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Ich kenne in Bern eine französische, italienische, spanische und kroatische Schule.
Die Französische funktioniert wie eine Privatschule, verschiedenste Kinder besuchen sie aus unterschiedlichsten Gründen, vom Diplomatensohn bis zur Tochter marokkanischer Einwanderer.
Die italienische und kroatische Schule finden an einem Mittwochnachmittag statt, der in der Schweiz sonst schulfrei ist. Sie ist je nach Lehrperson stark katholisch geprägt und soll den Kindern auch religiöse Erziehung bieten. An Wochenenden oder in der Ferienzeit wird Gemeinsamkeit gepflegt. Die spanische Schule funktioniert ähnlich, allerdings fällt mir auf, dass die Religion weniger wichtig ist und auch Atheisten ihre Kinder dort hinschicken. Dafür haben Musik, Tanz, Aufführungen und Ausflüge einen hohen Stellenwert.
Bei mir im Quartier und in der Umgebung wohnen viele Tamilen, und ich habe bis jetzt nie richtig verstanden, wie ihre Schule funktioniert.
Gestern am Mittag strömten Hunderte von tamilischen Kindern aus unserem quartiereigenen Festsaal und ich traute mich sie zu fragen, welches Fest sie denn gefeiert hätten? Darauf meinte ein Mädchen keck: „Nicht Fest! Test!“
Sie erklärte mir, dass tamilische Kinder irgendwie neben der „normalen“ Schule unterrichtet werden können, auswärts, daheim, in kleinen oder in grossen Gruppen, in jedem Land der Welt. Andere gesellten sich hinzu und machten weitere Ausführungen. Der Unterricht und die Schulbücher seien international und nach Alter gegliedert. Einmal im Jahr finde ein Test statt, der darüber entscheide, ob ein Kind in die nächste Klasse komme oder nicht. Ein kleiner Junge erzählte mir mit aufgerissenen Augen, er sei Erstklässler und wenn die Korrektoren mit seiner tamilischen Schrift nicht zufrieden seien, könnte er auch in den Kindergarten zurückfallen, jawohl, auch das gebe es.
Doch Kindergarten und die Klassen können unbegrenzt wiederholt werden. Der Test findet in allen Ländern Europas am gleichen Samstag statt und bis im Mai sind auch alle übrigen Kontinente mit ihren Prüfungen durch. Danach werden die Resultate zugestellt und der jeweilige Unterrichter passt sich den Ergebnissen an. Also alles in allem ein sehr niederschwelliges und migrationstaugliches Schulsystem.
Meine Haltung gegenüber traditionsgeprägter Globalerziehung ist eine misstrauische. Deshalb fragte ich ein in der Nähe stehendes Elternpaar, ob ich die Schulhefte und Lehrbücher ihres Sohnes einmal anschauen dürfte? Einfach so, weil ich auch Lehrerin sei? Die Eltern nickten ganz begeistert und der Sohn – ein Sechtsklässler – führte mir alles vor.
Natürlich kann ich kein Tamilisch lesen. Aber ich habe lange für Lehrerinnen Bücher und Sprachkassetten besorgt, die Tamilien unterrichtet haben. Dabei habe ich auch mehrsprachige tamilische Lehrmittel kennen gelernt. Daneben war ich lange Zeit an einem Freiwilligenprojekt mit dem wohl klingenden Namen „Mitten unter uns“ beteiligt, das die Kinder von Neuzuzügern integrieren wollte, und dort hatte ich auch viel mit Tamilen und ihren Lehrmitteln zu tun.
Mir haben die Hefte und Bücher gut gefallen. Auf dem Niveau der 6. Klasse gab es das Thema Geschichte (Indische Geschichte mit einer Gandhi-Biografie), Flora und Fauna der Heimat, tamilische Sagen, die vielen uns bekannten Märchen ähnlich sind. Mit eingesperrten Singvögeln und traurige Prinzessinnen, die nicht tun dürfen, was sie möchten, mit gestrengen aber doch liebenswürdige Befehlshabern, mit cleveren Helden und eingeflochtenen Liedern und Gedichten.
Zu den meisten Themen gab es reichlich Auswendiglernfragen und Lückentexte. Mathematik und andere naturwissenschaftliche Fächer kamen nicht vor. Das sind Dinge, die werden in jeder Schule der Welt angeboten, die braucht es nicht.
Als ich danach mit dem Bus in die Stadt fuhr, konnte ich noch ein Mädchen im gleichen Alter nach ihrem Material fragen und sah, dass die Bücher mit denen des Jungen identisch waren.
Meine Befürchtung, dass Propaganda gemacht wird und die Mädchen hauptsächlich mit Haushaltslehre und Heiratsvorbereitungen beschäftigt werden, erwies sich als unbegründet, und darüber bin ich froh. Doch erlaube ich mir einen Rest Skepsis. Denn der grösste Teil des Lehrens und Lernens hängt davon ab, was im Unterricht gesagt, getan oder unterlassen wird.
Aber das ist ja bei uns nicht anders.
Ich kenne in Bern eine französische, italienische, spanische und kroatische Schule.