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Marc Surer, haben Sie eine Erklärung für den tragischen Unfall von Jules Bianchi im Grand Prix von Japan?
Marc Surer: Ja, es gibt wohl tatsächlich eine Erklärung. Jules Bianchi ist ganz einfach zu schnell gefahren. Als der Unfall passierte, wurden seit einer Runde die gelben Flaggen doppelt geschwenkt. Das bedeutet, dass sich Personen auf der Strecke befinden. Der Fahrer muss in dieser Situation bereit sein, innerhalb der überblickbaren Strecke anzuhalten. Das Video der Streckenkamera zeigt aber, dass Bianchi unmittelbar vor dem Crash Vollgas gab. Das wurde ihm zum Verhängnis.
Wäre der Crash von Bianchi mit mehr Vorsicht zu verhindern gewesen?
Schwierig zu sagen. Hätte man unmittelbar nach dem Unfall von Sauber-Fahrer Adrian Sutil das Safety Car rausfahren lassen, wäre der Unfall von Bianchi nicht passiert. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.
Gibt es Schuldige?
Nein. Das Ganze ist ein Zusammenspiel von tragischen Situationen. Während einer Saison gibt es Hunderte solcher Vorfälle wie in Japan. In der Regel werden die Fahrer wegen Tempoüberschreitung bestraft. Damit ist die Sache erledigt. Noch einmal: Bianchi ist einfach zu schnell gefahren und hatte das Pech, dass er bei seinem Abflug genau in den Kranwagen geprallt ist.
Wie gut kennen Sie Bianchi?
Ich bin Bianchi einige Male begegnet. Er ist jung und ehrgeizig, ein sympathischer Typ. Bianchi war beim Rennen in Suzuka ansprechend unterwegs. Er sah mit dem unterlegenen Marussia die Chance auf eine gute Platzierung.
Welche Konsequenzen sollte man aus dem tragischen «Fall Bianchi» ziehen?
Es gibt einen Lösungsansatz: Bei der Einfahrt in die Boxenstrasse wird die Geschwindigkeit mittels eines automatischen Reglers auf 80 Stundenkilometer reduziert. Mit der heutigen Elektronik wäre es durchaus möglich, solche Speedlimiter bei heiklen Situationen auch während der Fahrt auf der Strecke einzusetzen.
Kommen wir zum Erfreulichen in der Formel 1: Vier Rennen vor Schluss spitzt sich der Kampf um den WM-Titel zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg zu? Wer wird Weltmeister?
Es ist alles offen. Es ist gut möglich, dass am Ende der Glücklichere Weltmeister wird. Ich gehe davon aus, dass die Entscheidung erst im letzten Rennen von Abu Dhabi fallen wird. In diesem Rennen gibt es doppelte Punkte.
Wer ist der bessere Fahrer?
Beide sind hervorragende Piloten. Rosberg ist der bessere, weil komplettere Fahrer. Doch Hamilton hat den spektakuläreren Fahrstil und ist schneller als Rosberg.
Hat Sie Sebastian Vettels Abgang von Red Bull zu Ferrari überrascht?
Nein. Vettel ist mit Red Bull viermal Weltmeister geworden. Und dann kommt in diesem Jahr ein so junger Fahrer wie Daniel Ricciardo und fährt ihm um die Ohren. Das ging mit Sicherheit nicht spurlos an Vettel vorbei. Er ist ein sensibler Typ. Vettel hätte in dieser Lage mehr Unterstützung vom Team erwartet. Der Wechsel zu Ferrari kommt für ihn zur richtigen Zeit. Das ist eine echte Herausforderung. Sollte Vettel mit Ferrari Weltmeister werden, hätte er allen bewiesen, dass er nicht nur mit dem schnellen Red Bull Champion werden kann.
Was passiert mit Fernando Alonso?
Alonso hat bei Ferrari gepokert. Der Spanier ging davon aus, dass der Vertrag mit ihm so oder so verlängert wird. Jetzt ist es anders gekommen. Momentan hängt Alonso in der Luft. Wo soll er im nächsten Jahr fahren?
Apropos Ungewissheit: Das Schweizer Sauber-Team spielt in diesem Jahr eine inferiore Rolle …
Es tut weh, Sauber zuzuschauen. Dem Rennstall fehlt es an Mäzenen. Nach dem Ausstieg von Grosssponsor Credit Suisse vor ein paar Jahren gelang es nicht, potente Geldgeber ins Boot zu holen. Um in der Formel 1 sportlich einigermassen mithalten zu können, braucht es ein Budget von gegen 100 Millionen Dollar. Sauber hat derzeit einen Etat von rund 60 Millionen Dollar. Das ist zu wenig. Zudem wird man in dieser Saison wegen der sportlichen Misere auf Prämien von rund 20 Millionen verzichten müssen.
Ist Sauber am Ende?
Nein. Momentan lebt das Team aber tatsächlich von der Hand in den Mund – die Verantwortlichen sind gezwungen, auf Zeit zu spielen. Positiv ist: Sauber übernimmt sich finanziell nicht, es wird nur so viel ausgegeben, wie in der Kasse ist. Und wer weiss, vielleicht findet sich in absehbarer Zeit ein neuer Grosssponsor – als Schweizer würde ich es allen Mitarbeitern gönnen. Was ich noch sagen möchte: Trotz aller Kritik – Sauber macht mit den vorhandenen Mitteln einen guten Job. Mehr liegt einfach nicht drin.
Nicht nur Sauber hat es finanziell schwer. Auch die Formel 1 kann das Geld nicht mehr zum Fenster hinaus werfen: Wo liegen die Zukunftsmärkte der Formel 1?
Vor allem in Brasilien und in Mexiko. Ganz allgemein im lateinamerikanischen Raum sind die Menschen scharf auf Formel-1-Rennen. In Asien ist dies weniger der Fall, die Rennen dort sind keine Knaller. Die Formel 1 muss dorthin gehen, wo sich die Menschen für sie begeistern. Auch Osteuropa ist ein Markt der Zukunft, gerade in der Olympiastadt Sotschi ist die Formel 1 ein Publikumsmagnet.
Gibt es bald neue Teams? Man hört von Geheimplänen des Autoherstellers VW, in die Formel 1 einzusteigen?
Solche Gerüchte kursieren in der Szene dauernd. Fakt ist, dass Honda 2015 als Motorenhersteller zurückkommen wird und dass sich für 2016 mit dem US-Team «Haas» ein Neuling eingeschrieben hat.
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Der ehemalige Rennfahrer und heutige Motorsportexperte Marc Surer äussert sich zum tragischen Unfall von Jules Bianchi, zu den Problemen von Sauber und zur Zukunft der Königsklasse.
Marc Surer, haben Sie eine Erklärung für den tragischen Unfall von Jules Bianchi im Grand Prix von Japan?