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|Studentenhistorische Notizen|| Archiv |
|Das Ostschweizer Kartell|
|Von Dr. Peter Hauser v/o Star|
Am 15. Juni 1919 wurde im ehrwürdigen Gasthof "zur Krone" in Elgg das Ostschweizer Kartell zwischen der Scaphusia, Thurgovia, Vitodurania und Rhetorika gegründet. Die Wurzeln dieses Freundschaftsbündnisses reichen bis in die Zeit des Schweizerischen Gymnasialvereins (SGV) zurück, welcher am 8. Oktober 1865 in Winterthur aus der Taufe gehoben wurde und die Gymnasialvereine Bern, Schaffhausen (Scaphusia), Frauenfeld (Thurgovia) und Winterthur (Vitodurania) umfasste. Kurze Zeit später stiessen die Basler (Paedagogia), Zürcher (Gymnasia Turicensis), Aarauer (Argovia) und Pruntruter dazu. Anfangs November 1873 trat auch die Rhetorika dem Schweizer Gymnasialverein bei.
1882 ging dieser wenig stabile Zusammenschluss von Mittelschulvereinigungen, die sich aus schöngeistigen Zirkeln rasch zu Verbindungen mit studentischen Attributen entwickelt hatten, endgültig unter. Eine grosse Idee junger Menschen war erloschen. Aus den regionalen Kontakten entstanden jedoch Kartelle, so vor allem das Ostschweizer Kartell. Dieses ist daher die ruhmreiche Fortsetzung des Schweizerischen Gymnasialvereins in kleinerem Kreise. Der Zirkel der Scaphusia entspricht weitgehend dem "Einheitszirkel" des SGV. Das blau-weiss-blaue Band ging von der schon 1845 gegründeten Paedagogia Basel auf die anderen Korporationen über. Auch die Thurgovia führte bis 1874 diese Farben.
Die Thurgovia musste lange Zeit abseits bleiben, denn auch nach der Aufhebung ihrer Suspension durch den Lehrerkonvent im Jahre 1874 waren ihr Kartellbeziehungen ausdrücklich verboten. An ihrer Stelle pflegten die Scaphusia, Vitodurania und Rhetorika regelmässige Kontakte zur Gymnasia Turicensis. 1907 mussten die Zürcher wegen Mitgliedermangel den aktiven Betrieb schliessen.
Glücklicherweise gab es den Rhein. "Der Rhein war irgendwie ein Band, und an seinen Ufern kam man gern und oft zu Festen zusammen", schreibt Ernst Nägeli in der Festschrift "100 Jahre Thurgovia". Und so ist es eigentlich natürlich, dass die Thurgovia über die Scaphusia wieder mit dem Kartell in Berührung kam. 1915 trafen sich die Thurgauer und Schaffhauser im "Paradies" am Rheingestade. Im Mai 1919 stellte die Thurgovia einen Aufnahmeantrag, dem am 15. Juni 1919 zu Elgg entsprochen wurde. "Endlich war der grosse Tag herangekommen, der die vier Völkerstämme der Scaphusier, der Vitoduraner, der Rhetoriker und zum ersten Male auch den der Thurgovier zusammenführen sollte", schrieb der Vito-Aktuar Heinrich Boeckli v/o Pegasus damals ins Protokoll.
Leider war das neue Vierer-Kartell von Anfang an etwas brüchig. Es fehlten einstweilen Statuten, und die "urchige" Thurgovia verstand sich nicht gerade gut mit der damals sehr feudalen Rhetorika. Bereits 1926 trat die Thurgovia aus dem Kartell aus.
Der Kartelltag von 1926 vereinigte daher nur noch die drei blau-weiss-blauen Verbindungen. Er begann mit einem lustigen Intermezzo. Eben hatte man sich zum Einzug ins Städtchen Elgg bereitgestellt, als von der Station her "ein seltsames Phänomen sich zeigte. Zuerst hörte man nur Trommelschlag, dann tauchte hinter blau-weiss-blauer Fahne ein Meer von Regenschirmen auf, das sich schwerfällig auf uns zuwälzte. Das Ganze entpuppte sich als Blaukreuzverein, dessen Mitglieder uns mit Blicken des Abscheus fixierten."
Der Blaukreuzverein muss wohl auf die Kartellbrüder mässigend und versöhnlich gewirkt haben, denn endlich gelang es, Statuten zu verabschieden. Diese wurden am 18. Dezember 1926 in St. Gallen als "Bestimmungen des blau-weissen Kartells" beschlossen und feierlich von den drei Präsidenten unterzeichnet. Als Ziel des Kartells wurden die Pflege der Freundschaft und die Aufrechterhaltung reger Beziehungen zwischen Mittelschulverbindungen verschiedener Orte, die sich zum Biercomment bekennen, bezeichnet. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie die gültigen Kartellstatuten aus dem Jahre 1990 zeigen.
Bevorzugte Tagungsorte für Kartelltage waren Uttwil, Stein am Rhein und Elgg. Mehrfach wurde über die Erweiterung des Kartells durch Aufnahme weiterer Korporationen wie der Argovia und Humanitas Zürich diskutiert, doch es gelang nie, die dafür nötige Einstimmigkeit zu erzielen.
Ab 1936 fanden jeweils am Morgen des Kartelltreffens anstelle des Frühschoppens sportliche Wettkämpfe wie Waldläufe und Hand- oder Fussballspiele statt. 1944/1945 streckte die Thurgovia die Fühler in Richtung des blau-weiss-blauen Staatenbundes aus. In internen Abstimmungen befürworteten alle den Wiedereintritt der Frauenfelder. Es wurden neue Statuten ausgearbeitet die – so die blumige Formulierung in der Festschrift "100 Jahre Scaphusia" – "am 19. Juni 1946 Punkt 10.59 Uhr Scaphusianerzeit in Elgg feierlich unterzeichnet wurden, als gälte es, den Staatsvertrag befreundeter Nationen zu paraphieren". Die Kartellfreunde bestimmten, dass die Zusammenkünfte vormittags einen wissenschaftlichen Akt oder sportliche Wettkämpfe und nachmittags einen Kommers, womöglich verbunden mit einem Bummel bringen sollten.
Bedauerlicherweise führte in den 1950er-Jahren das Verhalten der Rhetorika, die eigene Wege ging, zu einer Trübung der Kartellharmonie. Hatten sich die anderen Verbindungen früher daran gestossen, dass die St. Galler Freunde im ersten Akt Bier genossen, dünkte sie nun ungewöhnlich, dass die Rhetoriker im zweiten keines mehr trinken wollten. Diese mutatio rerum veranlasste die anderen Kartellverbindungen, die Rhetorika vor die Wahl zu stellen, entweder den Biercomment wieder einzuführen oder aus dem Kartell auszutreten. Zum Glück wählten die St. Galler am Kartelltag 1952 den Pfad der Tugend und bekannten sich zum Comment. 1957 berichtete indessen der Präsident der Vitodurania erneut von Problemen mit den Rhetorikern, indem er mit Abscheu festhielt, an der Kneipe des grossen Kartelltages hätte die Hälfte der 16 Mitglieder Süssmost genossen.
1961 war es für einmal die Vitodurania, welche den Scapusianern als "zu schlaff" erschien. Der Chronist erinnert sich noch genau an die scharfen Attacken, welche der Präsident der Scaphusia, der spätere Staatsanwalt Jürg Giger v/o Olm, am Kartelltag zu Henggart gegen die angebliche Commentscheu der Winterthurer ritt. Trotz der leicht gehässigen Stimmung gelang es jedoch, in den Statuten das sog. Kleinkartell als Besprechung der Chargierten und FM über geschäftliche Belange zu verankern.
Ab 1973 wurden leider wiederum Klagen über die zu grosszügige Interpretation des Comments und der Tenuevorschriften seitens der Rhetorika laut. Am 5. Mai 1974 wurde auf dem Schloss Hohenklingen der Ausschluss der St. Galler bedauerliche Tatsache. Vielleicht hätte das Urteil verhindert werden können, wenn die AH-Vorstände von den Zwistigkeiten Kenntnis gehabt und eingegriffen hätten. Einzelne Mitglieder der Alt-Vitodurania rügten jedenfalls an der Generalversammlung den Vorstand, nichts unternommen zu haben.
Die Zeit heilte die Wunden, und die Rhetorika gab zu erkennen, dass sie wieder dem Kartell beitreten wolle. Am Kartelltag 1979 in Seuzach wurden die St. Galler willkommen geheissen, und als Zeichen des Neubeginns revidierte Statuten verabschiedet. Um klare Verhältnisse zu schaffen, bestimmte deren § 14: "Commentmässige Stoffe an Kartellanlässen sind Bier, Wein und saurer Most. Personen, die sich aus gesundheitlichen oder moralischen Gründen des Alkoholgenusses enthalten, können sich zu Beginn des Kommerses vom Vorsitzenden stoffimpotent erklären lassen." Zudem erhielt der Begriff "Kleinkartell" eine andere Bedeutung, indem er jetzt die obligatorischen Treffen zwischen zwei Kartellverbindungen bezeichnete.
1989 zogen aus Richtung St. Gallen erneut düstere Wolken am Kartellhimmel auf. Die Präsidenten der drei anderen Verbindungen rügten brieflich das Fernbleiben der Rhetorika vom Kartelltag und setzten den Hellblauen eine einjährige Frist, um sich "wieder soweit zu ändern, dass ein geordneter Kartellbetrieb möglich werde." Anders als 1974 beschäftigten sich auch die AH-Vorstände mit der Sache. Glücklicherweise vernahmen sie an ihrem Treffen im Herbst 1989 vom AH-Präsidenten der Rhetorika, die Probleme mit der Aktivitas seien gelöst. Und ein Vertreter der Alt-Thurgovia wusste zu berichten, ihm hätten die Aktiven erzählt, die "Rhetoriker seien zwar komplette Chaoten, aber geile Siechen und total in Ordnung", was in der modernen Burschensprache wohl soviel wie "honorig" bedeutet. Tempora mutantur ...
Die Gefahr des Ausschlusses der Rhetorika war wieder einmal gebannt. Leider währte die Freude nicht lange. Im Dezember 1990 beschwerte sich der (sehr besonnene) Präsident der Vitodurania über das Benehmen der St. Galler am traditionellen "Winter-Hagenwyler", indem er u.a. schrieb: "Erscheinen in Jeans und T-Shirts, statt Burschen- oder Fuchsenband nur Besenbänder und keine Kravatte; ständige Missachtung des Biercomments, Abfüllen von Füchsen mittels Vortrinken; beim Singen blödes Gelalle; kurz, Niveau und Benehmen eines Fussballfanclubs." Das Chaotentum der Rhetoriker hatte für die Thurgovia unerfreuliche Folgen, erhielt sie doch für ein Jahr lang in Hagenwyl Schlossverbot.
In der Folge wurde die Rhetorika für drei Jahre als Kartellmitglied suspendiert. Erneut intervenierten die AH-Vorstände. Insbesondere der neue AH-Präsident der Rhetorika, Dr. Markus Rauh v/o Yankee, griff hart durch und lud auf den 23. Januar 1993 zu einer Konferenz ins Gasthaus "Krone" in Elgg ein. Der "Elgger-Gipfel" war — um es in der Diplomatensprache auszudrücken — nützlich und legte den Grundstein für die Aufhebung der Suspension beim Kartelltag 1994.
So war es dem Ostschweizer Kartell vergönnt, am 125 Jahr-Jubiläum der Rhetorika im September 1994 vereint zusammenzukommen und seinen 75. Geburtstag zu feiern. Möge es den Aktiven gelingen, das Kartell als Hort kantonsübergreifender Freundschaft unter farbentragenden Mittelschülern zu erhalten. Die Unterschiede zwischen den vier Verbindungen sind ja nicht allzu gross. Eine gesunde Rivalität hat durchaus ihren Sinn und zudem meistens heitere Aspekte. Jede Korporation soll den anderen wohlwollend ihre kleinen Eigenheiten gönnen. Geplänkel darüber dürfen ohne Not nicht zum Auseinanderbrechen des Kartells führen. Voraussetzung für den Fortbestand der Kartellbeziehungen ist daher neben strenger Prinzipien- und Commenttreue ein gewisses Mass an gegenseitiger Toleranz.
Schliesslich seien die Kartellkontakte der Alten Herren kurz erwähnt. Im Jahre 1984 wurde auf Anregung der Alt-Vitodurania das jährliche Kartelltreffen der vier AH-Vorstände aus der Taufe gehoben. Ziel dieser Institutionen ist neben der Pflege der Geselligkeit der Gedankenaustausch über Verbindungsfragen. Ein inoffizieller Anlass ist das 1958 beim unvergesslichen 100-jährigen Jubiläum der Scaphusia von Ständerat Jakob Müller v/o Sprudel Thurgoviae ins Leben gerufene "Altherrentreffen der Kartellfreunde" aus der Gegend des Rheins, Untersees, Seerückens und des Zürcher Weinlandes erwähnt, das auch heute noch durchgeführt wird. Als weitere Institution des Kartells ist der seit 1983/84 vierteljährlich an einem Freitagabend im "Roten Ochsen" zu Stein am Rhein abgehaltene, überaus gemütliche "Steiner Stamm" zu nennen, bei welchem alle Alten Herren der Kartellverbindungen willkommen sind.