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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (29.04.2008)
Modest Mussorgskis Oper «Boris Godunow» ist ein grandioses Historiengemälde. Jetzt erklingt es wieder am Opernhaus Zürich.
Wer ist der eigentliche Protagonist dieses Dramas? Wie kaum eine Oper zuvor lässt Modest Mussorgskis «Boris Godunow» diese Frage unbeantwortet, denn die Titelfigur ist kaum mehr ein agierender Held, sondern eine Persönlichkeit, die kontinuierlich an ihrem Gewissen zerbricht, an der Verzweiflung über die Taten, die sie an die Regierung brachten.
Puschkin als Vorlage
Boris Godunow hat den Zarewitsch Dimitri, den Sohn Iwans des Schrecklichen, umbringen lassen und sich so selber auf den Thron gehievt. Wogegen nun ein falscher Dimitri (eigentlich ein junger frustrierter Novize namens Grigori) aufsteht und mit Hilfe Polens und Litauens Boris stürzt. Mussorgskis Werk, das auf dem gleichnamigen Drama von Alexander Puschkin beruht, erzählt diese politische Historie, aber es stellt das gedemütigte russische Volk dagegen, das all diese Wechsel nur erdulden kann und passiv bleibt. Und zudem gibt es als Chronisten den Mönch Pimen, der, obwohl beobachtender Aussenseiter, doch die Handlung erst in Gang bringt.
Ein grandioses Gemälde entsteht. Mussorgskis Oper war - wenn auch zunächst in der glättenden Orchestration durch Nikolai Rimski-Korsakow - schon für die Musikergeneration um 1900 ein Schock und eine wertvolle Inspiration. Sie hat nichts von ihrer Wucht eingebüsst. Dabei ist die ideale Aufführungsweise umstritten. Mussorgskis radikale erste Version wurde vom Mariinski-Theater in St. Petersburg abgelehnt, also überarbeitete und erweiterte er sie 1872. Diese Fassung wurde 1874 uraufgeführt, geriet aber immer wieder in die Kritik. Vor allem der «Polenakt» - zwei Szenen, die zeigen, wie sich das katholische Polen für eigene Zwecke des «falschen Dimitri» bedient - gilt mit einem gewissen Recht als schwächster Teil des Werks, weil hier die Opernkonvention durchschimmert und die innovativen Qualitäten Mussorgskis am wenigsten deutlich hervortreten.
Vladimir Fedoseyev, der Dirigent der Zürcher Aufführung, hat sich für eine Mischform entschieden. Er übernimmt einerseits aus der zweiten Fassung diesen Polenakt - nicht zum Nachteil der Aufführung. Denn sie gewinnt dadurch zwei starke dramatische Sängerpersönlichkeiten hinzu, den intriganten Jesuiten Rangoni (Vladimir Stoyanov) und die in Dimitri verliebte Marina (Luciana D’Intino, die vor allem eine ungemein starke vokale Sonorität in der Tiefe ausstrahlt). Konsequenterweise aber müsste man danach auch Dimitris Ankunft in Russland und seinen Aufstieg zum neuen Zaren zeigen: Wie er vom Volk in der grossen Revolutionsszene empfangen wird, ein Moment ähnlich dem Anfang, als die Massen Boris huldigten. Dadurch würde die Geschichte abgerundet, sie geriete ins Kreisen.
Aber etwas fehlt
Diese Schlussszene der 1872er-Version jedoch, die den Chor nach dem Tod des Zaren nochmals ins Zentrum rückt, lässt Fedoseyev weg. Er meint, so das «Opernhaus-Magazin», das Werk könne nur mit dem Tod des Protagonisten enden - wie in der Urfassung. Eine Einstellung, die man zumindest diskutieren darf. Mit dem Tod Boris’ zu schliessen, ist durchaus eindrücklich, wie hier zu erleben ist. Und doch fehlt etwas danach.
Der von Jürg Hämmerli einstudierte, verstärkte Chor des Opernhauses ist gut an diesem Abend, er steigert sich allmählich in seine Rolle hinein, auch wenn der Raumklang zum Schluss aus dem Zuschauerraum heraus etwas gar plakativ wirkt. Es soll den Stimmen wohl zu mehr Wucht verhelfen. Noch eindringlicher aber ist halt der Protagonist, Matti Salminen, der die Rolle bereits vor neun Jahren in Zürich sang (dort in einer Urfassung von 1869, die von David Pountney schlüssig inszeniert wurde). Gleichsam in einer vergoldeten Schale entrückt, agiert dieser Boris nervös, unsicher, launisch und dabei höchst intensiv. Salminen ist eine Idealbesetzung. Weitere Glanzlichter in diesem Ensemble: der Mönch und Chronist Pimen - Pavel Daniluk, ein echter Erzähler; der junge leidenschaftliche Dimitri von Reinaldo Macias; der unberechenbare Schujski von Rudolf Schasching und die beiden agilen Bettelmönche Warlaam und Missail (Andreas Hörl und Martin Zysset).
Eine schöne Ensembleleistung, und Vladimir Fedoseyev, im Opernhaus der Experte für Russland, hat die Partitur jederzeit im Griff. Letzte Schärfe und Kraft freilich (der Einsatz des Raumchors ist dafür bezeichnend) geht seiner Aufführung ab. Formale Klarheit dominiert über Verve oder Leidenschaft.
Das trifft sich durchaus mit der einmal mehr vergleichsweise nüchternen Inszenierung von Klaus Michael Grüber und Ellen Hammer, deren unaufgeregter Stil dennoch einnimmt. Die zweieinhalbstündige Produktion wurde bereits 2006 am Théâtre de la Monnaie in Brüssel gezeigt, dann überarbeitet; sie überzeugt durch ihre Klarheit und Schlichtheit. Eduardo Arroyo allerdings hat dem Bühnenbild etwas animalisch-surrealistischen Chic (riesengrosse Insekten, eine Engelsgestalt) untergemischt, was aufgesetzt wirkt und glücklicherweise keine Konsequenzen hat. Man darf darüber hinwegsehen.