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Es war einmal in einer nicht allzu fernen Zukunft: Die Sensoren in der Toilettenschüssel analysieren innert Sekunden, ob der gerade dem Bett entstiegene Mensch mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt ist. Schert ein Wert aus, bittet die Toilette, sich in den Finger zu piksen, um mittels Blutuntersuchung genauer zu ermitteln, was dem Körper fehlt. Liegen die Ergebnisse vor, ploppt aus einem Apparat im Badezimmer ein Plastiksäcklein mit der genau richtigen Menge an Mikronährstoffen in Tablettenform, ein sogenanntes Supplement. Sie halten das für ein Märchen? Heute noch, aber es könnte durchaus bald Realität werden. Bereits gibt es personalisierte Nährstoffmixturen. Und der Markt boomt.
Am Anfang war die Ascorbinsäure
Es war im Jahr 1897, als mit dem Vitamin B1 das erste Vitamin entdeckt wurde. Kurze Zeit später, in den 1920er-Jahren, begann sich die Medizin für Mikronährstoffe zu interessieren, alle Vitamine wurden nach und nach erforscht und klassifiziert. 1932 stellte der Zürcher Chemiker Tadeus Reichstein erstmals Vitamin C (Ascorbinsäure) synthetisch her: die Geburtsstunde der Vitaminpräparate.
Die Pharmafirma Roche begann, das synthetische Vitamin C zu vermarkten, wie der Schweizer Historiker Beat Bächi («Vitamin C für alle!») erforscht hat. Mit einer beispiellosen Propagandamaschinerie kurbelte die Firma die Nachfrage danach an mit Gratistabletten und mit Hilfe vieler Ärzte. In den 1950er-Jahren versuchte sich Roche gar an vitaminisierten Nylonstrümpfen und Zigaretten. Beide Produkte waren kein Verkaufsschlager und verschwanden rasch wieder aus den Geschäften. Genau wie ein Sprengstoff auf Basis von Ascorbinsäure namens «Golden Powder» in den 1970er-Jahren. Auch das ein Flop, die Entwicklung wurde 1990 eingestellt.
Die Vermarktung von Vitamin C als Gesundheitsmittel funktionierte jedoch gut. So gut, dass es bis heute das meistverkaufte Vitamin ist. Und selbst wenn Sie keine synthetischen Vitamin-C-Tabletten einnehmen, Sie kommen kaum darum herum, es zu schlucken: Als Konservierungsstoff E 300 steckt es in allen möglichen Produkten.
Kampf gegen Kropf
Es gibt wenige Mikronährstoffe, die wirklich supplementiert werden sollten. Jod ist einer davon. In der Schweiz wird es dem Kochsalz beigemischt.
Das Spurenelement Jod braucht der Körper zum Aufbau der Schilddrüse. Fehlt es, kann ein Kropf entstehen. Schon 1820 beschrieb der Genfer Apotheker Jean-François Coindet Jod als Heilmittel, aber erst 100 Jahre später schlug der Zürcher Arzt Heinrich Hunziker vor, Jod ins Kochsalz zu mischen. 1922 begann der Kanton Appenzell Ausserrhoden damit, kurz darauf starteten auch die USA mit jodiertem Salz.
Heute verwenden über 80 Prozent der Schweizer Haushalte jodiertes Salz.
Nahrungsergänzung
Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente, sie müssen daher auch nicht vom Heilmittelinstitut Swissmedic zugelassen werden. Ausschlaggebend sind die Dosierung der Inhaltsstoffe sowie die Werbeversprechen. Nahrungsergänzungsmittel dürfen keine Heilung versprechen, sie zählen zu den Lebensmitteln. Ihr Gehalt an Nährstoffen muss sich an feste Grenzen halten, und vor allem dürfen sie zu keinen schädlichen Nebenwirkungen führen.
Kampf gegen Karies
Neben Jod steckt auch Fluorid im Schweizer Salz. 1955 begann der Kanton Zürich damit, vier Jahre später waren schon 40 Prozent des Salzes der Schweizer Rheinsalinen fluoridiert. Der Grund: die Zahngesundheit. Fluor macht den Zahnschmelz widerstandfähiger und hilft so gegen Karies. Nach der Schweiz begann 1986 Frankreich damit, das Salz mit Fluorid zu versetzen, es folgten Costa Rica, Jamaica und Deutschland.
Die Stadtbasler gingen noch einen Schritt weiter: Ab 1962 setzten sie ihrem Trinkwasser Fluor bei. Allerdings nahm die Karies bei Kindern trotzdem weiter zu. 2003 entschied der Basler Grosse Rat, mit der Fluoridierung wieder aufzuhören, und so stellte die Stadt sie am 30. Juni morgens um 8 Uhr ein.
Umfrage
Und immer mehr
Die genannten Beispiele zeigen, dass zugesetzte Nährstoffe durchaus sinnvoll sein können. Dasselbe gilt für den Fall, dass jemand einen nachgewiesenen Mangel hat. Der Trend geht allerdings in eine ganz andere Richtung. Immer mehr Nahrungsergänzungsmittel kommen auf den Markt, sind ohne Beratung im Internet oder in den Grossverteilern erhältlich. Das geht bis hin zu Vitamin- und Mineralstoffgemischen, die gegen einen Kater helfen sollen oder die Potenz steigern. Ebenfalls immer beliebter sind sogenannte Botanicals. Dabei handelt es sich um Auszüge natürlicher Produkte wie Cranberry, Grüntee oder Borretschöl.
Wie eingangs erwähnt, geht der Trend immer mehr zu personalisierten Präparaten. Das heisst, es wird mittels Blut- oder DNA-Test ermittelt, welche Stoffe jemandem fehlen, um diese gezielt zu supplementieren. Das Problem: Solche Tests, wenn sie nicht vom Arzt durchgeführt und interpretiert werden, sind in der Regel wenig aussagekräftig. Das Ganze bleibt eine Spielerei. So kann man sich beispielsweise bereits sein eigenes DNA-Müesli zusammenmischen lassen. Aber wer weiss, vielleicht gibt es eines Tags die intelligente Toilette, die uns jeden Morgen auf mehrere Stellen hinter dem Komma genau sagt, was wir brauchen.
- Quellen
Drogistenstern
Beat Bächi: «Vitamin C für alle! Pharmazeutische Produktion, Vermarktung und Gesundheitspolitik (1933–1953)», Chronos Verlag, 2009
Hans Konrad Biesalski: «Vitamine, Spurenelemente und Minerale», Georg Thieme Verlag, 2019
Schweizerische Gesellschaft für Ernährung: «Nahrungsergänzung», Tabula, Zeischrift der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE, Nr. 4/2011
«Fluorid im Basler Trinkwasser. Gemeinsame Untersuchung des Kantonalen Labors Basel-Stadt und des Wasserlabors IWB», 2003
«Pioniertat im Kampf gegen Karies», NZZ, 17. Oktober 2005
Andersson M, Herter-Aeberli: «Jodstatus in der Schweizer Bevölkerung.»
Schweizer Ernährungsbulletin, 2018
www.htr.ch: «Nestlé setzt in Zukunft auf personalisierte Lebensmittel», 8. November 2019