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16.08.2013 bis 31.08.2013
Von Einheimischen hatten wir erfahren, dass die Nordroute dieses Jahr besonders schwer befahrbar sei. Nach einem regenreichen Sommer war der Wasserpegel der Flüsse höher als in anderen Jahren. Daher entschieden wir uns für die „mittlere Route“.
Wir fuhren auf guten Kiesstrassen durch den Aimag Bayan – Ölgii, der westlichsten Provinz der Mongolei (Aimags sind die Verwaltungseinheiten der Mongolei). Dieser Aimag ist etwas grösser als die Schweiz, hat aber gerade mal 10’000 Einwohner. Hier leben viele kasachisch-stämmige Mongolen, die vorherrschende Religion ist der Islam. In Kasachstan gingen mit der Besetzung durch die Sowjetunion die von Nomadentum geprägten Traditionen weitgehend verloren. Die in der Mongolei wohnhaften Kasachen konnten durch die Isolierung diese Traditionen bis heute aufrechterhalten, weshalb behauptet wird, dass im Westen der Mongolei das authentischste kasachische Kulturgut erlebt werden kann. Dennoch ist ihre Lebensweise derer der buddhistischen Mongolen sehr ähnlich, beispielsweise die Gepflogenheiten beim Betreten und Platznehmen in einer Jurte, einige ihrer Feste, die nomadische Lebensweise sowie die traditionellen Gerichte und Zubereitungen. Frauen, die das Kopftuch als religiöses Symbol tragen, haben wir nur wenige gesehen. In grösseren Ortschaften gab es Moscheen, die jedoch in der Erscheinung sehr viel bescheidener waren als diejenigen in Zentralasien und der Türkei.
Die durchschnittliche Erhebung des Landes liegt bei 1’580 Meter über dem Meeresspiegel, und wir befanden uns bereits auf dieser Höhe. Unsere Route führte uns aber bald schon in noch höhere Lagen, in die Berge. Wir überquerten den Buraat Pass, wo wir unsere ersten Wasserdurchquerungen zu bewältigen hatten. Die Bäche waren zwar nicht besonders breit oder tief, die Uferböschungen fielen jedoch ziemlich steil ab und wir hatten noch nie eine Wasserdurchfahrt gemacht, so dass es durchaus eine „Challenge“ war. Als es langsam dunkel wurde, verliessen wir die Piste und fuhren in den Schutz einiger Hügel. Wir schlugen unser Nachtlager auf, kochten Nachtessen und gingen zufrieden und müde ins Bett.
Am Morgen wurden wir von einem seltsamen Geräusch geweckt. Dumpfes, regelmässiges Dribbeln mischte sich in ein andauerndes Rauschen, und es schien immer näher zu kommen. Wir schauten aus unserem Zelt und gleich neben uns marschierte eine Ziegen- und Schafherde vorbei. Als wir gefrühstückt hatten und am zusammenpacken waren, tauchte plötzlich der Hirte auf. Ohne ein einziges Wort stand er da, beäugte unsere Ausrüstung eingehend und beobachtete jeden unserer Handgriffe. Als wir alles auf unsere Motorräder aufgeladen hatte, verabschiedete er sich und ritt auf seinem Pferd davon, der Herde hintendrein.Dass dieses Verhalten sehr typisch für die Mongolen ist, haben wir im weiteren Verlauf unserer Reise durch dieses Land erfahren. Zig mal und mit grosser Neugierde wurden insbesondere die Motorräder, manchmal auch die Campingausrüstung und natürlich nicht zuletzt wir selbst beobachtet. Dies geschah stets mit einem freundlichen Gesicht. Als Nomaden sind sie Reisenden gegenüber sehr offen und zuvorkommend, denn sie „zügeln“ bis zu fünf mal im Jahr um neue Weideplätze aufzusuchen. Und wenn wir erklärten, woher wir kommen und wohin wir wollen, so ernteten wir dafür mehr als nur einmal ein unverständliches Kopfschütteln, dass jemand solch eine Reise tut. So ganz ohne Herde und ohne triftigen Grund…
Wir fuhren weiter nach Südosten in Richtung Wüste Gobi. Mit jedem Kilometer wurde es wärmer, die „Strassen“ staubiger und sandiger. Und bald schon hatten wir mit übelsten Wellblechpisten zu kämpfen. Die erträglichste Geschwindigkeit war 70 km/h. Mit den vielen tückischen Sandlöcher bedeutete dieses Tempo aber ein höheres Risiko zu stürzen. Glücklicherweise blieb es bei ein paar wenigen kritischen Situationen, jedoch ohne Sturz und ohne Verletzungen.
In der Stadt Altai verliessen wir die Südroute und fuhren in nördlicher Richtung weiter. Auf 200 Kilometer Länge folgte einer der landschaftlich schönsten Abschnitte unserer Mongolei-Route. Einsame Strecken über Hügel und Berge, Ausblicke bis weit an den Horizont, Pferde- und Yakherden, …ein Höhepunkt jagte den anderen!
Kurz nach Uliastai hatten wir mit neuen Herausforderungen zu kämpfen. Wasser! Die eigentliche „Strasse“ wurde wegen Bauarbeiten umgeleitet. Da aber jegliche Ausschilderung fehlte und wir keinen Weg ausfindig machen konnten, vertrauten wir auf die Hilfe eines Taxifahrers. Dieser dachte aber nicht daran, dass wir mit nur halb so vielen Rädern unterwegs sind wie er und gewisse Streckenabschnitte für uns nur mit Mühe zu bewältigen sind. Er führte uns durch eine mit zahlreichen Wasserläufen durchzogene Ebene. Die erste Wasserdurchfahrt ging noch ziemlich einfach vonstatten, die zweite wurde schon schwieriger und nach der dritten hatten wir den Taxifahrer aus den Augen verloren. Wir standen also da, inmitten von Flussläufen, Schafen und Yaks, und wussten nicht wo weiter. Es blieb uns nichts anderes übrig, als denselben Weg wieder zurück zu fahren. Mit viel Mühe, nassen Füssen, acht Wasserdurchquerungen und fünf Stunden später erreichten wir dann endlich wieder den richtigen Weg. Als Belohnung für die Strapazen fanden wir am Abend aber einen herrlichen Platz zum Zelten, direkt neben einem kleinen Bach (den wir nicht zu überqueren hatten), ruhig und abgelegen.
Wir fuhren nach Tosontsengel und von da weiter in östlicher Richtung. Wieder kämpften wir mit feinem Sand und unzähligen Schlaglöchern. Teilweise waren diese so zahlreich und dicht nebeneinander, dass es unmöglich war auszuweichen. Die Fahrt war mühsam und anstrengend und wir kamen kaum vom Fleck. Plötzlich kam uns ein Fahrzeug entgegen, welches wir vor längerer Zeit schon einmal gesehen haben. Wir mussten zweimal schauen, bis wir realisierten wer das ist. Was für eine Überraschung! Es waren Uschi und Hansjörg aus unserem Nachbardorf. Mit den beiden haben wir bereits in Georgien einen lustigen Abend verbracht. Ein riesiger Zufall, denn in der Mongolei waren wir während lediglich 20 Kilometern auf dem gleichen Streckenabschnitt unterwegs. Natürlich musste dies gefeiert werden und wir campierten spontan miteinander. Es gab viel zu erzählen, denn seit unserem letzten Treffen in Georgien war einiges passiert.
Unser nächstes Tagesziel war der Terkhiin Tsagaan Nuur, der „weisse See“. Dieser befindet sich auf einer Höhe von 2’000 Metern über Meer und wurde vom nahegelegen Vulkan Khorgo vor Millionen von Jahren geformt. Wir verweilten zwei Tage dort, und genossen die Einsamkeit. Das Wetter spielte leider nicht so gut mit, es regnete immer wieder, es war kühl und windete stark. Trotzdem war der Anblick des Sees und unser Campingplatz direkt am Wasser wunderschön.
Auf unserer weiteren Fahrt nach Tsetserleg wurden wir von einer neu asphaltierten Strasse überrascht. Nach rund 2’000 anstrengenden Offroad-Kilometern waren wir glücklich, endlich wieder eine richtige Strasse unter den Rädern zu haben. In Tsetserleg blieben wir zwei Tage, besuchten das dortige Museum, besichtigen den buddhistischen Tempel, weilten im örtlichen Markt und pflegten unsere Motorräder. Und nach einer zweiwöchigen internetlosen Zeit, konnten wir auch mal wieder unsere E-Mails nachlesen und uns mit Lesen von Online-Zeitungen auf den neusten Stand bringen.
Die letzten 600 Kilometer nach Ulaanbaatar absolvierten wir in zwei weiteren Tagen. Die Strasse war asphaltiert und wir kamen rasch voran. Unser letzter Campingplatz in der Mongolei war nochmals ein Highlight. Auf einer Anhöhe zwischen Pferde- und Ziegenherden genossen wir einen einmaligen Ausblick auf das darunter liegende Tal, inklusive einem kitschig-romantischem Sonnenuntergang.
Ulaanbaatar erreichten wir am Nachmittag des 30. August. Die Mongolei war für uns seit Beginn unserer Reiseplanung der Inbegriff von Abenteuer, Herausforderung, einmaligen Landschaften und Einsamkeit in einem riesigen Land, und die Hauptstadt unser erstes „Etappenziel“. Wir waren überglücklich, dass wir dieses ohne grössere Zwischenfälle und Verletzungen erreicht hatten!
Im nächsten Reisebericht schreiben wir über die Erlebnisse in Ulanbataar und über die Organisation unserer Weiterreise nach Kanada.
Mongolei – Teil 2: unsere Eindrücke in Kurzform
- 2’658 gefahrene Kilometer in 18 Tagen
- Pisten, Offroad, Schlaglöcher
- Offene, neugierige Menschen
- Zweisamkeit in der Weite des mongolischen Hochlandes
- Es gibt doch Strassen in der Mongolei!