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In Europa ist die Debatte etwas ins Stocken geraten, aber in den USA hat der Senat vor Kurzem, Mitte März 2022, einer Gesetzesvorlage zugestimmt, die die Uhren ab 2023 permanent auf Sommerzeit stehen ließe. Wie das Repräsentantenhaus darüber abstimmen wird, ist aber noch unklar.
Fachgesellschaften, wie die Amerikanische Gesellschaft für Schlafmedizin (American Academy of Sleep Medicine, AASM), begrüßen prinzipiell die Abschaffung der Umstellung, aber halten die Normalzeit (Winterzeit) als bleibende Einheitszeit für gesünder.
Im Falle einer Verabschiedung des amerikanischen "Sunshine Protection Act" und damit einer dauerhaften Sommerzeit bedeutet das in den Monaten, in denen bislang Winterzeit galt, noch weniger Licht am Morgen und mehr Licht am Abend, also harte, dunkle Wintermonate mit Sonnenaufgängen (in einigen Regionen) erst um 9 Uhr.
Zu einem häufig ins Feld geführten Argument für die Sommerzeit – der möglichen Senkung des Stromverbrauches – gibt es keinerlei konklusive Daten. Wenn Studien Veränderungen fanden, waren diese insignifikant und etwaige Einsparungen am Abend schienen dadurch nivelliert zu werden, dass beispielsweise Schulkinder und Werktätige sodann länger im Dunkeln aufstehen und morgens elektrisches Licht benötigen. Was allerdings signifikant ausfallen könnte, warnen zahlreiche Stimmen aus der Fachwelt, sind potenzielle gesundheitliche Kosten dieser Verschiebung.2
Viele Arbeiten dokumentierten bereits, dass unsere Systeme mit der Sommerzeit, insbesondere der Umstellung auf selbige, nicht ohne Weiteres klarkommen. Dies spiegelt sich unter anderem in erhöhten Hospitalisationsraten und Einweisungen in Notaufnahmen wider. In einem früheren Beitrag hatten wir bereits die signifikante Zunahme von Myokardinfarkten und Schlaganfällen genannt. Nach dem Zurückstellen der Uhr im Herbst wurde eine Abnahme solcher Ereignisse berichtet, die jedoch nicht groß genug ausfällt, um die Verluste des Frühjahrs auszugleichen.3
Erhebungen an 55 Tsd. Menschen in Mitteleuropa ergaben, dass die Menschen ihren zirkadianen Rhythmus nie vollständig an die mit der Sommerzeit verbundene Stundenverschiebung anpassen.4 Dies bestätigen auch Wissenschaftler wie der deutsche Chronobiologe Till Roenneberg. Die zirkadiane Uhr des Körpers (die von Tageslicht und nächtlicher Dunkelheit gesteuert wird) stellt sich niemals auf den Gewinn einer „zusätzlichen“ Stunde Sonnenlicht am Ende des Tages während der Sommerzeit ein, erklärt er.4
Die Sommerzeitumstellung trifft späte Chronotypen am härtesten. Der kleinste Teil der Bevölkerung sind allerdings echte "Lerchen", die meisten sind Mischtypen, gefolgt von Nachteulen. Der Verlust an Schlaf in einer ohnehin schon chronisch zu wenig schlafenden Gesellschaft zieht einen Dominoeffekt über Wochen und teils sogar Monate nach sich. Menschen, die unter Schlafentzug leiden, sind häufiger übergewichtig und haben ein erhöhtes Risiko, an Diabetes oder kardial zu erkranken und weisen inflammatorische Dysregulation auf, was zu einem Herzinfarkt beitragen kann. Doch nicht nur die Physis leidet, sondern auch die Psyche. So ist auch ein Anstieg der Suizidrate direkt nach der Sommerzeitumstellung beschrieben.4
...werden von Roenneberg hier beispielhaft genannt.4 Als Resultat des "Verschwindens" einer Stunde mitten in der Nacht im Frühjahr schlafen Berufstätige zudem im Schnitt 40 Minuten weniger, hatten 5,7% mehr Arbeitsunfälle und verloren 67,6% mehr Arbeitstage aufgrund von Unfällen.5 Dies wird auch in Form von Produktivitätsverlusten am Arbeitsplatz sowie einer Zunahme von tödlichen Verkehrsunfällen messbar. Eine neue, anlässlich des 'SLEEP 2020'-Kongresses präsentierte Studie der Mayo Clinic in Rochester stellte außerdem einen Anstieg medizinischer Fehler um 18,7% in der Woche nach Sommerzeitumstellung fest.6 Da all dies jedes Jahr einmal passiert, ist der kumulative Effekt nicht vernachlässigbar.
Aus diesen und weiteren Gründen haben sich etliche Länder oder Regionen gegen die Sommerzeit entschieden. Dazu gehören: der nördliche Teil Brasiliens, Saskatchewan (Kanada), große Teile Australiens, Puerto Rico, die Jungferninseln, Amerikanisch-Samoa, Guam, die Nördlichen Marianen, die US-Bundesstaaten Hawaii und Arizona, Kasachstan und Russland.
"Leider hat der Senat mit seinem heutigen Schnellschuss weder eine solide Diskussion noch eine Debatte zugelassen", kommentierte die AASM am Tag des Senatsbeschlusses in den USA.1 In einem Positionspapier von 2020, welches vom American College of Chest Physicians, dem National Safety Council, der National Parent Teacher Association und weiteren Gruppen unterstützt wurde, hatte die AASM bereits dargelegt, dass eine feste landesweite Normalzeit (Winterzeit) der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit zugutekämen. Sie halten auch jetzt den Senat dazu an, den Beschluss nicht zu überstürzen und mehr Informationen zu den möglichen Effekten auf das Wohlergehen der Bevölkerung zu berücksichtigen.
"Die Sommerzeit erhöht die morgendliche Exposition gegenüber Dunkelheit und die abendliche Exposition gegenüber Sonnenlicht, wodurch der zirkadiane Rhythmus unseres Körpers gestört wird, was sich negativ auf die Gesundheit und Sicherheit auswirkt", fasst AASM-Sprecherin Dr. Shalini Paruthi von der St. Louis University School of Medicine zusammen. "Die permanente Standardzeit ist besser auf die zirkadiane Biologie des Menschen abgestimmt, da der natürliche, tägliche Zyklus von Licht und Dunkelheit ein starker Zeitgeber ist, der sich mit der internen Körperuhr synchronisiert", schließt sie.1