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Blumenwiesen als lukratives Business? (Bild: Shutterstock)
Ich habe mich vor kurzem mit einem Biobauer über die bevorstehenden Abstimmungen unterhalten. Er hat mir erzählt, er würde für die beiden Agrarinitiativen stimmen. Etwas erstaunt fragte ich ihn, ob er denn seine tausend Hühner mit eigenem Futter ernähren könne. Er verneinte, sagte aber, es würde auch keine grosse Rolle spielen. Erstens hätte er genügend Zeit, um umzustellen und zweitens würde man auch viel Geld für «Steinhaufen und Blumenwiesen» erhalten. Er sprach von Biodiversitäts-Förderflächen (BFF).
Diese seien der Grund, weshalb er fast keine Kühe mehr habe. Es lohne sich mehr, auf die Förderflächen zu setzen. Er habe zwar noch einige Hektaren Reben am Hang und einige Obstbäume, der Rest sei aber BFF. Er hätte dadurch weniger Aufwand und würde mehr Direktzahlungen erhalten, als wenn er die Flächen beackern oder als Weideland für Kühe nutzen würde. 70’000 Franken erhalte er im Jahr. Zudem könne er, durch die dazu gewonnene Zeit, noch einen Teilzeitjob ausüben. Das sei ökonomisch gesehen lukrativer.
Biodiversitätsförderflächen sind naturnahe Flächen wie Wiesen und Weiden, Wildblumen-Streifen oder Hecken. Sie werden extensiv bewirtschaftet, Dünge- und Pflanzenschutzmittel dürfen nur sehr begrenzt eingesetzt werden. Landwirtinnen und Landwirte müssen mindestens 7% ihrer landwirtschaftlichen Nutzfläche als BFF bewirtschaften, um den ökologischen Leistungsnachweis zu erfüllen, der sie zum Bezug von Direktzahlungen qualifiziert. Für BFF mit einer höheren ökologischen Qualität (Qualitätsstufe zwei), werden grössere finanzielle Beiträge vergütet. Die Qualität wird anhand verschiedener Kriterien, wie des Vorkommens definierter Indikatorpflanzen, oder bestimmter Strukturelemente wie Stein- und Asthaufen gemessen. (Quelle: Agrarforschung Schweiz)
Kompliziert und undurchsichtig
Etwas ungläubig ging ich nach Hause. Ich wollte wissen, ob das wirklich stimmt, was ich gehört hatte. Und wenn das stimmt, kann ein Bauer allein von den Direktzahlungen auf sein Land leben, ohne zu arbeiten? Ich stürtzte mich in die Recherche, las dutzende Dokumente, versuchte auszurechnen, welche Fläche man in welcher Lage brauchen würde, wie viel «Steinhaufen» man bauen müsste und — gab schlussendlich auf. Zu kompliziert, zu unübersichtlich, selbst für Eingeweihte. Ich beschloss, einen anderen Weg einzuschlagen und wandte mich an Experten.
Als Erstes kontaktierte ich den Präsidenten des Bauernverbandes, ein Mann der zurzeit viel mediale Aufmerksamkeit geniesst: Markus Ritter. Auch er bestätigte: «Wenn Sie hier dran bleiben wollen, müssten Sie Zeit investieren und einen Spezialisten zum Rechnen an der Hand haben.» Denn es gebe keine pauschale Aussage, man müsse Musterbeispiele durchrechnen, da jeder Fall anders gelagert sei.
Direktzahlungen und Markterlöse zusammen optimieren
Der Spezialist zum Rechnen an meiner Hand beschränkt sich auf meinen Taschenrechner. Und vermutlich käme es bei meinem Chef nicht gut an, wenn ich Zeit aufwende, um theoretische Beispiele durchzurechnen, nur um herauszufinden, wie ich mit Land, das ich nicht besitze, Geld verdienen könnte, ohne zu arbeiten. Er würde mir genau das vorwerfen: Geld zu verdienen ohne zu arbeiten.
Also musste ich mich auf die Experten verlassen. Ein Mail an das zuständige Bundesamt für Landwirtschaft genügte, um meine Befürchtung zu widerlegen. «Einzelbetrieblich ist die alleinige Maximierung der Direktzahlungen – indem nur noch Biodiversität gemacht wird - nicht wirtschaftlich», schreibt es auf Anfrage. Dass jedoch der Biobauer, mit dem ich sprach, das Grünland «extensiviert», sei auf diesem Betrieb durchaus nachvollziehbar, arbeitstechnisch sinnvoll und wirtschaftlich. Er habe ja noch Reben und Obstbäume, die sehr arbeitsintensiv seien. «Mit der Einführung der AP 14-17 wurde ins Feld geführt, dass viele Betriebe nur noch Biodiversitätsflächen bewirtschaften, damit sie möglichst viele Direktzahlungen erhalten.» Das sei aber nicht eingetroffen. «Ein Betrieb muss immer Direktzahlungen und Markterlöse zusammen optimieren. Der aufgeführte Betrieb hat genau dies gemacht.»
Auf Direktzahlungen zu setzen kann eine Strategie sein
Ein wenig anders sieht das der Bauernverband. Grundsätzlich gebe es Beiträge pro Fläche. Am meisten Geld gebe es für Ökoflächen, weil darauf nichts oder praktisch nichts produziert werde. «Aber da es schon früher findige Bauern gab, die sich darauf spezialisiert hatten, führte der Bund 2016 eine Begrenzung ein. Seither sind die BFF der ersten Qualitätsstufe auf 50 Prozent der Betriebsfläche limitiert.» Bei den Förderflächen der Qualitätsstufe zwei gebe es allerdings keine Begrenzung. Man könne sich also nach wie vor ziemlich darauf spezialisieren. Für die zweite Qualitätsstufe rufen höhere Direktzahlungen.
Grundsätzlich sei es so, dass je weniger man auf seinen Flächen anbaue, desto weniger Kosten und Arbeit entstünden. «Dann kann man gut noch einem Nebenerwerb nachgehen.»
Ritter präzisiert: «Eine Optimierung der Direktzahlungen über maximale Biodiversität und damit einhergehend eine deutliche Senkung des Arbeitsaufwandes sowie der weiteren Kosten für Gebäude und Maschinen – in der Folge praktisch keine Produktion von Lebensmitteln mehr – kann eine Strategie sein, wenn ein lukrativer Nebenerwerb zur Verfügung steht.»
Und Bio Suisse sagt dazu: «Die Pflege der Biodiversität ist eine gesellschaftlich erwünschte Leistung, die oft mit Ertragsverlust verbunden ist.» Deshalb würde der Staat diese Leistung in Form von Direktzahlungen abgelten. Die Entscheidung des Bauern könne daher durchaus Sinn machen, wenn die Voraussetzungen bezüglich Biodiversität gegeben sind und die geforderten Leistungen erbracht würden.
Abschliessend kann man sagen, dass ein Bauer wohl kaum ganz ohne zu arbeiten und nur von den Direktzahlungen leben kann. Wenn er aber die Freude an der Landwirtschaft verloren hat oder sich beruflich neu orientieren will, ist die Umstellung auf Bioförderflächen eine mögliche Option. Dadurch hätte er weniger zeitlichen Aufwand für die Bewirtschaftung seines Landes, weniger finanziellen Aufwand für die Instandhaltung von Maschinen, könnte in der dazugewonnen Zeit einer Zweitbeschäftigung nachgehen und trotzdem – sogar noch höhere – Direktzahlungen einstreichen.
Ob man die Direktzahlungen für Bioförderflächen als einen Fehlanreiz oder als nötiges Mittel, um die Biodiversität unseres Landes aufrechtzuerhalten, sieht, ist wohl von der persönlichen politischen Einstellung abhängig.