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Es ist mal wieder Zeit für eine Enthüllung: Ich lebe mit nur einer Gehirnhälfte. Zumindest vermute ich das. Links, wo eigentlich das Kompetenzzentrum für Rechnen, Mathematik und Logik sitzen sollte, ist in meinem Kopf ein gigantischer Hohlraum. Auf der rechten Seite scheint hingegen alles in Butter zu sein. Dort, wo die Kreativität wohnt, ackert mein halbes Hirn wie blöd, um die gähnende Leere links zu überspielen. Im Alltag klappt das ganz gut. Ich kann die Grundrechenarten, Prozentrechnen, oder Gleichungen lösen geht auch noch. Aber dann, aber dann, aber dann ... Grande Casino in meinem halben Hirn.
Wenn ich Herrn Leinenbach fest ärgern will, dann sage ich Sätze wie «Ich kann nicht rechnen, weil ich eine Frau bin». Das bringt ihn regelmässig aus der Fassung. Sein Konter: «Dir fehlt es nicht an Hirnmasse, sondern an Neugier, Ehrgeiz und Biss, um mathematische Probleme zu lösen.» Autschi! Als die Kinder geboren wurden (und es waren Mädchen), liess er mich schwören, dass ich den beiden niemals den «Chabis» von den Hirnhälften erzähle. Einverstanden.
Das klappte bisher ganz gut. Bis Ida mit einem Sudoku als Hausaufgabe aus der Schule heimkam. (Erwähnte ich, dass ich schon an simpelsten Zahlenrätseln scheitere?) Das Kind sass also vor den leeren Kästchen und versuchte, die Zahlen von 1 bis 6 zu verteilen. Die ersten Etappen gelangen problemlos. Doch dann kamen die schwierigen Fälle. «Maaaaaamiiii, hilfst du mir?»
Ich setzte mich also neben Ida und versuchte, ihr das Prinzip des Sudoku-Rätsels zu erklären. «Weiss ich!», sagte sie und tippte mit dem Finger auf die Knacknuss. «Wie geht’s hier weiter?» Ähm... äh... tja – ich hirnte und hirnte und hirnte. Nach langen Minuten hatte ich irgendwie die Zahlen verteilt. Der Radiergummi war einen Zentimeter kürzer als zuvor. Ida schaute mich schief an: «Ich glaube, du bist nicht so gut in Mathematik.»
«Doch, Ida, doch! Mami ist eine Superrechnerin. Das kommt daher, dass ich eine Frau bin. Wir Frauen sind super in Mathematik. Wir können es nur manchmal nicht so gut vorführen ...»
Autor: Bettina Leinenbach