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Edna | Eryk Rocha
[…] Mit seinem suggestiven Schnitt, einer sehr elaborierten Tonspur und vor allem Ednas Stimme lässt Rocha die Vergangenheit in die Gegenwart fliessen, fast ohne auf Archivbilder zurückzugreifen.
[…] Das hoffnungsvolle Moment, in den der Film mündet, ist nicht aufgesetzt, sondern entspringt wie alles in «Edna» dem paradox-harmonischen Nebeneinander scheinbar entgegengesetzter Affekte.
Die Wunden, welche die brasilianische Militärdiktatur 1964–1985 ins Land geschlagen hat, sind immer noch in die Landschaften wie auch in die Seelen gezeichnet. Es handelt sich um zwei gänzlich unterschiedliche Topografien, wobei Erstere für den Film deutlich zugänglicher ist. Edna von Eryk Rocha zeigt die Landschaften zwar, doch sie übernehmen hier bloss die Funktion eines dunklen Spiegels der inneren Verwüstungen, die jahrelange Konflikte zwischen Guerillakämpfern und Militärregierung, Vertreibungen zwecks Autobahnbau, Folter und Entführungen bei den Überlebenden hinterlassen haben. Edna Rodriguez de Souza ist eine dieser Überlebenden – Zeugin eines verborgenen Krieges, der gemäss ihr «nie aufgehört hat». Nachdem die Militärregierung in den 1970er-Jahren die nach dem Fluss Araguaia benannte Guerilla besiegt hatte, begann sie, die ansässige Bevölkerung zwecks Waldrodungen und Baus einer Autobahn zu vertreiben. Wer wie Edna Widerstand leistete, wurde terrorisiert, entführt, gefoltert oder getötet. Ende des 20. Jahrhunderts war der Südosten der Provinz Pará, östlich des Amazonas gelegen, jene Region Brasiliens, welche die höchste Rate von Morden an lokalen Politikern zu verzeichnen hatte.
All diese Informationen vermittelt Edna erst in einer Reihe von Texttafeln am Ende des Films. Die Schilderungen seiner Protagonistin Edna Rodriguez de Souza, ihrem Tagebuch entnommen, lassen keine Rückschlüsse auf konkrete Ereignisse zu, sondern bleiben fragmentarisch, poetisch, nahezu willkürlich. Zu Beginn wirkt das fast beliebig und etwas ziellos, wenn schwarz-weisse Alltagsaufnahmen aus Ednas Dorf hinter ihre Erinnerungen aus früher Kindheit gelegt werden, als sie etwa erzählt, wie ihr Vater die Mutter bereits vor ihrer Geburt verlassen habe, dazu leise Radio hört oder bei einer Schnulze mitsingt. Einzig der prägnante Blick in ihren Augen verrät etwas von der Tiefe, die der Film in seinen knapp 60 Minuten entwickeln wird.
Dass die Bilder «hinter» den Tönen zu liegen scheinen, ist dem Umstand geschuldet, dass die Tonspur in Edna eine enorme Dominanz einnimmt. Es dauert gut zwanzig Minuten, bis der Film sich findet beziehungsweise zu seinem wahren Rhythmus kommt, welcher der Form des stream of consciousness ähnelt. „Wie in einem Zaubertrick“ beginnen sich die Bilder der Vergangenheit in Ednas Gedächtnis zu manifestieren. Namen werden vorgelesen; man verliert die Übersicht, ob es sich um Familienmitglieder, Folteropfer oder um beides zusammen handelt. Der Schnitt beschleunigt sich; immer wieder wird kurz jene Autobahn ins Bild gerückt, die für das gewaltsame Eindringen der Staatsmacht in die entlegene Provinz steht. Oder auch geheimnisvolle, eindringliche Bilderfolgen: Kühe, bedrohliche Autoscheinwerfer in der Nacht, Schüsse. Lautes Muhen. Mehr Schüsse. Stille.
«Die menschliche Seele ist ein Schlachtfeld, auf dem die tödlichsten Schlachten ausgetragen werden», sagt Edna. Mit seinem suggestiven Schnitt, einer sehr elaborierten Tonspur und vor allem Ednas Stimme lässt Rocha die Vergangenheit in die Gegenwart fliessen, fast ohne auf Archivbilder zurückzugreifen. Ein wenig erinnert das an Darstellungen des posttraumatischen Stresssyndroms in Hollywoods Kriegsfilmen, aber der Effekt ist ein anderer. Die Vergangenheit bricht nicht schockartig oder als unmittelbare Vision in eine friedliche Gegenwart hinein, sondern ist ein nicht wegzudenkender Teil von dieser. Man arrangiert sich mit ihr wie mit den Narben, die einem die Geschichte und die Folterknechte in die Haut gebrannt haben.
Ganz zu Beginn verdrängt Ednas Stimme den Lärm von Motorsägen. Weder die Narben noch die Erinnerung an die Gewalt und an die Toten haben ihren Blick auf die Welt nachhaltig zu verdüstern vermögen. Sie debattiert mit ihrem Partner über die Unterschiede zwischen Respekt und Liebe. Dass Letztere wie ein Feuer ist, das man nicht sieht. Trotz allem Leid, das an ihm stattgefunden habe, liebe sie auch den Fluss Araguaia. Man vergesse zu oft, dankbar zu sein und die Schönheit um einen herum wahrzunehmen. In seinen letzten zehn Minuten wird der Film unvermittelt farbig, von einer Einstellung zur anderen, ohne äusseren Grund, während Edna im Off ein leises Lied summt.
Das hoffnungsvolle Moment, in den der Film mündet, ist nicht aufgesetzt, sondern entspringt wie alles in Edna dem paradox-harmonischen Nebeneinander scheinbar entgegengesetzter Affekte. Die aktuelle brasilianische Politik, die laut der Protagonistin nur das ewig Gleiche unter neuen Vorzeichen verkörpert, bleibt ähnlich diskret im Hintergrund wie die Informationen über die Geschichte der Guerillas und des eigenen Widerstandskampfes Ednas. Mit seinem Verzicht auf konventionelle Informationsvermittlung – zu historischen Ereignissen, die nur den wenigsten ZuschauerInnen bekannt sein dürften – erkauft sich Rocha eine Art poetische Allgemeingültigkeit. Erzählt wird weder von den Verbrechen der brasilianischen Militärregierung noch dem Bau der transbrasilianischen Autostrasse BR-153 noch vom Widerstand der Araguaia-Guerilla, von der fast alle Mitglieder den Tod fanden. Stattdessen von menschlicher Resilienz, dem hohen Preis, den auch die Überlebenden aller Konfliktsituationen zahlen, und vor allem von einer Frau, die diesen Preis jeden Tag zu zahlen bereit ist. Um den anderen Mut zu machen.
Text: Dominic Schmid
First published: May 02, 2021
Edna | Film | Eryk Rocha | BRA 2021 | 64‘ | Visions du Réel Nyon 2021