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Drei Monate dauert das Glück. Dann klingelt Mirjams Handy. Herbert ist tot.
Dabei hatte alles so wunderbar begonnen. Der Ingenieur und die Filmemacherin lernen sich über eine Partnervermittlung kennen. Er schreibt ihr: «Hallo unbekannte Frau. Da auch ich ein bewegtes Leben habe und das Spannende liebe, schreibe ich dich an.» Sie antwortet: «Hallo Unbekannter. Deiner Selbstbeschreibung entnehme ich, dass du dich offenbar noch stärker von deinem Verstand leiten lässt als ich. Ob das gut kommt?»
Das Gefühl der Nähe, das in den Mails rasch aufkommt, ist nicht bloss virtuell. Beim ersten Treffen verlieben sich Mirjam von Arx und Herbert Weissmann Hals über Kopf. In derselben Woche erhält sie die Krebsdiagnose. Ein Knoten in der Brust, bösartig. Er sagt: «Du bist jetzt nicht mehr allein, wir schaffen das.»
Die Krankheit wird zur Nebensache. Ihre Operation, die Chemotherapie und anschliessend tägliche Bestrahlung sind zwar mühsam und anstrengend. Doch Mirjam und Herbert sind in einem Hoch. Sie geniessen es, sich kennenzulernen, lachen viel, haben grosse Pläne. Schon bald fragt Herbert Mirjam, ob sie ihn heiraten möchte. Klar!
Laut Statistik ist der 2317. Sprung tödlich. Bei Herbert ist es der 19.
Kurz bevor sich Mirjam und Herbert begegneten, hatte er mit Basejumping angefangen, dem Fallschirmspringen von festen Objekten aus. Base ist ein Akronym. Es steht für B: building (Gebäude), A: antenna (Sendemast), S: span (Brücke) und E: earth (Boden) – lauter Absprungsorte.
Im Unterschied zu vielen anderen Ländern ist die Sportart in der Schweiz legal. Zwischen 2000 und 2012 sind hier 43 Basejumper in den Tod gesprungen. Laut einer norwegischen Studie ist Basen die mit Abstand gefährlichste Sportart. Statistisch gesehen endet jeder 2317. Sprung tödlich. Herbert, ein erfahrener Fallschirmspringer, stirbt 2010 bei seinem 19. Basejump in Lauterbrunnen BE.
Als Mirjam vor Herberts offenem Sarg steht, sagt sie: «Du Idiot!» Sie fühlt nur Wut. Wie konnte er sein Leben wegwerfen, während sie um ihres kämpfte? Wo sie doch eine gemeinsame Zukunft hatten? Zu der Wut kommt die Angst, dass ihr die Erinnerung an die kurze Zeit mit Herbert so einfach entgleiten könnte. Mit einer kleinen Kamera beginnt Mirjam von Arx alles, was mit Herbert zu tun hat, filmisch festzuhalten: die Beerdigung, die Wohnungsräumung, die Nachlassverwaltung.
Dabei wird sie stets damit konfrontiert, wie kurz die gemeinsame Zeit war, wozu sie nicht gereicht hat. So lernt sie Herberts Eltern an seiner Beerdigung kennen. Als sie seine Wohnung betritt, um sie zu räumen, ist sie erst zum dritten Mal dort. Da sieht sie auch, dass Herbert, der ohne Helm gesprungen war, einen gehabt hätte.
Einen Monat nach Herberts Tod steigt Mirjam von Arx (48) zusammen mit Andi Dachtler, seinem Freund und Base-Coach, von Wengen aus zur Absprungstelle «Yellow Ocean». Sie binden den Hilfsschirm seines Fallschirms um einen Baum und nageln ein Foto von Herbert dazu. Es ist ein für beide einschneidender Moment. An Herberts Gedenkstätte sprechen sie über Tiefgründiges. Was macht ein erfülltes Leben aus? Welche Verantwortung trägt man gegenüber sich selbst und anderen? Wann macht man sich schuldig?
An der Stelle, von der Herbert in den Tod gesprungen ist, fällt Mirjam einen Entscheid: Sie möchte seine Leidenschaft für das Basen verstehen. Sie hofft, so die Wut ablegen und Abschied nehmen zu können. In Lauterbrunnen, dem Death Valley der Schweiz, will sie Antworten auf ihre Fragen finden. Vom Leben, nicht vom Tod soll ihr Film handeln.
Was die Krebsärztin geraten hat, ist die Philosophie der Baser
Die Basejumper seien sich der Gefahren ihrer Sprünge sehr wohl bewusst, sagt von Arx heute, nach Abschluss der vierjährigen Arbeit am Film «Freifall – eine Liebesgeschichte».
«Diese Nähe zum Tod erlaubt ihnen, intensiver zu leben.» Der bekannte australische Basejumper Chris «Douggs» McDougall verfolge im Grunde genau den Leitsatz, den ihr auch ihre Ärztin zu Beginn der Krebserkrankung nahegelegt habe: «Geniesse das Leben. Lebe jeden Tag, als ob es der letzte wäre, und verschiebe nichts, was du erleben möchtest.»
Herbert und seine Freunde haben viele ihrer Sprünge auf Video festgehalten. In diesen Aufnahmen sieht von Arx, wie nervös Herbert vor dem Absprung jeweils war. Wie er sich aber seiner Angst stellte, sie zu überwinden versuchte. «Wie Herbert wagte zu springen, wagte er wohl auch, sich in mich zu verlieben – trotz Krebsdiagnose.» Der Sprung wird im Dokumentarfilm zur Metapher. Jeder Mensch stehe irgendwann an einer Klippe und müsse sich entscheiden, springe ich oder lasse ich es bleiben?
Für von Arx brauchte es viel Mut, diesen persönlichen Film zu realisieren. Sie sei eigentlich ein sehr privater Mensch. «Doch mein professioneller Instinkt sagte mir: Unsere Geschichte ist ein Filmskript.» Ihr war klar, dass es nur einen Weg gab, den Film zu machen. Sie musste absolut ehrlich sein; auch die Liebesbeziehung gehörte in den Film. Bloss, dazu fehlte das Bildmaterial. Mirjam von Arx besitzt nur ein einziges Foto von sich und Herbert.
Um die Zuschauer ihre Verliebtheit, dieses Gefühl der Leichtigkeit, nachspüren zu lassen, hat sie wichtige Paarszenen mit Ausschnitten aus kitschigen Hollywood-Filmen aus den 50er- und 60er-Jahren illustriert. Dazu liest Mirjam von Arx ihren Mailwechsel mit Herbert vor oder erzählt. Nur ein Mal, an seinem Grab, bricht die sonst im Film gefasste Stimme der Regisseurin, und man hört sie weinen.
«Das Loslassen war ein langer Prozess», sagt sie. Einer, der ihren Blick fürs Wesentliche geschärft und sie gelassener gemacht habe. Sie hat sich auch ganz bewusst vorgenommen, wieder glücklich zu werden – und das ist ihr gelungen. Mirjam von Arx hat den Krebs überwunden und nochmals eine grosse Liebe gefunden. Sie ist heute Mutter von zwei kleinen Kindern, einem 18 Monate alten Jungen und einem sieben Wochen alten Mädchen. An Schicksal glaubt sie nicht. «Mir sind einfach zwei heftige Dinge gleichzeitig passiert.» Dann lacht sie und sagt: «Vielleicht habe ich jetzt für ein paar Jahre Ruhe.»
Bild: Jorma Müller