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Raw Frand zu Parschat Emor 5770
Zwei Dimensionen im Menschen
Die folgenden Gedanken stammen aus dem Sefer Tiferet Torah von Raw Schimschon Pinkus, s.A.
Die Tora lehrt uns, dass der Kohen Gadol (Hohenpriester), anders als ein gewöhnlicher Kohen, das Bet HaMikdasch (Tempel) nicht verlassen darf, wenn ein nahes Familienmitglied gestorben ist. Er führt die Awoda (Tempeldienst) weiter, auch wenn er den halachischen Status eines Onen (Trauernden) hat.
Der Rambam schreibt [Hilchot Klej HaMikdasch 5:7] "Im Bet HaMikdasch wurde für den Kohen Gadol ein besonderer Raum eingerichtet. Es gehörte zu seiner Ehre und seinem Ruhm, dass er den ganzen Tag im Bet HaMikdasch verbrachte und erst in der Nacht heimging." Mit anderen Worten, auch wenn der Kohen Gadol nicht mit dem Dienst im Bet HaMikdasch beschäftigt war, sollte er das Gelände den ganzen Tag nicht verlassen. Da es verboten ist, im Hof des Bet HaMikdasch zu sitzen, und vom Kohen Gadol nicht erwartet werden kann, dass er zwölf bis sechzehn Stunden täglich auf den Beinen ist, zog er sich in seinen Raum zurück, wo er sitzen konnte.
Der Rambam schreibt weiter, dass die Wohnung des Kohen Gadol in Jeruschalajim sein musste, und dass er nicht von dort wegziehen durfte. Der Kohen Gadol war also nicht nur den ganzen Tag an seinen Raum gebunden, sondern er musste auch für den Rest seines Lebens in Jeruschalajim bleiben. Wenn man Kohen Gadol wird, so kann man seine Frequent Flyer Konti schliessen!
Es gibt die Begriffe „Gefängnis“ oder „Hausarrest“. Und wirklich – so sagt uns die Halacha – steht ausgerechnet der Kohen Gadol – unter Hausarrest. Er muss den ganzen Tag im Bet HaMikdasch bleiben bis er in der Nacht schlafen geht. Zusätzlich darf er Jeruschalajim nicht verlassen! Dies ist keine einfache Auflage.
Als Dawid HaMelech (König Dawid) im Sterben lag, gab er seinem Sohn Schlomo (Salomon) Anweisungen bezüglich Schim’i ben Gejra. Dieser hatte den König bitterlich verflucht, als dieser vor seinem Sohn Awschalom flüchtete. Dawid hatte Schim’i versprochen, dass er selbst ihm nichts antun werde, doch vor seinem Tod wies er Schlomo an, sich "darum zu kümmern", dass Schim’i keines regulären Todes sterben solle. Aus Respekt vor dem Versprechen, das er Schim’i gegeben hatte, wies Dawid Schlomo an, weise zu handeln und ihn nicht einfach zu töten.
Schlomo liess Schim’i zu sich kommen und verbot ihm Jeruschalajim zu verlassen. Er warnte ihn, würde er das Tal Kidron (Tal neben der Stadt) überqueren, so verurteilte er sich damit selbst zum Tode. Schim’i akzeptierte dies dankbar. Doch drei Jahre später flohen einige Sklaven von Schim’i. Er verliess Jeruschalajim, um sie wieder einzufangen. Schlomo nahm ihn gefangen und liess ihn umbringen.
Raw Chajim Schmulewitz wirft die Frage auf, wie Schlomo wusste, dass Schim’i Jeruschalajim verlassen würde. Sein Vater hatte ihm aufgetragen, dass Schim’i keines natürlichen Todes sterben solle. Schliesslich erfüllte er den Auftrag seines Vaters. Doch wie konnte er wissen, dass seine Falle wirken würde?
Raw Schmulewitz antwortet, dass Schlomo die menschliche Natur kannte. Wenn man jemandem sagt "Dies ist der Ort wo du bleiben musst und für den Rest deines Lebens darfst du nicht weg von hier!", so ist es ebenso sicher wie der Sonnenaufgang am nächsten Tag, dass dieser Mensch sich nicht an diese Auflage halten wird.
Wenn dies so ist, weshalb wird der Kohen Gadol wegen der Einschränkungen, denen er unterliegt nicht verrückt? Wie kann er diese Einengung seiner Bewegungsfreiheit akzeptieren – welche noch strenger war, als die Vereinbarung zwischen Schlomo und Schim’i ben Gejra?
Der Tiferet Torah bespricht diese Frage, indem er einen brillanten Einblick in eine Talmudstelle aus dem Traktat Chagiga (12a) gewährt. Die menschliche Natur ist derart, dass Menschen reisen und neue Dinge sehen wollen. Ich selber bin auch so. Baltimore Maryland ist ein sehr schöner Ort, doch nach einer Weile von 365 Tagen im Jahr, kann es einem zusetzen. Menschen wollen andere Orte sehen – vielleicht einmal Delaware! Schliesslich haben Menschen ein natürliches Verlangen zu reisen.
Woher kommt diese Sehnsucht? Die Gemara in Chagiga sagt, dass Adam so gross wie "von einem Ende der Welt bis ans andere Ende" war. Dies muss sinnbildlich verstanden werden; zumindest in gewisser Hinsicht umspannte der erste Mann die ganze Welt. Dies bedeutet, dass Adam anfangs die ganze Welt erfasste, doch als er sündigte, da drückte ihn Haschem zusammen. Der Tiferet Torah erklärt diese Aggada, dass jeder Mensch letztlich eine Bindung mit der ganzen Welt hat, mit dem Atlantik, dem Pazifik und dem Mittelmeer, den Bergen und den Tälern, kurz gesagt – mit der ganzen Welt! Deshalb hat jeder Mensch in sich den Antrieb und die Neugierde, die ganze Welt von einem Ende zum andern wieder zu erleben und wieder zu besuchen.
Eine andere Meinung in derselben Gemara sagt, dass Adams Grösse von der Erde bis zum Himmel war. Er umfasste nicht nur die ganze Erde, sondern erreichte sogar den Himmel. Der Talmud kommt zum Schluss, dass beide Meinungen dasselbe bedeuten (idi ve'idi chad schiura hu).
Der Tiferet Torah erklärt die Schlussfolgerung der Gemara, dass diese beiden Masse nicht im selben Menschen existieren können. Entweder ist er von einem Ende der Welt bis ans andere oder von der Erde bis zum Himmel, doch nicht beides! Er erklärt; "von der Erde in den Himmel" damit, das genau gleich wie Adam sich mit der gesamten Geographie der Welt identifizierte, so identifizierte er sich auch mit all ihrer Geistigkeit. Jedes Jota von Ruchnijut (Geistigkeit), das auf dieser Welt existiert, bis hinauf in den Himmel, existiert auch im Menschen. Diese zwei Dimensionen des Menschen können jedoch nicht zusammen existieren. Es ist eine „entweder / oder“ Situation. Je mehr man die eine Dimension befriedigt, desto mehr verliert man in der anderen.
Dies bedeutet, ein Mensch, der sich mit der Dimension von Adam befriedigen kann, welche von der Erde bis in den Himmel reicht, wird seine natürliche Neugierde und seinen Wissensdurst alleine in dieser Dimension befriedigen. Doch wenn diese Dimension ihn nicht zufrieden stellt, so nimmt die andere Seite der Neugierde überhand – das Verlangen von einem Ende der Welt zum anderen zu reisen.
Als Schim’i ben Gejra dazu verdonnert wurde, für den Rest seines Lebens in Jeruschalajim zu bleiben, war es klar, dass er verrückt werden würde. Er war nicht ausschliesslich in geistige Dinge involviert, also war diese Anordnung im Gegensatz zu seiner natürlichen Neigung, mehr von der Welt sehen zu wollen. Doch ein vollständig geistiger Mensch, dessen Neugierde in vertikaler Richtung wirkt (von der Erde zum Himmel), der kann seine Wanderlust mit Geistigkeit statt mit Reisen sättigen.
Deshalb war es für den Kohen Gadol nicht schwierig, sein ganzes Leben im Bet HaMikdasch und in Jeruschalajim zu verbringen. Ruchnijut war ein solch wichtiger Faktor im Leben des Kohen Gadol, dass er seine angeborene Neugierde mit geistiger Suche statt geographischen Reisen befriedigen konnte.
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