Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03223.jsonl.gz/2316

«Er ist gefeuert»
Mit diesem kurzen Tweet entliess Tech-Milliardär Elon Musk am Montag einen langjährigen Softwareentwickler, der es gewagt hatte, dem neuen Twitter-Besitzer öffentlich zu widersprechen.
Kurz darauf hatte Eric Frohnhoefer, der bei Twitter an der Android-App arbeitete, keinen Zugang mehr zu seinem Firmenlaptop. Gegenüber US-Medien sagte der 41-jährige Softwareingenieur, er habe vom Unternehmen bis dahin keinerlei formelle Mitteilung über seine plötzliche Entlassung erhalten. Frohnhoefer war laut Eigenaussage acht Jahre bei Twitter.
Der Disput zwischen Musk und Frohnhoefer begann, als Musk am Sonntagmorgen twitterte, er wolle sich «dafür entschuldigen, dass Twitter in vielen Ländern super langsam ist». Musk lieferte dafür eine technische Erklärung (zu viele Serveranfragen), der Frohnhoefer und weitere Twitter-Programmierer widersprachen. Frohnhoefer zitierte Musks Tweet und schrieb: «Ich habe ~6 Jahre lang an Twitter für Android gearbeitet und kann sagen, das stimmt nicht.»
Darauf wurde Musk persönlich und erwiderte: «Twitter ist superlangsam auf Android. Was hast du dagegen gemacht?» Zur Erinnerung: Frohnhoefer arbeitete an der Android-App mit. Anfänglich bezog sich Musk aber generell auf Performance-Probleme in «vielen Ländern» – nicht spezifisch in der Android-App.
Frohnhoefer antwortete Musk ausführlich in einer ganzen Reihe an Tweets.
Er glaube nicht, dass die Anzahl der Requests das Hauptproblem für Performance-Probleme sei, schrieb Frohnhoefer. Es liege eher daran, dass die App mit unnötigen Funktionen aufgeblasen sei, die kaum genutzt würden. Das Team habe viel unternommen, um die Performance zu steigern. Man habe auch festgestellt, dass zum Beispiel mehr Werbung einen Einfluss auf die Ladezeiten habe.
Musk und Frohnhoefer diskutierten am Montag weiter über technische Details und Frohnhoefer korrigierte Musk mehrmals. Der öffentliche Austausch und die Reaktionen anderer Softwareentwickler lassen vermuten, dass Musk mit den technischen Details bei Twitter wenig vertraut ist.
Schliesslich klinkte sich ein anderer Twitter-User in die Diskussion ein und schrieb, Musk wolle wohl kaum Mitarbeiter «mit dieser Einstellung» im Team haben.
Musks antwortete: «Er ist gefeuert».
Am Dienstag löschte Musk den Tweet.
Frohnhoefer und andere Entwickler bei Twitter sind offenbar sauer auf Musk, weil dieser ihre Arbeit öffentlich kritisiere, ohne die technischen Hintergründe zu kennen.
Manche Softwareentwickler äusserten sich weit weniger diplomatisch als Frohnhoefer. Der frühere Twitter-Mitarbeiter Ben Leib antwortete auf Musks Tweet: «Als ehemaliger technischer Leiter der Timeline-Infrastruktur bei Twitter kann ich mit Sicherheit sagen, dass dieser Mann keine Ahnung hat, wovon er spricht.» Leib, der ein Jahrzehnt bei Twitter gearbeitet hat, bestätigte gegenüber Bloomberg, dass er am Sonntag entlassen wurde.
Sasha Solomon, Softwareentwicklerin bei Twitter, warf Musk ebenfalls vor, keine Ahnung zu haben, wie Twitter technisch funktioniere.
Kurz darauf twitterte Solomon, dass sie soeben entlassen worden sei.
Andere User kritisierten Frohnhoefer dafür, Musk öffentlich widersprochen zu haben. Frohnhoefer hätte dies auf privatem Wege tun können. Der Entwickler entgegnete: «Vielleicht sollte er [Musk] Fragen privat stellen. Vielleicht Slack oder E-Mail nutzen.»
Dass Musk ebenfalls öffentlich auf den Widerspruch des Mitarbeiters reagierte, erstaunt wenig. Musk ist bekannt dafür, keinem Streit aus dem Weg zu gehen und das Rampenlicht zu suchen.
Frohnhoefer sagte gegenüber dem Wirtschaftsportal Forbes, er sei gegenüber Musk nicht voreingenommen gewesen. Er habe zu den Mitarbeitern gehört, die erstmals abwarten wollten, wie sich das Ganze entwickelt. Aber seit dem neuen Regime «geht es bergab», so Frohnhoefer. Die Angestellten misstrauten dem neuen Management und umgekehrt. Das sei der Grund, warum Twitter weitestgehend stillstehe.
Bevor Musk Twitter übernahm, seien die Mitarbeiter offener gewesen und hätten das Gefühl gehabt, dass sie Kritik üben könnten, was jetzt eindeutig nicht mehr der Fall sei.
Der Finanzdienst Bloomberg schreibt, es sei vor Musk nicht üblich gewesen, dass Twitter-Angestellte die Führung öffentlich kritisierten. Angestellte hätten hingegen in internen Rundmails oder geschlossenen Chatgruppen Kritik geübt.
More Twitter employees are publicly criticizing Elon for making up stories about how Twitter works and getting fired.— Dare Obasanjo 🐀 (@Carnage4Life) November 15, 2022
It’s becoming a wave of mass insubordination with Twitter engineers going out in a blaze of glory.
Every time I think this acquisition can’t get worse, it does. pic.twitter.com/lKFs9Uk0xq
Musk hatte kurz nach seiner Twitter-Übernahme geschätzt die Hälfte der einst über 7000 Angestellten entlassen.
Frohnhoefer selbst meint zu all dem, dass es «definitiv dumm» war, Musk so zu konfrontieren. Für ihn könnte aber schon bald ein neues Türchen aufgehen: Ein Reddit-Angestellter bot ihm umgehend an: «Eric, dieser Thread ist absolut verrückt. Wir stellen Android-Entwickler bei Reddit ein. Wir werden dich nicht so behandeln.»
(oli)
Die Richtung, mit der die Fahrt beginnt, dürfte Elon Musk derzeit bestens vertraut sein. Denn erst einmal geht es für die Nutzer des Las Vegas Loops bergab – und zwar weit. So, wie der Aktienkurs seiner wichtigsten Firma und mit ihm auch das Privatvermögen Elon Musks seit der verkorksten Twitter-Übernahme in den Keller gerauscht sind, so surren auch die Fahrgäste dieses vermeintlich neuen Verkehrsmittels nach unten – nur dass sie dabei kein Geld verlieren.