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DER SPIEGEL 1.1. 2001
SPIEGEL-GESPRÄCH
Das falsche Rot der Rose
Ein Gehirn, das in der Lage ist, sich vorzustellen, was wäre wenn, kann natürlich auch versuchen zu eigründen, was im Gehirn einer anderen Person in einem bestimmten Moment vorgeht. Auch sehr vorteilhaft, vor allem für das Zusammenleben. Wenn sich das Gehirn aber ein Modell von den Vorgängen eines anderen machen kann, kann es das Erkannte auch auf sich selbst beziehen. Es kann sich in den Beurteilungen des anderen spiegeln und sich seiner selbst vergewissem. So könnte das, was wir Bewusstsein nennen, in die Welt gekommen sein.
SPIEGEL: Kommt damit zugleich in die Welt, was wir als unsere Freiheit empfinden, zu tun, was wir wollen?
Singer: Diese besondere Ausprägung von Bewusstsein halte ich für ein kulturelles Konstrukt, das eng mit der Erfahrung von Individualität verbunden ist. Diese gewinnt der Mensch aus dem Blick in den Spiegel der Wahrnehmungen des Gegenüber. Erfahrungen der Individualität und Freiheit können also erst entstanden sein, als Dialoge zwischen Gehirnen moglich wurden wie "Ich weiss, dass du weisst, was ich weiss", und als sich diese entwickelten, schlug die biologische Evolution in die kulturelle um.
Wolf Singer
Der Beobachter im Gehirn
Suhrkamp 2002
pg 34
In der genetisch vorgegebenen Grundverschaltung des Gehirns ist bereits erhebliches »Wissen« über die Welt repräsentiert, in welche das werdende Gehirn hineingeboren wird. Dieses Wissen wurde im Laufe der Entstehung der Arten in den Genen gespeichert und drückt sich in den angeborenen Verhaltensmustern aus. Aufgrund dieses Vorwissens ist das junge Gehirn in der Lage, selbst Fragen an die Umwelt zu stellen und die Informationen abzurufen, die es für seine Entwicklung benötigt. Postnatale Hirnentwicklung vollzieht sich also auf der Basis eines Frage-und-Antwort-Spiels, wobei das werdende Gehirn meist die Initiative hat. Von außerordentlicher Brisanz wäre es schließlich, wenn sich herausstellte, daß auch die kognitiven Fähigkeiten, die wir für unser soziales Verhalten benötigen, über einen solchen Dialog entwickelt werden müssen.
Wolf Singer
Verschaltungen legen uns fest.
in: Hirnforschung und Willensfreiheit
edition suhrkamp 2004
Voraussetzung für die Konstitution eines Selbst, das sich frei wähnt, so mein Vorschlag, ist die soziale Interaktion. Mir scheint unser Selbstmodell wesentlich dadurch geprägt, daß wir uns in den kognitiven Funktionen, in der Wahrnehmung des je anderen spiegeln können, daß wir in Dialoge eintreten können des Formats »Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß« oder »Ich weiß, daß du fühlst, wie ich mich empfinde« usw. Solche iterativen Spiegelungsprozesse könnten die Erfahrung vermitteln, ein autonomer Agent zu sein, der frei über sich verfügen kann.
Wolf Singer
Ein neues Menschenbild
Gespräche über Hirnforschung
Suhrkamp 2003
Seite 10:
Wir Naturwissenschaftler sind durch die Eigendynamik unserer Forschung dazu gebracht worden, uns mit Fragen zu befassen, die traditionell von den Geisteswissenschaften behandelt worden. Hirnforscher können Fragen nach der Natur von Erkenntnis, Empfindung, Bewusstsein oder dem freien Willen nicht mehr ausweichen.
Wenn Neurobiologen Wahrnehmungsprozesse erforschen und erkennen, wie konstruktivistisch und zugleich wenig objektiv unsere Wahrnehmungen sind, und wenn sich ferner erweist, dass dies auch für die Prozesse gilt, wie unserem Denken zu Grunde liegen - dann muss das für jemanden, der davon ausgeht, dass man durchnachdenken Alleinheit zu verlässlicher Erkenntnis vorstoßen kann, irritierend wirken.
Sinnhaft konstruierte Gegenstände sind nur aus der Erste-Person-Perspektive erfassbar und scheinen sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff zu entziehen, ähnlich wie das auch mentalen Phänomenen wie Empfindungen oder Bewusstsein unterstellt wird. Dennoch geraten diese nichtmateriellen Phänomene in den Blick der Naturwissenschaften.
Seite 24: Die Frage des freien Willens ist eine der wichtigsten, die gegenwärtig an der Berührungfläche zwischen Natur- und Kulturwissenschaften diskutiert werden. Das Problem ist, dass wir als Naturwissenschaftler bei der Beschreibung unserer Forschungsobjekte stets aus der Dritte-Person-Perspektive urteilen: Untersuchungsgegenstand und Untersuchender sind nicht identisch. Bei der Suche nach den neuronalen Grundlagen psychischer Phänomene wie Bewusstsein oder freier Wille untersucht der Forscher sich jedoch selbst - betrachtet Phänomene aus der Dritte-Person-Perspektive, die er zugleich aus der Ich-Perspektive (Erste-Person-Perspektive) wahrnimmt.
Wo liegt das Problem?
Wir finden weder sinnhafte Zuschreibungen noch kulturelle Konstrukte in unserem Forschungsobjekt, dem Gehirn. Ich meine Phänomene wie Intentionalität, also das absichtsvolle Handeln oder eben den so genannten freien Willen. Denken Sie aber auch an soziale Realitäten wie zum Beispiel Wertsysteme! Diese Phänomene erschließen sich nur der subjektiven Erfahrung, gehören aber dennoch zu den erforschbaren Wirklichkeiten. Wir empfinden uns als „frei“, wir handeln auch danach, ja ziehen Menschen sogar zur Beantwortung, weil wir annehmen, sie seien frei. Diese Konzepte haben auch insofern den Status von Realitäten, als sie sehr wirksam sind. Sie bestimmen unser Handeln, bestimmen unser Rechtssystem, unsere Erziehungsweisen.
Seite 59: Objektive Wissenschaft?
Es gilt nicht nur für die Hirnforschung, sondern für die Wissenschaft im allgemeinen, dass wir gefangen sind in den Beschreibung Systemen, in denen wir unsere Theorien und Modelle abbilden. Das war immer schon so, und das wird auch in alle Zukunft so sein. Nachdem wir physikalische Wechselwirkungen in der unbelebten Umwelt und die Prozesse im Gehirn mit dem gleichen Verfahren untersuchen, unterliegen den Neurowissenschaften genau den gleichen erkenntnistheoretischen Einschränkungen wie die anderen Wissenschaftsdisziplinen. Wir beschreiben im Rahmen von Beschreibungssystemen, wir modifizieren sie, wenn wir auf Inkonsistenzen stoßen, aber wir können nicht für uns in Anspruch nehmen, dass wir damit Wahrheit im philosophischen Sinne zu Tage befördern.