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Zum zweiten Mal innerhalb von zehn Tagen stürzte mit Remco Evenepoel ein Radprofi des belgischen Teams Deceuninck-Quick Step schwer. Teamchef Patrick Lefevere übt Kritik an den Organisatoren und der UCI, ist aber gleichzeitig froh, dass seine Fahrer noch leben.
Am 8. August hob Remco Evenepoel die Startnummer 75 in die Höhe, als er nach einem Soloritt in der 4. Etappe der Polen-Rundfahrt triumphierte. Die Nummer gehörte seinem niederländischen Teamkollegen Fabio Jakobsen, der drei Tage zuvor nach einem fürchterlichen Sturz in Polen vorübergehend ins künstliche Koma versetzt worden war.
Nur eine Woche, nachdem er seinem Kollegen auf diese Weise Tribut zollte, erwischte es «Wunderkind» Evenepoel an der Lombardei-Rundfahrt selbst.
Die Bilder, wie der 20-Jährige in der Abfahrt von der Muro di Sormano mit einer Brückenmauer kollidierte und Kopf voran mehrere Meter in die Tiefe stürzte, liess das Blut in den Adern gefrieren. Nach ersten Erkenntnissen verletzte sich Evenepoel nicht ganz so schlimm wie Jakobsen, mit einem Beckenbruch und einer Quetschung der rechten Lunge kam der belgische Jungstar wohl noch glimpflich davon. Die bisher so erfolgreiche Saison von Evenepoel mit vier Rundfahrten-Siege bei vier Starts ist nach dessen Debüt an einem grossen Klassiker aber dennoch zu Ende.
Wie eine Woche zuvor musste Patrick Lefevere erneut vorübergehend um das Leben eines seiner Schützlinge zittern. Später, nach der Bergung und im Spital, konnten die Ärzte Entwarnung geben. Er habe mit Remco sprechen können, erzählte der Teamchef von Deceuninck-Quick Step der belgischen Zeitung «Het Nieuwsblad». «Er hat sich bei mir entschuldigt. Ich sagte, ‹Du lebst, sei einfach nur still.›» Es hätte wesentlich schlimmer kommen können.
Die Abfahrt von der Muro di Sormano hinunter an den Comer See ist eine der technisch schwierigsten und damit gefährlichsten auf der World Tour. «Ich habe der UCI und den Organisatoren wiederholt gesagt, dass eine Abfahrt dieser Art nicht möglich ist. Aber nichts hat sich geändert», so Lefevere. «Rennen fahren und gewinnen sind wichtig. Aber wenn du einen Fahrer in die Schlucht fliegen siehst, denkst du nicht mehr an solche Sachen.»
Davide Bramati, der sportliche Leiter von Deceuninck-Quick Step, hielt sich bei der Beurteilung des Sturzes zurück: «Ist diese Abfahrt zu gefährlich? Ich weiss es nicht. Sie wird seit Jahren befahren und es gab schon viele Stürze dort. Auf der anderen Seite gehören Stürze leider zum Radsport. Wir erkundeten die Abfahrt auch mit Remco. Wir taten, was wir vorbereiten mussten.»
Der Radsport hat nicht nur wegen Evenepoels Sturz einen turbulenten Samstag hinter sich. Kurz vor dem Ziel der Lombardei-Rundfahrt fuhr plötzlich ein Auto auf die Strecke, der Deutsche Maximilian Schachmann konnte nicht mehr bremsen und brach sich bei der Kollision das Schlüsselbein.
Den Sturz von Evenepoel nahm der Weltverband UCI vorerst ohne Konsequenzen hin, den Zwischenfall mit Schachmann lässt er dagegen offiziell untersuchen.
Kritik an den Organisatoren gab es auch an der Dauphiné-Rundfahrt in Frankreich. «Kies und tiefe Löcher die ganze Strecke runter. Die Personen, die sich für diesen Weg entschieden haben, scheren sich keine Sekunde um die Sicherheit von uns Fahrern», schrieb der Deutsche Tony Martin bei Instagram. «Wie viel mehr schlimme Unfälle müssen passieren, damit sich etwas ändert?»
In der zweitletzten Etappe des Critérium du Dauphiné schieden unter anderen der Niederländer Steven Kruijswijk und der Deutsche Emanuel Buchmann, die Dritten und Vierten der letzten Tour de France, nach Stürzen aus. Auch der Österreicher Gregor Mühlberger musste aufgeben, Leader Primoz Roglic schleppte sich unter Schmerzen und mit Schürfwunden ins Ziel nach Megève. Tags darauf musste der Slowene, der an der «Grande Boucle» ebenfalls zu den Topfavoriten zählt, jedoch das Rennen aufgeben.
Einzig bei Schachmann und bei Evenepoel, der allerdings nicht gestartet wäre, ist bereits klar, dass sie die Tour de France verpassen werden. Alle anderen Sturzopfer dürfen zumindest noch auf einen Start am 29. August hoffen – ebenso der Kolumbianer Egan Bernal, der wegen Rückenschmerzen vorzeitig aus der Dauphiné-Rundfahrt ausstieg.
Nach den folgenschweren Zwischenfällen vom Samstag in Italien und Frankreich dürften aber alle froh sein, dass sie doch einigermassen glimpflich davonkamen. Oder wie es Patrick Lefevere mit Bezug auf Evenepoel formulierte: «Er lebt, nur das zählt.» (zap/sda)