Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03103.jsonl.gz/371

Einen Tag nachdem Block 1 des japanischen Atomkraftwerks Fukushima explodiert war, griff ich zum Telefon.
«Bonjour Bruno, haben Sie Ihre Meinung jetzt geändert?»
«Ich? Warum sollte ich?»
«Warum? Japan. Das Atomkraftwerk. Der Super-GAU.»
«Die Zahlen. Sie müssen sich die Zahlen anschauen.»
Die Zahlen! Zwei Wochen vor den Ereignissen in Japan hatte ich Bruno Comby in seinem Ökohaus bei Paris besucht. Er führte mich als erstes durch seinen kleinen Biogarten und blieb beim Kakibaum stehen, den er von einer Reise nach Japan hatte. «86 Früchte hat er letztes Jahr getragen.» Am Mirabellenbaum hingen 150, die Isolation des Hauses ist 15 Zentimeter stark, das Ansaugrohr für die Ventilation 95 Meter lang, die Luft an ihrem Ende 16 Grad warm. Comby ist ein Mann der Zahlen. Als ich später irritiert die Schuhputzmaschine im Wohnzimmer anstarre, rechnet er mir vor: 90 Watt mal 324 Minuten jährliche Betriebszeit. «Nicht einmal eine halbe Kilowattstunde pro Jahr. Vernachlässigbar!» Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen.
Combys Heim in einem Mittelstandsquartier in Houilles, zwanzig Minuten mit der U-Bahn von der Gare de l’Est, unterscheidet sich kaum von den Nachbarhäusern: Ein Würfel mit einem Pyramidendach («35 Grad Neigung») und angebauter Garage, doch Comby bezeichnet es kühn als das «klimafreundlichste Haus der Welt». Denn der wenige Strom, den seine Wärmepumpe braucht, kommt zum grössten Teil aus Frankreichs 58 Atomkraftwerken, und die würden höchstens 10 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilowattstunde erzeugen. Das ist eine von vielen Zahlen, die Comby von der Umweltfreundlichkeit der Atomkraft überzeugte.
Wann immer einer von Combys Sätzen mit einer Zahl beginnt, kann man sicher sein, dass er mit «pro Kilowattstunde» endet, das ist sein Mantra, seine Masseinheit aller Dinge. Alles auf die Kilowattstunde umzuschlagen verrät, wie viel ihn welche Art Elektrizität kostet – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wie viel Euro, wie viel Brennmaterial, wie viel Umweltbelastung, wie viele Menschenleben.
Bis vor wenigen Jahren hat niemanden interessiert, wie viel CO2 ein Kraftwerk in die Atmosphäre entlässt. Das Gas, das bei jeder Verbrennung entsteht, war ja nicht giftig. Doch dann stellte es sich als hauptverantwortlich für die Klimaerwärmung heraus, und weil in Atomkraftwerken nichts verbrannt wird (der Begriff Brennstab ist irreführend), lagen sie in Sachen Klimaschutz plötzlich vorne, in vielen Berechnungen sogar vor Windkraft und Solarzellen, bei denen der Bau und die Gewinnung der Rohstoffe negativ ins Gewicht fallen. Comby blickt vom Kakibaum schuldbewusst zu seinen 20 Quadratmetern Solarzellen auf dem Dach hoch. «Leider sind das in China hergestellte Zellen mit schlechter CO2-Bilanz, für teurere fehlte mir das Geld.» Falls er seine Seele wirklich dem Teufel verkauft haben sollte, wie seine Gegner es hin und wieder behaupteten, hat er nicht viel dafür bekommen.
Ich ahnte vor meinem Anruf, dass Comby seine Haltung wegen der Ereignisse in Japan nicht ändern würde. Er hat nichts zu verlieren, keine Wählerstimmen, kein Geld. Er ist ein Überzeugungstäter. Sechs Tage nach dem Beben in Japan bot er einem japanischen Freund aus der Atomenergieindustrie seine Hilfe beim Aufräumen in Fukushima an. «Ich glaube, es wäre ein positives Signal, wenn ein französischer Autor, Kerntechniker und Umweltschützer nach Japan flöge, während andere das Land auf der Basis irrationaler Ängste verlassen», schrieb er in einer E-Mail, «meine Eltern könnten sich in dieser Zeit um Damien kümmern.» Comby lebt getrennt von seiner Frau, Damien ist sein sechsjähriger Sohn. Er meinte sein Angebot ernst.
Bruno Comby wurde 1960 in Frankreich geboren und wuchs in Gabun, den USA und Kanada auf, bevor er als Jugendlicher nach Frankreich zurückkehrte. Sein Vater suchte als Geologe für Elf Aquitaine (heute Teil von Total) in aller Welt nach Öl. Energiefragen gehörten zum Tischgespräch der Combys, und Bruno Comby erinnert sich genau, wie sein Vater predigte, dass Öl schmutzig sei und keine Zukunft habe. «Einmal sagte er mir: ‹Ich werde das letzte Öl finden, mein Sohn, für dich wird nichts übrigbleiben.›» Die Energie der Zukunft sei die Kernkraft. Folgerichtig studierte Bruno Comby an der Ecole nationale supérieure de techniques Kerntechnik und arbeitete danach für die Elektrizitätsgesellschaft Electricité de France (EDF).
Doch Combys Karriere verlief nicht gradlinig. Als er Freunden helfen wollte, das Rauchen aufzugeben, und in der Buchhandlung kein Ratgeberbuch fand, schrieb er selbst eines. 1986 – lange vor den Rauchverboten und der grossen Auseinandersetzung über die Schädlichkeit des Rauchens – erschien «Comment vous libérer du tabac». Ein Exemplar schickte Comby dem späteren Präsidenten Frankreichs Jacques Chirac, der es damit schaffte, von seiner Sucht loszukommen. «Ich stand immer am Anfang von Ideen. Wenn sich die Dinge entwickeln, übernehmen oft andere», sagt er mehr stolz als bitter, «ich wende mich dann neuen Themen zu.»
Bruno Comby hatte seine Berufung gefunden. Er wollte mit Büchern für eine bessere Welt kämpfen. Er kündigte bei Electricité de France und lebte als freier Autor in Südfrankreich. Wenn es genug Wind hatte, ging er surfen, wenn nicht, schrieb er Bücher über Rohkost, das Immunsystem, Stress. Bald reiste er als Redner an Ökoveranstaltungen durchs Land.
Besonders bekannt machte ihn 1990 das Buch «Délicieux insectes», in dem er Insekten als Nahrungsquelle der Zukunft propagierte. Weil er bereit war, praktisch vorzuführen, was das heisst, wurde er von Fernsehstation zu Fernsehstation weitergereicht, trat bei Christoph Dechavanne auf, bei Thomas Gottschalk und Patrick Rohr. Combys Insektenbuch brach ein Tabu, das verschaffte ihm viel Aufmerksamkeit. Sein nächster Tabubruch sollte ganz andere Folgen haben.
Aus seiner Haltung zur Kernkraft hatte Comby nie ein Geheimnis gemacht. «Wenn das Thema aufkam, bemerkte ich, wie wenig die Leute wussten, und es schien mir, dass ich hier eine Aufgabe zu erfüllen habe.» Also schrieb er das Buch «Un écologiste pour le nucléaire», sein Bekenntnis, dass er sich als Umweltschützer für die Kernkraft einsetzt.
Comby glaubte, der Erfolg seines Insektenbuches beruhe auf dem Gegensatz im Titel. «Köstliche Insekten» – zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, aber bei genauerem Hinschauen einen Sinn ergeben: Insekten schmecken gut, sind ökologisch sinnvolle Eiweisslieferanten, die unsere Vorfahren Jahrtausende lang gegessen haben. Das gleiche Muster erkannte er in «Ein Umweltschützer für die Kernkraft»: scheinbare Gegensätze, die eigentlich keine sind. «Um das zu erklären, war ich als Kerntechniker und Umweltschützer der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt.» Oder zum falschen.
Das Buch verschaffte ihm in kurzer Zeit viele neue Feinde – auf beiden Seiten. Bei den Umweltschützern galt er von nun an als Unberührbarer. Erstaunlicherweise empfingen ihn aber auch die Leute aus der Nuklearindustrie nicht mit offenen Armen. «Sie verhielten sich wie ein Huhn, das ein Messer findet, wie wir sagen: ratlos, was sie mit mir anfangen sollten.» Wie die meisten Betreiber von Kernkraftwerken war auch Electricité de France vor allem damit beschäftigt, nicht mit Atomkraft aufzufallen. «Ihre TV-Spots zeigten nicht Kernkraftanlagen, sondern Windräder, was ein bisschen seltsam ist für ein Unternehmen, das zu 75 Prozent Atomstrom produziert.» Comby war ein Dumdumgeschoss, das ihre Kommunikationsstrategie durcheinanderbrachte.
Als Frankreich im Juni 1997 den schnellen Brüter in Creys-Malville aufgab, demonstrierte Comby mit den Gewerkschaftern dagegen. Weil er das grösste Transparent mitgebracht hatte, liessen sie ihn vorangehen. «Ecologistes pour le nucléaire» war darauf zu lesen. Die Reaktionen blieben nicht aus: Comby erhielt anonyme Drohbriefe und nächtliche Anrufe. Zwei Jahre später wurde er an der Ökomesse «Horizon Nature» in Tours von einem Biobauern und einem Mitglied der Vereinigung gegen die Jagd verjagt. Der Leitspruch der Ausstellung hiess: Die Messe der glücklichen Leute. Dazu durfte Comby nicht mehr gehören. Er war ein Verräter, ein Ausgestossener, verbannt ins Niemandsland der unvereinbaren Gegensätze.
Die «Association des écologistes pour le nucléaire» (EFN) war der Verein, den Comby 1996 ins Leben gerufen hatte. Das war noch bevor sich die Atomkraft als klimaschonend entpuppte. Obwohl «Umweltschützer für die Kernenergie» ein bisschen wie «Päpste für vorehelichen Sex» klingt, weist die Website eine erstaunlich hohe Mitgliederzahl aus: 9925. Doch Comby räumt ein, dass die meisten davon nur Unterzeichner seien, nicht zahlende Mitglieder. Die letzte Generalversammlung fand in seinem Wohnzimmer statt.
Die ersten Mitglieder des Vereins waren frustrierte ehemalige Mitarbeiter von Kernkraftwerken, die sich auf Anordnung ihres Arbeitgebers nicht zu Atomfragen hatten äussern dürfen. Doch unter dem Eindruck des Treibhauseffekts schwenkten auch einige prominente Umweltschützer um: Klimaforscher Jim Hanson, Greenpeace-Gründungsmitglied Patrick Moore, der ehemalige Herausgeber des Whole Earth Catalog, Stewart Brand, sie alle befürworten heute den Bau von Atomkraftwerken. Prominentestes Mitglied der EFN und ihr Ehrenpräsident ist der 91jährige Vordenker der Umweltbewegung James Lovelock. Seine so berühmte wie umstrittene Gaia-Hypothese aus den 1960er Jahren, die die Welt als einen grossen Organismus beschreibt, wurde zum Leitmotiv der Ökobewegung. Was seinen Anhänger entgangen war: Lovelock hatte die Kernenergie immer befürwortet, daraus aber kein Aufhebens gemacht, bis er 2004 im englischen «Independent» einen Artikel mit dem Titel «Kernkraft ist die einzige grüne Lösung» veröffentlichte. Wie Comby hält auch Lovelock seine Argumente nach der Katastrophe in Japan für gültig. «Sie können mir vertrauen, ich werde meine Meinung nicht ändern.»
Über diese Argumente reden wir nach dem Gang durch den Garten am langen Holztisch im Wohnzimmer, auf dem eine Schale randvoll mit Früchten steht. Comby ist ein Verfechter der Rohkost. «Das ist gesund und spart Energie», sagt er, und natürlich weiss er auch, wie viel er spart: «In der Küche einen Faktor Fünf.» Nach seinen Berechnungen verursacht er pro Jahr einen CO2-Ausstoss von etwa 300 Kilogramm, das ist etwa 20 Mal weniger als der Durchschnittsfranzose und nicht mehr als ein Sudanese, der in der Länderrangliste auf Rang 186 zu finden ist.
Die Diskussion kreist immer um die vier gleichen Probleme: Sicherheit, Abfälle, Kosten, Verbreitung von Kernwaffen – die unzertrennliche Viererbande der Atomkraft. Comby bestreitet die Existenz dieser Schwierigkeiten nicht, wohl aber ihr Ausmass im Vergleich zur einzigen Alternative: fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl oder Erdgas.
Hier unterscheidet sich seine Argumentation von jener der Umweltorganisationen, die die Nachteile der Atomenergie gegen jene von erneuerbaren Energien abwägen. «Die Atomkraft mit erneuerbaren Energien ersetzen zu wollen, ist wie der Versuch, das Transportwesen Frankreichs auf Schubkarren umzustellen. Die perfekte grüne Lösung – bis man zu rechnen beginnt», sagt Comby. Zudem haben Sonne und Wind den Nachteil, die Energie nicht dann zu liefern, wenn sie gebraucht wird. Combys Solarzellen sind im Moment unter dem bedeckten Pariser Himmel praktisch nutzlos, obwohl seine Wärmepumpe ihren Strom gerade an diesem kalten Tag gut brauchen könnte.
«Ich bin ein begeisterter Verfechter der erneuerbaren Energien und des Sparens, aber ich glaube nicht, dass es reichen wird.» Nicht in den westlichen Industrienationen und erst recht nicht in China und Indien. Es bestehe die Gefahr, dass jedes nicht gebaute oder abgestellte AKW durch ein Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerk ersetzt würde, was die Welt einen Schritt näher an die Klimakatastrophe führe. Und deren Ausmass sei derart unvorstellbar, dass jeder Atomunfall davor verblasse. Comby sieht Wirbelstürme kommen, Hungersnöte, den Zusammenbruch der Gesellschaft.
Allein in Deutschland waren vor dem GAU in Japan neun Kohlekraftwerke im Bau, für sieben lagen Anträge vor. Und jetzt hat Deutschland sieben AKW vorläufig abgeschaltet.
Aber Comby zieht das Uran den fossilen Brennstoffen nicht nur wegen der Schonung des Klimas vor. «Was die Kernenergie so radikal von Kohle, Öl und Gas unterscheidet, ist, was ich den ‹Faktor eine Million› nenne: Aus einem Gramm Uran lässt sich gleich viel Energie gewinnen wie aus einer Tonne Erdöl», sagt Comby und schwärmt dann von den neuen Reaktoren der vierten Generation, die dereinst mit einer Schubkarre Uran pro Jahr laufen sollen. Noch eine Schubkarre. Wegen seiner enormen Energiedichte hinterlasse die Gewinnung von Uran auf der Erde eine weit kleinere Narbe als etwa das Schürfen von Kohle. Am anderen Ende sehe es nicht schlechter aus. «Die Elektrizität, die ein Mensch während seines Lebens benötigt, hinterlässt Abfall von der Grösse eines Golfballs.» – Mit dem man allerdings nicht Golf spielen sollte.
Comby glaubt auch nicht, dass uns das Uran in nächster Zeit ausgehen könnte. «Notfalls könnte man es gleich hier auf diesem Grundstück gewinnen.» Er murmelt vor sich hin: «3 Gramm Uran pro Tonne … 100 Meter Tiefe … sagen wir Dichte 3 … 1000 Tonnen Uran! Wenn man hier 100 Meter tief schürft, kann man 1000 Tonnen Uran gewinnen.» Allerdings wäre dann die klimaschonende Wirkung der AKW dahin, weil sehr viel Energie benötigt würde, um das Uran zu isolieren.
Schubkarre, Golfball, Uran im Garten, in Combys Worten klingt alles so einfach. Er bleibt immer ruhig und gelassen, spricht wie ein unendlich geduldiger Lehrer. Ganz selten hebt er seine Stimme ein wenig an, wenn er sagt: «Das ist doch logisch» oder «das kann man wissenschaftlich beweisen.» Wenn dem so ist, warum denken dann nicht alle Umweltschützer wie er? Weil die Atomkraft zu einem Symbol geworden sei, das für viel mehr stehe als für ein Kraftwerk, sagt Comby. Ein Grund dafür ist wohl, dass jedes Atomkraftwerk das schwere Erbe der Atombombe in sich trage. Greenpeace wurde zum Beispiel von Atombombentestgegnern gegründet. Andererseits wird die friedliche Nutzung der Atomkraft ausgerechnet in Japan breit akzeptiert, im einzigen Land, in dem Atombomben je niedergingen. Combys japanischer Freund, dem er per Mail seine Hilfe angeboten hatte, ist Yumi Akimoto, Hiroshima-Überlebender und späterer Direktor der Nuklearfirma Mitsubishi Materials Corporation. Seine Antwort an Comby endete mit dem Satz: «Es gibt keinen anderen Weg als Kernkraft, um das Energieproblem unserer Gesellschaft zu lösen. Mit unseren besten Wünschen. Yumi Akimoto.» Das war neun Tage nach dem Beben.
Comby hatte sich in seinem Schreiben an Akimoto bereit erklärt, auch an verstrahlten Orten zu arbeiten. Er ist nicht lebensmüde, er hält bloss die Wahrnehmung der Strahlung in der Öffentlichkeit für stark verzerrt. «‹Die Strahlung stieg auf das 1000fache des Normalwerts› klingt natürlich dramatisch», sagt er, «wenn man nicht weiss, dass an den Badestränden von Guarapari in Brasilien solche Werte natürlicherweise gemessen werden.»
James Lovelock vermutet, dass die panische Angst vor Krebs, «diesem fünfzehnten Nothelfer der Umweltdemagogen», radioaktive Strahlung so bedrohlich erscheinen lasse, wo andere Risiken doch weit grösser seien. Tatsächlich flüchteten Journalisten, die sonst immer als erste im Kugelhagel stehen wollen, aus Tokyo, als sie nur schon von möglicher erhöhter Strahlung hörten. «Wissen Sie, welches Gerät der grösste Killer der Menschheit ist?» fragt Comby und gibt die Antwort selbst: «Die Machete!»
Als wir auf die Kosten zu sprechen kommen, bittet mich Comby, ihm in den Keller zu folgen. Am Fuss der Treppe hängen zwei Stromzähler. Comby zeigt auf den ersten: «Hier liefert mir die Elektrizitätsgesellschaft Atomstrom für 10 Cents pro Kilowattstunde. Und hier», Comby zeigt auf den zweiten Kasten, «hier verkaufe ich der Elektrizitätsgesellschaft meinen Solarstrom für 58 Cents pro Kilowattstunde.» Aus politischen Gründen subventioniere Electricité de France Solarstrom, «auch wenn das ökonomisch gesehen ein Blödsinn ist». Tatsache bleibt allerdings, dass es privaten Investoren heute zu riskant ist, in AKW zu investieren. Die Zahl der Experten, die die Atomkraft für unwirtschaftlich halten, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Nach den Vorfällen in Fukushima werden Atomkraftwerke wohl noch teurer werden.
Beim Abfall betont Comby wieder, wie gering dessen Menge sei im Vergleich zur Unmenge CO2, die wir jeden Tag in die Atmosphäre pumpen. AKW bedeuten ein Risiko, Kohlendioxid einen Schaden. Dass das Lagern der Abfälle für Tausende von Jahren ein lösbares Problem sei, habe die Natur schon vorgemacht. Tatsächlich wurden 1972 in Gabun die Spuren einer nuklearen Kettenreaktion gefunden, die dort vor zwei Milliarden Jahren stattgefunden hatte. Dieser natürliche Reaktor wird gerne als Argument für die Unbedenklichkeit der Endlagerung genannt: Das übriggebliebene Uran – von Mutter Erde produzierter Atommüll sozusagen – hatte sich in all den Jahren bloss wenige Zentimeter bewegt. Das ändert allerdings nichts daran, dass einem schwindlig wird ob der Zehntausende von Jahren, die stark strahlende Abfälle sicher gelagert werden müssen.
Wenn Comby bei seinem Einsatz für die Atomkraft etwas gelernt hat, dann, dass sie abzulehnen oder zu befürworten weit mehr bedeutet, als ihre Vorteile und Nachteile abzuwägen und sich dann zu entscheiden. Mehr als jede andere Möglichkeit der Energieerzeugung ist die Atomenergie «zum Inbegriff des Bösen geworden», sagt der Historiker Joachim Radkau von der Universität Bielefeld, der unter dem Titel «Die Ära der Ökologie» eben eine Geschichte der Umweltbewegung publiziert hat, «in Deutschland und in der Schweiz ist die Gegnerschaft gegen die Kernkraft das einigende Band der Ökobewegung gewesen, sie war geradezu ein Glaubensartikel». Der Widerstand gegen AKW war Teil der Identität der Umweltschützer, und darüber konnte nicht verhandelt werden. In den 1970er Jahren haben sie den Preis festgesetzt, den die Gesellschaft ihrer Meinung nach für Atomkraftwerke bezahlen müsse: unendlich.
Aber der Preis der Atomenergie ist endlich und damit vergleichbar mit anderen Energieerzeugungsarten. «Wenn es bei einem Flugzeugabsturz 200 Tote gibt, vergleicht man diese auch mit den Tausenden von Toten im Strassenverkehr», sagt Comby. Dasselbe müsse man bei der Energie tun. «Wenn es zu einem Unfall in einem Atomkraftwerk kommt, muss man sich die Millionen von Opfern vor Augen führen, die die Nutzung fossiler Energie schon gefordert hat.» Comby wäre nicht Comby, wenn er nicht auch dazu die passenden Zahlen bereit hätte. Sie stammen vom Paul-Scherrer-Institut in Villingen, das akribisch Buch führt über den höchsten Preis, den Menschen für Energie bezahlen: das Leben. Nach den Zahlen seiner Datenbank ENSAD schneidet die Kernenergie mit 32 Toten (31 von Tschernobyl) zwischen 1970 und 2005 am besten ab, Wasserkraft kommt auf 30 021 Tote im selben Zeitraum, Kohle auf 31 939. Bezogen auf die erzeugte Energie, schneidet die Kernenergie 18 Mal besser ab als Öl. Bei Tschernobyl kommen noch einige Tausend Todesfälle durch Krebserkrankungen hinzu. Aber solche verursachen fossile Brennstoffe durch Feinstaub und Luftverschmutzung auch. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) waren es 960 000 allein im Jahr 2000; ein Drittel davon als Folge der Energieerzeugung.
Es mag abstossend erscheinen, menschliches Leid gegeneinander aufzurechnen, aber wer es nicht macht, hat es bereits getan. Er hat das Leben jener Menschen, die medial begleitet bei einer Atomkatastrophe sterben, über das Leben jener 43 namenlosen Kumpel gesetzt, die in einer Kohlenmine im pakistanischen Quetta zehn Tage nach dem Erdbeben tödlich verunfallt sind.
Diese Zahlen waschen die Atomkraft nicht rein. Es gibt immer noch viele gute Gründe, die gegen sie sprechen. Aber solche Gründe gibt es auch gegen Kohle und Öl, ja sogar gegen Wind und Sonne. Selbst wenn wir bei unseren Abwägungen nicht zum selben Schluss kommen wie Bruno Comby, können wir von ihm lernen, dass nicht nur eine Welt mit AKW ihren Preis hat, sondern auch eine Welt ohne.
Nach der Atomkatastrophe in Japan kommt einem Comby ein bisschen vor wie Don Quichotte, der für Kühltürme kämpft. Auf seinem Blog gibt er Durchhalteparolen durch und ruft dazu auf, nicht in «irrationale Angst» zu verfallen.
Combys Angebot, in Japan zu helfen, hat Yumi Akimoto übrigens freundlich abgelehnt, stattdessen bat er ihn, korrekte Information zur Wirkung radioaktiver Strahlung zu verbreiten.
Comby wird also vorläufig an der Heimatfront für seine Sache kämpfen. Als nächstes will er ein Windrad auf sein Dach stellen und damit Strom für ein Elektroauto erzeugen. Dass es 120 Jahre dauert, bis sich das finanziell auszahlt, hat er schon ausgerechnet.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Der Präsident der «Umweltschützer für die Kernenergie», Bruno Comby, befürwortet AKW auch nach dem Unfall in Japan. Ist der Mann verrückt oder einfach unerträglich vernünftig?
Einen Tag nachdem Block 1 des japanischen Atomkraftwerks Fukushima explodiert war, griff ich zum Telefon.