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Dieser Artikel erschien in der Zeitung der anarchistischen Föderation FdA-IFA (www.fda-ifa.org): 道 改道] Gǎidào - einen anderen Weg gehen
Nr.01 / 01.2011 / S. 20-21 http://gaidao.blogsport.de/images/GaidaoNr.01_01.2011.pdf
Libertäre Aktion Winterthur
Die Libertäre Aktion Winterthur ist eine der „dienstältesten“ anarchistischen Organisationen in der Deutschschweiz. Dies ist allerdings weniger ihrer Standhaftigkeit zu verdanken als der Tatsache, dass libertäre Strukturen in diesem Teil des Landes im Allgemeinen eine ziemlich kurze Halbwertszeit haben. Dies ist dann auch eines der Hauptprobleme, zu dem eine längerfristige anarchistische Strategie in diesem Land Lösungsansätze bieten muss.
Die Geschichte der LAW kann als ein diesbezüglicher Versuch gesehen werden. Seinen Anfang nahm er vor gut sechs Jahren. Zu dieser Zeit existierte im ehemaligen Industriezentrum (Sulzer, Rieter) im Nordosten der Schweiz eine relativ grosse linksradikale Bewegung, die aus den Antikriegs-Mobilisierungen 2003 hervorgegangen ist. Die LAW war also ein typisches Produkt der autonomen Subkultur, deren enge Grenzen, aber auch deren weitverbreitete „Theorielosigkeit“ sie allerdings von Anfang an nicht akzeptieren wollte: Mit den sog. „Anarchietagen“, die im Februar 2005 zum ersten Mal stattgefunden haben, sollten nicht nur ein paar theoretische Pflöcke in der Bewegung eingeschlagen werden, sondern auch Brücken zu Menschen geschlagen werden, die sich für libertäre Ideen, doch nicht für den Aktionismus der „Szene“ erwärmen konnten. Parallel zu diesem ersten grossen Projekt, das auf relativ grosses Interesse stiess, arbeitete die Gruppe ein erstes Selbstverständnis aus: Ein libertäres Netzwerk sollte die LAW sein, das „Menschen mit verschiedensten antiautoritären und anti-staatlichen Ansätzen zu erreichen“ suchte. Daneben streckte sie die Fühler auch zum ersten Mal über die Stadt hinaus, und wurde kurzfristig Teil der Freien ArbeiterInnen-Union Schweiz (FAUCH), die jedoch auch ausserhalb von Winterthur mitnichten nur Syndikalistinnen und Syndikalisten vereinigte.
Die Anarchietage waren für die ersten Jahre der LAW stilbildend: Vorträge, Lesungen, Filmabende und Diskussionsrunden zu libertärer Theorie und Praxis machten den Hauptteil der Aktivitäten aus. Doch wandelten sich die Thematiken und auch das Publikum. Während zu Beginn vorwiegend „Szenegängerinnen“ und „-gänger“ unsere Veranstaltungen besuchten, öffnete sich das Spektrum zunehmend. Die Anarchietage wandelten sich von einem lokalen Anlass zu einem internationalen libertären Treffen, das schon mal über 100 Besucherinnen und Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz anziehen konnte. Damit wuchsen aber auch unsere eigenen Anforderungen an den „Event“: Aus dem beschaulichen Anlass wurde zuerst eine zwei Wochen dauernde Mega-Veranstaltungsreihe, dann, wieder gekürzt, mit einer Buchmesse ergänzt, und schliesslich 2009, an unserer eigenen Kapazitätsgrenze, auf ein prallvolles Wochenende gestaucht.
Je länger je mehr wurde uns rund zehn Aktivistinnen und Aktivisten bewusst, dass die LAW damit zu einem eigentlichen anarchistischen Dienstleistungsbetrieb verkam. Einerseits wollten wir uns wieder Ressourcen jenseits der Anarchietage und unserer damals betriebenen kleinen Bibliothek „Blackbox“ offenhalten, anderseits strebten wir auch eine stärkere theoretische und gesellschaftsanalytische innerhalb der Organisation an. Zudem schrumpfte die organisierte libertäre Bewegung in der Deutschschweiz nach dem sang- und klanglosen Abgang der FAUCH ganz gewaltig zusammen, und auch in Winterthur war der aktionistische Geist allmählich verschwunden.
Heute bildet die LAW im Prinzip ein Zweckzusammenschluss mit dem Ziel, anarchistisch-kommunistische Ideen und Strategien zu verbreiten. Die Propagandamittel sind dabei sehr unterschiedlich, und wir passen sie jeweils unseren Fähigkeiten und Motivationen an. Veranstaltungen, Vortrags-Rundreisen, Flugblätter, Internetblogs, Zeitungen, Radiosendungen und Demonstrationen haben sich bei uns mittlerweile etabliert.
Viele von uns sind zudem in weiteren Zusammenhängen aktiv. So organisieren wir uns je nach sozialer Lage oder nach Interesse bei der Arbeit, an der Uni, in Flüchtlingsbewegungen, im Kulturbereich, in Gendergruppen oder auch im Häuserkampf. Die LAW bildet dabei eine hilfreiche Basis, um die gemachten Erfahrungen zu diskutieren und libertäre Positionen und Strategien zu erarbeiten. Unser Anspruch ist also eine stets flexible aber auch über die Zeit konstante Organisation, die aber auch durchaus in der Lage ist, in Form von Kampagnen und Solidaritätsaktionen auch selbst zu intervenieren. Dies ist zwar mit einem grossen organisatorischen und disziplinarischen Effort verbunden, doch im Endeffekt überwiegen für uns die Vorteile.
Um unsere Ziele zu erreichen, steht die LAW mit diversen Organisationen in Kontakt. Während unser Fokus in der Region besonders auf der Propagierung einer antikapitalistischen Perspektive liegt und wir dafür auch öfters mit nicht-libertären Gruppen und Personen zusammenarbeiten, ist unser Ziel für die Deutschschweiz vorrangig der Austausch und die Vernetzung von Anarchistinnen und Anarchisten. Zu diesem Zweck findet ein halbjährliches Treffen statt, das von den meisten libertären Gruppierungen besucht wird. Ein engeres Verhältnis besteht schliesslich auch zur Organisation Socialiste Libertaire (OSL) in der Westschweiz und zu verschiedenen libertären Aktivistinnen und Aktivisten im Tessin.
Um den Austausch über die Landesgrenzen hinaus zu gewährleisten, ist die LAW zudem seit kurzer Zeit Mitglied von Anarkismo, einem interkontinentalen anarchokommunistischen Zusammenschluss rund um die gleichnamige Website (www.anarkismo.net). Einen Schritt darüber hinausgehend, sind die europäischen Organisationen von Anarkismo im Moment daran, sich in Form von Kongressen und gemeinsamen Kampagnen auch ausserhalb des Internets zu koordinieren.