Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03603.jsonl.gz/548

Eine Oper, Mitte Juni am Strand: Das sieht in Aldeburgh im englischen Suffolk etwas anders aus, als man es sich vielleicht vorschnell ausmalt: Der Strand besteht aus grossen, rundgeschliffenen Kieseln, der leichte Wind kann schnell zu einer stürmischen Böe heranwachsen und abends kann man statt eines Sonnenuntergangs auch schon mal eine dichte Nebelwand bestaunen. Da steht man dann da im leichten Sommerhemd und fühlt sich wie bei uns Mitte November.
Trotz Auszeichnungen ein Aussenstehender
Die Menschen an der englischen Ostküste sind sich einiges gewohnt an Wind und Wetter. Und auch Benjamin Britten wusste, wovon er erzählte, als er Ende des Zweiten Weltkriegs seine Oper «Peter Grimes» komponierte. Pflegte der Komponist doch bei seinen täglichen Spaziergängen durch das Marschland und dem Meer entlang nicht nur Töne und Klänge in seinem Kopf zu ordnen, sondern auch die Fischer nach dem Erfolg ihrer nächtlichen Ausfahrten zu fragen.
«I believe that an artist should be part of his community» – «Ich denke, dass ein Künstler Teil seiner Gemeinde sein soll.» Dies sagte Britten 1962, als er in der «Moot Hall» (dem Aldeburgher Rathaus aus dem 16. Jahrhundert, wo auch der Beginn von «Peter Grimes» spielt) zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Benjamin Britten wollte dazu gehören. Und blieb doch, trotz Auszeichnungen, ein Aussenstehender: Als ein Mann, der mit seinem Lebenspartner Peter Pears zusammenlebte (gleichgeschlechtliche Partnerschaften waren damals illegal). Und als überzeugter Pazifist während des Zweiten Weltkriegs.
Eine Nebelmaschine, die keine Technik braucht
Ein Outsider ist auch die Figur Peter Grimes in der gleichnamigen Oper. Am Strand von Aldeburgh turnt er (bzw. der Sänger Alan Oke) auf einem sturmbeschädigten Hafenpier zwischen originalen Fischerbooten herum – eine hypernaturalistische Szenerie. Der raubeinige Fischer, der seine Gehilfen (halbverschuldet) zu Tode bringt, aber keine Chance erhält, sein Recht vor der Gemeinde einzufordern, hat hier nicht nur gegen die Fischerdörfler zu kämpfen. Als Zuschauer nimmt man auch teil bei einem anderen Kampf: gegen die Gewalten der Natur.
Dass das Leben rau ist für die, die täglich aufs Meer hinausfahren, hat Benjamin Britten natürlich gewusst. Und in seiner Oper musikalisch auch inszeniert, etwa mit einem veritablen Sturm im ersten Akt. Am Strand von Aldeburgh wird der Bezug zur Realität deutlicher als sonst in einem Opernhaus, findet der «Sturm» in Form eines kalten, unablässig pfeifenden Windes doch tatsächlich vor der eigenen Nase statt. Dazu schreien Möwen, Wellen branden aufs Kies und auch die Nebelmaschinerie funktioniert bestens – ohne dass ein Theatertechniker hätte nachhelfen müssen.
Oper auf Holzbänken und Tee in der Pause
Ja, es ist kalt und ungemütlich. So, wie die Handlung auf der Opernbühne auch. Der warme Tee wird fleissig ausgeschenkt. Und musikalisch hätte Benjamin Britten, der ständige Perfektionist, vielleicht das eine oder andere Detail auch zu bemängeln gehabt. Doch über etwas anderes wäre er sicher glücklich gewesen: Dass an einer der Hauptproben fast alle Bewohner von Aldeburgh am Strand gesessen sind und seinem Stück begeistert applaudiert haben.