Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03219.jsonl.gz/1649

Epistemisch kann die Frage nach dem Anfang in der Schöpfung - nach der Motivation, den Voraussetzungen und der Prozessualität des ersten Anfangs - nicht beantwortet werden. Kein Antwortversuch kommt umhin, sich an der grundsätzlichen Paradoxalität des Erkenntnis- oder Darstellungsinteresses abzuarbeiten. Jedes Reden über das Anfangen des Anfangs ist deswegen auf Darstellungsfiguren der semantischen Übertragung oder der formalen Analogie verwiesen.
Im kulturgeschichtlichen Horizont nach dem Verständnis von Schöpfung zu fragen, bedeutet daher von vornherein, die spezifischen literarischen, bildkünstlerischen und argumentativen Verfahren zu sichten, die entwickelt worden sind, um den Akt der Schöpfung dennoch zu artikulieren, sinnfällig und verstehbar zu machen. Während im christlichen Mittelalter die Fragen nach dem Paradox des unbewegten Bewegers und nach dem Paradox des geschöpflichen Sprechens über den Schöpfungsakt sowohl theologisch diskutiert worden als auch narrativ und ikonisch umgesetzt worden sind, stehen in der altnordischen Überlieferung von Beginn an narrative Formen zur Bewältigung der Anfangsfrage im Vordergrund. So stehen im mittel- und nordeuropäischen Raum des hohen und späten Mittelalters theologische, mythologische und ikonographische Zeugnisse nebeneinander, an denen die Zugänge zum 'ersten Anfang' studiert werden können.
Wenn die Darstellung des Anfangs in der Schöpfung nur in übertragenen Modellen sinnfällig gemacht werden kann, gilt umgekehrt, dass die Modellierung des 'ersten Anfangs' auch seinerseits auf andere Bereiche rückübertragen werden kann: die Anfänge des Schreibens, die Reflexion auf 'kreative' Prozesse in Text und Bild, die Problematik der Innovation in der Wissenschaft und in den Künsten. Diese weiterführenden Fragen stehen nicht im Zentrum des Interesses, bilden aber den weiterführenden Horizont der Veranstaltung.
Ziel des Workshops ist es, anhand konkreter Text- und Bildmaterialien Darstellungsfiguren des 'ersten Anfangs' aus dem 12. bis 15. Jahrhundert zu analysieren, in ihrem Verhältnis untereinander zu bestimmen und die Möglichkeiten und Grenzen der Übertragung in Kontexte menschlicher Produktivität zu diskutieren.