Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03229.jsonl.gz/213

“Ein Becher Wein zur rechten Zeit ist mehr wert als alle Reiche dieser Erde”
„Nichtraucher (Nichttrinker/Vegetarier/Veganer/Ultraviolette) leben im Schnitt fünf Jahre länger.“ Solche und ähnliche Sätze mit variierenden Jahren und Abstinenzobjekten bekommt man mit schöner Regelmäßigkeit zu lesen, wenn man nur zufällig eine beliebige Tageszeitung oder Illustrierte aufschlägt. Die erste Reaktion des Lesers wird wohl sein, solche Aussagen auf sich selbst anzuwenden und, sei’s, daß man Raucher, sei’s Trinker, Fleischesser, Milchtrinker oder ein anderen Formen der Sünde Verfallener sei, sich zu fragen, ob man damit rechnen müsse, fünf Jahre eher aus diesem irdschen Jammertal abtreten zu dürfen oder fünf Jahre länger in demselben schmachten zu müssen. Prüft man nach diesem ersten panischen Reflex solche Befunde in Ruhe auf ihre Eignung, lebenspraktische Anleitungen aus ihnen zu ziehen, lassen sich ein paar wichtige Punkte festhalten.
Da ist als erstes die Frage, ob kumulativer Verzicht kumulative Wirkungen erziele? Wenn ich also beispielsweise auf Tabak und auf Alkohol verzichte, jeder Verzicht einzeln mein Leben aber schon um fünf Jahre verlängert, darf ich dann erwarten, zehn Jahre länger zu leben als Menschen, die neben dem Rauchen auch noch saufen? Und wenn ich dann noch das Fleisch weglasse, mache ich dann den Deal mit fünfzehn Jahren? Demzufolge müßte ja jemand, der sich von Sojabohnen und Magerquark ernährt, nicht raucht, nicht trinkt, nicht am Straßenverkehr teilnimmt und von den Salzstangen das Salz wegkratzt, mindestens hundert Jahre alt werden.
Die zweite Frage, die hier kritisch zu stellen wäre, lautet: Was ist das für ein Leben, das ich so gestalte, daß es fünf Jahre länger dauert als ein vergleichbares ohne besonderen Verzicht? Nicht trinken, das bedeutet, Faßbrause statt Weizen nach der Wanderung, Apfelschorle statt Champagner nach einer bestandenen Prüfung, Kinderpunsch statt Grog, wenn man an einem eisigen Winterabend nach Hause kommt; und zur besseren Verdauung gäbe es nach dem Gänsebraten keinen Schnaps sondern Kamillentee. (Was es zum Gänsebraten gibt, wage ich nicht zu vermuten.) Verständlich, wenn dann einer angesichts solch trauriger Verhältnisse konsequenterweise auch noch die Gans durch Tofu ersetzt. „Nun war dieser brave Lehrer / Von dem Tobak ein Verehrer/, Was man ohne alle Frage / Nach des Tages Müh und Plage / Einem guten, alten Mann / Auch von Herzen gönnen kann.“ Wilhelm Buschs Zeitgenossen, die noch nichts von den vermeintlich verheerenden Folgen des Rauchens ahnten, waren in dieser Ahnungslosigkeit besser dran als wir, denn sie wußten in fröhlicher Unschuld zu genießen, was uns in unserer griesgrämigen Erkenntnis für immer verwehrt ist. Oder nicht? Denn wenn ich mich also dieser Genüsse enthalte, dann darf ich, wenn ich mich als Durchschnittsmensch erweise, fünf Jahre länger Mineralwasser statt Champagner trinken und statt zur Feierabendpfeife zum Kaugummi greifen und dabei kopfschüttelnd auf die fünf Jahre jüngeren Trinker und Raucher herunterschauen, die es sich, im Bewußtsein, daß wir alle (egal wie wir gelebt haben) einst den „schwarzen Cocytos schauen“* müssen, genußvoll über die Stränge schlagen. Die Frage ist, wer hier wen beneiden darf.
Und wer sagt, daß ich Glück habe und die fünf errungenen zusätzlichen Durchschnittsjahre bei bester geistiger und körperlicher Gesundheit zubringe? Abgesehen davon, daß vielleicht ein Verkehrsunfall oder ein Blitzschlag meinem asketischen Leben ein Ende setzt, bevor ich den Lohn der Enthaltsamkeit, jene verheißungsvollen fünf Extrajahre, genießen kann: Möglicherweise ereilt mich mit achtzig ein Schlaganfall, den ich, gestählt durch Alkohol- und Tabakabstinenz, knapp überlebe – um dann noch lange fünf Jahre mit einem Lätzchen um den Hals dahinzuvegetieren und mich daran zu freuen, daß ich im Gegensatz zu meinem trinkfesten, qualmenden Zeitgenossen dem Schlaganfall nicht erlegen bin.
Auch gilt, daß für jede Todesart, die ich mit Disziplin und Verzicht vermeide, zahllose andere in die Bresche springen werden, um mir dereinst den Garaus zu machen. Denn niemand stirbt bei bester Gesundheit, es sei denn, er käme gewaltsam ums Leben. Vermeide ich den Lungenkrebs, indem ich nicht rauche, entwickle ich vielleicht einen Darmkrebs, weil ich eben doch wieder Rindfleisch essen mußte; und ist meine Leber gesund und rosig vom vielen Mineralwasser – die Niere ist es vielleicht nicht, und vielleicht schaut Freund Hein schon lächelnd dem Hautkrebs beim Wachsen zu, den ich mir wegen zuviel Sports unter wolkenlosem Himmel zugezogen habe. Eßt kein Fleisch, eßt keinen Zucker, vermeidet Fett, und wo wir schon mal dabei sind, zuviel Brot und Butter ist sicher nicht gesund. Zuviel Stuhlgang und Blasenentleerung sollte man auch vermeiden, was da alles schiefgehen kann. Am besten, man vermeidet noch das Atmen, man weiß ja nicht, was man sich dadurch alles in die Alveolen saugt. Man sieht, die Abstinenz läßt sich jederzeit noch ein bißchen weitertreiben, bis das Leben zwar richtig lang, dafür aber auch richtig fad geworden ist. Allenfalls die Ermunterung, nur recht oft Sex zu haben, weil eine ausgelastete Prostata weniger leicht entartet, mag dabei die trüben Aussichten etwas aufhellen. Wie die entsprechende Empfehlung an Frauen lautet, weiß ich nicht.
Der wichtigste Einwand gegen lebensverlängernden Verzicht von diesem und jenem Genuß ist aber die Überlegung: Welche fünf Jahre bekommt denn der Abstinenzler gegenüber dem verqualmten, champagnertrunkenen Fleischesser geschenkt? Doch wohl nicht die Jahre, mit denen am meisten anzufangen wäre, etwa die Jahre zwischen zwanzig und fünfundzwanzig. Geschenkt bekommt man immer den Rest, den Bodensatz, den letzten Tropfen. Geschenkt bekommt man ein Greisendasein zwischen achtzig und fünfundachtzig. Manch einer mag dann vor seinem Mineralwasser sitzend bedauern, die Jahre zwischen zwanzig und fünfundzwanzig nicht verschwenderisch verfeiert zu haben. Ob einen der Gedanke an den vielen Sex, den man der Prostata zuliebe hatte, dann noch wärmt, ist fraglich.
*visendus ater flumine languido
Cocytos errans …
(Horaz, c. 2,14)
[Currently playing: Gustav Mahler, Trinklied vom Jammer der Erde]