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Die Schweiz als Satire und als Heimat
Warum Giovanni Orellis literarischer Nachlass in Bern liegt
Die Jugend im Bergdorf war das Thema von Giovanni Orellis erster Erzählung, die mit dem Veillon-Preis ausgezeichnet wurde und den Tessiner Schriftsteller über die Sprachgrenze hinaus bekannt machte. Seither hat er Texte veröffentlicht, die in ihrer Komplexität die schwer überschaubare Wirklichkeit widerspiegeln. Am 8. November erhielt Giovanni Orelli den Gottfried-Keller-Preis der Martin-Bodmer-Stiftung
Am Anfang von Giovanni Orellis Schriftstellerlaufbahn steht die achtzigseitige Erzählung «L'anno della valanga» (Das Jahr der Lawine), die den Tessiner 1965 mit einem Schlag bekannt machte. Sie wurde noch im Manuskript mit dem Veillon-Preis ausgezeichnet und kam bereits ein Jahr später unter dem Titel «Der lange Winter» auf deutsch heraus. Was die Leser diesseits und jenseits des Gotthards an diesem Buch faszinierte, war nicht das eher abgedroschene Thema des Bergdorfs, das eingeschneit, von einer Lawine bedroht und schliesslich evakuiert wird, sondern das wache Stilbewusstsein des Autors, der aus seiner persönlichen Erfahrung - Orelli ist im Bedrettotal aufgewachsen - die Bedrohung durch den Schnee so nüchtern und präzis zu beschreiben wusste, dass die vordergründige Realität sich allmählich in Versatzstücke auflöst und das Vertraute dem Unheimlichen weicht.
Im Gegensatz zu den damaligen Schriftstellerkollegen Piero Bianconi, Plinio Martini und Alberto Nessi ist Giovanni Orelli in den folgenden Werken nie mehr auf das Thema seiner Jugend im Bergdorf zurückgekommen, ein Thema, das die Literatur der italienischen Schweiz seit ihren Anfängen bei Francesco Chiesa und Giuseppe Zoppi fast uneingeschränkt beherrschte. Orellis Erstling ist in seiner einfachen lyrischen Intensität so gelungen, weil er als Abschied von der Jugend konzipiert war, als Distanznahme von der prekären Idylle der Bergbauernwelt, was auf den letzten Seiten des Buchs in fast didaktischer Weise zum Ausdruck kommt: Die jungen Leute bleiben in der Stadt und lassen die Alten allein ins Dorf zurückkehren. Der Ich-Erzähler seinerseits verabschiedet sich vom naiven Schreiben: "Du wirst nie pathetische Idyllen über dein Dorf schreiben; du wirst nie die Elegie der Erinnerung zelebrieren, welche am Ende jenen nützt, die schlecht regieren und daran schuld sind, dass dein Dorf zerstört wird."
DAS MONOPOLY-SPIEL ALS METAPHER
Diesen Vorsatz hat Orelli in seinen späteren Werken konsequent in die Tat umgesetzt. Er hat nie mehr lineare Erzählungen in klarer und schlichter Sprache geschrieben und auch keinen Ich-Erzähler mehr auftreten lassen, sondern -wie sein grosses Vorbild Carlo Emilio Gadda- versucht, im Wechsel verschiedener Erzählperspektiven eine immer komplexere und schwerer überschaubare Wirklichkeit einzufangen und eine Sprache zu entwickeln, die nicht auf die reine Abbildung zielt, sondern ihren natürlichen Fluss durch komplizierte hypotaktische Fügungen, durch Parenthesen und eingesprengte lateinische, dialektale und fremdsprachige Zitate unterbricht und verfremdet. Das gilt für «Il giorno del ringraziamento» (1972), Il Giuoco del Monopoly" (1980), Il sogno di Walacek" (1991) und Il treno delle italiane" (1995). Sein witzigstes und erfolgreichstes Buch ist zweifellos «Das Monopoly-Spiel», das 1986 auf deutsch herauskam und bis heute von seiner Aktualität nichts eingebüsst hat. Der Tessiner Autor benützt darin das Familienspiel des Monopoly als Metapher um das Spielfeld Schweiz als Banken-und Wirtschaftszentrum zu parodieren. Jedes Kapitel seines Buchs gilt einer anderen Stadt, und im deformierenden Spiegel des Würfelspiels entsteht ein Porträt der Schweiz, das dank Orellis Witz und Phantasie nie in Schematismen erstarrt.
Dem Tessiner Autor geht es nicht um die Denunzierung einzelner Fakten oder Skandale; er zielt nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf ihre parodistische Verzerrung; er ist ein bissiger Schwarzweissmaler, der die helvetischen Tugenden der Sparsamkeit, der Ordnungsliebe und des Fleisses so weit ad absurdum führt, bis sie Egoismus, Intoleranz und Profitstreben als ihre Kehrseite enthüllen. Wie karikaturistisch Orelli seine imaginäre Schweizer Reise inszeniert, zeigt sich schon an den Namen seiner Finanzgewaltigen: Der robuste Walter Krachnuss ist ein Bankier, für den die Schweizer der Zukunft ein Volk von Kommissionsmitgliedern, Abgeordneten und Verwaltungsräten sein werden, während der ängstliche Rudi Toblerone vor allem darnach strebt, sich und sein Geld in einem Atombunker unter dem Grossen Aletschgletscher in Sicherheit zu bringen; ein Sicherheitsfanatiker ist auch Jean Marie Pralines, der als Generalagent der Nationalversicherung davon träumt, mit seinen Policen jedem Schweizer Bürger ein perfektes privates Verteidigungssystem gegen Zufall und Vorsehung zu garantieren.
Orellis Kritik an der Schweiz hat in ihrer kecken und brillanten Bosheit etwas Befreiendes; sie verrät Aggression und Spiellust zugleich. Der Tessiner tut sich mit seiner Heimat viel weniger schwer als viele Deutschschweizer Autoren seiner Generation, was vermutlich damit zusammenhängt, dass er zu einer sprachlichen Minorität von 300 000 Einwohnern gehört, für die eine kulturelle Unabhängigkeit vom grösseren Sprachraum Italien gar nicht zur Diskussion steht. Das gibt ihm die Freiheit, differenziert und scharfsichtig über seine Situation als Schriftsteller eines Inselkantons nachzudenken und den Perspektivenwechsel, den er in seinem Werk virtuos handhabt, auch in bezug auf seine persönliche Situation anzuwenden. So hat er in einem Interview einmal erklärt, für seine italienischen Verleger, -Orellis Romane sind alle in Italien erschienen -, sei er ein Schweizer Autor, der von Giovanni Orelli auf italienisch übersetzt wurde.
In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass Orelli vor sechs Jahren als erster Autor der italienischen Schweiz seinen literarischen Nachlass dem Schweizerischen Literaturarchiv in Bern geschenkt hat, obwohl dieser Nachlass auch Maria Cortis Fondo Manoscritti an der Universität von Pavia oder der Biblioteca Cantonale in Lugano willkommen gewesen wäre. Er hat dazu angemerkt: «Mein Entscheid für Bern soll - soweit mein begrenzter Einfluss ausreichen mag - einmal mehr eine Ermutigung zur Überwindung der Barrieren sein, die sprachliche mit eingeschlossen. Sie lässt das ethnisch-herkunftsmässige Element, die italianità (inklusive der Spache), nicht ausser acht, besinnt sich aber auf die politisch-territorialen Gemeinsamkeiten, die wir fast seit fünf Jahrhunderten im Guten wie im Bösen mit den Schweizern teilen.»
TESSINER UND KOSMOPOLIT
Für Giovanni Orelli bedeutet das Interesse für die Geschichte und die Literatur seines Heimatkantons aber in erster Linie kulturpolitisches Engagement in der Gegenwart. Er hat während zwölf Jahren am Tessiner Fernsehen literarische Gespräche moderiert, die unvergessen sind, und am Radio hört man ihn regelmässig als Kommentator. Er war Gemeinderat in Lugano, und seit seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer ist er Mitglied des Grossrates. Er ist im kulturellen Leben des Tessins eine Art mobiler und vitaler Mittelpunkt, stets bereit, seine Positionen zu diskutieren und sich neuen Perspektiven zu öffnen, was ihn für die jungen Autoren zu einem wachen und kompetenten Gesprächspartner macht. Dass sein Urteil auch bei den italienischen Kollegen geschätzt wird, zeigt seine Mitgliedschaft in der Jury des Mailänder Premio Bagutta.
Orelli ist auch ein leidenschaftlicher und kosmopolitisch versierter Leser; das beweist die Literaturseite, die er zweimal im Monat für die Wochenzeitung «L'Azione» schreibt. Und zwar ist er ein Leser, der sich nicht damit begnügt, die Bücher zu rezensieren: Er lässt sich von ihnen auch dazu anregen, Sonette zu schreiben. Sechzig dieser Lesefrüchte, welche die klassische Form des Sonetts respektlos in Frage stellen, sind in dem Bändchen Né timo né maggiorana" erschienen. In einem bisher unveröffentlichen Sonett, das am 1. Januar 1997 entstanden ist, heisst es: «Continuerai allora, a ogni caduta, come un don / Chisciotte a domandarti: in questa situazione / di stramazzo come si comporta un cavaliere?...» (Du wirst so weitermachen nach jedem Sturz und dich / wie ein Don Quijote fragen: Wie verhält sich / ein Ritter in solchen Debakeln?. ..) Dass Giovanni Orelli diese Frage weiterhin stellen wird, ist eine Hoffnung für die Zukunft.
Alice Vollenweider
8./9. Novembre 1997
www.culturactif.ch