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Dass das Fahrrad, zu dem sich die Draisine entwickelte (in seiner heutigen Form existiert es seit den 1880er Jahren), eine der bemerkenswertesten technischen Geräten sei, behaupte ich nicht einfach als Velofreund. Das Velo ist einerseits, von Schuhen abgesehen, das weltweit wichtigste technische Verkehrsmittel. Diese Aussage stimmt natürlich nicht, wenn man es an der Bedeutung misst, die ihm allgemein zugeschrieben wird: Staaten retten Autohersteller vor dem Konkurs, nicht Velowerkstätten, und fürs Auto hat man Städte platt gemacht, nicht fürs Velo. Aber das Velo ist weltweit für weitaus mehr Menschen das wichtigste Verkehrsmittel als etwa das Auto; in Europa war es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts genau so – man betrachte nur Fotos von Städten jener Zeit zur Rushhour. Billig und leicht zu reparieren, ist es leichter als sein Passagier, so dass man es auch mal einfach über ein Hindernis hinweg tragen kann. Für den Philosophen des technischen Fortschritts Ivan Illich war das Fahrrad das Paradebeispiel einer menschenfreundlichen (er nannte es: «konvivialen») Technik.
Aber das Fahrrad ist auch eines der bemerkenswertesten Energieanwendungsgeräte. Man kann die Geschichte der Menschheit als eine der zunehmenden Nutzbarmachung von Energie schreiben. Dabei gab es vor allem zwei Formen technischer Fortschritte. Die eine war graduell: bestehende Energieanwendungen wurden optimiert, ihre Energieeffizienz stieg, so dass sich aus gleich viel Energie mehr Nutzen ziehen liess. Die zweite Form waren Erfindungen, die die Effizienz einer alten Energieform sprunghaft steigerten, indem sie zusätzlich eine neue anzapften. Segelschiffe erhöhten die verfügbare Energie pro Besatzungsmitglied gewaltig, indem sie neu neben der Muskelkraft der Ruderer neu auch die Windkraft nutzten. Die Dampfmaschine erhöhte die verfügbare Energie pro Fabrikarbeiterin, indem sie zusätzlich die Energie der Kohle nutzte. Diese neuen Energien wurden aber ihrerseits derart ineffizient genutzt, dass diese «disruptiven» Erfindungen die Gesamtenergieeffizienz stets senkten: Über alles betrachtet, nutzt die Menschheit in ihrer Geschichte immer mehr Energie immer ineffizienter.
Das Velo fällt aus diesem Muster: Es hat die Nutzung einer alten Energieform, nämlich menschlicher Muskelkraft, sprunghaft gesteigert, ohne dafür eine andere Energieform auszubeuten. Mir sind ausser dem Fahrrad nur wenige andere Techniken bekannt, die das ebenso schafften – namentlich die Schubkarre, die zumindest in China anderthalb Jahrtausende vor dem Fahrrad ähnlich bahnbrechend war wie dieses.
Aber eins hat das Velo im Schatten motorisierter Fahrzeuge nicht geschafft: seinen Vorzügen entsprechend ernst genommen zu werden. Dafür ist es einfach zu bescheiden.