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«Tagesschau»-Beitrag «Iran soll britischen Tanker in der Strasse von Hormuz bedrängt haben» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 18. Juli 2019 beanstandeten Sie die «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom 11. Juli 2019 und dort den Beitrag «Iran soll britischen Tanker in der Strasse von Hormuz bedrängt haben».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Während im Titel noch offen gelassen wird (<Iran soll britischen Tanker in der Straße von Hormus bedrängt haben>) wie die Dinge sich verhalten, wird mit der Fragestellung des Moderators unmissverständlich suggeriert wie der Sachverhalt sei. Mit den Worten <Schon bei den Angriffen auf zwei Tanker Mitte Juni hatte Iran jegliche Beteiligung ABGESTRITTEN, jetzt wird erneut jegliche Involvierung ABGESTRITTEN. [...] wie plausibel ist dieses LEUGNEN noch?> erfolgt eine mediale Vorverurteilung einer Nation beruhend auf Vermutungen und Behauptungen einer in den Konflikt involvierten (Kriegs-)Partei. Diese Art von Fragestellung widerspricht gegen das Sachgerechtigkeitsgebot.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Tagesschau» äußerte sich Herr Franz Lustenberger, ehemaliger stellvertretender Redaktionsleiter:
«Mit Mail vom 18. Juli 2019 hat Herr X eine Beanstandung gegen die Tagesschau vom 11. Juli eingereicht. Es geht ganz konkret um die Frageformulierung im live-Gespräch mit dem ETH-Sicherheitsexperten Roland Popp zur militärischen und politischen Lage in der Strasse von Hormus. Die Tagesschau nimmt wie folgt Stellung:
Begrifflichkeiten
Laut Duden bedeutet ‚abstreiten‘: in Abrede stellen, leugnen, bestreiten. Als Synonyme gibt der Duden Folgendes an: ableugnen, als falsch/unwahr/unrichtig/unzutreffend bezeichnen, als falsch/unwahr/unrichtig/unzutreffend hinstellen, bestreiten, dementieren, für falsch/unwahr erklären, für nicht richtig/nicht zutreffend erklären, leugnen, von sich weisen, zurückweisen; (gehoben) sich verwahren; (bildungssprachlich) negieren; (Papierdeutsch) in Abrede stellen; (Rechtssprache veraltet) kontestieren.
Die Tagesschau erkennt im Begriff ‚abstreiten‘ bzw. beim im live benutzen Partizip II ‚abgestritten‘ keinerlei Konnotation, keinerlei suggestiven Hintergrund. Die Iraner haben bei den zwei Vorfällen, die als Einstieg ins Gespräch erwähnt werden, schlicht gesagt, dass sie mit der Sache nichts zu tun haben. Sie ‚streiten eine Beteiligung‘ ab. Sie sagen, dass sie es nicht waren. Das wird ohne suggestiven Unterton so wiedergegeben.
Laut Duden hat das Wort ‚leugnen‘ zwei Bedeutungen: Erstens, etwas, was einem zur Last gelegt oder über einen behauptet wird, für nicht-zutreffend oder bestehend erklären. Zweitens, etwas Offenkundiges wider besseres Wissen für unwahr oder nicht vorhanden erklären und nicht gelten lassen. Die Tagesschau kann auch im Vorlauf zur Benutzung des Begriffs ‚leugnen‘ keinerlei suggestive Absichten des Moderators erkennen. Zwar kennt das Wort auch eine Bedeutung im Sinne ‚Offenkundiges wider besseres Wissen leugnen‘. Florian Inhauser stellt gegenüber der Redaktion dezidiert fest, er benutze ‚leugnen‘ in der Bedeutung von ‚etwas für nicht-zutreffend erklären‘.
Faktenlage
Tatsächlich gibt es keinen eindeutigen Beweis für den Vorfall vom 11.Juli 2019 im Golf von Oman zwischen dem Tanker ‘British Heritage’ und unidentifizierten Booten, die selbigen Tanker zum Abdrehen in iranische Hoheitsgewässer gedrängt haben sollen. Bei diesem Vorfall soll die britische Fregatte HMS Montrose dies verhindert haben. Unseres Wissens gibt es auch keinerlei Bildmaterial (Fotos, Videos), die diesen Vorfall unwiderlegbar beweisen. Das wird auch nicht behauptet.
Laut der Royal Navy, dem britischen Aussenministerium und dem US-Militär sollen es Boote der iranischen Revolutionsgarden gewesen sein, welche die ‚British Heritage‘ in iranische Hoheitsgewässer drängen wollten. Dir Iraner streiten jeglichen Vorfall dieser Art ab und halten nach Bekanntwerden durch westliche Medien fest: <Es hat keinerlei Konfrontationen mit ausländischen Schiffen in den letzten 24 Stunden gegeben.>
Die Formulierung in der Frage im live-Gespräch <Wie plausibel ist dieses Leugnen noch?> bezieht sich auf die Tatsache, dass es im Vorlauf zu diesem Vorfall mehrere Zwischenfälle mit Tankern in der Strasse von Hormus gegeben hat, an denen Experten unisono eine Beteiligung von Marineeinheiten der iranischen Revolutionsgarden stark vermuten. Diverses Bildmaterial gibt es in diesen Fällen und es legt tatsächlich eine iranische Beteiligung ausgesprochen nahe. Weitherum (so auch dargelegt von Roland Popp in seiner Antwort) wird der Vorfall vom 10. Juli 2019 als iranische ‚Antwort‘ auf die Festsetzung eines iranischen Tankers bei Gibraltar zuvor gesehen.
Einen Tag vor dem 10. Juli 2019 liess die iranische Regierung Folgendes verlauten (11. Juli 2019, 12:18 Uhr Quelle: AFP):
Teheran (AFP) Nach der Festsetzung eines iranischen Tankers vor Gibraltar hat der Iran Großbritannien und den USA mit Konsequenzen gedroht. London und Washington würden den Schritt ‚bereuen‘, sagte der Vizekommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Ali Fadawi, am Donnerstag laut der Nachrichtenagentur Fars. Irans Präsident Hassan Ruhani hatte schon am Mittwoch gewarnt, Großbritannien werde ‚die Konsequenzen spüren‘ für diesen ‚törichten Akt‘.
Auch diese drastischen Formulierungen von Rohani bzw. Fadawi legen eine iranische Beteiligung beim Vorfall mit der ‚British Heritage‘ nahe, bzw. lassen es eben durchaus ‚plausibel‘ erscheinen, dass es den Vorfall erstens gegeben hat und zweitens, dass der Iran daran beteiligt war. Die Beweislage bei den Ereignissen, die zum 10. Juli geführt haben, - die Tagesschau verweist insbesondere auf den Fall ‚Kokuka Courageous‘ am 13. Juni 2019, bei dem das Bildbeweismaterial (Fotos und Videos) einigermassen erdrückend ist – lässt den informierten und keineswegs rein suggestiven Schluss zu, dass der Iran mit grosser Wahrscheinlichkeit an den ‚Tankervorfällen‘ seit Beginn Juni 2019 beteiligt ist.
Aufgrund dieser Informationsbasis stellt der Moderator Roland Popp die Frage, ob das Leugnen der Iraner im Zusammenhang mit diesen Vorfällen noch plausibel ist. Eine suggestive Frage hätte Popp nur noch mit: <Dieses Leugnen ist nicht mehr plausibel.> beantworten können. Er antwortet aber durchaus differenzierter und sagt: <Ich glaube, dass es nicht mehr sehr plausibel ist. Vermutlich stecken die Iraner dahinter.> Roland Popp hat die Frage nicht suggestiv verstanden.
Am 21. August meldete die Agentur Reuters in einem Flash Folgendes:
IRANIAN PRESIDENT SAYS IF IRAN'S OIL EXPORTS ARE BROUGHT DOWN TO ZERO THEN INTERNATIONAL WATERWAYS WILL NOT HAVE THE SAME SECURITY AS BEFORE
(Reuters) - MT1ALTL5N25H2X11 / 1236812426
Wer anders als der Iran (die Armee oder die Revolutionsgarden) könnte die Sicherheit der Schifffahrtsroute in Frage stellen?
Fazit
Die Tagesschau hat sachlich über die Eskalation in der Strasse von Hormus berichtet. Im Beitrag werden beide Positionen dargelegt. Der Bericht verwendet bezüglich der Blockierung des iranischen Tankers vor Gibraltar gar den Begriff ‚gekapert‘ und betont damit die Unrechtmässigkeit der Blockierung.
Aufgrund verschiedenster Vorfälle in den Monaten zuvor und verschiedener Äusserungen von iranischer Seite wird die Frage gestellt, wie glaubhaft das Abstreiten einer Beteiligung durch den Iran wirklich sei. Vor diesem Hintergrund ist die Fragestellung nicht suggestiv oder wertend.
Die Tagesschau kann in der ganzen Berichterstattung keine Vorverurteilung des Iran erkennen. Sowohl im Bericht wie im live-Gespräch werden die unterschiedlichen Positionen beleuchtet und eingeordnet. Der Zuschauer kann sich unvoreingenommen ein Bild der Aktualitätslage und der Hintergründe machen. Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Was sind die Fakten und was sind die möglichen Versionen? Die Fakten sind: Die USA sind aus dem Atomabkommen mit Iran ausgestiegen und haben neue Sanktionen gegen die «Islamische Republik» in Gang gesetzt. Die Europäer versuchen einerseits, das Atomabkommen noch zu retten, anderseits, die Sanktionen nicht zu unterlaufen. In diesem Zusammenhang stoppte Großbritannien bei Gibraltar einen iranischen Tanker, weil er iranisches Erdöl habe nach Syrien bringen wollen. Unmittelbar nach dieser Beschlagnahmung forderte ein hochrangiger Vertreter der iranischen Revolutionsgarden, im Gegenzug einen britischen Tanker abzufangen.[2]
Welche Versionen sind denkbar für die Aktion vom 10. Juli?
- Die Iraner waren es nicht. Wer allerdings sollte ein Interesse daran haben, einen britischen Tanker in iranische Gewässer abzudrängen? Seeräuber? Die Briten selber? Alle denkbaren Versionen erweisen sich als unwahrscheinlich, ja lächerlich.
- Die Iraner waren es und scheiterten. Das behaupten ja die Briten. Sollte es sich tatsächlich so abgespielt haben, dann ist es logisch, dass die Iraner den Vorgang abstreiten, denn Konfliktparteien geben in der Regel eigene Misserfolge nicht zu.
- Die Iraner waren es, und der Coup glückte. So stellten es sich die Revolutionsgarden ja wohl vor. In diesem Fall hätten sie den Coup mit Sicherheit bekanntgegeben und als Druckmittel für die Freigabe des iranischen Tankers bei Gibraltar benützt – dieser wurde am 15. August 2019 nach Zusicherungen aus Teheran von den britischen Behörden dann tatsächlich wieder freigegeben.[3]
Da der britische Tanker nicht abgedrängt werden konnte und da zu diesem Zeitpunkt der iranische Tanker bei Gibraltar noch unter britischer Kontrolle war, spricht alles für Version 2. Diese Version hat die «Tagesschau» mit aller Vorsicht und immer mit dem Hinweis, dass die Darstellungen strittig sind, thematisiert und vertieft. Es ist Aufgabe des Journalismus, mögliche und wahrscheinliche Versionen zu erörtern und zu plausibilisieren. Genau das hat die «Tagesschau» getan. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Roger Blum, Ombudsmann
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