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Am Literaturfestival in Leukerbad getroffen: Die amerikanische Star-Autorin Nell Zink. Sie wuchs im Bundesstaat Virginia auf. Im Jahr 2000 zog sie nach Deutschland und promovierte an der Universität Tübingen im Fach Medienwissenschaften. Ihr Roman „Mislaid“ wurde in einem grossen New Yorker Verlagshaus publiziert und stand auf der Longlist des National Book Award, soeben ist er unter dem Titel „Virginia“ auch auf Deutsch erschienen.
Lesbische Studentin liebt schwulen Professor. In „Mislaid“ erzählt Nell Zink von einer schrägen Liebesromanze. „Mislaid“ bedeutet auf Deutsch „verlegt“. Aber wenn man es auf „to get laid“ bezieht, also mit jemandem Sex haben, dann wäre „Mislaid“ der Sex, der fälschlicherweise passiert. Die Geschichte spielt in einem Mädchencollege, das ein Mekka ist für Lesben. Peggy, eine bekennende Lesbe, verliebt sich in einen schwulen Professor, er ist Dichter und heisst Lee Fleming.
Studentin liebt Professor, das ist ein bekanntes literarisches Muster. Wir kennen es bereits aus der Literaturgeschichte, aus den College-Romanen von Tom Wolfe, Jeffrey Eugenides oder Donna Tartt. Doch nun geht Nell Zink in „Mislaid“ noch einen Schritt weiter. Mit brachialem Humor und mit analytischen Fähigkeiten durchleuchtet sie die Figuren wie mit einem Scanner. Peggy und Lee heiraten schnell, sie bekommen Sohn Byrdie und Tochter Mickie, doch dann stellt sich die Beziehung als Irrtum heraus.
Wie einst „Professor Unrat“. Lee betrügt Peggy wo und wann sich immer eine Gelegenheit dazu bietet. Peggy ihrerseits hat keine Lust, die betrogene Professoren-Gattin zu spielen. So flieht sie mit Tochter Mickie nach Virginia, um dem Leben mit Lee zu entkommen. Doch Lee lässt sie per Haftbefehl suchen. Doch Peggy und Mickie lernen ein neues Leben kennen. Ein wenig erinnerte mich die Story an „Professor Unrat“, den 1905 erschienenen Roman von Heinrich Mann. Darin versteht sich der tyrannische Gymnasiallehrer Raat als ein Hüter von Moral und Ordnung. Er gerät dann aber selbst auf die schiefe Bahn, als er rettungslos der Barsängerin Rosa Fröhlich verfällt. Indem er sie heiratet und zulässt, dass sie in seinem Haus ein Etablissement für erotische Vergnügungen aufzieht, manövriert er sich schliesslich vollends ins gesellschaftliche Aus.
Man hört Nell Zink atemlos zu, man lacht sich schlapp, ist handkerum jedoch wieder zutiefst gerührt und den Tränen nahe. Das Ende dieser schrägen Liebesromanze ist absolut überraschend.
Text und Fotos: Kurt Schnidrig