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Nr. 9, 15. November/14. Dezember 1999
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Shu Chuanxi und die Erneuerung der chinesischen Malerei
Der Lebensbaum. Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte

Shu Chuanxi: aus der Serie "Landschaft", 1997.
Shu Chuanxi: Kirschenblüte, 1994.

Der 1932 in Nanjing geborene Shu Chuanxi wurde bereits mit Ausstellungen
im Guggenheim Museum in New York, in der National Gallery in Victoria in
Melbourne, in Tokyo oder in Hongkong geehrt. Vom 12. Oktober 1999 bis zum
9. Januar 2000 wird im Museum für Hamburgische Geschichte ein Querschnitt
durch sein Œuvre präsentiert, der danach im Frühjahr 2000 auch
in der neuen Staatsbibliothek in Shanghai zu sehen sein. Die Ausstellung
zeigt die Wechselwirkung zwischen Kunst und (chinesischer wie deutscher)
Geschichte.

Der 67-jährige Shu Chuanxi wuchs während dem chinesisch-japanischen und dem Bürgerkrieg auf. Er besuchte die Suzhou School of Fine Arts, die mit der East China School of Art verschmolzen wurde, ehe er im Jahr 1955 seine Studien abschloss. Die alten Meister galten im kommunistischen China nichts mehr, stattdessen unterrichteten sowjetrussische Lehrer, wie die sozialistischen Künstler die Revolution und die neue Gesellschaft feiern sollten. 1956 wurde er als jahrgangsbester Student mit einem sechsjährigen Staatsstipendium in Leipzig ausgezeichnet, wo die modernistische Strömung in der Malerei noch nicht völlig unterdrückt wurde. Ein Jahr widmete er dem Studium der deutschen Sprache. Danach studierte er die europäische Malerei und die westliche Druckgraphik. In Leipzig galt die platte Nachahmung der Natur ohne geistige Umsetzung nichts. Als er 1961, mit dem mit "sehr gut" überreichten Diplom in der Tasche, nach China zurückkehrte, um an der Fakultät der Zhejiang Academy of Fine Arts in Hangzhou tätig zu werden, hatten sich bei ihm die Zweifel an der chinesischen Staatskunst festgesetzt. Shu Chuanxi hatte sich zu einer expressionistischen Sehweise vorgearbeitet.
1962 begann sich mit Maos Rede am 10. Plenum des Zentralkomitees das Klima zu ändern. Shu Chuanxi wurde als "deutscher Maler" verkannt. Kollektiver Geist und sozialistische Erneuerung waren angesagt. Auf den von der Partei 1963 und 1964 verordneten Reisen für bestimmte Künstler lernte er entlegene Landstriche und Industriezentren kennen. Bis 1964 blieb die Kunst allerdings noch weitgehend von politischer Einflussnahme verschont. Die alten Meister wurden gar wieder stärker geschätzt und die Entfaltungsmöglichkeiten stiegen. Die Jahre von 1961 bis 1965 gelten deshalb gar als Kostprobe eines "goldenen Zeitalters" der Künste. Das änderte sich jedoch endgültig mit der von Mao und seinen Roten Garden 1966 durchgesetzten Kulturrevolution. Das Zheijang-Institut in Hangzhou wurde noch in jenem Jahr als Brutstätte antikommunistischer Umtriebe geschlossen und Shu Chuanxi, der nicht mehr dem Ideal des Staatskünstler entsprach, jahrelang zur Zwangsarbeit gezwungen.
Erst ab 1976, nach zehn Jahren Zwangspause, durfte er wieder malen. Im Selbststudium befasste er sich mit der traditionellen chinesischen Kunsttheorie und Aesthetik. Er experimentierte auf dem Gebiet der alten Tuschemalerei. Nach Jahren als Land- und Bauarbeiter wurde er unter Deng Xiaoping rehabilitiert und erhielt seine früher konfiszierten Bilder zurück. Ab 1980 konnte er wieder als Professor an der Kunstakademie in Zheijang arbeiten. In jenem Jahr besuchte er auf einer dreimonatigen, vom Deutschen Akademischen Austauschdienst organisierten Reise erstmals Hamburg. Nach Ueberwindung einer schweren Krankheit setzte 1983 eine Zeit erfolgreicher Teilnahmen an internationalen Ausstellungen ein. 1988/89 war er als Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg tätig. Shu Chuanxi arbeitet mit Zeichenstift, Messer, Feder und Pinsel. Die Wirkungen der Natur und seine Erfahrungen mit der Welt dokumentiert und kommentiert er in seinen Bildern. Shu Chuanxi malt nicht in allen Details streng traditionalistisch. Gleichzeitig pflegt er auch den zeitgenössisch-abstrakten Stil. Er verbindet traditionelle und moderne westliche- sowie östliche Kulturgeschichte. Sein Beitrag zur Erneuerung der chinesischen Malerei kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Jörgen Bracker, Gunnar F. Gerlach und Shan Fan: Der Lebensbaum. Shu Chuanxi und die Erneuerung der chinesischen Malerei. Zweisprachig: deutsch und chinesisch. Museum für Hamburgische Geschichte, 1999, 127 S.