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1987 ist eigentlich kein grosses Springsteen-Jahr: Der Meister hat seine wegweisenden Alben von «Born to Run» bis «Born in the U.S.A» bereits alle herausgebracht.
Er ist zwar jetzt ein etablierter Superstar, der Stadien füllt – aber bei der Jugend ist der Boss mittlerweile unten durch. So sieht das zumindest der DJ des College-Radios in der englischen Arbeiterstadt Luton: Bruce Springsteen? Den hören doch unsere Väter, meint er abschätzig.
Springsteen? Kommt nicht ins Haus!
«Mein Vater sicher nicht», antwortet Javed (Viveik Kalra). Der scheue Junge kommt aus einem pakistanischen Haushalt, wo Tradition mehr gilt als westliche Kultur. Parties und der Umgang mit dem anderen Geschlecht untersagt ihm sein Vater.
Stattdessen wird er auf dem Pausenhof ausgegrenzt, er erfährt latenten und offenen Rassismus. In seinem Zimmer schreibt Javed Gedichte und hegt literarische Ambitionen. Aber auch damit ist er ziemlich allein auf der Welt.
Offenbarung im Ohr
Das alles zusammen erklärt seine heftige Reaktion, als er in einer windigen Nacht – auf die Empfehlung eines indischen Freunds hin – zum ersten Mal eine Springsteen-Kassette in seinen Walkman schiebt. Er hört «Dancing in the Dark» und «Promised Land».
Die Songs schlagen bei ihm ein wie eine Bombe. Javed fühlt sich endlich verstanden. Springsteens Worte brennen sich ein in sein Gehirn. Sie leuchten an den Wänden, während er durch die Strassen rennt. Die Songtexte tanzen buchstsäblich über die Leinwand.
Zugleich wirbeln Papierblätter durch die Luft – es sind die Gedichte Javeds, die dieser soeben noch frustriert in eine Mülltonne stecken wollte. Die Kraft dieser Szene ist perfekt, die visuelle Poesie und die beiden Songs ergänzen sich hervorragend – sogar die Springsteen-Agnostiker im Publikum werden das grossartig finden.
Aber damit ist eine hohe Messlatte gelegt, und die späteren Musiknummern des Films können gegen diesen starken Moment kaum noch bestehen.
Als Musical eher dünn
Für eine gute Story hätte es gereicht, dass der Boss im Kopfhörer bei Javed für eine Initialzündung sorgt, und dieser danach mit gestärktem Selbstvertrauen seine Probleme anpackt. Doch der Film beruht auf der wahren Geschichte eines Hardcore-Bruce-Fanboys, und daher nimmt das springsteen'sche Oeuvre auch in der zweiten Filmhälfte (zu) viel Platz ein.
Die Songs mögen dabei noch so eindringlich und zeitlos sein, die Regisseurin Gurinder Chadha («Bend It Like Beckham») macht einfach zu wenig daraus: Es laufen die bekannten Originalaufnahmen, die Choreografien dazu wirken eher behelfsmässig.
Als Feel-Good-Musical stösst «Blinded by the Light» daher klar an seine Grenzen. Aber als charmante, bittersüsse Coming-of-Age-Komödie über kulturelle Unterschiede funktioniert der Film trotzdem hervorragend: Erst in den letzten Minuten wird er unnötig rührselig.
Was «Blinded by the Light» derweil perfekt einfängt, ist diese allgemeine Euphorie, die Musik in den 1980er-Jahren auszulösen vermochte: Wie grossartig es damals war, dank dem Walkman erstmals mit Sound im Ohr durch die Strassen zu laufen. Es muss ja nicht zwingend Springsteen gewesen sein.