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Lange stand das Tessiner Mediensystem sozusagen unter Heimatschutz. Doch seit den Neunzigerjahren kam es zu Umbrüchen, und schon zweimal brachen Verlage aus der Deutschschweiz in den Südkanton ein. Eine Analyse von Roger Blum für den Klein Report.
Die Tessiner Medien hatten sich immer gegen zwei Gefahren zu wehren: gegen den Einfluss von jenseits der Landesgrenze und gegen den Einfluss von jenseits des Gotthards. Von jenseits der Landesgrenze, aus Italien, strahlten vor allem Fernsehkanäle ein, nämlich die RAI und die Programme Berlusconis, aber auch Zeitungen wie die «Gazzetta dello Sport» oder Magazine fanden Verbreitung.
Von jenseits des Gotthards, aus der Deutschschweiz, drohte wirtschaftlicher Einfluss, namentlich die Übernahme von Tessiner Verlagen durch grosse Medienunternehmen Zürichs. Lange gelang den Tessinern die Abschottung gegen beide Gefahren ganz gut. Dank der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), die ihre italienischsprachigen Programme finanziell überproportional privilegiert, konnten die Tessiner den italienischen Kanälen «eigene» gegenüberstellen. Und dank der stark politisierten Tessiner Tagespresse waren die politischen Zeitungen Italiens kaum gefragt. Die Deutschschweizer Verleger interessierten sich überdies wenig für den Tessiner Markt mit seinen 300 000 Einwohnern. Entsprechend nahe waren sich denn auch Medien, Parteien, Regierung und Verwaltung im Tessin. Und das passte allen Beteiligten.
Trotzdem kam es zu Umbrüchen im Tessiner Mediensystem. Zuerst mischte die Lega dei Ticinesi von Giuliano Bignasca mit der Gratis-Sonntagszeitung «Il mattino della domenica» die eingespielten Verhältnisse auf. Dann gruppierten sich Anfang der Neunzigerjahre hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen die Tageszeitungen um: Einige schlossen sich zusammen, andere verschwanden, alle lösten die engen Bindungen an politische Parteien.
Statt acht Tageszeitungen Ende der Achtzigerjahre erschienen jetzt nur noch drei, nämlich der rechtsliberale «Corriere del Ticino» in Lugano, die linksliberale «La Regione» in Bellinzona und das katholische «Giornale del Popolo» in Lugano. Der «Corriere del Ticino» wird von einer Stiftung herausgegeben, hinter der das Centro Stampa Ticino SA der Familie Soldati steht. «La Regione» erscheint im Verlag der Familie Salvioni. Und das «Giornale del Popolo», an dem der «Corriere» zu 49 Prozent beteiligt ist, gehört mehrheitlich dem Bistum Lugano. Die drei Tageszeitungen sind über den Inseratepool «Tre Top Ticino», betreut von der Publigroupe, in der Werbung miteinander verbunden.
Aber es gibt im Tessin eben noch andere Akteure. Da sind einmal die Veranstalter kommerzieller Radio- und Fernsehprogramme, nämlich Radio Fiume Ticino, Radio 3iii und Teleticino von CVP-Ständerat Filippo Lombardi. Da ist weiter der Verleger Giò Rezzonico in Locarno, der die wöchentlich erscheinende deutschsprachige «Tessiner Zeitung» herausgibt. Rezzonico wie Lombardi spielten bei den weiteren Umbrüchen eine wichtige Rolle.
1997 nämlich geschah es zum ersten Mal: Ein Deutschschweizer Verleger drang in die Südschweiz vor. Ringier lancierte zusammen mit Rezzonico die Sonntagszeitung «Il caffè», ebenfalls gratis. Die Tessiner Tageszeitungsverleger samt Giuliano Bignasca taten alles, um diesem Eindringling den Garaus zu machen - ohne Erfolg. Ein Jahrzehnt später, 2008, gründeten drei Medienunternehmen des Tessins mit einem Kapital von drei Millionen Franken die TImedia Holding. Beteiligt sind der «Corriere del Ticino» mit 46 Prozent, die Familie Lombardi mit 45 Prozent und die Comec, der Medienverlag des Bistums Lugano, der das «Giornale del Popolo» herausgibt, mit neun Prozent. Lombardi brachte sein Teleticino zu 100 Prozent in diese Holding ein. Weiter unter diesem Dach sind das Onlineportal «Ticinonews», Radio 3iii, Aktivitäten im Printbereich und Aktivitäten im Bereich der Werbung. Die TImedia will vor allem Synergien herstellen, die Medienkrise überwinden und Mulitmedia-Aktivitäten vorantreiben. Eben erst dieser Tage hat TImedia mit Marcello Foa einen Generaldirektor berufen. Foa, schweizerischer und italienischer Doppelbürger, war ein wichtiger Journalist bei der Berlusconi-eigenen Tageszeitung «Il Giornale» in Milano und Mitbegründer des Europäischen Journalismus-Observatoriums von Professor Stephan Russ-Mohl an der Universität Lugano.
Auffällig ist, dass der dritte Tageszeitungsverlag, jener von Giacomo Salvioni in Bellinzona, bei TImedia nicht dabei ist. Von der TImedia-Seite wird behauptet, man habe auch Salvioni eingeladen mitzumachen. Und jetzt bringt Salvioni zum zweiten Mal einen Deutschschweizer Verlag ins Tessin, indem er zusammen mit Tamedia die Gratiszeitung «20 minuti» auf den Markt wirft. Damit sind die Bezahlzeitungen des Südkantons nicht mehr bloss am Sonntag, sondern täglich durch ein gratis verteiltes Produkt bedrängt.
Die Zukunft des Tessiner Mediensystems wird neu durch fünf wichtige Akteure bestimmt werden: durch die SRG, durch TImedia, durch Tamedia zusammen mit Salvioni, durch Ringier zusammen mit Rezzonico und durch Bignascas Lega. Die Kommandozentralen von dreien dieser fünf Akteure befinden sich in Zürich oder Bern.