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Die beiden weltbekannten Ökonomen Anne Case und Angus Deaton zeigten in einem Referat an der Universität Zürich eindrücklich, wie stark ein Hochschulabschluss die Ungleichheit in den USA prägt. Insbesondere lag der Fokus des Referats auf der Sterblichkeit im mittleren Lebensalter (45-54 Jahre). Diese fällt in den USA – im Gegensatz zu anderen Industrieländern – seit Ende der 1990er Jahre nicht mehr, sondern steigt sogar leicht an.
Hochschulabschluss als Treiber
Schaut man etwas genauer hin, so stellt man zudem fest, dass dies nicht für alle Amerikaner:innen im mittleren Alter gilt. Einerseits hält die Aussage nur für Weisse. Andererseits öffnet sich auch unter Weissen eine grosse Kluft, nämlich zwischen den Zweidritteln aller Amerikaner:innen, die über keinen Hochschulabschluss verfügen und jenem Drittel, das einen Hochschulabschluss in der Tasche hat.
Während die Sterblichkeit der Zweidrittel ohne Abschluss gestiegen ist, ist jene des Drittels mit Abschluss im selben Zeitraum stark gefallen (Vergleiche Grafik 2). Aber warum gibt es hier eine so grosse Kluft?
Grafik 1
Die Sterblichkeit (gemessen in Todesfällen pro 100 000) in der Altersgrupp 45-54 ging in den meisten Industriestaaten stark zurück. Die Grafik zeigt den Verlauf für Frankreich (FRA), Deutschland (GER), Grossbritannien (UK), Kanada (CAN), Australien (AUS) und Schweden (SWE). In all diesen Ländern sank die Sterblichkeit für diese Altersgruppe seit 1990 stark. Für hispanische Amerikaner:innen (USH) gilt für denselben Zeitraum dasselbe. Für weisse Amerikaner:innen (USW) hingegen gilt das Gegenteil: die Sterblichkeit im mittleren Alter stieg für diese Gruppe sogar leicht an.
Grafik 2
Schaut man sich die Gruppe der weissen Amerikaner:innen genauer an, stellt man einen klaren Unterschied nach Bildung fest. Für weisse Amerikaner:innen, die keinen Hochschulabschluss haben (blaue gepunktete Linie) stieg die Sterblichkeit seit 1990 an. Ein ähnliches Bild zeigt sich für weisse Amerikaner:innen, die zwar eine College-Ausbildung angefangen haben, diese aber nicht abgeschlossen haben (grüne gepunktete Linie). Für weisse Amerikaner:innen mit Hochschulabschluss (rote gepunktete Linie) sank die Sterblichkeit im Beobachtungszeitraum hingegen deutlich.
Grafik 3
Diese Grafik zeigt die Anzahl Todesfälle durch Überdosis, Alkoholmissbrauch und Suizid in der Altersgruppe 50-54 Jahre für weisse Amerikaner:innen. Auch hier ist ein frappanter Unterschied nach Bildungsstand sichtbar: weisse Amerikaner:innen mit Hochschulabschluss (gestrichelte Lininen, blau für Männer, rot für Frauen) zeigen nur einen schwachen Anstieg dieser Todesfälle seit 1990. Im Gegensatz dazu stiegen die Todesfälle aus diesen drei Gründen für weisse Amerikaner:innen ohne Hochschulabschluss (durchgezogene Linien, blau für Männer, rot für Frauen) im selben Zeitraum sehr stark an.
Tod aus Verzweiflung
Anne Case und Angus Deaton zeigen eindrücklich auf, dass diese Kluft durch eine starke Zunahme der Todesfälle infolge Drogenüberdosen, Alkoholmissbrauch und Selbstmord – sogenannten «Todesfällen aus Verzweiflung » – getrieben ist. Diese haben insbesondere bei weissen Amerikaner:innen ohne Hochschulabschluss seit den 1990er Jahren stark zugenommen (Vergleiche Grafik 3).
Die beiden Forschenden argumentieren, dass diese Entwicklung Hand in Hand ging mit immer schlechteren Arbeitsmarktbedingungen, sowie sinkenden kaufkraftbereinigten Löhnen für Arbeitnehmende ohne Hochschulabschluss.
Aber nicht nur wirtschaftliche Faktoren spielen bei der Zunahme dieser «Todesfälle aus Verzweiflung» eine Rolle. Ebenso wichtig sind andere Entwicklungen. So zum Beispiel die abnehmende Bedeutung von Religionen und anderen Institutionen, welche ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln können, oder auch der Rückgang der Heiratsraten und die Zunahme der Scheidungsraten.
Vor allem Letzteres führt dazu, dass für viele Menschen gerade im mittleren Lebensalter der Familienzusammenhalt wegfällt.
Quellen:
Case, Anne and Deaton, Angus (2015), "Rising morbidity and mortality in midlife among white non-Hispanic Americans in the 21th Century”, Proceedings of the National Academy of Sciences 112(49):15078-15083.
Case, Anne and Deaton, Angus, (2017), "Mortality and Morbidity in the 21st Century", Brookings Papers on Economic Activity.
Im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie beklagt die USA inzwischen fast 1 Million Tote. Covid ist allerdings nicht die einzige Gesundheitskrise, mit der Amerika in den letzten Jahren zu kämpfen hatte: Seit den späten 1990ern sind mehr als eine halbe Million Menschen an einer Opioid-Überdosis gestorben.