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2004
"Faszinierender Stachel"
... gegen den jede 'Einordnung' vergeblich leckt
Genet war immer der Zeit voraus, prägend und unbequem. Zu seinem Tod 1986 veröffentlichte das SOH-info einen Nachruf von Ole Kongsdal, in dem auf Genets politischen Einfluss für die "Schwarzen Panther" in den USA und die PLO in Palästina hingewiesen und des Dichters Wort zitiert wurde1:
"Alle spontane Gewalt des Lebens liegt in den Revolutionären, sie können damit die organisierte Brutalität in Schach halten."
Genet ist bis heute ein faszinierender Stachel geblieben, gegen den jede "Einordnung" vergeblich leckt. 2004 erschien in Paris "Les vérités inavouables de Jean Genet" von Ivan Jablonka. Thomas Laux stellte dieses Werk in der NZZ vor2. Zu diesen "nicht-ehrenwerten Wahrheiten" schreibt er unter anderem und zitiert dazwischen Jablonka:
"Genet [...] passte natürlich genial in das Schema existentialistischer Philosophie: 'Grob gesagt ist Genet für Sartre ein Proletarier, der sich von seinem Klassenschicksal befreit hat'. Dann sehe Jablonka tiefer und orte Genet als 'jener politische Clown, der seine sexuell insinuierten Provokationen in ein ethisches Niemandsland driften liess.' Am Ende von 434 Seiten bekenne er: 'Il est temps de refermer cet essai et d'ouvrir un livre de Genet', denn alle literarische Kritik verschwinde [...] angesichts der 'bissigen Schönheit' von Genets Zeilen."
In einem Schreiben vom 16. Juli 1948 wandten sich Jean Cocteau und Jean-Paul Sartre an M. Vincent Auriol, Präsident der Französischen Republik, mit der Bitte um Begnadigung des Dichters Jean Genet, der zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt war. Dieser Bitte wurde entsprochen. Sartre selbst und Pablo Picasso hatten sich angeboten, an Stelle von Genet ins Gefängnis zu gehen.
Dieses Schreiben setzte Rolf Italiaander als Zitat an den Anfang seines im Kapitel "Querelle de Brest" erwähnten Bändchens zur deutschen Erstausgabe von 1955 (S. 7).
Ernst Ostertag, April 2005