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Emilie Tschanz kommt aus Manneried und besucht den Gymer in Gstaad. In ihrer Freizeit steht die 16-jährige dauernd im Wettstreit mit dem Wind. Diesen Frühling nimmt sie an der Europameisterschaft und im Sommer an der Weltmeisterschaft teil.
BLANCA BURRI
Der Wind zerzaust Emilie Tschanzs Haar, sie lehnt sich rücklings weit über ihr Boot, die Wellen klatschen ihre Rücken nass, während sie in Windeseile über den See flitzt. So sieht der Alltag der Seglerin aus, wenn sie in einem Trainingscamp weilt oder an einer Regatta kämpft. Ich traf sie im nüchternen Sitzungszimmer, wo sie über ihre Leidenschaft erzählte.
Ein wahres Märchen
Die filigrane Sportlerin erzählt, wie sie als Elfjährige einen Anfängerkurs vom Gstaad Yacht Club (GYC) auf dem Thunersee besucht hat. «Ich wollte einfach etwas Neues ausprobieren, diese Chance wollte ich packen.» Zu Recht. «Es hat mir mega gut gefallen und es war auch nicht so teuer, wie ich gedacht hatte.» Wasser und Wind faszinierten sie, sie wurde zur Wiederholungstäterin. Im zweiten Jahr fragte sie ein Ersatztrainer, weshalb sie segele? «Ich habe grossen Spass daran», antwortete ihm das Mädchen mit dem kupferblonden Haar. Die Freude und die grosse Leichtigkeit, mit der sie das Segel setzt, beindruckten den Trainer. Er machte ihr den Vorschlag, das Segeln ein bisschen ernsthafter zu betreiben. Schon eine Woche später nahm sie an einem Camp teil. «Ich startete in der schlechtesten Gruppe, Ende Woche hörte ich in der besten auf.» Ihre klare feste Stimme bebt ein bisschen, wenn sie von ihrer Laufbahn erzählt, die sich wie ein Märchen anhört. Bald folgte die erste Regatta, die erste Schweizermeisterschaft und die Anfrage, ob sie im Deutschschweizer Team trainieren möchte. «Klar wollte ich das!», blickt sie zurück. Als sie 15 wurde, stand der Bootsklasswechsel von Optimist auf Laser 4.7 an. Nachdem sie sich an die neuen Masse des Boots gewöhnt hatte, wurde sie zum Talent Scout eingeladen. «Es war für mich eine Überraschung, dass ich überhaupt eingeladen wurde. Die zweite grosse Überraschung war, dass ich sofort ins Nationalteam aufgenommen wurde.» Im vergangenen Winter folgten zahlreiche Trainings und Regatten. Die in der Bestenliste gesammelten Resultate zeigte: Emilie Tschanz hat sich bereits im ersten Jahr in der Nati für die Europameisterschaft vom 18. bis 25. Mai in Hyère (Frankreich) qualifiziert. Weil auch die nachfolgenden Wettbewerbe gut ausfielen, kann sie einen weiteren Höhepunkt erleben: Vom 16. bis 23. August reist sie an die Weltmeisterschaft nach Kingston (Kanada). «Nach viel hartem Training und langen Stunden auf windgepeitschten Seen ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen.»
«Die Kälte ist das Schwierigste»
Wenn Emilie Tschanz segelt, ist ihr wildes Haar in einem Dutt gebändigt, die Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille. Alles andere versteckt sich unter einer 10 Millimeter dicken Neoprenschicht. Darüber trägt sie eine graue Schwimmweste. Die Hände schützt sie zusätzlich mit Putzhandschuhen. «Wir verbringen manchmal bis zu zehn Stunden auf dem Wasser. Mit der Kälte umzugehen, ist wohl das Schwierigste im Segelsport.» Auch das letzte Wochenende, mit Schnee und Regen bis in tiefe Lagen, hielt die Sportlerin nicht davon ab, auf dem Thunersee zu trainieren. Während den Rennen spielt noch eine andere Dimension mit: Je nach Windverhältnissen ist nie klar, wie viele Rennen am Tag X stattfinden. Manchmal sind es zwei, manchmal sogar drei. Jedes Rennen dauert jeweils etwa eine Stunde. «Das ist nichts für Leute, die mit schwachen Nerven zu kämpfen haben.» Wann die Races beginnen, erfahren alle erst kurz vor dem Start. Wichtig ist auch, dass die Athleten nach dem Rennen sofort abschalten, das Rennen vergessen. «Wir müssen ein schlechtes Race sofort abhaken können, damit wir beim nächsten wieder mit voller Konzentration segeln.»
Die Familie begeistern
Emilie Tschanz hat im Verhältnis spät zu segeln begonnen. «Ich war wie gesagt elf, die meisten mit denen ich heute segle, haben mit sieben begonnen.» Und überhaupt habe ihre Familie mit Wasser nicht viel am Hut. Der Vater stammt aus Blankenburg, die Mutter aus Kanada. Die Familie lebte immer im Obersimmental. «Inzwischen sind meine Eltern die grössten Fans und finden es einen super Sport.» Emilie Tschanz möchte am liebsten auch ihre zwei jüngeren Geschwister dafür begeistern. «Mit mässigem Erfolg», wie sie gesteht. Für sie ist das Gefühl, über die Wellen zu flitzen und sich dem Wind entgegenzustellen, einfach unbeschreiblich.
Die Seglersprache ist englisch
Die meisten Wintercamps sind im Sailing Center in der Nähe von Barcelona. «Dort sind wir top eingerichtet und der Wind ist oft optimal. Es gibt selten trainingsfreie Tage.» Die Basis befindet sich nur gerade 20 Minuten vom Flughafen. Die Unterkünfte liegen direkt am Meer.
Auch in Spanien ist die Seglersprache Englisch. «Die Regatten, alle Anweisungen und der Austausch unter den Freunden finden auf Englisch statt.» Es geht aber noch weiter: «Da die Welschen nicht so gut Deutsch sprechen und wir nicht so gut Französisch, reden wir auch im Natiteam Englisch miteinander. Das können alle perfekt.» Dabei hilft Emilie Tschanz, dass ihre Muttersprache Englisch ist.
Schule und Sport
Die grösste Herausforderung für die junge Athletin ist die Schule. Sie besucht den Gymer in Gstaad. Dieser ist es durch die vielen Skiathleten gewohnt, Leistungssportler an der Schule zu unterrichten. «Weil ich eine Sportart betreibe, die nicht im Saanenland zu Hause ist, ist es gleichwohl sehr speziell.» Natürlich werde darauf geachtet, die Trainingscamps in die Ferien zu legen. Trotzdem hat die Mannriederin letztes Jahr 50 Schultage verpasst. «Ich lerne oft auf der Reise», sagt sie. Während den Trainingscamps wird für Hausaufgaben nur Zeit eingerechnet, wenn die Witterungsbedingungen das Training auf dem Wasser nicht zulassen. Ansonsten startet Emilie Tschanzs Tag um 6.30 und endet um 21.00 Uhr. Wer hätte danach noch die Kraft, um zu lernen? «Ich versuche trotzdem jeden Tag, eine halbe Stunde dran zu sein.»
Jeder Muskel ist wichtig
Die körperlichen Anforderungen sind sehr gross. «Es braucht jeden Muskel», lacht die sympathische Seglerin. Das heisst aber auch, viele Stunden Kraftraining, Ausdauertraining und Regeneration. «Das ist alles», meint sie und beschliesst das Thema. Für sie ist klar: Training gehört zum Sport einfach dazu.
Bald Weltmeisterin mit Oberländer Wurzeln?
Das Nationalteam der Alterskategorie von Emilie Tschanz besteht aus drei Mädchen. «In meinem Jahrgang wurde nicht ein einziger Junge ausgewählt, das ist krass.» Das Team wird von der Spanierin Flor Ceutti trainiert. Emilie Tschanz startet für den Yacht Club Gstaad, bei dem sie seit ein paar Jahren Mitglied ist. Der Club hat ihr die ersten drei Boote zur Verfügung gestellt. Er unterstützt sie wie auch andere Segler. Ihr persönliches Ziel ist eine Top-20-Platzierung an der Eurpameisterschaft und eine Top 30 an der Weltmeisterschaft. Damit Emilie Tschanz überhaupt an die Wettkämpfe fahren kann, sucht sie noch Sponsoren. Das macht sie auf der Crowdfunding-Plattform «I believe in you». Die lebhafte Stimme von Emilie Tschanz hallt noch immer in meinen Ohren nach, auch nachdem ich sie nach dem Fotoshooting in der Promenade Gstaad verabschiedet habe. Jung, dynamisch und hochmotiviert nimmt sie die weiteren Strapazen auf sich, um ihre Leidenschaft zu leben. Zu Recht bittet sie im Internet: «Glaub an mich». «Yes, I believe in you!»
I believe in you: https://ibiy.net/EmilieTschanz