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ESSAY
„Bad Films, Good Movies“
- Reklametafel eines Kinos in New Jersey
Wie viele Gegenspieler, berühmt zu ihrer Zeit, sind der Menschheit im Gedächtnis geblieben? Wheeler & Woolsey, Clark & McCullough sind längst vergessen. Erinnert sich noch jemand an Hobbs & Sutcliffe oder an South & Fork? Nur an Hamilton Kinsey und an Cy Slocum denken noch viele. Denn Hamilton war für Stan Laurel und Cy war für Oliver Hardy der Stuntman. Stan und Ollie aber sind unsterblich.
Stan Laurel wurde am 16. Juni geboren, Oliver Hardy am 18. Januar.
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Stan wurde also im Frühherbst gezeugt, und nie verlor sein hageres Gesicht jene Trauer, die vom Wissen herrührt, daß bald die Blätter fallen. Ollie war eine Frühlingsfrucht, und selbst die größte Katastrophe vertrieb nicht die Hoffnung aus seinem lieben runden Gesicht.
Stan trug Fliegen. Ollie war ein Krawattenmann.
2 Sie waren Gentlemen. 3
Als Detektive hießen sie einmal Ferdinand Finkleberry (Stan) und Sherlock Pinkham (Ollie). Oft waren sie im Gefängnis und trugen dann die gleiche Uniform.
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Hosenträger trugen im Leben wie im Film - also im wirklichen Leben - beide, aber nur Ollie trug einen kleinen Schnurrbart. Deswegen liebte nur Ollie die Marx Brothers, während Stan mit Marx nichts anfangen konnte.
Stans Heimat war Ulverston.
5 Ollie stammte aus Harlem. Ulverston liegt, wie jeder weiß, in England und darüber hinaus, wie manche vermuten, in Lancashire. Ollies Harlem liegt, wie jeder weiß, in Amerika, doch liegt es nicht, wie die meisten glauben, in New York, sondern weit darüber hinaus: in Georgia. 6 Stan war Engländer und blieb es, obwohl er bald in die USA ging. Ollie blieb Südstaatler und besuchte nur manchmal das Vereinigte Königreich. Als beide 1932 zu ihrem ersten gemeinsamen „comic conquest“ aufbrachen, der sie u.a. nach London und Paris führte, gestaltete sich diese Reise so anstrengend, daß Stan Laurel 20 Pfund zu- und Oliver Hardy 70 Pfund abnahm.
Als Stan Laurel geboren wurde, hatte er schon drei Namen und hieß Arthur Stanley Jefferson. Als Oliver Hardy geboren wurde, hatte er nur zwei Namen und hieß Norvell Hardy. Seit 1917 nannte sich Arthur Stanley Jefferson Stan Laurel. Als Norvell Hardys Vater starb, der Oliver Hardy hieß, nannte sich Norvell Hardy, der seinen Vater geliebt hatte, Oliver Norvell Hardy und hatte nun drei Namen.
Stan Laurel wurde 1890 geboren. Oliver Hardy erst zwei Jahre später. Als Stan auf die Welt kam, war er, wie die meisten kleinen Kinder in England zu dieser Zeit, noch ein Baby. Als Oliver Hardy, der „Babe“ genannt wurde, auf die Welt kam, wog er bereits 14 Pfund, und als er 14 Jahre alt war, wog er noch 236 Pfund mehr, also eine ganze Achteltonne. Stan blieb im Film immer ein Kind, der wirkliche Ollie war schon bei Geburt erwachsen. Sie waren zwei Erbsen - nur waren sie unterschiedlich schwer.
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Ollie sprach viel und haßte es, irgend etwas zu schreiben, Stan schrieb im Leben eine ganze Menge, doch sprach er im Kino wenig und nahm fast alles, was ihm gesagt wurde, vor allem, wenn es von Ollie kam, wörtlich.
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Der junge Stan wollte immer Komiker werden. Der noch jüngere Ollie studierte Gesang und Recht und wurde etwas Rechtes, bevor er sein Studium abschloß: Kinobesitzer.
9 Stan konnte mit den Ohren wackeln, und Ollie riß dann die Augen auf. Stan konnte mit seinem Daumen Feuer machen. Als Ollie dies auch versuchte, verbrannte er sich. In der schnellsten aller Filmgattungen, dem Slapstick, entdeckten beide die Langsamkeit. 10 Nie trug ein Filmstudio einen passenderen Namen als jenes, in dem sie ihre Filme drehten. Es hieß „The Lot of Fun“. 11
Ollie taten manchmal die Füße weh, aber nur Stan beherrschte den „skip“
12, und sein Kopf hielt eine ganze Menge aus. 13 Ihr gemeinsamer Gegner war meist James Finlayson, der zweitgrößte Schieler Hollywoods. 14
Im Film war Stan dumm, und Ollie glaubte, er sei schlau. Im Leben war Ollie einfältig und ahnte es, und Stan war clever und wußte es. Beide waren
weise und trugen eine Melone.
15 Vieles blieb ihnen rätselhaft, und keinem Puzzle konnten sie widerstehen. 16 Auch Ollie aß Eis, aber nur Stan fragte beim Besuch in der Eisdiele jedesmal, welches Eis es heute nicht gibt. 17
Beide hatten viele Ehefrauen, aber Stan hatte noch mehr als Ollie.
18 Ollie hatte drei Gattinnen nacheinander 19, aber Stan war auf einmal mit der gleichen Frau ein zweites Mal verheiratet. 20
Stan schrieb die Stories, Ollie hörte zu. Ollie spielte Golf
21 besser als viele andere, aber Stan war der einzige Mensch auf der Welt, der ein Spiel erfand, das eine Mischung aus Golf und Baseball war. 22
Ohne Ollie machte Stan 76 Filme, ohne Stan Ollie 213; zusammen also spielten sie 105mal.
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Sie waren Gegenspieler.
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Sie waren Shakespeare und Longfellow.
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Sie waren so manches Mal sie selbst.
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Über das Wetter bei der Geburt unserer beiden Helden ist nichts Näheres bekannt. Es wird, den unterschiedlichen Jahreszeiten entsprechend, unterschiedlich gewesen sein. Daß überhaupt Wetter herrschte, geht unter anderem aus der Bemerkung hervor, mit der Ollie in Way out West (1937) den Small talk mit der (von ihm als solche noch nicht erkannten) Gattin des Sheriffs in der Postkutsche nach Brushwood Gulch eröffnet: „In letzter Zeit hatten wir eine ganze Menge Wetter.“ - „A lot of weather we’ve been having lately.“ Dieser Satz deutet die Datierungsprobleme an, mit denen Ollie wie Stan kontinuierlich zu kämpfen hatten. Vgl. Stans Satz: „The day before Christmas - November fifteenth…“ aus
The Laurel-Hardy Murder Case (1930). Vgl. ferner den Beginn von Berth Marks (1929): „Mr. Hardy told Mr. Laurel to meet him at the Santa Fe Station at a quarter of ten - but Mr. Laurel became confused and thought he meant 9:45.“ Im übrigen darf ich an die nächsten zwei Sätze erinnern, mit denen Ollie nach seiner Anspielung auf das Wetter vergeblich die Aufmerksamkeit der Sheriffgattin zu gewinnen sucht: „Only four more months to Christmas!“ und „Do you believe in Santa Claus?“ Zur Rolle des Weihnachtsmanns im Falle gestörter Kommunikation verweise ich den Leser auf Fußnote 25 dieses Essays und auf Our Relations.
Vgl. Ollies berühmten „tie-twiddle“, sein vielleicht bekanntestes Erkennungszeichen, das mehrfache, dabei das Tempo stochastisch variierende Aufrollen der Krawatte von unten nach oben mit zwei Fingern, in dem sich sympathieheischende Verlegenheit und zugleich die Vorahnung der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe ausdrücken. Das aggressive „tie-yanking“ des Gegenspielers Stan, das Ollie in der Regel mit einem nicht weniger nachdrücklichen und schmerzhaften „collar-ripping“ beantwortet, wird zum ersten Male voll ausgespielt in
Hats Off (1927); es ist dies der erste Film von Stan und Ollie, der das Prinzip der unendlichen, reziproken Vergeltung, Nemesis humana, vulgo „tit-for-tat“, einführt. In diesem Zusammenhang hat ein Filmhistoriker den glückliehen Ausdruck von den „comically restrained acts of shared violence“ gefunden, die die Gegenspieler Stan und Ollie stets Mitspieler bleiben lassen. Vgl. Wes D. Gehring, Laurel Sr Hardy. A Bio-Bibliography, New York 1990, S. 31. Zu einer theologisch aufregenden Interpretation des tit-for-tat vgl. auch die Eröffnungssequenz von Big Business (1929): dem Film, der damit beginnt, daß Stan und Ollie im kalifornischen Hochsommer versuchen, Stan Finlayson, dem „unreceptive customer“, einen Weihnachtsbaum zu verkaufen: „The story of a man who turned the other cheek - and got punched in the nose.“ Um auf Fliege und Krawatte zurückzukommen, und auch, um etwaige Leserbriefe schon vor Verfertigung abzufangen: natürlich trägt Ollie, wenn die Situation es erfordert, eine krawattenlose Uniform oder auch, etwa als Kellner in From Soup to Nuts, eine Fliege. Vgl. Fußnote 8.
Im Sinne von Kardinal Newmans berühmter Definition, ein Gentleman sei jemand, der nie einem anderen wissentlich Schmerz zufügte. Diese Begründung mag überraschen, wenn man an die pausenlosen Attacken Stans und Ollies aufeinander und vor allem von ihnen gemeinsam auf James Finlayson denkt. Ich halte an der Charakteristik von Stan und Ollie als Gentlemen im Newmanschen Sinn deshalb fest, weil von „wissentlich“ bei beiden nie die Rede sein kann. Vgl. dazu die Eröffnung von
The Hoose-Gow (1929): „Neither Mr. Laurel nor Mr. Hardy had any thoughts of doing wrong. As a matter of fact, they had no thoughts of any kind.“
Vgl. die Eröffnung von
The Second Hundred Years (1927): „Will Rogers says – ‘Being in jail has one big advantage - a man doesn’t have to worry about wearing his tuxedo.’“
In der
New York Review of Books vom 8. April 1993 bespricht John Banville unter anderem Adam Thorpes neuen Roman Ulverton. Er beginnt seine Besprechung mit den Worten: „Adam Thorpe too stays close to a small place, in his case Ulverton, a fictional village on the Wessex Downs of England.“ A fictional village! Der Rezensent übersieht völlig, daß Ulverton nicht ein fiktionaler Ort ist, sondern ein fast realer: Ulver(s)ton, Stan Laurels (-Arthur Stanley Jeffersons) Geburtsort. Adam Thorpe wurde übrigens fast genau ein Jahr vor dem Tod Oliver Hardys geboren!
Der Nord-Süd-Gegensatz prägt auch die Konfrontation dieser Gegenspieler. Oliver Hardy war stolz, aus Dixie zu stammen, und Stan beneidete ihn offensichtlich darum und um Ollies stets demonstrativ gezeigte „southern hospitality“. In Way out West (1937) erzählt Ollie am Ende der endlich gefundenen, richtigen Mary Roberts, er stamme aus dem Süden. Daraufhin Stan: „Ich bin auch aus dem Süden!“ Und auf Ollies erstaunte Reaktion fügt er hinzu: „Aus Süd-London!“ Das war in doppelter Hinsicht irreführend, denn Ulverston liegt in Nord-England, nahe der schottischen Grenze. Vgl. hierzu auch Fußnote 1 oder irgendeine andere Fußnote dieses Beitrags. Im übrigen zeigt sich die Südsehnsucht Stans auch daran, daß er am Ende von Way out West begeistert in den Song miteinstimmt: „We’re Going to Go Way Down to Dixie“. Es scheint, als ahnte Stan, wohin Ollie die Reise in genau diesem Moment wirklich führt: in ein Wasserloch, in dem er bis über den Hut versinkt.
„We’re just like two peas in a pot.“ So Stans rührende Bemerkung in
Sons of the Desert (1933). Nach diesem Film ist übrigens der Stan-und-Ollie-Fan-Club genannt, der seinen Hauptsitz in New York hat. Artikel I der Clubsatzung lautet: „The Sons of the Desert is an organization with scholarly overtones and heavily social undertones devoted to the loving study of the persons and films of Stan Laurel and Oliver Hardy.“ Artikel VII heißt: „Article VI is ridiculous.“ Aus Raumgründen kann ich Artikel VI leider nicht zitieren.
Das vielleicht auffallendste Beispiel für Stans Wörtlichnehmen findet sich in From
Soup to Nuts (1928), wo Stan als Kellner aufgefordert wird, „to serve the salad undressed“ - was er unverzüglich tut. Stan und Ollie spielen hier ein ambulantes Kellnerpaar. Auf ihrer Visitenkarte steht: „Laurel and Hardy - Waiters. All We Ask Is A Chance.“
Die Filme von Stan und Ollie quellen von berufssoziologisch höchst interessanten Einsichten über.
Sugar Daddies (1927) beispielsweise liefert eine plausible Erklärung für die hohe Mobilität der weißen amerikanischen Mittelklasse. Über die Karriere Stans, der den Anwalt von James Finlayson (alias Cyrus Brittle) spielt, heißt es lapidar: „He went through medical college and came out a lawyer.“ Heute hat dieser Satz, wenn man an die lawinenartig anschwellenden Schadensersatzprozesse denkt, denen Mediziner ausgesetzt sind, noch an Aktualität gewonnen.
Muß man wirklich erwähnen, daß es sich um den „slow burn“ handelt, das stets wiederholte, verzögerte Reagieren auf eine Attacke oder ein schmerzproduzierendes Ereignis? Dies heißt übrigens nicht, daß es den Filmen von Stan und Ollie, rein numerisch gesprochen, an Gags mangelte. Durchschnittlich zählten die Filme von Stan und Ollie 50 bis 60 „laughs“.
The Battle of the Century (1927) zählt 140 „laughs“, d.h. 7 „laughs“ pro Minute. Es handelt sich bei diesem Film - „a pie picture to end all pie pictures“ - paradoxerweise um die Mutter aller Kuchenschlachten - eine späte Mutter, weil nach Ansicht aller professionellen Tortenschlachtbeobachter Hollywoods (ca. 140 in den zwanziger Jahren) mit den Keystone-Produktionen die Zeit der Tortenschlachten eigentlich bereits vorbei war. Für The Battle of the Century, eine Titel-Anspielung auf den legendären Kampf zwischen Gene Tunney und Jack Dempsey am 22. September 1927, „the fight of the century“, der durch den skandalösen „long count“ bis heute berüchtigt blieb, lieferte die Los Angeles Pie Company 3000 Törtchen. (Die zur Gewohnheit gewordenen Übertreibungen des Spiegels, der den Mund nie voll genug nehmen kann, zeigen sich auch darin, daß Hellmuth Karasek über diesen Film behauptet: „4000 Wurfgeschosse waren abgefeuert worden, die meisten hatten getroffen.“ Vgl. „Die Lust, alles kurz und klein zu schlagen. Spiegel-Redakteur Hellmuth Karasek über die Wiederentdeckung von Laurel & Hardy“, Der Spiegel, Nr. 33/1988, S. 163). Der Terminus „Wiederentdeckung“ hat für den Stan-und-Ollie-Kenner einen blasphemischen Klang. Dieser Kenner wird im übrigen auf immer bedauern, daß ausgerechnet in The Battle of the Century nicht „Fats“ Arbuckle mitkämpfte, einer der wenigen Schauspieler Hollywoods, die wirklich ambidexter waren, d.h. die in jeder Situation zugleich zwei Törtchen mit zwei Händen zielsicher in zwei verschiedene Richtungen werfen konnten.
Zur Wirkung, die die Filme dieses Studios auch in Kriegszeiten erzielten, vgl. den Satz, den Graham Greene 1940 schrieb, als die Luftschlacht über England tobte: „Laurel and Hardy are together again - this is better news than anything the papers print.“ Graham Greene, „The Cinema“, in
The Spectator, 23.2.1940, S. 248.
Unter dem „skip“ versteht man Stan Laurels Sprung aus dem Stand in die Luft, wobei das eine Bein nach vorne, das andere nach hinten gestreckt wird. Am eindringlichsten wird der „skip“ von ihm in
Putting Pants on Philip (1927) eingesetzt.
Vgl. den „Opening Title“ von
County Hospital (1932): „Mr. Hardy fell on his leg, and was laid up for two months. Mr. Laurel fell on his head - and hadn’t felt better in years.“
Der größte Schieler war, wenn ich es recht sehe, Ben Turpin. Den Beweis liefert
Our Wife (1931), in dem Ben Turpin einen Friedensrichter spielt, der versehentlich (!) Stan und Ollie traut und letzteren mit den Worten küßt: „I’ll kiss the bride.“ Es ist dies bekanntlich einer der saubersten Filme von Stan und Ollie. Er beginnt mit dem Satz: „Mr. Hardy was making big preparations to get married - Mr. Laurel was taking a bath, too.“
Zu ihren berühmtesten Gags zählt daher die „never-ending hat routine“, ein Verwechselspiel, das den Zuschauer ebenso irritiert wie die Schauspieler.
Das berühmteste Beispiel ist
Me and my Pal (1933) - schon im Titel der Gegenspieler-Film schlechthin, in dem Stan Ollie unmittelbar vor dessen Hochzeit ein Puzzle schenkt, dessen fehlendes Schlußstück alle Beteiligten zu einer hektischen Suche animiert und damit schließlich Ollies Trauung sabotiert. Dies sind die Worte, mit denen Stan dem schon aufgeregten künftigen Ehemann das Puzzle überreicht: „You won’t be goin’ out much at nights and I thought it’d be something for us to play with.“
In
Come Clean (1931) entwickelt sich daraus eine der berühmtesten Antworten der Filmgeschichte, als Charlie Hall, vom Drehbuch ingeniös abweichend, auf Stans entsprechende Frage nicht antwortet: „Orange, walnut and chocolate“, sondern: „We’re out of orange, gooseberry, and chocolate.“ Jeder Kenner Stan und Ollies, der das Wort „gooseberry“ hört, bekommt noch heute ob dieser Kühnheit eine Gänsehaut (- goose skin oder goose pimples im Englischen). Es bleibt in diesem Zusammenhang zutiefst bedauerlich, daß das Oxford English Dictionary bei der Definition von „to play old gooseberry“ als „to make havoc“ als Beleg zwar Charles Dickens, nicht aber Charlie Hall zitiert. Der schon oft gerügte Antiamerikanismus des OED zeigt sich hier unverhüllt.
In
Twice Two (1933) kreuzen sich die Gegenspieler: jeweils Doppelrollen spielend, ist Stan mit Ollie (Mrs. Laurel) und Ollie mit Stan (Mrs. Hardy) verheiratet. Außerdem sind die Gattinnen Schwestern. In Brats (1930) spielen Stan und Ollie Doppelrollen als Väter und Söhne, in Our Relations (vgl. Fußnote 1) tauschen sie ihre Identität.
Auf diese zeitliche Sequenz hinzuweisen ist nicht unwichtig, wenn man sich an die Provision XI des in Hollywood in den dreißiger Jahren geltenden
Production Code erinnert: „The treatment of bedrooms must be governed by good taste and delicacy.“ Die Schlafzimmer-Szene in Way Out West, in der Stan von Sharon Lynne zu Tränen gekitzelt wird, droht stets, diese Schamgrenze zu überschreiten. Zu Sequenzierungsproblemen vgl. auch The Second Hundred Years (1927): „Four hours passed - one after the other“ oder an einen Dialog zwischen Stan und Ollie, dessen Herkunftsfilm ich im Augenblick nicht erinnern kann: „An was ist er gestorben? - An einem Dienstag!“ Auch hierzu lohnt sich ein Rückblick auf Fußnote 1 dieses Essays.
Vgl. den Anfang von
Their Pirst Mistake (1932): „Mr. Hardy was married - Mr. Laurel was also unhappy.“
George Stevens, zit. nach Scott Allen Nöllen,
The Boys. The Cinematic World of Laurel and Hardy, Jefferson [!] / London 1989, S. 13.
Es handelt sich um das berühmte (und berüchtigte, denn kein anderer, schon gar nicht Ollie, kann es nachspielen) Pee-Wee-Spiel aus
Babes in Toyland (1934).
Vgl. Philipp Lepenies (—hippi), „Stan und Ollie“, in;
Cadava 7 (1988), S. 32.
Die Bedeutung der Gegenspieler als eines
Paares hat niemand deutlicher gesehen als Enfantin, einziger „Papst“ der Saint-Simonisten nach Bazards Tod: „L’homme se souvient du passé, la femme pressent l’avenir; le couple voit le présent.“ Auch daher erklärt sich die bis heute unverminderte Präsenz, die Stan und Ollie auf der Leinwand ausstrahlen.
In
Our Relations, einem ihrer besten Filme, spielen Stan Laurel und Oliver Hardy nicht nur Stan und Ollie, sondern auch deren Zwillingsbrüder Alf und Bert. Es ist ein Film über blockierte und befreite Kommunikation, der den Zuschauer unmittelbar anrührt. Jeder von uns kennt die peinliche Situation, in die wir mit unserem Partner geraten, wenn wir, wer weiß durch welche Fügung, in einem Dialog die gleichen Worte gleichzeitig aussprechen. Statt darin ein verheißungsvolles Zeichen der Harmonie zu sehen, erschrecken wir meist, als ob diese Koinzidenz des Guten zuviel und damit eine Vorausahnung des möglichen Schlechten wäre. Our Relations zeigt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Wann immer Stan und Ollie, und dies passiert mehrere Male, sich in einem identischen und sich gleichzeitig vollziehenden Sprechakt ertappen, berührt Stan mit seinem Zeigefinger Ollies Nase und ruft: „Shakespeare!“, woraufhin Ollie, seinerseits mit seinem Zeigefinger Stans Nase berührend, erwidert: „Longfellow!“ Daraufhin stellt der eine eine Frage, und der andere antwortet, damit die normale Kommunikation wiederaufgenommen werden kann. In der - ausnahmsweise gelungenen - deutschen Synchronisation von Our Relations lauten Frage und Antwort beispielsweise: „Und wer fährt den Kamin herab?“ - „Der Weihnachtsmann!“ In der Literatur ist die Shakespeare-Anspielung zu Recht mit dem Hinweis verknüpft worden, Our Relations sei im Grunde genommen ein Remake der Comedy of Errors. Die berühmteste Shakespeare- Adaptation stammt aus Tit for Tat, in dem Stan Ollie mit den Worten zu trösten versucht: „He who filters your good name, steals trash.“ Die Anspielung auf einen anderen ganz gut bekannten Gegenspieler, auf Jagos „Who steals my purse steals trash“ ( Othello, Akt 3, Szene III), ist offensichtlich. So sehr auch die Nähe von Stan und Ollie zu Shakespeare („They play everything as if it might be Macbeth or Hamlet“, hat Eddie Cantor zu Recht festgestellt) von fast allen Filmhistorikern gesehen wird - zu Longfellow schweigen die Kommentatoren meist. Dabei liegt die Erklärung für die Wahl dieses Dichters in diesem Kontext auf der Hand. Henry Wadsworth Longfellow war bekanntlich, zusammen mit Cornelius C. Felton, Charles Sumner, George S. Hillard und Henry R. Cleveland, in Harvard Gründer des „The Five of Clubs“. Von Außenseitern wurde dieser Club „The Mutual Admiration Society“ genannt. Stan und Ollie bringen mit dem Ausruf „Longfellow!“ ihre wechselseitige Bewunderung zum Ausdruck. Denkt man an ihr selbst für Hollywood skandalöse Ausmaße annehmendes „womanizing“, fühlt man sich darüber hinaus an den Bericht der Zeitschrift The Home Circle über einen London-Besuch Longfellows erinnert: „He was tripping from one lady to another.“ Apokryphen Hinweisen auf einen Film, in dem aus dem Duett Shakespeare-Longfellow angeblich ein Terzett Shakespeare-Longfellow-Freiligrath (den Longfellow bekanntlich sehr schätzte) wird, habe ich leider nicht mehr nachgehen können.
Die oft charmant wirkende Unfähigkeit der frühen
Cahiers du Cinéma, zwischen Kino-Realität und der anderen Wirklichkeit zu unterscheiden, zeigt ihre bedauerlichen Schattenseiten in dem bewundern wollenden, aber inkompetenten Nachruf, den François Mars zum Tode Oliver Hardys schrieb: „Laurel et Hardy, pour le public, resteront indissociables. Et inidentifiables parfois: -, Lequel c’est le gros?’ - question mille fois posée..Von Ihnen vielleicht, Monsieur Mars! Von Ihnen vielleicht! Der Nekrolog wimmelt auch sonst von Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten. Vgl. am besten nicht François Mars, „Lorèléardi est mort“, in: Cahiers du Cinéma, Bd. 13 [!] Oktober 1957, S. 31-34.