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Eine Königin, ihre Erbinnen und die Musik Portugals
Wann genau die «Königin des Fado» geboren wurde, ist nicht klar. Doch es muss im Juli vor 100 Jahren gewesen sein. Selbst gab sie den 1. Juli an, bei Wikipedia nennt man den 23. Eigentlich ist das ja ganz egal, denn sicher ist, dass Amàlia Rodrigues bis heute die Stimme Portugals geblieben ist.
Sie ist eine Legende, ein nationaler Mythos, ein Monument und Heiligtum: Amàlia Rodrigues prägt bis heute Portugals Schicksalsgesang, den Fado. Die unstillbare Traurigkeit, die Sehnsucht nach Lebensglück, die Wehmut und tiefer Schmerz liegen im Fado. All das auszuhalten gilt in Portugal als Wert. Der Fado erzählt darum die traurigen Geschichten des Lebens. «Wenn man hellsichtig ist, ist man traurig. Der Fado ist traurig, weil er hellsichtig ist», sagte einst die grosse Frau Portugals.
Woher der Fado aber genau kommt, ist nicht bekannt. Er soll gar auf die Mauren zurückgehen, die im 12. Jahrhundert von den Portugiesen aus Lusitanien verdrängt wurden. Es wird aber auch von afrikanischen, arabischen und brasilianischen Einflüssen gesprochen. Entstanden ist er auf jeden Fall zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Armenvierteln von Lissabon. Damit erfüllt der Fado bis heute die gleiche Funktion wie der Blues der Schwarzen in den USA.
Amàlia war eines von zehn Kindern, die Armut und Leid von Kindesbeinen an erlebten. Sie arbeitete schon in jungen Jahren mit, um die Familie durchzubringen. Und früh schon sang sie vor Publikum. Ihre Karriere begann Ende der 1930er-Jahre. Mit ihrer berührenden Stimme machte sie den Fado gesellschaftsfähig und weltbekannt. Er blieb die identitätsstiftende Musik von Portugal.
Der internationale Durchbruch gelang Amàlia mit dem Lied «Coimbra», das als «Avril au Portugal» ab den 1950er-Jahren weltweit gehört wurde. Der Aufstieg von Königin Amàlia Rodrigues war nicht mehr aufzuhalten. Die Armeleutemusik wurde zur grossen Kunst. Nach der Nelkenrevolution 1974 wurde die Künstlerin beschuldigt, sich vom faschistischen Regime von Diktator Salazar instrumentiert gelassen zu haben. Damit galt sie als Symbol suspekt.
Doch sie wollte und konnte schliesslich handfest belegen, dass Politik sie nicht interessiert – jedoch die Menschen Portugals. Sie wurde im demokratischen Portugal später rehabilitiert und erhielt den höchsten Orden des Landes. Als sie 1999 starb, wurde eine dreitägige Staatstrauer verordnet. 2011 wurde der Fado von der Unesco in die Kategorie «immaterielles Welterbe» aufgenommen und als besonders schützenswert deklariert.
Um die Musik, die der Welt von Amàlia Rodrigues vererbt wurde, muss man sich nicht sorgen. Wer nach Portugal fährt, wer die Hauptstadt Lissabon besucht, der kommt am Fado nicht vorbei. Die portugiesische Schicksalsmusik hat nichts von der Kraft verloren. Noch zu Lebzeiten Amàlias übernahmen andere grosse Fado-Sängerinnen und drückten dem Fado neue Stempel auf.
Die traditionelle Form wird in der Regel von der klassischen portugisischen Gitarre begleitet. Ab den 1990er-Jahren begannen Fadistas wie Misia mit neuen Instrumenten und zeitgenössischen Texten. Heute besteht eine neue Generation. Es ist grösstenteils die Musik der Frauen – mit ganz wenigen Ausnahmen – geblieben. Sie sehen sich als «Jüngerinnen von Amàlia Rodrigues» und tragen Portugals Musik weit in die Welt hinaus.
Die neuen Fadistas
Misia hat schon in den 1990er-Jahren den Fado entscheidend erweitert und mit aktuellen Texten und neuen Instrumenten gesungen.
Mariza wurde in Moçambique geboren. Sie sang zuerst Brasilianisch und Jazz, bevor sie in Portugal den Fado entdeckte.