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Madagaskar: Geburt während Corona
Als Corona auch in Madagaskar zum Problem wurde, war meine Frau bereits schwanger. Unser zweites Baby kam im Spital zur Welt.
Wir wohnen ausserhalb der Stadt und fuhren mit dem Taxi zur Entbindungsstation. Dort untersuchte die Hebamme sofort meine Frau. Sie kam nach ein paar Minuten mit einer Liste von Medikamenten und Materialen zurück, die wir zu kaufen hatten.
Diese Station ist das grösste staatliche Entbindungsheim in Madagaskar. Alle Dienste sind frei, aber den Rest muss man bezahlen. Im ‘Centre Hospitalier Universitaire de Gynécologie Obstétrique Befelatanana’, wie das dem Universitätspital angegliederte Institut heisst, kommen jährlich über 8000 Babys zur Welt.
Am Ankunftstag, als mit der Liste alles in Ordnung war, suchten wir einen Raum, wo wir während unseres Aufenthalts bleiben konnten. Wir fanden ihn im zweiten Stock. Die Verantwortliche hatte uns erklärt, dass es zwei Arten von Räumen gebe. Ich besuchte die Räume erst, um mich zu entscheiden.
Madagaskar: Geburt während Corona
Einerseits gab es vier gemeinsame Räume, die kostenlos sind. Es war eng und acht Betten standen in einem Räum. Es waren nur gerade ein oder zwei Betten frei. Bei jedem Bett hielten sich zwei Personen auf: die neue Mutter auf dem Bett und ein Verwandter, der auf dem Boden schlief und auf das Gepäck aufpassen sollte. Zudem musste er oder sie für das Essen der jungen Mutter sorgen. Die Räume waren sehr voll. Jetzt im Winter war es kalt und alle Fenster waren geschlossen.
Andererseits gab es die zweite Option mit drei Räumen. Hier musste man bezahlen. In einem Zimmer standen ein oder zwei Betten, aber man hatte ein bisschen mehr Platz. Wir entschieden uns für ein Zimmer mit zwei Betten.
Im Krankenhaus gab es eine Apotheke, aber es gab auch ein paar Arzneien, die sie nicht führte, so musste ich jeweils nach draussen gehen und die Medikamente bei anderen Apotheken suchen.
Das Krankenhaus macht keine Bluttests. Wenn dies nötig ist, so muss man den Test ausserhalb in einer privaten Klinik machen. Dann muss man mindestens 12 Stunden auf das Resultat warten.
Die Geburt verlief am Mittwoch dem 17. Juni um 16h55 ohne weitere Komplikationen. Eigentlich hätte das Baby zwei Tage früher kommen sollen. Wenn wir danach Probleme mit dem Baby hatten, brachten wir es zur Hebamme. Eines nachmittags hatte das Kind Atmenprobleme. Die Hebamme brachte das Baby sofort zur Intensivstation.
Jeden Morgen kamen jeweils zwei Ärzte auf Visite, der Eine untersuchte die Mutter und der Kollege das Baby. Beide schrieben täglich immer neue Rezepte. Ich musste dann sofort alle Medikamente besorgen, die die Ärzte verschrieben hatten.
Madagaskar: Geburt während Corona
Natürlich schwebt seit Monaten die grosse bedrohende Wolke namens „Corona“ über uns, besonders in Antananarivo. Ich war erstaunt, dass das Entbindungsheim in der Hauptstadt immer voll von Leuten war. Das bedeutet, dass die Leute in Madagaskar trotz Allem Vertrauen ins Gesundheitssystem haben – oder sie haben nicht genug Geld, um in ein privates Entbindungsheim zu gehen. Die Hebamme, die Ärzte, die Krankenpfleger, die Praktikanten waren immer hilfreich und schafften ihre Aufgaben sehr gut.
Die Realität ist, dass die Bewohner Angst vor dem Coronavirus haben, aber ihnen das Leben noch wichtiger ist.
Das Krankenheim sortiert zwar die Leute beim Eingang aus und wer eintreten darf, muss verschiedene Bedingungen respektieren:
Man muss die Hände waschen und Mundschutz tragen, es wird die Temperatur gemessen, Krankenbesuche sind verboten, und nur immer die gleiche Person darf das Essen bringen. In unserem Fall brachte mein Vater abends das Essen. Morgens und mittags kaufte ich etwas in der Kantine des Spitals oder ausserhalb in einem Hotely (kleines Restaurant). Das Spital selbst liefert den Patienten kein Essen.
Madagaskar: Geburt während Corona
Nach der Geburt blieben wir vier Tage und drei Nächte im Krankenheim. Mit einem gesunden Baby verliessen wir die Entbindungsstation. Jetzt und fortan tragen wir Sorge zu unserem neuen Nachwuchs. Es ist ein Junge, der den Namen Finaritra Lauviah Camaël RAVONJISON trägt. Wir nennen ihn kurz Camaël.
Finaritra ist ein madagassischer Jungenname und bedeutet ‘zufrieden‘. Lauviah ist ein Schutzengel und Camaël ist ein Erzengel. Beide Namen habe ich im Internet entdeckt und Gefallen daran gefunden. Unsere Tochter, Rova Niaina Michaëla, ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und hat ebenfalls grosse Freude an ihrem kleinen Brüderchen.
geschrieben von Michaël, Trekkingführer PRIORI und Mitarbeiter im Büro PRIORI in Antananarivo