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Pascaline Sordet
14. November 2019
«Ich bin ein Sammler. Aus jedem Land, das ich bereise, bringe ich wann immer möglich ein Instrument mit», erzählt Nicolas Rabaeus und nimmt eine rustikale Gitarre aus Marokko in die Hand: «Das ist vielleicht das primitivste Instrument in diesem Raum: Es besteht aus Kamelhaut und Ziegendarm.» Anschliessend zeigt er mir balinesische Trompeten, Tablas, Bongos, Crotales, Glocken und Gongs. Sein Genfer Studio gleicht einer – sehr ordentlichen – musikalischen Fundgrube. Ordentlich ist auch Nicolas Rabaeus’ Kleidung: er trägt eine Krawatte, obwohl er meist allein arbeitet. «Ich habe meine Anzug-Phasen», erklärt er.
Die Instrumente sind keine reinen Dekorationsobjekte, sondern kommen je nach Projekt tatsächlich zum Einsatz. «Meine Weiterbildung besteht darin, laufend neue Stile zu erlernen», meint er, und stellt dies sogleich unter Beweis, indem er eine Thriller-Musik, einen Tango, einen Trap und schliesslich die Lieder anspielt, in denen er selbst für den Soundtrack von «Station Horizon» von Pierre-Adrian Irlé und Romain Graf gesungen hat. Graf – Regisseur der Serie «Helvetica» – beschreibt die Arbeit dieses Mannes, der die Musik zu all seinen Projekten geschrieben hat, mit dem gleichen Wort wie der Komponist selbst: vielseitig. «Er kennt sich sehr gut aus in Musikgeschichte und ist ein wahrer Musikethnologe, der alles spielen kann.»
Vom «Pfeifer» zum Komponisten
Nicolas Rabaeus hat in den letzten zehn Jahren für viele Westschweizer Filmproduktionen gearbeitet, darunter «Le Milieu de l’Horizon» von Delphine Lehericey und «Tambour battant» von Christophe Marzal. Als ich ihn in seinem Studio besuche, sieht man auf einem Bildschirm den Nobelpreisträger Jacques Dubochet auf einem Fahrrad, in einer Szene eines Films von Stéphane Goël, für den er eine Sequenz im Stil der Fuge aus Beethovens Neunter Sinfonie vorbereitet. Später wird das Stück von einem Orchester eingespielt, doch vorläufig arbeitet Nicolas Rabaeus mit virtuellen Instrumenten.
Durchaus real ist hingegen das Klavier seines kroatischen Grossvaters Milutin Vandekar, das in der Mitte des Studios thront. «Er war Forscher bei der WHO, doch er komponierte auch Volkslieder, die von Duke Ellingtons Jazz und Charles Aznavour inspiriert wurden und die ich sehr gerne höre. In Kroatien ist er bekannt; einige seiner Stücke kann dort jeder nachsummen.» Ein kleines Bild des Mannes wacht über den Raum, so wie er über den Werdegang seines Enkels wachte.
Vor seiner Musikausbildung und der Arbeit als Filmkomponist spielte Nicolas Rabaeus klassische Gitarre und sang viel, konnte jedoch keine Musik schreiben. «Meinem Grossvater war dies aber sehr wichtig. Er nannte mich den Pfeifer, weil ich ständig Melodien pfiff. Er sagte dies auf eine liebevolle, aber auch herausfordernde Art.» Eine Woche später schrieb Nicolas Rabaeus sich an einer Jazzschule in Paris ein.
2007 spielte er im Kurzfilm «961» von Valentin Rotelli und Pierre-Adrian Irlé und schlug den beiden vor, auch den Soundtrack zu komponieren: «Das hat mir enorm Spass gemacht, ihnen gefiel meine Musik, und so nahmen die Dinge dank Mundpropaganda ihren Lauf.» Heute, mehr als zehn Jahre später, arbeitet Nicolas Rabaeus neben einem Lehrauftrag an der Musikhochschule HEM nur noch als Filmkomponist. «Ich werde oft von Studenten gefragt, wie man in diesem Milieu Fuss fassen kann, doch das weiss ich selbst nicht.»
Klangpaletten
Am Anfang des Schöpfungsprozesses bereitet Nicolas Rabaeus wie ein Maler Paletten vor. Sie dienen als Grundlage für die Gespräche mit den Regisseurinnen und Regisseuren zur Festlegung der Richtung, bevor die eigentliche Musik ausgearbeitet wird. «Für Helvetica hatte ich Playlists erstellt mit dem, was uns beim Schreiben des Drehbuchs durch den Kopf ging – äthiopischer Jazz, Nina Simone, John Carpenter», erzählt Romain Graf. «Anhand der Paletten, die er vorbereitet hatte, stellten wir dann die Musik zusammen. Er hatte etwas ganz anderes erschaffen und die Regeln des Thrillers auf seine Art neu interpretiert. Den ersten Rückmeldungen zufolge findet die Musik grossen Anklang.»
Welche Farbe fehlt noch auf der Palette? «Ich möchte gerne eine total abstrakte Partitur mit einem modularen Synthesizer kreieren. Ich habe keine Ahnung, was in diesem Kasten steckt und welche Töne herauskommen.» Er schaltet ihn ein: Zischen, metallisches Klirren, Brummen, Piepen, statisches Rauschen. «Es ist unmöglich, zweimal das gleiche zu machen, man fängt jedes Mal wieder von vorne an.» Dies entspricht Nicolas Rabaeus’ Arbeitsweise: Für seine Musik verwendet er nur Klänge, die er selbst erzeugt oder aufgenommen hat. Er verzichtet bewusst auf die Voreinstellungen der Synthesizer, denn es ist eine viel grössere Befriedigung, den Klang selbst zu formen, als auf etwas zurückzugreifen, das irgendjemand in Minnesota einprogrammiert hat.
▶ Originaltext: Französisch