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Verstehen, warum alles so kommen musste
Larissa* wurde nach rund 24 Stunden Wehen an einem kühlen Märzmorgen im Triemlispital in Zürich geboren. Als ihr Vater ihr die Nabelschnur durchtrennen und sie baden durfte, da hatte er das Gefühl, Gott noch nie so nahe gewesen zu sein, wie während dieser Geburt und danach. Ihre Mutter war von dieser anstrengenden Geburt und der langen Wehendauer erschöpft – aber glücklich.
Beide waren berufstätig, die Mutter beratend, der Vater als Coach und Seminarleiter. Ich durfte diese Familie während vieler Jahre im Herzen und in meiner Arbeit begleiten und berichte hier aus Notizen und mir zur Verfügung gestellten Aufzeichnungen. Eine Geschichte, die sich, wie ich finde, zu berichten lohnt, weil sie doch noch gut ausgegangen ist.
Die Beziehung wurde immer schwieriger
Der Vater war in seinem Job bis zu 17 Wochen im Jahr unterwegs, die Mutter in eigener Praxis tätig. Sie erwartete von ihm, dass er seine Tätigkeit reduzierte, um vorrangig Hausmann und Vater zu sein. Da er im Aufbau einer eigenen Firma begriffen war, wollte er dieses Zugeständnis nicht machen. Das führte immer wieder zu Streit und Disharmonie in der Beziehung. Wenn er jedoch zu Hause war, kümmerte er sich rührend um das Baby und teilte sich mit der Mutter auch die Nachtwachen, als sie nach drei Monaten aufhören musste zu stillen.
Weil die Beziehung mit der Mutter nach der Geburt von Larissa so schwierig wurde, öffnete sich der Vater für eine neue Beziehung innerhalb seiner Arbeitswelt und lebte schon bald nach ihrer Geburt zwei Leben: eines in seiner Arbeit mit einer Geliebten dort und eines zu Hause mit der Mutter des gemeinsamen Kindes und Larissa. So sehr die Mutter ihn auch in seiner Würde immer wieder verletzte und ihm weiszumachen versuchte, was er für ein miserabler Vater und Ehemann sei, so sehr hing er jedoch auch an der gemeinsamen Tochter und der Hoffnung, es könne sich alles noch zum Guten wenden.
Das konnte nicht gut gehen. Als Larissa ein halbes Jahr alt war, fand ihre Mutter »zufällig« einen Brief von der Geliebten und warf den Vater des gemeinsamen Kindes umgehend aus der Wohnung, die beide miteinander geteilt hatten. Er wohnte zunächst bei Freunden und in Hotels, bevor er sich in den Bergen, wo sich auch ein Seminarhotel befand, in dem er häufig tätig war, eine kleine Wohnung nahm. Die Mutter war ihm so böse, dass er die gemeinsame Tochter drei Monate später noch einmal kurz an Weihnachten sehen durfte und dann viele Monate nicht mehr. Am 29. August 1994 schrieb er in sein Tagebuch, das er für sich und eventuell später für Larissa führte: »Du bist heute genau 17 Monate und neun Tage alt… Ich habe dich am 16. Mai, vor mehr als drei Monaten zum letzten Mal gesehen. Ich sehe es noch vor mir, wie du auf dem Spielplatz am Züri-Horn immer wieder in meine Arme gelaufen bist... Seitdem hat mir deine Mutter nicht erlaubt, dich zu sehen, am 20. Mai sagte sie mir, sie wolle mich ein halbes Jahr nicht mehr sehen... Das tut mir sehr weh im Herzen. Ich denke jeden Tag an dich und hülle dich in meinen Gedanken jeden Tag in Licht; anders kann ich im Moment nicht bei dir sein... weil deine Mutter das nicht will.«
Für diesen Mann war es seelisch ausserordentlich schmerzhaft, sein Baby, das er regelmässig im ersten halben Lebensjahr gewickelt und gefüttert hatte, so urplötzlich nicht mehr im Leben zu haben. In unserer Arbeit verglich er diesen Schmerz immer wieder mit dem schmerzlichen endgültigen Verlust von geliebten Menschen, die er in seinem Leben schon durch den Tod verloren hatte.
Indes, so liess er mich auch wissen, sei es noch schwieriger damit umzugehen, dieses kleine Wesen, während es aufwuchs, auf eine solch unbeeinflussbare und willkürliche Art und Weise immer wieder für lange Zeit zu verlieren. Hinzu kam, dass sich die Mutter nach kurzer Zeit einen neuen Lebenspartner in die einst gemeinsamen Räumlichkeiten nahm. Da Larissa nicht zu ihrem Vater durfte – übrigens neun Jahre lang! – war dort zunächst einmal die erste Anlaufstelle für nur Stunden währende Besuche.
Therapie, um mit der Situation in Frieden zu kommen
Am 20.9. desselben Jahres schrieb er nach nur einer Woche, die seit dem letzten Besuch vergangen war:
»Nun sehe ich dich so schnell wieder wie noch nie, wunderbar. Du bist genau dreissig Monate – zweieinhalb Jahre – alt. Schmerzlich wird mir wieder bewusst, wie wenig ich dich in diesen 30 Monaten sehen durfte, wie wenig gemeinsame Lebenszeit wir verbracht haben... So viele Momente, die ich nicht mit dir teilen konnte, wo einfach Bruce* an meiner Stelle war, geliebte Tochter – das war nicht mein Wunsch! […] Deine ersten Schritte habe ich nicht miterleben dürfen, mich nicht mit dir freuen können, als du dich zum ersten Mal auf deine Beinchen gestellt hast...«
Und nicht von ungefähr machte sich der Vater auch Sorgen, wie denn die sechs Monate alte Tochter diese plötzliche Trennung und die langen Perioden verarbeitet hat, in denen die Mutter den beiden den Kontakt immer wieder verwehrte. Gerichtlich wollte er diesen nicht erzwingen, weil er keinen Sinn darin sah, Larissa allenfalls mit Hilfe eines Gerichtsbeschlusses unter Einsatz von Jugendamt und/oder Polizei für Besuche abholen zu lassen. Die Kleine, so fühlte er die Resonanz im eigenen Herzen, hatte schon genug Schlimmes erlebt. Ein Eintrag in seinem Tagebuch vom Ende September jenes Jahres illustriert das:
»Und endlich ist es drei Uhr und Zeit für den Beginn des Kasperletheaters. Du verfolgst gebannt die Geschichte, doch bald fängt es an zu regnen. Kasperle muss aufhören, weil der Regen zu stark wird, und als Kasperle geht, musst du fürchterlich, untröstlich weinen. Ich muss auch weinen, weil ich das Gefühl habe, dass das Tränen sind, die du nicht weinen konntest, als ich gehen musste – Tränen, die du nicht weinen kannst, jedes Mal, wenn ich wieder gehen muss...«
Im Jahr darauf kam dieser Vater zu mir, um in einer Woche Hoffman Prozess mit seinem Schmerz und der daraus resultierenden Wut zu arbeiten und um mit der Situation in Frieden zu kommen. Larissa war inzwischen drei Jahre alt, kein Baby mehr. Er verstand in dieser Arbeit tief, warum alles so kommen musste. Er erforschte, wie die Charakterstrukturen – im Hoffman Prozess »negative Muster« genannt – von Mutter und Vater in ihrem Zusammenwirken zu dieser tragischen und von niemand gewollten Entwicklung geführt hatten.
Die Mutter von Larissa war von ihrem leiblichen Vater verlassen worden, als sie zwei Jahre alt war. Also kreierte sie mit dem Vater zusammen eine Beziehungsdynamik, innerhalb derer – so wirken Muster – zwangsläufig entstehen musste, dass Vater und Tochter getrennt wurden. Und zwar früher, als in ihrer eigenen Kindheit. Der irrationale Entschluss des Kindes in uns, glaubt, er könne das traumatische Ereignis verhindern, indem er es früher bewerkstelligt!
Er selbst hatte zwar keine Trennung der Eltern oder von seinem Vater erlebt, jedenfalls nicht äusserlich. Er war jedoch von diesem Vater im Alter von zwei Jahren sexuell missbraucht worden, womit die Beziehung auf der emotionalen Ebene ebenfalls gebrochen war. Er klagte die fatalen Folgen in seinem Leben und die elterlichen Ursachen im Prozess an, verstand vor dem Hintergrund der Kindheit seiner Eltern (die in dieser Arbeit auf besondere Art erforscht wird), warum alles so kommen musste und machte seinen Frieden damit.
Das Kind erlebt weitere Trennungen
Larissa indes musste die traumatische Erfahrung von einer Trennung nach einem halben Jahr in so früher Kindheit noch einmal machen. Kurz bevor sie fünf Jahre alt wurde, kam ihr Halbbruder Manuel, Sohn von Bruce, auf die Welt, jedoch so schwer behindert, dass er kaum Chancen hatte, zu überleben. Als er rund ein halbes Jahr alt war, wurden die lebenserhaltenden Massnahmen eingestellt, nachdem er sich zuvor noch einer schweren Herzoperation hatte unterziehen müssen. Larissa wurde zum zweiten Mal in ihrem jungen Leben, zwei Monate nach ihrem fünften Geburtstag, von einem Menschen getrennt, den sie sehr liebte. Kurz danach verschwand auch ihr Stiefvater Bruce aus ihrem Leben.
Die Seele eines Kindes legt all diese Erfahrungen aufeinander und verbindet sie zwangsläufig mit dem ersten traumatischen Erlebnis. Nach Diktion ihrer Mutter war an dieser ersten Erfahrung der Vater schuld. So wird das dann auch in der Seele hinterlegt. Dieser hatte den Kontakt nach Kräften und Möglichkeiten all die Jahre aufrecht erhalten, wobei Larissa, wie schon erwähnt, ihn zum ersten Mal in seiner Welt besuchen durfte, als sie neun Jahre alt war. Zu der Zeit lebte ihr Vater mit einer Frau zusammen, die ihn jedoch ein knappes Jahr später für einen anderen Mann verliess.Larissa hatte sich gerade in die Beziehung mit ihr hineingefunden. Wieder ein Bruch, von der Seele des Kindes aus wieder aufs Konto des Vaters. Als sie 11 Jahre alt war, kam endlich eine Frau in das Leben ihres Vaters, mit der er sich in tiefer Liebe und dauerhaft verbinden konnte. Sie brachte Kinder mit, von denen die älteste Tochter fast gleich alt war. Die beiden freundeten sich sogar an, nachdem die Familie ganz in der Nähe ihren Wohnsitz genommen hatte. Der Vater hatte nun endlich ein Zuhause, wo er Larissa besuchsweise gar ein für sie eigens zur Verfügung stehendes Zimmer anbieten konnte. Und wo eine Frau im Haus war, die als Südländerin auf besondere Art für alle zu sorgen und da zu sein wusste. Das passte Larissas
Mutter nicht, und so hintertrieb sie die Beziehung zum Vater einmal mehr, indem sie dafür sorgte, dass die gemeinsame Tochter immer »so viel um die Ohren« (Formulierung Larissa) hatte, dass die Beziehung zum Vater versandete. Dieser hatte inzwischen genug um die Beziehung zu seiner Tochter gekämpft.
Und so kam es, dass Larissa an der Beziehung zu ihrem Vater schliesslich gar nicht mehr interessiert war. Denn wer neun Jahre erlebt hat und darin geprägt worden ist, dass es die Welt von Vater sozusagen gar nicht gibt, für den gibt es sie mit beginnender Pubertät dann verständlicherweise auch nicht. Neun Jahre gab es dann nur noch Brief- und SMS-Kontakt.
Als Larissa 22 Jahre alt war, berichtete ihr Vater ihr vom Hoffman Prozess. Und so durfte ich sie nach all dem im Jahre 2015 darin begleiten.
Die Wende zum Guten
Sie klagte die Eltern ihrer Kindheit an für die Lebenskonsequenzen, die sie inzwischen erlitten hatte: schwierige Beziehungen mit jungen Männern, wovon eine zum Abbruch des Gymnasiums geführt hatte, dadurch verzögerte Ausbildungsbedingungen und Berufsperspektiven usw. Sie verstand tief, warum alles so kommen musste.
Sie begegnete dem Kind, das ihre Mutter einmal war, und liess sich von diesem Kind von der Einsamkeit und der Trauer nach dem Verlust des Vaters berichten. Und auch davon, wie sehr die Mutter danach das Leben dieses Kindes bestimmt hatte. Von dem Kind, was einmal ihr Vater werden sollte, liess sie sich schildern, wie sehr der beschriebene Bruch in der Vaterbeziehung dieses Kind einsam und heimatlos gemacht hatte, und wie schwierig auch die Beziehung zum Weiblichen bereits in der Kindheit war, weil er sich von seiner Mutter nicht geschützt gefühlt hatte. Und sie machte ihren Frieden mit all dem!
Tagebuchnotiz des Vaters am 24. Dezember 2015: »Endlich Weihnachten mit meiner Tochter, Hallelujah!«
Er fühlte sich Gott wieder so nahe wie damals im März.