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| Hieronymus († 420) - Briefe

III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt
62. An Tranquillinus: Über die Art und Weise, Origenes zu lesen.
Einleitung
Im Anfange seiner wissenschaftlichen Laufbahn war Hieronymus ein begeisterter Anhänger des Origenes, den er hauptsächlich aus seinen exegetischen Werken [S. 188] kannte. Mit vollen Segeln steuerte er ihm nach in das uferlose Gewässer der allegorischen Schriftdeutung, deren Klippen der große Alexandriner nicht immer vermieden hatte. Wenn auch die Zahl seiner Freunde und Verehrer in der Theologenwelt des christlichen Altertums sehr groß war, so machten sich doch vereinzelt Stimmen geltend, welche Origenes scharf angriffen. Zu dem eigentlichen Streit um des Origenes Person kam es aber erst, als Epiphanius von Salamis 394 in Jerusalem erschien und den Kampf mit dem dortigen Bischof Johannes, der für Origenes eintrat, aufnahm. Hellhörig, wie er war, hatte Hieronymus sofort erfaßt, daß eine Reihe von Thesen, die der Alexandriner aufgestellt hatte, der kirchlichen Auffassung widersprachen. Da sie, abgesehen von den trinitarischen Lehren, fast alle in der Allegorese ihre Wurzel hatten, ebbte des Hieronymus Vorliebe für diese seit etwa 392 immer mehr ab. Hieronymus stellte sich in dem beginnenden Streite ganz auf Seiten des Epiphanius. Immerhin nahm er in der ersten Phase des Kampfes die gemäßigte Haltung ein, der er im vorliegenden Briefe Ausdruck verleiht. Im tiefsten Innern wich er nie von dieser Linie ab, wenn in der Siedehitze des späteren Kampfes, den er mit Rufin über Origenes durchzuringen hatte, der Schein auch eine andere Sprache reden mochte. Dieser Kampf erreichte seinen Höhepunkt, als Hieronymus seine Übersetzung vom dogmatischen Hauptwerk des Origenes, der Schrift περὶ ἀρχῶν, veröffentlichte, um die Gefährlichkeit der Irrtümer des Origenes aufzudecken, vor allem aber, um die vorausgegangene, an den irrigen Stellen abgeschwächte Übersetzung seines einstigen Jugendfreundes als schlimme Fälschung zu brandmarken.
Was veranlaßte nun den sonst unbekannten Römer Tranquillinus zu seiner Anfrage? Im Abendlande war Origenes verhältnismäßig unbekannt geblieben. Selbst ein Augustinus muß bei Hieronymus wegen der Irrtümer des Origenes anfragen. 1 Es konnte sich ja auch kaum jemand in Rom mit Origenes befassen, da nur eine kleine Oberschicht dortselbst der griechischen [S. 189] Sprache zur damaligen Zeit mächtig war. Trotzdem verrät der Brief, daß der Streit für und gegen Origenes auch auf dem römischen Nebenkriegsschauplatz zu ernsteren Plänkeleien geführt hatte. Offenbar hatten Bemerkungen, die Hieronymus und Rufin in ihre Schriften und Briefe eingestreut hatten, die Geister geschieden. Dazu kam, daß des Hieronymus Freund Oceanus 395 von einer Pilgerfahrt in den Orient nach Rom zurückgekehrt war, nachdem er Gelegenheit gehabt hatte, die ganzen Vorgänge aus nächster Nähe zu beobachten. In seiner Heimat wirkte er dann aufklärend unter den Anhängern des Origenes, wohl im Sinne des Hieronymus, während ein gewisser Faustinus Origenes als Häretiker voll und ganz ablehnte. Dagegen möchte ich im Gegensatz zu Cavallera die Auffassung vertreten, daß Rufin seine Übersetzung der vom hl. Pamphilus verfaßten Apologie für Origenes, die auf römischem Boden einer günstigen Aufnahme dieses Schriftstellers vorarbeiten sollte, noch nicht hergestellt hatte. Offenbar war er noch nicht nach Rom zurückgekehrt. 2 Dafür ist unser Brief zu leidenschaftslos geschrieben. Noch weniger ist damit zu rechnen, daß die beiden Übersetzungen von περὶ ἀρχῶν schon vorlagen.
Grützmacher 3 verzichtet auf eine feste Datierung und legt das Schreiben in die Zeit zwischen 399—403, was sicherlich falsch ist. Die beiden Übersetzungen von περὶ ἀρχῶν kamen im Frühjahr 398 (Rufin) und im Winter 398/99 (Hieronymus) an die Öffentlichkeit. Der Brief ist geschrieben vor der Rückkehr Rufins nach Rom, aber nach der Beendigung der Pilgerfahrt des Oceanus, den wir 395 wieder zu Hause finden. Es kommt also die Zeit von 396 bis Frühjahr 398 in Frage. 4
1: Ep. 67, 9 ad Hieronymum (Hilberg I 673).
2: Grützmacher (III 30) verlegt Rufins Rückkehr nach Rom in das Frühjahr 398, Cavallera (I 229) bereits in das Jahr 397.
3: I 68 f. 100.
4: Vgl. Pr. 49 f.