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«Der RUZ-Unternehmensphilosoph»: Von erfolgreichen Kooperationen.
Unsere hochspezialisierte Wirtschaft erfordert eine ständige Zusammenarbeit auf vielen Ebenen. Weinbau-Genossenschaften und Exportunternehmen für lokale Produkte sind bekannte Beispiele aus dem Primärsektor. In der Industrie zeichnet sich der Automobilsektor durch eine stark strukturierte Wertschöpfungskette aus. Grosse Immobilien- oder Infrastrukturprojekte erfordern die Bildung von Konsortien. Der Dienstleistungssektor ist genauso betroffen: Kleine Kommunikationsagenturen arbeiten Hand in Hand mit einem Grafikunternehmen und oft mit einem Computerspezialisten. Banken arbeiten mit Versicherungsgesellschaften, Treuhändern und umgekehrt.
Es gibt viele Beispiele für Misserfolge und Erfolge. Zwei Faktoren sind für den Erfolg einer Kooperation entscheidend. Sie lassen sich aus dem Utilitarismus und der Deontologie ableiten – zwei Theorien der Moralphilosophie.
«Der Zweck heiligt die Mittel».
Die erste Position ist der Utilitarismus. Sein geistiger Vater, der britische Philosoph Jeremy Bentham, sagt uns, dass unsere Handlungen «der grössten Zahl das grösste Glück bringen müssen». Er beurteilt die Auswirkungen unserer Handlungen, nicht die Handlungen selbst. Ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn ich in der Stadt bei rot und mit 100 Stundenkilometer fahre, um einen Verletzten ins Spital zu bringen, ist das völlig in Ordnung. Denn so erhöhe ich die Chancen, dass der Verletzte rasch medizinisch versorgt wird. Ein zweites Beispiel: Der utilitaristische Produzent wird weiterhin mit einem dubiosen Vertriebsagenten zusammenarbeiten, solange die Ergebnisse stimmen.
Die goldene Regel
Die zweite Position ist die Deontologie. Nach dieser Sichtweise ist eine Handlung moralisch gerechtfertigt, wenn sie mit allgemein akzeptierten Pflichten übereinstimmt. Die Anhänger der Deontologie halten sich jederzeit an die «goldene Regel». Dieses Gebot ist in praktisch allen grossen Religionen zu finden: «Was du nicht willst, das man dir tut, das tu auch keinem anderen an». Der Philosoph Immanuel Kant drückte es so aus: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.»
Diese Theorie untersucht die Handlung selbst, nicht ihre Folgen. In der Stadt wird nicht bei rot, und schon gar nicht mit 100 Stundenkilometern gefahren – egal, was die Konsequenzen für den Verletzten sind. Der Verzicht auf Partner mit fragwürdigen Praktiken, ungeachtet der wirtschaftlichen Folgen, ist auch Ausdruck dieser philosophischen Position.
Gemeinschaft von Interessen ...
Auf den ersten Blick scheinen sich Utilitarismus und Deontologie zu widersprechen. Dies ist aber bei weitem nicht immer der Fall. Im Gegenteil: Eine fruchtbare Kooperation basiert auf einer Kombination dieser beiden Perspektiven.
Die aus dem Utilitarismus abgeleitete Maxime ist, dass die Kooperation dann fruchtbar ist, wenn die Partner gemeinsame Interessen haben. Wenn der definierte Kooperationsbereich es allen Partnern ermöglicht, ihre jeweiligen Ziele besser zu erreichen, steigen die Erfolgschancen der Kooperation: Das ist die «Win-Win-Situation.». Es gibt ein bekanntes Sprichwort, das in diesem Zusammenhang Sinn macht: «Ein gutes Geschäft macht man nur zu zweit.»
Gleichzeitig ist es notwendig, dass die Aktivitäten der Partner ausserhalb des Kooperationsbereichs nicht die Aktivitäten anderer Partner sabotieren. Die Atmosphäre der Zusammenarbeit würde dadurch bald beeinträchtigt werden. Zum Beispiel: Ein Textilproduzent, der bis dahin für den Verkauf an Privatpersonen ausschliesslich auf ein Netz von Detailhändlern zurückgegriffen hat, baut plötzlich seinen Online-Verkauf mit viel Marketingaufwand auf. Dieser Produzent geht ein Risiko für die Zusammenarbeit mit den Detailhändlern ein. Denn hier liegt es in seinem Interesse, in erster Linie seine Verkäufe zu maximieren, wenn nötig zum Nachteil seiner herkömmlichen Detailhändler.
... und Gemeinschaft von Werten
Die aus der Deontologie abgeleitete Maxime ist wie folgt: Die Zusammenarbeit ist dann fruchtbar, wenn die Partner die gleichen Werte teilen. Dazu kann beispielsweise der Verzicht auf umweltschädliche Praktiken gehören. Die Kooperation zwischen einem Grossunternehmen und einem KMU kann aber beispielsweise unter einem übermässig bürokratischen Reporting leiden, das jenes diesem auferlegt – weil beim Grossunternehmen die Kontrollkultur vorherrscht, während das KMU lieber einfach und direkt arbeitet.
Gewisse Regeln für die zwischenmenschlichen Beziehungen sind auch eine Frage der Deontologie. Die Kooperation, insbesondere im internationalen Kontext, kann unter kulturellen Missverständnissen zwischen den Partnern leiden – Begrüssung, Essgewohnheiten, Anstandsregeln bei Sitzungen usw.
Der Realitätscheck
Zusammenfassend kann man sagen: eine Kooperation funktioniert, wenn die Kooperationspartner gemeinsame Interessen und gemeinsame Werte teilen.
Die Welt ist nun kein idealer Ort. Es gibt Kooperationen, die nicht ideal, jedoch notwendig sind. Manchmal ist es die Interessen- und manchmal die Wertegemeinschaft, die darunter leidet. Einige Leser werden nach der Lektüre dieses Artikels ihre Kooperationen Revue passieren lassen und sich sagen: «Diese eine Kooperation ist alles andere als ideal, aber ich brauche sie, und ausserdem läuft mein Geschäft.»
Oft kann jedoch ein Unternehmer seine Kooperationen langfristig ausrichten. Dann ist er gut beraten, wenn er Kooperationspartner sucht, mit denen er sowohl Interessen wie auch Werte teilt. Warum nicht vor dem Abschluss eines Kooperationsabkommens darüber nachdenken, ob diese beiden Zutaten vorhanden sind?
Die RUZ-Reihe «Der Unternehmensphilosoph» greift ausgewählte unternehmerische Themen auf, um sie aus philosophischer oder manchmal historischer Sicht zu beleuchten. Die Serie zielt darauf ab, dem Unternehmer-Leser einen zusätzlichen Blickwinkel zu geben und Perspektiven zu eröffnen. Die Meinungen des Autors in dieser Serie spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des RUZ oder der Raiffeisen-Gruppe wider.
Über den Autor: Louis Grosjean, lic.iur., Inhaber eines Anwaltspatents, ist seit mehr als 10 Jahren in der Raiffeisen-Gruppe tätig, unter anderem für das RUZ. Aus einer Unternehmerfamilie stammend, hat er sich in den Bereichen Wirtschaft und Philosophie weitergebildet und seine eigene Firma gegründet. Mit dem RUZ setzt er sich für das Unternehmertum in der Schweiz ein.