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Verantwortung: Thomas Lau
Referenten: Arne Karsten / Volker Reinhardt / Peter Stephan
In seiner Einleitung „mit Schweiz Bezug“ zum Panel „Lokale Eliten – Globale Konflikte“ zeigte THOMAS LAU anhand des Beispiels einer Zuger Chronik, wie lokale und globale Faktoren im Europa der Neuzeit zusammen spielen. Lau verwies darauf, dass der Zuger Chronist geschickt lokale und globale Ereignisse miteinander verknüpfte, um lokalen Ereignissen eine globale Bedeutung zuzuweisen. Somit wurde bald ganz Europa als Erinnerungsort der Zuger Kriege gedacht. Dieser Anspruch selbstzugewiesener Zentralität kleiner Städte ist im neuzeitlichen Europa durchaus üblich. So stilisierten sich kleine Städte etwa gern als Nachfolger Roms, wie Lau erklärte. Lokale Schlachten konnten mittels Interpretationen in Medien, wie etwa Chroniken, als bedeutungsvoll für Europa neu imaginiert und mythisch überhöht werden. Gleichzeitig wurden länderübergreifende Konflikte auf lokaler Ebene durch die mediale Aufbereitung des Kriegsgeschehens stärker wahrgenommen.
Die drei Referate sollten an verschiedenen Beispielen zeigen, wie sich die Kriegswahrnehmung im neuzeitlichen Europa gestaltete.
VOLKER REINHARDT befasste sich in seinem Vortrag mit der Wahrnehmung europäischer Religionskriege durch das Papsttum und die römische Kurie. Dabei beobachtete Reinhardt einen Verlust von Zentralität für Papsttum und Kurie. Reinhardt nannte den Machtverlust von Papsttum und Kurie seit den 1420er Jahren, der Zeit des grossen abendländischen Schismas, einen „selbsterzeugten Peripherisierungsprozess“. Reinhardt konstatiert die Selbstauflösung eines Systems zugunsten von Klientelverbänden. So wurden etwa die Aussenbeziehungen der Kurie zunehmend von nur einem Netzwerk bestimmt. Die beinahe reflexartige Entscheidung des Papsttums zugunsten des stärksten Netzwerks, was ab 1471 die zunehmende Italienisierung der Kurie mit sich brachte, bedeutete für die Kirche einen Verlust an Internationalität. Wie Reinhardt am Beispiel Leo X. zeigt, führt mangelnde Internationalität zu folgenreichen politischen Fehleinschätzungen, da der neu italozentrischen Kurie wichtige Informationskanäle fehlten. So unterschätzte die Kurie Luther lange Zeit als einen Anhänger einer längst überwundenen und damit theologisch ungefährlichen Urhäresie. Das Beispiel Luther zeigt: Die Kurie verfügte nicht über die notwendige Offenheit, um feindliche Ideologien differenziert zur Kenntnis zu nehmen. Wie Reinhardt erklärte, sei es auch in unserer modernen Geschäftswelt für Firmen nach wie vor wichtig, Konkurrenz mit rivalisierenden Systemen auszutragen. Das Papsttum des 15. Jahrhunderts verkannte dies, und verdrängte auf ideologische Veränderungen in Europa, was langfristig die Transformation des Papsttums vom zentralen Player zum politischen Akteur an der Peripherie der Macht mit sich zog.
ARNE KARSTEN der Bergischen Universität Wuppertal behandelte in seinem Referat die Schlacht und den Mythos „Lepanto“. Karsten erklärte zunächst die Bedeutung Lepantos als letzte grosse Galeerenschlacht der Seekriegsgeschichte. Bei den involvierten Mächten handelt es sich um Grossmächte. Knapp 100 Jahre später gilt keiner dieser Staaten, weder das Osmanische Reich, noch das Papsttum, noch die Republik Venedig oder das Königreich Spanien noch als Weltmacht. Karsten setzte sich mit dem Mythos Lepanto auseinander und betonte, dass es sich bei der Schlacht von Lepanto nicht, wie häufig angenommen, um eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte handle. Obwohl das Osmanische Reich mehr Galeeren befehligte, waren die Gegner an Soldatenzahl und Qualität von Waffen und Rüstung von Anfang an weitaus überlegen. Lepanto wird jedoch in der Kunst gerne als eine Schlacht, die nur dank göttlichem Einwirken wundersam gewonnen werden konnte, stilisiert. Karsten erklärt weshalb: Der Sieg der Heiligen Liga bei Lepanto war eindeutig und triumphal. Es handelt sich um einen grossen Erfolg gegen den Glaubensfeind und damit um einen Erfolg christlicher Herrscher. Lepanto war seit langem der erste Sieg auf See, der gegen die Osmanen errungen wurde. Ausserdem blieb die Schlacht, laut Karsten, politisch folgenlos. Der Papst verstarb wenig später, Spanien konzentrierte sich auf innerpolitische Angelegenheiten und Venedig bekämpfte auf Zypern weiterhin das Osmanische Reich. Laut Karsten ist es vor allem die politische Folgenlosigkeit der Schlacht, welche diese zu einer idealen Projektionsfläche macht. Noch im 20. Jahrhundert finden sich in Italien patriotische Überhöhungen Lepantos: Venedig wird dank dieser Schlacht als ewige Verteidigerin der Christenheit inszeniert. Tatsächlich gab es keinen ununterbrochenen Kampf gegen die Osmanen. Anhand verschiedener Beispiele aus der Kunst und modernen Medien zeigt Karsten das Interpretationspotential Lepantos auf. Lepanto lässt sich immer wieder neu interpretieren, dies macht die Schlacht zu einer erfolgreichen Projektionsfläche. Die Nutzbarkeit dieses historischen Ereignisses bleibt somit ungebrochen. Auf eine Frage aus dem Publikum hin ergänzte Karsten, dass Lepanto als Motiv vor allem in Italien nach wie vor wichtig ist, während es in Spanien an Bedeutung verlor. In Spanien stellt die Reconquista das grösste Erinnerungsmoment im Kampf gegen den Glaubensfeind. Insgesamt ist zu beobachten, dass Lepanto vor allem in Zeiten nationaler Krisen, als Beispiel für Patriotismus und Nationalismus, an Popularität gewinnt.
STEPHAN PETER der Universität Freiburg im Breisgau sprach als dritter Referent über die mediale Inszenierung Prinz Eugens. Peter bezeichnete Prinz Eugen als Sonderfall eines „Selfmade man“, der es schaffte, Bildpropaganda zu nutzen, um sich erfolgreich politisch zu inszenieren. Peter erklärte schmunzelnd, Prinz Eugen sei ein Beispiel dafür, „was man mit Ikonographie alles machen kann.“ Dank seiner erfolgreichen Selbstinszenierung wurde Prinz Eugen bald zu der strahlenden Heldenfigur des 18. Jahrhunderts und damit zu einer globalen / internationalen Leitfigur. Peter beantwortete in seinem Referat die Frage nach dem Hintergrund des Mythos um Prinz Eugen anhand zahlreicher Beispiele aus Kunst und Architektur. Laut Peter stilisierte sich Eugen zu einem Anti-Ludwig XIV. Während Ludwig XIV. in den Medien der Zeit als Sinnbild von Hochmut und Ruhmessucht verlacht wurde, gab sich Eugen als Verkörperung von Demut und Edelhaftigkeit aus. Durch die Anspielung auf seinen Namen, wurde Eugenius zu „Eu genius“ – dem guten Geist, dem Schutzgeist der Christenheit. Prinz Eugen galt weiterhin als Verteidiger der gerechten Herrschaft, als Kämpfer gegen Usurpatoren. In zahlreichen Darstellungen nimmt Eugen dem Usurpator die Krone ab, um diese dem rechtmässigen Herrscher aufzusetzen. Wie Peter erklärte, beinhaltet diese Rolle zwei wichtige Funktionen: Zum einen zeigt sie Eugen indirekt als ungekrönten Herrscher Europas. Nur Prinz Eugen vermag es, aufgrund seiner Demut, Herrscher zu krönen. Eugen ist dazu befähigt, obwohl er selber nie eine Krone trug. Zum anderen ist es wichtig, dass Eugen selbst nicht zum Herrscher wird, sondern lediglich dem Herrschenden dient. Damit gewinnt Eugen an Ehre. Für Eugen ist Gloria, Ehre, der Lohn für Humilitas, Demut. Eugen interpretiert diese Demut als „Dienmut“ und perfektioniert laut Peter die „Metaphysik des Dienens“, um seine Selbstdarstellung der „Apotheose des Helden“ zu fördern. Dabei ist die Bescheidenheit bzw. die erfolgreiche Nutzung selbiger ein besonders wichtiges Element: Anders als der ruhmessüchtige Ludwig XIV. will Eugen sein Lob nicht hören. Diese Bescheidenheit unterstreicht Eugens Tugendhaftigkeit.
In anderen Darstellungen sehen wir Eugen kniend vor Kunstwerken. Hier zeigt sich Eugen als wahrer Kunstkenner und -Liebhaber. Eugen präsentiert sich als verkörperte Kultiviertheit, welche den Kampf gegen die Barbaren anführt. Um seinen Führungsanspruch zu unterstreichen, inszenierte sich Eugen ausserdem als ein zweiter Alexander der Grosse. Prinz Eugen ist ein Beispiel für eine erfolgreiche mediale Selbstinszenierung.
Die Diskussion der Vorträge, fiel aufgrund der fortgeschrittenen Zeit leider relativ knapp aus. Lau bedankte sich bei allen Referenten, wobei er die Kunsthistoriker Karsten und Peter scherzhaft als Ketzer und die anwesenden Historiker als „Rechtgläubige“ bezeichnete. Daraufhin wurde im Publikum die Frage laut, wie man sich für dieses Panel trotz fachlicher Differenzen zusammengefunden habe? Stephan Peter erntete mit seiner Antwort „die Hauptvoraussetzung dafür, um an diesem Panel als Referent mitwirken zu dürfen, war es, einen Vornamen zum Nachnamen zu haben“, grosses Gelächter.
Volker Reinhardt: Der Weg in die Provinzialität – die Kurie und Europa in der Frühen Neuzeit
Arne Karsten: Lepanto – die mediale Produktion eines Sieges
Peter Stephan: Eine Frage des Stils. Die mediale Inszenierung des Prinzen Eugen und ihre Rezeption durch Adel und Reichsfürsten