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Als junge Frau hat die als Jenische geborene Schriftstellerin Mariella Mehr in Bern gelebt. Ihren Sohn gebar sie 1966 – unverheiratet – in der Strafanstalt Hindelbank, interniert «wegen sittlicher Verwahrlosung und Arbeitsscheu». Ihr erster Roman – «Steinzeit» – erschien 1981 im Zytglogge-Verlag in Gümligen. Später zog sie nach Malix in den Kanton Graubünden. Und als sie am 27. November 1998 von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel zur «Ehrendoktorin phil. I» ernannt wurde, wohnte sie mit ihrem Lebenspartner bereits in Lucignano südlich von Arezzo. Sie war ins Exil gegangen, nachdem man sie im Mai 1997 in Chur zusammengeschlagen und kurz darauf in der Nähe von Zürich aus einem langsam fahrenden Zug geworfen hatte.
In der Martinskirche in Basel hat man ihr ein gutes Jahr später den Dr. h. c. verliehen, weil sie
• «mit eindrücklichem persönlichem Engagement für die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus eintritt»;
• «in ihren Werken immer wieder Formen der Gewalt thematisiert und damit auch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit deren Voraussetzungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen anregt»;
• «mit ihren Recherchen und Dokumentationen eine wichtige Grundlage für die umfassende wissenschaftliche Erforschung der Tätigkeit des ‘Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse’, seiner ‘rassenhygienischen’ Theorien sowie der Politik gegenüber den Jenischen in der Schweiz geschaffen hat».
Rassismus mit pseudowissenschaftlichem Anstrich
Bedankt hat sich Mehr am Abend vor der offiziellen Würdigung mit einer Rede vor Studierenden, Dozierenden und Interessierten im «Übungsraum 1» des «Historischen Seminars» der Universität Basel. Unter dem Titel «Von Mäusen und Menschen» stellte sich die Schriftstellerin – eine eigene psychiatrische Akte aus dem Jahr 1964 zitierend – als «verstimmbare, haltlose, geltungsbedürftige und moralisch schwachsinnige Psychopathin mit neurotischen Zügen» vor, die an «einem starken Hang zur Selbstüberschätzung» leide, «was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist». Diese Rede – samt dem damals abschliessend vorgelesenen Brief an ihre Mutter Maria Emma Mehr – kann nun nachgelesen werden in einem kürzlich im Limmat Verlag erschienenen Buch.
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Mariella Mehr hat ihre Geschichte – zu der neben sehr vielem anderen eine Elektroschock-«Therapie» an der Sechsjährigen wegen «angeborener Schizophrenie» gehört – vor allem literarisch, in einer Reihe von Romanen und Gedichtbänden, verarbeitet. Scharf, polemisch und provozierend gesprochen hat sie vor allem als Journalistin. Diese Sprache spricht sie auch in der Basler Rede, in der sie sich insbesondere zwei akademisch gefederte Zünfte vornimmt: die historische und die medizinisch-psychiatrische. Nachdem sie ihnen die menschenverachtende, ab und zu menschenvernichtende Wirkung fürsorgerischer und psychiatrischer Akten drastisch vor Augen geführt hat, sagt sie: «Ich meine deshalb, dass diese Akten, wenn nicht den Betroffenen ausgehändigt […], dann wenigstens vernichtet werden müssen.» Sie seien nichts als «Rassismus» mit «pseudowissenschaftlichem Anstrich», der seinerzeit den Vertreter*innen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen «das Recht eingeräumt» habe, «gemäss den Richtlinien des NS-Systems Tausende von Jenischen zu menschlichen Krüppeln zu machen».
Akten vernichten – «goot’s no?» – Das war am 26. November 1998 an der Uni Basel nach Mehrs Rede das zentrale Thema der Diskussion mit dem Publikum (wie der Schreibende bezeugen kann). Tatsächlich: Wie soll man später ohne Akten den Tätern noch auf die Spur kommen? Andererseits: Wem nützen Aktenbestände mit unbestreitbar schwerst diskriminierenden Inhalten vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Geschichte grundsätzlich von den Siegern geschrieben wird – auch in der Schweiz?
Ich wünsche dir einen langen Tod
Allerdings hat Mehr den Brief an ihre Mutter, den sie in Basel vorlas, nur dank Akten schreiben können, deren Einsicht sie nach langem Kampf erreicht hat. Die Mutter wurde nach der Geburt ihrer Tochter 1947 in einer psychiatrischen Anstalt «dauerversorgt»: «Deine Hilferufe aus Arbeitshäusern und Irrenanstalten, Deine Flüche, Dein Bitten und Winseln, Deine Verzweiflung und nutzlosen Selbstbeschuldigungen, sie liegen jetzt in Briefen vor mir, die mich damals, als Du sie schriebst, nie erreichten.» Mehr hat ihren Brief an die Mutter mit den Worten beschlossen: «Ich wünsche Dir Glück, Frieden und einen langen Tod. Nur Lebende müssen sich erinnern.»
Es hat sehr viele verschiedene fürsorgerische Zwangsmassnahmen gegeben: Wie der Schriftsteller C. A. Loosli insbesondere die selbst erlebten Massnahmen thematisierte («Anstaltsleben», 1924; «Administrativjustiz», 1939), so widmete sich die Journalistin Mehr immer wieder der radikalen Psychiatriekritik – auch in der Basler Rede. Dass mit Thomas Emmenegger ein Psychiater – ein kritischer Psychiater – das Nachwort verfasst hat, ist deshalb sinnvoll. Nach dem Studium hat Emmenegger in Triest bei Franco Basaglia – der zentralen Figur der italienischen Antipsychiatrie-Bewegung – gelernt. Er schreibt, als «gutgläubiger» Medizinstudent habe er zuvor auch dank Mariella Mehrs frühen Schriften eine Ahnung bekommen davon, «dass sich hinter den Institutionsfassaden von Fürsorgeeinrichtungen und psychiatrischen Kliniken Abgründe auftun».
Vielen in diesem Punkt die Augen geöffnet zu haben, ist eines der bleibenden Verdienste von Mariella Mehr. So hätte das vorliegende Buch ein Dank an sie werden sollen – heute, am 27. Dezember 2022, zu ihrem 75sten Geburtstag.