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Vor 200 Jahren hat Dom Pedro I am Ufer des Flusses Ipiranga die Unabhängigkeit Brasiliens von der portugiesischen Krone ausgerufen. So erzählen es die Geschichtsschreiber. Heute ist der Ort ein Stadtteil São Paulos. Der beherbergt ebenso das Museu do Ipiranga, ein historisches Gebäude, das eigens zur Erinnerung an den Ruf der Unabhängigkeit gebaut wurde.
Heute ist das Monument ein Museum, das die Geschichte der Unabhängigkeit, Brasiliens, São Paulos und der Menschen des Landes auf ungewöhnliche Weise erzählt. Neun Jahre war es geschlossen. Am 7. September, dem Tag der Unabhängigkeit, wurde es jetzt neu renoviert mit Musik, Theater und nächtlicher Drohnenshow wieder eröffnet.
Es sollte kein Palast sein, keine Residenz und auch kein Verwaltungsgebäude. Sein Zweck war schlicht und einfach, ein Monument zu sein, ein Denkmal. Das sollte in der Nähe des Fleckes errichtet werden, an dem der berühmte „Grito da independência” erfolgt ist. Unabhängigkeit oder Tod, soll Dom Pedro I gerufen haben, nachdem er auf Reisen ein Dokument seiner Gemahlin Leopldina erhalten hatte. Die war in Rio de Janeiro geblieben.
Während ihr Mann durch das Land reiste, rief Dona Leopoldina eine aussergewöhnliche Sitzung des Staatsrates ein. Bei der wurde beschlossen, dass der Zeitpunkt zur Trennung Brasiliens von der portugiesischen Krone gekommen war. Das teilte sie in einem Schreiben Dom Pedro mit. Der rief nach dessen Erhalt am 7. September 1822 am Ufer des Flusses Ipiranga die Unabhängigkeit Brasiliens aus. Kurz später wurde Dom Pedro zum ersten Kaiser Brasiliens gekrönt.
Etliche Jahre später entstand dann die Idee eines Monumentes. Der italienische Architekt Tommaso Gaudenzio Bezzi plante dazu einen 123 Meter langen Palast im eklektischen Stil. Inspiriert hat er sich dazu an historischen Gebäuden Europas und am französichen Schloss von Versailles. 1895 wurde das Monument von Ipiranga schließlich eingeweiht. Mit der Zeit hat das Hauptgebäude zudem noch Gärten mit Springbrunnen, Buchshecken und Wandelwegen erhalten, ähnlich der Gärten französischer Schlösser.
Neun Jahre Museumspause werden durch privat gesponserte Reform beendet
Wegen statischer Probleme wurde das Museum allerdings aus Sicherheitsgründen vor neun Jahren geschlossen. Mit der Renovierung des Denkmals und seiner Gärten wurde 2019 begonnen. 235 Millionen Reais haben Reform und Modernisierung gekostet (umgerechnet derzeit etwa 47 Millionen Euro). Bezahlt wurde sie nicht von der Regierung Brasiliens, die eigentlich das größte Interesse am Erhalt des Monumentes zur Unabhängigkeit haben sollte. Vielmehr waren es 34 Privatfirmen, die das Geld aufgebracht haben und ein Zuschuss des Bundesstaates São Paulo.
In den vergangenen drei Jahren wurde das Steinfundament verstärkt und die Ausstellungsfläche erweitert. Die hat sich sogar beinahe verdoppelt. Das war keine leichte Aufgabe. Der ursprüngliche Anblick sollte erhalten werden. Also wurden im Untergrund neue Ausstellungsflächen gewonnen. Ausgehoben wurden dazu 35.000 Kubikmeter Erde, die 2.000 Laster füllen würden. Mit den neu hinzu gekommenen 6.400 Quadratmetern, zählt das Museum nun 13.400 Quadratmeter.
Erhalten hat das Gebäude wieder seine Originalfarbe, ein helles Gelb. Entwickelt wurde dazu eigens eine Farbe, die „atmet“ und auf Mineralien beruht. Die vielen das Gebäude zierenden Statuen wurden restauriert und ebenso einige Ausstellungsstücke.
Ausserdem wurde das Museum so gestaltet, dass auch Menschen mit Behinderungen die Ausstellungen besuchen können. Lifte und Rolltreppen helfen Menschen mit Gehbehinderungen. Videos und Tonaufnahmen werden in Gebärdensprache dargestellt. Und für Menschen mit Seheinschränkungen wurden Ausstellungsstücke ertastbar gemacht. Auch die Fassade des Monuments kann so von Blinden mit Hilfe eines tastbaren Bildes erlebt werden. Gesetzt wird ebenso auf Interaktivität. Mal kommt dabei Hightech zum Einsatz, mal lüftet eine aufgezogene Schublade das Geheimnis eines Ausstellungsstückes.
Flip-Flops als Symbol der arbeitenden Bevölkerung
Aber was beherbergt das Museum? Während in vielen Museen Originalstücke der Elite des Landes im Mittelpunkt stehen, wie Kronen und Kleider von Königen und Kaisern, zeigt das Museu do Ipiranga auch Hinterlassenschaften des einfachen Volkes. Es gibt damit einen Eindruck in die Gesellschaft Brasiliens und seiner Veränderungen in den vergangenen 200 Jahren. Die Ausstellungsobjekte sind dabei so manches Mal kurios, wie beispielsweise ein Paar „Chinelos“.
Chinelos sind die in Brasilien beliebten, typischen Zehensandalen oder Flip-Flops aus Gummi. Sie wurden einst vor allem von der ärmeren Bevölkerung, von Arbeitern und der Landbevölkerung getragen, die sich keine teuren Schuhe leisten konnten.
Gefunden wurde das Paar auf dem Dachboden des Museums. Hergestellt wurde es wahrscheinlich in den 1960er Jahren. In einem der Chinelos steckt ein rostiger Nagel. Mit dem hat der einstige Besitzer versucht, die sich gelöste Lasche wieder an der Sohle zu befestigen, um so den Kauf eines Neues Paares hinauszuschieben.
Der einstige Besitzer des Chinelos war kein Besucher des Museums oder des Parkes, sind sich die Historiker sicher. Sie gehen davon aus, dass er einem Arbeiter gehört hat. Der ist nach der Erledigung seiner Arbeit im Museum wohl barfuß nach Hause gelaufen. Der Chinelo ist dem Museum geblieben und jetzt eins der neuen Ausstellungsstücke.
Gefunden wurden bei den Renovierungsarbeiten im, rund um das Gebäude und im Boden ebenso Flaschen, ein Kelch, und eine Pfeife. 1.250 Fundstücke sind es insgesamt, die bei den Arbeiten aufgetaucht sind und als Zeugen vergangener Zeiten gelten.
Nicht immer ist das Sammeln dieser Stücke gleich auf Zustimmung gestoßen. Aber Renato Kipnis vom Unternehmen Scientia Consultoria Científica, das die archäologischen Arbeiten während der Museumsrenovierung geleitet hat, hatte eine Idee. Er stellte ein Foto der Chinelos in die sozialen Netzwerke, versehen mit der Frage, ob sie in den Müll oder ins Museum sollen.
Umgehend kamen hunderte von Antworten. Die bestätigten unter anderem, dass eine mit einem Nagel reparierte Zehensandale Teil der Kultur der Bevölkerung Brasiliens sei. Andere befanden, dass die Chinelos ein geschichtlicher Ausdruck seien und zeigen würden, dass die Arbeiterklasse ihr Blut für den Bau gelassen habe. Es gab natürlich auch Gegenstimmen, die das Ganze für einen Unsinn hielten. Letztlich wurden die Zehensandalen aufbewahrt. Wer weiß, in einhundert Jahren werden die Besucher des Museums beim Blick auf sie, einen kleinen Eindruck vom Leben der Bevölkerung Brasiliens erhalten.
Davon werden nicht nur die Chinelos erzählen, sondern auch viele andere Objekte. Spielzeug, Kleidung, Geschirr, Küchenutensilien, Fotografien und andere Dinge werden nach und nach hinzu kommen. Den Küchenutensilien wird sogar ein eigener Saal gewidmet sein. Was diese über eine Nation aussagen? Vieles. In etlichen Küchen Brasilien haben sich trotz technischer Entwicklungen auch manuelle Geräte hartnäckig gehalten. In manchen sind sie sogar heute noch im Einsatz, wie der „Pilão”, ein Stößel aus Holz, mit dem beispielsweise Mais zerstoßen wird, um typische, brasilianische Speisen herzustellen.
Das zeigt aber auch, dass in brasilianischen Haushalten stark verarbeitete Lebensmittel und Fertigprodukten aus dem Supermarkt erst spät Einzug gehalten haben. Der eigenen Herstellung wurde der Vorzug gegeben. Eine Rolle dabei spielt nicht nur die Kaufkraft der Bevölkerung. Noch heute leistet sich vor allem die obere Mittelschicht „domésticas“, Hausangestellte, die eben auch kochen und die Familien mit Essen aus frischen Lebensmitteln versorgen.
„Mundos do Trabalho“ (Die Welten der Arbeit) ist eine andere Ausstellung betitelt. Sie will die Veränderungen über die Zeit in der Arbeitswelt demonstrieren. Auch bei ihr sind es dabei die Arbeiter, die im Vordergrund stehen, versklavte Afrikaner, Indios, Einwanderer. Dahinter steckt die Idee, die manuellen Arbeiten zu zeigen, die jede auf ihre Weise, Können, Wissen und spezielle Fähigkeiten verlangen, die von den Arbeitern und Arbeiterinnen dominiert wurden, wie die Museumskuratorin Vânia Carneiro de Carvalho sagt. Vermittelt wird das unter anderem mit Hilfe von Werkzeugen und Gerätschaften aus vergangenen und heutigen Zeiten.
Zu sehen sind aber auch andere historische Werke, wie das Bild „Independência ou Morte”von Pedro Américo (1843 – 1905). Das gigantische Ölbild misst 4,15 Meter Höhe und 7,60 Meter Breite. Pedro Américo hat auf ihm die Ausrufung der Unabhängigkeit Brasiliens dargestellt, mit Dom Pedro auf einem Pferd sitzend, mit erhobenen Schwert und in Schale geworfen. Tatsächlich hat sich das Ereignis ein wenig anders abgespielt. Das Bild zeigt deshalb auch, wie so manche geschichtlichen Ereignisse im Nachhinein ein wenig romantisiert werden. Auch das steht für die menschliche Natur, die im Museu do Ipiranga im Vordergrund steht.
Ein weiteres Highlight ist ein Modell, das São Paulo darstellt, wie es im Jahr 1841 war, als kleine Stadt mit gerade einmal 10.000 Einwohnern, während die Megametropole heute etwa 12 Millionen Menschen beherbergt.
Kulturelles Fest statt Militärparaden
Am 7. September 2022, dem Tag der Unabhängigkeit, ist das Museum wieder geöffnet worden. Die ersten Besuche waren dabei nicht Politiker. Es waren die Arbeiter und Arbeiterinnen, die das Museum und seine Gärten restauriert haben, und deren Familien, die als erste durch die Säle des Museums schlendern durften.
Gefeiert wurde die Eröffnung aber von tausenden Menschen, die sich zu dem Fest in den Gartenanlagen versammelt haben. Ja, es gab auch Ansprachen. Im Mittelpunkt standen aber Live-Musik, Tanz und theatralische Einlagen. Nach dem Eindruck der Dunkelheit sorgten zudem 200 Drohnen für eine Lichtshow am Himmel über Ipiranga.
Statt mit den in vielen brasilianischen Städten üblichen Militärparaden zum Unabhängigkeitstag wurde in São Paulo der Bevölkerung ein kulturelles Fest zur Feier des 200-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit geboten und ihm ein Monument in modernem Kleid übergeben, das ihre Geschichte erzählt.