Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/1814

Endlich eine Gelegenheit zur Rückkehr in die geliebte Heimatstadt mit Aussicht auf eine prestigeträchtige Berufung an eine Hochschule! 1855 wurde in Zürich das Eidgenössische Polytechnikum eröffnet. Zwar hatte sich der am 7. Juli 1816 in der Nähe von Zürich geborene Mathematiker und Astronom Rudolf Wolf in Bern wissenschaftlich etabliert, hatte ab 1847 eine Professur an der Universität Bern und war Direktor der dortigen Sternwarte. Dennoch fehlte ihm Zürich und die Aussicht, an der einzigen gesamtschweizerischen Hochschule eine Professur zu erhalten, war sehr verlockend.
Fachlich waren Wolfs Leistungen unbestritten. Eher zufällig hatte Wolf 1847 das Phänomen der Sonnenflecken zu beobachten und detailliert zu dokumentieren begonnen. Dabei stellte er Parallelen zwischen dem periodischen Auftreten von Sonnenflecken und den Schwankungen im Magnetfeld der Erde fest. Spätestens als er eine Methode zur Erfassung der Sonnenaktivität einführte, war er als Pionier der noch jungen Astrophysik anerkannt.
Porträt von Johann Rudolf Wolf von 1886, DOI: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000046157
Mit den Gründervätern des Eidgenössischen Polytechnikums war Wolf hervorragend vernetzt. Josef Wolfgang von Deschwanden, der als Mitglied der vorberatenden Kommission und erster Direktor des Polytechnikums massgeblich am Aufbau der Schule beteiligt war, kannte er aus seiner Studienzeit an der Universität Zürich. Allerdings war Astronomie ursprünglich im Lehrplan des Polytechnikums nicht vorgesehen. Damit waren Wolfs Chancen auf eine Berufung trotz Renommee und Beziehungen lange Zeit unklar. Dies mag einer der Gründe für Rudolf Wolfs Zögern gewesen sein, sich aktiv um eine Professur zu bewerben. Wie seine Schwester Elisabeth im Januar 1855 an Johannes Wild schrieb, wartete Wolf lieber ab und liess seine Freunde (und seine Schwester) für ihn die Werbetrommel rühren:
Sie fragen, ob sich Rudolf nie melden würde; ich glaube nicht, – er hat sich erst bestimmt dahin ausgesprochen, wie er, – wie es auch kommen möge, sich viel mehr Glück für seine Zukunft verspreche, wenn er andere, seine Freunde, für ihn reden lasse, als wenn er sich selbst förmlich dafür bewerben würde. Man kenne ja seine Wünsche seit langem her genügsam, – wolle man ihn, werde man ihn schon finden, und dann könne er mit Freuden folgen.
Elisabeth Wolf an Johannes Wild, 24.1.1855 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 368c:137)
Ein schwerwiegendes Hindernis mochte auch Bernhard Studer gewesen sein, der einerseits in Bern Wolfs Vorgesetzter war und zugleich als einflussreiches Mitglied des Schweizerischen Schulrats über Berufungen an das Polytechnikum mitentschied. Im Oktober 1854 sprach Studer das Thema direkt an: „[…] man denkt auch an Sie Herr Wolf, aber Sie werden doch nicht von Bern weggehen wollen?“ (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 368c:133 . Elisabeth Wolf an Johannes Wild, 8.10.1854).
Studers Doppelrolle und die Ungewissheit über die Errichtung eines Lehrstuhls für Astronomie alleine vermögen Wolf zauderndes Verhalten nicht vollumfänglich zu erklären. Noch wenige Wochen vor seiner Berufung, als er bereits mit grosser Sicherheit wusste, dass er immerhin für ein Teilpensum ans Polytechnikum berufen werden würde, richtete er einen verzweifelten Hilferuf an seinen Freund Johannes Wild. Nach mehrseitigen Erläuterungen von pro und contra der Berner und der Zürcher Lösung schrieb er:
Du siehst, dass nach beiden Seiten hin viele Gewichte auf der Waage liegen auf der einen Seite vorzüglich das rein menschliche, gemüthliche, familiäre und eine Menge von Hoffnungen, – auf der andern Seite das durch öffentliche Wirksamkeit bereits erworbene.
Ich bin wirklich beinahe gegenwärtig zu befangen, um selbst nachzusehen, wie der Zeiger an der Waage steht – siehe Du zu, ich schenke Dir volles Zutrauen, und schreibe mir, was Du gesehen hast. Du hast noch den grossen Vortheil, dass Du den Hoffnungen ein richtigeres Gewicht zuschreiben kannst, als ich es im Stande bin. Also schreibe bald, sogleich, – ich kann diese Unsicherheit nicht länger ertragen, – es muss jetzt einmal ein definitiver Entscheid gefasst werden.
Rudolf Wolf an Johannes Wild, 6.4.1855 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 368a:62)
So handelt es sich bei Wolf vermutlich um eine generelle Unfähigkeit, zwischen Herz resp. hoffnungsfrohen jedoch unsicheren wissenschaftlichen Aussichten in Zürich einerseits und der Gewissheit einer etablierten Stellung an der Berner Hochschule andererseits zu wählen. Schlussendlich vermochte sich Rudolf Wolf im Juni 1855 doch noch dazu durchzuringen, die Berufung auf den Lehrstuhl für Astronomie anzunehmen.
Bereut hat Wolf seine Entscheidung wohl nie. 1864 gründete er die von Gottfried Semper erbaute Eidgenössische Sternwarte und wurde ihr erster Direktor. Zudem begründete er die, ein Jahrhundert währende, führende Stellung der ETH Zürich in der Sonnenfleckenforschung. Nicht zuletzt – zumindest aus Sicht eines Mitarbeiters der ETH-Bibliothek – wurde Wolf im Oktober 1855 zum Bibliothekar des Polytechnikums ernannt und war damit der erste Direktor der heutigen ETH-Bibliothek.
Literatur:
Jaeggli, Alvin Eugen. Die Berufung des Astronomen Johann Rudolf Wolf nach Zürich 1855. zumeist auf Grund von bisher unveröffentlichten Dokumenten und Familienbriefen in der Handschriften-Abteilung der ETH-Bibliothek. Zürich 1968. http://dx.doi.org/10.3929/ethz-a-000196305
Lutstorf, Heinz Theo. Professor Rudolf Wolf und seine Zeit, 1816-1893. Zürich, 1993. http://dx.doi.org/10.3929/ethz-a-000913344