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Es hilft wirklich nichts gegen die tiefen Abgründe der Teenagerhölle, auch oder erst recht nicht, berühmt zu sein. So unsicher sei sie, dass sie vielleicht sterben werde, bevor sie überhaupt legal Alkohol trinken könne, sang Olivia Rodrigo in «Brutal», dem eröffnenden Song ihres Debütalbums «Sour» (2021). Und fragte, kaum auf Erfüllung hoffend: «Where’s my fucking teenage dream?»
Eine mögliche Antwort liefert sie nun auf ihrem zweiten Album, «Guts». Es beginnt wieder mit einer Selbstbeschreibung, als «All-American Bitch», «leicht wie eine Feder, hart wie ein Brett», die genau verstanden hat, wer sie sein darf und muss, wie sie wahrgenommen wird und welche Projektionsfläche sie darstellt. Mit ihren zwanzig Jahren hat Rodrigo schon fast ihr halbes Leben im Showbusiness verbracht, berühmt geworden als Disney-Star, insbesondere für eine Rolle in «High School Musical: The Musical: The Series».
Mit siebzehn veröffentlichte sie ihre Debütsingle «Drivers License», eine Ballade, die 2021 in den ersten Coronawinter einschlug. Vielleicht war es gerade die Enge dieser Zeit, die diesen herzzerreissend besungenen Trennungsschmerz beinahe erstrebenswert wirken liess: Hauptsache grosse Gefühle, die das ewige Drinbleiben kontrastieren. Die Single brach nur wenige Tage nach Erscheinen den Spotify-Streamingrekord (abgesehen von den offenbar unschlagbaren Festtagsheulern «All I Want for Christmas Is You» und «Last Christmas»), stand wochenlang auf Platz eins der US-Billboard-Charts und bescherte Rodrigo einen Grammy (neben zwei weiteren für das erste Album).
Grüsse an Dolly Parton
Ein weiterer grosser Popmoment: der Auftritt am Glastonbury Festival, das im Juni 2022 zum ersten Mal seit der Pandemie wieder stattfand. Rodrigo, nun neunzehn, hatte ihre Kollegin Lily Allen für ein Duett zu sich auf die Bühne geladen.* Deren Hit «Fuck You» von 2009 widmeten die beiden mit erhobenen Mittelfingern dem US-amerikanischen Supreme Court, der kurz zuvor «Roe v. Wade» und damit das Recht auf Abtreibung gekippt hatte. «So viele Mädchen und Frauen werden deswegen sterben», sagte Rodrigo und zählte die Namen der Richter:innen auf: «We hate you!» Eigentlich eine banale Forderung, die in unterschiedlichen Varianten in Rodrigos Songs durchschimmert, etwa bei der Frage nach dem eigenen Platz in der Welt oder dem Umgang mit völlig übertriebenen Schönheitsidealen: Lasst uns einfach leben, gottverdammt! Hier wurde sie existenziell, deutlicher als sonst.
Ein Händchen für gut gewählte Kollaborationen und Referenzen hat Rodrigo, das zeigt die Episode auch: Sie teilte sich auch mit Avril Lavigne die Bühne, deren Nuller-Jahre-Hit «Complicated» sie schon öfter live gecovert hatte und den sie nun gemeinsam anstimmten. Und hatte sich Rodrigo früh als grössten «Swiftie», also Taylor-Swift-Fan, der Welt bezeichnet, wird den beiden nun ein Konkurrenzkampf nachgesagt. Grüsse gehen weiter raus an Dolly Parton, an deren «Jolene» und die darin verarbeitete Ambivalenz gegenüber einer als Rivalin wahrgenommenen Frau das Stück «Lacy» wohl nicht ganz zufällig erinnert. Und auch Lana Del Rey blinzelt sie in – ausgerechnet – «All-American Bitch» mit der Zeile «I’m pretty when I cry» zu. Eine Ehrerbietung an die ganz Grossen, ja – aber auch ein selbstbewusstes Einreihen.
Ganz schlechte Idee
Auf «Guts» hat Rodrigo nun zum alles überschattenden Trennungsschmerz von «Sour» etwas Distanz gewonnen, statt lähmender Sehnsucht dominieren hier eher Fragen, ob man heute Nacht vielleicht mit dem Ex schlafen sollte («Bad Idea Right?») und was denn nun besser ist: Rache oder Rückeroberung («Get Him Back!»). Also auch hier: Herzschmerz, Achterbahn, Wechselbad, Sturm und Drang, wobei das Album stark vom schlauen und oft auch lustigen Songwriting lebt. Rodrigo zeigt viel Sinn für Humor – und ebenso dafür, wie sympathisch es gerade bei einem Promi wirkt, wenn die eigenen Unzulänglichkeiten so offen ausgebreitet werden. Musikalisch drückt sich dieser Stimmungswechsel über weite Strecken mit gut gelaunten Gitarrenriffs und perfekt getimtem, grossmäuligem Sprechgesang aus.
Das normale Highschoolgirl, das Rodrigo für Disney spielte, war sie selbst nie. «Ballad of a Homeschooled Girl» beschreibt treffend, worum es in der Schule eigentlich geht beziehungsweise umgekehrt, was beim Homeschoolen fatalerweise verloren geht: sich auf dem Pausenplatz behaupten, mit nervigen Klassenkamerad:innen klarkommen, eine Gang gründen und andere Dinge, die einem später zumindest ein bisschen sozialen Halt geben. Wenn aber die Übung fehlt, so besingt es Rodrigo, wird jede Party zum Spiessrutenlauf und ist jeder Morgen danach von postexzessiver Scham getrübt: «Wenn ich das Haus verlasse, ist das sozialer Selbstmord.» Berühmt und reich und alles, aber trotzdem mit den profansten Sorgen der Welt, das ist Rodrigos Botschaft und mit ein Grund dafür, dass dieser zuckrige Girly-Pop so gut funktioniert.
Sie kennt das Spiel. «I know my place», wie sie in «All-American Bitch» sagt – das kann hier mindestens doppelt verstanden werden: Rodrigo weiss, welchen engen Rollenvorstellungen junge Frauen immer wieder zu entsprechen haben. Aber auch, wo ihr Platz als mittlerweile Popsuperstar ist.
* Korrigenda vom 21. September 2023: Fälschlicherweise hatte es im Text geheissen, Rodrigo habe am Glastonbury Festival Kate Perry auf die Bühne geholt. Tatsächlich handelte es sich um Lily Allen.