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An der Ostküste Grönlands bildet sich jeden Winter eine dicke Eisschicht auf dem Meer. Der Schiffsverkehr kommt zum Erliegen, Schneemobil und Hundeschlitten werden das bevorzugte Transportmittel. Unter der kalten Decke geht das Leben im Ozean weiter. Ein Ort, an dem sich Menschen nur kurz aufhalten können, bevor ihnen etwas frisch um die Nase wird.
Meine Finger sind kalt. Meine Lippen fühlen sich taub an. Meine Füße gefroren. Was ist eigentlich noch warm an mir? Hoffentlich mein Gehirn, das zwar schon mit leichten Kopfschmerzen auf seine unterkühlte Lage aufmerksam macht, aber die Eindrücke meiner Umgebung noch gut verarbeiten kann. Statt Bauklötze staune ich Eiswürfel. Und der größte davon ist der Grund meiner Begeisterung, 25 Meter hoch und ungefähr 15 000 Tonnen schwer. Im letzten Herbst muss der Würfel hier gestrandet sein, hat sich am Meeresboden verhakt und kam nicht mehr frei. Als der Winter folgte, bildete sich um ihn herum eine immer dicker werdende Eisschicht, die ihn an Ort und Stelle fesselte.
Der Koloss vor mir besteht aus Wasser in seiner härtesten, faszinierendsten und mächtigsten Form: Eis. Wissenschaftliche Beschreibungen über die Dichte von Eis, der Anomalie des Wassers oder der Kristallstruktur gefrorener Flüssigkeiten können aber nicht die Wirkung der gewaltigen Masse vor meiner Tauchmaske beschreiben. Hätte ein Eisberg Charisma, zöge er trotz seines kühlen Charakters und seiner bizarren Körperform auf jeder Party, jedem Konzert und jedem Staatsempfang die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Im Augenblick bin ich alleine mit ihm. Umso beeindruckender. Die gesamte Oberfläche besteht aus Vertiefungen unterschiedlicher Größe, die an die Struktur auf einem Golfball erinnern. Eine blau schimmernde Linie durchzieht das Eis wie ein gerader Schnitt. Vor langer Zeit muss das eine Gletscherspalte gewesen sein, die sich mit Schmelzwasser gefüllt hat, das kaum Luftblasen enthielt und jetzt in gefrorenem Zustand so klar und durchsichtig erscheint. Der gesamte Eisberg ist in ein dämmriges Zwielicht getaucht, das durch die dicke Eisdecke hindurch sickert und an zahlreichen Bruchstücken reflektiert wird. Zwanzig Meter über mir durchschneidet ein gleißender Lichtstrahl das klare Wasser und beleuchtet ein winziges Fleckchen Meeresboden. Die Sonne scheint in diese eisige Anderswelt nur durch unser Einstiegsloch, das wir in stundenlanger Arbeit mit Bohrern und Sägen aus dem dicken Meereis geschnitten haben.
Als vorübergehende Ruhestätte hat sich der Eisberg den Fjord vor der Ortschaft Tasiilaq ausgesucht. Übersetzt bedeutet dieses Wort »wie ein See« und beschreibt die weitläufige Bucht, die einen geschützten Naturhafen bildet. Ungefähr 2000 Einwohner leben hier und machen die Siedlung zur größten ‚Stadt‘ an der Ostküste Grönlands, was einen Hinweis auf die Besiedlungsdichte der größten Insel unserer Erde gibt. Im Winter ist Tasiilaq nur mit dem Helikopter zu erreichen, alle Boote liegen entweder an Land unter einer dichten Schneedecke oder im Hafen, unbeweglich eingefroren wie die Eisberge vor der Küste. Das harte Leben in dieser Umgebung prägt und zeichnet die Menschen dieser Region, die isolierte Lage in Kombination mit Alkohol ist ein fürchterliches Problem und führt häufig zu Kindesmissbrauch und Vergewaltigungen. Von außen betrachtet, fällt eine Verurteilung der Verhältnisse leicht, doch eine Lösung der Probleme ist nicht in Sicht. Der Übergang von einer Jagdkultur zu einem niedergelassenen Lebensstil unter dem Einfluss westlicher Kulturen mit Supermärkten, Internet, Fastfood und Alkohol verlief zu abrupt. Einige Bewohner von Tasiilaq schaffen es dennoch, ihre traditionellen Werte zu bewahren und durch die Kunst der Schnitzerei von Tupilaks, durch Tänze und Gesänge und ihre Tätigkeit als Robben-, Eisbär- oder Waljäger weiterzureichen.
Auch im tiefsten Winter kommt das Leben unter der Eisdecke nicht zum Stillstand. An den Hängen neben dem Eisberg wachsen verschiedene Arten von Algen, die kleineren Fischen, Krebsen und Schnecken Schutz und Nahrung bieten und teilweise vollständig von fressendem Kleingetier bedeckt sind. Im Freiwasser flottieren Rippenquallen, die sich mit winzigen Reihen beweglicher Plättchen fortbewegen und im Strahl meiner Lampe in feinsten Farbabstufungen irisierend leuchten. Direkt vor meiner Kamera fährt eine der fast durchsichtigen Schleimkugeln ihre roten Tentakel aus. Sie sind mit Klebezellen bedeckt, an denen Beutetiere haften bleiben. Als ich sie aus Versehen mit meinem Blitz berühre, entscheidet sich die Qualle zum Rückzug und die vierzig Zentimeter langen Klebefäden werden blitzschnell wieder ins Körperinnere gezogen. Unterhalb des Algen-Blätterdachs schleichen große Nacktschnecken über den Meeresboden und zupfen hier und da am leckeren Algensalat, als gäbe es nichts Gemütlicheres als einen kulinarischen Kriechgang im Eiswasser. Als sich mein Finger am Auslöser langsam vor Kälte in die Taubheit verabschiedet, fällt mir ein Farbklecks auf dem Algenblatt auf. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das winzige, rot-gelbe Hütchen als Miniatur-Qualle. Nach einem kurzen Moment erhebt sie sich plötzlich von ihrem Rastplatz, pulsiert rhythmisch mit ihrem Körper und macht sich elegant aus dem Staub. Man wird ja wohl mal eine Pause machen dürfen.
Beim Auftauchen entlang der blauen, gefrorenen Wand und mit der Tauchmaske nur eine Handbreit vom glatten Eis entfernt entdecke ich staunend die Wohngemeinschaft in diesem nur saisonal zu beziehenden Hochhaus. Rote Flohkrebse haben sich dort eingerichtet und leben in kleinen Mulden und Löchern im Eisberg. Vermutlich ernähren sie sich von herabfallenden Teilchen und feinem Sediment, das sich in den Ritzen und Spalten im Eis sammelt. Die schwer zugänglichen Bereiche in den Polargebieten führen dazu, dass von einigen Tierarten nur wenige Informationen über deren Verhalten bekannt ist. Wissenschaftler, denen ich die Fotos nach meiner Rückkehr zugesendet habe, vermuten, dass diese Flohkrebse regelmäßig zwischen den Höhlen im Eis und den Algen am Meeresgrund pendeln. Nach dem Waldspaziergang zurück ins eisige Penthouse. Man gönnt sich als Flohkrebs ja sonst nichts.
Noch hat die Decke aus gefrorenem Meerwasser den Eisberg fest im Griff und erlaubt ihm nur alle paar Stunden, einige Meter seiner Flanke bei Niedrigwasser freizulegen. Erst im Frühling, wenn das Meereis aufbricht und der Wind die Schollen aus dem Fjord aufs offene Meer treibt, wird sich auch der blaue Eiswürfel auf den Weg machen, seine Form verändern und in kleinere Teile zerfallen. Am Ende wird sich jedes Stückchen Eis wieder in flüssiges Wasser verwandelt haben. Vom kristallenen Berg bleiben nur Fotos und die Erinnerung an kalte Finger.
Text und Fotos: Uli Kunz
Dieser Gastbeitrag ist ein Auszug aus Uli Kunz‘ aktuellem Buch „Leidenschaft Ozean – Expeditionen in die Tiefe“.
Zahlreiche weitere Kapitel über seine Tauchexpeditionen und sein leidenschaftliches Engagement für die bedrohten Lebensräume im Ozean versprechen ebenso spannende Lektüre.
Das Buch ist bestellbar auf der Webseite des Knesebeck Verlags:
https://www.knesebeck-verlag.de/leidenschaft_ozean/t-1/987
Uli Kunz, geboren 1975, wuchs im baden-württembergischen Kehl am Rhein auf. Als Teenager machte er seinen ersten Tauchschein und entdeckte die Liebe zum Meer. 1997 zog er nach Kiel, um Meereskunde und Ozeanografie zu studieren. Dort kaufte er sich auch seine erste Unterwasserkamera – eine gebrauchte analoge Nikonos. Die hütet er bis heute wie einen Schatz, obwohl er längst nur noch digital fotografiert. Mit vier Freunden hat er die Forschungstauchgruppe Submaris gegründet und begleitet wissenschaftliche Expeditionen rund um die Welt. Er arbeitet dabei unter anderem für Greenpeace, das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung, untersucht Steinriffe und Meeresalgen in Nord- und Ostsee, betreut Messgeräte und Tauchroboter, erkundet weitläufige Höhlensysteme und fotografiert unter dem Eis der Arktis.
Mit seinen Live-Shows ist er regelmäßig im deutschsprachigen Raum auf Tournee und begeistert sein Publikum mit faszinierenden Fotos und Filmen aus der Unterwasserwelt. Mit seiner Kamera beobachtet er die bedrohlichen Veränderungen im Ozean und dokumentiert bei seinen Projekten die Überfischung der Meere, den zerstörerischen Einfluss des Klimawandels auf unsere Ökosysteme und die zunehmende Verschmutzung der Gewässer. Für das ZDF steht er als Moderator der bekannten Reihe Terra X vor der Kamera, klettert bis an den Grund eines Gletschers auf Spitzbergen, taucht in wassergefüllten Höhlen auf den Bahamas, fotografiert die singenden Buckelwale im Pazifik und lässt die Zuschauer an einer Sache hautnah teilhaben: seiner Faszination für das Wasser.
(Foto: Bjørnar Sævik)
Link zur Webseite von Uli Kunz: https://uli-kunz.com
Uli Kunz bei Instagram: @uli_kunz