Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/2548

Um 5.56 Uhr steigt Jean-François Steiert in den Zug nach Lausanne–wie an vielen Morgen unter der Woche. Auf der vierzigminütigen Fahrt nach Lausanne liest er die Freiburger Nachrichten und «La Liberté» durch, danach bereitet er Dossiers vor. Seinen Laptop hat er immer dabei. Und manchmal macht er auch bereits im Zug mit jemandem ab, um eine Sitzung abzuhalten. «Der Zug ist mein zweites Büro», sagt der Sozialdemokrat, der pro Woche 15 bis 20 Stunden in der Eisenbahn verbringt. Normalerweise fährt er am Morgen nach Lausanne, zu seiner 50-Prozent-Arbeitsstelle als Generalsekretär der Waadtländer Erziehungsdirektion.
Von Lausanne nach Bern
Am Nachmittag fährt er gegen Osten, nach Bern–zu Sitzungen, die mit seinem Amt als Nationalrat oder mit einem seiner zahlreichen Mandate in Stiftungen und Verbänden zusammenhängen. Steiert gilt als Politiker unter der Bundeshauskuppel mit den meisten Mandaten. Diese muss er vielleicht bald abgeben: Der Stadtfreiburger, der in Düdingen aufgewachsen ist, möchte die Nachfolge von Isabelle Chassot (CVP) im Staatsrat antreten.
Keine linke Mehrheit?
Würde Jean-François Steiert am 22. September in die Kantonsregierung gewählt, hätte diese erstmals eine linke Mehrheit. Er selber relativiert dies allerdings: Zwar sässen dann drei SP-Leute zwei CVP-Vertretern und einem FDP-Politiker gegenüber. «Die grüne Staatsrätin Marie Garnier erklärt aber selber öffentlich, dass sie zwischen links und rechts steht», sagt Steiert. «Die Mehrheitsverhältnisse sind also nicht so klar.» Zudemgebe es im Grossen Rat eine klare bürgerliche Mehrheit. «Eine linke Regierungsmehrheit müsste also noch stärker als heute bei der Ausarbeitung von Gesetzen und Vorlagen den Austausch mit dem Parlament pflegen.» Dies wäre positiv, findet er: «Damit wäre der Staatsrat dazu gezwungen, besonders solide und austarierte Vorlagen in den Grossen Rat zu bringen.»
Steiert würde im Staatsrat eine andere Sparpolitik betreiben als die jetzige Regierung. So hat er denn auch an der Demonstration der Freiburger Kantonsangestellten von Mitte Juni vor Tausenden von Demonstrierenden gesprochen. «Eine gesunde, zukunftsträchtige Gesellschaft braucht einen Staat, der funktioniert – mit Schulen, Pflegediensten, Verkehrswegen und vielem mehr», sagte er damals. Doch habe die Mehrheit im Freiburger Staatsrat vergessen, dass es dafür Personal brauche. «Die Regierung will uns glauben machen, dass wir in einer finanziellen Krise stecken, dabei sind wir unter den Kantonen mit den gesündesten Finanzen.»
Gezielter sparen
Zu diesen Worten steht Jean-François Steiert auch heute. «Das erste Sparpaket des Staatsrates war eine Art Rasenmäher über ziemlich alles hinweg: Wohl neun von zehn Freiburgern waren auf irgendeine Weise betroffen.» Der Sozialdemokrat wünscht sich gezieltere Sparmassnahmen. Er versteht, wenn auch das Personal mitsparen muss. «Doch dann muss dies mit den Personalverbänden abgesprochen werden, und es dürfen nur zeitlich begrenzte Massnahmen sein–wie dies der Staatsrat inzwischen auf Druck der Strasse auch eingesehen hat.»
Der Kanton Freiburg verfüge über gesunde Finanzen, sagt der Schnelldenker und sichere Analytiker. «Doch wirtschaftlich befinden wir uns auf den hintersten Rängen.» Freiburg entwickle sich immer mehr zu einem Schlafkanton. «Das führt dazu, dass vor allem Junge anderswo Arbeit suchen müssen.» Bei der Debatte um die Kantonsfinanzen gehe es letztlich auch um die Frage der Schulden. «Ist es das Hauptziel, gar keine Schulden zu haben–oder ist es nicht doch besser, leichte Schulden zu haben und Investitionen für die kommenden Generationen zu tätigen?», fragt er rhetorisch.
Steiert wünscht sich einen besseren Austausch zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen. «Da haben wir ein rechtes Potenzial.» Arbeiteten Unternehmen und Hochschulen zusammen, sei dies für alle von Vorteil. «Die Firmen–auch kleine und mittlere–profitieren vom Wissen der Forschenden, die Studierenden können ihr Wissen anwenden.» Dies stärke den Wirtschaftsstandort. «Denn es geht nicht nur darum, neue Unternehmen anzusiedeln, sondern auch darum, bestehende Firmen in ihrer Entwicklung zu unterstützen.»
Steiert hat sich in Bundesbern schnell einen Namen gemacht. Die Fähigkeiten des politischen Taktierers, immer wieder Mehrheiten zu schaffen und seine Anliegen durchzubringen, wird von allen Parteien anerkannt. Er arbeitet regelmässig mit Politikern aller Lager zusammen. Bildung, Soziales, Gesundheit sind die Themen des Arztsohns und Bruders des Freiburger SP-Gemeinderats Thierry Steiert.
Ideen umsetzen
Der stille Schaffer erlebt als Generalsekretär hautnah mit, wie eine Regierung funktioniert. «Nun reizt es mich, Ideen umzusetzen–und zwar im eigenen Kanton, wo mein Herz ist.» Freiburg stehe vor grösseren Herausforderungen als andere Kantone. «Damit sind auch Spielräume für wichtige Entscheide da.» Dies sei interessant.
Wird Jean-François Steiert in den Staatsrat gewählt, verliert die SP einen gewichtigen Parlamentarier in Bern. Die Dreierdelegation im Nationalrat bestünde dann aus dreifrischgewählten Politikerinnen. «Auch ich hatte einmal meinen ersten Tag im Nationalrat, ebenso Christian Levrat und Alain Berset», sagt Steiert. Die Neuen seien bereits daran, sich ihren Platz zu schaffen. Darum würde bei seinem Abgang die SP in Bern nicht geschwächt. Der dritte SP-Sitz wackle bei den nächsten Wahlen sowieso: «Den haben wir nur sehr knapp erreicht.»
Der Leisesprecher hat klare Meinungen, und er steht dazu. «In einem Exekutivamt ist es gut, wenn man eine klare Meinung hat», sagt Steiert. «Doch sollte man fähig sein, Meinungsunterschiede auf eine faire Art und Weise auszutragen.» Dazu sei er fähig. «Indem ich mit Leuten zusammenarbeite, die andere Ideen haben als ich, erneuere ich mich selber–das macht das Leben spannend.» Zudem bringe es nichts, Ideale zu haben, «wenn man keine konkreten Schritte machen kann».
Kürzerer Arbeitsweg
Würde Jean-François Steiert in den Freiburger Staatsrat gewählt, würden seine Arbeitstage im neuen Amt kaum länger als heute: Auch jetzt, als Nationalrat, «halber Generalsekretär», Vorstand verschiedenster Vereine und Verbände sowie Mitglied diverser Stiftungen, ist er täglich dreizehn bis vierzehn Stunden unterwegs. Als Staatsrat würde aber sein Arbeitsweg deutlich kürzer. Und dann führe ein Amtsträger mehr mit dem Velo zu den Staatsratssitzungen.
Die Mehrheitsverhältnisse im Staatsrat sind nicht so klar.
Jean-François Steiert
In einem Exekutivamt ist es gut, wenn man eine klare Meinung hat.
Jean-François Steiert
Serie Staatsratswahl
Drei Kandidaten für die Chassot-Nachfolge
Die Freiburger Nachrichten haben in den letzten Wochen jeweils am Samstag die drei offiziellen Bewerber um den Staatsratssitz von CVP-Erziehungsdirektorin Isabelle Chassot porträtiert. Das Porträt des unabhängigen Alfons Gratwohl ist am 17. August erschienen, jenes von Jean-Pierre Siggen (CVP) am 24. August. Jean-François Steiert (SP) schliesst den Reigen ab.fca/njb
Zur Person
Jean-François Steiert, 52, Sozialdemokrat
Der 52-jährige Stadtfreiburger Jean-François Steiert ist im Juli 2007 in den Nationalrat nachgerutscht und wurde seither zweimal wiedergewählt. Der Sozialdemokrat hatte sich durch die politischen Ämter hochgearbeitet: Der Stadtfreiburger sass ab 1991 während elf Jahren im Generalrat und später während fünf Jahren im Kantonsparlament; dann rutschte er in den Nationalrat nach. Ab 1993 arbeitete er als Pressesprecher und ab 1999 als Generalsekretär der SP Schweiz sowie der SP-Fraktion in der Bundesversammlung. Der Zweisprachige arbeitet zu 50 Prozent als Generalsekretär der Waadtländer Erziehungsdirektion. Steiert hat mit seiner Partnerin zwei Kinder, die 16 und 18 Jahre alt sind.njb
«Typisch jung» fragt: Was dem Wahlvolk der Zukunft unter den Nägeln brennt
D ie FN-«Typisch Jung»-Redaktion stellt allen drei Staatsratskandidaten fünf Fragen.
Jean-François Steiert, wo steckt das grösste Entwicklungspotenzial bei den erneuerbaren Energien?
Kurzfristig ist dies die Solarenergie – sowohl thermisch als auch die Fotovoltaik. Heute gibt es Energie-Plus-Häuser, die bis zu sieben Mal mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Die Zukunft gehört solchen Häusern.
Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten im Bildungssystem?
Im Kanton Freiburg haben wir ein gutes Bildungssystem. Wir müssen Sorge tragen, dass es nicht schlechter wird; dazu müssen wir die heutigen finanziellen Mittel halten. Insbesondere die Universität ist einer massiven Konkurrenz ausgesetzt. Den Schulen sollten wir vermehrt Ziele vorgeben, und nicht bis ins Detail vorschreiben, wie diese erreicht werden sollen. Das gilt auch für die Pensenfrage.
Wie soll die Zweisprachigkeit in naher Zukunft gefördert werden?
Wir sollten die Sprache des andern systematisch lernen. Alle motivierten Jugendlichen sollten die Möglichkeit haben, sich im anderen Sprachgebiet umzuschauen. Die Pädagogische Hochschule fördert bereits die Zusammenarbeit der künftigen Lehrkräfte; sie sind zentrale Personen für die Entwicklung von Jugendlichen. Darum ist es wichtig, dass sie sich mit beiden Kulturen auseinandersetzen.
Was sagen Sie zum Vorwurf, in Freiburg sei nichts los, es brauche mehr Kulturanlässe für Jugendliche?
Ich habe das Gefühl, dass in der Stadt und im Kanton Freiburg kulturell sehr viel los ist. Nur ist das nicht nach dem Geschmack aller Jugendlichen. Die Jungen brauchen Spielraum, damit sie Anlässe organisieren können. Das braucht nicht viel Gelder, aber Räume – die fehlen manchmal.
Wie ist der Umweltschutz zu fördern?
Mit Überzeugung und Anreizen – die können auch finanziell sein – , und mit möglichst wenig Zwang. Wer überzeugt ist, im Kleinen etwas verändern zu können, bringt mit all den anderen Überzeugten mehr hin, als wenn der Umweltschutz von oben diktiert wird. bearbeitet von njb