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In der engen Schwanengasse, ganz in der Nähe des Blumenrains, lag der Gasthof zur Blume. Er war ein grosses Gebäude von drei Stockwerken zu je fünf Fenstern. Das Erdgeschoss war zu Wirtschaftsräumlichkeiten und im späteren 19. Jahrhundert zu einem Laden eingerichtet worden. Das Haus war tief, denn die ganze Partie, die am Korbgässchen lag, gehörte dazu, und Mitte des 18. Jahrhunderts kam das benachbarte Haus "zum Harnisch" hinzu.
Doch war der Standort an der Schwanengasse nicht der einzige des uralten Gasthofs. Bereits 1245 tritt er urkundlich in Erscheinung, im Schatten des Salzturms am Blumenplatz. Wie er aussah, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Es ist bekannt, dass neben dem Gasthof ein Badehaus stand, was den Reisenden sicherlich eine angenehme Zugabe zum Service des Hauses war. Im Erdbeben von 1356 wurde das Haus derart beschädigt, dass es abgerissen werden musste.1 An seiner Stelle muss der sogenannte "Schertlins Hof" entstanden sein, in dem erneut ein renommierter Gasthof namens "zur Blume" eingerichtet wurde, in dem schon 1440 ein starker Hausknecht aus dem Elsass für das Fortkommen unbequem werdender Gäste sorgte. Aus der Geschichte des Hauses sollen hier einige weitere Episoden hervorgehoben werden. Die Zeit der Kirchenversammlung (Konzil 1431-1448) brachte ein merkwürdiges Leben nach Basel, das die Tätigkeit des Bürgers, Handwerkers und Kaufmanns vielfach in Anspruch nahm. Die Herbergen und Wirtshäuser waren überfüllt von Herrenvolk und Diener aller Art. Diese brachten nicht nur Geld in die Stadt, sondern auch verderbliche Moden und Bedürfnisse und verdrängten die alten guten Sitten. Nach der Schlacht von St. Jakob 1444 war das Verhältnis zwischen der Stadt und dem österreichischen Adel sehr gespannt. Leister von Laufenburg, welche in der Herberge zum Blumen lagen, durften sich, als später die Eidgenossen kamen, nicht öffentlich blicken lassen, konnten nicht zur Kirche gehen oder ihre Pferde zur Tränke führen. Entstand auf der Strasse etwa Ärger, so musste der Wirt sie in das Stüblein "zum Hintern Blumen" verstecken und einschliessen, damit sie im Hause nicht erstochen wurden. Als Basel 1501 in den Schweizerbund eintrat, kamen die Eidgenossen zur Entgegennahme der Eidesleistung in die Stadt und waren im "Storchen", im "Löwen", im "Silberberg" und in der "Blume" einquartiert. Pfarrer Gast, der Verfasser des berühmten Tagebuchs, erzählt in seinen Aufzeichnungen: "9. Januar 1548. "Ritter Sebastian Schertlin Burtenbach kommt nach Basel. Indem er seiner Gattin ein Haus in der Nähe der Blume kaufte, hofte er selber mit seinen Söhnen und seinen Pferden in dieser Herberge." Gast brachte 1548 nebst Antistes Myconius und anderen Gelehrten und Geistlichen mit dem heldenmütigen Verfechter der Protestanten manche Stunde in der "Blume" zu.2
Es scheint, dass der Wirtsbetrieb der "Blume" eine Zeitlang eingestellt war. Die Familie Obermeyer bewarb sich um das Wirtschaftsrecht der alten "Blume" und führte das Haus unter dem Namen "Drei Könige" fort - die Geschichte dieses Gasthofs steht an anderer Stelle geschrieben. Der Name der "Blume" allerdings ging im späten 17. Jahrhundert (1681) auf das Haus in der Schwanengasse über. Anders lässt sich auch die zeitweilige Übertragung des Namens "Blumengasse" auf die Schwanengasse nicht erklären. Die erste vorliegende Urkunde des Gasthofs stammt aus der Blumenschmiede (Schwanengasse 5), wonach 1685 Niklaus Krämer, Wirt zur "Blume", der Schwester des Schlossers Rudolf Treu in einem Hausverkauf Beistand leistete. Die zweite Urkunde der "Blume" datiert vom Jahr 1730. Am 28. November jenes Jahres erschienen Herr Amtmann von Waldkirch und der Rat- und Dreierherr Sebastian Spörlin beim Ratsherr und Lizentiat Jakob Christoph Frey in Sachen einer Schuldenforderung von 5000 Pfund Kapital samt Zins und ergangener Kosten an Herrn Jakob Bulacher, Wirt der "Blume", und seiner Frau. Sie hätten der genannten Frau die Behausung und Wirtschaft "zur Blume" als Unterpfand verschrieben; am 21. September wurde das Haus laut Urteil in Gericht gezogen und auf sein Begehren hin ausgerufen, feilgeboten, vergantet und verkauft, und zwar mit aller Zubehörde und Gerechtigkeit. Die Brennerschen Erben boten dafür, und zwar "3640 Pfund Gelds guter, gänger und genehmer Basler Währung" (Stocker 1890: 132). Das Haus blieb nicht lange in ihren Händen, es wurde zehn Jahre nachher von den Kreditoren des Eigentümers Weinmann um 4000 Pfund Gelds ersteigert.3
Schon im Jahr darauf, am 14. März 1748, ging das Haus wieder an die früheren Eigentümer zurück für 5500 Pfund in neuen französischen Talern, das Stück zu 3 Pfund Gelds gerechnet. Zum mitverkauften Wirtschaftsinventar gehörten: ein Känsterlein in der grossen Stube, ein Küchenkänsterlein mitsamt Geschirrschaft, sechs Tische in der Gaststube, vier Lehnenstühle, zwei lange Stühle, zwei Stückfass, beide in Eisen, zwei Vierling Fässer sowie zwei kleinere, alle in Holz gebunden.4
Der Spitalküfer Peter Friess und der Rotgerber Ludwig Wenk verkauften 1756 ihr Haus zum Harnisch an die Wirtsleute zur Blume, nachdem die beiden es erst 1749 ersteigert hatten. Somit vergrösserte sich der Besitz der Familie Brenner um einen beträchtlichen Teil. Frau Juditha Meyer, geb. Brenner, verkaufte die Behausung "zur Goldenen Blume" schliesslich 1782 an Abraham Roschet, deren Sohn und Miterben. 1798 ist Rudolf Holzach Besitzer der Blume. Er zeigt durch folgende Empfehlung die Übernahme des Gasthofs an: "Bürger Rudolf Holzach, dermaliger Wirt und Gastgeber zur Blumen in Basel, empfiehlt sich als ein junger Anfänger, da er obbemeldte Wirtschaft an sich erkauft, und dieselbe verwichenen Monat May angetreten, allen und jeden Reisenden, wie auch den Fuhrleuten; für erstere ist er mit artigen Zimmern, und letztere zugleich mit schöner Stallung versehen; in Ansehung der Bedienung wird er sich, sowohl in Billigkeit als im Traktaten, zu jedermanns Zufriedenheit bestreben. Basel den 9. Brachmond. 1798." 1848 geben im November 1848 das Gasthaus dem Herrn Peter Anton Leibzig aus Kronweissenburg (Bas-Rhin) in Pacht auf drei Jahre. Zehn Jahre später kauft Leibzig den Gasthof, eine Zeit lang "Anker" genannt, um die Summe von Fr. 66'000. Lange Zeit war Herr Louis Hechinger-Steinacher, Teilhaber der Comestibleshandlung Hechinger & Christen, Eigentümer des Hauses. Beim Konkurs desselben kam es an die Hauptgläubigerin, die Handwerkerbank, und in den Neunziger-Jahren des 19. Jahrhunderts war es Eigentum des Herrn M. Bauer-Sturm.5
Lassen wir zum Abschluss einen Unbekannten zu Wort kommen, dem die "Blume" wegen einer Episode, die sich daselbst im Juni 1876 abspielte, unvergesslich blieb: "Auf einen schneereichen Winter war ein heisser Sommer mit Platzregenperioden gefolgt. Der Rhein schwoll rapid an und die alte hölzerne Rheinbrücke schwankte so entsetzlich, dass sie mit Steinen und Eisenschienen belastet werden musste. Die Frauenbadanstalt schwamm den Rhein hinunter und schlug die Hauptgasleitung unter der Rheinbrücke entzwei, so dass Kleinbasel ohne Licht war. Auf den Kleinbaslern Rheinwegen stieg die Flut bis an die Baumkronen. Die damals noch niedrig liegende Schifflände stand metertief unter Wasser, ebenso Schwanen- und Kronengasse. Die Blume war das Lokal der Feuerwehr, die mit Weidlingen herumfuhr und provisorische Brücken erstellte, damit die Anwohner der Gassen in ihre Häuser gelangen konnten. Auch in der Blumenwirtsstube sammelte sich ein See an; er bespülte die eisernen Tischbeine, stieg dann immer höher bis zu den Tischplatten und wohl oder übel musste in den ersten Stock übersiedelt werden, wo aber nichts zu haben war als Bier vom Fass und Brot, da die übrigen Vorräte dem Wassergott zum Opfer gefallen waren. Ich sass auch oben und hörte zu, wie die Pompiers von ihren Heldentaten erzählten. Da stürzte plötzlich die Kellnerin herein und rief: "In der Wirtsstube-n-unde hockt ein uf em Tisch; i weiss mit, isch er lebig oder tot!" Schnell begaben sich einige Mutige die Treppe hinunter (der normale Eingang vollzog sich während des Hochwassers mittelst einer Leiter durchs Fenster des ersten Stocks). Mit einer Fackel wurde die offenstehende Türe hineingezündet, und auf dem Tisch hockte höchst verdächtig ein undefinierbarer Gegenstand, der sich bei näherer Betrachtung als ein männliches, von Likörflaschen umringtes Wesen entpuppte. Der Kerl schnarchte und war offenbar schwer beduselt. Was tun? Zum Glück sass oben im Lokal der alte Polizeiwachtmeister Zindel, ein Mann ohne Furcht und Tadel, und schon deswegen beliebt, weil er immer Interessantes aus dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheinenden Basler Polizeianzeiger zu erzählen wusste. Dieser Zindel stieg die Leiter in den Nachen und wurde von zwei Fährleuten ins Korbgässlein gelotst. Vorher hatte er sich eines währschaften leeren Strohsacks und der Hilfe einiger Pompiers versichert, die in ihren Brunnenputzerstiefeln mutig durch die Flut wateten. Der schnarchende Mann, der die Likörsammlung hinter dem Buffet offenbar als freies Strandgut betrachtet und demgemäss einen ausgiebigen Gebrauch davon gemacht hatte, war einfach nicht zu wecken. Er wurde daher kurzerhand in den Strohsack gesteckt und dann von vier Mannen - an jedem Zipfel hielt sich einer - nach dem Rheinbrückenpfosten getragen. Dort konnte sich dann der Kerl allmählich wieder erholen"6
Im Dezember 1908 verkaufte die Aktiengesellschaft "Basler Volkshaus und Gasthof zur Blume" an die Einwohnergemeinde der Stadt Basel die Liegenschaft Sektion I Parzelle 23[hoch]1 mit Haus Schwanengasse 4 für Fr. 360'000, womit es der Stadt möglich wurde, über die Liegenschaft zu verfügen. Zusammen mit den anderen Häusern an der Schwanengasse wurde die "Blume" im Zug der Talstadtkorrektion 1909 abgebrochen.
Quellen:
1 Altbasel
2 Stocker 1890: 129f.
3 ebda: 131f.
4 ebda: 133
5 ebda: 133f.
6 Meier 1980: 124f.