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Bronze ist Gold wert
Josef Ehrler unterbrach in Marbach den Schulunterricht, als sich an den Olympischen Spielen eine Sensation abzeichnete. Sein Kollege Sepp Haas kämpfte um eine Langlauf-Medaille. Auf zum nächsten Fernsehgerät! Diese und andere spannende Geschichten rund um 1968 sind im Zeitlupe-Buch «Das waren noch Zeiten …», Band VI, zu finden.
Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier
Der 17. Februar 1968 bleibt in Marbach unvergessen. An den Olympischen Winterspielen von Grenoble stand das 50-Kilometer-Langlaufrennen an. Für die Schweiz mit dabei: Sepp Haas. Sepp und ich spielten damals in derselben Musikgesellschaft, er Saxofon, ich Piccoloflöte. Immer wieder reiste ich mit Skiclubkollegen an seine Läufe in der Schweiz, um ihn zu unterstützen.
Es war ein Samstagmorgen. Weil ich als Sekundarlehrer während seines Laufes unterrichten musste, sagte ich meiner Frau vorab, sie solle mich in der Pause anrufen, falls Sepp Gold holen würde. Im Scherz natürlich. Tatsächlich klingelte das Telefon kurz vor zehn Uhr im Lehrerzimmer. Sepp Haas habe sich bei Rennhälfte vom 25. Platz auf die vorderen Ränge gekämpft, berichtete meine Frau erfreut.
Ich stellte mich vor die Klasse und sagte: «Diejenigen, die zu Hause einen Fernseher besitzen, der das deutsche Fernsehprogramm empfängt, sollen sofort heim eilen. Alle anderen kommen mit mir.» Das Schweizer Fernsehen übertrug Langlauf damals noch nicht. Meine Schwiegereltern lebten zwei Stockwerke über meiner Familie und besassen einen Fernseher, was damals selten war.
Ich überraschte sie mit etwa 15 Schülerinnen und Schülern. Wir zwängten uns in die Stube. Die Kinder sassen auf dem Boden, auf Stühlen und auf dem grossen Tisch, auf den wir noch die Kanapee-Polsterkissen legten. Von dort streiften die Kinder mit ihren Köpfen die niedrige Decke.
Sepp Haas nahm die letzten zehn Kilometer in Angriff, als wir eintrafen. Das Zwischenklassement war damals für Fernsehzuschauer sehr unübersichtlich. Der deutsche Reporter ging zum Loipenrand hinunter, als er von Sepps Aufholjagd vernommen hatte. Selbst Haas war schlecht informiert. Die Schweizer Trainer besassen zwar Funkgeräte, aber keine Batterien. Nur dank dem schwedischen Trainer im Schweizer Team, Lennart Olsson, wusste Haas gegen Ende des Rennens, dass er Chancen auf eine Medaille haben könnte. Olsson hatte bei seinen Landsleuten mitgelauscht.
Erste Langlaufmedaille für die Schweiz
Wie uns Sepp später erzählte, wurde er vom finnischen Mitfavoriten auf Gold, Eero Mäntyranta, kurz ausgebremst, weil ihn dieser zuerst nicht vorbeiziehen lassen wollte. Sepp dachte, Mäntyranta habe einen schlechten Tag erwischt, statt zu realisieren, wie gut er selber dran war! Dann schaffte er es tatsächlich. «Unser» Sepp lief als Dritter ins Ziel und holte sich als erster Mitteleuropäer in der Königsdisziplin des Langlaufs eine Olympiamedaille. Es war zugleich die erste olympische Langlaufmedaille für die Schweiz. War das ein Lärm in der Stube!
Schon in der Schlussphase hatten wir ins Restaurant Bären angerufen, wo Sepps Freundin, Annemarie Hurni, als Serviertochter arbeitete. Als Fangruppe reisten wir mit ihr zusammen oft an Sepps Läufe. Unvergessen, wie meine Frau und Annemarie am Loipenrand «Hohes C» zwischen den Brüsten wärmten und sagten, ihre Läufer seien deshalb so stark, weil sie eben «Muttermilch» erhielten.
Am Montag kehrten die Athleten per Bus zurück in die Schweiz – nach Genf. Ich reiste als Delegierter des Skiclubs Marbach an, zusammen mit Annemarie. Eine Genfer Cousine meiner Frau betreute uns – und schritt wenn nötig ein. Als sich kurz vor Sepps Ankunft immer mehr Leute versammelt hatten und wir kaum noch etwas sahen, schrie sie: «C’est la fiancée de Joseph Haas!» Da machte man uns Platz. Per Zug ging es dann weiter nach Bern, wo der ganze Perron voller Leute war. Wildfremde Menschen nahmen Sepp auf die Schulter und feierten ihn.
Auch der Empfang in Marbach war unglaublich. Es gab einen Einzug durchs Dorf, begleitet von der Musikgesellschaft. «Bronze-Sepp» wurde erneut auf Schultern getragen. Rund 3000 Leute kamen, doch als am Abend das Fest in der Turnhalle stieg, war ich vom aufregenden Tag ganz erschöpft.
Marbacher Junioren brillieren 1971
Sepps Medaille gab dem Langlaufsport in Marbach einen Schub. Das freute unsere Lehrergruppe, die diesen Sport schon zuvor gefördert hatte. Neben mir als Hauptleiter des J+S, damals «Vorunterricht», war auch Sepps Bruder Willy mit dabei. Im Winter luden wir jeweils spontan mittwochabends auf einer beleuchteten Loipe zum Rennen für alle ein. Sepp Haas lief mit, sooft er konnte. Das imponierte den Jungen – und färbte ab: 1971 errangen die Marbacher Junioren sämtliche Schweizer-Meister-Titel.
Noch heute sehe ich ihn hie und da auf der Loipe, was einem kleinen Wunder gleichkommt. Er hatte 1980 bei einem Arbeitsunfall nämlich beinahe einen Fuss verloren. Seine Bronzemedaille ist bis heute mein persönlicher sportlicher Höhepunkt geblieben. Sie war völlig unerwartet und Gold wert. Übrigens: Den Nachmittagsunterricht hatten wir ausfallen lassen.
Langlauf auf der Überholspur
Nach Grenoble folgte 1972 in Sapporo ein Olympiaerfolg: Alfred Kälin, Alois Kälin, Albert Giger und Edi Hauser gewannen in der Staffel Bronze. Beim 1969 eingeführten Engadiner Skimarathon verdoppelte sich die Zahl der Teilnehmenden innert dreier Jahre. Heute hat die Schweiz über 5500 Kilometer Langlaufloipen. Andi Grünenfelder holte sich 1988 in Calgary Bronze. 2002 in Salt Lake City holten Andrea Huber, Laurence Rochat, Brigitte Albrecht Loretan und Natascia Leonardi Cortesi Bronze. Dann sicherte sich Dario Cologna 2010 in Vancouver die erste Langlauf-Goldmedaille. Vier Jahre später schnappte er sich in Sotschi zwei weitere, eine vierte folgte 2018 in Pyeongchang.
Geschichten von anno dazumal
Miniröcke und Flower Power, Schulreformen, Popmusik und Rock ’n’ Roll: 1968 und die 68er haben eine ganze Generation geprägt. Auch Zeitlupe-Leserinnen und -Leser haben in dieser bewegten Ära viel erlebt und verfügen über spannende Erinnerungen. Die Zeitlupe-Redaktion hat einige von ihnen besucht und sich im Gespräch in die vergangenen Zeiten entführen lassen, damit ihre Erlebnisse der Nachwelt erhalten bleiben.