Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03495.jsonl.gz/15

Sein Talent und sein Erfolg sind schwer zu fassen. Die Stimme ist weder besonders markant, noch hat sie viel Power drin. Er hat nicht den Swing eines Frank Sinatras. Nicht das Timbre eines Bing Crosby. Und doch war Tony Bennett eine Wucht. Wie geht das nur?
Bennett ist das Chamäleon. Im «New Yorker» beschreibt ein Journalist das Phänomen sehr schön: «Er kann ein Knaller sein, der die krassesten Fortissimos trifft. Er bringt die Balladen so intensiv und doch persönlich wie ein Frank Sinatra. Er kann der beschwingte Jazzsänger sein. Er kann der Hintergrundsänger im Club sein. Tony Bennett hat alle stimmlichen Persönlichkeiten.»
Darin lag wohl der Erfolg Bennetts. Es ging ums Stück, um den Song, ums Publikum. Er stand nicht im Mittelpunkt. Oder um es mit Frank Sinatra zu sagen, den Tony Bennett als seinen Mentor und Freund bezeichnete: «Meiner Meinung nach ist Tony Bennett der beste Sänger in der Branche. Er berührt mich. Er ist der Sänger, der das herüberbringt, was der Komponist im Sinn hat. Und wahrscheinlich noch ein bisschen mehr.»
«Eigentlich müsste er unertäglich sein»
Niemand fand einen negativen Punkt an Bennett. Er war fast schon zu perfekt. Der «Guardian» schrieb einmal: «Bennett ist unverschämt. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, nennt er Promis, verweist auf seine wohltätigen Aktivitäten und ist unglaublich selbstgefällig. Es ist fast schon unanständig. Eigentlich müsste er unerträglich sein. Aber er ist der netteste, bescheidenste Mensch, dem man je begegnet ist.»
Nur einmal wurde Tony Bennett richtig kritisiert. Nach den Todesfällen von Michael Jackson, Amy Winehouse und Whitney Houston sprach er sich lautstark für eine Legalisierung von Drogen aus.
Dabei war Bennett – auch wenn es seine leichte Musik nicht offensichtlich macht – immer unglaublich politisch. Er nahm 1965 am Selma-to-Montgomer Menschenrechtsmarsch teil. Zusammen mit Harry Belafonte und Sammy Davis Jr. trat er beim «Stars for Freedom» auf, danach sprach Martin Luther King. Nach dem Auftritt wurde Bennett von Viola Liuzzo zum Flughafen gefahren, am selben Tag wurde sie vom Ku-Klux-Klan ermordet.
Bennett trat für Nelson Mandela, für John F. Kennedy, Bill Clinton und für Queen Elizabeth II. an ihrem 50. Thronjubiläum auf.
Einsatz im Zweiten Weltkrieg
Der Weg zum erfolgreichen Sänger war für Bennett kein einfacher. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in New York, schlug sich Anthony Dominick Benedetto – wie er mit bürgerlichem Namen hiess – mit Gelegenheitsjobs durch.
Er arbeitete für eine Nachrichtenagentur, in einer Wäscherei, als Liftboy und als singender Kellner. Als er endlich einen anständigen Lohn für seine Auftritte bekam, damals noch unter dem Pseudonym Joe Bari, musste er ins Militär.
Er kam gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa an und kämpfte an der Front in Deutschland. Eine Erfahrung, die er als «den ersten Sitz in der Hölle» nannte. Bennett war in der Truppe, welche die Gefangenen aus dem Konzentrationslager Landsberg befreite.
Nach dem Ende des Kriegs blieb Bennett bei den Besatzungstruppen in Deutschland. Er sang in verschiedenen Armeebands und trat unter anderem auch in einer Aufführung des Musicals «On the Town» unter der Regie von Arthur Penn in Wiesbaden auf, der Regisseur, der später mit «Bonnie and Clyde» Erfolge feierte.
Von Null zur Nummer 1
Bennett kehrte 1946 nach New York zurück. Er trat in Nachclubs auf und wurde rasch als Talent entdeckt. Eines Abends sah ihn Bob Hope, der ihn sofort für seine Show buchte. Allerdings hatte er keine Freude am Namen Joe Bari und schrieb ihn als Tony Bennett aufs Plakat.
1950 war es so weit: Bennett veröffentliche seine erste Single «Boulevard of Broken Dreams». Unter dem Label von Columbia konnte er mehrere Erfolge feiern, so wurde «Because of You» 1951 sein erster Hit und landete damit auf Platz eins der Charts.
Einer seiner bekanntesten Songs wurde jedoch «I Left My Heart in San Francisco». Er bekam dafür seine ersten beiden Grammys (viele weitere folgten). Bis zu seinem Tod gab es kaum ein Konzert, an dem er den Song nicht spielte. Gefragt, ob er es nicht leid wurde, dieses Stück zu singen, antwortete er in seiner Autobiografie: «Im Ernst: Wird dir Sex jemals langweilig?»
Drogen und eigenes Label
Tony Bennett musste aber auch dunkle Zeiten durchstehen. In den 1960er-Jahren wurde der klassische Swing- und Jazzsound vom Rock'n'Roll abgelöst. Bennett wurde von seinem Label gezwungen, eigene Versionen von verschiedenen Beatles-Hits und anderen Songs einzuspielen. «Eine Platte, bei der mir das Kotzen kommt», sagte Bennett später darüber.
Seinen Plattenvertrag löste er darauf auf. Er gründete sein eigenes Label, das aber bald einmal Konkurs ging. Bennett war am Abgrund. Er begann exzessiv, Kokain und Marihuana zu konsumieren. 1979 soll er sogar fast gestorben sein. «Ein goldenes Licht hüllte mich in einen warmen Schein. Es war ganz friedlich; ich hatte sogar das Gefühl, dass ich mich auf eine sehr schöne Reise begeben würde. Doch plötzlich wurde ich aus dieser Vision herausgerissen», schreibt er in seiner Biografie.
Tony Bennett krempelte dann sein Leben um. Danny Bennet, sein ältester Sohn aus erster Ehe, übernahm sein Management und überzeugte ihn, sich auf die Standard-Songs zu konzentrieren. Die Strategie ging auf.
Bennett wurde plötzlich wieder hip. 1993 präsentierte er die MTV Video Music Awards zusammen mit den Red Hot Chili Peppers. Im Jahr darauf kam seine MTV-Unplugget-Scheibe raus – ein weiterer Grammy folgte.
Von Erfolg zu Erfolg
2006 veröffentlichte Tony Bennett ein Album, das nicht nur seine ganze Bandbreite zeigte, sondern auch, dass er keine Berührungsängste mit anderen Genres hat: Auf «Duets: An American Classic» waren Celine Dion, Barbra Streisand, Stevie Wonder oder Sting vertreten. Auf dem zweiten Teil kamen Aretha Franklin, Queen Latifah, Willie Nelson und Amy Winehouse in die Kränze.
Einen weiteren Höhenflug erlebte Bennett mit Lady Gaga. Zusammen veröffentlichten sie zwei Alben, holten mehrere Preise ab und spielten zusammen Shows.
Tony Bennett heiratete 2007 ein drittes Mal, die rund 40 Jahre jüngere Susan Crow, die er bereits seit den 1980er-Jahren kannte. Zusammen engagierten sie sich in mehreren wohltätigen Organisationen.
2016 wurde bei Bennett Alzheimer diagnostiziert. Öffentlich machte er die Krankheit erst 2021 – und ging weiter auf Tour.
Tony Bennett hat eine unglaubliche Karriere hingelegt. Über 150 Alben, über 60 Millionen verkaufte Tonträger, 20 Grammys, ungezählte weitere Auszeichnungen. Mit dem Tod Bennetts ist einer der grössten Sänger des 20. Jahrhunderts von uns gegangen.
Du willst keine News mehr verpassen? Hol dir jetzt die Today-App: