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Nach Vorwürfen wegen eines sexuellen Übergriffs durch einen Spitzenpolitiker in China ist Tennisstar Peng Shuai verschwunden. Die globale Tenniswelt ist zutiefst besorgt – und fordert Aufklärung.
Der Ruf «Wo ist Peng Shuai?» erschüttert die Tenniswelt – und sorgt auch ausserhalb von China für Aufsehen. In den zwei Wochen seit den Vorwürfen der 35-Jährigen wegen eines angeblichen sexuellen Übergriffs durch einen chinesischen Spitzenpolitiker ist die frühere Wimbledon- und French-Open-Doppelsiegerin nicht mehr gesehen worden. Sie gilt als verschwunden. Die Tennis-Vereinigungen sind zutiefst besorgt um ihr Schicksal, genauso ihre Tenniskollegen und -kolleginnen wie Naomi Osaka oder Chris Evert. Alle fordern volle und faire Aufklärung.
«Ich stehe unter Schock über die gegenwärtige Lage und sende Liebe und Licht in ihre Richtung», schrieb Japans Star Osaka am Mittwoch auf Twitter. Sie kritisierte Chinas Zensur, die jede Debatte über den Fall im Internet und in sozialen Medien verhindert. «Ich hoffe, dass Peng Shuai und ihre Familie sicher sind und es ihnen gut geht.» Die einstige Weltranglistenerste Evert nannte die Anschuldigungen «sehr verstörend». «Wir sollten alle besorgt sein», schrieb die Amerikanerin, die Peng Shuai kennt, seit sie 14 Jahre alt war, auf Twitter. «Das ist ernst. Wo ist sie? Ist sie sicher?»
Erst am Sonntag hatte die internationale Damentennis-Organisation WTA Aufklärung gefordert. Man verfolge die jüngsten Ereignisse in China mit grosser Sorge, wurde WTA-Chef Steve Simon zitiert. «Peng Shuai und alle Frauen verdienen es, angehört und nicht zensiert zu werden.» Die Vorwürfe «einschliesslich sexueller Nötigung» müssten mit höchster Ernsthaftigkeit behandelt werden. Ein solches Verhalten müsse in allen Gesellschaften «untersucht, nicht stillschweigend geduldet oder ignoriert» werden. «Frauen in aller Welt finden, dass ihre Stimmen gehört werden, sodass Ungerechtigkeiten korrigiert werden können.»
Für die WTA ist China ein wichtiges Geschäftsfeld. Eine ganze Reihe Turniere werden dort ausgetragen, wenn nicht gerade Corona-Pandemie herrscht. Normalerweise wäre auch das Saisonfinale bis zu diesem Mittwoch in Shenzhen gewesen, es wurde aber nach Mexiko verlegt. Für die grössere Sportwelt ist die Causa um Peng Shuai brisant, weil am 4. Februar in Peking die Olympischen Winterspiele beginnen.
Eine E-Mail sorgt für noch mehr Verwirrung
Eine angebliche E-Mail von Peng Shuai hat bei der WTA erhebliche Zweifel geweckt und die Besorgnis um die 35-Jährige noch vergrössert. Chinas staatliches Auslandsfernsehen CGTN veröffentlichte in der Nacht zum Donnerstag auf Twitter eine E-Mail, die der Tennisstar selbst geschrieben haben und an den WTA-Chef Simon geschickt haben soll. Die Berichte über sie, «einschliesslich des Vorwurfs der sexuellen Nötigung», seien «nicht wahr», hiess es darin. Ihr gehe es gut.
«Es fällt mir schwer zu glauben, dass Peng Shuai diese E-Mail, die wir bekommen haben, tatsächlich geschrieben hat», reagierte Simon. Die WTA und der Rest der Welt brauchten einen «unabhängigen und nachprüfbaren Beweis», dass die Spielerin in Sicherheit sei. Die Veröffentlichung durch chinesische Staatsmedien vergrössere seine Bedenken bezüglich ihrer Sicherheit und ihres Aufenthaltsorts. «Es muss Peng Shuai erlaubt werden, frei zu sprechen, ohne Zwang oder Einschüchterung jeglicher Herkunft.» Er habe selbst wiederholt über verschiedene Wege «vergeblich» versucht, den Tennisstar zu erreichen.
Vorwürfe an mächtigen Politiker
Peng Shuais Beitrag im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo war nur eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung wieder gelöscht worden. Darin hatte sie offenbart, über einen Zeitraum von zehn Jahren mit Unterbrechungen eine Beziehung mit dem verheirateten früheren Vizepremier Zhang Gaoli eingegangen zu sein. In dem Beitrag ist von Liebe und Zuneigung die Rede, aber auch von einem ungewollten sexuellen Übergriff – ohne dass aber Beweise für die Anschuldigung vorgelegt werden könnten, wie es darin hiess. Die Echtheit des Postings über ihr Weibo-Konto konnte nicht verifiziert werden.
Die Nachricht schlug in China mächtig ein. Die Zensur ging auf Hochtouren, denn der 75-jährige Zhang Gaoli war einer der mächtigsten Politiker Chinas. Er war von 2013 bis 2018 Vizepremier – und von 2012 bis 2017 sogar Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros, des höchsten Machtgremiums der Kommunistischen Partei. Es ist der erste Fall, in dem ein prominenter Politiker ins Kreuzfeuer gerät, seit die #MeToo-Bewegung 2018 auch in China Einzug gehalten hat. Seitdem waren unter anderem in der Wissenschaft, im Journalismus und in der Geschäftswelt einige wenige Fälle ans Licht geraten.
Es ist nicht selten, dass unbequeme Stimmen in China «verschwunden werden», wie es umschrieben wird. Doch geschieht das meist Bürgerrechtlern oder anderen Kritikern des politischen Systems. Das Vorgehen der Zensur steht auch im krassen Gegensatz zur Behandlung von jüngsten Vorwürfen gegen den chinesisch-kanadischen Pop-Sänger und Schauspieler Kris Wu. Der 30-Jährige wurde im August wegen des Verdachts der Vergewaltigung festgenommen, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe laut geworden waren. Staatsmedien wiederholten die Anschuldigungen gegen Wu, der zu den erfolgreichsten und bestbezahlten Prominenten in China zählt. Die Kritik passte allerdings auch gerade in eine Kampagne der Kommunistischen Partei gegen moralische Entartung von Showstars.
Djokovic: «Es ist schockierend»
Heute ist das Weibo-Konto von Peng Shuai nicht mehr verfügbar. Auch kann im chinesischen Internet weder nach ihrem Namen noch nach #MeToo gesucht werden. Die letzten Nachrichten, die trotzdem über den Tennisstar zu finden sind, stammen von 2016. Die Hongkonger Zeitung «South China Morning Post» zitiert jemanden, der früher für ihr Team gearbeitet habe, dass Peng Shuai nicht kontaktiert werden könne.
Peng Shuai zählte über Jahre zu den besten Doppelspielerinnen der Welt. 23 Turniersiege hat sie gefeiert, darunter sind die Titel in Wimbledon 2013 und bei den French Open 2014. Seit Ende Februar des vergangenen Jahres hat sie nicht mehr auf der Tour gespielt.
Auch die Profiorganisation der Männer, die ATP, zeigte sich «tief besorgt». In einer Mitteilung vom ATP-Vorsitzenden Andrea Gaudenzi hiess es dann aber auch vage: «Wir sind ermutigt über jüngste Versicherungen, die die WTA erhalten hat, dass sie sicher und ihr Verbleib geklärt ist – und werden die Lage weiter eng beobachten.» Vonseiten der WTA gab es hingegen keine Aussage dazu, wo Peng Shuai angeblich verblieben sein soll. «Es ist schockierend, dass sie vermisst wird», sagte Topstar Novak Djokovic.