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Carl Carls (1880-1958) war ein Schachspieler aus Bremen. Er zog immer 1.c4 und wurde dadurch so bekannt, dass die heutige Englische Eröffnung eine Zeitlang Carls-Eröffnung oder Bremer Partie genannt wurde. Siegbert Tarrasch bezeichnete 1.c4 als „einen ganz dummen Zug.“ Ihre Partie von 1914, die ich als zweite vorstelle, bekam dadurch eine besondere Brisanz.
Zunächst aber Carls‘ bekannteste Partie.
Theo Schuster – Carl Carls
Bremen 1913
1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sf6 5.Sg3 h5 6.Lg5 h4 7.Lxf6 hxg3 8.Le5 Txh2 9.Txh2 Da5+ 10.c3 Dxe5+ 11.dxe5 gxh2 0-1
Vorab ein Leserhinweis: Beim Gegner kann es sich nicht um den Schachschriftsteller Theo Schuster handeln, dieser wurde erst 1911 geboren .
1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sf6
Dies ist heutzutage der beliebteste Zug. Auch ihn machte Carls zeitlebens, schlug aber nach dem Tausch entgegen der heutigen Mode mit dem g-Bauern zurück.
Ich benutze die Gelegenheit, etwas über das Angriffsprimat zu schreiben. Mit seinen letzten zwei Zügen hat Weiss auf e4 ein Angriffsobjekt hingestellt. Es versteht sich von selbst, dass dieser Springer demnächst angegriffen wird. Entweder direkt mit Sf6 oder Lf5, oder nach Vorbereitung durch Sbd7 mit Sgf6.
Den Gegner zu einem Tausch zu zwingen, ist im Allgemeinen vorteilhaft. In diesem Falle bekommt Schwarz eine bequeme Figurenentwicklung, schränkt aber im Gegenzug durch den Doppelbauern die Bewegungsfreiheit seiner Bauern ein.
5.Sg3
Auch nach diesem zahmen Zug hat Weiss noch zwei (!) Angriffsobjekte, offensichtlich den Bauern d4 und weniger offensichtlich den Springer g3. Der Bd4 kann mit 5…e5 und 5…c5 angegriffen werden. Selbstverständlich gehen auch Entwicklungszüge wie 5…g6 oder 5…e6, mit letzterem verpflichtet sich Schwarz zu 6…c5 im nächsten Zug, denn sonst bekäme er eine passive Stellung.
Betrachten wir 5…e5, Danach muss die zwingende Zugfolge 6.dxe5 Dxd1+ 7.Kxd1 Sg4 als erstes berechnet werden. Schwarz gewinnt den Bauern wegen der Doppeldrohung Sxf2+ und Sxe5 zurück und behält eine problemlose, eher etwas aktivere Stellung. Weiss sollte also den Bauern decken, womöglich mit einem Gegenangriff, 6.Sf3. Betrachten wir die zwingenden Züge: 6.Sf3 e4 7.Sg5 Dd5 8.c4 Lb4+ 9.Ld2 Dxg5 10.Lxb4 Sa6 11.La3. Das ist schwer einzuschätzen. Gefühlsmässig sollte die verhinderte kurze Rochade und das weisse Läuferpaar Weiss etwas in Vorteil bringen.
Schwarz sollte also den Bauern schlagen. (5…e5 6.Sf3) 6…exd4 7.Dxd4 (auch 7.Sxd4 ist möglich, wegen der Pointe 7…Lc5 8.De2+) 7…Dxd4 8.Sxd4 mit Ausgleich.
Für 5…c5 gilt ähnliches. Zwingend: 6.dxc5 Dxd1+ 7.Kxd1 e6 8.b4 Schwarz wird aller Voraussicht nach den Bauern zurück bekommen. Eine Mustervariante: 8….a5 9.c3 axb4 10.cxb4 Sc6 11.Ld2 Sd5. Weiss tut gut daran, den Bauern zu decken: 6.Sf3 Sc6 7.Le3. Damit greift er den Bc5 an. Der Tausch auf d4 ist nicht erzwungen, aber angebracht: 7…cxd4 8.Sxd4. Es ist mehr Leben in der Stellung als nach 5…e5, etwa 8…Da5+ 9.c3 Sxd4 10.Dxd4 e5.
5…h5
Ein ‚modern‘ anmutender Zug. Für die damalige Zeit, in der stur ‚entwickelt‘ wurde, geradezu revolutionär. Er sucht sich den Sg3 als Angriffsobjekt aus. Spielt Weiss mechanisch 6.h4, kann 6…c5 7.Sf3 Lg4 kommen, was vorhin wegen h2-h3 nicht ging.
6.Lg5?
Auch nach damaligen Kriterien ein schwacher Zug, der mindestens ein Tempo verliert, wegen 6…Da5+ 7.Ld2 Db6 mit Angriff auf d4 und b2. Auch nach 7.Dd2 Dxd2+ 8.Lxd2 h4 9.S3e2 Se4 stünde Schwarz prächtig.
Wenn Weiss nicht 6.h4 versuchen wollte, wäre 6.Lc4 h4 7.S3e2 angebracht gewesen. Mit 7…h3 8.Sxh3 Lxh3 9.gxh3 Txh3 erreicht Schwarz nichts. Normal wäre 7…Lf5 8.c3 e6. Weiss steht ungemütlich.
6…h4
Er erspäht seine Chance.
7.Lxf6??
Nur noch 7.S3e2 ging. Mit 7…Db6 startet Schwarz den nächsten Angriff, mit guten Aussichten auf Initiative, wegen dem zusammengedrängten Klumpen Figuren rechts unten.
Es ist Zeit, zu kombinieren. Eine Kombination besteht aus einer Folge von harten Drohungen, vorzugsweise gewürzt mit Zwischenschachs. die nicht mit Gegendrohungen beantwortet werden können. So wird gerade das Zwischenschach 7…Da5+ mit der Gegendrohung 8.Dd2 beantwortet.
7…hxg3
Mit der Doppeldrohung, den Läufer zu schlagen oder h2 mit dem Turm wegzunehmen. Weiss hat das vorausgesehen…
8.Le5 Txh2
Er hatte bereits die Wahl. Das Zwischenschach 8…Da5+ müsste zuallererst betrachtet werden. Diesmal funktioniert der Gegenangriff 9.Dd2 wegen 9…gxf2+ 10.Kd1 fxg1=D nicht. Die Ausrede 9.b4 Dxb4+ 10.Ke2 , um die Partiefortsetzung zu vermeiden, würde sich kaum jemand antun wollen.
9.Txh2 Da5+
Zwei Zwischenschachs erledigen den Job.
10.c3 Dxe5+ 11.dxe5 gxh2 0-1
Schwarz macht eine neue Dame und behält eine Figur mehr.
Carl Carls – Siegbert Tarrasch
Breslau 1914, DSB-Kongress
1.c4 e6 2.g3 d5 3.Lg2 d4 4.f4 c5 5.e4 Sc6 6.Sf3 Le7 7.d3 Ld7 8.Sa3 a6 9.Ld2 Tb8 10.O-O b5 11.b3 b4 12.Sc2 Ld6 13.Sce1 Sge7 14.De2 O-O 15.e5 Lc7 16.Sg5 h6 17.Se4 Lb6 18.Sf3 Kh8 19.Sh4 Sf5 20.Sxf5 exf5 21.Sd6 g6 22.Ld5 Le8 23.g4 fxg4 24.f5 g5 25.Tae1 f6 26.Lxc6 Lxc6 27.Dxg4 fxe5 28.Txe5 Tf6 29.Lxg5 Dxd6 30.Lxf6+ Dxf6 31.Te6 Dxe6 32.fxe6 Tg8 33.Dxg8+ Kxg8 34.e7 1-0
1.c4 e6
Tarrasch besetzt nach seinen Kriterien das Zentrum mit einem Bauern. Das hätte er mit 1…e5 bequemer haben können.
2.g3 d5 3.Lg2 d4
Auch das ist für Tarrasch selbstverständlich, er spielt auf ‚Raumvorteil‘. Im Sinne von Drohung und Gegendrohung wäre das moderne 3…dxc4 4.Da4+ Sd7 5.Dxc4 a6!? angebracht gewesen. Das kam aber für einen Tarrasch schon prinzipiell, wegen ‚Aufgabe des Zentrums‘, nicht in Frage.
4.f4
Ein schwacher Zug. Er will e6-e5 mechanisch verhindern. Wenn Schwarz einfach weiter entwickelt, hat der Zug seine Berechtigung, wie wir sehen werden. Unangenehm wäre 4…h5 gewesen, etwa 5.e4 h4 6.d3 e5. 5.Sf3 half schon nicht mehr gegen 5…h4, wegen 6.Sxh4 Txh4 7.gxh4 Dxh4+ 8.Kf1 Dxf4+ mit Gewinnstellung.
4…c5 5.e4
Carls macht das clever. Er erreicht mit einfachsten Mitteln eine gute Stellung. Immer noch war 5…h5 gut. Aber diesmal wäre 5…e5 stark gewesen. Nach 5…e5 6.d3 exf4 muss Weiss mit dem Läufer schlagen, weil sonst das Damenschach auf h4 kommt. Auf 6.fxe5 bekommt man den Bauern beliebig zurück, und installiert erst noch einen Springer auf diesem schönen Feld, etwa 6.fxe5 Sc6 7.Sf3 Sge7 8.d3 Sg6. Noch unangenehmer wäre aber das altbekannte 6…h5.
5…Sc6 6.Sf3 Le7
Tarrasch überlegt nur, wie und wohin er seine Figuren entwickelt. Immer noch war 6…e5 der angebrachte Zug. Wahrscheinlich hat er den nicht einmal erwogen, wegen ‚Tempoverlust‘.
7.d3 Ld7
Natürlich geht das, weil die Stellung ja geschlossen ist, aber – wozu soll das gut sein? In der Folge machen die Protagonisten ein paar weitere ‚Entwicklungszüge‘, die ich nicht näher kommentiere.
8.Sa3 a6 9.Ld2 Tb8 10.O-O b5 11.b3 b4 12.Sc2 Ld6
Tarrasch hat weiterhin auf ‚Raumgewinn‘ gespielt. Jetzt aber hatte er das Problem, dass 12…Sf6 wegen 13.e5 nicht ging, also versuchte er den Springer nach e7 zu entwickeln. 12…Sh6 war wohl noch das Vernünftigste, um sich mit O-O und f6 aufzustellen.
13.Sce1 Sge7? 14.De2?
Tarrasch hatte 14.e5 zugelassen und Carls die Chance ausgelassen. Jetzt war die letzte Gelegenheit zu 14…e5. Nach einem weiteren Fehler nimmt die Geschichte ihren Lauf.
14…O-O? 15.e5 Lc7 16.Sg5 h6 17.Se4 Lb6 18.Sf3 Kh8 19.Sh4
Ein guter Zug. Geradliniger ist 19.g4
19…Sf5 20.Sxf5 exf5 21.Sd6
Droht, den f-Bauern mit Sxf5 oder Lxc6 nebst Sxf5 zu fressen. Eigentlich ging nur noch 21…Se7, aber nach 22.Dh5 wird es brenzlig. 22…Kh7 23.Sxf7 Le8 24.Sxd8 Lxh5 25.Sb7 und gewinnt.
21…g6 22.Ld5 Le8 23.g4 fxg4 24.f5
‚Properly played‘, würde der Engländer sagen. Der Rest ist Agonie.
24…g5 25.Tae1 f6 26.Lxc6 Lxc6 27.Dxg4 fxe5 28.Txe5 Tf6 29.Lxg5 Dxd6 30.Lxf6+ Dxf6 31.Te6 Dxe6 32.fxe6 Tg8 33.Dxg8+ Kxg8 34.e7 1-0
Natürlich ist es für einen Lernenden schwierig, den Wert eines Angriffszuges einzuschätzen. Das Gefühl dafür kann man nicht theoretisch lernen. Man muss es sich praktisch aneignen. Was aber feststeht, ist, dass Angriffszüge das Primat über allen anderen Zügen haben, seien es ‚Entwicklung‘, ‚Zentrum‘, ‚Material‘ oder ‚Raum‘. Denken Sie daran, das Ziel des Schachspielers ist es, die ‚Initiative‘ zu bekommen und sie mit einer ‚Kombination‘ zu verwerten.
Nachtrag: Nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht hatte, gönnte ich mir ein paar Internet-Blitzpartien. Die folgende Partie – sie dauerte keine vier Minuten – soll zeigen, wie unterentwickelt das damalige taktische Verständnis vergleichsweise war. Heutzutage hat man ‚alles‘ ‚irgendwie‘ gesehen.
Ich – Er, Blitz 3+0, 29.12.2021
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 Sxd4 7.Sxe5 Se6 8.Sxf7 Df6 9.Sxh8 Lxc3+ 10.Sxc3 Dxc3+ 11.Ld2 Dxc4 12.Dh5+ g6 13.Dxh7 Sf8 14.Dg7 Dxe4+ 15.Le3 Dxg2 16.Df7+ Kd8 17.Dxf8# 1-0
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 Sxd4?! 7.Sxe5 Se6 8.Sxf7 Df6?
6…Sxd4 war mir neu. Aber das Motiv Sxf7 nebst Dh5+ und La5 weg, das hat man irgendwie intus. 8…Kxf7 9.Dh5+ g6 10.Dxa5.
Lxe6+ wäre sogar eine Spur stärker. 8…Kxf7 9.Lxe6+ Kxe6 10.Dd5+ Ke7 11.Dxa5
9.Sxh8?
Richtig war es, erst mein Angriffsobjekt abzutauschen. 9.Lxe6 dxe6 10.Sxh8 Lxc3+ 11.Sxc3 Dxc3+ 12.Ld2, und es gibt keinen Läufer der auf c4 hängt.
9…Lxc3+
Jetzt habe ich ein Problem. Ich entschied richtig.
10.Sxc3 Dxc3+ 11.Ld2 Dxc4 12.Dh5+ g6?
Ein Fehler. Er müsste 12…Kd8 finden: 13.Sf7+ Ke7 14.Sg5 Sc5 15.De2 Sd3+ 16.Kf1 h6 17.Tc1 Dd4 18.Tc3 Sf4 19.De3 Dxe3 20.fxe3 Sg6 21.Sf3
13.Dxh7 Sf8 14.Dg7 Dxe4+ 15.Le3 Dxg2 16.Df7+ Kd8 17.Dxf8# 1-0
Zwei Sachen: Erstens, in scharfen Stellungen ist normalerweise der schärfste Zug der korrekte. Wobei zu definieren wäre, was denn der ’schärfste Zug‘ überhaupt sein soll. Zweitens, manche mit voller Bedenkzeit gespielte Morphy-Partien haben weniger Gehalt als heutige Blitzpartien mittelmässiger Spieler.