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Die erste Platte von Morcheeba «Who Can You Trust« (1996) war die lange erwartete Antwort auf den omnipräsenten Britpop, der uns Ende der neunziger Jahre zum Hals raushing. Dank der bezaubernden Stimme von Skye Edwards und den schleppenden Beats von den Gebrüdern Godrey verbreitete sich das Album so schnell wie Schweissgeruch zur Hauptverkehrszeit in der Londoner U-Bahn. Die meisten aber kennen die Formation seit «Big Calm« (1998) – Songs wie «Part Of The Process« erinnern heute noch manch einen meiner Generation an Kuschelsex im Jugendbett und bekiffte Mondscheinnächte am See.
Die Trennung
Nach zwei weiteren Produktionen und einer Best-Of-Compilation trennten sich die Brüder Ross und Paul Godfrey von Skye. An ihre Stelle trat Daisy Martey, die aber bereits nach dem Einspielen der nächsten Platte «The Antidote« (2005) gefeuert wurde. «The Antidote« konnte nicht an die bisherigen Erfolge anknüpfen, was jetzt nicht heissen will, dass eine Band ohne ihre Originalstimme automatisch dem Untergang geweiht sein muss. Als Peter Gabriel 1975 die noch junge Band Genesis verliess, interpretierten dies alle als Todesstoss, doch nach dem Wechsel von Phil Collins ans Mikrophon wandelte sich die Progressiv-Rockband zum Millionenseller. Vielleicht vermögen auch Morcheeba auf dem nächsten Album wieder mehr zu überzeugen.
Zu wenig Ohrwurmcharakter
Bands sind wie eine Ehe: Kommt es zur Scheidung, sind die Konsequenzen für beide Parteien nicht absehbar. Nicht nur Morcheeba müssen einen Verlust verkraften, sondern auch Skye Edwards, die Medienberichten zufolge von den Godfreys vor die Tür gesetzt worden ist. Jetzt versucht sie es allein: Letzten Samstag trat Skye am Openair Tufertschwil auf.
Um zwanzig Uhr gingen die Lichter aus, leichter Regen setzte ein. Skyes Anwesenheit erinnerte im ersten Augenblick an die alten Zeiten, lullte mich ein, liess mich wie angewurzelt dastehen und hinschauen. Ihr Lächeln und ihre Stimme verzauberten, ihre neuen Lieder leider nicht. Es fiel auf, dass gerade die Songs aus der Zeit mit Morcheeba herausstachen: «The Sea« und «Blindfold« zum Beispiel, um nur zwei zu nennen. Ihre eigenen Lieder erschienen im Vergleich dazu weniger kompakt, weniger kraftvoll und hatten zu wenig Ohrwurmcharakter.
Sie braucht wohl noch Zeit
Vielleicht war genau das das Problem: Losgelöst von den alten Hits hätten Skyes neue Lieder nämlich durchaus Potential. Trotzdem sind ihre neuen Songs insgesamt noch nicht ausgereift genug, und ich ertappte mich während des Konzerts dauernd dabei, wie ich nur auf den nächsten Morcheeba-Knaller wartete. Vielleicht braucht die Londonerin einfach noch Zeit, um ihren eigenen musikalischen Weg zu suchen. Ihre Präsenz auf der Bühne, ihr Umgang mit dem Publikum und nicht zuletzt ihre unverwechselbare Stimme lassen hoffen, dass sie ihn findet. In Tufertschwil hat sie bewiesen, dass sie auch ohne die Godfreys überzeugen könnte – wenn es ihr gelänge, sich von ihrer Vergangenheit zu verabschieden.