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Gemessen an den bald 50 Spielfilmen, die Woody Allen im Verlauf der Jahrzehnte geschrieben und inszeniert hat, nimmt sich sein literarisches Werk eher bescheiden aus: Lange bestand es nur aus drei dünnen Bänden. Sie bündelten Allens verstreut erschienene Essays, Kurzgeschichten, Theatertexte und Hörspiele: «Getting Even» (1971), «Without Feathers» (1975) und «Side Effects» (1980).
Sein Schreiben zeigt sein komisches Potential
Diese drei Bücher könnten lediglich Fussnoten im Werk eines Langzeit-Arbeitswütigen sein, aber aus mehreren Gründen sind sie heute noch lesenswert: Zuerst einmal, weil sie vor wilder, absurder Komik strotzen. Eine Komik, die Allen mittlerweile weitgehend meidet.
Sein Spätwerk verleitet eher zum mitwissenden Schmunzeln, aber in diesen frühen Texten lässt sich Allen noch schamlos zu den cartoonhaften Schilderungen hinreissen, die auch das komische Potenzial seiner frühen Filme ausmachen.
Der Filmemacher würdigt, der Literat verballhornt
Vor allem tut der Literat Allen etwas, was er als Drehbuchautor und Regisseur immer nur am Rand ausprobiert hat: Er parodiert nach Herzenslust andere Künstler und Textformen.
Während seine Filme höfliche Tribute an Vorbilder sind («Stardust Memories» und «Celebrity» lassen sich etwa als Hommagen an Fellini verstehen), stellen diese Kurzgeschichten und Sprechtexte meist nicht ehrfürchtige Verbeugungen dar. Sie sind übermütige Verballhornungen.
Allen lässt keine Textsorte aus
An dieser Stelle soll nicht im Detail aufgeschlüsselt werden, über wen sich Woody Allen in welchem Text lustig macht. Aber die Liste der durch den Kakao gezogenen Autoren ist lang: Søren Kierkegaard, Franz Kafka, Gustave Flaubert, Fjodor Dostojewski, Ingmar Bergman, Raymond Chandler, Felix Kersten und Martin Buber gehören dazu.
Weitere Zielscheiben sind Sokrates und der Komponist Igor Stravinsky. Auch moderne Textgattungen wie Nachrufe, Antrittsreden und Enthüllungsartikel nimmt Allen lustvoll aufs Korn.
Ein «Déja-vu» für eingefleischte Fans
Natürlich haben all diese Texte 40 Jahre auf dem Buckel. Nicht alle literarischen Querverweise sind immer noch so komisch, wie sie es zum Zeitpunkt ihres Erscheinens gewesen sein mochten.
Hinzu kommt, dass Allen viele Gags und Themen aus diesen Geschichten später in seinen Drehbüchern nochmals aufwärmte. Wer also die Filmografie des Mannes kennt, wird bei der Lektüre durchaus das eine oder andere «Déja-vu» erleben.
Wer schreibt, der lernt
Für den langjährigen Fan entpuppt sich die (erneute) Lektüre der Prosa- und Theatertexte aber auch als spannend. Allen verfasste sie in einer Zeitspanne, in der er einen künstlerischen Wandel vollzog.
Zu diesem Zeitpunkt war in ihm der Ehrgeiz erwacht, sich vom Stand-up-Comedian, Gagschreiber und Leinwandclown zu einem soliden Filmautor zu mausern. In diesem Zusammenhang liesse es sich auch erklären, warum Allen damals so gerne zur Kunstform der Parodie griff.
Die Versuche, diversen Eckpfeilern der seriösen Weltliteratur seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, könnten für ihn auch eine persönliche Schule des Schreibens gewesen sein: eine Art des Ausprobierens, wie weit sich sein Talent zur trivialen Pointe auf epische Formen ummünzen liess. Von den grossen Meistern lernt man ja bekanntlich am besten.