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Die wahre Kunst ist immer da, wo man sie nicht erwartet.» Das sagte einer, der heute als einer der einflussreichsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt: der französische Maler, Bildhauer und Aktionskünstler Jean Dubuffet (1901–1985). In den 1940er-Jahren prägte er den Begriff der Art brut, der Aussenseiter-Kunst, indem er den Fokus auf Werke von Menschen richtete, die ohne künstlerische Ausbildung und ausserhalb des offiziellen Kunstbetriebs tätig waren. Er interessierte sich für Arbeiten von psychisch Kranken, Gefängnisinsassen und Randständigen, aber auch für Kinderzeichnungen und Volkskunst. Dubuffet sammelte solche Werke, liess sich davon für sein eigenes Schaffen inspirieren und beeinflusste damit wiederum viele andere Künstler der Gegenwart, von David Hockney bis zu Keith Haring.
Dubuffet und die Schweiz
Die Fondation Beyeler in Riehen hat nun ihr Ausstellungsjahr 2016 eröffnet mit «der ersten Retrospektive im 21. Jahrhundert, die dem facettenreichen und fantasievollen Werk von Jean Dubuffet gewidmet ist». Dass diese grosse Werkschau mit über hundert Arbeiten aus vier Jahrzehnten in der Fondation Beyeler stattfindet, ist kein Zufall: Dubuffet gehört zu den am besten vertretenen Künstlern in der Beyeler-Sammlung. Sammler und Stiftungsgründer Ernst Beyeler hatte Dubuffet bereits Ende der 1950er-Jahre kennengelernt und danach während vieler Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet.
Überhaupt spielte die Schweiz eine entscheidende Rolle im Werdegang Dubuffets: 1942, im Alter von 41 Jahren, entschied dieser sich, seine Arbeit als selbstständiger Weinhändler aufzugeben und sich ganz der Kunst zu widmen. Fasziniert von der Bildsprache künstlerischer Aussenseiter, kam er 1945 in die Schweiz und besuchte mehrere psychiatrische Kliniken in Bern und in Genf. Hier entdeckte er die ausdrucksstarken Werke verschiedener Patienten und prägte für diese den Begriff der Art brut. Viele Werke, die Dubuffet auf seiner Schweiz-Reise auffielen, fanden schliesslich Eingang in seine legendäre Art-brut-Sammlung. 1971 schenkte Dubuffet diese der Stadt Lausanne, die sie 1976 als Collection de l’Art Brut öffentlich zugänglich machte (siehe Kasten).
Selten gezeigte Werke
Obwohl Jean Dubuffet sich erst in seiner zweiten Lebenshälfte hauptberuflich der Kunst widmete, hinterliess er ein immenses Werk aus rund 10 000 Gemälden, Drucken und Skulpturen. Unter den hundert Werken, die jetzt in Riehen zu entdecken sind, befinden sich nicht nur Objekte aus der hauseigenen Sammlung, sondern auch zahlreiche Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen. Unter den Leihgebern finden sich etwa das MoMA in New York, die National Gallery in Washington, das Centre Pompidou in Paris oder das Moderna Museet in Stockholm. Viele der ausgestellten Werke waren noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zu sehen.
Die Ausstellung umfasst Werke aus allen Schaffensphasen Dubuffets. Unter dem Titel «Metamorphosen der Landschaft» fokussiert sie auf ein Leitmotiv, das sich durch das ganze Werk des Künstlers zieht. «Alles ist Landschaft», soll Dubuffet stets gesagt haben, und die Riehener Schau macht deutlich, wie radikal er das gemeint hat. Alles konnte sich bei Dubuffet in Landschaft verwandeln: Gesichter wie in der Serie «Plus beaux qu’ils croient», Körper wie in den «Corps de dames» oder Objekte wie die «Tables paysagées». Landschaften seien bei Dubuffet keine getreuen Wiedergaben der Wirklichkeit, sondern eine Übersetzung von mentalen Bildern, schreibt die Fondation Beyeler. Oder wie Dubuffet selber es formulierte: «In meinen Arbeiten ging es mir immer darum, darzustellen, woraus unser Denken besteht. Nicht die objektive Welt darzustellen, sondern das, wozu sie im Denken wird.»
Fondation Beyeler, Riehen. Bis zum 8. Mai. Täglich 10 bis 18 Uhr, Mi. 10 bis 20 Uhr. www.fondationbeyeler.ch.
Schon die frühen Werke Dubuffets erinnern in ihrer Aufteilung an Erdschichten: «Bocal à vache» (1943). Bild Privatsammlung, zvgEin frühes Schlüsselwerk, das lange als verschollen galt: «Gardes du corps» (1943). Bild Saint Honoré Art Consulting Paris/Blondeau & Cie Genf, zvgDie letzten zehn Schaffensjahre Dubuffets zeichneten sich durch eine intensive Produktivität und eine grosse Vielfalt aus: «Mêle moments» (links, 1976) und «Le circulus II» (rechts, 1984). Bilder Pace Gallery (l.) und Fondation Dubuffet Paris (r.), zvg
Jubiläum: Vierzig Jahre Collection de l’ Art Brut in Lausanne
V or fast genau vierzig Jahren, am 26. Februar 1976, wurde in Lausanne die Collection de l’ Art Brut eröffnet. In dem neuen Museum machte die Stadt die Sammlung Jean Dubuffets zugänglich, welche dieser ihr fünf Jahre zuvor geschenkt hatte. Zu der Schenkung kam es dank der Vermittlung durch Michel Thévoz, Konservator am Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne und von 1976 bis 2001 erster Direktor der Collection de l’ Art Brut.
Die Collection feiert das Jubiläum ab März mit einer Ausstellung, die an ihre eigenen Ursprünge erinnert: Sie zeigt über 150 Werke aus ihrem eigenen Bestand, die Dubuffet selbst 1949 für eine Ausstellung in der Galerie René Drouin in Paris ausgewählt hatte. Erst aus der zeitlichen Distanz seien die Kühnheit und die Tragweite dieser Ausstellung zu ermessen, schreibt die Collection: «Im Jahr 1949 Arbeiten als Kunst zu bezeichnen, die von Autodidakten ausserhalb der üblichen Kunstszene geschaffen wurden, stellte den Begriff der Kunst und das, was er damals bedeutete, infrage.» cs
Die Ausstellung «L’Art Brut de Jean Dubuffet – Aux origines de la collection» ist vom 5. März bis zum 28. August in der Collection de l’ Art Brut in Lausanne zu sehen. www.artbrut.ch.