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Vor 100 Jahren wanderte Hemingway im Schwarzwald
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim
Vor 100 Jahren war der amerikanische Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Ernest Hemingway (1899-1954) im Schwarzwald unterwegs. Er kam mit seiner Frau Hadley und Freunden im August 1922 von Paris in den „Black Forsest“ zum Forellenfischen.
Der damals 23-Jährige Jungjournalist schätzte zwar die Natur, die frische Landluft, die kristallklaren Gebirgsbäche, die voll von Forellen waren, aber er liess kein gutes Haar an den Bewohnern.
Er wanderte über die Hügel und Täler von Triberg nach Oberprechtal (heute Ortsteil von Elzach) und spürte bei diversen Wirten eine Abneigung gegen Ausländer. Auch Mark Twain spürte das bei seiner Tour durch den Schwarzwald. Im Blog vom 23.03.2006 („Mit Mark Twain und Hemingway im Schwarzwald wandern“) beschrieb ich diverse Erlebnisse. Hier Auszüge aus meinem Blog. Ergänzungen wurden eingefügt.
Was Ernest Hemingway erlebte
Als er 2 Doppelzimmer haben wollte, antwortete der Wirt ziemlich unhöflich: „Ihr könnt hier überhaupt keine Zimmer bekommen, heute nicht und morgen nicht und nie, ihr Ausländer ...“ (in seinen Publikationen benutzte Hemingway das Wort Auslanders).
Da die Vier einen grossen Hunger hatten, fragte der Freund den unfreundlichen Wirt, wie weit es bis zum nächsten Gasthaus sei. Antwort des mürrischen Mannes: „Das müsst Ihr schon selber herauskriegen!“ Sie machten sich auf den Weg und fanden nach 6 Kilometern das Gasthaus Rössle. Hier bekamen sie eine ordentliche Mahlzeit, bestehend aus gebratenem Fleisch, Kartoffeln, grünem Salat und Apfelkuchen. Mit der Unterkunft waren sie nicht so zufrieden.
Hemingway: „...Alle diese Gasthäuser sind weiss getüncht und sehen von aussen ordentlich und sauber aus, aber innen sind sie schmutzig, eins wie das andere. Die Bettlaken sind kurz, die Federbetten klumpig, die Matratzen hellrot, das Bier gut, der Wein schlecht. Beim Mittagessen müssen Sie vorsichtig sein und aufpassen, dass das Stück Brot, das Sie erwischen, nicht sauer ist...“
Das Aussehen des Wirts beschreibt Hemingway mit einem Vergleich zu einem Ochsen, und die Frau kam auch nicht gerade gut weg. Hemingway: „Seine Frau hatte ein Kamelsgesicht, genau die unverwechselbare Kopfbewegung und den Ausdruck äusserster Stupidität, die man nur bei Trampeltieren und süddeutschen Bauersfrauen beobachten kann.“
Das waren markante Worte eines Dichterfürsten. Übrigens habe ich Stupiditäten und Kamelsgesichter bei meinen Wanderungen im Schwarzwald nicht gesehen, auch fanden wir keine schlechten Betten vor. Im Gegenteil, alles war blitzsauber, der Wein und das Essen waren hervorragend.
Es hat sich offensichtlich einiges zum Vorteil verändert. Hemingway würde die Landschaft, die Gasthäuser und die Leute nicht wiedererkennen.
Anhang: Gründe der Abneigung
Die gutsituierten Gäste aus den USA bekamen Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges den Groll der Einheimischen zu spüren. Das hatte folgende Gründe: Die Deutschen hatten den Krieg und den Kaiser verloren, das Land lag damals materiell und moralisch am Boden. Die siegreichen Ausländer hatten Geld, während die Deutschen mit der Inflation zu kämpfen hatten. So bekam man 1922 für einen Dollar 850 Mark. Mit nur einem Dollar konnten die Gäste leben wie die Fürsten (im Oktober 1922 fiel die deutsche Wahrung auf 9000 Mark, im November 1923 lag der Umtauschkurs des Dollars bei 1 zu 4,2 Billionen Mark).
„Da die Mark immer weiter fällt, haben wir jetzt mehr Geld als vor zwei Wochen, als wir losgegangen sind, und wenn wir noch lange genug bleiben würden, könnten wir hier zweifellos umsonst leben“, jubelte Hemingway anlässlich seiner dreiwöchigen Tour.
Hemingway beschreibt die Deutschen als verhärmtes Volk. Gründe für das ruppige Benehmen sieht er in der kargen Nachkriegszeit, in der viele Menschen Hunger leiden mussten.
Zeitungsartikel
Bruder-Pasewald, Roswitha: „Der Forellenfischer“, „Badische Zeitung“ vom 13. August 2022.
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