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Im Zusammenhang mit der Anwendung von Pflanzentinkturen wird immer wieder die Frage gestellt, ob darin nicht ein Risiko liege wegen des Gehalts an Alkohol. So verständlich diese Überlegungen auch sind: Geht man der Sache auf den Grund, sieht sie weniger dramatisch aus.
Alkohol ist in einer Reihe von pflanzlichen Arzneimitteln enthalten, um Wirkstoffe zu lösen, die schlecht oder gar nicht wasserlöslich sind. Alkohol (=Ethanol) ist zudem ein natürliches Konservierungsmittel, das die Haltbarkeit eines Arzneimittels auch nach dem Anbruch der Flasche gewährleistet. Durch den Einsatz von Alkohol können künstliche Konservierungsmittel und andere Lösungsmittel vermieden werden, die unter Umständen Allergien oder andere unerwünschte Nebenwirkungen auslösen.
Alkohol tritt als natürliches Stoffwechselprodukt auf. Auch ohne Einnahme von Alkohol liegt der Alkoholgehalt des menschlichen Blutes immer bei etwa 0,03 Promille. Die Alkoholmenge, welche man mit einer Einzeldosis eines alkoholischen pflanzlichen Arzneimittels aufnimmt, ist so minim, dass dieser Alkohol innert weniger Minuten im Organismus abgebaut wird. Zu einer Beeinträchtigung des Zentralnervensystems kommt es in diesen Situationen nicht.
Alkohol kommt in vielen Nahrungsmitteln vor
Alkohol ist auch ein natürlicher Bestandteil zahlreicher Nahrungsmittel. So liegt der durchschnittliche Alkoholgehalt von Brot bei 2 – 4 g /kg und von Sauerkraut bei 3 – 6 g / kg. Auch in Fruchtsäften wie beispielsweise Orangensaft sind bis zu 3 g Alkohol pro Liter enthalten, in Traubensäften bis zu 10 g / Liter (diese Zahlen gelten für Deutschland, die Werte für die Schweiz sind mir nicht bekannt).
Auf diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass die Alkoholmenge in einer Einzeldosis Pflanzentinktur von 20 – 25 Tropfen im Organismus nicht ins Gewicht fällt.
Bezüglich der Einnahme von alkoholhaltigen Arzneimitteln durch Kinder lässt sich festhalten:
– Das Alkohol abbauende Enzym, die Alkoholdehydrogenase (ADH), fehlt bei Säuglingen bis zum 8. Lebensmonat. Darum ist anzuraten, bei Säuglingen unter 8 Monaten keine alkoholhaltigen Arzneimittel anzuwenden.
– Die Verstoffwechselung des Alkohols geschieht unmittelbar nach der Einnahme, wobei bei Kindern unter 7 Jahren ein schnellerer Abbau erfolgt als bei Erwachsenen. Kinder bauen etwa 0,3 Promille pro Stunde ab. Das sind 0,2 – 0,3 g / kg in einer Stunde. Verglichen mit Erwachsenen ist das die doppelte Abbaugeschwindigkeit. Bei der Einnahme von beispielsweise 3 mal 10 Tropfen einer Pflanzentinktur mit 50 Vol. % Alkohol wird dieser bei einem 15 kg schweren Kind in etwa fünf Minuten, bei einem 30 kg schweren Kind in rund zwei Minuten abgebaut.
– Verabreicht man einem Kind mit etwa 5 kg Körpergewicht 20 Tropfen einer Pflanzentinktur mit 45 Vol. % Alkohol, so entspricht dies rund 0,40 g Alkohol. Daraus ergibt sich eine maximale Blutalkoholkonzentration von 0,08 Promille, was mit Sicherheit keine Gefahr darstellt. Auch bei einer 10-fach höheren Dosis, die natürlich nicht empfehlenswert ist, und bei der etwa 0,8 Promille erreicht werden können, wäre noch nicht mit ernsthaften Vergiftungssymptomen zu rechnen, allenfalls mit ersten motorischen Störungen. Die tödliche Dosis von Alkohol beträgt 1,5 – 3 g pro Kilogramm Körpergewicht.
– Eine retrospektive (rückblickende) Untersuchung bei Hamburger Kindern im Verlauf von 15 Jahren beschreibt keinen einzigen Fall von Alkoholvergiftung mit einem alkoholhaltigen pflanzlichen Arzneimittel.
Diese Angaben stammen aus dem Standardwerk „Leitfaden Phytotherapie“ von Schilcher / Kammerer / Wegener. Die Autoren schreiben abschliessend:
«So wie wohl niemand den Genuss von Obstsäften als bedenklich bezeichnet, bewerten wir die Alkoholaufnahme mit ethanolhaltigen Phytopharmaka in der jeweils angegebenen Dosierung als nicht bedenklich. Die Alkoholaufnahme ist hinsichtlich der Menge ohne Relevanz. Schädliche Auswirkungen auf den Organismus sind selbst bei kritischer Betrachtungsweise nicht zu erwarten, das gilt auch für die Anwendung bei Kindern.»
Kommentar & Ergänzung:
Das Hauptproblem von Pflanzentinkturen liegt nicht in ihrem Alkoholgehalt, sondern im gegenüber Kräutertees und Pflanzenextrakten in der Regel deutlich geringeren Wirkstoffgehalt. Das widerspricht der gängigen Ansicht.
Siehe dazu:
Die Wahl der jeweils am besten geeigneten Arzneiform ist in der Phytotherapie von grosser Bedeutung.
Siehe dazu: