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Zwei literarisch-wissenschaftliche Publikationen, in denen sich hochspannende und -brisante Artikel zum Bergsteigen, Skifahren und darüber hinaus verstecken.
„Je chouques!“
Versteht Ihr wohl nicht. Dorothy Pilley muss es am 20. Juli 1928 ähnlich ergangen sein, bei der ersten Begehung des sehr schwierigen Nordgrates der Dent Blanche (4358 m). Ihrem Mann Ivor Armstrong Richards wohl auch. Aber der vierte der Seilschaft, der Träger Antoine Georges, wird sofort begriffen haben, was sein Bruder Joseph rief, nachdem dieser die überhängende Schlüsselstelle des Nordgrates überwunden hatte. In ihrem Buch „Climbing days“ von 1935 schreibt Dorothy Pilley denn auch zum Ausruf ihres Führers von oben: „It sounded like.“ Vielleicht rief Joseph Georges auch „ché choùk“; auf jeden Fall meinte er: „Je suis en haut“ oder „Ça y est, je suis passé.“ Und das war ja auch das Entscheidende bei dieser Erstbegehung: Hätte Joseph es nicht geschafft, hiesse es auf Wikipedia zu Dorothy Pilley Richards nicht: „In 1928, she made the celebrated first ascent of the north north west ridge of the Dent Blanche.“
Die Geschichte dieser Premiere an einem ganz grossen Gipfel der Walliser Alpen – selten genug war bei solchen Touren eine Frau dabei, und noch viel seltener hat sie dann auch noch darüber geschrieben – findet sich in einem neuen Porträt zu Joseph Georges (1892–1960), genannt le skieur. Er erhielt diesen Übernamen, weil er als junger Mann selbst Ski fabrizierte, weil er der erste und anfangs auch einzige Skifahrer im Val d’Hérens war, und weil man ihn so von den vielen anderen Josephs und Georges in diesem Tal unterscheiden könnte. Zu finden ist der Text, editiert mit genauen Fussnoten, mit alten und neuen Fotos, mit Kopien von Zeitungsartikeln und von Seiten des Führerbuches von Joseph Georges, in der Nummer 46 der Revue „Conférence“; Verfasser ist Christophe Carraud, Gründer und Direktor dieser edlen französischen Literatur- und Kunstzeitschrift. Der Schwerpunkt „Guides et voies“ beleuchtet zudem den Führer Jacques Balmat, Erstbesteiger des Mont-Blanc, und sein berühmtes Denkmal in Chamonix. Im weiteren wird der italienische Germanist Guido Devescovi aus Triest vorgestellt; aus seinem Werk „Ritorno alla montagna“ sind Auszüge ins Französische übersetzt. En tout Bergliteratur für Connaisseurs.
Spannende neue Bergliteratur gibt es auch im folgenden Werk zu entdecken: „Images des Sports in Österreich: Innensichten und Außenwahrnehmungen.“ Von den 26 Aufsätzen behandeln folgende direkt berg- und skisportliche Themen:
– Wintersport in Österreichs »alpiner Peripherie« am Beispiel des »Schneepalasts« in der Wiener Nordwestbahnhalle.
– »Skifahren ist für uns Deutsche in den Alpenländern mehr als nur ein Sport.« Der österreichische Skisport als politische Kampfzone der 1930er-Jahre.
– »Sepp Bradl – der Welt bester Sprungläufer«. Zur Theatralisierung des sportlichen Erfolges im Dienste der NS-Propaganda.
– Fritz Kasparek und die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand in den österreichischen Erinnerungskulturen.
– Hohe Ansprüche, große Breitenwirkung. Ein Bild des österreichischen Skisports in den 1950er- und 60er-Jahren.
– Innsbruck 1976: Das »Skisprungwunderteam« und die Pfiffe vom Bergisel.
– »Bergamazonen« und »Himalaya-Girls«. Mediale Repräsentation von Geschlecht und (Extrem)-Alpinismus am Beispiel der ersten Österreichischen Frauenexpedition 1994.
Empfehlenswerte Artikel, auch wenn es einem beim Lesen ab und zu gehörig kalt über den Rücken läuft. Dass die Alpenvereinssektion Austria erstmals 1921 und in der Folge der ganze Deutsche und Österreichische Alpenverein den Arierparagraphen durchsetzte, ist allgemein bekannt. Dass der Österreichische Skiverband ebenso deutschvölkisch und antisemitisch geprägt war und den Arierparagraphen im Oktober 1923 beschloss, wusste ich bisher nicht. Und: Der Lehrer und Schriftsteller Karl Springenschmid war einer jener völkischen Vertreter im ÖSV, die den Anschluss Österreichs an das Hitler-Deutschland herbeisehnten und dann entsprechend feierten; sein Roman „St. Egyd auf Bretteln“ (1935) stand bisher ohne Bedenken zuvorderst in meiner Skibibliothek.
Ja, und dann sind da noch 15 Seiten über Fritz Kasparek, die den Erstdurchsteiger der Eigernordwand im Juli 1938 in neuem Licht zeigen, aber nicht als Sieger, sondern als Gewinnler. Autor Gunnar Merz zieht folgendes, mit neuem Material unterlegtes Resümee: „Kasparek kann als ein Bergsportler beschrieben werden, der aus einfachen Verhältnissen und langer Arbeitslosigkeit kommend, mit der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand überregional bekannt wurde und sich von der NS-Propaganda uneingeschränkt einspannen ließ. Im Jahr 1938 war er dadurch kurzfristig materiell soweit abgesichert, dass er seinem Kletterpartner Karl Kinzl ein Darlehen für die »Arisierung« eines Sportartikel-Großhandels geben konnte. Vor dem Einsatz seiner guten Verbindungen in Parteikreise schreckte er nicht zurück, um die Übernahme des geraubten Betriebes und den Vertrieb des »Kletterschuhs Kasparek« voranzutreiben. Auch nach 1938 war er kein überzeugter Nationalsozialist geworden, wollte aber dennoch von der Verfolgung und Beraubung von Menschen mit jüdischem Hintergrund profitieren.“
Conférence, N° 46, printemps 2018: Guides et voies. € 35. www.revue-conference.com
Images des Sports in Österreich: Innensichten und Außenwahrnehmungen. Herausgegeben von Matthias Marschik, Agnes Meisinger, Rudolf Müllner, Johann Skocek und Georg Spitaler. Zeitgeschichte im Kontext, Band 13. V&R unipress GmbH, Vienna University Press. Göttingen 2018. € 45. www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com