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Yannick Nézet-Séguin
1975 in Montreal geboren, studierte Yannick Nézet-Séguin Klavier, Dirigieren, Komposition und Kammermusik am Conservatoire de Musique du Québec. Als 19-Jähriger lernte er Carlo Maria Giulini kennen, den er bei der Probenarbeit begleiten durfte und von dem er wichtige Impulse erhielt. Nach ersten Stationen mit eigenen Ensembles und als Chorleiter an der Opéra de Montréal wurde Nézet-Séguin im Jahr 2000 zum Musikdirektor des Orchestre Métropolitain in Montréal berufen. Von 2008 bis Sommer 2018 leitete er als Chef das Rotterdam Philharmonic, das ihn anschliessend zum Ehrendirigenten ernannte; seit 2012 steht er an der Spitze des Philadelphia Orchestra, seit 2018 amtiert er als Musikdirektor der Metropolitan Opera in New York, wo er 2022/23 Neuproduktionen von Wagners Lohengrin, Kevin Puts’ The Hours und Terence Blanchards Champion herausbringen wird.
Yannick Nézet-Séguin arbeitete mit den Berliner und den Wiener Philharmonikern zusammen, mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Chamber Orchestra of Europe und dem London Philharmonic Orchestra, dem er von 2008 bis 2014 als Principal Guest Conductor verbunden war. In den USA dirigierte er auch das Boston Symphony Orchestra und das Los Angeles Philharmonic. Bei den Salzburger Festspielen debutierte Nézet-Séguin 2008 mit Gounods Roméo et Juliette; auch am Londoner Royal Opera House, an der Mailänder Scala und der Wiener Staatsoper war er als Operndirigent zu Gast. Am Festspielhaus Baden-Baden erarbeitete er die sieben grossen Mozart-Opern, die allesamt auf CD mitgeschnitten wurden. 2021 veröffentlichte er sein erstes Solo-Album als Pianist, Introspection, mit Werken von Bach bis Berio. Für seine Einspielung mit Sinfonien von Florence Price erhielt er 2022 den begehrten Grammy. Yannick Nézet-Séguin ist mehrfacher Ehrendoktor, Companion of the Order of Canada, Träger des Ordre des Arts et des Lettres du Québec sowie Officier de l’Ordre de Montréal.
Herzlichen Glückwunsch zum Grammy Award für Ihre Einspielung der Sinfonien Nr. 1 und 3 von Florence Price mit dem Philadelphia Orchestra! Sie setzen sich schon seit geraumer Zeit für das Werk von Price ein – wie kam es dazu und wohin wird dieses Projekt führen?
Ich habe Florence Price vor ein paar Jahren entdeckt und wusste sofort, dass ich mehr von ihrem unglaublichen künstlerischen Schaffen zeigen wollte. In der vergangenen Saison 2021/22 haben wir uns beim Philadelphia Orchestra der Würdigung von Prices Œuvre verschrieben und ihre Sinfonien aufgeführt und aufgenommen. Wir sind begeistert, dass unsere Einspielung der Ersten und Dritten Sinfonie beim Label Deutsche Grammophon mit dem Grammy Award 2022 für die beste Orchesteraufnahme ausgezeichnet wurde. Es ist mir und dem Philadelphia Orchestra sehr wichtig, vernachlässigte Werke und Musik von Komponist*innen wiederzuentdecken, an die wir (wie im Fall von Florence Price) glauben, um so das Repertoire kontinuierlich zu erweitern und um eine viel vielfältigere Repräsentation dessen zu bieten, was wir als Gesellschaft heute sind. Wir hoffen, dass Florence Price ein fester Bestandteil des Klassikkanons wird und dass Einspielungen ihrer Werke noch viele Jahre lang zu den Grammy-Anwärtern – und -Gewinnern – gehören.
Anlässlich des Grammy-Gewinns sagten Sie: «Auch wenn wir die Vergangenheit nicht auslöschen können, können wir gemeinsam an einer gerechteren Zukunft für die klassische Musik arbeiten. Einer Zukunft, in der alle Stimmen gehört werden, in der sich jede*r auf unseren Bühnen wiederfindet und in der Künstler*innen wie Florence nicht in der Versenkung verschwinden.» Wie hoffen Sie als Direktor des Philadelphia Orchestra, die Zusammensetzung Ihres Ensembles so zu gestalten, dass sich alle Zuhörer*innen auf der Bühne wiedererkennen? Welche anderen in Vergessenheit geratenen Künstler*innen möchten Sie in naher oder ferner Zukunft ins Rampenlicht rücken?
Es gibt noch viel zu tun. Das Philadelphia Orchestra betrachtet das Thema «Diversity» aus vielen verschiedenen Blickwinkeln, von Blind Auditions bis zur Erweiterung unseres Repertoires. Auch in der Spielzeit 2022/23 werden wir unsere Erforschung von Künstler*innen fortsetzen, deren Stimmen bislang unterrepräsentiert waren. Neben Werken von Florence Price steht Clara Schumanns Klavierkonzert erstmals beim Philadelphia Orchestra auf dem Programm. Fast 90 Jahre nach der Uraufführung durch Leopold Stokowski und das Philadelphia Orchestra widmen wir uns William Dawsons African American Folk Symphony: Diese Sinfonie war eines der ersten Werke eines schwarzen Komponisten bzw. einer schwarzen Komponistin überhaupt, das von einem grossen US-amerikanischen Orchester uraufgeführt wurde. Ausserdem freuen wir uns darauf, erstmals Mary Lou Williams’ Zodiac Suite zu spielen, mit dem Pianisten Aaron Diehl und dem Aaron Diehl Trio.
Neben Prices Erster Sinfonie präsentiert das Philadelphia Orchestra bei seinem Luzerner Auftritt am 4. September das Werk einer weiteren schwarzen Komponistin: This Is Not a Small Voice von Valerie Coleman, mit der Sopranistin Angel Blue. Können Sie uns mehr über dieses Stück erzählen?
This Is Not a Small Voice entstand im Auftrag des Philadelphia Orchestra auf den Text des gleichnamigen Gedichts von Sonia Sanchez. Wir lieben die Zusammenarbeit mit Valerie Coleman, einer der brillantesten Komponistinnen unserer Zeit. Sie hat bei diesem Werk auf wunderbare Weise mit Sonia zusammengearbeitet und die kraftvolle Botschaft des Gedichts durch ihre Musik zum Ausdruck gebracht. Das Stück beginnt leise, wie um die titelgebenden «small voices» zu beschwören, bevor die Musik zum vollen Orchesterklang anschwillt, der die Kraft andeutet, die der Unschuld und Anmut von Kindern innewohnt.
Für die Webserie «Our City, Your Orchestra» zeichnet das Philadelphia Orchestra kostenlose Online-Konzerte in von Schwarzen geführten Geschäften und an bedeutenden kulturellen Orten auf. Wie hat diese Initiative die Verbindung zwischen dem Orchester und den lokalen Gemeinschaften gestärkt?
«Our City, Your Orchestra» haben wir ursprünglich zur Unterstützung von Unternehmen im Besitz von Schwarzen, von gemeinnützigen Einrichtungen und anderen bedeutenden Orten in Philadelphia konzipiert, die von der Covid19-Pandemie betroffen waren. Mittlerweile ist die Initiative eine wunderbare Möglichkeit für uns, durch Musik und Dialog mit den vielfältigen Communities der Stadt in Kontakt zu treten. Unsere Reihe feiert die Vielfalt und Lebenslust der Region Philadelphia und trägt dazu bei, Organisationen, die sich für Veränderungen einsetzen, historisch bedeutsame Orte und Unternehmen, die widerstandsfähige Gemeinschaften repräsentieren und ihnen dienen, ins Rampenlicht zu rücken. Ich hatte das Vergnügen, an einer Folge im William Way LGBT Community Center mitzuwirken, was für mich von grosser Bedeutung war. Die Initiative hat dazu beigetragen, das Orchester mit Menschen, Stadtvierteln und Organisationen bekannt zu machen, mit denen wir sonst vielleicht nicht in Kontakt gekommen wären – und das allein ist schon etwas ganz Besonderes. Wir freuen uns auch darüber, dass viele der Organisationen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, durch die Konzertreihe zusätzliche finanzielle Unterstützung und einen grösseren Bekanntheitsgrad erlangt haben.
Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sind Sie als Mitglied der LGBTQ+-Gemeinschaft der Meinung, dass dieser Diversity-Aspekt in der klassischen Musik ausreichend berücksichtigt wird?
Ich hatte das grosse Glück, dass ich in meiner beruflichen Laufbahn keine direkten Anfeindungen erlebt habe. Aber ich weiss, dass dies nicht für alle Menschen in der LGBTQ+-Gemeinschaft gilt. Es ist für alle wichtig, Vorbilder zu haben, und diese Rolle nehme ich immer mehr an. Die Kulturwelt ist eine Familie, die vielen Menschen Kraft gibt.