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Die Wandinstallation White Noise von Christian Marclay besteht aus Tausenden fotografischer Einzel- und –Gruppenporträts, die der Künstler während Jahren auf Flohmärkten der ganzen Welt zusammengekauft hat. Sie werden allerdings nicht dem Betrachter zugewandt an die Wand genagelt, sondern präsentieren diesem ihre Rückseite.
Beim Einrichten der Arbeit muss darauf geachtet werden, dass mindestens eine Wand vollständig, von oben bis unten, und so dicht wie möglich gefüllt wird. Es entsteht somit ein Mosaik von Weisstönen, rhythmisiert durch die Logos der Filmmarken oder diverse handschriftliche Eintragungen auf der Rückseite der Fotos: Name(n) der Dargestellten, Angabe des Ortes oder des Datums der Aufnahme. Die Installation bildet eine zugleich subtile und gewaltige, murmelnde Ablagerung anonymer Stimmen der Vergangenheit. Das unsichtbare, raunende Leben ist nicht etwa verdrängte Erinnerung, sondern diskrete, respektvolle Vergegenwärtigung „entsorgter“ Bilder von Menschen.
Die Arbeit besitzt die Qualitäten eines Denkmals (vgl. das Vietnam-Memorial in Washington mit den in eine lange Wand eingeritzten Namen aller gefallener amerikanischer Soldaten). Alle hier (zufällig) versammelten Individuen werden einem gewaltigen kollektiven Gedächtnis einverleibt, formen weisses Rauschen: Dieses wird, in Analogie zur Farbe Weiss, als Kombination aller Frequenzen bei gleicher Amplitude definiert. Die Äquivalenz aller Töne resultiert in einem banalen Geräusch (wie etwa das Schneebild des Fernsehers, das Rauschen des Meeres), dessen Frequenzspektrum aber den gesamten Hörbereich umfasst. Das weisse Rauschen bildet somit ein gewaltiges Potenzial. Durch das Verdecken des Bildes, das Eliminieren des Anekdotischen, beginnen die umgekehrten Fotos zu uns allen zu sprechen.B.F.