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Ein Meisterwerk ist es nicht geworden, dafür ist «Eikan, du bist spät» zu konstruiert, zu geil und zu verklemmt.
Andreas Leuchter, die Hauptfigur von Adolf Muschgs neuem Roman, ist Cellist. Gleich zu Beginn erhält er einen Brief seines ehemaligen, an Aids erkrankten Internatskollegen Roman, der ihm eine Komposition zuschickt mit der Bitte, diese in Paris aufzuführen. Das nahezu unspielbare Cellostück führt zum Grundmotiv des Romans: dem Scheitern. Kurz vor seiner Reise nach Paris hat der 42-jährige Leuchter anlässlich eines Meisterkurses in einem deutschen Kloster die Japanerin Sumi kennen gelernt. Am letzten Abend schleicht sich Leuchter in ihr Zimmer. «Er zog sich aus, legte sich behutsam über sie und umschlang sie mit beiden Armen, als sie sich aufrichten wollte. Ich bin’s flüsterte er in ihr Ohr. Er spürte, wie sie unter seinem Gewicht zusammensank, und suchte zärtlich wütend Zugang zu ihrem Leib. Es gab keinen. Plötzlich drückte sie ihn mit aller Kraft weg und griff mit einer Hand hinter sich, um ein Stück Textil wegzuzerren; und schon während sie sich dazu aufrichtete, öffnete sich die Sperre, und sein Schlüssel schnellte in die warme Öffnung, um verschlungen zu werden, wieder und wieder.»
Befremdend, um es gnädig auszudrücken, sind die Formulierungen, die Muschg nicht nur für diesen einer Vergewaltigung ähnelnden Beischlaf findet. Nicht selten muss man sich fragen, ob das zuständige Lektorat des Suhrkamp-Verlages bei Sinnen war, als es Muschgs Manuskript in dieser Form durchgehen liess. Einige Seiten später wird Sumi zu Andreas Cello - schwierig, eine abgegriffenere Metapher zu finden. «Sie hatte sich in dieses Cello verwandelt, und solange er spielte, spielte sie mit.» Sumi begleitet Andreas nach Paris, wo sie seinem Konzert beiwohnt und anschliessend verschwindet. Erst später erfährt er von ihrer Freundin, dass sie eine «begnadete Cellistin» ist. Doch Andreas, der sich inzwischen von seiner Frau Catherine, einer Atemtherapeutin, die später an einem Schlaganfall stirbt, getrennt hat, findet Trost bei einer zufälligen Zugbekanntschaft. Jacqueline, eine der Esoterik zugeneigte Therapeutin (schon wieder), die mit Steinen arbeitet und in Lausanne wohnt, «zelebrierte einen Höhepunkt nach dem anderen»: Doch plötzlich bleibt Jacquelines Wunderstein in ihrer Vagina stecken. «Der Stein, sagte sie. Ich glaube, er sitzt fest.» Sofort muss sie in die Notfallstation. Als Jacquelines Tochter mit ihrem Vater zurückkehrt, macht sich Leuchter aus dem Staub.
Zwölf Jahre später, im Jahr 2002, folgt Leuchter, inzwischen als Musikproduzent tätig, einer Einladung nach Japan. Er soll an der Schule, an der Sumi unterrichtet, als Jury-Mitglied in einem Cello-Wettbewerb amtieren. Drei weitere Europäer, Lebrecht, Liebermann und Lubomir, alle anscheinend ebenfalls ehemalige Liebhaber Sumis - die Namen sind bei Muschg fast immer sprechend: Leuchter, der Erleuchtete, Sumi (franz. «soumis», dt. unterworfen) -, sind mit von der Partie. Mit diesen drei Herren zusammen wird Leuchter in eine mafiöse Konspiration verwickelt, die halluzinatorische Züge trägt, deren Beitrag zum Handlungslauf des Romans jedoch im Dunkeln bleibt. Das eigentliche Ziel seiner Reise hingegen, die Wiederbegegnung mit Sumi, seiner grossen Liebe, bleibt Leuchter verwehrt. Dafür erlebt er wenig später eine Art Erleuchtung, als nämlich Romans unspielbares Stück im Wettbewerb anonym zur Aufführung gelangt. «Jetzt hörte Leuchter auch, was gefehlt hatte: Es hing an einem einzigen Schritt. Es war der Schritt in die Abweichung, nicht grösser als ein Halbton.» Und hier glaubt er zum ersten Mal zu begreifen, wofür Kunst gut war: «vom Verlorenen zu handeln, als wäre es immer noch die Möglichkeit; als käme es von vorne, eine Verheissung, wieder auf dich zu».
Am Ende des Romans wird Andreas Leuchter noch einmal nach Paris eingeladen, um einen Vortrag über den Komponisten des ominösen Musikstücks, Roman Enders, zu halten. Dort tritt er, nackt in einen Schweizer Militärmantel gehüllt, als Marcel Duchamp mit seiner Junggesellenmaschine, einer Schokoladenraspel, auf. Im Publikum sitzt Ayu, eine Schülerin Sumis, die er bereits in Japan kennen gelernt hatte. Mit ihr, die in Paris für eine Filmproduktionsfirma arbeitet, hat er schliesslich Sex in einem Grab.
Adolf Muschg hat mit «Eikan, du bist spät» einen Roman über die Vergeblichkeit der Liebe, der Kunst, des Lebens überhaupt, geschrieben - und ist grandios gescheitert. Zu konstruiert, zu geil und verklemmt ist ihm das Unternehmen geraten. An allen Enden klappert es, das hilflose Gerüst dieses ambitiösen Alterswerks, in dem keine Figur je lebendig und glaubwürdig wirkt und die verschlungene, zahlreiche Spiegelungen inszenierende Handlung letztlich allzu künstlich bleibt.