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«Annas Maske» von David Philip Hefti in St. Gallen
Es ist eine Geschichte, die wie geschaffen scheint für die Opernbühne: Die stadtweit sehr beliebte Diva des lokalen Opernhauses wird von einem eifersüchtigen ehemaligen Liebhaber ermordet, während sich der aktuelle Liebhaber im Schrank versteckt. Die Geschichte ist wahr: Anna Sutter, die überaus populäre Sopranistin der Stuttgarter Hofoper, wurde am Vormittag des 29. Juni 1910 von Dr. Aloys Obrist, dem Kapellmeister des Theaters in ihrem Bett erschossen. Obrist setzte sich die Pistole danach auf die eigene Brust und war ebenfalls sofort tot. Der Tenor Albin Swoboda, der die Nacht mit Anna Sutter verbracht hatte, versteckte sich zur Tatzeit im Haus. Anna Sutter war offenbar kein Kind von Traurigkeit: Aus früheren Beziehungen hatte sie bereits zwei Kinder, die Liaison mit Obrist war eine unter vielen und eigentlich längst vorüber, aber der Dirigent war von ihr derart gefesselt, dass er nicht von ihr loskommen konnte.
Schon damals natürlich blieben die Parallelen zur Oper «Carmen» niemandem verborgen, und in ihrem Freiheitsdrang stand Anna Sutter offenbar der berühmten Zigeunerin, die eine ihrer Paraderollen war, in keiner Weise nach. Der Schweizer Autor Alain Claude Sulzer hat 2001 eine Novelle über diese tragische Eifersuchts-Geschichte geschrieben. Und der in St. Gallen geborene Komponist David Philip Hefti wählte den Stoff nun für seine erste Oper. Sulzer verfasste ihm auch das über zehn kurze Stationen führende Libretto. Ein bisschen nur spielt Hefti in seiner 90 Minuten dauernden Partitur mit den Möglichkeiten seiner «Oper in der Oper». Am prägnantesten an «Carmen» erinnern spanische Rhythmen, eine Szene spielt mit «Salome» und dem abgeschlagenen Haupt des Täufers, wenn von Bayreuth die Rede ist, erlaubt sich Hefti den «Tristan»-Akkord.
Aber sonst bleibt seine Musiksprache ganz bei den Stilmitteln, die wir von ihm schon kennen: filigrane, kammermusikalische Linien, trotz grosser Besetzung wenig Klangmassierungen, sondern vor allem ein sehr ausgefeiltes Repertoire an Klangfarben und ihren Mischungen. Hefti will explizit keinen Soundtrack zu diesem Liebesdrama liefern, sondern eine assoziative, kommentierende, auch losgelöste musikalische Bedeutungs-Ebene kreieren, was allerdings bisweilen auch dazu führt, dass seine Musik ein wenig unverbindlich neben den Figuren steht. Seine Gesangslinien sind oft der Sprachmelodie nachempfunden und vermeiden alles Artifizielle, was einerseits die Szenen flüssig macht, andererseits dem sprachlichen Verständnis sehr entgegen kommt.
Weniger auf «Carmen», Blut und Leidenschaft rekurriert auch die Inszenierung von Mirella Weingarten, die auch für die Ausstattung eine bildnerisch artifiziellen Form- und Motivsprache fand. Sie pflegt ein starkes Moment von Abstraktion nur schon durch die Verdoppelung der Hauptfigur durch eine Tänzerin, ein Part, den die Tanzchefin des St. Galler Theaters, Beate Vollack, gleich selbst übernahm. Ihr gehört die mittlere der drei übereinander gestaffelten Ebenen im Bühnenraum von Weingarten. In der unteren agiert die «richtige» Anna, ganz zuoberst sitzt der Chor und unterstreicht – griechisch-antik angehaucht – manchmal gewisse Momente mit plötzlichen Gesten. Ansonsten kommt ihm keine szenische Rolle zu, auch in der Partitur von Hefti ist der Chor kein Träger der Handlung sondern ein weiteres Element im reichen Spektrum der Klangfarben.
Obwohl Heftis Orchester fast nie massiv klingt, sah sich Daniel Brenna als Obrist etwas zu oft in Versuchung geführt, seine tolle Tenorstimme in voller Heldenhaftigkeit verströmen zu lassen. Sheida Damghani als Zofe hatte einige Mühe mit den Höhen, die bei ihr zu forciert klangen, alle anderen in der gut ausgewählten Besetzung sangen auf der Höhe ihrer Aufgaben, insbesondere Maria-Riccarda Wesseling, die übrigens in Chur aufgewachsen ist, welche mit ihrem ausdrucksstarken Mezzosopran die Anna würdig kreierte. Auch an der Spitze des Orchesters stand mit Otto Tausk, dem aktuellen Chefdirigenten in St. Gallen, ein souveräner Könner, bei dem Heftis Partitur bestens aufgehoben war.
Reinmar Wagner
Bildnachweis: Iko Freese / Theater St. Gallen