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Carpe Diem II
Echigo Tsumari art triennal nigata (JP) 2000
Kurator Fram Kitagawa, Advisor Prof. Dr. Ulrich Schneider
Simon Beer
Echigo Tsumari art triennal nigata (JP) 2000
Kurator Fram Kitagawa, Advisor Prof. Dr. Ulrich Schneider

Ein Zitat aus der antiken Lyrik des Horaz verleiht dem Werk den Titel und schlägt eine poetische Brücke zwischen Tradition und Gegenwart mit einem Motto von zeitloser Gültigkeit:
«Carpe diem». «Nutze den Tag» und genieße das Heute – aber besinne dich auch auf die Vergänglichkeit und die Verantwortung für die Zukunft, möchte man ergänzen und verwirft diesen moralisierenden Appell sogleich, um den heiteren Charakter und die elegante, spielerische Leichtigkeit dieses Werkes nicht durch anmaßende Belehrung zu trüben.
Oberhalb der Stadt Matsudai steht ein idyllischer kleiner Pavillon inmitten der Natur. (...) Getragen wird es von 12 runden Stützen; ansonsten ist der 6-eckige Zentralbau mit seinem leicht erhöhten, podiumsartigen Holzboden nach allen Seiten offen und begehbar. (...) das romantische Architektur-Motiv des Lust-Pavillons im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts kommt ebenso in den Sinn wie Anspielungen auf Schutzhütte, Aussichtsplattform, Veranstaltungsbühne, Spielzeughaus, Kinderkarussell oder gar Tempelchen. Je nach Jahreszeit ist dieser Pavillon entweder leer oder aber «bewohnt». Um die Mitte herum gruppieren sich sechs handelsübliche, mannshohe Tiefkühlschränke, und jeder von ihnen beherbergt im Sommer (bei bis zu 35° Außentemperatur) einen Schneemann, der in seinem klimatisierten Glashaus (-25°) eingesperrt und exponiert ist wie in einer Schauvitrine.
Die 6 kurzlebigen Figuren sind individuell gestaltet und liebevoll mit Attributen ausgestattet (Hüte, Schal etc). Sie repräsentieren drei verschiedene Generationen: Großeltern, Eltern und 2 Kinder – die Mitglieder einer traditionellen japanischen Familie auf dem Lande, die in dieser Ideal-Form allerdings nicht mehr selbstverständlich ist, seitdem die Abwanderung der jüngeren Generation eine Veränderung der sozialen Struktur mit sich bringt. Das Kunstwerk vereint Natur, Industrie und Gesellschaft, indem es auf vorhandene Faktoren und Charakteristika der Region eingeht. Dazu gehört auch der Schnee, denn in einer Gegend, in der die heftigsten Schneefälle der Welt zu verzeichnen sind, ist er zentrales Element des Lebens.
Die Schnee-Familie wird jedes Jahr im Winter von den Kindern der Region nach ihren eigenen Vorstellungen «auf Vorrat» gebaut und in einem Kühlhaus konserviert. Im Sommer bezieht sie dann ihr Quartier in den Tiefkühlschränken des Pavillons, in denen sie von Juli bis August – gleichsam zeitversetzt – präsentiert werden. Wer sie besuchen möchte, kann sich zu ihnen hinauf begeben und auf einer Art Umgang zwischen den 2 Säulenreihen die vertrauten und doch so überraschend deplaziert wirkenden Kult-Figuren umschreiten. (...) Zum Abschluss der Aktion zerrinnt der Traum. Die Türen werden geöffnet, der Schnee verschmilzt wieder mit der Natur, und der Kreislauf schließt sich. Die leeren Kühltruhen werden entfernt, um Freiraum zu schaffen in dem Pavillon, den die Besucher in der übrigen Zeit nach Belieben nutzen können – sei es als Treffpunkt, als Ort der inneren Einkehr und Kontemplation oder als Ausflugsziel, bis schließlich der Sommer kommt und mit ihm die gern gesehenen Gäste aus einer anderen Zeit, die wieder Einzug halten.
Simon Beer hat die Verantwortung für sein Projekt dem Nachwuchs der einheimischen Bevölkerung übertragen, den Hoffnungsträgern der Zukunft, die selbst die Realisierung des künstlerischen Konzeptes in die Hand nehmen und sich ein Stück weit damit identifizieren. (...)