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SRF News: Wie gross sind die Chancen, dass es 2026 tatsächlich Olympische Winterspiele in Sion gibt?
Martin Müller: Ich bin da eher skeptisch. Alle Volksentscheide zu Olympischen Spiele in westlichen Ländern waren in den letzten Jahren negativ – egal ob Sommerspiele oder Winterspiele. Skeptisch macht mich zudem das Finanzierungskonzept: Die Kosten für Winterspiele in der Schweiz wurden meiner Meinung nach deutlich unterschätzt.
Waren die Kosten bisher immer höher?
Im Moment ist im Schweizer Konzept von zwei Milliarden Franken die Rede. Wenn man die Winterspiele der letzten 20 Jahre anschaut, wäre das sensationell günstig. Vancouver 2010 ist ein gutes Referenzbeispiel, es hat zwischen sechs und sieben Milliarden gekostet. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Kosten in Sion so tief gehalten werden können.
Jürg Stahl, der Präsident von Swiss Olympic sagte, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich in dieser Frage bewegt habe. Man wisse beim IOC inzwischen, dass Spiele nur noch in einem «vernünftigen und akzeptablen Rahmen durchgeführt» werden können. Würden Sie dem zustimmen?
Nein. Wenn man das IOC anschaut, gibt es seit langem Reformbestrebungen, sie haben bereits in den 90er Jahren angefangen. Man hat damals schon gesehen, dass die Grösse der Spiele aus dem Rahmen läuft. Vor kurzem hat man die Agenda 2020 verabschiedet. Sie verspricht ein paar Schritte, die sind aber eher kosmetischer Art. Wenn man schaut, was passiert ist, klaffen Rhetorik und Entwicklung weit auseinander. Das IOC hat es nicht geschafft, die Spiele kleiner zu halten oder kleiner zu machen. Deswegen sehe ich nicht, dass tatsächlich etwas passiert.
Woran sieht man das?
Die Austragungsorte für Olympische Spiele sind etwa Sotschi 2014, Rio 2016 oder auch Peking 2022. Sie alle hatten keine Konzepte, die Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen.
Die Sportelite verspricht Dinge, die das Volk nicht glauben will.
Was müsste passieren, dass Reformen beim IOC greifen?
Man hat gesehen, dass das IOC selbst nicht fähig ist, die Reformen umzusetzen. Meiner Ansicht nach müssten sich Länder und Städte, die die Spiele ausrichten, zusammenschliessen und die Bedingungen neu verhandeln. Sie leiden ja auch darunter. Die erfolgreichsten Spiele der letzten Jahre waren die Sommerspiele von Los Angeles 1984. Sie waren so erfolgreich, weil Los Angeles der einzige Bewerber war und deshalb besonders gute Bedingungen mit dem IOC aushandeln konnte. Letztendlich müsste etwas Ähnliches wieder passieren, damit sich etwas Fundamentales ändert.
Wenn es das Ziel ist, Touristen anzuziehen, muss man nicht unbedingt Olympische Spiele ausrichten, sondern kann das viel günstiger mit konkreten Massnahmen erzielen.
Die Walliser Bevölkerung ist misstrauisch gegenüber der Spiele. Woher kommt das?
Ich denke, man hat im Volk sehr gut gesehen, dass das IOC sehr lange Dinge versprochen hat, die es nicht halten konnte. Das ist ein generelles Problem des IOC. Die Rhetorik steht auf der einen Seite, was umgesetzt wird auf der anderen. Bei den letzten Volksentscheiden in verschiedenen europäischen Ländern konnte man gut beobachten, dass die Sportelite Dinge verspricht, die das Volk nicht glauben will. Volksentscheide sind eine wichtige Korrektur, um solche Dinge auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Den positiven Effekt auf den Tourismus, den die Olympischen Spiele ausüben, kann man aber auch nicht ganz weg reden.
Natürlich gibt es Effekte. Wenn man mehrere Milliarden Schweizerfranken investieren würde und gar keinen Effekt erzielen würde, wäre das schon sehr seltsam. Wenn es das Ziel ist, Touristen anzuziehen, muss man nicht unbedingt Olympische Spiele ausrichten, sondern kann das viel günstiger mit konkreten Massnahmen erzielen – beispielsweise mit einer Werbekampagne oder einem Investitionsprogramm in die Tourismus-Infrastruktur. Es wird oft versprochen, dass die Olympischen Spiele alles Mögliche sind. Wirtschaftskonjunkturprogramm, Werbekampagne und so weiter. Man muss sich aber eingestehen, dass sie vor allem eines sind: ein grosses Fest für den internationalen Sport. Wenn man andere Ziele erreichen will, investiert man besser in Anderes.
Das Gespräch führte Salvador Atasoy.
Martin Müller
Martin Müller ist Professor für Humangeographie und Experte für Sport-Grossanlässe.