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Wer sich mit ausserirdischen Zivilisationen auseinander setzt, kommt früher oder später nicht am Fermi-Paradoxon vorbei – wo sind die Ausserirdischen? Gibt es sehr viele von ihnen, sollten sie es längst bis zur Erde geschafft haben… Oder sind sie schon da, und beobachten nur?
Die Zukunft der Menschheit ist, wenn es nach den meisten Science-Fiction-Filmen geht, ziemlich klar: zuerst bauen wir Kolonien im Sonnensystem, danach brechen wir (am besten überlichtschnell) zu den Sternen auf, gründen Kolonien in fernen Sternsystemen, formen tote Planeten nach unseren Bedürfnissen in erdähnliche Welten um („Terraforming“), breiten uns immer weiter aus… Wenn jede Kolonie ihrerseits nach jeweils 1000 Jahren zwei weitere Kolonien gründet, ist die Galaxis in nur gerade 50 Millionen Jahren komplett besiedelt.
Tatsächlich ist die Galaxis viel älter als diese 50 Millionen Jahre – sie ist annähernd so alt wie das Universum, rund 13 Milliarden Jahre. Das Universum bestand zu Beginn praktisch nur aus Wasserstoff und Helium – alle anderen Elemente, auch jene, auf denen Leben aufbaut (z.B. Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff…), mussten erst im Innern von Sternen erbrütet werden. Aus der Anzahl der Sterne und ihrem Alter lässt sich schätzen, dass es vor 6 bis 8 Milliarden Jahren erstmals genügend dieser Elemente gab, um Leben, wie wir es kennen, zu ermöglichen. Leben sollte im Universum weit verbreitet sein. Selbst, wenn das Leben wie auf der Erde immer rund 4.5 Milliarden Jahre braucht, um aus primitiven Einzellern intelligente, raumfahrende Lebensformen hervor zu bringen, dann sollte es also seit 1.5 bis 3.5 Milliarden Jahren intelligente, raumfahrende Zivilisationen geben, die dann, in den oben erwähnten 50 Millionen Jahren, die Galaxis besiedeln könnten.
Das ist offenbar nicht geschehen, sonst gäbe es uns nicht. In den 4.567 Milliarden Jahren ihrer Geschichte war die Erde während 4.565 Milliarden Jahren (99.95%) völlig frei von intelligenten Lebensformen, und sogar während 4.56699 Milliarden Jahren (99.9998%) dieser Zeit völlig frei von menschlicher Zivilisation. Die Aliens hätten also mit grösster Wahrscheinlichkeit eine unbewohnte, freundliche Erde vorgefunden, ein ideales Besiedlungsziel also (ausser, Leben, wie wir es kennen, ist überhaupt nicht typisch für die Galaxis: Würde sich Leben in der Regel in ganz anderen Temperaturbereichen abspielen, wären wir für die durchschnittlichen Aliens heisse Exoten, und die Erde wäre aus ihrer Sicht eine unbewohnbare Hölle). Da interstellare Zivilisationen nur äusserst schwer durch galaktische Naturkatstrophen auszurotten sind, wären sie geblieben, und die Menschheit hätte sich niemals entwickelt… Es gibt aber keinerlei Hinweis auf frühere intelligente Bewohner (oder auch nur Besucher) der Erde.
Da alle Zivilisationen Energie entsprechend ihrer Grösse benötigen, würden galaktische Zivilisationen gewaltige Mengen von Energie benötigen. So würde zum Beispiel ein „Warpantrieb“, mit dem überlichtschnelle Reisen möglich sein könnten, das Energieäquivalent von 3 Sonnenmassen verbrauchen. Zum Vergleich: das Energieäquivaltent von auch nur einem einzigen Kilogramm (!) entspricht einer Sprengkraft einer wasserstoffbombe von 13 Megatonnen – 1000 mal mehr als die Bombe, die Hiroshima vernichtete.
Eine galaktische Zivilisation würde also möglichst alle Energie, die ihnen ihr Stern zur Verfügung stellt, nutzen: der Physiker Freeman Dyson schlug einst vor, sie könnten ihren Stern mit einer gewaltigen Hülle umgeben, die alle Energie, die der Stern abgibt, aufnehmen würden – solche „Dyson-Sphären“, wie sie zu Ehren des Wissenschaftlers genannt wurden, würden nur noch eine ganz typiche Wärmestrahlung abgeben – und die liesse sich auch über grosse Entfernungen messen. Tatsächlich wurde nach der Strahlensignatur von Dyson-Sphären gesucht – aber man wurde nicht fündig. Zumindest im Umkreis von einigen 1000 Lichtjahren gibt es keine galaktischen Zivilisationen. Auch nach anderen Anzeichen von solchen Zivilisationen hat man lange gesucht: Radiosendungen, Laserübermittlungen, Abgasstrahlen von interstellaren Raumschiffen – nichts. Da draussen ist nichts als eine grosse, weite Leere.
Selbst wenn man vermuten möchte, dass die Ausserirdischen längst hier sind uns uns beobachten: durch ihre Anwesenheit in der Galaxis müssten sie Spuren hinterlassen und sich dadurch verraten. Eine Galaxis, die nur so wimmelt von intelligentem Leben lässt sich von einer aufmerksamen aufstrebenden Zivilisation wie der Menschheit nicht verbergen. Und bevor wir jetzt total paranoid werden und uns vorstellen, dass das ganze Sonnensystem von einem gewaltigen Fernsehschirm umgeben ist, der uns diese leere Galaxis nur vorgaukelt, akzeptieren wir lieber das unübersehbare: Wir sind allein.
Wie viele ausserirdische, „galaktische“ Zivilisationen (also solche, die interstellare Raumschiffe bauen, und fremde Planeten besiedeln) „darf“ es denn überhaupt geben, damit die Erde während ihrer ganzen Geschichte nicht besiedelt wird? Nicht besonders viele, und diese müssen sehr weit (Millionen Lichtjahre… in anderen Galaxien, ausserhalb unserer Milchstrasse also) entfernt sein.
Das schliesst natürlich kleine, „planetare“ Zivilisationen nicht aus: aber wenn es nicht unglaublich schwierig ist, von der „planetaren“ zur „galaktischen“ Zivilisation aufzusteigen, dann dürften auch diese planetaren Zivilisationen nicht besonders häufig sein: wenn zum Beispiel von 1000 planetaren Zivilisationen durchschnittlich jeweils eine den Aufstieg zur „galaktischen“ Zivilisation schafft, dann darf es in unserer Galaxis während der ganzen Geschichte nicht mehr als 1000 solche planetaren Zivilisationen gegeben haben, ansonsten wäre die Galaxis von dieser einen, galaktischen Zivilisation besiedelt worden, und es gäbe uns heute nicht.
Je mehr planetare Zivilisationen wir also in der Geschichte unserer Galaxis, der Milchstrasse, ansetzen, desto pessimistischer müssen wir sein, was die Chancen einer solchen Zivilisation angeht, zu einer „galaktischen“ Zivilisation aufzusteigen.
Was ist mit uns? Zur Zeit sind wir eine planetare Zivilisation. Wird uns der Aufstieg zur galaktischen Zivilisation gelingen? Wird die Milchstrasse von der Menschheit zum ersten Mal besiedelt? Werden wir auf weitere planetare Zivilisationen treffen? Oder stellen wir die falschen Fragen?