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Der Legende nach haben sich vor 720 Jahren drei Männer auf der Rütliwiese versammelt, um sich gegen die habsburgischen Herrscher zu verbünden. 1891 wurde der 1. August als offizieller Nationalfeiertag bestimmt, da sich der Rütlischwur in der ersten Augustwoche ereignet haben sollte. Der zweite Grund war ein Begehren der Stadt Bern, die in diesem Jahr ihr 700-jähriges Bestehen feierte. Den Status als offizieller Feiertag erhielt der 1. August erst 1994, als sich die Schweizer Stimmberechtigten in einer Volksabstimmung im Jahr zuvor dafür aussprachen.
In diesen 720 Jahren ist in der Schweiz viel passiert, Cabo Ruivo blickt zurück.
Von 1291 bis zuletzt
Anfangs, 1291 waren es die drei Stämme Uri, Schwyz und Unterwalden. Zu Papier gebracht wurden die Ereignisse um Walter Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchtal von Friedrich Schiller in dessen Drama Wilhelm Tell. In der Zwischenzeit sind aus den drei Stämmen 26 Kantone geworden, zuletzt spaltete sich 1979 nach Kampf der Separatisten der Kanton Jura von Bern ab. Die Schweiz hat Gebiete verloren und gewonnen, so gehörte auch das Veltlin mal zur Eidgenossenschaft. Heute ranken sich Gerüchte über den Anschluss von Savoyen oder dem Vorarlberg, zu Napoleons Zeiten hätte sich der Kanton Schaffhausen rapide in Richtung Baden-Württemberg vergrössern können. Seit der Gründung des Bundesstaates 1848 sind die Grenzen nahezu unverändert geblieben.
Im Zweiten Weltkrieg ist die Rolle der Schweiz nahezu aufgeklärt. Die Skandale über Raubgold und Waffenlieferungen, aber auch der „Widerstandspolitik“ haben tiefe Spuren hinterlassen, die endgültige Rolle nie geklärt.
In neuster Zeit hat die weisse Weste der Schweiz in punkto Vorbildlichkeit und Sicherheit Flecken bekommen, die ehemals gefeierte und geachtete Fluggesellschaft Swissair endete vor dem Konkursrichter. Auch Katastrophen haben die Schweiz heimgesucht. Die verheerendste war der Goldauer Bergsturz 1806 mit insgesamt 457 Todesopfern, in neuster Zeit blieben uns vor allem der Amoklauf in Zug (2001, 15 Tote), der Brand im Gotthardstrassentunnel (2001, 11 Tote) oder das Canyoningdrama in Wilderswil (1999, 21 Tote), aber auch das verheerende Alpenhochwasser 2005 in Erinnerung.
Vor 20 Jahren, 1991, wurde das 700-Jahr-Bestehen der Eidgenossenschaft vor allem in den Urkantonen gebührend gefeiert. Nun standen mal nicht nur Bern oder die de facto-Hauptstadt Zürich (die Zürcher haben immer was mitzureden) im Fokus, sondern die Wiege der Eidgenossenschaft. Zwar konnte die angestrebte Landesausstellung CH91 nicht realisiert werden, was der Festfreude jedoch keinen Abbruch tat. Mittelpunkte der Feierlichkeiten waren der Tag der Jugend am 31. August auf dem Rütli, die offizielle Bundesfeier am 1. August in Schwyz (bereits zum dritten Mal nach 1891 und 1941) sowie das dreitägige Volksfest in Brunnen vom 2. bis 4. August, wo die meisten Brauchtümer der Schweiz versammelt waren und zahlreiche Premieren stattfanden. So mussten zum Beispiel einige Vereinsstatuten geändert werden, damit ein Anlass ausserhalb des traditionellen Dorfes stattfinden kann. Zudem wurde zum ersten und bisher einzigen Mal der „Böög“ des Sechseläutens ausserhalb Zürichs verbrannt. Umrahmt wurden die Feierlichkeiten von 21 Aufführungen des Mythenspiels, wo zahlreiche Schauspieler (Profis und Amateure) mit internationaler, nationaler oder auch lokaler Bekanntheit agierten.
Internationale Entwicklung
2002 konnte sich die Schweiz trotz „Befürchtungen über Verlust der Neutralität“ auf rechtsbürgerlicher Seite endlich dazu durchringen, der UNO beizutreten und hat im Jahr 2011 in der Person von Alt-Bundesrat Joseph Deiss gar den Vorsitz der Generalversammlung inne. Mindestens so umstritten ist ein allfälliger EU-Beitritt der Schweiz, das Beitrittsgesuch ruht seit 1992 (damals EG, EWG und EURATOM) und befindet sich in einem Aktenkeller in Brüssel. Die Schweiz hat es nie zurückgezogen, doch es wurde nach dem EWR-Nein 1992 („mier sind as Schwiizer starch gnueg“ –bewiesene Dummheit in sechs Worten) auch von Seiten der Europäischen Gemeinschaften nicht mehr weiterverfolgt. Geregelt wird seither der Warenverkehr mit der EU über bilaterale Verträge (Bilaterale I und II). Auch hat sich die Schweiz 2008 für den Beitritt zum Schengen/Dublin-Abkommen entschieden, so dass die obligatorischen Grenzkontrollen entfielen und Verbrechen neu in der SIS-Datenbank registriert und abgerufen werden können. In bester Erinnerung bleibt uns sicherlich auch Gaddafis „Dschihad“, aber so viel Kleingeist ist nicht mal in der Spielgruppe vorhanden. Unnötige SVP-Initiativen wie Anti-Minarett oder Ausschaffung haben trotz Veto von Parlament und Bundesrat ihren Eintrag im Gesetzbuch erhalten, egal, gegen welche Rechte sie verstossen. Aber, was entschieden ist, ist entschieden.
Wie Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey gestern auf dem Rütli sagte: „Wir sind eine globalisierte Welt“. Und das muss halt auch jeder nationalorientierte Bürger akzeptieren. Denn auch sie reisen in den Ferien ins Ausland oder sind in der Wirtschaft vom ausländischen Markt meistens mehr als nur abhängig…
Viele Errungenschaften
Trotz vielen Misstönen hatte die Schweiz in ihren 720 Lenzen viele Errungenschaften und erfolgreiche Unternehmen hervorgebracht. Wer hätte gedacht, dass das Patent für das Rillen-Rippen-Konzept des Reissverschlusses von einem Schweizer angemeldet wurde? Oder dass der Robidog, die Alufolie, die Sonnenkollektoren oder auch der Helikopter in Schweizer Köpfen kreeirt wurden?. Zudem soll sich der Legende nach das erste Hotel weltweit in Basel befunden haben: Das Hotel Drei Könige in Basel soll bereits 1026 eröffnet worden sein, auch wenn die Eidgenossenschaft damals noch gar nicht existierte. Weiters wurde von Orell Füssli in Zürich die erste Briefmarke gedruckt und die hierzulande aufgewachsene Marie Tussaud-Grossholtz gründete das „Madame Tussauds“-Wachsfigurenkabinett in London, das heute als Bestandteil der Merlin Entertainments Group, zu der auch die Sea Life-Aquarien, die Legoland-Vergnügungsparks und das Riesenrad London Eye gehören, 11 weitere Niederlassungen in aller Welt besitzt. Zudem studierte Albert Einstein in der Schweiz und hatte auch deren Staatsbürgerschaft inne. International hat sich die Schweiz auch in Sachen Organisationen einen Namen gemacht: Henri Dunant gründete 1863 das Internationale Kommitee des Roten Kreuzes (IKRK) in Genf, wo die Organisation heute noch ihren Sitz hat. Nebenbei ist die Calvinstadt hinter dem Hauptsitz New York der zweitwichtigste Standort der Vereinten Nationen und unter anderem Sitz der UNO-Unterorganisationen WTO, WHO oder des Menschenrechtsrates. Nebenbei haben in der Schweiz viele wichtige Sportverbände ihr Hauptquartier: FIS (Oberhofen am Thunersee/BE), UEFA (Nyon/VD), FIFA (Zürich), FINA (Lausanne), IHF (Lausanne) und IOC (Lausanne). In der Wirtschaft spielen vor allem der Nahrungsmittelkonzern Nestlé mit Sitz in Vevey/VD und die Basler Pharmakonzerne Novartis und Roche oben mit, zudem ist die Swiss Re zweitgrösster Rückversicherer der Welt. Und die Swissair war bis zu ihrem Grounding im Oktober 2011 für ihren Service bekannt. Der US-Autobauer Chevrolet wurde von Robert-Louis Chevrolet, geboren in La Chaux-de-Fonds/NE gegründet. Zudem ist die ETH Zürich seit je her eine der besten Hochschulen der Welt und die beste Kontinentaleuropas.
In der Kunstwelt sorgten der Architekt Le Corbusier und die Künstler Jean Tinguely und Alberto Giacometti für Furore, wie auch H.R. Giger, der als Produktionsdesigner für den Streifen Alien den Oscar gewann.
Viele Reden am Nationalfeiertag
Die Bundesräte hatten gestern alle Hände voll zu tun, um ihre Tour de Suisse erfolgreich zu absolvieren. Bis zu sieben Reden standen für die vier Damen und die drei Herren in der Landesregierung während ihres Marathons durch alle Landesteile auf dem Plan. Ich hatte gestern das Vergnügen, der Rede Micheline Calmy-Reys auf dem Rütli beizuwohnen und war von der Rede – „kurz und bündig“ – begeistert. So wollte sie zum Beispiel die Schweiz um sagenhafte 693 Jahre jünger machen… Ihre Redie hielt die Bundespräsidentin zwar auf Französisch – doch wider erwarten verstand ich jedes Wort. Der Ende Legislaturperiode abtretende Ständeratspräsident Hansheiri Inderkum (UR) hat zwar sinnvoll an die Vernunft der Wähler in Bezug auf Abstimmungen appelliert, doch seiner Rede hätte ein flüssigeres Erzähltempo und ein wenig Kürze ziemlich gut getan. Es wäre auch möglich gewesen, das Vorlesen und Interpretieren des Bundesbriefs durch zwei blinde Personen mittels Braille-Schrift, als Rede gelten zu lassen. Denn insbesondere die Dame, welche die Interpretation vorbrachte, hatte sehr gute Ansätze in die Runde gebracht. Insgesamt war es wohl eine der längsten Rütli-Bundesfeiern der Geschichte. Aber eine ziemlich ruhig verlaufende.
Der SF-Beitrag zur Bundesfeier auf dem Rütli am 1. August 2011