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Christoph Held
Wird heute ein guter Tag sein?: Erzählungen aus dem Pflegeheim
Zytglogge Verlag, 2010
Christoph Held, selber geriatrischer Heimarzt, schreibt mit unsentimentaler Anteilnahme über Bedürftige, und stellt sich selbst immer wieder staunend Fragen, ohne sein Wissen in den Vordergrund zu stellen. Er schreibt mit einer präzisen, poetischen Sprache über die Demenz und lässt die Menschen in seinem Buch trotz ihrer Lage als würdig erscheinen.
Aus: Christoph Held. Wird heute ein guter Tag sein?: Erzählungen aus dem Pflegeheim. Zytglogge Verlag, 2010
In das Badewasser, dem bei den Frauen in seiner Heimat zur Glättung der Haut besondere Aufmerksamkeit gilt, goss er eine Essenz vom Balsambaum, welche bittersüss und geheimnisvoll roch, und schüttete fein geschnittene Fenchelwürfelchen und Melisseblätter hinzu, die auf der Wasseroberfläche schwammen und beruhigend wirken sollen. Unsere moderne Badewanne aus hellblauem Kunststoff hat nun die Form eines bequemen Liegestuhles, und an ihrer Seite ist sogar eine kleine Türe angebracht, durch welche die Patientin bequem in die leere Wanne hätte einsteigen können. Aber der türkische Hilfspfleger wickelte Erna, nachdem er sie auf ihrem Bett vollständig entkleidet hatte, in ein Tuch aus weissem Leinen, welches, weil er es oft zum Baden benutzte, weich und leuchtend geworden war, trug sie ins Badezimmer und senkte sie auf seinen schwarz behaarten Armen vorsichtig ins duftende Wasser. Ihre strähnigen und verschwitzten weissen Haare lösten sich im Wasser und schwammen auf der Oberfläche inmitten dieser orientalischen Ingredienzien, und mit geschlossenen Augen schien Erna für eine Weile ihre früheren Erinnerungen, in denen sie wie durch einen Fluch gefangen war, zu vergessen.