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| Athenagoras (2. Jhd.) - Über die Auferstehung der Toten (De Resurrectione)

14.
Der Beweis für die Lehren der Wahrheit oder für die wie nur immer zur Untersuchung vorgelegten Sätze geht, wenn er das Besprochene wirklich unzweifelhaft gewiß machen will, nicht von Dingen aus, die außerhalb der Sache liegen, auch nicht von gegenwärtigen oder früheren Autoritäten, sondern vom allgemeinen und natürlichen Denken oder von der logischen Konsequenz aus gegebenen Prämissen, Denn entweder handelt es sich um die Fundamentalsätze, und dann bedarf es nur eines leisen Anstoßes, der das natürliche Denken weckt, oder um die notwendig daraus abgeleiteten Wahrheiten und um die natürliche Schlußfolge, und dann bedarf es einer richtigen Reihenfolge der Sätze und des Nachweises, was denn eigentlich in Wahrheit aus den Prinzipien und Prämissen folgt; jedoch darf man dabei die Wahrheit oder Folgerichtigkeit nicht übersehen und das von der Natur Geordnete oder Abgegrenzte nicht durcheinander werfen oder die natürliche Verkettung zerreißen. Hat man sich also mit dem vorliegenden Thema gehörig beschäftigt und will man darüber ein verständiges Urteil abgeben, ob es eine Auferstehung der menschlichen Leiber gibt oder nicht, so muß man meines Erachtens vor allem die Tragkraft der für den Beweis der Thesis dienlichen Prämissen und die Reihenfolge der einzelnen Beweispunkte hübsch ins Auge fassen, nämlich welches der erste ist und der zweite und dritte und schließlich der letzte. Hat man den Stoff in dieser Weise gegliedert, so muß man die Entstehungsursache des Menschen, d. h. die Absicht des Schöpfers bei der Erschaffung des Menschen, an die erste Stelle setzen; darauf muß man wegen des inneren Zusammenhanges die Natur der geschaffenen Menschen folgen lassen, nicht als ob diese wirklich die zweite Stelle einnähme, [S. 358] sondern nur deswegen, weil man über beide Momente nicht in einem Atemzuge reden kann, wenn sie auch soviel als möglich miteinander zusammenfallen und für die vorliegende Frage von gleicher Wichtigkeit sind. Hat man nun durch diesen ersten, von der Erschaffung ausgehenden Beweis die Auferstehung klar gemacht, so muß man nichtsdestoweniger auch noch durch den Vorsehungsbeweis dieselbe erhärten, nämlich durch die einem jeden Menschen nach gerechtem Urteile geschuldete Belohnung oder Strafe und das Endziel des menschlichen Lebens. Denn viele, welche die Auferstehungslehre behandelten, haben den ganzen Beweis hiefür in diesem dritten Punkte gefunden, in der Meinung, die Auferstehung sei allein durch das Gericht veranlaßt. Dies aber ist ein Irrtum, der darin seine volle Widerlegung findet, daß alle verstorbenen Menschen auferstehen, aber nicht alle Auferstandenen gerichtet werden. Wäre die Gerechtigkeit im Gerichte der einzige Grund der Auferstehung, so dürften diejenigen nicht auferstehen, die weder Böses noch Gutes getan haben, nämlich die ganz kleinen Kinder. Da aber alle auferstehen dürfen, außer den andern auch die im Blütenalter Abgeschiedenen, so bestätigen jene selbst, daß die Auferstehung in erster Linie nicht wegen des Gerichtes stattfindet, sondern wegen der Absicht des Schöpfers und der Natur der geschaffenen Menschen.