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Vom 17. – 21. November 2016 waren wir – eine Gruppe von MasterstudentInnen der Sinologie der Universität Zürich – unter der Leitung von Kiu-wai Chu und Frau Prof. Andrea Riemenschnitter zu Gast an der Universität Wien. Am Freitag besuchten wir unter anderem die Ai Weiwei Ausstellung „Translocation – Transformation“ und wohnten einem Podiumsgespräch zu den sogenannten „Trostfrauen“ in Taiwan bei. Am Samstag und Sonntag nahmen wir dann als AuditorInnen an einem Workshop an der Universität Wien zum Thema Klimawandel und Umweltproblematik in China teil.
Bei der Podiumsdiskussion am Freitagnachmittag mit dem Titel „Comfort Women in China and Taiwan: Human Rights Violation without End?“ wurde die Zwangsprostitution der sogenannten „Trostfrauen“ (comfort women) thematisiert. Die „Trostfrauen“ waren Frauen verschiedenen ethnischen und nationalen Hintergrunds, die während des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Armee zur Prostitution gezwungen und sexuell ausgebeutet worden waren. In den Vorträgen von Chris Berry, Susanne Weigelin- Schwiedrzik, Agnes Schick-Chen, Astrid Lipinsky, sowie Hsiu-Ching Wus Dokumentarfilm „The Song of the Reed“, wurde die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.
Chris Berry, Professor am King’s College in London, untersuchte den Diskurs aus einer filmwissenschaftlichen Perspektive und thematisierte die ethischen und geschlechterpolitischen Probleme bei filmischen Umsetzungen des Themas. Aufgrund des Einflusses verschiedener Interessensgruppen, zum Beispiel der Familienangehörigen der Opfer, aber auch der Taiwanesischen Regierung und ihrem Interesse an japanischen Kapitalanlagen, wurden die Leiden der „Trostfrauen“ für lange Zeit ignoriert. Die meisten filmischen Darstellungen sind von den kommerziellen Interessen der Filmemacher geprägt, die sich bei der Umsetzung nach dem „Geschmack“ des Publikums richteten. Der Würde der Frauen wird in vielen dieser Filme wenig Beachtung beigemessen. Einige Filmemacher haben zwar versucht ethische Dilemmas bei den Dreharbeiten zu vermeiden, Chris Berry betonte aber, dass der Fokus der meisten Filme auf die Opferperspektive der „Trostfrauen“ gerichtet ist, und dass der Fakt, dass diese Frauen zugleich auch Überlebende sind, weitgehend ausgeklammert wird. Diese Frauen sind Überlebende, die nicht nur mit den schweren Traumata, sondern auch mit den Reaktionen aus ihrem Umfeld und der Gesellschaft leben mussten und müssen.
Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Professorin an der Universität Wien, beleuchtete die Problematik aus einer anderen Perspektive. Laut ihrer These hat sich seit dem Ende des Kalten Kriegs der Blick auf die Geschichte verändert. Die Welt ist nicht mehr in eine binäre Ordnung aufgeteilt, sondern von gebrochenen Narrativen geprägt. Am Beispiel des Narrativs des zweiten Weltkriegs zeigte Susanne Weigelin-Schwiedrzik auf, dass narrative Strukturen immer vielschichtig sind, und sich unter der Oberfläche der offiziellen Geschichtsschreibung weitere Narrative verbergen. Seit dem Ende des Kalten Kriegs sind vermehrt solche bisher verborgene Narrative an die Oberfläche getreten, und haben sich über das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis, in Form von Filmen, Dokumentationen und ähnlichem, ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Diese Narrative bieten zwar eine Alternative zur offiziellen Geschichtsschreibung und können den Opfern eine Stimme geben, sie sind aber, wie wir bei Chris Berrys Vortrag gesehen haben, teilweise von kommerziellen Interessen geprägt und können eine offizielle Anerkennung und Verarbeitung des Leids nicht substituieren.
Dr. Agnes Schick-Chen arbeitete mit dem Konzept der Transitional Justice. Bei der Transitional Justice geht es einerseits darum systematische Menschenrechts- verletzungen anzusprechen. Andererseits um eine Neuverhandlung der Identität der Opfer und die Förderung von restaurativer Zurechnungsfähigkeit, retributiver Gerechtigkeit, sowie Versöhnung und Demokratie. Agnes Schick-Chen nutzte dieses Konzept, um das Unrecht, das den taiwanesischen „Trostfrauen“ während der japanischen Kolonisierung zugefügt worden war anzugreifen.
Dr. Astrid Lipinsky von der Universität Wien, zeigte in ihrer Präsentation auf, dass die Vereinten Nationen das Leid, das den „Trostfrauen“ durch die japanischen Soldaten zugefügt worden war, bereits im Jahr 1997 als einen Verstoss gegen die Menschenrechte erklärten. Sie betonte, dass es sich bei der „Trostfrauen“-Thematik nicht um ein bilaterales Problem zwischen Korea und Japan handle, sondern um ein globales, von dem auch Taiwan direkt betroffen sei. Möglicherweise aus Angst davor, dass eine Anerkennung der Schuld gegenüber den taiwanesischen „Trostfrauen“ immer weitere Fälle nach sich ziehen würde, zum Beispiel aus China, hat sich die japanische Regierung bis heute nicht bei den ehemaligen taiwanesischen „Trostfrauen“ entschuldigt, und streitet nach wie vor ab, dass es sich bei den sogenannten „Trostfrauen“ um Sexsklavinnen handelte. Astrid Lipinski zeigte dann einen Zusammenhang zwischen der taiwanesischen Identitätspolitik und dem „Trostfrauen“-Diskurs auf. Die taiwanesische Identitätspolitik und die Demokratisierung Taiwans spielen in Taiwans jüngster Geschichte eine zentrale Rolle. Der Aufarbeitungsprozess des Leids, das den „Trostfrauen“ im Zweiten Weltkrieg zugefügt worden war, rückte dagegen in den letzten Jahren in den Hintergrund.
Zum Schluss wurde Hsiu-Ching Wus Dokumentarfilm „The Song of the Reed“ aus dem Jahr 2014 gezeigt. Vor der Vorführung sprach die Regisseurin über die Hintergründe des Films, sowie die Schwierigkeiten während der Dreharbeiten. Im Unterschied zu anderen Dokumentarfilmen zum Thema „Trostfrauen“ stehen in „The Song of the Reed“ die physische und die mentale Rehabilitation der Frauen im Zentrum. Der Film zeigt, dass das Erlebte zwar nicht rückgängig gemacht werden kann, die Frauen das Trauma aber mit Hilfe professioneller Unterstützung aufarbeiten können. Dieser Aufarbeitungs- prozess wird im Film detailliert dargestellt. Ausserdem thematisiert der Film das Engagement einer japanischen NGO, die sich für die ehemaligen taiwanesischen „Trostfrauen“ einsetzt. Da die Klage gegen die japanische Regierung im Jahr 2005 gescheitert ist, hat der Dialog mit dieser NGO für die „Trostfrauen“ einen wichtigen symbolischen Wert. Trotzdem wäre eine offizielle Anerkennung durch die japanische Regierung für die Frauen selbst, ihre Angehörigen und die Taiwanesische Bevölkerung notwendig, um das Trauma auch öffentlich verarbeiten zu können. Im Zentrum des Workshops, an dem wir am Samstag und Sonntag als AuditorInnen teilnahmen, standen Lösungsansätze und Perspektiven aus verschiedenen Bereichen. Der Workshop wurde vom Forschungsnetzwerk CHESS („China and the Environment in the Social Sciences“) und dem Departement für Ostasienwissenschaften der Universität Wien organisiert. CHESS ist ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk mit Schwerpunkt auf der Umweltthematik in China aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive. Das Forschungsnetzwerk wurde im Jahr 2013 als Forum für Promovierende der Universität Wien mit Forschungsschwerpunkt China und Umwelt gegründet. Am diesjährigen Workshop waren Nachwuchsforschende aus Europa, den USA, China und Taiwan vertreten, die auf vier Panels verteilt ihre Forschungsprojekte vorstellten. Die Präsentationen des ersten Panels befassten sich mit zivilen Akteuren und anderen nicht-staatlichen Interessensgruppen, also mit einer bottom-up Perspektive. Diejenigen des zweiten Panels beleuchteten die Thematik aus der Perspektive staatlicher Akteure, also aus einer top-down Perspektive. Das dritte Panel umfasste Perspektiven aus den Urbanwissenschaften, das letzte Panel beschäftigte sich mit dem Potential filmischer Repräsentationen. Einleitend gab es einen Eröffnungsrede von Frau Wang Yongchen, einer renommierten chinesischen Journalistin und Gründerin der Umweltschutzorganisation „Green Earth Volunteers“.
Als Gründerin und Präsidentin von „Green Earth Volunteers“ setzt sich Wang Yongchen für Wasserschutz und Flusserhalt in China ein. Wang stellte die bisherigen Aktivitäten der Organisation vor, wie sie zum Beispiel den Bau eines Staudammes im Gelben Fluss im Jahre 2015 verhindern konnte. Auch erzählte sie von den bewegenden Schicksalen, die sie emotional sehr mitnahmen. Wang publizierte bis anhin 25 Bücher.
Nach einer kleinen Kaffeepause begann die erste von vier Vortragsreihen mit dem Titel „Non-state actors and agencies”. Emina Popovic, Postdoktorandin der Freien Universität Berlin, stellte in ihrer Präsentation „China’s advocacy groups’ influence on decision-making in environmental policy issues“ eine empirische Analyse von fünf Fallstudien vor. Dabei wurde der Einfluss von zwei Interessensgruppen (Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen) gegenübergestellt und die Entscheidungen in der Politikgestaltung analysiert. Sie stellte fest, dass man bei Entscheidungen zum Vorteil der ersten Interessengruppe (Unternehmen) tendiert, weil die Regierung auf das ökonomische Wachstum fokussiert ist.
Immer mehr Universitäten schliessen sich der „Entwicklung einer grünen Universität“ (绿色大学建设) an, bei der man die Emissionen zu reduzieren und den Campus umweltfreundlicher zu gestalten versucht. Die Peking Universität ist eine davon und hat bereits Massnahmen ergriffen. Jan Philipp Laurinat, Masterstudent, ebenfalls von der Freien Universität Berlin, untersuchte anhand von Interviews und einer Umfrage die Wahrnehmung der Studierenden in Bezug auf die Massnahmen. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Studierenden diese Bewegung zwar unterstützen, jedoch viele Studenten wenig bis keine Kenntnisse davon hatten, was auf die relativ schwachen Marketingmassnahmen zurückzuführen sein könnte.
Im dritten Vortrag sprach Eva Ignatuschtschenko, Forschungsmitarbeiterin am „Global Cyber Security Capacity Centre“, über die Herausforderungen des E-Müll Sektors in China. Das Land ist einer der grössten Elektroschrott-Abnehmer der Welt. Obwohl formelle E-Müll Sammelorte und entsprechende Recyclingsysteme vorhanden sind, gibt es immer noch den informellen Sektor, wo Leute den E-Müll unsachgemäss recyceln und wodurch grosse Gesundheits- und Umweltschäden verursacht werden. Die Wissenschaftlerin stellte in ihrer Präsentation eine Lösung vor, bei der der informelle Sektor formalisiert wird, d. h., dass der Elektroschrott weiterhin informell gesammelt, aber formell, mit entsprechendem Verfahren, recycelt würde.
Chen Liang-Yu, Doktorand an der Leiden Universität, versuchte anhand von Interviews und relevanten Literatur am Beispiel der drei Pilotprojekten in Guangdong zu durchleuchten, wie die lokalen Experten zur Klimapolitik mitwirkten. Chen stellte fest, dass das Fachwissen auf lokaler Ebene im Vergleich zur zentralen Autorität limitiert ist. Ausserdem setzt sich China erst seit einer Dekade und die lokale Regierung seit drei bis vier Jahren mit der Klimapolitik auseinander.
Im Anschluss an ein gemeinsames Mittagessen folgte das zweie Panel zum Thema „actors and responsiveness“. Den Anfang machte Benjamin Steuer, der sich im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Universität Wien mit der Regulierung der städtischen Müllabfuhr in China befasst. Da die wachsende Abfallmenge viele chinesische Städte vor grosse Herausforderungen stellt, ist dieses Thema von hoher Relevanz. In seiner Präsentation zeigte Steuer den Wettbewerb zwischen dem formellen und dem informellen Sektor auf, welche sich gegenseitig um die Sammlung und den Handel mit wiederverwertbaren Gütern aus Haushaltsabfällen (z. B. Plastik, Metalle, Papier) duellieren. Er ging zudem darauf ein, wie gewisse Schwächen der gesetzlichen Strukturen zur Entstehung eines informellen Sektors der Müllabfuhr führten.
Shen Yongdong von der Universität Oslo stellte danach seine Forschung zum Thema Kontrollmassnahmen der industriellen Luftverschmutzung in China vor. Anhand der Fallstudie des „Hangzhou-Modells“ untersuchte er, wie Stadtbevölkerung, Unternehmen und Regierungsbehörden auf trilateraler Ebene einen Dialog über Luftverschmutzungskontrollmassnahmen führten. Das Konzept des in Hangzhou angewendeten „konsultativen Autoritarismus“ mag zwar nicht für ganz China anwendbar sein, liefert aber dennoch wichtige Erkenntnisse zur Umsetzung von Umweltschutzrichtlinien.
Iza Ding von der University of Pittsburgh beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Frage, wie chinesische Behörden mit Umweltproblemen umgehen. Im Rahmen ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Konzept der performativen Regierungsführung (performative governance), einer symbolischen Zurschaustellung der Regierungstätigkeit, welche Sprache und Verhalten nutzt, um das Bild von guter Regierungsführung zu vermitteln. Nach einer fünfmonatigen Beschäftigung in einer chinesischen EPA (Environmental Protection Agency) kam Ding zum Schluss, dass lokale Behörden in China performative Regierungsführung anwenden und symbolische Ansprechbarkeit vermitteln, um sich die Zustimmung der Öffentlichkeit zu sichern. Dies führt allerdings oft nicht zu substanziellen Verbesserungen der Umweltproblematik.
Nach einer Pause startete das dritte Panel mit dem Titel „Urban Studies“. Julia Aristova von der Universität Duisburg-Essen beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Rolle von lokaler Regierungsführung bei der Einführung von Technologien mit niedrigen CO2-Emissionen in China. Seit der Elfte Fünf-Jahresplan der chinesischen Regierung zu einer Verringerung von CO2-Emissionen und der Entwicklung von erneuerbaren Energien aufgerufen hat, beschäftigen sich Lokalregierungen vermehrt mit der Einführung von Technologien mit niedrigem CO2-Ausstoss. So investierte auch die Stadt Shenyang in Wärmepumpenheizungen. Aristova ging dabei der Frage nach, weshalb Wärmepumpenheizungen in Shenyang im Vergleich zu Peking ein gewaltiges Wachstum erlebten, obwohl beide Städte ähnliche Umweltbedingungen aufweisen. Sie kam zum Schluss, dass der private Sektor nur einen niedrigen Einfluss auf den Markt für Geothermie hat. Da die Entscheidungsmacht bei lokalen Regierungsmitgliedern liegt, sieht sie die Lokalregierungen als eigentliche Treiber für die regional unterschiedlich ausgeprägte Befürwortung der Geothermie.
Als nächstes referierte Nele Fabian von der Ruhr-Universität Bochum zum Thema historische Strategien des Abfallmanagements in Hong Kong und Shanghai. In beiden Städten wurde das Problem der Abfallverwertung durch Überbevölkerung und Massenkonsum vorangetrieben; Regulierungen dazu blieben jedoch vage. Die allgemeine Unterschätzung der zukünftigen Auswirkungen der angewandten Entsorgungsmethoden führte zu einer zunehmenden Umweltbelastung.
Zhang Yanzhu von der Oxforduniversität beschäftigt sich in seinem Forschungsprojekt mit dem Thema „Water Quality Trading“ (Wasserqualitätshandel). Die Auswirkungen von Wirtschaftswachstum, Klimawandel und Verstädterung stellen die Wahrung von Wasserqualität und -sicherheit in China vor grosse Herausforderungen. Das Handeln von Emissionswerten kann hier einen wertvollen Beitrag zur Kontrolle von Umweltverschmutzung leisten. In China wird die Anwendung des sogenannten Water Quality Tradings (WQT) jedoch noch durch Gesetzeslücken, Regulationskonflikten und Marktunreife erschwert.
Im vierten Panel mit dem Titel “Film and Representation” zeigte zuerst Wang Yongchen ihren Film „Nu River“ (怒江), dann hielt Kiu-wai Chu von der Universität Zürich einen Vortrag mit dem Titel: „Representing Environmental Issues and Governance: Three Modes of Ecocritical Films“. Bei Wangs Film handelt es sich um einen Dokumentarfilm über ihren Einsatz im Gebiet des Nu-Flusses. Der Nu-Fluss entspringt im tibetischen Hochland, fliesst dann durch Yunnan und mündet in Burma ins Meer. Wang Yongchen setzte sich mehrere Jahre gegen das geplante Grossstaudammprojekt ein, bei dem das Nu-Tal geflutet werden soll. Ziel ihres Engagements ist das Bewirken einer öffentlichen Resonanz und das Schaffen eines Bewusstseins dafür, dass die Flutung eines Flusstals nicht nur erhebliche ökologische Schäden zur Folge hat, sondern auch Lebensräume zerstört. Lebensräume von Pflanzen und Tieren, aber auch den Lebensraum der Menschen, die in dem Tal beheimatet sind. Im Nu-Tal leben verschiedene ethnische Minderheiten – unter anderem die Nu und die Naxi. In einer Szene lauscht Wang Yongchen den Geräuschen des Flusses und erklärt, dass dieser Fluss uralte Geschichten erzähle. Sie betont wie wichtig es sei der Natur wieder mehr zuzuhören.
Die Diskussion im Anschluss an den Film befasste sich vor allem mit der Frage, wie das Filmmaterial noch besser aufbereitet werden könnte, um ein noch grösseres (auch internationales) Publikum anzusprechen und zu erreichen. Die Bildsprache des Films scheint eher auf ein chinesisches, als auf ein internationales Publikum ausgerichtet zu sein. Man muss aber bedenken, dass eine aufwändigere filmische Aufarbeitung auch mit höheren Kosten verbunden wäre.
Kiu-wai Chu gab in seinem Vortrag einen Überblick über drei mögliche Ansätze ökokritischer Filme. Erstens sogenannte “tiefenökologische Filme” (deep ecology films), zweitens sogenannte Umweltfilme (environmental films) und drittens sogenannte “Ecocinema”-Filme. Die tiefenökologischen Filme waren die ersten ökokritischen Filme, und kamen schon in den 1960er Jahren auf, zum Beispiel „Where is Mama“ (小蝌蚪找妈) aus dem Jahr 1960 oder „The Cowboy’s Flute“ (牧笛) aus dem Jahr 1963. Bei diesen Filmen handelt es sich um Animationsfilme, die einen harmonischen Zustand zwischen Mensch und Umwelt darstellen. Dieser holistische Einheitsgedanke ist eng mit daoistischen aber auch konfuzianischen Idealen verknüpft. Tiefenökologische Filme könnten als eine Verschmelzung von traditionell chinesischer Ästhetik, wie sie in der traditionellen Landschaftsmalerei zu finden ist, mit Filmtechnik betrachtet werden. Das ökokritische Potential solcher Filme ist allerdings beschränkt. Denn anstatt der Natur eine Stimme zu geben und auf die Umweltproblematik aufmerksam zu machen, romantisieren sie die Natur lediglich, und schreiben ihr die Rolle des Anderen zu.
Deshalb kamen mit der Zeit sogenannte Umweltfilme auf, die die Umweltproblematiken direkt ansprechen. Umweltfilme sind eine hochaktuelle Form ökokritischer Filme. Zum Beispiel Wang Jiuliangs „Beijing Besieged by Waste“ (垃圾围城) aus dem Jahr 2011. Der Vorteil solcher Filme ist, dass sie die Probleme aufzeigen und direkt ansprechen. Der Dokumentarfilm „Manufactered Landscapes“ von Jennifer Baichwal aus dem Jahr 2006 beispielsweise zeigt die Fotoserie des Künstlers Edward Burtynsky, die auf eine ästhetische Weise die Zerstörung natürlicher Lebensräume thematisiert. Ohne die filmische Dokumentation der Serie würden die Fotographien lediglich in ihrer stummen Ästhetik zu uns sprechen, die filmische Umsetzung jedoch artikuliert die Hintergründe und spricht die damit verbundenen Probleme an. Mit der Frage ob die Schönheit der Fotografien selbst einen dämpfenden oder einen unterstützenden Einfluss auf die Übermittlung der dahintersteckenden Botschaft haben, leitete Kiu-wai Chu zum letzten Genre von ökokritischen Filmen, den „Ecocinema-Filmen“ über. „Ecocinema-Filme“ stellen die Zerstörung ebenfalls in einer ästhetischen Weise dar. Zum Beispiel Jia Zhangkes Film „Still Life“ (三峡好人) aus dem Jahr 2006. „Ecocinema-Filme“ sprechen die Probleme nicht direkt an, aber sie thematisieren die Umweltproblematik aus einer subjektiven Perspektive. Diese subjektive Darstellung hat den Vorteil, dass sie sehr viele Menschen erreicht. Dadurch haben diese Filme, obwohl sie keine direkte Kritik üben, ein grosses Potential, da sie die Probleme einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Kiu-wai Chus Vortrag war der letzte des diesjährigen CHESS-Workshops. Nach einem gemeinsamen Mittagessen kamen noch einmal alle ReferentenInnen und TeilnehmerInnen zu einer Enddiskussion zusammen. Im Vordergrund der Diskussion standen mögliche zukünftige Projekte und Formen der weiteren Zusammenarbeit. Die OrganisatorInnen des Workshops betonten, dass die zukünftige Form des Forschungsnetzwerks CHESS noch unklar sei und auch vom Interessensschwerpunkt der einzelnen Beteiligten abhängig sei.
Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal herzlich dafür bedanken, an diesen sehr interessanten und inspirierenden Veranstaltungen in Wien dabei gewesen sein zu dürfen.