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Die Volksrepublik China hält US-Staatsanleihen im Umfang von rund 1,2 Billionen Dollar – mehr als jedes andere Land. Wenn das Reich der Mitte US-Treasuries kauft, leiht es den Vereinigten Staaten Geld. Ist Chinas immenser Besitz von US-Schulden eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten? Oder gar eine Trumpfkarte in den Handelsstreitigkeiten mit Washington?
Die Schulden der USA gegenüber Chinas Zentralbank betrugen Ende Februar etwa 1,18 Billionen Dollar. Somit entfällt fast ein Fünftel aller US-Staatsanleihen, die im Besitz ausländischer Notenbanken sind (knapp 6,3 Bio. Dollar), auf das Reich der Mitte. Die Drohungen von US-Präsident Donald Trump, chinesische Waren mit Strafzöllen zu belegen, lösen daher immer wieder Bedenken aus, dass Peking die US-Treasuries als Instrument für Vergeltungsmassnahmen nutzen könnte. Oft wird argumentiert, Chinas Besitz amerikanischer Schulden stärke Pekings Verhandlungsmacht gegenüber den Vereinigten Staaten. Diese Befürchtung erscheint indes übertrieben zu sein.
Doch der Reihe nach: Wie sind Chinas Fremdwährungsreserven entstanden, und weshalb werden sie mehrheitlich in US-Staatsanleihen angelegt?
Der Erlös aus Chinas Leistungsbilanzüberschuss fliesst (indirekt) in den Kauf von Devisenreserven.
Devisenreserven entstehen zum Beispiel, wenn ein Land mehr für seine Exporte einnimmt, als es für Importe ausgibt. Während China beispielsweise letztes Jahr für 505,6 Mrd. Dollar Waren und Dienstleistungen in die USA exportierte, führte es umgekehrt US-Waren und Dienstleistungen für nur 130,4 Mrd. Dollar ein. China hat ganz allgemein mehr Waren und Dienstleistungen im Ausland verkauft als gekauft, weil es eine sehr hohe inländische Sparquote hat. Alles in allem bedeutet das, dass China einen sogenannten Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet. Der Erlös aus dem Überschuss fliesst (indirekt) in den Kauf von Devisenreserven.
Im Alltag geschieht ungefähr folgendes: Chinesische Exporteure werden von ihren Handelspartnern in US-Dollar bezahlt. Sie tauschen auf dem Heimmarkt Dollar gegen die Landeswährung Yuan ein, um Arbeiter und Lieferanten vor Ort zu bezahlen. Die Lokalbanken deponieren anschliessend die Fremdwährung bei der Notenbank. Die Zentralbank wiederum zieht es vor, mit den Dollars Staatsanleihen zu kaufen, weil diese einen Zinssatz abwerfen. Am beliebtesten sind amerikanische Staatsanleihen. Grund dafür ist unter anderem, dass der internationale Handel grösstenteils in Dollar abgewickelt wird und der Greenback den Status einer Weltreservewährung geniesst.
Alle Staaten, die für internationalen Handel oder Investitionen offen sind, benötigen einen bestimmten Betrag an Devisen, um ausländische Waren oder Investitionen im Ausland zu bezahlen. Fremdwährungsreserven dienen ebenso als Puffer gegen plötzliche Veränderungen in den internationalen Kapitalströmen und sichern zudem die Fähigkeit eines Landes, in einer Krise seine kurzfristigen Auslandsschulden bedienen zu können.
Devisenreserven spielen eine wichtige Rolle bei der Steuerung eines Zielwechselkurses.
Häufig werden Devisenreserven auch als Instrument der Geldpolitik eingesetzt, insbesondere von Ländern wie China, die eine «fixe» Wechselkurspolitik verfolgen. Bei einem festen Wechselkurs können Devisenreserven eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, einen Zielwechselkurs zu halten bzw. zu steuern. Chinas Wechselkurspolitik wiederum orientiert sich an einem Währungskorb, in dem der Dollar mit Abstand den grössten Anteil einnimmt. Angenommen, China möchte den Wert seiner Landeswährung Yuan erhöhen oder einem starken Kapitalabfluss entgegentreten: Peking könnte nun Dollarreserven verkaufen, um im Gegenzug auf den Devisenmärkten Yuan zu kaufen. Die gestiegene Nachfrage nach Yuan würde dessen Kurs höher treiben.
Faktisch haben die Chinesen in der Vergangenheit aber immer wieder versucht, die eigene Landeswährung durch den Verkauf von Yuan und den Kauf von Dollar möglichst tief zu halten. Warum? Ein Teil von Pekings Wirtschafts- und Entwicklungsstrategie besteht darin, die Exportpreise wettbewerbsfähig zu halten. Deshalb auch hat China so viele Dollarreserven.
Was China an US-Staatsanleihen verkauft, wird in der Regel einfach von anderen Zentralbanken und Finanzakteuren gekauft.
Was geschähe nun, wenn China sich schnellstmöglich von all seinen US-Staatsanleihen trennen würde? Die Nachfrage nach dem Dollar würde wie ein Stein fallen und die US-Zinsen entsprechend hochschiessen. Ein solcher Dollareinbruch würde die internationalen Märkte wahrscheinlich noch stärker belasten als die Finanzkrise 2008. In der Folge würde Chinas stark exportorientierte Wirtschaft zusammen mit allen anderen Volkswirtschaften erheblich leiden. Gleichzeitig würde es auf seinen US-Staatsanleihen und seinen Investitionen in den Vereinigten Staaten massive Verluste erleiden. Ein Resultat, das aus chinesischer Sicht kaum wünschenswert ist. Oder mit Blick auf die amerikanisch-chinesischen Beziehungen etwas salopp ausgedrückt: Wenn Sie der Bank 1000 Dollar schulden, haben Sie ein Problem. Wenn Sie der Bank mehr als 1 Billion Dollar schulden, hat die Bank ein Problem.
Wahrscheinlicher wäre also, dass China seine Treasury-Bestände nur langsam und etappenweise verkauft. Wann immer Peking aber nur schon warnt, US-Staatsanleihen zu verkaufen, beginnt die Dollarnachfrage zu sinken. Dies wiederum schadet der Wettbewerbsfähigkeit Chinas, weil es seine Exportpreise erhöht, während die US-Verbraucher stattdessen vermehrt amerikanische Produkte kaufen würden. China hängt dabei von den USA deutlich mehr ab als umgekehrt. Rund 4 Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukt stammen direkt aus Exporten in die USA, für die USA beträgt der entsprechende Wert weniger als 1 Prozent. Ausserdem gibt es einige andere Länder, die die USA an Stelle von China mit den benötigten Waren versorgen könnten. Aber China hätte echte Schwierigkeiten, eine Alternative zu den USA als Exportmarkt zu finden.
China als grösster Kreditgeber kann den USA auch nur dann Bedingungen diktieren, wenn die Vereinigten Staaten als Schuldner keine Alternativen hätten. Doch US-Staatsanleihen sind vergleichsweise sichere und risikoarme Anlagen, äusserst liquide und in der internationalen Finanzgemeinde ein attraktives Anlagevehikel. Zudem sind die USA noch nie in Zahlungsverzug geraten. Was China an US-Staatsanleihen tranchenweise verkauft, wird in der Regel einfach von anderen Zentralbanken und Finanzakteuren gekauft.
Letztlich ist Peking ebenso wie Washington daran interessiert, dass die US-Wirtschaft floriert. Denn dies bedeutet, dass China reichlich Waren und Dienstleistungen in die USA exportieren kann. Pekings oberste Priorität bleibt die Schaffung von genügend Arbeitsplätzen für die rund 1,4 Milliarden Chinesen und Chinesinnen. Und obschon die USA und China ein ungleiches Paar sind – am Ende verbindet die beiden Wirtschaftsmächte mehr als sie trennt.