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Er hat sich zum Ziel gesetzt, die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente in Weltrekordzeit zu besteigen. Vier der Seven Summits hat Karl Egloff (39) bereits geschafft. Wer ist der Typ, der einst bei GC Fussballprofi werden wollte, zwei Mountainbike-Weltmeisterschaften bestritt – und nun auf die höchsten Berge rennt?
Wir kannten Ueli Steck, den Speed-Bergsteiger aus dem Berner Oberland, der am 30. April 2017 auf einer Trainingstour am Nuptse unweit des Mount Everest tragisch ums Leben gekommen war. Wir kennen Dani Arnold, den Urner Freeclimber, der die schwierigsten Nordwände der Welt ohne Sicherung und ohne Hilfsmittel in Rekordzeit emporklettert. Und vielleicht kennen wir noch Andreas Steindl, den Walliser Skialpinisten, der es schafft, in knapp vier Stunden von Zermatt (1616 m) aufs Matterhorn (4478 m) und wieder heim nach Zermatt zu rennen.
Aber haben Sie schon mal von Karl Egloff gehört? Der Mann, der sich aufgemacht hat, die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente in Rekordzeit zu erklimmen, ist hierzulande kaum bekannt. Mit ein Grund dafür: Karl Egloff ist in Quito in Ecuador aufgewachsen. Sein Vater Charly, ein Schweizer Bergführer aus dem Toggenburg, war mit seiner ecuadorianischen Frau nach Südamerika ausgewandert. Karl Egloff kam erst durch tragische Umstände in die Schweiz. Seine Mutter starb, als er 16 war. Sein Vater platzierte ihn und seine beiden älteren Schwestern folglich in einer WG in Zürich.
Karl versuchte sich am Gymnasium in Oerlikon und als Fussballer in den Juniorenauswahlen von GC und dem FCZ. «Ich wollte unbedingt Fussballprofi werden», sagt er rückblickend. «Das System in der Schweiz war aber sehr kompetitiv, sehr leistungsorientiert.» Damals sei er nicht klargekommen damit. Karl liess Gymi, GC und FCZ links liegen, machte eine KV-Lehre und kickte fortan bei Affoltern ZH in den Amateurligen. In den Winterferien kehrte er jeweils nach Ecuador zurück, um seinen Vater Charly bei seinen Bergtouren als Guide zu unterstützen. «Wir betreuten schon damals viele Schweizer Touristen und führten sie auf einen der vielen 5000er in Ecuador.» Von einer Laufbahn als Speed-Climber war Karl Egloff aber noch meilenweit entfernt. Die RS in Chur bewegte ihn mehr als Sturmläufe in den Alpen.
Den «Kili» am «Kili» bezwungen
Mittlerweile aber ist Karl Egloff auf dem besten Weg zu den prestigeträchtigen Seven Summits. Dabei gilt für ihn: Stürmen, was andere besteigen. Bei vier der höchsten Gipfel aller Kontinente hat der 39-Jährige bereits Bestzeiten realisiert (siehe Box rechts). Erstmals für Aufsehen sorgte er im August 2014, als er den Kilimandscharo, den höchsten Berg Afrikas, inklusive Rückweg in 6:42 Stunden bewältigte und damit den Speed-Rekord des spanischen Überfliegers Kilian Jornet um 32 Minuten unterbot. Szenenkenner horchten auf. Schliesslich galt Jornet als weltbester Skyrunner und bei Speed-Projekten als unschlagbar.
Start als Mountainbike-Profi
Karl Egloff hingegen war als Speed-Climber bis dahin noch gar nie in Erscheinung getreten. Schon eher als Mountainbiker, wo er sich zwischenzeitlich als Profi versuchte und in Ecuador mehr als 80 Elite-Rennen gewann. Zweimal, 2011 in Montebelluna (It) und 2012 in Omans (Fr), nahm er auch an den Marathon-Weltmeisterschaften statt. Seine Performance reichte aber nicht, um Nino Schurter und Co. nachhaltig zu beeindrucken.
Also heuerte er als Bergführer bei der Schweizer Reiseagentur «Aktivferien» an – und führte alsbald Touristen auf den Kilimandscharo. Speziell dabei: Als seine Gäste müde waren und sich in die Unterkunft verzogen, «bin ich jeweils noch schnell auf den Gipfel gejoggt», erzählt Egloff lachend. Davon erfuhr Hansruedi Büchi, der Geschäftsführer von «Aktivferien». Büchi, der selber schon fünf der Seven Summits geschafft hat, zitierte Karl Egloff ins Büro. Dieser befürchtete das Schlimmste. Statt einer Schelte für seine Gipfelläufe erhielt er aber den nötigen Support für den Rekordlauf 2014. Nur ein halbes Jahr später folgte die Bestätigung: Karl Egloff ist als Speed-Climber ein Riesentalent. Für den höchsten Gipfel in Südamerika, den Aconcagua (6962 m), benötigte er – Abstieg inklusive – bloss 11:52 Stunden, womit er auch diesen Rekord von Jornet klar verbesserte. Nun war Karl Egloff angekommen in der Szene. Mit Kilian Jornet traf er sich in Chamonix (1010 m) zu einem Trainingslauf auf den Mont Blanc (4810 m). Egloff stellte aber schnell fest, dass er und Jornet läuferisch nicht zusammenpassen. «Kili ist bis zu einer Höhe von 3000 m unglaublich schnell», hat Egloff erfahren, «mit zunehmender Höhe wird er aber immer langsamer. Bei mir ist es gerade umgekehrt.»
Kein Wunder: Egloff ist in der Höhenlage in der Nähe von Quito auf 2400 m aufgewachsen – und hat schon rund 700 Touren auf über 5000 m bewältigt. Kurz: Wenn andere nach Luft ringen, kommt der Gipfelstürmer erst richtig auf Touren. «Dann», sagt er lächelnd, «tanzen meine roten Blutkörperchen Salsa.» Egloffs maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit (VO2max), eine im Ausdauersport fundamentale leistungsdiagnostische Kennziffer, beträgt 88. Denselben Wert wies Radstar Chris Froome auf, als er die Tour de France zum vierten Mal gewann.
Aus dem Schatten von Jornet
Die Bergsteigerszene blickte dennoch skeptisch auf den ecuadorianischen Quereinsteiger, der erstaunlich akzentfrei «Schwiizerdütsch» spricht. «Der jagt doch bloss dem Jornet hinterher», hiess es. Den Respekt holte sich Egloff erst, als er auch den Elbrus in Russland, mit 5642 m der höchste Gipfel in Europa, in Rekordzeit bewältigte. Jornet seinerseits war bei seinen Rekordversuchen am Elbrus zweimal gescheitert. «David hat es dem Goliath gezeigt», titelte ein südamerikanisches Fachmagazin hinterher.
Die Prinzenkrone setzte sich der mittlerweile kahlköpfige «Carlito» vor Jahresfrist auf. Im Juni 2019 nahm er Jornet auch noch die Bestmarke am Denali ab, mit 6190 m der höchste Berg in Nordamerika. Für den Aufstieg vom Basislager auf den Gipfel (27,5 km, 4560 Höhenmeter!) benötigte er zu Fuss und mit Schneeschuhen nur 7:40 Stunden – und dies bei Temperaturen bis zu minus 30 Grad und starken Winden.
Die Ranger im Gebiet trauten ihren Augen nicht. «Sie sagten: Spinnst du? Zu Fuss? Weisst du denn, wie tief der Schnee hier sein kann?» Die Tiefe des Schnees hat Egloff beim Abstieg nachmittags, als die steigenden Temperaturen die Schneedecke mehr und mehr aufweichten, am eigenen Leib erfahren: «Knie- bis hüfttief!» Egloff liess sich dadurch aber nicht beirren. Am Ende war er in 11:44 Stunden wieder schneller als Jornet, der mit Tourenski unterwegs war. Als Vergleich: «Normale» Bergsteiger rechnen für diese Route mit mindestens sieben Tagen.
Auf vier Kontinenten hat Egloff der Konkurrenz nun also den Meister gezeigt und damit auch den Star der Szene, den charismatischen Kilian Jornet, entzaubert. «Wir sind aber nach wie vor gute Kollegen», hält Egloff fest. Schliesslich habe er dem «Kili» seine Laufbahn zu verdanken. «Ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier. Kili hat mich inspiriert, motiviert und herausgefordert. Und ohne ihn wäre kaum jemand auf mich aufmerksam geworden. Er hat mir alle Türen geöffnet.»
100 000 Franken für den Everest
Der Weg zu den Seven Summits ist noch weit. Und teuer! Ein Trip auf den Mount Vinson in der Antarktis kostet rund 40 000 Franken, eine Expedition auf den Mount Everest rund 100 000 Franken. «Ich kann heute vom Sport leben», sagt der 40-Jährige, der für viele Vorträge gebucht wird und mit seiner Frau eine Agentur für Bergtouren führt (www.cumbretours.com). Aber fünf- oder gar sechsstellige Summen vermag weder der Familienvater noch einer seiner Sponsoren aus dem Ärmel schütteln.
Also macht Karl Egloff aus der Not eine Tugend. Zurzeit absolviert er die Ausbildung zum internationalen Bergführer, womit er auch Expeditionen auf andern Kontinenten und für andere Unternehmen leiten kann. So will er nächstens den Speed-Rekord auf die Carstensz-Pyramide, auch Puncak Jaya genannt, realisieren, den mit 4884 m höchsten Gipfel Ozeaniens. «Der Weg hinauf ist kurz, aber klettertechnisch anspruchsvoll», weiss Egloff. Für Trainingszwecke hat er sich zu Hause in Quito eine Kletterwand gebaut, an der sich nun auch sein vierjähriger Sohn vergnügt.
Im Januar 2022 hat er den Speed-Rekord auf den Mount Vinson geplant, mit 4892 m der höchste Berg der Antarktis. Die Herausforderungen dabei: die lange und kostspielige Anreise sowie die fürchterlichen Stürme und Temperaturen bis minus 40 Grad.
Und dann bleibt noch der König der Berge, der Mount Everest, der buchstäbliche Höhepunkt. Seinen Hausberg, den feuerspeienden Cotopaxi (5897 m) in Ecuador, hat Egloff mehr als 300-mal (!) bestiegen, er hält auch den Streckenrekord auf den Huascaran (6768 m) in Peru, Egloffs höchster Gipfel ist bisher aber der Aconcagua geblieben. Da, auf 6962 Metern über Meer, dem höchsten Punkt in Südamerika, hat er seiner Frau Adriana 2015 auch den Heiratsantrag gemacht. «Sie hatte keine Chance, Nein zu sagen», erzählt er lachend, «sie brauchte mich ja, um wieder sicher den Berg runterzukommen.»
Auf Höhen über 7000 m ist Egloff indes noch unerfahren. Noch weiss er nicht, wie sich die Todeszone am Everest auf seinen Körper und seine Leistungsfähigkeit auswirken wird. Deshalb will er sich 2022 als Bergführer für eine Everest-Expedition empfehlen und auf dem Dach der Welt die nötigen Erfahrungen sammeln. Für 2023 hat er sich den Speed-Rekord am Everest vorgenommen, ohne Sauerstoffflaschen, versteht sich. Die Bestmarke von Christian Stangl, dem österreichischen Alpinisten und erfolgreichen Speed-Climber, liegt bei 16:42 Stunden. In dieser Zeit lief Stangl im Mai 2006 vom Advanced Base Camp (ABC) auf der Nordseite auf den Everest und wieder zurück ins ABC. Kilian Jornet seinerseits stürmte den Everest im Mai 2017 innert sechs Tagen gleich zweimal und finishte damit seine persönlichen Seven Summits (Matterhorn und Mont Blanc statt Carstensz-Pyramide und Mount Vinson).
Auch für Karl Egloff dürfte der Everest zum Höhepunkt werden, «zum Höhepunkt der Höhepunkte», wie er präzisiert. Spätestens dann dürfte sein Name auch in der Schweiz einem breiteren Publikum geläufig sein.
Seven Summits
Karl Egloffs Speed-Rekorde
13. August 2014: Kilimandscharo, Tansania (Afrika), 5895 m, 6:42 Stunden*
19. Februar 2015: Aconcagua, Argentinien (Südamerika), 6962 m, 11:52 Stunden*
7. Mai 2017: Elbrus, Russland (Europa), 5642 m,4:20 Stunden*
20. Juni 2019: Denali, Alaska (Nordamerika), 6190 m,11:44 Stunden*
Noch fehlen ihm die Carstensz-Pyramide (4884 m) in Indonesien (Ozeanien), der Mount Vinson (4897 m) in der Antarktis und der höchste Punkt der Erde, der Mount Everest (8848 m) in Nepal (Asien).
*Auf- und Abstieg inklusive