Basel
Webseite
ahoi-gmbh.ch
Inhaberin
Michaela Schröder
ahoi! ist spezialisiert auf die strategische Beratung und opera-tive Unterstützung für KMU und Organisationen in den Bereichen Marketing, Kommunikation und
Verkauf. Michaela Schröder en-gagiert sich seit vielen Jahren für Schweizer Frauenprojekte, da-mit deren Ideen, Produkte und Visionen sichtbar und erlebbar werden und bleiben.