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Ein internationales Forschungsteam zeigt, dass 76 Prozent der erfassten Insektenarten nicht ausreichend durch Schutzgebiete abgedeckt sind. Sie empfehlen Entscheidungsträger:innen, die mit Abstand grösste Artengruppe bei der Umsetzung der neuen Ziele der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt angemessen zu berücksichtigen.
Frühere Studien haben gezeigt, dass Schutzgebiete bedrohte Insektenarten erhalten können, wenn sie auf dieses Ziel zugeschnitten sind und mit ihren Verbreitungsgebieten übereinstimmen. Um festzustellen, welcher Anteil der Insektenarten weltweit in Schutzgebieten vorkommt, hat ein internationales Forschungsteam die Daten von 89’151 Insektenarten, deren Verbreitung in der grössten Biodiversitätsdatenbank – der Global Biodiversity Information Facility (GBIF) – registriert ist, mit globalen Karten von Schutzgebieten abgeglichen. Einen Anhaltspunkt für eine ausreichende Abdeckung von Arten durch Schutzgebiete bieten die Globalen Standards der Weltnaturschutzorganisation IUCN für die Identifizierung von Schlüsselgebieten der biologischen Vielfalt.
Das Forschungsteam stellte fest, dass 76 Prozent der weltweit erfassten Insektenarten in Schutzgebieten nur unzureichend vertreten sind, darunter mehrere stark gefährdete Arten wie die Dinosaurierameise, die Blutrote Hawaii-Wasserjungfer und die Bärenspinnerart Apantesis phalerata. Bei 1’876 Arten aus 225 Familien überschneiden sich die weltweiten Verbreitungsgebiete überhaupt nicht mit Schutzgebieten.
Der Erstautor der Studie, Dr. Shawan Chowdhury, zeigte sich überrascht über das Ausmass der Unterrepräsentation. «Viele Insektendaten stammen aus Schutzgebieten, daher dachten wir, dass der Anteil der Arten, die in Schutzgebieten zu finden sind, höher sein würde», sagt Chowdhury. «Das Defizit ist auch viel grösser als bei Wirbeltieren, bei denen eine ähnliche Analyse eine unzureichende Schutzgebietsabdeckung für 57 Prozent der Arten ergeben hat.»
Insekten waren in einigen Regionen besser geschützt als in anderen, beispielsweise in Amazonien, Süd- und Mittelamerika, Afrika südlich der Sahara, Westaustralien und auch Mitteleuropa. In Nordamerika, Osteuropa, Süd- und Südostasien sowie weiten Teilen Australiens hingegen war der Schutz durch Schutzgebiete für viele Arten unzureichend.
«Insekten wurden bei der Ausweisung neuer Schutzgebiete häufig nicht als Schwerpunktgruppe berücksichtigt», sagt Chowdhury. «In der Regel sind es die Wirbeltiere, auf die die Schutzziele zugeschnitten werden, und deren Anforderungen an den Lebensraum sind häufig ganz andere als die der Insekten. Für eine Artengruppe, die einen so grossen Teil des Tierreichs ausmacht und vielfältige Ökosystemfunktionen erfüllt, ist das beunruhigend.»
Die Mitgliedsstaaten des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt haben kürzlich ein neues globales Rahmenwerk für die biologische Vielfalt verabschiedet, unter anderem mit dem Ziel mindestens 30 Prozent der Land-, Binnengewässer-, Küsten- und Meeresflächen durch Schutzgebiete effektiv zu erhalten. Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren sollten Insekten bei der Auswahl und Planung neuer Gebiete viel stärker berücksichtigt werden.
«Um dies weltweit umsetzen und den Erfolg effektiv bewerten zu können, sind jedoch wesentlich bessere Daten erforderlich, vor allem in Regionen mit hoher biologischer Vielfalt wie den Tropen, die in den Monitoringprogrammen bisher völlig unterrepräsentiert sind», sagt Letztautor Prof. Richard Fuller. «Bürgerwissenschaft könnte einen enormen Einfluss auf die Schliessung der Datenlücke bei der Verbreitung von Insekten haben. Wissenschaftler:innen und politische Entscheidungsträger müssen jetzt aktiv werden und bei der Ermittlung von Gebieten helfen, die für den Schutz von Insekten wichtig sind.»
Geschätzt über 80 Prozent aller Tierarten sind Insekten. Diese Artengruppe spielt in fast allen Ökosystemen eine entscheidende Rolle. Insekten bestäuben über 80 Prozent der Pflanzen, haben eine Schlüsselfunktion im natürlichen Nährstoffkreislauf und bei der Schädlingsbekämpfung und dienen Tausenden von Wirbeltierarten als wichtige Nahrungsquelle. Dennoch wurden Insekten in der Vergangenheit von Naturschutzprogrammen weitgehend übersehen – und selbst auf der Roten Liste der bedrohten Arten der IUCN machen sie nur acht Prozent aus.