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Bedeutend disparater, und auch bedeutend weniger interessant, sind die Kleinen Schriften aus den späteren Jahren, wenn man sie mit denen aus den früheren vergleicht, die wir in Band I gefunden haben. Umso mehr schätzt der Leser die erklärenden Anmerkungen der Herausgeber, ohne die man zum Teil kaum versteht, worum es Jacobi in diesem oder jenem Text überhaupt geht.
Dabei mischt sich Jacobi auch in den Jahren 1787 bis 1817 in allerhand Dinge ein. Aber es handelt sich dabei meist um Quisquilien. Er übersetzt Hemsterhuis (wir haben in den Kleinen Schriften nur das jeweilige Vorwort) oder gibt Briefe aus der Schweiz und Italien seines Sohns Georg Arnold in den Druck. (Der Sohn im Übrigen in der Geistesgeschichte ansonsten ein Unbekannter. Und auch hier: Wir finden in der vorliegenden Ausgabe nur Friedrich Heinrichs Einleitung in das Buch, die Briefe seines Sohnes nicht.)
Wir finden außerdem die Zufälligen Ergießungen eines einsamen Denkers in Briefen an vertraute Freunde, über die wir schon bei der Vorstellung des Achten Stücks des Jahrgangs 1795 von Schillers Horen ein paar Worte verloren haben. Seit unserer Lektüre vor sechs Jahren sind diese Ergießungen nicht klarer geworden. Wir erfahren hier in der Werkausgabe, dass auch die Herausgeber der Horen, Goethe und Schiller, mit dem Elaborat nicht viel anfangen konnten. Immerhin verstehe ich heute Jacobis Aversion gegen die Französische Revolution ein bisschen besser, hat er doch vor den anrückenden Revolutionstruppen aus seinem Haus in Pempelfort flüchten müssen.
Es sind vor allem zwei Themen, die dem Leser ins Auge stechen. Das eine Thema – das sich erst ganz erschließt bei der Lektüre des zweiten Teils von Band 5, den Anmerkungen der Herausgeber – ist Jacobis Einmischung in den damals virulenten Streit um den sog. Kryptokatholizismus. Will sagen: Die in den protestantischen Ländern Deutschlands herauf beschworene Gefahr, dass sich mehr oder weniger geheime Organisationen daran machten, den Katholizismus wieder zu stärken. In Verdacht standen neben den Jesuiten vor allem die Illuminaten. Auch Jacobi beschäftigt sich mit letzteren, beschäftigt sich mit deren Gründer Adam Weishaupt. (Knigge scheint er nicht zu kennen.) Daneben ist es vor allem der Zürcher Pfarrer Lavater (den Jacobi ansonsten hoch schätzte), der sich mit seinem Aufruf an Moses Mendelssohn, doch zum christlichen Glauben überzutreten, aber auch mit anderen Äußerungen, selbst bei Jacobi plötzlich in die Nähe des Katholizismus gerückt sah. Jacobi, ansonsten ja eher auf der Seite Lavaters, weniger auf der Seite Mendelssohns, empfand Lavaters Ansinnen als ebenso ungehörig wie Mendelssohn selber und stellte sich für einmal auf die Seite des aufgeklärten Berliner Juden. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen, dass Jacobi für einmal nicht nur diesen Streit unter Intellektuellen nicht angefacht hat – seine Beteiligung daran war eher lau und unbestimmt. Sogar die gegen Jacobis Willen veranlasste Veröffentlichung seiner Briefe an Leopold Stolberg, anlässlich von dessen Konvertierung zum katholischen Glauben, bringt da nicht viel Bestimmteres.
Mit diesen ohne Zustimmung Jacobis veröffentlichten Briefen kommen wir zum anderen großen Thema dieses Bands: Darf ein Dritter Briefe zwischen Freunden veröffentlichen oder nicht? Auslöser dieser Debatte war ein heute unbekannter Mann namens Körte, der Briefe zwischen Jacobi, Gleim und Heinse in die Finger bekommen hatte und nun diese praktisch ungekürzt veröffentlichte. Jacobi war der Meinung, dass zumindest ein paar private Details, sowie die Namen Dritter hätten ausgelassen werden müssen. Das ist insofern witzig, als er selber, wie er damals ein vertrauliches Gespräch mit Lessing an die Öffentlichkeit brachte, keineswegs die Skrupel aufwies, die er nun von Körte forderte. Es ist halt immer etwas anderes, wenn man nicht Täter ist, sondern Opfer…
Daneben sind Reibereien mit Nicolai zu finden, mit Schlosser, oder der erste Versuch, eine Gesamtausgabe der Werke Hamanns zu bringen. Fast am Schluss eine Rede zur Eröffnung der bairischen Akademie der Wissenschaften, die einen kurzen Abriss der Wissenschaftsgeschichte liefert von der Antike bis zur Neuzeit, mit Schwerpunkt Humanismus. Eine Art Aphorismen hat Jacobi in seinen letzten Jahren ebenfalls noch verfasst. Und … und … und … Wir wollen hier nicht jeden Text in extenso vorstellen.
Alles in allem also weniger befriedigend als Band 4 mit dem ersten Teil der Kleinen Schriften. Jacobi wirkt in den hier vorgestellten Jahren oft ein wenig wirr.
Friedrich Heinrich Jacobi: Kleine Schriften II. 1787-1817, Herausgegeben von Catia Goretzki und Walter Jaeschke. (= ders.: Werke. Gesamtausgabe. Herausgegeben von Klaus Hammacher und Walter Jaeschke, Band 5,1 und 5,2.) Hamburg: Meiner / Stuttgart-Bad Cannstadt: frommann-holzboog, 2007 und 2011

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