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Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann ein eigentlicher Siegeszug der Elektrizität. Die Verwendung dieser neuen Energiequelle zur Erzeugung von Licht, Kraft und Wärme in Industrie und Gewerbe, in Wirtschaft und Haushalt und zum Betrieb von Datenübermittlungen und Fernsprechanlagen setzte sich in wenigen Jahren auf geradezu radikale Weise durch. Das Wasserschloss Schweiz, damals wie heute der einzige sozusagen unerschöpfliche Rohstoff unseres Landes, tat sich dabei besonders hervor: Waren es 1890 zum Beispiel nur fünf Primärwerke im ganzen Land, stieg deren Zahl bis 1895 auf 100 und bis 1905 auf 290. Die ersten elektrischen Anlagen entstanden in Fabriken, in Hotels, dann in grösseren Städten (Luzern 1886, Zürich 1892) und Kurorten (Interlaken 1891). Auch die erste schweizerische LandesaussteIlung in Zürich (1883) leistete einen wichtigen Beitrag an diese Entwicklung. Dazu heisst es in Meyer's grossem Konversationslexikon (1908) unter dem Stichwort «Elektrizitätsindustrie»: «Die Schweiz ist durch ihre Leistung weltbekannt.»
Die hoch industrialisierte Gemeinde Rüti konnte da nicht abseits stehen. Und bald fand sich ein wagemutiger Pionier auf diesem Gebiet. Schon zu Beginn der 70er Jahre hatte der Mechaniker Gottlieb Hunziker-Schenkel (1845–1907) im Kämmoos für seine Werkstätte an der Schwarz ein kleines wasserbetriebenes Elektrizitätswerk gebaut.
Bei der Verlegung und Vergrösserung seines Betriebes an die Neuwiesenstrasse (1878) liess er eine Freileitung vom Kämmoos ins Dorf Rüti erstellen. So nutzte er die an der Schwarz erzeugte Energie nach einer beachtlich langen Distanz (Luftlinie rund 2000 Meter). Quasi im «Vorbeigehen» wurde mit dieser Leitung auch das Hotel Schweizerhof am Bahnhof mit Strom versorgt.
Auf Anregung aus dem Kreis der Lesegesellschaft Rüti, die im kulturellen Leben der Gemeinde bis heute eine bemerkenswerte Rolle spielt, sind 1875 die ersten 26 Strassenlaternen im Dorfzentrum aufgestellt worden und zwar schwere, gusseiserne, mit Petrol betriebene Stehkandelaberlampen. Sie mussten jeden Abend und jeden Morgen in mühsamer Arbeit auf Leitern angezündet, gelöscht und gewartet werden. Diese Beleuchtung- gegen die bisherige Dunkelheit immerhin ein Fortschritt – konnte den Bedürfnissen auf die Dauer jedoch nicht genügen (des Aufwandes und der geringen räumlichen Ausdehnung des Lichtes wegen). Im Schosse der Lesegesellschaft ist das Problem der öffentlichen Beleuchtung darum auch weiterhin diskutiert worden. Der bereits genannte Pionier Gottlieb Hunziker liess Pläne ausarbeiten für die Nutzung des Gefälles der Jona in der unteren Moosweid.
Doch bald stellte sich heraus, dass Wasserkraft und Wassermenge dieses Baches kaum für einen Dauerbetrieb genügen dürften, vor allem der unterschiedlichen Wasserführung wegen. Aber das Bedürfnis nach Licht draussen und drinnen und nach elektrischer Kraft wuchs ständig.
Am 24. Februar 1897 fand im Hotel Löwen eine Versammlung zur Beratung dieses Problems statt. Sie war von Gemeindepräsident Rudolf Hofstetter einberufen worden; rund 40 Einwohner folgten seiner Einladung. Rasch waren sie einig über die «Erstellung einer elektrischen Beleuchtungszentrale» und wählten zwei Kommissionen für die Weiterbearbeitung des Vorhabens -eine technische und eine finanzielle. Zuerst musste man sich natürlich einen Überblick über die Grösse der Anlage beschaffen. Zu diesem Zweck führte man vorgängig eine Erhebung über die notwendigen und erwünschten Lampenanschlüsse durch. Sie ergab ein sehr erfreuliches Resultat: In kürzester Zeit sind 1350 Privatlampen à 16 Kerzen und 100 Strassenlampen à 25 Kerzen angemeldet worden. Doch wurden diese Zahlen im Laufe der Bauzeit noch übertroffen:
Bei Inbetriebnahme des Werkes (Ende 1897) waren über 1550 Privatlampen und 127 Strassenlampen angeschlossen. Und nach dem ersten Betriebsjahr waren es bereits 3883 Privatlampen und 206 Strassenlampen! Diese erstaunliche Steigerung zeigt, was für eine grosse Akzeptanz die neue Energie in der Bevölkerung gefunden hatte.
Dazu noch ein paar Daten:
12. April 1897: Gemeinsame Sitzung beider Kommissionen. Man einigte sich auf Dampfbetrieb mit Baukosten von 150’000 Franken und einem Betriebsaufwand von ungefähr 230’00 Franken. Also keine Wasserkraft!
Technische Kommission: H. Weber-Honegger als Präsident, H. Hess-Honegger, J. Peter-Rebsamen, Alfred Oertli, Albert Vontobel.
Finanz-Kommission: Gemeindepräsident Hofstetter, Präsident J. Wüst, Bankverwalter, H. Baumann-Merz, Aug. Egli-Langger, E. Honegger-Sonderegger.
29. April 1897: Die Kommissionspräsidenten referierten über das Ergebnis ihrer Beratungen. 22 Bürger unterschreiben eine Motion an den Gemeinderat für den Bau und Betrieb einer elektrischen Anlage mit einem Kredit von 170’000 Franken.
16. Mai 1897: Gemeindeversammlung. 573 Stimmberechtigte (stolze Zahlen!) beschlossen mit grosser Mehrheit Zustimmung zum genannten Kredit.
19. Mai 1897: Der Gemeinderat ernannte eine Werkkommission zum Bau und Betrieb des Werkes. Diese setzte sich wie folgt zusammen: W. Weber-Honegger, Präsident, H. Hess-Honegger, Vizepräsident (GR), J.R. Hofstetter (Gemeindepräsident), H. Baumann-Merz, H. Knobel, Hptm., E. Honegger-Sonderegger, J. Peter-Rebsamen. (Von diesen drei Kommissionen waren sieben Kommissionsmitglieder Mitbegründer der Hilaria.)
Die Werkkommission übertrug die Bauleitung und nachher die Leitung des EW dem Elektrotechniker Albert Vontobel-Graf, der diesen Aufgabenkreis mit grossem Erfolg und Sachkompetenz bis zu seinem Tode am 9. Februar 1941 wahrnahm. Ihm folgte bis Mitte 1970 sein Sohn Ernst Vontobel-Berger. Dritter Betriebsleiter wurde seither Rolf Haldimann und seit 1. Juli 2000 Hugo Brändle. Das älteste Maschinen- und Kesselhaus mit Akkumulatoren stand im Widacher neben dem Oertliweiher (Standort heute: Parkplatz EW - Inselweg - Tennisplatz).
31. Dezember 1897: Ausgerechnet am Silvesterabend erstrahlte die neue Beleuchtung zur Bewunderung und Begeisterung von Gross und Klein zum ersten Mal im ganzen Dorf, sogar in Fägswil, wo seinerzeit keine Petrollampen aufgestellt werden konnten. Die Kosten des gesamten Werkes beliefen sich zusammen mit der Inneneinrichtung auf Total 205’000 Franken. Zur Deckung der laufenden Ausgaben wurden jährliche Pauschaltarife festgelegt: die Strassenlampe zu je 50 Franken, für Wohn- und Geschäftsräume je nach Kerzenstärke 11 bis 50 Franken, für Nebenräume nur die Hälfte. Wagen wir noch einen Blick in die Region (Bezirk Hinwil). Dabei zeigt sich, dass Rüti eine eigentliche Pionierrolle bei der Nutzung der neuen Energie gespielt hat: Elektrische Haus- und Strassenbeleuchtungen begannen nur in Hinwil im gleichen Jahr, Wetzikon folgte 1901, Wald 1902, Dürnten, Gossau und Grüningen alle 1904, Bubikon 1906, Fischenthal 1907 und Seegräben 1910. An etlichen Orten gab es Vorläufer, so zum Beispiel in Bäretswil 1890 in einer Spinnerei.