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Mimik: Die universelle Sprache des Gesichts
In den sechziger Jahren erforschte der Anthropologe und Psychologe Paul Ekman die Völker der Fore und der Kukukuku in Papua-Neuguinea. Vor allem von den Kukukuku wurde er bei seiner Arbeit bedroht. Um sich zu schützen, lernte er, erste Anzeichen der Aggression in ihren Gesichtern zu erkennen. Er entwickelte ein System aus 43 Grundbewegungen des menschlichen Gesichts, den sogenannten Aktionseinheiten, an denen einer oder mehrere der 43 Gesichtsmuskeln beteiligt sind. Sieben dieser Einheiten kristallisierte der Forscher anschliessend als universelle Ausdrücke heraus (in der Galerie dargestellt von Schauspieler Tim Roth). Sie werden unabhängig von Sprache und kulturellem Hintergrund überall auf der Welt erkannt.
Mikromimik: So interpretieren Sie die Gesichtszüge
Boston, Logan International Airport. Hier fliegen täglich 82'000 Menschen ab. Der Flughafen gehört zu den 20 grössten der USA. Inmitten des Bienenschwarms von jährlich 30 Millionen Passagieren befinden sich auch Kriminelle, Steuerhinterzieher, Gewalttäter und vielleicht sogar Terroristen. Die Palette ihrer Tarnungen reicht vom vermeintlich seriösen Manager mit Golfausrüstung bis zur Tochter reicher Eltern mit Louis-Vuitton-Kofferset.
Doch ein Mann durchschaut sie. Hoch oben im Flughafengebäude sitzt Paul Ekman. Er zoomt die Gesichter verschiedener Reisender auf einer Hightech-Projektionsfläche ins XXL-Format. Jetzt ist jeder Krähenfuss und jeder Pickel zu sehen. Ekman betrachtet die Gesichter der Fluggäste in Superzeitlupe, er sucht nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Plötzlich zeigt der Experte auf eine ältere, unscheinbare Dame mit Dutt, die gerade eine Sicherheitsschleuse passiert. «Kontrollieren!», befiehlt er. Zehn Minuten später finden Kriminalbeamte Beutel voller Kokain in ihrem Versteck – dem Dutt. «Was hat mich bloss verraten?», jammert die 71-jährige Kolumbianerin. Ekmans Antwort: «Eine sehr kurze Anspannung Ihres Mundes, als Sie die Kontrolleure erblickten, so dass Ihre roten Lippenränder zu sehen waren!»
Verräterisches in 0,15 Sekunden
Eine Szene aus einem Science-Fiction-Film? Mitnichten. Das Bostoner Flughafenpersonal stützt sich auf die sogenannte Mikromimik: Es entschlüsselt versteckte Gefühle in Gesichtern. Der Fachausdruck für das Verfahren: Facial Action Coding System (FACS). Es basiert auf der während vieler Jahre erprobten Methode eines der bedeutendsten Anthropologen und Psychologen der Gegenwart: Paul Ekman. Der amerikanische Experte für Emotionen kann in Gesichtern lesen und minimale Zuckungen deuten. «Diese Mikroausdrücke dauern etwa 0,15 Sekunden», sagt Ekman, «und jeder kann lernen, sie zu entziffern.»
Sein Wissen wird bereits vielfach genutzt. An 14 US-Flughäfen fischen Kontrolleure mit Hilfe eines von ihm entwickelten Programms Reisende aus der Menschenmenge, die sich durch Gesichtszuckungen verdächtig gemacht haben. Wie die Dame mit dem Dutt. Ekmans Schüler, Mark Frank, John Yuille und John Yarbrough, geben seine Technik auch an andere Institutionen weiter – zum Beispiel ans FBI. An ausländischen Universitäten werden seine Erkenntnisse gelehrt, Trickfilmer nutzen sie inzwischen ebenfalls, etwa um animierten Comicfiguren blanken Hass, abgrundtiefen Ekel oder echte Freude aufs Antlitz zu zaubern. Und selbst im Alltag sind Ekmans Techniken nützlich. «Ein normaler Obsthändler, der nur 40 Minuten lang an einem meiner Trainings teilgenommen hat, ist nach drei Wochen bereits ein besserer Verkäufer», verspricht der emeritierte Professor. Seine Seminare und die Fortbildungskurse seiner Paul Ekman Group, die Teilnehmer mit Fotos, Videos und in Rollenspielen schult, sind gut besucht.
Das Gesicht als Fenster zur Seele
Doch wie entschlüsselt Ekman die Gefühlslage fremder Menschen? «Ganz einfach», sagt er. «Unser Gesicht ist das Fenster zur Seele, und seine Flügel sind immer weit geöffnet. Man muss nur hineinsehen.» Konkret heisst das: Ein Mikroausdruck entsteht immer, wenn jemand etwas zu verbergen versucht. «Manchmal ist er willkürlich – in solchen Fällen ist sich die Person über ihre Gefühle sehr wohl im Klaren, will diese aber nicht zeigen», schreibt Ekman in seinem Bestseller «Gefühle lesen». Gelegentlich sei das Verschleiern aber auch eine Folge von Verdrängung, und der Betroffene sei sich der verborgenen, aber durch den Mikroausdruck signalisierten Emotion überhaupt nicht bewusst.
Damit jeder von der neuen Methode profitieren kann, hat der 79-Jährige eine CD entwickelt. Sie enthält ein Trainingsprogramm und Fotos von 56 Personen – Männern, Frauen, Europäern und Asiaten –, die je sieben Emotionen zeigen. Einer Studie zufolge steigt bei fast allen Teilnehmern schon nach einer Stunde Training die Trefferquote.
Szenenwechsel. Das Foreign Service Institute (FSI) des US-Aussenministeriums. Hier interviewen Beamte Ausländer, die ein Visum beantragt haben. Wollen sie tatsächlich nur einige Wochen lang bleiben, wie sie behaupten? Oder planen sie, ohne Arbeitserlaubnis unterzutauchen? Das FSI-Personal vertraut auf Ekmans Methode und hat gelernt, die 43 von ihm definierten Aktionseinheiten des menschlichen Gesichts zu lesen. Mit Erfolg: Die Gespräche dauern nur drei Minuten, trotzdem überführen die Beamten mit dieser Methode mehr als doppelt so viele Antragsteller wie mit dem Einsatz von Lügendetektoren.
Selbst wenn Anwälte ihren Mandanten empfehlen, die Aussage zu verweigern, ist das mittlerweile kein Problem mehr für Paul Ekman und seine Spezialisten. Sie befragen die Angeklagten trotzdem, filmen die Mimik der Schweigenden und betrachten die Reaktionen auf die harten Fragen später in Zeitlupe und in Grossaufnahme. Die Auswertung ist aufwendig; mitunter benötigen sie bis zu 120 Stunden. Irgendwann aber verraten sich die Befragten durch einen Mikroausdruck. Und der ermöglicht Rückschlüsse auf ihre wahren Gefühle und die Frage, ob sie Lügen erzählen.
Künstliches Lächeln
So wie bei Rodriguez Cordovez. Am 12. Februar 2010 überführte ihn das FSI zusammen mit 20 weiteren Antragstellern. Den Mexikaner hatte ein scheinbar harmloses Lächeln verraten – der Ausdruck von Freude. «Lächeln ist sozial erwünscht», erklärt Ekman, «es wird am häufigsten eingesetzt, um die echten Gefühle zu verstecken, etwa Angst oder Schuld.» Doch mit einem künstlichen Lächeln sind die Mikromimik-Experten kaum zu täuschen, sie können authentische Freude von vorgespielter unterscheiden. Eines der Indizien: Künstliche Gesichtsausdrücke sind asymmetrischer als echte. Der Mundwinkel auf der einen Seite bewegt sich höher als der auf der anderen; das Gesicht macht einen kaum wahrnehmbaren schiefen Eindruck. Zugleich fehlen einem künstlichen Gesichtsausdruck die unwillkürlichen Muskelbewegungen, weil die Maske bewusst eingesetzt wird. Wer beim Small Talk, in Bewerbungsgesprächen oder Interviews herausfinden will, ob sein Gegenüber eine Maske trägt, sollte laut Ekman darauf achten, ob sich die Augenbrauen und die Haut zwischen Augenbrauen und Oberlid leicht senken. Das sei ein Indiz. Eine Maske aufzusetzen ist in kritischen Situationen übrigens leichter, als ein ausdrucksloses Gesicht zu machen.
Masken. Laut Paul Ekman sind sie kein wirksames Mittel, um echte Emotionen zu verstecken. Denn das Gesicht schweigt nie, auch nicht, wenn die Lippen verschlossen bleiben. Wenn Ekman von Polizisten zu Rate gezogen wird, um einen Verdächtigen zu beurteilen, studiert er zunächst dessen Gesicht im entspannten Zustand während eines längeren harmlosen Small Talks. Ist er mit der Person vertraut, kann er ihre Reaktionen im anschliessenden Interview zum Tathergang besser einschätzen und Gesichtsveränderungen deuten. «Es sind vor allem sieben universell verständliche Gesichtsausdrücke, die unter einer Maske immer wieder aufblitzen», sagt Ekman: «Freude, Überraschung, Zorn, Angst, Trauer, Ekel und Verachtung.»
Kulturübergreifend
Besonders interessant: Diese aufblitzenden Gesichtsausdrücke werden in jeder Kultur auf der Welt verstanden, weil sie in unseren Genen festgelegt sind. Im Klartext heisst das: Ein Indianer erkennt die Angst eines Australiers ebenso, wie ein Eskimo die Zeichen des Zorns bei einem Briten automatisch versteht. Alle Menschen nutzen dieselbe Sprache der Mimik. Zwar hat Ekman im Laufe seiner akribischen Forschung mehr als 10'000 verschiedene Ausdrucksformen des Gesichts dokumentiert. Um sie zu verstehen, nahm er zum Teil schmerzhafte Experimente am eigenen Leib auf sich und heftete Elektroden an seine Gesichtsmuskeln; nur durch leichte Stromschläge war er in der Lage, die komplizierten Muskelbewegungen auszuführen und somit wissenschaftlich zu entschlüsseln. Doch sämtliche Gesichtsausdrücke haben eines gemeinsam: Sie gehen letztlich alle auf die sieben universellen Grundemotionen zurück.
Es gibt aber auch Grenzen für die relativ junge Wissenschaft und Emotionen, die sich extrem ähneln. Besonders schwierig sind zum Beispiel Zorn und Ekel auseinanderzuhalten. Ebenso werden Angst und Überraschung sehr leicht verwechselt. Deshalb warnt Paul Ekman vor einem Missbrauch seiner Erkenntnisse: «Jeder, der behauptet, es gebe ein absolut zuverlässiges Signal dafür, dass jemand lügt, ist entweder töricht oder ein Scharlatan.» Denn zwar blitzen bei Lügnern am häufigsten Angst (hoch- und zusammengezogene Augenbrauen und eine leicht hochgezogene Nase), Trauer oder Schuldgefühle (starrer Blick und hochgezogene Mundwinkel) oder Vergnügen (Lachfältchen sowie angehobene Wangen und hochgezogene Oberlippen) durch. Doch der Umkehrschluss ist falsch: Nicht jeder, der sich freut, lügt.
Auch Ekman ist mit seiner Analyse schon falsch gelegen. Als er mit Hilfe des Gesichtsscanners Passagiere auf dem Flughafen beobachtete, liess er einen Mann kontrollieren, der sämtliche Anzeichen von Stress und Trauer zeigte und sich dadurch verdächtig machte. Aber der Mann war kein Krimineller, sondern auf dem Weg zur Beerdigung seines Bruders.
Entlarvte Lügen
Warum jedoch blitzen die Anzeichen von Freude häufig im Gesicht von Lügnern auf? «Sie jubilieren innerlich beim Lügen, weil sie einen Triumph verspüren, wenn es ihnen gelungen ist, einen schwer zu täuschenden Menschen hinters Licht zu führen.» Leicht zu durchschauen seien Lügner aber keineswegs. Denn wenn ein Lügner vor einem Leichtgläubigen sitze, den er bereits mehrmals erfolgreich angeschwindelt habe, fehle der prahlende Ausdruck von Freude mit 99-prozentiger Sicherheit, so Ekman. Und: «Sehr abrupte, grundlose Veränderungen des Gesichtsausdrucks sollten unseren Argwohn hervorrufen.»
Jedem, der einen Lügner im Verdacht hat und dessen Geschichte anzweifelt, rät er zur «Umkehrstrategie»: Der Verdächtige soll seine Story zunächst ausführlich erzählen; etwa, dass er am Abend des Mordes an seiner Frau von der Arbeit nach Hause gegangen und dann im Kino gewesen sei, sich Popcorn gekauft habe und zuletzt mit einem Taxi in einen Nachtclub gefahren sei. Anschliessend soll er das Ganze rückwärts erzählen, also mit dem Nachtclub beginnen. Bei ausgedachten Geschichten misslinge das.
Auch Prominente und Politiker entschlüsselt Ekman. «Ich besitze die wohl grösste Sammlung von Präsidentenlügen auf Video», sagt er, «sie reicht zurück bis zu Jimmy Carter.» Inzwischen kennt er die präsidialen Gesichtsausdrücke wie kein Zweiter. Bill Clinton etwa verzieht laut Ekman sein Gesicht ständig wie ein ungezogener Junge, der Gnade erbittet. Allerdings fälle er nie Urteile über Politiker, die noch im Amt seien, sagt Ekman. Und einige Politiker hält er für so schillernd, dass er auch nach ihrer Amtszeit nichts über sie sagen möchte. Zudem befürchtet Ekman, dass er sich unbeliebt machen könnte, wenn er sagen würde, ob George W. Bush oder Englands Premierminister Tony Blair gelogen hat. «Ich habe beide beobachtet, und es gab zusätzlich zu Ungereimtheiten im Gesicht viele Anzeichen von Stress.» Ein weiterer Grund für seine Zurückhaltung: Trotz seinen ausführlichen Analysen kann er nicht mit letzter Gewissheit sagen, ob die Politiker tatsächlich die Unwahrheit erzählt haben.
Simuliernde Patienten
Neben Wissenschaftlern, Geheimdiensten und Sicherheitsbeamten zählen auch Ärzte und Krankenschwestern zu Ekmans Kunden. Sie wollen zum Beispiel erkennen können, ob ein Patient simuliert und nur auf Schadenersatz aus ist. Manchmal geht es auch um mehr. Einer von Ekmans Lehrfilmen zeigt eine Frau in der Psychiatrie, die nach mehreren Selbstmordversuchen behandelt wurde. Im Gespräch mit ihrem Arzt erklärt sie, in stabiler Verfassung zu sein. Sie bittet darum, das Wochenende zu Hause verbringen zu dürfen. Der Arzt gewährt den Urlaub, erfährt aber anschliessend, dass sie plant, sich ausserhalb der Klinik umzubringen. Die Analysen der Videoaufzeichnungen belegen später, dass der Arzt ihre tatsächliche Verzweiflung und ihr Leiden früher hätte erkennen können.
Paul Ekmans Fälle liefern auch den Stoff für die Fernsehserie «Lie to Me». Der Wissenschaftler ist das Vorbild für Cal Lightman, die von Tim Roth (siehe Galerie) gespielte Hauptfigur. «Ein paar der Themenvorschläge, die ich gemacht habe, sind tatsächlich verwendet worden. In einigen Episoden erkenne ich auch, dass die Produzenten eine Idee aus einem meiner Bücher oder den Studien übernommen haben», so Ekman. Inzwischen ist er selbst ein Star und bekommt jetzt «tausendmal mehr E-Mails als früher».
Und wenn er um Hilfe gebeten wird? Nimmt Ekman noch selbst Fälle an? «Es hängt davon ab, wie interessant die Geschichte ist.» Und nicht zuletzt müsse ein Fall auch neue Aspekte bieten. «Dann reizt es mich, dann will ich ausprobieren, ob ich eine Chance habe.»