Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03333.jsonl.gz/2434

Wende bleibt unrealistisch
Das IPCC hat 900 wissenschaftliche Szenarien ausgewertet, die aufzeigen, wie sich die Welt entwickeln könnte. Macht die Menschheit weiter wie bisher, sagen sie voraus, dass die CO2-Konzentration bis 2100 Werte erreicht, die man aus unzureichend belüfteten Innenräumen kennt (750 bis 1300 parts per million, ppm): Frischluft wäre dann stickig. Die Durchschnittstemperatur läge um 3,7 bis 4,8 Grad über vorindustriellem Niveau. Das gab es schon einmal: Vor einer Viertelmilliarde Jahren erwärmte sich die Erde mutmasslich um 5 Grad. Über neunzig Prozent aller Tier- und Pflanzenarten starben in der Folge aus.
2010 hat sich die Uno eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf höchstens 2 Grad zum Ziel gesetzt und beschlossen zu prüfen, ob das Ziel auf 1,5 Grad gesenkt werden müsste, um «katastrophale» Folgen des Klimawandels abzuwenden. Damit eine Erwärmung um mehr als 2 Grad «wahrscheinlich» verhindert werden kann, muss die Treibhausgaskonzentration auf einem Niveau begrenzt werden, das wenig über dem heutigen Wert liegt (450 ppm CO2-Äquivalente). Kein Zweifel besteht daran, dass die bis heute von den Staaten angemeldeten klimapolitischen Absichten dafür viel zu wenig ambitioniert sind.
Es existieren aber auch Szenarien, in denen die Treibhausgase in der Atmosphäre 450 ppm nicht übersteigen. Sie setzen jedoch voraus, dass eine koordinierte internationale Klimapolitik bald zu greifen beginnt: «Der Hochgeschwindigkeitszug der Massnahmen muss sehr bald abfahren, und die ganze globale Gemeinschaft muss an Bord sein», sagte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri. Dass das gelingen könnte, ist keine sehr realistische Annahme. Und es genügt in diesen Szenarien nicht, die Emissionen zu reduzieren. Es müssten auch riesige Mengen CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden. Ob das technisch je möglich sein wird, weiss derzeit kein Mensch.
Weitere Faktoren könnten die «optimistischen» Szenarien zu Makulatur machen. Die IPCC-Zusammenfassung spricht kurz das Phänomen «Rebound» an. Damit meint man den Effekt, dass Steigerungen der Energieeffizienz gleichzeitig die Nachfrage nach Energiedienstleistungen anheizen. Wie gross dieser Effekt ausfällt, ist umstritten. Fällt er gross aus, würden effizientere Techniken kaum etwas bringen – und die unwahrscheinlichen Szenarien würden noch unwahrscheinlicher.
In einem Satz: Dass es gelingt, einen katastrophalen Klimawandel abzuwenden, ist unrealistisch.
Versteckte Wertannahme
Mit diesem Befund kontrastiert die Schätzung, was eine stringente Klimapolitik kosten würde. In den ambitioniertesten Szenarien bewirkten die nötigen Massnahmen laut IPCC-Bericht, dass das Konsumwachstum pro Jahr um 0,06 Prozentpunkte geringer ausfiele als ohne diese Massnahmen (also beispielsweise statt 2 nur 1,94 Prozent). Das ist weit unter den üblichen Schwankungen von Jahr zu Jahr. Und dabei ist in dieser Zahl der Nutzen der Klimapolitik noch nicht einmal berücksichtigt. Edenhofer sagte es so: «Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten.» Die nötigen Szenarien seien mit weiterem Wirtschaftswachstum vereinbar.
Vielleicht liegt hier die Hoffnung, zu der der Bericht Anlass geben kann. Nein, nicht darin, dass wir «nicht auf Wachstum verzichten müssen». Sondern darin, dass sich hier eine ideologische Beschränkung des IPCC-Berichts offenbart. Ihre Überwindung könnte Raum für ganz andere Entwicklungen geben.
Wenn das IPCC die «Kosten» von Klimaschutzmassnahmen nämlich etwas umständlich mit dem «Verlust von Konsumwachstum» beziffert, so liegt darin eine Wertannahme versteckt: dass Wachstum per se gut sei. Massnahmen, die etwa darauf abzielten, den Wachstumszwang der Wirtschaft zu überwinden, erscheinen aus dieser Perspektive zwangsläufig als Kosten.
Es gibt aber durchaus Ansätze – namentlich in der Schule der sogenannten Ökologischen Ökonomie –, die die Wünschbarkeit von Wachstum infrage stellen. Und eine Suche nach Alternativen täte ganz unabhängig vom Klimaproblem nur schon deshalb not, weil es fraglich ist, ob das Wachstum, auf das die Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Verfassung auf Gedeih und Verderben angewiesen ist, in den reichen Ländern überhaupt noch möglich ist. Der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream nimmt solche Überlegungen indes noch kaum zur Kenntnis.
Immerhin scheinen in der Zusammenfassung des jüngsten IPCC-Berichts ganz zaghaft Formulierungen auf, die beispielsweise im Bereich des Verkehrs nebst effizienteren Antriebstechniken oder CO2-freien Energieträgern auch eine «Reduktion der Mobilitätsnachfrage» anmahnen. Vage spricht der Bericht von «Massnahmen der Verhaltensänderungen» und vom «grossen Einfluss von Lebensstil und Kultur» auf die Emissionsentwicklung.
Ein Gemeingüterproblem
Entwurf zur jetzt vorliegenden Zusammenfassung lautete die erste fett gedruckte Kernbotschaft: «Klimawandel ist ein globales Gemeingüterproblem». Die Gemeingüterökonomie ist einer der Ansätze, die Wege jenseits des herrschenden, wachstumsfixierten Paradigmas bieten können. Aus Sicht der dominierenden (neoklassischen) Schule der Ökonomie aber sind Gemeingüter ineffizient, also schlecht. Doch seit 2009 mit Elinor Ostrom eine Erforscherin der Gemeingüter den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat, gibt es ein gewisses Umdenken. Ottmar Edenhofer leitet selbst ein Forschungsinstitut, das sich mit Gemeingütern und Klimawandel befasst.
Die Politik aber scheint für ein solches Umdenken noch weniger bereit als die Wissenschaft. Die Schlussredaktion der Zusammenfassung, an der sich auch die VertreterInnen der Regierungen beteiligen, hat den – bescheiden hoffnungsvollen – Satz mit den Gemeingütern gestrichen. In der Endfassung verweist nun noch eine Fussnote lapidar darauf, dass «die Sozialwissenschaften von einem globalen Gemeingüterproblem sprechen».
Marcel Hänggi