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Bei Fanny Gonzalez, heute 25jährig, wurde im Frühjahr 2015 die Diagnose eines Typ-2-Diabetes gestellt. Fanny nahm den Diabetes als Herausforderung für einen völligen Neustart in ihrem Leben an. Mit Erfolg, wie die folgenden Zeilen schildern.
Das Datum vom 24. März 2015 wird Fanny ihr Leben lang nie vergessen. An jenem schicksalhaften Dienstag klärte sie ihr Arzt über ihre neue Diagnose des Typ-2-Diabetes auf. Sie sagt: «In meinem Leben gibt es klar ein Vorher und ein Nachher». Mit Stichtag 24. März 2015 begann sie nämlich, ihr Leben völlig umzustellen. Heute ist sie überzeugt: «Der Diabetes hat mir nur Positives gebracht.»
Ein Leben ohne Sorgen
Fanny wurde in Genf geboren und hat dort eine weitgehend sorgenfreie Kindheit und Jugendzeit verlebt. Sie genoss das Leben. Grundsätzliche Fragen, zum Beispiel zur Gesundheit, standen nicht im Vordergrund. Sie war zwar übergewichtig. Dies war für sie kein gesundheitliches Problem. Daran nahmen höchstens ihre Altersgenossen Anstoss.
Die Ausbildung in der Schule und später an der Uni verlief zunächst völlig normal. Fanny bestand die Maturität am Collège Sismondi in Genf mit den Schwerpunkten Biologie und Chemie. Anschliessend nahm sie ein Biologiestudium an der Universität Genf auf, wo sie im Juni 2015 ihren Bachelor erreicht hätte. «Ich war immer sehr neugierig. Alles, was Leben und Lebewesen betrifft, vor allem die Tierwelt, interessierte mich», erzählt sie. «Vorübergehend spielte ich auch mit dem Gedanken, Tierärztin zu werden. Weil aber für dieses Studium, das nur in Bern und Zürich absolviert werden kann, meine Deutschkenntnisse wahrscheinlich nicht ausreichend gewesen wären, verzichtete ich darauf und wandte mich der Biologie zu.»
Erste Diabetesanzeichen
Im Laufe des Studiums machten sich zunehmend schwere gesundheitliche Probleme bemerkbar: Fanny litt immer mehr unter Erschöpfung und hatte auch manchmal Schwindelanfälle. Dies machte ihr zunächst noch keine grossen Sorgen. Ihr Hausarzt hatte erklärt, das seien Stresssymptome, die durchs Studium bedingt seien und keiner weiteren Abklärung bedürften. Im Januar und Februar 2015 nahmen diese Beschwerden aber massiv zu. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren. Die Prüfungen, die sie an der Uni absolvieren musste und schliesslich nicht bestand, waren ein Albtraum. Fanny wusste nicht, was mit ihr geschah, bis sie am 24. März 2015, als die Beschwerden besonders schlimm geworden waren, notfallmässig den Arzt aufsuchte. Dieser führte eine Blutzuckermessung durch. Das Verdikt schlug ein: Fanny litt an Diabetes, der Blutzucker betrug 21 mmol/l. «Ich war mir sofort bewusst, was jetzt auf mich zukommt», erklärt Fanny. «Mein Grossvater mütterlicherseits leidet an einem Typ-2-Diabetes, und ein naher Bekannter der Familie ist ebenfalls Diabetiker. Dieser nimmt seine Krankheit sehr ernst und für gute Blutzuckerwerte viele Unannehmlichkeiten auf sich. Mein erster Gedanke war, dass ich künftig ebenfalls solche Einschränkungen durchstehen müsse. Zugleich wusste ich, dass sich meine Eltern wegen der Zuckerkrankheit grosse Sorgen um mich machen werden. Und dann wurde mir auch klar, dass ich mir selbst ehrlich zugestehen musste: Ich hatte bis anhin meiner Gesundheit zu wenig Beachtung geschenkt. Was mir Spass machte im Leben, war im Vordergrund gestanden. Ich hatte gern und viel Süsses gegessen, kaum Sport betrieben und das Leben sorglos genossen. Jetzt sagte der Körper: Halt!»
Harte Diagnose
Die Diabetesdiagnose kam Fanny vor wie eine kalte Dusche. In der ersten Zeit fühlte sie sich recht einsam. Der Arzt verschrieb Medikamente, um Blutzuckerspitzen zu verhindern, gab aber darüber hinaus nur wenig zusätzliche Informationen. Zum Beispiel wurde sie nie auf die kantonale Diabetesgesellschaft hingewiesen. Aber kämpferisch, wie sie ist, nahm sie die neue Herausforderung an. Sie versuchte, die Hintergründe der Krankheit und deren Therapiegrundsätze zu verstehen und wandte sich vier Wochen nach der Diagnosestellung auch an einen Diabetologen.
Schwieriger Anfang
Es war nicht einfach. Sie musste lernen, mit ihrem Diabetes umzugehen, und während der ersten drei Monate Insulin spritzen. Eigentlich wollte sie die Krankheit positiv bewältigen. Aber dann verbrauchte sie viel Kraft und Zeit, um Verwandte und Freunde zu beruhigen. Diese machten sich Sorgen und schickten ihr Mails, die viel Anteilnahme an ihrer Krankheitsdiagnose zum Ausdruck brachten. Das war zwar freundlich gemeint, half ihr in dieser Situation aber nicht weiter. Beflissen fragte man sie bei Einladungen, was sie essen dürfe und was nicht, wies sie auf besonders ungünstige und fettige Speisen hin und auf solche, die sicher nicht dick machen. «Ich hatte den Eindruck, von einem anderen Planeten zu kommen. Aber unterdessen, nachdem ich den Leuten verständlich machen konnte, dass es alleine an mir liegt zu entscheiden, was ich essen darf und will, ist die Sache wieder in Ordnung.»
Überhaupt war die Ernährung zunächst ein echtes Problem. «Wenn ich Zucker ass, kam es mir vor, als müsste ich einen Kaktus verschlucken», beschreibt sie die neue Situation. «Ich wusste anfangs nicht mehr, was ich essen durfte und musste. Meine Ernährungsgewohnheiten wurden völlig umgestellt. Man muss die Etiketten auf den Lebensmitteln studieren, die richtigen Gemüse auswählen, die Ernährung auf mehrere Tage ausgeglichen aufteilen und so weiter und versuchen, sich zum Beispiel durch Anpassen der Kohlenhydrate einige kulinarische Freiräume zu schaffen.» Unterdessen beherrscht Fanny dies, und der Erfolg ist nicht ausgeblieben: Innert Jahresfrist hat sie 17 kg an Gewicht verloren.
«Das ständige Zuckermessen und in die Finger stechen war mit der Zeit sehr lästig», erzählt Fanny. «Auch hatte ich zunehmend psychisch Mühe, dies durchzuführen oder durch eine Drittperson durchführen zu lassen. Es ist doch nicht normal, sich in die Finger zu stechen! Zurückblickend lächle ich aber nur noch über diese Anfangsprobleme.»
Diabetes bewältigen
«Wenn man neu mit der Zuckerkrankheit konfrontiert wird, muss man sich dazu entscheiden, die Sache selbst in die Hand zu nehmen», erklärt Fanny. «Deshalb habe ich mich entschlossen, alles zu lernen, was in diesem Zusammenhang wichtig ist. Ich habe viele Internetseiten besucht und Broschüren gelesen, die mir in die Hände fielen. Die Hilfe der Diabetesgesellschaft war sehr nützlich, weil ich mich nicht nur über Fortbildungskurse informieren, sondern auch Kontakte mit anderen Diabetikern und Diabetikerinnen knüpfen konnte. Dies ist mir auch heute noch immer sehr wichtig. Zudem habe ich immer noch Kontakt mit den Diabetesberaterinnen der Diabetesgesellschaft.»
Zunächst hatte die Umstellung auf eine ausgeglichene Ernährung erste Priorität gehabt. Obwohl sie keine Sportnatur ist, ging sie aber von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu Fuss. Die Gehdistanz in die Universität macht pro Weg 30 Minuten Fussmarsch aus. Darüber hinaus betreibt sie neu regelmässig Lady-Boxing. Das ist ein Kampfsport in der Gruppe, den sie vorher nicht recht gekannt hatte.
Berufliche Umstellung
Das Biologiestudium hat in diesem Jahr viel an Verlockung verloren. Die Schwierigkeiten des Lernens, verursacht durch den hohen Blutzucker, haben immer noch ihre Spuren hinterlassen. Eine Einsprache bei der Universität, damit sie die Prüfungen, die sie im Januar und Februar 2015 nicht bestanden hatte, wiederholen könnte, war leider erfolglos. Sie hätte das Prüfungsreglement lesen und die Fristen einhalten müssen. Trotz Insistieren, Vorlegen von ärztlichen Zeugnissen, die belegten, dass es sich bei ihrem Diabetes um eine schleichende Erkrankung handelt, die lange nicht realisiert werden konnte, ist die Universität auf ihre Argumente nicht eingegangen. Etwas, das Fanny nicht versteht und entmutigt hat.
So haben sich im Zusammenhang mit dem neu entdeckten Diabetes auch die beruflichen Interessen verändert. Die Abschlussarbeit für den Bachelor ist nun einer Studie über Bauchspeicheldrüsenzellen gewidmet, die sie unter der Leitung von Professor Pedro Herrera vom diabetologischen Zentrum des Unispitals Genf durchführen wird. Und ab September 2016 wird sie eine Ausbildung in Ernährungswissenschaften beginnen.
Fazit
«Den Diabetes habe ich immer im Kopf», sagt Fanny. «Zu Beginn war ich fast besessen davon. Aber eines ist geblieben: Der Diabetes ist eine meiner grossen Motivationsquellen geworden.»
(Übersetzt und adaptiert aus dem «d-journal romand 1/2016», von Dr. med. Alexander Spillmann)