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«Wir sind frei!» Dieser Ruf hallt vor genau 100 Jahren durch Osteuropa.
Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs – Grossbritannien, Frankreich und die USA – haben in Paris im «Versailler Vertrag» und in vier weiteren Verträgen die Nachkriegsordnung festgelegt. Die alleinige Kriegsschuld wurde Deutschland zugesprochen.
Die neue Ordnung enthält einen Gürtel von neun neuen Nationen: Er reicht von den baltischen Staaten über Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn bis nach Jugoslawien.
Die Friedensverträge von Paris
Am 28. Juni 1919 unterschreiben die Siegermächte des Ersten Weltkriegs sowie das unterlegene Deutsche Reich den «Versailler Vertrag».
Er gibt Deutschland die Alleinschuld am Krieg und verpflichtete das Land zu gigantischen Reparationszahlungen.
Der «Versailler Vertrag» sowie vier weitere Friedensverträge mit den im Krieg unterlegenen Mächten Österreich, Ungarn, Bulgarien und Osmanisches Reich regeln die Gründung von neun neuen Staaten in Ost- und Südosteuropa.
Die Zeit der Vielvölkerstaaten ist vorbei
Die neuen Länder entstehen auf ehemals russischem Territorium oder in Gebieten, die vormals zu den Kriegsverlierern Österreich-Ungarn und Deutschland gehört haben.
Die Staatschefs der Siegermächte, allen voran der US-Präsident Woodrow Wilson, lassen sich vom damals populären Slogan des «Selbstbestimmungsrechts der Völker» leiten.
Die Landesgrenzen sollen so gezogen werden, dass die neuen Staaten ethnisch möglichst homogen sind. Die Zeit der Vielvölkerstaaten wie Österreich-Ungarn, wo tschechische, slowakische, slowenische, ukrainische, kroatische und bosnische Minderheiten nach Autonomie strebten, ist abgelaufen.
Selbstbestimmung – in der Praxis kompliziert
In der Umsetzung erweist sich das Selbstbestimmungsrecht indessen als kompliziert: Ethnisch homogene Staaten zu bilden, scheitert nur schon daran, dass sich die Bevölkerung über die Jahrhunderte stark durchmischt hat.
Hinzu kommt, dass Grossbritannien und Frankreich aufgrund von Zusagen während des Kriegs bei der Ziehung der neuen Grenzen teilweise die Hände gebunden sind: So hat sich etwa Rumänien nur durch territoriale Versprechungen im ungarischen Siebenbürgen zum Kriegseintritt gegen die Mittelmächte bewegen lassen.
Schliesslich lassen es die Fachleute, welche die Siegermächte in Paris beraten, immer wieder an Sachkenntnis mangeln. So kommt es, dass im «Frühling der Nationen» von 1919 das Selbstbestimmungsrecht nur selektiv umgesetzt wird.
Der Völkerbund soll’s richten
Die Siegermächte sind sich der Unvollkommenheit ihrer Nachkriegsordnung durchaus bewusst. Sie verfügen für die neuen Staaten zukunftsweisende Gesetze, welche die vielen Minderheiten schützen sollen.
Zudem ruhen die Hoffnungen auf dem neu geschaffenen Völkerbund in Genf: Er soll bei Konflikten schlichtend eingreifen. Der Erfolg ist mässig.
Neue Konflikte
Tatsächlich beginnen nach 1919 neue Konflikte zu gären. So lehnen etwa viele Sudetendeutsche die Zugehörigkeit zur neu gegründeten Tschechoslowakei ab.
Die propagandistisch aufgebauschte vermeintliche Unterdrückung der deutschsprachigen Minderheit diente Hitler 1938 als probater Vorwand, um 1938 im Nachbarland einzumarschieren.
Versailler Verträge – 3 Fragen an Historiker Jörn Leonhard
Jörn Leonhard ist Professor für Westeuropäische Geschichte an der Universität Freiburg i. Br. Sein aktuelles Buch befasst sich mit der Friedensordnung nach dem 1. Weltkrieg: «Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923», C.H. Beck 2018.
SRF: Was war die grösste Herausforderung für die neuen Staaten in Ost- und Südosteuropa nach 1919?
Jörn Leonhard: Im Innern ein gemeinsames nationales Bewusstsein zu schaffen. Und ganz grundsätzlich den Anspruch auf stabile eigene Staaten in die Wirklichkeit umzusetzen.
In Polen zum Beispiel kamen Soldaten nach Hause, die während des Kriegs für das Deutsche Reich gekämpft hatten, andere für Österreich-Ungarn, wieder andere für das russische Zarenreich. Wer von ihnen konnte nun als loyaler Pole gelten?
Diese innere Integration nach dem Krieg war eine gewaltige Aufgabe.
Wie belastend sind die Grenzziehungen von damals heute noch?
Sie haben zumindest auf dem Gebiet der Europäischen Union ihre Sprengkraft weitgehend verloren. Dass Deutschland, Polen, Ungarn oder Österreich Gebiete zurückfordern würden, ist kaum noch denkbar.
Hingegen haben sich die Grenzziehungen von 1919 in Osteuropa tief in das Geschichtsbewusstsein der Gesellschaften eingegraben. Dies geht oft einher mit der einseitigen Vorstellung, man sei 1919 zum Opfer geworden.
Wie zeigt sich dies konkret?
In Ungarn oder auch in Polen beispielsweise greifen heute Rechtskonservative gerne auf dieses Selbstbild des Opfers zurück. In Ungarn erinnert man an die verlorenen Territorien, in Polen an den 1919 in Paris verfügten Minderheitenschutz.
Ihn verstand man damals als Eingriff in die gerade gewonnene Souveränität, und man zieht heute Parallelen zur Politik Brüssels gegenüber Polen.
Das Jahr 1919 ist also bis heute aktuell geblieben – wenn auch nicht territorial, so doch geschichtspolitisch.
Langfristig als nicht tragfähig erweist sich Jugoslawien. Es zerfällt in den 1990er-Jahren nach einem blutigen Bürgerkrieg und grauenhaften ethnischen Säuberungen in Teilstaaten.
Lange Schatten
In Ungarn wiederum lassen Rechtskonservative wie Staatschef Viktor Orbán noch heute kaum eine Gelegenheit aus, an die einstigen Gebietsverluste an Rumänien und die Tschechoslowakei zu erinnern. Dadurch begibt er sein Land in eine Märtyrerrolle – diese eignet sich trefflich zur innenpolitischen Propaganda.
Als man 1919 in Paris von einem Frühling der Nationen träumt, folgt man der noblen Idee der Selbstbestimmung. Die Hoffnung, dadurch die komplexen ethnischen Konflikte aus der Welt zu schaffen, erweist sich in der Realität verschiedentlich als Illusion.