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Die Erfahrung bestätigt sich auch in diesem Jahr: qualitativ hochstehende oder zumindest interessantere Produktionen finden sich auch ausserhalb des Wettbewerbs. Etwa der formal überzeugende «Augure» des Kongolesen Baloji, der Einblicke in das Chaos von Kinshasa gibt.
Hochstehend auch «Retratos Fantasmas» des brasilianischen Regisseurs Kleber Mendonça Filho, dessen «Bacurau» 2019 den Jurypreis gewonnen hatte und der nun in einer «Séance spéciale» einen von persönlichen Erinnerungen durchzogenen Dokumentarfilm über die Kinos seiner Geburtsstadt Recife vorstellen konnte.
Mit sicherer Hand ist auch «Lost Country» inszeniert: Der Serbe Vladimir Perišić hat seine Sohn-Mutter-Beziehung 1996 situiert, als Studentenproteste in Belgrad den Machtapparat von Milošević herausforderten. Stefans Umfeld – seine Freunde und seine Freundin, selbst der Lehrer, der gegenüber dem vaterlosen Teenager die moralische Autorität verkörpert – stellt sich auf die Seite der Demonstranten, während sich die geliebte Mutter als Parteikader und Regierungssprecherin zusehends jeder Diskussion verschliesst.
Ein kleines Wunder
Der Kamera gelingt es, die Energie der Demonstrationen auf die Leinwand zu bringen, während das harte, meist nahezu regungslose Gesicht des Heranwachsenden die individuellen Spannungen zu spiegeln vermag. Wie kann man das persönliche Drama im Politischen aufscheinen lassen? «Lost Country» ist auch eine Geschichte des Erwachsenwerdens, und als Stefan sie zu einer Aussprache drängt, reagiert die Mutter mit dem eisigen Satz: «Du kannst mich verlassen. Aber auch ich kann dich verlassen.»
In der Compétition war mit «Kuolleet Lehdet» («Les feuilles mortes») die jüngste Produktion von Aki Kaurismäki zu sehen. Es ist der achtzehnte Spielfilm des Finnen und insofern ein kleines Wunder, als der Film einerseits an seine Ende der 1980 Jahren entstandene «Trilogie des Proletariats» anknüpft und andererseits dennoch erneut zu überraschen vermag.
Eleganter Akt des Widerstands
Holappa und Ansa sind zwei stets knapp an der finanziellen Misere vorbeischrammende Einzelgänger, deren Augen sich in einer Karaokebar kreuzen. Ihn bringt seine Alkoholabhängigkeit ins Wohnheim, sie muss nach ihrer Entlassung im Supermarkt die Abende im Dunkeln verbringen, da sie die Stromrechnung nicht mehr bezahlen kann. Während knapp achtzig Filmminuten werden die Gefühle von Missverständnissen und einem Unfall auf die Probe gestellt, doch am Schluss wird, wie einst bei Kaurismäkis grossem Vorbild Chaplin, die Liebe triumphieren.
Wieso vermag diese hundertmal gesehene, bis auf die Knochen reduzierte Dramaturgie dennoch berühren? Da ist zunächst der ungefähre Zeitraum, in dem die Fiktion situiert ist und der ihr eine traumartige Dimension verleiht: die prekären Arbeitsverhältnisse und die Ausstattung – die Jukebox, das Transistorradio – erinnern an das 20. Jahrhunderts, während die Nachrichten, die am Radio zu hören sind, auf den Beginn der Invasion der Ukraine fokussieren. Treffsicher legt der Regisseur zudem den Akzent auf die innere Haltung der Figuren: Angesichts der drohenden Verwahrlosung erscheint ihre unverwüstliche Nonchalance wie ein eleganter Akt des Widerstands.
Erinnert an ein Interieur von Vermeer
Weiterhin effizient (wenn auch vertraut) ist auch der trockene Humor, der das wortkarge Skript durchzieht. Den prägendsten Eindruck hinterlässt jedoch vermutlich die fein austarierte Bildsprache: Das durchgestylte Ambiente ist generell in derart dunkeln Tönen gehalten, dass die seltenen Einstellungen des hellen Himmels wie ein Hoffnungsschimmer erscheinen. Ansas Gesicht, hinter der verregneten Scheibe aufgenommen, erinnert an ein Interieur von Vermeer. Und als Holappa nach vielen Verzögerungen endlich mit einem gestohlenen Strauss Blumen zum Dinner kommt, ist der Tisch in goldenes Licht getaucht.
Auch Todd Haynes besticht mit seiner ziselierten Regiearbeit. «May December» steht auf einem doppelten Boden: einerseits erzählt der Film die Skandalgeschichte von Gracie (Julianne Moore), die für ihre Beziehung mit einem Minderjährigen einst eine Gefängnisstrafe absolvieren musste. Nun ist sie mit Joe, der mittlerweile erwachsen ist, verheiratet, allerdings hat ihr der Tabubruch eine definitive soziale Ächtung eingebracht.
Jean-Luc Godards Stimme
Der zweite Handlungsstrang verbindet Gracie mit Elizabeth (Natalie Portman), einem Soap-Opera-Star, der den Fait divers für eine Fernsehproduktion nachspielen soll und Gracie deswegen mit deren Einverständnis in ihrem neuen Familienalltag begleitet. Der scharfe Blick, den die Schauspielerin auf das Paar wirft, zeigt bald auch die Haarrisse auf, die sich durch das idyllische Paarleben ziehen. Nachdem Elizabeth beginnt, Joe verträumt nachzusehen, verschwimmen jedoch die Grenzen und als Haynes’ Kamera die beiden Frauen Seite an Seite vor dem Schminkspiegel filmt, fragt man sich, wer hier wen zu manipulieren versucht.
Bewegend war auch, Jean-Luc Godards Stimme in einem der Projektionssäle des Festivalpalast zu hören. «Film annonce du film qui n’existera jamais: ‘Drôles de guerres’» ist die letzte Arbeit, die Godard vor seinem Tod am 13. September 2022 noch persönlich fertigstellen konnte, und besteht aus einer zwanzigminütigen Collage von Bildern, musikalischen Fragmenten und Fotogrammen – aus «fremden», aber auch auch aus eigenen Produktionen wie etwa «Notre musique». Der «Film der nie existieren wird» hätte sich an der 1937 erschienen Novelle «Carlotta» des belgischen Schriftstellers Charles Plisnier orientieren sollen, erklärt der immer brüchigere Off-Kommentar, und hätte Trotzki und die «kommunistischen Desillusionen» der Vorkriegszeit zum Thema gehabt.
Offenbar wollte der Kameramann Fabrice Aragno bereits Testaufnahmen machen, als die Pandemie den Drehprozess zum Stillstand brachte. Godard hatte darauf im Alleingang weitergearbeitet, am Schreibtisch, mit Papier, Schere und Klebstoff. Nun ist es ein im wörtlichen Sinne von Hand gemachter Film geworden.