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Ken, stellt mir die zwei Fragen, die ich fast regelmässig bei allen Kontakten hier in Seattle beantworten durfte. „Woher kommst Du und weshalb ist gerade Seattle Dein Ziel?“
Dabei schwingt immer eine gewisse Ungläubigkeit in den Stimmen. So, als könnte es nicht sein, dass man einfach aus Interesse und Neugier diese Region anpeilen würde. Da seinen doch San Francisco, LA, Big Apple oder Chigago.
Ja, die Weltausstellung 1962 hätte einen Boom ausgelöst, aber dann seien die Krisen gekommen.
Der Flugzeugbauer Boeing erstellte in den 70 ern eine neue hochmoderne Fabrik. Boeing war d i e städtische Ikone. Wer da einen Job bekam, der hatte Stolz und Zukunft für die Familie. Genug Lohn, um ein schönes Eigenheim zu ewerben und die Ausbildung der Kinder zu bezahlen. In der Woche nach der Werkseröffnung entliess Boing einen Drittel des gesamten Personals Tausende standen auf der Strasse. Der Wirtschaftsraum klappte zusammen. Und er sollte sich in den nächsten zehn Jahren nicht mehr erholen, bis ein Retter erschien, aber davon später.
Ich sitze nämlich schon im Bus: Ausflug in die Boeingwerke in Everett. Ken nimmt mich erzählend in die Anfänge des Unternehmens mit.
„Es begann mit dem deutschen Ingenieur Wilhelm Böing, der in die Staaten auswanderte. Mit seinem Freund traf er zufällig am Lake Washington auf einen Piloten eines Holzdoppeldeckers. Sie fragten, ob sie eine Runde mitfliegen dürften. „Ja“, meinte der Pilot, „aber es gibt nur den Pilotensitz.“ Also nahmen die Wagemutigen kurzerhand auf den Flügeln Platz und waren begeistert. Böing betrachtete den Flieger und sagte zu seinem Freund: „We can do it better!“ Er gründete 1916 eine Firma, änderte seinen Namen auf den besser englisch auszuprechenden Namen:„Boeing“. Mit seinen ersten Fliegern stieg er gross ins Luftpostgeschäft ein. Später folgten Militärflieger, wie der Rosinenbomber (D-Day) Normandie, und noch später die Passagiermaschinen.
Wir fahren vor. Das grösste Gebäude der Welt erwartet uns.
Keine Kameras, keine Taschen. Alles muss in Schiessfächern weggesperrt werden. Die erste halbe Stunde hält Freilauf im Flugmuseum bereit. Eine Beweihräucherung der erzielten Erfolge.
„Wir starten Deine Träume“. Die ISS Kapsel, ist denn auch interessant. Man darf hindurchlaufen.
Ansonsten ist die Darbietung museumsdidaktisch eine Enttäuschung. Ein paar Tafeln, einige Installationen für interaktives Mitmachen. Das Ganze ist intergalaktisch weit von einem Luzerner Verkehrshaus entfernt.
Der Gong ruft zur Führung. Alles straff organisiert. Per Bus bringt man die Gruppen zu den Werkshallen. Hier darf ich nun in die Produktion schauen.
30 000 Arbeiter, 3 Schichten, 7 Tage. Natürlich sieht man nur wenige Handwerker. Es verteilt sich und viele Arbeitsplätze sind ja auch büroorientiert.
In der Halle steht ein Jumbojet. Grün lakiert. Das sei, um vor Korrosion zu schützen. Drei der „Riesenenten“ stehen hintereinander. Jeder Posten ein anderer Arbeitsschritt. Hier wird gerade das Getriebe eingebaut.
Meistens von Rolls-Royce. Maria, die Führerin, die sich Mühe gibt aber auch Mühe bekundet, einmal einen flüssigen Satz zu produzieren, möchte meine Frage, wie lange das Zusammenstellen eines 747 dauert nicht beantworten. Geheim.
Entlocken liess sie sich folgendes:
Pro Jahr weden ausgeliefert:
Zum Beispiel:
ca. 6 Jumbojets 747
ca. 60 777 Dreamliner
ca. 100 787 Dreamliner
Letzterer soll das Flagschiff werden.
In ihm wird ein grosser Anteil an Karbon verbaut, was das Zusammensetzen erleichtert( Zeitersparnis) und 20% Treibstoff spart.
Über die 737 Max wird nur flüchtig gesprochen. Die werde ja nicht hier produziert.
Übrigens, alle Boeings haben am Schluss der Seriennummer eine 7.
Das töne einfach im Ohr besser als eine andere Zahl. Eine akustische Charmoffensive sozusagen.
Nun, ich bin nicht potenzieller Käufer eines solchen Gefährts. Der erste Jumbo kostete 25 Mio Dollar, heute über 400 Mio. das Stück.
Ich wäre eher Klientel für, Software und Versandhandel.
Die Tour ist nach 60 min beendet. Ken packt mich in den Bus.
Wir pflegen auf der Rückfahrt das Thema Unternehmergeist und Chancen. Die Pioniere, die um Mitte des 19. Jahrhunderts den Nordwesten besiedelten, seien Vorreiter und Visionäre gewesen. Eisenbahn (Fairmonthotels),
Ken nimmt nochmals Bezug auf die Boeing-Krise. Ja und dann kam ein Sohn der Stadt 1984 in die Heimat zurück. Bill Gates. Mit Microsoft erwachte Seattle aus der depressiven Dämmerung. Ich fahre gerade am Arbeitsplatz von Bill vorbei.
Die Bill & Melinda Gates Foundation. Mit über 30 Milliarden Stiftungskapital hätte da, meiner Ansicht nach, eine elegantere Architektur ermöglichen können. Das Gebäude war sicher teuer. Trotzdem sehr durchschnittlich.
Wir biegen links ab. Ken spricht über die vielen Parks in der Stadt und jetzt käme ein ganz besonderer. Ich drücke meine Nase platt... hmmm .... ein paar Alleebäume... und vor allem Kräne, Kräne... Baustellen.
Ein gutes Spässchen von Ken. „Wisst Ihr: Seattle ist aktuell die amerikanische Stadt mit den meisten Baustellen über 70 Kräne. Hauptpromotor ist ein einziges Unternehmen. Dieser Stadtbezirk wird „Amazon-forest“ genannt. Amazon ist der neue Riese.
Allein in Seattle seien 30‘000 Arbeitsplätze realisiert und es gehe Richtung 50‘000. Dafür besetze oder bebaue Amazon Platz.“ Mit guter Architektur, wie ich finde. Heute proklamiert der Konzern 20% aller Büroflächen in der City für sich. Glücklich, wer bei A arbeiten dürfe. Hohe Löhne, und sogar den Hund darf man mitbringen; allerdings muss der WauWau ein Amazondiplom über Anstand erwerben.
Überhaupt klärt mich Ken auf: „Es gibt in Seattle eine sehr junge Bevölkerung. Meist 21 - 45. Diese Leute haben aber sehr wenig Kinder, sodass es groteskerweise mehr Hunde als Kleinkinder in der Stadt gibt. Letztere müssen ebenfalls gut betreut werden. Was liegt da näher, als eine Hundelounge zu eröffnen?“
Eine Hundekinderkrippe. Helle Räume mit Spielzeug und Sitzpolstern. BetreuerInnen, die für Bespassung sorgen und/oder das pudelgerechte Styling besorgen. Natürlich können Herrchen und Frauen an der Arbeit via Live-App beobachten, was ihr Fifi gerade so mit den Kollegen treibt.
Die Fahrt endet beim Glashaus. Noch weiss ich nicht, dass dies der Lieblingsort meiner Reise sein wird (nächster Blogartikel) .
„Danke Ken, für die interessanten Start up Einblicke. Seattle muss sich nicht verstecken. Ihr seid nicht ab der Welt, sondern ein höchst innovativer Teil davon.
Ich freue mich auf neue Erfolgsmeldungen aus Northwest.“
Zeit für einen Kaffee: Der erste Starbucks eröffnete 1971 und steht heute noch unten am Pike Place Market Nr. 1912. Grosse Schlagen bilden sich regelmässig vor dem Geschäft.
Besonders Asiaten möchten den Gründungsshop sehen und dort einkaufen. Der Haupsitz ist heute noch in der Stadt.
Ich rühre in meinem Capuccino. Das Latte-Art Herzchen zerfliesst.