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BeobachterNatur: Serge Latouche, was verbirgt sich hinter dem Begriff Obsoleszenz?
Serge Latouche: Das Konzept ist vielen nicht geläufig, obwohl Ökonomen bereits seit über 150 Jahren von der technischen Obsoleszenz sprechen. Es ging damals darum, dass aufgrund technischen Fortschritts Maschinen durch neuere Maschinen ersetzt wurden. Nicht weil sie abgenutzt und verbraucht gewesen wären, sondern weil sie nicht mehr effizient genug waren.
BeobachterNatur: Neue, bessere Maschinen machten demnach ihre Vorgänger überflüssig oder eben obsolet.
Latouche: Genau. Das Phänomen ist also alt. Man kann sagen, dass das Bronzezeitalter das Steinzeitalter obsolet machte, und im 19. Jahrhundert verdrängte der Zug die Postkutschen. Die Industrielle Revolution beschleunigte alles, auch die Konkurrenz: Vom Wettbewerb getrieben, mussten sich die Unternehmen anstrengen, laufend neue Produkte auf den Markt zu werfen.
BeobachterNatur: Produkte, die eigentlich niemand braucht?
Latouche: Ja. Man bringt die Konsumenten dazu, neue Produkte zu kaufen, weil sie glauben sollen, dass diese besser wären als die alten. So funktioniert Mode. Damit kommen wir zu einer zweiten Art von Obsoleszenz: zur psychologischen oder symbolischen Obsoleszenz.
BeobachterNatur: Warum symbolisch?
Latouche: Weil man dabei mit Symbolen und Zeichen spielt und mit dem, was sie im Kopf der Leute auslösen. Für die Werbung ist das typisch: Man steckt ein hübsches Mädchen in einen Pullover und symbolisiert damit Schönheit, Jugendlichkeit, Sexappeal und so weiter. Die Käuferin hat dann das Gefühl, dass sie diese Symbole mit erwirbt, wenn sie den Pulli kauft.
BeobachterNatur: Seit wann gibt es dieses Phänomen?
Latouche: Schon im Römischen Reich gab es Moden, und bei den Möbeln gibt es von jeher Modeströmungen. Der Empirestil machte das Directoire obsolet, das seinerseits den Louis-XVI.-Stil abgelöst hatte, der zuvor den Stil Louis XV. verdrängt hatte und so weiter. Mit der Einführung der Massenproduktion entwickelten die Unternehmen ein Interesse daran, dass vor allem die Frauen ihre Kleider und Röcke alle Jahre wechseln. So ist Mode, wie wir sie heute kennen, entstanden.
BeobachterNatur: Eine Möglichkeit also, trotz billigen Produkten Profit zu machen.
Latouche: Genau. Schliesslich hat es eine Art Fusion gegeben zwischen der technischen und der symbolischen Obsoleszenz. Das zeigte sich in der Automobilbranche, als in den zwanziger Jahren Alfred Sloan, der Geschäftsführer von General Motors, dem erfolgreichen «Model T» von Ford Konkurrenz machen wollte.
BeobachterNatur: Keine leichte Aufgabe. Immerhin war der robuste Ford T dank der Fliessbandproduktion für jeden Durchschnittsamerikaner erschwinglich.
Latouche: Und das gefiel Alfred Sloan natürlich gar nicht. Ihm war aber bewusst, dass er den Ford T nicht auf technischem Weg schlagen konnte. Also dachte er sich eine neue Strategie aus und verpasste seinem Chevrolet lediglich ein Facelifting. Er produzierte Modelle mit neuen Farben und Karosserien, ohne ihnen eine technische Innovation hinzuzufügen.
BeobachterNatur: Und weil der neue Chevrolet hübscher aussah als der Ford, verkaufte er sich wie warme Brötchen.
Latouche: Ja. In den zwanziger und dreissiger Jahren verfolgten viele Firmen generell die Idee, die Konsumenten laufend zum Kauf neuer Produkte zu zwingen. Sie begannen, Waren, die zuvor langlebig waren, als Wegwerfprodukte zu produzieren. Als Vorbilder dienten Güter des täglichen Bedarfs.
Serge Latouche, 72, ist einer der profiliertesten Vertreter der Theorie der Décroissance. Die sogenannte Wachstumsrücknahme ist ein Gegenentwurf zum System des Wirtschaftswachstums. Latouche studierte Politik- und Wirtschafts-wissenschaften sowie Philosophie und lehrte Ökonomie an der Universität Paris-Süd. Einige seiner Werke wurden ins Deutsche übersetzt, so «Die Verwestlichung der Welt», «Für eine Gesellschaft der Wachstumsrücknahme» und «Die Unvernunft der ökonomischen Vernunft». In Frankreich ist soeben das Buch «Bon pour la casse» erschienen, in dem Latouche sich dem Thema der geplanten Obsoleszenz annimt.
BeobachterNatur: Sie meinen damit Verbrauchsgüter wie Nahrungsmittel?
Latouche: Genau, die isst man, dann sind sie verbraucht, und man muss neue kaufen. Dasselbe Prinzip kann man auf Gebrauchsgüter anwenden. So ist als eines der ersten Produkte dieser Art der Einwegrasierer entstanden und noch früher die wegwerfbare Rasierklinge, die Gillette um 1895 auf den Markt brachte.
BeobachterNatur: Kennen Sie weitere Beispiele?
Latouche: In Amerika waren Manschetten aus Papier sehr populär. Im 19. Jahrhundert waren die USA ein Land von Singles. Weil die jungen Männer ihre Wäsche nicht selber besorgen konnten, trugen sie einfach das Leinenhemd länger und befestigten täglich neue Manschetten daran. So sahen sie trotzdem wie feine Gentlemen aus. 1872 wurden in den USA 150 Millionen Manschetten aus Papier verkauft.
BeobachterNatur: Ein Traum für jeden Fabrikanten.
Latouche: Und ob. Getrieben von solchen Erfolgen, produzierte man wegwerfbare Kugelschreiber und Uhren. Viele Wegwerfartikel sind mit der Entwicklung des Plastiks verbunden. All das gehört bereits zur geplanten Obsoleszenz: Die Hersteller haben eingeplant, dass es eine Warenerneuerung geben wird.
BeobachterNatur: Aber was ist denn nun die geplante Obsoleszenz im engeren Sinn?
Latouche: Es ist die Tatsache, dass Geräten, seien es nun Autos, Waschmaschinen, Kühlschränken oder Fernsehern, ein Bauteil eingesetzt wird, das eine begrenzte Lebensdauer hat. Ist es defekt, ist der Konsument gezwungen, das Gerät zu ersetzen. Man spricht in diesem Zusammenhang von «Death dating». Der Zeitpunkt des «Todes» des Produkts wird bereits bei dessen Konzeption und Planung bestimmt.
BeobachterNatur: Kurz zusammengefasst: Obsoleszenz bedeutet, dass ein Produkt überflüssig wird oder aus der Mode kommt. Geplante Obsoleszenz heisst, dass einem Gerät ein Teil mit absehbarer Lebensdauer eingebaut wird.
Latouche: Korrekt. Zwar sind bis heute nicht ganz alle Fakten zur Geschichte der geplanten Obsoleszenz bekannt, aber es scheint, dass die Idee in den dreissiger Jahren in den USA entstanden ist.
BeobachterNatur: Warum ausgerechnet während der Wirtschaftskrise?
Latouche: Der Immobilienmakler Bernard London hatte 1932 die Idee, dass geplante Obsoleszenz aus der Grossen Depression herausführen könnte. Das war eine soziale Vision. Damit die Arbeiter wieder Arbeit erhielten, müssten die Produkte eine limitierte Lebenszeit haben, dachte sich London. So würde die Neuproduktion die amerikanischen Manufakturen am Laufen halten. Der Plan kam allerdings nicht zum Einsatz.
BeobachterNatur: War das auch die Idee des berühmt-berüchtigten Glühbirnenkartells?
Latouche: Die Idee dahinter war eine andere, aber das sogenannte Phoebuskartell gab es tatsächlich.
BeobachterNatur: Worum ging es bei der «Glühbirnenverschwörung» genau?
Latouche: Thomas Edison entwickelte 1881 die erste Glühbirne, die 1500 Stunden lang leuchtete. Getrieben von der Konkurrenz und dank grossen Investitionen in die Forschung verbesserten Ingenieure die Glühbirnen nach und nach und erreichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Leuchtdauer von 2500 Stunden. Sehr zur Freude der Konsumenten, aber die Hersteller sahen ihre Verkaufszahlen schrumpfen.
BeobachterNatur: Also schlugen Firmen wie General Electric, Osram oder Philips Alarm.
Latouche: Und in einem Hinterzimmer beschlossen sie, die Leuchtdauer der Glühbirnen weltweit auf 1000 Stunden zu beschränken. Wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft. Das war tatsächlich ein Kartell, das die Idee des Funktionsfehlers einführte – nicht etwa, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, sondern um höhere Gewinne zu scheffeln.
BeobachterNatur: Haben sich die Konsumenten nicht dagegen gewehrt?
Latouche: Da wird es eben spannend. Ab jenem Zeitpunkt wurden vor allem in den USA ganze Werbekampagnen lanciert, um die Idee populär zu machen, neue Waren und Produkte zu kaufen, statt die alten zu reparieren. Eine regelrechte Konsumpropaganda also.
BeobachterNatur: Hat das funktioniert?
Latouche: Und wie! Es gab viele Radio- und Fernsehsendungen darüber. Ich erinnere mich an einen Slogan des Uhrenherstellers Kelton: «Jedes Mal, wenn Sie Ihre Kleider wechseln, müssen Sie auch Ihre Uhr wechseln.» So wollte man die Leute zum Konsumieren anregen.
BeobachterNatur: Passiert das auch heute noch?
Latouche: Ja, die Idee des Nichtdauerhaften wurde bis heute weiterentwickelt. Langlebige Gegenstände und Produkte wurden zunehmend in Wegwerfartikel umgewandelt. Die Möbel von Ikea zum Beispiel sind nicht so gemacht, dass sie an Kinder oder Grosskinder weitergegeben werden können. Sie müssen drei bis höchstens zehn Jahre halten. Dann haben sie ausgedient. Dasselbe gilt für Hightechprodukte.
BeobachterNatur: Handys, Smartphones, Computer …
Latouche: Die Technik macht in diesem Bereich kontinuierlich Fortschritte. Und da kommt die Idee der Inkompatibilität ins Spiel.
BeobachterNatur: Ein neues Programm wird vom alten Computer nicht mehr unterstützt, also muss man sich einen neuen Computer kaufen.
Latouche: Genau. Bei den Druckern betreiben die Hersteller das systematisch: Sie verkaufen neue Drucker, die von den Treibern auf den alten Computern nicht unterstützt werden. Also muss man sich früher oder später einen neuen PC zulegen.
BeobachterNatur: Gibt es Beweise für den Einsatz geplanter Obsoleszenz?
Latouche: Das ist schwierig nachzuweisen, weil die Hersteller daraus ein Geheimnis machen. Bei den Glühbirnen haben wir es heute schwarz auf weiss, weil ein Deutscher namens Helmut Höge zehn Jahre seines Lebens damit verbracht hat, einen Beweis zu suchen. Das Kartell stand 1942 in den USA vor Gericht und wurde nach einem zehn Jahre dauernden Prozess verboten. Gebracht hat es nichts, Glühbirnen brannten nie mehr länger als 1000 Stunden.
BeobachterNatur: Gibt es aktuelle Belege für geplante Obsoleszenz?
Latouche: Es gibt Beweise dafür, dass einige Drucker einen eingebauten Chip hatten, der bewirkte, dass das Gerät nach 18'000 Seiten den Dienst versagte. Und auch für die Inkompatibilität liegen Beweise vor: 2003 gab es einen Gerichtsprozess, weil Apple die Lebenszeit seiner iPod-Akkus auf 18 Monate limitiert hatte. Die Akkus waren nicht austauschbar, der Konsument musste ein neues Gerät kaufen. Und dann ist da noch der Fall der Nylonstrümpfe ...
BeobachterNatur: Bitte klären Sie uns auf.
Latouche: In den dreissiger Jahren hatten Ingenieure einen nahezu reissfesten Nylonmix erfunden. Ein technischer Triumph, der schädlich fürs Geschäft war. Ingenieure sprachen sich in amerikanischen Zeitschriften für Qualität aus, Designer unterstützten die Hersteller und propagierten vergängliche Ware. Wer gewonnen hat, wissen wir: Laufmaschen gibt es heute noch.
BeobachterNatur: Grundsätzlich ist geplante Obsoleszenz aber kaum nachzuweisen.
Latouche: Mit handfesten Beweisen ist es tatsächlich schwierig. Wenn man aber ein Gerät zur Reparatur bringt, kommen die Mechaniker in der Regel sehr schnell darauf zu sprechen. Sie wissen aus ihrer Berufserfahrung, dass zum Beispiel eine Harddisk generell nur etwa drei Jahre lang hält. Man kann jedoch nicht beweisen, dass eine Entscheidung in diese Richtung getroffen wurde.
BeobachterNatur: Hält die geplante Obsoleszenz unser Wirtschaftssystem am Leben?
Latouche: Sie ist sogar ein extrem wichtiger Bestandteil davon. Unser Wirtschaftssystem stützt sich auf den Massenkonsum. Und um die Masse zum Konsumieren zu bringen, gibt es drei Wege: die Werbung, die uns verlockt; den Kredit, der jene, die kein Geld haben, dazu bringt, trotzdem zu kaufen; die geplante Obsoleszenz, bei der man keine Wahl hat. Wenn ein Gerät kaputtgeht, dann müssen Sie ein neues kaufen. So einfach ist das.
BeobachterNatur: Und so werden wir zu Komplizen des Systems.
Latouche: Das ist das Schlimme daran. Wir denken uns: Ach, es ist sinnlos, das jetzt zu reparieren, ich kaufe besser ein neues Gerät, das ist billiger, und ich bin damit wieder auf dem neusten Stand der Technik. Auf diese Weise hat sich eine ganze Kultur entwickelt und gefestigt.
BeobachterNatur: Die Kultur der geplanten Obsoleszenz.
Latouche: Genau. Geplante Obsoleszenz ist heute so lebensnotwendig für unser System, dass Regierungen sogar Massnahmen wie die Abwrackprämie erfinden müssen: In Frankreich und Deutschland zahlt der Staat dem Käufer eines neuen Autos einen bestimmten Betrag für seinen alten Wagen, obwohl der noch laufen würde. Aber es geht darum, dass die Autoindustrie produzieren kann. Ebenso bei Heizkesseln: Um Wirtschaftsprobleme zu lösen, haben die Regierungen Verschrottungsprämien für Heizkessel gezahlt, die älter als 15 Jahre waren – mit dem Vorwand, die neuen Heizkessel seien umweltfreundlicher.
BeobachterNatur: Kann man sich gegen geplante Obsoleszenz wehren?
Latouche: Ja, indem man sich für die Langlebigkeit und die Reparierbarkeit von Produkten sowie für Recycling einsetzt. Die geplante Obsoleszenz wird irgendwann an Grenzen stossen, und schon jetzt machen sich Leute in Internetforen gegen sie stark. Denn wie die Bäume werden auch die Müllhalden nicht bis in den Himmel wachsen können.
Reparieren statt ersetzen
Wer seinen kaputten Drucker oder das defekte Smartphone selber reparieren will, findet auf www.ifixit.com hilfreiche und detaillierte Anweisungen. Wer nicht weiterkommt ohne tatkräftige Unterstützung, findet zum Beispiel für die Reparatur von Smartphones zahlreiche Angebote im Internet. Und www.murks-nein-danke.de lädt ein, aufgestauten Frust loszuwerden.