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Die Bauten des Architekten, Maler und Kommunisten Oscar Niemeyer haben auch hierzulande Aufsehen erregt – und die Fantasie angeregt. Eine Würdigung des 2012 verstorbenen Brasilianers, geschrieben im Jahr 2012, kurz nach seinem Tod.
Der 9-jährige Junge sitzt auf dem Boden des Wohnzimmers, vor einem Bücherregal, irgendwo in der Thurgauer Provinz. Er blättert gebannt in einem dicken Buch; Bilder aus Südamerika reihen sich an lange Texte und Zahlenreihen, die der Junge nicht versteht. Doch die Bilder erzählen die Welt der südamerikanischen Metropolen, von Buenos Aires, Caracas, Lima, Montevideo, Rio de Janeiro, Santiago de Chile – Namen, die anders klingen, leichter und vielversprechender als jene in der Thurgauer Provinz. Das ist die Welt, staunt der 9-Jährige, da ist die Welt – und nicht hier. Die Welt ist weit und leicht.
Die schwarzweisse Fotografie des brasilianischen Nationalkongresses mit den halbkugelförmigen Parlamentsgebäuden und den beiden schlanken Hochhäusern, die in der flachen Ebene in den Himmel ragen wie Dominostein; dieses Bild bleibt dem Jungen für immer. Nicht als Design, nicht als Architektur (diese Wörter kennt er nicht), sondern als Bild der Welt, wie sie wirklich ist und worin sein Platz sei. Brasilia.
Überwältigende Kunstwerke
Oscar Niemeyer hat die neue Hauptstadt Brasilia mit seinen Partnern in einem Gewaltsakt von 1956 bis 1960 geplant und aus dem Boden …. gestampft? Eher nicht, denn Brasilia berührt die Erde nur behutsam, Brasilia schwebt fast über dem Boden. Niemeyer hat die Hauptstadt in die Ebene, in die Mitte des Landes gelegt, in die gerodete, tropische Buschlandschaft, 1000 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. «Ich wollte ein Kunstwerk schaffen, das überwältigt», sagt Niemeyer in einer TV-Dokumentation, die 2007 zu seinem 100. Geburtstag ausgestrahlt wird. Und: «Das Malen hat mich zur Architektur gebracht».
1907, am 15. Dezember, wird Oscar Niemeyer in Rio de Janeiro geboren, in jenem Jahr, als Pablo Picasso mit dem Bild «Les Demoiselles d’Avignon» den Kubismus ein erstes Mal auf die Reise schickt. Und Picassos Reduktion der weiblichen Körperformen findet sich später in Niemeyers Entwürfen und Bauten wieder, wenn auch niemals so funktional und streng. «Mich ziehen die frei fliessenden, sinnlichen Kurven an, die ich in den Bergen meines Landes finde, in den Windungen seiner Flüsse, in den Wellen des Ozeans und auf dem Körper der geliebten Frau», erklärt Niemeyer im Fernsehinterview die Quelle all seiner Arbeit.
Vier Jahre für Brasilia, die neue Stadt
Niemeyer glaubte nicht an Gott. Er war Kommunist, die Überwindung des Kolonialismus in Brasilien das erklärte Ziel der neuen Hauptstadt Brasilia. Doch eines seiner ersten wegweisenden Bauwerke auf dem Heimatboden war ausgerechnet eine Kirche, die São Francisco de Assis in Pampulha bei Belo Horizonte. In Auftrag gegeben hatte sie 1940 der Bürgermeister, Juscelino Kubitschek. Kubitschek war es auch, der 1956 als brasilianischer Präsident die Vision der neuen Hauptstadt Brasilia vorantrieb und Oscar Niemeyer sowie Lucio Costa als Architekten und Städteplaner für das gigantische, fast utopische Projekt gewann, während andernorts die Sowjets und die Nordamerikaner die Zukunft darin sahen, unbedingt zum Mond fliegen zu müssen. Als könnte man in Raumanzügen frei sein.
Kubitschek, so Niemeyer im Interview, sagte ihm, morgen müssten die Pläne für Brasilia fertig sein. Und Niemeyer zeichnete die ganze Nacht. Als er einmal eine Orange in der Mitte auseinanderschnitt, fiel die eine Halbkugel mit der flachen Seite auf den Tisch, die andere Hälfte platzierte er auf dem Pol ruhend daneben. Das war die ganze Wahrheit hinter dem Entstehen des Wahrzeichen von Brasilia, dem Nationalkongress mit den beiden Parlamentskammern. Dem Bild also, das sich dem 9-jährigen Jungen auf dem Wohnzimmerboden in der Thurgauer Provinz eingebrannt hat.
Ein Experiment der Reinheit und Leichtigkeit
Vier Jahre nach Planungsbeginn, am 21. April 1960, wurde Brasilia eingeweiht – eine unvorstellbare Leistung der Ingenieure, der über 10’000 Arbeiter und des visionären Präsidenten. Das ganze Land geriet in Euphorie für ein Projekt, das heute als Sinnbild für das 20. Jahrhundert nach den elenden Kriegen der Welt steht. Brasilia, 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt, hat heute natürlich die genau gleichen Probleme in den Satellitenstädten wie jede andere brasilianische Stadt: Armut, Kampf, Kriminalität, Ungerechtigkeit, Dreck. Niemeyer wollte die Gesellschaft verbessern, er entwarf eine Stadt, er startete ein Experiment der Reinheit und der Leichtigkeit und der Freiheit in aller Form. Er baute die schönste Kirche der Welt, die Kathedrale in Brasilia. Sie hat etwa die Form einer entfalteten Blüte, mit Blättern aus farbigen Glasscheiben, die mit dem Stahlbeton der Träger verbunden in die Höhe steigen und den Menschen mit dem Himmel verbinden sollen. Zeigen sollen, wo Gott sein könnte. «Das Leben ist viel wichtiger als Architektur», sagt der Kommunist, der die Menschen zu Gott bringt.
Ein Monument für das Pelé-Museum
Wer heute der Invasion der neuen 400 oder 600 oder 800 Meter hohen Plastiktürme in der Wüste von Dubai zuschaut, wird eher an einen schlechten Science-Fiction-Film erinnert denn an die neue Stadt für den gerechten, freien Menschen. Und so späht man etwas mulmig in dieses seltsame 21. Jahrhundert, in die technikbesessene Welt der von der Natur völlig entkoppelten Elite, die nur an die Grösse glaubt, die der Mensch selber plant und bauen lässt und die nur der Elite dient.
Dass die Grösse längst da ist und dass der Architekt mit Demut vor der Natur sie nur nachahmen kann, hat Oscar Niemeyer sein Leben lang vorgelebt. Er hat mit seiner Frau Annita auch den ewigen Bund vorgelebt, die Liebe, die einen 1928 vor den Traualtar führt und 76 Jahre lang zusammen durchs Leben gehen lässt. Alles an diesem Mann ist etwas grösser als der Durchschnitt: sein Alter, seine Ehe, seine Gelassenheit und sein Arbeitseifer: Noch 2010 hat Niemeyer zusammen mit seinem Landsmann, dem weltgrössten Fussballer Pelé, ein Monument entworfen, das direkt neben dem Pelé Museum in Santos zu stehen kommt. Dieses Mal hat Niemeyer die Orange wieder zusammengeklappt und die vollkommene Kugel ruht als Fussball auf dem Boden. Daneben erhebt sich eine gigantische Rampe, nach oben, in den Himmel.
Kakás Ball fliegt
Am 4. Dezember 2012 sitzt der 9-jährige Junge auf dem Wohnzimmerboden, nicht im Thurgau, sondern in Basel. Der Junge ist mittlerweile 48 Jahre alt. Im Fernseher läuft das Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Ajax Amsterdam. In der 49. Minute ist der Ball plötzlich passgenau im Lauf von Kaká, dem brasilianischen Fussballer im Team von Real Madrid. Kaká täuscht kurz an, läuft dann leicht über den Rasen und schickt den Ball mit einem elegant gebogenen Weitschuss auf die Reise ins Tor. Als Kakás Ball fliegt, tut Oscar Niemeyer einen seiner letzten Atemzüge im Samaritano-Spital in Rio de Janeiro. Er ist fast 105 Jahre alt und das 20. Jahrhundert geht in seinen Atemzügen zu Ende. Kaká jedoch ist jung, 30, ein begabter Sohn der Stadt, die Oscar Niemeyer damals über Nacht gezeichnet hatte. Brasilia.
Schade, hat Niemeyer Kakás Tor nicht mehr gesehen. Es hätte ihm gefallen, es sah so leicht aus. Als der Ball im Tor liegt, lächelt Kaká sein strahlendes, anmutiges Lächeln, das mehr Dankbarkeit und Erleichterung offenbart als wirklicher Jubel. Ja, es sah alles so leicht aus.
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Brasilien im Fokus: Die TagesWoche widmet sich die kommenden Tage dem Gastgeber der Weltmeisterschaft 2014 – eine Übersicht der Artikel liefert das Dossier zum Thema.