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Die Klimaänderung zwingt auch die Schweiz zum raschen Umstieg auf erneuerbare Energien. Elektro heisst der Trend und weckt Erinnerungen an die Elektrifizierung, die in der Schweiz schon sehr früh, nämlich am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte. Gibt es Parallelen zu damals? Erleben wir gerade eine Elektrifizierung 2.0?
Dominik Landwehr
Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschafter und lebt in Zürich.
Schon 1879 überraschte der Besitzer des Hotels Engadin Kulm ins St. Moritz – das spätere Badrutt’s Palace – mit einer bahnbrechenden Neuerung: Statt Gaslampen verbreiteten hier elektrische Lampen gleichbleibendes, angenehmes Licht. Eine Sensation und ein starkes Verkaufsargument für das Luxushotel. Strom war ein Symbol für Fortschritt. Der Siegeszug der Elektrizität beschränkte sich nicht auf Lampen, er war für Fortbewegung und Industrie zentral: Waren kohlegetriebene Dampfmaschinen schwer und teuer, so waren die neuen Elektromotoren klein und günstig und ermöglichten einen beispiellosen Aufschwung, denn nun konnten auch kleinere Fabriken und Werkstätten solche Antriebe kaufen.Davon profitierten auch die Eisenbahn, wobei die kleineren Bahnen und Trams den Anfang machten. Schon 1914 wurde 62 Prozent des Schmalspurbahnnetztes mit Storm betrieben. Zwischen 1880 und 1920 erlebte die Schweiz einen wahrhaftigen Bergbahn-Boom mit zahlreichen Zahnrad- und Standseilbahnen von denen immer zahlreichere mit Elektrizität angetrieben wurden.Auch das Eisenbahnnetz wurde sehr früh auf Elektrizität umgestellt. Waren 1913 erst 7 Prozent der Normalspurlinien elektrifiziert, so lag dieser Anteil bereits 1928 bei 55 Prozent, 1933 war man bei 66 Prozent und schon 1939 war 93 Prozent des Schienenverkehrs elektrisch betrieben. Eine ähnliche Entwicklung beobachtete man bei Kochherden, Backöfen und Waschmaschinen.Das hohe Tempo der Elektrifizierung des Schweizer Alltags hatte einen besonderen Grund: Die Schweiz besass keine Kohle, lange der wichtigste Energieträger. Man war in hohem Masse auf Importe aus Deutschland und Frankreich angewiesen und die beiden Weltkriege zeigten, wie verletzlich und abhängig die Schweiz war. Zwar wurde die Bedeutung der Kohle nach dem Zweiten Weltkrieg immer kleiner, dafür stieg der Verbrauch von Erdöl sprungartig – das wiederum hat mit der Entwicklung des Individualverkehrs sprich dem Auto zu tun und mit den Ölheizungen, welche die Kohle ablösten. Zwischen 1950 und 1960 verdreifachte sich der Autobestand in der Schweiz.Und genau in diesen beiden Bereichen ist heute Bewegung: Elektrofahrzeuge gehören immer mehr zum Alltag. Neue Gebäude werden zunehmend mit Wärmepumpen geheizt und auf den Dächern sieht man immer mehr Solarzellen, die Strom produzieren, im Fachjargon spricht man von Photovoltaik abgekürzt PV.
Erleben wir gerade so etwas wie eine Elektrifizierung 2.0? – Ja, das ist so, sagt Urs Muntwyler. Er hat zunächst ein Ingenieurbüro betrieben und ist seit elf Jahren an der Fachhochschule Bern in Burgdorf Professor für Photovoltaik. Urs Muntwyler gehört zu den Pionieren in Sachen Solarenergie. Er gehörte zu den Gründern der Tour de Sol, die in den 1980er-Jahren jeden Sommer zeigte, was Elektrofahrzeuge leisten können. Was man damals sehen konnten waren Prototypen, die von idealistischen Tüftlern gebaut wurden. Elektromobile als Alltagsfahrzeuge auf den Schweizer Strassen? Was in den 1980er-Jahren Wunschmusik einiger Öko-Träumer war, ist heute Realität. Die Autoindustrie setzt auf Strom. Die Europäische Union will ab 2035 keine benzin- und dieselbetriebene Neufahrzeuge mehr zulassen, die Umstellung dürfte in den nächsten Jahren an Tempo zulegen.Muntwyler erklärt die politischen Hintergründe: In der Energiestrategie 2050, die das Schweizer Volk an der Urne 2017 angenommen hatte, ging es zunächst vor allem um den Ersatz der fünf Atomkraftwerke. Mit den Energieperspektiven 2050+ hat man nachgebessert, hier geht es nun um den Ersatz fossiler Energie, dazu zählen in erster Linie Treibstoffe und Heizöl, aber auch das relativ umweltfreundliche Gas.
Damals wie heute gab es Druck auf die Schweiz: Bei der ersten Elektrifizierung wollte man die Abhängigkeit von der Kohle reduzieren. Darum geht es auch heute: Will man nicht von ausländischen Stromimporten abhängig sein, muss in der Schweiz etwas geschehen. Kombigaskraftwerke könnten kurzfristig zwar helfen, aber auch Gas ist eine fossile Energie und produziert CO2. Abhilfe bringt der forcierte Ausbau Photovoltaik. Photovoltaik produziert schon heute ein Mehrfaches dessen, was man vor zehn Jahren prognostizierte, demgegenüber ist man aber im Bereich Windenergie und Geothermie nahezu bei Null.Dabei gibt es aber ein Problem zu überwinden: Es reicht nicht, ein Haus mit Solarzellen und Wärmepumpe auszurüsten, wenn die gewonnen Energie durch die schlechte Isolation gleich wieder verschwindet. Deshalb wird die Sanierung von alten Häusern in den nächsten Jahren ein wichtiger Schwerpunkt werden.
Wir stehen in Sachen Energie vor einem epochalen Umbruch: Dabei hilft ein Blick in die Vergangenheit: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Schweiz die Elektrifizierung enorm schnell vorangetrieben. Und als Land profitiert – saubere Energie dank Strom aus Wasserkraft. Mit dieser Erfahrung im Rücken müsste sich der Erfolg von damals leicht wiederholen lassen, meint Urs Muntwyler, auch wenn wir heute längst keine Pioniere mehr sind und es einige Bremser gibt. Der Grund ist einfach: ist eine Technologie mal eingeführt und gereift, so lässt sich damit leicht Geld verdienen.
Game Design kann man heute in der Schweiz studieren. Vor der Jahrtausendwende fristeten Schweizer Gameentwicklerinnen und Gameentwickler aber ein Schattendasein. Einzelne Produktionen aus unserem Land sorgten dennoch für Aufsehen.
Die 1920er-Jahre sind auch das Jahrzehnt der Fliegerei. Flugshows verströmen Visionen. Doch ein schlimmes Unglück führt dazu, dass sich die Fliegerei in der Schweiz fortentwickelt: weg vom Spektakel, hin zur Zivilluftfahrt. Vor genau 100 Jahren geschieht dieser Richtungswechsel.