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Mirka Lötschers Nachbar Alvaro, der ihnen die Milch abkauft, ist ein geborener Geschäftsmann. Davon hält ihn auch der Rollstuhl, seit etwa 20 Jahren sein Begleiter, nicht ab. Er nimmt regelmässig eine beschwerliche Reise in die Stadt auf sich.
Alvaro, von dem ich in einem früheren Blog berichtete, mag es nicht, nutzlos daheim zu sitzen. Bereits bevor er uns die gesamte Milch abkaufte, reiste er regelmässig nach Matagalpa, um Waren zu verkaufen und einzukaufen. Die Reise in die Stadt gestaltet sich für Alvaro äusserst beschwerlich, obwohl er kein Busbillet kaufen muss, und auch seine Ware gratis mitfahren kann.
Um den 1km langen, steinigen Weg zur Bushaltestelle zurückzulegen, ist einiger Aufwand und Hilfe Dritter notwendig. Sein Vater und einer seiner Neffen bringen die Milchprodukte und den zusammengelegten Rollstuhl mit dem Pferd zur Bushaltestelle. Der Vater bleibt dann bei der Ware, der Junge bringt das Pferd zurück. Dort hievt sich Alvaro eigenhändig auf das Pferd. Wie er das fertig bringt, habe ich noch nicht beobachten können. Dann reitet er ebenfalls zur Bushaltestelle. Sein Vater und ein Busgehilfe heben ihn dann in den Bus.
In Matagalpa hat er sich bereits einen Kundenstamm aufgebaut. Diese Kunden geben eine festgelegte Menge Milchprodukte in Auftrag. Alvaros Mutter verarbeitet die Milch je nach diesen Kundenaufträgen. Sie stellt zum Beispiel den typischen Frischkäse Nicaraguas, die „cuajada“ her. Dabei wird die rohe Milch eingedickt, die Schotte von Hand ausgepresst, Salz beigefügt, gemahlen und von Hand einpfündige (420g) unförmige Kugeln geformt. Diese lassen sich auch gut in der Nachbarschaft verkaufen. Einen Teil der eingedickten Milch kann Alvaro auch in unverarbeitetem Zustand, d.h. vor dem Mahlen und dem Formen der Kugeln, verkaufen. Zudem bietet er rohe und gekochte Milch, sowie Sauermilch an. Letztere wird einfach in rohem Zustand stehen gelassen bis sie dick und sauer wird. Sie wird gerne zum Bohnen-Reis-Gericht gegessen.
Die Verdienstmöglichkeiten mit der Milchverarbeitung sind sehr klein. Ein Liter Milch ist etwa gleich viel wert, wie der daraus verarbeitete Frischkäse. Nur die Schotte bringt zusätzliche Einnahmen. Mit dieser mästen die Eltern nämlich zwei Schweine, um sie dann selbst zu schlachten, das Fleisch direkt zu vermarkten oder sie verarbeiten das Fleisch zu einem speziellen Gericht, um es dann zu verkaufen. So erreichen sie eine noch höhere Wertschöpfung.
Um die Reise nach Matagalpa vollständig zu nutzen, nimmt er noch weitere in der Region produzierte Ware, wie Bohnen und Mais, mit. Im Gegenzug kauft er in der Stadt Produkte, die er wiederum zu Hause anbietet. In seiner Stube hat er ein regelrechtes „Lädeli“ eingerichtet. Einen Stundenlohn zu berechnen, kommt ihm sicher nicht in den Sinn, aber zumindest bestreitet er damit seinen Lebensunterhalt. Die Alternative wäre betteln, denn IV (wie auch AHV) gibt es in Nicaragua nicht.
Mirka Lötscher
Die Bloggerin
Mirka Lötscher ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ihre Ausbildung als Ing. Agronomin führte sie zu einer Arbeitsstelle am Inforama Bern. Sie ist mit Jaime aus Nicaragua verheiratet. Er ist ebenfalls Agronom und für die ersten gemeinsamen Jahre in die Schweiz gekommen. Ende 2013 sind die beiden mit ihrem kleinen Sohn Dario nach Nicaragua ausgewandert, um die Finca von Jaimes Familie zu übernehmen.
BauZ