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Die
abgehackte Hand
Zwischen Sage…
Die „abgehackte
Hand“ in der Sammlung des Schlosses Greyerz beeindruckte
während Jahrzehnten Tausende von Besuchern und regte in starkem
Masse ihre Phantasie an. Im Verlaufe der Zeit entstanden immer
neue, noch dramatischere Geschichten zu ihrer Herkunft.
Laut der am häufigsten verbreiteten Version wurde sie von Greyerzern, die
um das Jahr 1099 am ersten Kreuzzug ins Heilige Land teilgenommen hatten, als
Reliquie oder Glücksbringer in die Heimat gebracht.
Einer anderen Überlieferung zufolge stammt sie aus La Tine im Greyerzer
Oberland (Pays d’Enhaut). Hier trafen im Frühjahr 1476 - kurze
Zeit vor der Schlacht von Murten gegen Karl den Kühnen - fünfhundert
plündernde savoyische und burgundische Reiter auf eine Greyerzer Truppe
unter dem Befehl von Graf Ludwig. Die Auseinandersetzung endete siegreich für
die Greyerzer, und nur wenige feindliche Angreifer überlebten. Einem der
Kämpfer wurde auf dem Schlachtfeld die rechte Hand abgeschlagen. Als Zeichen
dieses glorreichen Sieges wurde sie nach Greyerz gebracht und fortan im Schloss
aufbewahrt.
Nicht weniger tragisch ist folgende Geschichte: Im Jahre 1493 – ein Jahr
nach dem Tod des hochverehrten Grafen Ludwig – fiel das Schloss eineM verheerenden
Brand zum Opfer. Bei den Aufräumarbeiten fand man eine verkohlte Hand, die
Claude de Seyssel, der Witwe des Grafen, übergeben wurde. Claude liess das
Schloss wieder aufbauen. Die Hand jedoch bewahrte sie in Erinnerung an diesen
furchtbaren Brand auf. (Wie neuere archäologische Untersuchungen beweisen,
hat eine derartige Feuersbrunst aber nicht stattgefunden.)
Die markante Schnittstelle am Knöchel gab Anlass zu der Erzählung,
sie stamme von einem Dieb. Auf frischer Tat ertappt, musste er durch den Verlust
der rechten Hand für seine Missetaten büssen.
Die langen Finger der Hand liessen auch an eine schöne junge Frau denken.
Als Hexe verurteilt, wurde sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Nur die feuergeschwärzte
Hand blieb von ihr übrig.
…und Wirklichkeit
Die
im Jahre 2003 durch Dr. Bruno Kaufmann vom anthropologischen Forschungsinstitut
in Aesch (BL) durchgeführte Untersuchung beweist zweifelsfrei,
dass es sich um die rechte Hand einer ägyptischen Mumie handelt.
Präparierung und Bandagierung entsprechen der klassischen
Methode, die bis ins dritte Jahrhundert nach Christus ausgeübt
wurde. Die dunkle Farbe wie auch die Schlankheit der Hand erklären
sich aus dem Prozess der Mumifizierung. Sie gehörte zu einer
erwachsenen Person, wobei die Proportionen eher auf einen Mann
schliessen lassen. Auf Grund der aufwendigen Art der Mumifizierung
muss es sich um eine Persönlichkeit aus der Oberschicht gehandelt
haben.
Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt wurde die Hand mit einem stumpfen
Beil vom Körper der Mumie abgetrennt. An der Schnittstelle sind der Knochen
und die vertrockneten Muskelfasern gut sichtbar. Zudem wurde versucht, die Bandagierungen
zu entfernen. Dies gelang beim Ringfinger, der Mittelfinger jedoch brach teilweise
ab.
Vom Ende des Mittelalters bis weit ins 18. Jahrhundert waren Mumien in Europa
als Kultobjekte sehr gesucht. Zermahlen wurden sie als Medikament (lat. „Mumia“)
gegen verschiedenste Verletzungen eingesetzt. Der Ägyptenfeldzug Napoleons
(1798-99) weckte das wissenschaftliche Interesse und löste eine allgemeine
Begeisterung für die Welt der Pharaonen aus. Zahlreiche Mumien oder Teile
von ihnen gelangten in der Folge in den Handel und wurden von Museen oder Sammlern
gekauft. Auch in der Literatur fanden sie regen Nachhall (Théophile
Gautier, Bram Stocker u. a.). Mit grösster Wahrscheinlichkeit kam unsere
Mumienhand zu diesem Zeitpunkt in die Schweiz.
Die aus Genf stammende Familie Bovy kaufte im Jahre 1849 das leer stehende
Schloss Greyerz und begann es zu renovieren. Dieses Unterfangen setzte die
Familie Balland ab 1861 fort. Mehrere Säle des Schlosses wurden neu gestaltet,
wobei die Sagen und Legenden um die Grafen von Greyerz als wichtige Inspirationsquelle
dienten. Im Erdgeschoss des Bergfrieds wurde zudem ein Kuriositätenkabinett
eingerichtet. Neben Objekten verschiedensten Art wurde hier auch die Mumienhand
gezeigt.
Dieses Kuriositätenkabinett wurde schon vor vielen Jahren aufgelöst,
doch die Hand blieb - mit wechselnden Standorten - in der Sammlung
des Schlosses erhalten. Erst Ende der neunziger Jahre wurde sie daraus entfernt.
Wohl wegen ihrer mysteriösen Aura blieb sie aber in der Erinnerung vieler
Besucher verwurzelt. Dies bewog uns, Nachforschungen über sie anzustellen.
Heute hat die Mumienhand wieder einen Platz in der Sammlung des Schlosses zurückerhalten.
Und auch einen Teil ihrer eigentlichen Geschichte.
Raoul Blanchard, Anita Petrovski