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Herkunft unbekannt: Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka
In der Schweiz wurden zwischen 1973 und 1997 Kinder aus Sri Lanka unter illegalen oder zumindest zweifelhaften Bedingungen adoptiert. Obwohl die Schweizer Behörden bereits früh über den Kinderhandel informiert waren, verhängten sie keinen Adoptionsstopp.
von Nadja Ramsauer
Oftmals wurden Personalien von sri-lankesischen Frauen gestohlen und ohne deren Wissen in Adoptionsurkunden eingesetzt. Wie zum Beispiel bei den Adoptionsdokumenten einer jungen Frau, die in den 1980er-Jahren als junges Mädchen zu einem Ehepaar in die Schweiz gekommen war. Die Betroffene fand bei der Suche nach ihrer Mutter in Colombo zwar jene Frau, die in den Dokumenten als Mutter aufgeführt wird. Doch wie sich herausstellte, wusste diese Frau von nichts und war schockiert. Alle Angaben in den Unterlagen waren gefälscht worden.
Dieser Fall zeigt, dass es bei den Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka zu Missbrauch kam, wenn es darum ging, die unerfüllten Kinderwünsche von Ehepaaren aus reichen westlichen Industrieländern wie Deutschland, Schweden oder der Schweiz zu erfüllen. Beauftragt vom Bundesamt für Justiz, hat nun das Institut für Kindheit, Jugend und Familie des Departementes Soziale Arbeit der ZHAW in einem Forschungsprojekt unter der Leitung von Nadja Ramsauer dieses dunkle Kapitel historisch aufgearbeitet.
Um die unerfüllten Kinderwünsche von Paaren aus reichen Ländern zu befriedigen, entstand in Sri Lanka in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre ein regelrechter Adoptionsmarkt, der von einem Netzwerk von Anwälten und Agentinnen beherrscht wurde. Die Vermittlung von sri-lankischen Adoptivkindern war für die Akteure vor Ort aufgrund des grossen Armuts- und Lohngefälles zwischen den beteiligten Ländern lukrativ, was Korruption begünstigte. In den 1980er-Jahren gelangten Tausende von sri-lankischen Kindern unter zweifelhaften, mitunter illegalen Bedingungen in europäische Länder. Die Schweizer Behörden stellten zwischen 1973 und 1997 insgesamt 950 Einreisebewilligungen für Kinder aus Sri Lanka aus. Trotz alarmierender Berichte erwogen sie nie einen Einreisestopp.
In Sri Lanka selbst wurde seit 1981 kritisch über diese illegalen Adoptionen berichtet und der Kinderhandel wurde unmissverständlich offengelegt. Hierzulande erfuhren nicht nur die Bundes- und Kantonsbehörden davon, sondern auch eine breite Öffentlichkeit: Wer eine Tageszeitung oder Wochenzeitschrift las, war darüber bereits im Frühjahr 1982 im Bild. Doch die aufgedeckten Kinderhandelsnetze waren für viele der hiesigen Adoptionsinteressenten kein Grund, auf die Erfüllung ihres Kinderwunsches zu verzichten. Viele reisten nach Sri Lanka, oft auch ohne eine von den Behörden anerkannte Vermittlungsstelle beizuziehen. Doch auch diese Vermittlungsstellen waren keine Garantie dafür, dass die Annahme eines sri-lankischen Babys gesetzeskonform verlief. Mitunter wurden auch die Adoptiveltern getäuscht.
Gerade die anerkannten Vermittlungsstellen machten bei den Schweizer Behörden Druck, Auslandsadoptionen unter gelockerten Rahmenbedingungen abzuwickeln. Der Gründer von Terre des hommes, Edmond Kaiser, lobbyierte dafür in den 1970er-Jahren in Bern. Ebenso die St. Galler Vermittlerin Alice Honegger, die 1984 gemeinsam mit dem St. Galler CVP-Nationalrat Edgar Oehler beim Bundesamt für Ausländerfragen, dem heutigen Staatssekretariat für Migration, eine erleichterte Einreisepraxis durchbrachte.
Gravierend fällt in der historischen Bewertung aus, dass die Behörden beim Bund und in den Kantonen früh Kenntnis über den kommerziellen und teilweise illegalen Charakter der Vermittlungen hatten. Trotzdem konnten Kinder aus Sri Lanka ohne Zustimmungserklärung ihrer leiblichen Eltern einreisen. Die zuständige St. Galler Aufsichtsbehörde liess die Vermittlerin Alice Honegger jahrzehntelang gewähren, obwohl sich Klage an Klage reihte und Alice Honegger sich immer wieder über die behördlichen Anordnungen und Verbote hinwegsetzte.
Den Schweizer Behörden war bekannt, dass in Colombo Kinder gegen Geld, Güter des täglichen Bedarfs und Luxuswaren eingetauscht wurden. Die Personen, die Kinder aus Sri Lanka in die Schweiz vermittelten, waren Teil eines korrupten Systems wie Dawn de Silva oder die Anwältin Rukmani Thavanesan-Fernando. Andere dockten an dieses System an wie die St. Galler Fürsorgerin Alice Honegger und für kurze Zeit auch Terre des hommes Lausanne.
Die Schweiz und Sri Lanka arbeiteten in dieser Angelegenheit nicht zusammen, um den Kinderhandel gemeinsam einzudämmen. Nicht einmal ein sri-lankischer Minister, den der Geschäftsträger der schweizerischen Botschaft Claude Ochsenbein zu einer Unterredung nach Bern schicken wollte, war willkommen. Vielmehr berief sich das Bundesamt für Ausländerfragen auf seinen begrenzten Zuständigkeitsbereich und schob das Problem an die schweizerische Vertretung in Colombo ab.
Bei den Adoptionsverfahren zeigte sich, dass auch die Vertreter der Kantons- und Gemeindebehörden nicht genau hingeschaut und fehlende oder widersprüchliche Dokumente akzeptierten. Auf klaren Herkunftsangaben und Zustimmungserklärungen von leiblichen Eltern zu bestehen, wäre trotz der kleinteiligen föderalistischen Verteilung von Kompetenzen möglich und eine sorgfältige Prüfung bereits bei der Einreise notwendig gewesen: Denn kam ein sri-lankisches Kind in die Schweiz, lebte es zunächst während zwei Jahren als Pflegekind in einer Familie. Bei einem ablehnenden Adoptionsentscheid hätte es kaum mehr in seine Heimat zurückgeschickt werden können. Alles in allem wurde deutlich, dass Kinder für Eltern gesucht wurden und nicht Eltern für Kinder.