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Kunst
Der Zauber des Alltäglichen
Es mag vermessen klingen, die Portraitgalerie Helmut Newtons in dem vorliegenden großformatigen Fotoband als "Pantheon der VIPs" zu bezeichnen, wie dies Klaus Honnef in der beigelegten deutschen Übersetzung zur englischen Originalausgabe macht. Aber angesichts der Tatsache, dass nicht nur Models oder Schauspieler portraitiert werden, wie dies das Buchcover mit Elisabeth Taylor suggeriert, sondern auch Personen aus Politik und Kultur, und die Starlets aus Film und Mode heute ja tatsächlich den Status von "Göttern" ("Pantheon" bedeutet wörtlich: Alle Götter) genießen, ist die Bezeichnung sogar sehr gut getroffen. Die ab 1985 publizierten Fotos aus Newtons hochkarätiger Portraitkollektion können gleichermaßen als "Whoiswho" der Achtziger gelesen werden, ganz zu schweigen von dem durchwegs erotischen Kontext seiner Bilder, die es - wie kaum welche anderen - eindeutig zur Sprache brachten, was andere verschwiegen: Erotik ist mehr als Sex.
Auf 248 Seiten und 191 Tafeln in Farbe und Duotone bekommen wir das zu sehen, wovon wir immer schon träumen wollten, "die Photographie als verführerische Nackte", denn selbst die allegorische Figur für eben diese "Photographie" ist bei Newton so dargestellt, dass seine eigenen Vorlieben quasi Fleisch werden. Helmut Newton hat es vielleicht als erster geschafft, die Aktphotographie von ihren Fesseln zu befreien und sie zu modernisieren in dem Sinn, dass sie in andere Kontexte gestellt wurde, die Raum zur freien Interpretation lassen, denn sie sind nie bloße Akte. Seine Kunst sei dennoch nie durch die bloßen Mittel der ästhetischen Revolte gekennzeichnet, sondern eher "unterschwellig, beinahe subversiv", schreibt Honnef. Wenn Newton die halbnackte Patti Hansen die Strapse ihres Strumpfgürtels öffnen lässt, macht er aus einer huldvollen Geste eine obszöne, denn das Vorbild war die Mantelöffnung der Madonna. Newton dringt ein in die Kluft zwischen Geste und Bedeutung und vermag es, darin die Bilder seiner Phantasie unterzubringen.
Sich selbst hat er erstmals 1936 im Alter von 16 Jahren portraitiert und tatsächlich ist dieses Foto sehr aufschlussreich, denn es erinnert an die "Schwarze Serie" Hollywoods, mit einer dunklen und einer hellen Gesichtshälfte hinter einer Kamera. Entgegen allgemeiner Vermutungen war Helmut Newton übrigens glücklich verheiratet, seine Frau, die er nach einem Jahr Bekanntschaft schon heiratete, ist unter dem Namen Alice Springs auch in der Photographie bekannt. Bald kristallisierte sich auch seine spezielle Vorliebe für Mode heraus, denn in ihr sieht er eine "Tochter der Erotik und zugleich ihre Wegbereiterin". Eigentlich würden durch die Mode die besonderen Reizquellen des Körpers von der Kleidung nach außen projiziert. Auch wenn dadurch die Gefahr der Fetischisierung bestehe, sei sie, die Erotik, genau das "Surplus", das das Leben lebenswert mache, auch wenn es die puritanischen Gemüter immer wieder erhitze. In Newtons Photographie könne sich ihre "unergründliche Ambivalenz, ihre uneingeschränkte Sinnlichkeit, aber auch ihre Gewalt und Grausamkeit entfalten". Wie kühl und unbeteiligt seine Modelle auch erscheinen mögen, das exhibitionistische Moment überwiege bei weitem das voyeuristische, denn seine Models bedienten sich ihrer mit "äquivalenter Lust". Der "Flaubert der Bildkunst" sieht übrigens kein Problem darin, dass er hauptsächlich die Reichen und Schönen - wie er selbst sagt, die "Haute Bourgeioise" - porträtiert, im Gegenteil. Es sei einfach seine Erfahrungswelt, auch wenn er selbst gar nicht dazu gehöre.