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Folgendes ist wiederum ein Reisebericht unseres Tierarztes Peter Mueller
Wer das Wort "Aegypten" hoert, denkt in unseren Breitengraden wohl vor allem an Sonne, Meer, Tauchen und Strand; moeglicherweise fallen einem noch Tutenchamun, die Pyramiden oder Kleopatra ein. Was uns weit weniger bewusst ist: Die grossartige Geschichte des Landes, seine exquisite Unterwasserwelt und der Umstand, dass Aegypten eines der bestentwickelten Laender des Mittleren Ostens ist, sind nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite: Das nordafrikanische Land rangiert auf dem "Human Development Index" der UNO (ein Mass fuer die Entwicklung eines Landes) auf Rang 123 (von 182) - hinter Laendern wie Guatemala, Bolivien, Honduras und Gabun. Ein Bauer verdient CHF 60.- im Monat, ein (gut bezahlter) Tierarzt 250.-; in den laendlichen Gegenden des Niltals herrscht bittere Armut. Das Land kaempft wie andere Entwicklungs- und Schwellenlaender mit Korruption, einer prekaeren Menschenrechtslage und Arbeitslosigkeit. Und wie in jedem anderen Land, in dem es viele arme Menschen gibt, geht es vielen Haustieren ebenfalls schlecht.
Nach einem anstrengendem Tag bei bruetender Hitze in Luxor's Tempeln und Graebern geniesse ich im "Sindbad-Cafe" ein kuehles Bier. Am Nebentisch sitzen einige Englaender, die allesamt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Animal Welfare of Luxor AWOL" tragen. Ich komme mit ihnen ins Gespraech und beschliesse, mich fuer einen Tag der Gruppe anzuschliessen. AWOL (www.awol-egypt.org) ist eine gemeinnuetzige Organisation zum Wohl der Tiere in der Region von Luxor, die ihren Sitz in England hat. Gruender von AWOL ist das Ehepaar Pauline und Graham Warren, welches seit 2004 in Luxor lebt. Die beiden haben sich zum Ziel und Lebensinhalt gemacht, den Tieren (mehrheitlich Esel, aber auch Hunde, Kamele und Pferde) in den laendlichen Gebieten um die Stadt Hilfe zu leisten. Im Gegensatz zu den gehaetschelten Bueffeln erhalten Esel wenig Wertschaetzung, weshalb medizinische Probleme kaum angegangen werden und die Tiere haeufig erst in erbaermlichen Zustaenden angetroffen werden. Die bittere Armut und das Fehlen von "normalen" Tieraerzten in der Gegend tragen das ihre zu der schlechten medizinischen Versorgung bei. Neben den lokal haeufigen parasitaeren Problemen (Habronematose und Raeude) leiden die Arbeitstiere haeufig an Verletzungen durch unzweckmaessige Zaeume, Joche und Saettel. Die Angewohnheit, dass Aegypter nachts haeufig ohne Licht autofahren, bewirkt immer wieder Kollisionen mit den freilaufenden Tieren.
Da die Mitglieder von AWOL ueber keine medizinische Ausbildung verfuegen, hat die Organisation einen jungen lokalen Tierarzt, Dr. Mohammed, unter Vertrag genommen. Tag fuer Tag faehrt das Team in die umliegenden Weiler, haelt nach kranken und verletzten Tieren Ausschau, ersetzt die zu Verletzungen fuehrenden Schnur- oder Kettengeschirre durch selbst hergestellte Halfter, legt den Eseln Geschirre an, die mit Reflektoren versehen sind und die Tiere so nachts besser sichtbar machen, und schult die Landbevoelkerung in Sachen Tiergesundheit und Tierschutz.
In bruetender Hitze kurven wir durch die wunderschoenen Felder des Niltals. Wir passen mehreren Eseln neue Halfter mit Reflektoren an, behandeln zwei Tiere mit ueblen Faellen von Habronematose (eine parasitaere Hauterkrankung) und begutachten den nach langer Zeit endlich abgeheilten Huf eines weiteren Esels.
Dann machen wir im Hof eines kleinen Bauernbetriebs Halt. Vor 2 Tagen wurde Dr. Mohammed dorthin gerufen, weil der Hund der Familie nach einer Woche wieder aufgetaucht war - allerdings mit einer ueblen offenen Fraktur des linken Vorderbeines, welche schon gangraenoes geworden war und eine Menge Fliegenmaden beherbergte. Mohammed entschloss sich, dem Tier eine Chance zu geben und amputierte das Bein unter unglaublichen Umstaenden - auf dem staubigen Boden und unter Lokalanaesthesie mit nur einer leichten allgemein-Sedation. Die Saege zum Absetzen des Oberarmknochens musste bei der benachbarten Autowerkstatt organisiert werden; von Sterilitaet natuerlich keine Spur. Mohammed meint, dass es dem Hund schon viel besser gehe - wenn ich das ausgemergelte, verzottelte Tier sehe, das apathisch im Schatten liegt und offenbar seit Tagen das Futter verweigert, kann ich mir nur mit Schaudern vorstellen, wie der Hund zu Beginn ausgesehen haben muss. Die abgegebenen Antibiotikatabletten finden sich unangetastet im Hundefutter - einem Stueck alten Brotes...
Nach Entfernung des Verbandes zeigt sich, dass der abgesaegte Knochen freiliegt und von abgestorbenem Gewebe umgeben ist. Sofort setzen sich Scharen von Fliegen auf die offene Wunde. Geduldig desinfiziert Mohammed die Wunde und entfernt mit Schere und Pinzette totes Gewebe; danach applizieren wir eine neue Bandage und injizieren Schmerzmittel und ein Antibiotikum. Gluecklich trinkt der Hund nach der Tortur die mitgebrachte Bouillon. Wenn das Tier zu seinem Appetit zurueckfindet, hat die Wunde durchaus eine Heilungschance (siehe Fall 10 unserer Fallvorstellungen) - aber der Weg dorthin wird sehr lang.
Die geradlinige und enthusiastische Art von Pauline, Mohammed und Jan haben mich sehr beeindruckt. Unbeirrt von Hitze, Fliegenschwaermen und laermenden und an-den-Kleidern-zupfenden Kinderhorden versehen sie Tag fuer Tag ihr unspektakulaeres Werk und freuen sich an den kleinen Erfolgen. AWOL ist eine in Grossbritannien anerkannte wohltaetige Organisation, welche 100% der Spendengelder in die lokalen Projekte (Medikamenten-, Tierarzt- und Materialkosten) investiert. Alle Mitglieder arbeiten vollstaendig ehrenamtlich; die Website (www.awol-egypt.org) enthaelt einen monatlichen Newsletter, ueber den man sich unmittelbar ueber aktuelle Projekte informieren kann. Die Organisation hat in der Zwischenzeit in der Naehe der Bruecke ueber den Nil ein kleines Stueck Land gekauft, auf dem in absehbarer Zeit ein kleines "Tierspital" gebaut werden soll - noch fehlt zur Erfuellung dieses Projektes aber eine erkleckliche Summe. Ich kann die Organisation warm empfehlen; allfaellige Spenden koennen direkt und unkompliziert ueber die Website getaetigt werden.