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Der Ablauf des faszinierenden Ereignisses einer Geburt lässt sich beim Rind in zwei Stadien unterteilen.
Stadium 1
Vorbereitungsphase
Nach einer erfolgreichen Trächtigkeit beginnt die Geburt mit der sogenannten Vorbereitungsphase. Diese dauert zwischen zwei bis drei Wochen und zeigt sich durch ein kontinuierliches Aufeutern. Die Beckenbänder fallen langsam ein und die Geburtswege bereiten sich vor (Vergrösserung der Schamlippen, Erschlaffung der Scheide, Einsinken der Beckenbänder, evtl. Euter- und Unterbauchödem, Erweichung des Schwanzansatzes). Auch der Abgang des Schleimfadens kann beobachtet werden. In der Regel steigt die Körpertemperatur beim Muttertier etwa eine Woche vor der Geburt auf über 39°C an (bis etwa einen Tag vor der Geburt).
Öffnungsphase
Auf die Vorbereitungsphase folgt die Öffnungsphase, in der sich die Kuh und insbesondere die Geburtswege weiter auf das bevorstehende Ereignis vorbereiten. Diese dauert in der Regel zwischen drei und sechzehn Stunden. Merkmale für diese Phase sind das Abgrenzen von der Herde, zudem wird die intakte Fruchtblase sichtbar (siehe Bild). Die Wehen beginnen und der Muttermund öffnet sich langsam, auch können die Kühe unruhig werden und den Schwanz abhalten.
Aufweitungsphase
Die anschliessende Aufweitungsphase dauert in der Regel zwischen einer bis drei Stunden. In dieser Phase geht das Fruchtwasser ab. Das ganze erste Stadium wird in der Grafik «Verlauf des Stadiums 1» dargestellt und gibt Anhaltspunkte und Hilfestellungen für den zeitlichen Ablauf vor der Geburt. Nach der Aufweitungsphase beginnt das Stadium 2.
Häufig auftretende Geburtsstörungen
- Mechanische Störungen wie: – falsche Lage, Stellung respektive Haltung des Kalbes – Missbildung des ungeborenen Kalbes – Mehrlingsgeburten – Zu grosses Kalb respektive zu schmales Becken der Mutter / weiche Geburtswege – Überwurf (Torsio uteri)
- Stoffwechselbedingte Störungen – Kalziummangel oder ein Energiemangel führen zu Wehenschwäche – Überkonditioniertes Muttertier (BCS ≥ 4)
- Hormonelle Störungen
- Andere Erkrankungen
- Stress, Mensch und Umgebung
Stadium 2
Austreibungsphase
Im sogenannten Stadium 2 kommt das Kalb effektiv zur Welt. Charakteristisch sind die zunehmende Wehentätigkeit, die Weitung des Muttermundes und das Erscheinen des Kalbes. Die Austreibung dauert bei einer normalen Geburt eine bis drei Stunden. Bei einem Rind kann dies gut die doppelte Zeit beanspruchen. Die Bauchpresse unterstützt die Wehen. Oft kann viel Schleim beobachtet werden (die zweite Blase, die sogenannte Schleimblase, platzt). Pro Wehenschub wird das Kalb einen bis zwei Zentimeter ausgetrieben. Wehenpausen zwischen zwei bis drei Minuten sind möglich und absolut normal.
Wann reagieren?
Es kann zwischen einer Hinterendlage (HEL, «das Kalb kommt rückwärts») und Zwillingen respektive einer Vorderendlage (VEL, «das Kalb kommt vorwärts») unterschieden werden. Bei einer HEL und bei einer Zwillingsgeburt muss früher eingegriffen und reagiert werden. Bei keinem Fortschritt sollte innerhalb einer Stunde reagiert und der Bestandestierarzt informiert werden.
Der Vollständigkeit halber wird hier auch an die Nachgeburtsphase erinnert. Die Nachgeburtswehen führen zu einem Zusammenziehen der Gebärmutter und zum Ausstossen der Nachgeburt. Diese Phase dauert ungefähr acht Stunden.
Es müssen sehr viele Rädchen ineinandergreifen, um eine komplikationslose Geburt zu ermöglichen. Geburtsstörungen können sehr vielfältig sein. Die wichtigen Geburtsstörungen sind im Kasten dargestellt.
Kalb beobachten
Wird bedacht, dass die allermeisten Kälber, die während oder kurz nach der Geburt sterben, aus Geburten mit Störungen sind, ist das Management des neugeborenen Kalbes besonders wichtig. Unter der Geburt fallen diese Kälber unter anderem mit geschwollener Zunge und Gliedmassen sowie mit blauen Schleimhäuten auf.
Nach der Geburt zeigen sie häufig Atemnot, Seitenlage, Muskelzittern oder einen fehlenden Schluckreflex. Wichtig ist, dass möglichst frühzeitig entsprechende Massnahmen eingeleitet werden und gegebenenfalls der Bestandestierarzt hinzugezogen wird. Bei solchen lebensschwachen Kälbern muss möglichst schnell alles unternommen werden, damit die Atmung stimuliert wird. Befreien der Atemwege (z.B. durch säubern der Nasenlöcher), kaltes Wasser über den Kopf leeren oder das Kalb in Brustlage bringen - das alles kann helfen, dass das Kalb einfacher atmen kann. Aufpassen muss man mit dem Kopfüberhängen des Kalbes, welches während maximal einer Minute gemacht werden darf. Durch die Schwerkraft kommt es zu einem Druck auf Zwerchfell und Brustkorb, was wiederum das Einatmen erschwert. Mechanische Atemstimulation, Akkupunktur (z.B. Schwanzspitze für 30 Sekunden klemmen) oder medikamentöse Atemstimulation (z.B. Tropfen in die Nasengänge) sind weitere Möglichkeiten, um einem lebensschwachen Kalb zu helfen. Bei allen Handgriffen beim neugeborenen Kalb sind saubere, gewaschene Hände ein Muss. Schmutzige Hände können zu einem Infekt der Atemwege (insbesondere Lungenentzündung) oder anderen Infektionen beim ohnehin schon geschwächten Kalb führen.
Die Grafik zeigt die jeweiligen Fortschritte auf, die ein vitales und gesundes neugeborenes Kalb machen sollte.
Korrekte Zughilfe
Zu einer guten und korrekten Geburtshilfe gehören folgende Punkte:
- Hygiene einhalten (Tier, Mensch und Umgebung)
- Ruhiges Arbeiten – Ruhe bewahren
- Stricke oder Ketten oberhalb der Fesselköpfe des Kalbes ansetzen
- Gleitmittel und/oder Fruchtwasserersatz verwenden
- Zughilfe nur während den Wehen ausüben – Maximal zwei Personen für die Zughilfe
- Zugrichtung zuerst parallel zur Wirbelsäule des Muttertieres, bis der Kopf oder das Becken frei sind und erst dann in Richtung Sprunggelenk ziehen
- Alternierende einseitige Zughilfe links und rechts ausüben
Fazit
Sehr wichtig ist, dass man als Landwirt die Fähigkeiten und Limiten gut kennt und einschätzen kann. Wird der Tierarzt zu spät gerufen, kann die Geburtshilfe stark erschwert sein. Dies beeinflusst die Vitalität des Kalbes und begünstigt Folgeerkrankungen beim Muttertier.