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Seminar FS 2012
Kämpfe um Anerkennung: Auf den Spuren der Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz
Populäre Deutungsmuster sowie teilweise die ältere Geschichtsschreibung zur Entstehung der halbdirekten Demokratie in der Schweiz sind von zwei Meistererzählungen geprägt: Einerseits wird eine Kontinuitätslinie von vorrevolutionären, versammlungsdemokratischen Modellen (Gemeinde, Landsgemeinde) zur modernen Demokratie gezogen, andrerseits wird die Einführung des Gesetzesreferendums in den 1860er und 1870er Jahren auf Kantons- und Bundesebene als konsequente Weiterentwicklung der liberalen Regenerationsverfassungen und als Verdienst der Liberalen dargestellt. Eine Dekonstruktion dieser Metanarrative führt zu einer doppelten Erkenntnis: Erstens war die Transformation älterer versammlungsdemokratischer Modelle erst durch äussere Einflüsse und durch Etablierung eines naturrechtlich definierten Freiheitsbegriffs möglich. Zweitens mussten direktdemokratische Instrumente in den Kantonsverfassungen (Gesetzesveto) gegen den Willen der Liberalen durchgesetzt werden. Träger der Volksbewegungen waren Angehörige der mittleren und unteren Gesellschaftsschichten. Letztere kämpften gleichzeitig für soziale Verbesserungen und für erweiterte politische Partizipationsmöglichkeiten. Es waren immer wieder die materiell Benachteiligten und die von der politischen Partizipation Ausgeschlossenen, die den Demokratisierungsprozess vorantrieben. Die Auseinandersetzungen um die Volksrechte können deshalb als "Kämpfe um Anerkennung" (Honneth) interpretiert werden. Im Seminar soll versucht werden, diese Kämpfe in verschiedenen Phasen der Demokratieentwicklung (Helvetische Revolution, Regenerationszeit, Demokratische Bewegung) nachzuzeichnen.
Literatur:
Rolf Graber, "Fischweiber", "Prügelmänner" und "Landsgemeinde-Wuth", in: etü, HistorikerInnenzeitschrift, Historisches Seminar, Universität Zürich, Sept. 2011: Demokratie; Rolf Graber, Kämpfe um Anerkennung, Bemerkungen zur neueren Demokratieforschung in der Schweiz, in: Ders. (Hg.), Demokratisierungsprozesse in der Schweiz im späten 18. und 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2008 (Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle "Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850", Bd. 40), S. 9-20, Andreas Suter, Direkte Demokratie - historische Reflexionen zur aktuellen Debatte, Nachwort, in: Benjamin Adler, Die Entstehung der direkten Demokratie. Das Beispiel der Landsgemeinde Schwyz 1789-1866, Zürich 2006, S. 219-278.
Seminar HS 2011
Revolutionäre, Konterrevolutionäre, "Wendehälse". Lebensentwürfe während der Zeit der Französischen Revolution
Das epochale Ereignis der Französischen Revolution bewirkte nicht nur eine Veränderung der kollektiven Mentalitäten, sondern es war auch ein Einschnitt im Leben jedes einzelnen Menschen. Es galt, sich in einer veränderten Welt neu zu orientieren und zu positionieren. Verschiedene Reaktionsweisen waren möglich. Das Spektrum reichte von begeisterter Zustimmung bis zu totaler Ablehnung. Die politische Neupositionierung konnte aber auch von taktischen Überlegungen bestimmt sein, die das Obenbleiben garantierten. Von Bedeutung waren allerdings nicht nur politische Faktoren, sondern auch das in vorrevolutionären Zeiten angehäufte soziale und kulturelle Kapital. Mit den Begriffen Revolutionäre, Konterrevolutionäre, "Wendehälse" wird versucht, diese Reaktionsweisen zu umschreiben. Im Seminar sollen anhand ausgewählter Biographien die Bedingungen für das Obenbleiben analysiert werden. Dabei geht es auch um die Klärung der Frage nach Elitekontinuität und Elitewechsel. Das Seminar ist als Forschungsseminar konzipiert, erste Resultate sollen bereits im Verlauf der Lehrveranstaltung präsentiert werden.
Literatur:
Rolf Graber, Ländliche Eliten und Volksbewegungen während der Helvetischen Revolution. Zum schwierigen Start der "alt-neuen" Eliten 1798-1803, in: Marco Bellabarba, Ellionor Forster, Hans Heiss, Andrea Leonardi und Brigitte Mazohl (Hg.), Eliten im Tirol zwischen Ancien Régime und Vormärz. Akten der internationalen Tagung vom 15. bis 18. Oktober 2008 an der Freien Universität Bozen, Innsbruck, Wien, Bozen 2010, S. 287-300.
Seminar FS 2011
Volksaufklärung: Eine "Bürgerinitiative" des 18. Jahrhunderts (Strategien - Medien - Akzeptanz)
Aufklärung wird gemeinhin mit den Meisterdenkern in Verbindung gebracht. Sie blieb allerdings nicht nur auf die Gelehrtenwelt beschränkt. Den Gebildeten war das Prinzip universaler Aufklärung nicht gleichgültig, die Ideen sollten allen Menschen nahegebracht und im Alltag nützlich werden. Deshalb engagierten sich Ärzte, Publizisten, Beamte und Pfarrer beider Konfessionen für eine Popularisierung des Gedankengutes der Aufklärung. Sie setzten sich für Volksbildung, medizinische Verbesserungen sowie für eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion ein. Um die breite Bevölkerung für die Ideen und Aktivitäten zu gewinnen, mussten neue Verbreitungsstrategien und -kanäle gesucht werden. Diese "Bürgerinitiative" stiess allerdings bei der Bevölkerung nicht immer auf Akzeptanz, da sie häufig auch mit einer Herrschaftsintensivierung verbunden war. Im Seminar sollen sowohl Strategien und Medien untersucht als auch Gründe für die Widerstände gegen diese Aktivitäten "von oben" diskutiert werden. Dadurch wird Volksaufklärung nicht nur aus der Perspektive der Gebildeten, sondern auch aus derjenigen "von unten" wahrgenommen.
Literatur:
Holger Böning, Hanno Schmidt, Reinhart Siegert (Hg.), Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts (Presse und Geschichte - Neue Beiträge, Bd. 27), Bremen 2007; Anne Conrad, Arno Herzig, Franklin Kopitzsch (Hg.), Das Volk im Visier der Aufklärung. Studien zur Popularisierung der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte, Bd. 1), Hamburg 1998.
Seminar HS 2010 (FWV)
Aufklärung: Ein unvollendetes Projekt der Moderne
Der Begriff Aufklärung beschreibt nicht nur einen Wahrnehmungswandel, der sich im 17. und 18. Jahrhundert in Form eines neuen Wissens um die Welt artikuliert, sondern die Aufklärung wird mit der Umsetzung in die Praxis zu einem Wissenschafts-, Erziehungs- und Bildungsprojekt. Dadurch wird Aufklärung zu einem Projekt der Moderne, das weit über die Epoche hinausweist. Die Auffassung eines teleologisch geprägten Programms der Menschheitsgeschichte ist in doppelter Hinsicht in die Kritik geraten. Einerseits wird die Instrumentalisierung der Welt durch den Menschen, die Unterwerfung der äusseren Natur unter die wissenschaftlich-technische Rationalität und deren Folgeprobleme beklagt, andrerseits rückt die Naturbeherrschung am Menschen, die Verselbständigung der Herrschaft über die innere Natur ins Blickfeld. Die postmoderne Kritik stellt deshalb das Projekt Aufklärung generell in Frage. Dieser Kritik wird wiederum das Programm einer "reflexiven Aufklärung" entgegengehalten. Sie geht immer noch von der Notwendigkeit des Aufklärungsprogramms aus, versucht aber durch Selbstreflexion ein Korrektiv einzubauen, das Folgeschäden verhindert. Aufklärung ist nach dieser Auffassung ein unvollendetes Projekt der Moderne. Im Seminar soll diesen Spannungsfeldern nachgespürt werden. Dadurch wird Aufklärung nicht nur in einen historischen, sondern auch in einen aktuellen Kontext hineingestellt. Dies soll - gemäss der pädagogischen Ausrichtung des Seminars - dazu beitragen, neue Zugänge zu diesem Thema im Schulunterricht zu eröffnen.
Literatur:
Jürgen Habermas, Die Moderne - ein unvollendetes Projekt. Rede anlässlich der Verleihung des Adorno- Preises der Stadt Frankfurt (1980), in: Ders., Die Moderne - ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze, Leipzig 1990 S. 32-54; Michel Foucault, Was ist Aufklärung? in: Daniel Defert, François Ewald (Hg.), Michel Foucault. Dits et Ecrits, Schriften, Bd. 4, Frankfurt a. M. 2005, S. 687-707.