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Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese 6-teilige Kolumne fokussiert Dr. Urs Wiederkehr 2023 auf die Lokaltermine der Schweiz 1848.
Anscheinend sind Staaten auf der grünen Wiese, wie dem Rütli, oder in Casinos, beispielsweise der Staat Israel im Musiksaal des Basler Stadtcasinos, gegründet worden. So könnte aus meinen vorherigen Kolumnen geschlossen werden. Da Bern 1848 Vorort der Tagsatzung gewesen ist, werde ich die Spurensuche in der Stadt Bern bei den Casinos fortsetzen. Casino ist nach Duden ein Gebäude mit Räumen für gesellige Zusammenkünfte oder eine Kurzform für Spielcasino, also einen Ort, wo um Geld gespielt wird.
In Bern sind heute zwei Casinos bekannt. Das erste, das Casino Bern, das zwischendurch unter dem Namen Kultur Casino Bern bekannt gewesen ist, liegt am Casinoplatz. Das zweite, das Grand (Spiel-)Casino, ist in den Kursaal integriert. Dieser wurde 1858 eröffnet, im damals nur schwer zugänglichen Gebiet gegenüber der Altstadt. Die Anlage wurde auf die Landesausstellung von 1914hin ergänzt, auch um den markanten Liftturm, der heute noch den Zugang zum Grand Casino gewährt. Das Casino Bern wurde 1909 eröffnet. Also fallen die beiden Casinos als Kandidaten für das Rütli der modernen Schweiz weg. Aber: Bereits 1821 erstellten Berner Vereine ihr eigenes Lokal für kulturelle Veranstaltungen – das alte Casino. Sie benutzten dazu Geldbeschaffungsmethoden, die wir heute als Crowdfunding bezeichnen, wie die „Berner Zeitung“ vor sechs Jahren berichtete. Später kaufte der Bund dieses Gebäude und baute es um 1895 herum zurück. Heute steht an seiner Stelle das Parlamentsgebäude. Hat somit gar der Bund das gesuchte Rütli der modernen Schweiz dem neuen Parlamentsgebäude geopfert? Nein, bis 1858 tagte zwar der Nationalrat dort, bevor alle drei Räte ins neue Bundesrathaus, das heutige Bundeshaus West, umzogen. Vorher tagte aber der Bundesrat im Erlacherhof an der Junkerngasse und der Ständerat im Rathaus zum Äusseren Stand an der Zeughausgasse.
Übrigens, der Platz zwischen Casino und der kleinen Schanze, wo sich heute die Bundeshäuser befinden, hat eine interessante Vorgeschichte. Das entnehme ich einer Infotafel vor dem Bundeshaus Ost: Um den Platzansprüchen zu genügen, ist dieses 1892 eröffnet worden. An seiner Stelle stand zuerst das Inselkloster. Danach das Inselspital, das 1884 an den heutigen Standort in der Kreuzmatt zog. Das Inselspital schickte regelmässig Patienten zur Kur nach Bad Schinznach, der ersten heissen Spur als Rütli der modernen Schweiz (siehe Modulor 2/2023). Die Inselgasse gegenüber dem Bundeshaus erinnert heute noch an den ehemaligen Standort des Inselspitals. Auch jüdische Spuren lassen sich nachweisen. So standen das Judentor und die Synagoge auf dem Areal des heutigen Bundeshauses beziehungsweise sogar vor dessen Haupteingang, wie swissjews.ch zu berichten weiss. Die Juden wurden 1427 aus der Stadt ausgewiesen und durften sich dort nur als durchfahrende Händler und Ärzte aufhalten. Auch die Judengasse ist aus dem Stadtplan verschwunden. Heute heisst sie Kochergasse, zu Ehren des Berner Nobelpreisträgers (1909) und Arztes Theodor Kocher.
Das Rütli der modernen Schweiz ist zwar noch nicht gefunden, aber viele Spuren sind für die Auflösung in der nächsten Kolumne gelegt.
Tipps
„Als im Casino der Nationalrat tagte“, „Berner Zeitung“, 22.10.2017
Factsheet zur Geschichte der Juden in der Stadt Bern beim Schweizerischer Israelitischen Gemeindebund SIG
Geschichte des Inselspitals
Diverse Artikel u.a. zum Bundeshaus und zu Bern aus dem Historischen Lexikon der Schweiz